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Der Titel des ersten von fünf Essays in der vorliegenden Reportagesammlung wurde zum Titel für die deutsche Buchausgabe der als Begründerin des New Journalism bekannt gewordenen kalifornischen Journalistin. Allesamt aus den späten Sechzigerjahren stammend, geben sie ein treffendes Bild ab für eine Ära, die sich seither stetig im Rollback befindet, wie New-Journalism-Kollege Hunter S. Thompson einmal verlauten ließ.
"So now, less than five years later, you can go up on a steep hill in Las Vegas and look West, and with the right kind of eyes you can almost see the high water mark — that place where the wave finally broke, and rolled back.", schrieb Hunter S. Thompson in seinem Bestseller "Fear and Loathing in Las Vegas" und meinte damit den gesellschaftlichen Backlash, der alle Reformen der Sechziger rückgängig zu machen versucht. Mehr als 50 Jahre später sehen wir uns einer reaktionären Rückeroberung des Territoriums der Freiheiten ausgesetzt, wie sich wohl weder Didion noch Thompson es sich je hätten ausmalen können. Rechte Ideen haben die Hegemonie des gesellschaftlichen Diskurses übernommen und Solidarität oder Freiheit gibt es nur mehr gegen, aber nicht für etwas. Wie wohltuend liest sich da etwa der Eingangsessay von Joan Didion in dieser gleichnamigen Essaysammlung, der gleichsam zu einem Synonym der gesellschaftlichen Befreiung der Sechziger wurde. In einer lässigen, unaufgeregten Sprache erzählt Joan Didion von ihrer Zeit "in der Mitte ihres Lebens" (Jahrgang 1934), in der sie immer noch an das Erzählte und die Verständlichkeit des Erzählten glaubte, aber schon wusste, dass der Sinn der Bilder mit jedem Schnitt zu ändern war und diese Erfahrung immer stärker "als eine der Elektrik, denn eine der Ethik" wahrzunehmen war. Viele Bilder, die sie damals kennenlernte, passten nicht mehr in jene Erzählungen, die sie kannte.
Zu jener Zeit befand sie sich selbst in einer psychischen Krise, wurde gleichzeitig aber von der Los Angeles Times zur "Frau des Jahres" gekürt. Sie begegnet Mitgliedern der Spahn Movie Ranch ebenso wie den Doors und erkennt in deren Bandleader, Jim Morrison, ein verspieltes Kind, das mit Zündhölzern am Hosenbund seiner Lederjeans werkelt. "Er zündete ein Streichholz an. Er betrachtete die Flamme und führte sie sehr langsam, sehr bedächtig hinunter zum Reißverschluss seiner Lackhosen.", erzählt sie von einem Nachmittag bei den Probeaufnahmen im Studio der Doors. Ebenso unprätentiös begegnet sie Janis Joplin, Huey P. Newton oder Eldridge Cleaver (Black Panthers) und Linda Kasabian, der sie sogar das Kleid für ihre Verhandlung brachte. Für Joan Didion und viele andere endeten die Sechziger an jenem 9. August 1969 als die Morde am Cielo Drive sich wie ein Lauffeuer verbreiteten und sie erinnert sich genau an jenes Gefühl, das sie damals beschlich: Keiner zeigte sich überrascht. "An diesem Tag löste sich die Spannung", auch jene ihres persönlichen Lebens, das sie in vorliegendem Essay so trefflich mit den Ereignissen der Sechziger verknüpft. Sie zieht in ein Haus am Strand und "Motorsäge und Meerwind trieben den Geist der Sechziger Jahre aus", schreibt sie. Dinge, die anderen Leuten passierten, konnten tatsächlich auch ihr passieren. Ihre eigene Diagnose, Multiple Sklerose ("The name was multiple sclerosis, but the name had no meaning. This was, the neurologist said, an exclusionary diagnosis, and meant nothing."), geht unter, wie der Schaum auf der Krone einer Welle, die es an Venice Beach anspült. Geht unter und taucht wieder auf und geht unter ...
Joan Didion geht in die Literaturgeschichte ein, als Chronistin des kalifornischen Dreams und gleichzeitig Nightmares, ihr persönlicher Stil diente vielen Epigonen als Vorbild. Sie verstarb im Dezember 2021 im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus in Manhattan an den Folgen einer Parkinson-Krankheit. Wider allen Erwartungen hat sie alle ihre Kolleginnen überlebt. Die vorliegende Essaysammlung ist ein guter Einstieg in ihr schriftstellerisches Werk, das vor allem durch "The Year of Magical Thinking" aus dem Jahr 2005 bekannt wurde.