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«Beginnen darf, wer eine 5 gewürfelt hat. Kommt ein Stein auf ein Feld, das von einem feindlichen Stein besetzt ist, so wird dieser geschlagen und muss noch einmal von vorne anfangen.» So steht es in der Anleitung zu «Eile mit Weile». «Eile mit Weile» ist ein Spiel mit einer langen Geschichte. «Dieses ausserordentlich interessante Spiel hat sich in kurzer Zeit so viele Freunde erworben, dass es als wirklich gediegene Unterhaltungsgabe jedermann aufs beste empfohlen werden kann», lobt eine Spielanleitung schon ums Jahr 1900.
Doch «Eile mit Weile» ist viel älter: Es stammt vom altindischen «Pachisi» ab, einem Spiel, das schon im 6. Jh. gespielt wurde. «Pachisi» ist komplexer, weil es stärker auf Strategie und Taktik fokussiert. Die vier Spieler bilden zwei gegnerische Teams, und gespielt wird nicht mit Würfeln, sondern mit fünf, sechs oder sieben Kaurischnecken, bei denen die oben liegenden Öffnungen gezählt werden. Weil in «Pachisi» die Spieler in der Mitte beginnen, das Brett im Gegenuhrzeigersinn umrunden und am Ende wieder im Zentrum ankommen, vermuten Spieleforscher fernöstliche Symbolik: Menschen werden geboren und ziehen in die Welt hinaus, erleiden Schicksalsschläge, werden wiedergeboren – und gelangen am Ende ins Paradies.
Auch «Pachisi» zog in die Welt hinaus und kam im 17. Jh. nach Grossbritannien. Mit etwas einfacheren Regeln wurde das Spiel nach 1900 in der Deutschweiz zu «Eile mit Weile», in der Romandie zu «Hâte-toi lentement», in Norditalien zu «Chi va piano va sano» oder in Deutschland zu «Mensch ärgere dich nicht» – und eroberte so die Familientische Europas.
Wenn wir am Morgen verschlafen zur Brille greifen, dann verschwenden wir keinen Gedanken daran, welche Bedeutung ihre Erfindung gehabt haben muss. Das ist ja auch schon eine Weile her: Das erste Gemälde, auf dem eine Brille zu sehen ist (auf der Nase eines Kirchenfürsten in Frankreich), stammt aus dem Jahr 1352. Doch Augengläser gab es schon lange vorher: Dass eine Linse das Licht auf ganz besondere Weise bricht, war schon in der Antike bekannt; angeblich soll bereits im 3. Jh. v. Chr. der griechische Gelehrte Archimedes einen Kristall zur Sehkorrektur benutzt haben. Nachahmer fand er noch keine – zwar soll Kaiser Nero im 1. Jh. n. Chr. Gladiatorenkämpfe durch Gläser aus grünem Smaragd verfolgt haben, doch die dienten nicht zur Sehkorrektur, sondern nur zum Schutz der Augen vor dem gleissenden Sonnenlicht. Bekannt waren dagegen Linsen, die das Licht bündelten, um Feuer zu entfachen. Neros Berater Seneca wiederum wusste, dass sich kleine Buchstaben mithilfe einer wassergefüllten Glaskugel vergrössern liessen. Die Wikinger schliesslich entdeckten, dass das Ergebnis noch besser war, wenn man geschliffene Kristalle auf Buchseiten legte – auf diese Weise wurde die Schrift auch für Weitsichtige lesbar.
Das Schleifen von Linsen setzte Glas oder durchsichtige Halbedelsteine voraus – Bergkristall oder auch das häufig vorkommende Silikatmineral Beryll. Aus Beryll wurden im Mittelalter die Sichtfenster von Reliquiaren und Monstranzen geschliffen, Linsen, durch die man die eingeschlossenen Reliquien sehen konnte. Und so wurde der Kristall namens Beryll zum Inbegriff alles Durchsichtigen – und am Ende zu unserem heutigen Wort «Brille».
Das Gebäck namens «Spekulatius» ist staubtrocken, flach, rechteckig, schmeckt nach Kardamom, Gewürznelken, Zimt – und, je nach Sorte, ein bisschen nach Karamell. Diese seltenen Gewürze waren es, die den Spekulatius im Zweiten Weltkrieg zum exotischen Luxusgut machten. Ursprünglich war Spekulatius ein traditionelles Adventsgebäck, doch heute ist er jederzeit und überall zu kaufen, als fertiges Gebäck oder auch als Gewürzmischung zum Selberbacken.
