Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03281.jsonl.gz/2047

|SYMPOSIUM [Kapitel 1] [Kapitel 3]

SYMPOSIUM und DISKUSSION über karnevaleske Strategien in den Medien und als Form widerständiger Praxis
Shedhalle, Samstag 11. Dezember 2004, 15.00-19.00 Uhr
|TeilnehmerInnen:
||Minerva Cuevas (Mexiko Stadt)

Marcelo Expósito (Barcelona)
Brian Holmes (Paris)
Sabine Kock (Wien)
Matthias Rothe (Frankfurt/Oder)
|Konzept und Text
||Sønke Gau und Katharina Schlieben

Das Symposium findet im Rahmen des ersten Kapitels der thematischen Projektreihe Spektakel, Lustprinzip oder das Karnevaleske? statt. Ausgangspunkt des Projektes ist die Re-Lektüre von Michail M. Bachtins Text Literatur und Karneval. Bachtin analysiert die Einflüße von mittelalterlicher Lachkultur und dem Karnevalesken im Volksbrauchtum auf die Literatur. Seine Romantheorie geht davon aus, dass das Karnevaleske eine Möglichkeit sei, die «Welt umzustülpen und damit die Ordnung und alle aus ihr erwachsenen Formen der Furcht, Ehrfurcht, Pietät und Etikette außer Kraft zu setzen». Das Lachen und das Karnevaleske sind für Bachtin Schutzformen, die es erlauben äußere und vor allen Dingen auch innere Zwänge und Zensur zu unterlaufen und zumindest temporär und symbolisch eine unterbewußte «Volkswahrheit» darzustellen, welche die «Welt auf eine neue Weise öffnet». Obwohl sich Bachtins Analyse auf den Bereich der Literatur beschränkte, konnte der Text in der stalinistischen Sowjetunion nicht veröffentlich werden, da die zuständigen Behörden in ihm eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung vermuteten. Auch wenn der eigentliche Karneval nur zu einem bestimmten Zeitpunkt (Fest) stattfinden durfte, er also per se ephemer Natur war, und dem «Lachen selber kaum Grenzen gesetzt wurden sofern es Lachen blieb», d.h. eben keine konkreten politischen Forderungen damit verbunden sein konnten, so wurde doch das befreiende utopische Moment des Karnevalesken gefürchtet.
AktivistInnen und KünstlerInnen setzten sich seit Langem mit dem Modus des Karnevalesken als Ausdrucksform politischen, gesellschaftskritischen Widerstandes auseinander. Neben der Spassguerilla ist das prominentestes Beispiel hierfür der unter anderen von Reclaim the Streets organisierte «Globale Karneval gegen das Kapital», der am 18. Juni 1999 parallel zu einem G8-Treffen der Staatschefs der acht industiralisiertesten Staaten stattfand. Im Spannungsfeld der Dialektik des Modus des Karnevalesken, dass er einerseits auf Grund seiner Ventilfunktion bestehende Ordnungen stabilisieren kann und von der Spassgesellschaft als bloßes Spektakel vereinnahmt, bzw. produziert wird und dem Standpunkt andererseits, dass keine Revolution ohne Lust stattfinden könne, bzw. dem utopischen befreienden Potentials des Karnevalesken, stellen sich Fragen nach der Effizienz dieses Darstellungsmittels zur Durchsetzung politischer Anliegen.
Das Symposium möchte der Thematik aus wissenschaftlicher, künstlerischer und aktivistischer Perspektive nachgehen und die Möglichkeiten karnevaleske Strategien in den Medien und als Form widerständiger Praxis erörtern. Eine Praxis, die das kulturproduzierende Arbeitsfeld unmittelbar, im institutionellen und nicht-institutionellen Kontext, betrifft. Die Frage nach der intervenierenden und symbolischen Dimension im Feld der künstlerischen Arbeit steht zu Disposition.
|Timetable:
||Matthias Rothe

