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Über Gefühle
Beklemmung
Es gibt ja Schraubstöcke mit Schonbacken, damit nicht zerkratzt und beschädigt wird, was man einspannt.
Auch bei der Beklemmung werden die Eingeweide nicht zerkratzt oder beschädigt, es wird nur Druck ausgeübt. Man ist eingespannt, wie das Stück Holz im Schraubstock.
Das Unangenehme ist nur, dass man im Unterschied zum Holz Angst bekommt und nicht ruhiggestellt, sondern immer unruhiger wird.
Die Angst und die Unruhe sind allerdings unbegründet. Zumal es ja nicht wirklich einen Schraubstock gibt und die Zwingen, zwischen die man eingeklemmt ist, nur Einbildung sind.
Aniflur,'20
Wildkatze im Magen
Da gibt es doch bei Rilke diesen Tiger oder Löwen, auf jeden Fall eine Wildkatze, die in ihrem Käfig auf und ab geht, bis es ihr vorkommt, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Auch ich gehe auf und ab, wenn mich die Unruhe erfasst, und obwohl es da keine tausend Stäbe gibt, ist mir zu Mute, als gäbe es keine Welt. Zumindest ist sie klein die Welt, ausserhalb von mir; sie schrumpft und schrumpft, wenn mich die Unruhe erfasst, und ich gehe im Kreis, mit angespannten Gliedern, mit betäubtem Willen, und der Vorhang der Pupille schliesst sich immer mehr.
Wie soll man es nennen? In sich selber gefangen?
Ymér '20
Trübsal
Trüb ist ein Wort und selig ist ein Wort und irgendwann ist es jemand in den Sinn gekommen, daraus ein einziges Wort zu machen: trübselig!
Aber was soll das denn heissen? Soll es heissen, dass man selig ist, wenn man betrübt ist? Dass man sich freut über trübe Aussichten?
Und dann ist da noch die Trübsal!
Was ist denn das für ein Wort. Wie viele Wörter gibt es überhaupt im Deutschen, die auf -sal enden?
Und Trübsal soll man auch noch blasen können. Auf welchem Instrument denn bitte sehr: Auf der betrübten Seele? Aber eine betrübte Seele bläst nicht, wenn sie wirklich betrübt ist, glauben Sie mir.
Was eine betrübte Seele sein soll?
Ein dunkler See am Abend, über dem der Nebel hängt, aber die Seele sieht man nicht, sie ist im See versunken.
Hape
Vom Schatten
Im Schatten stehen ist besser als im Regen stehen, sagen die meisten, aber immer im Schatten stehen, ist auch belastend. Ausser im Sommer natürlich, da ist man froh um ihn.
Und dann ist es ein Unterschied, ob man im Schatten eines Baumes oder im Schatten seines Chefs steht.
Soviel steht schon mal fest.
Was lässt sich sonst noch über Schatten sagen?
Manche Schatten sind so dunkel, dass man alleine nicht mehr aus ihnen herausfindet. Andere verfliegen wie eine Wolke am blauen Himmel.
Es gibt Schatten, die erdrücken einen, keine Chance unter ihnen hervorzukriechen. Andere haben überhaupt kein Gewicht, sind kaum fassbar, lauern im Nacken.
Es gibt lange und kurze Schatten, das hat natürlich mit dem Stand der Sonne zu tun und noch ein paar anderen Dingen, die nicht sofort sichtbar sind.
Oft sagen mir die Freunde: Wir lassen dich doch nicht im Schatten stehen. Das ist sicher gut gemeint, aber mit seinen Schatten muss jeder alleine fertig werden.