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Rückkehr zum Baltoro
André Roch, Conches/GE
Zur Zeit der Erstbesteigungen Im Jahr 1934 habe ich mit meinem Freund James Belaieff an der Expedition von Professor Dyhrenfurt auf den Baltorogletscher teilgenommen. Wir hatten die Absicht, eine Besteigung des 8068 m hohen Hidden Peak ( oder Gasherbrum I ) zu versuchen. Der Plan scheiterte, weil sich die Träger weigerten, die Lasten einen steilen Sporn hinaufzutragen. Dieser Sporn wurde dann später, 1958, durch eine amerikanische Expedition unter Leitung von Nick Clinch bestiegen. Bei dieser Gelegenheit gelang Andy Kauffman und Pete Schoening die Erstbesteigung des Gasherbrum I über den von uns versuchten Sporn.
1934, nach unserm Misserfolg am Hidden Peak, hat die Expedition dann ihr Lager auf dem Conway-Pass auf 6300 m eingerichtet, von wo aus die Alpinisten einerseits den 7400 m hohen Queen Mary Peak ( oder Sia Kangri ) und andererseits den 7275 m hohen Südostgipfel des Golden Throne ( oder Baltoro Kangri ) erreicht haben; auf diesen Gipfel sind Belaieff, Ghiglione und ich mit Ski bis über 7000 m aufgestiegen. Zu jener Zeit war nur der 6890 m hohe Pioneer Peak, ein Vorgipfel des Baltoro Kangri, bezwungen, und zwar 1892 durch Sir Martin Conway.
Unter den in dieser Region durchgeführten Expeditionen war diejenige Seiner Exzellenz Luigi Amedeo di Savoia, Duca degli Abruzzi, im Jahr 1909 - soweit es sich um die wissenschaftlichen Ergebnisse handelt - eine der bedeutendsten. Federico Negrotto erstellte mit Hilfe der Photogrammetrie eine ausgezeichnete Karte des Gebiets, und Vittorio Sella brachte absolut einzigartige Photos zurück.
Der Baltorogletscher wird durch eine Ansammlung der höchsten Berge der Erde beherrscht. Vier sind höher als 8000 m: der K2 ( 8611 mder zweithöchste Berg nach dem Bereits 1934, vor mehr als einem halben Jahrhundert, war ich während einer Karako-rum-Expedition in Concordia auf dem Baltorogletscher, und mit 84 Jahren hatte ich das Glück, vom 23. Juni bis zum 28. Juli 1990 noch einmal dort zu sein.
Der Karakorum liegt im Norden von Pakistan. Es ist eine Gebirgsregion - grösser als die Schweiz - mit ungefähr 2000 Gletschern. Fünf von ihnen - Hispar, Biafo, Baltoro, Siachen und Batura - sind länger als 50 km.
Das Fort von Baltit ( Hunza ), man sieht es vom Karakoram Highway, der durch den Everest ( 8848 m ) -, der Broad Peak ( 8051 m ), der Gasherbrum I oder Hidden Peak ( 8068 m ) und der Gasherbrum II ( 8035 m ). Ausserdem sind zwei Gipfel - der Gasherbrum III ( 7952 m ) und der Gasherbrum IV ( 7920 m ) -höher als 7900 m, schliesslich überragt einer - der Masherbrum, der eleganteste in diesem phantastischen Kreis - 7800 m. Dazu gibt es eine Menge Gipfel, die höher als 7000 m sind, und noch mehr, die 6000 m überschreiten. Es ist eine der schönsten Gebirgsregionen der Welt.
Wiederentdeckungen und ein überladenes Programm Zur Zeit, als ich Präsident der Sektion Genevoise des SAC war, hatte ich die Ehre, Isobel Shaw, eine in Genf lebende Irin, als Mitglied aufzunehmen. Sie hat einen ausgezeichneten Touristen-Führer für Pakistan geschrieben und arbeitet zurzeit an einem 1 Shaw, Isobel: Pakistan Handbook, John Murray, London 1988 ( gekürzte französische Fassung: Pakistan, Guide Olizane, Genf ) Karakorum nach Tibet ( China ) führenden Strasse.
