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Dossier 23/2018
Die Ethnographie des Affekts: Erfassung, Widerstände, Verbundenheit
Koordination: Carine Plancke( Marie-Curie-Postdoktorandin an der Universität Roehampton; Assoziierte Forscherin am Laboratoire d’anthropologie sociale, Paris) und Valerio Simoni (Forscher SNF am Graduate Institute of International and Development Studies, Genf; Assoziierter Forscher am Centre for Research in Anthropology (CRIA-UL), Lissabon)
Der Affekt als intensives Erlebnis hat sich im vergangenen Jahrzehnt als sozialwissenschaftliches Forschungsthema derart verbreitet, dass einzelne Forscher (Clough 2007; Blackman 2012; Wetherell 2012) von einem „affective turn“ sprechen. Ziel dieses Dossiers ist es, die sozialanthropologische Relevanz dieses Themas und das ethnographische Forschungspotential des Affekts, oder genauer der Affekte, zu ergründen.
Die aktuelle Konjunktur des Themas steht im Kontext der von Autoren wie Spinoza und Deleuze inspirierten Kritik an konstruktivistischen Interpretationen der sozialen Welt und ihren zentralen Begriffen von Diskurs und Text (Gregg & Seigworth 2010; Williams 2010). Massumi (2002), ein führender Autor unter den kritischen Stimmen, ruft zu einer Wiederentdeckung des Körpers auf. Es gilt, die Materialität der Dinge und Wesen ebenso zu erfassen wie das, was in dieser Materialität handelt und erschafft (Blackman und Venn 2008; Wetherell 2012). Massumi unterscheidet zwischen Affekt und Emotion. Er versteht Affekt als Bewegung und Energie. Emotion wiederum definiert Massumi als qualifizierte Intensität, also ein konventionelles Einfügen von Intensität in semantische Felder.
Das Interesse der Sozialanthropologie am affective turn ist jedoch eher gering geblieben und zeigt sich vor allem in zahlreichen Kritiken. Diese betreffen insbesondere die Tendenz, den Affekt zu verdinglichen, die menschliche Intentionalität zu bagatellisieren und die Sprache auf einen gegenständlichen Diskurs zu reduzieren (Navaro-Yashin, 2009; Long und Moore, 2013; Skoggard und Waterson, 2015). Dieses Dossier hingegen vertritt die Ansicht, dass es im Interesse der Anthropologie ist, diesen Ansatz weiterzuverfolgen und zu entwickeln. Dabei geht es darum, Affekte in ihrer Vielfalt zu betrachten: als Kräfte, die einerseits zu gegebenen Zeiten und Orten unterschiedlich wirken und die andererseits geformt werden durch die Wesen, die sie auslösen und durch die Vorstellungskraft, Ausdrucksweise und Interpretation dieser Wesen (Blackman und Venn, 2008; Wetherell, 2012).
Für dieses Dossier bitten wir um empirische Beiträge, Ethnographien, die das Wirken von Affekten im Einzelnen beschreiben und analysieren. Was lösen Affekte in einer bestimmten Situation aus? In welchen Momenten bestimmen Affekte laufende Handlungen und Interaktionen? Wie werden diese interpretiert? Welche Vorstellungen und Diskurse werden aufgrund dieser Affekte entwickelt? Welche sozio-kulturellen Aspekte beeinflussen das Auftreten von Affekten?
Wir begrüssen insbesondere ethnographische Beiträge, die sich mit Affekt und Neoliberalismus in der heutigen Welt befassen. Zahlreiche aktuelle Studien, die auf Foucaults Werk zur Biopolitik aufbauen, zeigen, dass Affekte zu einem bedeutendem Thema der kapitalistischen Welt geworden sind (Clough 2007; Thrift 2008; Shaviro 2010; Levin 2011). Das Leben selbst und die Leistungsfähigkeit des Körpers sind zu kapitalistischen Investitionsmöglichkeiten mit Aussicht auf Rendite geworden. In diesen Studien fasst der Begriff „Capture“ [Erfassung] die Idee der affektiven Instrumentalisierung zusammen. Dabei wird der Affekt als Fluss dargestellt, der sich der sozialen Produktion entzieht und dem eine Hoffnung auf Freiheit und Widerstand innewohnt – sofern er nicht angehalten wird (Hemmings 2005). Umgekehrt betonen einige Autor_innen die inhärente „stickiness“ [Andauern] des Affekts (Ahmed, 2004 ; Blackman, 2008): Aufgrund seiner Eigenschaft sich Personen, Ideen, Werten oder Lebensarten anzuheften, beeinflusst der Effekt die Konstitution von Körpern und Welten.
In diesem Themendossier wollen wir die Verknüpfungen von Affekten und Neoliberalismus in verschiedenen gesellschaftlichen Situationen diskutieren. Dabei geht es unter anderem um die Bedeutung von Begriffen wie „capture“ [Erfassung], „resistance“ [Widerstand] und „attachment“ [Verbundenheit]. Richard und Rudnyckyjs Artikel (2009) über eine mexikanische NGO und eine spirituelle Reformbewegung in Indonesien ist ein gutes Beispiel dafür. Die Autorin und der Autor zeigen, wie affektive Äußerungen des Umarmens, Weinens oder der Ekstase die Produktion neoliberaler Subjekte befördern, indem sie Verbindungen zwischen den Mitgliedern einer Organisation und Anbindungsmöglichkeiten an neue Programme und Werte schaffen. Dadurch offenbart sich die kulturspezifische Institutionalisierung neoliberaler Praktiken und Konzepte, wie z.B. Privatisierung, Risiko und Wahlfreiheit.
Wir freuen uns insbesondere über Beiträge, welche die komplexen Verschränkungen affektiver Erfahrungen mit neoliberalen Realitäten thematisieren. Es können unterschiedlichste Themen untersucht werden, wie beispielsweise soziale Bewegungen, politische Aktionen, spirituelle Praktiken, Haushaltsaktivitäten, künstlerische Performances, Medienproduktionen, etc..