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Solothurn und Prag
Er wird am 11. Mai 1660 in Solothurn getauft.[1] Die Familie ist ein altes Patriziergeschlecht des eidgenössischen Standes. Sein Vater Johann Jakob führt eine Malerwerkstatt, wo Johann Rudolf nach seinen eigenen Angaben bis um 1680 arbeitet, um dann auf Wanderschaft zu gehen. Über seine Lehrer, vor allem in der damals nur von wenigen deutschen Meistern beherrschten Freskomalerei, ist nichts bekannt.[2] In Solothurn wirkt der Maler Wolfgang Aebi (1638–1694) als guter Freskant.[3] Wahrscheinlicher ist aber ein Gesellenaufenthalt in der Werkstatt des Prager Malers Johann Jakob Stevens von Steinfels (1651–1730), denn ab 1689 ist Byss in Prag als Verwalter der Bildergalerie des Grafen Hermann Jakob Czernin zu Chudenic nachgewiesen.[4] Er heiratet in diesem Jahr Maximiliana Wagner, die Tochter eines kaiserlichen Beamten. 1692 erwirbt er hier das Bürgerrecht und wird 1694 in die Malerzunft aufgenommen. Da er die Freskotechnik beherrscht und sich auch auf die Herstellung von Altarblättern und Kabinettstücken versteht, ist er bald einer der gesuchtesten Künstler in Prag. Füssli (1779) berichtet zudem von einem Romaufenthalt 1700 und der 1704 erfolgten Freskierung der kaiserlichen Bibliothek in Wien. Gesichert sind aber nur Arbeiten in Prag. Wichtigster Auftrag sind Deckenfresken in zwei Räumen eines Stadtpalais des Reichsgrafen Maximilian von Thun, den dieser 1694–1701 auf der Kleinseite errichtet.[5] Die hohe Entschädigung von 2000 Gulden für die 1701 ausgeführten Fresken zeigt die Wertschätzung der Arbeit. Im gleichen Haus malt Johann Michael Rottmayr die Decke des Hauptsaales.[6] Ob sich Byss in Prag mit dem schon arrivierten, in der Technik des Malens «al fresco» aber noch wenig geübten Maler aus Salzburg getroffen hat, wissen wir nicht. 1704 arbeitet Byss in Wien und geht anschliessend auf en Italienreise. 1707 ist er in Rom nachgewiesen.
Pommersfelden und Lothar Franz von Schönborn
Lothar Franz von Schönborn, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, auch Fürstbischof von Bamberg, kann 1713 Johann Rudolf Byss als zweiten Hofmaler und Betreuer seiner grossen privaten Gemäldesammlung verpflichten. Schon 1712 bittet der Kurfürst seinen Neffen in Wien, den Reichsvizekanzler Friedrich Carl von Schönborn, beim Kaiser vorstellig zu werden, damit Byss zwei Gemälde der kaiserlichen Sammlung kopieren dürfe. Das Schreiben belegt, dass Byss am Kaiserhof bekannt ist und lässt vermuten, dass Friedrich Carl bei der Einstellung von Byss positiv mitgewirkt hat.[7] Beide Schönborns beweisen Byss jedenfalls sofort ein ausgesprochenes Vertrauen. Ein Teil der Gemäldesammlung, ergänzt durch Kopien und eigene Arbeiten des neuen Hofmalers, kann schon 1715 im neuen Schloss Weissenstein in Pommersfelden aufgehängt werden. Über diese Gemäldesammlung legt Byss einen Katalog an, der 1719 im Druck erscheint. Hauptwerk und vorläufiger Höhepunkt der profanen Freskenmalerei in Süddeutschland bildet aber das schon über den Spätbarock hinausweisende Deckenfresko im Treppenhaus des Schlosses von Pommersfelden. Seine Darstellungen der Erdteile werden drei Jahrzehnte später zum Vorbild der für das Deckenfresko Tiepolos in der Residenz Würzburg. Byss malt das Fresko im Sommer 1717, kurz nachdem Johann Michael Rottmayr sein Deckengemälde im benachbarten Grossen Saal fertiggestellt hat.[8]
Lothar Franz von Schönborn lässt seinen Hofmaler auch in den Familienschlössern Gaibach und Wiesentheid freskieren, vermittelt ihn für die Fresken im Schloss Tettnang am Bodensee,[9] 1723 auch für das Treppenhaus des Hatzfeld'schen Palastes in Breslau. Mit Wien brechen die Kontakte nicht ab. 1719 hält sich Byss hier mehrere Monate auf. Der Reichsvizekanzler Friedrich Carl von Schönborn beruft ihn um 1728 für die Arbeiten im Hauptsaal der Wiener Reichshofkanzlei und 1729 für die Ausstattung der Schönborn-Gruftkapelle in Göllersdorf.[10] Der Planer dieses Zentralbaus ist Johann Lucas von Hildebrandt, der Vertrauensarchitekt von Friedrich Carl.
