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Wer zu viel und zu scharf sieht, sieht auch falsch.
Theodor Fontane
Genau eine Ebene des Motivs wird auf dem Film scharf abgebildet (dies ist schliesslich auch der Grund, weshalb ein Objektiv scharfgestellt werden muss).
Glitzerkram unscharf fotografiert. Jedes
Spitzlicht ist im Bild als grosser
Unschärfekreis sichtbar geworden.
Jene Punkte, welche im Motiv ausserhalb der Schärfeebene liegen, werden im Bild nicht als Punkte, sondern als kleine Scheiben abgebildet. Diese Scheiben werden Zerstreuungskreise oder Unschärfekreise genannt. Der Unschärfekreis wird umso grösser, je weiter der Punkt im Motiv von der Schärfeebene entfernt ist, und zwar sowohl nach hinten als auch nach vorne.Der Begriff Bokeh bezieht sich auf die Eigenschaften ebendieser Unschärfekreise und beschreibt damit das Abbildungsverhalten eines Objektives in unscharfen Bildbereichen. Der Begriff Bokeh ist relativ neu. Er scheint vor allem von Japan herzukommen und wird dort in Fachzeitschriften bei Objektivtests gleichbedeutend besprochen wie bei uns der rein technische Aspekt der Schärfe. Für das Bokeh gibt es jedoch keinen numerischen Wert, die Angabe erfolgt primär nach ästhetischem Empfinden im Bereich von gutem bis schlechtem Bokeh. Das Bokeh setzt sich aus zwei Anteilen zusammen:
Eine Blende mit 7-eckiger Öffnung
bewirkt 7-eckige Unschärfekreise.
Ein Objektiv mit kreisrunder Blenden-
öffnung für besseres Bokeh.
Jeder Punkt ausserhalb der Schärfeebene wird vergrössert dargestellt. Dabei nimmt der Zerstreunungskreis die Form der Blende an. Ist die Blende ein 7-Eck wie in nebenstehender Abbildung ersichtlich, so werden die Unschärfekreise ebenfalls 7-Ecke sein. Sichtbar wird die Formabbildung der Blende in hellen Punkten auf dunklem Grund - z.B. in Spitzlichtern auf einer Seeoberfläche oder Lichter nachts.
Objektive mit grosser Anfangslichtstärke eignen sich gut für Aufnahmen mit selektiver Schärfe. Diese Optiken sollten über eine Blende mit vielen Lamellen verfügen. Idealerweise sind diese so geschnitten, dass sie einen Kreis bilden, wie dies in nebenstehendem Bild ersichtlich ist.
Ein negatives Extrem bilden Spiegellinsenobjektive mit ihrer ringförmigen Öffnung. Im unscharfen Hintergrund wird aus jedem Spitzlicht ein ringförmiger Kringel.
Die Sache mit der Blendenform ist ein Teil der Geschichte, der andere Teil betrifft den
Um ein scharfes Objektiv zu erhalten, wünschen wir uns, dass alle Lichtstrahlen, welche von einem fokussierten winzigen Punkt im Motiv ausgehen und durch die Frontlinse ins Objektiv eintreten, von diesem wieder zu einem Punkt auf dem Film (respektive Bildsensor) gebündelt werden. Die Wirklichkeit ist nicht weit davon entfernt: Ein Grossteil der Lichtstrahlen fällt auf dem Film tatsächlich ungefähr dorthin wo sie gewünscht sind, die restlichen fallen nur leicht daneben. Aus dem gewünschten Punkt auf dem Film ist ein immer noch sehr kleiner Punkt geworden. Die leicht "verirrten" Strahlen bilden aber eine Art Lichthof um ihn herum, in welchem sich der kleine Punkt nun nicht sehr deutlich abhebt. Eine solche Optik hat zwar hohe Auflösung, aber eher schlechten Kontrast. Bei gleichem Aufwand lässt sich auch ein anderer Korrekturzustand erreichen. Wenn man erreicht, dass ein Grossteil der Lichtstrahlen zwar einen leicht grösseren Punkt bilden, dafür die "verirrten" Lichtstrahlen etwas näher rücken, so wird zwar die Auflösung der Optik kleiner (grösserer Punkt), dafür nimmt der Kontrast zu, weil der Lichthof abgenommen hat. Daraus ergibt sich eine Objektiv mit geringerer Auflösung aber erhöhtem Kontrast. Es ist, als wäre der breit auslaufende aber spitze Lichthaufen zusammengewischt worden zu einem klarer begrenzten Haufen ohne ausgeprägte Spitze.
