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Als es Sommer wurde, verlegte Karl das Feld seiner beruflichen Tätigkeit in die Außenbezirke der Stadt. Dort draußen, fern von Trümmerbergen und Ruinen, gab es zwar keine Sensationen zu entdecken, aber doch vieles, was des Aufschreibens wert war. Es war keine Gegend mit besonderen landschaftlichen
Reizen, die Karl bis in den Winter hinein durchstreifte, sondern das äußerlich etwas eintönige Gebiet der großen Siedlungen, die aus der Industriestadt in der Zeit zwischen den beiden Kriegen ins flache Land hinausgewachsen waren. Hier blühte das genormte Glück im Winkel - Fliegerschäden gab es kaum und das Ausmessen der Wohnungen
rasch erledigt, da ja viele Häuschen nach dem gleichen Plan erbaut waren. Interessanter war, was zwischen den großen Siedlungen lag; dieses Kunterbunt zwischen Stadt und Land hat Karl sich im nächsten Winter ins Gedächtnis zurückgerufen und aufgeschrieben, als dieser Job wieder zu Ende war und er ohne Arbeit zu Hause saß.
Was es da alles gab! Vereinzelte Bauernhöfe, große behäbige und kleine ärmliche Häuschen, in Waldwinkel geduckte; saubere große Gärtnereien; eine mächtige alte Mühle mit einem noch nicht ganz fertigen neuen Wohnhaus, das seine Laufbahn als Luftschutzraum begonnen und als Getreidelager fortgesetzt hatte; halb zertrümmerte kleine Fabriken, in denen unverwüstliche Self-made-men sich um den Neuaufbau einer Industrie mühten; Miethäuser mit 4 oder 6 Wohnungen, verschossene und verschlossene Zufluchtstätten muffiger Bürgerlichkeit; eine Hühnerzüchterei, ganz neu erbaut; der Lagerplatz einer Baufirma mit Behelfswohnungen und einer in einem Holzschuppen heimlich aufgebauten Villa; ein städtisches Forstamt mitten im Wald, woanders in einer Lichtung eine große Fuchsfarm.
Dazwischen überall das namenlose Gewimmel der kleinen Primitiv-Siedler, die da und dort auf einem Fleckchen Wiese oder Acker, auf Moorboden oder in Kiesgruben ihre Hüttchen erbaut hatten oder eben damit begannen – die sich abmühten, ohne auf die Hilfe der Behörden zu warten, aber auch ohne sich um Bebauungspläne oder irgendwelche andere Vorschriften zu kümmern, die jedes gefundene Brett und jeden alten Ziegelstein herbeischleppten, die hier einen halben Sack Zement und dort ein Stück Rohr zu ergattern wußten. Den Betonkies buddelten sie aus ihrem eigenen künftigen Keller heraus, ihre Frauen und Kinder schickten sie in verlassene Ruinen zum "schutteln", damit sie vielleicht einiges alte Eisen oder Blech oder gar einen halbverkohlten Balken zum Neubau beitragen konnten.
Das war die zweite Welle der Pioniere, die Hinausgeschleuderten des zweiten Krieges, die sich in der heimischen Scholle festkrallten und es mit Schweiß und schier
endloser Plackerei nach Jahren meist zu einem recht kümmerlichen, manchmal aber auch ganz schmucken Dach über dem Kopf brachten.
Vor ihren Augen lag sozusagen als Vorbild das, was die ersten Pioniere geschaffen hatten, einerseits standen da als ihr Werk die sauberen grossen Gemeinschafts-
Siedlungen, anderseits kleine bescheidene Häuschen in großen Obstgärten und kümmerliche Hüttchen aus Holz, Dachpappe und Blech in verwahrlosten Winkeln, mit Hühnergegacker und Entengeschnatter, manchmal recht idyllisch an kleinen Bächen – überall aber lebten Menschen, alte und junge, einsame und vom Schicksal zusammengekoppelte.
Ein Ausschnitt aus Karls Notizen gibt ein Bild aus diesem Kaleidoskop der Schicksale wieder:
"... dann komme ich zum Eisenhammer selber, der diesem ganzen neuen Stadtteil den Namen gegeben hat. Alles völlig abgebrannt, nur leere Mauern stehen zwischen Gärten am ausgetrockneten Gerinne des Baches, der einst dem Eisenhammer die Betriebskraft geliefert hat. In den Trümmern liegen ganze Stapel von Eisenteilen, Schrauben, Bolzen, schwere Wellen und allerhand Halbfabrikate; wie ich höre, hat eine Maschinenfabrik in der stillgelegten Schmiede ein Lager unterhalten.
Nebenan wohnt in einem halbverfallenen Haus ein silberhaariger alter Mann mit lockerem Kinnbart; in der Küche wirtschaftet eine alte Frau, in dem Zimmer daneben fällt mir Staub und Unordnung auf. Als mir der Herr die Baugenehmigung hervorsucht, die er schon vor zwei Jahren erhalten und noch nicht ausgenutzt hat, da erfahre ich allmählich, daß er der Ingenieur Steiger ist, dessen Urgroßvater vor hundert Jahren den Eisenhammer erbaut hat. Wir plaudern eine ganze Weile; er ist ein weitgereister Mann und weiß viel aus der Welt der Technik um die Jahrhundertwende zu berichten; er hat als erster in Bayern
Elektrostahl hergestellt, kennt viele berühmte Leute und war oft im Ausland. Nun sitzt er auf seine alten Tage auf seinem
kleinen Gütchen, pflegt seine Obstbäume, füttert seine Ziegen und fühlt sich wohl in dieser Rückkehr zu den Grundlagen des menschlichen Daseins.
Das Haus ist elend und am verfallen, die Fachwerkwände sind von außen mit schrägen Balken gestützt; aber es eilt dem Mann nicht, die erteilte Baugenehmigung auszunutzen, er hat wohl kein Geld und hat deshalb das Haus, mit Wohnrecht für sich, an einen Alteisenhändler verkauft – und ich glaube, es liegt ihm wohl auch nicht viel daran, sich seine alten Tage durch Bauarbeiten und Mieter stören zu lassen.
Auch auf die Ereignisse des Tages kamen wir zu sprechen; das Urteil im Nürnberger Prozeß, das gerade in diesen Tagen gefällt worden war, bewegte ihn sehr, als ein Zeichen der Wandelbarkeit des menschlichen Schicksals; hat er doch den
Hauptangeklagten seinerzeit irgendwo an einem Stammtisch in München
kennen gelernt, hat seinen Aufstieg mit angesehen, die hemmungslose Begeisterung der Massen und das ebenso hemmungslose "an den Galgen mit ihm !"
Übrigens sei Göring damals in München immer sehr freundlich und verbindlich gewesen, anders als Hitler, der auch in jenem Lokal verkehrte.
Der habe sich durch seine Starrköpfigkeit und fanatische Rechthaberei dort bei jedermann unbeliebt gemacht.
Zuletzt kam der alte Herr ins allgemein Politische und stellte aus seiner Lebenserfahrung die These auf, für das deutsche Volk sei eben doch die konstitutionelle Monarchie die richtige und angemessene Regierungsform – auch mit dieser Ansicht ein liebenswerter Überlebender des neunzehnten Jahrhunderts, übrig geblieben aus der Blütezeit des kaiserlichen und königlichen Industrie- Bürgertums.
Am nächsten Morgen, als ich zur Arbeit in die Siedlung fahre, sehe ich den schmächtigen Alten eifrig die Sense schwingen; er mäht das letzte Grummet an der Landstraße, und als ich zwei oder drei Stunden später wieder vorbeikomme, ist er gerade fertig damit.
Auf meinen Gruß erkennt er mich zuerst nicht, aber als ich ihn daran erinnere, daß wir uns doch gestern lange unterhalten hatten, da entschuldigt er sich:
"Das hatte ich schon wieder vergessen – man wird eben doch alt. Haben sie eigentlich Kinder?" Als ich bejahe, führt er mich eilig ins Haus:
"Ich habs gestern ganz vergessen, ich wollte ihnen doch ein paar Äpfel mitgeben" und holt aus seiner staubigen Stube vier herrliche große gelbe Äpfel "für sie und ihre Frau"; und nahm ein Körbchen und stieg aus einer anderen Kammer in den Keller und brachte eine Menge kleiner rotbackiger Früchte "Weihnachtsäpfel für die Kinder!" und wollte durchaus keine Bezahlung für diese so seltenen Kostbarkeiten annehmen:
"Es ist mir ja nicht erlaubt, Obst zu verkaufen!" Die letzten dieser Äpfelchen haben sich wirklich bis über Weihnachten hinaus gehalten, und ein halbes Dutzend davon lächeln mir jetzt am zehnten Januar noch zu, während ich dies niederschreibe.