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Das "Grosse Chalet" in Rossinière ist das grösste Holzhaus der Schweiz und eine der grössten bewohnten Holzkonstruktionen Europas. Das Heim des weltberühmten Malers Balthus beherbergte so bekannte Gäste wie Victor Hugo, den Dalai Lama oder David Bowie.
Eine knapp einstündige Zugsreise führt den Besucher von Montreux dem Genfersee entlang bis zum winzigen Alpendorf Rossinière in der Nähe von Gstaad. Die Fahrt im Panoramazug eröffnet dem Besucher eine Landschaft atemberaubender Schönheit.
Bei der Ankunft im Dorf fällt sogleich ein Gebäude auf. Aus der Ferne glaubt der Besucher, eine Vision zu sehen. Ein riesiges Haus füllt das Dorfzentrum aus. In einer Chronik wird es als "Schloss mit einem Schildkrötenpanzer" beschrieben.
Es ist das "Grosse Chalet", ein Juwel der traditionellen Schweizer Architektur, das 1754 nach 4 Jahren Arbeit von Handwerkern der Gegend fertig erstellt wurde.
Der Anwalt und Geschäftsmann Jean David Henchoz kam 1750 auf die Idee, den riesigen Bau zu errichten. Ursprünglich plante er ihn als regionales Zentrum zur Lagerung und Kommerzialisierung von Käse.
Die Samurai-Gräfin
Die Besitzerin des "Grossen Chalet" ist heute die Witwe von Balthus, Gräfin Setsuko Klossowska de Rola. Die ehrwürdige Dame, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, empfängt swissinfo zur Fotosession und erzählt die Geschichte ihres Hauses. Gräfin Setsuko, im traditionellen Kimono, führt den Besucher in den Salon im ersten Stock. Dort setzt sie sich hin und vertieft sich in ihre Erinnerungen.
Setsuko, selbst Künstlerin und Botschafterin der UNESCO, ist eine japanische Aristokratin, die in Tokio im Schoss einer Samurai-Familie geboren wurde und aufwuchs.
1962 lernte sie Balthus kennen. Die Liebesbeziehung begann anlässlich eines Staatsbesuchs, den André Malraux, Kulturminister De Gaulles, organisierte. Kurz darauf heirateten Balthus und die schöne Samurai-Tochter. Ab 1977 wohnten die beiden im "Grossen Chalet" von Rossinière.
Die Ausmasse des Gebäudes sind beeindruckend: Die südliche Fassade misst 27 auf 19,5 Meter. Darüber ein Dach von 950 Quadratmetern. Für den Bau wurden 700 Kubikmeter Tannenholz benötigt. Für ein "gewöhnliches" Haus werden 30-50 Kubik Holz oder 15-20 Tannen gebraucht.
Laut der Hochrechnung von Experten wurden für das "Grosse Chalet" 200 Tannen gefällt. Das Haus ist 15 m lang und hat 115 Fenster. Mit einem Schmunzeln gibt die Gräfin von Balthus zu: "In der Tat sind Reinigung und Unterhalt des Chalets ein Problem."
Zudem ist die ganze Fassade mit Inschriften und Fresken mit Blumen und symbolischen Tieren verziert. Diese Arbeit nahm damals 40 Tage in Anspruch; insgesamt sind es mehr als 2800 Buchstaben.
Die Inschriften drücken den "tiefen christlichen Glauben" von Jean David Henchoz, dem Schöpfer des Hauses, aus. Leider konnte der Anwalt und Geschäftsmann sein Werk kaum geniessen.
Ebenso wenig konnte er seinen Traum eines regionalen Käselagers verwirklichen.1758, nur 4 Jahre nach der Beendigung des Baus, starb Henchoz im Alter von 46 Jahren.
Das letzte Heim von Balthus
Das "Grosse Chalet" war zuerst als "Grosses Haus" bekannt und blieb bis 1875 im Besitz der Familie Henchoz. 1852 wurde es zum Hotel und Gästehaus umgebaut. Dort logierten so bekannte Gäste wie Victor Hugo oder Alfred Dreyfuss.
Bis 1976 ein anderer grosser Mann namens Balthus zum Teetrinken kam. Das Haus faszinierte in so, dass der französisch-polnische Künstler sogleich dessen Kauf erwog. So begann die Epoche des "Grossen Chalets".
Im Laufe der Zeit wurde es zu einem Wallfahrtsort für die unzähligen Bewunderer des Werks von Balthus. Hier kamen Persönlichkeiten vorbei wie der mythische Fotograf Henri Cartier-Bresson und seine Gattin Martine Franck, der Bildhauer Alberto Giacometti, der Filmschauspieler Richard Gere, der Sänger Bono, der Dalai Lama und klassische Musiker wie Riccardo Mutti oder Zubin Mehta.
Ein weiterer Besucher war David Bowie, ein grosser Kunstkenner und mit Balthus befreundet. Er machte mit ihm mehrere Interviews, die in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.
Heute beherbergt das ehemalige Käselager die Stiftung Balthus. "Aber nicht für lange Zeit", bemerkt Gräfin Setsuko. Sie erläutert ihren Wunsch, "das "Grosse Chalet" in ein Museum zur Erinnerung an Balthus umzugestalten", in einen Ort, wo Besucher ständig Zugang hätten und wo sie mit ihrer Tochter weiterhin wohnen könnte.
Ein besonders eindrücklicher Raum ist die ehemalige Werkstatt von Balthus. In diesem einer Mönchklause ähnlichen Raum, der auch an einen Tempel erinnert, befinden sich seine letzten, unvollendeten Werke.
Dieser Raum ist der Ôffentlichkeit nicht zugänglich. Ihn besichtigen zu können, ist deshalb ein seltenes Privileg. Hier verbrachte Balthus im Februar 2001 seine letzte Nacht in Gegenwart seiner Gattin Setsuko und seiner Tochter Harumi auf einer Holzpritsche. "Wir haben kaum gesprochen, aber es waren Augenblicke grosser Schönheit", erinnert sich die Witwe eines der grössten Künstler des 20.Jahrhunderts.
Rodrigo Carrizo Couto, Rossinière, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein)
Balthus
Graf Balthasar Klossowski de Rola, bekannt unter dem Namen Balthus, wurde am 29.Februar 1908 in Paris geboren und starb am 18.Februar 2001 im schweizerischen Rossinière.
1924 beginnt er als Berufsmaler und reist 1926 zur Weiterbildung nach Florenz. 1929 hat er seine erste, erfolglose Ausstellung in Zürich.
Er wendet sich vom Surrealismus ab und beginnt eine internationale Künstlerlaufbahn. 1933 ensteht sein erstes Meisterwerk "Die Strasse". Zwischen 1961-1977 leitet er die Französische Akademie in der Villa Médici in Rom.
Wegen seiner Liebe und Faszination für Katzen ist er als "König der Katzen" bekannt. Sein Werk mit 300 Bildern ist nicht umfangreich. Sein wahrscheinlich berühmtestes Bild ist "Die Gitarrenstunde" von 1934.
Weitere berühmte Werke sind: "Die Toilette von Catty" (1933), "Alice im Spiegel" (1933), "Die träumende Therese"(1938) und "Das Zimmer" (1954).
Er ist bekannt für seine Bildnisse junger, oft nur halbbekleideter Frauen in zweideutigen Stellungen. Balthus vertritt eine figurative Stilrichtung und spielt mit den Begriffen von Jugend und Unschuld