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Es geschah sehr oft, dass H. Platov mitten im Alltag ein Geschehen oder einen Gegenstand zum Thema einer spontanen Betrachtung machte. Diejenigen, die mit ihm unterwegs waren, kamen auf diese Weise zu unerwarteten Teishos, sei es in einem Restaurant beim Mittagessen oder bei Kaffe und Kuchen nach einem Kinobesuch oder am Abend nach getaner Arbeit. Manchmal äusserte er diese Gedanken später im Zendo, bei den formellen Meditations-Zusammenkünften. Das folgende Teisho, Betrachtung über eine Kartoffel, ist ein Beispiel davon.
Betrachtung über eine Kartoffel
Seht euch eine Kartoffel an. Wenn man der Kartoffel gut zuspricht und gut zuhört, kann sie allerhand sagen.
Nicht nur ich schaue die Kartoffel an, die Kartoffel schaut auch mich an. „Kartoffel“ ist ein deutsches Wort, auf Englisch spricht man von „Potato“, und in der eleganten französischen Sprache ist es ein „Pomme de terre“. Das ist schön: Erdapfel. Es gab ja auch den Paradiesapfel. Die Geschichte von Adam und Eva und dem Apfel kennt man ja. Die Eva wurde vom Teufel, der in der Form einer Schlange kam, verführt, vom verbotenen Apfel zu essen. Sie gab dem Adam auch davon und deshalb spricht man vom Adamsapfel. Die Schlange ist in der judeo-christlichen Religion das Verführerische, das Teuflische, im fernen Osten hingegen ist die Schlange das Symbol von Weisheit, von Erkenntnis der Wahrheit.
Ein anderes Symbol ist die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst. Sie hat eine sehr tiefe Bedeutung: Wenn hinten und vorne eins werden, ergibt sich eine schöne runde Einheit. Aber die Schlange im Paradies war das, was sich gegen Gott stellte. Doch indem sie dies tat, diente sie sogar Gott, ohne es zu wissen. – Das sei nur so nebenbei aus theologischer Sicht gesagt. Symbole sind etwas sehr Interessantes. Wie Carl Gustav Jung sagte, handelt es sich dabei um archetypische Inhalte, um etwas das aus der Tiefe des kosmischen Bewusstseins aufsteigt.
Form-und Namen-Welt.
Kehren wir zurück zur Kartoffel. Was existiert zuerst, das Wort Kartoffel oder die Kartoffel selbst? Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt von Formen und Namen, auf Sanskrit spricht man von der nama rupa dathu, der Form-und Namen-Welt. Wo eine Form ist, gibt es einen Namen. Man kann natürlich auch etwas Unsichtbarem einen Namen geben, doch das ist schon eine beachtliche geistige Leistung. Nehmen wir als Beispiel die alten Griechen: Die wussten bereits, dass es ein Atom gibt, d.h. sie gaben einer Sache, die überhaupt nicht zu sehen ist, einen Namen. Nur aus einer Idee heraus. Das ist allerhand. Das ist der menschliche Geist.
Die Kartoffel aber gehört in die gewöhnliche Erscheinungswelt von Formen und Namen. Sie musste zuerst vorhanden sein, damit man ihr einen Namen geben konnte. Gibt man einem ungeborenen Kind, d.h. einem Kind, das noch gar nicht vorhanden ist, einen Namen, dann ist das arme Kind mit einem Namen gesattelt, der vielleicht gar nicht zu ihm passt. Aber die Kartoffel hat natürlich nichts dazu zu sagen, hätte sie es, würde sie vermutlich sagen: «Nennt mich Kartoffel, Potato oder Pommes de terre; wie ihr mich nennen wollt, das ist mir egal.»
Einem menschlichen Kind ist es vielleicht gar nicht egal, man gibt ihm eventuell einen Namen, den es gerne los werden möchte. Mein Vater z.B. hatte eine grosse Vorliebe für Shakespeare, und so nannte er mich Henry, nicht Heinrich, wie die Jungs in Berlin hiessen, auch nicht Henry auf Französisch, was im damaligen Berlin vornehm gewesen wäre, nein, das englische Henry musste es sein. Das ist ein Beispiel für die Namensgebung, die aus einer Vorstellung oder aus einem Wunschdenken heraus geschieht.
Ideenwelt
Gewöhnliche ist da zuerst eine Form, dann kommt ein Name dazu. Manche Philosophen wenden ein, dem müsse nicht unbedingt so sein. Da gebe es doch einen Schöpfergott – ob das nun unser Gott oder Brahman oder ein anderer Gott ist– und der hat als Schöpfer bei einer Idee angefangen. Gemäss diesem Denken besteht die ganze Erscheinungswelt aus materialisierten Ideen. Der Philosoph Platon lehrte, dass die Grundideen die von Schönheit, Güte und Wahrheit sind. Die Manifestationen seien allerdings nicht so perfekt wie die Idee als solche. Daraus ergab sich der Idealismus, der hinter jeder Erscheinung ein vollkommenes Ideal vermutet.
Hat dann also vielleicht zuerst die Idee von einer Kartoffel existiert, der man dann den Namen Kartoffel gab? Vielleicht ist wirklich die Idee das Vorherrschende. Da hat man einen unbekannten Samen, doch man hat keine blasse Ahnung, was aus diesem Samen einmal werden wird. Man mag ihn zerteilen und unter das Mikroskop legen, man wird niemals herausfinden, was aus ihm wird. Pflanzt man ihn, kommt etwas heraus. Also steckt schon im Samen das, was er wird. Das wäre sozusagen die Idee. Ein unsichtbares Muster, das sich dann materialisiert. In unserem Fall ist es eine Kartoffel. Vielleicht verbirgt sich eine schöpferische Idee in der Kartoffel?
Die Wandlung einer Kartoffel
Betrachten wir nun das Verhältnis zwischen Kartoffel und Mensch. Da müssen wir beim Bauern anfangen, der Kartoffeln anpflanzt. Für ihn ist sie etwas sehr Wertvolles. Er ist nur an ihr als Kartoffel interessiert. Er kümmert sich exklusiv um die Kartoffel, weil sie ihm eine Existenz gibt. Er baut für andere Menschen Kartoffeln an. Aber natürlich geht das nur, wenn die Erde, in der die Kartoffel gepflanzt wird, die richtige Erde ist. Für Kartoffeln muss die Erde schön trocken sein.
Vom Bauer kommt die Kartoffel zur Hausfrau. Was ist sie dann? Ein Nahrungsmittel. Dieses muss man zubereiten und schmackhaft machen. Da gibt es Kartoffelstock, Rösti, Pomme frites, Schwenkkartoffeln, Bratkartoffeln. Die Kartoffel lässt all dies mit sich geschehen. Sie hat kein Ich. Sie ist einfach da, ihrer Natur gemäss. Und so richtet sich das menschliche Ich an das Nicht-Ich. Dieses grosse menschliche Ich-Bewusstsein richtet sich an diese klitzekleine Kartoffel, dieses ichlose Wesen. Es präpariert es so, dass es gut schmeckt, eventuell auch schön aussieht. Und dann schluckt das Ich-betonte Wesen dieses ichlose Wesen herunter und der Körper nimmt es auf. Der ichlose Körper verarbeitet die ichlose Kartoffel. Zwei ichlose Wesenheiten begegnen sich.
Nun ist also das Ich mit zwei ichlosen Wesenheiten beschäftigt, mit der ichlosen Kartoffel, dem Objekt aus der Aussenwelt, und mit dem ichlosen Körper, der die Verdauung vollzieht.
Im Verdauungsprozess wird die Kartoffel transformiert, so dass sie auf einmal gar keine Kartoffel mehr ist. Sie geht in die Bestanteile des Zellgewebes auf und ist dadurch überall im Körper anwesend. Das ist vielleicht nicht so exakt biologisch physiologisch ausgedrückt, aber man kann schon sagen, dass da eine fabelhafte Alchemie vor sich geht.
Und dann findet eine weitere Transmutation oder Wandlung statt, die lebendigen Zellen verwandeln sich zu einem Bewusstseinszustand.
Kapiert ihr was?
Das Namenlose
Da ist eine ichlose Kartoffel, die wandelt sich und wird zu Bewusstsein, das sich selbst erkennend sagen kann: «Ach da ist eine Kartoffel.»
Man kann natürlich etwas anderes nehmen, als so eine unansehnliche Kartoffel, um dieses Geschehen zu beschreiben. Etwa eine schöne Rose. Aus Rosenblättern werden angenehme Parfüme hergestellt. Diese tun der Nase gut, doch richtig ernähren kann man sich von Rosen kaum. Ganz gewöhnliche Kartoffel sind nahrhafter. Unser Bewusstsein ist auf Nahrung angewiesen. Ohne den ichlosen Körper gibt es kein Bewusstsein, auch kein Ichbewusstsein. Durch unser Bewusstsein kommen wir zu dem zurück, wo alles angefangen hat, z.B. zur Kartoffel, einer Form.
Es gibt aber auch das, was namenlos ist. Wie nennst du eine Kartoffel, ohne ihr einen Namen zu geben? Der Name gibt der Form eine Identität. Namen sind praktisch im zwischenmenschlichen Umgang. Sage ich: «Bring mir mal eine Kartoffel», wird man mir mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht einen Stuhl bringen. In seiner Wesenheit ist alles Geformte aber namenlos. Wenn man davon spricht, muss man es natürlich benennen, also gab man ihm Namen wie Gott, Atman, Tao oder Buddhanatur. Um nicht auf die Namen hereinzufallen, muss man auf das zurückgreifen, das namenlos ist – bevor die Kartoffel eine Kartoffel genannt wird. Jesus wurde gefragt, ob er dieser oder jener Prophet sei und er antwortete: «Ehe Abraham war, bin ich.» Abraham, der Vater der Menschen, der Kinder Israel und alle anderen haben Namen, aber vor dem Namen, bin ich.
Die Zen-Meister fragen: «Ehe Vater und Mutter dich in die Welt brachten und dir deinen Namen gaben, was war dein Urwesen?» Es ist namenlos und elternlos. Man kann nicht erwarten, dass eine Kartoffel ihr Urwesen erkennt, sie hat es ja auch nicht nötig. Aber dem Menschen ist es gegeben, dieses Urwesen zu erkennen und es dann vielleicht, in allen Dingen zu sehen.
Es ist euch überlassen
Das wäre eine sehr legitime Funktion des Ichbewusstseins. Statt in der eigenen Ichheit befangen zu sein und auf den eigenen Namen zu pochen, fände eine Ausdehnung statt nach aussen und nach innen. Damit ergäbe sich ein weiterer Horizont der über das Ichbewusstsein hinausgeht und die ursprüngliche Einheit wäre wieder hergestellt.
Soweit meine Überlegungen zu einer Kartoffel. Was ihr daraus macht, ist nicht mehr meine Sache. Ich habe euch das Essen gegeben. Wenn ihr es essen wollt, könnt ihr es kauen, schlucken und verdauen bzw. assimilieren. Und was nicht brauchbar ist, damit geht man zum WC.
Gesprochen am 14. Juni 1981