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Episode 3
RICKEN-
TUNNEL
Christelle Wick
Als im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts 12'000 ungelernte italienisch-sprachige Arbeitskräfte einreisten, war die Schweiz gerade zu einem Einwanderungsland geworden. Noch fünfzig Jahre zuvor flüchteten während der Kartoffelfäulnis Menschen aus ganz Europa vor drohendem Hunger nach Amerika. Junge Italienerinnen fanden Verdienst in den Textil-fabriken, jungen Italiener auf Grossbaustellen. Deren gab es im mittleren Toggenburg gleich mehrere: Der Thurlauf musste korrigiert werden, und für den Bau der Bodensee-Toggenburg-Bahn von Romanshorn nach Ebnat sowie der Rickenbahn von Wattwil nach Uznach waren billige Arbeitskräfte gefragt. Sie arbeiteten in den Steinbrüchen von Kappel oder als Mineure und Handlager in den Tunnels.
Untergebracht waren sie in lausigen Baracken ohne sanitarische Einrichtungen. Jene, die mit Frau und Kindern gekommen waren, lebten gefährlich zusammen-gepfercht in Scheunen oder Ställen.
So kamen 1910 zehn italienische Bauarbeiter beim Brand eines überfüllten, abbruchreifen Gebäudes ums Leben. Sie waren Menschen zweiter Klasse.
Die Bundesbahnen hatten den Bau des Rickentunnel (1903-1910) einer Lausanner und zwei französischen Firmen übertragen und dabei unterlassen, mit den Subunternehmen eine tägliche Höchstarbeitszeit und Minimallöhne festzulegen, wie dies gesetzlich vorgeschrieben gewesen wäre. So schufteten die Mineure elf Stunden täglich, für gerade mal
4.40 Franken mit dem Presslufthammer im sumpfigen Schacht stehend bei schweisstreibenden Temperaturen. Schlechte Luftverhältnisse, giftige Grubengase und plötzliche Wassereinbrüche waren ständige Gefahrenquellen. Bei diesen Bedingungen, schrieb das «Tagblatt der Stadt St. Gallen» später, sei ein Streik zu erwarten gewesen.
Die Italiener wehrten sich
für ihre Rechte mit Spontanstreiks, denn der Schweizerische Gewerkschaftsbund war ihnen zu bürokratisch und deren Mitgliederbeiträge zu hoch.
Bildlegende:
Presslufthammer und Signalhorn vom Tunnelbau
Am 4. Juli 1904 legten sie auf der Tunnelsüdseite bei Kaltbrunn ihre Arbeit nieder und verlangten eine achtstündige Schicht bei gleichbleibendem Lohn. Benito Mussolini, der spätere italienische Diktator, soll angeblich Streikführer im Rickentunnel gewesen sein. Am 19. Juli begannen auch die Arbeiter auf der Wattwiler Seite zu streiken und marschierten Fahne voran in einem Demon-strationszug durch die Bleiken- und Rickenstrasse, wie ein Foto aus dem Toggenburger Museum zeigt. Die Unternehmer schlossen in der Folge die Bauplätze. Da beide Seiten unnachgiebig waren, bot der Regierungsrat zum Schutz von Arbeitswilligen und zur Unterdrückung von Gewalttätigkeiten das Militär auf. Unter Vermittlung des Militär- und Polizei-departements und des Regierungsrats wurde den Arbeitern im Richtstollen, die am 1. und am 2. August die Arbeit wiederaufnahmen, die achtstündige Arbeit bei vollem Lohn zugesichert. Dies galt nicht für die anderen Tunnelarbeiter. Trotz dieser Ungleichheit wurden die Arbeiten im Rickentunnel nach 25 Streiktagen fortgesetzt.