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Frau Baum-Helmis, welche Bedeutung nimmt die Schweiz für das Reiseland Estland ein?
Die Schweiz ist einer der strategisch wichtigsten europäischen Märkte für Estland als Reiseziel für ausländische Touristen. Neben den Urlaubsreisen haben in den letzten Jahren auch die Geschäftsreisen aus der Schweiz stark zugenommen, da die wirtschaftlichen Beziehungen (Finanzen, Unternehmensgründungen usw.) zwischen Estland und der Schweiz sehr gut sind.
2019 wurden laut Statistics Estonia insgesamt 29'600 Übernachtungen aus der Schweiz generiert (- 3,9 Prozent im Vergleich zum Rekord-Vorjahr). Die Schweizer Übernachtungszahlen in Estland haben sich von 13'600 in 2010 auf 29'600 in 2019 mehr als verdoppelt (+ 117 Prozent). Im Jahr 2019 verbrachten sie 67 Prozent ihrer Übernachtungen in Tallinn, 7,5 Prozent im Landkreis Tartu, 6 Prozent im Saare Landkreis (Inseln Saaremaa und Hiiumaa), 5,7 Prozent im Landkreis Pärnu, 5 Prozent im Landkreis Lääne-Viru (inkl. Nationalpark Lahemaa), 2,8 Prozent im Landkreis Harju (Umland von Tallinn) und 1,6 Prozent im Landkreis Ida-Viru (Nordostestland). Die regionale Verteilung dieser Übernachtungen und die Rangfolge der beliebtesten Reiseziele sind ähnlich zu den Reisepräferenzen der deutschen Touristen. Der Anteil Tallinns an den Übernachtungen der Schweizer Touristen ist in den letzten Jahren allmählich zurückgegangen (von 2010 bis 2012 verbrachten sie 80 Prozent ihrer Nächte in estnischen Unterkünften in Tallinn, 2016 waren es 75 Prozent und 2019 noch 67 Prozent). Daher hat aber die Zahl der Übernachtungen in den letzten Jahren in den Landkreisen wie Tartu, auf den Inseln Saaremaa und Hiiumaa sowie im Landkreis Lääne-Viru (inkl. Nationalpark Lahemaa) und im Landkreis Harju (Umland von Tallinn) zugenommen. Dies zeigt, dass längere Rundreisen hinzugekommen sind, bei denen neben Tallinn auch die estnischen Regionen besucht wurden.
Und wie hat sich die Nachfrage in letzter Zeit entwickelt?
Im Zuge der Corona-Pandemie sanken die Übernachtungszahlen der Schweizer in Estland 2020 erheblich: Es wurden 4800 Übernachtungen verzeichnet (-84 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Trend 2021: Nach den pandemiebedingten Reisebeschränkungen im ersten Halbjahr 2021 bietet die neue Flugverbindung Zürich-Tallinn mit Swiss seit 2. Juli 2021 wieder Wachstumspotentiale hinsichtlich Schweizer Ankünften und Übernachtungen in Estland.
Wie würden Sie die Schweizer Kundschaft charakterisieren?
Der Schweizer Gast ist sehr qualitätsbewusst und übernachtet in der Regel in der höherwertigen Hotellerie. Estland offeriert diesbezüglich die richtige Angebotspalette. Viele Hotels haben in der Pandemiezeit umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt und zudem werden sich viele neue internationale Hotelketten zeitnah in Tallinn niederlassen. Estland überzeugt durch ein hervorragendes Preis- /Leistungsverhältnis. Besonders gefragte Produkte sind z. B. Städte-, Natur und Kulturreisen sowie Reisen im MICE Bereich. Auch Lifestyle Angebote (wie z.B. Kulinarik, Urlaub in den Manor Houses), nachhaltige Reisen mit Naturerlebnissen (Aktivreisen wie Moorschuhwanderung, Tier- oder Vogelbeobachtung) oder Familienferien mit entsprechenden Angeboten für Kinder oder generell Urlaub an der Ostseeküste wie auf den estnischen Inseln oder in den Nationalparks sind weitere, für den Schweizer Gast relevante, Produkte.
