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Siebzig Jahre lang waren die Fotos, die Julius Guggenheimer in Memmingen, Rothenburg ob der Tauber und in Ottobeuren gemacht hat, in Vergessenheit geraten. Bis sie 2016 in einer Ausstellung gezeigt wurden. Wer war dieser Fotograf, der in Memmingen und später in Amsterdam lebte und dessen Werk in Vergessenheit geraten war?
Jahrzehnte nach der Zeit, in der ich in Amsterdam im Gymnasium war, stosse ich auf einen Verwandten, der einige Jahre in Amsterdam im selben Stadtteil gelebt hat wie ich und von dem ich nichts wusste. Julius Guggenheimer (*1885) hat 1919 nach dem Tod seines Vaters die Leitung der elterlichen Weiß- und Wollwarengroßhandlung in der süddeutschen Stadt Memmingen übernommen. Schon zu jener Zeit hat er regelmässig fotografiert. In der Stadt war er mit den Jahren nicht nur als Geschäftsmann bekannt, sondern auch als gefragter Amateur- und Reklamefotograf. Familien ließen sich gerne von ihm ablichten. Man nimmt an, dass er seine Fotomaterialien in der «Abteilung für Photographie» der benachbarten Elefantenapotheke zu Memmingen gekauft hat. Drogerien und Apotheken waren seinerzeit die Orte, wo Fotoutensilien wie Glasplatten, Filme, Kopierpapiere und Fotochemikalien verkauft wurden. Es ist nicht bekannt, mit welcher Kamera oder mit welchen Kameras Guggenheimer seine Aufnahmen gemacht hat. Man weiss aber, dass er Mitglied der «Photographischen Vereinigung Memmingen» war. Auf einer Gruppenfotografie, die etwa um 1926 entstanden sein könnte, sieht man die Mitglieder der Vereinigung: Julius Guggenheimer steht als einziger Herr mit einem Hut inmitten der anderen Mitglieder, neben ihm seine Frau Regina. Im Jahr 1932 erhielt er die silberne Ehrennadel des Verbandes deutscher Amateurphotographen. Mit seiner Fotoserie «Ein Tag im Leben der Frau Zillibiler» gewann er 1934 beim Wettbewerb der Hamburger Illustrierten zum Thema «Vom Morgen bis Abend» eine Auszeichnung. Es ist anzunehmen, dass er nach 1935 seine Mitgliedschaft verloren hat. Und spätestens fünf Jahre später dürfte er zudem seinen ersten Beruf endgültig aufgegeben haben, um von dann an ausschliesslich als freier Fotograf zu arbeiten. Der Berufswechsel fand nicht freiwillig statt. Eher ist anzunehmen, dass Guggenheimer von den Behörden im Dritten Reich zum Verkauf seines Geschäfts gezwungen wurde. Julius Guggenheimer war Jude. Christoph Engelhard, Stadtarchivar von Memmingen, beschreibt im Buch «Julius Guggenheimer: Fotograf» eindrücklich das Leben des Fotografen, der mehrfach für seine Bilder bei Wettbewerben ausgezeichnet wurde.
Vergleichsweise spät hat das Ehepaar Guggenheimer im Juli 1939 Deutschland verlassen können. An der Michael Angelostraat 60 im Süden von Amsterdam hat Guggenheimer ein Studio mit dem Namen «Gugg’s Fotos» eröffnet. Schnell wurde er als Mitglied der «Nederlandsche Amateur Fotografen Vereeniging» (NAFV) aufgenommen. Obschon er Aufträge ausführen konnte, hielt sich sein Einkommen auf bescheidenem Niveau. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande versuchte Guggenheimer Holland in Richtung Mittelamerika zu verlassen. Vergeblich. Im Mai 1943 wurden Julius und Regina Guggenheimer mit weiteren rund 7000 Juden aus Amsterdam ins Sammellager Westerbork transportiert. Weil ihre Namen in einem Verzeichnis vorkommen, weiss man, dass sie am 4. Juni 1943 vergast wurden. Doppelt tragisch, denn 19 Tage nach ihrer Ermordung stellte die honduranische Botschaft in Den Haag dem Ehepaar Guggenheimer Visa aus für eine Einreise in Honduras.
