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Wenn Spitzenpolitiker einen grossen Auftritt planen, lassen sie eine Rede schreiben, die einen Satz enthält, der es in die Geschichtsbücher schafft. Das ist jedenfalls der Plan, gelegentlich gelingt es sogar. Einige Präsidenten, Premierminister et cetera verlassen sich dagegen nicht auf die Kraft des Worts, das mächtiger ist als das Schwert. Sondern auf das Bild, das mehr als tausend Worte sagt, manchmal auch mehr lügt als tausend Worte.
Natürlich würden die hohen Tiere dies nie zugeben, stattdessen behaupten sie, alles drehe sich um den Inhalt. Doch im 24-Stunden-Smartphone-News-Kreislauf ist die Form match- und können Bilder kriegsentscheidend sein.
Das weiss Wolodimir Selenski, er war früher Schauspieler sowie Filmproduzent. Kennt er sich zudem in der Kulturgeschichte der Herrengarderobe aus? «Krieg ist die Hölle, doch er kann eine Goldgrube sein, wenn es um Mode geht», schreibt Nicholas Foulkes in seiner Geschichte des Trenchcoats. Selenski trägt keinen Trenchcoat – der Gabardinemantel kam im Ersten Weltkrieg zum Einsatz, nachdem Thomas Burberry den wasserabweisenden Stoff erfunden hatte. Doch der Präsident der Ukraine sitzt nicht im Schützengraben, sondern in Büros an geheimen Orten seines Landes, wo er sich filmen lässt, um die Bilder auf der ganzen Welt zu verbreiten. Dabei trägt er Kurzarm-T-Shirts in Military Green, ab und zu solche mit langen Ärmeln sowie Reissverschluss (hierzulande früher als Gnägi-Libli bekannt); geht er aus, zieht er eine Camouflage-Schutzweste an.
«Top Gun»-Präsidenten
Joe Biden wiederum ergreift Gelegenheiten, sich mit seiner Ray-Ban Aviator fotografieren zu lassen; jede Photo op mit Piloten-Sonnenbrillen auf der Präsidentennase zerstreut Bedenken betreffend sein Alter beziehungsweise seine Luzidität und Leistungsfähigkeit wirksamer als Mediencommuniqués. Bidens Vorvorvorgänger, George W. Bush, war denkbarerweise indifferent gegenüber dem Einfluss militärischer Uniformen auf die zivile Männerbekleidung, doch er erkannte die Goldgruben-Wirkung eines Auftritts im «Top Gun»-mässigen Bomber-Einteiler vor einem «Mission Accomplished»-Banner, mit dem Amerikas Sieg im Irak vermeldet wurde (leider verfrüht).
Und sogar die Schweizerin Irène Kälin tauschte für ihre Reise nach Kiew den fröhlichen Polka-Dots-Look gegen ein All-Black-Tenue mit braunen Husaren-Lederstiefeln und ceinturon-ähnlichem Gürtel, worauf in der NZZ ein strenges Stilurteil über die Nationalratspräsidentin gefällt wurde.
Uniformen machen Männer
«Kleidung ist Kommunikation ohne Worte», stand einmal in Anzeigen eines Hemdenschneiders. «Erstaunlich, wie viele Leute das nicht wissen», lautete der zweite Teil des Slogans. Was auf die erwähnten Politiker wirklich nicht zutrifft. Es gibt die Redensart «Kleider machen Leute». In Anlehnung daran könnte man mindestens so zutreffend sagen: «Uniformen machen Männer».
Jedes Bild von Joe Biden mit Pilotenbrille zerstreut Bedenken betreffend sein Alter wirksamer als Mediencommuniqués.
«Uniformen haben seit langem die Entwicklung sozialer Umgangsformen aufgezeichnet», schreibt Jennifer Craik, ausserordentliche Professorin der Queensland University, in ihrem Buch «Uniforms Exposed». Und Regeln, die für Uniformen gelten, gelten auch dafür, wie Menschen sich kleiden im Allgemeinen. «Viele kanonische Merkmale militärischer Uniformen sind Merkmale von Alltagskleidung geworden respektive haben Moden mitbeeinflusst», schreibt sie weiter.
