Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03163.jsonl.gz/2137

Stichpunkte zur Krankheit
1935
- Paul Klees Krankheit beginnt im Sommer 1935. Ausser in früher Jugend war Paul Klee nie krank.
- Ende August «eine schwere Erkältung»
- Ab 26. Oktober 1935 wird Klee bettlägerig, da der Internist Dr. Gerhard Schorer feststellt, dass «das Herz nicht in Ordnung» sei.
- Vom 15.–17. November tritt hohes Fieber auf (über 39 Grad). Dr. Schorer vermutet Lungenkomplikationen – wahrscheinlich war es eine Lungen- und Brustfellentzündung. Antibiotika gibt es noch nicht und eine Röntgenkontrolle von Lungen und Herz ist noch nicht möglich.
- Gleichzeitig mit dem hohen Fieber Mitte November 1935 tritt bei Paul Klee offenbar ein kurzfristiger Ausschlag am ganzen Körper auf. Im Dezember darf er täglich während zweieinhalb Stunden aufstehen.
1936
- Im März 1936 schrieb Lily Klee an Emmy Scheyer: «Er ist nun 4 Monate (!) krank gewesen.
- Im April 1936 schreibt Lily Klee an Will Grohmann, acht Tage nach der nun möglich gewordenen Röntgenuntersuchung: « […] es war eine chronische doppelseitige Lungenentzündung […].»
- Im Laufe des Jahres 1936 treten andere Hautveränderungen auf.
- Am 28. und 29. Oktober 1936 findet eine ambulante Untersuchung in der Universitätshautklinik im Inselspital Bern statt. Über das Ergebnis der Untersuchung erfährt man nichts Genaues. Ob Herr Professor Naegeli, Chefarzt der Klinik, die Hautveränderungen als «Sklerodermie» diagnostiziert hat ist nicht bekannt, es ist aber wahrscheinlich. Weshalb aber wurden Paul Klee und seine Familie nicht darüber informiert? Zu jener Zeit war es allgemein üblich, dass man die Diagnose einer schweren, tödlich verlaufenden Krankheit dem Patienten und seinen Angehörigen nicht bekannt gab. Dies geschah aus Schonung des Patienten und in der Annahme, dass die Kenntnis der Krankheit und das Wissen um deren Prognose zu einer psychischen Belastung und dadurch zu einer Verschlimmerung der Krankheit führen könnten. […]
- Im Juni weilt er in einem Erholungsaufenthalt mit dem Ehepaar Hermann und Margrit Rupf in Tarasp (Unterengadin). Am 9.6.1936 schreibt er an Lily: «Ich bin heute zum zweiten Mal marschiert, gestern Inn abwärts, heute dito rechts. Die Wege beinahe eben, sehr genussreich, bald mehr waldig, bald mehr frei. Bänke für meinesgleichen sind vorhanden. Vielleicht macht die Höhe mir noch etwas zu schaffen, ebenso die frische Temperatur, aber der Anstoss ist da und das ist zunächst wichtig, dass das Klima angreift […]. Der Lift für Badende ist gerade in meiner Nähe, ich steige nie Treppen.» Und am 16.6.1936 schreibt er an Lily: «Ich atme so tief ich kann. Die Atemnot hängt vom Weg ab, ob auf, ob eben, und von der Tätigkeit vor oder nach dem Stifi. Sie hängt auch vom Wetter ab, gestern bei Föhn weniger gut, heute wieder ordentlich. Sie hängt auch vom Grad der Fülle im Magen ab. Nach dem dinner – das klingt vornehm (english) – weniger gutt als vorherr.»
1937
- Laut einem Bericht von Lily Klee, erlitt Paul Klee am 31. Januar 1937 eine «Magenblutung infolge eines aufgegangenen Magengeschwürs» (Brief von Lily Klee an Will Grohmann vom 11.2.1937). Die Behandlung besteht in einer sechswöchigen «strengen Diät», die sich aus «Milch, Eiern, etwas Zusatz von Nestle Vollmilch, Traubenzucker usw.» zusammensetzt (Brief von Lily Klee an Will Grohmann vom 20.3.1927). inzui Hinzu kommen «[…] (leichte Fleischspeisen, halbfl. Huhn, Forellen) Breie, Nudeln, Eier, Spinat, Spargeln. Alles verträgt er [Paul Klee] schon sehr gut. (Orangensaft, Apfelmus.) Dazu immer noch viel Milch […]. Dies kräftigt den Kranken» (Brief von Lily Klee an Nina Kandinsky vom 23.3.1937).
