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Resilienz und Serendipität: Ein Fremdwörterproviant zum Tag der psychischen Gesundheit, 10.10.22
Zum Tag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2022 möchte ich Sie in aller Kürze mit dem nötigen Proviant ausrüsten - für alle möglichen Berührungspunkte, die Sie mit dem Thema haben könnten. Zwei Fremdwörter aus der aktuellen Diskussion dazu genügen: Resilienz und Serendipität.
Resilienz. Resilienz ist die Fähigkeit, Schädliches abprallen und nicht alles Negative an sich anhaften zu lassen, es ist die Fähigkeit, aus einer Verletzung zurückzuspringen in die Zeit davor. Zum Wort dazu gehören die Faktoren, die diese Fähigkeiten begünstigen: Gute Beziehungen, Sicherheit, Realismus.
Lassen Sie mich Resilienz für einen Augenblick folgendermassen definieren: Resilienz heisst, mit geschlossenen Augen in eine Lichtquelle zu blicken. Da werden leuchtende orange Flecken sichtbar mit einer Art Kaulquappen drin, die hin und her schwimmen. Resilienz bedeutet, diese Bilder zu sehen, zurückzulehnen und darin auszuruhen, nur ein paar Sekunden. Und, nebenbei: Wenn Sie die Kaulquappen sehen, dann sehen Sie innerlich auch gleich den Frosch. Und wenn Sie den Frosch sehen, dann sehen Sie Prinz und Prinzessin. Zugegeben?
Falls Sie keine Lichtquelle haben, schliessen Sie die Augen und konzentrieren sich darauf, ob Ihre Augen in der Dunkelheit frieren. Frieren Ihre Augen? Wahrscheinlich nicht. Es müsste sehr kalt sein, bis Sie an den Augen frieren. Diese Wärme Ihrer Augen halten Sie fest. Dafür sind Sie dankbar. Vielleicht kommen Ihnen Tränen, wenn es wirklich kalt ist. Dann verstehen Sie die Tränen als Saat. Wer unter Tränen sät, wird in aller Resilienz ernten.
Realistischerweise können Sie die beiden Übungen nur machen, wenn Sie sich mehr oder weniger in Sicherheit befinden, nicht unfreiwillig Hunger leiden oder vereinsamt sind. Solche Situationen sprengen den Rahmen dieser Übungen. Zugegeben.
Serendipität. Das Wort Serendip ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, für das heutige Sri Lanka. Auf Serendip waren einmal drei Prinzen. (Wir beginnen hier also mit den Prinzen!) Von ihrem Vater, dem grossen König hatten die Prinzen eine stärkende Erziehung erhalten. Sie hatten gelernt, gut zu sehen, gut zu hören, tief zu empfinden, zu riechen und zu spüren. So gelang es ihnen, als sie erwachsen waren, Zusammenhänge herzustellen zwischen Spuren am Weg und verlorenen Dingen. Da waren sie immer wieder fähig, Mensch und Tier zu helfen.
Schon im achtzehnten Jahrhundert findet sich in einem Briefwechsel das zusammenfassende Wort «Serendipity» für den Effekt, etwas nicht Gesuchtes zu finden, zu entdecken. Auch dafür braucht es tragende Beziehungen, Sicherheit, Realismus. Und es kann kein Zufall sein, dass das alte Wort für Sri Lanka in unserem gegenwärtigen Modewort mitschwingt. Das ist ein untergründiger Hinweis darauf, dass wir uns selbst als Menschen in unserer Sicherheit immer wieder gefährden, so, wie das heute im von Gewalt geprägten Land geschieht. Die wörtliche Präsenz des gegenwärtigen Bürgerkriegs in der Serendipität mahnt uns daran, dass geschichtliche Verwirrungen, ökonomische Ungerechtigkeiten und unsere kollektive Gewaltbereitschaft zeitweise stärker sind als all unsere persönliche Resilienz. (Zugegeben).
Psychische Gesundheit muss immer wieder gefunden werden. Sie erinnern sich: Orange Flecken, Kaulquappen, Frosch, Prinz. Man muss gelegentlich den Frosch im eigenen Zimmer an die Wand werfen, ohne einen Prinzen zu erwarten. Dann wird unten an der Wand, aus den Mauerritzen der kleine Prinz hervorkriechen, selbst wenn ihm davor als Frosch Gewalt angetan worden war. Wer findet, muss nicht suchen. Zugegeben?
Bettina Wiesendanger, Pfarrerin im Kanton Zürich und Kantonsschullehrerin im Kanton St. Gallen