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Eigentlich wären die US-Präsidentschaftswahlen dieses Jahr ein historisches Ereignis. Zum ersten Mal ist eine Frau eine offizielle Kandidatin, und ihr Gegner ist kein Politiker, sondern Geschäftsmann und Reality-TV-Persönlichkeit. Der Wahlkampf jedoch wird dominiert von temperamentvollen Ausbrüchen und gegenseitigen Angriffen unter der Gürtellinie – er wird wohl vor allem wegen seines niedrigen Niveaus in die US-Wahlgeschichte eingehen.
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Der Republikaner Donald Trump (70) wirbt damit, ein gewiefter und äusserst wohlhabender Geschäftsmann zu sein. Aber seit die «New York Times» seine Steuererklärung von 1995 veröffentlichte, die einen Verlust von 916 Millionen Dollar ausweist und ihn möglicherweise für Jahre vom Bezahlen von Bundessteuern befreit hat, geriet dieses Image gehörig ins Wanken.
Im Übrigen macht der politisch unerfahrene Mogul in erster Linie Schlagzeilen durch seine sexistischen Sprüche, sein dubioses Fraternisieren mit dem russischen Autokraten Wladimir Putin oder mit der Ankündigung, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen, die auch noch von den Mexikanern selbst bezahlt werden soll. Dennoch mobilisiert Trump damit Massen unzufriedener US-Bürger, die sonst der Wahlurne eher fern bleiben.
Wer von beiden ist das kleinere Übel?
Fast schon überqualifiziert wirkt hingegen die Demokratin Hillary Clinton (69). Sie war die First Lady in der Amtszeit ihres Mannes Bill zwischen 1993 und 2001, machte aber auch selbst in der Politik Karriere: acht Jahre lang als Senatorin von New York und vier Jahre lang als Aussenministerin unter Barack Obama. Ihr Problem scheint ein Mangel an Vertrauenswürdigkeit zu sein. Misstrauen erwecken vor allem ihre Zugehörigkeit zum Establishment und darüber hinaus das Löschen vertraulicher E-Mails und Geldspenden, die Clintons private Stiftung von Regierungen erhalten haben soll, die Amerika nicht immer wohlgesonnen sind.
Beide Kandidaten sind ausserdem mit rekordhohen Unbeliebtheitswerten konfrontiert. Wer auch immer am 8. November gewinnt: Die ganze Welt wird das zu spüren bekommen. Und zu den Wahlberechtigten in den USA gehören auch Doppelbürgerinnen und -bürger aus der Schweiz. Wir haben fünf von ihnen getroffen. Sie kommentieren für uns die Schlammschlacht ums Weisse Haus, prophezeien, welche Auswirkung diese Wahl auf ihr Leben haben wird – und einige spielen sogar mit dem Gedanken, in die Schweiz zurückzukehren, falls Donald Trump gewinnt.
Clinton-Wähler: Jean François DeBuren (46)
Lebt in: Novato, Kalifornien
Stammt aus: Büren an der Aare BE
Jean François DeBuren würde bei einem Wahlsieg Trumps in die Schweiz ziehen.
Für Jean François DeBuren ist der Fall klar: «Ich stimme für Hillary, für wen denn sonst? Als Vater von zwei Töchtern will ich eine kompetente Frau das Land regieren sehen.» DeBuren ist ein passionierter Ahnenforscher, der seine Schweizer Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen kann und dessen Grossvater 1923 in die USA auswanderte, um auf einer Farm in Nordkalifornien zu arbeiten. DeBuren sieht Trump als Bully und selbstverliebten Narzissten und will nicht glauben, dass der Republikaner eine Chance hat, zum Präsidenten gewählt zu werden. «Aber sollte dieser GAU eintreten, ziehe ich mit meiner ganzen Familie in die Schweiz.»
Viele halten die USA für das beste Land der Welt
DeBuren begründet Trumps Erfolg damit, dass Amerikaner nur selten ins Ausland reisen. Das habe vor allem mit ihrem tief verankerten Patriotismus zu tun. «Viele halten die USA für das beste Land der Welt. Weshalb also sollten sie reisen, wenn sie im Ausland ja doch nichts Besseres antreffen?» Der Grafiker, der Mitte der 90er-Jahre drei Jahre lang in Luzern und Genf gelebt hat, schätzt dagegen die Schweizer Weltoffenheit. «Sogar in den abgelegensten Regionen des Kantons Schwyz triffst du hin und wieder auf Leute aus einem anderen Land. Und das ist gut so. Denn Begegnungen mit anderen Völkern und Kulturen erweitern den Horizont.»
Trump-Wähler: Tony Luisoni (79)
Lebt in: Granada Hills, Kalifornien
Stammt aus: Zürich
Als Tony Luisoni in die USA einwanderte, war das Land um jeden froh, der 10'000 Dollar besass.
Tony Luisoni ist nicht glücklich, wie das Land regiert wird, das er vor 50 Jahren zu seiner Heimat gemacht hat. «Beide Parteien haben versagt. Den Politikern geht es nur um ihre Wiederwahl.» Der Pensionär sieht die grössten Probleme in der Einwanderungspolitik und beim Beschneiden des zweiten Verfassungszusatzes, dem Recht der Bürger, Waffen zu tragen. «Dieses Recht wird immer mehr eingeschränkt», beschwert sich das Mitglied des Waffenverbands NRA (National Rifle Association). «Das Schweizer Sturmgewehr wird in den USA als Angriffswaffe eingestuft, das ist doch lächerlich.»
Die Schweiz hat auch Einwanderungsprobleme
Luisoni reist alle fünf Jahre mit seinem Verein ans Eidgenössische Schützenfest in die Schweiz. «Letztes Jahr am Ausländertag haben wir den 2. Rang hinter den Liechtensteinern belegt», erzählt er voller Stolz. Er glaubt, dass Trump das Einwanderungsproblem in den Griff bekommen würde. «Kontrolle ist wichtig. Wer keine Papiere hat und die Gesetze der USA nicht befolgt, muss ausgeschafft werden.»
Dass es für Immigranten heute viel schwieriger ist, in die USA zu kommen, als zu seiner Zeit, ist ihm bewusst. «Damals gab es Einwanderungsquoten für jedes Land. Solange man nachweisen konnte, dass man 10 000 Dollar gespart hatte, war man in den USA willkommen.» Zurück in die Schweiz, falls Hillary gewählt wird, möchte er nicht. «Die Schweiz hat ihre eigenen Einwanderungsprobleme. Heute hört man dort so viele verschiedene Sprachen, da fühlt man sich gar nicht mehr zu Hause.»
Clinton-Wählerin: Sabrina Engeli (19)
Lebt in: Fairfax, Virginia
Stammt aus: Bellinzona TI
Sabrina Engeli hätte viel lieber den Demokraten Bernie Sanders gewählt.
Dies ist die erste Präsidentschaftswahl, bei der Sabrina Engeli mitbestimmen kann – und ihr Lieblingskandidat ist schon aus dem Rennen. «Bernie Sanders konnte junge Leute wie mich für die Politik begeistern», schwärmt sie. Sabrinas Vater ist der Kameramann Alberto Engeli, der 1993 aus Bellinzona in die USA ausgewandert ist. «Sanders sprach über Themen, die uns Millennials interessieren: Umweltschutz, Vermögensumverteilung und die Tilgung von Studentenschulden», sagt sie und ist überzeugt, dass Sanders gegen Trump gute Chancen gehabt hätte.
Ich werde nicht die Kandidatin, sondern die Partei wählen
Viele der Sanders-Anhänger sind über seine Niederlage gegen Clinton derart frustriert, dass sie für unabhängige Kandidaten wie die Grüne Jill Stein oder den Libertären Gary Johnson stimmen wollen. Für Engeli kommt das aber nicht infrage, denn sie wohnt in einem sogenannten Swing State, der einmal demokratisch, ein anderes Mal republikanisch wählt.
«Eine Stimme für Johnson oder Stein ist eine Stimme für Trump», analysiert die angehende Medizinstudentin, die zusammen mit ihrem Vater auch schon darüber fantasiert hat, einem Amerika unter Trump den Rücken zu kehren. «Ich komme aus einer Familie von Demokraten. Ich werde nicht die Kandidatin, sondern die Partei wählen.»
Clinton-Wählerin: Isabelle Meyer (66)
Lebt in: Glendale, Kalifornien
Stammt aus: Basel
Isabelle Meyer lebt sei 46 Jahren in den USA.
Isabelle Meyer wundert sich, weshalb sie dieses Jahr kaum Sticker auf den Stossstangen der Autos sieht: «Es scheint, als wäre niemand leidenschaftlich genug für Trump oder Clinton, um mit deren Aufklebern ihre Autos zu verzieren.» Die ehemalige Lehrerin, die mit 20 Jahren aus Basel ausgewandert ist, erinnert sich gerne an 2008, als der Enthusiasmus für Barack Obama in den Wählern Hoffnung weckte. «Obamas Amtszeit war Spitzenklasse. Er ist gebildet, sensibel und kompetent.»
Sie wird im November zwar Hillary Clinton auf ihren Wahlzettel schreiben, aber nicht aus Überzeugung. «Die USA brauchen eine Frau im Weissen Haus. Nur wäre mir eine andere lieber.» Meyer fällt es schwer, Clinton nach den zahlreichen angeblichen und tatsächlichen Skandalen zu vertrauen. «Aber sie ist dem Amt gewachsen und wird Amerika zumindest nicht blamieren», so hofft Meyer.
Obama war Spitzenklasse
Der Gedanke, notfalls wieder in die Schweiz zurückzuwandern, ist ihr zwar auch schon gekommen, aber wegen ihrer drei Enkelkinder will sie doch lieber in den USA bleiben. Als Präsidentin der Schweizer Gesellschaften in Südkalifornien hat Meyer unter den Auslandschweizern oft einen schweren Stand. «Die meisten Mitglieder unserer Vereine sind sehr konservativ», verrät die Demokratin. «Am besten ist es, bei unseren Zusammenkünften das Thema Politik zu vermeiden.»
Trump-Wähler: Thomas Kuhne (52)
Lebt in: Madison, Wisconsin
Stammt aus: Olten SO
Thomas Kuhne lebt in einem liberalen Ort und unterstützt Donald Trump.
Monatelang war Tom Kuhne ein unschlüssiger Wähler, der zwischen Donald Trump und dem Libertären Gary Johnson hin und her schwankte. «Ich fand Trumps Aussenpolitik zu unberechenbar», sagt der zweifache Familienvater, dessen Schweizer Eltern – die Mutter kommt aus Olten, der Vater aus Rieden SG – sich in den 60er-Jahren im Alpine Café in einem Dorf namens New Glarus in Wisconsin kennengelernt haben.
«In den letzten Wochen hat Johnson allerdings gezeigt, dass er von Aussenpolitik keine Ahnung hat und deshalb für mich keine Alternative darstellt.» Trumps Beziehung zu Putin beunruhigt Kuhne zwar noch, aber seine Bereitwilligkeit, mit der NATO zusammenzuarbeiten, hat Kuhnes Sorgen etwas gedämpft.
Ich bete, dass sich Trump mit klugen Leuten umgibt
«Ich bete dafür, dass sich Trump mit klugen Leuten umgibt, die ihn in kritischen Situationen in Schach halten können.» Für einen Konservativen ist der Anzeigenverkaufsleiter sehr liberal eingestellt. Er ist für die Ehe zwischen Homosexuellen und will Frauen beim Thema Abtreibung nicht reinreden.
In der Stadt, die auch Madtown genannt wird, ist ein liberaler Republikaner aber kein Unikum. «Die Bewohner von Madison sind etwas weltfremd. Es ist eine 78 Quadratmeilen grosse Insel, umgeben von der konservativen Realität», scherzt Kuhne, der in seinen Zwanzigern ein Jahr in der Schweiz gelebt und in der Migros Regale eingeräumt hat. «Wäre meine Mutter nicht krank geworden, wäre ich wohl noch heute da.»
Autor: Gabriela Tscharner Patao