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La Grande Motte, Languedoc-Roussillon (F)
Städteplanerische Antithese
«Die Architektur von La Grande Motte lässt niemanden gleichgültig.» Diesen Satz liest man mehrmals in der von Claude Prelorenzo und Antoine Picon verfassten Publikation «L’aventure du balnéaire. La Grande Motte de Jean Balladur» (Éditions Parenthèses, 1999). Den beiden Autoren geht es in ihrer Forschungsarbeit aber nicht in erster Linie um die Würdigung der expressiven Betonarchitektur, über die man in der Tat geteilter Meinung sein kann. Vielmehr heben sie die universelle und humanistische Dimension des städtebaulichen Konzepts von Jean Balladur hervor: Für Prelorenzo und Picon ist La Grande Motte geradezu eine Antithese zu den Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich realisierten «technokratischen» Stadtplanungen der «Grands Ensembles» oder der neuen Städte in der Pariser Peripherie, in denen Lebensräume durch überdimensionierte Strassen voneinander isoliert oder in Stücke geschnitten worden seien (L’aventure du balnéaire, S. 7).
Die umfangreich aufgearbeitete Planungsgeschichte von La Grande Motte mit zahlreichen Originalzitaten von Jean Balladur diente uns nicht zuletzt aufgrund dieser Sichtweise als Grundlage für den folgenden Beitrag. Die Meinungen zu La Grande Motte gehen auch heute noch auseinander. Interessant ist aber auch, wie das Label «Patrimoine du XXe Siècle» die Stadtverwaltung von La Grande Motte gerade heute darin bestärkt, dieses Aushängeschild französischen Massentourismus gegen alle Vorurteile bestens zu vermarkten.
Mission Racine
Die Planung von La Grande Motte ab 1962 fällt in die Jahre der «Trente Glorieuses», jener «glorreichen» Nachkriegsjahre zwischen 1949 und 1975, in denen Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg von einem wirtschaftlichen Boom, einem Fortschrittsoptimismus und gesellschaftlichen Aufbruch geprägt war. Der Begriff «Trente Glorieuses» geht auf den französischen Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastié zurück, der 1979 in seinem gleichnamigen Buch die sozioökonomischen Umwälzungen Frankreichs seit Ende des Zweiten Weltkriegs unter die Lupe genommen hatte und damit die französische Wahrnehmung der Nachkriegsjahrzehnte nachhaltig prägte (Quelle: hsozkult.de).
Jean Balladur
Um die wirtschaftliche und auch touristische Revitalisierung des Landes voranzutreiben, ergriff der damalige Präsident der französischen Republik, Charles de Gaulle (1890 – 1970), umfangreiche Massnahmen. Davon profitierten vor allem bis dahin strukturschwache Randregionen wie das Languedoc-Roussillon, aber auch die Atlantikküste. Der zur Region Okzitanien gehörende Küstenabschnitt östlich der Rhonemündung bis zur spanischen Grenze war bis zu diesem Zeitpunkt eine unbewohnte, wüstenartige Dünen- und Lagunenlandschaft. Sein touristisches Potenzial hatte man zwar schon früher erkannt. Aber erst mit der raumplanerischen und infrastrukturellen Erschliessung ab 1963 durch die sogenannte «Mission Racine» erhielt das Languedoc jene Infrastruktur, die es allen fanzösischen Arbeitnehmenden ermöglichte, ihre wohlverdienten Sommerferien am Meer zu verbringen.
Darüber hinaus hatte die «Mission Racine» auch zum Ziel, dem spanischen Tourismus mit seinen Hotelburgen am Meer das Wasser abzu-graben und «den Touristenstrom wieder nach Frankreich umzulenken», wie der «Spiegel» 2016 in einem Beitrag über den «verblichenen Charme» der südfranzösischen «stations balnéaires» schrieb.
An die Autobahn «angeschlossen»
Die «Mission Racine» führte nicht nur zur Realisierung zahlreicher «stations balnéaires» ganz unterschiedlicher architektonischer und städtebaulicher Qualität von La Grande Motte über Cape d’Agde und Port-Leucat bis hinunter nach Saint-Cyprien, sondern auch zum Ausbau der Autobahnen und Schnellstrassen. An dieses «Venensystem» des Individualverkehrs aus dem Landesinneren ans Meer wurde auch La Grande Motte angeschlossen. Dies wird deutlich, wenn man Jean Balladurs Masterplan mit dem «schéma de circulation» unter die Lupe nimmt, die wir in abstrahierter Version auf dem Cover dieser Ausgabe abgebildet haben.
