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Forderungen zu erlangen, indem sie die Mächte von ihrem guten
Willen zu überzeugen und darzuthun suchte, daß eine kriegerische
Aktion das ganze
Reich in
Aufruhr und die Dynastie zum
Sturz bringen werde. Doch würden die gewöhnlichen Schachzüge chinesischer
Diplomatie dieses
Mal nutzlos gewesen sein, wenn nicht fast gerade im entscheidenden
Augenblick die
Aufmerksamkeit
der Mächte nach einem andern
Punkt gerichtet worden wäre. Das
Vorrücken Rußlands in die
Steppen von
Pamir
[* 3] erschien den Mächten
wichtiger als die Aufrechterhaltung des europäischen
Prestige in
China,
[* 4] und aus der Flottendemonstration isi nichts geworden.
Dieser indirekte
Sieg der chinesischen
Diplomatie ist um so mehr zu bedauern, als nach neuesten Ergebnissen
die
Regierung an den
Aufständen weit mehr mitschuldig war, als vorher allgemein angenommen wurde. Der
Aufstand in
Itschang ist
geradezu von Regierungstruppen veranlaßt worden. Es steht fest, daß bis jetzt die Schuldigen nicht bestraft und noch kein
Pfennig
Entschädigung gezahlt worden ist.
Gegenüber den Verheerungen, denen die nördlichen Gebiete Chinas durch die Überschwemmungen des Huangho im Laufe der letzten Jahre ausgesetzt waren, hat sich der heutige Stand chinesischer Wasserbaukunst machtlos erwiesen. Doch sprechen auch andre Umstände mit, unter denen die Unehrlichkeit der mit den Wasserbauten beauftragten Beamten eine große Rolle spielt, und bei dem herrschenden System ist die Regierung außer stände, dieser bekannten Krebsschäden Herr zu werden.
Das einzige Mittel, das dem Übel gründliche Abhilfe verschaffen würde, wozu sich jedoch die Regierung schwerlich entschließen wird, ja angesichts der herrschenden Stimmung im Volke kaum entschließen darf, ist die Verwaltung des Wasserbauwesens durch Europäer. So ist auch im Interesse Chinas selbst das Ende 1890 erfolgte Ausscheiden des um die Flotte hoch verdienten englischen Kapitäns Lang zu bedauern, der, zur Stellung eines chinesischen Admirals befördert, sich durch kränkende Zurücksetzung veranlaßt sah, in sein Vaterland zurückzukehren.
Wieviel noch für eine starke chinesische Flotte zu thun übrigbleibt, das beweist die Frechheit der Seeräuberbanden in den Gewässern von Kanton. [* 5] Diese gipfelte in dem Überfall des großen Passagierdampfers Namoa unweit Hongkong. Den Bemühungen der englischen Polizei gelang es später, der Rädelsführer habhaft zu werden, und die chinesischen Behörden des Festlandes in der Nähe Hongkongs konnten ein großartiges Exempel in Gestalt einer Massenhinrichtung statuieren.
In den letzten beiden
Jahren hat
China das Unglück gehabt, mehrere seiner bedeutendsten Staatsmänner, die der europäerfreundlichen
Fortschrittspartei angehörten, durch
Tod oder Rücktritt zu verlieren. Nachdem im April 1890 der bedeutendste chinesische
Staatsmann,
Marquis
Tseng-kwosan (Bd. 15 und 17), gestorben war, folgte ihm sein
Bruder
Tseng-kwo-tschüan,
Generalgouverneur der beiden
Kiang-Prouinzen, im
November d. J. im
Tode. Am starb
der
Vater des gegenwärtigen
Kaisers, I-huan,
Prinz
Tschun, der 7. Sohn des
Kaisers Taukwang (1821-51) im 52. Lebensjahr.
Prinz
Tschun stand mit der Exkaiserin-Regentin an der
Spitze der Fortschrittler, und seiner Thätigkeit ist vieles von den
Erfolgen in der Eisenbahnfrage 2c. zu verdanken.
