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US-First-Lady Michelle Obama hat eine Kontroverse über die Sklaverei in den USA losgetreten. Dabei sollte man eher über «moderne Sklaverei» sprechen, findet der frühere Ronald-Reagan-Berater Steve Hanke.
Dieser Beitrag erscheint in der Rubrik finews.first. Darin nehmen renommierte Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen. Dabei äussern sie ihre eigene Meinung. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch. finews.first läuft in Zusammenarbeit mit der Genfer Bank Pictet & Cie. Die Auswahl und Verantwortung der Beiträge liegt jedoch bei finews.ch.
Mit ihrer kürzlichen Rede am Parteikongress der Demokratischen Partei sorgte US-First-Lady Michelle Obama für einige Aufregung, als sie erklärte, dass Amerikas Geschichte, die Geschichte von Generationen sei, die den Peitschenschlag der Knechtschaft, die Schande der Sklaverei und den Stachel der Ausgrenzung erlebt hätten.
Trotzdem hätten sich diese Menschen angestrengt, so Obama weiter, hoffend auf eine bessere Welt und ihren täglichen Pflichten nachgehend, so dass sie, Michelle Obama, heute jeden Morgen in einem Haus aufwache, das von Sklaven erbaut worden sei.
Vor allem die letzte Passage, wonach die First Lady jeden Tag in einem Haus aufwache, das von Sklaven erbaut worden sei, sorgte für Schlagzeilen und führte dazu, dass einige konservative Kritiker sogleich erklärten, diese Feststellung sei falsch.
«Ja, Sklaven halfen tatsächlich mit, das Weisse Hause zu bauen»
Es brauchte die «New York Times», die Ende Juli in ihren Spalten die Behauptung dann ins richtige Licht rückte. Sie kam zum eindeutigen Schluss: «Ja, Sklaven halfen mit, das Weisse Hause zu bauen.»
Es ist zweifelsohne wichtig, Sünden der Vergangenheit zu adressieren, aber genauso wichtig wäre es, sich den heutigen Unzulänglichkeiten nicht zu verschliessen. Ja, ich würde sogar behaupten, eine umsichtige Perspektive drängt sich auf. Gerade das erwähnte Problem der Sklaverei ist keineswegs ein historisches, sondern ein aktuelles, mit dem wir heutzutage in Form der «modernen Sklaverei» konfrontiert sind – es ist ein schockierend grosses Problem.
«Nach wie vor sind mehr als 45,8 Millionen Menschen der Sklaverei ausgeliefert»
Im Jahr 2013 lancierte die Walk Free Foundation, gegründet vom australischen Unternehmer Andrew Forrest den «Global Slavery Index» (GSI). Er zielt darauf ab, die Fälle von moderner Sklaverei aufspüren und zu dokumentieren. Nach Definition des GSI ist moderne Sklaverei mit «Situationen von Ausbeutung» gleichzusetzen, «denen sich ein Mensch nicht verweigern kann, ohne dass er dafür nicht bedroht, gequält, genötigt oder missbraucht und wie ein Nutztier gehalten wird».
(Quelle: Global Slavery Index, The Johns Hopkins University)
Mit Daten aus insgesamt 167 Ländern gehen die Herausgeber des GSI davon aus, dass es heute immer noch mehr als 45,8 Millionen Menschen auf der Welt gibt, die in irgendeiner Form der moderner Sklavenschaft ausgeliefert sind.
Gemäss GSI leben knapp 60 Prozent der heutigen Sklaven in gerade einmal fünf Ländern: Indien führt diese Rangliste mit mehr als 18 Millionen Menschen als Sklaven an, was zweifelsohne bestürzend ist – das sind übrigens viereinhalb Mal mehr Sklaven als Amerika in den 1860-er Jahren auf dem Höhepunkt hatte.
«Es ist an der Zeit, den modernen Sklavenhandel in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken»
China, Pakistan, Bangladesch und Usbekistan sind die vier anderen Länder in dieser Top 5. In insgesamt 17 Ländern auf dieser Erde lebt mindestens ein Prozent der Bevölkerung in «moderner Sklavenschaft»; dabei liegt Nordkorea (mit 4,37 Prozent) an der Spitze.
Es mag politisch korrekt sein, in den historischen Rückspiegel zu blicken und über die Sklaverei in den USA zu reflektieren. Doch es wäre genauso angezeigt, über die 45,8 Millionen Sklaven von heute zu sprechen. Es ist an der Zeit, den modernen Sklavenhandel in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken, und jene Länder an den Pranger zu stellen, die solches überhaupt zulassen.
Der Amerikaner Steve Hanke gehört zu den führenden Ökonomen auf dem Gebiet der Geldpolitik und der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Neben seiner akademischen Tätigkeit als Professor an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore betätigt er sich als Währungsberater zahlreicher Regierungen (Argentinien, Bulgarien, Uruguay oder Ecuador) und leitet das «Troubled Currencies Project» am Cato Institute in Washington D.C. In den frühen 1980er-Jahren stand er als Senior Economist im Council of Economic Advisors in Diensten von US-Präsident Ronald Reagan.
Bisherige Texte von: Rudi Bogni, Adriano B. Lucatelli, Peter Kurer, Oliver Berger, Rolf Banz, Samuel Gerber, Werner Vogt, Walter Wittmann, Alfred Mettler, Robert Holzach, Thorsten Polleit, Craig Murray, David Zollinger, Arthur Bolliger, Beat Kappeler, Chris Rowe, Stefan Gerlach, Marc Lussy, Samuel Gerber, Nuno Fernandes, Thomas Fedier, Claude Baumann, Beat Wittmann, Richard Egger, Maurice Pedergnana, Didier Saint-Georges, Dieter Ruloff, Marco Bargel und Peter Hody.