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Hebammen wissen schon seit langer Zeit, dass das volle Stillen eine erneute Schwangerschaft hinauszögern kann. Auch heute noch ist das Stillen eine der am weitverbreitetsten Methoden der Empfängnis-regelung, vor allem in nicht westlichen Kulturen.
Folgende Anekdote wird gern erzählt: „Ich kenne eine Nachbarin, die trotz Stillen ihre Kinder in sehr kurzen Zeitabständen geboren hat. Also ist es keine wirksame Methode.“ Wie sieht es aber tatsächlich aus? Man müsste unbedingt wissen, ob diese Nachbarin ihr Kind voll gestillt hat oder ob sie ihm zusätzlich noch Flaschennahrung gegeben hat. Wie oft hat sie ihr Baby gestillt? Hat sie nachts auch gestillt oder hat das Kind schon durchgeschlafen?
Verschiedene Ärzte haben in den 1960er-Jahren begonnen, ihre Beobachtungen zu beschreiben. So auch Dr. F. und. M. Guy aus Frankreich. Das Paar beobachtete schon damals, dass die Frauen auf Maurizius unfruchtbar waren, wenn sie voll stillten und ihre Menstruation noch nicht wieder eingesetzt hatte.
In Österreich beobachtete Dr. Josef Rötzer, dass keine vollstillende Frau (5-6 Mal Stillen inklusiv einem Nachtstillen) in den ersten 12 Wochen nach der Geburt schwanger wurde. In den USA schrieb Sheila Kippley ein berühmtes Buch: „Breastfeeding and Natural Child Spacing“. In den 1970er Jahren entdeckte man endlich das Hormon, welches für die Milchbildung verantwortlich ist und zugleich den Eisprung in den Eierstöcken blockiert: das Prolaktin. Endlich begann man die Wechselwirkung zwischen dem Stillen und der Unfruchtbarkeit zu verstehen.
Es wurden viele Beobachtungen über diese Wechselwirkung publiziert. 1988 trafen sich Wissenschaftler aus aller Welt in Bellagio / Italien um über ihre Erfahrungen auszutauschen. Gemeinsam haben sie den bekannten „Consensus von Bellagio“ verabschiedet:
„Wenn eine Mutter voll stillt und ihre Menstruation noch nicht wieder eingesetzt hat, verhindert das Stillen zu 98% eine Schwangerschaft während den ersten sechs Monaten.“
Ein Jahr später entwarf die Arbeitsgemeinschaft für natürliche Familienplanung die „Laktations-Amenorrhoe Methode“ (Amenorrhoe bezeichnet das Ausbleiben der Blutungen). Die LAM war geboren.
Damit hatte man zum ersten Mal festgehalten, unter welchen Voraussetzungen das Stillen eine zeitlich begrenzte, aber sichere und natürliche Methode der Familienplanung sein kann. Zudem hat diese Methode keine Nebenwirkungen, aber sowohl für die Mutter (Brust- und Eierstockkrebs-Vorsorge, Verminderung des Osteoporose-Risikos) als auch für das Kind positive Folgen (bei einer verlängerten Stillzeit).
Die WHO beschloss nun ihrerseits ebenfalls eine weltweite Studie mit 4000 Frauen durchzuführen. Diese wurde 1999 veröffentlicht und bestätigte alle vorangegangenen Studien und auch, dass die Wirksamkeit 99% und nicht 98% beträgt. Bei der WHO-Studie betrug die Sicherheit der Methode bei europäischen und nordamerikanischen Frauen sogar 100%, da keine der teilnehmenden Frauen schwanger wurde.
Man beobachtete, dass diese Methode sowohl für Frauen aus Industrieländern als auch für Frauen in der südlichen Hemisphäre gültig ist. Es war spannend festzustellen, dass sie bei Frauen aus der westlichen Welt, wenn diese von erfahrenen Beraterinnen während der Stillzeit unterstützt wurden, dieselbe Auswirkung auf die Hemmung der Fruchtbarkeit hatte wie bei Frauen aus Kulturen, wo das lange Stillen natürlich ist.
Als die Experten 1995 in Bellagio Bilanz zogen, wurde aufgrund dieser Studien festgehalten, dass die Sicherheit der LAM eher bei 99% als bei 98% liegt. Die Wirksamkeit der LAM war also belegt, diese hängt vor allem von der Art des Stillens und dessen Intensität ab.
Diese Frauen haben alle voll nach Verlangen gestillt (keine Flaschenmilch zusätzlich und keine Stillpausen länger als 4 Stunden tagsüber, 6 Stunden nachts). Sobald die Menstruation wieder eingesetzt hatte (dazu zählt der Wochenfluss bis zu 8 Wochen nach der Geburt nicht), betrachteten sie sich wieder als fruchtbar.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass weder das Stillen allein, noch das Nichtwiedereinsetzen der Menstruation die Unfruchtbarkeit nach der Geburt bewirken. Das Zusammenwirken und die Verbindung dieser Faktoren erlauben aber diese Art der Empfängnisregelung in den ersten 6 Monaten nach der Geburt.
Die LAM ermöglicht es in den ersten 5-6 Monaten nach einer Geburt, das Stillen zu schützen und auf andere Verhütungsmittel zu verzichten. Sobald aber eines der Kriterien nicht mehr erfüllt wird, muss auf eine andere Art der Empfängnisregelung zurückgegriffen werden (z.B. symptothermale Methode). Die LAM wird heute in aktuellen Lehrbüchern über Verhütung und Stillen beschrieben.
Dr. med. Tatjana Barras-Kubski, FMH Allgemeinmedizin, www.cyclefeminin.ch
Übersetzung:
Bettina Jans-Troxler, NER-Beraterin, www.ignfp.ch, www.natuerlichlieben.ch