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Blauer Marlin - Makaira nigricans
Weisser Marlin - Tetrapturus albidus
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork (Tetrapturus albidus) © Owen Bell
Die Familie der Fächerfische (Istiophoridae) umfasst einige der spektakulärsten Fische, die wir kennen. Es sind gross gewachsene, kräftige Raubfische, welche bei der Verfolgung ihrer Beutefische Spitzengeschwindigkeiten von bis zu neunzig Kilometern je Stunde erreichen. Im Allgemeinen werden zehn Arten in drei Gattungen unterschieden: erstens die Eigentlichen Fächerfische in der Gattung Istiophorus
, zweitens die blauen und die schwarzen Marline in der Gattung Makaira
, drittens die weissen und die gestreiften Marline sowie die Speerfische in der Gattung Tetrapturus
.
Alle Fächerfischarten sind wanderfreudige Hochseefische und in den warmen gemässigten, subtropischen und tropischen Zonen der Weltmeere heimisch. Zwei von ihnen, der Blaue Marlin (Makaira nigricans)
und der Weisse Marlin (Tetrapturus albidus)
, sind regelmässig in den Gewässern rund um die Azoren - jenem portugiesischen Aussenterritorium mitten im Nordatlantik, das die vorliegenden Briefmarken verausgabt hat - anzutreffen. Von ihnen soll hier berichtet werden.
Der Blaue Marlin
Der Blaue Marlin ist eine von zwei Arten, aus denen die Gattung Makaira
besteht. Bei der anderen Art handelt es sich um den Schwarzen Marlin (Makaira indica)
. Von manchen Fachleuten werden die Populationen des Blauen Marlins im Atlantik einerseits und im Indopazifik andererseits in zwei separate Arten aufgetrennt: erstens den Atlantischen Blauen Marlin (Makaira nigricans)
und zweitens den Indopazifischen Blauen Marlin (Makaira mazara)
. Da sie einander überaus ähnlich sind, betrachten wir sie jedoch bloss als zwei Unterarten einer einzigen, rund um den Erdball herum vorkommenden Art.
Der Blaue Marlin ist das grösste Mitglied der Fächerfischfamilie: Besonders grosse Individuen weisen eine Länge von nahezu fünf Metern und ein Gewicht von über 800 Kilogramm auf. Interessanterweise handelt es sich bei diesen «Riesen» stets um weibliche Tiere. Die Männchen bringen selten mehr als 130 Kilogramm auf die Waage.
Wie alle Fächerfische hat der Blaue Marlin einen strömungsgünstigen, torpedoförmigen Körper mit einer hohen, segelartigen ersten Rückenflosse, langen, schmalen Brustflossen und einer sichelförmigen Schwanzflosse. Und wie bei allen Fächerfischen ist sein Oberkiefer zu einem langen Fortsatz ausgezogen. Eine vergleichbare Verlängerung des Oberkiefers besitzt sonst nur noch der nah verwandte Schwertfisch (Xiphias gladius)
in der Familie Xiphiidae. Dessen «Schnabel» ist jedoch im Querschnitt horizontal abgeflacht, also wirklich schwertförmig, während derjenige der Fächerfische im Querschnitt rund, also speerförmig, ist.
Marline verfügen über hoch entwickelte, sehr leistungsfähige Augen. Jüngeren Untersuchungen zufolge können sie sogar Farben erkennen. Allerdings ist nur jener Teil der Netzhaut farbempfindlich, welcher Licht aus dem oberen Teil des Blickfelds empfängt. Marline erkennen also Objekte im Bereich der Meeresoberfläche in Farbe, während sie tiefer schwimmende Objekte schwarzweiss wahrnehmen.
Welch wichtige Rolle die Sehorgane im Leben der Marline spielen, lässt sich daran erkennen, dass die grossen Fische im Laufe ihrer Stammesgeschichte einen speziellen Mechanismus zur Optimierung der Augentemperatur entwickelt haben. Fische sind ja im Prinzip wie die Amphibien und die Reptilien wechselwarme («poikilotherme») Tiere: Ihre Körpertemperatur wird hauptsächlich durch die Umgebungstemperatur bestimmt und kann darum erheblichen Schwankungen unterworfen sein. Demgegenüber halten die Vögel und Säuger, welche warmblütig («homöotherm») sind, ihre Körpertemperatur unabhängig von der Umgebungstemperatur auf einem ziemlich konstanten Niveau.
Wir wissen heute, dass diese Einteilung - wie so oft in der Biologie - eine Verallgemeinerung darstellt, welche der Wirklichkeit nicht ganz gerecht wird. In beiden «Schubladen» gibt es nämlich etliche Sonderfälle. So haben einige grosse Knochenfische wie die Tunfische und ein paar grosse Reptilien wie die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea)
in einem gewissen Ausmass durchaus die Fähigkeit, ihre Körpertemperatur über diejenige der Umgebung anzuheben. Dadurch können ihr Zentralnervensystem und ihre Muskulatur auch in verhältnismässig kühler Umgebung wirkungsvoll arbeiten.
Auch die Marline haben eine Form der Warmblütigkeit zwecks Steigerung der Organleistungsfähigkeit herausgebildet. Man könnte sie als «lokale Warmblütigkeit» bezeichnen. Bei ihnen finden sich hinter beiden Augen grössere Muskelpakete, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, durch ihre Tätigkeit Wärme zu erzeugen, welche für eine erhöhte und einigermassen konstante Temperatur der Augen und des Gehirns sorgt. Während die Temperatur des restlichen Körpers also mit der Umgebungstemperatur schwankt, haben Augen und Hirn immer eine optimale Betriebstemperatur.
Wozu dient der Speer?
Der Blaue Marlin ist ein Hochseefisch, der ausschliesslich in Meeresbereichen umherstreift, deren Wassertemperatur an der Oberfläche zwischen etwa 22 und 30 Grad Celsius beträgt. Er hält sich darum im Allgemeinen in tropischen und subtropischen Regionen auf, dringt aber jeweils während der Sommermonate auch in warme gemässigte Regionen vor, im Norden etwa bis zum 45. und im Süden bis zum 40. Breitengrad. Gewöhnlich hält er sich in küstenfernen Gewässern auf. Nur in wenigen Gegenden, wo der Meeresboden von der Küste weg steil in die Tiefe abfällt, kann man ihm auch in Festland- oder Inselnähe begegnen. Beispielsweise ist dies im Golf von Mexiko im Bereich des Mississippi-Deltas der Fall.
Der Blaue Marlin ist ein sehr aktiver, schnell schwimmender Fisch, der über kurze Strecken Geschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern je Stunde erreicht. Er führt ausserhalb der Fortpflanzungszeit ein einzelgängerisches Leben und betätigt sich wie alle Fächerfische als zünftiger Raubfisch. Bei der Jagd stützt er sich hauptsächlich auf die ausgezeichnete Sehkraft seiner Augen ab. Aus diesem Grund stellt er seinen Beutetieren ausschliesslich tagsüber und stets in der vom Tageslicht erhellten Zone dicht unter der Wasseroberfläche nach. Selten taucht er tiefer als ein paar Dutzend Meter. Seine Kost besteht denn auch in erster Linie aus tagaktiven, oberflächennah lebenden Hochseefischen wie Makrelen und Tunfischen.
Ob der Blaue Marlin beim Beutefang seine speerförmige Schnauze zum Einsatz bringt, ist umstritten. Oft heisst es, der eindrucksvolle Jäger stürze sich pfeilschnell in einen Fischschwarm und schlage mit seinem «Schnabel» wild um sich. Dann drehe er um und verzehre die betäubten, verletzten oder gar zerstückelten Opfer. Anderen Beobachtern zufolge soll der Blaue Marlin seine Beutetiere kurzerhand mit seiner Schnauze aufspiessen. Gegen beides spricht, dass die Beutefische, die sich im Magen erlegter Blauer Marline finden, kaum je Speerwunden aufweisen. Möglicherweise dient der Oberkieferfortsatz gar nicht dem Fischfang, sondern als «Schnauzenwaffe» der Einschüchterung und Abwehr von Feinden. Vom Schwertfisch wissen wir, dass dies bei ihm zutrifft: Abgebrochene Schwertfisch-Schwertspitzen hat man schon in Haien, Zahnwalen und auch Bootswänden gefunden.
Über das Fortpflanzungsverhalten des Blauen Marlins ist wenig bekannt. Einer seiner Laichplätze befindet sich im Karibischen Meer vor Kuba. Dort widmen sich die grossen Fische jeweils zwischen Mai und November der Fortpflanzung. Wie bei den meisten grossen Knochenfischen ist die Reproduktionsrate enorm: Gross gewachsene Weibchen können mehrere Millionen Eier aufs Mal ablaichen. Sie geben dieselben ins freie Wasser ab, wo sie unverzüglich von den anwesenden Männchen besamt werden. Eine Brutfürsorge findet nicht statt: Nach dem Ablaichen sind die frei im Wasser treibenden Eier sich selbst überlassen und werden von den Meeresströmungen fortgetragen.
Aus den nur rund einen Millimeter grossen Eiern schlüpfen alsbald seltsam geformte Jungfische, welche wenig Ähnlichkeit mit ihren Eltern aufweisen. Sie haben riesige Augen und einem Kopf, der fast ebenso gross ist wie der Rest des Körpers; hingegen fehlt ihnen eine Rückenflosse ebenso wie ein Schnauzenfortsatz. Sie wachsen schnell heran, verändern dabei ihr Aussehen und werden so allmählich zu Ebenbildern ihrer Eltern.
Die Eier und Jungfische der Blauen Marline bilden für eine Vielzahl mariner Lebewesen eine leichte Beute, weshalb bloss ein winziger Teil von ihnen überlebt. Die weiblichen Jungtiere, die es schaffen, erreichen die Geschlechtsreife, wenn sie ungefähr 1,3 Meter lang und 50 Kilogramm schwer sind, die jungen Männchen sind mit etwas weniger als einem Meter und etwa 40 Kilogramm fortpflanzungsbereit. Unter günstigen Bedingungen erreichen sie diese Grösse innerhalb weniger Jahre. Über das Höchstalter ist nichts bekannt. Wir können aber davon ausgehen, dass es bei deutlich über zwanzig Jahren liegt.
Erwachsene Blaue Marline haben kaum natürliche Feinde. Einzig von grossen Haien wie dem Weissen Hai (Carcharodon carcharias)
und dem Kurzflossen-Mako (Isurus oxyrinchus)
wissen wir, dass sie gelegentlich Marline erlegen, und nachweislich gelingt es dem Zigarrenhai (Isistius brasiliensis)
manchmal, in der für ihn typischen Art Fleischstücke aus lebenden Individuen herauszubeissen.
Der Weisse Marlin
Mit einer maximalen Länge von knapp drei Metern und einem Höchstgewicht von etwa 80 Kilogramm ist der Weisse Marlin eines der kleineren Mitglieder der Fächerfischfamilie. Wie beim Blauen Marlin sind die Weibchen durchschnittlich grösser als die Männchen. Der «Schnabel» ist beim Weissen Marlin verhältnismässig länger als beim Blauen Marlin, seine vordere Rückenflosse höher, und seine Körperfärbung oberseits heller.
Das Verbreitungsgebiet des Weissen Marlins ist auf den Atlantischen Ozean beschränkt. Wie der Blaue Marlin kommt er dort praktisch nur in Meeresbereichen vor, welche eine Tiefe von mehr als hundert Metern aufweisen und deren Oberflächenwasser wärmer als 21 Grad Celsius ist. Und wie sein Vetter dehnt er sein Vorkommen sowohl auf der nördlichen als auch auf der südlichen Erdhalbkugel in den Sommermonaten in grössere Breiten aus. Zwar wurde er schon im Mittelmeer gesichtet, doch handelte es sich dabei um vereinzelte, herumstreunende Individuen, denn zu seinem normalen Verbreitungsgebiet gehört das Mittelmeer nicht. Wie alle Fächerfische ist der Weisse Marlin im Übrigen ein schneller und ausdauernder Langstreckenschwimmer und kann im Verlauf eines Jahres sehr weite Wanderungen unternehmen.
Der Weisse Marlin ernährt sich von ähnlichen Beutetieren wie der Blaue Marlin, und wie letzterer streift er gewöhnlich einzeln umher. Hin und wieder wurden aber schon kleine «Rudel» beobachtet, welche gemeinsam auf die Jagd gingen. Solch geselliges Verhalten kann auch bei den Eigentlichen Fächerfischen regelmässig beobachtet werden, ist aber bei den restlichen Mitgliedern der Fächerfischfamilie nicht üblich.
Zur Fortpflanzung schreiten die Weissen Marline einmal jährlich und zwar im Frühsommer. Zum Ablaichen suchen sie tiefgründige subtropische Gewässer auf. Bekannte Laichplätze befinden sich beispielsweise im Bereich Bermudas und der Bahamas im Westatlantik. Das Ablaichen scheint jeweils paarweise zu erfolgen, nicht im Verband, wie dies bei vielen anderen Hochseefischen der Fall ist. Wie beim Blauen Marlin weisen die Jungfische anfangs wenig Ähnlichkeit mit ihren Eltern auf: Sie haben riesige Augen und zwar keinen «Schnabel», jedoch grosse Stachelstrahlen, die vom Kopf abstehen.
Nachhaltigkeit statt Plünderung
Der Blaue und der Weisse Marlin sind - wie alle Fächerfische - wegen ihres wohlschmeckenden Fleischs sehr geschätzte Speisefische und werden hauptsächlich mittels Langleinen in grosser Zahl gefangen. Beide Arten sind ferner eine begehrte Beute der Hochsee-Sportangler, denn sie liefern, wenn sie am Haken sind, oftmals einen erbitterten Kampf und führen dabei spektakuläre Luftsprünge aus. In vielen Regionen sind ihre Bestände darum im Verlauf der vergangenen fünfzig Jahre stark zurückgegangen.
Noch scheinen die beiden Marline nicht an den Rand der Ausrottung gedrängt worden zu sein. Wie ernst ihre Gefährdung durch die Plünderung ihrer Bestände wirklich ist, lässt sich allerdings schwer einschätzen. Theoretisch müssten sie selbst massive Bestandseinbussen aufgrund ihrer weiten Verbreitung, ihrer hohen Fortpflanzungsrate und der früh eintretenden Geschlechtsreife gut wettmachen können. Berechnungen zufolge würden sich ihre Bestände innerhalb von bloss 1,5 bis 4,5 Jahren verdoppeln, wenn ihre Verfolgung eingestellt würde. Von anderen Fischarten wie dem Kabeljau oder Dorsch (Gadus morhua)
im Nordatlantik wissen wir allerdings, dass Theorie und Praxis in dieser Hinsicht nicht zwingend übereinstimmen. Tatsächlich zeigen Fischbestände, welche durch jahrzehntelange Übernutzung eingebrochen sind, oftmals keinerlei Zeichen der Erholung, selbst nachdem ihre Befischung vollständig eingestellt wurde. Dies könnte die Folge grundlegender, möglicherweise irreversibler Veränderungen im betreffenden Ökosystem sein. Genaueres wissen wir nicht.
Gerade in Ermangelung solcher Kenntnisse befürchten Fachleute, dass auch die beiden Marline und zahlreiche weitere Hochseefische gelegentlich unter die «sichere biologische Bestandsgrenze» geraten können, sofern es beim derzeitigen Raubbau bleibt. Um dieses Risiko auszuschliessen, bedarf es endlich international gültiger Fischereigesetze, welche dafür sorgen, dass die verheerend hohen Fangquoten eingeschränkt werden und die Fischbestände genügend Zeit zur Regeneration erhalten. Nachhaltigkeit statt Raubbau muss dringend auch bei der Hochseefischerei zum allgemeinen Nutzungsprinzip werden.
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