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Im Jahr 2010 importierte die Schweiz etwa 11,4 Millionen Tonnen Erdöl – rund 60 Prozent in raffinierter Form; 40 Prozent wurden in der Schweiz in den beiden Raffinerien Collombey und Cressier verarbeitet.
(bs)Während mehrerer Wochen im Frühjahr 2012 stand die Schliessung der Raffinerie in Cressier zur Diskussion. Anfang Mai stand fest: Sie muss doch nicht schliessen. Die bisherige Besitzerin, die insolvente Petroplus-Gruppe, verkauft die Tochterfirma an die Varo Holding, ein Gemeinschaftsunternehmen des Rohstoffhändlers Vitol und der Investmentgesellschaft AtlasInvest. Diese beabsichtigt, den Betrieb der Raffinerie fortzuführen bzw. wiederaufzunehmen. Auch die rund 260 Arbeitsplätze scheinen gesichert, und es zeichnet sich ab, dass die Schweiz nicht auf eine einzige Raffinerie angewiesen sein wird.
Wie gut fliesst das Öl?
Die Frage bleibt: Wie steht es in der Schweiz um die Lieferwege und -kapazitäten für Mineralölerzeugnisse? Die Insolvenz der Petroplus-Gruppe und der Blick auf den europäischen Markt zeigen, dass eine Bereinigung von Überkapazitäten im Gang ist. Auch nach der Schliessung von Cremona und Reichstett wird der europäische Markt genügend Öl raffinieren können, um sich selbst und die Schweiz zu versorgen – selbst der Ausfall einer der beiden einheimischen Raffinerien wäre kein Problem.
Enger steht es um die Transportkapazitäten: Im Jahr 2010 wurden 27 Prozent der in der Schweiz abgesetzten Mineralölerzeugnisse per Bahn importiert, 25 Prozent kamen über den Rhein, 6 Prozent flossen durch die Pipeline von Marseille nach Genf und 5 Prozent gelangten über die Strasse in die Schweiz. (Die restlichen 37 Prozent wurden von den Raffinerien beigesteuert, die Rohöl in der Schweiz verarbeiten).
Ein Ausfall wäre abzufangen
Müssten durch den Wegfall der einen Raffinerie zusätzlich 2,5 Millionen Tonnen raffiniertes Öl importiert werden, wäre zunächst die Rheinschifffahrt gefordert, welche 2 Millionen Tonnen beisteuern könnte. Bei der Bahn sind rund 1 Million Tonnen gesichert. Und die Betreiber der Sappro-Pipeline (von Marseille nach Genf ) geben ein freies Volumen von etwa 0,4 Millionen Tonnen an. Einzig der Strassentransport stösst bereits heute an seine Kapazitätsgrenzen.
Dr. Ruedi Rytz, Leiter Geschäftsstellen Infrastrukturbereiche im Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), sagt dazu: «Es lassen sich ausreichend Mineralölprodukte auf dem europäischen Markt beschaffen, unabhängig davon, ob eine oder beide Raffinerien ausfallen. Während die Transportlogistik den Ausfall der einen mühelos bewältigen könnte, ist beim gleichzeitigen Ausfall beider Raffinerien mindestens kurzfristig mit Kapazitätsengpässen in der Transportlogistik zu rechnen. Dies würde Anpassungen in der Transportinfrastruktur nötig machen. »
Strukturbereinigung
Mit Blick auf die Transportmöglichkeiten kann die Schweiz die Strukturbereinigung auf dem europäischen Markt einigermassen gelassen verfolgen. Die Probleme der Schweizer Raffinerien sind im Licht der generellen Strukturbereinigung im Raffinationsmarkt zu sehen. Die Erdölraffination wird sich zunehmend auf grosse, in der Nähe von Seehäfen oder direkt in den Förderländern gelegene Raffinerien konzentrieren. Auch wenn Cressier erhalten bleibt, muss damit gerechnet werden, dass die relativ kleinen, auf die Rohölzufuhr über Pipeline angewiesenen Schweizer Raffinerien mittelfristig das Nachsehen haben.
Bernhard Stricker