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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Zwölfte Homilie [Kap. IV, Vers 17-18]
1.
Vers 17: "So sage ich denn und beschwöre euch im Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie auch die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, V.18: verfinstert im Verstande."
Der Lehrer soll nicht bloß durch Rat und Unterricht die Seelen seiner Schüler festigen und bessern, sondern auch durch Einschüchterung und Hinweisung auf Gott. Weil nämlich das von Menschen , als von Mitknechten, Gesagte die Seele nicht genügend ergreift, daher ist es nötig, auf Gott hinzuweisen. Dies tut nun auch Paulus. Er hat von der Demut und Einigkeit gesprochen und daß keiner sich über den anderen erheben dürfe; höre jetzt, wie er fortfährt: "So sage ich denn und beschwöre euch im Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie auch die Heiden wandeln." Er sagt nicht: daß ihr nicht mehr wandelt, wie ihr gegenwärtig wandelt - denn eine solche Sprache wäre zu verletzend -, sondern er gibt zwar das nämliche zu verstehen, nimmt aber das Beispiel von anderen her. Ebenso verfährt er auch im Briefe an die Thessalonicher, wenn er schreibt: "Nicht in leidenschaftlicher Begierde, wie auch die Heiden"1 . Ihr seid, will er sagen, von ihnen verschieden dem Glauben nach; doch dies ist ausschließlich Gottes Werk; ich verlange aber auch Leistungen von euch, nämlich ein Leben und einen Wandel nach dem Willen Gottes ; und das ist eure Sache. Ich rufe den Herrn zum Zeugen meiner Worte an, daß ich nicht damit zurückgehalten, sondern ausdrücklich gesagt haben wie ihr wandeln müßt. - Es heißt: "In der Eitelkeit ihres Sinnes." Was besagt Eitelkeit des Sinnes? Das Beschäftigt sein mit eitlen Dingen. Und welche Dinge sind eitel? Sind es nicht alle, die es hienieden gibt? Über sie sagt der Prediger: "Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel"2 . -
Doch da wendet einer ein: Wenn die Dinge eitel sind und nichts als eitel, weshalb sind sie dann geschaffen? Wenn sie Gottes Werk sind, wie können sie dann eitel sein? Macht man doch soviel Aufhebens davon! - Höre dagegen, Geliebter! Nicht Gottes Werk nennt der Prediger eitel; Gott bewahre! Nicht der Himmel ist eitel, nicht die Erde ist eitel; Gott bewahre! Nicht Sonne, noch Mond, noch Sterne, noch unser Leib; diese alle sind überaus gut. Sondern was ist eitel? Hören wir den Prediger selbst: "Ich pflanzte mir Weinberge, schaffte mir Sänger und Sängerinnen an, machte mir Wasserteiche, sammelte mir Gold und Silber; und ich sah, daß alles Eitelkeit ist"3 ; ja "Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel". Höre auch, was der Prophet sagt: "Der Mensch häuft Schätze und weiß nicht, für wen er sie sammelt"4 . Demnach sind "Eitelkeit der Eitelkeiten" die glänzenden Paläste, die Menge und der Überfluß an Gold, die auf der Straße einherstolzierenden Scharen der Sklaven, der Hochmut und die Ruhmsucht, der Dünkel und die Prahlerei. Das alles ist eitel, denn das alles ist nicht Gottes Werk, sondern unsere Schöpfung. -
Inwiefern ist es denn aber eitel? Insofern es keinem guten Zweck dient. Das Geld ist eitel, wenn es zur Schwelgerei verwendet wird; nicht eitel dagegen ist es, wenn es zur Austeilung an Arme gelangt. Wenn du es aber zur Schwelgerei verwendest, so laßt uns sehen, was denn damit erreicht wird! Fettleibigkeit, Brechreiz, Atmungsbeschwerden, Überfüllung des Magens, Kopfweh, Erschlaffung der Muskeln, Fieberhitze, Ohnmacht. Es ist eitles Bemühen, in ein durchlöchertes Faß zu schöpfen; und das tut der Schwelger. - Eitel nennt man ein Ding, das etwas in sich zu bergen scheint, aber tatsächlich nicht in sich birgt. Man heißt es auch leer, spricht z. B. von leeren Hoffnungen. Für gewöhnlich und schlechthin nennt man eitel dasjenige, was zu nichts nütze ist. Sehen wir nun zu, ob die menschlichen Dinge nicht also beschaffen sind! "Laßt uns essen und trinken, denn morgen werden wir sterben!"5 . Nun sage mir, welches ist das Ende? Verwesung. "Laßt uns die schönsten Kleider anziehen!" Und was wird damit erzielt? Nichts. - Solcherart waren die Tugenden der Heiden. Sie strebten nach Weisheit, aber umsonst; sie trugen ein strenges Leben zur Schau, aber vergebens; denn sie hatten kein nützliches Ziel im Auge, sondern leere Ruhmsucht und die Ehrbezeigungen der Menge. Was sind aber die Ehrbezeigungen der Menge? Nichts. Denn wenn schon diejenigen vergänglich sind, welche die Ehre bezeigen, so ist es die Ehre [selbst] noch viel mehr. - Wer einem anderen Ehre bezeigen will, muß sie zuvor sich selbst erweisen. Wenn einer sich selbst nicht ehrt, wie kann er einen anderen ehren? Nun trachten wir aber selbst nach den Ehrbezeigungen der Ehrlosen, von gemeinen und verächtlichen Menschen, die ehrlos und schmachbedeckt sind. Was soll das für eine Ehre sein?
1: 1 Thess 4,5
2: Pred 1,2
3: ebd 2,4 ff.
4: Ps 38,7
5: 1 Kor 15,32