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Der «Serial»-Podcast hat nicht nur mediale Wellen geworfen, sondern ein eigenes Genre geschaffen. Die serial-artigen Produktionen sind eine persönlich gefärbte Erzählung des Autors, wie er sich an ein Geheimnis heranwagt. Es geht natürlich um das Geheimnis selbst, aber auch darum, wie die Nachforschungen Fortschritte machen oder in Sackgassen enden. Der Autor ist eine Figur in seiner Geschichte, wie der Ich-Erzähler in einem Roman. Die serial-artigen Podcasts sind somit ein Mittelding zwischen Journalismus und Literatur. Sie thematisieren auch Zweifel und Widersprüche, und sie nehmen es in Kauf, dass das Rätsel am Ende womöglich nicht gelöst wird. Denn sie werden episodisch veröffentlicht, wobei die ersten Folgen schon erscheinen, bevor die Recherche abgeschlossen ist.
Formal sind die serial-artigen Produktionen vom Radiofeature beeinflusst. Sie bauen Soundbites von Protagonisten, O-Tone und atmosphärische Elemente zu einer dichten Collage, und es kommen auch Töne zum Einsatz, die man in einer klassischen Reportage niemals verwenden würde: Aufnahmen vom Telefonbeantworter, Youtube-Clips und ähnliches zum Beispiel. Und wichtig ist die Musik, die in aller Regel für die Produktion selbst komponiert wurde und dramaturgisch gezielt eingesetzt wird.
Es gibt inzwischen diverse solche Geschichten. «Serial» hat einen Nachfolger erfahren, der das Schicksal des vermeintlichen Deserteurs Bowe Bergdahl nacherzählt. Philipp Meinhold hat für den RBB einen unaufgeklärten Mord in Berlin aufgegriffen (siehe hier). Hier habe ich über einen Podcast über Beziehungen und über Malcolm Gladwells Versuch, Sachverhalte neu zu beleuchten, über die die Meinungen gemacht scheinen. Dieser Podcast heisst «Revisionist History» und die Folge Hallelujah zu Elvis Costello schrecklichster Platte «Goodbye Cruel World» und zu Leonard Cohens Song, der der Folge ihren Titel gegeben hast, ist einfach nur grossartig.
Philip Meinhold hat nun mit Bilals Weg in den Terror einen neuen Podcast in der Mache, der zum Gerne zählt. Er widmet sich dem Schicksal des Hamburger Schülers Florent, der sich dem Islam zuwendet, zum Salafisten wird und als IS-Kämpfer sein Leben in Syrien (oder vielleicht im Irak) verliert. Und eben – Florent, oder Bilal, wie er sich später nennt, ist kein dumpfer Holzklotz, der sich aus romantischer Verklärung radiklisieren lässt, sondern ein quirliger junger Mann, dessen Irrweg überhaupt nicht vorbestimmt ist. Wie konnte es also passieren, dass auch Lehrer und Pfarrer, Sicherheits- und Extremismusexperten, Freunde und Mutter nichts daran ändern konnten?
Fragen, die Meinhold in fünf halbstündigen Folgen zu klären versucht. Die fünfte und letzte Folge ist letzten Freitag erschienen, sodass man auch bingehören kann. Fazit: Für eine serial-artige Produktion ist «Bilals Weg in den Terror» vergleichsweise kurz – wohl auch deswegen, weil es kein eigentliches Geheimnis aufzuklären gab. Auch wenn Bilals Ende nicht im Detail geklärt ist, besteht an den Tätern kein Zweifel: Es ist der so genannte Islamische Staat, der junge Leute als Kanonenfutter verheizt und es nicht goutiert, wenn einer plötzlich Zweifel geltend macht.