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Was kaum jemand weiss: Luzern hat eine lange Tradition des Kirchenorgelbaus. Der deutsche Friedrich Goll galt als «Genie seines Fachs». Er lebte und arbeitete über Jahrzehnte im Unterschichtquartier Untergrund. UntergRundgänger Michael Weber ist seinen Spuren abermals nachgegangen.
Orgelbaumeister Friedrich Goll war ein Ausnahmetalent. Er war der «bedeutendste Schweizer Orgelbauer im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts», sagt Bernhard Hörler in seinem Text zu Golls 100. Todesjahr. Entsprechend standen die Gollschen Orgeln in unzähligen Kirchen der Schweiz und im nahen Ausland. Eine Orgel schaffte es sogar bis nach Kolumbien. Gebaut wurden diese riesigen sakralen Musikinstrumente auf der Sentimatte im Luzerner Untergrundquartier.
Der spätere Orgelbauer Friedrich Goll wurde am 28. Oktober 1839 im Württembergischen Bissingen an der Teck geboren. Bereits mit 15 Jahren begann er seine vierjährige Lehre als Orgelbauer. Der Luzerner Orgelbauer Friedrich Haas, der seit 1859 seine Werkstatt im Untergrundquartier betrieb, lockte Goll an den Vierwaldstättersee. Haas sah in Goll seinen Nachfolger und förderte den begabten und fleissigen jungen Mann. Die beiden «Genies ihres Fachs» ergänzten sich perfekt. So optimierte Goll mit eigenen Verbesserungen die damals bereits hochgelobten Orgeln von Haas.
Wanderjahre und Neuanfang
Da Haas bei Goll noch Verbesserungspotential sah, stellte er ihm 1865 einen Wanderbrief aus und sandte ihn nach Paris. Zwei Jahre später übergab Haas sein Geschäft dem 28-jährigen Betriebsleiter in Abwesenheit. Goll kehrte erst 1868 nach einem Umweg über London nach Luzern zurück und stellte seine erste Orgel fertig – jene für die Luzerner Franziskanerkirche (Bild). Dieses Jahr gilt für die heute noch im Tribschen-Gebiet ansässige Firma Goll als offizielles Gründungsjahr.
Nachdem Goll zunächst einige Jahre im Kleinstadt-Quartier lebte, zog er 1871 mit seiner schwangeren Frau und seinem Sohn Friedrich an die Sentimattstrasse 2 im Luzerner Untergrund-Quartier.
Leben im Unterschichtquartier
Die Sentimatt, die nördlich der äusseren Stadtmauern lag, war 15 Jahre zuvor noch eine Wiese mit Bach. Dort fand sich der städtische Richtplatz. Das dazugehörige Scharfrichterhaus brannte im Jahr 1856 komplett ab und so konnte Baumeister Xaver Meyer im Jahr 1857 die Sentimatte dem Kanton als Bauland abkaufen. Er bebaute das Gebiet mit Wohnhäusern und Arbeitsstätten. Goll zog in den nach dem Bauherrn benannten «Meyerhof», das mit Abstand schönste Gebäude vor Ort. Die restlichen Wohnungen waren – wie an der Baselstrasse und dem restlichen Gebiet des Untergrunds üblich – karg und eng. Wenige, kleine Fenster und günstige Baumaterialien machten das Leben in den schnell hochgezogenen Zweckbauten unwohnlich. Jedoch entstanden im Quartier durch die Überbauung der Sentimatt auch zahlreiche Industrie-Arbeitsplätze. Neben der Orgelfabrik siedelte sich dort auch eine Ziegelbrennerei und später der Liftbauer Schindler (heute in Ebikon) an.
Die ebenerdig durch das Quartier geführte Zentralbahn (Linie Basel–Luzern) trennte das in den vergangenen Jahren gewachsene Quartier ab 1859 in zwei Hälften. An den zahlreichen Bahnübergängen stauten sich Fussgänger und Fuhrwerke. Die neue Eisenbahn sorgte täglich für mehrstündige Verkehrsblockaden im Quartier und brachte Lärm und Russ. Zudem verwehrte die Direktion der Centralbahn dem Untergrund hartnäckig eine eigene Haltestelle. Dadurch blieb dem Quartier eine Aufwertung als Geschäftsstandort verwehrt.
1894 wurde dann die Linienführung auf einen vier Meter hohen Damm verlegt. Dadurch konnte der Verkehr wieder besser fliessen. Der Quartierteil Sentimatt wurde jedoch durch die Dammmauer weiter vom Rest des Quartiers abgeschnitten und der soziale Austausch litt. Die Sentimatte wurde durch die räumliche Isolierung stark beschnitten. Dies förderte quartierinterne Spannungen und Rivalitäten, die sich beispielsweise in Form von Jugendschlachten äusserten, wie Hörler festhält.
Obwohl dicht besiedelt, fehlte im Quartier eine Schule. Friedrich Golls Kinder mussten deshalb zu Fuss in die Kleinstadt und auch der sonntägliche Kirchgang war eine weite Wanderung für die Familie. Als Protestanten mussten sie fast bis ins Hofquartier in die Matthäuskirche pilgern.
Nur wenige Orgeln «überlebten»
Den nationalen Durchbruch als Orgelbauer schaffte Goll im Jahr 1877 mit der Fertigstellung der Hauptorgel in der Klosterkirche Engelberg. Da die Firma dem neuen kantonalen Fabrikgesetz unterstellt wurde, gründete Goll 1878 als einer der ersten Firmenpatrone der Schweiz eine eigene Betriebskasse für die Mitarbeiter. Seine Orgelschreiner und Orgelbauer lebten zu grossen Teilen im Untergrund. 1891 wohnten beispielsweise 14 von ihnen in der Basel- oder Bernstrasse. Bis Goll den Betrieb 1904 seinem Sohn Karl übergab, baute die Firma 258 Orgeln. Danach wuchs die Firma rasant weiter. 1914 hatte sie bereits 70 Angestellte. 1921 wurden die Werkstätten dann nach Horw verlegt und Schindler übernahm die alten Goll-Gebäude.
Zu Friedrich Golls prestigeträchtigsten Arbeiten gehört sicher die Renovation der Luzerner Hofkirchen-Orgel 1899 oder der Umbau der Berner Münsterorgel. Aber auch im Untergrund erhielt er einen Auftrag. Er baute 1894 die Orgel in der Sentikriche.
Seine Ausstellungsstücke wurden sowohl an der Zürcher Landesausstellung von 1883 als auch an der Genfer Landesausstellung von 1896 mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Trotz der hochgelobten Bauweise Golls haben nur 39 «seiner» Instrumente bis heute überlebt. Der Grund dafür liegt in der «deutschen Orgelbewegung» der 1920er-Jahre. Diese versuchte, ein idealisiertes barockes Orgelklangbild wieder zu beleben. Dazu wurden bis zur Jahrtausendwende zahlreiche vermeintlich unpassende «Orgeln» abgerissen und durch solche mit «neobarockem Klangbild» ersetzt. Heute wisse die Forschung gemäss Hörler, dass ein solch angestrebtes barockes Klangbild so niemals existiert habe. Entsprechend wird nun den abgerissenen Goll-Orgeln vielerorts nachgetrauert.
Friedrich Goll erlebte die deutsche Orgelbewegung nicht mehr: Er starb am 2. März 1911 während eines stürmischen Abends in seinem Haus an der Sentimattstrasse 2 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung. Das Familiengrab ist heute noch auf dem Friedhof Friedental zu finden.
Wer eine Goll-Orgel mit eigenen Augen betrachten oder besser – mit eigenen Ohren belauschen möchte, kann dies in der Klosterkirche in Engelberg tun. Die Hauptorgel von 1877 ist die älteste noch existierende Goll-Orgel. Auch in der St. Magdalena-Kirche in Meggen (1889) oder in der englischen Kirche in Luzern (1903) stehen noch die Instrumente Golls. Die Orgel in der Sentikirche wurde leider ersetzt.
Quellen:
- Hörler, Bernhard: Der Luzerner Orgelbauer Friedrich Goll; Zu seinem 100. Geburtstag. in Ars Organi, 59/3 (2011)
- Hörler, Bernhard: Orgelbau Goll, Luzern; Ein Stück europäischer Orgelbaugeschichte; Band 1: 1839-1911, Eigenverlag (https://www.orgelbauergoll.ch)
- Hörler, Bernhard: Orgelbau Goll, Luzern; Ein Stück europäischer Orgelbaugeschichte; Band 2: 1905–1927, Eigenverlag (https://www.orgelbauergoll.ch)