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Der lange Schatten des Osmanischen Reichs
Seit langer Zeit wird im Westen immer wieder diskutiert, wie gross der wirtschaftliche Schaden des Kolonialismus war. Der heutige Stand der Diskussion lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es hängt vom Einzelfall ab. Während es zum Beispiel in Indien neben negativen Auswirkungen durchaus auch positive Einflüsse gab (Verwaltung, Rechtssystem, Sprache, Infrastruktur), dürften im Kongo die schädlichen Folgen bei weitem dominieren. Hier wurde bereits zu Beginn der Kolonialzeit ein System ökonomischer Ausbeutung etabliert, das das Land bis heute schwer belastet.
Wenig diskutiert werden hingegen die Folgen des nicht europäischen Kolonialismus. Wenn es etwa um den Nahen Osten geht, geht es meist nur um die willkürlichen Grenzziehungen der Westmächte (zum Beispiel 1916 Sykes-Picot) oder die sogenannte Peripherisierung der nahöstlichen Ökonomie innerhalb des kapitalistischen Weltsystems, aber kaum je um die schädlichen Folgen des osmanischen Kolonialismus.
Die Einseitigkeit der Diskussion ist umso frappanter, als der osmanische Kolonialismus viel länger gedauert hat als die europäische Besetzung. Ägypten, die Levante und die heiligen Stätten auf der Arabischen Halbinsel wurden allesamt im frühen 16. Jahrhundert erobert (siehe Karte) und blieben bis zum Ersten Weltkrieg (1914–1918) unter osmanischer Herrschaft (mit Ausnahme von Ägypten). Der wirtschaftliche Druck der Westmächte begann hingegen erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Die formelle Besetzung dauerte nur wenige Jahrzehnte.
Der osmanische Kolonialismus war in vielerlei Hinsicht von wirtschaftlichem Nachteil. Drei davon seien herausgegriffen und kurz erläutert:
- Er beruhte auf der Dominanz von Grossgrundbesitzern. Dies brachte eine grosse Ungleichheit auf dem Land hervor und verhinderte grosse Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft.
- Er beschränkte Handels- und Finanzgeschäfte auf Minderheiten (Armenier, Griechen, Juden). Damit konnte sich kein muslimisches Bürgertum etablieren, das für Freiheits- und Eigentumsrechte in politischen und wirtschaftlichen Belangen im städtischen Raum kämpfen konnte.
- Er unterband die Verbreitung wichtiger technologischer Innovationen. Bekannt ist etwa die langjährige Opposition gegen die Verbreitung des Buchdrucks. Erst im 18. Jahrhundert konnte sich diese Schlüsseltechnologie allmählich durchsetzen.
Ende der 1830er-Jahre versuchte der Sultan in Istanbul, mit einem Reformprogramm die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden. Es begann die sogenannte Tanzimat-Periode. Wenige Jahrzehnte später zeigte sich jedoch bereits, dass die jahrhundertealten Blockaden nicht in kurzer Zeit aufgehoben werden konnten. Mitte der 1870er-Jahre glitt das Osmanische Reich in eine Schuldenkrise.
Natürlich lässt sich schwer beweisen, dass die nahöstlichen Gebiete ohne osmanischen Kolonialismus heute besser dastehen würden. Es sind viele Faktoren, die über den wirtschaftlichen Erfolg einer Region entscheiden. Aber diese Feststellung gilt für den westlichen Kolonialismus. Nicht alles, was auf der Welt schiefläuft, ist Resultat von europäischer Dominanz.