In der Tat zeigt sich darin – ausgehend von der Autobahn- und Schnellstrassenzufahrt und den grossen Parkflächen – eine filigrane Verästelung der Zufahrten und Erschliessungen der einzelnen «Stadtquartiere», gefolgt von (hier nicht abgebildeten) mäandrierenden Fussgängerwegen durch die Quartiere. Die im Masterplan definierten und über zwanzig Jahre hinweg realisierten Stadtquartiere mit den Namen «Levant», «Point Zéro», «Centre Ville», «Haute Plage», «Couchant» und «Petite Motte» erhielten dabei alle spezifische städtebauliche Funktionen zugewiesen, die von allen Badetouristen gleichermassen genutzt werden sollten. Damit unterschied sich das städtebauliche Dispositiv von La Grande Motte radikal vom Städtebaukanon der Badeorte des 19. JahrhundertS. Wie Prelorenzo und Picon im Vergleich mit dem Stadtplan von Deauville in der Normandie nachvollziehbar machen, fehlen in La Grande Motte nämlich zwei zentrale Elemente: der lange Strand und die dazugehörende Strandpromenade. Statt für eine geschlossene Häuserfront mit repräsentativen Gebäuden wie Grandhotels und Casino direkt an der Promenade entschied sich Balladur, den Strandzugang für alle freizuhalten.
Humanistische Gartenstadt
Darüber hinaus wählte Balladur eine diagonale Ausrichtung der Appartementhäuser zum Meer. Damit wurden die traditionellen Kategorien von privilegierten Wohnungen mit «vue de mer» und Appartemens zweiten Ranges vermieden: alle Wohnungen sollten gleichermassen vom Meerblick profitieren können. Balladur schuf damit ein neuartiges, demokratisches Konzept eines BadeorteS. Und er löste mit der diagonalen Ausrichtung und pyramidalen Abstufung der Gebäude auch ein technisch-klimatisches Problem: Beides sollte verhindern, dass sich hinter den Gebäuden Windturbulenzen bildeten. Die zum Meer ausgerichteten pyramidenartigen Gebäude sollten wie Kämme den Wind verteilen und zudem verhindern, dass sich die Gischt auf dem öffentlichen Gelände verteilt und die Vegetation ruiniert (L’aventure balnéaire, S. 67).
Während sich auch heute in den traditionellen Badeorten wie Cannes und Nizza während der Sommermonate endlose Blechlawinen den Strandpromenaden entlangwälzen, sind in La Grande Motte zwar grosse Parkflächen vorhanden, die Autozufahrten und Parkplätze liegen allerdings nicht direkt am Meer. Damit wurde zwischen den Appartements und dem Strand Raum für die Strandbesucher sowie für Freizeiteinrichtungen geschaffen.
Die historischen Aufnahmen von La Grande Motte mit ausgedehnten, aber auch etwas trostlos wirkenden Plätzen auf dem weitläufigen Terrain dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Balladurs Vision war, mit La Grande Motte eine «ville verte» im Sinne einer idealen Gartenstadt zu schaffen. Heute präsentiert sich La Grande Motte offiziell als grüne Stadt mit 70 Prozent Grün- und Naturanlagen.
Die grosszügige Begrünung war für Balladur bereits in der Planung zentral. Sie sollte nicht nur als klimatische und städtebauliche Problemlösung dienen, sondern auch als «Befestigung» des sandigen Geländes. Um auf dem windgepeitschten Gelände ein «irdisches Paradies» (L’aventure balnéaire, S. 71) zu schaffen, investierten die Planer viel Aufwand in eine geeignete Bepflanzung. Für Jean Balladur sollte die Vegetation – bestehend aus Hecken, Büschen und Bäumen und von mäandrierenden Wegen und kleinen Plätzen belebt – zudem auf derselben Hierarchiestufe wahrgenommen werden wie die Architektur selbst. Ein Aspekt, der vor dem Hintergrund der tausendfach fotografisch dokumentierten expressiven Pyramiden und Muscheln von La Grande Motte manchmal etwas unterzugehen droht.
Wie zuvor schon erwähnt, entschied sich Balladur dafür – in Abgrenzung zum traditionellen Städtebau – den einzelnen Quartieren spezifische Funktionen zuzuordnen: Jedes «Stadtquartier» erhielt neben charakteristischen Appartementhäusern mit hohem visuellem Wiedererkennungswert auch gemeinschaftliche Einrichtungen: Während in der «Centre Ville» Rathaus, Kirche, Kongresszentrum, Geschäfte, Restaurants und Kino zu finden sind, liegen sämtliche Tennisplätze im östlichen Quartier «Levant» in einem grünen Gürtel. Mit dieser Zuordnung wollte Balladur erreichen, dass die Feriengäste nicht – wie in heutigen Ferienresorts – auf ihr Quartier beschränkt blieben, sondern auch die anderen Quartiere kennenlernen konnten. Zudem hat Balladur das weniger dicht und hoch bebaute Villenquartier hinter die Schnellstrasse verlegt, um in La Grande Motte einen nahtlosen Übergang von Stadt und Landschaft zu schaffen, aber auch Rückzugsmöglichkeiten für die etwas vermögendere Klientel zu bieten.
Anders als in St. Tropez mit höchstens 10 Prozent permanenten Einwohnern sollte La Grande Motte das ganze Jahr über belebt sein. Aus diesem Grund war es von Beginn an so geplant, dass die kommerziellen und kommunalen Einrichtungen ganzjährig in Betrieb waren. La Grande Motte verstand Balladur als «autonome» Stadt, unabhängig von den nahegelegenen Städten Montpellier oder Nîmes.
Irdisches Paradies
«Die Mehrheit der Architekturtheoretiker liegen falsch liegen, wenn sie behaupten, dass Architektur primär dazu dient, dem Menschen Schutz gegen Witterung und Gefahren zu bieten. Dieses reale Bedürfnis darf erst an zweiter Stelle kommen. Der Mensch kann nur existieren, wenn er einen Ort ‹bewohnt›. (…) Auch die Welt der Träume ist ein Ort, den der Mensch irrtümlicherweise bewohnt.» (L’aventure balnéaire, S. 50). In diesem Zitat bringt Jean Balladur sein philosophisches und humanistisches Weltbild zum Ausdruck, dem er in La Grande Motte eine für alle erlebbare Dimension gab. Die Funktionalität manifestiert sich in Masterplan und Architektur. Doch sollte diese hinter die symbolische, poetische und soziale Dimension zurücktreten. Um dies zu erreichen, inszenierte Balladur bewusst Gegensätze, die poetische Spannungen erzeugen sollten: So stehen die geometrischen Pyramiden mit der organischen Anlage der Natur in einem Spannungsverhältnis, ebenso die städtebauliche Strenge mit der expressiven und ornamentalen Vielfalt der Fassaden. «Für Jean Balladur lässt sich die Qualität eines Ortes an der Intensität der Gegensätze und Spannungen messen, die es dem Bewohner erlaubt, sich physisch und geistig auf den Ort einzulassen», schreiben dazu Prelorenzo und Picon (L’aventure balnéaire, S. 51).
War Balladur zu Beginn seiner Karriere von der Stahlarchitektur Ludwig Mies van der Rohes fasziniert, suchte er für das «irdische Paradies» La Grande Motte nach neuen Formen, unbelastet vom Funktionalismus der Moderne, mit dem Ziel, ein heiteres Bühnenbild für die sonnenhungrigen Badetouristen zu schaffen. Konkret gibt Balladur Oscar Niemeyers Bauen in Brasilia als Inspirationsquelle an: «Im November 1962 besuchte ich mit einer Delegation des UIA Brasilia. Die Freiheit, mit der Oscar Niemeyer mit dem sakrosankten rechten Winkel und den Volumen und Formen des orthodoxen Funktionalismus (…) umging, haben mir die Augen geöffnet. Der Stahlbeton – flüssiger und formloser Baustoff – ermöglicht es, die Vorstellungskraft des Architekten in voller Freiheit der Erscheinungsform umzusetzen.» (L’aventure balnéaire, S. 103). Balladur besass in der Tat eine unkonventionelle Freiheit, was die Formenvielfalt der Fassadenelemente und Pflanzentröge seiner pyramidalen Appartementhäuser betraf, aber auch die Formgebung der Gebäude in ihrer Gesamtheit, die teilweise den leicht hingeworfenen Skizzen eines Frank Gehry nicht unähnlich sind (siehe dazu Skizze der Grand Pyramide auf der nächsten Seite).
Universelle Urform
Die Pyramiden von La Grande Motte wurden in der damaligen Kritik von unterschiedlichster Seite polemisch thematisiert. In der Tat verweist die Pyramide in ihrer universellen Emblematik auf zwei grosse Zivilisationen der Menschheitsgeschichte: die Präkolumbianische Zeit in Mexiko und das antike Ägypten. (Offensichtlich haben die Franzosen eine gewisse Affinität zur Pyramide per se.) Beide Zivilisationen huldigten – so stellen Claude Prelorenzo und Antoine Picon fest – dem Sonnenkult, der Anfang des 20. Jahrhunderts im profanen Kontext der Heliotherapie und später dem Sonnenbaden während der «grandes vacances» wiederauferstanden ist. Somit schlägt Balladur einen kulturgeschichtlichen Bogen und reiht den modernen Sonnenkult in die Kulturgeschichte der Menschheit ein. Würde man die Pyramiden allerdings nur an ihrer kulturgeschichtlichen Symbolik festmachen, so wäre die Kritik, es handle sich bei La Grande Motte um eine reine Theaterkulisse, durchaus berechtigt. Die abgetreppten, diagonal ausgerichteten Pyramiden allerdings machten es erst möglich, alle Wohnungen in «gleichberechtigter» Art und Weise auszurichten. Die Wohnungen verfügten so zudem über Terrassen und zugleich schattenspendende Loggien, erzeugt durch die vorgehängten Stahlbetonelemente: Je nach Sonneneinstrahlung und Temperatur kann man sich sowohl in der Sonne oder im Schatten «en plein air» aufhalten.
Verkauft wie «petits pains»
Für Promotoren waren Balladurs Ideen, die in zahlreichen Zeichnungen und Modellen festgehalten und in einem Verkaufsbüro in Montpellier ausgestellt wurden, ein grosses Risiko. Auch lösten sie – wie nicht anders zu erwarten war – beim Publikum widersprüchlichste Reaktionen aus. Die Offenheit der Franzosen aber war offensichtlich so gross, dass sich die Wohnungen verkaufen liessen wie «petits pains» (L’aventure balnéaire, S. 115).
Heute bestimmt vor allem eine Pyramide – die Grande Pyramide – die Skyline von La Grande Motte. Sie wurde 1974 fertiggestellt. Ebenfalls später hinzu kamen die Muscheln (erste Entwürfe dazu gab es 1969) genannten Appartementhäuser südwestlich des Hafens hinzu. Für Balladur sollten diese zu den «maskulinen» Pyramiden eine «feminine» Entsprechung bilden. Die Kirche wurde 1975 gebaut, das Hôtel de Ville mit der Mairie sowie der Palais des Congrès 1982. Architekturhistorisch wurde die Bedeutung von La Grande Motte, wie wir es in diesem Beitrag versucht haben nachzuzeichnen, stets erkannt. Doch um die Gunst der Touristen muss La Grande Motte sich auch heute bemühen, zumal sich das Freizeitverhalten ständig ändert. Vermarktet wird heute La Grande Motte deshalb nicht nur als Dolcefarniente-Destination, sondern auch als Architekturmonument. 2010 erhielt La Grande Motte die Auszeichnung «Patrimoine du XXe Siècle». Zum ersten Mal in der Geschichte des Labels erhielt nicht ein einzelnes Gebäude diese Auszeichnung, sondern ein gesamtes Stadtensemble.
Spannung als ästhetisches Moment
Bevor sich Jean Balladur mit Architektur zu beschäftigen begann, interessierte er sich für Literatur und Philosophie und erhielt u. a. auch Unterricht von Jean-Paul Sartre. Architektur studierte Balladur an der École Nationale des Beaux-Arts in Paris. Nach ein paar privaten und kleineren Projekten begann er sich vermehrt mit Fragen der Stadtplanung auseinanderzusetzen und gründete 1962 in Zusammenarbeit mit dem Bauministerium und dem nationalen Bildungsministerium ein Forschungszentrum zu diesem Thema. Die Kontakte zur Regierung – Balladur galt gemäss Wikipedia als Vertrauter Charles de Gaulles und George Pompidous – führten zu seiner Nomination in die Architektendelegation, die mit der Aufgabe der touristischen Raumplanung («Mission Racine») für die einstige wirtschaftliche Randregion Languedoc-Roussillon betraut wurden. Auch wenn man über die expressiven Betonpyramiden oder auch grundsätzlich gegenüber massentouristischer Infrastruktur geteilter Meinung sein kann: In La Grande Motte lassen sich viele ästhetische, architektonische und städtebauliche Themenstellungen des 20. Jahrhunderts ablesen, die Balladur in La Grande Motte in ebenso poetischer wie auch exemplarischer Weise umgesetzt hat. Dabei arbeitete er mit thematischen Spannungsverhältnissen wie Natur – Architektur, männlich – weiblich, Sonne – Schatten. Erst diese Spannungen führen dazu, so Balladur, dass sich der Mensch mit einem Ort identifizieren, sich mit ihm auseinandersetzen könne.