Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/960

Der Schuldenzuwachs war seit 2000 grösser als das Wirtschaftswachstum
Das Wachstum beruht schon lange auf Pump
In den meisten Industriestaaten hat die Verschuldung sogar stärker zugenommen als das Bruttoinlandprodukt.
Der Abbau der Staatsschulden gefährde das Wirtschaftswachstum. Das befürchten viele Analytiker nach der Einigung im US-Schuldenstreit. Man kann das auch umgekehrt sehen: Nur dank massiver staatlicher Verschuldung, also auf Pump, konnte die Wirtschaft in den USA und den meisten andern Industriestaaten in den letzten zehn Jahren überhaupt noch weiter wachsen. Das belegt ein Vergleich zwischen der Entwicklung der teuerungsbereinigten Bruttoinlandprodukte (BIP real in US-Dollar zum Preisstand 2010) und den Staatsschulden (siehe auch Grafik):
- In den USA wuchs das BIP real von 2000 bis 2010 um 2,2 Billionen Dollar oder 18 Prozent. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich die US-Staatsschulden um 6,7 Billionen Dollar; das entspricht fast 100 Prozent.
- In den EU-Staaten wuchs das BIP seit 2000 real um 1,9 Billionen Dollar, während die Staatsschulden um 4,2 Billionen Dollar zunahmen.
- In Japan erhöhte sich das BIP von 2000 bis 2010 um 0,3 Billionen Dollar, und die Staatsschulden vermehrten sich um 4,1 Billionen Dollar.
- Ausnahmen vom Trend bilden einige Kleinstaaten wie Norwegen oder die Schweiz; in der Schweiz sind die Schulden von Bund, Kantonen und Gemeinden zusammen seit 2003 gesunken, während das teuerungsbereinigte Bruttoinlandprodukt – allerdings vor allem dank Bevölkerungszunahme – gewachsen ist.
Ohne neue Verschuldung wäre die Wirtschaft schon lange geschrumpft
Zusammengefasst zeigen die (auf IWF-Statistiken basierenden) Daten: Im Durchschnitt wuchs die Staatsverschuldung in den westlichen Industriestaaten zwischen 2000 und 2010 dreimal stärker als die Wirtschaft. Oder umgekehrt: Ohne zunehmende Verschuldung wäre die Wirtschaft in den USA, Japan und der EU im letzten Jahrzehnt nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Auch im laufenden Jahr dürfte die Verschuldung deutlich stärker steigen als die Wirtschaftsleistung.
Staatsschuld höher als das Bruttoinlandprodukt
Bedenklich ist nicht nur die Entwicklung, sondern auch der Stand der Verschuldung: 2010 summierten sich die Staatsschulden der USA, der EU und Japans auf 37 Billionen oder 37'000 Milliarden US-Dollar. Diese Summe ist sogar noch etwas höher als die Summe aller Bruttoinlandprodukte der genannten Industriestaaten im Jahr 2010 (36 Billionen).
Das heisst: Wenn die Industriestaaten ihre Schulden vollständig tilgen wollten, um der nächsten Generation einen schuldenfreien Haushalt zu übergeben, müssten die Menschen in den USA, Japan und der EU im Durchschnitt ein Jahr lang gratis arbeiten und gleichzeitig auf jeglichen Konsum verzichten. Oder die Staaten müssten in den nächsten zehn Jahren je zehn Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufwenden, um die Schulden abzustottern – und damit eine entsprechende BIP-Schrumpfung in Kauf nehmen.
Doch das ist graue Theorie. In der Praxis ersetzen die Staaten alte stets mit neuen, noch höheren Krediten. Damit blähen sie den Kreditmarkt auf – bis die Finanzblase irgendwann platzt.
Vermögen ungleich verteilt
Verschuldet sind nicht nur Staaten, sondern auch viele Haushalte (etwa mit Hypotheken) und Unternehmen. Doch all diesen öffentlichen und privaten Schulden steht in der globalen Buchhaltung eine gleich hohe Summe an Vermögen gegenüber. In Zahlen:
- Der letzte Oktober veröffentlichte «Global Wealth Report» der Credit Suisse beziffert das «gesamte weltweite Vermögen» auf 195 Billionen Dollar. Gegenüber dem Jahr 2000 sei dieses Vermögen um 72 Prozent gewachsen, also ebenfalls weit stärker als die Wirtschaftsleistung aller Staaten, gemessen am BIP.
- Laut der jüngsten Erhebung der Boston Consulting Group summierten sich die «Vermögenswerte von Privatanlegern» im Jahr 2010 auf 122 Billionen Dollar; in der gleichen Grössenordnung bewegen sich auch andere globale Vermögensschätzungen. Demnach ist das weltweite Vermögen etwa zweimal so gross wie die weltweite BIP-Summe (55 Billionen Dollar) und dreieinhalb mal so gross wie die Staatsschulden.
Die Privaten könnten somit die Staaten sanieren, indem alle die staatlichen Leistungen vorübergehend aus dem eigenen Sack bezahlten. Doch auch das ist Theorie. Denn die Vermögen sind heute höchst ungleich verteilt: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung, die Dollar-Millionäre, verfügt über 40 Prozent des globalen Vermögens. Die Reichsten zehn Prozent besitzen – je nach Erhebung – 85 bis 90 Prozent aller Vermögen.
Um die Staatsschuld zu tilgen, müssten diese reichen Leute einen Teil ihrer wachsenden Vermögen mittels höheren Steuern an den Staat zurück verteilen. Doch das tun sie nicht freiwillig. Und der internationale Standort- und Steuerwettbewerb sowie die Republikaner in den USA sorgen dafür, dass die verschuldeten Staaten ihre einkommens- und vermögensstarken Einwohner nicht stärker zur Kasse bitten.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine. Co-Autor des Buches «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr».
Weiterführende Informationen
Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende
Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:
Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000
Einzahlungsschein anfordern: <email-pii> (Postadresse angeben!)
Noch keine Meinungen
Ihre Meinung
Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.