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Vielleicht das Hauptargument gegen das generische Maskulinum lautet, dass es Männer hervorhebe und Frauen kaschiere. Spreche man von einer Gruppe von Lehrern, würde man sich vor allem Männer vorstellen und nicht Frauen. Das generische Maskulinum müsse deshalb ersetzt werden, um so Gleichberechtigung zu ermöglichen. Dieses Argument ist nicht grundsätzlich falsch, basiert aber zum einen auf einem falschen Sprachverständnis (vgl. dazu »Das generische Maskulinum) und wird zum anderen oft mit Beispielen begründet, die diese These nicht unterstützen, da das generische Maskulinum darin falsch angewandt wird.
Die These der sprachlichen Unterdrückung von Frauen wird gerne damit begründet, dass die Sprache durch das Patriarchat gebildet worden sei und damit auch die Unterdrückung der Frau zementiere. Wie im Artikel zum »generischen Maskulinum gezeigt wird, ist dieser Vorwurf nicht haltbar. Die Sprache hat sich evolutionär entwickelt und ist was das Geschlecht angeht erstaunlich neutral. Vor allem aber kann nicht vom Genus ("der", "die", "das") auf den Sexus (männlich, weiblich, sächlich/neutral) geschlossen werden. Wäre dies möglich, dann wäre die deutsche Sprache sogar sehr feminin: immerhin wird der Plural mit "die" gebildet (die Lehrer) - und haben 45 Prozent der deutschen Substantive einen femininen Genus und nur 31 Prozent einen maskulinen.
Um die These zu belegen, dass das generische Maskulinum Männer bevorzuge oder man bei der Verwendung des generischen Maskulinums vor allem an Männer denke werden gerne Studien zitiert, die mit Beispielen arbeiten. Einige davon sollen im folgenden angeschaut und analysiert werden.
Eines der beliebtesten Beispiele, das auch in Studien verwendet worden sein soll lautet ganz simpel: "Wer ist ihr Lieblingsschauspieler?". Wenig erstaunlich wurden (fast) ausschliesslich Männer genannt. Ist dies ein Beleg dafür, dass die Verwendung des generischen Maskulinums uns vorwiegend an Männer denken lässt? Dazu ist das Beispiel definitiv nicht geeignet. Dies zeigt sich nur schon, wenn man das Beispiel ganz leicht umformuliert: "Wer sind ihre fünf Lieblingsschauspieler". Bei dieser Formulierung erscheint klar, dass auch Lieblingsschauspielerinnen genannt werden können - oder man würde wohl nachhaken: meinst du nur Schauspieler oder auch Schauspielerinnen?
Die Erklärung für diesen Unterschied ist letztlich simpel: verwendet man den Begriff des Schauspielers in der Einzahl ergibt sich hier ein Hinweis auf den Sexus: da nur eine Antwort möglich ist, impliziert die Frage, dass explizit männliche Schauspieler gemeint sind. Hätte man nach der Lieblingsschauspielerin gefragt - hätte man das auch so formuliert. Das Beispiel ist also kein reliables Beispiel, das generell gegen die Verwendung des generischen Maskulinums spricht, sondern zeigt nur, dass es Fälle gibt, wo es sinnvoll oder gar notwendig ist, den Sexus hervorzuheben. In diesem Beispiel also zu fragen: "Wer ist ihre Lieblingsschauspielerin oder ihr Lieblingsschauspieler", wenn es nicht auf den Sexus ankommt. Verallgemeinern lässt sich daraus aber definitiv nicht, dass das generische Maskulinum einen eher an Männer denken lasse.
Ein anderes gern verwendetes Beispiel lautet wie folgt: "Ein Rätsel: Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Bub wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!". Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?"". Auch in diesem Beispiel wird "Chef-Chirurg" von (fast) allen als Maskulinum verstanden. Dies ist allerdings auch korrekt - denn das Beispiel widerspricht unserer Sprachlogik. Auch hier geht es darum, dass der Begriff in der Einzahl verwendet wird. Da es sich bei der Mutter bekanntermassen um eine Frau handelt, müsste in diesem Beispiel zwingend von einer "Chef-Chirurgin" die Rede sein. Auch dieses Beispiel zeigt nur, dass es eine Doppelbedeutung gibt, aber nicht dass das generische Maskulinum Männer speziell hervorhebt.
