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Taltrichterdörfer
Reigoldswil, ein Taltrichterdorf, liegt in der Quellmulde der Hinteren Frenke. Diese Quellmulde sowie jene der weiteren wichtigen Zuflüsse zur Ergolz befinden sich in den Nordteilen oder am Nordrand der Überschiebungszone
. Hier sitzen im Schnittpunkt der Quellbäche die Taltrichterdörfer als Zentren der jeweiligen Gemeindebanne, die zum Teil in die Bergzone der Überschiebungstälchen und -ketten greifen. Von Osten gegen Westen können Oltingen, Zeglingen, Läufelfingen, Eptingen, Oberdorf und eben Reigoldswil als solche Trichterdörfer angesehen werden. Meist sind benachbarte Orte durch Strassen verbunden, so dass dem nördlichen Rand der Überschiebungszone entlang eine fast durchgehende Querverbindung besteht. Hier wurde der Wald zurückgedrängt – Wiesen und Äcker mit Obstbäumen bilden die traditionelle Kulturlandschaft.
In der Talweite von Reigoldswil, dort wo sich ein Quer- und Längstal kreuzen, wurden die weichen Keuperschichten erodiert. Diese Talweite ist rund ein Kilometer breit und zieht sich etwa 15 Kilometer lang in einer Höhe von 400–600 Metern nach Westen über Bretzwil–Nuningen–Zullwil–Meltingen–Erschwil–Grindel bis nach Bärschwil. In Reigoldswil umfasst der Wald 40 % der Gemeindefläche. Die Waldfläche nahm seit 1774 um 80 % zu, da der extensive Ackerbau und die Weidewirtschaft stark zurückgingen. Ein wesentlicher Grund dafür war die Posamenterei.
Der Höhenunterschied von fast 700 Metern zwischen Bütschen
(465 m ü. M., Frenke) und dem Grat des Schattbergs
(1160 m ü. M.) umfasst verschiedene Höhenstufen der Vegetation. In der Vorbergstufe ist der typisch. In der unteren Bergstufe zwischen 600 und 800 m ü. M. herrscht die beinahe allein. Unter ihrem dichten Schatten gedeihen nur wenige Pflanzen. Zwischen 800 und 1100 m ü. M. folgt die obere Bergstufe mit -Buchenwald.
Starke Entwicklung
Auch Reigoldswil war im 19. Jh. ein Posamenterdorf. Die Höchstzahl der Webstühle wurde im Jahr 1913 mit 361 erreicht. Dann setzte der endgültige Niedergang der Bandindustrie ein und die Einwohnerzahl ging deutlich zurück. In der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurde Reigoldswil neu als Wohngemeinde entdeckt. Es begann eine rege Bautätigkeit. Die Zahl der Einfamilienhäuser wuchs von 97 (1970) auf 251 (2000) und die Bevölkerung nahm im Zeitraum 1950–2012 um 30–40 % zu. Neue Industriezweige und Gewerbebetriebe liessen sich nieder. Reigoldswil entwickelte sich immer deutlicher zu einem Zentrum.
Wasserfallenübergang
Der Wasserfallenpfad diente über Jahrhunderte als Fussgänger- und Saumpfad für den Lokal- und Marktverkehr, aber auch für Fernverkehr. Der Eindruck eines beinahe unüberwindbaren Abschlusses des Talkessels Richtung Süden erzeugt allerdings einen verkehrsfeindlichen Eindruck. Hauptsächlich deshalb war der Wasserfallenübergang in historischer Zeit immer nur ein Saumpfad. Allerdings wurde 1850, während der Zeit des Eisenbahnbaus, eine Wasserfallen-Eisenbahn geplant.
Erste Bauarbeiten wurden ab 1873 sogar durchgeführt, so etwa ein bei der heutigen Gondelbahnstation und beim vorgesehenen Südportal Mümliswil. Die Baufirma ging allerdings bald in Konkurs. Ausserdem wurde 1875 die Bözbergbahn eröffnet. Dies alles bedeutete das Ende für die Wasserfallen-Eisenbahn. 1899 reichte ein Initiativkomitee erneut ein für die Wasserfallenbahn ein. Diese stand damals in Konkurrenz zum Hauenstein-Basisitunnel, sowie zur Kellenbergbahn (Liestal-Waldenburg-Mümliswil-Balsthal) und zur Lüsseltalbahn (Zwingen-Erschwil-Scheltentunnel-Niderwil-Solothurn).
1910 wurde der Hauenstein-Basistunnel beschlossen (siehe Botschaft unten).Erneut kam die Wasserfalle in den 1950er-Jahren mit dem Projekt einer Autobahn durch die Wasserfallen ins Gespräch. Das einzige erfolgreiche Projekt war der Bau der Gondelbahn 1956 im Auftrag der Autobus AG Liestal. Die Bahn wurde 2006 durch einen Neubau abgelöst. Infolge Widerstands aus Naturschutzkreisen und wegen Geldmangels scheiterte eine geplante Verlängerung auf den Vogelberg.
Einzelhöfe – Herrschaftshäuser
Grundsätzlich existierten vor 1800 nur wenige Einzelhöfe im Tafeljura. Gründe dafür waren der Flurzwang und die Dreifelderwirtschaft. Erst mit der Abschaffung des Flurzwanges wurde die Mehrzahl der Einzelhöfe gegründet, wobei in vielen Fällen das Wohnhaus an eine schon bestehende Feldscheune angebaut wurde. In Reigoldswil existierten jedoch schon im 17. Jh. drei Einzelhöfe. Dies waren Herrschaftssitze von wohlhabenden Leuten, zum Beispiel aus Basel.
