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Wie läuft die Transplantation eines Organs aus Sicht der empfangenden Person ab? Der typische Ablauf einer Organtransplantation wird am folgenden fiktiven Beispiel einer Herztransplantation erläutert.
Die schwere Herzkrankheit
Der 55jährige Herr A. hatte vor vier Jahren einen Herzinfarkt. Sein Gesundheitszustand hat sich in den letzten zwei Jahren massiv verschlechtert. Heute leidet er an einer sehr schweren Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz). Die kleinste Anstrengung macht Herrn A. grosse Mühe Seine Frau kümmert sich, so gut sie kann, um ihren oft schlechtgelaunten Mann. Sie macht sich grosse Sorgen um seine Gesundheit. Auch ihre Beziehung hat sich stark verändert, denn alle Lebensgewohnheiten und sozialen Kontakte mussten der Krankheit ihres Mannes angepasst werden. Den Takt geben die medizinischen Untersuchungen und die medikamentöse Therapie an, die doch keine Besserung gebracht hat. Der Facharzt sieht für Herrn A. die Möglichkeit einer Herztransplantation und hat ihn für entsprechende Abklärungen an ein Transplantationszentrum überwiesen.
Von einer Herzinsuffizienz spricht man, wenn der Herzmuskel chronisch geschwächt ist. Ein gesundes Herz pumpt im Ruhezustand fünf bis sechs Liter Blut pro Minute durch den Körper, ein krankes Herz hingegen nur noch rund zwei Liter. Weil dadurch der Körper nicht mehr mit genügend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird, nimmt die körperliche Leistungsfähigkeit markant ab. In einem fortgeschrittenen Stadium der Herzinsuffizienz kann die Patientin bzw. der Patient das Bett oft kaum mehr verlassen. Heute sind in den Industrienationen Herz-Kreislauferkrankungen – zu denen die chronische Herzschwäche gehört – Todesursache Nummer eins.
Verschiedene Therapien werden je nach Stadium der Herzmuskelschwäche angewendet:
- Medikamente
- Interventionelle Methoden: gezielte Eingriffe (Interventionen) am erkrankten Gewebe, wie zum Beispiel die Erweiterung der Herzkranzgefässe
- Chirurgische Massnahmen (Herzklappen- oder Bypassoperationen)
- Stimulation mit speziellen Herzschrittmachern.
Im Endstadium der Erkrankung kann eine Herztransplantation die einzige Option sein. Sogenannte Kunstherzen oder andere mechanische Systeme, die den Kreislauf unterstützen, dienen als überbrückende Massnahmen bis zur Herztransplantation.
Abklärungen im Transplantationszentrum
Herr A. steht einer Organtransplantation sehr skeptisch gegenüber. Er hat Angst vor einem solchen Schritt und will nicht wahrhaben, dass er so schwer krank ist. Seine Ablehnung wird verstärkt durch die Aussicht auf die vielen Untersuchungen und durch die Tatsache, dass er endgültig wird mit dem Rauchen aufhören müssen. Die Ärzte im Transplantationszentrum erklären Herrn A., dass es zwar Vorrang habe, sein eigenes Herz zu erhalten, dass in seinem Fall aber ein Gewinn an Lebensqualität – wenn nicht gar sein Überleben – nur dank einer Herztransplantation möglich sei. Herr A. freundet sich nicht zuletzt dank der vermittelnden Worte seiner Frau mit dem Gedanken an eine Herztransplantation an. Die medizinischen Abklärungen ergeben, dass der Gesundheitszustand von Herrn A. eine solche zulassen würde. Herr A. wird vom Transplantationszentrum bei Swisstransplant angemeldet und als potentieller Organempfänger auf die Warteliste gesetzt.
Die Überlebenschancen bei schwerem Herzversagen ist heute dank neuer medikamentöser und technischer Therapien deutlich erhöht. Daher gelangen immer mehr Menschen in das Stadium der schweren, chronischen Herzinsuffizienz. Haben alle anderen operativen und medikamentösen Behandlungsmethoden versagt und ist die Belastbarkeit der Patientin oder des Patienten massiv vermindert, so bleibt als letzte Möglichkeit die Herztransplantation. Sie gilt heutzutage als etablierte und sehr effiziente therapeutische Option.
Grundvoraussetzung für das Gelingen einer Transplantation ist die Bereitschaft des Patienten oder der Patientin, sich den Untersuchungen und Behandlungen zu unterziehen, die vor und nach einer Transplantation notwendig werden (Compliance, siehe Glossar). Sie wird bei der Entscheidung über die Aufnahme einer Patientin bzw. eines Patienten auf die Warteliste mitberücksichtigt. Gegen eine Herztransplantation sprechen zusätzliche schwere Erkrankungen (zum Beispiel ein Tumor), aber auch andere Gründe, die den Erfolg einer Transplantation gefährden – zum Beispiel eine schwere Nikotin-, Alkohol- oder Drogensucht.
