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Plötzlich ist er da. Ein grosser, schwarzer Vogel mit einem zinnoberroten Schnabel fliegt kurz ins Blickfeld und verschwindet gleich wieder hinter den Klippen. «Das Symbol ist zurück», sagt Paul Simmons, «König Artus ist zurück.»
Ein steifer Wind bläst über die felsige Südküste Cornwalls. 100 Meter weiter unten branden weiss schäumende Wellen gegen schwarzen Stein. Paul Simmons aus der nahen Hafenstadt Falmouth, Wanderleiter und Initiator von «Walkitcornwall», nimmt den Hut vom Kopf, wie er es immer tut, wenn er etwas erzählen will. «Als König Artus starb», sagt er, «da schlüpfte seine Seele in den Körper einer Alpenkrähe. Vom vergossenen Blut färbten sich ihre Beine und ihr Schnabel rot. Seitdem prangt der Vogel auf Cornwalls Wappen.»
Simmons macht eine Kunstpause, sucht mit zusammengekniffenen Augen nochmals die Klippen ab, doch vom Vogel ist nichts mehr zu sehen. «Über 70 Jahre lang war die Alpenkrähe verschwunden», sagt er. «Aber vor zehn Jahren wurde sie wieder gesichtet, hier in der Nähe.» Damals grassierte in Cornwall die Maul- und Klauenseuche. In den Kadavern der verendeten Kühe fand der Rabenvogel Tausende von Insektenlarven. «Das gab den Ausschlag, dass sich der Wappenvogel wieder ansiedeln konnte.» Und so kam König Artus nach Cornwall zurück.
Zwei Meilen und drei kurze Regenschauer weiter, mitten in einem Wald aus uralten, efeuumrankten Eichen, steht eine mittelalterliche Kirche. 200 Jahre alte Grabsteine mit eingravierten Liebesgedichten säumen den Kiesweg. Libellen patrouillieren, ein Rotkehlchen singt sein Lied. Und Simmons nimmt wieder den Hut vom Kopf. «12. Jahrhundert», sagt er mit Blick auf das kreuzförmige Gotteshaus. «Einzigartig, nicht wahr?»
Simmons führt in die restaurierte Kirche, schaut ehrfürchtig ins Gebälk. «Sehen Sie sich um», sagt er. «Das hier ist die DNA von Cornwall. Wo sonst trifft man auf diese einzigartige Symbiose von Geschichte, Kultur, Natur?»
Kelten, Könige und Piraten
Es stimmt: Cornwall ist voller mythischer Orte, an denen jeder Stein, jeder Baum, jeder Vogel eine Geschichte aus früheren Zeiten erzählt. Alpenkrähen erzählen von heldenhaften Königen. Steinkreise erinnern an keltische Kultfeste vor 3500 Jahren, Kastelle und Burgen an vergangene Reiche, Herrenhäuser an einstigen Wohlstand. Und versank vor der Küste Cornwalls nicht Avalon, das sagenhafte Totenreich?
Wohl nirgendwo sonst auf den Britischen Inseln überlagern sich die Epochen so stark wie in Cornwall, dem südwestlichsten Zipfel Englands. Immer wieder dringt das Alte so sehr ins Jetzt, dass es greifbar wird und man auf wenigen Metern durch vergangene Zeiten wandeln kann.
So auch auf dem 500 Kilometer langen Küstenpfad. Abenteuergeschichten von früher sind hier auf Schritt und Tritt präsent. Schliesslich wurde der Pfad ursprünglich für die Wachen angelegt, die die ankommenden Handelsschiffe gegen die einheimischen Piraten aus den vielen kleinen Fischerdörfchen zu verteidigen hatten. Piraterie war über Jahrhunderte eine der Hauptbeschäftigungen der Kornen – beinahe jeder war in irgendeiner Weise involviert.
Sogar die ungezählten Landsträsschen Cornwalls folgen der Historie. Allesamt führen sie entlang der berühmten kornischen Mäuerchen und Hecken, von denen einige die Grenzen historischer Landgüter markieren.
Fische und Seevögel verschwanden
Auf solchen Strässchen hat man das Gefühl, durch ein riesiges lebendes Labyrinth zu fahren. Vögel aller Art nisten in den Büschen, Eidechsen und Otter suchen sich ihr Versteck, Dachse und Kaninchen bauen ihre Gänge. Und immer wieder schlendern ganze Fasanengruppen über den Weg. «Kanonenfutter für die Jäger», sagt Simmons und lacht, «seit Jahrhunderten schon.»
Aber manchmal trügt das Idyll. Denn auch Cornwall ist trotz viel Historie und Natur nicht mehr ganz so unversehrt, wie man es auf den ersten Blick meinen könnte. «Die Meere sind beinahe leergefischt», sagt Simmons. «Fast alle grossen Seevogelkolonien sind deswegen verschwunden.» Viele Wälder sind gerodet; die Ausbeutung der einst ausgedehnten Eichenwälder begann schon 350 Jahre vor Christus und dauerte bis vor 100 Jahren an. Man benötigte die Bäume für den Schiffbau und zur Herstellung von Holzkohle. Verfallene Gebäude und Abraumhalden zeugen vom exzessiv betriebenen Bergbau. Drei Jahrhunderte lang wurde hier nach Zinn, Kupfer und anderen Metallen gegraben. «Im 19. Jahrhundert stammte jedes zweite Kilogramm Zinn aus Cornwall», sagt Simmons.
Die Ecke der Traditionalisten
Aber auch die kornische Identität, teil-weise ein Vermächtnis der Kelten, war lange in Gefahr. Die Römer, christliche Missionare, die Engländer – sie alle versuchten, das ehemals heidnische Volk auf den «rechten Weg» zu bringen. Ab 1777 sprach offiziell keine einzige Person mehr Cornish, die lokale Sprache keltischen Ursprungs. Und mit dieser verschwanden viele andere Elemente der lokalen Kultur.
