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Die Familie ist auch in der Schweiz einem ständigen gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Es wird immer weniger geheiratet, während die Scheidungen und Single-Haushalte zunehmen.
Am 15. Mai ist Internationaler Tag der Familie.
Die Probleme für die Familie begannen in den 60er Jahren, mit dem raschen sozialen Wandel im Zuge des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms. Ab 1968 geriet die Familieninstitution ernsthaft ins Wanken, sie kam von allen Seiten unter Beschuss. Auslöser waren die sexuelle Revolution, der wachsende Graben zwischen den Generationen, der Zugang der Frauen zum Arbeitsmarkt, die Pille und so weiter.
Für einige, wie etwa David Cooper, war diese säkulare Institution überholt. In seinem Werk "Tod der Familie" prophezeite der Pionier der Anti-Psychiatrie das Ende der traditionellen Eheverbindung, die bloss "Normalität und Konformismus erzeugt".
Mehr Scheidungen und weniger Kinder
Einige Jahrzehnte später ist die Familie immer noch da als Pfeiler unserer Gesellschaft. Aber zumindest in den industrialisierten Ländern ist das Modell immer weniger verbreitet.
Vielleicht hat die UNO auch aus diesem Grund beschlossen, ab 1994 der Familie einen internationalen Tag zu widmen, um sie als weltweit schützenswertes Gut darzustellen.
Wie die Statistiken des Europarats zeigen, heiraten in den meisten europäischen Ländern immer weniger Leute und in immer fortgeschrittenem Alter, während immer häufiger geschieden wird. Die durchschnittliche europäische Geburtsrate liegt bei klar unter 2,1 Kindern pro Frau.
In der Schweiz sind diese Tendenzen besonders ausgeprägt: Mehr als vier von zehn Ehen enden mit einer Scheidung, und jede vierte Frau verzichtet auf Kinder.
1960 gab es in der Hälfte der Haushalte Kinder. Heute nur noch in jedem dritten. Und 35% der Haushalte bestehen aus Singles, verglichen mit 14% im Jahr 1960.
Der wichtigste Wert
"Es stimmt, dass weniger geheiratet und leichter geschieden wird, und dass man weniger Kinder hat. Aber die Familie wird deshalb nicht verschwinden, sie steht vielmehr in einer wichtigen Umbruch-Phase", hält Beat Fux fest, Dozent am Soziologie-Institut der Universität Zürich.
Neue Formen des Zusammenlebens breiten sich immer mehr aus und machen die schwindende Bedeutung des traditionellen Modells – verheiratetes Paar mit Kindern - zum Teil wett.
Die neuen Formen reichen von den Patchwork-Familien, wo Kinder aus früheren Bindungen zusammen leben, bis zu Familien aus homosexuellen Paaren.
"Auf alle Fälle bleibt das Interesse an der Familie sehr hoch. Aus verschiedenen schweizerischen und europäischen Statistiken geht hervor, dass die Familie auf der persönlichen Werteskala an erster Stelle steht, ganz klar vor der Arbeit, der Religion oder der Freundschaft", unterstreicht Fux.
Dasselbe gilt auch für die Kinder. Die Schweizerinnen und Schweizer möchten beispielsweise durchschnittlich 2,2 Kinder haben. Während die gegenwärtige Rate nur bei 1,4 Kindern pro Frau liegt.
Mangel an Infrastruktur
Realität und Wunsch weichen also erheblich voneinander ab. Die Gründe dafür sind komplex. Ausschlaggebend sind finanzielle Erwägungen.
"Wenn wir Schweizer Paare fragen, warum sie keine Kinder haben, antworten sie gewöhnlich, dass sie sich das nicht leisten können oder dass sie die Anforderungen des Berufs und der Familie nicht unter einen Hut bringen", erklärt Jacqueline Fehr, Vizepräsidentin der Stiftung Pro Familia.
Gemäss einer Studie des Eidgenössischen Amts für Sozialversicherungen kostet die Erziehung eines Kindes eine Familie 340'000 Franken. Sogar 820'000, wenn man die Arbeits- und Karriere-Möglichkeiten berücksichtigt, auf die sie wegen des Kindes verzichtet hat.
Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern stellt sich die Arbeitswelt äusserst mangelhaft dar, was das Angebot an Infrastruktur und Erleichterungen für arbeitende Mütter betrifft: Krippenplätze, Mutterschaftsversicherung, Teilzeitarbeit, etc.
"Im Berufsleben hat der Erfolg als Ziel Vorrang. Und um Erfolg zu haben, muss man immer abkömmlich sein und frei von langzeitlichen oder stark beanspruchenden Bindungen. Die Mutterschaft ist genau das Gegenteil, eine Verpflichtung auf sehr lange Zeit hinaus", stellt Jacqueline Fehr fest.
Risikofaktoren
In der Schweiz Kinder zu haben ist zu einem Hauptrisikofaktor für Armut geworden. Ein Grossteil der unter dem Existenzminimum lebenden Bevölkerung rekrutiert sich aus Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien.
"Die Familienpolitik ist sicher die grosse Verliererin der Neunziger Jahre mit ihrer langen Periode der wirtschaftlichen Stagnation", bekräftigt die Vizepräsidentin von Pro Familia.
"Der Wert der Familie muss mehrheitlich anerkannt werden, auch von der 'classe politique'. Stattdessen wird heute zu wenig wahrgenommen, wie wichtig die schwindende Bedeutung der Familienrolle auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene ist: denken wir bloss an das Problem der Überalterung der Bevölkerung".
Das am 16. Mai zur Abstimmung kommende Steuerpaket stellt die einzige Entlastungs-Konzession dar seit vielen Jahren, die das Parlament den Familien gewährt. Und es wird argumentiert, dass das Paket eigentlich die Wohlhabenden mehr entlastet als die Familien. Sicher ist jedenfalls, dass Steuersenkungen allein noch keine Familienpolitik sind.
"An Familienunterstützung fehlt es in allen europäischen Ländern. Aber in der Schweiz muss die Familienpolitik als besonders unterentwickelt taxiert werden", bestätigt Beat Fux.
swissinfo, Armando Mombelli
(aus dem Italienischen übertragen von Monika Lüthi)
Fakten
In der Schweiz werden über 40% der Ehen geschieden.
Die Geburtsrate liegt bei 1,4 Kindern pro Frau (nur 1,2 für Schweizer Frauen).
24% der Frauen verzichten auf Kinder.
35% der Haushalte bestehen aus einer einzigen Person.
In Kürze
Die Vereinten Nationen haben vor zehn Jahren erstmals einen weltweiten Familientag ausgerufen.
Der Anlass will Gelegenheit bieten, über Probleme rund um die Familie zu diskutieren. Für die UNO gilt die Familie als "Grundzelle unserer Gesellschaft".
Kinder zu haben ist in der Schweiz zu einem Hauptrisikofaktor für Armut geworden.
Unter den alleinerziehende Eltern oder kinderreichen Familien leben viele unter dem Existenzminimum.