Zuständig für die gesetzeskonforme Zuteilung der Organe an die Empfängerinnen und Empfänger ist im Auftrag des Bundes die Schweizerische Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation Swisstransplant. Die Stiftung organisiert und koordiniert alle mit der Organzuteilung zusammenhängenden Tätigkeiten und arbeitet zudem mit ausländischen Zuteilungsorganisationen zusammen. Sie führt die Warteliste der Organempfängerinnen und -empfänger und erstellt Statistiken. Die Zuteilung der Organe wird mit Unterstützung eines Computerprogramms (SOAS – Swiss Organ Allocation System) vorgenommen. Das SOAS enthält die Daten aller Personen auf der Schweizer Warteliste. Nach Eingabe der medizinischen Daten einer verstorbenen Person kann mithilfe des Systems berechnet werden, welche Personen auf der Warteliste die höchste Priorität haben, ein Organ zu erhalten. Damit wird eine gesetzeskonforme Zuteilung der Spenderorgane gewährleistet.
Wartezeit auf Abruf
Die Zeit des Wartens stellt für das Ehepaar eine grosse Herausforderung dar. Es ist für beide nicht einfach, zwischen Bangen und Hoffen einen normalen Alltag zu führen. An manchen Tagen ist die Anspannung gross – schon der nächste Anruf könnte vom Transplantationszentrum stammen –, an anderen Tagen denkt das Paar gar nicht daran. Die Notwendigkeit, ständig mit dem Handy erreichbar zu sein, verliert mit der Zeit etwas ihren bedrückenden Charakter.
Die Wartezeit nach Abschluss aller notwendigen medizinischen Untersuchungen ist eine schwierige Zeit für die Betroffenen und lässt sich nur dank der Unterstützung von Angehörigen, Vertrauenspersonen und -ärzten durchstehen. Hierzu gehören auch die Ärztinnen und Ärzte des Transplantationszentrums, welche die Patientinnen und Patienten regelmässig während der Wartezeit sehen. Auch die Vereinigungen transplantierter Menschen bieten entsprechende Unterstützung an. Wenn das körperliche Befinden der Patientin oder des Patienten es zulässt, kann er oder sie die Wartezeit zuhause verbringen. Die telefonische Erreichbarkeit muss aber rund um die Uhr gewährleistet sein. Beim kleinsten Anzeichen eines gesundheitlichen Problems, das einer Operation entgegenstehen könnte, muss mit der Hausärztin bzw. dem Hausarzt oder den Ärztinnen und Ärzten des Transplantationszentrums Kontakt aufgenommen werden. Sollte sich die Patientin oder der Patient als nicht operationsfähig erweisen, wird dies auf der Warteliste vorübergehend vermerkt.
Operation unter Zeitdruck
Rund drei Monate später nimmt Frau A. nach dem Abendessen das Telefon ab und erschrickt, als sie den Transplantationskoordinator des Spitals am Draht hat. Ein Spenderherz stehe möglicherweise zur Verfügung, Herr A. werde im Transplantationszentrum erwartet. Der Koffer von Herrn A. ist für diesen Fall schon seit langem gepackt, und eine Ambulanz holt das Ehepaar innerhalb der nächsten Viertelstunde ab. Was wird sie noch alles erwarten? Wird alles gut gehen? Wird man plötzlich alles in der letzten Minute abblasen müssen? Im Transplantationszentrum angekommen wird Herr A. sofort auf die Transplantation vorbereitet – unter anderem wird ihm nochmals Blut entnommen, Röntgenaufnahmen werden gemacht, und der Narkosearzt und der Chirurg besprechen mit ihm das Vorgehen. Frau A. nimmt an den Gesprächen teil. Sie hat ein mulmiges Gefühl, redet ihrem Mann aber gut zu, bevor dieser in den Operationssaal gebracht wird.
Ein reger Austausch von Informationen beginnt, sobald eruiert ist, welche Patientinnen und Patienten Anrecht auf eines der gespendeten Organe haben: Eine Koordinatorin oder ein Koordinator bei Swisstransplant ruft jene Transplantationszentren an, in welchen die zukünftigen Empfängerinnen und Empfänger betreut werden. Hier werden die zuständigen Koordinationspersonen informiert. Sie müssen einerseits dafür sorgen, dass sich die potentiellen Empfängerinnen und Empfänger schnell in ihr Transplantationszentrum begeben, andererseits werden die Entnahme und der Transport der Organe organisiert. Meist werden die Organe von jenen Teams entnommen, die dann auch die Transplantation dieser Organe durchführen. Die speziell ausgebildeten Teams aus den Spitälern der empfangenden Personen werden oft per Helikopter ins Krankenhaus der verstorbenen Person geflogen.
