Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03253.jsonl.gz/1375

Geld und Geldmangel in der Sowjetunion nach 1945
Die ambivalente Haltung zum Geld, das im Kommunismus verschwinden sollte, blieb auch in der Spätphase der Sowjetunion bestehen. Die Kritik am „bürgerlichen“ Konsum, an der Orientierung an materiellen Werten erfuhr einen erneuten Aufschwung, als der Lebensstandard der Sowjetbürger sich bedeutend hob und der „Soviet Way of Life“ im ideologischen Wettstreit mit den USA auch über Konsummöglichkeiten definiert wurde. Höhere Löhne und Renten, niedrige Wohnkosten und Steuern standen nun ideologisch auf der gleichen Stufe wie die Rüstung und die Raumfahrt. Denn der materielle Wohlstand sollte zugleich zur kohäsiven Kraft der spätsowjetischen Gesellschaft werden.
Die Praxis gestaltete sich komplexer und führte zu einer stärkeren Ausdifferenzierung der Gesellschaft und zu größerer Ungleichheit. Solche Phänomene wie fartsovka – illegaler Handel mit begehrten, im Handel nicht vorhandenen Konsumgütern, die von Ausländern erworben wurden, und in den breite Teile der Bevölkerung seit den 1960er Jahren involviert waren, – führten dazu, dass die Grenzen zwischen legal und illegal erworbenem materiellen Wohlstand immer fließender wurden. Mit der Einführung der Geldwirtschaft während der 1960er Jahre auf dem Dorf, als nun auch die Kolchozniki ihren Lohn erhielten statt Anteil am „Gewinn“ nach Anzahl der Arbeitstage, verschärften sich nicht nur die bestehenden Konflikte auf dem Land, sondern auch die Erfahrung des Geldmangels angesichts viel schneller wachsender Konsummöglichkeiten der Städter.
Dieser Prozess der Ausdifferenzierung der spätsowjetischen Gesellschaft angesichts neuer Konsumversprechen und -praktiken war begleitet durch konsumkritische Stimmen nicht nur der Partei-und Staatsfunktionäre, sondern auch unterschiedlicher Kreise der sowjetischen Intelligenzija – von den Autoren der modernitätsfeindlichen nationalistischen Dorfprosa bis zu Kulturpessimisten bei den sowjetischen Filmemachern.
Das Ziel des Panels ist es, die Ambivalenzen ideologischer Programmatik sowie kulturpessimistischer und modernitätskritischer Diskurse auf die neuen Bedeutungen des Konsums und des Geldes in der Praxis zu beziehen, um dem Grundproblem bei der Erforschung der späten Sowjetunion nachzugehen: den simultanen integrierenden und desintegrierenden Dynamiken der spätsowjetischen gesellschaftlichen Textur.
Ausgehend von unterschiedlichen Konzeptualisierungen des Geldes (als Gegenstand und Objekt der Praktiken und Diskursen sowie als Ding) wird im Panel über die folgenden Fragen diskutiert:
1. Welche Vorstellungen von Wohlstand, Armut und Reichtum manifestieren sich in den neuen Konsumpraktiken und Diskursen? Lassen sich dabei „sowjetische“ Spezifika herausschälen?
2. Welchen Wandel erfahren dabei die Sozialisationsmodi? Welche neuen Praktiken generierten die unterschiedlichen Formen des Geldes (Bargeld, Kredit)? Wie artikulieren sich dabei die Erfahrungen der Inklusion bzw. der Exklusion/Ungleichheit?
3. Welchen Stellenwert haben die neuen Konsumpraktiken und -erfahrungen für die Diskussion um Kohäsion und Desintegration der spätsowjetischen Gesellschaft?