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Zinalrothhorn
Von Geoffrey Winthrop Young
Übersetzt von Alexander Perrig ( Luzern ) Ich rief den andern droben zu, vorerst nur an dem einen Seil, das schräg zu meiner Linken hing, zu ziehen; falls sie am andern zögen, so würde ich direkt hinauf zum Überhang, der nicht bezwingbar sei, gezerrt. Zu meiner Linken, in einer Höhe von ungefähr neun Fuss, vermochte ich an einer glatten Wandpartie mit schwachem Überhang eine Kerbe zu erkennen, die mir vielleicht für eine Zehe, Halt und damit eine Atempause bieten konnte. Abermals musste ich den innern Trieb niederringen, nichts mehr zu tun und aufgehängt, wie ich war, einfach in grollender Passivität zu verharren; dann erst war ich imstande, nach dem Seilzug zu rufen und loszulassen. Als ich es tat und fühlte, wie der winzig kleine, gerade noch für einen Nagel ausreichende Halt unter meinem Schuhe wegglitt, war dieses Abschwingen von eigentlicher Todespein begleitet. Das schräge und das vertikale Seil um meine Brust zerrten ungleich an meiner wunden Seite. Sobald ich deshalb beim Hochfahren die Platte hinauf meine Fußspitze in die kleine Kerbe eingezwängt hatte, war ich gezwungen, um eine Pause zum Verschnaufen zu rufen. Ich war nun links hinaus zur glatten Wandfläche gelangt, die unterhalb der Rinne oder Bresche des Überhanges lag und sah hier, wie das linke Seil geradewegs empor durch einen offenen Felstrichter führte. Bei dieser Lage durfte das andere Seil, das mich beim Überhang gehalten hatte, von dessen Wulstrand losgeschnellt und zu mir her geschwungen werden. Aber selbst jetzt noch widerstrebte es mir, neuerdings zu starten und mich dem schmerzenden Zug der Seile allein anzuvertrauen. Doch gab ich schliesslich das erlösende Zeichen.
Markus hatte längst schon die Wand herabgequert, um sich zu Knubel zu gesellen, und auch der zweite Führer war ihm nachgefolgt. Drei kraft-erfüllte Männer zogen somit jetzt Vereint in gleicher Richtung an den beiden Seilen, und keine weitere Pause ward mir eingeräumt. Sie rissen mich in einem Wirbel, als würde Wogengischt an einer Brandungsklippe hochgeschleudert, die abschüssige Rinne hinauf. Zwanzig Fuss höher, begann ich auf den Platten da und dort einen geizig kargen Halt zu finden, der just genügte, um mir die Brust vom Seildruck zu entlasten. Jetzt tauchten sie in einer Höhe von dreissig Fuss vor mir auf: zusammengekauert und äusserst angespannt hoben sie sich vom braunen Grund der aufrechten Platten ab. In eben diesem Augenblicke stiess ich auf einen scheinbar neuen, weissen Wollhandschuh mit schwarzem Rentiermuster; der Wind mochte ihn vom Grat herabgeweht und hier in diesem Riss verwahrt haben. Was die Seile nicht zustande gebracht hatten, vermochte dieser Anblick zu bewirken: mit einem Schlage, als wären zwei verschiedene Linsen auf den gleichen Brennpunkt eingeklinkt, schien er mich wieder mit dem Leben zu verbinden. Jetzt erst, nur jetzt, da ich den Handschuh sah, gab ich der Überzeugung Raum, ich würde überleben.
Die rinnenförmige Platte war bis hinauf zum Seilbeleg der Männer in freiem Klettern nicht ersteigbar. Sowie ich ihn erreichte, schlang Knubel blitzschnell einen Arm um mich und half mir weiter hinauf zu ein paar geräumigeren Leisten. Hier ruhten wir uns aus. Knubel verband sich seine Hand; ich aber durchforschte ohne Aufschub mein Gedächtnis nach dem, was ich beim Absturz tatsächlich empfunden hatte; denn ich wusste wohl, wie unvermeidlich sich später alles das, « was einer noch gefühlt haben sollte », einschmuggeln würde. Ich hatte Musse für dieses Forschen, da unter uns kein Wort gesprochen wurde — was hätten wir auch sagen sollen?
Paarweise wie zuvor banden wir uns wieder zusammen. Die andern zwei begannen dann den Abstieg; ich folgte nach und übernahm die Führung über die Traverse, von der ich herabgestürzt war. Knubel verfügte dies, getreu der Tradition unserer langen Partnerschaft: wenn auch der eine Partner etwas von der Eignung, sein Teil sicher zu leisten, eingebüsst haben mochte, so verpflichtete dies, nach Knubels Auffassung, einfach den andern zu um so grösserer Sicherheit; unser Zweigespann selbst aber musste sowohl der Umwelt gegenüber, wie auch was unsere Seilschaftspraxis anbetraf, so unverändert bleiben, wie es bisher war.
Der Knochen meines Ellenbogens war, wie ich bemerkte, durch eine Wunde blossgelegt; aber der Arm war trotzdem zu gebrauchen. Rasch kletterten wir die hochgetürmten, rauhen Gratklippen hinab zum obersten Schneefleck der Gabel. Hier hatten wir die Säcke zurückgelassen. Immer noch stumm, trank unsere Seilschaft alles aus, was noch an Tranksame vorhanden war. Das halbe Dutzend mächtiger Orangen aber wurde samt und sonders grossmütigst mir für unsern Abstieg aufgehoben.
Ein tüchtiger Schneebrocken, zu einem Eisklumpen gepresst, ward mir am Arme festgebunden. Die Wirkung des Verbandes war derart trefflich, dass ich ihn während 30 Stunden nicht mehr wechselte. Hätte ich die Windjacke nicht ausgezogen, um mir das Klettern zu erleichtern, so wären mir wohl auch die einzigen Verletzungen — am Arm und an der Seite — erspart geblieben.
Ein Brechanfall liess mich für einen kurzen Augenblick befürchten, ich hätte auch noch andere Verletzungen erlitten; doch war er offenbar nur durch den Schock und Seildruck ausgelöst. So reihten Wunder sich an Wunder in lückenloser Folge. Nur unseres zweiten Führers Nerven waren schwer erschüttert, so dass er uns erst reichlich später — nach Ankunft auf den letzten Schneepartien und Moränen — erneut als Helfer dienen konnte.
Angeschmiegt an die kalten Schartenfelsen besprachen wir den Abstieg und liessen unsern trockenen Kehlen und überspannten Sehnen Musse aufzutauen. Josef erklärte, wir würden angesichts des Tempos, mit dem ich immer noch zu gehen vermochte, noch ehe die Nacht zur Finsternis geworden, aus den Felsen heraus sein und die Moräne erreicht haben. Nach dieser Feststellung drängte er mir eine weitere Orangenhälfte auf, leerte den letzten Tropfen Kirsch — was er sich nur notfalls gestattet, da er auf Touren praktisch abstiniert —, und dann bekundete uns sein Benehmen, er wäre nunmehr aller Sorgen ledig. Frisch, ausgeglichen und gesammelt, wie gewohnt, vollführte er den weitern Abstieg, und nicht einmal der Tonfall seiner Stimme verriet, dass unsere äussern Umstände oder die späte Tageszeit zum mindesten recht ungewöhnlich waren.
