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Ruth Durrer war die erste Frau, die eine Assistenzprofessur für theoretische Physik an der Universität Zürich übernahm. Fast 30 Jahre sind seit dieser Berufung vergangen, 30 Jahre, in denen Ruth Durrer ihr Fachgebiet – Kosmologie und Astrophysik – als Professorin geprägt hat. Trotz ihres persönlichen Erfolgs mahnt die 63jährige Forscherin: «Frauenkarrieren in der Wissenschaft sind noch längst keine Selbstverständlichkeit.»
Am 7. Februar 1971 billigten die Schweizer Männer den Frauen in einer eidgenössischen Volksabstimmung das Stimm- und Wahlrecht zu. Der Entscheid fiel mit einer deutlichen Zweidrittelmehrheit, was zugleich hiess, dass einer von drei Männern es auch damals noch für überflüssig hielt, Ehefrauen, Müttern und Töchtern die vollen Bürgerrechte zuzugestehen. Unter den Kantonen, die die Vorlage ablehnten, war Obwalden. Genau dort lebte damals in der Gemeinde Kerns die 13jährige Ruth Durrer. Ihr Vater war Schreiner und verkaufte später Versicherungen, die Mutter arbeitete in einer Fabrik.
Unvorstellbar wie die Mondlandung
Für die Eltern war es unvorstellbar, dass ihre Tochter einmal studieren würde, wohl so unvorstellbar wie es für Ruth Durrers Grossvater war, dass Menschen auf dem Mond landen würden und der überzeugt war, die Mondlandung von 1969 sei in Hollywoodstudios erfunden worden. Aber die Mondlandung war tatsächlich passiert, und Ruth Durrer sollte einige Jahre später ihr Physikstudium an der Universität Zürich antreten. Sollte den Doktortitel erwerben. Sollte in Grossbritannien und den USA forschen. Sollte schliesslich 1995 als ordentliche Professorin an die Universität Genf wechseln.
Dass Ruth Durrer der Sprung in die Wissenschaft gelang, die Mädchen damals in der Regel nicht offenstand, hat verschiedene Gründe: Die Faszination für die Welt der Atome, die Ruth Durrer schon früh packte. Die Ermunterung durch den Mathematik- und Physiklehrer. Aber auch die Bereitschaft, den Umweg über das Lehrerseminar zu nehmen, weil der direkte Weg an die Universität über das Gymnasium verbaut war. Und neben alledem war da ein Vorbild: Die Physikerin Verena Meyer war 1982 zur ersten Rektorin der Universität Zürich aufgestiegen. «Sie war eine der Pionierinnen, die sich eine akademische Karriere erkämpft hatte», erinnert sich Ruth Durrer.
Beruf und Familie
Verena Meyer stammte aus einer Akademikerfamilie, und sie hatte für ihre Karriere auf eine Familie verzichtet. Ruth Durrer stammte aus einer Arbeiterfamilie, und sie wollte die Familie nicht ihren wissenschaftlichen Ambitionen opfern. Das war der Plan, und er ging auf: Während die Nachwuchswissenschaftlerin in den 1980er Jahren ihre Doktorarbeit schrieb und darin im Lichte der Allgemeinen Relativitätstheorie kosmologische Modelle zur Entstehung des Universums entwickelte, brachte sie zwei Buben auf die Welt, denen später ein Mädchen nachfolgte. «Dieser Spagat war nur möglich dank der Unterstützung meines Mannes», erinnert sich Ruth Durrer. «Ich konnte die grosse Aufgabe der Familienarbeit mit ihm teilen.»
Das Kunststück, Wissenschaft und Familie unter einen Hut zu bringen, sollte ihr auch in der Folgezeit gelingen, als sie zuerst in Zürich und später in Genf als Kosmologin und Astrophysikerin lehrte und forschte. Heute blickt sie auf 216 wissenschaftliche Publikationen zurück, deren Komplexität der Laie bestenfalls erahnen kann. «Ein Hauptinteresse meiner Arbeit liegt darin zu verstehen, was die elektromagnetischen Wellen, die wir aus dem Weltall empfangen, über die Vergangenheit des Universums erzählen», sagt Ruth Durrer. «Um die Wellen richtig zu lesen, muss man berücksichtigen, dass sie auf dem Weg zu uns durch Galaxien abgelenkt werden.» Einen umfassenden Einblick in ihr Forschungsgebiet hat Ruth Durrer 2008 unter dem Titel ‹The Cosmic Microwave Background› vorgelegt. Die vielbeachtete Fachpublikation leuchtete den aktuellen Forschungsstand rund um die kosmische Hintergrundstrahlung aus, die uns einen Einblick in die Frühzeit des Universums nach dem Urknall ermöglicht (siehe Video).
Kooperation statt Konkurrenz
Als erfahrene Universitätslehrerin ist Ruth Durrer heute selber ein Vorbild für den akademischen Nachwuchs. Sie hat über die Jahre 17 Doktorandinnen und Doktoranden betreut. Gegenwärtig arbeiten drei Doktorstudenten an ihrem Lehrstuhl. Das ist eine Momentaufnahme, denn bei gleicher Qualifikation ziehe sie die Bewerberinnen vor, sagt die Professorin. Ein wichtiges Anliegen sei ihr, an der Universität ein «frauenfreundliches» Klima zu schaffen. «Ich meine damit eine Atmosphäre der Kooperation und des gegenseitigen Helfens. Das ist zielführender als superkompetitive Gruppen, in denen jeder mit seinen Ideen glänzen und sich bei wissenschaftlichen Publikationen als Erstautor vordrängeln will.»
Seit Ruth Durrers Studienzeit hat das Interesse von Frauen an Physik und anderen naturwissenschaftlichen Fächern zugenommen, hinkt aber weiterhin hinter jenem von Männern hinterher. Hinderlich für Frauenkarrieren sei, sagt Ruth Durrer, dass man eine Professur heute erst mit 35 bis 45 Jahren erreicht – und damit meistens zu spät für Frauen, die sich im Beruf etablieren und einen festen Wohnort finden wollen, bevor sie eine Familie gründen. Hoffnungsvoll stimmen Ruth Durrer das Selbstbewusstsein und die Eloquenz, mit denen junge Frauen heute im allgemeinen auftreten, wenn sie sich beispielsweise um eine Professur bewerben. «Das ist sehr wichtig, denn lange Zeit wurden Frauen unter- und Männer überschätzt, gerade am Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn. Hier sind wir heute einen Schritt weiter.»
Autor: Benedikt Vogel
Porträt #1 von Wissenschaftlerinnen im MAP-Bereich (2021)