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Lag digl OberstDer Lag digl Oberst wird als Gegenstück zum Laaxersee (Lag Grond) auch als «Lag Pign» (= kleiner See) bezeichnet. Er liegt in einer flachen Senke südwestlich des Dorfes Laax, auf 970 m ü.M.. Im Süden ist er von Wald umgeben, der nördliche Teil befindet sich in einem Sumpf- und Riedgebiet Der gefüllte See hat eine Länge von rund 270 m und ein Breite von 110 m (31).
Lag digl Oberst 01.05.2009. Foto R. Zuber
Der Name ist auf den Junker Christoph Joachim von Montalta (1753-1844), bis 1792 Oberst in französischen Diensten, zurückzuführen. Er war der Besitzer des grössten Teils des Sees und umliegender Güter. Ob Montalta dieses Grundstück bereits vor dem Einmarsch der Franzosen im Jahre 1799 als ehemalige Kaplaneigüter erworben hatte, ist unklar (10). Aktenkundig ist hingegen, dass Montalta 1799 zusammen mit anderen «Altbündnern» vor seiner Deportation geflohen ist und von Innsbruck aus den Oberländer «Aufstand» gegen die Franzosen inszeniert hatte. Er wollte damit unter anderem das Dorf vor der weiteren Plünderung durch die nochmals durchziehenden Franzosen schützen, aber auch seine eigenen Besitztümer retten. Laax wurde angeblich dank «Vermittlung» des Oberst verschont (18). Wie weit diese «Heldengeschichte» der Wahrheit entspricht oder ins Reich der Sagen gehört, bleibt offen. Jedenfalls hat sich später, unabhängig von den neuen Besitzern, die Bezeichnung «Lag digl Oberst» im Volksmund eingebürgert.
Praktisch der gesamte Moor- und Seebereich liegt über der Bergsturz-Trümmermasse. Lediglich am Hang im Nordwesten besteht der Untergrund aus Verrucano (Glarner Decke), mit geringmächtiger Moränenüberdeckung. Es ist davon auszugehen, dass die Felsoberfläche etwa mit gleichem Gefälle auch unter der Senke Richtung Laaxertobel weitergeht (04; 25).
Die Mulde des Lag digl Oberst ist gefüllt mit Ablagerungen des Flimser Bergsturzes über Moräne und Verrucano-Gestein. Das Bergsturzmaterial ist ausgesprochen inhomogen aufgebaut. Zwischen grossen, aufgrund der Sturzenergie in sich zerlegten Blöcken befindet sich eine feinkörnige, kiesig-steinige Matrix mit reichlich bis viel Kalkmehl (Bergsturzbrekzie). Im Gebiet des Lag digl Oberst besteht diese Trümmermasse ausschliesslich aus Kalkkomponenten. Sie ist stets dicht gelagert (04).
Der See wird durch verschiedene kleine oberirdische Zuflüsse gespiesen. Es ist wahrscheinlich, dass aus den versumpften Hängen nordwestlich der Senke zusätzlich Wasser diffus zusickert. Dessen Menge ist aber unbedeutend.
Oberflächliche Zuflüsse (1-6) und unterirdische Abflüsse (W + E) des Lag digl Oberst. Y. Bonanomi 2010
Entsprechend dem Haupt-Einzugsgebiet enthält das Geschiebe vorwiegend silikatische Mineralien. Nach dem Abgang des Bergsturzes wurde der Untergrund durch angeschwemmtes Feinmaterial allmählich zugedeckt. So begann sich das Wasser zu stauen. Der See dürfte sich etwa zur gleichen Zeit wie der Lag Grond, also vor etwa 9450 Jahren, gebildet haben (04, 12, 13).
Im Lag digl Oberst haben sich über die Jahrtausende feinkörnige Seeablagerungen gebildet. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zusammensetzung etwa derjenigen im Lag Grond entspricht, d.h. einer Wechsellagerung von eingespülten Sedimenten mit silikatischem Mineraliengehalt aus dem Einzugsgebiet der Bäche sowie Seesedimenten aus organischem Material, vermischt mit ausgefälltem Kalk aus dem Seewasser und Organismenschalen (12, 13). Die Tiefe der Mulde bzw. die Mächtigkeit der Seesedimente ist nicht bekannt. Zwecks Schonung der natürlichen Abflussverhältnisse wurde auf die Ausführung von Sondierbohrungen im Seebereich verzichtet (04).
Der See ist nur im Frühling und Frühsommer mit Wasser gefüllt. In der übrigen Zeit liegt er mehr oder weniger trocken. Für die Bildung eines Sees muss die Zuflussmenge durch Schmelzwasser grösser sein als die Abflussmenge. Günstige Verhältnisse liegen vor, wenn im Frühjahr bei der Schneeschmelze noch sehr viel Schnee liegt (04).
Lag digl Oberst 22.10.2012, Foto D. Thuli
Der Abfluss erfolgt unterirdisch über zwei Schlucklöcher in der Bergsturzmasse, welche sich an der tiefsten Stelle befinden. Dort hat es ganzjährig Wasser, was auch an Wasserpflanzen wie z.B. dem Sumpfknöterich erkennbar ist. Anhand von Färbversuchen konnte nachgewiesen werden, dass eine geringe Menge des unterirdischen Abflusses an der Quelle Spaleus oberhalb des historischen Gewerbezentrums Mulin in Sagogn wieder aufstösst. Diese bisher ungefasste Quelle wird allerdings zum überwiegenden Teil von anderen Zuflüssen gespiesen (04).
Wo der Rest des Abflusses des Lag digl Oberst vorgeflutet wird, konnte bisher nicht geklärt werden. Im Abstrombereich bis hinunter zum Rhein besteht der Untergrund grösstenteils aus Bergsturzmaterial. Die Mächtigkeit nimmt nach Westen kontinuierlich ab, so dass zwischen Uaul Via Nova und Fletg bereits vereinzelte Aufschlüsse von grünem Verrucano-Gneis auftauchen. Ab dem Dorfkerngebiet von Sagogn (Vitg Dado) bis zum Übergang zur Ebene Plaun wird das Bergsturzmaterial von Deltaschüttungen des Sagogner Schuttfächers überlagert. An einigen Stellen ragen noch «Höcker» aus Bergsturzmaterial aus dem Schuttfächer heraus. Es wird vermutet, dass der Grossteil des Abflusses direkt auf «karstähnlichen» Fliesswegen im Bergsturzmaterial in den Rhein strömt (04).
Der grösste Teil des Lag digl Oberst und seiner Umgebung besteht aus Schilfröhricht, Grossseggen- und Kleinseggenriedern, Pfeifengraswiesen und Übergangsmooren. Er gilt als wichtiger Rastplatz für Vögel. Der vorhandene Kleinsee und die vielen temporären Tümpel sind ideale Amphibienlaichplätze. Deshalb wurde der Lag digl Oberst sowohl ins Inventar der Flachmoore als auch der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen (01).
Schilfgürtel beim Lag digl Oberst 11.09.2012, Foto R. Zuber
Seit Menschengedenken wird das Schilfröhricht von den Landwirten periodisch gemäht. Früher war die Streu als Stalleinlage begehrt. Heute erfolgt die Streunutzung in erster Linie zur Verhinderung der Verlandung und Verbuschung. Schneearme Winter sind jedoch hauptverantwortlich für das Verschwinden dieser wertvollen Ökosysteme.
Der Lag digl Oberst ist Teil des Landschafts-Vernetzungsprojektes Platta Pussenta. Ziel ist es, die fortschreitende Verbuschung zu stoppen und die Kulturlandschaft mit ihren Lebensräumen für eine vielfältige Flora und Fauna zu erhalten (32).
Kulturlandschaft Platta Pussenta, Foto R. Zuber