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Die Kanadierin Linda Tellington-Jones hat unsere Sicht auf die Pferde grundlegend verändert. Seit sie in den 70er-Jahren in Europa auftauchte, hat sich bei vielen Menschen vieles im Umgang mit den Pferden geändert – und seit einigen Jahren an vielen Orten auf der ganzen Welt.
Linda auf ihrer «Westwind Farm» in Kalifornien vor über 40 Jahren.
Linda ist Pferdefrau durch und durch und war von klein auf auch «Pferdemädchen» – schon mit elf Jahren bestritt sie in beeindruckender Art reiterliche Wettkämpfe aller Art und gewann in den Jahren ihres aktiven Sports in den USA alles, was es in jeder Sparte zu gewinnen gab: Hindernisrennen, Westernreiten, klassische Dressur, Fahren, Springen, Jagdwettbewerbe, Distanzritte und Wettbewerbe im Damensattel. Sie war eine Sportsfrau «par excellence», wegen ihrer Fairness den Pferden gegenüber hochgeachtet und irgendwann dann doch des Sports überdrüssig. Es war ihr einfach «zu wenig».
Als sie Anfang der 60er-Jahre ihre «Pacific Coast Equestrian Research Farm» gründete, hatte sie eine bereits eigene Trainingsmethode entwickelt. Mit der von ihr trainierten Araber-Stute Bint Gulida war sie im Jahre 1961 unter den ersten zehn im «Tevis Cup», dem berühmtesten und berüchtigten Distanzrennen der Welt. Fünf Wochen später gewannen die beiden das Jim Shoulders 100-Meilen-Rennen. Die von ihr ausgearbeitete Tellington-Methode wurde in den USA bekannt als eine sanfte und einfühlsame Methode, mit jungen und problembehafteten Pferden umzugehen und mit ihnen zu trainieren. Auf die Pferde eingehen, sie Schritt für Schritt sicherer und in jeder Beziehung stärker zu machen. Sie war revolutionär gegenüber der früheren Art, Vierbeiner «kurz und knackig» einzureiten. Linda schrieb Bücher wie «Die physikalische Therapie von Sportpferden» und «Handbuch für Distanzreiter».
Sie hatte ihre erfolgreiche «Pacific Coast Equestrian Research Farm» gegründet und viele Jahre geführt und ständig erweitert. Dort führte sie auch – und das war ein Novum in den USA – dreimonatige Kurse für geistig und körperlich behinderte Jugendliche durch und unterrichtete an der Universität von Kalifornien Erwachsene im Bereich Pferdemanagement und -psychologie. Ende der 60er-Jahre hatte sie «eigentlich» alles erreicht – und doch wollte sie mehr.
Wo Linda auftaucht - immer ist sie sofort von Menschen mit Pferden umringt.
Ein neuer Anfang in Europa
Linda war sich bewusst geworden, dass die Zeit, in der sie nur lehrte, beendet werden müsse und dass sie selbst noch etwas dazulernen wollte. Es ergab sich, dass sie zusammen mit ihrem Mann Roger Russel zu einem Besuch bei einer Freundin in Zaire (der heutigen Demokratischen Republik Kongo) eingeladen war. Aus irgendeinem Grund zerschlug sich der Termin, als Linda gerade in Deutschland zwischenlandete – und so nahm sie Kontakt mit Ursula Bruns auf und stand eines Tages vor ihrer Haustür respektive vor ihrem Wohnwagen, den sie in ihrem «FS-Testzentrum» in Reken (GER) als Wohnung jedem festen Haus vorzog. Bruns war hocherfreut, die beiden Damen kannten sich schon aus den USA. Es ergab sich eine jahrzehntelange, für beide Seiten und auch die Reiterwelt äusserst fruchtbare Zusammenarbeit, die auf gegenseitiger Hochachtung aufgebaut war. Beide hatten schon alternative Ausbildungsmethoden für erwachsene und ängstliche Reitanfänger entwickelt, die meilenweit entfernt waren von dem herkömmlichen «Immer-im-Kreis-Reiten» in der Halle. Sie basierten auf einem intensiven theoretischen Unterricht vor dem praktischen Teil. Bevor hier ein Reiter auf das Pferd kam, kannte er schon ziemlich genau dessen Anatomie, hatte viel über das Wesen des Pferdes als Fluchttier erfahren und das Zusammenspiel der reiterlichen Hilfen zumindest theoretisch im Kopf. Linda fügte diesen Lehrinhalten dann für Pferdebesitzer noch ihre erprobte T.T.E.A.M.-Methode (Tellington-TTouch-every-animal-method) hinzu, bei der es darum geht, dem Pferd seinen eigenen Körper bewusst zu machen. Durch gezielte Übungen lernen die Pferde, ihre Bewegungen optimaler zu koordinieren.
Auf dem Pferderücken hat Linda in Wettkämpfen in den USA fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab.
An der «Equitana»
1975 trat Linda dann zum ersten Mal zusammen mit zwei anderen Reitern und drei gebisslos gerittenen Pferden auf der Weltmesse des Pferdes «Equitana» in Essen (GER) auf. Diese für damalige Verhältnisse spektakuläre Vorstellung verhalf ihr zum Durchbruch – bereits der erste Kurs in Reken war nach einigen Tagen ausgebucht. Ab jetzt war ihre Karriere nicht mehr zu stoppen, überall bildeten sich Ausbildungsgruppen in der T.T.E.A.M.-Methode und bald darauf zu dem von ihr entwickelten Tellington- TTouch. Erst waren es die Freizeitreiter, die auf die neuen Ideen reagierten. Bald aber wurde auch «der grosse Sport» auf Linda aufmerksam. Reiter wie Klaus Balkenhol, Ingrid Klimke und Nicole Uphoff zählten zu Lindas Klientel und blieben ihr bis heute treu. Sie betreute ihre Pferde, zeigte den Reitern neue, leichtere Wege auf und «korrigierte» sie in einer für sie ganz neuen Art und Weise, die nichts mit ihrem bisherigen teils schematischen Reiten zu tun hatte. Aus heutiger Sicht – nachdem «uns» Tellingtons Denken einigermassen vertraut ist – war es nichts Spektakuläres, was sie lehrte.
Damals war es revolutionär, denn sie lehrte die Reiter, die Pferde denken zu lehren. Die Plastikplane war natürlich Standardprogramm in Reken. Und es war durchaus üblich, die Pferde mit der Gerte dazu aufzufordern, ihren Mut zusammenzunehmen und sie zu überqueren. Im Endeffekt taten sie es dann auch alle. Tellington hingegen schnitt die Plane in zwei Teile und legte diese Teile gut befestigt wie ein umgekehrtes «V» mit der breiten offenen Seite zum Pferd hin. Die andere Seite war offen wie ein schmaler Durchgang. Dann wurde das Pferd mit der, auch von ihr eingeführten, über das Halfter geschnallten Führkette an das Hindernis geführt und durfte es mit gesenktem Kopf erschnuppern, erfühlen und ging nach einigem Zögern und freundlichem Zureden von selbst durch die schmale Gasse. Das «V» wurde immer enger gelegt, bis es geschlossen war und das Pferd wie selbstverständlich und vertrauensvoll – es hatte sich den Weg ja selbst erarbeitet – darüberlief. Eine Kleinigkeit, meint man. Für ein Pferd aber eine selbständige Handlung, die man ihm früher nie erlaubt hätte. Man hätte es auf die eine oder andere Weise gezwungen, über die Plane zu gehen. Mit dem Ergebnis, dass es der Sache nie so ganz getraut hätte. In den Köpfen vieler Zuschauer und Schüler machte es hier «klick» und dies war der Beginn eines ganz neuen Denkens.
Linda Tellington-Jones.
Linda «worldwide»
Mittlerweile lehrt und arbeitet die Pferdetrainerin weltweit. Sie änderte das ausgefeilte Ausbildungskonzept der Ausbilder von ihrer «Pacific Coast Equestrian Reserach Farm» auf deutsche und später auf internationale Verhältnisse um und begann damit, ein Netzwerk von ihr autorisierten Ausbildern aufzubauen. Die Ausbildung dauert lange, ist in viele Abschnitte unterteilt und sehr streng. 1700 Lehrer sind von ihr autorisiert, die sich regelmässig weiterbilden und kontrollieren lassen müssen. Tellington achtet auf Qualität. Immer weiter denkend – sie scheint ein «Perpetuum mobile» zu sein – übertrug sie ihre Ausbildungs- und Behandlungsmethoden von Pferden auf Hunde und Katzen und mittlerweile viele andere Tiere. Auch auf Wildtiere, die in Zoos gehalten werden, sodass sie von Tierparks auf der ganzen Welt gerufen wird. Sie hat Anerkennung und Würdigungen, Ehrendoktortitel und Lehrstühle von vielen internationalen Instituten und Universitäten erhalten und ist mit ihren 78 Jahren immer noch aktiv und unglaublich neugierig auf die Welt und nur selten in ihrem Zuhause auf Hawai. Gerade eben war sie mit ihrem Mann in Deutschland, wo sie nie versäumt, mit ihrer jahrzehntelangen Freundin Gabriele Boiselle eine Shoppingtour durch die Modeläden zu machen, viele andere Freunde zu besuchen oder mindestens zu kontaktieren, Seminare abzuhalten und neue Projekte anzustossen.
Linda Tellington-Jones und Ewald Isenbügel, den ehemaligen Leiter des Zürcher Zoos, verbindet eine sehr alte Freundschaft.
Anschliessend war ein Besuch in der Schweiz dran, auch nie ohne ein Treffen mit Ewald Isenbügel und einem Besuch im Zoo und bei vielen schweizerischen Instruktoren. Kaum ist sie weg, kommt sie im Mai aber schon wieder. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht, ist immer auf dem Sprung hierhin und dorthin, nimmt Anregungen von überall auf – und das immer, ohne ihre innere Ruhe zu verlieren. Ihre Ausstrahlung ist ungebrochen, eher auf eine stille Art noch stärker geworden – eine immer noch sehr elegante Erscheinung, immer modisch gekleidet, immer mit einer Blume im mittlerweile schneeweissen langen Haar und immer unglaublich freundlich. Man kann sie nur bewundern.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 50/2015)
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