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Die Frauen von La Principal von Lluís Llach ist es eine spannende, facettenreiche, atmosphärisch dicht erzählte Familiengeschichte aus Katalonien, die z.T. auch zum Krimi wird und eine gute Prise Gesellschaftskritik aufweist.
Die Handlung entfaltet sich auf drei Zeitebenen. Die Haupthandlung fängt am 7 November 1940 auf La Principal an, einem alten Anwesen in einem entlegenen, schwer erreichbaren Dorf in den Bergen hinter Barcelona, und endet am 25 November desselben Jahres. Ein grausiger Mord auf La Principal, der bereits im Sommer 1936 geschah, muss aufgeklärt werden, so die Auffassung des jungen Inspektors Lluís Recader, der mit den Krimis von Agatha Christi aufgewachsen war, und deren Methoden er sich auch hier zu bedienen gedenkt.
In der Mitte der Kapitel wird der Leser oft in die Vergangenheit um 1893 und früher versetzt, um die jungen Jahre der ersten Maria vor Augen zu führen. Um 1940 ist die zweite Maria, 30, die Tochter der Ersten, die Herrin des Hauses. Ihre Liebesgeschichte bildet den Großteil der Handlung. Der dritte Erzählstrang fängt in etwa in der Mitte des Buches an, ist im Präsens verfasst, und spielt im Jahr 2001. Da trifft man die dritte Maria (60) und ihren Vater (92). Vater und Tochter reden miteinander über die alten Zeiten, denn der Vater hat Maria seine Memoiren übereicht und sie dazu ermutigt, diese auch zu lesen. So erfährt die Maria einige Geheimnisse ihrer Familie, die ihr bis dahin verborgen geblieben waren.
Alle Figuren erscheinen wie dem wahren Leben entsprungen. Sie spielen nicht, sie leben einem ihre Geschichten vor. Die Marias stehen klar im Vordergrund, aber besonders umwerfend fand ich die Úrsula, die langjährige Dienerin des Hauses. Sie kannte ihre Herrschaften, ihre Stärken und Schwächen, wie alle anderen Bewohner und Gesinde des Hauses. Eine bessere Quelle könnte man kaum finden, wenn man über La Principal mehr erfahren wollte. Deshalb befragt sie auch der junge Inspektor. Toll fand ich, wie sie sich ihm gegenüber verhalten hat. Von ihrer leicht humorigen mütterlichen Art ist er förmlich dahin geschmolzen. Úrsula ist im 1940 eine Art Majordomus, die nach dem Rechten im Haus schaut, einiges in die Wege leitet und auch selbst noch vieles erledigt. Wenn sie mal freie Minute hat, setzt sie sich in den Schaukelstuhl vom verstorbenen Senyor Roderich, der zeitweise in den jungen Jahren auch ihr Geliebter war, und denkt an die alten Zeiten. So erfahren die Leser die Geschichte von La Principal und die ihrer Bewohner, u.a. die Geschichte der Familie der Roderichs und der ersten Maria, die als einziges Mädchen unter fünf Geschwistern auf die Welt kam und im zarten Alter im 1893 das Anwesen samt Weinanbaubetriebs übernahm. Es war recht ungewöhnlich zu den damaligen Zeiten, dass eine Frau das große Haus erbte und das Sagen haben sollte, aber wie und warum es dazu kam, weshalb auch Marias Brüder ihr das Erbe nicht streitig machten, das erfährt man nach und nach anhand von Úrsulas Erinnerungen, die im Text im Kursiv hervorgehoben worden sind. Ich muss sagen: Diese Rückblenden hatten auf mich eine Sogwirkung, und ich freute mich, wieder in die vergangenen Zeiten eintauchen zu können.
Es wird aus der Perspektive mehrerer Figuren erzählt, was ich als Bereicherung empfand. Das wie des Erzählens spielt hier eine große Rolle.
Der Schreibstil hat wesentlich zum Lesevergnügen beigetragen: so poetisch, richtig süffig, wie ein guter katalonischer Rotwein, mal klang es auch recht modern. Abwechslung tat gut. Auch dank des bezaubernden Schreibstils fühlte ich mich in diese alten Zeiten auf La Principal versetzt und erlebte die Geschichten der drei Marias und ihrer Lieben: Ich sah diese damalige Welt mit den Augen dieser Figuren, und hatte auch keinerlei Schwierigkeiten, ihre Motive und Taten nachzuvollziehen. Bei einer ungewöhnlichen Liebeserklärung und erst recht beim Abschied von Úrsula zum Schluss war ich zutiefst gerührt.
Toll fand ich auch, wie Lluís Llach über Frauen und ihre Stärke schreibt, und über die Männer, über ihre Schwäche und Arroganz. Besonders deutlich wurde es bei der Geschichte der ersten Maria. Da gibt es ihre beeindruckend Rede auf S. 112. Spätestens nach den ersten hundert Seiten war ich vollends verzaubert und las ich bewusst langsamer, damit das Vergnügen nicht so schnell vorbei wäre.
Einige wesentliche Züge der katalanischen Geschichte um 1940 wurden in prägnanten Bildern vor Augen der Leser ausgebreitet. Scharfe Kritik an die Kleriker der kath. Kirche mit ihren Machtgelüsten und der Vorliebe zum Intrigenspinnen, auch die Kritik an Franco-Regime spielt eine bedeutende Rolle in der Handlung. Gekonnt in Szene gesetzt!
Mit Hilfe von Úrsula und zum Schluss von Marias Vater ist eine humorig-philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Altwerden gelungen.
Es gab auch mal weniger gelungene Stellen und einige Dialoge, die wie Infodump auf mich wirkten. Die Art der Stoffdarbietung, insb. im Jahr 2001, ist an manchen Stellen weniger kunstvoll ausgefallen. Es wurde auch einiges wiederholt. Und zum Schluss zu viel und bis ins letzte Detail erklärt.
Die Idee, die Leben der drei Marias im 19, 20, und 21 Jh. in der Gegend um Barcelona aufleben zu lassen, fand ich prima. Nicht viele Geschichten dieser Art habe ich bisher genossen können. Wenn es ein Versuch war, einem Krimi literarischen Touch zu verleihen und/oder den Krimi mit einem Familienroman zu verknüpfen, so halte ich ihn für gelungen. Auch die Anspielungen auf Agatha Christi passten sehr gut.
Fazit: Die Frauen von La Principal ist es eine spannende, atmosphärisch dicht erzählte Familiengeschichte auf drei Zeitebenen, in der Frauen eine tragende Rolle spielen. Die Ermittlungen in einem Mordfall im Herbst 1940 fügen eine besondere Würze hinzu. Alles in allem: tolle, intelligente, poetische Geschichte, die bestens unterhält und zum Nachdenken anregt. Prima Lesestoff für verregnete Sonntage und/oder lange Winterabende.
Gebundene Ausgabe: 311 Seiten (reiner Text), 21 Kapitel, Insel Verlag, 7 März 2016.
Ich bedanke mich ganz herzlich beim Insel Verlag Berlin, dass diese Geschichte der Leserschaft hierzulande zugänglich gemacht wurde, auch dafür, dass ich den für mich neuen Autor Lluís Llach kennenlernen konnte. Gerne würde ich weitere Romane aus seiner Feder lesen. Und last but not least bedanke ich mich fürs Rezensionsexemplar.
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