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Einerseits ist da Anton Stöver. Der 46-jährige Forscher steht vor Professor Brevis Tür in Rom. Er ist eingeladen, zusammen mit Brevi einen sensationellen Fund zu machen. Das 34. Gefängnisheft Antonio Gramscis, das nach seinem Tod in Mussolinis Kerker auf mysteriöse Weise verschwindet und jetzt endlich wiederentdeckt werden soll.
Eine solche Sensation wäre auch bitter nötig. Denn Anton Stöver ist ganz und gar gescheitert. Statt Professor an der Uni Göttingen zu sein, was ihm seiner Meinung nach zusteht, schreibt er für die Lokalzeitung. So lässt er Frau und Kind in Göttingen zurück und vergräbt sich im Gramsci-Institut in Rom. Dort findet er zwar kein 34. Heft, dafür aber eine Studentin Mitte 20, die er heimlich Tatjana nennt und die er fortan von seiner Unwiderstehlichkeit zu überzeugen versucht.
Ein kleiner Mann mit grossen Visionen
Andererseits ist da Antonio Gramsci. Der kleine Mann mit der grossen Vision. Der Revolutionär, der Gründer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI). Der Vertreter Italiens in Lenins Dritter Internationale und das Opfer der Faschisten in Mussolinis Gefängnissen. Und der Ehemann.
Kleinwüchsig und missgebildet wie er ist, glaubt er ein halbes Leben lang, dass es die Liebe für ihn nicht gibt. Bis sie ihn völlig unvorbereitet überwältigt. In Moskau trifft er seine künftige Frau Julia Schucht, später begegnet er deren Schwestern Tanja und Eugenia, mit welchen sich mit der Zeit eine Art Vierecksbeziehung entwickelt.
Schreiben und Katzen füttern
Die 33-jährige Autorin Nora Bossong verwebt die beiden Liebesgeschichten zu einem Roman mit zwei formal ganz unterschiedlichen Seiten. Ist die Stöver-Ebene in einer heutigen, flapsigen, urbanen deutschen Schreibe gehalten, erinnert der Gramsci-Teil an eine russische Groteske der Revolutionszeit.
Revolution und Liebe
Dennoch gelingt es Nora Bossong, die zwei Teile zu einem stimmigen Roman zusammenzufügen. Die beiden Teile ergeben zusammen einen Text über das Verhältnis zwischen der Liebe zu einem einzelnen Menschen und der Liebe zur Menschheit, was andere Leute auch Politik nennen.
So lässt Nora Bossong auf der letzten Seite Gramsci sagen, respektive in sein Heft schreiben, dass der gesellschaftlichen Liebe immer die Liebe zu einem einzelnen Menschen vorausgehen muss, wenn sie denn erfolgreich sein will.
Das heisst: Die ganze Weltrevolution klappt nur dann, wenn der Revolutionär in der Lage ist, einen Menschen zu lieben. Und zwar bedingungslos. Ein wunderbarer und leider auch reichlich illusorischer Gedanke, waren doch die Kommunisten mit ihren geschätzten 80 Millionen Toten, die sie alleine unter Stalin zu verantworten haben, nicht gerade berühmt für Liebe und Sorgfalt ihrem Mitmenschen gegenüber.
Gramsci neu entdecken
So ist denn auch der vergessen gegangene Gramsci die grosse Stärke dieses Romans und Nora Bossongs eigentliches Verdienst. Man kriegt nicht übel Lust, ihn aus der Versenkung zu holen, ihm den Staub abzuklopfen und den Heiligenschein vom Kopf zu reissen, den er während des roten Jahrzehnts aufgesetzt bekommen hat, ihn neu zu entdecken.
Als Humanist, als Mensch, als Visionär und wohl auch als Politiker, der im Stande war, einen Menschen zu lieben. Oder auch drei.
Buchhinweis
Nora Bossong: «36,9°», Hanser 2015.