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Warum mischet nun auch Brasilien in Afrika mit?
BRASILIEN will wie ein alter Verwandter am afrikanischen Markt beteiligt sein
So begann es
Im 19. Jahrhundert kehrte eine grössere Zahl der befreiten Sklaven auf den afrikanischen Kontinent zurück. Für die kommenden Generationen dieser Heimkehrer wurde Brasilien vermehrt zu einem Mythos; sie träumten davon, dass Brasilien und Afrika ein Mutter-Kind-Verhältnis verband. Dennoch wurde es nicht leicht für Brasilien wirtschaftlich auf dem „Mutter“- Kontinent aktiv zu werden. Brasilien brauchte Erdöl, dases ursprünglich mehrheitlich aus dem Iran bezog, bis es zur Erdölkrise zu Beginn der 70er Jahre kam. Systematisch wandte sich Brasilien Algerien, Libyen, Angola, Gabun und Nigeria zu.
1971 betrug Brasiliens Güteraustausch mit Afrika insgesamt (ausser Ägypten) $182 Mio. 1976 waren es $838 Mio. und 1977 bereits $1087,8 Mio. Zu den bereits erwähnten Ländern kam Südafrika hinzu.
Brasilien benutzte den deutschen Schrittmacher: VW und Mercedes wurden auch in Brasilien produziert; diese deutsch-brasilianischen Auto- und Lastwagen- Firmen drangen auf den afrikanischen Markt ein, denn dort war nach der Unabhängigkeit ein wahres Auto-Fieber ausgebrochen. 1978 unterhielt ein brasilianisches Transportunternehmen in 12 afrikanischen Ländern Vertretungen. Von Volkswagen do Brasil S.A. wurden kurz nach der Unabhängigkeit zerlegte Wagenteile zur Montage nach Nigeria geschifft. Mercedes-Benz do Brasil S.A. lieferte ab 1976 40 Omnibusse nach Gabun. Andere Länder folgten – stets nach Verleihung von brasilianischen Bankkrediten.
An 3. Stelle ökonomischer Bedeutung sprangen auf dem Kontinent überall Beratungs- und Baufirmen aus dem Boden. Einige Beispiele aus Nordafrika: In Mauretanien baute Firma Construtora Mendes Junior S.A. eine die 606 km lange asphaltierte Sahara-Strasse. Firma Ecel hat in Algerien 1400 Wohneinheiten gebaut. Firma Rabello baute einen Staudamm im algerischen Raum von Tiemcen. Ende 1978 existierten südlich der Sahara 25 brasilianische Beratungs- und Dienstleistungsfirmen.
Schliesslich kann auch noch ein landwirtschaftlicher Einfluss – vor allem an der Elfenbeinküste - festgestellt werden. Brasilien führte dort die Sojakultur ein. 1978 wurden $51 Mio. zur Forschung oder Entwicklung von Mais-, Reis- und Baumwollkulturen in Westafrika bewilligt.
Neue Anstrengungen unter Lula
Unter Präsident Luiz Inacio LULA da Silva wurde in Brasilien eine neue Afrikawirtschaftspolitik entwickelt. Lula selbst machte seit Antritt als Präsident 2003 bis Ende 2009 8 Afrikareisen und besuchte 19 Länder. Stets betonte er, dass Brasilien letztlich ein afrikanisches Kind sei, dass man eine gemeinsame Geschichte, und dass man sich gegenseitig stärken und aufbauen sollte, da die Mentalität ähnlich sei und das Klima stimme.
Brasilien ist Mitglied einer neuen Handels-Vereinigung, die vor allem Erfahrungen untereinander austauscht, aber auch Grenzformalitäten erleichtert. Es sind die BRIC-countries (Brasilien, Russland, Indien und China). Obwohl B(rasilien) an erster Stelle dieses Akronyms steht, ist dennoch China der weitaus Mächtigste im Bund. Dennoch hat Brasilien in diesem Bund die Führerrolle und ihr Präsident Lula hat mehr als Chinas Hu Jintao Afrika besucht. Für westliche Kommentatoren bleibt BRIC ein Geheimnis, ja, sogar etwas mit zu vielen Widersprüchen. Die britische Standard Bank schätzt, dass sich 20130 50% des Afrikahandels mit den Bric-Ländern abwickelt. Bric stärkt sich gegenseitig gegenüber den USA (im 1. Rang heute). Bric wird auch als ein verstecktes Komplott gegenüber der EU gedeutet.
