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Social Entrepreneurs sind die neuen HeldInnen der globalisierten Wirtschaft, weil sie soziales Engagement mit liberalem Denken verbinden. Sie werden nicht zufällig jetzt gerade gefeiert.
Als die elegante Dame vorige Woche einem etwas verwirrten Herrn Professor Doktor Klaus Schwab vorgestellt wurde, sagte dieser: «Ah. Ich habe Ihre Unterlagen gesehen. Fantastisch, was Sie machen.» Dann tat er, was er als Gründer und Direktor des World Economic Forums in diesen Tagen tausendmal mit einem schiefen, zahnlosen Lächeln tun wird: Er schüttelte eine Hand und ging weiter.
Die Dame war Christine Théodoloz-Walker, und sie war zusammen mit dem Unternehmer Markus Gander für einen Preis mit einem unaussprechlichen Namen nominiert, dem Swiss Social Entrepreneur of 2006. Zum zweiten Mal vergibt die von Klaus Schwab und seiner Frau Hilde gegründete Schwab Foundation for Social Entrepreneurship diese Auszeichnung für Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Umwelt, Arbeitslosigkeit, Integration oder fairer Handel. Der elastische und noch wenig bekannte Begriff bezeichnet die neuen HeldInnen der globalisierten Wirtschaft (der Preis wird inzwischen in 29 Ländern vergeben).
Diese SozialunternehmerInnen sollen über die gleichen Qualitäten verfügen wie KarrieremanagerInnen: Sie sollen charismatisch sein, innovativ, risikobereit, initiativ, und ihre Konzepte sollen überall auf der Welt anwendbar sein. In einem entscheidenden Punkt jedoch müssen sie sich von konventionellen ManagerInnen unterscheiden: Die Social Entrepreneurs sollen nicht nur erfolgreich sein (und nach Möglichkeit Profit machen), sondern auch Gutes tun. Sie sollen «den sozialen Nutzen maximieren», wie die Stiftung betont, und zeigen, dass eine globalisierte Wirtschaft ethisch sein kann.
Sehnsucht nach dem Patron
Was bedeutet dies konkret? Der diesjährige Preisträger Markus Gander beispielsweise engagiert sich mit seinem Verein Infoklick.ch für Jugendliche (vgl. «Social Entrepreneur 2006» im Anschluss an diesen Text), die Mitfinalistin Théodoloz-Walker widmet sich mit der von ihr geleiteten Stiftung Integration pour tous der beruflich-sozialen Eingliederung von Menschen mit physischen oder psychischen Problemen. Viele solcher Projekte, seien es Unternehmen, Stiftungen oder Vereine, werden durch Spenden, Stiftungsausschüttungen oder Mitgliederbeiträge finanziert. Doch SozialunternehmerInnen träumen auch davon (und dies unterscheidet sie von traditionellen NGOs), einen Gewinn zu erzielen. Sie legen Wert darauf, keine IdealistInnen zu sein, sondern PragmatikerInnen. Ihre Ideologie heisst nicht mehr Systemkritik, sondern Markt.
An der Preisverleihung am Hauptsitz der Mobiliar in Bern sassen denn auch vornehmlich Männer der Wirtschaft um die fünfzig, alle im Anzug. Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard sprach in ihrer Rede davon, dass das Soziale nicht nur an den Staat delegiert werden dürfe. Der Staat solle der Wirtschaft «kein enges Korsett» aufzwingen, weil sonst «Korruption und Günstlingswirtschaft» gedeihten. Die Bundesrätin sprach weiter von «attraktiven Steuerbedingungen», «mehr Eigenverantwortung». Schwärmte von Lions und Rotariern und trauerte dem «klassischen Patron» nach. Und sie lobte den ultraliberalen Ökonomen Milton Friedman, der nur eine soziale Aufgabe von Unternehmen anerkannte: möglichst grossen Profit. Auch Leuthards Vorredner Robert Roth, der letztjährige Preisträger der Schwab Foundation, hatte Friedman zitiert – und sich der Worte von Mirjam Schöning, der Chefin der Schwab Foundation, erinnert: «Ein Social Entrepreneur ist eine Kombination aus Mutter Teresa und Bill Gates.»
