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«In einer stärkeren Professionalisierung liegt durchaus Potenzial»
05.01.2018 - Mitteilung
Der Erziehungswissenschaftler Philipp Gonon über das Erfolgsmodell der dualen Berufsbildung und die sich wandelnde Rolle der Ausbildnerinnen und Ausbildner.
Text: Reto Heinzel Foto: Stephan Rappo
Die duale Berufsbildung wird oft als «typisch schweizerisch» wahrgenommen. Stimmt dieses Bild?
Nein, derart verallgemeinernd stimmt das Bild sicher nicht. Ich spreche übrigens lieber von der modernen Berufsbildung. Deren Hauptmerkmal ist, dass sie staatlich reguliert wird und die Schule ein integraler Bestandteil ist. Das unterscheidet sie klar von der Berufsbildung im frühen 19. Jahrhundert, nicht zu reden von mittelalterlichen oder zünftischen Formen.
Wann und wo entstand diese moderne Form der Berufsbildung?
Hier besteht ein enger Zusammenhang mit der Entwicklung des Nationalstaats. Die ältere Berufsbildung erfolgte noch stark über Korporationen und Branchenverbände. Der öffentliche Charakter der Berufsbildung und der Anschluss an die Schulen ist dagegen relativ jung. Vorreiter dieser Entwicklung waren Länder wie Frankreich und Österreich. Diese begannen im frühen 19. Jahrhundert die technische Bildung zu verschulen, zu rationalisieren und, wie im Fall Frankreichs, an eine École polytechnique anzubinden. In den deutschen Staaten – in Württemberg, Baden, Bayern oder Sachsen – wurden fachspezifische Ausbildungen entwickelt, zum Beispiel im Gewerbe und in der Landwirtschaft. Es entstanden Frauenberufsschulen und sogenannte Fortbildungsschulen. Dabei ging es um das Zusammenspiel zwischen betrieblichem und schulischem Lernen, was letztlich zum sogenannt dualen Modell der Berufsbildung führte.
Wie kamen diese Ideen in die Schweiz?
Verschiedene Schweizer, die sich für die Modelle in den deutschen Staaten interessierten, brachten die dortigen Konzepte und Ideen mit nach Hause. Die duale Berufsbildung ist also keine schweizerische Erfindung, sie wurde jedoch nirgends so konsequent und expansiv weiterentwickelt wie in der Schweiz. Das geschah allerdings erst im Laufe des 20. Jahrhunderts und war stark an gesetzliche Regulierungen gebunden. Entscheidend war sicher das erste nationale Berufsbildungsgesetz von 1930, das vor allem gewerblich- industriell und kaufmännisch ausgerichtet war.
War in diesem Gesetz der duale Gedanke bereits vorhanden?
Ja. Man hat klar festgehalten: Als Lehrling gilt nur, wer eine Berufsschule besucht – und zwar tagsüber, nicht am Abend oder am Wochenende. Im Gesetz wurde auch festgelegt, dass Meister und Berufsbildner, die Lehrlinge ausbilden wollen, eine Ausbildung benötigen. Damit wurde die Grundlage der heutigen Berufsbildung gelegt. Die Schweiz war damals eines der ersten Länder, in dem es eine umfassende nationale Gesetzgebung in der Berufsbildung gab. In diesem Sinne kann man die Schweiz also durchaus als eine Art Vorreiterin bezeichnen.
Was bewirkte das Gesetz?
Als Folge stieg die Zahl der Lehrlingsverhältnisse massiv an, namentlich mit dem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Das hat zur tiefen Verankerung der Berufsbildung in der Schweiz wesentlich beigetragen.
Welche Rolle spielte dabei die Politik?
Die Politik hat das duale Modell fast immer mitgetragen. Dank unseres auf Konsens ausgerichteten politischen Systems haben sich die Linke und die Rechte jeweils gefunden. Eine einzige Ausnahme gab es in den 1970er-Jahren, als der linke Flügel der Gewerkschaften und die 68er- Bewegung das duale Modell frontal angriffen und die Legitimität des Modells in Zweifel zogen. Sie sprachen von Lehrlingsausbeutung und bezeichneten die Lehre im Gegensatz zum Gymnasium als verlorene Zeit. Doch diese Kritik verhallte bald.
Wurde die Berufsbildung von Anfang an reglementiert?
Nein. Das heutige Modell wurde nicht entworfen, es ist das Ergebnis verschiedener Zwischenschritte. Als das Berufsbildungsgesetz verabschiedet wurde, war viel wichtiger, was in den Schulen passiert, als das, was in den Betrieben läuft. Anfang der 1930er-Jahre war die Berufsbildung übrigens noch eine ziemlich elitäre Angelegenheit. Längst nicht jeder konnte eine Lehre machen.
