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Mikrotypografie: Punkt, Punkt, Komma, Strich
Diesmal wollen wir es nicht beim Kindersprüchlein «Punkt, Punkt, Komma, Strich, und fertig ist das Angesicht» bewenden lassen. Interpunktionen zu setzen ist gar nicht so einfach, wie es den Anschein macht. Ein Ausflug in die geweihten Höhen der Mikrotypografie.
Punkt
Am wenigsten macht wohl der Schlusspunkt Mühe. Er steht direkt und ohne Zwischenraum nach dem letzten Zeichen. Nach Punkt steht nur ein einziger und nicht zwei Wortzwischenräume. Bollermänner Bei Aufzählungspunkten gibt es zwei Möglichkeiten: Man verwendet dazu den mittenstehenden Punkt, der auf der deutschen Mac-Tastaturbelegung mit Befehl-Option-ü, auf der CH-Tastatür mit Option-Shift-# gesetzt werden kann. Windows: Strg-Umschalt-8. Da dieser Punkt etwas mickrig wirkt, kann auch der Punkt aus der Zapf Dingbats verwendet werden. So wie der eine zu mager, ist der andere zu dick und muss einen bis zwei Schriftgrade kleiner gesetzt werden, soll das Ganze schön aussehen.
Auslassungspunkte
Für die Auslassungspunkte benützt man am die Tastenkombination Wahl-Punkt, dann werden gleich drei Punkte am Stück eingesetzt. Nach Duden (R 19) werden die sie wie folgt gesetzt: Bei einer Auslassung im Wort wird kein Zwischenraum gesetzt: «Ihr verdammten Schwei...» Bei einer Auslassung im Satz wird hingegen ein Zwischenraum gesetzt: «Leck mich am...» Dasselbe gilt, wenn ganze Satzteile weggelassen werden: «Der Horcher an der Wand...». Dabei gibt es noch einen Unterschied in den Sprachen. Deutsch: Ein halber Zwischenraum (Viertelgeviert) zwischen den einzelnen Punkten; Italienisch und Französisch: Kein Zwischenraum; Englisch: ein ganzer Zwischenraum zwischen den Punkten.
Abkürzungspunkte
Bei Abkürzungen wie z. B. entsteht zwischen den beiden Buchstaben ein relativ grosses Loch. Vor allem dann, wenn Blocksatz gesetzt und dazwischen eine normaler Wortzwischenraum getippt wird. Dieser Wortzwischenraum wird wie andere auch ausgetrieben und bekommt damit riesige Dimensionen. Um dies zu vermeiden, soll man dazwischen einen geschützten Zwischenraum eingeben, der nicht ausgetrieben wird. Mac und Windows, XPress und PageMker kennen dazu verschiedenen Möglichkeiten, die in der Tabelle unten zusammengefasst sind. Apostroph Mit der neuen Rechtschreibung wurde der Apostroph-Einsatz etwas reduziert: «Fritz' Restaurant», aber bei «Er kanns nicht lassen» wird kein Apostroph mehr geschrieben. Der Apostroph wird ebenfalls ohne Zwischenraum direkt an die Buchstaben gesetzt: Rock 'n' Roll. Er besitzt das Aussehen eines Kommas oder schrägen Striches, welcher oben etwas dicker als unten ist.
Komma
Kommas werden ebenfalls als Satzgliederung und als Lesepausen benützt. Aus diesem Grund sind sie nicht einfach lästige Fehlerquellen, sie dienen der Gliederung und Leserlichkeit und sind somit wichtig. Wie der Punkt wird auch das Komma direkt hinter das letzte Zeichen gesetzt. Bei der Währung DM wird das Komma eingesetzt (DM 9,50), bei Franken hingegen vertrauen wir auf den Punkt: Fr. 9.50. Bei Massangaben wird das Komma eingesetzt: 1,5 l, nicht 1.5 L. Wenn mehrere Sprachen beteiligt sind, gilt die Sprache des Grundwortes: 3,5-Zoll-Diskette, aber 3.5-Zoll-Disc.
Ziffern
Ziffern im Lauftext werden ab fünf Stellen mit einem Viertelgeviert getrennt: 10 500.-. Der Duden ist da allerdings anderer Ansicht: Herr Duden trennt nach bereits vier Stellen: 3 500.-. Ich meine nach fünf ist es besser. Ausnahme: bei Zahlenkolonnen in Bilanzen usw., wenn vier- und mehrstellige Zahlen in der gleichen Kolonne vorkommen. Telefon und Faxnummern werden von hinten ausgehend in Zweierpaketen aufgeteilt. Bei der Vorwahl gibt es unterschiedlichen Varianten, die alle gebräuchlich sind.
