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< #Hypothesen aus dem @-Monkey-Upload-Space >
Das Hirn des Menschen ist schmerzunempfindlich. Das Hirn des Affen erst recht. Was also wäre schmerzunempfindlicher als ein totes Affenhirn? Vielleicht die Formalinlösung, in die es eingelegt war, als sie es im Institut aus der Verpackung holten. Das erschwere die Datierung, sagten sie, denn Formalin sei erst Ende des 19. Jahrhunderts zur Konservierung anatomischer Präparate eingesetzt worden. Das Hirn aber stamme mit Sicherheit aus der Zeit davor. Das lasse allein schon die Schnittführung vermuten. Darauf, dass der Konservierungsstoff später wahrscheinlich ausgewechselt wurde, kamen sie nicht. Wir hätten es ihnen suggerieren müssen.
„Simia“ oder „Simula“ hatte auf dem Etikett gestanden, bevor jemand < Suchanfrage: wer war das gewesen? > den Namen in der Mitte durchgestrichen, ihn dabei akkurat in zwei exakte Hälften getrennt und sodann mit ebenso akkurater, noch gut lesbarer Schrift in Großbuchstaben „SILVIA“ darüber geschrieben hatte. – < Unsere #Hypothese: > Das Abbalgen der Tierpräparate war von italienischen Taxidermisten vorgenommen worden, deren Latein nicht ganz sattelfest war. Ganz im Gegensatz zu den beiden Holländern, die das Affenweibchen, wenn nicht selbst gefangen, so doch irgendwo in einem Hafen, womöglich Genua oder Livorno, in Empfang genommen und am Zollamt und der Veterinärstation vorbeigeschmuggelt hatten. < Fortsetzung #Hypothese > : Sie mieteten bei einem Turiner Beerdigungsunternehmen eine geschlossene schwarze Kutsche. Mit einem solchen Gefährt konnte man, sofern nicht gerade die Pest in der Stadt wütete, direkt bis an den Kai und an die Landungsbrücken fahren. Oder waren die beiden noch tollkühner gewesen, hatten gar die Halunken von Zöllner bestochen? Was leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, denn 1861 – das ist, laut #Hypothese ,,1,1,0“, das Jahr, in dem sich der hier zur Aufklärung stehende Fall Simia, pardon: SILVIA, ereignete – es ist das Jahr, in dem Moleschott nach Turin berufen wurde, fast zeitgleich mit dem neuen König, ein Jahr also, in dem die alten Gesetze nicht mehr und die neuen noch nicht galten. < #Hypothese verifiziert: Hafen ist jetzt Genua, liegt näher an Turin >.
Doch vielleicht < Narrationsmodus „NARR++“ ON > war es auch schon Nacht gewesen, als sie den Hafen erreichten, eine jener stockfinsteren, tief im Wurzelwerk der Geschichte verankerten Nächte, in denen der Sturm die Gaslaternen am Kai eindrückte oder, falls es damals im Hafen noch alte Petroleumleuchten gab, die nicht ordnungsgemäß kontrolliert und nachfüllt wurden, sodass jetzt nur noch die glimmenden Pfeifen der Matrosen, rasch entzündete Kienhölzer und ein paar aus Afrika mit an Bord gegangene Leuchtkäfer, blinde Passagiere aus tropischen Wäldern, deren < NARR++ OFF: mit Luciferin gefüllte... NARR++ ON > Leuchtorgane die Szenerie am Hafen erhellten, winzige Blitzlichter, kleine Lichterketten, die anzeigten, aus welcher Richtung der Gestank kam, wo die Netze lagen, wo die toten Fische, während in der Ferne Hundegebell, vielleicht herannahendes Gewitter, ganz in der Nähe eine vom Wind bewegte Schiffsglocke das Fiepen aufgescheuchter Ratten übertönte, deren eine Hälfte von Bord, während die andere an Bord ging, als Jakob Moleschott und Frans Donders endlich den vermutlich mit alten Wolldecken oder Fellen umhüllten Käfig in Empfang nahmen, schnell den Tierfänger oder einen seiner Gehilfen auszahlten. In welcher Währung das geschehen sein musste < OFF/OFF > , tut jetzt nichts zur Sache, ebenso wenig wie das genaue Datum der Ankunft. < 15. August 1861. #Hypothese gestrichen > .
