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"Captain Coronavirus" oder "Tropen-Trump". So bezeichnen Brasilianer ihren Präsidenten Jair Bolsonaro. Es könnten auch Titel des Dramas sein, das sich derzeit in Brasilien abspielt. Schweizer und Schweizerinnen, die dort leben, berichten.
Man kann nicht sagen, dass Jair Bolsonaro seit Beginn der Coronavirus-Krise ein Vorbild gewesen wäre. Zunächst war er sehr abwartend im Umgang mit der Pandemie und überliess es den Gouverneuren der Bundesstaaten, Massnahmen zu ergreifen, die er nun offen kritisiert. Mittlerweile entliess er bereits zwei Mal den Gesundheitsminister; und der Justizminister trat wegen Meinungsverschiedenheiten mit Bolsonaro im Umgang mit der Pandemie zurück.
Szenario nach amerikanischer Art
Wie Donald Trump in den USA, den Bolsonaro verehrt, spielte auch der brasilianische Präsident den Ernst der drohenden Krise zunächst herunter. Mehrmals hatte Bolsonaro die Erkrankung als "kleine Grippe" bezeichnet. Und Mitte März noch keine weitreichenden Massnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus angeordnet.
Angesichts dieser Untätigkeit des Präsidenten übernahmen die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten, die in Brasilien den politischen Verwaltungsrahmen bilden, schliesslich die Führung.
Im Bundesstaat Rio "sahen wir die Probleme bereits Anfang März kommen", sagt Marcio Folly, ein im Norden der Region lebender schweizerisch-brasilianischer Doppelbürger, zu swissinfo.ch. "Der Staat beschloss daher, Geschäfte, Schulen, Theater und Kinos zu schliessen. Ausserdem wurde das Tragen von Masken angeordnet."
Laut Folly wurden in seiner Umgebung zudem sieben Feldlazarette gebaut, aber "es fehlt an Ausrüstung. Was dazu führt, dass auch die Pflegenden krank werden und sterben. Es ist die Schlange, die sich in den Schwanz beisst".
Die Pensionäre Ana und André leben im Bundesstaat Minas Gerais. Auch dort rief der Gouverneur rasch den Ausnahmezustand aus und verhängte ähnliche Massnahmen sowie Ausgangsbeschränkungen und Social Distancing.
"Ich gehe sehr wenig nach draussen", sagt Ana. "Wenn überhaupt, geht mein Partner in die Stadt, zu meinem Schutz."
André sagt: "Zum Glück ergriffen einige Gouverneure ernsthafte Massnahmen, auch wenn sie etwas zu spät kamen". Er fügt an: "Der Kampf zwischen den Gouverneuren der Bundesstaaten und der Regierung ist derselbe, den man in den USA beobachten kann."
Wie US-Präsident Trump stellt Jair Bolsonaro die verfügten Massnahmen zur Eindämmung regelmässig öffentlich in Frage und lehnt das von verschiedenen Bundesstaaten verhängte Einfrieren nicht wesentlicher wirtschaftlicher Aktivitäten ab.
Am vergangenen "Dienstag erliess er ein Dekret, dass Coiffeure, Schönheitssalons und Fitnessstudios ihren Betrieb wieder aufnehmen dürfen", sagt Marcio Folly. "Die Staaten antworteten jedoch, dass sie dies nicht tun würden. Wir sind Zeugen eines ständigen Kampfs der Obrigkeiten."
Gesundheitliche und politische Krise
Am 18. Mai verzeichnete Brasilien offiziell 230'000 Fälle und überschritt die Schwelle von 15'000 Todesfällen. Die Zahlen schieben den 200-Millionen-Staat unter die Top 5 der weltweit am schwersten betroffenen Länder. Aber das Land verfügt nicht über die Mittel, um die gesamte Bevölkerung zu testen. Getestet werden nur Menschen, die in ein Spital eingeliefert werden.
Die Zahl der tatsächlich Infizierten dürfte daher viel höher sein: Eine Studie, die brasilianische Forscher am 6. Mai veröffentlichten, geht von rund 1,6 Millionen aus – fünfzehn Mal mehr als die offiziellen Zahlen.
Angesichts des Ausmasses dieser Gesundheitskrise stösst Jair Bolsonaros nachlässige Haltung zunehmend auf Widerstand. An der Spitze des Staates herrscht ein schlechtes Klima. Nachdem er schon die Mehrheit der Gouverneure gegen sich aufgebracht hat, kritisiert nun praktisch die gesamte politische Klasse die Massnahmen und die Haltung des Präsidenten. Einschliesslich der extremen Rechten.
Für Auslandschweizer André "gehören der Gouverneur und der Präfekt von Rio ebenfalls zur extremen Rechten, am Anfang waren sie für Jair Bolsonaro. Heute sind sie völlig anderer Meinung als er", sagt er.
Auch in der Bevölkerung wachsen unterdessen die Zweifel. "Einige unserer Bekannten waren bedingungslose Anhänger von Jair Bolsonaro. Heute haben selbst diese Leute eine ausgewogenere Meinung", sagen Ana und André. Ihnen zufolge "sind nur noch 35% der Brasilianerinnen und Brasilianer, aus allen sozialen Klassen, für den Präsidenten".
Auch Didier, ein Schweizer, der im kleinen Bundesstaat Alagoas im Osten des Landes lebt, redet unsanft von der politischen Klasse in Brasilien: "Hier sind die Politiker da, um das Volk zu berauben, nicht um zu regieren. Nach dem Debakel der Arbeitspartei, die absolut nichts für das Land getan hat, schien mit Jair Bolsonaro ein neuer Wind zu wehen. Nun werden sich die Menschen bewusst, dass es keinen Unterschied gibt."
Die Wirtschaft leidet
Die Regierung plant, 147 Milliarden Reais (etwas mehr als 24 Milliarden Schweizer Franken) zur Unterstützung der Wirtschaft bereitzustellen, aber Didier weiss, "dass wir als Selbstständige keine Hilfe von der Regierung erhalten werden". In seiner Pousada, einem kleinen Hotel, beschäftigt er acht Personen. "Sie erhalten eine Sozialhilfe von 600 Reais pro Monat, und wir ergänzen diese mit 400."
"Wir haben das Glück, mit wenig leben zu können, wir haben keine Schulden und können sechs bis acht Monate ohne Kundschaft auskommen. Aber hier haben die Menschen keine Ersparnisse, sie leben von Tag zu Tag. Dies wird bald grosse Probleme verursachen", sagt Didier weiter.
André wiederum ist "sehr besorgt über die Situation in Sao Paulo, wo viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben". Er ist skeptisch gegenüber den von der Regierung angekündigten Sozialleistungen.
Vor allem die Hausangestellten tragen die Hauptlast der Krise. In Brasilien gibt es mehr als sechs Millionen Hausangestellte. Einige konnten ihre Arbeitsplätze behalten, doch die meisten wurden praktisch über Nacht entlassen.
Diese unsicheren Arbeitsplätze sind häufig von alleinerziehenden Müttern und Menschen aus den Favelas besetzt. Und diese sind nun konfrontiert mit Armut und erhöhter Ansteckungsgefahr. "In den Favelas leben die Menschen in grosser Armut dicht aufeinander. Dazu kommt, dass die Menschen in Brasilien im Umgang sehr körperlich sind, was auch nicht hilft", sagt Folly.
Keine Atempause für Amazonas-Regenwald
Der Universitätsprofessor für Mikrobiologie kommt noch auf einen weiteren Aspekt der Pandemie zu sprechen: "Für den Regenwald und die indigenen Völker ist diese Krise eine Katastrophe". Nach Angaben des Satelliten-Warnsystems des brasilianischen Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE) nahm die Entwaldung im März 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat um schätzungsweise 30% zu.
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Seit Beginn der Pandemie hat die Umweltpolizei ihre Patrouillen auf ein striktes Minimum reduziert. Offiziell heisst es, dies diene dem Schutz der Einsatzkräfte. Nach Ansicht von Nichtregierungs-Organisationen geht es dabei jedoch eher um ein Manöver der klimaskeptischen Regierung, um die Ausbeutung des Regenwaldes zu erleichtern.
In Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas im äussersten Nordwesten des Landes, richtete der Bürgermeister unter Tränen einen verzweifelten Appell an Greta Thunberg: "Wir brauchen Hilfe. Wir müssen das Leben der Beschützer des Waldes retten, müssen sie vor dem Coronavirus retten."
"In diesen abgelegenen Gebieten sind die Gesundheitsdienste völlig überfordert, und die Krankheit stellt eine enorme Bedrohung für die indigene Bevölkerung dar", warnt der Mikrobiologe Folly.
>> Siehe auch den Appell des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado für den Schutz der indigenen Völker.
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