Trekking-Führer für den Karakorum. Mir scheint das Projekt menschliche Kräfte zu übersteigen, aber sie wird offenbar damit fertig, denn sie liebt dieses Land. Im Verlauf ihrer zahlreichen Expeditionen ist sie 1989 den Biafogletscher hinaufgestiegen und dann weiter über den Hispargletscher, eine Wanderung von mehr als 200 km über Gletscher und Moränen. Sie hatte jedoch noch nie den Baltorogletscher besucht. Da sie die Landessprache spricht und über Expeditionserfahrung verfügt, war es für mich eine gute Gelegenheit, sie zu begleiten, um meine Reise des Jahres 1934 noch einmal lebendig werden zu lassen und dieses herrliche Gebirge zu bewundern. Aber würde sie mich mitnehmen? Sie zögerte wegen meines Alters, aber sie war mutig und liebenswürdig genug, mich zu akzeptieren und mich nicht fallenzulassen.
Ich hatte den ehrgeizigen Plan, die 35 km lange Gletscherzunge hinaufzusteigen bis nach Concordia auf 4700 m, wo fünf Gletscher zusammentreffen, die dann die Gletscherzunge des Baltoro bilden. Ich wollte malen, photographieren, einen Film drehen, die Fliessgeschwindigkeit des Gletschers messen und Profile quer über die Oberfläche des Gletschers legen, um die Veränderungen des Gletscherniveaus in den kommenden Jahren feststellen zu können, wie ich es be- Vom Hotel K2 in Skardu ist der Blick auf das Fort und den Indus grossartig.
reits in der Schweiz, im Himalaya und im Yukon ( Kanada ) gemacht hatte.
Das Resultat ist leider mässig, denn ich habe nicht durchgehalten. Ich habe zwar nicht an Höhenkrankheit gelitten, aber ich glaube, dass die Höhe und mein Alter zu meiner Erschöpfung geführt haben. Ich hatte nicht die Energie, meine Programme durchzuführen.
Trotz dieser Behinderung konnte ich doch die Teilnehmer an der Wanderung und die Persönlichkeit jedes einzelnen würdigen. Zunächst Isobel Shaw, tüchtig und mir gegenüber aufmerksam, eine richtige Mutter. Dann die Liebenswürdigkeit ihres Sohnes Benedict, 21 Jahre, Student der Aerodynamik, intelligent und hilfsbereit; er hat sehr schön die wilde Natur gefilmt. Dann ist da noch Elisabeth Gardner, eine Schweizerin aus Fribourg, Witwe eines Iren. Sie betreute die Verpflegung und war so nett, mir meinen Anteil ins Zelt zu bringen. Wenn ich zwei Stun- den nach den andern im Etappenlager eintraf, begrüsste sie mich mit lauten Ausrufen und Komplimenten, was mich störte, weil ich am Ende meiner Kräfte war. So fuhr ich sie auch eines Tages heftig an:
Die beiden restlichen Mitglieder der Gruppe waren der sehr liebenswürdige Arzt Dr. Shephard und seine reizende Frau Deborah, genannt Debbie. Sie hatte gezögert mitzukommen, aber da sie wusste, dass einer der Teilnehmer über 80jährig war, glaubte sie, die Expedition nicht zu behindern. Ich bin beiden für ihre wiederholte Ermutigung dankbar. Der Doktor gab mir übrigens Sicherheit, denn sein Puls war immer schneller als meiner.
Positiv war, dass ich die seltene Freude hatte - eine egoistische wie die Freuden der Alpinisten ganz allgemein -, nicht etwa, eine besondere Heldentat vollbracht zu haben, sondern mich noch einmal inmitten dieser fremdartigen Natur, dieser ständig von Wolken umgebenen, unter einer bleiernen Sonne glänzenden herrlichen Gipfel aufzuhalten. Ich entdeckte jeden Berg, jeden Gletscher wieder, und viele Einzelheiten kamen mir erneut in den Sinn.
Von Islamabad erreicht man in weniger als einer Flugstunde Skardu. 1934 hatten wir zu Pferde von Srinagar über den Zoji La, Dras und Kargil mehr als drei Wochen gebraucht. Diese Strecke ist heute wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan an der Grenze zu Kashmir gesperrt.
