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Friedrich Hebbel (1813-1863) war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Er war in ärmlichen Verhältnissen und bildungsfern aufgewachsen, aber er hatte einen nicht zu sättigenden Hunger nach Wissen. Er bildete sich autodidaktisch weiter. Was er las, reflektierte er in seinen Tagebüchern, die sehr spannend und gedankenreich sind. Oft findet der Leser kurze Aphorismen. Einer davon hielt mich fest: «Der Mensch will brutto geliebt werden, nicht netto». Dieser Satz ist tiefgründig und kommt doch sehr leicht, ja jovial daher. Die echte Liebe unterscheidet sich von einer Netto-Liebe erheblich. Als ich Hebbels Satz jemandem zitierte, kam die spöttische Frage, und wie verhält es sich mit der Tara? Die Antwort war nicht eben leicht, denn bei der Vermessung der Menschen gehört die «Verpackung» natürlich dazu; zum Beispiel die Schuhe, die nach Thomas Mann mehr über einen Menschen aussagen können als der schönste Anzug, siehe «Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull».
Die Liebe zwischen zwei Menschen bestätigt den jeweils anderen in seiner Ganzheit. Dazu gehören Stärken und Schwächen. Die Liebe nimmt sie in Kauf, erfreut sich mehr an den Stärken, aber sie scheitert nicht an den Schwächen. Wer nicht als Ganzer oder Ganze wahrgenommen wird, fühlt sich nicht bestätigt und leidet darunter. Das eben ist mit Brutto gemeint. Der Aphorismus von Hebbel lässt sich in vielen Fällen anwenden, besonders gut bei der Erziehung. Ein Kind zählt auf die Anerkennung und die Achtung der Eltern. Es will vorerst einmal vorbehaltlos angenommen werden. Es prüft die Eltern und will erfahren, ob es brutto akzeptiert ist und nicht bloss netto. Was aber ist netto? Die Netto-Liebe der Eltern könnte bedeuten: «Wir lieben dich, wenn du bist, wie wir dich gerne hätten, aber wenn du nicht so bist, wie wir es von dir erwarten, dann lieben wir dich nur halb oder nicht.» So wird dies freilich nicht ausgesprochen, aber das Kind spürt die Erwartungen der Eltern. Instinktiv bemerkt es, dass die Liebe an bestimmte Bedingungen geknüpft wird. Hier entstehen die meisten Erziehungsprobleme mit negativen Folgen. Das Kind reagiert oft mit Trotz und es begehrt auf. Wollen die Eltern dies verhindern, muss das Kind wissen, dass es selbst bei Verfehlungen bedingungslos angenommen ist und immer die Chance hat, sich zu bessern. Kinder werden nicht geboren, um die Wünsche der Eltern zu erfüllen, sie suchen ihren eigenen Weg.
Auch der erwachsene Mensch verändert sich. Friedrich Hebbel hat seine eigene Veränderung auf den Aphorismus gebracht: «Jetzt bin ich mehr, wie mein Bild, bald ist mein Bild mehr, wie ich». Das Bild des jungen Hebbel bestand in einem hohen Anspruch an sich selbst. Das Leben aber lehrte ihn, dass es viel braucht, um zu erreichen, was das Bild vorgibt. Als ihm dies schliesslich gelang, sah er, wie sich das Bild zu verändern begann und die Leute ihn höher einschätzten, als er gedacht hatte. Mit seinem Erfolg als Dichter sah er sich in einer neuen Rolle. Das schmeichelte ihm einerseits, aber genügte er andererseits den Erwartungen? Dies ist ein Muster, das allgemein gültig ist. Im Beruf, in der Wirtschaft sowohl als auch in der Politik verändern sich die Erwartungen an den Menschen, wenn er eine neue, höhere Position einnimmt. Diese Erwartungen sind netto zu wägen. Geliebt und völlig angenommen mit all seinen Eigenheiten wird der Mensch nur im engsten Kreis der Familie und bei seinen Freunden.
Nun wäre noch von der Tara zu reden. Mit jeder Position verändert sich auch die Tara. Als ich Gemeindepräsident geworden war, fuhr ich einen alten Simca, der bald ausgedient hatte. Beim Autohändler einer Volvo-Garage wollte ich ein neues Auto kaufen. Ich entschied mich für den kleinsten Wagen in der Serie. Der Autohändler, ein Bekannter von mir, mahnte mich, der passe nicht mehr zu mir. Vom Gemeindepräsidenten würden die Leute erwarten, dass er einen Wagen fahre mit besseren Eigenschaften und einem eleganteren Design. Ich liess mich halbwegs überzeugen und kaufte den zweitletzten der Serie. So würde ich nach der Meinung des Händlers eine bessere Brutto-Erscheinung darstellen – die Tara also mein neuer Volvo. Dass dem nicht ganz so war, kann der Leser ahnen.