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Der prominenteste Vertreter der Ansicht, dass grosse Entwicklungen in der Geschichte an ein Ende kommen können – und dass sie dies auch tun, war in der jüngeren Geschichtsforschung der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (61). Er legte im vielbeachteten Aufsatz The End oft History (als Frage formuliert bereits 1989) und im Buch The Last Man 1992 dar, dass mit dem Zusammenbruch des zusammenhängenden Hoheitsgebiets des Ostblocks die Schlacht verschiedener Polit- und Gesellschaftssysteme an ein Ende gekommen sei, und damit auch die historische Entwicklung auf diesem Gebiet.
Sportlich formuliert gab es schliesslich einen Sieger: Den Kapitalismus, zwischen sozialer Marktwirtschaft und in der ungehemmter auf Individualismus (und Profit) ausgerichteten Variante. Er siegte letztlich um 1990 durch technischen K.o., weil der Kommunismus sowjetrussischer Prägung mit einer Mehrzahl der verbundenen Regimes (DDR, Rumänien etc.) an Finanzierungsproblemen und fehlender Stützung durch breite Gesellschaftsschichten quasi implodierte.
Die Sieger stehen fest – für immer?
Fukuyamas These wurde nicht nur unter Historikern (mit Spezialgebiet Politik) oder Ökonomen heiss diskutiert, sondern in der breiten Öffentlichkeit, zumindest in den USA und in Europa. Dem heutigen Professor für politische Ökonomie (John-Hopkins-Universität in Washington) und um 1990 Angestellten der rechtsliberalen Denkfabrik Rand Corporation hielten einige zugute, dass der Sieg des Kapitalismus westlicher Prägung unbesehen von persönlichen Präferenzen unbestreitbar Tatsache sei. Daran hat sich mit ein paar wenigen Ländern als weltweite Ausnahme (Paradebeispiel Nordkorea) in den letzten gut 20 Jahren auch nichts geändert, eher im Gegenteil: Kuba und wirtschaftlich weit wichtiger China übernehmen auch stetig mehr Elemente eines wirtschaftlichen Individualismus, auch wenn in Sachen Meinungsfreiheit, Wahl- und Abstimmungselemente noch keinerlei Demokratie nach 'unserem' Vorbild Einzug gehalten hat.
Kritiker wenden ein, dass historische Entwicklungen keineswegs an ein Ende gekommen sein müssen, bloss weil einmal eine grosse Mehrzahl von Ländern mehr oder weniger dasselbe System kennt. Mit derselben Argumentation hätte man etwa im Mittelalter, aber auch noch wenige Jahrzehnte vor der französischen Revolution die Geschichte als beendet ansehen können. Schliesslich entsprachen damals praktisch alle Herrschaftssysteme dem (mehr oder weniger aufgeklärten) Absolutismus. Heute würde man eher sagen: der Diktatur. Dennoch änderte sich später daran noch viel.
Das Geschichtsmodell und die Vorreiter
Der entscheidende Punkt bei der Frage nach einem (angeblichen) Endpunkt geschichtlicher Entwicklungen ist – neben gewissen persönlichen Vorlieben in Politik und Wirtschaft – das Geschichtsmodell oder unterschiedliche Begriffe von Historie: Ein durchaus Liberalismus und Marktwirtschaft befürwortender Philosoph wie Karl Popper und seine Schüler(innen) würden nie von einem Ende der Geschichte reden, denn sie gehen davon aus, dass Menschen, unter Umständen auch einzelne, die Geschichte verändern können. Sie gehen von feststellbaren Fakten aus und versuchen diese mit einem möglichst nahen (empirischen) Modell zu fassen und zu erklären.
Ganz anders Denker mit einer endlichen Geschichtsperspektive: Schon Vorläufer von Fukuyama sehen wie er selbst eine gewisse Zwanghaftigkeit in der historischen Entwicklung. Es existieren globale Widerspüche und Ansätze, und in einer Art Wettkampf setzen die stärksten durch. Ist dies geschehen, folgt zwar sicher nicht gleich der jüngste Tag, aber gewisse Grundfragen sind geklärt respektive die Konkurrenz von Polit- und Gesellschaftsmodellen entschieden. Zentraler Entwickler von Fukuyamas Ansätzen war im Übrigen bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren der Franzose Alexandre Kojève. Dieser wiederum beruft sich grösstenteils auf den deutschen Idealisten und Dialektiker Hegel, der sein System von Widerstreit zwischen These und Antithese sowie der (letzten) Synthese im Ansatz auch auf die Geschichte und weltpolitische Widersprüche anwandte. Weitere Paten für Fukuyama heissen Thomas Hobbes, John Locke oder auch Marx.
In den letzten Jahren machte der Amerikaner wiederholt klar, dass er keineswegs davon ausgehe, dass am Endpunkte einer grossen weltpolitischen Entwicklung gar nichts mehr passiere. Und er gab zu, dass er das globale Aufkommen des Islamismus in der heutigen Form nicht vorhergesehen habe. Deshalb hat er auch eine neue Teilepoche erklärt, in der er nun die (partielle) Integration nicht-westlicher Kulturen in ebendiese als Kernfrage betrachte.
Weltweite und bereichsübergreifende Perspektive fehlt
Generell lässt sich sagen, dass die Behauptung, Geschichte gelange an einen Endpunkt, nur dann allenfalls stützen lässt, wenn man sie auf einzelne Themenbereiche anwendet. Also etwa wie Fukuyama es seit einer Weile versucht allein auf die Frage, welches Politsystem den Wettbewerb gewonnen hat. Oder wie es der Ökonom Robert J. Gordon (siehe Interview im Migros-Magazin vom 19. August 2013) versucht, indem man das Ende grosser Entwicklungsschritte allein für die Wirtschaft verkündet. Gordon schränkt selbst zudem ein, dass seine Prognose – und er gehörte immerhin zu den seltenen Auguren der letzten Immobilienkrisen - mit fehlendem Wachstumspotential sich primär auf Nordamerika beziehen, bereits auf Europa oder genauer die EU gelte es verschiedene abweichende Szenarien abzuwägen. Und andere Kontinente nimmt er bewusst aus.
Neben dem politischen und dem wirtschaftlichen Bereich zirkulieren Vorhersagen zu historischen Endpunkten auch noch verschiedentlich in Wissenschaft oder Technik, doch in der Langzeitperpesktive erwiesen sich bisher die meisten als wenig zutreffend. Dasselbe gilt für Prognosen in der Kommunikation oder auch im Sport (da galt etwa beim 100 m-Sprint der Männer lange 10 Sekunden oder später 9,8 als Barriere).
Autor: Reto Meisser