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1974 fährt ein Team des Schweizer Radios durch Portugal, eigentlich um vor Ort über Schweizer Entwicklungshilfe zu berichten. Weil die Gelder aber irgendwo versickert sind, die Aussagen der Protagonisten nicht sendefähig sind («Das ist doch nicht möglich, dass er tatsächlich immer ‹Neger› sagt!») und aus anderen unterhaltsamen Gründen mehr, scheitert die Reportage. Dafür gerät das Trio aus der Romandie, zu dem sich im Laufe der Zeit ein junger Portugiese als Übersetzer gesellt, mitten in die Nelkenrevolution – als Zeitzeugen und Akteure gleichermassen.
Das lustigste Zitat
«Aber welches Grauen? Das blaue Gras? Das Haus des toten Onkels? Nein. Nein! Wir käsen die Krampfadern. Das Volk käst die Krampfadern!» – Cauvins Rede über Demokratie, die wegen seiner selbstüberschätzten Portugiesisch-Kenntnisse unfreiwillig zum Dada-Kunstwerk gerät.
Fakten, die man wissen sollte
Die Nelkenrevolution («Revolução dos Cravos») bezeichnet den linksgerichteten Aufstand grosser Teile der Armee in Portugal am 25. April 1974 gegen die autoritäre Diktatur des «Estado Novo», der von António de Oliveira Salazar gegründeten Diktatur zwischen den 1930er-Jahren und 1974. «Nelkenrevolution» wird der Aufstand wegen der roten Nelken genannt, die den aufständischen Soldaten – im Rahmen des allgemeinen Volksfestes und der Freude angesichts der Ereignisse – in die Gewehrläufe gesteckt wurden. Die Revolution verlief fast ohne Blutvergiessen und ermöglichte Portugals Entwicklung zur demokratischen Dritten Republik.
Der Regisseur
Lionel Baier ist mit 37 der jüngste der «Aussenseiterbande», seiner nach einem Film von Godard benannten Produktionsfirma «Bande à part Films». Er gründete sie 2009 zusammen mit den Westschweizer Filmemachern Ursula Meier, Frédéric Mermoud und Jean-Stéphan Bron. In regem kreativem Austausch gelingt dem produktiven Quartett regelmässig Kino von hoher Qualität, das bei Kritikern und Publikum gleichermassen grossen Anklang finden.
Das Urteil
«Les Grandes Ondes (à l'ouest)» ist eine sehr sehenswerte Komödie voller Poesie, Details und liebevoll verschrobenem Humor. Der Film ist temporeich erzählt, sein sorgfältiger Look trägt einen zurück in die 1970er-Jahre. Nie ergötzt er sich dabei allein am Retro-Spektakel, sondern spinnt mit aufregenden Einfällen den Faden weiter in die Gegenwart.
Noch die kleinsten Rollen sind grossartig besetzt und inszeniert, die vier Hauptprotagonisten eine Klasse für sich. Sie beweisen grosses Gespür für Timing und für Lionel Baiers und Julien Bouissoux‘ wunderbare Dialoge. Baier schafft ein eigenständiges kleines Universum, das den Vergleich mit den Welten von Wes Anderson nicht zu scheuen braucht – grosse Klasse.