Mit anderen Worten: Vieles von dem, was man heute trägt, wurde fürs Militär entworfen. Und einzelne Designer entwickelten ihre Ideen aus der Not heraus, die mit Krieg und Kampf verbunden ist: Fitzroy James Henry Somerset, der erste Baron von Raglan, verlor seinen rechten Arm in der Schlacht bei Waterloo (1815). Von da an liess der britische Feldmarschall die Ärmel seines Mantels nicht mehr mit einer Naht einsetzen, die senkrecht zur Schulter verlief, sondern schräg von der Achsel zum Hals. Weil ihm diese Schnittform, der sogenannte Raglanärmel, das Anziehen des Mantels mit nur einem Arm erleichterte.
Husaren als Fashion Icons
Das vielleicht beste Beispiel haben die Husaren bereits im 15. Jahrhundert abgegeben, eine Truppengattung der leichten Reiterei – später «Kavallerie» genannt – mit Ursprung in Ungarn, Kroatien und Serbien. Die «schnellen Boten» fielen nicht bloss durch Mut und militärische Schlagkraft auf, sondern auch durch ihr schwer zu schlagendes Äusseres. «Farbige Dolman-Jacken mit hochgeschnittenem Rundhals ohne Kragen: atemberaubend schön», so beschreibt sie Hans Bleckwenn. Er war, übrigens, kein atemloser Mode-Blogger, sondern ein angesehener Historiker für die Militärgeschichte des feudalen Preussen.
Die «umwerfend uniformierten Husaren» (Bleckwenn) hatten eine Wirkung weit über Angehörige von Armeen der damaligen Zeit hinaus. Sie blieben mehr als fashion icons, modische Helden, im Gedächtnis, weniger als militärische, schreibt Valerie Steele, Direktorin des Modemuseums des New Yorker Fashion Institute of Technology. Mit dem Ergebnis, dass sich in der Folge zwar viele junge Männer à la hussarde kleideten, diese aber keinesfalls bereit gewesen wären, ihr Leben auf dem Schlachtfeld aufs Spiel zu setzen – Scott Myerly, ein britischer Militärhistoriker, recherchierte, dass Zivilisten sich gebrauchte Husarenuniformen kauften, um darin herumzustolzieren und ein schneidiges Äusseres vorzuführen, was in seinen Augen frivol und degeneriert ist.
Eine Uniform ist mehr als zirka zwei Quadratmeter Stoff. Sie hat feinstoffliche Eigenschaften, verbreitet also eine Botschaft. Was auch in der Populärkultur aufgenommen wird. 1982 veröffentlichten Gang of Four, eine britische Post-Punk-Gruppe, ihren wohl bekanntesten Song, «I Love a Man in a Uniform», er geht so: «Ich hatte stark zu sein für meine Frau / Sie brauchte Schutz / Ich musste mein Selbstvertrauen zurückgewinnen / Also schlüpfte ich in einen Tarnanzug / Mädchen lieben es, wenn sie dich schiessen sehen.» Vergangenes Jahr erschien eine Cover- version von dem Stück von, tatsächlich, Herbert Grönemeyer.
Die Fähigkeit des «Männermachens» von Uniformen funktioniert nicht bloss in der Wahrnehmung von Frauen, auch Männer können sich ihrer Ausstrahlung kaum entziehen. Das gilt besonders für Männer, die sonst in ihrem Leben durch Führungsanspruch auffallen und dadurch, dass sie sich nicht ein- oder unterordnen wollen.
Dylan im Matrosen-Mantel
Opinion-Leader tragen oft und offen- sichtlich gerne Uniformstücke, obwohl sie den militärischen Betrieb und die herrschende Hackordnung eher ablehnen. Von Jimi Hendrix zum Beispiel gibt es ein Foto in einer Dolman-Jacke (Sie erinnern sich, die Husaren beziehungsweise Frau Kälin) und mit selbstgedrehter Zigarette in der Hand (Haschisch?). Er wurde, nebenbei erwähnt, nach dreizehn Monaten vorzeitig aus der Armee entlassen – wegen geringer Motivation sowie Regelverstössen.
