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30'000 Menschen verloren ihr Leben auf dem Hartmannswillerkopf – einem Hügel im Elsass. Im Ersten Weltkrieg fand hier eine jahrelange, unerbittliche Schlacht zwischen Frankreich und Deutschland statt.
In den erhaltenen Schützengräben treffen wir den Dokumentarfilmer Vadim Jendreyko, der vor Ort für seinen neuen Film dreht. In «Suche nach Europa» (Arbeitstitel) begibt sich der Basler Regisseur auf historische, geografische, politische und gesellschaftliche Spurensuche.
Vadim Jendreyko
Regisseur
Geboren 1965 und in der Schweiz aufgewachsen. Realisiert seit 1986 Filme als Regisseur, Autor und Produzent. Für seine Filme «Bashkim» (2001) und «Die Frau mit den 5 Elefanten» (2010) bekam er jeweils den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.
SRF: Warum ein Film über Europa?
Vadim Jendreyko: Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, ich bin in Deutschland geboren, habe einen russischen Namen, mein Patenonkel ist Grieche. Wenn ich gefragt wurde: «Bist du Schweizer?», habe ich gesagt: «Ja, aber nicht nur». Ich habe mich immer schon als Europäer gefühlt.
Letztes Jahr habe ich festgestellt, dass Europa nur noch mit dem Wort Krise in Zusammenhang gebracht wird: Finanz-, Euro-, Flüchtlingskrise.
Ich habe mich immer schon als Europäer gefühlt.
Ich dachte mir: «Europa – das hatte doch einst eine andere Aufladung». Und dieser Gedanke führte mich zu der Frage: Was genau ist Europa?
Arbeitstitel Ihres Filmprojekts ist «Suche nach Europa». Nach was genau suchen Sie?
Ich habe schnell gemerkt: Als erstes braucht's eine Begriffsklärung. Europa – ist das ein Kontinent? Ein Kulturraum? Ein Geschichtsraum?
Jeder, der das Wort Europa benutzt, meint etwas anderes. Europa ist eine ideale Projektionsfläche. Ich habe in Norwegen einen Fischer getroffen, der hat mir erzählt, dass er noch nie in Europa gewesen war. Er meinte das nicht als Witz.
Was macht Europa für Sie aus?
Sich über Grenzen Gedanken zu machen. Nicht nur politische oder sprachliche Grenzen. Es gibt andere Kulturen, andere Mentalitäten – aber gerade das gibt uns die Möglichkeit, uns selbst kennen zu lernen und eben über diese Grenzen hinaus zu denken. Das können auch zeitliche Grenzen sein.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Ich habe einen Soldaten in Belgien getroffen, dessen Militäreinheit Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Jedes Jahr kommen 20’000 Granaten an die Oberfläche, ohne dass man sie sucht – unter anderem durch die Landwirtschaft. Es ist die Geschichte Europas, die da an die Oberfläche drängt.
Und dieser Soldat hat sich dem verschrieben. Er macht das für die Menschen, die in Zukunft an diesen Orten leben wollen. Er denkt in einem grösseren Kontext. Und auf diesem Weg kommt man Europa näher.
Dass man nicht nur an die eigenen Interessen denkt, sondern sich klar macht, dass es mir selbst zu Gute kommt, wenn es meinem Nachbarn gut geht. Wahrscheinlich geht es uns so allen besser.
Was bedeutet das im gegenwärtigen politischen Kontext?
Denken Sie an die Klimaveränderung oder die Migrationsströme: Wir können doch nicht so tun, als seien das Schicksalsschläge und als käme das aus dem Nichts.
Europa muss ständig als Sündenbock für etwas herhalten.
Im Gegenteil: Es sind logische Folgen, die sich erklären lassen, in die wir klar involviert sind – sogar ursächlich involviert sind. Wenn das allerdings ausgeblendet wird, kann nicht adäquat reagiert werden, und man empfindet sich als Opfer.
Ist daran nicht auch «Europa» Schuld? Die Verschiebung der eigenen Verantwortlichkeit auf die EU?
Europa muss ständig als Sündenbock für etwas herhalten. Die Globalisierung beispielsweise ist in einem unglaublichen Tempo Realität geworden. Gleichzeitig gibt es Dinge, die Zeit brauchen, die sich langsam entwickeln.
In der Privatwirtschaft werden innerhalb kurzer Zeit Entscheidungen getroffen, die Konsequenzen für Millionen von Menschen haben. Die Politik braucht Monate, manchmal Jahre, um irgendwelche Mechanismen in Gang zu setzten.
Es geht hier nicht um Kriegsromantik. Das ist Friedensarbeit.
Das sind die Asynchronitäten, von denen ich glaube, dass sie schwer zu ertragen und nachzuvollziehen sind. Als Sündenbock hält Europa her.
Es läuft aber auch einiges schief in Europa.
Stimmt, aber es gibt auch unheimlich viele Leute, die enorm tolle Sachen machen. Diese Menschen will ich porträtieren.
Und die finden Sie hier, mitten im Elsass auf einem Hügel?
Der Hartmannswillerskopf war der südlichste Punkt der sogenannten Vogesenfront im Ersten Weltkrieg. Hier tobte ein höllischer Stellungskrieg, gerade mal 30 Kilometer Luftlinie von Basel entfernt. 30’000 Menschen starben auf diesem Hügel.
Was mich hier interessiert, ist das Sinnhafte: Menschen, die den Ort pflegen. Das sind Rentner, die das Gras mähen, das die Schützengraben überwuchert, damit die Strukturen für die Nachwelt sichtbar bleiben. Dabei geht es nicht um Kriegsromantik. Das ist Friedensarbeit.
Auch die Gründung der EU war ursprünglich ein Friedensprojekt. Wissen das die Menschen, die Sie treffen?
Tatsächlich spielt es bei der Betrachtung der EU eine grosse Rolle, wann man geboren wurde. Die ältere Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat, hat eine andere Einstellung dazu. Diesen Menschen ist der ganze Horror noch bewusst.
Aber bei den später Geborenen verlagert sich das, und die Rezeption der EU wird eine andere. Plötzlich kommt ein Zweckdenken zu Tage. Die EU verkommt zum Mittel für den eigenen Zweck. Das Friedensprojekt, das es ursprünglich gewesen ist, verblasst. Ich glaube, da hat eine Entfremdung stattgefunden.
Das Gespräch führte Annette Scharnberg.