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Heilige Höhlen: Zur Verortung von Höhlen aus Heiligenlegenden
In christlich-religiösen Texten des Mittelalters finden sich zahlreiche Höhlen, die meist als Rückzugsmöglichkeit und Ort der Einsiedelei fungieren. Ihre Bewohner*innen besiedeln solche Höhlen freiwillig, um sich fern von der Gesellschaft einem Leben im Gebet zuzuwenden. Dabei kommen diese ‚Höhlenbewohner*innen‘ mit einer höheren, göttlichen Macht in Kontakt, die Wunder zu bewirken vermag.[1] Als Ort des Göttlichen, der Wunder und der Transzendenzerfahrung werden die beschriebenen Höhlen als heilige Wirkstätten greifbar, die sich von ihrer Aussenwelt klar abgrenzen.
In diesem Beitrag setzen wir uns mit drei heiligen Höhlen auseinander. Untersucht werden die Höhlen von Maria Magdalena, den Siebenschläfern und dem Erzengel Michael. Die Textgrundlage der nachfolgenden Überlegungen bilden die Legenden in der Legenda aurea und im Passional – es handelt sich also zunächst um aufgeschriebene und erzählte Höhlen. Besonders macht sie aber, dass sie alle einen Referenzpunkt in der Welt ausserhalb des Textes haben und in Bezug zu einer real existierenden Höhle gesetzt werden können. Diese Höhlen werden auch heute noch als Pilgerstätten besucht. Zwischen der textuell konstruierten und real verortbaren Höhle entsteht ein wechselseitiges Verhältnis, das wir in diesem Blogbeitrag genauer untersuchen möchten. Daher gehen wir der Frage nach, inwiefern die Verortbarkeit dieser Höhlen in der realen Welt von Bedeutung ist und den Begriff des ‚heiligen Ortes‘ in Relation zu Religion und Glauben setzt.
Die Legenda Aurea stammt aus der Feder des dominikanischen Ordensbruders Jacobus de Voragine. Sie ist höchstwahrscheinlich in den 60er Jahren des 13. Jahrhunderts verfasst worden. Damals noch nicht unter diesem Titel verbreitet, war sie die bekannteste Sammlung von Heiligenlegenden des Mittelalters. In ihr sind, neben Kirchenfesten und Festzeiten, die Viten kanonischer und nichtkanonischer Heiligenfiguren entlang des Kirchenkalenders verzeichnet. Die Legenda Aurea stellt einen der zitatenreichsten Texte des Mittelalters dar; u. a. liefert sie Bezüge auf die Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und auf viele weitere religiöse Texte, die in ihrer Datierung von der Entstehung des Alten Testaments bis ins 13. Jahrhundert reichen. Die Vielzahl der Handschriften und der sorgfältige Umgang im Erwähnen der Quellen und Zitate haben die Überlieferung in die Neuzeit günstig beeinflusst.[2]
Beim Passional handelt es sich um das bedeutendste Verslegendar des deutschsprachigen Mittelalters. Seine Entstehung wird auf das Ende des 13. Jahrhunderts geschätzt. Der Verfasser bleibt anonym. Möglicherweise war der Autor ein Geistlicher oder Gelehrter, der in Verbindung zum Deutschen Orden gelebt und gearbeitet hat. Das Passional besteht aus drei Büchern: dem Jesus- und Marienleben, den Apostellegenden und den Viten der postbiblischen Heiligen. Das Passional nimmt sehr viel Inspiration aus der Legenda Aurea, überträgt diese zwar, schafft jedoch seine eigene Version daraus.
Zunächst beschäftigen wir uns mit der Erzählung von Maria Magdalena aus der Legenda Aurea. Nachdem Maria Magdalena durch ihren Glauben schon einige Wunder vollbracht hatte, lebte sie der Legende zufolge dreissig Jahre lang in einer trostlosen Höhle. In dieser kargen Einöde ohne jegliche Nahrungsquelle vermochte sie dennoch zu überleben, da sie sieben Mal am Tag von Engeln in die Höhe gehoben wurde, um durch Lobgesang verpflegt zu werden: […] daraus wird ersichtlich, dass unser Erlöser sie nicht mit irdischer Nahrung, sondern nur mit dem himmlischen Mahl sättigen wollte.[3] Dies macht deutlich, dass im Bereich der Höhle die Grenzen des für ‚gewöhnliche Menschen‘ Möglichen überschritten werden. Die Höhle dient als Portal zum Göttlichen, das an diesem Ort Wunder vollbringt.
Nicht unberücksichtigt bleiben darf, dass der Ort für andere Menschen unbetretbar bleibt, während Maria Magdalena im Raum der Höhle transzendentale Erfahrungen macht. Dadurch, dass diese Transzendenzerfahrung exklusiv ist, wird ebenso die Heiligkeit der Höhle wie diejenige seiner Bewohnerin zusätzlich betont.
Die besagte Höhle von Maria Magdalena wurde in Südfrankreich lokalisiert. Es handelt sich um die Grotte Sainte-Marie-Madeleine, die man bis heute besuchen und – zumindest während den Öffnungszeiten – betreten kann. Die lokale Verortung der heiligen Höhle soll, ähnlich wie eine Reliquie, zur Glaubwürdigkeit der Erzählung beitragen und die Verehrung Maria Magdalenas legitimieren. Wo der Zugang der Höhle in der Legende eingeschränkt bleibt, ermöglicht es die Grotte Sainte-Marie-Madeleine, genau diesen heiligen Ort zu betreten, ihn anzufassen.
Die Besucher*innen der Höhle werden dort allerdings nicht durch Lobgesang ernährt, wodurch in gewisser Weise auch das wesentliche Charakteristikum des von Maria erfahrenen Heils wegfällt. Die Heiligkeit der Höhle wird nicht durch Wunder in Form von Transzendenzerfahrungen bestätigt, vielmehr dient die Grotte Sainte-Marie-Madeleine als aussertextueller Beweis für die ‚Richtigkeit‘ der Legende. Diese wiederum bekräftigt die textuell erzeugte Höhle aus der Legende. Daran anschliessend lässt sich zwischen der literarischen und der in der Welt lokalisierbaren Höhle insofern ein wechselseitiges Verhältnis beobachten, als sie gegenseitig Heiligkeit legitimieren.
Von hier aus lohnt es sich, ein Schlaglicht auf die Legende der Siebenschläfer zu werfen, die sich ebenfalls in der Legenda Aurea findet. Sie handelt von sieben Jünglingen, die aufgrund der Christenverfolgung auf den Berg Celion bei Ephesos flüchten. Die Siebenschläfer werden nicht von der Höhle ernährt und versorgt, sondern sind weiterhin auf die Aussenwelt angewiesen, weshalb sie sich abwechseln und zurück ins Dorf kehren, um Nahrungsmittel zu besorgen. Decius, der damalige Kaiser, befiehlt, die Höhle mit Steinen versiegeln zu lassen. Am selben Abend schlafen die sieben Jünglinge nach ihrem Abendmahl ein, da Gott es so verordnet. Laut der Legende vergehen 372 Jahre,[4] bis die Siebenschläfer wieder geweckt werden und sich auf wundersame Weise so fühlen, als hätten sie bloss eine Nacht geschlafen. Unter der Herrschaft des zu diesem Zeitpunkt regierenden Kaisers Theodosius gibt es weitaus weniger Anhänger des Christentums, was den Kaiser unglücklich stimmt. Gott nimmt diese Verzweiflung Theodosius’ wahr und lässt die Siebenschläfer erwachen. Infolgedessen lässt Theodosius über der Höhle der Siebenschläfer aus Dank eine Kirche errichten, deren Ruine bis heute existiert. Eine nah gelegene Felsspalte und ein mit einem Tonnengewölbe ausgestatteter Raum gelten als Grabstätte der Siebenschläfer. Früher war die Höhle ein Wallfahrtsort, heute ist sie nicht mehr betretbar, kann jedoch weiterhin aus der Ferne betrachtet werden. Die Höhle symbolisiert damit bis heute die Rückkehr zum christlichen Glauben durch Wunder, die nur von Gott vollbracht werden können.
