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Tal im Kt. Graubünden (824 Postclave, ital. Val Poschiavo), das sich in nord-südl. Richtung vom Berninapass zum Veltlin erstreckt. Es wird vom Puschlaverbach durchflossen, der auf der Berninapasshöhe (2328 m) entspringt und auf ital. Gebiet in die Adda (414 m) mündet. Der Lago di Poschiavo trennt das obere und das untere Tal; im oberen Tal liegt der Hauptort Poschiavo, im unteren Tal die Gem. Brusio. Das P. deckt sich mit dem Bezirk Bernina. 1850 3'888 Einw.; 1900 4'301; 1950 5'562; 2000 4'472. Die Bevölkerung ist fast vollständig italienischsprachig, mehrheitlich kath. mit einer ref. Minderheit.
Die ersten Funde aus der Bronze- und Eisenzeit reichen nicht aus, um mit Sicherheit eine Besiedlung in prähist. Zeit nachzuweisen. Zur Zeit der röm. Eroberung um 15 v.Chr., als das Tal in die Region Gallia transpadana mit dem municipium Como eingegliedert wurde, war es wahrscheinlich von ursprünglich rät. Stämmen besiedelt. Nach der langobard. Herrschaft Anfang 7. Jh. schenkten die karoling. Könige Ende des 8. Jh. die Pieven Poschiavo, Bormio und Mazzo (Veltlin) der Abtei Saint-Denis bei Paris. Der Bf. von Como, der im Tal nicht nur die geistl. Macht ausübte, sondern auch Herrschafts- und Grundrechte besass, focht die Schenkung jedoch an. Auch der Bf. von Chur meldete Herrschaftsansprüche an. Schon im 12. Jh. waren die Gem. Poschiavo und Brusio territorial getrennt und verfügten über eigene Verwaltungsstrukturen. Die Kirche und Klostergemeinschaft San Romerio (11. Jh.), die auf der linken Talseite Besitzungen hatte, bildete damals eine selbstständige territoriale Einheit. Im 12. und 13. Jh. hatten die Herren von Matsch-Venosta anstelle der Abtei Saint-Denis die Herrschaftsrechte über das Tal inne. Lehensträger des Bf. von Chur geworden, liessen sie sich 1284 die Rechte des Hochgerichts über das P. bestätigen. Gleichzeitig dehnte auch die Stadt Como ihre Macht über das Tal aus und setzte einen Podestà ein, der die niedere Gerichtsbarkeit ausübte.
Als Mailand 1335 Como unterwarf, geriet auch das P. 1350 unter die Herrschaft der Visconti. 1406 rebellierten die Talbewohner gegen die Vergabe des Puschlaver Lehens an Giovanni Malacrida von Musso. 1408 stellten sie sich unter die Gerichtshoheit des Bf. von Chur und traten dem Gotteshausbund bei. Von da an teilte das Hochgericht Poschiavo und Brusio das Schicksal der Drei Bünde. Nach der Eroberung des Veltlins durch die Bündner 1512 eröffneten sich dem Tal neue Möglichkeiten in Wirtschaft und Handel. 1518 wurde die Grenze des Gerichts südwärts zum Turm von Piattamala bei Campocologno verlegt, um die jahrhundertelangen Grenzstreitigkeiten mit der Gem. Tirano zu beenden.
Die Predigten ital. Glaubensflüchtlinge, die dank der Ilanzer Artikel von 1526 in den Drei Bünden besonderen Schutz genossen, führten zur Bildung zweier ref. Gemeinden in Brusio und Poschiavo. Aus den Berichten der bischöfl. Hirtenbesuche geht hervor, dass 1589 in Brusio ein Drittel und in Poschiavo ein Viertel der Bevölkerung zum neuen Glauben übergetreten waren. Das prekäre Gleichgewicht zwischen den beiden Konfessionen zerbrach, als 1620 in Brusio und 1623 in P. die Reformierten verfolgt wurden. Die 1642 durch Eingreifen der Drei Bünde erreichte Einigung konnte die Spannungen nicht lösen; die Talschaft blieb lange in zwei feindl. Lager gespalten. Im 17. Jh. und bis 1753 war das P. Schauplatz zahlreicher Hexenprozesse.
1797 vereinte Napoleon Bonaparte das Veltlin mit der Cisalpin. Republik; das P. entzog sich dieser Annexion. Die neue Grenze schnitt eine Gemeinschaft entzwei, die seit Jahrhunderten durch gemeinsame wirtschaftl. Interessen verbunden gewesen war, und die Handelsblockade schwächte die lokale Wirtschaft erheblich. 1851 trennte sich die Gem. Brusio von Poschiavo; 1869 löste sich das P. aufgrund eines Bundesbeschlusses vom Bistum Como und wurde in das Bistum Chur eingegliedert.
Im 19. Jh. setzte eine starke Auswanderung aus dem P. in europ. Länder und nach Australien ein: die traditionell auf der Landwirtschaft beruhende Wirtschaft konnte die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Zwischen 1842 und 1865 wurde die Fahrstrasse über den Berninapass gebaut. Die Inbetriebnahme der Kraftwerke von Brusio 1906 und der Berninabahn 1908-10 gaben der lokalen Wirtschaft neuen Auftrieb. Dazu kam ein Aufschwung des Tourismus, der schon mit dem 1857 eröffneten Bad- und Kurhotel in Le Prese (Poschiavo) einsetzte. Von ihm hängt gegenwärtig ein grosser Teil der Arbeitsplätze ab. 2000 war über die Hälfte der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig.
Literatur
– D. Marchioli, Storia delle Valle di Poschiavo, 1886
– R. Tognina, Origine e sviluppo del comun grande di Poschiavo e Brusio, 1975
– O. Lardi, S. Semadeni, Das P./Valle di Poschiavo, 1994
– L. Boschini, Valposchiavo, 2005
– 1408, la Valle di Poschiavo sceglie il nord, hg. von A. Lanfranchi, 2008 (ital./dt.)
Autorin/Autor: Arno Lanfranchi / PTO