Von der Scharte weg krochen wir durch das ungastliche Couloir hinunter und schräg durch die weite, zerfurchte Bergflanke. Ich aber spähte nach der heraufziehenden Dämmerung, die so viel rascher aus dem Zermatter Tal zu uns heraufkroch. Markus fand den Weg für unsere beiden Seilschaften durch die verwickelten, kleinen Klippen und Simse und die verwirrenden Risse in dem Firngehänge mit vertrauenswürdigem Geschick, so dass an seinen ziemlich abgekämpften Seilgefährten glücklicherweise keine Ansprüche gestellt werden mussten. Da nun die Felsen nicht mehr steil genug für Armklimmzüge waren, verzögerte sich mein Fortkommen. Dessen ungeachtet blieben sich die Rücksicht und das Lächeln Knubels und seine unmerksame Achtsamkeit auf jegliche Bewegung völlig gleich wie vor dem Zwischenfall. Schon hatten uns die heraufrückenden Schatten erreicht und immer noch kletterten wir die trümmerreichen Schroffen unserer Wand herunter. Da hörte ich zu zweien Malen, just als beim ersten Paar nur einer sich bewegte und wir es deshalb wieder einmal überholten, wie Knubel beim Vorbeigehen, rasch im Dialekt auf unsern zweiten Führer eindrang, dass nichts — auf keinen Fall — im Tale über unsern Zwischenfall verlauten dürfe. Und es ist in der Tat nie etwas ruchbar geworden bis auf den heutigen Tag. Das war bezeichnend für Knubel: nicht daran zu denken, dass seine eigene, phänomenale Heldentat, die Übung und Erfahrung eines Menschenlebens in die Entscheidung und die Kraftentfaltung eines Augenblickes zusammenballte, doch der Überlieferung würdig wäre. Statt dessen kümmerte ihn nur das Eine: dass es der ehrwürdigen Sage unserer langen Partnerschaft und ihres Glücks und ihrer steten Sicherheit abträglich und deshalb ungeziemend wäre, wenn diese seine Tat ins Tagesgespräch Unberufener eindringen würde.
Die Traversierung von der Felsenwand weg, den Schneekamm entlang, hinüber zur Schulter des Kanzelgrates war abscheulich. Bei jedem Schritt brach ich in herzbrechender Weise durch die Eiskruste durch, hinab in einen Höllenbrei zäh klebenden Schnees. Nur mit Hilfe des Pickels war es mir möglich, mich durch den Hang zu schaffen. Aber das jähe Versinken des einzigen Beines und das Verwinden des Körpers, den nur der eingerammte Pickel stützte, wirkten erschöpfend. Wegen der Lawinengefahr verbanden wir ein Stück weit unsere beiden Seile. Als wir den Grat verlassen hatten und uns dem Abstieg über die abschüssigen Schneehänge zuwandten, versuchte ich sitzend Rutschpartien — in ihrer Art Rekorde, was Flüssigkeitsgehalt und Rauheit anbetraf: sie boxten und durchnässten mich mit gleicher Raschheit. Die Steilheit der Schneehänge bewog Josef, droben zu warten und meine Rutschbewegungen mit dem Seil von Zeit zu Zeit zu stoppen, um die mitt-gerissenen Lawinenwogen schweren Naßschnees mit Sicherheit voraus-schiessen zu lassen.
Während dieser anstrengenden Stunden wich das Licht von uns und von den fernen Bergen. In kalte Dämmerung getaucht, vollzogen wir den weitern Abstieg — über graublauen Schnee und zwischen grauen, schemenhaften Felsgestalten.
Im letzten Zwielichtschein erreichten wir das schneebedeckte Gletscherende. Hier mussten wir erfahren, dass die Abendschatten den Schneesumpf des Tages bereits wieder zugefroren hatten. Erneut war aller Grund mit Eisbuckeln übersäht und all die neuentstandenen « Hubel » begannen neuerdings ihr jammervolles Ränkespiel mit ihren « Hebeln ». Die vereiste Nagelsohle meiner Stelzenscheibe Schoss richtungslos bald hier-, bald dorthin über all die glatten Kurven, so dass ich nicht mehr aufrecht stehen konnte. Der Grund war aber doch nicht steil genug für eine freie Rutschpartie. Deshalb versuchte ich ein früher schon erprobtes Mittel: rücklings am Boden liegend, umwickelte ich Bein und Stelze mit dem Seil und liess mich von den Seilgefährten mit vereinten Kräften gleich einem Schlitten schleifen. Aber der Nachteinbruch mit seinem Frost machte die holperige Bahn zusehends eisiger und härter, so dass die schürfende Reibung für meine Wunden an der Seite und am Arm zu einer immer grösseren Marter wurde, die mir denn auch gar bald den Schrei abrang: « Genug! » Als Ausweg versuchten wir nun ein Verfahren, das mir, so wie die Dinge lagen, allein den weitern Abstieg für den Rest der Nacht ermöglichte: wo immer der Gletscher oder die Moräne dies erlaubten, umfassten mich zwei Kameraden rechts und links mit einem Arm, dieweil ich meine Arme um ihre Schultern legte.Von da an ward der so schon schweren Bürde meiner Müdigkeit, auch noch die Mühsal zugebürdet, im Finstern über holperigen Grund zu balancieren. Gewisslich hatte auch mein Sturz sein Teil von meinem Kräftevorrat aufgezehrt.
