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Nathalie Zeoli (25) wirft den gelben Ball in die Höhe und schmettert einen meisterlichen Aufschlag übers Netz ins gegnerische Feld. «Das war noch gar nichts», sagt sie. Sie schiesst einen Ball nach dem andern durch die Sporthalle Bustelbach im aargauischen Stein. Nathalie Zeoli war fünf, als sie das erste Mal einen Tennisschläger in der Hand hielt. Heute ist die junge Frau mit den grünen Augen und den straff zusammengebundenen dunklen Haaren zweifache Weltmeisterin im Racketlon – der Sportart, in der sie Tischtennis, Badminton, Squash und Tennis beherrschen muss.
«Meine Stärke ist, dass ich gar keine habe», sagt Nathalie Zeoli und lacht dabei. Und doppelt nach: «Das stimmt!»
Schon als Kind spielte sie alle vier Racketlon-Disziplinen, ihre Eltern waren begeisterte Hobbysportler und schleppten ihre Kinder auf Courts und in Turnhallen mit. Sie spielte Tennis in der deutschen Oberliga und Badminton in der Badenliga. Doch eines Tages sagte sie zu ihrem Bruder: «Ich kann alles, aber nichts richtig gut.» Er sagte zu ihr: «Dann spiel doch Racketlon.»
Sie brauchte ein Jahr, bis sie die Techniken nicht mehr vermischte
Das war vor fünf Jahren. Bald spielte sie beim ersten Turnier mit. Sie war gut. Doch als sie 2010 an einem internationalen Wettbewerb auf die amtierende Weltmeisterin, die Finnin Michaela Björnström, traf, verlor sie haushoch. Ihr Ehrgeiz war geweckt. «Da wusste ich, ich will genauso gut spielen wie sie.» Sie brauchte ein Jahr, bis sie die Techniken nicht mehr vermischte und den Wechsel zwischen den Sportarten gut zustande brachte. «Im Tischtennis sind Feinmotorik und Reaktionsschnelligkeit gefragt, im Tennis Kraft und Ausdauer, Badminton ist sehr sprunghaft, im Squash braucht es grosse Präzision der Wand entlang.»
2012 gewann Nathalie Zeoli die WM in Stockholm, 2013 in Zürich. «Das war wunderbar, an der Heim-WM zu siegen», sagt die Sportlerin, die astreines Hochdeutsch spricht, Mundart aber tadellos versteht und eigentlich keine Schweizerin ist. Nathalie Zeoli ist in Bad Säckingen aufgewachsen, auf der deutschen Seite des Rheins. 2008 hat sie die Flussseite gewechselt und wohnt seither in der Schweiz. Seit vier Jahren mit ihrem Freund in einer modernen Wohnsiedlung in Münchwilen AG. Ob sie nun eine schweizerische Deutsche oder eine deutsche Schweizerin ist, weiss sie nicht. Sie weiss aber: «Ich fühle mich in der Schweiz zu Hause. Ich finde es fantastisch hier.»
Falsche Schuhe, kein Schläger – das kommt immer wieder mal vor
Nathalie Zeoli hat vier verschiedene Schläger, vier verschiedene Bälle und drei verschiedene Paar Schuhe. Das richtige Trainingszeug dabei zu haben, ist nicht immer einfach. «Falsche Schuhe, kein Schläger – das ist alles schon mal passiert», sagt sie und lacht. «Das kommt immer wieder mal vor.» Das Wichtigste hat sie aber immer dabei: Die Freude am Spiel. Für ein professionelles Training braucht es viel Organisationstalent: Tischtennis spielt sie in Stein AG, Squash in Frick AG, Badminton und Tennis in Bad Säckingen. Täglich spielt sie zwei Sportarten. Nur Mittwoch ist trainingsfrei. «Dann ist Massagetag.»
Nathalie Zeoli arbeitet als Primarschullehrerin in Wallbach AG. Auch ihren Beruf übt sie mit Begeisterung aus. «Seit ich 14 bin, wollte ich Lehrerin werden.» Sie war damals als Tennislehrerin aktiv. «Da habe ich gemerkt, wie gern ich den Kleinen etwas beibringe und vermittle», erinnert sie sich.
Die Kinder sind treue Fans von ihr. Immer wieder tauchen in den Trainingshallen Mädchen auf, die sie erkennen und um ein Autogramm bitten. Und in der Schule bringen ihre Viert- und Fünftklässler jeweils die Zeitungsberichte über sie in den Unterricht mit.
Nathalie Zeolis Tage sind vollgestopft. Zeit für ihren Freund Jan Vogel (25) hat sie aber trotzdem. «Er spielt Badminton, Squash und macht hobbymässig sogar manchmal an Racketlon-Turnieren mit. Wir trainieren oft zusammen», sagt sie. Ihr wichtigster Trainingspartner ist aber ihr älterer Bruder Markus (29). Er ist deutscher Meister im Racketlon.
Die Musik ist Nathalie Zeolis zweite Leidenschaft. «Ich kann mir vorstellen, mich total in die Musik reinzuknien», sagt die Wahlaargauerin. Seit sie sechs ist, spielt sie Geige. Zusammen mit Klavierspielen und Singen sind das ihre liebsten Hobbys. Seit Kurzem spielt sie auch Gitarre. «Ich wollte lernen, Lieder zu begleiten. So kann ich in der Schule mit den Kindern zusammen spielen und singen.» Ihr Traum aber wäre es, im Musical «The Lion King» mitzumachen. «Ich habe es in London gesehen – es war wunderbar! Es fasziniert mich, wenn Menschen Tierrollen spielen.»
Im Herbst steht ein weiterer Höhepunkt in ihrem Leben an: Sie heiratet ihren Freund. Genau sieben Jahre, nachdem sie zusammengekommen sind. Zunächst hofft Nathalie Zeoli aber auf ein drittes Mal WM-Gold und auch, dass sie nochmals auf die Finnin trifft, der sie vor vier Jahren haushoch unterlegen war. Um zu sehen, ob sie nun auch so gut ist. Und natürlich, um dieses Mal zu gewinnen.
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: Christian Schnur