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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

8. Buch
1. In der Frage über die natürliche Theologie gilt es, sich mit Philosophen hervorragender Art auseinanderzusetzen.
Nun heißt es, den Kopf schon ganz anders zusammennehmen als es die Lösung der bisherigen Fragen und die Darlegungen in den voranstehenden Büchern erheischten. Denn über die sogenannte natürliche Theologie haben wir uns nicht mit den nächstbesten Leuten [sie ist nämlich nicht Fabel- oder Staatstheologie d. h. Theologie der Theater oder der Städte, beschäftigt mit der Schaustellung von Verbrechen der Götter wie die Theatertheologie, oder noch schlimmere Gelüste von Göttern oder vielmehr eben deshalb von bösartigen Dämonen verratend wie die Staatstheologie], sondern mit den Philosophen auseinanderzusetzen; und da weist ja schon der Name unserer Partner, wenn wir ihn in unserer Sprache geben, auf die Liebe zur Weisheit hin. Wenn nun aber die Weisheit, wie Gott, die Wahrheit, selbst bündig dargetan hat1 , Gott ist, durch den alles erschaffen worden ist, so ist der wahre Philosoph in Liebe Gott zugetan. Jedoch die Sache, die mit dem Worte Philosoph bezeichnet wird, findet sich nicht in allen, die sich mit diesem Namen brüsten [denn nicht alle, die man Philosophen nennt, sind deshalb schon der wahren Weisheit in Liebe zugetan]; deshalb muß unter denen, deren Anschauungen uns aus schriftlichen Quellen zugänglich sind, eine Auswahl von solchen getroffen werden, mit denen wir uns nur überhaupt auf diese Frage einlassen können. Denn ich habe mir hier nicht vorgenommen, alle übrigen Meinungen aller möglichen Philosophen zu widerlegen, sondern ich lasse mich nur auf die Meinungen ein, die eine Beziehung zur Theologie haben d. h., um dieses griechische Wort zu erklären, zum Begriff oder zur Lehre von der Gottheit; und auch da noch muß ich mich beschränken auf die Meinungen derer, die mit uns darin übereinstimmen, daß es eine Gottheit gebe und daß sie sich um die menschlichen Verhältnisse kümmere, aber von uns darin abweichen, daß sie der Ansicht sind, es genüge zur Erlangung eines auch nach dem Tode seligen Lebens nicht die Verehrung des einen unwandelbaren Gottes, sondern es sei dazu die Verehrung vieler, wenn auch von jenem Einen erschaffener und eingesetzter Götter notwendig. Sie nähern sich der Wahrheit bereits mehr als selbst Varro2 ; denn dieser kam mit der gesamten natürlichen Theologie nicht über die sichtbare Welt oder ihre Seele hinaus, jene dagegen bekennen sich zu einem über jegliche Art von Seele erhabenen Gott, der nicht nur die sichtbare Welt, Himmel und Erde, wie sie gewöhnlich genannt wird, sondern auch jede Seele ohne Ausnahme erschaffen hat und die mit Vernunft und Verstand begabte Seele, wie die Menschenseele, durch Zulassung zur Teilnahme an seinem unwandelbaren und unkörperlichen Lichte glückselig macht. Daß man diese Philosophen die Platoniker heißt, ein Name, der sich von dem Lehrmeister Plato ableitet, weiß jeder, der auch nur obenhin von diesen Dingen gehört hat. Ich werde also Platos Lehre kurz streifen, soweit es für die vorliegende Frage nötig erscheint, zuerst aber noch die Philosophen erwähnen, die vor ihm hierüber geschrieben haben.
1: Sap. 7, 24 ff.
2: Oben IV 31.