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Vortrag im Pestalozziverein Wädenswil, 1977 von Peter Ziegler
Schon ein Vorfahre Heinrich Pestalozzis hielt sich in Wädenswil auf
Im Jahre 1550 kam ein 16-jähriger Jüngling aus Chiavenna nach Zürich, um hier die deutsche Sprache zu erlernen und Einblick zu erhalten in die Tätigkeit eines Kaufmanns. Der junge Mann hiess Johann Anton Pestalozzi, sein neuer Lehrmeister, dessen Sohn zur gleichen Zeit im Austausch bei den Pestalozzis in Oberitalien weilte, war Bernhard von Cham, einer der reichsten Zürcher seiner Zeit. Als Mitglied des Kleinen Rates hatte man ihn zum ersten Landvogt von Wädenswil gewählt. Als obrigkeitlicher Vertreter verwaltete er die Herrschaft Wädenswil, die Zürich ein Jahr zuvor vom Johanniterorden gekauft und seinem Stadtstaat angegliedert hatte. Mit der landvögtlichen Familie hielt sich auch Johann Anton Pestalozzi in der Burg ob dem Reidholz auf, denn die neue Residenz für den Zürcher Landvogt, das Schloss südöstlich des Dorfes Wädenswil, war erst im Bau. Es konnte 1555 bezogen werden.
Der junge Pestalozzi empfing also seine ersten Eindrücke von der deutschsprachigen Kulturwelt zu einem guten Teil in Wädenswil und am Zürichsee. Und es scheint ihm in dieser Gegend so gut gefallen zu haben, dass er nicht mehr über die Berge zurückkehrte, sondern in Zürich blieb und sich dort 1567 ins Stadtbürgerrecht aufnehmen liess.
Der Chirurg Pestalozzi nimmt sich eine Wädenswilerin zur Frau
Sechs Generationen später hatte ein Angehöriger der Zürcher Familie Pestalozzi wieder Beziehungen zu Wädenswil. Es war dies der Chirurg Johann Baptist Pestalozzi (1718–1751), der sich 1742 mit der Wädenswilerin Susanna Hotz (1720–1796) verheiratete. Sie war die Tochter des Wädenswiler Chirurgen Hans Jakob Hatz (1653–1732), und zwei ihrer Brüder übten auch den Arztberuf aus: Hans Heinrich Hotz-Blattmann (1701–1762) in Wädenswil sowie Johannes Hotz-Gessner (1705–1776) in Richterswil, der Vater des berühmten Dr. Johannes Hotz-Pfenninger.
Der Ehe des Johann Baptist Pestalozzi-Hotz entspross 1746 Heinrich Pestalozzi. 1751 verlor er den Vater und wuchs nun als Halbwaise auf, betreut von der Mutter und der Magd Babeli Schmid. Weil die Witwe Pestalozzi ihrer ländlichen Herkunft wegen in Zürich häufig Zurücksetzung und Kränkung seitens bornierter Mitbürger erfahren musste, blieb sie, obwohl Glied eines regimentsfähigen Geschlechtes geworden, stets ihrer Heimat droben am Zürichsee verpflichtet, wo sie nach dem frühen Tod ihres Gatten bei Verwandten und Bekannten in Wädenswil und Richterswil freundliche Aufnahme und Trost und Hilfe fand.
Der junge Heinrich Pestalozzi bei seinem Verwandten in Wädenswil und Richterswil
Heinrich Pestalozzi hielt sich in seiner Jugend und Studienzeit wiederholt bei seinen mütterlichen Verwandten in der Herrschaft Wädenswil auf. Besonders gross war die Beziehung zum Onkel Johannes Hotz (1705–1776) und seinem Sohne, dem Vetter Johannes Hotz (1734– 1801). Bei ihnen fand der Jüngling im Herbst 1765 Aufnahme, nachdem ihn gesundheitliche Störungen zum Austritt aus dem Carolinum, der Zürcher Mittel- und Hochschule, gezwungen hatten. Der 20-jährige Pestalozzi begleitete die Ärzte Hotz auf ihren Gängen zu Patienten, durchstreifte mit ihnen das zürcherisch-schwyzerische Grenzgebiet und lernte dabei dessen Bewohner kennen und schätzen.
