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Graubünden, Kletterfahrten in geologischer Sicht
VON ALEXANDER VON WANDAU, WIEN
Graubünden gilt als das Tibet der Schweiz. Hier erreicht die Massenerhebung der Alpen ihre grösste Ausdehnung. Dies zeigt sich in den auffallend hochgelegenen Talsohlen - ca. 1700 m, soweit sie bewohnt sind. Das Rätische Hochland spendet die beiden grossen Ströme Mitteleuropas, Rhein und Donau. In Graubünden scheiden sich Ost- und Westalpen unter einer gewaltigen Deckenbewegung nach Nordwesten. Graubünden ist seiner geschichtlichen Entwicklung nach ein Passstaat, der vom grösseren Passstaat der Eidgenossen aufgesogen wurde. Die Grenzziehung zwischen West- und Ostalpen ist bei den Geologen zweifelhaft. Dem Alpinisten ist es aber möglich, schon bei geringem Ortswechsel verschiedenartige Berg- und Gesteinsformationen kennenzulernen. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich über einige, in den Bündener hochalpinen Führern hervorgehobene Bergfahrten vergleichend berichten.
Ältere Autoren sprechen von einer Rätischen Hauptkette, geologisch gesehen zur sogenannten Silvrettadecke gehörend, ein streckenweise schon ziemlich abgeschliffenes, nordöstlich streichendes Gebirge in der Mitte Graubündens, aber abseits der Hauptwasserscheide der Alpen. Es ist ein kristallines Gebirge mit grösseren Paragneiszonen, das sind umgewandelte Sedimente der ältesten geologischen Zeiten, die, in Orthogneise eingefaltet, den Rest eines Gebirges verraten, das vor dem Mesozoikum, dem Mittelalter der Erde, abgetragen war und zur neuerlichen Auffaltung gelangte. Die höchsten Erhebungen der Silvrettadecke sind: Piz Kesch, 3420 m, und ( im Unterengadin ) der Linard, 3414 m. Als klassische Klettertouren in der Schwierigkeitsstufe III bis IV, bequem bedient durch Schutzhütten, gelten der Fergen Kegel, 2851 m, der Litzner, 3109 m, und die Kesch Nadel, 3386 m. Der Bündener Talort für die zwei erstgenannten ist das freundliche Klosters, 1200 m, im Prätigau im Schnittpunkt dreier geologischer Formationen. Bei der Bahnfahrt nach Klosters hatte ich freilich nur Blick für die im Hintergrund aufragenden dunklen Gletscherberge der Silvretta als unser Tourenziel. Im Bahnhof Klosters erfuhr ich den Namen eines Taxibesitzers, der berechtigt sei, zur 1650 m hoch gelegenen Sardascaalp hineinzufahren. Ich traf ihn im Gasthaus, und eine Stunde später fuhren wir los. Zunächst hätte ich mit meinem Kameraden zur Fergenhütte des SAC hinaufgehen sollen - die Fergenhörner grüssten verlockend zu uns hinunter -, aber in zufallsbedingter Programmänderung nächtigten wir in der Seetalhütte des SAC, 2060 m, 1 Stunde oberhalb der Sardascaalp. Diese Hütte sah nicht ganz wie eine SAC-Unterkunft aus. Beim Eingang Gewehrständer, und um den wurmstichigen Tisch in der finsteren Hütte lagerten vier Jäger, die uns wie Wilderer vorkamen. In Graubünden kann jeder, der die Jagdprüfung abgelegt und das Jagdpatent erworben hat, auf die jagdbaren Tiere schiessen, ohne sich um deren waid-männische Pflege gesorgt zu haben. Nicht zu verwundern, dass die Jäger zugaben, kaum irgendein Wild erspäht zu haben. In der Frühe hatten sie es demnach nicht eilig, als wir zwei bei wolkenlosem Wetter auf brachen. Es ist ein seengeschmücktes, doch ernstes Hochtal, von dem die Seetalhütte ihren Namen bezieht. Nicht nur der Litzner, auch andere Hörner, wie die Garneraspitzen, kehrten uns scharfe Schneiden zu. Nach 5/4 Stunden hiess es die Steigeisen anlegen, und nach weiteren B/4 Stunden waren wir beim Einstieg in die Felsen oberhalb einer Eiszunge. Wir mussten durch eine brüchige Rinne zunächst auf das Seehorn, 3123 m, hinauf. Am Grat angelangt, bot sich ein phantastischer Anblick des Litzner, der als schlanker Turm einem wilden Gletscherhang entragte. Dies alles bei recht ansehnlichen Dimensionen und einer Eleganz der Linienführung, ähnlich wie am Matterhorn. Die Überschreitung des Seehorns ist trotz dem grasbewachsenen ( « seifigen » ) Gestein leicht, weitaus interessanter ist der Litzner. Wir machten nunmehr Bekanntschaft mit Granitgneis, untermischt mit dunklem Hornblendegestein: wenig Reibung, aber gute Griffe. Was den üblichen Anstieg zum Litzner anlangt über die Ostflanke von der Saarbrücker Hütte ( ÖAV ) bzw. dem Silvrettahaus des SAC ( Rotfurkaweg ), so scheint mir erwähnenswert, dass der gewiss ausgezeichnete SAC-Führer « Bündener Alpen, B. Band », als Schlüsselstelle eine sperrende Platte bezeichnet: unter dieser griffarm zur Kante und mittels Klimmzuges hinauf, dann über leichte Felsen zum Gipfel. Es folgt aber noch eine mit Sicherungshaken versehene, recht ausgesetzte Platte, um die man sich links herumwursteln muss. Hier hinunter hielten wir Abseilen für nötig. In geologischer Hinsicht ist die Aussicht, insbesondere auch vom Seehorn, sehr instruktiv an die kristalline Silvrettadecke, die in der Tiefe keinen Zusammenhang mehr hat, sehen wir im Nordwesten ( Rätikon ), Norden und Süden Kalkgebirge ( aus dem Trias- und Jurazeitalter der Erde ) angelehnt oder vom Kristallin, früher « Urgebirge » genannt, überschoben. Im Westen sehen wir diese « ostalpine » Decken über dem Prätigau durch Erosion bereits entfernt und am westlichen Rheinufer ein anderes Kalkgebirge ( Calanda-Tödi ) aufsteigen. Dieses wird der helvetischen ( westalpinen ) Fazies ( Ausprägung ) zugerechnet. Während die Engadiner Dolomiten und Bergüner Kalkstöcke im Südwesten und Südosten unserer Aussichtswarte in einem tiefen Meer entstanden sind, nimmt man für die Kalkkette westlich des Rheins eine litorale Entwicklung - also am Rande einer Meeresbucht - an, wie durch Konglomeratbänke z.B. am Calanda kenntlich ist. Der Rätikon war nach Meinung der Geologen damals zeitweise trockenes Land, und weder die Silvretta noch die rätische Hauptkette war noch Hochgebirge.
Wollen Sie uns nun auf deren Höchsterhebung, den erwähnten Piz Kesch, begleiten, den man gleich vorteilhaft aus dem Sertig-, Inn- oder Albulatal angehen kann. In Bergün, 1367 m, einem typischen Bündner Städtchen mit vielen Erkern und Sgrafitto geschmückten Häusern in einem verlandeten ehemaligen Seebecken gelegen, gibt es einen Bäcker, der 2- bis 3 mal in der Woche den Gastwirt in Tuors, 1822 m, beliefert und Passagiere in seinem Auto mitnimmt. Wir bestimmten deshalb einen Mittwoch für die geplante Gipfeltour. Von Tuors geht es sehr bequem in 2 Stunden zur gut eingerichteten Keschhütte des SAC, 2632 m. Wir liessen uns Zeit, kochten bei Heidelbeersträuchern am Propangas unser Süppchen und wollten uns mit sibirischen Heuschrecken anfreunden. Mit Heidelbeer- und Alpenrosenunterwuchs gedeihen hier gut die Arvenbäume, deren dunkles Grün nach unserer Meinung dazu gut war, um beim Photographieren die eintönigen grauen
Erciyas Dagh
Photos 64, 66-72 Dr. Bruno Messeri:, Bern Photo 65 Kunz-Zumbiihl Abb. 1 Die Stadt Kayseri und der Erciyas Dagh. Die zwei Hauptgipfel: links Erciyas P. 3916, rechts Kaya Tepesi etwa 3770 m ( vgl. Abb. 3 ). Parasitärkegel auf dem langsam ansteigenden Vulkansockel ( links die zwei grössten, Ala- und Lifos-Dagh ).
Abb.2 Blick vom Gipfel nach Süden über das Becken von De veli zum Ala Dagh. Im Vordergrund die Blocklava des Kartin Dagh, vor dem die Sanderfläche des würmeiszeitlichen Südgletschers endet ( vgl. Abb. 6 ).
Abb. 3 Der heutige Gletscher in der Gunstlage der Gipfelwand des Erciyas Dagh. Die Zunge ist von Schutt überdeckt, die Sanderfläche spätglazial bis rezent. In der Karmulde links aussen ein Blockstrom.
Abb.4 Blick von der Passstrasse ( Berghaus rechts am Bildrand ) zum Ostkar, aus dem die Moränen breit ausfächern und in der Sanderfläche oberhalb des Berghauses enden. Die lohnendste Aufstiegsroute führt über den Oslgrat ( von links ), die direkteste Route in der Fallinie rechts am markanten Felskopf ( links des Gipfels ) vorbei auf den Grat.
Abb. 5 Der eiszeitliche Nordost-gletscher. Die seitlichen Höhenrücken sind Moränenaufschüttun-gen, gehen dann aber in alte Verebnungsflächen über. In der schwach eingetieften Talung die hügelige, grösstenteils ungeordnete Moränenmasse.
Abb.6 Der eiszeitliche Südgletscher. Das Kar zwischen dem Hauptgipfel ( links ) und dem Ostgrat ( rechts ) ist durch postglaziale Verwitterung zugeschüttet. Die Moränenmasse fächert nach dem Verlassen der Karmulde aus und geht auf 2500 m in eine Sanderfläche über ( helle Farbe ).
Abb. 7 Tertiäre und quartäre Ablagerungen südlich Hacilar. Die Sekundärkegel rechts im Bilde sind früher oder gleichzeitig mit den tertiären Ablagerungen entstanden, die Blocklava des Perikartini links im Bilde ist viel jünger und hat das bestehende Entwässerungsnetz unterbrochen.
Abb. 8 Tuffablagenmgen am nördlichen Rand des Ostgletschers auf 2750 m. Darüber jüngste Moränen oder nur solifluidaler Schutt, darunter Moränen des Würm-Haupt-gletschers.
Abb.9 Zurück vom Dreschplatz! Kleine Oasen am Gebirgsfuss zwischen Develi und Incesu, unweit des Salzsees. Im Hintergrund der Er-ciyas-Gipfel.
Schutthalden der Duncankette, 3020 m, im Nordhang des Val Tours ( Hauptdolomit ) aufzulockern. Wir befanden uns noch in der Mittelbündener Dolomitzone, deren Piz Ela, 3338 m, mit einem kleinen Paradegletscher unseren Blick erfreute. Beim Weitermarsch zur Keschhütte - Übertritt in die kristalline Zone - wurde der bisher steile Böschungswinkel des Tales überraschenderweise kleiner ( im Gegensatz zu den steilen Talschlüssen bei Klosters !). Nur der Piz Kesch ist eine wirkliche alpine Majestät. Der vorgelagerte keineswegs harmlose Gletscher Vadret da Porchabella, speist sowohl den Rhein wie die Donau - rätselhaft, wie die Namen Kesch und Porchabella. Der Piz dieses Namens umfasst den Südwesten des Gletschers hufeisenförmig mit mehreren Spitzen. Unseren Feldstecher wandten wir zuerst der Ostspitze zu, genannt Kesch-Nadel, die als schönste Kletterfahrt des Gebietes gilt. Die erste Hälfte der Kletterei, schräg rechts von der scharfen Ostkante, ist nicht besonders schwierig, aber dann kommt man in plattigen, abwärtsgeschichteten Fels. Das Traversieren ist hier schwierig. Am Grat weiter zum Kesch-Hauptgipfel, 3417 m, gibt es eine Abseilstelle von 10 m, und wenig später kann man sich beruhigt der überaus umfassenden Gipfelaussicht hingeben, denn der Abstieg vom Kesch bis zum überwächteten Gletscherrand hinunter bietet keine Schwierigkeiten. Im Bild des Kesch herrscht rotbraune Verwitterungsfarbe vor, bedingt durch ein eisenhaltiges Mineral ( Biotit ), hingegen deutet graugrüne Farbe auf Chlorit ( Schiefer ). Der Kesch besteht im wesentlichen aus Streifengneis, wobei ich als bekannt voraussetzen darf, dass der Gneis dieselbe Zusammensetzung hat wie der Granit, nämlich Quarz, Feldspat und Glimmer, aber nicht wie jener richtungslos körnig, sondern nach parallelen Flächen angeordnet ist; nach diesen Schieferflächen bricht das Gestein. Am Kesch lassen sich nun, wenn man die Tour wie beschrieben durchführt, verschiedene Abwandlungen des Gneises beobachten, der helle glimmerarme sogenannte Orthogneis, aus Granitmagma hervorgegangen, und in Gratnähe ein dunkler quarzitischer Gneis, dieser wohl kein Erstarrungsgestein. Auch beim Abstieg in der Nähe des Nordwestgrates trifft man diesen leichter zerfallenden, sogenannten Paragneis.
Einen auffallenden Gegensatz zu dem kristallinen Gebirge bietet uns Graubünden in der Bergeller Kette, welche aus granitischen Erstarrungsmassen gebildet ist. Die Einmaligkeit dieser Granitlandschaft wird besonders stark empfunden, wenn man quer hindurch bis ins Berninamassiv wandert, wo auch Eruptivgesteine, darunter Granite, jedoch in Kontakt mit Kalkschiefern, ein - landschaftlich gesehen - ganz andersartiges Regiment führen. Wir planten unsere Wanderung am neuen Albignastausee zu beginnen, da wir wussten, dass zweimal täglich die Materialseilbahn von Pranzaira ( an der Maira ) hinauffährt. Aber « der » PKW setzte uns bereits in Maloja, 1800 m, ab, und wir schulterten unsere Rucksäcke den 33/4stündigen, zum Teil unbequemen Weg zur Fornohütte, 2574 m, hinauf. Unmittelbar aus dem Inntal kommend, glaubten wir unter der riesigen Stirne des Fornogletschers die Innquelle vor uns zu haben, aber das war « einmal », als nämlich der Malojapass weiter westlich lag und auch das oberste Quelltal der Bergeller Maira noch dem Inn tributar war. Trotz der späten Tageszeit waren wir fast geblendet durch die strahlende Helle, welche weniger vom kilometerbreiten Fornogletscher - der lag bereits im Schatten -als von den Granitbergen und ihren eisgepanzerten Nadeln ausging. Unser erstes Ziel - die Albignahütte wäre hiefür wenig geeignet gewesen - war der Bacone-Nordgrat. Wie sich später herausstellte, ist dies die einzige Klettertour, welche von der Fornohütte öfters unternommen wird. Aber auch am wolkenlosen und herbstklaren 26. August 1964 waren wir als einzige Seilschaft unterwegs. Der Hüttenwart hatte uns ein Schneedreieck am jenseitigen ( westlichen ) Gletscherufer bezeichnet, wo wir Steigspuren zur Bacone-Scharte ( Fusspunkt des Nordgrates ) finden würden. Der Gletscher sichtlich eingesunken - konnten wir keine Steintauben sehen, und anstatt die Routenzeichnung im SAC-Führer zu studieren, kletterten wir gleich in der sich ob uns öffnenden 8 Die Alpen - 1965 - Us Alpes113 wasserüberronnenen Schlucht, Richtung Forcola del Riciöl, 3033 m, hinauf. Nach Überwindung einer « IVer Stelle » kamen wir glücklich zum Weg und zur richtigen Scharte, wo wir das ganze Val Bregaglia ( Bergell ) bis zum fernen Monte Rosa überblicken konnten. Von unerhörter Kühnheit die Cima dal Largh, 3188 m, nördlich der Scharte, einer der vielen Glanzpunkte des Bergells. Die Bacone-Kletterei beginnt mit einem Reitgrat und auch die Fortsetzung bis zum zweiten Turm entsprach der Beschreibung im SAC-Führer. Dann aber glaubten wir ein besseres Fortkommen in der linken Flanke ( Richtung Ostgrat ) zu finden, hatten aber hier knapp unter dem Gipfel, 3244 m, nochmals eine sehr schwierige Stelle. Am Rückweg hielten wir uns daher mehr am Nordgrat. Was die Aussicht anlangt, so zweifle ich nicht, dass der Bacone neben jener des Cengalo, 3370 m ( am Bondascagletscher ), die beste - sicher auch ungewöhnlich malerische Gruppenansicht bietet. Das Klettern im körnigen eisenfesten Granit empfanden wir als ein Erlebnis eigener Art. Übrigens ist auch eine Tour in die südliche Bucht des Fornogletschers, wo man einsam vor lauter schrecklich abweisenden Mauern und Kanten umgeben ist, etwas zur « jungen » Bergeller Granitlandschaft gehörend und ebenso eindrucksvoll wie der berühmte Bondascagletscher mit der Sciorahütte.
Auf unser nächstes Kletterziel im Granit ( höchster Punkt ), die Cima di Castello, 3392 m, mussten wir verzichten, da uns das Spuren auf dem grossen Gletscher zu mühsam schien. Wir folgten aber Trittspuren im teilweise zerklüfteten Gletscher ( 4 Stunden ) zum Monte Sissone, 3331 m, hinauf. Mit wahrhaft zauberhaftem Blick auf die zerfurchte Eisflanke des nahen Disgrazia. Eine Seillänge den Westgrat abkletternd, fanden wir einen ziemlich leichten Abstieg südwärts nach Italien. Abgesehen vom Passo di Zocca ( südlich der Albignahütte ) dürfte dies der einzige Übergang in der Bergeller Hauptkette sein, den man mit Rucksack am Buckel unbedenklich wagen kann. Die Blockhalden aus Granit am Südhang des Sissone sind natürlich unbequem, aber nach einer Weile kommt man zu den wegsamer zerfallenden Schiefergneisen des Disgraziamassivs. Hier führt der « sentiero Roma » von der Allievihütte ( unter dem Zoccopass ) zum Passo Roma, 2890 m, in einem Südwestausläufer des Disgrazia. Auf der von uns zu Rate gezogenen, kürzlich erschienenen Freytag-Berndt-Karte der Berninaalpen ist weder Pass noch Weg eingezeichnet. Die Karte behandelt freilich auch andere Schutzhüttenwege mit erstaunlicher Willkür. Wäre keine so gute Markierung gewesen, so hätten wir nicht - zumindestens nicht ohne Biwakieren - über den Pass zum Rifugio Ponti gefunden. Unter dem Pass auf der Westseite sind senkrechte Felsen, wo wir die Wegmarkierung ( unterstützt durch Drahtseile ) nicht vermutet hätten. Das bis Ende August bewirtschaftete Rifugio Ponti, 2559 m, des CAI liegt weglos eine Stunde jenseits des Passes. Es war ein Glück, dass wir von der Höhe ein beleuchtetes Fenster und damit die Richtung zur Hütte erkennen konnten. Sie ist der einzige zurzeit praktische Ausgangspunkt für die Besteigung des ( 4%, Std. ) Disgrazia, 3678 m.
Dies ist der Hauptgipfel der ganzen Gruppe, als Berggestalt wie als Bergfahrt von unübertrefflicher Schönheit. Wir waren zunächst allein in der Hütte, aber am Samstag erschienen zahlreiche Italiener und sogar vier Salzburger, die übers Wochenende mit ihrem Auto ins Preda rossa-Tal ( Hüttenanstieg ) hinaufgefahren waren. Am Disgrazia ( Normalroute: Nordwestgrat ) lernt man den sogenannten Serpentin - auch ein Tiefengestein - flüchtig kennen. Bei der Tour ist ein 50 % geneigter Eishang und weniger der Fels eindrucksvoll. Wenn man jedoch den Übergang von der Pontihütte über den Passo di Cornarossa, 2840 m, nach Chiesa Valmalenco, 1000 m, macht, so erlebt man, wie ich bereits angedeutet habe, eine Fülle geologisch interessanter und auch das Bergsteigerherz beglückender Landschaftsbilder. Ich stehe nicht an, diese Tour in Verbindung mit meiner Besteigung des Piz Bernina zum schönsten zu rechnen, was die Alpen dem Bergsteiger bieten. Die erwähnten Italiener und Salzburger von der Pontihütte ( die ersteren waren nicht ein- mal am Disgrazia gewesen ) haben wohl keine Ahnung, was ihnen entgangen ist, als sie am Sonntag nur das langweilige Tal nach Cataeggio zurück wanderten.
Vom Blickpunkt der Landesgeschichte handelt es sich um jetzt italienisches, in Wirklichkeit aber um altes Bündner Gebiet. Die vornehmen Herren der drei Bünde - noch stehen ihre Paläste in Zuoz und Soglio- hatten das Veltlin 1512 erworben. Ihnen standen im Splügen-, Maloja- und Berninapass praktische Zugänge zur Verfügung. 1797 hat ihnen Napoleon das Veltlin weggenommen. 1803 wurde der Bündner Passstaat der Schweiz angegliedert. Aber dennoch war es eine grosse Enttäuschung, als der Wiener Kongress 1815 die österreichische Herrschaft in der ganzen Lombardei inkl. Veltlin wieder herstellte. Bis zum unglücklichen Krieg von 1859 hatte das kaiserliche Österreich hier in Piz Zupò und dem Spallagipfel des Bernina ( beide je 4000 m ) seine höchsten Erhebungen.
Ich will nicht verschweigen, dass nicht alles gelegentlich der Passwanderung durch die verschiedenen Granit- und Schieferzonen des oberen Veltlin - in der Freytag-Berndt-Karte als Engadiner Alpen bezeichnet - gleich erfreulich ist: zunächst pfadlos 2 Stunden ab Rifugio Ponti zum Corna-rossapass ( mit der unbewirtschafteten capana Desio ). Hier der Moränenschutt im Bereich des stark zurückgegangenen Preda rossa-Gletschers zwar merkwürdig aber ein richtiger « Tschoch ». Jenseits des Passes kletterten wir einer Wasserader nach in deren Schlucht hinunter. Glücklicherweise verzog sich jetzt der eingefallene Nebel, und wir sahen etwas höchst Überraschendes, lauter grellrote Felsen, die Corni bucciati, 3114 m, darunter einer wie aus den Aiguilles de Chamonix hieher versetzt. Bald tauchten die ersten südalpinen Pflanzen auf, von uns freudig begrüsst, nachdem wir 6 Tage in der Gletscherregion zugebracht hatten. Mittagessen in der blitzsauberen Bosio-hütte, 2086 m, in einer unerwarteten Aulandschaft, beides so anheimelnd, dass es uns leid tat, weiterziehen zu müssen. Der Weg führt nun hoch am linken Hang des zu einer Klamm ( Granitintrusion ) absinkenden Tales und gibt bei einer Biegung den Blick auf die himmelstürmenden Diorit-Granit-Mauern der Bernina-Hauptkette frei. In Chiesa hiess ich einen Taxler, sich das Permesso zu besorgen für die Benützung der Strasse zu den neuen Stauseen am Campo Moro, 1922 m. Von diesen brachen wir um 7 Uhr früh auf, mit dem Ziel Bernina, dessen gewaltigen Südwände, kaum dass wir sie am Forbicipass, 2640 m, erblickten, eine Nordströmung einnebelte. Wir passierten zwei elegante Schutzhäuser, ohne Touristen zu bemerken. Oben in der Gletscherregion des anscheinend ungefährlichen Vedretta di Scerscen superiore kamen uns welche im Abstieg entgegen. Aber erst vor der capana Marco e rosa, 3600 m, an der italienischen Grenze, wimmelte es von ( deutschen ) Bergsteigern, die über die grossen Gletscher der Schweizer Seite ( « Fortezza»-Route ) heraufgekommen waren. Sie waren erstaunt zu hören, dass der eigentliche Weg zur Hütte über die sehr steilen, aber versicherten Felsen der Südseite führt.
Es gibt jetzt zwei Marco e rosa-Hütten. Die 1913 von Baron Marco de Marchi gestiftete zugige Holzbaracke und die neue, schön gelbrot angestrichene Hütte daneben, deren vorfabrizierte Teile ein Hubschrauber heraufgebracht hat. Die Eröffnungsfeier hat am vorigen Sonntag, den 30. August 1964, stattgefunden. Wir waren im Begriff, uns hier gemütlich einzurichten, als der Hüttenwart der alten Hütte, der einen unverständlichen lombardischen Dialekt sprach, uns eigen-pfötig hinauswarf. Erst als seine Hütte von Menschen überquoll, durften wir auf den sauberen Matratzen der neuen Hütte schlafen. Am nächsten Morgen bei strahlendem Wetter los auf den Bernina, 4049 m! Mehrere Partien waren schon am steilen Firnfeld unter dem Spallagrat. Ähnlich wie am Disgrazia tritt hier der Fels zurück im Vergleich mit dem teilweise sehr scharfen Eisgrat, der einen Vorgeschmack zu dem längeren und berühmteren Biancograt des Bernina enthält, sofern man diesen zur Tschiervahütte absteigen will. Wie am Disgrazia ist man hoch über dem Gipfelmeer der Alpen, nur dass nicht Granitnadeln, sondern die weiten Eisflächen des Vordergrundes für das Panorama bestimmend sind.
Nach den Eiswüsten des Bernina ist es geradezu erholend, in den Bündner Kalkalpen zu klettern. Beim Bergüner Skilift sind wir an einem herbstklaren Nachmittag den Waldweg ( 2 y2 Stunden ) zur Elahütte, 2252 m, hinaufgestiegen. Die Hütte gehört der Sektion Davos des SAC, und aus dieser Gegend kommen auch die meisten Besucher. Keine Ausländer! Unterwegs hatten wir einmal flüchtigen Einblick in die Wunderwelt des Kalkgebirges: ein Hochtal des Elastockes, genannt Murtel d' Uglix. Mein Tourenkamerad Quax fühlte sich sofort heimatlich angesprochen und erklärte, unerhörten Auftrieb zu verspüren. Als wir dann auf dem Wiesensattel vor der Elahütte angelangt, das Tinzenhorn, 3179 m, das « Matterhorn » Graubündens, aus der Nähe sahen, glaubten wir uns in die Südtiroler Dolomiten versetzt. Im Gegenlicht des sinkenden Tages schien die Ostflanke, die wir angehen wollten, keinen schwachen Punkt zu haben. In Wirklichkeit gibt es - wie im Hauptdolomit üblich - zahlreiche Bänder und Geröllmulden, die den leichtesten Weg weisen. Den haben wir gelegentlich unserer Kletterei nicht getroffen, aber keine schwierigeren Passagen als III.
Der Piz d' Ela, 3338 m, 2l/2 km Luftlinie östlich vom Tinzenhorn, ebenfalls aus rauhem Hauptdolomit, mag eine halbe Stufe schwieriger sein. Von den Touristen wird der Umstand viel beachtet, dass lange Schutthalden auf unangenehme Art den Einstieg in die Felsen verteidigen. Am Nordfuss beider Massive ist eine ungemein auffallende Decke von Rhät-Lias-Schiefer angeschmiedet. Auch die herrliche Passwanderung ( bequemer Weg, 5 Stunden ) von der Elahütte nach Preda, 1724 m, an der kühn angelegten Albulabahn nach Samedan soll nicht unerwähnt bleiben.
Der höchste Kalkberg Graubündens - bereits an der Grenze gegen Glarus ( « Glarner Alpen » ) ist der Tödi, 3623 m. Von diesem kann ich hauptsächlich berichten, dass es von der Puntegliashütte, 2340 m, aus eine sehr lange Gletscherwanderung ist. Kletterisch interessanter sind die kecken Brigelser Hörner auf der Bündner Seite der Tödigruppe. Freund Pauli und ich hatten in einer Nachtfahrt mit dem D-Zug Chur erreicht, ehemals Römersiedlung und ein ältester Bischofsitz der Alpen. Ein rätischer Bummelzug brachte uns den Rhein entlang weiter nach Truns, 840 m. Nach dem Mittagessen ging es auf gutmarkiertem Weg zur unbeaufsichtigten Hütte. Unterwegs schauten wir uns vergebens nach dem Kalkgebirge um. Erst bei der Hütte, am Abfluss des Punte-gliasgletschers angelangt, zeigte es sich in verblüffender Grossartigkeit. Recht einsam kamen wir uns vor, als wir in den wilden Gletscherzirkus im Norden der Hütte hineinblickten. Am nächsten Morgen beim Aufstieg zum Crap Grond, 3196 m, der Brigelser Hörner, hatten wir wieder zunächst Urgestein. Oberhalb einer Schichtstufe änderte sich aber schlagartig das Bild. Wir betraten mächtige Kalkschieferplatten, darauf feiner rutschiger Schutt. Aber es sollte bald unangenehmer kommen. Die Wand stellte sich auf, und an Stelle des Schutts zeigte sich scharfkantiges, bröckeliges Gestein ohne irgendwelche verlässliche Griffe und Tritte. Wir kletterten mehrere Seillängen in einer Art Mulde bis zum Hauptkamm, wo man in den riesigen merkwürdig gebänderten Kessel des Val Frisai hineinsieht, gewiss ein alpines Schaustück, aber auf die Besteigung des Gipfels, Crap grond oder ( rechter Hand ) Cavestrau grond, 3215 m, verzichteten wir leichten Herzens, um so mehr, als verdächtiges Gewölk aufzog.
Das hässliche Kalkgestein - aber nur auf kurze Strecke - trafen wir dann wieder am zentral gelegenen Piz Urlaun, 3371 m, den wir als Ersatztour für den ursprünglich geplanten Bifertenstock, 3426 m, wählten, dessen Besteigung uns nach den Erfahrungen zu gefährlich und wegen des Eisbruches am oberen Puntegliasgletscher auch viel zu langwierig erschien. Wir waren jedoch froh darüber, in der Puntegliashütte im Zuge eines mehrtägigen Aufenthaltes einen idealen Stützpunkt für viele abwechslungsreiche Touren, alle mit schönem Blick auf die lange Eiskette der Walliser und Berner Alpen, kennengelernt zu haben.
Noch eine Gesteinsformation ist mit dem Namen Graubünden eng verknüpft: die Bündner Schiefer. Sie sind frühere Meeresablagerungen, die jetzt dunkelgraue bis schwarze Schiefer bilden. Mit ihren kalkigen und tonigen Sedimenten gehören sie den Westalpen an und erscheinen im Unterengadin - die höheren ostalpinen Decken erodiert - als sogenanntes Engadiner Fenster. Sie beherrschen die Samnaun-Gruppe, einen Grenzbezirk, auf den bis 1801 Tirol Ansprüche erhob. Der höchste Gipfel, das Fluchthorn, 3403 m, ist wegen seiner Kappe aus Silvrettagneis nicht charakteristisch, aber schon in der nahen Vesilspitze, 3115 m, sieht man lauter kohlschwarze Schiefer. Hier in der NW-Flanke des ob seiner Aussicht lohnenden Berges, musste ich in diesem lockeren Schiefer wie auf lehmigem Boden herumrutschen. Ziemlich überraschend kann die Schieferzone mit einem erstklassigen Kletterberg aufwarten, dem Mondinturm, 3122 m, wo die Bündner Schiefer zu einem hohen Gewölbe aufgebogen sind. Man sieht dies gut von Norden, aus dem Val Sampuor. Nach etwa vierstündigem Weg beginnt die Kletterei - die Schiefer sind in prismatisch zerspaltenen Diorit übergegangen - und erinnert die Überquerung etwas an den Delagoturm in den Südtiroler Dolomiten. Dem Mondin eignet ein herrlicher Rundblick:
Am südlichen Innufer erheben sich mit 2000 m relativer Höhe die Engadiner Dolomiten. An deren Hängen sorgt der brüchige Dolomit für die Anhäufung von Schutthalden bis zu den Graten hinauf. Vereinzelt ragen Felstürme und Zacken aus den Schuttkaren. In diesem Gebiet habe ich den vergletscherten Hauptgipfel, den Piz Sesvenna, 3207 m, bestiegen, den aber Hornblendegranit aufbaut, eine unschwierige Tour nahe der ehemaligen österreichischen Grenze.Von dem internationalen Kurort Schuls-Tarasp, 1200 m, ausgehend, wandert man zum ehemaligen Bergbau-dorf S-charl, und bald findet man sich wie bei der Mondin-Tour von unglaublicher Bergeinsamkeit umgeben, trotz der Nähe des berühmten Schweizer Nationalparks. Ich meine also, dass auch dieser Grenzwinkel Graubünden seine Besonderheiten hat und nicht unerwähnt bleiben darf.