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Sie gehören zum Inventar öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme, die Literatursendungen. Im Vergleich mit seinen deutschen Pendants fällt dabei der «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SF seit je her positiv auf. Anstatt dem Feuilleton-Mainstream hinterherzulaufen, nehmen sich die «Club»-Kritiker regelmässig auch sperrige Stoffe vor. Mit Stefan Zweifel als neuem Gastgeber setzt SF auf Kontinuität.
Vier Menschen reden 75 Minuten über vier, fünf zumeist neu erschienene Bücher: 1990 wurde innerhalb der «Club»-Sendungsreihe der «Literaturclub» im Schweizer Fernsehen eingerichtet. Nicht nur von Ferne grüsste das «Literarische Quartett» vom ZDF das gegen jede Erwartung zu einem Erfolg (was zumeist bedeutet: Quotenerfolg) wurde, was insbesondere durch den polternden Marcel Reich-Ranicki erklärbar war.
Im Gegensatz zum Quartett, in dem zunächst alle vier, später dann drei Mitglieder einen Stamm bildeten (hinzu kam dann ein Gast), hatte sich das Schweizer Fernsehen für ein rollierendes System von fünf, sechs Kritikern unter einem festen Moderator entschieden. Später ging man dann dazu über, einen Gast zu integrieren. Es gab zwar einen Moderator, aber keinen Zirkusdirektor wie Reich-Ranicki; die zuweilen klamaukhaften Szenen des Quartetts unterblieben glücklicherweise. Dies führte dazu, dass die Gespräche zumeist Substantieller und stärker am jeweiligen Buch orientiert geführt wurden (Lyrik und dramatische Texte wurden höchstens in den «Tips» berücksichtigt; Besprechungen über Sachbücher blieben die Ausnahme).Die Literaturkritik im Fernsehen schien in den 1990er Jahren in der Annäherung an das Talkshow-Wesen ihre neue Form gefunden zu haben. Vorher fanden zumeist nur lange dialogische Gespräche mit Autoren statt. Das Kathederhafte des Zeitungsfeuilletons war eh nie die Sache des Fernsehens. Jetzt sass man in einer Runde und diskutierte und dies unter Umständen auch kontrovers. Unterschiede gab es nur dahingehend ob gegebenenfalls mit (wie weiland Martin Lüdke in «Literatur im Foyer») oder ohne Autoren («Quartett»). Eine kreative Ausnahme bildete zwischen 1998 und 2002 eine 60minütige Sendung, die sich an der «Bestenliste» des Südwestrundfunks
orientierte. Hier vergeben Kritiker allmonatlich Bewertungspunkte für neu erschienene Bücher. So entsteht eine Liste, die neben aktuellen Romanen und Erzählungen auch Lyrik, Sach- und Tagebücher, aber auch Neueditionen und Neuübersetzungen von Klassikern enthalten kann. In jeder Sendung wurden vom Moderator (Hubert Winkels) einige dieser Bücher vollkommen unprätentiös und in unterschiedlicher Form vorgestellt, sei es als Autorengespräch, kurzer Lesung, Kritikergespräch, engagierter Pro- und Contra-Rede oder einfach nur einem einführenden Film. So wurden die Bücher entsprechend ihrer Charakteristik präsentiert, wobei auch literaturkritische Wertungen vorgenommen werden konnten und wurden. Die Sendung war jedoch leider aufgrund des Sendetermins (entweder spät in der Nacht oder – auf 3sat – sonntags gegen 11 Uhr) dem schleichenden Untergang geweiht (dass sie sich vier Jahre gehalten hatte, muss als Erfolg gelten). Sie besteht als Diskussionsrunde noch im Radio fort.Als das ZDF-Quartett auf dem Höhepunkt stand, wurde der «Literaturclub» zunächst von Elke Heidenreich und vor allem zwischen 1995 und 2003 von Daniel Cohn-Bendit moderiert (bis auf ein kleines Intermezzo 1999 von Jürg Acklin). Das Kritikerteam