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youngCaritas-Awardreise: Kolumbien, ein Kampf an vielen Fronten
Müde und frierend stehen wir vor dem Hostel und warten auf unsere Fahrer. Rasem ist heute Morgen unser einziger Sonnenschein: Er hat in unserem Lieblingslokal Frühstück geholt. Kurz darauf geht es los. Vorbei an überfüllten, rauchenden Transmilenio Bussen durch die morgendliche Rush Hour Bogotás Richtung Südwesten nach Soacha. Eine Stadt, die direkt an Bogotá grenzt. Dort treffen wir die Organisation Servicio Jesuita a Refugiados (JRS) und erfahren mehr über ihre Tätigkeit und die Stadt: Soacha ist nur der offizielle Name, die Einwohner aber nennen sie bewusst Suacha. Das indigene Volk der Muisca lebte bereits an diesem Ort und gab ihm den Namen Xuacha was so viel heisst wie: Tierra del Varón del Sol – Erde der Sonnenmenschen.
Nach offiziellen Angaben (2005) leben hier 533'000 Menschen, aktuelle Schätzungen gehen aber von ca. 1.2 Mio. Einwohner*innen aus. Dies ist besonders problematisch, da das Budget für Gesundheitsversorgung, Bildung, Abwassersysteme etc. auf den offiziellen Zahlen basiert. Zusätzlich zieht es viele intern Vertriebene nach Suacha, da sie hier leichter Zugang zu bezahlbarem Wohnraum haben und dank der Nähe zur Hauptstadt grössere Chancen haben, Arbeit zu finden.
Die intern Vertrieben leben vorwiegend in einem Stadtteil am Hang. Die meisten Häuser sind aus Wellblech, die Strassen unbefestigt und der See vom Abwasser verseucht. Sicherheit gegen bewaffnete Gruppierungen erkaufen sich die Menschen dort gegen Schutzgeld, doch keiner redet offen darüber. Wir besuchen die einzige Bibliothek des Stadtteils und hören mehr Details über die Arbeit des JRS und die Verhältnisse im Viertel. Aus einem Nachbarhaus scheppert laut Cumbia, Kinder bewerfen einen Hund mit Steinen und rennen lachend davon, sobald er sie jagt.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den Sozialarbeitern des JRS geht es zurück in die Stadt: Wieder Verkehr, wieder Abgase, wieder Verspätung. Ein Treffen mit der Initiative Barometró zeigt uns weitere Aspekte des Friedensbildungsprozesses. Hier werden die Implementationen des Friedensabkommens zwischen der FARC und der Regierung aus akademischer Perspektive analysiert und den Parteien mittels eines halbjährig erscheinenden Reports neutrale Vorschläge unterbreitet.
Während die Eindrücke des Vormittags noch nachwirken, wird uns durch die neuen Hintergrundinformationen mehr und mehr klar: Die intern Vertriebenen in Suacha sind nur ein Beispiel für die vielen verschiedenen Herausforderungen nach der «Violencia». Ein grosser Schritt – der Waffenstillstand – ist erreicht, es gilt aber weitere Probleme wie den Aufbau der ruralen Infrastruktur, die politische Beteiligung, das Problem der illegalen Drogen und den Umgang mit den Opfern zu lösen. Dass dies nicht von heute auf morgen geschehen kann, leuchtet ein. Wie viel aber noch ansteht, ist kaum vorstellbar.
Obwohl wir nun schon seit zwölf Stunden auf den Beinen sind, erwartet uns ein letztes Meeting für den Tag. Lina Peña von Secretariado Nacional de Pastoral Social (SNPS) erklärt uns mehr zu den geflüchteten Menschen aus Venezuela, die entweder in Kolumbien bleiben oder das Land durchqueren, um in Peru oder Ecuador zu arbeiten, da dies in ihrer Heimat nicht mehr möglich ist.
500'000 Menschen allein im letzten Monat, 3'000 Kilometer von Venezuela bis Ecuador – kaum greifbar. Bisher kannte Kolumbien vorwiegend Emigration, nun wird das Land von der Immigration überrumpelt. Erfahrung, Lösungen und politischer Wille fehlen. Es wird uns wieder bewusst: Kolumbien kämpft auch nach dem Waffenstillstand an vielen Fronten.
VOR 72 Tagen