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Hermann Levi – «... ein kurioses Amalgam: Der wackere Cherusker aus dem Teutoburger Wald – im Schrein des Tempels zu Jerusalem!» Solch knappe Pointen bringen es auf den Punkt, erfassen sie doch das existentielle Dilemma perfekt, das die Hauptfigur – den historischen Kapellmeister Hermann Levi – in Laurence Dreyfus’ Roman mit dem verführerischen Titel «Parsifals Verführung» um- und antreibt.
Parsifal – Verführter und Verführer
Laurence Dreyfus, Musiker, Wissenschaftler, Schriftsteller (@ Bild: Marco Borggreve)
Vorab jedoch dies: Laurence Dreyfus, 1952 in Boston geboren und heute In Berlin lebend, ist Musikwissenschafter und ausübender Musiker. Er studierte Cello an der Juilliard School, spezialisierte sich später auf die Viola da Gamba und gründete 1994 ein Gamben-Consort. Neben seiner Dozententätigkeit tritt Dreyfus häufig konzertierend auf, hat mehrere CD eingespielt und musikologische Sachbücher zu Bach und Wagner publiziert. «Parsifals Verführung» ist sein erster literarischer Text.
Und um es gleich vorwegzunehmen: Ein Wurf, muss man nach der Lektüre der etwas über zweihundert Seiten sagen. Gewiss, das Buch verlangt aufmerksames Lesen, ist kein anspruchslos-unterhaltendes Strand- oder Einschlafbuch. Es entführt uns ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, mithin in eine äusserst fruchtbare und bewegte Zeit und Zeitgeschichte: Es ist die Periode der Nationalstaatenbildung, die Ära des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm I. mit seinem schwelenden Antisemitismus. Die Epoche der grossen Sinfonik und opulenten Opern. Die Zeit von Brahms (r.), Bruckner, Dvořák, Mahler und Strauss, von Meyerbeer, Verdi und Puccini. Die Zeit Richard Wagners (l.), der Uraufführung seines «Parsifal» (1882) und der Errichtung der Kultstätte auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth.
Lustvolles Eintauchen in die Geschichte
Obwohl sich der Autor durch eine enorme Fülle von Materialien und Quellen gewühlt haben muss, kommt sein Text lebendig und frei von staubiger Stubengelehrsamkeit daher. Er verzichtet auf Belehrungen und Erklärungen, und lässt doch, unprätentiös und wie nebenbei, seine enorme Teilhabe an Kultur, Geschichte, Gesellschaft und natürlich Musik, seiner Kernkompetenz, in seinen Text einfliessen. Auf diese Weise gelingt es, Fachwissen in ein spannendes gesellschaftliches und zwischenmenschliches Spannungsfeld zu packen, in Dialoge, Szenen und Situationen zu giessen, die in ihrer suggestiven Bildhaftigkeit mitunter geradezu filmisch wirken. Zweifellos entbehrt da nichts einer akribisch erforschten Grundlage, und doch nimmt sich der Erzähler die dichterische Freiheit, Fakten und Vorkommnisse treffsicher und effektvoll so zu arrangieren und zu schildern, dass aus historischen Figuren Menschen aus Fleisch und Blut und Emotionen werden, Überlieferung sich zu einer Art grundsätzlicher Wahrheit verdichtet, die sich nicht um kleinliche Faktentreue zu scheren braucht. Dichtung und Wahrheit – für beides verfügt Dreyfus über die fachliche Souveränität sowie das sprachliche Vermögen. (Das erinnert ein wenig an Peter Shaffers «Amadeus», der sich grösstmögliche Freiheiten gegenüber der Historie erlaubt und doch das künstlerische Gefälle Mozart-Salieri genial erfasst – vielleicht ist dieser gekonnt laxe Umgang mit der Faktenlage ein typisch angelsächsisches Verdienst?)
In diesem Zusammenhang dennoch ein klitzekleiner Einwand – oder eher Ausdruck einer gewissen Neugierde des historisch interessierten Lesers: Da und dort lässt Dreyfus seine Protagonisten zur Feder greifen, um ein Schreiben aufzusetzen. Solche Passagen sind jeweils in Kursiv wiedergegeben. Die Frage stellt sich, ob es sich dabei um Zitate originaler Briefe handelt. So scheint beispielsweise ein – fiktives? – Schreiben Clara Schumanns an Brahms auf einem Tagebucheintrag der Musikerin zu beruhen, in welchem sie ihrem Abscheu und Ärger, musikästhetisch wie moralisch, über eine «Tristan»-Aufführung unverblümt Ausdruck gibt. Da wäre vielleicht eine Fussnote unr Nachtrag am Buchende hilfreich gewesen – aber eben, se non è vero è ben, anzi benissimo, trovato und ein absolut lässliches Versäumnis in Bezug auf den, wie bereits betont, romanhaften Zugang zur Geschichte! Einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Lesevergnügen leistet Wolfgang Schlüters brillante Übersetzung, die stellenweise einen liebenswürdig altmodischen Ton anschlägt, aber keineswegs betulich daherkommt und gerade dadurch den Geist von Belle Époque und Gründerzeit mit ihrem Hang zu grosser Geste und Überschwang trefflich wiedergibt, jedoch mit augenzwinkerndem Schalk relativiert.
Ein Buch, das Wagnerianer begeistern, aber auch grundsätzlich an Musik und Zeitgeschichte Interessierte in Bann ziehen wird. Genauso, wie es von einem guten Buch, einem Kunstwerk überhaupt, zu erwarten ist: Es spricht den Sachkundigen ebenso an wie den unvoreingenommenen, neugierigen Leser.
In Zentrum des Romans steht also, wie gesagt, der Komponist und genialische Dirigent Hermann Levi, Sohn eines hessischen Landrabbiners,1839 in Giessen geboren, 1900 in München verstorben. Nach dem Start als pianistisches Wunderkind begann Hermann im Alter von zwölf Jahren in Mannheim ein Musikstudium, das er am Leipziger Konservatorium fortsetzte und mit höchster Auszeichnung abschloss. Nach verschiedenen Stationen – Saarbrücken, Mannheim, Rotterdam – wurde er 1864 Dirigent des Hoftheaters in Karlsruhe, wo er diverse Opern Wagners aufführte. 1872 erfolgte die Berufung als Hof-Kapellmeister nach München, wo er später sogar zum Generalmusikdirektor ernannt wurde. Hier habe er – nach eigenem Bekennen und nach dem Dirigat des «Tristan» – endgültig zum «Wagnerianer» konvertiert und sei dem Narkotikum der wagnerschen Musik rettungslos anheimgefallen. Oder wie Clara Schumann es in einem Brief an Levi formulierte: «Diese Wagnerei kommt mir vor wie eine schwere Krankheit, der Sie mit Leib und Seele verfallen sind.»
Die erste persönliche Begegnung zwischen Wagner und Levi, der zuvor wiederholt dessen Opern dirigiert hatte, fand 1871 in Mannheim statt. Später, bereits auf Villa Wahnfried, beschied ihm der Meister mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit: «Sie sind mein Parsifal-Dirigent!» Und dies, obwohl er ihn kurz zuvor schändlich desavouiert hatte, indem er ihm ein anonymes Schreiben vorlegte, das ihn, Levi, einer Intimität gegenüber Cosima bezichtigte. Doch es sollte noch dicker kommen.
Wagner, als Christ keineswegs doktrinär, war der Ansicht, dass das «heiligste» Bühnenweihfestspiel, dass Kreuzestod und Karfreitagszauber, Gralslegende und Erlösungsmysterium von einem Nicht-Christen nicht gebührend zum Ausdruck gebracht werden könne. So insinuierte der Meister mit Nachdruck, Levi möge sich christlich taufen lassen, was dieser, obgleich ebenso wenig dogmatisch wie Wagner selbst, nach inneren Gewissenskämpfen und im Wissen um die Fragilität dieses Entscheids – eben verführt durch Parsifal – kategorisch ablehnte. Wohl auch in der utopischen Hoffnung, dass Kultur und insbesondere Musik Menschen, Ethnien und Religionen würden versöhnen können... Hinzukommt – auch das ist bekannt –, dass der Meister, wie ihn Levi stets ehrfurchtsvoll nannte, seine Umgebung schamlos ausnützte, demütigte, brüskierte, manipulierte und von ihr profitierte. Dass der halbrussisch-stämmige, homosexuelle Paul von Joukowsky – auch er hat, zusammen mit seinem Latin Lover Peppino, wie viele andere Zeitgenossen seinen Auftritt im Buch – die Parsifal-Bühnenbilder schuf, ist nur eine weitere Pikanterie im komplexen wagnerschen Kosmos. Genauso wie die Tatsache, dass Levi 1883 einer der Sargträger Wagners war...
