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Russisches Erdöl Die Schweiz und der Handel mit russischem Öl: Ein trügerischer Abschied?
Agathe Duparc, Robert Bachmann und Manuel Abebe, 20. März 2023
Auf dem Bildschirm erscheint eine lange Liste von Schiffen. Der Blick fällt auf jene, die in roten Buchstaben mit «kritischer Status» gekennzeichnet sind. Es ist Februar 2023, wir befinden uns im Handelsraum eines Genfer Rohstoffhändlers. Wie andere Marktteilnehmer ist er seit kurzem verpflichtet, die «bösen Schiffe», wie sie hier genannt werden, ausfindig zu machen. Meist handelt es sich dabei um Öltanker, die ihre Flagge gewechselt haben, um ihre russische Herkunft zu verschleiern, oder die in den letzten Monaten in russischen Häfen beladen wurden und möglicherweise mit russischen Personen oder Unternehmen in Verbindung stehen, gegen die Sanktionen verhängt wurden. So wie die Minerva Nounou, die unter maltesischer Flagge fährt. Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine am 24. Februar 2022 hat der 17 Jahre alte Tanker rund ein Dutzend Mal in russischen Häfen angelegt, darunter Ust-Luga und Primorsk.
Eine weitere Software vervollständigt das Bild, indem sie verdächtige Vorfälle aufspürt: Diese haben explosionsartig zugenommen: etwa ein Schiff, das auf hoher See seinen Transponder (das automatische Identifikationssystem AIS, mit dem man seine Position ablesen kann) abschaltet oder in internationalen Gewässern neben einem anderen Schiff anhält, möglicherweise, um seine Ladung umzupumpen. Solche Ship-to-ship-Transfers (STS) sind eine der einfachsten Möglichkeiten, den Ursprung einer sanktionierten Ware zu verschleiern.
«Das Verfolgen von Schiffen ist nichts Neues. Früher ging es hauptsächlich darum, sich über die Aktivitäten der Konkurrenz oder die Lieferkette zu informieren. Heute will man damit verhindern, bei jemandem einzukaufen, dessen Ware oder Schiff unter Sanktionen steht», erklärt eine Person, die den ganzen Tag vor diesem Bildschirm sitzt. «Aber es wird jeden Tag komplizierter», fügt sie hinzu, «die Tanker ändern regelmässig ihren Namen und ihre Flagge.» Gleichzeitig habe Moskau eine «Geisterflotte» aufgebaut, indem russische Akteure inkognito alte Tanker aufkauften, deren Verbindungen zu Russland kaum nachvollziehbar sind.
«Willkommen im zunehmend aufgesplitterten und undurchsichtigen globalen Ölbusiness. Da gibt es Marktteilnehmer, die sich an die Sanktionen halten, und andere, die in die Gegenrichtung unterwegs sind. Der Grat dazwischen ist sehr schmal!», fasst ein nicht namentlich genannt sein wollender Trader zusammen. Seit über einem Jahr verfolgt die gesamte Branche in Genf hektisch die Schiffe wie in einem Videospiel, und versucht gleichzeitig mit den neuesten, vom Westen verhängten Sanktionen Schritt zu halten. Dazu ist eine Armada von Jurist*innen und Rechtsanwält*innen angestellt, die die Vertragstexte bis auf das kleinste Komma sezieren.
Die Schweiz steht in diesem gewaltigen Umbruch in der ersten Reihe. Vor dem Krieg wurden 50 bis 60%der für den Export bestimmten russischen Barrels von Schweizer Händlern verkauft, die hauptsächlich in Genf ansässig waren. Die Banken des Schweizer Finanzplatzes vergaben fast ohne Überprüfung Kreditlinien in Milliardenhöhe, und die grössten Händler – Trafigura, Vitol und Glencore – waren wichtige Partner des zunehmend autoritären Regimes von Wladimir Putin. Das machte die Schweiz zum Hauptdealer eines Europas, das süchtig nach russischem Öl war. 2021 importierte Europa laut der U.S. Energy Information Administration (EIA) täglich 2,3 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte (hauptsächlich Diesel) aus Russland, das insgesamt 4,7 Millionen Barrel exportierte.
Embargo mit Spätzünder
Diese langen Flitterwochen endeten am 3. Juni 2022 mit der Ankündigung eines künftigen europäischen Embargos für russisches Öl, das dem im März von den USA verhängten Embargo folgen sollte. Diese Sanktionen wurden eine Woche später von der Schweiz übernommen. In Genf geriet die Branche damals völlig in Panik. «Es herrschte Weltuntergangsstimmung. Man versuchte auszumachen, von woher der Wind wehte, zu verstehen, wie sich der Markt und die Handelsströme neu organisieren würden und welche neuen Absatzmärkte es geben würde», erinnert sich ein Trader. Umso mehr, als sich Brüssel für ein Embargo mit Spätzünder und einem gestaffelten Inkrafttreten entschieden hat: 5. Dezember 2022 für russisches Rohöl; 5. Februar 2023 für Raffinerieprodukte. Eine Zeitspanne, in der man in Händlerkreisen darüber spekulierte, was erlaubt ist und was nicht, um sich entsprechend anzupassen.
Es steht viel auf dem Spiel, denn der Verkauf von Rohöl und Raffinerieprodukten ins Ausland macht mehr als 35% der gesamten russischen Exporte aus und speist zu mehr als einem Drittel den russischen Staatshaushalt. Um Putins Kriegsmaschinerie ihrer wichtigsten Einnahmequellen zu berauben, fahren die europäischen Staaten schweres Geschütz auf: Das sechste Sanktionspaket sieht vor, die Einfuhr von schwarzem Gold aus Russland auf dem Seeweg in ihre Hoheitsgebiete zu verbieten und europäischen Unternehmen zu untersagen, russisches Erdöl zu transportieren, zu versichern oder zu finanzieren, auch wenn die Barrels für Drittländer bestimmt sind, die selbst keine Sanktionen verhängt haben. Somit könnten die Exporte des drittgrössten Ölproduzenten der Welt ernsthaft beeinträchtigt werden, denn vor dem Krieg in der Ukraine wurden 60% des russischen Rohöls von europäischen, meist griechischen Schiffen transportiert und in drei Vierteln der Fälle von britischen oder norwegischen Unternehmen versichert.
