Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/1256

Der Schwyzer Kantonale Schwingerverband wurde 1923 gegründet. Sportlich gesehen darf man die Epoche Mitte der Neunziger Jahre bis um 2020 als die erfolgreichste bezeichnen. Obwohl das Schwingen boomt, sieht die die aktuelle Gegenwart im Kanton Schwyz nicht allzu rosig aus. Warum eigentlich?
Text: Schwinger-Blog
Die Gründung
In der Jubiläumsschrift zum 75. Geburtstag des Schwyzer Kantonalen Schwingerverbandes (SKSV) werden die drei Schwingerpioniere Franz Schönbächler senior (Einsiedeln), Emil Höfliger (Wollerau-Bäch) und Andreas Abegg (Schwyz) als eigentliche Gründer angegeben. Aus diesem Buch kann weiter entnommen werden: «Am 19. März 1923 fand in der Post zu Biberbrugg die erste vom Kantonalen Turnerverband arrangierte Sitzung statt. Hier wurden die Statuten ausgearbeitet für die Gründungsversammlung. Schon am 29. April 1923 fand im Gasthaus Adler in Rothenthurm die Gründungsversammlung statt.»
Bild: schwyzer2022.ch
Die goldene Epoche
Wie oben erwähnt feierten die Schwyzer Schwinger sportlich gesehen ab Mitte der Neunziger Jahre bis um 2020 die grössten Erfolge. Ein paar Fakten aus dieser Zeit: 1998 reisten die Schwyzer mit acht Eidgenössischen Kränzen vom ESAF in Bern nach Hause. Im Jahr 2000 feierte der SKSV 13 Kranzfestsiege. 2001 gewannen die Schwyzer 98 Kränze, allein der Schwingerverband am Mythen holte 49 Kränze. Am ESAF 2004 in Luzern resultierten acht Eidgenössische Kränze. Martin Grab gewann 2006 den Unspunnen-Schwinget. Am ESAF 2007 in Aarau gewannen die Schwyzer wiederum acht Eidgenössische Kränze. 2008 dominierten sie das Schwingerjahr mit 108 Kranzgewinnen. 2010 wurden 34 Schwinger fürs ESAF in Frauenfeld selektioniert, sechs Schwinger kehrten schliesslich kranzgeschmückt heim. Am ESAF 2013 in Burgdorf erkämpften sich die Schwyzer mit neun Kränzen einen Rekord. 2016 gewannen sechs Schwyzer Eidgenössisches Eichenlaub am ESAF in Estavayer-le-Lac und am ESAF 2019 in Zug holten sich vier Schwinger den begehrten Kranz.
Die herausragenden Schwinger aus dieser Epoche sind Martin Grab (Unspunnen-Sieger 2006 und Sieger Expo-Schwinget 2002), Eugen Hasler (Erstgekrönter am ESAF 1989), Heinz Suter, Philipp und Adrian Laimbacher sowie Christian Schuler.
Auf dem Boden der Realität
In diesem Jahr wurden insgesamt 55 Kranzgewinne verzeichnet, mit sechs Exemplaren steht der eben erst zurückgetretene Reto Nötzli an der Spitze. Mit nur einem Kranzfestsieg und einem einzigen Kranzgewinn am ESAF in Pratteln (für beides war Mike Müllestein verantwortlich) landeten die Schwyzer Schwinger ziemlich unsanft auf dem Boden der Realität. Augenreibend fragt man sich: Wie kann das sein? Denn das Schwingen boomt augenscheinlich. Und ausgerechnet im Kanton Schwyz, wo die Schwingerei seit uralten Zeiten beheimatet ist, schiebt man eine Krise. Dies und andere Themen werden nachfolgend mit René Schelbert, dem Präsidenten der Schwyzer Schwinger, eingeordnet. Schelbert trat anfangs 2021 dieses Amt an, vorher stand er während 10 Jahren dem Schwingklub Muotathal vor. Der ehemalige Kranzschwinger blickt aber auch in die Vergangenheit zurück und erzählt von den geplanten Feierlichkeiten im nächsten Jahr.
Bild: Bote der Urschweiz
Wie sehen die geplanten 100 Jahre-Feierlichkeiten für 2023 aus?
«Einerseits wird am 30. April beim Schwyzer Kantonalen Schwingfest in Küssnacht gefeiert. Eingeladen werden alle noch lebenden Kantonalfestsieger und die OK-Präsidenten der letzten 25 Jahre. Am 18. November wird in Rothenthurm die eigentliche Jubiläumsfeier über die Bühne gehen. Dabei wird auch die Jubiläumsschrift vorgestellt.»
Eingangs wurde die goldene Epoche ab Mitte der Neunziger Jahre bis 2020 erwähnt. Gab es solche auch schon in früheren Jahrzehnten?
«Ende der Achtziger beziehungsweise anfangs der Neunziger Jahre kam der erwähnte Erfolg. Vorher waren im Kanton Schwyz die Eidgenossen eher dünn gesät. Einzelne Schwinger wie beispielweise Ernst Reichmuth aus Unteriberg sorgten für Highlights. Reichmuth stand beim ESAF 1956 in Thun im Schlussgang.»
Gibt es in früheren Jahren Ereignisse und Schwinger, die man besonders hervorheben darf?
«1941 fand das Bundesfeier-Schwingfest in Schwyz statt und 1974 wurde in Schwyz das ESAF ausgetragen. Zudem entwickelten sich die beiden Bergfeste auf dem Stoos und der Rigi zu Publikums-Magneten. Hervorheben darf man den bereits erwähnten Ernst Reichmuth, aber auch die beiden ehemaligen Spitzenschwinger Toni Steiner und Ady Zurfluh.»
Kommen wir zur Neuzeit. Der Schwingsport boomt, aber ausgerechnet die Schwyzer Schwinger schieben eine Krise. Warum eigentlich?
«Zum einen fehlen die Zugpferde, zum anderen die geburtenstarken Jahrgänge. Zudem ist man halt verwöhnt von den Erfolgen aus den letzten Jahren. Apropos Boom: Der Schwingsport boomt vor allem bei den Zuschauerzahlen. Das Verhältnis zur Anzahl der Schwinger stimmt dabei nicht. Dieser Trend ist gesamtschweizerisch zu beobachten.»
Ein einziger Kranz schaute am diesjährigen ESAF in Pratteln heraus. Wie ordnest du das unter diesen Umständen ein?
«Es war für uns eine Enttäuschung. Anhand des Saisonverlaufes durften wir aber nicht unbedingt mehr erwarten.»
Bild: schwyzer2022.ch
Wie sehen die Zahlen bei den Aktiven aus? Welche Tendenz lässt sich da erkennen?
«Die Teilnehmerzahl der Schwyzer Schwinger an unserem Kantonalen ist zum Vorjahr gestiegen. Man muss aber 2023 abwarten, um beobachten zu können, wie sich dies nach der Corona-Pandemie entwickelt. Die Anzahl der Aktiven steigt tendenziell wieder an. Aber: Die tatsächlich an Schwingfesten angetretenen Schwinger müssen zur Anzahl der versicherten Schwinger relativiert werden.»
Man hat nicht das Gefühl, dass demnächst viele Nachwuchsleute an die Spitze nachstossen werden.
«Dieses Gefühl täuscht nicht. Aktuell haben wir mit Michael Gwerder eine einzige Nachwuchshoffnung an der Spitze. Er befindet sich nach einer langen Verletzungspause wieder im Schwingtraining. Bei Lukas Heinzer, dem jüngsten Schwyzer Kranzschwinger, gilt es abzuwarten, ob es ihm bis ganz nach vorne reichen wird. Man darf zudem auf die Entwicklung von Martin Schönbächler aus Einsiedeln gespannt sein. Er wird nächstes Jahr bei den Aktiven schwingen.»
Wie sehen die Zahlen beim Nachwuchs aus?
«Die Jungschwinger-Zahlen waren in diesem Jahr leicht rückläufig. Wir hoffen aber, dass nach dem ESAF und dank der Normalität nach Corona die Zahlen wieder steigen werden.»
Wie sind eigentlich die sechs Schwingklubs unterwegs?
«Man kann bei diesen zwei Blöcke bilden. Die Schwingklubs Einsiedeln und March-Höfe sowie der Mythenverband waren kranzmässig in diesem Jahr in der gleichen Grössenordnung unterwegs – ebenso in der Anzahl Aktivschwinger. Der andere Block sind die Schwingklubs Küssnacht, Muotathal und der Rigi-Verband. Diese drei sind ebenfalls ähnlich aufgestellt was die Anzahl Kränze und Aktivschwinger betrifft – allerdings auf einem deutlich tieferen Niveau als der erste Block. Eines darf ich aber versichern: Es sind alle bemüht, und sie versuchen ihr Bestes zu geben bei den Aktiven wie bei den Jungschwingern. Auch beim Schnuppertag haben alle sechs Klubs fleissig mitgemacht.»
Gibt es Bestrebungen vom SKSV, um wieder auf die Erfolgsspur zurückzufinden?
«Es gibt Bestrebungen in dieser Hinsicht. Heute Freitagabend führt beispielsweise der Technische Leiter Marcel Steinauer einen Hock mit den Kranzschwingern durch. Dabei wird die ganze Situation besprochen und wie man mit den Trainings weiterfahren will.»
Könnte der Königstitel von Joel Wicki auch im Kanton Schwyz wieder einen Boom auslösen?
«Ja, ich denke schon. Das wird allgemein in der Innerschweiz der Fall sein.»