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In meinem Fachbereich gab es die übliche Fachbereichsbibliothek. Diese hatte aber noch eine Fachbereichssonderbibliothek, in einem Extra-Räumchen und mit auserlesenen Öffnungszeiten. Über die Sonderbibliothek regierte sie. Ich weiß nicht, wie sie hieß, aber sie fiel auf: zwischen Fünfzig und Sechzig, hochgewachsen und knochig; ihr ergrauender Zopf war streng geflochten, ihre Brille riesengroß und ihr Pullover selbstgestrickt.
Oft sah man sie in der Stadt, wo sie mit ihrem Gefährten zusammen (beide trugen Wolle und hatten immer geräumige Stofftaschen bei sich) eines der Studentencafés aufsuchte. Dort saßen sie dann bei einem Bier und einem Tee, in getrennte Bücher vertieft oder auch einfach so ohne ein Wort nebeneinander, stundenlang.
In der Bibliothek trank sie ihren Tee aus immer derselben braunen Kanne und einer zierlichen Tasse ohne Untertasse. Sie war wortkarg, aber meist nicht unfreundlich; ihre Gegenwart lud einfach zum Schweigen ein. Es war ein bißchen wie einen seltenen, scheuen Großvogel beobachten — man vermied es, sich bemerkbar zu machen; nicht daß er am Ende davonstakste.
Dann kam die Reform des Studienganges. Im Zuge von Sparmaßnahmen wurden Stellen gestrichen, kleine Räume zu großen zusammengelegt — und die Sonderbibliothek geschlossen. Sobald wir davon erfuhren, hatte ihre Erscheinung in unseren Augen etwas besonders Eckiges, fast Beleidigtes.
Als dann die Regale, Tische und Stühle aus der Bibliothek entfernt wurden, sah ich sie zum letzten Mal im Fachbereich. Am nächsten Morgen fanden wir vor dem ausgeweideten Raum ihre Tasse und das Kännchen. Den ganzen Tag standen sie da, auf den ausrangierten Büromöbeln, sauber abgewaschen, und alle konnten sie sehen. Jaja, die Sparmaßnahmen, raunten wir uns zu.
Abends dann habe ich beide, Kanne und Tasse, an mich genommen.