Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03265.jsonl.gz/406

Teil 2
Teil 1 finden Sie hier.
In Arad beziehen wir ein Privathaus. Hinter den Häusern auf der anderen Straßenseite erstreckt sich die Wüste. Der Besitzer, ein alleinstehender Fotograf, wohnt in einem Zimmer im Erdgeschoss. Er ist in die Wüste verliebt, Kunstdruck seiner Bilder ziert alle Wände im Haus. Er freut sich, dass wir seine zwei Katzen mögen.
Im örtlichen Supermarkt decken wir uns mit Humus, Gemüse, Brot und Käse ein, auch Rotwein darf natürlich nicht fehlen. Am Abend essen wir auf der Terrasse vor unserem Haus. Es wird bald stockdunkel, wir zünden eine Lampe an. Die Stille ist unglaublich, man wähnt sich am Ende der Welt. Die beiden Katzen, Bozi und Pits, leisten uns Gesellschaft. Es sind Momente idealen Glücks.
Am nächsten Morgen frühstücken wir mit Kaffee und Keksen im Erker des großen Wohnzimmers mit Blick auf das gewaltige Wüstenpanorama. Dann fahren wir zum Toten Meer.
Unterwegs begegnen uns Markierungen am Straßenrand: «+500 Meter», «+300 Meter», «+100 Meter». Dann kommt das Schild «Meereshöhe», weit unter uns sehen wir die Wasserfläche. Die schmale kurvenreiche Straße führt zum Meer hinunter, jetzt läuft die Zählung rückwärts: «-100 Meter», «-300 Meter». Die Straßenschilder «Achtung, gefährliche Kurven» und «Scharfe Kurven» lassen meinen Mann schmunzeln. Er versteht unter scharfen Kurven etwas Anderes.
Unten an der Küste angekommen, danke ich dem Himmel für unsere bescheidenen finanziellen Verhältnisse, die uns davon abgehalten haben, in einem Hotel direkt am Ufer abzusteigen.
Der Badeort Neve Zohar erschlägt uns mit abgewetztem Siebziger-Jahre-Charme. Der Ort liegt am im südlichen Teil des Toten Meeres, der künstlich am Leben erhalten wird. Früher gab es eine natürliche Verbindung zum nördlichen Teil, der seinerseits vom Fluss Jordan gespeist wurde. Heute führt Jordan zu wenig Wasser, das Niveau des Toten Meeres sinkt, und das Wasser steht zu tief, um durch den Zufluss in den südlichen Teil zu gelangen. Damit der südliche Teil nicht austrocknet, wird das Wasser durch einen Kanal aus dem nördlichen Teil gepumpt.
In Neve Zohar wollen wir nicht für ein Bad anhalten und fahren zum nördlichen Teil, bis an die Grenze zum Westjordanland bei En Gedi. Es gibt nur eine Gelegenheit, ins Meer zu steigen, nämlich in En Gedi Spa. Der Rest der Küste ist abgesperrt.
Das Spa ist überfüllt. Von den Schwefelbädern im Inneren kommen übelriechende Dampfschwaden. Wir zahlen Eintritt, lehnen den Lunch zum Sonderpreis ab und fliehen nach draußen. Ein Traktor mit zwei Anhängern bringt uns die fünfhundert Meter zum Strand. Hier wird der Salzkur gefrönt, man lässt sich mit Schlamm beschmieren und steigt ins Meer zum Abwaschen.
Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Tot ist eben tot. Es soll irgendwelche Mikroorganismen geben, die im Wasser leben, aber das war’s auch schon. Das Wasser ist mehr bitter als salzig, das Ufer besteht aus Salzkruste. Wir lassen uns ein wenig auf der Wasseroberfläche treiben. Das Wasser ist so salzig und dicht, dass man tatsächlich nicht untergeht. Man muss die Beine anspannen, um auf dem Boden zu stehen. Kaum entspannt man sich, wird man wie ein Korkzapfen an die Oberfläche gedrückt. Wir schießen ein paar Bilder und brechen erleichtert wieder auf.
Auf dem Rückweg kehren wir in En Bokek am südlichen Teil ein, in der Hoffnung, ein nettes Restaurant zu finden. Weit gefehlt. Nichts als Fast Food und Kantinen. Von oben, aus der Ferne, hat das Tote Meer definitiv besser ausgesehen.
Am nächsten Tag bietet unser Landlord, er heißt Eyal, eine Fahrt in die Wüste an. Mit seinem Geländewagen fährt er uns über Sandpisten ins Beduinendorf zum Frühstück. Unterwegs machen wir Halt an einem hochgelegenen Aussichtspunkt. Wüste, soweit das Auge reicht, das Tote Meer in der Ferne, vor uns die ehemalige jüdische Festung Masada. Ich sitze auf einem Stein am Abgrund, der Wind pfeift, niemand sagt etwas, die Zeit steht still. Auf einmal kann ich Eyals Verliebtheit in die Wüste verstehen.
Das Beduinendorf, zu dem wir fahren, ist nicht echt, sondern eine touristische Attraktion. Ein echtes Beduinendorf sehen wir aus einigen hundert Meter. Vor Blechhütten stehen große Autos, überall liegt Abfall herum, Menschen sind keine zu sehen.
Das Touristendorf sieht wie ein Bild aus dem Reiseführer aus. Palmen und Olivenbäume spenden Schatten. Neben dem Parkplatz warten Kamele auf Touristen, die einen Ausritt in die Wüste machen wollen. Im Dorf kann man in Hütten und Zelten übernachten, für Kinder gibt es einen Streichelzoo mit Ziegen und Katzen. Pfauen breiten ihre Federschleppen aus. Überall sind Aussichtsplattformen, Hängematten, Windspiele aus Holz, gestreifte Sitzkissen, Palmendächer. Hier wird die Wüstenromantik perfekt vermarktet.
Am Frühstücksbuffet essen wir Fladenbrot, Käse, Hering und traditionellen Salat aus Gurken, Tomaten und Zwiebeln und plaudern auf Englisch mit unserem Landlord. Er ist um die fünfzig und lebt sein Leben lang in Arad. «Man hat nur ein Leben», sagt er mit weicher Stimme, «und ich entschied mich, meins hier zu verbringen.»
Am nächsten Tag verlassen wir Arad. Zum Abschied schenkt uns Eyal eine eingerahmte Fotografie: die Wüste an einem Wintertag. Es fällt uns schwer, uns von ihm, seinen Katzen und der Wüste zu trennen.
Fortsetzung: Teil 3