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Wenn von Hitzewellen und deren Opfern im Sommer die Rede ist, wird nie darauf hingewiesen, dass in der Schweiz die Wahrscheinlichkeit wesentlich grösser ist, im Wintervierteljahr zu sterben. Dies ist aus der hier gezeigten Grafik einfach abzulesen:
Quellen: Martin Schlumpf / Bundesamt für Statistik
Die Quelle dieser Grafik, die ich selber hergestellt habe, ist die Datenbank «Todesfälle nach Altersklasse, Woche und Kanton» des Bundesamts für Statistik. Alle Jahreskurven sind mit verschiedenen Farben eingetragen. Speziell herausgehoben ist das Corona-Jahr 2020 (dick-schwarz) und das laufende Jahr 2021 (dick-rot). Von links nach rechts sind die 52 (bzw. 53) Wochen des Jahres dargestellt, von unten nach oben die Zahl sämtlicher Todesopfer in der Schweiz pro Woche.
Lassen wir noch kurz die Corona-Kurve ausser Acht, so erkennt man doch deutlich, dass von Dezember bis März (Woche 50 bis 9) die Sterblichkeit höher ist als in den drei Sommermonaten. Im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020 beträgt die Zunahme im Winter 24 Prozent. Man sieht aber auch gut, dass dies von Jahr zu Jahr stark schwankt, was mit dem Auftreten und der Stärke von Grippewellen zu tun hat. Beispielsweise fällt die Grippewelle von 2015 (orange) auf, während es im Folgejahr 2016 (hellblau) ohne eine solche viel weniger Todesfälle gab.
Hitzewelle weniger gravierend als Grippewelle
Und wie sieht es im Sommer aus? Auch da hatten wir 2015 die deutlichste Hitzewelle. Mit ihren zusätzlichen 330 Todesfällen gegenüber dem Fünf-Jahres-Schnitt war sie aber viel weniger gravierend als die Grippewelle mit zusätzlichen 1'930 Toten. Für die Schweiz bleibt also das klare Fazit einer um etwa ein Viertel erhöhten Sterblichkeit im Winter. Und auf der internationalen Bühne zeigt die 2015 in «Lancet» publizierte, bisher grösste Studie zu diesem Thema im Durchschnitt sogar eine noch deutlichere Übersterblichkeit im Winter.
Dass der Klimawandel in Zukunft zu mehr Hitzetagen im Sommer führen wird, ist sehr wahrscheinlich. Für die Probleme, die dadurch geschaffen werden, gibt es aber praktikable Lösungen. Ich erinnere mich gut an einen beruflichen Aufenthalt vor neun Jahren in Washington DC, wo das Thermometer während fünf Tagen auf 40 Grad Celsius kletterte: Als Folge schränkte man die Aussenaufenthalte ein und verbrachte die meiste Zeit in klimatisierten Gebäuden.
Abnahme der Toten im Winter zu erwarten
Vor allem aber ist auch zu erwarten, dass als Folge einer weiteren Klimaerwärmung die Anzahl der Todesfälle im Winter zurückgehen wird. Und die meisten Szenarien gehen denn auch davon aus, dass die Nettobilanz zwischen mehr Sommer- und weniger Wintertoten schliesslich positiv ausfällt.
Und was ist zu Corona zu sagen? Vor die Wahl gestellt, mit nur einer Grafik das Ausmass einer Katastrophe möglichst gut zu erfassen, würde ich diese Darstellung wählen. Einmal fällt mit dem Fokus auf die allgemeine Sterblichkeit die unfruchtbare Debatte um die Frage, «mit oder an Corona gestorben», dahin. Und weiter sind mit auf Wochen geglätteten Zahlen einzelne Ausreisser besser integriert.
Heftige zweite Pandemiewelle
In Kurzform ergibt sich daraus folgende Pandemie-Geschichte: Die erste Welle (schwarz) von Woche 12 bis 17 unterscheidet sich von den Grippewellen 2015 und 2016/17 lediglich in ihrer zeitlichen Verzögerung in den Frühling hinein – Länge und Opferzahlen sind gleich. Die zweite Welle jedoch schlägt in Woche 43 mit einer Heftigkeit zu, die seit vielen Jahrzehnten keine Parallele hat. Während acht Wochen müssen wir eine Übersterblichkeit von um die 60 Prozent erdulden, was einem Durchschnitt von rund 800 zusätzlichen Opfern pro Woche entspricht. Dann aber fallen die Zahlen 2021 rasch: Ab Woche 3 sind wir im Grippebereich, ab Woche 5 im Normalbereich, ab Woche 7 in einer Untersterblichkeit und ab Woche 13 wieder im Durchschnittsbereich.
Die richtigen Lehren aus der Pandemie
Natürlich kann man jetzt viele Fragen stellen. Zum Beispiel: Falls der zweite Teillockdown vom 22. Dezember 2020 tatsächlich dazu beigetragen hat, dass die Welle danach verschwunden ist, warum wurde er dann nicht viel früher eingeführt? Oder: Warum befinden wir uns noch immer in einem rechtlichen Ausnahmezustand, wenn sich doch die Todeszahlen seit dem 1. Februar 2021 im Normalbereich bewegen?
Wenn Sie sich noch länger in diese Grafik versenken, tauchen für Sie sicherlich noch weitere Fragen auf. Ich wünsche mir, dass die öffentliche Debatte um all diese Fragen dazu beiträgt, dass wir rational und unaufgeregt die richtigen Lehren aus dieser teuflischen Pandemie ziehen.
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