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Fast 50 Jahre lang hat Edgar Rölli seine angeborene Lese- und Schreibschwäche möglichst geheim gehalten. Die Folgen: Schwierigkeiten im Beruf, Unverständnis der Gesellschaft, Dauerstress und Selbstzweifel.
Edgar Rölli gehört zu den rund 50'000 Menschen im Aargau, die nur mit grosser Mühe lesen und schreiben können. Der 54-Jährige ist Illettrist, wie die Einschränkung im Fachjargon heisst. Und er sagt, er wisse nicht, ob er dieses Wort schreiben könnte.
In der Schule blieb die Lese- und Schreibschwäche praktisch unerkannt. «In unserer Klasse waren wir 34 Schüler. Da konnte ich mich gut verstecken», sagt Rölli. Und man wusste: Der Rölli kann nicht gut lesen und macht viele Fehler beim Schreiben. «120 Fehler in einem einzigen Diktat war mein trauriger Rekord», erzählt er. Um schulisch zu überleben, entwickelte er Strategien. Stammgäste im Restaurant, das seine Eltern führten, halfen ihm bei den Aufgaben, manchmal auch die älteren Geschwister oder seine Gotte.
Doch auch das Lesen fällt schwer. Bis heute. «Wenn ich mich in einem Buch bis auf Seite 10 gekämpft habe, weiss ich meistens nicht mehr, was ich gelesen habe.» Und auch einfache Schriftstücke muss er meist mehrmals lesen, bis er den Zusammenhang erkennt. Dafür erfasst er rasch, was er sieht und hört.
Nach der obligatorischen Schulzeit wird Edgar Rölli Metzger. Nicht sein Traumberuf, aber vernünftig für einen, der kaum lesen und schreiben kann. Rölli findet einen verständigen Lehrmeister, der zehn Sonntagnachmittage investiert, um Stift Edgar fit für die schriftlichen Prüfungen zu machen.
Den praktischen Teil der Prüfung besteht er mit Bravour; dank der Intervention des Lehrmeisters wird Legasthenie bei der Bewertung des Schriftlichen mit berücksichtigt. Rölli schafft auch knapp die Theorie.
Er findet Arbeit als Metzger, als das Geschäft eingeht, wird er Wurster, wechselt zur Traitafina nach Lenzburg und steigt bald auf zum Chef-Wurster. «Ich versuchte, mit verschiedenen Strategien zu verhindern, dass ich schreiben musste.»
Bei Sitzungen hörte er gut zu, machte sich aber keine Notizen; über 150 Rezepte habe er auswendig gelernt und sich eingeprägt, damit er nichts nachschauen oder notieren musste.
Er entwickelt Strategien, wie er im Alltag seine Schreib- und Leseschwäche verbergen kann; nur seine nächsten Angehörigen und Freunde wissen davon. In der Freizeit ist er Oberturner und Faustballer; er engagiert sich im Dorf politisch und für die CVP gar als Gemeinderatskandidat. Ein Kollege hilft ihm, wenn er Rapporte oder Berichte verfassen und vortragen muss. «Meine Sätze waren so schlimm, dass der Kollege manchmal sagte, er sehe zwar die Worte, wisse aber nicht, was der Satz bedeuten solle», erinnert sich Rölli.
Dann macht der Körper nicht mehr mit. «Als Wurster habe ich jeden Tag zehn Tonnen Fleisch von Hand bewegt», sagt Rölli, «mit der Zeit war das einfach zu viel.» Er wechselt den Job und wird Logistiker. Er muss Lieferscheine ausfüllen – und eines Tages erhält er anonym einen Lieferschein zurück. Alle Schreibfehler sind rot unterstrichen, dazu die Note 3–4 und die Bemerkung «ungenügend».
«Da kommt man sich dann schon ziemlich minderwertig vor», sagt Rölli.
«Meine Frau hat mich immer unterstützt. Für sie musste ich mich auch nie verstellen», erzählt Rölli. Sie war es dann auch, die ihn auf den Verein «Lesen und Schreiben» aufmerksam gemacht hat, ihn ermuntert hat, sich genauer zu erkundigen und sich dann auch für den Kurs anzumelden. «Von mir aus hätte ich das nicht gemacht, hätte einfach akzeptiert, dass ich nichts kann, und mich weiter versteckt.»
Inzwischen hat er den Aufbaukurs «Lesen und Schreiben» absolviert. Und er ist begeistert. «Wir waren zu sechst, alles Illettristen; wir konnten unsere Schwächen thematisieren, konnten auch darüber lachen und wir haben viel gelernt.» Ein Höhepunkt war die Lesenacht. «Wir haben kleine Geschichten geschrieben. Als ein Profi dann meinen Text vorgelesen hat, kam ich mir vor wie ein Schriftsteller und ich dachte: Wow, das hast du geschrieben!»
Natürlich ist nach dem einen Kurs die Lese- und Schreibschwäche nicht verschwunden; es bleibt schwierig. Heisst es «das» oder «dass»? Was ist der Unterschied zwischen «d» und «t»? Oft weiss er nicht genau, welche und wie viele Buchstaben Wörter brauchen, damit man sie lesen und verstehen kann. Aber Rölli sagt, er habe Fortschritte gemacht. Er versuche, möglichst jeden Tag drei oder vier Sätze zu schreiben. Aber vor allem will er sich jetzt nicht mehr verstecken.
Edgar Rölli will weitere Kurse besuchen und auch die neue Schreibbar des Vereins aufsuchen und sich dort in einer konkreten Angelegenheit beraten lassen: Rölli braucht neue Bewerbungen. Denn nach mehreren Stellenwechseln in den letzten Jahren ist er seit dem 1. März erneut auf Stellensuche. Da braucht es gute und möglichst fehlerfreie Bewerbungen.