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Eine Überschreitung der Argentine
Von Walter Schmid.
Was die Kreuzberge für die Ostschweizer, die Engelhörner für die Berner sind, das ist die Argentine für die Waadtländer. Eines haben sie alle gemeinsam: Erst in der letzten Etappe der Alpenerschliessung haben sie menschliches Interesse gefunden.
Die Arête de l' Argentine ist im Mai 1908 von Oskar Hug und C. de Rahm erstmals in ihrer ganzen Länge überschritten worden. Die aus 21 mehr oder weniger ausgeprägten Gipfeln bestehende Kette hat drei markante Punkte: die beiden Eckpfeiler, den Lion d' Argentine 2277 m im Südwesten und die Haute Corde 2328 m im Nordosten, ferner den Sommet Central 2428 m. Die Überschreitung vollzieht sich vom Lion zur Haute Corde.
EINE ÜBERSCHREITUNG DER ARGENTINE.
380 An einem vorgerückten Oktoberabend trafen wir in Pont de Nant mit einigen Mitgliedern der Sektion Jaman zusammen. Während wir der Pierre Cabotz zustreben wollten, stand bei ihnen die Argentine auf dem Programm. Sie hatten den glücklichen Einfall und die Freundlichkeit, uns für ihr Unternehmen zu begeistern. Die Einladung wurde dankbar angenommen. Und nach einem kurzen Schlaf begann der nächtliche Gang gegen den Col des Essets. Nach den Hütten der Alp La Vare verliessen wir den Pfad und stiegen über Grasweiden der im milden Lichte der nächtlichen Gestirne leicht erkennbaren Felsenkette der Argentine entgegen. Die Kürze der Tage hatte uns veranlasst, die Kette etwas östlich vom Lion anzugehen. Auf diese Weise ersparten wir uns eine gute halbe Stunde auf unbedeutendem Gelände und konnten den Grat über eine anregende Wand erklettern. Die Nacht wich langsam dem Morgen, als wir am Fusse der Wand die Nagelschuhe im Rucksack verstauten und die Kletterfinken zu Hilfe nahmen.
Ohne besondere Schwierigkeiten erklimmen wir die Gratkante. Auch die Überschreitung der ersten Zacken bietet keine nennenswerten alpinen Ereignisse, mit der Ausnahme vielleicht, dass man gar bald die freudige Wahrnehmung macht, es mit vorzüglichen, soliden Kletterfelsen zu tun zu haben. Der Gang über den Grat wird erstmals vor einem jähen Abbruch gestoppt, der ersten Abseilstelle von zehn Metern. Es geht über ein glattes, griffloses Wändchen hinunter. Der zweite markante Punkt ist die « enjambée » kurz vor dem Mittelgipfel. Der Grat ist von einem schrittbreiten Riss gespalten. Dadurch, dass die Griffe auf der andern Seite solid und gross sind, hat dieser Spreizschritt weiter nur den Reiz eines kurz bemessenen kitzligen Momentes.
Auf dem Sommet Central ( 2428 m ) erster viertelstündiger Halt und Ausguck über die Wände hinunter. Die beiden imposantesten Nachbarn sind Vili30* auf der einen Seite der grosse Muveran mit seiner mächtigen Nordflanke und auf der anderen die geschwungenen Formen der Diablerets. Der Grat ist gegen Norden nackt und unbezwingbar. Auf der Südseite greift das spärliche Gras viel weiter hinauf, die Felsen lassen sich da und dort auf Zugeständnisse mit ihm ein; es wäre also nach dem einen oder andern Zacken ein Abstieg möglich, für den Fall, dass die Kletterfreude nach einem halben oder ganzen Dutzend Argentinegipfel vorzeitig erschöpft sein sollte.