Die Trader verstehen die Welt nicht mehr, denn zur gleichen Zeit drängen die USA auf die Einführung eines neuen Mechanismus: den «Price Cap», einen Preisdeckel. Aus Angst, dass das europäische Vorgehen die Energiepreise in die Höhe treiben könnte, will das US-Finanzministerium Moskau dazu zwingen, sein Öl zu einem Preis zu verkaufen, der unter dem Marktpreis liegt und der vom Westen künstlich festgelegt wurde. Seine Direktorin Janet Yellen setzt darauf, dass die Russen sich dem fügen müssen, da sie beim Transport ihres Öls stark von europäischen Reedern und Versicherern abhängig sind. Diese Akteure werden also weiterhin Dienstleistungen erbringen dürfen, sofern die Barrels unter dem Preisdeckel gekauft wurden und in Länder geliefert werden, die die Sanktionen nicht anwenden. Das Ziel: «Dem Rest der Welt soll es ermöglicht werden, weiterhin russisches Öl zu beziehen, ohne dass Russland dadurch reicher wird», fasst der Analyst eines Handelshauses zusammen.
Schnäppchen wohin man schaut
Die westliche Welt beschliesst den «Preisdeckel» letztendlich erst im Dezember 2022. In der Zwischenzeit fliesst das russische Öl weiter. Ende August lag die Produktion bei 10 Millionen Barrel pro Tag. «In dieser Zeit vor dem Embargo konnte man in Genf einige seltsame Gestalten antreffen, die mehr oder weniger zwielichtige, mehr oder weniger legale Geschäfte anboten», erinnert sich ein Trader, der lange Zeit auf dem russischen Markt tätig war. «Es war von phänomenalen Margen von bis zu 25% die Rede», fügte diese Quelle hinzu.
Das Barrel Brent (das in der Nordsee gefördert wird und als Preisreferenz dient) erreicht im März 120 Dollar, während Urals (die gängigste russische Sorte), das mittlerweile nur schwer Abnehmer findet, von Russland mit enormem Rabatt abgesetzt wird – es kostet 30 bis 40 Dollar weniger als Brent, gegenüber Preisunterschieden von 2 bis 3 Dollar vor dem Krieg. Es findet eine völlige Neuordnung der Lieferkette statt. China, Indien und die Türkei, die «befreundeten Länder», wie Wladimir Putin sie nennt, sehen ihre Importe in die Höhe schnellen und reiben sich die Hände, weil sie billiges Öl erhalten, das sie raffinieren und in der alten Welt zu hohen Preisen weiterverkaufen können. Und da es noch nicht verboten ist, russische Barrels nach Europa zu importieren, landen verlockende Angebote auf den Smartphones jener unabhängigen Händler, die es nicht allzu genau nehmen.
Ein maltesischer Trader mit Sitz in Genf berichtet, dass er im Oktober von einer Tochtergesellschaft des russischen Staatsriesen Rosneft kontaktiert wurde, der seit März 2022 unter US- und EU-Sanktionen steht. Das Angebot, das wir einsehen konnten: 100'000 Tonnen Diesel im Hafen von Noworossijsk (dem wichtigsten Ölhafen in Südrussland) mit einem hohen Rabatt zu kaufen und das Geld dafür auf das Konto einer in Grossbritannien registrierten Briefkastenfirma bei einer Bank mit Sitz im Oman zu überweisen. «Der Handel geht weiter, aber die Hauptschwierigkeit besteht darin, Kanäle zu finden, über die man die Russen bezahlen kann. Nur sehr wenige Banken machen da mit», erklärt uns der Gesprächspartner. Verrechnungsgeschäfte gehören zu den Optionen, die bereits Fuss gefasst haben. «Es genügt, mit gefälschten Rechnungen eine russische Firma zu bezahlen, die in Europa nicht unter Sanktionen steht. Sie wird das Geld dann an die richtige Adresse in Russland, in diesem Fall Rosneft, weiterleiten und dabei einen Prozentsatz einbehalten», so der Trader.
Grossbanken sind erstarrt
Während die Geschäftemacher aufwachen, müssen die prominentesten Akteure das Geschäft mit Russland so schnell wie möglich einstellen, sonst ist ihr Ruf ruiniert. Die grossen Banken des Landes sind äusserst vorsichtig, da sie noch immer von der «Erinnerung an die enorme Strafe von 9 Mrd. Dollar heimgesucht werden, die die USA 2014 gegen BNP Paribas wegen der Verletzung von Embargos [gegen Sudan, Iran und Kuba] verhängt haben», erklärt ein ehemaliger Banker. Credit Suisse, die bereits einige Skandale aufweist, kündigt an, die Finanzierung von Geschäften mit russischem Öl einzustellen. Andere Banken wie ING und Rabobank, die ebenfalls Kreditlinien gekappt haben, erklären sich allenfalls bereit, Cash bereitzustellen, um die verbleibenden «Finanzströme zu erleichtern».
Die Ende Mai 2022 unter Sanktionen gestellte und vom Zahlungsnetzwerk Swift ausgeschlossene Schweizer Niederlassung des russischen Riesen Sberbank, die noch 2021 Finanzierungen im Wert von über 18 Mrd. US-Dollar an Trader vergeben hatte, verschwand im Herbst von der Bildfläche. Die Bank wurde vom Genfer Geschäftsmann Abdallah Chatila aufgekauft und in TradeXBank umbenannt.
Rückwärtsgang bei den Handelsriesen
Unmittelbar nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine beginnen die Handelsriesen Trafigura, Vitol, Glencore und Gunvor einen Wettlauf gegen die Zeit. Stellungnahmen gegen die Gewalt des Krieges; Versprechen, russisches Öl nicht mehr anzurühren (sogar vor Inkrafttreten des Embargos), und auf Investitionen in Russland zu verzichten – alles ist gut, um sich Asche auf das Haupt zu streuen.
