Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/1518

Ich bin mir nicht sicher, ob mich die Begegnung mit dem neuen Schulleiter der Talapark-Schule mit Demut erfüllt oder mich eher inspiriert. In den vergangenen 20 Jahren habe ich als Journalist Regierungsminister, die letzten drei Bürgermeister von London, Führungskräfte der Wirtschaft und von aufstrebenden Sozialunternehmen, Wissenschaftler und Künstlerinnen interviewt. Aber ich kann mich nicht erinnern, einer Person begegnet zu sein, deren Lebensweg so eindrücklich ist wie derjenige von Subhajit Sana.
Sean Duggan ist langjähriges Mitglied der englischen Unterstützungsgruppe von Calcutta Rescue und Journalist. Er besucht die Projekte von Calcutta Rescue regelmässig und schreibt eine Serie von bewegenden Geschichten unter dem Stichwort „Mein Zeugnis“ („I witness“). Er berichtet dieses Mal über Subho, den neuen Schulleiter von Calcutta Rescue.
Berge erklimmen
Ich habe einmal einen Mann interviewt, der den Mount Everest bestiegen und sich auf dem Weg nach oben durch die Todeszone vorbei an verfrorenen Körpern gekämpft hatte. Aber das ist ein Kinderspiel im Vergleich zum bildlichen Berg, den Subho, wie man ihn auch nennt (und was „gut“ bedeutet), erklimmen musste, um einst Schulleiter für eine der beiden Schulen von Calcutta Rescue sein zu können.
Subho wurde vor 30 Jahren in einer drei auf drei Meter grossen Hütte ohne Toilette in einem Slum von Kolkata geboren. Seine Eltern sind Analphabeten und sein Vater, ein Alkoholiker, gab das meiste von dem wenigen Geld, das sie hatten, für Alkohol und Kartenspiel aus. Einen noch aussichtsloseren Start ins Leben kann man sich kaum vorstellen. Subho hatte keine elterliche Unterstützung und keine Orientierung auf seinem Lebensweg. Aber er war aufgeweckt und zielstrebig und die Schule war seine Rettung. Dort fand er Vorbilder, denen er folgen konnte, und eine Reihe von Lehrpersonen, die sein Talent und sein Potenzial erkannten. Er war sehr fleissig und erhielt in den Pausen und nach der Schule zusätzliche Unterstützung. So schaffte er es, einen Platz an einer Hochschule zu bekommen, an welcher er den Bachelor in Physik, Chemie und Mathematik erwarb.
Drei Jobs gleichzeitig
Ich fragte mich, wie er sich das hatte leisten können. War er von einer Nichtregierungsorganisation oder einer Privatperson finanziell unterstützt worden? Aber nein, er hatte sein Studium selber finanziert, mit drei Jobs gleichzeitig. Er arbeitete zwei Tage in der Woche in einer Fabrik, war als Kurier tätig und stellte zu Hause Verpackungen aus Zeitungen her, die er verkaufte.
Nach dem Studium packte er die Gelegenheit und nahm eine Lehrerstelle für wenig Lohn bei einer wenig bekannten Hilfsorganisation an, die Kindern aus den Slums eine Schulbildung ermöglichte. Warum? “Ich liebe es zu unterrichten und ich möchte nicht, dass andere Kinder so leiden wie ich es tat”, meint er.
Subho spricht gut Englisch und hat ein ansteckendes Lächeln, das seine ernsthafte Art ergänzt. Calcutta Rescue ermöglichte ihm die Ausbildung zum Lehrer. In England dauert der pädagogische Lehrgang mindestens ein Jahr, Subhos Kurs hingegen dauerte nur eine Woche. Aber für den Start seiner Lehrtätigkeit erwarb er sich damit genügend Grundkenntnisse. Alles andere eignete er sich selber in den vergangenen neun Jahren bei der Arbeit an.
Als vor sechs Monaten die Leitung der Talapark-Schule vakant wurde, bewarb er sich auf die Stelle. Er beeindruckte das Rekrutierungsteam so sehr, dass dieses beschloss, die Ausschreibung zu beenden. So leitet Subho als Schulleiter heute eine Schule mit 9 Lehrkräften und 301 Kindern, von denen 47 die Vorschule besuchen.
