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zieht sich auch hier eine lange Perlenschnur stattlicher und reicher Dörfer von zum Teil städtischem Aussehen längs dem Fuss der linken Bergwand, d. h. auf der Sonnenseite des Thals und in etwas erhöhter Lage hin. Nur Campovasto liegt ähnlich wie auch Sils-Maria der obern Stufe auf der rechten Thalseite.
Einen ganz andern Charakter hat das Unter
Engadin. Hier arbeitet sich der
Inn in meist enger, schluchtartiger
Rinne zwischen hohen, steilansteigenden Bergwänden durch. Nur selten und auf kurze Strecken findet sich eine kleine Thalerweiterung
mit ebenem Boden und flachen Flussufern, so bei
Zernez und von
Süs bis
Lavin. Dafür ziehen sich, besonders
auf der linken
Seite, schöne, sanfter geneigte und sonnenreiche Terrassen an den Gehängen hin, auf welchen freundliche
Dörfer,
umgeben von
Wiesen und Feldern, hoch über der engen Thalrinne tronen, während die steilere und schattigere rechte Thalseite
fast durchweg dem
Wald reserviert ist.
Nur
Tarasp und einige ganz kleine Oertchen haben hier noch Raum gefunden. Der grössern Erhabenheit und
den einheitlicheren Formen des
Ober Engadin gegenüber zeichnet sich das Unter
Engadin durch einen mehr romantischen Charakter
und einen grössern landschaftlichen
Wechsel aus, wie dies durch die finstern
Schluchten und rauschenden
Wasser der
Tiefe, die
sonnigen Terrassen mit den langhingestreckten
Dörfern der linken Thalseite und der reichen Vegetation,
der es auch nicht an zahlreichen Kornfeldern und einigem Obstbau fehlt, die dunklen weit hinaufreichenden Wälder überall
in den
Schluchten und besonders an den steilen Gehängen der rechten
Seite und durch die stolzen Gipfel der
«Engadiner Dolomiten»
bedingt wird.
Die ungewöhnliche Höhenlage und das auffallend geringe Gefälle des
Engadin, sowie sein Charakter als
Längsthal und seine allseitige Abgeschlossenheit durch hohe Gebirgswände üben einen wesentlichen Einfluss auf sein Klima
und seine Vegetationsverhältnisse aus. Das
Engadin hat ein typisches Hochthal- und Längsthalklima: eine dünne, leichte,
reine und trockene Luft, relativ heitern Himmel und geringe Niederschläge, bei frischkühler Luft doch
eine starke Sonnenstrahlung und bedeutende Bodenwärme.
Dabei zeigen die Temperaturen sehr beträchtliche tägliche und jährliche Schwankungen. Das Klima erhält überhaupt einen Zug ins Kontinentale. Eine Vergleichung von Sils-Maria im Ober Engadin (1810 m) mit der ungefähr gleich hohen Rigi (1790 m) mag dies verdeutlichen. Sils-Maria hat eine mittlere Jahrestemperatur von 1,5° C. bei einer Januartemperatur von -8° und einer Julitemperatur von 11,3°; die Rigi dagegen ein Jahresmittel von 1,7° bei einem Januarmittel von -4,8° und einem Julimittel von 9,7°. Bei ungefähr gleichen mittleren Jahrestemperaturen ist also im Ober Engadin der Winter kälter, der Sommer wärmer als auf der Rigi, die Differenz zwischen kältestem und wärmstem Monat dort fast 5° grösser als hier.
Der grössern Sommerwärme ist es gewiss auch hauptsächlich zuzuschreiben, dass die Vegetationsgrenzen und insbesondere
die Waldgrenze im
Engadin höher steigen als in den übrigen Teilen der
Alpen, ausgenommen das Wallis,
wo ähnliche Höhen-
u. Klimaverhältnisse herrschen wie im
Engadin. Günstig auf das Pflanzenleben wirken ferner die starke Sonnenstrahlung und
die erhöhte Bodentemperatur, wie sie dem Hochthal mit seiner dünnen und trockenen Luft eigen sind.
Die Insolation ist selbst im Winter an hellen Tagen so kräftig, dass die dann sonst herrschende niedrige Lufttemperatur
nicht unangenehm empfunden wird und die Leute oft mitten im Winter ohne Ueberzieher sich im Freien aufhalten
können, ein Umstand, der neben der trockenen und ruhigen Luft das
Engadin ähnlich wie
Davos auch zu Winterkuren für Lungenkranke
geeignet machen würde. Eine weitere Eigentümlichkeit des Engadinerklimas sind die geringen Niederschläge, für welche
innerhalb der
Schweiz auch wieder nur das Wallis
ein Analogon bietet.
