Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/821

Tania war 19, als sie Mutter wurde. Mit ihrem Freund Django war sie ein Jahr zusammen. Gefunkt hatte es in einem Basler Club. «Ich war so jung, Liebe war für mich das Wichtigste auf der Welt.» Django, so sein Spitzname, ist sechs Jahre älter als Tania, stammt aus Kamerun, arbeitet nicht und hat kein festes Zuhause. Er sei immer für einen Spass zu haben gewesen, das habe ihr damals gefallen. «Er machte immer den Clown.» Sie, heute 24, wurde in der Schweiz geboren, ihre Eltern stammen aus Togo, liessen sich scheiden, als Tania drei Jahre alt war. Sie hat vier Halbgeschwister.
Heute lebt die alleinerziehende Mutter mit Celio (6) in Basel in einer Dreizimmerwohnung, ist abhängig von der Sozialhilfe, erhält Alimentenbevorschussung und Stipendien für ihre zweijährige Lehre als Bekleidungsnäherin. 350 Franken verdient sie im zweiten Lehrjahr. «Mit diesem Betrag komme ich nicht bis zum Monatsende aus», sagt sie; Miete, ausserschulische Betreuung und Krankenkassenkosten werden übernommen. Ihre Mutter stecke ihr immer wieder 50 Franken zu, obwohl auch sie wenig Geld habe. Im vergangenen Sommer sei sie zum ersten Mal in den Ferien gewesen. Tania zeigte ihrem Sohn Paris. Wohnen konnten sie bei einem Verwandten. «Wir nahmen den Flixbus, und das dauerte ewig.»
Tania hatte eigentlich gerade mit Django Schluss gemacht, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie hatte genug vom Auf und Ab, von seinen Ausfällen, von den «Clashs», die sie immer wieder durchmachten. Sie versuchten es nochmals zusammen, aber als Celio auf die Welt kam, war Django nicht dabei. Ihre Mutter begleitete sie während der 30 Stunden Wehen, bei der Geburt war Tania mit dem Spitalpersonal alleine. Celio kam fünf Wochen zu früh, er wog nur 2225 Gramm. «Ich hatte Stress mit dem Vater, glaubte, alles selber schaffen zu können.» Das sei wohl zu viel gewesen. «Celio war munzig.»
Jeden Morgen ein Wettlauf mit der Zeit
Tania brach ihre Lehre in Zürich ab, jobbte später in mehreren Callcentern. Doch das Geld reichte nicht. Der Verein Amie in Basel half ihr wieder auf die Beine, sie speckte 15 Kilo ab, und ihr wurde klar, dass sie die Lehre als Näherin wieder in Angriff nehmen wollte. «Ohne Amie hätte ich es nicht geschafft.» Doch der Alltag ist hart. Jeden Morgen um 6.30 Uhr bringt Tania ihren Sohn in die Kita, den Auffangort, bevor der Kindergarten um 8.30 Uhr öffnet. Um 6.50 Uhr nimmt sie den Zug von Basel nach Rheinfelden AG, und um 7.50 Uhr muss sie pünktlich an ihrem Arbeitsplatz im Berufsbekleidungszentrum Fricktal sein. Um 18 Uhr holt sie Celio in der Kita ab.
Das ist die Theorie. Die Praxis sieht häufig anders aus. Als Tania im November mehr arbeiten und Überstunden leisten musste, schaffte sie es nicht, ihren Sohn abends um sechs zum Laternenumzug zu begleiten. Erst um acht Uhr abends war sie wieder zu Hause. «Alle Kinder hatten einen Elternteil oder ein Grosi mit dabei, nur Celio nicht. Er tat mir so leid. Eine andere Mutter kümmerte sich um ihn.» Der Druck, nach allen Seiten genügen zu müssen, mache sie immer wieder fertig. Tania und Celio gehen früh ins Bett. «Das muss sein, sonst reicht meine Energie nicht.» Ausgang? Freunde treffen? «Nein, eher selten.» Einen neuen Freund? «Daran denke ich zuletzt. Ich wüsste nicht, wann und wie ich jemanden kennenlernen, wie ich einen Mann in unser Leben einbauen sollte.»
Django sei zwar ein fürsorglicher, aber kein zuverlässiger Papa. Immer wieder nehme er seine Pflichten nicht wahr. Jedes zweite Wochenende sollte er sich um seinen Sohn kümmern. Er lasse aber spontan immer wieder ein Wochenende ausfallen. Wenn Celio bei seinem Vater ist, hat Tania nicht immer ein gutes Gefühl.
Es seien Dinge vorgefallen, auch Gewaltszenen, von denen Celio ihr erzählt habe und die sie Celio eigentlich nicht zumuten möchte. «Django und ich haben das geteilte Sorgerecht; es ist sein Recht, ihn zu sehen.» Das mangelnde Verantwortungsbewusstsein des Vaters mache ihr zu schaffen. «Es ist ein dauernder Kampf.» Auf ihrer Seite hat sie ihre Mutter. Donnerstags schaut sie zu Celio und hilft auch sonst, wo sie kann. «Ohne sie würde es nicht gehen.»
Der Kinderwunsch ist da
Die 24-Jährige wünscht sich unbedingt noch mehr Kinder. «Ich möchte nicht, dass Celio ein Einzelkind bleibt.» Das nächste Mal mache sie es jedoch besser. Aber sich einfach einen auf der Strasse schnappen, das gehe ja nun auch nicht. «Ich hoffe, Celio wird später nicht zu mir sagen: Mama, du warst nie da, du warst immer am Arbeiten. Ich hoffe, er sieht, dass ich alles gebe, damit es uns gut geht.»
