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Als Experiment bezeichne ich ein Verfahren, mit welchem versucht wird, eine Gesetzes-Hypothese zu falsifizieren.
Diese Wortverwendung wurde vor allem durch das Falsifikationsprinzip von K. Popper bekannt, der damit für einen Wissenschaftsbegriff plädierte, der Sozialwissenschaften - insbesondere jene der Frankfurterschule - ausschliessen sollte. Theorien sind für K. Popper entweder falsifizierbare Hypothesenbündel oder Ideologien.
Umgangssprachlich wird Experiment viel unspezifischer verwendet, vor allem auch für Versuch oder Test, was zwei ganz andere Sachen sind:
Im Versuch suche ich Lösungen, durch die Wahl einer Möglichkeit ein Ziel zu erreichen.
Beim Test prüfe ich, ob bestimmte Bedingunge erfüllt sind: Verifikation.
Oft werden Handlungen als Experiment aufgefasst, die der einfachen Erkundung dienen. Wenn ich wissen will, wie warm die Kochherdplatte ist, mache ich weder einen Versuch noch ein Experiment, wenn ich sie mit der Hand berühre.
Wenn man Experiment umgangssprachlich für das konstatierende Beobachten von Kausalitäten verwendet, ist es etwas allgegenwärtiges, das viel älter ist als die ausdifferenzierte Wissenschaft, die in der Zeit von G. Galilei damit beginnt, dass Hypothesen geprüft werden, die theoretisch abgeleitet sind (E. von Glasersfeld: Über Grenzen des Begreifens, S. 15).
Und wenn - wie ich es tue - man Experiment im Sinne von K. Popper verwendet, verzichtet man darauf, dass Hypothesen abgeleitet sind. Es ist dann gleichgültig oder unerheblich, welche Hypothesen von wem getestet werden. Wesentlich bleibt dabei nur, dass das Experiment hinreichend genau bestimmt ist, dass es reproduziret werden kann.
Experimente sind für - wenn man die brutal naive Vorstellung von K. Popper nicht teilt - für Wissenschaft in keiner Weise konstitutiv. Sie werden lediglich in bestimmten Wissenschaften manchmal verwendet.
K. Holzkamp beispielsweise kritisiert psychologische Experimente, die er dem Behaviorismus zurechnet, die in ihren Hypothesen den Ausgang der Experimente vorwegnehmen (siehe dazu Stimmuli-Reiz-Verknüpfung). In der Soziologie von N. Luhmann spielen sie ebensowenig eine Rolle wie in der Philosophie von K. Popper.
Der Witz der Wissenschaft, G. Galilei erfunden hat, sind bewusst fiktive, ideale Gesetze, die manchmal mit Ergebnissen von Experimenten korreliert werden. Das Konstruieren von passenden Experimenten ist eine Kunst. [ EvG ] Ich gebe zwei
Berühmte Beispiele:
Die experimentelle Innovation von G. Galilei zu seinem Fallgesetz bestand in der Verwendung der schiefen Ebene, mit der er die Geschwindigkeiten auf einer verlangsamten Zeitskala studieren und mit den Mitteln, die er hatte, etwa mit Wasseruhren, messen konnte.
Wie G. Galilei auf seine Gesetze kam, die ja der alltäglichen Erfahrung ziemlich oft widersprechen, ist damit nicht geklärt. Eine Theorie dazu kenne ich nicht. Die kopernikanische Wende besteht wohl jenseits von Gesetzen in einfachen Annahmen beim Berschreiben von genauen Beobachtungen.
B. Brecht beschreibt in "Das Experiment" wie der Stalljunge von Bacon "genaues Beobachten" auf Geheiss seines Meisters praktizierte. G. Galilei wird zugeschrieben: Messen, was messbar ist, alles andere messbar zu machen.
Andere berühmte Beispiele:
Literatur:
"Jedes Experiment ist ein Programm, in dem erwartete Daten definiert werden und eine Vorschrift angegeben wird, die im Idealfall in einer bestimmten Zeit ein Ergebnis liefert. Der Erfolg der Naturwissenschaften basiert letztendlich darauf, eine Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe es möglich ist, Konstruktionen zu entwickeln, die die Übereinstimmung der theoretischen Hypothesen mit den experimentellen Antworten aufzeigen" (Keil-Slawik, 1985, 74).
"Studenten der Physik begreifen die physikalischen Lehrsätze, indem sie lernen, die Konstruktionsvorschriften (quasi die Bedienungsanleitung für die Naturerkenntnis) experimentell umzusetzen. Sie lernen nicht nur die Ergebnisse der Forschung durch die Wiederholung des Experimentes kennen, sondern auch durch die Vielzahl von Experimenten, die sie im Laufe ihres Studiums durchführen, die Methode, nach der neue Experimente entwickelt werden. Thomas Kuhn bezeichnet Experimente als Paradigma, als gemeinsame Beispiele anhand derer stillschweigendes Wissen erworben wird, das alle Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft verbindet" (ebd.). R. Keil verweist dabei auf Kuhn, 1978, 198ff.
Kritische Anmerkung: Ich habe den Text von T. Kuhn nicht angeschaut und weiss deshalb nicht, ob er oder R. Keil für diese Begrifflichkeit verantwortlich ist. Im Experiment werden Hypothesen falsifiziert. Im Experiment zeigt sich keine Übereinstimmungen, sondern Viabilität. Die Experimente sind nicht das Paradigma, sondern Experimente innerhalb eines Paradigmas.
Duden schreibt: "Der Begriff 'Experiment' kommt ursprünglich aus dem Lateinischen – zu expiri – was so viel bedeutet wie versuchen, erproben. Im Allgemeinen wird das Experiment als ein wissenschaftlicher Versuch, ein Wagnis dargestellt. Experimente haben sehr viel mit Beobachtungen zu tun. Dabei wird ein Objekt beobachtet mit der Erwartung, dass sich an diesem Objekt Veränderungen ereignen werden. Diese Veränderungen beabsichtigt man aufzufassen sowie festzuhalten. In der Wissenschaft verwendet man bei solchen Beobachtungen physikalisch-technische Hilfsmittel wie z.B. Mess- und Registrierinstrumente."
"Wird ein Ereignis speziell zum Zweck seiner Beobachtung hervorgerufen, so handelt es sich um ein Experiment“. Bei solchen Experimenten sollten bestimmte Faktoren, die man für die Beobachtung braucht, konstant gehalten werden – man soll beispielsweise immer eine gleiche Zeit lang beobachten. Auf diese Weise können verschiedene Personen ein Experiment durchführen und überprüfen, ob sie zum gleichen Ergebnis gelangen. Dies spielt insofern eine Rolle, falls man gewisse Ergebnisse überprüfen möchte.
Unterschied Experiment in der Antike und heute
Bereits in der Antike führte man Experimente durch. Damals war man nur an den natürlichen Abläufen in der Natur oder in der Welt interessiert und versuchte diese möglichst ungestört zu beobachten. Man griff sozusagen gar nicht in die Natur ein sondern beobachtete lediglich, was passiert. Dies stellt einen bedeutenden Unterschied zu heutigen Experimenten dar. Heutzutage greift man bewusst in die Natur ein, um versucht somit neue Erfahrungswerte zu sammeln. Es wird heute deshalb als "Frage an die Natur" (I. Kant) oder als "Verhör der Natur" (C.F. von Weizsacker) dargestellt."
Kritische Anmerkung: Duden vermischt hier ganz viele Dinge, indem er von Beobachten im umgangssprachlichen Sinne spricht. Das wissenschaftliche Experiment setzt eine Hypothese voraus. Genau das gab es in der Antike nicht.