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Dass es bei uns in den letzten Wochen mehrmals schneite, ist nicht besonders erstaunlich. Doch dieser Winter bescherte uns einige ungewöhnliche Wetterphänomene. So wurde in Nordspanien ein Kälterekord von -35°C gemessen, während es zur gleichen Zeit auf der Insel Kreta in Griechenland mit 25°C einen Mini-Sommer gab. Am erstaunlichsten aber: Wenige Tage später schneite es in der Sahara, der grössten Trockenwüste der Welt.
Schnee in der Sahara
Anfang Januar sanken die Temperaturen in Marokko und Algerien in die Nähe des Gefrierpunkts. Die Kaltluft zusammen mit Tiefdruck und der über dem Mittelmeer aufgenommenen Feuchtigkeit bescherten den höheren Regionen Marokkos und Algeriens Schneefälle. So manche Bergregion Nordafrikas versank geradezu in der weissen Pracht. Auf dem Höhepunkt des Kaltlufteinbruchs begann es in der algerischen Sahara zwischen dem 12. und 13. Januar zu schneien. Laut Meteorologen schneite es in der Sahara in den letzten 42 Jahren nun zum vierten Mal — die anderen drei Male in 1979, 2017 und 2018.
Experten zufolge hängen diese Kälteextreme mit dem Zusammenbruch des Polarwirbels zusammen.
Polarwirbel zusammengebrochen
Jeden Herbst bildet sich in der Stratosphäre über dem Nordpol — in einer Höhe von rund 20 bis 50 Kilometern — ein Polarwirbel, der von West nach Ost zirkuliert. Die damit verknüpften Winde können extrem schnell sein, lokal bis zu 300 km/h. Erwärmt sich die Stratosphäre schlagartig — um teilweise bis zu 80°C — bricht diese Zirkulation plötzlich zusammen und die starken Winde flauen ab. Der Wirbel verschiebt sich daraufhin vom Nordpol weg oder zerfällt in zwei Teile.
Genau dieses Phänomen beobachteten Atmosphärenforscher am 5. Januar. Nach einer plötzlichen Erwärmung kam die Windzirkulation ins Schwanken und brach zusammen. Dadurch konnte die eisige Polarluft bis in den Mittelmeerraum vordringen. Der Zusammenbruch des Polarwirbels sorgte so für einen spektakulären Temperatursturz in Nordspanien, Mengen an Neuschnee in Madrid und auch für Schnee in der Sahara.
Paradoxe Folge der Erderwärmung?
Laut Daniela Domeisen, Atmosphärenphysikerin an der ETH Zürich, tritt ein solcher Zusammenbruch des arktischen Polarwirbels durchschnittlich sechsmal pro Jahrzehnt mit grosser Variabilität auf: In den 1990er-Jahren gab es nur zwei solche Ereignisse, in den 2000ern dagegen neun. Am gegenüberliegenden Südpol wurde 2002 zum ersten Mal ein Polarwirbel-Zusammenbruch beobachtet. Dies war selbst für Experten überraschend, da die Wissenschaftler bis dahin glaubten, dass solch ein Zusammenbruch dort nicht auftreten würde.
Kalte Wetterphänomene sind derweil kein Zeichen dafür, dass es die Erderwärmung nicht gäbe. Ganz im Gegenteil: Einige Klimaforscher messen einen Zusammenhang zwischen der Erderwärmung und der Häufigkeit der Polarwind-Zusammenbrüche. Laut Paul Ullrich, Professor für Klimamodellierung an der University of California, Davis (UC Davis) habe der Verlust des arktischen Eises aufgrund der Erderwärmung einen Einfluss auf den Polarwirbel. Die einst helle, stark reflektierende Eisfläche schmilzt und verwandelt sich in eine dunkle, wärmeabsorbierende Wasserfläche. Diese Temperaturveränderung in der Arktis habe einen Einfluss auf die plötzliche Erwärmung des Polarwirbels, und damit auch auf dessen Zusammenbruch. Diese Theorie ist derzeit noch umstritten, denn der Polarwirbel wird durch weitere Faktoren beeinflusst, insbesondere durch die Meeresströmungen El Niño und La Niña.
Wetter ≠ Klima
Das aktuelle kalte Wetter ist also kein Grund zum Aufatmen. Die jetzige Kältewelle in Europa ist bloss das „Wetter" und nicht das „Klima". Entscheidend sind die langfristigen Durchschnittstemperaturen. Als Faustregel gilt: Wetter ist das, was sich tagtäglich draussen abspielt: Sonne, Wolken, Regen, Schnee, Wind, Wärme, Kälte. Klima ist das, was über viele Jahre hinweg passiert — es ist das Wetter über einen längeren Zeitraum, genauer gesagt ab einer Periode von 30 Jahren. So kann es momentan dort, wo man lebt, sehr kalt sein, während die Durchschnittstemperatur auf der Erde sich trotzdem kontinuierlich erhöht. Den Nachweis dafür führen zahlreiche Studien, so auch die Messungen der Weltorganisation für Meteorologie: In den letzten 22 Jahren reihten sich die 20 wärmsten Jahre der vergangenen hundert Jahre fast nahtlos aneinander.
Quellen und weitere Informationen:
spektrum.de: Zusammenbruch des Polarwirbels bringt eisigen Winter nach Europa
ETH Zürich: Erwärmung in der Stratosphäre erzeugt kalte Winter
UC Davis: What Is the Polar Vortex?
WMO: WMO confirms past 4 years were warmest on record