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Der sogenannte Duden-Ausschuß — jene «Sprachbehörde», die sich mit der Herausgabe des Duden befaßt — wird in nächster Zeit tagen, um Anträge zuhanden der verantwortlichen Instanzen Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz hinsichtlich der vielbesprochenen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung zu beschließen. In diesem Ausschuß ist auch der Deutschschweizerische Sprachverein vertreten; da seinem Vorstand daran lag, zu erfahren, wie «man bei uns» über die Erneuerung der Orthographie denkt, veranstaltete er kürzlich einen Ausspracheabend im «Weißen Wind».
Das Programm sah außer der Diskussion auch zwei einführende, kontradiktorische Kurzreferate vor. Zuerst äußerte sich Privatdozent Dr. Glinz (Universität; Zürich) als Befürworter der Reform, und zwar einer Reform, die in erster Linie die Kleinschreibung aller Hauptwörter, die verkürzte Schreibung der Doppel- und Dehnungsvokale und außerdem die Vereinfachung der Trennungs- und Satzzeichenregeln fordert. Die Großschreibung findet Dr. Glinz heutzutage eine Unmöglichkeit, weil sie sich auf grammatikalische Regeln stützt, die keine sind; für «die große Gesamtheit der Schreibenden» könne die Kleinschreibung nur von guter Wirkung sein, weil sie zur Klarheit des Ausdruckes, zur Sorgfalt des Lesens und zur erhöhten Durchsichtigkeit des Schriftbildes beitrage. Dagegen gab er allsogleich zu verstehen, daß er selbst als Gelehrter bei der Gestaltung wissenschaftlicher Aussagen in der Großschreibung durchaus einen vernünftigen Sinn finden, sich ihrer richtig bedienen und sie sehr wohl schätzen könne, solange sie gelte. Dr. Glinz bekannte sich dementsprechend zur Gruppe der gemäßigten Reformer; ihm gehe es darum, die Sprache vor einer orthographischen Erstarrung, einem tödlichen Absterben im Panzer normierter Rechtschreibung zu retten. Auch würde die Kleinschreibung den Kindern den Zugang zur Sprache enorm erleichtern; ihr Verhältnis zur Sprache würde dadurch inniger. Dr. Glinz verwahrte sich übrigens auch gegen eine gewisse spöttische Art, in der gelegentlich in der Presse gegen die Reformer argumentiert werde; zum, Beispiel der «Nebelspalter» solle sich einmal gegen die spießbürgerlichen Reformverneiner statt gegen die Reformer wenden ...
Ein sehr viel anderes, weniger optimistisches Bild von den Konsequenzen einer Reform entwarf Chefkorrektor W. Heuer («NZZ»), der zwar auch für gewisse orthographische Verbesserungen eintritt, wie sie Zeit und Sprachentwicklung eben dauernd verlangen. Aber er wandte sich aufs entschiedenste gegen die das Sprachbild von Grund auf verändernde Kleinschreibung. Denn sie erschwere das Lesen, weil das optische Bild, das sie bewirkt, unnötig ermüde und sprachliche Zwei- und Vieldeutigkeit aufkommen lasse, die durch die Großschreibung, weil sie viel intensiver differenziert und nuanciert, verhindert werden. Der Hinweis auf das «so einfache» französische Rezept (nur Eigennamen und Satzanfänge beginnen groß, alles andere klein) sei äußerst irreführend; in Wahrheit komme der französische Drucker damit gar nicht aus; es mußten umfangreiche Reglemente über dieses Kapitel angefertigt werden, um der lästigen Schwierigkeiten, die durch das «einfache» Kleinschreiben entstehen, Herr zu werden. Ueberdies würde den Deutschunkundigen durch die Kleinschreibung der Zugang zum Deutschen erschwert, was der internationalen Geltung unserer Sprache Abbruch tun würde; andere Sprachvölker beneiden uns mehr und mehr um die durch die Großschreibung gewahrte Verdeutlichung. Da außerdem keine rechtliche Möglichkeit in der Schweiz besteht, eine Reform allen Schreibenden «von oben her» gleichermaßen aufzuzwingen, hätten die Druckereien sofort mit zweierlei Orthographie zu rechnen: der alten und der neuen, was ein technisches Chaos und wirtschaftliche Verluste ohnegleichen für das schweizerische Buchdruck- und Verlagsgewerbe zur Folge hätten.
Die unter der Leitung von Dr. W. Winkler stehende Diskussion bewegte sich notgedrungen im Bezirk mehr grundsätzlicher, allgemeiner Auseinandersetzungen, weil ja die genauen Unterlagen und detaillierten Empfehlungen der Reformer nicht vorlagen. Das Pro und Kontra hielten sich quantitativ ungefähr die Waage, wobei die Argumente gegen die Kleinschreibung meist sehr viel gehaltvoller und intelligenter klangen als die anderen. Während die einen eher dafür hielten, daß die Kleinschreibung am «Kleid der Sprache» nichts ändere und auch den inneren Gehalt und Wert der Sprache, ja auch die Liebe zur Sprache nicht berühre, wiesen die anderen darauf hin, wie sehr diese tiefeingreifende Reform zur Abwertung der Sprache führe und der sprachlichen Ueberlieferung schade; für die Kinder aber sei die Großschreibung wahrhaftig kein Hindernis in der Spracherlernung. Die Diskussion über die Vokale blieb stark im unklaren stecken. Im ganzen war kein eindeutiges Bild zu gewinnen, wie «man bei uns» über die Reform denkt; «bei uns» bedeutete allerdings hier nur unter Mitgliedern und Gästen des Vereins. Apropos: Seit, wann heißen im hiesigen Sprachverein — laut Programm — Journalisten abwertenderweise «Zeitungsschreiber»? Spricht die Presse denn von Sprachvereinlern?
P. Sd.