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Auszug aus: Rolf Todesco: Technische Intelligenz oder Wie Ingenieure όber Computer sprechen. Stuttgart, Frommann-Holzboog.
Leseprobe / Kaufen
Es war einmal ...
... ein ausserordentlich begabter Ingenieur, der sich jederzeit nach bestem Wissen und Gewissen einsetzte. Wir wollen diesen Mann Taylor nennen. Zu Beginn des amerikanisch-spanischen Krieges (1898) arbeitete er im amerikanischen Stahlwerk Bethlehem SteelCo. Zu dieser Zeit lagen dort
einige 80000t Roheisen in kleinen Haufen auf einem offenen Platz, der an das Werk grenzte, aufgestapelt. Die Preise für Roheisen waren so gefallen, dass es nicht mit Nutzen abgesetzt werden konnte und deshalb eingelagert werden musste. Mit Ausbruch des Krieges stiegen die Preise wieder, und das gewaltige Eisenlager wurde verkauft.
Es musste verladen werden. Dazu wurde
ein Eisenbahngleis unmittelbar die Roheisenstapel entlang auf das Feld hinaus gebaut. Dicke Planken wurden an die Wagen angelegt, jeder Arbeiter nahm jeweils von dem Roheisenhaufen einen Barren im Gewicht von ungefähr 40kg, ging damit das Brett hinauf und warf ihn hinten im Wagen nieder.
Unser Taylor, der als Ingenieur selbst nicht Hand anlegen musste, war mit der durchschnittlichen Tagesleistung der Arbeiter unzufrieden und analysierte deshalb deren Arbeit. Er charakterisierte sie wie folgt:
Diese Arbeit ist vielleicht die roheste und einfachste Form von Arbeit, die man überhaupt von einem Arbeiter verlangt. Die Hände sind das einzige Werkzeug, das zur Anwendung kommt. Ein Roheisenverlader bückt sich, nimmt einen Eisenbarren von ungefähr 40kg auf, trägt ihn ein paar Schritte weit und wirft ihn dann auf den Boden oder stappelt ihn auf einen Haufen. Diese Arbeit ist gewiss einfach und elementar. Einen intelligenten Gorilla könnte man so abrichten, dass er ein mindestens ebenso tüchtiger und praktischer Verlader würde als irgendein Mensch.
Unser Taylor stellte fest, dass jeder einzelne Arbeiter durchschnittlich ungefähr 12t pro Tag verlud; zu seiner Überraschung fand er aber bei eingehender Untersuchung, dass ein erstklassiger Roheisenverlader nicht 12t, sondern 47 bis 48t pro Tag verladen sollte. Dieses Pensum erschien selbst ihm so ausserordentlich gross, dass er sich verpflichtet fühlte, seine Berechnungen wiederholt zu kontrollieren, bevor er sich der Sache vollkommen sicher war. Einmal jedoch davon überzeugt, dass 48t eine angemessene Tagesleistung für einen erstklassigen Roheisenverlader bedeuteten, stand ihm klar vor Augen, was er als Arbeitsleiter nach bestem Wissen und Gewissen zu tun hatte. Er musste darauf sehen, dass jeder Mann pro Tag 48t verlud, anstatt der 12t wie bisher. Er wollte überdies, dass die Leute beim Verladen von täglich 48t freudiger und zufriedener wären als bei den 12t von früher.
Taylor nahm sich vor, die Arbeiter einzeln mit ihrer wirklichen Leistungsfähigkeit bekannt zu machen. Er suchte deshalb zu Beginn den rechten Mann um anzufangen. Taylor fand diesen Mann, indem er bei allen Arbeitern eingehende Untersuchungen bezüglich ihres Charakters, ihrer Gewohnheiten und ihres Ehrgeizes anstellte.
Lassen wir Taylor seine Geschichte selbst zu Ende erzählen:
Unserer Beobachtung nach, legte unser Mann, ein untersetzter Pennsylvanier deutscher Abstammung, ein sogenannter ,Pennsylvania Dutchman, nach Feierabend seinen ungefähr halbstündigen Heimweg ebenso frisch zurück wie morgens seinen Weg zur Arbeit. Bei einem Lohn von Doll.1.15 pro Tag war es ihm gelungen, ein kleines Stück Grund und Boden zu erwerben. Morgens bevor er zur Arbeit ging und abends nach seiner Heimkehr arbeitete er daran, die Mauern für sein Wohnhäuschen darauf aufzubauen. Er galt für ausserordentlich sparsam. Man sagte ihm nach, er messe dem Dollar eine Bedeutung bei, als ob er so gross wie ein Wagenrad wäre.
Diesen Mann wollen wir Schmidt nennen.
