Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/2883

Lauch
(Allium
[* 2]
Hall.),
[* 3]
Gattung aus der
Familie der
Liliaceen, zweijährige oder perennierende
Zwiebelgewächse mit grundständigen,
oft scheinbar stengelständigen, flachen oder rinnigen, halbwalzenförmigen oder pfriemig-cylindrischen und dann bisweilen
hohlen Blättern, aufrechtem Blütenschaft, endständigen, vor dem Aufblühen von einer oder zwei
Scheiden umschlossenen Blütenköpfchen
oder Scheindolden, bisweilen neben den
Blüten mit mehr oder weniger zahlreichen Brutzwiebelchen, häutiger,
drei-, selten einfächeriger
Kapsel, 1-2-, selten mehrsamigen
Fächern und eckigen, meist schwarzen
Samen.
[* 4] Etwa 260
Arten in
gemäßigten Klimaten der nördlichen
Halbkugel. Die größte Zahl der
Arten findet sich in Südeuropa, im
Orient und von
Turkistan
bis
Tibet.
Alle
Arten enthalten ein flüchtiges, scharfes
Öl und besitzen den charakteristischen Zwiebelgeruch.
Die Hauszwiebel (Sommerzwiebel, gemeine
Zwiebel,
Bolle, A. Cepa
Lauch), zweijährig, mit einfacher
Zwiebel, breitröhrigen, sch
lauchartigen
¶
mehr
Blättern, blattlosem, wie die Blätter in der Mitte bauchig aufgetriebenem Stengel, [* 6] sehr großem, kugeligem Blütenstand [* 7] ohne Brutzwiebeln und grünlichweißen Blüten, ist eine uralte Kulturpflanze, deren Heimat man nicht kennt, und wird in mehreren Varietäten mit runden, plattrunden oder birnförmigen Zwiebeln, besonders bei Frankenthal [* 8] in Rheinbayern, Bamberg, [* 9] Erfurt, [* 10] kultiviert. Sie fordert milden oder sandigen Lehm in sonniger, warmer Lage, gedeiht am besten nach einer gut gedüngten Hackfrucht und verträgt eine Jauchendüngung.
In den im Herbste tief gepflügten oder sorgfältig gegrabenen Boden säet man die Zwiebeln im April; walzt oder tritt die Oberfläche mit Tretbrettern fest und stellt die Pflänzchen später 10 cm, bei Steckzwiebelkultur 4-5 cm weit voneinander. Im August oder September wird geerntet; die kleinen Zwiebeln (Steckzwiebeln) legt man im nächsten Frühjahr 4 cm tief und 15 cm weit voneinander, worauf sie sich schnell vergrößern, aber früh geerntet werden müssen, damit sie nicht in Samen schießen.
Zur Samenzucht bringt man die Zwiebeln im März in ein ganz flaches, stark gedüngtes Beet und stellt sie
30-45 cm weit voneinander. Der Same bleibt drei Jahre keimfähig. Die Zwiebeln werden in Süd- und Osteuropa roh oder geröstet
wie Obst oder Gemüse gegessen, bei uns fast nur als Küchengewürz benutzt. Sie enthalten ein schwefelhaltiges
ätherisches Öl und wirken dadurch reizend auf den Magen,
[* 11] erzeugen aber übelriechenden Atem und ähnliche Ausdünstung. Die
Winterzwiebel (Röhren
lauch, Schlottenzwiebel, Schnittzwiebel, ewige Zwiebel, Jakobs-, Johannislauch, A. fistulosum
Lauch), perennierend,
mit mehreren kleinen, länglichen, nebeneinander stehenden Zwiebeln, sonst der vorigen ähnlich, stammt aus Sibirien, vom Altai
und Baikalsee und wird bei uns vielfach kultiviert.
Sie gedeiht in mürbem Boden von einiger Kraft,
[* 12] wird durch Zwiebelbrut fortgepflanzt und bleibt über Winter stehen. Man benutzt
vielfach nur die Blätter als Küchengewürz, auch zum Füttern junger Truthühner und läßt die Zwiebeln dann mehrere Jahre
an derselben Stelle. Die Zwiebeln schmecken milder als die Hauszwiebeln. Die Schalotte (Eschlauch, askalonische Zwiebel,
A. ascalonicum
Lauch), mit mittelgroßen, schief-eiförmigen, büschelig gehäuften Zwiebeln, pfriemenförmigen, meist aufgeblasenen
Blättern, kugeligem Blütenstand, zuweilen mit Brutzwiebeln, bei uns selten erscheinenden hellvioletten Blüten, ist perennierend
und wird, da bei uns der Same nie reift, durch Zwiebeln fortgepflanzt.
Sie verlangt einen sandigen Boden in geschützter, warmer Lage. Man steckt kleine Zwiebeln im Oktober 15 cm weit voneinander, bedeckt das Beet über Winter mit Pferde- oder Stallmist und hält den Boden im Sommer unkrautrein und locker. Die Zwiebeln schmecken milder und feiner als die gewöhnliche Zwiebel und werden als feineres Küchengewürz benutzt. Um sie ein Jahr lang zu erhalten, dörrt man sie über dem Ofen. Sie stammt aus Kleinasien, Syrien, Palästina, [* 13] kam durch Kreuzfahrer nach Europa [* 14] und soll nach der Stadt Askalon, wo sie früher gebaut wurde, benannt sein.
Der Schnittlauch (Gras-, Hohl-, Suppen-, Jakobs-, Johannis-, Breislauch, A. schoenoprasum
Lauch), mit kleinen, weißen, länglichen,
in Büscheln beisammenstehenden Zwiebeln, dünnen, hohlen, nicht aufgeblasenen Blättern, welche einen
Rasen bilden, und wenig höhern Blütenschäften mit rotvioletten Blümchen in kugeligem Blütenstand ohne Brutzwiebeln, wächst
auf Gebirgswiesen in Europa, Mittelasien, Nordamerika
[* 15] und
wird vielfach in Gärten kultiviert. Er gedeiht am besten in leichtem,
warmem Erdreich und wird durch Zerteilung der Stöcke, welche man alle zwei Jahre vornimmt, fortgepflanzt.
Nur die Blätter werden benutzt. Der Porree (Borree, Winterporree, Welschzwiebel, gemeiner
Lauch, spanischer Lauch, Aschlauch, Fleischlauch,
A. Porrum
Lauch), mit einfacher, weißer, rundlicher Zwiebel, welche nach außen kleine Zwiebeln ansetzt, flachen, gekielten,
länglich-lanzettlichen Blättern, vielblätteriger, langgeschnäbelter Hülle, welche länger ist als der große,
kugelige, vielblütige Blütenstand, hellpurpurnen Blüten und eirunden Kapseln.
[* 16]
Man säet ihn im Frühjahr, verpflanzt ihn um Johannis 24 cm weit voneinander und schlägt ihn im Winter im Garten recht
[* 17] tief
ein, damit die Blätter bleichen, oder läßt ihn im Land stehen und bedeckt ihn mit Stroh. Die Samenzucht geschieht wie
bei der Hauszwiebel. Man benutzt ihn als Gemüse und Küchengewürz. Der Porree ist vielleicht nur eine Kulturform von A. ampeloprasum
Lauch, welche Art als Sommerporree kultiviert wird. Sie gleicht dem Porree sehr, trägt rote Blüten, hat rot angelaufene Stengel
und entwickelt weit stumpfere Kapseln.
Sie schmeckt pikanter und ist besonders im Orient geschätzt. Man thut gut, die Zwiebeln im Herbst aus dem
Land zu nehmen. Der Knoblauch (A. sativum
Lauch), mit kugeliger, häutiger, aus mehreren kleinen, länglichen Zwiebeln (Zehen)
zusammengesetzter Zwiebel, 60-90 cm hohem, stielrundem Stengel, breit-linealen, flachen, etwas rinnigen Blättern, langgeschnäbelter,
hinfälliger Scheide und einer Blütendolde, in welcher zwischen zahlreichen Zwiebelchen wenige weißlich
rosenrote Blüten stehen, die keinen Samen entwickeln, ist perennierend, stammt aus dem Orient, kommt bei uns verwildert vor
und wird in sandigem Boden von alter Kraft in warmer Lage kultiviert.
Man steckt die Zehen im Herbst oder März 20 cm weit voneinander und erntet sie im August, erhält aber viel größere Zwiebeln, wenn man die Pflanze zweijährig werden läßt. Die Zwiebelchen der Blütendolde brauchen ein Jahr mehr zur Entwickelung. Der Knoblauch wird als Würze für Saucen und Fleischspeisen besonders von Juden, Russen und Türken benutzt und erzeugt widerwärtige, lang anhaltende Ausdünstung. Man braucht ihn außerdem in Abkochung zu Klistieren, um die Askariden zu vertreiben, früher auch als Arzneimittel und zur Zeitigung von Geschwüren.
