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Erinnerungen an Hugo Mendel
Erzähler:
David Rothschild, ehemaliger Stiftungsratspräsident
Vor über 60 Jahren hatte ich das Vergnügen, Hugo Mendel kennen lernen zu dürfen. Er war ein Original. Wie er zu seinem Geld gekommen war, das ist mir nicht bekannt, aber er lebte als karger, sparsamer Mensch und drehte jeden Rappen dreimal in der Hand, bevor er ihn ausgab. Einmal war ich bei ihm zu Hause. Er lebte in Letten, etwas ausserhalb der Stadt, in einem sehr kleinen Einfamilienhaus an der Limmat. Autos hatten wir damals keine, wir kamen mit dem Bus und das letzte Stück, entlang der Limmat, mussten wir zu Fuss gehen. Ich erinnere mich noch gut daran: als mein Begleiter, Alex Lewenstein, und ich in die Nähe des kleinen Hauses kamen, welches in einem kleinen Garten stand, empfing uns das wilde Gebell eines grossen, aufgeregten Schäferhundes. Alex Lewenstein wollte schon wieder umkehren, er war kein Freund von wilden Hunden. Doch da öffnete sich die Haustüre, und Herr Mendel bat uns, hereinzukommen. Mit einem verschmitzten Lächeln meinte er: Hunde die bellen, beissen nicht. Wir setzten uns hin und sprachen über Dies und Das. Als wir auf einen Wohltätigkeitsfall zu sprechen kamen, antwortete Herr Mendel: „Meine Herren, ich habe mit meinem Geld noch Grosses vor: Nach meinem Ableben soll alles an eine noch zu gründende Institution gehen.“
Und so kam es dann auch.
Herr Mendel war ein Levi – ein Levite. Jeden Rausch Chodesch (Neumond) kam er auf seinem Velo am frühen Morgen in die Synagoge an der Freigutstrasse. Ich sehe noch heute seine nach oben geklappte Brille vor mir, die er nur zum Lesen herunter nahm. Herr Mendel wurde immer als Levite zur Thauroh aufgerufen. Einmal, aus einem unerfindlichen Grund, wurde er übersehen und bekam seine Alijah (Torah-Aufruf) nicht. Was ein kleines ungewolltes Versehen war, wurde für ihn zur Tragik. Er regte sich so sehr auf, dass er schwor, dass diese Unterlassung Folgen haben werde . Einem Bekannten vertraute er an, dass er, aufgrund dieses für ihn sehr peinlichen Vorfalls, sein Testament geändert habe. Anstatt, wie ursprünglich geplant, sein Vermögen der IRGZ für eine zu errichtende Institution zu vermachen, habe er neu im Testament verfügt, dass sein Geld je hälftig an die beiden Gemeinden IRGZ und ICZ gehen solle. Diese beiden Gemeinden hätten dann das Testament gemeinsam zu vollstrecken.
Und nun sehen Sie, diese Testament-Änderung war ein Glück. Denn die IRG alleine hätte nie die Kraft gehabt, eine solche Institution aufzubauen. Als Hugo Mendel starb hinterliess er also sein ganzes Vermögen den beiden Gemeinden mit der Bedingung, dass davon ein Heim für Gebärende und/oder für ältere Menschen geschaffen wird. Also begann man, sich nach einer geeigneten Liegenschaft für ein Altersheim umzusehen.
Und so wurde im Jahr 1957, an der Billeterstrasse 10, die Hugo Mendel Seniorenresidenz eröffnet. Es war das erste jüdische Altersheim auf dem Platze Zürich. Während vieler Jahre wurde es von dem Ehepaar Max und Suzanne Dreyfuss geleitet. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an Suzanne Dreyfuss, die ebenfalls im hohen Alter in der Hugo Mendel Seniorenresidenz verstorben ist. Nach kurzer Zeit schon zeigte sich, dass das neue Heim dem Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung voll entsprach; es war bald voll besetzt. Der Komfort war lange nicht so gross wie heute – die älteren Leute mussten zum Teil zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer wohnen.
Im Jahre 1976 zeigte sich, dass das „Mendelheim“ für die vielen Anmeldungen zu klein war. Pläne für einen Neu- und Umbau des alten Trakts wurden erstellt und die Baubewilligung wurde erteilt. Eigentlich war alles bereit, nur eine Kleinigkeit fehlte, nämlich das Geld. Da erinnerte sich mein lieber Vater an einen jüdischen, ungarischen Aristokraten, der ihn vor vielen Jahren damit beauftragt hatte, sein über den Krieg gerettetes Vermögen in einer Stiftung für gute Zwecke anzulegen. Nun im Jahre 1976 ermöglichte uns das Geld aus dieser Fekete-Stiftung, den Neubau zu realisieren. Auch waren uns Herr Dr. Felix Rom s.l. und Herr Adolf Mil s.l. eine grosse Hilfe bei der Umsetzung unserer Pläne. Der Umbau dauerte etwa 1 Jahr, als Übergangsheim wurde eine neu gebaute Liegenschaft, die Dorflinde in Oerlikon, genutzt. Seit 1977 finden jüdische Menschen in der erweiterten Hugo Mendel Seniorenresidenz ein Zuhause.