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Ich mag gut geschriebene Bücher, Bücher, die eine Geschichte erzählen. Sie dürfen dick sein, und sie müssen nicht aktuell sein, aber sie dürfen mich nicht mit Zahlen erschlagen oder mich mit Fachjargon erdrücken. Aus diesem Grund habe ich meine liebe Mühe mit deutschen Soziologen und französischen Philosophen. Sigmund Freud hat schliesslich bewiesen, dass guter Inhalt und gute Sprache kein Gegensatz sein müssen. Am meisten mag ich jedoch angelsächsische Sachbücher. Sogar angelsächsische Ökonomen können schreiben, kein Witz. Daron Acemoglu und James A. Robinson liefern mit ihrem Buch «Why Nations Fail» (deutsch: «Warum Nationen scheitern») den Beweis dieser These.
Solche Bücher inspirieren die eigene Arbeit. Gerade wenn ökonomische Entscheide unser Leben zusehends bestimmen, braucht es Verständlichkeit, um sie vermitteln zu können. Als Publizist muss ich mich bemühen, wissenschaftliche Erkenntnisse in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen – ohne die Komplexität der Erkenntnisse preiszugeben.
Seit Adam Smith haben sich unzählige Volkswirte mit der Frage befasst: Wie werden Nationen reich? Acemoglu/Robinson stellen diese Mutter aller ökonomischen Fragen auf den Kopf und fragen: Warum gehen Nationen vor die Hunde? Ihre Antwort lautet zusammengefasst wie folgt: Es hat nichts mit dem Klima und der geographischen Lage zu tun; auch nichts mit den Genen oder Mentalität der Menschen. Wohlstand und Armut sind das Resultat von Institutionen. «Länder unterscheiden sich in ihrem Erfolg, weil sie unterschiedliche Institutionen haben, ihre Wirtschaft unterschiedlich geregelt ist und die Menschen unterschiedliche Anreize haben», stellen Acemoglu/Robinson fest.
Wirtschaft und Staat sind stets aufs engste miteinander verzahnt. Dabei lassen sich gemäss Acemoglu/Robinson zwei grundsätzlich verschiedene Mechanismen beobachten. Inklusive Mechanismen sorgen dafür, dass möglichst viele Menschen in die Entwicklung der Gesellschaft eingebunden werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mittelstand entstehen kann, der die Grundlage für Fortschritt und Wohlstand bildet. Exklusive Mechanismen hingegen schliessen die überwiegende Mehrheit der Menschen einer Gesellschaft vom Fortschritt aus. Der Wohlstand konzentriert sich auf eine schmale Elite, die kein Interesse am Wandel hat und sich allem widersetzt, was ihre Macht gefährden könnte. Das Resultat sind Verarmung der Massen und wirtschaftliche Stagnation.
Die Geschichte von Venedig illustriert diese These exemplarisch. In der Mitte des 14. Jahrhunderts zählte die Stadt rund 110’000 Einwohnerinnen und Einwohner, etwa gleich viel wie Paris und deutlich mehr als London. Dank inklusiven Institutionen wurde Venedig die reichste Stadt Europas. Die wichtigste dieser Institutionen war die commenda, eine frühe Form einer Aktiengesellschaft. Die Commenda war eine Partnerschaft von zwei Parteien: Die eine stellte das Kapital zur Verfügung – heute würde man von Risikokapital sprechen –, die andere unternahm abenteuerliche Handelsreisen. Typischerweise war der Risikokapitalgeber ein reicher Kaufmann und der Abenteurer ein junger Kapitän. Die Commenda war gleichzeitig eine attraktive Anlagemöglichkeit für mutige Investoren und ein ideales Vehikel zur Förderung des begabten Nachwuchses. Dem Tüchtigen winkte der soziale Aufstieg. Politische Stolpersteine gab es keine. Venedig wurde von einem Dogen regiert, dessen Machtfülle stark eingeschränkt war. Als 1355 ein Doge namens Marino Falier versuchte, seine Machtfülle auszudehnen, wurde er geköpft.
Dank der Commenda wurde Venedig auch ein Hort des Fortschritts. Der Franziskanermönch Luca Pacioli entwickelte die doppelte Buchführung. Auf dem Gelände des Arsenale – heute ein Platz für Ausstellungen – wurden im 15. Jahrhundert von 16’000 Arbeitern Schiffe und Kanonen hergestellt, in einem Verfahren, das die Arbeitsteilung moderner Betriebe vorwegnahm. Selbstverständlich war Venedig auch eine Hochburg der Künste.
Der Niedergang Venedigs setzte ein, als die bessere Gesellschaft begann, sich abzuschotten. Der Grosse Rat, einst das Gegengewicht zum Dogen, entwickelte sich zu einer elitären Hochburg. Wer nicht zur richtigen Familie gehörte, wurde ausgeschlossen. «Die Commenda-Verträge, die grosse institutionelle Innovation, die Venedig reich gemacht hatte, wurden verboten», stellen Acemoglu/Robinson fest. «Das ist nicht weiter überraschend. Die Commenda-Verträge haben junge, aufstrebende Unternehmer begünstigt, und gerade die wollte die bestehende Elite wieder zurückdrängen.» Immer häufiger griff die immer dekadenter werdende Oligarchie zu exkludierenden Mechanismen. Der Mittelstadt verarmte, Venedig versank in der Bedeutungslosigkeit. Heute ist die Stadt ein historisches Disneyland.
Das Beispiel von Venedig ist brandaktuell. Auch wir leben in einer Gesellschaft, in der sich der Reichtum auf eine schmale Elite konzentriert, wie Thomas Piketty in seinem Buch «Das Kapital des 21. Jahrhunderts» eindrücklich nachweist. Ein neuer Geldadel wird zur grössten Gefahr für die Demokratie, eine zunehmend monopolisierte Wirtschaft bedroht den Fortschritt. Oder glauben Sie, dass der nächste IT-Durchbruch von Microsoft, Apple oder Google ausgehen wird? Wie die Plutokraten von Venedig schotten sich diese Firmen zunehmend ab und kaufen alles auf, was ihnen gefährlich werden könnte.
«Warum Nationen scheitern» lässt sich schwer kategorisieren. Ist es Ökonomie? Geschichte? Soziologie? Es könnte sogar ein Roman sein, ähnlich wie David Packers famoses Buch «Die Abwicklung», das im Stile von John Dos Passos die Zerstörungen aufzeigt, die der Neoliberalismus in den USA verursacht hat. Aber eines ist das Werk von Acemoglu/Robinson nie: langweilig.
Daron Acemoglu/James A. Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2013. 608 S.
Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2014 (erscheint im Oktober), 912 S.