Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/759

Reisebericht 2014 I
Das Volk protestiert gegen die Regierung
Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Juli kämpften zwei Gruppierungen um die Macht: Die Partei des China-treuen Ministerpräsidenten Hun Sen, der seit bald dreissig Jahren unangefochten die Regierung führt und sein Herausforderer, der liberale Politiker Sam Rainsy.
Offensichtlich sind die Leute mit ihrer Regierung nicht mehr zufrieden, denn dieses Mal gingen 45% der Stimmen an Sam Rainsy und nur 55% an den gegenwärtigen Machthaber.
Unabhängige Beobachter haben festgestellt, dass das Wahlresultat wahrscheinlich manipuliert wurde und dass der Wahlsieger nicht Hun Sen, sondern Sam Rainsy heissen müsste. Aus Protest bleiben die Abgeordneten der Partei von Sam Rainsy den Parlamentssitzungen fern. Die verbleibenden Ratsmitglieder kümmern sich nicht darum und haben Hun Sen als Staatschef bestätigt.
Seither finden jede Woche Demonstrationen zu Gunsten von Sam Rainsy statt. Gewaltsame Zusammenstösse mit Polizei und Militär haben Todesopfer gefordert. Vermittlungsversuche von König Norodom Sihamoni sind gescheitert und Sam Rainsy hat die UNO vergeblich um eine Intervention gebeten.
Wir selber haben während unseres Aufenthaltes in Kambodscha kaum etwas von den Unruhen bemerkt.
Die HOPE FOR ALL Clinic ist im Wandel
Im Sommer 1998 wurde am Stadtrand von Phnom Penh die HOPE FOR ALL Clinic eröffnet. Ein Arzt, ein Zahnarzt, zwei Krankenschwestern und zwei Helfer begannen mit der Versorgung der meist sehr bedürftigen Menschen aus der Umgebung.
Die erste Einrichtung der Clinic bestand aus gebrauchten Geräten und Instrumenten von Schweizer Spitälern und Arztpraxen, die wir nach Kambodscha transportieren liessen.
Aus bescheidenen Anfängen entstand ein modernes Zentrum mit einer Arztpraxis und vier zahn-ärztlichen Behandlungsplätzen, die den Vergleich mit hiesigen Zahnarztpraxen nicht zu scheuen brauchen. Vor drei Jahren wurde die Clinic ein selbstständiges Unternehmen mit einem Dutzend ausschliesslich einheimischen Mitarbeitern. Der Verein HOPE FOR ALL sorgt dafür, dass bedürftige Patienten weiterhin umsonst behandelt werden und übernimmt die anfallenden Kosten.
Dank ihres guten Rufes werden die Zahnärzte der Clinic auch von betuchten Patienten aus der Hauptstadt aufgesucht. Ihr Behandlungshonorar trägt wesentlich zur Verbesserung der Betriebsrechnung der Clinic bei.
Die HOPE FOR ALL Clinic dient zugleich als Praktikums-Stelle für drei angehende Zahnärzte, die an der Universität von Phnom Penh studieren. Eine Schweizer Firma richtet ihnen Stipendien aus.
Als die Clinic vor 15 Jahren eröffnet wurde, existierten in der Umgebung keine anderen medizini-schen Einrichtungen. Heute bieten weitere Institutionen kostenlose Behandlungen an und das etwa drei Kilometer entfernte staatliche "Sihanouk Hospital" betreibt eine gute Poliklinik. Dies zeigt Auswirkungen auf die Patientenzahlen unserer Clinic. Während die Zahnärzte fast überrannt werden, haben die ärztlichen Konsultationen stark abgenommen. Manche Patienten nutzen die Wartezeit auf die Zahnbehandlung für einen unnötigen Arztbesuch und ergattern Medikamente, die sie bei nächster Gelegenheit verkaufen.
Der Arzt der Clinic hat das Pensionsalter erreicht. Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, ihn nicht zu ersetzen und uns auf Zahnbehandlungen zu konzentrieren, für die ein ungleich grösseres Bedürfnis besteht.
Armut und bewegende Schicksale
Zusammen mit dem einheimischen Leiter des Sponsoring-Programms haben wir einen Teil der 80 Kinder besucht, die dank dem Sponsoring-Programm von HOPE FOR ALL die Schule besuchen können. Die Kinder wohnen oft bei einer Grossmutter oder bei Nachbarn, weil ihre Eltern an AIDS gestorben sind oder weil sich ihre Eltern ohne ihren Nachwuchs an einem andern Ort niedergelassen haben.
Wir sahen unglaubliche Armut. Die Menschen hausen in notdürftigen Verschlägen aus Holz, Blech, Karton und Tüchern. Viele haben ihre letzte Habe verloren, als im vergangenen Sommer der Mekong über die Ufer trat und ganze Quartiere unter Wasser setzte.
Vor vier Jahren trafen wir in den Slums auf ein 3-jähriges Zwillingspaar, das sich auf der Strasse herumtrieb. Ihre alleinstehende Mutter war als Abfallsammlerin unterwegs. Wir wollten der Frau einen Platz vermitteln, wo sie mit ihren Kindern wohnen und einen Beruf erlernen könnte, doch sie lehnte ab. Sie tat sich mit einem neuen Partner zusammen und gebar in kurzer Folge zwei weitere Kinder. Der Mann entpuppte sich als Säufer, der die Kinder verprügelte.
Vor einem Jahr ist die Frau tödlich verunfallt und ihr Partner hat sich abgesetzt. Jetzt leben die vier Geschwister bei Verwandten. Diese sind selber bettelarm und werden von HOPE FOR ALL regelmässig unterstützt.
Die Zwillinge wurden von ihrem „Stiefvater“ geschlagen | Zusammen mit ihren jüngeren Brüderchen und einem Nachbarskind nehmen sie Abschied von ihrer toten Mutter
Die kleinen Geschwister der Zwillinge wohnen jetzt hier bei einem Onkel
Neue Aufgaben für das Sponsoring-Programm
Wenn Kinder aus dem Sponsoring-Programm nach der obligatorischen Schulzeit fähig und willens sind, eine höhere Schule oder die Universität zu besuchen oder einen Beruf zu erlernen, werden sie von uns weiter unterstützt. Wir haben unsere Beziehung zur „Don Bosco Technical School“ vertieft und diese vorbildliche Institution mit einer Zuwendung bedacht.
Hochwasser
Im Spätsommer trat der Mekong über die Ufer und überschwemmte grosse Teile von Kambodscha. Mehr als dreissig Menschen sind ertrunken. Besonders betroffen wurden wieder die Ärmsten, die in tiefer gelegenen Gegenden wohnen und sich keine Häuser auf Pfählen leisten können. Der Leiter des Sponsoring-Programms hat uns erschütternde Bilder geschickt.
Opfer des Hochwassers retten ihre letzte Habe und betteln jetzt in der Stadt um etwas Nahrung
Viele Kinder aus dem Sponsoring-Programm leben in einer solchen Umgebung