Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03555.jsonl.gz/2038

Bild des Monats Mai 2011: Stifterbild des Jean de Rouvillers, Chorfenster von Saint-Martin-aux-Bois (drittes Viertel des 13. Jh.s)
Zwei kuppeltragende Arkaden und Architekturelemente einer gotischen Kirchenfassade rahmen einen durch roten Hintergrund bezeichneten Innenraum, in dem links mit leicht gebeugten Knien ein Stifter zu sehen ist, der aufgrund der Inschrift MESSIERES IEHA DE ROVCUVSVILER als Jean de Rouvillers identifiziert werden kann.
Mit beiden Händen reicht er das von ihm gestiftete Fenster dar, das frontal zum Betrachter ausgerichtet ist, während sein Blick sich auf den rechts davon dargestellten Altar richtet. Auf der Altarplatte steht ein Kelch, daneben liegt eine Hostie. Das Bild des Glasfensters im gläsernen Stifterbild thematisiert unterschiedliche mediale Aspekte des gläsernen Objektes. Das auf der Bildscheibe dargestellte Glasfenster trägt keine figürliche Darstellung, scheint sich aber durch seine frontale Position dennoch an den Betrachter zu wenden. Es legt durch seinen lediglich ornamentalen Schmuck den Akzent deutlich auf seine leuchtende Materialität und verweist durch das farblose, besonders lichtintensive Grisailleglas, aus dem es besteht, auf ein Charakteristikum der Gesamtverglasung von Saint-Martin-aux-Bois, die mit Ausnahme der hier besprochenen Stifterscheibe aus ebensolchen ornamentalen Grisaillescheiben besteht. Das monumentale Glasfenster, das in seiner Gesamtheit eigentlich nur als fest verankertes Bauelement existieren kann, wird im Bild als handliches, mobiles Objekt inszeniert, das zeremoniell übergeben werden kann. Es wird dadurch als Stiftungsobjekt kenntlich gemacht, dem aber bezeichnenderweise im Bild kein sichtbarer Empfänger zugeordnet ist. Anders als in anderen Stifterbildern nimmt hier kein Kleriker, kein Kirchenpatron oder Heiliger die Stiftung in Empfang. Sie wird vielmehr durch die Geste des Stifters dem Altar, der Hostie und dem Kelch zugesellt. Dies entspricht dem Befund der Textquellen, welche Glasmalereistiftungen meist unter die Kategorie der liturgischen Objekte einreihen. Das Glasfenster, das einem transzendenten, unsichtbaren Gott dargebracht wird, erscheint in der vorliegenden Darstellung als ein Medium, welches nicht nur das Jenseitige in der Lichtintensität seines Materials präsent werden lässt, sondern dank seines Status als Gabe ähnlich wie Wein und Hostie effektiv zwischen Diesseits und Jenseits zu vermitteln vermag.