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Die Nachricht kam völlig überraschend: Die 46-jährige Österreicherin Monisha Kaltenborn sei ab sofort nicht mehr Teamchefin im Hinwiler Formel-1-Rennstall Sauber-Ferrari.
Seit Mittwochvormittag wurde auf diversen Internet-Portalen über die Entlassung von Monisha Kaltenborn berichtet. Bis am späten Mittwochabend gab es von offizieller Seite aber weder eine Reaktion noch eine Bestätigung oder Begründung dafür. Auf Anfrage hiess es, die verantwortlichen Personen seien immer noch auf der Reise nach Aserbaidschan.
Fakten sind aber: Kaltenborn ist bereits nicht mehr nach Baku gereist, wo am Sonntag mit dem Grand Prix von Aserbaidschan der 8. WM-Lauf der Saison ausgetragen wird. Und: Teammanager Beat Zehnder wurde von den neuen Teambesitzern beauftragt, dass er zusammen mit dem Technischen Direktor Jörg Zander die operative Leitung am Wochenende übernimmt, wie er gegenüber der deutschen Nachrichtenagentur dpa bestätigte.
Monisha Kaltenborn, die gebürtige Inderin, ist (oder war) seit 1998 für das Hinwiler Team tätig. Zuerst in der Rechtsabteilung, ab 2001 als Mitglied der Geschäftsleitung, seit 2010 als Geschäftsführerin und ab 2012 als erste Frau überhaupt im Formel-1-Zirkus als Teamchefin. Ihr Vertrag würde noch bis 2019 laufen.
Die erfolgreichste Zeit erlebte das Sauber Team in den vier Jahren, als BMW das Sagen hatte. Da gab es in der Konstrukteuren-Wertung die Ränge 5 (2006), 2 (2007), 3 (2008) und 6 (2009). Höhepunkt war 2008 der Doppelsieg von Robert Kubica und Nick Heidfeld im Grand Prix von Kanada.
Seither ging es mit dem Hinwiler Rennstall sowohl sportlich als auch finanziell bergab mit dem Tiefpunkt 2014 mit 0 Punkten. Vor einem Jahr sicherte Felipe Nasr erst im zweitletzten Rennen in seiner Heimat Brasilien mit Rang 9 die einzigen zwei Zähler und somit einen zweistelligen Millionen-Bonus aus dem Prämien-Topf.
Negative Sauber-Schlagzeilen gab es in den letzten Jahren immer wieder. So forderte der niederländische Testfahrer Giedo van der Garde Anfang 2015 gerichtlich seinen Platz als Sauber-Stammpilot ein, was vor dem Grand Prix von Australien beinahe zur Verhaftung von Monisha Kaltenborn geführt hätte. Van der Garde willigte nach einer sehr hohen Abfindung (man spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag) auf eine aussergerichtliche Einigung ein. Letztes Jahr konnte Sauber-Ferrari über eine längere Phase die Löhne für einen Teil der über 300 Angestellten nicht pünktlich bezahlen und wurde von mehreren Seiten betrieben.
Im Juli 2016 gelang Monisha Kaltenborn aber die Rettung des kriselnden Unternehmens und verkaufte das hinter Ferrari, McLaren und Williams viertälteste Formel-1-Team an schwedische Investoren. Das Finanzunternehmen Longbow Finance SA übernahm auch die 30-Prozent-Anteile von Kaltenborn und Teamgründer Peter Sauber.
Die neuen Perspektiven sorgten für viel neuen Wind und Optimismus im Zürcher Oberland. Bis am Mittwoch deutete rein gar nichts auf eine mögliche Trennung hin. Am Montag erwähnte Kaltenborn in einem Mail, dass sie am Sonntag nach dem Rennen für Interviews im Teambereich zu Verfügung stehen werde. Und am Dienstag verkündete sie die neue Zusammenarbeit mit dem niederländischen Unternehmen Additive Industries als Technology Partner ab dem 1. Juli.
Zudem lud die (ehemalige?) Teamchefin noch vor wenigen Tagen die Nachrichtenagentur sda zu einem grossen Interview nach Hinwil ein. Darin sagte sie zwar, dass die neuen Besitzer «sicher nicht glücklich über unsere bisherige Performance sind», aber auch, «dass es Zeit brauche, um das Ziel zu erreichen, einerseits die Abteilung Formel 1 zu stabilisieren und andererseits das Drittkundengeschäft zu stärken und in neue Bereiche zu führen».
Diese Zeit scheint Kaltenborn nicht mehr gegeben zu werden. Die magere Ausbeute von bisher vier WM-Punkten (8. Rang von Pascal Wehrlein im GP von Spanien in Montmeló) kann ebenso wenig Grund für eine Trennung sein wie auch der Vertrag ab 2018 mit Motorenpartner Honda. Viel mehr soll es hinter den Kulissen zu einem heftigen Streit zwischen ihr und den neuen Besitzern gekommen sein. Dabei soll es um die Hierarchie der Fahrer gegangen sein. Die schwedischen Investoren haben enge Verbindungen zum Tetra-Pak-Konzern, einer der Haupt-Geldgeber von Marcus Ericsson. Kaltenborn soll sich aber gegen eine Bevorzugung des schwedischen Fahrers gestellt haben und wollte den deutschen Mercedes-Junior Pascal Wehrlein nicht zur Nummer 2 degradieren.
Bestätigung hin, Bestätigung her. Im Fahrerlager in Baku wurde bereits über die Nachfolge von Kaltenborn heftig spekuliert. In der Pole-Position scheint der 49-jährige Deutsch-Rumäne Colin Kolles zu sein. Der gelernte Zahnarzt war schon bei verschiedenen Formel-1-Teams engagiert, unter anderem auch als Rennleiter bei Force India. Zuletzt war Kolles in der Langstrecken-WM mit einem eigenen Team unterwegs. (sda)