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Mit Engländern, von denen Plutarch noch nichts wissen konnte, auf keinen Fall über Frauen, Politik oder Religion – so wie man ja einem Engländer auf seine bei der Begrüßung beiläufig hingeworfene Frage: „How are you ?“ unter keinen Umständen die Gebresten, unter den man gerade leidet oder gelitten hat, aufzählen soll. Man antwortet, auch wenn man todkrank ist: „Fine. And you?“
Interessiert das wirklich?
Und damit ist dieses Gesprächsthema erledigt. Wer darüber hinausgeht, gilt als Langweiler. Und mal ganz ehrlich: interessiert es Sie denn wirklich zu wissen, was gerade an meinem Wohlbefinden nagt? Irgendein Wehwehchen oder eine Fieberquelle hat irgendwann mal ein jeder, deswegen geht die Welt nicht unter. Und möchten Sie sich beim Abendessen den Genuss an der Kalbsroulade verderben lassen durch ein Streitgespräch über Tagespolitik von Stammtischniveau? Wohl kaum.
Blick auf Platon und Sokrates
Plutarch hatte allerdings, als er – in Gastmahlgesprächsform – über Gastmahlgespräche schrieb, nicht den mit Freunden erweiterten Familientisch im Sinn, sondern ein Gastmahl von der Art wie etwa Platons „Symposium“, wo mehr oder weniger gelehrte Freunde bei Speise, Wein und Flötenspiel Gedanken zur Philosophie, Dichtkunst, Kriegsführung und dergleichen austauschen.
Übrigens: Ist Ihnen bei der Lektüre von Platons grossartigem „Gastmahl“ aufgefallen, dass man dieses Werk unter anderem als ein frühes Manifest der Frauenemanzipation deuten kann? Während nämlich in jener Männerrunde ein jeder eine Lobrede über den Eros hält, erläutert der spät hinzugekommene Sokrates nicht seine eigenen Gedanken zu dem Thema – was weiß schon ein Mann von Liebe? – sondern berichtet, was eine Frau - eine Frau! - Diotima, ihm über die Liebe gesagt hat.
Mit Wein oder ohne Wein, mit oder ohne Tischordnung?
Auch die Frage stellt Plutarch, ob man das bei zu viel Wein Gesprochene, namentlich auch die dabei begangenen „Fehlgriffe“, am nächsten Morgen vergessen soll, oder ob man, wie Platon, Xenophon, Aristoteles und er selber es taten, die „häufig gelehrten“ Überlegungen zum Gewinn der Nachkommen aufzeichnen soll. Und was sagen Sie zu Plutarchs Frage, ob es sinnvoll sei, „beim Wein philosophische Gespräche zu führen?“ Ich fürchte, wenn einem beim Wein, wie im „Faust“ den Studenten in Auerbachs Keller, ganz „kannibalisch wohl“ wird, „als wie fünfhundert Säuen“, dürfte kaum viel Gescheites dabei herauskommen.
Eine andere Frage, der Plutarch seine Aufmerksamkeit widmete: Soll der Gastgeber den Gästen die Plätze anweisen oder ihnen die Platzwahl überlassen? Im Umgang mit Staatsmännern und Diplomaten gelten heute dazu strikte protokollarische Vorschriften, und bei andern von Eitelkeit geplagten Gästen ist Bedacht und Fingerspitzengefühl des Gastgebers geboten. Und wie halten Sie es zu Hause: Legen Sie den Gästen die Speisen in Portionen vor oder lassen Sie sie „aus gemeinsamen Schüsseln“ speisen?
Bei Reclam nachlesen
Es lohnt sich, so meine ich, all dies im Reclam-Bändchen Nr. 2976: „Plutarch: Moralische Schriften“ nachzulesen, und wär es auch nur um lächelnd festzustellen, dass solche zivilisierende Belange schon damals, vor 2000 Jahren, debattiert wurden und nach wie vor gelegentlich Gegenstand eines häuslichen Streites bilden. Es „geschieht nichts Neues unter der Sonne“, sprach König Salomo vor 3000 Jahren. Im gleichen Reclam-Bändchen können Sie auch Plutarchs schöne Trostschrift lesen, die er seiner Gattin schickte, nachdem während seiner Abwesenheit deren beider Tochter im Alter von zwei Jahren gestorben war.
Und auf weiteren Seiten ist enthalten, was Plutarch über die Seele, die Tugend, das Laster und den Aberglauben zu sagen hatte und darüber, „wer der Gott der Juden“ sei und ob diese „aufgrund von Verehrung oder von Verachtung kein Schweinefleisch essen“. Auch darüber lässt sich heute noch disputieren. Aber bitte: nicht bei Tisch im Anblick eines saftigen Schweinebratens – und mit Gewehr bei Fuss!