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Das musst du wissen
- Gedanken, wie es wäre, zu springen, sind in der Psychologie als Höhen-Phänomen bekannt.
- Dieses kommt bei Personen mit und ohne Selbstmordgedanken vor und ist kein Grund zur Sorge.
- Es könnte eher mit einem Überlebenswillen als mit einem Todeswunsch zusammen hängen.
Zufrieden blinzle ich der Sonne entgegen. Ich verlasse nach einem Spaziergang erholt den Wald. Beim Überqueren der Brücke mache ich kurz Halt und schaue in die Tiefe. Urplötzlich schiesst mir der Gedanke durch den Kopf, wie es wohl wäre, mich da runter zu stürzen. Erschrocken mache ich einen Schritt weg vom Geländer.
In der Psychologie ist das oben geschilderte unter dem Begriff High place phenomenon bekannt – auf Deutsch auch Höhen-Phänomen genannt. Diese beschreibt den Gedanken einer Person, zu springen, wenn sie sich beispielsweise auf einer hohen Brücke oder einem Turm befindet. Und kommt sowohl bei Menschen mit und ohne Suizidgefährdung vor. Verbirgt sich dahinter womöglich ein unbewusster Todeswunsch? Nicht zwingend. Alleine das Auftreten solcher Gedanken kann keineswegs als Zeichen für einen solchen gewertet werden, wie eine an der der Ruhr-Universität in Bochum durchgeführte Studie nahelegt.
Erstmals beschrieben wurde das High place phenomenon 2012 durch Forschende der Florida State University. Mehr als die Hälfte der Untersuchten dieser Studie berichteten, zumindest schon einmal in ihrem Leben solche Gedanken gehabt zu haben, ohne dass bei ihnen eine aktuelle oder frühere Suizidgefährdung festgestellt werden konnte. Ähnlich verhält es sich in der neueren Studie von 2020. Mittels Online-Fragebogen befragten die Forschenden rund 280 Personen und erhoben so Daten über deren Erfahrung mit dem Phänomen sowie dem Vorhandensein von Depressionen, Ängstlichkeit, und Suizidgedanken. Dabei zeigte sich, dass insgesamt sechzig Prozent der Befragten mit dem Phänomen vertraut waren. Etwa 45 Prozent der Befragten hatten das Phänomen mindestens einmal in ihrem Leben erlebt, ohne dass bei ihnen eine Suizidgefährdung vorlag. Zusätzlich untersuchten die Forschenden auch knapp hundert Personen, die wegen Flugangst in Behandlung waren. Auch hier hatten fast die Hälfte der Personen Erfahrung, die meisten davon ohne aktuelle Suizidgedanken.
Doch wie lässt sich das erklären? Der Drang, zu springen, könnte auf einem falsch interpretierten Warnsignal des Gehirns beruhen. Denn wenn wir uns Nahe an einem Abgrund befinden, sendet das Gehirn sehr schnell ein Signal aus: Achtung, kein Schritt weiter, sonst fällst du runter! Das lässt uns von der Gefahrenquelle zurücktreten. Wenn in der Realität aber keine Lebensgefahr besteht, etwa auf einer gut gesicherten Brücke, kann das später einsetzende bewusste Denken das Signal mit einem Todeswunsch verwechseln. Solche Signale nehmen besonders ängstliche Menschen möglicherweise besser war, oder sie tendieren eher dazu, ihre Reaktion als Suizidabsicht zu interpretieren. Allerdings handle es sich bei dieser Hypothese um eine Vermutung, die empirisch noch nicht ausreichend erforscht wurde, sagt Tobias Teismann, Psychologe und Hauptautor der deutschen Studie.
Science-Check ✓Studie: High place phenomenon: prevalence and clinical correlates in two German samplesKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Online-Stichprobe wurde während der Corona-Pandemie erhoben. Daher könnte es sein, dass die Teilnehmenden ein höheres Mass an Stress, Angst und Depression erlebten, was möglicherweise zu einer besseren Erinnerung an angstauslösende Erfahrungen führt. Darüber hinaus lassen sich die Daten nicht verallgemeinern, da die Stichprobe relativ klein ist und es sich nicht um eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe handelt. In der Patientenstichprobe wurden die Suizidgedanken nur mit einer Methode und damit nicht umfassend erfasst. Damit könnte die Suizidalität in der Patientenstichprobe unterschätzt worden sein.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Peer-reviewed, Online-Umfrage bei 276 Personen durchgeführt, Daten aus Nachkontrollen und Diagnosen zu 94 Patientinnen und Patienten mit Flugangst.Studien-Art: Beobachtungsstudie.Geldgeber: Keine.Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Klar ist aber: «Das Auftreten von aufdringlichen Gedanken ist in der Gesamtbevölkerung weit verbreitet und als solches nicht pathologisch», sagt Teismann. Wer also beim Überqueren einer hohen Brücke unerwartet mit dem Gedanken zu Springen konfrontiert wird, kann beruhigt sein. Nicht der Wunsch zu sterben, sondern ein Überlebenssignal, das uns am Leben halten soll, könnte dahinterstecken.