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Es war den ganzen Tag schwül gewesen. Von seinem Hochsitz aus sah Lucky die Berge, die man nur bei Föhnwetter zu sehen bekommt. Irgend etwas lag in der Luft, eine Art Bedrohung. Heute ging Lucky nur kurz zu Amira, denn er wollte zu Hause sein, wenn das Gewitter loslegte. Er kannte die Vorzeichen, die Unheil versprachen. Nachdem es seit Wochen nicht mehr geregnet hatte, überzogen jetzt dunkle Wolken den erst noch klaren Himmel. Während er bei Amira sass, schaute er regelmässig zum Himmel hoch. Es wurde immer dunkler. Die Blätter an den Bäumen begannen sich zu bewegen. Erst kam ein leichter Wind, dann blies er heftig und stark. Die Zweige neigten sich unbändig auf und ab, es rauschte und pfiff aus den Bäumen. Die Windböen nahmen an Stärke zu. Aus dem leichten Wind war innert kürzester Zeit ein mittlerer Orkan entstanden.
Lucky flüsterte seiner Geliebten ein paar nette Worte zu und verabschiedete sich blitzschnell. Sie sollte hinein gehen, in den geschützten Bereich, hatte er ihr gesagt. Er selber machte sich auf den Weg, wollte daheim sein, bevor das Unwetter loslegte. Thomas machte sich daheim schon Sorgen, als Lucky noch nicht da war. Er sah die dunklen Wolken und hörte schon das erste Plätschern des Regens. Die Bäume im Wald wanden sich in alle Richtungen. Draussen sah es bedrohlich aus. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als er die Katzentüre hörte und Lucky, wenn auch vollkommen durchnässt, im Wohnzimmer stand.
Vier Dörfer weiter tobte der Sturm schon seit einer Stunde. Der Himmel hatte sich schwarz verfärbt. Die Windböen rissen alles runter, was nicht niet- und nagelfest war. Die Leute liefen nach Hause, brachten sich vor dem Unwetter in Schutz. Wer den Heimweg nicht rechtzeitig angetreten hatte, musste nun mit dem Unwetter kämpfen. Es war sehr gefährlich, mit dem Auto unterwegs zu sein. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet. Der Boden war derart trocken, dass der Regen nicht versickern konnte. Das Wasser rann darüber hinweg und bildete kleine Flüsse. Die Bäume hatten in den letzten Monaten gelitten. Die Wurzeln waren ausgetrocknet. Die Verankerung im Boden war nicht mehr garantiert. Man wusste nie, ob die Bäume halten oder umfallen würden. Im benachbarten Dorf war bereits die Feuerwehr ausgerückt, um umgestürzte Bäume von den Strassen zu holen.
Auch Anna hatte den Moment verpasst, sich in Sicherheit zu bringen. Sie war noch mit dem Auto unterwegs, auf dem Heimweg aus der Stadt. Weit war es nicht mehr, doch die Sicht war äusserst schlecht. Obwohl es erst 18 Uhr war, musste sie die Lichter einschalten, um überhaupt noch was zu erkennen. Von überall flogen Blätter auf die Strasse. Auch kleinere Aeste kamen ihr entgegen. Wäre sie nur früher abgefahren, hätte sie den Sturm umfahren. Nun war sie mittendrin und hatte mit den Folgen zu kämpfen.
Weit war es nicht mehr nach Hause. Sie bog nach der geschützten Unterführung in die Bahnhofstrasse ein. Auf der linken Seite wurde ein Industriehaus gebaut. Und genau aus dieser Richtung kam der Wind. Er hatte sich einen Weg freigeblasen, mitten durch die Baustelle. Der Orkan schleuderte alles auf die Strasse, was er im Vorbeirauschen erfassen konnte. Die Baustellenabdeckung lag bereits mitten auf der Fahrbahn. Wo man hinsah, hingen zerfetzte Plastikteile. Die Werbefolien und Schilder der Baufirmen hingen lose am benachbarten Gartenzaun. Die wenigen Bäume, die man neben der Baustelle stehen gelassen hatte, neigten sich bedrohlich der Erde zu. Wenn sie nur nicht umfallen würden. Anna hatte Mühe, überhaupt irgendetwas zu erkennen. Grosse Holzstücke kamen durch die Gegend geflogen. Auf der Baustelle stürzte ein ganzes Fenster vom ersten Stock in das Erdgeschoss hinunter. Sie hörte das Klirren, als es am Boden zerbarst. Sie wusste gar nicht, worauf sie zuerst achten musste. Es herrschte das totale Chaos. "So wird es sein, wenn die Welt untergeht", dachte sie. Sie wollte nur noch nach Hause, in die geschützte Wohnung und die Fensterläden schliessen.
