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Wie aus zahlreichen Bodenfunden hervorgeht, war das südliche Genferseeufer schon in prähistorischer Zeit besiedelt. Frühmittelalterliche Gräber, die in der Nähe von Hernance zum Vorschein gekommen sind, deuten auf die Nähe einer merowingerzeitlichen Burgundersiedlung hin. Die späteren Besitzverhältnisse lassen auf altes Königsgut schliessen. Dieses wird bis um die Jahrtausendwende zum Fiskalgut der Könige von Hochburgund gehört haben, dann aber, als die Königsmacht unter Rudolf dem Faulen immer mehr zerfiel, in die hand einer grossen Dynastenfamilie übergegangen sein. Allfällige Besiedelungs- oder Befestigungsreste aus dieser Zeit (11./12. Jahrhundert) müssten archäologisch allerdings noch bestätigt werden. Die heutige Baureste der mehrteiligen mittelalterlichen Wehranlage lassen sich nicht weiter als bis ins 13. Jahrhundert zurückdatieren.
Die befestigte Siedlung ist deutlich in eine obere und eine untere Stadt gegliedert. Die obere Stadt bildet ein annäherndes Viereck auf einem sanften Hügel. Von den Stadtmauern haben sich etliche Reste erhalten, dagegen ist die ursprüngliche Überbauung weitgehend verschwunden. Westwärts schliesst die Unterstadt an, die sich in der Gestalt eines ungefähren Rechtecks bis an den See hinunterzieht.
Die an drei Längsgassen aufgereihte mittelalterliche Überbauung ist zu einem guten Teil noch vorhanden. Auch von der Stadtbefestigung sind ansehnliche Teile sichtbar. Stellenweise war die Stadtmauer mit halbrunden Schalentürmen bewehrt. Verschwunden sind die einstigen, in den See hinauslaufenden Hafenbefestigungen, die in der Geschichte des Städtchens eine wichtige Rolle gespielt haben.
Auf der höchsten Kuppe der Oberstadt erhob sich die Burg. Sie war, wie aus ihrer Lage und aus den erhaltenen Resten ersichtlich ist, in die Stadtbefestigung einbezogen, doch besass sie auch gegen die Stadtseite hin einen eigenen wehrhaften Mauerring. Innerhalb dieses heute bis auf geringe Reste verschwundenen Beringes muss es verschiedene Gebäude gegeben haben, wenn man den alten Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert Glauben schenken darf.
Das bedeutendste Bauwerk der Stadtburg, zugleich das Wahrzeichen von Hermance, bildet noch heute der mächtige runde Wachturm. Abzweigende Maueranschlüsse belegen, dass er einst à cheval auf der gleichzeitig errichteten Stadtmauer sass. Der Turm ist sorgfältig aus gut gehauenen Quadern aufgeführt. Im Innern sind noch Ansätze der Gewölbe sowie Reste der Kaminanlagen erkennbar. Die Verbindung zwischen den Stockwerken lief teilweise durch spiralig in der Mauerdicke eingelassene Treppengänge. Eine alte Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert zeigt neben den noch heute sichtbaren Schmalscharten den Austritt auf eine hölzerne Laube. Über die ursprüngliche Gestaltung des oberen Turmabschlusses lassen sich keine gesicherten Angaben machen.
Der Turm und die abzweigenden Umfassungsmauern der Oberstadt sind ins 13. Jahrhundert zu datieren, was gut zur schriftlichen Überlieferung passt. Burg und Oberstadt, urkundlich erstmals in 1247 erwähnt, dürften in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch die Herren von Faucigny gegründet worden sein. Dieses bedeutende savoyische Geschlecht aus dem oberen Arvetal hatte seinen Einflussbereich bereits im frühen 12. Jahrhundert bis in den Genferseeraum vorgeschoben, was sich etwa in der wiederholten Besetzung des Genfer Bischofstuhls durch Familienangehörige äusserte. Die Herren von Faucigny widersetzten sich hartnäckig dem Druck der Grafen von Genevois, hofften sie doch, eine eigene Territorialherrschaft aufrichten zu können. Aymo II von Faucigny wird wohl als Gründer der Burg und der Oberstadt von Hermance (um 1240) anzusehen sein. Mit der Errichtung dieses festen Platzes bekamen die Herren von Faucigny einen herrschaftlichen, militärischen und wirtschaftlichen Stützpunkt direkt am Genfersee in die Hand.
