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Neun von zehn Äthiopiern leben von Ackerbau und Viehwirtschaft (heute noch 85%). Durchschnittlich einer nur betätigt sich in Handel oder Industrie oder arbeitet als Beamter, Lehrer oder Soldat.
Die meisten Bauern betreiben auch heute noch weitgehend Subsistenzwirtschaft, d.h. die erzeugten Produkte dienen in erster Linie der Eigenversorgung. Güter des täglichen Bedarfs werden nur in unbedeutenden Mengen gehandelt.
Je nach Klima, Gelände und Kulturgeschichte nutzt die Bevölkerung das Land sehr unterschiedlich. Grundsätzlich können drei Nutzungsarten unterschieden werden, die allerdings in der Realität in verschiedensten Kombinationen und Mischformen auftreten:
a) Pflugbauern, die vorwiegend Getreide anbauen und ergänzend Viehzucht betreiben;
b) Hackbauern mit Spezialkulturen wie Ensete, Knollenfrüchten und Kaffee; ebenfalls in Mischwirtschaft mit Viehhaltung;
c) Hirtenvölker, die vorwiegend von der Tierzucht leben und nur wenig oder keinen Ackerbau betreiben.
Typisch für alle diese Wirtschaftsformen in den meisten Entwicklungsländern ist der Umstand, dass sich die ganze Familie in die anfallenden Arbeiten des Betriebes teilen; Frauen, Männer und Kinder helfen mit und erfüllen meist spezifische Aufgaben.
Die wohl typischste Landnutzungsform ist vorwiegend auf dem Hochland, in Höhen zwischen 1’000 und 2’800 m, anzutreffen: Es ist der Ackerbau mit dem Ochsenpflug und ergänzender Tierhaltung. Angebaut werden vor allem verschiedene Getreidesorten, etwas Erbsen und Ölsaaten.
An Tieren hält sich fast jeder Hof eine kleine Hühnerschar zur Eier- und Fleischproduktion. Mit Hilfe von Zeburindern (insbesondere Ochsen) werden die Äcker gepflügt und das Getreide gedroschen. Ziegen und Haarschafe (im Gegensatz zu Wollschafen) werden gemästet und für den Verkauf geschlachtet. Ein bis zwei Esel stehen als genügsame Tragtiere zur Verfügung. Wärschafte Bauern halten sich ferner als Reittier ein Pferd oder, wenn sie sich den höheren Anschaffungspreis leisten können, ein Maultier.
Die Mischwirtschaft von Ackerbau und Viehzucht ist einerseits notwendig, damit genügend Tierkraft für die Bearbeitung der Felder und die Getreideverarbeitung sowie Dünger für die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit vorhanden ist. Anderseits sichern sich die Bauern auch gegen betriebliche Risiken ab: Ernteeinbussen im Landbau sind häufig und müssen gegebenenfalls durch den Verkauf von Haustieren kompensiert werden. Allerdings ist diese Risikoabsicherung nur bei räumlich begrenzten Ernteeinbussen wirkungsvoll. Werden, wie in Dürrejahren, ganze Landstriche von Missernten geplagt, ändert sich das Preisgefüge: die Getreidepreise steigen drastisch, während die Tierpreise fallen. Im Katastrophenjahr 1984 konnten die äthiopischen Bauern beispielsweise für eine Kuh 18 mal weniger Getreide einhandeln als in normalen Jahren.
Die Erträge der pflanzlichen und tierischen Produktion sind im Vergleich zu Europa, aber auch zu anderen Entwicklungsländern, bescheiden.
Die Flächenerträge im Ackerbau variieren von Feld zu Feld je nach Bodenfruchtbarkeit und Saatgut sowie von Jahr zu Jahr je nach Regenverteilung. Im Durchschnitt liegen sie nur bei 20 bis 30 Prozent vergleichbarer mitteleuropäischer Erträge. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die äthiopischen Bauern weder Kunstdünger noch Pflanzenschutzmittel verwenden. Es erwachsen ihnen somit keine zusätzlichen Produktionskosten.
Ähnlich bescheiden sind auch die Erträge aus den Tierbeständen. Die Milchleistung einer europäischen Hochleistungskuh etwa liegt bis zwanzigmal höher als von lokalen Zeburindern. Auch hier darf man jedoch nicht vergessen, dass die äthiopischen Rinder ausschliesslich rohfaserreiches Raufutter fressen und kein Kraftfutter erhalten.
Reine Weidewirtschaft, also Tierhaltung ohne begleitenden Ackerbau, wird vor allem in ungünstigen Klimabereichen betrieben – in grossen Höhen über 3000 m ü.M. werden Schafe (Haar und Wollschafe), Ziegen und Rinder gealpt. Die oberste Anbaugrenze für Getreide (d.h. Gerste) liegt bei 3’800 m.
Als weitere Extremlagen gelten die Trockengebiete, wo die natürliche Regenmenge keinen Ackerbau ohne Bewässerung mehr erlaubt (Grenze des Regenfeldbaus liegt bei zirka 300 mm Niederschlag pro Regenzeit). Diese Dornsavannen und Halbwüsten liegen meist unter 1000 m ü.M. und finden sich im Norden, Osten und Südosten des Landes, im Regenschatten der Gebirge. Sie werden vielfach von eigentlichen Nomaden genutzt, die sich auf der Suche nach Futter und Wasser für ihre Tiere auf dauernder Wanderschaft befinden.
