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|Neuseeland

Das gute Wetterfenster mit einem Hoch an dessen Rand wir ESE Wind haben werden und einem neuen Hoch über Australien mit nur einem kleinen Trog/Front dazwischen, verspricht eine gute, schnelle Passage. In dieser Konstellation werden wir kein durchziehendes Tief mit oft recht starken Westwinden vor der Küste Neuseelands haben. Wir setzen einen direkten Kurs in Richtung Neuseeland ab und steuern, nicht wie (wegen den Westwinden) empfohlen nach 30ºS und 176ºE und werden auch am Minervariff, welches nach 200 nm sich als Zufluchtsort anbietet, vorbeisegeln.
Am 27.10. 04 sind wir wieder unterwegs und das Schiff läuft bei 18-24 Knoten Wind mit einem Reff und dem normalen Vorsegel gut und schnell durch die Wellen. Leider habe ich meine „Seebeine“ verloren und kämpfe an zwei Abenden (vor allem nach dem Nachtessenkochen) gegen die Seekrankheit. Zum Glück fühle ich mich nach einem kurzen Schlaf für meine Wache wieder ordentlich wohl.
Am späten Nachmittag des ersten Tages holen wir zwei Schiffe ein: Mary-Eliza mit Circe im Schlepp. Mit beiden hatten wir in Tonga Kontakt. Der Skipper der Mary-Eliza brauchte wegen einer sehr akuten Allergie Medikamente und Circe kam in Tonga ohne Mast an. Bei leichten Winden brach irgend ein Want und der Mast samt Grosstuch und Vorsegel ging über Bord. Zum Glück wurde dabei das Schiff nicht beschädigt. In Neiafu (Tonga) suchten und diskutierten wir für/mit dem Circe-Eigner Möglich-keiten das Schiff nach Neuseeland zu bringen. Sie wählten die Möglichkeit eines Notriggs, d.h. sie konnten einen kleinen Mast und Ersatzsegel auftreiben und aufriggen. Zusätzlich zurrten sie die von uns geborgten Reserve-Dieselkanister auf Deck, um mehr Brennstoff für eine längere Motorenstrecke zu haben. Mary-Eliza gab dann Circe Begleitschutz, wobei beide Schiffe segelten oder motorten und durch die Verbindungsleine beieinander blieben. Auf dem Funk hörten wir, wie das vordere Boot, wahrscheinlich von einem Coastguard-Helikopter, aufgerufen wurde, sich zu identifizieren und genau-ere Angaben zu geben. Es hätte ja ein in Schlepp genommenes gestohlenes Boot sein können. Beide Schiffe kamen übrigens einige Tage nach uns wohlbehalten in Neuseeland an.
Unsere Etmale der ersten Tage sind 174 und 175 nm (nautical miles). Am dritten Tag überzieht sich der Himmel langsam mit Wolken, der Wind wird schwächer und wir setzen ein grösseres Segel, damit wir bei 13 kn Wind noch 6 Knoten Fahrt haben. Wie erwartet schläft der Wind ein, wir müssen die Maschine anwerfen und die nächsten Stunden unter Motor laufen. Ich nutze die Gelegenheit (nun gibt’s genügend Strom) zum Brotbacken und Joghurt zu machen.
Die Nacht ist kalt geworden und wir brauchen wieder Thermowäsche, Mütze und das dicke Ölzeug.
Dunkle Wolken hängen am Horizont, über uns wölbt sich noch ein klarer Sternenhimmel. Der leichte Wind wird wieder stärker und dreht von N über W nach S und SE, gleichzeitig beginnt es zu nieseln und zu regnen. Wir sind durch die kleine Front durch und können wieder Segeln. Mit dem Wind haben sich auch wieder mehr Wellen aufgebaut und wir schaukeln auf unserm Amwindkurs beträchtlich. Da der Wind doch noch in Richtung und Stärke etwas schwankt steure ich auf meiner Wache von Hand (der Autopilot braucht ohnehin relativ viel Strom). Plötzlich bläst und pustet es ganz nahe neben dem Schiff. Ich erschrecke recht und schaue in Richtung des Geräusches. Leuchtendes Plankton und eine grosse Schaumwelle zeigt die Stelle, wo ein Wal knapp neben dem Schiff aufgetaucht sein muss und Luft geholt hat.
Mit kleinen Unterbrüchen bleibt uns der Wind erhalten und bläst mit 10 bis 25 Knoten. Rasch nähern wir uns Neuseeland und bei 28 Meilen Entfernung können wir Land erkennen. Es wird langsam Abend und wir werden bei Dunkelheit in die Bay of Islands resp. in den Hafen von Opua einlaufen.
Aus der Seekarte haben wir alle Markierungen mit der entsprechenden Kennung (Abfolge der Blink-Zahl, Schnelligkeit und Wiederholungszeit) und die Peilung der Richtfeuer herausgeschrieben. Die Einfahrt in die Bucht ist recht weit, nachher wird der Kanal gewundener und schmaler und bis zum Hafen sind es 11 nm. Ein Ausscheren ist wegen den Untiefen nicht ratsam, zudem sind wir nun wieder ein einem Gebiet mit Ebbe und Flut, resp. einem Tidenhub von ca. 1.6m und entsprechender Strömung.
Nach 6½ Tagen und 1065 nm sind wir wohlbehalten in Neuseeland angekommen und belegen das Schiff um 23 Uhr am Quarantäne Quai von Opua.
In Neuseeland anzukommen braucht viel Vorbereitung. Zahlreiche Papiere für Schiff und Mannschaft wurden uns schon in Tonga ausgehändigt. Was die alles wissen wollen! Sämtliche Nummern von Aussenbord- und Motor, Generator, Rettungsinsel und Funkgeräten usw. mussten aus Unterlagen herausgesucht und in die Formulare eingetragen werden, ebenso ganz genaue Angaben über das Schiff und die Besatzung. Vor dem Auslaufen in Toga musste ein Formular per Fax nach Opua gesandt werde. Ein ausführlicher Zettel orientierte uns über Einfuhrbestimmungen und Verbote. Es dürfen keine Eier, Eierkartons oder Lebensmittel mit Eiern, kein frisches Gemüse oder Früchte, keine Milchprodukte, kein Honig und kein frisches Fleisch/Fisch oder Büchsenfleisch/Fischkonserven mitge-bracht werden. Ich habe möglichst viel verbraucht, saubere Listen geführt, wo ich welches tiefgefrorene Fleisch eingekauft habe. In Tonga habe ich Neuseeländische Äpfel gekauft usw.
Wenn man geflochtene Körbe, geschnitzte Holzsachen und Muscheln als Andenken in Polynesien gekauft resp. gesammelt hat, ist es entweder zur Desinfektion dem MAF Officer mitzugeben oder irgend ein Zertifikat sollte vorhanden sein.
Am Morgen nach dem Einlaufen kommen zuerst der Zoll- und der Immigrationsbeamte an Bord. Die Pässe werden genau unter die Lupe genommen. In der Crewkabine wird Schublade um Schublade
durchsucht. Zum Glück sind die wenigen gesammelten Muscheln an einem sicheren Ort. Von meiner Medikamentenliste ist eine Kopie an unseren Papieren. Dann kommt der MAF Beamte mit einem riesigen schwarzen Plastiksack. Er kontrolliert alle meine Vorratsschränke, behändigt alle Pulver- und teilweise die Büchsenkondensmilch. Gläser mit Mayonnaise wandern in den Müllsack. Der Gefrier-schrank wird ausgeräumt. Meine guten Rindsfilets und Entercôtes, die Reibkäse und Käsevorräte ver-schwinden, wie auch die Neuseeländischen Äpfel, die restlichen Zwiebeln und Kartoffeln im schwarzen Sack. Auch der Beutel meines Staubsaugers wird mitgenommen.
Nach dieser Prozedur dürfen wir die gelbe Quarantaineflagge herunternehmen und den reservierten Hafenplatz beziehen. Erst jetzt sind wir eigentlich in Neuseeland angekommen.
Die nächsten Tage verbringen wir (wie immer) mit Entsalzen. Ich bin ganz begeistert: hier hat’s eine grosse Waschküche mit genügend Maschinen und Tumblern und grosse Tröge um das verkrustete Ölzeug zu reinigen. Ein kleiner Laden ist ganz in der Nähe um wieder Ersatzfutter kaufen zu können.
Hier in Opua treffen wir wieder viele Bekannte. Segler, welche ebenfalls durch den Südpazifik gese-gelt sind und oft mit ihren Schiffen an den gleichen Ankerplätzen lagen.
Einen schönen (wärmeren) Tag nutzen wir für einen Ausflug nach Russell, welches wie Opua in der Bay of Island liegt. „Appenzellische“ Hügel säumen die Ufer, die Vegetation ist von „mittelländisch“ bis tropisch und zahlreiche Inseln liegen in der verzweigten Bucht. Nur mit dem Klima haben wir etwas Mühe. Eigentlich ist es Frühsommer, aber wir brauchen Pullover und lange Hosen. Das Wetter ist sehr eigenwillig. Bei Sonnenschein ist es schön warm aber innerhalb der nächsten Stunde kann es schon wieder trüb, regnerisch und eisig kalt sein.
Nachdem wir auf dem Weg von Opua zweimal in Buchten vor Anker lagen fahren wir am 10.11. bei einlaufender Flut flussaufwärts in Richtung Whangarei,. 500m vor unserem Ziel der Riverside Drive Marina ist es doch noch etwas untief, wir sitzen fest. Um uns zu befreien wird das Bugstrahlruder kurz betätigt. Wegen eines Fehlers in der Elektrik schaltet es nicht mehr ab. Das Schiff dreht im Kreis und aus dem Vorpiek quillt plötzlich Rauch. Wir öffnen den Deckel und nehmen rasch die Segelsäcke und alles Material raus. Tief unten züngeln Flammen! Ich renne nach den Feuerlöschern, mein Mann entfernt die Sicherungen des Bugstrahlruders. Der erste Feuerlöscher speit kaum mehr Pulver aus, der zweite und der dritte etwas mehr. Aber es reicht um das Feuer zu löschen. Wir müssen unsere Pendenzenliste ändern. Die Position „ Kontrolle Feuerlöscher“ heisst jetzt „ Feuerlöscher ersetzen“.
Hier in der Marina liegen wir ruhig an einem Steg und können alle Revisionen und Reparaturen planen und organisieren. Bei einem 6-jährigen Schiff muss nach Tropensonne und Beanspruchung einiges erneuert werden. Hier haben wir die Gelegenheit dazu.
Im neuen Jahr wollen wir Neuseeland auf dem Landweg erkunden und entscheiden, wie, wann und wo unsere Schiffsreise weiter gehen soll.