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Was ist eine Skifahrerlawine? Untersuchungen zu den Charakteristiken von Skifahrerlawinen
Während der letzten zehn Jahre ( 1987/88 bis 1996/97 ) hat das Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung ( SLF ), Davos, Daten zu über 630 so genannten Skifahrerlawinen publiziert.1 Diese wurden nun insgesamt detailliert untersucht, und zwar in Bezug auf die Charakteristiken Art, Grosse, Auslösung und Schneedeckenaufbau. Die Ergebnisse bestätigen nicht nur altbekannte Regeln, sondern liefern auch neue, teilweise überraschende Erkenntnisse.
Im Katastrophenwinter 1998/99 kamen 36 Personen bei Lawinenniedergängen ums Leben. 17 Lawinenopfer wurden in oder um Gebäude oder auf Verkehrswegen erfasst. 19 Personen kamen beim Skifahren, Snowboarden oder Bergsteigen in Lawinen um. Auch im Katastrophenwinter war die Zahl der Opfer bei den Wintersportlern am grössten. Dies ist im langjährigen Durchschnitt (Beobachtungsperiode 1987/88 bis 1996/97) noch weitaus ausgeprägter: Von den durchschnittlich 23 Lawinenopfern waren 93% Skifahrer, Snowboarder oder Bergsteiger. Von diesen wurde in 90% der Fälle die verhängnisvolle Lawine von ihnen selbst bzw. von einem Mitglied der Gruppe ausgelöst.
Untersucht man die Tätigkeit der Auslösenden, so zeigt sich mit 80% eine klare Dominanz der Ski(touren)-fahrer. Gut 11 % der Lawinen wurden durch Snowboarder und 7% durch Bergsteiger zu Fuss oder vereinzelt auf Schneeschuhen ausgelöst. Allerdings ist in der untersuchten Periode der Anteil der auslösenden Snowboarder stark gestiegen, entsprechend der Verbreitung dieser Schnee-sportart. War dem SLF 1987/88 noch keine Auslösung durch einen Snowboarder gemeldet worden, so kletterte der Anteil bis 1996/97 auf über 20 Tendenz steigend.
58% der Lawinen wurden beim Variantenfahren ausgelöst. Dieser hohe Anteil überrascht und ist eine Folge der vielen gemeldeten Auslösungen beim Variantenfahren in der Region Davos. Für den ganzen schweizerischen Alpenraum ist von einem Anteil von rund 50% auszugehen. Dabei muss man berücksichtigen, dass beim Variantenfahren vermutlich eine hohe Dunkelziffer existiert, da die Folgen von Lawinenniedergängen meist geringer sind. D. h., die Variantenfahrer lösen zwar viele Lawinen aus, aber « nur » gut jedes vierte Lawinenopfer ist ein Variantenfahrer.
Über 99% der von Wintersportlern ausgelösten Lawinen sind Schneebrettlawinen, und zwar fast ausschliesslich trockene. Innerhalb der zehnjährigen Beobachtungsperiode wurden dem SLF nur gerade sechs Fälle von Lockerschneelawinen gemeldet, von denen die Hälfte feuchte Lockerschneelawinen ( Nassschneerutsche ) waren, die zu vier Todesopfern ( durch Absturz ) führten. Ganz anders sieht die Bilanz aus, wenn man nur die natürlichen Lawinen, d.h. jene, die sich spontan gelöst haben, betrachtet: Bei mehr als der Hälfte ( 52% ) war der abgleitende Schnee feucht oder nass.
Die meist am zuverlässigsten bekannte Grösse ist die Breite der Lawine. Die typische Skifahrerlawine ist ca. 50 m breit. Beim Variantenfahren werden eher kleinere (40 m), auf Skitouren eher grössere Lawinen ( 70 m ) ausgelöst. Je grosser die Lawine, umso geringer sind die Überlebenschancen. Bei den Lawinenabgängen mit Todesfolge war die typische Breite sogar 80 m. Die typische Skifahrerlawine ist gesamthaft etwa dreimal so lang ( 150 m ) als breit. Interessant ist auch die mittlere Anrissmächtigkeit, die durchschnittlich 45 bis 50 cm beträgt. Dieser eher geringe Wert mag überraschen, ist aber eine Folge der geringen Tiefenwirkung eines Skifahrers.3
Die Steilheit gilt zweifellos als eine Schlüsselgrösse bei der Geländebeurteilung. Überraschenderweise ergab sich bei der Steilheit immer in etwa das gleiche Resultat: Ob auf Skitour oder beim Variantenfahren, ob nur die tödlichen oder alle Unfälle betrachtet werden, immer ist der typische Lawinenhang 38° bis 39° steil (unter Berücksichtigung der steilsten Hangpartie).
Fast ein Viertel (23%) aller Lawinen werden in nach Nordost abfallenden Hängen ausgelöst; ebenfalls häufig vertreten sind die Expositionen Nord (19%) und Nordwest (17%). Dass rund 60% der Lawinen in den schattigen Hängen ausgelöst werden, kann als Folge des dort ungünstigeren Schneedeckenaufbaus interpretiert werden; im Nordosthang kumulieren sich zudem die ungünstigen Faktoren Schatten- und Windschattenhang. In den südlichen Expositionen werden immerhin noch 18% der Lawinen ausgelöst, der Rest entfällt auf die Expositionen West (8%) und Ost (15%).
Das typische Anrissgebiet liegt oberhalb der Waldgrenze zwischen 2400 und 2500 m ü. M. Bei der Gelän-debeschreibung dominiert «kammnah» vor «Mulde», «offener Hang » und «Rinne».
