Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/2762

Allegro non troppo
Andante moderato
Allegro giocoso – Poco meno presto – Tempo I
Allegro energico e passionato – Più Allegro
Mit dem hart erkämpften Erfolg seiner 1. Sinfonie hatte sich Johannes Brahms im zarten Alter von 43 Jahren als Sinfoniker endlich „freigeschwommen“. Sämtliche weiteren Werke gingen ihm leichter von der Hand: die direkt im Anschluss komponierte Zweite ebenso wie das Werkpaar von 1883/85, die Sinfonien Nr. 3 und 4. Auch die Vierte erfreute sich grosser Beliebtheit beim Publikum, allerdings mit einiger Verzögerung. An ihren rauen, bisweilen archaischen Ton musste sich die Hörerschaft offenbar erst gewöhnen.
Dieser Eindruck des Archaischen speist sich aus der Verwendung kirchentonaler Wendungen im 2. Satz, v.a. aber aus der Gestaltung des Finales als Chaconne: Eine achttaktige Melodiefloskel, die auf einen Bach-Choral zurückgeht, durchläuft in insgesamt 30 Variationen eine Ausdruckspalette von bedrohlich über zärtlich bis majestätisch. Lyrisches Aussingen, wie man es von einem romantischen Orchesterwerk hätte erwarten dürfen, findet hier nur ausnahmsweise statt.
Das ist zu Beginn der Sinfonie noch anders, wenn die Geigen mit einer getragenen Sehnsuchtsmelodie anheben, die scheinbar aus dem Nichts kommt. Und doch ist bereits hier Brahms, der Konstrukteur, am Werk, denn das Intervall der Terz, das dieser Melodie zugrunde liegt, prägt den weiteren Verlauf der Sinfonie entscheidend. Im 1. Satz beherrscht es die Entwicklung, kehrt in den Folgesätzen sporadisch wieder, und wenn im Finale das düstere Chaconne-Thema erklingt, besteht auch hier die Basslinie aus einer wuchtigen Terzenkette.