Als Paul Klee dieses Maskengesicht zeichnet, weist er selbst schon die maskenartigen Hautveränderungen auf, die für seine Krankheit typisch sind. Er nennt die Zeichnung «Maske Schmerz» und betont «wiederholt schmerzlich» (am Kartonrand unten links mit Bleistift, ausradiert: wiederholt schmerzlich). Die chronisch gewordene Krankheit bereitet ihm neben ausgeprägten Schluckbeschwerden, Atemnot bei körperlicher Anstrengung und einer allgemeinen Schwäche vor allem auch einen seelischen Schmerz. Seine Beschwerden und seinen Schmerz erträgt er mit grosser Tapferkeit.
1938
- Im Sommer 1938 werden Paul Klee erstmals «Schwellungserscheinungen in der Speiseröhre» beschrieben.
Felix Klee schreibt dazu: «Mein Vater hatte oft mit dem Essen Mühe, denn die unelastisch gewordene Speiseröhre beförderte feste Nahrung nicht mehr zum Magen. Wenn auch dieser Zustand periodisch unterschiedlich war, so muss mein Vater doch von Beginn seiner Krankheit bis zu seinem Tode fast fünf Jahre lang unsäglich darunter gelitten haben.» Und: «Nicht einmal ein Reiskorn rutschte mehr hinunter. Er [Paul Klee] konnte monatelang nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Kein Stück Brot, nichts! Weil er diese Schluckbeschwerden hatte, hat er auch immer alleine gegessen.»
Carola Giedion-Welcker schrieb dazu (sie hat Paul Klee vier Monate vor seinem Tod besucht): «Während des Gesprächs lief er immer wieder in die kleine Küche nebenan; die Frauen, meinte er spöttisch, kochten heute nicht mehr so gerne wie früher, er besorge es meist selber. Dahinter verbarg sich allerdings zu jener Zeit eher ein tragischer Grund, den er nicht berührte. Es war die Tatsache, dass er damals nur besonders zubereitete flüssige Nahrung zu sich nehmen konnte […]
Paul Klee selbst erwähnt seiner Frau gegenüber zweimal seine Schluckbeschwerden: am 26. Mai 1939, als Lily zur Kurs in der Nähe von Luzern weilt, hält er fest: «Mir geht es im ganzen eine Nüance besser, das Schlingen ist leichter als bisher.» Und einen Tag nach seiner Ankunft im Sanatorium Viktoria in Locarno-Orselina am 11. Mai 1940 teilt er Lily mit: «Mit der Diät geht es wahrscheinlich ganz gut, es kommt ja mehr auf die Mechanik des Schluckens an […]
Die Äusserungen von Paul und Felix Klee, sowie von Carola Giedion-Welcker sprechen eindeutig für eine Verengung der Speiseröhre. Vielsagend ist zudem eine Zeichnung Klees aus dem Jahre 1939 mit dem Titel «nie mehr jene Speise!». Unmittelbar vorher entstand die Zeichnung «mir Hering?!». In ihrer Dissertation schrieb Christina Kröll dazu: «Manchmal entsteht innerhalb eines Titels [von Paul Klee] ein regelrechter kleiner Dialog […], oder zwei darauffolgende Titel ergänzen sich zu einer kurzen Story: Mir Hering?!…Nie mehr jene Speise (beide 1939).
Die Abbildungen zeigen ein monströses Tier, das in der ersten Zeichnung einen auf einer Gabel aufgespiessten Hering vor seiner geöffneten Schnauze hält. Die Augen deuten Vorfreude auf die Nahrung an. Das Ausrufezeichen im Titel bekräftigt dies. Das daneben gesetzte Fragezeichen lässt aber Zweifel aufkommen, ob diese «Speise» bekömmlich sei. Die zweite Fassung bestätigt die Ahnung: Das Tier scheint am Bissen zu würgen. Ist der Fisch im Hals stecken geblieben? Die Augen des Tieres sind schreckerfüllt. Es hält die linke Pranke mit dem mahnenden Zeigefinger empor: «nie mehr jene Speise!».
Die Krankheit bereitete Paul Klee durch eine Verengung der Speiseröhre grosse Beschwerden. Fest Speichen blieben in der Speiseröhre schmerzhaft stecken. Der Kranke konnte nurmehr flüssig-breiige Kost einnehmen. Wie so oft assoziiert der Künstler einen körperlichen und seelischen Zustand, eine Feststellung, eine Empfindung, eine Empörung usw. mit einer fantasievollen, häufig witzigen Zeichnung.
