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LuhmannGG866
Selbstbeschreibungen
1. Die Erreichbarkeit der Gesellschaft:
Im abschließenden Kapitel wird unser Thema zum Thema, nämlich die Gesellschaft der Gesellschaft.
Unser Ausgangspunkt ist, das keine Gesellschaft sich selbst mit ihren eigenen Operationen erreichen kann. Die Gesellschaft hat keine Adresse. Sie ist auch keine Organisation, mit der man kommunizieren könnte. Dies ist, empirisch gesehen, ein wohl unbestreitbarer Sachverhalt.
Auch die Erklärung bereitet uns keine Schwierigkeiten. Wir können uns auf die Analyse des Mediums Sinn berufen, dass mit jeder kommunikativen Verwendung neue Möglichkeiten reproduziert, die das verändern, was als Gesellschaft vorausgesetzt werden muss.
Boe: vgl. Semiotik Peirce: Semiose
Einen anderen Zugang bietet die Mathematik selbstreferentieller Systeme. Wenn das Gesellschaftssystem die Differenz von System und Umwelt nicht nur erzeugt, sondern sich außerdem noch daran orientiert, liegt ein Fall eines „re-entry“ einer Form in die Form (einer Unterscheidung in die Unterscheidung) vor, der das System in den Zustand einer „unresolvable indeterminacy“ versetzt. „Unresolvable“ heißt, dass die normalen mathematischen Operationen der Arithmetik und der Algebra nicht mehr zu eindeutigen Ergebnissen führen.
Das System braucht imaginäre Zahlen oder imaginäre Räume, um sich weiterzuhelfen.
Boe: vgl. G.Spencer Brown, Sylvia Taraba
Dies ist sicher kein Argument, das für die Gesellschaftstheorie irgendetwas beweist, aber die kommunikative Unerreichbarkeit der Gesellschaft also das Versagen der Operationen, die das System reproduzieren, steht empirisch eindeutig fest, und auch hier
gibt es statt dessen imaginäre Konstruktionen der Einheit des Systems, die es ermöglichen, in der Gesellschaft zwar nicht mit der Gesellschaft, aber über die Gesellschaft zu kommunizieren. Wir werden solche Konstruktionen „Selbstbeschreibungen“nennen.
Boe: Selbstbeschreibung als Kognition
867 In der abendländischen Tradition, der wie (auch in diesem Buch) zunächst unreflektiert folgen, legt es nahe, Selbstbeschreibung als Kognition aufzufassen. Das setzt voraus, dass das erkennende Subjekt und das erkannte Objekt sich unterscheiden und trennen lassen, dass die Kognition besonderen Regeln unterworfen wird, die verhindern, dass die Eigenarten und Vorurteile der einzelnen Subjekte sich auswirken, und dass das Objekt (in unserem Falle: die Gesellschaft) sich nicht dadurch ändert, dass es einem Verfahren des Erkanntwerdens ausgesetzt wird.
Boe: Zitat
Die Erkenntnis sucht intersubjektive Gewissheit auf der Seite des Subjekts und setzt stabile Objekte voraus.
Wir wissen, das die Physik aus mehrfachen Gründen diese Annahmen gesprengt hat. Für die Soziologie stellt sich die Frage, ob nicht das Subjekt/Objekt- Schema einerseits ein Produkt gesellschaftlicher Sinnmanipulation ist. Wäre dies der Fall, dann hätten wir es mit einem Zirkel zu tun: das Kognitionsschema ist ein Aspekt des Objekts, das mithilfe dieses Schemas erklärt werden soll. Das muss nicht auf ein Desaster hinauslaufen speziell für die Gesellschaftstheorie führt dies aber vor die Frage, ob und in welchem Sinne sie sich als Kommunikation eines Subjekts begreifen kann, dass ein Objekt erkennt.
Boe: Selbstbeschreibung = imaginäre Konstruktion
Mit dem Begriff der imaginären Konstruktion = Selbstbeschreibung haben wir eine Position vorbereitet, auf die man übersetzen kann, wenn man auf das Kognitionsschema Subjekt/Objekt verzichtet.
