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35 Tonnen Wünsche
Operationsfeld der Diebe war der wohl berühmteste Brunnen der Welt. Hier, wo eine der legendärsten Szenen der Filmgeschichte gedreht wurde, ziehen täglich 30‘000 Touristen vorbei. Viele werfen eine Münze ins Wasser.
Wer das tut, kehrt nach Rom zurück. So besagt es die Legende. Wer zwei Münzen ins Wasser wirft, wird sich in einen Italiener oder eine Italienerin verlieben. Bei drei Münzen wartet eine Heirat.
Die Banden, die des Nachts den Brunnen heimsuchten, hielten wenig von solchen Träumereien. Mit Besen rafften sie die Münzen zusammen. Zwar ist es verboten, den Brunnen zu betreten. Doch die Polizisten, die den Diebstahl verhindern sollten, drückten ein Auge zu – und liessen sich von den Geldfischern bestechen. Korruption bis an die Wasser des Trevi-Brunnens.
"Drei Münzen im Brunnen"
Die Fontana die Trevi trägt ihren Namen, weil hier im alten Rom drei Strassen aufeinandertrafen: „tre vie“ wurde zu „Trevi“. Hier auch endete ein Aquädukt, das schon in vorchristlicher Zeit Wasser aus den sabinischen Bergen nach Rom spülte. Der Brunnen war 1730 von Papst Klemens XII. in Auftrag gegeben worden. 32 Jahre lang wurde an ihm gebaut. 26 Meter hoch ist er, 50 Meter breit. Im Zentrum stehen der Meeresgott Oceanus, daneben zahlreiche Fabelwesen, Tritonen und Meerespferde.
Der Brauch, eine Münze ins Wasser zu werfen, wurde erst 1954 richtig populär. Damals entstand der schmachtende Hollywood-Streifen „Three coins in the fountain“. Er handelt von drei Amerikanerinnen, die Münzen in den Brunnen werfen - und sich in Rom verlieben. Den Titelsong sang Frank Sinatra.
"La dolce vita"
Die weltberühmteste Trevi-Szene schuf Federico Fellini im Jahr 1960. Im Film La dolce vita spazieren Anita Ekberg und Marcello Mastroianni durch die nächtlichen Römer Gassen. Anita findet eine weisse Katze. Sie bittet Marcello, Milch für das Tierchen aufzutreiben. Während er das tut, steigt Anita ins sprudelnde Wasser des Brunnens. Marcello kommt zurück, mit einem Glas Milch. Jetzt betritt auch er den Brunnen. Vor rauschendem Wasser kommen sie sich näher.
1996, nach dem Tod von Mastroianni, wurde die Fontana für einige Zeit abgestellt. Als Zeichen der Trauer wurde sie in schwarze Tücher gehüllt.
Die Fontana di Trevi gehört zu Roms touristischen Musts wie das Kolosseum, das Pantheon, die Piazza Navona oder die Engelsburg. Und täglich wird kiloweise Geld ins Wasser geworfen. Man rechnet, dass es in diesem Jahr 35 Tonnen sein werden. 35 Tonnen Wünsche. Einige britische Touristen hatten vergessen, eine Münze in den Brunnen zu werfen. Sie riefen die britische Botschaft an und baten einen Botschaftsvertreter, das nachzuholen – in ihrem Namen.
Das Geld geht an die Caritas, die damit den Armen hilft. Pro Woche einmal fischen Caritas-Vertreter das Geld aus dem Wasser. Suppenküchen und Notunterkünfte werden so finanziert.
Dann kam das Fernsehen
Die Diebe kamen pro Woche nicht einmal, sie kamen täglich. Seit vielen Jahren holten sie sich Geld aus dem Wasser. Doch in jüngster Zeit wurde diese Art der Geldbeschaffung zu einem eigentlichen Geschäftszweig. Die Banden teilten sich die Flächen im Brunnen auf und setzten nicht nur Besen, sondern auch Rechen ein. Caritas rechnet damit, dass mindestens ein Drittel der Münzen in Diebeshände fiel.
Doch dann kam das Fernsehen. Mit versteckter Kamera wurde eine nächtliche Diebesaktion gefilmt. Auf den Bildern sah man, wie die Diebe einen Teil ihrer Beute zwei wartenden Polizisten abgaben – Bestechungsgeld. Dann trat der Journalist, der sich versteckt hatte, hervor und stelle die Diebe vor laufender Kamera zur Rede. Diese schlugen den Reporter zusammen und warfen ihn ins Wasser. Als sie sich auch an den Kameramann heranmachten, schritten endlich die zwei Polizisten ein.
540'000 Euro im ersten halben Jahr
Die Hüter des Gesetzes wurden bestraft. Sie argumentierten, dass es kein Gesetz gebe, das das Sammeln von Münzen im Trevi-Brunnen verbietet. Eigentlich erstaunlich, denn in Italien gibt es zu allem ein Gesetzt. Jetzt schritt die Römer Stadtregierung ein und stellte das Münzenfischen explizit unter Strafe. Seither wird der Brunnen besser bewacht.
Und jetzt jubelt die Caritas. Seit dem Verbots steigen ihre Einnahmen aus dem Brunnen um zwanzig bis dreissig Prozent. Allein im ersten Halbjahr haben Caritas-Helfer Münzen im Wert von 540‘000 Euro aus dem Trevi-Wasser geborgen. Nicht nur, weil den Dieben der Garaus gemacht wird. Die Touristen sind offenbar spendabler geworden. „In Zeiten der Krise“, sagt ein Caritas-Sprecher, „wird der Mensch abergläubischer“. Und nach Rom zurückkehren bedeutet: die Krise überleben.
Paraguayische Guarani
Noch nicht gezählt ist der Wert der ausländischen Münzen. Denn viele Touristen werfen keine Euros ins Wasser, sondern einheimische Münzen: vom Singapur-Dollar über den Malawi Kwacha bis zum Paraguay Guarani. Dieses Geld muss erst in der Bank umgetauscht werden.
In Rom denkt man inzwischen darüber nach, ob man den Brunnen mit Kameras während der ganzen Nacht überwachen soll. Doch was ist, wenn die Diebe vermummt ins Wasser steigen?