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Im Südosten der Demokratischen Republik Kongo hinterlässt der Kobaltrausch seine Spuren. Schwester Nathalie Kangaji kämpft dafür, dass multinationale Unternehmen beim Abbau des blauen Metalls auf Umwelt und die lokale Bevölkerung Rücksicht nehmen. Sie setzt grosse Hoffnungen in die Konzernverantwortungs-Initiative.
Wurde Mutombo Kasuyi getötet oder ist er bei einem Unfall gestorben? Sechs Jahre nach den Geschehnissen ist der Fall immer noch nicht gelöst. Im Jahr 2013 überquerte der junge kongolesische Vater die Bergbauzone einer Tochtergesellschaft des Schweizer Unternehmens Glencore in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) auf Arbeitssuche. Dort wurde er angeblich von Polizisten angehalten und geschlagen, so dass er später an den Verletzungen starb. Diese Version wird von dem multinationalen Unternehmen bestrittenexterner Link. Laut Glencore haben die Polizisten den jungen Mann lediglich ins Spital begleitet, weil dieser sich nicht gut gefühlt habe.
"Es war der erste Fall, der mich wirklich berührt hat. Seine Familie war in dieser Situation so hilflos", sagt Schwester Nathalie Kangaji. Sie ist Ordensschwester, aber auch Anwältin und besucht die Schweiz, um über ihren Einsatz für die Menschenrechte zu sprechen. Eingeladen haben sie die Hilfswerke Brot für Alle, Fastenopfer und Being Partners.
Im Jahr 2013 gründete Kangaji das Centre d’aide juridico-judiciaire (CAJJ) in Kolwezi, einer Bergbaustadt im Südosten des Kongo. Die Organisation hilft Menschen, die nicht über die notwendigen Mittel verfügen, ihre Rechte gegen Minenriesen durchzusetzen.
In der Region Katanga werden Kupfer und Kobalt gewonnen. Letzteres wird für Batterien in Elektroautos und Mobiltelefonen verwendet. Zwei Drittel der weltweiten Produktion dieses wertvollen Metalls stammt von diesem Standort. Auch das Schweizer Unternehmen Glencore betreibt dort zwei riesige Kupfer- und Kobaltminen.
Während der Abbau von Rohstoffen den Unternehmen enorme Gewinne beschert, beobachtet Kangaji die Schattenseiten dieses Handels. Sobald multinationale Unternehmen vor Ort kommen, seien die Menschen gezwungen, ihr Land zu verlassen, das verkauft oder abgetreten werde, sagt sie. "Es gibt einen Konflikt zwischen Bergbau und Landrecht. Ein Minen-Titel hat Vorrang vor einem Land-Titel, so dass die Bewohner gezwungen sind, zu gehen, oft ohne eine angemessene Entschädigung", erklärt die Anwältin.
Dieses Land ist auch die Lebensgrundlage von Gemeinschaften, die für ihren Lebensunterhalt von Landwirtschaft, Jagd und Fischerei abhängig sind. "Es gibt also eine physische und wirtschaftliche Vertreibung", sagt Schwester Nathalie.
Das andere wiederkehrende Problem ist die Verschmutzung des Bodens, des Wassers oder sogar der Luft durch die gewichtigen Staubemissionen. "Bei der Gewinnung von Rohstoffen verwenden grosse Unternehmen umweltbelastende Chemikalien wie Schwefelsäure", sagt die Aktivistin.
Kangaji verfolgte den Fall von 26 Bauernfamilien, deren Felder durch giftige Ausschüttungen von Mutanda Mining, einer der beiden Tochtergesellschaften von Glencore in der Region, verschmutzt wurden. "Diese Substanzen flossen ein Jahr lang in die Natur. Trotz der Warnungen der Anwohner hat das Unternehmen nichts getan", bemerkt sie. Dank Einschreiten von CAJJJ hat der multinationale Konzern schliesslich die Fakten anerkannt und die Gemeinschaft entschädigt. "Die Anlage wurde jedoch nicht saniert. Das Unternehmen hat nur so getan als ob", bedauert die Anwältin.
David gegen Goliath
Wenn eine kleine Organisation mit wenigen Ressourcen es mit einem multinationalen Konzern aufnehmen will, muss sie solide Argumente haben. So geht das Team von Kangaji nach Anhörung der Opfer immer an die verunreinigten Orte, um Beweise zu sammeln. "Die Unternehmen haben die Tendenz, die Fakten nicht zuzugeben oder herunterzuspielen, also muss man gewappnet sein und zeigen, dass es Umweltverschmutzung gegeben hat", sagt sie. Aus diesem Grund werden die vor Ort gesammelten Proben manchmal zur Analyse an mehrere Labors geschickt, um eine Anfechtung der Ergebnisse zu verhindern.
Im besten Fall gelingt es dem CAJJJ, mit dem Minen-Giganten eine einvernehmliche Lösung zu finden. "Falls nicht, können wir an die kongolesischen Gerichte gelangen, aber von diesen sollte man sich nicht zu viel erhoffen", sagt Schwester Nathalie und kritisiert die langsame und korrupte Justiz. "Diese multinationalen Unternehmen sind so mächtig, dass sie die kongolesische Justiz zum Narren halten. Sie sind immer in einer Machtposition und haben vor niemandem Angst."
