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Der Terminus Bororo bedeutet in der Eingeborenensprache “(Innen)Hof des Dorfes”. Und es ist nicht zufällig, dass die traditionelle Anordnung der Häuser in Kreisform aus dem ”Innenhof“ (oder Platz) das Zentrum der Siedlung und den rituellen Platz dieses Volkes gemacht hat, das sich durch eine komplexe gesellschaftliche Organisation und einen besonderen Reichtum seines zeremoniellen Lebens auszeichnet.
Bororo
|Andere Namen: Coxiponé, Boe Araripoconé, Cuiabá, Coroados Porrudos, Araés

Sprache: Der Familie Bororo,
vom linguistischen Stamm Macro-Jê
Population: 1.571 (2010)
Region: Mato Grosso
|INHALTSVERZEICHNIS

Name, Sprache, Lebensraum
Geschichte des Erstkontakts, Bevölkerung
Gesellschaftliche Organisation und Verwandtschaft
Zeremonielles Leben
Organisation und Politik
Wirtschaftliche Aktivitäten
Verhältnis zur regionalen Gesellschaft
Gesundheitszustand
Regierungs- und private Projekte
Die Bororo nennen sich selbst “Boé“. Im Verlauf der Geschichte wurden auch verschiedene andere Namen gebraucht, mit denen man dieses Volk identifizierte, wie Coxiponé, Araripoconé, Araés, Cuiabá, Coroados, Porrudos, Bororos da Campanha (gemeint waren die aus der Region um Cáceres), Bororos Cabaçais (jene vom Rio Guaporé), Bororos Orientais und Bororos Ocidentais (eine willkürliche Trennung, eingeführt von der Regierung von Mato Grosso in der Kolonialzeit, mit dem Rio Cuiabá als Referenz).
Unter ihren Selbstbezeichnungen beziehen sich die meisten Namen auf ihre territoriale Besetzung: ”Bóku Mógorége“ (Bewohner des Cerrado) – sind die Bororo der Dörfer Meruri, Sangradouro und Garças; ”Itúra Mogorége“ (Bewohner der Wälder) – heissen die Bororo der Dörfer Jarudori, Pobori und Tadarimana; ”Orari Mógo Dóge“ (Bewohner des Strandes des Pintado-Fisches) – bezieht sich auf die Bewohner der Dörfer Córrego Grande und Piebaga; ”Tóri ókua Mogorége“ (Bewohner des Fusses der Serra São Jerônimo) – war der Name einer Gruppe, die gegenwärtig kein Dorf mehr besitzt; ”Útugo Kúri Dóge“ (jene, die lange Pfeile gebrauchen) – oder „Kado Mogorége“ (Bewohner des Schilfs) – das sind die Bororo des Dorfs Perigara in der Feuchtlandschaft des Pantanal.
“Boé Wadáru” ist der von den Bororo gebrauchte Terminus, mit dem sie ihre Originalsprache bezeichnen. Die Linguistiker Rivet (1924) und Schmidt (1926) klassifizierten sie als ”isoliert“ und möglicherweise ein Zweig des ”Otuké“. Später vereinfachte ein neues Paradigma die Klassifikation der Eingeborenen-Sprachen, indem es sie entsprechend gewisser Ähnlichkeiten gruppierte – darauf hin wurde die Sprache der Bororo in den linguistischen Sprachstamm des Macro-Jê eingeordnet (Manson,1950; Greenberg,1957).
Gegenwärtig wird die Bororo-Sprache noch von fast allen Mitgliedern gesprochen. Bis gegen Ende der 70er Jahre litten Kinder und Jugendliche allerdings unter der Auferlegung einer schulischen Verordnung durch die Indianermission, die ihnen verbot, ihre Muttersprachen in den Dörfern von Meruri und Sangradouro zu sprechen. Dann führte ein Prozess der Neubewertung und Selbstkritik der Salesianer zur Wiederbelebung der Originalsprache und dem zweisprachigen Unterricht. So spricht heute in allen Dörfern die Mehrheit der Bevölkerung Portugiesisch und Bororo. Im Alltag überwiegt sogar die Muttersprache, bereichert von einigen angepassten Neologismen.
Das traditionelle Territorium der Bororo reichte bis nach Bolivien, im Westen – dem südlichen Zentrum von Goiás, im Osten – bis zu den Grenzen des Xingu-Quellgebiets, im Norden – und im Süden erreichte es den Rio Miranda (Ribeiro, 1970:77). Man schätzt, dass dieses Volk jene Region mindestens während siebentausend Jahren bewohnt hat (Wüst & Vierter, 1982).
Gegenwärtig halten sich die Bororo auf sechs demarkierten Indianer-Territorien im Bundesstaat Mato Grosso auf – eine vielfach unterbrochene und ihres ursprünglichen ökologischen Charakters beraubte Fläche, die etwa dem dreihundertsten Teil ihres traditionellen Territoriums entspricht. Die ITs Meruri, Perigara, Sangradouro Volta Grande und Tadarimana sind registriert und rechtskräftig anerkannt; das IT Jarudori wurde für die Indianer zwar vom SPI (Indianerschutzdienst) dermaleinst reserviert, wurde aber kontinuierlich von Siedlern besetzt und ist heute von einem Städtchen zweckentfremdet worden, das sich auf dem Indianerland breitgemacht hat. Und das IT Teresa Cristina liegt als Prozess beim Bundesgerichtshof, denn seine Grenzmarkierung wurde durch ein Dekret des Präsidenten für ungültig erklärt.
In den 70er Jahren schuf der hohe Grad an Unzufriedenheit der Bororo eine Bewegung, welche die Rückgabe ihrer traditionellen Ländereien forderte, ausserdem eine Verbesserung der Gesundheits- und Erziehungsleistungen. Ein tragischer Fall dieser Bewegung war der Kampf um das Land von Meruri, der in dem berüchtigten Massaker durch die Fazendeiros des Distrikts von General Carneiro kumulierte.
Im Moment vereinigt diese Bewegung alle Bororo-Dörfer und versucht, die Grundbesitzfragen der Gebiete Teresa Cristina, Jarudori und Sangradouro zu lösen. Eine andere wichtige Forderung ist die Einbeziehung der Bororo ins EIA/Rimas (Studie und Bericht für Umweltschock) der Wasserstrassen ”Paraguay-Paraná“ und ”Araguaia-Tocantins“. Und sie kämpfen für eine Umleitung der Eisenbahntrasse der ”Ferronorte“ aus ihrem IT Teresa Cristina.
Die zur Verfügung stehenden historischen Quellen berichten, das der Erstkontakt der Bororo mit der nationalen Gesellschaft auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, als die ”Bandeiras Jesuitas“ von Belém (Pará) aus Expeditionen in Richtung des Aragaia-Beckens unternahmen, die Flüsse Taquari und São Lourenço hinab fuhren, in Richtung auf den Rio Paraguai. In der Mitte des 18. Jahrhunderts vertiefte sich der Kontakt durch die ”Bandeiras-Paulistas“, jene Bandeirantes-Fähnlein, deren einziges Interesse dem Gold galt, das sie dann auch reichlich in der Gegend des heutigen Cuiabá fanden und, unter anderen, auch die Bororo zwangen, ihnen beim Schürfen zur Hand zu gehen. In dieser Periode war die Goldausbeutung verantwortlich für eine Spaltung dieses Volkes in ”Okzidentale und Orientale Bororo“. Erstere, die man auch als „Bororo da Campanha“ und „Bororo Cabaçais“ bezeichnete, erlitten schwere Verluste durch den Kontakt mit Kolonisten von Cáceres und Vila Bela, dergestalt, dass sie gegen Mitte des 20. Jahrhunderts als ”ausgerottet“ registriert wurden.
Die ”Orientalen Bororo“, die man im Volksmund mit ”Coroados“ bezeichnete, hielten sich isoliert von den Weissen bis in die Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man sie zu Protagonisten der gewalttätigsten Episoden in der Besetzung des Mato Grosso machte: Der Bau einer Strassenverbindung, welche das Tal des Rio São Lourenço durchqueren sollte, um Mato Grosso mit den Provinzen São Paulo und Minas Gerais zu verbinden, provozierte einen Krieg, der mehr als fünfzig Jahre dauerte und mit der totalen Unterwerfung der ”Orientalen Bororo“ endete.
Die ”Befriedung der Indianer“ genannte Unterwerfung schuf die Militärkolonien von ”Teresa Cristina“ und ”Isabel“ im Jahr 1887. Gleich nach der ”Ausrufung der Republik“ wurde die Kolonie Teresa Cristina von General Rondon demarkiert (1896), in der Absicht, den Bororo einen bedeutenden Teil ihres traditionellen Territoriums als Lebensraum zu garantieren. Seit dieser Zeit bis zum Jahr 1930 reservierte Rondon für die Bororo weitere Areale im hydrographischen Becken des Rio São Lourenço, unter ihnen die Ländereien von „São João do Jarudori“, „Colônia Isabel“ und „Pobori“ – die seit 1910 unter der Protektion des SPI (Indianerschutz) standen.
Versprengte ”wilde“ Gruppen der Bororo – die in den Regionen des Rio das Mortes, Rio das Garças und am linken Ufer des Rio Araguaia wohnten – wurden nun bedrängt von der Landbesetzung durch Fazendeiros aus Goiás und von Diamantensuchern. In diese Zeit fielen gewalttätige Konflikte, und die Regierung übertrug den Salesianer-Missionaren deren Schlichtung. Die gründen 1902 die Kolonie ”Sagrado Coração” und beginnen mit der Kathequese der Bororo. 1906 gründen sie die Kolonie ”Sangradouro“ – und dort kümmern sich die Salesianer auch um versprengte Xavante aus der Gegend von ”Parabuburi“. Alles in allem führte der Kontakt mit dem weissen Mann nicht nur zum Verlust des grössten Teils ihres traditionellen Lebensraumes sondern auch zu einem drastischen Schwund ihrer Bevölkerung – und das ist im Vergleich zu anderen Indianervölkern eigentlich nichts Neues.
Die uns zur Verfügung stehenden historische Informationen belegen, dass in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung der Bororo aus um die 10.000 Individuen bestand. Trotzdem erlag ein grosser Teil dieser Bevölkerung den schwerwiegenden Folgen des Erstkontakts, unter ihnen Kriege, Epidemien und Hunger. Das Gesamtbild war dermassen entmutigend, dass der Anthropologe Darcy Ribeiro (Os Índios e a Civilização, Petrópolis, Vozes,1970:293) bestätigte, als er ihre Zählung 1932 analysierte, dass der hohe Grad an Verwundbarkeit der Bororo wohl auf die letzte Etappe ihre kompletten Ausrottung hindeutete. Er hatte Unrecht: ab der 70er Jahre beobachtete man wieder ein Bevölkerungswachstum, und die von Padre Uchoa im Jahr 1979 registrierten 626 Individuen sind heute auf 1.024 angewachsen. Die derzeitigen demografischen Daten vermitteln folgende Situation einer Verteilung der Bororo-Bevölkerung pro Territorium und hydrographischem Becken:
|INDIANER-TERRITORIUM (TI) DORF||BEVÖLKERUNG (1997)|
|TI MERURI||Meruri

Garças
|328

61
|TI SANGRADOURO (Xavante)||„Morada Bororo“

(besetzt von Xavante, diese TI ist nicht als Bororo anerkannt)
|63|
|BACIA DO RIO ARAGUAIA||452|
|TI JARUDORI||(TI komplett besetzt vom Ort Jarudore)|
|TI TADARIMANA||Tadariamana; Pobori; Paulista; Praião; Jurigue||173|
|TI TERESA CRISTINA||Córrego Grande

Piebaga
|254

66
|TI PERIGARA||Perigara||79|
|BECKEN DES RIO SÃO LOURENÇO||572|
|GESAMTBEVÖLKERUNG||1’024|
Quelle: Salesianer-Mission, 1997 und Gesundheit/FUNAI/ADR Rondonópolis,1997.
