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von Al’Leu
Mit Witz, Humor und Denkschärfe führt Vreni Stauffacher ihre Leserschaft von Wortwörtlich sprich wörtlich in ein Sprachspiel, welches in seinem Verlauf die Eigenschaft einer Sprachexpedition annimmt, deren Ergebnis nicht nur mehr Sprachbewusstsein beim Lesen und Hören schafft, sondern auch die komplizierte, jedoch kaum bewusste Verflechtung, zwischen dem Sprechen und dem Verstehen aufdeckt und dadurch den komplexen Vorgang zwischen der Textaussage und deren Neuschöpfung beim Lesen bewusster macht.
Vreni Stauffacher versucht in ihren Kurztexten möglichst auf der denotativen Ebene der Sprache zu bleiben: «Der Hausmeister dem Haus / der Waldmeister dem Wald / der Ehrenpreis dem Sportler / das Frauenmäntelchen den Frauen / die Schlüsselblume ins Schloss».
In diesem Text schwingt die Ideenwelt von Konfuzius, welche Reform er zuerst vornehmen würde, wenn er an die Regierung käme: «Ich würde damit beginnen, die Ausdrücke zu definieren, um sie genauer zu machen».
Paul Valéry doppelt nach: «Das Geheimnis eines gut begründeten Denkens beruht auf dem Misstrauen gegenüber der Sprache».
Als Denotation wird in der Linguistik die kontext- und situationsunabhängige Grundbedeutung des sprachlichen Ausdrucks bezeichnet. Vreni Stauffacher verweist auf die Primärebene einer Aussage und setzt die Worte so, dass die assoziativen Eigenschaften der Sprache möglichst aussen vor bleiben. Sie muss aber in ihren Texten auch immer wieder die Erfahrung machen, dass dasjenige, welches man von der Bühne nimmt, alles versuchen wird, diese auf ihrer Rückseite durch die Kulisse wieder zu erobern.
Dieses Wort beim Wort nehmen kann ins Absurde führen, da das Rationale der Sprache seine Grenzen hat. Dort entwickelt sie dann beispielsweise die Eigendynamik eines Sinnbildes: «Er wollte Licht ins Dunkel bringen / und wurde vor der Haustür fündig / nun stand er im Regen trotz Sonnenschein».
Andere Wortkonstellationen erfüllen die Kriterien eines ausgereiften Surrealismus: «Der Tenor war vorgegeben – der Sopran nicht / ohnehin spielt die Musik anderswo». Im Grundanliegen ihres Textkonzeptes begibt sich Vreni Stauffacher aus dem Blickwinkel des Philosophen und Logikers Gottlob Frege auf eine extensionale Bezugnahme der Sprache und versucht das intensionale Potenzial in ihren Texten auszublenden.
Und hier beginnt es ganz besonders spannend zu werden: In der Alltagssprache ist eine scharfe Grenzziehung zwischen Hauptbedeutung (explizite Bedeutung) und Nebenbedeutung (implizite Bedeutung) nahezu unmöglich.
Vreni Stauffachers Exkurs ins Reich der Denotation ist eine faszinierende und originelle Anregung, sich wieder einmal die Brille und die Ohren zu putzen, um eine bessere Sicht und ein sensibleres Gehör für die Wechselwirkung zwischen der Sprache und ihrem Mitteilungspotenzial zu bekommen …
Vreni Stauffacher
Wortwörtlich sprich wörtlich
Kurztexte
107 Seiten
ISBN: 978-3-033-04762-4
Bezugsquelle: <email-pii>