Tel. 01-712 60 90
Tel. 01/712 60 90
Tel. 01 712 60 90
Tel. (01) 712 60 90
Tel. +41 (1) 712 60 90
Trenn- und Kupplungsstrich
Mit Fachausdruck als «Divis» bezeichnet, steht der Trennstrich direkt auf dem Wort und wird durch das Trennprogramm automatisch richtig gesetzt. Eine weitere Möglichkeit ist die Kupplung, für die ebenfalls ein Bindestrich gesetzt wird. Das Divis ist der kürzeste unter den drei verfügbaren Strichen und bereitet in der Regel keine Probleme. Halbgeviertstrich Der Halbgeviertstrich wird mit Wahl(Alt)-Bindestrich erreicht. Wozu? Statt das Wort «bis» bei Zeitangaben: «9-14 Uhr». Links und rechts steht ein ganz kleiner Zwischenraum, vorzugsweise ein Viertelgeviert. Dann gibt es weitere Möglichkeiten: Als Strich bei Währungsangaben: Fr. 9.- oder im Sport: GC - Zürich (mit Viertelgeviert Zwischenräumen) Der Halbgeviertstrich ist so breit wie eine Ziffer. Zur Erinnerung: ein Geviert ist ein Quadrat mit der Seitenlänge der Schriftgrösse. Mit Schriftgrösse meint man den gesamten vertikalen Platzbedarf einer Schrift, inklusive Ober- und Unterlänge, also nicht zu verwechseln mit der Versalhöhe. Geviertstrich Der längste im Bunde ist aus ästhetischen Gründen abzulehnen. Er ist in den USA als Gedankenstrich gebräuchlich, für meinen Geschmack ist er zu lang und stört das Satzbild empfindlich. In gewissen Fällen kann er bei Tabellen gebracht werden, weil er genau so breit ist wie zwei Ziffern:
CHF 90.35
CHF 240.-
CHF 530.70
Hochgestellte Zeichen
Mit hochgestellt meinen wir z. B. Ziffern bei m2, oder bei Bruchziffern der Zähler: 1/2 ist «Schreibmaschinentypografie»! Hochgestellte Zeichen werden oben mit der Oberlänge bündig gehalten. Das gilt auch beim Grad-Zeichen: 24 °C, wobei °C als Einheit zusammengesetzt wird und zwischen dem Grad-Zeichen und der Ziffer ein nichttrennbarer Interpunktionsraum steht. Bei Winkelbezeichnungen steht das Grad-Zeichen direkt bei der Ziffer: 45°.
Zeichenabstände
Der Weissraum zwischen den Buchstaben muss so gehalten werden, dass die einzelnen Zeichen nicht miteinander verschmelzen. Man nennt diesen Vorgang Zurichtung, bei dem jede einzelnen Buchstabenkombination in Bezug auf ein regelmässiges Satzbild optimiert wird. Die Zeichenabstände sind von den Schriftgestaltern und -digitalisierern optimiert auf eine Grösse von 12 Punkt. Optische Gesetzmässigkeiten verlangen jedoch zur besseren Lesbarkeit bei kleinen Schriften eine weitere Laufweite und bei grösseren eine engere. Bei Versalien kennt man aus dem Bleisatz den Begriff «ausgleichen». Dabei werden die Buchstabenabstände so harmonisiert - eben ausgeglichen -, dass sie gleichmässig erscheinen. Ausgleichen ist heute noch bei schönen und gepflegten Drucksachen üblich, im Lauftext wird in der Praxis aus Kostengründen darauf verzichtet. Ausgleichen bedeutet, dass Buchstabenabstände kleiner und grösser gemacht werden. Grossbuchstaben in einer Serifenschrift sind schwieriger auszugleichen wie solche aus einer Serifenlosen, es braucht dazu schon ein gutes Auge für die Weissräume. Als Kompromiss kann man jedoch alle Buchstabenabstände gleichmässig etwas grösser halten, man nennt diesen Vorgang jedoch nicht ausgleichen, sondern spationieren oder sperren. Ein solches Wort sieht schon etwas besser aus als ein unausgeglichenes, weil die Unregelmässigkeiten weniger ins Auge fallen. Ralf Turtschi
Mikrotypografie, heute noch zeitgemäss?
Unter Mikrotypografie wird «die Ästhetik im Detail» verstanden. Vergleichbar mit einem guten Möbelstück, welches auf den ersten Blick ansprechen mag, beim genaueren Hinsehen Mängel in der Verarbeitung offenbart. Schadhafte Nähte, Fugen oder Unregelmässigkeiten beim Material machen das Stück deswegen nicht unbrauchbar - richtig Freude aufkommen wird nicht. Auch in der Typografie liegt der «Teufel» im Detail. Die richtigen Zeichenabstände (Kerning), die richtige Laufweite (Tracking), der richtige Zeilenabstand - es sind lauter Details, die in der Summe eine hohe typografische Qualität ausmachen. Mikrotypografie heisst gutes Handwerk im Dienst am Leser und am Schreiber und gehört für gute Handwerker eben zur Berufsethik. Spielt es denn eine Rolle, ob die richtigen Anführungen gesetzt werden, oder ob man zu den ungewohnten amerikanischen greift? Oberflächlich gesehen kann der Text ja in beiden Fällen gelesen werden! Ich bin der Überzeugung, dass die richtigen Zeichen einen vielfältigen und differenzierteren Ausdruck ermöglichen. Genauso können wir uns die Frage stellen, ob denn Punkt und Komma genügte oder ob es zusätzlich den Strichpunkt bräuchte. Reduktionistische Bemühungen gab es in der Geschichte immer wieder. Ich bin es müssig, die Fragen «braucht es Serifenschriften, braucht es Gross- und Kleinbuchstaben, braucht es Ober- und Unterlängen?» zu beantworten. Ich bin ein Freund des differenzierten Ausdrucks im Sinn der Lesbarkeit und nicht der uniformierten und lieblosen Gleichschaltung.
Ralf Turtschi