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Zufrieden seufzend hält Martin inne, fliegt noch einmal kurz über die eben niedergeschriebenen Zeilen und lächelt. Ein guter Einstieg, befindet er. Es ist nie zu früh, seine künftige Autobiografie im Auge zu behalten, und ein süffiger, verschmitzter Einstieg war damit schon mal gefunden.
«Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus. Ganz Europa wird von den Rechtspopulisten regiert ... Ganz Europa? Nein! Eine von unbeugsamen Teutonen bevölkerte Republik hört nicht auf, gegen das verbreitete Wutbürgertum Widerstand zu leisten.»
Zufrieden seufzend hält Martin inne, fliegt noch einmal kurz über die eben niedergeschriebenen Zeilen und lächelt. Ein guter Einstieg, befindet er. Es ist nie zu früh, seine künftige Autobiografie im Auge zu behalten, und ein süffiger, verschmitzter Einstieg wäre damit schon mal gefunden. Wobei er beim Wort süffig, kaum ist es ihm durch den Kopf geschossen, leicht zusammenzuckt, hatte er sich doch schon vor langer Zeit vorgenommen, den Ausdruck aus seinem Vokabular zu streichen - genauso wie «volle Pulle» oder «blaues Wunder» -, damit politische Gegner oder die Klatschjournaille nicht auch noch eine billige Kalauervorlage kriegen.
Martin schiebt den Notizblock zur Seite und zieht den Stapel mit den Medienberichten der letzten Wochen näher zu sich ran. Der -Titel ist sein Favorit. «Sankt Martin» steht da, und sein Antlitz lächelt ihm mit Strahlenkranz entgegen. Ob das der senile Silvio unten in seinem italienischen Bunga-Bungalow auch gesehen hat? Der Dreckskerl hatte ihn vor bald vierzehn Jahren im Europa-Parlament mit einem KZ-Aufseher verglichen. Kriegt der Kerl noch mit, dass ich inzwischen zum barmherzigen Ritter aufgestiegen bin, der sich anschickt, die Zügel an sich zu reissen und den schildkrötenköpfigen Unionsdrachen Angela aus Berlin zu vertreiben? Martin seufzt erneut. Die Ritter-Drache-Metapher wäre ja für die Autobiografie irgendwie auch - aber nein, die Sache mit Asterix und Rom macht gleich viel besser seinen historischen Anspruch deutlich.
«Und das Leben ist nicht gerade leicht in den rechtspopulistischen Lagern, die in den umliegenden Ländern Frankreich, Holland und Polen liegen.»
Martin setzt den Stift erneut ab und zögert. Ist es vielleicht doch verfrüht, nun schon an die fulminante Eröffnungspassage seiner Memoiren zu denken? Würde er eventuell die Zeit besser nutzen, um noch etwas an seiner Antrittsrede im Kanzleramt zu feilen? Doch da sind es ja noch fast neun Monate hin, beruhigt er sich umgehend selbst. Vielleicht ist alles ein bisschen zu schnell gegangen in den vergangenen Wochen, denkt er sich. Die Bekanntgabe der Kandidatur - und kurz darauf diese Euphorie im ganzen Land. Die ganzen «Mega»-Plakate, die sein Konterfei im Stil der berühmten Obama-Hope-Grafik zeigen. Die ersten, überraschend positiven Umfragewerte. Die Medien, die von einem Momentum auf seiner Seite schreiben, obwohl sie selbst wohl den Hauptgrund für dieses Momentum darstellen.
Nüchtern betrachtet wird er sich als neunter Nachkriegskanzler nicht vor einigen ambivalenten Parallelen zum grossen Antipoden drüben hinterm grossen Teich drücken können. Es ist auch hier der verbreitete Wunsch nach Veränderung, der ihn ins Amt hieven wird. Es ist die Unzufriedenheit mit all dem, was da ist, die ihn trägt, auch wenn all das, was da ist, schon enorm viel ist. Auch wenn das Land prosperiert wie kein anderes auf dem Kontinent. Auch wenn noch so viele statistische Indikatoren zeigen: Selten hat eine Generation mehr Frieden, Sicherheit und Wohlstand geniessen können. Aber Wähler wollen keine Fakten, sondern Emotionen.
Martin hält erneut inne. Vielleicht böte die Märchenwelt die passende allegorische Blaupause für seine Autobiografie? Als Rübezahl wurde er ja schon oft gehänselt. Rotkäppchen würde von den Parteifarben her passen - aber dann wäre da wieder diese unsägliche Flasche Wein. Hans im Glück? Geht von der Story her nicht. Würde ja suggerieren, dass er in Strassburg mit einem Klumpen Gold gestartet ist und im Herbst in Berlin mit rein gar nichts ankommen könnte.
Ach, Strassburg. Martin bleibt an der Stadt hängen. Eigentlich kaum zu glauben, dass er als Gallionsfigur des EU-Establishments überhaupt so was wie Hoffnungsträger der Unzufriedenen werden konnte. Sowas geht nur in Deutschland. Von wem stammt das Bonmot, das die Europäische Union die Rache der Deutschen für zwei verlorene Weltkriege ist? Vielleicht auch was für seine Biografie? Doch womöglich sollte er sich damit zurückhalten, bis das Happy End feststeht. Bei Asterix gibt es auch immer den einen, der glaubt, sein Gesang sei unwiderstehlich - um dann geknebelt und gefesselt einsam über der Schlussszene zu baumeln.