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Caroline Roeder
Zusammenfassung
William Goldings Lord
of the Flies (1954) ist eine düstere Vision vom menschlichen Miteinander.
Der Klassiker bedient sich des populären literarischen Insel-Motivs und
gestaltet die Robinsonade mit einer auf sich gestellten Kindergruppe aus.
Weniger bekannt ist, dass im Textkorpus der Kinder- und Jugendliteratur einige
Werke aus den 1930er und 1940er Jahren bereits ein vergleichbares Modell
inszenieren. Auch hier stehen Kindergruppen und deren selbst bestimmtes
Zusammenleben im Mittelpunkt. In einem vergleichbar kurzen zeitlichen Abstand
von nur gut zehn Jahren erschienen Henry Winterfelds Timpetill. Die Stadt ohne
Eltern (1937), A.S. Neills Die grüne
Wolke. Den Kindern von Summerhill erzählt (1938), Lisa Tetzners Die Kinder auf der Insel (1944) und Mira
Lobes Insu-Pu. Die Insel der verlorenen
Kinder (1948, dt. 1951). Die Frage stellt sich, warum dieses Modell der
Kindergruppe, die selbstständig agiert, so attraktiv für die KinderliteratInnen
dieser Jahre war?
Zu den genannten Titeln liegen seitens der einschlägigen Forschung schon
profunde Untersuchungen vor.
Dabei wurden Fragen zur
Kinderbande ebenso wie zur Gattungszugehörigkeit – und hier insbesondere zur
Robinsonade und Dystopie – in Augenschein genommen. Ebenso wäre der Komplex der
Exilliteratur zu nennen, dem die Werke von Winterfeld, Tetzner und Lobe zuzurechnen
sind.
Dagegen wird hier eine bisher weniger beachtete Perspektive eingenommen. Die genannten kinderliterarischen Texte werden in Bezug zu (reform-)pädagogischen Erziehungskonzepten gesetzt, die im Rahmen vor allem der Heimerziehung in diesem Zeitabschnitt diskutiert wurde. Ausgehend von diesen erzieherischen Diskursen, die in die Praxis der so genannten Kinderrepubliken umgesetzt wurden, stellt sich die Frage, inwieweit entsprechende Bezugnahmen bei den literarischen Werken vorliegen. Zu diesem neuen und komplexen Forschungsfeld, das als literarisches Erzählmodell Kinderrepublik tituliert wird, werden erste Überlegungen angestellt. Weiterführend werden auch die jüngeren Fortschreibungen ins Auge gefasst. So greift beispielsweise Andreas Schlüter mit Level 4. Die Stadt der Kinder (1994) das Thema wieder auf und wendet die zeitgeschichtlichen Bezüge, welche die Romane der 1930er Jahre aufwiesen, ins Medienkritische. Diese mediale Ausgestaltung des Motivs scheint auch für die Autorinnen und Autoren des beginnenden 21. Jahrhunderts attraktiv zu sein und kann – in einem Ausblick – bis in das Reich von Suzanne Collins' Panem verfolgt werden.