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Parteien kommunizieren durch ihre Wortwahl oft eine Bereitschaft zum Konflikt oder zur Koope-ration, um so ihr Image bei den Wählern zu verbessern. Verschiedene Kommunikationskanäle erreichen jedoch unterschiedliche Wählersegmente. Es drängt sich somit die Frage auf, inwiefern Parteien ihre Sprache dem Zielpublikum anpassen. Eine Untersuchung von Medienmitteilungen und Nationalratsreden ergab, dass es hierbei markante Unterschiede zwischen den Parteien gibt.
Politiker signalisieren ihre Bereitschaft zur Kooperation oder zu Konflikten oftmals nicht mit direkten Ankündigungen, sondern durch die Wahl von bestimmten Worten, die diese Absichten signalisieren. Eine Untersuchung von Medienmitteilungen der Parteien und Reden im Parlament mit einem Fokus auf mit Kooperation, bzw. mit Konflikt assoziierten Wörtern erlaubt es somit, die in der Wortmeldung signalisierte Bereitschaft zur Kooperation oder zum Konflikt anhand der relativen Häufigkeit dieser Worte in der gesamten Wortmeldung zu messen.
Lasswells Werte-Wörterbuch
Um mit Kooperations- oder Konfliktbereitschaft assoziierte Ausdrücke in den Medienmitteilungen und Parlamentsreden zu finden, bediene ich mich eines auf Lasswell und Kaplan’s Arbeit von 1963 basierenden und durch Namenwirth and Weber (1987) entwickelten Wörterbuchs, in dem unter anderem zwei mit Kooperations- oder Konfliktbereitschaft assoziierte Wortkataloge zusammenge-tragen wurden.
Da Lasswell’s Wörterbuch für die englische Sprache verfasst wurde, war es nötig die Wörter zu Kooperations- oder Konfliktbereitschaft ins Deutsche zu übersetzen. Für das 120 Worte umfassen-den Kooperationswörterbuch konnte ich auf die Übersetzung von Robin Gut zurückgreifen, das in seiner deutschen Version 230 Worte umfasst. Das 228 Worte umfassende Konfliktwörterbuch habe ich für diese Untersuchung ebenfalls übersetzt, wodurch eine 1338 Worte umfassende Wortsamm-lung zustande kam (die verglichen mit den 228 Ausgangswörtern deutliche Zunahme ist neben Synonymen vor allem unterschiedlichen Konjugationen und Singular-/Pluralformen geschuldet). Auf eine Übersetzung ins Italienisch oder Französisch habe ich aus Gründen des Aufwands verzichten müssen, weshalb sich meine Untersuchung auf deutsche Texte beschränkt.
Für diese Untersuchung nutze ich eine mittels Web-Scraping zusammengetragene Sammlung von Medienmitteilungen der fünf grössten Schweizer Parteien zwischen 2010 und 2017. Aus Gründen mangelnder Verfügbarkeit stehen für die SPS vor 2012 leider keine Daten zur Verfügung. Mit Hilfe der mit Kooperations- und Konfliktbereitschaft assoziierten Wortsammlungen messe ich, wie hoch der prozentuale Anteil dieser Worte in den Medienmitteilungen ist. Je höher der jeweilige prozentuale Anteil, desto stärker kommuniziert eine Partei ihre Kooperationsbereitsschaft, beziehungsweise ihre Konflikt-bereitschaft. Um die Ergebnisse dieser Sentimentanalyse mit Wortmeldungen der Parteien aus einem anderen Forum vergleichen zu können, greife ich zudem auf einen Korpus mit Parlamentsreden zurück und analysiere die im gleichen Zeitraum im Nationalrat gehaltenen Reden.
Um eine Verzerrung der Ergebnisse durch sehr kurze Medienmitteilungen oder Wortmeldungen im Parlament (wie Rückfragen an die Redner) ausschliessen zu können, begrenze ich meine Untersuchung auf Medienmitteilungen von mindesten 50 und Reden von mindestens 100 Worte.
