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Rothirsche sind - wie die meisten Wildtiere - während des Winters einer doppelten Belastung ausgesetzt: Einerseits steht ihnen weniger und qualitativ schlechtere Nahrung zur Verfügung, andererseits müssen sie der eisigen Kälte widerstehen.
Um die langen Wintertage und -nächte zu überleben, haben die Hirsche Energiesparmassnahmen entwickelt:
Im Winter wird der Energiestoffwechsel enorm reduziert. Einerseits verkleinern die Hirsche die Organe, vor allem den Verdauungstrakt. So ist aufgrund der kargen und spärlichen Nahrung das Fassungsvermögen des Pansens in dieser Zeit um etwa 20 – 25% verringert , die Pansenzotten bilden sich zurück. Dadurch wird weniger Energie für den 'Unterhalt' des Stoffwechsels benötigt.
Abbildung 1: Pulsrate beim Rothirsch im Jahresverlauf. (Abb. Walter Arnold)
Andererseits reduzieren die Rothirsche im Winter den Herzschlag und die Körpertemperatur (siehe Abbildung). Der durchschnittliche Puls liegt im späten Winter um bis zu 60% niedriger wie im jährlichen Maximum Anfang Juni. Dadurch können sie viel Energie einsparen.
Im Spätwinter, wenn die Fettreserven langsam schwinden und es immer noch bitterkalte Nächte zu überstehen gilt, hat der Rothirsch noch eine weitere Möglichkeit, Energie zu sparen. Er kann die Durchblutung der Gliedmasse und der äusseren Teile des Rumpfes für einige Stunden noch mehr drosseln, so dass die Körpertemperatur an diesen Stellen stark sinkt (siehe Abbildung 2). Im Gegensatz zu echten Winterschläfern dauert dieser Zustand im Sparmodus bei Rothirschen allerdings nur bis zu 9 Stunden. Trotzdem können so 13-17 % Energie eingespart werden.
Abbildung 2: Rothirsche können bei sehr kalten Aussentemperaturen ihren Stoffwechsel reduzieren. Dadurch kühlen die Extremitäten und die äusseren Teile des Rumpfes ab und nur im Kern bleibt es warm. (Abb. Walter Arnold)
Diese Sparmassnahme leiten die Rothirsche aber nur ein, wenn sie sich sicher fühlen. Denn in der «Winterstarre» ist die Flucht nur eingeschränkt möglich. Bei jeder Flucht müssen sie den Stoffwechsel aus dem Sparmodus innert kürzester Zeit auf Hochtouren bringen. Dadurch sind die Auswirkungen von Störung in der Winterzeit für Rothirsche - und vermutlich auch für andere Huftiere - viel schwerwiegender, als bisher angenommen.
(«Der verborgene Winterschlaf des Rothirsches», Walter Arnold, 2003 WILDBIOLOGIE-Artikel)