Unsere Aufgabe bestand nunmehr darin, Schmidt dazu zu bringen, 48t Roheisen pro Tag zu verladen, seine Lebensfreude jedoch nicht zu stören, ihn im Gegenteil froh und glücklich darüber zu machen. Dies geschah in folgender Weise. Schmidt wurde unter den andern Eisenverladern herausgerufen und etwa folgende Unterhaltung mit ihm geführt:
,Schmidt, sind Sie eine erste Kraft?
,Well, -- ich verstehe Sie nicht.
,O ja, Sie verstehen mich ganz gut. Ich möchte wissen, ob Sie eine erste Kraft sind oder nicht?
,Ich kann Sie nicht verstehen.
,Heraus mit der Sprache! Ich möchte wissen, ob Sie eine erste Kraft sind oder einer, der den übrigen billigen Arbeitern gleicht. Ich möchte wissen, ob Sie Doll.1.85 pro Tag verdienen wollen, oder ob Sie mit Doll.1.15 zufrieden sind, d.h. mit dem, was diese billigen Leute da bekommen.
,1.85 Doll. pro Tag verdienen wollen, heisst man das eine erste Kraft? Well, dann bin ich so einer.
Hier führt Taylor implizit seinen Stellvertreter ein.
,Sie haben diesen Mann schon vorher gesehen, nicht?
,Nein, nie.
,Wenn Sie nun eine erste Kraft sind, dann werden Sie morgen genau das tun, was dieser Mann zu Ihnen sagt, und zwar von morgens bis abends. Wenn er sagt, Sie sollen einen Roheisenbarren aufheben und damit weitergehen, dann heben Sie ihn auf und gehen damit weiter! Wenn er sagt, Sie sollen sich niedersetzen und ausruhen, dann setzen Sie sich hin! Das tun Sie ordentlich den ganzen Tag über. Und was noch dazu kommt, keine Widerrede! Eine erste Kraft ist ein Arbeiter, der genau tut, was ihm gesagt wird, und nicht widerspricht. Verstehen Sie mich? Wenn dieser Mann zu Ihnen sagt: Gehen Sie!, dann gehen Sie, und wenn er sagt: Setzen Sie sich nieder, dann setzen Sie sich nieder und widersprechen ihm nicht.
Das scheint wohl eine etwas rauhe Art, mit jemandem zu sprechen, und das würde es auch tatsächlich sein einem gebildeten Mechaniker oder auch nur einem intelligenten Arbeiter gegenüber. Jedoch bei einem Mann von der geistigen Unbeholfenheit unseres Freundes ist es vollständig angebracht und durchaus nicht unfreundlich, besonders, da es seinen Zweck erreichte, sein Augenmerk auf die hohen Löhne zu lenken, die ihm in die Augen stachen, und ihn ablenkten von dem, was er wahrscheinlich als unmöglich harte Arbeit bezeichnet hätte, wenn er darauf aufmerksam gemacht worden wäre.
Was wäre wohl Schmidts Antwort gewesen, wenn man zu ihm gesprochen hätte, wie es unter dem Locksystem üblich ist, etwa folgendermassen: ,Nun, Schmidt, Sie sind ein erstklassiger Roheisenverlader und verstehen Ihre Arbeit. Bisher haben Sie täglich 12t Roheisen verladen. Ich habe beträchtliche Zeit darauf verwendet, das Verladen von Roheisen genau zu studieren. Sicher könnten Sie pro Tag bedeutend mehr leisten als bisher. Glauben Sie nicht, dass Sie bei einigem guten Willen 48t verladen könnten anstatt 12t?
Was meinen Sie, würde Schmidt darauf geantwortet haben?
Schmidt begann zu arbeiten, und in regelmässigen Abständen wurde ihm von dem Mann, der bei ihm als Lehrer stand, gesagt: ,Jetzt heben Sie einen Barren auf und gehen Sie damit! Jetzt setzen Sie sich hin und ruhen sich aus! etc. Er arbeitete, wenn ihm befohlen wurde zu arbeiten, und ruhte sich aus, wenn ihm befohlen wurde, sich auszuruhen, und um halb sechs Uhr nachmittags hatte er 48t auf den Wagen verladen.
* * *
F.Taylors Geschichte gehört zur "Arbeitswelt-Weltliteratur". Taylorismus ist im Zusammenhang mit Arbeits- und Betriebsrationalisierung ein stehender Begriff. Dass F.Taylor, oder vielmehr sein Text, in der Arbeitswelt trotzdem fast nur Gegner gefunden hat, liegt hauptsächlich an seiner unverblümten Offenheit, die von seinen Gegnern mit "humanisierten" Theorien mittlerweile längstens überwunden ist. F.Taylor zeigt uns die Arbeitswelt, wie sie ist, nicht wie wir sie gerne hätten. Die Frage allerdings ist, inwiefern die Welt der technischen Intelligenz wirklich so ist, wie F.Taylor sie beschrieben hat.