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Das ungelöste Rätsel um den Kinderpharao
Tutanchamun verstarb unerwartet im Alter von 20 Jahren: Hat ihn seine Frau oder ein Fremder ermordet?
Der König Tutanchamun war politisch gesehen ein unbedeutender Herrscher. Sein mysteriöser Tod und der plötzliche Untergang seiner Familie werfen viele Fragen auf. Ein spannender Kriminalfall.
Von ILONA STÄMPFLI
Tutanchamun war erst neun Jahre alt, als er vor ungefähr 3200 Jahren den Thron des alten Ägyptens bestieg. Er war der Nachfolger des berühmten Pharaos Echnaton. Aufgrund der verblüffenden äusserlichen Ähnlichkeit wird vermutet, dass Tutanchamun sein Sohn war.
Mit nur 20 Jahren starb Tutanchamun auf unerklärliche Weise. Sein Berater Eje übernahm die Regierung und heiratete die Witwe des verstorbenen Pharaos. Der Tod des jungen Königs bedeutete den Untergang der 18. Dynastie: Tutanchamun hatte keine Nachfolger.
Entdeckung des Grabes
Das Grab Tutanchamuns wurde 1922 nach fünfjähriger Sucharbeit vom Briten Howard Carter entdeckt. An der vermauerten Türöffnung zur Grabkammer waren mehrere unbeschädigte Siegelabdrücken zu erkennen. Allerdings entdecken Carter und sein Geldgeber Lord Carnarvon Spuren eines Einbruchs. Aus dem Grab wurden wahrscheinlich einige wenige Dinge entwendet. Es wurde neu versiegelt, um alle Spuren einer Plünderung zu verwischen.
Kostbarste goldene Götterstatuen, Kisten und Truhen, der Thron des Königs und Schmuck füllten das Innere der Grabkammer – ein Jahrhundertfund. Die Mumie des «Kinderpharaos» ist von drei menschenförmigen Särgen umgeben, der letzte besteht aus purem Gold. Über dem Schädel des Leichnams liegt die goldene Totenmaske. Unter ihr versteckt sich das edle, jugendliche Antlitz des einstigen Pharaos…
Die Wissenschaftler sind sich heute einig: Der Pharao muss überraschend plötzlich gestorben sein. Sein Grab wurde in aller Eile hergerichtet. Es wirkt im Vergleich zu anderen Königsgräbern klein und bescheiden.
Der Todesart des ägyptischen Königs erregte die Aufmerksamkeit vieler Ägyptologen und Geschichtswissenschaftler. Die Theorien über Tutanchamuns Tod sind dementsprechend vielfältig. Röntgenaufnahmen aus dem Jahre 1968 brachten erstmals Licht ins Dunkle des mysteriösen Kriminalfalls. Die Aufnahmen zeigten einen Knochensplitter in der linken oberen Schädelhälfte. Der Knochen könnte bei einem Schlag auf den Hinterkopf abgesplittert sein.
Eine Zeitlang vermuteten die Wissenschaftler, dass Tutanchamun hinterrücks erschlagen wurde und nach längerer Zeit im Koma verstarb. Die Frage, wer der Mörder oder die Mörderin des jungen Königs gewesen sein könnte, beschäftigt die Ägyptologen noch heute. Vielleicht zeigte der junge König plötzlich Interesse an den Staatsgeschäften und stand seinem Regierungsberater Eje im Wege? Oder wollte der «greise Eje» einfach nur Macht?
War «Tutu» der Mörder?
Inschriften, Reliefs und Malereien in verschiedenen Grabkammern geben weitere Hinweise, wer der Mörder Tutanchamuns gewesen sein könnte. Im Grab Haremhabs zum Beispiel, des zweiten Regierungsberaters Tutanchamuns, fand sich die Inschrift: «Ägyptische Brüder, vergesst niemals, was Fremde unserem König Tutanchamun angetan haben.»
Aufgrund dieser Hinweise wurde ein weiterer Verdächtiger ausgemacht: «Tutu», ein Ausländer unbekannter Herkunft, der den Pharao offensichtlich mit falschen Informationen über den Zustand der Truppen versorgt hatte. Als eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet werden sollte, starb plötzlich der Pharao. Wenig später kam auch Tutu unter mysteriösen Umständen um, und Inschriften in seinen Grab implizieren, dass er der Mörder des Pharaos gewesen sein könnte.
Kinderlose Ehe
Es könnte aber auch sein, dass seine eigene Frau und Halbschwester «Anchesenamun» ihren Mann getötet hatte. In Tutanchamuns Grab wurden die mumifizierten Leichen von zwei Mädchen gefunden, wahrscheinlich Früh- oder Fehlgeburten. Es könnte sein, dass die beiden an einer Erbkrankheit (eventuell Skoliose) gelitten haben und getötet wurden.
War Anchesenamun enttäuscht, weil sie von ihrem Mann keine gesunden Kinder geschenkt bekam? Brachte sie deshalb ihren Mann um? Wohl kaum: Die Ehe Tutanchamuns mit Anchesenamun war glücklich. Die beiden müssen sich sehr geliebt haben, dies zeigen mehrere Darstellungen in der Grabkammer des Pharaos. In allen Szenen ist die grosse Zuneigung zwischen ihnen zu spüren. Ein Mord durch die Ehegattin ist undenkbar.
An Wurmkrankheit gestorben?
Neuere Untersuchungen ergaben, dass Tutanchamun eher vergiftet wurde und die Schädelverletzungen vermutlich erst nach seinem Tod auftraten – möglicherweise während der Mumifizierung. Es ist auch möglich, dass Tutanchamun einer unheilbaren Krankheit wie Malaria oder der Wurmkrankheit «Bilharziose» zum Opfer fiel.
Ein amerikanischer Röntgenspezialist stellte vor kurzem eine völlig andere These auf: Tutanchamuns Wirbelsäule war sehr stark verkrümmt. Er hat wahrscheinlich an Skoliose, einer Rückgratverkrümmung, gelitten.
Der Fall ist noch nicht gelöst. Erst wenn die ägyptische Antikverwaltung weitere Untersuchungen an der Mumie zulässt, können neue Vermutungen angestellt werden.