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Die Bezeichnung «Olympische Blase» ist nicht ganz richtig. Nicht alle Wettkampfstätten, Stadien und Hotels befinden sich in einem einzigen umzäunten Gebiet wie in einem riesigen Olympischen Disneyland.
Die Bezeichnung «Olympischer Archipel» trifft es besser: Die Hotels, das Medienzentrum und die verschiedenen Stadien und Wettkampforte sind wie Inseln im riesigen Meer in und um eine 21 Millionen-Stadt verstreut. Verbunden durch mehrere Bus- und zwei Eisenbahnlinien.
Diese Verbindungsstränge folgen allerdings nicht dem kürzesten Weg. Die Busse fahren in der Stadt verschlungene Umwege. Das Hockeystadion wäre beispielsweise vom Medienzentrum aus in weniger als zehn Minuten zu Fuss zu erreichen. Es ist aber obligatorisch, auch für kürzeste Strecken die offiziellen Busverbindungen zu nützen. Seltsamerweise dauert die Hinfahrt mehr als zehn und die Rückfahrt länger als zwanzig Minuten.
Der Chronist versucht, sich auf diesen täglichen Busfahrten zu orientieren. Schon um sicher zu sein, dass er ins richtige Fahrzeug eingestiegen und in die richtige Richtung unterwegs ist. Was nicht so einfach ist: Die Strassenschilder sind nicht lesbar, die vielen Abzweigungen verwirren. Fahren wir nun nach Süden oder nach Norden, nach Westen oder nach Osten? Eine chinesische Metropole kann sein wie ein spanisches Dorf.
Inzwischen hilft die schon fast vergessene Erinnerung an eine Schulreise: Wir fuhren damals mit der Eisenbahn Richtung Tessin. Zwischen Gurtnellen und Göschenen verschwindet der Zug mehrmals in einem Kehrtunnel und die Orientierung geht verloren. Gut gibt es das Kirchlein von Wassen. Wenn die Erinnerung nicht trügt, so sahen wir es drei Mal: zuerst von unten herauf auf der rechten Seite am Hang, dann rechts auf gleicher Höhe und schliesslich links von oben herab.
Gäbe es dieses Kirchlein nicht, hätten wir nicht gewusst, ob wir südwärts oder nordwärts rollen. Das kleine Gotteshaus ist der Fixpunkt der verwirrenden Linienführung der Gotthard-Kehrtunnel und hat den Kabarettisten Emil zu einer wunderbaren Nummer mit Kultstatus inspiriert («Chileli vo Wasse»).
Das «Chileli vo Wasse» ist in Peking das Vogelnest. Das berühmte Stadion, das an ein riesiges, kauerndes Urwelt-Insekt mahnt, ermöglicht dem Chronisten die Orientierung rund um die Uhr. Es ist nachts beleuchtet. Je nachdem, ob er das Vogelnest bei der Busfahrt linkerhand oder rechterhand sieht, etwas näher oder etwas weiter weg, weiss er, in welche Himmelsrichtung die Fahrt geht.
Ein beklemmendes Gefühl will bei diesen Busfahrten nach wie vor nicht ganz von der Seele weichen. Die Welt da draussen, die am Fenster vorbeifliegt, dürfen wir nicht betreten. Wir sind nur auf den von der Umwelt hermetisch abgeschlossenen Inseln des «Archipels Olympia» vorübergehend geduldet.
Inzwischen hat der Chronist herausgefunden: Sollte es bei einer Busfahrt zu einem Unfall kommen oder das Fahrzeug mit einer technischen Panne stehen bleiben – unwahrscheinlich, aber eben nie ganz auszuschliessen – dann kommt nicht der chinesische TCS, der hier CHP heisst (Chum Han-Pann). Auch Passantinnen und Passanten dürfen nicht helfen.
Es gibt – und das ist wahr – eine behördliche Weisung an alle Eingeborenen: nicht anhalten, wenn ein mit den Olympischen Ringen verziertes Fahrzeug in Schwierigkeiten steckt, crasht oder brennt. Sofort entfernen oder einen grossen Bogen darum herum machen und die Polizei informieren. Die schickt dann die Marsmenschen in ihren Anzügen vorbei.