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I Einführung
Was einfach scheint, ist es nicht.
Einen Haiku schreiben, das will heissen, in einem rigiden Korsett zu absoluter Freiheit zu gelangen.
Einen Haiku schreiben, das will heissen, die Beschränkungen einer Form in ihre eigentliche Stärke zu verwandeln (alle Lyrik ist nach diesem Prinzip gebaut).
Wer sich nur mit der Form befasst, wer nur der Form genügen will, der wird notwendigerweise scheitern.
Wer lernt, in der Form das zu sagen, was er darin nicht sagt, der wird allmählich zum Meister.
Wer lernt, das westliche Denken und Sagen, das darin besteht, alles ausführlich auszudrücken (insbesondere die Gefühle und Gedanken), die Botschaft explizit zu formulieren, abzulegen -
wer also lernt, nur anzudeuten statt auszuführen, den wird ein schöner Haiku erfüllen mit einem Glücksgefühl jenseits alles Weltlichen und Sprachlichen, er wird (erstmals?) teil haben an der Welt (mit und in seinem Haiku).
II Grundsätze
Ein Haiku besteht aus drei Zeilen, dabei werden Silben gezählt (Sie erkennen Haiku-Poeten daran, dass ihre Finger ständig unbewusst oder bewusst am Abzählen sind): die erste Zeile hat fünf, die zweite sieben und die dritte wiederum fünf Silben zu enthalten. Ein japanischer Lehrer hat mir einmal gesagt, nachdem ich es gewagt hatte, in der mittleren Zeile acht Silben zu setzen, nur Meister dürften sich das erlauben, und selbst dann müsse dies aussergewöhnlich gut begründet sein (durch ein aussergewöhnliches Ereignis oder durch eine absolut umwerfende Verknüpfung dreier Ereignisse). Im Westen gehen die Engländer und Amerikaner sehr frei mit diesen Vorgaben um (meist handelt es sich einfach um 3 mehr oder weniger lange Zeilen), die Franzosen neigen zur Prosaform (in Form von Distichen).
Die Grundbedingung des Jahreszeitbezugs (kigo genannt), bei den Japanern aus ihrer speziellen Beziehung zur Natur hervorgegangen (dazu später), bleibt in meinen Augen zwingend. Wir im Westen sind uns allerdings gewohnt, mit Lyrik und Poesie vor allem Inneres, Gefühle und innere Zustände zu verbalisieren - vielen westlichen Haikus mangelt deshalb der Jahreszeitbezug.
Schreibe ich ein Haiku, versuche ich immer, die Jahreszeit mindestens durchscheinen zu lassen, wie im folgenden Haiku:
In diesem Frühling
Wie die Blätter sich spreizen
Wächst meine Bosheit
Dies ermöglicht zudem eine Gegenüberstellung von Innen und Aussen, die Schaffung eines Kontrasts, ist aber sicherlich zu explizit für einen wirklich guten Haiku.
Denn eines der impliziten Gesetze der Haikukunst ist: alles ist indirekt, nichts wird ausgesprochen.
(Eines der besten Beispiele dafür findet sich in dem Film "Ohayo" von Ozu Yasujiro aus dem Jahr 1958: zum Filmende stehen der Englischlehrer und die Tante der Kinder auf dem Bahnhofquai, bevor der Zug einfährt, es ist schönes Wetter. Die beiden haben sich kennen und lieben gelernt, haben das aber noch nie angesprochen oder gar ausgesprochen. Jetzt stehen sie also fast fünf Meter voneinander entfernt und warten auf den Zug. Da sagt er, "schönes Wetter heute", worauf sie bejaht, "ja, schönes Wetter heute". Grosse Pause. Er wiederholt fast seufzend, "schönes Wetter", worauf sie ihn anschaut und lächelnd, nickend, wiederholt, "schönes Wetter". Damit ist die Liebeserklärung gemacht, ist alles gesagt ohne es zu sagen.)
III Kigo, Kopfkissen und das Ich
Tradition ist wichtig, weil sie die Beständigkeit (einer Form) anzeigt. Eine kleine Form wie der Haiku besteht gerade durch und gegen die Tradition: stete Bezugnahme und steter Widerspruch. Denn nur im Widerspruch, in der Neufassung bewahrt sich der Haiku die Aussagekraft, seine (poetische) Relevanz.
Neben den geschilderten Prinzipien sind die Bilder von grosser Bedeutung (auch angesichts der Enge der Form), sie sind das, was man die Brücken nennen könnte, über die der Haiku in unsere individuelle Gegenwart hinübergesetzt wird.
Dabei muss man von zwei verschiedenen Prinzipien reden.Wir haben einerseits das kigo, das den Jahreszeitenbezug herstellt: Pflaumenblüte, Winter- oder Frühlingsregen, bestimmte japanische Feste (wie das Puppenfest). Es ist für Puristen unumgänglich zum Haiku zugehörig. Ohne ein kigo ist ein Haiku kein Haiku.
