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Erwarte niemals, dass jemand anderes die harte Arbeit für dich erledigt, selbst wenn es dir versprochen wird.
Mit «Almost Real» hat der US-Sänger Dylan Gardner vor Kurzem sein zweites Album veröffentlicht. Vier Jahre sind seit seinem Debüt «Adventures In Real Time» vergangen. In dieser Zeit hat der Amerikaner Höhen und Tiefen im Musikbusiness – zeitweise war er bei einem grossen Label unter Vertrag – durchlebt. Im E-Mail-Interview mit miwi.ch schaut er auf diese Zeit zurück und spricht über die neuen Songs sowie seine musikalische Zukunft.
miwi.ch: Dylan, dein zweites Album «Almost Real» ist erschienen – endlich! Wie fühlst du dich?
Dylan Gardner: Erleichterung ist wahrscheinlich das grösste Gefühl, das ich habe. Ich habe nun etwas mehr als zwei Jahre mit diesem Material «gelebt» und ich bin nun sehr gespannt für die Welt, und im speziellen für die Fans des ersten Albums, die nun dieses neue Material entdecken können. Der Weg zu diesem Album war für mich die prägendste Zeit meines Lebens bis jetzt. Ich bin eine völlig andere Person als bevor ich das Album gemacht habe, in einem grossartigen Sinn.
Wie hat sich deine Musik gegenüber dem ersten Album «Adventures In Real Time» verändert, welches 2014 erschienen war?
Ich glaube, die grösste Veränderung war die Aufmerksamkeit auf die Texte. Nach dem Lesen von Songtexten von Leuten wie Alex Turner, Elliott Smith und Morrisey war ich viel mehr von Texten fasziniert. Ich wollte, dass sich meine Songs bunter und persönlicher anfühlen. Aus dieser Überlegung heraus entstanden Songs wie «Sign Language» über meine Unfähigkeit, meine Gefühle sozial zu vermitteln, «The Way It Goes» über meine Kinderstube und die Desillusionierung in Los Angeles, oder «All Roads Lead Back» über den Versuch, Hoffnung/Religion zu finden in beunruhigenden Zeiten.
Es war mir sehr wichtig, den «Take-Home-to-your-room»-Aspekt zu wahren.
Deine erste Platte hast du in deinem Schlafzimmer aufgenommen. Wie waren die Arbeiten am zweiten Album?
Das zweite Album war eine Weiterentwicklung der ersten, wobei das Studio für diese Platte nur eine schönere Version des «Heimstudios» war. Mein neues Zimmer in Los Angeles war besser zum Aufnehmen geeignet und ich war vertrauter mit dem Drehen der Knöpfe und wie ich einen besseren Klang von Instrumenten hinbekomme. Das Studio meines Co-Produzenten war ein grossartiger kleiner Raum in Atwater, Kalifornien, mit toller Ausrüstung und fantastischen Mikrofonen. Wir haben dann vier Tage im Studio von Eric Valentine für das Schlagzeug und für eine String-Session im «Sunset Sound» verbracht. Es war mir sehr wichtig, dennoch den «Take-Home-to-your-room»-Aspekt des Albums zu wahren. Ich nahm zu allen unmögliche Uhrzeiten auf.
War es schwieriger oder einfacher die neuen Songs zu schreiben?
Es war ungefähr der gleiche Prozess wie beim ersten Album. Du hast mehr als 60 Songs zur Auswahl, und du schreibst zehn in den letzten fünf Minuten und wählst einen oder zwei aus dem Stapel. Ich schreibe immer – meine Hauptaufgabe als Mensch ist es, immer an Melodien zu denken. Ich höre nicht auf, bis ich das Gefühl habe, dass es 10 A+ Songs für eine Platte gibt, also ist das der schwierige Teil, der mich nachts aufhält. Aufgrund dieses Prozesses bin ich stolz auf alles, was ich jemals veröffentlicht habe.
Du hast dabei mit einigen Persönlichkeiten aus dem Musikbusiness zusammengearbeitet. Wie was das für dich?
Es war alles fantastisch und ein grosser Lernprozess für mich. Ich würde es mit einem wunderbaren Praktikum vor deinem ersten grossen Job vergleichen. Ich schrieb mit Songwritern wie Teddy Geiger, John Ryan, Julian Bunetta und Patrick Park … Ich denke von ganzem Herzen, dass sie derzeit die besten Songwriter sind. Ich diskutiere so viel mit ihnen und lerne ihre verschiedenen Methoden kennen – die einen sind «Text-zuerst» basiert; andere «Melodie-zuerst». Nachdem ich mit Produzenten wie Matt Rad, Chris DeStefano und vor dem Album mit RoboPop zusammengearbeitet hatte, sah ich wirklich, wie man seine Ideen schneller greifbar macht, aber dabei die Aufnahmequalität besser macht als ein Demo, was die grösste Verbesserung meines Songwriting/Demo-Prozesses war. Alles in allem eine tolle «Lehre» für mich.
