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Traumatische
Neurose, Unfallnervenkrankheit, allgemeine Bezeichnung für diejenigen Nervenkrankheiten, die nach Unfällen beobachtet werden und nicht auf groben materiellen Verletzungen, sondern auf feinern, anatomisch nicht nachweisbaren Veränderungen des Nervensystems beruhen. Die Krankheit tritt entweder infolge von heftigen Erschütterungen des ganzen Körpers, insbesondere nach Eisenbahnunfällen (s. Rückenmarkserschütterung), oder auch nach mehr umschriebenen Verletzungen eines bestimmten Körperteils auf.
Der Verlauf ist gewöhnlich derart, daß sich bei dem bis dahin anscheinend ganz gesunden Individuum im Anschluß an den erlittenen Unfall allmählich eine eigentümliche psychische Veränderung entwickelt; der Kranke wird mißmutig, verstimmt, völlig energielos, wird den Eindruck des erlittenen Unfalls nicht mehr los und grübelt nun fortwährend über die etwaigen Folgen desselben. Der Schlaf wird unruhig, oft durch ängstliche Träume gestört, der Appetit wird geringer, das Körpergewicht sinkt.
Ferner klagt der Kranke über allerhand Schmerzen und unangenehme Empfindungen an den Körperstellen, die durch den Unfall besonders betroffen wurden, über Kopfdruck und Kopfschmerzen, Schwindel, Mattigkeit, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, undeutliches Sehen, [* 2] Herzklopfen, Erschwerung der Harnentleerung, Stuhlverstopfung u. dgl. Objektiv lassen sich oft eine allgemeine notorische Schwäche, Sensibilitätsstörungen, Einschränkung des Gesichtsfeldes, Steigerung der Sehnenreflexe, Lähmungserscheinungen der verschiedensten Art, Geh- und Sprachstörungen, leichtes Zittern, Ohnmachten und selbst epileptiforme Anfälle u. dgl. nachweisen.
Die Deutung dieses Krankheitsbildes hat zu vielfachen und interessanten Erörterungen
Anlaß gegeben. Während die ersten
Beobachter die
Ansicht ausstellten, daß es sich bei dem geschilderten Symptomenkomplex um eine eigenartige, einheitliche,
scharf begrenzte Krankheitsform handle, die infolge des beim
Unfall erlittenen Schrecks entstehe, läßt man neuerdings den
Begriff der
Traumatische Neurose mehr und mehr fallen und weist die bisher unter dieser Kollektivbezeichnung
zusammengefaßten Krankheitsfälle teils der Neurasthenie, teils der
Hysterie, teils den eigentlichen
Psychosen
(Hypochondrie,
Melancholie) zu; ein nicht geringer
Teil endlich gehört in das Gebiet der Simulation, zu der die gerade hier so häufig in
Frage kommenden Entschädigungsansprüche leicht Veranlassung geben.
Der Verlauf der
traumatischen Neurasthenie und
Hysterie, der sich von dem der nicht
traumatischen Formen nicht wesentlich unterscheidet,
ist chronisch und erstreckt sich oft über Jahre. Die Behandlung hat vor allem eine allgemeine Kräftigung des Körpers und
eine geeignete psychische
Ableitung zu erstreben, im besondern sind
Bäder, Massage, die Anwendung der
Elektricität, unter Umständen die hypnotische
Suggestion sowie die Verabreichung von Bromsalzen von Nutzen. -
Vgl. Oppenheim,
Die
Traumatische Neurose (2. Aufl., Berl. 1892);
Wichmann, Der Wert der
Symptome der sog.
Traumatische Neurose (Braunschw.
1892).