Da nun die Bürgerkriege in Mozambique und Angola vorüber sind, versucht Brasilien - schon wegen der gemeinsamen Sprache – die ökonomischen Beziehungen mit ihnen auszubauen. Firmen warten bloss; hungrig sind sie. Der Präsident der Minengesellschaft Vale, Roger Agnelli, sagt: „Die Sache mit Afrika ist so, dass sie früher oder später wirklich wird.“ Die brasilianische Handelskammer stellt sich darauf ein, dass „Afrika der wichtigste Partner auf der lebensnotwendigen Suche nach Sicherheit von Energie und Nahrungsmitteln wird“. Sie stützt sich auf eine brasilianisch -amerikanische Prospektivstudie, worin der Kontinent als grösste kommende Investitionsmöglichkeit herausdividiert wird.
Davon sind Brasiliens TNCs (transnationale Gesellschaften) schon heute überzeugt, und seine Multis suchen nach Investitionschancen in Afrika.
Im Februar 2010 begann in der Nähe von Tete/Mozambique das riesige Bergbaukonglomerat Vale mit dem Abbau von Kohle in grossem Ausmass. Man schätzt die Mine als eine der grössten noch existierenden in der Welt. Tete hat bereits Tausende von Arbeitssuchenden angezogen. Ebenfalls in Mozambique vertreten ist Odebrecht, eine weitere Bergbaufirma, die ganz stark in Angola involviert ist. CSN, eine brasilianische Stahlfirma, hat sich im Tete-Gebiet auch bereits angesiedelt und plant eine milliardenschwere Investition.
An 1. Stelle liegt Angola mit einer Handelsbilanz (2009) von $1994 Mio. Import und $2388 Mio. Export. Eine der mächtigsten Firmen im Privatsektor ist Odebrecht, sehr breit diversifiziert in Nahrungsmittel- und Äthanolproduktion, Fabriken, Supermärkten und Büroräumlichkeiten. Der CEO hat direkten Zugang zum Präsidenten José Eduardo dos Santos. Die Ölfirma Petrobras, vom brasilianischen Staat kontrolliert, ist schon fast selbstverständlich anwesend.
Wichtig sind auch heute die ersten Partner wie Algerien, Nigeria und Südafrika.
Schlussbemerkungen
- Zur Zeit der Diktatur hatte Brasilien kaum afrikanische Wirtschaftsbezüge – ausser eben mit Apartheid Südafrika.
- Mit der Erdölkrise zu Beginn der Siebzigerjahre suchte Brasilien auf dem afrikanischen Kontinent nach neuen Energie-Quellen.
- Erst mit Präsident Lula besann sich Brasilien auf eine gemeinsame Geschichte, um die reale und emotionale Verbindung, durch die Sklaverei geschaffen, partnerschaftlich zu nutzen. Schätzungsweise wurden von 1700 bis 1850 zwischen 1.4 und 3 Mio. Sklaven von Afrika nach Brasilien gebracht.
- Aus Afrika kamen nach der Unabhängigkeit 1960 laufend von Bürgern aus Angola, Mozambique und den anderen kleinen portugiesisch geprägten Kolonien Hilferufe nach Brasilien, um sich mehr auf die afrikanische Seite zu stellen. Ein brasilianischer Diplomat in Maputo schrieb heim: „Sie fordern hier in Mozambique von uns in Brasilien viel mehr Solidarität und Mitgefühl, denn schliesslich hätten beide Seiten eine ähnliche Vergangenheit.“
- So hat nach und nach Brasilien nicht nur nach neuen Ressourcen gesucht, sondern auch historische Zusammenhänge aufgearbeitet und genutzt. Was unter dem Dichterpräsidenten Leopold Sedar Senghor mit der Négritude literarisch begann, hat sich unter Präsident Lula zu einer sowohl ökonomischen als auch kulturellen Zusammenarbeit entwickelt.
- Brasiliens Einsatz auf dem afrikanischen Kontinent ist daher keinesfalls nur ökonomisch zu verstehen. Zu kommen also zu Projekten auch Kulturprogramme hinzu.
- Dennoch muss immer Vorsicht walten, denn TNCs handeln nach anderen Grundsätzen als Nationen. Niemand glaube, dass brasilianische Multis besser als andere der Welt seien.
- Auch auf der Ebene der Staaten (BRIC) ist Skepsis angebracht. Machtspiele bringen dem Volk wenig Nutzen. Brasilien muss sich als Schwellenland nicht etwas verhätscheln und von den anderen Grossen missbrauchen lassen.
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15.3.10. Al Imfeld