Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/183

14/9/2011
Bei den Damen siegte mit der Australierin Samantha Stosur eine Spielerin, welche zum ersten Mal in ihrer Karriere ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte und vor dem Turnier höchstens als Aussenseiterin gehandelt wurde. Bei den Herren setzte sich mit Novak Djokovic die aktuelle Nummer 1 der Welt durch, welche derzeit das Mass aller Dinge ist und 2011 zum Seriensieger geworden ist. Zwei ganz unterschiedliche Sieger, beiden gemeinsam ist aber, dass sie auf mentaler Ebene eine Topleistung abgerufen haben. Ladies first...
Rückblick auf das Damenturnier:
Sechzehntelfinals (Stosur vs. Petrova; Serena Williams vs Azarenka; Comeback von Serena Williams)
In Runde 3 kommt es zu den ersten richtigen Highlights des Turniers. Samantha Stosur und Nadja Petrova liefern sich eine dramatische Partie, welche 3 Stunden und 16 Minuten dauert und damit die längste Partie der Turniergeschichte ist seit Einführung des Tie-Breaks. Stosur gewinnt schliesslich mit 7:6,6:7 und 7:5. Stosur vergibt in Satz 2 zwei Matchbälle, behält aber im Entscheidungssatz einen kühlen Kopf und zeigt kämpferische Qualitäten, welche ihr in der Vergangenheit oft abgesprochen wurden. In Runde 3 kommt es auch zur Toppartie zwischen Serena Williams und der an Nummer 4 gesetzten Weissrussin Victoria Azarenka. Serena Williams war 2010 nach dem Triumph in Wimbledon die unangefochtene Nummer 1 der Welt, verletzte sich danach aber am Fuss. Mehrere Operationen waren die Folge, danach eine Lungenembolie, welche in der Presse gar als lebensbedrohlich beschrieben wurde. Fast ein Jahr war Serena verletzt ausgefallen. Erst kurz vor Wimbledon startete sie ihr Comeback. Umso erstaunlicher, dass sie bereits wenige Wochen danach wieder absolute Weltklasse war. Vor den US Open gewann sie die Turniere in Stanford und Toronto auf beeindruckende Weise und galt bereits wieder als Topfavoritin für das Turnier in New York. Mit Azarenka traf sie nun aber früh im Turnier auf eine Spielerin, welche ebenfalls zum engeren Favoritenkreis gehörte. Satz 1 war ein einziger Monolog der Amerikanerin und endete mit 6:1, Satz 2 war dann eine äusserst enge Angelegenheit und wurde erst im Tie-Break entschieden, den Serena ebenfalls für sich entscheiden konnte. Serena Williams ist über die letzten Jahre gesehen wohl die mental stärkste Spielerin auf der Tour überhaupt. Ihr Siegeswille ist beinahe schon legendär, unzählige Male hat sie Partien noch umgebogen, in welchen sie lange wie die klare Verliererin aussah. Gleichzeitig war sie aber auch immer eine sehr extrovertierte Spielerin, welche sowohl positive, als auch negative Emotionen zeigte. Seit ihrem Comeback und überstandener Verletzungs- bzw. Krankheitspause wirkt sie nun aber viel ruhiger und fokussierter auf dem Platz. Es scheint so, als ob sie sich mental noch weiter entwickelt hat, etwas was bei vielen Spielerinnen und Spielern zu beobachten ist, welche schwere Zeiten hinter sich haben. In Interviews betont sie, wie dankbar sie sei wieder professionell Tennisspielen zu können und dass sie selbst überrascht sei wie gut es läuft.
Achtelfinals (Stosur vs. Kirilenko)
Im Achtelfinale steht wiederum Samantha Stosur im Blickpunkt, da sie erneut an einem neuen Rekord beteiligt ist. Sie gewinnt ihre Partie gegen Maria Kirilenko mit 6:2, 6:7 und 6:3. Spektakulär dabei Satz 2, der mit 17:15 im Tie-Break an Kirilenko geht. Der längste Tie-Break der GS-Geschichte bei den Damen. Kirilenko wehrt dabei 5 Matchbälle ab, zwei davon durch Einsatz der Challenge, welche ihr in beiden Fällen recht gibt. Beeindruckend ist, wie Samantha Stosur diesen unglücklichen Satzverlust wegstecken kann. Wie oft sieht man danach einen Einbruch. Nach kurzer Enttäuschung ist sie in Satz 3 wieder voll präsent, mit der Einstellung, dass nun einfach wieder alles bei Null beginnt. Auf der anschliessenden Pressekonferenz strich sie dies auch hervor:
"I processed that disappointment well. I thought, Okay, how am I going to play this next set and start from scratch all over again. I think I was able to bounce back really well. That's probably the most pleasing thing for me to get out of that match, is just to be able to come back from that."
Halbfinals (Serena Williams vs. Wozniacki)
Im Halbfinale kommt es zur Begegnung zwischen der Topgesetzten Caroline Wozniacki, welche überlegen die Weltrangliste anführt und Serena Williams. Die Nummer 1 der Welt ist jedoch die klare Aussenseiterin und hat bei der 2:6 und 4:6 Niederlage auch überhaupt keine Chance. Serena Williams scheint nicht aufzuhalten zu sein und hat bis zum Finale keinen einzigen Satz abgegeben. In der anderen Tableauhälfte hat es Samantha Stosur geschafft und sich ins Finale gespielt. Die erfolgreich überwundenen schwierigen Momente in den Partien gegen Petrova und Kirilenko scheinen ihr zusätzliches Selbstvertrauen gegeben zu haben. Damit steht sie in ihrem 2. GS-Finale. Im Vorjahr hatte sie in Paris das Finale erreicht, galt als Favoritin gegen die Italienerin Francesca Schiavone, blieb dann im Finale aber weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Finale (Stosur vs. Serena Williams)
Das Damenfinale fällt ausgerechnet auf den 10. Jahrestag des Terroranschlags auf die Twin Towers. Auf der einen Seite Serena Williams, die 13-fache GS-Siegerin, welche in Finalspielen in der Vergangenheit oft noch einen Gang zulegen konnte, auf der andern Seite Samantha Stosur, noch ohne Erfolg bei GS-Turnieren und in Finalspielen auf der WTA-Tour nicht gerade erfolgreich mit einer Bilanz von 2:9! Doch an diesem Tag ist alles anders. Stosur agiert von Anfang an äusserst entschlossen und es gelingt ihr das erste Break zum 2:1. Sie zeigt ihre mit Abstand beste Leistung im Turnierverlauf, macht kaum Fehler und punktet immer wieder durch ihre starke Vorhand. Serena auf der andern Seite schlägt für ihre Verhältnisse schwach auf, versucht zwar vieles, es unterlaufen ihr dabei aber zu viele Fehler. Wie angespannt sie ist, zeigt sich im ersten Game des zweiten Satzes, als sie sich mit der Stuhlschiedsrichterin anlegt. Durch diesen Vorfall spielt Serena zwar plötzlich mit mehr Aggressivität, doch ist diese Phase nur von kurzer Dauer. Stosur ist an diesem Tag viel ausgeglichener und mental der Situation gewachsen. Sie verwertet ihren 3. Matchball und gewinnt den Final überraschend mit 6:2 und 6:3. Interessant, was sie danach auf der Pressekonferenz den Journalisten antwortete. So sagte sie, dass sie sich als Aussenseiterin vor dem Final gefühlt habe und dadurch wohl entspannter gewesen sei. Trotzdem habe sie an ihre Chance geglaubt. Zudem haben ihr die Erfahrungen vom verlorenen Finale gegen Schiavone geholfen. Im Originalton:
"Well, I mean, I felt like I was definitely the underdog going into it, so maybe that kind of made me a little more relaxed going into this match than especially my last Grand Slam final. I think I was able to draw on a lot of that experience from the French Open. You know, I had to believe I had a chance to win."
Weiter führte sie aus, dass auch sie störende Gedanken gehabt hätte, entscheidend sei jedoch, wie man mit solchen Gedanken umginge. Sie habe einfach versucht Punkt für Punkt zu spielen, ihren "Game-Plan" umzusetzen und ihren Stärken zu vertrauen:
"Things come into your mind. You can't control what comes into your mind. But I guess you can control what you do with those thoughts. Yeah, I just tried to keep playing each game, each point, and stick to my game plan, stick to my guns, and not leave anything to chance. Fortunately I was able to do that from start to finish."
Gewissermassen habe sie sich auch selbst überrascht, wie es ihr gelungen sei fokussiert zu bleiben und mit Rückschlägen umzugehen:
"I've kind of surprised myself with how much I have been able to mentally stay focused on court and bounce back from the adversity from matches."
Abschliessend wurde Stosur noch auf die Zusammenarbeit mit Ruth Anderson, einer Sportpsychologin, angesprochen. Seit zwei Jahren arbeiten sie zusammen. Durch die Gespräche habe sie viel über sich als Spielerin, aber auch als Mensch ausserhalb des Tenniscourts gelernt:
"Yeah, we touch base I guess sometimes regularly, sometimes not so much. I think I've worked with her for nearly two years now and have certainly learned a lot about myself as a player and off the court as a person. I think, you know, all that time it's not always nice conversations that you have deal with it and talk about, but at the end of the day it's all for a reason. You know, I think she's been able to open my mind up to a lot of different things, and probably just make me realize certain things in myself. It's just working it out. Yeah, obviously very glad that I've started that relationship with Ruth to work on those aspects of my tennis."
Rückblick auf das Herrenturnier:
Die Top 4 im Halbfinale; zu Murrays bisheriger Saison
Währenddem beim Damenturnier einige hoch gehandelte Spielerinnen sich schon früh verabschiedeten, verlief das Herrenturnier ohne grosse Überraschungen. Im Halbfinale standen schliesslich die 4 Topgesetzten, sodass es zu den Partien Djokovic - Federer und Nadal - Murray kommen sollte.
Von den 4 Topspielerin ist Andy Murray derzeit in mentaler Hinsicht klar der schwächste. Von seinem spielerischen Potential und seinen körperlichen Voraussetzungen her müsste Murray bereits längst ein GS-Turnier gewonnen haben. Den letzten Schritt hat er bisher aber nicht geschafft. Auf dem Platz verliert er oft seine Konzentration, wird negativ und hadert häufig mit sich und den Bedingungen. Seine mentalen Schwankungen zeigen sich auch in den Ergebnissen in der Saison 2011. Er hat einen sehr guten Start in die Saison und erreicht beim ersten GS-Turnier des Jahres in Melbourne das Finale, in welchem er Djokovic unterliegt. Bei den nächsten drei Turnieren scheitert er dann jeweils in Runde 1 gegen Gegner, welche ihm eigentlich deutlich unterlegen sind. Vor den US Open verliert er beim Masters 1000-Turnier in Montreal sang- und klanglos gegen den Südafrikaner Kevin Anderson mit 3:6 und 1:6 - ein totales Debakel. In der Woche darauf scheint ein ganz anderer Murray auf dem Platz zu stehen. Er gewinnt das Masters 1000-Turnier in Cincinatti ohne Satzverlust!
Halbfinals (Nadal vs. Murray; Djokovic vs. Federer)
Zurück zu den US Open: Im Halbfinale gegen Rafael Nadal diktiert Murray die meisten der Ballwechsel. Doch scheitert er einmal mehr an seiner inneren Unruhe. In vielen Situationen ist er zu ungeduldig und greift viel zu ungestüm an. Am Ende der Partie, welche Nadal in vier Sätzen für sich entscheiden kann, hat Murray zwar mehr Winner geschlagen als Nadal, er hat aber auch weit mehr unerzwungene Fehler begangen als der Spanier (55:23). Murray hätte das Spiel gehabt, um Nadal zu schlagen, doch konnte er sein Potential nur sporadisch abrufen.
Im zweiten Halbfinale kommt es zum Klassiker zwischen Roger Federer und Novak Djokovic. Die beiden haben sich schon viele denkwürdige und äusserst umstrittene Partien geliefert. Gingen die Spiele früher fast immer zugunsten von Federer aus, hat sich das Blatt seit einem Jahr gewendet. Im Vorjahr trafen die beiden ebenfalls im Halbfinale der US Open aufeinander. Djokovic wehrte zwei Matchbälle ab und gewann die hochklassige Partie. 2011 sieht es lange sehr gut aus für Federer. Er gewinnt die ersten beiden Sätze, lässt danach aber etwas nach und Djokovic findet immer besser ins Spiel. Satz 3 und 4 gehen an den Serben, es geht in einen 5. Satz. Bei 4:3 gelingt Federer das Break, anschliessend hat er die Möglichkeit die Partie bei eigenem Aufschlag zu beenden. Federer führt 40:15 und hat zwei Matchbälle, doch dann kommt es zu einer Szene, welche noch lange in Erinnerung bleiben wird und für eine dramatische Wende sorgt. Eigentlich wirkt Djokovic verzweifelt (achten Sie beim nachfolgenden Videolink auf seinen Gesichtsausdruck!), doch dann entscheidet er sich alles zu riskieren. Auf einen ersten Aufschlag von Federer antwortet er mit einem Vorhand-Cross-Return, der für Federer unerreichbar im Feld landet.
