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In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1797 dankte der letzte Doge Venedigs ab. Napoleonische Regimenter hatten die Stadt besetzt und läuteten ein neues Zeitalter auch für die Lagunenrepublik ein. "Wer die zehn Jahre vor der Revolution nicht gekannt hat, hat das Glück zu leben nicht gekannt", versicherte damals Talleyrand und schmückte aus: "In Venedig, der Heimat des leichten Lebens und dem Spiegelbild Italiens, scheint dieses Glück zu leben beseligender gewesen zu sein als anderswo". Venedig war bis dahin zum Bordell Europas geworden.
"Im achtzehnten Jahrhundert ist Venedig eine verzauberte Insel, ein Eden, ein Schlaraffenland. Die helle und tolle Stadt der Maskeraden, der Serenaden, der Verklediungen, der Unterhaltungen, der Liebesbarken mit den Goldtauen und Papierlaternen, das `Sybaris Europas'(…)", schreibt Monnier in Anlehnung an Foscolo. Auf die jahrhundertelange Dominanz Venedigs über das Mittelmeer folgte die Dekadenz. Aus ganz Europa kamen die Söhne des Adels und reicher Bürger nach Venedig, um sich bei Glücksspiel und Frauengeschichten die Zeit zu vertreiben. Es bestanden damals sieben Theater, zweihundert Cafés, die immer geöffnet waren, und eine unendliche Anzahl von Casini. Nicht zu vergessen, dass der Karneval damals ein halbes Jahr dauerte (vom ersten Oktobersonntag bis Weihnachten und von Dreikönig bis zur Fastenzeit) und die Herrschaften sich hinter ihren Masken verbargen, was eine gewisse Narrenfreiheit garantierte: "Man lebt hier außerhalb seines Heims und außerhalb seines Ichs in einem wohlüberlegten Durcheinander", schrieb ein anderer Zeitgenosse. Venedig war unzweifelhaft die "Kosmopolis des Vergnügens, die Karawanserei des Festes", jede donna nobile hatte ihren cicisbeo und die Buchdrucker hatten stets Hochkonjunktur. "Vaghezza, chiarezza e buona modulazione" kennzeichnen das Wesen guter Musik und selbst das hatte Venedig. Aber dann kam Napoleon, der für "Venedig ein Attila" sein wollte, und beendete das Schlaraffenland der Reichen. Dabei war diese Dogenrepublik vielleicht mehr Demokratie als es die Erste Republik je vortäuschen konnte.
Der aus Genf stammende Philippe Monnier, Rechtwissenschaftler und literarische Autor (1864–1911) schwärmt vom Venedig der Dekadenz in einer wunderschönen, bewundernden Sprache. Die Kenntnis der Quellen, der Literatur, des Theaters und der Malerei sind außerordentlich; der Autor listet alles in einem weiten Anmerkungsapparat auf und ermuntert so zu weiteren eigenen Studien. Hinzu kommen ein Glossar zum venezianischen Dialekt und ca. 50 Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert (Francesco Guardi, Canaletto, Pietro Longhi, Giandomenico Tiepolo, etc.). Ein Buch nicht nur für Venedig-Liebhaber, sondern auch für Bibliophile, ganz so wie auch die anderen Bücher der Reihe der Anderen Bibliothek.