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Russlands Arktis wurde innerhalb eines Monats von drei verschiedenen Umweltkatastrophen im Zusammenhang mit dem Bergbaugiganten Norilsk Nickel heimgesucht. Das Unternehmen unter der Leitung des Metall-Tycoons Wladimir Potanin wurde beschuldigt, versucht zu haben, das Ausmaß der Schäden zu vertuschen.
1. Vorfall – 21.000 Tonnen Diesel ausgelaufen, 29. Mai 2020
Die erste Ökokatastrophe ereignete sich am 29. Mai 2020, als aus dem Tanklager eines Heizkraftwerks, das dem Nornickel-Konzern gehört, etwa 21.000 Tonnen Diesel auslief. Ein riesiger Tank ist offenbar durch den auftauenden Permafrostboden abgesackt und eingebrochen. Der Treibstoff gelangte in den Boden und in die nahe gelegenen Flüsse und wurde zu einer ernsten Bedrohung für das empfindliche Ökosystem in diesem Teil der Arktis. Das Unternehmen und die von ihm stark abhängigen örtlichen Behörden versuchten mehrere Tage lang die Katastrophe zu verheimlichen oder kleinzureden.
Experten sprechen bei dem Unfall in dem Heizkraftwerk von der größten Ölkatastrophe in der russischen Arktis. Dabei versickerte der Kraftstoff im Boden und färbte die nahegelegenen Wasserwege leuchtend rot. Erst am 3. Juni fand eine vom russischen Präsidenten Wladimir Putin einberufene Videokonferenz statt, auf der der Notstand ausgerufen wurde. Danach wurden zusätzliche Kräfte des Ministeriums für Katastrophenschutz nach Norilsk entsandt. Bei einer weiteren Videokonferenz mit Putin versicherte der Hauptaktionär von Nornickel, Wladimir Potanin, sein Unternehmen werde alle Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden von geschätzten 10 Milliarden Rubel, umgerechnet etwa 127 Millionen Euro, übernehmen.
Mindestens drei Betriebsleiter wurden festgenommen, während der Bürgermeister von Norilsk und ein Bundesinspektor wegen Fahrlässigkeit angeklagt wurden.
Die Behörden teilten Ende Juni mit, dass sie das ausgelaufene Öl von der Oberfläche eines nahe gelegenen Flusses entfernt hätten, fügten aber hinzu, dass die vollständige Säuberung Jahre dauern könne.
2. Vorfall – Abwasserdeponie, 28. Juni 2020
Genau einen Monat später, am 28. Juni, werden erste Informationen über einen zweiten schwerwiegenden Vorfall in Norilsk mit eindeutigem Potential für einen neuen Umweltskandal publik. Dieses Mal geht es um ein Absetzbecken oder Schlammteich einer Aufbereitungsfabrik im Ort Talnakh, einem Tochterunternehmen des Buntmetallproduzenten Norilsk Nickel. Aus einem solchen Absetzbecken wurden zirka 6.000 Kubikmeter mit Schwermetallen und Schwefelsäure belasteten Wassers in einen Bach und die Tundra abgelassen.
Die Umweltschützer benachrichtigten die Behörden. Vor diesen tauchten aber der Sicherheitsdienst und Mitarbeiter von Norilsk Nickel am Tatort auf. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, die Umweltschützer zu vertreiben, bauten sie eilig die Pumpstation und die Rohre ab. Im Eifer des Gefechts beschädigten sie dabei ein Fahrzeug der schließlich ebenfalls eingetroffenen Polizei.
Auf Nachfrage von Wassili Rjabinin, einem ehemaligen Mitarbeiter der russischen Umweltbehörde Rosprirodnadzor bestätigte Nornickel in einer kurzen Mitteilung den Vorfall. Darin wurde aber behauptet, dass „technisches Wasser“ am 28. Juni aus dem nach Regenfällen überfüllten Absetzbecken über den Damm geschwappt, wäre danach aber gestoppt und auf das „angrenzende Gebiet“ abgepumpt wurde.
Die Version der Umweltschützer und Journalisten klingt ganz anders. Wassili Rjabinin, der alles bereits in einem ausführlichen Brief direkt an Präsident Putin dargelegt hat, berichtet, dass er mit einer Korrespondentin der Nachrichtenplattform Nowaja Gaseta das Absetzbecken bereits am 20. Juni besuchte. In dessen Nähe hatte er davor auf Google-Satellitenbildern zahlreiche unnatürlich gefärbte Seen entdeckt. Auf Fotos, die er vor Ort mit einer Drohne machte, entdeckte er daraufhin zwei Rohre, die Wasser aus dem Absetzbecken in den Bach pumpten.
Am 28. Juni suchten die Umweltaktivisten gezielt diese Stelle am Absetzbecken. Sie fanden zwei Rohre, aus denen Wasser mit starkem chemischem Geruch ins Umland gepumpt wurde. Daraufhin fotografierten und filmten sie die ausströmenden Flüssigkeiten sowie die absterbenden Bäume rundherum. Kurz darauf erschienen neben Mitarbeitern von Nornickel und Polizisten auch Arbeiter, die eiligst die Pumpen abstellten und die Rohre abmontierten.
Um den Grad der Verschmutzung festzustellen, haben Umweltaktivisten vor Ort Wasserproben aus dem See und seinen Zuflüssen entnommen. Am 27. Juni wollte der Abgeordnete der Moskauer Stadtduma, Sergej Mitrochin, die Proben nach Moskau zu einer unabhängigen Untersuchung bringen. Doch im Flughafen von Norilsk wurde ihm die Mitnahme der Proben untersagt. Zur Begründung hieße es, dass jegliche Proben „nur mit der Erlaubnis des Kombinats“ (Zusammenschluss von Industriebetrieben) ausgeführt werden dürfen.
3. Vorfall – Deponiebrand, 29. Juni 2020
Weniger als 24 Stunden später berichteten Nachrichtenagenturen, dass auf einer Industriemülldeponie außerhalb von Norilsk ein Großbrand mit großer Rauchentwicklung ausgebrochen sei, bei dem Rauchfahnen in Richtung Tundra wehten. Notfallbeamte sagten, dass sie den Brand lokalisiert hätten und dass die nächstgelegenen Gebäude nicht bedroht seien.
Norilsk Nickel bestritt den Besitz und die Lagerung von Industrieabfällen auf der Deponie. „Wir deponieren dort Ziegelsteine, Beton und Hausmüll, aber keinen Industriemüll“, sagte ein Sprecher der Deponie der staatlichen Nachrichtenagentur TASS. „Nach unseren Informationen gibt es dort keinen schädlichen oder gefährlichen Abfall.“
Vor Ort wurde berichtet, dass der rechtmäßige Eigentümer der Deponie, Baikal-2000, sich mit der Behandlung und Entsorgung von nicht gefährlichen Abfällen befasst. Die Staatsanwaltschaft sagte, sie plane trotzdem, die Deponie auf die Einhaltung der Umwelt- und Brandschutzgesetze zu überprüfen.
Anschuldigung von Vertuschung
Aktivisten und Journalisten haben Nornickel beschuldigt, das Ausmaß dieser Katastrophen herunterzuspielen. Grund seien vor allem ‘Vetternwirtschaften’ zwischen den Behörden und dem Konzern. „Nornickel ist schon viele Jahrzehnte der Feind Nummer eins des Nordens. Giftiger Treibstoff aus dem massiven Dieselunfall vom 29. Mai könnte bereits den Arktischen Ozean erreicht haben, trotz Beteuerung über erfolgreiche Aufräumarbeiten“. Dies behauptete der Umweltaktivist Georgy Kavanosyan in einer kürzlich durchgeführten Videokonferenz. Kavanosyan beschuldigte Potanin, das Ausmaß der Schäden vertuschen zu wollen.
Heiner Kubny, PolarJournal