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Simone Rosenkranz zum Evangelium am 29. Sonntag im Jahreskreis: Lukas 18,1–8 SKZ 39-40/2010
Die Lesung des Gleichnisses vom bösen Richter fällt ungefähr in die Zeit der herbstlichen jüdischen Festtage: Die Zeit zwischen Rosch Haschana (Neujahr) und Jom Kippur (Versöhnungstag), der dieses Jahr am 18. September stattfand, ist für Jüdinnen und Juden eine Zeit der Besinnung, der Umkehr und des Gebetes. Gemäss der jüdischen Tradition werden die Menschen in den zehn Tagen zwischen Neujahr und dem Versöhnungstag für ihre vergangenen Taten gerichtet. Ausserdem wird auch ihr Schicksal für das kommende Jahr in diesen Tagen bestimmt. Unser Gleichnis wird also in einer höchst entscheidenden, «kritischen» Zeit gelesen.
Wie es in den Schriften geschrieben steht…
Unser Gleichnis weist vielfältige Bezüge zur biblischen und rabbinischen Literatur auf. Die von Lukas gewählten Metaphern sind in der Bilderwelt der hebräischen Bibel verankert: Die Witwe gilt in der hebräischen Bibel zusammen mit den Waisen als das schwächste und hilfsbedürftigste Glied der Gesellschaft (Ex 22,21 f.). Das hebräische Wort «almana» bezeichnet oft auch Frauen, die nicht nur ihren Mann verloren haben, sondern die auch keinen Unterhalt haben, sei es durch Familienangehörige oder eine zweite Ehe. An verschiedenen Stellen wird dazu aufgerufen, Witwen und Waisen ein minimales Einkommen zu ermöglichen und sie mild zu behandeln (Dtn 24,17–22).
Metaphorisch kann die Witwe auch für die eroberte und unterjochte Stadt Jerusalem stehen oder für das exilierte Volk Israel (Jer 51,5). Israel wird ja oft mit einer Frau verglichen, sei es mit einer Braut, einer Hure oder eben einer Witwe (vgl. auch Ez 16). Das Bild der Witwe dürfte in einer Zeit, als die Zerstörung des zweiten Tempels noch nicht weit zurücklag, besonders kraftvoll gewirkt haben. Gleichzeitig impliziert das Bild der Witwe jedoch die Hoffnung auf ein Ende dieser Witwenschaft: «Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht zuschanden, und stehe nicht beschämt, denn du musst nicht erröten. Der Schande deiner Jugend wirst du vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken» (Jes 54,4).
Neben der Assoziation von Armut, Schwäche und Unglück kann das Bild der Witwe in der hebräischen Bibel aber auch durchaus couragierte und starke Frauen evozieren: Als Beispiel sei hier Tamar genannt, die Ehefrau des ältesten Sohnes des Jakobssohnes Juda. Nach dem Tod ihres ersten Ehemannes gibt Juda ihr seinen zweiten Sohn, damit dieser mit der Frau seines Sohnes gemäss dem Gebot der Leviratsehe Nachkommen zeuge (Dtn 25,5–10). Doch auch der zweite Sohn stirbt. Obwohl Juda ihr nun seinen dritten Sohn geben müsste, tut er dies nicht aus Angst, dass auch sein jüngster Sohn sterben werde. Doch nun nimmt Tamar ihr Schicksal selbst in die Hände und setzt auf ungewöhnliche Weise durch, dass sie Nachkommen von Juda empfängt (Gen 38).
Nicht nur die Metapher der Witwe, sondern auch das Bild von Gott als Richter knüpft an zahlreiche alttestamentliche Textstellen an. In der hebräischen Bibel erscheint Gott an verschiedenen Stellen als Richter (z.B. Ps 7,8 f.; Dan 7,9–12). Doch anders als in unserem Gleichnis richtet der biblische Richter-Gott gerade auch die Schwachen, z. B. die Witwen, gerecht: «Ein Vater der Waisen, ein Richter der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnstatt» (Ps 68,6)! In rabbinischen Gleichnissen wird für Gott das Bild des Richters gewählt. Im Kontext von Neujahr und Versöhnungstag lässt die Metapher vom Richter natürlich an den Gerichtstag und die damit verbundene Umkehr denken.
