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Reliquiare des heiligen Benedikt von Nursia und des heiligen Flavianus
Reliquiare des hl. Benedikt von Nursia (li) und Flavianus (re). Vormals im Besitz des Kapuzinerklosters Stans, 17/18. Jh., 88x61x30 cm, NM 12733.1/2
Reliquiare des heiligen Benedikt von Nursia (links) und Flavianus (rechts). Vormals im Besitz des Kapuzinerklosters Stans, 17/18. Jh., 88x61x30 cm, NM 12733.1/2
Die beiden Reliquiare mit den Reliquien des heiligen Benedikt von Nursia und des heiligen Flavianus gehören zweifellos zu den aufsehenerregendsten Objekten in der Sammlung des Nidwaldner Museums. Sie befinden sich seit der Räumung des Kapuzinerklosters Stans im Jahr 2009 im Besitz des Museums. Sie werden als Teil der Präsentation ausgewählter Werke der Sammlung ab Juli 2014 im Winkelriedhaus gezeigt.
Einblick Schaukasten
Bei den beiden Reliquiaren handelt es sich vom Typus her um sogenannte „Schaureliquiare“, da sie auf der Frontseite eine Glasscheibe haben, durch die man die darin aufbewahrten Reliquien sehen kann. Die Reliquiare sind aus Holz gefertigt und auf der Vorderseite schmückt sie ein Blech mit barocker Verzierung. Die Reliquiare sind an zwei Stellen mit einem Authentizitätssiegel aus Wachs und einem Seidenband versiegelt. Das Innere ist jeweils durch einen roten Stoff, vermutlich Samt, ausgekleidet. Auf dem gerafften Stoff steht in beiden Reliquiaren mittig ein aus rotem Stoff bestehendes Kissen, welches mit goldenen Kordeln an den vier Ecken und einer goldenen Bordüre geschmückt ist. Auf beiden Kissen befindet sich ein in einen weissen Stoff, vermutlich Seide, gepackter Schädel mit Goldkrone. Auf dem weissen Stoff sind die Augen- und Nasenhöhlen, sowie die Mundpartien und die Augenbrauen durch Borten hervorgehoben. Der Stoff ist zusätzlich an verschiedenen Stellen mit roten und weissen Glasperlen geschmückt, wobei die Stirnpartie durch ein mit Glasperlen besetztes rotes Kreuz besonders heraussticht. Hinter dem Goldkranz befindet sich ein halbdursichtig dargestellter Heiligenschein. Unter dem Kissen ist jeweils mittig ein roter Stoff mit goldenen Bordüren angebracht, auf dem jeweils die Namen S. Benedicti und S. Flavianus mit Grossbuchstaben und Kapitälchen eingestickt sind.
Die beiden Reliquiare stammen aus dem 17./18. Jahrhundert. Möglicherweise wurden zu dieser Zeit die beiden Reliquien in der heutigen Form zusammengestellt. Die Verzierung der Bleche, der halbdursichtige Heiligenschein, sowie der Kontrast zwischen weissem Seidenstoff und rotem Samt sind typische Stilelemente des Barocks.
Gegenstand und Glaube
Als Reliquien im engeren Sinn bezeichnet man irdische und körperliche Überreste von Heiligen, die von Gläubigen verehrt werden und von der Kirche als solche anerkannt sind. Als Reliquien im weiteren Sinn werden alle möglichen Gegenstände bezeichnet, die mit dem Leichnam, dem Grab, dem Gewand, dem Leichentuch, der Reliquienhülle oder sonst einem Andenken des Heiligen in Berührung gekommen sind. Solche Reliquien sind auch als „Berührungsreliquien„ bekannt. Die Ursprünge der christlichen Reliquienverehrung gehen auf das 2. Jahrhundert zurück, als bei den Gläubigen das Verlangen aufkam, den verstorbenen Heiligen körperlich nahe zu sein. Dieser Wunsch wurzelt im Glauben, dass die von Gott verliehene Kraft und Gnade über den Tod des Heiligen hinaus in seinen irdischen Überresten erhalten bleibt, da man die im Himmel weilende Seele des Heiligen mit ihrem Leib auf Erden verbunden glaubte. Durch die körperliche Nähe zu einer Reliquie erhofften sich die Gläubigen diese Kraft zu erfahren, von der man sich zum Teil auch heilende, oder „das Böse abwehrende“ Wirkung versprach. Dies führte dazu, dass die Reliquien zu einem begehrten Gut wurden, sodass die sterblichen Überreste der Heiligen in viele Stücke zerteilt und unter verschiedene Kirchen und Kapellen verteilt wurden. Zeitweise entstand ein regelrechter Reliquienhandel, da die Reliquien den Kirchen einen regen Pilger- und damit auch Geldstrom bescherten.
