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Eurasischer Luchs
Felis (Lynx) lynx
© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)
Innerhalb der Familie der Katzen (Felidae) werden im allgemeinen 35 Arten unterschieden. Mit Ausnahme Australiens und der Antarktis kommen sie auf allen Kontinenten vor. Viele Katzenarten bewohnen nur einen ganz bestimmten Lebensraum; andere zeigen eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Lebensbedingungen. Zu letzteren gehört auch der Eurasische Luchs (Felis lynx).
Das Verbreitungsgebiet des Eurasischen Luchses erstreckt sich über die gemässigten Zonen Europas, Asiens und Nordamerikas. Vorzugsweise hält er sich in Wäldern auf, und besonders gern bewohnt er alte Laub- und Mischwälder mit dichtem Unterwuchs und vielen umgestürzten Bäumen. In den Randzonen der Wüste Gobi sowie in Teilen Tibets und Pakistans kommt er aber auch in praktisch baumlosem Gelände vor, wo Felsen und Sträucher die einzige Deckung bieten.
Mit einer Kopfrumpflänge von 80 bis 120 Zentimetern, einer Schulterhöhe von 55 bis 75 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 30 Kilogramm ist der Eurasische Luchs eine recht grosse Katze. Gekennzeichnet ist er vor allem durch die auffälligen, bis vier Zentimeter langen «Ohrpinsel», den zipfligen Backenbart und den kurzen Stummelschwanz mit der schwarzen Spitze.
Eurasische Luchse sind - von Weibchen mit Jungen abgesehen - Einzelgänger. Sie gehen einander das ganze Jahr über möglichst aus dem Weg und kommen nur zur Paarungszeit im Februar und März zusammen. Die Grösse der Wohngebiete der einzelnen Individuen hängt stark vom lokalen Nahrungsangebot ab. In Regionen mit hoher Beutetierdichte misst ein Luchsrevier lediglich 10 bis 25 Quadratkilometer, in Gegenden mit geringem Nahrungsangebot hingegen bis zu 250 Quadratkilometer.
Die Jungluchse kommen nach einer Tragzeit von 63 bis 73 Tagen zur Welt und wiegen bei der Geburt nur ungefähr 200 Gramm. Ein Wurf besteht meistens aus zwei, manchmal aus drei und in seltenen Fällen sogar aus vier oder fünf Jungen. Sie verbringen ihre ersten Lebenswochen gut geschützt in einer Felsnische oder unter dem Wurzelstock eines umgestürzten Baums. Betreut werden sie ausschliesslich von ihrer Mutter; die Luchsmännchen kennen keine Vaterpflichten. Vier bis fünf Monate lang werden die Kätzchen gesäugt, doch erhalten sie schon nach rund einem Monat auch Fleisch. Etwa im Alter von zwei bis drei Monaten beginnen sie, mit der Mutter umherzuziehen, zuerst in kurzen, später in zunehmend längeren Etappen. Selbständig jagen können sie aber noch lange nicht: Sie sind noch den ganzen Winter über auf die Unterstützung der Mutter angewiesen. Erst im Frühling, wenn die nächste Paarungszeit beginnt, lösen sie sich von ihr und suchen sich ein eigenes Wohngebiet.
Der Eurasische Luchs ist kein Hetzjäger, der seine Opfer verfolgt, bis sie erschöpft sind, sondern ein Pirschjäger, der seine Beutetiere unbemerkt anschleicht und sie durch einen Überraschungsangriff erlegt. Sein Beutetierspektrum ist überaus breit: Von der Maus bis zum Hirsch überfällt er so ziemlich alles, was ihm auf seinen Pirschgängen über den Weg läuft. Selbst andere Raubtiere - Fuchs und Wildkatze beispielsweise - sind vor ihm nicht sicher.
Unglücklicherweise ernährt sich der Eurasische Luchs nicht allein von Wildtieren, sondern verschmäht auch Haustiere wie Schafe, Ziegen und Hühner nicht, wenn solche in seinem Lebensraum vorkommen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Luchs von alters her durch die Bauern und Viehzüchter als «Schädling» verfolgt wurde. Überdies war das prächtige Fell des Eurasischen Luchses schon immer sehr begehrt, und der finanzielle Gewinn spornte die Landbevölkerung zusätzlich an, auf die hübsche Raubkatze Jagd zu machen.
Die Situation des Eurasischen Luchses ist heute innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets sehr unterschiedlich: In der Sowjetunion und in Kanada kommt er noch immer ziemlich häufig vor und gilt nicht als gefährdet. Im südlichen und westlichen Europa hingegen hat die massive Nachstellung durch den Menschen bewirkt, dass er aus weiten Landstrichen vollständig verschwunden ist. Die Einstellung des Menschen dem Eurasischen Luchs gegenüber hat sich in jüngerer Zeit zum Glück jedoch geändert. Mehr und mehr setzt sich die Ansicht durch, dass auf unserem Planeten genügend Platz sowohl für den Menschen als auch für den Luchs ist. Wo in Europa noch Restpopulationen vorhanden sind, ist man heute sehr um ihre Erhaltung bemüht. Frankreich, Deutschland und die Schweiz haben den Eurasischen Luchs in jüngerer Zeit sogar an verschiedenen Orten erfolgreich wiedereingebürgert.
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