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Karl Schneider war ein Schweizer Geigen- und Gitarrenbauer, der ursprünglich aus Württemberg stammte. Nach Lehre und Tätigkeit als Geigenbauer in Basel begann er Gitarren zu bauen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg brachte er die ersten E-Gitarren Europas auf den Markt. Nach der Heirat zog er nach Riehen, gründete 1945 einen Gewerbebetrieb und produzierte unter dem Label ‹Rio› ein grosses Sortiment hochwertiger Gitarren.
Sohn des Braumeisters Karl Schneider (1868–1918) aus Öhringen (Württemberg) und der Emilie, geborene Rüde. Erste Heirat 1931 mit Marie Wenk (1908–1969). Eine Tochter und ein Sohn. Zweite Heirat 1973 mit Martha Sollberger.
Karl Schneider wurde am 4. August 1905 in Heilbronn geboren. Er hatte eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Sein Vater war Braumeister und arbeitete unter anderem in Brauereien in Heilbronn, Mühlhausen und Pruntrut. Der ständige Wechsel von Sprachen und Schulsystemen war für die Bildung der Kinder unvorteilhaft. Während des Ersten Weltkriegs erlitt der Vater einen Arbeitsunfall, der zu seinem frühen Tod führte. Die Witwe erhielt nur eine kleine Rente, mit der die Familie kaum überleben konnte. Sie suchte mit den Kindern Zuflucht bei ihrer Mutter, die aus Steinen im Wiesental stammte. Gemeinsam zog man in eine Wohnung in Stetten, seit 1908 Stadtteil von Lörrach.
Der junge Karl war intelligent, handwerklich begabt und wollte Ingenieur werden. Ein Studium war aber aus finanziellen Gründen nicht möglich. Auf Empfehlung eines Onkels, der Konzert-Cellist war, erhielt Karl eine Lehrstelle beim Geigenbaumeister Paul Meinel in Basel. 1923 schloss Karl die Lehre als Geigenbauer erfolgreich ab. Er blieb als Fachmann im Atelier seines Meisters und baute viele Geigen und andere Saiteninstrumente. Nach dem Tod von Paul Meinel führte dessen Schwiegersohn Schmitz-Meinel 1928 das Atelier als Musikhaus weiter.
Während der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre brach die Nachfrage nach Geigen ein. Als einziger Fachmann im Musikhaus Meinel begann Schneider nebenbei Gitarren zu bauen. Mit Schmitz-Meinel gründete er die Gitarrenmarke ‹Grando› und brachte Jazz- und Hawaii-Gitarren auf den Markt. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelangte ihm im Musikhaus eine amerikanische E-Gitarre in seine Hände. Nach deren Vorbild stellte Schneider eigene E-Gitarren her. Diese Grando-Modelle gelten heute als die ersten handelsüblichen E-Gitarren Europas.
1931 heirateten Karl Schneider und Marie Wenk in Riehen und gründeten eine Familie. Im Elternhaus der Ehefrau im Oberdorf fand die junge Familie ihr erstes Zuhause. Während des Zweiten Weltkriegs war Schneider noch immer deutscher Staatsbürger. Bei einem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wäre er in grosse Gefahr geraten. Einbürgerungsgesuche wurden zuerst abgelehnt. Erst 1948 erhielten er und die Kinder das Riehener Bürgerrecht.
Nach Kriegsende gründete Schneider in Riehen sein eigenes Geschäft: Die Firma ‹K. Schneider, Instrumentenbau Riehen› hatte ihren Sitz 1945 in der Familienwohnung an der Oberdorfstrasse 43. Der junge Unternehmer schuf unter dem Label ‹Rio› eine Modellreihe mit akustischen und E-Gitarren, die rasch Absatz fanden.
Die Firma lieferte Gitarren an die Musikhäuser der Schweiz und des nahen Auslands. Um mehr Platz für die Familie und den Betrieb zu schaffen, wurde ein Haus mit Werkstatt am Rand des Dorfes geplant. Der neue Wohn- und Geschäftssitz Mohrhaldenstrasse 50 konnte im Herbst 1945 bezogen werden.
Schneider war ein Tüftler und ein genialer Konstrukteur. Er verbesserte seine Modelle laufend. Früh erkannte er den Schwachpunkt der Gitarrenkonstruktion: die Stabilität des Gitarrenhalses. Mit einer Metalleinlage verstärkte er den Hals, um ein Verbiegen zu verhindern. Diese Konstruktion liess er schon 1946 patentieren.
Das Gitarrengeschäft florierte in der Nachkriegszeit. Mehrere Mitarbeiter wurden eingestellt. Schliesslich fand der Betrieb 1950 im historischen Gebäude Bahnhofstrasse 1 das geeignete Raumangebot für die Produktion.
Um 1960 erreichte die Nachfrage nach Gitarren ihren Höhepunkt. Die Firma beschäftigte zeitweise bis zu zehn Mitarbeitende. Auch die Ehefrau Marie arbeitete bis zu ihrem frühen Tod 1969 im Familienbetrieb mit. Nach 30 Berufsjahren als selbstständiger Kleinunternehmer – längst im Pensionsalter – übergab Schneider seinen Betrieb 1975 seiner Tochter und dem Schwiegersohn, die ihn bis 1982 weiterführten.
Nach dem Rückzug aus der Firma richtete Schneider in seinem Haus ein kleines Atelier ein. Bis ins hohe Alter restaurierte er Instrumente und stellte wieder Violinen her. Er konnte sich über einen wachsenden Kundenkreis aus der Region freuen.
Karl Schneider starb 1998 in Riehen und fand seine letzte Ruhe auf dem Gottesacker Riehen.
Autorin / Autor: Dieter Schneider-Wenk | Zuletzt aktualisiert am 30.12.2023
Privatarchiv Karl Schneider – Rio-Gitarren
Schneider-Wenk, Dieter: Musikinstrumentenbauer Karl Schneider und die E-Gitarre. In: Jahrbuch z’Rieche 2019. S. 68–78.
Aplanalp, Andrej: Die Basler Väter der E‑Gitarre. Blog des Schweizerischen Nationalmuseums, 26.12.2023. URL: https://blog.nationalmuseum.ch/2023/12/e-gitarren-aus-basel/ (30.12.2023).
Boltshauser, Hans: Die Geigenbauer der Schweiz. Degersheim 1969. S. 94.
Grenet, Stanislas und Marc Sabatier: Les Guitares Rio. Schneider et Bianchi: histoire d’une rencontre. In: Revue Vintage Guitare. Nr. 3, 2011. S. 18–23.
Hess, Stefan: Bahnhofstrasse 1–3. In: Kaspar, Albin et al.: Häuser in Riehen und ihre Bewohner. Heft IV. Riehen 2022. S. 125–130, hier S. 127.