Hier, im Bereich der Herrschaft Wädenswil, dürfte sich Pestalozzi unter dem Einfluss seiner Verwandten mütterlicherseits auch endgültig dazu entschlossen haben, sich der Landwirtschaft zu verschreiben, der er sich bisher in den Ferien besonders gewidmet hatte. Pestalozzi schätzte sich glücklich, dass der junge Dr. Hotz von seinem Freunde Dr. Heinrich Sulzer in Winterthur Angaben über die Aussichten und Möglichkeiten der Krappkultur bekommen konnte. Er entschied sich, seine Kulturpläne in die Tat umzusetzen und machte 1767/68 bei Johann Rudolf Tschiffeli in Kirchberg im Emmental eine landwirtschaftliche Lehre. 1769 nahm er im aargauischen Mülligen Wohnsitz und tätigte Landkäufe auf dem Birrfeld.
Brautwerbung mit Hilfe des Onkels Hotz von Richterswil
Schon 1767 hatte Heinrich Pestalozzi seine spätere Frau kennengelernt, die Stadtzürcherin Anna Schulthess (1738–1815), Tochter eines Baumwollindustriellen, Mit der Heirat wollte es aber nicht vorwärtsgehen. Waren die Eltern Schulthess günstiger gestimmt; als sich Heinrich Pestalozzi auch zur Baumwollspinnerei hingezogen fühlte und gar erwog, selber mit Rohbaumwolle zu handeln? Am 11. April 1769 teilte er seiner Braut mit, er gehe nach Wädenswil und Richterswil, um dort verschiedenes in der Baumwollspinnerei zu spekulieren. Und die Braut schrieb zurück, Papa werde ihm alle Anleitung geben zum Baumwollkauf.
Um die gleiche Zeit griff auch Dr. Hotz in die harzende Heiratsangelegenheit ein. Er sprach in Zürich vor und lud Anna Schulthess im April 1769 ins Doktorhaus nach Richterswil ein. Sie durfte kommen und auch Pestalozzi tauchte dort auf. Am: 30. September 1769 wurde Hochzeit gehalten. Übers Jahr wurde das einzige Kind Jakob geboren; wieder ein Jahr später hielt die junge Familie Pestalozzi Einzug auf dem Neuhof bei Birr.
Wädenswiler Kinder in Pestalozzis Armenanstalt auf dem Neuhof
Die Zeit für den Neubeginn war ungünstig. Missernten und Teuerung machten Pestalozzi wie vielen seiner Zeitgenossen zu schaffen. 1773 brach die landwirtschaftliche Unternehmung zusammen. Aber der initiative Pestalozzi liesst sich nicht entmutigen. Noch im gleichen Jahr eröffnete er auf dem Neuhof eine Armenanstalt. Er nahm etwa ein halbes Dutzend arme Kinder auf und erzog sie, indem er sie mit Spinnerei, Weberei und landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut machte. 1774/75 lebten in Pestalozzis Haushalt im Birrfeld auch zwei Fabriklerkinder aus Wädenswil: Susanne Brennwald und Rudolf Teiler. Wie sie mit Pestalozzi in Kontakt gekommen waren, entzieht sich unserer Kenntnis. Hatten die Eltern, der Doktor Hotz oder der Pfarrer die Verbindung zu Heinrich Pestalozzi gesucht?
Auch Pestalozzis Armenanstalt war kein langer Erfolg beschieden. Selbst grössere Landverkäufe brachten keine Rettung mehr. 1780 wurde die Armenanstalt auf dem Neuhof aufgelöst. Durch den Zusammenbruch der Anstalt kamen auch einige Geldgeber zu Schaden. Namentlich die Beziehungen zu den Verwandten der Frau wurden getrübt. Pestalozzi blieb mit seiner Familie weiter auf dem Neuhof wohnen, wurde nun als Schriftsteller tätig, vereinsamte dort mehr und mehr und verfiel in Depressionen.
Dr. Hotz steht Pestalozzi bei und führt ihn im Schloss Wädenswil ein
Dr. Hotz in Richterswil war dem kranken, enttäuschten Heinrich Pestalozzi ein verständnisvoller Berater. Wiederholt lud er ihn nach Richterswil ins Doktorhaus ein. Dr. Johannes Hotz war es auch, der Pestalozzi im Schloss Wädenswil einführte, wo seit 1777 Hans Konrad Escher (1743–1814) als Landvogt residierte. Wiederholt las Pestalozzi ums Jahr 1781 im Kreis der Escher und weiterer Zuhörer aus dem ersten Teil seiner soeben im Druck erschienenen Dorfgeschichte «Lienhard und Gertrud» vor. Es scheint, dass er damit etwelchen Erfolg geerntet hat. Noch 1817 schwärmte eine Tochter Eschers von den Stunden, da Pestalozzi in der Stube des Landvogteischlosses aus seinem Werke las.
