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Sekt
Dass ein kunstgerecht ausgebauter Wein allenfalls "trocken", aber selbst die lieblichste Liebfrauenmilch keinesfalls "nass" genannt werden kann, gehört zu den paradoxen Bildern der Oenologensprache, wo ja auch sonst die Zunge ihre liebe Mühe hat zu sagen, was die Nase schmeckt. Und wenn die eine Flasche Sekt sich "trocken", die andere nicht so nennt, so ist das obendrein noch ein "weisser Schimmel" beziehungsweise ein "weisser Rappe": Sagt denn das Wörtchen "Sekt" nicht schon, wie sec das Nass da in der einen wie der anderen Flasche ist? Nein, das ist kein Etikettenschwindel - hier spritzt einfach manches durcheinander.
Der aus überreifen, übersüssen Beeren, die man noch am Weinstock hatte trocknen lassen, gekelterte südländische Weisswein hiess im Italienischen vino secco, im Spanischen vino seco, im Portugiesischen vinho secco, "trockener Wein", woraus der Philologe noch unschwer ein lateinisches vinum siccum heraushört. Von dieser eigentlichen "Trockenbeerenauslese" hat sich das Prädikat "trocken" überhaupt auf alle süsseren - nach neuerem Sprachgebrauch eben gerade nicht "trockenen" - Südweine wie den portugiesischen Madeira übertragen. Dem italienischen vino secco und den entsprechenden spanischen und portugiesischen Bezeichnungen entsprach ein französisches vin sec, diesem wieder ein altes englisches sack und ein - immer noch gleichbedeutendes - altes deutsches "Seck" oder auch schon "Sekt".
Das Weinwunder, das aus dem goldbraunen Malvasier oder Madeira einen französischen Champagner und am Ende einen deutschen "Sekt" hat werden lassen, ist nicht in Auerbachs Keller zu Leipzig, sondern in einem Berliner Weinkeller geschehen. Da müssen wir etwas ausholen: In Shakespeares Königsdrama "Heinrich IV.", in "The Boar's-Head Tavern" zu Eastcheap, fordert der notorisch trinkfeste, so grossmäulige wie kleinmütige Sir John Falstaff ein ums andere Mal: "Give me a cup of sack!", "Gib mir ein Glas Südwein!" Dieser Shakespearesche "sack" hat sich im frühen 19. Jahrhundert mit einem kräftigen Schuss Schauspielwitz und mit einigem Rütteln und Schütteln in einen deutschen "Sekt" verwandelt, und hier wissen wir für einmal auch genau zu sagen, durch wen und wie.
In ihren Erinnerungen "Aus meinem Bühnenleben" gedenkt die Schauspielerin Karoline Bauer auch des grossen Fallstaff-Darstellers Ludwig Devrient, der in der späten Goethezeit am Berliner Hoftheater spielte. Der sei nach der Vorstellung öfter im Weinkeller von Lutter und Wegener eingekehrt und habe seinen Champagner dort regelmässig, die köstliche Shakespeare-Szene in der Taverne "Zum Eberkopf" zu Eastcheap weiterspielend, mit Sir John's lautstarkem Ruf "Gib mir ein Glas Sekt!" geordert.
Wahrscheinlich hatten die Kellner der historischen Weinstube es bald heraus, diese stereotype Order Sir John Falstaffs ebenso regelmässig mit der stereotypen Antwort des Küfers Franz "Gleich, Herr, gleich!" aus diversen Neben- und Hinterzimmern zu quittieren, und so mag es zur Begeisterung der Theaterfans jeweils ein paar Male hin und her gegangen sein. Das witzige Zitat hat die Bezeichnung "Sekt" so schnell, wie ein Champagnerkorken fliegt, von dem gewöhnlichen englischen sack jener Shakespeareschen Säufergesellschaft, in dem Falstaff gar noch Kalk zu finden meinte, auf den edlen französischen Champagner überspringen lassen. "Bald hatte Berlin diesen Namen adoptiert", schliesst Karoline Bauer die anekdotische Erzählung ab, "und dann die Welt der deutschen Zunge."
In der Schlegel-Tieckschen Shakespeare-Uebersetzung aus eben jenen zwanziger und frühen dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts ist Falstaffs "Give me a cup of sack!" mit den Worten "Gib mir ein Glas Sekt!" wiedergegeben. Da mochte August Wilhelm von Schlegel noch den alten süssen, schweren "Seck" oder "Sekt" vor Augen oder in der Nase haben. Doch wer heutzutage Shakespeares Königsdrama auf die Bühne bringt, muss sich fragen, was er da zu Schlegels Text servieren lassen will: Shakespeare zu Ehren einen portugiesischen Madeira, Devrient zu Ehren einen französischen Champagner oder dann doch, dem Brüsseler Markenrecht zu Ehren, einen Badischen Sekt aus Breisach?
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster