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«Der deutsche Dramatiker und Schauspieler Manfred Karge verfasste sein Stück ‹Jacke wie Hose› Anfang der 80er-Jahre. In seinem Einpersonendrama geht es um eine Frau, die im Deutschland der 30er-Jahre in die Rolle ihres verunglückten Mannes, eines Kranfahrers, schlüpft und dessen Arbeit fortführt. Karge, zwanzig Jahre zuvor von Helene Weigel ans Berliner Ensemble geholt und massgeblich von der Arbeit Brechts beeinflusst, macht die gesellschaftspolitische Bedeutung überdeutlich: Ella Gericke übernimmt nicht nur die Rolle des Mannes, sondern erlebt Massenarbeitslosigkeit, Nazizeit und Wirtschaftswunder. (…) Tilda Swinton trat an den britischen Regisseur John Maybury heran, um ihn für die Adaptierung des Stückes zu gewinnen, das sie zuvor bereits in Inszenierungen von Stephen Unwin 1987 am Travers Theatre in Edinburgh und 1988 am Royal Court in London gespielt hatte. Maybury behielt die Bühnenatmosphäre bei, drehte nur wenige Aufnahmen vor Ort in Berlin, verliess sich darüber hinaus ganz auf die Präsenz seiner Hauptdarstellerin. Das Ergebnis ist eine One-Woman-Show, eine Tour de Force für Swinton, die in der Figur Ella Gericke völlig aufgeht.» (Viennale 2009)
Auszug aus einem Interview mit John Maybury über Love Is the Devil (1998) mit Derek Jacobi, Daniel Craig und Tilda Swinton:
Sie haben gesagt, Sie hätten sich für die Bilder von George Dyer und Bacons Beziehung zu ihm interessiert und sich darauf konzentriert. In gewisser Weise erinnert mich dies an Derek Jarmans «Caravaggio», wo ja auch eine Beziehung von Künstler und Muse im Mittelpunkt stand. War das eine direkte Inspiration? Sie haben ja mit Jarman gearbeitet.
John Maybury: Es ist seltsam: In letzter Zeit haben mich viele Leute auf Dereks Einfluss angesprochen. In Love Is the Devil sehe ich seinen Einfluss eigentlich nicht. Dereks Einfluss auf mein Schaffen ist viel subtiler. Es hat weit mehr mit seinem Einfluss auf mich als Menschen zu tun, wie ich mit anderen Leuten zusammenarbeite. Derek war unglaublich großzügig gegenüber seinen Mitarbeitern. Man arbeitete nicht für Derek, sondern mit ihm zusammen. Er gewährte einem immer die Freiheit, das zu tun, was man am besten konnte. Bei War Requiem entwarf und schnitt ich die Kriegssequenzen des Films, und Derek hielt sich fast vollständig heraus; er sah sie sich erst an, als sie fertig waren. Diese Fähigkeit, Leuten Freiraum zu geben und ihnen zu vertrauen, hat mich inspiriert, und ich hoffe, dass ich mit den Leuten, die mit mir heute zusammenarbeiten, einen ähnlichen Umgang pflege. Derek wurde Teil meines Lebens, als ich 18 war. Er gab mir meine erste Super-8-Kamera; ich entwarf die Dekors und Kostüme für Jubilee und machte die letzte Schnittfassung von The Last of England. Aber noch wichtiger war, dass ich manchmal mit Derek Tee trank und mit ihm über Bücher, Filme, Malerei und alles Mögliche sprach. Er war ein außergewöhnlicher Mensch, der mir heute noch furchtbar fehlt.
Sie haben mehrmals mit Tilda Swinton zusammengearbeitet. Haben Sie sie bei der Arbeit mit Jarman kennen gelernt?
John Maybury: Ja.
Sie ist in Love Is the Devil kaum zu erkennen. Offenbar hatte sie keine Angst davor, sich selbst zu entstellen.
John Maybury: Ganz und gar nicht. Etwas vom Aufregendsten an Tilda als Schauspielerin ist, dass sie kaum etwas von der üblichen Eitelkeit hat, die die meisten Schauspieler haben. Alle Darsteller in diesem Film verdienen Anerkennung dafür, dass sie sich von mir so hässlich herrichten ließen. Tilda und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, und viele Leute haben mir gesagt, es sei ein Fehler, sie als Muriel Belcher zu besetzen. Aber ich hatte volles Vertrauen dazu, dass sie diese Rolle spielen könnte, und ich finde, sie macht das sehr souverän.
(Michel Bodmer, Cannes 1998)
Drehbuch: John Maybury, nach dem Theaterstück «Jacke wie Hose» von Manfred Karge
Kamera: Dominique Le Rigoleur
Musik: Nigel Holland, Marvin Black, Dean Speedwell
Schnitt: John Maybury, Nigel Harley, James Bygrave, Bruce McKenna
Mit: Tilda Swinton (Ella/Max Gericke)
72 Min., Farbe + sw, Digital SD, E/d