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Sonja Sekula
Schweiz, 8.4.1918 - 25.4.1963
Malerei, Grafik, Objektkunst
Sonja Sekulas Name wird in vielen Büchern erwähnt, und manche Kunstbeobachter erinnern sich noch an ihre scheue Präsenz im Zürich der ausgehenden fünfziger und frühen sechziger Jahre. Doch eigentlich ist ihr Werk kaum bekannt, und ihre Biografie eine Mischung aus Gerüchten und oft lückenhaft kolportierten Erinnerungen.
Gemeinsam mit den Surrealisten, aber auch mit den Künstlern ihrer Generation war Sekula das Interesse an den indianischen Kulturen Alaskas und Mexikos und ihrer bildnerischen Produktion, die als Alternative zum Erbe der europäischen Moderne galt. Sonja Sekulas Zeichnungen und Gemälde aus dieser Zeit, erinnern in der Überfülle der darin auftretenden Figuren und Formen und in der intensiven Farbigkeit an die indianische Volkskunst. Doch nicht nur die Darstellung, auch die aus der Keramik stammende Kratztechnik verweist auf dieses Vorbild: die Künstlerin arbeitet nicht nur mit dem Pinsel, sondern kratzt in den dunklen Bildgrund Linien ein, so dass darunterliegende Farbschichten hervortreten und eine intensive graphische Wirkung erzielt wird. Eine Technik, die sich durch ihr ganzes Schaffen hindurchzieht und vor allem in den sogenannten «Scratchboards» der frühen 1950er Jahre zur Geltung kommt. Einen eigentlichen Höhepunkt ihrer Arbeit erreichte sie mit den grossformatigen Bilder, denen die New Yorker Stadtlandschaft und die weitgespannten Brücken über den East River Modell standen. Mittels transparenter Farbschichten schuf sie imaginäre mehrperspektivische Räume, in die sie mit Bleistift und Farbkreide eingriff, um mit zeichnerischen Strukturen, die entfernt an Gebäude und Figuren erinnern, den Bildraum aufzubrechen.
Bedingt durch ihre wechselnden Aufenthaltsorte trat für Sonja Sekula während des Europa-Aufenthaltes die Zeichnung noch stärker in den Vordergrund. Nach ihrer Rückkehr nach New York entstanden Zeichnungen und Gemälde, die einen neuen poetischen Ton verrieten, wie beispielsweise in «Poem For You», 1951, oder «Silence», 1951.
Das Leben nach ihrer erzwungenen Rückkehr in die Schweiz war für Sonja Sekula schwierig: der Kontakt mit ihren amerikanischen Freunden ging zusehends verloren, und in den Schweizer Galerien war ihre «amerikanisch» wirkende Kunst nicht gefragt. Auch wenn Sonja Sekula, wie sie selber sagt, in verschiedene Richtungen arbeitet, bezieht sie sich immer wieder auf bereits verwendete Motive, wie figurative Elemente oder farbdurchzogene imaginäre Landschafts- und Stadträume.
Die Arbeiten der Jahre 1959-62 lassen sich in Gruppen gliedern, die auf die beiden Ursprünge ihres Werks zurückweisen: die zartfarbigen Collagen aus zerknüllten Seidenpapieren, die dem Surrealismus und besonders Max Ernsts Frottagen entsprungen scheinen, und andererseits die gestischen Ölmalereien auf Papier, die nicht von ungefähr wieder auf die Ausdrucksweise der amerikanischen Künstler ihrer Generation zurückkommen.
© Kunstmuseum Winterthur
Sie ist im Malen und Schreiben begabt, sie besucht Kunstakademien in Florenz und New York, sie ist kreativ, sie ist schön. Die ungewöhnlich talentierte Tochter einer vornehmen Schweizerin und eines ungarischen Briefmarkenhändlers wird 1918 in Luzern geboren und übersiedelt 1936 mit ihrer Familie nach New York.