bestand u. a. aus Andreas Isenschmid, Hardy Ruoss, Iso Camartin, Peter Hamm, Gunhild Kübler und Gabriele von Arnim – durchgängig arrivierte und bekannte Kritiker. Die Moderation von Cohn-Bendit, der als Politiker keine direkten Berührungspunkte mit Literatur hatte, tat der Sendung gut. Die Gegensätze zwischen dem apodiktischen Quartett und dem eher offenen Literaturclub mit seinem suchenden Moderator, der sich zuweilen heillos verirrte und von seinen Kritikerfreunden «eingefangen» wurde, hätten nicht grösser sein können. So mutete Cohn-Bendit dem Team u. a. auch die Lektüre von Susanna Tamaros «Geh, wohin dein Herz dich trägt»
zu oder organisierte nach dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft durch das französische Team einen Spezial-Literaturclub über Fussball und Frankreich.Auf Cohn-Bendit folgte Roger Willemsen, der auf gediegenes Mobiliar nebst Stehlampen setzte und zu häufig durch intellektuell brillante aber schwer verständliche Monologe auffiel. Knapp zwei Jahre später übernahm Iris Radisch, Literaturkritikerin der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und eine Mitstreiterin aus dem zwischenzeitlich eingestellten ZDF-Quartett, die Sendung. Das Team veränderte und verjüngte sich fast unmerklich. Stefan Zweifel, Corinna Caduff und Urs Steiner rückten nach, Isenschmid und Ruoss hörten auf. 2010 versuchte man aufgrund sinkender Zuschauerzahlen noch einmal so etwas wie einen Befreiungsschlag. Das bedeutete jedoch nicht, den jahrelang gepflegten 3sat-Ausstrahlungstermin sonntags vormittags (es beginnt meist zwischen 10.00 und 10.45 Uhr) zu verändern. Bloss nicht attraktiv werden! Man wechselte den Ort der Ausstrahlung, bastelte am Interieur, redete jetzt im Stehen und verjüngte sich nochmals mit Traudl Bünger und Juri Steiner, die sich mit Stefan Zweifel, Barbara Villiger Heilig und Altmeister Peter Hamm abwechselten. Die Bücher wurden nicht mehr von einem Diskutanten vorgestellt, sondern es gab Einführungsfilme und ab und an eine kurze Lesung aus einem Buch. Leider sank gelegentlich die Qualität der Kritik, was Iris Radisch trotz grossen Einsatzes nicht immer verbergen konnte. So mag es zur Promotion in Germanistik inzwischen nicht mehr zwingend notwendig sein, Heinrich von Kleist gelesen zu haben, ob dies jedoch im Rahmen eines Kritikerteams als Petitesse abgetan werden kann, darf man bezweifeln. Der Club drohte in das Fahrwasser allzu oberflächlicher Rezeption zu verfallen, da man in vorauseilendem Gehorsam dem potentiellen Fernsehzuschauer möglichst wenig zumuten wollte – ohne ihn hierzu überhaupt befragt zu haben. Statt literarischer Kritik wurden zunehmend Geschmacksurteile abgegeben.Den Rücktritt Radischs im Sommer dieses Jahres (nach fast sechs Jahren) verband man mit erneuten, sanften Veränderungen. Moderator ist nun Stefan Zweifel, der mit einem festen Team (Hildegard E. Keller, dem durch das abgesetzte «Philosophische Quartett» freigewordenen Rüdiger Safranski und Elke Heidenreich) diskutieren soll. Zweifels Nervosität bei seiner Premiere am 18. September
war spürbar und die Achillesverse der neuen Besetzung zeigte sich unfreiwillig bereits bei der Vorstellung von Elke Heidenreich, die er mit einer gewissen Ehrfurcht und «ein bisschen ängstlich» als ehemalige Moderatorin des «Literaturclubs» («habe ich immer geguckt»), die inzwischen «viele Abenteuer hinter sich gebracht» habe, vorstellte.Heidenreich hatte 2003 im ZDF eine halbstündige Sendung mit dem apodiktischen Titel «Lesen!»
