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Hedda Gabler (Boglárka Horváth) zieht nach den Flitterwochen mit ihrem frisch verheirateten Ehemann Jørgen Tesman (Matthias Albold), welcher ihr durch seine Arbeit an einem wissenschaftlichen Buch eine zuverlässige Zukunft verspricht, in ihr neues Haus. Die Bühne (Daniela Kerck) ist auch dementsprechend eingerichtet. Auf dem Parkettboden stehen diverse Umzugskartons und bis auf einen Tisch, mit dem Modell der Wohnung darauf, ist die Möblierung sehr spärlich. Nur die Bücherregale, welche entlang den Wänden die ganze Wohnung auskleiden, sind bereits mit Inhalt gefüllt und zeigen Tesmans Wissenschaftlichkeit und seinen Wunsch, mit seinem Buch eine Professur an der Uni zu erhalten. Des Weiteren hängen an der Seite des Raumes grosse Plastikabdeckungen, wie sie etwa auf dem Bau benötigt werden. Diese dienen als eine Art Vorhang und als Leinwand für Projektionen.
Betritt man den Theaterraum in der Lokremise, findet man einen Raum vor wie kurz nach einem Umzug, auf welchem sich die Schauspieler des Theaters St.Gallen einwärmen.
Tödliche Verstrickungen
Die anfangs herrschende Idylle des jungen Paars Tesman und Gabler wird während des Stücks schnell zunichte gemacht, als plötzlich Tesmans Exfreundin Thea Elvstedt (Ines Schiller) auftaucht und erzählt, dass Heddas Exfreund Eilert Løvburg (Oliver Losehand) wieder in der Stadt sei. Dazu kommt, dass Løvburg durch die Publikation eines Buches Tesman seine Professorenstelle streitig macht und somit nicht nur mit seiner Vergangenheit mit Hedda, sondern auch mit seiner Karriere ein klarer Konkurrent für Tesman wird. Noch weiter kommt dazu, dass Richter Brack (Bruno Riedl) Hedda mit Macht zu einer Affäre “überredet” und versucht Tesman und Løvburg gegeneinander auszuspielen. Auch die Tatsache, dass Løvburg im Alkoholrausch sein einziges Manuskript für sein neues Buch verliert und dies seiner Muse Thea beichten muss, verbessert die ganze Situation nicht. Es läuft darauf hinaus, dass Hedda das von Løvburg vermisste Manuskript verbrennt und somit symbolisch die Beziehung zwischen Thea und Løvburg zerstört. Løvburg nimmt sich das Leben und “stirbt im Schönen”, wie Hedda es sagt. Schlussendlich nimmt sich auch Hedda das Leben.
Greifbare Charaktere
Trotz der Komplexität kann man dem Geschehen sehr gut folgen. Die sehr gefühlsbetonte Spielweise der Schauspieler lässt auch das Innenleben der einzelnen Charaktere sehr gut erkennen. Man merkt, dass Tesman Hedda zwar liebt, aber ihm sein wissenschaftlicher Erfolg wesentlich wichtiger ist. Deshalb kümmert er sich am Ende des Stückes zusammen mit Thea darum, Løvburgs Buch zu rekonstruieren. Auch beim Richter merkt man genau, was er möchte und wie er bewusst die beiden andern Herren gegeneinander ausspielt, um sich somit einen Vorteil bei Hedda zu verschaffen. Diese liebt ihn offensichtlich nicht und möchte eigentlich nichts von ihm. Aber trotztdem ist ihr langweilig, sie lässt sich auf ihn ein und versucht ein wenig mit ihm zu spielen. Auch Theas Naivität kommt sehr gut zum Ausdruck, als sie sich beispielsweise von der experimentierfreudigen und gelangweilten Hedda, zu einer Bettgeschichte überzeugen lässt.
Die einzige Person, die trotz genialem Spiel immer noch sehr schwer zu fassen ist, ist Hedda Gabler. Sie ist eine moderne Frau mit vielen Ansprüchen. Es ist also nicht weiterhin verwunderlich, dass sie Tesman heiratet, da der ihr mit seiner potentiellen Professur eine sichere Zukunft verspricht. Doch diese Sicherheit gerät ins Wanken, als plötzlich der früher so unsichere Løvburg auftaucht und wesentlich mehr zu bieten hat als Tesman. Hedda beginnt sich zu fragen, was sie überhaupt will und welchen Sinn das Ganze hat. Das Stück läuft folglich auf eine Frage nach dem Sinn des Lebens hinaus, doch es beantwortet sie nicht. Es gibt lediglich Vorschläge wie eine mögliche Antwort aussehen könnte.
Moderne Umsetzung
Und genau durch diese Sinnfrage verliert das Stück auch über hundert Jahre nach dem Entstehen – die Uraufführung war 1891 – seine Aktualität nicht. Bemerkenswert ist auch die Leistung der Inszenierung (Volker Schmidt), welche durch moderne Stilmittel, wie der Projektion oder dem musikalischen Tanzen zwischen den Szenen und ohne einen Vorhang zu benötigen, die Modernität des Stückes ganz klar unterstützen (Musik: Hans Platzgumer; Video: Ines Schiller; Ton: Marco Mathis; Licht: Rolf Irmer).
Abschliessend ist zu sagen, dass Volker Schmidt mit “Hedda Gabler” ein modernes Stück zum Leben und all den Problemen, die es bereitet, inszeniert hat und exakt den Nerv der Zeit trifft. Auch die berühmte ethische Frage, wie und ob ein Suizid gerechtfertigt ist, wird gegen Ende des Stückes noch erörtert. So meint Hedda, dass es Kraft und Wille genug braucht, um sich das Leben zu nehmen, es folglich also eine starke Tat ist. “Ich sage, dass Schönheit darin ist.” (Hedda Gabler). Doch auch diese Meinung und schlussendlich auch die Sinnfrage werden mit dem letzten Satz, welcher sich der gesellschaftlichen Normen bedient, nochmals in Frage gestellt und lässt somit das Ende des Stückes in der Luft schweben:
“Um Gottes Willen, so etwas tut man doch nicht!”
Die Dernière von “Hedda Gabler” findet am 14. Dezember in der Lokremise statt.