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Besteigung des Cithlaltepetl (5700 m)
Jean Sesiano, Genf
Vom Gipfel des Popokatepetl aus hatte ich am Neujahrstag 1970 140 Kilometer östlich den Cithlaltepetl erblickt und dabei den Vorsatz gefasst, in der nächsten Saison seine Besteigung zu versuchen, also im Winter 1970/71, während der Jahreszeit, die sich für die Besteigung der grossen mexikanischen Vulkane am besten eignet.
Sein sehr regelmässiger Kegel erhebt sich aus einer massiven Basis bis in eine Höhe von mehr als 3700 Meter über der mexikanischen Hochebene, deren mittlere Höhe 2000 Meter beträgt; er befindet sich auf der Grenze der Provinzen Veracruz und Puebla, 220 Kilometer ostsüdöstlich von Mexico-City, in 20 Grad Breite, also tiefer als der Wendekreis des Krebses.
Die Amerikaner nennen ihn nach einer kleinen Stadt am Fuss seiner Südostflanke « Orizaba-Pic »; romantischer jedoch ist der Name Cithlaltepetl, der in aztekischer Sprache « Sternberg » bedeutet.
Der Vulkan wurde 1848 offiziell zum erstenmal bestiegen von F. Maynard und G. Reynolds. Sein letzter Ausbruch geht zurück auf die Jahre 1545-1566; allerdings hat noch der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt im letzten Jahrhundert aus dem Krater Fumarolen aufsteigen sehen. Heute gilt er als erloschen. Er ist einer der drei grössten Vulkane Mexikos, neben dem Popokatepetl oder Popò ( 5472 m ), was in aztekischer Sprache « Rauchender Berg » bedeutet ( er ist noch aktiv und raucht stetig ), und dem Ixtaccihuatl oder Ixta ( 5286 m ), aztekisch für « Weisse Frau »; diese beiden liegen 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt. Es findet sich in dem Land ausserdem eine grosse Zahl Vulkane von geringerer Bedeutung, deren höchste der Nevado de Toluca ( 4585 m ) und der Matlalcueyetl oder Malinche ( 4463 m ) sind, deren merkwürdigster der Paricutin ( etwa 2800 m ) ist, der 1943 entstand und innert zwei Jahren eine Höhe von 600 Meter erreichte. Alle diese Erhebungen sind Bestandteile des « Pazifischen Feuergürtels », dessen mächtigste Erscheinungen die Vulkane der Anden bilden.
Die kleine geographische Breite bringt es mit sich, dass an diesen Vulkanen die Waldgrenze bei 4000 Meter liegt; der ewige Schnee beginnt auf den Nordhängen bei 4600 Meter und auf den Südwesthängen bei 5200; wenn, wie in den letzten Jahren, auf einen relativ niederschlagsarmen Sommer ein warmer Herbst folgt, reichen die schnee- und eisfreien Flächen sogar bis zum Kraterrand.
Es ist eine Eigenheit der dortigen tropischen Verhältnisse, dass sich in grosser Höhe der Schnee schnell in Eis verwandelt: Da die Sonne während des ganzen Jahres ziemlich hoch am Himmel steht, steigt die Temperatur selbst im Winter in 3000 Meter Höhe tags auf 20 Grad, während sie nachts unter Null sinkt. Über 4000 Meter ist das typische Phänomen der Strahlungswärme wirksam, das im Hochgebirge so auffällt: Während z.B. die der Sonne ausgesetzte Körperhälfte bei Windstille buchstäblich siedet, ist die im Schatten befindliche Seite Temperaturen unter Null ausgesetzt. Man versteht daher leicht, dass sich die Umwandlung von Schnee in Eis sehr rasch vollzieht.
Der Zugang zum Cithlaltepetl ist schwieriger als der Aufstieg zum Popò und zum Ixta, die auf einer guten Naturstrasse zu erreichensi nd; sie führt auf 4000 Meter zu einem mächtigen Gebäude, das als Schutzhütte dient.
Auf einer asphaltierten Abzweigung der Strasse von Puebla nach Jalapa gelangt man nach Tlatlichuca, einem Dorf auf 2 700 Meter Höhe am Westfuss des Vulkans. Man hatte uns gesagt, dass die Strasse von dort an einer Piste gleiche, auf welche sich nur geländegängige Fahrzeuge oder Camions wagen dürften; man sei deshalb auf die Dienste eines für den Transport vom Dorf zur Schutzhütte auf 4200 Meter spezialisierten Jeeps aus Tlatlichuca angewiesen, und zwar koste die Hinfahrt die Summe von 43 Schweizer Franken ( weshalb es in einem gewissen Sinn von Vorteil sei, wenn möglichst viele in einem Jeep führen ).
Wir entschlossen uns jedoch, diese berüchtigte Piste mit unserem VW-Bus zu versuchen, dessen Chassis eine genügende Bodenfreiheit hat.
Die ersten Kilometer geht es ziemlich gut, trotz den schmalen Bewässerungskanälen, die alle 40 Meter unter der Strasse durchführen und jedes-mals einen spitzen Eselsrücken bilden, der einen zur Gangart einer Schildkröte zwingt. Rechts und links breiten sich Maisfelder aus ( so erklären sich die Bewässerungskanäledie Ernte ist schon vorbei, und so ragen nur noch die dürren Stengel in die Sonne. Alles ist ausgedörrt, hat es doch seit vier Monaten nicht mehr geregnet.
Wir fahren an den Ruinen eines einstigen Forts vorbei und überqueren das Bett eines ausgetrockneten Bergbaches; zur Linken sind noch die Reste einer Brücke sichtbar, die von einem heftigen Hochwasser während der sommerlichen Regenzeit weggerissen worden ist. Dann beginnt eine Steigung; die Piste ist mit einer 5—to Zentimeter dicken Schicht ganz feinen Staubes bedeckt.
Im ersten Gang hat der Motor Mühe, auf diesem bodenlosen Untergrund das Fahrzeug voranzutreiben; der Staub ist überall; ich kehre lieber um. Unser Auto ist nämlich ganz neu; weshalb sollte ich seine Lebensdauer abkürzen um einiger Franken willen? Wir wissen ja nicht, was uns weiter oben erwartet, und ausserdem haben wir in Mexiko noch einige tausend Kilometer zu fahren.
In Staubwirbeln erscheint ein Lastwagen, der keuchend und rüttelnd zu den Dörfern Suapan und Hidalgo hinauffährt. Die Eingeborenen auf der Wagenbrücke scheinen es nicht zu beachten, wie sie lebendig begraben werden, verbringen sie doch ihr Leben in diesem Staub und bemerken ihn schon gar nicht mehr.
Es ist später Nachmittag, wir wir nach Tlatlichuca zurückkehren. Wir begeben uns zur Lebensmittelhandlung und nehmen Kontakt auf mit Senor Reyes, um einen Jeep zu bekommen.
Er verwahrt übrigens das « Gipfelbuch » und kann einem auch Material leihen, wie Steigeisen, Brillen oder Pickel, oder für einige Franken, während man abwesend ist, den Wagen in seiner Garage unterbringen. Wir verabreden uns für den folgenden Tag um i o Uhr und entfernen uns etwas vom Dorf, um die Nacht in unserem VW-Bus zu verbringen. Es ist 18 Uhr; die letzten Sonnenstrahlen legen ein wenig Purpur auf die Gipfelkuppe des Cithlaltepetl; doch bald verschwindet die matte Scheibe im Grau des Abends.
Am folgenden Tag nehmen mein Kamerad und ich Besitz von dem Fahrzeug, dessen Chauffeur uns zur Hütte führen muss. Meine Frau und meine Tochter werden unterdessen mit dem Auto in der Umgebung auf Entdeckungen ausgehen. Es ist Montag, der 28. Dezember, und wir verabreden uns auf Mittwoch nachmittag am gleichen Ort. Dann fahren wir ab, auf den Rücksitzen eingezwängt zwischen unseren Säcken; denn der Fahrer hat noch einen Kollegen mitgenommen, um ihn den Genuss des Staubes kosten zu lassen. Wir kommen zu dem Punkt, an dem wir am Vortage umgekehrt sind, und der Fahrer legt den Geländegang ein. Obwohl der Jeep geschlossen ist, sind wir bereits weiss von Kopf bis Fuss; man kann draussen meist überhaupt nichts sehen, so dicht sind die aufgewirbelten Staubwolken.
Wir fahren durch das Dorf Suapan auf einer Terrasse in 3000 Meter Höhe; die Häuser bestehen aus getrockneter Erde, die Dächer aus Stroh; keine Spur von Asphalt auf den Strässchen; die Bewohner und der Staub vertragen sich schlecht und recht - doch eher schlecht; viele Indianer kommen und gehen, vor allem auf dem Platz um die Pumpe im Zentrum der Siedlung; der Vulkan spendet nicht nur Sand, Asche und Staub, sondern auch Wasser aus seiner nie abschmelzenden Schneekappe — einer der Reichtümer Mexikos.
Die Piste steigt stetig leicht an; Pinienwälder treten ins Blickfeld. Auf 3000 Meter gelangen wir ins zweite Dorf, Hidalgo, das dem ersten gleicht, ausser dass die Häuser statt aus Erde aus Holz gebaut sind, in der Art von Chalets in den Alpen.
Kartoffel- und Maisfelder wurden dem Wald abgerungen.
Die Steigung nimmt von da an zu, und endlich kommen wir auf eine lange Kruppe, die sich vom Gipfel nach Norden hinunterzieht; von dort aus tauchen wir in eine Schlucht, über der, 2000 Meter höher, der Gipfel ragt. Bevor wir die letzten Bäume hinter uns lassen, sehen wir im Vorbeifahren einen VW und einen Bus der gleichen Marke unter Bäumen stehen; später erfahren wir, dass die schwierige Bergfahrt das kleinere Vehikel betriebsunfähig gemacht hat, während der Bus mit den vereinten Kräften der drei Passagiere bis hier herauf hat gehisst werden müssen; da ihr Bus alt ist, war das Spielchen vielleicht der Mühe wert gewesen...
Nach kurzer Fahrt talaufwärts erblicken wir die Hütte, deren bis auf den Boden reichendes Aluminium-Wellblechdach in der Sonne glänzt. Wir haben, bei einer mittleren Stundengeschwin-digkeit von o Kilometer, von Tlatlichuca zwei Stunden gebraucht. Wir bezahlen den Chauffeur, und dann bürsten wir uns gründlich ab.
Wir sind allein in der sehr engen Hütte, die neun Schlafstellen enthält, und da wir die Ankunft weiterer Bergsteiger, die noch heraufkommen könnten, vorsehen, richten wir uns rasch ein. Es ist ja erst 14 Uhr, und das Wetter ist strahlend. Ausserdem lockt die Ferienzeit Ende Dezember stets eine gewisse Menge Amerikaner nach Mexiko, ähnlich wie Spanien die Bewohner Nordeuropas anzieht. Wir entdecken übrigens auf den Schneehängen des Gipfels acht schwarze Punkte, die innert einigen Stunden wieder in der Hütte sein werden.
Der Jeep, mit dem wir uns für den Mittwochnachmittag verabredet haben, wartet einstweilen hier, in der Absicht, einige von ihnen zu Tal zu führen; während dieser Zeit hat der Kollege des Fahrers Gelegenheit, die Gegend zu bewundern: In seinem leichten Sporthemd trabt er um die Hütte; denn die Temperatur liegt unter Null. Zwei Minuten unterhalb der Hütte fliesst eine Quelle; sie wird vom Schmelzwasser des Glet- schers genährt, der 500 Meter weiter oben in der Tiefe der Schlucht endet. Es kommt vor - allerdings selten -, dass eine Kaltfront mächtig genug ist, ganz Mexiko zu durchziehen und bis auf eine Höhe von 3500 Metern Schneefall zu bringen, der den Jeepverkehr unterbindet. Ein leichter Kopfschmerz, nicht sehr beschwerlich, wird uns bis zu unserer Rückkehr nach Tlatlichuca nicht mehr verlassen; wir sind in weniger als drei Tagen von der Meereshöhe auf über 4000 Meter gestiegen; uns fehlte die Akklimatisation ( für die man übrigens auf dieser Höhe mindestens zehn Tage benötigen würde ).