Vom Hotel K2 in Skardu hat man einen herrlichen Blick auf den Indus. Dieser ausserordentliche Fluss entspringt tausend Kilometer weiter östlich in Tibet, und nach weiteren zweitausend Kilometern mündet sein schlammiges Wasser im Süden in das Arabische Meer.
Heute überquert man mit dem Jeep den Indus auf einer Stahlkabel-Hängebrücke, dann führt die Strasse den Shigar aufwärts bis nach Apaligon. 1934 setzte man mit einer grossen Fähre über, die Touristen, Träger und Pferde von einem Ufer zum andern brachte. Es war malerisch.
Bis nach Askole, dem letzten Dorf, sind es zwei Etappen zu Fuss. Unterwegs begegnen wir Hadji Medhi, dem Oberhaupt des Dorfes. Als ich ihm erzähle, dass ich bereits 1934 dort war, erklärt er mir, dass wir es damals mit seinem Vater Hadji Fawzil zu tun hatten, und umarmt mich.
Das Land ist vollkommen wüstenartig mit Ausnahme der durch Wasser von den Gletschern bewässerten Gebiete. Dort gibt es eine üppige Vegetation. Askole ist eine liebliche grüne Oase.
Begegnung mit Briten Die erste Schwierigkeit auf unserm Weg ist die Überquerung der Endzunge des Biafo-gletschers, die vollkommen mit mächtigen Steinen bedeckt ist. Sie stammen von Gipfeln nördlich des Gletschers wie dem 7285 m hohen Baintha Brakk, der auch Oger genannt wird. Ehe wir den Biafo in Angriff nehmen, haben wir noch das Glück, Doug Scott zu treffen, den interessantesten unter den britischen Himalaya-Bergsteigern. Er ist ein vierschrötiger Mann, fast breiter als lang, sein Gesicht verschwindet unter seinem struppigen Haar und Bart. Die Equipe war gerade an der Besteigung eines der Latok-Gipfel gescheitert.
Im Jahr 1977 war Doug Scott zusammen mit Bonington die Erstbesteigung des Oger gelungen. Damals hatte er sich bei einem schlimmen Pendelsturz am Gipfel beide Beine gebrochen. Weiter unten war auch Bonington gestürzt und war also keine grosse Hilfe. Scott, mit zwei gebrochenen Wadenbeinen, seilt sich mit dem Rücken an der Wand ab. Dann überquert er auf Knien, über grosse Stufen, die seine Kameraden Mo Anthoine und Clive Rowland geschlagen haben, steile Schneehänge. Unten am Berg kriecht er über den Gletscher zum Basislager, von wo aus er mit dem Helikopter ausgeflogen werden kann. Seine schreckliche Odyssee hat eine Woche gedauert, sie ist dank seines Mutes und seiner Widerstandskraft gelungen.
Wenn ihre Besteigung des Latok in diesem Jahr fehlgeschlagen ist, so ist das nicht allzu tragisch. Schlimmer ist, dass einer ihrer Trä- ger von einem Felsen in den brausenden Fluss gestürzt ist; der Leichnam des Unglücklichen konnte nicht gefunden werden.
Menschenscharen auf dem Gletscher Nach sieben Etappen überschreiten wir im Süden die Stirn des Baltoro, auf dem es dann über eine eindrucksvolle Steinwüste weitergeht, die das Eis über 62 km bis zur Quelle, davon 35 km bis Concordia, bedeckt.
Für mich wird das Marschieren mühsam. Ich habe drei Träger, deren Aufgabe es ist, mich voranzuschleppen und am Fallen zu hindern. Zweien von ihnen hänge ich an den Armen, der dritte trägt die Lasten und einen Faltstuhl, der mitgenommen wurde, um nötigenfalls als Tragstuhl zu dienen. Die Versuche waren enttäuschend.
Ich schäme mich, dass ich nicht so vorankomme wie die andern. Es ist zu sagen, dass ich seit einem Autounfall rechts eine Hüftprothese habe und das Gleichgewichtsgefühl nicht genügend wiedererlangt habe, um auf Moränen zu laufen. Aus Scherz behaupte ich, dass auf diesem Gletscher alle Steine direkt auf den Weg gelegt hat. Andererseits finde ich auch jeden Tag immer grössere Steine, auf die ich mich setzen kann, um auszuruhen und die grausame Natur zu bewundern.
Isobel lässt mich nicht im Stich, sie zwingt mich zu trinken und photographiert mich, das gibt mir jeweils Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Für mich ist es kein Erfolgserlebnis, obgleich ich inmitten dieser mit Hängegletschern bedeckten Berge bin und der Felswände, die so steil sind, dass das Eis an ihnen nicht hält. Angesichts dieser gigantischen Kathedrale würgt mich eine Art Schrecken, eine angstvolle Unruhe, die ich sicherlich während meiner früheren Expeditionen nicht gekannt habe. Ich bewundere heute die Kletterer, die wir kreuzen, im Wissen, dass mehr als die Hälfte der von ihnen geplanten Besteigungen Fehlschläge sein werden.
Im Lauf des Jahres 1990 waren 52 Expeditionen auf den Baltorogletscher geplant. Sich mitten in einem ständigen Strom von Wanderern, Kletterern, Soldaten der pakistanischen Armee und vielen begleitenden Trägern zu bewegen, war eine interessante Erfahrung. Die Armee verteidigt sich hier gegen Indien, das Pakistan angreift. Es ist Krieg. Gekämpft wird an der Grenze zwischen Kashmir und Pakistan, am Conway-Pass auf 6000 m, ein trauriger Weltrekord.
Ausserdem ist es einer der dümmsten Kriege. Auf der pakistanischen Seite wird der Verpflegungsnachschub über 60 km auf dem Baltoro herangebracht. Die Soldaten, denen wir begegnen, sind herzlich und sympathisch.
Im Camp des Paiyu spenden Weiden dem Etappenlager ihren Schatten. Mitten zwischen verlassenen Feuerstellen und ausgeglühten Ästen rinnt ein winziges Gewässer. Gedränge und Unruhe herrschen. Man hat das unangenehme Empfinden von Schmutz und Unrat.
Während wir uns einrichten, trifft ein munterer Bursche mit siegesgewisser Miene ein. Es ist Nick Cienski, ein Polnisch-Kanadier. Er ist in Shorts, stellt seinen Sack ab. Er hat grossen Vorsprung auf seine Kameraden. Was er berichtet, ist interessant: Er ist gerade auf Ski vom Broad Peak, von 7500 m, heruntergekommen und fragt sich, ob das ein Rekord ist. Auf jeden Fall ist es eine schöne Leistung. Ich erzähle ihm, dass ein Japaner, mit einem Fallschirm als Bremse, vom Südpass des Everest abgefahren ist. Er ist gestürzt, gerutscht und direkt vor einer Spalte zum Halten gekommen. Nick sagt mir, dass er in Gulmarg, einem Wintersportort bei Srinagar in Kashmir, als Führer für Heli-Skifahrer arbeitet.
Die eindrucksvolle Westwand des Gasherbrum IV ( 7920 m ) ragt über Concordia ( 4700 m ) auf.
Etwas entfernt unterhält sich Isobel mit einem kräftigen Australier, Führer bei einer Trekking-Organisation. Er kommt aus Concordia zurück. Eine junge Amerikanerin seiner Gruppe - in für dieses Land schockieren-der, aber hübsch anzusehender leichter Kleidung - hat sich eine Hand verletzt, aber offensichtlich nicht ernsthaft. Unser Arzt nimmt sich ihrer an.
Hier treffen die Träger mehrerer Expeditionen zusammen, singen und tanzen die ganze Nacht zum Klang kleiner Trommeln.
Eine weitere interessante Begegnung ist das Zusammentreffen mit Ashraf Aman, dem besten pakistanischen Bergführer. Unter anderm hat er 1976 als Führer einer japanischen Expedition den K2 bestiegen. Jetzt kommt er gerade vom Mount McKinley ( 6250 m ) in Alaska zurück, wo er eine amerikanische Gruppe begleitete. Er hat dort Pascale Viret getroffen, die von einer erfolgreichen Besteigung des Mount McKinley zurückkehrte. Wie sie ihm erzählt hat, ist sie die Enkelin einer meiner Freundinnen der Kinderzeit; er stellt die Verbindung her und kommt zum Schluss, ich sei ihr Grossvater.
Unterwegs kampieren wir in Urdukas unter grossen Felsen, in der Nähe von schwedischen Kletterern, deren Ziel die Besteigung des 7284 m hohen Mustagh Tower ist. Dieser gewaltige Monolith ist durch eine herrliche Aufnahme berühmt geworden, die Vittorio Sella 1909 bei der Expedition des Duca degli Abruzzi gemacht hat. Einer der Schweden will vom Gipfel mit einem Gleitschirm herabfliegen. Da er sieht, dass ich male, bittet er mich um ein Bild des Berges. Er erzählt uns, dass zwei der für den Verpflegungstransport der Armee eingesetzten Yaks in eine Gletscherspalte gefallen sind. Eins ist unerreichbar tief eingeklemmt, das andere sieht man zwar, kann es aber nicht herausholen. Unser Schwede ist daraufhin in die Spalte gestiegen und hat das Tier mit dem Pickel getötet. Ich gestehe, dass ich zum Töten eines Yaks sehr ungeeignet wäre.
Von hier aus sieht man die grossartigen granitenen Trango-Türme nördlich des Gletschers. Man entdeckt unter ihnen den Nameless Tower ( 6238 m ), in dessen Westwand die Genfer Michel Piola und Stéphane Schaffter zusammen mit P. Delale und M. Fauquet 1987 eine sensationelle Route eröffnet haben und 1988 dann E. Loretan und W. Kurtyka in der Ostwand eine andere, nicht weniger aufsehenerregende.2 Unterwegs taucht bei Sonnenaufgang der 7820 m hohe Masherbrum aus den Wolken auf, ein wunderbarer Anblick, den wir bewundern und filmen.
In Goro 2, eine Etappe vor Concordia, werden unsere Damen von einer chilenischen Expedition in ihr Messezelt eingeladen. Elisabeth, Isobel und Debbie tanzen die halbe Nacht; es ist ein Fest auf dem Baltoro. In dieser Höhe, auf 4500 m, kommt man bei solcher Gymnastik ausser Atem. Später besucht Isobel eine internationale Gruppe, die vom Gasherbrum II zurückkehrt. Beim Aufstieg gerieten sie in dichten Nebel. Der Pole versichert, sie seien nur 100 m vom Gipfel entfernt gewesen, der Deutsche spricht von nur 50 m, und der Amerikaner, der grösste Optimist, meint, es seien nur 15 m gewesen!
Auf dem Gletscher überholt mich eine von der pakistanischen und der französischen Armee gemeinsam organisierte Expedition. Sie ist unterwegs zum Gasherbrum II. Ihre zweihundert Träger gehen, sehr photogen, 2 Erstbesteigung 1976 durch die Briten Boysen, Antoine, Brown und Howell im Gänsemarsch in einer langen Reihe. Einer der französischen Offiziere bringt mir meinen Imbiss, den Isobel ihm für mich gegeben hat. Er gehört der Ecole militaire de haute montagne in Chamonix an, und es macht Spass, mit ihm von den Gipfeln der Mont-blanc-Kette zu sprechen.
Rund um Concordia Am 12. Juli treffen wir in Concordia ein, einem riesigen steinbedeckten Eisplateau. Wir richten unser Lager am Fuss der Mitre ( 6010 m ) ein, deren wilde Wände es noch 1300 m überragen. Ihr Zwillingsgipfel ist eindrucksvoll. Im Norden zeichnet sich hinter dem Marble Peak und dem Cristal Peak der lange Südgrat des K2 ab, der Abruzzen-Grat, die normale Aufstiegsroute auf diesen Berg. Geht man weiter nach Osten, erscheint zwischen zwei steilen und dunklen Hängen seitlicher Berge der K2 in seiner ganzen Majestät. Dieser Anblick ist so schön, dass man ihn unmöglich beschreiben kann. Man sieht eine regelmässige, von Hängegletschern bedeckte Pyramide, der das Spiel von Licht und Schatten Adel verleiht.
