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Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beklagen Gelehrte die Plünderungen in der antiken Stadt und fordern systematische Grabungen ein. Vergeblich appellieren sie an die Obrigkeit, dass regelmässig Gelder für die wissenschaftliche Erforschung zur Verfügung gestellt werden sollten. So entstand die Idee, eine grössere Öffentlichkeit anzusprechen und dafür zu begeistern, eine Vereinigung zur Rettung von Aventicum zu gründen.
Die Association Pro Aventico gestern und heute
Die Wiederentdeckung von Aventicum
Johannes Stumpf, Historiker, Theologe und Topograph (1501-1566)
Jahrhundertelang waren die Reste von Aventicum, der Hauptstadt der Helvetier, in Vergessenheit geraten, bis sie im 16. Jahrhundert das Interesse von Gelehrten wie Johannes Stumpf und Aegidius Tschudi erregten.
Im 18. Jahrhundert wurden umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt, die zu irreparablen Zerstörungen führten, und schon bei Anbruch des 19. Jahrhunderts wurden Stimmen laut, die den Schutz der archäologischen Fundstätte forderten.
Aegidius Tschudi, Historiker und Politiker (1505-1572)
Im Jahr 1822 ernannte der Waadtländer Staatsrat erstmals zwei Kuratoren für die Altertümer: Louis Reynier in Lausanne und François-Rodolphe de Dompierre in Avenches.
François-Rodolphe De Dompierre (1775-1844)
Ab 1824 wird eine erste archäologische Sammlung in einem Privatgebäude eingerichtet, dem Cercle Vespasien. Sie wird später in den aus dem Mittelalter stammenden Turm am Amphitheater verlagert. Das seit dem Jahr 1838 kantonale Römermuseum von Avenches befindet sich noch heute in diesem Gemäuer.
Der mittelalterliche Turm über dem Amphitheater
Gründung der Association Pro Aventico
Im Jahr 1876 richtete der Historiker und Literat Charles Morel – zunächst jedoch erfolglos – einen Antrag an die Société d’histoire de la Suisse romande (SHSR). Einige Jahre später wurde dieses Projekt vom Waadtländer Historiker Eugène Secretan wiederaufgegriffen, der einen Kreis von Persönlichkeiten zusammenführte, zu denen u. a. eines der Gründungsmitglieder der SHSR gehörte, Alexandre Daguet, Professor für Geschichte und Archäologie an der Académie de Neuchâtel.
Am 11. Juni 1885 erfolgte ein neuer, von Ch. Morel, E. Secretan und A. Daguet unterzeichneter Antrag an die SHSR. Nach einer positiven Stellungnahme wurde am 3. September die Association Pro Aventico ins Leben gerufen. Als der interkantonale Vorstand am 24. Oktober 1885 in Avenches erstmals tagte, konnte er bereits auf die Unterstützung von über 400 Mitgliedern zählen.
Drei der Gründer der Association Pro Aventico
Ch. Morel
A. Daguet
E. Secretan
Ziele und Errungenschaften
Die vom ersten Vorstand formulierten Ziele unterscheiden sich kaum von den seit Jahrzehnten wiederholten Anliegen: Schutz und Erhaltung der Monumente, Durchführung systematischer Ausgrabungen zur Erforschung der antiken Topografie von Aventicum und Erweiterung der Museumssammlung durch die bei den Grabungen zu Tage gekommenen Funde.
Im Winter 1885-86 beginnen die ersten Grabungen, unter anderem an der Westtor-Nekropole, wo zahlreiche Grabstelen gefunden wurden.
1887 erscheint das erste Bulletin. Es enthält die Berichte über die von der Association durchgeführten Grabungen. Im Jahr 1888 gibt die Vereinigung den ersten, vom kommissarischen Draineur Auguste Rosset erstellten archäologischen Plan heraus.
1889 werden am Theater Sondierungsgrabungen unternommen, 1892 beginnt man mit den ersten Konsolidierungsarbeiten. Dank einer öffentlichen Spende im Jahr 1895 waren die privaten Grundstücke am antiken Theater aufgekauft worden und somit der Erhalt dieses antiken Bauwerks gesichert. In Anerkennung ihres Engagements erhielt die Association bei der Landesausstellung von Genf 1896 eine Silbermedaille.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden zwar weniger Grabungen statt, doch es wurden wichtige politische Entscheide getroffen: Der Kanton Waadt beginnt mit der Unterschutzstellung historischer Denkmäler, und das im Jahr 1912 eingeführte Schweizerische Zivilgesetzbuch verankert in einem Artikel den Rechtsanspruch des Staates auf alle Bodenaltertümer.
Ab 1897, und vor allem in den Jahren 1916 bis 1947, wurden unter der Leitung des späteren Waadtländer Kantonsarchäologen Louis Bosset Restaurierungsmassnahmen an der Stadtmauer und am Osttor durchgeführt. Systematische Grabungen wurden erst 1938 wieder aufgenommen, zunächst am Cigognier-Tempel. Diese Grabungskampagne wurde geprägt durch die unglaubliche Entdeckung der Goldbüste des Kaisers Marc Aurel am 19. April 1939. Weitere Grabungen am Theater und Amphitheater folgten.
Die Freilegung des Amphitheaters und die Rekonstruktion eines Teils der Sitzstufen wurden von einem grosszügigen Mäzen finanziert, dem Industriellen Maurice Burrus. Die Entdeckung und Restaurierung der Forumsthermen auf der Flur En Perruet fanden nach dem Zweiten Weltkrieg statt.
Durch die Industrialisierung und den Bauboom Anfang der 1960er-Jahre ist die archäologische Fundstätte erneut bedroht.
Angesichts dieser Besorgnis erregenden Situation gründet die Vereinigung im Jahr 1964 die Fondation Pro Aventico, eine vom Kanton Waadt anerkannte Stiftung. Mit der Unterstützung von Kanton und Bund ist sie seitdem für die Durchführung von Grabungen und für die Verwaltung der Römerstadt und des Römermuseums verantwortlich.
Diese Zeit war daher von einer Vielzahl von Entdeckungen geprägt, die im Zuge der baulichen und industriellen Entwicklung der modernen Stadt und der Anlage neuer Infrastrukturen gemacht wurden. 2014 hat der Kanton Waadt die Leitung übernommen und verwaltet seither das archäologische Kulturerbe von Avenches.