Es geht nicht lang, so ist eine Gruppe der Bergsteiger zurück in der Hütte. Einem von ihnen, der zweimal den Mount McKinley ( 6182 m ) in Alaska bestiegen hat und sich auf den Mount Logan ( 6054 m ) in Kanada vorbereitet, hat dieser dritte, die Höhe der nordamerikanischen Gipfel aufweisende Berg keine Schwierigkeit geboten. Die andern jedoch hat der Mangel an Sauerstoff oder an Willen nur bis zu dem verschneiten Sattel auf 5000 Meter gelangen lassen.
Der Jeep fährt zum Platzen voll ( sechs Personen plus Säcke ) talwärts; die übrigen Kletterer streben zu Fuss zu ihren VW im Wald.
Und unverhofft fällt die Stille ein, eine Stille, wie ich sie selbst in den Bergen selten empfunden habe: Kein Geräusch von aussen dringt in diese abgelegene Schlucht; wir sind abseits der Fluglinien; der Gletscher hat nicht die Gewalt eines Alpengletschers. Die seltenen Racken ( eine Vogelart ) haben sich in die Ebene tragen lassen, und das Murmeln der Quelle ist viel zu schwach, als dass es uns erreichte.
Wir nehmen etwas Nahrung zu uns, vorwiegend flüssige, und legen uns bald schon auf die Pritschen - auf die nackten Bretter; denn Matratzen sind nicht vorhanden. Noch einige Sekunden glimmt der rote Punkt des Kerzendochtes, dann wird auch er vom Schwarz verschluckt.
Zu behaupten, dass man auf dieser Höhe ohne Schlafmittel und Akklimatisation gut schlafe, wäre übertrieben; man müsste vielmehr von Blick vom Gipfel des Nevado de Toluca ( 4585 m ). Im Hintergrund die beiden Vulkane Popocatepetl ( 5452 m ) und Ixtaccihuatl Halbschlaf reden, an dem vielleicht auch die Schmalheit der Pritschen schuld ist; nur 50 Zentimeter breit sind sie und ohne Seitenbrett, und so passt man immer auf, dass man sich nicht plötzlich mitten in der Nach nach zwei Meter freiem Fall ungesichert auf dem Fussboden wiederfindet...
Am folgenden Tag, dem 29. Dezember, brechen wir etwas verspätet, um 6 Uhr, von der Hütte auf. Die Sonne säumt noch länger als wir, und so marschieren wir im Licht der Taschenlampe der Wegspur nach, die im Tal zwischen Basaltblöcken, Schlacke und Lavabrocken bergan führt. Bald gelangen wir zu einer Geröllhalde mit fast 40 Grad Neigung, die man in der Fallirne erklettern muss. Auf dieser Art Terrain gilt die Gleichung « zwei Schritte vor = drei Schritte zurück », und es ist ein wirkliches Vergnügen, sie auf 4500 Meter Höhe anzuwenden!
Die Geröllhalde ist bezwungen, und der Weg nähert sich nun gemächlich einer mit hartem Schnee bedeckten Gletscherzunge, die in den oberen Teil der Schlucht eingedrungen ist. Rechts überragt uns eine Dutzende von Metern hohe Basaltwand. Die obersten Hänge liegen schon in der Sonne. Wir schnallen unsere Steigeisen an und machen uns an einen Aufstieg, bei dem man sich streng an einen möglichst regelmässigen Rhythmus wird halten müssen. Der Hang ist steil, und wir schneiden ihn in der Diagonale; da und dort ist das gewachsene Eis sichtbar sowie ganz kleine, harmlose schmale Spalten, in grossen Abständen parallel verlaufend. Der Gletscher stösst auf dem Grund dieses Tales sehr langsam und gleichmässig vor, und das felsige Bett stellt keinerlei Hindernisse in den Weg. Und doch bringen auf den Westhängen, wie man sie von Tlatlichuca aus sieht, gewaltige Vorsprünge Hängegletscher ähnlich denen in den Alpen hervor.
Wir gelangen endlich auf den grossen verschneiten Sattel ( etwa 5000 m ), wo sich die Krup-pen vom Norden und vom Nordosten vereinen. Endlich haben wir diese Schlucht hinter uns und i84 erblicken die Sonnenglut im Osten und, r 40 Kilometer entfernt im Westen, den Popò und den Ixta. Wir machen einen Halt, bevor wir den siebenhundert Meter hohen Hang in Angriff nehmen, der uns, wenn alles gut geht, zum Gipfel führen wird. Das Wetter ist ideal; kein Lüftchen weht, und doch ist die Temperatur ziemlich tief.
Und der Anstieg geht weiter: Wir fühlen allmählich die Wirkung der Höhe; der Atem wird kurz. Eine Spalte im ersten Drittel und der Bergschrund im zweiten Drittel ritzen den Hang über uns ein und bieten uns psychologisch wertvolle Anhaltspunkte: Wir brauchen etwas, das wir auf dieser eintönigen Fläche wachsen und näherkommen sehen. Die zwei Meter breite Spalte wird auf einer festen, sicheren Schneebrücke überwunden. Und wieder beginnt der Trick mit den Zielen, die man sich setzt, wie ich es am Popò praktiziert habe: Ich bemerke eine Unregelmässigkeit im Schnee zwanzig, vierzig oder hundert Meter vor mir — es ist schwer zu schätzen - und will versuchen, sie in einem Zuge, ohne Verschnaufpause zu erreichen; ich zwinge mich dabei, regelmässig und langsam zu steigen, um mein Herz nicht zum Rasen zu bringen; ich beginne, ich marschiere... und bin geschlagen. Nichts zu wollen; ich halte inne, um Atem zu schöpfen; ich verzeihe mir die kleine Schwäche, raffe mich von neuem auf, um ein neues Ziel anzustreben, und wähle dafür dann schmäh-licherweise meist etwas näher Gelegenes. Diese Taktik ist, wie ich mich in jenen Ländern überzeugen konnte, bei Bergsteigern in grosser Höhe sehr verbreitet.
Und das wiederholt sich und hört nie auf. Mein Höhenmesser muss diese Nacht gefeiert. haben, denn er hat heute morgen die grösste Mühe, sich zu « erheben ».
Der Bergschrund ist erreicht: einige Meter breit und etwa zwanzig Meter tief; eine sichere Brücke aus gefrorenem Schnee, der den ganzen Hang bedeckt, führt hinüber. So nähert sich die von mehreren Felstürmen beherrschte Krete 2Der Cithlaltepetl ( sjoom ), vom Nordgrat aus ( etwaggoom ) 3Der Cithlaltepetl mit ( Teleobjektiv ): Nordwestseite doch. Von Zeit zu Zeit kommt uns ein Schwefelgeruch entgegen, ohne Zweifel von einem leichten Südwest-Lüftchen aus dem Krater geweht.
Endlich, nach unzähligen Pausen, in denen wir, über unsere Pickel gelehnt, um Atem rangen und uns nachher jedesmal tapfer zu einer neuen « langen » Etappe aufrafften, erreichen wir den Kraterrand. Es ist ein ungeheurer Schlund von zweihundert Metern Durchmesser und hundertfünfzig Metern Tiefe, dessen stark zerrissene und verwitterte Wände fast allenthalben senkrecht abfallen. Der Grund besteht aus Geröll, das da und dort von Schneefeldern bedeckt ist. Sein Rand ist nicht horizontal, sondern stark gezackt, und auf seiner höchsten Erhebung befindet sich ein Kreuz, fast direkt uns gegenüber, etwa hundert Meter höher.
