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Vom Tanganjika See bis Boma
Blood River
Tim Butcher wurde 1967 geboren, arbeitet seit 1990 beim "Daily Telegraph". Wie alle Journalisten, die in Oxford (oder Cambridge) ihren Abschluss gemacht haben, hat er ein Buch geschrieben: "Blood River" erzählt des Autors Reise auf den Spuren der Entdecker des 19. Jahrhunderts entlang des Kongo-Stroms. Es ist gut geschrieben, informativ, anregend und witzig - bester englischer Journalismus eben.
Was sich der Autor vorgenommen hat, ist alles andere als ungefährlich, doch: "Ich wollte aus der Journalistenherde ausbrechen und ein Projekt finden, das mich gleichermassen einschüchtern und inspirieren würde. Die Bewältigung des Kongoflusses war genau so ein Projekt." Und mehr: Er wollte tun, "was seit Jahrzehnten niemand mehr unternommen hatte, das zerfallene Ganze des Kongo erfassen, indem ich die 3000 Kilometer, die Stanley zurückgelegt hatte, von einer Seite zu anderen abfuhr." Das ist mühsam und nicht ungefährlich.
Es ist spannend, was Tim Butcher schildert. Und lehrreich. Wussten Sie, dass der kongolesische Regenwald eins der Naturwunder der Welt ist? Und dass er in seiner Grösse nur vom Regenwald Amazoniens übertroffen wird?
In Kalemie trifft er auf Mademoiselle Nagant, die letzte weisse, belgische Einwohnerin der Stadt (sie wurde in der Nähe von Lüttich geboren und kam 1951 in den Kongo), die ihn wissen lässt: "dass es heute schlimmer ist als je zuvor. Ich habe mich an das Fehlen von Wasser gewöhnt. Ich habe mich an das Fehlen von Strom gewöhnt. Ich habe mich an das Fehlen von Lebensmitteln in der Stadt gewöhnt. Was aber die Lage heute so schlimm macht, ist das Fehlen gesetzlicher Ordnung. Es war einmal eine Zeit, da gab es wenigstens ein paar Polizisten, die eine gewisse Ordnung aufrechterhielten, oder sogar Soldaten, die ansprechbar waren. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Alles geht drunter und drüber. Heute verdient ein Fahrer für die UN zehnmal mehr als der Provinzgouverneur. Wie soll unter solchen Umständen eine Regierung funktionieren? Wie gesagt, es geht alles drunter und drüber."
Und die Bürokratie treibt dabei ganz besondere Blüten: "Selbst in einer grösseren Stadt wie Kalemie, wo der Staat es nicht schafft, für Lehrer, Ärzte oder Polizisten zu sorgen, beharrt er auf Papieren, wenn es das Kommen und Gehen von Ausländern betrifft."
Unterwegs trifft er auch auf Muke Nguy, der Palmöl verkauft und eine 40- bis 50-tägige Reise durch den tropischen Wald, wo überall Krankheiten lauern, au sich nimmt - für 30 Dollar und eine Fischmahlzeit.
Die Realität, die Butcher vorfindet, macht ihn realistisch: "Denjenigen, die glauben, dass Afrikas Probleme sich durch Geldspritzen lösen lassen, empfehle ich einen Crashkurs in Kobaltwirtschaft im Kongo." Ein Beispiel gefällig? "Manche Kobaltaufkäufer, die sich nach Lubumbashi begeben, sehen, dass es sie billiger kommt, einfach, sagen wir mal, ein paar mit Kalaschnikows bewaffnete Typen anzuheuern, sich an der Hauptstrasse durch Sambia zu postieren und bei allem zuzugreifen, was vorbeigefahren kommt. Die Lkw-Fahrer sind so schlecht bezahlt, dass sie auf keinen Fall ihr Leben riskieren werden, um ihre Ladung zu verteidigen. Wenn jemand ihnen einen 100-Dollar-Schein anbietet, fahren die meisten links ran und lassen sich einiges oder alles vom Lkw räumen."
"Blood River" ist sowohl Reportage wie Geschichtsbuch und bietet vielfältige Aufklärung. Tim Butcher lässt uns teilhaben an seiner Kongo-Erfahrung und er tut dies gekonnt und überzeugend. Als er am Ende seiner Reise in Kinshasa eintrifft, bemerkt er trocken, dass es wohl keine Hauptstadt der Welt gebe, die untypischer für ihr Land sei. Warum dem so ist, erfährt man in diesem empfehlenswerten Buch.