Bleibt die Sache mit dem seltsamen Namen. Nomen est omen – die Herkunft von «Spekulatius» bleibt bis heute Spekulation. Eine Theorie besagt, dass das niederdeutsche Spikelatsjie vom lateinischen speculum herkommt, das «Spiegel» oder «Abbild» bedeutet (und von dem auch unser heutiger «Spiegel» abstammt). Der Keks soll so heissen, weil bei seiner Herstellung mit einem Model ein Motiv in den Gewürzteig gepresst wird, so dass der Spekulatius zum Beispiel das Abbild des heiligen Nikolaus trägt. Beliebte Sujets sind auch Pferde oder Elefanten, Bauernhäuser oder Windmühlen. Andere Quellen behaupten, dass das Gebäck seinen Namen Nikolaus selbst verdankt. Der trägt nämlich den lateinischen Beinamen speculator, auf Deutsch «der Umschauende», «der Behüter». Und weil Spekulatius in Belgien und den Niederlanden vor allem am Nikolaustag gegessen wurde, soll das Gebäck den heiligen Beinamen bekommen haben.
Die fromme Herkunft und der Sinn des Gebäcks als vorweihnachtliche Leckerei sind längst in Vergessenheit geraten. Was bleibt, ist der Keks mit dem unverwechselbaren Geschmack und dem altmodischen Namen.
Ein Strickmuster ist binär: Im Grundsatz gibt es genau zwei Möglichkeiten, Muster zu erzeugen, rechte Maschen und linke. Rechts gestrickte Maschen sehen aus wie kleine Vs, links gestrickte dagegen wie Quer- oder Trennstriche. V oder Strich, Null oder eins: Wie das Morsealphabet mit seinen kurzen und langen Signalen lässt sich auch das Stricken nutzen, um Buchstaben und Botschaften zu codieren.
Im ersten Weltkrieg warb die französische Spionin Louise de Bettignies unter ihrem Tarnnamen Alice Dubois Strickerinnen an. Die perfekt zweisprachige Bettignies arbeitete von Lille aus für den britischen Geheimdienst. Sie rekrutierte Frauen, die in der Nähe von Bahnhöfen oder Gleisanlagen lebten, und liess sie minutiös beobachten: Wie viele Züge der Deutschen kamen an, wie viele fuhren ab? Was hatten sie geladen? Waren es Waggons mit Soldaten oder Güterzüge mit Geschützen und Panzern? Stricken galt dabei als völlig unverdächtig, also sassen die Frauen tagsüber am Fenster und strickten ihre Informationen, statt sie auf Papier zu schreiben, in Form eines eigens dafür entwickelten Codes ganz einfach in ihre Schals. Eine Fallmasche stand für Truppentransporte, eine linke für Artilleriezüge und so weiter. Am Ende wurden die Stricksachen in die Geheimdienstzentrale geschmuggelt, und die Muster verrieten den Agenten des MI6 die Truppenbewegungen des Feindes.
Stricken als Spionage: Mit ihren eigenen Mitteln wollten sich die Briten später auf keinen Fall selbst schlagen lassen. Im Zweiten Weltkrieg war in Grossbritannien das Verschicken von Strickanleitungen verboten.
Ein Erdstall ist ein Tunnelsystem meist unter einem Bauernhof, in der Nähe einer Kirche oder eines Friedhofs. Mit Ställen für Vieh hat der Erdstall nichts zu tun: Das Wort «Stall» kommt hier vielmehr vom bergmännischen «Stollen». Tatsächlich besteht ein Erdstall aus bis zu 50 Meter langen Gängen mit einem engen Durchschlupf, mit Kammern, Stufen, Bänken und Nischen. Allein in Bayern gibt es über 700 davon, doch auch in Österreich, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, seltener auch in Frankreich, Spanien und Irland wurden Erdställe entdeckt. Alle wurden sie fast zeitgleich Ende des 13. Jahrhunderts aufgegeben.
Von wem sie erbaut wurden, wann und zu welchem Zweck, liegt dagegen völlig im Dunkeln. Die Archäologie weiss vor allem, was ein Erdstall nicht ist: Für ein Lager sind Erdställe zu eng und zu niedrig, und ausserdem wurden in ihnen kaum Spuren menschlicher Nutzung gefunden. Auch ein Fluchtort waren sie kaum, weil sie nur einen Eingang haben und Flüchtende im Fall einer Entdeckung in der Falle gesessen hätten. Auch als Notunterkunft kommen sie nicht in Frage, weil es in Erdställen kalt ist und ein Feuer den Sauerstoff aufgebraucht hätte. Eine Theorie besagt, dass Erdställe sogenannte «Leergräber» waren, symbolische Gräber für weit entfernte Tote, Soldaten etwa, die fern der Heimat gefallen waren. Andere Forscher deuten Erdställe als eine Art Wartesaal für die Seelen Verstorbener; dafür spricht, dass die Anlagen genau zu der Zeit aufgegeben wurden, als die Kirche damit begann, die Lehre vom Fegefeuer zu verbreiten.
Solange aber keine hieb- und stichfesten Belege gefunden werden, bleiben Erdställe, was sie sind: ein grosses Rätsel.