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Kirchengesang
und Kirchenlied. Wie schon im religiösen Kultus des Altertums, bei Griechen, Juden etc., der Gesang, meist von Instrumenten begleitet, eine hervorragende Rolle spielte, so kam auch in der christlichen Kirche die Gesangsmusik schon frühzeitig in Anwendung und gelangte hier im Lauf der Zeit zu hoher und kunstvoller Ausbildung (s. Kirchenmusik). Diese geistlichen Gesänge des Mittelalters bestanden zumeist in Psalmen und Hymnen, zum Teil von ergreifender Schönheit, wie z. B. das »Stabat mater« des Jacopone de Todi, das »Dies irae« des Thomas von Celano u. a. bezeugen; aber in lateinischer Sprache [* 3] abgefaßt (wie der ganze Gottesdienst in derselben gehalten wurde) und von Sängerchören vorgetragen, blieben sie dem Volk selbst fremd.
Das einzige, was man diesem jahrhundertelang in der Kirche zu singen gestattete, war der Ruf »Kyrie eleïson« (»Herr, erbarme dich!«),
den es nach der
Predigt und bei der
Vesper im
Chor erschallen ließ. Von den
Minnesängern im 12. und 13. Jahrh. (z. B.
von
Walther von der Vogelweide) wurden wohl zahlreiche religiöse
Lieder verfaßt; allein sie waren von
zu subjektiv-individuellem
Charakter, als daß sie zu
Kirchengesängen oder zu geistlichen Volksliedern hätten dienen können.
Daß aber das
Volk gleichwohl schon in früher Zeit geistliche
Lieder besaß und sang, dafür liegen mehrfach Zeugnisse vor.
Als das älteste derselben ist ein altdeutscher Lobgesang auf den heil. Petrus aus dem 9. Jahrh. erhalten, aus drei Strophen bestehend, deren jede mit dem Refrain »Kyrie eleïson« endigt. Man sang dergleichen Lieder jedoch nur bei außerkirchlichen Anlässen, an Festtagen und bei Begräbnissen, bei Wallfahrten, bei Bitt- und Bußgängen, auf den Kreuzzügen, im Krieg vor und nach der Schlacht sowie auf der See. Diese ältesten deutschen geistlichen Lieder wurden Leisen (abgekürzt von dem gewöhnlichen Refrain »Kyrie eleison«) genannt, und diese Benennung erhielt sich bis ins 15. Jahrh. Am verbreitetsten waren von ihnen der Osterleis (»Krist ist erstanden«),
der Himmelfahrtsleis (»Krist fur gen himel«) und der Pfingstleis (»Nu bitten wir den heiligen geist«),
die später auch beim Gottesdienst Anwendung fanden. Im 14. und 15. Jahrh. kam der deutsche religiöse Gesang mehr und mehr in Schwung, so namentlich durch die weichen und innigen Lieder der Mystiker, die Bußgesänge der Geißelbrüder, durch Übersetzungen alter lateinischer Kirchenhymnen, auf welchem Gebiet der Benediktiner Hermann von Salzburg [* 4] und nach ihm der Priester Heinrich von Laufenberg vor andern thätig waren, endlich durch Umdichtung weltlicher Gesänge zu geistlichen Liedern.
Das eigentliche Kirchenlied, d. h. das geistliche Lied, das in der Kirche von der versammelten Gemeinde zu ihrer Erbauung gesungen wird und einen wesentlichen Bestandteil des evangelischen Gottesdienstes ausmacht, ist das eigenste Erzeugnis der ¶
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Reformation. Als Begründer desselben ist Martin Luther selbst zu bezeichnen, der die Bedeutung dieses Erbauungsmittels erkannte und bereits 1524 eine kleine, in den spätern Auflagen immer wachsende Sammlung solcher Lieder (darunter 37 von ihm selbst gedichtete) herausgab. Die namhaftesten andern Kirchenliederdichter jener Zeit waren: Paulus Speratus, Nikol. Decius, Erasmus Alberus, Burkard Waldis, Just. Jonas, Nikol. Herman, Wolfg. Musculus, Joh. Matthesius, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, Paul Eber, Nikol. Selnecker, Joh. Fischart, Barthol.
Ringwaldt, Phil. Nicolai, Val. Andreä, Hans Sachs u. a. Die ältern dieser evangelischen Lieder, die sich zunächst an das Vorbild Luthers hielten, sind von der reinsten religiösen Begeisterung und Glaubensgewißheit erfüllt und in einer Sprache abgefaßt, die in ihrer schlichten Hoheit und volkstümlichen Kraft [* 6] nie wieder erreicht worden ist. Gegen Ende des 16. und im 17. Jahrh. tritt im Kirchenlied das Dogma und konfessioneller Eifer schärfer hervor; doch erhielt es durch die Drangsale des Dreißigjährigen Kriegs einen neuen Aufschwung, der eine edle Subjektivität des religiösen Gefühls zum Ausdruck brachte und dabei dem Schwulst und der gelehrten Unnatur der schlesischen Dichterschulen gegenüber an den ältern volkstümlichen Formen zunächst noch festhielt.
Seinen Höhepunkt erreichte das Kirchenlied in dieser Zeit durch Paul Fleming und namentlich durch Paul Gerhard, denen zunächst Joh. Heermann, Simon Dach, [* 7] Heinr. Albert, Luise Henriette von Brandenburg [* 8] (Gemahlin des Großen Kurfürsten) und Georg Neumark an die Seite zu stellen sind. Außerdem sind erwähnenswert: Joh. Rist, Martin Rinckart, Just. Gesenius, Andr. Gryphius, M. Schirmer, Joh. Frunck, die Gräfin Amalia Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, die Landgräfin Anna Sophie von Hessen [* 9] u. a. Mit dem Ende des 17. Jahrh. wird dann die Form gekünstelt und spielend, und eine süßliche und tändelnde, in subjektivster Empfindung sich verlierende Richtung greift unter dem Einfluß des herrschenden Pietismus Platz, zu der die trockne Verständigkeit und orthodoxe Lehrhaftigkeit andrer Liederdichter in seltsamem Kontrast steht.
