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Weimar und wir
In letzter Zeit ist wieder häufiger zu lesen, es gebe Parallelen zum Ende der Weimarer Republik. Nach dem guten Abschneiden des Front National bei den Regionalwahlen diagnostizierte Thane Rosenbaum im «Daily Beast»: «Fascism is fashionable again in Europe». Robert Kagan schrieb in der «Washington Post» zum Aufstieg Trumps: «This is how fascism comes to America». Jochen Bittner fragte in der «New York Times»: «Is This the West’s Weimar Moment?».
Wenn man historisch genau nachschaut, macht der Vergleich natürlich wenig Sinn. Das wissen alle Kolumnisten. Sie wissen auch, dass man mit Anspielungen auf die Aktualität Hitlers schnell Aufmerksamkeit gewinnen kann.
Trotzdem ist der Vergleich ncht sinnlos. Grössere Wirtschaftskrisen haben mit einer gewissen Verzögerung immer politische Konsequenzen. Der schnelle Aufstieg Hitlers ist ohne die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre undenkbar. Die amerikanische Finanzkrise und die Eurokrise sind zwar weniger schlimm gewesen als die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre, aber sie haben ebenfalls grossen Schaden angerichtet und sind noch nicht ausgestanden. Die Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks befindet sich deswegen immer noch im Ausnahmezustand.
Wichtig ist vor allem folgende historische Beobachtung: Der politische Konflikt entzündet sich in der Regel nicht an der Wirtschaftspolitik, sondern an der Aussenpolitik. Sobald eine Oppositionsbewegung auf Zustimmung stösst, wenn sie behauptet, dass das Ausland an der Wirtschaftskrise schuld ist, wird es gefährlich für die etablierten Parteien.
Am Ende der Weimarer Republik war es die Verbindung von Reparationen (Wiedergutmachung für die Kriegssschäden) und Wirtschaftskrise, die der NSDAP, also den Nazis, im September 1930 einen sensationellen Wahlsieg eingebracht hat. Die Partei legte von 2,6 auf 18,3 Prozent zu.
Die Behauptung der Nazis war überzogen, aber auch nicht ganz falsch. Die Reparationsschulden waren in der Tat nachteilig für die Krisenbekämpfung. Ausserdem forderten alle Parteien eine bessere Regelung. Das machte es schwierig, die Verknüpfung von Krisenerfahrung und Aussenpolitik wirksam zu bekämpfen.
Reichskanzler Heinrich Brüning wollte die Wahlen zu einem Plebiszit über die künftige Finanz- und Wirtschaftspolitik machen und glaubte, man würde einem Technokraten wie ihm Vertrauen schenken. Diesen Gefallen machten ihm die Oppositionsparteien nicht. Sie sprachen stattdessen von der Knechtschaft Deutschlands unter dem Joch der Alliierten.
Brüning versuchte zu verhindern, dass die Aussenpolitik zum dominanten Thema wurde, indem er seine Minister bat, möglichst wenig über Aussenpolitik zu sprechen. Hier ein Auszug auf dem Kabinettsprotokoll vom 20. August, knapp vier Wochen vor den Wahlen:
«Der Reichskanzler machte darauf aufmerksam, dass die Aussenpolitik durch die Nationalsozialisten bei dem Wahlkampf im stärksten Masse in den Vordergrund gerückt werde. Er richtete an die Mitglieder des Reichskabinetts die Bitte, in ihren Äusserungen über aussenpolitische Dinge möglichst vorsichtig zu sein und sich vor Äusserungen in der Öffentlichkeit mit dem Reichsminister des Auswärtigen bzw. mit ihm ins Benehmen zu setzen.»
Der Versuch misslang gründlich.
Heute reagieren die etablierten Kräfte ähnlich hilflos, wenn Oppositionsbewegungen Wirtschaft und Aussenpolitik miteinander verknüpfen. So gab EU-Ratspräsident Donald Tusk kürzlich in der «Bild»-Zeitung folgende Antwort zum Thema Brexit (Quelle):
«Als Historiker fürchte ich: Der Brexit könnte der Beginn der Zerstörung nicht nur der EU, sondern der gesamten politischen Zivilisation des Westens sein.»