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«Origami ist stets mit kniffligen Fragestellungen verbunden.»
Die Kunst des Papierfaltens fasziniert mich, seit ich ein Kind war. Schon als Bub versuchte ich ständig, meine Papierflieger zu perfektionieren. Heute mache ich allerdings kaum noch Origami im klassischen Sinn und wenn, dann nur noch als Auftragsarbeit oder als eine Art Hobby. Bei den Arbeiten, auf die ich mich in den letzten Jahren vorwiegend konzentriert habe, halte ich mich sogar sehr bewusst nicht an die Regeln des traditionellen Origami; ich verwende zum Beispiel nur noch selten Papier. Eine Gemeinsamkeit mit dem klassischen Origami gibt es trotzdem. Die Formgebung und die Dreidimensionalität entstehen durch das Falten, ohne das Material zu reissen oder zu schneiden. In meinem Atelier in Luzern entstehen die unterschiedlichsten Objekte und Bilder. Es sind Skulpturen und Bilder in einem, eine Art Reliefs, die auf den Faltplänen von früher kreierten Figuren basieren. Ich verwende die Faltpläne als Instrument, um neuartige Kunstwerke zu gestalten, indem ich mit Stoffen, Leder oder Papier arbeite und diese Materialien teilweise auch miteinander kombiniere. Die Baumwolle färbe ich vor dem Falten mit Krappwurz, Gelbholz, Indigo oder anderen natürlichen Farbstoffen. In Japan waren früher die Arbeitskleider der Bauern mit tiefblauen Extrakten aus der Indigopflanze eingefärbt. Das war die Quelle meiner Inspiration, um Indigoblau zu verwenden und Stoffe zu färben.
Früher hielt ich mich noch eher an die traditionellen Regeln. Vor ein paar Jahren habe ich zum Beispiel einen lebensgrossen Elefanten aus Papier gefaltet, der aus einem 15x15 Meter grossen Quadrat entstand. Ich musste das Papierquadrat aus verschiedenen Bahnen zusammensetzen. Bei komplexeren Figuren habe ich eine Grundidee im Kopf, skizziere dann einen Plan und verfeinere diesen beim Falten. Das ist so ähnlich wie bei einem Bauplan für ein Haus. Es braucht ein strukturiertes Vorgehen; bei einem komplizierten Origami kommt man mit der Trial-and-Error- Methode nicht weit. Origami ist stets mit vielen kniffligen Fragestellungen verbunden. Es gibt im internationalen Kontext viele Physiker und Mathematiker, die Figuren entwickeln. Deren Ziel ist es meistens, einen möglichst effizienten Bauplan zu erstellen, doch häufig bleibt in meinen Augen die Ästhetik auf der Strecke. Einer der interessanten Aspekte an Origami ist für mich, dass es so viele Berührungspunkte zwischen Kunst, Technik und praktischer Anwendung gibt. Weil Origami noch nicht oder kaum als Grundlage für zeitgenössische Kunst verwendet wird, bietet sich mir ein grosser Spielraum, und ich geniesse viele Freiheiten für innovative Umsetzungen. Durch das Falten und die Transformation des Papiers entstehen immer neue Ideen und Inhalte, die noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Meine Werke haben manchmal ziemlich viel mit mir und meiner Geschichte zu tun. Vor ein paar Monaten war ich längere Zeit in Südafrika. Ich habe dort begonnen, Kuhfelle für Origami zu nutzen. Ich musste zuerst eine eigene Technik entwickeln, um die Felle faltbar zu machen. Bei dem Volk, aus dem mein Vater stammt, haben Kühe eine wichtige Bedeutung; sie wurden früher zum Beispiel als Währung genutzt, um die Mitgift zu bezahlen. Ich hatte das Verlangen, mit Origami-Objekten aus Kuhfellen eine engere Beziehung zu diesem Teil meines kulturellen Hintergrundes zu schaffen. Reisen empfinde ich sowieso immer als inspirierend. In Japan habe ich einmal einige Museumsinseln besucht, auf denen permanente Ausstellungen gezeigt werden. Mich hat beeindruckt, wie Architektur, Kultur und Kunst genau aufeinander abgestimmt sind. Ich möchte einmal ein Kunstwerk entwerfen, das eine Art Origami-Zelt ist: Ein Relief, das man als Raum betreten, in dem man sich bewegen und unterschiedliche Perspektiven einnehmen kann.
Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 10/20
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Transformation durch Falten