Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03426.jsonl.gz/1859

Jede zehnte Frau leidet an Endometriose, einer Krankheit, die enorme Menstruationsbeweschwerden verursacht und oft erst nach einem langen Leidensweg erkannt wird. Die Geschichte einer Betroffenen.
Endometriose verursacht grosse Menstruationsbeschwerden. (Bild: Pexels)
Als Livia Umiker ihre erste Menstruation hatte, litt sie von Anfang an unter ziehenden, krampfenden, stechenden Schmerzen im Unterleib. «Ich kann mich noch erinnern, dass ich im 10. Schuljahr war und vor Schmerzen beinah zusammengebrochen bin.» Sie ging zum Arzt, wo ihr die Antibabypille verschrieben wurde. «Man gab mir die Pille im Langzeitzyklus und ich hatte keine Menstruation mehr.» Es wurde also nicht das eigentliche Problem gelöst, sondern einfach der auslösende Prozess, die Menstruation, ausgebremst. Umiker nahm die Pille mehrere Jahre lang. Dass sie Endometriose haben könnte, sei damals aber nie angesprochen worden.
Den Chefs erklären, warum man oft fehlt
«Weil ich die Pille nicht gut vertrug, wechselte ich nach einigen Jahren auf ein anderes Präparat, das ich nicht durchgehend nahm und entsprechend auch wieder meine Menstruation bekam und damit kamen auch die enormen Schmerzen wieder zurück.» Livia Umiker versuchte zu lernen, mit den Schmerzen zu leben. Sie passte ihre Arbeitspläne ihrem Menstruationszyklus an, weil sie wusste, dass sie unter solchen Schmerzen nicht arbeiten konnte. «Da musste ich auch immer wieder in der Chefetage antraben und den Männern dort erklären, warum ich so viele Fehlzeiten hatte.» Die Schmerzmittel wirkten nicht richtig, worauf Umiker irgendwann komplett darauf verzichtete. Auch ihr privates Umfeld passte sich gezwungenermassen ihrer Situation an. «Mein damaliger Partner und heutiger Ehemann trug mich immer mit. Er hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich mich regelmässig vor Schmerzen winde.»
Livia Umiker litt von Anfang an unter ziehenden, krampfenden, stechenden Schmerzen.
Schmerzattacken aus dem Nichts
Im Alter von 28 Jahren setzte Umiker die Pille ab: «Ich wollte die Chemie nicht weiter schlucken. Ausserdem wuchs langsam auch der Kinderwunsch und ich wollte herausfinden, wie sich mein Zyklus entwickelt.» Damit habe das wahre Desaster erst so richtig begonnen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer und stellten sich mittlerweile auch unabhängig vom Monatszyklus ein. «Ich kann mich an eine Situation beim Einkaufen erinnern, wo eine Schmerzattacke aus dem Nichts kam. Ich zog mich auf die Toilette zurück und verharrte dort anderthalb Stunden unter grossen Schmerzen, bis mich mein Mann abholen kommen konnte. Hätte ich diese Schmerzen nicht bereits von früheren Attacken gekannt, ich hätte wohl einen Krankenwagen gerufen.»
Lange Leidensdauer bis zur Diagnose
Dass Livia Umiker an Endometriose leidet, wusste sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Ihr Mann habe ihr immer wieder gesagt, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmen könne. «Ich war natürlich auch immer wieder beim Arzt und bei meiner Gynäkologin zur Kontrolle. Dort hiess es aber immer, dass man nichts entdecken könne. Man wisse nicht, woher die Schmerzen stammen.» 2013 wurde Livia Umiker schwanger, hatte aber leider eine Fehlgeburt in der achten Woche. «Ich brauchte Abstand und war danach für zwei Jahre nicht mehr bei meiner Gynäkologin.» Zwei Jahre nach der Fehlgeburt suchte sich Umiker eine neue Frauenärztin. «Ich wollte wieder schwanger werden, was leider nicht klappte.» Ihre neue Gynäkologin stellte bei einer Ultraschalluntersuchung fest, dass sich über die Jahre in Umikers Eierstöcken riesige Endometriosezysten gebildet hatten. Die Ärztin vermutete Endometriose und schickte Livia Umiker in die Frauenklinik Fontana des Kantonsspitals Graubünden.
Alleingelassen
In der Zeit zwischen den beiden Terminen fühlte sich Umiker sehr alleingelassen. «Ich hatte schon von der Krankheit gehört, hatte aber auch aufgrund der Rückmeldungen meiner bisherigen Ärztin keine Verbindung zwischen meinen Beschwerden und dieser Erkrankung gemacht. Es wurde mir ja immer gesagt, dass man nichts entdecke und da entsprechend auch nichts sei.» Umiker googelte die Krankheit und wünschte sich, irgendwo jemanden zu finden, mit dem sie sich über ihre Krankheit austauschen könnte. Da gab es aber offenbar nichts.
Eine Operation kann helfen.
Definitive Diagnose und Hilfe
Zwei Wochen später hatte Umiker ihren Termin in der Frauenklinik Fontana. «Dr. Fehr (Chefarzt Gynäkologie und Departementsleiter Anm. d. R.) sagte mir, dass ich schwere Endometriose habe.» Es folgte eine erste diagnostische Operation, um das Ausmass der Endometriose in Umikers Unterleib feststellen zu können. Danach wurde ein MRI gemacht, um herauszufinden, ob und wie stark die Endometriose auch den Darm befallen hatte. Danach fand die zweite Operation statt. «Während fünf bis sechs Stunden Operation wurde ein Teil meines Darms entfernt. Die Eierstöcke konnten leider nicht "saniert" werden.» Die Eierstöcke sollten unbedingt erhalten bleiben, da Umikers Kinderwunsch weiterhin bestand. Nach einer nicht einfachen Erholungszeit konnte Umiker in die Reha. «Heute geht es mir besser, ich habe aber immer noch chronische Schmerzen», beschreibt sie ihre aktuelle Situation. Sie geht regelmässig zur Schmerztherapie.
Was bleibt nach der Odyssee?
Was Livia Umiker nach ihrer mehrjährigen Odyssee besonders in Erinnerung geblieben ist, war der Moment, als sie wusste, dass sie wohl Endometriose hat, jedoch nirgends wirklich fundierte Informationen und vor allem den Austausch mit anderen Betroffenen Frauen fand. «Ich war auf mich alleine gestellt. Daher habe ich, nachdem ich mich erholt hatte, eine Selbsthilfegruppe organisiert.» Aus dieser Selbsthilfegruppe entstand der Verein «Endo help», der sich zum Ziel setzt, Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige zu sein und Aufklärungsarbeit zu leisten. Eine der wichtigen Botschaften, die «Endo help» und auch Livia Umiker unbedingt verbreiten möchten: «Starke Menstruationsbeschwerden sind nicht normal.» Dabei müsse das nicht immer Endometriose sein. «Man sollte aber Abklärungen treffen. Allenfalls auch in einem zertifizierten Endometriosezentrum wie dem am Kantonsspital Graubünden.» Es ist zu hoffen, dass Umikers Geschichte mit dazu beiträgt, dass anderen Frauen ein ähnlich langer Leidensweg erspart bleibt.
Zertifiziert: Das klinisch-wissenschaftliche Endometriosezentrum am KSGR.
Das Endometriosezentrum am KSGR
Endometrium nennt man die Gebärmutterschleimhaut, die sich in der Gebärmutter bei jedem Zyklus aufbaut und bei der monatlichen Blutung ausgestossen wird. Bei der Endometriose kommt die Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter vor. Dieses Gewebe blutet monatlich während der Menstruation in den Bauch und kann zu Verwachsungen führen.
Endometriose ist eine häufige und komplexe Frauenkrankheit. Sie beeinträchtigt nicht nur das körperliche Wohlbefinden (Schmerzen und ungewollte Kinderlosigkeit), sondern sie kann auch seelische Folgen haben und eine Partnerschaft empfindlich belasten. Man schätzt, dass 10 bis 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter und beinahe die Hälfte der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch davon betroffen sind.
Im Endometriosezentrum in der Frauenklinik Fontana des Kantonsspitals Graubünden steht Patientinnen ein interdisziplinäres Team zur Verfügung, das über eine breite Erfahrung bei der Abklärung und Behandlung von Endometriose verfügt. Das Endometriosezentrum des Kantonsspitals Graubünden ist von der Stiftung Endometriose Forschung als "klinisch-wissenschaftliches Endometriosezentrum" zertifiziert worden.
Endo help: Online-Vortrag am 22.03.2021
Ende 2019 wurde die Selbsthilfegruppe Endometriose Graubünden gegründet. Rasch entwickelte sich daraus der Verein Endo help Schweiz. Die Patientenorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit zu leisten und Ansprechpartner für Betroffene und ihre Angehörigen zu sein.
Endo help Schweiz organisiert regelmässige Treffen und Vorträge. Der nächste Vortrag findet am 22. März 2021 via Zoom statt. Unter anderem wird auch Dr. med. Peter M. Fehr fachliche Informationen zum Thema vermitteln. Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Webseite von Endo help.