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283 Intelligenz
285… für alles weitere ausschlaggebend ist die Frage, ob man sich vorstellen kann, dass das Kommunikationsmedium Intelligenz binär codiert ist oder nicht. Man erinnere sich daran, dass die binäre Kodierung es nach den Analysen von Luhmann ermöglicht, die Kommunikation innerhalb eines Funktionssystems der Gesellschaft in die Form einer harten Entweder/Oder Unterscheidung zu bringen und dass erst dann die Ausdifferenzierung dieses Funktionssystems entsprechend wahrscheinlich wird. Wir berühren hier demnach unsere Ausgangsfrage nach der Limitationalität all dessen, was man als Erziehung in unserer Gesellschaft beschreiben kann.
Binäre Kodierungen sind Zwei-Seiten-Formen, von denen immer nur eine Seite benutzt werden kann und von denen die eine Seite als positiver Anschlusswert der Kommunikation und die andere Seite als reflexiver Negationswert der Kommunikation im System behandelt werden. Beide Werte des binären Codes regeln Kommunikationen des Systems.
Es ist nicht etwa so, dass der Negationswert die Umwelt des Systems bezeichnet. Vielmehr dienen beide Werte dazu, die Umwelt des Systems nach Maßgabe des Systems auf Möglichkeiten der Anschlusskommunikation abzusuchen.
Mir scheint es einen Versuch wert zu sein, die beiden Werte des Wissens und des Nichtwissens als den binären Code des Kommunikations-mediums Intelligenz zu begreifen. Attraktiv ist dies zumindest in dem Moment, indem man Intelligenz nicht nur als Fähigkeit zur Symbolverarbeitung versteht, sondern darüberhinaus als Fähigkeit zum Umgang mit Kontexten, über die man definitionsgemäß nicht vollständig Bescheid wissen kann. Intelligenz setzt daher die Einsicht in das eigene Nichtwissen und deswegen sowohl Reflexivität als auch Rekursivität voraus, weil nur unter dieser Voraussetzung Wissen als Wissen profiliert werden kann.
Diese Formulierung lässt es offen, sich einen Zugriff auf Wissen und Nichtwissen auch in anderen Funktionssystems in und nicht zuletzt in der Gesellschaft insgesamt (werde diese nun als Wissensgesellschaft beschrieben oder nicht) vorzustellen. Wissen und Nichtwissen gibt es auch außerhalb des Erziehungssystems.
Die Artikulation von Wissen und Nichtwissen im Rahmen einer Zwei-Seiten-Form, ihre Zuspitzung auf die beiden Werte eines binären Codes, überhaupt die Formulierung des einen als das Gegenteil des anderen ist eine Leistung der Erziehung für die Zwecke der Ausdifferenzierung der erzieherischen Kommunikation. Man kann daher auch alten Weisheitslehren Recht geben, die für Politik und Wirtschaft, für Kunst und Religion und auf einer gesellschaftlichen Ebene auch für Erziehung und Wissenschaft behaupten, dass das Nichtwissen selbst eine Form des Wissens und jedes Wissen zugleich ein Nichtwissen ist.
Dirk Baecker