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NZZ am Sonntag: Stellen wir die obligate Frage zuerst: Wer wird im September neuer Bundesrat?
Gerhard Pfister: Im Moment sieht es so aus, als würde sich Cassis durchsetzen. Ich sehe niemanden, der ihm über einen zweiten oder dritten Wahlgang aus gefährlich werden könnte.
Auch keine Frau?
Auch keine Frau.
Was macht Sie so sicher?
Jacqueline de Quattro, die offiziell kandidiert, hat den Nachteil, dass sie nicht im Parlament sitzt. Isabelle Moret ist zwar Nationalrätin, aber beide Frauen stammen aus der Waadt, und wir haben bereits einen Waadtländer Bundesrat. Aber auch nach der Ankündigung von Moret, ebenfalls zu kandidieren, bleibt Cassis der Favorit. Ich glaube, bei dieser Wahl wird das regionale Argument ohnehin stärker gewichtet werden als die Geschlechterfrage.
Just Ihre Bundesrätin, Doris Leuthard, befeuert nun aber die Geschlechterfrage, indem sie am 1.August mitgeteilt hat, dass sie 2019 nicht mehr antritt. Bald könnte nur noch eine Frau im Gremium sitzen.
Das geht natürlich nicht. Generell gilt: Eine Bundesratspartei, die nicht in der Lage ist, eine Frau vorzuschlagen, hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Aus eigener Erfahrung weiss ich allerdings, dass es bei den bürgerlichen Parteien für Frauen offensichtlich mehr Aufbauarbeit braucht als bei anderen Parteien.
«Eine Bundesratspartei, die nicht in der Lage ist, eine Frau vorzuschlagen, hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht.»
Woran liegt das?
Ich habe in meinem Leben unzählige Motivationsgespräche für politische Ämter geführt und stelle fest: Ein Mann sagt in einem solchen Gespräch meistens: «Ich weiss nicht, ob ich das kann, aber ich versuche es.» Die Frau sagt hingegen: «Ich weiss nicht, ob ich es kann, deshalb lasse ich es bleiben.» Das ist klischiert, ich weiss, aber gerade in der Politik beurteilen die Frauen ihre Fähigkeiten zu selbstkritisch. Meine Aufgabe als Parteipräsident ist es, dafür zu sorgen, dass sich Frauen mindestens ebenso viel zutrauen wie ihre Kollegen.
Für die Nachfolge von Doris Leuthard werden aber vor allem Männer gehandelt. Es sieht so aus, als schiebe die CVP die Frauenfrage an die FDP ab.
Wir haben als Partei bewiesen, dass Frauen das Amt ebenso gut ausüben wie Männer. Deshalb bin ich durchaus der Meinung, dass die FDP nun an der Reihe ist. Das entbindet mich als Parteipräsident aber nicht von der Pflicht, der Bundesversammlung dereinst auch eine fähige Frau zu präsentieren. Ich habe den CVP-Frauen deshalb schon vor einem halben Jahr gesagt, dass sie sich vorbereiten sollen, wenn sie für Leuthard eine Nachfolgerin wollen. Nicht dass es am Ende heisst, die CVP hätte ihre eigenen Frauen nicht gefragt.
Es geht das Gerücht um, Leuthard trete bereits vor 2019 ab. Ihre frühe Ankündigung, in zwei Jahren nicht mehr anzutreten, stützt dieses Gerücht.
Das halte ich für eine Missdeutung. Sie sagte, dass sie sich 2019 nicht mehr zur Verfügung stellt, nicht mehr und nicht weniger. Offenbar hat sie sich ähnliche Überlegungen gemacht wie ich mir. Als Bundesrat sollte man einen Rücktritt mit den Kollegen koordinieren, ganz im Interesse des Landes.
Gerhard Pfister
Im Frühling 2016 wählten die CVP-Delegierten Gerhard Pfister zu ihrem neuen Präsidenten. Seit knapp 14 Jahren sitz der 54-Jährige Zuger im Nationalrat, zuvor amtete er als kantonaler Parteipräsident sowie als Kantonsrat. Pfister studierte Literatur und Philosophie und arbeitete am elterlichen Schulinternat als Lehrer. 2013 gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine Tagesschule, deren Verwaltungsrat er präsidiert.
Oder aber zum Wohle der eigenen Partei. Tritt sie vor den Wahlen 2019 ab, sichert sie der CVP vielleicht den einzigen Sitz im Bundesrat. Schenkt man Politumfragen Glauben, erreicht Ihre Partei bei nächsten nationalen Wahlen einen Wähleranteil von knapp 11 Prozent.
Noch einmal: Leuthard hat gesagt, sie trete spätestens im Herbst 2019 zurück. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass sich die Kräfteverhältnisse im Land verschieben. Und wenn ich auf unseren Wähleranteil schaue, ist völlig klar, dass wir Wähler gewinnen müssen. In der Bundesversammlung aber sind wir nach wie vor eine starke Kraft. Wenn es im Ständerat nicht zu grösseren Verschiebungen kommt, dürfte es für die Bundesratsgelüste der Grünen und der Grünliberalen schwierig werden.
Und Sie sind zuversichtlich, neue Wähler gewinnen zu können?
