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Gary Stuart Hocking 1937 - 1962
In der Geschichte des Straßenrennsport haben die Rennfahrer aus dem britischen Commonwealth-Staaten in der Nachkriegszeit immer in vorderster Reihe gestanden. Mit ihren hervorragenden Ergebnissen drückten sie ihren Stempel bei den Rennen um die Weltmeisterschaft auf. Zu den erfolgreichsten Fahrer dieser Zeit gehörte Gary Stuart Hocking aus Südrhodesien. Er wurde am 30.September 1937 in Newport (Wales) geboren. Im Kindesalter wanderte seine Familie nach Süd-Rhodesien aus. Als sie sich entschlossen, einige Jahre später zurückzukehren in die Heimat nach Wales, entschied sich der Teenager Hocking, dieses Land als seine Wahlheimat anzunehmen. Seine ersten Berührungen mit dem Motorradrennsport hatte er bei Motocross-Rennen mit einer uralten Triumph. Später schenkte er dem Straßenrennen jedoch seine Aufmerksamkeit. Hocking fuhr Rennen in Rhodesien und im Nachbarland Südafrika.
Zusammen mit seinem Freund und Mechaniker Nobby Clark begann Hocking das Abenteuer auf dem europäischen Kontinent. Clark sollte später im Gefolge von Hailwood und anderer großer Teams zu einer Legende unter den „Schraubern“ werden. Im Jahre 1958 gab Hocking mit einem phantastischen sechsten Platz bei der Dutch TT seinen Einstand bei der Motorradweltmeisterschaft in der Klasse bis 500ccm. Danach ließ er noch einen dritten Platz auf dem Nürburgring und Platz vier in Hedemora (Schweden) bei weiteren WM-Läufen folgen. Bereits ein Jahr später erhielten die fahrerischen Leistungen des Rhodesiers Anerkennung und er durfte in Schweden erstmalig eine Werks-MZ steuern. Auf Anhieb kam er trotz der Umstellung von Vier- auf Zweitakt sofort zurecht und siegte in der Viertelliterklasse. Diesen Erfolg wiederholte Hocking beim nächsten Rennen zum Ulster Grand Prix. Zündaussetzer in der letzten Runde verhinderten einen weiteren MZ-Sieg bei diesem GP in der Klasse bis 125ccm. Trotzdem reichte es für Hocking noch für Platz zwei an diesem Tag. Auch auf dem Sachsenring, damals noch kein WM-Lauf, gab der Rhodesier 1959 erstmalig seine Visitenkarte ab. Zwei Siege (250ccm und 500ccm) und ein dritter Platz (350ccm) waren die Bilanz. Inzwischen sahen die MV-Leute eine ernsthafte Konkurrenz in Gary Hocking erwachsen, was die Italiener bewog, ihn noch 1959 in ihre Reihen aufzunehmen. Für eine nicht unerhebliche Summe wechselte er die Marke. Dies veranlasste damals eine englische Zeitung zu schreiben: „Was MV nicht erfahren kann, erkaufen sie sich!“. Trotzdem war ihm die Vizeweltmeisterschaft in der Viertelliterklasse auf MZ nicht mehr zu nehmen. Schon im letzten WM-Rennen der Saison in Monza ging Hocking für die Farben der Italiener an den Start.

1960 war der Beginn einer sehr erfolgreichen Phase in der Laufbahn von Gary Hocking. Im Frühjahr fuhr er mit einer privaten Norton bei Rennen in Südafrika und gewann die südafrikanische Meisterschaft in der Klasse bis 500ccm. Für MV-Agusta ging er in den Klassen 125, 250 und 350ccm bei den Rennen um die Weltmeisterschaft an den Start. In diesem Jahr sollte ihm sein erster Isle of Man Sieg (250ccm) gelingen. In der Endabrechnung gelang es ihm, in allen Klassen die Vizeweltmeisterschaft für seinen neuen Arbeitgeber zu erringen. Nach dem Rücktritt von John Surtees (GB) am Ende der Saison 1960 war Hocking die Nr.1 bei MV-Agusta. Genau wie seinem Vorgänger gelang es ihm 1961 die Doppelweltmeisterschaft in den beiden großen Soloklassen zu erringen. Bei seinem zweiten Auftritt auf dem Sachsenring konnte Hocking sich mit einen weiteren Doppelsieg in die Herzen der Zuschauer fahren. In der Zwischenzeit begann ein neuer Stern am Fahrerhimmel zu leuchten. Mike Hailwood (GB) machte im Laufe der Saison als bester Privatfahrer auf sich aufmerksam. So bekam er für den GP der Nationen in Monza erstmalig Werksmaschinen aus Gallarate zur Verfügung gestellt und wurde somit Teamkollege von Hocking. Die Aufnahme Hailwoods in die Reihen von MV-Agusta gefiel den Rhodesier nicht. Die finanzielle Unterstützung des Teams durch Mikes Vater Stan ließ viele Entscheidungen zu Gunsten von Hailwood ausfallen. Dies wiederum wirkte sich nicht gerade positiv auf das Verhältnis zwischen den beiden Fahrern aus. Im Fahrerlager hatte Stan Hailwood auch den Spitznamen die „Brieftasche“, was nicht negativ anzusehen ist. Es war ja nur zu natürlich, daß er das großartige Talent seines Sohnes zu fördern suchte. Der WM-Auftakt für die beiden großen Klassen wurde in der Saison 1962 auf der Isle of Man vollzogen. Diese Rennen standen unter keinem guten Stern. Bereits im Training erlitt Gary Hocking einen High-Speed Crash. Am frühen Morgen kollidierte er mit seinem Landsmann Graham Smith (Norton) nahe der Ballaugh Bridge. Beide Fahrer stürzten, die MV-Agusta ging in Flammen auf und wurde restlos zerstört. Hocking selbst kam mit mehreren Schnittwunden und Quetschungen davon. Entgegen den Anweisungen der Ärzte verließ er das Krankenhaus, um an den Rennen teilzunehmen. Hailwood und Hocking boten im Junior- und im Seniorrennen eine großartige Show. In einem der aufregendsten Duelle in der Geschichte der TT konnte Hailwood im Juniorrennen in der letzten Runde Hocking noch auf Platz zwei verweisen. Allerdings verhinderte ein technisches Problem die letzte Gegenwehr des Rhodesiers.

Überschattet wurde dieses Rennen vom Tod von Tom Phillis (AUS). Er stürzte in der zweiten Runde an dritter Stelle liegend an der Laurel Bank mit seiner Honda schwer und erlag den Folgen dieses Unfalles. Hocking verlor mit Phillis einen weiteren Freund aus der Motorradszene. Trotz der Schmerzen durch den Unfall und frustriert durch den Tod bestritt er das Seniorrennen. Erneut war Hailwood der Mann den es zu schlagen galt. In diesem Jahr war das Glück auf der Seite von Hocking. Während ihm im Vorjahr Motorprobleme um den Erfolg brachten, gelang ihm neben einen neuen Streckenrekord ein ungefährdeter Sieg vor Ellis Boyce und Fred Stevens (beide GB). Hailwood kam nach Kupplungsproblemen nur auf Rang zwölf ein.
Der Tod seines Freundes hinterließ tiefe Risse in der Seele Hockings. Die Rennen auf der Insel waren sein letzter Auftritt im Motorradrennsport. Am 15. Juni 1962 kündigte er sein Arbeitsverhältnis in Mailand bei MV-Agusta mit den Worten: „Ich kann es nicht mehr sehen, wie sich Menschen selbst umbringen mit Motorrädern!“. Doch schon bald gab er ein Comeback auf vier Rädern. Am 26. August belegte Hocking mit einem Lotus 18/21 Climax Rang vier bei seinem ersten Autorennen. Nach Beendigung der europäischen Saison, standen die lukrativen Rennen um den Springbock Pokal in Südafrika auf dem Programm. Am 15. Dezember gelang ihm noch einmal ein bemerkenswerter Erfolg beim GP von Kylami. Hinter Jim Clark, Trevor Taylor und John Surtees belegte er den vierten Platz. Es sollte sein letztes Rennen sein. Am 21.Dezember 1962 verunglückte Hocking im Training auf dem Westmead Circuit in der Nähe von Durban. Er verlor die Kontrolle über seinen Wagen und kam von der Straße ab. Mit über 160 km/h fuhr in einen Graben, überschlug sich mehrmals und landete an einem Baum. Auf dem Weg ins Hospital verstarb er im Alter von nur 25 Jahren an den Folgen des Unfalles. Man sprach viele Jahre später im Kreis Hocking nahe stehender Menschen davon, daß die Unfallursache kein Fahrfehler war, sondern durch eine auftretende Nierenkolik herbeigeführt wurde. Mit Hocking starb nach der Meinung vieler Fachleute einer der couragiertesten Fahrer, die man je auf internationalen Rennstrecken erleben konnte. Sein Begräbnis fand am 2.Januar 1963 in seinem Geburtsort Newport (Wales) statt. Zu den Trauerfeierlichkeiten waren hohe Repräsentanten aus Rhodesien zugegen. Selbst der Premierminister von Rhodesien übermittelte in einem Schreiben sein tiefstes Mitgefühl.
RS