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Januar 2015, einer der ersten grauen Arbeitstage des Jahres im Berner SWISSAID-Büro ist angebrochen. Niemand ahnt, dass der Tag noch eine grosse Überraschung bereithalten würde.
Stunden später betritt ein Inder in akkurat gebügeltem Hemd das Büro. Er sei im Namen der Schulvereinigung «Gram Nirman Kelavani Mandal» hier, die in Indien mehrere Schulen betreibe und gekommen, um sich zu bedanken, erklärt Vijay Upadhyay der verblüfften Belegschaft.
Eine Million Rupien
Mit einer Million indischer Rupien unterstützte SWISSAID 1970 nämlich ein winziges Schulprojekt für benachteiligte Mädchen und Knaben im indischen Bundesstaat Gujarat und brachte es damit erst so richtig ins Rollen. 1970 entsprach eine Million Rupien rund 575 000 Schweizer Franken – ein grosser Betrag, der von der Schulleitung so gut eingesetzt wurde, dass bis heute 30 000 Schülerinnen und Schüler die Schule durchlaufen konnten. Doch schön der Reihe nach.
Mit Bildung gegen soziales Unrecht
Indien, 1960er-Jahre: Mansinh Mangrola, ein junger Lehrer und Anhänger Gandhis, dem die sozialen Ungleichheiten in seinem Land zutiefst zuwider sind, zieht durch Indien. Im Gliedstaat Gujarat landet er im Dörfchen Thava mitten in einer Adivasi-Gemeinschaft. Die indischen Ureinwohner leben am Rand der Gesellschaft. Sie sind völlig verarmt und kommen mit etwas Landwirtschaft mehr schlecht als recht über die Runden. Lebensmittel sind knapp, Hunger gehört zum Alltag. Das Misstrauen der Adivasi gegenüber staatlichen Institutionen sitzt tief, die Kinder werden als Viehhirten und Feldarbeiter gebraucht – keines von ihnen besucht eine Schule.
Rechnen, Schreiben, Essen
Mansinh Mangrola kommt mit den Ureinwohnern ins Gespräch, bietet an, die Kinder kostenlos zu unterrichten und sie täglich mit einem Mittagessen zu versorgen. Zuerst sind es nur drei Schülerinnen und Schüler, die im Schatten eines grossen Baumes zusammenkommen, um rechnen, schreiben und lesen zu lernen. Bald werden es mehr und Mansinh Mangrola träumt davon, für die Bauernkinder eine richtige Schule aufzubauen.
Unterstützung ohne Federlesens
Weil er gehört hatte, dass SWISSAID Adivasi-Gemeinschaften unterstütze, reiste Mansinh Mangrola mit eigenen Mitteln in die Schweiz. Im Berner Büro bittet er um eine Unterredung mit Heinrich Fischer, damals Generalsekretär von SWISSAID.
Und was heute ohne stapelweise Formulare und ausführliche Anträge undenkbar wäre, nimmt seinen Lauf: Wenig später reist Heinrich Fischer auf den Subkontinent und besucht gemeinsam mit Pierre Oppliger, Vorsteher des SWISSAID-Büros in Indien, die mittlerweile etwas gewachsene und in einer kleinen Hütte untergebrachte Dorfschule. Die beiden Schweizer sind beeindruckt vom Einsatz des Lehrers, der sich weitgehend ohne Unterstützung das Vertrauen der skeptischen Adivasi-Eltern gesichert hat, immer mehr Kinder unterrichtet und so langfristig zur Entwicklung der isolierten Gemeinschaft beiträgt. Gemeinsam diskutieren sie, wie es weitergehen soll – und stimmen schliesslich ohne grosses Federlesens zu, die Schule mit einer Million Rupien zu unterstützen.
Hilfe, die nachwirkt
«Ohne diese Finanzspritze von SWISSAID wäre die Schule nie da, wo sie heute ist», sagt Vijay Upadhyay fast ein halbes Jahrhundert später. Denn erst mit diesem stattlichen Betrag konnte Mansinh Mangrola Schulgebäude und Unterkünfte für die Schülerinnen und Schüler bauen und Lehrkräfte einstellen, die die nun rasch wachsende Schar unterrichteten. Im Februar 2016 feiert die Schule ihr 50-Jahr-Jubiläum.
Im Geiste Gandhis
Die Schule bietet verschiedene Ausbildungen an: Von der Primarschule, über technische Vertiefungen bis zum Lehrerseminar und Heimunterricht für körperlich oder geistig Behinderte. Ganz im Sinne Gandhis leben die meisten der 2700 Schülerinnen und Schüler – von Anfang an waren auch Mädchen zum Unterricht zugelassen – in Ashram- Wohngemeinschaften auf dem Schulgelände. Rund um die Gebäude sind Felder angelegt, auf denen Gemüse, Früchte und Getreide für die Grossküche wachsen. Die Kinder lernen so nicht nur im Klassenzimmer, sondern eignen sich im täglichen Miteinander handwerkliche, landwirtschaftliche und soziale Fähigkeiten an, die sie fitmachen für ein selbstbestimmtes Leben.
«Dieses Glück möchte ich zurückgeben»
Bis heute verlangt die Schule ausser bei der pädagogischen Ausbildung keine Schulgebühren, sondern finanziert sich durch staatliche Gelder und private Spenden. Vijay Upadhyay ist als ehrenamtlicher Fundraiser dafür verantwortlich, dass die Kasse gefüllt bleibt. Warum engagiert sich der erfolgreiche Geschäftsmann so sehr für die Schule? «Indien ist im Wandel, Bildung ist unglaublich kostbar. Es ist wichtig, dass auch Adivasi-Kinder in die Schule gehen und die gleichen Chancen haben.» Er sei selber in einfachen Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen und habe immer wieder viele Chancen erhalten. «Dieses Glück möchte ich zurückgeben.»