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Der alte Mann und das Meer. Ernest Hemingway war der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Lange Zeit galt er auch als der einsame Einzelgänger der Literaturgeschichte. Dies wohl aufgrund der Tatsache, dass er für seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“ den renommierten Pulitzer-Preis erhalten hatte. Seither galt er selber als der alte Mann und das Meer, war doch Hemingway nicht bloss Schriftsteller, sondern auch Hochseefischer, Grosswildjäger und Abenteurer. Erst heute wissen wir, dass es die Frauen an seiner Seite waren, die Ernest Hemingway als Musen zum Star und zum Literaturnobelpreisträger veranlasst und inspiriert haben. In der Öffentlichkeit galt bloss Martha Gellhorn, genannt Marty, als die Frau an seiner Seite. Es war dies jedoch nur die eine grosse Liebe des Schriftstellers Ernest Hemingway. Er war ein Literat, der seine Kreativität nicht nur aus der eigenen Begabung, sondern aus personalisierten Inspirationsquellen, den Musen, schöpfte.
Hemingway und ich. Es hat bis in unsere Tage hinein gedauert, bis es der amerikanischen Autorin Paula McLain gelungen ist, ein faszinierendes Porträt der starken Frau an Hemingways Seite in Buchform herauszugeben. Wer war diese Frau? Mit 28 Jahren begegnete Marty in einer Bar dem bis anhin noch kaum bekannten Ernest Hemingway. Das war 1938. Marty folgte dem zehn Jahre älteren Mann in den Spanischen Bürgerkrieg. Von dort aus berichteten Hemingway und Marty über die Gräuel des Krieges. An Ernests Seite legte Marty nicht nur den Grundstein für ihre eigene Karriere als Kriegsreporterin – es war dies auch der Beginn einer stürmischen Liebesbeziehung. Doch es ist Ernest, dem der grosse Durchbruch gelingt. Marty bringt Ernest auf den Weg, einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit zu werden. Marty allerdings kann selber nur kleine Erfolge feiern. So fürchtet sie, immer nur Hemingways Geliebte und damit „die Frau an seiner Seite“ zu bleiben. Während die ganze Welt während des Zweiten Weltkriegs im Chaos versinkt, muss Marty eine überaus harte Entscheidung treffen…
Wer war die „Frau an seiner Seite“? Die Karriere der Marty Gellhorn begann im Weissen Haus. Ihre Mutter war mit der First Lady Eleanor Roosevelt befreundet. Sie glaubte vorerst, ihre schriftstellerische Laufbahn in Europa lancieren zu müssen. In Paris begann sie für United Press und für Vogue zu schreiben. Später entdeckte sie ihr grosses Talent, das darin bestand, historischen Persönlichkeiten Leben einzuhauchen. Sie berichtete über den Eichmann-Prozess, die Befreiung des KZ Dachau, den Vietnamkrieg, über den Tod von Francisco Franco und den Bürgerkrieg in El Salvador. Von 1940 bis 1945 war sie mit Ernest Hemingway verheiratet und von 1954 bis 1963 mit dem damaligen Chefredaktor des Time-Magazins. Fast 60 Jahre lang arbeitete sie als Auslandskorrespondentin und Reporterin.
Von der Muse geküsst. Nach wie vor werden Menschen, die andere zu kreativem Schaffen veranlassen, als Musen bezeichnet. Für Ernest Hemingway hatte die Muse einen Namen: Marty. „Von der Muse geküsst“ konnte er literarische Werke erschaffen, die zu den Klassikern der Weltliteratur zählen. Dazu zählen etwa die Romane „In einem anderen Land“ und „Wem die Stunde schlägt“. Auch Kurzgeschichten gerieten zu Klassikern, so beispielsweise „Das Ende von Etwas“ oder „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Doch war Marty nicht seine einzige Muse.
Frauen als personalisierte Inspirationsquellen. So manches literarische Werk wäre ohne eine Muse, Geliebte oder ohne eine weibliche Affäre nicht entstanden. Als sich Hemingway im Ersten Weltkrieg freiwillig an die italienische Front meldete, wurde er durch eine Granate schwer verwundet. Drei Monate lang lag er im Spital in Mailand und verliebte sich dort unglücklich in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky, eine Amerikanerin aus Washington. Seine Liebe und seine Fronterlebnisse verarbeitete er 1929 im Roman „In einem anderen Land“. Er heiratete jedoch eine andere Frau, sie hiess Hadley Richardson. Mit ihr zog er nach Paris, wo sie ihn dazu inspirierte, vom journalistischen Schreiben abzulassen und ein Schriftsteller zu werden. Kaum zwei Jahre später verliebte Hemingway sich in Gertrude Stein, eine Künstlerin, die ihn die Kunst des Weglassens lehrte. Als seine Lebensgefährtin brachte sie ihm bei, gemäss der Eisberg-Theorie viel kürzere Geschichten zu schreiben und dem Leser deren Interpretation zu überlassen. Die Freundschaft mit Stein zerbrach, an deren Stelle trat Pauline Pfeiffer, ein Mannequin, das als Moderedaktorin tätig war. Mit ihr ging Hemingway eine Affäre ein, welche die Trennung von seiner Frau Hadley zur Folge hatte. 1925 heiratete er das Model Pauline Pfeiffer, was ihn zum Schreiben des Romans „Fiesta“ inspirierte. Der Roman bedeutete den internationalen Durchbruch als Schriftsteller. Doch auf den alternden Hemingway wartete noch die damals erst 18-jährige Adriana Ivancich. Während eines Venedig-Aufenthaltes im Dezember 1948 verliebte er sich in die junge Frau, die ihn zu dem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ inspirierte. Diese Affäre belastete Hemingways Ehe ernsthaft.
Der alte Mann und seine Musen. Für sein Gesamtwerk erhielt Ernest Hemingway 1954 den Nobelpreis, was massgeblich durch die Neubewertung seines bisherigen Werkes, infolge der Veröffentlichung von „Der alte Mann und das Meer“, geschah. Auch in diesem modernen Klassiker gelang es dem einzelgängerischen Abenteurer Hemingway, aussergewöhnliche Begegnungen einzufangen. Der alte Mann kämpft mit einem riesigen Schwertfisch, der ihn jederzeit aufgrund seiner Stärke besiegen könnte. Auch wenn der alte und einsame Mann am Ende mit leeren Händen heimkehrt, hat er sich doch in einem zähen Kampf bewährt.
Seine letzte „glatte, braune Geliebte“. Der alte Mann und das Meer war ein Abbild Hemingways selber. Damals galt er als der grosse Einzelgänger der Weltliteratur. Erst heute stellt sich heraus, dass „Der alte Mann und die Muse“ ebenfalls ein zutreffender Titel für einen grandiosen Liebesroman hätte sein können. So weit ist es jedoch nicht mehr gekommen. Am frühen Morgen des 2. Juli 1961 beendete Hemingway sein Leben im Alter von 61 Jahren selbst. Er erschoss sich. Das Gewehr, dass er für seinen Suizid verwendete, hatte er bereits seit längerem als seine „glatte, braune Geliebte“ bezeichnet.
Text und Foto: Kurt Schnidrig. / Buch-Cover: www.aufbau-verlag.de