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Die Kastration ist eine Entscheidung, die die Hundehalter spaltet. Während die einen sie als Allheilmittel bei verschiedenen Problemen sehen, kommt sie für die anderen überhaupt nicht infrage. Oft basiert das Wissen über die Kastrationsfolgen auf veralteten Studien oder entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Da die Operation nicht reversibel ist, sollte man sich im Vorfeld gut informieren, um hinterher keine bösen Überraschungen zu erleben. Im Folgenden schauen wir uns medizinische Gründe und auch Verhaltensindikationen für und gegen eine Kastration genauer an.
Text: Sophie Strodtbeck
In der von Gabriele Niepel durchgeführten «Bielefelder Kastrationsstudie» wurden bei der Hündin medizinische Indikationen mit 81 % als häufigster Grund für diesen Eingriff angegeben (Niepel, 2007). Danach folgen sogenannte Haltergründe mit 64 %, und Verhaltensprobleme machen bei der Hündin im Gegensatz zum Rüden gerade mal 14 % aus (Mehrfachnennungen waren möglich). Medizinische Gründe für die Kastration der Hündin sind die Prophylaxe von Gebärmutterentzündungen, Gesäugetumoren und Problemen, die im Zusammenhang mit der Scheinträchtigkeit auftreten können. Korrekterweise müsste die Scheinträchtigkeit als Scheinmutterschaft bezeichnet werden, da die Welpen ja schon da wären, wenn die Hündin Milch gibt und Wurfhöhlen in den Golfrasen buddelt.
Gesäugetumore
Bei Hündinnen rangieren die Mammatumoren unter den Tumorerkrankungen unbestritten relativ weit vorne. Je nach Studie sind 0,2 bis 1,8 % aller Hündinnen im Laufe ihres Lebens betroffen. Aber stellt dies einen Grund für eine (Früh-)Kastration dar? Eine «topaktuelle » Studie aus dem Jahre 1969 hat gezeigt, dass das Mammatumor-Risiko bei einer Kastration vor der ersten Läufigkeit gegenüber unkastrierten Hündinnen um 80 % sinkt, danach um 25 % und bei einer Kastration nach der zweiten Läufigkeit keine Auswirkung mehr auf die Entstehung von Mammatumoren besteht. 80 % klingt viel, aber diese relative Zahl lässt sich eben nur beurteilen, wenn man die absoluten Zahlen kennt. Bezogen auf die 0,2 bis 1,8 % aller Hündinnen, die irgendwann einen Mammatumor bekommen, bedeutet das, dass früh kastrierte Hündinnen ein Risiko von 0,001 bis 0,009 % für eine Mammatumorerkrankung haben, nach der ersten Läufigkeit kastrierte ein Risiko von 0,016 bis 0,15 %, während bei später kastrierten eine Wahrscheinlichkeit von 0,05 bis 0,5 % besteht. Bei diesen Zahlen darf man sich sehr wohl fragen, ob die Prophylaxe als alleiniger Grund tatsächlich eine solche Operation rechtfertigt. Bei Frauen kommt auch keiner auf die Idee, sie kastrieren zu lassen, um die Entstehung von Mammatumoren einzudämmen…
Dazu kommt eine aktuelle Arbeit, in der verschiedene Studien zum Zusammenhang zwischen dem Mammatumorrisiko der Hündin und der Kastration ausgewertet wurden. Sie zeigte, dass von den dreizehn existierenden Arbeiten neun nicht beurteilbar waren, weil sie methodische Fehler hatten. Von den verbleibenden vier Arbeiten zeigte nur die genannte einen deutlich positiven Effekt, eine einen minimalen positiven Effekt, und zwei Arbeiten zeigten überhaupt keinen Einfluss auf die Entstehung von Mammatumoren. Dafür gibt es Arbeiten, die im Gegensatz zur Kastration nebenwirkungsfreie Prophylaxemassnahmen gegen den Mammatumor gezeigt haben: Dazu gehört der Verzicht auf allzu proteinhaltige Ernährung, der Verzicht auf hormonelle Läufigkeitsunterdrückung, sowie ein gutes Gewichtsmanagement, vor allem im ersten Lebensjahr, denn bei Hündinnen, die bereits im Alter von neun bis zwölf Monaten übergewichtig sind, ändert auch eine Kastration nichts am Tumorrisiko.
Lesen Sie den ganzen Artikel von Sophie Strodtbeck im Schweizer Hunde Magazin 4/2015.