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Beim täglichen Ausführen des Hundes im nahen Wald, ist mir vor längerer Zeit eine Frau mit Kinderwagen entgegengekommen. Bevor wir uns kreuzten, fragte das Kind im Wagen: «Maman, c’est une femme ou un homme?» Die Mutter antwortete, ich sei eine Frau. Und als ich schon vorbeigelaufen war, hörte ich das Kind fragen: «Pourquoi?»
Das Dilemma bezüglich meines Geschlechts im Erstkontakt mit unbekannten Personen zieht sich durch mein ganzes Erwachsenenleben durch, unabhängig von meinem äusseren Aussehen: lange Haare oder kurze, Rock oder Hosen, schwanger oder nicht, mit oder ohne Maske. Es wird im Französischen, erste Sprache meines Arbeitens und meines Lebensraumes, wo eine fremde Person mit dem Geschlecht angesprochen wird, besonders klar: «Bonjour Monsieur» ist eine regelmässige Anrede, die ich hören muss. Und sie hat mich lange verletzt und wütend gemacht. Es gibt auch Personen, die direkt «Bonjour Madame» sagen, was mich jeweils mit Freude erfüllt, da ich mich in meinem So-sein erkannt fühle!
Entstehung von Denkmustern
Wie die Mutter meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht erklärt hat, habe ich nicht mehr gehört. Das Kind wird deren Antwort auf seine Frage, seine Wahrnehmung von meiner Person und anderer, die ebenfalls von seiner Umgebung als «Frau» bezeichnet werden, aufnehmen und langsam ein allgemeines mentales Modell des Begriffs «Frau» aufbauen. Dieses Modell wird über die Jahre mit persönlich wahrgenommenen Informationen aus der Aussenwelt, Begegnungen, Erlebnissen und Geschichten angereichert und erlaubt uns oft die automatische und zumeist treffende Wortwahl im Austausch mit einer anderen Person. Dieser Aufbau von abstrakten Denkmustern oder mentalen Modellen eines Objekts, die ganz unterschiedliche Visionen der umgebenden Welt in einem Wort wiedergeben, betrifft natürlich nicht nur das gedachte Modell «Frau», sondern eine grosse Vielzahl von solchen, wie «Mann», «Kind», aber auch Raum, Zeit, Arbeit, Interaktion und viele andere Themen. Der Aufbau von mentalen Bildern im menschlichen Hirn verläuft über das gesprochene Wort. Sie sind gefüllt mit Bildern, Emotionen und Erinnerungen, sowohl persönlicher Natur, aber auch solcher, die vom sozialen Umfeld und der umgebenden Kultur vorgegeben werden.
Wichtig ist hier, dass diese Muster von einer grossen Anzahl von verarbeiteten Informationen genährt werden, die dem bewussten Denken nicht zur Verfügung stehen. Einerseits kann unser bewusstes Denken gar nicht so viel verarbeiten, wie wir erleben und zum anderen entstehen diese mentalen Bilder und Modelle schon bevor das abstrakte Denken einsetzt, was erst in der Pubertät passiert. Dieses würde auch das Denken über die eigenen internen Prozesse erlauben und somit die Hinterfragung von mentalen Denkmustern. Dazu kommt es jedoch fast nie, weil uns dazu die Zeit oder das Interesse fehlt, damit wir ständig Neues lernen oder anderen wichtigen Beschäftigungen nachgehen müssen. So begnügen wir uns, aus unserem Erlebnisschatz zu schöpfen, um uns mit anderen Personen im Alltag und bei der Arbeit auszutauschen. Mit ein bisschen Glück und ohne eine Frage zu stellen, wie das Kind im Wagen es getan hat, finden wir die treffenden Worte, um ein gegenseitiges Verständnis herzustellen.
Stolperstein im Alltag oder bei der Arbeit
Oftmals kreiert das unreflektierte Zurückgreifen auf persönliche mentale Modelle jedoch grosse Missverständnisse.
Schon wenn wir mit einer Person in einer anderen Sprache sprechen, wie das in vielen Unternehmen und Verwaltungen der Schweiz mit ihren drei offiziellen Landessprachen oft vorkommt, begeben wir uns auf Glatteis. Wir mögen zwar, mehr oder minder, die Worte, der unser im Moment aktiven mentalen Modelle in der anderen Sprache kennen und aussprechen können. Was wissen wir von den mentalen Modellen, die die andere Sprache im Gehirn der anderen Person generiert? Meist reichlich wenig, da wir uns nicht nach den mentalen Mustern erkundigen, die durch die andere Sprache generiert werden. Das macht auch den Unterschied zwischen Zweisprachigkeit und interkultureller Kompetenz aus.
Lera Boroditsky, Professorin für kognitive Wissenschaften an der University of California in San Diego beschreibt wie mehrere Gruppen von Aborigines in Nordaustralien sich für die räumliche Einordnung von Personen oder Gegenständen der Himmelsrichtungen bedienen. Das lautet etwa so: «Reich mir das Buch das nordöstlich Deiner Hand liegt.» oder «Beim Essen sass ich südlich von meiner Kollegin.» Was so viel bedeutet, dass aufgrund der Sprachstruktur diese Völkergruppen lernen müssen, ständig die Orientierung in Bezug auf die Himmelsrichtungen zu kennen, auch wenn sie sich an unbekannten Orten aufhalten. Personen, die mit ihnen interagieren, müssen dies ebenfalls, auch wenn sie aus einer anderen Kultur stammen. Nur so ist ein gemeinsames Verständnis möglich.
Personen, die Mandarin sprechen, definieren die Zeit vertikal und nicht wie im Deutschen horizontal. Nicht «nächstes Jahr wird alles besser», sondern «im unteren Jahr wird alles besser». Auch das Geschlecht eines Wortes hat Auswirkungen darauf, wie Versuchspersonen den Begriff beschreiben. Auf Deutsch ist die Brücke weiblich, auf Spanisch, Italienisch oder Französisch ist sie männlichen Geschlechts. Deutschsprechende beschrieben die Brücke als «schön», «elegant», «zierlich», «hübsch», «friedlich» und «schlank». Spanischsprechende brauchten Wörter wie «gross», «gefährlich», «lang», «kräftig», «solide» und «aufragend». Was vielleicht auch erklärt, weshalb im Französischen und im Italienischen, um nur von unseren Nationalsprachen zu sprechen, der Terminus für «Mensch» und das entsprechende mentale Modell «Mann» ist. Wenn ich bei Aussagen, die mit «L’homme est….» beginnen, sage, ich sei nicht betroffen, dann löse ich jeweils ein ratloses Stocken in der Rede aus, besonders bei Männern.
Ich weiss noch immer nicht, was an meinem Auftreten in einem ersten Moment, immer wieder das mentale Modell «Mann» aktiviert. Aber man kann zusammenfassend sagen, dass die Strategie des kleinen Jungen im Kinderwagen, nämlich eine Frage zu stellen, wenn man etwas nicht weiss und nicht einfach automatisch den anderen in Funktion des eigenen mentalen Modells einzuordnen, eine gute ist. Sie verhindert Verletzungen sowie Missverständnisse und drückt gleichzeitig wertschätzendes Interesse für den Interaktionspartner aus. Wenn man im Gespräch immer wieder bei ähnlichen Themen aneckt, unterbrochen oder korrigiert wird, kann man sich auch mal Zeit nehmen und sich fragen, was die eigenen mentalen Modelle sind, die dieses Anecken auslösen und seine Wortwahl danach anpassen.
Wenn man nun die viel grössere Anzahl von männlichen Generika im letzten Abschnitt im Vergleich zum Rest des Textes nicht bemerkt hat, kann man schon mal mit dem Thema anfangen.
Claudia Buol
Lic.phil Psychologin
Mitglied der Geschäftsleitung
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