Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/848

Der High Court und das Auge der Göttin
Vom Britischen Museum wollen die Griechen ihre Elgin Marbles wiederhaben, die Türken ihre Samsat-Stele und die Iraner den Kyros-Zylinder, eine kostbare Schrifttafel aus Babylon. König Salomon Iguru aus Uganda fordert einen Thron seiner Vorfahren vom Unimuseum Oxford zurück. Und im Victoria and Albert Museum hängt ein Kinderkopf aus dem Sidamara-Sarkophag, den Ankara ebenfalls will.
Vorwürfe historischen Kunstraubs sind für britische Museen nichts Neues. Aber nicht nur die renommierten Sammlungen der Insel kommen immer wieder unter Druck. Auch Königin Elizabeth II. und die ihren haben Probleme. Indien verlangt den Koh-i-Noor, einen der berühmtesten Diamanten der Welt, zurück von den Royals. Ein Prozess um die Rückgabe beginnt jetzt gerade vor dem Londoner High Court – zur gleichen Zeit, da der rote Teppich ausgerollt wird für den indischen Regierungschef Narendra Modi im Königreich.
Der Koh-i-Noor, muss man dabei wissen, war zur Zeit, als er in der Gegend des heutigen Andrah Pradesh gefunden wurde, mit 793 Karat der grösste bekannte Diamant der Erde. Das war im 13. Jahrhundert. In der Folgezeit wanderte er, im Besitz von Mogulen und Maharadschas, zwischen Indien, Persien und Afghanistan hin und her. Mal schmückte er als Auge einer Hindu-Göttin einen Tempel, mal zierte er den Pfauenthron eines Kaisers. Bis er schliesslich, im 19. Jahrhundert, der British East India Company in die Hände fiel.
Auf der HMS Medea wurde der Koh-i-Noor – der «Berg des Lichtes» – von der Company 1850 nach London verfrachtet und als Präsent Queen Victoria übergeben. Schon zuvor war das gute Stück mächtig zugeschliffen worden. Unter Prinz Albert wurde es zwecks grösserer Strahlkraft noch weiter, auf 105,6 Karat, reduziert. Für Königin Alexandra, Victorias Tochter, schuf man eine neue Krone, speziell mit dem Koh-i-Noor. Nur zu besonders festlichen Anlässen wird diese Krone getragen. Anders als die meisten Kronjuwelen (die im Tower liegen) wird sie in Schloss Windsor aufbewahrt.
Nun aber will Indien, dass der Diamant, der 100 Millionen Pfund wert sein soll, aus der Krone gebrochen wird und «nach Hause» zurückkehrt. Diesem Zweck dient der im High Court angesagte Prozess. Premier Modi wird wohl zu gute Manieren haben, um bei seiner Visite diese Woche den Koh-i-Noor zu erwähnen. Dafür hat sich David Cameron, sein Gastgeber, schon vor zwei Jahren zu dieser Frage geäussert. Eine Rückgabe komme überhaupt nicht infrage, meinte der britische Regierungschef damals: «Wenn wir erst einmal Ja sagen, ist als Nächstes gleich das ganze Britische Museum leer.»