Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/1914

Eine Auferstandene
Görlitz. Östlichste Stadt Deutschlands. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine zweigeteilte Stadt. Am westlichen Ufer der Neisse die deutsche Stadt Görlitz. Am östlichen Ufer des Flusses die polnische Stadt Zgorzelec. Meine Mutter hat ihre Kindheit und frühe Jugend in dieser Stadt verbracht. Als ich ihr vor bald zwanzig Jahren erzählte, dass ich die dortige Bibliothek besuchen werde, erinnerte sie sich an das grosse Haus nahe der Lutherkirche, das sie mit dem Kindermädchen regelmässig aufsuchte und erzählte, dass in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts in der Zeit der Wirtschaftskrise die Not in der Stadt so gross gewesen sei, dass der geheizte Lesesaal winters eine Stätte der Zuflucht geworden war und die bequemen Armlehnstühle noch um weitere aus der Stadthalle entliehene Gartenstühle vermehrt werden mussten, um all den Menschen Platz zu bieten, die tagsüber Wärme und Lektüre suchten.
Als ich damals im Jahr 2002 die Görlitzer Stadtbibliothek zum ersten Mal aufsuchte, war ich von der Grösse des Gebäudes überrascht und erschrocken über den baulichen Zustand. Die grosse Lesehalle mit ihren vierzehn hohen Fenstern und mit ihrem Tonnengewölbe im zweiten Stockwerk, das in die dritte Etage hinaufreicht, wirkte düster, ihre Dimension war auf alten Photos zu sehen aber vor Ort kaum mehr zu erleben. Zwei grossflächige Ölgemälde an der Stirnfront des Lesesaals aus der Zeit der Eröffnung zeigten Bibliotheksszenen: Eine mittelalterliche Klosterbibliothek und einen einst neuzeitlichen Lesesaal, wirkten damals ausgebleicht. Dringend musste das hohe Gewölbe saniert werden, die ehemals in festlichem Gelb und Violett getönte Decke war grau und rissig, an einzelnen Stellen wies sie schmutzig-feuchte Flecken auf.
Welch‘ eine Überraschung 18 Jahre später beim zweiten Besuch der Bibliothek. Der Eingang zur Bibliothek ist verlegt worden. Das Haus verfügt über einen Personenaufzug. Eine moderne helle Schalterhalle im Erdgeschoss. Die schöne Fassade des Gebäudes mit ihrer eigenwilligen Jugendstilschrift ist renoviert worden und leuchtet in der Sonne. Die Decke des sorgfältig renovierten Lesesaals zieren 242 Pfauenaugen. Die beiden Wandgemälde sind aufgefrischt worden. Der Lesesaal wirkt grosszügig, die Wände leuchten in hellem Gelb, der Saal ist lichtdurchflutet. Rundum an den Wänden und unter den grossen Fenstern stehen die Belletristik-Bücherregale mit ihren rund 20 000 Bänden und zwischen den Lesetischen sind weitere Regale. Modernes Holzmobiliar und eine gute Beleuchtung haben einen Jahrhundertwenderaum vollkommen verändert. Verliess man noch vor bald zwanzig Jahren gerne diesen etwas müffeligen Raum wieder, strahlt er nach der umfassenden Renovation eine Wärme aus. Hier ist wohllesen!
Eine Überraschung ist der Erweiterungsbau nebenan. Das in der Region domizilierte Architekturbüro Schmidt & Schindler hat die Dachform des alten Bibliotheksgebäudes in eine neue Sprache übersetzt. Die strahlend weisse Erweiterung ist ein moderner Stahlbetonbau mit elliptischem Tonnendach. Quartzgraues Titanzink, welches das Dach und die Hausfassade miteinander verbindet, bekleidet die ovale Gebäudehülle. Der Erweiterungsanbau spricht eine eigene Form- und Farbsprache. Er fällt auf im Gründerzeitgebiet der Stadt in der langen und einheitlichen Häuserzeile der Jochmannstrasse und macht den Schnitt zwischen Architekturepoche des beginnenden 20. Jahrhunderts und des 21. Jahrhunderts.
In den obersten zwei Stockwerken des Anbaus wurde eine Kinderbibliothek untergebracht, die dank einer Treppenführung so angelegt ist, dass der naturgemäss lautere Bibliotheksbetrieb der Jüngeren, die Ruhe im Lesesaal und in der Erwachsenenbibliothek nicht stört. Der oberste Raum des Anbaus besticht durch seine Kuppel. Hier trifft man sich zum Spielen, Schmökern, Vorlesen, Erzählen. Im Anbau befindet sich auch ein Zeitungs- und Zeitschriftensaal mit mehreren Computern. Die Gestelle im ehemaligen Büchermagazin der Bibliothek, aus dem früher die Bibliotheksangestellten die verlangten Bücher holten, und an die Ausleihtheke brachten, wurden belassen und sind mit der Renovation des Hauses zu einer modernen Freihandbibliothek der Sach- und Fachliteratur geworden, die man auf zwei Ebenen begehen kann.
