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Dass Lachen das Immunsystem stärkt und stressmildernd wirkt, ist bekannt. Aber: Wer oder was entscheidet eigentlich, welche Witze und Situationen wir lustig finden? Und was sagt das über uns aus?
Der Psychologe und Humorforscher Willibald Ruch untersuchte in über 250 Studien, wie Humor und Persönlichkeit zusammenhängen und verrät im Interview, ob Fans von Schwiegermutterwitzen genauso intelligent sind wie die von Helge Schneider.
Willibald Ruch
Ord. Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik
Prof. Dr. Willibald Ruch hat über 250 wissenschaftliche Arbeiten zu den Bereichen Humor, Lachen, Heiterkeit, positive Emotionen, Charakter und Persönlichkeit verfasst.
Ausserdem ist er zweimaliger Präsident der ISHS (International Society for Humor Studies), Gründer (2001) und Koorganisator der International Summer School on Humor and Laughter und Gründer und Präsident der SWIPPA (Schweizerische Gesellschaft für Positive Psychologie).
SRF Wissen: Herr Ruch, ich finde Helge Schneider zum Totlachen. Was sagt das über mich aus?
Willibald Ruch: Eine Theorie der Humorforschung besagt, dass wir über Dinge lachen, die unstimmig sind. Der Fachbegriff dafür lautet «Inkongruenz». Wenn diese Unstimmigkeit im Witz teilweise oder ganz aufgelöst wird, kann das uns zum Lachen bringen.
Nehmen wir etwa den: «Drei Schotten wetten um einen Penny, wer länger unter Wasser bleiben kann. Alle drei ertrinken». Hier können wir die Inkongruenz auflösen, indem wir für uns die Erklärung finden, dass Schotten einfach geizig sind.
Es geht bei Humor weniger um den Inhalt als um die Form.
Bei Helge Schneider dagegen passieren schräge Dinge, die man nicht erklären kann, sondern akzeptieren muss. Das ist eine andere Kategorie. Wir bezeichnen sie als «Non-Sense». Vielleicht kennen Sie das von Satiremagazinen wie «Titanic» oder der britischen Komikergruppe Monty Python. Es geht darum, die Fantasie zu gebrauchen, um etwas Unsinniges zu erschaffen.
Das heisst also, ich bin besonders fantasievoll?
Sie haben sicher mehr Fantasie als andere, ja. Aufgrund der Ergebnisse unserer Studien würde ich sagen, dass Sie generell das Neue, Fremde und Andersartige mögen. In der Musik spricht Sie Jazz wahrscheinlich mehr an als Schlager und Sie würden eher vor einem Werk von Dalí als vor einer Landschaftsmalerei stehen bleiben. Sprich: Sie mögen das kognitiv Komplexe.
Wie viel hat Humor mit Intelligenz zu tun?
Erstaunlich wenig.
Ach ja?
Es geht bei Humor weniger um den Inhalt als um die Form. Wir lachen nicht über die Blondinen oder Politiker, sondern über den Aufbau des Witzes. Über welche Art von Humor jemand lachen kann, hängt davon ab, wie fantasievoll jemand mit seinen kognitiven Fähigkeiten umgehen kann.
Wir haben das auch mithilfe eines Fragebogens untersucht: Personen, die in den Humorstilen Witz, Humor, Satire, Ironie und Non-Sens hohe Werte erreichten, schätzten ihre Intelligenz überdurchschnittlich ein. Der Effekt war aber nur beim Komikstil «Witz» messbar - und das nur schwach. Humor und Intelligenz stehen also nicht wirklich in Korrelation.
Humor und Persönlichkeitsstile
Die Psychologin Sonja Heintz, Professorin an der Plymouth-Universität in England und ehemalige Kollegin von Willibald Ruch, hat die Korrelation der acht Humorstile (Ironie, Satire, Sarkasmus und Zynismus, wohlwollender Humor, Nonsense, Witz und Spass) mit den fünf grossen Persönlichkeitsmerkmalen der Psychologie (Extraversion, soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit für Erfahrungen) in Zusammenhang gesetzt.
Besonders auffällig waren in ihren Untersuchungen folgende Korrelationen:
- Die Humorstile Sarkasmus und Zynismus gehen mit tiefer sozialer Verträglichkeit und wenig Gewissenhaftigkeit einher.
- Menschen mit einer Vorliebe für wohlwollenden Humor sind dafür sozial sehr verträglich. Statistisch gesehen sind sie auch extrovertiert – genauso wie diejenigen, die Spass und Witz mögen.
