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| Athanasius (295-373) - Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns (De incarnatione Verbi)

44.
Doch vielleicht werden sie beschämt dem beipflichten, aber entgegnen wollen: Gott hätte, wenn er einmal die Menschen belehren und erlösen wollte, durch einen bloßen Wink das tun sollen, ohne daß ein Logos mit einem Leibe in Berührung kam, wie er ja auch [S. 660] ehedem verfahren ist, als er die Dinge aus dem Nichts ins Dasein rief. Auf diese ihre Entgegnung könnte man mit Recht erwidern, daß ehedem, da noch nirgends etwas existierte, es nur eines Winkes und bloßen Willensaktes bedurfte, um die Welt zu erschaffen. Als aber der Mensch erschaffen war und das Bedürfnis eintrat, nicht das Nichtseiende, sondern das schon Existierende zu heilen, da war es nur natürlich, daß der Arzt und Heiland in dem bereits Geschaffenen gegenwärtig wurde, um auch das Existierende zu heilen. Erschaffen aber war der Mensch. Deshalb bediente er sich auch eines menschlichen Werkzeuges, des Leibes. Denn wenn der Logos nicht auf diesem Wege hätte kommen sollen, wie hätte er, der sich nun einmal eines Organs bedienen wollte, dann zu uns kommen sollen? Oder woher hätte er dies nehmen sollen, wenn nicht aus dem, was bereits vorhanden war und seiner Gottheit durch die Vermittlung der gleichartigen Natur bedurfte?1 Denn nicht das Nichtseiende bedurfte der Erlösung, so daß ein bloßer Befehl genügt hätte, sondern der bereits erschaffene Mensch war dem Verderben und Untergang überantwortet. Deshalb hat der Logos gewiß recht passend sich eines menschlichen Werkzeuges bedient und über alles sich verbreitet. Sodann muß man sich auch das sagen, daß das eingetretene Verderben nicht außerhalb des Leibes lag, sondern an ihm haftete, und daß er statt der Verweslichkeit das Leben anziehen mußte, damit wie im Leibe der Tod gekommen ist, so in ihm auch das Leben erstehe. War der Tod außerhalb des Leibes, so mußte auch das Leben außerhalb seiner existiert haben. Haftete aber der Tod am Leibe und herrschte er in ihm über ihn, dann mußte auch das Leben mit dem Leibe sich verbinden, damit der Leib das Leben wieder anziehe und die Verweslichkeit ablege. Zudem wäre der Tod, wenn der Logos außerhalb des Leibes und nicht in ihm gewesen wäre, auf ganz natürliche Weise überwunden worden, da ja der Tod dem Leben gegenüber machtlos ist; [S. 661] aber es wäre eben gleichwohl die Verweslichkeit, die der Leib sich zugezogen hat, geblieben. Deshalb hüllte sich billig der Heiland in einen Leib, damit dank der Vereinigung von Leib und Leben der Leib nicht mehr sterblich im Tode verbliebe, sondern mit der Unsterblichkeit bekleidet sei und dann auferstanden immer unsterblich bleibe. Denn einmal angetan mit der Verweslichkeit, wäre er nicht auferstanden, wenn er nicht das Leben angezogen hätte; anderseits hätte der Tod für sich nicht erscheinen können, sondern nur im Leibe. Deshalb zog er einen Leib an, um den Tod darin zu suchen und dann daraus zu verbannen. Wie hätte der Herr überhaupt sich als das Leben erweisen können, wenn er nicht das Sterbliche belebt hätte? Und wie die Stoppel vom Feuer ganz natürlich verzehrt wird, aber nicht verbrennt, wenn man das Feuer von ihr fernhält, gleichwohl aber Stoppel Stoppel bleibt und die Feuersgefahr zu fürchten hat - denn von Natur droht das Feuer, sie zu verzehren -, aber gefaßt in vielen Amiant, der ja als feuersicher gilt, die Stoppel das Feuer nicht mehr zu fürchten hat, dank der Sicherung, die ihr die feuersichere Hülle gewährt, genau so könnte man auch vom Leib und Tod sagen, daß der Leib, der nur mit einem bloßen Befehl gegen den Tod geschützt worden wäre, gleichwohl wieder entsprechend der Natur der Leiber sterblich und verweslich wäre. Um aber das zu verhüten, hat er den unkörperlichen Logos Gottes angezogen, und so braucht er den Tod nicht mehr zu fürchten noch auch die Verwesung, da er ja das Leben als Hülle trägt und in ihm die Verwesung verschwindet.
1: διὰ τοῦ ὁμοίου: Um den erschaffenen Menschen zu erlösen, mußte Gott die gleichartige, geschaffene Menschennatur annehmen.