Dabei lief das Geschäft mit Russland zwei Monate vor dem Krieg noch wie geschmiert. Die drei führenden Rohstoffhändler hatten Ausschreibungen gewonnen, um bis 2022 die Hauptabnehmer von Rosnefts Ölprodukten (Naphtha und Diesel) in den wichtigsten Häfen des Landes zu werden. Wie in unserer Recherche «Die schmierigen Freundschaften des Kreml» beschrieben, waren diese Trader jahrzehntelang vom Kreml begünstigt, da sie dem russischen Ölsektor Vorfinanzierungen (Kredite) im Austausch für phänomenale Mengen an Barrels gewährten oder sich an verschiedenen Projekten oder Unternehmen beteiligten. Vor dem Krieg handelten sie mit schätzungsweise einer Million Barrel russischen Öls pro Tag. Sie trugen auch dazu bei, dass Genf zum bevorzugten Rückzugsort der Russen wurde. Ab 2011 hatte Rosneft, Russlands grösster staatlicher Produzent, dort seine Handelsfiliale angesiedelt und spannte sein Netz, umgeben von Partnerfirmen mit undurchsichtigen Anteilseignern und beraten von Schweizer Anwält*innen, die sich ihrer annahmen.
Im März 2022 wird der russische Riese, der von dem als «Darth Vader des Kreml» bekannten Igor Setschin, der früher regelmässig in Genf weilte, geleitet wird, unter US-amerikanische und europäische Sanktionen gestellt – zusammen mit Gazprom Neft und Transneft, die das Monopol für den Betrieb von Pipelines besitzt, Seit dem 15. Mai 2022 ist die Bereitstellung von Finanzmitteln oder Dienstleistungen für diese Unternehmen verboten.
Veräusserte Beteiligungen und Taschenspielertricks
Trafigura kündigt an, keinen einzigen Tropfen Öl mehr von Rosneft kaufen zu wollen. Das Schweizer Unternehmen ist auch gezwungen, sich von seiner 10-prozentigen Beteiligung an Vostok Oil zu trennen, dem Mega-Projekt von Rosneft, das die Erschliessung mehrerer Gas- und Ölfelder auf der Taimyr-Halbinsel vorsieht, einer Region in der Arktis, die bereits stark vom Klimawandel betroffen ist. Die kleine Nord Axis Limited, die eine Woche vor dem Einmarsch in die Ukraine in Hongkong registriert worden war, kaufte diese Anteile im Juli 2022 für einen unbekannten Betrag auf. Wie die «Financial Times» damals feststellte, weiss niemand, wer sich hinter diesem Neuzugang unter den Käufern russischer Barrels verbirgt. Auf Anfrage von Public Eye antwortet Trafigura, dass Nord Axis «gründlich geprüft» worden sei, die Firma «keine Verbindung zu Trafigura» habe und «der Eigentümer nicht russisch» sei. Nord Axis handelt mittlerweile auch mit grossen Mengen russischen Erdöls.
Trafigura verkauft im Januar 2023 auch seine indirekte Beteiligung von 24,5% an der indischen Gruppe Nayara Energy, die eine Raffinerie besitzt, die auf Hochtouren läuft und das von Moskau verscherbelte Öl verarbeitet. Rosneft hält weiterhin 49% der Anteile.
Sechs Monate vor der russischen Invasion hatte Vitol einen langfristigen Vertrag mit Rosneft abgeschlossen, der die Lieferung von 9 Millionen Tonnen russischen Rohöls pro Jahr vorsah. Dieser Deal wurde aufgekündigt. Der Handelsriese trennt sich im Dezember 2022 auch von seinen 5% an Vostok Oil, die er gemeinsam mit dem kleinen Händler Mercantile & Maritime hält, der ebenfalls in Genf ansässig ist. Der Käufer ist Fossil Trading FZCO, ein im April 2022 in Dubai eingetragenes Unternehmen. Dieses hält 100% der Anteile der Genfer Firma Energopole, wie auf deren Website zu lesen ist. Anfang 2022 war dieselbe Energopole noch eine Tochtergesellschaft von Rosneft.
Glencore hat seine 0,57% an Rosneft abgeschrieben, wie aus dem provisorischen Finanzbericht des Zuger Konzerns für 2022 hervorgeht. Gunvor tut sich schwer damit, seinen Anteil von 26% am Ölterminal im Hafen von Ust-Luga loszuwerden. Auf Anfrage antwortet das Unternehmen, dass eine solche Veräusserung «bislang weder praktisch noch rechtlich durchführbar war».
Frachter auf dem Weg
Doch bevor sie offiziell den Kontakt zu Russland abbrachen, kauften die Schweizer Rohstoffhändler noch mehrere Monate lang von den russischen Tankern – was in der Zeit vor dem Embargo zwar moralisch verwerflich, aber nicht verboten war. Wie wir im April 2022 gezeigt hatten, waren im Februar und März 2022 Trafigura und Vitol die grössten Käufer von russischem Rohöl, gleich hinter Litasco, dem in Genf ansässigen Handelsarm des privaten russischen Ölkonzerns Lukoil. Schuld daran seien Terminverträge, die vor dem 24. Februar unterzeichnet worden seien, erklärten sie.
Public Eye hatte Zugang zu detaillierten Daten, die zeigen, wie sich die Situation am Hafen von Kozmino zwischen März und Oktober 2022 entwickelt hat. Von diesem Ölterminal in der Nähe von Wladiwostok im Fernen Osten Russlands wird das «ESPO Blend crude», das Rohölgemisch, das über die Pipeline vom östlichen Sibirien bis zum Pazifischen Ozean transportiert wird, nach Asien exportiert – ein Volumen von jährlich 35 Millionen Tonnen.
In diesem «Line-up» (im Fachjargon die Rangfolge der Käufer) ist zu erkennen, dass Trafigura und Vitol von März bis Mai 2022 jeweils 645’986 bzw. 610’000 Tonnen Rohöl erhalten haben, was jeweils etwa 6 Tankern entspricht (wenn man die Aframax-Tanker mit einer durchschnittlichen Kapazität von 100’000 Tonnen nimmt). Reuters berichtete im Mai über eine weitere Ladung von Vitol, die ebenfalls in Kozmino verladen und in die Vereinigten Arabischen Emirate verkauft wurde. Gunvor hingegen erhielt zwei Rohölladungen, eine im März und eine im Juli.
Auf Anfrage bestätigt Vitol, dass der Konzern «für eine kurze Zeit nach der Invasion rechtliche Verpflichtungen gegenüber russischen Produzenten« erfüllt hat, bis wir in der Lage waren, die vertraglichen Probleme zu lösen». Gunvor wollte sich nicht äussern, und Trafigura sagt, sie habe «alle langfristigen Abnahmeverträge mit staatseigenen russischen Produzenten vor dem Inkrafttreten der EU-Sanktionen [A.d.R.: gegen russische staatliche Ölgesellschaften] im Mai 2022 gekündigt».
Tanz der Mittelsmänner und «Pop-up»-Firmen
Ab August 2022 verschwanden diese grossen Handelsnamen von der Kozmino-Liste. An ihre Stelle traten russische und chinesische Staatsunternehmen, begleitet von einer Vielzahl kleinerer Firmen mit unbekanntem Profil und unbekannten Eigentümern. Zu diesen neuen Akteuren gehören etwa Sunrise, Everest, Bellatrix, Petkim, Covart Energy, Serene Resources, Livna Shipping und Tejarinaft, das im vergangenen Jahr in Dubai gegründet wurde. Dieses Unternehmen, das hauptsächlich Ware von Rosneft erhält, wird verdächtigt, eine Strohfirma für den russischen Staatsriesen zu sein. Diese Firmen haben den Spitznamen «Pop-up» erhalten, da sie plötzlich aus dem Nichts auftauchen, ohne dass man feststellen kann, wer dahintersteht.
Viele in der Branche versuchen, die Geheimnisse hinter diesen Neuankömmlingen zu lüften. «An wen verkaufen die kleinen Firmen, die nur so aus dem Boden spriessen, weiter? Jeder konzentriert sich auf die ersten Verkäufe, aber niemand schaut sich an, wie es danach weitergeht, und es ist kaum möglich, Daten zu erhalten. Man kann spekulieren, dass es sich um ‹Strohfirmen› handelt und dass hinter dem Unternehmen, das zuerst kauft, ein grösseres Unternehmen steckt», so eine in der Schweiz ansässige Analystin. «Das Erstaunliche ist, dass einige von ihnen in wenigen Monaten perfekt in der Lage sind, Fracht zu transportieren und zu versichern sowie Finanzierungen zu erhalten. Sie werden zwangsläufig von anderen, grösseren Unternehmen unterstützt», ergänzt sie.
Die meisten dieser Firmen operieren nun von Dubai (siehe Box unten) oder Hongkong aus, zwei Jurisdiktionen, die keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine verzeichnen sie einen Zustrom von Unternehmen, die den Handel mit Moskau ungestört fortsetzen wollen.
Zu den neuen Namen gehören auch zwei in der Schweiz domizilierte Unternehmen. Zuallererst Paramount Energy & Commodities, ganz oben auf der Liste von Kozmino.
Rohöl-Festmahl für den diskreten Genfer Trader und ein Double in Dubai
Zwischen März und Oktober 2022 erhielt diese kleine Genfer Firma fast 6,2 Millionen Tonnen russisches Rohöl, was einem Durchschnitt von 7 Aframax-Tankern pro Monat entspricht wobei die Fracht gemäss unseren Informationen an China verkauft wurde. Ab November beschleunigte sich das Tempo. Laut zusätzlichen Zahlen bis Ende Februar 2023 erhielt Paramount, das von kleinen russischen Produzenten beliefert wird (mehrheitlich über das Partnerunternehmen Concept Oil Services), in dieser Zeit 9 bis 10 Tanker pro Monat, auch nach dem Inkrafttreten des Rohölembargos am 5. Dezember 2022. Dafür charterte Paramount mehrere Schiffe, darunter interessanterweise auch die Yasa Golden Bosphorus, ein Aframax, der bis zum 23. April 2022 von Mansel, der Shipping-Tochter von Vitol, verwaltet wurde.
Insgesamt hat Paramount seit der russischen Invasion in Kozmino 99 Tanker mit Rohöl geladen; das sind mehr als 9,9 Millionen Tonnen oder schwindelerregende 72 Millionen Barrel.
Seit Juni 2022 tut sich Erstaunliches: Wie Global Witness und die Financial Times jüngst berichteten, hat ein Unternehmen in Dubai das Geschäft von Paramount Energy am Hafen von Kozmino übernommen. Paramount Energy and Commodities DMCC handelt nun mit dem russischen Erdöl. Auf dem Papier sind die beiden Unternehmen voneinander unabhängig. Ein Schweizer Staatsbürger ist als Direktor der Firma in Dubai verzeichnet.
Public Eye berichtete im April 2022 über den unauffälligen Aufstieg der kleinen Paramount, die zwei Monate nach Kriegsausbruch bereits auf Platz 4 der Käufer von russischem Rohöl rangierte, hinter den Giganten Litasco, Trafigura und Vitol. Wir porträtierten ein Unternehmen mit ausgezeichneten Verbindungen in Russland, aufgrund seiner früheren Beziehungen zu dem Oligarchen Gennadi Timtschenko, dem Gründer von Gunvor und engen Vertrauten Putins, der lange Zeit der Liebling der Genfer Trading-Szene war. Paramount scheint auch von Transneft – dem russischen Staatsriesen, dem alle Pipelines in Russland gehören und der den Ölterminal Kozmino kontrolliert – eine Vorzugsbehandlung zu erhalten.
