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21 June 2015
(category : Trends)
Dieser Beitrag ergänzt meine Einschätzung der Folgen der Reaktorhavarie in Tschernobyl im April 1986 sowie der Reaktorhavarien in Fukushima Daiichi im März 2011.
Tsuda Toshihide, Yamamoto Eiji und Suzuki Etsuji hielten 2013 einen Vortrag zu Schildrüsenkrebs bei Unter-19-Jährigen in Fukushima ("Thyroid Cancer under 19 years old in Fukushima, Japan", Environmental Health Perspectives, 2013) und zeigten auf, dass die Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs mit der Distanz zu den havarierten Kernkraftwerken abnimmt. Im Vergleich zum langjährigen japanischen Mittelwert von jährlich 5 Erkrankungen pro Million Jugendlicher fanden die Autoren eine 26-fache Erkrankungsrate im Umkreis von 50km der Reaktoren. In einer Entfernung von 50km bis 80km fanden sie eine Erhöhung auf das 19-fache. Die Autoren schlossen einen rein diagnostischen Effekt durch die systematische Untersuchung aller Jugendlichen aus.
Der aktuelle Stand der Schilddrüsenkrebsfälle bei Jugendlichen in Fukushima ist auf Fukushima Voice (englisch) zusammengefasst. Kinder und Jugendliche, welche zum Zeitpunkt der Havarie jünger als 18 Jahre alt waren und in der Präfektur Fukushima lebten, werden bis zu ihrem 20. Altersjahr alle zwei Jahre auf Schilddrüsenkrebs untersucht, danach alle fünf Jahre. Die ersten Untersuchungen sind grösstenteils abgeschlossen. Es wurden etwa 380'000 Kinder und Jugendliche untersucht. In 103 Fällen wurde Schilddrüsenkrebs festgestellt und operativ entfernt. In weiteren 23 Fällen besteht zur Zeit der starke Verdacht auf Schilddrüsenkrebs. Derlei Verdachtsfälle bestätigten sich zuvor zu 99%. Bis Ende März 2015 wurden somit 126 Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Das entspricht einer Erkrankungsrate von jährlich 84 pro Million Kinder seit April 2011. Da 2011 keine Fälle auftraten und 2012 nur wenige, beträgt die jährliche Krebsrate jetzt etwa 150 pro Million Kinder. Jugendliche in der Präfektur Fukushima erkrankten 2013 und 2014 rund 30× so häufig an Schilddrüsenkrebs wie vor 2011.
Gegen diese Zahlen wird öfter eingewendet, dass sie auf die systematische Untersuchung zurückzuführen seien. Wenn dem so ist, müsste sich statistisch zeigen lassen, dass die Untersuchungen Schilddrüsenkrebs einfach nur viel früher entdecken - also lange bevor der Krebs die Jugendlichen wegen Beschwerden zum Arzt treibt. Deshalb habe ich aus der Schweizer Krebsstatistik die Zahlen zu Schilddrüsenkrebs beigelegt. Die statistischen Daten zu Krebs und Bevölkerung habe ich wie früher beschrieben vom Bundesamt für Statistik übernommen und ausgewertet.
- Die Erkrankungsrate der unter 40-Jährigen steigt insgesamt jährlich um 6-7% im Vergleich zu 1983-1987. In der Fünfjahresperiode 2006 bis 2010 erkrankten 2.6× soviele Jugendliche und junge Erwachsene an Schilddrüsenkrebs wie 1983-1987.
- Wer 1983-1987 jünger als 20 Jahre alt war, erkrankte 1988-1992 31% öfter an Schilddrüsenkrebs als die damalige Verleichsgruppe. 1993-1997 waren es 56% mehr, 1998-2002 108% mehr und 2003-2007 wurde 139% öfter Schilddrüsenkrebs diagnostiziert als in den gleichen Altersgruppen 1983-1987.
- Kinder unter zehn Jahren erkranken sehr selten an Schilddrüsenkrebs. Mit zunehmendem Alter steigen die Erkrankungsraten stark an, was auf eine mehrjährige Latenz zwischen Krebsentstehung und Diagnose hinweist.
Da auch die beste Frühdiagnose kleinste Krebszentren kaum erkennt, kann eine Vorsorgeuntersuchung den Zeitpunkt der Krebsentdeckung allenfalls um fünf bis zehn Jahre vorverlegen. Würden beispielsweise alle Schilddrüsenkrebse der 10- bis 29-Jährigen zehn Jahre früher entdeckt, so würde bei den 0- bis 19-Jährigen eine signifikant höhere Erkrankungsrate beobachtet.
Es stellt sich also die Frage, um wieviele Jahre früher Schilddrüsenkrebs diagnostiziert werden müsste, um den beobachteten Anstieg der Erkrankungen vollständig der früheren Diagnose zuordnen zu können.
