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Wie bringt man seine FreundInnen um fünfzig Milliarden US-Dollar? Ist der amerikanische Traum endgültig am Ende? Und wer ist eigentlich Ivar Kreuger? Ein Knaller zum Jahresende und Neues aus der Welt der einst Reichen und Schönen.
Und wieder ging es mit dem amerikanischen Traum ein Stück bergab. Diesmal im 17. Stock des Lipstick-Gebäudes an der Third Avenue in Manhattan. Hier hat Bernard L. Madoff fünf Milliarden US-Dollar schmelzen und verdampfen lassen wie einen Schneeball über offenem Feuer.
Madoff, 1938 geboren, wuchs im New Yorker Stadtteil Queens in ärmlichen Verhältnissen auf, verdiente sein erstes Geld als Rettungsschwimmer am Strand von Long Island und mit der Montage von Sprinkleranlagen. Mit 22 Jahren hatte er 5000 Dollar gespart und gründete seine erste Firma: Die Bernard L. Madoff Investment Securities LLC. So begann es. Madoff stieg zum angesehenen Wertpapierhändler auf und wurde Chef der US-Technologiebörse Nasdaq. Er war ein begehrter «Market Maker», also jemand, der zwischen KäuferInnen und VerkäuferInnen von Aktienpaketen vermittelt. Wer sein Geld bei einem seiner Fonds anlegen durfte, hatte Glück - Kunde werden konnte nur, wer vom legendären Geldvermehrer dazu eingeladen worden war. Die AnlegerInnen waren von Madoffs Kompetenz überzeugt und angesichts der versprochenen Renditen - sie lagen während Jahrzehnten stets über zehn Prozent - verzückt. Die Konkurrenz hingegen war ob Madoffs angeblicher Cleverness erstaunt, von Neid erfüllt - einige Wenige vermuteten gar Betrug hinter den traumhaften Zahlen.
Die fetten Fische
Tatsächlich erfuhr man vergangene Woche: Die hohen Renditen, die Madoff an seine AnlegerInnen zahlte, erwirtschaftete er nicht etwa mit einer besonders ausgeklügelten Anlagestrategie auf den Finanzmärkten, sondern er holte das Geld bei immer wieder neuen AnlegerInnen - ein klassisches Schneeballsystem.
Ins Netz gingen ihm nicht wie bei der US-Immobilienkrise arme SchluckerInnen, die vom eigenen Haus träumten, sondern die fetten Fische, Millionäre und Milliardäre, die er sich unter anderem im exklusiven Palm Beach Country Club angelte. Dort überstrahlte Madoff mit seinem Auftreten alle Zweifel und lockte vermögende, meist ältere Menschen an. Fast ein Drittel der 300 Klubmitglieder hatte sein Geld bei ihm angelegt.
Madoff leuchtete lange wie ein Stern über der Wall Street, heute ist der Siebzigjährige am Boden, ein Dieb, ein Betrüger, ein Bandit. Mit der Vernichtung von fünfzig Milliarden US-Dollar übertrifft er sogar Jérôme Kerviel, den Aktienhändler der französischen Grossbank Société Générale, der zu Beginn des Jahres, sozusagen als Auftakt zum Krisenjahr, mit heimlichen Geschäften fünf Milliarden Euro Verlust eingefahren hat, den grössten Handelsverlust eines Einzelnen in der Finanzgeschichte.
Madoff erinnert aber vor allem an einen Fall aus der letzten vergleichbar grossen Wirtschaftskrise, an den von Ivar Kreuger. Der Schwede errichtete in den zwanziger Jahren, als die meisten europäischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich am Boden lagen, eine Monopolfirma für Streichhölzer, «Swedish Match». Er lieh europäischen Staaten Geld zu günstigeren Konditionen als die Banken - im Gegenzug erhielt er im jeweiligen Land das Zündholzmonopol. Seine Firma wuchs, die Aktionäre erhielten riesige Dividenden. Er baute ein regelrechtes Schneeballsystem auf. Auf seinem Zenit schuldeten ihm siebzehn Staaten zusammen fast 400 Millionen Dollar. Als 1929 die Börsen krachten und die Wirtschaftskrise begann, zogen InvestorInnen ihr Geld zurück, die Staaten konnten ihre Raten nicht mehr zahlen - das Kartenhaus brach ein. Am 11. März 1932 kaufte Ivar Kreuger eine 9-Millimeter-Browning, ging nach Hause und schoss sich ins Herz. Kreuger war - wie Madoff - reich und angesehen, besass Luxuswohnungen an vielen Orten, war beliebt bei den Reichen und Schönen.
Vertrauen? Korruption?
Bernard L. Madoff lebt noch, er ist für eine Kaution in Höhe von zehn Millionen US-Dollar freigelassen worden und wartet, bis ihm der Prozess gemacht wird.
Das «Time Magazine» schrieb im Januar 1957 über Ivar Kreuger: «World’s Greatest Swindler» - eine Übersetzung ist unnötig. Aber das hiess es auch bei Jérôme Kerviel. Beide haben gemeinsam, dass sie sich stets im Windschatten der Wirtschaftsblasen bewegen - wo Gewinne warten, sind auch die Betrüger nicht fern. Dieses Jahr brechen nicht nur die Verluste Rekorde, sondern auch die Betrüger.
Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC hatte Madoffs Unternehmen mehrmals untersucht, unter anderem auch, als 2001 ein Konkurrent Madoffs an die SEC schrieb: «Madoff Securities ist das grösste Schneeballsystem der Welt.» Wie war es also möglich, dass die Aufsichtsorgane dieses gigantische Luftschloss für echt halten konnten? Bernard Madoff war selbst mehrmals von der SEC als Berater an Bord geholt worden - hatte man ihm also zu sehr vertraut, oder war es gar Korruption, wie jetzt manche vermuten?
Zurzeit kursiert ein Video. Darauf sieht man Bernard Madoff ruhig, selbstsicher, unverschämt, und er sagt: «Es ist sozusagen unmöglich, die Regeln zu brechen.»