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Der Architekt Domenico Trezzini aus Astano TI erbaut Sankt Petersburg für Peter den Grossen.
Das Landesmuseum erinnert in einer grossen Ausstellung an die russische Revolution vor 100 Jahren. Doch Russland kannte schon vor über 300 Jahren eine grosse Revolution. Keinen Umsturz von unten, sondern einen von oben, von Zar Peter I. Sein Ziel war, das noch mittelalterliche Russland zu modernisieren und näher an Europa führen.
Schon in jungen Jahren hatte der zukünftige Zar in Moskau mit Ausländern Kontakt gehabt und Einblicke in den westeuropäischen Lebensstil erhalten. 1697/98 war er als Gesandter unterwegs und sammelte inkognito in Holland Erfahrungen als Zimmermann sowie im Schiffbau. Seine selbst gebauten Segelschiffmodelle liess er später in Russland für die Flotte nachbauen. Sein Traum war der direkte Zugang zum Meer.
Historische Karte von St. Petersburg (um 1888) / commons.wikimedia.org
Das von den Schweden besetzte Gebiet an der Ostsee eroberte Peter I. unmittelbar, nachdem er sich als russischer Alleinherrscher durchgesetzt hatte. Für die 1703 gegründete Festung liess er in aller Eile Erdwälle aufschütten und eine Befestigungsanlage sowie eine kleine Holzkirche Peter und Paul errichten. Das ganze Gebiet war sumpfig und von Kanälen durchsetzt, Baumaterial war kaum vorhanden und es fehlte an Fachleuten. So liess der junge Zar durch seine Gesandten im Ausland talentierte Baumeister suchen.
Peter der Grosse (1672-1725), Paul Delaroche, 1838 / commons.wikimedia.org
Das war die Chance für Domenico Trezzini, geboren um 1670 in Astano im Tessin. Er hatte das Bauhandwerk und Architektur in Italien gelernt und kam mit einem Militärarchitekten nach Kopenhagen. Er hatte sich dort so hervorgetan, dass er 1703 einen Vertrag mit Russland abschliessen konnte. Zur Bewährung musste er verschiedene Bauaufgaben ausführen und gewann so das Vertrauen vom Zar. 1706 erhielt er den Auftrag, die alte Holzfestung „Sankt Piter Burch“ in Stein aufzubauen. Dies blieb für die nächsten 27 Jahre sein Hauptauftrag. Statt rudimentärer Skizzen in der Art altrussischer Baumeister, zeichnete er sorgfältige Pläne, baute Holzmodelle und liess sie vom Zar gutheissen, erst dann folgte die Konstruktion. Im Juni 1712 war das Fundament für die neue Kathedrale im Zentrum der Festung gelegt, 1717 der damals höchste Kirchturm vollendet. Die Turmspitze wurde mit einem von Trezzini selbst entworfenen Engel mit einem Kreuz in der Hand bekrönt. Der Festungsbau kam jedoch nie in kriegerischen Einsatz, dafür wurde er später zum gefürchteten Gefängnis für unliebsame Leute wie Fjodor Dostojewski oder Maxim Gorki.
Sankt Peter-Paul Kathedrale mit Turm von 1717. Hier befinden sich auch die Sarkophage der russischen Zaren. Foto: Ruth Vuilleumier
Die Peter-Paul-Kathedrale unterscheidet sich von den traditionellen russischen Zwiebelturmkirchen, denn die Modernisierung sollte auch an der Hauptkathedrale des neuen Reiches sichtbar sein. Für das Innere plante Trezzini die Ikonostase, die in den 1720er Jahren von Moskauer Handwerkern ausgeführt wurde. Der Zar wünschte zudem unbedingt ein Glockenspiel, das ihn bei seinem Aufenthalt in Holland so beeindruckt hatte. Er liess 35 Glocken aus Amsterdam kommen, die 1720 im Turm der Peter-Paul-Kathedrale mit einer Uhr für das Glockenspiel angebracht wurden. 1756 zerstörte ein Blitzschlag den Turm. Heute hat das Carillon der Peter-Paul-Kathedrale dank eines Geschenks aus Belgien und Sponsoren aus der ganzen Welt 51 Glocken.
Der Zar verstand sich mit Domenico Trezzini so gut, dass er 1710 sogar Taufpate für dessen ersten Sohn wurde. Das war nicht selbstverständlich, denn der Monarch konnte aufbrausend und brutal gegenüber seinen Untergebenen sein. Trezzini fand offenbar die richtige Art, mit dem Despoten umzugehen. Er blieb stets zurückhaltend – nicht einmal ein Porträt von ihm existiert – sachlich, zuverlässig und vor allem ehrlich. Häufig setzte er sich für seine Arbeiter ein – viele Leibeigene, Gefangene und Sklaven -, wenn ihnen wieder einmal der Lohn nicht ausbezahlt wurde. Er bildete auch Lehrlinge aus allen Gesellschaftsschichten aus. Die wohnten teilweise in seinem Haus. Die Lernenden aus noblen Familien konnten es sich hinterher leisten, im Ausland Architektur weiter zu studieren. Bei ihrer Rückkehr nahm Trezzini eine «Fachprüfung» ab. Dann erhielten sie den Auftrag, selbständig ein Gebäude zu planen und aufzubauen. Erst mit dieser praktischen Abschlussprüfung waren sie anerkannte Architekten.
Nachdem der Zar die Hauptstadt von Moskau nach Sankt Petersburg verlegt hatte, schuf Trezzini für die Staatsverwaltung das mit 440 Meter längste Gebäude in Sankt Petersburg, die „Zwölf Kollegien“, das Ministerium, wo heute die Universität untergebracht ist. 1710-1714 errichtete er das erste Privathaus aus Ziegeln am Ufer der Newa, wohin sich der Zar im Sommer gerne zurückzog.Längstes Gebäude mit den „Zwölf Kollegien“, unter Peter I. Sitz der russischen Ministerien / A. Savin / commons.wikimedia.org
Gegen die neue Hauptstadt im Norden regte sich zusehends Widerstand. Das sumpfige Gelände und feuchte Klima forderte zahlreiche Menschenleben, zudem musste alles in Russland verfügbare Baumaterial dorthin verfrachtet werden. Um die Gemüter zu besänftigen, beauftragte Peter der Grosse seinen Baumeister, ein Kloster zu errichten, das an den Grossfürsten Alexander Newski erinnerte, Sieger über den Deutschen Ritterorden sowie die Mongolen und späterer Nationalheiliger. Auf dem Klosterareal baute Domenico Trezzini in den Jahren 1717-1722 die Barockkirche, weitere Gebäude errichtete ein entfernter Tessiner Verwandter.
Domenico Trezzini arbeitete unermüdlich bis fast zu seinem letzten Atemzug am 19. Februar 1734. Er war dreimal verheiratet. Aber keines seiner Kinder trat in seine Fussstapfen. Hingegen folgten zwei Verwandte aus Astano Domenicos Ruf und blieben als Architekten in Sankt Petersburg: Pietro Antonio Trezzini und der Schwiegersohn Carlo Giuseppe Trezzini. Als Domenico starb, zählte Sankt Petersburg 40’000 Einwohner. Das Haus, das er für sich selbst gebaut hatte, besteht noch als Hotel „Trezzini Palace“ – die Stadt hat 2012 ein zehn Meter hohes Denkmal davor errichten lassen – doch sein Grab ist nicht mehr erhalten.
Das Haus mit dem Denkmal von Domenico Trezzini / Nadjeshda Pivovarova / wikimedia.commons.org