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Lieben
Ich beschliesst zu sterben. Ich hat gelebt. Er hat geliebt, hat verloren, ist gereist, hat geschrieben, war allein, hat getrunken, ist gewandert.
Ich beschliesst dieses Leben noch ein Jahr zu leben.
Doch mit dem Beschluss zu sterben, beginnt Ich zu lieben, Ich verliert sich, Ich reist, schreibt,
ist allein, trinkt, wandert. Sein Beschluss stimmt Ich fröhlich, geradezu heiter. Der bevorstehende Tod quält nicht, er befreit, er erleichtert. Mit der Nähe zum Tod kommt die Nähe zum Leben.
«Lieben» ist der Höhepunkt des zehnteiligen autofiktionalen Werks von Tomas Espedal. Gestrafft, dicht und experimentell ist die Sprache, der er sich Espedal in diesem Essay (wie er es selbst nennt), bedient.
Ich- und Er-Form vermischen sich und driften gleichsam auseinander. Espedal verwendet «Ich» als Namen, und thematisiert damit die Grenzen der Erzählform auch auf formaler Ebene. Es entsteht eine ungleiche Gleichzeitigkeit des fiktionalen, erzählten Ichs und des realen, erzählenden Ichs: Der Autor bringt sich in die Erzählung, die Erinnerung seines Lebens ein und distanziert sich zugleich.
Tomas Espedal und sein autobiografisches Erzählprojekt
Tomas Espedal, geboren 1961 in Bergen, Norwegen ist einer der bedeutendsten, lebenden skandinavischen Autoren. In seiner Dekalogie erprobt er den charakteristischen existentialistisch-autofiktionalen Stil in unterschiedlichen Gattungen (Briefe, Tagebuch, Roman, Reisebericht, Essay). Im Jahr 1999 erschien der erste Teil und mit «Lieben» erschien 2021 der letzte Teil in deutscher Übersetzung.