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Wenn das Herz bricht, dachte er, dann reisst es wie Holz durch das ganze Brett. In seinen ersten Tagen im Sägewerk hatte er gesehen, wie Gustaf Olsson einen massiven Holzklotz nahm, einen Keil hineintrieb und den Keil leicht drehte. Der Klotz brach im Kern von oben bis unten. Mehr braucht man über das Herz nicht zu wissen: nur wo der Kern lag. Dann konnte man es mit einer Drehung, einer Geste, einem Wort zerstören.
Julian Barnes, Die Geschichte von Mats Israelson, in: Der Zitronentisch, Kiepenheuer & Witsch, 2005
Ein anderer Freund starb plötzlich, entsetzlich, am Gepäckband eines ausländischen Flughafens. Seine Frau war einen Kofferkuli holen gegangen; als sie zurückkam, stand eine Menschentraube um etwas herum. Vielleicht war ein Koffer aufgeplatzt. Aber nein, ihr Mann war aufgeplatzt und bereits tot. Ein, zwei Jahre später, als meine Frau starb, schrieb sie mir: »Der Punkt ist – die Natur ist da sehr genau. Es tut exakt so weh, wie es die Sache verdient, darum genießt man den Schmerz gewissermaßen, glaube ich. Wenn es einem nichts ausmachte, würde es einem nichts ausmachen.
Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013
Ich ging in ein Londoner Kino und sah mir eine Direkt-Übertragung von Glucks Orpheus und Eurydike aus New York an. Vorher machte ich meine Hausaufgaben und hörte mir das Stück mit dem Libretto in der Hand an. Und ich dachte: Das kann überhaupt nicht funktionieren. Einem Mann stirbt die Frau, und seine Klagen rühren die Götter, sodass sie ihm schliesslich erlauben, in die Unterwelt hinabzusteigen, seine Frau zu suchen und zurückzuholen. Allerdings gibt es eine Bedingung: Er darf sie nicht ansehen, bis beide auf die Erde zurückgekehrt sind, sonst ist sie für ihn auf ewig verloren. Während er sie aus der Unterwelt hinausführt, bringt die Frau ihn dazu, sich nach ihr umzusehen; und dann stirbt sie; und dann klagt er noch anrührender um sie und zieht sein Schwert, um Selbstmord zu begehen; und dann erweckt der Gott der Liebe, durch diese Demonstration der Gattenliebe gnädig gestimmt, Eurydike wieder zum Leben. Also wirklich, wer soll denn das glauben? Mein Problem war nicht das Auftreten oder das Verhalten der Götter – das konnte ich alles leicht hinnehmen; mein Problem war die Gewissheit, dass sich niemand, der einigermassen bei Sinnen ist, umdrehen und Eurydike ansehen würde, weil er sich über die Folgen im Klaren ist. Und als wäre das noch nicht genug, sollte die Rolle des Orpheus, ursprünglich ein Kastrat oder Kontratenor, aber heutzutage eine Hosenrolle, in dieser Inszenierung von einer beleibten Altistin gespielt werden. Aber ich hatte Orpheus, diese Oper, die geradezu perfekt auf die Leidtragenden zugeschnitten ist, ziemlich unterschätzt, und so tat die Kunst in diesem Kino wieder einmal ihr Wunderwerk. Natürlich musste Orpheus sich nach der flehenden Eurydike umdrehen – wie konnte es anders sein? Denn obwohl »niemand, der noch bei Sinnen ist« das tun würde, ist er vor Liebe und Leid und Hoffnung völlig von Sinnen. Man verliert die ganze Welt um eines Blickes willen? Aber klar doch. Dazu ist die Welt doch da: damit man sie unter den richtigen Umständen verliert. Ist es überhaupt denkbar, dass man sich an sein Gelübde halt, wenn man Eurydikes Stimme hinter sich hört?
Julian Barnes, Lebensstufen, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015
Genau so ist es. Nur Buchhalter und Gartenzwerge können etwas anderes glauben. Nicht nur in der Kunst. Wie merkwürdig ist doch, was wir alles vom Leben “denken”, wie wir es “erfassen” oder “verstehen”, obwohl dem unseren Erfahrungen unmittelbar und fast vollständig widersprechen.
Wir hatten schon darüber gesprochen (hier und hier), dass Kultur (oder vielleicht besser Kultuviertheit) einsam und damit traurig mache. Thema war damals nur die Literatur. Dasselbe gilt indes auch, und vielleicht sogar in gesteigertem Masse, für die Geistesgeschichte. So schön es ist, einem Gedanken in einem alten Buch zu begegnen, wie einem alten Freund, so bedrückend bleibt, dass auch Hunderte von Jahren und grosser Ruhm eines Autors nichts gegen die Dummheit auszurichten vermögen.
Alles beginnt immer wieder bei Null.
Einzig die Gewissheit, gescheiter zu sein, mehr zu können und alles besser zu machen, als ihre Vorgänger, scheint von Generation zu Generation zuzunehmen.
Eine Google-Suche nach Lublin und Konzentrationslager erbringt das folgende Bild:
Das Konzentrationslager Majdanek erhält bei 29 Bewertungen die Note 4.7 von 5. Ob andere Konzentrationslager wohl noch besser abschneiden?
Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.
Matthias Claudius, 1740-1815