Sonja Sekula stellt in den renommierten Galerien von Peggy Guggenheim und Betty Parsons aus. 1943 ist sie an der «Exhibition by 31 Women» neben klingenden Namen wie Frida Kahlo, Meret Oppenheim und Sophie Taeuber-Arp zu sehen. Mit Robert Motherwell, Jackson Pollock und Ad Reinhardt stellt sie gemeinsam aus. John Cage und Merce Cunningham zählen ebenso zu ihren Bekannten wie Max Ernst und Marcel Duchamp.
Ihre Vorbilder sind am deutlichsten in ihrem Frühwerk erkennbar. Ihre ersten Gedichte sind von Rainer Maria Rilke beeinflusst, die frühen Piktogramme von Paul Klee. Von den Surrealisten lernt sie das fast unbewusste, vom Intellekt nicht gesteuerte Zeichnen und Malen. Ihre räumlichen Farbgründe erinnern an die abstrakten Expressionisten – die damalige Avantgarde in den USA.
Dennoch ist schon früh eine eigene Handschrift vorhanden in allem, was sie schafft. Anregungen holt sie sich immer wieder auf Reisen. Besonders wichtig werden die mannigfaltigen Eindrücke, die sie in Mexiko gewinnt und sich in ihrem Werk wiederfinden.
Die europäische Kunstkritik machte ihr dies zum Vorwurf: der Wechsel im Ausdruck, die Uneinheitlichkeit ihrer Werke, die sich einer klaren Zuordnung widersetzen. Bemängelt wurde das Fehlen von «Stil», die formale Kohärenz eines von zufälligen Lebensschwankungen losgelösten Lebenswerkes. Ein halbes Jahrhundert später stellt sich die Frage, ob nicht gerade dies das Spezifische am (post)modernen künstlerischen Schaffen auszeichnet. Dem Verlust eindeutiger Orientierungen und Werte entsprechen die unterschiedlichsten Bezüge, Wegzeichnungen und Sichtweisen, die auch im Werk Sonja Sekulas zu entdecken sind. Ihr ganzes Werk ist der gültige künstlerische Ausdruck eines Lebens in den «Modern Times».
Ihr Schaffen kreist um Wort und Bild, lebt zwischen drei Sprachen (deutsch, französisch, englisch) und drei Nationalitäten (schweizerisch, amerikanisch, ungarische Abstammung), ist eingebettet in eine fliessende religiöse Identität (katholisch, jüdisch, buddhistisch) und ist auch beeinflusst von ihren gleichgeschlechtlichen Neigungen. Die enge Beziehung zu ihrer Mutter, ihre Empfindsamkeit und Heimatlosigkeit, das ständige Bewegen zwischen allen künstlerischen Tendenzen, prägen ihr Leben.
Die Ursache ihres Zusammenbruchs 1951 lässt sich schwer ausmachen. Es folgen viele Klinikaufenthalte, durch die ihre künstlerischen und sozialen Kontakte erschwert, unterbrochen oder ganz gekappt werden. Nachdem die Familie sich die teuren amerikanischen Kliniken nicht mehr leisten kann, kehrt sie zurück in die Schweiz.
In der Zürcher Galeristin Suzanne Bollag findet Sonja Sekula eine engagierte Vermittlerin. Bei europäischen Sammlern gibt es aber nur zaghaft Anerkennung für ihre «amerikanisch» empfundene Kunst. Künstlerische Misserfolge, finanzielle Schwierigkeiten, unglückliche Liebesgeschichten und die Krankheit begleiten ihr Ringen um eine Zen-Lebenshaltung und eine zuversichtliche Lebenseinstellung.
«Life was an interesting experience. I do not regret it», schreibt sie in ihr Tagebuch. Am 25. April 1963 erhängt sie sich im Atelier. Die Grabstätte von Sonja Sekula befindet sich in St. Moritz, worin auch die Mutter, Berty Sekula-Huguenin und der Vater, Bela Sekula, beigesetzt wurden.
Zurück bleibt ein Werk, das nicht einfach zu erschliessen ist. Expressive grossformatige Werke stehen neben kleinformatigen, verschlosseneren. Zeichnerisches und Sprachliches greifen ineinander. Figurative Elemente werden mit abstrakten kombiniert.
© Galerie HILT Basel; Thomas Ragni
Presse
Die Biografie der Schweizer Malerin und Schriftstellerin Sonja Sekula (1918-1963) liest sich wie ein spannender Roman mit tragischem Ausgang: Als einzige Tochter eines ungarischen Geschäftsmanns und einer Schweizerin wuchs Sonja Sekula in grossbürgerlichen Verhältnissen auf, wodurch ihr schon früh der Zugang zu berühmten Malern und Schriftstellern ihrer Zeit ermöglicht wurde. In der Schweiz war es u. a. Klaus Mann, der in ihr die Liebe zur Dichtkunst weckte. Zu ihrem Freundeskreis in New York zählten später auch Maler und Zeichner wie etwa George Grosz, Roberto Matta, Robert Motherwell, Max Ernst und Yves Tanguy, deren Kunst der kaum zwanzigjährigen Frau entscheidende Impulse für ihr eigenes künstlerisches Wirken lieferte. -Jahre des obsessiven Schaffens und der regen Ausstellungstätigkeiten in renommierten New Yorker Galerien wie denjenigen von Peggy Guggenheim und Betty Parsons waren die Folge. Es war allerdings eine Zeit, in der sich schon erste Anzeichen psychischer Probleme bemerkbar zu machen begannen. Anfang der Fünfzigerjahre musste sich Sonja Sekula in verschiedenen Kliniken der USA und der Schweiz psychiatrisch behandeln lassen, bevor sie im April 1963 in Zürich ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende setzte.
Die Galerie HILT in Basel, die schon seit langem das vielseitige Werk der Künstlerin betreut, konnte durch Nachforschungen und Kontakte mit Sammlern Bildmaterial sowie das in Buchform erschienene literarische Oeuvre erneut zu einer interessanten Ausstellung zusammen tragen.
Die starken Einflüsse, denen die Künstlerin zeitlebens ausgesetzt war, manifestieren sich in den unterschiedlichsten Stilelementen. Die «éctriture automatique» der Surrealisten, die abstrakte, den innigen Bezug zur Gegenstandswelt jedoch wohl nie ganz aufgebende, hieroglyphische Bildsprache eines Paul Klee oder die spontanen, psychisch motivierten Form- und Farbentwürfe der abstrakten Expressionisten haben ihre Spuren in Sonja Sekulas grossen und kleinen, in unterschiedlichsten Techniken wie Öl, Gouache oder PapierCollage ausgeführten Arbeiten hinterlassen. Immer allerdings wusste die Künstlerin auf eine ganz eigene, innovative Weise Zeichnerisches und Sprachliches, Figuratives und Ungegenständliches zu verbinden, was in ihrer sprachschöpferischen Poesie und den eigenwilligen Wortbildern zum Ausdruck kommt. Angesichts dieser ungewöhnlichen Doppelbegabung drängen sich durchaus Vergleiche mit Künstlerinnen wie Meret Oppenheim oder Annemarie von Matt auf.
Renate Dürst, Basler Zeitung, 27.5.2004
Publikationen
Ausstellungen (Auswahl)
2016 Kunstmuseum Luzern «Sonja Sekula & Friends»
2008 Kunstmuseum Aarau «Dunkelschwestern: Annemarie von Matt & Sonja Sekula»
1996 Kunstmuseum Winterthur «Sonja Sekula, 1918 - 1963»
Quellen
Texte, Abbildungen
Kunstmuseum Winterthur
Dieter Schwarz
Roger Perret
Roman Kurzmeyer
Basler Zeitung, Renate Dürst
Galerie HILT Basel