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Im Tal der Lorze nahe der Zuger Gemeinde Baar liegen die Höllgrotten, ein begehbares Höhlensystem mit beeindruckenden Stalaktiten und Stalagmiten. Eine Familienwanderung mit Abenteuereffekt.
Höhlen gibt es in der Schweiz viele. Alle sind durch unterirdisch im Fels abfliessendes Wasser entstanden. Dieser Prozess dauerte Hunderttausende von Jahren. Dagegen sind die Höllgrotten von Baar erst fünftausend bis zehntausend Jahre jung. Wer das nicht weiss, würde den Unterschied vielleicht nicht bemerken. Während der Eiszeit bildeten Gletscherflüsse aus dem Ägerital das Ägeritobel. Seit dem Ende der Kälteperiode vor gut achtzehntausend Jahren löste das kohlensäurehaltige Wasser den reichlich vorhandenen Kalk im Lorzetal aus dem Gestein, ohne durch die undurchlässige Schicht der Molasse zu versickern.
Der Kohlensäureverlust auf dem Weg ins Tal führte dazu, dass der Kalk als Tuff wieder ausgeschieden wurde. Das kalkhaltige Wasser floss über Moospölsterchen, Farne, Blätter und Zweige, umschloss diese und führte zur Versteinerung. Allmählich entstand so ein zweihundert Meter langer, fünfzig Meter tiefer und dreissig Meter hoher Quelltuffberg. Dabei wuchs der Tuffstock immer weiter ins Flussbett hinaus, worauf die Lorze den Hang unterspülte. Es entstanden Höhlungen und überhängende Partien, die irgendwann einstürzten und einen Hohlraum einschlossen. Dann bildeten austretendes Quellwasser, Wurzeln und Moor einen Vorhang, der rasch versteinerte und zuwuchs. Anschliessend kam es hinter dem Tuffvorhang zur Tropfsteinbildung in der Höhle.
Der im Lorzetobel abgelagerte Tuff ist leicht, porös und lässt sich gut schneiden. Deshalb wurde er im 19. Jahrhundert zu Bauzwecken abgebaut. Bei diesen Arbeiten wurde 1863 die erste Grotte entdeckt. Im Lauf der 1880er-Jahre kam die Idee auf, die Höhle öffentlich zugänglich zu machen. Die leicht schaurige Stimmung, welche die Besucher heute noch gefangen nimmt, passte in die Zeit der abklingenden Romantik gegen Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die Menschen nach starken Emotionen suchten, wie dies heute auch wieder der Fall ist.
Im Jahr 1917 wurde zwischen der unteren und der rund vierzig Meter weiter oben gelegenen Höhlengruppe ein künstlicher Verbindungsstollen geschaffen, sodass heute die gesamten Höllgrotten in einem Rundgang besichtigt werden können. In den Höhlen wachsen unzählige Deckenzapfen, die sogenannten Stalaktiten, und Bodenzapfen, die Stalagmiten. Da weiterhin kalkhaltige Wassertropfen von der Decke über Stalaktiten fliessen und dort Kalk ablagern, ebenso wie nach ihrem Fall auf die Stalagmiten, wachsen diese die Fantasie anregenden Gebilde langsam, aber stetig und verändern dabei ihr Aussehen.
Wer die Höhlen mit der ganzen Familie besichtigt, kann auf der Homepage der Höllgrotten ein kleines Hörspiel herunterladen, das eine witzige und lehrreiche Einführung in das Höhlenthema bietet. Im Mittelpunkt stehen das Grottentüfeli und ein etwas tolpatschiger Vater, der mit seinen vorwitzigen Kindern die Höhle besucht und vom Grottentüfeli immer wieder als kleiner Hochstapler mit viel Halbwissen vorgeführt wird. Die Zuhörer lernen dabei die Sagen und Mythen der Höllgrotten kennen, so etwa die Geschichte, wer die Höhle angeblich entdeckte. Das kam so: Früher wurde das düstere, unheimliche Lorzetal von den Anwohnern gemieden. Man dachte, dort liege die Hölle. In der Nähe des Talausgangs wohnte aber ein armer Bauer mit seiner Tochter Marili, die täglich zur Lorze wanderte, um frisches Wasser zu holen.
So auch eines Tages, als der Himmel dunkel wurde und sich ein gewaltiges Gewitter ankündigte. Ihr passiere schon nichts, sagte sie zu ihrem besorgten Vater. Kaum im Tal, wurde der Himmel ganz schwarz, die Bäume schwankten, das Wasser schäumte. Das Mädchen bekam Angst, sah nichts mehr und verirrte sich. Da sagte eine feine Stimme: «Chum mit üs.» Es waren Zwerge, die sie in die Höhle führten, wo sie den Sturm abwartete. Als sie später wieder zu Hause war und die Geschichte erzählte, waren alle skeptisch. Der Pfarrer ging mit einigen Leuten auf die Suche, doch niemand fand die Höhle, und die angebliche Lügnerin Marili wurde mit ihrem Vater aus dem Dorf gejagt.
Doch von der Existenz der Höllgrotten kann sich heute jeder Besucher selbst überzeugen, mit Leichtigkeit. Die unterschiedlich grossen Nischen, Zimmer und Säle werden neu mit LED-Technik perfekt ausgeleuchtet. Alle Höhlen haben Namen, die sich aus den bizarren Formationen herleiten, beispielsweise die Wurzelgrotte nahe beim Eingang, die Zottelgrotte, das Zauberschloss, die Korallenschlucht oder die Feengrotte im Ausgangsbereich der unteren Grotte. Jede Höhle für sich verbreitet einen ganz eigenen Zauber, und es lohnt sich, Stille zuzulassen und den fallenden Tropfen nachzulauschen.
Das Buch «Naturdenkmäler der Schweiz» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.
Wanderung für Höhlenforscher
Wanderung: Einfache Wanderung von Neuägeri/Schmittli durch das Lorzetal zum Bahnhof Baar. Dauer ohne Höhlenbesichtigung 2½ Stunden.
Anreise: Mit dem öffentlichen Verkehr nach Zug und von dort mit dem Bus nach Neuägeri/Schmittli. Für Autofahrer steht direkt vor den Höllgrotten ein Parkplatz zur Verfügung.
Essen: Waldrestaurant Höllgrotten, 6340 Baar, Telefon 041 761 66 05, www.hoellgrotten.ch
Angebot: frische Forellen und gute Innereien.
Auskunft: Zug Tourismus, Telefon 041 723 68 00, www.zug-tourismus.ch oder Stiftung Höllgrotten Baar, Telefon 041 761 15 68, www.hoellgrotten.ch
Karte: Landeskarte 1: 25 000, 1131 Zug
Fotos: swiss-image.ch/Ueli Bugmann