Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03093.jsonl.gz/1560

2035 wird es fast keine armen Länder mehr geben, behauptet Bill Gates in einem kürzlich veröffentlichten Brief. Seine Aussagen fussen auf falschen Zahlen und zeichnen ein unrealistisches Wunschbild, sagt ein Experte.
Bill Gates prophezeit eine Zukunft ohne Armut. Was sagen Sie zu dieser These?
Peter Niggli: Es ist tatsächlich wahrscheinlich, dass Millionen von Menschen in den nächsten zwanzig Jahren die Armutsgrenze überschreiten werden. Doch diese liegt bei 1,25 Dollar Kaufkraftgewicht pro Tag. Das ist auch in armen Ländern sehr, sehr wenig. Diejenigen die die Grenze gezogen haben, könnten damit nicht leben. Den Ärmsten hingegen traut man das zu. International wird deshalb die Anhebung dieser Grenze verlangt.
Gates erwähnt unter anderem China und Indien als positive Beispiele. Früher die Armenhäuser der Welt, heute Länder mit grossem Potenzial. Wie gut sind diese Beispiele?
In China und Indien lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung. In den 80er- und 90er-Jahren lebten am meisten Arme in diesen beiden Ländern. In China hat eine rasante Industrialisierung stattgefunden – nachdem Ende der 70er-Jahre die Kommunen freigegeben wurden, erfolgte ein rascher Aufstieg der Landbevölkerung. Indien hatte fast zwanzig Jahre eine sehr hohe Wachstumsrate, die Anzahl der Armen ist jedoch nur bescheiden reduziert worden.
Das ist paradox.
Ja. Auch heute lebt der grösste Teil der absolut Armen nach wie vor in Indien und China – zusammen mehr als in Schwarzafrika. Dass China und Indien weiterhin so schnell wachsen werden, wird stark bezweifelt.
Gates verweist darauf, dass sieben von zehn Länder mit dem grössten Wirtschaftswachstum in Afrika liegen.
Das stimmt höchstens, wenn man nur die Daten der letzten paar Jahre hinzuzieht, in denen sich das Wachstum vieler Schwellenländer abschwächte. Schwarzafrika hat erst in den Nullerjahren wieder die Wirtschaftsleistung erreicht, die es 1980 hatte. Der starke Aufschwung seither ist auf die Industrialisierung und damit verbundene Rohstoffnachfrage von China und Indien zurückzuführen. Ob diese Nachfrage weiterhin wächst, ist fragwürdig.
Was, wenn die Nachfrage einbricht?
Dann bricht auch das Wachstum der afrikanischen Länder zusammen, denn sie haben ihre Wirtschaft noch zu wenig diversifiziert. Zahlen sagen wenig über die Tragfähigkeit einer Volkswirtschaft aus.
Die Berechnungen von Gates stimmen also nur dann, wenn man davon ausgeht, dass sich der Aufwärtstrend der letzten Jahre fortsetzen wird.
Ja. Die grossen strukturellen Probleme der Entwicklungsländer werden aber andauern. Hinzu kommen in zunehmendem Masse Umweltprobleme. Man kann annehmen, dass diese Umweltprobleme in den nächsten 20 Jahren gravierender durchschlagen werden als bislang. Dann sehen alle Wachstumszahlen anders aus. Deshalb ist es falsch, die Entwicklung der letzten 15 Jahre linear in die Zukunft zu extrapolieren.
Mit anderen Worten: Gates zeichnet ein ökonomischen Wunschbild. Wie geht es den Menschen wirklich?
Durchschnittszahlen sagen nicht viel darüber aus, was einzelnen Menschen zu Verfügung steht. Die Einkommensunterschiede sind nach wie vor riesig – Tendenz steigend. Ungleichheit ist zwar die Voraussetzung dafür, dass an bestehenden Strukturen gerüttelt wird, doch mittlerweile etabliert sich der Konsens, dass die heutige Ungleichheit krass und ökonomisch schädlich ist. Politische Gegenmassnahmen bleiben aber aus.
Warum lehnt sich Gates so weit aus dem Fenster?
Die Bill Gates Stiftung ist die grösste private Stiftung im Entwicklungsbereich. Sie kann beinahe die Agenda der WHO bestimmen, weil sie mehr Mittel aufwirft als deren Mitgliedsländer. Mit dem Jahresbrief legt die Stiftung gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft ab. Gates teilt mit, dass nicht jede Hilfe hoffnungslos ist und dass sich einiges verbessert hat. Beides stimmt. Dass sich Bill Gates, der zum reichsten Prozent der Bevölkerung gehört, so äussert, wird ihm Kritik einhandeln.