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Der Case gegen Ghislaine Maxwell geht womöglich in eine unerwartete Zusatzschlaufe: Ein Mitglied der Geschworenen-Jury erzählt in Medienberichten über den Case, er habe der Jury in den Urteilsberatungen von seinen eigenen Erfahrungen als jugendliches Missbrauchsopfer erzählt und so bei den anderen Jury-Mitgliedern Zweifel an den Aussagen der Opfer aus dem Prozess ausräumen können. Maxwells Anwälte haben umgehend beantragt, das Urteil sei zu kassieren und ein neuer Prozess anzusetzen. Auch die Staatsanwaltschaft verlangt eine Untersuchung.
Die Wende im Fall gegen die ehemalige Partnerin von Jeffrey Epstein kommt nun doch überraschend. Jury-Mitglied „Scotty David“, so sein Vor- und Mittelname, der Nachname ist nicht bekannt, die Nummer 50 auf der Juroren-Liste, erzählt in verschiedenen Medienauftritten z.B. für REUTERS, den INDEPENDENT oder die DAILY MAIL nach dem Ende des Prozesses ausführlich und offensiv seine Sicht der Dinge und dass Maxwell unzweifelhaft an den Taten Epsteins beteiligt gewesen sei. Dabei erzählt er beispielsweise, warum er in der Tatsache, dass viele der Opfer mehrfach zu Anlässen bei Epstein zurückkehrten und dafür Geld nahmen, keinerlei Grund sieht, dass die Mädchen nicht missbraucht worden seien. Die Mädchen seien minderjährig gewesen, argumentiert der Juror, und spricht ihnen damit jede Urteilsfähigkeit ab. Im weiteren Verlauf des Interviews erzählt Scott David dann verschiedene Details, die in den Urteilsberatungen gemäss seinen Aussagen eine Rolle gespielt hätten.
Fragebogen korrekt ausgefüllt?
Besonders brisant ist in seinen Aussagen, dass er behauptet, er selbst und auch noch ein weiterer Geschworener hätten aus ihren eigenen Erfahrungen als Missbrauchsopfer erzählt, um die anderen Geschworenen zu beeinflussen. Dabei sei es insbesondere um die Glaubwürdigkeit der Belastungszeuginnen gegangen. Scotty David sagt, als er der Jury erzählt hätte, dass er sich bis heute an einige Details sehr genau erinnern könne, aber andere Dinge aber nicht mehr, hätte das den anderen Geschworenen aufgezeigt, dass die Aussagen der Belastungszeuginnen nicht unglaubwürdig seien, wenn sich diese nur an gewisse Dinge sehr genau, an andere wiederum überhaupt nicht mehr erinnern konnten.
Problematisch an der Situation ist, dass alle Geschworenen im Vorfeld des Prozesses einen Fragebogen ausfüllen mussten, indem sie explizit gefragt wurden, ob sie selbst oder Angehörige aus ihrem Umfeld selbst einmal Opfer einer Sexualstraftat geworden waren. Diese Fragebogen werden der Verteidigung zugestellt, die daraufhin ein Jury-Mitglied ablehnen kann. Scotty David sagt aus, er könne sich nicht mehr an diese Frage auf dem Fragebogen erinnern, er habe aber sicherlich alles wahrheitsgetreu ausgefüllt. Und das lässt aufhorchen, ist doch schwer vorstellbar, dass ein Jury-Mitglied, das deklariert, selbst Opfer einer solchen Tat geworden zu sein, von der Verteidung nicht abgelehnt wird.
Über den zweiten Geschworenen, der gemäss Scotty David ebenfalls eine persönliche Vergangenheit als Opfer seiner Sexualstraftat hat, ist bislang nichts weiter bekannt geworden.
Untersuchung soll Klarheit bringen
Der Ankläger in dem Fall ist bereits mit dem Antrag ans Gericht gelangt, eine Untersuchung zu eröffnen und das Jury-Mitglied zu befragen. Die Verteidung von Maxwell verlangt, dass der Schuldspruch aufgehoben und ein neuer Prozess angesetzt werde. Es ist zwar Jury-Mitgliedern nicht verboten, über ihre Erlebnisse während des Prozesses zu erzählen. Gleichwohl wird wohl zu klären sein, ob Jurymitglied Scotty David in dem Fragebogen die Unwahrheit über seine eigene Vergangenheit gesagt hatte. Aber auch der Wahrheitsgehalt seiner Geschichte ist nicht erwiesen und die Auftritte des 30-jährigen New Yorkers erwecken nicht den Eindruck eines unvoreingenommenen Jury-Mitglieds, das nach dem Ringen um Pros und Cons zu einem Schluss kam, sondern eher nach einem Aktivisten, der am Ende seine Freude darüber, dass es ihm gelungen ist, die Jury zu einem Schuldspruch zu bringen, nicht mehr länger zurückhalten konnte. Und sich mit seinen Auftritten nun seine 15 Minuten Berühmtheit abholen will.
Zittern unter den Mächtigen?
Viele Medien haben zuletzt gemutmasst, dass Maxwell andere, die in verschiedenen dubiosen Sex-Geschichten involviert waren, ans Messer liefern könnte – um im Gegenzug das Strafmass positiv beeinflussen zu können. Maxwell droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 65 Jahren, sie ist heute 60 Jahre alt. Der Bekanntenkreis von Epstein umfasst viele prominente Namen. Nebst Prinz Andrew, gegen den ebenfalls Verfahren wegen des Missbrauchs einer jungen Frau angestrengt wurden und werden, werden immer wieder die Namen von Donal Trump, Bill Clinton oder auch Bill Gates genannt. Sie alle haben bislang stets betont, von den Missbräuchen durch Epstein und Maxwell nichts gewusst zu haben. – Gleichermassen regelmässig wurden diese Aussagen allerdings auch angezweifelt.