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Seit einigen Monaten stehen diese rätselhaften Verse Barbara Köhlers auf der Südfassade der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin-Hellersdorf – in riesenhaften Lettern, weithin sichtbar. Sie sind Resultat einer extensiven, zum Teil polemischen Debatte über Lyrik im urbanen Raum, die die deutschsprachigen Feuilletons seit 2017 erfasst hat.
SIE BEWUNDERN SIE
BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN:
SIE WIRD ODER WERDEN
GROSS ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO
STEHEN SIE VOR IHNEN
IN IHRER SPRACHE
WÜNSCHEN SIE
BON DIA GOOD LUCK
Ihren Ausgang nahm die Debatte mit einer Anfrage des AStA, das seit 2011 auf der Hochschulfassade prangende Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer betreffend. AStA-Mitglieder trugen im Hochschulsenat eine feministische Interpretation dieses ‚konkreten Gedichts‘ vor und gingen auf den Umstand ein, dass darin Alleen, Blumen und Frauen gleichgestellt, mithin verdinglicht werden und dass in der letzter Zeile ein männlicher ‚Bewunderer‘ (admirador) benannt wird, für den diese schönen Dinge da sind. Das 1951 verfasste Gedicht des heute 94 Jahre alten Poeten repräsentiere eine überholte Vorstellung der Geschlechter und passe nicht zum Selbstverständnis der ASH, so ihr Argument.
Fassadendebatte
Die Entscheidung der Hochschulleitung, Vorschläge einzuholen, wie die Fassade neugestaltet werden könnte, resultierte in einer erhitzten, zum Teil absurden öffentlichen Debatte über Sexismus und Kunstproduktion. Die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, bewertete die Entscheidung als „erschreckenden Akt der Kulturbarbarei”, der Präsident des deutschen PEN-Clubs, Christoph Hein, sprach von „barbarischem Schwachsinn“. Politische Korrektheit, so Grütters, dürfe niemals die “Freiheit von Kunst und Kultur“ in Frage stellen. Indem sie dies als „eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte” bezeichnete, scheute sie nicht davor zurück, zumindest implizit die Hochschulleitung auf eine Stufe mit der Kulturpolitik der Nazis und ihrer Stigmatisierung so genannter ‚entarteter Kunst‘ zu stellen.
In ihrem Essay „Diese Sache mit den Avenidas“ hat sich die Dichterin Esther Dischereit klar gegen Grütters positioniert: Es sei das gute Recht der ASH, Gomringers Gedicht nunmehr wieder „zuzuklappen, wegzutun von der Fassade, gewissermaßen zurück ins Buch“. Das ‚Wandgedicht‘ sei, anders als ein ‚Buchgedicht‘ Teil des öffentlichen Raums, einem Raum des Wandels: „Manche spricht der Text nicht an, oder nicht mehr, andere fühlen hier diese Geste des Herrn, dessen joviale Art gegenüber der Frau.“ Der „Freiheit der Kunst“ stellt sie die „Freiheit der Meinung und des Schreibens im öffentlichen Raum“ gegenüber – und sie fragt, völlig zu recht: „Warum sollte überhaupt nur der oder die Dichtende den öffentlichen Raum beschreiben? Wem gehört dieser Raum?”
Überschreibung
Bekanntlich wurde, trotz des von einigen Zeitungen und Kulturschaffenden ausgedrückten ‚Entsetzens‘, von der Hochschulleitung entschieden, Gomringers Gedicht zu übermalen und an dessen Stelle fortan im fünfjährigen Wechsel andere Gedichte zu platzieren. „avenidas“ wurde in eine Stahlplatte graviert und unten auf der Wand angebracht, zusammen mit einem Kommentar Gomringers, einem QR-Code zur Website der ‚Fassadendebatte‘ sowie einem Kommentar Köhlers, deren Gedicht über das von Gomringer geschrieben wurde.
