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Yusuf Yesilöz über Ladendetektive, die den Pizzaumsatz gefährden.
Ferhad hatte das Handy mit der Schulter ans Ohr geklemmt und schrie in den Apparat: «Sie spinnen! Ja, sie spinnen! Nein, sie spinnen, nichts anderes! Wirklich, sie spinnen!»
Zwischendurch hielt Ferhad inne, fragte den jungen Mann mit dem blonden Haarzopf im blauen Arbeitsoverall, natürlich mit seidenweicher Stimme, ob dieser «Döner zum da Esse» wolle und «mit scharf oder mit ooni scharf» wolle. Nach der Antwort des jungen Kunden («Zum da Esse und mit viel, viel scharf») sprach Ferhad wieder ins Telefon, wiederholte mehrmals, dass dies so nicht gehe, dass man hierzulande in dieser Frage einfach einen Ausweg finden müsse. Wenn es so weitergehe, mache ihn das zornig wie einen gefangenen Löwen.
Ferhad kassierte und bedankte sich noch einmal überschwänglich. Dann, das Telefon immer noch am Ohr, rührte er mit einem Holzlöffel in einem duftverströmenden Kochtopf, bevor er den nächsten Kunden an die Reihe nahm. Vor seiner Theke hatte sich – wie an jedem Mittag – eine Schlange gebildet, die bis auf das Trottoir reichte.
Es war für mich neu und überraschend, dass Ferhad seine Kundschaft mit dem Telefon am Ohr bediente. Er pflegte seine Imbissbude «meine Brotgrube» zu nennen. Und weil Brotverdienen für Ferhad, den vierfachen Familienvater, heilig war, war ihm natürlich auch seine Arbeit heilig. Ich hätte mich beispielsweise nie getraut, ihn auch nur etwas ganz Banales zu fragen, während er Kundinnen und Kunden bediente. Ferhads Aufregung war also äusserst ungewöhnlich.
Ferhad entschuldigte sich bei jeder Kundin und jedem Kunden für seine «ungewöhnliche Respektlosigkeit vor der Kundschaft», wie er sagte, mit einem spendierten Softgetränk. Da dachte ich, dass ich mir um Ferhads Geschäft keine Sorgen machen dürfe, er pflege seine Kundschaft viel besser als ein Optiker seine Brillen.
Nachdem er mir aus dem Samowar ungefragt einen Tee in das schmale Glas eingeschenkt hatte, wollte ich von ihm wissen, was der Grund für seinen Zorn sei.
Als Ferhad am Vormittag im Geschäft für den Mittagsservice alles von A bis Z durchgegangen war, merkte er, dass die Batterien im Festnetztelefon ausgelaufen waren. Er schickte umgehend seinem Sohn Serdo eine SMS, er müsse in der kleinen Pause aufs Fahrrad steigen und ganz schnell im Warenhaus welche kaufen, da der Vater das Geschäft nicht verlassen dürfe und das Personal für den Mittagsservice noch nicht eingetroffen sei.
Im Warenhaus angekommen: Egal zu welchem Regal der junge Mann sich auch wandte, stellte sich ein Ladendetektiv vor seine Nase.
Ferhad schrie: «Der Mann hypnotisierte meinen ehrlichen Sohn wie eine Schlange die Beute.» Diese Ungerechtigkeit machte den Jungen zornig. So sei er aus dem Laden gegangen, ohne die Batterien zu kaufen. Es irritierte ihn, für einen Ladendieb gehalten zu werden.
Dieser Vorfall hatte Konsequenzen: Heute konnte Ferhad keine Pizzabestellungen entgegennehmen, was einen beträchtlichen Umsatzverlust bedeutete. Am Mittag, als ich ins Geschäft gekommen sei, habe er mit Manfred telefoniert, einem Kunden, einem Polizisten, mit dem er «uu befreundet» sei. Manfred habe auch noch laut gelacht, Ferhads Sohn sei mit seinem dunklen Teint halt für einen Asylbewerber gehalten worden.
Ferhad müsse halt das nächste Mal beim Abschluss einer Versicherung auch den möglichen Umsatzverlust wegen fehlender Batterien, die wegen der Verdächtigung des Sohns nicht gekauft werden könnten, in die Police eintragen.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur. Sein jüngstes Buch «Kebab zum Bankgeheimnis», eine Sammlung seiner Kolumnen, ist diese Woche im Limmat Verlag erschienen.