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Bocchio, Ivan
Der alpine Tourismus und die alpine Architektur stehen seit längerem im Fokus kulturwissenschaftlicher und architekturhistorischer Forschung, jedoch hat Südtirol an dieser Konjunktur bisher kaum Anteil.
Südtirol galt schon im Habsburgerreich als Zentrum kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Transfers. Die Alpenregion war als Erholungsraum in der Belle Époque äusserst beliebt. Früh entstanden bereits monumentale Grand Hotels. Als Südtirol 1919 in das Königreich Italien eingegliedert wurde, veränderte sich die Situation jedoch gravierend. Die neue Provinz wurde seit der Machtübernahme Mussolinis zum bevorzugten Exerzierfeld faschistischer Architektur. Sie diente nie nur der Selbstinszenierung des Regimes, sondern stand stets im Dienst konkreter machtpolitischer Ziele. Besonders in Südtirol wurde die Architektur zum Instrument eines umfassenden Plans zur Homogenisierung des Landes, die eine erzwungene Anpassung ethnischer Minderheiten einschloss. In einer bis 1930 dauernden Übergangszeit konnten österreichische Architekten wie Clemens Holzmeister (1886–1983), Franz Baumann (1892–1974) und Wilhelm Sachs (1884–1961) trotz zunehmender Schwierigkeiten noch einige Hotelbauten errichten. Doch dann wurde ihnen die Berufsbefähigung entzogen. Damit ging die kurze Zeit einer österreichischen Moderne in Südtirol zu Ende. So schnell und so entschieden wie möglich sollte nun der italienische Charakter des Landes sichtbar gemacht werden, und dafür wurden ausschliesslich italienische Architekten engagiert. Marcello Piacentini, Paolo Vietti Violi, Ettore Sottsass realisierten eine grosse Anzahl an Bauten. Konsequente Vertreter des razionalismo wie Gio Ponti (1891–1979) und Giulio Apollonio (1887–1965) errichteten Hotels und Schutzhütten in den Südtiroler Alpen. Ponti entwickelte zudem parallel zur Erschliessungsplanung des Dolomitengebietes theoretische Grundlagen einer alpinen Hoteltypologie. Sie boten ein Muster für Hotelbauten des razionalismo in den Alpen.
Fragen nach dem Verhältnis von Architektur und Politik drängen sich selten so zwingend auf wie in der Architektur- und Kunstgeschichte der italienischen Moderne. Dieses Projekt will die Südtiroler Hotelarchitektur der Zwischenkriegszeit in einer turbulenten und kontroversen Phase der italienischen Geschichte darstellen und diese im grösseren Zusammenhang des Alpenraums positionieren. Dafür wird die Begegnung des Movimento Moderno mit der mittel- und nordeuropäischen Architektur-Moderne analysiert und ein besonderes Augenmerk auf die Bedeutung der 5. Triennale di Milano gelegt, die sich 1933 mit dem Entwurf von Hotels in den Alpen befasste. Ponti wertete die Ausstellung als Spiegelbild der faschistischen Ideologie. Ganz anders Sigfried Giedion (1888–1968): Er erkannte den Widerspruch zwischen der propagierten Architekturtendenz und den ausgestellten, teils illusorischen Projekten der Triennale.
Zum «Albergo Razionale», dem Hotel der italienischen Moderne der zwanziger und dreissiger Jahre, wurde bisher wenig geforscht und publiziert. Im Unterschied zu bisherigen Darstellungen wird diese Arbeit das Verhältnis zwischen der Hotelarchitektur und der faschistischen Politik untersuchen und so dazu beitragen, eine neue Perspektive auf die Architektur des 20. Jahrhunderts in den Alpen zu gewinnen. Der Bezug zur 5. Triennale di Milano wird neue Aspekte in der internationalen Positionierung der Südtiroler und Tiroler Architektur zutage fördern. Mit der Erforschung der Hotelbauten in Südtirol wird eine Bauaufgabe untersucht, die grosse Schnittmengen zu den architektonischen und kulturellen Entwicklungen der Nachbarländer aufweist. Denn die Erschliessung der Alpen für den Tourismus, findet über die Landesgrenzen hinweg in allen Bergregionen statt.