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Am Sonntag, 4. Dezember hat im Rahmen des Galakonzerts der Civica Filarmonica von Mendrisio die Verleihung des Stephan-Jaeggi-Preises an Carlo Balmelli stattgefunden. «Unisono» hat mit ihm sein Karriere Revue passieren lassen und dabei festgestellt, dass es keine Liebe auf dem ersten Blick war zwischen dem Tessiner Dirigenten und dem Rampenlicht der Bühne.
Unter herzlichem Beifall des Publikums und der Mitglieder «seiner» Civica aus Mendrisio, hat Carlo Balmelli den Stephan-Jaeggi-Preis erhalten, die höchste Auszeichnung in der Schweizer Blasmusik. Diese Ehre teilt er mit dem Bündner Arnold Spescha. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit dem Dirigenten über seine Laufbahn zu sprechen, die eng mit der Entwicklung der Tessiner Blasmusik der letzten Jahrzehnte verknüpft ist.
Carlo Balmelli, was bedeutet es Ihnen, den Stephan-Jaeggi-Preis zu erhalten?
Ich fühle mich geehrt und bin der Stiftung, die im Andenken an Jaeggi gegründet wurde, sehr dankbar. Ich sehe es als Anerkennung für die Arbeit, die ich geleistet habe und weiterhin leisten werde. Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft mit Engagement und Leidenschaft meinen bescheidenen Beitrag an unsere grosse Bewegung leisten kann.
Ihre Person ist eng mit der Schweizer Blasmusik verbunden. Ist ihre Bindung zur Musik in einem Musikverein entstanden?
Mein Vater war Musikant, und er ist es heute noch. Ich war somit immer mit der Blasmusik verbunden. Meine Instrumentalausbildung begann in der vierten Primarklasse am Klavier. Als es darum ging, mich zum ersten Mal vor Publikum an einer Vortragsübung zu präsentieren, stiess meine Lehrerin auf meine strikte Ablehnung. Es gelang meinen Eltern zwar, mich bis zum Vortragssaal zu schleppen, aber dort nutzte ich den ersten Moment ihrer Unachtsamkeit, floh aus dem Saal und rannte weg. Sie haben mich draussen auf der Strasse wiedergefunden …
Kurzum, das Schicksal hatte keine Karriere als Pianist für Sie vorgesehen.
Offensichtlich nicht! Sobald ich das nötige Alter erreichte, schrieb ich mich an der Musikschule der Civica Filarmonica aus Mendrisio ein. Ich begann mit Unterricht auf der Posaune, meinem Wunschinstrument, und nahm auch Tenorhornstunden, weil dieses Instrument in der Besetzung des Ensembles fehlte. Als ich mich für das Musikstudium entschied, legte ich das Tenorhorn endgültig beiseite.
Das Musikstudium bedeutete damals, dass man das Tessin verlassen musste …
Ja. Nach der obligatorischen Schulzeit ging ich nach Luzern, wo ich den Vorbereitungskurs auf das Berufsstudium besuchte. Anschliessend trat ich am Konservatorium Bern der Klasse von Branimir Slokar bei, wo ich das Lehr- und Konzertdiplom erwarb.
Wann kam die Idee auf, Dirigent zu werden?
Die Idee? Die entstand sehr, sehr früh (lacht). Bereits als Kind habe ich «dirigiert», wenn wir zu Hause Musik ab Platte hörten. Nachdem ich im Tessin die vom Tessiner Kantonalmusikverband organisierten Dirigentenkurse besucht hatte, übernahm ich die Leitung des neu gebildeten kantonalen Jugendblasorchesters. Dann entschied ich mich für das Studium in Blasorchesterdirektion und ging wiederum nach Luzern, in die Klasse von Josef Gnos. In der Folge leitete ich im Tandem mit ihm während zwei Jahren das Nationale Jugendblasorchester (NJBO).
Insgesamt deutete vieles darauf hin, dass es die richtige Entscheidung war.
Das kann man so sagen. Ein deutliches Zeichen war wohl der zweite Platz am ersten Schweizer Dirigentenwettbewerb in Baden, ein paar Monate vor Beginn meines Studiums bei Josef Gnos.
Waren Sie der einzige Tessiner am Wettbewerb?
Ja, aber ich war keineswegs der einzige Tessiner, der Musik studierte. Da waren ein paar Gleichaltrige, die wie ich aus Musikvereinen stammten und die beachtliche Karrieren hinlegten: ich möchte da nur Fabio di Casola erwähnen. Wir spielten alle im kantonalen Jugendblasorchester mit und unsere Begeisterung sowie die Konfrontation mit der Realität jenseits der Alpen bewogen uns, etwas Neues zu gründen. Zu jener Zeit orientierte sich die Tessiner Blasmusikszene noch sehr an der Vergangenheit: die Besetzungen der Vereine widerspiegelten die italienische Tradition und das Repertoire bestand vorwiegend aus Transkriptionen symphonischer Werke. Im Jahr 1991 riefen wir das Blasorchester der Italienischen Schweiz (Orchestra di Fiati della Svizzera Italiana OFSI) ins Leben, ein erstes Projektorchester, das originale Blasorchesterliteratur spielte.
Heute dirigieren Sie neben der Civica Filarmonica Mendrisio auch die Musikgesellschaft Konkordia Egerkingen und die Stadtharmonie Zürich Oerlikon Seebach. Existieren die von Ihnen erwähnten Unterschiede zwischen Nord-Süd noch immer?
Das Repertoire hat sich heute ziemlich angeglichen. Offensichtlich sind aber Kultur und Mentalität beidseits der Alpen unterschiedlich geblieben, so dass es insbesondere in der Arbeitsweise Unterschiede gibt. Auffällig ist, dass in der italienischen Schweiz weiterhin Transkriptionen symphonischer Werke gespielt werden, wenn auch deutlich weniger als früher. Es ist eine Frage der Wurzeln und der Tradition.
Man kennt Sie vor allem als Dirigent, Sie sind jedoch auch Autor diverser Arrangements, und gemeinsam mit dem derzeitigen SBV-Musikkommissionspräsidenten Thomas Trachsel haben Sie einen Verlag gegründet. Erzählen Sie uns davon.
Das Abenteuer Symphonic Works ist eigentlich im Scherz entstanden. Mit Thomas bin ich eng befreundet – bin auch Götti einer seiner Töchter – und einmal die Woche treffen wir uns zum Kaffee. Einmal sagte ich spasseshalber, dass wir unsere Arbeiten selber veröffentlichen könnten, seine Kompositionen und meine Bearbeitungen. Einige Zeit später ist Thomas darauf zurückgekommen und hat mir gesagt, dass er die Idee ausgezeichnet finde, und so haben wir sie umgesetzt. Neben unseren Werken führen wir auch einige Stücke anderer Autoren.
Haben Sie einen Lieblingskomponisten?
David Maslanka, wegen seines persönlichen, ausserhalb gewohnter Muster liegenden Stils, bei dem die Musik immer kompromisslos an erster Stelle steht. Und natürlich Thomas Trachsel!
Wo steht Ihrer Meinung nach die Schweizer Blasmusik heute und wie sehen Sie ihre Zukunft?
Das Niveau, das wir in der Schweiz sowohl bei den Komponisten als auch bei den Vereinen haben, braucht sich vor dem Rest der Welt nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil. Aber wir stehen vor mehreren Herausforderungen; allen voran die Nachwuchswerbung. Um weiterhin junge Menschen – und das Publikum – anzuziehen und unsere Zukunft zu sichern, müssen wir uns an den Rhythmus und die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft anpassen, ohne unsere Identität zu verlieren. Wir müssen kreativ sein und verstärkt die Zusammenarbeit mit anderen musikalischen Einrichtungen anstreben, um für Musikantinnen und Musikanten attraktive Synergien zu schaffen sowie den Kreis der Zuhörenden zu erweitern.
Was empfehlen Sie einem jungen Menschen, der Dirigent werden möchte?
Die eigene Anpassungsfähigkeit trainieren. Ein Dirigent muss in der Lage sein, in sehr unterschiedlichen Kontexten zu arbeiten, sowohl in Bezug auf das Umfeld als auch auf das technische Niveau. Ausserdem muss man bedenken, dass die Beziehung zu den Musikern, die keine Profis sind, gepflegt werden muss: Man muss ihre Aufmerksamkeit gewinnen und sie motivieren.