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Summer Circle (Navona Records NV 5873), 2012
Martin Schlumpf: „December Rains“ (Karolina Rojahn), „Clarinet Trio“ (Rane Moore, Rafael Popper-Kaiser, Cory Smythe), „Summer Circle“ (Krypton Quartet: Alexandra Osborne, Joel Fuller, Abigail Evans, James Lee)
Verkaufslinks: Amazon / iTunes
Hörbeispiele: December Rains / Clarinet Trio / Summer Circle
Booklet Text CD Summer Circle
Die hier vorliegende CD stellt die sicherlich gewichtigste Kammermusikkomposition Schlumpf’s, das Klarinettentrio von 1997, ins Zentrum, umrahmt vom vier Jahre früher geschriebenen Klavierstück „December Rains“ und dem Streichquartett „Sommerkeis“, das 2007 als Bearbeitung des Saxophonquartetts „Winterkreis“ entstanden ist.
Allen diesen Stücken gemeinsam ist eine ausgesprochen lebendige und vielfältige Rhythmik, eine farbenprächtige Harmonik, eine auf klaren Motiven aufgebaute Melodik und eine formale Gliederung, die mit grosser variativer Fantasie all diese Elemente zu einer Geschichte zusammenfasst, die die Vorstellungskraft der Hörenden zu einem mit individuellen Bildern bestückten „Theater“ anregen möchte.
„December Rains“ eröffnet mit einer 11/8-Figur, die mehrfach wiederholt quasi als Leitgedanke an verschiedenen Stellen des Teils A wiederkehrt. Gegensätzlich dazu sind Teile mit weit ausgreifenden Melodiebögen, insistierend repetitive Akkordblöcke und eine rasende Unisono-Kadenz hineingeschitten.
Nach einer grossen Steigerung am Ende dieses Teils folgt der stark kontrastierende Teil B, „December Song“, in dem das Klavier eine verhalten wehmütige, leise, aus tiefer Seele sprechende Melodie singt.
Der mächtige Torso des „Klarinettentrios“ ist aufgrund eines mehrschichtigen Architekturplanes entstanden, der ausschliesslich aus Fibonacci-Zahlenproportionen zusammengestellt ist (vgl. Enhanced Content). Mit dem Ziel einer Realisierung der unterschiedlichsten musikalischen Charaktere, bis weit in die Extreme ausgedehnt, hat Schlumpf diese formale „Hülle“ gefüllt. Die Individualisierung der drei Stimmen ist dabei besonders noch durch gleichzeitig ablaufende unterschiedliche Tempoebenen, einer Tempopolyphonie, unterstrichen, die besonders klar zu Beginn des Stücks hörbar wird.
Die mehrheitlich sehr bewegte, stark rhythmisch geprägte Musik bricht nach einer intensiven Steigerung nach gut einem Drittel der Gesamtdauer plötzlich ab: nach einem vollständigen Bewegungsstillstand folgt ein ruhiger, leiser Abschnitt (Teil C), der nach einer Flageolet-Passage des Cellos in ein angedeutetes Zitat aus dem Brahms-Klarinettentrio mündet. Eine Hommage Schlumpf’s an einen Meister der dichten motivischen Kontrapunktik sowie ein feiner Hinweis auf Schlumpf’s musikalisches Umfeld: der junge Klarinettenstudent hat das Brahms-Trio selber gespielt, früher mehrere Jahre Cello geübt und später Klavier studiert.
Bis das Stück mit einer Explosion der Gefühle und einer fast tonlosen, rituell- verendenden Coda geschlossen wird, tauchen neuartige tempopolyphone Abschnitte (Teil D), eine heterophone Unisono-Passage mit vielen Temposprüngen (Teil E), mikrotonale Farben und kadenzartige Solostellen auf (Teil G): ein Kaleidoskop von Mustern, Farben und Bewegungen!
Im gesamten Oeuvre von Schlumpf gibt es nur ein einziges Werkpaar, das im Verhältnis Original zu Bearbeitung steht: das 1991 geschriebene Saxophonquartett „Winterkreis“ zum 2007 entstandenen Streichquartett „Sommerkreis“. Aus dem eher rauhen Saxophon-Winterklang ist ein helleres, leichtes Sommer-Ambiente geworden. Bei gleichbleibender Grossform und weitgehenden inhaltlichen Entsprechungen haben sich die Grundtonalität, der zögernde Aufbau des Beginns und die Komplexität einzelner Überlagerungspassagen verändert.
Die Grundidee von „Sommerkreis“ besteht in der rondoartigen Wiederkehr eines Kernmotivs, das in minimalartiger Technik dargestellt und variiert wird.
Vorstellbar als Quelle eines Bächleins entwickelt sich zu Beginn ein immer
stärkeres Gewässer, das schliesslich zu einem Fluss anschwillt. Dann plötzlich wendet sich der Blick, eine übermütige Schar von Vögeln begrüsst wild den Morgen. Nach der allmählichen Vereinigung ihres Gesangs, kommt wieder das Wasser ins Blickfeld: in den unterschiedlichsten Wellenbildern folgen wir dem Fluss durch das Land. Von Zeit zu Zeit „abgelenkt“ durch weite ruhige Felder, leere Strassen in der Mittagshitze, Schnipsel von Alltäglichem, und unvermittelt: kurze, immer wieder abbrechende Radiomusik … bis der Fluss sich zum letzten Mal in gemeinsamer Kraft vereint und danach wider zum kleinen Rinnsal vertrocknet.
So oder anders könnte die Geschichte sein – kreisförmig angelegt.