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Zusammenfassung
In der Schweiz zirkulieren zwei Typen von SARS-CoV-Viren mit gegenläufigen Tendenzen. Die Infektionen mit den bislang dominierenden Typen nehmen ab mit einer Halbwertszeit von etwa 28 Tagen. Im Gegensatz dazu nehmen Ansteckungen mit der ansteckenderen Variante B.1.1.7 zu mit einer Verdopplungszeit von ungefähr 10 Tagen.
Sobald der Anteil von Infektionen mit B.1.1.7 eine kritische Grenze überschreitet, erwartete man eine Trendumkehr in der epidemiologischen Entwicklung und ein erneutes Ansteigen der gesamten Ansteckungen. Die Ausbreitung dieser Varianten in der Schweiz birgt also das Risiko, dass Infektionen und damit auch schwere Erkrankungen und Todesfälle erneut ansteigen, und dass die Kontrolle der Epidemie schwieriger wird.
Eine weitere schnelle und starke Reduktion der Ansteckungen reduziert die Risiken für die Schweiz. Eine starke Einschränkung der Kontakte und der Mobilität, zusammen mit einer konsequenten Umsetzung der Schutzmassnahmen und breitem Testen und Kontaktverfolgung, verringert die Ansteckungen mit allen SARS-CoV-2 Varianten. Die Aussicht auf eine Verbesserung der Situation durch die Impfung macht das Verhindern von Ansteckungen noch lohnenswerter und kostengünstiger.
Die Umsetzung der Schutzmassnahmen durch die Bevölkerung ist einer der zentralen Faktoren für die Kontrolle der Epidemie. Wir diskutieren zwei Indikatoren, die Einblicke in die Umsetzung und Einhaltung der Massnahmen durch die Bevölkerung geben. Mobilitätsanalysen zeigen, dass die durchschnittlich zurückgelegte Distanz pro Tag der Schweiz zurückgegangen ist in den letzten zwei Monaten, aber dass dieser Rückgang weniger als 10% beträgt. Sowohl diese Distanz wie auch der Anteil an Personen, die an einen Arbeits- oder Ausbildungsort pendeln, sind deutlich höher als im Frühjahr 2020. Direkte Befragungen in der Schweiz zeigen, dass die Einhaltung der Schutzmassnahmen unter den befragten Personen stetig zugenommen hat seit Juni 2020 und dass jetzt über 90% die Anordnungen über Maskentragen und Distanzhalten befolgen.
1. Epidemiologische Situation in der Schweiz
1.1. Entwicklung der epidemiologischen Parameter
In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-21. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen und Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, ohne zwischen einzelnen Stämmen zu unterscheiden. Wir fokussieren in diesem Abschnitt auf die allgemeinen epidemiologischen Parameter, und besprechen dann im nächsten Abschnitt die Dynamik der verschiedenen Stämme.
Über die ganze Schweiz zeigt die SARS-CoV-2-Epidemie in der ersten Januarhälfte einen rückläufigen und in der zweiten Monatshälfte einen stabilen bis leicht rückläufigen Verlauf. Die Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re betragen2.
- 1,00 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 0,86-1,14) aufgrund der bestätigten Fälle, per 29.01.2021.
- 0,84 (95% UI: 0,63-1,02) aufgrund der Hospitalisationen, per 24.01.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,95 (95% UI: 0,84-1,07) geschätzt.
- 0,68 (95% UI: 0,52-0,84) aufgrund der Todesfälle, per 17.01.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 0,83 (95% UI: 0,72-0,95) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,94 (95% UI: 0,83-1,05) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin dass die Re Werte das Infektionsgeschehen vor 10 Tagen bis mehreren Wochen widerspiegelt aufgrund der Verzögerung von Infektion und Eintreten eines Ereignis (Fallbestätigung, Hospitalisationen, Todesfall). Eine Betrachtung der sieben Grossregionen der Schweiz zeigt, dass dort die Trends stabil bis rückläufig sind.
Die Analyse wird gestützt durch die beobachteten Verdopplungs- bzw. Halbwertszeiten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage3. Die bestätigten Falle änderten sich um -16% (UI: -4% bis -27%) pro Woche, die Hospitalisierungen um -21% (UI: -10% bis -30%) und die Todesfälle um -35% (UI: -24% bis -45%). Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.
2. Varianten B.1.1.7 und 501.V2 in der Schweiz
2.1. Eigenschaften dieser Varianten und mögliche epidemiologische Konsequenzen
In den letzten Monaten sind neue SARS-CoV-2-Varianten identifiziert worden, für die eine erhöhte Übertragungsrate nachgewiesen oder vermutet wird: 501.V1 in Grossbritannien, 501.V2 in Südafrika und 501.V3 in Brasilien (die Variante 501.V1 wird auch B.1.1.7 genannt, und wir verwenden in diesem Dokument den Ausdruck B.1.1.7). Diese Varianten sind unabhängig voneinander entstanden und haben eine grosse Anzahl Mutationen im Spike-Protein (siehe Wissenschaftliches Update vom 29.12.2020, 4. Für B.1.1.7 wird der Transmissionsvorteil auf zwischen 39% und 71% 5, 6 geschätzt, für 501.V2 auf rund 56% (95% CI 50-74%; 7). Varianten, die sich schneller ausbreiten, stellen eine Gefahr dar für die Gesundheit und das Gesundheitssystem. Ohne zusätzliche Interventionen führt eine schnelle Ausbreitung zu mehr Ansteckungen und mehr Krankheiten und Todesfällen. Ob diese Varianten neben einer erhöhten Übertragungsrate möglicherweise auch Änderungen in der Schwere der Krankheitsverläufe oder in der Wirkung der Immunreaktion aufweisen könnten, wird im Moment wissenschaftlich untersucht.
2.2. Aktuelle Situation der Varianten in der Schweiz
In der Schweiz sind die beiden Varianten B.1.1.7 und 501.V2 erstmals Ende 2020 identifiziert worden. Die 501.V3 (P.1) Variante wurde erstmals in Kalenderwoche 6 des Jahres 2021 in einer Probe identifiziert, die in der letzten Januarwoche gesammelt wurde. Der Nachweis dieser Varianten erfolgt i) durch gezieltes Analysieren von Proben von Menschen mit einer Verbindung zu Grossbritannien, Südafrika und Brasilien ii) durch eine systematische genetische Charakterisierung der positiven Tests und iii) durch Charakterisierung von positiven Proben, welche im PCR- Test eine Auffälligkeit zeigen, die charakteristisch ist für diese Varianten. Für die systematische genetische Charakterisierung werden entweder alle positiven Tests analysiert oder eine Zufallsstichprobe aller positiven Tests 8. Die Daten aus der systematischen genetischen Charakterisierung sind weitgehend repräsentativ, und erlauben deshalb, Änderungen in der relativen Häufigkeit und der absoluten Anzahl dieser Varianten über die Zeit zu schätzen. Es ist aber plausibel, dass es eine gewisse Überschätzung der Häufigkeit dieser Varianten unter den positiven Tests gibt, wenn zum Beispiel im Umfeld von mit diesen Varianten infizierte Person mehr getestet wird. In der folgenden Diskussion fokussieren wir auf B.1.1.7. Die Variante 501.V2 nimmt in der Schweiz auch an Häufigkeit zu, ist aber bislang (bis am 3.2.2021) viel weniger häufig als B.1.1.7 9.
Die relative Häufigkeit von B.1.1.7 nimmt in der Schweiz momentan rasch zu mit einer Verdopplungszeit von rund acht Tagen 10, trotz der Anstrengungen, die Ausbreitung durch intensives Testen und Kontaktverfolgung zu reduzieren. Als relative Häufigkeit bezeichnen wir den Prozentsatz der bestätigten Fälle, der durch B.1.1.7 verursacht wird. Damit folgt die Situation in der Schweiz – mit einer Zeitverzögerung – in etwa der Entwicklung in Grossbritannien und Dänemark, zwei Ländern, in denen auch viele Daten über die Häufigkeit von B.1.1.7 erhoben werden 11. In anderen europäischen Ländern liegen zur Zeit wenig Daten zur Häufigkeit von B.1.1.7 vor, so dass solche Vergleiche nicht möglich sind.
Wir erwarten, dass B.1.1.7 in der Schweiz dominant werden wird. Wegen der erhöhten Übertragungsrate von B.1.1.7 gegenüber den anderen SARS-CoV-2 Varianten erwartet man einen stetigen Anstieg der relativen Häufigkeit, unter der Annahme, dass nicht andere Varianten mit höherer Übertragungsrate in der Schweiz auftreten 12. Diese Zunahme der relativen Häufigkeit wird generell erwartet, unabhängig davon, ob die Fallzahlen insgesamt steigen oder fallen. Intensives Testen und gezielte Kontaktverfolgung von B.1.1.7 können den relativen Anstieg jedoch verlangsamen, und weisen ein sehr gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis auf (link). Zudem kann mit Massnahmen an der Grenze der weitere Eintrag von B.1.1.7, 501.V2 und 501.V3 reduziert werden. Wegen der schon weiten Verbreitung von B.1.1.7 in der Schweiz gehen wir aber davon aus, dass es nicht möglich sein wird, zu verhindern, dass B.1.1.7 in der Schweiz dominant werden wird.
Wir beobachten, dass nicht nur der relative Anteil, sondern auch die absolute Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 zunimmt und sich im Moment etwa alle 10 Tage verdoppelt. Abbildung 1A zeigt die Entwicklung der absoluten Anzahl der Fälle pro Woche in der Schweiz für die bislang dominierenden Varianten und für B.1.1.7 basierend auf einem einfachen Modell. In diesem Modell gehen wir davon aus, dass die effektiven Reproduktionszahl für die bislang dominierenden Varianten (grün in Abbildung 1) 0.84 beträgt. Dies entspricht dem in der ersten Januarwoche in der Schweiz beobachteten Wert. Eine neue Variante (blau in Abbildung 1) hat eine 50% erhöhte Übertragungsrate. Dieses Modell stimmt bis heute gut mit den vorliegenden Daten überein (Abbildung 1B, 1C). Die neue Variante – B.1.1.7 – nimmt zu mit einer Verdopplungszeit von ungefähr 10 Tagen. Die anderen Stämme nehmen ab mit einer Halbierungszeit von ungefähr 28 Tagen. Da die Abschätzungen auf den bestätigten Fällen beruhen, ist die Dunkelziffer (Menschen, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind aber nicht getestet werden) nicht berücksichtigt. Das bedeutet, dass die tatsächliche Anzahl Menschen, die jede Woche mit B.1.1.7 infiziert wird, wahrscheinlicher deutlich höher ist als hier abgeschätzt.
Abbildung 1: Änderung der absoluten Anzahl einer Variante mit erhöhter Transmission. Zwei Varianten sind dargestellt, eine alte Variante (grün) und eine neue Variante (blau) mit einer 50% höheren Transmissionsrate. A) Einfaches numerisches Beispiel: Absolute Anzahl der Infektionen mit beiden Varianten pro Tag in einer Situation, in der der R-Wert für die alte Variante 0.84 beträgt (entsprechend dem in der ersten Januarwoche in der Schweiz beobachteten Wert). Die Flächen zeigen die modellierten Fallzahlen von alten Varianten und neuer Variante. Die grüne Fläche schliesst an die blaue Fläche an. Die helle rote Linie ist also die Summe der Fallzahlen mit alten und neuer Variante. Das einfache numerische Beispiel macht eine Reihe von vereinfachenden Annahmen. Es soll nicht als Prognose der tatsächlichen Entwicklung der Infektionen in der Schweiz interpretiert werden. Insbesondere berücksichtigt dieses Beispiel Immunisierung durch Impfung oder kürzlich durchgemachter Infektion nicht. Mehr Details zu diesem Beispiel finden sich im wissenschaftlichen Update vom 29.12.2020 13. B) Abschätzungen basierend auf Daten: Die geschätzte Entwicklung der tatsächlichen Infektionen mit B.1.1.7 unter den bestätigten Fällen (blau, geschätzt basierend den Daten in 14) und den bislang in der Schweiz dominierenden Stämme (grün) bis 6.2.2021. C) Vergleich von Modell und Daten: Die dunkeln Flächen zeigen die Fallzahlen von B.1.1.7 (blau) und allen übrigen Stämmen (grün). Die hellen Flächen zeigen die Zahlen aus dem Modell (wie in A). Die grünen Flächen schliessen dabei an die blauen Flächen an. Die dunkle rote Linie ist also die aus den Daten geschätzte Summe der Fallzahlen mit den alten und der neuer Variante. Die helle rote Linie ist die Summe der Fallzahlen mit alten und der neuer Variante aus dem Modell. Die Entwicklung der tatsächlichen Infektionen entspricht im beobachteten Zeitraum im Wesentlichen der Dynamik in diesem einfachen Modell.
Diese Daten zeigen, dass es auch mit den im Januar zusätzlich eingesetzten Massnahmen bislang nicht gelungen ist, ein Anwachsen der Infektionen mit B.1.1.7 in der Schweiz zu verhindern. Wenn die Anzahl der Infektionen mit B.1.1.7 weiter substantiell anwächst, besteht die Gefahr einer Trendumkehr in den Fallzahlen: sobald der relative Anteil von B.1.1.7 unter den gesamten Populationen eine kritische Grenze überschreitet, beginnt die totale Anzahl Infektionen pro Tag wieder zu wachsen (Abbildung 1). Als Folge davon würden dann später auch die Anzahl Hospitalisierungen und Todesfälle pro Tag wieder anwachsen. Um dieses Szenario zu verhindern, ist eine schnelle Reduktion der Ansteckungen durch eine starke Einschränkung von Kontakten und Mobilität von grosser Wichtigkeit, zusammen mit intensivem Testen und Kontaktverfolgung.
3. Umsetzung der Eindämmungsmassnahmen in der Schweiz
Für die Reduktion der Ansteckungen sind verschiedene Faktoren ausschlaggebend, insbesondere die allgemeinen Eindämmungsmassnahmen, die Kontakte und Mobilität verringern; die gerichtete Unterbrechung von Ansteckungsketten durch Testen, Isolieren, Kontaktverfolgung und Quarantäne; und die Umsetzung und Einhaltung der Massnahmen durch die Bevölkerung. In diesem Abschnitt diskutieren wir zwei Indikatoren, die Aufschluss geben über diesen dritten Faktor. Der erste Indikator sind Mobilitätsdaten, die erlauben, Änderungen in der Mobilität über die Zeit zu analysieren. Der zweite Indikator sind die Resultate von Befragungen über das Verhalten der Bevölkerung in der Schweiz.
3.1. Mobilität
Zusammen mit der NCS-TF und dem Statistischen Amt des Kantons Zürich nutzt die KOF – die Konjunkturforschungstelle der ETH Zürich – insbesondere die von intervista 15 erhobenen Mobiltelefon-Daten, um ein tieferes Verständnis über die Entwicklung der Mobilität der Schweizer Bürgerinnen und Bürger, sowie die Motive hinter dieser Mobilität zu erlangen. Die neuesten Intervista-Daten enden am 31. Januar 2021 und erlauben uns, verschiedene Mobilitätsdimensionen über verschiedene Zeiträume hinweg zu vergleichen. Im Folgenden wird ein Vergleich zwischen dem 1. Lockdown in der zweiten Hälfte des Monats März / April 2020, dem Zeitraum November / Dezember 2020, den wir als Vorweihnachtszeit bezeichnen, und der zweiten Hälfte des Monats Januar vorgenommen. Die Ferienzeit um Weihnachten und Neujahr ist mit einem deutlich geringeren berufsbedingten Reiseaufkommen bei gleichzeitig höherer freizeitbedingter Mobilität als üblich verbunden. Diese spezielle Konstellation macht einen Vergleich der Weihnachtszeit mit den Wochen davor und danach weniger aussagekräftig.
Abbildung 2: Das arithmetische Mittel (Durchschnitt, linke Skala) und der Median (rechte Skala) der von der Schweizer Bevölkerung täglich zurückgelegten Distanz. Drei Zeitperioden sind grau unterlegt: die Zeit des 1. Lockdowns in der Schweiz, die Vorweihnachtszeit und die zweite Hälfte des Januars 2021 (siehe Haupttext).
In der zweiten Januarhälfte legte der Median (Durchschnitt) der Schweizer Bürger etwa 11,5 km (30 km) pro Tag zurück. Das ist zwar weniger als in der Zeit vor Weihnachten, wo dieser Wert bei fast 15 km (mehr als 33 km) lag, aber immer noch deutlich mehr als während der ersten Lockdown-Zeit. Während der 1. Lockdown-Periode im März und April legte der Median (Durchschnitt) der Schweizer Bürger nur rund 7 km (20 km) pro Tag zurück. Vergleicht man die Vorweihnachtszeit mit den letzten Wochen, so zeigt sich, dass die Median-Wegstrecke um mehr als 20% zurückgegangen ist. Die Durchschnittsdistanz hingegen ist um weniger als 10% zurückgegangen. Dies deutet darauf hin, dass die Verteilung der von der Schweizer Bevölkerung zurückgelegten Distanzen wieder etwas schiefer geworden ist: Eine Minderheit legt längere Strecken zurück als in der November/Dezember-Periode und kompensiert im Bezug auf den Durchschnitt zu einem gewissen Grad die Mehrheit derjenigen, die ihre Fahrtstrecken reduziert haben.
Während der Freizeit wurde in den letzten Wochen durchschnittlich etwa 15 km pro Tag zurückgelegt. Das ist etwa 50% mehr als während des ersten Lockdowns. Für die Arbeit legen die Bürgerinnen und Bürger im Durchschnitt etwas mehr als 9 km pro Tag zurück. Das ist etwa ein Drittel mehr als während des ersten Lockdowns, aber immer noch deutlich unter dem Mittelwert von vor der Pandemie, welcher bei 14 km pro Tag lag. Während die durchschnittlich zurückgelegte Strecke gegenüber der Vorweihnachtszeit nicht wesentlich gesunken ist, hat sich der Pendleranteil, d.h. der Anteil an Personen, die am jeweiligen Tag an einen fixen Arbeits- oder Ausbildungsort pendeln, von 29% auf 23% reduziert; vor der Pandemie lag er bei 36%. Die Pendleranteile über die Sprachregionen hinweg zeigen, dass die Bevölkerung in der Romandie ihre Pendlerbewegungen weniger stark reduziert hat als die Bevölkerung in der Deutschschweiz. Während im deutschsprachigen Raum der Anteil der Arbeitnehmer und Auszubildenden, die pendeln auf 22% gesunken ist und damit um mehr als 6 Prozentpunkte im Vergleich zur Vorweihnachtszeit abgenommen hat, ist dieser Anteil in der Romandie nur um 4,5 Prozentpunkte auf knapp 26% zurückgegangen.
Abbildung 3: Der Pendleranteil, d.h. der Anteil an Personen, die am jeweiligen Tag an einen fixen Arbeits- oder Ausbildungsort pendeln, für die gesamte Schweiz, die Romandie und die Deutschschweiz und die durchschnittlich täglich zurückgelegte Distanz beim Pendeln. Die selben drei Zeitperioden sind grau unterlegt wie in Abbildung 2.
3.2. Befolgung der Massnahmen
Während Mobilitätsanalysen einen Überblick geben in das Mobilitätsverhalten in der Schweiz, können direkte Befragungen noch unmittelbarere Einblicke geben über das Befolgen von Massnahmen durch die Bevölkerung. Corona Immunitas 16 untersucht seit Ende Juni, wie stark sich die Teilnehmenden der bevölkerungsbasierten Seroprävalenzstudien an die Bestimmungen für das Präventionsverhalten des Bundes halten. Im wöchentlichen Follow-Up wird nach dem Tragen von Masken, Social Distancing, zu Hause bleiben und der persönlichen Einschätzung des Risikos, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, gefragt. Hier werden die Daten aus Fribourg (schwarz), Tessin (rot) und Zürich (blau) als Vertreter der drei grossen Sprachregionen gezeigt. Es gilt zu berücksichtigen, dass Studienteilnehmer sich vermutlich besser an die Vorgaben halten, als es dies in der gesamten Bevölkerung der Fall ist.
In allen drei Kantonen nahm der Prozentsatz von Personen, welche meistens oder immer eine Maske getragen haben, wo dies angebracht oder obligatorisch war, von Ende Juli bis Oktober stark zu und beträgt seither deutlich über 90% für die 20-64- und über 65-Jährigen (Abbildung 4).
Abbildung 4: Anteil der Personen, die meistens oder immer eine Maske getragen haben, wo dies angebracht oder obligatorisch war, für drei Kantone von Anfang Juli 2020 bis Ende Januar 2021.
Fribourg, Tessin, Zürich
Auch die Vorgaben zum «Social Distancing» werden zu über 90% eingehalten von den Studienteilnehmern. Bei den über 65-Jährigen war die Einhaltung über die gesamte Beobachtungszeitdauer hoch, bei den jüngeren hat sie kontinuierlich zugenommen (Abbildung 5).
Abbildung 5: Anteil der Personen, die “Social distancing” eingehalten haben, für drei Kantone von Anfang Juli 2020 bis Ende Januar 2021.
Fribourg, Tessin, Zürich
Der Anteil Personen, welche sich an die Empfehlung halten, meistens oder immer zuhause zu bleiben, ist etwas tiefer, insbesondere bei den 20-64-Jährigen, steigt aber auch seit Ende Juni kontinuierlich an (Abbildung 6).
Abbildung 6: Anteil der Personen, die Empfehlung zu Hause zu bleiben eingehalten haben, für zwei Kantone von Anfang Juli 2020 bis Ende Januar 2021.
Fribourg, Zürich
Bei der Einschätzung des Risikos, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den Kantonen. In Zürich wird dieses Risiko als bedeutend tiefer eingeschätzt als im Tessin und Fribourg (Abbildung 7).
Abbildung 7: Geschätztes Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2, für drei Kantone von Anfang Juli 2020 bis Ende Januar 2021.
Fribourg, Tessin, Zürich
Insgesamt legen diese Daten nahe, dass die Einhaltung der Vorgaben des Bundes zum Präventionsverhalten in verschiedenen Landesteilen und Altersgruppen seit dem Juni 2020 zugenommen hat und jetzt generell hoch ist.
4. Neue Policy Briefs der ncs-tf
Die Verwendung von Gesichtsschutzschilden als persönliche Schutzausrüstung während der SARS-CoV-2-Pandemie 17
Gesichtsschutzschilde bieten nicht den gleichen Schutz gegen luftübertragene Krankheitserreger wie Gesichtsmasken oder Atemschutzmasken, da sie Tröpfchen, die vom Träger ein- oder ausgeatmet werden, nicht wirksam abhalten. Sie schützen jedoch die Augen, was in bestimmten Situationen zur Vermeidung von Infektionen beitragen kann. Daher können Gesichtsschutzschilde als nützlicher zusätzlicher Schutz neben Gesichtsmasken und sozialer Distanzierung dienen. Sie sind aber in den meisten Situation nicht ausreichend, wenn sie allein verwendet werden.
Richtlinien für die Diagnose und Behandlung des Pädiatrischen Inflammatorischen Multisystem Syndroms (PIMS-TS) 18
Während der COVID-19-Pandemie ist bei Kindern vermehrt ein neuartiges Krankheitsbild aufgetreten, das sogenannte Pädiatrische Inflammatorische Multisystem Syndrom, das häufig eine Überweisung auf die Intensivstation bedingt. Nationale Richtlinien für seine Diagnose und Therapie wurden erarbeitet und liegen nun vor.
Überlegungen zu einem FFP2-Masken-Obligatorium für die Bevölkerung 19
Wir diskutieren den Nutzen einer FFP2-Maskenpflicht für die breite Bevölkerung in Alltagssituationen und betonen die Wichtigkeit der Einhaltung der bisher empfohlenen Massnahmen zur Verhinderung der Virusübertragung.
Umgang mit Corona-Leugnung 20
Die Verbreitung von Fehlinformationen und Verschwörungstheorien beeinflusst die öffentliche Meinung und untergräbt das Vertrauen in die Entscheidungen der Behörden. Wir analysieren die mit dieser Situation verbundenen Herausforderungen und schlagen Wege vor, damit umzugehen.