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«Ein gutes Jahr später kam der Krieg zu uns. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnung gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb, als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb, als sie versuchte, Goldmünzen zu verstecken.»
Daniel Kehlmann schildert in seinem neusten Roman «Tyll» in einer nüchtern-lakonischen Sprache die Zeit des Dreissigjährigen Kriegs in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – das nicht enden wollende wahnwitzige Töten und Morden.
«Der Bäcker und der Schmied und der alte Lembke und Moritz Blatt und die meisten anderen Männer starben, als sie versuchten, ihre Frauen zu schützen, und die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.»
Exzentrische Hauptfigur
Daniel Kehlmann wäre nicht Daniel Kehlmann, wenn er das historische Geschehen nicht anhand einer Figur erzählen würde, die so gar nicht dem allgemeinen Durchschnitt entspricht. Noch in guter Erinnerung ist etwa sein Weltbestseller «Die Vermessung der Welt» von 2005 über die beiden herausragenden Wissenschafter Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss.
Dieses Mal bedient sich Daniel Kehlmann des ebenso rätselhaften wie exzentrischen Gauklers Till Eulenspiegel, oder wie er im Roman mit niederdeutschem Anklang heisst: Tyll Ulenspiegel.
Die archetypische Figur des rätselhaften Spielmanns, Gauklers und Akrobaten, der weder auf die weltliche noch auf die kirchliche Obrigkeit hört und die Freiheit über alles hält, stammt ursprünglich aus dem Spätmittelalter. Seither gibt es eine ganze Reihe von literarischen Umsetzungen, neuere etwa von Erich Kästner oder Christa Wolf.
Neues historisches Umfeld
Daniel Kehlmanns Roman verfrachtet seinen Tyll Ulenspiegel in die Zeit des Dreissigjährigen Kriegs. Er benutzt die Figur dazu, um die Absurdität des Kriegs herauszustreichen: Erst im ungetrübten Blick des Narren, der nichts ausser der Kunst verpflichtet ist, wird das Grauen in seiner ganzen Monstrosität richtig sichtbar.
Allerdings ist der Roman weit mehr als ein Anti-Kriegsroman. Vielmehr handelt es sich um ein feingliedriges Gemälde jener Zeit vor 400 Jahren, das zwar auf historischen Fakten basiert, sich jedoch viel Freiraum für Fiktion nimmt.
So wird etwa an der fantasievoll ausgestalteten Schilderung von Tylls Kindheit die bittere Armut sichtbar, in welcher Kinder damals aufwachsen mussten. Oder der damalige Hexenwahn: Ihm fällt Tylls fiktiver Vater zum Opfer.
Gewebe einer vergangenen Zeit
Köstlich ist jene Stelle, wo der Autor den Auftritt Tylls auf einem Jahrmarkt schildert: Der Schalk verlangt von seinem Publikum, alle hätten ihre Schuhe auszuziehen und in die Luft zu werfen. Die Menschen tun, wie ihnen geheissen.
In der Folge entsteht jedoch ein riesiges Durcheinander: Man findet seine Schuhe nicht mehr. Gedränge, Flüche, blutige Nasen, Chaos… Tyll hat seinem Publikum mit dieser Aktion einprägsam unter die Nase gerieben, dass es viel zu leichtgläubig durchs Leben geht.
Später im Roman lässt der Autor seinen Tyll den unterschiedlichsten Figuren begegnen – einfachen Bauern und Handwerkern ebenso, wie Gelehrten, Geistlichen und Adligen. Von ihnen allen, die auf ihre Weise für ihre Zeit stehen, erzählt dieses Buch: Es verwebt sie zu einem Ganzen – und haucht dadurch einer längst vergangenen Epoche neues Leben ein.
Daniel Kehlmann
- Kehlmanns «F» (2013) ist ein Roman über Lüge und Wahrheit, über Familie und Fälschung. Heini Vogler im Gespräch mit Bernadette Conrad und Alain Claude Sulzer.
- Fälschen verbindet: Meisterfälscher Beltracchi porträtiert den Schriftsteller.
Buchhinweis
Daniel Kehlmann: «Tyll». Rowohlt, 2017.