begonnen. Die Sendung bestritt sie alleine, lediglich gegen Ende durfte ein Prominenter ebenfalls ein Buch vorstellen. Heidenreichs persönliche Sympathien wurden zum alleinigen Massstab. Ästhetische Kriterien wurden, wenn überhaupt, nur noch als gesinnungsästhetische Urteile herangezogen, d. h. das jeweilige Buch wird im Zusammenhang mit der Person und der Moral des Autors bewertet und in Übereinstimmung mit dem eigenen Weltbild gebracht. Da Heidenreich sich als Lese-Missionarin verstand (und versteht), wurde fast ausschliesslich gelobt. Die Superlative dröhnten. Als die Sendung infolge eines vermeintlich illoyalen Verhaltens Heidenreichs dem ZDF gegenüber 2008
eingestellt wurde, bemerkte Christof Siemes süffisant, «Lesen!» sei zur «kostenlosen Werbesendung» für die Verlage geworden
. Heidenreich führte das Format noch einige Monate im Internet weiter, gab dann jedoch nach stetig sinkendem Zuschauerzuspruch auf; das Fernsehpublikum war nicht auf die Internetplattform umzustellen gewesen.Zwar wurde Zweifels rhetorische Ergebenheitsadresse mit einem schnodderigen «Ach was» weggewischt, aber die beiden bisherigen Sendungen lassen deutlich erkennen, dass der forsch vorgetragene «Brigitte»-Feuilletonismus Heidenreichs, der jegliche ernsthafte Aussprache über Literatur niederwalzt, zum Problem werden wird. Denn von der Rolle der alles bestimmenden Literaturbelehrerin hat sie sich nicht verabschiedet. Als in der Diskussion um Richard Fords «Kanada» Stefan Zweifel anmerkte, dass das englischsprachige Original wesentlich umfangreicher sei als die deutsche Übersetzung und bei einer Überprüfung grosse Auslassungen und sogar Fehler feststellte, fiel Heidenreich nichts anderes als ein «aber es liest sich gut» ein und schuhriegelte den Moderator mit dem Wortspiel «Sie Zweifler, Sie». Nun ist Stefan Zweifel selbst ein renommierter und sehr erfahrener Übersetzer (de Sade; Boris Vian) und weiss, wovon er redet. Daher hätte ich hierzu gerne Genaueres über die ausgelassenen Stellen und die übertriebene Eile, mit der Verlage Übersetzungen in Auftrag geben, erfahren.Diese Szene zeigt exemplarisch das Problem einer solchen Sendung: Der Hang einer Person zur übertriebenen Selbstdarstellung, die sich jenseits dessen bewegt, worum es eigentlich geht, also das gerade zu besprechende Buch. Hinzu kommt das zumeist mit Superlativen versetzte Vokabular Heidenreichs. Dahinter steckt womöglich eine signifikante Geringschätzung des Publikums, welches nur auf Schlagworte dressiert werden soll. Da ist etwas «sensationell gut», gefällt «wahnsinnig» oder jemand schreibt «besser als Joyce». Albert Cohens Buch «Die Schöne des Herren» wird dann das «schönste Buch, das ich jemals gelesen habe». Die Figur in Emmanuel Carrères Buch «Limonow» bezeichnet Heidenreich als «Kotzbrocken» und «Arschloch», findet dann doch ein gewisses Vergnügen daran «wie der das hinkriegt», um dann den Hinweis anzubringen, dass im Buch ein «Kleinkrimineller hochgeschrieben» wird und mahnt mit einem mütterlichen «Vorsicht Jungs» vor einer «gefährlichen Lektüre». Immer wieder verallgemeinert sie ihre Eindrücke, in dem sie mit einem «wir» ungefragt für die anderen Teilnehmer spricht. Bisweilen wird sie zur Moderatorin, «verzeiht» Rainer Moritz seinen Buchvorschlag und mahnt Stefan Zweifel, endlich damit «aufzuhören» französische Bücher im Original zu lesen. Beide