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|Veröffentlicht in «Rottweiler Begegnung», Rottweil 2005

Herausgegeben vom Stadtarchiv Rottweil
Zu spät
Erzählung
Isidor Augsburger ist an einem Samstagvormittag zurückgekommen. Er ging vom Viadukt her kommend am Gasthof zum Hasen und am Gasthof Löwen vorbei die untere Hauptstrasse von Rottweil hinauf, langsam zwar. Alles sah hier anders aus. Und doch war sich alles irgendwie gleich geblieben. An eine Gaststätte Rotuvilla konnte er sich nicht erinnern, weshalb hiess sie Pizzeria? Aber das Spital zur Linken kannte er wohl. Er überquerte bei Rotlicht den Friedrichplatz, was ein lautes Hupen zur Folge hatte. «Unglaublich diese Autofahrer», murmelte der alte Mann. Mitten auf der Oberen Hauptstrasse befand sich der Samstagsmarkt. An so viele Marktstände konnte sich Isidor Augsburger nicht erinnern. Er stieg die Obere Hauptstrasse hinauf in Richtung des Schwarzen Tors, jetzt ging er auf seinen Konfektionsladen auf der rechten Strassenseite zu. Wo war der Laden bloss? Augsburger kam eben wie jeden Herbst von den Modeschauen aus Paris zurück. In seiner Mappe lagen Prospekte und Stoffmuster, er hatte für seine Kundinnen Jacken und Röcke geordert. Augsburger kannte seine Kundinnen, er wusste, was ihnen stand. Er kam langsam zwischen den Marktständen die Obere Hauptstrasse hoch, aber seinen Laden sah er immer noch nicht. Zwar stand sein Haus, die Nummer 33, noch da, aber die Aufschrift «Konfektionshaus Augsburger» war verschwunden. Was bedeutete die Aufschrift «Quick Schuh» an seinem Haus? Er konnte sich an keinen Herrn Quick erinnern. Und weshalb sahen die Schaufenster so anders aus? Er betrat seinen Laden und konnte es kaum fassen. Wie war es möglich, wer hatte die Erlaubnis für den Umbau gegeben? Mit welchem Recht? Die Zwischenwand zum Lagerraum war nicht mehr da. Und die Tablare mit den Damenblusen und Pullovern sah er nicht. Er schaute sich im Laden um, fand sich nicht zurecht und fragte nach Fräulein Irmgard. «Nein, hier arbeitet keine Irmgard», sagte die Frau an der Kasse. «Dann holen Sie Herrn Quick her, ich bin Isidor Augsburger», sagte er mit zorniger Stimme. «Das ist mein Geschäft, was der sich erlaubt!» Und als die Frau an der Kasse ihm zu Antwort gab, dass es keinen Herrn dieses Namens gab, lief er rot an und wurde noch lauter: «Was soll das, der soll jetzt her, unglaublich, was der Quick aus meinem Laden gemacht hat!» Die Frau an der Kasse griff zum Telefonhörer, wählte eine Nummer, schaute ihn an. «Warten Sie, wir regeln das», beruhigte sie ihn.
An Stelle von Herrn Quick erschienen nach wenigen Minuten zwei Uniformierte, in ihrer Begleitung eine Frau, die sich ihm vorstellte: «Viktoria Svetchenko, freut mich, Sie zu sehen, Herr Augsburger. Kommen Sie doch mit. Ich erklär ihnen alles. Kommen Sie, wir sind alle schon da». Und sie führte ihn quer über die Hauptstrasse zum grossen Haus auf der anderen Strassenseite, in dem früher das Fernmeldeamt untergebracht war. Er verstand nicht recht, was er hier suchen sollte. Weshalb stand auf dem Postamt die Aufschrift «T-Punkt»? Wo waren die Schalter? Und wieso hatte die freundliche Frau einen osteuropäischen Akzent? Hier sprach doch niemand so. Aber er liess sich mitnehmen. «Unglaublich, wer ist dieser Herr Quick? Und was sollen diese Schuhe in meinem Konfektionsladen», sagte er wieder.
Sie betraten das Haus, sie fuhren im Aufzug zum vierten Stock hinauf, durchquerten einen Gang, an dessen Ende Frau Svetchenko eine Tür öffnete. «Isidor Augsburger ist wieder da. Er ist zurückgekommen», rief sie. Aber keiner schien den älteren Mann zu kennen. Die Männer schauten Augsburger an, niemand reagierte, keiner ging auf ihn zu. Und auch er schien keinen zu kennen, schaute sie mit fragenden Augen an. «Wer sind diese Leute?», murmelte er. «Herr, Augsburger, Sie sind im Betlokal der neuen Jüdischen Gemeinde», sagte Frau Svetchenko. Isidor Augsburger schaute sich um, man sah ihm an, dass er ihr nicht traute. «Betlokal? Was heisst hier neu? Das ist doch nicht unsere Synagoge.» Seine Stimme klang verärgert. «Wir sind doch nicht an der Kameralamtsgasse.» «Herr Augsburger, hier hat sich alles verändert», sagte Viktoria Svetchenko. Er schaute sich um, und sah kyrillische Buchstaben an der Tür und an der gegenüber liegenden Wand. Und dann hörte er, wie sich die Männer in einer ihm fremden Sprache unterhielten. «Wo ist der Degginger», fragte er ungeduldig. «Und wo ist Dr. Maier-Rothschild? Und warum ist Julius Rosenstiel nicht hier? Und wo ist der Katz»? Isidor Augsburger wurde immer unruhiger. «Ich muss Degginger suchen». Er drehte sich um, verliess den Raum, stieg die Treppe hinab, ging die Obere Hauptstrasse hinunter, ohne sich nochmals nach seinem Konfektionsgeschäft umzuschauen, er bog unten am Friedrichplatz in die Hochbrücktorstrasse, es war noch nicht neun Uhr, Degginger und Katz und Rosenstiel und Maier-Rothschild und die andern würden jetzt bestimmt schon in der Synagoge sein.
Ob sie an diesem Samstag wieder zu zehnt waren? Was war hier vorgefallen. Dort, wo sich das Modehaus Rosenstiel an der Hochbrücktorstrasse befand, war jetzt eine Metzgerei Karl Hezinger eingezogen. Wenigstens war die «Gaststätte zum Becher» noch da. Ob Bernheims hier noch im zweiten Stock wohnen? Jetzt kam er an der Kameralamtsgasse an, rechts unten an der Strassenecke erkannte er sofort das rötliche Haus, die Synagoge. Unglaublich, was sich da jemand erlaubt hatte. An der Fassade der Synagoge war ein neues Leuchtschild befestigt: «Benk Fahrschule». Er drückte die Haustür, die nur angelehnt war, auf, der Gang war dunkel, Isidor Augsburger ging wie schon so oft geradeaus zur zweiten Tür links. Die Tür zum Synagogenraum stand weit geöffnet, sein Herz stockte, er konnte es kaum fassen: Der Raum war hell erleuchtet, der Thoraschrein war nicht da, die Bima, der Betpult, war verschwunden, er sah keine Gebetsbücher. Die schönen Deckenlampen waren noch da, die Deckenbemalung sah farbiger aus, als er sie in Erinnerung hatte. Wo war der Ner Tamid, das ewige Licht? Niedrige Tische standen da, Geräte, die er nicht kannte, und eine grosse Leinwand. Der weisshaarige Mann, der an einem der Tische sass, begrüsste ihn freundlich und stellte sich vor: «Freut mich, Hartmut Benk ist mein Name». «Wo sind die anderen», fragte Augsburger ungeduldig. «Die anderen? Der Theorieunterricht beginnt erst in einer Stunde, Sie sind zu früh. Nehmen Sie sich ein Fahrkundebuch und machen Sie es sich bequem. Wir fangen rechtzeitig an.»
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