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Amanda Lear kurz vor der Vernissage zu ihrer Ausstellung in Zürich. «Ich geniesse jeden Tag. Wenn man negative Gedanken hat, dann passiert nur Unglück.»
Jean-Claude GalliRedaktor People
Drei Stunden vor der Vernissage herrscht noch ein wildes Durcheinander – und mittendrin sitzt die Künstlerin und dirigiert auf Französisch resolut die vielen Helfer, die ihre Gemälde aufhängen. Amanda Lear (82) ist der Inbegriff einer schillernden Figur. Als «Kultfigur, Muse und Stilikone» beschreibt sie Kulturmanager Claudio Righetti (56), der sie seit über 30 Jahren kennt und die bis zum 16. Dezember dauernde Ausstellung an der Oetenbachgasse in Zürich in Zusammenarbeit mit dem Efficiency Club organisiert. In den 70er-Jahren verkaufte Lear als Sängerin mit Discohits wie «Follow Me» oder «Blood and Honey» 25 Millionen Tonträger, davor war sie ein erfolgreiches Mannequin, wie Models damals noch hiessen. Sie war mit David Bowie (1947–2016) liiert und mit Brian Jones (1942–1969) von den Rolling Stones, die ihr 1967 einen Song widmeten («Miss Amanda Jones»). Und 15 Jahre lang lebte sie mit Salvador Dalí (1904–1989) zusammen, der sie trotz heftiger Widerstände dazu brachte, sich in erster Linie als Malerin zu sehen.
Lear lernte den spanischen Surrealisten in den 60er-Jahren als Kunststudentin in London kennen. «Als ich Salvador begegnete, malte ich bereits. Doch mein Geld verdiente ich als Model. Ich wusste aber, was Dalí von Models hielt. Er sah sie als minderwertige Objekte der Begierde. Deshalb sagte ich nicht: ‹Ich bin Mannequin›, sondern: ‹Ich bin Malerin. Ich male Bilder, wir sind also eigentlich Kollegen.› Er meinte kurz angebunden: ‹Kollegen sind wir nicht, Madame. Frauen können nicht malen, sie haben dafür kein Talent›», erinnert sie sich.
«Deshalb wollte ich mich besonders beweisen.»Amanda Lear
Er sei sehr machohaft gewesen, was sie natürlich aufregte. «Deshalb wollte ich mich besonders beweisen. Sein Kommentar: ‹Ich will deine Bilder nicht sehen. Komm gar nie auf die Idee, sie mir zu zeigen.› Darum hörte ich so lange mit Malen auf, bis der Druck zu gross wurde und ich eines Tages in seinem Studio doch wieder zum Pinsel griff. Es war das erste Mal, dass er mich malen sah. Er kam, stellte sich hinter mich und sagte: ‹Mmh, mmh, c’est pas mal ... pour une femme.›» Aber so richtig gefallen habe es ihm nicht. Das spürte sie. «Er glaubte einfach nicht, dass sich Frauen ebenso in der Malerei und Kunst ausdrücken können wie Männer. Aber er war ja auch schon alt. Und andere Männer haben dieses Problem ebenso.» Deshalb hätten es die Frauen noch immer schwer und müssten sehr hartnäckig sein, wie Louise Bourgeois beispielsweise.
«Salvadors Bilder haben mir nie wirklich gefallen»
Dalís Strenge im künstlerischen Bereich prägte Lear. «Er sagte mir, wenn man einmal ein Meisterwerk geschaffen habe, könne man ruhig gleich für immer abtreten. Ich hätte zwar auch gerne einen ganz grossen Wurf gelandet, wollte danach aber nicht gleich sterben müssen. Dafür lebe ich zu gerne.» Deshalb sabotiere sie ihre eigenen Bilder seither immer ein ganz klein wenig, damit sie nicht perfekt sind. «Denn ich habe grosse Angst vor dem Sterben. Vielleicht haben mir deshalb auch Salvadors Bilder nie wirklich gefallen. Ich fürchtete mich wohl vor ihnen, weil sie so gut waren.»
Abseits der Malerei aber war die Anziehung gegenseitig und vollkommen. «Amanda ist ein engelhaftes Wesen. Ihre libellenartigen Augen sehen, was anderen verborgen bleibt», schwärmte Dalí von ihr.
Im Lauf der Jahre schwand sein Einfluss, und Lear entwickelte einen eigenen Malstil. Seit den 80er-Jahren stellt sie in Galerien aus, in der Schweiz zuletzt 2019 in Bern. Am liebsten malt sie in der Provence. «Kennen Sie Avignon mit diesem wunderbaren Licht? Wenn ich dort male, habe ich ganz andere Dinge im Kopf, als wenn ich hier in Zürich aus dem Fenster schaue. Alles ist so grau und trist, Sie verstehen? Die Inspiration kommt dort ganz von selber.»
Männerhintern: Rund, stramm, kraftvoll
Viele ihrer Bilder zeigen nackte Körper. «Erotisch finde ich sie nicht», sagt sie. «Sie sind, was sie sind.» Eine ihrer Spezialitäten seien Männerhintern – rund, stramm, kraftvoll. Das gefalle ihr sehr. Sie habe diesbezüglich aber ein Problem: «Ich finde kaum Modelle dafür. Es gibt schon junge Männer, die sich melden. Aber wenn ich ihnen sage, dass sie sich fürs Modellstehen ausziehen müssen, zieren sie sich plötzlich und machen Schwierigkeiten.» Weshalb, wisse sie nicht. Sie fragt sich, ob sie Angst hätten, dass sie auch noch etwas anderes von ihnen wollte, als sie zu malen? «Écoutez – das ist längst vorbei, glauben Sie mir», erzählt sie und lacht schallend. «Ich will bloss ein gutes Bild, das ist alles.»
Lear war in ihrer Karriere in den unterschiedlichsten Sparten erfolgreich, nebst der Musik auch im Theater und als TV-Moderatorin. Doch für sie war stets klar: «Die Malerei blieb meine grosse Liebe.» Und sie wusste: Sollte es einmal vorbei sein mit der Jugendlichkeit und der Energie, sich immer wieder aufs Neue herauszuputzen, dann würde ihr das Malen bleiben. Um zu malen, müsse man sich nicht schminken. Man brauche keine teuren Studios, Scheinwerfer und Kulissen. «Malerei ist etwas sehr Persönliches, Intimes.» Und deshalb sei man auch angreifbarer. Man lege sein Inneres offen. Zeige auf dem Papier, was im eigenen Herzen vor sich geht. Auf der Bühne spiele sie eine Rolle, in der Malerei sei sie sich selber. «Ich will meine Gefühle zeigen, meine Ängste, meine schlaflosen Nächte. Als Malerin bin ich nie sicher. Und ein Bild ist nie fertig.»