Vor einiger Zeit aber hat sich der Wind gedreht. «Viele Gruppierungen und Parteien versuchen inzwischen, die Identität Cornwalls zu stärken», sagt Paul Simmons. Mit Erfolg: Inzwischen wird an etlichen Schulen wieder Cornish gelehrt. Und auch abseits der politischen Pfade engagieren sich immer mehr Menschen für die DNS Cornwalls. Sie wollen wissen, was einst war, graben historische Schätze aus und lassen so das vielfältige Erbe vergangener Zeiten wieder aufleben.
Besonders aktiv ist der National Trust, dessen Signet man in Cornwall überall begegnet: an der Küste, in Parks, an den Fassaden prächtiger Herrenhäuser. Die wohltätige Organisation ist heute der grösste private Landeigentümer Grossbritanniens: 254'000 Hektar schützenswertes Land besitzt sie, was beinahe der Fläche des Kantons Tessin entspricht.
Einen insgesamt 1141 Kilometer langen naturbelassenen Küstenstreifen verwaltet der Trust sowie über 350 alte Anwesen und Parks. Auch Dutzende weitere Organisationen kümmern sich um das «heritage», das Erbe vergangener Generationen: Der Cornwall Wildlife Trust bewahrt die Natur, der Churches Conservation Trust die alten Kirchen, und Prinz Charles persönlich ist der Schirmherr der National Hedgelaying Society, jener Gruppe, die das kornische Heckennetz erhalten will.
«Conservation», die Bewahrung von Altem und Schönem, ist in Grossbritannien inzwischen zum Volkssport geworden. Und in Cornwall, der Ecke der Traditionalisten, wird – zur Freude der Touristen – alles noch ein wenig mehr bewahrt.
Ein wachgeküsster Garten
Besonders gut zu spüren ist das Revival alter Zeiten in den «Verlorenen Gärten von Heligan» nahe des Städchtens St Austell. In dieser 120 Hektar grossen historischen Gartenanlage soll ein untotes Wesen durch die Gemäuer geistern. In einem Lagerschuppen zum Beispiel, da erheben sich hie und da die Blumentopfuntersätze in die Luft, Fusstritte hallen durch den Raum. Und manchmal öffnet sich plötzlich eine Tür. Nicht einmal das Weihwasser eines Priesters konnte die Erscheinungen zum Verschwinden bringen.
«Ich habe den Geist nie gesehen», sagt James Stephens, ein junger Einheimischer, der im Garten arbeitet. «Aber natürlich ist Heligan ein geheimnisumrankter, geschichtsträchtiger Ort.» Er schreitet durch die Anlage, schaut nach links zum alten Ananashaus, nach rechts in den Gemüsegarten und sagt mit leiser Stimme: «Hier erzählen sogar Steine Geschichten.»
Über 200'000 Menschen besuchen Heligan jedes Jahr. Sie bewundern viktorianische Gewächshäuser, Blumen- und Gemüsegärten mit mehreren hundert alter Sorten, einen Lustgarten mit Kristallgrotte, einen «Dschungel» mit Teichen, Palmen, Bambus. Und mittendrin in diesem rankenden Paradies steht das kleine Haus, das den Beginn jener Geschichte markiert, die den Ort so aussergewöhnlich macht.
70 Jahre lang hatte der Garten im Dornröschenschlaf geschlummert. Die Mauern waren verfallen, die Bäume umgestürzt, die ganze Anlage war von Gestrüpp überwuchert. «Heligan hatte die beiden Weltkriege nicht überlebt», sagt James Stephens. 1990 aber wurden die verborgenen Schätze wiederentdeckt. Der Prinz, der die verlorenen Gärten wachküsste, heisst Tim Smit, ein gebürtiger Holländer, der eigentlich Archäologe ist, ausserdem Plattenproduzent. Tagelang schlug er sich durch die Dornenhecken, bis er plötzlich vor diesem kleinen Haus stand. Im Inneren fand er Graffiti der Gärtner, die 1914 in Heligan gearbeitet hatten. Namen von Dutzenden von Männern, die in den Krieg ziehen mussten und nicht mehr nach Hause kamen. Der Fund elektrisierte Tim Smit so sehr, dass er beschloss, die Gartenanlage wiederherzurichten.
Ananas und Melonen
Der Plan ging auf: Smit und seine Mitstreiter konnten den Garten von der Besitzerfamilie der Tremaynes pachten. Schon zwei Jahre später wandelten erste Besucher auf den verschlungenen Pfaden, bewunderten uralte Rhododendren und schauten zu, wie in den Glashäusern wieder Ananas und Melonen gezogen wurden. Nach und nach entwickelte sich die Anlage zum meistbesuchten Privatgarten in ganz Grossbritannien. Über fünf Millionen Menschen haben Heligan schon besucht. 110 Mitarbeiter sind auf dem Anwesen beschäftigt.
Vielleicht fusst der Erfolg auf dem perfekten Marketing des cleveren und mittlerweile zum Ritter geschlagenen Geschäftsmanns Smit. Vielleicht aber liegt der Grund im perfekten Miteinander von Geschichte, Kultur und Natur, dieser Überlagerung der Epochen, die auf jedem Meter zu spüren ist – und die dem Besucher etwas über die Wurzeln des Landes, des Volkes und letztlich über sich selbst erzählt.
Die Kornen selber, die Engländer, die Touristen mögen das. «Sure», sagt Paul Simmons und zieht seinen Hut vom Kopf. «Die Rückbesinnung auf unsere Wurzeln gibt uns Bodenhaftung.»