Bei der Formulierung "ist ein Arzt anwesend" denken wohl die meisten Menschen vor allem an einen männlichen Arzt. Man mag auch überrascht sein, wenn sich auf diese Aufforderung eine Ärztin meldet, es ist aber auch offensichtlich, dass sie mit "Arzt" explizit nicht gemeint ist wie es umgekehrt der Fall ist: Fragt man nach einer Ärztin, dann ist der männliche Arzt nicht angesprochen. Es ist in diesem Fall auch fraglich, ob es sinnvoll ist die Anrede zu erweitern: "Ist ein Arzt oder eine Ärztin anwesend" ist zwar sprachlich korrekt, aber enthält eine überflüssige Information, da es ja gerade nicht auf das Geschlecht ankommt, sondern nur um die Funktion. Auch hier fällt allerdings auf, dass es einmal mehr um eine Formulierung im Singular geht. Die Frage lässt sich auch so formulieren: "Sind Ärzte anwesend"? Bei dieser Formulierung wäre wohl niemand erstaunt, wenn eine Ärztin sich meldet. Es handelt sich dabei ja auch um die generische Bedeutung.
Auch ein weiteres Beispiel basiert letztlich auf der Einzahl: 2 Ärzte unterhalten sich... Arzt1: Ich hatte heute drei Operationen. Und bei Dir so? Arzt2: Ich darf gerade nicht operieren, weil ich schwanger bin. Hier irritiert nur schon die Formulierung "Arzt 1" und "Arzt 2". Im Normalfall würde man das irgendwie so formulieren: Ein Arzt und eine Ärztin unterhalten sich. Ich hatte heute drei Operationen, sagt der Eine, worauf sie antwortet: ich darf gerade nicht operieren, weil ich heute schwanger bin. "Arzt 1" und "Arzt 2" würde aber wohl niemand in Realität verwenden, es handelt sich um ein konstruiertes Beispiel.
Das generische Maskulinum ist also vor allem in der Einzahl verwirrend. Das zeigen folgende Beispiele sehr schön. Der Satz "ein Lehrer ging die Strasse entlang" wird defnitiv so verstanden, dass es sich um einen Mann handelt. Sonst hätte man "eine Lehrerin" geschrieben. Formuliert man "ein Lehrer verdient ganz gutes Geld" ist die Lage in der Regel klar: es sind damit nicht nur Männer gemeint. Dies erklärt sich dadurch, dass die Einzahl hier eine verkappte Mehrzahl ist. Mit "ein Lehrer" wird hier die Berufsbezeichnung gemeint, also ein Mensch mit dem Beruf des Lehrens verdient ganz gutes Geld. Deshalb wird hier von den meisten Deutschsprachigen intuitiv korrekterweise die generische Bedeutung verstanden. In der Mehrzahl kommen zwar manchmal Zweifel auf, ob die generische oder maskuline Form verwendet werden soll, eigentlich ist es aber meist klar. So bezieht sich der Satz "es wurden viele neue Lehrer eingestellt" nicht auf das Geschlecht, gleichwohl scheint die Formulierung nicht völlig neutral zu sein. Eigentlich ist es aber klar: in diesem Satz spielt das Geschlecht keine Rolle, es handelt sich wiederum allein um die Berufsbezeichnung. Ansonsten müsste man schreiben, dass es sich um "männliche Lehrer" handelt. Ähnlich ist der nächste Satz: "Alle Lehrer erhalten eine Gehaltserhöhung". Hier wären aber wohl alle Lehrerinnen empört, wenn auf Basis dieser Ankündigung nur Männer eine Gehaltserhöhung erhielten. Also wiederum eindeutig die generische Bedeutung. Wie auch im berühmten "zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."
In nicht wenigen Fällen lässt sich das generische Maskulinum zudem nicht so leicht ersetzen. "Der Kunde ist König" bedeutet nicht dasselbe wie "der Kunde oder die Kundin ist König oder Königin". "Die Kunden sind auch nicht Könige und Königinnen". "Die Polizei, dein Freund und Helfer" lässt sich nicht umformulieren in "die Polizei, dein Freund und deine Freundin und dein Helfer und deine Helferin". "Meine Frau ist Koch" hat eine andere Bedeutung als "meine Frau ist Köchin". Im ersten Fall ist die Rede von einem Beruf, im zweiten von einer einfachen Tätigkeit. Bekannt ist auch das folgende Beispiel: Frauen sind die besseren Autofahrer. Dieser Satz ist nicht gleichbedeutend mit der Aussage "Frauen sind die besseren Autofahrerinnen" oder "Frauen sind die besseren Autofahrerinnen und Autofahrer". Auch spricht man nicht von der Einbürgerung und Einbürgerinnenung etc.
