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Jörn Florian Fuchs, Wiener Zeitung (12.12.2008)
Claus Guth und Ingo Metzmacher versuchen sich an "Tristan und Isolde"
Irgendwie scheint über Claus Guth ein Wagner-Fluch hereingebrochen zu sein. Der eigentlich verlässliche musiktheatrale Theoretiker und Bühnenpraktiker ist bekannt für neue, spannende Deutungen altbekannter Stücke oder auch neuer Opern. Mit dem "Fliegenden Holländer" debütierte er vor einigen Jahren in Sachen Wagner – und das gleich in Bayreuth!
Allerdings gehörte die arg psychoanalytisch hochgerüstete Regie nicht zu Guths Glanzstücken. In der vergangenen Spielzeit setzte er in Dresden die "Meistersinger" matt und langatmig in Szene und bekundete danach, dieser Stoff liege ihm einfach nicht. Und in Hamburg stießen die ersten beiden Teile seines "Rings" auf teils heftige Ablehnung.
Wagners Liebesunglück
Am Zürcher Opernhaus hingegen gab es nun für Guths "Tristan" ordentlichen, wenngleich etwas erschöpften Applaus. Es war indes, kurz gefasst, erneut eine Wagner-Enttäuschung à la Guth. Als Kernidee dient die unglückliche Liebes(sehn)sucht Richard Wagners nach Mathilde Wesendonck: Ihr Mann war Wagners Gönner in Zürich, und ebendort schmachtete der Gesamtkunstwerker die Angebetete an, während selbige seufzte und ihm ein paar Gedichte zum Vertonen schrieb (die berühmten "Wesendonck-Lieder").
Auf der Opernhausbühne sieht man einen etwas heruntergekommenen Nachbau der Zürcher Wesendonck-Villa. Ein Schlafzimmer, eine Terrasse mit subtropischen Pflanzen, ein großer Salon und ein Zwischenzimmer werden sichtbar, die Figuren wandern durch die Räume, diese verwandeln sich sehr ausgiebig mittels Drehbühne.
Abbröckelnde Villa
Im Laufe des Abends verfällt die Villa, was durchaus mit der Verfallsgeschichte der Figuren korrespondiert. Diese stellen – andeutungsweise – Otto und Mathilde Wesendonck sowie Wagner selbst dar, wobei Mathilde/Isolde noch eine Zwillingsschwester namens Brangäne besitzt – wer deren historische Entsprechung sein soll, bleibt aber rätselhaft.
Lose verknüpft sich das Geschichtliche mit dem Stoff der Oper, auch mit ein wenig Küchenpsychologie. Am Anfang schon liegt Isolde/Mathilde (krank?) im Bett, dort wacht trist Otto Wesendonck/König Marke. Dem Letzteren wurde Isolde bekanntlich versprochen, doch der eigentlich als Todfeind zu bekämpfende Tristan wird zu ihrem Lebensendpartner – im gemeinsamen Liebestod scheiden beide dahin, auch bei Guth. Einzelne Details der Inszenierung sind zwar schön ausgearbeitet, im Ganzen fehlt aber ein überzeugender dramaturgischer Bogen, zudem gerät vieles platt, fast unfreiwillig komisch.
Immerhin bewältigte Nina Stemme (Isolde) ihre Partie – wie üblich – brillant, mit Ausdauer und Glanz auch in der Höhe. Michelle Breedt (Brangäne) war ihr eine stimmlich stimmige Begleiterin, Martin Gantner gab einen guten Kurwenal, Volker Vogel einen mäßigen Melot. Alfred Muff (Marke) lieferte recht eindimensionale Töne, und Ian Storey sang den Tristan teils sehr bemüht und wie vom Blatt herunter, ohne größere Tiefendimension.
Enttäuschend leider auch das Dirigat von Ingo Metzmacher, der den Kopfakt zwischen mittlerem Verdi und Grand opéra ansiedelte, im zweiten Aufzug zu konzentrierteren Klängen fand, aber danach erneut ins Laute, Grobschlächtige abdriftete. Unsauber intonierende Tuben und an einer Stelle lautsprecherverstärkte (!) Hörner erfreuten auch nicht gerade Ohr und Gemüt des Connaisseurs.