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Internationales Festival kleiner Bühnen Bern, Bern BE
1972–86 jährlich durchgeführtes Festival, welches das Theaterschaffen kleiner Bühnen und Ensembles sowie von Einzelkünstlerinnen und -künstlern vorstellte
Die damaligen Leiter der Berner Kleintheater (→Kleintheater Kramgasse 6, →Zähringer-Refugium, →Theater am Zytglogge und →Galerietheater Die Rampe) gründeten das I. ursprünglich als Beitrag zu den Berner Kunstwochen. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, eine internationale Auswahl von Kleinbühnen, die an ihrem jeweiligen Wirkungsort durch eigenwilliges, experimentelles und profiliertes Schaffen aufgefallen waren, mit Produktionen, die exemplarisch für deren Arbeitsweise stehen, in Bern vorzustellen. Bereits die erste Ausgabe von 1972 wurde von Publikum – die Auslastung lag bei über siebzig Prozent – und Presse positiv aufgenommen. Auch in den folgenden Jahren wurden jeweils während rund drei Wochen im Juni zwölf bis fünfzehn Produktionen vorgestellt. Finanziert wurde das I. nebst den Einnahmen durch den Kartenverkauf durch eine Defizitdeckungsgarantie der Stadt Bern sowie durch Beiträge des Kantons und verschiedener Stiftungen. Als Spielstätten dienten die genannten Kleintheater (das Theater am Zytglogge pausierte 1973, ab 1983 trat an die Stelle des geschlossenen Galerietheaters Die Rampe das →Berner Puppentheater). Prägend für die Programmation waren vor allem die langjährigen Kleintheaterleiter Thomas Nyffeler, →Bernhard Stirnemann und →Hugo Ramseyer. Sie luden Kleintheater, Ensembles und Einzelkünstlerinnen und -künstler sowie Studioproduktionen etablierter Häuser ein, vor allem aus Deutschland (ProT München, Studio der Städtischen Bühnen Dortmund, Tübinger Zimmertheater, TIK Theater in Kreuzberg Berlin, Reutlinger Theater in der Tonne), Österreich (Cafétheater Wien, Experiment am Lichtenwerd Wien, Ensemble-Theater Wien), Frankreich (Groupe actuel Paris, Théâtre de l’acte, Théâtre de recherches Marseille), Italien (Teatro 7 Mailand, Libera Scena Neapel), England (aus London das Action Theatre, die Incubus Theatre Company und The Artaud Company) und Spanien (Ditirambo Teatro Estudio Madrid), aber auch aus Belgien, Schweden, den Niederlanden, Griechenland und Finnland. Ab 1976 wurden mitunter Theaterschaffende aus Süd- und Nordamerika sowie aus Japan eingeladen. Fast jedes Jahr wurde eine Bühne aus Ländern des damaligen Ostblocks vorgestellt, so aus der Tschechoslowakei (Theater Viola Prag), Polen (Teatr Pleonazmus Krakau), Rumänien, Jugoslawien (Primorsko Dramsko Gledalisce Nova Gorica) und Ungarn. Nicht zuletzt wurden auch Schweizer Theater und Ensembles berücksichtigt, etwa das Théâtre Création Lausanne, Die →Claque Baden, das Mobile Studio des →Stadttheaters Luzern, die →Innerstadtbühne Aarau, das →Studio am Montag Bern, das Théâtre des trois coups Lausanne, aus Zürich das →Theater am Neumarkt und das →Theater Coprinus sowie Le Forum Genf. Zunächst überwogen bei weitem Inszenierungen, die auf Dramen oder anderen für die Bühne bearbeiteten literarischen Vorlagen beruhten. Ende der siebziger Jahre nahmen Projektarbeiten zu, und Mitte der achtziger Jahre wurden zunehmend spartenübergreifende Produktionen (Neue Horizonte Bern) sowie Performances und Tanztheaterproduktionen (Laokoon Dance Group aus Deutschland sowie die Performer Ron Litman aus New York und →Christine Brodbeck) gezeigt. Mit dem Hinzukommen des Berner Puppentheaters als Spielstätte wurde die Sparte Figurentheater in den letzten vier Ausgaben zum festen Bestandteil des I. (unter anderen Eric Bass aus New York, Figurentheater Triangel aus den Niederlanden, Taschentheater Bochum). Ab 1977 wurden auch Strassentheater-Produktionen ins Programm aufgenommen und auf dem Bärenplatz (1982 auch auf der Münsterplattform und 1984 auch auf dem Waisenhausplatz) gezeigt (Werkraumtheater Wuppertal, Long Green Theatre Company Edinburgh, der japanische Performer Sai Kijima sowie aus der Schweiz →Zampanoo’s Variété Bern und →Teatro Matto Zürich). Ab Ende der siebziger Jahre präsentierte das I. vereinzelt Jugendtheaterproduktionen (etwa 1978 "Kasch mi gärn ha!"der →Theater Basel, eine Dialektbearbeitung von Fehrmann/Flügge/Frankes Jugendstück "Was heisst hier Liebe?", →Junges Theater Basel). Anfangs wurde ein grosser Teil der Produktionen auch im →Théâtre de poche in Biel (1972 und 1973) und im Kleintheater Thun (1972) gezeigt. Da der Kanton sich aber nicht stärker an der Finanzierung des I. beteiligte, fielen die dortigen Aufführungen bereits 1974 wieder aus. Ab 1974 trug das Kellerkino Bern jährlich ein Rahmenprogramm mit ausgewählten Filmen bei (thematische Zyklen oder Werkschauen einzelner Filmregisseure), und 1981 unternahm die Festivalleitung den Versuch, das Rahmenprogramm auszubauen und Workshops unter der Leitung gastierender Theaterschaffender durchzuführen. Es fehlten aber die Mittel, um das I. zu einem Arbeits- oder sogar zu einem Produktionsfestival machen zu können. Zu Beginn der achtziger Jahre wurden zunehmend kritische Stimmen vernehmbar: Die Theaterlandschaft hatte sich verändert, in Zürich hatte sich das →Zürcher Theaterspektakel etabliert und zu einem Festival mit einem beachtlichen Budget und überregionaler Ausstrahlung entwickelt. Die angespannte Finanzsituation des I. dagegen erlaubte es den Programmierenden nicht immer, Produktionen anzusehen, bevor sie sie einluden. Zwar gab es Versuche, die Konzeption des I. neu auszurichten: 1985 und 1986 kamen beispielsweise weitere Spielstätten dazu (1985 das →Alte Schlachthaus, das →Theater Remise und 1986 die Aula des Freien Gymnasiums an der Beaulieustrasse 55 und erneut das Alte Schlachthaus), die eine Öffnung zu anderen Theaterformen und zur freien Berner Szene signalisierten. Ausserdem selektionierte das I. strenger und präsentierte 1985 weniger Gruppen mit mehr Vorstellungen. Nachdem es aber nicht gelang, die erstarkte freie Szene der Stadt Bern einzubeziehen und das Budget zu erhöhen, wurde das I. im Dezember 1986 offiziell eingestellt.
Autorin: Christine Wyss
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Wyss, Christine: Internationales Festival kleiner Bühnen Bern, Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 907–908.