Wie Gomringers Gedicht besteht das von Köhler aus acht Versen und vier kurzen Strophen, legt sich daher auch räumlich ‚konkret‘ über den Prätext, wie ihr mit „Überschreibung“ betitelter Kommentar klarstellt:
„Ein Gedicht mit Vorgeschichte: ein Gedicht an einem Ort, an dem davor ein anderes Gedicht stand, um das eine Geschichte entstand, die sehr verschieden erzählt wurde – als öffentliche Debatte. […] Das neue Gedicht ist […] nur eine weitere Schicht: aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden. Durch die Schrift lässt sich in die Zeit sehen: das Aktuelle erinnert das Vorherige, nimmt es auf, löscht es nicht aus. An einem Ort, sagt das Gedicht so, kann’s mehr als eines geben oder einen; möglich ist vieles – Wohin erinnern Sie sich? Wofür und wem geben Sie Raum? Und wer, sagen Sie, hätte nichts zu sagen? Das Gedicht wendet sich an die Öffentlichkeit, an die Vielen, die den Ort täglich passieren: es begrüßt sie ausdrücklich, es gäbe ihnen gern Verschiedenes zu denken. Und sollte Ihnen daran etwas Spanisch vorkommen und so nicht korrekt, könnte es sich vielleicht auch um eine andere Sprache handeln – Katalanisch z. B.?”
„agency“ des Gedichts
Köhler setzt im Kommentar die Mehrdeutigkeit des Verbs ‚sagen‘ strategisch ein, ebenso wie sie im Gedicht mit dem Wort ‚sie‘/‚Sie‘ spielt (sowohl formale Anrede als auch Pronomen, sowohl Singular als auch Plural). Sie weist dem Gedicht Subjektivität zu, das auf die gleiche Art zu sprechen scheint wie seine Leser*innen. Die Bedeutung der Strophe „SIE BEWUNDERN SIE ǀ BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN“ bleibt in der Schwebe: Ist das zweite ‚sie‘ das Objekt des Verbs ‚bewundern‘ oder vielmehr Subjekt des Verbs ‚bezweifeln‘?
In den Versen „SIE WIRD ODER WERDEN GROSS ǀ ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO“ wandelt sich das ‚Sie‘/‚sie‘ vom Singular in den Plural und verweist nun, erneut gewendet, selbstreflexiv auf die einzelnen Buchstaben ihres Gedichts (in das sie welche aus Gomringers eingewoben hat) – und auf die Tatsache, dass dieses Poem, anders als die uniforme Kleinschreibung zuvor, ausschließlich Großbuchstaben nutzt. Köhlers Gedicht erklärt den Leser*innen gar, seine Buchstaben stünden „VOR IHNEN ǀ IN IHRER SPRACHE” (wer ist ‚ihnen‘?) und wünschten „BON DIA GOOD LUCK“. So erhält das Gedicht unverhofft agency, indem es Passant*innen direkt adressiert, am Schlussvers gar in zwei ‚Fremdsprachen‘.
Trotz dieser vielschichtigen ‚lyrischen Antwort‘ ist offensichtlich, dass die feministische Debatte, von der die Neugestaltung ihren Ausgangspunkt nahm, weder im Gedicht noch im „Überschreibungs“-Kommentar zu finden ist. Gleichwohl initiiert Köhlers Fassadengedicht einen Dialog über ‚öffentliche Dichtung‘ im urbanen Raum, der, wie erwünscht, zum Nachdenken anregt.
Öffentliche Dichtung
Stadtsoziolog*innen haben den öffentlichen Raum hinsichtlich dreier grundlegender Parameter definiert: Er ist zugänglich, anonym und offen für unterschiedliche Tätigkeiten. Aber es ist zu beobachten, dass die öffentliche Sphäre durch Privatisierung und Kommerzialisierung immer mehr reduziert wird und dass Anonymität, bisher eines der zentralen Merkmale urbanen Lebens, durch Videoüberwachung, Sicherheitsdienste und die Präsenz der Polizei in immer geringerem Maße existiert. In der klassischen Stadtsoziologie wird dem öffentlichen Raum der ‚private Raum‘ gegenübergestellt (auch diese Differenz scheint heute zu schwinden). Im privaten Raum wurde speziell die Gattung Lyrik traditionell verortet: Gedichttexte, in Büchern veröffentlicht, im ‚stillen Kämmerlein‘ zuhause leise gelesen.
Seit einiger Zeit ist hier ein bedeutender Wandel zu verzeichnen: „Poetry in Motion“ in der New Yorker U-Bahn zum Beispiel: Gedichte, die in den Waggons ebendort platziert werden, wo man Werbung erwartet. Oder die Lichtprojektionen Jenny Holzers, die fluide Verse auf die Fassaden von Gebäuden unterschiedlicher Großstädte ‚schreiben‘ – eigene Texte zusammen mit Gedichten bekannter Poet*innen, etwa Wisława Szymborska. Auch technisch amplifizierte spoken-word-Poesie ist Lyrik im urbanen Raum, wie sie durch die Sommernächte der Großstädte hallt, als Nebeneffekt gigantischer Poetry-Slam-Events in Sportstadien, z.B. auf der Trabrennbahn in Hamburg. Oder performative Formate wie Ulrike Almut Sandigs augenpost: Gedichte auf Flyern und Postkarten, verteilt im Stadtraum Leipzigs, an Elektrokästen und Ampeln geklebt oder, ohne Vorankündigung, auf der Straße vorgetragen.
Lyrische Subjektivität und Stadt
Solche Präsentationsformen von Gedichten im urbanen Raum sind noch immer ungewohnt. Sie evozieren eine ästhetische Erfahrung, die von der Lyrikrezeption im privaten Setting stark abweicht, aber auch von Lesungen oder Lyrikfestivals – weil das Gedicht mit seiner städtischen Umgebung interagiert.
Poetische Sprache in der Stadt hinterfragt Vorstellungen von ‚lyrischer Subjektivität‘, wie sie im deutschsprachigen Raum noch immer vorherrschen. Die Wirkmächtigkeit der Goethe’schen ‚Erlebnislyrik‘ und deren Theoretisierung durch Hegel (demzufolge sich das „vorstellende und empfindende Subjekt“ mit seinen Versen ausdrücke, weswegen „Subjektivität als solche“ Thema eines Gedichts sei) führte dazu, dass bis heute mit Lyrik etwas Persönliches, Innerliches, Gefühlshaftes assoziiert wird und oftmals gar ‚Ich‘ und Autor*in gleichgesetzt werden. Entsprechend löst die auf eine Stadtmauer projizierte Zeile „I am losing time“ von Jenny Holzer einen Moment der Irritation aus: Wer ist das Ich, das hier Zeit verliert? Wie und warum spricht es, so unvermittelt, im öffentlichen Raum?
Poesie im öffentlichen Raum kann auf die Spannung aufmerksam machen, der das Subjekt in der Großstadt ausgesetzt ist. Wie schon Georg Simmel bemerkt hat, schützt sich der urbane Mensch gegen die extreme Reizüberflutung und durch die Begegnung mit zahllosen fremden Menschen durch Abstumpfung und Distanz. Die Impressionen der Metropole werden zwar wahrgenommen, aber mit einer rationalen Haltung, die Simmel drastisch als „Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigungen der Großstadt“ bezeichnet hat. Lyrik im urbanen Raum kreiert einen Moment der Irritation oder Verunsicherung, indem sie diese intellektuelle, distanzierte Persona für einen Moment in Frage stellt. Wenn man zum Beispiel durch eine deutsche Stadt schlendert und an einer Ampel ein poetischer Text hängt, der den/ie Leser*in als ‚lyrisches Du‘ direkt adressiert oder in der New Yorker U-Bahn „Poetry in Motion“ liest, die Sehnsucht oder Einsamkeit thematisiert, ‚private‘ Gefühle also, zum Beispiel das kürzlich zu lesende Gedicht „Notes On Longing“ von Tina Chang
It smells of after-rain tonight
Duck bones, a wounded egg on rice.
On the corner, there is a shop,
that makes keys, keys that open
human doors, doors that lead
to rooms that hold families
of four or seven that sit at a table.
There is a mother who brings
sizzling flounder on a wide platter
for the family whose ordinary
mouths have been made to sing.
Es handelt sich um ein typisches subway poem: Changs Gedicht ist kurz, leicht zu verstehen und beinhaltet Bilder, die vage mit städtischem Raum und öffentlichem Nahverkehr zusammenhängen: ein hardware store an der Ecke, der Heimweg nach der Arbeit zum Essen. Aber dann ein Titel, der dem Gedicht etwas Nostalgisches gibt, das traditionelle Gender-Rollen und Familienbilder aufruft, so als würde eine vergangene Ära evoziert oder ein sentimentales Bild Chinas. Aus sozialpsychologischer Sicht jedenfalls ist longing ein Zustand, den U-Bahn-Fahrgäste in einer Metropole eher zu vermeiden suchen, wenn sie sich in einer Situation der körperlichen Enge und Bedrängnis unter lauter fremden Menschen befinden. Sie legen dann eher einen Habitus an den Tag, den Simmel als Distanz, Reserviertheit und ‚blasierte Haltung‘ beschrieben hat. Oder aber, es gelingt ihnen, die Anderen so vollständig zu ignorieren, dass es ihnen möglich wird, intimste Dinge am Smartphone zu besprechen, vielleicht sogar über Sehnsucht zu reden…
Poesie im öffentlichen Raum kann Konsum, Kapitalismus oder gesellschaftliche Unfreiheit thematisieren, also politische Fragen stellen – sie kann aber auch schlicht dem Ziel dienen, Lyrik eine neue Öffentlichkeit verschaffen. Dies hat jüngst Ulrike Almut Sandig probiert, mit ihrer Intervention #hörbaredichtung, als sie ihre ins Englische übersetzten Gedichte in den indischen Metropolen Delhi und Kalkutta durch ein Megafon deklamiert hat. Im Gedicht „from the wings“ heißt es:
[…] in the beginning there’s no one.
in the land of beginning I lay
screaming. in the end I lie silent,
bearing a ribbon with white writing
that streams behind me. what’s on it?
[…] I am made wholly of language
I am this wild vowel of origin
the defining feature of
my lost kind that must speak
to understand themselves.
Vorgetragen am Connaught Place, Delhis zentraler Shopping-Area und einem der größten Finanz- und Business-Zentrums Indiens, wirken diese Verse deplatziert, fremd. Die Lautstärke passt nicht zu den Worten, die Worte passen nicht zu der anonymen Umgebung: Sie sind rätselhaft, scheinbar subjektiv, gar physisch. Dies wird verstärkt durch eine Gleichsetzung von Text und Sprecherin, bis hin zur poetologischen Aussage, das Selbst sei ‚ganz aus Sprache gemacht‘ und das adressierte Publikum könne seinem Erscheinen zuhören.
Das Faktum, dass ein Gedicht wie dieses nicht allein verbalisiert, sondern wie politischer Protest mittels hoher Lautstärke ‚publiziert‘ wird, erzeugt Irritationen – oder es wird schlicht überhört, im dröhnenden Lärm dieser mehr als 28 Millionen Einwohner umfassenden Mega-Metropole, was gleichfalls als künstlerisches Konzept verstanden werden kann: um das Nicht-Gehörtwerden von Lyrik erfahrbar zu machen. Während also die Berliner Avenidas-Debatte um die Dominanz und Präsenz eines monumentalisierten und polarisierenden Gedichts im öffentlichen Raum kreiste, geht es hier zuallererst darum, ‚Public Poetry‘ überhaupt herzustellen.