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Integration
Fehr: Die Schweiz sollte Kosova in der jetzigen schwierigen Lage helfen
"Die Schweiz hat angesichts ihrer wichtigen Rolle in Kosovo die Pflicht, Probleme dort lösen zu helfen"
Jacqueline Fehr ist eine Schweizer Politikerin auf nationaler Ebene, bekannt für ihren grossen Einfluss auf die Politik im Nationalrat, dem sie seit 1998 über mehrere Legislaturperioden bis heute angehört. An den Zürcher Regierungsratswahlen vom 12. April 2015 kandidiert sie für einen freigewordenen Sitz der Sozialdemokratischen Partei, deren Mitglied sie ist.
Mit Jacqueline Fehr, die auch für ihre freundschaftliche Beziehung zur albanischsprachigen Bevölkerung bekannt ist, sprach albinfo.ch über ihre Wahlchancen, die Lage in Kosova, die Integration der Albaner in der Schweiz, die Auflösung des Sozialversicherungsabkommens zwischen Kosova und der Schweiz etc.
Albinfo.ch: Was verbindet Sie mit Kosovo und den Albanerinnen und wie kam es zu dieser Beziehung?
Jacqueline Fehr: Meine ersten Kontakte mit Kosova rühren aus der Zeit als dort Krieg war, als die Kosovaren in ihrem eigenen Land stark unterdrückt wurden. Ich arbeitete damals in der Bildung, und lernte auf diese Weise in der Schweiz aufgenommene kosovarische Schulkinder kennen und hatte Kontakt mit ihnen. 2013 dann war ich im Rahmen einer Delegation in Kosova; es war eine Kombination zwischen einem offiziellen und einem privaten Besuch. Wir besuchten dort verschiedene schweizerische Projekte, darunter auch die Projekte von Solidar Suisse. Wir sprachen mit den Vertretern der damaligen Regierung, danach besuchten wir die Kfor beziehungsweise die Swisscoy etc.
Albinfo.ch: Die Schweiz und ihre ehemalige Aussenministerin Bundesrätin Calmy-Rey sprachen sich vor rund zehn Jahren für die Unabhängigkeit Kosovos aus. Seit 2008 ist Kosovo ein unabhängiger Staat und die Schweiz war bei den ersten Ländern, die diese Unabhängigkeit anerkannten.
J. Fehr: Betreffend die frühe Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovas durch die Schweiz glaube ich, dass unser Land in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt hat, auch wegen der Tatsache, dass hier schon früh viele Kosovaren lebten, so dass viele Schweizer enge Kontakte mit Kosovarinnen hatten. Dann gab es diesen Teil der Schweizer Aussenpolitik, welchen Calmy-Rey mit einem bedeutenden Schritt konkretisierte, indem sie die Unabhängigkeit Kosovas früh anerkannte, ein Schritt, dem die anderen Länder folgten.
Albinfo.ch: Im Licht des jüngsten Exodus der Kosovaren sind jetzt wieder Stimmen zu vernehmen, die Kosovo als “gescheiterten Staat” bezeichnen wollen. Was haben Sie diesbezüglich für eine Meinung?
J. Fehr: Offensichtlich leidet Kosovo zur Zeit unter schweren Problemen, wie etwa der stark verbreiteten Korruption etc. Die Menschen sind enttäuscht von der Politik und ich bin überzeugt, dass auch die Schweiz angesichts der wichtigen Rolle, die sie in Kosova spielt, die Pflicht hat, bei der Lösung von Problemen zu helfen. Wir wollen, dass wir in Kosova Politiker haben, die sich für das allgemeine Wohl einsetzen und nicht für ihre persönlichen Interessen.
Von jenen Stimmen, die von einem “gescheiterten Staat” sprechen, halte ich jedoch überhaupt nichts. Aber es gibt unter den Jungen, die in Kosovo keine Zukunft sehen, eine enorme Verzweiflung, und ich finde es sehr dramatisch, dass so viele Menschen Kosovo verlassen. Menschen, die dieses Land eigentlich aufbauen möchten.
Albinfo.ch: Der Ruf der Albaner aus Kosova ist in der Schweiz nicht sehr gut. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
J. Fehr: Es gibt sicher viele Gründe. Sie kamen in der Zeit der Krise aus Kosovo in die Schweiz, zusammen mit ihren Familien und vielen Jugendlichen, die keine Kinder, aber auch noch nicht ganz Erwachsene waren. Letztere hatten Probleme mit der Integration in die hiesige Gesellschaft. Doch mit der Zeit handelte es sich aus dieser Kategorie nur noch um einzelne Fälle von Straftätern, Fälle, wie sie es auch unter den Schweizern gibt. Inzwischen gibt es viele Beispiele von Jungen, die durch die Arbeit, die sie ausführen, erfolgreich in der hiesigen Gesellschaft integriert sind. Auch das Beispiel der erfolgreichen albanischen Schweizer Fussballer muss erwähnt werden. Wichtig für alle, die in ein fremdes Land leben gehen, ist, sich zu bemühen, die Landessprache zu lernen.
Albinfo.ch: Sie engagieren sich als Sozialdemokratin für die soziale Gerechtigkeit. Vor fünf Jahren wurde das Sozialversicherungsabkommen mit Kosovo von der schweizerischen Seite aufgelöst. Was halten Sie davon?
J. Fehr: Ich denke, dass dies ein grosses Problem ist für jene Kosovaren, die in der Schweiz arbeiteten und nun daran gehindert werden, die verdienten Renten zu bekommen. Über dieses Problem sprachen wir, als wir in Prishtina waren, und auch in Bern sprechen und diskutieren wir ständig über diese Angelegenheit. Für uns hat die Erneuerung dieses Abkommens hohe Priorität. Die Auflösung des Abkommens war ein politischer Entscheid, zu einer Zeit, als das Departement in den Händen rechter Parteien war. Es wurde versucht auf dem Rücken der Albaner Kosovos zu sparen. Die Gewerkschaften reagierten schnell, doch es ist immer schwierig, ein aufgelöstes Abkommen wieder abzuschliessen!
Albinfo.ch: Sie kandidieren für den Regierungsrat des Kantons Zürich. Sie haben langjährige Erfahrung in der nationalen Politik. Was veranlasst Sie, jetzt für ein kantonales Amt zu kandidieren?
J. Fehr: Wie Sie wissen, haben die Kantone in der Schweiz grosse Kompetenzen im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen etc., sie haben mehr Kompetenzen als der Bund. Und mir sind diese Bereiche sehr wichtig. Es gibt viele Themen, zu welchen die Entscheide in den Kantonen und nicht auf Bundesebene gefällt werden.
Albinfo.ch: Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen ein, gewählt zu werden?
J. Fehr: Die SP hat zwei Sitze in der siebenköpfigen Kantonsregierung. Einer dieser beiden Sitze ist frei, und diesen strebe ich an. Prognosen sind schwierig, die Chancen sind sicher gut, doch wir dürfen die Situation nicht unterschätzen, da die rechten Parteien bekanntlich eine Koalition eingegangen sind und uns diesen Sitz in der Kantonsregierung wegnehmen wollen.
Albinfo.ch: Was würden Sie der albanischen und den andern Bevölkerungsgruppen ausländischer Herkunft versprechen? Aus welchem Grund sollten sie Sie wählen?
J. Fehr: Ich setzte mich immer für Integration, Respekt und Toleranz ein. Ich habe viele Kontakte mit Menschen verschiedener Herkunft. Ich denke, dass die Schweiz den Migranten und insbesondere den Kosovaren dankbar sein sollte. Die über 200’000 Albanerinnen-Kosovarinnen, die in der Schweiz leben, leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand, dessen sich die Schweiz erfreut. Die Tatsache, dass die Menschen zu uns kommen, ist eine Bereicherung, eine enorme Chance, und daher versuchen wir, diese Chance zu nutzen und die Menschen zu unterstützen, damit sie sich bei uns wie zuhause fühlen.
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