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»Es geht nicht bloß ein so tiefer dämonischer Zug durch die meisten dieser Schaudergeschichten, daß den aufmerksamen Leser Grausen und Entsetzen anwandelt, sondern die ewigen und unveränderlichen Gesetze der menschlichen Empfindungs- und Handlungsweise werden auch oft auf eine so gewaltsame Weise unterbrochen, daß der Verstand im eigentlichen Sinne des Wortes stille steht.« Dies schreibt der deutsche Schriftsteller und Pfarrer Wilhelm Meinhold (1797-1851) im Vorwort seines 1843 anonym veröffentlichten Werks »Maria Schweidler, die Bernsteinhexe« über andere Hexengeschichten, mit denen er sich befasst habe. Doch alle diese «zum Theil so abenteuerlichen Geschichten» würden «an lebendigem Interesse» von seiner «Bernsteinhexe» übertroffen. Angeblich, so schreibt er weiter, sei sein Werk die überarbeitete Wiedergabe einer Chronik aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges, verfasst vom Koserower Pfarrer, dem Vater der »Bernsteinhexe«. Dessen Amtsnachfolger habe das beschädigte Manuskript nach 200 Jahren in der Kirche in einer Nische unter dem Chorgestühl entdeckt und ihm, Meinhold, übergeben. Er wiederum habe die Geschichte »ganz in ihrer alten ursprünglichen Gestalt« gelassen und nur ergänzt, wo dem alten Manuskript die Blätter herausgerissen worden seien.
Der Roman schildert den angeblich letzten grossen Hexenprozess in Deutschland: Um Not und Elend der Usedomer Bevölkerung während des Dreissigjährigen Krieges zu lindern und Brot zu besorgen, verkaufen der Koserower Pfarrer und seine Tochter Maria einen von ihr gefundenen Bernstein. Wegen unerklärlichen Geldbesitzes bezichtigt sie der Amtshauptmann, der die 15-Jährige begehrt und bedrängt, von ihr jedoch abgelehnt wird, der Hexerei. Am 30. August 1630 soll Maria auf den Scheiterhaufen geführt, in letzter Sekunde jedoch befreit worden sein.
Tatsächlich wurde Meinholds Roman zunächst für ein Dokument aus dem 17. Jahrhundert gehalten, vor allem wegen seiner täuschend echten Nachahmung der Sprache dieser Zeit. Bereits 1841-1842 hatte Meinhold Auszüge aus dem angeblichen Manuskriptfund in der Zeitschrift Christoterpe veröffentlicht, was dazu geführt haben soll, dass Friedrich Wilhelm IV. auf die 200 Jahre alte Quelle aufmerksam wurde und das gesamte Manuskript anforderte. Ohne das Wissen Meinholds soll Friedrich Wilhelm IV. den Druck des rein fiktiven Textes mit dem täuschenden Vorwort veranlasst haben, vom dem sich seither auch ein Exemplar im Besitz der Museumsgesellschaft befindet.
Als Meinhold seine Urheberschaft einräumte, wurde sie zunächst angezweifelt. Friedrich Hebbel wies jedoch nach, dass es sich tatsächlich um eine Fiktion, nicht um ein Dokument des 17. Jahrhunderts handeln müsse. Er kritisierte die »erkünstelte, zurechtgemachte Sprache« Meinholds, die »bloss notwendig für den Nebenzweck des Verfassers, für die beabsichtigte Täuschung« gewesen sei, dem Werk sonst aber eher schade. Dennoch war der Roman beliebt und entwickelte sich zu einem Verkaufserfolg, der bis heute stets wieder aufgelegt wird. Auch im Ausland wurde die »Bernsteinhexe« rezipiert. Insbesondere im viktorianischen England mit seiner Vorliebe für Schauergeschichten fand das Buch grossen Anklang: Bereits 1844 erschienen zwei Übersetzungen. Doch eigentlich hatte Meinhold, der das Hexenwesen als hinzunehmendes Glaubensdogma betrachtete, mit seinem Werk etwas ganz anderes beabsichtigt als reine Unterhaltung: Sein Ziel war es, mit dem »fast romanartigen Hexenprocess« die zeitgenössische Bibelkritik infrage zu stellen und den historischen Nachweis für die Existenz von Hexen und Dämonen zu erbringen. S.L.
Maria Schweidler, die Bernsteinhexe: der interessanteste aller, bisher bekannten Hexenprocesse, nach einer defecten Handschrift ihres Vaters, des Pfarrers Abraham Schweidler in Coserow auf Usedom, herausgegeben von Wilhelm Meinhold. Berlin, Verlag von Duncker und Humblot, 1843, Signatur: D 852