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Die Allerheiligenkapelle zu St.Theodor

Wettsteinstrasse / Theodorskirchplatz
Tram/Bus - Wettsteinplatz
Vor der Kapelle stand ein Beinhau
Direkt neben der Theodorskirche, nahe des heutigen Wettsteinbrunnens, stand früher eine Kapelle. Zuvor befand sich dort das Beinhaus des Kirchhofes von St.Theodor, das als solches zwischen 1476 und 1493 belegt ist. Das Jahrzeitenbuch der Kirchgemeinde berichtet, dass alle Jahre zu St.Mauritius, am 22. September, die Bürgerschaft sich in einer Prozession zum Beinhaus begab. An seiner Stelle entstand später die Theodorskapelle.
Die Weihung der beiden Altäre dieser neuen Kapelle erfolgte am 6. Juni 1514 in Anwesenheit zahlreicher geistlicher und weltlicher Würdenträger. Den Stiftern und Besuchern wurde anlässlich dieses Aktes ein Ablass von 40 Tagen gewährt. Die Weihung war gewidmet den Heiligen Mauritius, Fridolin, Germanus, Viacrius, Rochus, Onufrius, Oswald, Apollonia, Dorothea, Apollinarius, Vitus, Modestus, Konrad, Erasmus, Agatha und Agnes - eine recht umfangreiche Schar.
Die Allerheiligenkapelle (hell hervorgehoben) auf dem Kirchhof von St.Theodor um 1615 | Stadtmodell im Kleinen Klingental
Mit zwei Schiffen eine Seltenheit
Die Kapelle war eine architektonische Besonderheit ihrer Tage. Die Aussenmasse des kleinen Gotteshauses betrugen 7.2 mal 14 Meter. Es stiess mit seiner südwestlichen Wand an die Stadtmauer an. Das Herausragende war die Tatsache, dass die Kapelle über zwei Schiffe verfügte. Dergleichen ist allgemein eher selten bei Gotteshäusern in der Schweiz zu beobachten. Da das Gebäude neben den beiden Türen nur drei Fenster hatte, gab es im Inneren wenig Licht.
Eine entsprechend düstere Stimmung gibt ein Aquarell von Johann Jakob Schneider (1820-1889) wieder, welches einen Blick in die Kapelle um 1881 zeigt. Nach der Reformation diente das Gotteshaus als Bestattungskapelle, wo bis 1836 Angehörige wohlhabender Kleinbasler Familien ihre letzte Ruhestätte fanden. Vom Missbrauch der Kapelle zu weltlichen Zwecken wird 1656 berichtet, als zwischen den Gräbern in der Kapelle ein Sigrist eine Nagelschmiede betrieb.
Ein anderer Sigrist tat sich um 1800 ebenfalls mit einem Mangel an Pietät hervor. Er baute auf einem der beiden Friedhöfe von St.Theodor Gemüse über den Gräbern an. Im Jahr 1836 wurde der Friedhof um das Gotteshaus eingeebnet, wobei das Basler Baukollegium die Theodorskapelle als durchaus beachtenswert taxierte. Daher wurde das Äussere der Kapelle renoviert. Unglücklicherweise kam dem Inneren des kleinen Gotteshauses nicht die selbe Pflege zu.
Äusserliche Renovation 1836
Während aussen saniert wurde, überliess man das einzigartige Innere des Bauwerks seinem Schicksal. Offenbar war man bei der Renovation hautsächlich um einen guten optischen Eindruck von aussen besorgt. Im Zuge der Arbeiten auf dem Friedhof wurden viele der alten Grabsteine an der südlichen Fassade der Theodorskirche, aber auch an der linken Fassade der Kapelle angebracht. Der Innenraum der Kapelle wurde schliesslich einer neuen Nutzung zugeführt.
Der Spendenkommission der drei Ehrengesellschaften Kleinbasels wurde der Raum 1858 als Lagerplatz für maximal 7000 Reisigwellen für die Bedürftigen überlassen. Mit dem Bau der Wettsteinbrücke 1878/79 nahte das Ende des nunmehr als Allerheiligenkapelle bekannten Gotteshauses. Im Zuge des Brückenbaus wurde der Stadtmauerabschnitt vom Rheinufer bis hin zum heutigen Wettsteinplatz abgebrochen. Die an die Mauer anstossende Kapelle blieb dabei vorerst stehen.
