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Martin Horat-Kissling
NEKROLOGE
Rothenthurm, Wettermissionar
Martin Horat wurde am 15. April 1944 als Ältester von fünf Kindern im Haggen hoch über Schwyz geboren. Als guter Schüler, wie er immer betonte, kam es auch mal vor, dass er und sein jüngerer Bruder Oswald auf dem Weg zur Schule ein wenig herumtingelten. Als Entschuldigung der jungen Burschen für die Verspätung drückte er dem Lehrer einen selbstgepflückten Blumenstrauss in die Hand.
Nach der Schulzeit bekam er bei seinem Taufgötti und Grossonkel eine Stelle als Knecht. Für 150 Franken im Monat arbeitete er dort. Von ihm lernte er eine Menge, obwohl sein Grossonkel Analphabet war. Er blieb dort für fünf Jahre, bevor er dann zum Muuser Märtel sen. ging, um weiter als Knecht zu arbeiten. Mit 22 Jahren konnte er dann zusammen mit seinem Vater den Bärenfang in Pacht nehmen. Die Familie Horat lebte dort ganze zehn Jahre lang. Mehrere Winter ging er in jener Zeit nach Zürich, um mit einer Freundesgruppe Holz zu schlagen. Die Innerschweizer waren weit her-um bekannt für ihre Feste bis in die frühen Morgenstunden aber trotzdem auch für ihre zuverlässige und saubere Arbeit.
Während der Sommermonate waren die Horats bereits auf der Bannegg am Älpleren. Im Jahre 1976 erhielt Martin das Angebot, das Heimetli «Morgartenberg » über Rothenthurm zu pachten. Im Laufe der Zeit bereitete ihm seine Hüfte immer mehr Probleme, und nach zwölf Jahren musste Martin erkennen, dass er seine geliebte Landwirtschaft aufgeben musste. Auch ein medizinischer Eingriff auf den Philippinen, von dem er sich viel erhofft hatte, brachte leider keine Besserung. Fast zeitgleich lernte er dann Ella, seine zukünftige Ehefrau, kennen.
Im Jahr 1984 gaben sich die beiden auf der Haggenegg das Jawort. Nach einigen Jahren Ehe zogen sie dann zur Grundstrasse in Schwyz. Dort hat-te Martins Onkel Melk ein Geschäft mit landwirtschaftlichen Artikeln. Er bot Martin und Ella an, den Laden zu übernehmen. Das kam Martin gerade recht. Da er schon immer sehr gesellig und gesprächig war, füllte er seinen Subaru nun mit allerlei Waren wie Heu- und Mistgabeln, Schaufeln und natürlich Sensen und fuhr dann viele Bergbauernhöfe im gesamten deutschsprachigen Gebiet ab.
Am wohlsten war es ihm, wenn er unter seinesgleichen verkehren konnte. So begann er, Milch zu wägen beim Braunviehzuchtverband. Das ermöglichte ihm, während des Melkens mit den Bauern übers Vieh und Wetter zu diskutieren. Von seinen landwirtschaftlichen Artikeln, die er vertrieben hat, ha-ben ihm besonders die Sensen und das Handmähen zugesagt. Nach der Teilnahme an einem Handmähwettbewerb in Giswil beschloss er, selbst eine Handmähmeisterschaft durchzuführen. Mit ein paar befreundeten Männern organisierte er dann in Rothenthurm einen Handmähwettbewerb. Das Handmähen stiess auf grosse Begeisterung, so dass bereits im ers-ten Jahr 80 Personen teilnahmen. Im Jahr 1989 gründeten diese Herren den Innerschweizer Handmähverein, von dem er selbst 15 Jahre lang Präsident war.
1987 nahm er an einer Versammlung des Meteorologischen Vereins Innerschweiz teil. Als der Präsident des Vereins erfuhr, dass Martin gerne Wetter-prophet werden würde, lud er ihn zur nächsten Versammlung ein. Er müsse einfach eine Wettervorhersage machen und diese vor versammelter Gemeinschaft vorlesen. Von diesem Moment an gehörte er zu den Muotathaler Wetterpropheten.
Von da an hatte er drei Leidenschaften, die er ausleben konnte. Das Alpleben auf der Bannegg, das Handeln mit landwirtschaftlichen Artikeln und das Prophezeien des Wetters. Auf seinen Reisen machte er auch ein wenig Werbung für den Verein und sorgte unter anderem dafür, dass die Generalversammlung immer in grösseren Sälen stattfinden musste. Wenn er nicht gerade mit seinem mobilen Einkaufszentrum unterwegs war, war er gerne auf der Rinderalp Bannegg. Dort waren auch wir Nichten und Neffen immer herzlich willkommen. So wie er von seinem Grossonkel eine Menge gelernt hatte, konnten wir auch von ihm lernen. Er erklärte uns, was «Oberällmiger » und «Bisässä» sind, mit wem wir bis zum 5. Grad entfernt verwandt sind, und dass in jenem Winter, in dem der Goldauer Bergsturz stattgefunden hat-te, nie ein Brunnen zugefroren ist. Für alle, die jetzt überlegen, wann das war – im Jahr 1806!
Wir Kinder haben oft über seinen grossen Absatz am Schuh gestaunt und ihn gefragt, warum er denn ein kürzeres Bein habe. Er hat dann nur gelacht und gesagt: «Dafür ist dieses ein wenig länger.» Dass sein spezieller und typischer Gang aufgrund einer Hüftfehlentwicklung entstanden war, haben wir erst viel später erfahren.
Er liess uns mit der Motorsäge Äste abschneiden, Schilterli fahren und die Rinder anketten. Er hat uns aber auch gezeigt, wie man Tabak kaut oder eine Toscanelli raucht und amüsiert auf den Stockzähnen geschmunzelt, wenn wir davon Hustenanfälle bekamen. All das konnten wir zu Hause nicht erzählen. Abends sassen wir dann oft vor der Hütte, er hat eine Sense getängelt und uns Geschichten erzählt, von denen wir bis heute nicht sicher sind, ob sie wahr sind oder nicht. Kurzum, wir alle hatten wundervolle Zeiten auf der Bannegg.
Wir staunten, als unser Onkel immer öfter im Radio und später auch im Fernsehen zu sehen war. Er war auch gerne gesehener Gast und Referent bei verschiedenen Veranstaltungen. Für diese Termine hat er sich ordentlich herausgeputzt und der Seitenscheitel musste perfekt sitzen. So war er ab den 90er-Jahren zwischen Vorträgen, dem Verkauf von Sensen, dem Milchwägen und dem Alpleben unterwegs. Ab 2001 jedoch nicht mehr von der Hauptstrasse aus, sondern von seinem Haus in der Altmatt ausserhalb von Rothenthurm. Hin und wieder kam ein Filmteam zu Besuch und begleitete ihn auf seinen Reisen oder drehte einen Werbespot. «Chli stinkä muesses» dürfte wohl allen einen Begriff sein.
Im Sommer 2008 war er dann zum letzten Mal auf der Alp in Bannegg. Besondere Freude hatte er, als sein Neffe ab 2011 die Bannegg übernehmen konnte. Ob beim Auffahren oder beim Abfahren, er sorgte dafür, dass er auch dabei sein konnte.
In den letzten beiden Jahren haben wir gemerkt, dass ihm die Gesundheit Schwierigkeiten machte. An drei Wetterpropheten- Versammlungen konnte er aus diesem Grund persönlich nicht teilnehmen. Es war ihm jedoch immer wichtig, seine Prog-nose rechtzeitig abzugeben und dass sie auch vorgelesen wurde. Zwischendurch gab es auch immer wieder Hochs, so dass er seine Wetterpropheten-Kollegen ans Zürcher Sechseläuten begleiten konnte. Als es im Herbst 23 gesundheitlich nicht mehr ging, waren wir froh, dass er und Ella einen Platz im Altersheim in Einsiedeln gefunden hat-ten. Er hat sich dort in der Langrüti in Einsiedeln wohlgefühlt. Bis zum Schluss hat er gehofft, dass er im Frühling wieder auf Tour gehen könnte. Leider hat es dafür jetzt nicht mehr gereicht. Am 27.Januar am Abend konnte er dann friedlich im Beisein von Ella einschlafen.
Deine Nichten und Neffen