Jene pietistische Liederdichtung beschäftigt sich meist nur mit den Seelenzuständen der Frommen, die sie bis ins kleinlichste schildert. Aber wenn sich die Lieder aus dem Beginn dieser Periode, wie die von Löscher, Phil. Spener, E. Neumeister, B. Schmolck, Kasp. Schad, Tersteegen, noch durch wahre, wenn auch oft überschwenglich und sentimental ausgedrückte Herzensfrömmigkeit auszeichnen, so verfallen die der Spätern, wie Joach. Lang, Anast. Freylinghausen, Bogatzky u. a., ihrem ganzen Wesen nach in Tändelei und Geschmacklosigkeit.
In der Aufklärungsperiode des 18. Jahrh. treten uns zunächst Klopstock und Gellert als hervorragende Dichter geistlicher Lieder entgegen. Beide halten im wesentlichen noch an den alten Glaubenslehren fest, allein während die lebhafte Phantasie des erstern die Schranken des volkstümlichen Liedes nur selten einzuhalten weiß, macht sich bei Gellert die moralisierende und didaktische Richtung, welche die ganze Periode charakterisiert, schon stark bemerklich.
Mehr ist dies noch der Fall in den Liedern von J. A. ^[Johann Adolf] Schlegel, Cramer, Dietrich und Lavater, bei dem noch ein gewisses phantastisches Element unvermittelt neben nüchterner Lehrhaftigkeit vorwaltet. Einen Aufschwung erfuhr das geistliche Lied wieder durch die Belebung des religiösen Gefühls, die sich unter dem Einfluß der Romantik und infolge der Freiheitskriege im deutschen Volke kundgab. Hier verdienen zunächst die Lieder von Novalis. E. M. Arndt, v. Schenkendorf, Giesebrecht etc. Erwähnung, welche den Übergang zur geistlichen Lyrik unsrer Zeit bilden, als deren Hauptvertreter wir A. Knapp, Phil. Spitta, Luise Hensel, Viktor v. Strauß, [* 10] Karl Gerok und Julius Sturm namhaft machen.
Das Charakteristische dieser modernen geistlichen Lyrik liegt in dem Streben, die dem Lutherschen Kirchenlied eigentümlichen Vorzüge der Glaubensfreudigkeit und objektiven Heilsgewißheit mit der subjektivern Frömmigkeit und den ästhetischen Forderungen der Neuzeit in Einklang zu bringen. Hiermit steht auch das Bestreben im Zusammenhang, die alten, im Lauf der Zeit vielfach veränderten und entstellten Kirchenlieder, so weit thunlich, in der ursprünglichen Gestalt wieder einzubürgern, in welcher Richtung besonders Bunsen, Raumer, Stier, Knapp u. a. mit Maß und Geschmack thätig waren, während die Anhänger der kirchlichen Reaktion für das Alte ohne jegliche Veränderung eintraten (vgl. Gesangbuch).
Weniger günstig für das Kirchenlied entwickelte sich der Gottesdienst bei den Reformierten, bei welchen lange Zeit in der Kirche nur alttestamentliche Psalmen gesungen werden durften: in Frankreich und der französischen Schweiz [* 11] die von Goudimel in Musik gesetzten Psalmen Marots und Bezas, in Deutschland [* 12] ebendieselben nach der Übersetzung von Lobwasser (gest. 1583). Letztere blieben das einzige Gesangbuch der deutschen reformierten Gemeinden bis gegen Ende des 18. Jahrh., seit welcher Zeit sie sich meist des protestantischen Kirchenlieds bedienen.
Auch die Katholiken blieben schließlich nicht ohne Beteiligung an der auf dem Gebiet des Kirchenlieds entstandenen Bewegung. Um den Wirkungen des reformatorischen Gesanges zu begegnen, wurden auch von ihnen geistliche Liedersammlungen veranstaltet, in denen teils ältere Lieder mitgeteilt, teils ältere Strophen durch neu hinzugedichtete erweitert wurden, teils auch ganz neue Lieder Aufnahme fanden; sogar rein lutherische Gesänge gingen in diese Bücher über.
Der erste, welcher in dieser Richtung wirkte, war Michael Vehe (1573). Spätere und umfangreichere Sammlungen sind die von G. Witzel (1567) und von D. Greg. Corner (1625). Als Liederdichter der katholischen Kirche sind besonders Fr. v. Spee und Angelus Silesius (Joh. Scheffler), aus neuerer Zeit I. H. ^[Ignaz Heinrich] v. Wessenberg, Smets, Beda Weber und besonders M. v. Diepenbruck zu erwähnen.
Vgl. Hoffmann (von Fallersleben), Geschichte des deutschen Kirchenlieds bis auf Luthers Zeit (Berl. 1832; 3. Aufl., Hannov. 1861);
Wackernagel, Bibliographie zur Geschichte des deutschen Kirchenlieds im 16. Jahrhundert (Frankf. 1855);
Derselbe, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts (Leipz. 1864-77, 5 Bde.);
Koch, Geschichte des Kirchenlieds und
Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche (3. Aufl.,
Stuttg. 1866-76, 8 Bde.);
Fischer, Kirchenlieder-Lexikon (Gotha [* 13] 1878-79, 2 Bde.).