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Ein Blick von der grosszügigen Terrasse ihrer Wohnung mitten in Luzern: freie Sicht auf den Vierwaldstättersee und die prächtige Berglandschaft um den Pilatus! Doch ihren Arbeitsplatz hat Federica Kitamura-de Cesco, 75, in der dunkelsten Ecke des Wohnzimmers eingerichtet, in einer Nische hinter einem Schrank, mit dem Blick zur Wand.
Klassische Musik klingt leisestmöglich aus den Lautsprechern, und sobald die Bestsellerautorin zu schreiben beginnt, stellt sie diese ab. Beim Arbeiten wünscht Madame absolute Ruhe. So hat sie es fertiggebracht, in 60 Jahren 84 Bücher zu schreiben. Sie selbst hätte die Anzahl nicht mal genau gewusst. Ihr Mann Kazuyuki «Kazu» Kitamura, 66, hat extra nachgezählt.
Disziplin ist ihr wichtig. Noch heute schreibt sie täglich drei bis vier Stunden. Wenn sie um 9.15 Uhr loslegt, ist sie bereits 50 Minuten im hauseigenen Schwimmbecken geschwommen. «Und zwar zügig in der Gegenstromanlage, ich plansche nicht herum.» Sie macht das, um den «typischen Schriftsteller-Ring» um die Hüften zu vermeiden. Und weil in Bewegung auch ihre Fantasie fliesst.
Das war schon als Kind so. Die Geschichte für ihr erstes Buch, «Der rote Seidenschal», hat sie sich mit 16 auf ihrem drei Kilometer langen Schulweg ausgedacht. Sie ist in Norditalien aufgewachsen, «als Tochter eines blonden Italieners und einer dunkelhaarigen Deutschen», ohne Geschwister. «Die fehlten mir manchmal, aber ich weiss nicht, ob ich eine solche Fantasie entwickelt hätte, wenn immer andere Kinder um mich herumgeschwirrt wären.»
Ihr Vater ist Ingenieur, wegen seines Jobs zieht die Familie immer wieder um. Doch Klein Federica kann sich überall behaupten, hält sich nur an Regeln, die sie für sinnvoll erachtet. Rockpflicht für Mädchen gehört nicht dazu. So geht sie in den 50er-Jahren in Hosen zur Schule am vornehmen Mädchengymnasium im deutschen Münster, der Heimat ihrer Mutter. Und der Pfarrer freut sich nur so lange über ihr reges Interesse am Kommunionsunterricht, bis sie ihn fragt: «Erzählen Sie eigentlich immer dieselben Geschichten?» Mit ihrer Aufmüpfigkeit treibt sie es so weit, dass sie sogar einmal von der Schule fliegt. Die Mutter reagiert «betreten bis geschockt» auf ihr Gebaren, der Vater findet, sie solle tun, was sie für richtig hält. Und das muss er seiner Tochter nicht zweimal sagen.
Heute stört sie sich an der Angepasstheit junger Frauen. «Es sollte eine tägliche kleine Gymnastikübung sein, den Kopf zu schütteln.» Also Nein zu sagen. «Wer sich immer anpasst, von dem wird das mit der Zeit erwartet.» Sie selbst kümmerte sich nie darum, was die Leute von ihr dachten. Sie verlässt ihren ersten Mann nach wenigen Jahren Ehe. Auch wenn sie wegen ihm in die Schweiz gezogen ist, mit ihm zwei Kinder hat. Und zu dieser Zeit «Scheidungen noch gar nicht in Mode waren …».
In Paris lernt sie vor vier Jahrzehnten ihren heutigen Mann kennen. Kazu Kitamura ist wie sie mit Bekannten dort. Bei einem Essen rutscht ihr der Ring vom Finger und fällt unter den Tisch. Höflich - «typisch japanisch» - bückt er sich, sie treffen sich erstmals unter dem Tisch im Restaurant in Paris. «Zut» - «Mist!», ärgert sie sich, als der schöne Mann das Lokal verlässt, ohne dass sie ihre Nummern getauscht hatten. Doch am folgenden Tag treffen sie sich zufällig nochmals im Quartier. Und am übernächsten nochmals. «Da war klar: Wir sind verliebt.» Sie muss zurück in die Schweiz, die beiden bleiben telefonisch in Kontakt, bis er sie daheim besucht.
Das Paar reist nach Schweden, wo der Fotograf Film studieren will. Er verwirft die Pläne, vertieft sich in die Fotografie. Da sie bereits erfolgreiche Autorin ist, bietet sie ihm wertvolle Kontakte zu Verlagen - und einen starken Rücken. «Kazu hatte Rückenprobleme, ich nicht - bis heute nicht.» Sie trägt ihm anfangs seine Ausrüstung. Begleitet ihn auf all seine Reisen. Und kommt dadurch an Orte und Quellen, die sie zu ihren Büchern inspirieren.
Am 12. Juli 1973 heiraten sie. Seither sind sie fast ununterbrochen 24 Stunden am Tag zusammen. Er hat ein Arbeitszimmer, sie ihren Platz im Wohnzimmer. Zwischendurch treffen sie sich zum Kaffee, täglich spazieren sie dem See entlang, abends schwimmen sie gemeinsam. «Morgens schwimme ich die Pflicht, abends mit meinem Mann die Kür.» Das Rezept für ihre lange Liebe? «Ich kanns nicht sagen. Fügung, Glück. Wir reden andauernd miteinander.» Über Gott und die Welt, das Leben, die Liebe, Philosophie, Astronomie, Musik. Und Ninja, ihre Tierheimkatze, «das scheue Gemüse». Es lässt sich nie blicken, wenn Besuch da ist.
Gewohnt haben sie all die Zeit in der Romandie, vor zweieinhalb Jahren erst sind sie nach Luzern gezogen. Er hat seit Langem eine Affinität zur Stadt, arbeitete oft hier, ist der Schöpfer des offiziellen Posters mit der Kapellbrücke. Und sie schätzt die zentrale Lage. Früher kostete es sie oft eine Tagesreise, um an Lesungen zu gelangen. Heute ist sie froh um etwas mehr Ruhe. Denn das hat sich mit dem Alter geändert. «Man muss nicht nur das Make-up etwas sorgfältiger auftragen, man ist auch es birebitzeli schneller müde», sagt Federica Kitamura-de Cesco. «Ich war immer ein zähes Biest. Heute brauche ich meine Nachtruhe.» Um tags darauf wieder ein zähes Biest zu sein.