Das Wichtigste, was ich gelernt habe ist: Tue es selber.
Das Album wird als ein «Soundtrack für die junge Liebe» beschrieben. Welches ist dein Lieblingssong darauf?
Nun, «Ride» und «Nice to Be Nowhere» sind die grossen Kapitel für dieses Thema. Mein Lieblingslied auf dem Album ist aber «All Roads Lead Back», weil ich denke, es ist der beste Song, den ich je geschrieben habe. In dem Moment, als der Song «aus mir herauskam», war ich so stolz, dass ich dieses Gefühl zu Papier bringen konnte. Ich wollte das emotionale Gefühl eines Songs wie «Yesterday» oder «Bridge Over Troubled Water» mit einer schönen Melodie festhalten, und die Saitenarrangements dieses Liedes packen mich jedes Mal. Ich habe mich dafür entschieden, das Album damit zu beenden, als ein «Fortsetzung folgt»-Moment – so in der Art, wie ich es kaum erwarten kann zu sehen, wohin ich von hier weitergehe.
Neben der eigentlichen Musik ist sehr viel passiert in den vergangenen Jahren. Was hast du über das Musikbusiness gelernt?
Es gibt so vieles, was ich gelernt habe, sodass ich dich hier den ganzen Tag mit einer Antwort aufhalten könnte. Aber das Wichtigste, was ich gelernt habe ist: Tue es selber. Erwarte niemals, dass jemand anderes die harte Arbeit für dich erledigt, selbst wenn es dir versprochen wird. Ich denke, dass ist das Problem, das ich mit dem Major-Label-System hatte. Als neuer Künstler bei einem «schon erfolgreichen» Major Labels ist es eine grosse Herausforderung, und da braucht es enorm viel – vor allem Zahlen -, damit du in der Hierarchie aufsteigen kannst. Es braucht aber auch einiges, um wieder von vorn zu beginnen. Doch dies hat mich viel härter arbeiten lassen. Ich wurde selbständig, und ich habe die Platte selbst veröffentlicht, habe bezahlt, um sie auf Vinyl zu haben, habe meine Website eingerichtet, meine eigenen Fanartikel entworfen und produziert, die sozialen Medien «gefüttert», meine eigenen Lyric-Videos gemacht, das ganze Artwork für Singles gestaltet, alle Artworks für Social Media, und ich habe mit dem Produzieren und Schreiben von Songs für andere Künstler begonnen. Ich war noch nie glücklicher bisher.
Haben diese Erfahrungen deinen ehemaligen Traum – einen berühmtem Musik zu werden – beeinflusst?
Das alles lässt mich einfach offenherziger sein. Die unbekannte Zukunft vor mir ist der aufregendste Teil, weil ich nicht weiss, was mich erwartet. Jede Dokumentation über Rock-Musikerinnen und -Musiker, die ich je gesehen habe, hat diesen Moment, wo sie sagen «Ich hatte noch drei Dollar auf meinem Bankkonto und ich wollte meine Gitarre verkaufen, um die Miete zu bezahlen, blah blah“ und dann verändert etwas komplett Unerwartetes ihr Leben. Ich weiss nicht, wann dieser Moment kommt, oder ob er überhaupt kommt, aber ich bin bereit, jeden Tag etwas dafür zu tun, um dorthin zu gelangen.
Was sind deine konkreten Zukunftspläne?
Meine unmittelbaren Pläne sind, das Album zu promoten für eine Weile. Ich möchte wieder eine Tour durch die USA machen und unbedingt in Länder ausserhalb der USA reisen. Ich arbeite auch immer an neuem Material. Ich habe ungefähr 30 Songs für die nächste LP im Köcher, aber ich möchte mich jetzt zunächst auf dieses Album konzentrieren. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass das dritte Album schneller kommt, als «Almost Real» nach «Adventures in Real Time» kam!
ÜBER DEN AUTOR:
Gesungen habe ich immer gerne – leider nur auf Schulchor-Niveau. Heute beschränke ich mich daher lieber auf das Musikhören. Gut, gehörte zu meinem ersten Job beim Radio auch das Einsortieren der neuen CDs. Da gab es viele neue Musik zu entdecken. Auch heute gehe ich regelmässig auf Entdeckungstour – weltweit im Web. Meine Abenteuer teile ich hier auf miwi.ch gerne mit Euch. Mehr über mich gibt es unter michaelwieland.ch zu lesen.
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