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1632 veröffentlichte Galileo Galilei das Buch «Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo». Er zeigte, dass sich die Planeten um die Sonne bewegten und dass das von Kopernikus 1543 postulierte heliozentrische Weltbild korrekt war. Die Antwort der Inquisition war heftig: Verhaftung, Verurteilung, lebenslänglicher Hausarrest und Publikationsverbot. Auch Charles Darwin sah sich mit Kritik und Verunglimpfung konfrontiert, als er 1859 seine Evolutionstheorie vorstellte. Und Ignaz Semmelweis wurde während Jahren lächerlich gemacht und ausgegrenzt, weil er behauptete, Händewaschen trage zur Vermeidung des Kindbettfiebers bei.
Die Liste der Wissenschafter, die kontroverse Ideen aufbrachten, die sich letztlich aber als besser erwiesen als die herrschende Lehre, ist lang. Genau das ist nämlich Wissenschaft: mit neuen Gedanken bestehende Hypothesen verwerfen. Karl Popper sagte dazu: «Das Wachstum des Wissens hängt ganz von Meinungsverschiedenheiten ab.»
In den letzten Jahren wurden Auseinandersetzungen zu kontroversen Themen oft nicht mehr nach den Regeln der Wissenschaft geführt, sondern kurzerhand unterdrückt. Wer heute die Meinung der Mehrheit oder jene einer moralisierenden Minderheit hinterfragt, riskiert, «gecancelt» zu werden. In den USA hat inzwischen über die Hälfte der Fakultätsmitglieder und der Studenten führender Universitäten Angst, die eigene Meinung offen zu äussern. In der Schweiz fühlen sich 38 Prozent der Menschen nicht mehr frei darin, ihre Meinung zu sagen. In Deutschland sind es 43 Prozent; 1990 waren es erst 14 Prozent.
Wird die freie Meinungsäusserung durch Zensur oder – schlimmer noch – durch Selbstzensur unterdrückt, behindert das individuelle Freiheit und Fortschritt. Freie Meinungsäusserung ist für die soziale und wirtschaftliche Innovation einer Gesellschaft zentral. Jeder von uns sollte sich selbst dazu anspornen, seine Meinung ohne Selbstzensur differenziert und engagiert zu äussern, gerade auch, wenn sich diese von anderen Ansichten fundamental unterscheidet.