Minerva Cuevas
Sabine Kock
Brian Holmes / Marcelo Expósito
|15.00

15.45
16.30
17.30
Anschließend Diskussion
Minerva Cuevas
lebt und arbeitet als Künstlerin und politische Aktivistin in Mexiko Stadt.
Mittels einer Art von Selbstinstitutionalisierung gibt sich Minerva Cuevas eine korporative Form und einen Firmennamen als eine Strategie zur Selbstbehauptung und Autonomie. Mit ihrer Firma "Mejor Vida Corp." (Besseres Leben Corp.) imitiert sie einerseits die Anonymität und Marktstrategien von Großunternehmen, andererseits richtet sie deren Strategien gegen sie selbst mittels verschiedener Kampagnen und Interventionen. Neben ihrem Büro in Mexiko Stadt, nutzt sie häufig Kunstinstitutionen als Plattform zu Distribution oder als Ausgangspunkt für aktivistische Projekte. Neben MVC initiierte sie andere Projekte wie das Projekt MVC-Biotec, MVC:Radio und ist Mitglied von irational.org.
http://www.irational.org/minerva/resume.html
Marcelo Expósito
lebt und arbeitet als Künstler, Kurator und Kritiker in Barcelona
Marcelo Expósito ist als Künstler in der aktuellen Ausstellung der Shedhalle vertreten. Sein 60minütiger Film Radical Imagination (Carnivals of Resistance)(2004) wurde von ihm für die Ausstellung produziert. Die Arbeit ist das zweite Video der Reihe Entre sueños (Im Halbschlaf), die sich vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozeßen und der postfordistischen Umgestaltung des urbanen Raumes mit neuen sozialen (Protest-)Bewegungen auseinandersetzt. Radical Imagination (Carnivals of Resistance) beleuchtet den Carnival against Capital, eine Aktion, die sich am 18. Juni 1999 karnevalesker Strategien bediente, um öffentlichen Raum zurückzuerobern und um auf die Anliegen der Bewegung aufmerksam zu machen. Expósito zeigt Ausschnitte aus seinem aktuellen sowie aus dem ersten Film der Reihe Primero des mayo (la ciudad-fárica) (1. Mai Die Stadt als Fabrik) und erläutert die Kontexte.
Brian Holmes
lebt und arbeitet als Kulturtheoretiker, Kritiker und Übersetzer in Paris
Holmes war aktiver Teilnehmer der globalisierungskritischen Bewegung. In der Zusammenarbeit mit den Pariser KünstlerInnengruppe Ne Pas Plier, Bureau d'Etudes und anderen Gruppierungen hat er sich mit der Entwicklung künstlerischer Strategien für die globale Protestbewegung befasst. Holmes Beitrag zum Symposium ?Do-It-Yourself Geopolitics? ist eine Kombination aus Vortrag und Diashow, in der er das subversive Potential kollektiver Protestformen der Anti-Globalisierungskampagnen untersucht.
Sabine Kock
lebt in Wien und arbeitet in der IG Freie Theaterarbeit und als Kulturtheoretikerin.
Ausgehend von Renate Lachmanns kulturtheoretischer Beobachtung ambivalenter karnevalesker Elemente in der Volkskultur der Renaissance soll der Versuch unternommen werden, im kulturhistorischen Bogen über karnevalesker Montage in der (widerständigen) Literatur der DDR Autorin
Irmtraud Morgner über das Verhältnis von Widerstand und (karnevalesker) Groteske als Formspiel einer aktuellen Wienr OFF Theaterproduktion von Toxic Dreams bis hin zu einer filmisch theatralen Dokumentation eines feministischen Filmkollektivs über die Ereignisse in Genua das Spannungsfeld von literarästhetischem bzw.theatralem und filmischem, politischem und feministischem Diskurs exemplarisch zu beschreiben. Hintergrundfrage sind dabei (Genre-) spezifische Wirkungsmechanismen von Öffentlichkeit und Rezeption.
Matthias Rothe
seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder
Derzeitige Forschungsschwerpunkte: Theorie und Geschichte der Schauspielkunst, Empfindsamkeit, Geschichte der Rhetorik
Matthias Rothe ist Mitherausgeber der im Rahmen des gleichnamigen Symposiums (2000) erschienenen Publikation Ritualisierte Tabuverletzungen, Lachkultur und das Karnevaleske (Frankfurt/Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2002). Seine aktuellen Bezugspunkte zum Karnevalesken ist die Beschäftigung mit der Theater-Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zum anderen das Thema «Überwachung». Rothe interessiert am karnevalesken Protest u.a. der Zusammenhang zwischen seiner Praxis und seiner theoretischen Reflexion: Zum Beispiel, von welchem Selbstverständnis, welchen theoretischen Prämissen gehen AktivistInnen, die sich karnevalesker Praktiken bedienen, aus und inwiefern holt diese Verständnis noch das ein, was sich im und aus dem Protest entwickelt.
SYMPOSIUM (Kapitel 3): Samstag, 18. Juni, 15.00 18.00 Uhr
Zum Modus des Spielerischen und der Lust zwischen Widerstand und Begehren.
Robert Pfaller (Philosoph, Kunstuniversität Linz),
Patricia Alleyne-Dettmers (anthropologische Linguistin, Konstanz),
Rudi Maier (Mediologische Vereinigung, Ludwigsburg)
Robert Pfaller
DIE BETRÄCHTLICHEN BEGEISTERUNGEN DER UNGETÄUSCHTEN
Über das Lustprinzip in der Kultur
Wie Johann Huizinga bemerkt, können ausschließlich diejenigen in den Bann eines Spiels geraten, die wissen, daß es "nur" ein Spiel ist. Nur die Ungetäuschten sind begeistert. Dies verweist auf einen besonderen Typ von Einbildung - jene charmante, aufgehobene Illusion, die in allen Lustpraktiken der Kultur am Werk ist und allen Spektakeln deren Zauber verleiht. Gegen dieses Lustprinzip aber richten sich heute sowohl religiöse wie vermeintlich "aufgeklärte" Tendenzen in der Kultur, die alles Magieverdächtige zu vernichten versuchen. Dadurch kommt es zu einer Zerstörung von Öffentlichkeit, einer "Tyrannei der Intimität" (Richard Sennett), die nicht allein der auf dem Prinzip der Intimität beruhenden (und dadurch dem Spektakel feindlichen) "Spektakelkultur" nützt. Vor allem verstärkt dieser Prozeß auch jene Ideologie, welche derzeit den neoliberalen Kräften am meisten dient.
Robert Pfaller lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz und an der Technischen Universität Wien. Gastprofessuren u. a. in Berlin, Chicago, Oslo, Strasbourg und Zürich. Veröffentlichungen u. a.: Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002.
Rudi Maier, Mediologische Vereinigung Ludwigsburg
Narrenproduktion - Zur Disziplinierung der Zeichen der Revolte
"Get up, stand up", "Fight for your right!", “Radikalisiert das Leben!" - Langjährige Parolen linker Bewegungen und gleichzeitig Headlines kommerzieller Werbeanzeigen aus den letzten Jahren. Hier zeigt sich ein umkämpftes Verhältnis, das seit 1967 zu beobachten ist und in welchem in Werbeanzeigen die Zeichen der Revolte diszipliniert und die Träger der Revolte als Narren und Andersartige gekennzeichnet werden sollen. Die oftmals spielerisch gestalteten Werbeanzeigen verraten dabei viel über die Ordnung der jeweiligen Gesellschaftsformation von 1967 bis heute - eine multimediale Einführung ins Feld "Werbung & Revolte".
Rudi Maier, Aktivist und Kulturwissenschaftler, Mitarbeit bei der Mediologischen Vereinigung Ludwigsburg, Fan der Yes Men und Stuart Halls, von Star Trek und Donna Haraway sowie der Kommunikationsguerilla. Lebt in Ludwigsburg und interessiert sich für die unendlichen Weiten der Logoscapes des 21. Jahrhunderts.
Patricia T. Alleyne-Dettmers
GANGAJAL: HOLI WATER
DAS POLITISCHE IN DER ÄSTHETIK DES KARNEVALS IN NOTTING HILL
Die Präsentation widmet sich der Fallstudie Gangajal: Holi Water zur Zeit des Karnevals auf den Straßen von Notting Hill in London. In ihr werden zwei universelle Ursprungsmythologien re-choreografiert, die den geografischen Raum vom Ganges in Indien bis zu den westeuropäischen Mythen der Erschaffung und Zerstörung des Garten Eden umspannen. Es entsteht eine andere Lesart "ästhetischer Differenz" durch die Transformation eines Zwischenraums zum Machtbereich im Rahmen des festlichen Karnevaldramas. Hieraus entsteht ein Ort politischen Widerstands, der alle performativen Genres des Karnevals umfasst Musik, Tanz, Theater usw.
Die Präsentation besteht aus drei Teilen. Der erste zeigt die historischen Konturen des Karnevals in Trinidad ein emanzipatorisches Projekt, das von den afro-karibischen Einwandereren nach Großbritannien gebracht wurde und dass Form und Inhalt des Karnevals in Notting Hill im Nachkriegs-Großbritannien maßgeblich mitbestimmte. Der zweite Teil beschreibt die Fallstudie und ihre symbolische Neubesetzung alter Mythologien selbst indischer wie westeuropäischer. Der dritte Teil untersucht die Zukunft von Multikulturalität in Großbritannien, und wie diese sich zu den Inszenierungen in Notting Hill verhält.
Patricia Tamara Alleyne-Dettmers ist ausgebildete Linguistin und Anthropologin. Seit mehr als zehn Jahren untersucht sie den Karneval auf Trinidad und in Großbritannien aus der Perpsektive der "einheimischen Maskierten" wie auch als professionelle Anthropologin. Derzeit lehrt sie Post Colonial Studies am Institut für Soziologie an der Universität Hamburg.
http://www.geocities.com/heartland/plains/9748/