Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/2331

Ueli Seiler-Hugova
Politische Aktivität
"1950, ich war gerade acht Jahre jung, sprach man von Stalins Tod. Auch, dass er vielleicht schon lange tot sei und man nichts habe verlauten lassen. Oder, dass er vielleicht doch noch nicht gestorben sei und man das die Welt glauben lassen wolle. Das verwirrte mich und ich empfand Politik als etwas undurchschaubares. So oder so, man kaufte sich einen Notvorrat Zucker."
1956 kam es zum Aufstand in Ungarn-Aufstand. Ueli war vierzehn Jahre alt. Er und die Mitschüler/innen nahmen in Bern an den großen Demonstrationen teil und sammelten auf der Straße Geld für die ungarischen Flüchtlinge.
Als Achtklässler wurde Ueli mit dem Leben Mahatma Gandhis vertraut. Mit dessen kompromisslosem und gewaltlosem politischen Kampf. Gandhi hat mit seiner Satiagraha gezeigt, dass die Respektierung verschiedener ethnischen Gruppen durch Meditation möglich werden kann. Im Lehrerseminar Muristalden bekam Ueli den Übernamen „Mahat“, weil er stets auf Gandhi verwies. Als 18-jähriger war Ueli im Berner Jugendparlament aktiv und setzte sich in einer Interpellation für die Erhaltung einer Täuferschule im Berner-Jura ein. In der gleichen Zeit las er die „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner. Er fand in ihr den ethischen und anarchischen Individualismus, der sein politisches Handeln nachhaltig prägte.
An seinem 24. Geburtstag (1966) veröffentlichte er sein pädagogisches Manifest. Darin forderte er, dass sich jeder Lehrer in seiner Schulstube – ob staatliche oder private Schule – als autonom erklärt und das tut, was er von sich aus tun muss, um den SchülerInnen gerecht zu werden. 1968 demonstrierten er und viele andere an großen Demonstrationen für den Pragerfrühling. Der Kommunismus mit menschlichem Angesicht, oder der Dritte Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus begeisterte ihn. Der Kommunismus musste als menschenverachtendes staatliches Konstrukt abdanken.
1980 lancierte er mit einem überparteilichen Komitee die „Volksinitiative für freie Schulwahl“ im Kanton Bern. Im Initiativtext forderte er, dass Eltern, die ihre Kinder in den ersten neun Schuljahren an eine nichtstaatliche Schule geben, ein Anrecht auf eine Rückerstattung ihrer Kosten vom Staat bekommen, bis zu dem Betrag, was durchschnittlich eine Staatsschule kostet. 1983 kam die Volksinitiative zur Abstimmung in Kanton Bern. Rund 25'000 Stimmen (ein Viertel) konnten für das Anliegen gewonnen werden. Diese Volksinitiative wollte die Schulwahlfreiheit der Eltern einführen. Damals wie heute misstraut man Eltern, die diese Aufgabe selbständig erfüllen wollen. Der Papa Staat glaubt am besten zu wissen, was eine richtige Schule ist. Die Mündigkeit der Gesellschaft wird nach wie vor von der Omnipotenz des Staates und der Ego-Ökonomie verhindert.
1983 beteiligte sich Ueli auf der Nationalratsliste „Freie Liste“ im Kanton Bern. Sie konnten die oppositionelle, ehemalige FDP-Politikerin Leni Robert in die große, nationale Kammer wählen. Jetzt galt es von Oben nach Unten diese grüne und liberale Partei aufzubauen. Er hat selbst als Vizepräsident jahrelang geholfen diese Partei zu entwickeln, die dann sogar vier Jahre lang zwei Regierungsräte im Kanton Bern stellten. Der Slogan der Bewegung hieß: “Wir stehen weder rechts noch links, wir gehen.“ 1987 wurde das von Jugendlichen gebaute Hüttendorf Zaffaraya von der Polizei geräumt. Vorgängig die Jugendunruhen und Hausbesetzungen in Zürich, Basel und Bern. Immer wieder stand Ueli mit seinen eigenen Kindern, jetzt schon junge Erwachsene, an Demonstrationen im Tränengas.
Am schweizerischen Nationalfeiertag am 1. August 1988 hielt er in Seedorf die 1. August-Rede. Die Medien berichteten am nächsten Tag: „Es war die einzige Rede, die zu reden gab“. Unter anderem berichtete am 4. August das „Bieler Tagblatt“ darüber. Später durfte Ueli eine August-Rede in Burgdorf halten. Ueli Seiler-Hugova war Erstunterzeichner der Eidgenössischen Initiative zur Abschaffung der Schweizer Armee. Womit er nun auch politisch verfolgt wurden. (Es wurde von ihm eine Akte angelegt.)
Mit dem Arzt Peter Zuber aus Ostermundigen und Anderen, gründete er in den 80igern die Initiative AAA (Aktion abgewiesener Asylanten). Ziel war das Kirchenasyl. Kirchgemeinden der ganzen Schweiz versteckten nun vor der Ausschaffung bedrohte Flüchtlinge. Im Jura, bei der Täuferfamilie Burkhalter wurde die Familie des afrikanischen Theologen und Philosophen Mathieu Musey beherbergt. Nach zehn Monaten, am 11. Januar 1988, wurde ihr Versteck verraten und die Familie Musey mit Armee-Helikopter verhaftet und anschließend mit einem Privatjet nach Zaire in das Reich des Diktators Mobudu ausgeschafft. Die ganze Schweiz empörte sich. Die Schweizer Illustrierte schrieb in der Folgewoche, die BZ am 7. Juni 1988, die WoZ am 22. Dezember 1988, die St. Galler Nachrichten am 3. Januar 1989, der Sonntags Blick am 26. Februar 1989 und Der Bund am 15. März 1989. Viele Persönlichkeiten protestierten. Ueli Seilers Protest war die Abgabe des Militärdienstbüchleins an den damaligen Bundesrat Koller und den Entschluss hinfort jeglichen Militärdienst zu verweigern. So wurde er am 14. April 1989 in Olten von einem Militärgericht zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt (Die Tagwacht berichtete am 12. und Der Bund am 15. April 1989.) In seinem Plädoyer deckte Ueli die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Staat und Militär auf. (Veröffentlicht in der Berner Tagwacht am 18. April 1989.) Es wurde klar dass Mathieu Musey, der in der ausländischen Schattenregierung von Mobudus Diktatur Erziehungsminister war, aus wirtschaftlichen Gründen geopfert werden musste. Mobudu verlangte seine Ausschaffung, wenn die Schweizerwirtschaft in Zaire Geld verdienen wollte. 1989 verbrachte Ueli also drei Wochen wegen Militärdienstverweigerung im Gefängnis. Dies war der vorläufige Endpunkt einer langen politischen Entwicklung.
Als Vizepräsident der Freien Liste schaute er weiter, dass die Partei die Abschaffungsinitiative den Abstimmenden zur Annahme empfahlen. (Der Bund berichtet am 21. April 1989.) In den 90igern war Ueli Mitglied der europäischen Bildungsinitiative „Europäisches Forum für Freiheit in der Erziehung“ (EFFE). Dort versammelten sich Bildungsreformer verschiedener Herkunft: Waldorf, Montessori, Freinet, Jena Plan usw. Auch aus den osteuropäischen Staaten kamen Interessierte. Diese Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall war beeindruckend. Bald wurde Ueli in die baltischen Staaten eingeladen und wurde Gastprofessor für Pädagogik an der lettischen Universität in Riga.