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«Muss es so sein, muss es immer so sein?», fragte sie: «Muss es so sein, dass wir immer wieder auf Grenzen stossen und so viel kämpfen müssen.»
Der Bus steckte irgendwo auf einer deutschen Autobahn im Stau im herbstlichen Regen fest, niemand sah vom Mobiltelefon auf, offenbar konnte nicht viel Leute erschüttern, die für 20 Euro Bus fuhren.
In der Reihe vor mir hatte sie seit der Abfahrt in Freiburg geschlafen, ich hatte vermutet sie sei eine Studentin, die übers Wochenende mit dem Flixbus nach Hause ging. Manchmal hatte ich das Gefühl, ihr entfuhren leichte Schluchzer, aber jedes Mal wenn ich vorsichtig nachsah, waren ihre Augen geschlossen und sie sah im halbdunklen Bus wie ein verträumter, blonder Engel aus.
«Es ist so seltsam, es scheint fast so, als gebe es nicht genug Glück für jeden. So, als fehle uns die Hoffnung, als hätten wir nicht genug Kraft, um das alles zu schaffen.»
«Du willst nicht zufällig Pfarrerin werden? Oder mich dazu überreden, einem Kult beizutreten.»
Regentropfen sammelten sich auf den Busfenstern, die Lichter der stehenden Autos brachen sich gelblich auf den Scheiben. Wieder schien es, als kämpfe sie mit den Tränen, doch sie hatte sich in ihrer Sitzreihe nach vorne gebeut, so dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Es hatte eingedunkelt, der Bus kroch im Schritttempo vor sich hin, wenn es so weiterging, würden wir Hamburg frühestens in ein, zwei Jahren erreichen. Plötzlich meinte ich Kristen schon lange zu kennen, plötzlich erinnerte ich mich an ihre Tränen, an die stille Verzweiflung, als sie erklärte, sie würde das Baby abtreiben müssen, sie wolle schliesslich fertig studieren und hätte darum keine Zeit für ein Kind.
Es war später, vielleicht ein paar Jahre später, wir folgten einem Schotterweg einem Waldrand entlang. Wir setzten uns auf eine Bank, ihre Wimperntusche war zwar etwas verlaufen, aber ihre Blick blieb klar und ihre Augen trocken. «Muss es so sein, immer so sein.»
Sie hatte ihren Job bei McDonald’s verloren nachdem sie durch die Zwischenprüfungen gefallen war, verzweifelt meinte sie, ihr fehle der Mut, sie habe keine Kraft mehr.
«Verstehst du, ich habe versucht aufzuholen beim Studium, zu wenig geschlafen und dann habe bei dem verdammten Job angefangen immer mehr Fehler zu machen. Ich meine, ehrlich, wer macht schon beim Hamburger drehen Fehler, sag mir: Wer?»
Ich nahm sie in die Arme, lange Zeit sagte Kristen nichts und sie erklärte dann, sie habe sich zu allem Überfluss noch mit ihren Eltern zerstritten. Sie habe ihre Mutter am Telefon angeschrien.
«Keine Hoffnung, keine Hoffnung mehr», sagte sie, ihr Haar war zu einem Zopf zusammengebunden, ihre Gestalt sah in dem dunklen Mantel stark und edel aus. Es waren viele Menschen zur Beerdigung gekommen. Sie hakte ihren Arm bei mir unter, sie fühle sich alleine, sie bedauere, dass sie nicht mehr nach Hause zu Besuch bei ihren Eltern gegangen sei. Es mache sie traurig, es sei nur ihr eigener Fehler.
Der Bus hielt an einer Tankstelle, ich wachte auf, offenbar waren wir jetzt weiter, als gedacht. In der Reihe vor mir sassen jetzt zwei Teenager, die auf ihren Telefonen Super Mario spielten. Kristen, die wahrscheinlich gar nicht Kristen hiess, musste früher ausgestiegen sein. Unwahrscheinlich, dass sie eine Abtreibung hinter sich hatte, vielleicht hatte sie nie Burger im McDonald’s drehen müssen und wahrscheinlich waren ihre noch lebenden Eltern gerade auf einer grossen Kreuzfahrt. Trotzdem war ich irgendwie traurig und hoffte, es gebe wirklich genug Glück für jeden.
Foto: Abbie Bernet/Unsplash