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(Schweizer Monat – Dossier: «Preis der Konkordanz» – Ausgabe 931 – Februar 2004)
Es ist kein Zufall, dass die politische Konkordanz, als «Übereinstimmung der Herzen», zum eigentlichen Staatsmythos der Schweiz geworden ist und über alle Schwierigkeiten der Konsensbildung hinwegtrösten soll. Der sterbende Adlige Attinghausen beschwört in Schillers «Tell» die Einigkeit, jene Ressource, die immer dann am knappsten ist, wenn das Alte gestürzt wird und ein neuer Anfang bevorsteht, aber auch dann, wenn zu viele individuelle und wirtschaftliche Entscheidungen zum Gegenstand der Politik gemacht werden. Es gehört zur Logik der kollektiven Entscheidungsfindung, dass es stets leichter ist herauszufinden, was man gemeinsam ablehnt, als das umzusetzen, was man gemeinsam will. Revolutionen gelingen zunächst in Koalitionen gegen Zwang, Unterdrückung und Erstarrung, und sie scheitern später an der Uneinigkeit über die neue Ordnung. Das war die Lektion, die Schiller als Historiker 15 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille und 5 Jahre nach der Machtübernahme durch Napoleon in sein Schauspiel eingeflochten hat, möglicherweise in Anspielung auf die damalige Situation in Europa und in der Schweiz.
Die Gefahr aktualisierender und popularisierender Fehldeutungen ist bei Schillers «Tell» besonders gross. Der Vorteil, den ein Theaterstück beim Vermitteln von Erfahrungen bietet (und dasselbe gilt auch für gute Romane), sollte nicht dadurch verdorben werden, dass man es als Lehr- und Rezeptbuch umdeutet und als Sammlung von Dogmen, Maximen und Sprüchen missbraucht. Die Botschaft eines kreativen Autors ist meist subtiler als das zeitgebundene Verständnis seiner Rezipienten. Sie ist in allen Figuren enthalten, und die wichtigste «Lehre» guter Belletristik ist wohl, dass kein Mensch dem andern das Denken und das Fühlen abnehmen kann. Natürlich spürt das Publikum die Sympathien und Antipathien des Autors, teilt sie oder hadert mit ihnen. Während Attinghausen seine guten Gründe hatte, die Einigkeit ins Zentrum zu stellen, hatte Tell ebenso gute Gründe, die emotionale Spontaneität zum Gesetz seines Handelns zu machen, nach seinem unternehmerischen Motto «Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.»
Kreativität entsteht im Wettstreit der Ideen, und Einigkeit ist dann gefragt, wenn es darum geht, das, was man gemeinsam für richtig hält, in die Tat umzusetzen. Was heute Not tut, ist mehr Offenheit, Vielfalt und Unternehmertum und der Mut, sich von Altvertrautem, das sich nicht bewährt hat, zu verabschieden. Mehr Tell, weniger Attinghausen. Ich teile die von dem Publizisten Eduard Stäuble andernorts geäusserte Sympathie für die klugen Frauenfiguren im «Tell»; sie stärken im entscheidenden Moment den Mut, dämpfen den Übermut und haben das richtige Augenmass für Veränderung und Bewahrung. Das hat mehr Gewicht und ist aktueller als die dreifache Beschwörung der Konkordanz.
Robert Nef
ist Publizist und Autor, Mitglied der Mont Pèlerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Nef war von 1991 bis 2008 Redaktor und Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte». Er lebt als freier Publizist in St. Gallen.