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Mongolisches Bildungsministerium holt Inspiration im Knonauer Amt
Vom 20. bis am 27. Mai besuchte eine Delegation des mongolischen Bildungsministeriums diverse Schulen im Kanton Zürich und in der Zentralschweiz. Rolf Keller berät bei der Neuausrichtung von mongolischen Schulen.
Von: Regula Zellweger
Rolf Keller hat jahrelange Erfahrung in der Beurteilung von Schulen. Aber wahrscheinlich hatte er noch selten solch interessierte und wissbegierige Zuhörerinnen. Die Delegation, bestehend aus der Staatssekretärin, drei Schuldirektorinnen und einer Übersetzerin, hörten genau zu und stellten laufend Fragen, um die Aussagen präzise zu verstehen.
Doch wie kommt es, dass fünf Damen aus der Mongolei im Knonauer Amt zu Gast sind? Rolf Keller lernte per Zufall eine Frau kennen, die sich für die Schulen in der Mongolei engagiert. Neugierig geworden, bereiste er das Land zwei Mal als Tourist, und weitere drei Male in beratender Funktion. Braucht die Mongolei betreffend Bildung die Beratung aus der Schweiz? Dies bejaht Rolf Keller, meint aber bescheiden und respektvoll: «Es geht nicht darum, einer anderen Kultur unser Bildungssystem überzustülpen. Ich möchte die Besucherinnen hautnah erleben lassen, wie wir versuchen, unsere Schule zu optimieren und wie wir mit Problemen umgehen.»
Beobachten, vergleichen, Schlüsse ziehen
Um die Bedürfnisse der Delegation zu verstehen, muss man einiges aus der Geschichte wissen. Die Mongolei, zwischen Russland und China gelegen, gehört zu den menschenleersten Gebieten auf der ganzen Welt. Nur rund 3.3 Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche, die fünf Mal grösser ist als Deutschland, zusammen mit über 60 Millionen Pferden, Ziegen, Schafen, Yaks und Kamelen. Die wechselhafte Geschichte der Mongolei reicht vom sagenhaften Grossreich des Dschingis Khan über den Kommunismus, als das Land politisch, militärisch und wirtschaftlich völlig von der Sowjetunion abhängig war, bis in die Gegenwart. Im Zuge der Revolutionen im Jahr 1989 vollzog das Land den friedlichen Übergang zu einem demokratisch-parlamentarischen Regierungssystem.
Bis in die 1980er Jahre studierten viele Mongolen in der Sowjetunion, der DDR oder in anderen Staaten des Ostblocks. Heute orientiert man sich nach Ostasien, Europa und Nordamerika. Waren die Mongolen aufgrund der Bodenbeschaffenheit über Jahrhunderte Nomaden, so haben sie es heute geschafft, eine der höchsten Alphabetisierungsraten der Welt zu erreichen: 97,8 Prozent der Einwohner können lesen und schreiben.
Vielfältiges Programm
Der erste Anlass der mongolischen Delegation am vergangenen Sonntag bestand aus einem Referat von Rolf Keller und einem Besuch auf der Rigi. Während Rolf Keller das Bildungssystem erklärte, wurde viel gefragt. Man wollte es genau wissen. Staunen löste der Föderalismus in der Schweiz aus. Haben wirklich nicht alle Kantone den gleichen Schulbeginn und die gleichen Feriendaten? Wie weit geht die Freiheit bei der Wahl der Lehrmittel? Rolf Keller konnte alle Fragen differenziert beantworten und bestimmt wissen die Damen aus der Mongolei jetzt mehr über das Bildungssystem als die meisten Schweizer.
Ein weiteres Thema war der Lehrplan 21. und die Möglichkeiten von dessen lokaler Auslegung. Die Staatssekretärin betonte, dass eine neue Gesetzgebung betreffend Bildungssystem anstehe, deshalb orientiert sie sich intensiv im Ausland.
Der erste Eindruck der Besucherinnen am Sonntagmorgen: «Es ist so ruhig und friedlich hier.» In der Mongolei sind beispielsweise Einkaufszentren sonntags geöffnet. Wie werden sie wohl auf ihrem Heimflug denken? Sie bewältigten ein dichtes Programm in dieser Woche. Am Montag besuchten sie die Sekundarschule in Bonstetten und am Dienstag die Primarschule in Knonau. Am Mittwoch folgte ein Besuch bei der Primarschule in Horgen, am Donnerstag bei der Primarschule Seewen. Am Freitag rundet der Besuch an der Pädagogischen Hochschule Zug die Schulbesuche ab und ein Besuch der Höllgrotten in Baar erlaubte einen weiteren Einblick in das Tourismusland Schweiz.
Besuch in Bonstetten
Beate Kuhnt, Schulleiterin der Sekundarschule Bonstetten, erzählt: «Die Damen vom Bildungsministerium waren sehr interessiert und haben viele Fragen gestellt.» Sie erklärte den Besucherinnen die Führung der Schule mit gewählter Schulpflege und professioneller Schulleitung und informierte über Stundenplan, Integration und Wahlfächer. «Sie haben sich sehr für die Wahlfächer und die Integration von Sonderschülern interessiert. Bemerkenswert fanden sie, dass unsere Schüler nach der 6. Klasse in A/B/C differenziert werden. Sie fanden, diese Klassifizierung könnte der Entwicklung schaden. Erstaunt waren sie über die hohe Lektionenzahl pro Woche.» In der Mongolei besuchen die Kinder 19 Lektionen. «Sie benötigen viel Zeit für Spiele, für Hobbys und Sport, generell um sich zu entwickeln», argumentierten die Mongolinnen. Beate Kuhnt fasste zusammen: «Begeistert waren die Frauen von der Selbstständigkeit der Schüler, wie sie in kleinen Gruppen Problemlösungen angingen und engagiert arbeiteten. Sie lobten die Englischstunde und zeigten sich beeindruckt von den Sportanlagen. Sie waren ausserordentlich dankbar für den Einblick und die Beantwortung ihrer Fragen. Sie haben viele neue Eindrücke gewonnen, die sie miteinander anschauen und diskutieren werden.»
Für die Kinder, hier und dort
Offen und ehrlich meinte Beate Kuhnt: «Die Frage, wie wir den Lehrpersonenmangel angehen würden – denn auch ihnen fehlen Lehrpersonen – konnten wir leider nicht gewinnbringend beantworten.» Die Ziele der Delegation, Input für die Qualitätsverbesserung des Schulmanagements und des Unterrichts sowie für die Optimierung der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen zu bekommen, ist mit dem abwechslungsreichen Programm – und mit ihrem eigenen Wissensdurst – bestimmt erreicht worden.
Ein Blick über den Tellerrand ist immer eine gute Strategie, eigene Kompetenzen zu erhöhen. Dies hat Keller in der Mongolei erfahren dürfen, dies werden auch die Besucherinnen aus der Mongolei bestätigen. Die Organisation des Besuches bedeutet viel Aufwand. Rolf Keller bringt es bescheiden auf den Punkt: «Kinder sollen von dem profitieren, was ich erfahren und gelernt habe.»