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Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Da war ich vielleicht zweieinhalb Jahre alt: Mein Vater, ein Pfarrer, kaufte für seine Gemeinde ein Klavier, was in den 1960ern etwas sehr Seltenes war – schliesslich gehörte Südkorea damals zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit vier Jahren fing ich mit dem Klavierspielen an, und mein Vater brachte mir die Grundlagen des Notenlesens bei. Vom ersten Moment an empfand ich den Kontakt mit dem Instrument und den daraus entstehenden Klang als eine faszinierende und unglaublich sinnliche Erfahrung.
Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Es gab kein besonderes Schlüsselerlebnis, aber dass ich Musikerin werden wollte, stand für mich sehr früh fest, weil Musik mich mehr faszinierte als alles andere. Ausserdem begann ich mit sieben Jahren, zum Familieneinkommen beizutragen, indem ich bei Hochzeitsfesten und ähnlichen Anlässen Klavier spielte und den Gottesdienst meines Vaters auf einer Orgel begleitete. Was das Letztere betraf, so lernte man dadurch mancherlei: Beispielsweise sangen die Gemeindemitglieder oft falsch, weswegen man in der Lage sein musste, schnell zu transponieren. Das waren also meine ersten praktischen Erfahrungen mit der Musik. Auf einer ganz anderen Ebene bildete ich mich weiter durch das Hören und Lesen von Musik: In meiner Mittelschule gab es einen Musikraum mit Hunderten von Schallplatten von Bach bis Strawinsky, die ich mir bei jeder Möglichkeit angehört habe, und auch einige Partituren, die ich abschrieb, da man sie nicht kaufen konnte. Ich wollte Konzertpianistin werden, aber meine Eltern konnten mir keinen Klavierunterricht finanzieren – und um ein auftretender Musiker zu werden, muss man als Kind eine einwandfreie Technik erlernen. Daher riet mir mein Musiklehrer in der Mittelschule, Komponistin zu werden; da war ich zwölf, dreizehn Jahre alt.
Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig? Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Musik löst natürlich die intensivsten Emotionen aus. Das ist völlig legitim, solange man diese subjektiven Emotionen nicht mit dem jeweiligen Werk verwechselt. «Wenn, wie es fast immer der Fall ist, die Musik etwas auszudrücken scheint, so ist dies Illusion und nicht Wirklichkeit», hat Igor Strawinsky einmal bemerkt.
Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Hier möchte ich zurückfragen: Warum sollte man sich nicht mit solchen Erfahrungen konfrontieren?
Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ja. Wobei gesunde Zurückhaltung für die Interpretation eines Werkes mindestens genauso unerlässlich ist.
Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Alle «gute» Musik.
Und umgekehrt gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Die Musik von Skrjabin zum Beispiel wirkt auf diese Weise auf mich – was ihre Faszination aber keineswegs schmälert. Die «emotionale Temperatur» eines Musikwerks ist kein Qualitätskriterium.
Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Schönbergs Musik. Das ist aber kein generelles Verdikt über die Zweite Wiener Schule – ich verehre beispielsweise die Werke von Anton Webern.
Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Wer wird das nicht?
Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
In gewisser Hinsicht und unter gewissen Umständen: ja.
Am 23. August bringen «artiste étoile» Barbara Hannigan und das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra unter Simon Rattle «Le Silence des Sirènes» zur Uraufführung, ein neues Werk für Sopran und Orchester, in dem sich Unsuk Chin mit dem Sirenen-Mythos auseinandersetzt – von Homers «Odyssee» bis zu James Joyce.