Um dieser Straflosigkeit ein Ende zu setzen, sieht Kangaji nur eine Lösung: Die Justiz in den Herkunftsländern der grossen Unternehmen zu aktivieren. Sie setzt deshalb grosse Hoffnungen in die Eidgenössische Volksinitiative "Für verantwortungsvolle Unternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt"externer Link (Konzernverantwortungs-Initiative), über die das Schweizer Stimmvolk voraussichtlich 2020 entscheidet. Das Dossier muss erneut im Nationalrat (grosse Parlamentskammer) verhandelt werden, nachdem der Ständerat (kleine Parlamentskammer) am 12. März die Initiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt hat.
>> Hier erfahren Sie mehr zur Initiative.
Die Initiative sieht vor, dass Konzerne mit Sitz in der Schweiz bei ihrer Geschäftstätigkeit die Menschenrechte respektieren und Umweltstandards einhalten müssen. Auch wenn deren Tochtergesellschaften im Ausland gegen Menschenrechts- oder Umweltschutzstandards verstossen, könnten die Opfer neu in der Schweiz eine Zivilklage einreichen und Schadenersatz von der Schweizer Firma verlangen. "Im Falle von Glencore glauben wir, dass die Schweiz dafür sorgen sollte, dass das Unternehmen die Grundrechte und -standards auch ausserhalb der Schweizer Grenzen respektiert", argumentiert die kongolesische Aktivistin.
Laut Schwester Nathalie reicht es nicht aus, sich auf freiwillige Massnahmen von Unternehmen zu verlassen, auch wenn sie vor Ort einige Verbesserungen feststellt. "Einige Unternehmen führen kleine Aktionen in Gemeinden durch, wie z.B. das Graben eines Wasserbrunnens, den Bau oder die Renovierung einer Schule. Diese Massnahmen stellen jedoch nichts im Vergleich zu den enormen Gewinnen dieser Unternehmen dar und kommen nicht der Mehrheit der Bevölkerung zugute."
Kleine Fortschritte
Es entsteht der Eindruck, dass der Bergbau nicht der Bevölkerung zugutekommt und nicht zur Entwicklung der Region beiträgt. Ausserdem werden die von der Bergbauindustrie geschaffenen Arbeitsplätze selten von Kongolesen besetzt, wie Kangaji betont: "Es scheint, dass heutzutage die ganze Welt in den Kongo kommt, um in den Minen zu arbeiten. Die Arbeitskräfte kommen von überall her, aber selten von hier." Sie erzählt jedoch, dass immerhin eine Überarbeitung des Bergbaugesetzbuches im Gange ist, um multinationale Unternehmen zu ermutigen, lokale Unternehmen mit der Durchführung von Unterauftragsarbeiten zu beauftragen.
Schwester Nathalie stellt auch fest, dass es jetzt einfacher sei, einen Ansprechpartner in den grossen Bergbauunternehmen zu finden: "In der Vergangenheit waren sie unzugänglich. Heute gibt es ein Büro, das Opfer empfängt." Diese Menschen brauchen jedoch Unterstützung, jemanden, der die Gesetze kennt und Beweise liefern kann. Das CAJJJ versucht, ihnen zu helfen. "Aber es gibt so viele Fälle, dass wir nicht alle behandeln können", seufzt die Nonne. Mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen verfügt die Organisation jedoch über die notwendigen Ressourcen, um Proben zu sammeln, Analysen durchzuführen oder Fachwissen anzufordern.
>> Schwester Nathalie erzählt, woher sie die Kraft für ihr Engagement nimmt
Jeder kann etwas bewirken
Schwester Nathalie kam in die Schweiz und erzählte die Geschichte ihres Kampfes, nicht nur, um die Behörden zu ermutigen, Verantwortung für die Praktiken von Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zu übernehmen. Sie will auch das Bewusstsein der Konsumenten schärfen: "Dieses Kobalt kommt in Handys oder Computern vor, die wir alle benutzen. In unseren Geräten stecken Bevölkerungsverlagerungen, Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden."
Jeder ist ihrer Meinung nach mitverantwortlich und kann auf seine Weise handeln: "Wir können anders denken und konsumieren. Ist es wirklich notwendig, das Telefon jeden Monat oder jedes Jahr zu wechseln?"
>> Im Berichtexterner Link von Fastenopfer und Brot für alle erfahren Sie mehr zum Thema.
Die Lobrede von Ignazio Cassis
Im Januar besuchte der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis eine Kupfermine von Glencore in Sambia. Er lobte auf Twitter "die Bemühungen zur Modernisierung von Einrichtungen und Ausbildung junger Menschen". Diese Botschaft freute den Konzern, der sie auf dem eigenen Account verbreitete.
Der Minister erklärte auch, dass er die gegen die Mine erhobenen Anschuldigungen "bereits gelesen" habe und dass ein grosser Teil davon "mit einer früheren Situation zu tun habe". Diese Aussagen hatten bei Menschenrechtsorganisationen für Empörung gesorgt.Infobox Ende
Laut der Tageszeitung Blickexterner Link kam es nur wenige Wochen vor dem Besuch des Bundesrats zu einem Ausstoss von giftigem Schwefeldioxid. Mehrere Personen hätten hospitalisiert werden müssen. Ausserdem sei es wenige Tage nach dem Besuch Cassis' in Sambia bei der Glencore-Mine zu einer besonders heftigen Verbreitung des giftigen Gases gekommen.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi)