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Wie wir unser eigenes Englisch erfinden
[Neue Luzerer Zeitung 2014-01-08] sda
Die deutsche Sprache ist voll von englischen Ausdrücken. Einige davon kennt in den USA oder Grossbritannien kein Mensch.
Die deutschsprachige Touristin verstand die Welt nicht mehr. Eine Baseballmütze wollte sie, und wieder und wieder fragte sie den Verkäufer in Manhattan nach einem «Basecap», Doch der guckte sie nur fragend an. Ja, redete denn der Amerikaner kein Englisch? Doch, tat er. Sie aber nicht – zumindest nicht beim entscheidenden Wort. «Basecap» ist ein typisches englisches Wort, das gar kein Englisch ist – eines in einer ganzen Reihe von vermeintlich englischen Wörtern, die nur Deutschsprachige kennen.
Kein Happy End
Sprachpuristen ärgern sich über diese Begriffe,die in die Rubrik «Pseudoanglizismus» fallen. «Oldtimer» und «Happy End», «Beamer» und eben «Basecap» - so etwas gibt es im Englischen gar nicht, oder es bedeutet etwas völlig anderes. «Beamer» ist Slang für BMW. Der Projektor heisst in den USA schlicht «Projector». Und «Basecap» ist eine Zierleiste, die es im Baumarkt gibt.
Sprachliche Unterwerfung
Das erfolgreichste Wort dieser Art ist «Handy». Der englische Unterhalter Stephen Fry bringt auf der Insel immer noch Menschen zum Lachen, indem er auf Deutsch fragt: «Wo ist mein Handy?» Deutsche fragen sich verwirrt, was denn daran falsch sei? Handy ist im englischen Sprachraum kein Mobiltelefon, sondern einfach etwas Handliches, etwas, das man gerade griffbereit zur Hand hat. «Viele Deutschsprachige haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern diejenige ihrer Kolonialherren zu verwenden», poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. «Die Londoner ‹Times› hat das einmal als ‹linguistic submissiveness› (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen. ( ... ) Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbst gemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto: «Lieber ein halber Ami als ein ganzes Landei.»
Leichen- statt Rucksack
Dabei können die vermeintlich englischen Wörter zuweilen für grosse Verwirrung sorgen. Millionen Deutsche amüsieren sich beim «Public Viewing»? In Amerika ist Public Viewing die Aufbahrung von Leichen im offenen Sarg. Da passt der «Body Bag» - ein Begriff, mit dem ein Händler ernsthaft einen Rucksack anpries: In den USA ist das schlicht ein Leichensack.
Hauptsache, cool!
«Viele Pseudoanglizismen sind so integriert, dass man sie gar nicht mehr sieht», sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Grzega. «‹Showmaster› wurde von Rudi Carrell erfunden, ‹zappen› kennen nur wir Deutschsprachigen, aber der ‹Horne-Trainer› hat es sogar ins Niederländische geschafft.» Andere könnten dies allerdings auch: Franzosen und Italiener etwa sagten «Footing» zu dem, was auf gut Deutsch «Jogging» heisst. Die Schuldigen sieht Grzega in der Werbung. «Da haben uns Leute klipp und klar gesagt: «Uns ist egal, ob das Quatsch ist, aber es klingt cool.»
Sozialarbeiterin oder Hure?
«Ich war sehr verwirrt, als ich meine Schüler nach ihren Berufen fragte», erzählt Cindy Grant. Die New Yorkerin gab in Kassel ein.en Erwachsenenkurs für Englisch, und ' eine Schülerin sagte stolz, dass sie «Streetworkerin» sei. In Amerika ist das fast gleich klingende Streetwalker die Umschreibung für eine Prostituierte.
Auf Grants verwirrten Blick hin sagte die Sozialarbeiterin stolz, dass für sie der Job ihr ganzes Leben sei und sie ihn mit voller Hingabe den ganzen Tag mache. «Ich dachte erst: ‹Wow!› Dass die Europäer da offener sind, wusste ich. Aber so offen?» Erst ein Mitschüler mit Amerika-Erfahrung löste das Missverständnis.