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Mehdi Atmani
21. Juni 2019
Tadaaa! Wenn Netflix’ sonores Erkennungs-Jingle durch das Wohnzimmer seines Apartments in Brooklyn schallt, ist er noch immer ein wenig gerührt. Der Schweizer Journalist, Autor, Produzent und Regisseur Jean-Cosme Delaloye macht keinen Hehl daraus, schliesslich hat er alles darangesetzt, seinen letzten Film «Stray Bullet» im Katalog der berühmten amerikanischen Plattform unterzubringen. «Bis vor Kurzem zeigte ich meine Dokumentarfilme auf zahlreichen Festivals». Aber das lief sich irgendwann tot, erinnert er sich. «Für ‹Stray Bullet› träumte ich von einem kommerziellen Erfolg, ich hatte von Anfang an den Ehrgeiz, den Film einer dieser fetten Streaming-Plattformen anzubieten.»
Seit 2002 in New York beheimatet, ist der 44-jährige Lausanner den Lesern von 24 heures und Tribune de Genève mit seinen Beiträgen vertraut. Das Dokumentarfilmfieber hat ihn spät ergriffen, in Gestalt des Schweizer Regisseurs und Fotografen Nicolas Pallay. Es war im Jahr 2004, als Jean-Cosme Delaloye und sein Komplize in die Welt eines Gefängnisses in Louisiana eintauchten, in dem die Häftlinge jedes Jahr im Oktober an einem Rodeo teilnehmen. Der Journalist kommt mit seinem ersten Dokumentarfilm heraus, der bei Temps Présent ausgestrahlt wird.
Traumziel Netflix
Seine Anfänge im Dokumentarfilmgenre sind tastend. Jean-Cosme Delaloye probiert dies und das, reist schliesslich auf eigene Faust nach Nicaragua, wo er den Überlebenskampf dreier Frauen auf La Chureca filmt, der grössten Mülldeponie Zentralamerikas. «By My Side (A Mi Lado)», sein erster, über seine persönliche Visa-Karte finanzierter Dokumentarfilm, erscheint 2011. «Es dauerte und war manchmal mühsam, aber diese erste Erfahrung war prägend», erklärt Jean-Cosme Delaloye. Sie setzt die Maschine in Gang. 2014 drehte der Journalist «Riding The Death Train», einen dokumentarischen Kurzfilm, es folgte 2015 «La Prenda (The Pawn)».
Von seinen Festival-Erfolgen beflügelt, beschleunigt Jean-Cosme Delaloy das Tempo. Mit «Stray Bullet» zielt er offen auf Netflix, indem er Erzählung, Stil und sogar das Thema des Films auf die Plattform ausrichtet. «Mein Ehrgeiz galt dem kommerziellen Erfolg, weniger der Anerkennung auf Festivals. Ich wollte, dass der Film von vielen gesehen wird». Der 2017 gedrehte, von der Genfer Firma Tipimages produzierte Dokumentarfilm führt uns in die gewalttätige Welt der Gangs von Paterson, New Jersey. Dieser dritte, von RTS mitproduzierte Dokumentarfilm lief 2018 an den Solothurner Filmtagen.
Der amerikanische Agent verhandelt
Obwohl der Film amerikanischen Sehgewohnheiten weit entgegenkommt, muss Netflix erst überzeugt werden. Die Plattform erweist sich als schwer zu verführender Partner. «Es war ein langer Prozess der Annäherung, volle acht Monate bis zur Unterzeichnung des Vertrags», erzählt Jean-Cosme Delaloy. «Der entscheidende Schachzug bestand in der Verpflichtung eines amerikanischen Agenten als Verhandlungsführer». Der Regisseur selbst kommt nie direkt mit der Plattform in Berührung. Schliesslich sagt Netflix zu und bringt den Film im Juli 2018 in seiner Dokumentationsreihe heraus. «Stray Bullet» sei alles andere als ein Zugpferd für die Plattform, betont Jean-Cosme Delaloye. «Ich will damit sagen, dass wir für die Promotion selbst verantwortlich sind». Denn Zuschauerzahlen wie auch Details des Vertrags sind vertraulich; mit welchem Erfolg der Film läuft, bleibt ein Geheimnis.
Nichtsdestotrotz erhöht die Marke Netflix die Nachfrage bei den Medien. Delaloye ergattert mehrere Interviews für amerikanische Branchenblätter. Die sozialen Medien sorgen zusätzlich für Werbung. Als Autor geht der Schweizer auf Netflix allerdings leer aus. «Man muss gleichzeitig Produzent sein, um sich Hoffnungen auf Einnahmen zu machen. Aber das wusste ich von Anfang an. Es ging mir nicht ums Geld. Ich war an der Sichtbarkeit interessiert, die Netflix bietet. Jetzt wo ich einen Fuss in der Tür habe, kann ich mich mit meinem nächsten Film in Stellung bringen, der 2019 erscheinen soll». Aus seinem Wunsch, weiterhin mit der Plattform zusammenzuarbeiten, macht Jean-Cosme Delaloy kein Geheimnis. Um am Ball zu bleiben, bereitet er gerade seinen Umzug an die Westküste vor.
