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Die Versuchung ist übermächtig: Das Bargeld in der Kasse lockt, ein beherzter Griff – der Chef wird’s ohnehin nicht merken. Ein Irrtum: Langfingern haben wir die Registrierkasse zu verdanken.
Seit es Ladengeschäfte gibt, stellten die Besitzer über kurz oder lang fest, dass das Verhältnis zwischen verkaufter Ware und finanziellem Ertrag nicht ganz übereinstimmte; allein, sie blieben in der Regel machtlos, solange sie den diebischen Verkäufer nicht zufällig in flagranti ertappten.
Einer dieser Chefs war der Spirituosen- und Tabakhändler James Ritty aus Dayton, Ohio. Immer wieder lag abends zuwenig Geld in der Kasse, und als Ritty 1878 eine Schiffsreise nach Europa unternahm, entdeckte er im Maschinenraum einen Apparat, der die Umdrehungen der Schiffsschraube zählte. Mit so einem Mechanismus, überlegte er, müsste es doch auch möglich sein, Zahlungseingänge zu registrieren und damit Langfingern das Handwerk zu legen.
Zurück in Dayton, begann Ritty zusammen mit seinem Bruder John, einem geschickten Mechaniker, einen solchen Zählautomaten zu bauen. Die ersten Prototypen erwiesen sich als Fehlschläge, doch der dritte Anlauf schliesslich gelang: Für jeden Betrag zwischen 5 und 100 Cents gab es eine Taste, die über ein Getriebe insgesamt sechs Walzen bewegten, die am Ende den summierten Betrag anzeigten. Das Gerät war im Wesentlichen eine einfache Addiermaschine; eine Lade für das Bargeld oder einen Kassenbeleg gab es noch nicht. Wohl aber die wohlbekannte Klingel: «Jedesmal, wenn eine der Tasten gedrückt wird, ertönt ein Glockenton, und falls nicht, wird der Kunde darauf aufmerksam, dass der geschuldete Betrag vom Verkäufer oder Kassierer nicht ordentlich registriert worden ist», schrieben die beiden Brüder in ihrem Patentantrag. Ihre Erfindung nannten sie Ritty’s Incorruptible Cashier – ‹Ritty’s unbestechlicher Kassierer› –, und am 4. November 1879 wurde diese erste Registrierkasse der Welt patentiert.
Zusätzlich zu ihrem bestehenden Saloon errichteten die Rittys eine kleine Fabrik, in der sie ihre Registrierkasse in Serie zu bauen begannen. Indes, zwei Geschäfte auf einmal wurden James Ritty zuviel. 1881 verkaufte er alle Anteile an eine Investorengruppe, denen der Geschirrhändler Jacob H. Eckert aus Cincinnati, der spätere Erfinder der sich automatisch öffnenden Kassenschublade, sowie die Brüder John und Frank Patterson angehörten, die im Kohle- und Eisenbahngeschäft tätig waren. John Patterson, ab 1884 Mehrheitsaktionär, verbesserte die Registrierkasse stark: Sie erhielt ein Druckwerk mit Papierrolle, die den Kassenbeleg ausgab, und ein Buchhaltungsjournal, das zwecks lückenloser Überprüfbarkeit sämtliche Beträge aufzeichnete. Patterson gab der aufstrebenden Kassenmanufaktur den neuen, klingenden Namen «National Cash Register Company». NCR stieg rasch zum Weltmarktführer auf und ist heute ein Weltkonzern mit mehr als 30 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 6 Milliarden Dollar.
Was immer James Ritty beim kometenhaften Aufstieg seines früheren Geschäfts empfunden hat: Neid war nicht dabei. Er nahm den Käufern nichts übel und blieb mit NCR-Chef John Patterson in Freundschaft verbunden.