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Es geschah auf dem Rückflug der Berner Young Boys aus Debrecen. Am Tag nachdem die Gelbschwarzen ihr Auswärtsspiel der Europa League in der ungarischen Tiefebene bestritten hatten, flogen die Fussballer zurück nach Bern. Im Flugzeug befanden sich ausser den Spielern und dem Trainerstab auch einige mitgereiste Medienleute und Fans.
Ein Familienvater aus einer Vorortgemeinde von Bern hatte kurz vor dem Abflug erfahren, dass sein zehnjähriger Sohn ein Schulproblem hat. Die Mutter des Jungen hatte ihrem Mann per SMS geschrieben, die Französischlehrerin habe angerufen und mitgeteilt, sie sei besorgt über die Leistungen des Kleinen. Toni sei renitent und erledige die Hausaufgaben nicht korrekt. Er sei noch in Ungarn und könne jetzt auch nichts machen, schrieb der Vater zurück. Er schlage ein ernsthaftes Gespräch beim Nachtessen vor.
Im Flugzeug kam dem besorgten Familienvater eine andere Idee. Im vorderen Teil der Maschine, ging es ihm durch den Kopf, sitzen all die Fussballstars, die sein Sohn so bewundert. Viele von ihnen sind französischer Muttersprache, sie kommen aus Neuenburg oder von der Elfenbeinküste und dribbeln sich mit erstaunlicher Leichtigkeit durch den Sprachendschungel. Einer dieser Stars, der vom Schulbuben so angehimmelte Goalie Yvon Mvogo, wuchs im freiburgischen Marly auf. Also ging der Vater auf Mvogo zu und fragte ihn, ob er bereit wäre, ein paar mahnende Worte an seinen daheim gebliebenen Toni zu richten. Der kleine Toni bewundere ihn sehr und werde sich von ihm sicher eher belehren lassen als von seinen Eltern.
Der YB-Goalie erklärte sich einverstanden, der Vater filmte mit dem Handy, während Mvogo sagte: «Bonjour Toni, ça va? Je suis Yvon Mvogo, gardien de but du BSC Young Boys.» Dann wechselte er auf Deutsch und erklärte mit unnachahmlichem Akzent der Welschen und gespielter Ernsthaftigkeit: «Lieber Toni, bevor ich zu YB kam, konnte ich nur wenig Deutsch. Wie du siehst, habe ich die Sprache jetzt besser gelernt. Es war nicht immer leicht, die Hausaufgaben zu machen. Aber nun bin ich froh, dass ich sie gemacht habe. So kann ich mit meinen Mitspielern reden und auch mit dir. Es ist gut und wichtig, Französisch und Deutsch zu lernen. Und sicher bist du auch einmal froh, wenn du zum Beispiel nach Lausanne gehst und alle Leute verstehst. Also bitte, Toni, mach deine Französischhausaufgaben, auch wenn es nicht immer Spass macht. Salut Toni, à bientôt!»
Der Vater bedankte sich und schickte das Filmchen umgehend nach Hause. Der Bub habe zunächst fast nicht glauben können, dass sein Idol sich direkt an ihn wandte. Er meinte, Mvogo habe vielleicht einen andern Toni gemeint. Doch nachdem er verstanden hatte, dass tatsächlich er der Adressat dieser Botschaft war, sei er unglaublich gerührt gewesen und habe den kleinen Film immer und immer wieder sehen wollen. Seither brauche ihn daheim niemand mehr wegen der Hausaufgaben zu ermahnen. Toni mache täglich Fortschritte.
Als zufällig anwesender Zeuge dieser kleinen Begebenheit komme ich ins Grübeln darüber, ob die BildungsdirektorInnen im Land nicht vielleicht in diese Richtung weiterarbeiten könnten. Personalisierte Botschaften von Sportstars an Schulkinder liessen sich bestimmt auch auf Vorrat aufnehmen. Die Vornamen der Kinder könnten nach Bedarf nachträglich zugefügt werden. Skiolympiasiegerin Dominique Gisin erzählt den Kindern von ihrer Liebe zur Physik. Nationalmannschaftskapitän Gökhan Inler hält ein Plädoyer für interkulturellen Zusammenhalt im Schulzimmer, und Kunstturneuropameisterin Giulia Steingruber nimmt den Kleinen die Angst vor dem Sprung über den Schwedenkasten.
In der Privatwirtschaft gibt es bestimmt einen Namen für diese Art der Motivation über Video. Für das Schulwesen wäre die passende Bezeichnung noch zu finden.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. In diesen Tagen ist sein Buch «Radio» beim Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen.