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Weiter: Im Zelt des Heilers
Tavoran war alleine in der Teestube zurückgeblieben und Andrada hatte ihm das Kännchen nochmals nachgefüllt. Ihn hatte die Idee, Lyndia wieder zu sehen, nicht mehr losgelassen. Auch wenn er wusste, dass es ein Irrsinn war, einem Magier zu vertrauen. Er hatte noch nie davon gehört, dass mit einem Dolch Tote wieder zum Leben erweckt werden könnten – das machte für ihn, der die Waffe ausschließlich dafür verwendete, Leben zu nehmen, keinen Sinn. Aber er musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung von magischen Artefakten hatte. Und bisher hatte er sich auch nie für solche Dinge interessiert. Wozu auch.
Wenn er einen rationalen Gedanken zuließ, dann den, dass er besser die Finger von der ganzen Sache lassen sollte. Yihun hatte ihm genau genommen weder etwas über sich verraten, noch irgend eine seiner behaupteten Fähigkeiten bewiesen, und früher hätte sich Tavoran niemals auf einen solchen schwammigen Deal eingelassen. Zwar hatte Yihun ihm noch ein paar Informationen über das Aussehen des Dolches und seiner Herkunft verraten, aber zu den weiteren Fragen darüber, wie Yihun Lyndia wiederbeleben wollte, hatte er geschwiegen. Auch als Tavoran ihn auf seine Verfolgungsangst angesprochen hatte, hatte er nur ausweichend geantwortet.
»In gewissen Kreisen ist bekannt, dass ich der wahre Besitzer des Dolches bin. Und nicht alle wissen, dass ich ihn nicht mehr habe.« Yihun verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen. »Und manch einer davon sähe mich gerne mit durchgeschnittener Kehle in der Gasse liegen.«
»Und wie kommt es, dass du den Dolch nicht mehr hast?«
Yihun zögerte. Er bemühte sich, nichts anmerken zu lassen, aber er zupfte mit den Fingern am Kragen seines Hemdes herum und verriet so, dass er verlegen war. Als er antwortete, bemerkte Tavoran ein feines Zittern in der Stimme.
»Er wurde mir gestohlen.«
Tavoran hob eine Augenbraue, erwiderte aber nichts. Einen Dolch zu stehlen war nicht das schwierigste Unterfangen für einen Dieb. Ein magisches Artefakt zu stehlen schon eher. Er selber hatte viele gut bezahlte Aufträge abgelehnt und sich geweigert, Magier zu bestehlen. Das Risiko, dabei erwischt zu werden, war sogar für jemanden wie ihn zu groß. Dass Yihun sich sein Artefakt einfach so hatte abnehmen lassen, zeigte, dass er entweder kein besonders guter Magier oder einfach unfähig war, oder dass der Dieb über Fähigkeiten verfügte, die ihm den Diebstahl erleichterten. Tavoran hoffte auf Letzteres, denn alles andere schmälerte seine Chancen, Lyndia wiederzusehen.
»Ich dachte, magische Artefakte seien an ihre Besitzer gebunden?«
»Ich spüre, wenn der Dolch in der Nähe ist, wenn es das ist, was du meinst. Das jedoch verhindert nicht, dass er mir nicht gestohlen werden kann.«
»Warum holst du dir den Dolch nicht einfach selber zurück? Als Magier dürfte dir das doch nicht allzu schwer fallen.«
Yihun sah ihn an, als hätte Tavoran etwas ganz Dummes gesagt. Seine Stimme klang belehrend. »Hast du eine Ahnung, wie schwierig es ist, in dieser Stadt an magischen Bernstein zu kommen? Ich bräuchte eine ganze Menge, um all die Seelen zu beeinflussen, die mir den Weg in den Palast ebnen würden. Geschweige denn die Magie, die ich aufwenden müsste, um mich vor den Stadt- und Palastmagiern zu verbergen. Und um eine Audienz, um die Zwillingsherrscher um den Dolch zu bitten, brauche ich mich schon gar nicht zu bemühen.«
Yihuns Antwort ließ ihn aufhorchen. Unauffällig blähte er seine Nasenflügel und versuchte zwischen all den verschiedenen Düften nach Kräutern, Honig und Gebackenem den Geruch von Magie auszumachen. Was, wenn Yihun seine Seele manipuliert hatte, damit er einwilligte? Hätte er es überhaupt bemerken, geschweige denn verhindern können? Er musste sich eingestehen, dass er nicht wusste, wie sich Seelenmagie anfühlte. Nur, weil es in der Stadt kaum Bernstein gab, hieß das nicht, dass Yihun keinen besaß und seine Magie nicht einsetzte.
