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St. Gallen
Orte
Vadiandenkmal
Die Stadt St. Gallen ehrte Joachim von Watt, genannt Vadian, 1904 mit diesem Denkmal. Damit stand St. Gallen nicht allein. Um 1900 hatten Denkmäler Hochkonjunktur. Mit zahlreichen Statuen sollte das Gedenken an hervorragende Personen gepflegt werden. Mit dem Bau des Denkmals wurde der Solothurner Bildhauer Richard Kissling betraut, der bereits in Zürich die Alfred Escher-Statue geschaffen hatte. Die Einweihungsfeier wurde publikumswirksam während des in St. Gallen stattfindenden Eidgenössischen Schützenfests abgehalten. Es waren viele Gäste geladen – jedoch nur reformierte.
Haus «Zum Goldapfel» und Haus «Zum Tiefen Keller»
Im Haus «Zum Goldapfel» kam Vadian 1484 zur Welt, nach seiner Rückkehr aus Wien wohnte er zunächst wieder dort, 1522 zog er mit seiner Frau Martha und der gemeinsamen Tochter ins benachbarte Haus «Zum Tiefen Keller». Während letzteres noch weitgehend im Originalzustand vorhanden ist, wurde Vadians Geburtshaus im 18. Jahrhundert abgebrochen. Das Quartier mit dem Namen Hinterlauben war damals eine begehrte, noble Wohnlage. Die überaus vermögende Familie von Watt konnte sich mehrere Häuser an bester Lage leisten.
Aus der Zeit, als Vadian hier wohnte, sind zahlreiche Nachbarschaftsstreitigkeiten überliefert. 1544 zum Beispiel klagte Vadian vor Gericht gegen seinen Nachbarn. Dieser hatte laut Vadian Teile einer Wand gegen sein Haus hin abgebrochen. Damit sei die Wand jetzt so dünn, dass der Nachbar alles mithören könne. Der Nachbar verteidigte sich, er habe nur eine kaputte Wand abgebrochen und wolle jetzt eine Täferwand anbringen. Vadian genügte dies nicht, und das Gericht teilte seine Bedenken. Der Nachbar musste eine Wand aus dicken Ziegelsteinen bauen, um der Hellhörigkeit ein Ende zu bereiten.
Stadthaus
An einer Mauer des Stadthauses, das von der Blüte der Textilindustrie in St. Gallen zeugt, hängt ein Relief des Freundes von Vadian, Johannes Kessler, einer Schlüsselperson der St. Galler Reformation. Er hatte ein gutes Gespür für die Menschen und konnte die Bibeltexte für die breite Bevölkerung verständlich auslegen.
Bis zur Reformation standen an der Stelle des Stadthauses die zum Kloster gehörende Johanneskapelle sowie eine Schwesternklause. 1589 liess der Kaufmann Hans Schlumpf an deren Stelle im Renaissance-Stil das Stadthaus errichten, das wegen seiner Dimensionen «das grosse Haus» oder das «hohe Haus» genannt wurde. Der dritte Name, «das halbe Haus», weist auf den ungewöhnlichen Grundriss hin. Heute ist es Sitz der Ortsbürgergemeinde, die das alte Stadtarchiv sowie die Vadianische Sammlung mit dessen Bibliothek und Handschriften besitzt und pflegt.
Kirche St. Laurenzen
Diese Kirche war der wichtigste Schauplatz der Reformation in St. Gallen. An Ostern 1527 wurde in der Kirche St. Laurenzen erstmals das Abendmahl durch die Gemeinde gefeiert. Seit 1525 hielt Johannes Kessler, der Freund und Gesinnungsgenosse Vadians, in der Kirche seine beliebten «Lesinen» ab. Dabei las und diskutierte er als theologisch geschulter Laie – und nicht als geweihter Pfarrer – gemeinsam mit der Bevölkerung die Bibel. Mit seiner klaren Sprache vermochte er die Stadtbevölkerung von der Reformation zu überzeugen.
