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An strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkten wurden im Mittelalter grosse Warenmessen oder Jahrmärkte durchgeführt. Neben Waren wurden dort auch Währungen gegeneinander getauscht. Auch der Seehandel gewann mit der Zeit zunehmend an Bedeutung. In Norditalien, etwa in Venedig oder Florenz, und in Brügge in Flandern entstanden ab dem 14. Jahrhundert bedeutende internationale Handelszentren. So wurde Brügge zum Warenlager der nordeuropäischen Hafenstädte. Waren, Gelder, und Informationen strömen in der Hansestadt aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Damit nimmt Brügge eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Handels und Zahlungsverkehrs ein. Gewürze aus Ostindien, englische Stoffe, Zucker, Rohstoffe wurden auf dem europäischen Festland gelagert, gehandelt und verkauft. Zu den Akteuren gehörten die Kaufleute, die in diese Zentren oder nach Übersee reisten, um die besten Geschäfte zu machen. Einer dieser Orte war die Brügger Gastwirtschaft der Familie «van der Beurs». Im Wappen der Familie sind passend drei Geldbörsen abgebildet: «Zu den Beursen» gehen hatte sich als Redewendung etabliert und der Legende nach zur Entstehung des Begriffs «Börse» beigetragen. Eine Form der ersten Börse entstand damit 1409. «Beurs» heisst heute noch Börse in Niederländisch.
Der Geburtsort des Begriffs «Börse». Die Beursplein im Zentrum von Brügge bestehend aus der Genueser Loge (zweites Haus von links), dem Gasthaus «Ter Beurze» (daran anschliessend – mit Storchennest), dem Haus «Ter Ouder Beurze» (mit Stufengiebel) und der Florentiner Loge (mit den Türmchen).
Quelle: Wikimedia
Mit der Zeit erkannten die Kaufleute, dass nicht immer alle Waren an Messen zum Verkauf transportiert werden mussten. Waren bekamen mehr oder weniger fixe Preise, wenn eine stabile Qualität gewährleistet wurde. Sie begannen, sich auf den Nebenschauplätzen der etablierten Messen zu treffen und geschäfteten, ohne dabei konkrete Ware oder Geld auszutauschen. Dieser warenlose Handel unterstand verbindlichen Regelwerken und Fristen, die an Verträge gebunden waren.
Die Antwerper Börse von 1531 gilt als erster Ort, wo diesen Geschäften nachgegangen und die als Warenbörse institutionalisiert wurde. Finanzinstrumente wie Wechsel, Schuld- und Kreditbriefe gehörten zur Tagesordnung und waren an Bankgeschäfte gekoppelt. Der Wechsel ist die schriftliche Verpflichtung einer in Schuld stehenden Person, dem Inhaber des Wechsels zum abgemachten Zeitpunkt eine bestimmte Summe zurückzuzahlen. Zunächst waren die Wechsel noch an den Händler als Person gebunden und standen in der direkten Verbindung mit dem Warenhandel. Dies sollte sich aber mit der Zeit ändern: Die Finanzinstrumente wurden übertragbar oder konnten unter Abzug von Zins und einer Gebühr verkauft werden. Kaufleute, die sich intensiv mit Geldgeschäften auseinandersetzten, wurden vermehrt zu Finanziers und Bankiers. Es entstand eine neue Berufsgattung.
Neu wurden Wechsel und Obligationen gekauft und verkauft, nicht mehr nur die Preise von Waren und Rohstoffen festgelegt. An konkreten Standorten zentralisierten sich diese Prozesse. Uneinig sind sich die Gelehrten bei der Frage, wo die erste Wertpapierbörse der Welt ihren Standort hatte: Eine These besagt, dass die Erste die Amsterdamer Börse im 17. Jahrhundert sei, wo zum ersten Mal Anteile der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) gehandelt wurden. Eine andere meint, dass die Royal Exchange in London etwa 30 Jahre vorher die Erste gewesen sei – diese ging Mitte des 17. Jahrhunderts in Flammen auf. Die VOC war im Übrigen die erste Aktiengesellschaft der Welt, denn sie bediente ab ihrer Gründung am 20. März 1602 alle Elemente einer Aktiengesellschaft wie wir sie heute kennen: Die Aktien stehen für Miteigentümerschaft, Anspruch auf Gewinnbeteiligung, Beschränkung der Haftung auf den Nominalwert.