Kooperationsbereitschaft: Ja oder Nein? Für viele Parteien eine Frage des Forums
Bei den Medienmitteilungen zeigt sich bei der SVP eine durchgehend höhere Kooperationsbereitschaft als bei den anderen Parteien. Die Werte der anderen Parteien schwanken ziemlich stark, wobei seit 2015 bei der FDP und der GPS eine Tendenz zu höherer Kooperationsbereitschaft auszumachen ist, während SPS und CVP auf tieferem Niveau verharren. Im Nationalrat demonstriert hingegen die FDP das höchste Mass an Kooperationsbereitschaft. Anders als in den Medienmitteilungen zeigt sich sowohl bei der SVP
und noch deutlicher bei der GPS im Parlament eine tiefere Kooperationsbereitschaft. Beide Parteien geben sich gegenüber der Öffentlichkeit also kooperativer, als gegenüber anderen Parteien im Parla-ment. Die jeweiligen Niveaus an Kooperationsbereitschaft der Parteien sind im Parlament generell stabiler als bei den Medienmitteilungen.
Streiten vor Publikum, nicht aber im eigenen Haus
Auch hinsichtlich der Konfliktbereitschaft der Parteien zeigen sich deutliche Unterschied zwischen ihren Medienmitteilungen und Nationalratsreden. Im Gegensatz zur Kooperation, wo der Anteil an Koopera-tion implizierende Worte sowohl für Medienmitteilungen als auch für Nationalratsreden zwischen zwei und drei Prozent schwankt, zeigt sich bei Medienmitteilungen ein durchgehend höherer Anteil an Konfliktbereitschaft implizierender Worte als bei Nationalratsreden. Ein möglicher Grund dafür dürfte das Bedürfnis der Parteien sein, sich von anderen Parteien abzuheben und so an Profil zu gewinnen.
Ein weiterer bemerkenswerter Unterschied zeigt sich im Vergleich zwischen den Parteien. Während in Nationalratsreden der Anteil Konfliktbereitschaft implizierender Worte für alle Parteien fast gleich hoch ist, zeigen sowohl die SVP und seit 2012 zunehmend auch die GPS in ihren Medienmitteilungen eine zuletzt fast doppelt so hohe Konfliktwort-Quote wie die CVP und die FDP. Die Signalisierung von Konfliktbereitschaft hatte bei diesen Mitteparteien in den letzten fünf Jahren sogar eine rückläufige Tendenz. Seit 2015 scheint sich zudem die SPS den aggressiveren Stil der GPS und SVP zum Vorbild zu machen und ebenfalls zunehmend Konfliktbereitschaft zu signalisieren.
Sind Kooperation- und Konfliktbereitschaft Gegensätze?
Intuitiv scheint eine Bejahung dieser Frage naheliegend. Eine OLS-Regressionsanalyse zeigt allerdings, dass lediglich in den Medienmitteilungen der SVP eine steigende Kooperationsbereitschaft mit einer sinkenden Konfliktbereitschaft einher geht. Bei den anderen Parteien scheint hingegen eine gleichzeitige Zunahme von Konflikt und Kooperationsbereitschaft keinen Widerspruch darzustellen. Trotz des Trends der SVP ist diese positive Korrelation über alle Parteien hinweg signifikant.
Was diese, verglichen mit den anderen grossen Parteien unterschiedliche Tendenz der SVP verursacht, ist unklar und kann im Rahmen dieser Analyse nicht abschliessend geklärt werden.
Abschliessend lassen sich folgende Ergebnisse der Analyse festhalten:
- Die meisten Parteien schlagen in ihrer Kommunikation gegenüber den Medien und der Öffentlich-keit einen anderen Ton an, als im Nationalrat. Eine Ausnahme bildet die FDP, welche sowohl in Medienmitteilungen als auch in Nationalratsreden ein vergleichsweise hohes Mass an Koopera-tionsbereitschaft signalisiert. SVP und Grüne hingegen signalisieren im Nationalrat weniger, CVP und SPS wiederum mehr Kooperationsbereitschaft.
- Während die Konfliktbereitschaft im Nationalrat über die letzten 8 Jahre nur marginale Unter-schiede zwischen den Parteien aufweist, kam es bei den Medienmitteilungen der Parteien zu grossen Veränderungen. Die GPS und auch die SPS geben sich hier zunehmend konfliktbereit und machen insofern der SVP Konkurrenz. FDP und CVP hingegen zeigen eine abnehmende Bereit-schaft für Konflikte. Für alle Parteien gilt aber, dass die Konfliktbereitschaft in Medienmitteilungen höher ist als in Nationalratsreden. Gegenüber der Öffentlichkeit zeigen also alle Parteien mehr Zähne.
- Unter den untersuchten Parteien scheint eine Tendenz zu existieren, dass stärkere Kooperations-signale mit stärkeren Signalen der Konfliktbereitschaft einher gehen. Einzig die SVP läuft diesem Trend zuwider. Die Gründe für diese Aussenseiterrolle können hier jedoch nicht abschliessend geklärt werden.
Wie sind die gefundenen Kooperations- und Konfliktsignale der Parteien zu deuten?
Die Unterschiede in der Signalstärke der Parteien zur Kooperations- oder Konfliktbereitschaft dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese nicht mit der tatsächlichen Bereitschaft einer Partei zur Kooperation oder Streit mit anderen Parteien gleichzusetzen sind. Die signalisierte Bereitschaft gibt jedoch einen interessanten Einblick in das Selbstbild, welches die Parteien vermitteln möchten. Es sollte zudem bedacht werden, dass eine Analyse der französischen und italienischen Parlamentsreden und Medienmitteilungen nicht zwingend zu den gleichen Ergebnissen kommen würde. Ob es hierbei wesentliche Unterschiede gibt ist eine interessante Frage, die hier jedoch unbeantwortet bleiben muss.
Bibliographie der genutzten Quellen
Bundesversammlung: Reden Archiv. (https://www.parlament.ch/de/reden/Seiten/reden-archiv/Seiten/default.aspx [Stand: 27.5.2018]).
CVP – Schweiz Medienstelle: Communiqés. (https://www.cvp.ch/index.php/de/medienstelle [Stand: 27.5.2018]).
FDP – Die Liberalen: Medienmitteilungen. (https://www.fdp.ch/aktuell/medienmitteilungen/ [Stand: 27.5.2018]).
Grüne: Alle Medienmitteilungen. (http://www.gruene.ch/gruene/de/medien/alle_medienmitteilungen.html [Stand: 27.5.2018]).
Lasswell, Harold Dwight und Kaplan, Abraham (1963): Power and society. A framework for political inquiry. New Haven: Yale University Press.
Lasswell Value Dictionary (1998): General Inquirer Augmented Spreadsheet. (http://www.wjh.harvard.edu/~inquirer/spreadsheet_guide.htm [Stand: 27.5.2018]).
Lasswell Value Dictionary (1998): Power Cooperation Dataset. Übersetzt ins Deutsche von Robin Gut (<email-pii>)
Namenwirth, Joseph Zvi und Weber, Robert Philip (1987): Classification and Interpretation in Content Analysis: The Lasswell Value Dictionary. In: Namenwirth, Joseph und Weber, Robert (Hrsg.): Dynamics of culture. Boston. Allen and Unwin, Inc.: 27–53.
SP – Wir sind die SP Schweiz: Medienmitteilungen. (https://www.sp-ps.ch/de/overview/content/26%2B28/all [Stand: 27.5.2018]).
SVP Die Partei des Mittelstandes: Medienmitteilungen. (https://www.svp.ch/news/artikel/medienmitteilungen/ [Stand: 27.5.2018]).
Disclaimer
Von Tariq Rizvi (<email-pii>, Matrikelnr. 99-055-030)
Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen eines Forschungsseminars am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich im Frühlingssemester 2018 entstanden: Politischer Datenjournalismus bei Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Alexandra Kohler und Dr. des. Bruno Wüest.
Abgabedatum: 27.05.2018
Anzahl Wörter (ohne Lead und Anhang): ca. 1037 Wörter
Titelbild: https://www.hawaiibusiness.com/5-steps-to-turn-conflict-into-cooperation/