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Neben den bekannten separativen Formen auf der Sekundarstufe I (Sekundarschule, Realschule, Sek A/B, …) gehören auch Niveaugruppen zur Separation. Weil diese Trennung die Chancengerechtigkeit nicht förderte und zu grossen sozialen Unterschieden führte und führt, nahm der Druck auf das starre Trennsystem zu, was weltweit zu einer Aufweichung, wenn nicht Auflösung der traditionellen separativen Schulformen führte.
Die Befürworter der Inklusion berufen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, welche zeigten, dass in inkludierten Klassen sowohl schwächere als auch stärkere Schüler profitierten. Elisabeth Moser Opitz von der Universität Zürich sagt, dass in inklusiven Settings Kinder mit Lernproblemen mehr Fortschritte machen als in Kleinklassen (1). Im Gegensatz zu der Frage, wie sich die Inklusion auf die Leistung der Schüler auswirkt, wurde der Frage, wie sie sich auf das akademische Selbstkonzept der Schüler auswirkt, weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das akademische Selbstkonzept bezieht sich auf Einschätzungen der Schüler im Hinblick auf die eigenen schulischen Fähigkeiten und hat vier Dimensionen: Selbstregulation, intellektuelle Fähigkeiten, Motivation und Kreativität. Es ist ein signifikanter Prädiktor für die schulische Leistung und deshalb für die folgende Gegenüberstellung von Bedeutung.
Weltweit hat der Druck auf das starre Trennsystem zugenommen, weil diese Trennung die Chancengleichheit nicht förderte und zu grossen sozialen Unterschieden führte und führt.
Bezogen auf die Wirkung von integrativen (inklusiven) Schulformen auf das akademische Selbstkonzept existieren zwei widersprüchliche Hypothesen: Einerseits argumentieren die Anhänger der Etikettierungs-Hypothese (auch: Labeling-Hypothese), dass durch die Zusammenführung die Motivation der schwachen Schüler gestärkt werde, da das negative Ansehen ihrer Schulstufe und damit die Etikettierung der Schüler verschwinde.
Methodische Schwachpunkte
Die Studien, in denen festgestellt wurde, dass Schüler mit hohem Leistungsniveau ein höheres akademisches Selbstkonzept haben als Schüler mit niedrigem Leistungsniveau, und die somit die Etikettierungshypothese unterstützen, weisen jedoch eine Reihe methodischer Schwachpunkte auf. Erstens schließt der sehr einfache Vergleich von Schülern mit hohem und niedrigem Bildungsniveau Selektionseffekte nicht aus. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Unterschiede im akademischen Selbstverständnis zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern darauf zurückzuführen sind, dass Schüler mit einem hohen akademischen Selbstverständnis in leistungsstarke Studiengänge und Schüler mit einem geringen akademischen Selbstverständnis in leistungsschwache Studiengänge kommen. Diese Möglichkeit kann nicht ausgeschlossen werden, da diese Studien häufig keine Kontrollgruppe umfassten. Zweitens wird durch den Vergleich von Schülern mit hohem und niedrigem Leistungsniveau die Etikettierungshypothese nur indirekt getestet, da kein Vergleich zwischen Schülern mit und ohne Inklusion stattfindet.
Kontrast-Hypothese
Im Gegensatz zur Etikettierungs-Hypothese verfechten die Vertreter der Kontrast-Hypothese die Position, dass Schüler mit geringen schulischen Leistungen in gemischten Klassen im Durchschnitt mehr leistungsstarken Mitschülern gegenüberstehen, wodurch die Motivation von Schülern mit geringen schulischen Leistungen sinkt, weil das gemischte Umfeld ungünstige soziale Vergleichsprozesse verstärke. Leider ist sich die empirische Forschung sowohl zur Etikettierungs- als auch zur Kontrasthypothese nicht schlüssig. Wenn die Etikettierungshypothese zutrifft, wäre zu erwarten, dass sich das Inkludieren positiver auf das akademische Selbstkonzept von Schülern mit geringen akademischen Leistungen auswirkt als auf das von Schülern mit hohen akademischen Leistungen, weil diese Gruppe von Schülern nicht mehr negativ als “Schüler mit schlechten Leistungen” abgestempelt wird. Wenn die Kontrasthypothese zutrifft, würde man erwarten, dass sich Inklusion eher negativ auf das akademische Selbstverständnis von Schülern mit geringen akademischen Leistungen auswirkt als auf das von Schülern mit hohen akademischen Leistungen, weil diese Gruppe von Schülern einem Lernumfeld mit hohen Leistungen ausgesetzt ist, was zu ungünstigen sozialen Vergleichen führen kann.
