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20 Jahre Einsatz für Indiens Frauen
Mit dem Arbeitsstart von Damaris Lüthi 2002 änderte die Strategie der Solidaritätsarbeit des Elisabethenwerks in Indien. Wurden zuvor Mikrokredite für Infrastrukturbauten gesprochen, stand neu die Förderung von Spar- und Kreditgruppen im Zentrum.
Als ich im Herbst 2002 die Verantwortung für die Frauenprojekte in Indien übernahm, blickte ich auf drei Jahre Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit und einen ethnographischen Forschungsaufenthalt von 16 Monaten in Tamil Nadu (Südindien) zurück. Nun durfte ich mein akademisches Wissen zur Kastengesellschaft – meinem Spezialgebiet – und dem indischen Alltag beim Elisabethenwerk für die Förderung von Benachteiligten einsetzen. Diese Umsetzung machte für mich Sinn.
Gleich zu Beginn galt es, die bisherige Unterstützung der Frauen mit Mikrokrediten oder Infrastrukturbauten wie Toiletten oder Brunnen abzuschliessen. Neu setzten wir auf die Förderung von Spar- und Kreditgruppen, da konnte ich auf die Erfahrung meines früheren Hilfswerk-Engagements bauen. Dieser Strategiewechsel drängte sich nicht etwa auf, weil die vorherige Unterstützung nichts brachte, sondern weil dafür nicht ausländische Hilfsgelder nötig waren. Der indische Staat hat dafür eigene Hilfsprogramme, beispielsweise seit 1999 das «Total Sanitation»-Programm für Toiletten, seit 2001 «Biju Lift Irrigation» für Brunnen und bereits seit den 1980er-Jahren «DWCRA», ein Mikrofinanzprogramm für Landfrauen.
Mit den Spargruppen schliessen sich die Frauen zusammen und tätigen Einlagen in einen Geld- oder Naturalien-Fonds. Damit können sie sich aus den weitverbreiteten Verschuldungssituationen befreien. Als nächsten Schritt können sie aus dem Gruppenfonds Kleinkredite zu günstigen Zinsen aufnehmen und für Gesundheitsausgaben, Schulgebühren der Kinder oder sogar Investitionen in eigene Mini-Unternehmen einsetzen, zum Beispiel die Pacht einer Cashew-Plantage oder den Kauf einer Ziege. Weil die Frauen ihre Spar-Beiträge von ihrem kleinen Tagelohn in der Landwirtschaft abzweigen, tragen sie sehr Sorge dazu – anders, als wenn ein ausländisches Hilfswerk das Geld einfach schenkt.
Einige Jahre später begann der indische Staat selbst mit der Förderung von Spargruppen, so dass sich das Engagement – ausser der Organisation spezieller Gruppen wie Witwen-, Transgender- und HIV-Spargruppen – zur Weiterbildung der Frauen verschob. Denn die staatlichen Gruppen existierten häufig nur dem Namen nach. Die Mitarbeiter:innen der im Schnitt rund vierzig Projekte begannen, Kurse zu geben in Buchhaltung, Vermarktung oder der Antragstellung für diverse staatliche Wohlfahrtsprogramme. Das Ziel der internationalen Zusammenarbeit soll ja bekanntlich nicht neue Abhängigkeiten schaffen, zum Beispiel vom Elisabethenwerk, sondern Nachhaltigkeit. Deshalb ist es zentral, die Ressourcen der Zielgruppe und ihres Landes zu mobilisieren.
Indien bietet eigene Hilfsprogramme für Benachteiligte – mit den Elisabethenwerk-Projekten wird versucht, ihnen den Zugang dazu zu ermöglichen:
- Seit 2005 gibt es das Gesetz «Recht auf Arbeit», das Benachteiligten auf dem Land jährlich 100 Tage Arbeit zum staatlichen Mindestlohn ermöglicht.
- Es bestehen Subventionen für den Bau solider Häuser, welche die Hütten ersetzen.
- Von den staatlichen Krankenversicherungen und Alters-, Witwen- und Behindertenrenten wissen die Mittellosen selten.
- Es gibt Lebensmittelkarten für vergünstigte Lebensmittel.
- Sogar ein Stück eigenes Land kann im Rahmen des Forest Rights Act beantragt werden.
Frauen werden auch mit Rechtskunde ermächtigt, beispielsweise zu den Gesetzen gegen häusliche Gewalt, Frauenhandel oder Verheiratung von Minderjährigen; die Bildung von Dorf-Entwicklungskomitees mit Frauenbeteiligung und die Erarbeitung von Dorfplänen fördern die lokale Entwicklung. Kurse in Dorfpolitik motivieren und befähigen die Frauen, an den Dorfversammlungen teilzunehmen und sich bei Wahlen aufstellen zu lassen und so Einfluss zu nehmen.
Zur Projektarbeit gehört auch, dass die Frauen Schulkommissionen gründen, welche die kaum funktionierenden Schulen überwachen und dazu motivieren, auch die Mädchen einzuschulen. Auch die Gesundheitsförderung durch Beratung und Verbesserung der Ernährung ist ein wichtiger Bereich. In den letzten Jahren ist zunehmend auch der Umweltschutz ein Thema geworden.
In Sri Lanka begannen wir 2010, kurz nach Ende des Bürgerkriegs, mit der psycho-sozialen Arbeit mit Kriegstraumatisierten. Neben der Arbeit mit benachteiligten Frauen kam auch die Rehabilitation von Kriegsversehrten, insbesondere Kriegswitwen und Ex-Kämpferinnen dazu.
Die Projekte konnten jeweils nach einer bis mehreren Projektphasen abgeschlossen werden, worauf viele Projektteams – NGOs oder Ordensschwestern – sich eine neue Region suchten. Die Südasienprojekte des EW zeichnen sich insgesamt heute dadurch aus, dass sie die Situation der Frauen ganzheitlich angehen, indem sie zeitgleich auf mehreren Ebenen Verbesserungen anstreben. Die betroffenen Frauen sind sehr interessiert und engagiert, da sie ihre eigenen Schwerpunkte setzen und mehrfach profitieren können, auch wenn sie sich selbst bemühen müssen. Das Ziel ist letztlich die Nachhaltigkeit der Ermächtigungsarbeit, damit die Frauen und ihre Gruppen irgendwann in die Eigenständigkeit entlassen werden können, weil sich ihre Leben in jeder Beziehung nachhaltig verbessert haben.
Das Engagement des Elisabethenwerks konzentriert sich auf die indischen Teilstaaten Andhra Pradesh, Telangana, Orissa, Chhattisgarh, Jharkhand und Bihar. Dieses Gebiet wird «tribal belt» genannt, weil das gebirgige Dschungelgebiet mehrheitlich von Adivasi (indigene Volksgruppen) bevölkert ist. Diese sind auf dem ganzen Subkontinent stark benachteiligt, neben den Dalits («Unterdrückte»), den tiefsten Kasten. Nach dem Ende des sri-lankischen Bürgerkriegs kam als weiteres Projektland im Jahr 2010 Sri Lanka dazu. Der Fokus liegt überall auf den meistbenachteiligten Frauen, ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit zu «Naturreligionen», Hinduismus, Islam, Christentum oder Buddhismus. Mit Deepika Singh, einer ehemaligen Ordensschwester, konnte 2003 erstmals eine einheimische Beraterin gefunden werden, die vor Ort die Projekte kritisch begleitete. Seit 2017 sind die Entwicklungs-Expertinnen vor Ort die Juristin Sr. Tessy Paul und die Sozialarbeiterin Sr. Rajni Kullu, beides sehr engagierte einheimische Ordensschwestern.
Damaris Lüthi verantwortete 20 Jahre lang die Frauenprojekte in Indien, ab 2010 auch in Sri Lanka. Ende Oktober 2022 geht sie in den Ruhestand. Wir wünschen ihr jetzt schon alles Gute mit ihren weiteren Engagements und danken herzlich für ihren Einsatz.
Ihre wertvolle Arbeit wird von Janne Roux fortgesetzt. Die 38-Jährige hat vielseitige Erfahrung in der Entwicklungsarbeit. Beim Elisabethenwerk wird sie als erstes eine Evaluation des Spar-und Kreditprogramms UPWOSED in Uganda angehen.