Die Höhle nimmt in der Legende der Siebenschläfer eine wandelbare Form an. Sie dient den Siebenschläfern als Rückzugsort, der kaum besondere Eigenschaften aufweist. Jedoch wird sie durch die Macht Gottes im entscheidenden Moment zu einem übernatürlichen Raum, in dem die Zeit scheinbar stillsteht. Die Höhle ernährt die Siebenschläfer nicht, erhält sie aber dennoch am Leben, sodass sie sich 372 Jahre später keinen Tag älter fühlen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Siebenschläfer-Höhle als heilige Höhle gilt und ihr bis heute ein besonderer Stellenwert zugeschrieben wird. Sie beschützt den christlichen Glauben und ‚konserviert‘ ihn und Gläubige, um die Ungläubigen im passenden Moment zurück auf den richtigen Weg zu bringen.
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die Legende des Erzengel Michael im Passional. Die Legende handelt von einem reichen Viehzüchter, der seinen entlaufenen Stier sucht. Als er den Stier auf einem Felsvorsprung vor einer Höhle sieht, möchte er ihn aufgrund seiner unerreichbaren und hoffnungslosen Lage mit einem Pfeil töten. Jedoch dreht sich der Pfeil plötzlich um und verletzt den Viehzüchter. Nur dank der Gebete des Bischofs, der den Viehzüchter wieder gesund pflegt, überlebt der Verletzte. Daraufhin erscheint dem Bischof der Erzengel Michael mit der Bitte, dass er in dieser Höhle ein Heiligtum errichten soll.[5]
Anders als in den bisher beschriebenen Legenden, wird die Höhle hier explizit als heilige Wirkungsstätte ausgesucht und bestimmt. Erst durch die Präsenz des Erzengels erlangt die Höhle ihren Status als heiligen Ort, der sich von seiner Umgebung abgrenzt und die Überlegenheit einer göttlichen Macht manifestiert. Auch dieser Ort wurde zu einem bekannten und überaus beliebten Wallfahrtsort: Gemeint ist die Höhle des nach dem Viehzüchter benannten Monte Gargano, in welcher der Erzengel Michael verehrt wird.
Die hier präsentierten Beispiele verdeutlichen, dass die Höhlen in den Legenden oftmals als Portal zwischen der irdischen und der spirituellen Welt fungieren. Durch ihre Abgrenzung von der alltäglichen Welt, ihren eingeschränkten Zugang sowie die Möglichkeit von Transzendenzerfahrungen und Wundern erhalten diese Höhlen einen heiligen Status. Bemerkenswert ist, dass sämtliche der hier beschriebenen Höhlen in der realen Welt verortet und für interessierte Besucher*innen zugänglich oder wenigstens aus der Ferne zu betrachten sind, so dass zwischen Text und Wirklichkeit ein wechselseitiges Legitimationsverhältnis besteht: Die noch heute sensuell erfahrbaren Höhlen spielen der Glaubwürdigkeit von Legenden zu, während die erzählten Höhlen den realen Pilgerstätten ihre spirituelle Bedeutung verleihen.
[1] Vgl. Andreas Hammer: Höhle, Grotte. In: Tilo Renz / Monika Hanauska / Mathias Herweg (Hg.): Literarische Orte in deutschsprachigen Erzählungen des Mittelalters. Ein Handbuch. Berlin/Boston 2018, S. 292.
[2] Vgl. Jacobus de Voragine: Legenda Aurea. Goldene Legende. Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar von Bruno W. Häuptli, Sonderband Teil 1. Freiburg i. Br. 2014 (Fontes Christiani S), S. 13–67.
[3] Vgl. ebd., S. 235.
[4] Historische Daten zeigen jedoch, dass zwischen Kaiser Decius und Kaiser Theodosius ‘nur’ 196 Jahre vergangen sind. Die Legende wurde in verschiedenen Formen überliefert und variiert deswegen in einigen Punkten.
[5] Vgl. Passional. Buch I: Marienleben, hg. von Annegret Haase / Martin Schubert / Jürgen Wolf.
Berlin 2013 (Deutsche Texte des Mittelalters XCI/1), S. 1048–1057.