Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03327.jsonl.gz/1648

Nach 20 Jahren wieder ein Final SC Bern gegen den EV Zug. Wenn nach 20 Jahren ein Unrecht gutgemacht wird, dann wird Zug Meister. Sonst der SCB.
Frühjahr 1997. Das letzte Jahr der internationalen Zweitklassigkeit. Im Herbst 1997 wird Ralph Krueger Nationaltrainer und wird uns aus dieser Zweitklassigkeit erlösen. Zug qualifiziert sich ohne Niederlage gegen die Lakers (Viertelfinale) und in Davos (Halbfinale) fürs Finale. Bern setzt sich in der ersten Runde gegen den ZSC und im Halbfinale gegen Lugano durch. Es sind also die gleichen Halbfinals wie heute. Nur der Modus ist anders: Damals «best of five», heute «best of seven».
Der SCB wird 1997 von Bryan Lefley gecoacht. Beim EVZ steht Jim Koleff an der Bande. Beide Teams werden damals wie heute von konservativen Coaches geführt, die ihre besten Spieler extrem belasten. Der SCB ist Qualifikationssieger, Zug kommt auf Rang vier.
Von den damaligen Spielern sind einige noch im zeitgenössischen Hockey aktiv: Ueli Schwarz (damals SCB-Trainerassistent) wird nächste Saison Moderator beim neuen Hockey-TV- Sender«MySports». Martin Steinegger ist Sportchef in Biel, Sven Leuenberger sportlicher Gesamtleiter beim SCB, Gaëtan Voisard Spieleragent, Ersatzgoalie Alex Reinhard Trainer in La Chaux-de-Fons und Lars Leuenberger Meistertrainer auf Stellensuche. Colin Muller arbeitet heute als Assistent von Sean Simpson in Mannheim, Dino Kessler als Chronist, Daniel Geiger als Spieleragent, Patrick Fischer als Nationaltrainer und Captain André Rötheli als Juniorentrainer in Kloten.
Der SCB verliert zum Auftakt auf eigenem Eis 1:4. Die Entscheidung fällt in der zweiten Partie. Zug dominiert und Wes Walz trifft in der 24. Minute zum 3:1. Das wäre der Sieg und wohl der Titel gewesen. Aber Head Reto Bertolotti annulliert den Treffer aufgrund eines Hinweises des heftig intervenierenden Schiedsrichter-Inspizienten, der auf dem Video eine klare Abseitsposition gesehen hat. Was irregulär ist. Das Video hätte nur für Torszenen konsultiert werden dürfen.
Die ausverkaufte Herti-Halle wird zum Tollhaus. Die Zuger verlieren die Konzentration. Der SCB «kehrt» die Partie und gewinnt 2:5. Die Berner gewinnen anschliessend Spiel drei in Bern (3:2n.V.) und Spiel vier in Zug (4:0) und sind Meister. Werden die Hockeygötter nun dafür sorgen, dass dieses «Offside-Unrecht» wieder gutgemacht wird? Dann wird Zug Meister.
Nun also 20 Jahre später die Revanche auf höchster Ebene. Es gibt eine interessante zeitgenössische Analyse der Zuger Niederlage von 1997.
1. Ohne die Tore von Billy McDougall konnte Zug nicht Meister werden. Pech (Verletzung) und Dummheit (mit 1,8 Promille in eine Polizeikontrolle) hemmten die Torproduktion des Kanadiers im entscheidenden Augenblick.
2. Talent zählt im Playoff weniger als mentale Stabilität. Das war die Differenz zwischen Patrick Schöpf und Renato Tosio. Tosio kassierte im ersten Spiel das «Ei des Jahres» zum 1:3, aber dann hexte er meisterlich. Schöpf aber baute nach einem meisterlichen ersten Spiel kontinuierlich ab.
3. In einem Playofffinale ist die Erfahrung ein wichtiger Faktor. Viele Berner wussten aus Erfahrung, wie man Meister wird, konnten ihre Emotionen kontrollieren, verloren nach der ersten Niederlage nicht den Kopf. Zuwenig Zuger wussten, wie man Meister wird. Sie gerieten nach dem Sieg im ersten Spiel in Euphorie und waren nicht mehr dazu in der Lage, die Rückschläge in Spiel zwei und drei zu verkraften.
4. Die Zuger hatten keine Leader wie Gil Montandon und Gaetano Orlando.
5. Unruhen neben dem Eis wie die Blaufahrt von Billy McDougall kosteten Konzentrations-Kalorien.
6. Schwaches Powerplay.
7. Verteidigungsminister John Miner konnte Spiel, Rhythmus und Powerplay nicht mehrsteuern.
8. Zug konnte dem Ruf, eine böse Mannschaft zu sein, im entscheidenden Augenblick nicht gerecht werden – die Berner waren härter.
9. Die Erinnerungen an die Finalniederlage gegen Kloten im Vorjahr holte die Zuger ein – sie resignierten bald, weil sie ahnten, «dass es wieder nicht reichen wird.»
10. Die Berner holten mit Topskorer Bruno Zarillo im entscheidenden Augenblick den besseren Ersatzausländer als die Zuger, die den faulen John David Chabot verpflichtet hatten.
Karl Marx lehrt uns, die Geschichte wiederhole sich – das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Das mit der Tragödie und mit der Farce lassen wir mal beiseite und fragen: Kann sich die Finalgeschichte von 1997 wiederholen? Ja, das ist möglich. Von den 10 Punkten aus der zeitgenössischen Analyse können wir den zweiten, dem dritten, den vierten und achten auf die Gegenwart übertragen.
Punkt 2: Talent zählt im Playoff weniger als mentale Stabilität. Das könnte die Differenz zwischen Tobias Stephan und Leonardo Genoni sein. Genoni ist mehrfacher Meistergoalie, Stephan weiss noch nicht, wie man Titel gewinnt.
Punkt 3: In einem Playofffinale ist die Erfahrung ein wichtiger Faktor. Praktisch alle Berner wissen aus frischer Erfahrung, wie man Meister wird, sie sind ja Titelverteidiger. Zuwenig Zuger wissen, wie man Meister wird.
Punkt 4: Die Zuger haben keine Leader wie Martin Plüss.
Punkt 8: Zug kann dem Ruf, eine böse Mannschaft zu sein, im entscheidenden Augenblick nicht gerecht werden – die Berner sind härter.
Aber die Geschichte muss sich nicht wiederholen. Denn die Zuger haben unter der Leitung von Raphael Diaz nun ein exzellentes Powerplay, sehr gute Ausländer und die gleiche Kadertiefe wie Bern. Der SCB (228 Strafminuten) ist in diesen Playoffs zwar böser als Zug (173 Strafminuten). Aber mit Männern wie Timo Helbling (letzte Saison mit dem SCB Meister) und Johann Morant müsste Zug eigentlich bei Bedarf auch böse sein können. Und wir schliessen nicht aus, dass Josh Holden im Finale von 2017 sein wird, was Gaetano Orlando 1997 war: ein charismatischer kanadischer Leitwolf.
Aber es gibt ein ewiges, ehernes Gesetz im Hockey: am Ende des Tages entscheidet der bessere Torhüter. Das war 1997 so und wird 2017 so sein.
Tobias Stephan vs. Leonardo Genoni 2017 wie Patrick Schöpf vs. Renato Tosio 1997?