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Schon im ersten Kapitel weist Diamond darauf hin, dass der Mensch das „Lebewesen mit dem absonderlichsten Sexualleben“ und dass die für den Menschen beanspruchte „Normalität“ bestenfalls eine Schimäre ist. Allerdings sind alle Verhaltensweisen durch die Evolution erklärbar bzw. können auf das Bestreben der Individuen, die eigenen Gene in möglichst vielen Nachkommen weiterexistieren zu lassen, zurückgeführt werden. Unser gesamtes Verhaltensrepertoire muss unter diesem evolutionären Gesichtspunkt betrachtet werden, jede „Absonderlichkeit“ erfüllt eine Funktion, hat ihren „Sinn“ (der teleologisch anmutet, aber so natürlich nicht verstanden werden darf).
Besonders ausführlich behandelt der Autor den „Kampf der Geschlechter“: Der sich – nach vollzogenem Geschlechtsakt – um die Betreuung des Nachwuchses dreht. Seine Beispiele entnimmt Diamond dabei weitgehend der Tierwelt, immer aber ist unterschwellig auch vom Menschen die Rede bzw. werden seine Besonderheiten unter diesem tierischen Aspekt verdeutlicht und erklärt. Mann und Frau investieren unterschiedlich viel in ihren Nachwuchs: Schon die Erzeugung einer Eizelle ist aufwändiger denn die Produktion von Samenzellen, die Schwangerschaft (bei intrakorporaler Befruchtung) trägt noch weiter zu diesem Ungleichgewicht bei. Unter dem Gesichtspunkt, dass sowohl Mann als auch Frau vor allem ihre Gene weitergeben wollen, kommt es zum Interessenskonflikt: Der männliche Teil scheint gut beraten, möglichst viele andere Weibchen zu besamen und seine Energie auf ein solches promiskuitives Verhalten zu konzentrieren, während dem Weibchen an der schon getätigten Investition gelegen sein muss und sie sich um die Brutpflege bemüht. Wenn allerdings ein Überleben für den Nachwuchs nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass auch das Männchen sich in irgendeiner Form an dieser Brutpflege beteiligt, muss dieses sein Interesse teilweise auch darauf konzentrieren (und nicht bloß auf die Befruchtung möglichst vieler Weibchen, da der genetische Erfolg an das Überleben des Nachwuchses gebunden ist). So entwickelten sich die unterschiedlichsten Strategien, vom besorgten Vater (der umso besorgter ist, je sicherer er sich sein kann, dass er nicht die Kinder eines Nebenbuhlers aufzieht) bis hin zur Vielmännerei bestimmter Vogelarten. Für alle diese unterschiedlichen Varianten aber gibt es Erklärungen – und durch die Analogien von menschlichen und tierischem Verhalten sehen wir Menschen uns plötzlich mit einem biologischen Erbe konfrontiert, das wenig mit hochherzigen Gefühlen und der großen Liebe zu tun hat. Dass wir es aber reflektieren können, ermöglicht erst auf einer anderen Ebene diese Gefühle.
Das Buch ist reich an illustrativen Beispielen für das Wirken der Biologie und der Evolution im Menschen. Ich halte derartige anthropologische, auch ethologische Werke für philosophisch ungeheuer wertvoll: Unser Blick auf das „Ebenbild Gottes“ wird sehr viel nüchterner, erweitert allerdings auch die Erkenntnis über unser Menschsein und lässt uns Einsichten (etwa in den Geschlechterkampf) gewinnen, die uns eine bessere Lösung gesellschaftlicher Probleme ermöglichen. Das Wissen um dieses natürliche Erbe verhindert unsinnige Maßnahmen oder Gebote (jede Form der gesetzlichen Regulierung welcher menschlichen Belange auch immer muss sich an der Natur des Menschen orientieren bzw. darf dieser Natur nicht völlig entgegengesetzt sein, wenn uns an der Einhaltung der Vorschriften gelegen ist) sowohl ethischer als auch juristischer Form; und wenn philosophische Anthropologie ohne ein solches Wissen betrieben wird, so bewegt sie sich in einem luft- (bzw. menschen-)leeren Raum, sie ist künstlich und konstruiert und in den allermeisten Fällen wohl auch unsinnig. Dieses Buch bietet sowohl Unterhaltung als auch Erkenntnisgewinn – und kann damit Lesern mit unterschiedlichstem Interessensbereich empfohlen werden.
Jared Diamond: Warum macht Sex Spaß? München: Goldmann 1998.