Die Kapelle stand nun exponiert am Kleinbasler Ende der Wettsteinbrücke. Kunsthistoriker und Altertumsforscher setzten sich für den Erhalt des architektonisch einzigartigen Bauwerks ein. Nach einer Renovation, die vom Baudepartement auf 16'000 Franken geschätzt wurde, sollte die Kapelle mit ihren 99 Sitzplätzen für Gottesdienste an Wochenenden, Abdankungen und Kinderlehren dienen. Ein Initiativkomitee hatte bereits 5200 Franken gesammelt.
Ehemaliger Standort der 1881 abgerissenen Allerheiligenkapelle (rot) im früheren Stadtmauerabschnitt (braun) beim heutigen Wettsteinbrunnen.
Dem Zeitgeist geopfert
Leider war die Bevölkerung für den Erhalt von historischen Baudenkmälern noch nicht tiefer sensibilisiert. Der Abbruch der Kapelle als ein heruntergekommenes Relikt vergangener Zeiten wurde gefordert. Eine unbekannte Hand schrieb dazu ein spöttisches Gedicht auf eine Fassade der Kapelle. In den aufgemalten Zeilen drückte sich in unverhüllter Deutlichkeit ein begeisterter Fortschrittsglaube aus, gepaart mit tiefer Verachtung für historische Bausubstanz:
"Wie lang soll ich mein Leben hier noch fristen, ruinenhaft dem Fortschritt frech zum Hohn. Fast wünscht ich mich ins Land der Nihilisten, um zu verduften per Dynamitpatron. Gotthard, Stabio, alles kommt zu Ziel und Zweck, und nur ich allein bleib hier stehen im D..."
In einer Maueröffnung wurde mit einer kleinen Dynamitladung ein Anschlag verübt, der aber wenig Schaden anrichtete. Im Frühjahr 1881 verfügte der Grosse Rat den Abriss der Allerheiligenkapelle. Ein letzter Rettungsversuch war der Vorschlag, die Kapelle abbauen zu lassen, um sie auf dem Gottesacker Kannenfeld neu zu errichten. Den Amtsstellen war dies aber zu kostspielig. So verschwand ein Kleinod des Kirchenbaus unwiderruflich aus Kleinbasel.
Zusammenfassung
Bis im Spätmittelater stand auf dem Kirchhof von St.Theodor ein Beinhaus. An dessen Stelle wurde zwischen 1493 und 1514 eine Kapelle erbaut. Eine Besonderheit daran war ihre Ausstattung mit zwei Schiffen. Das kleine Gotteshaus an der Stadtmauer wurde nach der Reformation bis 1838 als Bestattungskapelle für vornehme Kleinbasler genutzt. Allerdings zeigte sich auch ein gewissen Niedergang, etwa als 1656 vom Sigrist eine Nagelschmiede darin betrieben wurde.
Mit dem Bau der Wettsteinbrücke veränderte sich das Umfeld der Kapelle deutlich. Die Stadtmauer wurde abgerissen, so dass das kleine Bauwerk frei stand. Es wurde als Fremdkörper wahrgenommen und sogar angefeindet. Bemühungen von Kunstfreunden, die Allerheiligenkapelle zu retten scheiterten. Auch eine Versetzung wurde vom Rat als zu teuer abgelehnt. Er beschloss 1881 den Abriss, womit Kleinbasel ein bedeutsames Baudenkmal verlor.
Beitrag erstellt 24.03.03 / überarbeitet 24.09.2019
Quellen:
Paul Barth, Beitrag "Die Pfarrkirche von St.Theodor", publiziert in Basler Kirchen, Band 1, herausgegeben von Ernst August Stückelberg, 1917, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Seite 22 bis 23 (Allerheiligenkapelle)
Emil Blum / Theophil Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde (Textband), Verlag Hermann Krüsi, Basel, 1913, Seite 137 bis 138
François Maurer, "Theodorskirche", publiziert in Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 5, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Birkhäuser Verlag, Basel, 1966, Seite 410 bis 416 (Allerheiligenkapelle)
Eugen Anton Meier, Basel Einst und Jetzt, 3. Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seite 292 bis 293
Dietrich Staehelin, St.Theodor - Aus der Geschichte einer Basler Kirchgemeinde, Basler Schriften Band 30, Pharos Verlag Hansrudolf Schwabe AG, Basel, 1991, ISBN 3-7230-0225-0, Seite 65 bis 66