Nehmen wir einen gegenwärtigen Haiku als Beispiel für die Anwendung von kigo:
Roses
Elegantly withering in their vase
Spring rain
(@yokunugi, aka Taro Kunugi)
Das kigo ist hier der Frühlingsregen; es wird hier zu einer Reflexions-Anregung, oder anders gesagt: es wird gebraucht, um dem Haiku seine Verankerung in der Tradition zu geben, ihn in der Jahreszeit zu verwurzeln; die Tradition aber wird moduliert durch das Bild der welkenden Blume. Ja, Frühling ist nicht nur das Blühen der Blumen, sondern auch ihr schnelles Dahinwelken nach der Blüte!
Und für die grossen Könner gibt es dann noch eine weitere Stufe, die Anspielung und Bezugnahme auf einen berühmten Haiku eines Meisters wie Basho. So geschieht es hier:
Circle emanate
From the mirrored pond's center
Where the frog jumped in.
Und hier, zur eigenen Beurteilung, Bashos Meisterhaiku:
Der alte Weiher:
Ein Frosch, der grad hineinspringt -
Des Wassers Platschen.
Kleine Anmerkung: Für uns ist der Frosch kein Jahreszeitwort; wissen wir überhaupt, wann wir Frösche quaken hören (sollten)? Für einen Japaner, und hier für Basho, steht der Frosch (oder sein Sprung, denn vom Quaken ist ja hier - bezeichnenderweise - nicht die Rede) für die Frühlingsmitte.
Für uns Westler, die wir keine so starke Naturverbundenheit haben (hatten?) wie die Japaner, scheint mir ein anderer Weg ebenso gangbar. Es ist dies ein Weg, der ebenfalls über Bilder funktioniert.
Die Japaner haben dafür den Terminus der Kopfkissen-Worte entwickelt, der sowohl für Orte als auch für Bilder gilt. Auf diese Kissen gestützt (aufgestützt, - kennt man die japanischen Kopfstützen), bleibt der Haiku verankert in der Tradition, ist alles einzuordnen, und wird das Bild bestenfalls neu gedeutet. Dafür zwei Beispiele, zuerst ein Haiku vom Meister Basho:
Matsushima, ah
Ah, Matsushima
Matsushima, ah
Hier wird der Kopfkissenort bewundert, - wie es sich gehört angesichts der auf Fels-Inselchen wachsenden Zedern der Bucht von Matsushima, - Basho gelingt es in diesem Haiku jedoch, einerseits eine Ironie (vielleicht nur in unseren westlichen Augen) und andererseits eine Ergriffenheit (jenseits des Sagbaren) in der dreifachen Wiederholung des Ortsnamens (des Kopfkissenortes) hineinzulegen; man könnte sagen, indem er die Beschränkung der Form wie auch der Tradition deutlich macht, wächst er in ihr über sie hinaus. (Natürlich kann es sich hier auch um die Anspielung auf eine Jahreszeit handeln; aber wir werden diese nicht erraten können.)
Das Ich ist buchstäblich hinter diesen Haikus, bis zum Verschwinden. Es muss verschwinden, um eine jedermann einsichtige und also übertragbare, nachfühlbare Stimmung wiedergeben zu können. Das Ich unserer westlichen Lebenswelt ist dem hinderlich, es drängt sich wichtig in den Vordergrund (das sieht man sehr gut an meinem eigenen, zuerst zitierten Haiku!). Das Bild ist jedoch wichtiger - in ihm ist das Gefühlte oder Gedachte zu komprimieren. Das Ich hat dabei nichts zu suchen.
In dem Herbst-Himmel
Ein schnäbelndes Taubenpaar…
Dann fliegt eine weg.
IV Schlichtheit und Strenge
„Den 30. Tag übernachteten wir am Fuße des Nikkô-Berges. Mein Gastgeber dort sagte: „Mein Name ist Gozaemon, der Buddha. Die Leute nennen mich so, weil mir Aufrichtigkeit über alles geht. Ihr könnt daher die Nacht in aller Ruhe bei mir verbringen, wenn ich auch nur ein Graskopfkissen anzubieten habe!“ Welcher Buddha mochte wohl in dieser „Welt der Trübungen“ wieder erschienen sein, um Pilgern und Bettelvolk im Mönchsgewand wie uns, seine Gastfreundschaft zu gewähren? – fragte ich mich, während ich ihn eingehender beobachtete: ein offensichtlich ungebildeter und simpler Mensch, aber von eindeutiger Ehrlichkeit. „Resolute Strenge und ungehobelte Schlichtheit kommen der Menschenwürdigkeit am nächsten“ – würde Konfuzius dazu gesagt haben. Menschen mit diesen Eigenschaften, von Natur aus unverblümt und schlicht, können nicht hoch genug geschätzt werden.“
So steht es in Bashos „Oku no Hosomichi“. Zu diesem Grundsatz der Schlichtheit und Strenge lässt sich nicht viel mehr hinzufügen. Er leuchtet unmittelbar ein: Strenge meint eine absolute Beschränkung auf das Mindeste, Konkreteste; Schlichtheit meint ein absoluter Verzicht auf jegliche Kunstfertigkeit. Der Haikupoet hat sich ganz dem Ding, das er wachrufen will, und dem Zustand, den er wachrufen will in dem Ding, unterzuordnen.