Absolut. Ich möchte zudem anmerken: Als wir Gespräche mit der BDP über eine intensivere Zusammenarbeit geführt haben, da sagten alle: Wenn ihr einen zweiten Bundesrat wollt, dann müsst ihr schon eine Fraktion bilden. Ich werde die Grünen und die Grünliberalen bei Gelegenheit daran erinnern.
Wenn Leuthards Ankündigung keine parteistrategischen Gründe hat, dann will sie damit wenigstens ihre beiden Kollegen Schneider-Ammann und Maurer dazu bewegen, mit ihr zurückzutreten?
Nein, das glaube ich nicht. Aber sie hat klargemacht, dass ein Bundesrat bei seinem Rücktritt immer auch staatspolitische Überlegungen einfliessen lassen soll. Man kann ihre Kommunikation deshalb durchaus als Aufforderung an die übrigen bürgerlichen Parteien verstehen, sich in Bundesratsfragen besser auszutauschen.
Räumt Leuthard den Stuhl gar für einen Bundesrat Pfister?
Ich antworte hier für einmal etwas anders als sonst, weil ich das ja immer gefragt werde - mit dem Paradoxon von Epimenides: Sie wissen nie, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt, ganz besonders bei dieser Frage. Eine Antwort erübrigt sich deshalb.
Sie haben auch schon gesagt, Sie wüssten nicht, ob Sie das Amt ausführen könnten. Warum?
Intuitiv sage ich hier: Weil ich sehe, was Frau Leuthard kann.
Das ist doch Bauchpinselei.
Nein, ich meine das durchaus ernst. Natürlich, ich habe genug Selbstbewusstsein, um zu sagen: So gut wie die meisten heutigen Bundesräte würde ich es auch machen, wenn ich mich sehr anstrenge. Aber ich finde, es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, sich zu fragen: Kann ich das?
Was muss ein Bundesrat Ihrer Ansicht nach denn können?
Ich glaube, es sind vor allem zwei Dinge, Fähigkeiten, die auf den ersten Blick gegensätzlich sind. Ein Bundesrat muss einerseits eine gute Führungsperson sein und sein Departement im Griff haben. Andererseits muss er sich aber in ein Kollegialgremium einfügen, das per definitionem keine Führung will. Diese beiden Qualitäten zu vereinen, finde ich persönlich das Anspruchsvollste am Amt des Bundesrats.
An welcher der beiden genannten Qualitäten zweifeln Sie?
Führungsqualitäten beanspruche ich tatsächlich für mich, aber ich kenne meine Schwächen. Ich hätte wohl mehr Mühe damit, mich in ein Kollegialgremium einzufügen. Aber vielleicht ist es auch etwas Drittes: der Verlust von Freiheit. Ich bin wenig detailversessen, arbeite mich nicht gerne durch Berge von Akten, sondern denke lieber in grossen Linien. Als Bundesrat bleibt dafür kaum Zeit. Oder wann haben wir von einem Mitglied der Landesregierung letztmals eine Grundsatzrede gehört?
Die drei Top-Kandidaten im Vergleich Tessiner, Frau oder Jungspund?
Ignazio Cassis
Wahlchancen: hoch
Vorteile: Cassis’ grösster Trumpf ist seine Tessiner Herkunft. Seit 18 Jahren ist der Südkanton nicht mehr in der Landesregierung vertreten, es herrscht daher ein breiter Konsens, dass der neue Bundesrat ein Tessiner sein soll. Cassis spricht alle drei Landessprachen fliessend und führt seit 2015 die FDP-Fraktion im Bundeshaus.
Nachteile: In der Kritik steht Cassis vor allem wegen seines Amts als Präsident des Krankenkassenverbands Curafutura, für das er jährlich 180000 Franken erhält. Der 56-jährige Arzt ist einigen Parlamentariern zudem zu harmoniebedürftig.
Isabelle Moret
Wahlchancen: mittel
Vorteile: Was für Cassis die Herkunft ist, ist für Moret das Geschlecht. Die Linken forderten bereits mit Vehemenz eine Frau, und dieser Druck wurde mit Leuthards Ankündigung, 2019 nicht mehr anzutreten, nicht kleiner. Die Rechtsanwältin gilt im Parlament zudem als gut vernetzt.
Nachteile: Moret amtete zwar als Vizepräsidentin der FDP, darüber hinaus aber fehlt ihr die Exekutiverfahrung. Ausserdem stammt die 46-jährige Nationalrätin aus der Waadt, die mit Guy Parmelin bereits einen Bundesrat stellt.
Pierre Maudet
Wahlchancen: gering
Vorteile: Der Genfer Staatsrat ist ein politischer Senkrechtstarter. Als Jugendlicher gründete er das Genfer Jugendparlament, danach amtete er in der städtischen Legislative und Exekutive, bevor er mit 34 Jahren in die Kantonsregierung gewählt wurde. Maudet gilt als dynamischer, aber unideologischer Macher.
Nachteile: Trotz steiler Karriere war der 39-Jährige bisher weder National- noch Ständerat, ihm fehlt also das Berner Netzwerk. Zudem dürfte vielerorts die Bereitschaft gering sein, neben Alain Berset (sp.) und Guy Parmelin (svp.) einen dritten Mann aus der Romandie zu wählen. Kathrin Alder