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Henry Mancini war und ist teilweise, zumindestens einem grösseren Publikum, noch größtenteils durch seine Easy Listening-Filmmusiken wie Charade oder Breakfast at Tiffanys als „Popmusiker“ bekannt. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahren durch Veröffentlichungen wie Lifeforce, Nightwing oder Without a Clue, in denen Mancini sich als souveräner Sinfoniker präsentiert, gewandelt. Im Falle von Wait Until Dark zeigt sich Mancini dem Hörer gar als experimenteller Impressionist. Zumindest reinhören lohnt sich also.
Wait Until Dark ist ein amerikanischer Thriller von 1967 mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle. Hepburn spielt eine Blinde, die eines Tages Besuch von Gangstern erhält, welche eine Puppe voll Heroin aus ihrem New Yorker Apartment schmuggeln wollen. Das Stück, das auch auf dem Broadway aufgeführt wurde, wurde von Terence Young verfilmt, und Audrey Hepburn persönlich rief ihren langjährigen Freund Henry Mancini an, um ihn zu bitten, die Musik für ihren neuen Film zu schreiben.
Um diesen Suspense-Film musikalisch passend zu unterstützen, griff Mancini auf ein Mittel zurück, das der große Impressionist Charles Ives erstmals Ende des 19. Jahrhunderts verwendet hatte: Von zwei Klavieren verstimmte er eins um einen Viertelton und ließ anschließend beide Klaviere zusammen spielen. Das Ergebnis klingt derart verstörend, dass ein Pianist bei Probeaufnahmen zur Filmmusik Mancini um eine Pause bat, da ihn diese Musik krank mache.
Mancini schuf hier in der Tat zusammen mit The Night Visitor seine experimentellste Filmmusik, bei der vor allem auch die Besetzung interessant ist: Der Komponist verzichtete bis auf wenige Ausnahmen komplett auf Holz- und Blechbläser, und auch die Streicher nehmen nur eine untergeordnete Rolle ein. Viel wichtiger sind Zupf- und Schlaginstrumente, die zwei Klaviere, diverse Keyboards wie z.B. ein Novachord Synthesizer, ein elektrisches Cembalo, Gitarren, eine Sitar oder gar eine japanische Mundorgel. Abseits der experimentellen Teile präsentiert Mancini aber auch zwei Melodien. Zum einen das Theme for Three, das gleich im Main Title, vorgetragen von einem Pfeifer, erklingt und zum anderen das Wait until Dark Thema, die Vorlage für den Song, der auf dieser CD als Abschluss des originalen Scores zu hören ist und für den Jay Livingston und Ray Evans (Bonanza) die Lyrics schrieben.
Das große Problem dieser CD ist nicht die Musik an sich, sondern ihre Zusammenstellung. Eingestreut in die stimmungsvollen und zuweilen sehr faszinierenden experimentellen Teile sind immer wieder popige Source Music- Stücke, die den Gesamteindruck doch sehr stören und ihn verwässern. Als Beispiele seien hier nur die Phono Source-Stücke genannt, die in ihrem seichten Easy Listening-Stil sehr an den gewohnten Popmusiker Mancini mahnen. Programmiert man diese heraus, bleibt leider auch keine allzu lange Spielzeit mehr, dafür hat man jedoch auch gleich alle Highlights versammelt, wie etwa Big Drag for Lisa mit seinen Penderecki-haften, dissonanten Streicherfiguren oder Mancinis wohl besten Actiontrack überhaupt: Bulbus Terror mit harten Pianorythmen, Streicherclustern und Trommel.
Als Bonus-Tracks gibt es einen alternativen Main Title, eine recht seichte Version des Wait Until Dark-Themas, den alternativen Track zu He’s Got Time und eine zweieinhalb-minütige Aufnahme der „Piano Tests“, drei Wochen vor den Recording Sessions zur Filmmusik, wo man Mancini samt Pianisten lauschen kann.
Für den erfrischenden, hochinteressanten Original Score sind 4 Punkte angemessen, einen halben Punkt gäbe es Abzug wegen der unglücklichen Zusammenstellung, doch das wird durch das feine, informative Booklet wieder ausgeglichen.