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Ave Maria.
In den Kleinen Lebenserinnerungen vermerkt Fidus: “Im Blatte der ‘Polis’ zeichnete ich das Tempelbild ‘Ave Maria’ mit Maria L’s Gesicht.” Mit Maria L. ist Maria Lucke gemeint.
In der dritten Ausgabe der Polis vom 1. Februar 1907 wird stolz darauf hingewiesen, “dass wir der nächsten Nummer unserer Zeitschrift eine Originalzeichnung von Fidus werden beilegen können.”1 Dieser dritten Ausgabe waren zwei als Entwürfe zu Exlibris gedachte Holzschnitte von Ernst Geiger beigegeben.
Die wohl als Worstpiel verwendete lateinische Grussformel “Ave Maria“ verweist auf einen christlichen Zusammenhang, umso mehr, als die Zeichnung für die März-Ausgabe der Zeitschrift Polis vorgesehen war: Das Fest Mariä Verkündigung findet am 25. März statt. Mit “Gegrüsst seist Du Maria” beginnt auch die Anrede des Erzengels Gabriel bei der Verkündigung, dass Maria den Sohn Gottes empfangen und gebären wird.
Fidus vermischt Elemente der traditionellen Ikonographie der Verkündigung wie etwa männliche Figur mit einer Art Aura, die als Flügel und Heiligenschein gesehen werden können, etwa mit solchen der Ekstase der anderen Maria, Maria Magdalena, deren langes offenes Haar sie im christlichen Bildzusammenhang als Prostituierte kennzeichnet.
Wenig begeistert von der Beilage zeigte sich die Zeitung Der Bund, der festhielt:
Die Monatsschrift “PoIis” hat ihrem März-Heft eine Zeichnung von Fidus: “Ave Maria” beigelegt, die unsere längst feststehende Ansicht bestätigt, daß dieser Zeichner, sobald er statt der kleinen nackten Kinderfigürchen, die ihm so wohl gelingen, sich aufs allegorische Pathos einläßt, auf bedauerliche Abwege gerät. Das Bild mag in der Erfindung stilisierter Linien gewisse rein künstlerische Vorzüge haben, die von den Zunftgenossen des Zeichners technisch gewürdigt werden; aber der Gesamteindruck, den dieses nackte ekstatische Weib und der hinter ihr stehende, sie unterm Kinn fassende Gottvater machen, ist ein abstoßender, widerwärtiger.2
Die Bedeutung, die die Zeichnung für Fidus selbst hatte, änderte sich wahrscheinlich mit der Zeit. In der Monographie Fidus-Werk von Arno Rentsch, die 1925 erschienen ist, wird sie als Albumblatt bezeichnet, ebenso 1928 in der Katalogbroschüre Erste Gesamtausstellung der Werke von Fidus, wo sie in der Rubrik “Sinn- und Schicksalsbilder” aufgeführt ist. Erst in den Kleinen Lebenserinnerungen bezeichnet er sie als Tempelbild.
Möglich ist, dass es in einem undatierten Brief von Ende 1906 an das Zürcher Kunstinstitut Orell Füssli um den Druck der Zeichnung geht, zumal von einem Albumblatt die Rede ist.3 Darin ärgert sich Fidus:
Nachdem ich gestern endlich in den Besitz Ihrer trefflichen Drucke meines Albumblattes gelang bin und ich (schon des Sonntags wegen) nicht länger mit deren Weitersendung warten konnte, verlangte sie Ihr Bote wieder zurück, weil ich Ihre Nota nicht sofort begleichen wollte. Ich gab ihm schriftlich mit, dass ich dies persönlich am Montag tun wolle, weil die Nota statt ungefähr 20 frsc, wie Sie mir in Gegenwart der mich begleitenden Damen vorgerechnet hatten für Druck u. Klichee, 36 frcs angab. Nach einiger Zeit kam der Bote zurück und weigerte sich anfangs die Wohnung zu verlassen, bis er nicht alles wieder mitbekäme, das Klichee allein (an dem mir dauernd am meisten liegt) wollte er nicht annehmen.
Das Fidus den Druck selbst bezahlte, entspräche der Finanzierung der Polis, zu der Fritz Brupbacher schreibt:
Unsere “Polis” sollte eine ganz freiheitliche Polis sein, und das drückte sich schon darin aus, dass von uns fünfen jeder alles schreiben konnte, was ihm lag, ohne dass ein Redakteur das Recht besass, irgend etwas zu zensurieren. Jeder sollte einfach jeden Monat einen Artikel von ein paar Druckseiten einsenden. Wir wollten auch gar keine Rücksicht nehmen auf irgendein Publikum, und um das nicht nehmen zu müssen, bezahlte ein jeder die Kosten seines Artikels.4