Man wird sich in Wädenswi1 schon deshalb für «Lienhard und Gertrud» interessiert haben, weil darin viele Beobachtungen verarbeitet sind, die Pestalozzi in der Heimat seiner Mutter gemacht hat. Bonnal trägt deutlich Wädenswiler Züge. Es ist nicht nur zweigeteilt in Dorf und Berg; auch Bodengestalt, Gliederung der dörflichen Einheit, die Leutholdin – sie alle passen gut nach Wädenswil oder «Wäddenswil», wie Pestalozzi selber in seinen Briefen schreibt, wie ein Einheimischer das «d» verstärkend (Wättischwil).
Dem literarischen Kreis im Schloss Wädenswil gehörte auch der Landschreiber der Herrschaft an, der Stadtzürcher Hans Konrad Keller (1741–1802), ein Studienfreund Lavaters, mit dem Pestalozzi auch bekannt war.
Im Jahre 1783 endete die Amtszeit von Hans Konrad Escher in Wädenswil. Damit löste sich offenbar auch der literarische Zirkel auf. Während der Regierungszeit des nachfolgenden Landvogtes Hans Kaspar von Orell (1741–1800) hören wir nichts mehr von Beziehungen Pestalozzis zum Schloss Wädenswil.
Pestalozzi verwaltet das Doktorhaus in Richterswil und nimmt Anteil am Stäfner Handel
Die Kontakte zur Herrschaft Wädenswil brachen aber deshalb nicht ab. Weiter tauschte Pestalozzi mit seinem Vetter Johannes Hotz-Pfenninger in Richterswil philosophische Gedanken aus, und ganz selbstverständlich stand man sich Red und Antwort in fachlichen Dingen wie in aller persönlichsten Angelegenheiten. Als sich Johannes Hotz im Sommer 1793 entschloss, für einige Monate ins Welschland zu gehen, übertrug er seinem Verwandten vertrauensvoll die Verwaltung der Liegenschaften in Richterswil. Pestalozzi sagte zu und kam am 9. September 1793 mit der Magd Lisabeth Näf in Richterswil an.
Sein Erscheinen wurde allerdings im Schloss und in der Kanzlei Wädenswil nicht gerne gesehen. Denn in den massgebenden regierenden Kreisen Zürichs war Pestalozzi, den die Nationalversammlung 1792 zum französischen Ehrenbürger ernannt hatte, bereits suspekt und wurde «seiner bekannten Denkungsart» wegen «einer verschärften Attention» würdig erachtet. Während seines fünfmonatigen Richterswiler Aufenthaltes befasste sich der Verwalter des Doktorhauses jedoch nicht in erster Linie mit politischen Fragen. Er benützte die langersehnten Mussestunden vielmehr, um Bücher aus der grossen Bibliothek von Dr. Hotz zu lesen und um philosophische Probleme zu wälzen. Die eine und andere Schrift, die er auf dem Neuhof begonnen hatte, wurde in Richterswil fertig.
Wie lange Pestalozzi seinen Aufenthalt am Zürichsee ins Jahr 1794 hinein ausdehnte, weiss man nicht genau. Dr. Hotz wurde nach seiner Rückkehr aus dem Welschland, die sich zeitlich nicht festlegen lässt, zu Unrecht politischen Anfeindungen ausgesetzt. Er gab daher noch im Jahre 1794 seine Praxis in Richterswil auf und zog zu einer verheirateten Tochter nach Aubonne, dann nach Frankfurt am Main. Johannes Hotz kehrte nie mehr in die Schweiz zurück. Seine Liegenschaften liess er 1797 an einen entfernten Verwandten verkaufen. Damit hatte Pestalozzi im Bereich des Zürichsees seinen besten Freund, seine stärkste Stütze, verloren.
Mit dem Aufenthalt in Richterswil mag es zusammenhängen, dass Heinrich Pestalozzi bewegten Anteil nahm am Stäfner Handel von 1794/95. Dr. Hotzens Frau war eine Stäfnerin, und die Beziehungen über den See waren in jenen Tagen recht rege. Pestalozzi, der selbst viele Enttäuschungen erlebt hatte, brachte aber auch Verständnis auf für die enttäuschten Seeanwohner, die sich für ihre alten Rechte wehrten. Aufmerksam verfolgte er als engagierter Zeitgenosse die Ereignisse am See. Ja, er schaltete sich sogar mit Flugschriften in die Auseinandersetzungen des Memorial- und Stäfner Handels ein. Dabei wollte er eine Art Vermittlerrolle einnehmen, erreichte aber im gesamten nichts.
Wädenswiler und Richterswiler Schüler in Pestalozzis Erziehungsinstituten
Nachdem Heinrich Pestalozzi 1799 die Armen- und Waisenanstalt in Stans geleitet und als Lehrer an Burgdorfer Schulen gewirkt hatte, eröffnete er im Jahre 1800 auf Schloss Burgdorf ein Erziehungsinstitut, das er 1804 ins ehemalige Johanniterstift Münchenbuchsee verlegte. Im gleichen Jahr eröf'fnete Pestalozzi ein Institut im Schloss Yverdon und übersiedelte hierher 1805 auch die Anstalt.
Während dieser Jahre des Aufbaus kam Pestalozzi immer wieder in Kontakt mit Leuten aus Wädenswil und Richterswil. Schulmeisteradjunkt Richard von Richterswil, der 1803 den Weg nach Burgdorf gefunden hatte, blieb auch in der Yverdoner Zeit bei Pestalozzi und wirkte als Hilfslehrer am dortigen Institut. Christoph Baumann von Richterswil, Schüler einer oberen Klasse, unterrichtete erst in Burgdorf, dann in Münchenbuchsee als Hilfslehrer auf der Unterstufe. Vom März bis Oktober 1805 studierte auch Schullehrer Johann Jakob Schneider von Wädenswil auf die freundliche Einladung Pestalozzis hin, in Yverdon dessen neue Unterrichtsmethode. Zu den Anhängern Heinrich Pestalozzis sind sodann der spätere Wädenswiler Lehrer J.J. Reithaar (1805–1857) zu zählen und der von Wädenswil gebürtige Johann Jakob Rusterholz (1760–1806); der auf dem Rietli in Unterstrass bei Zürich die amtierenden Lehrer in die neuzeitliche pestalozzische Lehrmethode einführte.
In den Pestalozzi-Instituten in Burgdorf, Münchenbuchsee und Yverdon wurden vorübergehend auch Söhne und Töchter aus angesehenen Wädenswiler und Richterswiler Familien erzogen. Im Winter 1804/05 erhielten die Brüder Christoph (1790–1815) und Hans Jakob Lüthi (1795–1840), die Söhne des Weissgerbers und Gemeindeammans Konrad Lüthi in Richterswil, als zahlende Pensionäre Unterricht in Münchenbuchsee und im Jahre 1805 in Yverdon. Zu den Schülern der Yverdoner Zeit zählten sodann der Wädenswiler Pfarrerssohn Johann Heinrich Bruch (1801–1855), nachmals Seminardirektor in Küsnacht, und seine drei Schwestern, ferner Johannes Blattmann (1799–1835) in der «Hoffnung» zu Wädenswil: ein Enkel von Jakob Blattmann-Hotz (1738–1822), eines entfernten Verwandten Pestalozzis und Göttibuben von Dr. Johannes Hotz-Gessner sel. von Richterswil.
Aber auch die langjährige Gouvernante des Pestalozzi-Instituts stammte aus Wädenswil. Jungfer Ursula Hotz (1774–1828), Tochter des Chirurgen Johannes Hotz-Hüni (1740–1803) im «Luft», eines Vetters von Pestalozzi, und ein Gottenkind von Dr. Johannes Hotz-Pfenninger in Richterswil, pflegte eifrigen Kontakt mit ihren Verwandten in Wädenswil und konnte Pestalozzi so auf dem Laufenden halten über Ereignisse in den beiden Seegemeinden, mit deren Schicksal auch er sich verbunden fühlte.
Die «Pestaluzzische Lehranstalt» in Wädenswil, gegründet 1805
In Wädenswil, wo man schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Musik und Theater spielte, wo es seit 1790 eine Lesegesellschaft gab und wo die Kirche und viele Bürgerhäuser die Wohlhabenheit und den Kunstsinn der Einwohner bezeugten, interessierten sich aufgeschlossene Fabrikanten und Politiker auch für Schul- und Erziehungsfragen. Diese Leute waren zum grossen Teil Mitglieder der Lesegesellschaft und Freunde oder entfernte Verwandte Pestalozzis. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie im Herbst 1805 durch die Gründung einer privaten Pestalozzi-Schule in Wädenswil gerade die Ideen dieses Erziehers zu verwirklichen suchten. Wohl unter der Mithilfe von Pestalozzis Mitarbeiter Johann Niederer, der im Oktober 1805 in Wädenswil weilte und dort Material sammelte für eine Pestalozzi-Biographie, fassten am 14. Oktober 1805 neun Wädenswiler das «Project zu Errichtung einer Pestaluzzischen Lehranstalt» in Worte. Garanten der neuen Elementarschule waren folgende «Hausväter»: Hauptmann Johannes Blattmann (1771–1854) zur «Hoffnung», Metzger Johannes Theiler-Hauser (1774–1847), Geschworener Jakob Diezinger (1757–1829) zur «Reblaube», Heinrich Hauser beim «Hirschen», Johannes Hauser, Kaspar Richard (1771–1842), Arzt in Wädenswil; Gerber Johannes Hauser (1776–1841), nachmals zum «Friedberg»; Gemeindeammann Jakob Blattmann (1762–1844), Weinschenk in der Eidmatt; Johannes Diezinger (1776–1835) im Luft, Gründer und langjähriger Leiter der Lesegesellschaft.
An die neue Privatschule der Primarstufe wurde der Wädenswiler Schulmeister Johann Jakob Schneider berufen, der in Yverdon ein halbes Jahr die Pestalozzische Lehrmethode studiert hatte. Schneider; über den Pestalozzi anfangs September 1805 an Pfarrer Paul Philipp Bruch geschrieben hatte, er sei tätig und begreife die Methode gut, stand der neuen Schule seiner Heimatgemeinde mit Freude und Begeisterung vor und konnte offenbar Erfolg verzeichnen. Als sich Heinrich Pestalozzi im Herbst 1806 in Yverdon freimachen und auf den Neuhof und nach Zürich reisen konnte, da besuchte er auch die seinen Namen tragende Lehranstalt in Wädenswil. Der Schulbesuch bereitete ihm tiefe Genugtuung, Sichtlich beeindruckt schrieb Pestalozzi an seine Mitarbeiter in Yverdon: «In Wäddensweil in der Schneidersehen Anstalt, habe ich das Ziel meiner Hoffnungen erfüllt geglaubt und zu mir selbst gesagt: «Nun darfst du nichts weiter mehr hoffen.»
Die Wädenswiler allerdings steckten ihre Ziele höher. Sie gliederten der Elementarschule rasch eine Oberstufe an, in welcher Andreas Fierz aus Männedorf nach Pestalozzischer Lehrmethode Französisch und Italienisch lehrte und daneben jene Disziplinen erteilte, die man notwendig hielt für kaufmännische Betätigung und als Grundlage für wissenschaft1iches Studium, Im Frühjahr 1809 zählten die beiden privaten Pestalozzischulen von Wädenswil rund hundert Zöglinge. Unter ihnen befanden sich auch einige Auswärtige, die wesentlich dazu beitrugen, dass Wädenswil weitherum bekannt wurde als Ort der Aufgeschlossenheit für alle Zeitfragen.
Warum hatte man Pestalozzis neue Methode, welche Kopf, Herz und Hand gleichermassen förderte, nicht auch an der Wädenswiler Dorfschule eingeführt? Pestalozzi schrieb darüber am 29. Oktober 1805 an Professor Schulthess in Zürich; «Das Übel steckt in der ungeheuren Zertrennung des Dorfs in zwei Partheyen». Aber nicht Schulfragen waren der Grund der Spaltung, sondern politische Auseinandersetzungen als Folge des Bockenkrieges von 1804.
Johann Heinrich Pestalozzi, (1746-1827).
Pestalozzis Enkel Gottlieb macht in Wädenswil eine Gerberlehre
An Ostern 1814 verliess der 17-jährige Gottlieb Pestalozzi (1797–1863) die Erziehungsanstalt seines berühmten Grossvaters in Yverdon, um in der bekannten Gerberei Hauser in Wädenswil seine Lehrstelle anzutreten. Schon am 17. Juni erhielt Gottlieb Besuch von seinem Vormund und der Grossmutter Anna Pestalozzi-Schulthess. Zwei Tage darauf schilderte Frau Pestalozzi von Zürich aus ihrem Manne all die Eindrucke, die sie in Wädenswil empfangen hatte und betonte, dass sie seit langem keine so grosse Freude mehr empfunden habe, wie beim Besuch in der Gerberei Hauser.
