Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03140.jsonl.gz/1315

Als Wilhelm Fiedler im Frühsommer 1864 seine Professur am Polytechnikum nach Prag antrat, muss er sehr erleichtert gewesen sein. Zum ersten Mal in seinem Leben verfügte der 32-jährige Mathematiker über ein festes Gehalt, das ausreichen würde, um seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen einen bürgerlichen Lebensstil zu sichern.
Wilhelm Fiedlers Karriere
Wilhelm Fiedler war 1832 in Chemnitz im Königreich Sachsen aufgewachsen. Dank Begabung und Fleiss schaffte Fiedler den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum. Sein Vater war noch Schuhmacher gewesen, er selbst promovierte 1859 an der Universität Leipzig in Mathematik.
Wilhelm Fiedler 1870 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_05903)
Wie man aus Wilhelm Fiedlers umfangreicher Korrespondenz, die im Hochschularchiv der ETH Zürich bewahrt wird, entnehmen kann, knüpfte er als junger Wissenschaftler wichtige Kontakte zu anderen Mathematikern. Aus diesem Netzwerk entwickelten sich persönliche Freundschaften, dazu gehörte auch die Freundschaft mit Franz Tilscher.
Franz Tilschers sozialer Aufstieg
Franz Tilscher war 1825 als Sohn eines Kleinbauern in Mähren in der Habsburgermonarchie geboren worden. Auch er hatte den sozialen Aufstieg geschafft. Die militärische Laufbahn in der österreichischen Armee hatte ihm eine praktische und wissenschaftliche Ausbildung ermöglicht.
1861 veröffentlichte Franz Tilscher ein umfangreiches mathematisches Werk zur Darstellung der Beleuchtung von Flächen in technischen Zeichnungen. Franz Tilscher hatte seine Ideen bereits gemeinsam mit seinen Studenten praktisch erproben können. Er unterrichtete seit einigen Jahren als Professor an der k. k. Genie-Akademie, der militärischen Ausbildungsstätte für Pioniere.
Die Freundschaft zwischen Tilscher und Fiedler
Fiedler war begeistert von Tilschers Publikation zur Beleuchtung von Flächen und schrieb eine Rezension dazu, für die sich Tilscher in einem Brief bedankte. In den folgenden Monaten wurde der briefliche Austausch zwischen den beiden jungen Mathematikern immer enger. Sie besprachen Probleme der Geometrie, berührten aber auch ihre familiäre Situation als Ehemänner und Väter von kleinen Kindern. Zwischen den beiden Mathematikern entwickelte sich eine Freundschaft, wie Tilschers Brief zeigt:
«Dass die Ankunft Ihrer so lieben, freundschaftlichen Zeilen mir stets Momente der reinsten Freude bereite, welche nachhaltig mein ganzes Wesen durchdringt, lassen Sie mir wohl zu betheuern. Mir könnt es vor, als ob ich aus Ihren Worten einen Jugendfreund vernähme, dem auch ich vertrauensvoll mein ganzes Wesen offenbare könnte, offenbaren müsste!» (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 87:1323)
Mehrsprachigkeit am Prager Polytechnikum
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an den Hochschulen der Habsburgermonarchie nur in deutscher Sprache unterrichtet. Deutsch war die lingua franca dieses mehrsprachigen Reichs. Mit dem Aufstieg neuer sozialer Gruppen wurden nun aber die anderen Sprachen im Reich gestärkt. Am Prager Polytechnikum forderten die tschechischsprachigen Studenten, die immerhin drei Viertel der Studentenschaft ausmachten, ihr Recht auf tschechische Lehrveranstaltungen. Dagegen hatten die deutschsprachigen Dozenten nichts einzuwenden, denn auch sie profitierten davon, dass das Polytechnikum wuchs.
Stadtansicht von Prag, 1870-1880, Glasplattennegativ handkoloriert
(ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia_074)
Die Nationalisierung der Wissenschaft(ler)
Als Fiedler die Professur in Prag erhielt, stellte sich die Frage, wer sein tschechisches Pendant als Professor für deskriptive Geometrie werden sollte. Fiedler setzte sich bei seinen Kollegen sehr für Tilscher ein, wie man aus den Briefen des Physikers Karl Wersin (1803-1880) und des Geographen Karl/Karel Kořistka (1825-1906) erfährt.
