Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03171.jsonl.gz/769

Von Frankenstein auf dem Mer de Glace und der Vergangenheit und Gegenwart verschiedener Gletscher zwischen Rhonequelle und Mont Blanc in Wort und Bild.
«Plötzlich zerriß ein Windstoß die Wolke, und ich stieg auf den Gletscher hinab. Die Oberfläche ist uneben, hebt und senkt sich wie Wellen auf unruhiger See und wird von tiefen Gletscherspalten durchschnitten. Die Eisfläche ist kaum drei Meilen breit, aber ich brauchte fast zwei Stunden, um sie zu durchqueren. Der gegenüberliegende Berg ist ein nackter, senkrechter Felsen. Meinem Standort direkt gegenüber lag der Montanvert, drei Meilen entfernt, und darüber erhob sich der Montblanc in ehrfurchtgebietender Majestät. Ich blieb im Schatten des Felsen ganz in den großartigen und erstaunlichen Anblick versunken. Das Meer oder der breite Strom von Eis bahnte sich einen Weg durch die Berge hindurch, deren luftige Gipfel über seinen Tiefen aufragten. Ihre funkelnden Eiskappen glitzerten im Sonnenlicht über den Wolken. Mein Herz, das bisher schwer gewesen war, schwoll beinahe vor Freude.“
Aber nicht lange, denn plötzlich bemerkte die Erzählperson in einiger Entfernung „die Gestalt eines Mannes, der mit übermenschlicher Geschwindigkeit auf mich zukam. Er setzte im Sprung über die Eisspalten, die ich vorsichtig umgangen hatte.“ Es ist – wer hätte das vermutet – Frankenstein! Seit 1818 treibt das Monster sein Unwesen, setzt seinen Erfindern zu, auf dem Mer de Glace ob Chamonix so gut wie am Salève bei Genf. Entstanden ist es im Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley; sie begann den Roman im Sommer 1816 zu schreiben, als sie sich zusammen mit ihrem Geliebten und späteren Ehemann, dem Poeten Percy Shelley, in Genf aufhielt, wo sie den skandalträchtigen Dichter Lord Byron trafen. Dieser mietete die Villa Diodati in der Nähe der Stadt, und weil das Wetter so regnerisch war, erfand das Trio am Kamin Gespenstergeschichten. Diejenige von Mary ist Weltliteratur und Stoff für Theater und Film geworden.
Die Begegnung auf dem Gletscher ist zitiert in einem neuen, grossformatigen Bildband des Genfer Verlags Slatkine. Er heisst schlicht „Glaciers“ und zeigt Vergangenheit und Gegenwart verschiedener Gletscher zwischen Rhonequelle und Mont Blanc. Einerseits mit dem bekannten Verfahren, dass man die heutige Foto vom genau gleichen Standpunkt aus aufnimmt wie die alte, um die Veränderung in der Landschaft, also das Zurückgehen und Verschwinden der Gletscher, besonders gut sichtbar zu machen. Anderseits mit zahlreichen andern Fotos, die aber auch immer wieder eines zeigen: dass die Klimaerwärmung dem scheinbar ewigen Eis gnadenlos zugesetzt hat – und dies immer noch tut.
Der Bildband ist sehr schön gemacht. Das sieht man allein schon am Vorsatz: vorne eine alte Foto der Grotte am Rhonegletscher, mächtig die Eisdecke, eingehüllt in Mäntel die zahlreichen Touristen; hinten ebenfalls eine schwarz-weisse Foto von heute, nun ist aber der Gletscher eingehüllt, wenigstens dort, wo man noch so etwas wie eine Grotte machen konnte, und der einzige Besucher kommt in kurzen Hosen daher geschritten. Oder am Glacier des Bossons bei Chamonix: 12 Vergleichsbilder von 1884 bis 2010, auf 11 sind Gletscher und Aiguille du Midi zu sehen, auf dem Bild vom letzten Sommer verhindern grüne Bäume die Bergsicht. Kurz: ein ganz eindrücklicher Bildband.
Folgende Gletscher sind dokumentiert: Rhone, Unteraar, Grindelwald, Eiger, Aletsch, Fiesch, Fee, Allalin, Zmutt, Theodul, Gorner, Turtmann, Ferpècle, Mont-Miné, Giétro, Corbassière, Plan-Névé, Trient, Argentière und Bossons, sowie die Gletscher in den Täler von Lötschen, Anniviers, Arolla, Bagnes, Entremont, Ferret und Diablerets. 20 Seiten behandeln das Mer de Glace. Aber, oh Schreck: Aus dem Meer von Eis ist ein Meer von Geröll geworden.
Hilaire Dumoulin, Amédée Zryd, Nicolas Crispini: Glaciers: Passé-présent du Rhône au Mont Blanc. Éditions Slatkine, Genève 2010, Fr. 79.-