In obiger Tabelle ist die Erkrankungsrate der 15- bis 19-Jährigen aus der Fünfjahresperiode 1983-1987 grau markiert. Folgt man diesen Jugendlichen über die Jahre (rötlich markierte Zellen), so ergibt sich für die Zeitdauer von 1983 bis 2007 eine Gesamtrate von 1'045 Neuerkrankungen pro Million. Das heisst dass bei einem von tausend Jugendlichen zwischen ihrem 15. und 40. Altersjahr Schilddrüsenkrebs entdeckt wurde. Dies ist die beobachtete Inzidenzrate 1983 bis 2007.
Wären die Inzidenzraten über die Zeit konstant geblieben, also so wie sie 1983-1987 waren, so wäre bei den Jugendlichen deutlich weniger Krebs festgestellt worden. Die Inzidenzrate basierend auf 1983-1987 wäre nur 517 pro Million, also etwa die Hälfte der beobachteten Rate. Würde der Schilddrüsenkrebs jedoch durchschnittlich fünf oder zehn Jahre früher entdeckt, so würde Krebs bei 825 respektive 1'042 pro Million gefunden. Dieses Beispiel zeigt, dass eine um zehn Jahre frühere Diagnose die Verdoppelung der beobachteten Inzidenzrate relativ zu 1983-1987 erklären könnte.
Für die Altersklassen der 5- bis 29-Jährigen von 1983-1987 müsste der Schilddrüsenkrebs durchschnittlich etwa zehn Jahre früher diagnostiziert werden. Die 30- bis 44-Jährigen von 1983-1987 müssten ihre Diagnose rund 5 Jahre früher erhalten. Bei Kindern unter 4 Jahren und Leuten ab 45 wäre Schilddrüsenkrebs etwa im selben Alter entdeckt worden wie 1983-1987. Da meines Wissens in der Schweiz nach/wegen Tschernobyl keine umfassenden Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt wurden, sind die beobachteten Inzidenzraten meines Erachtens mehrheitlich auf eine effektiv höhere Zahl an Erkrankungen zurückzuführen.
Fazit | Bezüglich den Folgen von Fukushima halte ich fest, dass eine 30× höhere Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs nicht durch die Früherkennung erklärt werden kann. Eine umfassende Untersuchung von Kindern und Jugendlichen führt allenfalls kurzfristig zu einer Verdoppelung oder Verdreifachung der diagnostizierten Fälle, wie sich anhand der ausführlichen Schweizer Krebsstatistik zeigen lässt. Da sich Krebs bei Kindern und Jugendlichen ziemlich schnell entwickelt, wird er in aller Regel schon nach kurzer Zeit entdeckt, was den möglichen Diagnoseeffekt verkleinert.
In der Präfektur Fukushima ist deshalb eine 10-30× höhere Erkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs auf die in Fukushima Daiichi freigesetzte Radioaktivität zurückzuführen.
Posted by Marcel Leutenegger at 10:53
3 May 2015
(category : Trends)
In der Informatik gibt es den schönen Spruch "ändere nie ein funktionierendes System (never change a running system)", welcher in einem Satz zusammenfasst, was Generationen von Programmierern und Computerbenutzern auf die ärgerliche Tour lern(t)en. Jeder Wechsel eines Programms - und sei es nur zum Einspielen von Fehlerbehebungen - birgt immer das Risiko, dass dabei etwas schief läuft und ein Haufen Ärger ansteht, um zumindest die ursprüngliche Funktionalität wiederherzustellen.
Das Motto der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) scheint eher dem Titel zu entsprechen. Nach zwei erfolglosen Versuchen zur Einführung eines elektronischen Billets (siehe auch EasyRide die Zweite - ein Nachruf auf den öffentlichen Verkehr), welche an technischen und finanziellen Problemen und nicht zuletzt an mangelnder Akzeptanz scheiterten, steht jetzt der dritte Anlauf an. Das Generalabonnement (GA) und das Halbtaxabonnement (Halbtax) sollen ab August 2015 nur noch im Abonnement auf einer elektronischen Chipkarte namens "Swiss Pass" zu haben sein.
Rückblick
Die Mehrheit der GA-Kunden kaufte sich bisher ein Jahres-GA und ersetzte dieses bei Bedarf. Eine Minderheit entschied sich für ein Monats-GA im Abonnement mit dreimonatiger Mindestlaufzeit und automatischer Verlängerung, allerdings zu einem höheren Preis. In beiden Fällen erhielt der GA-Kunde einen schwer zu fälschenden Ausweis im Kreditkartenformat. Alle wichtigen Daten (Passphoto, Inhaber, Art, Gültigkeit usw.) sind gut lesbar eingearbeitet und in Sekundenbruchteilen zu kontrollieren. Die freie Wahl des Bezahlmodells und der GA-Nutzung scheint die SBB-Führung aber zu stören, denn dieses kundenfreundliche und bewährte System soll ersetzt werden.