Im Mai 1891 trat der Gouverneur der Satrapie Formosa, Liu Mingtschuan, aus
Gesundheitsrücksichten seinen wichtigen Posten ab und hat sich in den Ruhestand zurückgezogen. Es ist dies für den Fortschritt in hohem Maße zu bedauern, da er unter den Gouverneuren wohl der europäerfreundlichste war und die Fähigkeit hatte, viele wichtige Neuerungen in der Verwaltung durchzuführen. Seine vielfachen Verdienste um die wirtschaftliche Hebung [* 6] Formosas sind schon in unserm vorjährigen Bericht (Bd. 18, S. 155) gewürdigt worden. Eine allgemeine Empörung der Ureinwohner im Süden der Insel unterdrückte er im Februar und März 1891 durch Waffengewalt. Sein Nachfolger ist Schao, der in den 70er Jahren als Sekretär [* 7] bei der chinesischen Gesandtschaft in Berlin [* 8] und Petersburg [* 9] fungierte und 1882-84 das Amt des Tautai von Schanghai [* 10] bekleidete.
Den größten Verlust nach dem Marquis Tseng erlitt China durch den Tod des Gouverneurs der Provin; Schantung, Tschang Yao, gest. Er war einer der wohlwollendsten Beförderer westländischer Kultur. In den 70er Jahren war er Höchstkommandierender der Kwantung-Truppen, 1881 wurde er Gouverneur von Sinkiang, 1885 Gouverneur von Kuangsi, 1886 Gouverneur von Schantung. Sein größtes Verdienst besteht in Versuchen zur Regulierung des Flußlaufes des Huangho (Gelber Fluß).
Seit 1888 fungierte er auch als assistierender Direktor der Admiralität zu Peking, [* 11] und seine freimütige Kritik des großen Flottenmanövers, das im Frühjahr 1891 unter dem Kommando des Vizekönigs Li Hungtschang im Golf von Petschili stattfand, scheint auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Der Nachfolger dieses verdienten Staatsmannes, der sichere Anwartschaft auf die höchsten Ämter des Reiches hatte, und der, erst 50 Jahre alt, infolge eines Karbunkels unerwartet schnell dahingerafft wurde, ist Fujun, der bisherige Schatzmeister der Provinz, ein Mongole.
Die beiden bedeutendsten noch lebenden und der Fortschrittspartei angehörenden Staatsmänner sind die schon in unserm vorjährigen Bericht genannten Generalgouverneure Li Hungtschang und Tschang Tschihtung. Eine der neuesten Schöpfungen des erstern ist der Kriegshafen Port Arthur in der Provinz Liantan, der zum Schutze der Mündung des Peihoflusses und somit von Peking und Tientsin dienen soll. Die Arbeiten wurden im Laufe von 5 Jahren ausgeführt, die starken Befestigungen sind größtenteils mit Kruppschen Geschützen armiert; der Hafen ist als Hauptstation des Peiyang oder Nordgeschwaders bestimmt. Tschang Tschihtung wurde schon oben bei der Eisenbahnfrage erwähnt, deren mächtigster Beförderer er geworden ist. Zur Ausführung seines Lieblingsplanes, das Material für den Eisenbahnbau [* 12] 2c. aus heimischen Quellen zu liefern, hat er in Wutschang große Stahl- und Eisenwerke einrichten lassen, die aber für den gedachten Zweck noch keineswegs ausreichen.
Der Außenhandel Chinas hat in den letzten Jahren einige nicht unbedeutende Veränderungen erlitten durch den Rückgang der Einfuhr von Opium und der Ausfuhr von Thee, was sich aus den Berichten des statistischen Bureaus der Seezölle ergibt. Als Hauptgrund für den Rückgang der Opiumeinfuhr ist der Mitbewerb des einheimischen Produkts zu betrachten, das viel billiger ist als das fremde.
Auch nationale Unglücksfälle, wie die Überschwemmungen und Dürren 1888, wodurch ein Teil der Bevölkerung [* 13] verarmte, haben eingewirkt; außerdem wird viel Opium nach der Provinz Kuangtung eingeschmuggelt. Zur Preisvergleichung des fremden ¶
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und einheimischen Produktes mögen folgende Angaben dienen:
Indisches Opium (auf dem Schanghai-Markt, ohne Zoll und Likin
Bestes einheimisches Opium
Über »Likinzölle«" s. Bd. 4, S. 15.
Durch ein Edikt des Gouverneurs von Fukian ist die Kultur der Mohnpflanze freigegeben worden; es soll für einheimisches Opium ein Zoll von 40 Taels pro Pikul erhoben werden.
Ganz bedeutend ist der Abfall des Theehandels. Der chinesische Thee wird auf den europäischen Märkten durch den Thee aus Indien und Ceylon [* 15] verdrängt und ist in Gefahr, vom englischen Markte (die Engländer sind die Hauptabnehmer des chinesischen Thees) ganz zu verschwinden. Die Steuer auf chinesischen Thee ist zu hoch, etwa 30 Proz., während der indische zollfrei ausgeführt wird; eine Reduktion der Steuer ist unumgänglich nötig. Die Ausfuhr betrug 1886: 2,217,295 Pikul, 1889: 1,877,331 Pikul. Einen kleinen Aufschwung zeigen wieder die beiden letzten Jahre, nämlich in der ersten Hälfte jeden Jahres seit 1888 wurden ausgeführt:
^[Tabelle siehe Faksimile]
Im Wachsen ist dagegen die Ausfuhr an Seide [* 16] begriffen. Aus Schanghai u. Kanton, den beiden Hauptausfuhrhäfen, wurden im ersten Halbjahr ausgeführt:
^[Tabelle siehe Faksimile]
Das Jahr 1890 zeigte, den ganzen Außenhandel betrachtet, gegen 1889 einen Zuwachs in der Einfuhr und Abfall in der Ausfuhr, wofür als Gründe besonders Überschwemmungen in Tschili, die Konkurrenz des indischen Thees und das schnelle Steigen des Silberwertes anzuführen sind. Es betrugen:
^[Tabelle siehe Faksimile]
Einen großen Aufschwung hat der Außenhandel Chinas in der ersten Hälfte des Jahres 1891 genommen. Es beliefen sich nämlich die Zolleinnahmen für das erste Halbjahr in 1890 auf 9,989,000 Taels, in 1891 auf 11,150,000 Taels. Der Schiffsverkehr ist im Steigen begriffen, besonders im letzten Jahre. In den 19 Vertragshäfen klarierten ein und aus 1889: 29,145 Schiffe [* 17] mit 23,517,884 Ton., 1890: 31,133 Schiffe mit 24,876,459 T. Die Zunahme des Jahres 1891 ist zu erkennen aus der Einklarierungsziffer der ersten Halbjahre, 1890: 5,884,678 T., 1891: 6,412,274 T. Den größten Verkehr haben englische, chinesische und an dritter Stelle deutsche Schiffe, alle übrigen Nationen sind in geringerer Zahl vertreten. Anfang 1891 veröffentlichte das Finanzministerium zu Peking einen Bericht über die Einkünfte des Reiches im J. 1890. Dieselben beliefen sich auf nicht mehr als 71 ½ Mill. Taels, also etwa 350 Mill. Mk., und zwar aus folgenden Quellen:
|Seezölle||15000000 Taels|
|Likinsteuer||13000000|
|Salzzölle||12000000|
|Grundsteuer||10000000|
|Beiträge von Thee- und Salzkaufleuten||3500000|
|Einheimische Zölle||3000000|
|Andre Steuern||15000000|
|Zusammen:||71500000 Taels|
Das Steuererhebungssystem ist jedoch höchst unvollkommen. Die Steuern sind an die hohen Mandarinen verpachtet, und die mit der Erhebung betrauten Beamten lassen den größern Teil in ihren eignen Taschen verschwinden. So kommt es, daß obige an die Zentralregierung abgeführte Summe jedenfalls nicht einmal der Hälfte der thatsächlich erhobenen Steuern entspricht. Aber selbst die Privaterpressungen der Mandarinen mit eingerechnet, ist die Besteuerung Chinas noch eine sehr geringe, indem pro Kopf nicht einmal 2 Mk. Steuern erhoben werden.