Der Umsatz des Unternehmens soll sich heute auf 8 bis 9 Milliarden US-Dollar belaufen. Seine Konkurrenten fragen sich, ob das Unternehmen in der Lage ist, Finanzierungen für den Kauf solcher Mengen zu finden. «Das ist eines der bestgehüteten Geheimnisse: Entweder bekommt Paramount das Öl von den Russen auf Open Account-Basis (d.h. bezahlt wird nur, wenn das Öl weiterverkauft ist), oder die Firma wird von chinesischen oder russischen Banken finanziert», meint ein Trader, der den russischen Markt wie seine Westentasche kennt.
Paramount spielt nun in der obersten Liga. Unseren Informationen zufolge hat sich der Händler kürzlich um den Kauf der sizilianischen ISAB-Raffinerie von Litasco beworben. Anfang 2023 sah sich der Handelszweig des russischen Riesen Lukoil gezwungen, die Anlage, die vor dem Krieg zu 80% mit russischem Öl betrieben wurde, zu verkaufen. Vitol und Trafigura waren ebenfalls in den Startlöchern. Schliesslich erhielt G.O.I Energy, ein privater Investmentfonds und Partner von Trafigura, im Januar 2023 den Zuschlag. Paramount versucht nun, einen weiteren Vermögenswert von Lukoil in Europa zu erwerben: das Unternehmen Petrotel Lukoil, das eine der grössten Raffinerien in Rumänien besitzt.
Unmittelbar nachdem der Aufstieg von Paramount im vergangenen Frühjahr in den Medien thematisiert worden war, entfernte das Unternehmen fast alle Hinweise auf Russland von seiner Website. In einem Interview mit einem ghanaischen Medium wird sein Direktor und Gründer, der Niederländer Niels Troost, als «einer der besten und zuverlässigsten Investoren in Afrika» präsentiert.
Per E-Mail kontaktiert, schreibt Paramount: «Wir können Ihre Fragen, die auf völlig falschen oder sogar voreingenommenen Prämissen und Tatsachenbehauptungen beruhen, nicht beantworten. Wie wir Ihnen bereits erklärt haben, hält sich unser Unternehmen an alle seine gesetzlichen Verpflichtungen und insbesondere an diejenigen, die sich aus den schweizerischen und internationalen Sanktionen ergeben, und hat diese stets gewissenhaft eingehalten.»
Kleine Namensunterschiede und grosse Geheimnisse
Ein weiterer Name fasziniert die Handelswelt: Sunrise. Unsere Daten zeigen, dass diese Firma im September 2022 in Kozmino fast 400’000 Tonnen Rohöl geladen hat, was etwa vier Tankern entspricht. Im Juni hatte sie bereits eine Ladung Rohöl von Rosneft im Hafen von Ust-Luga erhalten. Ziel: die Azoren in Portugal an Bord des Tankers Heidi A. Das Fachmedium Energy Intelligence, das regelmässig die Liste der «neuen Akteure» aktualisiert, berichtet, dass ebenfalls im Juni in Hongkong ein Unternehmen mit dem Namen Sunrise X Trading registriert wurde, wobei nicht klar ist, ob es sich um dieselbe Firma handelt.
Im Genfer Handelsregister findet sich eine Firma namens Sunrise Trade SA, die 2020 im Stadtzentrum bei einem Treuhänder registriert wurde. Auf ihrer Website, die eine Karte der Calvin-Stadt aufweist, die teilweise in russischer Sprache verfasst ist, erklärt Sunrise, dass sie in Russland, den Ländern der ehemaligen UdSSR, im Nahen Osten und in Asien «weltweit Geschäfte abwickelt». Ein Genfer Trader versicherte uns, dass es sich dabei um die oben genannte Firma handelt.
Unsere Fragen an den Schweizer Verwalter des Unternehmens sind bis heute unbeantwortet geblieben.
Weitere Informationen
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Reger Austausch zwischen Genf und Dubai
Alle, die von dort zurückkehren, sind sich einig: Dubai scheint von Horden reicher Russen überrannt zu werden, während der einst relativ kleine Ölhandelsplatz gleichzeitig spektakulär zulegt. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine haben sich viele kleine Firmen dort niedergelassen, hauptsächlich um die sehr profitable Nische des Handels mit russischen Barrels zu besetzen. Auch mehrere Genfer Trader haben Kurs auf diese glitzernde Metropole genommen, in dem die Restaurants mittlerweile ihre Menüs in kyrillischer Schrift anpreisen. Und wo die Behörden keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben.
Einige Handelshäuser verlegen einen Teil ihrer Mitarbeitenden dorthin, «die für sechs Monate entsandt werden, während ihre Familien in Genf bleiben», berichtet eine Quelle.
«Die Niederlassung in Dubai ist aus steuerlichen Gründen interessant, da es dort fast keine Unternehmenssteuer gibt. Aber es ist vor allem eine gute Destination für diejenigen, die nicht im Zusammenhang mit dem Kauf oder Verkauf von sanktionierten Produkten angeprangert werden wollen», so ein ehemaliger Schweizer Banker. Dieser Spezialist für Handelskredite sagt jedoch voraus, dass «die meisten Rohstoffhändler eine starke Präsenz in Genf beibehalten werden, um die Kreditlinien zur Finanzierung ihrer globalen Aktivitäten aufrechtzuerhalten. In Dubai haben die Banken noch keine Kultur der Handelsfinanzierung. Sie sind schlecht, selbst bei einfachen Dingen».
Die Swiss Trading and Shipping Association (STSA), der Dachverband der Schweizer Rohstoffhändler, antwortet, er verfüge über keine Statistiken über die Anzahl der Unternehmen, die ihre Geschäfte verlagert haben. «Auch vor dem Krieg hatten die Händler bereits Filialen in Ländern wie Singapur oder Dubai», erklärt Generalsekretärin Florence Schurch und fügt hinzu, dass «eine Geschäftseinheit in Dubai zu haben, nicht illegal ist und nicht automatisch bedeutet, dass sie zur Umgehung der Sanktionen genutzt wird».
