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Am Eingang zur Ausstellung prangt ein riesiges Gemälde. Es zeigt Ferdinand Hodlers «Einmütigkeit». Ein Mann steht breitbeinig da, umgeben von Männern mit erhobenem Arm. Das ist die versammelte Bürgerschaft, die sich zur Reformation bekennt, eine Begebenheit im Jahr 1533 in Hannover. Die Ratsherren sind daraufhin aus der Stadt geflüchtet. Ein solches Historienbild hatte Hodler 1913 für das neu erbaute Hannoveraner Rathaus erstellt – und wenig später ein zweites für Zürich geschaffen. Dieses steht seit 1919 im Treppenhaus des Zürcher Kunsthauses. Das Bild thematisiere zwar die Reformation, sage aber mehr aus über seine Entstehungszeit, sagt Andreas Rüfenacht, Kurator der Ausstellung. Denn da sei der gemeinschaftliche, demokratische Entscheid ins Bild gesetzt. Vom Bruch zwischen den Konfessionen ist nichts zu sehen, wie der Kurator bestätigt. Rüfenacht hat die Ausstellung «Reformation» – gemäss Auftrag des Kunsthauses – aus Bildern der Sammlung zusammengestellt. In der Reihe «Bilderwahl» werden periodisch Werke der Sammlung zugänglich gemacht.
Nur verschlüsselte Botschaft
Ein Pendant zu Hodlers «Einmütigkeit» ist Albert Ankers «Kappeler Milchsuppe» von 1869, das in einem Ausstellungsraum gezeigt wird. Dieses Bild zelebriert ebenso den Frieden statt den Konflikt der Konfessionen, wie Rüfenacht auf dem Rundgang erzählt. Es zeigt eine gemütliche Männerrunde um einen Esstopf in der Natur: die Verbrüderung unter den reformierten und katholischen Feinden im ersten Kappeler Krieg von 1529. Die meisten der gezeigten Bilder aber erzählen nur verschlüsselt von der Reformation. Wenn in der Medienmappe steht, dass während der Reformation Bilder aus den Kirchen entfernt wurden, ist das in dieser Kunstausstellung nicht zu sehen.
Indirekt allerdings schon. Rüfenacht steuert auf eine Darstellung von Maria mit dem Jesuskind und Johannes dem Täufer zu, die Hans Leu dem Jüngeren zugeschrieben wird. «Da ist ziemlich sicher ein Heiliger weggeschnitten worden», sagt der Kurator und zeigt auf einen Gewandzipfel am rechten Bildrand. Dann verweist er auf die Lettern unter den Füssen des Johannes. Da habe der Besitzer des Bildes nachträglich den Namen des Künstlers hinmalen lassen, so Rüfenacht. So habe er das Bild zu Kunst umdefiniert. «Das Werk ist ursprünglich ein Altarbild», folgert der Kunsthistoriker. Es sei, wie viele andere Gemälde, wohl während der Reformation von der Zürcher Obrigkeit aus einer Kirche entfernt und an die ursprüngliche Stifterfamilie zurückgegeben worden. So konnten einige Werke erhalten bleiben. «Es muss damals bereits ein Bewusstsein für Kunst vorhanden gewesen sein», so Rüfenacht. Nach seiner Einschätzung lief die Bilderentfernung mehrheitlich geordnet ab. Tumultartige Bilderstürme habe es nur wenige gegeben. Hingegen sei «Bilderstürmer» ein Schimpfwort gewesen, das sich die Reformatoren gegenseitig an den Kopf geworfen hätten.
Die gezeigten Werke erhalten oft erst durch das erklärende Schild eine reformatorische Bedeutung. Etwa die Gruppe Heiligenfiguren am Ausstellungseingang vis-à-vis dem Hodler-Bild. Zu Füssen einer Frauenfigur mit Buch in der Hand steht Huldrych Zwinglis Aussage von 1525: «Hier steht eine Heilige derart aufreizend gemalt, dass selbst die Pfaffen sagen: ‹Wie kann hier einer andächtig die Messe lesen›.»
Die Bilderfrage stellte sich auch die katholische Kirche, wie die Ausstellung zeigt. Neben dem Gemälde «Die Geburt Christi» von Giovanni Battista Pittoni zitiert das Schild die päpstliche Kurie, die 1596 die Forderung nach einem Index verbotener Bilder abblockte. «Wenn bei der Geburt des Herrn der Engel den Hirten verkündigt, ihr werdet den Knaben in Windeln gewickelt finden, aber die Maler pflegen ein unbekleidetes Christuskind zu malen, dann liegt hier keine falsche Lehre vor und auch kein gefährlicher Irrtum. Man muss darauf achten, dass nicht die Schlichtheit des gläubigen Volkes verwirrt werde.»
Überzeugungskraft der Bilder
Die Katholiken blieben dabei: Sakrale Bilder dienten der Verehrung, Belehrung und Erinnerung an die Wunder der Heiligen. Das wurde 1563 beim Konzil von Trient in einem Bilderdekret festgehalten, so die Pressemappe. «Das Schweisstuch der Heiligen Veronika» von Philippe de Champagne aus dem 17. Jahrhundert treibt diese barock-sinnliche Gegenposition zur vergeistigten Wortorientiertheit der Protestanten auf die Spitze. «Dieses Gesicht, von dem Blut runtertropft, scheint sehr echt und furchterregend», sagt Rüfenacht. Es ermögliche dem Betrachter, das Leiden Christi intensiv nachzuerleben.
«Dieses Gesicht, von dem Blut runtertropft, scheint sehr echt und furchterregend.»
Andreas Rüfenacht
Kurator der Ausstellung
«Da ist ziemlich sicher ein Heiliger weggeschnitten worden.»
Andreas Rüfenacht
Kurator der Ausstellung