«Unser Gottlieb ist an Leib und Seele versorget», schrieb die Grossmutter, «denn noch nie in meinem Leben habe ich eine solche Haushaltung von F1eiss, Ordnung und Anstand zu einem solchen Berufe beisammen gesehen. Als wir angekommen, kam zuerst Gottlieb in seinem Arbeitsgerust, die Ärmel aufgestutzt und sein Fürtuch, auf mich zu und umarmte mich mit Tränen, dann die Hausfrau, die mich ebenso freundschaftlich umarmte, als hätten wir einander schon Jahre lang gekannt und nannte mich „liebe Grossmutter“, dann der sanfte, verständige Hausherr, dann sieben Kinder von 14 bis 2 Jahren, alles reinlich, aber häuslich angezogen und führten uns in eine schön möblierte Stube, freuten sich ohne Mass. Die erste Minute aber war‘s , dass sie mir über Gottlieb alles Gute sagten, und wie sie so sehr mit ihm zufrieden, wie er seine Sachen so wohl zu ihrer Zufriedenheit thue, und wir sollten versichert sein, dass sie ihn wie ihre eigenen Kinder lieben, denn er folge ihnen, was sie ihm zu seinem Nutzen sagen. Nach dem Essen besahen wir ihre Häuser alle, die wie Paläste so gross und von unten bis oben mit Rinden angefüllt; alles so ordentlich. Zum Nachtisch kam dann der Werkführer, Heussi, auch in seinem Gerbegewand, und bestätigte von Gottlieb das nämliche und wie er ihn so lieb habe. Über alles nahm mich Gottlieb allein und sagte: «Du glaubst nicht, wie mir so wohl. Das Arbeiten ist mir leicht. Der Werkmeister, wenn ich etwas nicht recht mache, fährt mir mit dem Arm über die Achsel und sagt: «Du hast gefehlt!» – Willst Du auch meinen Kasten sehen? Mei, ich muss alles ordent1ich ausputzen und zusammenlegen. Die Frau schaut alle Wochen zweimal, wie ich es halte, und tadelt und rühmt mich, wo nötig ...»
Drei Schicksalsschläge trafen Gottlieb Pestalozzi während seiner Lehrzeit in der Gerberei Hauser gar hart. Noch 1814 verlor er seine Mutter und wurde dadurch Vollwaise. Am Pfingstmontag 1815 starb Frau Hauser-Steffan, seine gütige Pf'legemutter, und im Dezember 1815 trug man die Grossmutter, Anna Pestalozzi-Schulthess, zur Grabe; zu welcher der Enkel ein ausgesprochen herzliches Verhältnis gehabt hatte. Sie hatte ihn besser verstanden als der Grossvater, dessen Arbeit fast nur noch dem guten Ruf seines Instituts galt.
Am 8. April 1816 kam aber auch Heinrich Pestalozzi nach Wädenswil, um seinen Enkel Gottlieb zu besuchen, Bei dieser Gelegenheit dürfte der Erzieher erfahren haben, dass der gesellige Kreis einflussreicher Wädenswiler, die Donnerstag-Gesellschaft, vor kurzem die «Errichtung einer wohltätigen zinstragenden Ersparungskassa» beschlossen hatte.
Sparkasse und Armenhaus – zwei gemeinnützige Werke im Sinne Pestalozzis
Die Gründung einer Sparkasse war etwas, das ganz im Sinne Pestalozzis lag. Schon immer hatte er ja nach Mitteln und Wegen gesucht, wie sich für die Arbeiterschaft der Fabrikgegenden ein Ausgleich schaffen liesse zwischen dem guten Verdienst der Konjunkturtage und dem schlechten der Arbeitskrise. Just im Monat April 1816, da sich Pestalozzi in Wädenswil aufhielt, wurde das Gründungsprojekt durch den Druck bekannt gemacht und von Pfarrer Paul Philipp Bruch, dem Freund Pestalozzis, «in einer passenden Predigt der Gemeinde zur Teilnahm anempfohlen».
