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Dann kam das Jahr 2002. Die Gesundheitsbehörden der USA hatten mit 16608 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren die bislang grösste Studie zu Nutzen und Risiken der Hormonersatztherapie durchgeführt, die „Women’s Health Initiative Study“ (WHI). Die Teilnehmerinnen, die keine Gebärmutter mehr hatten, bekamen ein reines Östrogen-Präparat. Teilnehmerinnen mit Gebärmutter wurde ein Östrogen-Gestagen-Kombipräparat gegeben. Der Grund: Östrogene alleine reichen zwar aus, um Wechseljahres-Beschwerden zu behandeln. Langfristig führen sie aber zu einem ungebremsten Wachstum der Gebärmutterschleimhaut, das erhöht das Krebsrisiko. Gestagene verhindern das. Dann der Paukenschlag: Die Studie wurde 2002 nach fünf Jahren abgebrochen, weil in der Gruppe der Frauen, die ein Östrogen-Gestagen-Präparat erhalten hatten, vermehrt Herzinfarkte, Lungenembolien, Schlaganfälle und Brustkrebserkrankungen auftraten.
Nach diesen dramatischen Schlagzeilen sank die Zahl der Verordnungen drastisch. 2012 wurden nur noch rund jeder fünften Frau in den Wechseljahren Hormone verschrieben. Die Frauen und viele ihrer behandelnden Ärzte sind kritisch geworden. Frauen versuchen seither aus Angst vor Krebs und anderen Nebenwirkungen, ohne Hormone zurechtzukommen. Das hat immerhin den Vorteil, dass jetzt Naturpräparate in den Fokus gerückt sind. So reguliert der Salbei die Wärmesteuerung und lindert damit Hitzewallungen und Schweissausbrüche. Präparate mit Inhaltstoffen der Traubensilberkerze können den Hormonhaushalt ausbalancieren. Und Extrakte der Passionsblume können bei Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörungen helfen. Das haben mittlerweile auch einige Studien bewiesen. Das Problem ist allerdings, dass die pflanzlichen Mittel bei starken Wechseljahresbeschwerden oft an ihre Grenzen stossen. Immerhin bezeichnen 15 bis 20 Prozent der Frauen ihre Symptome als unerträglich. Was können sie tun?
Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine Hormontherapie unter bestimmten Umständen weniger gefährlich ist als befürchtet. US-Mediziner haben die in der 2002 abgebrochenen Studie verwendeten Daten erneut ausgewertet und ihre Ergebnisse gerade veröffentlicht. So waren damals 27000 der Teilnehmerinnen im Alter von 63 Jahren. Frauen kommen jedoch im Durchschnitt mit 50 Jahren in die Wechseljahre und entwickeln dann Beschwerden. Hauptkritikpunkt an den damaligen Ergebnissen ist deshalb, dass das Alter der Studienteilnehmerinnen viel zu hoch war, um ein genaues Bild zu den Risiken der Einnahme von Hormonen abzugeben. Ausserdem waren die beobachteten Frauen häufig übergewichtig und litten an verschiedenen Stoffwechselerkrankungen. Auch das wurde bei der Beurteilung von Folgeerkrankungen nicht berücksichtigt. Und noch ein Ergebnis der Neubewertung der Studie: Wenn die Frauen schon mit unter 60 Jahren mit Hormonen behandelt wurden, war ihr Risiko an Folgeerkrankungen zu sterben, sogar etwas niedriger als das der Kontrollgruppe.
Was bedeutet das jetzt genau für Frauen? Nach dem aktuellen Stand müssen Frauen keine Angst haben, wenn sie nach gründlicher Beratung durch den Arzt gleich zu Beginn der Wechseljahre eine kurze Zeit Hormone einnehmen. Allerdings ist eine Hormontherapie nur sinnvoll bei ausgeprägten Beschwerden. Und sie sollte nur für rund ein bis höchstens zwei Jahre mit einer möglichst niedrigen Dosierung durchgeführt werden. Bei Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und Rauchen muss eine Hormontherapie noch kritischer gesehen werden. Auch wenn eine genetische Anlage für Brustkrebs vorliegt oder eine Frau bereits einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Thrombose hatte, sollte besser auf Hormone verzichtet werden.
Was noch wichtig ist: Hormone sollten nicht abrupt abgesetzt werden, die Beschwerden tauchen sonst oft wieder auf. Man schleicht das Präparat besser langsam aus, verringert also nach und nach die Dosis. Nicht sinnvoll ist es, dann nur alle zwei Tage z.B. eine Tablette zu nehmen, dadurch schwankt der Hormonspiegel zu stark. Stattdessen nimmt man täglich eine geringer dosierte Tablette ein.
Und: Östrogenpflaster sind bei der Behandlung von Hitzewallungen genau so wirksam wie Tabletten, das Thromboserisiko ist aber geringer. Frauen, die hauptsächlich unter Scheidentrockenheit, immer wiederkehrenden Entzündungen oder Schmerzen beim Sex leiden, sollten zuerst eine lokale Therapie ausprobieren. Helfen können Zäpfchen mit Milchsäurebakterien oder Salben mit Hyaluronsäure. Reicht das nicht aus, sind Salben mit Östradiol und Östriol gut wirksam, sie belasten den Körper weniger als Tabletten.
Frauen, die ein erhöhtes Risiko für Knochenschwund haben, sollten Hormone nur dann zur Vorbeugung nehmen, wenn andere Massnahmen nicht infrage kommen. Eine mögliche Alternative ist die Einnahme von Bisphosphonaten, die den Knochenabbau hemmen. Sie sind aber leider teuer. Erwiesen ist heute, dass viel Bewegung ebenfalls für starke Knochen sorgt. Die Zugkräfte, die bei körperlicher Aktivität auf die Knochen wirken, regen den Aufbau von neuer Substanz an.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen, die starke Beschwerden in den Wechseljahren haben, mit ihrer Ärztin eine individuelle Lösung finden müssen. Hormone können für ansonsten gesunde Frauen kurze Zeit und möglichst niedrig dosiert sinnvoll sein. Eine Einnahme über mehrere Jahre sehen Experten nach wie vor sehr kritisch.
Kompass Wechseljahre
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Trias-Verlag, 22,30 CHF /19,99 Euro
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