Die Berufsbildner sind ja eine Art Bindeglied zwischen Betrieb und Schule. Wie weit reicht der Gedanke des Lehrmeisters zurück?
Die Etablierung einer mehrstufigen Ausbildung mit Lehrling, Geselle und Meister kann man mit dem Hochmittelalter und den Anfängen des Zunftwesens in Verbindung bringen. Dieses war vor allem der Entstehung eines gewerblich-kommerziellen Austauschs und dem Handel verknüpft war. In den Zunftstädten entwickelte sich eine stark von den zünftischen Familien geprägte Form der Berufsbildung, die unter anderem durch einen kleinen Markt oder Ausschlussmechanismen geprägt war. Die Zünfte übten auch grossen politischen Einfluss aus. In derselben Zeit entstand übrigens auch das System der Wanderschaft: Der Lehrling durfte nach der Lehre nicht gleich einen Laden eröffnen, sondern musste während einigen Jahren als Wandergeselle durch Europa ziehen und sich weitere Fähigkeiten aneignen.
Das scheint mir aber doch alles sehr weit weg vom heutigen System.
Die moderne Berufsbildung hat viel Ähnlichkeit mit dieser zünftischen Tradition. Ein wesentlicher Unterschied besteht im öffentlichen, schulischen, subventionierten Charakter der Berufsbildung.
Welche Rolle haben die heutigen Ausbildner?
Es gibt sehr viele gute Ausbildnerinnen und Ausbildner, die mit Leidenschaft bei der Sache sind. Die Standardisierung und Professionalisierung ist in diesem Bereich aber minimal. Was ein Berufsbildner tun soll und was er darf, ist nicht klar geregelt. Auch müssen sie nur einen fünftägigen Kurs absolvieren. Man vertraut also darauf, dass ein Lernender im Betrieb genug mitbekommt.
Sehen Sie Veränderungsbedarf?
In einer stärkeren Professionalisierung der Berufsbildnerkurse sehe ich durchaus Potenzial. Gegenwärtig ist der Professionalisierungsdruck auf den betrieblichen Ausbildnern nicht sehr hoch. Viele Leute mögen das gut finden. Ich selbst bin da ambivalent.
Weshalb?
Eine fünftägige Ausbildung scheint mir wenig. Heute liegt es am einzelnen Ausbildner, wie stark er sich engagieren kann und will. Es gibt also viel Spielraum. Das ist grundsätzlich positiv, aber vermutlich könnte man hier mehr machen. Allerdings fürchten sich die Betriebe vor höheren Anforderungen und strengeren Vorschriften.
Welche Bedeutung hat die Beziehung zwischen Berufsbildner und Lernenden?
Natürlich ist die Beziehung sehr wichtig, doch kann die Rolle des Ausbildners ganz verschieden ausgefüllt werden. Während für die einen die fachliche Beziehung im Vordergrund steht, setzen andere bewusst auf eine familiäre Perspektive. Das hängt stark von der Interpretation der einzelnen Person ab, aber auch vom betrieblichen Umfeld. Ein Beispiel: In den 1980er-Jahren hatten wir in einer Studie Lehrlinge und Lehrmeister in der Metallindustrie befragt. Interessant war, dass die Lehrmeister oft die Distanz zu den Jugendlichen hervorhoben, die damals schon viel stärker die Karriereplanung im Blick hatten. Diese Lernenden entsprachen bereits nicht mehr dem klassischen Bild des Facharbeiters, dessen Ziel es war, manuell zu arbeiten und möglichst lange im selben Betrieb zu bleiben. Damals kamen zudem die ersten digitalen Maschinen auf den Markt: Die Lehrmeister sahen, dass die Jugendlichen in diesen Dingen fitter waren als sie selbst. So etwas war im klassisch- hierarchischen Verhältnis nicht vorgesehen.
Lernende stecken in einer anspruchsvollen Lebensphase, machen wichtige Veränderungen durch. Welche Eigenschaften muss ein Berufsbildner mitbringen, damit ein gedeihliches Verhältnis entstehen kann?
Es ist enorm wichtig, dass Berufsbildner sich auf die Jugendlichen einlassen wollen. Es braucht auch Toleranz, denn Jugendliche sind sehr verschieden, kommen vielleicht aus einem anderen kulturellen Kontext. Kurzum: Ausbildner müssen nicht nur fachlich, sondern auch menschlich überzeugen können.
Was braucht es sonst noch, damit die Berufslehre gelingt?
Für die Jugendlichen ist sicher zentral, dass sie eine wohlwollende Umgebung vorfinden, dass man ihnen Raum lässt, dass sie Dinge selbst entdecken können. Anderseits sollte die Ausbildnerin oder der Ausbildner ihnen auch Grenzen aufzeigen können. Es ist ähnlich wie in der Schule. Man braucht Interesse an Lernfortschritten, aber auch ein offenes Ohr für die Probleme der Heranwachsenden.
Wie hat sich die Rolle des Berufsbildners in jüngster Zeit verändert?
Die Digitalisierung und die neuen Technologien verändern das Verhältnis zwischen Ausbildner und Lernenden, sie verändern aber auch die Rolle des Lernenden. Früher galt der Grundsatz: beobachten und nachmachen. Das spielt natürlich weiterhin eine Rolle, doch die Gewichtung ist eine andere. Bei manuellen Dingen – Zwiebeln schneiden, ein Metallstück mit der Feile bearbeiten – ist der Ausbildner fürs Erlernen einer professionellen Technik nach wie vor unentbehrlich. Gleichzeitigt wird der Aspekt des Selbstlernens heute immer wichtiger.
Wo werden Berufsbildner in 30 Jahren stehen?
Ich denke, sie werden stärker ins Bildungssystem eingebettet sein. Dieses System wird noch durchlässiger sein als heute. Und Lernen und Arbeiten werden wohl noch etwas näher zusammenrücken. Die Berufsbildner werden vermutlich einen anderen Background mitbringen als heute. Um eine stärkere Professionalisierung der Ausbildner wird man dabei nicht herumkommen.
Sind Sie der Meinung, dass die Digitalisierung das Gefüge zwischen Lernenden und Ausbildnern durcheinanderbringt?
Ja, das glaube ich schon. Man sollte diesen Aspekt aber nicht überbewerten. Schliesslich sind auch nicht alle Jugendlichen in Sachen Digitalisierung gleich geschickt. Bei den Berufsbildnern gibt es ebenfalls grosse Unterschiede. Gerade in technischen Betrieben braucht es heute zum Teil profundes Fachwissen, um Maschinen bedienen zu können. Das kann man oft nicht allein tun, die Kommunikation und die Zusammenarbeit werden deshalb immer wichtiger. Die Zeit, als jeder noch vor sich hinwursteln konnte, ist jedenfalls vorbei.
Was bedeutet das für die Berufsbildung?
Diese Veränderungen lassen sich produktiv nutzen. Man kann Lerngruppen bilden oder Lernende gemeinsam ein Projekt erarbeiten lassen. Dabei zeigen die Lernenden viel Initiative, und das macht auch den Berufsbildnern grossen Spass und erfüllt sie zu Recht mit Stolz. Wie das aussehen kann, habe ich vor Kurzem in einer bekannten Liftfirma gesehen. Dort haben Lernende gemeinsam ganz erstaunliche Liftmodelle entworfen und gebaut. Hier gab es also Raum für pädagogisch innovativere Formen. Man setzte weniger auf Instruktion, sondern förderte das explorative Lernen. Dadurch werden Innovationen möglich, die auch dem Betrieb Vorteile bringen. Insofern nähert sich das betriebliche Lernen allmählich dem schulischen Unterricht an.
Wie gut ist das duale Berufsbildungssystem der Schweiz?
Verglichen mit anderen Ländern kann man sicher sagen: Die schweizerische Berufsbildung bewegt sich auf hohem Niveau. Sie bietet Möglichkeiten für viele Jugendliche, die in schulischen Systemen auf der Strecke bleiben würden, sich zu entfalten. Es ist nicht selten so, dass die Lernenden lieber im Betrieb als in der Schule sind. Im Betrieb löst man konkrete Probleme und am Abend sieht man das Resultat seiner Arbeit. Es gibt auch einen stärkeren Realitätsbezug, eine grössere Ernsthaftigkeit als in der Schule.
Wo liegen die grössten Herausforderungen?
Eine grosse Herausforderung ist der Druck zur Höherqualifizierung, der auch die schulisch Schwächeren betrifft. Für diese ist die Lehrstellensuche anspruchsvoller geworden, weil die Betriebe den schulischen Leistungen tendenziell immer mehr Beachtung schenken und strengere Selektionskriterien anwenden. Die Anforderungen an die Berufsbildung steigen also insgesamt. Das macht es für gewisse Jugendliche sehr schwierig, den Einstieg zu finden.