Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/1875

Echo von Vorgerstern
Was ist der Unterschied zwischen Geschichte und Vorgeschichte? Oder besser gesagt, wann geht die prähistorische Phase in die Zeit der Geschichte über? Wie Geschichtsstudierende im Ersten Semester an den Universitäten der Schweiz dieser Tage grad wieder lernen: Geschichte beginnt in dem Moment, wo etwas darüber aufgeschrieben wird. Was nicht bedeutet, dass Vorgeschichte nicht stattfand, wir wissen nur dramatisch weniger darüber als über die Ereignisse der historischen Ära. Ebenso verhält es sich auch mit dem Blues: Die historische Phase des Blues beginnt vielleicht mit W.C. Handys Notation des St. Louis Blues oder sie beginnt mit den ersten Tonaufnahmen von Bessie Smith oder Ma Rainey. Aber klar ist: Der Blues als Kunstform beginnt nicht erst mit der Geschichtsschreibung über den Blues oder mit den ersten Aufzeichnungen, so wie die Geschichte der Menschheit nicht erst mit Herodot, Thukydides oder Sima Qian anfängt. Abbott und Seroff legen mit ihrem grossformatigen Werk The Original Blues: The Emergence of the Blues in African American Vaudeville 1899–1926 eine Spurensuche vor, die beeindruckt und die vor allem eines klar macht: Der Blues ist deutlich älter als die Bereitschaft oder die Möglichkeit, ihn aufzuzeichnen.
Das Thema «Ursprung und Frühgeschichte des Blues» ist ein ideologisch aufgeladenes Minenfeld: In den 1960er Jahren kam der Blues von den einsamen, Schwarzen, meist nur rudimentär gebildeten Bluesmen, welche dann als lebende Legenden in den Kaffeehäusern der «Counter Culture» zu bestaunen waren. Blues wurde als eine wenig kultivierte Kunstform wahrgenommen, die komplementär zum Jazz der Städte die Schwarze Bevölkerung des Delta unterhalten sollte.
Später erhoben verschiedene Ort ausserhalb des Mississippi Delta einen Anspruch auf eine ebenso autochthone Entwicklung, etwa Texas oder die Carolinas. Der Blues wurde manchmal als Schwarze Parallelmusik zum Weissen Country aufgefasst. Und gläubige Menschen betonten die Parallelen zur Gospel- und Kirchen-Musik der Schwarzen Glaubensgemeinschaften, dessen unheiliger Bruder der Blues sei.
All diese Vorstellungen und Erklärungen waren stets sehr generalistisch, ohne konkrete und detaillierte Belege. Insofern ist das nun vorliegende Buch von Abbott und Seroff wirklich etwas völlig Neues: Wie Archäologen aus dem Studium tausender Knöchelchen und Scherben die Geschichte vor der eigentlichen Geschichte zu rekonstruieren suchen, bringen die beiden Forschenden eine riesige Anzahl einzelner Hinweise zusammen, und daraus rekonstruieren sie ein überzeugendes Bild über die Geschichte des Blues vor der technischen Möglichkeit, diesen aufzuzeichnen. Die einzelnen Hinweise entstammen einer Vielzahl an Bibliotheken und Archiven (28 Institutionen werden in der Danksagung genannt), in denen Auftrittslisten, Aushangplakate und ähnliche Materialen gesichtet und ausgewertet wurden.
Daraus wurde ein 2017 erschienenes Buch mit fünf grossen Kapiteln und zwei «Zwischenspiel» genannten kürzeren Kapiteln. Dieses Buch erzählt – reich illustriert – die Geschichte des Blues als eine von verschiedenen Kunstformen der im 19. Jahrhundert sehr populären Kunstform des «Vaudeville», einer Art Varieté mit Unterhaltungskünstlern verschiedener Form: Steptänzer und Bauchredner waren ebenso Teil einer Vaudeville-Show wie kurze theatralische Aufführungen oder eben Gesangseinlagen. Neben verschiedenen Formen des Gesangs gab es eine, die als «The Blues» bekannt wurde und welche aufgrund ihrer ungebrochenen Popularität, aber auch der gezielten Promotion verschiedener Protagonisten, den Sprung in die Zeit der Tonaufnahmen im 20. Jahrhundert schaffte und damit zu dem wurde, was seither als «Bluesmusik» bezeichnet wird.
Das Buch erstreckt sich über 5 Hauptkapitel und 2 Zwischentexte. Im Inhaltsverzeichnis stellen diese sich wie folgt dar:
- Chapter One: Saloon-Theaters and Park Pavillions : The Birth of Southern Vaudeville, 1899-1909. (S. 7–56).
- First Interlude: The Death of J. Ed. Green and the Birth of State Street Vaudeville. (S. 57–66).
- Chapter Two: The Life, Death, and Untold Legacy of Bluesman Butler «String Beans» May. (S. 67–124).
- Chapter Three: Male Blues Singers in Southern Vaudeville. (S. 125–160).
- Chapter Four: The Rise of the Blues Queen: Female Blues Pioneers in Southern Vaudeville. (S. 161–230).
- Second Interlude: Theater Circuits, Theater Wars, and the Foundation of T.O.B.A. (S. 231–248).
- Chapter Five: «Yours for Business»: The Commercialization of the Blues, 1920–26. (S. 249–309).
- Anmerkungen, Bibliographie, Index.
Die im zweiten Interlude angesprochene T.O.B.A. ist die «Theater Owners Booking Association», ein 1921 gegründetes Netzwerk der Theaterbesitzer, welche so hofften, den Fluss von durchziehenden Unterhaltern besser kontrollieren und vorhersagen zu können, und welche für die Selbstorganisation der betreffenden Künstler von grosser Wichtigkeit war. Diese Form der Unterhaltung war nicht am Broadway oder in den Grosstädten wie Los Angeles oder New York populär, dies war die bevorzugte Form der Unterhaltung in kleineren Städten, Provinzzentren und die Auftrtitte fanden entsprechend nicht nur in Theatern statt sondern ebenso in Turnhallen und improvisierten Bühnen auf dem Dorf. Die T.O.B.A. sorgte für eine Kontinuität und Verlässlichkeit, welche sowohl das Publikum wie auch die Künstler schätzten.
Ebenso wichtig war die Person Butler Mays (1894–1917, im Bild links) mit dem Künstlernamen «String Bean», ein begnadeter Unterhalter, dem das gesamte zweite Kapitel gewidmet ist. «String Bean» war der unangefochtene Star Schwarzer Unterhaltung der ersten Jahrzehnte im 20. Jahrhundert. Der Pianist, Sänger und Komödiant war ein Superstar seiner Zeit, der ab 14 Jahren auf dem Vaudeville-Zirkus unterhielt. May trat in der «Chocolate Drops Company” genannten Künstlertruppe auf, Seite an Seite mit Jelly Roll Morton oder Ma Rainey, aber es war der ansteckend fröhliche Unterhalter May, der das Publikum in seinen Bann schlug. Sein Stil muss etwas derb gewesen sein, denn während er Übername «Bean Strings» (= «Bohnenstange»)auf seine körperlichen Merkmale hinwies, war sein zweiter Spitzname «The Elgin Movements Man» eine Anspielung auf die Amerikanische Uhrenfirma Elgin, deren Unruhe im Uhrwerk vor und zurückging wie die Mays Hüften beim Sex. Das Buch beschreibt insbesondere seine «Legacy» also die Hinterlassenschaft, welche aus vielen Künstlern bestand, die «Bean String» nacheiferten und dieselbe Mischung aus Blues und Witzen praktizierten, nachdem May bereits im Alter von 23 Jahren nach einer verunglückten Aufnahmezeremonie bei den Freimaurern verstorben war. Ethel Waters wird ausführlich zitiert, aber auch andere Künstler kommen zu Wort.
Das über 400 Seiten umfassende Buch lässt sich nicht in diesem Kontext adäquat rezensieren, deshalb zum generellen Eindruck: Das Buch ist enorm detailverliebt, es ist das Produkt seriöser und mehrjähriger Forschung und das darin vorgebrachte Argument ist erhärtet und verifiziert durch verschiedene Quellen. In seiner Aussage ist das Buch unzweifelhaft ein grosser Wurf, aber nach meinem Dafürhalten war die Lektüre leider wenig animierend. So gut das Buch und so einzigartig der Inhalt sind, die Form, in der diese Hundertschaften von Aushängen und Konzertankündigungen präsentiert werden, ist wenig leserfreundlich und auch kaum fesselnd. Das ist schade, aber wie es bei Archäologischen Ausgrabungen auch ist: Jede Schwerbe muss sorgfältig geputzt und vermessen werden, und erst danach kann man die ein Gefäss daraus rekonstruieren.
ABBOTT, Lynn, SEROFF, Doug – . The Original Blues : The Emergence of the Blues in African American Vaudeville : 1899–1926 – . 420 Seiten, Zahlreiche Schwarz-weiss Bilder – . Jackson: University Press of Mississippi, 2017 – . ISBN 978-1-4968-1002-1.