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Beim Lesen des Artikels von Herrn Schmutz fiel mir ein alter Witz ein: Ein Student kam zu seiner mündlichen Biologieabschlussprüfung. Er war ein Spezialist in Sachen Würmer und hoffte zu diesem Thema befragt zu werden. Zu seinem Leidwesen sollte er sich aber zu den Elefanten äussern. So fing er denn an. Der Elefant ist ein grosses grauhäutiges Säugetier mit langen Stosszähnen und einem wurmartigen Vorsatz. Die Würmer teilen sich in zwei Klassen …
Der emer. Berner Professor, Walter Herzog, schrieb in seinem Beitrag (https://condorcet.ch/2020/03/eine-chance-fuer-das-selbstorganisierte-lernen/,25.3.20) deutlich:
«In keinem Fall kann einfach vorausgesetzt werden, dass Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, die Umstände ihres Lernens eigenständig und eigenverantwortlich zu regeln. Genau deshalb ist das selbstorganisierte Lernen nicht in erster Linie eine Unterrichtsmethode, sondern ein Lernziel, das als solches zuerst gelehrt werden muss, bevor es als Methode eingesetzt werden kann.»
Und er betont weiter unten: «Solange das Lernen jedoch in einem institutionellen Kontext wie der Schule stattfindet, ist ein selbstorganisiertes Lernen im umfassenden Sinn weder möglich noch sinnvoll.»
Er sprach vom «Elefanten». Felix Schmutz übergeht diese Aussagen und schreibt knapp: «Grundsätzlich ist die Idee, «Selbstregulation» müsse ein Lernziel sein, unglücklich.» Danach definiert er, was es seiner Meinung nach mit diesem Begriff auf sich habe. Von da an ist er in seiner Agenda, er ist bei den «Würmern» angekommen. Es folgt die Aufzählung einer kritischen Chronik zum Selbstorganisierten Lernen, gewiss mit vielen unbestrittenen Wahrheiten. Aber im Wesentlichen sind es die Argumente der Gegnerschaft des Lehrplans 21, zu denen fast mein ganzes Kollegium und ich mich ja auch zählen.
Das Problem: Er beschäftigt sich fortan nicht mit den Argumenten von Herzog, sondern mit der bekannten Hybris der PH-Wunschprosa-Produktion. Ein klassisches Schattenboxen also.
An unserer Schule fördern wir SOL seit langem, und das vor Harmos, vor dem Lehrplan 21 und vor der Kompetenzorientierung!
Selbstverständlich gehört die Fähigkeit, Lernstrategien zu entwickeln, Prozesse zu reflektieren, Hilfe zu holen, Zeit richtig einzuteilen, eine eigene Planung zu erstellen und das Vermögen, selbständig ein Projekt durchzuziehen, zu den wesentlichen Lernzielen unseres Unterrichts.
Selbstverständlich gehört die Fähigkeit, Lernstrategien zu entwickeln, Prozesse zu reflektieren, Hilfe zu holen, Zeit richtig einzuteilen, eine eigene Planung zu erstellen und das Vermögen, selbständig ein Projekt durchzuziehen, zu den wesentlichen Lernzielen unseres Unterrichts. Wir haben wöchentlich 3 IVE-Lektionen (Individuelle Vertiefung und Erweiterung), in denen die Schüler frei Hausaufgaben machen, Projekte bearbeiten, Wörter büffeln, Kooperationsformen suchen und vieles mehr. Auch haben wir im 9. Schuljahr ein Gefäss geschaffen, in welchem die SchülerInnen ein selbst gewähltes Projekt selbständig bearbeiten. Wir haben Wahlpflichtbereiche eingeführt und lassen sie auch eigenständig Dossiers bearbeiten.
So weit, so gut. Über die Phantasie, man könne so einen Unterricht unseren Schülerinnen ganztägig über längere Zeit überstülpen, wie es weltfremde PH-Propheten predigen und wie es einige übereifrige Schulleiter versuchten, können wir nur lachen. Die Lehrer als Coaches oder Lernberater? Viel Spass. Unser SOL? Vielleicht 10 %, manchmal mehr, manchmal weniger, immer im Auge, die Zusammensetzung der Klassen, ihr Können, ihre Reife und ihr Alter.
Wir brauchen das Können selbstorganisiert zu lernen, gerade auch bei den stärkeren Schülern. Sie besonders benötigen anspruchsvolle Aufgaben, sie müssen der Gefahr der Nivellierung entkommen, ansonsten Unterforderung und Langeweile drohen. Und wenn sie es einigermassen können, entlasten Sie uns Lehrkräfte, damit wir uns gezielt den Schwächeren zuwenden können. Wohlgemerkt: In dosierten Zeitspannen! Und wird dies eingeübt, erhalte ich von Schülerinnen Tagebucheinträge wie diesen:
Heute ist Montag, der Anfang einer neuen Woche. Eine neue Woche, in der ich alles besser machen will. Ich habe mir vorgenommen, das riesige Durcheinander der vorherigen Woche zu minimieren. Mir ist klar, dass diese Situation für alle, sogar für die Lehrer, neu ist, deshalb erwarte ich natürlich nicht die reine Perfektion, dennoch brauche ich mein Leben zumindest ein wenig geordnet. Ich stelle mir, um dieses Problem zu lösen, einen Zeitplan zusammen. Ich weiss jetzt genau, was ich wann machen muss. Heute habe ich vor, mich schon dem Fach zu widmen, welches mir immer am schwersten fällt, nämlich dem Englisch. Überraschenderweise funktioniert dies ohne grössere Schwierigkeiten. Nach diesem Erfolgserlebnis gönne ich mir den ganzen Nachmittag frei.
Schmutz ist ein grossartiger Autor
Felix Schmutz hat uns schon mit zahlreichen hervorragenden Analysen zur Mehrsprachigkeitsdidaktik, zu Passepartout und Chancengerechtigkeit beglückt. Vielleicht ist die Passage, in der sich Herzog über das prüfungsbezogene Bulimie-Lernen auslässt, wirklich diskutabel. Hier hätte ein interessanter Diskurs über den Nutzen intensiver Prüfungsvorbereitungen einsetzen können. Aber dies verpasst Felix Schmutz, weil er auf einer ganz anderen Ebene argumentiert. Sinnigerweise ist es die Ebene, auf der er Professor Herzog wähnt. Er wirft dem Pragmatiker Herzog ideologisches Denken vor. Dieser Vorwurf missachtet die grossen Verdienste, die dieser Mann im Kampf gegen Vermessungswahn, Kompetenzideologie und Demokratieabbau erbracht hat.
Alain Pichard