Wir nehmen unseren ganzen Mut zusammen und machen uns auf, den Kraterrand zu umschreiten. Eine halbe Stunde später haben wir den höchsten Punkt und das Kreuz erreicht, das von den gewaltigen sommerlichen Tropengewit-tern stark hergenommen ist.
Der Rand des Abgrunds ist an verschiedenen Stellen frei von Schnee und Eis, da die Schneedecke einige Schritte tiefer endigt; doch an anderen Stellen zeigt der Saum des Schlundes einen scharfen Schnitt vereisten Schnees. Rings umher erheben sich einige unbedeutende Büsserschnee-Pyramiden.
Es ist acht Stunden her, seit wir die Hütte verlassen haben, und obwohl wir in ruhigem Tempo aufgestiegen sind, liegt diese Zeit unter den normalen neun Stunden. Allerdings sollen Mexikaner die ganze Tour hin und zurück in sechs Stunden bewältigt haben: Das Leben auf 2500 oder 3000 Meter hat seine Vorteile.
Der mittlere atmosphärische Druck auf dem Gipfel beträgt genau die Hälfte von dem an der Küste: 380 Millimeter Quecksilber.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, einen Blick auf die Umgebung zu werfen für eine Geogra-phielektion, die leider stark behindert wird durch die Dunstschicht und vor allem durch die Abgas- schwaden, die das mexikanische Plateau bis zu einer Höhe von etwa 5000 Meter bedecken; die Luftverschmutzung ist ein grosses Problem in diesem Land, hat doch, um nur ein Beispiel zu nennen, im Jahre i 1969 die Sichtweite in Mexico-City um ro% abgenommen wegen der vielen Fabriken, welche Erz verarbeiten - und das auf dieser rings von Bergen umgebenen Hochebene!
Im Osten kann ich verschwommen die Küste des Golfs von Mexiko in der Gegend von Veracruz erkennen; 140 Kilometer im Westen heben sich die schimmernden Schneekuppen des Popò und des Ixta sowie der nähere schwarze Malinche vom Blau des Himmels ab. Da und dort ein Durchblick auf die Ebene, Tlatlichuca 3000 Meter unter uns, das ist schon fast alles.
Die Temperatur im Schatten beträgt ungefähr minus zehn Grad; es ist fast windstill; die Bedingungen sind also ideal. Alles ist gut gegangen, und wenn auch diese Besteigung vom technischen Standpunkt aus uninteressant ist und keine besonderen Beobachtungen bietet, so ist sie doch ein guter Höhentest.
Nun gilt es abzusteigen. Das Bergseil, das wir zur Sicherheit mitgenommen haben, wird die Tiefe meines Rucksacks nicht verlassen; denn die Steigeisen greifen perfekt in diesem gleichförmigen Hang von 35 Grad Neigung, dieser Rutschbahn von mehr als 1500 Meter Länge, die in Lavaströmen und Geröll endet, so dass eine Abfahrt doch nicht so gemütlich wäre! Alles verläuft problemlos, und wie die Nacht anbricht, drei Stunden, nachdem wir den Gipfel verlassen haben, betreten wir die Hütte, die immer noch leer ist. Allerdings nicht mehr lange; denn um 2 r Uhr meldet ferner Motorenlärm die Ankunft eines Jeeps, der drei Burschen aus Kalifornien heraufbringt. Der eine von ihnen spricht sein Englisch mit einem Akzent, der mir bekannt vorkommt, und wie ich ihm eine Frage auf deutsch stelle, erhalte ich eine Antwort in der Sprache Goethes: Er kommt aus Zürich und macht einen postdoktoralen Studienaufenthalt in Stanford. Da kramen wir nun Erinnerungen von daheim aus - die Stimmung ist ja so günstig dafür; und da er mehrere Jahre in Genf studiert hat, sind die Jaune, die Paillard, der Balcon und so viele andere Routen am Salève keine Geheimnisse mehr für ihn.
Kaum sind alle Lichter erloschen, liefert man uns noch eine Ladung von fünf Amerikanern aus dem Staate Washington am Pazifik, von denen zwei es vorziehen, neben der Hütte unter den grossen Basaltblöcken, die umherliegen, zu biwakieren.
