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Keramischer Turm aus zylindrischen Gefässen in Knallfarben. Die drei unterschiedlich hohen Zylinder, gleichförmig, Stapelware im nicht herkömmlichen Sinne, bilden eine kompakte, formale Einheit. Doch trotz der hermetisch wirkenden Struktur besteht die Arbeit aus einer Serie selbständiger Gefässe.
Die Basis bildet eine flache Schale mit geschweiftem Rand, ein rein weisser Scherben. Darauf sitzt ein Zylinder mit schmalem Rand in strahlendem Rot. Den Abschluss bildet ein hochwandiges Gefäss mit stark eingezogenem Rand, dekoriert mit einem aufwändigen Schiebebild in je drei unterschiedlichen Pinktönen, die Ränder variieren in Grün, Hellblau und Gelbgrün. Die Farben sind frech, die Gefässform ist rhythmisch, die Kombination hat ihre Raffinesse – welche Bedeutung transportiert «Hutong»?
2008 reiste Margareta Daepp nach Beijing. Sie wohnte in einem Hotel, das früher einmal einem berühmten Opernsänger und seiner Familie gehört hatte. Das Haupthaus mit zentralem Innenhof, in dem sich ein schöner Garten befand, wurde von kleineren Gebäuden flankiert, die ihrerseits Innenhöfe bildeten. Je nach aktuellem Raumbedürfnis der wachsenden Familie konnten an die einzelnen Gebäudeteile mühelos weitere angebaut werden. Dieses Hotel liegt in einem der heute noch existierenden kleinen Quartiere Beijings den sogenannten Hutongs.
Ursprünglich bestimmten sie das Stadtbild der Hauptstadt. Die vielen winzigen Strässchen, ihre verwinkelten Wege, die meist eingeschossigen Häuser, die Läden und die Tempel wurden durch sie als Quartier zusammengebunden. Hutong war die strukturgebende Stadtarchitektur, die dem Chaos seine urbane Ordnung gab. Es ist gleichsam der Urtypus der Metropole Chinas. Im Zuge radikaler Modernisierung der Hauptstadt folgte der systematische Abriss sehr vieler alter Hutongs, sie wichen einer städtebaulichen Struktur des neuzeitlichen Chinas.
Der Titel «Hutong» ist weit mehr als eine allgemeine Referenz der chinesischen Kultur. Das Konstruktionsprinzip der Quartierstruktur wird als grafisches Muster und als plastisches Prinzip einer modernen Kombinatorik in die Arbeit überführt. Das zunächst als Liniensystem irritierende Dekor des hohen zylindrischen Gefässes erweist sich als Plan eines Hutongs. Seine Schlüsselfunktion liegt in der grafischen Vermittlung von Dekoration und inhaltlicher Bedeutung des Werkes. Aber hier wird ein doppeltes Spiel getrieben, denn auch die reiche Tradition chinesischer Keramikkunst selbst bleibt in der «Hutong»-Serie in diversen Zitaten erhalten. Der geschweifte Rand der weissen Schale nimmt die so spezifische Charakteristik der Porzellanteller aus der Song-Dynastie auf, der Lack des halbhohen Gefässes spiegelt das omnipräsente Rot, das als die Nationalfarbe für Glück, Liebe und Freude steht.
Der auffällige, breite Rand des hohen Zylinders mit seinen kräftigen Aufglasurfarben, schimmert in den Nuancen historisch bedeutender Keramiken aus der Sammlung des Kaiserpalastes in der verbotenen Stadt. Der turmartige Aufbau der Keramik-Serie folgt einer strengen architektonischen Grundgestalt, ist gleichzeitig in der Variabilität der Mehrgliedrigkeit mühelos zu erweitern oder zu verringern. Dem zweidimensionalen, linear chaotischen Lageplan der Hutongs steht die modulare Form ordnend gegenüber. Mit der Anwendung und Auswahl der Referenzen aus der chinesischen Kultur umkreist «Hutong» das künstlerische Problem der Gegenwart. Wie viele Versatzstücke der Geschichte sind nötig, wie viele Zitate müssen erhalten bleiben, um kulturgeschichtliche Inhalte zu übertragen und wie aktuell muss eine keramische Form sein, um sie in die Gegenwart zu transportieren?
Es ist die dem Werkstoff Keramik eigene Konnotation, die an diesem Punkt als Zeitmaschine funktioniert. Kein anderes Material ist traditionell so stark an die Kulturgeschichte zurückgebunden worden wie die Keramik und hat sich dabei so häufig des Vorwurfes erwehren müssen, altmodisch zu sein. Ohne Historisierung aber durch Transformation des reichen historischen Erbes in eine zeitgemässe Form ist «Hutong» die absolute Gegenwart.
Susanne Schneemann