Grosse Tierzahlen bedeuten für die Nomaden wirtschaftliche Sicherheit, aber auch soziales Prestige. Der Hang zur Vergrösserung der Herden, der sich daraus ergibt, mag für die einzelne Familie durchaus sinnvoll sein, doch die kollektiven Folgen sind gefährlich. Die Überbeanspruchung der Weiden führt zu ökologischen Schäden an den Futtergründen und zu einer Abnahme der Tragfähigkeit.
Die Nomaden ernähren sich in erster Linie von tierischen Produkten, von Milchprodukten und Blut, essen aber nur relativ wenig Fleisch (freiwillig werden Tiere nur sehr selten geschlachtet; das Töten von weiblichen Tieren wird von einzelnen Stämmen gar als Verbrechen betrachtet). Zur Ergänzung verspeisen sie Brot aus Getreide, das sie kaufen oder für spezielle Dienstleistungen von Sesshaften einhandeln (z.B. für das Hüten ihrer Herden).
Die bedeutendsten Nomadenvölker sind die Afar, Somali und einige Gruppen der Oromo-Familie. Halbnomadisches Hirtentum ist im weiteren bei verschiedenen Völkern im Süden und Westen des Landes zu beobachten.
Neben der Viehzucht betreiben Nomaden meist auch Handel und Schmuggel. Ein faszinierendes Beispiel dafür bildet der Salzhandel der Afar. Salzblöcke aus den Salzpfannen der Danakil-Wüste werden in riesigen Karawanen auf die Märkte im zentralen Hochland befördert.
Eine einmalige Landnutzung ist der Ensete-Anbau im Süden. Als Spezialisten im Anbau von Ensete, die als “falsche Bananen” bekannt sind, gelten vor allem die Angehörigen des Gurage-Volks.
Auf gut gedüngten und sorgfältig gepflegten Kleinterrassen werden Stauden dieser Banane, die “falsch” heisst, weil sie keine Bananenfrucht gibt, angebaut. Das stärkehaltige Mark der Wurzelknolle, des Scheinstammes und der Blattscheiden liefert ein Mehl, das zu Brot oder Brei verarbeitet als Grundnahrungsmittel dient. Blätter und Fasern der Ensete werden beim Häuserbau verwendet. Die Flächenerträge der Ensete-Kulturen sind sehr hoch und erlauben auch bei grosser Bevölkerungsdichte eine genügende Produktion.
Der Boden wird in dieser Gebieten vorwiegend mit der kurzstiligen Hacke bearbeitet. Diese Art der Bodenbearbeitung kann als wirksame Antwort auf die – durch das Bevölkerungswachstum herbeigeführte – Landverknappung verstanden werden. Denn ohne Rinderhaltung lassen sich alle Flächen für die Nahrungsmittelproduktion nutzen. Auch in den westlichen Tieflandgebieten wird vielfach Hackbau betrieben, der dort jedoch dem Anbau von Mais und Hirse dient und sich kulturell an die schwarzafrikanische Anbautradition anlehnt.
Die künstliche Bewässerung der Anbaufläche ist in Äthiopien traditionell weitgehend unbekannt. In Eritrea und im Süden des Landes, insbesondere entlang des Awash-Flusses, sind im Laufe der letzten Jahrzehnte allerdings verschiedene Bewässerungsfarmen aufgebaut worden, die einen agroindustriellen Anbau betreiben und häufig für den Export produzieren. Angebaut werden Zuckerrohr, Baumwolle und Ölsamengewächse. Daneben gibt es gemischte Grossbetriebe, die auch Baumfrüchte, Gemüse, Kaffee, Tee und Chat (schwache Stimulationsdroge, Export nach den arabischen Staaten) hervorbringen.
Die Derg Regierung förderte den Kollektiv-Ackerbau auf Staatsbetrieben und vernachlässigt darob die Entwicklung der Subsistenzbetriebe. In den Neusiedlungsgebieten im Südwesten des Landes, wohin damals Zehntausende von Bauern aus dem Norden umgesiedelt werden, wurde fast ausschliesslich Kollektiv-Landwirtschaft betrieben (vgl. Kap. 10 und 13).
Seit dem Machtwechsel haben sich viele Bauernbetriebe, insbesondere im Süden stark modernisiert und investiert. Es gibt grössere Agrarunternehmungen, die z.B. im Blumensektor rein exportorientiert arbeiten. Im ganzen Lande wurde gross in Bewässerungswerke investiert.
In den Gebieten mit grosser Bevölkerungsdichte und nur kleinen Betriebsflächen sind wenig Produktionssteigerungen zu verzeichnen. Ein neues Phänomen der ländlichen Gebiete sind die landlosen „Bauern“.
Die Regierung betreibt in Zusammenarbeit und Abhängigkeit von Internationalen Organisation im ganzen Lande ein relativ dichtes Netz für Landwirtschaftliche Beratung. Insbesondere mit Kleinkrediten soll die Produktion gesteigert werden. Leider gelingt es wenigen Entwicklungsbemühungen, echte Agrarreformen einzuleiten. Viele Entwicklungskonzepte passen schlecht zur Situation der Subsistenz-Bauern. Die ländliche Armut wird sich nur langfristig verbessern lassen.