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Das Jahr 1778 sieht den Darmstädter Johann Heinrich Merck wohl auf dem Höhepunkt seines Schaffens als Literat, als Literatur- und als Kunstkritiker. Überhaupt war er zu der Zeit Mädchen für alles, wenn es Christoph Martin Wieland darum ging, ein bestimmtes Thema in seinem Teutschen Merkur besprochen zu haben. Viele dieser Kritiken verraten sich durch die Routine schon als Mercks Werk – er pflegte anhand der damals noch meist annotierten Inhaltsverzeichnisse vorzugehen, diese auszuschreiben und zwei, drei weitere Zitate aus dem Text zu suchen.
1778 ist Merck ein gefragter Mann. Er gilt als Spezialist für Fragen der Landwirtschaft (die Verbesserung des Bodens war in vielen deutschen Staaten ein brennendes Problem), auch allgemein dessen, was wir heute Ökonomie nennen würden. Der Kunstkritiker und Kunstsammler Merck ist ebenso geachtet. Er spezialisiert sich v.a. auf Kupferstiche. Die Literaturkritik tritt 1778 zwar schon langsam in den Hintergrund, und Merck interessiert sich zusehends für wissenschaftliche Werke wie den ethnologischen Reisebericht des Deutschen Pallas, der im Auftrag der Zarin Katharina II. Sibirien durchforschte, aber auch naturwissenschaftliche Werke oder ein Nachruf auf Albrecht von Haller, den Berner Naturforscher, interessieren ihn.
In seinen kunstkritischen Essays wird Merck in gewissem Sinne gar pädagogisch tätig. Der gewiefte Kenner von Kupferstichen kann diese nicht nur sehr gut beschreiben, er besucht Kunstsammlungen und beurteilt die als Ganzes. Und vor allem gibt er dem Leser, der, wie er (Merck) selber, eventuell auch ins Geschäft des Kupferstichsammelns einsteigen möchte, Tipps, wie er welchen Kupferstecher zu erkennen und zu beurteilen habe, welche Versionen des gleichen Stichs wertvoller sind etc. etc.
Im Jahr 1778 sehen wir vor allem zwei Meisterleistungen Mercks. Da ist zum einen sein bestes, sein bekanntestes (nun ja: weil praktisch sein einziges) grösseres Werk literarischer Fiktion: Geschichte des Herrn Oheims. Der Herr Oheim (der Oheim heisst, nicht Oheim ist) ist ein ehemaliger hoher Regierungsbeamter in einem nicht näher genannten deutschen Staat, der – der Intrigen am Hof müde – seine Entlassung nimmt und nun mit Frau und Kindern auf einem Bauernhof auf dem Land das einfache Leben geniesst. Selbst Goethe gefiel die kleine Geschichte und er mangelte nicht, Merck zu mahnen, sie ja fertig zu schreiben. Merck tat es – nicht. Vielleicht ist dem Autor aufgefallen, dass sich seine Figur selber desavouierte. Der Herr Oheim kann zwar Ratschläge geben für dies und jenes, wie dieser oder jener Boden verbessert werden solle – aber letztlich bleibt er ein Gentleman-Farmer, der eben gerade nicht vom Ertrag seines Bodens lebt. Denn auch wenn er seinen Kindern predigt, dass nur Selbsterworbenes verzehrt werden könne, so hat er doch im Hintergrund ein nicht unbeträchtliches Kapital auf Zinsen gelegt, um es seinen Kindern nach seinem Tod hinterlassen zu können. Und er scheint auch von Zeit zu Zeit in seinen Betrieb einzuschiessen, was nie aus dem Betrieb herausgenommen worden ist.
Die andere Meisterleistung Mercks des Jahres 1778 ist höher einzustufen. Wieland hatte, gutmütig wie er war, sich beschwatzen lassen, in seinem Teutschen Merkur einen recht halbgaren, stürmerisch-drängerischen und an Unverschämtheit grenzenden Verriss von Lichtenbergs Ueber die Physiognimik; wider die Physiognomen zu publizieren. (Autor des Elaborats war übrigens J. M. R. Lenz.) Merck, der ja von Amtes wegen Lichtenbergs Bruder in Darmstadt kannte, wusste, dass der Göttinger Physiker sich ungemein provoziert fühlte und sich daran machte, zum Gegenschlag auszuholen. Nun war es so, dass Passagen aus Mercks Briefen an Lavater von letzterem ohne Wissen und Willen des Darmstädters in seine Physiognomischen Fragmente integriert hatte, also Merck auch mit der physiognomischen Seite verbandelt war. Auch Wieland sympathisierte mit Lavater. Aber ein Schlag von Lichtenberg hätte wohl das Ende des Teutschen Merkur bedeutet und damit nicht nur Wieland ruiniert, sondern auch Merck beträchtliche Probleme gebracht, war er doch auf die Gehaltsaufbesserung durch seine Kritiken angewiesen, und der Teutsche Merkur zu der Zeit praktisch das einzige Organ, in dem er publizierte. Merck schaffte tatsächlich den Spagat: Indem er einerseits in Briefen dem Zürcher Physiognomisten die Situtation erklärte, andererseits im Teutschen Merkur eine sehr positive Kritik der Lichtenberg’schen Anti-Physiognomik platzierte und sie sogar – was er sonst nie tat – mit einem “M.” ganz klar als von ihm, Merck, stammend kennzeichnete (und Merck war damals das zweite offizielle Sprachrohr des Teutschen Merkur neben Wieland selber), konnte er auch Lichtenberg in Göttingen besänftigen.
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2013 ist mit Band 4 – nach ungefähr einem Jahr Pause – die kritische Werkausgabe Mercks vom bewährten Team um Ulrike Leuschner fortgesetzt worden. Dem, was ich diesbezüglich vor etwas mehr als einem Jahr zu Band 3 gesagt habe, ist nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen.