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Warum eigentlich bleiben manche Kinder trotz widrigster Umstände seelisch gesund? Warum können sie trotz schwieriger Erfahrungen zu zufriedenen, glücklichen und erfolgreichen Jugendlichen und Erwachsenen heranwachsen? Was schützt Menschen vor den Spätfolgen einer belasteten Kindheit?
Es gibt Menschen, die selbst angesichts von Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch in der Kindheit ihr Leben gut und glücklich meistern. Die Forschung zeigt, dass gewisse Kinder unter schwierigen Umständen Resilienz entwickeln. Eine Art psychischer Widerstandskraft, die sie selbst grösste Not und einschneidende Erlebnisse überwinden lässt.
Resilienz bei Kindern: die Kauai-Studie von Emmy Werner
Eine der frühesten Resilienz-Studien ist die Kauai-Kinderstudie der Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Mit dieser Längsschnittstudie, die 1955 mit 698 Kindern auf der Hawaii-Insel Kauai startete, konnte Werner den Zusammenhang aufzeigen von biologischen und sozialen Risikofaktoren und der Entwicklung der Kinder.
Kinder, die zum Beispiel eine komplizierte Geburt hatten oder in Armut aufwuchsen, waren psychisch und körperlich weniger gesund, später eher delinquent und beruflich weniger erfolgreich.
Werner entdeckte jedoch auch, dass sich etwa ein Drittel der Kinder trotz vieler Risikofaktoren wie Alkoholismus der Eltern oder Missbrauch gut entwickelten.
Emmy Werner schloss daraus, dass Resilienz das Resultat komplexer individueller und sozialer Prozesse ist, deren Wirkung auch im Erwachsenenalter anhält.
Das galt auch für Emmy Werner selber. Sie hatte im Zweiten Weltkrieg alle Familienangehörigen verloren, emigrierte mit 20 Jahren in die USA und wurde dort eine international anerkannte Entwicklungspsychologin.
Resilienz funktioniert wie eine Waage
«Resilienz ist die Fähigkeit, sich in eine Situation einzupassen, ohne die seelische Balance zu verlieren», sagt Linda C. Mayes vom Yale Child Study Center, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Die Resilienz-Forscherin zieht zur Erklärung das Bild einer Waage herbei. In der einen Waagschale häufen sich die Belastungsfaktoren an. Dazu gehört beispielsweise, bei einem psychisch kranken Elternteil, in Armut, Gewalt oder Diskriminierung aufzuwachsen.
In der anderen Waagschale summieren sich die positiven Lebensereignisse. Überwiegt das Gewicht der positiven Ereignisse, Erlebnisse und Umstände jenes der negativen, kann sich Resilienz entwickeln.
Realistisches Selbstbild
Dazu gehören Fertigkeiten oder Eigenschaften, die dem Kind und später auch dem Erwachsenen das Gefühl geben, mit Schwierigkeiten umgehen und Probleme bewältigen zu können.
Wichtig ist dabei auch die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen, betont Jack P. Shonkoff vom Zentrum für die Entwicklung des Kindes, Link öffnet in einem neuen Fenster an der Harvard Universität.
Resiliente Kinder sind nämlich nicht einfach tapfer, zäh oder hart im Nehmen. Vielmehr haben sie ein feines Gespür dafür, ob sie eine schwierige Situation bewältigen und mit belastenden Umständen fertig werden können. Sie haben eine realistische Selbsteinschätzung und holen sich eher Hilfe als nicht-resiliente Kinder.
Stabile Beziehungen machen resilient
So unterschiedlich ihre Lebensumstände sind, eines haben die meisten resilienten Kinder gemeinsam: Sie haben mindestens eine stabile und verlässliche Beziehung zu einem anderen Menschen.
Diese Bezugsperson muss nicht unbedingt aus der Familie kommen. Schutz kann auch eine vertrauensvolle Person aus dem weiteren Umfeld des Kindes bieten: Die interessierte, liebevolle Nachbarin, die das Kind annimmt und wertschätzt, wie es ist. Oder der feinfühlige, aufmerksame Lehrer, der das Kind und dessen Potenzial erkennt und fördert.
Das erklärt zum Beispiel auch, warum Geschwister sich manchmal sehr unterschiedlich entwickeln. Während etwa die Schwester dank der guten Beziehung zur Nachbarin einen stabilen Selbstwert aufgebaut hat und ein erfülltes Leben lebt, bleibt der Bruder ohne solch schützende Bezugsperson in der Kindheit ein Leben lang in einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit gefangen.
Bis ins Erwachsenenalter
Tendenziell entwickeln Menschen, die in der Kindheit vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurden laut einer Studie verschiedener deutscher Universitäten, Link öffnet in einem neuen Fenster im Erwachsenenalter häufiger psychische Erkrankungen, leben seltener in festen Partnerschaften, haben weniger soziale Unterstützung und sind beruflich weniger erfolgreich.
Die Kombination von unterstützenden Beziehungen, persönlichen Fähigkeiten und positiven Erfahrungen bildet die Basis, auf der sich dennoch Resilienz entwickeln kann. Denn kein Kind wird resilient geboren.
Resilienz wird Schritt für Schritt erworben und lässt sich auch im Erwachsenenalter noch ausbauen.
Kraft aus der Krise
Kinder werden mit jedem Problem, das sie meistern, stärker. Manchmal schaffen sie es allein. Manchmal braucht es die Unterstützung durch eine verständnisvolle Bezugsperson.
Gerade schwierige Startbedingungen und traumatische Erfahrungen können einen wahren Schub an emotionalem Wachstum hin zu Bewusstheit und Bewusstsein ermöglichen.
Trotz allem «Ja» zum Leben sagen
Der österreichische Psychotherapeut und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, hat es erlebt. Seine Frau und seine Familie wurden im KZ ermordet. Er selbst überlebte den Holocaust und verschiedene Vernichtungslager nur knapp.
Bereits ein Jahr nach seiner Befreiung veröffentlichte er mit « ... trotzdem Ja zum Leben sagen» ein Buch über seine KZ-Erfahrungen. Die Kraft, die er angesichts dieser Erlebnisse entwickelte, fasste er so zusammen: «Wie oft sind es erst Ruinen, die den Blick freigeben auf den Himmel.»
Er erkannte, wie stark psychische Widerstandskraft und Lebenssinn miteinander verknüpft sind. Resiliente Menschen versuchen Belastungen und Schicksalsschlägen einen Sinn zu geben und diese zu bewältigen. Frankl gelang sowohl das eine wie das andere.
Er söhnte sich mit seinem Schicksal aus, wagte sich mit seinen Patientinnen und Patienten an herausfordernde Sinnfragen und wurde zum Wegbereiter der modernen Resilienzforschung.
Kritik am Resilienz-Begriff
Kritiker des Resilienz-Begriffs vermuten hinter dessen Popularität eine Art Individualisierung des Glücks im Sinn von «Jeder ist seines Glückes Schmied».
Brad Evans und Julian Reid beispielsweise schreiben in ihrem Buch «Resilient Life: The Art of Living Dangerously», dass damit offizielle Stellen wie Regierungen die Verantwortung auf den einzelnen Menschen abwälzen. Selbstverantwortung und psychische Gesundheit würden so im Sinn des Neoliberalismus zu einem Gut, das individuell zu managen sei.
Auch im deutschsprachigen Raum warnen Fachleute – wie der Traumatologe und Psychoanalytiker Klaus Ottomeyer oder Resilienzforscher Thomas von Freyberg – vor der Tendenz, gesellschaftliche Risiken zu individualisieren und die soziale Verantwortung zu privatisieren.