Litasco, der Handelszweig des russischen Riesen Lukoil mit 450 Angestellten, hatte zu Beginn des Krieges erwogen, die Schweiz zu verlassen. Doch der Trader besann sich eines Besseren und versicherte den Genfer Behörden sogar, dass er seinen Hauptsitz am Genfersee behalten würde, wie aus eine Recherche von RTS hervorging. Die Lösung: sich zu teilen. Unseren Informationen zufolge ist der Generaldirektor von Litasco, Nazim Suleymanov, der im noblen Genfer Vorort Collonges-Bellerive lebte, mit der Hälfte seines Teams nach Dubai gezogen. Vom Genfer Hauptsitz aus soll nun mit Öl gehandelt werden, das auf anderen Märkten als Russland, insbesondere im Irak, gekauft wurde.
Einige Unternehmen haben längst gelernt, mit einem Fuss in den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem anderen in der Schweiz zu arbeiten. Dies gilt für das Unternehmen Coral Energy aus Dubai, das ins Auge sticht. In den ersten Monaten des Krieges stieg sein Volumen an russischen Raffinerieprodukten und Rohöl aufgrund seiner guten Beziehungen zu Rosneft explosionsartig an. Ende November erklärte Coral jedoch, den Kauf von russischem Rohöl im Sommer 2022 und von Raffinerieprodukten bis Ende 2022 eingestellt zu haben. In Genf hat Coral Energy ein Repräsentationsbüro, Polar Energy. Von der Rue de l'Arquebuse aus würden jedoch «zahlreiche wichtige Entscheidungen für das Unternehmen getroffen, während in Dubai die Verträge unterzeichnet werden», so eine Quelle.
Ein Markt, der immer undurchsichtiger wird
Seit dem Inkrafttreten des Rohölembargos am 5. Dezember ist es schwierig geworden, die Liste dieser «neuen Akteure» zu vervollständigen. Im Sommer 2022 berichtete Energy Intelligence über die aufschlussreichen Worte eines Traders: «Immer mehr undurchsichtige Akteure, von denen noch nie jemand gehört hat, werden Schiffe charternn. Es wird dasselbe wie mit dem Iran und Venezuela passieren, nur in viel grösserem Ausmass», prophezeite er.
Unsere Gesprächspartner*innen beschreiben einen Ölmarkt, der jeden Tag unübersichtlicher und undurchsichtiger wird. Selbst erfahrene Analyst*innen geben zu, dass die Informationen nach und nach versiegen: «Westliche Trader, die Informationen von lokalen Agenten in russischen Häfen sammeln konnten, operieren nicht mehr vor Ort, und die Tanker wechseln oft ihre Namen und Besitzer», sagt einer von ihnen.
Es gibt durchaus Rohdaten, wie jene von Crea, einer finnischen Organisation, die regelmässig ein Bulletin über die russischen Exporte fossiler Rohstoffe veröffentlicht. Public Eye hatte Zugang zur Crea-Datenbank, in der alle Tanker, die noch Barrels in russischen Häfen laden, mit den geladenen Mengen und dem endgültigen Bestimmungsort aufgelistet sind. Es ist jedoch schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die Identität der Käufer und Verkäufer zu erfahren, es sei denn, man verfügt über gute Kontakte in jedem Hafen.
Die Branche sieht sich mit einer wachsenden «Geisterflotte» konfrontiert, die von Russland in Vorbereitung auf das Ölembargo aufgebaut wurde. Schätzungen zufolge besteht sie heute aus 400 Tankern im Alter von 12 bis 17 Jahren. Abgesehen von der Gefahr einer Ölpest, der sie die Weltmeere aussetzen, sind diese Schiffe – davon einige bereits schrottreif – im Besitz von Briefkastenfirmen mit Sitz in Dubai oder Asien, an denen sich selbst Expert*innen die Zähne ausbeissen. Sie scheinen nur russische Barrels zu transportieren und haben ihre eigenen Gewohnheiten: Sie wechseln häufig Namen und Flagge, verschwinden regelmässig von den Bildschirmen, indem sie ihre Transponder ausschalten, und beteiligen sich an den bereits beschriebenen Ship-to-ship-Transfers (STS).
Vor den Küsten von Kalamata (Griechenland), Ceuta (einer spanischen Enklave in Marokko) und Lomé (Togo) haben diese Umladungen stark zugenommen. Sie ermöglichen es Moskau, das in kleinen Tankern transportierte Öl in grössere Schiffe umzupumpen, um die Kosten für die Reisen nach China und Indien zu minimieren, die viel länger als die früheren Routen sind.
Die Transfers von Schiff zu Schiff können auch dazu dienen, Ölprodukte aus Russland mit anderen zu vermischen), um ihre Herkunft zu verschleiern. Mehreren Quellen zufolge wird dieses Waschen des russischen schwarzen Goldes auch in fast industriellem Massstab in grossen Öllagern in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur oder der Türkei praktiziert, die von den neuen Händlern gemietet werden, auf die der Kreml heute setzt.
In Genf berichten einige Händler, dass sie Angst davor haben, eine russische Ladung zu kaufen, die auf diese Weise gewaschen wurde. «Es gibt keinen internationalen Standard dafür, wie ein Ursprungszeugnis aussehen sollte. Im Moment kann fast jeder ein solches Dokument herstellen, was im Zusammenhang mit den Sanktionen ein grundlegendes Problem darstellt,» erklärt die Leiterin einer Compliance-Abteilung.
Beim Preis-Informationsdienst Platts veröffentlichen immer mehr Unternehmen Angebote zum Verkauf von Raffinerieprodukten, die mit zweideutigen Formulierungen versehen sind: «Das vom Verkäufer gelieferte Produkt sollte weder ganz noch teilweise russischen Ursprungs sein» oder «nach bestem Wissen und Gewissen» stamme die Ware nicht aus Russland.
Kommt Genf dank dem Preisdeckel wieder ins Spiel?
Während die Branche das ganze Jahr 2022 über von den aus dem Nichts auftauchenden «Pop-Ups» und Putins Geisterschiffen in Atem gehalten wurde, steht nun der Preisdeckel (auf Englisch «Price Cap») mit seiner akrobatischen Umsetzung im Mittelpunkt der Diskussionen.