Und Bob Dylan tourte in einem pea coat, einem kurzen doppelreihigen Mantel, wie er von europäischen Matrosen seit dem 19. Jahrhundert getragen sowie später für die US-Navy hergestellt wurde, durch Amerika.
Post-Punk plus Protestmusiker hatten wir schon, doch es gibt auch Fundstellen von militärisch angeregten Stars der aktuellen Pop-Kultur. Beispielsweise unter Rappern oder Hip-Hop-Musikern: Jay-Z und Snoop Dogg gehen in Combat-Hosen auf die Bühne. Pharrell Williams geht weiter – für seine Modemarke Billionaire Boys Club entwarf er Camo-Shorts, die aussehen wie kurze Uniformhosen für heisse Einsatzgebiete.
Kampf in Privatkleidung
Womit wir an der Stelle des Laufstegs angelangt sind, wo diese Geschichte eine Volte schlägt. Militärische Uniformen – es gibt weiter Polizei-, Firmen-, Spital- oder Schuluniformen – wurden erfunden, um ihre Träger einheitlich erscheinen zu lassen sowie ihre Zugehörigkeit zu einem Feldherrn oder Monarchen aufzuzeigen.
Die Uniform ist, gemessen an der Länge der Militärgeschichte, eine ziemlich neue Erfindung. Nach dem Ende des Römischen Reichs, in dem es Uniformen für Legionäre gegeben hatte, kämpften Männer die meiste Zeit in Kleidung, die sie in ihrem privaten Leben ebenfalls trugen, allenfalls ergänzt durch ein Zubehör, ein farbiges Tuch, eine Schärpe und so weiter. Das änderte sich, wie erwähnt, erst durch das Vorbild der beschriebenen Husaren ab zirka dem 15. Jahrhundert.
In der Zwischenzeit wurde der Distinktionsgewinn erfunden. In seinem Hauptwerk «Die feinen Unterschiede» von 1979 verwendete Pierre Bourdieu, ein französischer Soziologe sowie Theoretiker der symbolischen Formen und Gewalt, den Ausdruck für die erfolgreiche Durchsetzung eines neuen vorherrschenden Geschmacks und Lebensstils als Mittel im Kampf um gesellschaftliche Positionen.
So besehen wird das Tragen einer Uniform, die im Grunde zur Gleichmacherei gedacht ist, ein Akt des Sich-Abhebens und Auf-sich-aufmerksam-Machens. Jedenfalls wenn das Tragen des uniformen Kleids in einem anderem als dem ursprünglich vorgesehenen Zusammenhang stattfindet – an einem kiffenden Gitarrengott auf der Gegenkulturkonzertbühne, an einem Protestsänger on the road, an einem für Straftaten verurteilten Rapper. Oder, eben, einem Kriegs-Präsidenten im Büro, der mittels Videoaufnahmen zu Politikern und Uno-Delegierten in Anzug und Deux-Pièces spricht.
«Do people wear uniforms or do uniforms wear people?», fragt Professorin Craik von der Queensland University in ihrem Buch. Und will damit wissen, wer die Deutungshoheit hat – der Träger über das Tuch oder doch andersrum.
Der Fall Wladimir Putin
Encore une fois zum Distinktionsgewinn: Wenn es dabei, laut dem gescheiten Franzosen Bourdieu, doch um die erfolgreiche Durchsetzung im Kampf um gesellschaftliche Positionen geht, weshalb trägt dann Wladimir Putin nicht Uniform, sondern dunkle Anzüge mit wahlweise weissen oder hellblauen Hemden und Krawatte? An Verständnis für die Symbolkraft von Bildern mangelte es dem russischen Präsidenten in Vergangenheit kaum, wie er etwa bewies, als er sich auf einem Pferderücken fotografieren liess, mit nacktem Oberkörper, oder beim Bad im vermutlich eiskalten Wasser.
Weil er wahrscheinlich zurzeit nicht den Distinktionsgewinn sucht, sondern dessen Gegenteil, den, sagen wir, Distinktionsverlust. Immerhin führt Putin gemäss offizieller russischer Sprachregelung keinen Krieg in der Ukraine, es handelt sich dabei um eine Spezialoperation. Und dafür reicht es dann wohl, sich wie für einen ganz normalen Arbeitstag im Büro zu kleiden.
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