Dabei nehmen dieselben vom Ober Engadin gegen das Unter Engadin allmählig ab. Für Sils-Maria, das sich dem regenreichen Bergell nähert, betragen sie nach Hann im Jahresmittel 95, für Bevers 79, für Zernez 59 und für Remüs 57 cm, während sie im schweizerischen Mittelland meist zirka 100 und in den nach diesem sich öffnenden Alpenthälern etwa 120-150 cm betragen. Im langen Winter, nicht selten auch mitten im Sommer, fällt dieser Niederschlag natürlich als Schnee, der Berg und Thal in ein gleichmässiges, blendend weisses Gewand hüllt und im Leben der Engadiner, in ihrem Verkehr, in ihren Heu- und Holztransporten, in ihren winterlichen Belustigungen und Festen, in Sport und Spiel eine wichtige Rolle spielt. Bei der Schneeschmelze helfen dann der warme Sonnenschein und die trockene Luft durch rasche Verdunstung den Boden trocknen und die Vegetation vor einem Uebermaass kalten Schneewassers bewahren.
[Dr Ed. Imhof.]
Flora.
Wie das Wallis ist auch das Engadin für den Botaniker ein Fund- und Arbeitsgebiet ersten Ranges. Die topographische Beschaffenheit u. Höhenlage des ¶
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bündnerischen Hochlandes, dem auch das Ober Engadin angehört, bedingen das hier herrschende kontinentale Klima, das sich vor demjenigen aller andern Teile der Schweizer Alpen durch hohe Trockenheit und grosse Lichtfülle auszeichnet. Immerhin bedingt der die ganze Thalschaft umrahmende Gürtel von Hochgipfeln und Gletschern die Bildung einer zwischen 1600 und 1800 m Höhe gelegenen Zone, längs der sich der Wasserdampfgehalt der Luft gerne zu Regen verdichtet.
Daher die wunderbare Frische und der ausserordentlich üppige Wuchs der subalpinen Wiesen und Weiden des Engadin. Während im Winter das Temperaturmittel hier weit unter diejenigen der übrigen Abschnitte der Alpenländer sinkt, steigt es im Sommer doch bis zu Beträgen an, wie sie andernorts in den Alpen nur um 500-600 m tiefer gelegene Gebiete erreichen. Im Engadin schwankt die mittlere Januar- und Julitemperatur zwischen den Extremen von 20° unter und über Null. Da die Hauptmasse der Wärme dem Frühjahr und Sommer zu Gute kommt, entfaltet sich das Pflanzenleben hier schon bemerkenswert früh, so dass man die zarten Blumenkronen der Enziane, Potentillen, Anemonen, Krokus und des roten Heidekrautes zu seiner grossen Ueberraschung z. B. bei Sils und St. Moritz, in einer Höhenlage von nahe an 1800 m, schon zu Ende März und gegen Mitte April sich entfalten und die ganze Frühjahrsflorula in vollem Blütenschmuck prangen sieht zu einer Zeit, da die gleich hoch gelegenen Gebiete der zentralen Alpen noch in ihren winterlichen Schneemantel gehüllt sind. Es macht sich diese rasche Wärmezunahme im Frühjahr, die zugleich die Dauer der vegetativen Periode der Pflanzenwelt verlängert, besonders in dem nach oben bis zu etwa 2400 m ansteigenden Baumwuchs geltend.
Der Hochwald besteht der Hauptsache nach aus Lärchen und Arven. Die Arve findet sich längs der hochgelegenen Berghänge ununterbrochen auf eine Strecke von mehreren Kilometern Länge und steigt am Wormserjoch in vereinzelten Gruppen sogar bis 2426 m an, womit sie die von ihr im Wallis erreichte obere Höhengrenze noch überschreitet. Nirgends in der Schweiz entwickeln sich Lärche und Arve schöner als hier im Ober Engadin, wo sie die zu ihrem gemeinsamen Gedeihen günstigsten Bedingungen zu finden scheinen. Es spielt denn auch im Engadin die Arve im Haushalt der Bewohner eine wichtige Rolle; ihr im Kern rotes und eigenartig frisch duftendes Holz wird mit Vorliebe zur Verkleidung der Zimmerwände verwendet, während ihre Nüsse, im Romanischen nuschells geheissen, als gesuchte Leckerbissen gerne gegessen werden. In seinem Pflanzenleben der Schweiz (S. 229) sagt Hermann Christ: «Mit den leichten, anmutigen Lärchen zusammen bildet die Arve einen seltsamen Kontrast und erscheint als eine vorweltliche Gestalt. Und doch sind beide aufs innigste verschwistert und folgen genau denselben klimatischen Beziehungen; sie halten treu zusammen über den ganzen Kontinent bis an den äussersten Osten Asiens.»
