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Lieber Juraj,
Du vermisst meine Meinungsäusserung zum Tsunami in Asien. Wenn ich auch den Ausdruck Meinung nicht mag - Meinung ist das, was einem jeden hier oder dort einfällt, wenn er zufällig zu denken beginnt -, so kann ich Deine Nachfrage doch verstehen. Mein Schweigen zu diesem Thema wundert Dich vor allem, weil die Natur, die Naturphilosophie, zu meinen wichtigsten Interessensphären gehören.
Verwunderung, sagt Aristoteles, ist der Anfang der Philosophie. Ist es fehlende Verwunderung, die den Denker zum Schweigen veranlasst? In der Tat: weder die Welle im indischen Ozean, noch die menschlichen Reaktionen darauf haben mir irgendwelche theoretische Probleme bereitet.
Aufgabe der Philosopie ist es nicht zuletzt, die Dinge an ihre rechte Stelle zu rücken, beziehungsweise: die Gedanken über die Dinge an die Stelle zur rücken, an der die Dinge bereits sind. Diese Übereinstimmung wird als Wahrheit bezeichnet, und Wahrheit ist gewöhnlich eine derart unscheinbare Sache, dass es nur den allerersten Philosopen genügen konnte, sie wie selbstverständlich auszudrücken. Heraklit: "Alles fliesst, nichts besteht, noch bleibt es je dasselbe", oder Laotse: "Je weiter einer hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen". Damals löste es Staunen aus, dass es gelingen konnte, ein Stück festen Boden in der Welt der Gedanken zu betreten, durch Sprache etwas Allgemeines auszudrücken. Doch was zum zweiten, dritten, vierten Mal betreten wird, ist bei weitem nicht mehr so interessant. Jene Weisheiten klingen rasch langweilig und taugen bald nur noch zum Ausschmücken von Schlagertexten. Zuletzt ist die Versuchung gross, den Ort geringzuschätzen, wo man sich eingefunden hat und zu vergessen, dass sich die anderen nicht oder noch nicht hier aufhalten; wenn wir Brecht glauben können, mussten sogar Laotse seine Sprüche erst entrissen werden.
Aristoteles hat dies im Auge, wenn er sagt, dass Wissenschaft nur dadurch ist, dass sie mitgeteilt wird. Wenn sich die Wissenschaft erst in der Kommunikation verwirklicht, dann schliesst sie ausser dem Wissenden auch den Adressaten ein, beinhaltet nicht nur das Resultat, sondern auch den Weg zu ihm. Es ist also nicht überflüssig, scheinbar Selbstverständliches über die Natur und ihre Katastrophen zu wiederholen.
Der Begriff Natur ist gefallen. Wir könnten andere Ausdrücke verwenden, das Sein vielleicht oder das All, um auszudrücken, dass mit Natur gemeint ist: alles, was ist. Diese Natur, stellen wir fest, differenziert sich in verschiedenartige Strukturen.
Am einfachsten und allgemeinsten sind die physikalischen Gesetze, denen alles in der Natur unterworfen ist. Am reinsten sind sie in den Bewegungen der Sterne erkennbar. Oder vielleicht täuschen wir uns, weil wir wegen der grossen Distanz nicht genauer hinzuschauen vermögen?
Die Sterne, das Universum: die zweite Struktur. Die Natur bildet Materie, welche sich zu Sonnen verdichtet und zu Planeten, die jene umkreisen. Die Sonnen wiederum sind nicht gleichmässig im Universum verteilt, sondern zu Galaxien zusammengeballt, die sich voneinander wegbewegen. Das Universum expandiert. Kehren wir die Ausdehnung theoretisch um, so gelangen wir an einen Nullpunkt, von dem das uns sichtbare Universum seinen Ausgang genommen haben muss. Er liegt auf der Zeitachse ungefähr 13.7 Milliarden Jahre in der Vergangenheit. Was bei diesem sogenannten Urknall geschehen war, darüber gibt es verschiedene, miteinander nicht vereinbare Theorien, die uns aber im Moment nicht interessieren. Wir gehen auch nicht auf die spekulativ nicht unbedeutende Frage ein, was denn vor 30 oder 100 Milliarden Jahren gewesen ist: da Zeit und Raum unendlich sind, ist ein absoluter Anfang der Zeit und des Raumes innerhalb von Zeit und Raum nicht möglich, also muss es ein "vor dem Urknall" gegeben haben - wenn andererseits bereits eine unendliche Zeit verstrichen ist, weshalb ist nicht längst alles wieder verschwunden?
Bewegen wir uns um neun Milliarden Jahre in unsere Richtung, so kommen wir zum Zeitpunkt, an dem unsere Sonne entstand. Wenig später bildete sich auch die Erde, deren Oberfläche nach einigen hundert Millionen Jahren zu einer Kruste erkaltete und die sich mit einer Atmosphäre aus Kohlendioxyd und Wasserdampf umgab. Vor drei Milliarden Jahren entstanden die ersten Kontinente, von denen allerdings kaum noch Spuren vorhanden sind. Gebirge in der heutigen Art lassen sich erstmals vor zwei Milliarden Jahren nachweisen. 300 Millionen Jahre in der Vergangenheit bestand die Erdoberfläche aus zwei Kontinenten, die sich während der nächsten hundert Millionen Jahre zu einem einzigen vereinigten, welcher vor 130 Millionen Jahren wieder auseinanderzubrechen begann. Zuerst bildete sich Nordamerika und Eurasien, danach drifteten die südlichen Kontinente auseinander. Sie prallen an einigen Stellen wieder gegen die Nordkontinente, Afrika gegen Europa, Indien gegen Asien, und warfen dabei die Gebirgsketten der Alpen und des Himalaya auf.
Gehen wir nochmals weit zurück. Vermutlich vor 3.8 Milliarden Jahren entstand auf der Erde das Leben. Pflanzen gibt es seit 2 Milliarden Jahren, Tiere seit etwas mehr als 500 Millionen Jahren. Vor 65 Millionen Jahren begannen sich, nach dem Aussterben der Dinosaurier, die Säugetiere zu verbreiten. Der Mensch erschien ungefähr 500'000 Jahre vor unserer Zeit. Vor 10'000 Jahren wurde er sesshaft.
In der Menschenwelt haben die aufgezählten Sphären ihre Entsprechung in verschiedenen Wissenschaften. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich mit der Natur theoretisch auseinanderzusetzen. Seine Wissenschaften gliedern sich mit der Zeit immer feiner auf, den Systemen entsprechend, in die die Natur selber schon gegliedert ist. Die fachliche Spezialisierung der Wissenschaftler ist wegen dem unerschöpflichen Formenreichtum der Natur unvermeidlich, sie führt aber als Kehrseite mit sich, dass der Spezialist den Blick auf das Ganze verliert. Hier einzuhaken und das Feld nicht der Mystik und der Religion zu überlassen ist Aufgabe der Philosophie. Die Erkenntnis der Natur als Ganzer jedoch kann nur durch die einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse hindurch gewonnen werden, nicht unabhängig von ihnen oder gegen sie.
Das Wort System, das gerade in einem Nebensatz aufgetaucht ist, bezeichnet einen Kernpunkt. Die Natur differenziert sich in Systeme, das heisst in Organisationseinheiten, in denen spezifische Gesetze gelten und die von uns, wie bereits gesagt, in verschiedenen Wissenschaften und ihren Unterdiszplinen erforscht werden. Wenn wir uns die Enwicklung vom Urknall bis zur Gegenwart vor Augen halten, so konstatieren wir, dass diese Systeme ständig an Komplexität zunehmen. Das komplizierteste uns bekannte System ist die Menschheit; was weder bedeutet, dass es nicht irgendwann noch kompliziertere geben wird, noch, dass es nicht bereits heute irgendwo solche gibt.
Ein neues System erhebt sich in einer gewissen Autonomie über das frühere. Autonomie auf der einen Seite als Unabhängigkeit verstanden, auf der anderen Seite als Eigengesetzlichkeit. Die Autonomie ist nur relativ, die Gesetze des Vorangehenden bleiben bestehen und dieses bleibt deshalb immer das Zugrundeliegende. Doch schon ein Planet, der seine Sonne umkreist, ist nicht mehr der Trägheit und der Gravitation einfach nur ausgeliefert. Er erhält sich dadurch, dass er sich beide zunutze macht und zu einer Einheit verschmilzt. Er stürzt weder in die Sonne, noch fliegt er geradeaus davon, sondern beschreibt eine Kreisbahn. Systeme sind nicht nur autonom, sie sind auch selbsterhaltend, in zyklischer Bewegung sich selbst erhaltend.
