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Basel(?)/Oberrhein, um 1500
Buchsbaumholz geschnitzt, teilweise gefasst,
Lindenholz geschnitzt
H. 20 cm, H. 18,1 und 18,2 cm
Inv. 1870.1185., 1870.947. und 1870.948.
Amerbach-Kabinett
Kleinformatige Kruzifixe fanden im ausgehenden Mittelalter mit der Entwicklung der Privatandacht eine zunehmend weite Verbreitung im häuslichen Gebrauch. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach derartigen Kreuzigungsdarstellungen, die gerade in der Todesstunde nicht fehlen durften, wurden sie in grösseren Mengen aus Holz gefertigt. Aussergewöhnliche Zeugnisse dieser seriellen Produktion sind die drei Schnitzwerke, die sich dank Basilius Amerbachs ausgeprägtem Interesse an der Genese von Kunstwerken erhalten haben. In seinem Kabinett dienten sie freilich nicht der andächtigen Versenkung in das Leiden Christi, sondern als Schaustücke, die die kunsthandwerkliche Herstellung dokumentieren. Als Sammlerstücke veranschaulichen sie das gewandelte Kunstverständnis im Zeitalter der Renaissance.
Die vermutlich aus derselben Werkstatt stammenden Kruzifixe geben einen Einblick in die Arbeitsweise eines spätmittelalterlichen Bildschnitzers. Die beiden «angefengten Crucifixlin» dienten wohl als Vorlagematerial für die Serienproduktion. Möglicherweise könnten sie auch zu jenen Reststücken gehören, die bei der Auflösung einer Werkstatt unvollendet blieben.
Bei dem Kruzifix mit glattem, wenig hervortretenden Lendentuch ist die eine Körperhälfte erst in groben Formen angelegt, während die andere Seite des Rumpfes an Vorder- und Rückseite bereits weitgehend plastisch ausgearbeitet ist: Rippen und Muskeln zeichnen sich unter der Epidermis des Körpers ab, Gesicht und Haare hingegen sind nur schematisch angedeutet. Die fehlenden Arme waren wie bei dem vollendeten Kruzifix angedübelt. In den Armstümpfen stecken noch die abgebrochenen Stifte. Diese unfertige Figur weist eine sehr ähnliche Holzstruktur auf wie der detailliert ausgearbeitete Christus am Kreuz, was darauf schliessen lässt, dass beide aus demselben Lindenstamm geschnitzt wurden. Auch die Körperhaltung und die Gestaltung des einfachen Lendentuchs stehen sich sehr nahe.Eine Variation dieses Typus verkörpert der zweite unvollendete Kruzifix mit dem faltenreichen, weit ausschwingenden Lendentuch und dem stärker zur Seite geneigten Kopf. Hier sind Antlitz, Haare und Dornenkrone etwas weiter ausgebildet, der Körper befindet sich jedoch noch im Rohzustand. Demgegenüber ist die Körperoberfläche des Christus am Kreuz minutiös modelliert bis hin zu den Zehennägeln und den Falten, die sich oberhalb der Ferse bei Überstreckung der Füsse bilden. Selbst an der Rückseite ist jeder Wirbel der Wirbelsäule einzeln ausgebildet. Hingegen wirken die separat geschnitzten und angesetzten Arme vor allem unterhalb der Ellenbogen nicht gänzlich vollendet. Der Gesichtsausdruck des Erlösers mit geschlossenen Augen, langer Nase und geöffnetem Mund ist prägnant herausgearbeitet.
Die Zuordnung zu einer bestimmten Werkstatt bleibt schwierig. Aufgrund der hohen Qualität der Schnitzarbeit und der vermeintlichen Ähnlichkeit mit der Figur des Schmerzensmanns, die den Dreikönigsaltar von Hans Wydyz im Freiburger Münster bekrönt, ordnete Rudolf F. Burckhardt die Objekte dem Freiburger Meister zu. Diese Zuschreibung hat Münzel jedoch überzeugend abgelehnt. Vermutlich um 1500 in Basel oder im oberrheinischen Raum entstanden, zählen die Kruzifixe zu den wenigen Schnitzwerken vorreformatorischer Zeit, die vom Bildersturm verschont blieben. Vermutlich gelangten die Werke zusammen mit anderen halbfertigen Fabrikaten aus einem Werkstattnachlass in Basilius Amerbachs Besitz. Er bewahrte die «zwei angefengte Crucifixlin» zusammen mit anderen unvollendeten Schnitzarbeiten aus Holz – darunter ein nicht erhaltenes «angefengt kindlin» – zuoberst in einem der sechs Schubladenschränke, die Werkstattmaterial enthielten. In der ersten Schublade desselben Schranks befand sich das «vsgemacht Crucifixlin» neben anderen detailliert ausgearbeiteten Figuren aus Holz, wie der Adam-und-Eva-Gruppe von Hans Wydyz (Kat.-Nr. 81) und der Statuette der Lucretia (Kat.-Nr. 99). Da der Sammler diese Werke in seinem ersten Inventar von 1578 noch nicht erwähnt, werden sie in den folgenden Jahren Eingang in seine Sammlung gefunden haben. In seinem Testamentsentwurf von 1582 sind bereits an zwei Stellen «Crucifixlin» aufgeführt, was darauf schliessen lässt, dass Amerbach diese Holzschnitzereien zwischen 1578 und 1582 in sein Kabinett aufnahm.