1939
- Im Frühling 1939 erwähnt Paul Klee Darmprobleme. Er teilt seiner im Kurhaus Sonnmatt bei Luzern zur Erholung weilenden Frau mit: «Dein Vorschlag, zum Mittagessen zu kommen, ist verlockend, aber ich hatte schon Bedenken, am Vormittag zu fahren, weil meine leiblichen Verhältnisse dagegen sind. Durchfallserlebnisse im Auto sind für mich ein Stück Hölle. Ich will nicht sagen, dass jeder Tag so ist, aber ich muss damit rechnen.» (Brief von Paul Klee an Lily Klee vom 6.5.1939). Dies passt in den Rahmen der Systemsklerose.
- Paul Klee leidet seit 1936 immer wieder an Atemnot. Er bemerkt ironisch, der geringe Anstieg am Kistlerweg vor seiner Wohnung in der Berner Elfenau sei jetzt «sein Matterhorn» (Das Matterhorn ist das Wahrzeichen von Zermatt (Wallis), das mit 4478 m ü. M. als gewaltige Felspyramide den schweizerisch-italienischen Grenzkamm um über 1000 m überragt).
Die für eine Lungenfibrose charakteristische Symptomatik mit Atemnot bei körperlicher Anstrengung, dem sich über eine lange Zeit hinziehenden Husten und der Lungen- und Brustfellentzündung ist bei Klee ausgewiesen.
- Paul Klees Äusserung aus dem Brief an Lily Klee vom 25.4.1939 ist bedeutsam: «er könne ein Einglas (Monokel) nicht mehr zwischen Augenbraue und Wange einklemmen.» […] denn ein Einglas hält in meinem jugendlichen Angesicht nicht mehr.» Dies weist zweifelslos auf eine Verminderung der Lidbeweglichkeit hin.
- Paul Klees letztbehandelnder Zahnarzt Dr. Jean Charlet Bern, gab Stefan Frey am 11. Juli 1990 folgende Auskunft: Die Zahnbehandlung sei in den letzten Lebensjahren von Paul Klee stets sehr schwierig gewesen, weil der Patient den Mund nicht mehr weit genug habe öffnen können. Die Mundöffnung sei klein gewesen. Die Lippen und das Gewebe rundum hätten die Elastizität verloren. Risse an den Lippen habe Dr. Charlet nicht beobachtet. Er habe aber immer befürchtet, die Lippen könnten durch das forcierte Öffnen des Mundes bei der Behandlung einreissen. Paul Klee sei dankbar gewesen, dass er ihn schonend behandelt habe. (Dies geht auch aus einem Brief von Paul Klee an Lily Klee vom 10.6.1939 hervor: «Bis jetzt hat der Zahnarzt mich etwas viel beschäftigt, und es geht auch weiter; aber ich bin jetzt wieder dran gewöhnt. Er macht auch alles so geschickt.» Dr. Chalet berichtete weiter, er habe bei seinem Patienten eine «Parodontose (Zahnfleischschwund) im Frühstadium» festgestellt, und er habe einige Zahnfüllungen vornehmen müssen. Die Mimik im Gesicht sei starrer geworden. Eine Verkürzung oder Verhärtung des Zungenbändchens habe er nicht festgestellt. Klee habe ganz normal gesprochen. – Die zahnärztlichen Feststellungen passen nun ausgesprochen gut zur Systemsklerose.
1940
- Weil Paul Klee sich, wie seine Frau vermerkt, «schon längere Zeit nicht besonders wol fühlte» (Brief von Lily Klee an Will Grohmann am 7.7.1940) und Erholungsaufenthalte in Höhelagen und im südlichen Klima ihm stets gut getan haben, fährt er am 10. Mai 1940 zu einem, wie sich herausstellen sollte, letzten Kuraufenthalt ins Sanatorium Viktoria – heute Clinica Santa Croce – nach Locarno-Orselina. Wie schwach er ist, geht aus dem kurzen Bericht hervor, den er am Tage darauf Lily auf einer Postkarte abstattet: […] «Hier im Kurhaus gut empfangen, richte ich mich allmählich häuslich ein. […] Jetzt bin ich mit der Postkarte beschäftigt. Gestern wäre das zu viel gewesen.» (Postkarte von Paul Klee an Lily Klee vom 11.5.1040).
Das Kurhaus schliesst Anfang Juni 1940, weshalb Klee am 8. Juni in die von den «Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz Ingenbohl» des Klosters Ingenbohl im Kanton Schwyz geführte Clinica Sant’ Agnese – heute Casa per convalescenza Sant’ Agenese – in Locarno-Muralto verlegt wird. Da verschlechterte sich sein Allgemeinzustand plötzlich rapid. Lily Klee, die ihrem Mann am 18. Mai 1940 nachgereist ist, schreibt darüber retrospektiv am 7.7.1940 an Will Grohmann: «Ich reiste ihm (obwol nicht vorhergesehen) 1 Woche später nach, getrieben von innerer Unruhe. Dann wurde er plötzlich schwer krank. […] Es begann ein Kampf auf Leben u. Tod […]
Wie früher so oft, kommt es zu einer vorübergehenden leichten Besserung. Nach einem letzten
Aufflackern seiner Lebensflamme stirbt Paul Klee am 29. Juni 1940 so, wie er gelebt hat: still und würdevoll.
