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Editionsprojekt Briefwechsel Herzog Reinkens
Die Korrespondenz zwischen Eduard Herzog und Joseph Hubert Reinkens
Das Editionsprojekt in Kürze
Ab Juli 1876 ist der Briefwechsel zwischen Eduard Herzog, dem designierten Bischof der Christkatholischen Kirche der Schweiz und Joseph Hubert Reinkens, dem Bischof der Altkatholischen Kirche in Deutschland, überliefert. 20 Jahre lang, bis zu Reinkens’ Tod im Januar 1896 schrieben sich die beiden Bischöfe mehr als 460 Briefe, von denen 427 als Originale oder als Abschriften in Kopialbüchern überliefert sind. Die Briefe werden vollständig transkribiert und in Buchform ediert. Alle Briefe werden mit einem umfassenden Anmerkungsapparat versehen und in einer ausführlichen Einleitung kommentiert und kontextualisiert.
Der Anmerkungsapparat
Der Anmerkungsapparat umfasst voraussichtlich 931 Fussnoten. Diese vermitteln Informationen biographischer Natur (jeweils bei der Erstnennung einer Person), Literaturangaben und Exzerpte zu Publikationen, die im Briefwechsel besprochen werden, sowie Hintergrundinformationen zum jeweiligen historischen, theologischen und kulturellen Kontext, welche zum Verständnis der Briefe notwendig sind.
Im Briefwechsel wird auf 423 Personen Bezug genommen. Diese werden – unabhängig von Stand und Einfluss – vollständig erfasst und – soweit möglich – mit Kurzbiographien versehen. Diese veranschaulichen das transnationale Beziehungsnetz jener Bewegung, die sich gegen das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) formierte.
Eduard Herzog und Joseph Hubert Reinkens betrieben als Bischöfe eine versierte Medienpolitik und publizierten neben Hirtenbriefen als ehemalige bzw. aktive Professoren auch etliche Schriften theologischer und historischer Art. In ihren Briefen zeigt sich, wie sie diese Werke gegenseitig rezipierten und kommentierten. Die Literaturangaben dazu umfassen 136 Anmerkungen. Je nach Kontext wird der Inhalt der jeweiligen Schrift in Form eines Exzerpts zusammengefasst.
Die Bedeutung des Briefwechsels
Gründerfiguren
Eine vollständige, kommentierte und mit ausführlicher Einleitung versehene Ausgabe der Korrespondenz zwischen Eduard Herzog und Joseph Hubert Reinkens wird in Fachkreisen seit längerem als Desiderat betrachtet, handelt es sich doch um die Briefe zweier massgeblicher Exponenten der altkatholischen Reformbewegung, die gegen die Papstdogmen des Ersten Vatikanums Stellung bezog. Teile dieser Bewegung formierten sich als rom-unabhängige nationale Kirchen. In Deutschland führte dies bis 1873 zur Bildung eines Bistums für die Altkatholiken, in der Schweiz bis 1876 zur Bildung der Christkatholischen Kirche. Reinkens und Herzog wurden die ersten Bischöfe der jeweiligen katholischen Nationalkirchen. Die Edition des Briefwechsels liefert umfangreiches Quellenmaterial und legt die Grundlage für künftige Biographien beider Briefpartner auf dem neuesten Quellenstand.
Transnationale Freundschaften und antiultramontane Netzwerke
Im Verlaufe des Briefwechsels wird deutlich, wie sich das von Anfang an kollegiale Verhältnis der beiden Bischöfe zu einer tiefgehenden Freundschaft wandelt. Mit einer Edition der Briefe tritt nicht nur die persönliche Freundschaft zwischen Herzog und Reinkens ans Licht, sondern auch die Vernetzung der beiden Organisationen, die sie leiteten und der transnationalen Partner, welche sie als Verbündete im Kampf gegen Rom zu einen suchten. 1889 kam es in diesem Zusammenhang zur Begründung der „Utrechter Union“. Die Korrespondenz legt offen, wie Freundschaft als Bindeglied von Netzwerken fungiert und wie amtliche Zusammenarbeit und persönliche Freundschaft bei Aufbau und Gestaltung kirchlicher, vom jeweiligen Staat anerkannter Organisationsformen von Nutzen sind. Da beide Freunde vor ähnlichen Aufgaben standen, die Ausformung des Altkatholizismus bzw. Christkatholizismus jedoch im je eigenen politischen, kirchenpolitischen und kirchengeschichtlichen Kontext geschah, wird die Herausgabe des Briefwechsels zu vergleichenden Studien zum Altkatholizismus im deutschen Kaiserreich und zum Christkatholizismus in der Schweiz einerseits und zum Kulturkampf in diesen Ländern andererseits anregen.
Neubewertungen
Der Briefwechsel stellt Informationen zu Personen und Ereignissen zur Verfügung, die auf angrenzende Briefwechsel mit Dritten hinweisen oder aufschlussreiche Innensichten bieten für historische Ereignisse und Beziehungen. So tritt im Hinblick auf die Schweiz eine differenzierte Sicht auf den deutschsprachigen und frankophonen Christkatholizismus zu Tage. Die Beziehung zu staatlichen Behörden im Deutschen Reich wird viel negativer bewertet, als dies im öffentlichen Diskurs bekannt ist. Positive und negative Erfahrungen mit einer synodal geordneten, bischöflich verfassten Kirche, der Umgang mit Autorität und die Gestaltung des bischöflichen Leitungsamtes in einer bischöflich‐synodalen Kirchenorganisation werden differenziert dokumentiert.
Geschichtsbilder und Erinnerungsdispositive
Eduard Herzog wie auch Joseph Hubert Reinkens prägten den internationalen Altkatholizismus durch ihre kirchenhistorischen Werke erheblich mit. Der Briefwechsel legt historische Legitimierungsstrategien zur Rechtfertigung der aus dem Konzilsprotest erwachsenen Bistumsgründungen offen. Er zeigt, auf welche spezifischen Geschichtsbilder die beiden Briefpartner dafür zurückgriffen und wie sie erinnerungskulturelle Dispositive zur Identitätsbildung ihrer Kirchen heranzogen.
Herausgeberschaft und Unterstützung
Der Briefwechsel wird herausgegeben von Angela Berlis und Martin Bürgin.
Angela Berlis ist Inhaberin der Professur für Geschichte des Altkatholizismus und Allgemeine Kirchengeschichte am Departement für Christkatholische Theologie der Universität Bern.
Martin Bürgin arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Editionsprojekt.
Mitgearbeitet haben zudem Hubert Huppertz als Transkribent und Raphael Reift als studentischer Hilfsassistent.
Das Editionsprojekt wird gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF).