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Der Historiker Adrian Zimmermann, Vorstandsmitglied der Robert-Grimm-
Gesellschaft,
kritisiert eine Kern-Aussage des SRF DOK-Films «Ems-Chemie – Dunkle Helfer nach dem Zweiten Weltkrieg». Er schreibt, es sei «wenig überzeugend», dass Robert Grimm und seine rechte Hand, der Zürcher Rechtsanwalt Ernst Imfeld,
den Auschwitz- Monowitz-Direktor Johann Giesen an die Hovag/Ems-Chemie vermittelt hätten. Er vertritt den Standpunkt, es handle sich hier um eine «Fehlinterpretation einer Quelle».
Seine Aussage ist aus unserer Sicht falsch. In dem im Bundesarchiv
archivierten Protokoll vom 29. April 1952 der Hovag-Überwachungskommission, die der Sozialdemokrat Robert Grimm präsidierte, heisst es wörtlich (Rechtschreibung Original):
«Der Vorschlag, Herrn Gisen anzuhören, ist sehr zu begrüssen.
Es ist daran zu erinnern, dass er in den Jahren 1945/46 von uns zur Hovag gebracht wurde. 1949 schob ihn dann Oswald beiseite, da er sich gegen die unsinnigen Investitionen aussprach. Nachdem nunmehr die Forschungen Dr. Zorns lediglich zu grossen Verlusten
führten und Dr. Zorn entlassen wurde, holte Oswald Gisen wieder hervor, der nun genau dort wieder anfangen muss, wo er 1949 aufhörte.»
Mit anderen Worten: Die von Grimm präsidierte Überwachungskommission nimmt für sich in Anspruch, Giesen
vermittelt zu haben. Die Darstellung im Film ist somit korrekt.
Unmittelbar nach dieser Sitzung erfolgte eine weitere (telegrafische) Einladung Giesens, die im Film visualisiert wurde. Laut dem Protokoll vom 1. Juli 1952 gab es bereits 1946/47 eine
Anhörung Giesens durch die Grimm-Kommission. Das entsprechende Protokoll von 1946/47 hat SRF DOK allerdings nicht gefunden. Die Protokolle der staatlichen Hovag- Überwachungskommission haben amtlichen Charakter.
Weiter schreibt Adrian Zimmermann,
die Schlussfolgerung, Robert Grimm hätte um die dunkle Vergangenheit Giesens wissen müssen, scheine «doch sehr gewagt» und spricht von «dünner Faktenlage».
Seine Aussage erstaunt. Denn das Schreiben, dass SRF DOK im Film als
Beleg zitiert, hat speziellen Charakter: Im Unterschied zu der allgemeinen Korrespondenz Imfeld-Grimm ist dieser Brief vom 6. Mai 1952 nämlich ausnahmsweise an Grimms Privatadresse gerichtet. Es trägt die Überschrift «Vertraulich» und beginnt
mit den Worten: «Mein Lieber» (die meisten anderen Schreiben von Imfeld waren an Grimms Büroadresse und hatten formelle Anreden wie “Herr Nationalrat”). Aus dem Schreiben geht hervor, dass Imfeld die berufliche Biographie Johann
Giesens in Deutschland sehr wohl recherchierte. Der Brief ist ein starkes Indiz, dass Imfeld dabei auf Giesens Tätigkeit als Direktor des Methanolwerks Auschwitz-Monowitz gestossen ist, denn Imfeld schreibt in seinem vertraulichen Brief an Grimm, dass
«Giesen selbstverständlich eine Kapazität sei mit Bezug auf Industrie-Organisator, in seinen Gebieten, also Metanol.»