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Was heute für viele von uns als völlig selbstverständlich hingenommen wird, nämlich das auf drei Säulen basierende soziale System der Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge, hat eine lange Geschichte hinter sich.
So feiert die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) dieses Jahr erst ihr 68-jähriges Bestehen, was bedeutet, dass sich erst zwei bis drei Jahrgänge seit Geburt auf eine staatlich gesicherte Altersvorsorge verlassen können. Das Drei-Säulen-System wurde zwar bereits 1972 in der Verfassung verankert, jedoch wurde die 2. Säule in Form von beruflicher Vorsorge erst 1985 obligatorisch. Sie feiert dieses Jahr also erst ihren 30. Geburtstag. Diese Entwicklungen wurden vorgängig von kontroversen Diskussionen begleitet, die teilweise bis heute weitergeführt werden und im Zusammenhang mit dem anstehenden Reformprojekt Altersvorsorge 2020 wieder verstärkt an Bedeutung gewinnen. Daher wird im Folgenden ein kurzer geschichtlicher Abriss über die wichtigsten Punkte in der Entstehungsgeschichte unseres heutigen Vorsorgesystems gegeben.
Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand ein erster demografischer Wandel statt, welcher ab den 1880er-Jahren verstärkt bemerkbar wurde. Dies führte zu einer initialen Intensivierung der Diskussion um soziale Vorsorge.
1890–1914
- Handlungsbedarf zugunsten älterer Menschen unbestritten: Frage nach Altersrente stark mit Invalidität und Krankheit verknüpft
- Verschiedene Optionen stehen zur Debatte: Einführung von flächendeckender Altersversicherung vs. punktuelle staatliche Unterstützung mit Fokus auf privater Vorsorge; Verantwortlichkeit und Finanzierung; Nachhaltigkeit
- Pensionskassen für Eliten vorhanden
- Altersvorsorge zweitrangig: Unfall- und Krankenversicherung stehen im Fokus
20. Jahrhundert
Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen sozialpolitische Fragen verstärkt an Bedeutung, und die Schaffung einer Alters-, Hinterbliebenen- und Invalidenversicherung bildete eine der Kernforderungen der Arbeiterbewegung.
1918–1938
- Erste Entwürfe für ein Altersrentensystem auf Bundesebene
- Lex Schulthess: Freisinniger Edmund Schulthess arbeitet in den 20er-Jahren an einer Vorlage für eine Alters- und Hinterbliebenenversicherung, welche jedoch starken Widerstand aus bürgerlichen Kreisen erlebt und 1931 vom Volk abgelehnt wird
- Pensionskassen (privater Vorsorgebereich) erleben zur selben Zeit einen Aufschwung; Scheitern der Lex Schulthess hinterlässt für sie günstiges Vakuum
- Diese unterschiedlichen Entwicklungen im privaten und staatlichen Vorsorgebereich legen den Grundstein für das spätere Drei-Säulen-System.
1938-1948
- Erwerbsersatzordnung (EO) für die mobilisierten Soldaten findet ab 1939 viel Anklang bei der Bevölkerung
- Unterversorgung der Bevölkerung mit Altersversicherungen wird während der Kriegsjahre offensichtlich
- Popularität der EO führt zu mehreren Initiativen, welche durch den zuständigen Bundesrat Walther Stampfli 1944 kanalisiert werden
- Stampfli beauftragt das Bundesamt für Sozialversicherungen mit der Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfs, welcher sich stark an der EO orientiert
- «Jahrhundertereignis»: klares Ja des Stimmvolks zur AHV am 6. Juli 1947
Die AHV als Ergänzung zum bestehenden Rentensystem war einer der Hauptfaktoren für ihren Erfolg, da sie keine Einschränkung für die Eigenständigkeit und Weiterentwicklung der privaten Vorsorge bedeutete.
1948–1985
- Angst vor dem Altern nahm in der Gesellschaft ab
- Acht Revisionen der AHV zwischen 1951 und 1975 (beinhalteten Leistungsverbesserungen aufgrund des Anstiegs des Durchschnittslohns und höherer Lohnabzüge)
- Immer mehr Personen schliessen sich den Pensionskassen an, trotzdem noch beschränkter Kreis von Arbeitnehmern (wenige Frauen und Personen mit geringem Einkommen)
- Entscheidung: Ausbau der staatlichen Renten oder Anschluss an Pensionskassen obligatorisch machen
- Verflechtung von AHV und Pensionskassen führte zur Drei-Säulen-Doktrin: Entwicklung der AHV (1. Säule) soll in beschränktem Rahmen gehalten werden, während Rolle der Pensionskassen (2. Säule) und der privaten Vorsorge (3. Säule) gefestigt werden soll.
- Bundesrat Tschudi erarbeitet eine Gesetzesvorlage anhand des Drei-Säulen-Modells (mit obligatorischer Pensionskasse und Erhöhung der AHV-Renten), welche am 3. Dezember 1972 vom Stimmvolk angenommen wurde.
- Wirtschaftskrise und Widerstand der Privatvorsorge-Lobby, welche zu viel Einflussnahme der Regierung auf Pensionskassen fürchtete, verzögerte die Umsetzung der ersten Gesetzesvorlage bis 1985, als die Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) in Kraft gesetzt wurde.
1985 bis heute
- Keine strukturellen Änderungen mehr; nur noch drei Revisionen
- Neue Fokussierung auf Sparmassnahmen aufgrund des langsameren Wirtschaftswachstums, Zunahme der demografischen Alterung und liberaler Kritik am Sozialstaat
- Zunehmende Politisierung der Debatte um die berufliche Vorsorge aufgrund wachsender Bedeutung innerhalb des Rentensystems und eines finanziellen Kontexts, welcher von demografischer Alterung und Instabilität an den Finanzmärkten geprägt ist
- Erste BVG-Revision 2003: Verbesserung des Zugangs für Personen im Niedriglohnsektor und Senkung des Umwandlungssatzes; zweite Revision 2010 scheiterte
- Das Drei-Säulen-Modell spiegelt die Wechselwirkungen zwischen der staatlichen, beruflichen und privaten Vorsorge, welche die Rentendebatte über das Jahrhundert hinweg geprägt hatten, wider. So bildet denn das Reformprojekt Altersvorsorge 2020 den ersten gemeinsamen Reformversuch, was auf eine verstärkte Zusammenführung der Rentendebatte in der Zukunft hinweist.
Quelle (und weitere Informationen):
http://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/risikogeschichte/alter/
http://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/institutionen/die-verwaltung-der-alters-und-hinterlassenenversicherung-ahv/
http://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/institutionen/pensionskassen/
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D14068.php
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16607.php