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Anarchie
Marcel Alexander Niggli
29 Immer wieder hört man, dass wir in «blanker» Anarchie enden würden, wenn … der Staat, die Behörden, irgendeine Autorität, die Gesetze etc. nicht bestünden bzw. durchgesetzt würden. Behauptet wird mithin, dass Anarchie die Folge sei, wenn eine bestimmte Autorität nicht beachtet oder aufrecht erhalten werde. «Anarchie» meint dabei Chaos, ein unstrukturiertes Tohuwabohu, ein lebensunwertes Durcheinander, was eben abgelehnt wird. Das ist natürlich kreuzfalsch.
Kreuzfalsch ist es alleine schon deshalb, weil Anarchie eben nicht die Abwesenheit von Ordnung bezeichnet, sondern Abwesenheit von Herrschaft. Archía (ἀρχία) meint Herrschaft, ἀναρχία (anarchía) die Abwesenheit von Herrschaft, also Herrschaftslosigkeit, nicht Unordnung. Wer Anarchie verwendet, um einen ordnungslosen Zustand zu bezeichnen, impliziert nichts anderes, als dass Ordnung nur durch Herrschaft möglich sei.
«Die Demokratisierung der Gesellschaft ist der Beginn der Anarchie, das Ende der wahren Demokratie.»
Franz-Josef Strauss
Das kann man natürlich vertreten, stellt aber letztlich ein Konzept dar, das sich auf sich selbst bezieht. Weil Ordnung nur durch Herrschaft entsteht (impliziter Satz), führt die Abwesenheit von Herrschaft zu Chaos und Unordnung (expliziter Satz), weshalb Anarchie gleichbedeutend sei mit Unordnung. Symptomatisch ist etwa die Klassifikation von Machiavelli (der sich auf Aristoteles bezieht), nach welcher es drei «gute» Formen von Herrschaft gibt (Monarchie, Aristokratie, Demokratie) und drei «schlechte» (Tyrannei, Oligarchie und eben Anarchie). In dieser Struktur ist Anarchie nichts anderes denn eine Degenerationserscheinung von Demokratie. Sie dient dazu, Demokratie zu de- und Herrschaft zu legitimieren (so etwa Hobbes), weil selbst die Tyrannei der Anarchie vorzuziehen sei. So tatsächlich der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss:
«Die Demokratisierung der Gesellschaft ist der Beginn der Anarchie, das Ende der wahren Demokratie. Wenn die Demokratisierung weit genug fortgeschritten ist, dann endet sie im kommunistischen Zwangsstaat.» (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 11. Januar 1978).
In Wirklichkeit ist Anarchie nichts anderes, als eine Ordnung ohne Herrschaft. Das lässt sich ohne weiteres erkennen, wenn wir an das eigene familiäre oder freundschaftliche Umfeld denken. Empathie stellt Ordnung ganz ohne Herrschaft her, was Adam Smith noch wusste (vgl. seine Theory of Moral Sentiments, 1759), was aber inzwischen vergessen gegangen ist, sodass heute nur noch sein Wealth of Nations (1776) erinnert wird, die fälschlicherweise als Gegenentwurf zu jenem Werk gelesen wird.