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Wird das nachhaltige Potenzial der Biomasse in der Schweiz vollständig ausgeschöpft?
Das nachhaltig nutzbare Biomassepotenzial der Schweiz wird auf etwa 10% ihres Primärenergiebedarfs geschätzt. Derzeit wird nur die Hälfte dieses Potenzials tatsächlich genutzt.
Die Biomasse umfasst sämtliche Rohstoffe pflanzlichen Ursprungs (Holz, Gras, landwirtschaftliche Abfälle, pflanzliche Öle, Algen usw.) und tierischen Ursprungs (Jauche, Gülle, Klärschlämme usw.). Alle Formen der Biomasse können für die Energieerzeugung verwendet werden. Das wird als „Bioenergie“ bezeichnet. So hat insbesondere das Holz seit Jahrtausenden und bis zur industriellen Revolution eine zentrale Rolle für die Heizung und das Kochen gespielt. Erst ab dem Beginn des 20. Jahrhundert wurde die Biomasse von fossilen Energien verdrängt, die billig und sehr leicht zu handhaben waren und über eine deutlich höhere Energiedichte verfügten. Heute deckt die Biomasse nur mehr 10% des Gesamtweltenergiebedarfs ab, ist aber immer noch die mit Abstand wichtigste erneuerbare Energiequelle.
In der Schweiz deckt die Biomasse nur 5% unserer Energieversorgung, weit hinter der Wasserkraft (16%), aber weit vor anderen erneuerbaren Energiequellen [→ F47]. Im Vergleich dazu deckt Österreich – das über eine vergleichbare Topografie und Bewaldung wie die Schweiz verfügt – fast 17% seines Primärenergiebedarfs mit der einheimischen Biomasse. Das nachhaltige Gesamtpotenzial der Biomasse in der Schweiz wird auf zwischen 24 und 36 TW h Primärenergie geschätzt. Der Grossteil dieses Potenzials (12 TWh) ist holzgebunden (Waldholz und Holzreste). Landwirtschaftliche Abfälle machen 6 TWh aus, biogene Abfälle (Klärschlamme und der Biomasseanteil unserer Haushaltsabfälle usw.) ungefähr 5 bis zu 7 TWh. Die Energiepflanzen bieten nur ein begrenztes Potenzial. Heute nutzen wir nur die Hälfte unseres nachhaltigen Biomassepotenzials. Unternutzt sind v. a. Waldholz, Schnittabfälle und tierische Ausscheidungen (Jauche, Mist), während das Potenzial der biogenen Abfälle und der Holzabfälle (Sägemehl, Altholz usw.) bereits erschöpft scheint [→ siehe Abb. unten].
Welcher Anteil unseres nachhaltigen Biomassepotenzials effektiv genutzt werden könnte, hängt im Wesentlichen von den Marktpreisen der Biomasse ab. Die Biomasse weist innerhalb der erneuerbaren Energiequellen eine Besonderheit auf: Sie hat als einzige einen Preis. Wind, Sonneneinstrahlung, Geothermie, Flusswasser oder die Umweltwärme sind „Gratis“-Rohstoffe, während die Biomasse auf dem Markt zu sich ändernden Preisen gehandelt wird. Der Ausbau der Bioenergie wird also zentral von der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit der Biomasse abhängen.
Die gebirgige Topografie der Schweiz und die hohen Arbeitskosten begrenzen heute das wirtschaftlich nutzbare Potenzial der Schweizer Biomasse. Das erklärt, warum wir derzeit mehr als 36‘000 Tonnen Holzpellets pro Jahr importieren. Je mehr die Marktpreise der Biomasse weltweit steigen – und das ist aufgrund der Erhöhung der weltweiten Nachfrage ein verbreitet beobachteter Trend – desto mehr können wir unsere einheimischen Rohstoffe wirtschaftlich nutzen. Wir können mit Recht annehmen, dass wir bis zum Jahr 2050 unser gesamtes Biomassepotenzial nutzen können.
Im Gegensatz zur Solarenergie, Windenergie und Geothermie ist die Biomasse ein erneuerbarer Energieträger, dessen Nachhaltigkeit nicht selbstverständlich ist. In den letzten Jahren ist die Sozial- und Umweltverträglichkeit der verschiedenen Bioenergie-Sparten zum brennenden Thema geworden. Es besteht eine steigende Skepsis, ob Biotreibstoffe erster Generation (auf Grundlage von Getreide, pflanzlichen Ölen oder zuckerhaltigen Pflanzen) wirklich das Potenzial haben, den Ausstoss der Treibhausgase zu reduzieren. Es halten sich zudem allgemeinere Bedenken zu anderen ökologischen und sozialen Auswirkungen, wie der Konkurrenz mit dem Lebensmittelanbau, Auswirkungen auf die Biodiversität, den Wassermangel und eine Änderung der Bodennutzung. In der Schweiz bestehen genügend Schutzmassnahmen für eine nachhaltige Nutzung der Biomasse, wir müssen aber ein wachsames Auge auf unsere Importe haben, insbesondere auf die ausländischen Biotreibstoffe [→ F56]. Bei nachhaltiger Nutzung hat die Energieproduktion aus Biomasse gleichwohl zahlreiche Vorteile. Erstens ist die Biomasse vielseitig verwendbar: Man kann aus ihr sowohl Strom, als auch Wärme oder Treibstoffe erzeugen [→ F55]. Ausserdem hängt die Erzeugung von Endenergie aus Biomasse (im Gegensatz zur Wind- und Solarenergie) nicht von den meteorologischen Bedingungen ab. Schliesslich hat diese Form der Energieerzeugung einen nicht zu leugnenden ökologischen Pluspunkt, weil sie es ermöglicht, den Materialkreislauf zu schliessen: Die Biomasse wird in erster Linie für die Produktion von Lebensmitteln oder Baumaterialien verwendet. Im Allgemeinen werden nur die Abfälle oder Nebenprodukte für energetische Zwecke verwendet.
Quellen
- Office fédéral de l'environnement (OFEV) (2009)
- Office fédéral de l'environnement (OFEV) (2009). Biomasse: la Suisse se fixe des objectifs stratégiques.
- Office fédéral de l'énergie (OFEN) (2019)
- Office fédéral de l'énergie (OFEN) (2019). Statistique globale de l’énergie 2018. OFEN.
- Steubing, B and Zah, R and Waeger, P and Ludwig, C (2010)
- Steubing, B and Zah, R and Waeger, P and Ludwig, C (2010). Bioenergy in Switzerland: assessing the domestic sustainable biomass potential. Renewable and Sustainable Energy Reviews, 14(8). 2256–2265.