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Roter Turm (einst Swisscom-Hochhaus)
Roter Turm (Hochhaus)
Theaterstr. 17
8400 Winterthur
Das durch die Architekten Burkhard und Meyer, Baden im Auftrag der Swisscom erbaute zweite Winterthurer Hochhaus wurde 2000 in Betrieb genommen. Der Baubewilligung ging ein langer politischer Kampf voraus, der schliesslich zu einer Umzonungsinitiative mündete. Nach derer Ablehnung durch den Souverän und nach Zufriedenstellung von einzelnen direkten Anwohnern stand der Realisierung nichts mehr im Wege.
Für den Bau eines neuen Dienstleistungs- und Verwaltungszentrums erwerben die Swisscom AG und die Bellevue Bau AG 1991 das ehemalige Volg-Areal an der Theaterstrasse. Die Genossenschaft Volg hatte an dieser Stelle Lager- und Betriebsgebäude. Winterthurerinnen und Winterthurer erinnern sich daran, dass hier die Kartoffelernte gewaschen wurde. Vorgesehen ist, dass die Swisscom rund drei Viertel der Flächen belegt, weitere Flächen sollen vermietet werden.
Ende der 90er Jahre wurde in Winterthur intensiv über Architektur diskutiert, ausgelöst auch durch die 1989 vorgestellten Pläne der zukünftigen Veränderungen auf dem Sulzerareal. Unter dem Aspekt der öffentlich geführten Debatte wurde für dieses Projekt ein Wettbewerb auf Einladung durchgeführt und das Projekt der Badener Urs Burkhard Adrian Meyer und Partner mit dem Kennwort „Horizontal-Vertikal“ geht als Sieger hervor. Der Entwurf sieht einen mäanderartigen Baukörper vor, der sich über das Areal schlängelt, die Geometrie der heutigen Bauten aufnehmend und der sich am Ende zu einem 90 Meter hohen Turm in die Vertikale entwickelt. Durch den Mäander entsteht eine Abfolge von Aussenräumen, die den Baukörper in die Umgebung einbinden. Das Hochhaus setzt einen starken städtebaulichen Akzent in die Stadtlandschaft und kontrastiert an dieser Stelle die grosse offene Fläche des Bahndreiecks.
Der Jurybericht des Wettbewerbs würdigt das Projekt als in sich geschlossenes Stadtquartier, das das Gleisdreieck zusammen mit Volg-Banane und Kantonsspital räumlich neu definiert. Das Hochhaus ist ein Zeichen für den Abschluss des Gleiskorridors im Osten und unterstützt die Gedanken des Leiterkonzepts.
Der Entscheid der Jury für ein Hochhaus setzt eine alte Diskussion über Hochhäuser wieder in Gang. Winterthur hatte lange Zeit in der Schweiz die Nase vorne in der Frage der Hochhäuser. Bis 2002 war das 1966 erbaute – und auch damals schon intensiv diskutierte – Sulzer Hochhaus mit 92 Metern das höchste Gebäude der Schweiz, der Rote Turm lag mit 89 Metern Höhe knapp darunter. Mit der Fertigstellung Ende 1999 hat sich das Stadtbild deutlich verändert, das neue Hochhaus ist immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln sehr präsent im Stadtraum und prägt diesen. Im Gegensatz jedoch zum Sulzer-Hochhaus präsentiert sich der Rote Turm aus jedem Blickwinkel mit einem anderen Gesicht.
Das 1996 gegründete Forum Architektur Winterthur schreibt im Rahmen der Ausstellung „Winterthur bewegt sich – Heimat und Stadtveränderung“ von 1997 zum Projekt:
„Das Hochhaus ist ein starkes Stück. Es ist hoch und ragt heraus aus der Masse. Es ist sichtbar, auffällig. Es wird bewundert oder kritisiert. Kaum jemand, der sich mit Winterthur und seiner Entwicklung auseinandersetzt, kann das Telecom-Hochhaus ignorieren.“
Die geführte öffentliche Diskussion führt auch dazu, dass sich die Bauherrschaft dazu entschliesst, die Bar im obersten Stockwerk des Turms als öffentlich zugänglichen Ort einzurichten, womit das Gebäude für die Stadtbewohnerinnen und –Bewohner erlebbar wird und die Akzeptanz höher ist.
Bevor der Spatenstich erfolgen kann, sind einige Hürden zu nehmen. Zahlreiche Rekurse gehen zum Baugesuch ein und nach einer an der Urne abgelehnten Volksinitiative „zur Erhaltung der Stadtsilhoutte“ zog auch der letzte Rekurrent 1996 seine staatsrechtliche Beschwerde zurück.
Schon während dem Bau des Hochhauses hatte sich die Belegung durch die Swisscom auf rund die Hälfte der Fläche und noch im selben Jahr auf 20% reduziert und die Winterthur Versicherung hatte zusammen mit ihrer Muttergesellschaft Credit Suisse die übrigen Flächen gemietet. So wurde noch vor dem Bezug der Name Swisscom-Hochhaus obsolet. Während das Hochhaus Ende 1999 fertiggestellt wurde, wurde erst dann mit dem Bau des Mäanders begonnen.
Die Volumen sind mit Backsteinen verkleidet und nehmen so eine für das Winterthur des frühen 20. Jahrhunderts typische Bauweise auf. Die Fassadenverkleidung mit Backsteinen erzeugt eine starke monolitische und plastische Wirkung und verankert das Gebäude in der Erde. Die präzise geschnittenen verglasten Flächen gliedern den Baukörper. Das Projekt ist im Wettbewerb ein bewusster Gegenpol zur in der Zeit üblichen High-Tech-Architektur verglaster Türme.
Das Hochhaus orientiert sich zum Gleisfeld hin, die vorgelagerten Kastenfenster bilden eine Art grossen Erker zu den Geleisen hin während die Fenster auf den übrigen Seiten mit fassadenbündigen Bänder ausgebildet werden. Sämtliche Fensterkonstruktionen sind als Kastenfenster ausgebildet, die einerseits den Lärm abhalten, andererseits den Winddruck bremsen, damit dahinter gelüftet werden kann. Im Grundriss besitzt der Turm ein inneres Rückgrat, die Büroräume sind ringsherum organisiert.
Adrian Meyer beschreibt zwei gegenläufige Bewegungen, die den Turm bestimmen: „Die eine zeigt, wie er aus seinem eigenen Sockel wächst, nach oben an Dimension verliert und gegen den Himmel mit einem kräftigen Antennenmast abschliesst. Umgekehrt kann man die Komposition aus lesen als ein nach unten zunehmendes Abtragen von Lasten, als Kaskade von Kräften, die auf die Stadt zurückfallen und so das Haus in ihr und im Terrain verankern.“
Die gesamte Materialisierung ist sehr einfach gehalten und es werden „rohe“ Materialien eingesetzt. Die Backsteinfassaden, die als vorgefertigte Elemente gemauert und vor Ort präzise an die Fassade gesetzt werden. Die Fassaden sind durch die vorstehenden horizontalen Betonrippen strukturiert und ordnen die Fassadenabwicklung.
Quellen:
- Hochparterre 8/2000
- Katalog zur Ausstellung des Forum Architektur „Winterthur bewegt sich
– Heimat und Stadtveränderung“ 21.2.-6.3.1997
- Adrian Meyer: Stadt und Architektur – Ein Geflecht aus Geschichte, Erinnerung, - Theorie und Praxis. 2003.
Text: Markus Bellwald