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Tierschutz und die Zukunft der Landwirtschaft
Aus einem Vortrag von Erwin Kessler an der Landwirtschaftlichen Winterhandelsschule Flawil, Oktober 1996
Die heutige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Ausbeutung und Misshandlung der Nutztire zeigt viele Analogien mit der historischen Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten. Die Abschaffung der Sklaverei wurde hauptsächlich von der Landwirtschaft, den Farmern und Plantagebesitzern, bekämpft, ähnlich wie sich heute die Agro-Lobby gegen eine Verbesserung des Nutztierschutzes wehrt.
Die Argumente waren ähnlich: Die einheimische Landwirtschaft würde eingehen, wenn strengere Gesetze zum Schutz der Sklaven erlassen bzw die Sklaverei abgeschafft würde. Ohne diese billigen Arbeitskräfte sei die einheimische Landwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig.
Wie damals geht heut eine Spaltung durch die Gesellschaft: Die einen hielten Neger für blosse Arbeitstier, die zusammen mit dem Vieh versteigert wurden: Ein Rind, ein Neger, dann wieder ein Rind. In gleicher Weise wie die Qualitäten der zu versteigernden Tier geschildert wurden, wurden auch die Sklaven vorgestellt und ihre wirtschaftlichen Vorzüge - die Arbeitsfähigkeit - gepriesen. Wer sich in den Anfängen für die Sklavenbefreiung einsetzte, wurde derart beschimpft, bekämpft und verfolgt wie heute Tierrechtler: Es sei vermessen, Neger und Weisse auf die gleiche Ebene zu stellen. Wer es wagte zu behaupten, eine Negermutter leide genau gleich wie eine weisse Mutter, wenn man ihr das Kind wegnehme, der bekam etwa das gleiche zu hören, wie wenn wir Tierschützer heute fordern, dass Kälber langsam entwöhnt werden, anstatt dass sie der Mutter nach der Geburt brutal weggenommen werden.
Welcher Strukturwandel die Abschaffung der Sklaverei zur Folge hatte, ist mir nicht bekannt. Sicher waren diejenigen Betriebe besser dran, welche schon vorher die Zeichen der Zeit erkannt hatten und nicht von Sklavenarbeitern abhängig waren. Heute sind es die Biobetriebe, die lange verlacht und benachteiligt wurden und heute plötzlich im Vorteil sind Diese Entwicklung wird weitergehen. Leider gehören viele Landwirtschaftspolitiker zu jenem konservativen Kreis, welcher voll in die tier- und umweltfeindliche konventionelle Landwirtschaft investiert haben. Solange diese noch das Sagen haben, bleiben Tierschutz und Landwirtschaft noch auf Konfrontationskurs und das Ansehen der Landwirtschaft wird weiter geschädigt. Da nützt Brunch auf dem Bauernhof und ähnliches wenig. Ein paar Vorzeigebetriebe genügen nicht, um das Vertrauen der Konsumenten zurückzugewinnen, und wer einmal auf vegetarische Ernährung umgestellt hat, wird nicht wieder zum Fleischesser.
Ich glaube, dass der Durchbruch des Tierschutzes vielleicht keinen Bürgerkrieg wie bei der Sklavenbefreiung braucht, aber jedenfalls geht es offensichtlich nicht ohne heftigste gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Wir sind mitten drin in einem historischen Wandel in der Einstellung zum Tier. Die Befreiung der Tiere aus der gewerbsmässigen Ausbeutung ist im Gang. Je länger die Landwirtschaftspolitiker sich dieser unaufhaltsamen Entwicklung entgegenstellen, umso grösser wird der Schaden für die Landwirtschaft sein Mit Bauernprotesten auf dem Bundesplatz und mit Landfriedensbruch lässt sich dieser Schaden nicht wieder beseitigen. Wir sind heute nahe an dem Punkt, wo die Öffentlichkeit nicht mehr bereit ist, die Landwirtschaft überhaupt noch irgendwie zu subventionieren. Man kann die Steuerzahler nicht jahre- und jahrzehntelang dazu zwingen, Tierquälerei und Umweltzerstörung zu subventionieren, ohne dass mit solchen Subventionen eines Tages radikal Schluss gemacht wird
Durch die seit Jahren andauernden, nicht endenden Skandale um Nutztiere, Fleisch und Eier ist der Trend zum Vegetarismus massiv beschleunigt worden. Der VgT setzt heute voll auf diese Entwicklung, weil damit für den Nutztierschutz weit mehr erreicht wird als durch halbbatzige Markenlabels, mit denen die Konsumenten ständig neu betrogen werden. Der Trend zum Vegetarismus bedeutet aber nicht, dass keine Landwirtschaftsprodukte mehr konsumiert werden: wer kein Fleisch isst, isst dafür mehr pflanzliche Lebensmittel
Schon vor Jahren, als der Bauernverband alle Fortschritte im Tierschutz bekämpfte, wie heute immer noch, habe ich gesagt: Entweder wird mit dem Tierschutz ernst gemacht, oder ihr könnt Eure Ware eines Tages selber essen. Heute sind wir soweit, wie kürzlich eine Umfrage gezeigt hat: Die Bauern essen mehr Fleisch als früher, die ganze übrige Bevölkerung aber weniger.
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