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Fall Nr. 1
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Geräteturnen
Der Praktikant macht eine Einführung des Handstandüberschlags mit Minitramp und Kasten mit 20 Schülerinnen einer Quarta (9. Schuljahr) an einem Gymnasium. Die Mädchenklasse weist ein sehr unterschiedliches Niveau auf (2 Geräteturnerinnen, 7 Begabte und 11 ohne grosse Geräteturnerfahrung/Motivation). Nach dem Aufwärmen mit Musik und vorbereitenden Spannungs - und Gymnastikübungen, erfolgt ein Postentraining an drei verschiedenen Stationen. Der Lehrer erklärt die einzelnen Posten und zeigt die korrekten Hilfestellungen und Übungen mit den Schülerinnen vor.
Posten 1: Aus Anlauf mit Minitrampolin Handstandüberschlag über Kasten zum Liegen gestreckt auf Matte. Lehrer steht Hilfe.
Posten 2: Dito, aber Hände stützen sich auf Reckstange. Schülerinnen stehen abwechslungsweise Hilfe.
Posten 3: Handstandüberschlag vom halbhohen Kasten mit Hilfe von Schülerinnen.
Alle beginnen bei Posten 1 und dürfen nach erfolgreicher Bewältigung selbständig an allen Posten üben. Das Problem stellt sich bereits bei der Zielbekanntgabe der Lektion. Bei einigen Schülerinnen war eine sichtliche Demotivation zu erkennen. Durch einige Bemerkungen und offensichtliche Mimik und Gestik fielen sie bewusst auf. Zu Beginn der Postenarbeit haben sich zwei «schwache» Schülerinnen sehr ungeschickt benommen: Sie nahmen trotz der Hinweise des Lehrers zuwenig Anlauf und wagten sich nicht, einen Absprung mit genug Schwung vorzunehmen. Eine Schülerin wollte sich gar nicht richtig überschlagen lassen. Sie hatte den Mut nicht, den Kopf «einzurollen» und schaute bei ihren wenigen Versuchen ständig in die Landerichtung, wo sie dann eigentlich mehrheitlich bauchwärts landete, ohne sich rückwärts zu überschlagen. Sie sagte ständig, dass sie sich nicht sicher und wohl fühle und diesen Sprung nicht richtig wage. Die andere Schülerin hatte ähnliche Probleme, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Zudem fehlte bei beiden die Streckung der Arme, und sie hatten kaum Spannung. Die beiden Schülerinnen verweigerten nach ein paar Versuchen das Weiterarbeiten an den Posten.
Der Lehrer versucht mit mehrmaligem Aufforderung, die Schülerinnen zum Springen zu bewegen. Doch selbst beim Posten 1 (mit der einfachsten Übung) wollten die zwei keinen Versuch mehr wagen. Nach den erfolglosen Versuchen wurden die Schülerinnen als Helferinnen (Hilfestellung) eingesetzt. Der Lehrer dachte wohl im Moment, dass dies die beste Lösungsmöglichkeit für die beiden Schülerinnen sei. Das Helferinnen-Team nahm ihre Aufgabe aber nicht sehr ernst und führte die Helfergriffe nicht korrekt aus. Die Lehrperson intervenierte und erklärte noch einmal die richtige Hilfestellung, jedoch ohne grossen Erfolg. Die zwei wurden nun nicht mehr beachtet, und andere übernahmen das Helfen. Der Lehrer nahm die Situation so auf sich, ohne am Schluss auf die vergangene Stunde einzugehen oder das Gespräch mit den beiden Schülerinnen zu suchen.
Bei einigen Schülerinnen war eine Demotivation zu erkennen.
Diese impliziten Annahmen führen konsequenterweise zu entsprechenden Interpretationen. Einige Schülerinnen wurden zu stark gefordert, wahrscheinlich sogar überfordert. Der Lehrer hat die personalen Voraussetzungen zu wenig beachtet und mit allen Schülerinnen nach den Spannungsübungen gleich den Handstandüberschlag aus Anlauf mit dem Minitrampolin über den Schwedenkasten versucht. Dies bedeutete für einige Schülerinnen, welche noch absolut keine Erfahrungen mit dem Überschlag hatten, eine zu grosse und praktisch unüberwindbare Hemmschwelle. Im allgemeinen sind Geräte wie Reck, Barren, Kasten, Trampolin etc. den Schülerinnen oft fremd und bedeuten grosse Hindernisse, wie auch Handstandüberschläge mit Erhöhung. Die Interpretation fokussiert damit auf die Angst der Schülerinnen vor den verschiedenen motorischen Bewegungsaufgaben.
