Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03607.jsonl.gz/1151

(Was die Aussprache des Vornamens unseres Autors betrifft, und seine berufliche Stellung, so bitte ich, dies nachzuschlagen in meinem kleinen Bericht über die Lesung aus dem vorliegenden Büchlein, die der Autor im Rahmen des Literaturfestivals «Zürich liest ’19» gehalten hat.)
Leo Jud trifft Hugo Ball ist der Abschluss einer kleinen Trilogie über bekannte Reformatoren, die Greminger fürs Reformationsjahr 2019 verfasst hat. Mit dem Reformationsjahr feierten die evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz das 500-jährige Jubiläum der Reformation in der Schweiz. Die beiden anderen Texte beschäftigten sich mit Calvin und Castellio sowie Luther und Erasmus. Das Prinzip ist offenbar immer dasselbe: Greminger stellt ein Totengespräch auf zwischen einem Reformator und dem bekanntesten seiner Antagonisten. Nach dem Genfer und dem deutschen Reformator sollte offenbar ein Zürcher den Schlussstein bilden. Warum die Wahl Gremingers nicht auf Zwingli selber fiel, entzieht sich meiner Kenntnis.
Er entschied sich nämlich für Leo Jud, genannt „Meister Leu“ (Meister Löwe). Der war auf Umwegen (sein Großvater war noch ein jüdischer Arzt im Elsass) als zunächst noch katholischer Pfarrer in die Schweiz, schließlich nach Zürich, gekommen, hatte sich mit Zwingli befreundet und teilte dessen reformatorischen Eifer. Er war – laut Greminger – so etwas wie der intellektuelle Kopf der Reformation, während Zwingli die politisch-exekutive Seite der Bewegung darstellte. Beide verehrten sie Erasmus, beide waren sie enttäuscht, dass der sich – wenn schon nicht auf die Seite Luthers – nicht auf ihre in theologicis manchmal etwas gemäßigtere Position einlassen wollte. Jud war es auch, der viel übersetzte – aus dem Lateinischen ins Deutsche, manchmal umgekehrt. Neben einigen Werken und Briefen von Luther wie von Erasmus, war es vor allem die Bibel, die er zusammen mit Zwingli energisch in Angriff nahm. (Tatsächlich erschien die Zürcher Übersetzung, die man heute allgemein die Zwingli-Bibel nennt, obwohl später begonnen, noch zwei Jahre vor derjenigen Luthers!) Als führender Intellektueller war es auch Jud, der veranlasste, dass in allen reformierten Kirchen der Stadt Zürich Bilder und Statuen aus den heiligen Hallen entfernt bzw. übermalt wurden.
Wen aber sollte Greminger nun Leo Jud entgegenstellen? Von den Zeitgenossen eignete sich keiner, weil in Zürich – ein paar Täufer ausgenommen – keine wirkliche Gegenströmung gegen die Reformation zu finden war. Deshalb verfiel Greminger auf die Idee, dem Bilderstürmer Jud den Dadaisten und Dekonstruktivisten des Worts (also, in Greminger Formulierung, den Wörterstürmer) Hugo Ball entgegen zu setzen. Immerhin hatte Dada seine ganz grosse Zeit auch in Zürich erlebt, hatte Ball auch eine Zeitlang dort gelebt.
Nun also ist Leo Jud seit 500 Jahren im Fegefeuer. (Und dies, obwohl die reformierte Kirche in ihrem Dogma das Fegefeuer gar nicht anerkennt!) Das Fegefeuer entspricht dem Läuterungsberg Dantes; Hugo Ball, der dort auf Leo Jud trifft, ist zugleich Dantes Vergil und der Teufel, der den Reformatoren piesackt. Die Voraussetzung für ein gleichermaßen witziges wie informatives Gespräch wäre also durchaus gegeben gewesen, zumal ja der spätere Ball wieder in den Schoß der katholischen Mutter-Kirche zurückkehren sollte, die er in seiner Dada-Zeit verleugnet hatte.
Leider verpasst der Autor seine Chance. Es wird nie ganz klar, weshalb nun ausgerechnet Hugo Ball der Antagonist Juds sein sollte – die paar Mal, in denen das Gegensatzpaar „Bilderstürmer – Wörterstürmer“ evoziert wird, reichen nicht. Es dauert lange, bis der große Vorwurf, den der Autor Leo Jud macht, im Text an den Tag tritt. Der Grund nämlich, warum Jud ins – seiner Theologie nach nicht existierende – Fegefeuer kommt, liegt darin, dass er, spätestens nach Zwinglis Tod, nichts dafür unternahm, dass der reformatorisch-revolutionäre und in seinem Grunde sinnenfreudige Geist, der dem Aufstand gegen Rom inne gewohnt hatte, weiter leben und wirken durfte. Jud, der unter Zwingli die Nummer Zwei der Zürcher Reformation gewesen war, blieb dies auch nach dem Tod des Freundes. Er wollte nicht nur nicht dessen Nachfolge antreten, er trat auch öffentlich dafür ein, dass dieses Amt an Heinrich Bullinger überging. Spätestens Bullinger, so der Autor, habe aus einer fröhlichen Bewegung eine ernst-verkrampfte gemacht; eine staatstragende, und für Jahrhunderte eine obrigkeitshörige Zürcher Kirche gestaltet; eine im Grunde genommen lebensfeindliche Institution, die in ihrer Despotie der katholischen in nichts nachstand.
Es ist diese fröhliche-anarchische Seite, die Ball den Dadaisten mit Ball dem Katholiken vereint, und die Jud in seinem Leben und in seinen Taten zusehends abging. Das Fegefeuer sollte dazu dienen, ihm den Genuss wieder zu geben. Die Freude am Schönen wird zum Guten – Ästhetik zur Ethik.
Soweit der Text und seine Botschaft, wie ich sie jedenfalls verstanden zu haben glaube. Der Text selber besteht aus erzählenden Abschnitten, meist Leo Juds Leben betreffend, manchmal auch das Hugo Balls. Dazwischen Gespräche der beiden. Hier nun stößt Greminger als Schriftsteller an seine Grenzen. Die Dialoge sind ungelenk. Außer, dass Ball an ein paar Stellen dadaistisches Wortgeklingel von sich gibt, können die beiden Figuren – die immerhin einige Jahrhunderte voneinander trennen! – in ihrer Sprache nicht voneinander unterschieden werden. Der von Nietzsche beeinflusste Dadaist Ball redet ähnlich trocken und hölzern wie der an Erasmus geschulte Humanist Jud. Da hilft es auch nicht mehr, Paracelsus als den Leibarzt Juds ins Spiel zu bringen, einen Besuch Balls bei Hermann Hesse im Tessin, Byzanz, Friedrich Glauser oder Diogenes in der Tonne. Und wenn der Autor beide, Jud wie Ball, trotz der Kritik am Bildersturm die heutige Jugend dafür an den Pranger stellen lässt, dass sie nur noch bunte Bildchen im Smartphone angucke, zeigt sich da nur noch einmal mehr die technik-feindliche Haltung, die so viele sich liberal nennende Intellektuelle des 21. Jahrhunderts so gerne vorzeigen. Das wäre nicht nötig gewesen, hat im Text auch keine eigentliche Funktion.
Wäre ich Lehrer an einer Schule, und dieses Büchlein der Aufsatz eines Schülers, so würde ich für die Grundidee die Bestnote geben. Für die Ausführung dann allenfalls ein ‘Genügend’.
Ueli Greminger: Leo Jud trifft Hugo Ball. Die Zürcher Reformation im Fegefeuer des Dada. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2019

Zum Hören: