Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03573.jsonl.gz/832

„Warum heisst das Bett nicht Bild?“, fragte sich der alte Mann in Peter Bichsels Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“. Eine eminent philosophische Frage. Sie bewog den alten Mann zu einer radikalen Umdeutung der Wörter. „‚Jetzt ändert es sich’, rief er, und er sagte von nun an zu dem Bett ‚Bild’. ‚Ich bin müde, ich will ins Bild’, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun zu dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl ‚Wecker’. Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.“ Allerdings lief etwas ziemlich schief in dieser Geschichte. Was als Befreiung vom Korsett der Alltagsprache begann, endete in totaler Vereinsamung und Verständnislosigkeit. Weil der alte Mann nicht begriff, wie Wörter mit Dingen zusammenhängen.
Die Kürzel-Theorie der Namen
Wie und warum „haften“ Wörter an Dingen? Kleben wir Dingen quasi mentale Etiketten an, die sie eindeutig und notwendig als das ausweisen, was sie sind? Es gibt tatsächlich eine Sorte Wörter, von welchen wir glauben, dass sie dies bewerkstelligen: Eigennamen. Sie treffen auf ganz bestimmte Dinge oder Personen zu, und nur auf sie. „Christoph Kolumbus“ meint genau eine Person, nämlich Christoph Kolumbus, den Genueser Entdeckungsreisenden im 15. Jahrhundert, der als erster Europäer in Nordamerika landete, niemanden sonst. Name und Person sind durch ein „inneres“ Band verknüpft. Was ist die Natur dieses Bandes? Darüber gibt es zwei prominente Theorien, die „Kürzel-Theorie“ und die „Urtaufe-Theorie“.
Erstere stammt von Bertrand Russell. Vom Hörensagen, vom Schulunterricht oder vom Studium her kennen wir Beschreibungen, die nur auf die bestimmte Person zutreffen. Namen sind infolgedessen Kürzel von Beschreibungen. Aber sind Beschreibungen eineindeutig: eine Beschreibung – eine Person? „Der erste Europäer, der Nordamerika besuchte“ dürfte womöglich auf einen Wikinger des 10. Jahrhunderts zutreffen. Ebenso trifft „Genueser Entdeckungsreisender im 15. Jahrhundert“ mehr Personen als nur gerade Christoph Kolumbus.
Natürlich liesse sich das deskriptive Netz immer feinmaschiger knüpfen, bis wir eine eineindeutige Zuordnung von Beschreibung und Person erhielten. Der Preis dafür wäre wahrscheinlich eine unbestimmt lange Beschreibung, was den Namen als willkommenes Kürzel tatsächlich plausibel macht. Nur, gibt es diese Eineindeutigkeit überhaupt? Können wir die Einzigartigkeit einer Person beschreibend einfangen? Schliesst eine solche Beschreibung nicht immer auch andere Personen mit ein?
Die Urtaufe-Theorie der Namen
Diese skeptische Frage stellte der amerikanische Philosoph Saul Kripke in den 1970er-Jahren, und er unterminierte mit ihr Russells Konzept. Woher aber dann diese „Notwendigkeit“, die Name und Person verknüpft? Kripkes Antwort: Es ist eine kommunikative Kette, die den Namen von einem Sprecher zum nächsten überträgt, eine Kette, die sich – zumindest im Prinzip – zurückverfolgen lässt bis zu einer Art ursprünglicher Namensgebung – einer „Urtaufe“ – der Person.
Was also „Christoph Kolumbus“ notwendig mit Christoph Kolumbus verbindet, ist die Tatsache, dass diese Person nach ihrer Geburt einmal von ihren Eltern den Namen erhielt. Die Eltern teilten den Namen anschliessend Verwandten und Bekannten mit, die Verwandten und Bekannten teilten den Namen wiederum weiteren Personen mit, diese teilten den Namen wiederum ... und so weiter. Die Iteration erreichte einmal den Verfasser eines Geschichtsbuches im 20. Jahrhundert, das ich in der dritten Klasse las und dabei auf den Namen Christoph Kolumbus stiess. Über eine solche Kette – wie indirekt und vertrackt sie auch immer sein mag – behält der Name seinen „rigiden“ Kontakt mit der Person. Welche Vorstellungen ich und du von Kolumbus auch immer haben, wir stehen beide am einen Ende der Kette, an dessen anderem Ende sich Kolumbus und die „Urtaufe“ befinden.
Man mag diese Theorie abenteuerlich, gar sprachmetaphysisch finden. Aber sie weist auf den intrinsisch sozialen Charakter der Namensgebung hin, generell: auf den Wirklichkeitsbezug von Sprache. Namensgebung ist „der“ menschliche Urakt, der aus Gegenständen Gegenüber macht, aus dem „Es“ ein „Du“. Und zusammen ergibt das ein „Wir“.
Wie lernt man Bedeutungen?
Mit Allgemeinbegriffen verhält es sich ähnlich wie mit Namen. Nur „haften“ sie nicht an einem einzigen Ding, sondern an vielen. Ihr Wirklichkeitsbezug ist „verteilt“. Einem Kind, dem wir das Wort „Tisch“ beibringen, gibt man am Anfang explizite Instruktionen: Dies da ist ein Tisch, und dies dort ist auch einer, jenes dort aber ist kein Tisch. Das Kind navigiert anhand solcher Beispiele nicht auf „die“ Bedeutung von Tisch zu, es übt sich ein in ein linguistisches Sozialverhalten, in ein – wie Wittgenstein sagt – Sprachspiel. Es erreicht eine Schwelle, an der das explizite Befolgen der Instruktionen implizit wird, in den Körper einsinkt als Automatismus. Das Kind versteht sich darauf, das Wort anzuwenden ohne zu verstehen, wie es das tut.
Solche Automatismen sind der Rumpf des Sprachgebrauchs, des Regelbefolgens. Es ist ja nicht so, dass „die“ Bedeutung des Wortes „Tisch“ nun quasi wie ein innerer Leuchtturm unser Sprechen leitet, vielmehr befolgen wir die gelernten „inkorporierten“ Regeln quasi-instinktiv, als wären sie Teil unseres körperlichen Verhaltensrepertoires geworden. Wir müssen nicht ständig überlegen, ob dieses Ding da ein Tisch ist, wir identifizieren es unmittelbar als Tisch.
Die fundamentale Tautologie des Soziallebens
„Ein Tisch ist ein Tisch“ bedeutet nicht bloss den linguistischen Akt des Bezeichnens, lies: des Bezugnehmens auf reale Gegenstände. „Ein Tisch ist ein Tisch“ ist die fundamentale Tautologie unseres Soziallebens. Sie sichert unsere robuste Beziehung zu den Dingen, weil sie eine robuste Beziehung zwischen Menschen stiftet: sie verstehen sich im Bezug auf das Ding. Dieser Bezug erhält ein Moment des Unwillkürlichen. „Ich möchte diese Sicherheit nicht als etwas der Vorschnellheit oder Oberflächlichkeit Verwandtes ansehen,“ schreibt Ludwig Wittgenstein, „(…) ich will sie auffassen, was jenseits von berechtigt und unberechtigt liegt: also gleichsam als etwas Animalisches“ (Über Gewissheit, 358/359).
Natürlich können wir uns täuschen. Und natürlich gibt es die Abweichungen, die Renitenz und Resistenz gegen das „Diktat“ des normalen Sprachgebrauchs – etwa im Jargon, in der Geheim- oder Gaunersprache, in der Lyrik. Bichsels alter Mann rebelliert gegen die „Langeweile“ des gewöhnlichen Sprachgebrauchs. Aber auch hier wird das Tautologische, das Funktionieren der Automatismen am Grund der Sprache vorausgesetzt. In der vermeintlich privaten Sprache redet die öffentliche mit. „Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein gehörte. Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er musste die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er musste lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen.“
Eine Privatsprache ist keine Sprache
Die Bedeutung eines Wortes ist etwas Gemeinschaftliches, wie die Geldwährung, das Autorenrecht, die Menschenwürde. Kommunikation meint auch „Kommunion“. Dadurch hat sie einen normativen Aspekt. Bedeutung weist uns immer auch auf die korrekte Verwendung hin. Im Wort steckt ein Standard: Du sollst mich so gebrauchen! Und ein Standard für eine einzige Person ist unsinnig. Man teilt die Bedeutung der Wörter und dadurch kann man sich mitteilen.
Der Mann in Bichsels Geschichte entzieht sich diesem Mitteilen. Er gebraucht Wörter willkürlich anders, „einfach so“. Er gebraucht sie nicht unkorrekt, vielmehr gebraucht er sie jenseits von „korrekt“ und „unkorrekt“. Wer aber den Wörtern konsequent und radikal einen privaten Sinn verleihen will, entzieht ihnen jeglichen Sinn. Wer Wörter nicht teilt, kann sich auch nicht mehr mitteilen. Wenn nur der Sprechende einer Sprache weiss, worüber er spricht, dann spricht er keine Sprache.
Wortgebrauch bedeutet Gegenstandsgebrauch
Das heisst, wir lernen nicht einfach Wörter, wir lernen Wörter im Zusammenhang mit Dingen. Ein bestimmter Sprachgebrauch bedeutet auch einen bestimmten Gegenstandsgebrauch. Das Wort „Tisch“ zu gebrauchen, meint, einen Tisch richtig zu gebrauchen. Wenn wir zum Beispiel „Tisch“ auf einen Stuhl anwenden, meinen wir damit, dass der Stuhl unter Umständen auch als Tisch gebraucht werden kann; wir kennen dabei einigermassen die Funktionen des Tisches, er ist uns – mit Heidegger gesprochen – etwas „Zuhandenes“. Womöglich können wir in diesem Sinn auch ein Bett „Tisch“ nennen, oder einen Spiegel, indem wir die Gegenstände umfunktionieren, aber bei einem Wecker oder einer Stehlampe wird dies schon schwieriger.
Der alte Mann definiert sich mit seiner eigenwilligen Wort-Ding-Zuordnung auch aus einer Gegenstandsordnung heraus. Die Dinge werden ihm fremd, und er wird in der Ökologie des Gewohnten fremd. Das kann ein gewollter künstlerischer Akt sein, der die Dinge in neuer Perspektive buchstäblich erscheinen lässt – zu Phänomenen macht –, aber das begründet keine beständige Lebensform. Im Gegenteil: Dadurch entzieht man sich dem Leben, weil das Leben immer auch durch repetierten und routinierten Gegenstandsgebrauch bestimmt ist. Am Ende weiss der alte Mann nicht nur nicht mehr, was aus seinem Mund kommt, sondern auch nicht mehr, was er in den Händen hält. Sprache ist eine kapriziöse, mitunter tückische Gefährtin. Man kann mit ihr eine Welt gewinnen; man kann auch eine Welt verlieren.