Die Reformen im österreichischen Bildungswesen in der Mitte des 19. Jahrhunderts brachten eine neue Denkweise mit sich. Der Wissenschaftsbetrieb und damit auch die Wissenschaftler wurden nationalisiert. Von aussen war es aber durchaus nicht immer so einfach, einen Wissenschaftler national zuzuordnen, so auch bei Franz Tilscher. Kořistkas tschechische Kollegen in Wien hielten Tilscher für einen Deutschösterreicher oder einen Bayern. Kořistka, der selbst perfekt zweisprachig war, liess sich erst in einem persönlichen Gespräch davon überzeugen, dass Tilscher (oder besser František Tilšer) die Lehrveranstaltungen durchaus auf Tschechisch halten konnte.
Tilšer erhielt daraufhin den Lehrstuhl und zog im September 1864 mit seiner Familie nach Prag. Hier verstärkte sich nun die Freundschaft zwischen den Mathematikern, auch die beiden Ehefrauen verstanden sich ausnehmend gut und die Kinder spielten miteinander.
Stadtansicht von Prag, ca. 1899, Postkarte, Ausschnitt
(ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_026603-RE)
Eine Freundschaft zerbricht am Nationalismus
Am Prager Polytechnikum kam es immer wieder zu heftigen nationalen Konflikten unter den Studenten und bald auch im Lehrkörper. Die deutschen Professoren beklagten sich darüber, dass sich die tschechischen Professoren bei der Besetzung deutscher Lehrstühle einmischten und dass das Polytechnikum «tschechisiert» werde. Der Ton im Professorenkollegium wurde immer gehässiger. Der Maschinenbauer Friedrich Kick (1840-1915) sprach vom «Gezische der tschechischen Schlangen», die ihre Wut unter einer Decke von Kollegialität und Freundlichkeit versteckten. Fiedler kritisierte, dass die Beziehungen im Lehrkörper «durch das nationale Parteigeschäft vergiftet» seien.
Fiedler stellte sich in diesem Konflikt ganz klar auf die Seite der deutsch-nationalen Professoren. Tilšer auf die Seite der tschechisch-nationalen Professoren. An diesem Konflikt zerbrach schliesslich ihre Freundschaft. Wie Fiedler in einem Gespräch zugab, hatte er im nationalen Konflikt seinen Freund verloren:
«Ja, mir selbst liegt eine eigene schmerzliche Erfahrung nahe […], ich habe einen wissenschaftlichen Mitarbeiter und Freund hier verloren, den ich zuerst beglückt war, hier zu finden.» (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 87: 1790)
Von Prag nach Zürich
Fiedler blieb nur drei Jahre in Prag und wechselte 1867 an das Polytechnikum in Zürich (die heutige ETH Zürich). Diese Stelle erschien ihm wohl nicht nur wegen der guten Entlohnung attraktiv, sondern auch, weil er so dem nationalen Hader entfliehen konnte. Zudem hatte die Familie Fiedler eine schwere Zeit durchgemacht, als die preussische Armee im Sommer 1866 im Zuge des Preussisch-Österreichischen Krieges in Prag einmarschiert war.
Von Zürich aus hielt Fiedler über viele Jahre Kontakt zu seinen Prager Kollegen, allerdings nur zu den deutsch-national eingestellten Professoren. Tilšer wurde später einer der ersten Rektoren des Böhmischen (Tschechischen) Polytechnikums, nachdem die Hochschule national geteilt worden war. Er war nun auch als tschechischer Nationalpolitiker im Landesparlament in Prag und im Reichsparlament in Wien tätig und gehörte den sogenannten Jungtschechen an.
Ausschnitt aus einem Brief Tilschers an Fiedler, 22.12.1862
(Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 87:1322)
Ein später Versöhnungsversuch
Erst viele Jahre später unternahm einer der beiden Männer den Versuch, an die freundschaftlichen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Tilšer griff 1878 zur Feder, nachdem er auf Fiedlers alte Briefe gestossen war und die «einstige freundschaftliche Correspondenz» durchgeblättert hatte. Tilšer drückte den «innigen Wunsch» aus, «die durch so manche unglückseligen Verhältnisse unterbrochenen Verbindungen […] für die Zukunft wieder zu erneuern» (Hs 87: 136). Doch Fiedler blieb distanziert. Die zerbrochene Freundschaft liess sich nicht mehr kitten.