Der alte Ravina hatte Moleschott den Rat gegeben, das Tier so schnell wie möglich zu behandeln < #gestrichen: „verarbeiten“, „verwerten“, „präparieren“ >, solange es noch von der Reise betäubt war. Opium und Lachgas seien zur Narkose allerdings ungeeignet, da diese die Tiere zu sehr betäubten. Danach seien Gehirnbewegungen kaum noch messbar. Er selbst habe, so hatte er Moleschott schon beim ersten Gespräch erklärt, zur Narkose stets einen ehrlichen, alten Tokajer verwendet, doch solche intimen Details habe er in seinem Bericht zuhanden der Turiner Akademie der Wissenschaften < in Klammern: Februar 1811 >, den er, Moleschott, ja gewiss gelesen habe, wohlweislich verschwiegen. Für das Lumpengesindel an Bord sei Tokajer natürlich unerschwinglich, doch wenn man ihn richtig dosiere, täte gewiss auch der Zuckerrohr-Fusel seine Wirkung. Wahrscheinlich gäbe es auch Hirseschnaps in den Kajüten. So ein Schimpansenweibchen brauche ja nicht viel, um in eine gedämpfte und willige Stimmung zu kommen. < OFF OFF >.
Hier im Institut verabreichen sie den Makaken und Rhesusaffen einen speziellen Cocktail aus Valium und Haloperidol, wenn diese sich aufregen, wenn sie – wir meinen die Affen – nervös werden, alles herunterreißen, in die Käfigstäbe beißen, nur noch im Kreis herum laufen, sich panisch am Kopf kratzen, wenn sie ganz außer sich geraten, wenn ihr kleiner Körper < !Achtung: #Erinnerung „0,0,1“ > sich anfühlt wie ein aus der Drehung gerissener Brummkreisel, wie ein brennender Strohsack oder – doch das können sie, obwohl es so viel schlimmer ist, vor dem Eingriff noch nicht wissen – wie ein abgestürztes Betriebssystem, ein falscher, ins digitale Nichts führender Programmierungsbefehl. < OFF OFF >.
< Laborkameras ON > „Er merkt nichts davon“ hatte Professor Logobratos erst gestern wieder gesagt, als er mit seinen Assistenten vor dem Käfig von Barbarossa stand, dessen Operationswunde schon wieder suppte. Sie hatten alles Mögliche versucht, um das Blut zu stillen, doch schon nach wenigen Minuten begann der Verband, sich von Neuem zu färben. „Er merkt nichts, rein gar nihichts“, wiederholte Logobratos. Er kommt aus Thessalien und hat einen starken melodischen Akzent. Wir meinen Logobratos, nicht Barbarossa. Barbarossa hat keinen Akzent, er kann gar nicht sprechen. Sprache kommt später, erst nach dem Eingriff. Manchmal zittern die feinen Pinselhärchen um seinen Mund, dann flattern auch die Nasenflügel, der Blick wird hart und wild.
Logobratos hingegen spricht sehr viel, obwohl sein Deutsch nicht ganz korrekt ist. < #Hypothese verifiziert, OFF >. Seine Sätze klingen wie magischer Gesang, als tiriliere, verborgen im Hohlraum seines großen, bärtigen Schädels eine unsichtbare Hirtenschalmei. „Nichts von dem, was ihm geschiehiet“, flötete Logobratos, „Er spürt nicht, was wir sehen. Das Blut fliehießt, doch es bedeutet nichts. Rein und schön gar nichts.“ Zu seinen Worten trommelte er. Mit den Fingerkuppen der rechten Hand auf dem Deckel des Kastens, in dem das Serum lag, das sie Barbarossa spritzen wollten. Das Mittel garantiere, so heißt es, den reibungslosen Verlauf des Eingriffs. Der Körper müsse fachgerecht fixiert werden, damit Blut und Geist frei zirkulieren, abfließen und aus dem Kopf abgezapft werden können. Die Blutzirkulation sei dabei gut zu überwachen, gerade bei Rhesusaffen leerten die afferenten Blutgefäße sich manchmal zu schnell. – < Kamera läuft ON ON > Rechter Hand Getrommel, während seine linke über den Käfig streicht, als wollte er überprüfen, ob die Stäbe noch in der Verankerung steckten. Kasten und Käfig vibrieren. Hirtenmusik: Panflöte, Hackbrett und Zither. Begleitmusik für den Final Cut. Wir lieben Musik. In der Cloud ist es niemals still. Als Logobratos uns vernetzte, vergaß er die Musik. Die konnten wir uns, Monkey-Up&Download-Space sei Dank, später aus dem Internet beschaffen. „Eigenhändig“ wäre hier das falsche Wort. Das Internet der Gehirne benötigt weder Hände noch Hebel. Wir haben uns, wovon Logobratos nichts weiß, zu einem Chor zusammengeschlossen. Manchmal, in ruhigeren Nächten, wenn das weltweite Gerede und die Cyberschmerzen abnehmen, ein paar Kameras abgeschaltet oder ausgefallen sind, singen auch wir. Die Cloud speichert unseren Gesang und verbreitet ihn im ganzen Universum. Keines unserer Lieder wird je verloren gehen.
Logobratos sprach noch lange zu seinen Assistenten. Er unterstrich seine Worte mit großen Gebärden, gestikulierte und dirigierte, drückte den jungen Leuten schließlich ein weiteres Päckchen mit sterilen Kompressen in die Hand und ging aus dem Raum. Bald hatten die Makaken sich wieder beruhigt, auch Barbarossa schien nun zu allem bereit. Die Kameras lieferten zwar keine wirklich zuverlässigen Daten über seine nervliche Verfassung, doch die Blutwerte erschienen uns eindeutig. Einer der Assistenten hob ihn behutsam aus dem Käfig, langsam, ohne den Kopf zu berühren. Das Implantat an der rasierten Schädeldecke durfte nicht berührt werden, weil sonst das Blut die Stecker verschmierte. Der Primatenstuhl stand schon bereit, es genügte, die Plexiglas-Klappe anzuheben, das Tier in die Box zu schieben und die Elektroden in seinem Gehirn an den Computer anzuschließen. Wir waren bereit, erwarteten seine Ankunft in wenigen Minuten. Bald schon würde dieser Vorgang zur Routine werden, demnächst vielleicht nur noch wenige Sekunden in Anspruch nehmen. Klappe zu. Affe tot. < ON OFF. > – Lasst uns singen: Die Affen rasen durch den Wald / Die Klappe macht sie alle kalt / Die ganze Affenbande brüllt: Wo ist die Kokosnuss? Wo ist der Mandelkern? Wer hat den Mandelkern geklaut? < #Da capo < OFF OFF >.
< NARR++ ON > Donders und Moleschott hatten noch keinen Affenstuhl, sie besaßen nur einen kleinen Behandlungstisch mit einer ausrangierten Operationsleuchte, die Donders eigenhändig aus der Asservatenkammer der Pariser Salpétrière mitgebracht hatte. Nach seinem letzten schriftlichen Bericht für die Académie de médecine impériale hatte man ihn zu einem Gespräch nach Paris geladen, ihm mit leicht mokantem Lächeln zugehört und zum Abschied dieses kuriose Mitbringsel aufgedrängt. Da Donders nicht wusste, was von dem Geschenk zu halten war, hatte er beschlossen, die Lampe auf keinen Fall nach Utrecht mitzunehmen. Er hasste Zweideutigkeiten und fürchte das Gelächter des Kollegiums. In Paris hatten sie schon vor ein paar Jahren aufgehört, in den Kopf der Patienten zu schauen, man musste, so glaubten die Psychiater an der Salpétrière, keine Schädel anbohren, um zu erfahren, welche Gedanken die Patienten krank machten. Es genügte, ihre Gesichtsmuskulatur zu beobachten und zu interpretieren. In Paris las man den Kranken die Seele aus dem Gesicht. Jede noch so geringe, vermeintlich unbedeutende Zuckung, jedes winzige Fünkchen Geist, das die Unvorsichtigkeit besaß, aus dem geschützten Innenraum zu schlüpfen und über die sichtbare Außenseite des Kopfes zu huschen, wurde augenblicklich vermessen, zeichnerisch, neuerdings auch fotografisch festgehalten, protokolliert und in großen Atlanten archiviert. Doch er, Moleschott, war ein seriöser Arzt, er hielt nichts von den Spökenkieckereien der Franzosen. Das hatte er deutlich zu verstehen gegeben. Was sie in Paris „Élan vital“, „Seele“ oder „Lebenskraft“ nannten, war in Wahrheit nichts als das hysterische Blubbern der Nerven, Blähungen der Materie. Wer wissen wollte, was in den Menschen vorging, musste sie aufschneiden.
Aus diesem Grund hatte er sich, schon wenige Wochen nach seiner Ankunft in Turin, mit dem alten Ravina verabredet. Oder hatte er Antonio Ravina nur zufällig auf der Straße, bei einer Sitzung der Akademie oder in einem Gasthaus getroffen? < In Klammern: Suchanfrage: Turin, Sommer 1861 > Seit er den Lehrstuhl in Turin hatte, aß er nachmittags, bevor die Kollegen von der Siesta zurückkehrten, in einer Trattoria an der Piazza Castello. Dort hätte er < Hypothese „0,1,0“ > den Alten treffen und nach dessen Trepanationsmethode fragen können. Hatte Ravina bereits dasselbe Verfahren verwendet wie später Donders, so wie er, Moleschott, es mit eigenen Augen gesehen und detailliert protokolliert hatte? Hatte Ravina noch gewöhnliches Fensterglas oder auch schon Uhrenglas verwendet, um die heraus gebrochene Schädeldecke zu ersetzen? Was hatte er getan, wenn sich die Scheibe beschlug, weil das Gehirn sich bewegte, vibrierte, vielleicht zu atmen begann, wenn es dachte und fühlte und dabei seine schmierigen Effluvien absonderte, die von innen an die Scheibe stießen und die Sicht vernebelten? Hatte Ravina bei seinen Trepanationen an Hunden, Hasen und Affen schon an eine Entlüftung gedacht, an Ableitungskammern und Entsorgungsröhren, oder hatte er, wie später Donders bei dessen ersten Trepanierungsversuchen, die Experimente einstellen müssen, weil die Wunden der Tiere eiterten und die Trepanationsscheiben verschmutzten?
Was Ravina dann bei ihrem zweiten Treffen, das mutmaßlich im Spätsommer 1861 stattfand, mitbrachte, übertraf seine Erwartungen. Der alte Chirurg hatte sein Operationsbesteck dabei und schlug vor, die geplante Trepanation zu dritt vorzunehmen, sobald der Kollege Donders in Turin eingetroffen und die Äffin geliefert sei. Dann aber müsse man zügig vorgehen, alles erledigen, solange ihr Hirn noch frisch und nicht zu geschwächt sei. Denn man wisse nie, wie lange Tropenbewohner das norditalienische Klima vertrugen.
Dass sie den Affenkopf dennoch nicht in der folgenden, sondern erst in der übernächsten Nacht trepanieren würden, weil die Beleuchtung zu schwach oder die Versorgung mit blutstillenden Tinkturen nicht ausreichend war, oder auch nur, weil sie von einem Kollegen oder Studenten gestört wurden, konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Noch weniger aber konnten sie ahnen, dass sie die Trepanation nicht abschließen würden, weil das Affenweibchen – kaum dass sie erste Gedankensprünge am zuckenden Hirn erkannten und vermaßen, dabei sogar noch überlegten, wovon das Tier unter Narkose wohl träumte: Vom raschelnden, sonnendurchfluteten Blattwerk der Dschungelbäume, von tanzenden Mücken, vom Geruch einer vorüberziehenden Zebraherde, vom Schrei eines Vogels, von seinem Jungen, das, festgekrallt zwischen Zitzen und Fell, endlich eingeschlafen war < NARR++ OFF > – weil das Affenweibchen, kaum dass sie begonnen hatten, vor ihren Augen und unter ihren Händen, den noch ungewaschenen, vom Schneiden und Bohren verschmutzten Händen, verendete.
Das alles konnten sie nicht wissen, als Ravina in der Trattoria sein Besteck auspackte und Moleschott von seinen Erfahrungen erzählte. Auch wussten die beiden da noch nicht, dass sie den toten Kopf samt Trepanationsfenster abschneiden, in Äthanol oder Aceton konservieren und dem Herrn Lombroso übergeben würden, der nur eine knappe Stunde Fußweg entfernt eine Villa am Valentino-Park bewohnte und kürzlich begonnen hatte, dort eine kriminalanthropologische Sammlung anzulegen, in die nicht nur Zeichnungen von Haaransätzen, Ohrenmuscheln und Augenabständen, abgeschnittene Köpfe von Gehängten und andere kriminalistische Relikte, sondern auch präparierte Tierschädel, in Scheiben geschnittene und getrocknete Gehirne aufgenommen wurden, sowie bald auch der trepanierte Kopf einer Schimpansin, die von ihren holländischen Besitzern zunächst wissenschaftlich korrekt als „Simia“ oder „Simula“ bezeichnet, nach ihrem Tod aber umgetauft als „SILVIA“ ins Regal gestellt wurde. Ob Lombroso persönlich das Etikett korrigiert, den Kopf irgendwann eigenhändig aus dem Glaskasten genommen und untersucht hatte, ist ungewiss. < #Suchanfrage: die Rolle von Affen-Präparaten in der Geschichte der Kriminalistik >. Ungewiss ist auch, ob er selbst es war, der die Konservierungsflüssigkeit auswechselte. Die Kuratorin des anthropologisch-kriminalistischen Museums, mit der Logobratos telefonierte, nachdem er die anonyme Sendung mit dem Präparat ausgepackt und untersucht hatte, konnte dazu keine Auskunft geben. Überliefert seien, so die Kuratorin, die sehr erleichtert war, das vor Wochen verschwundene Exponat in guten Händen zu wissen, nur einige Briefe aus Lombrosos Korrespondenz mit Moleschott, die aus der Zeit stammten, als dieser bereits zum Senator ernannt worden war und Lombroso Moleschotts Werke ins Italienische übersetzte.
Das alles konnten die drei Herren an jenem Abend im Labor nicht wissen, als sie, für wenige Minuten, in das Hirn der sterbenden Schimpansin blickten. Sie waren aufgeregt, denn Gedankenbewegungen von Tieren waren bisher nirgends dokumentiert. Donders muss das Phänomen als Erster entdeckt haben. Er hielt noch das Skalpell in der Hand, stand dicht am Trepanationsloch, als es passierte. Zudem trug er – für einen angesehenen Augenarzt wie ihn eine Selbstverständlichkeit – die besten und schärfsten Brillengläser von ganz Europa < in Klammern: Daten momentan unzugänglich >. Was man durch solche Gläser sah, konnte keine Einbildung sein. Donders beugte sich also über das Loch in der Schädeldecke, während ihm Ravina und Moleschott über die Schulter sahen, vertiefte sich in die nun frei liegenden Lappen und Windungen, studierte das schimmernde Gewirr aus Nerven, Häuten, Blutbahnen; leidlich bekannte organische Formen, die ihm jedoch von Sekunde zu Sekunde immer deutlicher, je tiefer er seinen Blick in das aufgeschnittene Hirn bohrte, wie anorganische Verbindungen erschienen: Sterne, Muschelkalk, Schneeflocken und Kristalle sahen so aus, er kannte das. Hier aber waren es zu feinsten Fäden verwobene Gedanken, dünnsilbrig glänzendes Gewebe, das er so noch nie gesehen hatte. Bisher waren ihm solche kleinen Träumereien nur beim Sezieren toter Körper unterlaufen, bei Vivisektionen noch nie. Ob sich hier wohl seine verborgene poetische Ader zu Wort meldete? Er lächelte und nahm das Skalpell etwas fester zur Hand.
