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Im Frühjahr 1975 wurde in Zürich der Paranoia-City-Laden eröffnet, und Tomi Geiger war einer der fünf sich selbst verwaltenden Betreiber:innen. Alle machen alles, keine Chef:innen. So musste das sein. Ich stand damals als Landei im düsteren Laden an der Schwanengasse, mit unserem Aarauer Anarchoblättchen, das aber freundlich ins Sortiment aufgenommen wurde. So ein Buchladen war neu und wichtig; Untergrundcomics, anarchistische Schriften und Information von und über Gleichgesinnte waren notwendig. Ringsum wurden linke Parteien gegründet, man schnürte die Schuhe für den langen Weg durch die Institutionen. Da wollten wir nicht mitmachen müssen.
Irgendwann habe ich mich mit Tomi über linke Theorie oder Ideologie unterhalten. Wir haben dann den bekannten Spruch des Unsympathen Lenin modifiziert: Statt «Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung» galt fürderhin «Anarchismus ist Geistesmacht plus Velofahren».
An seinem 60. Geburtstag füllte Tomi ein altes Hotel in Engelberg mit seinen Freund:innen. Anderntags ging es mit schwerem Kopf hoch auf einen Berg. Die Frauen und Tomi voran, hintenan blieben hartgesottene Veteranen der Achtzigerbewegung, die sich bald erschöpft ins grüne Gras setzten. Tomi hatte eine scheinbar unerschöpfliche Energie und Fantasie, er war ein wacher Geist, einer, der etwa das Subversive der Komik genau kannte und einzusetzen wusste. Ich habe als Autor oft im Paranoia City gelesen. Das Highlight der Veranstaltung waren meist Tomis unorthodoxe, schräge, ja bizarre Einleitungen.
In den achtziger Jahren reiste Tomi nach Tibet, immerhin war er Sinologe. Dann half er in Zürich, ausgehend vom Recht auf Wohnen, mit Karthago und Kraftwerk eine andere Stadt zu bauen. Toni besuchte auch Aarau: «Am 20.3.1986 hielten Peter Meisterhans [Tomi] und Pius Mutterzweig [konnte nicht identifiziert werden] einen Vortrag über bolo‘bolo.» So steht es jedenfalls in meiner Staatsschutzfiche. Tomi war mit «bolo‘bolo» von P. M. nun auch unter die Verleger gegangen.
Das Paranoia City führte Tomi mit treuen Helfer:innen, er bildete Buchhandelslehrlinge aus und versorgte diejenigen, die guten Willens waren, mit bester Literatur. Der Laden wanderte quer durch Aussersihl, an Durchhaltewillen fehlte es Tomi nie. Am letzten Standort an der Ankerstrasse wurde er sogar noch zum Önologen, um trotz aller eigenen Luftigkeit auch gewissenhaft Wein verkaufen zu können.
Dann kam die Krankheit, und das Unvorstellbare geschah: Tomi gab das Paranoia City ab. Immerhin gab es Nachfolgerinnen. Nun ist Tomi gestorben, und wir vermissen ihn sehr.
Wolfgang Bortlik ist Schriftsteller und Musiker. Sein neuster Roman, «Basler Gleichstand», ist 2022 im Gmeiner-Verlag erschienen.