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Ein Mann liegt tot im Schnee vor einem Chalet. Ist er aus dem Fenster gestürzt oder hat ihn jemand gestossen? Was wie eine simple Krimifrage tönt, wird im französischen Thriller «Anatomie d’une chute» zu einer komplexen Suche nach der Wahrheit. Eine Suche nach der verzwickten Natur von Beziehungen, der Glaubwürdigkeit von Zeugen und der Qualität von Aussagen und von Beweismaterial.
Im Zentrum steht die Schriftstellerin Sandra (Sandra Hüller). Sie lebt mit ihrem Mann Samuel (Samuel Theis) und ihrem Sohn Daniel, der nach einem Unfall erblindet ist, in einem abgelegenen Chalet in den Alpen. Eines Tages erhält sie Besuch von einer Studentin, die sie interviewen will. Sandras Mann stört aber mit ohrenbetäubender Musik das Gespräch, worauf sie das Interview abbricht.
Kurz darauf verlässt ihr Sohn mit dem Hund das Haus für einen Spaziergang. Als er zurückkommt, findet er den Vater tot auf: Offenbar ist er aus dem Fenster im dritten Stock gestürzt.
Die Polizei geht von einem Unfall oder Suizid aus, doch das Fehlen einer Abschiedsnotiz lässt bald Sandra verdächtig erscheinen. So kommt es zu einer Anklage.
«Anatomie d’une chute» besteht zu einem grossen Teil aus dem Gerichtsprozess, der detailliert und realistisch beschrieben wird. Beim Zuschauen schlüpft man in die Rolle der Geschworenen, die mögliche Versionen der Ereignisse und Motive vorgesetzt bekommen.
So wird rasch klar, dass Sandras Beziehung mit ihrem Mann zerrüttet war und dass sie ihm die Schuld am Unfall des Sohnes gab. Auch war Samuel neidisch auf ihren Erfolg als Autorin.
Doch kann man dem trauen, was Sandra vor Gericht sagt? Wie zuverlässig ist die Aussage des blinden Sohnes? Welche Version ist am überzeugendsten? Und wie beeinflusst der autobiographische Inhalt von Sandras Büchern den Prozess?
Dies alles verdichtet die Französin Justine Triet hochspannend und mit stimmigen Bildern zu einer Reflexion über die Urteilsfindung vor Gericht. Der Cannes-Gewinner bezieht sich dabei auf Klassiker wie Otto Premingers «Anatomie eines Mordes» (1959) mit James Stewart oder Billy Wilders «Zeugin der Anklage» (1957).
Die Deutsche Sandra Hüller (45, «Toni Erdmann») spielt die Autorin nuanciert, zwischen verletzlich und distanziert. Hat sie etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun? Diese Frage der Zuschauer unterläuft der Film immer wieder, bringt überraschende Seiten ans Licht.
Ein cleverer Thriller, der fast schon philosophisch klarmacht: Die Wahrheit liegt letztlich im Auge des Betrachters.
Drama
Mit Sandra Hüller, Samuel Theis, Milo Machado Graner
F 2023, ab 9. November 2023 im Kino