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Digitale Führung
frag°ment
12. Feb. – 3. April 2022
Die Ausstellung «frag°ment» in der Kunsthalle Palazzo umfasst Arbeiten von fünf Künstler:innen, die sich in vielfacher Weise mit dem Thema des Fragmentarischen beschäftigen. Der Begriff «Fragment» wird in der Kunst meist dafür benutzt, um ein unfertiges oder noch nicht fertiggestelltes Kunstwerk zu bezeichnen. Ebenfalls wird der Terminus verwendet, um ein Bruchstück zu benennen. Dies kann ein noch vorhandenes, die Zeit überdauertes Teilstück einer Skulptur sein, währenddessen die ursprüngliche Einheit des Werkes zerstört ist. Die Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo fasst den Begriff weiter und zeigt keine Bruchstücke aus vergangener Zeit. Es werden aktuelle, meist neu für diese Ausstellung entstandene Werke gezeigt, die Aspekte des Fragmentarischen thematisieren und andeuten. Dies sind Objekte, Bilder oder Fotografien, die Teilstücke von etwas Grösserem abbilden, oder installative Werke, die Komponenten einer grösseren Erzählstruktur sind.
SELINA BAUMANN
Selina Baumanns bevorzugte Arbeitsweise ist mit Keramik. Sie reagiert dabei auf die jeweilige Umgebung und realisiert Arbeiten an unterschiedlichen Orten wie im Museumsumfeld, in einem stillgelegten Schwimmbecken oder zwischen Bäumen im Wald. Es sind Werke, die meist eine organische Anmutung haben und wie aus dem Boden zu wachsen scheinen. So entstehen beispielsweise filigrane auf Tischen platzierte Objekte, die mit feinen geometrischen Zeichnungen versehen sind, oder eine roh wirkende figurenähnliche Skulpturengruppe, die sich zu einem tänzerischen Stelldichein im Wald getroffen hat. Selina Baumanns Objekte faszinieren auch wegen des reichen Formenrepertoires, dessen Quelle aus der Vergangenheit, wie auch aus der Zukunft entspringen könnte. Es könnten Überbleibsel einer vergangenen Hochkultur sein oder zukünftige Objekte, die von einer extraterrestrischen Zivilisation auf der Erde zurückgelassen werden.
Für die Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo hat Selina Baumann ein neues Arrangement für die spezifische räumliche Situation entwickelt. Im ersten Ausstellungsraum befinden sich ziegelähnliche Elemente, die am Boden zu einer Plattform gestapelt sind. Die Stücke sind von Hand in eine Hohlform gedrückt worden, so dass sie individuelle Spuren aufweisen und jeweils einzigartig sind. Der architektonische, leicht ruinöse Charakter suggeriert einen ehemals grösseren Aufbau, der dem Zerfall ausgesetzt wurde. Erkennbare Spuren der Natur und des Gebrauchs verstärken diesen Effekt. Beim Weitergehen treffen wir auf einen erdfarbenen Wandbehang. Erst auf den zweiten Blick sichtbar ist das dezent genähte florale Motiv. Rechterhand ist ein kleiner Ausstellungsraum begehbar. In diesem befindet sich ein beinahe bis an die Decke ragender säulenartigen Aufbau. In prekärem Gleichgewicht sind drei Quader übereinandergestapelt. Bewusst gewählte, gut sichtbare Kabelbinder zurren den Turm zusammen und vermitteln eine vermeintliche Stabilität. Jeder grünglasierte Stab ist individuell geformt. An den Stäben aus Ton ist die modellierende Hand der Künstlerin gut sichtbar.
DAVID BERWEGER
David Berweger beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Grenzbereich zwischen Realität und Künstlichkeit. Dabei hat er sich seit geraumer Zeit akribisch mit Produkten auseinandergesetzt, die vorgeben aus einem anderen Material zu bestehen als sie in Wirklichkeit sind. Auf den ersten Blick haptisch anziehende Objekte entpuppen sich beim genaueren Hinsehen als Täuschung. Dabei verwischt David Berweger den Bereich zwischen eigenhändig hergestellten und vorfabrizierten Werken und stellt dabei immer auch die Autorschaft in Frage. Er interessiert sich für Marmor imitierende Klebefolien, fertigt Kamine oder Pistolen mit Papier, Karton und Leim oder mauert Wände mit Backsteinen aus luftig leichtem Material. Er recherchiert und arrangiert, baut auf und zerstört wieder. Er kreiert dabei raumfüllende installative Arbeiten, die auf den ersten Blick perfekt arrangiert wirken, auf den zweiten Blick jedoch hinter die Kulissen blicken lassen und ihre eigene Fragilität und ambivalente Präsenz offen zur Schau stellen.
Für die Kunsthalle Palazzo hat David Berweger einen Teil des grossen Ausstellungsraumes neu gestaltet. Auf einer grünen Wand hängt ein dunkler Balken, der mit einer silbernen Schnalle befestigt ist. Im Zentrum des Raumes liegen zwei Bretter als Andreaskreuz angeordnet auf dem Boden. Merkwürdigerweise berühren beide Enden den Boden, als ob die Hölzer mit einer ungewohnten Elastizität ausgestattet sind. Eine Täuschung, denn diese Bretter erweisen sich aus Kunststoff gefertigt. Und beim näheren Hinsehen entpuppen sich auch der zuvor gesehene Holzbalken, wie auch die Schnalle aus künstlichem Material hergestellt. David Berweger platziert diese gezielt recherchierten Gegenstände präzise im Raum, so dass diese auf die Minimal Art verweisen, jedoch durch den trompe-l’œil Effekt auch einen leicht surrealen Charakter erhalten. Das auffallende, für die Wände verwendete Grün verweist auf ein «Spitalgrün». Ein Grün, das in den Operationssälen für Kleidung verwendet wird. Ein Grund für diese Verwendung ist, dass Grün als Komplementärfarbe den Nachbild-Effekt des roten Blutes vermindert. In David Berwegers Installation ist Blut nicht sichtbar, wird aber mit dem Bezug zur christlich religiösen Ikonographie angedeutet. Anspielungen auf Kreuzigungsszenen und Körperfragmente lassen an die physische Verletzlichkeit des menschlichen Daseins denken.
MARCEL SCHEIBLE
Für die Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo hat Marcel Scheible eine neue «Rue de Thebes» genannte installative Fotografiearbeit entwickelt. Basis davon ist eine fotografische Serie, die in Montpellier in der vom katalanischen Architekten Ricardo Bofill (1939-2022) erbauten Wohnsiedlung Antigone entstanden ist. Dieses den menschlichen Massstab sprengende neoklassizistische Projekt hat Marcel Scheible vertieft erkundet und fotografisch dokumentiert. Dabei hat er sich nicht am monumentalen Gesamtbild, sondern vor allem an den leicht übersehbaren Details orientiert. Er wählte 16 Varianten eines sich wiederholenden architektonischen Motivs, eine Nische mit einer zentralen Säule und unterschiedlichen Türen und Zugänge. Diese zeigen alltägliche Spuren des Gebrauchs und bringen den Menschen und den menschlichen Massstab zurück in diese sonst beinahe faschistoid wirkende Umgebung. Die antike griechische Tragödie Antigone von Sophokles, welche der architektonischen Überbauung den Namen gab, ist mittels Textfragmenten in der Arbeit von Marcel Scheible präsent. Im Dialog mit den Zitaten aus dem antiken Text, die um Familie, Macht und Ohnmacht kreisen, entfaltet die architektonische Situation ihr theatralisches Potential und wird zur imaginären Bühne. Bei der Auswahl der Textfragmente bewusst weggelassen sind die Namen der Protagonist:innen des Theaterstückes. So gewinnen die Zitate eine offene Deutung und können auf persönliche Lebenssituationen projiziert werden.
Das Interesse von Marcel Scheible wurde ursprünglich durch die Namensgebung der Architektur in Montpellier geweckt. Er ging der Frage nach, weshalb ein neues Quartier, das vor allem aus Sozialwohnungen besteht nach einer abgründigen antiken Tragödie benannt wurde. ‚Anti-gone‘ erwies sich als erbautes Gegenstück zu ‚Poly-gone‘, einem in den 70ern entstandenen Einkaufs- und Bürokomplex westlich des neuen Quartiers. Die Lektüre von Sophokles Tragödie brachte für Marcel Scheible weitere Einsichten: Antigone vertritt in der Tragödie das Familienrecht, das sie mit dem ordentlichen Begräbnis ihres Bruders Polyneikes einfordert. Sophokles’ Antigone wird im Kontext des zeitgenössischen Weltgeschehens zur selbstbewussten Rebellin und König Kreon zum selbstgefälligen Herrscher. Es eröffnete sich für Marcel Scheible ein weites Themenfeld, das sich durchaus mit der monumentalen Sozialwohnungsarchitektur verbinden liess: Familie, Staat, Macht und Ohnmacht, Tradition und schliesslich Leben und Tod.
ANNA SHIRIN SCHNEIDER
Anna Shirin Schneider realisiert grossformatige Gemälde, die nicht gleich identifizierbare, individuell geprägte Welten oder fiktive Landschaften abbilden. In beeindruckender Intensität kreiert sie Stimmungen, welche etwas Enigmatisches in sich tragen und auch leicht ins Abgründige kippen können. Abgebrochene Baumstämme, wurzelähnliche Gebilde, die in den Raum vordringen oder Verankerung in der Erde suchen oder flechtenartige Gewächse. Es wächst und wuchert. Es kriecht und fliesst. Aus einem Märchenwald oder einem Fantasyfilm entsprungen sind es Atmosphären, die wir zu kennen glauben, aber schliesslich doch nicht entschlüsseln können. Es sind Werke in bestechender Dynamik und faszinierender Doppelbödigkeit, die Fragen stellen und Antworten vorenthalten.
Für die Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo hat Anna Shirin Schneider eine Reihe von neuen Gemälden geschaffen, die speziell für diese Ausstellung entstanden sind. Auffallend sind zwei grossformatige als Diptychon präsentierte Leinwände. Erkennbar ist ein pyramidaler Aufbau von wurzelähnlichen Gebilden oder langen Ästen die zu einem Scheiterhaufen aufgetürmt sind. Ins Auge stechend ist der flammende, an loderndes Feuer erinnernde Hintergrund. In Liestal ausgestellt, lässt sich ein Bezug zur lokalen Tradition des Chienbäse herstellen, eine spektakuläre Fasnachtsveranstaltung bei welcher Feuerwagen durch die Altstadt fahren. Auf einem weiteren Bild ist ein Geflecht von gelben Sehnen zu sehen, die sich wie schwingende Saiten in Bewegung gesetzt haben. Zwei davon sind gekappt und blicken neugierigen Augen entsprechend in den Raum. Ebenfalls ausgestellt ist eine Reihe von kleinformatigen Gemälden. Auf rotem Grund sind Elemente sichtbar, die an neu angeordnete Chromosomen denken lassen. Eine aufgelöste Struktur, die sich immer wieder neu formiert und ein jeweils unterschiedliches Bild wie auch eine andere Information vermitteln kann. Energetisch aufgeladen stehen diese Werke für Offenheit und stetige Veränderung.
PAULO WIRZ
Paulo Wirz beschäftigt sich in seinem künstlerischen Schaffen mit Objekten, die eine mehrdeutige Wirkung entfalten: Bunt bemalte Gläser in kreuzförmigem Spiegelsarg, verführerische Äpfel aus Wachs und ein Labyrinth aus verbranntem Gebälk. Er spielt dabei virtuos auf der Klaviatur der westlichen Kulturtradition changierend zwischen Märchenwelt, Mythologie und christlicher Ikonographie. Einige seiner Arbeiten erinnern an Staffage von religiös anmutenden Ritualen, thematisieren die Tradition der Stillebenmalerei mit Licht und Schatteneffekten oder verweisen auf die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins. Es sind stets offene Gefässe, die viel Raum für Interpretation lassen und bereit sind mit unseren Gedanken gefüllt zu werden.
In der Kunsthalle Palazzo greift Paulo Wirz auf ein Ausstellungsfragment zurück. Eine Ausstellung in Genf, die vorbereitet, jedoch wegen Covid frühzeitig geschlossen werden musste. Das damals für diese Ausstellung geschaffene, jedoch kaum gesehene Werk hat Paulo Wirz für die Kunsthalle Palazzo verändert und neu arrangiert. Es sind drei auf dem Boden stehende Holzboxen. Zwei beinhalten aus Wachs gegossene Körperfragmente des Künstlers, welche durch die roten Gläser einen entrückten, fast traumartigen Charakter erhalten. Die Boxen lassen an Reliquienbehälter denken. Diese in der christlichen Tradition verwendeten Gefässe, dienten der Aufbewahrung von Körperfragmenten von Heiligen. Auf den Boxen stehen Weinflaschen, die auf das Dionysische verweisen, hier jedoch akkurat angeordnet in gezügelter Form auftreten. Für Paulo Wirz sind die verschiedenen Spiegelungsebenen wichtig. Die Überschneidung von Körperteilen mit der Spiegelung der Flaschen wie auch deren Reflexion auf der nächsten Ebene, in der fast endlos wirkenden Tiefe des Spiegelraumes. Auch die dritte Box ist im Innern mit Spiegeln versehen. Ausstellungsspuren und Staub des Ateliers haben sich darin gesammelt und treten in Kontakt mit farbigen Glasmurmeln. Inmitten von kindlichem Spiel und Staubschichten verorten wir unser gespiegeltes Antlitz.
EDUCATION PROJEKT
Im Rahmen der Ausstellung «frag°ment» lancierte die Kunsthalle Palazzo ein Education Projekt mit einer Klasse des Gymnasiums Bäumlihof, Basel (11. Schuljahr). Die Schüler:innen erhielten die Gelegenheit einen Ausstellungsraum in der Kunsthalle Palazzo während der Ausstellung «frag°ment» mit eigenen Werken zu bespielen. Während der ersten Hälfte des Schuljahres 2021/22 lernten sie die Kunsthalle Palazzo kennen und setzten sich mit dem Ausstellungsthema und den künstlerischen Positionen der in dieser Ausstellung präsentierten zeitgenössischen Künstler:innen auseinander. In den darauffolgenden Monaten entstanden eigene Arbeiten. Die Hängung der Werke erfolgte durch die Schüler:innen in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Palazzo.
PRESSEARTIKEL
Bild: Anna Shirin Schneider, Painting 01, 2021, Photo: Courtesy of the artist
Die Ausstellung wird grosszügig unterstützt von: