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Der Generalbass von 1600 bis 1800
Siegbert Rampe unterteilt den fraglichen Zeitraum in drei Abschnitte und löst in seinem Lehrbuch viele praktische Fragen anhand von Beispielen.
Lange haben Musiker, Theoretiker und Studierende, vor allem Ensemble-Leiter auf eine umfassende, historisch fundierte Darstellung ihrer kniffligen praktischen Fragen warten müssen. Siegbert Rampe hat sich mit detaillierter Kenntnis der Quellen und Sekundärliteratur dieser Aufgabe unterzogen, nicht ohne auf das für Tastenspieler beste Lehrbuch nach zeitgenössischen Quellen für das 18. Jahrhundert von Jesper Bøje Christensen (Kassel usw. 1992, 62012) zu verweisen. Rampe unterteilt sein Buch in drei Zeitabschnitte, 1600–1650, 1650–1750 und 1750–1800, die sich grundlegend voneinander unterscheiden, wobei die Grenzen natürlich fliessend sind. Typisch für die Frühzeit sind drei Punkte: 1) Generalbässe ohne oder mit rudimentärer Bezifferung herrschten vor. 2) Die Stimmenzahl konnte ohne die spätere Norm der Vierstimmigkeit innerhalb desselben Satzes extrem schwanken, wobei diese Stimmen gleichmässig auf beide Hände zu verteilen und vollgriffiges Spiel auf dem Cembalo beliebt war. 3) Das Instrumentarium war noch sehr bunt, u. a. mit Zupfinstrumenten sowie tiefen Streichinstrumenten (in 8- und 16-Fuss-Lage) aller Gattungen, Posaune, Organi di legno und Regal. Die Verteilung auf beide Hände hat Rampe wiederholt mit der irreführenden Bezeichnung «weiter Satz» versehen. Reiche Notenbeispiele früher Musteraussetzungen in modernisierter Notation helfen den Benutzern, richtige Konsequenzen daraus zu ziehen. Bei italienischen Orgeln wäre darauf zu verweisen, dass die meisten über kein Pedal oder nur wenige, festangekoppelte Fusstritte verfügten und dass die untere Begrenzung der Manuale zwischen kleinen und grossen Instrumenten nicht genormt war und bei f, c, F, C, F1, C1 oder (selten) noch tiefer liegen konnte.
Rampe räumt im zweiten Teil auf mit festgefahrenen Besetzungsmeinungen: Die gewöhnliche Bezeichnung Sonate a violino e violone o cimbalo (Corelli op. 5), Generalbass für Streichinstrument (Gambe/Violoncello) oder Tasteninstrument (S. 79) ist wörtlich zu verstehen (was ein und nicht ausschliesst), gilt auch ausserhalb Italiens und im 18. Jahrhundert, wobei Akkordspiel des Streichbasses möglich ist, z. B. in Rezitativen (Notenbeispiel S. 167). Reichere Bassbesetzung je nach Ensemblegrösse bleibt als Möglichkeit. Üblich bei Kirchenmusik war die Begleitung der grossen Orgel, aber nicht wie heute eines Positivs. Der Anteil an Orgel-Pedalspiel ist unter Fachleuten umstritten, wobei Rampe für viel Pedal eintritt und das auf vielen grossen Orgeln vorhandene Register «Musiziergedackt» im Kammerton (2 oder 3 Halbtöne unter dem Chorton) verschweigt. – Bei Secco-Rezitativen war die Verkürzung langer Bassnoten auf kurze Akkorde (inklusive Bass) beherrschende Praxis, auch bei Johann Sebastian Bach. Diese Streitfrage in der Sekundärliteratur wird von Rampe ausführlich dargestellt und gelöst, wobei das Accompagnato-Rezitativ von ihm erst auf Seite 193 behandelt wird, wahrscheinlich weil nicht strittig. – Viele Notenbeispiele für «manierlichen Generalbass» geben den Praktikern reiche Anregungen.
Im dritten Teil wird die angeschwollene Anzahl Lehrbücher mit dem wachsenden Anteil gut betuchter Musikliebhaber erklärt. Nicht thematisiert wird deren Bedeutung auch rückwärts für die Barockepoche. So ist Carl Philipp Emanuel Bachs Generalbassschule von 1762 auch für die Zeit vor 1750 erhellend, denn die Kantaten seines Vaters wurden ihm nicht nur zur ausgebeuteten Leitlinie des eigenen Kantaten- und Passionen-Schaffens, er machte sie auch zum gängigen Repertoire, als er 1768 Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in Hamburg wurde. – Rampe hat die mangelnde Qualität von Kirnbergers Aussetzung der Triosonate im Musikalischen Opfer nicht erkannt oder nicht benannt (S. 188). Er bleibt auch (S. 197) bei seiner wohl nicht zutreffenden Datierung von Bachs Tripelkonzert in a-Moll. In meinem Bach-Buch habe ich dies ausführlich und begründet dargestellt. Im Ganzen bleibt jedoch seine Leistung um die vielfältigen Einzelfragen eines für die Praxis wichtigen Themas positiv und lesenswert.
Siegbert Rampe: Generalbasspraxis 1600–1800,
(= Grundlagen der Musik 5), 262 S., € 29.80,
Laaber-Verlag, Laaber 2015, ISBN 978–3–89007–829–8