Im Verhältnis Chinas zu Korea hat sich in letzter Zeit nichts Wesentliches geändert. Bei Gelegenheit der Kondolenzgesandschaft, welche der Hof [* 18] von Peking an den koreanischen König Ende 1890 schickte, kam die Frage der Suveränität Koreas wieder in lebhafte Erörterung, denn das den chinesischen Gesandten gegenüber beobachtete Zeremoniell wurde von vielen auf Unterordnung des koreanischen Hofes unter den chinesischen gedeutet. In der That jedoch bewahrt Korea seine volle Unabhängigkeit, woran auch der Umstand nichts ändert, daß es seine Zölle unter Leitung des chinesischen Seezolldienstes gestellt hat; letzteres war nötig, wenn die Regierung überhaupt etwas von den einkommenden Geldern sehen
wollte.
Heerwesen.
Seit 1870 hat die bewaffnete Macht des chinesischen Reiches unter Leitung des Vizekönigs Li eine völlige Umgestaltung erfahren. Die Kerntruppe und das Armeekorps, welchem die Verteidigung sämtlicher Zugänge zur Hauptstadt Peking obliegt, ist die Armee der schwarzen Fahne. Dies Korps von 50,000 Mann ist von europäischen, vornehmlich deutschen Offizieren vorzüglich eingeschult, angemessen uniformiert und ausreichend bewaffnet. In den letzten 2 Jahren nach Entlassung vieler ausländischer Offiziere soll die Geschicklichkeit der Truppen in der Handhabung der Schußwaffen merklich nachgelassen haben und besonders Peking nicht hinreichend geschützt sein.
Ein weiteres Armeekorps ist die Pekinger Feldtruppe, in welche die ausgesuchten, best- und hochgewachsenen Leute der Mandschuarmee eingereiht sind. Es besteht ebenfalls aus 50,000 Mann, ist sehr gut exerziert und mit dem Gebrauch der Hinterlader gründlich vertraut. Ein Teil bildet die Garnison Pekings, der größte Teil hat seinen Posten in Kalgan, nordwestlich von der Hauptstadt und an der großen Chinesischen Mauer. Eine dritte Abteilung ist die Garnison der Mandschurei, 70,000 Mann, denen die Bewachung der russischen und der koreanischen Grenze obliegt.
Durch Einreihung der Mongolenstämme und Manoschubannerträger kann die Stärke [* 19] des Korps mindestens um das Dreifache erhöht werden. Das Korps zerfällt in zwei Abteilungen und steht unter dem unnüttelbaren Befehl des Vizekönigs der Mandschurei. Die vierte Hauptabteilung des Heeres ist das Korps der neuen Provinzen, welches 40,000 Mann zählt und die Befestigungen Chinas in Mittelasien bewacht. Die Gesamtstärke des neuen stehenden chinesischen Heeres umfaßt über 200,000 Mann, die fortwährend unter Waffen [* 20] sind, wird von einigen sogar auf 300,000 Mann geschätzt und kann mit Einschluß der Reserven und neuen Aushebungen leicht auf 1 Mill. Soldaten gebracht werden. Bis 1865 war der chinesische Soldat zugleich Polizeidiener, Vollzugsbeamter der Gerichte und Steuereinnehmer und lebte mit seiner Familie kümmerlich von einem ¶
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niedrigen Solde u. dem Ertrag eines kleinen Gemüsegartens. Heutzutage ist er ausschließlich Soldat, lebt ohne Familie, und die Regierung ernährt und kleidet ihn. Sein Aussehen ist ein überaus stattliches und regelrechtes. Die Uniform bildet eine Vereinigung europäischer und mongolischer Kleidungsformen. Die Blouse und holzbesohlten Schuhe, die untertassenartige Kopfbedeckung und das offene, flatternde Untergewand der Offiziere sind nach ausgesprochen chinesischem Muster. Die Zuavenhosen, Gamaschen und Waffenröcke mit Gürtel [* 22] sind europäisch, ebenso die Seitenwaffe und das Hinterladegewehr. Disziplin, Dienst, Übungen, Manöver, Regimentseinteilung wurde von europäischen, vorzugsweise deutschen Lehrmeistern eingeführt und gründlich eingelernt. - Über die Missionsthätigkeit in China vgl. Mission.