In 10% der Fälle erfolgt die Auslösung ausserhalb des Anrissgebietes, d.h., der örtlich erzeugte Bruch breitet sich u. U. über grössere Distanzen aus. Die Distanzangaben für derartige Fernauslösungen variieren zwischen 2 und 300 m.
Für 90 Skifahrerlawinen wurde nach dem Lawinenniedergang der Schneedeckenaufbau dokumentiert. Mit Hilfe dieser Schneeprofile wurden typische Schneedecken-Merkmale der Skifahrerlawinen gesucht.
Der Bruch innerhalb der Schneedecke erfolgte nur in gut einem Drittel der Fälle beim Übergang vom Neuschnee zum Altschnee. In der Mehrheit der Fälle ( 63% ) brach die Schneedecke also innerhalb des Altschnees. Die typische Situation einer dünnen schwachen Schicht wurde in nur 42% der Fälle gefunden. Bei den übrigen 58% der Lawinenniedergänge erfolgte der Bruch an einer Schichtgrenze. Die nachträglich erhaltenen Rutschblockresultate zeigen die übliche recht grosse Streuung. Am häufigsten wurde der Rutschblock beim Wippen ausgelöst.
Die abgleitende Schicht bestand meist aus filzigem oder abgebautem Schnee, war eher weich und hatte eine Dichte von rund 200 kg/m3. Die Unterschicht bestand typischerweise aus kantigen Formen und Schwimmschnee, also eher grossen Körnern, und wies eine Dichte von rund 300 kg/m3 auf. Es wurde versucht, den Verlauf der Schneehärte innerhalb der Schneedecke grob zu klassifizieren. Dabei zeigt sich, dass der Bruch häufig dann erfolgt, wenn das Schneebrett zunehmend härter wird und die Unterschicht oberflächlich weich ist. Es gibt aber kein typisches Härteprofil, das eindeutig auf Instabilität schliessen lässt.
Die Schwachschicht war meist weniger als 1 cm dick und bestand in über 90% der Fälle aus Oberflächenreif, kantigen Formen oder Schwimmschnee mit einer Korngrösse von 2 mm oder mehr. Die Schicht oberhalb der Schwachschicht war häufig ( 79% ) deutlich härter als die schwache Schicht.
Potenziell schwache Schichten sollten in einem Schneeprofil auf Grund ihrer geringen Dicke, der Kornform und -grosse und der geringeren Härte gegenüber den übrigen Schichten recht deutlich hervortreten. Wie schwach sie wirklich sind, ist allerdings kaum abschätzbar. Dies kann allenfalls ein Stabilitätstest ( Norweger, Rutschblock oder -keil usw. ) zeigen. Allerdings erfolgte der Bruch in deutlich mehr als der Hälfte der Fälle ( 58% ) an einer Schichtgrenze, die wesentlich schwieriger zu beurteilen ist. Bei Brüchen an Schichtgrenzen sind häufig Krusten beteiligt. Aber auch in diesem Falle ist in der Regel eine deutliche Änderung in der Korngrösse und in der Schneehärte feststellbar.
Von Wintersportlern selbst ausgelöste so genannte Skifahrerlawinen verursachen heute klar am meisten Lawinenopfer. Die Auslösung erfolgt typischerweise durch einen einzelnen Skifahrer oder Snowboarder bei der Einfahrt in den Hang ( beim Variantenfahren ) oder aber durch eine ganze Gruppe im Aufstieg oder in der Abfahrt auf einer Skitour.
Die Anrissmächtigkeit ist mit 45 bis 50 cm relativ gering, stimmt aber mit dem Modell der Skifahrerbelastung überein. Die typische Lawinengrösse ist beachtlich (vgl. Tab. S. 19).
Das typische Schneebrett ist an der Oberfläche weich, was eine gute Übertragung der Skifahrerkräfte in die Tiefe erlaubt. Lawinenauslösung bei harter Oberfläche ( Krusten ) kommt nur selten vor. Dünne schwache Schichten treten in einem Schneeprofil deutlich hervor, und zwar in Bezug auf Kornform, Grosse und Härte. Allerdings erfolgt ein grosser Teil der Brüche an einer Schichtgrenze, was im Hinblick auf die Modelle der Bruchbildung eigentlich wenig überraschend ist. Auch in diesen Fällen existiert ein deutlicher Unterschied in der Schneehärte.
Der Bruch erfolgt meist in der Altschneedecke. Dies dürfte eine Folge davon sein, dass die Wintersportler kritische Neuschnee-Situationen deutlich besser erkennen. Lawinenausbildung und -warnung vermitteln dazu offensichtlich erfolgreich die nötigen Grundlagen. Schwächen in der Altschneedecke hingegen sind schwieriger zu erkennen. Wohl nützliche, aber leider nicht eindeutige Hinweise können nur Schneedeckentests liefern.
Die gefundenen Charakteristiken von Skifahrerlawinen zeigen deutlich, welches Gelände und welches Verhalten besonders kritisch sind. Auch wenn sich generell schattige, steile Rinnen nicht meiden lassen, so ist es wichtig, sich immer wieder prophylaktisch die typische Lawinensituation vor Augen zu führen und sich den Verhältnissen entsprechend defensiv zu verhalten. Vorsichtsmassnahmen wie das Einhalten von Abständen haben sich als besonders effektiv erwiesen, um im Falle eines Lawinenabgangs den Schaden möglichst klein zu halten. Das Vorhandensein von potenziell schwachen Schichten oder Schichtgrenzen in der Altschneedecke zu erkennen gehört zu einer umfassenden Lawinenwarnung und -beurteilung.
Schweizer J., Lütschg M.: Human triggered avalanches: Characteristics from the Swiss Alps 1987/88 to 1996/97. SLF 1999, Interner Bericht Nr. 734, 25 S.