Nach endlosen Debatten legte eine Koalition aus den Ländern der Europäischen Union, der G7 und Australien für russisches Rohöl eine Obergrenze von 60 US-Dollar pro Barrel fest. Das geschah in letzter Minute, zwei Tage vor dem Inkrafttreten des europäischen Embargos am 5. Dezember 2022. Für Raffinerieprodukte, die seit dem 5. Februar 2023 nicht mehr nach Europa eingeführt werden dürfen, liegt die Obergrenze bei 100 US-Dollar für Diesel und Kerosin sowie 45 US-Dollar für bestimmte Heizöle. Das allgemeine Ziel besteht nicht darin, die russischen Öllieferungen zu stoppen, sondern sicherzustellen, dass sie weniger Einnahmen generieren, mit dem Russland den Krieg in der Ukraine befeuern kann.
Die Schweiz ist zwar nicht offiziell Teil dieser internationalen Koalition, hat aber im November letzten Jahres das 8. Sanktionspaket der EU übernommen, womit der «Price Cap» auch gilt. Könnten die grossen Schweizer Händler also wieder ins Spiel kommen und ihre hehren Erklärungen vom Frühjahr 2022 in den Wind schlagen? In Genf sind die Meinungen geteilt: «Theoretisch ist der Handel unterhalb eines bestimmten Preises möglich. Aber es muss sich lohnen», erklärt ein Analyst. «Solche Transaktionen sind möglich, solange Finanzierung, Logistik, Transport und Versicherung nicht mehr kosten als der Preis, den der Endkäufer zahlt. All diese Kosten werden jedoch steigen, da es darum geht, Öl nach Asien zu liefern, wo die Entfernungen doppelt so lang sind», fügte er hinzu.
Public Eye hat Fragen an die wichtigsten Handelshäuser gerichtet. Die Antworten sind ausweichend und lassen alle Optionen offen. Vitol antwortet, dass sie «ihre Geschäfte in voller Übereinstimmung mit allen anwendbaren Gesetzen und Vorschriften, einschliesslich der Sanktionsbestimmungen, betreibt». Im November letzten Jahres erklärte Konzernchef Russel Hardy, dass die Einführung des Preisdeckels «den Handel auf kleine Unternehmen umlenken» könnte. Glencore verweist auf eine Pressemitteilung vom 30. März 2022, in der es heisst, dass das Unternehmen «keine neuen Handelsaktivitäten mit Rohstoffen russischen Ursprungs aufnehmen wird, es sei denn, es wird von den zuständigen Regierungsbehörden dazu aufgefordert». Trafigura antwortete wortreich, dass es «wie der Rest der Branche, die Auswirkungen des Preisdeckels sorgfältig prüfe» und weiterhin «mit den Regierungen im Kontakt steht, um ihre Bedürfnisse auszumachen und die Rohstoffe und Energie zu liefern, die sie trotz der turbulenten Märkte benötigen». Gunvor gibt an, «alle geltenden internationalen Wirtschaftssanktionen und Vorschriften in Bezug auf Russland strikt einzuhalten».
Beobachter verweisen auf die Schwierigkeiten, den Handel mit Moskau wieder aufzunehmen, solange die Banken sich weigern, Transaktionen zu finanzieren, und die europäischen Versicherer sich zurückhalten. Der Preisdeckel wird weithin als ein technisches Unding angesehen, ein Mechanismus, der «von Bürokraten mit Wirtschaftsstudium erfunden wurde, die keine Ahnung von Ölmärkten haben», meinte ein Branchenexperte kürzlich auf CNBC.
Es ist vorauszusehen, dass es für die Regulierungsbehörden schwierig sein wird, Kontrollen durchzuführen und Umgehungstechniken zu durchschauen. «Man kann jederzeit in den Vertrag schreiben, dass man das Barrel Urals zu 56 US-Dollar gekauft hat, dies der Reederei zeigen und dann eine Zusatzvereinbarung machen, in der man 12 US-Dollar hinzufügt, die an die Russen gezahlt werden, um dies auszugleichen, z. B. in Dubai oder in der Türkei», erklärt ein Trader mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Paramount Energy schweigt auf Anfrage zum Preisdeckel. Das Genfer Unternehmen könnte indes direkt betroffen sein, denn es ist ausschliesslich am Ölterminal von Kozmino aus tätig, wo noch am Vorabend des Inkrafttretens der Sanktionsmassnahme am 5. Dezember 2022 der Preis für ein Barrel der Rohölsorte ESPO im asiatischen Markt bei 79 US-Dollar lag. Deutlich höher also, als die von den westlichen Staaten festgelegten 60 US-Dollar.
In einem jüngst veröffentlichten Artikel berechnete die britische NGO Global Witness, dass in den ersten zwei Monaten nach Inkrafttreten des Embargos 20 Millionen Barrel Rohöl der Sorte ESPO zu Preisen deutlich über dem Deckel gehandelt wurden, obwohl dieser gegolten hätte. Gesamtwert der Ware: 1,5 Milliarden US-Dollar. Gemäss Global Witness könnte Paramount Energy, einer der wichtigsten Abnehmer der Sorte ESPO, gegen den «price cap» verstossen habe. Seit Juni 2022 wickelt der Schweizer Ölhändler sein Russlandgeschäft indes über ein Unternehmen in Dubai namens Paramount Energy and Commodities DMCC.
Bei dieser komplexen Situation stellt sich die Frage, mit welchen Massnahmen die Behörden kontrollieren, dass der Preisdeckel eingehalten wird.
Schweiz verzichtet auf Kontrollen
Die USA, die EU und das Vereinigte Königreich haben Richtlinien für Marktteilnehmer erlassen, die mit Russland Handel treiben und sich dabei dem Preisdeckel-Mechanismus beugen müssen. Jeder hat auf seiner Ebene Verpflichtungen. Die Händler – die einzigen, die in direktem Kontakt mit russischen Verkäufern stehen – müssen im Falle von Audits oder Kontrollen nachweisen können, dass sie die Barrels tatsächlich unterhalb des Preisdeckels gekauft haben. Die Banken, die die Geschäfte finanzieren, können sich wie Charterfirmen und Schiffsagenten auf die Trader berufen, die ihnen bestätigen müssen, dass die Ware unter Einhaltung des Höchstpreises gekauft wurde. Versicherer und Schiffseigner benötigen eine Bestätigung von denjenigen, die vor ihnen in der Lieferkette stehen. Alle müssen die Unterlagen fünf Jahre lang aufbewahren. Die britischen Behörden, die bei weitem die strengsten sind, verlangen sogar von den Händlern, dass sie jedes Ölgeschäft mit Russland innerhalb von 40 Tagen zusammen mit der Dokumentation (Vertrag, Lade- und Frachtbrief, Akkreditive usw.) melden.
