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Den Schotten George MacDonald (1824-1905) kennt man im deutschen Sprachraum kaum, und auch in seiner Heimat Grossbritannien geht er offenbar zusehends vergessen. Dabei verdankt ihm die phantastische Literatur so einiges. Nicht nur, weil er zu Lebzeiten ein ungeheuer fruchtbarer Autor war, der sowohl den Markt der Belletristik wie den Sachbuchmarkt regelmässig bediente. Er war es auch, der den schüchternen Mathematiker Charles Lutwidge Dodgson (besser bekannt als Lewis Carroll) ermunterte, Alice in Wonderland zu veröffentlichen. Peter Pan verdankt The Princess and the Goblin wohl seinen Helden, indem Peter Pan so ziemlich denselben Charakter aufweist wie der Junge Curdie bei MacDonald. (Curdie hat denn auch einen Vater, der Peter heisst.) Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass die zwei Grossen der (Kinder- und Jugend-)Fantasy, J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis offen zugegeben haben, MacDonald viel zu verdanken…
Auch MacDonald war natürlich nicht der erste seiner Art. Er zählt zu jener seit The pilgrim’s progress from this world to that which is to come von John Bunyan (1628-1688) in England existierenden Tradition der Einkleidung christlichen Gedankenguts in märchenhaft-phantastische Gestalt. Wie Bunyan hätte auch MacDonald Priester werden sollen, hat sogar eine Zeitlang als solcher amtiert, doch war sein Gedankengut für jede Form von protestantischer Kirche zu unorthodox. Am besten lässt sich das anhand seines vielleicht berühmtesten Buchs, Lilith, nachvollziehen, in dem MacDonald den alten Mythos um Lilith, die erste Frau Adams (noch vor Eva) reinterpretiert. Ein sehr faszinierendes Buch, wenn auch abzuraten für alle, die eine Verfechtung christlichen Gedankenguts, und sei sie noch so verfremdet, in einem Roman stört; abzuraten auch für alle, die eine Verfremdung christlichen Gedankenguts stört.
In Grossbritannien hat George MacDonald bis heute einen – allerdings schwindenden – Ruf als Autor von Kinderbüchern. At the Back of the North Wind ist das vielleicht bekannteste neben The Princess and the Goblin. Das erste Buch handelt von einem todkranken (und letzten Endes dann auch sterbenden) Kind, das – sit venia verbi – den Tod als schöne, sanfte und freundliche Lady erlebt. Während sich in der Auseinandersetzung mit dieser Thematik christliches Gedankengut noch ganz schwach ausmachen lässt, ist The Princess and the Goblin auf den ersten Blick bemerkenswert frei davon.
Es geht um eine junge Prinzessin, ein sieben- oder achtjähriges Kind, die in einem Schloss aufwächst, in dessen Nähe Kobolde im Boden hausen. Der König und die Königin der Kobolde kommen eines Tages auf die glorreiche Idee, für ihren Sohn die junge Prinzessin als Gemahlin zu entführen. Die Kobolde beginnen, den Boden unter dem Schloss zu unterhöhlen, und sie führen auch einen Angriff auf das Schloss aus, der – wenn da nicht der Junge Curdie und Irene, die seltsame, feenhafte Gross-Gross-Grossmutter der Prinzessin gewesen wären – wohl auch erfolgreich verlaufen wäre. Curdie ist der Sohn eines Bergarbeiters und selber Bergarbeiter. (Das Thema „Kinderarbeit“ – und dann noch die Arbeit in einer Goldmine! – wird von MacDonald allerdings auf eine merkwürdig leichte Schulter genommen: Diese Arbeit sei nicht einmal unangenehm, sagt er sinngemäss darüber.) Die Bergarbeiter sind mit den Kobolden vertraut, sind ihnen diese doch, was das Graben von Löchern und Gängen unter der Erde betrifft, eng benachbart. Irene hingegen, die Ahnin der Prinzessin, ist eine klassische Fee. Zuoberst im Schloss hausend, nur sichtbar, wann sie will und wem sie will, beschützt sie die Prinzessin mittels eines Knäuels aus speziellem magischem Faden, gewonnen aus speziellen Spinnweben.
Ein recht plumpes, auf Äusserlichkeiten bedachtes Kindermädchen, ein nur von Zeit zu Zeit zu Besuch kommender Vater der Prinzessin und eine Art Leibwache vervollständigen das Personal auf Seite der Royals; Curdie kann hingegen eine vollständige und auch funktionierende Familie mit Vater und Mutter vorweisen. Das Personal des Romans und die Gegend, in der er handelt, könnten nun ganz sicher interessanten pädagogischen und/oder theologischen Interpretationen unterworfen werden. Ich überlasse das dem Leser.
Auch ohne Interpretation findet selbst ein erwachsener Leser in diesem Kinderbuch eine kurzweilige Lektüre vor. Das christliche Gedankengut versteckt sich weit genug unter der Oberfläche, dass man es nicht bemerken muss, und MacDonald geht Barrie auch in dieser Hinsicht voran, dass es ihm (und seinem jugendlichen Helden) nichts ausmacht, ein paar Bösewichte zu töten – wenn es sein muss, auch ein paar Hundert. Da die Goblins als äusserst hässlich und verschlagen geschildert werden (also wohl die Ahnen von Tolkiens Orks sind!), macht es dem kindlichen Leser aber auch nichts aus. Ausserdem sind die Goblins Opfer ihrer eigenen Strategie geworden, indem ihr Plan, das Schloss unter Wasser zu setzen, sich gegen sie selber wendete, ihre Höhlen unter Wasser setzte und sie ersäufte.
Es gibt von diesem Roman eine Fortsetzung, The Princess and Curdie, die ich nicht kenne, und in der offenbar ein paar Geheimnisse gelüftet werden, vor allem um Curdie, der für einen gewöhnlichen Bergarbeiterjungen zu viel weiss und zu viel kann. Aber The Princess and the Goblin kann durchaus ohne Kenntnis der Fortsetzung gelesen werden. Ich jedenfalls habe mich amüsiert.