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In der industriellen Herstellung werden viele Ressourcen verschwendet. Alternative Wirtschaftssysteme wie die Kreislaufwirtschaft basieren auf der Idee, Produktionsströme in Zyklen zu organisieren, sodass die eingesetzte Energie und die aufgewendeten Materialien nicht verloren gehen, sondern wiederverwendet werden können.
In der Schweiz fallen jährlich über 700 Kilogramm Siedlungsabfall pro Person an. Dazu zählen beispielsweise Abfälle aus Haushalten sowie aus der Textil- und Dienstleistungsindustrie. Auf die durchschnittliche Lebenserwartung von 82,7 Jahren hochgerechnet ergibt dies rund 60 Tonnen. Seit den 1970er- und 1980er-Jahren wird Recycling sowohl auf gesellschaftlicher als auch politischer Ebene verstärkt thematisiert. 1986 gab das Bundesamt für Umwelt sein ‹Leitbild für die schweizerische Abfallwirtschaft› heraus, in dem Wege für einen umweltfreundlicheren Umgang mit Ressourcen skizziert werden. Wurden damals lediglich 20 Prozent der jährlich anfallenden Abfälle recycelt, sind es heute rund 50 Prozent. Obwohl eine deutliche Verbesserung festzustellen ist, wird noch immer die Hälfte aller Ressourcen verschwendet. Dem versuchen regenerative Systeme wie die Kreislaufwirtschaft entgegenzuwirken, eine Überlegung, die 1989 von David W. Pearce und R. Kerry Turner eingeführt wurde. Dieses Wirtschaftssystem sieht vor,Produktströme in Zyklen zu organisieren, um Ressourcen möglichst vollständig wiederzuverwenden. Es basiert dabei auf drei Prinzipien, wie die Ellen MacArthur Foundation erläutert:
1) Verwendung erneuerbarer Ressourcen,
2) Schonender Umgang mit Energie und Materialien durch effiziente Zyklen,
3) Vermeidung umweltschädlicher Folgen.
Somit ist die Kreislaufwirtschaft eine nachhaltige Alternative zur Linearwirtschaft, die in den meisten Ländern nach wie vor als dominantes Prinzip der industriellen Produktion gilt. Im Essay ‹Linear Risks›, der im Mai 2018 veröffentlicht wurde, illustriert die Organisation Circle Economy, die sich für die weltweite Etablierung des Systems einsetzt, die Nachteile, die die Linearwirtschaft mit sich bringt. Gemäss Shyaam Ramkumar, Knowledge und Innovation Manager bei Circular Economy, liegt der Linearwirtschaft eine verschwenderische Haltung zugrunde, da sie natürliche Ressourcen als endlos betrachtet. Entsprechend lässt sie die verwendeten Energien und Materialien nicht in den Produktionszyklus zurückfliessen und orientiert ihreRentabilität am Verkauf kurzlebiger Artikel, die von den Nutzerinnen und Nutzern schnell wieder ersetzt werden müssen. Diese Vorgehensweise definiert Ramkumar als «take-make-waste» und beschreibt, wie ein solches Modell nicht nur verheerende Folgen für die Umwelt, sondern auch für das Bestehen des jeweiligen Unternehmensmit sich bringt, das von der Einsparung an Ressourcen langfristig profitieren würde.Genau dafür plädiert auch die Ellen MacArthur Foundation: Würde die Herstellung von Elektronik in Europa beispielsweise kreislaufwirtschaftlich organisiert werden,würden die involvierten Industrien bis zum Jahr 2020 Ressourcen im Wert von 540 Milliarden Euro einsparen.
Auch der heutige technologische Fortschritt würde die europaweite Anwendung der Kreislaufwirtschaft begünstigen, wie Shyaam Ramkumar in einem Interview mit dem Online-Portal Circulate erläutert. Technologische Infrastrukturen – das sogenannte Internet der Dinge – ermöglichen es, Daten zu sammeln und somit Erkenntnisse darüber zu erhalten, wie Ressourcen effizienter eingesetzt, Systeme besser entwickelt und Produktionsabläufe optimiert werden können. Ein Beispiel dafür liefertdas dänische Start-up Nordsense. Mittels Sensoren, die innerhalb der öffentlichenAbfallbehälter befestigt werden, erhält das Jungunternehmen Daten über derenFüllstand. Auf diese Weise kann die Route der städtischen Mülllabfuhr angepasst und optimiert werden, wodurch Arbeitskräfte gezielter eingesetzt werden, wenigerTreibstoff verbraucht und der Verschleiss der Fahrzeuge verringert wird.
Auch die Europäische Kommission diskutiert über einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen. Schliesslich wurden im Jahr 2014 rund 8 Millionen Tonnen Rohstoffe zu Energie oder Material verarbeitet, wovon lediglich 0,6 Millionen Tonnen recyceltenUrsprungs sind. Im ‹2018 Circular Economy Package› hat die Kommission Ziele für die Abfall- und Kreislaufwirtschaft formuliert, die innert der nächsten 10 bis 15 Jahrenumgesetzt werden sollen. Dies bedingt, dass weitere Erkenntnisse über das Optimierungspotential bestehender Systeme gewonnen werden; so sieht das Paket vor, innovative Technologien und entsprechende Forschungsprojekte zu unterstützen. Bereits 2014 haben private Investoren rund 15 Millionen Euro in diesen Bereich investiert, wodurch 3,9 Millionen Arbeitsplätze geschaffen worden sind.
In der Schweiz setzte sich die 2011 lancierte Initiative ‹Grüne Wirtschaft› für einenachhaltigere Wirtschaft ein. Bis 2050 sollte der ökologische Fussabdruck drastisch reduziert werden. Die Volksinitiative wurde am 25. September 2016 mit 63,6 ProzentNein-Stimmen abgelehnt. Gemäss Bundesrätin Doris Leuthard wollte die Initiative zu viel in zu kurzer Zeit erreichen und plädiert für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem, dessen Etablierung schrittweise, freiwillig und international abgestimmt stattfindet. Darauf reagierte der Freiburger Ständerat Beat Vonlanthen mit seinem Postulat ‹Die Chancen der Kreislaufwirtschaft nutzen. Prüfung steuerlicher Anreize und weiterer Massnahmen›, das im Rahmen der Herbstsession 2017 entstanden ist. Darin fordert er, die Ziele in Bezug auf die Ressourceneffizienz weiterhin zu verfolgen und aus Beispielen zu lernen, die schon in der Europäischen Union praktiziert werden. Darunter nennt er eine Senkung der Mehrwertsteuer für Reparaturen, wie sie Anfang 2017 in Schweden eingeführt wurde.
Auch hierzulande setzen sich immer mehr Unternehmen gegen die Wegwerfmentalität ein. IKEA hat Anfang des Jahres das Pilotprojekt ‹Second Life›lanciert; in der Filiale Spreitenbach können ausrangierte Möbel zurückgebracht werden, wobei den Kundinnen und Kunden zwischen 0 und 60 Prozent des Preisesin Form eines Gutscheins zurückerstattet wird.
Ein ähnliches Projekt hat H&M 2017 lanciert und ruft im Rahmen der Kampagne ‹Bring it on› dazu auf, alte Kleider zurückzubringen, die anschliessend recycelt werden. Die gemeinnützige Organisation Greenpeace weist allerdings darauf hin, dass solche Modelle nicht das eigentliche Problem lösen – sprich den übermässigen Konsum kurzlebiger Produkte –, sondern mit Gutscheinen einen zusätzlichen Kaufanreiz schaffen. Insbesondere die Mode-Industrie solle sich vermehrt für ein langlebiges Design engagieren und Konsumentinnen und Konsumenten zum längeren Tragen ihrer Kleidung aufrufen, anstatt sie dazu zu animieren, alte Textilien ohne schlechtes Gewissen zu retournieren. Diese Meinung mag man teilen oder nicht – und sie ist auch nicht allgemeingültig. Sie verdeutlicht jedoch, dass es den Blick für die eigene Lebensweise zu schärfen gilt – denn wie lange ein Regal genutzt oder ein Pulligetragen wird, liegt immer in der eigenen Verantwortung.