Der Fall «Station Horizon»
Pierre-Adrian Irlé ist der Schöpfer von «Station Horizon», einer 2015 von RTS ausgestrahlten Vorzeigeserie. Die im Wallis gedrehte Fiktion im Stil eines modernen Western hat Eingang in den Katalog von Netflix gefunden. «Ich stehe nicht in direkten Verhandlungen mit Netflix», wiegelt Pierre-Adrian Irlé ab, «die Dinge liegen komplizierter». Als Produzent hat Piere-Adrian Irlé die Rechte an «Station Horizon» für Territorien ausserhalb der Schweiz gegen eine Minimumsgarantie an die internationale Vertriebsgesellschaft Banijay abgetreten. «Vertriebe wie Banijay haben in der Regel ein kommerzielles Interesse, eine Serie von Land zu Land direkt an Fernsehsender zu verkaufen. Für eine fertig produzierte Serie ist das viel profitabler als ein multi-territorialer Vertrag mit Netflix.»
Im Fall von «Station Horizon» hat Banijay die Serie nach Australien verkauft, wo sie gut lief. Dann an Sony für Zentralasien und Russland (CEI). «Danach haben sie versucht, mit Walter Presents von Channel 4 für Grossbritannien zu verhandeln, aber das hat zu nichts geführt. Daraufhin haben sie Netflix ein mehrere Territorien umfassendes Paket angeboten, darunter auch die Vereinigten Staaten», erklärt Pierre-Adrian Irlé. «Man muss zwischen einer komplett lokal produzierten und erst dann an Netflix verkauften Serie und einer mit der Streaming-Site koproduzierten Serie unterscheiden. ‹Station Horizon› ist keine Netflix-Serie. Deshalb wird sie weniger prominent ins Spiel gebracht als eine Eigenproduktion. Netflix investiert nicht gleichhohe Beträge».
Intransparente Auswahlverfahren
Für den Produzenten und Regisseur der Serie war Netflix nicht der erste Versuch. «Ich wollte das Projekt in die Vereinigten Staaten verkaufen. Ich habe bei HBO, Showtime, AMC und Sony angeklopft, wo die Abläufe sehr klar sind. Man stellt das Projekt vor und hat drei Wochen später eine Antwort.
Bei Netflix war das nebulöser. Ich habe Leute bei sich zuhause in Los Angeles getroffen, ohne dass mir die Auswahlverfahren im Geringsten offengelegt wurden. Ich erinnere mich, dass ich das Projekt intern an mehrere Personen schicken musste, ohne über den Weg und das Schicksal meiner Eingabe informiert zu werden.»
«Dieser Mangel an Transparenz ist symptomatisch für ein Unternehmen, das seine Betriebsabläufe gerade erst entwickelt», fügt er hinzu. «Wir haben es mit einer sehr jungen Firma zu tun, die es in ihrem raschen Wachstum bewusst vermieden hat, zu viele interne Prozesse zu regeln. Sie möchte ein grösseres Start-up bleiben, ohne komplizierte Struktur. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich».
Pierre-Adrian Irlé zufolge ist diese Haltung ein zentrales Element der DNA von Netflix. Im Übrigen verfolgt der Produzent und Regisseur die Revolution des audiovisuellen Markts mit geschultem Blick. «Wir befinden uns gerade in einer absolut spannenden Übergangsphase. Ein grosser Teil des Netflix-Personals stammt aus amerikanischen Filmstudios und Kabelsendern, von dort versorgen sie die Plattform mit Knowhow in Sachen Eigenproduktion. Wenn heute ein Sender einen neuen Kanal eröffnet, handelt es sich mit Sicherheit um eine Plattform». Pierre-Adrian Irlé kann freilich schon deshalb schwerlich das Gegenteil behaupten, weil er gerade dazu erkoren worden ist, die künftige Streaming-Plattform der SRG zu leiten.
Lokale Geschichten mit grosser Reichweite
Genau wie Jean-Cosme Delaloye und Pierre-Adrian Irlé schielen auch zahlreiche weitere Schweizer Autorinnen und Autoren nach den Streaming-Plattformen. Aber wie arbeitet es sich mit und für Netflix? Was ist die Antwort auf das, was beim Einsatz dieser Plattformen auf dem Spiel steht, insbesondere in Sachen Urheberrechte und künstlerische Unabhängigkeit? Alle Schweizer Autoren und Drehbuchschreiber stellen sich diese Frage und schwanken bei der Beantwortung zwischen Enthusiasmus und Skepsis.
In Genf hat Stéphane Mitchell das Drehbuch der von Teleclub mitproduzierten RTS-Erfolgsserie «Quartier des banques» geschrieben. Die Rechte an der Serie wurden in ein Dutzend Länder verkauft. Seit dem ersten Dezember 2018 wird sie auf Amazon Prime ausgestrahlt. «Für Autoren aus der Romandie ist die Schweiz ein kleiner Markt mit gerade mal zwei grossen Akteuren, der SSR und dem Kino, sagt Stéphane Mitchell. Die Ankunft neuer Online-Anbieter verbreitert das Angebot. Es ist verlockend und zugleich beunruhigend. Das Service-public-Fernsehen steht für Vielfalt der Erzählweisen. Mit den Plattformen wächst das Risiko, bloss noch Mainstream zu liefern. Anderseits lohnt es sich sehr, auch für andere schreiben zu können».
Und weiter: «Keine dieser Plattformen hat mir je ein Angebot gemacht, aber bei unseren Autorentreffen herrscht die Meinung, dass das Schweizer Duopol so nicht länger haltbar ist. Obwohl ‹Quartiers des banques› ohne finanzielle Unterstützung der RTS nicht zustande gekommen wäre, ist es eine gute Sache, wenn auch andere Player sich an der Finanzierung von Dokumentar- und Spielfilmen beteiligen. Man kann sich gut vorstellen, in Zukunft zwei Jahre für die RTS zu arbeiten, dann für Netflix, dann für Amazon Prime oder Hulu. Die Schweizer Autoren drängen nämlich mehr und mehr auf Export. Viele reizt der Spagat, eine lokale Geschichte mit internationaler Reichweite zu erzählen. Wenn die Amerikaner das so gut hinkriegen, sollte uns das auch gelingen».
Die Serie «Quartier des banques» ist dafür das perfekte «Produkt» aufs Exempel. «Wir haben die Serie zusammen mit Belgien produziert. Wir haben schon während des Schreibens darauf geachtet, der Serie einen internationalen Anstrich zu geben, erklärt Stéphane Mitchell. Einerseits ist die Serie sehr schweizerisch. Die Intrige entwickelt sich in einer Genfer Bank. In Form und Anlage aber sollte die Geschichte genügend Ausstrahlung für ausländische Zuschauer haben.» Die Wette ging auf, auch wenn die Ausstrahlung über die Plattform Amazon Prime die Gretchenfrage nach der Vergütung aufwirft. «Ich weiss noch nicht genau, was das in punkto Urheberrecht bedeutet».
Kopfzerbrechen übers Urheberrecht
Stéphane Mitchell legt den Finger auf die Wunde. Durch ihre Vorherrschaft im Bereich der audiovisuellen Online-Produktion orientieren die Plattformen sich zwingend am amerikanischen Konzept des Urheberrechts. Einem Modell, das das Ökosystem der Kunstschaffenden aus der Balance zu bringen droht. Oft werden Urheberrecht und Copyright verwechselt, obwohl sie in wesentlichen Punkten verschieden sind. Das französische Recht beispielsweise geht von der Beteiligung mehrerer Autoren an einem audiovisuellen Werk aus (Drehbuch, Dialoge, Adaption, Herstellung, Musik) und das Urheberrecht sieht eine Entschädigung aller an einem Werk beteiligten Personen über ihr ursprüngliches Arbeitshonorar hinaus vor. So sichert das Gesetz den Autorinnen und Autoren beispielsweise eine finanzielle Beteiligung bei jeder neuen Ausstrahlung.
Das angelsächsische Copyright wiederum schützt den Nutzer eines Werks, nicht die Autoren. Im amerikanischen Recht ist der Schöpfer eines Werks sein Produzent, gleichgültig, ob es sich um eine natürliche Person oder eine Produktionsfirma handelt. Das bedeutet, dass der «Autor» eines Werkes mit jedem Verkauf wechselt, während die wahren Schöpfer nach Ablieferung ihres Werks mit einer einmaligen Zahlung abgefunden werden. Allerdings gibt es auch einen anderen Zahlmechanismus. Er besteht darin, sich direkt vom Produzenten vertraglich einen Netto-Prozentsatz für jeden Weiterverkauf zusichern zu lassen. Darüber wird derzeit verhandelt.
In Europa ist man beunruhigt, weil die amerikanischen Streaming-Plattformen dazu neigen, den Autoren ihr Copyright-System aufzuzwingen. Für die Autoren, die in irgendeiner Weise mit den Plattformen zusammenarbeiten wollen, bedeutet das: Friss oder stirb. Weder Netflix noch die Autoren, die direkt mit der Plattform zusammenarbeiten, haben sich bislang zu der Frage geäussert. Netflix wie auch HBO praktizieren einfach ihr sogenanntes Buy-out-System. Es besteht darin, bei der Vertragsunterzeichnung alle Autorenrechte zu erwerben, ohne danach noch einen Gedanken an die bei der Verwertung des Werks anfallenden Tantiemen verschwenden zu müssen. In Frankreich wie auch in Spanien werden Urheberrechtsgesellschaften, die die Autoren begleiten, verteidigen und unterstützen, im Unklaren gelassen. So schädigt die Ausbreitung der Streaming-Plattformen die Rechte der Urheber, ohne dass es bislang etwas Wirksames zu deren Schutz gäbe.
▶ Originaltext: Französisch
Pascaline Sordet
21 Juni 2019
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