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Ab 30. November kann man die neue Fantasy-Serie Willow von Jonathan Kasdan auf Disney+ streamen. Der Serientitel dürfte eingefleischte Fantasy-Fans aufhorchen lassen, da es bereits einen Kultstreifen von Ron Howard aus den 80ern gibt, der denselben Namen trägt. Titelgebend ist in beiden Fällen der ehrgeizige Zauberer Willow, der im Film von einem noch jungen Warwick Davis gespielt wurde; 34 Jahre später kehrt Davis nun in seine legendäre Rolle zurück. Wie die Serie den Originalfilm ehrt, aber auch gleichzeitig einen modernen Touch beisteuert, und wie die Hauptdarsteller und Producer die Arbeit an der Serie erlebten, durfte ich bei einem Roundtable-Interview herausfinden.
Klassisches Fantasy-Spektakel
Die Existenz von Elora Danan – auch wenn sie die «Auserwählte» ist – steht unter keinem guten Stern. Sie ist dazu bestimmt, die zukünftige Kaiserin der Königreiche Tir Asleen und Galladoorn zu werden, und die bösen Mächte daraus endgültig zu vertreiben. Diese haben es gänzlich auf sie abgesehen, um die Vorherrschaft über die beiden Königreiche an sich zu reissen. Doch wer ist Elora Danan? Einzig anhand eines ungewöhnlichen Geburtsmales am Oberarm kann man sie identifizieren. Im Originalfilm ist dies auch der Anhaltspunkt, der die böse Königin Bavmorda zu diesem grausamen Befehl veranlasst: Alle neugeborenen Mädchen sollen nach diesem Mal untersucht und, sofern sie ein solches Mal besitzen, getötet werden. Glücklicherweise entgeht Elora dem Befehl und wird vom jungen Willow aus dem Zwergendorf Elwyn gefunden. Schliesslich nehmen sich Sorsha (die Tochter von Bavmorda) und Madmartigan, ein Krieger von Galladoorn, der kleinen Elora an und ziehen sie gemeinsam auf.
Die Serie setzt «200 Monde» nach der Handlung des Films von 1988 ein. Sorsha, gespielt von Joanne Whalley, ist mittlerweile Königin von Tir Asleen und Mutter von eigenwilligen Zwillingen. Ihre burschikose Tochter Kit (Ruby Cruz) soll mit Graydon (Tony Revolori), dem Prinzen von Galladoorn, vermählt werden, um die beiden Königreiche zu einigen. Doch Kit trainiert lieber mit der aufstrebenden Soldatin Jade (Erin Kellyman) ihren Schwertkampf. Zwillingsbruder Airk hat zwar laut dem Darsteller Dempsey Bryk das Herz am rechten Fleck, jedoch schäkert er allzu gerne mit verschiedenen Mädchen herum. Seine neuste Eroberung ist die Küchenmagd Dove, dargestellt von Ellie Bamber.
Nachdem Airk von bösen Kriegern entführt und in die «Vorgeborene Stadt» gebracht wurde, machen sich Kit, Jade, Graydon und Dove auf die Suche. Begleitet werden sie vom rebellischen Boorman (Amar Chadha-Patel) und Willow. Um zu Airk zu gelangen, muss die Truppe jenseits eines magischen Kraftfelds die endlose «Zerteilte See» überqueren. Im Hintergrund lauern jedoch die bösen Mächte im Reich, die immerwährend auf der Suche nach der unbekannten Elora sind.
Reise in das Innere
Die Reise der Truppe zur «Vorgeborenen Stadt» ist gleichzeitig auch eine Reise in das Innere der einzelnen Charaktere, die mitunter auch mit ihrer Vergangenheit oder ihrer Herkunft, meist durch Rückblenden, konfrontiert werden. Die Episoden der ersten Staffel stellen nebst der Haupthandlung jeweils eine oder zwei der Figuren in den Fokus, bei denen die Darsteller emotionale und körperliche Höchstleistungen erbringen müssen. So erzählt etwa The Grand Budapest Hotel-Star Tony Revolori:
«Graydon ist ein sehr komplexer Charakter mit vielen Schichten. Diese mit Jon herauszuarbeiten war ein sehr schwieriger Prozess, da er mir extra Informationen vorenthielt und erst später gab. Folge vier war körperlich und emotional sehr anstrengend, vor allem wegen der vielen Stunden, die ich im Schminkstuhl verbringen musste.»
Dieser Fokus auf die Vielschichtigkeit der Charaktere und ihre inneren Konflikte ist auch eine der Stärken der Serie. Willow wirft ausserdem klassische Rollenbilder und Stereotype über den Haufen. Beispielsweise wird das klassische Sujet der «Jungfrau in Nöten» in der Serie von einem Mann, nämlich Airk, dargestellt. «Beim Casting erklärte mir Jon etwas über meine Figur Airk; ich entgegnete, dass ich offenbar die Jungfrau in Nöten darstellen werde. Jon war zufrieden und gab mir die Rolle», so Schauspieler Dempsey Bryk.
