Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03382.jsonl.gz/1613

Innerhalb unserer Rettungsprojekte für alte Rassen stellen sich immer wieder auch Fragen zur Genetik der Tiere, die sich nicht mit Zuchtbuchdaten beantworten lassen. Beim 2013 gestarteten Projekt für die Rettung der Saaser Mutten hatten wir gleich zwei zentrale Fragen.
Die erste lautete: Wie war die abnehmende Schafpopulation im Saastal mit den italienischen Bergamaskerschafen verwandt?
Bergamasker oder eigener Schlag?
Diese Fragestellung ist zentral, denn eine mit den italienischen Bergamaskerschafen gleiche, resp. eng verwandte Genetik würde den Saaser Mutten eine Einzigartigkeit absprechen. Sie wären damit Teil einer grenzüberschreitenden Rasse, die vor allem in Italien vorkommt und auf Schweizer Boden eine Teilpopulation aufweist. Als solche von der Welternährungsorganisation (FAO) als «transboundary breed» bezeichnete Rasse wären die Saaser-Mutten mit ihrer langen Tradition im Gebiet des Saas-Tales und des Simplongebietes zwar durchaus Teil der Rassenvielfalt der Schweiz und damit förderungswürdig. Sie hätten aber aus der Sicht der Gesamtgefährdung wie auch ihres emotionalen Wertes nicht die Bedeutung, die einer eigenständigen, lokal angepassten Genetik zukommen würde.
Um also die Einzigartigkeit der Genetik auszuloten, wurden die Proben der 47 Saaser-Mutten-Widder mit Stichproben anderer Schweizer Schafrassen sowie mit einer Stichprobe von 24 Tieren der italienischen Bergamaskerschaf-Population auf genomischer Ebene verglichen. Heraus kam, dass zwischen den Saaser Mutten und den übrigen Schweizer Rassen keine genomische Verwandtschaft besteht. Innerhalb der Vielfalt der Schweizer Rassen weisen die Saaser Mutten somit eine eigenständige Genetik auf. Aber wie steht es mit der Verwandtschaft mit den italienischen Bergamaskern aus? Hier zeigten die DNA-Analysen, dass 12 der 47, und somit ein Viertel der Saaser Mutten, eine genomische Verwandtschaft mit den Bergamaskerschafen aufweisen. Für drei Viertel der Saaser Mutten konnte keine genomische Verwandtschaft mit den im Unterschied zu den Saaser Mutten stets weissen italienischen Bergamaskerschafen aufgezeigt werden.
Die Resultate stützen unsere Auffassung, dass die Saaser Mutte ein lokaler Schafschlag darstellt, der sich zu einer eigenständigen Rasse entwickelt. Die Isolation der Bestände in den Walliser Tälern über Jahrzehnte und die optischen Unterschiede, zu denen auch der grosse Anteil farbiger Tiere zählt, spiegeln sich in der Tatsache wider, dass bei drei Vierteln der Tiere keine Verwandtschaft mit den italienischen Schafen aufgezeigt werden konnte. Auf der anderen Seite dokumentieren die 12 verwandten Tiere die vereinzelten Importe von italienischer Genetik zur Blutauffrischung der Schafzucht im Saastal. Diese Erkenntnisse bestätigen uns, das Rettungsprojekt für die Saaser Mutten unverändert weiterzuführen und damit einen Teil der genetischen Vielfalt der Schweizer Schafrassen zu erhalten.
Die zweite wichtige Frage in Bezug auf die Genetik der Saaser Mutten war, wie die heute noch lebenden Widder miteinander verwandt sind.
Die Saaser-Mutten-Familien
Da bis zum Projektstart 2013 kein zentrales Zuchtbuch geführt wurde, konnte dies nicht anhand von Zuchtbuchdaten eruiert werden. Mit einem Gesamtbestand von um die 400 Tiere ist es aber von grosser Wichtigkeit, die Inzuchtwerte klein zu halten, was bedeutet, dass nur Tiere miteinander verpaart werden sollten, die nicht zu stark miteinander verwandt sind. Ist ein Züchter auf der Suche nach einem neuen Widder, ist es daher wichtig, dass er ein Tier wählt, das mit seinem vorherigen Widder – und damit auch mit seinen in der Herde verbleibenden weiblichen Nachkommen - möglichst weit entfernt verwandt ist. Ideal wäre gewesen, alle, d.h. auch die weiblichen Tiere, zu beproben. Da dies aus Kostengründen nicht möglich war, erfolgte die Analyse ausschliesslich bei den Widdern, wo erfreulicherweise praktisch alle noch lebenden Tiere berücksichtigt werden konnten.
Die Auswertungen zeigen vier Untergruppen auf, innerhalb derer die Widder stärker verwandt sind, als mit den restlichen Tieren. Dank einer übersichtlichen Grafik können die Züchter nach Tieren Ausschau halten, die mit ihren bisher eingesetzten Vatertieren minimal verwandt sind und damit kleine Inzuchtwerte bringen. Die Analyse gibt auch Auskunft über den durchschnittlichen Inzuchtwert, der bei 4.4 % liegt. Dass nur wenige Tiere stark über diesem Durchschnitt liegen, schafft Zuversicht, dass wir mit einer guten Zuchtplanung hier keine unmittelbaren Probleme zu befürchten haben.
Dank
Die Auswertungen der genetischen Vielfalt bei den Saaser Mutten liefern wichtige Informationen für die Planung der Paarungen innerhalb der Erhaltungszucht. Wir möchten uns bei Christine Flury, Alexander Burren (beide von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL) und Markus Neuditschko (Agroscope- SNG) sowie bei Cord Drögemüller, Joëlle Dietrich und Fiona Menzi vom Institut für Genetik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern herzlich für die gute Zusammenarbeit bedanken.
Januar 2016, © ProSpecieRara