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Ich möchte klar darauf hinweisen, dass dieser Bericht zum Thema Kastration hauptsächlich um die Verhaltensursachen und Verhaltenskonsequenzen handeln. Medizinische Aspekte müssen selbstverständlich berücksichtigt werden.
Es kann nur immer wieder betont werden: Kastration ist kein Allheilmittel, vor allem nicht bei Erziehungsfehlern. Kastration hat nicht nur Auswirkungen auf Reproduktionsverhalten, sondern greift umfassend in den Stoffwechselprozesse des Körpers ein. Gehirn, Muskulatur, Haarkleid, Verdauung u.a. werden ebenso hormonell versorgt und in ihren Wirkmechanismen durch Kastration beeinflusst. Ohne reale medizinische oder Verhaltensindikation ist eine Kastration verboten.
Oft wird die Kommunikation zwischen Mensch und Hund unterschätzt. Kommunikation funktioniert nur wenn der Sender ein Signal an einen Empfänger sendet, und der Empfänger mit einer messbaren und auf dieses Signal zurückführbaren Verhaltensänderung antwortet. Voraussetzung ist, dass der Empfänger das Signal versteht. Wird ein Befehl in unterschiedlicher Tonlage, unterschiedlicher Betonung oder gar mit verschiedenen Worten umschrieben wiederholt, führt dies nicht zu einem besseren Verständnis, sondern zu einer Verunsicherung. Unsere Hunde verstehen nicht immer unsere Worte, sondern die klaren, optischen und/oder akustischen Signale. Erlerntes Verhalten ist nicht löschbar, wir können aber ein neues Verhalten als alternative soweit wie möglich attraktiv machen, so das ursprüngliche unerwünschte Verhalten immer seltener gezeigt wird. Dafür braucht es aber eine klare und konsequente Kommunikation zwischen Mensch und Hund und nicht zu vergessen vor allem auch einer konsequenten Umsetzung von Handlungsanweisungen und der Kommunikation von Regeln und Strukturen. Wenn dies fehlt, übernimmt der Hund selbständiges Handeln.
Die Pubertät ist ebenso nicht zu unterschätzen. Sie beginnt etwa mit dem 6.-8. Monat und kann sich sehr lange hinziehen, bis zu 36 Monaten. In diesem Zeitraum werden nicht nur Sexualhormone Produziert, sondern eine Vielzahl anderer hormoneller Umstellungen werden vorgenommen. Sei es Schwankungen im Bereich der Stresshormone, der Schilddrüsenhormone, der Wachstumshormone und insbesondere des Nervenwachstumsfaktors, all dies sorgt dafür, dass im Gehirn eine Reihe von Umwandlungen vorgenommen werden. Im allgemeinen kann man sagen, das Gehirn wird in diesem Zeitraum erwachsener. Wird bereits in vor oder während dieser Zeit kastriert, fehlen die genannten chemischen Einflüsse der verschiedenen Hormonsysteme, und der Hund kann so sein Leben lang jugendlich bis zu unkontrolliert kindsköpfig bleiben. Bekannt ist auch, dass genau in dieser Entwicklungsphase es zu einer deutlichen messbaren Verschlechterung der Leistungsfähigkeit, Reizbarkeit kommen kann oder Zugriff auf Erlerntes, Abspeicherung von neuen Lerninhalten dauern plötzlich länger oder ist zum Teil gar nicht möglich. In solchen Situationen von Dominanzverhalten, Aufsässigkeit oder gar Aggressivität auszugehen, ist nicht die Lösung des Problems.
Bei der Kastration werden nicht nur die Geschlechtsorgane entfernt sondern wird auch grössten Teil der Sexualhormonproduktion entfernt. Die Sterilisation, eine reine Entfernung der ausführenden Gänge, macht den Hund fortpflanzungsunfähig, lässt ihn jedoch physiologisch, hormonell und verhaltensbiologisch intakt. Chemische Kastration ist eine zuverlässige Methode, wie man den Wegfall der Sexualhormone simulieren und damit eine konkrete Fallbeurteilung vornehmen kann.
Verhalten und Auswirkungen der Kastration
Tabelle 1: Udo Ganslosser, Verhaltens-biologie Hund