In diesem Moment krachte ein Ast auf die Strasse hinunter. Sie erschrak und schrie laut auf. Dann ging alles blitzschnell. Kaum hatte sie sich vom Schock erholt, spürte sie etwas unter ihren Rädern. Ihr Auto hob sich kurz, dann war alles vorbei. Sie stand noch immer unter Schock, schaute nur kurz in den Rückspiegel. Dort lagen zahlreiche Holzstücke, die der Wind auf die Strasse geschleudert hatte. Sie raste nach Hause. Erst als sie die Garage erreicht hatte, wurde sie ruhiger. Hier war sie in Sicherheit. Sie schloss die Haustüre auf, rannte ans Fenster und liess die Rollläden herunter. Sie wollte dem Sturm nicht mehr ins Auge sehen.
Sie stand in der Küche und wartete darauf, dass das Gewitter vorbei sein würde. Es dauerte länger als erwartet. Doch dann schwächte sich das Unwetter ab. Die dunklen Wolken zogen in Richtung Osten. Es wurde draussen wieder hell. Anna sass im Wohnzimmer auf dem Sofa und trank ein Glas Tee. Auch wenn das Schlimmste vorüber war, hatte sie kein gutes Gefühl. Sie ging im Geiste nochmals durch, was in der letzten Stunde passiert war. Sie sah die Bilder wieder vor sich, wie sie sich mitten im Sturm den Weg durch Blätter und Holz bahnen musste. Dann spürte sie nochmals den Ruck, der durch ihr Auto ging. War es ein Brett, das sie überfahren hatte? Oder war es doch ein Tier gewesen? Sie strich die schlechten Gedanken weg, schaltete den Fernseher ein. Doch die Fernsehbilder gingen an ihr vorbei. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Was, wenn sie ein Tier verletzt und einfach liegen gelassen hatte? Nein, so konnte sie keine Ruhe finden. Sie ging hinunter in die Garage und stieg in ihr Auto. Langsam fuhr sie zurück an den Ort des Geschehens.
Wo sie hinschaute, lagen Blätter, Aeste und Holz herum. Der Wind hatte getobt. Sonnenstoren waren weggerissen, Strassenlampen zerschellt. Die Verkehrsampel hatte sich auf die andere Seite gedreht und hing eigenartig in ihrer Verankerung. Bei der Baustelle stellte sie den Wagen ab. Sie schaute auf die Strasse, wo noch immer zahlreiche Holzstücke lagen. Auch das zerbrochene Fenster lag noch immer dort. Sie ging dem Strassenrand entlang und suchte nach einem Anzeichen, dass sie hier ein Tier verletzt hatte. Nichts, rein gar nichts war zu sehen. Auch schaute sie in die Gärten, ob sich vielleicht irgendwo ein verletztes Tier versteckt hatte. Sie konnte nichts entdecken und ging eine Stunde später erleichtert wieder nach Hause.
Im Traum sah sie dann den Kater, der ihr unter die Räder gelaufen war. Es war eine lange Nacht, in der sie nicht zur Ruhe kam. Ihr schlechtes Gewissen liess sie wach bleiben. Sie musste etwas unternehmen. Wenn das Tier noch da war, musste sie es finden.
Am nächsten Morgen fuhr sie erneut zum Tatort. Bereits waren die Bauarbeiter daran, die Scherben aufzuräumen und die Bretter von der Strasse zu entfernen. Sie schaute nochmals in jeden Garten. Dann nahm sie allen Mut zusammen und klingelte an einer Haustür. Eine freundliche Frau öffnete ihr, erklärte ihr aber, dass kein Haustier bei ihr wohne. Sie setzte ihre Nachforschungen fort, klingelte an jeder Türe. Je länger es dauerte, desto sicher war sie sich, dass sie eine Katze überfahren hatte. Es war etwa das zehnte Haus, bei dem sie fündig wurde.
Hier war der Unglückskater zu Hause, hierher hatte er sich geschleppt. Sein Name war Leo. Er lebte mit seinen Artgenossen in einem mehrstöckigen Einfamilienhaus bei Vera. Er war das, was man einen "Freigänger" nannte. Er durfte das Leben geniessen wie er wollte. Seitdem auf der gegenüberliegenden Strassenseite gebaut wurde, machte er viele Ausflüge dorthin. Natürlich musste er deswegen die Strasse überqueren, doch waren die Schutzengel bisher stets bei ihm gewesen.
Gestern Abend jedoch sass er mitten auf der Baustelle, als der Sturm losging. Eigentlich wusste er genau, dass er nach Hause gehen sollte, doch hielt ihn der starke Regen vom Heimweg ab. Wie er dieses Wasser doch hasste! Nein, er würde hier bleiben, bis es draussen wieder trocken wäre. Dann hörte er ein Krachen. Dicht hinter ihm stürzte ein Fenster auf den Boden. Blitzschnell war er auf den Beinen. Er sprang auf. Instinktiv rannte er davon, als sei der Teufel hinter ihm her. Mit ausgestrecktem Schwanz und Riesensprüngen rannte er nach Hause. Dabei schaute er nicht rechts und nicht links. Nun war es ihm egal, ob er nass werden würde. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Er konnte die Augen kaum mehr offen halten. Er hörte das leise Auto nicht, das auf ihn zufuhr. Dafür tobte der Orkan zu laut. Er spürte einen leichten Aufprall und einen stechenden Schmerz im Bein. Das Auto hatte ihn überrollt. Er wusste, dass er von der Strasse wegkommen musste, so schnell als möglich.
Sein Bein schmerzte wie wahnsinnig. Er konnte es nicht mehr belasten. Mit seinen anderen drei Läufen rannte er heimwärts.
Das verletzte Bein schleppte er hinter sich her. Durch die Katzentüre konnte er nicht. Diese stand zwar offen, doch konnte er das verletzte Bein nicht mehr anziehen und durch das enge Türchen klettern. Er war ein grosser Kater und hatte
schon ohne Verletzung Mühe, sich durch die enge Katzentüre zu drücken. Er legte sich vollkommen erschöpft vor die Eingangstüre und schrie. Seine Stimme ging im tobenden Sturm unter. Niemand hörte ihn.
So fand ihn Stefan, als er eine Stunde später nach Hause kam. Er wohnte zwar nicht hier, wollte aber nachschauen, ob in seinem Elternhaus alles in Ordnung war. Seine Mutter war heute bei
Bekannten eingeladen. Wie erstaunt war er doch, als er Leo da liegen sah. Wieso war er nicht im Hause drin? Warum schrie er denn so? Als er Leo hochheben wollte, sah er das verletzte Bein, das wie leblos herunterhing. Nun war ihm klar, was geschehen war. Er rief den Tierarzt an, dass er hier einen Notfall hatte, und machte sich auf den Weg.
Thomas hatte ja nicht weit zu seiner Praxis. Nach dem Anruf von Stefan ging er hinüber und startete alle notwendigen Maschinen. So könnte er sofort handeln, wenn es nötig wäre. Nur zwanzig Minuten später trafen Leo und sein Retter ein. Leo war noch immer nass und voller Blut. Thomas' fachkundiger Blick verriet ihm sofort, dass Leo einen schweren Unfall gehabt hatte. Gott sei Dank hatte er den Röntgenapparat bereits gestartet. Nun würde er bald wissen, wie schlimm die Verletzung war. Kurze Zeit stand das Resultat fest: Leo hatte sich sein Bein vier Mal gebrochen, ansonsten war er okay.
Am nächsten Tag ging es in den Operationssaal. Leo bekam Implantate, die sein Bein zusammenhalten sollten. Er musste zudem in den nächsten Wochen das Haus hüten. Die Operation verlief gut, und wenige Tage später durfte Leo wieder nach Hause. Vera wusste, dass ihr und Leo eine schlimme Zeit bevorstanden. Leo durfte das Bein auf keinen Fall belasten. Damit er das auch nicht konnte, wurde er in einen Käfig gesperrt, der ihr der Tierarzt mit nach Hause gegeben hatte. Die ersten Tage waren ja noch nicht schlimm, denn Leo hatte grosse Schmerzen.
Er hatte keine Lust, nach draussen zu gehen. Der Käfig war dennoch klein, denn Leo war ein ausgewachsener Britisch-Kurzhaar-Kater und wog bestimmt sieben Kilos. Er konnte zwischen Liegekissen und Katzenklo kaum zwei Schritte machen.
Als Anna ihn nach ein paar Tagen besuchen kam, sah sie das Elend. Dies war kein Katzenleben, der Käfig war viel zu eng. Sie hatte im Geschäft, wo sie arbeitete, einer Kollegin die Geschichte erzählt. Diese schlug ihr vor, aus einem Käfig ein doppeltes Gehege zu machen. Sie hatte zu Hause einen gleichen Käfig, noch aus der Zeit, als ihr Kater Emsy verunfallt war.
Am gleichen Abend noch brachten sie den zweiten Käfig zu Vera. Sie stellten die beiden Gitterverschläge so aneinander, dass Leo durch eine Durchgangstüre von einem zum anderen Käfig gelangen konnte. Trotzdem war es ihm nicht möglich, unbedachte Schritte zu machen oder rumzuklettern. Leo war ihr sehr dankbar. Er war ein reinlicher Kater und hasste nichts mehr, als wenn das Futter direkt neben dem Katzenklo stand. Nun hatte er einen Käfig, in dem er herumlaufen, liegen und fressen und einen anderen Käfig, in dem er sein Geschäft verrichten konnte. Dieses Gehege war nun standesgemäss für einen Kater wie ihn.
Leo war nämlich ein sehr vornehmer Kater. Mit seinen beiden Frauen zusammen hatte er 71 Kinder. Sie alle sahen aus wie die Katze "Jenny" aus der Whiskas-Werbung. Sie glichen ihrem Vater aufs Haar. Die einen Nachkommen waren zwar etwas dunkler als er, doch alle genau so schön wie Leo. Er selber war hellgrau und besass einen dicken, runden Schädel wie alle Karthäuser-Kater. Ueber das Gesicht und den ganzen Körper gingen breite Nadelstreifen bis zum Schwanz. Die Menschen nannte diese Zeichnung "gestromt". An der Seite bildeten diese Streifen eine Art Schnecke, genannt "Butterfly". Egal, wie die Menschen dies nannten, Leo wusste genau, dass er ein schöner Kater war. Die Katzen der Region verehrten ihn, was ihn voller Stolz erfüllte. Seit ein paar Jahren war seine Zeit als Zuchtkater vorbei. Seither durfte er das Leben etwas ruhiger angehen. Er liebte seine Frauen noch immer, doch war die Zeit der Kindererziehung jetzt vorbei. Nun ging er jeden Tag auf Streunertour.
Es war einfach Pech, dass er diesen Unfall gehabt hatte. Natürlich lebte er gefährlich so zwischen Wohnhaus und Baustelle. Unter normalen Umständen wäre ihm das alles nicht passiert. Doch das Fenster,
das auf dem Boden aufkrachte, hatte ihn derart erschreckt, dass er kopflos über die Strasse gelaufen war. Dabei hatte er noch Glück, dass er sich nur das Bein gebrochen hatte.
Leo bekam regelmässig Besuch. Anna kam so oft als möglich vorbei. Sie freute sich, dass es Leo allmählich besser ging. Ab und zu kam auch noch Tina, die Frau, die ihm den zweiten Käfig besorgt hatte. Er war ihr sehr dankbar, dass sie ihm das Krankenzimmer vergrössert hatte. Dafür leckte er ihr die Hand und schnurrte ihr entgegen. Mit seinem dicken Schädel tönte das, als schnurrten zehn Katzen auf ein Mal.
Nach sechs Wochen war Leo wieder auf allen Beinen. Man sah ihm den Unfall nur noch am geschorenen Hinterteil an. Ansonsten war er wieder der Alte. Allmählich kam wieder der Drang nach Freigang. Er war lange genug eingesperrt gewesen, wollte wieder mal einen Rundgang durchs Revier machen.
Als Tina sechs Wochen später an Leos Haus vorbei fuhr, sah sie ihn, wie er im Garten sass und mit den Augen eine Maus fixierte. Nun wusste sie, dass alles gut gegangen war und Leo einen Schutzengel gehabt hatte.