V Die 10,000 Dinge
In Lao Tzus Lehre vom Tao ist immer wieder die Rede von den 10,000 Dingen. Diese Vielzahl versinnbildlicht die Vielfalt der Erscheinungen - die uns alle (im Sinne der fliessenden, vergänglichen Welt) ablenken von der eigentlichen. In der Versenkung, die der taoistische Weise erreicht, gelingt ihm eine Gleichgültigkeit gegen ihre Bedeutung; ihre Verlockung ist ihm fremd, er ist allein auf den Ausgleich, auf die Übereinstimmung mit ihnen konzentriert.
Diese Konzentration, die man auch Fokussierung nennen könnte, zeichnet sicherlich auch den Haikupoeten aus. Er nimmt ein Detail oder ein Ding heraus (nicht mehr). Dieses spiegelt zu einem gegebenen Zeitpunkt in seiner Wahrnehmung einen Zustand (seelisch oder körperlich).
Seine Aufgabe muss daher sein, in diesem Ding oder Wesen diesen Zustand nicht nur zu erkennen, sondern wiederzugeben. Und diese Wiedergabe muss trotz ihrer maximalen Verkürzung auf einen minimalen lautlichen Raum im Zuhörer oder Leser wenn nicht den gleichen so doch einen ihm annähernd ähnlichen Zustand erwecken können.
VI Ein Nicht-Haiku für den Westler?
Beginnen wir hier mit einem „Haiku“ von Hosai (1885-1925), dessen Name „Derjenige, der losgelassen hat“ bedeutet.
Da - meine Börse
Sie ist ganz und gar entleert…
Triefende Nase.
Da haben wir noch einen Bezug zur Jahreszeit: die triefende Nase, die auf Herbst oder gar Winter hindeutet, auch die Leere des Portemonnaies sagt uns ähnliches. Doch wir sehen: Dieses Haiku geht schon in eine andere Richtung.
Wir Westeuropäer kennen uns viel zu wenig aus mit den Jahreszeitwörtern. Wir können uns natürlich eigene oder den japanischen ähnliche ausdenken, und gewisse sind sicher in jeder Kultur gleich (wie die fallenden Blätter oder die ziehenden Vögel für den Herbst), aber wir sollten uns davon manchmal ganz befreien (dürfen). Dies ermöglicht uns dann, eine eigene Form von Jahreszeitbezug zu schaffen.
Haikumeister wie Issa und auch Hosai haben die Grenze des reinen Haiku mehrfach überschritten, wenn man Haikus liest wie folgenden:
Zum Nagelschneiden
Sogar muss ich mir borgen
Die Nagelschere.
(Hosai)
Obwohl hier kaum von einem Jahreszeitbezug geredet werden kann, beherzigt der Haikupoet die Regel von der Konzentration auf ein Objekt und von Schlichtheit und Strenge. Er verstösst eigentlich aber gleichzeitig gegen die Regel der poetischen Bescheidenheit, die wir weiter oben dargelegt haben(III Kigo, Kopfkissen und das Ich). Wenn Issa z.B. von sich redete, dann immer in ironischer Distanziertheit, nicht im Ernst:
Ganz für mich allein
In Sturm und Winterböen
Rutsche ich dahin.
(Issa)
Dieses Reden von sich ist uns Westlern weit natürlicher als das abstrakte „Reden durch die Blume“, wie es in Asien geschieht. Diese Haikus sind uns viel leichter zu vermitteln als andere, da sie weniger in der Kultur als viel mehr im menschlichen Empfinden verankert sind.
Ich glaube jedoch, dass jeder um Authentizität bemühte Haikudichter seine eigene „Objektivität“ oder „Objektivierung“ des dargestellten finden muss. Die 3 Richtwerte Jahreszeitbezug, Strenge und Schlichtheit, Konzentration auf eines der 10,000 Dinge (auf das Wesentliche, in unserem Kulturraum) sollten für alle als Anfangspunkte gelten. Dass man hin und wieder davon abgehen kann (und soll), versteht sich von selbst.
VII Zusammenfassung
Erst Bescheidenheit
Schlichtheit und Strenge lassen
Im Ding aufscheinen
Was wir in ihm verborgen
Was wir für es entdecken.
Erkenne im Ding
Tiefern Sinn deines Lebens
Und teile ihn mit
Auf dass andre ihn sähen
Auf dass sie sich erkennten.
Lass das Eigene
Von dir in das eine Ding
Fallen und keimen
Unterm Brennglas deiner Sicht
In der Wärme deines Worts.
Werde allgemein
Um besonders zu werden.
In jedem zu sein
Muss deine Aufgabe sein:
Menschenwürde bewahren.