Die Nacht schlug über uns zusammen, als wir uns unter geisterhaften Felskulissen vom Gletscherfusse trennten und den steinbesäten Rastplatz am Eseltschuggen — oberhalb der langen Moränenzüge — erreichten. Der unvermittelte Wechsel von Bodenart und Neigung bewirkte Entspannung und Reaktion. Bei unserer Rast fiel ich denn auch, inmitten all der Blöcke, sofort in tiefen Schlaf. Heute vermag ich zu ermessen, wieviel besser wir getan hätten, schon die Nacht zuvor an diesem Orte, statt im tiefgelegenen Trift, zu übernachten und wie sehr es sich für mich empfohlen hätte, die übrigen paar Stunden dieser zweiten Nacht hier oben zu verbringen, mich gegen Nachtwind und Kälte in der erdenklich besten Art zu schützen und auszuruhen. Doch niemand äusserte ein Wort in diesem Sinne. Ich kann nur eines sagen: Dieses unser Bergsteigen war einfach nicht vorausschaubar. Wir gingen dabei vielmehr in aller Eintracht vom Gedanken aus, es würde alles sich wie immer zu einem guten Ende fügen. So selbstverständlich war uns diese Überlegung, dass eine andere Möglichkeit nicht einmal gestreift wurde. Nie hatten Josef und ich auf irgendeiner unserer Touren uns jemals von der Nacht überraschen lassen; auch hatte uns noch nie — es sei denn Sturm oder Unersteigbarkeit — daran gehindert, ein ernstlich angepacktes Unternehmen auch durchzuführen. So kam es denn auch jetzt, weder ihm noch mir, in den Sinn, mit dieser Tradition zu brechen. Für Josefs spartanische Auffassung des Bergsteigens war es — so will mich dünken — selbstverständlich, dass sein « Herr » « gemeinsam mit den Seilgefährten, und wäre es auf ihren Schultern » heimzukehren hätte.
0 endlos lange Moränen, mit ihrem eisenharten, rauhen Pfad auf lockerem Grunde voller Tücken: auf ihm war jeder Schritt mit meiner Stelze ein Hohn auf meine schmerzerfüllten Muskeln und dazu meistens noch begleitet von einer Gliedverrenkung oder einem Druck und Stich auf eine blasenbedeckte Hautstelle. Gefrorener Schnee hatte das innere Federspiel der Stelzenrohre wieder ausgeschaltet, so dass der Stelzfuss ob seiner Starrheit bei jedem Tritte heftig aufstiess. Keinerlei Gleichmass oder Rhythmus der Bewegung war mehr denkbar; nur immerzu bei jedem Schritt ein anderes Taumeln und ein anderer Kampf ums Gleichgewicht.
Lang wiederholte Überanstrengung vermag den Menschen schliesslich zu betäuben. Halb bewusstlos ob meiner dürren Müdigkeit wie ich war, wirkten die einzelnen Orangenhälften — sorgfältig auf die ganze Nacht verteilt — jeweils wie Nektartrank des Himmels. Nie habe ich solch unvorstellbar köstliche Erfrischung je erfahren wie in den Augenblicken dieser kühlenden Berührung und Erquickung. Dies und der Schlaf, zu dem ich jegliche Minute Rast ausnützte, wenn Josef wieder einen nächsten Wegabschnitt erkundete, erlaubten mir jeweils, mit neuer Energie zwanzig Minuten weitern Weges zu überwinden.
