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Die Geschichte der doppelten Willensnation
"Wilhelm Tell hat zwar nie existiert, dennoch beeinflussen seine Taten immer wieder den Gang der schweizerischen Politik." Das schreiben ausgerechnet zwei ausländische Wissenschafter in einer neuen Gesamtdarstellung der Schweizer Geschichte.
Clive H. Church war bis vor Kurzem Professor für europäische Politik an der britischen Universität Kent. Und Randolph C. Head ist Geschichtsprofessor an der Universität Kaliforniens in Riverside. Zusammen haben sie für die renommierte Cambridge-Reihe zu Nationalgeschichten 2013 "A Conciese History of Switzerland" verfasst.
Jetzt liegt sie auf Deutsch vor. Neuer Titel: "Paradox Schweiz". Neuer Untertitel: "Eine Aussensicht auf ihre Geschichte".
Die These
Selbst wenn beide Autoren ganz bewusst von aussen auf unser Land und seine Historie schauen, kennen sie beides von innen. Head wurde in Frauenfeld geboren und hat eine mustergültige Geschichte Graubündens vorgelegt. Church war während Jahren Gast an der Universität Bern und hat ein Standardwerk über die Schweiz nach dem EWR-Entscheid von 1992 verfasst.
Ihre These lautet: "Um den modernen Nationalstaat Schweiz zu verstehen, bedarf es einer Betrachtung sowohl der empirisch belegten Ereignis- und Institutionengeschichte als auch der kulturell verankerten Mythen, die zum politischen Kulturgut geworden sind und deshalb seine Optionen und Entscheide prägen."
Die populäre Innensicht auf die Schweizer Geschichte ist weitgehend bei den hergebrachten Erzählungen geblieben. Demnach lebt Tell immer noch. Uri, Schwyz und Unterwalden gelten unverändert als Urschweiz. Und die europäischen Habsburger firmieren ohne Ende als Feind der Eidgenossen.
Die Fachhistoriker in der Schweiz sind längst auf Distanz gegangen. 1291 ist bloss das mythologische Gründungsdatum für den Bund der drei Innerschweizer Kantone. Die moderne Republik Schweiz ist erst 1848 entstanden. Aus ihr heraus, nicht aus den Hirten in den Alpen und Bauersleuten in den Tälern, hat sich die heutige Demokratie entwickelt.
Zuerst war sie eine repräsentative Volksherrschaft mit einem perfekt ausgebildeten Zwei-Kammer-Parlament und einem siebenköpfigen Bundesrat als Kollegialbehörde. Dann entwickelte sie sich zur Referendums- und schliesslich zur halbdirekten Demokratie mit den weltweit elaboriertesten Volksrechten. Ihre Vollendung erfuhr die Schweizer Demokratie schliesslich 1971 mit der Einführung des Frauenstimmrechts.
Die Entwicklung der Schweiz
Trotz deklarierter Distanz nähern sich die beiden Autoren mit Gelehrsamkeit und Höflichkeit ihrem Thema. So schreiben sie: "Mit Bestimmtheit lässt sich sagen, dass ein Teil der Menschen nördlich und bis zu einem gewissen Grad auch südlich der Alpen sich seit dem späten 15. Jahrhundert als "Schweizer" bezeichnete."
Namensgeber war selbstredend Schwyz – einer jener drei Orte, die den Kern der Schweiz bildeten. Aus dem losen Netzwerk relativ autonomer Gemeinschaften entstand bis 1450 eine erstaunlich widerstandsfähige Konföderation, die "Eidgenossenschaft", die schliesslich den mehrsprachigen, multikonfessionellen und föderalen Bundesstaat von heute hervorbrachte.
Die für europäische Erfahrungen hohe Stabilität der Schweiz mitten im krisengeschüttelten Europa hat viele Beobachterinnen und Beobachter dazu veranlasst, eine Kontinuität in der Entwicklung der Schweiz zu betonen. Einseitig, wenden die Betrachter aus dem Ausland ein.
Denn sie gewichte die erbitterten Konflikte, welche die Schweiz immer wieder entzweiten, zu wenig. Gleiches gelte für die Bindungen mit anderen Regionen wie das Veltlin, Chablais oder Städte wie Rottweil und Mühlhausen, die später nicht Teil der Schweiz wurden oder blieben.
Darüber berichten die Autoren in den neun Hauptkapiteln des 300-seitigen Buchs klar und deutlich. Ausdrücklich verweisen sie auf die kriegerischen Konflikte unter Eidgenossen wie dem Zürich-Krieg in den 1440er-Jahren, die Serie von Konfessionskriegen zwischen 1529 und 1712, den Bauernkrieg von 1653 und den Sonderbundskrieg von 1847.
Das Paradoxe an der Schweiz
Paradox ist die Schweizer Geschichte, weil das Land sich trotz wiederkehrenden inneren Zerwürfnissen immer wieder aufgefangen und bis heute durchgehalten hat. Dabei sei Beständigkeit eher die Ausnahme als die Regel gewesen, so die Autoren.
Eindrücklicher O-Ton: "Um 1300 hätte niemand geahnt, dass die Bündnisse unter bescheidenen Kleinstädten und dünn besiedelten Bergtälern die gottgegebene Ordnung der Aristokratie und des Hl. Römischen Reichs ersetzen würden."
"Und im 17. Jahrhundert schien die eidgebundene, Katholiken wie Protestanten umfassende Konföderation inmitten von Herrschern, die nach der damals unbestrittenen Lehre von Gottes Gnaden über ihre rechtsgläubigen Untertanen bestimmten, fehl am Platz zu sein."
"Auch nach 1800 schaute man in den aufstrebenden Nationalstaaten Europas mit ihren nun 'natürlichen' Grenzen und einer idealisierten ethnischen Einheit mit grossem Befremden auf die polyglotte Eidgenossenschaft, die sich in verworrener, aber bisweilen auch beunruhigender Weise quer durch die Alpen erstreckte."
"Nichts, was in den heutigen Staaten gängig ist, verband die Bewohner und Bewohnerinnen der Schweiz zu einer Einheit. Keine Kultur stiftete eine gemeinsame Identität. Kein Zentralstaat hielt die vielfältigen Regionen dauerhaft zusammen. Für eine Kulturnation ist die Schweiz zu verschiedenartig bestückt. Und zum Nationalstaat taugt sie nicht."
Die doppelte Willensnation
In der Schweiz zählt die Geschichte! Als Historie bezeichnen die Autoren die "menschliche Fähigkeit, gemeinschaftliche Narrative zu entwickeln und sich eine politische Gemeinschaft vorzustellen". Deshalb geht es im Buch auch um die imaginierte Schweiz. Erfunden wurde sie im 16. Jahrhundert von katholischen Humanisten und reformierten Theologen.
Der Mythos hat, so Church und Head, selber eine Geschichte. In seiner einmal etablierten Form hatte er insbesondere im 19. und 20 Jahrhundert bedeutende Auswirkungen auf spätere Entwicklungen. Immer wieder wurde er neu belebt, sodass es ihm gelang als Erklärung für den politischen und wirtschaftlichen Fortbestand und Erfolg des Landes wirken.
"Selbst wenn das Land während der Napoleonischen Kriege erobert und von Grund auf umgestaltet oder während der Weltkriege zwischen 1914 und 1945 zweimal eingekreist und isoliert wurde, war die Geschichte der Garant dafür, dass eine Schweiz in erkennbarer Eigenart alle europäischen Katastrophen überdauerte und in gewandelter Form erhalten blieb."
Im Innern nennt man das "Willensnation", die gegen Ende des 19. Jahrhunderts Regionen, Konfessionen und Sprachen zur Gemeinschaft formte, im 20. Jahrhundert Bürger, Bauern und Arbeiter zu Staatsbürgern machte und seit 50 Jahren Stück für Stück auf beide Geschlechter ausgebreitet wird.
Vergessen sollte man dabei aber nicht, dass es da zuerst der Wille der europäischen Mächte, allen voran Russlands war. Es formte 1815 aus dem Jahrhunderte dauernden Kunterbunt an Kleinstaaten die Schweizerische Eidgenossenschaft, der im europäischen Staatenbund eine ausgleichende Funktion zwischen den rivalisierenden Monarchien zukam.
Das nüchterne, aber treffende Fazit
Die stark verdichtete Gesamtsicht auf reale und vorgestellte Schweizer Geschichte ist ihre Lektüre wert. Das konzise, knapp gehaltene und gut verständliche Geschichtsbuch verfällt dabei weder in ein heldenhaftes Halleluja der Schlachtensieger. Noch verniedlicht es die Schweiz und ihre Menschen als obskures Hirtenvolk mit Geissen auf Alpenweiden.
Vielmehr hält das Buch nüchtern fest: "Die Schweiz war und ist ein reales Staatswesen, in dem reale Politik betrieben wird, und nicht bloss eine Insel der Glückseligen inmitten einer spektakulären Berglandschaft."
Wobei die Schweiz gelernt hat, ihre eigene Geschichte auf ihre eigene Art und Weise zu erzählen. Diese Geschichte kritisch zu spiegeln, ist die Absicht der beiden Autoren aus der angelsächsischen Welt. Mich haben Vorgehen und Ergebnisse überzeugt.
Das Buch
Clive H. Church, Randolph C. Head: Paradox Schweiz. Eine Aussensicht auf ihre Geschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Jäger. Chronos Verlag Zürich 2021.End of insertion
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