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Der Abgrund ist nah, aber er bleibt unsichtbar. Im fensterlosen Stollen merkt der Besucher nicht, dass er sich 200 Meter über dem Boden in einer Staumauer bewegt. Es ist feucht und kühl hier. Philippe Baumgartner trägt einen Aluminiumkoffer mit schwerem Messgerät. Der Kontrolleur schleppt die 15 Kilogramm scheinbar mühelos, selbst wenn er eine steile Treppe mit übergrossen Stufen hinabsteigt. Er ist die ovalen Gänge gewohnt. Seit 15 Jahren gehören die Rundgänge in der Staumauer zu seinem Arbeitsalltag.
Das Innere des Betonkolosses ist so beeindruckend wie sein Äusseres. Mit 285 Metern Höhe und rund 15 Millionen Tonnen Gewicht ist die Grande Dixence die grösste Gewichtsstaumauer der Welt und schwerer als die Cheops-Pyramide (siehe Box «Staumauer der Superlative»). Die Talsperre staut 400 Milliarden Liter Wasser – das entspricht etwa dem zwei-fachen Volumen des Hallwilersees. Innen gleicht das Pionierwerk aus den fünfziger Jahren einem durchlöcherten Käse; auf 32 Kilometern ziehen sich Kontrollgänge und -schächte durch das Bauwerk. Um prüfen zu können, ob die Mauer dem gewaltigen Wasserdruck standhält, haben die Ingenieure ein einfaches, aber sicheres Prinzip angewandt: Pendel. Drähte in dünnen Kanälen an 150 Kilo schweren Gewichten hängen von den oberen Stollen in die Basis herab. Der Ausschlag der sieben Pendel zeigt, wie stark sich die Mauer bewegt und ob eine gefährliche Schieflage droht. Zusätzlich sind drei sogenannte umgekehrte Pendel installiert, deren Drähte fest im Felsboden unter der Mauer verankert sind. Ihr Ausschlagen gibt Auskunft über allfällige Verschiebungen des Fundaments.
Elf Zentimeter Neigung sind normal
In der Kaverne am Ende des Gangs stellen Baumgartner und seine Gefährten Didier Bovier und Jean-Maurice Sierro ihre Koffer und Geräte ab. Die Barragistes (von franz. barrage = Talsperre) gehen nach Protokoll vor. Philippe Baumgartner montiert das Messgerät, das Ähnlichkeit mit einem Feldstecher hat, auf einen Sockel und nimmt den Draht des umgekehrten Pendels ins Visier. Die Auslenkung notiert er auf einem Blatt Papier. Kollege Sierro misst unterdessen den Druck des Wassers auf die Mauer. Von dieser Seite ist heute kaum Gefahr zu erwarten, denn der Stausee ist in diesen Apriltagen fast leer. Schliesslich kontrollieren Bovier und Sierro den Ausschlag des klassischen Pendels. Keine Auffälligkeiten; die gemessenen Bewegungen liegen im Millimeterbereich. «Die Mauer kann sich bei vollem Druck um elf Zentimeter in Richtung Tal neigen», erklärt Sierro. Eine Winzigkeit im Vergleich zur Breite der Mauer: 15 Meter an der Krone und 200 Meter an der Basis.
«Die Mauer ist in einem guten Zustand, ich musste noch nie Alarm schlagen», so Baumgartner. Jeweils in der ersten Woche im Monat kontrollieren die Barragistes das ganze Messnetz, eine wiederkehrende Routine seit der Fertigstellung der Mauer im Jahr 1961. Mit der Elektronisierung wurden zwar manche Messungen automatisiert, doch die Spezialisten sind noch immer während vier Tagen monatlich im Stollenlabyrinth unterwegs.
«Die Kontrolle des Betons, sein Erscheinungsbild, ist wichtig, da zählt Erfahrung», sagt Didier Bovier und mustert die kahlen Wände. Er achtet auf Veränderungen und ungewöhnliche Wasserflüsse, die auf feine Risse schliessen lassen. Die Talsperre ist dicht: Durch die Mauer dringt derzeit weniger als ein Liter Wasser pro Sekunde. Das belegen Messungen an der Basis, wohin uns ein Lift bringt. Wir verlassen das Bauwerk durch einen Stollen, der direkt zur Strasse führt.
Die Barragistes quartieren sich jeweils im Wirtschaftsgebäude am Fuss der Mauer ein, auf 2141 Metern über Meer. «Hotel Ritz» wird der Zweckbau ironisch genannt, in dem sich neben Unterkünften auch ein Überwachungsraum befindet. An dessen Wand hängt ein Schema von Mauer, Stausee und den Druckleitungen, die zu den Kraftwerken im Tal führen. Kleine Displays zeigen die wichtigsten Daten zum Beispiel die Füllung, den Wasserabgang oder die Auslenkung von fünf Pendeln die auch elektronisch erfasst werden. Alle Daten werden an das Betriebszentrum in Sitten übermittelt, wo die Fäden des Kraftwerkkomplexes zusammenlaufen.
Alter der Mauer ist kein Problem
Die Barragistes können sich nicht vorstellen, dass die Mauer mal bricht. Auch beim Bundesamt für Energie, das die Anlagen beaufsichtigt, vertraut man dem Bauwerk. «Die Grande-Dixence-Staumauer ist im grünen Bereich», sagt Georges Darbre, Leiter der Sektion Talsperren. Trotz ihres Alters sei die Mauer in sehr gutem Zustand. Probleme mit der Alterung des Betons, wie sie etwa bei der Staumauer von Serra oder beim Illsee auftreten, habe man im Falle der Grande Dixence nicht. Wenn eine Gefahr bestehe, dann rühre sie von äusseren Ereignissen wie Hochwasser oder Hangrutsch her.
Didier Bovier erinnert an das Unglück von Longarone in den italienischen Alpen. Am 9. Oktober 1963 löste sich vom Monte Toc eine Bergflanke und stürzte in den Vajont-Stausee. Das Wasser schwappte über die Mauer, und eine 160 Meter hohe Flutwelle vernichtete fünf Dörfer 2000 Menschen starben. Die Katastrophe war eine Folge von Ignoranz, Betrug und Profitgier: Die instabile Situation am Berg war den Geologen bekannt; das Genehmigungsverfahren für den Bau war nicht korrekt abgelaufen. Wider besseres Wissen hatte die Elektrizitätsgesellschaft SADE das Projekt vorangetrieben. Die Verantwortlichen wurden angeklagt und verurteilt.
Gegen starke Beben gewappnet
Von solchen Schreckensszenarien sei man bei der Grande Dixence weit entfernt, sagen die Fachleute. Allfällige Bewegungen der Felsen rund um die Mauer werden mit einem Messnetz erfasst. Labile Hangsituationen gibt es keine, die Gefahr grosser Rutschungen ist minimal.
Als klein erachten die Verantwortlichen auch die Gefahr durch Erdbeben. «Die Walliser Mauern sind auf ein Erdbeben der Magnitude 7 bis 7,2 ausgerichtet, also auf ein grosses Schadenbeben, wie es alle 10'000 Jahre einmal staffinden könnte», sagt Georges Darbre. Selbst wenn ein stärkeres Beben auftreten sollte, könne er sich nicht vorstellen, dass die Mauer innert Sekunden zerstört würde. Fünf Seismographen in der Mauer und einer ausserhalb registrieren alle Erschütterungen und senden die Daten an den seismologischen Dienst der ETH Zürich. Nach starken Erschütterungen führen die Barragistes eine Sonderinspektion durch. «Es kam schon vor, dass ich deshalb zur Mauer hochfahren musste», so Baumgartner. «Schäden haben wir bis jetzt aber nie registriert.» Im Überwachungsraum ruft er die Daten ab: Ein Ausschlag am 11. März 2011 ist erkennbar - das Beben in Japan brachte die Pendel der Mauer ins Schwingen.
Beben könnten Risse verursachen
Und wenn es doch zu einem Bruch der Mauer bei vollem Stausee kommen sollte? Dann würden die Dörfer im Val dHérémence und grosse Teile Sittens zerstört. Dort wäre die Wasserwand 35 Meter hoch; ein reissender Strom von zwei Kilometern Breite würde sich während ein bis zwei Stunden durchs Rhonetal wälzen. Beim Genfersee hätten die Wassermassen eine Breite von fünf Kilometern. Amédée Kronig verantwortlicher Asset Manager beim Stromkonzern Alpiq, dem Hauptaktionär der Grand Dixence, verwirft das Schreckensszenario: «Ein plötzlicher Bruch ist nahezu ausgeschlossen, die Mauer steht seit 50 Jahren wie ein Fels.» Ein starkes Beben könnte allerdings zu Rissen führen, die eine Entleerung des Stausees nötig machen würden. Kronig geht davon aus, dass auch im schlimmsten Fall noch genug Zeit bliebe, um die Menschen warnen und, falls nötig, evakuieren zu können.
Vom «Ritz» fahren wir mit der Luftseilbahn nach oben. Rund 30 Meter unterhalb der Mauerkrone überqueren wir einen Steg, marschieren die Bergflanke entlang und betreten durch einen verschneiten Eingang die Mauer. Erst sieht man sekundenlang kaum etwas, dann heben sich die Umrisse des ovalen Stollens ab. Philippe Baumgartner und Didier Bovier setzen ihre Inspektion fort: Sie haben noch mehrere Kilometer Weg vor sich.
Die Grande Dixence: eine Gewichtsstaumauer
Der Stausee speist die Turbinen in vier Kraftwerken. Diese erzeugen zusammen eine Leistung von 2000 Megawatt –was etwa der doppelten Leistung eines Atomkraftwerks entspricht. Das Wasser stammt aus einem Einzugsgebiet von 357 Quadratkilometern – das ungefähr zur Hälfte mit 35 Gletschern bedeckt ist.
Das Bauprinzip ist eine sogenannte Gewichtsstaumauer (andere Konstruktionen siehe unten). Die enorme Masse von 15 Millionen Tonnen hält das Bauwerk stabil. Mit den sechs Millionen Kubikmetern Beton, die im Wallis verbaut wurden, könnte man eine 1,5 Meter hohe und 10 Zentimeter breite Mauer rund um den Äquator der Erde bauen. Die Staumauer ist mehr als doppelt so hoch wie der Prime Tower in Zürich, das höchste Gebäude der Schweiz.
Nur das Zentrum eines solchen Damms ist wasserdicht. Eine grosse Aufschüttung hält die Mauer stabil.
Der Wasserdruck wird mittels einer horizontal und vertikal gebogenen Wand auf die Talflanken gelenkt.