In der Todesbescheinigung notiert der behandelnde Arzt Dr. Hermann Bodmer als Todesursache «malattia di cuore (myocardite)». (Myokarditits = entzündliche Erkrankung des Herzmuskels.)
Am 1. Juli 1940 wird Paul Klee in Lugano kremiert. Die Trauerfeier findet am 4. Juli 1940 statt. Die Urne bewahrt Lily Klee im unverändert belassenen Atelier am Kistlerweg 6 in Bern unter einem Lorbeerkranz neben Blumen auf. Klees Asche wird erst nach dem Tode von Lily (sie starb am 22. September 1946) im Schosshalden-Friedhof Bern beigesetzt.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ist Paul Klee an der hypothetischen autoimmunen Bindegewebskrankheit «Sklerodermie» erkrankt und gestorben. Bei seiner Krankheit dürfte es sich höchstwahrscheinlich um die sehr seltene, gravierendste Sklerodermieform gehandelt haben, um die diffuse Form der Systemsklerose. Hauptindizien dafür sind die schwere erste Krankheitsphase, die sklerodermischen Gesichtsveränderungen (das «Maskengesicht»), die Schluckschwierigkeiten, die Herz-Lungensymptomatik, die Blutarmut, der progrediente Krankheitsverlauf mit dem Tod nach nur fünf Jahren und die Annahme einer Myokarditis als Todesursache.
Paul Klee hatte anlagebedingt kräftige Hände und Finger. Sicher ist, dass Paul Klee – gemäss der Angabe von Felix Klee – keine Sklerodaktylie erlitt. Seine Finger wurden nicht dicker, blieben unversehrt und uneingeschränkt beweglich (persönliche Mitteilung von Felix Klee an Dr. Suter am 20.9.1983). Dies bestätigen Max Huggler und Bruno Streiff, ein Bauhaus-Schüler des Malers, der Paul Klee 1939 noch in Bern besucht hat. Das feine Zeichnen war dem Künstler nach Aussage des Sohnes bis zuletzt möglich (persönliche Mitteilung von Felix Klee an Prof. Dr. med. Alfred Krebs und an Dr. Suter am 9.11.1979).
Ganz eindeutig belegen lässt sich die unbehinderte Handschrift des Künstlers durch die Tatsache, dass er die fast hundert Gratulationsbriefe zu seinem 60. Geburtstag im Dezember 1939 und Januar 1940 eigenhändig verdankte.
Die Schrift von Paul Klee hat sich in seiner Krankheitszeit nicht verändert. Dies lässt sich gut mit den handschriftlichen Eintragungen im Œuvrekatalog, mit den unter seinen Zeichnungen angebrachten Titeln und mit dem am 7. Januar 1940 handgeschriebenen Lebenslauf nachweisen.
Dass das Geigenspiel nicht wegen der Hände aufgegeben werden musste, sondern wegen der damit verbundenen körperlichen Anstrengung, geht aus der Feststellung von Lily Klee hervor: «Nur das Musizieren ist als zu anstrengend noch für ihn verboten.» (Brief von Lily Klee an Emmy Scheyer vom 16.12.1936).
Wie schon vermerkt, bestätigten Felix Klee und Max Huggler, dass die Finger von Paul Klee unverändert und schmerzfrei blieben und dass er sie bis zuletzt uneingeschränkt gebrauchen konnte, was eine Sklerodaktylie und eine Arthritis der Fingergelenke eben mit Sicherheit ausschliessen lässt.
Quelle: Paul Klee und seine Krankheit
Dr. med. Hans Suter, Fahrni bei Thun
Stämpfli Verlag AG, 2006
Gezeichneter 1935, 146
Dieser Stern lehrt beugen 1940
Angstausbruch III, 1939, 124 (M 4)
Maske Schmerz, 1938, 235 (P 15)
Gefangen 1939
ins Nachbarhaus 1940, 261
woher wo wohin 1940,60 (X 20)
Gelbes Haus II, 1940,366 (E 6)
Paul Klee hat in seinen Œuvre-Katalog in seinem Todesjahr 366 Bilder eingetragen, obwohl er mehr Bilder in diesem Jahr gemalt hatte. Das Jahr 1940 war ein Schaltjahr und hatte 366 Tage. Er hat also für jeden Tag ein Bild eingetragen.