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Wir haben die Vorstellung, ein demokratischer Staat habe eine oder ein paar wenige Amtssprachen. Die Europäische Union ist mit 24 Amtssprachen der Sonderfall, der uns zwingt danach zu fragen, wie viele Sprachen Demokratie verträgt.
In der EU bestimmen die Mitgliedstaaten, in welche Sprachen für sie übersetzt werden soll, gewöhnlich sind es die Landessprachen. Da aber jede der 24 Sprachen in 23 andere übersetzt werden muss, greift man auf ein Relaissystem zurück. Aus allen Sprachen wird in eine der sechs Relaissprachen übersetzt und aus diesen in die Zielsprachen. Dies spart Kosten und Aufwand.1 Aber EU-Parlamentarier kleiner Sprachgemeinschaften müssen länger auf Übersetzungen warten als Sprecher der Relaissprachen Englisch oder Französisch. Auch sind Übersetzungsfehler Ursache von Missverständnissen. In Debatten im Parlament entstehen durch das Dolmetschen Pausen und Abgeordnete können sich nicht spontan äussern. Eine Sprache erscheint daher billiger, effizienter und fairer, denn sie gewährleistet gleiche Vorbereitungszeiten und direkte Interventionen während Debatten.2 Dabei ist Englisch als verbreitetste Fremdsprache innerhalb der EU die erste Wahl.3
Die EU hält aber an der Mehrsprachigkeit fest. Die Mitglieder sollen ihre Bürger zum Erlernen von Fremdsprachen motivieren und so den Zusammenhalt der EU stärken.4 Die Gegner meinen, Menschen würden dazu genötigt, Sprachen zu lernen, die sie nicht brauchten, da auf dem Arbeitsmarkt nur Englisch zählt.5 Englisch scheint die Wahl der Bürger selbst zu sein, da es die am häufigsten erlernte Fremdsprache ist. Es würde alles vereinfachen und den Zusammenhalt der EU ebenfalls stärken. Darf man aber davon ausgehen, dass alle Bürger und Abgeordneten6 die Möglichkeit haben, das Englische soweit zu vertiefen, dass sie komplexe Sachverhalte, wie sie auf EU-Ebene verhandelt werden, diskutieren können?
Die EU unterliegt demokratischen Prinzipien. Jeder Bürger hat das Recht zu wählen und sich zur Wahl zu stellen.7 Es verbietet sich, diese Rechte an das Bildungsniveau des einzelnen zu knüpfen.8 Nicht englischsprechende Abgeordnete könnten in einem englischsprachigen Umfeld die Interessen ihrer Wähler nicht wahrnehmen. Einzelne schlagen vor, ELF (Englisch als lingua franca) zu entwickeln, eine vereinfachte Form des Standardenglischen, die auf EU-Ebene gesprochen werden und das Sprachenlernen erleichtern soll.9 Ob diese Sprache, Kritiker nennen sie spöttisch BSE (Bad Simple English)10, der Komplexität der EU-Inhalte genügen würde, darf bezweifelt werden.
Wären aber die Folgen der Einführung einer lingua franca für die EU, die unter dem Ruf leidet, ein elitäres Gebilde zu sein, zu verkraften? Umfragen und die Beteiligung an Europawahlen zeigen, dass sich die Bürger kaum für die EU interessieren, oft gar nicht sehen, inwieweit sie solche Entscheidungen betreffen.11 Solange in ihrer Sprache Informationen zur Verfügung stehen und die Abgeordneten ihr Mandat wahrnehmen können, besteht die Hoffnung, dass die Bürger mit der Zeit ins europäische politische Leben hineinfinden. Die Mehrsprachigkeit könnte diesen Prozess fördern. Durch das Bemühen, sich in der Sprache des Gegenübers auszudrücken, signalisiert man dem Anderen Anerkennung für seine Muttersprache und persönliche Wertschätzung. Ebenso ist Sprachenlernen auch ein Erlernen anderer Denkweisen und kultureller Eigenheiten, was das gegenseitige Verständnis fördert. Selbst wenn Englisch die wichtigste Fremdsprache ist, heisst das nicht, dass sich das Lernen weiterer Fremdsprachen erübrigt. Selbstverständlich können bei Übersetzungen Missverständnisse entstehen, aber auch der Austausch von Nichtmuttersprachlern in Englisch ist diesbezüglich problematisch.
Kommen wir noch einmal auf den Abgeordneten zurück. Respektiert man die demokratischen Prinzipien, muss für den gewählten Volksvertreter die Arbeit möglich sein und zwar in der Sprache, die seine übliche „politische“ Sprache auf nationalstaatlicher Ebene ist. Auch die Bürger müssen Zugang zu Dokumenten und Informationen in der Sprache haben, in der sie gewöhnlich politisch aktiv sind. Sie zum Gebrauch einer Fremdsprache zu zwingen, wäre angesichts ihrer prekären Beziehung zur EU fatal. Die demokratischen Prinzipien der EU können hier zum finalen Stolperstein werden, da sie in der Sprachendebatte oft unwissentlich in Frage gestellt werden. Demokratie funktioniert nur, wenn die Bürger sich beteiligen – sie haben die Macht, die Demokratie durch Rückzug aus dem politischen Leben zu Fall zu bringen. Die Einbindung der Sprachen kann für die Beziehung der Bürger zur EU entscheidend sein. Eine Sprachenreduktion könnte sie zum endgültigen Rückzug aus dem System EU bewegen.
Nichtsdestotrotz müssen die Probleme des Übersetzungsapparats gelöst werden. Das „Marktmodell“ ist ein vielversprechender Ansatz. Die politischen Akteure bestimmen selbst, wann sie Dolmetscher brauchen. So können Personal und Infrastruktur entlastet und Kosten gespart werden.12 Da dieses Modell auf Freiwilligkeit beruht, ist es mit dem demokratischen Prinzip vereinbar.13
Literatur:
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6 Da es hier um die demokratischen Aspekte geht, sind nur Akteure wie Bürger und die von ihnen gewählten Vertreter von Interesse. Angestellte der EU spielen keine Rolle.