Während dieses ganzen Abstiegs hielt Josef mich am kurzen Seile fest — aus Furcht, ein schwerer Fehltritt in der dunklen Nacht möchte mir meine Stützen rauben und endigen in einem schlimmen Sturz die Felsenseite der gewaltigen Moräne hinunter. Wenn er nicht vor uns her den Weg erkundete oder, im Turnus, mir als Stütze diente, spielte er, wo immer unser Pfad steil abfiel, die Ankerrolle der Partie. Auch Markus blieb während der ganzen Nacht meine Hauptstütze. Unser zweite Mann hatte sich inzwischen genügend erholt, um auch sein Teil Arbeit mannhaft auf sich zu nehmen. Es war ein Glück, dass alles ungewöhnlich starke, standfeste Männer waren. Sogar bei jungen Alpinisten in ihren besten Jahren wären Knubels und Markus'Leistungen, was Ausdauer und reine Kraftanstrengung anbetrifft, höchst staunenswert gewesen. Wer niemals selbst auf steilem, wüstem Grund, in finstrer Nacht als Krücke oder Träger diente, vermag sich nicht entferntest vorzustellen, was eine solche Rolle an jähem Kraftaufwand und an gemeiner Überspannung in sich birgt.
Nun zog die schmale, dürftige Wegspur steil abfallend über die stumpfe Schneide der Moräne selbst hinweg. Fortan fand nicht einmal ein einziger Begleiter neben mir noch Platz und niemand konnte mir beim misslichen Balancieren über die Schneide hin zur Seite stehen. Sie war so schmal, dass sogar meine Stöcke keinen Halt mehr finden konnten. Bei solcher Neigung war es schlechthin unvermeidbar, dass ich mit meinem Stelzfuss bei jedem losen Stein zum Straucheln kam. Ich mühte mich ums Gleichgewicht und stützte mich eng aufgeschlossen auf meinen Vordermann. In schicksalsschweren Seufzern rauschte der Nachtwind aus den Tiefen unsichtbarer Grüfte und über die durchhöhlte Halde der Moräne zu mir herauf und strich mir um die Wangen. Josef liess solche Balancierversuche auf der Moränenschneide nun nicht mehr länger zu. Trotz aller Finsternis muss er sich jeder Einzelheit und jeder Wendung im zerrissenen Gelände unter diesen Wänden erinnert haben. Bald nahm ich wahr, dass wir den jähen Kamm verliessen und linker Hand den holperigen Moränenhang herunterquerten. Er war in rabenschwarze Nacht getaucht. Nur mit Hilfe unserer einzigen Laterne und unseres Tastsinnes konnten wir uns durch die ungestalten Blöcke dieses Hanges durchlavieren. Es war ein unheimliches Ringen um einen Durchgang; immerhin fand ich für meine Hände Halt, und dies bedeutete für mich schon eine merkliche Erleichterung. Und jetzt vernahm ich plötzlich ein frostig kaltes Sprudeln, verspürte unter meinen Fingern Eisglasur und sah, wie die Laterne aufgeregt knapp vor meinem Kopfe auf und nieder tanzte, um mir den Übergang zu zeigen. Der Lichtschein glitzerte auf Eisglasur und Eiskerzen und auf dem sprühenden Glasgespinste eines kleinen Wasserfalles, der beim herrschenden Nachtfrost rasch zusammenfror. Wir querten vor ihm durch und entschlüpften damit der Moräne auf recht findige Weise. Durch steinbedeckte Hänge und schneeerfüllte Rinnen, eingezwängt zwischen der mächtigen Moräne und dem Sockelwerk unseres unsichtbaren Berges, verfolgten wir den weitern Abstieg. Der Schnee war hier zu hartem Grund erstarrt. Doch immer, selbst bei Felspartien, verstand es Josef, trotz allem Dunkel, eine Route aufzuspüren, die rechts und links von mir ausreichend Raum für meine stützenden Gehilfen bot.