Sind alle lokalen Infrastrukturen geöffnet? Wie ist die Situation im Land?
Alle Tourismusdienstleistungen wie Restaurants, Museen und Spas sind in Estland geöffnet. Es gibt nur eine Beschränkung der Personenzahl für Innenräume etwa von Restaurants, Theatersälen, Museen etc., aber auch für kleinere sowie grössere Events.
Ebenso haben alle Hotels geöffnet und stehen den Gästen mit attraktiven sowie kreativen Angeboten zur Verfügung. Vor kurzem wurden in Tallinn zum Beispiel die zwei 4-Sterne Häuser Tallink City Hotel und Nordic Hotel Forum nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wieder geöffnet.
Die Reisenden aus der DACH-Region möchten in Estland nicht nur die Städte, sondern auch die Natur und das Umland kennenlernen. Unsere sechs Nationalparks schätzen Reisende sehr; dort lassen sich Velotouren, Kajaktouren, Kanufahrten, Moorwanderungen, Braunbärbeobachtungen in Bärenhütten sowie Übernachtungen in charmanten Gutshofhotels erleben. Tartu – eine lebhafte alte Universitätsstadt - ist ein beliebtes Reiseziel für junge und ältere Gäste. Tartu wird in 2024 den Titel der Kulturhauptstadt Europas tragen. Über diese Auszeichnung und auf das Programm «Arts of Survival» freuen wir uns sehr.
Sehr spannend sind unter anderem die Gegenden wie Setoland (eine Minderheit im Südosten Estlands, die durch ihre polyphone Gesangsart von der Unesco als schützenswert anerkannt wurde) und die russischen Altgläubigen am Peipussee. Nordost-Estland, der Landkreis Ida-Virumaa mit der Grenzstadt Narva entwickelt sich gerade sehr rasant. Estnische Inseln an der West- und Nordküste gelten als sehr beliebte Ferienziele. Estland ist ein absoluter Geheimtipp in Nordeuropa und wird sicherlich jeden Reisenden auf seine Art begeistern.
Mit welchen Marketingbemühungen, Kampagnen und Themen versucht Estland in nächster Zeit Ferienreisende wieder zurückzugewinnen?
Gemeinsam mit der deutschen PR Agentur girasole sind Redaktionsbesuche in Zürich geplant. Ausserdem hält die Agentur im Rahmen von Newsletter-Aussendungen sowie im persönlichen Gespräch den Kontakt zu den Schweizer Medien. Dabei wird auch die neue Brand Story kommuniziert. Estland lockt mit langen Sommernächten, einer fünften Jahreszeit und der bunten Mischung aus baltischen, nordischen, sowjetischen und skandinavischen Einflüssen. Bei entschleunigenden Streifzügen durch Wälder, die sich bis ins Unendliche erstrecken, und um Inseln, deren Zahl in die Tausende geht, erkunden Reisende das vielseitige Land. Kulturell bietet die nordische Perle neben einer alten Chortradition auch hochtechnisierte, kreative Städte. Kulinarische Genüsse und eine einfallsreiche Küche runden das breite Angebot ab und sorgen für ein ganzheitliches Erlebnis.
Visit Estonia führt in diesem Sommer zudem eine gemeinsame Digital-Kampagne mit Swiss Air durch, die seit Juli dieses Jahres Tallinn von Zürich aus anfliegt. Es werden eine B2C Aktion sowie weitere B2B Tätigkeiten in Kooperation mit Swiss organisiert, um den potentiellen Swiss Kunden die Destination näher zu bringen. Zusätzlich kooperiert Visit Estonia in diesem Sommer mit einer Schweizer Tourismus PR Agentur, mit deren Hilfe einige B2B Marketing- Massnahmen umgesetzt werden. Weitere PR, sowie mögliche Verkaufsförderungs- und Marketingaktivitäten sind auf dem Schweizer Markt in der Pipeline.
Gab es eine Änderung des touristischen Angebots aufgrund der Pandemie?
Estnische Tourismusunternehmen haben sich sorgfältig auf die Saison vorbereitet, ihre Aktivitäten überprüft und sind dem Label «Urlaub auf der sicheren Seite» (You are safe here) beigetreten. Dieses Label ist ein schnelles und verständliches Kommunikationsmittel zwischen Anbietern und Besuchern. Das Label weist auf diese Information hin, auf die sich der Kunde bei der Nutzung der Dienstleistung verlassen kann. Andererseits ist es auch leicht zu verstehen, was von ihm als Kunde erwartet wird. Darüber hinaus zeichnet sich in vielen Ländern, einschliesslich Estland, der sogenannte «Remote Tourismus» als neuer Trend ab. Tallinn wurde 2021 zur besten City für Remote Workers erklärt.
«Pulsierende Städte, viel Natur, kulinarische Köstlichkeiten und zahlreiche Sehenswürdigkeiten bilden ein vielseitiges, interessantes Angebot für Reisende.»
Was können Reisende in Estland erwarten?
Die estnische Hauptstadt Tallinn bietet sowohl eine malerische Altstadt als auch eine moderne Geschäftswelt, hippe Künstlerviertel und weitläufige Strandabschnitte – für jeden Geschmack etwas. Kulturinteressierte finden in der von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten mittelalterlichen Altstadt nicht nur eine der am besten erhaltenen Stadtmauern Nordeuropas und die Ratsapotheke, die als die älteste, durchgehend in den gleichen Räumlichkeiten betriebene Apotheke Europas gilt, sondern auch viele Handelshäuser aus der florierenden Hansezeit. Wer auf der Suche nach kreativen Künstlerateliers, bunten Häusern und hippen Restaurants ist, kommt im Stadtteil Kalamaja auf seine Kosten oder schlendert durch das Hafenviertel Noblessner, in dem auf eindrucksvolle Weise die historischen Industriegebäude der ehemaligen U-Boot-Werft mit modernem Städtebau verbunden wurden. Dank ihrer Vielseitigkeit wurde die Stadt Tallinn vor kurzem vom Time Magazine in die «World’s Greatest Places»-Liste 2021 aufgenommen.
Auf den ersten Blick wirkt die estnische Küche deftig und einfach, doch sie ist eng mit der Natur und deren Jahresverlauf verbunden und bringt so eine abwechslungsreiche Vielfalt hervor. Während im Frühjahr mit jungen Fichtentrieben, Löwenzahn, Sauerampfer und Bärlauch gekocht wird, stehen im Spätsommer Pilze, Heidel- und Preiselbeeren im Fokus. In Estland ist man Stolz auf die Schätze der Natur und die Menschen werden gerne zu Sammlern, wenn es um leckeres Essen geht. Regionale Produkte und kulinarische Hochgenüsse schliessen sich keinesfalls aus, was zahlreiche Gourmet- und Sternerestaurants genauso wie kleine, alteingesessene Lokale beweisen. Die Qualität der estnischen Küche spiegelt sich auch in den zahlreichen Platzierungen in der Gastrobibel der nordischen Länder, dem White Guide Nordic, wider. 82 Restaurants haben es auf die Liste geschafft.
Pulsierende Städte, viel Natur, kulinarische Köstlichkeiten und zahlreiche Sehenswürdigkeiten bilden ein vielseitiges, interessantes Angebot für Reisende. Abgerundet wird dies noch durch einzigartige Unterkünfte im ganzen Land. Ob in einer liebevoll renovierten Windmühle auf der Sörve Halbinsel auf Saaremaa, einem Campingfass in Paekalda mit Blick auf den See, ein ÖÖD-Spiegelhaus inmitten der Natur, dem neu eröffneten Schloss Fellin oder der ebenfalls neu eröffneten Villa Friedheim in Haapsalu – hier in Estland haben wir für jeden Gast die passende Unterkunft.
Was sind aktuell die Hauptattraktionen?
Über 2000 Inseln, 3794 Kilometer Küste, fast die Hälfte des Landes ist mit Wald bedeckt, weite Moorlandschaften und sechs grosse Nationalparks – Naturliebhaber kommen in Estland voll auf ihre Kosten. Ob auf der grössten aller estnischen Inseln Saaremaa oder auf Hiiumaa, Muhu, Kihnu, Ruhnu oder Vormsi, Reisende können abschalten und die Gelassenheit des baltischen Insellebens kennenlernen. Was bei einem Estlandurlaub niemals fehlen sollte? Der Besuch eines Moores. Das Viru-Hochmoor verfügt beispielsweise über einen der am besten zugänglichen Moorpfade im Land. Der Lehrpfad führt durch die für Lahemaa typischen Wald- und Moorlandschaften, ist 3,5 Kilometer lang und hat auf halber Strecke einen Aussichtsturm. Lahemaa, das ist der grösste und älteste Nationalpark und liegt im Norden des Landes. Er vereint felsige und sandige Ostseeküstenabschnitte, weite Wiesen und eben jene mystischen und beeindruckenden Moorgebiete. Der Soomaa Nationalpark ist für seine Hochmoore und die schönen Wanderwege bekannt. Ausserdem kann man hier die «fünfte Jahreszeit» erleben. Das ist die Zeit zwischen Winter und Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt und sich der Park mit Wasser füllt. Dann können die Wälder mit einem Kanu erkundet werden. Orchideenliebhaber, Robben-Fans und Vogelfreunde sind im Nationalpark Vilsandi richtig. Er befindet sich westlich der Insel und besteht aus 150 kleinen Inseln. Mit 11'000 Hektar ist Karula der kleinste Nationalpark Estlands.
Gibt es Neuheiten zu verkünden?
Im ganzen Land gibt es zahlreiche Sehenswürdigkeiten – darunter auch 250 Museen. Das ist die höchste Museumsdichte pro 100'000 Einwohner in Europa. Obwohl es schon so viel zu erkunden gibt, wird das Angebot immer weiter ergänzt. So hat die Promenade der estnischen Sommerstadt Pärnu ein neues Gesicht bekommen, bald wird auf dem Sängerfeld in Tallinn ein 350 Quadratmeter grosses Besucherzentrum eröffnet, in dem Ausstellungen zum Estnischen Liederfest, zur Singenden Revolution sowie zur estnischen Kultur und Musik stattfinden werden und in Tartu wird das Biermuseum um ein Erlebniszentrum zur Braukultur erweitert – inklusive Schankwirtschaft nebenan, in der die verschiedenen Biersorten probiert werden können.
Das sind die aktuellen Einreisebestimmungen für Estland
Seit dem 17. Juni steht Estland nicht mehr auf der BAG Risikoliste und die Rückreise aus Estland in die Schweiz kann somit ohne Quarantäne erfolgen. Vollständig Geimpfte und Genesene können ohne Quarantäne nach Estland reisen. Für nicht Geimpfte gilt eine Testpflicht, um der Quarantäne zu entgehen.
Alle Passagiere, die mit dem Flugzeug in Estland ankommen (einschliesslich Kinder, für die die Daten von den Eltern angegeben werden), müssen den Fragebogen für Reisende vor ihrer Ankunft in Estland ausfüllen. Sie können dies bis zu drei Tage vor der Ankunft in Estland tun. Der Grenzschutzbeamte oder die Fluggesellschaft kann eine Bestätigung der Grenzübertrittserklärung verlangen, die entweder elektronisch oder in Papierform per E-Mail übermittelt wird. Wer mit dem Schiff, Bus, Auto oder Zug anreist, muss den Fragebogen für Reisende ausfüllen, wenn er aus einem in der Tabelle rot markierten Land anreist. Bitte finden Sie die Infos auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes Estlands unter dem Punkt «Who is subject to the restrictions?». Weitere Informationen zur Einreise nach Estland finden Sie unter diesem Link.