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Red. Heinz Wanner ist Klimatologe (siehe die Angaben zur Person am Ende des Artikels). In seinem Gastkommentar macht er darauf aufmerksam, dass die Covid-19-Pandemie nicht nur isoliert erforscht und beurteilt werden darf.
Beim komplexen Zusammenwirken von negativen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Ereignissen wird oft von einer Verbundkrise gesprochen. Verbundkrisen haben die Eigenschaft, dass sich negative Faktoren kumulieren, zu nichtlinearen Folgewirkungen führen und bezogen auf Massnahmen und Prognosen nur schwer zu meistern sind. Angesichts der Komplexität der gegenwärtigen Coronakrise muss deshalb die Frage gestellt werden, ob es sich nicht auch hier um eine ökologisch gelagerte Verbundkrise handelt. Dabei könnte die momentane virale Pandemie als ein «End-of-Pipe-Phänomen» aufgefasst werden, das als Folgewirkung einer komplexen Wirkungskette aufgetreten ist, welche schliesslich die Entwicklung von Mikroben aller Art stark begünstigt.
Die industrielle Revolution, verbunden mit der Nutzung fossiler Brennstoffe, hat in den letzten Jahrzehnten zu Problemen der Luftverschmutzung und des modernen Klimawandels mit Begleiterscheinungen wie Erwärmung, Wasserverknappung und Waldbränden beigetragen. Durch die zunehmende Überbevölkerung hat sich die Belastung des globalen Ökosystems zusätzlich akzentuiert. Hinzu kommt das unkontrollierte Anwachsen der Stoffkreisläufe in Wasser und Boden mit Pestiziden und Plastikrückständen. Um die Versorgung der stark wachsenden Bevölkerung sicherzustellen, werden immer mehr Monokulturen mit steigendem Düngereinsatz angebaut, was zu immer einseitigeren Anbaustrukturen führt. Damit verbunden ist eine Abnahme der Biodiversität, welche wiederum die Pufferkapazität bei Belastungen und Erkrankungen vermindern dürfte.
Auf den Märkten von vielen grossen Metropolitanregionen mit extremen Bevölkerungsdichten wird Fleisch einer breiten Palette von Tierarten feilgeboten. Diese Tiere werden unter höchst problematischen hygienischen Verhältnissen in engen Käfigen gehalten und damit einem gewaltigen Stress ausgesetzt. Auch wenn die Mechanismen schwer zu ergründen sind, muss davon ausgegangen werden, dass ein solches Umfeld äusserst günstige Voraussetzungen für die Entwicklung von Mikroben aller Art schafft. Wenn Viren dann in äusserst dicht besiedelten Gebieten mutieren und auf den Menschen überspringen, schafft die gegenwärtige grosse Mobilität günstigste Voraussetzungen für ihre rasche und effiziente Verbreitung. Partys, Fussballspiele, Konzerte und Ansammlungen in grossen Restaurants sorgen dann für eine optimale Streuung der Viren.
Pandemien gab es auch schon früher
Der beobachtete Mechanismus der Coronakrise in dieser Form ist nicht völlig neu. Unter anderem die frühen Pestepidemien bieten besten Anschauungsunterricht, auch wenn die Eigenschaften der damaligen Erreger nicht in allen Details bekannt sind. Die Pandemie der Justinianischen Pest brach zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527-565) aus und verbreitete sich in der Folge in Vorderasien, im gesamten Mittelmeerraum sowie in Nord- und Nordwesteuropa. Die als Schwarzer Tod bezeichnete gewaltige Pandemie, welche in Europa zwischen 1346 und 1353 wahrscheinlich etwa 25 Millionen Todesopfer forderte, trat ebenfalls zuerst in Zentralasien (China?) auf und verbreitete sich wahrscheinlich über Rattenflöhe via Seidenstrasse und Schiffsverkehr über ganz Europa. Bekannt ist die Tatsache, dass die Mongolen bei ihrer Belagerung der genuesischen Hafenstadt Kaffa auf der Krim Pestleichen über die Stadtmauer katapultierten, wodurch sich dann die Seuche ausbreiten und nach Europa verschleppt werden konnte.
Die in grosser Zahl angelaufenen medizinischen Studien werden sich intensiv mit einer genauen Analyse der modernen Coronapandemie befassen, dies verbunden mit einem Grosseinsatz zur Entwicklung von Abwehrmassnahmen aller Art. Die chemische Industrie ist aufgerufen, diese Einsätze auch mit eigenen Ressourcen zu unterstützen. Gleichzeitig müssen die Entscheidungsgremien in Politik und Wirtschaft hinterfragen, ob die bisher getroffenen Massnahmen ausreichen und auch in Zukunft geeignet sind, einer derartigen Pandemie zu begegnen. Und eben: Es muss zusätzlich die Frage gestellt werden, ob die Coronaepidemie als eine Folgewirkung einer ökologischen Verbundkrise betrachtet werden muss. Wird diese Frage mit Ja beantwortet, werden noch viele grössere Anstrengungen zu ihrer Behebung notwendig sein als jene, die wir zur Behebung der Coronakrise zurzeit unternehmen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Heinz Wanner war von 1988-2010 Professor an der Universität Bern sowie Gründungspräsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Berner Universität. Er leitete von 2001 bis 2007 den Nationalen Forschungsschwerpunkt Klima der Schweiz, war Co-Vorsitzender des internationalen Past Global Changes Programms PAGES und bis 2015 Mitglied des UNO-Klimarates IPCC.