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In der griechischen Mythologie war “Momos“ einer der vielen Söhne von Nix, der Göttin der Nacht, und eine Personifizierung des Tadels und der Reklamation, ein Meister spottender Kritik, der auch den Mut hatte, die Götter zu kritisieren. Auch in der römischen Mythologie taucht er auf als “Querella“, die von ihm abgeleiteten “Querelen“ sind auch im deutschen Sprachgebrauch bekannt.
Anhand seines scharfen Urteilvermögens wurde Momos auserwählt, zwischen Zeus, Athene und Poseidon zu entscheiden, wer von diesen drei Gottheiten tatsächlich die Fähigkeit hätte, etwas Besonderes zu schaffen. Zeus schuf das höchste aller tierischen Wesen, den Menschen. Athene schuf das Haus, indem der Mensch wohnen konnte, und Poseidon schuf den Stier. Momos, der anfangs unter den Göttern lebte und dafür bekannt war, dass er an gar nichts Gefallen fand, kritisierte den Stier, weil er keine Augen unterhalb der Hörner besass, um besser sehen zu können, wohin er stösst – den Menschen fand er misslungen, weil er kein Fenster zu seinem Herzen besass, damit man ihm seine eventuelle Schlechtigkeit ansehen könnte – und das Haus gefiel ihm nicht, weil es an seiner Basis keine Räder besass, damit man sich von einem unleidlichen Nachbarn entfernen könnte. Nach so viel Kritik wurde er schliesslich von Zeus aus dem Olymp geworfen.
Erstmals taucht “Momos“ wieder in der spanischen Literatur des 16. Jahrhunderts auf, in einem Werk aus dem Jahr 1553: “El Momo. La moral y muy graciosa historia del Momo: compuesta en latín y trasladada al castellano por Agustín de Almacan. En Alcalá de Henares“. (“Der Momo. Die moralische und sehr lustige Geschichte von Momo: aus dem lateinischen in Alcalá de Henares (Madrid) ins spanische übersetzt von Augustinus von Almacan.“)
Danach entwickeln sich zahlreiche Geschichten, die sich mit dieser grotesken Persönlichkeit beschäftigen. Die lustige spanische Novelle “La pícara Justina“ (“Die hässliche Justina“), erstmals publiziert im Jahr 1605 in Medina del Campo, spielt auf den König Momo an, indem sie ihn als “Rey Mono“ parodiert – den Affenkönig: “Ya guisa del rey Mono, hizo su trono“ („Als er König Momo war, machte er sich seinen Thron“ und “Hizo de las capas un trono imperial, poniendo por respaldar dos desaforados cuernos, parecía rey Mono puramente.“ („Er machte aus den Schichten einen kaiserlichen Thron, erstellt mit Unterstützung von gewaltigen Hörnern, so erschien ein reiner König Momo.“) Barbadillo nimmt diese Tradition und die illustre Persönlichkeit im Jahr 1627 wieder auf, in seinem Werk “Estafeta del Rey Momo“ („Die Stafette von König Momo“).
Die Figur erscheint 1888 beim Karneval von Barranquilla, in Kolumbien, als Symbol eines “Rei Burlesco da Antiguidade“ (eines burlesken Königs der Antike), in Gestalt einer fröhlichen und närrischen Persönlichkeit, die den antiken König Momo ersetzte, der einst in den bürgerlichen Salons von Barranquilla gekrönt wurde. Diesem “neuen König Momo“ wurde die Autorität übertragen, die karnevalistische Unordnung anzuführen und das feierliche Zeremoniell der Palast-Administranten parodieren zu dürfen, die zur Kolonialzeit auf öffentlichen Plätzen die Anweisungen des Königs zu verlesen pflegten. Die Sitte, einmal im Jahr einen König Momo zu benennen, hat sich in Barranquilla bis zum heutigen Tag erhalten – dieser Narrenkönig muss sich durch seine permanente Fröhlichkeit und Sympathie auszeichnen, und ihm obliegt die Aufgabe, die Parade “Desfile del Sur“ in der “Calle 17“ der Stadt zu organisieren.
Zur selben Zeit wurde das Begräbnis des Königs Momo beim Karneval von Montevideo (in Uruguay) gefeiert. Diese Figur ersetzte bei der Eröffnung der karnevalistischen Paraden den spanischen Klassiker “Marqués de las Cabriolas“.
Im antiken Rom wurde der schönste Soldat dazu bestimmt, den Gott Querella beim Karneval zu repräsentieren – er wurde vorübergehend zum König gekrönt und wurde während der drei Festtage wie die höchste lokale Autorität behandelt – und als Gastgeber der gesamten Orgie. Nach Beendigung der Festlichkeiten wurde der Narrenkönig dann auf dem Altar des Saturns geopfert. Später begann man damit, den dicksten Mann von Rom als Narrenkönig auszuwählen, als Symbol des Überflusses, der Exzesse und der Extravaganz.
Nun zum “Rei Momo“ von Rio de Janeiro
Schon längere Zeit war der Rei Momo eine Figur des Carioca-Karnevals, und auch in anderen Städten, ohne dass er zu einer speziellen Autoritätsperson avanciert wäre. Im Jahr 1910 verkörperte der schwarze Clown Benjamin Oliveira den Rei Momo zum ersten Mal in Rio de Janeiro, in einer Präsentation des Zirkus Spinelli.
Die aktuelle Figur des “Rei Momo carioca“ soll im Jahr 1933 entstanden sein, als Edgard Pilar Drumond, auch bekannt als “Plamenta“, ein karnevalistischer Chronist, zusammen mit dem Journalisten Vasco Lima und anderen Journalisten der Zeitung “A Noite“, eine Puppe aus Pappmaché schufen, die sie “Rei Momo I e Único“ nannten – geformt von dem Künstler Hipólito Colombo.
1934 entschied sich dieselbe Zeitung, den König nunmehr in Fleisch und Blut darzustellen – mit der Auflage, dass es ein fröhlicher, sympathischer, gutmütiger Typ sein müsse, ein guter Redner und mit einem Profil der Gefrässigkeit – eine eigenwillige Vision des Rei Momo – im Unterschied zu den Karnevals von Nizza, New Orleans und Köln. Der Auserwählte war Moraes Cardoso, Chronist des Pferdesports in derselben Redaktion, der sofort zustimmte. Als man die Meinung des Maestro Sílvio Piergilli vom Munizipal-Theater hinsichtlich der Ausstattung des zukünftigen Königs einholte, und dieser von der Leibesfülle des Auserwählten erfuhr, übergab er dem Gremium die Requisiten des Herzogs von Mantua, einer Figur aus der Oper “Rigoletto“ von Verdi. Und so kam es, dass unter den Jubelrufen “Vive le Roi!“ (Es lebe der König ) und “Evoé Momo!“ der Reporter, Putzfrauen und anderen, angeführt von Pilar Drumond, der erste “Rei Momo“ Rio de Janeiros aus der Taufe gehoben wurde. Es ist nicht ganz klar, ob die beiden Rein Momos – der aus Pappe und der aus Fleisch und Blut – bei diesem Karneval koexistiert haben.
Moraes Cardoso wurde fast 15 Jahre lang – von 1934 bis 1948 – zum König des Carioca-Karnevals gekrönt. Bis zu seinem Tod nahm er an den Karnevalsparaden teil, wo ihm mit Luftschlangen und Konfetti die Ovationen der Fans zuteil wurden, und er stets mit einem “Vive le Roi!“ (Es lebe der König) von Freunden und in seiner Redaktion begrüsst wurde. Nach seinem Tod Übernahmen die karnevalistischen und journalistischen Stellen die Auswahl des Karnevalkönigs, denn die Präsenz des Rei Momo war zur Tradition unter den Narren geworden. Ein staatliches Gesetz von 1968 bestätigte seine Wahl als offiziell.
Die Bedeutung des Rei Momo für die Stadt Rio de Janeiro kann man aus der Tatsache entnehmen, dass verschiedene Präfekten in den ersten Tagen des Karnevals die Schlüssel der Stadt dem “König aushändigen – ab diesem Moment ist er symbolisch der regierende König der Stadt.
Heutzutage hat man in verschiedenen Bundesstaaten Brasiliens einen Wettbewerb eingerichtet, um den jeweiligen Rei Momo zu wählen. Um daran teilzunehmen, sollte der Anwärter in erster Linie besonders sympathisch sein, Frohsinn ausstrahlen und mindestens 120 Kilogramm auf die Waage bringen. Dieses letzte Requisit scheint man in den letzten Jahren aufgrund der durch Übergewichtigkeit verursachten Gesundheitsprobleme langsam zu vernachlässigen.
Der aktuelle Rei Momo (seit 2009) in Rio ist Milton Rodrigues da Silva Júnior (Milton Júnior).