Über die weiblichen Figuren sagt Erin Kellyman: «Alle Frauen in der Show könnten als mutig, sehr vertrauenswürdig und stark beschrieben werden, was wirklich cool ist.» Die Charaktere sind zäh, gleichzeitig aber emotional verletzlich, auch wenn man dies bei einigen anfangs eventuell nicht erwarten würde. Über Boorman sagt Amar Chadha-Patel:
«Ich mag es, eine Figur zu spielen, von der man annimmt, dass sie der starke Kerl mit dem Schwert ist, der die Witze macht, und ihn im Laufe der Serie zu dekonstruieren; ihn ganz schwach zu zeigen und zusammenbrechen sehen.»
Dass Chadha-Patel diesen Ausbruch aus klassischen Rollenbildern auch privat zelebriert, sieht man an seinen lackierten Fingernägeln im glitzernden Galaxy-Look beim Screening der Serie in London. Zusammenfassend stellt er über die Figuren fest:
«Keine von ihnen hat das Leben durchschaut. Das ist die Realität des Lebens, niemand läuft übermässig dramatisch herum, als ob er das Sagen hätte. Jeder versucht herauszufinden, welchen Platz er einnimmt. Das kann man auf alle Figuren anwenden.»
Auch Erin Kellyman teilt diese Meinung. Für sie ist diese «Unwissenheit» der Charaktere besonders wertvoll, da man sich als Zuschauer damit identifizieren kann:
«Wenn man ein wenig verwirrt ist oder sich seines Platzes in der Welt nicht sicher ist, ist es schön, sich in der Serie verlieren zu können, aber auch das Gefühl zu haben, dass man gesehen wird und weniger allein ist.
Diesen menschlichen Aspekt kann man laut Dempsey Bryk im Fantasy-Genre noch besser ausloten, da ein Kontrast zwischen übernatürlichen Elementen und den natürlichen Charakterzügen der Figuren besteht. Der emotionale Aspekt der Serie findet sich auch in der Farbgebung einiger Szenen wieder, die passend in kühle Blautöne getaucht sind.
Doch solch nachdenkliche, nahezu düstere Momente charakterisieren nicht die ganze Serie. Im Gegenteil, viele Szenen sind untermalt mit schneidigem Dialog voller Humor und Sarkasmus. Die Witze sind genau passend gesetzt, überborden nicht und ziehen die Serie nicht ins lächerliche, sondern steigern für mich sogar ihren Wert. Harry Potter-Star Warwick Davis meint darüber:
«Die Serie nimmt sich selbst manchmal nicht zu ernst. Wir haben unsere dunklen Momente, aber wir sind sicher nicht die ganze Zeit düster. Es wird auch viel improvisiert. Wir wurden ermutigt, von den geschriebenen Drehbüchern abzuweichen und das zu tun, was wir für die jeweilige Szene für angemessen hielten.»
Entsprechend liefern sich die Charaktere ab und an Wortgefechte. Abgesehen von der emotionalen Verwundbarkeit ist diese Schlagfertigkeit für Tony Revolori ein weiteres Merkmal, dass die diversen Charaktere teilen. Der Humor widerspiegelt laut Warwick Davis den Stil des Originalfilmes; altgediente Fans dürften bei der Serie demnach dialogtechnisch auf ihre Kosten kommen.
Ein anspruchsvolles Genre für Schauspieler
Das Fantasy-Genre ist für Schauspieler eine zusätzliche Herausforderung. Dies, da sie sich das Setting oft mithilfe ihrer Vorstellungskraft im Kopf zusammenbauen müssen. Vieles wird via Greenscreen in der Postproduktion digital eingefügt und nachbearbeitet. Der Originalfilm war für Ruby Cruz aus diesem Grund eine willkommene Referenz:
«Wir hatten alle diese Skripte, und in denen wurde diese Welt, in der wir lebten, sehr schön beschrieben, aber es ist immer noch irgendwie schwer, sie sich vorzustellen. Aber wir hatten die Möglichkeit, den Film, und deswegen die Welt, aus der wir alle kommen, zu sehen. Dies war eine einzigartige Erfahrung.»
Doch für die Serie Willow wurde laut Erin Kellyman vergleichsweise wenig Greenscreen-Technik genutzt, sondern viele Kulissen extra gebaut. So fährt Ruby Cruz fort:
«Alle Kulissen waren so detailliert. Sie haben einen wirklich in diese ganz neue Welt eintauchen lassen. Es war einfach, geistig ganz woanders zu sein, weil man physisch ganz woanders war. Ein grosser Teil des Drehortes war das wunderschöne Wales; das sehen und bereisen zu dürfen war unglaublich.»
Dank diesem Drehort besticht die Serie auch mit eindrücklich grünen Totalen der walisischen Landschaft. Die CGI-Effekte halten sich, abgesehen von der etwas kitschig wirkenden, magischen «Barriere» (und anderen magischen Elementen), in Grenzen. Da der Film von 1988 unter anderem auch in Wales gedreht wurde, dürfen sich Kenner auf den altbekannten Look der neuen Serie freuen.
