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Eines der dringlichsten und wohl schwierigsten Probleme Europas ist und bleibt die Sprachenfrage. Es bestehen dazu grundsätzlich zwei Lösungsansätze. Entweder man einigt sich auf eine dominante Sprache – ein globalisiertes Anglo-Amerikanisch –, derer sich jedermann als die eine Verkehrssprache bedient, oder man entwickelt eine Vorstellung von Mehrsprachigkeit, in der die Unterschiede der einzelnen Sprachen zum Tragen kommen und innerhalb derer die verschiedenen Kulturen sich auf präzise Weise verständigen können.
Dieser zweiten Vorstellung ist das «Vocabulaire européen des philosophies» verpflichtet. Unter der Leitung der Gräzistin und Philosophin Barbara Cassin erstellten rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ganz Europa etwa 4’000 Beiträge zu zentralen philosophischen Begriffen, wie sie sich im Laufe der Jahrtausende in 15 verschiedenen Sprachen entwickelt haben.
Wie der Titel besagt, handelt es sich um ein «vocabulaire», ein Wörterbuch, in dem die philosophischen Begriffe von den Einzelsprachen her gedacht werden. Es liegt ihm die Einsicht zugrunde, dass jedes Wort in einem Umfeld mit andern Wörtern steht, die ihrerseits auf dieses eine Wort zurückwirken. Diese Einflüsse sind von Sprache zu Sprache sehr verschieden. Ihnen versucht dieses Wörterbuch gerecht zu werden. Ebenso zentral ist der Plural «philosophies», weil er die Tatsache berücksichtigt, dass verschiedene Sprachen auch eigene denkerische Zugänge zu den scheinbar gleichen Dingen eröffnen.
Die Geschichte der europäischen Philosophien ist denn auch die Geschichte der mehr oder weniger gelungenen Übersetzungen zwischen den Sprachen, die zum Teil entscheidend auf die Entwicklung eines Begriffs einwirkten. Was sich etwa zwischen dem griechischen «thymós», dem lateinischen «animus/mens», dem deutschen «Gemüt/Gefühl», dem französischen «âme/cœur» und dem englischen «mind/mood» in den Jahrhunderten und Jahrtausenden abspielte, ist von grösster Bedeutung für die Ausbildung des Begriffs der inneren Wahrnehmung des Menschen. Einer Bedeutung, die von keinem der bereits bestehenden philosophischen Wörterbüchern erfasst wird, weil sie zumeist von der Vorstellung eines universellen, sprachunabhängigen, rein logischen Denkens ausgehen. Das «Vocabulaire européen des philosophies» soll jedoch keineswegs diese bereits bestehenden Nachschlagewerke verdrängen, sondern sie vielmehr sinnvoll ergänzen.
Auf die Entwicklung der philosophischen Begriffe zwischen den Sprachen weist der Zusatz «Dictionnaire des intraduisibles» hin. Dabei geht es weniger um das Problem der Unübersetzbarkeit an sich, sondern einerseits um die Tatsache, dass viele zentrale philosophische Begriffe, wie das Heideggersche «Dasein», unübersetzt in andere Sprachen übernommen werden. Andererseits verweist der Zusatz darauf, dass Begriffe aus einer Sprache immer wieder neu übersetzt wurden, weil sich in ihnen ein denkerisches Problem zeigte, das durch die Verschiedenheit der Übersetzungen erst so richtig aufbrach. Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis von Einheit und Vielheit im Begriff «Persona». Insofern zeigt dieses philosophische Wörterbuch an verschiedenen zentralen Begriffen, wie die Übersetzung in eine andere Sprache der Begrifflichkeit der einen zu mehr Klarheit verhelfen kann. Die Bedeutungsvielfalt, die aus der Verschiedenheit der Übersetzungen entspringt, wird in diesem Wörterbuch nicht als Nachteil, sondern eher als Bereicherung der denkerischen Präzision verstanden und dargestellt.
Das «Vocabulaire européen des philosophies» ist nicht nur als philosophisches Nachschlagewerk für Spezialisten konzipiert. Vielmehr lädt es ein, über die vielen Querverweise zwischen den Begriffen und Sprachen sich auf eigene philosophische Entdeckungsreisen durch die Geographie und die Geschichte Europas einzulassen. Dabei werden auch die für die europäischen Philosophien wichtigen aussereuropäischen Sprachen und Kulturen, wie das Arabische und das Hebräische, keineswegs vernachlässigt.
Wichtigstes Ziel dieses Wörterbuchs ist es, einerseits einem logischen Universalismus, der sich dem Problem der Übersetzung zwischen den Einzelsprachen gegenüber relativ gleichgültig verhält, und andererseits der Dominanz nur einer globalen Sprache entgegenzutreten. Es tut dies, indem es viele, auch durch jahrhundertealte Denktraditionen zugeschüttete Probleme wieder aufdeckt und dabei hofft, dass diese Befreiung aus der Knechtschaft der einen Bedeutung Früchte für eine kommende europäische Philosophie trage, die eine Versammlung verschiedener Philosophien sein könnte.
Die Übersetzungsrechte für viele europäische und nichteuropäische…