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Quelle: Jahrbuch Stadt Wädenswil 2011 von Peter Ziegler
Auf den 10. April 2011 lud der Verkehrsverein Wädenswil zu einer Exkursion ein, die vom Neubüel zur Aussichtskanzel unterhalb der Schönegg führte. Diese Anlage hiess in der Bevölkerung ursprünglich auch «Gattiker-Känzeli». Denn sie wurde im Jahre 1935 auf Anregung des damaligen Präsidenten des Verkehrsvereins, Hermann-Gattiker-Helbling, gebaut und am 4. April 1936 eingeweiht.
Zuvor hatte Richterswil die Aussichtsterrasse auf Burghalden geschaffen. Hermann Gattiker fand, auch Wädenswil sollte über einen solchen Aussichtspunkt verfügen. Am 26. September 1935 erwarb der Verkehrsverein Wädenswil daher von Landwirt Franz Bettschart auf Büelenebnet für 300 Franken 161 Quadratmeter Land an der Büelenebnet-Strasse unterhalb der Schönegg und erteilte der Baufirma Ferrari den Auftrag, eine Aussichtsterrasse zu erstellen, die sich noch heute im Eigentum des Verkehrsvereins Wädenswil befindet. Die Gesamtkosten beliefen sich seinerzeit auf 4000 Franken und konnten durch Eigenmittel des Verkehrsvereins gedeckt werden. Die Aufsicht über die Anlage übernahm anfänglich der Wirt im Restaurant Schönegg.
Mit dem Verkehrsverein unterwegs zum Gattiker-Känzeli
Hermann Gattiker wurde am 24. Juli 1876 in Wädenswil geboren. Er entstammte einem Geschlecht, das seit 1575 in der Gemeinde heimatberechtigt war. Seine Eltern führten die bekannte Gaststätte zum Schiffli gegenüber dem heutigen Bahnhofkiosk. Hermann wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester auf, die aber jung starben.
Nach Abschluss einer Konditorlehre nahm Hermann in Genf eine Volontärstelle an und absolvierte dann eine zweite Berufslehre als Koch in einem Genfer Hotel. Dann begab er sich ins Ausland: nach Frankreich, Italien und Deutschland. Zuletzt leitete er einen grossen Doppelbetrieb in Budapest.
Nach der Rückkehr in die Schweiz kaufte er in Rapperswil eine Liegenschaft mit Konditorei und Tea Room. Im Sommer 1900 schloss er den Bund der Ehe mit Hedwig Helbling von Rapperswil. Die Ehe blieb leider kinderlos.
Im Herbst 1901 übernahm Hermann Gattiker von den Eltern das Restaurant Schiffli in Wädenswil und war fortan unter dem Namen «Schiffli-Gattiker» bekannt.
Gattiker-Känzeli
Nebst dieser Gaststätte, die sein Urgrossvater 1837 eröffnet hatte, leitete er als erster Pächter des Au-Konsortiums vom 1. März 1911 bis 30. April 1916 das Hotel auf der Halbinsel Au. 1916 siedelte er wieder ganz ins Dorf über und führte bis 1930 die Wirtschaft Schiffli. Hermann Gattiker war am kulturellen Leben von Wädenswil sehr interessiert und wirkte in vielen Vereinen mit: Von 1929 bis 1936 amtete er als Präsident des Verkehrsvereins Wädenswil; während 26 Jahren gehörte er der Stiftung zur Erhaltung der Burgruine Alt-Wädenswil an; 26 Jahre lang präsidierte er den Einwohnerverein Wädenswil, und von 1902 bis 1945 war er Quästor der X-Gesellschaft, der 1873 gegründeten Wädenswiler Fasnachtsgesellschaft.
Restaurant Schiffli von Hermann Gattiker-Helbling, abgebrochen 1931
Hermann Gattiker vor seinem Restaurant
Im Jahre 1929 erwarben die SBB Gattikers Liegenschaft zum Schiffli zur Erweiterung des Bahnhofs. 1931 wurde das Schiffli abgebrochen. Das Wirtshausschild, das Schiff Minerva, kam ins Ortsmuseum und wird heute im Fundus der Stadt Wädenswil aufbewahrt.
Hermann Gattiker liess sich nach dem Verkauf der Wirtshaus-Liegenschaft mit seiner Frau Hedwig und der einstigen Serviertochter Lina Bischof im neuerbauten Haus Sunnegüetli an der Fuhrstrasse 15 nieder und zog sich ins Privatleben zurück. Das Haus wurde später für den Neubau der Liegenschaft Cantieni abgebrochen.
Hermann Gattiker starb Ende Mai 1967 im Alter von fast 91 Jahren.
Da das Ehepaar Hermann und Hedwig Gattiker-Helbling kinderlos war, errichtete es mit dem Nachlass eine wohltätige Stiftung. In der Stiftungsurkunde vom 17. Juli 1968 steht unter Abschnitt II:
«Der Zweck der Stiftung besteht in der Verwendung der Erträgnisse des Stiftungsvermögens zur Unterstützung gemeinnütziger Bestrebungen in der Gemeinde Wädenswil gemäss den nachstehend zitierten testamentarischen Vorschriften des Stifters:
a) An die Weihnachtsfeier der Sonntagschule in der reformierten Kirche 300 Franken. Der evangelischen Weihnachtsfeier im Vereinshaus an der Fuhrstrasse 150 Franken.
b) Je 20 Franken pro Kopf als persönliche Weihnachtsgabe an alle Krankenschwestern, Krankenwärter, das Pflege-, Haus- und Küchenpersonal des Krankenhauses und Altersheims in Wädenswil.
c) Ein alsdann noch verbleibender Restbetrag soll zu je einem fünften Teil dem Krankenhaus Wädenswil, dem Altersheim Wädenswil, der Hauspflege, der Kinderkrippe und für das Alter, alles Institutionen in Wädenswil, verteilt werden.»
Seit 11. September 1997 setzt sich der Stiftungsrat folgendermassen zusammen: Präsident: Peter Weiss; Aktuarin: Maria Christener; Quästor: Hans Stüdli.
Nebst den Sonntagschulbeiträgen wurden im Jahre 2010 ausgerichtet: An das Kranken- und Altersheim Frohmatt für 180 Mitarbeitende 3'600 Franken, an das Wohnzentrum Fuhr für 35 Mitarbeitende 700 Franken in die Personalkasse.
Hermann Gattiker-Helbling
Da das Spital Wädenswil, die Hauspflege und der Fürsorgeverein aufgelöst wurden, wird der Restbetrag heute zu gleichen Teilen (im Jahr 2010: 1'122 Franken) an folgende fünf Wädenswiler Institutionen verteilt: Aktive Senioren Wädenswil, Pestalozziverein Wädenswil, Wohnzentrum Fuhr, Kinderkrippe Wädenswil und Reformierte Kirchgemeinde für Seniorenferien und Ökumenische Seniorenreise. Per Ende 2010 betrug das Stiftungsvermögen 673'081.65 Franken.
Peter Ziegler