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Cathena vere aurea opus videlicet insigne sanctissimi et excellentissimi doctoris divi Thome Aquinatis in quatuor Evangelia subtilissimo vinculo connexa
Katenenkommentare zu den vier Evangelien.
Thomas von Aquin (um 1225–1274) – Vom gerechten Preis
(1) Vita
Der Aquinate war Dominikaner und einer der einflusreichsten Philosophen und Theologen des Mittelalters. Als Hauptvertreter der Scholastik gehört er zu den bedeutendsten Kirchenlehrern der römisch-katholischen Kirche und ist als solcher unter verschiedenen Beinamen wie etwa Doctor Angelicus bekannt. Er hinterliess ein sehr umfangreiches Werk. Seine Summa theologica (34 Bände, unvollendet …) hat enzyklopädischen Charakter. Thomas will damit sämtliche Denk- und Lebensbereiche auf eine einheitliche christlich-aristotelische Basis stellen.
(2) Ideen und Werk
Thomas’ Summa ist eine systematische Aufstellung aller Lebens-, Glaubens- und Denkbereiche mit dem Ziel, die aristotelische Naturphilosophie mit dem christlichen Gedankengut in Einklang zu bringen. In diesem Sinne übernimmt er auch weite Teile des aristotelischen Gedankengutes über wirtschaftliche Sachverhalte und versucht sie an die Begebenheiten seiner Zeit anzupassen. Seit dem 12. Jahrhundert war eine «kommerzielle Revolution» in Gange, welche die Zirkulation der Güter zusehends normalisierte und internationalisierte. Daher entstanden Bestrebungen, den Zahlungsverkehr auf eine neue Basis zu stellen. Erste Experimente wurden mit Wechseln gemacht und führten zur Bildung von Handlungszentren mit ihren je eigenen Infrastrukturen und Buchungspraktiken. Diesen Innovationen wollte Thomas Rechnung tragen, ein Unterfangen, das angesichts der aristotelischen Dogmatik nicht immer einfach war. Der aristotelischen Unterscheidung zwischen Ökonomik und Chrematistik bleibt er treu, wenn er schreibt: «Das Geld aber ist [...] vornehmlich erfunden, um Tauschhandlungen zu tätigen. Und so besteht der eigentliche und hauptsächliche Gebrauch des Geldes in seinem Verbrauch oder im Ausgeben des Geldes, sofern es für Tauschgegenstände aufgewandt wird. Und deshalb ist es an sich unerlaubt, für den Gebrauch des geliehenen Geldes eine Belohnung zu nehmen, die man Zins nennt.» Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II: qu.78, a.1, resp.
Sein Grundsatz «Nummus non parit nummos» (Geld pflanzt sich nicht fort) wurde aber zu dieser Zeit, als der Handel zunahm, immer mehr dadurch unterwandert, als der Zahlungsverkehr auf Kredit- und Wechselbasis geschah. Thomas wusste, dass schon im Alten Testament eine gewisse Zinstoleranz bestand, welche die Fremden betraf. Er musste also lavieren: zwischen der Tradition, den neuen Usanzen und dem Widerstand der Scholastik. Denn diese akzeptierte bei ihrer Zinstheorie in aller Regel nicht, dass Zahlungen einer zeitlichen Transformation unterzogen werden müssen, das heisst, dass Beträge in die Zukunft transformiert, also aufgezinst, oder in die Vergangenheit transformiert, also abgezinst, werden. Bei der Preisdifferenz zwischen einem Barkauf und einem Kreditkauf argumentierten die Scholastiker, dass es sich bei einem Kreditkauf um den Verkauf von Zeit handle. Die Zeit sei aber eine göttliche Gabe und gehöre allen gemeinsam. Wer sie einem anderen verkaufen wolle, dem sie genauso gehört, handle betrügerisch. Auch Thomas stimmte dem bei und betrachtete diesen «Verkauf von Zeit» als eine Todsünde. Dennoch bleibt Thomas Realist. Er sieht ein, dass ein vollständiges Zinsverbot unmöglich ist, und sucht nach Mitteln, dieser Realität gerecht zu werden. Zum einen sieht er das Risiko, das ein Darlehensgeber eingeht, wenn er einem Kaufmann oder Handwerker sein Geld überlässt. Sein Gedanke dazu ist durchaus reizvoll. Indem er dieses Risiko eingeht, kann man davon ausgehen, dass er mit dem Darlehensnehmer eine societas gründet, eine künstliche Gesellschaft, auf deren Gewinne er durchaus einen Anspruch haben kann. So wie z.B. der Kommanditär in einer Kommanditgesellschaft. Der Zins ist dann ein Gewinnanteil und nicht ein Verkauf der gottgegebenen Zeit. Weiter ersinnt Thomas das lucrum cessens, den Zins als Entschädigung des Darlehensgebers für einen entgangenen potenziellen Gewinn. Sodann das damnum emergens, das dem Darlehensgeber erlaubt, alle Kosten, die ihm durch die Gewährung entstanden sind, als Zins geltend zu machen.
Zur Schaffung dieser kirchenrechtskonformen Umgehungstatbestände wendeten Scholastiker wie Thomas von Aquin ihren ganzen Scharfsinn auf, bis schliesslich in der kreditwirtschaftlichen Praxis kein Widerspruch zur scholastischen Zinstheorie mehr vorkam – aber im Endeffekt lief in diesem Punkt die Wirtschaftsentwicklung trotzdem mit Siebenmeilenstiefeln der Philosophie davon. Die doppelte Buchführung und jährlichen Bilanzen lösten bis zum 15. Jahrhundert die Abrechnung einzelner Handelsgeschäfte ab. Arabische Ziffern wurden eingeführt, weil sich mit ihnen besser rechnen liess. Und mit dem Traktat Liber abaci setzte Leonardo Fibonacci Pisano 1202 erstmals die Trennung zwischen privatem Haushalt und Betrieb durch. Er erarbeitete somit die notwendigen Grundlagen für gewinnorientierte kapitalistische Unternehmen. Die neuen Wirtschaftstechnologien dieser Zeit prägten die dazugehörigen theologischen Denkmodelle. Die scholastische Ökonomie wurde aufgrund ihres statischen Charakters, der keine Anpassung an eine sich dynamisch entwickelnde Weltwirtschaft ermöglichte, bedeutungslos. Damit verschwand ein ökonomischer Menschentypus, der zwar zweckrational Diesseits und Jenseits in seine Investitionsplanung einbezieht, aber noch nicht so wie der Homo oeconomicus ausschliesslich im Diesseits und in einer Welt wirtschaftlichen Handelns weitgehend ohne ethisch-theologische Fundamente verhaftet ist. Das Einzige, was in diesem Hinblick von Thomas geblieben ist, ist sein Gedanke, dass wirtschaftlicher Handel aus ethischer Sicht nicht dazu geeignet sein darf, in eine höhere soziale Klasse aufzusteigen. Grundlage sollen die Institutionen des iustum pretium sein, die auf der Gerechtigkeitsarithmetik des Aristoteles aufbauten.
Literatur Die deutsche Thomas-Ausgabe (Summa theologica): übersetzt von Dominikanern und Benediktinern Deutschlands und Österreichs. Vollständige, ungekürzte dt.-lat. Ausgabe, Graz [u. a.]: Styria, früher teilweise im Pustet-Verlag, Salzburg, teilweise im Kerle-Verlag, Heidelberg und Verlag Styria Graz, Wien, Köln, 1933ff., 34 Bände (noch unvollendet)