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Sprache steht im Zentrum des menschlichen Handelns. Darüber definieren und identifizieren wir uns als Individuen, Gruppen und Nationen. Sprache hilft uns, aus der Vergangenheit Sinn zu schöpfen, in der Gegenwart zu leben und in die Zukunft zu denken. Sprache dient nicht nur der Verständigung und Kommunikation, sie vermag auch die subjektive Realität massgeblich mitzugestalten.
Sprache ist auch das wichtigste Instrument der Politik. Durch sie werden Argumente vorgebracht, Verhandlungen geführt, Konsens gefunden, aber auch Agitation und Manipulation betrieben. Die Art und Weise, wie wir kommunizieren, prägt unser Verständnis von Wahrheit und beeinflusst unsere Vorstellung von Zusammen- und Zugehörigkeit.
Menschen neigen von Natur aus dazu, der Welt einen Sinnzu geben und stützen sich dabei auf Informationsabkürzungen (Heuristiken). Dies erlaubt es ihnen, schnell und einfach passende emotionale Repräsentationen der Welt zuentwickeln, die dem entsprechen, was sie glauben und wissen.
Es hat sich herausgestellt, dass Narrative ein primäres Mittel sind, mit dem Individuen Informationen organisieren, verarbeiten und kommunizieren. Sie wurden schon immer genutzt, um soziale, politische und wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen.
Narrative sind ein wirksames Instrument zur Beeinflussung von Urteilen und Entscheidungen und können dazu beitragen, das Verhalten in Bereichen wie Konflikten, Umwelt und Wirtschaft zu beeinflussen. Denn Narrative helfen, komplexe soziale und politische Ereignisse zu interpretieren.
Wenn dies für Individuen gilt, so ist es nicht überraschend, dass Narrative auch in der öffentlichen Politik eine Rolle einnehmen. Die öffentliche Politik wird von einem System von Akteur:innen gesteuert, die um ihre bevorzugten politischen Ziele konkurrieren.
Innerhalb dieses Systems nutzen politische Akteur:innen unterschiedliche Narrative, um ihre Ziele zu erreichen, Probleme und Lösungen zu kommunizieren. Bürger:innen hingegen nutzen Narrative unter anderem, um den politischen Eliten ihre Präferenzen mitzuteilen.
Da Narrative eine wichtige Triebkraft für das Verhalten von Wählenden sind, ist das Verständnis, wie diese Narrative Reaktionen beeinflussen, eine Schlüsselkomponente der öffentlichen Politik. Überzeugende Narrative haben grosses Anwendungspotenzial bei der Bewältigung komplexer Probleme – wie etwa beim Klimawandel, bei der Cybersicherheit, bei der Wahrnehmung öffentlicher Institutionen oder bei der Wahlbeteiligung.
Im digitalen Zeitalter, in dem Narrative die Möglichkeit haben, aktuelle Ereignisse in Echtzeit und mit grosser Reichweite zu interpretieren und zu beeinflussen, wird ein tiefgreifendes Verständnis von ebendiesen immer wichtiger.
Daher ist die Identifikation der Rolle, welche Narrative im öffentlichen Raum spielen (wie auch diejenige der Akteur:innen, welche Narrative benutzen) entscheidend. Es kann relevanten Akteur:innen unter anderem dabei helfen, zukünftige Reaktionsmuster auf allfällige Handlungen besser hervorzusagen und in diesem Sinne den öffentlichen Diskurs massgeblich mitzubestimmen.
Inhalt der Studie
Die vorliegende Studie bezweckt eine gründliche Untersuchung von dominanten nationalen Narrativen in der Schweizer Politik und deren Anwendung durch verschiedene politische Akteur:innen. Letztlich hat die Studie zum Ziel, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie Narrative politische Diskurse prägen und durch das Verhalten von politischen Akteur:innen beeinflusst werden.
Die Studie beginnt mit einem theoretischen Überblick zu Narrativen im Allgemeinen und zu dominanten nationalen Narrativen im Spezifischen. Anhand bestehender Literatur wird dabei erläutert, was Narrative sind und welche Rolle sie in Politik und Gesellschaft einnehmen. Zudem werden die in der Studie verwendeten Methoden erläutert und erste übergreifende Ergebnisse präsentiert.
Im nachfolgenden Kapitel erfolgt eine ausführliche deskriptive Analyse der einzelnen Narrative. Es dient vordergründig einer ersten Einordnung und betont verschiedenste interessante Anwendungsdynamiken während den letzten 40 Jahren.
In einem weiteren Kapitel werden schliesslich die Akteur:innen der Schweizer Politik und ihre Nutzung der Narrativegenauer untersucht. Dieses soll primär die gelegten Schwerpunkte der verschiedenen Akteur:innen aufzeigen und darauf hinweisen, wie sich deren Narrativ-Nutzung über dieZeit verändert hat.
Zuletzt wird in einem Exkurs auf einen äusserst relevanten Akteur eingegangen: den Bundesrat. In einer qualitativen Inhaltsanalyse von Bundesratsredender letzten 40 Jahre beleuchtet die vorliegende Studie anhand eindrücklicher Fallbeispiele, wie sich dessen Narrativ-Gebrauch stellenweise grundlegend verändert hat.
Vorgehen
In der ersten Phase wurde in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Sotomo ein neuartiger Korpus von 14’000 Dokumenten erstellt, die von Akteur:innen der Schweizer Politik verfasst wurden und eine quantitative Methode verwendet, um die Narrativnutzung diese Akteur:innen zu erfassen, zu untersuchen und zu vergleichen.
In der zweiten Phase wurden diese Ergebnisse im Auftrag von Pro Futuris von fünf Studierenden unter der Betreuung von Prof. Dr. Karsten Donnay des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Zürich im Rahmen eines «Capstone»-Kurses qualitativ validiert und daraufhin die vorliegende Studie erstellt. Sie hat zum Ziel, vertiefte Erkenntnisse über dominante nationale Narrative in der Schweiz und deren Verwendung in der politischen Kommunikation zu erlangen. zurück