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Chrestomathia Nganasanica
Das Nganasanische - bereits im UNESCO Red Book of Endangered Languages aufgeführt - wird nur noch von wenigen hundert Individuen in Westsibirien auf dem Gebiet der Tajmyr-Halbinsel (nordöstlich des Mündungsgebietes des Jenissei) gesprochen. Es handelt sich bei ihr um eine Schlüsselsprache zur Rekonstruktion des Protouralischen, dessen bekannteste Vertreter heute das Finnische und Ungarische darstellen.
Das Nganasanische bewahrt heute z. T. als einzige der uralischen Sprachen Besonderheiten, die selbst in seinen nächstverwandten (nordsamojedischen) Sprachen (Nenzisch, Enzisch) verloren gegangen zu sein scheinen (u.a. Vokalharmonie, Stufenwechsel).
Die (erst) in jüngerer Zeit aufgezeichneten Originaltexte geben Einblick in die mündlichen Überlieferungen und materielle Kultur der Nganasanen. Sie belegen eine enge areale Verbindung zu paläosibirischen indigenen Ethnien, die ihre teilweise sogar matriarchalischen Spuren hinterlassen zu haben scheinen.
Die vorliegende Chrestomathia Nganasanica verfolgt zwei Ziele. Zum einen sollen die schwer zugänglichen Texte übersetzt und ediert, d. h. standardgerecht transkribiert werden. Zum anderen wird im grammatischen Teil die Sonderstellung des Nganasanischen als linguistic knot hervorgehoben. Unter erstmaliger Einbeziehung bisher wenig bzw. unbekannter Belege aus den Manuskripten des Linguisten und Sibirienreisenden M. A. Castrén (1813-1852) wird versucht, u.a. eine neue Theorie über die Entstehung des nganasanischen Verbalsystems zur Diskussion zu stellen. Deshalb wird besonderer Wert auf die Darstellung einiger Aspekte der nganasanischen (samojedischen) Sprachgeschichte gelegt, die über den Rahmen einer herkömmlichen Chrestomathie hinausgehen.
Das Slovar' nganasansko-russkij i russko-nganasanskij diente als Grundlage einer zusammenfassenden Darstellung der vielfältigen und überraschend zahlreichen nganasanischen Ableitungen. Enthalten ist ferner eine weiterführende und vertiefende Auswahlbibliographie.
Michael Katzschmann
Der Autor wurde 1952 in Berlin geboren und studierte u.a. Finnougristik und Allgemeine Sprachwissenschaften in Göttingen. Er hielt sich im Anschluss 1978/79 als DAAD-Stipendiat in Ungarn (Budapest/Szeged) zur Vorbereitung seiner Dissertation auf. In Hamburg besuchte er die Fachhochschule für Bibliothekswesen. Er hat 1986 in Hamburg promoviert und arbeitet heute in Göttingen.
Er beschäftigt sich besonders mit den samojedischen Sprachen, vor allem dem Nganasanischen. Neben zahlreichen Aufsätzen publizierte er zusammen mit János Pusztay 1978 ein Jenissej-samojedisches (enzisches) Wörterverzeichnis.