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Vögel kreischen und zwitschern. Nur eine Tür trennt Elisabeth Schlumpfs Büro von der Voliere und der Auffangstation. An der Pinnwand hängen einige Zeitungsausschnitte: Berichte über die Voliere Zürich, über den weltweiten Vogelbestand sowie über einen Dottertukan, der eine Teil-Schnabelprothese trägt. Auf dem Fenstersims sitzt eine ausgestopfte Tangare, am Boden steht ein leerer Käfig. Ein älterer PC surrt. Immer wieder klingelt das Telefon. «Entschuldige, es ist Hochsaison», sagt Elisabeth.
Dieser Jungvogel ist im Sihlwald aus dem Nest gefallen. Ein Mädchen und seine Mutter bringen das geschwächte Tier in die Voliere.
Elisabeth führt die Voliere. Einen gewöhnlichen Job hat sie nicht: Sie pflegt die Vögel, darunter auch bis zu 2000 Wildvögel, und die rund 50 bis 70 Stubenvögel, welche die Voliere pro Jahr aufnimmt. Einige dieser Tierchen werden ausserhalb der Öffnungszeiten in eine der zwei Klappen gelegt, die 1957 installiert wurden. «Noch vor der Babyklappe in Einsiedeln», sagt Elisabeth und lacht. Viele Vögel werden auch persönlich vorbeigebracht.
Einige der Tierchen werden in eine der zwei Klappen gelegt, die 1957 installiert wurden.
Jetzt steht ein junger Mann im Büro. In seinen Händen hält er vorsichtig ein Nest. Drei Küken, so klein wie ein halber Zeigfinger, liegen darin. «Das sind Gartenrotschwänze, höchstens zwei Tage alt», sagt Elisabeth. Schützend hält sie ihre Hand über die Vögelchen, während sie mit dem Mann spricht. Er habe für Bauarbeiten das Nest versetzt, aber kurze Zeit später die Tiere am Boden liegen sehe. Schliesslich habe er sie eingesammelt und in die Voliere gefahren. Elisabeth klärt ihn auf, dass das Umplatzieren von Nestern selten funktioniere – und er während der Schlüpf- und Aufziehzeit die Tiere sowieso nicht hätte stören dürfen.
Sechzig Vögelchen werden im Moment von Elisabeth und ihren Kollegen aufgepäppelt. Rund die Hälfte wird es schaffen. «Viele Tiere sind stark verletzt, wenn sie zu uns gebracht werden», so Elisabeth. Etwa jeder dritte Vogel wurde von einer Katze attackiert, die Küken fallen meist mehrere Meter aus dem Nest. Wurden sie von ihren Eltern verstossen, hatte dies ihre Gründe. «Vögel spüren es, wenn mit dem Nachwuchs etwas nicht stimmt und ziehen ihn dann nicht gross. Sie dürfen ihre Energie nicht verschwenden», so Elisabeth.
Sechzig Vögelchen werden im Moment aufgepäppelt. Rund die Hälfte wird es schaffen.
Sobald Elisabeths Schützlinge selber fressen können, kommen sie in die Auswilderungsstation in Affoltern am Albis. Dort lernen sie vorsichtig das Leben in der Natur kennen. Bereits in der Auffangstation der Voliere wird der mBenschliche Kontakt so stark eingeschränkt wie möglich. «Wir sind nur die Fütterungsmaschine», so Elisabeth. Besonders Rabenvögel würden sich rasch an Menschen gewöhnen und zutraulich werden. Lässt man solche Tiere frei, überleben sie nicht.
Dieser Dottertukan ist einer der ständigen Bewohner der Voliere. Er trägt eine Teil-Schnabelprothese.
Immer wieder erhält Elisabeth auch Anrufe von Personen, die sich daheim um ihre Findlinge kümmern wollen. Doch das ist eine Straftat. Um Wildtiere selbst aufziehen zu können, braucht es eine Haltebewilligung, auch wenn es nur ein kleiner Spatz ist. «Natur muss geschützt werden. Stelle dir vor, was passiert, wenn jeder einen Baum vom Wald mitnehmen würde!», so Elisabeth.
In der Schweiz sind die Wildvögel immer stärker bedroht. Ihr Lebensraum verkleinert sich weiter. «Mittlerweile nisten sogar Amseln in Storenkästen. Das habe ich früher nie gesehen», so Elisabeth. Sie sagt, dass die Menschen keinen grossen Bezug zu Vögeln haben. «Es sind halt keine Kuscheltiere.» Kürzlich habe sie gar ein Mann angerufen, der wissen wollte, wie er am Morgen die Amseln zum Schweigen bringen könnte. Er lebte mitten in der Stadt. «Ich habe ihn nur gefragt, ob ihn die Strassenbahn und der Verkehr nicht stören würden.» Kein Verständnis hat Elisabeth auch für Halter, die flügge werdende Wildvögel lieber in die Auffangstation bringen wollen, als ihre Katze für eine Woche im Haus einzusperren. «Dabei könnten so die jungen Vögel einfach gerettet werden.»
In der Schweiz sind die Wildvögel immer stärker bedroht. Ihr Lebensraum verkleinert sich weiter.
Auch die Feuerwehr und die Polizei sammeln immer wieder verletzte Vögel ein.
Elisabeth arbeitet seit 18 Jahren in der Vogelvoliere. Erst half sie in einer strengen Zeit nur ihrer Schwester aus, die ausgebildete Tierpflegerin ist. Mittlerweile ist Elisabeth Geschäftsführerin, zehn Jahre lang war sie Präsidentin der Voliere Gesellschaft Zürich. Sie hat in verschiedenen Kursen ihr Wissen über Vögel erweitert. Während der Saison – die je nach Wetter von März bis August dauert – hat sie mehrere 12-Stunden-Tage. Wenn sie einen Exoten von Hand aufziehen muss, nimmt sie ihn gar nach Hause. Denn anders als die einheimischen Vögel müssen diese auch in der Nacht gefüttert werden. Zu diesen Tieren baut Elisabeth eine enge Beziehung auf. Doch sie zwingt sich, sich davon zu lösen. «Das ist zwar schwierig, aber nötig. Es sind schliesslich keine Haustiere.»
Besucherhalle Dienstag bis Sonntag, 10–12 Uhr und 14–16 Uhr Montags geschlossen
Notfallstation Täglich 10–12 Uhr und 14–16 Uhr
Infos
Jährlich besuchen rund 45’000 Personen die Voliere – darunter viele Touristen, Ornithologen, Familien und Schulklassen. Über 80 Vögel aus der ganzen Welt leben in der Voliere, die seit 1903 öffentlich ist. Der Verein wurde von J. J. Burkhard 1898 gegründet. Die Voliere wird durch Beiträge und Spenden von Mitgliedern sowie von Privatleuten, Stiftungen und der Stadt Zürich finanziert.