Es grenzt an ein Wunder, dass Fotografien von Julius Guggenheimer das Dritte Reich überdauert haben. Im Stadtarchiv Memmingen sowie im Nederlands Fotomuseum in Rotterdam finden sich Bilder, die er gemacht hat. Im Juni 2014 wurden für Julius Guggenheimer und seine Frau vor dem Wohnhaus an der Kalchstrasse 8 in Memmingen zwei Stolpersteine zur Erinnerung eingelassen. Im Jahr 2016 fand in der MEWO Kunsthalle in Memmingen die Ausstellung mit Fotos von Julius Guggenheimer statt und wurde das Buch «Julius Guggenheimer: Fotograf» mit Bildern aus seinem Atelier veröffentlicht.
Fotograf Guggenheimer hat vornehmlich Häuser und Stadtansichten in Memmingen und in Rothenburg an der Tauber fotografiert. Menschen sind auf diesen stillen Bildern eher selten zu sehen. «Seine eindrücklichsten Aufnahmen entstanden, wenn er das Licht ganz bewusst herausgearbeitet hat – wenn sich die Straße fast schon im Dunkel verliert und dann aus einem Fenster ein Lichtschein dringt oder wenn der Mond die Szene am Bach erhellt. Das Licht macht diese Szenen lebendig, es haucht der dunklen Nacht Leben ein», hiess es in den Erläuterungen von Axel Lapp, Leiter der MEWO Ausstellungshalle, zur Ausstellungseröffnung. Daneben hat Guggenheimer auch Menschen porträtiert. Diese eindrücklichen Porträts entstanden nicht im Atelier, sondern auf der Strasse, vor einem Eingangstor, vor einem Schaufenster, an einer Hausmauer. Mönche im Kloster Ottobeuren sowie franziskanische Ordensfrauen, die in der Küche des Klosters arbeiteten, sind in einer Serie von Fotos zu sehen. Diese Bilder und die dazugehörenden Glasplatten hatte Guggenheimer mit nach Holland genommen und sie vor seiner Deportation dem späteren Dokumentarfilmer Paul A. J. Wijnhoff zur Aufbewahrung gegeben. 55 dieser schönen und fast privat wirkenden Bilder aus Ottobeuren sind auf der Homepage des Nederlands Fotomuseum zu sehen. Fotografie-Experte Nissan N. Perez aus Tel Aviv stellt in seinem Text «Julius Guggenheimer: Ein Zeuge seiner Zeit» fest: «Nichts in Guggenheimers fotografischem Werk weist daraufhin, dass er Jude war».
Grosses Bild: Im Café. Kleines Bild: Photographische Vereinigung Memmingen. Julius Guggenheimer ist der Dritte von rechts, vor ihm seine Frau Regina. Beide Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Memmingen.
Das Buch Julius Guggenheimer: Fotograf, erschienen als Katalog der MEWO Kunsthalle, Memmingen. Mit Beiträgen von Axel Lapp, Christoph Engelhard und Nissan N. Perez. ISBN 978-3-9816274-3-5
PS Zwei Exilierte in Amsterdam. Julius Guggenheimer und Erwin Blumenfeld. Zwei deutsche Fotografen. Beide exiliert. Beide hatten eine Erstausbildung im Textilsektor absolviert. Beide mussten sie Deutschland verlassen. Beide haben den Weg als Fotografen mit eigenem Studio in Amsterdam fortgesetzt. Beide landeten zur Zeit des Dritten Reichs in deutschen Lagern. Erwin Blumenfeld kam frei und wurde später in den USA und Frankreich als Fotograf berühmt. Fotograf Julius Guggenheimer überlebte den Weltkrieg nicht. Ob sie sich wohl gegenseitig kannten? Der 12 Jahre jüngere Blumenfeld hatte ein Fotoatelier an der geschäftigen Amsterdamer Kalverstraat, Guggenheimer seines im gutbürgerlichen Apolloquartier. Blumenfeld, der für Vogue, Harper’s Bazar und Life fotografierte, war ein sprachgewandter Erzähler. Seine Erinnerungen “Durch tausendjährige Zeit” bestechen durch ihren manchmal frechen Sprachwitz. Gerade daher wollte zunächst kein Verleger das Buch herausbringen.
Eingeworfen am 25.02.2021