Am nächsten Morgen, es ist Mittwoch, werden nun sie die Besteigung versuchen müssen, und sie werden acht bis zehn Stunden brauchen, um sie zum guten Ende zu führen. Der Jeep für uns ist auf 14 Uhr bestellt. Da ich es vorziehe, zu Fuss bis Hidalgo hinunterzugehen, lasse ich den Rucksack meinem Kameraden, der den Jeep benützen wird, und steche durch Lava, Sand und schliesslich Pinienwälder hinunter in die Richtung, in der sich das Dorf befinden muss. Dieser Abstieg zu Fuss gestattet es mir, nach Herzenslust den weissen Kegel zu bewundern, der hinter mir allmählich verschwindet.
Auf etwa 3400 Meter begegne ich Indianern; sie ernten Kartoffeln auf einem Feld, das vorwiegend aus vulkanischem Sand und jenem ganz feinen Staub besteht, der unterhalb 3500 Meter Höhe vorherrscht.
Im Dorf Hidalgo versuche ich einige malerische Aufnahmen zu machen, und zwar besonders von den Indianerfrauen, die in der Physiognomie und in der Kleidung den Eingeborenen der Anden gleichen. Sie waschen im Dorfbrunnen Wäsche, während andere Einwohner verschiedenen Beschäftigungen nachgehen. Aber ich werde schroff abgewiesen und insistiere nicht. Obwohl unzählige Jeeps Ladungen von Alpinisten zur Hütte hinauf- und wieder herunterbringen und dabei durch die Siedlung fahren, hält doch selten einer an, und die Leute sind noch sehr scheu und zurückhaltend, stolz wie ihre Vorfahren: Sie haben die Lektion von Cortez und seinen Soldaten noch nicht vergessen.
Etwas später nimmt mich der Jeep mit, und dann geht es hinunter nach Tlatlichuca und zu einem letzten Besuch in die Lebensmittelhandlung des Senor Reyes, wo wir uns in sein Gipfelbuch eintragen.
Ich erfahre, dass jede- Jahr etwa 300 Besteigungen gemacht werden, zwei Drittel davon von mexikanischen Clubs, der Rest von Amerikanern. Die Europäer bilden wegen der grossen Entfernung von Mexiko nur einen winzigen Prozentsatz.
Für jene Alpinisten, die den langweiligen Märschen über Lava- oder Schneefelder Felswände vorziehen, bieten die östliche und die westliche Sierra Madre, die keineswegs bloss Ausläufer der Rocky Mountains nach Süden sind, schöne Klettereien zwischen 1000 und 3000 Meter Höhe in ausgezeichnetem Kalk. Wer Felskletterei in grosser Höhe wünscht, der kann auf einem Vulkan günstige Gelegenheit finden, wenn auch die Probleme dort nicht sehr abwechslungsreich sind: Es ist der Nevado de Toluca ( 4585 m ) südlich von Toluca, einer 50 Kilometer westlich von Mexico-City auf 2700 Meter Höhe gelegenen Stadt.
Eine Naturstrasse führt vor der Schutzhütte vorbei, überquert alte, eindrückliche Lavaströme, dringt dann in den Krater ein und bringt den Alpinisten bis auf 4000 Meter Höhe, an die Ufer zweier wunderschöner Kraterseen. Der gezahnte Grat, der die Seen überragt, kann in fünf Stunden begangen werden. Auf seiner Südseite, direkt unter dem höchsten Punkt, erheben sich Basaltwände, die unseren Granitnadeln ähneln. Man findet da, ausser der grossen Höhe, alle Schwierigkeitsgrade. Manchmal trifft man Schnee an, der in schattigen Winkeln überdauern kann; während meiner Besteigung betrug die Temperatur im Schatten minus drei Grad, aber in der Sonne konnte man es in Hemdsärmeln aushalten, und das Klettern bot unter diesen Umständen den grössten Reiz.
( Übersetzung W. Derungs )