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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Vor vielen, vielen Jahren lebten in der Gegend der heutigen Ostsee Riesen. Ein solcher Riese, Namens Möwes, wohnte in der Gegend, wo jetzt Travemünde liegt. Der warf so viele Steine ins Wasser, dass der Sand aufgedämmt ward über der Plate (dem Eingang zur Trave), und so ist der Priwal entstanden. Ein grosser Stein liegt noch da, der nach ihm Möwenstein heisst (hanseatische Sage).
Die Altstadt Lübeck liegt nicht direkt an der Ostsee, aber Travemünde wurde 1913 eingemeindet, weitere Dörfer, auch Brodten, 1935, ebenfalls. So laufen wir wirklich durch Lübecker Stadtgebiet. Die Trave mündet in die Lübecker Bucht.
Wir machen heute bei strahlendem Frühlingswetter im Mai 2012 einen Spaziergang über das Brodtener Ufer, ein 4 km langer Weg. Bei dieser bis zu 20 m hohen Steilküste handelt es sich in weiten Teilen um ein aktives Kliff, das durch die Einwirkung der Ostsee im Durchschnitt um zirka 50 cm bis 100 cm pro Jahr zurückweicht.
Im Frühling kann man das Ufer in allen Wetterlagen erleben. Farbenfroh blühen nach und nach alle Pflanzen, die Sonnenstrahlen glitzern auf dem Wasser… und im nächsten Moment zieht eine dicke Gewitterfront auf, die kurz danach wieder weg ist. Eine halbe Stunde später regnet es wieder… ein wunderschöner Regenbogen, und anschliessend scheint wieder die Sonne.
Oberhalb der alten Badeanstalt und des heutigen Hafens verlassen wir Travemünde und laufen über den Weg in einen kleinen Wald hinein. Die Ostsee liegt links von uns. Bald lichtet sich der Wald, und wir sehen rechts das Meer, 20 m unter uns. Wir haben einen weiten Blick über das Wasser und die Bucht, die rechts durch Travemünde und Boltenhagen, das schon zu Mecklenburg-Vorpommern gehört (bis 1989 zur DDR) und nördlich durch das Ufer um das Seebad Grömitz und Kellenhusen begrenzt wird. Auf der blauen See ziehen einige Segelschiffe ihre Bahn, und in der Ferne sieht man einen weissen Ausflugsdampfer.
Direkt neben dem Weg, nur ab und zu abgegrenzt durch einen kleinen Zaun, geht es steil herab zur Küste.
Seit 7000 Jahren weicht das Ufer an dieser Stelle vom Meer zurück. Damals lag die Küste 2 km weiter ostwärts in der Lübecker Bucht, und allein seit dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts gingen vom Ufer auf seiner gesamten Länge ‒ das sind immerhin fast 4 km ‒ 200 m verloren.
Das etwa 15‒20 m hohe Steilufer entstand im Verlauf der letzten Eiszeit und gliedert sich in zwei Zonen: Im nördlichen Teil die aktive Kliffzone, an der Jahr für Jahr durch die Naturgewalten Teile abgetragen werden, und im südlichen Teil die passive Kliffzone, in der die Bodenabbrüche weitgehend zum Stillstand gekommen sind. An den Steiluferkanten der aktiven Zone entstehen ständig frische Abbrüche, so dass sich hier nur wenige Pflanzenarten wie z. B. Ackerwinde und Huflattich ansiedeln können. In den unbewachsenen Steilhängen befindet sich eine der bedeutendsten Uferschwalbenkolonien in Europa (zu erkennen an den Einfluglöchern zu den Brutröhren). In der passiven Zone hingegen hat sich eine dichte Vegetation aus Pflanzen wie z. B. Sanddorn, Zwergholunder und Malve gebildet.
Wir passieren eine Stelle, die durch weiss-rote Warnbänder umrandet ist; hier hat es einen Abbruch gegeben, bei dem auch ein Stück des asphaltierten Weges in die Tiefe gerissen wurde. Man kann an vielen Stellen direkt bis an den Rand gehen und nach unten oder aufs Wasser schauen und auch die Schwalben beobachten, wie sie ihre Nester anfliegen, die hinter den kreisrunden Löchern im Hang liegen.
Der Weg wird rege durch Radfahrer, Wanderer und Jogger benutzt. Zu dieser Jahreszeit ist er aber noch nicht überfüllt. So sind auch die kleinen Sitzgelegenheiten meistens noch frei. Sie sind sehr geschmackvoll gestaltet. Auf grossen, oben abgeflachten Steinen (die, mit denen die Riesen vor vielen 1000 Jahren „gekegelt“ haben?) hat ein Künstler aus dünnem Stahlrohr kleine Tierfiguren gestaltet, so kann man einen Hasen, eine Eule und andere Tiere erkennen, die als Lehne dienen.
Der Weg ist auch deshalb so reizvoll, weil er nicht nur an der Küste und an der anderen Seite an einer Wiese entlang führt, sondern ein wenig auf und ab immer wieder durch kleine Wäldchen.
Nach wenigen Kilometern erreicht man das Ausflugslokal Hermannshöhe, in dem man sich stärken kann. Danach geht es weiter an der Küste entlang. Es gibt immer wieder etwas zu entdecken, Findlinge, hübsche Steine, interessante Bäume. Also eine sehr entspannende Wanderung.
Wer will, kann noch ein paar km weiter nach Niendorf laufen. Niendorf, die kleine Schwester des Seeorts Timmendorfer Strand, schmückt sich mit dem malerischsten kleinen Hafen an der Ostseeküste. Dort kann man wieder an den Sandstrand und mit blossen Füssen über den warmen Sand spazieren. Nicht weit davon liegt dann der Timmendorfer Strand. Der Timmendorfer Strand hat einfach alles: den längsten Strand in Schleswig-Holstein, viel Meer, Kultur und alles, was einen Badeort so ausmacht.
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