Nur kurze Zeit später wurde in Wädenswil ein weiterer Schritt aufbauender Fürsorge getan. Im September 1816 beschloss man, dem Gassenbettel beizukommen, indem allen «würdigen und verdienstlosen Armen» einmal täglich eine gute Suppe ausgeteilt wurde. Vom 19. September 1816 bis zum 10. April 1817 gab man so 33‘171 Suppenportionen aus. Nach Ostern 1817 traten an die Stelle der Suppe Erdäpfel.
Zu Teuerung und Arbeitslosigkeit kam in jenen Monaten Misswachs, und damit verschlimmerte sich die Gesamtsituation auch in Wädenswil. Man sah ein, dass der Not auf dem Wege einzelner Linderungsaktionen nicht mehr beizukommen war. Darum entschloss man sich zur Errichtung eines Armen- und Erziehungshauses, das mit reichem Grundbesitz ausgestattet und weitgehend auf der Selbstversorgung basieren sollte, Mit der Eröffnung des Armenhauses am Plätzli im Dezember 1818 hatte Wädenswil eine weitere Forderung Pestalozzis verwirklicht. In seinem Sinne war es auch, dass man 1820 im Armenhaus neben dem Weben das nicht ortsübliche Strohflechten einführte.
Pestalozzi gerät in Vergessenheit
Genau wie Pestalozzi alt wurde und seine Rüstigkeit verlor, so alterten auch seine Verwandten und Bekannten in Wädenswil. Der Kreis der dem Erzieher zugetanen Altersgenossen lichtete sich mehr und mehr und verlor damit auch in Wädensvdl an Einfluss und Bedeutung. Auch Pestalozzis Enkel hielt sich seit dem Herbst 1816 nicht mehr in der Gemeinde auf. Die Streitigkeiten zwischen Pestalozzi und seinen Mitarbeitern Niederer und Schmid und die Schliessung der Anstalt in Yverdon im Jahre 1825 hatten sich auch in Wädenswil da und dort ungut ausgewirkt, namentlich bei den ehemaligen Pesta1ozzi-Schülern. Auf Grund dieser Entwicklung rief wohl der Tod Pestalozzis im Jahre 1827 weder in Wädenswil noch in Richterswil einer Erinnerungsfeier.
12. Januar 1846: Wädenswil feiert den hundertsten Geburtstag Pestalozzis
1845 regte die Zürcher Schulsynode an, aus Anlass des zweihundertsten Geburtstages von Heinrich Pestalozzi sollten Feiern durchgeführt werden. Eine Kommission von Mitgliedern der Lesegesellschaft prüfte die Frage, ob auch in Wädenswil ein solcher Gedenktag organisiert werden solle, fand dann aber, die Zeit sei nicht geeignet, um Grossartiges zu leisten.
Da griff der Pfarrer Friedrich Häfeli die Angelegenheit auf und erwirkte, dass die Gemeindeschulpflege am 12. Januar 1846 eine Gedenkfeier für Pestalozzi veranstaltete. Daran nahmen sämtliche Schüler aus dem Dorf, von Langrüti, Stocken und Ort teil, insgesamt gegen 1100 Kinder. Unter Glockengeläute zog man um halb zehn Uhr vom Dorfschulhaus in der Eidmatt zur Kirche hinüber, wo sich auch viele Erwachsene eingefunden hatten. Nach der Eröffnungsrede von Pfarrer Häfeli wurde gesungen, dann zeichnete Johann Jakob Heer, Leiter des Knabeninstitutes im Freihof Wädenswil, das Lehensbild Pestalozzis. Hierauf verglich Sekundarlehrer J. C. Walter das Schulwesen vor Pestalozzi mit dessen neuer Erziehungsauffassung. Kantonsrat Heinrich Hauser würdigte hernach Pestalozzis Wirken in Stans. Das Schlusswort hatte wiederum Pfarrer Häfeli, der besonders die Kollekte empfahl, mit deren Ertrag man Winterkleider für arme Kinder kaufen wollte.
Die Gründung des Pestalozzi-Vereins
Beim Mittagessen im Gemeindehaus Sonne regte Heinrich Hauser zur Treu – Gerber, Schulpräsident und Kantonsrat, die Gründung eines Fürsorgevereins an, der sich in erster Linie des bedürftigen Schulkindes annehmen sollte. Schülerinnen und Schüler von Wädenswil sollten auf dem Schulweg auch dann warme Winterkleider tragen können, wenn ihre Väter wegen ungünstiger Wirtschaftsverhältnisse keine neuen Kleider anschaffen konnten.
Schon am Tage nach der Pestalozzifeier trat ein Ausschuss im Armenhaus zu einer ersten Sitzung zusammen. Man beschloss, sich von den Lehrern Verzeichnisse der dürftigst gekleideten Kinder geben zu lassen. Am Vormittag des 15. Januars 1846 lagen diese Listen vor; bereits am Nachmittag teilte man die ersten Gaben aus: 18 Paar Schuhe und 19 Paar Strümpfe. Am 17. Januar erschien im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» ein Inserat, durch welches die Bewohner der Gemeinde aufgefordert wurden, ausgetragene, aber noch verwendbare K1eider von Kindern und Erwachsenen sowie Kinderschuhe bei einem der Komissionsmitglieder abzugeben, damit sie für bedürftige Kinder hergerichtet werden konnten. Und am 7. März 1846 teilte der Ausschuss, ebenfalls durch Inserat in der Lokalzeitung, mit, man könne sich in die vom Taglöhner Hauser herumgetragene Liste einschreiben und so Mitglied einer neuen Fürsorgeinstitution werden. Nachdem sich 316 Männer und Frauen aus Wädenswil eingetragen hatten, fand am 22. März 1846 die Gründungsversammlung des «Pestalozzi-Hülfenrereins» statt. Man wählte einen Vorstand und genehmigte die Statuten, welche zur Erinnerung an Pestalozzi sogar auf den 12. Januar 1846 zurückdatiert wurden. Die Statuten enthielten unter anderem folgende Bestimmungen: §1 Zur thätigen und bleibenden Verehrung des Andenkens von Vater Pestalozzi bildet sich in Wädenschweil zum Zwecke der Bekleidung armer Schulkinder, und, so weit möglich und durch ausserordentliche Gaben gefördert, zum Zwecke der Unterstützung armer Kranker, mit Ausnahme jedoch der im Armenhaus verpflegten. §2 Wer sich zu einem Beitrage von einem Franken jährlich für drei aufeinander folgende Jahre verbindlich macht, ist Mitglied des Vereins. Übrigens ist es jedermann unbenommen, dem Vereine grössere Gaben zuzuwenden.»
Der Pestalozziverein durfte noch in seinem Gründungjahr die Unterstützung weiter Kreise erfahren. Zu den Mitgliederbeiträgen kamen Spenden von Gönnern, Erlöse von Vereinsanlässen und Theateraufführungen.
Eine ähnliche Welle der Begeisterung durfte der Pestalozziverein auch 1977 wieder erfahren; als es galt, die Renovation des Ferienhauses in Sehwende-Weissbad sicherzustellen. Die ursprüngliche Aufgabe des Vereins, bedürftigen Kindern warme Winterkleider zu verschaffen, ist heute nahezu bedeutungslos geworden. Seit 1917 gilt der Haupteinsatz des Vereins den Ferienkolonien im Appenzellerland. Doch auch sie stehen nach dem Willen der Vereinsgründer von 1846 im Dienst des Kindes und sind damit ganz im Sinn und Geiste Pestalozzis, der sich mit Wädenswil Zeit seines Lebens verbunden wusste.
Ferienhaus Schwende des Pestalozzivereins Wädenswil.
Schwende
Im September 1916 wurde dem Pestalozziverein das Kurhaus Felsenburg in Schwende zum Kauf angeboten. Der Vorstand trat auf Unterhandlungen ein und schloss einen vorläufigen Kaufvertrag ab. Am 20. Januar 1917 verkaufte er dem Pestalozziverein die Liegenschaft, bestehend aus Kurhaus, Stadel, freistehender Remise und Umschwung an Acker, Holz und Feld zum Preis von 45 920 Franken. Unter der Leitung des Wädenswiler Baumeisters Alfred Dietliker wurde das Haus sofort für die Bedürfnisse von Ferienkolonien umgebaut und möbliert. 1918 wurde im eigenen Heim bereits die erste Kolonie durchgeführt.
Literaturnachweis
Diethelm Fretz, Pestalozzi in Wädenswil, Neujahrsblatt 1946 der Lesegesellschaft Wädenswil. Johann Heinrich Pestalozzi, Sämtliche Werke und Briefe, herausgegeben von Emanuel Dejung, Zürich 1927.