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Der öffentliche Nahverkehr in Zürich – Streiflichter aus drei Jahrhunderten
Die Stadt Zürich ist Mitte des 19. Jahrhunderts im Aufbruch. Symbolisch dafür steht die damals gebaute Bahnhofstrasse, die den Eisenbahn- mit dem Schiffsverkehr verbindet. Neue Verkehrsmittel kommen auf, alte verschwinden. Von der Postkutsche über das Rösslitram und die Trolleybusse bis hin zur S-Bahn prägen und prägten sie die Stadt und ihren öffentlichen Nahverkehr.
Mit Ross und Wagen
Um 1735 schlägt in der Schweiz die Stunde des öffentlichen Nahverkehrs, als eine erste fahrplanmässige Postkutschen-Verbindung zwischen Zürich und Bern zustande kommt. Die Kutsche kann vier Personen auf die vier Tage dauernde Reise mitnehmen. Im Laufe der Zeit entsteht ein regelrechtes Netz von Reise-Postverbindungen. Kurs-Karten verzeichnen auch Anschlüsse zu anderen aufkommenden Verkehrsmitteln wie Dampfschiff und Bahn.
1849 wird das Postnetz eidgenössisch und zur Sache des Bundes. Um 1850 ist das schweizerische Postnetz auf seinem Höhepunkt an Perfektion und Vollständigkeit, was guten Strassen, häufigen Pferdewechseln und guten Anschlussverbindungen zu verdanken ist. Einige Statistiken und Studien zeigen, dass sich damals nur sehr wohlhabende Leute dieses schnelle Transportmittel leisten können.
Mit der Eröffnung von neuen Eisenbahnlinien um die Jahrhundertwende verschwinden im Kanton Zürich die letzten bedeutenden Postkutschenlinien.
Vom Dampfschiff «Minerva» zur Zürichsee-Schifffahrt
Erstes Dampfschiff auf den Zürichsee ist die «Minerva». Sie legt 1835 erstmals von der Bauschanze ab und fährt Richtung Rapperswil. «Der Dampf fing einem eigentümlichen Getöse gleich einem Ungeheuer an zu arbeiten», wie der Berichterstatter der Zürcher Freitagszeitung schreibt.
Der Zürichsee ist nicht harmlos und damals auch immer wieder Schauplatz von Unfällen. Mit den neuen schnelleren Dampfschiffen wird es noch gefährlicher. 1872 ereignet sich ein besonders schlimmes Unglück: Zwei Dampfschiffe, eines mit 450 Schulkinder an Bord, kollidieren und eines der Schiffe sinkt. Es sind zwei Opfer zu beklagen.
Die öffentliche Schifffahrt auf dem Zürichsee gewinnt für den Tourismus an Bedeutung und wird ab 1903 von der Zürichsee Dampfbootgesellschaft (ZDG) betrieben. Im Zeitgeist der Belle Epoque werden die Schiffe bequemer und luxuriöser, Reisen soll ein Erlebnis sein. Schiffe von damals – die Salondampfer «Stadt Rapperswil» und «Stadt Zürich» – sind dank der Aktion pro Raddampfer heute noch im regelmässigen öffentlichen Schiffsverkehr unterwegs. Sie gehören zur Flotte der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft (ZSG), die 1957 aus der ZDG hervorgegangen ist.
Vom Rösslitram zu den städtischen Verkehrsbetrieben
Während Trams und andere Stadtbahnen heute Massenverkehrsmittel sind, sind sie in den 1880er-Jahrender der Oberschicht vorbehalten. Die private Zürcher Strassenbahn AG orientiert die Linienführung der ersten, von Pferden gezogenen Zürcher Strassenbahn an den Bedürfnissen eines Bürgertums, das sich Tramfahrten leisten kann. Das Pferdetram ist 1890 Alltag des Bürgertums, wie auch Kurt Guggenheim in seinem Zürcher Roman «Alles in Allem» schreibt. Dass Bedienstete oder Arbeiter ein Rösslitram benutzen, ist damals undenkbar.
Das Verhältnis der Zürcherinnen und Zürcher zum Tram wandelt sich um die Jahrhundertwende. Zürich macht sich auf, «Tramstadt» zu werden. 1896 wird die Städtische Strassenbahn (StStZ) gegründet. Sie elektrifiziert die Tramlinien, erweitert das Strassenbahnnetz und führt es in die Aussenquartiere Zürichs.
In den 1950er- und 60er-Jahren entwickelt sich das Auto zum Massenverkehrsmittel und droht die Strassenbahn zu verdrängen. In Zürich entsteht damals sogar die Idee, grosse Teile des öffentlichen Verkehrs unter den Boden zu verbannen. Doch in den 1970er- und 80er-Jahren fördert die Politik den öffentlichen Verkehr vermehrt und das Tram wird wieder zu einem Pfeiler der urbanen Mobilität.
