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Was versteht man unter charismatischer Führung?
Charismatische Herrschaft kommt von der Vorbildlichkeit eines Menschen und der durch ihn offenbarten Ordnungen (siehe auch Machtstadium IV).
Kompetenz und Charisma
Führungskompetenz entsteht dann, wenn
- Fachkompetenz,
- methodische Kompetenz,
- soziale Kompetenz und (neu)
- Motivdisposition
sich in einem gesunden Masse die Waage halten.
Wenn es einer Führungskraft gelingt, auch Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mass zum Bestandteil ihrer Führungskompetenz zu machen, so kann sie sich zu den Begnadeten zählen und der Weg zur charismatischen Führungspersönlichkeit dürfte nicht mehr weit sein.
Max Webers berühmteste Gedanken sind in zwei Begriffen enthalten: Charisma und die protestantische Ethik. Charisma, abgeleitet vom griechischen Wort für Gabe, bezog sich ursprünglich nur auf die Gnade Gottes, die heiligen und gottesfürchtigen Menschen zu Teil wurde. Für Weber besassen aber auch grosse politische Führer der Wirtschaft Charisma, sofern sie ihre Autorität aus einer höheren Quelle bezogen. Die Verehrung, die dem französischen Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) und US-Präsidenten John F. Kennedy (1917-1963) entgegengebracht wurde, kann deren Charisma zugeschrieben werden und das unterscheidet sie von ihren weniger beliebten Kollegen, wie z.B. dem französischen Präsidenten Georges Pompidou (1911-1974) und dem US-Präsidenten George Bush (geb. 1924).
Im Führungsverhalten ist Fordern so wichtig wie Fördern. Wer auf Integration hin arbeitet, fordert und fördert andere in der gleichen Intention wie sich selbst. Um das zu können, brauchen wir Kompetenz und Charisma. Auch auf der individuellen Ebene schneiden sich die zwei Linien: Kompetenz ist rational zu erfassen, für Charisma braucht man Spürsinn und Intuition. Kompetenz kennt verschiedene Stufen. Wir haben sie oben kurz angedeutet.
Kompetenz auf den erwähnten Stufen ist die notwendige Voraussetzung für jede Führungstätigkeit. Um Durchbrüche zu erzielen, neue Orientierungen zu finden und Integration zu gestalten, reichen rational begründbare Kompetenzen nicht aus. Wie Intuition entzieht sich Charisma einer eindeutigen Definition. Vom Sinne her sind beide Wörter aus der religiösen Sphäre in unsere pragmatische Welt gekommen. Intuition bedeutete schon in der Antike geistige Schau, unmittelbare Eingebung, Charisma leitet sich ab von “charis” und bedeutete ursprünglich göttliche Gnade. Kein Wunder also, dass beide Begriffe in der Hochblüte des Rationalismus keinen hohen Stellenwert besagen. Seit einiger Zeit findet freilich eine Neuorientierung statt: Wir können es uns nicht mehr leisten, aus rationalistischen Gründen auf Führungshilfen zu verzichten, die in der ganzen Geschichte der Menschheit von überragender Bedeutung gewesen sind.
Doch nur Erfahrung hilft uns in diesem subtilen Bereich weiter: sowohl für Intuition als auch für Charisma brauchen wir Sinn und Gefühl. Aus einigen Erfahrungen möchte ich Charisma als die Fähigkeit beschreiben, am richtigen Ort zur richtigen Zeit die richtigen Leute für die richtige Aufgabe zu begeistern – um dann mit Mut und Entschlossenheit die Sache selbst in Angriff zu nehmen. Es ist unglaublich, zu welchen Leistungen Menschen fähig werden, wenn Charisma einwirkt – unglaublich und verlockend. Schon mancher hat versucht, sich den Anschein von Charisma zu geben, um so zum Erfolg zu kommen. Zum Glück gelingt das nicht oft – Charisma entsteht aus tiefem Glauben oder einem unerschütterlichen Selbstvertrauen, Charisma kann nicht affektiert werden. Für mögliche Integrationen bietet sich in diesem Bereich ein Vergleich an: Intuition und Charisma entsprechen höherwertigen Energien, die kurz und intensiv auf tiefere Ebenen einwirken und so Transformation bewirken. Die Evolution des Lebens wird zum Teil auf solche Prozesse zurückgeführt, warum sollen sie in der Analogie nicht auch für die Entstehung neuer Ideen und für Durchbrüche zu neuen Horizonten gelten? Neben Transformation bewirken Intuition und Charisma oft auch Chaos, Turbulenzen und Unruhe. Aus diesem Grunde kommen Charismatiker und Hochkreative oft nicht dazu, die Früchte ihrer Bemühungen zu ernten. Sie werden ersetzt, wenn man sie nicht mehr braucht. Ein natürlicher Konservatismus setzt sich durch, sobald ein neuer und stabiler Zustand erreicht ist. Kein Grund allerdings, auf die Stabilität des Erreichten nun zu vertrauen und sie gar gegen evolutionäre Notwendigkeit starrsinnig zu verteidigen. Die nächste Transformation ist uns gewiss.