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Mit ihrem neuen Programm «from scratch» erinnert die Basel Sinfonietta an das legendäre Londoner Scratch Orchestra von Cornelius Cardew: Fünf Komponisten haben in Anlehnung an dessen Freiheitsbegriff neue Werke für das sechzigköpfige Orchester geschaffen.
«Jeder aus unserer Gruppe – manche von uns unterrichteten zeitweilig, andere sind einfach talentierte Komponisten –, jeder versuchte, Freunde, Verwandte und Studenten als zusätzliche Interpreten zu mobilisieren.»
So entstand im Mai 1969 in London für die Uraufführung von Cornelius Cardews «The Great Learning» das Scratch Orchestra. Musiker, Künstlerinnen, politisch Bewegte, Laien: Alle kamen hier zusammen und vereinten sich in der Musik. Der Klang war dementsprechend rau und ungeglättet, aber von grosser Energie.
Das Bild, das Cardew mit dem siebten, allein schon einstündigen Teil von «The Great Learning» evozierte, ist bezeichnend: Wie buddhistische Mönche gegen einen Wasserfall singen hier die Stimmen gegen ein mächtiges Schlagzeugfeuerwerk an – ein Kampf auf verlorenem Posten, doch mit Widerstandskraft.
Antiimperialismus und Arbeiterlieder
Dieses Kratzorchester, das sich um 1974 – nicht zuletzt aufgrund politischer Divergenzen – wieder auflöste, war ein Unikum: ein basisdemokratisches, aus dem Geist von 1968 heraus gewachsenes, improvisierend-freies, semiprofessionelles MusikerInnenkollektiv. Man spielte und sang, beteiligte sich an politischen Aktionen, diskutierte und ging schliesslich unterschiedliche Wege.
Der Spiritus Rector des Orchesters, Cornelius Cardew, tendierte in den siebziger Jahren weiter nach links, wohin ihm nicht alle Scratch-Mitglieder folgen mochten. Überzeugt vom Marxismus war er 1979 Gründungsmitglied der Revolutionary Communist Party of Britain. Am 13. Dezember 1981 wurde er im Londoner Nebel von einem Auto überfahren. Der Fahrer wurde nie gefunden, die Hintergründe sind bis heute ungeklärt geblieben.
Tatsächlich hatte Cardew nie ein Blatt vor den Mund genommen. Als brillanter Pianist hatte er begonnen, er arbeitete eng mit Karlheinz Stockhausen zusammen, den er später mit dem Pamphlet «Stockhausen Serves Imperialism» angriff. Er interessierte sich für John Cage, entwickelte in den sechziger Jahren sehr freie Konzeptstücke und wandte sich der Improvisation zu. Mit dem Saxofonisten Lou Gare, dem Gitarristen Keith Rowe und dem Schlagzeuger Eddie Prévost wirkte er ab 1965 im britischen Impro-Ensemble AMM mit. Aber selbst das schien ihm schliesslich zu elitär. Zum Schluss komponierte er einfache Arbeiterlieder.
Gewiss: Die Basel Sinfonietta, die kürzlich ihren 30. Geburtstag feierte, funktioniert dann doch etwas anders als das Scratch Orchestra. Es handelt sich um ein Profiorchester, und mittlerweile gibt es auch einen Geschäftsführer. Aber immer noch ist das Orchester selbstverwaltet oder zumindest selbstbestimmt und hat alle Hierarchisierungswellen überlebt. So erstaunt es nicht, dass nun ein Programm mit dem Titel «from scratch» an den Vorgänger erinnert. Die Sinfonietta gab dazu fünf neue Werke in Auftrag. Explizit politische Stücke sind dabei offenbar nicht entstanden, keine musikalischen Kommentare zur Finanzkrise, keine Aufrufe zum Protest – und doch steckt in diesen Stücken noch etwas vom Geist des Scratch Orchestra.
Musik ohne Kompromiss
Improvisatorische Elemente enthält das neue Orchesterwerk «Spring Two» des US-Amerikaners Christian Wolff. Der einstige Cage-Schüler, der zeitweilig auch bei AMM mitwirkte, engagierte sich damals politisch und war stark an improvisierter Musik interessiert. Wer allerdings etwas Anarchistisch-Wildes erwartet, dürfte dann doch enttäuscht werden. Vielleicht ist vom Scratch Orchestra weniger dieses Element als die Einfachheit und Unmittelbarkeit der musikalischen Ideen in den Köpfen geblieben. «Ich fühlte mich gleichermassen zur improvisatorischen Freiheit wie auch zur Regelhaftigkeit hingezogen, und in meinen Werken versuchte ich, diese gegensätzlichen Tendenzen miteinander zu versöhnen», schreibt zum Beispiel Michael Parsons, der neben Cardew und Howard Skempton Scratch-Mitglied der ersten Stunde war. Er hat für Basel das Orchesterstück «Paraphrase» komponiert.
Wichtig war vor allem auch der Scratch-Impuls, kompromisslos die eigene Musik zu machen und sich nicht von althergebrachten Stilen dominieren zu lassen. Das bezeugt zumindest eine jüngere Generation, die mit den englischen Komponisten Tim Parkinson, geboren 1972, und James Saunders, Jahrgang 1973, zum Zug kommt.
Der Aarauer Komponist und Klarinettist Jürg Frey bezieht sich in seinem «Louange de l’eau, louange de la lumière» auf Texte des Westschweizer Dichters Gustave Roud. Die Einflüsse durch Christian Wolff und das Scratch Orchestra zeigen sich in einer Notiz Freys: «Ich stelle mir vor, dass meine Musik eine intellektuelle und emotionale Brauchbarkeit hat. Sie ist eine Art geistlicher (nicht religiöser) Musik: sie befasst sich mit der Zeit und dem, was darin anwesend und abwesend ist. – Sie ist auch eine Art Volksmusik: klar, direkt, eindeutig. – Manchmal stelle ich mir vor, dass meine Stücke wie Architektur oder Kleidung sind: man hört sie, man kann sich darin aufhalten, man kann sie um sich haben, man trägt sie mit sich, in sich.»
Die Basel Sinfonietta spielt «from scratch» am Dienstag, 8. November, in der Basler Martinskirche um 19.30 Uhr (Einführung: 18.30 Uhr) und am Mittwoch, 9. November, in der Zürcher Roten Fabrik um 20.30 Uhr. www.baselsinfonietta.ch