Die zahlreichen dynamischen Kampfszenen bildeten eine weitere Herausforderung: Laut Erin Kellyman trainierten die Schauspieler anfangs einen Monat lang jeden Tag die einzelnen Bewegungsabläufe. Für solche Trainings hatten sie bei fortschreitenden Dreharbeiten immer weniger Zeit. Ausserdem vergisst der Zuschauer beim Anschauen solcher Gemetzel schnell, dass sich darunter eine Kamera befindet. Diese haben die Darsteller nämlich oft mit dem Schwert getroffen, wie Ruby Cruz erzählt, und dies zu vermeiden war schwierig.
Willow im neuen Gewand
Obwohl der Originalfilm mit einem kleinwüchsigen Schauspieler in der Titelrolle schon ein frühes Vorbild für Diversität in Fantasyfilmen war, gewann die Serie durch den neuen Cast an noch mehr Heterogenität. Eigentlich sahen sich Kellyman und Chadha-Patel nie in einem Fantasy-Projekt, da POC in früheren Fantasy-Werken praktisch nicht vorkamen, schon gar nicht in wichtigen Rollen. Umso mehr freuen sie sich darüber, dieses Versäumnis der Filmindustrie nun selbst geradebügeln zu können, wie Chadha-Patel im Folgenden formuliert:
«Repräsentation ist eine so grosse Sache und es richtig zu machen, ist ziemlich schwierig. Ich denke, die Serie hat mir die Möglichkeit gegeben, eine Figur zu spielen, die südasiatische Männer nie spielen durften. Ich kann diese Rolle spielen, die ich als Kind gesehen habe und die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Das ist ein grosses Privileg und eine grosse Ehre.»
Tony Revolori pflichtet dem bei: «Die Tatsache, dass wir beide zusammen vor der Kamera stehen und unsere Charaktere nicht miteinander verwandt sind, ist klasse.»
Wie wichtig Repräsentation ist, zeigt auch der prägende Eindruck, den der Originalfilm auf Jon Kasdan hinterlassen hat:
«Ich war acht Jahre alt, als ich den Film zum ersten Mal sah. Als Kind ist es eindrücklich einen Helden zu sehen, der klein ist. Die Geschichte hat mich angesprochen und ich konnte mich damit identifizieren.»
Warwick Davis’ erste Darbietung von Willow liegt 34 Jahre her. Hat sich seit dem Film schauspielerisch etwas geändert? Als neue Eigenschaft ist nun das höhere Alter hinzugekommen, das sich Davis zunutze machte, um die Figur weiterzuentwickeln. Dementsprechend findet man eine neue Darstellung von Willow in der Serie vor. Auf die Frage, ob er für die Serie an die Rolle anders herangegangen sei, antwortet Warwick Davis:
«Das bin ich sicherlich. Als ich die Rolle des Willow spielte, war ich 17 Jahre alt, sehr jung, sehr sorglos, ziemlich unerfahren als Schauspieler und auch als Mensch. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt erst siebzehn Jahre gelebt. Als ich mich der Figur für die Serie näherte, war ich 52 Jahre alt. Also habe ich sicherlich eine Menge erlebt, was das Leben einem zu bieten hat. In dieser Hinsicht bin ich ganz schön lebensüberdrüssig. Ich habe mich auf die Tatsache gestützt, dass ich jetzt ein viel älterer Mann bin und Lebenserfahrung hinter mir habe, und habe diese Qualitäten in die Figur eingebracht, was, wie ich finde, dieser Serie wirklich etwas Besonderes verleiht.»
Auch wenn der neue Willow etwas pessimistischer ist als der aus dem Jahre 1988, verlor Warwick Davis nie das Ziel aus den Augen, mit der Serie auch die eingefleischten Fans des Filmes anzusprechen. Ihm ist es wichtig, dass die Serie den gleichen Humor und die gleiche Wärme transportiert, wie der Kultfilm.
Mein Fazit zu Willow
Die Stärken der ersten Staffel der Serie Willow liegen definitiv bei den vielschichtigen und diversen Charakteren, deren inneren Konflikte und Beziehungen zu den anderen Figuren gut ausgearbeitet sind. Auch balanciert die Serie gekonnt ernste Situationen und humorvolle Einlagen, und wirkt dadurch sehr ausgeglichen. Kostümtechnisch würde für mich noch mehr drinliegen, da einige Kleidungsstücke etwas zu modern wirken (wie das Outfit von Airk oder der asymmetrische Strickponcho von Dove).
Auch wenn einige der Figuren klassische Fantasy-Tropen herausfordern, ist die erste Staffel der Serie handlungstechnisch kein Wurf. Leider folgt sie zu sehr klassischen Handlungsmustern des Fantasy-Genres, wie das Aufbrechen der Figuren auf eine Reise ins Unbekannte, oder langatmigen Trainingssequenzen mit der «Auserwählten». Nach innovativeren Ideen sucht man vergebens. Lust zum Weiterschauen machen vorallem die Charaktere selbst, und Andeutungen von möglichen romantischen oder negativen Entwicklungen zwischen ihnen.