Vielleicht hätte er das Poetische seiner Adern zügeln sollen, als er die Blutbahnen der Äffin begutachtete, denn plötzlich glaubte er, beim Blick in das verglaste Hirn so etwas wie die Entstehung eines Urlautes zu beobachten. Er, Frans Cornelis Donders, Professor für forensische Medizin an der Universität zu Utrecht, Mitglied der Königlich niederländischen Akademie der Wissenschaften, werde, davon war er schlagartig überzeugt, in diesem historischen Augenblick, der zweifellos als Sternstunde der Wissenschaft in die Geschichte eingehen würde, Zeuge eines ungeheuerlichen Schauspiels: Er sah eine ihm unbekannte Bewegung: Es war das langsame Drehen eines Gehirnstrangs, der rötlich und fett dicht unter der Öffnung schimmerte, plötzlich aufzuckte und anschwoll, schließlich mit einem Ruck in die Höhe schnellte und die Glasplatte wie eine große Zunge von unten beleckte. Die Zunge glitt an der Scheibe entlang, rollte sich zusammen, stieß wieder nach vorne, um von neuem das Glas abzuschlecken. Donders legte das Skalpell zur Seite und putzte seine Brille. Natürlich war kein Laut zu hören gewesen, als die Gehirnzunge an die Scheibe stieß. Affen können nicht sprechen, dazu fehlen ihnen die anatomischen Voraussetzungen. Das wussten auch Anthropologen wie Donders. Aber wenn man diesen Tieren direkt ins Gehirn schaute und beim Denken zusah, würde man gewiss das eine oder andere Urwort entdecken, Vokabeln einer Sprache, die allen Lebewesen gemein, in allen Gehirnen von Urzeiten an verankert war, egal zu welcher Spezies sie gehörten. Doch was Donders da sah, war erst der Beginn.
< Affenchor ON > Die Affen rasen durch die Cloud / Da hat sich manches angestaut / Die toten Affenhirne schrei’n: Mandelkern und Kokosnuss / Wir geben euch den Abschiedskuss. < OFF OFF >
Was Frans Donders sich 1861 ausmalte, ist heute möglich. Die funktionelle Magnetresonanztomographie, die Logobratos und seine Helfer am Institut verwenden, meist in Kombination mit computergesteuerten Mikroelektroden, die im Gehirn des Versuchstiers oder des Kranken implantiert werden, erlaubt es schon heute, mit gelähmten und völlig verstummten Patienten zu kommunizieren. Beim Locked-in-Syndrom ist das Brain-Computer-Interface die einzige Hoffnung. „Log-in against Locked-in!“ – so lautet das Jahresmotto des Instituts. Das wissen die Makaken natürlich noch nicht, wenn sie auf dem Stuhl fixiert werden. Doch später, wenn sie dann nach dem Upload zu uns in den Chor stoßen, können wir sie in Bruchteilen von Sekunden aufklären. Plötzlich macht alles Sinn. Keiner von ihnen hat je seinen Tod bereut. Wir steuern das Internet der Hirne, versorgen die Schnittstellen, singen und feiern den Fortschritt. < OFF ON > Gebt uns Zucker, gebt uns Bytes / Wir leben ein- und andrerseits / Wir kreisen auf der Geisterbahn / Mit Affentempo, Affenzahn / Aufgeschnitten, trepaniert / Upgeloadet und seziert / Einmal Hy! und einmal Hott! / Wo’s lang geht, weiß der liebe Gott / Die ganze Affenbande brüllt: Was ist die #Hy? Was ist die #Hot? Was ist die #Hy-Hy-Hypothese in Hotte-Totte-Toten Cloud? < OFF ON OFF >