Ist das Organ für eine Transplantation geeignet, kann bei der zukünftigen Empfängerin oder dem Empfänger mit der Operation begonnen werden. Die empfangende Person muss jedoch noch bis zur letzten Minute vor der Operation mit einer Absage rechnen, sollte sich das Organ bei der Entnahme als nicht transplantierbar erweisen.
Für eine Herztransplantation wird der Brustkorb der Empfängerin bzw. des Empfängers geöffnet. Der Kreislauf wird an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Das kranke Herz wird entnommen und durch das neue Herz ersetzt, welches nach ungefähr einer Stunde anfängt, im Körper des Empfängers zu schlagen. Die Operationsdauer ist je nach Organ unterschiedlich. Nierentransplantationen dauern nur etwa zwei bis vier Stunden, während schwierige Multiorgantransplantationen zwölf Stunden und mehr in Anspruch nehmen können.
Therapie nach der Operation
Herr A. verbringt die ersten Tage nach der Operation auf der Intensivstation. Seine Frau kann sich nicht an all die technischen Geräte gewöhnen, die ihren Mann umgeben, an deren Geräusche und an die Bewegungen auf dem Monitor, welche Herzfunktion, Puls und Blutdruck ständig überwachen. Es herrscht ein reges Hin und Her im Zimmer; jeden Tag macht das Pflegepersonal mehrere Blutuntersuchungen. EKG-, Ultraschall- und Röntgenkontrollen werden durchgeführt. Herr A. ist noch sehr schwach; doch mit jedem Tag geht es ihm besser. Ein Schlauch nach dem anderen wird entfernt. Nach zwei Tagen kann sich Herr A. schon kurz am Bettrand aufsetzen.
Nach dem Eingriff wird die Funktion des transplantierten Organs streng überwacht. Zudem muss jegliche Infektion vermieden werden, weil die Immunabwehr der Patientin bzw. des Patienten aufgrund der notwendigen Medikamente (Immunsuppressiva) massiv eingeschränkt ist. Deshalb werden Besuche als mögliche Infektionsquelle auf ein Minimum reduziert. Ebenso ernst genommen wird die Gefahr einer Abstossung des transplantierten Organs. Dazu kann es zu jedem Zeitpunkt nach der Operation kommen, und es gilt entsprechende Reaktionen möglichst frühzeitig zu erkennen, bevor das Organ geschädigt wird. Regelmässige EKG-, Blut- und Röntgenkontrollen reichen dabei nicht aus. Nach einer Herztransplantation muss beispielsweise in den ersten Wochen nach der Operation wöchentlich eine Biopsie des Herzmuskels vorgenommen werden. Hierzu werden Gewebeproben des transplantierten Herzens unter örtlicher Betäubung entnommen und auf eine mögliche Abstossungsreaktion hin untersucht. Gegebenenfalls ist die medikamentöse Therapie entsprechend anzupassen. Je nach Verlauf werden die Abstände zwischen den Biopsien verlängert oder beibehalten.
Wieder zuhause
Herr A. freut sich, nach sechs Wochen im Spital endlich wieder zu Hause bei seiner Frau zu sein. Die Spaziergänge mit dem Hund sind Teil des Bewegungsprogramms, das Herr A. bereits im Spital begonnen hat. Deshalb hat ihm der Arzt den Hund nicht verboten, auch wenn Haustiere generell eine potentielle Infektionsquelle darstellen. Aber auch sonst müssen Herr und Frau A. peinlichst genau auf die Hygiene achten und beispielsweise grössere Menschenansammlungen meiden. Sie geniessen die wieder gewonnene Selbständigkeit, auch wenn die ärztlichen Untersuchungen nach wie vor die Agenda von Herrn A. bestimmen. Die neue Lebensqualität tröstet beide darüber hinweg.
Ein grosses Problem nach einer Transplantation sind die unerwünschten Wirkungen der Medikamente, die gegen die Abstossung des erhaltenen Organs eingenommen werden müssen. Diese Medikamente schwächen das gesamte Abwehrsystem und machen damit anfällig für Infektionen. Doch bei einem Heilungsverlauf ohne Komplikationen lässt sich die Dosierung der Medikamente mit der Zeit senken. Und je länger eine Transplantation zurückliegt, desto grösser werden auch die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Nachsorgeuntersuchungen. Heilungsverlauf und Zeitdauer sind jedoch sehr individuell. Selbst Jahre nach der Transplantation findet mindestens einmal jährlich eine Kontrolluntersuchung statt. Eine gesunde Ernährung und ein angemessenes Bewegungstraining tragen zur schrittweisen Gewöhnung an den neuen Alltag bei.
Letzte Änderung 17.08.2018