Grosse Ähnlichkeiten allgemein weist unser Gleichnis zu Sirach 35,17–21 auf: «Er (= Gott) verachtet das Gebet der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie klagt. Die Tränen der Witwen fliessen die Backen herab und schreien gegen den, der sie hervorgerufen hat. Wer Gott dient, wie es ihm gefällt, der ist ihm angenehm, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet der Elenden dringt durch die Wolken und lässt nicht ab, bis es vor Gott kommt, und hört nicht auf, bis der Höchste darauf achtet.» Sirach geht es besonders darum, dass auch und gerade das Gebet der gerechten Armen erhört wird.
Mit Lukas im Gespräch
Spricht Lukas in unserem Gleichnis nicht an uns modernen Menschen vorbei? Lukas will seine Hörerinnen und Hörer ermutigen, mit Ausdauer zu beten. Wir möchten – mir jedenfalls geht es so – aber auch gerne wissen, wie wir denn beten sollen und warum überhaupt. Wären denn Taten nicht viel mehr angebracht? Das ist jedoch nicht Thema unseres Gleichnisses! Dennoch macht unser Gleichnis auch Aussagen über den Charakter von Gebeten – teilweise gerade durch das, was nicht explizit gemacht wird.
Im Zentrum des Gleichnisses steht nicht der Inhalt der Bitte der Witwe oder der Inhalt des Urteiles des Richters. Es geht vielmehr darum, dass sich der Richter des Anliegens der Witwe annimmt – wie genau und wie sein Urteil ausfällt, erfahren wir nicht. Das Gebet ist keine Einbahnstrasse. Es geht um das Erlangen von Aufmerksamkeit, um die Herstellung einer Verbindung zwischen Richter und Witwe auf der Bildebene oder zwischen Gott und Mensch im normativen Teil, um eine Gesprächssituation. Im Grunde genommen wird hier mit der Idee, dass der Mensch «im Bilde Gottes» erschaffen sei (Gen 1,26 f.), ernst gemacht: Gott und Mensch treten als Partner miteinander in Kommunikation. Ist das aber nicht auch ein Aufruf an den Menschen, sich des Potentials, das in ihm als «Bild Gottes» steckt, zu vergegenwärtigen, und zwar gerade in einer schwierigen, krisenhaften Zeit? Der Mensch ist nicht einfach schwach und ohnmächtig, sondern hat das Potential, couragiert zu handeln.
Doch trotz dieses Ideals vom Gebet einer Gesprächssituation lässt die Antwort Gottes auf sich warten. Für Lukas wie für sein biblisches und frühjüdisches Umfeld besteht aber kein Zweifel, dass Gott reagieren wird, bereits die intertextuellen Bezüge von Witwe und Richter weisen darauf hin – jedoch nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt und auf die Weise, welche die oder der Betende erwartet. Im Ersten Testament werden Gebete immer wieder nicht auf die Weise erfüllt, wie es sich der Betende vorstellt: In Gen 18 bittet Abraham Gott bzw. die drei Engel beispielsweise darum, dass Sodom nicht zerstört werde. Doch genau dies geschieht bekanntlich, Sodom wird zerstört. Dennoch werden die Gerechten aus Sodom, Lot und seine Familie, gerettet. (Zu) klare Erwartungen können vielleicht den Menschen behindern, die Antwort Gottes zu hören und zu sehen.
Auf dem Hintergrund der Texte der hebräischen Bibel und des Kontextes von Yom Kippur wird auch noch etwas klar: Gebete, die nicht von entsprechenden Taten begleitet werden, sind wirkungslos. Dies steht explizit bei Sirach an der oben angeführten Stelle: «Wer Gott dient, wie es ihm gefällt, der ist ihm angenehm, und sein Gebet reicht bis in die Wolken.»
Deutlich wird dies auch in der talmudischen Aussage, dass Bitten um Verzeihung nur wirkungsvoll sind, wenn geschädigte Mitmenschen zunächst um Verzeihung gebeten worden sind: «Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist» (Babylonischer Talmud Yoma 8,9).