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„Die beyden Geschlechter verhalten sich untereinander wie Allgemeines und Besonderes. Das eine ist das Schaffende, wahrhaft Erzeugende, Positive, das andere ist das lediglich Empfangende, Negative, und der ganze Zeugungsprozess ist nur eine Vernichtung aller Negativität des Weiblichen durch die positive, belebende Kraft des Männlichen.“
Diese Feststellung aus dem Jahre 1802 stammt von dem Doktor der Philosophie, Medizin und Chirurgie Ph. Fr. Walther. Bar jeglicher Ironie, ist sie nur eine unter zahllosen Stimmen in einem ebenso frappierenden wie befremdlichen Prozess der Neubestimmung des Verhältnisses der Geschlechter. Von der Aufklärung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kommt es zu einer für die kulturelle Moderne konstitutiven Codierung der Geschlechter. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Geschlechterrollen noch von Männern und Frauen im Zusammenhang mit Politik und Gesellschaft erörtert. Dann aber begann sich männlicher Wiederstand zu formieren. Parallel zu einer Welle populärer Schriften über die „eigentliche Bestimmung des Weibes“ wurde in der sich herausbildenden Anthropologie das Problem der Geschlechterdifferenz aus der Gesellschaft in die „Natur“ verlagert. Neben den Wissenschaften vom Menschen entstand die Wissenschaft vom Weib. Die Ärzte wurden zu den neuen „Priestern der Natur“, insbesondere zu den Experten für die Frau als Naturwesen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Differenz der Geschlechter als Thema politischer Auseinandersetzungen restlos verschwunden. In einem abstrusen Kodex wissenschaftlicher Erkenntnisse von der Biologie des Weibes ist sie in den Lehrbüchern der neu entstandenen Gynäkologie zu einem rein anatomischen Sachverhalt verkommen.
Von Claudia Honegger.
Vergleiche das Kapitel von Walburga Hoff:
Hoff, Walburga (2005): Claudia Honegger. Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, 1750-1850. In: Löw, Martina; Mathes, Bettina: Schlüsselwerke der Geschlechterforschung. Wiesbaden: VS. S. 267–282
Muri, Gabi (1993): Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib 1750–1850. Der nicht endenwollende Versuch der Beherrschung des weiblichen Körpers. In: Rosa: die Zeitschrift für Geschlechterforschung. 8/1993. S. 8–10.