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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Seit der Potsdamer Entrevue sind nun fünf Monate ins Land gegangen; über das Ergebnis der damaligen Besprechungen sind aber bis heute authentische, offizielle Nachrichten — abgesehen von den allgemeinen Ausführungen des deutschen Reichskanzlers vor dem Reichstage — nicht veröffentlicht worden.
Nur die in der „Evening Times“ s. Z. abgedruckten Angaben über die einzelnen Punkte des „Abkommens“ bieten einen Anhalt dafür, in welcher Richtung die Unterredungen in Potsdam sich bewegt haben, denn sie können trotz offizieller Ableugnung immerhin als ein Niederschlag der damaligen Stimmungen und Wünsche bezeichnet werden. Auch spricht für ihre Glaubwürdigkeit — wenigstens soweit es sich um die allgemeinen Richtlinien der deutschen und russischen Politik handelt — der Umstand, daß man sich auf russischer Seite nach erfolgter Veröffentlichung des „Abkommens“ über vorgekommene „Indiskretionen“ beklagt hat. Auch die späteren Verhandlungen im türkischen Parlament standen nicht in Widerspruch zu dem angeblich apokryphen Wortlaut des von der „Evening Times“ veröffentlichten „Abkommens“. Selbst die deutsche offiziöse Presse hat die sachlichen Einzelheiten der englischen Publikation nicht direkt dementiert, sondern ist nur der Behauptung entgegengetreten, daß ein in bestimmte Formen gekleidetes Abkommen zwischen Deutschland und Rußland schon abgeschlossen worden sei.
Wir werden also in der Annahme nicht fehlgehen, daß das „Abkommen“ der „Evening Times“ wenigstens soweit als Unterlage für die Beurteilung der seit der Potsdamer Entrevue veränderten politischen Lage dienen kann, als es die Verhandlungsgegenstände näher bezeichnet und den Inhalt der betreffenden Vereinbarungen anführt.
Soweit sich hiernach das Verhalten der deutschen Regierung beurteilen läßt, so muß ein besonders charakteristisches Merkmal im Vorgehen der deutschen Diplomatie hervorgehoben werden, auf das in deutschen und auswärtigen Zeitungen bisher nicht mit genügendem Nachdruck hingewiesen worden ist. Im Gegensatz zu einzelnen noch im vorigen Jahre auch von amtlicher Seite unterstützten Schritten in Persien wünscht jetzt die deutsche Regierung die Erklärung abzugeben, daß man von deutscher Seite auf größere wirtschaftliche Unternehmungen jeder Art in Nord-Persien verzichten will. Wenn man bedenkt, daß während der letzten drei Jahre zahlreiche finanzielle und verkehrspolitische Pläne von deutschen Unternehmern in Persien, zum mindesten unter stillschweigender Billigung unseres Auswärtigen Amts, verfolgt wurden, so wird man zugeben müssen, daß unser nunmehriges Verhalten Rußland gegenüber in der persischen Frage einem Zurückweichen verzweifelt ähnlich sieht. Nur darf man unserem jetzigen Staatssekretär des Auswärtigen, Herrn v. Kiderlen-Waechter, aus diesem Vorgang keinen Vorwurf machen; im Gegenteil erblicke ich darin einen Schritt staatsmännischer Weisheit, der erkennen läßt, daß Herr v. Kiderlen-Waechter entschlossen ist, dort zurückzutreten, wo Deutschland auf ältere und durch die Geschichte begründete Ansprüche stößt, deren Beseitigung nicht ohne ernstliche Gefährdung unserer ganzen auswärtigen Politik möglich wäre. Herr v. Kiderlen-Waechter hat die Ueberzeugung gewonnen, daß Deutschland in Persien keine höheren Anforderungen stellen kann, wie etwa Oesterreich-Ungarn oder Frankreich. Daher läßt er Deutschland in die Reihe dieser Mächte zurücktreten und ist bereit, die besondere wirtschaftliche Stellung Rußlands in Nord-Persien unumwunden anzuerkennen.
Aus der gleichen Erkenntnis heraus ist er auch dem Wunsche Rußlands nachgekommen, den Ausbau der Persischen Anschlußbahn an die auf türkischem Gebiet geplante Zweiglinie der Bagdadbahn, Bagdad—Chanikin, russischen Unternehmern zu überlassen. Dieselbe weise Zurückhaltung hat Herr v. Kiderlen-Waechter kürzlich auch bei der Behandlung der Bagdadbahnfrage bekundet, indem er sich damit einverstanden erklärte, daß die Bagdadbakngesellschaft auf die ihr auf Grund der Konzessionsurkunde vom Jahre 1903 zustehenden Rechte bezüglich des Ausbaues der Südstrecke Bagdad-Bassra unter gewissen Bedingungen verzichtete.
Jahre hindurch hat England mit mißtrauischem Blick die Schritte der Türkei zwecks Sicherung seiner militärischen Stellung in Süd-Mesopotamien verfolgt; zu den Mitteln, die die Türkei hierfür sich bereithalten wollte, gehörte auch der Ausbau der Bagdadbahn bis zum Persischen Golf. Mit zäher Ausdauer widersetzte sich die englische Regierung diesem Plane, indem sie der Türkei auf finanziellem und politischem Gebiete immer wieder neue Schwierigkeiten bereitete. Während meiner mesopotamischen Studienreise vor acht Jahren hatte ich in Bagdad und Bassra den Eindruck gewonnen, daß man dem englischen Widerstand entweder mit voller Energie entgegentreten — und dann auch so bald als möglich die wichtige Südstrecke der Bahn Bagdad-Bassra in Angriff nehmen muß, oder aber zu geeigneter Zeit, bevor die Lage kritisch wird, durch geschicktes Nachgeben den Boden zu entziehen sucht.
Da nun die Bagdadbahngesellschaft, wie ich nachträglich erfuhr, durch Vertrag verpflichtet war, den Ausbau der Südstrecke nicht eher zu beginnen, als bis die Hauptbahn vom Norden her Bagdad erreicht haben würde, so blieb meiner Ansicht nach, so wie die politischen Verhältnisse in Süd-Mesopotamien und am Persischen Golf nun einmal liegen, kein anderer Ausweg übrig, als Englands Wünschen bezüglich einer Beteüigung am Ausbau der Südstrecke nachzukommen. Diesem Gedanken gab ich in einem längeren Artikel Ausdruck, der schon im Sommer 1908 in der von Prfessor Dr. Sombart damals redigierten Zeitschrift „Morgen“ erschien. Die gleiche Ansicht habe ich jetzt auch in der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ vertreten.
Drei Jahre etwa sind seit dem Erscheinen jenes Artikels verflossen und die inzwischen eingetretenen Ereignisse haben mir recht gegeben. England hat nicht nachgegeben, dagegen hat sich die Bagdadbahngesellschaft schließlich bereit erklärt, ihr Anrecht auf den Ausbau der Südstrecke Bagdad-Bassra unter der Bedingung, daß gewisse von ihr gestellte Forderungen erfüllt würden, jetzt aufzugeben. Zu diesem Schritte wird sie sich nicht ohne Fühlungnahme mit dem Auswärtigen Amte entschlossen haben. Daher kann auch dieser für unsere Stellung zu England wichtige Vorgang auf bestimmte Erwägungen unseres Auswärtigen Amtes zurückgeführt werden, die dem Entschlüsse entsprungen sind, wie in Persien, so auch in Mesopotamien unserer wirtschaftlichen Betätigung die Grenzen zu setzen, die durch die politische Lage geboten sind.
Weil ich der Ueberzeugung bin, daß eine von solchen Erwägungen getragene Politik jeder nach Kräften unterstützen sollte, deshalb hielt ich es für zeitgemäß, der Geschäftsleitung der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ die Veröffentlichung einer Sammlung meiner Mesopotamien und Persien behandelnden Artikel zu empfehlen, in denen der gleiche Gedanke von mir vertreten worden ist.
Unter voller Würdigung der Rechte, die Deutschland als Weltmacht bei der Verfolgung seiner auswärtigen Unternehmungen für sich in Anspruch nehmen kann, habe ich auch dem Gedanken jederzeit Ausdruck verliehen, daß wir, unbeschadet unseres Anrechts auf einen Platz an der Sonne, auf historisch gewordene und geographisch bedingte Verhältnisse politischer und wirtschaftlicher Natur stets Rücksicht nehmen müssen und gut tun, auch in Mesopotamien und Persien danach zu handeln.
Berlin, 4. April 1911.
Dr. M. Wiedemann.
Der hier folgenden Zusammenstellung von Artikeln und Referaten aus der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ habe ich die zusammenfassende Bezeichnung „Bagdad und Teheran“ gegeben, weil beide Städte den politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der in den vorliegenden Ausführungen vornehmlich behandelten Länder — Mesopotamien und Persien — bilden. Der Bau der Bagdadbahn und die Verbindung zwischen Bagdad und Teheran stehen heute im Vordergründe des allgemeinen Interesses. Der Ausbau der Bahnverbindung zwischen Bagdad und Teheran hat eine weit über die lokalen Verhältnisse hinausragende Bedeutung, weil von dem Augenblick an, wo eine Eisenbahnverbindung vom Persischen Golf über Bagdad nach Teheran führt, auch in Südpersien, soweit sein Handel über Buschir und Mohamera geleitet wird, eine vollständige Umwälzung der Verkehrsverhältnisse eintreten wird. Bagdad und Teheran werden dann in weit höherem Maße als heute eine den Handel und Verkehr beherrschende Stellung einnehmen, deren Bedeutung ihre Rückwirkung auch auf die fremden, insbesondere die englischen Handelsbeziehungen zu Mesopotamien und Persien ausüben wird.
Das vorliegende Material an Artikeln aus der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ habe ich in der Weise geordnet, daß in einem einleitenden Abschnitte das Verhältnis der Türkei zu Deutschland und den Westmächten behandelt wird, während in den zwei folgenden Abschnitten „Der Streit um die Bagdadbahn“ und „Persien“ besprochen werden.
Den einzelnen Artikeln aus der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ habe ich kurze, erläuternde Bemerkungen vorangestellt, die auch äußerlich im Druck kenntlich gemacht sind.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.