Diese Reliquien, die Bandbreite reicht von Knochenfragmenten bis zu ganzen Skeletten, wurden in speziell dafür geschaffenen oder umfunktionierten Behältnissen, den sogenannten Reliquiaren, aufbewahrt. Um die Echtheit der Reliquien zu garantieren, wurden die Reliquiare in der Regel mit Pech verklebt und vom Bischof mit einem Authentizitätssiegel verschlossen. Die Reliquienverbreitung nahm seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zu, als man in Rom die Katakomben wiedereröffnete, in denen viele frühchristliche Leiber beerdigt waren. Darunter vermutete man auch die Überreste von Heiligen und Märtyrern. Zu Hunderten fanden solche „Katakombenheilige“ in der Zeit zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert ihren Weg über Italien in die Schweiz.
Die Reliquien des heiligen Benedikt von Nursia und des heiligen Flavianus
Das Reliquiar mit der Aufschrift „S Benedicti“, NM 12733.1, beinhaltet eine Reliquie des heiligen Benedikt von Nursia, dem Begründer des Benediktinerordens. Der Schädel selbst stammt aus den Katakomben in Rom und kann nicht zugeschrieben werden. Die eigentliche Reliquie ist am Schädel oder im Inneren des Schädels angebracht und kann verschieden gross sein. Es könnte sich um einen Knochensplitter handeln.
Benedikt von Nursia kam um 480 in Nursia bei Perugia auf die Welt. Als Sohn reicher Eltern wurde er nach Rom geschickt, dort nahm er sein Studium auf. Die Sittenlosigkeit seiner Mitstudenten befremdete ihn, er zog sich bei Enfide in die Berge zurück und lebte zusammen mit einer Gruppe Einsiedler. Nach einer Weile zog er sich bei Subiaco, östlich von Rom gelegen, in eine Höhle zurück. 529 Gründete Benedikt auf dem Monte Cassino bei Neapel das erste Kloster, das er nach der selbst verfassten Benediktinerregel führte. Dem heiligen Benedikt werden Heilungen, sowie Totenerweckungen nachgesagt. Er wird von der Katholischen, der Orthodoxen und der Armenischen Kirche als Heiliger verehrt und gilt als Schutzpatron der Schulkinder und Lehrer, der Bergleute und Höhlenforscher, der Kupferschmiede und der Sterbenden.
Genauere Angaben zur Reliquie des heiligen Flavianus NM 12733.2 fehlen uns derzeit, sodass wir nicht mit Sicherheit sagen können, um welchen Heiligen es sich hierbei genau handelt.
Der Weg vom Kloster in die Sammlung des Nidwaldner Museums
Am 6. Februar 1635 wurden die dem Stanser Konvent freundschaftlich gesinnten Mönche der Abtei Engelberg in die Schweizerische Kapuzinerprovinz aufgenommen und damit zu „Ehrenkapuzinern“. 1643 gewährte der Generalminister des Kapuzinerordens, P. Johannes von Moncalieri, mit einem Brief über die Stanser Kapuziner dem Abt und den Mönchen zu Engelberg deren Anschluss –Affiliation – an den Gesamtorden der Minderen Brüder Kapuziner. Vermutlich aus Dank erhielten daraufhin die Kapuziner in Stans von den benediktinischen Mönchen des Klosters Engelberg die Reliquie des heiligen Benedikt von Nursia.
Nach der Auflösung des Stanser Konvents der Kapuziner im Jahre 2004, wurden die Kunst-, Kultur-, und Kultusgüter des Klosters im Auftrag des Provinzialministers inventarisiert. Der Provinzarchivar Christian Schweizer, Hansjakob Achermann (Staatsarchivar), Bruno Fäh (Klostervikar) und der damals als Vorsteher des Amtes für Kultur des Kantons Nidwalden tätige Lukas Vogel wurden mit dieser Aufgabe betraut. Die beiden Reliquiare wurden als Teil dieser Besitztümer 2009 dem Nidwaldner Museum übergeben.
Autor: Miodrag Roncevic, 2014