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Zeugnisse aus eisiger Zeit
Von 1931 bis zum dessen Tod 1944 schrieb Dmitri Schostakowitsch seinem besten Freund Iwan Sollertinski Briefe. Sie sind sehr aufschlussreich, auch wenn so manches keinesfalls thematisiert werden durfte.
Schon im Frühjahr 1934 schrieb Schostakowitsch an seinen besten Freund, den Schriftsteller und Musikwissenschaftler Iwan Sollertinski, über negative Reaktionen zur zweiten Oper Lady Macbeth von Mzensk, die dann zwei Jahre später in der Prawda gebrandmarkt und in Moskau und Leningrad aus den Spielplänen genommen wurde. «Deinen formalistischen Ausführungen wird gehörig Kontra gegeben. Insgesamt werden zahlreiche gehörige Abfuhren erteilt. Ach, das ist gut. Ich mag es. Das reduziert die Fettschicht.» (Brief vom 9. 7. 1934). Dies zu einer Zeit, als sich der 28-jährige Komponist noch unbehelligt von der stalinschen Zensur wähnte.
Später erlebte er schockartig den abrupten Wechsel vom bewunderten Jungkomponisten zum «Volksfeind», als am 28. Januar 1936 der Artikel Chaos statt Musik in der Prawda erschien. Zwei Tage später bat er aus Archangelsk, wo ihm dieser Totalverriss unter die Augen kam, um Vorsicht: «Unternimm nichts vor meiner Rückkehr. Komme am Fünften.» Dann kein Wort mehr, bis er dem Freund einen Monat später mitteilte: «Ein ruhiges Leben führe ich hier in Moskau. Bin zu Hause und gehe nicht aus. Warte auf einen Anruf. Hoffnungen, dass man mich empfangen wird, habe ich kaum.» In den Anmerkungen heisst es dazu: «DSCH [Dmitri Schostakowitsch] wandte sich mit einem Brief an Stalin und bat um eine Audienz in Verbindung mit der Situation, die entstanden war nach dem Erscheinen des Artikels Chaos statt Musik.»
Präzise Anmerkungen nehmen ein ganzes Drittel des Buches ein. Sie werden mit Recht als «Kommentare» bezeichnet und sind unerlässlich, um die zensurbedingt kryptische Knappheit von Schostakowitschs Äusserungen zu verstehen. Dank der 1995 publizierten Briefe an Isaac Glikman hat man solche Verhältnisse schon in der zweiten Formalismus-Debatte von 1948 kennenlernen können. Aus der Zeit der ersten Verurteilung durfte man aber keine neuen Erkenntnisse erwarten, denn in dieser gefährlichen Situation war es für Schostakowitsch völlig unmöglich, irgendetwas Substanzielles dazu mitzuteilen. Maxim, der Sohn, wies darauf hin, dass sein Vater viele Briefe der Dreissigerjahre verbrannt hatte aus Angst, sie könnten die Absender belasten. Glücklicherweise sind seine Briefe an Sollertinski erhalten geblieben. Es ist höchst aufschlussreich, darin Schostakowitschs Lebensumstände aus der Zeit von 1931 bis 1944, dem Todesjahr Sollertinskis, kennenzulernen. Sie bilden sozusagen die Vorgeschichte zu den Glikman-Briefen, die von 1941 bis zu Schostakowitschs Tod 1975 reichen.
Dmitri Schostakowitsch: Briefe an Iwan Sollertinski, hg. von Dmitri Sollertinski und Ljudmila Kownazkaja, aus dem Russischen von Ursula Keller, 251 S., € 36.00, Wolke, Hofheim 2021, ISBN 978-3-95593-097-4