Die Erde selber erhält ihre äussere Form, indem die Wärme des Inneren, die durch radioaktiven Zerfall entsteht, in Magmaströmen an die Oberfläche transportiert wird, wo diese abkühlen und ins Erdinnere zurücksinken. Diese Strömungen verschieben die einzelnen Platten, aus denen die Erdkruste besteht.
Durch die Rotation der Erde um ihre eigene Achse wird die Oberflächentemperatur in einer gewissen Bandbreite konstant gehalten. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht lassen Luftmassen mit unterschiedlicher Dichte entstehen. In ihrer von der Erdrotation abgelenkten Ausgleichsbewegung transportieren sie die über den Gewässern verdunsteten Wassermassen über die Kontinente, wo sie in der Form von Regen und Schnee niedergehen und über Bäche und Flüsse den Weg zurück in die Meere finden. Wir sehen bereits auf dieser einfachen Ebene ein wechselseitiges Ineinandergreifen aller beteiligten Systeme. Abgesehen vom kurzzeitigen Wechsel der Sonneneinstrahlung im Tag-Nacht-Zyklus ändert sich die Erwärmung der Atmosphäre im Laufe eines Jahres. Die Systeme von Luft und Wasser werden durch diese beiden Zyklen in Gang gehalten. Sie sind auch untereinander und mit der Tektonik eng vernüpft. Die von den Winden bewegten Wolken entleeren sich vorzugsweise an Geländeerhebungen, welche durch die tektonischen Prozesse entstanden sind. Das Wasser greift die Erdoberfläche an, bei tiefer Temperatur durch Frostsprengung und Gletschererosion, bei hoher Temperatur durch das Auswaschen des vorher gelösten Materials. Dadurch werden die Gebirge nach und nach wieder abgetragen.
Auf den ersten Blick scheinen diese Systeme in einem gleichberechtigten und harmonischen Neben- und Miteinander zu existieren. Dem ist aber nicht so. Es gibt eine der bereits erwähnten Tendenz zur immer grösseren Komplexität entgegenlaufende Tendenz: die Zeit. Auf der untersten Ebene der mechanischen Gesetzmässigkeiten ist die Zeit noch eine abstrakte Grösse, die genauso mit positivem wie mit negativem Vorzeichen verwendet werden kann. Bereits auf der nächsten Stufe, die von der Thermodynamik beschrieben wird, begegnet sie uns als unumkehrbare Grösse. Ein geordnetes geschlossenes System erhält zwar die in ihm vorhandene Energiemenge, tendiert aber zu einer gleichmässigen Unordnung oder zu einer Zunahme der sogenannten Entropie. Dieses Gesetz bewahrt seine Gültigkeit durch alle Entwicklungsstufen der Natur hindurch.
Die im Laufe der Entwicklung hervorgegangenen komplexen Systeme sind nicht geschlossene, sondern offene Systeme. Sie können nur dadurch existieren, dass sie mit einem sie umgebenden geschlossenen oder ebenfalls offenen System in Austausch stehen. Wenn sie auch eine partielle Selbständigkeit und Eigengesetzlichkeit entwickeln konnten, so sind sie doch darauf angewiesen, dass ihre Umwelt und auch sie selber innerhalb gewisser Grenzen konstant bleiben. Wegen der allgemeinen Zunahme der Entropie ist dies aber auf lange Sicht nicht möglich. Kein Jahr gleicht dem anderen, kein Morgen gleicht dem anderen. Bis zu einem gewissen Grad vermögen die Systeme die Abweichungen aufzufangen und auszugleichen. Doch werden die Veränderungen zu gross, so gerät das System in ein Ungleichgewicht, aus dem es entweder in ein neuartiges System übergeht oder untergeht. Offene Systeme sind grundsätzlich vergänglich. Die Veränderungsgeschwindigkeit eines Systems ist im Allgemeinen umso langsamer, je einfacher es ist. In der Astronomie rechnen wir mit Jahrmilliarden, in der Geologie in Jahrmillionen, in der Biologie in Jahrhunderttausenden, in der Menschenwelt in Jahrhunderten und Jahrzehnten. Doch geschieht der Übergang von einem System in ein anderes nicht kontinuierlich, sondern meist als sprunghaftes Umschlagen, so dass nicht selten auch Veränderungen astronomischer oder geologischer Natur für uns wahrnehmbar werden.
Der prinzipiellen Vergänglichkeit schlägt das Leben ein zweifaches Schnippchen. Erstens vollzieht sich sein Austausch mit der Umgebung nicht passiv, sondern aktiv. Das meteorologische System nimmt die Sonne so auf, wie sie gerade scheint. Was lebt, nimmt dagegen nur auf, was es brauchen kann, um es zu verdauen. Zweitens pflanzt sich das Leben fort. Wird ein Gebirge durch die Erosion abgetragen, so ist seine Geschichte vorüber. Stirbt dagegen ein Lebewesen, so tritt an seine Stelle ein neues. Im Leben wird das System von der Stufe des Einzelnen auf die des Allgemeinen, auf die der Gattung gehoben. Der Untergang des Einzelnen bedeutet damit nicht mehr den Untergang des Systems, sondern ist im Gegenteil eine Voraussetzung für seine Erhaltung.
Die höheren Lebensformen emanzipieren sich immer weiter von der unmittelbaren Umgebung. Der Baum verliert im Herbst seine Blätte und kann durch diese Formveränderung den nährstoff- und energiearmen Winter überstehen. Das Tier ist schon nicht mehr an den Ort gebunden, es kann dort hingehen, wo seine Nahrung ist und dorthin, wo seine Partner sind.
Der Mensch geht noch einen Schritt weiter. Er ist ein geistiges oder denkendes Tier, das heisst, er hat zwischen seine Bedürfnisse und sein Handeln das Denken geschaltet. Anstatt direkt den Trieben und Instinkten ausgeliefert zu sein, vermag er sich von sich selber und der ihn umgebenden Natur zu distanzieren. Dadurch ist er in der Lage, seinen Stoffwechsel mit der Natur, sein Zusammenleben mit Anderen und seine Fortpflanzung planmässig zu regeln.
Diese Anlage ist freilich erst in Ansätzen verwirklicht. Vor naturgeschichtlich erst kurzer Zeit wurde der Mensch sesshaft, hörte auf, die Natur so hinzunehmen, wie er sie vorfand und begann, sie seinen Bedürfnissen entsprechend zu modifizieren. In diesem Bereich geht seine Freiheit am weitesten, so dass die meisten Menschen im Alltag nur noch mit gestalteter Natur in Kontakt kommen. Im Zusammenleben der Menschen selber ist erst in der Politik ein gewisses Mass an Freiheit vorhanden, während die Arbeitswelt noch immer von nicht kontrollierbaren Prozessen dominiert wird. Auch das Verhältnis des Menschen zu seiner eigenen Existenz und zur Gattung wird noch weitgehend vom Zufall bestimmt. Das bewusste Handeln steht in keiner Relation zu den Mitteln, die bereits zur Verfügung stehen.
Die Veränderungen, die der Mensch an der Natur vorgenommen hat, können aus der Sicht anderer Systeme durchaus als Eingriffe bezeichnet werden. Was für den Menschen angemessen ist, kann für Tier- und Pflanzenarten das Aussterben bedeuten. Allerdings sind auch die aussermenschlichen Systeme nicht harmonisch aufeinander abgestimmt. Sie greifen ebenfalls teils fördernd, teils zerstörend ineinander ein und berauben sich oft auch ihrer eigenen Existenzgrundlagen. Der Unterschied des Menschen ist, nochmals gesagt, dass er die Fähigkeit hat, sich dieses Tun bewusst zu machen und es zu planen.
Auf die ganze Natur gesehen gibt es kein Richtig und Falsch, kein Gut oder Schlecht. Solche Bewertungen machen nur Sinn, wenn sie die idealen Bedinungen eines bestimmten Systems formulieren, sind also zwangsläufig egoistisch. Letztlich ist es nicht einmal angemessen, von "der Natur" zu sprechen. Die Sprache, die dazu geschaffen wurde, sich über instrumentelles Handeln zu verständigen, suggeriert, es gebe ein Subjekt Natur, das dies und jenes tue. Dem ist nicht so. Nur der Mensch ist ein Subjekt. In der aussermenschlichen Natur geschieht etwas, aber es wird nicht gehandelt.
