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Quelle: Wädenswil im Wandel der Zeiten, Wädenswil 1960, S. 66–70 von Peter Ziegler
Musik
Singschule und Musikgesellschaft
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts schlossen sich zu Wädenswil junge Leute beiderlei Geschlechts zusammen, um sich im Psalmensingen zu üben. Bald fanden sich weitere Liebhaber zu dieser Gesellschaft, die den bescheidenen Namen «Singschule» führte. Von den Psalmen ging man zu geistlichen Gesängen über. Die Musikbegeisterung der Jugend war gross. Die Sänger machten gute Fortschritte, und bald hielt man das Singen von Psalmen und geistlichen Liedern für eine zu leichte Sache. Man kaufte daher in Zürich Musikalien und übte wacker fort. Da wurde die bescheidene Singschule verächtlich, und die Mitglieder gaben sich den vornehmeren Titel «Musikgesellschaft». Und als die Wädenswiler hörten, dass man in der Stadt nicht in die Musikgesellschaft, sondern ins «Conzert» gehe, trafen sie sich alle Sonntagabend im Konzert. Zum Konzertbesuch luden sie auch die Familie des Landvogts und angesehene Zürcher ein.
Musik zur Einweihung der Kirche, 1767
Einen Höhepunkt des musikalischen Lebens brachte 1767 die Einweihung der neuen Wädenswiler Kirche. Damals wurde eine Kantate aufgeführt, welche Vikar Nägeli in Hütten gedichtet und Pfarrer Schmidli in Wetzikon komponiert hatte. Die Instrumente – unter anderem eine Orgel und ein Klavier – hatte man aus dem Musiksaal in Zürich beschafft. Schon bei der Probe am Vortag war die Kirche von Fremden und Einheimischen beinahe gefüllt. Die Musik hatte einen schönen Klang und gefiel so gut, dass man 1817 «dem Wunsche der ehrwürdigen Greise und Matronen nachgab» und die Kantate am 50. Jahrestag der Einweihung der Kirche nochmals aufführte.
Die Ideen der Aufklärung bewirkten einen mächtigen Aufschwung des geistigen Lebens, und so bildeten sich um 1790 auch in unserer Gemeinde Musikgesellschaften, welche laut Chronik der Lesegesellschaft alle bedeutenden Anlässe durch gesangliche und instrumentale Vorträge bereicherten. Der englische Reiseschriftsteller G. P. Norman notierte 1795, dass man in Wädenswil «einen Konzertsaal mit vollständigem Orchester finde».
Seesängerverein
1825 wurde der Sängerverein am Zürichsee gegründet. Er zählte 189 Mitglieder, wovon 33 in Wädenswil wohnten. Bis 1850 tagten die Sänger vom Zürichsee viermal, nämlich 1826, 1831, 1836 und 1847 in unserer Gemeinde. Die Bevölkerung nahm an den Festen begeistert Anteil. So lesen wir 1826 im Protokoll des Sängervereins: «Das Krachen der Mörser, von einigen ankommenden Schiffen erwidert, und der herzliche Händedruck der Wädenswiler Singfreunde, dienten zum Gruss für die Ankommenden. Triumphbogen bezeichneten den Landungsplatz; Fahnen das Lokal der Wirtung.»
Ankunft der Sänger zum Seesängerfest 1826 in Wädenswil.
Männerchöre
Interessant ist die Entwicklung der Männerchöre, die früher auch politische Bedeutung hatten. Bis 1850 war der «Sängerverein Wädenswil» der tonangebende Männerchor unserer Gemeinde. Daneben bestanden noch die Männerchöre Frohsinn und Bruderherz und die Sängervereine Harmonie, Liederkranz, Langrüti und Stocken. Aus einem Singkreis von 12 Männern, die jeden Sonntag unter Lehrer Sträuli im Schulhaus Ort zusammenkamen, ging der Männerchor Eintracht hervor, dessen erste geschriebene Statuten das Datum des 21. Februar 1851 tragen. In die 1880er Jahre zurück reichen die Anfänge des Musikvereins Harmonie.
