Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03366.jsonl.gz/1545

China ist auf dem Mond gelandet.» Als ich diese Überschrift in der Zeitung vom 15. Dezember 2013 las, war ich eigenartig berührt. Wie? Ich hatte gemeint, dass sich niemand mehr für den Mond
interessiere, nicht einmal die Maler und Dichter, geschweige denn Wissenschafter und Ingenieure. Es war eine Nachricht wie aus einer anderen Epoche, aus den Jahren, als die technologischen Phantasien von der Nasa kontrolliert wurden und fast immer etwas mit der Erforschung des Weltraums zu tun hatten.
Zwei Wochen später, am 31. Dezember, erfahre ich aus einer Beilage derselben Zeitung, die sich den prognostizierten grossen «Wendepunkten» des anbrechenden Jahres 2014 widmet, dass man sich in der Rubrik Technik für «Google Glass» entschieden habe, dessen Kommerzialisierung unmittelbar bevorstehe. Im Artikel ist die Rede von «Superauge» und «erweiterter Sicht». Dank eines Prismas auf der Höhe der rechten Augenbraue wird «Google Glass» es ermöglichen, dass wir «die reale Welt angereichert durch Informationen aus dem Internet» betrachten können, was mit einer Begeisterung verkündet und wiederholt wird, die zu implizieren scheint, dass die vom menschlichen Gehirn zur Verfügung gestellten Informationen überholt sind.
Innerhalb von fünfzehn Tagen oder fünfzehn Jahren sind wir vom Sonnensystem zum Nervensystem übergegangen, aber an der Fortschrittsrhetorik hat sich nichts geändert. Die Euphorie im Zusammenhang mit «Google Glass» erinnert mich an ein Buch, das in Italien zur Feier der Raumfahrtmission Apollo 11 publiziert wurde, im Sommer 1969, als mein persönliches Universum noch aus der Fruchtblase bestand und ich meines Wissens keine Ambitionen hatte, etwas anderes kennenzulernen. Also nicht vor fünfzehn Jahren, sondern vor dreimal fünfzehn Jahren.
Ich hole also das Buch «La luna è nostra» hervor – es ist keine Rarität, sondern auf jedem Flohmarkt, in jedem Antiquariat zu finden –, und zum ersten Mal kommt mir der Verdacht, dass «Der Mond gehört uns» sich an die Chinesen richten könnte, sozusagen präventiv: er gehört uns, habt ihr verstanden? Uns, uns, uns.
Es handelt sich um einen dieser illustrierten Bände, die man hinten zu lesen anfängt, um dann von Kapitel zu Kapitel zu hüpfen. Hier zum Beispiel die Bildlegende von S. 114: «Das grosse Abenteuer ist zu Ende: Für die Helden des Weltraums ist der Moment gekommen, die Spannung abzubauen. Collins rasiert sich auf der Rückreise zur Erde den Bart. Den Schnurrbart hingegen lässt er stehen:
Es ist der erste ‹lunare Schnurrbart› der Weltgeschichte.»
Wenn jemand ohne Schnurrbart nach Paris fährt und mit Schnurrbart zurückkehrt, sagen wir von jetzt an also, dass er einen «Pariser Schnurrbart» trägt. Den Fotos nach zu schliessen, spielten die
Redakteure von «La luna è nostra» jedenfalls nicht auf den Einfluss an, der dem Himmelskörper in bezug auf das Haarwachstum zugesprochen wird. Es war ja mit allem zu rechnen, und 1969 wäre es für die Regierung der Vereinigten Staaten höchst peinlich gewesen, drei US-Marines auf den Mond zu schicken und sie acht Tage später bärtig und mit langen Haaren zurückzubekommen.
Aber der lunare Schnurrbart ist nur einer der vielen Segen, in deren Genuss die Menschheit dank der Apollo-11-Mission kam. Wie im Kommentar zum Foto auf S. 124 zu lesen ist, auf dem man einige Steine in einem Metallkorb sieht, war die erste Reaktion der Wissenschafter beim Anblick des «Schatzes», den die Astronauten nach Hause gebracht haben, bloss «konsterniertes Staunen» («Das sieht
ja aus wie gewöhnliches graues Pulver»), aber es gab auch noch andere bahnbrechende Erkenntnisse dieses Weltraumausflugs: «Die Zahnputztechnik der Astronauten im Weltraum beschleunigt auf der Erde eine Revolution: Inspiriert durch das Beispiel aus der Raumfahrt arbeitet man in Chemielabors an einer Zahnpaste zum Kauen und Schlucken wie ein Bonbon.» Oder auch: «Aus einem Raketentreibstoff wurde eine Substanz isoliert, die mehrere psychische Krankheiten zu heilen vermag», was wohl mit folgender Aussage in Zusammenhang gestellt werden muss: «In Wirklichkeit ist die Entdeckung des Mondes gleichzusetzen mit einer regelrechten Explosion des menschlichen Geistes.»
Einer, der sich wohl ein Gläschen Raketentreibstoff zu viel gegönnt hat, ist der deutsche Ingenieur Wernher von Braun, der grosse Schöpfer hinter der Apollo-11-Mission. Das Buch rühmt ihn mit Aussagen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen: «Mit 25 Jahren leitete er Hitlers Raketenprogramm und erfand die V2-Raketen, die in London einschlugen (…) und dort 2274 Tote und 6467 Verletzte verursachten», aber als nunmehr klar war, dass die Deutschen den Zweiten Weltkrieg verlieren würden, «blätterte Gott die Seite der nazistischen V2 um und liess von Braun freies Feld für sein Rendezvous mit dem Weltraum». Von Braun stellte sich im Mai 1945 den Amerikanern (Hitler hatte am 30. April Selbstmord begangen): «Diesmal», soll er laut «La luna è nostra» gesagt haben, «möchte ich auf der Seite der Sieger stehen.»
Der Gedanke der göttlichen Vorsehung zieht sich durch das ganze Buch, angefangen beim Klappentext, wo in grosser, fetter Schrift von Braun zitiert wird: «Der Mensch muss immer weiter vordringen, unterstützt durch den göttlichen Willen, er muss seinen Raum und seine Interessen stetig ausweiten.» Zweifellos ist es aufschlussreich, solche Reden mit einigen Jahrzehnten Abstand zu lesen. Man möchte den Satz am liebsten umdrehen: «Der Mensch muss zunehmend in der Nähe bleiben, ohne sich allzu ungeniert auf den göttlichen Willen zu berufen, er muss seinen Raum und seine Interessen zunehmend einschränken.»
In der Einführung, die ebenfalls von Braun zugeschrieben wird, zögert man nicht, ein futuristisches Bild zu malen: «Im Jahr 2000 wird es, glaube ich, auf dem Mond viele unterirdische Städte geben, Hotels, Raumstationen, und ein riesiges Raumschiff wird die Touristen von einem Planeten zum anderen bringen.»
Der Grund für diese ganze Begeisterung ist keineswegs klar (die Idee der unterirdischen Stadt kommt mir eher wie ein Albtraum vor), auch wenn ich sie zugegebenermassen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen könnte, wenn man die Touristenhorden, die sich wie Heuschrecken in manchen Perlen der Zivilisation oder in gewissen Naturparadiesen tummeln, wirklich auf den Mond schiessen würde. Umso mehr, als ihre Ähnlichkeit mit Heuschrecken durch «Google Glass» bald noch zunehmen wird – andere böse Vorahnung: Touristen vor den Bildern des Louvre mit aufgesetzten Heuschreckensuperaugen, damit sie die Meisterwerke der westlichen Malkunst besser sehen.