Woher kommt diese Betonung von liberalen Grundsätzen, wenn es um soziales Engagement geht? Dazu eine Rückblende auf die Zeit, als der Wef-Gründer «soziales Unternehmertum» zu fördern begann. Es ist das Jahr 1998, Schwab gründet seine Stiftung. Drei Jahre später hätte die erste Preisverleihung an mehrere Social Entrepreneurs in Genf stattfinden sollen. Der Start missglückte, die Feier fand erst Anfang 2002 am Wef in New York statt. Ursprünglich hatte Schwab geplant, dem Gewinner, der Gewinnerin eine Million Dollar zu schenken. Er hatte für seine Stiftung Aktien der Schweizer New-Economy-Firma Think Tools im Wert von 159 Millionen Franken erhalten (nachdem er die Firma am Wef bekannt gemacht hatte), als diese 2000 an die Börse gegangen war. Im August 2001 platzte die Internetblase, Think Tools war am Ende. Und das Preisgeld verloren. Seither werden die von der Schwab Foundation Auserwählten mit einem Händedruck und einer Teilnahme am Wef belohnt.
Es waren heisse Jahre, als die Schwab-Stiftung gegründet und realisiert wurde: Die Wirtschaftseliten, die in den neunziger Jahren an der Börse ungeheuer viel Geld verdient und eine ungeheure Macht errungen hatten, wurden so hart wie nie zuvor kritisiert. Die Antiglobalisierungsbewegung war, nicht zuletzt dank Internet, auf ihrem Höhepunkt. 1999 blockierten Zehntausende von DemonstrantInnen das Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle. Ein weiteres Angriffsziel war das Wef, das bislang ein kaum beachtetes Treffen gewesen war. 1999 wurde damit zum Jahr, in dem mächtige Unternehmen von erstarkten NGOs bedrängt wurden. Zwischen 1989 und 1998 stieg in den Vereinigten Staaten die Zahl der gemeinnützigen Organisationen von knapp einer halben Million auf 734 000. Schätzungen gehen heute von rund zwei Millionen US-Bürgervereinigungen aus.
Viele der Organisationen sind weltweit vernetzt. Ashoka beispielsweise, die wohl grösste internationale Organisation, wurde 1980 vom ehemaligen McKinsey-Berater und späteren stellvertretenden Leiter der amerikanischen Umweltschutzbehörde Bill Drayton in Indien gegründet. Seither hat sie 1500 ausgewählte Social Entrepreneurs in über fünfzig Staaten mit Stipendien gefördert; 2005 eröffnete Ashoka ein Büro in Zürich.
Universale Ideale
Die Kritik der NGOs zeigte Wirkung: Im Januar 1999 rief UN-Generalsekretär Kofi Annan am Wef in Davos einen Verhaltenskodex für Unternehmen, den Global Compact, mit folgenden Worten ins Leben: «Lasst uns versuchen, die Macht des Marktes mit der Autorität der universalen Ideale zu verbinden.» Der Markt, der während des Börsenhypes alle Scham verloren hatte, sollte sich selbst regulieren. Ein Mann trat sowohl bei der Umsetzung des Global Compact auf den Plan wie auch bei der Gründung der Schwab Foundation (neben Adolf Ogi, dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, dem brasilianischen Esoterikautor Paulo Coelho und dem Musiker Quincy Jones): der damalige ABB-Chef Göran Lindahl. Ein gutes Jahr später, im März 2002, liess er sich von ABB eine Abgangsentschädigung von 85 Millionen Franken auszahlen. Die Öffentlichkeit war empört. Der einstige Vorkämpfer für soziales Unternehmertum musste schliesslich 47 Millionen zurückzahlen und verlor seinen Posten bei der Uno.
Ein Brief reicht
Der Global Compact ist populär, inzwischen haben ihn weltweit über 2000 Unternehmen unterzeichnet und sich damit verpflichtet, zehn allgemeine Prinzipien zu Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruption einzuhalten. Zumindest theoretisch. Für eine Mitgliedschaft reicht ein einfacher Brief des Verwaltungsratspräsidenten an die Uno. Eine Überprüfung findet nicht statt.
Die transnationalen Konzerne beugten mit dieser freiwilligen und harmlosen Selbstbeobachtung staatlichen Kontrollmechanismen vor. Der Druck der NGOs hatte nach dem brutalen G8-Gipfel 2001 in Genua und dem Verstummen der US-amerikanischen NGOs nach den Anschlägen vom 11. September etwas nachgelassen. Eingeschüchtert wurde die Weltwirtschaft aber durch den New-Economy-Crash im selben Jahr, es folgten Skandale wie Enron Anfang 2002 oder Parmalat Ende 2003. Die ManagerInnen wurden von der Öffentlichkeit ausgebuht. Doch sie verwiesen auf den Global Compact und lehnten weiterhin verbindliche Normen ab. Eine durch eine Uno-Subkommission ausgearbeitete Menschenrechtsnorm für Unternehmen, die hätte rechtlich bindend sein sollen, wurde 2004 aufgrund heftigen Drucks von Unternehmen und Regierungen abgeschmettert. Die Unternehmen erholten sich von den turbulenten Jahren und sprachen nun viel von Corporate Social Responsibility (CSR), vom verantwortungsvollen sozialen und ökologischen Handeln. In diesen Jahren also entstand die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship.
Inzwischen hatten sich die ManagerInnen weltweit darauf spezialisiert, grosse Unternehmen zu noch grösseren Einheiten zusammenzuschliessen. Sie haben mittlerweile die Mehrheit: Gemessen an der Finanzkraft sind von den 100 grössten Wirtschaftsgebilden der Welt laut einer Studie des US-amerikanischen Institute for Policy Studies 51 transnationale Unternehmen und 49 Staaten. Doch trotz solcher Machtpositionen spielt das Image eines Konzerns eine zentrale Rolle. Zudem haben diverse Studien gezeigt, dass sich ethisches Verhalten durchaus ökonomisch lohnen kann: Es ist eine effiziente Form von Risikomanagement, indem es Schäden und damit Bussen verhindert, und es bindet Mitarbeitende, KundInnen und LieferantInnen stärker an die Firma. Konzerne nehmen deshalb soziale und ökologische Belange zunehmend ernst. So ernst, dass daraus eine neue Branche entstanden ist. Die grossen Buchprüfungsfirmen wie PricewaterhouseCoopers und KPMG haben sich längst auch auf Corporate Social Responsibility spezialisiert (während sie gleichzeitig Firmen bei der Steuervermeidung beraten). Die UBS hat 2004 in Zürich die Einheit Philanthropy Services geschaffen, um privaten und institutionellen KundInnen mit einem Portemonnaie von mindestens fünfzig Millionen Franken bei ihrem sozialen Engagement zu beraten. Die Stiftung Philias, die Konzernen wie Novartis, Holcim oder Nestlé bei sozialem Anliegen zur Seite steht, steigerte ihren Umsatz 2005 auf eine Million Franken – plus vierzig Prozent.
Die Preisverleihungsindustrie
Damit das redliche Verhalten auch wahrgenommen wird, werden PR-Agenturen beauftragt. Ein weiterer Zweig der florierenden CSR-Branche sind ZertifiziererInnen und RechnungsprüferInnen, die sogenannte Sozialaudits durchführen – sie werden meist von derselben Firma bezahlt, die sie überprüfen. Längst sind auch die Businessschulen im Geschäft. Eliteuniversitäten wie Harvard, Princeton oder Stanford bieten eigene Ausbildungen im Bereich Social Entrepreneurship an, hierzulande tun dies die Universität St. Gallen mit ihrem Center for Social Enterprise oder die Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem Institut for Sustainable Management. Auch die ETH und die Universität Zürich befassen sich mit CSR.
Zur noch jungen Branche gehören auch die Konferenz- und die Preisverleihungsindustrien: 2003 erhielt Novartis-Chef Daniel Vasella in London den First Award for Responsible Capitalism; letztes Jahr verlieh das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik Novartis den «Preis für Unternehmensethik» für ihr Programm zur Erforschung vernachlässigter Krankheiten. Uno-Generalsekretär Kofi Annan ernannte 2005 Klaus Leisinger, den Präsidenten der Novartis-Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, zum Spezialberater für den Global Compact. Alles gut also? Diese Woche gewinnt der Pharmariese wegen seines rücksichtslosen Vorgehens beim Patentstreit um das Krebsmittel Glivec in Indien den Public Eye Swiss Award als unverantwortlichster Konzern des Jahres. Engagement vermag knallhartes Geschäftsgebaren nicht zu neutralisieren.
Social Entrepreneurship und Corporate Social Responsibility entstanden zur gleichen Zeit. Es sind zwei Spielarten, wie sich Unternehmen sozial verhalten können. Ist das Engagement ernst gemeint? Oder geht es darum, der Kritik von NGOs, Presse und Behörden vorzubeugen? Als Faustregel für Ernsthaftigkeit mag gelten: Je mehr das Engagement mit der restlichen Unternehmenspraxis übereinstimmt, desto eher darf man Gutes hoffen. Heldinnen und Helden arbeiten nicht auf Auftragsbasis.