Unterschiedliches Helligkeitsverteilung in
Unschärfekreisen.
Da all diese Punkte in der Schärfeebene liegen sind sie sehr klein und wir können deshalb auch nicht erkennen, wie der Schärfeeindruck, den sie hinterlassen, entsteht. Aber wie wir weiter oben gesehen haben, gibt es auch noch die Unschärfekreise. Da diese sehr viel grösser sind als die scharf abgebildeten Punkte, lässt sich in deren Helligkeitsverteilung der Korrekturzustand klar ablesen. Die Abbildung rechts zeigt drei Variationen eines Unschärfekreises. Der Kreis in der Mitte mit der Nummer 2 repräsentiert den Unschärfekreis eines theoretischen Objektivs frei von sphärischer Aberration und ohne kontrastoptimierende Eigenschaften in der Schärfeebene (tiefere Auflösung gegen höheren Kontrast), er weist gleichmässige Helligkeitsverteilung auf und ist hart gegen das Umfeld abgegrenzt.
Überkorrigierte sphärische Aberration
In nebenstehendem Bild sind Unschärfekreise mit dem Aussehen der Nummer 3 sichtbar. Dieser Typ tritt im Hintergrund auf, wenn in der Schärfeebene der Kontrast auf Kosten der Auflösung erhöht wurde - dies ist bei fast allen modernen Fotoobjektiven der Fall. Man spricht bei dieser Korrektur von überkorrigierter sphärischer Aberration.
Weiterhin ist der Unschärfekreis hart gegen das Umfeld abgegrenzt, der Randbereich erscheint aber zusätzlich heller. Dies führt im Hintergrund zu schlechtem Bokeh. Helle Objekte und Kanten im ansonsten unscharfen Hintergrund werden derart betont und verschwinden nicht unauffällig in Unschärfe. Im Extremfall werden Linien im Hintergrund aufgrund der hellen Kante als feine Doppellinie erscheinen und das Bild damit nervös machen. Bei dieser Optimierung tritt im Vordergrund ein Unschärfekreis auf wie er links (Nummer 1) abgebildet ist. Durch den sanften Übergang am Rand und aufgrund seiner spezifischen Helligkeitsverteilung werden Objekte im Vordergrund unauffällig in Unschärfe getaucht.
Möglich ist auch die gegenteilige Korrektur - unterkorrigierte sphärische Aberration genannt. Unschärfekreise im Hintergrund werden das Aussehen von Nummer 1 in unserem Beispiel annehmen, diejenigen im Vordergrund haben das Aussehen entsprechend der Nummer 3. Das Verhalten von unscharfem Hinter- und Vordergrund ist gegenüber überkorrigierter sphärischer Aberration getauscht. Hintergrundelemente des Bildes werden in einer sehr schönen und ruhigen Unschärfe verschwinden - im Gegenzug wird der Vordergrund eher harsch erscheinen.
Bokeh ist somit eine durch die Korrektur des Objektivs gegebene Abbildungseigenschaft.
Vorallem Motive mit hellen Objekten in
Hinter- und Vordergrund offenbaren die
Qualität des Bokeh.
Eher unruhiges Bokeh im linken unteren
Bildbereich.
Exzellentes Bokeh: Die Unschärfe verläuft weich und gleichmässig, an Rändern im Unschärfebereich zeigen sich keine Farbsäume, Linien erscheinen nicht verdoppelt, Spitzlichter sind rund ohne scharf abgegrenzte Ränder.
