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Wie ein niederländischer Journalist über die Geschichte einer Menschenpuppe zur Kritik an der Entwicklungshilfe findet.
Es gab einmal eine Zeit, da brachten die Kolonialmächte Menschen aus den Kolonien mit nach Europa und stellten sie in so genannten «Völkerschauen» aus, besonders gern in Zoos, zwischen Papageien und Affen, «Füttern verboten». Das ist lange her. Es gab eine Zeit, da gruben europäische Händler, die auf ausgestopfte exotische Tiere spezialisiert waren, in Südafrika frisch begrabene Tote aus, präparierten sie und verkauften sie in die Metropolen. Auch das ist lange her. In Banyoles, einem katalanischen Provinzstädtchen nahe der Costa Brava, stand so ein ausgestopfter «Betschuana-Mann» im Völkerkundemuseum und war unter dem Namen El Negro bei den Leuten bekannt und beliebt. Er stand dort bis in die neunziger Jahre. Das allerdings ist nicht lange her.
Keine Moorleiche
Frank Westerman, ein niederländischer Entwicklungshilfeingenieur und Journalist, hat 1983 als 19-Jähriger El Negro in Banyoles stehen sehen. «Wir waren nicht im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud, ich starrte keine Illusion der Wirklichkeit an. Dieser Buschmann war kein gruselig gelungener Abguss und auch keine zufällig gefundene Moorleiche oder sonstige Mumie. Er war ein Mensch, gehäutet und danach gefüllt wie ein ausgestopftes Tier. Es musste also jemanden gegeben haben, der dies getan hatte.» Westerman heftet sich dieser Geschichte an die Fersen. Er erfährt, dass El Negro 1831 auf dem Gebiet des heutigen Südafrika geraubt und nach Paris gebracht wurde, dort wahrscheinlich lange in einem Schaufenster ausgestellt war (Victor Hugo wohnte ganz in der Nähe und muss ihn oft gesehen haben), dass er wohl 1886 nach Barcelona verkauft und schliesslich als Teil der naturgeschichtlichen Sammlung eines katalanischen Forschers in ein Privatmuseum nach Banyoles gelangte. Weitaus interessanter als diese dürren Stationen ist, was Westerman über seine Recherche erzählt: Er begegnet Menschen, die mit El Negro zu tun haben, der Museumskonservatorin, einem Zoologen in Barcelona, einem Journalisten, der gleichfalls auf El Negros Spuren ist, einem Bürgerrechtler, der energisch für die Entfernung El Negros aus dem Museum und seine Überführung nach Botswana kämpft. Alle haben sie etwas über diese Figur zu erzählen - und erzählen doch mehr über sich selbst. Und Westerman erzählt von sich. Womit wir beim Kern des Buches wären.
Westerman reiste erstmals in ein Land des Südens, als er «Tropische Landwirtschaft» studierte. In Jamaica erlebte er - nur wenige Jahre nachdem ihn der Anblick von El Negro schockiert hatte -, dass er als Weisser der Fremde ist und angestarrt wird. Ohne in plumpe Gleichsetzung oder gar Larmoyanz zu verfallen, stellt er Fragen: Warum leben die Menschen in Jamaica ganz anders, als ich das für richtig und vernünftig halte? Habe ich die Pflicht, hier etwas zu verändern? Habe ich überhaupt das Recht dazu? Und auf welchen Voraussetzungen beruht mein Urteil, hier laufe etwas falsch?
Die entscheidende Vertiefung erlebt Westerman ein paar Jahre darauf in Peru. Wieder ist er der Fremde, der in einem Hochlanddorf bei indigenen Aymará die Funktionsweise der Wasserversorgung untersuchen und eine Alternative entwickeln soll. Vom Rat seines Chefs begleitet («Darf ich dich um etwas bitten? Urteile nicht vorschnell ...»), lebt er sich in die Welt der sehr zurückhaltenden Menschen ein, nimmt ihre religiösen Vorstellungen ernst, wird zunehmend akzeptiert. Und lernt schliesslich eines: Er kann den Aymará nichts beibringen, sie wissen und vermögen alles selbst. Dass die Wasserversorgung nach europäischen Massstäben nicht sinnvoll abläuft, ist irrelevant angesichts der Tatsache, dass die Regelungsmechanismen der Dorfgemeinschaft sehr wohl funktionieren. Jeder Eingriff würde deren Abläufe stören - und mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.
Persönliche Einsicht
Dass Westerman diese Einsicht (die er später in Sierra Leone und Südafrika vertieft) mit der Recherche nach El Negro in einen Zusammenhang bringt, macht dieses persönliche Buch besonders interessant. Die Überwindung des Kolonialismus kann sich nicht darauf beschränken, besonders schändliche Überreste zu beseitigen - oder im Falle El Negros, ihn in seine Heimat zu überführen (die zudem wahrscheinlich die falsche war: Er stammte wohl nicht aus Botswana, wo seine Knochen im Jahre 2003 beerdigt wurden). Die vom Kolonialismus geprägten Denkweisen - sowohl europäische als auch diejenigen solcher Gebiete, die von den Kolonialmächten beherrscht wurden - gehören dazu, und sie sind fester verankert, als Frank Westerman das zunächst glauben wollte. Darum steht für ihn das Verstörende, Offene im Vordergrund.
Doch seine Einsicht, man solle sich aus der «Entwicklungshilfe» zurückziehen, ist falsch, nur schon deshalb, weil die betroffenen Länder des Südens nicht einfach sich selbst überlassen blieben, wenn die Organisationen des Nordens abzögen. Ein kompletter Stopp der Entwicklungshilfe wäre wohl eher kontraproduktiv. Wiewohl ein Zurückfahren der abhängig machenden Lebensmittellieferungen an Äthiopien sinnvoll wäre, wiewohl Altkleiderimporte schädlich sind, die die Textilproduktion in armen Ländern lahm legen - für Projekte zur Strukturentwicklung im ländlichen Raum gilt dies nicht zwangsläufig auch.