Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03214.jsonl.gz/106

Die Geschichte von Natalia
Ein «Turbodiesel» wird gebremst
Als Natalia vor etwas mehr als zehn Jahren aus Moldawien nach Biel kam, hatte sie ganz andere Dinge im Kopf. Rasch fand sie eine Stelle in einem Geschäft für Modeaccessoires, wo sie erst als Verkäuferin einstieg, zur Assistentin befördert wurde und schliesslich das Geschäft als Managerin führte. Natalia arbeitete immer viel; abends und am freien Sonntag genoss sie das Leben zuhause, liebte es zu shoppen oder einen Schaufensterbummel durch die Stadt zu machen. Sie war immer äusserst aktiv, was ihr den Spitznamen «Turbodiesel» einbrachte. Doch das gewohnte Leben änderte sich abrupt. Natalia fühlte sich immer schwächer, war unglaublich müde. Sie schaffte es kaum noch Treppen zu steigen, musste immer wieder anhalten, um zu Luft zu holen. Natalia verlor den Appetit, verlor an Gewicht und war ganz blass im Gesicht. Dazu kamen unglaubliche Schmerzen an den Rippen; sie hatte das Gefühl, bald zu explodieren. «Es war furchtbar.»
Die Odyssee beginnt – eine Fehldiagnose folgt der nächsten
Als Erstes suchte sie ihren Hausarzt auf, der eine Art Januardepression oder Blutarmut vermutete, aufgrund ihres sehr tiefen Hämoglobinwertes. Die Rippenschmerzen führte er auf die körperliche Arbeit im Laden zurück und schickte sie zum Chiropraktiker. Der Chiropraktiker fand die Schmerzen äusserst beunruhigend, ob sicher nichts gebrochen sei, fragte er sie. Bei einem weiteren Besuch beim Hausarzt klagte sie, dass sie sich selbst nicht mehr erkenne und dass etwas mit ihrem Organismus nicht mehr stimme. «Es ist wie eine Flamme, die jeden Tag ein bisschen weniger brennt.» Ihr Hausarzt schickte sie zum Rheumatologen, der endlich zu handeln begann, und nach einigen Tests auch ihr Hämoglobin analysierte: Natalias Wert betrug gerade mal 60 g/L – gesund für Frauen ist ein Wert von 120–160! «Sie sind zwar nicht meine Patientin, aber hierbei handelt es sich, ohne Ihnen Angst machen zu wollen, um etwas sehr Ernstes.» Der Rheumatologe rief einen Onkologen in Biel an und schickte sie direkt zu ihm. Natalia befürchtete schon damals, dass es Leukämie sein könnte. Einer ihrer Brüder war auch an Leukämie gestorben. Der Spezialist war geschockt darüber, dass der Link zur Leukämie, trotz Natalias Familiengeschichte, nicht schon früher gemacht wurden. Natalia konsultierte noch am selben Abend den Onkologen, zwei Tage später wurde eine Punktion vorgenommen. Seit Beginn der Schmerzen war nun ein Monat vergangen.
Schlechte Nachrichten zum Geburtstag
Eine Woche lang musste sie auf die Ergebnisse der Punktion aus Bern warten. «Ich habe alle Tränen meines Körpers geweint», sagte Natalia, sogar die Kraft zu beten fehlte der eigentlich gläubigen Frau. Natalia fühlte sich gespalten: etwas in ihr konnte einfach nicht glauben, dass sie schwerkrank sein sollte und doch fing eine andere Seite an die Situation zu ergreifen. Der Termin beim Onkologen fiel direkt auf ihren Geburtstag. Es war im Februar 2013, an einem Freitag, als ihr der Krebsspezialist mitteilte, dass es sich um eine akute lymphatische Leukämie handelte. Am Montag darauf sagte er ihr, das Spital in Bern erwarte sie bereits. «Wir beginnen direkt mit der Chemotherapie.»
Die erste Chemo
In Bern erhielt sie eine Chemotherapie zur Bekämpfung der Leukämiezellen. Bei einigen Betroffenen reicht diese Behandlung bereits, bei ihr jedoch nicht. Sechs Wochen lang lag Natalia auf der Isolierstation. «Zu Beginn der dritten Woche wäre ich fast verrückt geworden.» Es regnete unaufhörlich, die Tage gingen nicht vorbei, sie durfte das Zimmer nicht verlassen. Nach fünf, sechs Wochen auf der Isolierstation konnte sie langsam nicht mehr, «Warum soll ich mich länger quälen?», fragte sie sich mehr als einmal. Keiner sagte ihr wirklich wie es weitergeht, niemand wollte ihr falsche Hoffnungen machen. Sie fragte die Ärzte, die Pfleger, sie brauchte irgendetwas, woran sie sich festklammern konnte. Bis eines Tages ein Hoffnungsschimmer in Form einer Pflegerin auftauchte: «Glauben Sie wirklich, dass die Ärzte eine solch kostspielige Behandlung durchziehen würden, wenn sie glaubten, Sie hätten keine Chance?» Natalia hatte ihren Strohhalm gefunden und von da an wollte sie leben. Mit aller Kraft klammerte sie an diesen Gedanken.
Natalia fand ihren Glauben wieder
Zu Beginn wollte Natalia ihre Familie nicht einweihen: Ihre Mutter hatte bereits zwei Kinder verloren, Natalias Bruder an Leukämie. Doch dann arrangierte sie einen Besuch in der Schweiz, besorgte die Visa für ihre Mutter und Schwester, damit sie einige Monate bleiben konnten, und einen Dolmetscher, der beim Arzt übersetzen konnte.
