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Verantwortung: Nadine Amsler / Felix Rietmann
Referierende: Nadine Amsler / Felix Rietmann / Milana Aronov
Kommentar: Caroline Arni
Das englische Gegensatzpaar nature und nurture1 sei bereits seit dem Mittelalter ein binärer Code, um über Kindererziehung zu sprechen. Mit dieser Aussage leitete NADINE AMSLER (Fribourg) das Panel ein. Das Ziel der Referate sei es, die Formbarkeit dieser Begriffe und die Verwendung in unterschiedlichen Diskursen aufzuzeigen.
Nadine Amsler beabsichtigte in ihrem Vortrag am Beispiel der Säugamme zu demonstrieren, dass der Unterschied zwischen Natur und nurture in der Frühen Neuzeit nicht immer so klar gezogen werden könne, wie es die Forschung darstelle. Frühneuzeitliche Autoren wie zum Beispiel Jacques Guillemeau warnten ihre Leserinnen und Leser vor dem schädlichen Einfluss, den eine Säugamme auf das Kind ausüben könne. Guillemeau würde aber nicht den sozialen Umgang der Ammen mit den Kindern fürchten, sondern er spräche der körperlichen Substanz der Milch charakterverderbende Qualitäten zu. Diese Befürchtung basiere auf der Humoralpathologie, die den Charakter als Resultat der Säftezusammensetzung sah. Das Gegensatzpaar Natur und nurture könne also nicht im modernen Sinn als genetische Informationen und sozialer Umgang verstanden werden, denn Guillemeau verglich den Einfluss der Milch mit dem von Sperma.
Im zweiten Teil ihres Vortrags ging Amsler auf die praktische Umsetzung solcher Vorstellungen ein: So hätte das Ärztekomitee des Herzogtums Württemberg bei der Auswahl einer geeigneten Säugamme unter anderem auf ihren Charakter geachtet. Am kurfürstlichen Hof in München wurden für die Auswahl der Amme detaillierte Instruktionen verfasst. Diese Instruktionen würden die Befürchtung der Autoren veranschaulichen, ein schlechter moralischer oder körperlicher Zustand der Amme wirke sich auf den Säugling aus.
Frühneuzeitliche Autoren und Ärzte hätten also geglaubt, dass nurture die Natur eines Kindes beeinflussen könne. Die Einflussnahme über die körperliche Substanz Milch liesse sich jedoch nicht so einfach der Natur oder nurture zuordnen, wenn wir von unseren modernen Vorstellungen dieser Kategorien ausgingen. Amsler schloss mit der Bemerkung, dass körperliche Flüssigkeiten soziale Grenzen herausfordern würden: Von den oft aus der Unterschicht stammenden Ammen sei geglaubt worden, sie könnten die adlige Natur der Kinder über ihre Milch verderben.
FELIX RIETMANN (Fribourg) beleuchtete in seinem Vortrag die Semantik von Natur und nurture in deutschen Erziehungsratgebern. Er vertrat die These, dass solche Zeitschriften die Art, wie Kinder thematisiert würden, verändert hätten: Während die Vorstellung körperlicher Betätigung lange Zeit moralisch behaftet gewesen sei, versuchte man die Kinder später auf spielerische Art dazu zu ermuntern. Die sich verändernde Stellung sittlicher Werte in Zeitschriften soll anhand zweier Fallbeispiele aufgezeigt werden: Das spätaufklärerisch geprägte Journal für Kinder, Eltern und Erzieher und der Deutsche Jugendfreund aus der Biedermeierzeit.
Ganz im philanthropischen Sinn der Spätaufklärung erteile das Journal für Kinder, Eltern und Erzieher den Eltern Anleitungen, wie ihr Kind zu einem gesunden und ausgeglichenen Erwachsenen heranwachse. Dabei sei besonders die Wichtigkeit der körperlichen Betätigung für Kinder unterstrichen worden. Diesen habe man dieselben Prinzipien kommuniziert – jedoch in Form von kleinen Geschichten mit einer abschliessenden Moral. Im Biedermeier seien sittliche Werte in den Hintergrund gerückt. Wichtiger wäre der kommerzielle Aspekt der Zeitschrift geworden: Die Erzählstruktur sei elaborierter und die Geschichten über mehrere Ausgaben weitergeführt worden – oft mit einem Cliffhanger am Ende. Die Journale hätten nun auch alters- und interessensspezifisch publiziert. Die körperliche und mentale Gesundheit des Kindes sei beinahe nur noch in spezifisch dafür vorgesehenen medizinischen Ratgebern behandelt worden.