Lange schon tasteten wir uns an der östlichen Berglehne durch die Finsternis voran, als auf den weissen Gletschern und Gipfeln des Mischabel- und des Nadelgrates, die uns in all den Stunden unseres Abstiegs ständig gegenüberstanden, das letzte Licht aufglomm: der Widerschein des Sonnenunterganges vom Firmament jenseits des Rothorns her. Wie ich zu diesem Licht emporblickte, versuchte ich den alten Zauber dieses Schauspiels neuerdings heraufzubeschwören, um doch noch einen Schimmer jenes Glorienscheines einzufangen, der meinem Abschied auf dem Gipfel so völlig fehlte. Doch reichte offenbar, was mir an Fassungskraft verblieben, zu solchem Werk nicht aus, und zudem liessen auch die Gipfel selbst mich zweifellos im Stiche. Ihr Widerschein des Sonnenunterganges war trüb und blass, und auch das nachdäm-mernde Leuchten, das ungewöhnlich lange zu verweilen schien, war fahl, schier geisterhaft, wie Lavaglut, die unter einer Aschenschicht verkühlt. Auf jedem der langsam entschwindenden Hochgipfel — Balfrin, Dom, Täschhorn, Alphubel, Allalin — rauchte und schwankte in gelblichgrauer, schlacken-farbner Tönung eine zypressenförmige Säule feiner Wolken, die irgendeine Grille abendlicher Gletscherwinde ins Leben rief. Mit zunehmender Müdigkeit vermeinte ich, die Schattenrisse dieser ungeheuren Auspuffpilze fernab am dunkeln Firmament würden mir foppende Grimassen schneiden. Nicht flammende Fanale waren es, die mir zum Abschied über jedem Gipfel lohten, nein, riesenhafte, düstere Trauerbüsche, die im Winde schwankten.
Solange meine Müdigkeit nicht jedes Denken ausschloss, es sei denn jenes an die Länge unseres Weges, fand ich im Grübeln über mein persönliches Problem freundliche Ablenkung. Weshalb war jedes innere Echo ausgeblieben, als ich auf dem Gipfel den Entscheid getroffen hatte, dass dies meine letzte Hochtour sein solle? In diesen endlos langen Stunden meines Abwärts-stolperns in der Dunkelheit hatte ich Zeit, auch diesem andern Irrgang nachzuspüren. Das Endergebnis der Entwirrung ward von mir andernorts bereits erzählt. Doch mag die Wiedergabe einiger Gedanken dem Leser helfen, die mühevolle Länge dieses unseres Abstiegs durch die Finsternis selbst nachzufühlen.
Darüber war ich mir im klaren, dass die Stärke meines Bergsteigertums weder vom Berge noch von mir selbst bestimmt worden war, sondern ausschliesslich vom Verhältnis abhing, das sich zwischen uns bilden und immer wieder erneuern liess und dass dieses Verhältnis, was mich betraf, von der Technik des Bergsteigens abhing. Jedem Grade der Schwierigkeit auf einem Berge entspricht eine bestimmte Klettertechnik. Erst dann, wenn zwischen beiden die rechte Spannung herrscht, kann sich der Funke des Abenteuers entzünden und sich aufstrahlend in Entzücken wandeln.
Ich hatte die sichere Technik, die für grössere Touren in den Alpen unerlässlich ist, verloren und war von blossem Kraftaufwand und von der Technik anderer Menschen abhängig geworden. Auch konnte ich bei all dem Übermass, mit dem ich an das Physische in mir zu appellieren hatte, nicht mehr in allem — beim Beobachten, Denken und Erkennen — den natürlichen Kontakt mit der Ganzheit und den verwickelten Einzelheiten grosser Berge zuwege bringen. So war das richtig ausgewogene Verhältnis zwischen uns einfachhin nie mehr wieder zu gewinnen. Auch die Zuversicht und Freude, die solcher Ausgewogenheit entsprechen, vermochten nie mehr wieder zu erstehen. Für mich stand fest, dass ich mich künftighin bescheiden müsse, meine beschränktem Kletter-kräfte mit Bergen von geruhsamerer Neigung zu messen und mich der sanfter leuchtenden Erinnerungen zu freuen, die solchen Touren folgt. Ich hatte zu verzichten, weil sich mit jedem Jahre meine Leistungsfähigkeit verminderte und damit das Beglückende verspäteter Versuche, das mächtige Crescendo wieder einzufangen, das ehedem bergsteigerische Meisterschaft dem Widerstand des Hochgebirges mit seinem höhern Mass an Leidenschaft und Ein-druckskräften abgerungen hatte.
Der letzte Zwielichtschein — im Halbrund jener schwefelfarbenen Wolkenbüsche auf den schattenhaften Bergen gegenüber — erlosch. Wohl waren wir schon längst von Finsternis umgeben; nun aber liess die vorgerückte Nacht ein schwarzes Leichentuch auf unsere Häupter nieder, bedrückend wie ein Grabgewölbe, durch das nicht einmal die Erinnerung an ein Sternen-stäubchen schimmerte.Verwehrt war uns jedweder Blick hinauf zu jenen fernen Abgründen blauschwarzen Dunkels, die uns in frosterfüllten Nächten mit der Enge dieser Erde und unserm finstern Pfad versöhnen und unser Auge immer höher und höher, über die Bahnen der funkelnden Sterne hinaus, zum Unsichtbaren lenken.
Nun tauchte selbst die steile, schimmerhafte Wegspur unserer endlos langen, engen Gänge unter dem Rothorn in die alles beherrschende Nacht ein. Dann aber fing auf einmal ein einsamer, gelber Funke aufdringlich an zu glitzern — unzweifelhaft vom Trifthaus her. In all den Stunden meines Taumeins, die nun folgten, rückte dies Licht uns niemals im geringsten näher. Wenn immer ich hinblickte in der eitlen Hoffnung, es möchte sich nun doch genähert haben, flackerte es seitwärts oder tanzte, gleich einem Irrlicht, tückisch aufwärts, wie dies feststehende Lichter in der Dunkelheit zu tun scheinen, wenn wir sie längere Zeit fixieren. Schliesslich redete ich mir ein, es handle sich um irgendein Feuer in den Waldungen weit weg, jenseits des Tales, auf den untern Hängen des Domes.
Irgendwo unterhalb der Moräne müssen wir wieder auf die übliche, rohe Pfadspur gestossen sein. Ich spürte, dass wir vom harten Schnee weg zu leichterm Grund gelangten: es war kein Zweifel, wir waren im Begriff, die blockbesäten Hänge von immer sanfterer Neigung, gegen die Triftschlucht hin, hinabzusteigen. Für meine Energie war nun kein Spielraum mehr zum Denken übrig. Auch die zwölf Orangenhälften waren längst aufgezehrt. In mir war jegliche Empfindung abgestorben, es sei denn ein beharrliches Ding-Dong-Gefühl, hervorgerufen von dem steten Vorwärtsgehen, dem steten Angeklammertsein an unsichtbare Wesen, die eben so stumm wie unsichtbar waren, und dem steten innerlichen Protestieren, wenn ein Gestrauchel über einen losen Stein oder eine brüske Wendung des dunklen Pfades die stützenden Gefährten und damit auch mich aus unserm rein mechanischen Tramp herausriss.
Mehrmals in meinem Leben war ich richtig müde: einst nach einer erschöpfenden Überschreitung des Weisshorns über die Ostwandrippe und den Nordgrat mit den beiden Theytaz; dann nach der Erstbesteigung des Nesthorns über seinen Südostgrat mit Robertson und Mallory; dann wieder in den Abendstunden einer Wanderung, bei der ich 65 Meilen weit von Killarney nach Cahirciveen an einem Tage marschierte und unterwegs den Carran Thuoile und die Reeks überschritt; und schliesslich in den heissen Mittagsstunden eines Strassenmarsches von Cambridge nach London mit George Macaulay Tre-velyan, bei dem wir 56 Meilen in 12 Stunden, mit einem einzigen Dreiviertel-stundenhalt, bewältigten. Aber in allen diesen Fällen vermochten Proviant und das Erwachen neuer Lebensgeister die volle Spannkraft für einen frohen Endkampf wieder herzustellen, der oftmals selbst in einem Wettlauf endete. Ich muss schon über meine eigene Erfahrung hinausgreifen, um ein Ver-gleichsmass für meine Müdigkeit auf unserm Rothornabstieg zu finden:
Während der am D-Tag eingeleiteten Invasion kommandierte unser Sohn Jocelin vor Arromanches eines der kleinen Vorhutschiffe. Drei Wochen nacheinander tat er damals auf offener See zur Deckung der Landungen auf der Kommandobrücke Dienst; 9 Tage und 9 Nächte lang lag er mit seinem Schiff in Küstennähe, im Kampfe mit dem fürchterlichsten Sturm seit 50 Jahren. Während all dieser Zeit hatte er nicht eine halbe Stunde ohne Unterbruch geschlafen. Bei seiner Rückkehr bestand sein einziger Kommentar in den Worten: « Ich hätte nie gedacht, dass Menschen derart müde sein und doch am Leben bleiben könnten. » Ich begriff,, denn unvermittelt zuckte in mir die Frage wieder auf, die ich mir während jener Nacht am Rothorn stellte: « Wie ist es möglich, dass ein Mensch im Leben sich derart todmatt fühlen und trotzdem bei Bewusstsein bleiben kann? » Seit unserem Aufbruch auf dem Gipfel waren wir nun schon 10 Stunden unterwegs und hatten insgesamt 26 Stunden steten, teilweise schweren Bergsteigens durchgestanden.
Ganz unerwartet ward die Finsternis vor uns von einem grellen Licht durchbrochen. Es flimmerte in einem Dunstkreis; wie wir uns durch den nächtlichen Nebel näher heranschleppten, zerteilte es sich in einzelne Lichter, die durch Fensterlücken, ja selbst durch einen Eingang schienen. Ich hatte das Empfinden, dies müsste wohl das ferne Licht sein, das sich jenseits der Unendlichkeit verborgen hatte und dass sich jetzt erweichen liess, aus dem Versteck herauszukommen. Nun fühlte ich, dass wir die Steinterrasse vor dem Trifthaus überschritten. Meine standhaften Stützen — die so viele Stunden unsichtbar gewesen waren — lösten sich von jedem meiner Arme und liessen mich allein in feierlicher Haltung durch die Türe humpeln. Dem Anschein nach war auch der alte Schwätzer nicht viel früher angelangt. Er erhob sich von seiner späten oder frühen Mahlzeit, wie man 's nimmt, um sich in Glückwünschen zu ergehen, die weder Zeit noch Ort entsprachen. 1 Uhr war schon vorüber, und von der Treppe her ertönte schon das Trampeln der Partien, die sich zu ihren Touren rüsteten.
Ich war bald eingeschlafen und wachte gegen 7 Uhr wieder auf, mit einem derart schrecklichen Gefühl des Nachtmahrs, weil ich im Traum von einem Gipfel stürzte, dass ich mir sagte: «'s ist an der Zeit, das Klettern aufzugeben, wenn Du so realistisch abzustürzen träumst. » Und dann ward mir mit einem Schock erneut bewusst, dass alles Wirklichkeit, nicht Traum gewesen.
Wir zogen in so flottem Tempo nach Zermatt herunter, dass wir den Morgenzug nach Riffelalp just noch erreichten. Als wir nach Verlassen der Triftschlucht den Wiesenpfad zur Bahnstation Zermatt einschlugen, entstand ein kleiner, freundschaftlicher Auflauf, denn unsere Besteigung war nicht geheim geblieben und war den ganzen Tag hindurch verfolgt worden. In Riffelalp überschüttete uns der Bahnhofvorstand — ein Vetter Knubels, wenn ich mich nicht irre — mit begeisterten Vorwürfen, weil seine Tochter gestern, den ganzen Nachmittag bis Nachteinbruch am Fernrohr klebte und sich schlankweg geweigert hätte, für die Familie irgendwelches Mahl zu rüsten. Glücklicherweise hatte unser Unfall sich auf der andern Seite des Gipfelgrates abgespielt.
Die paar Verwundungen verheilten langsam, wie dies nach Anstrengungen meist der Fall. Als Schätzungswerte Nachwirkung verblieb mir aber eines: es brauchte Jahre, eh'ich mich wieder einmal ärgern oder auch nur missstimmt sein konnte, ohne sofort Gewissensbisse und den ermahnenden Reflex zu spüren: « Du unzufrieden? Und noch am Leben? » Knubel ist immer noch in jener Führergilde ersten Ranges tätig, die einer alten, aus dem Felsen selbst herausgehauenen Rasse angehört und die in ihrem Leben der Askese von allem Zeitenwandel schier unberührt geblieben ist. Die Liste seiner Taten steht in der alpinen Geschichte wohl einzig da, und mehr denn je ist er nun heute zur legendären Gestalt geworden, der aber nach wie vor das wilde Herz, der lautre Sinn, die Kunst des Schweigens und die ursprüngliche Fröhlichkeit des jungen Berglers eigen blieb.