Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/1510

Soziale Frage wälzt Gesellschaft und Kirche um
Mit dem späten 18. Jahrhundert veränderten sich die Lebensverhältnisse grundlegend. Die Industrialisierung hatte sich über die grössten Teile Europas ausgebreitet. Technische Erfindungen wie die Dampfmaschine und der Antrieb mit Wasserkraft prägten nun eine vorher landwirtschaftlich und handwerklich orientierte Gesellschaft. Die Menschen zogen in die Stadt, um in Fabriken ihren Broterwerb zu verdienen. Durch rasantes Bevölkerungswachstum wohnten Menschen auf engem Raum und dies verursachte soziale Unsicherheit. Der Weltverkehr erschloss die Erde. Die Naturwissenschaften nahmen ihren Aufschwung. In der Schweiz siedelten sich Industrien entlang von Flüssen an. Die Urbanisierung verlief etwas abgeschwächt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.
Ideelle Grundrichtungen
Die Bewältigung des sozialen Umbruchs ging einher mit neuen Versuchen, die Welt zu erklären. In den verschiedensten Formen versuchte man den Atheismus zu begründen: Ludwig Feuerbach, der Radikalste unter den Kritikern, wollte den Menschen vom Gottesglauben befreien. Der pessimistische Arthur Schopenhauer suchte den Atheismus im Willen des Menschen zu manifestieren. Friedrich Nitzsche favorisierte in seiner «Gott ist tot»-Philosophie ein von Gott emanzipiertes menschliches Dasein. Karl Marx entwickelte das politische Konzept des klassenlosen Kommunismus. Mit seiner Kritik «Religion ist Opium fürs Volk» wies er das Christentum mit Schärfe zurück. Insofern stellt das 19. Jahrhundert eine Wende vom Geist zur Materie dar.
Die Rolle der Kirchen
Der radikale Umsturz der Lebensbedingungen führte dazu, dass die Kirchen der Industrialisierung anfangs hilflos und zögerlich gegenüber standen. In der sich rasant expandierenden Industriegesellschaft versuchtendie Kirchen den Umbruch sozial zu bewältigen. In Deutschland war es Johann Hinrich Wichern, der Begründer der «Inneren Mission», der eine neue christliche Ethik ins Auge fasste. Wichern gründete basierend auf einer sozialdiakonischen Haltung in Hamburg das «Rauhe Haus», ein Heim für obdachlose Kinder. Hinwendung zu den Armen und Benachteiligten war für Wichern gelebte Christusnachfolge. Auf katholischer Seite ist Adolf Kolping als Vordenker zu nennen. Er setzte sich zunächst mit der konkreten Lebenssituation der Menschen auseinander und motivierte zu einem Gesinnungswandel des Menschen. Das christliche Sozialethos von der individuellen Seelsorge übertrug er auf den gesellschaftlichen Bereich. Das Mittel dazu war christliche Bildungs- und Sozialarbeit. Wichern hatte mit der «Inneren Mission» und Kolping mit seinem Einsatz für die Armen die Kirchen nur teilweise hinter sich.
Die soziale Frage und der Schweizer Protestantismus
Die Auseinandersetzung der Schweizer Protestanten mit der sozialen Frage erfolgte aufgrund der organisatorischen und theologischen Vielfalt uneinheitlich. Der Protestantismus war wie der Bundesstaat föderalistisch organisiert; ebenso war die Verbindung von Kirche und Staat in den einzelnen Kantonen sehr unterschiedlich. Marcel Köppli bezieht sich in seinem 2012 erschienen Buch «Protestantische Unternehmer in der Schweiz des 19. Jahrhunderts» auf drei sozialpolitische Haltungen: die Zürcher Kirche, die Schweizerische Predigergesellschaft und die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft.
Diskussionen in Zürich
Der Zürcher Theologieprofessor Johann Peter Lange (1802-1884) deutete die verarmte Situation vieler Menschen als Folge der Sünde und als prophetische Erscheinung, die die Menschen zur Umkehr rufe. Die Kirchen müssten sich mit dieser sozialen Situation auseinandersetzen. Als Vorschläge unterbreitete er unter anderem: die Stärkung der Eigentumsrechte, die Auswanderung grosser Bevölkerungsgruppen, und er verwies auf die jenseitige Lösung des Problems. Die vom Obrigkeitsdenken diktierte Position des Professors wurde von Dekan Hans Rudolf Waser (1790-1878) zwar scharf aufgrund der Abstraktheit kritisiert, allerdings schloss sich Waser schliesslich der Position von Lang an. Waser machte dabei klar, dass sich die Kirche auf die Seite der Besitzenden und Privilegierten positionierte.
1852 wurde eine Synode einberufen, um das Verarmungsproblem besser verstehen zu können. Anfänglich wurde fehlende Frömmigkeit als Ursache der sozialen Frage betrachtet. Erst später wurde sie als Folge der Industrialisierung gesehen. Köppli ordnet das Verhalten der Zürcher Kirche lediglich der sozialpatriarchalen Haltung zu. Sozialpatriarchale Haltung meint in Anlehnung an Luthers Grossen Katechismus Gehorsam gegenüber Vorgesetzten und der staatliche Obrigkeit; selbstverständlich wurde umgekehrt vom Vorgesetzten Fürsorgepflicht gegenüber dem Untergebenen erwartet. Insofern kommt der Art und Weise der Machtgestaltung eine grosse Bedeutung zu. Sozialdiakonische Ansätze sind in Zürich nicht zu beobachten.
Die Stimme der Pfarrerschaft
In der Schweizerischen Predigergesellschaft traf sich die evangelische Pfarrerschaft der Schweiz ab 1839 jedes Jahr, um sich über aktuelle kirchliche Themen auszutauschen. 1847 stand erstmalig die soziale Frage auf der Tagesordnung. «Die Bedrohung des Christentum» stand im Vordergrund, weniger eine soziale Lösung. Aus den Reihen des Gremiums wurde an die Verantwortung der Unternehmer appelliert und gleichzeitig zum moralischen Leben aufgerufen.
Aufgeklärte Philanthropen
Aufgeklärte Philanthropen gründeten 1810 die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) mit dem Ziel, soziale Missstände auf humanistischer und christlicher Grundlage zu erfassen und Hilfestellung zu geben. In der SGG zeigte sich die Pluralisierung des schweizerischen Protestantismus. Die Vermittler und Bekenntnistreuen blieben eher der in den ländlichen Gegenden verbreiteten sozialpatriarchalen Haltung verhaftet. Die Reformer plädierten für ein staatliches Eingreifen zur Lösung der sozialen Frage und vertraten damit eine sozialkonservative Haltung.
Ob die schweizerischen Protestanten in der Lösung der sozialen Frage nun zu würdigen sind, oder ob sie versagt haben, ist in der Forschung umstritten. Köppli neigt in seiner Beurteilung eher zu letzterem.
Rosemarie Hoffmann