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Alpine «Prosumers»: Von Menschen, die Generatoren am Laufen halten
Kollektiver Eigenverbrauch und genossenschaftliche Stromproduktion versprechen eine nachhaltigere und gerechtere Energiezukunft. Doch wie können alternative Formen der Stromproduktion funktionieren? Viele Bergbewohner:innen leben dies seit Generationen vor.
Der Föhn hat seit Tagen durchs Tal gefegt. Doch am Abend lässt das Heulen des Windes langsam nach. Die Kinder schlafen bereits und auch Regina zieht sich in ihr Zimmer zurück. Nach dem langen Arbeitstag ist sie müde. Doch kaum hat sie die Augen geschlossen, stutzt sie. Anstelle des vertrauten regelmässigen Surrens, das sie Tag und Nacht begleitet, hört Regina aus dem Keller ein Rumpeln und Poltern. Dann verstummt das Geräusch. Sie steht auf, nimmt eine Taschenlampe und steigt in den Keller. Sie hat es geahnt: Der am hauseigenen Räderwerk angeschlossene Generator ist ausgestiegen. Seufzend zieht Regina Gummistiefel und Mantel an und geht vors Haus zum Dorfbach, der gleich an der Hausmauer vorbeifliesst und das Wasserwerk antreibt. Mit einer Eisenstange öffnet sie den Lattenrost über dem Bach und säubert den Rechen von angesammeltem Schwemmholz und Blättern. Zurück im Keller stellt sie den Generator wieder an.
Ob sich die hier beschriebene Szene wirklich abgespielt hat, weiss ich nicht. Regina jedoch hat es gegeben. Mit ihren Kindern und Grosskindern sprach ich für mein Forschungsprojekt über lokal kontrollierte Stromproduktion in den Schweizer Alpen. Regina lebte im Haus, das ihr Vater für sie und ihre Schwestern gekauft und umgebaut hat. Ihr Vater war es, der das Kleinkraftwerk im Keller installierte und ihr zeigte, wie man den Rechen säubert, den Generator kontrolliert und wenn notwendig ab- und anschaltet. Heute befindet sich das Räderwerk im Besitz von Reginas Kindern. Es produziert nach wie vor Strom für das ganze Haus. Die Wartungsarbeiten hingegen werden heute vom ortsansässigen Elektrizitätswerk ausgeführt
Die Versprechen von Eigenverbrauch und genossenschaftlicher Stromproduktion
Regina und ihre Kinder bilden einen Zusammenschluss von Eigenverbraucher:innen, oder auch «prosumers», um den englischen international verbreiteteren Begriff zu verwenden. Sie produzieren und konsumieren ihren eigenen Strom. Der Begriff «prosumers» stammt aus dem Jahr 1980 und hat in gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen und politischen Debatten rund um die Energiewende Hochkonjunktur. Dies hat verschiedene Gründe. Erstens ermöglichen insbesondere technische Entwicklungen in der Photovoltaik mehr Menschen als je zuvor die Installation hauseigener Kleinstkraftwerke. Zweitens wird erwartet, dass Teilhabe an der Stromproduktion die Akzeptanz der dafür notwendigen Infrastruktur erhöht. Und drittens wird immer deutlicher, dass Energieproduktion allzu oft entlang existierender lokaler und globaler Ungleichheiten verläuft. Minen, Erdölbohrungen, Staudämme und gigantische Windparks zerstören die Lebensgrundlagen bereits marginalisierter Gruppen, während transnationale Konzerne sowie lokale und globale Eliten von hohen Renditen und billigem Strom profitieren. Im Gegenzug versprechen gemeinschaftlich orientierte «Prosumer-Initiativen» und genossenschaftliche Formen der Energieproduktion eine nachhaltigere, demokratischere und gerechtere Energiezukunft. Deshalb gibt es auf europäischer und globaler Ebene verschiedene Institutionen und Organisationen, die den lokalen Besitz und die Kontrolle über Stromproduktion fordern und fördern.
Ein Jahrhundert Erfahrung in den Schweizer Alpen
Auch wenn Stromproduktion kontextabhängig ist, sind die Erfahrungen von Regina und ihren Kindern wichtig für diese Bestrebungen, aber auch allgemein für die Debatten darüber, wie die Stromproduktion der Zukunft gesellschaftlich und politisch organisiert werden soll. Sie machen deutlich, dass «prosumers» im Bereich der Stromproduktion kein neues Phänomen darstellen. Gerade in den Schweizer Alpen fand Elektrifizierung bereits vor über 100 Jahren hauptsächlich dank lokaler Initiativen statt, und Kraftwerke sind noch heute vielfach in lokalem Besitz. Von Menschen wie Regina und ihren Kindern können wir lernen, was es braucht, damit lokal kontrollierte Stromproduktion über mehrere Generationen Bestand hat und – tatsächlich auch nachhaltig ist.
Institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen
So stellt sich die Frage nach den institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen. In Altdorf im Kanton Uri, wo sich die hier geschilderte Geschichte abspielt, hat ein jahrhundertealtes Recht zur unbefristeten und unentgeltlichen Nutzung des Dorfbachs den Betrieb von privaten Kleinstwasserkraftwerken erst möglich gemacht. «Ehenhafte» Rechte waren bis vor einigen Jahren an verschiedene Liegenschaften gebunden und wurden im letzten Jahrhundert immer wieder von gerichtlichen und politischen Instanzen anerkannt. Dies war aber nicht eine starre Ordnung. Im Gegenteil: Die Beziehungen zwischen den Wasserwerkbesitzer:innen und der Gemeinde, die Organisation und Verantwortung für Wartungsarbeiten am Dorfbach sowie die Ausgestaltung von Entscheidungsprozessen sind bis heute immer wieder Gegenstand von Verhandlungen und Konflikten. Die Einrichtung einer Zwangsgenossenschaft für die Inhaber:innen der privilegierten Wassernutzungsrechte im Jahr 1940 war zentral, um der Stromproduktion am Dorfbach einen klaren, institutionellen Rahmen zu geben. Die Genossenschaft war Ansprechpartnerin gegenüber der Gemeinde, finanzierte Wartungsarbeiten am Dorfbach und regelte die Beziehung unter den Betreiber:innen der Räderwerke. Mit der kürzlichen Umwandlung der ehenhaften Rechte in Konzessionen wurde die Genossenschaft wieder aufgelöst.
Lokales Wissen – unsichtbare Tätigkeiten
Reginas Geschichte lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Menschen, die die Räder immer weiterdrehen und die Solarzellen-Elektronen in Bewegung halten. Sie bleiben oftmals unsichtbar, arbeiten im Hintergrund und erregen keine öffentliche Aufmerksamkeit im Unterschied zum Bau eines neuen Staudamms oder zur Errichtung von Wind- und Photovoltaikparks. Und doch sind ihr Wissen und ihre Tätigkeiten – die Säuberung von Rechen oder Photovoltaikanlagen, die Durchführung oder Organisation von Reparaturen, die Teilnahme an Sitzungen – zentral. Wenn lokal kontrollierte Stromproduktion für fünfzig Jahre, hundert Jahre oder gar länger Bestand haben soll, braucht es Menschen, die immer wieder bereit sind, diese Bürde zu tragen, und über die nötigen Ressourcen an Zeit, Geld und Wissen verfügen, um dies zu tun.
Würdigung und Sichtbarmachung von alpinen «prosumers»
Die Rolle von intergenerationalen Beziehungen ist dabei nicht zu vernachlässigen. Die Visionen und jahrelange Hingabe vergangener Generationen schaffen emotionale Bindungen und die Verpflichtung, diese Arbeit weiterzuführen. Nachhaltige, lokal kontrollierte Stromproduktion kann und darf auch in Zukunft auf diese Hingabe bauen. Dafür ist es notwendig, dass wir die unscheinbar wirkenden Tätigkeiten und das damit verbundene lokale Wissen sichtbar machen, gesellschaftlich würdigen und institutionell unterstützen. Die Schweizer Bergkantone, ihre Elektrizitätswerke und Institutionen können hierbei als Vorbilder fungieren.
In der Literatur und im politischen Diskurs gibt es verschiedene Begriffe, die kollektive Formen der Stromproduktion zum Eigenverbrauch bezeichnen. In der englischsprachigen Literatur wird von «community energy initiatives» oder «collective renewable energy prosumers» gesprochen. In der Schweiz gibt es sowohl Energiegenossenschaften als auch Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV), wobei es hierbei um Stromproduktion aus auf Dächern installierten Solaranlagen geht. Siehe hierzu die Webseiten der Energie Genossenschaft Schweiz und der Energie Schweiz zum Thema Eigenverbrauch.
Die technischen Entwicklungen im Bereich der Photovoltaik haben dazu geführt, dass insbesondere in Europa Eigenverbrauch und Zusammenschlüsse heute rechtlich geregelt sind. Die EU sowie verschiedene Regierungen (zum Beispiel in Deutschland und Schottland) haben zudem in den letzten Jahren Finanzierungsmechanismen und Subventionen für «energy communities» und Energiegenossenschaften eingerichtet. Zusammenschlüsse wie das «Bündnis Bürgerenergie» oder «REScoop.eu» unterstützen die Vernetzung und den Austausch. Andere NGOs, wie Green Empowerment, unterstützen «energy communities» in indigenen und ruralen Gemeinden in Ländern des Südens.
Neben den Energiegenossenschaften und Zusammenschlüssen zum Eigenverbrauch sind auch verschiedene Schweizer Elektrizitätswerke und ihre Kraftwerke im Besitz der jeweiligen Gemeinden. Obwohl nicht genossenschaftlich organisiert, ermöglicht diese Besitzstruktur doch ein relativ hohes Mass an lokaler Einflussnahme auf die lokale Stromproduktion. Im Kanton Uri sind diesbezüglich das Elektrizitätswerk Ursern und die Gemeindewerke Erstfeld zu nennen. Das Elektrizitätswerk Ursern (EWU) wurde 1902 von der Korporation Ursern und fünf lokalen Hoteliers gegründet. Heute betreibt das EWU vier Wasserkraftwerke und einen Windpark mit vier Turbinen. Seine Hauptaufgabe ist die Sicherstellung der Stromversorgung der drei Ortschaften Andermatt, Hospental und Realp. In Erstfeld hat die Gemeindeversammlung 1929 entschieden, ein eigenes Wasserkraftwerk am Bockibach zu bauen. Dieses sowie ein weiteres Kraftwerk wird seither von den Gemeindewerken Erstfeld (GWE) betrieben. Die Gemeindewerke Erstfeld sind ausserdem Mitbesitzerinnen eines dritten Kraftwerks und Pioniere in der Installation von Solaranlagen in der Gegend.
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