Seine Energie & sein Lächeln
Was einem zuerst ins Auge springt, wenn man Subho trifft, ist seine Energie. Sie strahlt aus ihm heraus wie eine unsichtbare Kraft. Und dann sein ganzes Engagement für seine Arbeit. Vor einigen Monaten wurde beschlossen, die Öffnungszeit der Schule bis in den Abend hinein zu verlängern. Dies bietet den Jugendlichen Raum für die Erledigung der Hausaufgaben und sie bei diesen zu unterstützen. Subho stellte sich für die Betreuungsarbeit freiwillig zur Verfügung und hängt nun seinem Arbeitstag zusätzliche zweieinhalb Stunden an. Er erzählte, dass die Schülerinnen und Schüler das Angebot enthusiastisch aufnahmen. 18 von ihnen nutzten es im Vorfeld der Sekundarschulprüfungen täglich. “Die Kinder bekommen zu Hause keine Hilfe. Jetzt bieten wir diese an”, meint er lächelnd.
Vorbild & Inspiration
Subho ist ein grosses Vorbild für Jugendliche, welche einen ähnlichen Hintergrund haben wie er. Er versteht die Herausforderungen, die sie erleben, aus eigener Erfahrung. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie er mit ihnen umgeht und wie sie auf ihn zukommen, wenn sie während meines Interviews mit verschiedenen Fragen vor seinem Büro auftauchen. Nach dem Gespräch mit ihm wollte ich meinen Eindruck überprüfen. Ich fragte bei Violette aus Frankreich nach, welche als freiwillige Ärztin die Schulkinder seit fünf Monaten medizinisch betreut. Sie sagte einfach: “Sie lieben ihn”.
Und es ist klar, die Lehrerinnen und Lehrer mögen und respektieren Subho den Schulleiter auch. Er freut sich offensichtlich darüber, seine Erfahrungen und seine Begeisterung mit ihnen teilen zu können. Er hat ihnen aufgezeigt, wie wichtig die eigene Begeisterung ist, besonders zu Beginn des Tages, wenn die Schulkinder öfters zum Aufpassen und Lernen motiviert werden müssen. Die Lehrkräfte sitzen jetzt auch wie die Kinder auf dem Boden. Das reduziert seiner Meinung nach den Abstand, physisch wie psychologisch.
Award for Excellence
Auf dem Gestell in Subhos kleinem, dunklen Büro steht ein laminiertes Zertifikat, das besagt, dass die Schulen von Calcutta Rescue bei den „The Telegraph School Awards for Excellence“ im vergangenen Jahr als die fürsorglichsten in Westbengalen ausgezeichnet worden sind. Subho ist der klare Beweis, warum diese Auszeichnung gerechtfertigt ist.
Er lebt immer noch in der winzigen Einraumhütte seiner Eltern, aber jetzt sind sie zu sechst. Neben Vater, Mutter und ihm, sind der Bruder mit seiner Frau und dem zweijährigen Töchterchen hier untergebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das möglich ist und wie es ihm gelingt, jeden Tag mit strahlenden Augen konzentriert und voller Energie in der Schule anzukommen und die Jugendlichen zu inspirieren.
Wie ich eingangs sagte, weiss ich wirklich nicht, ob das, was Subho gegen alle Widrigkeiten erreicht hat, mich mit Demut erfüllt oder inspiriert. Er hat bewiesen, was alles möglich ist. Und ich bin sicher, dass viele weitere talentierte Jugendliche an seiner Schule die Chance erhalten, mit seiner Hilfe das Drehbuch ihres Lebens neu zu schreiben.
Weitere Portraits von Mitarbeitenden
- Arobinda Sardar – Leiter der Talapark-Klinik
- Ausbildungsberaterin Tuli Chatterjee
- Subho – der neue Schulleiter
- Ananya Chatterjee – neue Schulleiterin
- Prabir Ghouri – Ein langer Weg zur Arbeit