Allerdings ist Vorsicht angebracht. Der Begriff des Subjekts, das Objekte zugleich in sich und außer sich hat, war als ein Modell für das laufende Operieren mit der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz entworfen, das unserem Problem des kognitiven Status von Selbstbeschreibung sehr nahe kommt.
Diese Lösung war aber nur, darauf kommen wir unten zurück, eine Verlegenheitslösung für eine Zeit, die ohnehin nicht in der Lage war, adäquate semantische Ressourcen für eine Beschreibung der modernen Gesellschaft zu mobilisieren.
In dem Maße, in dem die moderne Gesellschaft dieses Defizit abarbeitet und zugleich auf Erfahrungen mit sich selbst zurückgreifen kann, verliert das Subjekt an Überzeugungskraft und verblasst schließlich zu einem Alternativausdruck ohne eigenes Gewicht für Menschen, Individuen, Personen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die historische Semantik der Subjektivität uns nichts mehr zu sagen hätte. Sie reflektiert ja, zumindest das, im Subjekt die Differenz von Subjekt und Objekt.
Wir müssen daher einen kurzen Umweg über dieses schwierige Terrain nehmen um zu prüfen, ob und wieviel in der Theorie des Subjekts für eine Theorie gesellschaftlicher Selbstbeschreibung schon vorgearbeitet war.
868
II. Weder Subjekt noch Objekt
Als Subjekt bezeichnet man nicht eine Substanz, die durch ihr bloßes Sein alles andere trägt, sondern Subjekt ist die Selbstreferenz selbst als Grundlage von Erkennen und Handeln.
Die Erfahrungen mit dieser Denkfigur sind jedoch nicht derart ermutigend, dass man der Versuchung nachgeben sollte, sie ohne weiteres auf die Gesellschaft zu übertragen - die Gesellschaft als das eigentliche Subjekt ansehend, sie vielleicht Geist titulierend oder Intersubjektivität und ihr dann als das zumutend, was man vordem dem individuellen Bewusstsein zugemutet hatte. Man braucht die Ergebnisse der Subjektphilosophie nicht zu ignorieren; aber man kann sie wie Untiefen ansehen, auf die das Schiff der Gesellschaftstheorie nicht auflaufen sollte.
Eine Reihe von Ergebnissen bleiben wichtig und übernehmbar. Dazu gehört, dass die auf operativer Ebene (klassisch: als Denken) etablierte Selbstreferenz alle codierten Vorgaben unterläuft, auch die von wahr und unwahr. Sie kann sich selbst daher auch mit unwahren Resultaten bestätigen. Mit dem Entfallen der Code-Vorgabe entfallen auch die Kriterien, die man braucht, um sich für den einen oder den anderen Wert des Codes zu entscheiden.
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Sowohl Codierungen als auch Kriterienbildungen sind Eigenleistungen der selbstreferentiellen Operationsweise, sind, wie Mathematiker sagen würden, Eigenwerte ihres rekursiven Operierens. Im Anschluss an die Bewusstseinstheorie kann man daher auch von kriterienloser Selbstidentifizierung des selbstreferentiellen Operierens sprechen. Ebenso beachtenswert bleibt die operative Fassung des Reflexionsbegriffs mit der Implikation, dass die Operation in ihrem Vollzug weder die Möglichkeit hat noch darauf angewiesen ist, sich selbst ihrem Thema einzuordnen, sich selbst mitzureflektieren.
Die klassische Subjektphilosophie hatte auch dieses Problem noch mit dem Schema Subjekt/Objekt einzufangen versucht, hatte auf eine sub- objektive Operation gesetzt. Und war daran gescheitert. Kant hatte zwar in dem schwierigen, jedenfalls zu knapp gefassten Hauptstück „Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe“ den Versuch unternommen, das Problem des Verhältnisses von Außenwelt und Erkenntnis im Subjekt selbst zu lösen, und zwar mithilfe eines „re-entry“ der Unterscheidung in sich selbst: ins Subjekt.
Dabei kam es zu einer auffälligen Verschiebung des Problems aus der Sachdimension (Übereinstimmung) in die Zeitdimension. Kant betont, dass trotz der radikalen Verschiedenheit von Gegenstand und Vorstellung in deren Verhältnis „Gleichartigkeit“ erforderlich sei; und er hatte diese Gleichartigkeit nicht in einer Abbildung der einen in der anderen gesehen, sondern im Verhältnis zur Zeit.
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Die Mannigfaltigkeit der Gegenstände sei dem inneren Sinn als ein Zeitverhältnis gegeben, und eben deshalb müsse sich die Vorstellung eines Gegenstandes eines „Schematismus“ bedienen, der den Gegenstand nicht abbilde, sondern ein Verfahren der Konstruktion des Gegenstandes (wie zum Beispiel das Ziehen eines Kreises) an die Hand gebe und damit seinerseits Zeit in Anspruch nehme.
Das muss als Hinweis für weiterführende Überlegungen interessieren, aber bei Kant selbst liegt diese Lösung ganz im Bereich der Subjektivität, nämlich im Verhältnis des inneren Sinnes zu den Vorstellungen des Verstandes - und nicht im Verhältnis des Subjekts zur Außenwelt. So war denn auch der Rückschluss Schleiermachers auf die Notwendigkeit einer externen (transzendenten) Begründung der Einheit dieser Differenz eine verständliche Konsequenz, was immer man von der religiösen Fassung dieses Auswegs halten mag.
All das mitbedacht, muss man dem Subjektbegriff, wenn er den mit Einmaligkeitsprätentionen auftritt, die Frage stellen, von was das Subjekt sich selbst unterscheidet: von der Welt? Von Objekten? Von anderen Subjekten? Oder nur von sich selbst, vom Nicht-Ich.
Wenn man das (transzendentale) Subjekt so versteht, dass es nur von sich selbst abhängt, transformiert man das Problem des In-der-Welt-Seins in einem Problem des In-Sich-Selbst-Seins. Das hat zur Folge, dass das Subjekt irreflexiv wird in Bezug auf die primären Unterscheidungen, denen es die Möglichkeit des Beobachtens verdankt.
Zumindest insoweit kann es dann auch, selbst wenn es wollte, die eigene Einbettung - sei es in die Welt, sei es in die Gesellschaft - nicht mehr reflektieren. Es wird seine Bedingungen der Möglichkeit des Beobachtens unterscheiden müssen von dem, was andere ihm dann als Ideologie, als historische Bedingtheit, als „male bias“ usw. zu rechnen. Es kann auf dieser Ebene nicht mitdiskutieren, weil es die eigene Kontingenz nicht voll reflektieren kann. Es hat dann nur noch die Möglichkeit, sich selbst dogmatisch vorauszusetzen.
Außerhalb der akademisch diskutierten Möglichkeiten zeigt die Form des Subjekts noch eine ganz andere Seite, indem sie sich ebenfalls als Paradox spiegelt.
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Das Subjekt strebt nach „Selbstverwirklichung“ – und erreicht dies über ein Copieren von Individualitätsmustern, die es im Leben und vor allem in der Literatur vorfindet.
Es operiert bewusst, braucht aber, um dies tun zu können, eine unbewusste Grundlage, die all das aufnimmt, was nicht bewusst werden kann.
Boe: Beobachtung 0. Ordnung, vgl. Egidy
Diese Zwei-Seiten-Form reagiert bereits genau auf das Problem, das uns unter dem Stichwort Selbstbeschreibung beschäftigen soll.
Eine Selbstbeschreibung kann gar nicht anders als: etwas bezeichnen und anderes im Unberzeichneten belassen. Sie legitimiert und delegitimiert sich selbst in einem Zuge. Dies kann zwar noch bemerkt, aber nicht „aufgehoben“ werden; denn das Bemerken ist nur noch autologisch möglich, es vollzieht selbst die Differenz, die es bemerkt.
Wahrscheinlich liegt hier der verborgene Grund, der dann auch die zugelassenen Subjekt-Unterscheidungen in Schwierigkeiten bringt. Wenn es um die kognitiven Operationen des Beobachtens und des Beschreibens geht, wird man in der Tradition vermutlich die Unterscheidung von Subjekt und Objekt heranziehen.