Ausblick
GA und Halbtax soll es also zukünftig nur noch im Abonnement geben, welches sich ohne Kündigung automatisch verlängert. Ich kenne dieses System von der Deutschen Bahn, wo sich eine um wenige Tage verspätete Kündigung mit einem Abonnement für ein weiteres Jahr rächt. Nun soll aber die neue Abokarte die Gültigkeit gar nicht mehr anzeigen. Ohne elektronisches Lesegerät kann weder der Kunde noch ein Mitarbeiter des öffentlichen Verkehrs (ÖV) erkennen, ob das Abonnement gültig ist und für welchen Zeitraum. Die einfache Kontrolle des Nachweises eines gültigen Fahrscheins ist jedoch die Urfunktion der Abokarte. Statt diese einzige Funktion zweckmässig zu erfüllen, soll die neue Abokarte nun elektronisch auslesbar sein, um weitere Daten des Kunden zu speichern.
Konsequenzen
Die neue Abokarte ist intransparent und teuer. Ihre Einführung benötigt erhebliche Investitionen in die elektronische Aufrüstung der Mitarbeiter bei allen ÖV-Unternehmen, ohne jedoch deren Kontrollaufwand zu senken. Die notwendigerweise elektronische Kontrolle der Kunden überlässt den Transportunternehmen Bewegungsprofile der Fahrgäste. Aussagen der Transportunternehmen bezüglich Nichtauswertung dieser Daten verbuche ich als Märchen, denn in Zeiten von Big Data und Profitgier werden verfügbare Daten genutzt. Nicht zuletzt werden sich Behörden dafür interessieren, was in null-komma-nichts zu einer Speicherpflicht für derlei Daten mutiert.
Die neue Abokarte ist ein Zwischenschritt zum elektronischen Billet mit vollautomatischer Erfassung der Kundenbewegungen. Dieser Schritt soll Kunden mit der Möglichkeit versüsst werden, Zusatzfunktionen auf die Karte zu laden, um die Anzahl an Plastikkarten in der Brieftasche zu reduzieren. Um ihre Mehrfachfunktion bereitzustellen, sollte die Abokarte fälschungssicher wie eine Identitätskarte und sicher wie eine Bankkarte sein. Sie muss maximale Sicherheit bieten trotz der Notwendigkeit, jederzeit Funktionen hinzufügen und entfernen zu können. Diese Anforderungen führen zu komplizierten und deswegen fehleranfälligen Lösungen, also dem Gegenteil von sicher und günstig. Selbst Bankkarten mit nicht veränderbarer Einzelfunktion haben sich in der Vergangenheit schon als unzuverlässig herausgestellt.
Die Idee von einer Karte für alles geisterte schon während meines Studiums in den Neunzigerjahren herum. Sie hat sich nie durchgesetzt, weil sich Herausgeber und Nutzer von Kundenkarten von Dritten ungern in die Karten gucken lassen. Aufgedruckte Daten auf den Kundenkarten sind so nützlich, dass deren Fehlen ein entscheidender Nachteil ist. Ausserdem üben Karten für alles geradezu magische Anziehungskräfte auf Kriminelle aus. Ich sehe sie schon vor mir, korrekt gekleidete Scheinkontrolleure, welche gemütlich einen Bahnwagen voller Passagiere um die Inhalte ihrer Abokarten betrügen, während die echten Kontrolleure sich zwei Wagen weiter mit einem Fahrgast ohne gültigem Fahrschein abmühen. Wahrlich ein Schelm, wer Böses denkt.
Fazit | Seldwyla lässt grüssen.
Nachtrag | Die rote Farbe und der Name der Abokarte spielen auf den Schweizer Pass an.
Der Name "Swiss Pass ist natürlich englisch. Wo kämen wir mit unseren vier Landessprachen auch hin?
In den USA ist es seit langem üblich, den Führerschein anstelle eines Passes zu verwenden. Sollen wir auf solche Unsitten eingestellt werden, um die Schweiz in 20-30 Jahren geräuschlos aufzulösen und restlos ins Imperium zu integrieren?
Posted by Marcel Leutenegger at 8:26
6 May 2014
(category : Trends)
Die nukleare Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom 26. April 1986 verseuchte weite Gebiete Europas mit radioaktiven Stoffen. Die Bevölkerung in stark verseuchten Gebieten in der Ukraine und Weissrussland leidet bis heute an gesundheitlichen Problemen, welche direkt oder indirekt durch die erhöhte Belastung mit ionisierender Strahlung verursacht wird. Die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl wurden in mehreren Studien untersucht [1]. Die Effekte von Radioaktivität in verseuchten Gebieten sind gut vergleichbar mit den Erkenntnissen aus früheren Studien an Überlebenden der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, an Arbeitern in zivilen und militärischen nuklearen Anlagen, sowie an Bewohnern von durch Atombombentests belasteten Gebieten [2,3].
Aufgrund dieser Resultate sind in der Schweiz sind wegen Tschernobyl mehr Krebserkrankungen und -todesfälle sowie ein häufigeres Auftreten von Immunschwäche, vorschneller Erschöpfung, vorzeitiger Alterung und plötzlicher Herzstillstände zu erwarten. Hierfür sind insbesondere über die Atemluft und die Nahrung aufgenommene radioaktive Stoffe ausschlaggebend, da diese im Körper über lange Zeit Zellen schädigen können. Ferner sind von November 1986 bis März 1987 öfter Tot-, Fehl- und Frühgeburten zu erwarten. Diese Folgen wurden jeweils 6 bis 12 Monate nach Atombombentests und nuklearen Unfällen beobachtet. Gemäss diesen Beobachtungen wären in der ersten Hälfte 1987 geborene Kinder im Mittel bei der Geburt leichter, weniger weit entwickelt und würden eine geringere geistige Reife erreichen. Zusätzlich wären gehäuft Missbildungen zu erwarten.
Nachfolgend wird versucht, die zusätzlichen Krebserkrankungen und -todesfälle in der Schweiz aufgrund der radioaktiven Belastung durch Tschernobyl abzuschätzen. Andere Folgen werden nicht weiter diskutiert, obwohl die Auswirkungen für ungeborene Kinder in den ersten Monaten der Schwangerschaft besonders schwerwiegend sein können.
Kantonale Krebsregister erfassen die Krebserkrankungen, welche anschliessend vom Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und Registrierung (NICER) und dem Schweizer Kinderkrebsregister (SKKR) gesammelt und ausgewertet werden (Daten und Methoden). Das Bundesamt für Statistik (BFS) erfasst die Todesursachen sowie die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz und stellt die Krebsstatistiken in Fünfjahresperioden aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Altersklassen, Krebslokalisation und Sprachregion zur Verfügung. Bei einer nur teilweisen Erfassung der Schweizer Bevölkerung durch kantonale Krebsregister werden die Daten auf die gesamte Schweiz hochgerechnet, wobei von einer gleichmässigen Verteilung innerhalb der Schweizer Bevölkerung ausgegangen wird.
Analyse der Krebsentwicklung
Die folgende Einschätzung der Folgen von Tschernobyl basiert auf historischen Daten von 1983 bis 2007 sowie aktuellen Daten von 1986 bis 2010 des BFS und NICER. Die beiliegenden Excel-Tabellen stellen die zeitliche Entwicklung der Krebserkrankungen und Todesfälle nach Geschlecht, Alter, und Lokalisation übersichtlich dar. Die Daten des BFS sind pro Fünfjahresperiode in einem Tabellenblatt übernommen. Die Bevölkerungszahl nach Geschlecht und Alter wird aus der Inzidenzrate und der Anzahl verzeichneter Fälle bestimmt. Ein Tabellenblatt fasst die Bevölkerungsentwicklung zusammen. Das Übersichtsblatt zeigt schliesslich die Entwicklung der Krebsfälle von 1983 bis 2010. Ein Listenelement erlaubt die Auswahl einer Krebslokalisation, indem es den gewählten Text im Datenfeld O1 einträgt.
Die Übersicht zeigt zunächst die Inzidenzraten pro 100'000 Personen aufgeschlüsselt nach Altersklassen in Fünfjahresintervallen. Eine weitere Tabelle fasst die Altersklassen in Kinder von 0-9 Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene von 10-39 Jahren, ältere Erwachsene von 40-69 Jahren sowie von betagten Personen ab 70 Jahren zusammen. Aufgrund der zunehmend älteren Bevölkerung ist eine Entwicklung hin zu insgesamt höheren Inzidenzraten zu erwarten, da ältere Personen mit grösserer Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken. Diese Entwicklung wird geschätzt unter der Annahme, dass die Inzidenzrate bei vergleichbarer Umweltqualität und Lebensführung pro Altersgruppe der Referenzperiode 1983-1987 entspricht. Folglich wird erwartet, dass die Krebserkrankungsrate stetig leicht zunimmt. Darüber hinausgehende Erkrankungen werden als zusätzliche Erkrankungen eingestuft.
Aufgrund des medizinischen Fortschritts in der Krebsbehandlung darf jedoch erwartet werden, dass die Todesfallrate sinkt. Eine stagnierende oder steigende Todesfallrate wird deshalb als ein starkes Indiz für einen schädlichen Umwelteinfluss oder für ein schädliches Verhalten gewertet. Um den medizinischen Fortschritt in der Krebsbehandlung zu berücksichtigen, wird die Anzahl zusätzlicher Todesfälle indirekt bestimmt. Zusätzliche Todesfälle werden somit aus dem Prozentsatz zusätzlicher Erkrankungen bezogen auf die erfassten Erkrankungen mal der erfassten Todesfälle geschätzt. Wenn zum Beispiel 10% zusätzliche Erkrankungen beobachtet werden, werden ebenfalls 10% der erfassten Todesfälle als zusätzliche Todesfälle gewertet.
Auswertung von Krebslokalisationen
Ich wertete die Entwicklung einiger Krebserkrankungen mit dieser Methode aus. Die Resultate stehen als Excel-Tabelle und als PDF-Dokument zur Verfügung. Die zusätzlichen Krebserkrankungen und Todesfälle beinhalten alle Einflüsse auf die Entstehung von Krebs. Um die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zu schätzen, müssten folglich alle anderen Einflüsse herausgerechnet werden, wozu sie ausnahmslos bekannt sein müssten. Für viele Krebslokalisationen ist dies ein aussichtsloses Unterfangen. Deshalb beschränkt sich meine Auswertung auf eine Auswahl weniger Krebslokalisationen und versucht grob einzuordnen, welchen Anteil an den zusätzlichen Erkrankungen und Todesfällen wahrscheinlich von der radioaktiven Belastung durch Tschernobyl verursacht wurden.
Würden pauschal 10% der zusätzlichen Fälle Tschernobyl zugewiesen, ergäben sich in Folge der Reaktorkatastrophe ungefähr 6'400 zusätzliche Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber sowie der Haut. In der Schweiz wären von 1986 bis 2010 ungefähr 1'700 Personen zusätzlich an diesen Krebserkrankungen gestorben. Diese Zahlen liegen weit über den Verlautbarungen und Schätzungen von offizieller Seite wie etwa der Weltgesundheitsorganisation (WHO*). Nachfolgend lege ich pro Krebslokalisation kurz dar, weshalb ich die Folgen Tschernobyls noch weitaus gravierender einschätze.
* Die WHO ist bezüglich Radioaktivität und deren Folgen an die Weisungen der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gebunden. Die Hauptaufgabe der IAEA ist aber die Förderung der Kernenergie und nicht deren Regulierung zum Schutz der Bevölkerung.
Schilddrüse | Die Schilddrüse ist strahlungsempfindlich und Schilddrüsenkrebs ist typisch für eine radioaktive Belastung. Studien wiesen eine signifikante Häufung von Schilddrüsenkrebs mit der radioaktiven Dosis nach, wobei der Krebs mit einer Latenz von 10 bis 20 Jahren entsteht und/oder erkannt wird. Hauptursache für die Zunahme ist in der Schilddrüse angereichertes radioaktives Jod-131, welches während den ersten Wochen nach der Katastrophe in die Schweiz gelangte und während Monaten die Milch verseuchte. Die Strahlenbelastung durch Zahnuntersuchungen ist besonders bei Kindern und Jugendlichen problematisch, aber die Belastung durch Tschernobyl dürfte sehr deutlich überwiegen. Deshalb wies ich Tschernobyl 90% der zusätzlichen Fälle zu. Unklar ist die Ursache für die auffällig hohe Erkrankungsrate bei Männern über 70 vor 1987, weshalb ich ausnahmsweise 1986-1990 als Referenzperiode wählte.
Gehirn und zentrales Nervensystem | Bemerkenswert sind die steigenden Erkrankungs- und Todesfallraten bei über 65-Jährigen. Auffallend ist auch die starke Streuung zwischen einzelnen Fünfjahresperioden, welche zumindest teilweise einer veränderten Klassifizierung von gut- und bösartigen Gehirntumoren geschuldet sein dürfte. Der langfristige Trend zeigt steigende Krebsraten, wobei der Einfluss von stark zunehmender Mobilkommunikation ab 2000 schwer einzuschätzen ist. Ich schätzte Effekte aufgrund veränderter Lebensweise auf 25%.
Prostata | Die systematischere Früherkennung bei 50- bis 70-Jährigen schlägt sich ab 2001 in einer leicht geringeren Erkrankungsrate älterer Männer nieder**. Der medizinische Fortschritt wurde wahrscheinlich durch Tschernobyl übertroffen, weshalb die Todesfallrate erst um die Jahrtausendwende ein Maximum durchschritt. Meine Zuweisung eines Drittels der zusätzlichen Prostatakrebse an Tschernobyl dürfte den tatsächlichen Einfluss der Reaktorkatastrophe unterschätzen.
Brust | Eine etwas bessere Früherkennung bei 50- bis 70-Jährigen sowie eine vermehrte Hormonersatztherapie in den Wechseljahren dürfte mitverantwortlich sein für höhere Erkrankungsraten**. Andererseits nimmt die Todesfallrate zwar stetig aber nur langsam ab. Da das Brustgewebe empfindlich für ionisierende Strahlung ist, wies ich Tschernobyl die Hälfte der zusätzlichen Brustkrebse zu.
Leber | Leberkrebs wurde häufiger verzeichnet, obwohl der Alkoholkonsum stetig rückläufig war. Der gegenläufige Trend zum Alkoholkonsum ist ein starkes Indiz für andere Ursachen. Wegen grosser Unsicherheit bezüglich anderer Faktoren (Medikamente, Suchtmittel, fett- und/oder zuckerreiche Ernährung) wies ich nur die Hälfte der zusätzlichen Leberkrebsfälle Tschernobyl zu.