Damals war es Sitte, dass Städter auf dem Lande ihre vornehmen Landhäuser bauten. Einige lagen gleich vor den Toren der Stadt wie die der Bandfabrikanten Leissler oder das des Tuchmanns Hieronymus Iselin beziehungsweise das . Andere verteilten sich in der weiteren Umgebung, wie der der Vischer, die der Sarasin oder der bei Sissach der Seidenbandfabrikanten Bachofen.
Die «Marchmatt» wurde 1608 erstmals als Sennerei erwähnt. Wie das damalige Leben auf der Marchmatt war, beschrieb beschrieb Saly Sarasin:«Unter dem breiten, ausladenden Dach lagen die Bauernstuben und Herrschaftsräume schön nebeneinander und übereinander geschichtet, daneben die Ställe und Scheunen, und alles beschirmt von mächtigen Pappeln, wohl die schönsten und mächtigsten im ganzen Baselbiet. Das Haus stand auf einer sanften Erhöhung, mitten im Grünen, und wo man hin sah, waren saftige Matten, sanft schlängelnde Wege, breite Landstrassen, kleine Buchenwälder, wogende Ährenfelder, grosse und kleine Bauernsitze, alles in allem ein lieblicher Anblick. Die Marchmatt war ein grosses Haus mit viel Luft und viel Licht und sieben geräumigen Schlafzimmern, die ländlich reizvoll eingerichtet waren mit den geblumten Deckbetten und Vorhängen, den breiten Gesimsen und einem dunkelgrünen Kachelofen, den man besteigen konnte.» (Saly Sarasin-Speiser: D"Grossmamme Saresi: Erinnerungen an Frau Ratsherr E. Sarasin-Sauvain, 1829-1918, Frobenius, 1938)
Daneben gab es den Hof «Obere Bütschen»
. Dies war das Herrschaftshaus des frühen Bütschengutes, welches erstmals 1675 erwähnt wurde und im Besitz einer Frau Ratsherr Respinger war. Der Hof ist als Sennerei 1615 erwähnt. Dies war das ehemalige Bauernhaus des Herrschaftsgutes Bütschen-Bürten, Bürten
war die Sommerweide von Bütschen.
Der Hof «Gorisen»
, ein Herrengut, stammt von 1628 und gehörte dem Franz Henthgen, Bürger von Basel.
Wasserfallen
Der Name Wasserfallen bezog sich ursprünglich auf den Steilabfall der Bürten- und Enzianflue, wo die Hintere Frenke als Wasserfall den Berg hinunterfällt. Der Name ging später auf den Passweg und die daran liegenden Höfe über. Das Gebiet Wasserfallen auf rund 1000 m ü. M ist charakterisiert durch eine in Ost-West-Richtung verlaufende Mulde mit einem Tiefstpunkt beim Weiher und begrenzt durch den Vogelberg im Westen und das Chellenchöpfli im Osten.
Die während der Jurafaltung aufgestellten Gesteinsschichten bilden hier eine Mulde (Synklinale) zwischen zwei Jurafalten (Antiklinalen). Im zentralen Teil der Wasserfallen kommen darum die geologisch jüngsten Gesteine aus der Tertiär-Zeit vor.
Der Hof «Vordere Wasserfalle» liegt wie die Bergstation der Seilbahn auf dem Bann von Waldenburg. Er war die Sommerweide des Schlossgutes von Waldenburg und wurde erstmals 1608 genannt. Seit 1910 wird hier auch eine Bergwirtschaft geführt. Heute ist der Landwirtschaftsbetrieb vom Hotel getrennt. Die «Hintere Wasserfalle» gehört politisch zur Gemeinde Mümliswil, Kanton Solothurn. Nur der 1929 erbaute Hof Bürten gehört zur Gemeinde Reigoldswil. Das alte Bürtenhaus
liegt gleich daneben aber auf Lauwiler Boden (siehe oben).
Insbesondere die nun neu unter Schutz gestellten, artenreichen Magerweiden im Gebiet «Wasserfallenweid» und «Chliweidli» haben aufgrund ihrer floristischen Zusammensetzung nationale Bedeutung.
Neben verschiedenen Orchideen-Arten wie zum Beispiel der Hohlzunge (Coeloglossum viride) und Enzianen, kommen hier zahlreiche weitere, seltene Arten der Magerwiesen und -weiden vor: Herzblatt (Parnassia palustris), Bergflockenblume (Centaurea montana), (Carlina acaulis), Augentrost (Euphrasia spp.), (Anthyllis vulneraria), (Hippocrepis comosa) u.a. Der auffällige (Gentiana lutea) erreicht im Bölchen-Passwanggebiet seine östliche Verbreitungsgrenze im Jura. Auf den oberflächlich leicht versauernden Böden über den Tertiärgesteinen wächst stellenweise sogar das (Calluna vugaris), das Kantonim Kanton Baselland sehr selten ist. Seltene Tierarten sind beispielsweise (Anthus trivialis), Bergeidechse (Zootoca vivipara) sowie verschiedene Schmetterlingsarten, wie Grosses Fünffleck- (Zygaena lonicerae), (Melitaea athalia), Grosser Perlmutterfalter (Argynnis aglaja) und Weissbindiger Mohrenfalter (Erebia ligea).
HPM