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Die neue Küche meines besten Freundes ist beeindruckend ordentlich. Ich staune. Wir stehen am Herd, beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen für das Abendessen. Jede Schublade ist sorgfältig angeschrieben – Töpfe, Besteck, der Mixer, bunte Tassen, Reisvorräte und verschiedene Öle haben einen fixen Platz. Einzig eine Schublade ist Ort für das ungeordnete Allerlei, sie ist beschriftet mit «Ach Gott». Der chaotische Inhalt dieser Schublade brachte den Beschrifter an seine Grenzen, der Inhalt liess sich nicht auf einen Begriff bringen. «Ach Gott» – ein Schublädchen für das Namenlose, nicht Benennbare.
Diese ordentliche Küche mit ihrem heiligen Schublädchen erinnert mich an Teresa von Avila. Die Mystikerin und Nonne hat mich schon früh beschäftigt. Ich war Schülerin in einem Internat, das von einer Ordensschwester geleitet wurde. Sie trug den Namen der Heiligen Teresa und verwies nicht selten auf das grosse Vorbild. Die beiden Teresas – Sr. Teresa nach dem Zweiten Vatikanum, Teresa von Avila im 14. Jahrhundert – gehören zu den Frauen, die mutig ihren Platz in der katholischen Kirche suchten und von einer praktischen und alltagstauglichen Theologie lebten. Teresa von Avila pflegte eine intensive Beziehung mit ihrem «Christus unter den Kochtöpfen», ihrem «Herr der Töpfe und Pfannen» und berichtet ihm von der Ermüdung, die sie überfällt beim «Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen». Die «Innere Burg», wie Teresa ihre Anleitungen zur Seelen-Erforschung nannte (Las Moradas del Castillo interior, 1577), war mir später Leitfaden auf meinen Versuchen einer inneren, spirituellen Reise.
Sr. Teresa, die Schulleiterin in meinen Sekundarschuljahren, schrieb Gedichte, die von tiefer Spiritualität und messerscharfer Gesellschaftsanalyse zeugen. In einem der Gedichte bittet sie, dass sie «kein warenhaus» werden möge, mit «preisabschlagern
werbesound aktionenbergen», wo der «lift nur noch die tiefgarage erreicht». Wie passend, dass an der Auferstehungsfeier von Sr. Teresa das Requiem von Brahms gesungen wurde: Wie lieblich sind deine Wohnungen. Kritisch und wach wollte sie keine Warenhäuser spiritueller Erfahrung sein und sehen, sondern Raum für das liebliche Wohnen Gottes schaffen. Lieblich hiess bei ihr nicht «süsslich»: kein Nippes und keine Samtdecken im Hause Gottes, sondern sich energisch einmischen ins Zeitgeschehen, Staub wischen, ausmisten, Teppich klopfen, das Licht durch die Fenster lassen, auslüften. Alles oberflächlich Glänzende war ihr verdächtig. Sr. Teresa konstatiert in einem Gedicht etwas zynisch: «solange das wort nicht gold wird wen kümmert’s dass es fleisch wurde».
Verbum caro factum est – das Wort ist Fleisch geworden. Und es hat unter uns gewohnt, oder eigentlich «gezeltet», wie die Übersetzung heissen müsste. Sein Zelt aufgeschlagen. Das Wohnen Gottes ist also nicht in den Palästen, sondern den Hütten, Zelten, Baracken zu suchen. Verbum caro factum est – Ich denke an Zeltstädte in Flüchtlingslagern, an dünne, behelfsmässige Stoffbehausungen, die oft über Monate hinweg ein Zuhause sein müssen. Das ist der Ort, wo Gott ihr Zelt heute aufschlagen muss. Dort wohnt sie, weil sie in den Herbergen kein Zimmer bekommt.
Ein eigenes Zimmer. Dass ein eigenes Zimmer mehr ist als vier Wände (aber dies auch!), hat mich die Autorin Virginia Woolf gelehrt. Ein eigenes Zimmer ist ein Statement, ist ein Symbol, eine Ausrichtung. Ein eigenes Zimmer heisst: Hier ist mein dein Ort, ich schaffe Platz, meine deine Gegenwart an diesem Ort ist relevant. Das ist es, was Du Dir vielleicht wünschst. Ein eigenes Zimmer. Eines, was mehr ist als das kleine, abschliessbare Kästchen in der Kirche, das oft golden glänzt und doch «Zelt», Tabernaculum, Tabernakel heisst und Deine Wohnung sein soll; mehr als dieses Kästchen, wo wir Dich vermuten, wenn wir fragen: Rabbi, wo wohnst Du? (Joh 1,38) Wenn wir dich fragen, wo du wohnst, willst Du Dein Zelt aufschlagen: Ein eigenes Zimmer, in jeder Küche, jedem Körper, jedem Kochtopf, jedem Kaufhaus, jeder Zelle, jedem Zelt. Damit wir wohnen im Haus der Ewigen alle Tage.