Hautmelanom | Die Haut ist in ständiger Erneuerung und deshalb strahlungsempfindlich. Eine systematischere Hautkontrolle sowie eine höhere kurzzeitige UV-Exposition (Solarien) dürften hauptsächlich für die stark zunehmende Erkrankungsrate verantwortlich sein. Meine Zuweisung eines Viertels der zusätzlichen Hautmelanome an Tschernobyl dürfte den tatsächlichen Einfluss der Reaktorkatastrophe unterschätzen.
Lunge, Bronchien, Luftröhre | Atemwegskrebs nahm bei Männern ab und bei Frauen zu. In der Hauptsache spiegeln die Erkrankungsraten den veränderten Tabakkonsum, welcher bei Männern rückläufig war und bei Frauen zunahm. Auf eine Abschätzung der Folgen Tschernobyls wird hier verzichtet, da dazu belastbare Zahlen einer Kontrollgruppe mit vergleichbarem Verhalten und gleichwertiger medizinischer Versorgung aber ohne radioaktive Belastung benötigt würden.
** Aktuelle Daten des BFS von 1986-2010 weisen für den Zeitraum 1986-1995 auffallend viele Todesfälle auf. Historische Daten von 1983-2007 zeichnen dagegen eine stetige Entwicklung mit geringeren Raten. Die Todesfälle wurden schon vor 1983 durchgängig in der ganzen Schweiz erhoben und eine Neuzuweisung der Todesfallursache nach ICD-10 anstelle von ICD-8 würde die Todesfälle um 6-7% senken. Das BFS wies jedoch in allen Krebsstatistiken durchgehend die Zuweisung nach ICD-10 aus.
Entwicklung | Viele Krebserkrankungen entstehen erst mit einer mehrjährigen Verzögerung (Latenz). Eine mittlere Latenz von zehn bis zwanzig Jahren ist typisch. Der zeitliche Verlauf der zusätzlichen Krebserkrankungen und Todesfälle liefert deshalb weitere Anhaltspunkte bezüglich möglicher Ursachen. Die Auswertung zeigt zum Beispiel, dass Schilddrüsenkrebs ab etwa 1993 und Leberkrebs erst ab etwa 1996 zunehmen, was Latenzen von 10 bis 15 Jahren entspricht. Die zusätzlichen Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber und der Haut zeigen einen S-förmigen Anstieg mit einer Abflachung um die Jahrtausendwende. Die zusätzlichen Erkrankungen scheinen sich bei total 4'300 bis 4'500 Fälle pro Jahr einzupendeln. Schilddrüsenkrebs, Leberkrebs, Hautmelanome, Gehirntumore und Krebs des zentralen Nervensystems dürften sich weiter häufen, während Prostata- und Brustkrebs inzwischen wieder etwas seltener auftreten.
Die Schätzung der Gesamtzahl zusätzlicher Krebserkrankungen und Todesfälle basiert auf dem zeitlichen Verlauf von 1986 bis 2010. Die zusätzlichen Fälle pro Jahr werden hierzu mit der Anzahl Jahre multipliziert und zusammengezählt. Überlappende Fünfjahresintervalle werden anteilig berücksichtigt. Das erste Intervall 1986-1990 überschneidet sich zum Beispiel während drei Jahren mit dem zweiten Intervall. Diese drei Jahre werden deshalb zu je 50% gezählt, was zusammen mit den zwei eigenständigen Jahren 1986 und 1987 eine gewichtete Dauer von 3.5 Jahren für das erste Intervall ergibt.
Schlussfolgerungen
Ich schätze, dass die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in der Schweiz von 1986 bis 2010 zu ungefähr 24'000 Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber und der Haut führte und dass daran ungefähr 6'700 Personen starben. Die Krebsraten werden noch für mindestens fünf Jahrzehnte bis zum Ableben der 'Tschernobyl-Generation' deutlich erhöht bleiben. Die Beachtung aller Krebslokalisationen und anderer Folgen dürfte die tatsächliche Opferzahl vervielfachen. Unter Einbezug aller bisherigen und zukünftigen Opfer halte ich insgesamt mehr als 20'000 Tschernobyl-Todesfälle in der Schweiz für wahrscheinlich.
Die Havarie in Tschernobyl ist die bislang folgenschwerste Industriekatastrophe Europas. Die Havarien in Fukushima Daichii dürften Tschernobyl jedoch zukünftig in den Schatten stellen. Eine nukleare Havarie ist in jedem Kernreaktor nachwievor jederzeit möglich. Bei gleicher Havarierate bis 2030 liegt die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Totalschaden eines Kernreaktors in Europa bei ungefähr 60%.
Die Schweiz riskiert ihrerseits eine Havarie mit einer Wahrscheinlichkeit von 3-4% bei einem Weiterbetrieb der fünf Schweizer Kernkraftwerke bis zur politisch beabsichtigten Betriebsdauer von 50 Jahren. Die Folgen einer nuklearen Havarie wären erneut brutal, desaströs und unumkehrbar. Weil die Schweizer Kernkraftwerke in dicht besiedeltem Wohn- und Industriegebiet stehen, ginge die Schweiz an den Folgekosten einer Havarie zwangsläufig bankrott.
Weiterführende Literatur
- Alexey V. Yablokov and Vassily B. Nesterenko, Chernobyl: Consequences of the Catastrophe for People and the Environment, Annals of the New York Academy of Sciences 1181 (2009).
- Ernest J. Sternglass, Secret Fallout: Low-level radiation from Hiroshima to Three-Mile Island, McGraw-Hill (1981).
- Terry Greene, Gretchen Latowsky, Ken Silver, Andrew Einhorn, Carol Rougvie, Cancer and Workers Exposed to Ionizing Radiation: A Review of Research Literature, JSI Center for Environmental Health Studies (2003).
- BFS, NICER, Krebs in der Schweiz: Stand und Entwicklung von 1983 bis 2007, Bundesamt für Statistik (2011).
Posted by Marcel Leutenegger at 19:38
23 November 2013
(category : Trends)
2017 soll es endlich soweit sein, dass der öffentliche Verkehr (ÖV) mit einem elektronischen Billet benutzt werden kann. Schon seit Jahrzehnten wird die Einführung von elektronischen Billeten oder Abonnementen diskutiert (EasyRide). Die Idee dahinter scheint bestechend: anstatt jeweils ein Billet am Automaten zu beziehen, einfach die persönliche funkauslesbare ÖV-Karte mitnehmen und einsteigen. Ums Bezahlen kümmert sich das System, welches hierfür den Kunden anhand seiner ÖV-Karte identifiziert, über die Fahrten Buch führt und den Fahrpreis abrechnet.
Das tönt vielleicht bequem, dennoch sind die alten Argumente gegen EasyRide unverändert gültig. Zur leichteren Lesbarkeit bezeichnet EasyRide nachstehend ein automatisches Fahrtenerfassungs- und verrechungssystem im ÖV.
- EasyRide überlässt den Transportunternehmen lückenlose persönliche Bewegungsprofile der Benutzer. Aufgrund technischer Aspekte wie Zuverlässigkeit würde EasyRide nicht das Ein- und Aussteigen von Passagieren protokollieren, sondern eher ihre Anwesenheit innerhalb eines Fahrzeugs während der Fahrt. EasyRide würde dann vermutlich sogar erfassen (können), in welchem Abteil der Benutzer sitzt. Solche detaillierten Bewegungsprofile sind Gold wert, können damit doch auch Reisebekanntschaften ausgeforscht werden. Nicht zuletzt werden sich Geheimdienste dafür interessieren, welcher Passagier neben wem sitzt - es könnte sich ja eine Verschwörung anbahnen! Unwissenheit und/oder Zufall wird einen unschuldig Verdächtigten zukünftig nicht vor Strafverfolgung oder Strafe schützen.
- Die flächendeckende Einführung von EasyRide verursacht mehrere hundert Millionen Franken teure Investitionen in die Ausrüstung aller Fahrzeuge des ÖV. Zu den Investitionen gesellen sich laufende Kosten für den Unterhalt. Weil Touristen den ÖV auch benutzen wollen, können die Mehrkosten für EasyRide schwerlich bei Ticketautomaten eingespart werden. Ein weiterer Abbau des Personals ist ebenso kaum mehr möglich. Besonders die SBB haben hier seit 2000 schon ganze Arbeit geleistet.
- EasyRide versteckt den aktuellen Fahrpreis vollends vor dem Kunden. EasyRide-Nutzer kriegen erst mit erheblicher Verzögerung mit, wieviel sie für ihre Fahrten zu bezahlen haben. Böses Erwachen beim Eintreffen der Abrechnung ist garantiert, da sich Transportunternehmen sputen werden, zeit-, strecken- und auslastungsabhängige Fahrpreise einzuführen. Zudem vergessen die meisten Leute nach ein paar Tagen ohnehin, welche Wege sie wann mit dem ÖV zurücklegten. Eine Kontrolle der Abrechnung würde also vom Kunden verlangen, minutiös über seine ÖV-Nutzung Buch zu führen.
Intransparentem, preistreibendem und willkürlichem Gebaren sind bislang Schranken gesetzt, weil sich Kunden und Preisüberwacher zur Wehr setzen. Das funktioniert allerdings nur, wenn verbindliche Preise nachgeschlagen und verglichen werden können. Nun ermöglicht EasyRide es den Transportunternehmen aber, in Echtzeit den Fahrpreis anzupassen, zum Beispiel wenn sich viele Passagiere in einem Fahrzeug drängen. Es wäre reichlich naiv zu glauben, dass Stehpassagiere einen Preisnachlass aufgrund vermindertem Komfort erhalten werden.
Fazit | EasyRide verspricht die Nutzung des ÖV für den Kunden zu vereinfachen und ihm/ihr automatisch den gültigen Fahrpreis zu verrechnen. Erkauft werden diese "Vorteile" durch handfeste Nachteile für alle ÖV-Kunden. EasyRide-Nutzer unterwerfen sich einem System, welches ihre Bewegungsprofile aufzeichnet. Mangels effektiver öffentlicher Kontrolle werden diese Profile zu nahezu beliebigen Zwecken gebraucht und missbraucht werden. Will sich ein Passagier nicht ausspionieren lassen, müsste er jederzeit anonym den ÖV in Anspruch nehmen können. Da der ÖV zu den Grunddienstleistungen jeder modernen Gesellschaft gehört und die Privatsphäre ein Menschenrecht ist, ist es meines Erachtens auch nicht erlaubt, im ÖV diskriminierende Bezahlmodelle einzuführen. Deshalb müsste die anonyme oder gelegentliche ÖV-Nutzung zu gleichem Preis angeboten werden, zum Beispiel wie bisher per Billetkauf an Haltestellen. Eine Vorabbezahlkarte taugt dafür nicht, da sie die Kundenbewegungen ebenso nachvollziehbar macht.
Im Endeffekt verteuert EasyRide die Gesamtkosten des ÖV erheblich und zerschlägt jede Privatsphäre seiner Nutzer. Bezahlen werden die Zeche alle Kunden mittels versteckter Preissteigerungen. In naher Zukunft werden sich ÖV-Kunden in einem Tarifdschungel verlieren, den weder sie noch die Mitarbeiter der Transportunternehmen durchschauen werden.
Mir will nicht einfallen, was an einem vorab bezahlten Abonnement oder Billet zu vereinfachen sei. Der grassierende Wahn, Streckenpreise mittels Tarifzonen zu "vereinfachen" (verschlimmbesserte Ticketautomaten inklusive), ist einzig den beteiligten Transportunternehmen anzulasten. Eine weitere Vereinfachung mittels EasyRide lehne ich dankend ab. Sollte ich mich je gezwungen sehen, EasyRide zu nutzen, werde ich lieber auf den ÖV verzichten.
Posted by Marcel Leutenegger at 16:12
7 December 2011
(category : Trends)
Kaufen | Ich beobachte seit einem Jahr fasziniert und mit Grauen, wie sich Leute massenhaft mit neuen Autos eindecken. Inzwischen sind kaum noch Autos auszumachen, die älter als zwei Jahre sind. Angesagt sind glänzende, grosse, schwere, protzige und verschwenderische Karossen. Nachvollziehen kann ich diesen Trend nicht, denn einen Zusatznutzen gegenüber einem älteren Auto kann ich nicht erkennen. Ausser psychologisch vielleicht. Mann/Frau kann damit angeben, das Selbstwertgefühl aufpolieren und mit den anderen gleichziehen.
Die Hirnwäsche durch die Werbung funktioniert.
Das Auto als Statussymbol. Irgendwie deprimierend.
Fahren | Mir fiel schon mehrmals auf, dass sich die Leute speziell an wunderschönen Sonntagnachmittagen auf den Strassen nicht leiden können. Erkennbar beispielsweise an einer überzogen aggressiven und hektischen Fahrweise, die so gar nicht zu einem ruhigen Sonntag passt. Möglich, dass an solchen Tagen das Unterbewusstsein ein baldiges Ende dieses Verhaltens anmelden möchte. Also gibt Mann/Frau trotzig richtig Gas - na geht doch!
Fliegen | Wer heutzutage etwas auf sich hält, fliegt in die Ferien. Steigerungsform: immer. Je weiter desto besser, oder so. "Ich will das Great Barrier Reef noch sehen, bevor es zerstört wird. Und ausserdem war ich noch nicht in Haiti, Nevada, usw. usf." Da derlei Ansprüche bald unerfüllbar werden könnten, müssen sie eben noch vorher befriedigt werden.
Werner wusste den dazu passenden Spruch: Hau wech die Scheisse!
Pendeln | Als dritter Antreiber gesellt sich die Arbeitswelt hinzu. Pendeln ist angesagt - sozusagen ein Dauertrend. Einerseits finden sich selten zwei Arbeitsplätze für sie und ihn im gleichen Ort. Andererseits wird Wohnen in den Ballungszentren für viele zum Luxus. Nebst Angebot und Nachfrage verteuert auch unser Rentensystem den Wohnraum. Die in der zweiten Säule angelegten 700 Milliarden Franken müssen schliesslich Zins abwerfen. 120% unseres Bruttonationalprodukts "sicher" anzulegen lässt nicht viel Spielraum.
Ungebrochener Trend | Die Mobilität steigt.
Posted by Marcel Leutenegger at 7:26