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Manchmal sind Fotografien pure Musik. Sieht man die vier Beatles in Reih und Glied über den Zebrastreifen auf der Abbey Road in London marschieren, hört man unweigerlich die Klänge von «Come Together», dem Eröffnungslied des Albums «Abbey Road» von 1969. Das fliegende Schwein zwischen den Schornsteinen des Londoner Kohlekraftwerks Battersea Power Station lässt Pink Floyds «Animals» von 1977 erklingen. Und mit dem schwimmenden «One Dollar Baby» geht die Zeitreise ins Jahr 1991 zu Nirvanas «Nevermind».
Symbiose von Ton und Bild
Rund 500 solche Geschichten sind derzeit im Fotomuseum Winterthur zu entdecken, in der Ausstellung «Total Records–Vinyl & Fotografie». Diese verknüpft zwei mediale Sinnbilder des 20. Jahrhunderts: die Vinylplatte und die analoge Fotografie. An die 500 originale Plattencovers hängen in den hellen Räumen, regelmässig angeordnet und thematisch gegliedert. Sie reichen von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre und zeigen, wie Musikindustrie und Fotokunst sich gegenseitig beeinflussten.
Da sind jene Musiker und Musiklabels, die gezielt visuelle Identitäten aufbauten und so zu wichtigen Auftraggebern für Fotografen wurden. Bestes Beispiel dafür ist das 1939 gegründete Jazzlabel Blue Note Records, das die frühe Stilgeschichte des Plattencovers prägte. Viele grosse Fotografen arbeiteten für ebenso grosse Musiker: Robert Frank für die Rolling Stones, Irving Penn für Miles Davis oder Annie Leibovitz für Cindy Lauper. Ein eigenes Kapitel ist Andy Warhol gewidmet, der vor seiner Karriere als Pop-Art-Künstler ein erfolgreicher Illustrator und Werber war und viele Albumcovers gestaltete. Unvergessen sind seine Röhrenjeans mit funktionsfähigem Reissverschluss für «Sticky Fingers» von den Stones oder das «Bananenalbum» von Velvet Underground mit Sängerin Nico. Manche Gestalter sind untrennbar mit bestimmten Künstlern verbunden, so etwa das britische Grafikerkollektiv Hipgnosis mit der Band Pink Floyd. Fünfzehn Jahre lang schuf das Kollektiv visuelle Klassiker der Musikgeschichte für Alben wie «The Dark Side of the Moon», «Wish You Were Here» oder «Animals».
Besonders sehenswert sind auch die Beispiele von Covers, für die Musiker auf bestehende Bilder, oft aus der Reportagefotografie, zurückgriffen. Fotografen wie René Burri, Elliot Erwitt, Chris Hardy, Anders Petersen oder William Eggleston sind hier vertreten.
So wird in all diesen 31,5 x 31,5 Zentimeter grossen Kartonhüllen ein Stück Kulturgeschichte offenbar, auch wenn in der Ausstellung einige Geschichten unerzählt bleiben. Gerne würde man mehr erfahren über die Hintergründe der einzelnen Covers. Die Geschichte von «Abbey Road» etwa und dem Foto, das nur darum zustande kam, weil den Beatles das ursprünglich geplante Shooting auf dem Himalaja zu anstrengend war. Oder die Geschichte von Algie, dem rosaroten, mit Helium gefüllten Stoffschwein auf dem Cover von Pink Floyds «Animals», das sich beim Shooting losriss, unkontrolliert davonflog–und gar eine Umleitung des Flugverkehrs für London Heathrow nötig machte.
Fotomuseum Winterthur. Bis 16. Mai. Di. bis So. 11 bis 18 Uhr, Mi. 11 bis 20 Uhr.
Manche Plattencovers haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben (v. l.): The Beatles, «Abbey Road» (Foto: Iain Macmillan); Miles Davis, «Tutu» (Foto: Irving Penn); Grace Jones, «Island Life» (Foto: Jean-Paul Goude). Bilder Apple Records/Warner Bros./Island Records, zvg