Wenig ist über die Familienverhältnisse des Hofmalers bekannt. Nachdem seine erste Ehefrau 1712 noch vor dem Wechsel ins Bambergische stirbt, heiratet er 1714 Theresia Barbara Crepini. Ein Sohn aus dieser zweiten Ehe wird später wegen liederlichem Lebenswandel zum Sorgenkind des alternden Künstlers.
Göttweig
Kurfürst Lothar Franz und Friedrich Carl von Schönborn sind grosse persönliche Förderer von Gottfried Bessel, der 1714 Abt des Benediktinerstifts Göttweig wird. 1718 brennt das Kloster. Sofort ist Friedrich Carl mit seinem Architekten Hildebrandt am Planen. Die beiden Schönborns betrachten den Entwurf von Göttweig als ihre Aufgabe, obwohl sie sehen, dass die Planung Hildebrandts zugunsten der grossen Form nicht auf die monastischen Bedürfnisse eingeht.[11] Byss malt 1730 im Sommerrefektorium die «Wunderbare Brotvermehrung». Das heutige Fresko mit dem süsslichen Christus ist wahrscheinlich nicht mehr original, es entspricht keineswegs der Meisterschaft des spätbarocken Malers, im Gegensatz zu den gekonnten lebendigen barocken Gestalten der «Hochzeit zu Kana» im benachbarten Altmanni-Saal von 1731. Für die Architekturmalerei zeichnet hier sein Bruder Johann Baptist, der dann noch 1739 die Architekturmalereien in Paul Trogers Treppenhausfresko über der Kaisertreppe Hildebrandts malt.[12]
Würzburg
1729 stirbt Lothar Franz von Schönborn. Sein Neffe, Reichsvizekanzler Friedrich Carl, wird Nachfolger im Fürstbistum Bamberg und im gleichen Jahr auch Fürstbischof von Würzburg. Den seit 1724 unterbrochenen Residenzbau will er mit Johann Lucas von Hildebrand und dem bauleitenden Balthasar Neumann fertigstellen. 1731 beruft er auch Johann Rudolf Byss nach Würzburg zur Ausstattung der Schönbornkapelle und der Residenz. Der inzwischen 71-jährige Maler zeigt in den letzten acht Jahren seines Lebens die produktivste und schöpferisch reifste Schaffensperiode. Er wird zum geistigen Haupt der in der Würzburger Residenz tätigen Künstler der 1730er-Jahre, mit Auswirkungen bis in die frühen 1740er-Jahre. Ihm verdanken wir nicht nur die Fresken der Hofkirche und viele weitere Gemälde, er liefert auch für die Raumausstattungen im Südblock Entwürfe und lässt 1736 eine Zinngiesserei für die Ornamentik der Wandverkleidungen einrichten. Sein zweiter Bruder Johann Leonard hilft ihm bei der Herstellung der mit Blattgold überzogenen Zinnornamentik mit den Rocaillemotiven des beginnenden Rokoko. Nachdem 1807 bis 1814 die von Byss und seinen Schülern gestalteten Repräsentations- und Wohnräume des Südblocks im Stil des Empire umgebaut werden, verbleiben nur noch das Venezianische Zimmer und das Spiegelkabinett als Räume der «Schule von Byss», und selbst sie sind heute Rekonstruktionen. Das wenig verbliebene zeugt aber von grosser Meisterschaft.
Am 11. Dezember 1738 stirbt Johann Rudolf Byss mit 78 Jahren in Würzburg. Noch kurze Zeit vorher arbeitet er an der Ausstattung des Venezianischen Zimmers in der Residenz.
Im Fresko der Hochzeit zu Kana im Stift Göttweig blickt ein weisshaariger Zuschauer mit einem Hut in der Hand von der Galerie auf die Gesellschaft. Es soll ein Selbstporträt des schon 70-jährigen Künstlers sein. Die zeitgenössische Beschreibung eines feurigen Temperamentes und eines munteren Geistes, den er sich trotz seines Alters bewahrt habe, trifft auf den jünger wirkenden «Alten» im Fresko von Göttweig zu.
Pius Bieri 2011
Literatur:
Sedlmaier, Richard und Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg, München 1923.
Broder, Leo: Der Solothurner Maler Johann Rudolf Byss, in: ZAK 1/1939.
Bhattacharya, Tapan: Byss, Johann Rudolf, in: Historisches Lexikon der Schweiz HLS, Bern 2003.
Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Rudolf_Byss
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22837.php
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D19090.php
http://dx.doi.org/10.5169/seals-162399
http://www.sikart.ch/
Anmerkungen:
[1] Nach HLS und dem Eintrag im Taufregister der Stadtkirche St. Urs und Viktor (St. Ursen) in Solothurn. Der Geburtsort Chur, der in vielen neueren Publikationen genannt wird, ist unrichtig. Ebenso ist das Geburtsjahr 1662 bei B. M. Mayer: «Johann Rudolf Bys (1662–1738), Studien zu Leben und Werk, München 1994» ein Irrtum. Hartnäckig hält sich auch die Falschinformation von Johann Caspar Füssli in «Geschichte der besten Künstler der Schweiz, Zürich 1779», dass Byss ein Abkömmling des «römischen» Geschlechts der «de Bysonibus» sei. Die Byss sind in Solothurn seit dem 14. Jahrhundert Bürger und sterben 1836 aus. Der Name wird dabei immer mit scharfem oder doppeltem S geschrieben, obwohl Byss seine Gemälde mit «I. R. Bys.» unterzeichnet.
[2] Wenige deutsche Maler beherrschen um 1680 die Freskotechnik. Führend sind in Italien ausgebildeten Maler: Egid Schor (1627–1701) aus Innsbruck und der Prager Johann Jakob Stevens von Steinfeld (1651–1730). Von Schor lernt der Münchner Hofmaler Johann Anton Gumpp (1654–1719) die Kunst des Freskos. Sein Schüler Georg Asam (1649–1711) freskiert ab 1683 in Benediktbeuern. Vorherrschend sind in den 1680er-Jahren aber noch immer die «Welschen» wie zum Beispiel Carpoforo Tencalla aus Bissone, der 1682–1684 alle Kuppeln im Dom von Passau freskiert. Der Salzburger «Freskomaler» Johann Michael Rottmayr (1654–1730) zeigt sich nach seiner Rückkehr aus Italien noch ungeübt und erlernt die Freskomalerei erst nach 1690.
[3] Der Solothurner Maler Wolfgang Aebi (1638–1694) malt in der dortigen Jesuitenkirche bereits 1686 gekonnt illusionistische Scheinarchitekturen, offensichtlich in frühester Kenntnis der Werke des Jesuitenpaters Andrea Pozzo. Byss muss ihn gekannt haben, aber eine Verbindung ist nicht nachgewiesen.
[4] Heřman Jakub Gottlieb Czernin z Chudenic (1659–1710). Die Czerninsche Galerie ist eine der kostbarsten Privatsammlungen der alten Donau-Monarchie. 1723 werden 1100 Gemälde gezählt.
[5] Maximilian von Thun (1638–1701) ist Diplomat und Geheimrat Kaiser Leopolds I. und Hofmarschall seines jüngeren Bruders, des Salzburger Erzbischofs Johann Ernst von Thun. Der Stadtpalast wird nach einem Brand 1794 mit Zerstörung aller Fresken verändert wieder aufgebaut. Zum Bauherren und zur Ausstattung siehe auch die Publikation von Lubomír Slavíček «Der rechte Splendor der Einrichtung» in: Barock in Mitteleuropa, Wien 2007.
[6] Johann Michael Rottmayr (1654–1730) ist seit der 1687 erfolgten Rückkehr aus Italien wieder in Salzburg tätig, auch für den Erzbischof Johann Ernst von Thun. 1698 malt er hier als sein erstes grosses Werk in Freskotechnik in die Kuppel der Dreifaltigkeitskirche. Die Arbeit in Prag soll schon 1696 in Auftrag gegeben worden sein.
[7] Ein Bezug besteht auch zum Hofbaumeister Bambergs und Planer des neuen Schlosses in Pommersfelden, Johann Dientzenhofer. Dieser muss den nur drei Jahre älteren Byss aus ihrer gemeinsamen Prager Periode in den 1680er-Jahren kennen.
[8] Byss begleitet an Weihnachten 1716 Rottmayr und sein grosses Gefolge nach Pommersfelden.
[9] 1721 ist er in Tettnang, geht im gleichen Jahr nach Solothurn, um seinen Bürgereid zu bestätigen.
[10] Die Fresken in Gaibach, Wiesentheid, Tettnang, Breslau und in der ehemaligen Reichshofkanzlei sind heute nicht mehr vorhanden.
[11] Gleichzeitig baut Ottobeuren, voll nach den Erfordernissen des Klosterbetriebes, einen Neubau nach Plänen des Konventualen P. Christoph Vogt. Ottobeuren wird vollendet und bleibt im Gegensatz zur verfehlten Planung von Göttweig kein Torso. Lothar Franz ahnt die Schwierigkeiten, als er seinem Neffen schreibt: «was nuhn der h. praelat zu köttweig under der direction des H.R.V. canzlers mit zuziehung des Jean Luca ausbruhen wirdt, das wirdt vermutlich nicht so gahr sehr nach den munchen schmecken» (Was nun der Herr Prälat zu Göttweig unter der Leitung des Herrn Reichsvizekanzlers mit Beizug des Johann Lucas ausbrüten wird, das wird vermutlich den Mönchen nicht schmecken).
[12] Von zwei symmetrisch im Westen angeordneten Prunktreppen wird nur die nördliche gebaut und zeigt mit ihrer absurd abseitigen Lage noch heute die gigantische Göttweiger-Fehlplanung des im monastischen Bauwesen unerfahrenen Planers Hildebrandt.
|Johann Rudolf Byss (1660–1738)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|11. Mai 1660||Solothurn||Solothurn CH|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Eidgenössischer Stand Solothurn||Würzburg|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|11. Dezember 1738||Würzburg||Bayern D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Hochstift Würzburg||Würzburg|
|Kurzbiografie|
|Während eines halben Jahrhunderts ist Johann Rudolf Byss als Maler, Freskant, Betreuer von Kunstsammlungen und Raumgestalter tätig. Die Hälfte dieser Zeit verbringt er in Prag. 1713 kann ihn Kurfürst Lothar Franz von Schönborn als Hofmaler und Betreuer der Gemäldesammlung in Pommersfelden gewinnen. Byss wird auch künstlerischer Vertrauter des Vizereichskanzlers Friedrich Carl von Schönborn, des Lieblingsneffen von Lothar Franz. Für ihn arbeitet Byss nun auch in Wien und Göttweig, nach dessen Wahl zum Fürstbischof von Bamberg und Würzburg wird der hochgeschätzte Künstler zum eigentlichen Leiter der Innenausstattung der Würzburger Residenz. Viele seine Arbeiten in Würzburg werden schon in klassizistischer Zeit, die meisten aber 1945 zerstört.|