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«Oscar Wilde tut so, als hätte das Leben bloss eine Sonnenseite,
die er mit der künstlerischen Selbstverwirklichung
gleichsetzt. Die Arbeit für den eigenen Lebensunterhalt betrachtet
der Dandy als mindere Tätigkeit, sie führe zu Elend
und Auszehrung. Vor diesem Anblick will er sich und die
Seinen bewahren. Ich halte die Unterscheidung zwischen
wahrem Künstlerleben und falschem Arbeiterleben, zwischen
guter Selbstverwirklichung und schlechter Fremdbestimmung
in dieser Radikalität für irreführend. Wilde
träumt von einer Gemeinschaft absolut autonomer Künstlerindividuen,
einer Gemeinschaft, die, bei Lichte besehen,
nichts anderes wäre als ein Haufen gefühlloser Egomanen
und Egoisten. Zum Leben eines jeden Menschen gehören in
Wahrheit beide Aspekte, die Freiheit und das Dienen.
Gerecht ist nicht jene Gesellschaft, die bemüht ist, möglichst
viele Menschen vor Arbeit zu bewahren. Gerecht ist
vielmehr jene Gesellschaft, die den Einzelnen motiviert, sich
im Spannungsfeld von Freiheit und Dienen zu situieren.
Nicht der Neid sollte uns leiten, sondern die Neugier und
der Ehrgeiz. Der heutige Wohlfahrtsstaat fördert die Neidkultur.
Er bläut dem Individuum ein: du hast wenig, weil
andere viel haben, und legitimiert damit eine zunehmend
exzessive Umverteilung von Gütern. Tatsächlich geht es je-
ner Gesellschaft am besten, die möglichst wenig umverteilt
und möglichst stark motiviert. Einkommensunterschiede
sind nicht unmoralisch, im Gegenteil, sie sind Ansporn
für viele Menschen, tätig zu sein und tragen zum gesamtgesellschaftlichen
Wohlstand bei. Die Rede von der Schere
zwischen Arm und Reich hat wenig Aussagekraft, weil die
Messlatte für die Armut variabel ist. Entscheidend ist vielmehr,
wie viel die Ärmeren und Benachteiligten absolut haben.
Der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Wohlstand,
von dem nicht alle gleich viel, aber letztlich alle profi tieren,
seit der Industrialisierung in unglaublichem Masse angestiegen
ist. Wenn hingegen zu viel umverteilt wird, mithin der
gesamtgesellschaftliche Wille zum Arbeiten und zum Dienen
nachlässt, dann wird die Gesellschaft als ganzes ärmer
und hat weniger zu verteilen. Dies hat zur Folge, dass die,
die ohnehin wenig haben, noch weniger haben.
Die moderne Neidkultur richtet nicht nur materiellen,
sondern auch immateriellen Schaden an, den ich als Pfarrer
noch höher gewichte; die Menschen entwickeln eine Anspruchshaltung,
die sie letztlich untätig und unglücklich
macht. Zwar spricht Jesus Christus uns Gnade zu, aber diese
ist nicht mit Lebensunterhalt auf Kosten anderer gleichzusetzen.
Ausnahmen sind selbstverständlich Kranke und
Behinderte. Ansonsten soll jeder sich selbst bemühen und
kann nur darauf hoff en, dass ihm Gnade widerfährt.
Als Pfarrer erbringe ich eine Dienstleistung. Nun ist
es so, dass der christliche Glaube an Einfl uss einbüsst, die
Kirchen immer schlechter besucht sind, die Kirchensteuer
als Basis der Pfarrgehälter immer weniger Akzeptanz fi ndet.
Ich bedaure diese Entwicklung, kann sie aber nicht ändern.
Wie weiter? Es gibt kein verbrieftes Recht auf das Pfarramt.
Sollte die Nachfrage zu gering sein, muss ich eben zusätzlich
eine andere Leistung anbieten. Das kann viel Zeit erfordern,
viel Kraft und Vertrauen. Vielleicht bin ich in einer Überbrückungszeit
auf die Unterstützung des Staates in Form
von Know-how und Geld angewiesen, die später möglichst
wieder zurückzuzahlen wären. Der Staat sollte jedoch nicht
versuchen, aus Anbietern Bittsteller zu machen, die in eine
fatale Abhängigkeit geraten. Damit hätte er zwar einen neuen
Sympathisanten des Sozialstaates, aber auf die Dauer ist
damit niemandem geholfen.»
Peter Ruch ist Pfarrer in Schwerzenbach
aufgezeichnet von René Scheu