Nach drei vergeblichen amerikanischen Versuchen sind 1954 die Italiener Achille Compagnoni und Lino Lacedelli über den langen Abruzzen-Grat auf den Gipfel gelangt. Heute gibt es - die Varianten nicht eingerechnet - sieben Aufstiegsrouten auf den K2.
Auf seiner Südseite überragt der K2 um 3600 m den am Fuss dieses grossartigen Berges gelegenen Godwin-Austen-Gletscher. Im Jahr 1979 nahm Ghirardini, ein ausgezeichneter Kletterer, an einer umfangreichen französischen Expedition mit 1400 Trägern teil. Diese Equipe, der auch Yannick Seigneur als Leiter der Kletterer und Pierre Beghin angehörten, versuchte die Erstbesteigung des Südgrates. Sie verloren Zeit damit, den Berg mit fixen Seilen zu . Am 10. September erreichten D. Monaci und T. Leroy 8450 m, gaben dann aber wegen des schlechten Wetters auf.
Im folgenden Jahr kehrte Ghirardini mit seiner Frau, einem Verbindungsoffizier und einigen Trägern zurück. Er bestieg die Mitre im Alleingang, ein sehr gefährliches Unternehmen. Danach wollte er von den im Vorjahr angebrachten Seilen profitieren und begann die Besteigung des K2, scheiterte aber wegen des schlechten Wetters. Zurück im Basislager, erfährt er, dass der Verbindungs- Offizier während seiner Abwesenheit versucht hat, sich an seine Frau heranzumachen. Voller Wut will er ihn umbringen. Zum Glück hinderten ihn in der Nähe kampie-rende Amerikaner daran. Es wäre ein schöner Skandal geworden!
Im Jahr 1986 verunglückten mehr als zwölf Alpinisten am K2 tödlich. Sie waren vom schlechten Wetter überrascht worden und blieben acht Tage in der grossen Höhe. Einige stiegen im Sturm ab, erreichten das Camp, legten sich hin und starben. Sie waren zu lange so hoch oben geblieben.
Ein lohnendes Panorama Ein Amerikaner, den wir unten trafen, bemerkte: ( Der Weg bis nach Concordia ist mühsam, aber ist man endlich angekommen, dann lohnt es!> Es ist tatsächlich grossartig: Im Westen, unterhalb des Gletschers, schliessen die Spitze des Paiyu, der Choricho und der eindrucksvolle Turm des Uli Biaho den Horizont. Im Norden säumen dann die Trango-Türme, die Cathedrals, die Lobsang Peaks und der Mustagh Tower den Gletscher und bilden Gruppen gewaltiger Wände. Direkt im Norden schliesst der K2 das Tal des Godwin-Austen-Gletschers. Links des K2 ragt ein weisser Gipfel auf, der 6905 m hohe Angelus. Er wurde 1983 von Michel Afanassieff und Claude Stucki, Pfarrer in Genf und Mitglied des berühmten Club de l' Androsace, bestiegen. Hinter rotbraunen Vorbergen erhebt sich die breite Masse des Broad Peak. Im Osten beherrscht der Gasherbrum IV den Grund des gleichnamigen Gletschers. Dieser wilde Gipfel wurde 1958 von Walter Bonatti und C. Mauri bestiegen. 1985 haben dann W. Kurtyka und Robert Schauer in seiner Westwand, die wir gerade gegenüber haben, eine ausserordentlich kühne Route eröffnet. Es war ein schreckliches Abenteuer. Sie brauchten fünf Tage, um oben anzukommen, und drei für den Abstieg auf der andern Seite. Während fünf Tagen hatten sie nichts mehr zu essen und zu trinken. Sie überstanden es ohne Schaden.
In Skardu haben wir Robert Schauer getroffen. Mir war gar nicht bewusst, dass er es war, der diese mir bekannte Leistung vollbracht hatte. Auf dem Rückweg hat Isobel ihn in unser Hotel eingeladen. Da er in Graz ein Unternehmen für Berg- und Forschungsfilme leitet, führt er Isobel und mich zum Satpara-See oberhalb von Skardu, filmt mich beim Malen und lädt mich zu seinem Festival ein.
Doch setzen wir die Beschreibung des Panoramas von Concordia fort: Nach rechts zu, im Südosten, sieht man zunächst die Gipfel des Gasherbrum V und des Gasherbrum VI, Siebentausender, die aber ihr Nachbar, der Gasherbrum IV ( 7952 m ), übertrifft. Weiter im Süden folgt der Golden Throne ( oder Baltoro Kangri ) mit fünf um 7300 m hohen Gipfeln. Isobel bemerkt, dass er wie ein von der aufgehenden Sonne vergoldeter Thron eines Riesen wirkt, was ihm zu seinem Namen verholfen hat. Ich war gar nicht auf diesen Gedanken gekommen. Dann sieht man noch den Kondus Peak und den 7654 m hohen Chogolisa, an dem Hermann Buhl, der Sieger am Nanga Parbat 1953 und am Broad Peak 1957, bei einem Wächtenbruch im Nebel im selben Jahr 1957 den Tod fand. Schliesslich folgt eine Reihe von Bergen, die mit ihren steilen Wänden den Vigne-Gletscher umgeben; dann verdeckt der 6473 m hohe Biarchedi die Sicht auf den Masherbrum.
Der erste Tag im Lager gilt der Ruhe und der Wäsche. Ich male den Broad Peak, aber es ist zu spät am Tag, die Schatten fehlen. Am nächsten Tag steigen, während ich mich ausruhe, der Arzt, seine Frau Debbie, Isobel, Liz und Ben zum Basislager des K2 auf, von wo aus sie die Amerikaner auf dem Abruz-zen-Grat vorankommen sehen. Am Abend kehrt Isobel mit einem meiner Träger zurück. Sie hatten einen Weg von 9 km zurückgelegt, also hin und zurück zusammen 18 km. Auf dem Rückweg hatten sie sich verirrt und mussten reissende, über das Eis fliessende Wildbäche überqueren. Diese Bäche sind sehr gefährlich, rutscht man hinein, ist man praktisch verloren.
Rückkehr Ich hatte gehofft, zwei Ruhetage würden mir guttun. Aber damit war es nichts. Wir nehmen den Weg über den Gletscher wieder auf, um zurückzukehren. Wenn es leicht bergab geht, gelingt es mir zu gehen, aber bergauf komme ich ausser Atem. Es ist so mühsam wie die Besteigung des Everest im Jahr 1952. Alle zehn Schritte muss ich anhal- ten, setze mich auf Steine, die gross genug sind, dass ich mich aufrecht halten kann. Es ist ein Kreuzweg. Ich kann die Berge noch bewundern, aber mein Zustand enttäuscht mich.
Beim zweiten Etappenhalt des Rückwegs bin ich am Ende. Im Abstieg auf einem vereisten Hang rutsche ich 8 m hinunter, wobei ich am Ort meiner Hüftprothese aufschlage. Der Arzt, seine Frau, Liz und Ben, die einen Tag am Fuss des K2 geblieben waren, haben uns wieder eingeholt. Alle meinen, ich sollte mit einem Helikopter ausgeflogen werden, aber die Entscheidung liegt bei mir. Trotz meines Sturzes bereitet mir meine Prothese keine Schmerzen, ich kann gehen. In meinem Schlafsack fühle ich mich wohl, und dank meiner Plastik-Urinflasche muss ich in der Nacht nicht hinaus, um meine Notdurft zu verrichten. Es ist mir nicht bewusst, dass ich mich in einem Zustand vollkommenen Verfalls befinde. Ich habe nicht einmal mehr die Energie, mich zu waschen. Ich schäme mich, dass ich mich tragen lassen muss, aber ich muss mich den Tatsachen beugen: Ich bin nicht mehr jung, meine Widerstandsfähigkeit hat Grenzen. Manche werden meinen: ( Was hatte er denn da auch zu suchen ?) Aber sie können mir nicht die Freude daran nehmen, dass ich diese Berge bewundern konnte. Ich entscheide mich dafür, ausgeflogen zu werden.
