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Das Wandputz-Orakel
Kürzlich wollte ich abklären, was meine Bankkonten machen. Es spielt sich nichts Spektakuläres ab, aber man muss manchmal einen Blick drauf werfen, üblicherweise am Bancomaten. Allerdings ist dieser trotz seiner vielen Fähigkeiten keine Stimmungskanone. Darum bevorzuge ich es zwischendurch, mich mit lebendigen Bankmenschen zu unterhalten, auch wenn es von diesen aus Kostengründen immer weniger gibt.
Ich betrat die Bank meines Vertrauens und blickte in die Schalterhalle. Zwei junge Mitarbeiter sahen mich und riefen mir zu: «Er ist nicht da.» Woher wollen die wissen, wen ich suche, dachte ich nicht nur, sondern fragte dies die beiden. «Immer wenn Kunden so hereinschauen und dazu grinsen, wissen wir, wen sie suchen», antwortete einer. Der andere nickte. In der Tat ist der von mir gesuchte Bankmitarbeiter beliebt und bekannt, weil er alle Kunden mit Namen kennt und oft einen flotten Spruch auf den Lippen hat.
Ich finde das sympathisch. Wir alle sollten uns fragen, wie wir auf andere wirken. Lösen wir regelmässig nicht nur ein Lächeln aus, sondern einen Lachanfall? Das ist amüsant, zeigt aber, dass wir nicht ernst genommen werden. Zaubern wir eher ein versonnenes Lächeln ins Gesicht? Oder wechseln die anderen die Strassenseite, um nicht grüssen zu müssen? Zieht der Hund des Gegenübers den Schwanz ein und beginnt zu knurren? Ich weiss von einem Hündchen, das mit seiner Besitzerin so eng verbunden ist, dass es zu Hause hinter den Stubenvorhängen alle vorbeigehenden Passanten taxiert und kommentiert. Bei Leuten, die mit Frauchen gut stehen, wedelt es mit dem Schwanz. Bei ihren «Feinden» knurrt es leise vor sich hin.
Es gibt Chefs, bei deren Auftauchen sich die Untergebenen aufs WC verkrümeln oder das Headset aufsetzen und auf den Bildschirm starren. Manche Angestellte nehmen im Bürohaus Umwege durch lange Korridore in Kauf, um nicht an der offenen Tür des Vorgesetzten vorbeigehen zu müssen, der einen ins Büro zitiert. Im schlimmsten Fall lassen sogar Zimmerpflanzen ihre Blätter fallen, wenn eine unangenehme Person den Raum betritt. Achten Sie im neuen Jahr auf solche Zeichen – und ziehen Sie die richtigen Schlüsse daraus. Spätestens wenn beim Betreten eines Raums der Putz von der Wand bröckelt, besteht dringender Handlungsbedarf.
Markus Dütschler
Der «Bund»-Redaktor stellt hiermit klar, dass es im Grossraumbüro der Redaktion keine langen Korridore mit Türen gibt.