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In welcher Beziehung stehen Glaube und Wissenschaft zueinander? Diese Frage bildet Teil des bedeutenden Fragenkomplexes, in welcher Beziehung Christentum und Kultur zueinander stehen. Im Rahmen des Übersetzungsprojekts von Abrahams Kuypers dreibändigem Werk „Gemeene Gratie“ wurden zwei Texte, die in der ersten niederländischen Ausgabe (1905) vergessen wurden aufzunehmen, unter dem Titel „Wisdom and Wonder: Common Grace in Science & Art“ in einer englischen Übersetzung herausgebracht. Ich folge den Argumenten des ersten Teils über die Wissenschaft.
Im ersten Abschnitt „Weisheit“ beginnt Kuyper mit dem Charakter der Wissenschaft. Sie habe ihren eigenen Charakter und müsse ohne „externe Ketten“ bleiben. Wenn sie jedoch zum Diener des Staates oder der Kirche werde, missachte sie ihren göttlichen Ruf. Wie begründet Kuyper dieses Postulat? Die Wissenschaft sei keine Institution, die nach dem Sündenfall eingeführt wurde, sondern ähnlich wie Ehe und Familie Bestandteil von Gottes ursprünglicher Schöpfung. Sie ruhe in der Ebenbildlichkeit Gottes, die den Menschen auszeichnet. Menschliches Denken entstammt dem unabhängigen, originären Denken Gottes. Kuyper verweist in diesem Zusammenhang auf die Weisheit Gottes vor der Schöpfung, wie sie in Spr 8,22-31 dargestellt wird. Dem göttlichen Denken, ausgeführt durch sein Wort, entspringt die gesamte Schöpfung. Es gibt demnach nichts, was nicht Ausdruck von Gottes offenbarten Gedanken wäre. „Die ganze Schöpfung ist nichts anderes als der sichtbare Vorhang, hinter dem die gepriesenen Werke des göttlichen Denkens erstrahlen.“ Es gibt a) die reiche und volle Klarheit Gottes von Ewigkeit her, b) die Schöpfung als Offenbarung der Fülle seiner Gedanken, c) Menschen als Ebenbilder Gottes, ausgestattet mit der Fähigkeit seine Gedanken zu erfassen und zu reflektieren. Diese Gedanken entfalten sich durch das Kollektiv der ganzen Menschheit über die Generationen. (Das veranlasst Kuyper zur Bemerkung, mit Vorfreude die Entdeckungen des 20. Jahrhunderts in der „Arena der Wissenschaft“ zu erwarten.)
Die Wissenschaft ist folglich zur Verherrlichung von Gottes Namen geschaffen. Sie arbeitet daran, schritt- und stückweise diese Gedanken zusammen zu tragen. So wird der zweite Abschnitt „Erkenntnis“ eingeleitet. Nun wandten Stimmen aus christlichen Kreisen ein: Hat nicht gerade die Wissenschaft den Glauben mancher Menschen zerstört? Deshalb müsse man die Wissenschaft eher doch bekämpfen statt sie zu kultivieren. Kuyper kontert: Nicht die Wissenschaft an und für sich sei zu verurteilen, sondern deren Loslösung von Gott. Damit stellt sich gleich die nächste Frage: Führt denn ein verdunkelter Verstand, getrennt von Gott, nicht zu falschen Schlussfolgerungen? Hier kommt die allgemeine Gnade ins Spiel. Gottes Wirken hält das Böse zurück. Nur so sei erklärbar, warum Plato und Aristoteles, Kant und Darwin als „Sternen erster Güte“ und grosse Kaliber der Wissenschaft wirken konnten. Die Auswirkung der Sünde bestehe vielmehr darin, dass sie nicht mehr in der Lage sei, den inhaltlichen Kern zu treffen und den richtigen Kontext zu erfassen. Ja, der Mensch verfüge zudem nicht mehr über die Fähigkeit, die Dinge unmittelbar zu erfassen (so wie es Adam bei den Tieren im Paradies getan hatte, siehe Gen 2,18-20). Sobald die geistliche Arena betreten werde, verliere sich der Mensch in Spekulationen und Annahmen. Durch die Sünde besteht jederzeit die Möglichkeit des Missbrauchs, auch wenn die Wissenschaft als Überbleibsel des Paradieses das Leben bereichere.
So wie ein gesprungener Spiegel einen gewissen Wert behält, so ist die Wahrnehmung der Welt „gesprungen“ und verzerrt. So leitet Kuyper den dritten Abschnitt „Verständnis“ ein. Der Mensch verfügt über die doppelte Fähigkeit, nämlich die optische Wahrnehmung an und für sich sowie die Kapazität, über diese zu reflektieren. Nun bestand schon zu Kuypers Zeiten die Ansicht, dass Wissenschaft „neutral“, das heisst losgelöst vom menschlichen Sein, betrieben werden könne. Die Naturalisierung der gesamten Wissenschaft hatte bis zur Überlegung geführt, dass alles auf eine stoffliche Basis zurückgeführt werden könne. Welche Rolle spielt aber die Persönlichkeit des Forschenden? Und weshalb kommt es bei „allgemein gültigen Ergebnissen“ der Wissenschaft ständig zu Widersprüchen? Das hat eben damit zu tun, dass die sichtbaren Dinge, die wahrgenommen, gehört, gewogen und gemessen werden, durch den Geist des Menschen verarbeitet und in ein System eingebettet werden. Die Wissenschaft als solche ist nämlich unfähig, die Frage des Ursprungs, des Zusammenspiels und der Bestimmung der Dinge zu klären.
Kuyper geht im vierten Abschnitt „Sünde“ noch weiter. Wenn die (natur-)wissenschaftlichen Methoden auf die Geisteswissenschaften angewandt wurden, dann führte das zu einer Verneinung Gottes. Die moderne Wissenschaft sei deshalb von tiefem Misstrauen durchdrungen, was mit Unglauben gleichzusetzen sei. Es entsteht eine Sogwirkung auf den christlichen Wissenschaftler, der entweder den Inhalt seines Glaubens aus seiner Forschung ausgrenzen müsse oder aber vom Glauben abfalle. Kuyper greift auf 1Kor 2,11-15 zurück, wo das Wissen der Welt als Torheit dargestellt wird und nur der vom Heiligen Geist erleuchtete Verstand zu validem Wissen, das heisst zur Wahrheit und Essenz der Dinge vordringen kann. Damit sei es unvermeidlich, dass es zu zweierlei Arten von Wissenschaften komme. Die erste starte im Geist dieser Welt, die andere im Geist Gottes. Die spezielle Offenbarung Gottes durch die Bibel erhelle den Bereich der allgemeinen Offenbarung, also auch die Wissenschaft – obwohl diese selbst nicht dem Bereich der speziellen Gnade gehöre (man merke den austauschbaren Gebrauch von „Offenbarung“ und „Gnade“). Die allgemeine und spezielle Gnade könnte nicht mit zwei nebeneinander liegenden Ticketschaltern verglichen werden, sondern seien wie zwei Fäden ineinander verwoben. Dann müsste es aber, so wirft Kuyper ein, wenigstens unter Christen zu einem Konsens kommen. Doch halt: Es existiere auch unter ihnen eine Vielfalt von Meinungen. Wenn es aber um die Grundlagen gehe, seien sie plötzlich bereit zusammen zu stehen. Um dies zu erklären, wird in die Kirchengeschichte zurückgeblickt: Während im Mittelalter die Einheit überbetont worden sei (zu Ungunsten der Vielfalt), gebe es seit der Reformation eher die Tendenz die Vielfalt auf Kosten der Einheit zu stark zu gewichten. Kuyper bringt als Beispiel verschiedene kirchliche Traditionen (Lutheraner, Reformierte, Katholiken), deren Entstehen nur in einem unterschiedlichen geistlichen und sozialen Kontext möglich geworden sei.
Was bedeutet das für die Bildung? Kuyper meint, dass zumindest im Bereich der Geisteswissenschaften Gläubige und Ungläubige separate Wege einschlagen müssten. Natürlich könnten die Forschungen zum gegenseitigen Gewinn ausgetauscht werden. Der Bau des Tempels der Wissenschaften dürfe aber auf keinen Fall den Ungläubigen überlassen werden. Der Rückzug in die kirchliche Umgebung sei ein schwerwiegender Fehler. Die Christen müssten nur eine angemessene Perspektive auf Welt und Leben einnehmen, wenn sie in ihrer Beschäftigung mit der Wissenschaft nicht abdriften wollten. Doch gerade die Wissenschaft stelle ein Instrument zum Bezeugen des Glaubens dar. Die unabdingbare Konsequenz davon ist die Gründung einer Bewegung auf universitärem Niveau bzw. einer christlichen Universität. Die Heilige Schrift konzentriere sich nämlich nicht auf die individuelle Errettung, sondern bereichere auch den Bereich der allgemeinen Gnade.
Eigentlich stelle die Wissenschaft im Bereich der allgemeinen Gnade gerade das machtvollste Instrument dar, das die Folgen der Sünde, Irrtum und Elend, bekämpfen helfe. Gleichzeitig entferne sich eben die von Gott autonome Wissenschaft von ihrem idealen Gebrauch: Die Juristen sähen Recht nur noch im Licht von Tradition und gesellschaftlichen Übereinkommen an, was die Rechtsunsicherheit verstärke. Die Medizin tendiere dazu, die geistliche Dimension des Menschen zu vernachlässigen und nur noch dem Körper Aufmerksamkeit zu zollen. Die Naturwissenschaften führten durch die Weltanschauung der Evolution direkt in den Atheismus. Der Mensch verliere dadurch seinen Vorzug der Ebenbildlichkeit Gottes. Die Geschichte – als Teil der Humanwissenschaften – berücksichtige nur noch psychologische und materielle Ursachen, anstatt das Kreuz Christi zum Zentrum zu machen. Kuyper kommt zum Schluss: Die christliche und nicht-christliche Wissenschaft könne nicht im selben Flussbett fliessen. Wenn die Wurzel des Baumes schlecht sei, trage das Auswirkungen bis in die Äste. Er fordert darum eine unabhängige christliche Wissenschaft. Sonst bestehe die Gefahr, einen hohen Preis zu zahlen durch die Invasion anderer Grundüberzeugungen.
Was mir an diesen Ausführungen gefällt:
- Kuyper unternimmt den Versuch der Integration. Ich kenne manche Berufsleute, die beide Bereiche fein säuberlich trennen.
- Die Naturalisierung der Wissenschaft wird hinterfragt.
- Die Auswirkungen der Sünde werden konsequent in die Überlegungen einbezogen.
Meine Anfragen:
- Die exegetische Beweisführung „Wissenschaft als Institution von Gottes (ursprünglicher) Schöpfung“ trägt einen spekulativen Zug.
- Die Idee einer christlichen Wissenschaft erscheint auf dem Hintergrund von Kuypers Lebenswerk (Gründung einer Universität, massgebliche Mitgestaltung der nationalen Politik) verständlich, aus heutiger Optik befremdend, ja sogar anmassend.