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Linda Graedel
Die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich verleiht die Würde einer Doktorin ehrenhalber an Linda Graedel. Die Fakultät würdigt damit eine herausragende Persönlichkeit und Künstlerin, die der breiten Öffentlichkeit als Gerichtszeichnerin einen ungeschönten und doch einfühlsamen Blick auf Gerichtsverhandlungen und auf die involvierten Personen ermöglicht hat. Durch ihr Wirken wird der Öffentlichkeitsgrundsatz zur gelebten Realität.
Linda Graedel wurde 1941 in San Francisco, Kalifornien, geboren. Bereits im Alter von zehn Jahren wurde ihre Arbeit bei einem künstlerischen Wettbewerb «Be kind to animals» ausgezeichnet. Dies ermutigte sie, sich im künstlerischen Bereich weiterzuentwickeln. Sie besuchte die «Art Center School» in Los Angeles, bevor sie ihr Können in Wien, Paris und Zürich weiter perfektionierte. In Paris lernte sie 1961 den damaligen Medizinstudenten und ihren späteren Ehemann, André Graedel, kennen. Ihm folgte sie 1962 in die Schweiz, nach Bern. Später heirateten sie in Kalifornien, kehrten in die Schweiz nach Zürich zurück und wurden Eltern von zwei Töchtern. Als ihre Kinder klein waren, gründete sie ein Malatelier für Kinder nach Arno Stern.
Mitte der 1970er-Jahre nahm Linda Graedel ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf. Zunächst hatte sie Operationen ihres Ehemannes zeichnerisch festgehalten, später zeichnete sie klassische Musiker und Jazzlegenden. Sie dokumentierte zahlreiche Festivals für verschiedene Tageszeitungen und zeichnete während 10 Jahren die Premieren des Schauspielhauses Zürich und des Opernhauses Zürich. 1993 entwarf sie das zweibändige Buch «Skizzen und Werke», das den Schweizer Buchpreis gewann. In den 1980er-Jahren wurde der Nachrichtensprecher des damaligen Schweizer Fernsehens Heiri Müller auf Linda Graedel aufmerksam und motivierte sie, als Gerichtszeichnerin für das SRF tätig zu werden. In den folgenden Jahrzehnten fertigte Linda Graedel für bekannte Schweizer Medien Gerichtszeichnungen von epochalen und auch von alltäglichen Prozessen an.
Ihr erster Fall war das «Hallenbad-Unglück» in Uster; damals kamen im Jahre 1985 beim Einsturz einer Betondecke zwölf Menschen ums Leben. Es folgten verschiedene weitere Prozesse, so z.B. jener um den ehemaligen Chef der Zürcher Baupolizei, der vier seiner Mitarbeiter erschossen hatte, jener betreffend die Tötung des Skyguide-Lotsen im Jahre 2004 sowie der Fall um die sog. «Urania-Parkhaus-Mörderin». Linda Graedel hat u.a. den «Swissair-Prozess» und den Zürcher «Jahrhundert-Postraub» dokumentiert. Auch hat sie den als «Carlos» bekannt gewordenen und nunmehr öffentlich als «Brian» benannten Mann gezeichnet, der die Strafjustiz seit Jahren vor grosse Herausforderungen stellt.
In mehreren Museen und Galerien der Schweiz stellte Linda Graedel ihre Gemälde und Zeichnungen aus. Während der COVID-Pandemie entdeckte die Künstlerin Linda Graedel eine neue Welt der Kunst für sich. Nachdem sie über 30 Jahre lang an Gerichtsprozessen und Jazz-Konzerten vor allem Menschen gezeichnet hatte, setzt sie sich nun künstlerisch auch mit Pflanzenformen auseinander. Dass ihre geübte Hand Silhouetten und Strukturen mit der gleichen Leichtigkeit wie spannungsreiche Kompositionen zu Papier bringt, unterstreicht ihr grosses Talent. Anfangs 2022 wurde ihr zweibändiges Kunstwerk «The lines of my life» veröffentlicht.