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Der griechische Philosoph wird 469 v.Chr. in Athen als Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme geboren. Verheiratet ist er dann mit Xanthippe, die als Inbegriff eines zänkischen Weibes in die Geschichte eingeht. Falls stimmt, was über sie geschrieben steht, wird er aber wohl auch seinen Teil dazu beigetragen haben. So brillant er als Philosoph ist, so unbrauchbar ist er wahrscheinlich als Ehemann und Familienvater. Er ist wohl auf der Agora (Marktplatz) mehr anzutreffen als zu Hause.
Sokrates will durch den Nachweis der Scheinhaftigkeit vermeintlichen Wissens eine Selbstbesinnung des Menschen. Seine mit Ironie angewandte Methode, Mitmenschen durch Gespräche zur Ratlosigkeit, zum Wissen um ihr eigenes Nichtwissen zu führen, nennt er „Hebammenkunst“ (Mäeutik). Im Vordergrund steht die Frage nach der Tugend; Tugend beruht für Sokrates auf der richtigen Einsicht in das Gute. Er glaubt sich selbst von einer inneren, göttlichen Stimme geführt. Mit Sokrates beginnt die Blütezeit der attischen Philosophie. Er hat zahlreiche Schüler (Sokratiker); der berühmteste, Platon, hat uns seine Lehre überliefert.
Sokrates schreibt nichts. Er führt nur öffentliche Debatten und verbreitet so seine Lehren. Trotzdem überleben seine Ideen und haben auf seine Nachfolger einen ungeheuren Einfluss. Die Philosophie als Ganzes, besonders die Werke von Platon und Aristoteles, verdanken seinen Ideen viel. Ähnlich wie viele andere grosse Denker kämpft und leidet Sokrates für seine Überzeugung, selbst angesichts des Todes weigert er sich, sie aufzugeben.
Im Jahre 399 v.Chr. wird Sokrates im Alter von 70 Jahren von Athens Richtern zum Tode durch den Schierlingsbecher (ein Pflanzengift) verurteilt, nachdem ihn zuvor eine Jury für schuldig befunden hat, die in Athen gültige Meinungen angefochten zu haben. Seine Ankläger sagen: "Sokrates tut Verderbliches, er ist ein neugieriger Mensch, der die Dinge im tiefsten Innern der Welt und hoch über den Himmeln zu erforschen versucht; er lässt das Schlechtere als das Bessere erscheinen und belehrt hierüber sogar noch alle anderen."
Der eigentliche Vorwurf gegen Sokrates ist, dass er sich geweigert hat, die Götter Athens anzuerkennen, sein tatsächliches "Verbrechen" aber besteht in seinem unbeugsamen Willen. Die meiste Zeit seines Lebens begnügt sich Sokrates mit einem bescheidenen Einkommen und verbringt seine Tage damit, Philosophie zu lehren und mit anderen Bürgern der Stadt zu diskutieren. Schäbig gekleidet, exzentrisch und bekanntermassen hässlich, legt Sokrates keinen Wert auf Notwendigkeiten des Lebens. Er schafft sich mit seinen Ideen auch eine ganze Reihe von Feinden. Niemand liebt es, die eigenen Unzulänglichkeiten und Denklücken öffentlich vor Augen geführt zu bekommen, besonders nicht, wenn er ein öffentliches Amt bekeidet. Sokrates sagt, die Politiker seien die Hauptverantwortlichen für die Verblendung des Volkes, und die meisten von ihnen seien zudem intellektuell nicht dazu in der Lage, politische Verantwortung zu übernehmen -, und das im Musterstaat Athen...
Im Laufe des Gerichtsverfahrens formuliert Sokrates einen seiner berühmtesten Sätze: "Gott allein ist weise, und durch seine Worte will er uns zeigen, wie wenig wir Menschen wissen oder nichts .... Jener aber, Ihr Männer, ist der Weiseste, der wie Sokrates weiss, dass sein Wissen im Grunde keinen Wert besitzt." Damit bekennt Sokrates freimütig nichts zu wissen, aber eben dadurch, dass er weiss, dass er nichts weiss, weiss er allemal mehr als andere, die meinen, alles zu wissen. All jene Menschen, die behaupten, Wissen über die menschliche Existenz zu besitzen, sind - nach Sokrates - im Hinblick auf das absolute Wissen Gottes in trügerischen Vorstellungen gefangen. Sokrates geht aber trotzdem davon aus, dass ein Leben, das die Tugend der Erkenntnis, des Wissens negiere (verneine), ein vollständig wertloses Leben sei. Die Ignoranz (das Nichtwissen, die Dummheit) ist seiner Meinung nach der Grund allen Übels.
Zusatztext:
Das Gespräch mit Glaukon (Quellentext)
SOKRATES Glaukon, du hast im Sinne, dich an der Regierung zu beteiligen?
GLAUKON Ja, gewiß.
SOKRATES Wahrlich, das schönste Ziel, das sich ein Mensch setzen kann. Denn wenn du es erreichst, wirst du imstande sein, zu bekommen, was du auch immer begehrst: du wirst deinen Freunden nützen können und deine Familie zu Ehren bringen, sogar den Ruhm des ganzen Vaterlandes vermehren. Du wirst dann in ganz Griechenland berühmt sein, und wo du hinkommst, erregst du Aufsehen.
GLAUKON Das ist klar.
SOKRATES Glaukon, wenn du geehrt sein willst, mußt du dich um den Staat verdient machen.
GLAUKON Allerdings.
SOKRATES Bei den Göttern, sage mir heraus, womit du beginnen willst! (Glaukon schweigt und denkt nach.) Wenn du das Haus eines Freundes in die Höhe bringen willst, dann wirst du wohl danach trachten, ihn reicher zu machen. Hast du diese Vermehrung des Reichtums auch für den Staat im Sinn?
GLAUKON Ja, gewiß.
SOKRATES Könnte der Staat nicht reicher werden, wenn seine Einnahmen steigen?
GLAUKON Das ist doch klar.
SOKRATES So sage mir, woher zur Zeit der Staat seine Einnahmen bezieht und wie hoch sie sind. Du hast doch sicher schon darüber nachgedacht, wie man nachhelfen muß, wenn die Einnahmen nicht ausreichen, oder wie man neue eröffnen könnte, wenn die bisherigen ausfallen sollten.
GLAUKON Nein, darüber habe ich mir bis jetzt noch nie den Kopf zerbrochen.
SOKRATES Nun, wenn du das versäumt hast, so nenne mir wenigstens die Ausgaben des Staates. Du hast doch gewiß die Absicht, die unnötigen zu streichen
GLAUKON Wahrhaftig, auch dazu bin ich noch nie gekommen.
SOKRATES Nun, so wollen wir noch damit warten, den Staat reicher zu machen. Wie könnte man sich an diese Aufgabe wagen, ohne die Ausgaben und Einnahmen zu kennen?
GLAUKON Aber die Mittel zur Bereicherung des Staates kann man auch bei den Feinden holen.
SOKRATES Schon recht, aber man muß ihnen überlegen sein, sonst könnte man auch noch den bisherigen Besitz verlieren.
GLAUKON Richtig.
SOKRATES So gib mir Auskunft über die Land- und Seemacht unseres Staates, dann über die unserer Feinde.
GLAUKON Ich kann das wahrhaftig nicht so aus dem Kopf hersagen.
SOKRATES So müssen wir vorerst aufhören, in Angelegenheiten des Krieges Rat¬schläge zu erteilen. Vielleicht waren diese Sachen für den Anfang deiner politischen Laufbahn zu kompliziert. Doch ich bin überzeugt, daß du dich schon um die Bewachung des Landes gekümmert hast. Du weißt, wie viele Posten zweckmäßig sind, und wieviel nicht. Du wirst die zweck¬mäßigen ver- stärken und die unnötigen aufheben.
GLAUKON GLAUKON Von mir aus könnte man alle Posten aufheben, denn sie erfüllen ihre Pflicht schlecht; auf dem Land wird alles gestohlen.
SOKRATES Wenn man aber die Posten aufhebt, wird dann nicht bei jeder Gelegenheit noch mehr gestohlen?
GLAUKON Ich vermute es.
SOKRATES SOKRATES Wollen wir nicht auch in dieser Sache unsern Rat sparen, bis wir nicht mehr vermuten, sondern mit Tatsachen aufwarten können?
GLAUKON Das ist vielleicht besser.
SOKRATES SOKRATES Ich weiß nun, daß du nie die Silbergruben unseres Landes im Laurion-Gebirge besucht hast, so daß du nicht sagen kannst, weshalb sie jetzt weniger eintragen als früher.
GLAUKON Ich habe sie tatsächlich noch nie besucht.
SOKRATES Sie sollen ja wirklich ungesund sein. Dies wird dir als Vorwand genügen, wenn du darüber ein Gutachten abgeben solltest.
GLAUKON Du spottest über mich.
SOKRATES Nun weiß ich aber, daß du gut überlegt hast, wie lang der Staat mit dem Getreide, das wir selbst anpflanzen, auskommen kann, und wieviel man jährlich einführen muß. Denn du willst doch wissen, wann ein Mangel eintritt, damit du in Notzeiten dem Staat helfen und ihn durchbringen kannst.
GLAUKON Das würde ja eine Riesenarbeit sein, wenn man sich um all dies kümmern müßte.
SOKRATES Aber man kann nicht einmal seine eigene Haushaltung richtig besorgen, wenn man nicht weiß, was man noch braucht, um bei Mangel jede Lücke auszufüllen. Da nun aber die Stadt Athen mehr als zehntausend Häuser hat und es schwer ist, zu- gleich für so viele Haushaltungen zu sorgen, warum hast du nicht wenigstens versucht, für ein einziges Haus zu sorgen, nämlich dasjenige deines Onkels, da es dies sehr nötig hat? Wenn einer einen Zentner nicht allein tragen kann, muß er es doch nicht mit mehreren versuchen.
GLAUKON Ei, ich möchte gerne meinem Onkel helfen, wenn er sich von mir führen ließe.
SOKRATES Wie, du kannst deinen Onkel nicht dazu bringen und meinst, du könntest ganz Athen samt deinem Onkel unter deine Führung bringen? Nimm dich in acht, Glaukon, daß du bei deinem Streben nach Ruhm nicht das Gegenteil erreichst. Siehst du nicht, wie gefährlich es ist, über das zu reden, was man nicht versteht. Wenn du begehrst, berühmt zu sein und bewundert zu werden, so versuche, dir möglichst gute Kenntnisse von dem zu verschaffen, was du ausführen willst. Wenn du in fachlicher Überlegenheit an die Staatsgeschäfte herangehst, soll es mich nicht wundern, wenn du erreichst, was du begehrst.
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