Ramona Serio mit Levis und Lian – Der Traum von einer Familie
Ramona mag Tiere sehr. Ihrem sechsjährigen Sohn Levis hat sie gerade ein Aquarium samt Fischen und Futter gekauft. «Für 100 Franken!» Die Besitzer hätten sich ganz auf ihr Neugeborenes konzentrieren wollen, Fische hatten da keinen Platz mehr. Die 28-Jährige schafft es locker, neben zwei Söhnen und zwei ihrer drei Schwestern, auch noch Mäuse, Hamster und Fische im 5-Zimmer-Hausteil einer Genossenschaftssiedlung in Zürich Seebach unterzubringen.
Ihr Freund, den sie vor vier Jahren auf Facebook kennengelernt hatte, brachte Muffin, eine französische Bulldogge, in die Familie. Am liebsten würde Ramona Muffin «adoptieren», doch das geht nicht: In der Genossenschaftssiedlung sind Hunde nicht erlaubt. Im Frühling hatte die Genossenschaft einen Antrag von Ramona mit 140 zu 30 Stimmen abgelehnt. So bleiben Muffin und Ramonas Freund «Besucher», zusammenziehen ist vorerst nicht möglich.
Die zweifache Mutter hat so viel Energie, dass sie sich gut vorstellen kann, «zwei, drei weitere Kinder» zu bekommen. Ihr Freund sei 26, die weitere Familienplanung habe zwar noch Zeit. «Aber eine richtige Familie sein, mit Vater, alle unter einem Dach vereint, viel Zeit für die Kinder haben – das ist schon mein Traum.»
Ihre Eltern trennten sich, als sie ein Teenager war. Der Vater stürzte ab, die Mutter verliebte sich neu. Die Töchter blieben auf der Strecke. Ramona kam mit einer ihrer Schwestern in ein betreutes Wohnheim. Heute halten die vier Schwestern zusammen. Auch die älteste wohnt mit ihrer Familie in der Siedlung.
Der Freund wollte chillen
Mit 19 wurde Ramona zum ersten Mal Mutter. «Ich wusste schon mit 14, dass ich eine Familie wollte.» Ihr damals 21-jähriger Freund habe auch Kinder gewollt. Sechs Jahre seien sie zusammen gewesen, bereuen tue sie nichts. Sie habe sich voll auf das Muttersein eingelassen, er hingegen sei ein Jugendlicher geblieben, Party, Freiheit, Chillen. «Ich sagte ihm, er müsse reifer werden, sich mehr für die Kinder interessieren.» Es half nichts.
Bei Besuchen in seinem Elternhaus habe er sich von seiner Mutter bedienen lassen. «Und bei uns daheim fühlte ich mich, als wäre ich seine Putzfrau. Ich möchte nicht, dass meine Buben so werden.» Beide wüssten schon heute, was putzen, waschen, aufräumen bedeutet. Levis und der neunjährige Lian waren zwei und vier, als sich ihre Eltern trennten. Lian frage noch heute, warum Papa nicht im selben Haus wohne. Manchmal, wenn alles wieder hochkomme, müsse er weinen.
Ihre Ausbildung im Werbedienst eines Medienunternehmens hat Ramona im vergangenen Sommer abgeschlossen. Die drei Jahre waren hart für sie, obwohl der Vater der Buben regelmässig Alimente bezahlt und sie drei Stipendien erhalten hatte. Überfordert habe sie sich aber nie gefühlt, auch Geldprobleme habe sie nie gehabt. «Ich bin sehr sparsam.»
Um 6.30 Uhr war sie während der Lehre am Arbeitsplatz. Damit die Buben zu Hause weder Cornflakes zu essen noch Znüni einzupacken vergassen, fragte sie per Facetime jeden Morgen vor 8 Uhr nach, ob alles in Ordnung sei. Ihre Schwestern wären im Notfall da gewesen, das zu wissen, war für Ramona beruhigend. Dank eines verständnisvollen Chefs konnte sie ihre Arbeitszeit flexibel einteilen und war um 15 Uhr zu Hause. «Die Buben hatten so noch etwas von ihrem Mami.» Jedes zweite Wochenende, wenn die Kinder beim Vater waren, servierte sie in einem Club – von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens. «Am Wochenende ging ich um 5 Uhr ins Bett, werktags stand ich um 5 auf.»
Gamen mit dem Papa
Heute arbeitet Ramona 60 Prozent in der Administration eines Krippenvereins. Das Verhältnis zum Vater der Kinder ist so weit entspannt, dass er auch immer wieder in Seebach auf die Söhne aufpasst. Bei ihrem Vater in Schlieren – er wohnt wieder im Elternhaus –, dürften sie gamen, so viel sie wollten. Ramona hätte es lieber anders, diskutieren bringe aber nichts. Und sie sieht auch die Vorteile eines freien Wochenendes mit Freund oder Freundinnen.
Infos
Vier Organisationen bilden das Netzwerk jungemutter.ch: Junge Mütter der Stadt Bern, Amie Basel, Amie Zürich und MiA-Innerschweiz. Das Angebot umfasst Coaching in allen Lebensbereichen wie Arbeitsbegleitung, Erziehung und Weiterbildung.
BIM (Berufliche Integration) in Biel
Buchtipp «Junge Mütter – Lebensgeschichten», Amie Basel (Hg.), 2018, bei exlibris.ch