Mit von Braun verglichen scheint sogar die explosive Brigitte Bardot, damals eine richtige Sexbombe, zu wissen, was sie sagt: sie zeigt auf S. 118, dass sie mit ihren zarten Füssen fest auf dem Boden zu bleiben vermag, was im Kontext der Himmels-körper umso bewundernswerter ist: «Brigitte Bardot, eine der hinreissendsten Frauen der Ära vor der Raumfahrt – ihr nackter Körper wurde an der Weltausstellung von Brüssel als Symbol der Sünde zur Schau gestellt – lächelt: ‹Es ist wunderbar, aber ich würde nicht auf den Mond fliegen.›»
In der Zwischenzeit sind lunare Schnurrbärte aus der Mode gekommen. Die vier von Apollo 11 nach Hause gebrachten Steine wurden im Weissen Haus zu Briefbeschwerern befördert und sind wohl längst der Entrümpelungsaktion einer übermotivierten First Lady zum Opfer gefallen, lagern nun in einem Kellergeschoss von Washington. Geben wir es zu: Der Mond gehört uns zwar, aber wir wissen nicht, was wir damit sollen, er ist so alt und verbraucht wie der Mond in Italo Calvinos Erzählung. Wozu also um Himmels willen fliegen sie dorthin, die Chinesen? Heute, zu Beginn des Jahres 2014?
Qfwfq, der wandlungsfähige Erzähler aus Calvinos «Cosmicomics», lebt in einer Art New York, wo alles neu und glitzernd ist, ausser eben dem alten, verschlissenen Mond, der zunehmend an Masse und Geschwindigkeit verliert und deswegen in nächster Zukunft aus seiner Umlaufbahn zu entgleisen und auf die Erde zu stürzen droht.
Eines Nachts, als Qfwfq am Steuer eines offenen Wagens durch den Central Park fährt, erblickt er eine völlig nackte junge Frau, die wir uns gut als identisch mit der bereits in Brüssel ausgestellten Brigitte Bardot der Ära vor der Raumfahrt vorstellen können. Er läuft zu ihr hin und fühlt, dass sie sich ausgezogen hat, um dem Mond in dessen Stunde der äussersten Erschöpfung beizustehen. Gemeinsam fahren sie weiter bis zu einer Müllhalde, die sich vor ihren Augen wie eine grenzenlose Gebirgslandschaft öffnet. Hier beobachten Qfwfq und andere durch die Töchter des Mondes entführte Zeitgenossen («auf jedem Auto sass eine dieser mysteriösen Mitfahrerinnen»), wie das Trabantenwrack durch eine Firma eingefangen wird, die den Auftrag hat, den Mond vom Himmel dieser materiell makellosen Welt zu entfernen. Nun tritt ein Bulldozer mit einem riesigen Greifarm auf den Plan: «Die Kiefer schlossen sich um ihn mit einem trockenen ‹Krack!›, und einen Moment lang schien es,
als würde er wie ein Baiser zerbröselt, doch er blieb zwischen den Schalen des Greifers stecken, halb drinnen, halb draussen. Er war eine längliche Form geworden, eine Art dicke Zigarre zwischen bleckenden Zähnen. Ein aschfarbener Regen kam herab.»
Später heisst es: «Auf die Erde heruntergeholt, war der Mond nur noch ein pockennarbiger, sandiger Brocken, so matt, dass niemand ihm zugetraut hätte, einst den Himmel mit seinem glänzenden Schein erleuchtet zu haben.» Calvinos Erzählung stammt aus dem Jahr 1968. Als von Braun den Mond einfing und Neil Armstrong die besternte und gestreifte Flagge in den Boden rammte und die Wissenschafter der Nasa «konsterniertes Staunen» angesichts der auf dem Mond gesammelten Klumpen aus «gewöhnlichem grauem Pulver» äusserten, war in der Literatur bereits für seine Befreiung gesorgt worden: «Inmitten der von der Stadt…