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Brasilien hat weltweite Vormachtstellung im Agrobusiness und ist wichtigster Exporteur mehrerer Agrargüter. Dies verdankt es seinem modernen, hochproduktiven Agrarsektor. Brasilien ist aber auch das Land, wo 84% der landwirtschaftlichen Betriebe von Familien geführt sind, diesen nur 24% des fruchtbaren Landes zur Verfügung steht und sie dennoch mit nur geringster technologischer Unterstützung rund 70% aller brasilianischen Lebensmittel produzieren. Jovelina Alves Azevedo Machado ist Kleinbäuerin im Dorf Grota do Porto der Gemeinde Veredinha im Jequitinhonha-Tal und gibt uns Einblick in eine wenig bekannte Realität der brasilianischen Landwirtschaft.
Jovelina, kannst Du uns kurz Deinen Betrieb vorstellen? Welches sind eure hauptsächlichen landwirtschaftlichen Aktivitäten? Wie viel Land bewirtschaftet ihr?
Ich bewirtschafte zusammen mit meinem Mann Lídio und unserer Tochter Ynná rund 1.5 Hektaren. Davon sind 90% mit annuellen Kulturen bebaut, hauptsächlich Maniok aber auch Mais und Erdnüsse. Aus dem Maniok stellen wir Mehl her. Der Gemüseanbau macht rund 10% der Fläche aus. Für den Verkauf pflanzen wir Karotten, das restliche Gemüse ist zum Eigenbedarf. Natürlich haben wir auch einige Fruchtbäume: Mango, Orangen, Bananen, Stachelannone und Rote Mombinpflaume. Unser Grundstück umfasst ca. 6 Hektaren. Der nicht bewirtschaftete Teil ist Wald. Sein Schutz ist für uns sehr wichtig, da darin die Quelle liegt, von der wir unser Wasser beziehen.
Wie arbeitet ihr? Was für Geräte und Maschinen benutzt ihr?
Bei uns ist fast alles Handarbeit. Unser wichtigstes Arbeitsgerät ist die Hacke, aber auch die Sichel benutzen wir oft. Einzig bei der Herstellung des Maniokmehls benutzen wir zum Raspeln eine Maschine. Das Schälen, Pressen und das Rösten über dem Feuer geschieht von Hand.
Ist dies die Realität der meisten Bauernfamilien in deiner Region?
Ja, in unserer Region dominiert die Familienlandwirtschaft und diese ist weitgehend unmechanisiert. Unsere weitläufigen Hochebenen, die wir früher als Weideland benutzten, sind aber grossflächig von Eukalyptus Plantagen besetzt. Die dort tätigen Unternehmen arbeiten mit modernen Maschinen.
Wie funktioniert die Vermarktung der Produkte in eurer Region, welche Verkaufskanäle werden genutzt?
Der wichtigste Verkaufskanal sind die traditionellen Bauernmärkte, die jeweils am Samstag im Hauptort einer Gemeinde stattfinden. Dort verkaufen die Bauernfamilien ihre Produkte direkt an die Konsumenten. Wer bereits eine etwas besser strukturierte und geplante Produktion hat, liefert an lokale Supermärkte. Auch die direkte Belieferung an Bekannte in der Stadt ist eine häufige Verkaufsstrategie. Der Verkauf geschieht aber fast immer innerhalb der eigenen Gemeinde. Nur ganz wenige Familien haben eine genügend grosse Produktion, so dass sie auch in anderen Gemeinden oder sogar überregional ihre Produkte vermarkten können.
Welchen Schwierigkeiten stehen die Kleinbäuerinnen und -bauern der Region gegenüber, sowohl bei der Produktion als auch bei der Vermarkung?
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unsere Region sehr verändert. Das hat beim Klima angefangen Es regnet weniger, die Trockenheit dehnt sich aus, der Wassermangel wird immer schlimmer. Unsere Böden sind ausgelaugt. Mit den traditionellen Produktionsformen, welche wir von unseren Eltern gelernt haben, können wir heute nicht mehr produzieren. Wir müssen uns anpassen und unsere Landwirtschaft weiterentwickeln. Dazu fehlte uns aber langezeit das Wissen. So wurden wir abhängig von gekauftem Saatgut, Kunstdünger und Pestiziden, welche uns als Alternative angeboten wurden.
