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Am schnabelförmigen Bug des schmalen, langezogenen Bootes steht ein Mann mit feuerrotem Kopftuch, aufrecht, vorwärts blickend wie ein König oder Feldherr, der einem Ufer entgegensteuert, das er in Besitz zu nehmen beabsichtigt. Er trägt zudem ein elegantes schwarzes Hemd, das ihn von seinen Begleiter in den ausgewaschenen T-Shirts abhebt. Der Name des Mannes lautet Adelino Da Costa und er ist der ungekrönte König der Bijagós.
Palmwein anstatt Bier
Als Da Costas Boot an diesem Tag im November 2023 über das bräunliche Wasser an der vor Anker liegenden Flotte unserer Yachten vorbeizog, kannte ich ihn bereits. Ich hatte ihn in Bolama getroffen, nachdem wir dort von den Honorablen empfangen und unsere Formalitäten erledigt hatten. Am zweiten Abend in der ehemaligen Kolonialstadt hatte Da Costa ein Abendessen für die Crews organisiert. Wir sassen unter den schattenspendenden Bäumen am Hafen an einer improvisierten Tafel und er liess Reis und einen Eintopf mit Hühner- und Antilopenfleisch auftragen. Da Costa selbst war sich nicht zu schade, die die Teller zu füllen. Wir halfen beim Servieren.
Anstatt Bier oder Cola verteilte der Gastgeber Limonade und Palmwein auf den Tischen, wie sie auf den Bijagós auch in den Dörfern von den einfachen Leuten getrunken werden. Warum Getränke oder Essen herbringen, wenn das Lokale genauso gut schmeckt, sagte Da Costa. Ich kenne Palmwein von meinen Reisen nach Indien und bin davon nicht sehr angetan. Die Limonade aber war vorzüglich. Und da wir die Getränke aus alten Plastikflaschen eingeschenkt bekamen, hinterliessen wir keinen zusätzlichen Müll.
Die Müllsammler von Boubaque
Damals sollte ich keine Gelegenheit haben, ausführlich mit Da Costa zu sprechen. Und bevor ich das tun konnte, führte er uns zwei Tage später durch den zweiten grösseren Ort auf den Bijagós, Boubaque auf der gleichnamigen Insel. Die Siedlung ist wenig mehr als eine Ansammlung einstöckiger Gebäude an löchrigen und Müll übersäter Strassen. Aber in Boubaque gibt es ein Spital, wo wir die ersten unserer Kleidersäcke und die medizinischen Güter ablieferten, die wir übers Meer geschippert hatten. Und in Boubaque bemüht sich eine Organisation, dem Müll Herr zu werden, der das Archipel in einem endlosen Strom heimsucht.
Diese Organisation existiert wesentlich deshalb, weil sie von Da Costa unterstützt wird. Er stellte uns die Verantwortlichen vor und liess sie erklären, was sie mit dem Abfall machten. Was recyclebar sei, werde recycelt, sagte eine Mitarbeiterin, beispielsweise würden aus Gläsern und Flaschen Lampen oder Gefässe gemacht, die man zu verkaufen versuchte. Aber Plastik könne man nicht recyceln und die junge Frau zuckte etwas resigniert mit den Schultern. In den Wäldern wird er aufgestapelt und verbrannt. Später fuhren wir an den verkohlten Resten vorbei.
Muschelschalen pflastern die Wege
Denn von Boubaque aus brachte uns Da Costa zu einem Dorf tief in den Wäldern der Insel. Je weiter wir uns aber von der Stadt entfernten, desto weniger wurde der Plastikmüll. Dafür türmten sich rund um das Dorf Muschelschalen zu veritablen Hügeln auf. Auch die Wege waren mit ihnen übersät. Und zwischen den einfachen Hütten räucherten Frauen über kleinen Feuern Austern, um sie haltbar zu machen.
Da Costa zeigte uns überdies die Reisfelder, die das Dorf umgeben und die Speicher, wo die Ernte gelagert wird. „Alles, was die Menschen zum Leben brauchen, haben sie hier“, sagte er. Und um zu beweisen, dass die Kost nicht nur ausreichend ist, sondern auch schmeckt, liess er wiederum auftragen: gegrillten Fisch, dazu in Palmöl angebratener Reis mit Austern. Das Gericht würde sich auch in einem Sternerestaurant einen Platz auf der Speisekarte verdienen.
Doch warum tat Da Costa das alles für uns? Und vor allem, wer ist diese schillernde Figur in ihrer auffälligen Tracht, mit der aufgetürmten Rastafigur und einem beständigen Lächeln im Gesicht?
Der Box-Champion
In diesem Jahr ist Adelino Da Costa 47 Jahre alt. Er stammt von einer Insel an der Mündung des Flusses Geba. Dieser markiert die nördliche Grenze des Bijagós-Archipels und führt zur Hauptstadt des modernen Guinea-Bissau, nach Bissau. Auf Jeta lebt das Volk der Manjaca. Als er zehn Jahre alt war, brachte seine Mutter Adelino zuerst nach Bissau und später nach Lissabon, damit er dort zu Schule ging. In Lissabon aber wohnte die Familie in einer Favela, wie man sie aus Brasilien kennt, in einem Slum. Gewalt war alltäglich.
Die Manjacas sind Kämpfer. Kinder, junge Männer und auch Frauen ringen in Ritualen mit einander. Es gehört zum Erwachsenwerden. Und so war es für den jungen Da Costa naheliegend zu kämpfen, um im Alltag des Slums nicht unterzugehen. Aber er tat es nicht wie ein Strassenjunge, sondern diszipliniert und mit System. Er begann zu trainieren. “In unserer Kultur ist Kampf eine Frage der inneren Einstellung“, sagt er und das Kämpfen dürfte tatsächlich zum Kern seines Wesens gehören, wenn auch nichts Gewalttätiges oder Brutales von ihm ausgeht. Im Gegenteil: Man spürt eine Herzlichkeit, die nichts Aufgesetztes hat. Er macht es einem leicht, sich in seiner Gegenwart wohl und entspannt zu fühlen. Aber stets ist da diese Haltung: leicht geduckt, lauernd, als wäre er jederzeit zum Angriff bereit – oder zur Verteidigung.
Erfolgreich in New York
Und Da Costa war ein sehr effektiver Kämpfer. Er stieg zum portugiesischen Champion in Thai- und Kickboxing auf. Später begann er Jugendliche zu trainieren. Doch weil er ganz nach oben wollte, übersiedelte er nach New York; denn wer dort obsiegte, gehört zu den besten. Und Da Costa obsiegte, wurde Champion auch in den USA. Das brachte ihm Geld ein, mit dem er ein erstes Fitnesscenter eröffnete. Es folgten weitere immer näher an den Zentren von Macht und des Reichtums. Im Herzen von Manhattan angekommen, war Da Costa auch auf dem Höhepunkt einer aussergewöhnlichen Karriere angelangt. Er hätte es dabei belassen können. Aber er hatte andere Pläne.
„Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt er im Gespräch. Deshalb sei er 2008 nach Guinea-Bissau heimgekehrt. Das klingt etwas kitschig. Aber es dürfte dennoch keine blanke Lüge sein, keine dieser abgedroschenen Frasen, mit denen Investoren ihre Profitgier zu tarnen versuchen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass nicht alles rein altruistisch ist, was der Champion unternimmt. Aber das macht ihn nicht zu einem schlechteren Menschen. Nur zu einem Widersprüchlichen.
Eine Insel für ein Motorrad
Adelino Da Costa ist auf den Bijagos in das Tourismus-Geschäft eingestiegen. Er besitzt zwei Lodges auf der Insel Boubaque, plant ein Hotel auf einer Insel – die er im Austauch für ein Motorrad, Zinkplatten für Dächer und einen Brunnen mit elektrischer Pumpe von den Einheimischen pachten konnte –, sowie eine weitere Lodge in der Nähe von Bissau. Auch zwei Fitnesscenters in der Hauptstadt gehören zum Imperium. Dort, so berichtet mein Mitsegler, der Anthropologe Paulo, würden Berichte aus Zeitungen und Magazinen die Wände zieren, die allesamt vom Leben Da Costas berichten. Eine weniger von sich eingenommene Person hätte vielleicht darauf verzichtet.
Einen Besuch im Dakosta-Eco-Retrait auf der Insel Boubaque wird uns nicht gestattet. Während der Regenzeit hätten Stürme grossen Schaden angerichtet, der nun für die Saison behoben werde, lautet die Erklärung. Auf den Bildern und Videos, die ich mir von der Lodge ansehe, sind viele junge, gutaussehende Menschen zu sehen, die natürlich alle einen glücklichen Eindruck machen.
Millionäre für einen guten Zweck
Einige dieser Leute seien berühmt, lässt mich Da Costa wissen. Er wolle Promis vor die Kamera bringen, weil diese andere Promis anzögen, sagt der Champion unumwunden. „Ich möchte Millionäre anlocken“, sagt er; denn diese würden allenfalls in Projekte investieren, die die Bijagós retten, Projekte, wie die Müllentsorgung.