Isobel bricht mit einem Träger zu einer He-likopterstation der Armee am Rand des Gletschers auf. Der Funkverkehr klappt. Die Träger betten mich auf eine etwas aus dem Rahmen geratene Bahre, die mehrfach wieder gerichtet werden muss. Zum Glück habe ich Nylonschnur gesammelt, die jetzt zupass kommt. Sie binden mich um die Schenkel fest und nicht um die Taille, so dass ich mir beim Kippen der Bahre die Beine brechen würde. Ich habe Mühe, mich darauf zu halten. Es geht auf und ab zwischen Steinen und Eis, die Hangstrecken sind mühsam, ich habe Angst zu fallen.
Endlich, nach zwei Stunden, erreichen wir ebenes, sandiges Gebiet am Rand des Gletschers, Menschen, Zelte, Benzinfässer. Mich begrüsst sogar ein Arzt. Dr. Shephard, unser Arzt, hatte geholfen, die Bahre zu tragen, und ein Auge auf mich gehabt.
Zwei Stunden später treffen zwei Helikopter ein. Die Piloten ruhen sich aus, verpflegen sich, dann geht es zum Start. Ich soll mich hinter den drei Vordersitzen, auf deren einem Isobel Platz genommen hat, hinlegen. Ich setze mich auf meinen zu einer Kugel zusammengerollten Schlafsack und kann so meine beschleunigte Rückkehr geniessen.
Der Flug in Bodennähe ist packend. Dieser Gletscher ist ein Ungeheuer. Tief unten auf den Pfaden sieht man Menschen. Isobel photographiert. Dann biegen wir in ein Seitental ab und landen wegen eines Sand-sturms; als er sich nach zwei Stunden gelegt hat, fliegen wir weiter nach Skardu, wo mich ein Jeep erwartet. Ich könnte mich darin ausstrecken. Er bringt uns ins Hotel. Ich fühle mich viel besser.
Nach einigen Tage der Ruhe bringt mich Isobel von Skardu nach Gilgit, dann ins Hunza-Land. Unterwegs können wir gewaltige Berge bewundern: kurze Blicke auf den Nanga Parbat, dann den Rakaposhi ( 7788 m ), an dem mein Freund, der Genfer Biologie-professor Alfred Tissières, 1954 einen Besteigungsversuch unternommen hat.3 Das Hunza-Land ist eine fruchtbare, von den Wassern zweier Gletscher bewässerte Region. Die Bewohner sind freundliche Ismaeliten, Anhänger des Aga Khan. Sie leben gesund von den Erzeugnissen ihres Bodens, was dem Dr. Bircher die Idee zu seinem Birchermüesli eingegeben hat.
In Karimabad, einem Hunza-Weiler, haben wir die Teilnehmer einer französischen glaziologischen Exkursion getroffen, die mein Freund François Valla organisiert hatte und der bekannte Ashraf Aman führte. Sie haben die Gletscher entlang des Karakoram Highway, der Strasse, die im Norden bis nach Kashgar in China führt, besucht.
Erschöpft von den Anstrengungen hole ich mir, trotz aller Vorsichtsmassnahmen, eine Salmonelleninfektion, die zur Rückkehr zwingt. Der Flug von Islamabad nach Frankfurt verläuft äusserst sanft. In Genf treffe ich in dem Augenblick ein, als meine Tochter Claudine die Haustür schliesst, um nach Hause in die Auvergne zurückzukehren. Sie ist so lieb dazubleiben, um mich zu pflegen. Ich erhole mich sehr schnell. Damit endet ein herrliches Abenteuer. Isobel hat sich mir gegenüber wirklich als ganz grosse Dame erwiesen! Danke.
3 Alfred Tissières war der Leiter der Expedition. Die Teilnehmer waren George Brand, Roger Chorley, David Fischer, George Fraser, Ted Wrangam und der Verbindungsoffizier Hayoud Din. Sie stiegen bis zum Monks Head auf 6400 m, mussten dann aber wegen schlechten Wetters aufgeben.
Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern