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Weltgeschichte
Die Gabel als Essgerät
Das Werk des Teufels
Unter allem Essbesteck hatte es die Gabel am schwersten, sich einen Platz am Tisch zu erobern. Die erste Erwähnung der Gabel als Essgerät stammt zwar aus dem Jahr 1023, und es finden sich Hinweise, dass bereits damals der eine oder andere Aristokrat gelegentlich eine Gabel in die Hand nahm, es sollte aber noch Jahrhunderte dauern, bevor dieses heute so vertraute Gerät sich durchsetzen konnte.
Die Gabel war ursprünglich wohl ein Ast oder Bratspiess mit zwei Zinken um Fleischstücke übers Feuer halten und drehen zu können. Etwas verkleinert wurde sie auch als Küchenwerkzeug verwendet, aber nicht als Essbesteck.
Ausgrabungen haben gezeigt, dass bereits die Babylonier Gabeln gekannt hatten. Sie gehörten schon frühzeitig zur Esssitte der vornehmen Leute. Als eine byzantinische Prinzessin im Jahr 1071 Domenico Silvio, einen Erben des Dogen von Venedig, heiratete, zählten zu ihrer Aussteuer zwei goldene, zweizinkige Gabeln, die sie fortan bei Tisch verwendete. Ihre Bemühungen, Volk und Kirche vom praktischen Wert dieses Werkzeugs zu überzeugen, blieben aber ohne Erfolg.
Besonders die Kirche betrachtete die Gabel mit grossem Argwohn, stellte sie doch eine Nachbildung der von Gott geformten menschlichen Hand dar und grenzte in ihren Augen an Blasphemie. Zeitweilig wurde die Gabel sogar verboten, da sie ein Werkzeug des Teufels sei. Der Mensch soll seine Finger benützen, gebot die Kirche: Gott habe die Finger geschaffen und nicht die Gabeln, um damit all seine Gaben zu berühren.
So wurde durch das ganze Mittelalter hindurch hauptsächlich mit den Fingern oder mit hölzernen Löffeln gegessen. Selbst Martin Luther, als angesehener Mann Gottes vielen ein Vorbild, jammerte 1518: „Gott behüte mich vor Gäbelchen“. Erasmus von Rotterdam präzisierte wenig später: „Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern oder mit Brotstücken zu nehmen.“ In italienischen Tischregeln vom Anfang des 17. Jahrhunderts hiess es: „Unsere Mitglieder mögen von ihrem Tisch Gabeln und Löffel verbannen. Hat uns die Natur nicht fünf Finger an jeder Hand geschenkt? Warum wollen wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?“ Und sogar Frankreichs Sonnenkönig Ludwig der XIV. weigerte sich strikt, mit einer Gabel zu essen.
Trotz allen Widerstandes gelang der Gabel dann aber doch noch der grosse Durchbruch. Im späten 17. und vor allem im 18. Jahrhundert war sie von den Esstischen plötzlich nicht mehr wegzudenken. Die Essgeräte wurden nun immer wertvoller, kunstvoller und prunkvoller, weit über die tatsächliche Nützlichkeit hinaus.
Wer nun etwas auf sich hielt, nahm sogar Konfekt nur mehr mittels eigens dafür vorgesehenen zweizinkigen Gäbelchen auf. Bald galt vergoldetes Vorlegebesteck als unentbehrlich, ebenso die Austerngabel und der Spargelheber. Ein Leben ohne vielfältiges Tischbesteck und vor allem ohne eine reichhaltige Gabelauswahl wurde unvorstellbar. Das Essbesteck mauserte sich zu einem wichtigen Renommiermittel.