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Begleitet von Protesten hat ein Gericht in Moskau den russischen Starregisseur Kirill Serebrennikow wegen Betrugs verurteilt. Der 50-Jährige wurde wegen Veruntreuung staatlicher Fördergelder schuldig gesprochen, wie das Bezirksgericht am Freitag in Moskau entschied.
Das Strafmass war auch fünf Stunden nach Beginn der Urteilsverkündung unklar. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft beantragt. Das Verfahren gegen den bekannten Künstler gilt als Schauprozess gegen die liberale Kunstszene in Russland.
Hunderte Menschen, darunter viele Schauspieler, protestierten trotz eines Demonstrationsverbots wegen der Corona-Pandemie in Moskau gegen das Urteil. Die Lage blieb zunächst friedlich.
Drei Jahre hatte das Verfahren gedauert - mit Serebrennikow standen auch seine drei Kollegen Sofja Apfelbaum und Alexej Malobrodski sowie Juri Itin vor Gericht, die ebenfalls verurteilt wurden. Fans des mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Filme- und Theatermachers weinten, als Richterin Olessja Mendelejewa das Urteil verkündete.
Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik. Serebrennikow hatte in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert und hervorgehoben, dass in dem Verfahren keine Beweise vorgelegt worden seien. Zugleich gestand er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er. Deshalb gebe es Experten dafür. Eine Buchhalterin hatte Serebrennikow belastet. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt.
Sie warf dem Künstler vor, eine Gruppe für einen kriminellen Plan zur eigenen Bereicherung gegründet zu haben. Die Gruppe habe rund 129 Millionen Rubel (1,76 Millionen Franken) an staatlichen Fördergeldern unterschlagen. Russische Kulturschaffende bezeichneten das Verfahren als Versuch, die «moderne Kunst» in dem Riesenreich endgültig zu beerdigen. Es habe keine Beweise gegeben, betonte auch die Verteidigung. Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik.
Richterin Mendelejewa verlas das Urteil in rasendem Tempo mit leiser und monotoner Stimme. Sie begründete den Schuldspruch mit den Aussagen von Serebrennikows Buchhalterin Nina Masljajewa, die die künstlerische Leitung belastet hatte. Masljajewa hatte einen Deal mit der Anklagebehörde geschlossen. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt.
Serebrennikow erschien mit schwarzer Gesichtsmaske vor Gericht. Er hatte schon in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert. Zugleich räumte er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber selbst nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er. Deshalb gebe es Experten dafür.
Als die Richterin am späten Vormittag eine Pause einlegte, meldete sich auch Kremlsprecher Dmitri Peskow zu Wort. Er sagte der Agentur Interfax zufolge, dass anhand dieses Falls analysiert werden müsse, wie sich die staatliche Finanzierung der Kultur in Russland gestalte. Verbreitet ist in der russischen Politik die Meinung, dass derjenige, der das Geld gibt, auch bestimmt, was gespielt wird. Deswegen bezeichneten es einige Kulturschaffende in Russland auch als Fehler, dass Serebrennikow überhaupt vom Staat Geld angenommen habe.
Kulturministerin Olga Ljubimowa sagte, dass gesetzliche Schritte ergriffen werden sollten, um solche Fälle wie bei Serebrennikow künftig auszuschliessen. Ziel müsse eine stärkere Trennung von künstlerischer Leitung und Verwaltung bei Theatern und Orchestern sein. Die Ministerin wollte das Urteil zunächst nicht kommentieren - weil das Haus am Verfahren beteiligt und die geschädigte Seite sei. Der Staat habe einen grossen Schaden erlitten, behauptete Ljubimowa.
Gross war aus Sicht der Prozessbeobachter vor allem der Schaden für die Kultur in Russland durch die Strafe für Serebrennikow. Serebrennikow leitet in Moskau das populäre Theater Gogol-Zentrum. Er inszenierte aber auch im Ausland - oft in Abwesenheit, weil er im Hausarrest sass und auch nach seiner Freilassung im vergangenen Jahr nicht reisen durfte. Der prominente Rapper Oxxxymiron (Oksimiron) rief seine zwei Millionen Follower bei Instagram zu Protesten gegen immer wieder bestellte und inszenierte Strafverfahren in Russland auf.
Eingesetzt hatten sich für den Künstler auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie internationale Stars. Die deutsche Theaterszene protestierte gegen die Verurteilung vor der russischen Botschaft in Berlin. Es wurde vergeblich versucht, dem Botschafter eine Unterstützerliste mit 56 000 Unterschriften zu überreichen, wie die Dramaturgin Birgit Lengers sagte.
Vor dem Gerichtsgebäude in Moskau empfingen viele Schauspieler, Sänger und Kulturschaffende Serebrennikow mit Beifall. Viele trugen T-Shirts mit der Aufschrift «Free Kirill!», insgesamt seien etwa 400 Menschen dort, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete.
Russland erlebe gerade die «Wiedergeburt der Repressionsmaschine» wie zu Zeiten des Sowjetdiktators Josef Stalin, sagte die prominente Kulturexpertin Irina Prochorowa im Radiosender Echo Moskwy. Der Politologe Leonid Gosman sprach in einer Videoschalte der Internetplattform des Radiosenders von einem «echten Hass» des Machtapparats gegen Serebrennikow. «Das ist ein Regime, das gegen alles Lebendige, gegen alles Talentierte ist.» (aeg/sda/dpa)
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