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Theorie der Ich-Grenze:
Was unterscheidet psychisch kranke von gesunden Menschen? Sind es angeborene Faktoren oder erworbene Fähigkeiten bzw.
Fertigkeiten, die über die psychische Gesundheit bzw. Krankheit entscheiden? Von einem psychisch gesunden bzw. normalen
Menschen wird u.a. erwartet, dass er sich in seiner Umwelt und in der Beziehung zu den Mitmenschen einigermassen
erfolgreich zurecht findet, dass er in seinem Leben Freude erleben und weiter vermitteln kann. Er wird als Mensch
erlebt, der eigene Ziele anstrebt, aktiv ist, der sich seiner Wünsche bewusst ist, sich durchsetzen kann und der
deutlich in seiner einmaligen Individualität erkennbar ist. Es fällt immer wieder auf, dass psychisch gesunde
bzw. normale Menschen zwischen dem, was sie wünschen bzw. wollen, und dem, was sie nicht wünschen bzw. wollen,
relativ sicher unterscheiden können. Der Mensch steht also immer wieder bewusst oder unbewusst vor den Fragen:
Was wünsche ich? Was will ich? Wer bin ich? Und diese Fragen lassen sich logischerweise abgrenzen durch die
alternative Fragen:
Was wünsche ich nicht? Was will ich nicht? bzw. Wer bin ich nicht?
Zwischen den Alternativen: Was wünsche ich - was wünsche ich nicht?, was will ich - was will ich nicht?, oder
allgemeiner, wer bin ich - wer bin ich nicht? liegt eine unsichtbare Grenze, an der hauptsächlich die
Auseinandersetzung um die Definition des sogenannten "Ichs" stattfindet. Diese Grenze, die hier als
"Ich-Grenze" bezeichnet wird, umschliesst ein psychologisches Feld, in dem der Mensch die Erfahrungen, die Ziele,
die Bedeutungen und die Aktionen als die Seinigen erlebt. Von diesem Innenraum lässt sich ein Aussen abgrenzen,
in dessen Vorstellung sich der Mensch aufhält und bewegt, in dem er aktiv ist und anhand der Objekte Erfahrungen macht.
Bei diesem Aussen handelt es sich nicht um die reale Umwelt, sondern um die innere Vorstellung von den eigenen
Beziehungen zu den äusseren Objekten, zum Nicht-Wünschen, Nicht-Wollen oder umfassender, um die innere Wahrnehmung
des sogenannten "Nicht-Ichs".
Diese Grenze bzw. dieser Grenzbereich ist nun von besonderer Bedeutung. In diesem Bereich, im Bereich der sogenannten
"Ich-Grenze", ist die Aufmerksamkeit bzw. die Wahrnehmung der persönlichen psychischen Aktivitäten, besonders
geschärft. Hier setzt sich der Mensch besonders intensiv mit den Beziehungen und Objekten auseinander. In diesem
Sinne hat die "Ich-Grenze" die Funktion eines Wahrnehmungsorgans zur Unterscheidung von ich-zugehörig bzw. nicht
ich-zugehörig. Das gilt sowohl nach innen als auch nach aussen. Die Abgrenzung nach innen bedeutet, dass sich der
Mensch gegen seine Wünsche, Gefühle und auch Träume abgrenzen kann, während die Abgrenzung nach aussen mehr im Sinne
der Abgrenzung gegen fremde Ansprüche, Erwartungen bzw. Bedürfnisse zu verstehen ist (OEHLER 1979). Insbesondere
FEDERN (1956) bezeichnete die "Ich-Grenze" als inneres Wahrnehmungsorgan und AMMON (1977) sieht im Aufbau dieser
Grenze und der damit ermöglichten Unterscheidung zwischen "Ich" und "Nicht-Ich" die entscheidende Phase der
Ich- und Identitätsentwicklung.