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Sozialkompetenz
Als ich klein war, hätte ich furchtbar gerne ein Trottinett gehabt. So ein hölzernes von Wisa-Gloria mit schwarzen Gummirädern. Wir hatten aber nur ein Dreiradvelo, mit dem kam man nicht so schnell vorwärts wie mit einem Trottinett. Die Sonja von nebenan, die hatte so ein Trottinett. Sie liess aber niemanden damit fahren, es sei denn, man gab ihr einen Zehner. Und das war mir dann doch zu viel, das war die Hälfte meines wöchentlichen Taschengeldes.
Einmal stand das Trottinett vor dem Haus und Sonja war nirgends zu sehen. So lieh ich es eben aus und drehte ein paar Runden. Als ich es zurück stellen wollte, trat sie zusammen mit ihrem grossen Bruder aus dem Haus, sie hatten mich gesehen und der Bruder musste mich verhauen. Das war vor über sechzig Jahren.
Unser Enkel wünschte sich zum 5. Geburtstag ein Trottinett. Es musste ein ganz bestimmtes sein, grün und technisch ausgereift, um auf der Skaterbahn damit herum zu sausen. Er hatte extra ein Bild davon aus einem Prospekt ausgeschnitten. Wir fanden das richtige Trottinett im Internet und bestellten es. Ganz billig war es nicht. Am Geburtstag packte der Bub es aus und wollte sofort damit auf die Skaterbahn. Wir Grosseltern begleiteten ihn, das gab den Eltern Zeit, das Geburtstagsfest vorzubereiten.
Wir setzten uns auf ein Bänklein und schauten dem Enkel zu, wie er die ersten Sprünge übte und unermüdlich die Halfpipe hinauf und hinunter fuhr.
Da bemerkten wir einen etwa siebenjährigen schwarzen Jungen, der ganz ohne Fahrzeug in den Park gekommen war. Er trat zu unserem Enkel und fragte: „Darf ich das Trotti auch einmal haben?“ „Oh, was machen wir jetzt?“ fragte mich mein Mann. „Der will ihm das Trotti sicher klauen. Wir sind doch nicht schnell genug, wenn der Bub wegfährt. Gehst du zum vorderen Ausgang und ich zum hinteren?“
„Warten wir doch einmal ab“, meinte ich. Und unser Enkel sagte: „Also gut, du darfst fünf Runden fahren!“ Der Bub nahm das Trottinett und fuhr fünfmal die Halfpipe hinauf und wieder hinunter. Unser Enkel stand ganz ruhig daneben. „Jetzt musst du es wieder mir geben!“ meinte er dann und der schwarze Bub gab es wortlos zurück. „Du darfst später noch einmal fahren“, meinte er noch und so geschah es auch.
Mein Mann schämte sich schon etwas, dass er die Situation gleich als Diebstahlsvorlage eingeschätzt hatte. Und ich war unglaublich stolz auf die Sozialkompetenz unseres Enkels. Wenn doch damals diese Sonja nur auch in einer Krippe das Teilen gelernt hätte!
2015 Hanna Hinnen