Herangehensweisen – der schnell zum stumpfen Messer werdende, permanent gesetzte Superlativ einerseits und die subjektiv-moralisierende Lesart von Literatur, die am Ende nur noch einem festgefügten Weltbild verpflichtet ist – ist nicht sehr weit entfernt von dem, was man salopp formuliert als den Kitsch eines Kritikers nennen könnte.Der Moderator wollte oder konnte der Phrasendreschmaschine («Männer haben Angst vor Lyrik») oft nicht ausreichend Paroli bieten; ein Weiterreden wie er und Rainer Moritz es in der Oktober-Sendung
teilweise praktizieren, hilft nicht weiter. Vollkommen unterzugehen droht die eher bedächtige Hildegard Keller. Insofern vermisste man den wegen einer Stimmbanderkrankung in beiden Sendungen fehlenden Rüdiger Safranski, der nur im September krächzend Bohrers «Granatsplitter»
als Tip vorstellte. Er wurde zwar durch Rainer Moritz fachlich sehr gut vertreten, aber einen Komplizen zum Moderator braucht es unbedingt.Nicht unwichtig für die Sendung ist auch die Auswahl der Bücher. Der «Literaturclub» zeichnete sich vor allem darin aus, dem üblichen Feuilleton-Mainstream nicht blind hinterherzulaufen. Zwar wurden durchaus die gängigen Amerikaner wie auch gelegentlich Walser und Grass und auch kontrovers diskutierte Bücher wie «Die Wohlgesinnten» oder das Harry-Potter-Phänomen diskutiert. Aber es gab auch immer Hinweise auf weitgehend Unbekanntes, neu zu Entdeckendes. Muss man wirklich das in nahezu jedem Feuilleton ausgiebig besprochene «Kanada» von Richard Ford oder, noch fragwürdiger (würdig zu fragen), das gehypte Buch von J. K. Rowling («Ein plötzlicher Todesfall») präsentieren? Ist dies notwendig, um auch denen, die die Radio- und Zeitungsfeuilletons nicht kennen, diese Bücher vorzustellen? Oder sollte man vielleicht weniger «Betrieb» wagen?Die Sache ist durchaus Ernst. Auf anderen Kanälen geht man mehr und mehr dazu über, sich bei Autoren durch servil gestaltete Interviews in extraordinär gestalteter Dekoration wie beispielsweise auf blauen Sofas
einzuschmeicheln. Vernebelt wird diese zuweilen turtelnde Distanzlosigkeit bei «Druckfrisch» mit Denis Scheck
lediglich in der sogenannten Besprechung der «Spiegel»-Beststellerliste, deren publikumswirksamer Effekt vor allem darin besteht, ob der Kritiker das Buch nach rund dreissigsekündigem Urteilsspruch nun auf einen Stapel legt («gutes» Buch) oder in hohem Bogen über ein Förderband in einen Mülleimer befördert («schlechtes» Buch). Mit sichtlichem Vergnügen würzt Scheck seine Ausführungen mit einer Prise bildungsbürgerlich-hochnäsigen Skeptizismus dem Massengeschmack gegenüber.Abgesehen von gelegentlichen Kritikergesprächen in der 3sat-Sendung «Kulturzeit» ist der «Literaturclub» in puncto anspruchsvoller Literaturkritik im deutschsprachigen Fernsehen fast singulär. Mit Stefan Zweifel als Moderator hat man die Voraussetzungen geschaffen, das Niveau zu erhalten. Die Bewährung für die Runde steht noch aus, weil Rüdiger Safranski bisher noch nicht eingreifen konnte. Ich hoffe, dass es dann die notwendigen gruppendynamischen Prozesse geben wird. Es wäre schade, wenn mit dem «Literaturclub» die letzte Bastion anspruchsvoller Literaturkritik im Fernsehen verschwinden würde.Vom Autor ist kürzlich erschienen: «Der mit seinem Jugoslawien» über Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik. Verlag Ille & Riemer, Leipzig/Weissenfels 2012.