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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Sechstes Buch
12. In falscher Weise versteht Hieracas den Sohn als „Licht vom Licht”. Wie es die Kirche versteht.
Denn es folgt: „auch nicht wie Hieracas, als Licht vom Licht, oder als zweigeteilte Fackel; auch nicht so, als sei derjenige, der vorher Dasein hatte, nachher geboren oder erschaffen und mit Sohneseigenschaft überkleidet worden”. Hieracas weiß nichts von der Geburt des Eingeborenen, hat auch nicht die wundermächtige Lehre der evangelischen Geheimnisse sich zu eigen gemacht. Er hat gelehrt, es gebe zwei Lichter von einer Leuchte, um die Zweiteilung der Lichter dem (zwei persönlichen Besitz des) Wesen(s) des Vaters und des Sohnes gleichzustellen, die aus dem Ölbehälter eines Leuchters zum Licht entzündet wird, als ob es einen [S. 276] außerhalb vorhandenen Wesensstoff gebe, wie das Öl in der Leuchte, das die Wesensart beider Lichter in sich schließt; oder wie eine Fackel, die, mit einem einzigen Docht umwickelt, an beiden Enden leuchtet, wobei der in der Mitte vorhandene Brennstoff das Licht aus sich aufstrahlen läßt. Eine solche Deutung hat das Irren menschlicher Torheit hineingetragen, indem sie ihre Weisheit mehr aus sich als aus Gott schöpft.
Dies aber ist das Bekenntnis des wahren Glaubens, daß Gott aus Gott in der Weise wie Licht vom Licht geboren sei, daß er ohne Verlust für sich selbst sein Wesen weitergegeben habe, um zu geben, was er besitzt, und zu besitzen, was er gab, und um als das geboren zu werden, was er ist (nämlich als Gott); denn er ist nicht als etwas (Wesens) anderes geboren worden, als was er ist; der Geborene hat angenommen, was schon war, und nicht weggenommen, was er annahm. Beide sind eins; denn aus dem (seienden Wesen) heraus, das schon da ist, wird er geboren; und was geboren wird, erleidet das nicht von anderswoher und ist auch nicht etwas anderes. Denn es ist Licht vom Licht.
Um also die Erkenntnis dieses Glaubens umzubiegen, hat man die Fackel oder die Leuchte des Hieracas entgegengehalten, um gegen das Bekenntnis des Lichtes vom Lichte schweren Vorwurf erheben zu können, damit man nicht für rechtgläubige Lehre hielte, was als falschgläubige Fassung jetzt und vorher verworfen war. Laß ab, laß ab, ganz unberechtigte Irrlehrerfurcht, und gib dich nicht verlogenerweise so, als wolltest du mit deiner geheuchelt-besorgten Lehre den Glauben der Kirche schützen! In Gott gibt es nach unserer Lehre nichts Körperliches, nichts Lebloses: dasjenige, was Gott ist, das ist in seiner Ganzheit Gott. Nichts ist in ihm, es sei denn Kraft, es sei denn Leben, es sei denn Licht, es sei denn Seligkeit, es sei denn Geist. Fühllosen Stoff nimmt sein Wesen nicht auf; es besteht auch nicht aus unterscheidbaren Teilen, um Dauer haben zu können. Gott, sofern [S. 277] er Gott ist, hat dauerndes Dasein als das, was er ist; und der zeitlos-dauernde Gott hat Gott gezeugt. Sie werden nicht von einer äußerlich umgebenden Wirklichkeit eingeschlossen, wie Fackel und Fackel oder wie Leuchter und Leuchter. Die Geburt des eingeborenen Gottes aus Gott ist kein trennbares Aufeinanderfolgen, sondern ein Auseinander-hervorgehen; es ist kein Auseinander-nehmen (des einen aus dem anderen), sondern Licht vom Licht. Dem Wesen des Lichtes eignet Einheit, nicht aber ein Ausgedehnt-werden, das auf Grund von (äußerlicher) Verbundenheit möglich wäre.