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Lose aneinandergereihte Miniaturen: Die Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri streift in ihrem neuen Roman «Wo ich mich finde» durch eine namenlose italienische Stadt.
Vielleicht hätte etwas daraus werden können: Sie trifft den Lebensgefährten der besten Freundin manchmal auf der Strasse oder auf einer Brücke, wo die Menschen bei einem bestimmten Sonnenstand wie dahinhuschende Gespenster wirken, unmöglich einzufangen mit einem fotografischen Schnappschuss. Manchmal gehen sie auf einen Kaffee, manchmal bleibt es bei einer «festen Umarmung», die ihr reicht, denn «er ist ein korrekter Mann, der meine Freundin und die Kinder gerne hat».
Kultivierte Einsamkeit
Dieses Paar ist ausser den Eltern der Ich-Erzählerin das einzige Personal, das in Jhumpa Lahiris «Roman» genanntem Beobachtungszyklus «Wo ich mich finde» an zwei oder drei Stellen wieder auftaucht und eine gewisse dramaturgische Funktion übernimmt. Ansonsten streift die einzelgängerische Protagonistin, die ihrem Brotjob an der Uni ohne Leidenschaft nachgeht, keinen Partner und wenige FreundInnen hat, durch die Stadt: durch die Strassen, über die Piazza, in die Trattoria oder das Wartezimmer eines Arztes, wo die Mittvierzigerin ihre ersten Zipperlein hinträgt und über den zukünftigen körperlichen Verfall nachdenkt. In der Buchhandlung trifft sie den ehemaligen Freund, einen kindischen Hypochonder, dessen Probleme sie einst gelöst und der sie mit einem Doppelleben betrogen hat. Und im Schwimmbad trifft sie Frauen, die nur an diesem Ort geneigt sind, «über ihr Unglück» zu reden.
Mit dem Jahresverlauf, beginnend mit dem Frühling, «an dem ich leide», weil jede «bittere Wende meines Lebens», jeder Verrat und jeder Verlust in diese Jahreszeit fiel, folgt man der Protagonistin wie ein Schatten, sitzt mit ihr bei der Psychoanalytikerin, «jede Sitzung der Beginn eines unvollendeten Romans», und wechselt auf den Balkon, wo sie für die Freundin den Kummerkasten gibt.
Es sind jeweils kleine, an den Fixpunkten der nicht namentlich genannten italienischen Stadt festgemachte Miniaturen, lose aneinandergereiht und in der Schwebe gehalten, so wie das Leben der Erzählerin in der Schwebe ist, angeseilt nur an den räumlichen Haltestellen und, wie sich zeigt, an der Familiengeschichte, die sich erst nach und nach erschliesst. Erstmals scheint diese auf beim Kauf von Opernkarten, die an den mässig engagierten Vater erinnern, der die Jugendliche zu ihrem 16. Geburtstag in die Oper in eine fremde Stadt einlud, doch einen Tag davor starb.
Aus den hingetuschten Gegenwartsbeobachtungen schält sich ein Kind und eine Jugendliche heraus, die zu Sparsamkeit und Zurücknahme erzogen wurde, in stillem Selbsthass in den Spiegel zu blicken lernte und trotz aller Mühe den Abstand zwischen den unglücklichen Eltern nicht zu füllen vermochte. Dabei verknüpft Lahiri die Ebenen des äusserlich Realen, etwa wenn die Protagonistin im Supermarkt Lebensmittel einkauft – nie auf Vorrat, denn «ich habe keinen Vorrat, ich lebe im Ungewissen» –, mit deren Innenleben: «Mir reicht die Zuneigung, die er für mich auf Vorrat hat», bescheidet sie sich im Hinblick auf den Mann auf der Brücke. In den anderen, denen sie auf ihren Spaziergängen begegnet, erkennt sie den eigenen Mangel, der sich in einer bewusst kultivierten Einsamkeit niederschlägt. Diese Einsamkeit verlangt «nach einem genauen Umgang mit der Zeit», nicht nur im Tagesverlauf, sondern in Bezug auf das ganze Leben.
Enthauptete Maus
Die Pulitzer-Preisträgerin Jhumpa Lahiri, Tochter bengalischer Eltern und 1967 in London geboren, lebte lange in den USA, bis sie 2013 mit ihrer Familie nach Rom übersiedelte. In ihren autobiografischen Sprachreflexionen «Mit anderen Worten» (2017) erzählt sie, zum ersten Mal auf Italienisch, von ihrer 1994 einsetzenden «Affäre» mit dem Italienischen, vom komplizierten Prozess des Spracherwerbs, der auch einer des Sammelns und des Aufspürens von Schönheit ist.
Diese Sammeltätigkeit wiederholt sich auf der Ebene der Schauplätze auch in «Wo ich mich finde», an den Orten, an denen sich glückliche Momente, in einem Schreibwarengeschäft etwa, oder verzagte wie während eines einsamen Besuchs im Ferienhaus der Freunde, kristallisieren. Wie das Kind springt auch die Erzählerin von Baumstamm zu Baumstamm, unter sich die Leerstelle, einen schwindelerregenden Abgrund, das Familiengrab. Doch während die mögliche Liebesgeschichte im Ungefähren bleibt, wird die «Familienaufstellung» am Ende des Romans ein bisschen zu deutlich ausbuchstabiert, die Rolle der Eltern im Familiendrama zu explizit aufgelöst.
Betörend dagegen ist Lahiris Ton, schwebend wie die Geschichte selbst, lakonisch grundiert und voller aufschiessend-fremder Bilder: die arme enthauptete Maus, deren Kadaver sie vor dem Ferienhaus entdeckt und deren Anblick sie so erschreckt, erinnert sie sie doch «an eine Feige im Hochsommer, an den Geschmack des roten Fruchtfleischs, die Wärme im Mund».
Diese Sprache hat auch etwas Doppelgängerisches, sie bleibt immer auf den Fersen der Erzählerin, die sich selbst noch einmal folgt, bevor sie die Stadt, «dieses alte Paar Pantoffeln», abstreifen und den Transit in ein neues Leben antreten kann.