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Die Werttheorie – die Axiologie – entstand gegen Ende des 19. Jh. und hat bis ins 20. Jh. zahlreiche Theoretiker angezogen. Als solche war die Axiologie nicht ganz neu: Schon in der Antike waren sich zum Beispiel Platon und Aristoteles, um nur diese zwei ‚Klassiker‘ zu nennen, bewusst, dass Werte das Gute, das Wahre, das Schöne irgendwie im Wesen des Seins, im Kosmos, verwurzelt sind. Andererseits gab es auch schon sehr früh ‚subjektivistische‘ Meinungen, wie der berühmten Satz von Protagoras es zeigt: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Vor allem aber hat die neuzeitliche Philosophie den Boden für die immer wiederkehrende Frage bereitet, ob Werte objektiv oder subjektiv sind? Erfindet der Mensch Werte oder entdeckt er eine schon bestehende Wertordnung? Natürlich, je nachdem wie man auf diesen Fragen antwortet, drückt man sein Menschenbild aus. Die neu entstandene Axiologie wurde konzipiert als eine Wissenschaft von Werten, wo auch immer sie anzutreffen sind, ob beim Subjekt, in der ‚Welt‘ oder im sozio-kulturellen Bereich. Und sie ging von der Einsicht aus, dass es vielmehr Wertarten gibt als nur moralische Werte: Wir reden von ästhetischen, praktischen, vitalen, wirtschaftlichen, sozio-kulturellen (religiösen, politischen, intellektuellen) Werten. Es scheint heute klar zu sein, dass die Entstehung und Entwicklung der Axiologie ein Symptom war der in der westlichen Welt fortschreitenden ‚Modernisierung‘, die zu einer Art Wertkrise führte, auf Grund derer die Wertempfindlichkeit mehrerer Denker (auch Künstler) besonders erhöht wurde. Es wäre vielleicht nicht übertrieben zu bemerken, dass die Blütezeit der philosophischen Axiologie in Europa eigentlich der kritischen Periode 1900-1918 entsprach, d. h. als der Kulturbereich innerhalb des Österreichisch-Ungarischen Imperiums zunächst eine erstaunliche Blüte dann aber mit dem 1. Weltkrieg eine katastrophale Niederlage erlebt hat. Nachher kam es natürlich zu neuen Versuche dem Mensch Einsicht in Werte zu ermöglichen, aber oftmals aus Perspektiven, die die alten Wertskalen nicht mehr anerkennen wollten (der Kommunismus; der Faschismus; die ‚amerikanische‘ Kultur; …). Aus Gründen, die nicht leicht zur klären sind, war und bleibt in Polen die Wertproblematik von grossem Belangen. Ein Land, das seine Souveränität seit den dritten Drittel des 18. Jh. bis zum Ende des 1. Weltkriegs verloren hat, dann während des II. Weltkrieg fast vernichtet wurde und sich am Schluss als eine ‚sozialistische Volksrepublik‘ unter sowjetischer Herrschaft befand … in Polen (wie in anderen Ländern Ost- und Ostmitteleuropas) hat sich deswegen ein starker Sinn nicht nur der kulturellen Identität bewahrt, sondern auch eine Bedürfnis neue Wertmassstäbe zu entwerfen. Mit wenigen Ausnahmen wurde dieses Wertbewusstsein bei polnischen Denkern aber nicht sentimental und irgendwie ‚irrational‘, sondern umgekehrt überwiegend ‚rational‘ theoretisiert, eine Charakteristik, die im Vergleich mit anderen osteuropäischen Länder in allen bedeutenden Strömungen der polnischen Philosophie immer im Vordergrund stand. Ziel der Vorlesung wird es sein, einige Persönlichkeiten vorzustellen, die in Polen im 20 Jh. interessante, oft unterschiedliche und wegen der Sprache meist unbekannte Beiträge zur Wertproblematik geleistet haben. Wir werden mit einem ‚freien‘ Geist beginnen, Stanislaw Brzozowski, der die Frage nach Werten als ein Zukunftsprojekt für Polen und Europa verstand. Nachher werden wir uns mit Denkern beschäftigen, die ganz verschiedene Wertansichten vertreten haben Florian Znaniecki, Władysław Tatarkiewicz, Tadeusz Czeżowski, Henryk Elzenberg, Maria Ossowska, und Roman Ingarden. Nicht auszuschliessen sind auch die Wertansichten von polnischen Denkern, die sich mit dem Marxismus identifiziert haben, z. B. die des frühen Leszek Kołakowski.