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Schibam – das Manhattan in der Wüste
Fast jedem ist die jemenitische Hauptstadt Sanaa ein Begriff, die mit ihren mehrstöckigen, über Jahrhunderte erhaltenen Lehmbauten Besucher fasziniert. Doch Sanaa ist keineswegs die einzige und auch nicht die eindrucksvollste Stadt des Landes, die mit der klassischen Lehm-Architektur des Jemen aufwarten kann. Mindestens genauso bemerkenswert ist Schibam in der Region Hadramaut im Osten des Landes.
Hadramaut ist eine uralte Kulturlandschaft im südlichen Arabien. Die Küstenregion ist eine feucht-heisse flache Gegend, im Hinterland dominiert wüstenartiges Hochland, das von steilen Felsabstürzen zerrissen wird. Zwischen ihnen breiten sich Flusstäler – Wadis genannt – aus. Etliche sind fruchtbar und bieten Möglichkeiten zum Anbau von Datteln, Tabak, Weizen und Kaffee. Das Haupttal bildet das sogenannte Wadi Hadramaut, in dem auch Schibam liegt.
Schibam ist uralt. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde der Name der Stadt auf einer Tempelinschrift erwähnt. Die Ursprünge des Ortes liegen im Dunkeln und führen in die Zeit der sagenhaften Königin von Saba, die im heutigen Jemen ihr Reich hatte. In der Antike begann in Hadramaut die legendäre Weihrauchstrasse, sie führte von hier über Sanaa, Medina und Petra bis ins heutige Israel und Palästina. Zu dieser Zeit bestand Schibam bereits. Wahrscheinlich wurde es in seiner jetzigen Form von Flüchtlingen aus dem weiter westlich gelegenen Schabwat gegründet, heute eine archäologische Stätte. Schabwat wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. von Saba erobert und zerstört.
Wolkenkratzer aus Lehm
Schibam wird wie kaum ein anderer Ort von der im Jemen typischen Lehmbauweise geprägt. Die Altstadt von Schibam präsentiert sich dem Betrachter als ein kompaktes Ganzes. Bis zu 30 Meter hoch türmen sich rund 400 Lehmhochhäuser in strengen geometrischen Formen auf überschaubarer Grundfläche nach oben. Braun und Weiss bestimmen die Farbgebung der senkrecht in die Höhe ragenden Häuserwände, nur unterbrochen durch dunkle kleine Fenster, die sich in exakten Linien übereinander reihen. Nach oben verjüngen sich die Wohntürme, die acht Stockwerke und mehr erreichen.
Zwischen den himmelwärts strebenden Bauten ducken sich schmale Gassen, die dank der hohen Wände zu jeder Tageszeit im Schatten liegen. Das bringt im heissen Klima Hadramauts angenehme Kühle. Wer die Silhouette Schibams sieht, assoziiert sie automatisch mit den Hochhausschluchten Manhattans oder Chicagos. Kein Wunder, das Schibam auch „Manhattan in der Wüste“ genannt wird, nur dass die Wolkenkratzer hier nicht aus Stein, Stahl und Beton bestehen, sondern aus Lehm.
Lehm – uralter Baustoff der Menschheit
Die Lehmbauweise hat in diesem Teil der Welt Tradition und bietet viele Vorteile. Lehm ist ein natürlicher Baustoff, der gut formbar ist, klimaregulierend wirkt, Feuchtigkeit speichert und für eine angenehme Atmosphäre sorgt. Lehm gehört zu den ältesten Baumaterialien der Welt. Auch in unseren Breiten war er lange verbreitet und diente als Füllmaterial bei zahlreichen Fachwerkbauten. Im heissen Klima und bei den manchmal auftretenden Erdbeben Hadramauts eignet er sich wegen seiner Flexibilität hervorragend zum Bauen.
Dem Wüstenklima angepasst
Die Lehmbauten Schibams sind bis zu 400 Jahre alt. 1982 wurde das einzigartige Bau-Ensemble der Altstadt von Schibam zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, noch früher als das historische Zentrum von Sanaa. Die Baumeister Schibams haben die Lehmbauweise perfektioniert. Die Häuser sind mit einer Art „Klimaanlage“ ausgestattet. Die warme Luft entweicht durch die zahlreichen Fenster; durch einen Schacht, der vom obersten Stock bis ins Erdgeschoss reicht, strömt kühlere Luft nach. Dadurch ist es im Inneren der Häuser im Schnitt zehn Grad kühler als draussen. Das ist auch nötig, denn im Sommer kann die Mittagshitze in Hadramaut schon mal 50 Grad erreichen.
Auch die Breite der Wände wurde dem Klima angepasst. Auf der Sonnenseite sind sie oft dicker als an der Schattenseite. Die Dächer der Bauten sind flach, die Dachterrassen dienen nachts gerne als Schlafplatz. Nur einen Nachteil haben Lehmbauten. Sie bedürfen der ständigen Sanierung und Erneuerung. Die Dachflächen müssen etwa alle zehn Jahre renoviert werden, die Wände alle 40 Jahre, zum Tragen verwendetes Holz im Inneren alle 80 Jahre. Als nach dem Ende der sozialistischen Republik Südjemen viele Einwohner abwanderten, drohte die Altstadt zu verfallen, weil viele Häuser nicht mehr erneuert wurden. Etliche der Hochhausbauten verkamen zu Ruinen. Später kehrten etliche Bewohner wieder zurück und Bauten wurden wieder saniert.
Schibam lebt von der Hoffnung
Der Tourismus würde Schibam sicher eine positive Perspektive für den Erhalt seines einzigartigen Kulturerbes bieten. Leider sind die Voraussetzungen dafür im Jemen derzeit alles andere als günstig. Die Sicherheitslage des Landes am Horn von Afrika ist prekär, die politischen Verhältnisse sind instabil. Reisen in die Region sind daher derzeit ein echtes Wagnis. Es bleibt zu hoffen, dass sich das in Zukunft ändert. Verdient hätte es das Land mit seinen einmaligen kulturellen Zeugnissen, für die Schibam ein herausragendes Beispiel ist.
Oberstes Bild: Stadt Schibam im Osten des Jemen gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. (© Jialiang Gao, WIkimedia, GNU)