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Text Shahirah Majumdar und Bettina Filacanavo, Fotos Faysal Ahmad
Zubair und Syed Alam trugen ihre 60-jährige Mutter Amina in einer Hängematte aus dem brennenden Dorf Debang Chora, als dieses von Soldaten beschossen wurde. Sie packten etwas trockenen Fisch und Reis ein. Mehr konnten sie nicht mitnehmen. Amina, ihre beiden Söhne, ihre Tochter und die Schwiegertochter überquerten am 5. September 2017 die Grenze zwischen Myanmar und Bangladesch bei der Stadt Shilkholi. Ein Lastwagenfahrer brachte sie in die Nähe des Flüchtlingscamps Jamtoli.
Das Leben im Camp
Derzeit lebt die Familie – zusammen mit weiteren 50 000 Rohinya-Flüchtlingen – im Flüchtlingscamp Jamtoli. Sie erhalten vom Welternährungsprogramm Reis, Öl und Linsen. Alles andere müssen sie selber kaufen. Die Söhne Zubair und Syed Alam arbeiten als Tagelöhner, wann immer sie die Gelegenheit dazu haben, obwohl arbeiten für die Rohingya eigentlich illegal ist. Nur so können sie sich gelegentlich etwas Gemüse, Salz, Kurkuma und Zwiebeln leisten. Frischer Fisch ist zu teuer für sie. Sie würzen ihr Essen stattdessen mit günstigem, getrocknetem Fisch. Die Linsen bereiten der Familie grosse Probleme: «Wir haben starke Blähungen und Magenschmerzen, weil unsere Körper nicht daran gewöhnt sind», sagt Amina.
Zu wenig Toiletten
Die Verdauungsprobleme bereiten der Familie umso mehr Probleme, als keine Toilette in der Nähe ihrer Hütte steht. Die näher gelegenen Toiletten sind entweder bereits bis zum Rand gefüllt oder sie werden von den Nachbarn mit einem Schloss zugesperrt. Derzeit muss die Familie Latrinen in einem entfernten Gebieten des Camps aufsuchen. Amina erklärt: «Ich brauche 30 Minuten, um zur Toilette hin und wieder zurück zu gehen». Ein ständiger Kampf für die alte Frau.
HEKS und seine Partnerorganisation «Christian Aid» bauen im Camp 20 Toiletten für je fünf Familien, die bis jetzt nur erschwerten Zugang dazu hatten. Zudem organisieren sie auch die regelmässige Entleerung von rund 800 Latrinen, die von 4000 Familien benützt werden. Eine neue Latrine wird direkt gegenüber von Aminas Hütte gebaut. Syed Alam und Zubair haben mitgeholfen, die Löcher für die Klärgrube und die Latrine zu graben. Die gesundheitlich sehr angeschlagene Amina ist zudem erleichtert, dass die neue Toilette einen Handlauf haben wird.
Trinkwasser – ein rares Gut
Derzeit holt die Familie Wasser aus einem Brunnen mit Handpumpe, der rund zehn Minuten zu Fuss von ihrer Hütte entfernt ist. Der Weg ist ziemlich gefährlich: steil und mit Stufen, die in die Hänge gehauen sind und im Regen schlammig und rutschig werden. Sie holen zweimal täglich Wasser, das sie zum Waschen (nur für Frauen), Kochen und Trinken verwenden. «Das Wasser ist rot und hat einen schlechten Geruch», sagt Syed Alam, der fürs Wasserholen zuständig ist.
Auch Azizul Hoque, Aminas 14-jähriger Neffe, der ebenfalls im Camp lebt, muss jeden Tag Wasser für seine Familie holen: «Ich kann nicht zur Schule gehen, weil ich der Einzige in meinem Haus bin, der Wasser holen kann.» Azizuls Vater ist krank, sein älterer Bruder schwach und unterernährt und seine jüngeren Schwestern sind erst acht und zehn Jahre alt. Azizul und Zubair erzählen, dass sie beim Wasserholen häufig auf dem steilen Pfad hinfallen. Ihre Schultern und Beine schmerzen vom Tragen der schweren Gefässe. «Ich habe hier starke Schmerzen», sagt Azizul und zeigt auf seine dünnen Waden. Er bringt uns zu dem Ort, wo sie Wasser holen und die Anstrengung zeichnet sein Gesicht, als er den Hügel mit den zwei Wasserbehältern, die er auf einer Bambusstange auf seinem Rücken balanciert, erklimmt.
HEKS schafft Zugang zu sauberem Trinkwasser
Um den Menschen im Camp den Zugang zu Trinkwasser zu erleichtern, baut HEKS vier Wasserreservoirs, die knapp 3000 Personen mit sauberem Trinkwasser versorgen können. Das tiefe Grundwasser wird mit Solarpumpen in Reservoirs auf vier verschiedene Hügel gepumpt. Von dort läuft es zu 16 Verteilstellen, wo die LagerbewohnerInnen ihre Kanister mit sauberem Wasser auffüllen können. Auch Azizul hofft, dass er bald wieder zur Schule gehen kann und nicht mehr den gefährlichen Weg zur Wasserstelle auf sich nehmen muss. Denn bei Regen wird es nicht mehr möglich sein, diese Strecke zu bewältigen. Der Monsun wird diese Pfade in Schlammbäche verwandeln, es wird zu Erdrutschen und Überschwemmungen kommen.
Auch Amina schaut dem Monsun mit Angst entgegen. Zwar lebt sie nicht mehr in einem Zelt, sondern in einer Hütte mit einem Dach aus Plastikblachen und geflochtenen Bambus-Wänden. Der neue Unterstand sei zwar sicherer als der alte, aber sie mache sich grosse Sorgen wegen des kommenden Monsunregens und der starken Winde. «Als es neulich regnete, sickerte Wasser ins Haus. Die Nässe hat uns geweckt, und wir mussten mitten in der Nacht aufstehen», sagt sie. Alle im Camp wissen es: Der Monsun wird kommen und eine Katastrophe ist nicht auszuschliessen.