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Maïkeri ist ein kleines Dorf im Südwesten Tschads. Vor einem Backsteinhaus mit Strohdach halten Frauen und Kinder in der drückenden Nachmittagshitze Siesta. Im Schatten von Palmen und Karité-Bäumen kauern sie am Boden oder liegen auf Strohmatten und trinken süssen Tee. Zu ihrem hellen Schwatzen muht mitunter eine Kuh, grunzt ein Schwein und meckern Ziegen. Ein dörfliches Idyll, wäre nicht die hohe Kaminröhre mit der Flamme, die das Erdgas abfackelt und die Starkstromleitung mit den silbrigen Masten, wären nicht die umzäunten Tankanlagen und Gebäude der Erdölfirma Esso, alles in Sichtweite.
Die Bewohner von Maïkeri erleben die Erdölindustrie wie eine Invasion einer fremden Macht. Früher gab es hier nur Gehöfte, Savanne und Äcker. Die Bäuerinnen und Bauern gingen auf Trampelpfaden auf ihre Felder und pflanzten an, was sie zum bescheidenen Leben brauchten. Das ist Vergangenheit. Auguste Djinodji, der 95-jährige ist der Dorfälteste von Maïkeri und sagt: «Wir sind arm. Aber früher hatten wir wenigstens Felder, um anzubauen. Mit dem Erdöl haben wir keine Felder mehr.»
Anbaufläche drastisch reduziert
Fast fünfzig Bohrlöcher wurden auf dem Dorfgebiet angelegt, alle von einer grossen Fläche roter, hartgestampfter Laterit-Erde umgeben und mit Zufahrtspisten miteinander verbunden. Sie und die weiteren Anlagen haben die landwirtschaftliche Anbaufläche drastisch reduziert. Sie versperren den Dorfbewohnern die Pfade oder zwingen sie zu Umwegen, damit sie auf die kleinen Landstücke gelangen können, die ihnen verbleiben.
Die Angestellten der Sicherheitsfirmen, die im Auftrag von Esso die Anlagen bewachen, schikanierten sie, sagen die Menschen. Das Personal ist mit Off-Roadern ständig auf Patrouille und mutet mit seinen Helmen, Gesichtsmasken und Sonnenbrillen wie Wesen aus einer anderen Welt an. Nach Diebstählen auf dem Firmengelände, deren man die Dorfbewohner verdächtigte, verhängte der Gouverneur eine nächtliche Ausgangssperre. Seither seien die Wachleute noch schärfer, sagt Auguste Djinodji: «Sie hindern uns daran, das Dorf zu verlassen. Selbst bei einem schweren Krankheitsfall lassen sie die Bewohner nicht in die Krankenstation gehen. Eine solche gibt es hier nicht.»
Es fehlt an Schulbildung
Ein bäuerliches Leben wie ist so nicht mehr möglich. Zwar erhielten die Bauern Entschädigungen von Esso, an denen sich Chefs und Beamte zuerst bedienten. Dennoch waren viele von der für sie ungewohnt hohen Summe überfordert und gaben das Geld einfach aus. Arbeit gibt es nur für wenige, auch weil den Menschen die Schulbildung fehlt. Daran wird sich wohl so bald nichts ändern. Mehr als 60 Schülerinnen und Schüler drängen sich in der windigen Strohhütte zusammen, die als Klassenzimmer dient. Sie hätten pro Fach nur ein Buch, erklärt Lehrer Elisé Djikoldingam. Die Schule habe von Esso 760 Euro als Entschädigung für das Bohrloch auf ihrem früheren Schulhof erhalten. 160 Euro hätten Beamte abgezweigt, mit dem Rest seien Löhne, sowie Tafeln und Kreide bezahlt worden. Bitter klagt der Dorfälteste Djinodji: «Nachdem wir unser Ackerland verloren hatten, setzten wir unsere Hoffnungen aufs Erdöl. Vergeblich».
Als «village enclavé», als ein von den Förderanlagen eingeschlossenes Dorf, ist Maïkeri von der Erdölindustrie am stärksten betroffen. Es ist aber kein Einzelfall. Viele Dörfer im Erdölgebiet zwischen Doba und Moundou mit seinen über 800 Förderstellen sind in derselben oder einer ähnlichen Lage. Die Ölvorkommen in der Region von Doba – eine der ärmsten des Tschad – sind seit den 1970er Jahren bekannt. Ihre Vermarktung benötigt viel Kapital, Tschad ist ein Binnenland. Deshalb suchten die US-amerikanischen und malaysischen Investoren die Beteiligung der Weltbank, um ihr Risiko zu mindern.
Weltbank wollte positives Signal setzen
Die Weltbank wollte sich in der Armutsbekämpfung profilieren und Tschad zum Exempel für eine sozial verantwortungsvolle Ressourcennutzung machen und sagte zu. 1999 wurden das Tschad-Erdölprojekt und eine über Tausend Kilometer lange Pipeline durch Kamerun an den Golf von Guinea und Investitionen von insgesamt 3,7 Milliarden Dollars besiegelt. Idriss Débys Regierung verpflichtete sich im Gegenzug, einen Teil der Erdöleinnahmen für Bildung, Gesundheit, Soziales, Infrastruktur, Umwelt, Wasserressourcen und ländliche Entwicklung insbesondere im Fördergebiet von Doba zu verwenden, einen Fonds für künftige Generationen anzulegen und über die Verwendung der Erdöl-Einkünfte öffentlich Rechenschaft abzulegen.
Von diesen Verpflichtungen ist nicht viel übrig geblieben, das entsprechende Gesetz wurde aufgehoben. Die Bestimmung, das Fördergebiet von Doba mit Erdölgeld zu entwickeln, besteht noch. So wurden in Doba ein Spital, ein Lycée und ein Fussballstadium gebaut. Doch alles sei unbenützt, empört sich der Bischof von Doba, Mgr. Michele Russo. Es gebe keine Fussball-Mannschaft. Der Mittelschule fehlten die Lehrer und dem Spital die Ärzte und das medizinische Personal. Von sozial verantwortungsvoller Erdölnutzung könne keine Rede sein. Die Weltbank hat sich inzwischen aus dem Projekt zurückgezogen.
Regime brauchte Geld für Waffen
Dass Präsident Déby sein Engagement gegenüber der Weltbank brach, hat mit den Rebellen zu tun, die seinem Regime immer bedrohlicher wurden. Er brauchte Geld für Waffen, und um sich die Loyalität seiner Truppen zu erkaufen. Im Mai 2004 überstand er einen Putschversuch. Im Februar 2008 drangen tschadische Rebellen noch bis in die Hauptstadt N’Djaména vor. Déby konnte sich nur dank der französischen Eliteeinheit «Épervier», die im Tschad stationiert ist, an der Macht halten. Die tschadischen Rebellen verdankten ihre Schlagkraft der Unterstützung durch Sudans Präsidenten al-Bashir. Er hatte zwar 1990 Déby geholfen, den Diktator Hissène Habré zu stürzen und an die Macht zu gelangen. Mit der Darfur-Rebellion im Sudan entzweiten sich die beiden. Déby unterstützte die Aufständischen in Darfur, al-Bashir half den tschadischen Rebellen.
Im Januar 2010 versöhnten sich die beiden Präsidenten. Sie unterhalten heute nach Aussage von Moussa Dago, dem Generalsekretär im Aussenministerium, «exzellente Beziehungen», die Rebellion sei beendet, es herrsche Friede. Die politische Opposition besiegte Déby an der Urne 2011 zum vierten Mal. Die Amtszeitbeschränkung in der Verfassung hat er schon lange aufheben lassen. Und skrupellose Agenten von Regierung und Partei sorgen dafür, dass regierungskritische Stimmen nicht überhandnehmen.
Esso lieferte über 6 Milliarden Dollar ab
Der Tschadische Staat lebt heute zu zwei Dritteln vom Erdöl. Seit Beginn der Produktion im Jahr 2003 hat nach Angaben ihres Chefs Scott Miller Esso allein über 6 Milliarden Dollars an die Staatskasse überwiesen. Inzwischen sind weitere Erdölvorkommen entdeckt worden. Deren Ausbeutung übertrug Déby der Chinesischen Nationalen Erdölgesellschaft CNPC, ohne soziale Auflagen. Die CNPC hat vom Fördergebiet bei Bongor eine Pipeline in die Hauptstadt N’Djaména verlegt und dort eine Raffinerie erstellt. Sie ging 2011 in Betrieb. Tschads Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist mit dem Erdöl von 200 auf über 900 Dollar gestiegen.
In der Millionenmetropole N’Djaména am Chari-Fluss ist dieser Aufschwung sichtbar. Teure Limousinen und klimatisierte Geländefahrzeuge verkehren auf breiten, asphaltierten Strassen. Den Alleen entlang sind viele Bauwerke renoviert oder neu erstellt worden, Ministerien und Verwaltungsgebäude, das Spital, Schulen, Hotels und Domizile. Dennoch ist die Armut im Land noch immer gross; der Tschad figuriert im UNO-Index für menschliche Entwicklung auf dem fünfletzten Platz. Nicht nur auf dem Land, auch in den Aussenquartieren der Hauptstadt mit ihren Staubstrassen und Wegen ist die Armut offensichtlich. Die Menschen, viele vom Land hergezogen, leben in einfachen Backsteinhäusern ohne Strom und Wasser. Es gibt kaum Bäume, nachts ist es finster.
Der Präsident macht Versprechungen
Derweil gibt sich Präsident Déby staatsmännisch und erneuert gegenüber der kulturell und ethnisch vielfältigen Bevölkerung seine Versprechungen: Nahrungssicherheit, medizinische Versorgung, saubere Wohnverhältnisse, Trinkwasser und Energie, ebenso wie gute Regierungsführung, Transparenz und nationale Einheit. Auch die Landwirtschaft und die Viehhaltung verspricht er zu fördern. Beide wurden wegen des Erdöls stark vernachlässigt. So etwa ist die Baumwollproduktion gemäss Weltbankvertreter Jean-Claude Brou in den letzten zehn Jahren auf einen Fünftel geschrumpft. «Der Tschad war einst ein Leader, viele Leute konnten von der Baumwolle leben.»
Vor allem aber benötigt die Land- und Viehwirtschaft eine nachhaltige Unterstützung. Denn die Lebensgrundlage der meisten Leute im Tschad ist durch die Versteppung und den Klimawandel gefährdet. Wie prekär die Lage ist, zeigt die seit 2010 anhaltende Dürre. Sie hat Tschads Viehbestand dezimiert und die Getreideproduktion um mehr als ein Drittel zurückgehen lassen. Tschads Weg in eine bessere Zukunft ist noch weit.
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Tschad in Kürze
In der Republik Tschad leben 11,5 Millionen Einwohner. Hauptstadt ist N’Djamena. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt 15 Jahre, die Lebenserwartung 49,6 Jahre. 60 Prozent sind Muslime, 30 Prozent Christen. Zwei Drittel der Bevölkerung können nicht lesen und schreiben. Im Norden leben mehrheitlich arabisch-muslimische Viehzüchter, im Süden christliche Kleinbauern. 80 Prozent der aktiven Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, können aber den Nahrungsmittelbedarf nicht decken. Schwere Dürren führen immer wieder zu Versorgungskrisen. Exportprodukte sind Baumwolle, Rinder, Gummi Arabicum und seit 2003 Erdöl. Tschad ist mit seiner Förderung von durchschnittlich 120’000 Fass pro Tag ein kleiner Erdölproduzent in Afrika. Nigeria fördert 20 Mal so viel. Das Erdöl hat Tschads Regierung jedoch seit 2003 Devisen von über 6 Milliarden Dollars eingebracht (70 Prozent der Staatseinnahmen).
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Ruedi Küng war während 12 Jahren Afrikakorrespondent des Schweizer Radios und arbeitet heute mit InfoAfrica.ch als Afrikaspezialist. Der Artikel erschien in der Zeitschrift «Eine Welt» der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).