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1969 durften Frauen eigene Kirchgemeinden übernehmen
1968 lebte ich in einer WG in Zürich und studierte an der Phil.-I-Fakultät der Zürcher Universität. Die Jugendkrawalle um ein autonomes Jugendzentrum waren in vollem Gange, und ich erlebte zahlreiche Demos mit harten Gewaltszenen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Studierenden forderten demokratische Strukturen und das Recht auf Mitbestimmung. Ich beteiligte mich an einzelnen Aktionen. Aus der studentischen Protestbewegung erwuchsen die neue Frauenbewegung und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Frauen forderten Gendergerechtigkeit auf allen Stufen. Die Professuren waren damals ausschliesslich mit Männern besetzt.
Auch im Pfarramt waren die Frauen schlecht vertreten. Zwischen 1918 und 1954 ordinierten gerade mal 11 weibliche Pfarrpersonen in reformierten Schweizer Kirchen. Erst seit 1969 dürfen Pfarrerinnen eigene Gemeindepfarrämter übernehmen; vorher waren sie nebenamtliche Helferinnen des Gemeindepfarrers. Als erste Schweizer Kantonalkirche wählte 1980 die Aargauer Kirche eine Frau ins Kirchenratspräsidium. Im kirchlichen Alltag aber dominierten die Frauen seit jeher als freiwillige Helferinnen in allen Sparten des kirchlichen Lebens. Kurz gesagt: Die Alltagskirche ist heute gendergerecht, die Wissenschaftskirche an den Universtäten noch immer eine Männer-domäne. Mein Wunsch lautet: «Mehr Frauen in wissenschaftlichen Kaderstellungen, mehr Männer als Freiwillige im kirchlichen Gemeindeleben.»
Silvia Pfeiffer, Historikerin und Sozialethikerin, erste Präsidentin des Schaffhauser Kirchenrats
(aufgezeichnet durch Adriana Scheider, 27.8.2018, Kirchenbote)