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Die Fondation Beyeler sucht nach dem Moment 1915, als Kasimir Malewitsch die Kunstwelt revolutionieren wollte. Gefunden hat sie einen wahren Schatz an Werken und das ganze Haus umgestellt – vor lauter Freude darob aber die Vermittlung vernachlässigt.
Die Fondation Beyeler begibt sich auf die «Suche nach 0,10», auf die Suche nach der letzten futuristischen Ausstellung der Malerei. Auf die Suche nach einem der wichtigsten Umbrüche in der Kunstgeschichte. Da gäbe es so viel zu erzählen. Darüber, wie nach der russischen Revolution 1905 eine Atmosphäre politischer Unruhe herrschte, die sich auf die Künstlerschaft extrem fruchtbar auswirkte.
Darüber, wie dort nach 1910 der französische Kubismus mit dem italienischen Futurismus zu einem ganz eigenen russischen Stil, dem Kubofuturismus, verschmolz. Oder über die futuristische Oper «Sieg der Sonne», die eine stilbildende Wirkung auf Kasimir Malewitsch und sein späteres berühmtestes Werk, «Das schwarze Quadrat», hatte.
All dies hatte einen entscheidenden Einfluss auf die «Letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10», die vom 19. Dezember 1915 bis zum 19. Januar 1916 in der Petrograder Galerie Nadescha J. Dobytschina stattfand und die später als Geburtsstunde der abstrakten Malerei in die Geschichte einging.
In der Fondation Beyeler sind diese historischen Umstände Randnotizen. Man kann dies als Versäumnis erkennen – hat man doch einen unglaublichen Aufwand betrieben im Vorfeld dieser Ausstellung. Er habe zunächst eine Rekonstruktion versuchen wollen, sagt Gastkurator Matthew Drutt, aber gemerkt, dass dies nicht möglich wäre. Zu viele der 1915 ausgestellten 154 Werke sind verschollen oder wurden gar zerstört. Also machte sich Drutt daran, zumindest eine Impression dessen zu versuchen, was damals war.
Suprematismus at its best und überhaupt nicht zum Davonlaufen: Das Werk «Suprematismus: Nonobjektive Komposition» von Kasimir Malewitsch. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)
Das bedeutete: Jahrelange Recherchen, Archivarbeit, Kunstwerke suchen, die über die ganze Welt verstreut waren. 58 Stück stellt die Fondation Beyeler nun aus – nicht alle waren in der ursprünglichen Ausstellung dabei, doch sie vermitteln einen herrlichen Eindruck. Deswegen ist die Impression gelungen, ist dies eine grossartige Schau. Ein lebendiges Stück Kunstgeschichte.
Und so kann man, wenn man will, darüber wegsehen, dass alles, was im Umfeld geschah, in einem Raum der Fondation gedrängt und in Kürze zusammengefasst wird. Es gibt ja schliesslich diese vielen Kunstwerke, die für sich genügend Spannendes zu erzählen haben. Aus ihnen ergibt sich eine Schau, die sich nicht nur auf Malewitsch beschränkt – und diesen trotzdem ins Zentrum stellt.
Kasimir Malewitschs Ziel war es, mit der Ausstellung «0,10» die Kunstwelt zu revolutionieren. Dies sollte im Abschwören jeglicher Gegenständlichkeit geschehen, nur die Empfindung sollte noch eine Rolle spielen. Zentrales Element seiner eigens erfundenen Kunstrichtung, die er Suprematismus nannte, war das berühmte «Schwarze Quadrat», von dem die Fondation Beyeler eine spätere Version von 1929 in der Ausstellung hängen hat – das Original ist zu fragil, um noch transportiert werden zu können.
Eine spätere Version von Malewitschs «Schwarzem Quadrat», aus dem Jahr 1929. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)
Nun ist es kein einfaches Unterfangen, jemandem in aller Kürze erklären zu wollen, was denn Suprematismus bedeutet. Eine kleine Ausstellung im Kunstmuseum Basel wagte das anschaulich vor anderthalb Jahren. Die Fondation Beyeler jedoch unternimmt nicht einmal den Versuch.
Das Museum in Riehen, das kürzlich mit seiner Gauguin-Ausstellung eindrücklich bewies, dass es für die Vermittlung auch die neuesten Technologien nutzen kann, vergisst dieses Mal deren Basics und verzichtet beispielsweise darauf, ausgestellten Postkarten und Ausstellungskritiken aus dem Jahr 1915 eine Übersetzung beizufügen. Doch was bringt dem durchschnittlichen Schweizer Besucher ein in kyrillischen Buchstaben verfasster Text? Nichts – die Postkarte ist zwar schön anzuschauen, aber inhaltslos.
«Fade und eintönig»
So lohnt sich ein Blick in den Katalog, wo wir unter anderem in einer Rezension des «Petrograder Blatts» aus dem Dezember 1915 lesen können: «Das Erdenleben des Futurismus ist an sein Ende gekommen. Er macht den Weg für Jüngeres und Lebendigeres frei. Wir sind Trauergäste seiner Beerdigung.» Und weiter über den neuen Suprematismus: «Es ist fade, es ist eintönig, lässt jegliche Malkunst und Individualität vermissen. (…) Allerdings hat die Aussstellung Null-Zehn zweifellos einen Vorteil: Man hat sie leicht und schnell angesehen (…).»
Dieser und mehrere Texte geben einen Eindruck davon, wie die Öffentlichkeit das radikale Bestreben der 14 ausstellenden Künstler und Künstlerinnen – übrigens paritätisch auf die Geschlechter aufgeteilt, je 7, auch das ein Novum zur damaligen Zeit – aufnahm. Durchaus nicht alle unter ihnen waren jedoch einig mit Malewitsch, der so lautstark mit dem bisherigen Kunstverständnis brach. Manche distanzierten sich gar öffentlich davon.
So war denn auch vieles, was gezeigt wurde, durchaus noch jenem Kubofuturismus zuzuordnen, der in der Konsequenz nun auch in der Fondation Beyeler einen grossen Platz einnimmt. Iwan Puni ist vertreten, der zusammen mit Xenia Boguslawskaja die Ausstellung «0,10» organisiert hatte, Vera Pestel, Ljubow Popowa oder Olga Rosanowa. Und der Futurismus lebte auch nach 1915 noch weiter fort, allen Bemühungen Malewitschs zum Trotz.
Drei Werke von Ljubow Popowa. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)
Neben Malewitsch, der nicht nur durch seine radikal abstrakte Kunst provozierte, sondern auch durch die Hängung seines «Schwarzen Quadrates» an jene Stelle im Raum, der im russisch-orthodoxen Haushalt normalerweise einer Ikone vorbehalten war, waren es vor allem die aus Alltagsmaterialien zusammengefügten Wandreliefs von Wladimir Tatlin, die den Unmut einiger Besucher erregte. Schliesslich suchte der Künstler damit offensichtlich nach Lösungen für eine vom klassischen Sockel befreite Skulptur – ebenfalls frei nach dem Motto «Weg mit dem Alten, her mit neuen Ideen».
Von Tatlins damals gezeigten Werken haben viele die Zeit nicht überdauert. Drutt zeigt sie deshalb anhand von Fotografien und Dokumenten, um einen Eindruck zu vermitteln. Doch immerhin das «Eck-Konterrelief» ist im Original da, einer der Höhepunkte in Tatlins Schaffen und ein Vorbereiter der modernen Rauminstallationen.
Tatlins «Eck-Konterrelief», links im Original, rechts auf einer Reproduktion der Ausstellung von 1915. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)
Der Einfluss, den Malewitsch und Tatlin auf die weitere Entwicklung der Kunst nicht nur in Russland hatten, setzt sich bis heute fort. Die Fondation Beyeler zeigt dies parallel in einer zweiten Ausstellung namens «Black Sun», die Werke moderner und zeigenössischer Künstler von Wassily Kandinsky bis Damien Hirst vereint. Und auch die Sammlungsräume wurden gänzlich im passenden Stil umgehängt.
Werke von Sol LeWitt (hinten) und Donald Judd: Kasimir Malewitsch als Vorbild? (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)
So ist es dann doch eine grossartige Gesamtschau, die einen guten Eindruck davon vermittelt, was in den letzten 100 Jahren in der Kunstwelt passiert ist, was Malewitsch und seine Kollegen möglich gemacht haben. Und wenn man auch die Vermittlung dieses Mal nicht loben kann, so darf man der Fondation Beyeler doch zu diesem Effort gratulieren und zum Mut, das für seine Impressionisten bekannte Haus für einmal gänzlich ins Zeichen der Abstraktion zu stellen. Diese Radikalität dürfte auch manchen ihrer regulären Besucher verblüffen.
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«Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei», Fondation Beyeler, 4. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016.