Dem Subjekt kann zugemutet werden, diese Differenz in sich selbst zu reflektieren und sie (und sich) auf diese Weise herzustellen. Das Subjekt bestimmt sich als Subjekt im Unterschied zum Objekt, und genau dies ist die Weise, in der es den Unterschied zum Objekt erzeugt.
Dann bleibt allerdings der Status von Welt unbestimmt und vor allem der Unterschied eines Subjekts von anderen unberücksichtigt.
Boe: Umwelt (Es) - Mitwelt (Du) - vgl. Günther, Taraba
vgl. LuhmannGG1114
Ein solches Subjekt kann weder in der Welt vorkommen, denn das würde heißen, dass die Welt sich selbst reflektiert, noch könnte es ein Individuum sein, das sich von anderen Individuen unterscheidet.
Boe: vgl. George Spencer Brown, LoF 105: Thus we cannot escape the fact that the world we know is constructed in order (and thus in such a way as to be able) to see itself. This is indeed amazing. Not so much in view of what it sees, although this may appear fantastic enough, but in respect of the fact that it can see at all.
But in order to do so, evidently it must first cut itself up into it least one state which sees, and it least one other state which is seen. In this severed and mutilated condition, whatever the sees is only partially itself. We may take it that the world undoubtedly is itself (i.e. is indistinct from itself), but, in any attempt to see itself as an object, it must equally undoubtedly, act* (actor, antagonist. We may note the identity of action with agony.) so as to make itself distinct from, and therefore false to, itself. In this condition it will always partially elude itself.
Boe: Nochmals!! - im Zusammenhang des Argumentes:
Dem Subjekt kann zugemutet werden, diese Differenz in sich selbst zu reflektieren und sie (und sich) auf diese Weise herzustellen. Das Subjekt bestimmt sich als Subjekt im Unterschied zum Objekt, und genau dies ist die Weise, in der es den Unterschied zum Objekt erzeugt.
Dann bleibt allerdings der Status von Welt unbestimmt und vor allem der Unterschied eines Subjekts von anderen unberücksichtigt.
Ein solches Subjekt kann weder in der Welt vorkommen, denn das würde heißen, dass die Welt sich selbst reflektiert, noch könnte es ein Individuum sein, das sich von anderen Individuen unterscheidet.
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Es kann daher auch nicht an Kommunikation teilnehmen. Erst recht kann kein Subjekt, wenn es ein Individuum sein soll „dasselbe denken“ wie ein anderes; denn Individuum kann es nur sein aufgrund einer operativen Schließung und Selbstreproduktion seines eigenen Erlebens. Heute liest man sogar, das Selbigkeit immer schon Institution ist. Ohne Individualität wäre aber das Subjekt nichts anderes als eine semantische Figur - oder die Regel - der Selbstreflexion. Es wäre danach nichts anderes als die Fähigkeit zu unterscheiden, zumal auch diese Fähigkeit Selbstreferenz impliziert.
Fussnote12: At least one distinction is involved in the presence of selfreference. The self appears, and an indication of that self can be seen as separate from the self. Any distinction involves the selfreference of “ the one who distinguishes”. Therefore, selfreference and the idea of distinction are inseparable (hence conceptually identical). Louis H.Kauffman
Dieses zunächst zirkuläre Implikationsverhältnis kann man dadurch entfalten, dass man den beiden Begriffen unterschiedliche Gegenbegriffe attachiert und sie dadurch unterscheidet. Von Selbstreferenz spricht man im Unterschied zu Fremdreferenz, von Unterscheidung im Unterschied zu Bezeichnung.
Damit werden reichere Formulierungen möglich, etwa mit der Frage, was ein selbstreferentielles System operativ unterscheiden und bezeichnen ( = beobachten) kann und wie es beim Beobachten Selbst- und Fremdreferenz zugleich aktualisiert, weil es nur auf diese Weise eine Beobachtung, auch wenn nicht auf sich selbst gerichtet, als eigene Operation vollziehen kann.
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Was „zugrundeliegt“ ist demnach die Benutzung einer Unterscheidung zur Differenzierung von gleichzeitig praktizierter Selbst- und Fremdreferenz. (Fussnote13: Darauf würde man auch mit einer Dekonstruktion im Sinne Derridas stoßen, nämlich mit einer Dekonstruktion von Asymmetrieannahmen, die das Objekt nur als „supplément“ des Subjekts führen, während in Wahrheit das Subjekt ohne Objekt (ohne die andere Seite der Form) gar kein Subjekt sein könnte - so wie die Philosophie ohne Schrift keine Philosophie.)
Die Benutzung einer Unterscheidung zur Bezeichnung ihrer eigenen (und nicht der anderen) Seite ist aber immer eine nur momenthaft aufblitzende Operation, die aufhört, sobald sie zu Stande kommt.
Das legt es nahe, das Problem der Erkenntnis einer unabhängig von ihr bestehenden Welt in die Zeitdimension aufzulösen.
Die Realitätsgarantie kann nur in der Art und Weise liegen, in der ein System die Zeitdifferenzen seiner eigenen Operationen überbrückt, und dies gleichzeitig mit dem, was es als Umwelt voraussetzt. Wenn es aber dies ist, was die „Gleichartigkeit“ (Kant) des Erkenntnisverfahrens mit der Gegenstandswelt, die es konstruiert, sichert:
was spräche dagegen, nach anderen empirischen Systemen mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion zu suchen?
Boe: the universe, Sinn-Systeme: psychische Systeme - Bewusstsein, soziale Systeme? autopoietische - selbstreferentielle Systeme
Der Fall des Gesellschaftssystems ist ein solcher Fall. Er ist zudem, jedenfalls unter heutigen Bedingungen, ein Fall ohne andere Subjekte, das heißt: ohne andere Gesellschaften. Insofern gibt es in diesem Falle keine Subjektivität, also auch keine Intersubjektivität, also auch keine an Intersubjektivität ausgewiesene Objektivität.
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Aber es gibt die operative Möglichkeit der Selbstbeobachtung und der Selbstbeschreibung. Es gibt im Vollzug dieser Operationen Autologieprobleme.
Die Kommunikation über Kommunikation ist selbst eine Kommunikation, der Begriff der Generalisierung generalisiert selber. Jede Operation dieses Systems produziert wie man auch dem Subjekt zugestehen musste, eine Differenz von System und Umwelt.
Manche Probleme der Subjektphilosophie lösen sich dadurch auf, vor allem das Problem der Intersubjektivität. Anders als oft angenommen, hängt das Funktionieren von Sozialbeziehungen, für uns also: die Autopoiesis ist der Gesellschaft, nicht von „Intersubjektivität“, geschweige denn von „Konsens“ ab. Weder ist Intersubjektivität immer schon gegeben, noch lässt sie sich herstellen (was voraussetzen würde, das man feststellen kann ob sie erreicht ist oder nicht).
Ausschlaggebend ist stattdessen, dass Kommunikation fortgesetzt wird - wie immer das dazu notwendige Bewusstsein zum Mitmachen bewogen wird. Nie lässt sich in der Kommunikation feststellen, ob Bewusstseinsysteme „authentisch“ dabei sind oder auch nur das zum Fortgang notwendige beitragen.
Andere Probleme der Subjektphilosophie werden, wenn dieses Kernstück herausgebrochen ist, erst recht problematisch. Solange man von einer Mehrheit von Subjekten ausgehen konnte, machte es keine Schwierigkeiten, sich den Beobachter des Subjekts als externen Beobachter, nämlich als anderes Subjekt, vorzustellen. Die Gesellschaftstheorie muss dagegen auf die Möglichkeit adäquater externer Beobachtung verzichten.
Sie kann zwar formell konzedieren, das die Gesellschaft durch die Bewusstseinssysteme der Einzelmenschen oder auch durch ihre Körper, ihre Immunsysteme usw. beobachtet wird; aber solche Beobachtungen sind angesichts der als Gesellschaft gegebenen Komplexität hoffnungslos inadäquat.
