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Beobachter: Herr Stocker, kürzlich haben Sie und Ihr Team gemessen, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre heute 28 Prozent höher ist als je zuvor seit 650'000 Jahren. Was nützt es, jetzt C02 zu reduzieren? Eine Verbesserung wird doch erst nach vielen Jahren eintreten.
Thomas Stocker: Wenn nichts gemacht wird, wird der Klimawandel weiter fortschreiten. Ergreifen wir jetzt griffige Massnahmen, könnten wir eine Klimaerwärmung von mehr als zwei Grad noch abwenden. Erfolgen die Massnahmen hingegen erst in zehn Jahren, ist das Ziel wohl nicht mehr erreichbar.
Beobachter: Sind wir nicht bereits zu spät dran?
Stocker: Klar nicht. Es spielt eine Rolle, ob im Jahr 2050 die weltweite Erwärmung ein oder zwei Grad beträgt und ob sie dann noch weiterhin ansteigt. Das entscheiden allein wir durch die Emissionen.
Beobachter: Die Leute sind vermehrt bereit, für das Kompensieren ihrer Emissionen etwas zu bezahlen. Sollten solche Zuschläge bei Grossevents Pflicht werden?
Stocker: Keine schlechte Idee. Noch wichtiger aber ist, solche Anlässe konsequent auf den öffentlichen Verkehr auszulegen. Zudem sollten Veranstalter verpflichtet werden, bestimmte Umweltauflagen zu erfüllen, etwa im Bereich der Abfälle. Da bräuchte es verbindliche Standards, zum Beispiel auch für die Olympischen Spiele. Vielleicht wird Nachhaltigkeit ja bald ein Kriterium bei der Vergabe.
Beobachter: Andere Veranstalter werben schon heute damit, «klimaneutral» zu sein: Flugzeugrennen, die Street-Parade oder auch die Formel 1. Volvo hat eine Vignette lanciert, mit der man ein Jahr lang «grün» Auto fahren kann.
Stocker: Man kann ein Flugzeugrennen nicht mit einer Street-Parade vergleichen. Und anstatt eine Vignette zu verkaufen, wäre es gescheiter, Innovation zu betreiben und emissionsarme Produkte anzubieten. Ich glaube aber, der Konsument wird echte von scheinbaren Angeboten unterscheiden können.
Beobachter: Was halten Sie von freiwilliger CO2-Kompensation beim Fliegen, etwa via Myclimate?
Stocker: Für Flugreisen ist das zurzeit leider die einzige sinnvolle Massnahme; ausser man fliegt gar nicht. Der nächste Schritt aber müsste eine weltweite und umfassende Treibstoff-Lenkungsabgabe sein.
Beobachter: Also nur Reduktion statt Kompensation?
Stocker: Kompensation ist sinnvoll, um Zeit zu gewinnen und Entwicklungen anzustossen. Aber um die Emissionen wirklich zu reduzieren, braucht es mehr: verbesserte Effizienz, weniger Verbrauch, sparsame Alternativen. Um diese Veränderungen kommen wir nicht herum.