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Jean Gebser (1905-1973) kommt im preussischen Posen zur Welt. Abgebrochene Gymnasialausbildung, Bankenlehre, Werkstudent an der Humboldt-Universität in Berlin ohne Abschluss. 1931 geht er nach Spanien, pflegt Umgang mit den Künstlern der Republik (z. B. mit dem Lyriker Federico Garcia Lorca), entkommt 1936 dem Bürgerkrieg, geht nach Paris und im August 1939 auf der Flucht vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz. Seither lebt er hier, unter anderem zuerst sieben Jahre im Tessin.
Zwischen 1948 und 1954 schreibt er in Burgdorf sein zweibändiges philosophisches Hauptwerk «Ursprung und Gegenwart». Ab 1955 lebt er an der Kramgasse 52 in Bern, gehört spätestens seither zur legendären KünstlerInnen-Szene im «Café du Commerce». Als Privatgelehrter gestaltet er für Radio Beromünster immer wieder Vorträge, teils über seine häufigen Reisen bis nach Ostasien und Südamerika, teils zu philosophischen Themen (zum Beispiel «Über die Erfahrung»). 1965 erhält er den Literaturpreis der Stadt Bern, 1967 wird er zum Honorarprofessor für vergleichende Kulturlehre an die Universität Salzburg berufen (kann das Amt aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten). 1969 zieht er an die Sandrainstrasse 109, wo er am 14. Mai 1973 stirbt. Begraben wurde er auf dem Friedhof Wabern, seit 2007 erinnert dort eine Gedenkstele an ihn.
Vom archaischen zum integralen Bewusstsein
Jean Gebser war Autodidakt, hochgebildet und unglaublich belesen. Seine Erkenntnisse hat er in grossen Abhandlungen formuliert und in Vorlesungen und Reden verbreitet. Zeitlebens hat er daneben Gedankenlyrik geschrieben. Noch theoretisch komplizierte Zusammenhänge wusste er in klares und eloquentes Deutsch zu setzen. Gebser war ein herausragender Schriftsteller.
Sein hauptsächliches Interesse galt der Bewussteinsphilosophie. Den ersten Band seines Hauptwerks «Ursprung und Gegenwart» versah er mit dem Untertitel: «Beitrag zu einer Geschichte der Bewusstwerdung». Nach Gebser entfaltet sich Bewusstsein sowohl menschheitsgeschichtlich als auch entwicklungspsychologisch immer weiter und ist fähig, von einem Aggregatszustand in einen nächsten zu mutieren: vom archaischen über den mythischen und den magischen zum heutigen mental-rationalen. Viel Arbeit verwendete Gebser darauf, diese Bewusstseinsentfaltung zu systematisieren und mit empirischen Belegen aus Kunst, Literatur, Philosophie etc. zu plausibilisieren.
Die heutigen Menschen leben – so Gebsers These um 1950 – am Ende der «mental-rationalen Epoche». Bereits deutlich sieht er Zeichen eines neuen, des «integralen» Bewusstseins». Dabei ist er nicht der Meinung, dass sich die vorige Bewusstseinsepoche jeweils restlos in der nächsten auflöse. Die teleologische Denkweise in Entwicklungen und Fortschritten ist nicht seine Sache. Deshalb wird auch das sich abzeichnende integrale Bewusstsein archaische, magische, mythische und mental-rationale Einschlüsse aufweisen. Allerdings wird dieses integrale Bewusstsein von diesen Einschlüssen nicht beherrscht sein, sondern diese beherrschen.
Wie sich in der bisherigen Menschheitsgeschichte das archaische Bewusstsein von der «Nulldimensionalität» und «Perspektivlosigkeit» zum mental-rationalen und damit zur Dreidimensionalität und Perspektivität entfaltet hat, so steht nun nach Gebser mit dem integralen Bewusstsein die Mutation in die Aperspektivität und in die vierte Dimension an (in der sich – wie seinerzeit der Raum zur dritten – nun die Zeit zur vierten Dimension öffne). Frühe Hinweise auf dieses neue Bewusstsein hat Gebser an Picassos kubistisch «aperspektivischem» Blick auf den Menschen oder im Bereich der Naturwissenschaften an der Quantenphysik festgemacht.
Im Gegensatz zur bisherigen Bewusstseinsentwicklung, die den Heutigen ohne Zutun zufällt, gehe es nun darum, sich um das neue Bewusstsein zu bemühen. Der späte Gebser hat sich deshalb – auf der Suche nach einem «integralen» Weltethos – zunehmend auch mit religiös-mystischen Fragen beschäftigt, insbesondere mit der Reinkarnation (und ihrer seit 300 n. Chr. verdrängten christlichen Tradition).
Die Werke wirken weiter
Gebsers Werk lebt: Eben erscheint im Chronos Verlag sein Hauptwerk neu (vgl. Kasten rechts). Seine Wirkungsgeschichte ist davon geprägt, dass es an keine akademische Disziplin Anschluss gefunden hat. 1954/55 hat sich Theodor W. Adorno zwar erfolglos darum bemüht, Gebser zu einem Doktortitel oder einem Dr. h. c. zu verhelfen und sein Werk so akademisch diskutabel zu machen. Aber erst mit der Berufung nach Salzburg öffnete sich ihm – zu spät – eine Universitätstüre.
In Bern begegnet man bis heute ab zu Leuten, die sagen, dass sie von Gebsers Denken geprägt worden seien. Zu Lebzeiten gehörten C. J. Jung und Jean Rodolphe von Salis zu seinen Gesprächspartnern. Später wurde der grosse Jazzkritiker Joachim-Ernst Berendt bekennender Gebser-Leser. Der deutsche Zen-Meister Willigis Jäger bezieht sich auf die Bewusstseinslehre Gebsers. Und der US-amerikanische Autor Ken Wilber stützt sich bei seinem Versuch, Philosophie, Wissenschaft und Religion zu einer «Integralen Theorie» zusammenzuführen, unter anderen auf seine Schriften.
Obschon Gebser kein Esoteriker gewesen ist, wird sein Werk gern als Esoterik abgetan, weil darin die mental-rationalistische Bewusstseinsstufe nicht als der Weisheit letzter Schluss gefeiert wird. Dabei müsste man ihm dankbar sein, dass er nach der erbärmlichen geistigen Schwundform des heutigen Homo oeconomicus noch etwas Weiteres zumindest denkbar gemacht hat.
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Eva Johner und Christian Bärtschi, die sich für diesen Beitrag Zeit genommen haben, über Gebser zu berichten, haben als Unterrichtende übrigens die Erfahrung gemacht, dass Gebsers Gedanken junge Menschen immer wieder anzusprechen vermögen bei ihrem Versuch, Antworten zu finden auf die drei Fragen: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wo gehe ich hin?