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Die Filmemacherin und Kunstwissenschaftlerin Hito Steyerl (1) arbeitet heraus, dass im Diskurs des Dokumentarischen schon seit jeher zwei Fronten aufeinanderstossen: einerseits die Position, die an der realistischen Abbildung der über technische Apparate hergestellten Bilder festhält und an den Wahrheitsgehalt der dokumentarischen Aufzeichnung glaubt, d. h. der Kamera ebenso traut wie den eigenen Augen: auf der anderen Seite die konstruktivistische Position, die davon ausgeht, dass dokumentarische Bilder hergestellt werden und von Machtverhältnissen geprägt sind. (2) Steyerl geht davon aus, dass die dokumentarische Form immer an Wahrheitsproduktion interessiert ist und spricht in diesem Zusammenhang von Dokumentalität. (3) Die Wahrheit ist ein Produkt, das hergestellt und über dokumentarische Codes konstruiert wird, z. B. durch den Gebrauch von Schwarz-Weiss-Fotos, Interviews, Statistiken und Briefen. Dies ist eine Dokumentalität, die mit Authentifizierungsstrategien arbeitet, z. B. mit Kunstdokumentationen, in denen Performances oder Interventionen abgebildet sind, die bestimmte Effekte im sozialen/politischen Feld veranschaulichen und damit andere, neue Realitäten schaffen. Steyerl konstatiert, dass viele künstlerische Arbeiten sich mit diesem Stil schmücken und so tun, als ob sie an der Wahrheit interessiert sind, anstatt Ursachen auf den Grund zu gehen. Sie unterscheidet zwei Formen des Dokumentarischen, die auf historische Ereignisse rekurrieren: die realistische Form und die reflexive Form. Während sich die realistische Form am meisten des Wahrheitsmythos bedient, laufe die reflexive Form Gefahr, einen ‹potenzierten Realismus› zu erzeugen. Beide Formen fordern deshalb ein breiteres Wissen über Fiktionalität und Dokumentalität. Bei all diesen Verunsicherungen sei es wichtig, mit einer kritischen Distanz die Konstruktion der Wahrheit von Bildern zu hinterfragen. Steyerl schlägt vor, nach dem Ausdruck statt nach der Repräsentation der dokumentarischen Bilder zu fragen: «Was sich im hysterischen Gewackel des CNN-Bildes (Irakkrieg) ausdrückt, ist die generelle Intransparenz und Verunsicherung einer ganzen Epoche. ... die durch mehr und mehr Bilder definiert wird, auf denen weniger und weniger zu sehen ist. Die Form ihrer Konstruktion stellt das reale Abbild ihrer Bedingungen dar.» Mit einem Appell, der an die Produzent/innen gerichtet ist, fordert Steyerl «eine Ethik des Dokumentarischen in der Kunst, aus der mehr Schlüsse gezogen werden können». (4) In einem kürzlich ausgestrahlten Radiogespräch erweitert sie ihre Forderung mit der Aussage: «(...) aber ich glaube, dass Bilder, wenn auch oft nicht auf den Ebenen, auf denen wir sie vermuten, wirklich in der Lage sein können, Momente der Realität festzuhalten. Wenn das nicht der Fall wäre, dann könnten wir Dokumentaristen es aufgeben.» (5)
1 Filmemacherin, Autorin, lehrt am Centre for Cultural Studies des Goldsmiths College, University of London, und dissertierte zu dokumentarischen Formen im Kunstfeld.
2 Vgl. Steyerl, Hito, «Die Farbe der Wahrheit, Dokumentarismus und Dokumentalität», in: Karin Gludovatz / Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Hrsg.), Auf den Spuren des Realen. Kunst und Dokumentarismus, Wien 2004, S. 91–107.
3 Steyerl, Hito, «Die Farbe der Wahrheit, Dokumentarismen im Kunstfeld», Verlag Turia + Kant, Wien 2008, S. 18.
4 Ebd., Steyerl, 2008, S. 10–15. Den Begriff leitet sie von Michel Foucaults Begriff der Gouvernementalität ab (Macht über die Produktion von Wahrheit).
5 Vgl. Steyerl, Hito, in: www.br.de/radio/bayern2/import/audiovideo/artmix-gespraech232.html, 31.7.2009.