Viele von uns haben kaum die Schule besucht. Deshalb benötigen wir am dringendsten technische Orientierung und Beratung. Die dafür zuständige staatliche Einrichtung erreicht uns Kleinbauernfamilien nicht. Die Kreditlinien, welche in den letzten Jahren für die Familienlandwirtschaft eingerichtet wurden ermöglichen zwar Investitionen, ohne eine zielgerichtete Begleitung der Produktion kann aber die Kreditabzahlung für viele Familien sehr schwer sein.
Der geringe Mechanisierungsgrad ist natürlich auch eine Herausforderung. Zum Beispiel merken wir das bei der Bodenbearbeitung. Unser Dorf kann bei der Gemeindeverwaltung zwischen Juli und August einen Traktor zum Eggen mieten. Für unsere Produktion ist aber diese Jahreszeit ungünstig. So bereiten wir den Boden mit der Hacke zum Pflanzen vor. Viele Bauernfamilien, auch wir, würden gerne mehr in den Gemüseanbau investieren, dieser ist aber sehr arbeitsintensiv. Wer nicht mehr nur auf dem traditionellen Bauernmarkt seine Produkte verkaufen und zum Beispiel Supermärkte beliefern will, braucht eine regelmässige Produktion. Das ist für die meisten Bauernfamilien sehr schwierig. Die Produktionsplanung muss sich auch deshalb verbessern, weil einige Produkte im Übermass produziert werden und dann keinen Absatz finden in unserer Gemeinde.
Was sich auch enorm verändert hat ist der Handel. Früher haben wir untereinander Produkte getauscht. Heute kann man in der Stadt landwirtschaftliche Produkte aus ganz Brasilien kaufen. Um Zugang zum Markt zu erhalten, fehlte uns Kenntnis und Organisation. Heute denke ich, dass für diejenigen Familien, welche Wasser haben, das Hauptproblem nicht bei der Produktion liegt, sondern beim Verkauf. Das fängt beim Transport der Produkte von unseren Betrieben in die Stadt an. Jeden Samstag schickt die Gemeinde Busse in die Dörfer, mit denen wir unsere Ware zum Markt transportieren. Wir zum Beispiel beliefern aber auch Supermärkte und müssen die Produkte dienstags oder mittwochs bringen. Wir haben aber kein Auto. So muss mein Mann alles auf dem Motorrad transportieren. Das ist eine grosse Einschränkung. Wir könnten viel mehr liefern, denn unsere Produktion ist gut, aber wir können keine grösseren Mengen transportieren. Erschwerend kommt der schlechte Strassenzustand hinzu. In unserer Region lässt aber auch der Wassermangel viele Familien aufgeben. Sie ziehen in die Stadt oder arbeiten als Saisonniers im Süden des Landes.
Wie begegnet ihr diesen Schwierigkeiten? Von wo gibt es allenfalls Unterstützung?
Unsere wichtigste Strategie ist uns zusammen zu schliessen. Vor 20 Jahren hat die Bauerngewerkschaft in unserer Region das Zentrum für alternative Landwirtschaft (CAV) entwickelt. Was mit der Unterstützung einzelner Dörfer und Kleinbauernfamilien begann, ist bis heute zu einer grossen Organisation gewachsen, die in fünf Gemeinden tätig ist. In unserer Region ist das CAV die einzige Institution, welche uns Kleinbauern wirklich unterstützt. Für Familien, welche nicht genügend Wasser haben zum Produzieren, baut das CAV Wasserrückhaltebecken, Quellen werden umzäunt und die Familien bei der Produktion beraten. Dabei verfolgt das CAV die Grundsätze der Agrarökologie. Kunstdünger ersetzen wir nun zum Beispiel durch Hühnermist. Die Produktion in unserer Region ist vielfältiger geworden, es fand eine Diversifizierung statt. Im Moment werden Anstrengungen zum Erhalt unseres traditionellen Saatguts und der zertifizierten Bioproduktion unternommen.
Das CAV hat angeregt, dass wir in den jeweiligen Gemeinden Vereine gründen. Wir haben uns zusammen geschlossen und unsere Probleme diskutiert. Das gab uns Struktur und Organisation. Als Verein ist der Dialog mit der Verwaltung einfacher, heute können wir dort unsere Anliegen und Forderungen einbringen. Besonders bei der Vermarktung unserer Produkte hat uns der Verein voran gebracht. Das CAV führt in jeder Gemeinde jährlich Marktstudien durch. Damit sehen wir welche Produkte, die wir hier produzieren können, hauptsächlich von ausserhalb eingekauft werden. Im Verein haben wir uns minimal organisiert, wer auf welche Produkte setzt und so beliefern mehrere Familien nun seit wenigen Jahren Supermärkte. Meine Familie fokusiert auf Maniokmehl und Karrotten, die wir hauptsächlich in den lokalen Supermärkten verkaufen. Auch wenn der Preis geringer ist, als auf dem traditionellen Markt, haben wir so eine gesicherte Abnahme.
Seit Anfang Jahr hat unser Verein zudem dank der Unterstützung des CAV ein Projekt erhalten, bei dem in unserem Dorf der biologische Gartenbau gefördert wird. Wir haben Material erhalten für den Bau eines kleinen Gewächshauses, so können wir auch in der Regenzeit Gemüse produzieren. Weiter wurden über das Projekt zwei Gartenfräsen gekauft. Dies gibt uns die Möglichkeit den Gemüseanbau zu intensivieren, da mit der Fräse die Gartenbeete mit einem viel geringeren Aufwand bearbeitet werden können. Meine Familie gedenkt nebst Karotten nun auch Zwiebeln anzubauen.
Wie beurteilst Du die Stellung der Bäuerin in Landwirtschaft und Gesellschaft?
Es hat sich sehr viel verbessert. Natürlich sind wir immer noch weit weg vom Ideal, aber heute fühle ich mich als Frau und Bäuerin respektiert. Das war früher nicht so. Vergleiche ich mein Leben mit dem meiner Mutter, liegen Welten dazwischen. Meine Mutter hatte kein Anrecht auf dem Markt tätig zu sein. Weder zum Verkaufen noch zum Kaufen. Der Markt war Männersache. Heute sind wir in dem Bereich gleichgestellt. Auf dem Markt verkaufen mindestens ebenso viele Bäuerinnen wie Bauern ihre Ware. Bei der Produktion sind wir Frauen physisch natürlich etwas limitierter und es fehlen Möglichkeiten, welche diese Hürde herabzusetzen helfen. Zum Beispiel beim Belanden oder Entladen eines Lieferwagens. Dadurch stehen wir in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Männern.
Was braucht es aus Deiner Sicht um der Familienlandwirtschaft längerfristig eine Perspektive zu bieten? Siehst Du erste notwendige Ansätze?
Die Arbeiten des CAV haben einen grossen Entwicklungsschub in unserer Familienlandwirtschaft bewirkt. Das schafft eine sehr positive Perspektive für unsere Region. Aber natürlich kann die Organisation nie alle Bauernfamilien erreichen. Es braucht zusätzliche Institutionen und Initiativen. Wichtig ist aber sicher auch, dass wir Bauernfamilien selber die notwendigen Organe besetzen. Dank der Vereinsarbeit geschieht das, wenn auch noch etwas zögerlich. Wenn ich zudem die Situation der Jugendlichen vergleiche mit vor zehn Jahren, so sind die Chancen und Anreize für eine Zukunft in der Landwirtschaft heute viel grösser. Da wir heute Strassen haben, können die Kinder in deren Dörfern es keine Schulen gibt, täglich mit dem Schulbus in die Stadt fahren und wieder zurück. Früher mussten wir mit acht Jahren zu Verwandten in die Stadt ziehen, um zur Schule gehen zu können und die Verbindung zum Land ist somit sehr früh abgebrochen. In unserer Gemeinde gibt es heute eine Landwirtschaftsschule, wo ein technischer Berufsabschluss erreicht werden kann. Dafür musste man vor noch 5 Jahren in eine mindestens 300 km entfernte Stadt. Der Lebensstandard von uns Bauernfamilien ist zudem so gestiegen, dass heute zwischen Stadt und Land keine wesentlichen Unterschiede mehr bestehen. Wir beginnen die Landwirtschaft als interessanten Beruf anzusehen und nicht mehr als unglückliches Lebensschicksal.
Das CAV ist eine 1994 durch die lokale Bauerngewerkschaft gegründete Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Turmalina im Jequitinhonha-Tal. Das Tal gehört zur Savannenregion Brasiliens, welche durch eine jährliche Trockenperiode von 5 bis 9 Monaten geprägt ist. Ziel des CAV ist es, alternative und nachhaltige Praktiken im Umgang mit Boden und Wasser zu entwickeln, sowie die Zusammenarbeit und Autonomie der Kleinbauern und -bäuerinnen zu fördern. Das CAV ist seit über 10 Jahren ein lokaler Partner der in der personellen Entwicklungszusammenarbeit tätigen Schweizer-Organisation E-Changer/Comundo. Seit zwei Jahren arbeitet die Berinerin Judith Reusser vor Ort und unterstützt das CAV beim Aufbau eines Monitoringprogrammes.
Kontakt: judith-cav(at)outlook.com