Seine Gedanken mussten auf seinem Gesicht zu lesen sein, denn Yihun musterte ihn mit einem spöttischen Grinsen.
»Keine Sorge, Tavoran. Ich habe deine Seele nicht beeinflusst. Ich will schließlich, dass du mir freiwillig hilfst. Eigene Motivation beflügelt besser als alle Seelenmagie.«
Tavoran hatte Andrada zu ihrem Entzücken ein großzügiges Trinkgeld in die Hand gedrückt und die Teestube verlassen. Er wollte ein wenig Ordnung in seine Gedanken bringen und bog wahllos in eine der Gassen ein. Zwischen den gespannten schattenspendenden Tüchern konnte er die vergoldeten Kuppeln der Palastfestung erspähen, die im Sonnenlicht glänzten.
Auch jetzt hatte sich das schlechte Gefühl in seiner Magengegend noch nicht verzogen. Aber trotz allem: Die Chance, Lyndia wieder zu sehen, wollte er sich nicht entgehen lassen.
Der Einbruch im Palast wäre ein Kinderspiel. Genau genommen wäre es nicht einmal ein Einbruch, sondern viel mehr ein heimlicher Besuch bei einer ehemaligen Gespielin, die zufällig zusammen mit ihrem Zwillingsbruder über Catun und ganz Amyrien herrschte. Es war fast ein Jahr her, seit er das letzte Mal in Salejas Gemach eingestiegen war, denn als er Lyndia kennengelernt hatte, hatte er es als unangemessen empfunden. Ein schlechtes Gewissen beschlich ihn, als er daran dachte, dass der erste Besuch nach langer Zeit im Grunde nur dafür galt, Saleja zu bestehlen.
Natürlich würde er sich nicht erwischen lassen, sein Ruf kam schließlich nicht von ungefähr. Auf eine Art ehrte es ihn, dass Verran ihn Yihun empfohlen hatte, obwohl er längst nicht der einzige, geschweige denn der beste Dieb von allen war. Andererseits hatte er bei der ganzen Sache ein seltsames Gefühl. Nach seinem Bruch mit den Krähen hätte er niemals erwartet, dass Verran ihn noch für irgendetwas empfahl.
Vielleicht hoffte Verran ja auch, dass er erwischt wurde. Denn dann würden sich die Wachen mit dem Galgen um ihn kümmern und Verran wäre ihn auf eine bequeme Art losgeworden. Oder aber Verran hatte im Sinn, ihn die Drecksarbeit erledigen zu lassen und ihm anschließend den Dolch abzunehmen. Tavoran wusste, dass Verran Kontakte zu den Wachen und dem Palast pflegte und niemals diese Beziehungen wegen eines Einbruchs und Diebstahls aufs Spiel setzen würde.
Tavoran entschied sich, Kerys aufzusuchen. Er wollte mehr über den Dolch erfahren und herausfinden, ob er wirklich solch ein mächtiges Artefakt war, wie Yihun behauptet hatte. Laut dessen Erläuterungen stammte der Dolch ursprünglich aus Khaleh, also hatte vielleicht Kerys schon einmal davon gehört. Außerdem wollte er sich bei ihr entschuldigen und sich für ihre Hilfe bedanken, auch wenn er es nicht guthieß, dass sie sich gegen seinen Willen magisch an ihm ausgetobt hatte.
Er wandte sich nach Südwesten, verließ das Viertel am Hügel der Stadtfestung durch die glänzenden Tore und tauchte ein in das Treiben der unteren Stadt.
Das Gauklerlager befand sich auf einer trockenen Wiese außerhalb der Stadtmauer, ein gutes Stück von der Ansammlung ärmlicher Hütten und Behausungen jener entfernt, die sich eine Unterkunft in der Hauptstadt nicht leisten konnten oder durften. Wie ein Geschwür wucherten die windschiefen gezimmerten Bauten aus Holz und Lehm der Stadtmauer entlang.
Die bunten Rundzelte der Gaukler wollten dabei nicht richtig ins Bild passen. Die in einem Halbkreis angeordneten Zelte bestanden aus verschiedenen bestickten und gewobenen bunten Stoffen und waren mit unzähligen Fähnchen verziert. Unweit des letzten Zeltes befand sich eine kleine Bühne und auf der Wiese dahinter eine improvisierte Koppel, in der einige Pferde und Ziegen weideten.
In der Mitte des Halbkreises hatten sich etwa zehn Leute um eine Feuerstelle versammelt. Der Wind trug den Duft von gebratenem Fleisch heran und Tavorans Magen knurrte, als er den großen Topf erkannte, der an einem Dreibein über dem Feuer hing. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen war es bereits nach Mittag. Wenn er Glück hatte, konnte er vielleicht noch etwas zu Essen ergattern.
Als er näher kam, drehten sich einige der Gaukler neugierig zu ihm um und unterbrachen ihre Gespräche, in den meisten Gesichtern konnte er Misstrauen und Ablehnung erkennen. Ihm entgingen die Bewegungen zu den hin Dolchen nicht, die in Lederscheiden unter den breiten mit bronzenen Platten verzierten Stoffgürteln steckten und nur teilweise von den bunten Stoffen der Gewänder und Kleider verdeckt wurden. Es war unmissverständlich, dass er hier ein Fremder und somit nicht willkommen war.
Tavoran kannte die meisten der Gaukler nicht oder nur ganz flüchtig, aber das bedeutete nichts. Kerys’ Sippe war groß, und jedes Jahr waren andere auf Reisen. Kerys war nicht unter den Anwesenden am Feuer, er erkannte jedoch ihren Bruder Rinayas, der soeben rohe Fleischstücke auf einen Spieß reihte.
Dessen Miene erhellte sich, als er Tavoran erkannte.
»Sieh mal einer an. Haben dich deine Nase und dein Bauch zu uns geführt?« Rinayas richtete sich auf und machte mit dem Arm eine Bewegung, die alle Anwesenden einschloss. »Willkommen, Tavoran Maras. Unser Feuer sei auch deins.«
Tavoran konnte spüren, wie die Anspannung und die Ablehnung der Gaukler von ihnen abfiel. Sie nickten einander zu und verfielen wieder in ihre eigenen Gespräche.
»Grüß’ dich, Rinayas«
Die beiden Männer umarmten sich und klopften sich auf die Schultern.
»Schön, euch zu sehen. Das ist ja schon eine Ewigkeit her«, sagte Tavoran.
Rinayas schob ihn eine Armeslänge von sich. »Mindestens ein Jahr«, stellte er fest und musterte ihn mit einem Grinsen. »Du siehst ein bisschen mitgenommen aus.«
»Deswegen bin ich hier. Ist Kerys da?«
Rinayas machte eine Kopfbewegung hinüber zu einem der Zelte. »Sie ist im Zelt und macht wohl irgendwelchen Magierkram.«
Tavoran musste anzusehen sein, dass ihm die Bemerkung nicht gefiel, denn Rinayas grinste noch breiter und zwinkerte ihm zu. »Wenn du nachher hoch lebst und Hunger hast, bist du herzlich zum Essen eingeladen.«
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