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Etrit Hasler hat sich alle Rocky-Filme am Stück angesehen
Es gibt zugegebenermassen nicht viele gute Sportfilme – was nicht zuletzt daran liegt, dass sich die Handlung meist auf diesen Satz reduzieren lässt: Underdog kämpft sich zum Erfolg. Okay, ausgedehnt sieht das so aus: ErfolgloseR SportlerIn bekommt eine Chance, verliert zuerst, dann eine Stunde lang Trainingssequenzen, die mit lüpfiger Musik unterlegt werden, und zum Schluss gewinnt Underdog doch noch.
Dieses Muster ist noch gar nicht so alt und lässt sich auf eine Filmserie zurückführen, die heute häufiger parodiert als tatsächlich angesehen wird: «Rocky» – von und mit Sylvester Stallone. Die Szene zum Schluss des ersten Films, als Titelfigur Rocky Balboa mit blutendem Gesicht über alle Journalisten hinweg nach seiner Frau Adrian brüllt, ist etwa so ikonisch wie die Bilder der ersten Mondlandung. Und der Sprint die Treppe zum Philadelphia Museum of Art hoch wurde in der realen Welt mit einer Statue an ebendieser Stelle gewürdigt – was in Philadelphia zu einer jahrelangen öffentlichen Auseinandersetzung darüber führte, was eigentlich Kunst sei.
Dass der Film zu einem solchen Phänomen wurde, ist eine ebenso unwahrscheinliche Geschichte, wie es die Handlung des Films ist: Ein unbekannter zweitklassiger Boxer (Rocky) erhält einen Titelkampf gegen den amtierenden Schwergewichtschampion Apollo Creed (gespielt von Actionstar Carl Weathers), verliert knapp (im ersten Film) und gewinnt dann doch noch (ab dem zweiten). Es ist vielleicht der glücklichste Unfall der Filmgeschichte, dass Sylvester Stallone, zu dem Zeitpunkt ein erfolgloser Schauspieler, der sich mit Erotikfilmen und Nebenrollen über Wasser hielt, ein selbst geschriebenes Drehbuch bei einem grossen Studio unterbrachte und gleich noch die Titelrolle spielen durfte. Der Film wurde zum erfolgreichsten Film des Jahres 1976, gewann unter anderem den Oscar für den besten Film (neben Nominationen für Stallone als besten Schauspieler und besten Drehbuchautor) und machte Stallone über Nacht zum Superstar – und Multimillionär.
Der Rest ist Filmgeschichte: Es folgte Fortsetzung um Fortsetzung, fast alle mit Stallone als Regisseur, fast alle kommerziell höchst erfolgreich, von der Kritik jedoch meist zerrissen. Nicht zuletzt, da sie fast alle dem eingangs erwähnten Muster folgen: Rocky wird herausgefordert, er verliert, er trainiert, er gewinnt. Und das, obwohl Stallones Technik im Ring sich darauf beschränkt, Schläge mit seinem Gesicht abzublocken. Wobei: So wurde auch Muhammad Ali Weltmeister.
Höhepunkt der Repetition war «Rocky IV», in dem Rocky gegen den (bösen) Russen Iwan Drago (die erste Rolle von Dolph Lundgren, den Stallone als Bodyguard und Liebhaber von Grace Jones entdeckte) den Kalten Krieg im Boxring austrägt – was denn auch der Grund war, dass mir meine sozialistische Mutter verbot, diese «antisowjetische Propaganda» anzusehen. Wobei: Rockys Schlussmonolog «If I can change, and you can change, then everybody can change!» ist wohl eher Ausdruck der banalen Wahrheit, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir uns alle ein bisschen lieb hätten.
Doch bei aller Einfachheit war der Einfluss der Filme gigantisch: Nicht nur brachte uns «Rocky III» einen der erfolgreichsten Rocksongs der Musikgeschichte («Eye of the Tiger» von Survivor) – die eigens für «Rocky IV» ausgedachten Trainingsmethoden sind in das Repertoire des realen Sports eingegangen und werden bis heute zum Beispiel von US-Schwimmer und Olympiasieger Michael Phelps angewendet.
Obwohl Sylvester Stallone die Ringkarriere des Italoboxers mit dem (äusserst ruhigen) sechsten Film «Rocky Balboa» 2006 abschloss, ist das Phänomen noch nicht zu Ende. Am Tag vor dem Druck dieser Zeitung startete in den USA «Creed» – ein Spin-off-Film, der sich der Geschichte von Apollo Creeds Sohn widmet. Das Muster funktioniert immer noch.
Etrit Hasler hat auch schon Schläge mit seinem Gesicht abgeblockt, eine Erfahrung, die er niemandem weiterempfehlen kann. Ob es auf sein Hirn einen negativen Effekt hatte, zum Beispiel, dass er die Rocky-Filme alle toll findet, ist nicht belegt.