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Editorial von Katrin Schneeberger, Direktorin BAFU.
Dürfen wir zum Schutz des Klimas und angesichts der hohen Dringlichkeit neue Technologien mit noch unbekannten Risiken einsetzen? Dürfen wir Waschbären, die sich auch bei uns verbreiten, töten, um gefährdete einheimische Amphibien wie Salamander zu schützen? In welchem Zustand haben wir die Erde unseren Nachkommen zu überlassen? Viele Themen im Umweltbereich werfen ethische Fragen auf, die nicht einfach zu beantworten sind. In der Gesellschaft wie auch in der Politik und der Verwaltung gibt es unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche moralische Überzeugungen, die bei der Beantwortung solcher Fragen mitschwingen und eine sachliche Auseinandersetzung erschweren. Wer sich moralisch im Recht sieht, rückt ungern von der eigenen Position ab.
Die Ethik liefert uns, genauso wie andere Disziplinen, keine allgemeingültigen, unanfechtbaren Antworten. Sie kann aber helfen, die verhärteten Fronten aufzubrechen, indem sie die moralischen Grundannahmen hinter den verschiedenen Positionen sichtbar macht und aufzeigt, welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären. Nicht immer stimmen diese mit den gemachten Meinungen und den gewünschten Ergebnissen überein – die ethische Analyse vermag bestehende Überzeugungen auch ins Wanken zu bringen. Der Gewinn sind gut begründete Argumente, die es ermöglichen, solidere Entscheidungen zu treffen.
Der Staat muss seine Entscheidungen auf der Grundlage der Rechtsordnung fällen, nicht auf derjenigen der Moral oder der Ethik. Man mag sich also fragen: Warum beschäftigt sich eine Behörde wie das BAFU mit ethischen Fragen und lässt ethische Analysen erstellen? Der Grund: Viele Rechtsbegriffe und wichtige verfassungsrechtliche Prinzipien des Umweltschutzes beruhen auf moralischen Annahmen oder enthalten ethische Elemente, die es zu konkretisieren gilt. So basiert beispielweise die Nachhaltigkeitspolitik auf der Idee der intra- und intergenerationellen Gerechtigkeit. Was das bedeutet und wie sich diese Idee umsetzen lässt, ist aber nicht ohne Weiteres klar. Die Ethik kann zur Klärung dieser unbestimmten Prinzipien und damit zu einem kohärenteren Vollzug beitragen. Das ist auch im Interesse der Gesellschaft, die ihre moralischen Werte über demokratische Prozesse im Recht verankert hat und konsequent umgesetzt haben will.
Letzte Änderung 01.12.2021