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Am 7. Mai 1996 zwei braune Hybriden (in der Schweiz übliche Rasse) von der Landwirtschafts-Schule Pfäffikon/SZ
gekauft. Geschlüpft Mitte März 1995. Jetzt, im Alter von etwas mehr als einem Jahr
halbnackt - wie üblich in schweizerischen Hühnerfabriken. Nach Auskunft des Betriebsleiters begann der Gefiederschwund im Alter von etwa
8 Monaten. In Pfäffikon werden die Hühner jeweils eine Legeperiode lang gehalten.
Anfangs August 96 werden sie deshalb "liquidiert" - wie üblich in der
Schweizer "Eierproduktion".
Nach Ankunft - allein (ohne die anderen Hühner) in den Stall
gesperrt -, wird sofort die Verhaltensstörung "Federfressen" deutlich sichtbar:
Die Hühner picken sich gegenseitig Federn aus und fressen diese. (Bei meinen gesunden
Hühnern noch nie beobachtet.)
8. Mai: Ein Nackthuhn scharrt ein Legenest. Es verwendet viel Zeit, um Heuhalme auf
ihren Rücken zu werfen, so als wolle sie sich zudecken. Ich weiss nicht, ob sie ihre
Nacktheit zudecken will oder ob Zudecken ein normales Verhalten im Nest ist. Bei meinen
gesunden Hühnern habe ich das jedenfalls nie beobachtet. Ich vermute neurotisches
Verhalten. Vielleicht kommen diese Nackthühner erstmals mit Heu und Stroh im Nestin
Berührung.
9. Mai: Seit Ankunft der beiden Nackten beobachte ich die Tiere intensiv.
Heute ist kühles, regnerisches Wetter. 9 Grad C. Die Nackthühner bleiben in der
Nähe des Stalles und frieren sichtlich: sitzen zusammengekauert unter dem Dach
und meiden das nasse Gras, wo die gesunden Hühner weitverstreut herumgehen.
12. Mai: Wieder Federpicken beobachtet (nur noch selten).
13. Mai, 9.45 Uhr: Beobachtung beim Füttern: Bei einem der Nackthühner habe ich
seit ein paar Tagen einen bleichen, eingefallenen Kamm und aussergewöhnliche Passivität
beobachtet. Dieses Huhn nenne ich im folgenden "Bleichkamm-Huhn". Heute hat es
keine Körner gepickt und sich abseits der körnerpickenden Hühnerschar gehalten, hie und
da in der Bodenstreu (altes Heu) herumgepickt ohne zu fressen, dann ein ca 5 cm langes
Federchen am Boden gefunden, aufgepickt und sofort verschlungen. Das Federpicken
ist bekanntlich kein aggressives Verhalten und nicht gegen Artgenossen gerichtet. Hühner, die krankhaft ihre Federn verlieren und am Boden liegende Federn fresse -
wahrlich etwas Abnormales.
18. Mai 96: Nur noch selten, schwaches Federpicken zu beobachten. Offenbar
starkes Bedürfnis zum Sonnenbaden/Staubbaden. Die Nackthühner sind von der übrigen
Hühnerschar erstaunlich rasch und gut akzeptiert worden. Fast keine Rangkämpfe. (Sowieso
klar, dass diese Krüppel zuunterst stehen.) Trotzdem bleiben die beiden in der Nähe des
Stalles, während die übrige Hühnerschar weit durch das Gelände streift. Die
Nackthühner zeigen einen grossen Teil der Zeit eine kränkliche Haltung:
Zusammengekauert, oft mit geschlossenen Augen. Ihr Befinden ist offensichtlich schlecht.
Etwa zwei Tage nach der Einstallung bei mir haben die zwei aufgehört, ihr tägliches Ei
zu legen. Jetzt nur noch selten oder gar nicht; kann es nicht genau kontrollieren. Habe
nach den ersten zwei Tagen keine mehr im Legenest gesehen.
25. Mai: Die Nackthühner legen immer noch keine Eier. Dafür wachsen Federn an
Brust Rücken und Schenkeln. Durch die Umstallung wurde offenbar die Mauser ausgelöst.
28. Mai: Heute fällt mir auf, dass die Nackthühner ständig Durchfall haben. Sie
koten mit einem Sprutz "pffft". Habe das schon früher gesehen, aber wenig
Beachtung geschenkt. Jetzt wird mir bewusst, dass ich die Nackthühner (NH) noch nie
normal koten gesehen habe.
Heute erstmals zweifelsfrei festgestellt, dass auf den nackten Rücken millimeterlange
neue Federn wachsen.
30. Mai: Auf dem Rücken kommen nun deutlich neue Federn hervor. Das
Gefieder der Hühner erholt sich also unter den natürlichen Haltungs- und
Fütterungsbedingungen. Damit beginnt sich die Vermutung zu bestätigen, dass
heute hochgezüchtete Legehennen-Hybriden für die Eierproduktion verwendet
werden, deren Anpassungsvermögen von den intensiven
Haltungs- und Fütterungsbedingungen überfordert wird. Die Landwirtschaft hat auch hier
die von der Natur gesetzten Grenzen rückstichtslos überschritten.
Heute wieder mehrmals Federpicken beobachtet. Ob diese Verhaltensstörung wohl noch
verschwindet? Auffällig ist, dass das gepickte Huhn jetzt - im Gegensatz zur Anfangszeit
- mit einem Hackaufschrei flüchtet, wie bei einer gewöhnlichen Aggression. Ich habe
gelesen, dass das normale Federfressen- und Picken kein Ausdruck von Aggression ist. Hier
in der natürlichen Haltung wandelt sich nun möglicherweise die Federpick-Gewohnheit zum
normalen Aggressionsverhalten (Hackordnung). Anders als beim normalen Hacken packt aber
das pickende Huhn auch noch die Federn, allerdings ohne diese ausreissen zu können, weil
das gepickte sofort flüchtet. Es scheint, dass auch nur ein Huhn (das mit dem grösseren
Kamm) das andere pickt. Ich beobachte weiter.
7. Juni: Ich sehe weiterhin - gelegentlich, insbesondere wenn die Hühner Futter
von mir erwarten - das Nackthuhn mit dem grösseren Kamm dasjenige mit dem kleineren
hacken, nie umgekehrt. Das Hacken hat jetzt aber keinen erkennbaren Zusammenhang mehr mit
Federpicken, sondern deutlich die Form des dominanten Hackens. Die Federn werden nicht
mehr gepackt, schon gar nicht ausgezupft. Das gehackte Unterhuhn weicht mit einem
Hackaufschrei aus. Die beiden bilden immer noch eine gesonderte Gruppe mit nur losem
Zusammenhang mit der übrigen Hühnerschar. Sie stehen am Schluss der gesamten Hackordnung
und gehen deshalb abends erst mit Verspätung zu den anderen in den Stall, da sie sonst
gepickt werden (habe ich anfangs beobachtet, seit sie erst beim Eindunkeln hineingehen
jedoch kaum mehr). Die Federn wachsen fleissig. Eier legen sie immer noch nicht.
8. Juni: Gefieder hat sich sehr deutlich verbessert. Brust und Beine bereits
weitgehend mit neuen Federn bedeckt. Nur noch wenig Kahlstellen, aber Gesamteindruck noch
struppig, insbesondere Schwanzfedern noch nicht erneuert, armselige Stümpfe.
9. Juni: Heute zweimal beobachtet, wie Nackthuhn mit kleinem Kamm ein im Gras
liegendes Federchen (Länge ca 5 cm) aufpickte und verschlang.
10. Juni: Immer noch Durchfall beobachtet, aber nicht extrem: dünnes Würstchen in
klarem, wässrigem Milieu wird sprutzartig abgesetzt.
15. Juni: Die Nackthühner sind jetzt nicht mehr nackt. Gefieder ist noch etwas
struppig und "zerzaust", ähnlich wie während der Mauser. Das Gefieder wächst
jetzt rasch und schön. Eier werden immer noch keine gelegt.
16. Juni: Seit einiger Zeit habe ich beobachtet, dass abends, wenn die Hühner in
den Stall gehen, sich das NH mit dem kleineren Kamm im Stall zuerst längere Zeit unruhig
verhält, während sich die anderen schon lange in Schlafstellung auf den Sitzstangen
niedergelassen haben und sonst Ruhe herrscht im Stall. Das Unruhige dreht sich mehrfach,
hüpft von einer Stange zur anderen, geht hin und her, sitzt ab, steht wieder auf und -
besonders auffallend - versucht immer wieder dorthin zu sitzen, wo schon das andere NH an
der Wand sitzt. Ich habe den Eindruck, als wolle es diesen Platz an der Wand für sich,
aber ganz überzeugt mich das nicht, weil es nicht aggressiv versuchte, das andere zu
vertreiben, das ruhig sitzen blieb. Heute habe ich die Erklärung gefunden. Als ich nach
Sonnenuntergang hineinschaute, sass dort, wo sonst die beiden NH sitzen auch einer der
beiden Hähne (der in der Rangordnung niederere, jüngere). Er sass zwischen den beiden
NH. Eines der NH wie üblich an der Wand, dann der Hahn, und dann das zweite NH. Dieses
hatte sich mit Kopf und Brust unter den Hahn verkrochen, wie ein Küken unter der Glucke.
