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«Mein glamouröses Leben brachte mich fast um»
Mit vollen Händen gab Sharon ihr Geld aus. Sie war schwer kaufsüchtig und stürzte durch ihren Alkoholkonsum vollends ab – sodass sie nur noch sterben wollte.
An jenem Tag im Jahre 2011 war der Tiefpunkt erreicht. Die Engländerin Sharon Bull (57) wachte um 4 Uhr 30 am Morgen auf. Ihr Kopf tat höllisch weh. Um sie herum lagen mehrere Packungen Schmerzmittel und leere Alkoholflaschen. Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. «Ich wollte vor der Realität flüchten», erzählt sie. Jahrelang war sie kaufsüchtig gewesen und hatte 80 000 Franken Schulden angehäuft. «Ich hatte meinen Job verloren, und meine Wohnung wurde mir gekündigt.» Der einzige Ausweg, den sie sah, war Selbstmord.
Rückblick: Sharon schmiss mit 16 Jahren die Schule ohne Abschluss. Zuerst arbeitete sie als Verkäuferin, dann in einer Glaswarenfabrik. Sie begann ganz unten in der Hierarchie – und hatte es nach 14 Jahren an die Spitze der Marketingabteilung geschafft. Diese Karriere beflügelte sie. Sharon, die in Armut aufgewachsen war, gab viel Geld für Kleider, Schmuck und Autos aus. 1994 bekam sie ihren Traumjob als Einkaufsleiterin einer Kleiderkette. Sie nahm einen Kredit auf für eine luxuriöse Wohnung und leistete sich nur die teuersten Einrichtungsgegenstände. Um im Job perfekt auszusehen, kaufte sie hochpreisige Designermode und teuerstes Make-up: So verschleuderte sie Zehntausende von Franken.
«Ich trug nie dasselbe Kleidungsstück zweimal», sagt Sharon. «Für eine Silvesterparty kaufte ich einmal eine Robe für fast 1000 Franken. Nach Mitternacht kehrte ich in mein Hotelzimmer zurück und zog sie aus. Ich benutzte sie nie wieder.» Bekannte und Freunde bewunderten sie für ihren Geschmack und ihren scheinbaren Reichtum. «Ich lebte allein und war so keinem Partner Rechenschaft für mein Verhalten schuldig.» Als ihr geliebter Vater 2003 starb, wurde alles noch viel schlimmer. «Im Jahr 2007 besass ich fünf Kreditkarten und war beinahe nicht mehr in der Lage, die Mindestschulden zurückzuzahlen.» Auch die Begleichung ihres Kredits für die Luxuswohnung blieb sie schuldig. «Täglich riefen Gläubiger an, die Geld sehen wollten.» Sie musste aus ihrem Appartement ausziehen und mietete sich eine kleine Wohnung. Mittlerweile hatten sich Schulden in der Höhe von 80 000 Franken angesammelt.
Dann folgte ein weiterer Schock: Sharon verlor wegen Sparmassnahmen ihren Job. «Das Arbeitslosengeld reichte hinten und vorne nicht.» Sie begann, viel Alkohol zu trinken. «Ich verbrachte meine Tage auf dem Sofa mit zugezogenen Vorhängen.» Schon am Morgen war sie betrunken. So beschloss sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. «Zum Glück ist es schiefgegangen», meint sie heute. Sie ging nach dem Suizidversuch zu ihrer Mutter, die aus allen Wolken fiel, als sie ihr die Situation schilderte. «Wir schaffen das gemeinsam», versprach diese. So zog Sharon zurück zu ihr. Sie verkaufte alle Kleider auf eBay, um die Schulden abzubauen. Einige davon hatte sie noch nie getragen. Ihre Mutter lebte auf dem Land in der Nähe eines Tierparks. «Ich ging dort gerne spazieren, vor allem auch, wenn mich die Kaufsucht überfiel.» Sie begann für einen Blog zu schreiben und verfasste ihr erstes Buch unter dem Titel «Stripped Bare» (Blankgezogen), das es nur auf Englisch gibt. Zudem hielt sie Vorträge über ihre Sucht. «Es ist nie zu spät für einen Neuanfang», sagt sie.
Sharon glaubt, die Gründe für ihr Verhalten zu kennen: «Ich kämpfte stets gegen mein mangelndes Selbstwertgefühl und Depressionen. Ich fühlte mich total hässlich.» Heute hat sie ihre Kaufsucht überwunden. «Ich habe eingesehen, dass man sich mit Geld kein Glück kaufen kann.»