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Beginn der Spurensuche in Antwerpen
Zunächst einmal waren die Rahmenbedingungen im 17. Jahrhundert ausgesprochen günstig. Der Seehandel hatte der Stadt enormen Reichtum beschert – nötiger Hintergrund für die Produktion von Luxusgütern aller Art. Zudem war das katholische Flandern ausgesprochen bilderliebend, was durch die Gegenreformation zusätzliche Förderung erfuhr. Doch während Namen wie Peter Paul Rubens oder Anthonys van Dyck auch heute noch einen guten Klang haben, ist viel weniger bekannt, dass in der Scheldestadt auch die besten Tasteninstrumente der Welt angefertigt- und an die Fürsten- und Königshöfe Europas geliefert wurden. Hans, Ioannes und Andreas Ruckers sowie Ioannes Couchet werden von Cembalisten ebenso geschätzt wie Amati, Guarneri und Stradivari von den Violinisten. In dieser Hinsicht ist Antwerpen mit Cremona vergleichbar. Die hohe Wertschätzung der Instrumente ist nicht zuletzt an der beachtlichen Zahl von Fälschungen ablesbar.
Wie wir aus den Quellen erfahren, wurden die Tasteninstrumente nicht selten mit Gemälden ausgestattet. Hier finden sich Namen wie: Otto van Veen, Peter Paul Rubens, Jan Brueghel, Frans Francken, Hendrick van Balen, Marten und Daniel de Vos, Jan Davidszoon de Heem, Philip Schey und manche andere.
Obwohl auch die Quellenlage als ausgesprochen günstig beschrieben werden kann, da zahlreiche Nachlassinventare und Testamente erhalten sind, wurde den Bildern anlässlich der ersten Erfassung bereits weitaus grössere Aufmerksamkeit geschenkt als den Instrumenten, handelt es sich bei Gemälden doch um langfristig beständige Geldanlagen, deren Wert eher steigt, während Instrumente als Gebrauchsgegenstände einem beachtlichen Verschleiss unterliegen. Zwar vergass man kaum, sie aufzuzählen, doch machten sich die Notare nur selten die Mühe, die Namen der Hersteller zu erfassen geschweige denn, die Instrumente aufzuklappen und sich mit deren Bemalung auseinander zu setzen, die in Flandern grundsätzlich auf der Deckelinnenseite sichtbar wurde. Beispielsweise wird der Instrumentenbestand der Königin Christine von Schweden lediglich wie folgt beschrieben: „Cinqu espinette grandes et deux petites“. Umgewandelt zu Galeriebildern sind solche Gemälde heute in Museen zu finden. Daher galt es zunächst einmal, zusammen zu tragen was zusammen gehört und dem Forschungsgegenstand die erforderliche Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Dies gilt auch in Bezug auf die Erfassung der Quellen, denn obschon Eric Duverger die Nachlassinventare und Testamente des 17. Jahrhunderts in 14 Bänden publizierte, unterliess er es, die Tasteninstrumente in das Register aufzunehmen. Dies galt es, nachzuliefern. Aus den Quellen erfahren wir viel über den Kontext, über die Besitzer, über die Räume, in denen sich die Instrumente befanden und über die Ausstattung der Umgebung. Wurden sie verkauft oder als Pfand gegeben, erfahren wir etwas über deren Wert in Gulden und Stuivers oder was man für die Miete zu zahlen hatte.
Der Einblick in den Instrumentenbestand Antwerpens anhand der Schriftquellen täuscht allerdings in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal heisst es nicht, dass in anderen Städten nicht ebenso gerne musiziert wurde. Beispielsweise ist Samuel Pepys anlässlich des grossen Feuers von London 1666 besonders aufgefallen, wie viele Bürger ihre Tasteninstrumente in Sicherheit brachten. Auf jedem zweiten Boot soll sich ein Virginal befunden haben. Zum Zweiten geben die Nachlassinventare gerade über die exportierten Instrumente keinerlei Auskunft. Rechnen wir mit rund 2000 produzierten Instrumenten bei rund 20 verschiedenen Modellen allein aus der Werkstatt Ruckers - und diese Zahl ergibt sich aufgrund des verwendeten Nummerierungssystems als durchaus realistisch - und vergleichen diese Zahl mit den rund 550 in den Inventaren der Stadt erwähnten Instrumenten, wird ersichtlich, welche Bedeutung dem Export zukam. Es ist feststellenswert, dass fast ausnahmslos-, aber nur wenige Ruckers-Instrumente in den Inventaren erwähnt werden, denn sie waren teuer. Familien, die dann auch noch bemalte Ruckers-Instrumente ihr Eigen nannten, waren ausgesprochen wohlhabend, besser gesagt, schwerreich. Daher ist es unumgänglich, die Beschreibungen in ihrer Gesamtheit zu erfassen.
Dem gegenüber tauchen in Antwerpen auch andere Instrumentenmacher auf, wie z.B. Cornelis Hagarts oder van Antoni Janssen van Damme, die ihre Instrumente auf dem Freitagsmarkt anboten und den Bedarf der Bürger auf einem niedrigeren preislichen Niveau abdeckten. Den Nachlassinventaren ist zu entnehmen, dass diese Instrumentenmacher selbst in eher bescheidenen Verhältnissen lebten.
Inventare späterer Zeit sind trügerisch. Gewiss dokumentieren sie die Wertschätzung, die den Ruckers-Instrumenten entgegen gebracht wurde. Vor allem in Frankreich wurde deren Tonumfang erweitert (ravalement) und eine Anpassung der Gehäuse an den Zeitgeschmack vorgenommen. In diesem Zusammenhang wurden auch neue hochwertige Bemalungen – sei es auf den alten oder auf neuen Deckeln angefertigt. Manche dieser Veränderungen sind derart gravierend, dass dem Originalbestand nur noch ein gewisser Reliquienwert zukam. Zur Erzielung höherer Preise wurde bei der Zuschreibung an berühmte Maler gerne zu hoch gegriffen. Die „Marke Ruckers“ wurde zum Qualitätslabel.
Nimmt man ein wenig Abstand und betrachtet die Verwendung von Tastaturen über mehrere Jahrhunderte hinweg, fällt auf, dass wir es regelmässig mit Massenbewegungen zu tun haben. Zunächst handelte es sich um Musikinstrumente, dann um Schreibmaschinen, Rechenapparaturen und Telegraphen, in der Gegenwart sind es die Keyboards der Computer und Handys. Jeder Tastendruck setzt einen vorbereiteten Funktionsablauf in Gang – durchaus vergleichbar mit dem Auslöser einer Falle. Doch sehr im Unterschied zu ihr wird die Ausgangssituation durch das Loslassen der Taste wiederhergestellt, die Falle also neu gestellt. Die Schlüsselbegriffe clavis, oder key, eignen sich insofern, als der User Zugang zu verschiedenen immateriellen Bereichen erhält, als ob er über Schlüsselgewalt verfügte: zu den Tönen und damit zur Musik, zu den Buchstaben und damit zur Schrift und zu den Zahlen und so zur Mathematik. Als Kommunikationsmittel verschaffen Tastaturen Zugang zu Menschen, die sich gegenwärtig nicht in der Nähe befinden. Derart grossformatige kulturgeschichtliche Zusammenhänge bleiben von fachlich spezialisierten Einzeldisziplinen gänzlich unerfasst.