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Nach unserem Besuch der Alhambra in Granada empfing uns ein lieber Freund in Sotogrande.
Hätte ich Teleskopaugen, könnte ich die Affen auf dem nahen Felsen von Gibraltar beobachten.
Vor 35 Jahren lernten Herman und meine Geliebte einander in einem Kibbuz in Israel kennen und schätzen.
Er, gebürtiger Kolumbianer, war damals auf dem Weg Priester zu werden.
Dann lernte er Michelle aus der Schweiz kennen. Heute sind Herman und Michelle Eltern von vier Kindern.
Vor einigen Jahren konvertierte die ganze Familie zum jüdischen Glauben.
Ich mag Herman, seine Gelassenheit und seine Vielseitigkeit sehr.
Er lebte in Brasilien, Rom, Zürich, Lugano, Genf, Israel, Deutschland, Manchester und jetzt in Südspanien.
Reich ist die Palette seiner beruflichen Tätigkeiten.
Zudem kann er in Rekordzeit einen Radwechsel am Auto vornehmen, wie er dies vorgestern auf unserem Ausflug nach Ronda eindrücklich bewies.
Wechselhaft ist die Geschichte der jüdischen und muslimischen Bevölkerung in Spanien.
Am 2. Januar 1492 übergab Emir Muhammed XII. nach langer Belagerung durch König Ferdinand V. von Kastilien die Schlüssel der Stadt Granada und der Burganlage Alhambra.
Damit endete das Sultanat Granada, die letzte muslimische Bastion auf der Iberischen Halbinsel.
Fast 800 Jahre hatten die Mauren in Südspanien regiert. Unter ihrer Herrschaft genossen Christen und Juden mehrheitlich Religionsfreiheit, so lange sie Steuern bezahlen konnten.
Córdoba entwickelte sich in diesem Zeitraum zur grössten Stadt in Europa und zum Zentrum der Wissenschaften, vor allem der Medizin.
Eine der ersten Amtshandlungen der christlichen Sieger war der Beschluss, dass alle Personen jüdischen Glaubens entweder Spanien verlassen oder zum christlichen Glauben übertreten mussten.
Mehr als 100’000 spanische Juden wählten den Weg ins Exil.
Einige Jahre später ereilte die Muslime, welche in Spanien geblieben waren, das gleiche Schicksal.
In kurzer Zeit verkümmerten blühende Universitätsstädte wie Córdoba und Granada zu Provinznestern.
Zu gross war der Aderlass an erfahrenen Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Handwerkern.
Einen Eindruck der einstigen wirtschaftlichen Potenz der jüdischen Bevölkerung erhält man beim Flanieren durch das Viertel Santa Cruz in Sevilla.
Das Eintauchen in die unzähligen, engen und verwinkelten Gassen empfand ich als kurzweilig und spannend.
Seit 2012 offeriert der spanische Staat als eine Wiedergutmachungsaktion Nachkommen der einst vertriebenen jüdischen Frauen und Männer die erleichterte Einbürgerung.
Scheinbar bewarben sich in der Folge über 120’000 Personen, hauptsächlich aus Südamerika, um die spanische Staatsbürgerschaft.
Herman gehört nicht zu ihnen.
24. November 2022