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Während der ersten COVID-19-Pandemiewelle, die Frankreich erstmals im März und April 2020 traf, entschied sich das Personal einiger französischer Pflegeheime dafür, sich auf freiwilliger Basis mit ihren Bewohnenden in eine selbst auferlegte Isolation im Heim einzuschliessen; dies um so das Risiko des Eintritts des Virus in die Einrichtung zu reduzieren. Derart haben sich die Institutionen komplett von der Aussenwelt abgeriegelt um eine Art «Blase» mit freiwillig designierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu formen.
Pflegeheimbewohnende sind aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, ihrer komplexen medizinischen Probleme und Behinderungen eine Hochrisikopopulation für COVID-19. Das Zusammentreffen von vielen Bewohnenden mit einer grossen Anzahl von medizinischem Personal sowie Besuchenden der Einrichtungen macht es schwierig, in Pflegeheimen Barrieren gegen Infektionen angemessen einzurichten; dies insbesondere bei Vorliegen von kognitiven und neuropsychiatrischen Verhaltenssymptomen der Bewohnenden. Zum Schutz aller wurde deshalb nicht nur in der Schweiz versucht, den Zugang für Besuchende sowie externen Dienstleistern zu kontrollieren und möglichst zu minimieren. In 17 französischen Pflegeheimen wurde jedoch ein ausserordentlicher und gänzlich altruistischer Weg zum Schutze der fragilen Bewohnerinnen und Bewohner gewählt. Im Rahmen des wissenschaftlichen «Congrès National Alzheimer 2020» im Dezember 2020 in Paris präsentierte Prof. Joël Belmin die Begleitstudie dazu.
Kohortenstudie: Selbstisolation von Mitarbeitenden zusammen mit Pflegeheimbewohnenden
Joël Belmin war aufgrund eines Zeitungsartikels auf ein Pflegeheim aufmerksam geworden, welche sich selbst als gesamte Institution isolierte. Sein Interesse war geweckt, und er fand nach kurzer Recherche heraus, dass insgesamt 17 Pflegeheime in verschiedenen Regionen Frankreichs diesen Weg gingen. Daraufhin führte er von März bis Mai 2020 eine retrospektive Kohortenstudie in den sich selbst isolierenden Pflegeheimen durch.
Diese Studie umfasst 794 Mitarbeitende, welche sich zusammen mit 1’250 Bewohnenden in 17 verschiedenen Pflegeheimen über eine gewisse Zeit im Heim einschlossen. Mitarbeitende wurden dann in die Studie aufgenommen, wenn die Einschliessung mit den Bewohnenden länger als sieben Tage am Stück dauerte. Verglichen wurden diese Messungen mit Daten aus 9’513 Pflegeheimen mit 695’060 Bewohnenden und 385’290 Mitarbeitenden aus einer nationalen Übersichtsstudie, in denen das Personal keine Selbsteinschränkung praktizierte.
Selbsteinschliessung der Mitarbeitenden
Während der Selbsteinschliessung blieben alle teilnehmenden Mitarbeitenden sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag im Pflegeheim. Zu den Mitarbeitenden, die sich selbst einschlossen, gehörten Pflegefachpersonen und Pflegehelferinnen (ohne kleine Kinder zu Hause), Leiter*innen und ihre Assistent*innen, das Hauswirtschaftspersonal, das Küchenpersonal und die soziokulturellen Animateure sowie ein Psychologe, ein Arzt und ein Beschäftigungstherapeut. Während der Selbsteinschliessung schliefen die Mitarbeitenden in verschiedenen ungenutzten Bereichen des Pflegeheims (z. B. Büros, Rehabilitationsräume, Essensräume) in Zusatzbetten oder auf Campingbetten. In drei Pflegeheimen standen auch Wohnmobile auf dem Parkplatz der Einrichtung zur Verfügung, in denen sich das nachts arbeitende Personal tagsüber ausruhen konnte.
Ergebnisse der Studie
Nur eines von den 17 Pflegeheimen mit Personal, welches sich selbst einsperrte (5,8 %), hatte Fälle von COVID-19[1] bei Bewohnenden, verglichen mit 4’599 Einrichtungen in der nationalen Erhebung (48,3 %) (p < .001), in welchen COVID-19 auftrat.
In den Pflegeheimen mit Mitarbeitenden, die sich zusammen mit den Bewohnenden einschlossen, hatten lediglich fünf Bewohnende (0,4%) einen bestätigten COVID-19-Infekt. Im Vergleich dazu wurde bei 30’569 Bewohnenden (4,4%) in der nationalen Erhebung eine COVID-19-Erkrankung bestätigt (p< .001).
Fünf Bewohnende (0,4 %) (in einer Abteilung) in dem einen Pflegeheimen mit Selbsteinschliessung starben an COVID-19, im Vergleich zu 12’516 Personen (1,8 %) in der nationalen Erhebung (p < .001). Dieses Heim lag in einer Region, die vor der Studie sehr stark vom Virus betroffen war. Dort entwickelte ein Bewohner COVID-19-Symptome, bevor die Einrichtung beschloss, eine Selbsteinschliessung zu organisieren. Er hatte offenbar die vier anderen Personen auf der Abteilung angesteckt, die daraufhin ebenfalls verstarben.
Nur zwölf Mitarbeitende (1,6 %) aus den Einrichtungen mit Selbsteinschliessung hatten eine bestätigte oder mögliche COVID-19-Infektion, verglichen mit 29’463 Mitarbeitenden (7,6 %) in der nationalen Erhebung ohne Selbsteinschränkung (p < .001).
Schlussfolgerungen und Relevanz
Diese Kohortenstudie von Prof. Belmin und Kollegen über französische Pflegeheime während der COVID-19-Pandemie zeigt, dass die Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit COVID-19 in Pflegeheimen, in denen das Personal mit den Bewohnenden zusammen eingeschlossen war, eine niedrigere Sterblichkeitsrate aufwiesen als jene aus der nationalen Studie. Alle positiven Fälle und Todesfälle in den Heimen mit Selbsteinschliessung fanden ausserdem lediglich in einem der 17 Heime statt. Es wird dort davon ausgegangen, dass zu Beginn der Selbsteinschliessung das COVID-19-Virus bereits im Heim vorlag und nicht (genügend schnell) erkannt wurde. Die Anzahl der COVID-19-Fälle unter den Mitarbeitenden von Einrichtungen mit Selbsteinschliessung war ebenfalls signifikant niedriger als in der nationalen Erhebung.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Selbsteinschliessung des Personals mit den Bewohnenden dazu beitragen kann, Pflegeheimbewohnende vor der Sterblichkeit im Zusammenhang mit COVID-19 und Mitarbeitende wie Bewohnende vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Dieses Modell wird bereits auch von englischen Pflegeheimen praktiziert.
Literatur
Belmin, Joël & Um-Din, N., Donadio, C. et al. (2020). Coronavirus Disease 2019 Outcomes in French Nursing Homes. That Implemented Staff Confinement With Residents. JAMA Network Open, 2020;3(8):e2017533. doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.17533
Zhou, F., Yu, T., Du, R., et al. (2020). Clinical course and risk factors for mortality of adult inpatients with COVID-19 in Wuhan, China: a retrospective cohort study. Lancet, 2020;395(10229):1054-1062. doi:10.1016/S0140-6736(20)30566-3
Huhtinen, E,, Quinn, E., Hess, I., Najjar, Z., & Gupta, L. (2019). Understanding barriers to effective management of influenza outbreaks by residential aged care facilities. Australas J Ageing, 2019;38(1):60-63. doi:10.1111/ajag.12595
World Health Organisation (2020). Infection prevention and control guidance for long-term care facilities in the context of COVID-19. Accessed April 23, 2020. https://apps.who.int/iris/handle/10665/331508
[1] COVID-19 wurde von Hausärzten oder Krankenhausärzten auf der Basis von Fieber und Atemwegsanzeichen (z. B. Husten, Dyspnoe) oder einer klinischen Erkrankung vergleichbar mit COVID-19 diagnostiziert.