Das Wissen, das die Studierenden aus der beigezogenen Fachliteratur beziehen, bleibt in der weiteren Interpretation sehr allgemein. Obwohl ihnen mit dem Modell von Hackfort/Schwenkmezger ein sehr realitätsnahes Konzept offeriert wird (Beispiele ebenfalls aus dem Geräteturnen) wird der Fall nur am Rande auf die von den Studierenden selbst ausführlich aufgearbeitete Literatur bezogen. So nehmen sie z.B. die Empfehlung von Hackfort/Schwenkmezger auf, dass gefahrengerechtes Lernen und Handeln am besten erreicht wird, wenn die Angst- und Könnensgrenze nicht überschritten wird (1981, S. 176f).
In der weiteren Interpretation beziehen sich die Studierenden jedoch mehr auf praxisbezogene Tips zum Thema Angst beim Sport, die sie in einem Artikel von May (1991) in der Zeitschrift «Sportunterricht» gefunden haben. May fordert u.a., dass nur Schüler, die wollen, wirklich springen sollen, weil sich ängstliche Schüler eher verletzen. Etwas spezifischer in bezug auf den Handstandüberschlag: «Wenn Schüler keinen Handstand stehen können, krümmen sie sich vor Angst reflexartig in einer ‹Embryostellung› zusammen» (1991, S. 23). Der Ratschlag von May lautet demnach, dass solche Schüler noch keinen Handstand turnen dürfen, vor allem nicht mit Hilfestellung. Eine Begründung für diesen Ratschlag wird dem Leser nicht gegeben. Mit dem Ratschlag, ängstliche Schüler den Handstand auch mit Hilfe nicht turnen zu lassen, widerspricht May in aller Deutlichkeit den Vorschlägen von Hackfort/Schwenkmezger (1981, S. 100), die eine Hilfestellung bei ängstlichen Schülern explizit fordern. Diese Differenz wird von den Studierenden in ihrer Interpretation jedoch nicht erkannt und auch in ihren eigenen Empfehlungen nicht thematisiert.
Die Empfehlung der Studierenden für weitergehende Lektionen lautet u. a., dass die Klasse aufgrund ihrer Unübersichtlichkeit und der Intensität der Stunde (nur Geräteturnen) halbiert werden sollte. Interessanterweise hatten die Studierenden dies aber bereits zu Beginn der Interpretation in einer Explikation des Vorverständnisses gefordert, bevor sie sich mit Fachliteratur zum Fall auseinandergesetzt haben. Ebenfalls sehr unspezifisch bleiben die weiteren Empfehlungen der Studierenden. Es wäre deshalb unbedingt nötig gewesen, nicht an alle die gleichen Anforderungen zu stellen (Differenzierung). Ideal wäre, die Vorbildwirkung von weniger Ängstlichen zu nutzen und sie an den anspruchsvolleren Posten einzusetzen. Auch mit diesen Vorschlägen weichen sie kaum von den bereits zu Beginn der Interpretation geäusserten Ideen ab. Damit ist die zwar ausführlich aufgearbeitete Literatur für die konkrete Fallanalyse wenig relevant. Die in der Fachliteratur formulierten Empfehlungen bleiben als Beispiele stehen und werden nicht auf den zur Diskussion stehenden Fall bezogen.
In dieser Fallgeschichte kommt zum Ausdruck, dass die Studierenden einfache wissenschaftliche Modelle – wie z.B. dasjenige der Behavioristen zur Angst – bevorzugen. Das Modell vereinfacht die Komplexität des Unterrichtsalltags auf ein nachvollziehbares Handlungskonstrukt. Entsprechend meiden die Studierenden komplexere Ansätze, wie z.B. einen psychoanalytischen Ansatz zur Angst. Damit bestätigen sie explizit den Mythos der Wissenschaft als Technologie oder als Ingenieurwissenschaft. Weil sie aber letztlich durch diesen Anspruch enttäuscht werden, weichen die Studierenden für die konkreten Empfehlungen auf «Praxishilfen» und «Ratgeberliteratur» aus. Sie suchen mehr nach handfesten Ratschlägen als nach Differenzen, die in Form einer nicht-technologische Wissenschaft auch zu Unsicherheit führen könnten. Allerdings suggerieren solche praxisbezogenen Tips zum Thema nur eine oberflächliche Sicherheit. Der Vergleich der beiden Ansätze von May und Hackfort/Schwenkmezger zur Angst im Sport zeigt in aller Deutlichkeit, dass zu diesem Thema keine allgemein gültigen Ratschläge und Empfehlungen erwartet werden können und sogar mit widersprüchlichen Aussagen gerechnet werden muss.