Gutes Bokeh: Die Unschärfe verläuft weich und gleichmässig, in den Bildecken zeigen sich im Unschärfebereich gelegentlich kleine Farbsäume. Linien erscheinen nicht verdoppelt, Spitzlichter erscheinen leicht polygonal, aber noch ohne allzu scharf abgegrenzte Ränder.
Schlechtes Bokeh: Allgemein wirkt der Unschärfebereich sehr unruhig. Kanten im Hintergrund erscheinen verdoppelt und werden stark genug sichtbar, um den Bildeindruck nachhaltig zu stören. Kontrastreiche Bereiche im Hintergrund weisen Farbsäume auf, oftmals ins violette gehend. Gegen die Bildecken zu nehmen die Farbverschiebungen zu. Spitzlichter haben polygonale Form mit markant abgegrenzten Kanten, von deren Ecken scheinen gelegentlich wie Strahlen auszugehen.
Bokeh wird überall dort zu einem wichtigen Faktor, wo Bilder bedeutende unscharfe Bildanteile haben, deren Grund nicht sehr hell ist. In diesen Bereichen können sich Spitzlichter oder Kanten bei schlechtem Bokeh negativ bemerkbar machen.
Gutes Bokeh ist also wichtig für...
Im Gegenzug verliert Bokeh seine Bedeutung...
Gutes Bokeh ist nie ein Problem. Schlechtes Bokeh bemerken sie, indem sie mit einer Optik nicht warm werden, aber nicht benennen können, worin genau ein Problem besteht - und es gibt viele Objektive mit schlechtem Bokeh, oft auch vermeintlich gute.
Das ist eine schwierige Frage - obwohl ich zu einigen Objektiven bezüglich Bokeh durchaus eine ausgeprägte Meinung habe, beantworte ich dies nicht gerne. Mal abgesehen von wirklich schlechtem Bokeh ist das Empfinden auch Geschmacksache. Machbar sind ein paar allgemeine Hinweise:
Welches sind jetzt konkret die Objektive mit gutem Bokeh? Einige Testfotos zum Vergleich des Bokeh gibt es hier.
Normal korrigierte sphärische
Aberration.
Unterkorrigierte sphärische
Aberration.
Überkorrigierte sphärische
Aberration.
Es gibt zwei Objektive, bei welchen sich das Bokeh einstellen lässt. Dies sind die beiden DC-Nikkore (Defocus Control) von Nikon mit 105 und 135mm Brennweite. Mittels einer zusätzlich verschiebbaren Linsengruppe kann die Korrektur der sphärischen Aberration verändert werden.
Die nebenstehenden Bilder entstammen der Nikondokumentation zu den DC-Nikkoren und eignen sich um die Bildwirkung verschiedener Bokeh zu illustrieren. Die drei Aufnahmen wurden alle mit gleicher Blende gemacht - nur die Korrektur der sphärischen Aberration war jeweils anders eingestellt. Die Differenzen zeigen sich deutlich in den hellen Stellen im Hintergrund respektive Vordergrund.
Je nach gewählter Blende darf der Defocus-Ring an den DC-Objektiven nicht beliebig weit verstellt werden. Wird die Korrektur der sphärischen Aberration zu stark verstellt, so tritt sie auch in der Schärfeebene auf. Lichter und Kanten beginnen dabei leicht zu überstrahlen. Es handelt sich dabei aber nicht eigentlich um Weichzeichnerobjektive. Solange der Effekt nicht überdreht wird bleibt die Schärfeebene frei von Weichzeichnung.
Bokeh ist vermutlich die Verenglischung eines japanischen Begriffes. Im Web bin ich auf folgende Herkunftserklärung gestossen. Da die Pointe nur in Englisch funktioniert, verzichte ich auf eine Übersetzung:
Apparently there was an English-born Canadian, who while vacationing in Japan was shown some pictures of the English Royal Family. In the background, quite out of focus, was Prince Phillip. The Canadian pointed to Prince Phillip and said to his Japanese host, "Now there's a great bloke, eh?"
Und jetzt noch...