Leider ist sich die empirische Forschung sowohl zur Etikettierungs- als auch zur Kontrasthypothese nicht einig.
Eine nun vorliegende Studie (2) testet die beiden Hypothesen aufgrund von Daten aus zwei Reformprojekten in Österreich und dem deutschen Bundesland Thüringen. Studie 1 (78’330 Schüler) evaluierte die Einführung der neuen allgemeinbildenden höheren Schule in Österreich. Bis zum Ende des Schuljahres 2011/2012 wurden die österreichischen Hauptschülerinnen und -schüler je nach ihrem Leistungsniveau in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch in drei Schulzweige (innerhalb der Schulen) eingeteilt. Die Zuteilung erfolgte auf Basis der bisherigen Leistungen (“Leistungstracking”). Die Leistungsgruppenbildung in den Kernfächern wurde abgeschafft und durch eine leistungsgemischte Gruppenbildung ersetzt. Nach der Reform ähnelte der Lehrplan für alle Schülerinnen und Schüler dem anspruchsvollen Lehrplan von vor der Reform.
Schwache Schüler sinken beim akademischen Selbstkonzept ab
Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der Kontrasthypothese, die besagt, dass Schüler mit geringen schulischen Leistungen in Klassen mit leistungsstärkeren Gleichaltrigen unterrichtet werden, was sich aufgrund sozialer Vergleiche negativ auf ihr schulisches Selbstkonzept auswirkt. So war der Kohorteneffekt für Schüler mit hohen schulischen Leistungen positiver als für Schüler mit niedrigen schulischen Leistungen und somit für Schüler mit niedrigen schulischen Leistungen negativer als für Schüler mit hohen schulischen Leistungen. Auch dieses Ergebnis steht im Einklang mit der Kontrasthypothese.
Die Daten sprechen eindeutig gegen die Etikettierungshypothese, d. h. gegen die Annahme, dass Inklusion das akademische Selbstkonzept von Schülern mit geringen schulischen Leistungen stärkt.
Auch Studie 2 (2’202 Schüler) kam zu ähnlichen Resultaten. Es zeigte sich, dass der Kohorteneffekt für Schüler mit geringen schulischen Leistungen negativer war als für Schüler mit hohen schulischen Leistungen. Genauer gesagt hatten Schüler mit geringen schulischen Leistungen nach der Reform ein geringeres akademisches Selbstkonzept, während dieser Trend für Schüler mit hohen schulischen Leistungen nicht zutraf. Auch diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der Kontrasthypothese.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Inklusion negativ auf das akademische Selbstkonzept von Schülern mit geringen akademischen Leistungen auswirkt. Die Daten sprechen eindeutig gegen die Etikettierungshypothese, d. h. gegen die Annahme, dass Inklusion das akademische Selbstkonzept von Schülern mit geringen schulischen Leistungen stärkt.
(1) www.hfh.ch/die-spitzen-brechen
(2) Fleischmann, M., Hübner, N., Nagengast, B., & Trautwein, U. (2023). The dark side of detracking: Mixed-ability classrooms negatively affect the academic self-concept of students with low academic achievement. Learning and Instruction, 86, 101753. https://doi.org/10.1016/j.learninstruc.2023.101753
Ein Kommentar
Es ist nur noch bemühend, wie auf allen Ebenen versucht wird, Dinge schönzureden.
Tulpen sind Tulpen, Rosen sind Rosen und Osterglocken sind Osterglocken. Jede Blume hat ihre Daseinsberechtigung und dennoch versucht keine Blume, eine andere zu sein. Auch das gemeinsame Ansiedeln im gleichen Beet macht die eine nicht etwas mehr zur andern und fördert deren Wachstum auch nicht per se.
Inklusion kann positive Sideeffects haben, muss aber nicht. Oftmals führt sie zur stillen Vereinsamung innerhalb der Gruppe. Gerade das ständige Ebendochherausnehmen aus dem Klassenverband zur Einzelförderung stigmatisiert den/die Betroffene(n) ohne es zu wollen.
Werdet endlich vernünftig!