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Er sei eigentlich Aristoteliker, hat Ernst Hoffmann unserm Autor im Nachwort zum vorhergehenden Band über Sokrates und Platon vorgehalten (und damit wohl auch impliziert, dass Zeller den beiden Hauptfiguren vom ersten Teil nicht so ganz gerecht geworden sein könnte). Nun also im zweiten Teil Aristoteles, ein Teil, zu dem auch kein neues Nachwort kommissioniert wurde.
Zeller beginnt wie immer mit der Biografie des besprochenen Philosophen, um dann dessen Werke kurz zu skizzieren. In der Biografie wird zwar des Aristoteles Tätigkeit als Lehrer von Alexander dem Grossen erwähnt, aber Gott sei Dank sehr sachlich, nüchtern und unaufgeregt. Bei den Werken untersucht Zeller auch, in welcher Reihenfolge die Schriften entstanden sein könnten; er untersucht die Echtheit der überlieferten Schriften, und er trauert den nicht überlieferten nach.
Es folgt ein Kapitel über Standpunkt, Methode und Theile der arist. Philosophie, bevor Zeller sich dann auf die einzelnen Forschungsgebiete Aristoteles‘ stürzt. Die Logik kommt als erstes dran, weil sie Zeller vor allem auch als die Kunst der Beweisführung interpretiert und sie so quasi als Prolegomena zu Aristoteles‘ Werk betrachtet. Hier macht sich das Alter von Zellers Philosophiegeschichte bemerkbar, indem die 4. Auflage dieses Bandes zwar erst 1921 erschienen ist, aber nur in Form eines Nachdrucks der 3. Auflage von (ich vermute:) 1888. Anthony Kenny, mehr als 100 Jahre später, kann natürlich die heutige Auffassung von Logik besser mit der der alten Griechen in Beziehung setzen.
Danach folgt bei Zeller Aristoteles‘ Erste Philosophie, die Wissenschaft des Seienden. Heute nennen wir sie meist „Metaphysik“. Platons Ideenlehre hat Aristoteles bekanntlich verworfen und an Stelle der Ideen hat er Form und Stoff, das Wirkliche und das Mögliche als erste „Prinzipien“ gesetzt. Über das Erste Bewegende Aristoteles‘ kommt Zeller dann zwanglos in die Physik. Die Bewegung steht zuerst im Mittelpunkt der Betrachtungen, die Bewegung, die einen unbegrenzten Raum impliziert, was wiederum eine Schöpfung der Welt – durch wen oder was auch immer – für Aristoteles ausschliesst. Die recht komplexe Sphärentheorie führt ins All und macht den Abschluss von Zellers Betrachtung der physischen und metaphysischen Schriften des Aristoteles.
Zeller geht über zu den Lebewesen. Es wirkt, als ob er nur referiert, ohne wirklich zu verstehen. Oder vielleicht müsste man genauer sagen, ohne wirlklich einzusehen, warum Aristoteles so viel Zeit und Energie auf (biologische) Detailforschung verschwendet. Zeller scheint hier des öfteren einfach zu referieren, weil halt so eine Philosophiegeschichte auch Aristoteles‘ naturwissenschaftliche Forschung irgendwie zu erwähnen hat. Man hat den Eindruck, dass Zeller ganz froh ist, wenn er Tier- und Pflanzenwelt verlassen kann, um beim Menschen weiterzufahren, den er nun nicht mehr als organisches Lebewesen behandelt, sondern sich auf Aristoteles‘ Ausführungen über die Seele stürzt.
Der Teil über den Menschen mündet selbstverständlich in Aristoteles‘ Ethik. Dass Zeller hier nur die sog. „Nikomachische Ethik“ als wirklich genuin aristotelisch betrachtet, sei nur am Rande erwähnt. Lust, Tugend, Freundschaft sind im Übrigen die Stichworte; Aristoteles‘ Ethik der Goldenen Mitte gibt nicht gar zu viel Stoff her, und Zeller schwenkt über zur Politik: Die Aufgaben des Staats, die Staatsverfassungen, die Staatsformen. Die Rhetorik macht den Schluss der Darstellung aristotelischen Denkens; es folgen noch zwei Kapitel darüber, was der Stagirite nicht (oder kaum) gelehrt hat: Zur Ästhetik (Zeller spricht von „Kunsttheorie„) finden wir kaum etwas, zur Religion noch weniger. Ersteres mag echtem Desinteresse Aristoteles‘ geschuldet sein, letzteres sicher auch der Vorsicht des Landesfremden in Athen. (Die ja nicht verhinderte, dass er am Ende seines Lebens doch noch von dort flüchten musste.)
Damit kommt Zeller zu den frühen Peripatetikern, zuvorderst Theophrast. Dieser war wohl der einzige der Peripatetiker, der die ganze Bandbreite von Aristoteles‘ Forschungen noch einigermassen abdecken konnte. Somit war er auch prädestiniert für das Amt des ersten Schulhauptes dieser Bewegung. Leider spricht Zeller der einzigen Schrift Theophrasts, die heute noch bekannt ist, die Echtheit zwar nicht ganz ab, hält sie aber für ein von dritter, fremder Hand zusammengestelltes Konglomerat einer Schrift über die Ethik und lässt es bei diesem einen Satz darüber bewenden – ich spreche natürlich von den Charakteren.
Im Übrigen muss Zeller zugeben (auch wenn er es nicht in diesen Worten ausdrückt), dass die peripatetische Schule sich sehr rasch in einen Klub engstirniger Fachidioten verwandelt hat, vor allem Rhetoriker und Grammatiker. Eudemus mit seiner Ethik ragt noch heraus und der letzte Naturwissenschafter der Peripatetik, Strabo. Hier endet für Eduard Zeller die „alte“ Peripatetik, hier endet somit auch der zweite Teil des zweiten Bandes.
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Nachtrag zu meiner Ausgabe: Ich habe mitten in der Lektüre von Band II/2 meine Ausgabe gewechselt. Leider habe ich das Mail jener Dame von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft nicht aufbewahrt, die mir im Frühjahr auf meine Nachfrage geantwortet hatte, dass die Subskription auf eine Neuauflage des Zeller nicht zu Stande gekommen sei. Deshalb hatte ich mir den Zeller ja auch antiquarisch besorgt. Nun habe ich vor ein paar Wochen doch noch Post von der WBG bekommen, ein schweres Paket und darin 6 Bände Zeller. Es handelt sich um einen Reprint genau derselben gemischten letzten Auflage, die ich bereits hatte. Dass ich zur neuen Ausgabe gewechselt habe, liegt, ehrlich gesagt, einfach daran, dass diese (da dünneres Papier und dünnere Pappe verwendet wurde als 1888-1922) um einiges leichter in der Hand liegt. Der einzige Unterschied, den ich festgestellt habe, liegt in der Titelgebung, die von der WBG vereinheitlicht wurde, und nun über alle Bände Eduard Zellers Doktortitel weglässt, auch die Sequenz „dargestellt von“ und der Begriff des „Obraldrucks“ fehlen nun. Ansonsten gilt meine Ausgabe als 7. bzw. 8. Auflage dieses Werks. Für den Titel meiner Ausführungen habe ich die ältere, markante Form beibehalten 🙂 .