Kirchenorgeln
Bei der Betrachtung der musikalischen Ereignisse in Wädenswil dürfen wir den Bau der ersten Orgel in unserer reformierten Kirche nicht übergehen. Auf Veranlassung von Pfarrer Paul Philipp Bruch gründete die Lesegesellschaft Wädenswil im Jahre 1815 einen Orgelfonds, der durch Vergabungen Privater und durch eine Haussammlung bis 1824 auf 2364 Gulden anwuchs. Am 23. Mai 1824 stimmte die Gemeinde dem Orgelprojekt zu, lehnte aber gleichzeitig eine Übernahme ins Gemeindeeigentum ab, aus Furcht, der Unterhalt des Instrumentes würde zu viel Geld verschlingen. Am 8. Oktober 1826 wurde die Orgel eingeweiht und 1839 doch ins Inventar der Gemeinde aufgenommen. 1866 erhielt Wädenswil seine zweite Orgel, ein Werk mit 3 Manualen und 38 Registern. Im Jahre 1916 regte der damalige Musikdirektor Fritz Stüssi den Bau jener Orgel an, die 1920 fertiggestellt war und aus der Orgelfabrik Kuhn in Männedorf stammte. Im Zusammenhang mit der in den Jahren 1950/51 durchgeführten Innenrenovation der Kirche wurde die den Raum sprengende, überdimensionierte Orgel von 1920 durch ein neues Instrument mit 47 Registern, 3 Manualen und elektrischer Traktur ersetzt. Sie wurde von den Orgelbauern der Firma P. Goll in Luzern erstellt und im Gottesdienst vom 30. März 1952 in Gebrauch genommen.
Orgel von 1867.
Orgel von 1919.
Orgel von 1952.
Theater
Wandernde Spielleute
Auch das Theaterspiel beruht in Wädenswil auf alter Tradition. Schon im 17. Jahrhundert konnte man in unserer Gegend dann und wann den Schauspielen fahrender Theaterleute beiwohnen. Die dargebotenen Stücke müssen aber von geringer Qualität gewesen sein. So liest man in den Landvogtei-Rechnungen von 1695, dass Leonhard Stadelmann und David Bernet, «zwei frömbde Schreyer», mit drei Tagen Gefängnis und einer Geldbusse bestraft wurden, weil sie zu Richterswil ohne Bewilligung «ein Theatrum» aufgerichtet und an einem Sonntag ärgerliche Sachen gespielt hatten.
Theaterauffführungen in der «Krone»
Genaueres über das Theaterleben in Wädenswil ist aus der Zeit um 1790 bekannt. Salomon von Orelli berichtet in seiner handschriftlichen «Geschichte des Stäfner-Handels von 1794/95» (Staatsarchiv Zürich, B X 39), dass zu Wädenswil die schönen Künste und die Aufklärung soweit gediehen seien, dass die jungen Leute daselbst auf einem dazu eingerichteten Theater Komödie spielten, was für das Landvolk eine ganz neue Einrichtung darstelle.
Die Schauspieler verfochten lebhaft die politischen Neuerungen und verpassten es nicht, auch die Weibspersonen, welche Rollen übernommen hatten, in der Politik zu unterrichten. Und der Erfolg blieb nicht aus: Die Frauen verfochten mit Nägeln und Zungen unbedingte Freiheit und Gleichheit. Und wem an ihrer Gunst gelegen war, der musste zugleich ein guter Freund der Franzosen sein. Kulturelles Zentrum der Gemeinde war in den 1790er Jahren der Gasthof zur Krone. Hier traf sich die Gesellschaft; hier wurde von den Fabrikanten «gekannegiessert und dann eine Partie Karten gespielt». Und hier verkehrte – der Wirtstochter wegen – Kaspar Billeter von Stäfa, der in seiner Selbstbiographie behauptet, in Wädenswil als Förderer und Verfeinerer der Kultur gewirkt zu haben. So habe er in Wädenswil wiederholt an ländlichen Festen und allgemein der Freude geweihten Tagen theatralische Belustigungen aufgeführt, «anstatt schmutziger, abgeschmackter und sinnloser Fastnachts-Freuden». Salomon von Orelli schreibt über Billeter: «Bei einem schlechten Äussern und einer winzigen Figur war er doch gewandt. Zu Wädenschwyl, wo die Eleganten alle Jahr eine Comödi spielten, hatte er immer eine Hauptrolle übernommen und sich da gewöhnt, öffentlich ohne Schüchternheit zu reden. «Übrigens hat auch der damalige Pfarrer von Wädenswil, Johann Kaspar Ammann, im Stillstands-Protokoll die Tatsache festgehalten, dass zu Beginn des Jahres 1790 «bey der Cronen» theatralische Vorstellungen stattfanden. Der Erlös wurde dem Schulfonds überwiesen. – Zum Verwalter der Kanzlei Horgen aufgerückt, hatte Billeter weniger Zeit, sich in Wädenswil ums Theaterspiel zu kümmern. Das Fernbleiben des Spitzenmannes und Dramaturgen bedeutete für die Theatergesellschaft Wädenswil, die 1790 in voller Tätigkeit war, einen schweren Verlust.
Umtriebe mit Molières «Wunderdoktor»
Trotz der Abwesenheit Billeters spielten die Wädenswiler weiterhin Theater. So studierte man 1806 Molières «Wunderdoktor» ein. In der «Krone» lag schon alles zur Aufführung des Schauspiels bereit. Da überbrachte der Unterstatthalter ganz unerwartet den Bericht, dass das Stück ohne hochobrigkeitliche Bewilligung nicht aufgeführt werden dürfe. Wer hatte diese Weisung veranlasst? «Unsere unverträglichen Gemeinderatsmitglieder, die allen edleren Vergnügungen Feind waren», schreibt der Chronist der Lesegesellschaft. Die Theaterleute liessen sich nicht verdriessen. Sogleich schickten sie zwei Mitglieder zum Zürcher Bürgermeister Reinhart, welcher die Schauspieler ermunterte, das Stück nicht nur am zweiten Tag des Frühlingsmarktes, sondern noch zweimal nachher aufzuführen. Diese Bewilligung behagte freilich dem Gemeinderat nicht, «wohl aber allen denen, die solche edlere Vergnügungen allen Fress- und Saufgelagen, womit andere Menschen sich ergötzen, vorzogen».
Die Monatsgesellschaft führt die Theatertradition weiter
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts finden wir die «Monatsgesellschaft Wädensweil» als Trägerin der Theatertradition. Der Erlös der Aufführungen floss wohltätigen Institutionen zu, meistens der Pestalozzistiftung. Lobend wurde 1851 im «Anzeiger vom Zürichsee» geschrieben, die Haltung der Spielenden sei im Ganzen sehr brav. Mehrere Rollen würden gut, einige sogar sehr gut gegeben. Jedenfalls stehe das Spiel herumziehender Schauspielergruppen dagegen weit, weit zurück. Diese Ansicht vertrat auch der Wädenswiler Gemeinderat, als er am 2. April 1851 zu Protokoll folgenden Beschluss fasste: «Dem Theaterdirektor Schmitz, dato in Glarus, wird auf sein Gesuch, nur bis nach Ostern 1851 zwölf Vorstellungen geben zu dürfen, der Entscheid ertheilt, es sei hier ein Liebhabertheater zu gemeinnützigen Zwecken, das theatralische Vorstellungen gebe – somit könne nicht entsprochen werden.»
Inserate im «Anzeiger vom Zürichsee» künden die Titel der Schaustücke an. So wurden 1852 «Der Eigensinn», «Die schöne Müllerin», «Das Sonntagsräuschchen» und «Die Luftschlösser» gespielt. Und am 2. Januar 1856 gab die Monatsgesellschaft Wädenswil im «Engel» das Theaterstück «Die Lügnerin» und «De Heiggel mues Götti si» zum Besten.
Festspiel der X-Gesellschaft, 1908.
Fasnachtsspiele der X-Gesellschaft
Von grosser Bedeutung für das theatralische Leben Wädenswils waren die Fasnachtsspiele. 1842 wurde zum Beispiel die «Schlacht am Stoss» aufgeführt, 1843 gab man «Zwei Szenen aus dem Leben Napoleons» zum Besten, und am Fasnachtsmontag 1846 stand eine Satire über «Sozialismus und Communismus» auf dem Programm.
Seit 1873 war die X-Gesellschaft Wädenswil Trägerin solcher Veranstaltungen. Sie organisierte das historische Festspiel vom Jahre 1908, wo auf dem Platz vor der Eidmatt-Turnhalle unter dem Motto «Im Fluge der Zeit» Bilder aus der Wädenswiler Geschichte gezeigt wurden. 1923 gelangte das Festspiel «Blühendes Leben; 100 Jahre Verkehr in Wädenswil» zur Aufführung, und 1949 wartete die X-Gesellschaft im Rosenmattpark mit dem Freilichtspiel «D Stäckliherre» auf.
Broschüre zu Umzug und Festspiel 1908.
Broschüre zum Maifestspiel 1923.
Freunde des Volkstheaters
Seit 1945 wirken in unserer Gemeinde die «Freunde des Volkstheaters», eine freie Spielgemeinschaft ohne Vereinscharakter und Statuten. Jahr für Jahr bieten die «Freunde» unter der Leitung eines fachlich ausgebildeten Regisseurs gutes Theater dar und helfen dadurch tatkräftig mit, die kulturelle Eigenständigkeit unserer Dorfgemeinschaft zu stärken.
Die «Minerva» fährt an der Bühne vor dem Eidmattschulhaus vorbei.