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Kaum jemals hat ein Sachbuch weltweit für so viel Aufsehen gesorgt wie ein neuer Wälzer des Pariser Ökonomen Thomas Piketty. Dafür gibt es einen guten Grund.
Als die WOZ im Februar Thomas Piketty telefonisch in seinem Büro in Paris erreichte, war der Ökonom ausserhalb von Frankreich völlig unbekannt. Der Kalender des 42-Jährigen war halb leer, ein Termin schnell gefunden; zwei Wochen später sass ich in seinem Büro, das an eine Besenkammer erinnerte, beim Interview. Nachdem US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman Pikettys neustes Buch, das eben auf Englisch erschienen war, kurz darauf zur Publikation des Jahrzehnts erklärte, hob Piketty ab. Seither tourt er um die Welt, gibt Interviews und wurde gar im Weissen Haus empfangen.
Hat Thomas Piketty es geschafft, einen neuen Fokus in die breite Wirtschaftsdebatte zu bringen? Ja. 1867, kurz nachdem die industrielle Revolution nach England das europäische Festland erfasst hatte, publizierte Karl Marx einen 800-seitigen Wälzer, in dessen Zentrum stand, was dem Werk auch seinen Namen gab: «Das Kapital». Marx, der sich in wichtigen Teilen auf den Liberalen David Ricardo berief, war mit den Fragen, die er stellte, kein Aussenseiter: Wie handeln Kapitalisten? Welchen Teil des erarbeiteten Werts behalten sie für sich? Welchen geben sie den Arbeitskräften ab?
Die Wirtschaftswelt kannte damals mit den Kapitalbesitzern einen Akteur, der die wirtschaftlichen Geschicke lenkt: In Marx’ historischem Materialismus ist die Bourgeoisie die revolutionäre Kraft, die die Welt umpflügt.
Nach dem Börsencrash von 1929 und dem Zweiten Weltkrieg nahm der Ökonom John Maynard Keynes – der Architekt der wirtschaftlichen Nachkriegsordnung – genau diese Akteure ins Visier. Anders als Marx vorgeschwebt hatte, wurden aber nur einzelne Unternehmen kollektiviert. Das Kapital wurde diszipliniert, indem zwischen den Ländern Schranken errichtet wurden. Künftig sollten die Staaten dem Kapital Steuern auferlegen können und es regulieren, ohne dass die InvestorInnen dieses aus dem Land abziehen können. Die Grenzen für den internationalen Güterhandel hingegen sollten so offen wie möglich sein.
Die Idee des Markts
Seither ist jedoch eine andere Idee allmählich ins Zentrum der Wirtschaftsdebatten gerückt: der Markt. Sprach man früher von «Kapitalismus», ist heute von «Marktwirtschaft» die Rede. Die Idee des Markts kennt keinen herrschenden Akteur, keine Kapitalisten, die bestimmen. Anders als in der Vorstellung einer Welt, die von einem Gott regiert wird, gibt es auf dem Markt niemanden, der das Sagen hat. Die Wirtschaft, so die Idee, ist das Ergebnis unzähliger Individuen, die auf dem Markt Kapital, Arbeit, Güter und Dienstleistungen tauschen.
Der französische Philosoph Michel Foucault stellte Ende der siebziger Jahre entsprechend fest: «Die Ökonomie ist eine atheistische Disziplin. Die Ökonomie ist eine Disziplin ohne Gott.» Die Idee des gottlosen Markts entsprach dem damals aufkommenden Zeitgeist. Ein Teil der Linken sagte sich vom historischen Materialismus los, um fortan die Meinung zu vertreten, die Welt werde von der Sphäre der Ideen beherrscht. Nicht von einer alleinigen überweltlichen Idee, sondern von widerstreitenden «Diskursen», die sich aus dem Zusammenspiel unzähliger Individuen ergeben. Die Welt als Ganzes wurde zu einem Ort ohne Gott.
Die Folge war, dass die Kapitalinteressen durch die Betonung des Markts allmählich verschleiert wurden. Von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt einigten sich in den achtziger Jahren die europäischen Regierungen, dem Kapital die Ketten abzunehmen, indem sie die Kapitalverkehrskontrollen aufhoben. Seither zwingen die Investoren mit der Drohung, Kapital abzuziehen, die Staaten zu tiefen Steuern und flexiblen Arbeitsmärkten, um die Renditen zu erhöhen. Selbst in der Finanzkrise 2008, als die Investoren ihr Kapital aus Banken und Staaten abzogen und diese in den Bankrott trieben, sprach kaum jemand über sie. Man sprach von (interesselosen) «Märkten», die es zu beruhigen gelte.
Wie erfolgreich die Verschleierung war, zeigte sich an der Abzockerinitiative von 2013, hinter die sich die SP stellte, weil mit ihr angeblich die hohen Managersaläre bekämpft würden. Dass das Geld den AktionärInnen zukommen sollte, ging unter. Mit der 1:12-Initiative verlor die Juso das Kapital vollkommen aus den Augen. Wie viel Rendite die AktionärInnen aus der Firma ziehen, interessierte nicht. Hauptsache, die Manager verdienen maximal zwölfmal so viel wie die untersten Arbeiterinnen.
Die Rückkehr des Kapitals
Thomas Piketty gibt mit seinem Buch, dessen Titel – «Das Kapital im 21. Jahrhundert» – auf Marx’ Werk anspielt, der Wirtschaftswelt ihren Hauptakteur zurück: die KapitalistInnen.
Das Kapital, gemessen am jährlichen Bruttoinlandsprodukt, ist, so Piketty, drauf und dran, seinen letzten historischen Höchststand wieder zu erreichen, den es kurz vor dem Ersten Weltkrieg erlebte, bevor ein Grossteil in den dreissigjährigen Kriegswirbeln zerstört wurde. Und ähnlich wie damals konzentriert sich dieses – wegen der hohen Renditen – in immer weniger Händen. Piketty im WOZ-Gespräch: «Die Vermögen der reichsten 0,01 Prozent dieser Welt sind seit 1987 jedes Jahr real um 6, 7 Prozent gestiegen. Und dies wird im 21. Jahrhundert wohl so weitergehen.» Die oft beklagte Ungleichheit der Lohneinkommen sei lediglich ein untergeordnetes Problem.
Die Reichen, so Pikettys Kritik, beherrschten nicht nur zunehmend die Wirtschaft. Sie unterwanderten auch den Staat und dessen Institutionen. So etwa kritisierte Piketty im Interview das von der UBS finanzierte Wirtschaftsinstitut der Uni Zürich scharf.
Dass Piketty die Reichen und ihr Kapital wieder ins Zentrum rückt, ist einer der wichtigsten Gründe, warum sein Buch insbesondere in den USA so viel Beachtung findet. Und warum er die geballte Medienmacht der Wirtschaftseliten zu spüren bekam. Zuerst wurde er als Marxist verschrien im Wissen darum, dass viele in Marx noch immer den Vordenker des stalinistischen Terrors sehen. Dann versuchte die «Financial Times» («FT»), das Sprachrohr der Londoner City, Piketty zu diskreditieren, indem sie ihm statistische Fehler unterstellte.
Zwar war es, wie Krugman darlegte, die «FT», die einen groben Fehler begangen hatte. Doch statt über die Ungleichverteilung des Kapitals und deren Folgen für die Demokratie zu debattieren, drehte sich die Diskussion nun um Statistikmethoden.
Beurteilt man Piketty anhand des Fokus, den er auf das Kapital legt, ist er vielleicht eine Art Marxist, nicht jedoch nach seinen Rezepten. Von Kollektivierungen hält er wenig. Selbst die Wiedereinführung von Kapitalschranken, wie sie Keynes einst eingebracht hatte, beurteilt er skeptisch. Stattdessen plädiert er für eine markante Besteuerung des Kapitals.
Für die Schweiz ist sein Vorschlag besonders brisant. Das Kapital ist hierzulande so ungleich verteilt wie in den USA. Entsprechend steht die Schweiz im europäischen Vergleich äusserst schlecht da: Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt über ein Drittel des gesamten Vermögens, die reichsten zehn Prozent sogar gut 70 Prozent. 2015 kommt nun mit der Erbschaftssteuerinitiative ein Vorschlag an die Urne, der in Pikettys Sinn ist: Diese verlangt, dass jener Teil einer Erbschaft, der zwei Millionen Franken übersteigt, besteuert wird.
Zwei Millionen: So viel besitzen nur zwei Prozent der Reichsten in diesem Land.