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Historisch gesehen ist die Ethnologie eine junge Wissenschaft. Ihre Ursprünge liegen in einem Anliegen, das die allermeisten ihrer Vertreter heute zutiefst verachten: Die Ethnologen wurden beauftragt, die Stammesgesellschaften gewissermassen zu vermessen, damit sie die Kolonialmächte besser für ihre Zwecke ausnutzen konnten.
Dabei folgten sie einer schlichten Weltauffassung. Lewis H. Morgan hat diese in seinem Klassiker «Die Urgesellschaft» wie folgt formuliert: Am Anfang der Menschheit war eine chaotische Urfamilie, die kaum Regeln kannte und sexuell promisk war. Allmählich entstand daraus die Stammesgesellschaft mit ihren Tabus und Heiratsregeln. Dann folgte die Agrargesellschaft, die sich zum Feudalismus entwickelte. Das Ganze mündete schliesslich in der bürgerlichen Gesellschaft, mit Nationalstaat und Industrialisierung.
Die schlichte These von der infantilen Urgesellschaft, die sich zur erwachsenen Industriegesellschaft entwickelt, mag heute noch im Volksmund weit verbreitet sein. Die Ethnologen haben sich schon vor mehr als hundert Jahren davon distanziert. Bronislaw Malinowski beispielsweise, der Ethnologe, der vor allem durch die Erforschung des Sexlebens der Stämme in Melanesien bekannt wurde, verbrachte während des Ersten Weltkrieges Monate auf einer Insel mit Einheimischen. Nur so konnte er als Mitglied des Österreich-Ungarischen Reiches vermeiden, dass ihn die australische Behörde in ein Internierungslager verbannte.
Malinowski wurde so unfreiwillig zum Vorreiter einer teilnehmenden Ethnologie, einer Ethnologie, die sich nicht darauf beschränkte, Stammesgesellschaften wie Vieh zu vermessen. Dabei entdeckte er bald, dass Morgans Sicht nichts mit der Realität zu tun hatte. Auch Stammesgesellschaften haben eine Kultur. Diese mag zwar, wie im Fall der Trobriander, tatsächlich sexuell hedonistisch sein – was übrigens keineswegs für alle Stammesgesellschaften zutrifft –, doch diese Kultur ist keinesfalls chaotisch. Sie besitzt Regeln und Nomen, wenn auch andere als unsere moderne Gesellschaft.
Das «wilde Denken» steht auch im Mittelpunkt des Werkes von Claude Lévi-Strauss, dem bedeutendsten Ethnologen des 20. Jahrhunderts. Wie Malinowski wurde auch er zumindest teilweise zu seinem Glück, respektive seiner Erkenntnis gezwungen. Weil er in Frankreich keinen vernünftigen Job finden konnte, wanderte er in den Dreissigerjahren nach Brasilien aus. Er fand Unterschlupf an einer französischen Universität in São Paulo und unternahm dort seine ersten Feldforschungen. Das Resultat war das Buch «Die traurigen Tropen», bis heute ein Meisterwerk der Wissenschaft und der Literatur.
Lévi-Strauss gelang es, die innere Logik von Stammesgesellschaften zu entschlüsseln und damit die plumpe Sicht der Evolutionstheoretiker ein für alle Mal zu entkräften. Heute ist teilnehmende Feldforschung so etwas wie die Norm der Zunft geworden. Studenten müssen ein paar Monate bei einer fremden Gesellschaft verbracht haben, wollen sie ihren Abschluss erhalten. Deshalb gibt es mittlerweile das geflügelte Wort, wonach etwa eine Familie der nordamerikanischen Hopi-Indianer wie folgt zusammengesetzt ist: Vater, Mutter, Kinder – und ein Ethnologe. Die Hopis sind sehr beliebt und gelten als besonders friedfertiger Stamm.
Die Anerkennung der «wilden Kultur» hat im Umkehrschluss auch zu einer neuen Bewertung der eigenen Kultur geführt. Beispielhaft für diese Entwicklung steht Pierre Bourdieu. Inspiriert von Jean-Paul Sartre wollte dieser zunächst Philosophie studieren, konnte sich aber immer weniger mit der Lebensfremdheit dieser Disziplin anfreunden. Zudem wurde er gezwungen, als Soldat der französischen Armee am Algerien-Krieg teilzunehmen.
Diese Erfahrung hat Bourdieu zutiefst angewidert und dazu geführt, dass er die Stämme Algeriens besuchte und erkundete. Zurück in Frankreich realisierte er, dass der fremde Blick ihm die Augen für das eigene Umfeld geöffnet hatte. Bourdieu widmete sich fortan der eigenen Kultur und wurde zu Frankreichs führendem Soziologen.
Womit wir bei Toni Saller angelangt sind. Wie Bourdieu nimmt auch er diese Insider-Outsider-Perspektive ein. Er beschäftigt sich mit Fussball, einer Sportart, die er selbst leidenschaftlich und mit einigem Erfolg betrieben hat. Er ist damit ein ultimativer Insider. Gleichzeitig hat ihn sein Ethnologie-Studium gelehrt, die eigene Kultur neu zu sehen. Das bedeutet konkret, dass Saller das, was Insider als selbstverständlich betrachten, mit der Distanz eines ethnologischen Outsiders analysiert. Das Resultat lässt sich vergleichen mit dem Verfremdungseffekt im Sinne von Bertolt Brecht. Es lässt scheinbar Bekanntes in einem neuen Licht erscheinen.
Saller ist beileibe nicht der erste Ethnologe, der sich mit der eigenen Gesellschaft beschäftigt. Weil ihnen allmählich die unerforschten Stammesgesellschaften ausgegangen sind, haben dies notgedrungen viele der Zunft in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts getan. Sie waren dabei jedoch meist beobachtende Outsider. Schon zum Beginn der Siebzigerjahre hat beispielsweise ein gewisser Martin Page in seinem Bestseller «Managen wie die Wilden» Manager mit Stammeshäuptlingen verglichen.
Wednesday Martin hat vor ein paar Jahren in ihrem Buch «Primates of Park Avenue» die Gattinnen der Superreichen in Manhattan aus der Perspektive einer Ethnologin geschildert. In beiden Fällen ist das Resultat eine vergnügliche Lektüre – aber auch mit einem überschaubaren Erkenntnisgewinn.
Saller geht es nicht darum, sich über den Fussball lustig zu machen. Er ist kein unbeteiligter Outsider, der ein exotisches Verhalten schildern und analysieren will. Wie Bourdieu ist er gleichzeitig Insider und Outsider. So gelingt es ihm, die Schizophrenie des Fussballs im 21. Jahrhundert zu erfassen. Gemeint ist damit die Tatsache, dass die Zeit auf der Ebene der lokalen Fussballvereine stehen geblieben ist, während gleichzeitig auf professioneller Ebene der Fussball geradezu zu einer Karikatur eines Über-Kapitalismus geworden ist. Indem es ihm gelingt, seine eigenen zwiespältigen Gefühle gegenüber dem Fussball mit dessen kapitalistischen Auswüchsen zu verbinden, hilft er auch uns, eines der widersprüchlichsten Phänomene der Gegenwart besser zu verstehen.
* Dieser Text ist als Einleitung zu Toni Sallers Buch erschienen.
Am Ende ist es der französische Debütant Hugo Vogel, der in der 89. Minute mit seinem Fehlpass im Aufbau und dem zu langsamen Rückzugsverhalten Luzern den Siegtreffer anbietet. Vogels Fehler ist der eine zu viel, denn er führt dazu, dass Luzern zum ersten Mal seit fast acht Jahren wieder in Basel gewinnt und der FCB die Hinrunde nur auf Rang 6 beendet.