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Seit 25 Jahren fallen tendenziell die Zinsen in der Schweiz und in Europa – gibt es dafür historische Vorbilder?
Tobias Straumann: Es gibt mehrere Phasen, in denen die Realzinsen relativ niedrig waren. Im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert sorgte der Goldstandard für stabile Erwartungen und sinkende Refinanzierungskosten. In den 1930er-Jahren sanken die Zinsen im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise und erholten sich nicht bis in die 1950er-Jahre. Und in den 1970er-Jahren waren die Realzinsen jahrelang negativ.
Was sind aus Ihrer Sicht
die Gründe dafür?
Ich sehe vor allem zwei Gründe: Erstens haben die unabhängigen Zentralbanken in den 1980er-Jahren die Inflation in den Griff bekommen. Zweitens hat die Globalisierung für einen Preisdruck gesorgt. Vor allem die industriellen Güter aus China und anderen Schwellenländern sind preislich immer günstiger geworden.
Die Folgen betreffen ja nicht nur Sparer und Banken. Sehen Sie Branchen, die dadurch besonders stark umgekrempelt werden? Gab es bei ähnlichen Phasen Gewinner und klare Verlierer?
Die grossen Gewinner sind natürlich die Schuldner, sowohl die privaten wie die staatlichen. Das war immer so. Im Unterschied zu früher aber bringen es die Zentralbanken nicht fertig, Inflation zu erzeugen, um die Schulden abzubauen. Sie können nur die Refinanzierungskosten senken.
Aus historischer Sicht wiederum: Gibt es eine Phase, die so etwas wie eine Vorlage für heute sein könnte, dafür, wie es weitergehen könnte? Hyperinflation ist ja nicht in Sicht, eher Deflation.
Das Szenario einer Hyperinflation ist tatsächlich nicht in Sicht. Dafür braucht es weitere Faktoren, zum Beispiel die direkte Finanzierung des Staatskonsums durch die Zentralbanken. Hyperinflationen sind ausserdem im Kern immer ein Resultat von politischen Unruhen. Ich sehe auch nicht, dass eine Deflation im Anzug ist. Die letzte schlimme Deflation war in den 1930er-Jahren, weil die Zentralbanken während der Krise zu passiv waren. Davon kann heute keine Rede sein.
Ist Japan ein Beispiel, wie es auch in der Schweiz weitergehen könnte?
Japan ist ein Vorläufer unserer heutigen Situation. Seit den 1990er-Jahren herrscht dort ein grosser Preisdruck, obwohl die Zentralbank eine äusserst expansive Geldpolitik führt.
Welche Rolle bleibt für die Notenbanken wie zum Beispiel für
die Schweizerische Nationalbank SNB? Haben die überhaupt noch Spielräume?
Die SNB hat wenig Spielraum, weil der Schweizer Franken in unruhigen Zeiten immer zum sicheren Hafen wird. Im Moment ist der Dollar im Fokus der Anleger. Hoffen wir, dass es so bleiben wird.
Das Interview mit dem Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Uni Zürich, einen grossen Schwerpunkt zum Thema Zinsen und viele andere Themen finden Sie in der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Bank» nachzulesen.