Von Dampf zu weisser Kohle
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden überall in der Schweiz Bahnlinien gebaut. Die Spanisch-Brötli-Bahn, die zwischen Baden und Zürich verkehrt, hat ihre Jungfernfahrt sogar bereits 1847. Ein Vierteljahrhundert später nimmt die linksufrige Zürichseebahn den Betrieb auf. Am rechten Zürichseeufer geht es den einen zu wenig schnell vorwärts. So steht 1870 im Wochenblatt des Bezirks Meilen unter «Eisenbahnliches»: «Wir leben gegenwärtig im Zeitalter des Dampfes, überall bemerkt man Eisenbahn-Bestrebungen nur im Bezirk Meilen regt sich keine Maus, unsere Nachbarn am linken Seeufer sind rühriger.»
Die Eisenbahn hat aber auch Gegner, die vielerorts in den Tagblättern mobilmachen. Man befürchtet eine Verödung der Strasse und den Ruin der Fuhrleute und Wirte. Doch eine neue Zeit bricht unwiderruflich an. Nach den Postkutschen verschwinden auch die «Dampfrösser». Schon 1926 wird die rechte Zürichseelinie elektrifiziert, die linke Zürichseelinie folgt bald. So beginnt der Siegeszug der Elektrizität, auch weisse Kohle genannt.
Von Postautos, Bussen und Trolleys
Ab den 1920er-Jahren übernehmen Busse einen Teil des Pendler- und Ausflugverkehrs. Postautos lösen die letzten Postkutschen ab, benzinbetriebene Busse ersetzen zahlreiche Überlandbahnen. Ihre Schienen stören die Strassen, die damals zu Gunsten des Autos breiter werden. Heute gibt es nur noch zwei Überlandbahnen: die Forchbahn und die Bremgarten-Dietikon-Bahn.
Als dritte Stadt in der Schweiz setzt Zürich ab 1939 neben Tram und Bus auch Trolleybusse ein. Diese Busse mit Stromleitung bewähren sich besonders während des Zweiten Weltkriegs, da sie unabhängig von importierten Treibstoffen sind.
Heute verkehren in Zürich auf acht Linien Trolleybusse und bald werden es mehr, denn Trolleybusse sind ein Element zur Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft. Bis 2030 sollen alle Dieselbusse durch neuartige Batterie-Trolleybusse ersetzt werden, die einen CO₂-freien Busbetrieb ermöglichen.
S-Bahn und U-Bahn – Visionen für eine Grossstadt Zürich
Wenn die Trams Nummer 7 und 9 in den Milchbucktunnel eintauchen, werden sie für drei Stationen zur U-Bahn. Der Tunnel ist ein Relikt aus einer Zeit, als der Zürcher Stadtrat grosse U-Bahn-Pläne hegt.
Vor 50 Jahren verkehren Regionalzüge zum Teil mit sehr altem Rollmaterial, Abfahrts- und Ankunftszeiten sind nicht aufeinander abgestimmt und Reisende müssen verschiedene Fahrpläne lesen. Auf der Strasse leiden Tram und Bus unter der Verkehrslast. Dennoch lehnt das Zürcher Stimmvolk 1973 ein U-und S-Bahnkonzept ab. Eine U-Bahn scheint vielen eine Schuhnummer zu gross für Zürich. Was bleibt, ist das eineinhalb Kilometer lange U-Bahn-Teilstück beim Milchbuck, das wegen Strassenbauten vorgezogen und bereits vor der Abstimmung gebaut wurde.
Eine S-Bahn nach dem Vorbild vieler Deutscher Grossstädte findet knapp zehn Jahre später hingegen eine grosse Mehrheit. Die 1990 eröffnete S-Bahn ist ein Jahrhundert-Bauwerk der besonderen Art. Mit ihr einher geht die Gründung des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV), der den öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich grundlegend verändert: Ein einziges Ticket ist für alle Verkehrsmittel gültig und die Fahrpläne sind aufeinander abgestimmt. Zürich wird zur «Welthauptstadt des ÖPNV».
Literaturempfehlungen
Der öffentliche Nahverkehr hat die Gemüter nicht nur im wirtschaftlichen und politischen Bereich bewegt. Auch in der Literatur findet er seinen Niederschlag.
- «Strassenbahnfahren» in Albin Zollingers «Gedichten»
- «Nur bis Bellevue» und «Die kürzeste Tramteilstrecke der Welt?» in Peter Suters Glossen-Sammlung «Downtown Seldwyla»
- «Halt auf Verlangen: ein Fahrtenbuch» von Urs Faes
- «Enten» in Franz Hohlers Kurzprosa-Band «Fahrplanmäßiger Aufenthalt»
- «Unterwegs: 25 Gute-Fahrt-Geschichten» der Verkehrsbetriebe Glattal (VBG)
- «Ist hier noch frei?» von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ)
- Andrew-Bonds Serie «Ringo-Reise»
Daniel Stettler, Fachreferent/Liaison Librarian Wirtschaftswissenschaften
April 2023
Header-Bild: Der Bahnhofplatz Zürich mit Strassenbahn zwischen 1920 und 1930. Postkarte, Kunstverlag Rosenzweig. (ZB Zürich)