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Du sollst nicht langweilen! Der Imperativ der Literatur. David Foster Wallace, der Maniac der amerikanischen Literaturszene, hat sich nicht daran gehalten. Sein letzter Roman «Der bleiche König» ist ein erzählerischer Versuch über die Langeweile. Die Langeweile und nichts als sie, die Langeweile in allem, in Stil und Thema. Das ist abenteuerlich.
Von der «Langeweile, Routine und trivialen Frustration» des modernen Alltags, hatte Wallace schon in seiner berühmten Rede im Mai 2005 vor Absolventen des Kenyon College in Ohio gesprochen. In «Der bleiche König» geht es um diesen Alltag und zugleich will das Buch ein Gegengift sein, Gegengift gegen das moderne Leben, «moralisch leidenschaftlich, leidenschaftlich moralisch».
Ein Leben im Amt
Die Figuren der Handlung sind Angestellte. Sie arbeiten im Jahr 1985 für das Regionale Prüfzentrum der US-Steuerbehörde IRS im Bundesstaat Illinois. Und sie sind «winzige, flüchtige und drohnenmässige Rädchen im Getriebe einer riesigen Bundesbürokratie», wie Wallace schreibt.
Was sie dort tun, ist entfremdete Arbeit, unfassbar stupide und ohne Sinn. So entfremdet, als wollte man den Marxschen Begriff aus der Optik von Marsbewohnern erläutern. Eine Tat ist es da schon, die zahllosen Seiten der eingereichten Steuerunterlagen vor- und zurückzublättern:
«Chris Fogle blättert eine Seite um. Howard Cartwell blättert eine Seite um. Ken Wax blättert eine Seite um. Matt Redgate blättert eine Seite um. Groovy Bruce Channing heftet ein Formular in eine Akte. Ann Williams blättert eine Seite um. Anand Singh blättert aus Versehen zwei Seiten auf einmal um und blättert die eine zurück, was sich etwas anders anhört. David Cusk blättert eine Seite um.» Und so weiter, und so fort.
Mit «Abschweifungskönig» ist dieser Paragraph überschrieben: Der Roman ist nicht in Kapitel, sondern in 50 Paragraphen eingeteilt.
Ein Kloster der Akten
Wallace nimmt die Arbeit der Angestellten buchstäblich und so beschreibt er sie. Solche Schilderungen sind masslos ausufernd. Das ist sehr exzentrisch, ziemlich verrückt – und trifft auf Figuren, die ihrerseits exzentrisch sind. Sie alle sind psychisch labil in unterschiedlichen Ausprägungen. In Wallaces Erzählfluss ist ihr Arbeitsplatz, die Behörde, auch so etwas wie ein Sanatorium. Das Kloster der Akten. Ein meditativer Ort der Versenkung, geeignet, kaputte Biographien still zu kurieren.
Chris Fogle beispielsweise war so ein «Kaputnik», Faulpelz und Drogenfreak ohne Orientierung, bevor er den Steuerkurs absolvierte. Andere kommen direkt aus der Psychiatrie ins Finanzamt. Und wieder andere sind in vielfach verschlungener Weise Opfer ihres früheren Lebens. Ein IRS Angestellter sei schon vier Tage tot gewesen, bis das in der Behörde irgendjemandem aufgefallen sei, berichtet Wallace in Form eines fingierten Zeitungsartikels in Paragraph 4 des Romans: Ein Herzinfarkt im Grossraumbüro unter 25 anderen Angestellten.
Das Mantra der Versenkung
Bei Frederick Blumquist, Abteilungsleiter im IRS Komplex, hatte nicht funktioniert, was Foster Wallace als ironische Volte des Daseins im Amt beschwört: «Schenk der ödesten Sache deine Aufmerksamkeit (Steuererklärungen, im Fernsehen übertragenes Golfspiel), und eine nie gekannte Langeweile überflutet dich wellenartig und bringt dich fast um. Wenn du sie überstehst, ist das wie ein Übergang von Schwarz-Weiss zu Farbe. Wie Wasser nach Tagen der Wüste. Ständige Seligkeit in jedem Atem.»
Das Mantra der Versenkung über den Akten der Steuerprüfung, das Amt als Paradiesgarten. Ist das böse Ironie oder kann man das ernst meinen? So ernst wie Wallace Aussage, das Buch sei autobiographisch angelegt und er selbst habe 1985 in der Dienststelle 047 der IRS gearbeitet? Ist das so? Ist das alles so?
Figuren-Rätseln, auch im Web
Der Roman sei «eine Abfolge von Vorbereitungen auf Geschehnisse, aber es geschieht nie etwas», notierte Wallace selbst auf einem Zettel. Es gebe drei «hochrangige Akteure … aber man bekommt sie nie zu sehen, nur ihre Berater und Adlaten». Und: Es «droht etwas Grosses zu passieren, es passiert dann aber nicht».
Das ist eines der Rätsel dieses seltsamen Romans. Man kann gemeinsam mit anderen rätseln, wenn man mag. Zu Wallace letztem Roman gibt es ein «Social Reading» Projekt. Sicher ist, das Buch ist ein Fragment. Das Manuskript lag in der Garage, als Foster Wallace sich am Abend des 12. September 2008 im Patio seines Hauses in Kalifornien erhängte. Ein ungeordneter Nachlass wird aufgefunden, zusammen mit Hunderten anderen Entwürfen, Notizen, Figurenskizzen, die in den Zusammenhang des Romans gehören. Wallaces Lektor Michael Pietsch hat aus dem vorhandenen Material diese geglückte Collage zusammengestellt. Sie ist 2011 unter dem Titel «The Pale King» in den USA erschienen, zwei Jahre später nun auf Deutsch.
«Der bleiche König» ist ein Roman der Aufmerksamkeit und der Illusion. Es wird keinen wie ihn mehr geben.
Buchhinweis
David Foster Wallace: «Der bleiche König. Ein unvollendeter Roman.» Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch 2013.