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Am 27. November werden wir über den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie abstimmen. Unter den vielen Argumenten für einen Ausstieg aus der unrentablen Atomstromproduktion liegt eines für mich weit vorne. Dieses Argument betrifft die Bäuerinnen und Bauern, die von der Milchproduktion und der Viehzucht leben. Ihr Hof und ihr Vieh wären verloren.
In unserem dicht besiedelten Land wäre ein Atomunfall mit Kernschmelze wie in Fukushima und Tschernobyl eine riesige Katastrophe. Hunderttausende Menschen müssten innert Stunden Wohnungen, Häuser und Höfe verlassen. Sie müssten notdürftig untergebracht werden und anderswo eine neue Existenz aufbauen. Aber nicht nur für die Menschen wäre der Unfall eine Katastrophe. Was würden die Bauern mit ihren Tieren machen? Sie könnten ihre Kühe, Ziegen, Schweine und ihr Kleinvieh nicht evakuieren, ihre Katzen und Hunde nicht einfangen und mitnehmen. Wer würde ihre leidenden Kühe und Ziegen melken können, füttern können, tränken könnnen, ihre Tiere, mit denen sie emotional tief verbunden sind? Eine Kernschmelze darf in unserem Land nicht passieren; doch eine Kernschmelze ist bei laufenden Reaktoren jederzeit möglich. Die Prävention eines solchen Unfalles ist nur möglich, wenn sämtliche AKW abgeschaltet werden, bevor ein Unfall passiert.
Zusammen mit Susan Boos von der Wochenzeitung (WoZ) war ich im Dezember 2011 in Fukushima und dessen Umgebung. Wir haben in Koryama Bauern und Bäuerinnen getroffen. Einer von ihnen, Katuyoshi Sato, erschienen mit seiner Frau, erzählte Susan Boos, wie er und seine Familie den Unfall in der 20-km-Zone erlebt hatten. Ich zitiere seine Schilderung aus dem Buch "Fukushima lässt grüssen" von Susan Boos:
Bauern der 20 km-Zone: ….. Die Familie Sato gehört zu ihnen. Was sie durchzumachen hat, wünscht man keinem Bauern. Auf dem Hof lebten drei Generationen, Sato, seine Frau, der Sohn mit Schwiegertochter und ihre Kinder. In der Nacht nach dem grossen Erdbeben schliefen sie alle in ihren Autos, wegen des Stromausfalls und wegen der Nachbeben. Am nächsten Tag hörten sie von den Problemen im Atomkraftwerk. Die Grossfamilie beschloss, sich in Minami-Soma in Sicherheit zu bringen, bloss Katuyoshi Sato blieb bei seinen drei Dutzend Tieren. Bis am 15. März molk er die Kühe und schüttete die Milch weg. An diesem Tag hörte er im Radio, das AKW werde wirklich gefährlich. Da beschloss er, auch zu gehen. Am Abend kam er in einer Notunterkunft von Minami-Soma wieder mit seiner Familie zusammen. Als ich wegging, hatte ich keine Ahnung, wie lange das dauern würde, sagt Sato.
"Was taten Sie mit den Tieren?"
"Ich liess sie im Stall, angebunden."
“Warum?"
"Wir haben uns dafür entschieden, weil wir wussten, dass es gefährlich werden könnte, wenn man sie einfach freilässt. In unserer Umgebung waren wir einige Milchbauern. Wir haben alle unsere Kühe angebunden zurückgelassen. Daneben hatte noch ein Fleischproduzent dreihundert Masttiere. Er liess die Hälfte der Rinder frei. Sie sind inzwischen verwildert, haben sich zu Herden von etwa zwanzig Tieren zusammengeschlossen, richten Schäden an und sind wirklich gefährlich. Erst vor Kurzem kollidierte ein Mann, der zum AKW Daini zur Arbeit fuhr, mit einer Kuh. Sein Auto wurde ziemlich beschädigt."
"Was ist mit Ihren Kühen passiert?"
Sato zögert: "Ich bin erst am 26. März zurückgekehrt, vorher durfte man nicht."
"Und was war mit den Kühen?"
"Die Hälfte war bereits tot, verhungert …, die andern …", er streicht mit der Hand über die Wangen zum Kinn, um zu zeigen, wie sie aussahen, "… ganz abgemagert."
"Was haben Sie getan?"
“Nichts.", sagt er knapp. "Ich konnte nichts tun. Ich hatte nicht die Möglichkeit, sie zu töten."
"Stimmt es, dass Schweine zum Teil die toten Kühe gefressen haben?"
Er nickt: "Tierschützer sind um den 20. März in die Zone gefahren, sie haben versucht, Kühe und Schweine freizulassen. Die Schweine haben dann zum Teil die Kühe gefressen … Kabinettssekretär Yukio Edano hat erst am 20. Mai im Parlament gesagt, jetzt werde man alle Tiere töten, die noch in der Zwanzig-Kilometer-Zone sind …, erst am 20. Mai."
"Und die Hunde und Katzen?"
"Die blieben auch zurück, die Leute konnten sie ja nicht in die Notunterkünfte mitnehmen."
"Hatten Sie Hunde oder Katzen?"
Sato schüttelt verneinend den Kopf.
Nach Schätzungen von Tierschutzorganisationen blieben bis zu 6000 Hunde in den Sperrzonen zurück. Viele verhungerten und verdursteten, weil sie angebunden waren. Andere liefen herum, bildeten Rudel, zum Teil wurden sie eingefangen und in Tierheimen untergebracht. …..
Wieviel Zeit bliebe den Schweizer Bauern für die Evakuation ihrer Höfe in der Schweiz. Die Aerztinnen und Aerzte für Umweltschutz haben sich mit dem Problem des Notfallschutzes in der Schweiz auseinandergesetzt(Oekospkop 3/16). Die Schweizer Behörden rechnen mit sechs Stunden, die zwischen Erkennen eines schweren AKW-Unfalls bis zum Austritt von radioaktiven Stoffen vergehen (schneller darf ein Unfall bei uns einfach nicht verlaufen). Einen Teil dieser Zeit brauchen die Behörden selber, bis sie einsatzbereit sind und die Bevölkerung warnen können. Einer Schweizer Bauernfamilie blieben also nur ganz wenige Stunden, in denen sich die Familie selber gegen die radioaktive Wolke schützen muss und sich kaum um ihre Tiere kümmern kann. Auch der Staat bietet den Bauern bei AKW-Unfällen keine Hilfe an. Bei Atomkatastrophen im Ausmass von Tschernobyl oder Fukushima, wäre die Vorwarnzeit sogar noch deutlich kürzer.
Bei einer Kernschmelze in einem unserer AKW geht es den Nutztieren im Umkreis und in Abwindrichtung des AKW wie jenen des japanischen Bauern Katuyoshi Sato. Wir haben die Möglichkeit, es zu verhindern. Der Ausstieg aus der Atomenergie schützt die Existenz der Schweizer Landwirte und das Leben unzähliger Tiere. Auch darum stimme ich Ja zum geordneten Atomausstieg am 27. November 2016.