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Ein vermeintlich «introvertiertes» Teammitglied
Die Situation
Seit wenigen Wochen arbeitet ein multikulturelles Team an einem Projekt. Es besteht aus zwei Deutschschweizern, einer Österreicherin und einer Finnin. Zwecks Projektkoordination und inhaltlicher Abstimmung werden regelmässig virtuelle Meetings durchgeführt. Dabei fällt auf, dass sich die Finnin, im Gegensatz zu den Deutschschweizern und der Österreicherin, kaum aktiv an den Diskussionen beteiligt. Sie sagt vor allem dann etwas, wenn sie direkt gefragt wird. Daher nehmen sie die anderen Teammitglieder als introvertiert wahr. Sie finden es auch ein wenig mühsam und ineffizient, dass sie nicht wissen, woran sie sind; meinen gar, dass sich ihre Teamkollegin zu wenig um das Projekt kümmert. Aber auch die Finnin nimmt diese Meetings als sehr ineffizient wahr, denn aus ihrer Sicht wird zu viel diskutiert und damit Zeit verschwendet.
Obwohl multikulturelle Teams aufgrund ihrer kulturellen Diversität das Potenzial haben, innovativer und produktiver zu sein, war bei diesem Team noch Sand im Getriebe - das Potenzial wie so oft bei solchen Teams nicht ausgeschöpft.
Die kulturelle Erklärung
Wie und wieviel kommuniziert wird und wie sich jemand ausdrückt, ist kulturell geprägt. Deutschschweizer*innen und Österreicher*innen teilen sich in der Tendenz mehr mit, drücken ihre Gedanken aus und diskutieren verschiedene Aspekte des Projekts. Damit wird dieses auch weiterentwickelt. Beteiligt sich jemand wenig an diesen Diskussionen, wird er oder sie als introvertiert, eher uninteressiert, nicht teilnehmend oder gar als faul wahrgenommen. Das wiederum wird als mühsam und ineffizient angesehen, weil man meint, nicht weiterzukommen, da man nicht weiss, woran man ist.
In der finnischen Kultur wird tendenziell weniger gesprochen. Es ist üblich sich nur dann zu Wort zu melden, wenn es wichtig ist oder wenn man nicht einverstanden ist. Wenn jemand etwas fragt, werden die Worte sorgfältig abgewogen, bevor sie ausgesprochen werden. Man beschränkt sich auf die nötigen Worte, denn diese sind kostbar. Wenn etwas gesagt wird, hat es auch Gewicht. Wird viel diskutiert, verlieren die Worte aus finnischer Sicht an Bedeutung. Kommt jemand vorher zu Wort, lässt man dieser Person den Vortritt. Sagt man etwas, wird es direkt angebracht. Nichtsagen bzw. Schweigen bedeutet rundum einverstanden zu sein, zu akzeptieren.
Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der genau gleichen Situation und die verschiedenen Kommunikationsverhalten führten in diesem Team zu Missverständnissen, welche die Zusammenarbeit hinderten. In einem waren sich alle einig: Die Meetings waren ineffizient. Was jedoch ineffizient bedeutete, unterschied sich je nach Teammitglied. Zudem wurden die erläuterten kulturellen Unterschiede kaum bedacht. Das ist meist normal, denn die eigene kulturelle Prägung ist zum grössten Teil internalisiert. Ein Teamcoaching deckte die kulturelle Vielfalt auf und unterstützte das Team darin, bewusster mit dieser umzugehen. Als Resultat verbesserte sich die Zusammenarbeit, was sich schliesslich auch in den Projektergebnissen widerspiegelte.
Drei Tipps zum Schluss
Wie jemand kommuniziert, ist kulturell geprägt. Achten Sie darauf und gehen Sie nie nur von sich aus. Ihr Kommunikationsverhalten ist nur eines unter vielen.
Machen Sie sich bewusst, wie Sie kommunizieren. Drücken Sie sich bspw. eher direkt oder indirekt aus? Wie geben Sie Feedback? Verlassen Sie sich hauptsächlich aufs Wort? Etc. Das hilft, andere Ansätze zu erkennen und Brücken zu bauen.
Seien Sie sich bewusst, dass die kulturelle Vielfalt eines Teams ein grosses Potenzial ist. Lassen Sie sich auf die Andersartigkeit ein und arbeiten Sie proaktiv damit.
PS: In der interkulturellen Arbeit wird mit Tendenzen gearbeitet, denn jeder Mensch ist einzigartig. Die dargelegten Informationen helfen, eine Situation nachzuvollziehen. Dabei gilt immer: Es kann so sein, muss aber nicht.
Hätten Sie gerne einen Input zu einer Ihrer interkulturellen Arbeitssituationen? Melden Sie sich über <email-pii> und wir analysieren Ihre Situation (selbstverständlich anonymisiert) in einer der nächsten Ausgaben von «schau genau».
Dr. Christa Uehlinger ist Interkulturelle Expertin und Inhaberin von christa uehlinger linking people® und Gastautorin von NZZJobs
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