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Wie sind Sie zu Ihren Adoptiveltern gekommen?
Marianne Bichsel: Sie adoptierten zuerst meine sechs Jahre ältere Schwester und danach meinen zwei Jahre älteren Bruder. Wir stammen alle aus verschiedenen Familien. Ich bin das Kind der Cousine meines Adoptivvaters. Im Alter von drei Jahren kam ich zu meinen späteren Adoptiveltern in die Schweiz. Meine Mutter gab mich jedoch erst mit zwölf Jahren zur Adoption frei, weil der erste Ehemann dieser Adoption nicht zugestimmt hat. Die Mutter war der Meinung, sie könnte noch nachträglich vom Erzeuger Alimente einfordern.
Wissen Sie, weshalb Sie von diesem Ehepaar adoptiert wurden?
Sie konnten keine eigenen Kinder bekommen. Kinder gehörten aber damals «zum guten Ton». Fehlten sie, war man geächtet. Eigentlich wurden wir als Status-Zweck missbraucht.
Mein Adoptivvater, ein erfolgreicher Geschäftsmann und Politiker, war oft weg. Wahrscheinlich flüchtete er vor seiner Frau, denn sie war sehr dominant, wenig herzlich. Materiell fehlte es uns jedoch an nichts und wir wurden grosszügig behandelt.
Oft wurde ich mit Schlägen bestraft, zum Beispiel wenn mein Kleid schmutzig geworden war oder ich nicht rechtzeitig nach Hause kam. Dies konnten lediglich zwei Minuten sein. Ich fühlte mich ungeliebt, nicht wirklich zu diesen Eltern zugehörig. Stets ging es nur darum, was die Leute dachten und dass meine Adoptivmutter eine Aufgabe hatte. Ich buhlte ständig um ihre Liebe, versuchte ihnen zu gefallen, dankbar zu sein und passte mich an, wo es nur ging. Das Bestreben, andern gefallen zu wollen, bestimmte alles, was ich war und tat.
Sie wussten also «von Anfang an», dass Sie adoptiert sind. Finden Sie, man sollte ein Kind so früh wie möglich über seine Herkunft aufklären?
Ja, eine Adoption wirft so viele Fragen auf im Kopf eines Kindes, dass es wichtig wäre, offen darüber zu informieren. Geheimnisse erschüttern das Vertrauen und können zusätzliche Nöte heraufbeschwören.
Anfangs fragte ich meine Adoptiveltern nach meinen richtigen Eltern und wollte wissen, weshalb sie mich nicht bei sich behalten hatten. Ich bekam einzig zu hören, dass meine Mutter eine ganz böse Frau sei. Warum sie mich weggegeben hatte, wo sie wohnte und ob ich Geschwister hatte, erfuhr ich nie von ihnen. Über meinen leiblichen Vater wurde gar nicht gesprochen. Schnell war mir klar, dass ich keine Fragen stellen durfte. Sie interpretierten das als fehlende Loyalität, als Verrat ihnen gegenüber. Eigentlich haben sie mich «psychisch missbraucht».
(Artikelauszug aus ethos 12/2017)