Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/3699

Felsen sind die vom Menschen am wenigsten beeinflussten Lebensräume in der Region. Steil, karg, trocken und an unzugänglichen Orten gelegen, waren sie für die Menschen jahrhundertelang uninteressant. Dadurch konnte sich die hoch spezialisierte Lebensgemeinschaft halten.
Die Felsen im Jura
Felsstandorte in der Region machen flächenmässig weniger als ein Prozent aus. Dem Hauptkamm des Kettenjuras, auch Faltenjura genannt, schliesst im Norden die Formationen des Tafeljuras an. Felsflühe gehören zum Formenschatz beider Juratypen, dem Ketten- wie dem Tafeljura. Im Kettenjura sind Kämme aus Kalk-Mergelgesteinen Form bestimmend. Bei grossem Gefälle sind sie unbewaldet und als charakteristische Flühe weithin sichtbar. Im Tafeljura wurden durch geologische Vorgänge die Kalk-Mergel-Sedimenttafeln als Folge der Absenkung des Rheingrabens in Schollen zerlegt, an deren Bruchkanten ebenfalls Felsflühe entstanden.
Die Vertikale als Lebensraum
An steilen Felswänden bildet sich eine Pflanzengesellschaft mit spärlichem Deckungsgrad. Nur dort, wo sich etwas Humus ansammeln kann, in Ritzen und an Kanten, können Gefässpflanzen gedeihen. Die glatten Kalkwände sind bestimmten Moosen und Flechten vorbehalten. Der Lebensraum ist von Trockenheit, starken Temperaturschwankungen und Nährstoffarmut geprägt; dazu kommt ein hohes Lichtangebot. Eine spezialisierte Lebensgemeinschaft besiedelt die Standorte; viele Arten sind selten und gefährdet.
Zahlreiche Pflanzenarten überlebten hier die Eiszeiten, weil die Felsformationen eisfrei blieben. Nach der Eiszeit breiteten sie sich wieder aus, konnten sich aber nach der Wiederbewaldung der Hügelzüge nicht halten. So sind Felsflühe für einzelne Arten wie den Alpen-Seidelbast (Daphne alpina) oder das Immergrüne Hungerblümchen (Draba aizoides) heute die letzten Rückzugsorte in der Region (glaziale Reliktpopulationen). Deshalb ist dieser Lebensraum von besonderer naturschützerischer Bedeutung. Die am nächsten gelegenen Vorkommen dieser Arten liegen in den Alpen.
Felswände sind auch die Brutorte des Wanderfalken. Nachdem die Population zwischen 1956 und 1970 aufgrund des Einsatzes des Insektizides DDT
, einer Basler Erfindung, regelrecht zusammengebrochen war, hat sich die Population seither wieder erholt. Der Fuss südexponierter Felswände bietet auch der Juraviper einen naturnahen Rückzugsort und ist für diese Giftschlange ein wichtiger Lebensraum.
Der Mensch greift ein
Felsflühe sind wohl die natürlichsten Lebensräume der Region und blieben lange Zeit fast unberührt. Zwei Faktoren beeinflussten beziehungsweise beeinflussen diesen Lebensraum. Auf Abbildungen des 18. und 19. Jh. sind die Felsformationen stets offener und nicht mit Wald bewachsen. Der Wald wurde durch den hohen Brennholzbedarf intensiver genutzt. Bei der Bewirtschaftung als Niederwald wurden bereits armdicke Stämmchen geschlagen. Auch kleinere Felsen wurden dadurch besonnt, was vielen Wärme liebenden Tier- und Pflanzenarten zugute kam.
Heute beeinflusst das Freizeitverhalten die Bewohner der Felswände. In den letzten Jahrzehnten fand eine deutliche Zunahme des Klettersportes statt. Auf Kletterrouten wurden im Vergleich zu unbegangenen Bereichen Veränderungen bei der Artenzusammensetzung, bei der Artenvielfalt und beim Deckungsgrad festgestellt. So wurden auf Kletterrouten vermehrt tritttolerante Arten gefunden. Der Fuss von Felswänden ist durch den häufigen Einstieg oft praktisch vegetationslos. Der Kletterbetrieb beeinträchtigt das Brutverhalten von Felsenbrütern. Mit Massnahmen wie einer befristeten oder totalen Sperrung einzelner Wände wurde dem Naturschutz teilweise Rechnung getragen.
BE