Das zweite Stück, vom Sommet Central bis zum Miroir, wird von einer weiteren, etwa 13 Meter hohen Abseilstelle eingeleitet. Sie ist im obersten Teil etwas überhängend. Dann folgt man anhaltend dem Grat, der in mittelschwerer Kletterei überwunden wird bis zum Miroir, dem Kalkspiegel der Sonne, der von der am Nordfuss liegenden Alp Solalex aus gut sichtbar ist. Während der normale Aufstieg zum Miroir etwas rechts der Gratkante durch ein kleines Kamin wahrscheinlich ohne bemerkenswerte Schwierigkeiten erfolgt, hat sich der Führer unserer « cordée » nicht von der haarscharfen Gratschneide abbringen lassen. Der Grat leistet sich hier den Spass einer stark gebogenen Nase. Er streckt sie keck über die Nordwand hinunter. Sie ist etwa 3 Meter lang und muss rittlings unter Aufwendung aller Adhäsions-möglichkeiten genommen werden. Das pikanteste und vor allem exponierteste Stück des Tages.
Der östliche Abstieg über die Kante des Miroirs ist ebenfalls sehr luftig. Sie ist scharf und steil. Auch hier löst man die gestellte Aufgabe rittlings, wobei das rechte Bein der steilen Wand, die nach Solalex hinunterfällt, anvertraut werden muss. Der Miroir prägt sich auf Lebzeiten in das alpine Gedächtnis ein und ist die markanteste Traverse und luftigste Stunde einer Argentineüberschreitung.
Die nun folgende Grande Tour und der daran anschliessende Gipfel sind wieder zahmer. Die etwas hergenommenen Kletterfinken und die langsam näher rückenden Diablerets verraten das baldige Ende der Fahrt. Die letzte Stunde auf dem Kalkgrat hat denn auch regelrecht den Charakter eines befriedigten Zustrebens nach dem letzten der 21 Gipfel. Das Klettern geht ins Decrescendo über.
Mit dem herrlichen Gefühl, einen unvergleichlichen Sonnentag verbracht zu haben, wechselten wir am frühen Nachmittag auf der Haute Corde, dem 21. Gipfel der Argentine, die leichten Finken mit den trägen aber um so schwereren, im Innern des Rucksackes ruhenden Bergschuhen. Die Hosen hatten da und dort im Händel mit dem Fels den kürzeren gezogen und grössere oder kleinere Defekte erlitten. Was schadet 's? Als wir nach halbstündiger Rast einen abgekürzten Abstieg ins Tal hinunter suchten, da blühte uns eine unerwartete und unerfreuliche dritte Abseilerei durch eine lose, unsichere Rinne. Bei einbrechender Nacht pilgerten wir die Strasse von Pont de Nant nach Bévieux, nach einer langen aber schönen Fahrt über den welschen Kletter garten.
Unsere aus drei Seillängen bestehende Gesellschaft hat die Überschreitung der Kette begreiflicherweise etwas in die Länge gezogen. Es ist zweifellos möglich, dass gewandte und trainierte Kletterer den Grat vom Einstieg in die Felsen bis zum letzten Gipfel, der Haute Corde, in 6%—7 Stunden überwinden. Die übrigen von uns aufgewendeten Zeiten dürften normal sein. Die erste Hälfte des Grates ist mittelschwierig, ebenso das letzte Viertel. Schwierig, klettertechnisch aber auch am interessantesten, ist das dritte Viertel: die Zacken um den Miroir und die Grande Tour. Dadurch, dass der Grat aus vorzüglichem Gestein gebaut ist und es an scharfen Kanten, engen Kaminen, heiklen Nasen und glatten Wändchen nicht fehlt, daneben noch die Möglichkeit besteht, nach dem einen oder andern Gipfel seitwärts gras- und talwärts auszukneifen, wenn die Kletterfreude befriedigt ist, kommt ihm der Charakter einer famosen Kletterschule zu. Und dazu noch der schöne Name, den der Berg vom Volk bekommen hat.
Aufgewendete Zeit:
Pont de Nant... ab 3 Uhr.Haute Corde an 1400 Uhr.
Einstieg im die Felsen 6 » » » ab 1430 » Sommet Central 830 »Pont de Nant an 1700 »