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Unsere zivilisatorischen Errungenschaften fördern die Ausbreitung von Seuchen. So folgt das Coronavirus zum Beispiel den Flugrouten. Aber wir können von den Krankheiten wie Cholera, Sars und Covid-19 lernen. Davon ist Alfons Labisch, Experte für Medizingeschichte, überzeugt.
Alfons Labisch
Historiker
Der 73-jährige Deutsche ist Historiker, Soziologe, Mediziner und emeritierter Professor für Medizingeschichte. 1997 wurde er als erster Kontinentaleuropäer zum Präsidenten der Society for the Social History of Medicine in London gewählt. Labisch veröffentlichte zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiet der Sozialgeschichte des öffentlichen Gesundheits- und Krankenhauswesens.
SRF News: Erfordert die heutige Lage drakonische Massnahmen gegen das Coronavirus?
Alfons Labisch: Die Gegenfrage lautet: Nehmen wir die Epidemie einfach hin? Nach dem jetzigen Stand der virologischen und epidemiologischen Kenntnisse wäre 2020 zum Beispiel in Deutschland mit etwa 15 bis 20 Millionen Infizierten zu rechnen.
Davon wären 3 bis 4 Millionen, also 20 Prozent grippeähnlich krank und 750'000 bis eine Millionen Menschen schwer krank. Von der Gesamtzahl der Infizierten würden 40'000 (0.2 Prozent) bis 100'000 Menschen (0.5 Prozent) vorzeitig sterben.
China-Bashing – ja, das macht sich immer gut!
Welches Gesundheitssystem könnte diesen Ansturm von Schwer- und Schwerstkranken bewältigen? Welche Gesellschaft könnte das zulassen? Also müssen die bekannten Massnahmen geduldig ertragen werden: in unseren offenen und demokratischen Rechts- und Sozialstaaten grossenteils mit Appellen an das persönliche Verantwortungsgefühl. Aber auch mit – gegebenenfalls massiven – Eingriffen in persönliche Freiheiten und in die öffentliche Ordnung.
Wäre es eine realistische und gesellschaftlich akzeptable Option, einfach nur Ausgangssperren für ältere Menschen zu erlassen?
Aus aktuellsten Modellrechnungen müssen wir schliessen, dass weder die Strategie «flatten the curve» (die Kurve flacher machen) noch die Isolation der Älteren ausreichen wird, um die Epidemie zu stoppen. Zwar würde es weniger schwere Fälle und Tote geben, insgesamt wäre aber mit einer sehr hohen Zahl von Schwerstkranken und Sterbenden zu rechnen.
Italien hat unterdessen mehr Todesfälle als China. Was ist in Italien schiefgelaufen?
Viele Fragen, die sich jetzt stellen, können erst später beantwortet werden, wenn valide Daten vorliegen. Soweit sich bisher Unterschiede feststellen lassen, liegen diese wohl im Zeitpunkt des Testens und im Verhalten: Es werden die getestet, die bereits mit schwereren Symptomen im Gesundheitswesen ankommen – das heisst, es dürfte weitaus mehr Infizierte geben als bislang angenommen.
Des Weiteren haben sich die Italiener offenbar anfänglich wenig in ihrer gewohnten Lebensart stören lassen. Italien wäre damit ein Gegenbeispiel zu China.
Aber das valide festzustellen, ist eine Aufgabe späterer Untersuchungen. Jedenfalls zeigt sich an diesem Beispiel der epidemiologische Nutzen, der in massivem Eingreifen liegt. Und es zeigen sich die kulturellen Unterschiede, mit kollektiven Bedrohungen umzugehen.
Warum reagiert heute die Welt so stark?
Vielleicht weil die Erkrankungswelle aus China kam und die dortigen Massnahmen über Wochen hin wie in einer Art Schauspiel zu beobachten und – geben wir es zu – auch zu belächeln waren. Das war scheinbar alles weit weg und ging uns nichts an. Bei der H1N1-Schweinegrippe, die 2009 in Mexiko ihren Ursprung hatte und aus den USA weltweit verbreitet wurde, hat dies jedenfalls nicht stattgefunden. China-Bashing – ja, das macht sich immer gut! Aber USA-Bashing?
Die Ausbreitung der jüngsten Seuchen korrespondiert in schlagender Weise mit dem Luftverkehr.