Und was ist mit der Schweiz? Die Antwort ist einfach: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat keinen der von Brüssel, Washington und London empfohlenen Kontrollmechanismen übernommen, obschon ihm die Überwachung der Anwendung der Sanktionen obliegt. Dies verspricht einen viel günstigeren Rahmen für die spätere Wiederaufnahme der Geschäfte. In der Schweiz sind die Trader daher nicht verpflichtet, ihre Käufe von russischem Öl zu melden oder die Unterlagen aufzubewahren. Die Schweizer Behörden setzen auf den guten Willen der Branche, die aufgefordert wird, sich selbst zu regulieren. Das Seco erklärte auf Anfrage sinngemäss, es wolle mit dem Preisdeckel weder unnötige bürokratische Hürden für die Industrie schaffen noch das Ölgeschäft mit Russland behindern und folgt in diesem letzten Punkt dem Ansatz der internationalen Koalition zum Preisdeckel. Eine Antwort, die im Einklang mit der bisherigen Politik Berns steht, die Attraktivität des Schweizer Handelsplatzes um jeden Preis zu erhalten, obwohl die mit dieser Branche verbundenen Risiken seit mindestens einem Jahrzehnt bekannt sind.
Eine weitere schweizerische Besonderheit, auf die eine Analystin hinweist: «Das Sanktionsregime in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich gilt für alle Personen, die in diesen Gerichtsbarkeiten einen Pass besitzen. In der Schweiz betrifft es Personen, die einen Schweizer Pass haben und in der Schweiz leben. Wenn Sie also Schweizer sind und z. B. in Dubai leben, müssen Sie sich nicht an die helvetischen Sanktionen halten», erklärt diese Gesprächspartnerin. Dies dürfte einen gewissen Handlungsspielraum bieten. Das Seco bestätigte diesen Punkt und antwortete, dass «im Gegensatz zur Situation in der EU und den USA Schweizer Bürger, die im Ausland leben, nicht den Sanktionen unterworfen sind, die auf der Grundlage des Embargogesetzes verhängt werden». Dies gilt auch für juristische Personen.
Ein Manager einer kleinen Genfer Handelsgesellschaft erklärt jedoch, dass die Trader, auch wenn die lokalen Vorschriften milde sind, immer die von den USA erlassenen Vorschriften im Auge behalten. «Der Teufel steckt im Detail, und es besteht immer die Gefahr, von der amerikanischen Sanktionsbehörde OFAC eingeholt zu werden», erklärt er. «Und warum sollte man sich von der Schweiz aus in Gefahr begeben, wenn man problemlos von Dubai aus arbeiten kann», fügt er hinzu.
Putin und sein Chevrolet für 5 Rubel
Vorerst können sich Wladimir Putin und seine Leute die Hände reiben, weil sie die Pläne des Westens vereitelt haben. Trotz der Schnäppchenpreise für russisches Rohöl hat Russland 2022 laut der Internationalen Energieagentur 218 Milliarden Petrodollar eingenommen und seine Exporte von schwarzem Gold um 7,6% gesteigert. In dem einen Jahr des Krieges wurde die globale Energiekarte neu gezeichnet. Im Jahr 2023 werden die russischen Rohölimporte in die EU voraussichtlich 500’000 Barrel pro Tag betragen, gegenüber 2,3 Millionen Barrel im Jahr 2021. Doch die russischen Produzenten haben neue Märkte gefunden: Rund 80% der Rohölströme gehen nun in die «befreundeten Länder» von Wladimir Putin, allen voran Indien, China und die Türkei.
Anfang Februar stellte die finnische Organisation CREA fest, dass «Russland auf den Preisdeckel nicht mit einer Einschränkung seines Angebots reagiert» und «stattdessen die Mengen erhöhen könnte, um dem Preisrückgang entgegenzuwirken». Der Kremlchef hatte den Preisdeckel denn auch mehrmals als «Dummheit» bezeichnet und sich mit seiner unbegrenzten Fähigkeit gebrüstet, die «militärische Sonderoperation» in der Ukraine zu finanzieren. Vor einigen Wochen erschien er lächelnd vor einer Gruppe russischer Journalisten. «Natürlich ist es das Ziel unserer geopolitischen Gegner und Feinde, die Einnahmen des russischen Haushalts zu begrenzen. Aber mit diesem Preisdeckel verlieren wir nichts (...), denn das ist genau der Preis, zu dem wir [unser Rohöl] derzeit verkaufen», sagte er ironisch über dieses «marktfeindliche» Instrument. Er ergänzte: «Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Mercedes oder einen Chevrolet kaufen und sagen: Ich möchte dieses Auto für fünf Rubel kaufen, nicht mehr», und erntete damit Gelächter im Saal.
Ende letzten Jahres unterzeichnete Putin einen Präsidialerlass, der seit dem 1. Februar den Verkauf von Rohöl und Ölprodukten an alle Firmen («ausländische juristische Personen und andere Einzelpersonen») verbietet, die sich diesem Mechanismus beugen. Doch die Unklarheit bleibt bestehen, da der Präsident Ausnahmen gewähren kann. Darüber hinaus macht der Text klar, dass das Verbot auch für Unternehmen gilt, die in ihren Verträgen den Preisdeckel wörtlich erwähnen. Wird es ausreichen, dass sie diese Formulierung einfach vermeiden, um weiterhin Rohölbarrels zu erhalten? Für Trader, die diese subtilen Entwicklungen genau verfolgen, bleibt die Frage offen.