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Robert Walsers Bielersee
«Wir sollen etwas aus unserer Phantasie schreiben. Meine Phantasie liebt das Farbige, Märchenhafte. (...) Auf dem See, dessen Wellen die äußersten Häuser unserer Stadt treffen, fahren in einem kleinen Nachen eine Edeldame und ein Edelknabe. Die Dame ist äußerst reich und kostbar gekleidet, der Knabe bescheidener. Er ist ihr Page. Er rudert und dann hebt er die Ruder empor und läßt das Tropfwasser wie Perlen ins große liegende Wasser hinabstürzen. Es ist still, wunderbar still. Der weite See liegt so unbeweglich wie eine Lache Öl. Der Himmel ist in dem See, und der See scheint ein flüssiger, tiefer Himmel. Beide, der See und der Himmel sind ein leichtes träumendes Blau, ein Blau. Beide, die Edeldame und der Edelknabe träumen. Jetzt rudert der Knabe leise ein Stück weiter hinaus, aber so ruhig, so langsam, als fürchte er, vorwärts zu kommen. Es ist mehr ein Schweben als ein Gleiten. Die Dame lächelt den Knaben unverwandt an. Sie muß ihn gewiß sehr lieb haben. Der Knabe lächelt unter dem Lächeln. Es ist Morgen, so ein Seemorgen mit einem Kuß von einer Sonne.»
Robert Walser (1878-1956) gilt als einer der rätselhaftesten Autoren des 20. Jahrhunderts. In Biel ist er geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Sein erster Prosaband «Fritz Kochers Aufsätze» erschien 1904, kurz vor Walsers Abreise nach Berlin. Trotz anfänglicher Erfolge und enormer Schaffensschübe – in Berlin entstanden die drei grossen Romane «Geschwister Tanner» (1907), «Der Gehülfe» (1908) und «Jakob von Gunten» (1909) – kehrte Walser 1913 eher resigniert nach Biel zurück. Er lebte in einer bescheidenen Mansarde, in prekären finanziellen Verhältnissen, und unternahm täglich Spaziergänge durch die Stadt und die Umgebung mit dem See, die ihm eine unablässige Quelle der Inspiration waren.
In «Der Spaziergang» streift er durch sein Biel wie ein «besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder Zeitverschwender und Landstreicher». Und wenn er an den See gelangt, ist er jedesmal aufs Neue bezaubert: «Nun bin ich am Ufer des Sees angekommen, der mir mit seinem schönen Aussehen das Herz lächeln macht. Was für eine freie Ferne, reiche, reinliche Weite sich vor mir ausdehnt, vermag mein bescheidener Mund kaum anzudeuten, geschweige zu schildern.»
Die Zeit ab 1929 bis zu seinem Tod verbrachte Walser in psychiatrischen Heilanstalten, zunächst in der Waldau bei Bern, später in Herisau. Im Winter 1956 starb er bei einer langen, einsamen Schneewanderung an einem Herzschlag. (BP)
Biel (französisch «Bienne») ist «bilingue» – doppelsprachig deutsch/französisch – und die einzige grössere Schweizer Stadt direkt an der Sprachgrenze (Volksmund: «Röstigraben»). Das lokale Französisch ist von Germanismen durchsetzt: Man erzählt sich «un witz» und trinkt «un schluck». Vom städtischen Strandbad ist die St. Petersinsel sichtbar, der Zufluchtsort von Jean-Jacques Rousseau im Jahr 1765. Die malerische Drei-Seen-Landschaft am Jura ist ein Fischerei- und Weinbaugebiet und seit Urzeiten besiedelt. Am Seeufer von Nidau bei Biel wurden Reste von fünftausendjährigen Pfahlbauten gefunden. Wer auf Robert Walser Spuren wandeln will: In der Innenstadt von Biel verbinden sich neun Stationen zu einem literarischen Spaziergang, in der Umgebung folgen fünf literarische Wanderungen den Landschaften und Orten aus Walsers Prosa und erzählen einzelne Textpassagen: Zum End der Welt, auf die St. Petersinsel, zum Bözingenberg und um den See. Die Karte ist im Info-Center von Tourismus Biel Seeland am Bahnhofplatz erhältlich.