Der Gralstempel (Bühnenbild der Uraufführung von Paul von Joukowsky, 1882)
Ein weiterer Konflikt, der Levi bis zu seinem Tod beschäftigt, ist die Freundschaft zu Johannes Brahms, der dem Freund, obwohl dieser sich immer wieder für die Aufführung brahms’scher Werke einsetzt, die Bewunderung für Wagner vorwirft: «Levi, du bist süchtig geworden nach einer gefährlichen Droge. Kannst von ihr nicht loskommen.» Im Frühling 1875, nach einem nächtlichen Disput bei Zigarren und Cognac zerbricht die künstlerische Männerfreundschaft, die auch unausgesprochene – zumindest erträumte – homoerotische Züge getragen hatte. Dreyfus gelingt hier ein bewegendes Psychodrama en miniature, frei von Schwulst und Sentimentalität.
Auch die weit zurückliegende erste Begegnung der beiden ist ein schriftstellerisches Kabinettstück: 1862 sucht der schwärmerische 23-jährige Levi den sechs Jahre älteren, bereits arrivierten Komponisten unangemeldet in dessen Klause in Hamm auf: «Sie spielen bestimmt ganz brauchbar Klavier», raunzt Brahms, und schon setzen sie sich, noch per Sie, ans Érard-Piano, um Brahms’ Streichsextett, B-Dur, in dessen eigener Bearbeitung für Klavier durchzuspielen – eine reizvolle Szene, gemengt aus Sachkenntnis, subtiler Ironie, sensibler Zuneigung und, ja, einer Prise Erotik: «Gibt es eine besser Weise, sich anzufreunden, als wenn im Vierhändig-Spiel Arme einander streifen und Finger sich kreuzen?»
Oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ein weiteres Treffen der beiden 1864 in Lichtenthal bei Baden-Baden, wo sie sich über ihre gegenseitigen Liedkompositionen – man ist mittlerweile beim Du angelangt – unterhalten: Ein wohlwollend schonungsloser Schlagabtausch, worin es auch um Brahms’ eher zweifelhaften literarischen Geschmack geht, der sublime Gedichte August von Platens neben den mediokren Ergüssen eines gewissen Georg von Daumer, Tutor des «Wolfskindes» Kaspar Hauser, vertont. Wiederum ein köstliches Intermezzo voller Witz, Sachkenntnis und Eloquenz!
Eine Art Lebensbeichte
Geschickt fügt der Autor eine Art Rahmenhandlung ein, die ihm erlaubt, das Korsett der Chronologie immer wieder zu durchbrechen. 1899, also ein Jahr vor seinem Tod, lädt Levi nämlich Anna Ettlinger (1841–1934), eine emanzipierte femme de lettre, Dozentin, Musik- und Literaturkritikerin und Vorkämpferin für Frauenrechte, nach Partenkirchen ein, wo er seit seiner späten Verheiratung mit einer vermögenden Witwe in einer feudalen Villa residiert. Mit der freigeistigen Anna verbindet ihn, mit Unterbrüchen, eine lange Freundschaft; beide sind sie jüdisch, und beide haben sie ein respektvolles, aber sehr distanziertes Verhältnis zu ihrer Religion. Sie wünscht er sich als Autorin für einen Artikel im «Berliner Wochenblatt» über sein Schaffen in einem durchaus nicht immer wohlwollend gesinnten Umfeld. Wie immer in all den Jahren ihrer Beziehung, diskutieren, disputieren und streiten sie in intimen Sitzungen über Kunst, Kultur und Gesellschaft im Allgemeinen und Levis Leben im Besonderen. In diesen geistvollen Causerien öffnet der Autor Dreyfus weitere Kapitel im Geistesleben der damaligen Jahre.
Als Anna nach Levis Tod bei seiner Gattin um Einsicht in dessen Papiere bittet, um jenen ersten Artikel zu einer umfangreicheren Schrift über den Dirigenten zu verfassen, wird sie nach langem Hinhalten endlich in die Villa der Witwe vorgeladen. Dort, von den Damen Levi und Wagner mit herablassender Perfidie empfangen, wird ihr salbungsvoll dargelegt, dass die Dirigentenwitwe sich selbst anheischig macht, Levis Biographie zu verfassen: «Frau Wagner wird mir dabei zweifellos als unverzichtbarer Leitstern leuchten.» Frustriert und gedemütigt verlässt Anna das Haus, um im Garten kurz vor dem pompösen Grabmal Levis innezuhalten und an den verehrten, ja, geliebten Freund zu denken, an seine «Triumphe und seine Erniedrigungen, die Klarheit seines Blicks wie auch das Lähmende seiner Illusionen». Das ist grosses literarisches Kino, besser noch: Kammerspiel vom Feinsten – und vielleicht sogar eine Träne wert...
Laurence Dreyfus: Parsifals Verführung
FABER & FABER, 2022 – ISBN 978-3-86730-226-5