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Sie ist Tochter, Ehefrau, Mutter, Grossmutter. Sie ist Autorin und Regisseurin. Beobachterin, Ästhetin, Sprachfanatikerin. Sie ist die Erfinderin der TV-Serie «Lüthi und Blanc». Sie ist 64. Und an diesem Nachmittag in einem Zürcher Restaurant ist sie ein Gast, der von allen Seiten gegrüsst wird. Trotzdem fragt sich Katja Früh: Bin ich jemand?
«Wie bewege ich mich an einer Vernissage, einer Theaterpremiere, einem Kulturevent oder einer Gala so, dass man merkt, ich bin jemand? Was sage ich, wenn ich gerade keine Arbeit habe, nichts Interessantes läuft, ich ein bisschen ratlos bin, wenn mich jemand fragt, woran ich gerade bin?», fragt sie in einer ihrer Kolumnen. Sie beschäftige sich mit der Frage, ob man nur jemand sei, wenn man etwas darstelle, sagt Katja Früh, sorgfältig rot geschminkte Lippen, schwarze Hornbrille. Sie trinkt einen Schluck Kaffee, bevor sie fortfährt: «In unserer narzisstischen Welt – definieren wir uns da über unseren Beruf, unsere Projekte? Oder sind wir auch sonst jemand?»
Was die Projekte angeht, ist Katja Früh auf jeden Fall jemand. Vor Kurzem ist ihr erstes Buch «Bin ich jemand?» erschienen, eine Kolumnensammlung. Ihr letztes Theaterstück «Exit retour» war ein Erfolg – zu der Komödie zum Thema Sterbehilfe hat sie die persönliche Geschichte ihrer Mutter inspiriert.
Zurzeit arbeitet sie am Stück «Harmonie», an einer Ehekomödie, die sich um den Bettkauf in einem Möbelhaus dreht. Premiere ist am 26. Dezember. «Bin ich jemand, weil ich eine Premiere habe? Oder weil ich ein Buch geschrieben habe? Keine Ahnung.» Katja Früh lacht.
Zunächst nur «Tochter von»
Dass sie überhaupt ist, hat sie der Schauspielerin Eva Langraf und dem Regisseur Kurt Früh zu verdanken. Ihr Vater drehte Schweizer Filmklassiker wie «Polizischt Wäckerli» und «Dällebach Kari» – und wurde damit berühmt. Katja Früh war zunächst einmal «Tochter von».
Die Beziehung zum Vater war eng. Doch sie war auch geprägt von der Sorge um ihn: Kurt Früh hatte mit Depressionen zu kämpfen. «Die dunkle Wolke, die immer über uns hing, die ich nie fassen, nie begreifen konnte, das war wohl König Alkohol.» Katja Früh erinnert sich aber auch an dies: «Einmal im Jahr durften wir das heiss geliebte Spiel ‹Eltern sind Trottel› mit ihm spielen. Wir konnten dann mit ihm machen, was wir wollten, ihn verkleiden, schminken, herumjagen, ihm alles Mögliche befehlen. Wenn ich an meinen Vater denke – was jeden Tag der Fall ist –, denke ich vor allem an die Spiele.»
Die Mutter «wahnsinnig schön»
Das «Tochter von» habe sie als junge Schauspielerin gestört. «Inzwischen macht mir das nichts mehr aus, ich bin gern seine Tochter.» Und was hat sie von ihm geerbt? «40 Franken!» Kurt Früh habe am Schluss kein Geld mehr gehabt, weil er es liebend gern ausgegeben habe. Nebst den zwei Zwanzigernoten habe sie die Eigenschaft geerbt, sich gut in andere Menschen einfühlen zu können.
Auch zu ihrer Mutter hatte Katja Früh eine gute Beziehung, wenn auch keine so enge wie zum Vater. «Meine Mutter war distanzierter, weniger spielerisch mit mir und meiner Schwester.» Sie bewunderte ihre Mutter für ihr Aussehen. «Sie war wahnsinnig schön. Ich würde alles dafür geben, um nur einen Tag lang so makellos schön zu sein.»
Eva Langraf entschied sich im Jahr 2009, mit Hilfe von Exit zu sterben. Katja Früh konnte diesen Entscheid zwar akzeptieren, hatte aber auch schlechte Gefühle dabei. «Vielleicht Schuldgefühle», sagt sie. Sie findet, dass Sterbehilfe nicht selbstverständlich werden sollte. «Ich habe Angst, dass Druck entsteht. Dass alte Menschen finden, sie müssten freiwillig gehen, um anderen nicht zur Last zu fallen.» Sie selbst könne sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen, jemals durch Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden. Katja Früh ist selbst eine leidenschaftliche Mutter: Sie liebe ihre Kinder «abgöttisch», sagt sie. Tochter Lisa Maria (29) ist Schauspielerin, Sohn Severin (30) führt eine kleine Filmfirma. Der dreijährige Ciro, Lisa Marias Sohn, nennt seine Grossmutter «Mamama».
In einer Kolumne mit dem Titel «Wünsche für meinen Enkel Ciro» schreibt sie: «Sei neugierig. Weniger auf den Schulstoff als auf die Dinge dahinter. Hab keine Angst vor Autoritäten. Sie haben auch Angst. Sei grosszügig, wegen dem Karma. Glaub an die Gerechtigkeit, auch wenn es sie nicht gibt.»
Nicht arbeiten ist unvorstellbar
Katja Früh und ihr Mann Hans hüten den Enkel regelmässig. Ihr Mann ist inzwischen im Ruhestand. Es sei eine neue Situation: «Er ist oft zu Hause und macht den ganzen Haushalt – sogar gern!» Sie sagt das so, als könne sie nicht fassen, dass jemand Hausarbeit mag. Sie selbst arbeitet noch viel. «Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass man das kann: nicht arbeiten.» Sie fühle sich ohne Projekte nicht wohl, denn sie gäben ihr viel Lebenslust. «Es kommt für mich nicht infrage aufzuhören. Auch wenn es vielleicht normal wäre.» Zudem habe sie keine Pensionskasse, es würde finanziell gar nicht gehen. «Ich bin nicht sparfähig», erklärt sie. Wie schon ihr Vater gönnt sie sich gerne etwas.
Ist Katja Früh jemand, der Angst hat vor dem Älterwerden? «Vor dem Altsein habe ich keine Angst, nur vor der Untätigkeit», sagt sie. Es gebe zwar Dinge, die sie in ihrem Leben nicht mehr tun wolle. Soufflieren in einem Theater etwa. In eine Disco gehen. Aber es gebe so vieles, was sie noch tun wolle: sich weiterentwickeln in der Arbeit, sich noch mehr Wissen aneignen, über Psychologie lernen, sich Fernsehserien ansehen, reisen, neue Protagonisten zum Leben erwecken, sich selber auf die Schliche kommen.