Durch den Handel mit Aktienanteilen an Unternehmen wie der VOC oder beispielsweise der Compagnie des Indes Orientales (die französische Ostindienkompanie), spezialisierten sich die Börsen in Europa zunehmend auf den Wertpapierhandel. Im Hauptsitz der Letzteren wurde 1724 im Auftrag königlicher Behörden die Pariser (Wertpapier-) Börse gegründet. Den wilden Handels-Spekulationen sollte damit entgegengewirkt werden. Die Compagnie des Indes Orientales selbst wurde bereits am 27. August 1664 vom Sonnenkönig Ludwig XIV auf Initiative des französischen Finanzministers Jean-Baptiste Colbert ins Leben gerufen. Die bisherigen kleinen Gesellschaften wurden in eine Grosse zusammengefasst, ganz nach dem Vorbild der VOC.
Private, investierende Personen oder auch Städte begannen vermehrt Anteile an Unternehmen zu kaufen. Die Stadt Zürich zum Beispiel erwarb 1727 120 Aktien der 1711 in London gegründeten Seehandelsgesellschaft South Sea Company. 100'000 Zürcher Gulden war es dem Zürcher Seckelamt Wert, in die englische Gesellschaft zu investieren. Für den Zürcher Rat stellt dies eine sichere und zinstragende Anlage dar. Knapp zehn Jahre vorher investierte die Stadt Bern in einen weitaus grösseren Anteil mit 1300 Aktien. Trotz der sogenannten «South Sea Bubble» (in Deutsch: Südseeblase), dem Kurszusammenbruch, der in die Weltwirtschaftsgeschichte einging, profitierte Bern mit Gewinnen.
Der Krux dieser Südseeblase war es, dass die South Sea Company 1719 einen grossen Anteil der englischen Staatsschulden übernahm. Dafür erhielt das Unternehmen den Monopolanspruch über die wirtschaftlichen Nutzungsrechte der englischen Kolonien. Dieser Plan schien aufzugehen, da die Aktienkurse der South Sea Company in die Höhe schnellten. Der unglaubliche Handel und die Gewinne, die die Gesellschaft versprach, traten jedoch nie in vollem Umfang ein. Sie begann fast ausschliesslich als eine Art Bank zu fungieren: An potenzielle Käufer verlieh sie Geld, was die Nachfrage nach ihren Aktien aufrechterhielt und den Preis künstlich in die Höhe trieb. Es entstand eine «Blase». Ende Mai 1720 wurden Aktien zu einem Preis von 900 Pfund verkauft, im April waren es noch 350 Pfund. Endgültig platze die Blase im Spätsommer als die Aktienkurse auf 190 Pfund sanken.
Zwischen 1719 und 1734 besitzt der Staat Bern Aktien wie diese der englischen South Sea Company, die auch in den lukrativen Sklavenhandel involviert ist. Die Aktie erreicht im Juli 1720 die fantastische Summe von 950 Pfund, bevor die Südseeblase platzt. Aktie, London, wohl 1729.
Quelle: Stiftung Sammlung historischer Wertpapiere
Die «South Sea Bubble» war eine der schwersten Blasen der Frühen Neuzeit. Parallel zur Südseeblase kam es in Frankreich 1720 im Zusammenhang mit der Compagnie des Indes Orientales zur sogenannten Mississippi-Blase, die zu einem ähnlichen Preiseinbruch führte. Obschon die Stadt Zürich und Bern die Konsequenzen der Südseeblase nicht ausgeprägt zu spüren bekamen, erging es Handelsherren aus St. Gallen, Zürich, Bern, Basel und Lausanne anders.
Im Laufe der Industrialisierung stieg die Anzahl der Aktiengesellschaften exponentiell an. Das Kapital der breiten Bevölkerung wurde benötigt, um sie zu finanzieren. Dementsprechend nahmen die Handelsaktivitäten mit Wertpapieren zu. Personen, die Aktien besassen, wollten im Umkehrschluss auch die Sicherheit, ihr investiertes Geld zu einem fixen Preis wieder zurückzubekommen. Es brauchte Orte wie Börsen, wo Aktienkurse feinsäuberlich erhoben wurden. In der Schweiz sollte der Aktienhandel erst ein Jahrhundert später der institutionalisiert werden. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts und mit der Gründung der Eidgenossenschaft 1848, wurden Börsen für das Finanzgeschäft unausweichlich. Es folgte 1850 in Genf die Errichtung der «Société des Agents de Change réunis», einem börsenmässigen Handel. Woraufhin mit dem Börsengesetz von 1856 die Ring-Börse «à la criée» ins Leben gerufen wurde. Es folgte 1876 die Basler und 1884 die Zürcher Börse, die unter kantonaler Aufsicht standen.
Dieser Blogartikel erschien ursprünglich im Blog des Landesmuseums, geschrieben von Andrea Weidemann, Leiterin des Finanzmuseums.