Die Chancen, dass er die Reichen und Schönen dazu bringt, die Bijagos zu besuchen, stehen nicht schlecht. Denn Da Costa ist selbst reich und auch ein attraktiver Mann. Er hat zudem beste Kontakte zur Elite des Landes und auch in Portugal. Dass er sein Ziel erreichen wird, die Bijagós an internationalen Tourismus-Kongressen als fragiles Paradies vorzustellen, daran hege ich nicht den geringsten Zweifel.
Als ich ihn fragte, ob er denn auch eine dunkle Seite hätte, denkt er kurz nach und antwortet dann: „Ich gebe ständig zu viel.“ Ich versuche es mit einer Anspielung auf seine extravagante Kleidung. Diese sei auch ein Zeichen des Respekts, erwidert Da Costa. Aber, gibt er zu, er fühle sich einfach wohl, wenn er gut angezogen sei. Dann schiebt er einen weiteren Satz nach: „Wie kann man anderen ein gutes Gefühl vermitteln, wenn man sich selbst nicht gut fühlt?“
Werden die Bijagós zu einem Disneyland?
Nachhaltiger Tourismus, lokales Essen für Millionäre aus Europa oder den USA oder woher auch immer, Investitionen in Müllentsorgung und Jobs für die Einheimischen. So ungefähr sieht der Mix aus, mit dem Da Costa den Bijagós Gutes tun und gleichzeitig die Traditionen und angestammten Lebensweisen bewahren will. Ich bin skeptisch. Mache das die Inseln nicht zu einem Disneyland, werfe ich ein.
Da Costa schüttelt den Kopf. Das hänge von der Einstellung der Besucher ab. Würden diese den Einheimischen mit echtem Interesse und Respekt begegnen, würde aus den Bijagós bestimmt kein Disneyland. Vielmehr könne es dazu beitragen, dass die Menschen des Archipels den Wert dessen, was sie besitzen und wie sie leben, eher zu würdigen wüssten. „Unsere Chance ist, dass wir hier im Rückstand sind“, sagt Da Costa. Mit anderen Worten: Etwas zu erhalten ist einfacher, als es wieder aufzubauen.
Geht man in die Dörfer, begegnet man immer wieder Menschen, die die weissen Besucher mit skeptischen Blicken betrachten. Und manche würden gar während der Tourismus-Saison in den Wäldern verschwinden, um keinen Kontakt zu haben, heisst es. Vielleicht besteht darin die Chance, dass Da Costas Vision von zwei Welten, die nebeneinander existieren, Wirklichkeit wird – im Willen der Menschen sich selbst treu zu bleiben und mit den Besuchern nichts zu tun zu haben.
„Ich tue noch zuwenig“
Wer weiss. Ich vermute aber, dass jeder Tourist, der mit seinem Smartphone und in Funktionskleidung in einem Dorf auftaucht, auch Begehrlichkeiten weckt. Und Da Costa ist längst nicht der einzige Tourismusunternehmer auf den Bijagós. Auf den Inseln stehen verschiedene Lodges, in denen fleissig Bier und Wein getrunken wird. Die Abfälle, die sie produzieren, werden ausser Sichtweite der Besucher verbrannt. Ich treffe Da Costa in einer dieser Lodges und frage ihn, was er angesichts des verschwenderischen Luxus inmitten der Inselpracht empfinde. „Ich fühle, dass ich noch zu wenig tue“, antwortet er spontan.
Der ungekrönte König Adelino Da Costa hat auch zwei Prinzen, zwölf und 15 Jahre alt. Sie leben in den USA, kommen nur ungern auf die Inseln. Aber sie sollen dereinst das Erbe antreten, das Da Costa hinterlassen wird. „Wenn man der Sohn eines Königs ist, weiss man, dass man selbst König werden wird“, sagt er. Eine Alternative will er nicht zulassen. Wie es denn um den freien Willen stehe, wage ich entgegenzuhalten. „Du siehst ja, wohin der freie Wille unsere Welt gebracht hat“, entgegnet er und lächelt dabei sein gewinnendes Da-Costa-Lächeln.
Die Prinzen werden noch etwas warten müssen, bis sie in die Fussstapfen ihres Vaters treten können. „Ich werde 160 Jahre alt“, sagt Da Costa und er scheint das ernst zu meinen. Die gesunde Kost und das Leben auf den Bijagós sollen dies bewirken.
Auch uns Seglern wurde in den Plänen zur Erschliessung der Bijagós eine Rolle zugedacht, von der wir anfangs nichts ahnten. Im Laufe unserer „Mission“ wurde sie jedoch offenbar. Darüber mehr im nächsten Blog.