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Editorial
Man gestehe mir zu, mittels des etwas hochtrabenden Titels dieses Editorials einen gewissen Stolz auszudrücken über das 100jährige Bestehen der Partei, welcher ich die vergangenen 20 Jahre meiner politischen Aktivität gewidmet habe. Eine Partei, für die ich einzig dies bedaure: Dass sie die „Blochersche Wende“ nicht sofort nach dem erfolgreichen Referendum gegen den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) im Jahre 1992 vollzogen hat. Die kraftvolle und effiziente, von Christoph Blocher in Gang gesetzte und geleitete Aktion – der zu Recht der Verdienst zugesprochen werden kann, dass die Schweiz noch nicht in der EU ist – wurde im Tessin hingegen von der damals neu aufgetretenen Lega dei Ticinesi mitgetragen, die das zugegebenermassen sehr gut getan hat. Damit flösste sie den Tessinern einen scheinbar nur latent vorhandenen Nationalstolz ein, den es nur wachzurufen galt. Ehre wem Ehre gebührt, aber dadurch haben wir den Zug verpasst, und auch nach der erst 1998 unter der neuen Präsidentschaft von Dr. Alessandro von Wyttenbach vollzogenen erwähnten „Blocherschen Wende“ gerieten wir in die Rolle eines Anhängsels der Lega und wurden etwas als deren kleinere Schwesterpartei betrachtet. Es waren schwierige Jahre. Denn mit der stark aufstrebenden Lega mit ihren drei-, vier- oder gar fünfmal höheren Stimmenanteilen als den unsrigen wurde es äusserst schwierig, bei der Wählerschaft zu punkten, weil die Leute trotz ihrem Einverständnis mit unserer Politik bei den Wahlen die so genannte „nützliche Stimmabgabe“ vorzogen, um zu verhindern, die rechtsbürgerlichen Stimmen auf zwei Parteien aufzusplittern und damit das Rechtslager zu schwächen. Der Eintritt von Dr. Gianfranco Soldati mit seinem „Polo della Libertà“ im Jahre 1999 brachte der Partei drei Sitze im Grossen Rat, die man dann vier Jahre später zu verdoppeln vermochte. Danach folgte eine Phase des Stillstands, 2007 sogar ein Rückgang, der bis zur Wahl von Pierre Rusconi in den Nationalrat dauerte. Bei nationalen Wahlen gab es einen Stimmenzuwachs, aber dem war nicht so bei kantonalen Wahlen. 2015 blieben die Dinge in etwa unverändert, aber Marco Chiesa erhielt mehr Stimmen als Rusconi und ersetzte ihn im Nationalrat. Der Rest ist aktuelle Zeitgeschichte: Die Apotheose von Marco Chiesa, der 2019 die meisten Stimmen erhielt und in den Ständerat gewählt wurde, und Piero Marchesi, der ihn im Nationalrat ersetzte. Der aufgehende Stern Marco Chiesa erhielt danach mit seiner in diesem Jahr erfolgten Ernennung zum Präsidenten der SVP Schweiz weiteren Glanz. Inzwischen hat sich unser Verhältnis zur Lega dei Ticinesi endlich eingependelt; die SVP ist nicht mehr deren Anhängsel, sondern deren ausschlaggebender Alliierter, um den zweiten Lega-Sitz im Staatsrat zu sichern. Diese Allianz verspricht erfolgreich zu sein für die bevorstehenden Gemeindewahlen, aber auch vielversprechend für die künftigen Wahlrunden und natürlich für Erfolge bei Initiativen und Referenden von gemeinsamem Interesse.
Eine durchaus erwähnenswerte Tatsache ist den Autoren des Buches entgangen: Seit 2005 ist auf Initiative des Unterzeichneten im Tessin eine deutschsprachige SVP-Sektion tätig, die heute rund 150 Mitglieder zählt, die im Tessin oder auch in der Deutschschweiz wohnhaft sind. Speziell für sie publiziert “Il Paese” in seinen Ausgaben jeweils stets 1-2 Seiten in deutscher Sprache, dies dank der wertvollen Hilfe von Rolando Burkhard – Übersetzer und selber Autor interessanter Artikel.
„Il Paese“ ist eng mit der SVP verbunden und war zeitweilig auch deren offizielles Organ, und konnte deshalb nicht darauf verzichten, seinen Beitrag zu leisten für eine würdevolle Begehung ihres 100. Geburtstags, welchen unsere Zeitung in einigen Jahren ebenfalls wird feiern können. Auf der ersten Seite dieser Ausgabe ist deshalb der Buchdeckel abgebildet samt Angaben, wo man das Buch bestellen kann, und auf Seite 5 finden Sie dessen Vorstellung seitens des Planers Giovanni Maria Staffieri, des Präsidenten der Tessiner SVP Piero Marchesi und des Herausgebers Carlo Danzi.
In meinem Titel habe ich das Buch als Geschichtsbuch bezeichnet, denn es beschränkt sich nicht darauf, die Partei zu feiern und zu lobpreisen, sondern es vermittelt ein historisches Bild der politischen Geschichte des Tessins des vergangenen Jahrhunderts, in welcher die SVP eine Rolle spielte, aber nicht die einzige Protagonistin war. Der von den Autoren wiedergegebene Kontext ist somit von Interesse für all jene, die sich mittels eines leicht lesbaren Buches zumindest eine oberflächliche Kenntnis von der politischen Realität unserer Väter, Grossväter und vielleicht gar Urgrossväter aneignen möchten.
Als nunmehr seit rund 20 Jahren amtierender Kantonaler Sekretär der SVP bin ich stolz darauf, dass ich meinen Beitrag leisten durfte für eine Partei, die nach 100 Jahren den Geist und den Enthusiasmus ihrer Gründerväter wiedergefunden zu haben scheint.
Grosser Dank gebührt deshalb dem Planer des Buches Giovanni Maria Staffieri, seinen Autoren – alles bestausgewiesene Historiker – dem Herausgeber Carlo Danzi und den Verantwortlichen der SVP Tessin sowie all jenen, die mit ihrer Unterstützung das Erscheinen dieses Buches ermöglicht haben.