Diese Wertfreiheit der Natur verhindert nicht ihre hierarchische Struktur. Die früheren Systeme sind über die späteren erhaben. Sie bilden nicht nur die Grundlage, aus der sich diese erheben und auf der sie bestehen, sondern auch das Ziel, wohin sie zugrunde gehen werden. Sämtliche Systeme auf der Erde sind von der Sonne abhängig, von ihrer Gravitation oder von ihrer Energieabstrahlung. Die Sonne befindet sich aber ungefähr in der Mitte ihrer Existenz. In ungefähr 6 Milliarden Jahren wird sie zu einem Roten Riesen. Sie wird sich innert weniger hundert Millionen Jahre bis zur Umlaufbahn der Venus vergrössern und ihre Leuchtkraft mehr als vertausendfachen, bevor sie zu einem weissen Zwerg zusammenstürzt. Bereits viel früher, schätzungsweise in einer Milliarde Jahre, hat die Sonnenstrahlung und mit ihr die Temperatur auf der Erde so stark zugenommen, dass Leben nicht mehr möglich sein wird. Vielleicht haben die Veränderungen der Tektonik und des Klimas dem Leben bereits zuvor die Existenzbedingungen entzogen. Sicher aber wird das komplexeste System, das des Menschen, bereits lange vorher seine Lebensgrundlagen verlieren. Die Menschen werden vor den übrigen Tieren aussterben, die Tiere vor den Pflanzen.
Die zugrundeliegenden Systeme machen ihre Erhabenheit nicht erst in ferner Zukunft, sondern periodisch durch schlagartige Zustandsänderung geltend. Die indisch-australische Platte schiebt sich nur wenige Zentimeter pro Jahr unter die eurasische. Doch ist dies kein kontinuierliches Entlanggleiten. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte nehmen die Gesteinsschichten den Verschiebungsdruck auf und bauen eine Spannung auf, die sich irgendwann schlagartig entlädt. Am 26. Dezember 2004 brach tief unter dem Meeresspiegel die indisch-australische Platte auf einer Länge von ungefähr 1000 Kilometern von der eurasischen ab und rutschte um 10 Meter nach unten. Diese Verschiebung wurde von den Seismographen als das fünftstärkste Erdbeben der letzten hundert Jahre registriert und löste eine Welle aus, die sich mit bis zu 800 Stundenkilometern über den Golf von Bengalen und den indischen Ozean ausbreitete, die angrenzenden Küsten überflutete und schätzungsweise 300'000 Menschen in den Tod riss.
Die Ursache des Ereignisses lag im tektonischen System. Da die Natur keine Zwecke und Ziele verfolgt, spielten weder der gregorianische Kalender mit Weihnachten und Stephanstag eine Rolle, noch zog irgendetwas in Betracht, ob sich die Menschen vor dem Ertrinken in der Kirche, in der Moschee oder am Strand befanden. Nicht ertrunken sind, nebenbei bemerkt, die Tiere, die das Herannahen des Tsunami an hochfrequenten Tönen wahrnehmen konnten und diejenigen Menschen, die auf diese Tiere achteten und mit ihnen davonliefen. Dies waren in erster Linie die Ureinwohner der Andamanen und Nikobaren, während die zivilisierten Menschen in ihrem Urvertrauen zur Mutter Natur teils noch beim Herannahen der Welle die Videokamera zückten.
Das Betrachten eines solchen Ereignisses auf Video hat durchaus einen ästhetischen Reiz, der jedoch voraussetzt, dass sich der Betrachter in Sicherheit befindet. Es kann auch nach dem Erleben einer bedrohlichen Situation von Nutzen sein, vorübergehend seine geistige Haltung zur Wirklichkeit zu verändern. Die Menschen sind nicht nur in der Lage, sich von sich selber und der Natur gedanklich distanzieren und seinen Gegenstand in verschiedener Weise wahrzunehmen. Der Gedanke kann den Menschen für die Sache selber gelten und veränderte Gedanken für eine veränderte Sache. Da es ein Mass von Schrecken gibt, das der Geist nicht zu fassen vermag, ist es überlebenswichtig, gewisse Zeitabschnitte durch Illusionen zu überbrücken. Erst wenn sich dieser Mechanismus verfestigt, gereicht er dem Individuum zum Schaden. Nach Katastrophen sind einige wenige Prozent der Menschen davon betroffen. Sie entwickeln sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen, welche jedoch einfach zu heilen sind.
