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Um die Tradition des chinesischen Tai-Chi zu erhalten, muss erst einmal mit ihr gebrochen werden. Für Meister Vitja Siao ist das kein Widerspruch.
«Wir brauchen keinen Wettbewerb», sagt Vitja Siao und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. «Wettkämpfe sind uninteressant.» Wer das im Olympiajahr 2008 in Beijing sagt, braucht einen festen Stand - doch den hat Siao. Inzwischen. Bei seinem ersten Treffen mit seinem späteren Tai-Chi-Meister Shi Ming hatte er ihn noch nicht. Als er Shi Ming in einer Partnerübung zeigen wollte, was er schon alles konnte, verlor er sein Gleichgewicht, stürzte vornüber und rief noch im Fallen: «Genau das will ich lernen!» Das war 1983.
Durch stundenlange stehende Meditation unter der Anleitung des Meisters senkte sich daraufhin bei Siao das Qi, die innere Energie. Das führte nicht nur zu einem festen Stand, sondern auch dazu, dass sich sein Geist leerte und der Körper entspannte. Eine gute Übung für jemanden, der zwischen so vielen Stühlen sitzt, dass er sich wohl oder übel im Stehen entspannen muss.
Vitja Siao ist der zweite Sohn der deutschen Fotografin Eva Sandberg und des chinesischen Dichters Siao San. Kennengelernt haben sich seine Eltern 1934 in der Sowjetunion, deshalb war und blieb Russisch bis heute die Familiensprache. Geboren wurde Vitja Siao 1941 in Jianan. Dorthin hatten sich sechs Jahre zuvor die KommunistInnen unter Mao Zedong nach dem Langen Marsch vor den NationalistInnen von Tschiang Kai-schek zurückgezogen. Und von dort aus organisierte die Rote Armee ihren Widerstandskrieg gegen das imperialistische Japan. Siaos Eltern blieben beide ihr Leben lang überzeugte KommunistInnen - obwohl sie während der Kulturrevolution sogar unter dem Verdacht, sowjetische Spione zu sein, über sieben Jahre in Einzelhaft sassen. Vitja Siaos älterer Bruder Lion handelt heute mit Flugzeugteilen, seine GeschäftspartnerInnen kommen aus Russland, und sein jüngerer Bruder Heping arbeitet für eine grosse US-Investmentbank. Vitja macht weder Politik noch das grosse Geld. Er unterrichtet traditionelles Tai-Chi - kostenlos.
Feudalistische Formen
Die kommunistische Regierung war nach der Gründung der Volksrepublik 1949 gegen traditionelle Kampfkunst gewesen. «Warum sollte im neuen China noch jemand lernen wollen, wie man kämpft?», erläutert Siao die damalige Haltung. «Das Volk war befreit. Die einzige Rechtfertigung, weiter Tai-Chi zu praktizieren, war jetzt, dass es der körperlichen Ertüchtigung diente und dadurch die Produktivität der Arbeiter verbesserte.»
Ausserdem hatten die meisten traditionellen Meister den falschen Klassenhintergrund: «Früher sagte man in China ‹qiong wen fu wu›: Wer arm ist, kann ein guter Literat werden. Aber um ein guter Kämpfer zu werden, brauchte es viel Geld», sagt Siao. «Nur wer sich satt essen konnte, hielt das Training durch. Nur wer nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste, hatte die Zeit dazu. Nur wer reich war, konnte sich einen berühmten Lehrer leisten.»
Auch die traditionelle Beziehung zwischen Meistern und SchülerInnen galt als «feudalistisch» und war deshalb der Regierung ein Dorn im Auge: Bei der Aufnahmezeremonie wurde erst den Gründern der eigenen Kampftraditionslinie geopfert, danach kniete man vor dem Meister nieder, mit der Stirn bis auf den Boden. So wie man es im alten China seit Jahrtausenden tat. Die Liste der traditionellen Meister, die in den fünfziger Jahren ermordet wurden, die in den sechziger Jahren während des «Grossen Sprungs nach vorn» verhungerten oder die in den siebziger Jahren während der Kulturrevolution Selbstmord begingen, ist dementsprechend lang. Und als es in den achtziger Jahren wieder möglich wurde, waren viele zu alt, um noch zu unterrichten.
«Dann kamen neue Probleme», sagt Siao und zündet sich eine weitere Zigarette an. Die Einführung der Marktwirtschaft hat die Bedingungen der traditionellen Kampfkunst nicht verbessert. Früher waren mehrere Meister seiner Traditionslinie als Lehrer für Prinzen oder als Wächter am Kaiserhof tätig gewesen. Das verschaffte nicht nur Ansehen, sondern auch Einkommen. Wer aber heute viel Geld verdienen will, beginnt eine berufliche Karriere und kann das höchste Niveau im Tai-Chi nicht mehr erreichen. Erst vor kurzem bekam Siao von einem Erfolg versprechenden Schüler mitgeteilt, dass er erst wieder nach seiner Pensionierung zum Training erscheinen werde.
«Marktwirtschaft braucht Wettbewerb», sagt Siao. Doch die Meister der verschiedenen Kampfsportlinien wehrten sich gegen die Vergleichbarkeit, auch weil ihre Linien häufig zersplittert oder untereinander verfeindet waren. Internationale Anerkennung liess sich so nicht erreichen. Zwar hatte das nationale Sportamt - nachdem die Kampfkunst wieder akzeptabel war - für die wichtigsten Kampfstile jeweils eine «staatlich festgelegte Übungsform» beschlossen, damit überhaupt Wettkämpfe abgehalten werden konnten. Und es organisierte staatlich geförderte Wettkämpfe, doch die traditionellen Meister nehmen bis heute an diesen Veranstaltungen nicht teil. Für sie sind die festgelegten Übungsformen dem ursprünglichen Sinn beraubte Gymnastik- oder Turnübungen: Da die Zirkulation des Qi ständig unterbrochen wird, sind sie nicht gesund. Ausserdem wurden nur einige gut aussehende Bewegungsformen herausgesucht, die im Kampf nicht anwendbar sind.
Aus der Traum?
Als 2005 allen staatlichen Anstrengungen zum Trotz das endgültige Nein zur Aufnahme von chinesischer Kampfkunst als olympische Disziplin kam, war Vitja Siao keine Sekunde lang traurig. «Wenn ihr im Westen es nicht wollt, dann denken die von der Regierung auch, dass es nichts wert ist», sagt er. «Dann wird die Regierung die moderne Kampfkunst fallen lassen - und das ist vielleicht eine Chance für die traditionelle.»
Ganz ohne die Gesellschaft für chinesische Kampfkunst und das Verwaltungszentrum für chinesische Sportarten - beide Organisationen sind dem Nationalen Sportamt angegliedert - kommt freilich auch Siao nicht aus: Bei diesen Behörden müssen die sogenannten Studiengesellschaften der traditionellen Kampfkunstlinien vorstellig werden, wenn sie sich registrieren lassen wollen. Denn in China braucht jeder Verein für seine Registrierung eine staatliche «Aufsichtseinheit». Ohne Registrierung kann man weder ein Vereinskonto bei einer Bank einrichten noch sich legal versammeln.
Geheimnisse offenbaren
«Der Grundsatz des Pekinger Sportamts war, keine neuen Studiengesellschaften mehr zuzulassen», erzählt Siao. «Es gab schon 49 Vereine, und die Bürokraten waren der Meinung, dass nun Schluss sein müsse.» Trotzdem wollte er, dass seine spezielle Tai-Chi-Linie des Yang-Stils als die fünfzigste Studiengesellschaft eingetragen würde. Ein höchst unwillkommenes Ansinnen, zumal es schon zwei andere Studiengesellschaften im Yang-Stil gab. Aber weil in China die Menschlichkeit «Ren» über den Regeln «Li» steht und weil Siao eine wichtige Persönlichkeit des Pekinger Sportamts persönlich kannte, hielt er im August 2007 endlich die Registrierungsurkunde für seine Studiengesellschaft in der Hand.
Für Siao war die Registrierung nur der erste Schritt. Er wusste, dass in seiner Traditionslinie schon viel Wissen verloren gegangen war. Wenn jeder Meister, wie in den traditionellen Kampfkünsten üblich, nur seinen eigenen SchülerInnen nur einen Teil des Wissens weitervermittelte, dann wäre das traditionelle Tai-Chi bald tot. Deswegen brach Siao mit diesem Teil der Tradition und verlangte auch von den ihm bekannten Meistern, dass sie ihre Geheimnisse allen offenbaren sollten.
«Die traditionellen Meister waren gleich einverstanden», sagt Siao. «Ihre Zustimmung zu bekommen, war ganz leicht. Aber sie tatsächlich zum Mitmachen zu bewegen, das hat mich dann wirklich Kraft gekostet.» Seine erste Idee war, dass jeder Meister einmal pro Woche zwei seiner SchülerInnen zum Training eines anderen Meisters schicken sollte. Dies lief dann aber zu oft darauf hinaus, dass die SchülerInnen nur zum «Spionieren» kamen und die Meister «mauerten», nur äusserliche Bewegungen zeigten und das «Innere» nicht erläuterten.
Nach vielen Versuchen ist Siao inzwischen dazu übergegangen, Vorträge zu organisieren. Auf jeder Veranstaltung demonstriert einer der Meister sein Können vor allen Mitgliedern der Studiengesellschaft. «Natürlich sagen die Meister auch dort nicht gleich alles», sagt Siao und lächelt. «Das kann man von ihnen auch nicht erwarten. Aber schliesslich wollen sie auch nicht, dass die anderen denken, dass sie gar nichts haben.» Deswegen müssten sie schon ein bisschen was sagen. Und jedes Mal etwas Neues. «Wenn die Schüler das alles zusammen nehmen und sich vielleicht noch untereinander austauschen, dann nützt es ihnen viel.»
Unfassbarer Lehrer
Auch beim Training hat Siao eine Zigarette in der Hand. «Es macht keinen Unterschied, gegen einen oder mehrere Gegner zu kämpfen», erzählt er gerade seinen Schülern. «Sind es mehrere, wirkt die Kraft jedes Einzelnen auf mich zusammengenommen doch nur in eine Richtung.» Vier Schüler stehen im Kreis um ihn: Einer hält Siaos linken Arm, einer die rechte Schulter, einer drückt ihn am Brustkorb, und einer schnappt sich sein Bein. Und dann sieht es kurz so aus, als würde Siao unter ihren Händen zerschmelzen. Er dreht sich etwas, und der eine Schüler stolpert nach hinten, die Hände des zweiten rutschen ab, der dritte kann seine Hände nicht mehr unter Siaos Arm hervorziehen und wird in einer kreisförmigen Bewegung weggeschleudert, und auch der vierte muss loslassen, um sich mit der Hand am Boden abzustützen.
«Wie Weiches über Hartes siegt», so heisst Siaos Buch. Lag es an seiner entspannten Weichheit, dass er nicht nur die vier Angreifer abschütteln konnte, sondern es auch geschafft hat, sowohl eine staatliche Ausnahmeregelung zu erlangen, als auch die eigenbrötlerischen Meister dazu zu bewegen, ihre eigenen Interessen für ein gemeinsames Ziel hintanzustellen? «Gegen eine Kraft anzugehen, ist dem schwächeren Gegner nicht möglich. Aber man kann zu jeder Kraft etwas hinzufügen, sie beispielsweise umlenken und sie dadurch neutralisieren. Das ist Tai-Chi. Dazu muss man nicht stark sein», sagt Siao.
Es bleibt zu hoffen, dass er unter dem Druck seiner stärkeren GegnerInnen - der Markwirtschaft, der staatlichen Sportverwaltung, den traditionellen Meistern und den Olympischen Spielen - genauso gut seinen Stand behalten kann wie bei der Übung mit seinen vier Schülern. Einen Rückschlag musste er bereits hinnehmen: «Unser Platz hier ist nicht schlecht, wir haben sogar Schatten. Aber er ist viel zu klein, wir können noch nicht einmal alle zusammen die Bewegungsformen üben.» Im Park des Arbeiterkulturpalastes sei es viel besser, ausserdem gebe es dort erdigen Boden. Doch leider wurde der Park wegen Renovierungsarbeiten für die Olympischen Spiele geschlossen, sodass Siao mit seinen SchülerInnen in einen anderen Park und auf Pflastersteine ausweichen musste. Ob es nach der Renovierung immer noch Erdboden oder nur noch von Umzäunungen geschützten Rasen geben wird, weiss Siao nicht: «Aber wenn der Park im Herbst immer noch nicht wieder geöffnet ist, dann geht das mit den Olympischen Spielen wirklich zu weit.»