Die Eisenkonstruktion der Regalanlage wurde denkmalgerecht saniert. Die Regalanlage besticht durch ihre Eleganz und dient auch als Bildergalerie. Im Veranstaltungsraum im neuen Gebäudeteil mit bis zu 80 Plätzen und einer abtrennbaren Küche finden regelmässig Lesungen und Diskussionsveranstaltungen statt.
Was die Görlitzer Stadtbibliothek noch auszeichnet? Die zweisprachigen Bücher für Kinder und Jugendliche: In Görlitz, der zweigeteilten Stadt, leben mehrere Hundert polnische Staatsangehörige. Deren Kinder wachsen zweisprachig auf.
Ines Thoermer, Leiterin der Bibliothek, zeigt diese zweisprachigen Bücher besonders gerne. Eine Besonderheit gewiss auch der Raum mit den Klassensätzen: Lehrpersonen können hier für ihren Unterricht bis zu 30 Exemplare eines Buches beziehen, die in der Schule eingesetzt werden können. Dem Thema Kinderbücher ist die Görlitzer Bibliothek seit je her sehr verbunden, war sie doch eine der ersten Bibliotheken Deutschlands, die eine eigene Kinderbibliothek aufwies. Die früher so schöne Bibliothek, die in den letzten Jahren der DDR und nach der Wende baulich vernachlässigt wurde, ist dank der Sanierung des 1907 errichteten Hauptbaus und mit dem Anbau und der Erweiterung neu entstanden und kann sich mit Stolz sehen lassen.
Prosperierender Ort
Geschichtsträchtig. Modern. Aktiv. Offen. Magnetisch. – Vielleicht sind das die Kennzeichen der Görlitzer Stadtbibliothek. Sie steht seit über 100 Jahren an der Jochmannstrasse. Und gerade zum 100. Geburtstag konnte eine Erweiterung des altehrwürdigen Baus eingeweiht werden. Heute ist der Eingang im neuen Teil des Hauses.
Durch einen bescheidenen Eingang geht es hinein in die Bibliothek. Alles hell, weiss. Zur Rechten die Infotheke, wo eine ganze Schlange Menschen, junge und alte anstehen, um ihre Medien zurückzugeben. Zur Linken die Schliessfächer und die Garderobe. Geradeaus ein Treppenhaus.
Es herrsche gerade Hochbetrieb, sagt uns Ines Thoermer, die Leiterin der Bibliothek. Es ist Samstag und alle gehen davon aus, dass der Lockdown wegen der Sars-CoVid-2-Pandemie kommen wird. Am Vortag hätten Familien ganze Einkaufswagen voller Bücher, DVDs, Musik-CDs und Spiele abgeholt, erzählt Ines Thoermer. Das ist durchaus verständlich, sind doch solche Güter wie Nahrung, ohne die das Leben nicht schön ist.
Der Neubau hat viel zu diskutieren gegeben. Beispielsweise bestand der Wunsch, einen Raum für Veranstaltungen zu erhalten. Nur, wo sollte der sein? Im Erdgeschoss, dort, wo jetzt der Empfang steht? Eine geniale Lösung entwickelten die Architekten Schmidt & Schindler aus Görlitz. Da die Räume des Anbaus entsprechend den Etagen des Altbaus sehr hoch ausfielen, schlugen sie vor, einen Zwischenboden, der einen Teil des Eingangsbereichs überdeckt einzuziehen, und dort einen Veranstaltungsraum für etwa 80 Personen zu schaffen. Die „Galerie” besitzt an der Längsseite zur Eingangshalle ein grosses Fenster, das motorisch geöffnet werden kann, wenn keine Veranstaltung stattfindet. In diesem Raum, so Ines Thoermer, treffen sich Schulklassen, wird an Projekten gearbeitet, zu Lesungen eingeladen oder findet eine Vereinsversammlung statt. Hinter einer Faltwand steht eine kleine Küche. Die Raummiete ist sehr moderat, gerade einmal 60 Euro für einen Tag mit der vollen Infrastruktur, zu der Tische und Stühle, die Küche mit Ausstattung, ein Beamer, eine Leinwand und WLAN gehören. Für ein privates Fest steht der Raum nicht zur Verfügung. Denn hier soll quasi das Motto der Bibliothek gepflegt werden: Wissen schaffen.
Sachthemen belegen weitgehend den ersten Stock im Neubau: Zeitschriften und Zeitungen, Musikalien und Comics für Erwachsene. Ein Gestell ist mit „Thema des Monats” angeschrieben. Es geht um Handarbeiten. Passend dazu die entsprechenden Bücher und in einer Vitrine sehr schöne Handarbeiten. Und wer Lust hat, weiter zu stöbern, der ist eingeladen bei den Sachbüchern vorbeizugehen.
Durch eine hohe Türe erreicht man diesen Raum, wo die vielen Themen versammelt sind. Er liegt im Altbau und war ursprünglich wohl das Herz der Bibliothek: Die zweistöckig angelegte Magazinanlage, die aus metallenen Regalstützen und hölzernen Tablaren besteht. Alle Infrastruktur dort stammt aus dem Jahr 1907. Sie wurde damals weitsichtig und grosszügig geplant. Robert Lipmann aus Strassburg lieferte die Anlage.
Der grösste Umbau im alten Haus fand denn auch an dieser Stelle statt. Die Lipmann’schen Gestelle hatten nämlich eine statische Funktion, denn sie stützten die Decke, die auch Boden für den darüber liegenden Lesesaal war. Um einen Verbindungsgang zwischen den beiden Gebäuden zu ermöglichen wurde die Decke als tragende Stahlbetondecke erneuert und Stahlbetonstützen eingebaut. Danach konnten drei Regaljoche entfernt werden.
Eine Treppe führt hinauf zur mächtigen Lesehalle, wie sie aussen auf dem Haus seit der Gründungszeit schon angekündigt ist: Volksbibliothek und Lesehalle. Das Wort Halle trifft den Eindruck des Raums genau. Sehr hoch, Tonnengewölbe, grosse Fenster in der Form des Jugendstils. Ein goldener Schein von den gelb gestrichenen Wänden. Sogar die historische Bemalung konnte dank Fotos aus dem Archiv von Robert Scholz, der bis 1926 gelebt hat, und Funden unter den Farbschichten wieder hergestellt werden. 242 Pfauenaugen zieren die Decke und schauen herab auf die Besucherinnen und Besucher, die historischen Bücherregale den Wänden entlang, die mit den Gestellen im Raum über 20’000 Bände der Belletristik fassen und die modernen Tische mit Informatikmitteln. Die eine Stirnseite des Saals trägt das Stadtwappen von Görlitz, die andere zwei während Jahrzehnten auf dem Dachboden gelagerte Ölgemälde des Düsseldorfer Malers Franz Kiederich. Diese Gemälde wurden zur Bibliothekseröffnung am 28. Februar 1907 erstellt und zeigen eine Klosterbibliothek und einen modernen Lesesaal am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Görlitzer Stadtbibliothek eröffnete als eine der ersten in Deutschland 1913 eine Kinderabteilung und 1915 sogar einen Jugendlesesaal. Der Ansturm sei damals so gross gewesen, dass das für den Direktor und Professoren reservierte Zimmer freigegeben wurde, erzählt Ines Thoermer. Es herrschte ein straffes Regime und wegen dem geringen Bestand war dieser Bibliotheksteil nur einmal in der Woche offen und es durfte pro Kind nur ein Buch ausgeliehen werden. Die beiden Abteilungen befinden sich heute im Neubau. Unter dem als Tonnengewölbe gestalteten Dach haben die Kinder ihr Reich. Dank den um den Gewölbebogen laufenden Fenster ist der Raum von Licht durchflutet. Da sich dieser Bibliotheksbereich fernab der Erwachsenen befindet, ist er zur Sicherheit ständig durch Bibliotheksangestellte bewacht. Die Jugendbibliothek befindet sich ein Stockwerk tiefer. Die Bibliothek engagiert sich stark in den Schulen. Es gibt für jede Altersstufe Klassensätze ausgewählter Werke und Medien und Themenboxen von B wie Berufe bis Z wie Zirkus. Diese für Schulen bestimmten Medien schicken sie auch aufs Land. Cornelia Gramatté, die Verantwortliche für die schulbibliothekarische Arbeit, ist stolz auf diesen Service. Und sie sagt, dass weder Bautzen noch Zittau so etwas habe. Ebenfalls biete sie eine sehr beliebte und oft genutzte Sprachlern-App an, sagt Ines Thoermer. Weiter ist die Bibliothek Mitglied beim Streamingdienst „Freegal”. Das Wort ist ein Zusammenzug aus „Free” und „legal”. In der Schweiz bieten diesen Service gerade einmal 15 Bibliotheken an.
Der Bibliotheksbestand wurde durch die Geschichte stark verändert. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde alles Sozialistisch-Marxistische und Jüdische verbrannt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde alles Militärische und Nazistische entfernt. „Buchprüfungskolonnen” hätten nicht nur die Bibliotheken durchforstet, sondern auch Privathaushalte, sagt Ines Thoermer. Es gibt noch Bücher aus der Gründungszeit, die mit Stempeln die „Kontrollgeschichte” belegen. Heute prägt grosse Offenheit die Anschaffungspolitik. 5000 bis 6000 Medien kommen pro Jahr hinzu. Das erlaubt beispielsweise wöchentliche Ergänzungen in der Kinderbibliothek.
Die Statistik der Bibliothek weist 2019 mehr als 110 000 Besucherinnen und Besucher aus. Über Internet waren es fast 220 000. Sie haben über 313 000 Entleihen getätigt. Davon etwa 150 000 Bücher und Zeitschriften und gut 146 000 audio- audiovisuelle und sonstige Medien.
Vieles, was hier notiert ist, erzählte uns Ines Thoermer in ihrem Büro. Es ist ein sehr schönes und spezielles, denn es liegt in der ehemaligen Wohnung des Bibliothekars. Waren das Zeiten!