Die Ablösung des Gedankens von der Wirklichkeit scheint in der Geschichte der Menschheit eher die Regel als die Ausnahme gewesen zu sein. Je weniger die Menschen in der Lage sind, auf ihre Lebensumstände Einfluss zu nehmen, umso mehr Zeit können sie der theoretischen oder pharmakologischen Bewusstseinsveränderung widmen, sich Religionen, Drogen oder Spassfaktoren hingeben.
Dass die Wirklichkeit zum Prüfstein des Denkens herangezogen wird, markierte den Beginn einer neuen Epoche. Von da an machten sich die Menschen daran, ihre Umwelt zu verstehen und sie bewusst ihren Bedürfnissen anzugleichen. Dass die Menscheit letztlich den zugrundeliegenden Systemen unterliegt, ändert nichts an der spezifisch menschlichen Systemeigenschaft, man könnte sagen: Aufgabe, zu wissen und dem Wissen gemäss zu handeln.
Gegenüber den erhabenen Prozessen ist die Nichtübereinstimmung von Gedanke ohne Belang. Wie die erwähnten posttraumatischen Störungen wird sie jedoch gegenüber dem potentiell Beherrschbaren zum Problem, weil sie es in eine Scheinerhabenheit entlässt und die Unfreiheit ihm gegenüber zementiert. Diese Mechanismen sind ab und zu in einzelnen Menschen, etwa Kriegsveteranen oder missbrauchten Kindern feststellbar, viel häufiger aber auf gesellschaftlicher Ebene.
Der Tsunami mit seinen mehr als 300'000 Opfern gilt als die grösste Naturkatastrophe, von der die Menschheit bisher betroffen war. Folgerichtig hat er eine beispiellose Hilfs- und Spendenaktion ausgelöst. Es wurde einschränkend darauf hingewiesen, dass auf diesem Planeten in einem Monat mehr Menschen verhungern, als dort ertrunken sind. Die Plötzlichkeit des Ereignisses und die mediale Aufbereitung hat die Hilfsbereitschaft sicherlich erhöht. Jedoch ist nicht überall, wo Menschen sterben, die Menschheit betroffen. Die genetische Übereinstimmung allein konstituiert noch keine Menschheit, erst der praktische Zusammenhang. Die Leiden in Gebieten, die vom Rest der Welt abgeschottet sind, bewirken nur moralische Betroffenheit. In Südostasien wurden nicht nur irgendwelche Küsten überflutet, sondern solche, die unter anderem zu den beliebtesten Reisezielen gehören.
Das Geld, das gesammelt wurde, ist noch keine Hilfe. Es ist abstrakter Wert, man kann es nicht essen und kann nicht in ihm wohnen. Es muss für dieses oder jenes ausgegeben werden, damit es zu wirklicher Hilfe wird. Die Kriterien für das Wofür finden sich weder in ihm noch in der Hilfsbereitschaft als solcher. Sie werden durch die Verknüpfung der Situation vor Ort mit den Interessen des Spenders gebildet. Ein Flugzeugträger kann hierhin oder dorthin fahren. Dass er schliesslich vor Aceh kreuzt, ist Resultat eines komplexen Entscheidungsprozesses. Nicht die Spende schafft die Hilfe, sondern die Menschen, die helfen.
Ob diese Art der Hilfe von aussen und oben die beste ist, kann bezweifelt werden. Einige der betroffenen Länder haben auf sie verzichtet und sich dahingehend geäussert, dass die beste Hilfe darin besteht, die unterbrochenen wirtschaftlichen Prozesse wieder in Gang zu bringen.
Jetzt, lieber Juraj, nachdem ich diese wenigen Seiten beschrieben habe, beschleichen mich Zweifel, ob Dir meine Stichworte weiterhelfen. Ich habe den Verdacht, dass ich mit ihnen mehr Fragen aufwerfe als beantworte. Wenn dies zutrifft, so stelle sie mir!