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An Melanie M. und Wolf M., Ende März 1997, San Jose, Kalifornien
Die DRS-Europe, welche damals noch unter deutscher Flagge fuhr, seither jedoch zum Lager der liberianischen Freibeuter übergewechselt ist: Weniger Bestimmungen und Auflagen in Bezug auf Sicherheit und Personal - war nicht gerade das, was ich mir unter Seefahrerromantik vorstelle -, dafür ist das Schiff zu gross, zu fabrikartig; und mit seinem Fahrstuhl, seinen drei warmen Mahlzeiten in der Messe, der komfortablen (Einzel)-Kabine mit Fernseher, Radio und eigenem Bad auch zu luxuriös! Aber was will man! Ein Spiegel unserer Zeit. Und interessant waren die 14 Tage in jedem Fall -, obschon die erwarteten Stürme alle ausgeblieben sind oder wo anders stattfanden.
nach meiner klassischen Ankunft in New York - ganz echt den Hutson rauf, unter der Broklin Bridge durch und mit Sicht auf Manhattan vor Anker gegangen! - habe ich zuerst je eine Woche in der Stadt und dem Staat von New York zugebracht; danach habe ich mein Exilantendasein in Tennessee fortgesetzt, als Gast in einer schwulen Landkommune mit Ziegen, Hühnern und Hähnen. Sehr ländlich und einfach: Holzfeuer in der grossen Gemeinschaftsküche, viel Wald und Feuchtigkeit; eine romantische Baumhütte mit grossem Holzbalkon, aber leider ohne Heizungsmöglichkeit als Unterkunft, gefrorenes Waschwasser am Morgen, viel gutes, organisches Essen und viele angenehme, manchmal allerdings etwas langweilige Gespräche - - - das war die nächste Etappe meiner Reise. Dann kamen ein paar Tage Houston, wo ich alte Freunde besucht und ihr Mittelklasse Leben als Professorenfamilie miterlebt habe. danach ein zweiwöchiger Besuch in San Diego bei einer alten Freundin, die seit ungefähr 10 Jahren in Ocean Beach lebt - zwei Minuten vom Strand entfernt -, sehr schön! Danach drei oder vier Wochen Ojai: Sitz der theosophischen Gesellschaft; Sitz der Krishnamurti-Foundation und ähnlicher Gruppierungen: Jeder zweite Mensch dort ist ein Heiler bzw. eine Heilerin - es gibt eindeutig mehr Heilerinnen als Menschen, die das Bedürfnis (den Mut und das Geld) haben, sich heilen zu lassen.
Für mich war's sehr schön dort. Ich habe mich als Schriftsteller ausgegeben (und verausgabt!) -, sass stundenlang unter einem Eukalyptusbaum an der Sonne; habe viel gelesen und ein wenig geschrieben. Den grössten Teil meiner Zeit habe ich allerdings mit Surfen zugebracht - nicht auf den Wellen des Pazifik (dieses Vergnügen steht noch bevor), nein: auf den Wellen des Internet. Ich habe mich so gründlich in diesem Netz verheddert, dass ich nach drei Wochen fast notfallmässig weg musste aus dem schönen, komfortabel weltabgewandten, verschwärmten Ojai, um mich von dem ganzen elektronischen Zauber zu erholen! Jetzt, wie gesagt, bin ich hier bei unsern lieben alten Freunden, und - naja - ich benütze die elektronischen Zauberkünste, die ich ebenso beschimpft habe, um Euch mit einem Email zu beglücken!
CG trommelt gerade ein wenig vor sich hin, nachdem er seine Qigong-Übungen hinter sich hat. Barb liegt irgendwo erschöpft in einer Ecke. Sie hatte eine harte Woche, in welcher sie entschieden hat, ihren Book Store definitiv zum Verkauf anzubieten. Sie kann nicht mehr: finanziell und auch sonst, die Konkurrenz der grossen Ketten ist zu gross; sie hat keine Ideen mehr, wie sie ihren Laden für ein paar weitere Jahre über die Runden bringen könnte.
In ein oder zwei Tagen will ich nach San Francisco weiter. Dort will ich für ein paar Wochen ein Zimmer mieten, um die Stadt zu erleben und zu geniessen. Ich möchte erfahren, wie es ist, wenn ich als schwuler Mann einmal kein Sonderfall, sondern der Normalfall bin. Deshalb also einen Monat in San Francisco. Danach ... jetzt ... jetzt kommt's! Denn natürlich liebe ich Euch alle über die Massen und natürlich schreibe ich auch gerne mal einen Brief und so: aber - natürlich will ich auch was:
In San Diego habe ich einen alten Weltenbesegler getroffen, und als er mir so von seinen Fahrten erzählte, da habe ich beschlossen, weder mit einem Frachter, noch mit der Transib , noch mit einem Flugzeug sondern per Segelboot nach Europen zurückzukehren. Als ich CG und Barb von diesem Plan erzählte, sagten sie mir, dass Du, Wolff, ebenfalls an eine grössere Segelei denkst - sie sprachen vom Mai! Also, ausgezeichnet! Wo treffen wir uns? Und wann genau soll's los gehen? - Ich will Mitte August in der Schweiz sein! Realistischerweise müsste ich mich um eine Atlantiküberquerung bemühen, vielleicht von Miami aus oder von einer der karibischen Inseln; doch natürlich reizt es mich auch, aus meiner Reise nach Amerika eine Reise um die Welt zu machen, d.h. von der Westküste der USA oder von Mexiko aus in Richtung Australien oder Asien aufzubrechen. Ich habe bis jetzt noch keinen konkreten Plan, auch kein Schiff, keine Kontaktpersonen; ich frage alle möglichen Menschen, denen ich begegne, ob sie einen Tipp für mich haben; habe auch bereits einmal das Internet beackert, um zu sehen, ob es dort entsprechende Anschlagbretter und Publikationen gibt etc.. Bis jetzt, wie gesagt, noch kein konkretes Ergebnis, doch ich bin guten Mutes. Wenn ich bis Mitte Mai keine Pazifik-Variante in Sicht habe, werde ich nach Florida fahren und sehen, ob ich dort was finde. Nun, im Ernst: Es wäre natürlich super, wenn Deine oder Eure Pläne sich irgendwie mit den meinen treffen würden, wenn wir eine gemeinsame Unternehmung planen könnten. Was meine Reiserichtung betrifft bin ich relativ frei; was die Zeit angeht, so bin ich doch einigermassen an den Mitte-August-Termin gebunden. Das könnte also ein Engpass sein, doch wer weiss!?!!!
Also, wie steht es mit Euren Plänen? Wie konkret war das mit dem Segeln, und wo soll die Reise hingehen?
Wie geht's Euch überhaupt: Melanie, was ist mit Deiner Gesundheit? Und was ist mit Venezuela und Felix und überhaupt? Lasst von Euch hören! Auch wenn die Nachrichten in Bezug auf das Segeln nicht besonders konkret oder positiv sein sollten: ich bin stets an Neuigkeiten aus dem Hause Moell interessiert, wie auch immer diese ausschauen!
Ich werde jetzt mal versuchen, meine elektrischen Künste anzuwenden und diesen Brief auf den Weg zu bringen. Meine Email-Adresse ist auch noch gut, wenn ich nicht mehr hier in San Jose bin! Also! Tut's mal nachdenken und mich dann mit einer Antwort beglücken! ... Bis dann! - Martin!