Die Chemo in Bern reichte gegen Natalias Leukämie nicht aus, eine Blutstammzelltransplantation war nötig. In der Schweiz werden allogene Stammzelltransplantationen, also solche von fremden Spendern, nur in Basel, Zürich und Genf durchgeführt, weshalb auch der Kontakt zum Universitätsspital Basel und Prof. Jakob Passweg entstand. Er und das restliche Team waren ihre Stütze in dieser turbulenten Zeit, und auch ihre Familie begleitete sie nach Basel. Natalia ging es besser und ihre Schwester stellte sich nach einem Test sogar als kompatible Stammzellspenderin heraus. Es war wie ein Wunder! Endlich schöpfte die Familie neue Hoffnung.
Transplantation in Basel
Als feststand, dass ihre Schwester Blutstammzellen spenden konnte, wurde am Unispital in Basel alles in die Wege geleitet. Die eigentliche Transplantation ist eine relativ kurze Angelegenheit, doch gibt es davor eine Reihe von Untersuchungen an lebenswichtigen Organen wie Herz, Nieren und Leber, um sicherzugehen, dass der Körper stabil genug ist mit den Strapazen einer Transplantation umzugehen. Im Basel erwartete Natalia erneut eine hochdosierte Chemotherapie, drei Tage Bestrahlung am ganzen Körper und wieder sechs Wochen Aufenthalt im Isolierzimmer. Doch im Unispital Basel fühlte sie sich während dieser Zeit deutlich besser. Ihre Mutter durfte auch ausserhalb der Besuchszeiten täglich von früh bis spät bei ihr sein.
Während dieser sogenannten Konditionierungstherapie, einige Tage vor der Transplantation, werden neben den Krebszellen auch Blutstammzellen und Immunzellen bekämpft. Durch die Schwächung des Immunsystems sinkt das Risiko, dass der Körper das Transplantat, die Spenderstammzellen, abstösst. Die Transplantation verlief wie eine Bluttransfusion: das Zellgemisch floss über die Venen in Natalias Blutkreislauf, die Zellen fanden selbstständig ihren Weg ins Knochenmark, wo sie sich einnisteten. Innerhalb von 14 bis 21 Tagen hatten sich wieder neue Blutzellen gebildet. Die Zeit auf der Isolierstation war vorbei.
Neue Probleme tauchen auf
Im Sommer 2015, zwei Jahre nach der Transplantation, kam es erneut zu Komplikationen. Natalia entwickelte eine so genannte Graft-versus-Host-Disease (kurz GVHD oder auf Deutsch Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion). Gegen diese Abstossungsreaktion verschrieb man ihr Immunsuppressiva, also Medikamente, die ihr Immunsystem schwächen. Bei ihr waren vor allem die Leber, die Haut, aber auch die Gelenke betroffen, wodurch auch ihre Beweglichkeit litt. Sie musste zusätzlich zur Physiotherapie. Als weitere Therapie begann Natalia im November 2015 mit einer Photopherese, einer Art Blutwäsche, die einmal pro Monat für zwei Tage stattfindet. Als regelmässige Patientin am Unispital Basel fühlt sich Natalia wohl unter den Menschen die dort arbeiten. Selbst wenn sie an der Maschine angeschlossen ist, scherzt Natalia mit den Angestellten, sie erzählen sich Witze oder sonstigen Blödsinn.Auch wenn die Behandlung selbst generell eine Tortur sei, fahre sie irgendwie gern nach Basel.
Wenn die Krankheit plötzlich alles mitbestimmt
Natalia ist an ihrem Wohnort extra in Bahnhofsnähe gezogen, ein Beweis dafür, wie zentral die Besuche am Unispital Basel derzeit für sie sind. Ihre Erfahrungen in Basel waren positiv: sie fand das Team super, die Pflege und die Betreuung ganz allgemein. Natalia war von Prof. Passweg positiv überrascht, er ging auf sie zu, erklärte ihr verständlich die Dinge und zeigte sie ihr auf Bildern. «Ich hatte wirklich Glück, das war super.»
Heute macht Natalia eine Umschulung in der Uhrenindustrie und arbeitet wieder 50%. Doch die Photopherese-Termine in Basel sind ein fester Bestandteil ihrer Agenda. Seit Ausbruch der Krankheit waren die Menschen am Unispital Basel für sie da und sind es noch immer. Die Krankheit war wie ein Schlag ins Gesicht. Die Arbeit, die sie so liebte, musste sie aufgeben. «Alle Türen schlossen sich – die Krankheit hat mein Leben vermasselt», gibt Natalia unumwunden zu. Es ist ihr nicht viel geblieben: Sie muss mit zahlreichen Einschränkungen leben, zum Beispiel bei der Ernährung. Sie darf nicht mehr an die direkte Sonne, nicht ins Schwimmbad, ihr Immunsystem ist schwach. Auch Spaziergänge im Wald bleiben ihr wegen der Insekten verwehrt. Doch die junge Frau strahlt weiterhin viel Lebensmut, Freude und einen starken Willen aus. Natalia hält sich weiterhin aufrecht, in guten wie auch in weniger guten Momenten. Und ihr Wunsch für die Zukunft ist eigentlich ganz bescheiden: Dass sie wieder ein ganz normales Leben führen darf.