Der Hahn liess sich dies gefallen. Bis ich den Fotoapparat geholt hatte, hatte sich die
Situation verändert. Jetzt sassen beide NH beidseits normal, aber in engem Federkontakt
neben dem Hahn. Soetwas habe ich bei meinen Hühner, die in Naturbrut von einer Glucke
aufgezogen werden, nie beobachtet. Die NH sind erst 15 Monate alt und - wie mir scheint -
in der Entwicklung etwas zurück geblieben. Sie verhalten sich wie Junghennen im Alter von
einem halben Jahr (Lebhaftigkeit, Kindergarten abseits der älteren Hühner; ich höre sie
auch nie richtig Gackern, nur singen, wie Junghennen). Ich vermute, dass sie sich in der
Massentierhaltung nicht normal entwickelt haben: Mutterlos im Brutkasten aufgezogen, dann
Küken in einem Meer Gleichaltriger ohne Muttertiere oder andere adulte Tiere, auch
später immer nur mit Gleichaltrigen zusammen. Neben dem Federpicken scheinen die Hühner
viel umfassender verhaltensgestört, als man auf den ersten Blick erkennen kann.
Überraschend scheint mir das aber nicht. Ich vermute, dass die Bedeutung von Herden von
ein paar hundert Hennen inbezug auf Artgerechtigkeit bisher von den Verhaltensforschern
unterschätzt worden ist. Nach meiner Vermutung ist die Desorientierung in so
"grossen" Herden auch der Grund, dass die Hühner allgemein wenig den Auslauf
aufsuchen. (200 Hennen finde ich eine unnatürlich grosse Herde, obwohl die
Geflügelbranche das als kleine Herde ansieht und in "Stückzahlen" von 1000
denkt.)
26. Juni 96: Heute morgen hat der Fuchs eines der NH geholt: Um halb sechs - ich
war schon im Büro - hörte ich die Hähne aufgeregt krähen. Es war schon hell. Das
lichtgesteuerte automatische Hühnertörchen war schon offen. Ein "Nackthuhn"
fehlte. Sonst war nichts mehr zu sehen. Nirgends herumliegende Federn. Zur Zeit richten
Füchse in unserer Gegend aussergwöhnlich grossen Schaden an. In den nächsten Tagen
bediene ich das Törchen manuell und öffne erst zwischen 7 und 8 Uhr.
9. Juli 1996: Heute an der Landwirtschafts-Schule Pfäffikon/SZ nochmals zwei
nackte Hühner abgeholt - Nummer 3 und 4, aus dem gleichen Bestand wie Nummer 1 und 2. (Nr
2 wurde am 16. Juni vom Fuchs geholt). Einstallung um 17.15 Uhr zusammen mit NH Nr 1.
Sofort Kannibalismus beobachtet zwischen NH 3 und 4. NH Nr 1 sitzt ruhig und unbeteilitgt
im Stall. Kein Rangkampf. Die anderen Hühner (2 Hähne und eine ältere Henne) in einen
Reservestall getan, damit sich die Neuen in Ruhe angewöhnen können.
Eines der neuen Nackthühner:
10. Juli: Morgens um 4.30 Uhr, kurz vor der Morgendämmerung, erwache ich wegen
Hühner-Alarmgeschrei. Ich rase in den Unterhosen mit einer Lampe hinaus, sehe im Schein
der Lampe undeutlich einen Fuchs flüchten. Im Reservestall liegt in einer Ecke ein
schreiender "Federhaufen". Ich kann nicht erkennen, wieviele Hühner da an einem
Haufen liegen: eines, zwei, drei? Dann glaube ich zwei Hühner zu erkennen, die
übereinander liegen, eines schreit jämmerlich krah, krah. Überall liegen Federn herum.
Ich bin ratlos, soll ich den Kleinkaliber-Revolver holen für den Gnadentod (obwohl mich
Bauern deshalb belächeln, halte ich daran fest, Hühner nötigenfalls mit einem
Kopfschuss zu erlösen, anstatt sie zu erschlagen). Keine Ahnung wie stark verletzt, ob
überhaupt verletzt oder nur in Schock. Mittlerweile ist auch meine Frau herausgekommen.
Sie hält mir die Lampe. Ich nehme ein Huhn, es ist die ältere Henne, und bringe sie in
den Hauptstall, dann den darunter gelegenen Hahn. Im vertrauten Stall sind sie sofort
ruhig. Sie scheinen nicht schwer verletzt zu sein. Klarheit wird sich erst am Tag ergeben.
Der Fuchs hatte sich unter dem auf dem Erdboden stehenden, verschiebbaren Stall
hindurchgegraben. Der freigegrabene Spalt ist nur gerade fausthoch. Ein Rätsel, wie er da
hineinkam, und dann mit einem Huhn rückwärts wieder hinaus, mit dem buschigen Schwanz
voran.
Bilanz am Morgen: Ein Hahn fehlt, der zweite scheint unverletzt, aber vom Schock noch
benommen, kräht nicht, tut nichts, sitzt passiv aber in normaler Haltung auf der Stange.
Die ältere Henne ist verletzt: sie hinkt und hat eine grosse kahle Fläche mit klaffender
Wunde auf dem Rücken, sitzt zusammengekauert, aber mit wachem Blick. Daraus schliesse
ich, dass sie nicht am Sterben ist. Heute lasse ich die Hühner im Stall, damit sie Ruhe
haben, zusammen mit den beiden neuen, die sich ebenfalls ruhig verhalten und unter diesen
Bedingungen auch die gegen Fremde übliche Hackerei nicht befürchten müssen. Von da her
gesehen eine ideale Eingewöhnung.
Von einem VgT-Mitglied, dem ich das Fuchsdrama erwähnt habe, geht folgender Witz per
Fax ein:
Es treffen sich 4 Füchse, kurz vor Winteranfang. Sitzen im Kreis und unterhalten
sich:
Der erste meint: Ich werde gut über den Winter kommen, habe meine ganze Höhle voll
Fressvorräten. Der zweite meint: Ich habe eine schöne Frau gefunden und kann den ganzen
Winter Liebe mache. Der dritte sagt: Ich habe eine Stereoanlage und werde Musik hören
soviel ich will. Der vierte sagt überhaupt nichts.
Im Frühling treffen sich die vier wieder. Dem ersten ist der Fressvorrat gestohlen
worden, dem zweiten die Frau abhanden gekommen und dem dritten die Steroanlage gestohlen.
Der vierte erzählt: Ich hatte den besten Winter meines Lebens: Bumsen, Fressen, Cha cha
cha.
Jedes der Neuen hat heute ein Ei gelegt.
11. Juli: Der Hahn hat heute morgen immer noch nicht gekräht. Wenn er seine
Flügel ausstrecken und schütteln will, bricht er jedesmal ab. Offenbar hat er dabei
Schmerzen. Hingegen versucht er die Neuen zu besteigen. Diese rennen aber jedesmal
schreiend davon. Sie sind keinen Hahn gewöhnt, und wahrscheinlich schmerzen die Krallen
des Hahns auf ihrem nackten Rücken. Die verletzte Henne ist im Stall geblieben, sitzt auf
dem Boden, unverändert, macht aber keinen besonders leidenden Eindruck. Ihr linkes Bein
lahmt. Da sie ohnehin nur dauernd liegt, habe ich sie unter zwei Harrassen in ein Nest
gelegt, mit Futter und Wasser, damit sie vor den anderen Ruhe hat. Wenn der Hahn sie
besteigt, steht er mit den Krallen auf ihre Wunde am Rücken; mit lahmem Bein kann sie
sich kaum wehren. Die neuen Nackten picken an ihrer Wunde. Sie picken auch - wie früher
Nr 1 und 2 - am Boden liegende Federchen auf und zeigen das gleiche aufgeregte
Herumpicken, wie früher Nr 1 und 2, als wären sie am Verhungern. Fast wahllos, so
scheint es, nehmen sie alles Mögliche auf. Der Vergleich zwischen Nr 1 einerseits und Nr
3 und 4 andererseits zeigt, wie ruhig und "normal" Nr 1 geworden ist. Es hat
jetzt vollständig das Verhalten meiner "einheimischen" Hühner.
Um 13 Uhr hat der Hahn zu krähen begonnen.
12. Juli: Huhn Nummer 4 geht abends nicht in den Stall, sonder auf ein Nest (aus
Heu). Heute habe ich beobachtet, dass es sich Heuhalme auf den Rücken wirft, wie schon
die Nummern 1 und 2. Erst auf spezielle Einladung geht es dann zu den anderen in den
Stall. Aussergewöhnlich ist, dass diese gestörten Hühner das Nest nicht nur zum
Eierlegen, sondern auch als Nachtlager aufsuchen. Normale Hühner sitzen nachts auf
Stangen (in der Natur in den Bäumen auf Ästen).
14. Juli: Heute Abend beobachtet wie NH 3 oder 4 im Stall mehrmals versuchte unter
den Hahn zu kriechen, wie ein Küken unter die Glucke - das gleiche infantile Verhalten
wie früher bei NH 1 und 2.
23. Juli: Seit drei Tagen legt NH wieder täglich ein Ei. Es ist ein schönes,
gesundes Huhn geworden.