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Weg-Wort vom 14. Mai 2020
Eine Weile lang spielte ich das Online Computerspiel Slither.io. Über 500 Personen steuern darin je einen farbigen Wurm, der anfangs klein ist, sich pausenlos auf dem Spielfeld herum schlängelt und wächst, wenn er kleine Punkte schluckt. Wer mit dem Kopf in einen anderen hineinfährt, muss wieder von vorne anfangen; sein Wurm löst sich in Punkte auf, die von den anderen gefressen werden. Ziel ist es, möglichst gross zu werden und unter den zehn längsten aufgelistet zu werden.
Beim Spielen machte ich interessante Beobachtungen. Schnell begann ich, andere Würmer einzuteilen in friedliche, welche Konfrontationen vermeiden und nur nach den Punkten suchen, und in aggressive, die es darauf anlegen, dass mein Wurm in sie hineinfährt. Ich bemerkte bald die beiden Seiten von Ausweichen und Angreifen in mir selbst, und wie ich Vergnügen daran entwickelte, andere Würmer auszutricksen, um mir ihre Punkte einzuverleiben. Als ich später versuchte, einen attraktiven Ausschnitt des Bildschirms zur Illustration festzuhalten, war mir dies kaum möglich. Zu dominant zog der Kampf ums Überleben immer wieder meine Aufmerksamkeit auf sich.
Das Online-Spiel verdeutlichte mir, wie das sogenannte Reptilienhirn funktioniert: schnelles Beurteilen von Gefahr, von Freund oder Feind, und unverzügliches Reagieren mit Flucht oder Angriff. Um aus dem Automatismus herauszukommen, braucht es eine Unterbrechung der Bedrohung und Sicherheit. Wer ständig um seine Existenz bangen muss, wird kaum anderes als Misstrauen, Flucht und Kampf entwickeln können. Für jede Gesellschaft sollte es Pflicht sein dafür zu sorgen, dass alle Menschen sich sicher und getragen genug fühlen, damit sie das entwickeln können, was Menschsein ausmacht.