Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03296.jsonl.gz/1871

mehr
des an grossen Alpflächen von bunter Farbenpracht reichen Bleniothales, jene grossen Alpweiden mit ausgedehnten Mattenflächen und sanft gerundeten Formen fehlen, wie sie die N.-Flanke des Gebirges so lieblich schmücken. So finden wir überall bloss dunkelblauen Fels, von Runsen angerissene nackte und lange Halden und mit lichtem Lärchengehölz gekrönte glatte hohe Wände, sowie stellenweise einige Maiensässe («monti» genannt), die mit Steinen eingedachte Häuser tragen und als grüne Flecken aus dem sie umrahmenden dunklen Ginstergebüsch aufleuchten.
Den Bergfuss decken dichte und ausgedehnte Kastanienselven, in denen die Dörfer mit ihrem an Italien erinnernden Campanile versteckt liegen. Ueber der Grenze des Baumwuchses sind, namentlich in den Quellkesseln der Seitenthäler, magere Alpweiden vorhanden, die zu oft mit unfruchtbarem Sturzschutt überführt erscheinen und deren Grasteppich durch Sonnenbrand und Frost rasch welkt. Zu oberst endlich folgen die scharfen Felsgräte, die sich oft in weitem Sogen von Gipfel zu Gipfel schwingen.
Die Herausbildung von derart weiten Erosionszirken, wie sie z. B. das Becken von Salanfe oder die Engstligenalp darstellen, ist in den engen Hauptthälern nirgends möglich gewesen. Die Seitenthäler sind kurz und steil und münden mit engen und tiefen Schluchten aus, in welche sich die Lawinen hinunterstürzen. Nur selten sieht man vor der Mündung einer solchen Schlucht jene flachen und breiten Schuttkegel liegen, die sich anderswo ins Hauptthal hinausbauen und dessen Fluss an die jenseitige Bergflanke hin drängen.
Hier hat im Gegenteil der rasch und kräftig strömende Wildbach des Hauptthales das von den Seitenarmen hergeführte Geschiebe immer wieder vorweg thalauswärts zu schwemmen vermocht. Eine Ausnahme scheint der den Ausgang des Bleniothales abdämmende mächtige Schuttkegel zu machen, der unter dem Namen der Buzza di Biasca bekannt ist und in Wirklichkeit eine Bergsturzmasse darstellt, die vom Brenno trotz seiner intensiven Tätigkeit noch immer nicht in erheblichem Masse hat weggeschafft werden können.
Bemerkenswert ist auch, dass im ganzen Sopra Ceneri keine einzige hoch und kühn aufragende Berggestalt sich zeigt, die sich von ihrer Umgebung scharf abheben würde und den Blick zwingend auf sich zu lenken vermöchte. Es erklärt sich diese Erscheinung aus dem geologischen Bau des Gebirges. Wir haben hier regelmässig aufeinander gelegte Gneisdecken von unter sich homogener Struktur vor uns, die nicht so mächtig zusammengepresst und disloziert worden sind wie im Zentrum und an der N.-Flanke der Alpen. So sieht man auch nur wenige jener aufgerichteten, gefalteten, zerknitterten und gequetschten Schichtengebilde, wie sie andernorts von den Kräften der Erosion zu Spitzen und Gipfeln jeder Gestalt und Grösse ausgestaltet worden sind.
Im N.-Abschnitt des Kantons tritt indessen ein Gebiet mit weniger steilen Gehängen und mit sanftern Umrissformen auf. Es sind hier zwischen die Gneisdecken streckenweise wechsellagernde Schichten von Dolomit, Gips und Glanzschiefern eingesenkt, deren tonige Natur sie leichter verwitterbar und den atmosphärischen Agentien gegenüber weniger widerstandsfähig macht. Daraus ergeben sich abwechslungsreichere Bodenformen, die von denen des mittlern und südl. Tessin wesentlich abweichen. Zu dieser Zone gehören das Bedrettothal mit seinen die Flanken bedeckenden und von den Lawinen durchfegten Waldungen; dann das weit offene und mit saftigen Alpweiden überzogene Val Piora mit seinen malerischen Bergseen, die nach der Ansicht gewisser Geologen ihre Entstehung der lösenden Einwirkung des Wassers auf den anstehenden Gips und den daraus sich ergebenden Einbrüchen verdanken sollen; ferner die breite Passlücke des Lukmanier, wo (neben dem Val Piora) die einzigen Arven im ganzen Kanton gedeihen, dann die mit Dörfern und weissleuchtenden Kapellen übersäten Terrassen über Faido und Ambri, sowie endlich die mit schönen Matten und vom Gletscher geschliffenen Rundhöckern geschmückte Schulter von Dalpe, die die Piumogna in raschem und schäumendem Lauf durchfliesst.