Zugleich aber war St. Laurenzen Versammlungsort der Stadtgemeinde und der Ort von Bürgermeisterwahlen. Ende 1525 wurde Vadian hier zum ersten Mal zum Bürgermeister gewählt. Hier leitete der städtische Rat Massnahmen zur Reformation ein. 1524 beschloss er, dass die Bibel oberste Autorität sei. 1525 wurden auf Beschluss des Rates Altäre und Bildwerke zerstört und eine erst wenige Jahre zuvor gebaute Orgel abgebrochen. Messgewänder und kirchliche Geräte wurden zugunsten der Armen verkauft. St. Laurenzen ist damit ein Symbol für die enge Verbindung von Politik und Religion in St. Gallen.
Klosterkirche und Klosterbezirk
Bis zur Reformation war die Klosterkirche neben St.Laurenzen das religiöse Zentrum der Stadtbewohner gewesen; sie hatten dort auch den Gottesdienst besucht. Sie hatten deren Aus- und Umbau mit Stiftungen unterstützt und Hilfe und Trost bei der Mutter Gottes im Gatter – einem Gnadenbild in der Kirche – gesucht. Doch 1529 kam es in der Klosterkirche zum grossen Bildersturm. In der Kirche und in den übrigen Kapellen im Klosterbezirk wurden Altäre zerstört, Plastiken zerhauen, Bilder zersägt und die Wände weiss übermalt.
Nach dem 1. Kappelerkrieg 1529 verkauften Zürich und Glarus als Schirmorte über die Fürstabtei den Klosterbezirk an die Stadt. Damit wurde die Stadt auch Besitzerin von Klosterarchiv und -bibliothek. Nach der Niederlage der Reformierten im 2. Kappelerkrieg 1531 erklärten die katholischen Orte den Verkauf des Klosterbezirks für ungültig. Der Abt kehrte schon am 1. März 1532 zurück. Die heutige Stiftskirche St. Gallus und Otmar wurde zwischen 1755 und 1805 erbaut. Sie gilt als ein Meisterwerk des Spätbarocks und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Weltberühmt ist auch die Stiftsbibliothek.
Schiedmauer
Die Geschichte St.Gallens wird oft als Geschichte von Gegensätzen erzählt: von Kloster und Stadt, von gross und klein, von katholisch und reformiert. Symbol dieser Gegensätze ist die so genannte Schiedmauer, welche nach 1566 Stadt und Kloster trennte. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus hatten aber Stadt und Kloster schon lange miteinander existiert. Die Stadt war als Siedlung beim Kloster entstanden und gewachsen. 1291 hatte der Abt den Bürgern das Stadtrecht erteilt. Mitte des 15. Jahrhunderts waren beide Staatswesen überwiegend selbständig.
Gewisse Verpflichtungen bestanden jedoch weiterhin. Erst einige Jahrzehnte nach der Reformation, 1566, wurde die vollständige Unabhängigkeit ausgehandelt. Bestehende gegenseitige Verpflichtungen – etwa die Pflicht zur Belieferung des Klosters mit Kerzen und Hostien – wurden durch Zahlungen abgelöst. Damals wurde entlang der Gallusstrasse bis zum Gallusplatz die Schiedmauer gebaut, welche die beiden Hoheitsgebiete voneinander abgrenzte. Heute sind nur noch Reste der hohen und wuchtigen Originalmauer sichtbar. Der ursprüngliche Verlauf wurde durch das heutige kniehohe Mäuerchen sichtbar gemacht.
Karlstor
Das Karlstor ist das einzige heute noch erhaltene historische Stadttor. Gebaut wurde es als Tor des Abtes: Es ermöglichte ihm, in sein katholisches Untertanengebiet zu gelangen, das sich vom Bodensee bis nach Wil und ins Toggenburg erstreckte, ohne den Boden der reformierten Stadt betreten zu müssen. Seinen Namen Karlstor erhielt es, weil Kardinal Karl Borromäus (1538-1584), ein bedeutender Vertreter der Gegenreformation, es angeblich als erster durchschritten hatte.
Im Relief über dem Tor sind oben den gekreuzigten Jesus mit Maria und Johannes dargestellt. Rechts davon befindet sich das Reichswappen mit dem Doppeladler; es drückt aus, dass St.Gallen ein Reichskloster war. Links davon ist das Wappen von Papst Pius IV. Medici abgebildet. Unten in der Mitte ist das Wappen von Abt Otmar II. Kunz (1564–1577) dargestellt. Links steht der Heilige Gallus mit dem Bär, der ihm gemäss Legende beim Bau seiner Zelle behilflich war. Rechts ist der Heilige Otmar mit einem Weinfass abgebildet, eine Anspielung auf das Weinwunder bei der Überführung der Reliquien des Heiligen über den Bodensee.
Schlössli
Wohlhabende St.Galler Textilhandelsleute besassen oft zusätzlich zu ihrem Haus in der Stadt auch einen schlossartigen Wohnsitz auf dem Land. Damit ahmten sie den Lebensstil des Adels nach. Mit dem sogenannten Schlössli bauten die Zollikofer, eine reiche St. Galler Textilhandelsfamilie, einen solchen «Adelssitz» mitten in der Stadt. Es wurde zwischen 1586 und 1590 erbaut und ist das herrschaftlichste Privathaus in der Stadt. Vadians Familie war durch die Heirat seiner Tochter und Laurenz Zollikofer mit der Besitzerfamilie verbunden; erbaut wurde das Schlössli von Vadians Enkel.
Kloster St. Katharinen
Die 1228 gegründete Frauengemeinschaft war bis zur Reformation ein Dominikanerinnenkloster, in das zahlreiche Frauen aus der Stadtsanktgaller Oberschicht eintraten – unter anderem auch Vadians Schwester Katharina. Im Zuge der Reformation wurde seine Einrichtung von Bilderstürmern zerstört. Die Schwestern wurden drangsaliert und zum Besuch der reformierten Predigt gezwungen. So löste sich der Konvent allmählich auf. Die Stadt erwarb das Kloster 1594 und richtete darin Schulen ein. Nach 1685 wurden in der Kirche französische Gottesdienste für die hugenottischen Flüchtlinge abgehalten.
Kirche St. Mangen
Die Kirche St. Mangen gilt als eine der ältesten Kirche der heutigen Stadt. Der die Kirche umgebende Friedhof löste nach der Reformation den früheren, beim Galluskloster gelegenen Friedhof ab. An der Seite sind die Grabsteine früherer Stadtpfarrer zu sehen. Die heute noch in St. Mangen durchgeführten Gottesdienste der Eglise française erinnern an die Glaubensflüchtlinge aus Frankreich (Hugenotten).
Die alemannische Adlige Wiborada liess sich 916 in einer Klause bei der Kirche St. Mangen einmauern, wie die Überlieferung berichtet. Nur durch ein kleines Fensterchen blieb die Inklusin mit der Aussenwelt in Kontakt und fand beim Ungarneinfall von 926 den Märtyrertod. 1047 wurde Wiborada als erste Frau überhaupt heiliggesprochen. Als während der Reformation 1528 die Bilder und Reliquien aus der Kirche St. Mangen zerstört wurden, wurden auch die Überreste der Wiborada an einen unbekannten Ort weggeschafft.
Historie
Gemäss der Legende wurde St. Gallen im 7. Jahrhundert durch Gallus, einen Mönch im Gefolge des Heiligen Columban, als Einsiedelei gegründet. Aus dieser Einsiedelei entwickelte sich im Hochmittelalter eines der einflussreichsten Klöster Europas. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts lebten in der Stadt etwa 4000 bis 5000 Einwohner. In einem langen Prozess hatte sich die Stadt vom Kloster emanzipiert, die politische Macht lag in den Händen der Bürger. Nun fanden Martin Luthers Ideen auch den Weg in die Ostschweiz.
Zentrale Figur der Reformation in St. Gallen war Joachim von Watt, genannt Vadian. Er diskutierte vor Ort sowie in Briefen mit befreundeten Geistlichen biblische Texte. Eine wichtige Rolle für die Verbreitung der Reformation spielte aber auch Johannes Kessler (1502/3–1574). Er hatte in Basel und Wittenberg Theologie studiert und dabei auch Luther kennengelernt. Seinen Lebensunterhalt verdiente Kessler als Sattler; bekannt wurde er jedoch durch seine «Lesinen», seine Bibelauslegungen. Zuerst in Privaträumen und später auch in der Kirche diskutierte er die Bibel mit der Stadtbevölkerung.
Es war dann aber die städtische Obrigkeit, die in St. Gallen die Reformation umsetzte. 1524 erliess der städtische Rat das Gebot, dass die Bibel oberste Autorität sei; jeder soll die Bibel selbst auslegen können und nicht an die Interpretation der Kirche gebunden sein. Eine Reformationskommission, der auch Vadian angehörte, überprüfte die Bibeltreue der Predigten. Der Rat verlangte auch, dass alle Prediger den Bürgereid schworen. An Ostern 1527 wurde in der Kirche St. Laurenzen erstmals das Abendmahl nach reformiertem Brauch gefeiert.
Bald lebten in der Stadt nur noch reformierte Bürgerinnen und Bürger. Gemäss dem Grundsatz «Wessen Herrschaft dessen Religion» (cuius regio eius religio) mussten alle Untertanen derselben Konfession wie ihre Herrschaft angehören. Auch nach St. Gallen kamen französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten), welche sich an der Entwicklung der Baumwollindustrie in St. Gallen und der ganzen Ostschweiz beteiligten.
Joachim von Watt, genannt Vadian
Joachim von Watt wurde 1484 in eine wohlhabende Politiker- und Tuchhändler-Familie geboren. Er studierte in Wien, wo er 1508 als „Magister artium“ (Grundlagen-Wissenschaften) abschloss. 1517 war er Doktor der Medizin und kehrte 1518 nach St. Gallen zurück. Hier öffnete er sich, beeinflusst von seinem Zürcher Freund Ulrich Zwingli, für die Reformation. Er war Ratsherr und während über 25 Jahren im Dreijahresturnus Bürgermeister von St. Gallen. In diesem Amt förderte er die Reformation nach Kräften.
Vadians Wirken trieb den Fürstabt und die Mönche in die Flucht. Nach der Niederlage der reformierten Zürcher im 2. Kappeler Krieg 1531 verschoben sich aber die Machtverhältnisse und die Fürstabtei wurde wieder hergestellt. Als Humanist pflegte Vadian intensiven brieflichen Austausch mit anderen Gelehrten im ganzen deutschsprachigen Raum, unter anderem über die Reformation. Als Reformator genoss er weit herum hohes Ansehen. Als Diplomat griff er in verschiedene politische und religiöse Konflikte ein. 1551 starb Vadian in St. Gallen.
Johannes Kessler
Aus einfachen Verhältnissen stammend, studierte der St. Galler Johannes Kessler in Basel, wo er Luthers Lehren hörte, und darauf in Wittenberg. Zurück in der Heimatstadt lernte er das Sattlerhandwerk. Nebenher hielt er seinen Zunftgenossen biblische Vorträge, die er «Lesinen» nannte. Er verfasste auch eine Chronik der Reformation, die «Sabbata». Im Gegensatz zu anderen Reformatoren war er grossherzig und konnte auch andere Positionen stehen lassen. Nach dem Tod Vadians übernahm er einen Teil von dessen Aufgaben und diente der St. Galler Kirche noch rund 20 Jahre lang.