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Literatur
100 Jahre Familie Buendía
Im Mittelpunkt dieses Jahrhundertromans über das Dorf Macondo im kolumbianischen Urwald, das der Schriftsteller und Journalist Gabriel García Márquez Ende der Sechziger Jahre fertig stellte und nun in einer Neuübersetzung von Dagmar Ploetz vorliegt, steht die Familie Buendía über drei Generationen. Charakteristisch für Mitglieder dieser Familie sind "hohe Wangenknochen, ein staunender Blick und die Aura der Einsamkeit", die nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen umgibt. Am Ende der wohl über hundert Jahre dauernden Erzählung erfüllt sich die Prophezeiung des durch die Buchseiten geisternden Heiligen Melquíades, dass der Älteste der Familie sich nicht von einem Kastanienbaum trennen kann und der Jüngste und Letzte von Ameisen davongetragen werden wird.
Skurrile Einfälle...
Am Anfang des Romans verfallen die Bewohner von Macondo der Schlaflosigkeit, was besonders wegen der unvermeidlichen Folgeerscheinung Beunruhigung verursacht: das Vergessen. Sobald nämlich der Kranke sich an den Wachzustand gewöhnt habe, begännen die Kindheitserinnerungen aus dem Gedächtnis zu schwinden und man versinke in eine "Art vergangenheitslosem Schwachsinn". Nicht zuletzt deswegen wurde wohl auch die Literatur erfunden, ohne die es weder Gedächtnis noch Erinnerungen geben würde. Neben allerhand anderer skurriler Einfälle - etwa dass allzu verwandte Familienmitglieder Kinder mit Schweineschwänzchen bekommen - handelt "Hundert Jahre Einsamkeit" aber vor allem von Oberst Aureliano Buendía, der zweiunddreißig bewaffnete Aufstände anzettelte und sie alle verlor und bis auf einen alle seine siebzehn Söhne im Bürgerkrieg oder als Folge davon verlor. Der Kampf zwischen Konservativen und Liberalen wütet nämlich auch in Macondo, dem einst so glücklichen Dorf am Rande der Welt. Letztendlich unterscheiden sich beide Parteien aber nur durch den Willen zur Macht und sie sind - wie die beiden Zwillinge des Romans - nur ein "Blendwerk der Spiegelung".
...traurige Realität
Auch die schöne Remedios kann den alternden Oberst nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geheimnis des guten Alters nichts anderes als ein "redlicher Pakt mit der Einsamkeit" ist, auch wenn beizeiten ein Liebespaar das "Paradies der geteilten Einsamkeit" erreichen kann und sich nicht nur im Bett, sondern auch am Tisch liebt. "Eine im Nachthemd verlorene Dörrpflaume" und die "Lotterie der Göttlichen Vorsehung" spielen bei Márquez ebenso eine Rolle, wie "ein Haus in dem Mädchen arbeiten, weil sie nichts zu essen haben". Als dann aber bei einem Arbeiterstreik bis zu 3'000 Menschen vom Militär niedergeschossen werden, tritt das Private hinter das Politische und man wird sich wieder der lateinamerikanischen Wirklichkeit gewahr, die besonders in den Sechzigern alles andere als rosig war. Und nach dem Verbrechen an den Arbeiterfamilien ist Macondo nicht mehr dasselbe Dorf und zerfällt ebenso wie die Familie Buendía: "Die Trägheit der Leute stand im Gegensatz zur Gier des Vergessens, das nach und nach die Erinnerung zerfraß."
Klassiker in Neuübersetzung
Neben allerlei skurriler Einfällen und ausgefallener sprachlicher Bilder ist die Neuübersetzung von Dagmar Ploetz wohl näher dran am spanischen Original, besonders wohl auch bei den Beschreibungen der körperlichen Liebe am Ende des Romans oder dem Zitat über die Zukunft der Welt: "Sie wird an dem Tag endgültig im Arsch sein, wenn die Menschen erster Klasse fahren und die Literatur im Güterwagen" (sic!). Dagmar Ploetz achtete bei ihrer Neuübersetzung - nach eigenen Aussagen - eher auf Knappheit als auf Ausmalung und verglich nach ihrer Rohfassung der Übersetzung mit der des Erstübersetzers Curt Meyer-Clason.