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Im Zuge der sogenannten Globalisierung ist immer wieder die Rede von einem Bedeutungsverlust des Nationalstaates. In der Tat lässt sich im 20. Jahrhundert eine bemerkenswerte Verschiebung der Problemlagen auf die transnationale Ebene feststellen. Aussenpolitisch haben dabei, so heisst es in der Einleitung, vor allem die beiden Weltkriege, die verschiedenen Krisen im Rahmen des Kalten Krieges, die verschärfte Nord-Süd-Problematik und die daraus erwachsenen supranationalen Zusammenschlüsse sowie globale ökologische Krisen und die neuen Migrationen die offenkundigen Grenzen des Systems Nationalstaat und damit auch einer rein "inter-nationalen" Politik aufgezeigt.
In welcher Weise die westlichen Gesellschaften auf diese sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen und Infragestellungen des Nationalstaates reagierten, genauer wie diese Herausforderungen in den jeweiligen Öffentlichkeiten wahrgenommen wurden und in welcher Weise sie das Selbstverständnis und die Identität der Gesellschaften veränderten, stellt die Ausgangsfrage dieses Sammelbandes dar. Innovativ an diesem Werk ist die Entfernung von der Ebene des Nationalstaates hin zu einer "transnationalen Gesellschaftsgeschichte". Kritisch anzumerken ist, dass die Auswahl der Beiträge eine etwas starke Konzentration auf den europäischen Raum bewirkt.
Die Beiträge sind nach den unterschiedlichen Ebenen und Strukturen von Transnationalität geordnet. Nach dem Beitrag von Kurt Imhof, der den begrifflichen Rahmen skizziert, wird das allgemeine Spannungsfeld der Entwicklung von Öffentlichkeiten und Identitäten zwischen den Polen von Nation, Europa und Welt aufgespannt. Dabei folgen die Beiträge in etwa einer chronologischen Anordnung, indem zunächst Rudolf Stichweh für die Öffentlichkeit und Bernhard Giesen zur Entstehung europäischer Identitäten einen diachronen Längsschnitt präsentieren, gefolgt von einer Spezifizierung dieser Identitäten im 19. Und 20. Jahrhundert, wie sie der Beitrag von Hartmut Kaelble vornimmt. Die Texte von Martin Kohli und Jürgen Gerhards nehmen dann die Entwicklung europäischer Identitäten und Öffentlichkeiten in den letzten Jahrzehnten vor dem Hintergrund der Herausbildung des supranationalen Zentrums der EU in den Blick, während Peter Niedermüller diese Befunde in der Perspektive Ostmitteleuropas konfrontiert und kontrastiert.
Der zweite Teilabschnitt konzentriert sich auf spezifische transnationale Räume und insgesamt eher nur gering instiutionalisierte Transfers zwischen sozialen Gruppen und Bewegungen. Dabei geht es ebenfalls in weitgehend chronologischer Orientierung zunächst um sehr unterschiedliche Formen und Probleme von Migration - Wissenschaftler im Exil (Martin Kirsch), die chinesische Diaspora in Südostasien (Dominic Sachsmaier) und schliesslich die mit Migration verbundenen Fragen der Staatsangehörigkeit und Staatsbürgerschaft (Mathias Bös). Die folgenden drei Beiträge beschäftigen sich darauf aufbauend mit transnationalen sozialen Bewegungen, beginnend mit der stärker institutionalisierten internationalen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg (Susan Zimmermann), gefolgt von den eher lockeren transnationalen Strukturen der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre (Ingrid Gilcher-Holtrey) und abgeschlossen durch eine umfassende Analyse des unterschiedlich institutionalisierten Grades an Transnationalität in den Öffentlichkeiten und Identitäten bei den neuen sozialen Bewegungen mit Rückblicken auf das 20.Jahrhundert und Ausblicken auf die kommenden Jahrzehnte (Dieter Rucht).
Diesen Transferformen von sozialen Gruppen und Bewegungen stehen in einem letzten Abschnitt dann die stärker institutionalisierten Nichtregierungsorganisationen auf europäischer (Thomas Fetzer) und - anhand der Menschenrechtsinstitutionen - auf globaler Ebene gegenüber (Hans Peter Schmitz). Der Beitrag von Alexander Schmidt-Gernig zum Expertennetzwerk der Zukunftsforscher ist dagegen gewissermassen zwischen beiden Ebenen angesiedelt, indem er zeigt, dass die institutionellen Strukturen der Zukunftsforschung eher national blieben, die transnationale Ebene aber vor allem deshalb von ausserordentlicher Bedeutung war, weil hier gemeinsame Leitbilder und wissenschaftliche Paradigmen strukturbildend wirksam wurden.