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Station J − Neustadt Walking Route
Als das Coop-Center Winkelried am 29. November 1962 eröffnet wurde, war es architektonisch ein Novum im Hirschmattquartier: Erstmals gab es ein Wohn- und Geschäftshaus, das nicht ein Blockrandbau war. Im relativ schmalen Geviert zwischen Kauffmannweg, Habsburger-, Winkelried- und Waldstätterstrasse nahmen die Planer keine Rücksicht auf den ursprünglichen Bebauungsplan, der die Blockrandbauweise vorschrieb. Das Migros-Coop-Haus blieb das einzige Gebäude, das mit der Tradition brach. Heute sind die Blockrandbebauungen im Hirschmattquartier geschützt.
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren galt ohnehin ein Architekturverständnis, das mit dem Überlieferten brach. Materialien wie Sichtbeton waren modern, klare Linien und objektivierbare Proportionssysteme galten als das Mass aller Dinge. Daraus entstanden kubische Bauten mit geometrischen Fassadenmustern, die in einem klaren Kontrast zu den verspielt und individuell gestalteten Häusern der Jahrhundertwende standen. Dies war schon früh ein kontroverses Thema im Quartier. Karl Zbinden, Quartiervereinspräsident von 1949 bis 1962, äusserte sich in einer Quartierchronik von 1978 diplomatisch: „Ob bei allen getroffenen Lösungen gegenüber dem Vorausgegangenen wirklich ein Fortschritt erzielt wurde, werden spätere Generationen kritisch beurteilen.“Ein anschauliches Beispiel für ein weiteres Problem, das sich in den Nachkriegsjahren manifestierte, liefert das Arlecchino-Haus an der Ecke der Habsburger- und Winkelriedstrasse, gegenüber dem Migros-Coop-Haus. Der im Jahre 1908 erstellte Vorgängerbau stand – wie viele Häuser im Hirschmattquartier – auf schlechtem Baugrund. Nach der Jahrhundertwende schien man der Pfählung nicht mehr den gleichen Stellenwert beizumessen wie in den Anfangszeiten. Man glaubte, der Baugrund im früheren Schwemmland des Krienbaches sei aufgrund der starken Versiegelung des Bodens durch Strassen und Häuser ausgetrocknet. Erst später stellte man die teilweise gravierenden Senkschäden fest – auch an der Habsburgerstrasse 23. Heinrich Keller, Architekt und Erbe der Baumeisterdynastie, kam zum Schluss, dass das Haus nicht zu retten war. Der Neubau entstand von 1959 bis 1960. Architektonisch gilt er unter Fachleuten als wertvoll, weil er sich in der Fassadengestaltung an die Proportionstheorien von Le Corbusier anlehnt. Dennoch wirkt er in seiner kubischen Schlichtheit wie ein Fremdkörper.
Ein interessantes Gebäude befindet sich auf der anderen Seite der Strassenkreuzung im Geviert von Kauffmannweg, Habsburger-, Winkelried- und Murbacherstrasse. Es ist das Wohn- und Geschäftshaus Hirzenmatt, das zwischen 1984 und 1987 erneuert und mit einem viergeschossigen unterirdischen Parkhaus ergänzt wurde. Damals erhielt es auch einen glasüberdachten, begrünten Innenhof – eine bemerkenswerte Ausnahme im Quartier. Über dem Eingang an der Murbacherstrasse 25 wird das Haus Hirzenmatt durch eine Auftragsarbeit von Hans Erni aus dem Jahr 1937 geschmückt. Der bemalte Betonguss mit Weltkarte und Handelssymbol war von der Firma Hofer & Co. für ihren Sitz „Warteck“ an der Murbacherstrasse in Auftrag gegeben worden. Hofer & Co. war eine der führenden Firmen im Lebensmittelgrosshandel. Sie zog 1958 nach Ebikon und fusionierte 1977 mit der Curti & Co., die ihren Ursprung ebenfalls im Hirschmattquartier hatte. Inzwischen heisst sie Bon appétit Group, zu der auch bekannte Namen wie Prodega und Pick-pay gehören und deren Aktienmehrheit sich seit 2003 im Besitz der deutschen Rewe-Gruppe befindet.
An der Pilatusstrasse, an der oberen Winkelriedstrasse und am Kauffmannweg wurde ein wesentlicher Teil der Bausubstanz in den Sechziger- und Siebzigerjahren ausgetauscht – mit grossvolumigen Wohn- und Geschäftshäusern, „architektonisch belanglos“ und „kaum in die historische Bebauungsstruktur integriert“, wie der Stadtführer „Luzern entdecken“ von 2016 festhält.
An der Paradestrasse des Quartiers, an der Hirschmattstrasse, versuchte man, die Baumuster der Jahrhundertwende in die Neubauten miteinzubeziehen. Das von 1966 bis 1969 erbaute Publicitas-Haus an der Hirschmattstrasse 36 ist ein Beispiel dafür, wie sich die konsequent gerasterte Glas-, Stahl- und Betonfassade mit ihren feinen Zäsuren in das Fassadenmuster der früheren Blockrandbebauung einfügt. Von den meisten Nachbargebäuden kann dies nicht behauptet werden.