Bei den Bororo bildet das Dorf (Boe, Ewa) die politische Einheit – es wird von einer kreisförmig angeordneten Gruppe von Häusern gebildet, in deren Zentrum das ”Männerhaus“ (Baito) steht. An der westlichen Peripherie des Baito befindet sich der Zeremonien-Platz – er heisst ”Bororo“ – der Ort, an dem die bedeutendsten Zeremonien dieser Gesellschaft stattfinden. Obwohl man Dörfer findet, in denen die Häuser heutzutage in einer Reihe angeordnet sind – weil die Missionare oder die Regierung es so vorgeschrieben haben – sehen ihre Bewohner doch in der kreisförmigen Anordnung der Häuser ihr Ideal des gesellschaftlichen Raumes in Einklang mit dem kosmologischen Universum ihrer Vorstellung.
Innerhalb der komplexen gesellschaftlichen Organisation der Bororo werden ihre Mitglieder von ihrem jeweiligen Clan ausgehend klassifiziert. In der Regel sind die Bororo matrilinearer Abstammung, das heisst, bei Geburt erhält das Kind einen Namen, der es mit dem Clan seiner Mutter identifiziert. Aber, obwohl dieses Verhaltensideal existiert, kann es in der Praxis manipuliert werden, um anderen Interessen dienlich zu sein (Novaes, 1986).
Was die räumliche Verteilung der Häuser innerhalb des Dorfrundes betrifft, so besetzt jeder Clan einen bestimmten Platz. Das Dorf ist aufgeteilt in zwei exogame Hälften – ”Exerae“ und ”Tugarége“ – jede von ihnen wiederum unterteilt in vier bedeutendste Clans, die sich aus verschiedenen ”Linien“ zusammensetzen. Es gibt eine Hierarchie innerhalb dieser ”Linien“, die aus grösseren/kleineren, wichtigeren/weniger wichtigen Kategorien, oder älterem Bruder/jüngerem Bruder, besteht. Personen desselben Clans, aber aus hierarchisch unterschiedlichen ”Linien“, dürfen nicht im selben Haus wohnen.
Jedes Haus im Dorf beherbergt in der Regel zwei oder drei so genannte “Kernfamilien”. Die Wohngemeinschaften sind ”uxorilokal“, nach einer Regel, welche bestimmt, dass der heiratende Mann ins Haus seiner angeheirateten Frau umziehen muss, verbleibt aber Mitglied seiner alten Linie. Deshalb leben in einem Haus Personen unterschiedlicher gesellschaftlicher Kategorien, Clans und Linien.
Die Ehe unter den Bororo ist instabil – in der Regel gibt es eine relativ hohe Anzahl von Trennungen zwischen den Paaren – das wiederum führt dazu, dass ein Mann während seines Lebens in verschiedenen Häusern wohnt. Aber seine Bindung an die Gruppe, in der er aufgewachsen ist, ist im Allgemeinen stärker als diejenige zur Gruppe seiner Frau – obwohl er mit deren Verwandten eigentlich enger zusammenlebt, ihnen verpflichtet ist, beim jagen, fischen, auf den Feldern des Schwiegervaters arbeiten und Schmuck herstellen für den Bruder seiner Frau, seinen Schwager. Jedoch bestimmen diese Aktivitäten lediglich seine physische Präsenz in dieser Gruppe. Während er sich in der Gruppe seiner Geburt um die Zukunft seiner Schwestern zu kümmern hat und sich auch in ihrer Gemeinschaft gesellschaftlich profiliert. Es sind auch die Söhne seiner Schwestern – seine ”Iwagedu“ – und nicht seine eigenen Söhne, denen ein Mann seine Namen und die mit ihnen verbundenen rituellen Regeln weitergibt. Ausserdem trägt ein Mann, obwohl er vielleicht ausserhalb seines Geburtshauses wohnen mag, stets die Verantwortung für das Kulturgut seiner Gruppe, und repräsentiert es deshalb bei rituellen Anlässen: Gesängen, Tänzen, Anfertigung von Schmuck, Bemalung und anderen rituellen Dingen. Bezüglich seiner Söhne muss der Vater ihre physische Existenz behüten und sie ernähren, aber ihre kulturelle Erziehung und Bildung kommt allein dem Bruder seiner Frau, seinem Schwager zu.
Ungeachtet dessen, dass sie sich unter demselben Dach befinden, unterteilen die Kernfamilien einer Wohngemeinschaft doch den zur Verfügung stehenden Raum unter sich auf. Der private Bereich jeder Familie konzentriert sich auf den äusseren Innenbereich des Hauses, niemals in seiner Mitte. An dieser Stelle bewahren sie dagegen alle ihre persönlichen Utensilien auf, essen, schlafen und empfangen hier auch ihre Gäste. Die Mitte eines Hauses gehört niemandem allein – hier werden auch Rituale zelebriert. Und man unterhält auch in diesem Zentrum des Hauses das Feuer zu Kochen, die Moskitos zu vertreiben oder einfach als Wärmequelle in kühleren Nächten.
Während des Tages sind Fenster und Türen der Häuser stets offen und erlauben so den Bewohnern zu verfolgen, was sich im Dorf abspielt. Während der Rituale, an welchem Frauen nicht teilnehmen dürfen, sind Fenster und Türen geschlossen. Dasselbe geschieht im Falle einer Trauer, denn Personen, die um einen Toten trauern, befinden sich am Rande der Gesellschaft und dürfen nicht zum Dorfzentrum hinaussehen. Während einer Beisetzung wird das Haus der Betroffenen Wohngemeinschaft leer gemacht, und am Ende wird es zerstört.
Das Leben der Bororo ist erfüllt von zahlreichen Ritualen – die bedeutendsten sind jene, durch welche die Mitglieder einer Gruppe von einer gesellschaftlichen Kategorie in die andere überwechseln – deshalb heissen sie auch ”Übergangs-Rituale“. Dazu gehören die ”Namensgebung“, die ”Initiation“ und die Beerdigung“. Beim Ritual der Namensgebung wird das entsprechende Kind offiziell in die Bororo-Gesellschaft seines ”Iedaga“ (der Namensgeber ist der Bruder der Mutter) und der Frauen des Clans seines Vaters eingeführt – letztere bemalen seinen Körper für das Ritual. Durch den ihm gegebenen Namen wird das Kind mit einer bestimmten Gesellschaftskategorie verbunden – der Linie eines Clans – die sich wiederum als Nachkomme eines Kulturhelden der Bororo-Gesellschaft versteht, der zu mythologischen Zeiten die Fundamente des gesellschaftlichen Lebens geschaffen hat, welche nun von seinen Nachkommen weitergeführt werden.
Eine Beerdigung gehört zu den längsten Ritualen der Bororo und wurde von der Wissenschaftlerin Sylvia Caiuby Novaes folgendermassen interpretiert: “Es mag sich paradox anhören, aber gerade bei einer Beerdigung beweist die Gesellschaft der Bororo die besondere Vitalität ihrer Kultur. Es ist ein besonderer Moment der gesellschaftlichen Eingliederung der Jugend, nicht nur weil anlässlich einer solchen Zeremonie auch viele von ihnen initiiert werden, sondern weil sie durch ihre Teilnahme an den Gesängen, Tänzen, Jagdausflügen und kollektiven Fischzügen, die ebenfalls bei dieser Gelegenheit veranstaltet werden, Gelegenheit haben zu lernen und den Reichtum ihrer Kultur zu begreifen. Aber warum aus einem Moment des Verlustes, wie dem Tod eines Menschen, einen Moment der kulturellen Bestätigung und sogar der Wiedererschaffung von Leben machen zu wollen?
Für die Bororo ist der Tod das Resultat einer Aktion von ”Bope“, einem übernatürlichen Wesen, das in sämtliche Prozesse der Schöpfung und der Transformation involviert ist, wie die Geburt, die Pubertät und der Tod. Wenn eine Person stirbt, dann wechselt ihre Seele, die die Bororo ”Aroe“ nennen, in den Körper bestimmter Tiere über, zum Beispiel in den gefleckten Jaguar, den Puma, den Ozelot. Der Körper eines Toten wird mit Matten umwickelt und in einer flachen Grube beerdigt, die auf dem zentralen Platz des Runddorfes ausgehoben wird. Täglich wird der Grabhügel begossen, um die Zersetzung des Leichnams zu beschleunigen, dessen Knochen am Ende dieses Prozesses bemalt werden. Zwischen dem Tod eines Individuums und der Bemalung seiner Knochen, die später definitiv begraben werden, liegen zwei bis drei Monate. Eine lange Zeit, in der die grossen Rituale stattfinden. Ein Mann wird ausgewählt, der den Toten darstellt. Über und über bemalt, wird sein Körper mit Federn bedeckt – auf seinem Kopf trägt er eine enorme Federkrone, und sein Gesicht ist bedeckt mit einer Schicht aus gelben Federchen. Und dann tanzt er und wird vom Menschen zum ”Aroemaiwu“ – der neuen Seele, die sich tanzend und springend auf dem Dorfplatz der Welt der Lebenden präsentiert.
Unter den verschiedenen Aufgaben, die vom Repräsentanten des Toten zu erfüllen sind, besteht die wichtigste in der Jagd einer Grosskatze, deren Fell den Verwandten des Toten während eines Rituals überreicht wird, welches die gesamte Dorfgemeinschaft einbezieht. Das Erlegen dieses Tiers beweist die Rache des Toten an ”Bope“, dem Verursacher des Todes, mittels dessen, der ihn repräsentiert. Dieser Moment markiert das Ende der Trauer und bedeutet den Sieg des Lebens über den Tod. Solche Rituale schaffen und erneuern die Gesellschaft der Bororo, und sie enthüllen die Mysterien einer Gesellschaft, die es versteht, aus dem Tod einen Moment der Erneuerung des Lebens zu machen“.
Ausser dem Begräbnis und der Namensgebung enthält das intensive rituelle Leben der Bororo noch die Durchbohrung der Ohrläppchen und der Unterlippe, das Fest des neuen Mais, Vorbereitungen von Jagden und Fischzügen, die Feste des Jaguarfells, des Königsfalken und des Jaguarjägers, unter anderen. In allen diesen Fällen werden neue Verbindungen über den alten geknüpft, daraus resultiert eine gesellschaftliche Konfiguration, in der ihre Mitglieder Relationen unterhalten, die aus verschiedenen Instanzen stammen, mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten.
In der traditionellen Politik fallen drei unterschiedliche Machtstrukturen auf: der „Boe eimejera“ – Kriegshäuptling des Dorfes und des Rituals, der ”Barí“ – Schamane der Geisterwelt und der Natur, der ”Aroe Etawarare“ – Schamane der Seelen der Toten. Inzwischen gibt es noch den ”Brae eimejera“ – den Volksvertreter für Verhandlungen mit den Weissen.
Die Dörfer der Bororo bewahren sich ihre Autonomie und präsentieren politische Situationen, die sich aus dem Kontakt mit der regionalen Gesellschaft ergeben. Im Dorf Meruri wird die Einsetzung des ”Boe eimejera“ durch Direktwahlen vorgenommen, folgt damit nicht der Tradition, sondern drückt einen klaren Unterschied aus zwischen politischer und zeremonieller Führung. In anderen Dörfern folgt die politische Organisation noch der traditionellen Form. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Bororo-Dörfern werden von Gesellschaft, Politik und besonders von religiösen Traditionen bestimmt, bei denen dem traditionellen Begräbnis die höchste Bedeutung zukommt.
Die Kenntnis der Natur
Die Bororo kennen eine ganze Reihe von ”ökologischen Zonen“ innerhalb ihres Lebensraums, unter ihnen sind die bedeutendsten: „Bokú“ (Cerrado), ”Boe Éna Jaka“ (Übergangszone) und ”Itúra“ (Wald). Jede dieser besonderen Zonen ist mit besonderen Pflanzen, Böden und Tieren assoziiert und repräsentiert ein integriertes System dieser Elemente – und den Menschen. Und jede dieser Zonen präsentiert ausserdem kleinere Unterteilungen.
Jährlicher Aktivitäten-Zyklus
Zwei Arten von Naturphänomenen bestimmen den jährlichen Zyklus der Aktivitäten bei den Bororo. Das Fehlen von Regen, bzw. sein reichliches Auftreten, teilen das Jahr in zwei unterschiedliche Perioden: ”Joru Butu“ (Trockenheit) und ”Butao Butu“ (Regen). Die Abwesenheit des Sternbilds der Pleiaden (Akiri-doge) – zirka einen Monat lang – markiert die Zeremonien der Trockenperiode (Akiri-doge Èwure Kowudu) und die Zeremonien der Regenzeit (Kuiada Paru).
Das wirtschaftliche System der Bororo setzt sich aus einer Kombination von Aktivitäten des Sammelns, der Jagd, des Fischfangs und des Ackerbaus zusammen. Der Kontakt mit der regionalen Bevölkerung resultierte in neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen – wie zum Beispiel die Möglichkeit der Lohnarbeit, dem Verkauf von Waren (Kunsthandwerk) und einem Rentenbezug. Trotz alledem werden die Aktivitäten der Bororo auf ihrem Territorium noch deutlich bestimmt von ihrer Kenntnis der Natur, ihrer Möglichkeiten aber auch Restriktionen.
Personen, die innerhalb einer Wohngemeinschaft zusammen arbeiten, teilen sich auch die Feldbearbeitung. Die grösste Arbeit auf dem Feld verrichten die Männer: sie roden, brennen ab und jäten das Unkraut, während die Frauen nur beim Pflanzen und der Ernte helfen. Die Frauen sind verantwortlich für die Honigernte, verschiedene Arten von Palmfrüchten, das Sammeln von Waldfrüchten, Eiern von Vögeln und Schildkröten. Die Kinder, und manchmal auch die Männer, nehmen an diesen Aktivitäten teil.
Die sichtbarste Veränderung infolge des Kontakts der Bororo mit den Nicht-Indianern war die Einstellung ihrer üblichen Wanderungen während der Trockenzeit, zu denen der grösste Teil eines Dorfes in der Vergangenheit regelmässig aufgebrochen war, um das gesamte Territorium nach notwendigen Rohmaterialien für ihr Kunsthandwerk und nach Lebensmitteln zu durchforschen. Dagegen wurde die Feldbearbeitung intensiviert und technisch so verbessert, dass man auf diese Wanderungen inzwischen verzichten kann.
Die Bororo sind immer noch aussergewöhnlich gute Jäger und Fischer, obwohl ein starker Rückgang dieser Ressourcen durch das ambientale Ungleichgewicht unübersehbar ist, hervorgerufen durch die extensive landwirtschaftliche Nutzung der Region durch Viehzüchter und Farmer. Sowohl die Jagd als auch der Fischfang, exklusiv maskuline Aktivitäten, werden entweder individuell oder im Kollektiv durchgeführt – ihnen kommt eine bedeutende Rolle in der täglichen Nahrungsversorgung sowie bei den Zeremonien zu – und innerhalb der Gesellschaft verschaffen sie dem guten Jäger oder guten Fischer ein bedeutendes Prestige.
Die Arbeit auf dem Feld wird von den einzelnen Familien mittels einer ”Schnitt- und Brand-Technik“ verrichtet, auf einer Fläche von zirka ½ Hektar pro Familie, die während drei aufeinander folgenden Jahren genutzt wird, um dann mehr als sechs Jahre zu ruhen. Typische kultivierte Pflanzen sind Mais, Reis, Maniok, Bohnen, Kürbis und ein paar andere. Die Kultivierung des Mais folgt den Anweisungen der Dorfführung und einigen übernatürlichen Verordnungen – besonders betreffend des Konsums von neuem Mais, der einer reinigenden Zeremonie bedarf (Kuiada Paru). Gegenwärtig sind einige Kommunen bereits von modernen Technologien abhängig, um damit ihre Felder zu bestellen. Im Fall des Dorfes ”Meruri“, zum Beispiel, hängt jedermann von einem einzigen Traktor zur Rodung und Vorbereitung des Bodens ab. Die Viehzucht ist immer noch eine wenig entwickelte Aktivität unter den Bororo, aber die Produkte spielen bereits eine bedeutend Rolle in ihrer Nahrungskette – besonders im genannten Dorf Meruri.
Während ihres langen Kontakt-Prozesses mit der nicht-indianischen Gesellschaft fällt besonders die Reaktion der Bororo gegen den Verlust ihrer eigenen Kultur auf, den sie mit besonders originellen Mitteln zu verhindern suchen. Mit den Worten der Anthropologin Sylvya Cayubi Novaes: ”Mittels ihrer Rituale verstossen die Bororo ganz bewusst gegen die Ordnung, welche sich auf ihr Leben zu legen droht und stellen sich fest gegen eine harmonische Integration in die nationale Gesellschaft“.
Die Autonomie der Bororo gegenüber dem regionalen Leben hat sich mehr auf dem gesellschaftlichen und politischen Sektor entwickelt, als auf dem wirtschaftlichen. Freundschaftliche Verhältnisse nehmen immer mehr zu und Heiraten mit regionalen Bewohnern ebenfalls. Diese Situation hat zu einigen Konflikten mit Eigentumsrechten geführt, sowie die Teilnahme solcher ”Mestizen“ am kommunalen Leben infrage gestellt.
Hinsichtlich der politischen Repräsentation ist die Strategie der Bororo beispielhaft. Die Tatsache, einen Abgeordneten für Brasília und einen Präfekten für ihr Dorf bei den Wahlen durchgesetzt zu haben, hat den Bürgern der IT Meruri enormes Prestige verschafft. Diese Rolle wird noch gestärkt durch die Tatsache, dass die Bororo 50% der Konsumenten des gleichnamigen Städtchens stellen und, im Gegenteil zu den Xavante des Gebiets, nehmen sie es mit der Zahlung ihrer Schulden sehr genau.
Die Anfälligkeit der Bororo für Krankheiten ist relativ konstant und beweist in erster Linie die prekäre Situation ihrer Lebensumstände. Unter den besonderen Gefahren sind die infektiösen, parasitären Krankheiten, andere, die sich aus den schlechten sanitären und unhygienischen Verhältnissen ergeben, sowie dem Alkoholismus, der ohne Zweifel ihr grösstes Problem darstellt.
Verantwortlich für die Gesundheit der Bororo sind die „Fundação Nacional de Saúde“, die FUNAI, die Salesianer-Mission und die Distrikts-Sekretariate. Trotz einer so grossen Zahl von Einrichtungen lassen die entsprechenden Gesundheitsmassnahmen immer noch viel zu wünschen übrig. Teilweise deshalb, weil diese Institutionen unentschlossen sind, ihre eigene Handlungsweise vertreten und die Frage der Gesundheit innerhalb der Gruppe unter einer anderen Perspektive sehen. Andere Probleme, welche die Gesundheitsfürsorge beeinträchtigen, sind die schlechten Zustände entsprechender Einrichtungen in den Dörfern, die Nichtexistenz einer Politik für Mitarbeiter im indianischen Gesundheitswesen, fehlende Ausbildung der Professionellen und das Fehlen von Geld zum Kauf von Medikamenten und anderen Produkten der Ersten Hilfe.
Der allgemeine Gesundheitszustand und die gesellschaftlichen Konflikte sind offensichtlich bedenklicher in solchen Dörfern, in denen die Bewohner von Missionaren und Agenten der Behörden gezwungen wurden, ihre angestammten Hütten gegen Backsteinhäuser zu tauschen. Denn in solchen Dörfern, in denen sie noch in ihren traditionellen ”Ocas“, gedeckt mit Palmstroh, leben – scheint deren adäquater Komfort und Übereinstimmung mit ihrer traditionellen Lebensweise, sich auch auf ihren sanitären Zustand auszuwirken: die Bevölkerung solch traditioneller Dörfer ist wesentlich gesünder!
Das einzige Regierungsprojekt, welches auch die Bororo-Region tangierte, war 1997 das PRODEAGRO (Programm zur Agro-Ökologischen Entwicklung von Mato Grosso), entwickelt auf bundesstaatlicher Ebene durch die Finanzhilfe der Weltbank. Dieses Projekt hat nicht direkt zu Aktionen in der regionalen Landwirtschaft geführt, hat aber ein paar Mittel für den Gesundheits- und den Erziehungssektor der indianischen Kommunen bewilligt – wie zum Beispiel das ”Projekt Tucum“, welches die Heranbildung von indianischen Lehrern vorsieht.
Aktionen von privaten Agenturen werden durch den CIMI (Missionarischen Indianerrat) entwickelt, von der Salesianer-Mission und von anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens, wie den Ärzten ohne Grenzen, Deutschen Zahnärzten, und anderen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther