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Bahnbrechende News beinhaltet das 306 Seiten umfassende Werk seines Ex-Mitarbeiters Thomas Renggli nicht. Blatter holt nicht zum verbalen Gegenschlag aus, Einzelheiten brisanter Verträge werden nicht veröffentlicht. Nur ein Statement in eigener Sache ist deutlich: “Ich habe nie Kommissionen oder Provisionen auf Verträge kassiert.”
Aber der nach 14’991 (FIFA-)Tagen von der Ethikkommission gestoppte Patron gibt zu, dass er einen unerzwungenen Abgang verpasst habe. “Ich hätte nach der wunderbaren WM-Endrunde 2014 in Brasilien zurücktreten sollen.” Das von ihm beim CAS angefochtene zweitinstanzliche Urteil (sechs Jahre Sperre) ist für ihn hingegen nach wie vor nicht nachvollziehbar.
Verschwörungstheorie
Blatter stellt eine Verschwörungstheorie auf: “Bei den ganzen Vorgängen handelt es sich um einen von der amerikanischen Justiz gesteuerten Komplott.” Den Ursprung der Probleme ortet Blatter in der Vergabe der WM 2022 am 2. Dezember 2010 an das Emirat Katar. Im Buch wird behauptet, Blatters einstiger Wahlhelfer und heutiger Antipode Michel Platini sei zusammen mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am “Schicksalstag” die Schlüsselfigur gewesen.
Die wortlose Abschiebung aus seinem Reich macht dem ungekrönten König vom Sonnenberg auch Monate danach noch zu schaffen. “Ich bin einfach schubladisiert worden. Aber vielleicht öffnet irgendwann jemand die Schublade wieder.” Er werde alle gerichtlichen Mittel ausschöpfen. “Das bin ich mir selber, der FIFA und auch meinem Vater schuldig. Er hätte kein Verständnis, wenn ich aufgeben würde.”
Inhaltlich animieren schön aufbereitete Reminiszenzen zur Lektüre. Man erfährt von den ersten FIFA-Tagen Blatters, der am 10. Februar 1975 als “Entwicklungshelfer” mit der Registrierungsnummer 12 in die Organisation eintritt. Die Atmosphäre in der Villa Dewald am Hitzigweg 11 sei unterkühlt gewesen, erinnert sich Blatter. “Ich kam sozusagen als Persona non grata an.”
Strategische Qualitäten
In mehreren Kapiteln wird der Aufstieg des früheren Hotel-Bellboys und Reporters des “Walliser Boten” geschildert. Das Spektrum reicht vom “Projekt 1” über seinen Support für die afrikanische Konföderation bis zum “China-Deal” – Blatter nimmt für sich in Anspruch, die von Gianni Infantino vor knapp fünf Wochen vermeldete Sponsoring-Vereinbarung mit der chinesischen Wanda Group am Rande eines letztjährigen Kongresses initiiert zu haben.
Seine strategischen Qualitäten sind generell ein Thema, die finanziellen Errungenschaften seiner Präsidentschafts-Ära werden hervorgehoben. “1998 hatte die FIFA 20 Millionen Dollar Schulden. 2014 wies sie Reserven in der Höhe von 1,523 Milliarden Dollar aus”, schreibt der Autor.
Zen-Ruffinen ein “Dummkopf”
Immer wieder dreht sich die Story um den Machtmenschen Blatter und um seine erfolgreichen Wahlkampagnen. Der gescheiterte Putschversuch von Michel Zen-Ruffinen vor der Wiederwahl Blatters in Seoul 2002 wird nochmals aufgerollt. Im kleinen Kreis hatte der Ex-Generalsekretär behauptet, beim Weltverband sei es zu Misswirtschaft, Veruntreuung und Korruption gekommen. Blatter tritt 14 Jahre später gegen seinen früheren Praktikanten nach: “Dummkopf.”
Nicht allzu gut weg kommt auch der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan. “Er hat Soccer mit American Football verwechselt.” Nur Lob hat Blatter für den letzten WM-Ausrichter übrig. Die Seleção verehrt der Liebhaber des “Jogo Bonito”. “Danke, Brasilien!” Unendlich stolz ist er auf die Ehrenmitgliedschaft bei Real Madrid. “Real war für mich in meiner Jugend einer der wichtigsten Gründe meiner grossen Leidenschaft für den Fussball”, sagt “Socio de Honor” Blatter.
“Ein Denkmal verdient”
Verschiedene Weggefährten verteidigen den global schwer unter Beschuss stehenden Blatter. “Es ist unmenschlich und respektlos, wie mit Sepp Blatter umgegangen wird”, wird die deutsche Trainer-Ikone Ottmar Hitzfeld zitiert. Köbi Kuhn findet gar, er habe ein Denkmal verdient. “Die Geschichte wird ihm recht geben.”
“Sepp Blatter – Mission & Passion Fussball”. – 306 Seiten, erschienen im Werd & Weber Verlag, 39.90 Franken. – Eine detaillierte Aufarbeitung des fussballerischen Lebenswerks des ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter. – Der freischaffende Autor Thomas Renggli gehörte bis zum FIFA-Ausschluss Blatters zum persönlichen Mitarbeiterstab des Wallisers. Vormals war er als Journalist und Kolumnist für die NZZ, Ringier und die Agentur Sportinformation tätig.
(SDA)