Und vielleicht haben wir doch aus der H1N1-Schweinegrippe etwas gelernt. In Deutschland meldete das Robert-Koch-Institut 2010 226'000 Erkrankte und 250 Todesfälle (0.1 Prozent). Eine internationale Forschergruppe, die 2013 die Zahlen nachrechnete, kam zu dem Schluss, dass die Morbiditäts- und Mortalitätszahlen der H1N1-Influenza weltweit bis zum Faktor 10 zu niedrig angesetzt waren. Für Deutschland würde das bedeuten, dass an die 2 Millionen Menschen infiziert waren und etwa 2500 an der H1N1-Grippe verstorben sind.
Aber von den Massnahmen, die 2010 bei der Evaluation des Seuchengeschehens diskutiert wurden, wurde anscheinend nichts umgesetzt. Musterbeispiel ist die Vorratshaltung an Masken und Schutzkleidung oder weiteres Runterfahren öffentlicher Gesundheitsleistungen. Hoffentlich wird es nach Covid-19 eine gründliche Evaluation mit nachhaltigen Konsequenzen geben.
Sie schreiben, dass die internationale Ausbreitung von Covid-19 den Flugrouten folge. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Bei den New-Emerging-Diseases handelt es sich um Krankheitserreger, die zum weitaus grössten Teil aus der Interaktion von Mensch und Tier hervorgehen. Dies geschieht beispielsweise in der Produktion von Fleisch (z.B. Grippe- oder Sars-Viren) oder in der Ausbreitung von Landwirtschaft in vormalige unberührte Landschaften (z.B. Ebola). Verbreitet werden die Krankheitserreger durch die unmittelbare Anbindung an den internationalen Verkehr.
Die Ausbreitung der jüngsten Seuchen korrespondiert in schlagender Weise mit dem Luftverkehr. Musterbeispiel ist die Ausbreitung von Sars im März 2003. Etwa 4000 Infektionen weltweit liessen sich auf einen einzigen «Superspreader» in Hongkong zurückführen.
Superspreader
Zu Beginn einer Pandemie können einzelne Personen die Ausbreitung eines Virus ungewollt massiv beschleunigen. Auch im Fall des Coronavirus wird von mehreren sogenannten Superspreading-Ereignissen ausgegangen.
Im Juni 2019 war mit 225'000 Flügen pro Tag die höchste Flugdichte erreicht, die jemals auf der Erde erreicht wurde. Die internationale Ausbreitung von Covid-19 folgt den Flugrouten wie Sars im Jahr 2003. Und wie im 19. Jahrhundert die Cholera den Handelsrouten zu Wasser folgte.
Was können wir tun, um in Zukunft die Ausbreitung solcher Seuchen zu verhindern?
Wir Menschen produzieren unsere Krankheiten selbst. Das bedeutet, wir können etwas dagegen tun. Beispielsweise muss in China die Produktion von Lebensmitteln und deren Verteilung nach modernen hygienischen Regeln organisiert werden – eine Herkulesaufgabe sowohl in organisatorischer als auch in kultureller Hinsicht.
Und wir Menschen sind auch selbst verantwortlich für die Ausbreitung von Seuchen. Durch unseren Handel und Wandel schaffen wir die Wege, auf denen sich die Epidemien entlang schleichen. Das bedeutet zugleich, auch hier können wir etwas tun. Aber wir sind auf offene Wege angewiesen wie das Hirn auf ständige Blutzufuhr angewiesen ist – auch wenn es verletzt ist. Wir müssen national wie international Gesundheit vorausgreifend sichern, ohne uns vom Lebenselixier des globalen, nationalen, regionalen und lokalen Handels abzuschneiden.
Die Analogie zu den Cholera- und Gelbfieber-Epidemien des Zeitalters der Industrialisierung ist aufschlussreich. Letztlich ist es gelungen, durch lokale, regionale, staatliche und vor allem auch internationale Massnahmen die «alten» Seuchen wie Pest, Cholera oder Gelbfieber in den Griff zu bekommen: Hygienische Infrastruktur der Städte, Hygieneüberwachung auf den Ebenen von Region und Land, Seuchengesetze auf der Ebene des Staates, Hygienekonferenzen und schliesslich die Weltgesundheitsorganisation auf internationaler Ebene und zuletzt auch Heilmittel und Immunisierung.
Die Aufgabe, die vor uns liegt, nachdem Covid-19 abgeklungen ist, heisst also, auf allen nationalen und internationalen Handlungsebenen eine neue Art der Gesundheitssicherung aufbauen, die unserer neuen Lebenswelt gerecht wird. Damit man so in Zukunft etwaige Pandemien vermeiden kann, aber zugleich einschneidende Massnahmen in die internationale Kommunikation und das Leben und in die Grundrechte der Menschen verhindert.
Das Gespräch führte Gianluca Galgani.