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Etel Adnans Malereien sind wie ihre Gedichte: oft klein, aber dicht und unumwunden. Keine Farbe überlappt die andere, die abstrakten Landschaften sind fein ausbalancierte Architekturen, sodass man am liebsten in ihnen leben würde. Als ich vor Jahren das erste Mal in einer Ausstellung von Etel Adnan war, wusste ich nichts über sie. Zeitgenössische Malerei interessierte mich selten, weil ich sie als apolitisch empfand. Zwischen Adnans Malereien jedoch hatte ich plötzlich das Gefühl, von den Farben und Formen bestrahlt zu werden, mein Blick öffnete sich in andere mögliche Welten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Seit dieser Initiation bangte ich darum, dass die Frau hinter diesen Bildern doch noch lange leben, erzählen, malen und schreiben möge.
Mit «befreiter» Hand
Ihr 96 Jahre langes Leben war ein hellwaches und alles andere als apolitisch. In Interviews und öffentlichen Auftritten wird klar, dass sie nicht obwohl, sondern gerade weil sie eine involvierte Zeitgenossin war, solch lebensbejahende Kunst geschaffen hat. Adnan war gleichermassen Schriftstellerin, Dichterin und Beobachterin des Weltgeschehens, wie sie eine grosse visuelle Künstlerin war. 1925 in Beirut als Tochter eines muslimischen Syrers und einer christlichen Griechin geboren, sprach sie schon als Kind vier Sprachen: zu Hause Türkisch und Griechisch, auf der Strasse Arabisch und in der Schule Französisch.
Ihre Sprachbegabung brachte sie als Stipendiatin an die Sorbonne in Paris. Mit dem Ausbruch des Algerienkriegs verliess sie Frankreich, angewidert von der Kolonialmacht, die während ihrer Kindheit auch den Libanon mandatiert hatte. Sie studierte im kalifornischen Berkeley weiter, wo sie später Kunstgeschichte unterrichten würde. Es war ihre Vorgesetzte, die «ihre Hand befreit» und sie dazu animiert habe, selbst zu malen. Bis dahin hatte die Überzeugung ihrer Mutter, sie sei zu ungelenk dafür, sie immer am Malen gehindert.
1972 kehrte Etel Adnan nach Beirut zurück, arbeitete als politische Journalistin und erlebte ab 1975 die ersten beiden Jahre des fünfzehnjährigen Bürgerkriegs mit, den sie in verschiedenen Texten verarbeitete. Es ist fast unheimlich, wie Adnans Beschreibungen Beiruts in den 1970ern mit der aktuellen Krise im Libanon korrespondieren. «Die Leben der Leute barsten wie die Gebäude», erinnert sie sich in «Sturm ohne Wind» an den Kriegsausbruch. Für ihren Kriegsroman «Sitt Marie-Rose», in dem sich eine arabische Christin für die Rechte palästinensischer Frauen einsetzt und dafür von christlichen Milizen ermordet wird, erhielt Adnan Ende der Siebziger Morddrohungen. Sie zählt seit diesem Werk aber auch als Grande Dame der arabischen Literatur.
Ihre Malerei wurde spät bekannt, dafür breit und international, bahnbrechend wirkte ihre Ausstellung auf der Documenta 2012 in Kassel. Damals war sie bereits 87 Jahre alt.
Beständige Rebellion
Zu Hause fühlte sich Adnan immer zwischen Kulturen, Sprachen und Kontinenten, was ihren Blick auf die Wirren der arabischen Region schärfte. Dichtung und Schreiben galten ihr als beständige Rebellion, Kunst als Quelle von Vitalität. Immer wenn sie beim Malen stecken blieb, malte sie ein rotes Quadrat, weil ihr die Farbe einen Energieschub verlieh. «Die Macht der Kunst (…) bleibt bedrohlich», schrieb sie.
Wie ich in jener Ausstellung Adnans hatte auch sie als junge Frau eine Offenbarung. Die Skulptur der Nike von Samothrake im Louvre hatte in ihr eine Leidenschaft entfacht, die ihr den Schlaf raubte. Liebe sei das Wichtigste, aber auch Gefährlichste, das einem widerfahren könne. Und Kunst hatte für Adnan viel mit Liebe zu tun, zum Beispiel ihrer Liebe zum Mount Tamalpais, ihrem zentralen Motiv über Jahre. «Auch wenn die Dinge schlecht stehen, müssen wir glücklich bleiben. Es ist ein widerständiger Akt, glücklich zu sein.» Kunst als Politik auf Samtpfoten also. Zurück lässt Adnan ihre Lebensgefährtin, die Künstlerin Simone Fattal.