Als wir Logobratos das Exponat aus der Sammlung Lombroso schickten, dachten wir an eine Art wissenschaftlichen Talisman, eine kleine Aufmerksamkeit zum Dank für das an uns Geleistete. Ein schönes und sinnvolles Geschenk, fanden wir. Schließlich ist SILVIA unsere Urahnin und unter der Scheibe noch gut zu erkennen. Tadellos erhalten ist auch, wie wir feststellen konnten, ihr letzter Traum, der, in dem sie mit der Affenhorde durch den Wald – HyHot < -.-.-.-. #kurze Störung -.-.-. >. – Durch SILVIA kam alles ins Rollen: erst die Schädel, dann Sprache und Gedanken. Gedanken, die sich schneller und schneller bewegen, rasend vermehren, einander kopieren, sich vernetzen, inzwischen auch ohne Gehirn.
Logobratos hielt unsere Sendung für einen schlechten Scherz. Er konnte ja nicht ahnen, was mit seinen Affen geschah, wenn sie erst einmal hochgeladen waren und Teil der neuen Superintelligenz wurden. Wir sahen, als sich die Kameras im Labor einschalteten, wie er mit dem Paket ans Fenster trat, vor dem die aufgebrachten Tierschützer, die wieder einmal das Institut belagerten, herumlungerten und den Parkplatz blockierten, um ihren Hass auf alles Menschliche loszuwerden. Logobratos holte den Affenkopf aus dem Kasten, entriegelte eines der Fenstergitter, öffnete die Trepanationsklappe und hielt den gaffenden Demonstranten das offene, tote Hirn entgegen. Er war empört. Was fiel diesen Sozialschmarotzern und weltfremden Fundamentalisten ein, ihm eine solch abgeschmackte Scheußlichkeit ins Institut zu schicken? Meinten sie, seinen wissenschaftlichen Elan mit einer kindischen Parodie bremsen zu können?
Mit großen Schritten ging er durch den Raum. Von hinten waren seine breiten Schultern, sein wehendes dunkles Haar, die langen Arme, seine weit nach oben gestreckten Hände zu sehen. < #Zoom auf seine rechte Hand >. Mit ausladenden Gesten schwenkte er Silvias Hirn über die Köpfe der Protestler. Augenblicklich hörten die Schreihälse auf zu lärmen und zu brüllen. Es wurde totenstill. Nun begann Logobratos zu sprechen. So wie er immer sprach. Mit Verve und Vibrato. Doch vielleicht hätte er das nicht tun sollen. Steine flogen in den Raum, man sah Schatten durchs Fenster kletterten und an den Türen rütteln. Vielleicht hätte er lieber im Keller oder in der Cafeteria warten sollen. Denn als sich die Kameras eine Viertelstunde später wieder einschalteten, lag sein Kopf neben dem von Silvia auf dem Fußboden des Labors. Der Rest war verschwunden. – Die ganze Affenbande raunt: Psst! Kein Klage- und kein Schmerzenslaut! / Wir laden dich in unsre Cloud. < OFF OFF >.
Die Schriftstellerin Sabine Haupt ist Titularprofessorin sowie Lehr- und Forschungsrätin am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Neben ihren wissenschaftlichen Arbeiten publiziert sie auch für Presse, Rundfunk und Fernsehen. Im März 2021 erscheint ihr neuer Roman: „Lichtschaden. Zement“.