Da die Zapfen der Arve zu ihrer völligen Reife einer Zeitdauer von drei Jahren bedürfen und da ihr Samen erst nach Verlauf eines Jahres keimt, da ferner Mäuse, Häher, Eichhörnchen und nicht zum mindesten auch der Mensch eifrig nach den Arvennüsschen fahnden, ist es nicht zu verwundern, wenn die natürliche Aussaat der Arve heute sozusagen gleich Null ist und dieser prachtvolle Waldbaum Tag für Tag an Boden verliert. Hier und da bildet auch die Bergföhre noch einige vereinzelte Bestände; auch die Fichte findet sich noch häufig, und in tiefern Lagen des Thales gedeiht die Weisstanne.
Stellenweise trifft man in den Nadelholzwald eingestreut noch die Birke, Eberesche, Traubenkirsche, Espe u. a. Laubhölzer. Auf Lichtungen, im Unterholz und am Rande der subalpinen Wälder ist der Boden oft mit den weissen Blumen der Linnæa borealis übersät, die einen zierlichen Gegensatz bilden zu den roten Büschen der Alpenrose, den grossen blauen Blumen der Alpenwaldrebe (Clematis alpina), der Alpenakelei, des himmelblauen Sperrkrautes (Polemonium coeruleum) u. zu den dunkelroten Blumenkronen von zwei prachtvollen Rosenarten (Apfelrose, Rosa pomifera, und Zimmtrose, Rosa cinnamomea).
Eine der auffallendsten Eigentümlichkeiten der Engadiner Flora ist das oft auf Strecken von mehreren Kilometern Länge festzustellende Vorkommen von alpinen Arten auf völlig ebenen und regelmässig gemähten Wiesenflächen. So kann man hier z. B. mitten in der subalpinen Zone und mitten im hohen Wuchs von Futterkräutern, Disteln, Flockenblumen, Rapunzeln, grossen Winterblumen etc. Typen pflücken, die wie Trifolium alpinum, Gentiana nivalis, Aster alpinus, Arnica montana, Viola calcarata, Androsace obtusifolia, Veronica alpina, Pedicularis tuberosa u. a. sonst in den Alpen überall nur hoch oben auf den Alpweiden der Berghänge gedeihen.
Die untern Berghänge über Silser- und St. Moritzersee sind bestanden mit Alpenrosen, Zwergwachholder, Grünerlen und arktischen Weidearten, wie z. B. der Salix arbuscula, S. myrsinites, S. glauca, S. hastata u. S. Lapponum; ihnen gesellen sich zu das Krummholz und die Salix cæsia der Südalpen. Trotz ihrer geringen Grösse üben die Seen des Engadin auf die Entwicklung ihrer Uferflora ohne Zweifel einen günstigen Einfluss aus, sei es dass sie das Sonnenlicht kräftig reflektieren, sei es dass sie der nächtlichen Temperaturabkühlung entgegenarbeiten.
Im Engadin ist aber auch die eigentliche alpine Zone an Pflanzenarten ausserordentlich reich und abwechslungsvoll, besonders in ihrem über 2500 m hoch gelegenen Abschnitte. In seiner Abhandlung über die nivale Flora der Schweiz hat Oswald Heer durch Vergleichung der verschiedenen Abschnitte der Schweizer Alpen unter sich gezeigt, dass die nivale Flora Rätiens die an Arten reichste ist. Er zählt im Ober Engadin allein etwa 340 solcher Arten auf. Der Grund für diese Erscheinung liegt vor allem in der topographischen Beschaffenheit unseres Gebietes, das eher ein hochgelegenes Plateau als eine eigentliche Gebirgskette genannt werden kann.
Daraus folgt unmittelbar, dass hier der nivalen Flora eine ausserordentlich grosse Anzahl von auch räumlich nicht zu eng beschränkten Standorten zugänglich ist. In der Zusammensetzung dieser nivalen Flora des Ober Engadin fällt zunächst der grosse Prozentsatz von arktischen Formen auf. So finden sich von solchen im hohen Norden allgemein verbreiteten Arten in der Schweiz und speziell in der alpinen und nivalen Zone des Engadin Carex microglochin, C. lagopina und C. Vahlii, Kobresia caricina, Juncus arcticus, Tofieldia borealis, Woodsia ilvensis, Potentilla ¶