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Sie haben wildfremde Menschen auf der Strasse angesprochen und gefragt, ob sie sich zusammen mit einem Fremden fotografieren liessen. Wie haben die Menschen auf Ihr Anliegen reagiert?
Martin Bichsel: Sehr unterschiedlich. Wir wurden oft überrascht. Leute von denen wir dachten, dass sie offen wären und mitmachen würden, sagten ab. Andere, von denen wir dachten, sie würden eher ablehnen, machten mit. Die äusseren Merkmale waren trügerisch.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Leute angesprochen?
Martin Bichsel: Wir schauten uns nach interessanten Charakteren um. Dabei wollten wir möglichst gegensätzliche Menschen zusammenbringen.
Interessante Charaktere?
Tekeal Riley: Ich hätte gerne eine dieser stark geschminkten alten Damen dabei gehabt. Diejenigen mit einem Flair für Dramatik, Extravaganz und viel Vertrauen in Farbe. Das sind interessante Charaktere. Aber sie sagten fast alle ab.
Warum?
Tekeal Riley: Die meisten sagten, wir sollten eine jüngere und schönere Frau fragen. Am Anfang waren wir noch wählerisch. Doch viele sagten ab.
Martin Bichsel: Letztlich ist es Zufall, wer auf den Bildern ist.
Tekeal Riley: Wir hatten sehr wenig Kontrolle über das Projekt. Ich mochte das.
Wie haben Sie die Menschen überzeugt?
Tekeal Riley: Wir zeigten ihnen Bilder und erklärten ihnen das Konzept.
Martin Bichsel: Es brauchte ziemlich viel Überwindung, Fremde anzusprechen. Denn es ist nicht sehr schweizerisch, fremde Leute auf der Strasse anzusprechen. Die Leute denken, man wolle Geld.
Hatten Sie als Kanadierin es da leichter, Frau Riley?
Tekeal Riley: Nein. Es ist auch in Kanada nicht üblich, Fremde anzusprechen. Allerdings nicht so ausgeprägt wie in der Schweiz.
Was geschah, wenn jemand zusagte?
Martin Bichsel: Dann mussten wir einen Partner finden.
Gaben Sie den Modellen eine Anleitung?
Tekeal Riley: Wir schauten zuerst, wie die Fremden miteinander interagierten.
Martin Bichsel: Wenn das Resultat aber nicht überzeugend war, begannen wir zu inszenieren.
Einige wirken wie Liebespaare. Andere wie Fremde, die sich zum ersten Mal begegnen, wieder andere halten Distanz.
Tekeal Riley: Wir sagten den Leuten, sie sollten sich vorstellen, dass der Fremde ein Familienmitglied oder Freund sei. Das sollte ihnen helfen, sich zu entspannen. Wir wollten aber nicht, dass sie wie ein Liebespaar oder wie Familienmitglieder aussehen. Das Ziel war, zwei fremde Menschen dazu zu bringen, sich gegenseitig zu berühren. Wenn wir zum Beispiel eine Frau baten, sich auf den Schoss eines fremden Mannes zu setzen, konnten wir nicht kontrollieren, wie sie sich dabei fühlen würde. Es geschieht von selbst.
Wo lag die Grenze?
Martin Bichsel: Bei den meisten kamen die Grenzen sehr schnell. Bei vielen spürte ich, dass es bereits zu intim war, den Kopf an eine fremde Schulter zu lehnen. Andere umarmen sich.
Tekeal Riley: Einige machten sich Sorgen um die Gefühle des Partners. Ein alter Mann sagte, er nehme an, dass seine Frau damit einverstanden wäre, wenn er mitmache. Er war Witwer.
Es gibt sogar Paare, die sich küssen. Erleben wir den Beginn einer grossen Liebe?
Martin Bichsel: Wir wissen es nicht. Es war wie ein Spuk. Die Leute kamen zusammen. Wir machten das Bild und die Situation löste sich auf.
Wie haben sich die Leute während dem Shooting verhalten?
Tekeal Riley: Manchmal war es sehr lustig. Manche verhielten sich nach kurzer Zeit wie alte Freunde. Andere blieben zurückhaltend und steif. Aber fast alle gingen mit einem Lächeln auf den Lippen weg.
Haben Sie mit den Leuten im Nachhinein über die Situation gesprochen?
Martin Bichsel: Viele mussten sogleich weg. Wir haben aber von allen die E-Mail-Adresse notiert und uns am Schluss des Projekts nochmals gemeldet. Erst da haben einige gesagt, wie sie die Situation empfunden haben.
Was haben sie erzählt?
Tekeal Riley: Viele sagten, es sei ihnen am Anfang nicht sehr wohl gewesen. Doch die meisten sagten, sie seien froh, dass sie mitgemacht hätten, weil es ein berührender Kontakt gewesen sei. Einige waren sogar dankbar dafür. Auch für uns war es oft berührend und manchmal sehr emotional.
Was hat Sie besonders berührt?
Tekeal Riley: Einmal fotografierten wir zwei ältere Menschen. Als ich sie zur Vernissage der Ausstellung einlud, bot die Frau an, den ihr bis dahin fremden Mann zu begleiten. Er lebt in einem Altersheim. Das berührte mich sehr. Die Frau kümmerte sich sogleich um den fremden Mann.
Was hat Sie am meisten erstaunt?
Martin Bichsel: Mich hat überrascht, dass dies alles in Bern geschehen ist. Ich lebe seit langem hier. Die Stadt erscheint mir oft etwas verstaubt und konservativ. Auf den Bildern erscheinen die Berner und Bernerinnen geradezu mondän.
Tekeal Riley: Ich war erstaunt, dass die Berner und Bernerinnen dem Projekt gegenüber so offen waren und mitmachten. Sie brauchten bloss etwas Zeit und eine Einladung.