- Weitere Zusammenhänge entdeckte Heintz und ihre Kolleginnen und Kollegen zwischen Charakterstärken und Humorstilen: In der Psychologie gibt es 24 einzelne Charakterstärken, die sich zu fünf übergeordneten Kategorien zusammenfassen lassen. Dabei handelt es sich um emotionale Stärken, zwischenmenschliche Stärken, Stärken der Mässigung, intellektuelle Stärken und transzendente Stärken.
- Es zeigt sich, dass Menschen, die Sarkasmus und Zynismus schätzen, bei den zwischenmenschlichen Stärken unterdurchschnittlich abschneiden. Vorliebe für Spass deutet darauf hin, dass die Stärken der Mässigung wenig ausgeprägt sind. Dafür stechen bei Menschen, die Spass aber auch Witz und wohlwollenden Humor schätzen, die emotionalen Stärken hervor.
Was verrät mein Humor noch über mich?
Wir können anhand von Humorpräferenzen Aussagen darüber treffen, welche Partei jemand eher wählen würde. In den Studien habe ich die Persönlichkeitsmerkmale zwar nicht an politisch rechts oder links festgemacht, sondern an psychologischen Merkmalen wie Konservativismus, Toleranz von Ambiguität, Lust an neuen Reizen beziehungsweise Verschlossenheit versus und Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen. Aber es gibt Parallelen.
Worüber lachen Konservative beispielsweise?
Psychologisch konservative Menschen vermeiden Reize, die neu und komplex sind, und mögen es, wenn sie das Leben nicht allzu sehr überrascht. Deshalb sind sie auch eher Fans von Schotten- oder Blondinenwitzen, den Inkongruenz-Lösungs-Witzen.
Wir können anhand von Humorpräferenzen Aussagen darüber treffen, welche Partei jemand wählt.
Ist unsere Vorliebe für Humor eigentlich angeboren?
Eine gewisse Fähigkeit zum Humor ist angeboren, ja. Sie kann aber von den Erlebnissen, die wir in der Schule, der Uni oder im Job machen, verschüttet werden. Ganz stark passiert das bei Mobbing-Betroffenen, die ausgelacht werden – und Lachen mit negativen Emotionen verknüpfen. Gleichzeitig sind es auch Freunde und Familie, die den Humor prägen.
Wo Humor in unserem Gehirn steckt
Eine Forschungsgruppe der Stanford University führte 2013 sogenannte funktionelle MRT-Aufnahmen durch, um den Ursprung des Humors zu finden.
Dabei zeigten Forschende den Probandinnen und Probanden lustige Bilder, Videos, Texte oder Audiodateien und testeten, welche Hirnregionen aktiv waren. Die Ergebnisse zeigten: Ein Witz wird anders verarbeitet, je nachdem, in welcher Form er erzählt wird. Visuelle Reize wie Videos werden anders verarbeitet als ein geschriebener Text.
Besonders spannend: Trotz der verschiedenen Wege den Witz rüberzubringen, gab es zwei Gemeinsamkeiten in der Hirnantwort. In allen Tests war die Parietal-Temporal-Occipital Region aktiv. Das Parietal-Temporal-Occipital ist ein Bereich der Hirnrinde, der Inkongruenz aufspürt und löst.
Ausserdem war der sogenannte dopaminerger Weg und die Amygdala involviert. Beides sind wiederum wichtige Bereiche im Belohnungsprozess sowie für das Finden von Auffälligkeiten.
Kann ich auch lustig werden, obwohl meine Eltern Spassbremsen sind?
Ja, weil Humor auch als Werkzeug dienen kann, um ernste Situationen aufzulösen. Wir haben ausserdem in einer Zwillingsstudie herausgefunden, dass die Vorliebe für Non-Sense keine Erblichkeitskomponente hat. Die Vorliebe für Schwiegermutter- oder Schottenwitze dagegen liegt in der Familie. Allerdings will ich das Ergebnis nicht verallgemeinern, da wir nur diese eine Studie durchgeführt haben.
In welchen Situationen hilft uns Humor besonders?
Wohlwollender Humor kann uns helfen, Beziehungen aufzubauen, Insider-Witze zeigen unsere Zugehörigkeit. Zynismus kann eine Beziehung zerstören und Satire ist ein gutes Vehikel für Kritik. Grundsätzlich kann ich mit Humor lernen, schwierige Situationen besser zu meistern: Wenn wir eine Trennung erleben oder eine sehr schwere Krankheit in unser Leben tritt, gelingt uns die Verarbeitung mit Humor leichter, weil sich andere Perspektiven auftun können, wenn man sich selbst und die eigenen Probleme mit heiterer Gelassenheit betrachtet. Man kann über die Situation lachen, heisst auch: Sie ist zu bewältigen.
Das Gespräch führte Gina Buhl.
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