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Und so gibt es viele Fälle, wo das generische Maskulinum völlig unproblematisch ist in seiner generischen Verwendung. Wohl niemand würde bei den folgenden Sätzen nur an Männer denken oder die Sätze als seltsam empfinden: "Die Stadt hat 50'000 Einwohner". "Unter den Grundschullehrern gibt es zu wenig Männer". "Von hundert Ärzten sind heute über sechzig Frauen". "Ärzte nehmen sich gerne zu wenig Zeit für ihre Patienten". "Fussgänger sollen den Gehsteig benutzen". "Bäcker ist ein anstrengender Beruf". "Es gibt mehr weibliche als männliche Bäcker". "Jeder vierte Unternehmer ist eine Frau". "Wir kennen nicht einmal das Geschlecht des Verdächtigen". "Der Kunde ist König". "Meine Frau ist Ingenieur". "Die Zuschauer waren begeistert von der Aufführung". "Bruno und Klara sind Lehrer". "Alle neu eingestellten Lehrer sind Frauen". "Zehn Prozent der Lehrer sind Frauen".
Insbesondere, wenn Frauen explizit erwähnt werden wird bei diesen Beispielen die maskuline Bedeutung des generischen Maskulinums ausgeschlossen, weshalb nur noch die generische Bedeutung übrigbleibt. Die Fälle sind dann völlig unproblematisch. Ähnlich ist es bei den anderen Fällen. Bei Einwohnern und Fussgängern, aber auch Patienten ist es völlig offensichtlich, dass der Sexus keine Rolle spielt. Schliesslich gibt es ja auch etwa gleich viele Einwohnerinnen und Einwohner, Fussgänger und Fussgängerinnen, Patientinnen und Patienten. Wobei in diesem Satz durch die Verwendung des Femininums auch klar ist, dass das generische Maskulinum in seiner maskulinen Bedeutung verwendet wird, weshalb auf die Ergänzung "männlich" verzichtet werden kann ("männliche Einwohner" etc.).
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Ob man unter dem generischen Maskulinum eher die maskuline oder die generische Bedeutung versteht ist also zu einem wesentlichen Mass kontextabhängig. Allerdings nur zu einem wesentlichen Mass. Unabhängig vom Kontext hat es durch seine Doppelbedeutung einen gewissen Bias - allerdings auch durch den Fehlschluss vom Genus auf den Sexus, der implizit gemacht wird. Dies zeigt sich daran, dass auch der Begriff "die Person" nicht absolut neutral ist, sondern tendenziell eher an eine Frau gedacht wird. Die "Person" ist zwar wegen der fehlenden femininen Doppelbedeutung neutraler als ein generisches Maskulinum, aber eben auch nicht vollkommen neutral. Dies wiederum mag nicht erstaunen, denn wenn man Vorstellungen spricht, welche Begriffe auslösen, dann sind diese Vorstellungen niemals neutral.
Spricht man in einem längeren Gespräch auch mal von einem Arzt, dann spielt der Sexus in der Regel keine Rolle und man macht sich auch keine Vorstellung vom Begriff, da dazu die Zeit fehlt. Die Bedeutung bleibt abstrakt und die Hauptinformation besteht darin, dass es sich um jemanden handelt, der eine bestimmte Aufgabe hat, einen bestimmten Beruf ausübt. Erst wenn wir innehalten und uns unserer Vorstellung bewusst machen, wird diese konkret. Oftmals geht es dann tatsächlich eher um einen Mann - aber eben nicht einfach um einen "neutralen" Mann, sondern meist um einen Mann von vielleicht 50 Jahren, der über eine Halbglatze und Brille verfügt. Diese konkreten Bilder variieren abhängig von Mensch zu Mensch und abhängig von der Erfahrung. In einem Land, wo es keine oder kaum weisse Ärzte gibt ist die Vorstellung wohl eine andere. Zentral dabei aber ist, dass die konkrete Vorstellung viel komplexer ist als einfach "Mann". Gehe ich zu einer mir bislang unbekannten Gemeinschaftspraxis oder Ärztegemeinschaft, dann werde ich wohl weniger erstaunt darüber sein, dass dort nur Ärztinnen arbeiten als wenn ich nur junge, dunkelhäutige männliche Ärzte vorfinde.
Was wir uns unter einem Begriff vorstellen hat also viel mit der Erfahrung zu tun. Und es gibt zumindest ein spannendes Beispiel, das zeigt, dass ein Wort mit generisch femininer Bedeutung vor allem die Vorstellung von Männern generiert: die Koryphäe. Ist von einer Koryphäe die Rede, denken die meisten Menschen an Männer, vermutlich insbesondere an Albert Einstein.
Gleichwohl sind generische Formen nie vollständig neutral. Gerne wird dem "Mitglied" die weibliche Form "Mitgliederin" entgegengestellt, obwohl Mitglied eindeutig genusneutral ist ("das"). Wenn die Vorstellungen aber auch von der Erfahrung abhängig sind, dann wird sich die inhatliche Bedeutung, das, was man sich unter einem Begriff vorstellt, mit dem gesellschaftlichen Wandel anpassen. Dieser Prozess benötigt aber viel Zeit.
Fraglich ist, ob die Situation wirklich verbessert wird, wenn man als Ersatz für das generische Maskulinum stets den Sexus betont. Wenn stets von "Ärzten und Ärztinnen" die Rede ist, von "ÄrztInnen", "Ärzt_innen", "Ärzt*innen" oder "Ärzt:innen", dann hat das diverse negative Begleiterscheinungen: Die Sprache wird komplizierter, schwerer verständlich, der Lesefluss wird behindert und viele Formen lassen sich auch nicht leicht aussprechen. Zudem sind die meisten dieser Beispiele sprachlich schlicht falsch, da es den Begriff "Ärzt" nicht gibt, es also wenn schon "ÄrzteInnen" heissen müsste. Das grösste Problem besteht aber darin, dass dasjenige, was eigentlich möglichst unsichtbar gemacht werden sollte nun überbetont wird. Ist der Sexus wirklich die wichtigste Information, wenn wir uns einen Arzt vorstellen? Oder wäre es nicht wichtiger darauf hinzuweisen, dass Ärzte nicht nur über 50 jährige weisse Männer oder Frauen sind wie wir sie uns womöglich vorstellen? Dass ein Arzt zwingend über ein Medizinstudium an einer seriösen Hochschule verfügen muss? Ist es beim "Lehrer" wirklich das wichtigste, darauf hinzuweisen, dass es auch Lehrerinnen gibt, führt der Ersatz durch die "Lehrperson" nicht zu einer Degradierung des Berufs, weil eine Lehrperson sprachlich im Gegensatz zum Lehrer weniger professionell ist?
Fazit
Bevorzugt das generische Maskulinum Männer? Tendenziell ja müsste die Antwort wohl lauten. Diese Bevorzugung ist zwar viel weniger stark als es gerne behauptet wird, es gibt aber definitiv einen gewissen Bias. Die wichtigere Frage aber besteht darin, ob das überhaupt ein Problem ist - und wenn ja, wie es behoben werden kann. Und hier wird die Sache kompliziert. Zum einen basiert die Kritik am generischen Maskulinum zu einem wesentlichen Mass auf einem fehlerhaften Verständnis, was das generische Maskulinum überhaupt ist und wird die Kritik aufgeladen durch zum Teil extreme Ideologien. Zum anderen gibt es aber vor allem keinen einfachen Ersatz für das generische Maskulinum. Seit über 40 Jahren wird es zu ersetzen versucht mit mehr als zweifelhaftem Erfolg. Das generische Maskulinum existiert weiter, nun einfach als eine von gefühlt einem Dutzend Möglichkeiten, die alle - wie das generische Maskulinum - ihre Nachteile haben. Und es ist zu befürchen, dass die Nachteile beim generischen Maskulinum in der Regel geringer sind und durch sanfte sprachliche Anpassungen grösstenteils entschärft werden könnten: in Fällen, wo der Sexus eine Rolle spielt, kann dies beispielsweise durch eine Doppelnennung beider Geschlechter klargemacht werden, in allen anderen Fällen kann das generische Maskulinum seine Effizienz beweisen ohne irgend jemanden zu benachteiligen.