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Kuhns Text The Structure of Scientific Revolutions erschien erstmals 1962 als Monografie in der International Encyclopedia of Unified Scienc von Neurath, Carnap und Morris. Eine Buchserie, die – wie der Titel schon sagt – versuchte, in der Gefolgschaft von Bacon, Llull, Descartes oder Leibniz abermals eine „Einheitswissenschaft“ zu definieren. Das erklärt die allgemeine Tendenz des Texts, erklärt auch die relative Gedrängtheit der Argumentation. In Bezug auf Ersteres werden wir sehen, dass die wissenschaftsgeschichtlichen Konsequenzen des Buchs dann genau entgegengesetzte waren. Letzteres war vielleicht auch gut so; Versuche Kuhns, in einem Nachwort – ursprünglich geschrieben für die japanische Übersetzung – Teile seiner Theorie zu erweitern bzw. zu erklären, bringen statt Klarheit nur weitere Unklarheiten in seine Argumente. Ich werde auf dieses Nachwort noch ein paar Male eingehen.
Kuhn führte mit The Structure of Scientific Revolutions den Begriff des „Paradigmas“ in die wissenschaftstheoretisch bzw. -geschichtliche Diskussion ein. Ursprünglich, was Kuhn in einer Fußnote auch zugibt, hatte schon vor langem der deutsche Physiker Lichtenberg den Begriff in einer ähnlichen Bedeutung verwendet, wie das Kuhn tut, was aber wieder vergessen gegangen war. Nun ist es so, dass Kuhn im Gebrauch dieses Worts keineswegs konsistent war. Margaret Masterman wies ihm schon 1964 nach, das Wort in 22 verschiedenen Bedeutungsvarianten verwendet zu haben. Im Nachwort von 1969 will Kuhn diese 22 Bedeutungen in zwei Gruppen zusammengefasst sehen – wünscht dann aber doch, an Stelle des Wortes „Paradigma“ mit seinen Mehrdeutigkeiten ein anderes verwendet zu haben und schlägt „wissenschaftliche Matrix“ vor. Er hat selber seinen Vorschlag allerdings nie konsequent ausgeführt und ist in späteren Publikationen wieder zum „Paradigma“ zurückgekehrt. (Nebenbei: „Matrix“ ist ja – und das nicht erst seit den Filmen, die Kuhn noch nicht kannte – mit ähnlichen Problemen der Mehrdeutigkeit geschlagen.)
Grob gesagt, kann man sich Kuhns Paradigma als ein Set von Regeln und daraus abgeleiteten Erkenntnissen (= Naturgesetzen?) vorstellen, die die Forschsgemeinschaft in ihrem Forschungs-Alltag leitet. Dieses Set definiert die Fragestellungen der Wissenschaft, es definiert auch die (noch) offenen Probleme. „Wissenschaft“ ist dann das, was von der Gemeinschaft der diese Wissenschaft Treibenden als solche akzeptiert wird. Kuhn vergleicht es mit dem Lösen von Rätseln innerhalb eines gegebenen Rahmens – ein Kreuzworträtsel zum Beispiel, oder ein Schachproblem. Ähnlichkeiten von Kuhns Paradigma zum Konzept der „Lebenswelt“ bei Husserl oder Habermas sind wohl nicht zufällig; Kuhn ist ontologischer Idealist. (Und ja: „Wissenschaft“ ist für Kuhn explizit Naturwissenschaft.) Zurück zur Forschung. Denn nun kann es sein, dass ein Problem sich hartnäckig jeder Lösung entzieht. Nach Kuhn wird die Wissenschaft in diesem Fall einige Zeit versuchen, dem Problem mit kleinen Anpassungen der Gesetzmäßigkeiten beizukommen – Wittgensteins Sprachspiel, bei dem wir die Regeln des Spiels auch schon mal unterm Spielen ändern, lässt grüßen. Oder die Forschungsgemeinschaft lässt das Problem auch einfach vorläufig liegen, für eine spätere Generation. Irgendwann ist das Problem dann gelöst. Falls nicht, und falls es eine zum zentralen Punkt des Paradigmas gewordene Frage betrifft, wird früher oder später jemand kommen, für den es wird zum Anlass einer neuen Theorie wird, eines neuen Sets von Regeln. Diesen Theorie-Wechsel, den Kuhn u.a. exemplifiziert am Übergang von der aristotelischen Dynamik zu derjenigen Newtons und später nochmals zu der von Einstein, nennt er dann eine „Revolution“.
Ich habe nicht geprüft, ob Masterman die 22 verschiedenen Bedeutungsvarianten des Wortes „Paradigma“ richtig nachgezählt hat. Aber eine flüchtige Lektüre von The Structure of Scientific Revolutions zeigt auf, dass Kuhn auch den Begriff „Revolution“ in mindestens vier oder fünf Bedeutungsvarianten kennt:
Da ist die Revolution im ursprünglichen, politischen Sinn: Ein gewaltsamer Umsturz der Herrschaftsverhältnisse. Von diesem Sinn geht Kuhn zwar explizit aus; er wendet ihn aber dann nicht wirklich auf die Wissenschaft an.
In vielen Fällen sind es relativ kleine Entwicklungen oder Entdeckungen, die Kuhn als „Revolution“ markiert – so z.B. die Umstände der Auffindung der Röntgen-Strahlen durch Konrad Röntgen. Als zufällig entdeckter Nebeneffekt bei Versuchen mit Kathoden-Strahlung bestand die Revolution darin, dass alle bisher gemachten Versuche zur Kathoden-Strahlung wiederholt werden mussten mit Bleitafeln zur Abschirmung der Röntgen-Strahlen, die unter Umständen die bisherigen Messresultate verfälscht hatten. Elektromagnetische Strahlen diesseits und jenseits des dem menschlichen Auge zugänglichen Lichts waren schon bekannt. Viel Neues brachte Röntgens Entdeckung also nicht. Solche Ereignisse scheinen mir eher „Evolution“ denn „Revolution“ zu sein – wie auch Toulmin bei seiner Kritik an Kuhn postuliert, dass wissenschaftliche Entwicklung eher eine Entwicklung in kleinen Schritten darstellt und nicht jedes Mal der große Umsturz propagiert werden sollte.
Hier muss eine Bedeutung von „Revolution“ dazwischen geschoben werden, die Kuhn zwar auch erwähnt, aber wohl nicht auf sein eigenes Werk angewendet haben wollte. Ich sehe aber – gerade, wenn er eine „Entwicklung“ gleich als „Revolution“ taxiert – durchaus Parallelen zur inflationären Verwendung des Wortes „Revolution“ im Bereich der Werbung, wo jedes Waschmittel, wenn man ihm auch nur eine andere Verpackung spendiert hat, wieder als „neu“ und eben „revolutionär“ beworben wird.
In vielen Fällen beschreibt Kuhn die wissenschaftliche Revolution dann im Stile einer Bekehrung, wo bisherige Vertreter der alten Schule sich zur neuen nachgerade bekehren – Konversion statt Revolution.
Last but not least – wie schon oben im Punkt „Evolution“ angedeutet, wird Kuhn vor allem dann im Nachwort von 1969 die von einer wissenschaftlichen Revolution betroffene Forschergemeinschaft zusehends verkleinern. Die ganz großen Revolutionen, die auch im Alltag oft so genannt wurden und meist mit dem Namen eines bestimmten Forschers verknüpft werden – die kopernikanische, die Newton’sche oder Einstein’sche – stellen ja seltene Ausnahmen dar. Meist sind die Änderungen kleiner, d.h., sie betreffen nicht die Physik als Ganzes, sondern nur Teilgebiete davon. Kuhn geht soweit, dass er von „Revolutionen“ in der hochspezialisierten Spitzenforschung spricht – von „Revolutionen“ also, die, wie er selber zugibt, eine Forschungsgemeinschaft von gerade mal 100 Personen betreffen könnten. Das sind meines Erachtens dann aber keine Revolutionen mehr, sondern bestenfalls Revolutiönchen, und ich würde hier Stephen Toulmins Postulat, doch eher von Entwicklung zu sprechen, wiederholen.
Einen weiteren kritischen Punkt, der vor allem von Lakatos und Musgrave aufgenommen wurde (Ian Hacking im Vorwort zur 50-Jahre-Jubiläums-Ausgabe der The Structure of Scientific Revolutions spricht davon, dass dieser Punkt für Kuhn ursprünglich eher nebensächlich gewesen sei – was einen Wissenschaftler ja nicht davon abhalten sollte, auch darin präzise zu sein und die logischen Konsequenzen in Betracht zu ziehen), stellt das Inkommensurabiläts-Problem dar. Kuhn geht davon aus, dass verschiedene Paradigmen existieren können (gleichzeitig oder nacheinander), die theoretisch dasselbe Set von Rohdaten explizieren. Es ist aber nur theoretisch dasselbe Set von Rohdaten, da es für Kuhn keine Rohdaten gibt: Das Paradigma, in dem ich arbeite, definiert schon immer den Blick, den ich auf die Rohdaten werfe, die Interpretation der Versuche, die ich ausführe, ja bereits die Natur der Versuche. Paradigmenwechsel finden zwar historisch statt; der einzelne Forscher (ich entschuldige mich, dass ich nur die männliche Form verwende – Kuhn hatte es da etwas einfacher, da man dem Wort „scientist“ nicht ansieht, ob Mann oder Frau gemeint sind, aber wenn er verwendet auch konsequent das Wort „man“, wo er z.B. hätte „people“ schreiben können), der einzelne Forscher also kann für sich keinen Paradigmenwechsel ausführen. Vor allem kann er nicht – wie in der berühmten Umriss-Zeichnung von der Hasen-Ente – beliebig zwischen dem Paradigma „Hase“ und dem Paradigma „Ente“ hin und her wechseln. Kuhns Paradebeispiel ist die Entdeckung des Sauerstoffs: Priestley und Lavoisier führten praktisch dieselben Versuche durch. Aber selbst in einer öffentlichen Disputation konnten sie sich nicht einig werden, was da geschehen war. Der Engländer sah beim Erhitzen von Quecksilber(II)-Oxid reines Quecksilber entstehen und ein Gas, das er dephlogiscated air nannte; der Franzose erkannte, dass hier ein eigenes Gas vorlag und sah kein Phlogiston. Lakatos hat darauf hingewiesen, dass seine eigene Imkommensurabilitäts-Theorie Kuhn daran hindern müsste, als Wissenschaftsgeschichtler zu arbeiten, da er nicht in der Lage sein würde, vergangene Paradigmen noch nachvollziehen zu können. Im Nachwort von 1969 antwortet Kuhn darauf, indem er die Existenz sogenannter „Übersetzer“ postuliert – von Leuten also, die beide Paradigmen kennen, weil sie in beiden gearbeitet haben. Allerdings scheint Kuhn nicht zu sehen, dass dieses Argument nur funktioniert für den Übergang von einem Paradigma zum andern – im Moment der „Revolution“ also, wo solche Leute vorhanden sein könnten. Wenn der Paradigmenwechsel einmal Tatsache ist, sollte das gemäß seiner Theorie nach wie vor nicht möglich sein. Im Grunde genommen wendet Kuhn also die Sapir-Whorf-Hypothese auf die Wissenschaftsgeschichte an…
Last but not least: Kuhn hatte ein Studium der Physik hinter sich, als er – unter seiner Dissertation – mit wissenschaftsgeschichtlichen Fragen konfrontiert wurde und beschloss, seine weitere Karriere diesem Zweig zu widmen. Er hat nie Geschichte als solche studiert. Nur so kann ich mir erklären, warum Kuhn die in der eigentlichen Geschichtswissenschaft schon in den 1960ern verpönte Idee einer steten Wiederkehr des immer Gleichen nun in die Wissenschaftsgeschichte einschleppte. Spengler und Toynbee hin oder her: Die Geschichte kennt keine Geschehnisse, die sich immer wieder auf die gleiche Art und Weise ereignen, auch nicht in ihren Strukturen. Dass wissenschaftlicher Fortschritt praktisch jedes Mal in Form einer Revolution zu geschehen hat, ist eine aus der Physik (wieder) eingeführte Form der Beschreibung historischer Ereignisse, die in der Geschichtswissenschaft zum Prokrustes-Bett werden, dem die Ereignisse angepasst werden müssen, statt dass die Ereignisse neutral untersucht werden könnten. Oder aber sie führen, wie es mir bei Kuhn der Fall zu sein scheint, dazu, dass die wissenschaftsgeschichtliche Forschung nach der Humpty-Dumpty-Regel verfährt: ” When I use a word,” Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, ” it means just what I choose it to mean—neither more nor less. “ Genau das aber scheint mir bei Kuhns Verwendung der beiden zentralen Begriffe, „Paradigma“ und „Revolution“ der Fall zu sein: Sie haben zu bedeuten, was er im jeweils gerade der Fall seienden Fall will.
Für den Schreiber der jüngeren Geschichte der Wissenschaftsgeschichte ist dieses Buch sicher nach wie vor wichtig. Dass dann vor allem Feyerabend aus ihm den Schluss gezogen hat, dass Forschung anarchisch vorzugehen habe, lag wohl nicht in Kuhns Sinne. Dass aus Feyerabends Thesen in der Popularisierung der Schluss gezogen wurde, dass keine Forschungsmethode, kein Paradigma, anderen überlegen sei, weil man sie ja nicht vergleichen könne und nur interessiere, ob die Methode die von ihr propagierten Resultate erziele, lag wohl nicht einmal in Feyerabends Sinn. Dass daraus nun wieder der Schluss gezogen wurde, dass auch Homöopathie eine wissenschaftliche Methode sein könne, die sogar an Universitäten gelehrt werden müsste … Kuhn, bei allem revolutionären Denken in Paradigmenwechseln, glaubte letzten Endes zwar nicht an Poppers Falsifikation von Theorien als Maßstab wissenschaftlichen Arbeitens, aber durchaus an eine Reproduzierbarkeit von Versuchen, wie sie bereits Francis Bacon als Paradigma wissenschaftlichen Arbeitens hingestellt hatte. Gewisse Paradigmen waren auch für Kuhn unantastbar – ja, so tief in ihm verankert, dass er sich wohl selber ihrer nicht bewusst war. Rückbezüglichkeit einer Theorie auf sich selber ist ja immer so eine Sache. Hier landen wir tatsächlich in einem wissenschaftlichen Sumpf.