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Wir haben also einen Fall, den die Subjektphilosophie nicht zu berücksichtigen brauchte, den Fall, dass alle Kognition über Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung gesteuert wird. Auf eine kompetente (wenn auch eigensinnige) externer Beobachtung muss man verzichten. Das System selbst muss auch die Beobachtung seines Beobachtens, die Beschreibung seiner Beschreibungen leisten. Es kann deshalb weder als Subjekt noch als Objekt im klassischen Sinne dieser Unterscheidung begriffen werden.
875 Mit dem Verzicht auf die Unterscheidung Subjekt/Objekt vermeiden wir auch die leichtfertige Gleichsetzung von „subjektiv“ und „willkürlich“. In der Realität gibt es keine Willkür, die gleichsam am Subjekt haftet. Der Begriff kann zwar beibehalten werden, aber nur zur Bezeichnung der begrenzten Kompetenz externer Beobachter. Wir können es deshalb vermeiden, einer vermeintlichen Objektivität oder entsprechend: eine Intersubjektivität Willkürkontrollfunktionen zuzuschreiben.
Wir kommen aus mit der Beschreibung von Systemverhältnissen auf der Ebene der Beobachtung erster beziehungsweise zweiter Ordnung, und „Willkür“wird damit zu einem Beschreibungsnotbehelf.
Boe: Beobachtung 1. Ordnung - Beobachtung 2. Ordnung - Wann erscheint die "Notwendigkeit" von Beobachtung 0. Ordnung (Grund, Basis, Ausgangslage?) und Beobachtung 3. Ordnung ( Matrix - Sinn - Reflexion der Reflexion?) ?
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An die Stelle des klassischen Problems der Intersubjektivität, die sich teils von selbst versteht und teils erarbeitet werden muss, trägt jetzt die Tatsache, dass gesellschaftliche Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen, da sie ja nur als Kommunikation überhaupt vorkommen können, sich ihrerseits der Beobachtung und Beschreibung aussetzen. Das führt zu einer ständigen Neubeschreibung bereits vorliegender Beschreibungen und damit zur laufenden Erzeugung inkongruenter Perspektiven.
Boe: vgl. Stefan Weber: Non-dualistische Medientheorie
Selbstbeschreibung ist deshalb zwar ein und nur ein Problem; aber es generiert, wenn es überhaupt thematisiert wird, was zwangsläufig mehrere Lösungen. Das System tendiert zur „Hyperkomplexität“, zu einer Mehrheit von Auffassungen seiner eigenen Komplexität.
Boe: Form
Ein weiteres Problem kann man an der Form verdeutlichen, die ein Beobachter verwenden muss, um ein System als System zu beschreiben, nämlich die Unterscheidung von System und Umwelt.
Wenn der Beobachter diese Unterscheidung verwendet, um die Welt entsprechend zu spalten in das jeweilige Referenzsystem und dessen Umwelt, muss er sich selbst entweder in diesem System oder in dessen Umwelt verorten.
In jedem Falle tritt die Beobachtung selbst in die Form ein, die sie der Beobachtung zu Grunde gelegt, und sie hat allenfalls die Wahl: auf der Innenseite oder auf der Außenseite der Form.
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Wenn es zu Beschreibungen gesellschaftlicher Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibung kommt, muss dem Rechnung getragen werden. Das sich selbst beschreibende System befindet sich stets nur auf der einen Seite einer Differenz, die es selber erzeugt hat. Es kam die Unterscheidung ja nur durch Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite aktualisieren. Es muss daher die Differenz in das durch sie getrennte auf einer der Seiten wieder eintreten lassen.
Es muss in den Begriffen von Spencer Brown ein „re-entry“ der Form in die Form, der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene, des Unterschiedes von System und Umwelt in das System vollziehen. Und damit verwandelt sich der unbestimmte Ausgangszustand, der „unmarked state“ Spencer Browns, in den „imaginären Raum“, von dem man zumindest dies sagen kann: dass er Selbstbeobachtungen und re-entries vorkommen lässt. vorkommen und also beobachtbar werden lässt!
Während aber die Transzendentaltheorie auf „functional prerequisites“ setzte um die Syntheseleistungen zu erklären, die der Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit des Subjekts als Bedingungen ihrer Möglichkeit zu Grunde liegen, führt die Mathematik des re-entry zu einer selbst erzeugten Unbestimmtheit, zu einer „unresolvable indeterminacy“, mit der das System sich selbst das Ungenügen seiner eigenen Operationen bescheinigt.
Humanisten pflegen vor allem nach dem Verbleib des Subjekts zu fragen und auf die Wichtigkeit dieser Denkfigur hinzuweisen. Mit dem Subjekt fällt aber auch das Objekt, und das hat möglicherweise die gravierenderen Konsequenzen.
Das Objekt (im neuzeitlichen Verständnis dieses Begriffs) hatte von der Unterscheidung Subjekt/Objekt gelebt. Es war, vom Subjekt ausgesehen (und anders konnte man nicht von „gesehen“ sprechen) die andere Seite der Unterscheidung, und es diente als Form für Zuschreibung von Identität.
Was immer in den zahlreichen empirisch diversifizierten Individuen als „das Subjekt“ (oder besser: als ihre Subjektität) bestimmt wird, führt spurentreu zur entsprechenden Identitätskorrelaten in der Umwelt. Die Identität eines Objektes bestand darin, dass es allen Subjekten, die ihren Verstand recht gebrauchen, als dasselbe erschien.
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Wenn wir das Subjekt durch den Beobachter ersetzen und Beobachter definieren als Systeme, die sich selbst durch die sequenzielle Praxis ihres Unterscheidung erzeugen, entfällt jede Formgarantie für Objekte.
Es kann bei allem Identischsetzen immer nur darum gehen, die Unterscheidungen zu unterscheiden, die ein Beobachter benutzt. Es geht, anders gesagt, um Wiederholungen, um eine kondensierende und konfirmierende Praxis, die immer mit Bezug auf die Systeme zu beschreiben ist, die sie operativ durchführen (was auch für den Beobachter dieser Beschreibungen und seine Objekte gilt). Objekte konstituieren sich, so gesehen, nur im Kontext einer Beobachtung zweiter Ordnung.
Dass diese Überlegungen in schwierige logische und theorietechnische Probleme führen, besonders wenn man einsehen muss, dass sie nicht einfach durch Verlagerung der Analyse auf eine Meta-Ebene logischer oder linguistische Art (Russell, Tarsky) zu lösen sind, sei zugestanden. Aber entsprechende Probleme werden inzwischen auch in den Naturwissenschaften und in den Maschinentheorien so allgemein diskutiert, dass man sich dadurch nicht sollte entmutigen lassen.(Heinz von Foerster, Francisco Varela, Fritz B. Simon, Lars Löfgren).
Speziell in der Soziologie gibt es sehr ähnliche Vorstellungen in einer einfachen nicht erkenntnistheoretisch ausformulierten Fassung. So zeigt Anthony Giddens, dass alles Handeln reflexiv in Strukturen und Kontexte, darunter in durch Handlungen erzeugtes Wissen eingebunden ist.
Man könnte auch von einem zirkulären Verhältnis von Handeln und Wissen sprechen: „Social knowledge spirals in and out of the universe of social life, reconstructing both itself and that process as an integral part of that process.”
Und die Folge sei, dass es in den Sozialwissenschaften keine Wissensakkumulation gebe und dass mehr Wissen nicht, wie nach der klassischen Erkenntnistheorie, zu mehr Sicherheit führe, sondern zu mehr Unsicherheit. Die abstrakten Fragen eines dafür angemessenen autologischen Theoriedesigns lassen sich im Moment zwar nicht befriedigend beantworten.
Man kann dazu aber etwas beitragen, indem man im Falle des Gesellschaftssystems klärt, wie hier Selbstbeschreibungen funktionieren. Dass sie vorkommen, dass sie also möglich sind, steht fest. Nach den Bedingungen der Möglichkeit kann man dann immer noch fragen.
Boe: Weisheit der Unsicherheit - zirkulären Verhältnis von Handeln und Wissen: Wären da nicht auch Günthers Argumente zu Erkennen und Wollen einzubeziehen? - und die mystischen Reisen im "imaginären Raum" von G. Spencer Brown - vgl. auchTaraba
Boe: angemessenes autologisches Theoriedesign? vgl. auchTaraba
LuhmannGG879
III. Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
Niklas Luhmann