Hatte die Familie den Grafen von Genevois im 13. Jahrhundert auch erfolgreich zu widerstehen vermocht, für eine selbständige Machtpolitik erwies sie sich auf die Dauer doch als zu schwach, und bereits lauerte Savoyen im Hintergrund, um sich die Faucigny Herrschaft anzueignen. Beatrix von Thoire, Herrin zu Hermance, vererbte um die Mitte des 13. Jahrhunderts ihren Besitz an Peter II von Savoyen, ihren Gemahl, womit Hermance savoyisch wurde. In der Folgezeit sassen savoyische Dienstleute auf Hermance.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts trat die Auseinandersetzung zwischen den Häusern Savoyen und Genevois um die Vorherrschaft im unteren Genferseeraum in eine entscheidende Phase. Hermance bildete lange Zeit ein heftig umkämpftes Streitobjekt. 1325 wurde die Umgebung des Städtchens von Truppen des Grafen von Genevois verwüstet, und um die Fastnachtszeit des folgenden Jahres bemächtigte sich der Graf von Genevois in einem kühnen, vom See her vorgetragenen Handstreich des festen Platzes. Die heftige Reaktion Eduards von Savoyen blieb zunächst erfolglos. Sein Angriff wurde abgeschlagen, und seine Flotte wurde durch einen Sturm zerstreut. In der folgenden Zeit diente Hernance mit seinem festen Hafen dem Grafen von Genevois als wichtiger Stützpunkt zu Wasser und zu Lande. Von Hernance aus trugen seine Anhänger wiederholt Angriffe mit Kriegsschiffen gegen das benachbarte savoyische Gebiet von Versoix vor.
Erst gegen 1332 glückte es Eduard von Savoyen, Hermance zurückzuerobern. Unter savoyischer Herrschaft erholte sich das Städtchen nach und nach von den Kriegsschäden. Die Besiedlung der Unterstadt dürfte in jenen Jahren erfolgt sein.
Die Burg mit dem Städtchen wurde vom Hause Savoyen als Lehen ausgegeben. Dessen Inhaber wechselten im 15. und 16. Jahrhundert des Öfteren.
Zusammen mit dem Chablais wurde Hermance 1536 von den Bernern auf ihrem triumphalen Feldzug gegen Savoyen erobert, doch musste das ganze Gebiet südlich des Genfersees im Friedensschluss von 1567 an Savoyen zurückgegeben werden.
In den Unabhängigkeitskriegen der Stadt Genf um 1600 gelangte Hermance noch einmal zu militärischer Bedeutung. Die Herzöge von Savoyen bedienten sich des festen Platzes mit seinem Hafen als vorgeschobenen Stützpunktes für ihre Unternehmungen gegen Genf. 1589 stiessen die Truppen des für Genf kämpfenden französischen Gesandten Sancy nach Hermance vor, erstürmten die Stadt und zerstörten die Befestigungsanlagen.
Nach dem Frieden von St-Julien (1603) fiel Hermance an Savoyen zurück, doch dürften die Wehrbauten nicht mehr wiederhergestellt werden.
Die Burg ist seither Ruine geblieben. Der Anschluss des Städtchens an Genf erfolgte erst im Jahre 1816.
Neulich hat fas Architekturbüro Ganz und Muller das schloss Hermance restauriert und einen Aufzug einbauen lassen, der dessen Architektur respektiert.
Bibliographie