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Er schrieb immer und überall: Wiglaf Droste war eine imposante Erscheinung, geistreich, wortgewaltig und voller Energie. Ein Freund erinnert sich.
Das Erste, was ich von Wiglaf Droste hörte, war die Single «Grönemeyer kann nicht tanzen». Ich fand das Spottlied lustig und stiess auf seine Kolumnen, die mich begeisterten. Nach einer Lesung in Zürich 1994 lernte ich Wiglaf kennen, und wir wurden Freunde.
«Herrschaft wird durch Sprache ausgeübt», wusste Wiglaf. Und er konnte nicht anders, er musste widersprechen. Wo immer ihm Dummheit, Verlogenheit, Infamie und Geiz begegneten, setzte er sich wortgewaltig zur Wehr. In seinen Polemiken führte er den Zweihänder ebenso versiert wie das Stilett, und wenn er seine Feinde ausgemacht hatte, dann war er gnadenlos. Der Liedermacher Wolf Biermann war ihm ein «dummdreister Ranzlappen und Klassenkampfkasper», der Fernsehmoderator Jörg Wontorra schlicht «Gleitcreme».
Dass er als «Nilpferdpeitsche unter den deutschen Kolumnisten» bezeichnet wurde, gefiel ihm, auch wenn er sich selber nicht so marktschreierisch angepriesen hätte. Wiglafs Werk ist voller spöttischer Eigenbeschreibungen, er nannte sich Westfalian Alien und fühlte sich «grimmig, flauschig und schnell wie ein Bär», bis er schliesslich zum «Arthrosenkavalier» wurde, als ihn seine ramponierten Knie unters Chirurgenmesser zwangen.
Verabscheute Floskeln
Als Schriftsteller beschrieb Wiglaf die «allumgreifende Fehlbarkeit des Menschen», verfasste Liebesgedichte sowie auch eine stattliche Zahl von Glossen, die sich mit der Sprache befassen. Marketing- und Angeberfloskeln verabscheute er zutiefst, insbesondere wenn damit Profitstreben kaschiert werden sollte. In seiner Sprachkritik prangerte er den Gebrauch von Worthülsen an, das gedankenlose «Nachblöken von Propaganda». Im Gegenzug erfand er eigene Wortschöpfungen oder feierte lokal begrenzte Dialektausdrücke wie zum Beispiel das schweizerische «füdliblutt» (splitternackt) oder die norddeutschen Verben «ramentern» (lärmen), «kalbern» (spielen) und «wullacken» (arbeiten).
1989 gründete Wiglaf mit der «Höhnenden Wochenschau» die erste Berliner Lesebühne und zwei Jahre später das Benno-Ohnesorg-Theater, wo er abendfüllende Lesungen abhielt. Sowohl auf der Bühne wie auch privat war er eine imposante Erscheinung. Auf seinem wuchtigen Körper thronte ein ebensolcher Schädel mit weit auseinanderstehenden, hellwachen Augen: «Keine normale Brille passt auf meine Glommse», grollte er, als er ins Lesebrillenalter kam.
«Sicher für uns»
Wiglaf schrieb immer und überall: zu Hause in Leipzig, wohin er umzog, weil ihm der Umgangston besser gefiel als in Berlin, wie auch unterwegs auf Lesereise. Er haute zum Frühstück eine Konzertkritik raus, schrieb im Zug eine Kolumne, ärgerte sich über eine Zeitungsmeldung und verfasste dazu einen Kommentar, bevor er zum Auftritt ging, wo er sich zwei Stunden verausgabte. Auf der Bühne scheute er sich nicht, mitten im Text innezuhalten und versonnen ein Lied zu singen. Zuletzt begleitete ihn Ralph Schüller auf der Gitarre, wenn er mit geschlossenen Augen «Knockin’ on Heaven’s Door» zum Besten gab.
Wiglafs ausgeprägtes Interesse für gutes Essen und Trinken führte schliesslich zur Entstehung der kulinarischen Kampfschrift «Häuptling Eigener Herd», die er von 1999 bis 2013 zusammen mit dem befreundeten Spitzenkoch Vincent Klink publizierte. Er liebte «Tim und Struppi», besonders natürlich den hitzköpfigen Kapitän Haddock. Wenn er neue Bekanntschaften machte, die sich in Hergés Universum nicht auskannten, schaffte er Abhilfe. Er besorgte «Tim und Struppi»-Bände und schenkte sie den Unwissenden. Für Einsteiger besonders geeignet erschien ihm «Der Fall Bienlein» mit der Szene, in der Haddock seitenlang sehnsüchtig auf eine Flasche Weisswein schielt, während Tim versucht, den Kriminalfall zu lösen. «Eine Flasche und zwei Gläser, sicher für uns!», mutmasst Haddock in einer Villa am Genfersee. «Sicher für uns», wandte Wiglaf als Parole gerne auf sämtliche Annehmlichkeiten an, die ihm auf seinem Weg begegneten. Sein Plural war kein majestätischer, sondern ein grosszügig einladender. Freuden aller Art genoss er vorzugsweise mit seiner Liebsten oder in Gesellschaft guter FreundInnen. Tage mit Wiglaf waren intensiv: geistreich, lustig, beglückend, kompromisslos, ausschweifend und auch anstrengend. Selbst nach mehrtägigem Reisen, Schreiben, Singen und Lesen war Wiglaf spätnachts noch voller Energie und neugierig, was die Nacht noch zu bieten haben könnte.
Voller Pläne
In den letzten Jahren war er gesundheitlich angeschlagen. Neben den kaputten Kniegelenken machte es ihm zu schaffen, dass er nicht mehr trinken konnte wie einst. Seine Stimme wurde dünner, er verlor an Gewicht. Trotzdem war er guter Dinge und voller Pläne. Er wollte den «Häuptling» neu lancieren und schrieb regelmässig Gedichte, die 2020 unter dem Titel «Wie ein Pfeil im Flitzebogen» veröffentlicht werden sollen. Aus Wiglafs Vorhaben, im Herbst im Zürcher «Kosmos» zu lesen und dann vielleicht noch im «Helsinki» beim Trio From Hell vorbeizuschauen, wird leider nichts mehr. Seit dem 15. Mai ist Wiglaf Droste «nicht mehr sterblich». Ich werde ihn schmerzlich vermissen.
Der Musiker und Autor Boni Koller (57) ist bekannt als Texter von Baby Jail und Schtärneföifi. Er lebt in Zürich.