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* 1957, lebt und arbeitet in Berlin und Zürich
Eine absolute Idee von Kunst als Bedingung für die Wahrnehmung und Behandlung eines Gemäldes als Kunstwerk, wie sie noch in der Moderne Geltung hatte, ist inzwischen nur mehr als Erinnerung an eine vergangene Epoche fassbar, oder aber sie taucht in der Gegenwart wie ein Gespenst aus einer anderen, fernen Zeit auf. Viele Werke zeitgenössischer Kunst thematisieren den bildnerischen Prozess, ohne sich dabei zwingend auf ein finales Werk zu beziehen, etwa auf ein offenes Ende oder – mit dem italienischen Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco zu sprechen – einen offenen Sinnhorizont, sondern umgekehrt, mit Blick auf eine offene Ausgangslage. Eco entwickelte seine Poetik des offenen Kunstwerks anhand informeller Werke der europäischen und US-amerikanischen Nachkriegskunst. «Ein offenes Kunstwerk stellt sich der Aufgabe, uns ein Bild von der Diskontinuität zu geben: es erzählt sie nicht,» folgert der Autor, «sondern ist sie.»¹ Die Werke von Karin Sander dagegen befassen sich mit dem Ausgangspunkt von Kunst, ihrem Anfang, allerdings nicht im Sinne eines idealen, per se (wiederum) unerreichbaren Zustandes der Offenheit, sondern als Anfang für eine mögliche, von ihr neu zu erprobende künstlerische Praxis mit ästhetisch völlig unbestimmtem Ausgang.
2004 schickte Karin Sander erstmals mehrere weiss grundierte, aufgespannte Fertigleinwände unverpackt zu einer Ausstellung nach Madrid. Seither wurden zahlreiche weitere Leinwände von der Künstlerin in die ganze Welt verschickt. Sie sind auf der Rückseite abgedeckt, auf diesem Rückenschutz stehen Sender- und Empfängeradressen. Der Transport und die voraussehbaren, aber auch zufälligen Manipulationen an der unverpackten Leinwand unterwegs hinterlassen Spuren. Ausgangs- und Zielort der verschickten Leinwand werden Bestandteil des Werktitels. Sander nennt diese Werke, die während und durch den Transport entstehen, Mailed Paintings. Sie werden nicht im Atelier geschaffen. Die Leinwände zeigen, was ihnen auf dem Transport widerfahren ist, die Spuren ihrer Verwendung und ihrer Behandlung. Das Bild ist zu jeder Zeit und überall auf seinem Weg ausgestellt, sagt Karin Sander. Jeder Zustand bleibt dauerhaft vorläufig, weil er von einer nächsten Reise überschrieben wird. Es handelt sich im Prinzip um einen in die Zukunft offenen Prozess. Sander entwickelte früh – ähnlich wie dies auch Adrian Schiess oder Bruno Jakob taten – unterschiedliche Methoden, um sich als Autorin zurückzunehmen. Sie zeigt den bildnerischen Prozess als einen anonymen, ihrer Kontrolle und Einflussnahme entzogenen, von ihr aber doch bewusst ausgelösten Vorgang. Das Stichwort ist «Visuelle Indifferenz» und führt zurück zu Marcel Duchamp und dessen Idee einer Readymade-Kunst.
Im Atelier Amden zeigt Karin Sander 2 Gebrauchsbilder, die beiden ersten Tondi innerhalb dieser Werkgruppe überhaupt, die sie vor den Mailed Paintings begonnen hat und die ebenfalls ausserhalb des Ateliers entstandene Bilder umfasst. Sander schreibt zur Werkidee: «Die Gebrauchsbilder entstehen an dem Ort, an dem sie hängen. Die grundierten Bildträger werden ohne vorherige Manipulation an einen ausgesuchten Ort transportiert und verbleiben dort ungeschützt für einen zu bestimmenden Zeitraum. Sie sammeln die spezifische Patina ihres Ortes und bilden diesen ab. Dieser Vorgang des Aufnehmens kann unendlich lang andauern oder irgendwann unterbrochen werden. Zeitraum, Name des Ortes und Größe bestimmen das Bild und geben ihm seinen Titel.»²
Die Ausstellung in Amden begann am 15. Juni 2014, dem Tag, an dem Karin Sander, Dirk Weber und ich die beiden Werke in der Scheune installierten. Dirk Weber hatte die Spannrahmen für die beiden Tondi nach Angaben der Künstlerin in Italien bei einem Schreiner auf Mass herstellen lassen. Er war es auch, der die beiden Rahmen, jeder mit einem Durchmesser von 250 cm, vor Ort mit weiss grundiertem Leinen bespannte. Ein Tondo hängt seither an der Stirnwand im Obergeschoss, das andere wurde nicht fest installiert, sondern lehnt seitlich an der Wand und könnte somit auch von den Besuchern der Ausstellung im Raum oder aus dem Raum heraus bewegt werden. Wo immer es ausgestellt wird, nimmt es die Umgebung in sich auf. So ist auch zu erklären, dass die beiden Tondi im Innenraum der Hütte Farben reflektieren und völlig unterschiedlich wiedergeben, das eine erscheint plötzlich grün, das andere bräunlich-weiss. Am 28. September 2014 fand in der Ausstellung das Konzert INKA PALMI in LOUISE GUERRA statt. Wenige Minuten bevor das Konzert begann, rollte Karin Sander die stehende Arbeit vor den Augen der zahlreichen Anwesenden ins Freie und stellte sie neben der Treppe an das gemauerte Sockelgeschoss. Zum einen können diese Werke im Moment ihres Vollzuges oder ihrer Entstehung erfahren werden, das Prozesshafte und ihre Genese führen sie jedoch auch mit sich, und sie sind dadurch auch zu einem anderen Zeitpunkt, gewissermassen in konservierter Form, und an einem anderen als ihrem Entstehungsort wahrnehmbar.
¹ Umberto Eco, «Das offene Kunstwerk in den visuellen Künsten», in: Das offene Kunstwerk,
Frankfurt a. M. 1977, S. 154–185, hier: S. 165.
² Karin Sander. Gebrauchsbilder, Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden/Kunstmuseum St. Gallen,
Nürnberg 2011, o. S.
Text: Roman Kurzmeyer, 2015