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Unterwegs mit Martin
«Ein bisschen so wie Martin möcht’ ich manchmal sein …», singen die Kinder zum Auftakt der Religionsstunde, welche die Medien anlässlich der Präsentation des neuen ökumenischen Lehrplans für den Religionsunterricht an der Primarschule Basel-Stadt besuchen. Nach dem musikalischen Auftakt widmen sich die Buben und Mädchen den Arbeitsblättern. Es geht dabei um die Begriffe, die mit der wohl bekanntesten Szene im Leben des heiligen Martin verbunden sind: weisses Pferd, roter Mantel, Bettler, Schwert. Vor dem Stadttor von Amiens in Gallien gibt der römische Soldat Martinus eine Hälfte seines Mantels einem frierenden Bettler.
Lieder, die sich auf den heiligen Martin beziehen, hört man um den 11. November nicht nur in Schulzimmern. Sie begleiten die Umzüge mit Laternen, die schon für die Allerkleinsten im Tagesheim zu den fixen Punkten im Jahresprogramm gehören. Dieses Ritual, das in der Deutschschweiz als Räbeliechtli-Umzug bekannt ist, nimmt Bezug auf die Lichterprozession, in der Martins Leichnam mit einem Boot nach Tours überführt worden ist.
Als Martin am 8. November 397 als vermutlich 80-Jähriger starb, hatte er ein ebenso langes wie bewegtes Leben hinter sich. Seine Stationen illustrieren die beträchtliche Mobilität, die ein Dasein in der Spätantike haben konnte. Geboren im heutigen Ungarn, eine Jugend in Pavia, ein Vierteljahrhundert unterwegs als Soldat des Römischen Imperiums, nach dem Militärdienst Rückzug in eine Einsiedelei bei Genua, 361 Gründer des ältesten Klosters des Abendlandes in Gallien, 371 die Wahl zum Bischof von Tours.
Die Geschichte des heiligen Martin ist ein Paradebeispiel christlicher Nächstenliebe, aber auch eines Lebens in einer Zeit des Umbruchs. Das Christentum wandelte sich innerhalb eines knappen Jahrhunderts von einer religiösen Überzeugung einer verfolgten Minderheit über die Zwischenschritte der Duldung und Privilegierung zur offiziellen Staatsreligion. Diese Entwicklung hatte Folgen für beide Seiten, Staat und Religion, und spielte im Jahr 371 auch bei der Bischofswahl in Tours eine Rolle.
Die Spitzen des gesellschaftlichen und politischen Establishments beanspruchten nun auch kirchliche Ämter für sich. Während die Bischöfe, die nun zunehmend aus der Aristokratie stammten und in der Politik mitmischten, Martin ablehnten, sprach sich jedoch das Volk für ihn aus und setzte sich schliesslich durch.
Regula Vogt-Kohler