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Am Dienstag wurde in Den Haag das Gutachten des Monsanto-Tribunals präsentiert. Die Regierung El Salvadors hat bereits vorgemacht, wie die Ernährungssicherheit unabhängig von der Agroindustrie erhöht werden kann.
Mais, das ist Leben. Nach dem Glauben der Pipil und der Maya, die in vorkolumbianischer Zeit den Landstrich besiedelten, der heute El Salvador heisst, haben die Götter die ersten Menschen aus Maisbrei geformt. Auch heute noch ist Mais das Grundnahrungsmittel Mittelamerikas schlechthin. Er wird meist so angebaut wie schon vor 2000 Jahren: auf kleinen Gütern, kaum eines grösser als zwei Hektaren. Ein angespitzter Stock, eine kurzstielige Harke und eine Machete sind oft die einzigen dabei eingesetzten Werkzeuge. Solche Minifundien, die kaum mehr Ertrag bringen, als eine Familie zum Essen braucht, stellen sicher, dass die rund sechs Millionen SalvadorianerInnen keinen Hunger leiden müssen.
Marcela Hernández geht durch die Reihen im Maisfeld in der pazifischen Küstenebene. Trotz der aufkommenden tropischen Hitze trägt sie über ihrem langärmligen schwarzen Pullover ein Kapuzenshirt. Die Kapuze hat sie über die Baseballkappe, das schwarze Halstuch bis unter die Augen gezogen. Dazu Handschuhe und feste Jeans. Die Kleidung schützt sie vor der stechenden Sonne, die Handschuhe vor Schnittwunden. Die Ränder von Maisblättern können scharf sein wie Messer.
Jedes Bündel von Hüllblättern nimmt sie in die Hand und drückt zu, um zu spüren, ob sich darin noch ein Kolben versteckt. Findet sie einen, packt sie ihn aus, schneidet ihn mit einem Messer ab und wirft ihn in einen Jutesack, den sie um die Hüfte gebunden hat. Die meisten Hüllblätter sind schon leer. Hernández ist bei der Nachlese. Die eigentliche Ernte war schon ein paar Tage zuvor.
Monsantos Monopol
Der Aufwand für ein paar stehen gebliebene Maiskolben lohnt sich. Was hier geerntet wird, ist ein besonderer Mais, nicht für den Konsum bestimmt, sondern als Saatgut. Die Kunst, es herzustellen, war in El Salvador vor Jahrzehnten verloren gegangen. Lange wurde auch auf den kleinsten Gütern nur Hybridmais der internationalen Saatgutkonzerne ausgesät. Dieser ist nicht reproduktionsfähig. Die KleinbäuerInnen mussten jedes Jahr neues Saatgut kaufen, zusammen mit den dazugehörenden Düngern und Pestiziden. Nach einer Missernte mussten sie Schulden aufnehmen, um sich neues Saatgut leisten zu können.
«Wir stellen seit fünf Jahren Saatgut her», sagt Ramón de Jesús Sorto. «Es ist inzwischen unser rentabelster Geschäftszweig.» Sorto ist Vorsitzender der Kooperative La Maroma. Diese bewirtschaftet knapp 950 Hektaren in der Küstenebene nahe der Kleinstadt Jiquilisco. 150 Mitglieder, dazu noch einmal 150 dauerhaft beschäftigte LandarbeiterInnen. La Maroma wurde 1980 gegründet. Nach einem der vielen Militärputsche versuchte die Junta, der in ländlichen Gebieten immer stärker werdenden Guerilla die Basis zu nehmen: Grossgrundbesitz wurde an über 600 Kooperativen verteilt. Die Guerilla konnte damit nicht aufgehalten werden. Noch im selben Jahr weiteten sich ihre Operationen gegen die Militärs und ihre Todesschwadronen zu einem zwölf Jahre dauernden blutigen Bürgerkrieg aus.
Sorto erinnert sich: «Während des Kriegs war es uns sogar verboten, Mais für den Eigenbedarf anzubauen.» Die Armee habe behauptet, das sei nur Proviant für die Guerilla. «Spätestens da ging das Wissen um Mais und seine Reproduktion verloren.» Nach dem Krieg beherrschte ein Nahezu-Monopolist den Saatgutmarkt: Alfredo Cristiani Burkard von der ultrarechten Arena-Partei und von 1989 bis 1994 Präsident von El Salvador. Eine seiner Firmen – Semillas Cristiani Burkard S.A. – war in ganz Zentralamerika Generalvertreter für Hybridsaatgut des US-Konzerns Monsanto. 2008 hat Cristiani diesen Betrieb an Monsanto verkauft.
Er hatte einen guten Riecher. Das Geschäft mit dem Saatgut war ein Jahr später vorbei. 2009 gewann die ehemalige Guerilla der FMLN die Präsidentschaftswahl, die neue Regierung legte ein Programm zur Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft auf. Die Ernährungssicherheit in El Salvador war damals prekär. Die drei wichtigsten Grundnahrungsmittel mussten importiert werden: 26 Prozent der nötigen roten Bohnen, 87 Prozent des Reises und 42 Prozent des Maises. Es gab zwar Mais und Bohnen auf dem Markt, aber so teuer, dass ihn die Armen nicht kaufen konnten. Auf dem Land, wo fast 40 Prozent der Familien in Armut leben, stieg die Zahl der chronisch unterernährten Kinder.
Über das von der FMLN-Regierung aufgelegte Programm werden jährlich kostenlose Saatgutpakete an über eine halbe Million KleinbäuerInnen verteilt. Schon die vorige Arena-Regierung hatte Saatgut verteilt. «Aber dieses Programm hatte nichts mit der Förderung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft zu tun», sagt Wilfredo Rubio, ein Berater des Landwirtschaftsministeriums. «Es folgte ausschliesslich den wahltaktischen Interessen von Arena.» Immer vor Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen brachten WahlkämpferInnen Samen, Dünger und Pestizide auf Staatskosten unters Publikum. Cristiani hat damit zwar rund neun Millionen US-Dollar verdient, die nationale Lebensmittelproduktion aber wurde nicht gesteigert.
Die linke Regierung verteilte dann nicht nur Saatgut, sondern suchte auch Betriebe, die dieses produzieren wollten, und unterstützte sie mit Beratung. Das Nationale Zentrum für angepasste Technologie, ein staatliches Forschungsinstitut, das während der zwanzig Jahre mit Arena-Regierungen nur als nutzlose Hülle existierte, wurde wiederbelebt und eröffnete Filialen auf dem Land. Dort wurden inzwischen eigene Bohnensorten gezüchtet, die in der fruchtbaren Küstenebene des Landes angebaut werden können. Die vorher üblichen Bohnensorten erfordern eine Höhe von wenigstens 400 Metern.
Mehr als Nahrung
Schon 2012 gab es eine Rekordernte von über einer Million Tonnen Mais. Das Ziel, von Importen unabhängig zu werden, war fast erreicht. Danach aber kamen drei Jahre der Dürre, und die Produktion ging wieder leicht zurück. Trotzdem: «Bei Mais decken wir derzeit mit der nationalen Produktion rund neunzig Prozent der Nachfrage», sagt Rubio. «Bei Bohnen sogar über hundert Prozent.» Nur die Reisproduktion hinkt hinterher. Es fehlt an genügend feuchten Böden.
Die Produktion von Saatgut wurde durch ein präsidiales Dekret vor internationaler Konkurrenz geschützt: Die Regierung verpflichtete sich, für die KleinbäuerInnen – sie liefern über achtzig Prozent der nationalen Produktion – zuerst die im Land hergestellten Samen zu kaufen. 2013 intervenierte Mari Carmen Aponte, die damalige Botschafterin der Vereinigten Staaten. Das Dekret zum Schutz des heimischen Saatguts verstosse gegen den Freihandelsvertrag, den die zentralamerikanischen Länder mit den USA abgeschlossen haben. Die Regierung müsse den Kauf der Körner international ausschreiben. Andernfalls, drohte die Botschafterin, werde ein bereits genehmigtes Paket über 277 Millionen Dollar Entwicklungshilfe gestrichen. Die Regierung gab nach. Doch die nationalen Produzenten waren da schon so weit, dass sie sich gegenüber Monsanto behaupten konnten.
«Wir bauen Saatgutmais auf knapp 170 Hektaren an und wollen noch weiter ausbauen», sagt der Kooperativenvorsitzende Sorto. Sechzig Menschen sind dauerhaft beschäftigt, die meisten von ihnen Frauen. «Wir haben sogar einen eigenen Agraringenieur eingestellt», sagt Sorto. «Der arbeitete vorher bei Monsanto, im Herzen der Bestie.» Bei der jüngsten Ausschreibung der Regierung hat die Kooperative La Maroma einen Vertrag über die Abnahme von 575 Tonnen Saatgut erhalten.
Der Arbeitstag in La Maroma beginnt im Morgengrauen um 5.30 Uhr. Wegen der Hitze machen die ArbeiterInnen spätestens fünf Stunden später Schluss. Zehn US-Dollar gibt es für so ein Tagewerk, deutlich mehr als den gesetzlich garantierten Mindestlohn, der üblicherweise auf dem Land bezahlt wird. Mitglieder der Kooperative bekommen am Ende des Jahres zudem eine Gewinnbeteiligung; die letzte hat ihr Jahressalär fast verdoppelt. Saatgutmais, das ist Leben, ja sogar ein besseres Leben.
Monsanto-Tribunal
Schuldig, schuldig, schuldig, schuldig
Unter dem Vorsitz der ehemaligen Vizepräsidentin des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, Françoise Tulkens, hat das Internationale Monsanto-Tribunal am Dienstag in Den Haag sein Gutachten präsentiert. Dies, nachdem dieses «Meinungstribunal», dessen Urteil keine juristischen Konsequenzen hat, im Oktober die Aussagen von Menschen aller Kontinente gesammelt hatte, die direkt oder indirekt von den Tätigkeiten des US-Biotechkonzerns betroffen sind (siehe WOZ Nr. 42/2016).
Wer eine juristische Beweisführung erwartete, wurde enttäuscht. Im sechzigseitigen Gutachten werden die zusammengetragenen Anschuldigungen unüberprüft als Fakten hingestellt. Demnach sei Monsanto in den vier Punkten, zu denen es direkte Zeugenaussagen gibt, schuldig: Der Konzern verstosse gegen das Recht auf eine intakte Umwelt, das Recht auf Nahrung, das Recht auf Gesundheit und die Freiheit wissenschaftlicher Forschung. Etwas schwerer tat sich das Tribunal mit den Fragen, ob Monsanto wegen des Entlaubungsmittels Agent Orange zu Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg beigetragen hatte und ob diese und weitere Vergehen ein neues Völkerrechtsverbrechen begründen würde: den Ökozid. Suggeriert wurde dabei aber ebenfalls ein Ja.
Immerhin, auch wenn das Gutachten weit hinter den sorgfältigen Recherchen einschlägiger NGOs zurückbleibt, hat das Monsanto-Tribunal auch etwas Gutes: Wohl noch nie zuvor kamen so viele Geschädigte der Agrarindustrie zusammen wie letzten Oktober in Den Haag. Verschiedenste AktivistInnen und Organisationen, die sich für ein nachhaltiges Ernährungssystem engagieren, konnten sich noch stärker vernetzen. Die eigentliche Arbeit kann damit beginnen.
Markus Spörndli
Das Gutachten des Tribunals findet sich unter: de.monsantotribunal.org.
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