Im Sotto Ceneri ist die Neigung der Gehänge kaum weniger steil als im mittleren Abschnitt des Kantons. So stehen z. B. die schroff zum Luganersee abstürzenden Wände des Monte Generoso oder Monte San Salvatore den Steilhängen der Leventina und des Maggiathales in nichts nach. Dagegen erscheinen hier die Kämme mehr abgerundet, die Höhen geringer und die sonst nackten Felspartien durch eine üppig wuchernde Baum- und Buschvegetation verhüllt. Einzig der Camoghè (2226 m) und Klonte Tamaro (1966 m) heben ihre kahlen Häupter bis in die Region der Alpweiden hinauf. Monte Generoso und San Salvatore beherrschen als vorgeschobene Posten der südl. Präalpen die oberitalienischen Ebenen und bieten sowohl nach dieser Seite hin als auch gegen die Hochalpen eine weitgedehnte Aussicht. Die Bergformen erhalten durch die abwechselnd aus Gneis, Porphyr und Kalkstein bestehende geologische Grundlage eine grosse ¶
mehr
Mannigfaltigkeit. Dazu gesellen sich ein warmes und mildes Klima, ein sehr reicher Pflanzenteppich, intensive Ausnutzung des Bodens und starke Bevölkerungsdichte. An den Gehängen stehen Weinreben, Maulbeerbäume, Pfirsichbäume und Kastanien in malerischem Durcheinander. Auf den Rücken, den Kämmen und in den Thälchen treffen wir überall Dörfer mit eng gescharten ländlichen Wohnstätten. Der Luganersee sendet seine bizarren, aber harmonisch angeordneten Arme nach allen Seiten hin aus. In diesem Wirrwarr von Seen, Bergen und steil geböschten Thälern bleibt nur wenig Platz für eigentliche Ebenen.
Immerhin sind von solchen zu erwähnen die vom Vedeggio und Cassarate aufgeschütteten kleinen Alluvialböden von Agno und Lugano; das an der Ausmündung des Malcantone gelegene Delta der Magliasina, das den Monte Caslano landfest gemacht hat und die Bucht von Ponte Tresa vom Rest des Luganersees abschnürt; ferner die mit Maulbeerbäumen bestandene Campagna Adorna zwischen Stabio und Mendrisio, die sich gegen das S.-Ende des Luganersees neigt, sowie endlich die durch den Monte Olimpino und die Höhen von Pedrinate vom Comersee und der Lombardei getrennte Ebene um Chiasso.
Den landschaftlichen Reiz des Sotto Ceneri bilden in erster Linie seine wunderbar geformten Seen mit ihren zierlichen Uferlinien und dem hinter jedem Vorsprung stets wieder wechselnden Bild. Freilich würde man hier die überraschenden Farbenwirkungen des Genfer- oder des Zugersees vergeblich suchen. Weder der Langen- noch der Luganersee erreichen, selbst beim klarst blauen Himmel und von günstigster Seite her gesehen, das tiefe und leuchtende Blau der eben genannten Seen an der N.-Flanke der Alpen.
Sie bleiben immer grün. Der Comersee spielt sogar ins Graue, namentlich in der Nähe von Como selbst, wo die Färbereien der Stadt den Seearm mit ihren Abwassern verunreinigen. Trotzdem verbleiben aber noch Schönheiten genug, um diesen Winkel der Schweiz zu einer unvergleichlichen Landschaft zu gestalten: italienischer Vegetationscharakter, zahlreiche lebhaft gefärbte Siedelungen, weisse Kirchen und Kapellen mit schlanken Campanilen, gleich Adlerhorsten hoch oben an den Bergflanken hängende Dörfchen, die an korsikanische und kalabresische Veduten erinnern. In ihrem vollen Glanz prangt diese Landschaft vorzüglich im Frühjahr, wenn sich das zarte Grün, das Hell- und Rosenrot und das Perlgrau der Bäume, Blumen, Felsen und Mauern unter dem lebhaften Sonnenlicht zu beleben beginnen und das Auge des Wanderers entzücken, der aus noch winterlich kahlen und öden Gegenden durch den Gotthard dem S. der Schweiz entgegen gefahren ist.
[Ing. Ch. Jacot Guillarmod.]
3. Geologie.
In den nördlichsten Teil des Kantons reichen noch die Gneisgranite und Gneise des Gotthardmassives hinein, von denen erstere namentlich in der Gruppe des Pizzo Rotondo entwickelt sind. Die S.-Flanke der steilstehenden Gneise des Gotthardmassives bildet längs der Linie Nufenen-Bedretto-Piora ein tiefer Muldenzug jüngerer Gesteine. Es tritt hier namentlich hochmetamorpher liasischer Bündnerschiefer auf, der durch die Gebirgsstauung aus schwarzem Tonschiefer oft zu prachtvollem Granat- und Amphibol-Glimmerschiefer¶