Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03321.jsonl.gz/1827

Im Lauf ihrer Geschichte als akademische Disziplin hat sich die Kunstgeschichte auf wechselnde theoretische Paradigmen (allgemeine Geschichte, Psychologie, Anthropologie, etc.) gestützt. Die zentrale Rolle der Ökonomie als Motor gesellschaftlicher Veränderung stand dabei zwar nie ausser Frage, ist aber für die Kunstgeschichtsschreibung kaum nutzbar gemacht worden. Wir fragen nach den Wechselwirkungen von ästhetischen und ökonomischen Wertvorstellungen.
Ziel des Projekts ist es, anhand von Fallbeispielen, bei denen Kunst, Architektur und Ökonomie exemplarisch aufeinander treffen, zu erforschen, ob und wieweit eine solche Annäherung möglich ist.
Gegenstand der ersten Fallstudie ist Joseph Paxtons Crystal Palace im Londoner Hyde Park (1851), dem Schauplatz der Great Exhibition von 1851. Crystal Palace diente dazu, die Gesamtheit der Produkte der Industrienationen auszustellen. Er steht für das, was der amerikanische Literaturwissenschaftler Thomas Richards als „genuin kapitalistische Präsentationsform, nämlich das Spektakel„ bezeichnete. Welche Konsequenzen hatten der zeitliche, politische und finanzielle Druck auf das Projekt? Wie veränderte das Bewusstsein, dass die Tage des Projekts gezählt sind, die Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit?
Die zweite Fallstudie betrifft den Bau des Hauptsitzes der J.P. Morgan Bank in New York 1904. Während um die Wall Street Hochhäuser vom neuen Reichtum zeugten, baute der mächtigste Bankier und bedeutendste Kunstsammler seiner Zeit auf dem teuersten Grundstück, unmittelbar gegenüber der Börse, ein lediglich vierstöckiges Gebäude mit einer unverzierten, glatt polierten Steinfassade. Die reduzierte, fast unsichtbare Oberfläche des Baus und der leer belassene, nicht ausgenützte Raum darüber ist ein prägnantes Beispiel für den Zusammenhang von Abstraktion und der Verkörperung von potentiellem Wert. Lässt sich eine Verbindung mit der kurz darauf ebenfalls von New York ausgehenden Propagierung der Abstraktion als zentralem ästhetischem Wertkriterium für Kunst und Architektur beschreiben?
Gegenstand der dritten Fallstudie Darstellungen von neu errichteten Plattenbauten in der DDR der späten 1950er Jahre. Anhand der propagandistischen Darstellung von Neubauten in Photographie, Film, Malerei und Graphik soll verfolgt werden, wie sich die Raumauffassung vor dem Hintergrund einer normierenden staatlichen Kunstpolitik verändert. Gibt es eine räumliche Logik, die der sozialistischen Planwirtschaft entspricht? Wie unterscheidet sie sich von den Räumlichkeiten in kapitalistischen Gesellschaften?
Die vierte Fallstudie betrifft Ludwig Mies van der Rohes Seagram Building in New York (1958). Das „wichtigste Projekt der Jahrtausendwende“ (Herbert Muschamp) ist zugleich Legitimation für die von der breiten Öffentlichkeit als monoton empfundene Architektur der spätmodernistischen Bürokratie. Mies wollte an der exponierten Lage der damals von einem Wohngebiet in ein Bürogebiet umgestalteten Park Avenue die maximale Höhe erreichen, die grösstmögliche vom Gesetz erlaubte Nutzfläche ausnützen und zugleich das Spektakel des frei stehenden Turmes evozieren. Er setzte diesen zurück und öffnete eine Plaza davor. Scheinbar "verschenkte" er also wie einst J.P. Morgan Raum und stellte dessen Wert komprimiert dar. Welche Wirkungen hatte das Projekt auf den Urbanismus der 1960er Jahre? Wie artikuliert es die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum?
Gegenstand der fünften Fallstudie ist die ephemere Architektur der Schweizerischen Expo.02, beispielsweise das über dem Neuenburgersee schwebende Blur Building von Diller + Scofidio oder die zahlreichen blasenartigen, scheinbar ganz aus hauchdünner Oberfläche bestehenden Pavillons. Wie lässt sich die in Kunst und Architektur seit den 1990er Jahren auffällige Vorliebe für atmosphärische Phänomene im Zusammenhang mit einer globalisierten Wirtschaft beschreiben?
Oliver Dufner, dipl. Arch. ETH, Dissertation ETH Zürich (Leitung P. Ursprung, finanziert SNF 2001-2005)
„Verwandt oder befreundet? – Zur Beziehung zwischen Installationskunst und Architektur der Postmoderne“
Viele Künstler seit den 1960er Jahren, wie Acconci, Graham, Kawamata, van Lieshout und Zittel interessieren sich für Architektur und evozieren in ihren Installationen architektonische Assoziationen. Durch ihre Nähe zur Architektur sind die Werke auch in der Architekturdebatte präsent und dienen häufig als Bindeglied zu einem vermuteten gemeinsamen Hintergrund von Kunst und Architektur. Es gelingt jedoch selten, die Arbeiten in einen fruchtbaren Dialog zur Architektur zu setzen. Das Dissertationsprojekt will aus der Sicht eines Architekten diese Liaison über den Zeitraum der letzten drei Jahrzehnte verfolgen. Es wird der Frage nachgegangen, ob über die formale Ebene eine inhaltliche Verwandtschaft der beiden Bereiche besteht. Wie ist eine Analyse dieser Kunst mit architektonisch konnotierten Begriffen möglich? Wie können diese Kunstwerke in Bezug zur gleichzeitigen Architekturdebatte gesetzt werden? Wie lassen sich neue Kriterien für die Rezeption von Installationskunst entwickeln?
Christoph Kohler, lic.phil., Dissertation Universität Zürich (Leitung Prof. Jakob Tanner, finanziert SNF 2001-2005)
Wozu das Theater? – Der Wandel des Zürcher Stadttheaters vom «Herreninstitut» zum öffentlichen Musentempel (1890-1930)
Zwischen 1890 und 1930 verwandelte sich das Zürcher Stadttheater vom privaten Aktientheater zur subventionierten, öffentlichen Bühne, wie wir es noch heute kennen. Warum? Eine Quellenanalyse wird zeigen, wie das «private» Stadttheater Ende des 19. Jahrhunderts immer grössere Defizite machte. Der Ruf nach Subventionen wurde lauter. Am Anfang der Subvention steht ein «ökonomisches Dilemma» der darstellenden Künste. Um die öffentlichen Gelder zu rechtfertigen, mussten die Theaterfreunde das Zürcher Stimmvolk vom öffentlichen Interesse des Stadttheaters überzeugen. Der kulturpolitische Diskurs kristallisierte sich um die Subventionsabstimmungen 1901, 1908, 1918 und 1928 und war von Anfang an ein Abgrenzungsdiskurs gegen die entstehende Massenkultur. Er legitimierte das bis heute herrschende Subventionssystem fürs Theater einerseits, institutionelle Massnahmen gegen das Kino andererseits.
Marcelyn Gow, Dissertation ETH Zürich
(Leitung P. Ursprung, finanziert als TH-Projekt, 2003-2006)
Die Arbeit an der Oberfläche: Architektonische Replikationstechnologien im historischen Kontext
Das Projekt untersucht die Einführung von industriellen und digitalen Technologien in den architektonischen Entwurf in den 1990er Jahren. Wie verändern sich Vorstellungen von Wert, wenn der Entwurfsprozess von Technologien geprägt wird, die auf Massenfabrikation zielen? Wie verändert sich die Vorstellung der Autorschaft, wenn Vertreter der Technologie, der Herstellung und der Architektur zusammenarbeiten?
(Leitung P. Ursprung, KTI-Projekt „Kunst Öffentlichkeit Zürich“, 2004-2005)(Leitung P. Ursprung, KTI-Projekt „Kunst Öffentlichkeit Zürich“, 2004-2005)
Vom Pavillon zum Bild – Inszenierung von Architektur und Kunst an der Schweizerischen Landesausstellung Expo.02
Anhand der Schweizerischen Landesausstellung Expo.02 wird das Zusammenspiel von Architektur, Szenographie und Kunst betrachtet, deren jeweilige Grenzen sich an der Expo stark überschnitten haben. Der Kontext der Geschichte von Grossausstellungen, der jüngeren Entwicklungen von Kunst und Architektur sowie der Popularisierung der Kultur spielt bei der Untersuchung eine zentrale Rolle.
SNF-finanziert 2005-2006
Das Projekt befasst sich mit einer Revision der Historiographie zum Werk von Gordon Matta-Clark unter dem Gesichtspunkt der Architekturgeschichte. Die ersten Resultate flossen ein in die Ausstellung der Filme und Videos von Matta-Clark im Rahmen der Ausstellung Out of the Box: Price, Rossi, Stirling, Matta-Clark im Canadian Centre for Architecture, Montréal (2003-04). Die Ausstellung Matta-Clark wird im Frühling 2006 an der Columbia University, New York, gezeigt werden. Symposien werden organisiert in der Akademie, dem Kongress der College Art Association (Boston, Februar 2006), der Columbia University, New York (März 2006) sowie der Akademie der Künste Berlin (Herbst 2006).
Die Herausgabe der Texte und archivalischen Materialien Matta-Clarks ist in Zusammenarbeit mit Gwendolyn Owens PhD (Canadian Centre for Architecture) in Vorbereitung und wird bei der University of California Press erscheinen
.
Kuratoren: Philip Ursprung mit Gwendolyn Owens und Mark Wigley
Mehr als andere Architekten unserer Zeit stellen Herzog & de Meuron eine Herausforderung dar für die Grenzziehung zwischen Architektur und Kunst. Die Ausstellung handelt davon, wie sie die Architektur zum Dialog mit der heutigen Kunst bringen und sie der Zukunft wie der Vergangenheit gegenüber öffnen. Ausgehend von der lebendigen Basler Kunstszene, dem kulturellen Erbe der Stadt sowie der Faszination für die transformierenden Kräfte der pharmazeutischen Industrie läuft ihr Interesse für Oberfläche und Material, für Opazität und Transparenz, sowie für die Funktion und Wandelbarkeit von Bildern der Praxis von Fotografen und Künstlern parallel, von Karl Blossfeldt bis Joseph Beuys. Für ihre Architektur haben sie diese Parallelen fruchtbar gemacht und weiter entwickelt, so dass sie heute eine zentrale Rolle
innerhalb der visuellen Kultur spielen. Die Ausstellung konfrontiert ihre Arbeit sowohl mit den Kunstwerken und Themen, die sie am meisten beschäftigt haben, als auch mit der Perspektive von Künstlern auf ihr architektonisches Werk.
Zwei Metaphern werden ins Spiel gebracht, um diese Beziehungen zu erhellen. Einerseits der Begriff der "Naturgeschichte", namentlich des naturgeschichtlichen Museums des neunzehnten Jahrhunderts. Andererseits die Idee des "bedruckten Materials". Ihre Projekte lassen
sich wie Geschichten in einem Buch lesen, dessen Kapitel durch fortwährendes Umschreiben von früheren Kapiteln entstehen. Herzog & de Meuron bringen die Architektur zum Reden - nicht durch Zitate und Typologien, sondern durch die Organisation und Transformation der rohen, alltäglichen Materialien der Fassaden ihrer Bauten. Von den ersten Skizzen auf Papier zu dem fertigen Projekt ist der physische Abdruck - der zeitlich begrenzte Moment, wo eine Sorte Material eine andere trifft - ein Leitmotiv in ihrem Werk. Ihre Bauten scheinen dazu da zu sein, die
mysteriösen und schönen Momente darzustellen, in denen Material umschlägt in Bedeutung.
Ausstellung unter dem Titel „Herzog & de Meuron: Archéologie de l’imaginaire“ im Canadian Centre for Architecture, Montréal, Oktober 2002-April 2003.
Eine veränderte Ausstellung, konzipiert von Herzog & de Meuron, wurde gezeigt im Schaulager Basel (2004), NAI, Rotterdam (2004), Tate Modern, London (2005).