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Biografie über das Leben der Pianistin Alice Herz-Sommer
Ein Jahrhundertleben
Wie sich die heute 103 jährige Alice Herz-Sommer in einem Jahrhundert voller Umbrüche und Grausamkeiten die Liebe zu den Menschen bewahren konnte, erzählt ihre Biografie „Ein Garten Eden inmitten der Hölle“. Zwei Autoren führen darin durch die Lebensgeschichte der grossen Pianistin, die sich im zweiten Weltkrieg mit Chopin-Etüden das Leben rettete. Klavierstücke, technisch so schwierig, dass selbst ihre männlichen Kollegen daran scheiterten.
Paradiesisches Talent
Alice Herz-Sommer wurde 1903 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Marianne in Prag als Tochter jüdischer Eltern geboren. Sofie und Friedrich Herz pflegten ein Haus, in das Künstler und Literaten wie Felix Weltsch, Gustav Mahler und Franz Kafka ein und aus gingen. Wie ihre Mutter, entdeckte Alice bereits früh die Liebe zu Musik und Klavier. Und obwohl sie gegenüber der körperlich schwächeren Zwillingsschwester benachteiligt wurde, entwickelte sie ihr aussergewöhnliches Talent neben Schule und Hausarbeit. Ein Talent, mit dem sie sich und ihrer Familie durch zwei Weltkriege hindurch einen „Garten Eden inmitten der Hölle“ zu erschaffen vermochte .
Zwei Autoren
Melissa Müller und Reinhard Piechocki verfassen die Erzählungen einer der grössten Pianistinnen des letzten Jahrhunderts. Ein Leben, das inmitten antisemitischer Anfeindungen durch zwei Weltkriege führt. Ergänzt werden die Ausführungen durch die Früchte minutiöser Kleinarbeit geschichtlicher Recherchen.
Melissa Müller, 1967 in Wien geboren, ist Autorin und Journalistin. Ihre Bücher "Das Mädchen Anne Frank" und "Bis zu letzten Stunde, Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben" wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt in München.
Reinhard Piechocki, geboren 1949, ist für die Internationale Naturschutzakademie Insel Vilm tätig und hat sich als Autor zeitgeschichtlicher und kunsthistorischer Publikationen einen Namen gemacht. Über seine Leidenschaft für die Klaviermusik ist er mit Alice Herz-Sommer in Kontakt gekommen, mit der ihn seit vielen Jahren eine enge Freundschaft verbindet.
Überlebensgrosser Optimismus
Mit sechzehn wird Alice Herz-Sommer jüngstes Mitglied der Meisterklasse an der Deutschen Musikakademie in Prag. Schon wenige Jahre später ist sie eine der bekanntesten Pianistinnen der Stadt. Ihre Welt beginnt jedoch, durch die immer härter werdenden Repressionen, brüchig zu werden. Als ihr Vater 1942 fast sein ganzes Vermögen verlor und ihre Mutter im selben Jahr deportiert wird, scheint es, als sei auch ihr Leben an ein Ende gekommen.
Mit überlebensgrossem Optimismus fasst Herz-Sommer den Entschluss, die 24 Etüden von Fréderic Chopin auf dem Pianola einzustudieren, das ihr nach der Räumung noch geblieben war. Es sind die technisch schwierigsten Klavierstücke, die sie kennt und selbst namhafte Pianisten wie Arthur Rubinstein nie am Stück gespielt haben.
Von einer inneren Stimme getrieben schuf sie sich damit eine eigene, heile Welt.
Zur Zeit ihrer Deportation im Jahr 1943 hatte sie die Etüden zur konzertreife gebracht, deren Vorträge ihr und ihrem Sohn das Leben retten würden.
Heute lebt die Pianistin in London und spielt in ihrer kleinen Wohnung einem Freundeskreis jeden Tag vor. Als sie mit über 80 Jahren die Zeigefinger nicht mehr bewegen kann, schafft sie es, ihr Repertoire mit acht Fingern neu einzustudieren.
Ihr Sohn Stephan Sommer, Cellist und Dirigent, stirbt 2001 während einer Israel Tournee.
Melissa Müller/Reinhard Piechocki
Alice Herz-Sommer "Ein Garten Eden inmitten der Hölle"
Droemer, München 2006; Neuausgabe 2011, ISBN 978-3-426-78515-7.
Carmela Maggi, 10. Oktober 2006
Nachtrag:
Alice Herz-Sommer verstirbt am 23. Februar 2014 im Alter von 110 Jahren.