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Gestern hat Barack Obama, designierter amerikanischer Präsidentschaftskandidat der Demokraten, in Berlin eine Rede gehalten. Ans Brandenburger Tor, wohin er eigentlich wollte, liessen sie ihn nicht. Aber immerhin an die Siegessäule.
Ich will die Rede hier nicht umfassend analysieren, sondern erlaube mir einige Zeilen zu einem Baustein dieses Auftritts, den ich für erwähnenswert halte. Obama sparte nicht an rhetorischen Kunstgriffen und setzte vor allem die Anapher grosszügig ein. Bei dieser rhetorischen Figur werden mehrere aufeinander folgende Sätze oder kurze Abschnitte mit den gleichen Wörtern eröffnet. (Bekanntes Beispiel: Martin Luther Kings „I have a dream“.) Das „hörte“ sich so an (Video hier – ab 4:55):
People of the world – look at Berlin!
Look at Berlin, where Germans and Americans learned to work together and trust each other less than three years after facing each other on the field of battle.
Look at Berlin, where the determination of a people met the generosity of the Marshall Plan and created a German miracle; where a victory over tyranny gave rise to NATO, the greatest alliance ever formed to defend our common security.
Look at Berlin, where the bullet holes in the buildings and the somber stones and pillars near the Brandenburg Gate insist that we never forget our common humanity.
People of the world – look at Berlin, where a wall came down, a continent came together, and history proved that there is no challenge too great for a world that stands as one.
Die Anapher lässt sich noch steigern: Wenn nicht nur der Satzanfang, sondern auch das Satzende wiederholt wird, nennt man das Symploke. Es überrascht ja kaum, dass Obama das Bild der Berliner Mauer einsetzte, um von anderen – unsichtbaren – Mauern zu sprechen, die ebenso niedergerissen werden müssen. Durch den starken Wiederholungseffekt konnte er das wenig überraschende Bild dennoch als kraftvolles Element seiner Rede einsetzen.
That is why the greatest danger of all is to allow new walls to divide us from one another.
The walls between old allies on either side of the Atlantic cannot stand. The walls between the countries with the most and those with the least cannot stand. The walls between races and tribes; natives and immigrants; Christian and Muslim and Jew cannot stand. These now are the walls we must tear down.
Mit seinen Wiederholungen hämmert Obama auf diese starken Mauern ein – bis sie schliesslich niedergerissen werden. Das Publikum muss das so oder ähnlich empfunden haben, wie seine starke Reaktion zeigt – hier (ab 2:25).
Wer heute eine Rede vorbereitet, überlegt sich nur selten, ob eine Anapher (oder gar eine Symploke) ein angemessenes Mittel zum Unterstreichen seines Anliegens sein könnte. Die so genannten rhetorischen Figuren gelten heute als gekünstelt und abgehoben. Doch diese Werkzeuge haben auch 2500 Jahre nach ihrer Erfindung nichts von ihrer Kraft verloren. Beispiele wie die Rede von Obama belegen das.
Wie man eine solche Behauptung überprüft? – Indem man zuhört und beobachtet (vor allem sich selbst).
(Das Transkript der ganzen Rede ist hier zu finden.)