Rietmann folgerte, dass die Narrativierung und Nuancierung in den Zeitschriften der Biedermeierzeit die enge Verbindung von körperlicher Betätigung und moralischer Erziehung gelockert hätten. Sowohl die Medienlandschaft als auch den Erziehungsdiskurs des 19. Jahrhunderts seien von diesen geprägt worden. Die Natur des Kindes werde nicht mehr durch klare moralische Anweisungen geformt, sondern müsse sich nun als Konsumentin zwischen verschiedenen Optionen zurechtfinden.
Im Zentrum von MILANA ARONOVs (Lausanne) Vortrag standen Autobiografien von Müttern autistischer Kinder, die zur Zeit der antipsychiatrischen Welle in Frankreich der 1960er und 1970er Jahre verfasst wurden. Unter Antipsychiatrie wird eine Bewegung verstanden, die sich gegen Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie stellt. Durch diese rückten die Patientinnen und Patienten in den Fokus und es wurde versucht, deren Krankheiten zu entstigmatisieren. Aronov stellte die These auf, dass diese neuen antipsychiatrischen Behandlungsmethoden Mütter zum Teil in schwierige Lagen gebracht und deren Alltag verkompliziert hätten. Dies zeigt sie anhand der erwähnten Autobiografien.
In diesen Publikationen beschreiben die Frauen das Zusammenleben mit ihren autistischen Kindern. Gerade diese Beschreibungen seien jedoch oft kritisiert worden: Von Experten seien sie als Zeichen fehlender Liebe und einer zu intellektuellen Haltung interpretiert worden. Trotzdem hätten sich die Verfasserinnen davon nicht einschüchtern lassen, da sie auf die langwierigen «medical journeys» ihrer Kinder und das Fehlen von staatlicher Fürsorge aufmerksam machen wollten. Ausserdem hätten sie den Wunsch gehegt, andere Eltern zu ermutigen. Als Fallbeispiel nannte die Referentin Denise Herbaudière, die inspiriert von amerikanischen Vorbildern das Buch Cati ou l'enfance muette verfasste. Die Mutter beschreibt, wie ihr von den Expertinnen und Experten einerseits vorgeworfen worden sei, ihre Tochter Cati zum Lesen zu zwingen, das Mädchen andererseits von staatlichen Institutionen aufgrund mangelnder Lesefähigkeiten abgelehnt worden sei. Die Psychiatrie habe die nurture – also das Verhalten der Eltern – für deren Schwierigkeiten im Umgang mit dem autistischen Kind verantwortlich gemacht.
Aronov fasste zusammen, dass die antipsychiatrischen Methoden die Versuche der Eltern, ihrem Kind mehr Autonomität zu gewähren, verkompliziert hätten. Schliesslich sei die Bedeutung von nurture in Beziehung zu Autismus unterschiedlich gewertet worden.
In den Vorträgen des Panels wurde mit Natur das Wesen, die Essenz oder der Charakter einer Person bezeichnet. Diese wurde als formbar und manipulierbar durch nurture dargestellt – sei es durch die Milch einer Amme, durch die richtige Erziehung oder die korrekte Behandlung. Manchmal war es notwendig die Natur vor äusseren Einflüssen zu schützen. Oft waren es aber genau die äusseren Einflüsse, welche die Natur verbessern oder erst zurück zu einem Normalzustand verhalfen. Die Referentinnen und der Referent veranschaulichten überzeugend, dass die verschiedenen Debatten zu Natur und nurture sich über mehrere Jahrhunderte spannten, sich an ihre jeweilige Zeit anpassten und diese wiederum ihrerseits prägten.
1 Die Begriffe lassen sich im Deutschen mit Natur und Ernährung/Erziehung übersetzen. Um eine Verfälschung der von den Referierenden intendierte Bedeutung der Begriffe vorzubeugen, wird der Begriff nurture im Folgenden in der Originalsprache des Panels belassen.
Nadine Amsler: An Uneasy Relationship: Nature and Nurture in Early Modern Debates on Wet Nursing
Milana Aronov: Learned or Jeopardized Sociability: Mothers’ Practices with ‹autistic› Children (France, 1960s–1970s)
Felix Rietmann: Of «Salutary Slaps» and «Laced Waistcoats»: Depictions of ‹Natural› Upbringing in the Periodic Press of the Early Nineteenth Century
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.