Das ätherische Öl des Knoblauchs ist im wesentlichen Schwefelallyl. Eine Varietät des Knoblauchs ist der feinere spanische
Lauch, mit dickern, stumpfen Zehen, und der Schlangen
lauch (Var. Ophioscorodon Don.), mit rundlich-eiförmigen, bis fast kugeligen
Nebenzwiebeln und unter dem Blütenstand meist ringförmig umgebogenem Stengel. Diese Varietät liefert die Perlzwiebeln oder
Bockenbollen (Rocambole), welche immer nur durch Zwiebelbrut fortgepflanzt werden können; man steckt sie im September und
erhält im Frühjahr Blätter und um Johannis die kleinen, weißen, glatten Zwiebeln. A. scorodoprasum Lauch, mit einfacher, braunschaliger
Zwiebel, welche bei der Entwickelung zum Stengel seitlich eine neue Zwiebel erzeugt, weit kürzern, flachen,
am Rand scharfen Blättern, plötzlich kurz zugespitzter, selten stumpfer Hülle, die kürzer ist als der kugelige Blütenstand,
in welchem zwischen rotbraunen Zwiebelchen einige tief purpurrote, unfruchtbare Blüten stehen. Er findet sich bei uns überall
und wird wie Knoblauch kultiviert und benutzt. Die Zwiebelgewächse enthalten:
¶
mehr
|Schnittlauchkraut||Blaßrote Zwiebeln||Porreezwiebeln|
|Eiweißartige Substanzen||5,135||1,533||2,710|
|Fett||0.780||0.096||0.228|
|Zucker||Spur||2,257||0.443|
|Sonstige stickstofffreie Substanzen||8,468||8,343||6,945|
|Cellulose||2,387||0.587||1,121|
|Asche||2,400||0.524||0.883|
|Wasser||80,830||86,660||87,670|
Der netzwurzelige (A. victorialis Lauch), mit schief aufsteigendem, fast cylindrischem Wurzelstock, netzigfaserig aufgelösten äußern, fleischigen, knoblauchartig riechenden und schmeckenden innern Zwiebelschalen, lanzettlichen oder elliptischen, kurzgestielten Blättern und gelblichweißen Blüten, findet sich auf den Gebirgen Deutschlands, [* 19] Österreichs und der Schweiz. [* 20] Die Zwiebel (Siegwurz, langer Allermannsharnisch, wilder Alraun) wurde als Schutzmittel gegen Verwundung, Unglücksfälle, Zauberei für Menschen und Tiere benutzt und von Marktschreiern oft in menschenähnliche Gestalt gebracht, bekleidet und um hohes Geld verkauft. - Die Laucharten sind wohl meist im innern Asien [* 21] heimisch, aber als derbe Würzen schon in grauer Vorzeit verbreitet worden. In Ägypten [* 22] finden wir Zwiebeln und Knoblauch von jeher als Bestandteil der allgemeinen Volksnahrung, und die Juden sehnten sich in der Wüste danach zurück.
Sie vor allen blieben dem Knoblauch treu zu allen Zeiten und verdanken ihm wohl einen Teil des bekannten foetor judaicus. Sogar als heilig und geweiht galten die Laucharten den Ägyptern und wurden daher von Priestern und Frommen nicht berührt. Die Zwiebel von Askalon beschreibt schon Theophrast; Knoblauch und Zwiebeln spielten am persischen Hof [* 23] eine große Rolle, und auch Homer kennt die Zwiebel und erwähnt sie als Beiessen zum Mischtrank des Nestor. Auch später blieben in Griechenland [* 24] und Italien [* 25] die Zwiebelgewächse beliebteste Volksnahrung; aber mit der steigenden Bildung schlug bei den höhern Ständen die Vorliebe in Widerwillen um, und Zwiebel- und Knoblauchgeruch verriet den Mann aus dem niedrigsten Volk.
Jemand »Zwiebel anwünschen«, bedeutete jetzt nichts Gutes, und Horaz wird nervös, wenn er des Knoblauchs gedenkt. Dem scharfen Geruch und Geschmack verdankten die Laucharten anderseits abergläubische Anwendung gegen Gift und Zauberei, und eine gewisse Art (A. nigrum L.?) galt für die bei Homer »Moly« genannte Pflanze, durch welche Odysseus der Kirke widerstand. Zu den Germanen kam die Zwiebel über Italien. Russen und Türken sind noch heute starke Zwiebelesser, und auch weiter nach Asien hinein huldigen Hohe und Niedere dem Zwiebelgenuß, während im europäischen Süden Zwiebeln und Knoblauch auch jetzt noch ebenso gesucht und gemieden werden wie im Altertum. Verhältnismäßig am wenigsten Beifall hat die Zwiebel und vollends der Knoblauch in Norddeutschland gefunden.
Vgl. Regel, Alliorum monographia (Petersb. 1875).