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„Damals diskutierte man über Architektur“: Unter diesem Titel erschien im Basler Magazin am 23. August 1980 ein lesenswertes Doppel-Interview. Einerseits mit Otto Heinrich Senn – und andererseits mit Hermann Baur, dessen Interview wir an dieser Stelle nachdrucken. Es sollte sein letztes grosses Interview sein. Baur verstarb im Dezember desselben Jahres. Er hinterliess ein umfassendes architektonisches Werk. Für die Stadt Basel sind insbesondere die Siedlung Jakobsberg (1943–1946), das Bruderholzschulhaus (1935–1939), das Bürgerspital (1939-45), die Allerheiligenkirche (1947–1953) oder die Allgemeine Gewerbeschule (1956–1961) prägend.
Basler Magazin: Gibt es Ihrer Meinung nach eine Basler Architekturschule?
Hermann Baur: „Mit Einschränkungen würde ich sagen: Ja. Ich denke da vor allem an Personen wie Hans Bernoulli und Hans Schmidt. Beide sind aber auch der damaligen Zeit absolut verpﬂichtet, Bernoulli vor allem dem Neuklassizismus und Hans Schmidt dem Neuen Bauen. Wenn man das Baslerische definieren will: Vielleicht ist es eine etwas grössere Zurückhaltung als in andern Gegenden, aber das ist auch schweizerisch. Hans Schmidt zum Beispiel war nicht weit entfernt von dem, was damals die Zürcher gemacht haben. Ich glaube, er hätte die Vorstellung einer Basler Schule abgelehnt. Aber beim Schweizerischen würde er eher sagen ja, gegenüber zum Beispiel dem Holländischen und dem Belgischen oder auch dem Französischen, ja sogar gegenüber dem Deutschen, und zwar in dem Sinne, dass das Schweizerische sachlicher ist, ohne diese manchmal bei den Belgiern und Holländern zu formalistische Moderne.“
Ist es nicht doch interessant, dass Hans Schmidt und Hans Bernoulli sehr starke klassizistische Tendenzen hatten, nicht nur am Anfang, auch später?
„Das ist bei Schmidt doch der Einfluss von Russland gewesen, zum Teil für uns erschreckend. Aber bei den ersten Arbeiten, Sie kennen ja diese Sachen vom ABC usw., da kann man eigentlich nicht von Klassizismus reden.“
Ich nehme an, und Otto Senn sagt das auch, dass Schmidts Klassizismus sehr viel mit dem Bestreben zu tun hat, neue Ordnung, neue Normen, neue Werte zu ﬁxieren, denn am Ende des Jugendstils, kurz vor der neoklassizistischen Zeit, schien ja fast alles möglich.
„Das war auch das typische Anliegen von Ostendorf. Er sagte: Wir müssen zu einer neuen Ordnung kommen. Und sein Schüler Gruber hat dann ein Buch herausgegeben, «Die deutsche Stadt».“
Die Bemühungen der klassischen Moderne Richtung Standardisierung, Typisierung usw. sind ja auch Ordnungsbemühungen. Verknüpft sie nicht Schmidt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit neoklassizistischen Bemühungen?
„Ich sehe weniger diesen Zusammenhang, sondern glaube, dass der Klassizismus bei ihm mehr vom Sozialen und Gesellschaftlichen her kommt. Hans Schmidt hat seine grosse Begabung ein wenig einer Idee geopfert, die ihm menschlich sehr wichtig war, die ihn aber kreativ irgendwie gehemmt hat. «War nun alles falsch oder liegt es daran, dass ich jetzt ein alter Mann geworden bin, der nicht mehr nach kommt? Ist das Leben vielleicht doch stärker als die Theorie?» In diesem Sinne hat er mir einen Brief geschrieben. Für mich war es eine Tragik, die ich immer vergleiche mit einer gewissen Tragik, die ich auch bei Bernoulli sehe. Beide, vielleicht ist das auch etwas Baslerisches, haben zu sehr philosophiert. Ich glaube, Bernoulli ist auch zu kurz gekommen in der Realisierung. Er hat einige Projekte gemacht, die waren für die damalige Zeit wunderbar, grossartig, zum Beispiel sein Projekt für die Flunternkirche, die Moser dann gebaut hat. Bernoullis Entwurf war viel sensibler, viel schöner. Auch sein Museumsprojekt auf der Schützenmatte war eine grossartige Sache. Realisieren konnte er die Frauenarbeitsschule und die Häuser an der Schifflände. Ich finde, es war ein Glück, dass er die Schiffländehäuser damals bauen konnte. Der Vorschlag von Bernoulli, wir haben ihn grossartig gefunden. Es war meiner Ansicht nach doch positiv, dass er sich bewusst auf das Weisse und Blaue Haus einspielen wollte.“
Hans Schmidt, Hans Bernoulli, gibt es noch andere Kollegen, die für Sie besonders wichtig waren?
„Man müsste noch Artaria nennen. Er hat natürlich auch nicht viel gebaut, aber er war auf alle Fälle hochbegabt. Nennen müsste man auch Rudolf Christ. Er war vielleicht insofern ein guter Basler, als er gegen das Neue Bauen ganz skeptisch eingestellt war. Vielleicht kam es auch vom Abstimmungskampf um das Museum, dass er so stark in die Opposition getrieben wurde. Jedenfalls ist seine Begabung nicht zur Entfaltung gekommen, weil er sich dem Neuen Bauen nicht geöffnet hat. Der Kampf um das Museum, ich finde, das war eine grossartige Zeit. Da hat man in Basel wirklich über Architektur diskutiert. Georg Schmidt und ich mussten in der Safran vor einer 500-köpfigen Versammlung gegen Bonatz auftreten. Aber es war ein fairer Kampf. Ich sage nichts gegen die Architektur im engeren Sinn. Das Museum hat Qualität, Steinbearbeitung und all die Dinge sind sehr sorgfältig, aber eigentlich sollte man keine solchen Museen machen.“
Die Architekturkritik war damals lebhaft und anregend. Und heute?
„Man sollte mehr tun. Wie, das ist eine andere Sache. Ich gebe natürlich zu, dass es heute nicht mehr so leicht ist, weil ja nicht mehr so klare Positionen zu vertreten sind wie damals. Eigentlich müsste es an der Universität in Basel etwas geben, das in die Bewertung der Architektur einführt. Die Bauten stehen ja da, jedermann muss sie ansehen. Die Bilder kann man ansehen oder nicht, aber die Bauten sind da. Das Elend auch. Die Leute jammern alle, schimpfen über die modernen Betonkisten.“
Sie haben vor allem bei Ihren zahlreichen Kirchenbauten viel mit Künstlern zusammengearbeitet. Ging diese Zusammenarbeit eigentlich von Ihnen aus?
„Im Anschluss an den Bau der Antoniuskirche gab es 1925 eine grosse Ausstellung über kirchliche. Kunst in Basel. Da kam man mit Malern und Bildhauern zusammen und hat die Probleme miteinander diskutiert. Man wollte sofort miteinander etwas tun. Meine erste Arbeit war dann die Kirche in Dornach mit Hans Stocker und dem Bildhauer Bläsi von Luzern, erstmals war auch Schilling dabei. Ich habe es nicht gern, wenn man mich als «Kirchenbauer» hinstellt. Ich war ganz früh bei der CIAM dabei, aber ich konnte als gläubiger Katholik die Auffassung nicht teilen, die damals vertreten wurde, man könne keine Kirchen mehr bauen. In vielen Vorträgen habe ich darüber gesprochen. Anfangs wurde ich sehr stark als Theoretiker hingestellt und musste überall in Preisgerichte gehen. Später war es so, dass von den guten modernen Architekten lange Zeit niemand am Kirchenbau interessiert war, auch bei den Evangelischen nicht. Es war dann erstmals Werner Moser, der das auch gemacht hat. E. F. Burckhardt und Karl Egender, können Sie vielleicht einwenden. Aber der Kirchenbau war ihnen kein echtes Anliegen. Sie haben sich nicht wie Werner Moser und später Otto Senn mit dem Kirchenbau auch theoretisch beschäftigt. Ich habe fast alle Kirchen durch Wettbewerbe bekommen, wir haben um Wettbewerbe gekämpft. Auch heute noch bin ich der Meinung, der Wettbewerb ist die relativ beste Lösung.“
Wie beurteilen Sie die letzten zehn Jahre in Basel, die Denkmalnflegepraxis und die Neubaupolitik?
„Die heutige Mentalität, diese übertriebene Nostalgie, die viele schöpferische Impulse zum vornherein abbremst, finde ich ein wenig traurig. Ich war immer der Meinung, man sollte die guten alten Sachen erhalten. Aber wie will man in einer Stadt vorgehen, die sichso vergrössert wie Basel, von 70 000 Einwohnern auf 230 000, ohne dass man auch opfern muss? Die andere Konsequenz wäre, die alte Stadt zu lassen und alles Neue draussen zu machen. Aber das ist auch nicht vorstellbar. Ich habe mich oft gefragt, ob es richtig war, das Museum in der Stadt zu bauen und nicht auf der Schützenmatte. Die Überlegung, die Stadt gewissermassen an einem neuen Ort aufzuwerten, hat uns beschäftigt. Aber generell muss man sagen, das Zentrum der Stadt bleibt doch das wichtigste. Ohne dass hier auch ausgewechselt wird, geht es nicht. Wir hätten das Weisse und das Blaue Haus nicht, wenn man die heutige Einstellung gehabt hätte, auch nicht das Berri-Museum. Die Einstellung, nur nichts Neues, ist lähmend für die Schöpferkraft der jungen Architekten, und ist im Grunde auch für die Öffentlichkeit nicht gut. Allerdings: gute neue Bauten in den letzten zehn Jahren? Ich wüsste keine zu nennen.“
Hermann Baur, * 25. August 1894 in Basel; † 20. Dezember 1980 in Binningen — 1917 Lehre und erste Praxis bei Rudolf Linder in Basel. 1918—1919 Hospitant an der ETH Zürich bei Prof. Karl Moser und Prof. Hans Bernoulli. 1921—1927 Tätigkeit im elsässischen Wiederaufbaugebiet. Seit 1927 eigenes Architekturbüro in Basel. Mitglied der CIAM, Congres Internationaux d’Architecture Moderne. Mitglied der Baukommission Basel-Stadt und des Arbeitsausschusses des Stadtplanbüros Basel-Stadt.
Quelle: Damals diskutierte man über Architektur
in: Basler Magazin, Nummer 34, 23. August 1980.