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Die Stilldemenz gibt es tatsächlich: Doch bereits während der Schwangerschaft verkabelt sich das Hirn neu und schrumpft
Was wollte ich aus dem Kühlschrank holen? Wo ist denn jetzt der Schnuller hin? Wie heisst noch mal der Mann meiner Nachbarin? Viele werdende Mütter berichten, dass sie während und nach der Schwangerschaft vergesslich und unkonzentriert sind. Diese sogenannte Schwangerschaftsdemenz – oder auch Baby-Brain oder Stilldemenz genannt – kann sogar wissenschaftlich nachgewiesen werden.
Denn die Region, die in unserem Gehirn für das Gedächtnis zuständig ist, der Hippocampus, wird von einer Schwangerschaft in Mitleidenschaft gezogen. Dadurch werden die Mütter vergesslicher. Aber keine Sorge: Der Hippocampus erholt sich bereits nach wenigen Monaten, spätestens nach zwei Jahren.
Nun deutet eine neue Studie des Londoner Francis Crick Institute darauf hin, dass dieses Baby-Brain bereits früher einsetzt als bisher angenommen. Bisher ging man davon aus, dass jene Hormone, die während einer Geburt ausgestossen werden, die Veränderung im Gehirn und die Entwicklung von elterlichem Verhalten auslösen. Auslöser für diese Neuverkabelung, wie die Forscherinnen und Forscher schreiben, sind aber Schwangerschaftshormone.
Veränderung setzt früher ein als angenommen
Bereits frühere Studien an Mäusen zeigten, dass auch Tiere, die mittels Kaiserschnitt geboren haben, sowie jungfräuliche Mäuse, die Schwangerschaftshormonen ausgesetzt wurden, ein elterliches Verhalten wie Nestbau und Interaktion mit Jungtieren entwickeln. Jungfräuliche Mäuse, die keinen Hormonen ausgesetzt wurden, interagierten hingegen nicht mit Jungtieren und bauten keine Nester.
In der aktuellen Studie haben die Forscherinnen und Forscher herausgefunden, dass die Mäuse ein elterliches Verhalten bereits während der späten Schwangerschaft zeigten und dass dazu kein Kontakt zu Jungtieren nötig war. Die Schwangerschaftshormone Östrogen und Progesteron beeinflussen ein Netzwerk von Neuronen im Hypothalamus.
Werden aber die Neuronen während der Schwangerschaft gegenüber den Hormonen unempfindlich gemacht, fehlt das elterliche Verhalten bei den Tieren. Die Mäuse interagierten nicht mit den Jungtieren, auch nach einer Geburt. Dies suggeriert, dass es eine kritische Phase während der Schwangerschaft gibt, in der die Hormone das Verhalten auslösen. Da auch im menschlichen Gehirn ähnliche Prozesse stattfinden, gehen die Forschenden davon aus, dass auch beim Menschen das Baby-Brain früher als angenommen entsteht.
Das Hirn schrumpft durch eine Geburt
Beim Menschen konnten bereits einige durch Schwangerschaft hervorgerufene Veränderungen im Gehirn nachgewiesen werden. Bestimmte Bereiche des Kortex, also der grauen Substanz, die das Gehirn umschliesst, werden durch eine Schwangerschaft quasi neu verkabelt. Eines der dort angesiedelten Netzwerke ist das sogenannte Default Mode Network. Damit sind wir in der Lage, uns in andere hineinzuversetzen und Empathie zu empfinden. Durch Veränderungen in diesem Bereich fällt es Müttern leichter, eine Bindung zu ihrem Baby aufzubauen.
All diese Veränderungen, die durch eine Schwangerschaft hervorgerufen werden, können auch im MRT sichtbar gemacht werden: Denn das Volumen und die Dicke der Grosshirnrinde nehmen ab – das Gehirn schrumpft. Das heisst aber keinesfalls, dass Mütter dadurch dümmer werden. Ein ähnlicher Prozess findet auch während der Pubertät statt. Und auch die Väter bleiben davon nicht verschont. Eine Studie im Fachmagazin Cerebral Cortex legt nahe, dass auch die Grosshirnrinde von Männern nach einer Geburt eines Kindes abnimmt.
Dieser Rückbau bewirkt eher eine Feinabstimmung des Gehirns. Diesen Vorgang nennt man pruning – wie den Rückschnitt eines Baums. Durch den Rückbau von Neuronen werden andere Nervenbahnen besonders stark. Das Gehirn spezialisiert sich.