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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2008 von Hans Oberhänsli
FRIEDLICHE KOEXISTENZ
Am Nachmittag des 15. April 2008 stand ein Graureiher in geringer Distanz neben einem Fischer auf der Hafenmole des Seeplatzes Wädenswil. Der Fischer wartete schon geraume Zeit darauf, dass sich ein Fisch für den von ihm ausgeworfenen Köder interessieren und in den versteckten Angelhaken beissen würde. Der Graureiher beobachtete seinerseits aufmerksam den Fischer. Er lauerte auf den Augenblick, bis dieser anstelle eines Speisefisches eine Schwale aus dem See ziehen würde, ein im Zürichsee häufiger Weissfisch. Die Fischer verzichten ab und zu auf solche und werfen diese als Dank für die geleistete Gesellschaft dem wartenden Vogel zu. Fischer und Vogel übten sich an diesem Tag lange ergebnislos in grosser Geduld.
ZUNGE DES GRAUREIHERS
An einem anderen Tag war ein Fischer auf der Hafenmole erfolgreicher. Er war in der Lage, dem geduldig wartenden Graureiher nacheinander zwei Fische zuzuwerfen. Jedes Mal schoss der Graureiher mit seinem langen, spitzen Schnabel auf die Beute los und kehrte diese so, dass er sie mit dem Kopf nach vorn verschlingen konnte. Nach dem Mahl putzte er sich blitzschnell den Schnabel mit der langen, dünnen Zunge. Es war, als ob er zeigen wollte, dass die Fische ihm besonders gut mundeten.
BRUTKOLONIE HALBINSEL AU
Auf der Halbinsel Au befindet sich seit Jahrzehnten eine der zehn Brutkolonien im Kanton Zürich. Diese umfasst ausschliesslich Vögel, die hier brüten wollen. Altvögel beginnen kurz nach der Rückkehr mit dem Ausbessern des angestammten Nestes, das sie bereits ein Jahr zuvor benutzten. Neuankömmlinge suchen einen eigenen Nestplatz in der Nähe von eingesessenen Paaren. Gelegentlich bauen mehrere Paare ihre Nester auf dem gleichen Baum. Sie errichten diese in den Wipfeln hoher Bäume, um sie möglichst im Gleitflug ansteuern zu können. Die Horste, hier vor allem auf Lärchen und Buchen, bestehen aus Ästen, die kunstvoll zusammengefügt werden. Ein Witterungsschutz nach oben besteht nicht.
FORTPFLANZUNG
Die ersten Graureiher kommen Ende Januar aus dem Winterquartier zurück. Selbst wenn winterliche Bedingungen herrschen, beziehen sie den Nestplatz und kehren immer wieder an diesen Ort zurück. Die Zeit bis zur Eiablage kann sich lange hinziehen. Die Brutzeit dauert etwa 28 Tage. Bis zum Erreichen der Flugfähigkeit nach etwa 42 bis 50 Tagen stehen die Jungen stundenlang meist regungslos auf den Nestern und warten auf Nahrung, die ihnen ihre Eltern bringen. Sie empfangen diese mit krächzenden, weit herum hörbaren Lauten. Gewöhnlich findet eine Jahresbrut statt, selten zwei.
ANPASSUNG AN WETTER UND KLIMA
Der Monat April 2007 war mit seiner Trockenheit und Wärme aussergewöhnlich. Die brütenden Graureiher waren direkt der Sonne ausgesetzt. Während Tagen standen sie am Nachmittag im Nest und hechelten mit der Kehle, um sich vor Überhitzung zu schützen. Während dieser langen Zeit wärmten sie die Eier im Nest nicht. Dieses Verhalten blieb erstaunlicherweise ohne Einfluss auf den Bruterfolg. Dank ausserordentlich günstiger Nahrungsbedingungen war der Fortpflanzungserfolg der 19 Paare mit etwa 34 flugfähigen Jungen sogar überdurchschnittlich gross.
In diesem Jahr kamen etliche junge Graureiher in der Zeit um Ostern zur Welt. Sturm, Kälteeinbruch und Schneefall setzten ihnen stark zu. Für viele schwanden die Überlebenschancen in der ohnehin kritischen Zeit der ersten vierzehn Tage. Bis anfangs Mai erreichten lediglich zehn Junge die Flugfähigkeit, und es schien, als ob der Bruterfolg bescheiden ausfallen würde. Mitte Mai war es auffallend still um die nur noch schlecht einsehbaren Brutplätze geworden. Alles deutete daraufhin, dass die Brutsaison abgeschlossen wäre. Anfangs Juni war die Überraschung perfekt, als sich auf sieben Horsten Junge bemerkbar machten. Allerdings vermochte der nachträglich eingetretene Bruterfolg die witterungsbedingten Verluste nicht mehr wettzumachen.
Wetterkapriolen sowie widrige Witterungsbedingungen können den Graureihern während der Brutzeit zusetzen. Andererseits ist es erstaunlich, wie es ihnen trotzdem gelingt, mit diesen zu recht zu kommen und sich ihnen anzupassen.
VERMEINTLICHER FISCHRÄUBER
Der Graureiher hat eine Vorliebe für Fische und ist deshalb stark ans Wasser gebunden. Die Neststandorte befinden sich deswegen meistens in der Nähe seichter Uferzonen. Dies ist wohl der Grund, warum die Brutkolonie auf der Halbinsel Au seit Jahrzehnten besteht. Sowohl in diesem wie im letzten Jahr hielten die Graureiher aber selten entlang der Uferlinie des Zürichsees oder des Ausees nach Beute Ausschau. Zur Nahrungssuche flogen sie vielmehr ins Kulturland, wo sie nebst Fröschen, Reptilien, Schnecken und Regenwürmern vor allem Mäuse – nach dem Fortpflanzungserfolg zu schliessen – in grosser Zahl fanden.
ZUGVERHALTEN
Sobald sich die jungen Graureiher selbst ernähren können, verlassen sie die Halbinsel Au. Ihnen folgen die meisten Altvögel. Einige wenige verbleiben in der Gegend und führen ein Eigenleben. Während der Zugszeit im Herbst schliessen sie sich ziehenden Gruppen an, die vorübergehend auf der Halbinsel rasten.
AUSBLICK
Die Graureiher sind als Brutvögel Teil der einzigartigen Vielfalt der Halbinsel Au. Es ist zu hoffen, dass es uns weiterhin ein Anliegen bleibt, sie mit allen andern Tieren und Pflanzen, die hier ihren Lebensraum haben, zu erhalten.