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Während in Glarus Anna Göldin noch im Jahr 1782 der Hexerei beschuldigt und hingerichtet wurde, war in anderen europäischen Gegenden die Hexenverfolgung bereits viel früher zu Ende gegangen. In den Niederlanden wurde die »letzte Hexe« 1608 verbrannt, und Hexerei war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kaum mehr ein Thema in den Synoden der reformierten Kirche. Trotzdem bekam der niederländische Theologe Balthasar Bekker, der in seinem Werk De betoverde weereld (Die bezauberte Welt) von 1691-93 Wirkung und Macht des Teufels infrage stellte, die Macht der Kirche zu spüren.
Der 1634 in Friesland geborene Pfarrerssohn Balthasar Bekker erwarb 1665 den Doktortitel in Theologie, was ihm das Privileg einbrachte, seine Schriften ohne vorhergehende Prüfung durch kirchliche Stellen veröffentlichen zu können. Er liess sich in Amsterdam als Prediger nieder und begann – ausgelöst durch das Erscheinen eines Kometen in den Jahren 1680–1682 –, sich intensiv mit dem Aberglauben zu beschäftigen. In seiner Schrift Ondersoek van de betekeninge der kometen (die im Band der Museumsgesellschaft miteingebunden ist) versucht er darzulegen, dass Kometen nicht als Zeichen Gottes aufgefasst werden dürfen, sondern natürliche Erscheinungen sind. Bekkers Hauptwerk aber ist die bereits erwähnte Bezauberte Welt, oder, Eine gründliche Untersuchung des Allgemeinen Aberglaubens betreffend die Arth und das Vermögen, Gewalt und Wirckung des Satans und der bösen Geister über den Menschen. In diesem umfangreichen Werk beschäftigt er sich mit dem Geister- und Dämonenglauben verschiedener Völker und untersucht das Wirken übernatürlicher Mächte wie Engel, Dämonen und Teufel sowie die Hexerei. Bekker bestreitet nicht die Existenz des Teufels an sich, aber dessen Macht. Sogenannte Besessenheit bezeichnet er als Krankheit, Teufelsaustreibungen als Krankenheilungen und die Vorstellung eines Pakts mit dem Teufel lehnt er grundsätzlich ab: »Es wird meines erachtens niemand dürffen läugnen, daß keine Gemeinschafft des Menschen mit dem Teuffel und noch viel weniger ein solcher Bund seyn kan; so die Geister und die Menschen auff einander nicht wircken noch einander etwas anthun können.« Mit seinen Thesen entzog er der Hexenlehre ihr Fundament, denn wenn mit dem Teufel kein Pakt geschlossen werden kann, ist auch kein Schadenzauber mit teuflischer Hilfe möglich. Hexenprozesse müssten also ein Ende finden, da »wegen der auffgebürdeten und erdichteten Zauberey« Unschuldige verurteilt würden.
Teil 1 und 2 von De betoverde weereld erschienen 1691; von der mehr als 5000 Exemplare umfassenden ersten Auflage waren bereits nach zwei Monaten 2000 verkauft. 1693 lagen alle vier Teile vor. Die Reaktionen waren zahlreich, von der Kirche wurde die Schrift allerdings alles andere als positiv aufgenommen: Sie sah offenbar ihre Macht in Gefahr. Der Amsterdamer Kirchenrat verurteilte De betoverde weereld unmittelbar nach Erscheinen. Bekker wurde vorgeworfen, er verfahre in seiner Bibelexegese zu frei, er untergrabe – indem er die Wirkungsmacht des Teufels leugne – den Glauben an Gott und propagiere Skeptizismus und Atheismus. Mehrmals musste Bekker sich in der Synode und vor dem Kirchenrat verteidigen, war jedoch nicht bereit, seine Thesen zu widerrufen, sodass er 1692 auf Bestreben des Amsterdamer Kirchenrats von seinem Amt suspendiert wurde. Der Bürgermeister von Amsterdam konnte dies zwar nicht verhindern, bezahlte Bekker aber bis zu seinem Tod seinen Lohn weiter. Verbieten konnte die Kirche De betoverde weereld nicht.
Ins Deutsche ist De betoverde weereld dreimal übersetzt worden. Die erste Übersetzung erschien bereits 1693 in Hamburg, die zweite wurde von niemand Geringerem als Gotthold Ephraim Lessing in Angriff genommen, ist aber verschollen. In einem Brief aus dem Jahre 1755 erwähnt Lessing die Übersetzung, an der er arbeite, und in seinem Lustspiel Der Freygeist aus dem Jahr 1749 lässt er seine Figuren sich über Bekker und seine Bezauberte Welt unterhalten: »Ey! das war ein gelehrter Becker! Seine bezauberte Welt - - ha! - - das ist ein Buch! …«
Stefanie Lind
De betoverde weereld, zynde een grondig ondersoek … in vier boeken ondernomen van Balthasar Bekker. t’Amsterdam by Daniel van den Dalen 1691-1693. Signatur: S 1300