Djokovic lässt sich feiern, aber Federer hat einen zweiten Matchball. Doch dieser Schlag scheint bei Federer tiefe Spuren hinterlassen zu haben. Er begeht einen einfachen Vorhand-Fehler und plötzlich ist der Faden bei ihm gerissen. Djokovic schafft das Break, wittert Morgenluft, während Federer Fehler an Fehler reiht und die Partie schliesslich mit 5:7 verliert.
Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist, ob die Entscheidung zu diesem Vorhand-Return eine Verzweiflungstat war oder ein Zeichen von Selbstvertrauen? Genau mit dieser Frage wurde Federer an der anschliessenden Pressekonferenz konfrontiert. Und er hatte darauf eine klare Antwort:
"Confidence? Are you kidding me? I mean, please."
Aus seiner Sicht war es ein Glücksball, der für diese Wende sorgte. Djokovic habe sich vorher mental bereits von der Partie verabschiedet und es sei besonders enttäuschend auf so eine Art und Weise die Partie noch zu verlieren:
"It's just not -- a guy who believes much, you know, anymore in winning. Then to lose against someone like that, it's very disappointing, because you feel like he was mentally out of it already. Just gets the lucky shot at the end, and off you go."
Sehr gut möglich, dass die Analyse von Federer ins Schwarze trifft. Federer sollte sich aber fragen, warum er durch diese Aktion derart aus der Bahn geworfen wurde. Er hatte ja noch immer einen Matchball und selbst als Djokovic das Re-Break zum 5:4 gelang, hatte er noch alle Chancen die Partie zu seinen Gunsten zu entscheiden. Von diesem erfolgreichen Risikoschlag erholte sich Federer nicht mehr...
Finale (Djokovic vs. Nadal)
Im Finale kommt es mit der Partie zwischen Nadal und Djokovic zu einem weiteren Klassiker. 2011 haben die beiden bereits fünfmal gegeneinander gespielt, immer in Finals und immer war Djokovic dabei siegreich. In den ersten beiden Sätzen gelingt Nadal jeweils das frühe Break und geht mit 2:0 in Führung, anschliessend ist Djokovic aber der klar stärkere Spieler. Satz 3 ist qualitativ der hochstehendste und zugleich auch spannendste Satz. Bei 6:5 schlägt Djokovic zum Matchgewinn auf, kassiert aber das Re-Break. Der Tie-Break ist dann eine klare Sache für Nadal, der plötzlich mit mehr Emotionen spielt, so richtig in Fahrt gekommen ist und nun das Momentum auf seiner Seite zu haben scheint. Nach dem verlorenen dritten Satz lässt sich Djokovic nach dem ersten Spiel im vierten Satz an der Schulter behandeln, es folgt eine längere Unterbrechung. Nach Wiederaufnahme ist es aber Nadal, der stark nachlässt und keine Chance mehr hat. Es gibt Stimmen, welche behaupten, dass Djokovic das "Medical-Timeout" nicht wegen Rückenproblemen, sondern aus taktischen Gründen genommen hat, um Nadal den Schwung zu nehmen und sich selbst wieder neu zu ordnen. Dies ist aber Spekulation! Tatsächlich servierte der Saisondominator danach langsamer, aber ein Nachlassen war in erster Linie bei Nadal zu beobachten, der plötzlich viel zu passiv agierte.
Als Djokovic auf seine knappen Siege gegen Federer oder wie in Paris gegen Andy Murray und nach dem ausschlaggebenden Faktor gefragt wird, antwortet er, dass es eine Glaubenssache sei. Wer mehr daran glaube, würde den Platz als Sieger verlassen:
"I guess the winner is the one that believes in victory more than the other. That's all there is."