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In seinem Buch «Aus der Welt» schildert Michael Lewis die etwas besondere Männerfreundschaft zwischen Amos Tversky und Daniel Kahneman und ihre Folge für die Sozialwissenschaften.
Trump-Triumph, Brexit, Populismus und Aleppo: 2016 war ein sehr schlechtes Jahr für alle, die an die menschliche Vernunft glauben. Die Ökonomieprofessorin Diane Coyle spricht denn auch in der «Financial Times» von «Mutually Assured Delusions» (Gegenseitig bestätigten Wahnvorstellungen).
Das kann manchmal bös ins Auge gehen. «Viele Unternehmenskatastrophen und andere Desaster sind das Resultat eines Gruppendenkens und der Weigerung, seine Vorstellungen zu verändern, wenn sich Beweise für das Gegenteil finden», so Coyle.
Die Namen zweier Männer stehen für eine wissenschaftliche Erforschung des Phänomens der «Mutually Assured Delusions»: Amos Tversky und Daniel Kahneman. Ihnen hat der amerikanische Starautor Michael Lewis («The Big Short», «Liar’s Poker») sein neuestes Buch «Aus der Welt» («The Undoing Project») gewidmet. Wie nicht anders zu erwarten, legt Lewis einmal mehr ein brillantes Buch vor.
Kahneman und Tversky waren ein sehr ungleiches Paar. «Danny war stets überzeugt, dass er sich irrte. Amos war stets überzeugt, dass er Recht hatte», schreibt Lewis. «Amos war die Seele jeder Party; Danny ging nie an Partys. (...) Danny war ein Pessimist. Amos war mehr als ein Optimist, Amos war ein überzeugter Optimist, weil er beschlossen hatte, dass Pessimismus dumm war.»
Vielleicht gerade weil sie so gegensätzlich waren, verband die beiden eine Männerfreundschaft, die sehr speziell war. Stunden-, ja tagelang schlossen sie sich in einem Konferenzzimmer der Hebrew University in Jerusalem ein und entwickelten so in mit sehr viel Gelächter gespickten Gesprächen ihre Thesen von der menschlichen Unvernunft.
Die Zusammenarbeit war so eng, dass sie bei gemeinsam verfassten Essays jeweils nicht mehr wussten, wer was geschrieben hatte. Wären sie nicht beide verheiratet und Väter von Kindern gewesen, hätte man sie für ein schwules Paar gehalten.
Im Zentrum der Arbeit der beiden Psychologen stand die Erkenntnis, dass Menschen nicht nur immer wieder unvernünftig handeln, sondern dass diese Unvernunft Methode hat. Vor allem was die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten betrifft, ist der menschliche Verstand meist hoffnungslos überfordert.
Um dies an einem Beispiel zu erläutern: Angenommen, es bricht eine Seuche aus. Man nimmt an, dass 600 Menschen umkommen werden. Zwei verschiedene Programme werden vorgestellt. Bei Variante A werden 200 Menschen gerettet; bei Variante B besteht eine 33-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass alle Menschen gerettet werden und eine zwei Drittels Wahrscheinlichkeit, dass niemand gerettet wird. Welches Programm soll angewendet werden?
Wenn die Frage so gestellt wird, dann spricht sich die grosse Mehrheit für Variante A aus.
Anders ist es, wenn man Variante C und D ins Spiel bringt. Sie lauten: Wenn C angewandt wird, sterben 400 Menschen, bei D besteht eine 33-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass niemand stirbt und eine zwei Drittels Wahrscheinlichkeit, dass alle sterben.
Jetzt spricht sich die grosse Mehrheit für Variante D aus. Dieses Resultat ist vollkommen unlogisch, denn beide Mal wird exakt das Gleiche gefragt, aber anders formuliert. «Menschen wählen nicht zwischen Dingen aus», fasst Lewis dieses Phänomen zusammen. «Sie wählen zwischen der Beschreibung der Dinge aus.»
Menschen entscheiden meist aus dem Bauch heraus und in der Regel falsch. Kahneman wird diese These später in seinem berühmten Buch «Schnelles Denken, langsames Denken» an vielen Beispielen illustrieren. Sie können auch leicht manipuliert werden. Wenn man beispielsweise fragt: Hans liest gerne Bücher und meidet Sportanlässe. Ist er Bibliothekar oder Bauer? Dann lautet die Antwort Bibliothekar. Übersehen wird dabei der Basiseffekt, die Tatsache, dass es etwa zehn Mal mehr Bauern als Bibliothekare gibt.
Bekannt ist auch der so genannte Endowment-Effekt. Menschen messen etwas, das sie besitzen, mehr Wert zu, auch wenn es keinen Sinn macht. Oder das Gesetz der grossen Zahl. Fragt man Menschen, wie viel die Multiplikation von 1x2x3x4x5x6x7x8 gibt, dann kommt eine viel tiefere Schätzung heraus bei der Frage 8x7x6x5x4x3x2x1. (Das Resultat lautet übrigens: 40'320)
Natürlich irren sich Menschen immer, und einige vielleicht mehr als andere. Die Leistung von Tversky und Kahneman besteht darin zu beweisen, dass diese Irrtümer nicht zufällig sind und auch, oder vor allem, bei Experten eintreffen. Ärzte beispielsweise begehen solche Fehler bei ihren Diagnosen, Piloten in Notsituationen oder Banker bei Investitionen.
Autofahrer unterschätzen die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, wenn sie getrunken haben und Menschen heiraten, obwohl die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung 50 Prozent beträgt. Dank den systematischen Erkenntnissen von Tversky und Kahneman konnten Schulungsprogramme konzipiert werden, die mithelfen, solche Fehler zu vermeiden.
Kahneman ist heute der wohl bekannteste Psychologe der Welt. 2002 erhielt er den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften, den er nicht mit seinem Freund teilen konnte. Tversky war bereits an Krebs verstorben und der Nobelpreis wird nur an lebende Wissenschaftler vergeben.
Das durchgehende Thema von Kahnemans Forschung ist sein Misstrauen gegenüber der Intuition. Er findet es besorgniserregend, dass «massgebende Entscheidungen heute wie vor tausend Jahren intuitiv und von wenigen Männer in Autoritätspositionen» getroffen werden. Angesichts der Tatsache, das bald Donald Trump ins Weisse Haus einziehen wird, ist diese Sorge mehr als berechtigt.
Obwohl die Forschung von Tversky und Kahneman oft zur Folge hat, dass Menschen durch Algorithmen ersetzt werden, waren die beiden keine Anhänger der künstlichen Intelligenz. Oder wie es Tversky einst formulierte: «Wir studieren die menschliche Dummheit anstelle der künstlichen Intelligenz.»
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