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Von den Anfängen bis zur ersten Blüte
Zum Zeitpunkt der Gründung der Universität gab es in der Medizinischen Fakultät nur einen Medizinprofessor, den "Ordinarius in medicina". Das Amt bekleidete von 1460 - 1493 Wernher Wölfflin von Rottenburg am Neckar. Er war gleichzeitig Stadtarzt - ein Amt, das seit Gründung der Universität die Medizinprofessoren wahrnahmen. In dieser Funktion hatte er das Approbations- und Aufsichtsrecht über alle im Stadtgebiet praktizierenden Ärzte, Apotheker, Wundärzte, Empirici und Wildwurzler. Seiner Professur kam er offenbar gewissenhaft nach. Weniger zufrieden war man mit seiner Tätigkeit als Stadtarzt, sodass er wiederholt seines Amtes enthoben wurde ("Idem dem artzetmeister Wernher urloub geben und einen fürnemen meister bestellen" 1462).
Wissenschaftliche Leistungen sind von Wernher Wölfflin nicht bekannt. Er erarbeitete jedoch zwischen 1464 und 1468 die ersten Statuten der Medizinischen Fakultät: "Statuta facultatis medicinalis Studii Basiliensis". Diese waren lange Zeit verschwunden und wurden erst 1896 wieder entdeckt und von dem Pathologen Moritz Roth im "Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte" publiziert.
Der Medizinunterricht gliederte sich wie überall in dieser Zeit in Anatomie und Botanik, Theoretische Medizin und Praktische Medizin. Häufig wurden diese Fächer von einem und demselben Medizinprofessor gelesen. Die Theoretische Medizin vermittelte die Grundlagen der Medizin, zu denen damals noch die Schriften von Hippokrates und Galen gehörten. Die Studenten erhielten ausserdem eine Einführung in Physiologie und allgemeine Pathologie, in die Lehre der Krankheitsursachen und Krankheitssymptome, in die allgemeine Therapie und allgemeine Arzneimittellehre.
Auch die praktische Medizin fusste auf den Aphorismen des Hippokrates. Sie umfasste die spezielle Pathologie und Therapie. Häufig wurden im Rahmen des praktisch-medizinischen Unterrichts Fälle aus der Praxis gezeigt und Studenten ins Spital geführt und zu Krankenbesuchen in Privathäuser mitgenommen.
Über Wernher Wölfflin, seine Nachfolger und deren Mitarbeiter (1460-1529) ist wenig Rühmliches zu berichten. In der medizinischen Forschung hinterliessen sie keine Spuren. Sie interessierten sich offenbar nicht besonders für ihr Fach. Über Peter Luder, einen Co-Autor der Statuten der Medizinischen Fakultät berichten Zeitgenossen, er sei eine "verkommene Kraftnatur" gewesen, und auch Johann Romanus Wonecker machte sich lediglich durch sein "läppisches Auftreten gegen die Reformation" einen Namen.
Tabelle der ordentlichen Professoren 1460-1588
|Name und Heimat||Anatomie gelehrt||Theoretische Medizin gelehrt||Praktische Medizin gelehrt||Nichtmedizinische Fächer gelehrt|
|Wölfflin Wernher,|
Rothenburg am Neckar
|1460 - 1496||1460 - 1496|
|Wonecker Joh. Roman,|
Diöcese Mainz
|1493 - 1523||1493 - 1523|
|Bär Oswald, Brixen,|
Tirol
|1523 - 1534||1523 - 1534|
|Sinckeler Sebastian,|
Basel
|1534 - 1547|
|Huber Johann,|
Basel
|1552 - 1571||Physik ab 1544|
|Keller Isaak,|
Basel
|1552 - 1580|
|Platter Felix,|
Basel
|1571 - 1614|
|Zwinger Theodor I|
Basel
|1580 - 1588||Griechisch ab 1565,|
Ethik ab 1571
Die einzige interessante Persönlichkeit von medizingeschichtlichem Rang war Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim), der 1527 nach Verhandlungen mit dem Magistrat der Stadt nach Basel kam, in gutem Glauben er sei Arzt, Stadtarzt und Ordinarius für Medizin. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirt, d.h. ohne die Fakultät gemacht, die von diesen Verhandlungen nichts wusste und ihm Vorlesungsverbot erteilte. Der Magistrat setzte sich aber schliesslich gegen die Fakultät durch, sodass Paracelsus dann doch 12 Vorlesungen halten konnte. (teilweise wörtlich zitiert nach E. Bonjour): Paracelsus liess in einer eigenwilligen, hochtönenden Ankündigung seiner Vorlesungen an die Studenten, der gedruckten Intimatio, keinen Zweifel darüber aufkommen, in welchem revolutionären Geist er Medizin dozieren werde: Er wolle diese Wissenschaft von den schwersten Irrtümern reinigen, nicht mehr den Regeln der Alten zugetan, sondern ausschliesslich denjenigen, die er aus der Natur der Dinge und eigenen Erwägungen gewonnen und in langer Übung und Erfahrung bewährt gefunden habe - experimenta ac ratio. Die meisten Ärzte der heutigen Zeit hätten um grössten Schaden der Kranken in übelster Weise daneben gegriffen, weil sie allzu sklavisch am Worte des Hippokrates, des Galen und des Avicenna geklebt hätten. Aufgabe des Arztes jedoch sei die Kenntnis der Natur und ihrer Geheimnisse, Kenntnis der Krankheiten, ihrer Ursachen und Zeichen sowie selbständige Therapie. "Lebt wohl", endete Paracelsus seine Proklamation, "und nehmt unseren Erneuerungsversuch der Heilkunde günstig auf."). Seine auf Deutsch gehaltenen Vorlesungen und seine umstürzlerischen Lehrmeinungen lieferten seinen Kritikern genügend Munition, um ihn aus Basel zu verjagen. Nach einem zu seinen Ungunsten ausgegangen Rechtsstreit floh er bei "Nacht und Nebel". Er wurde dieses Entschlusses nie mehr froh: "Dici non potest quantum me animo torqueat". Von Paracelsus sind im Gegensatz zu all seinen Widersachern zahlreiche, zumeist in Basel erstmals gedruckte, heftig umstrittene medizinische Publikationen überliefert. Trotz seines kurzen Aufenthalts von nur wenigen Monaten prägten seine Thesen für Generationen die medizinische Diskussion in und "um Basel". Sein Verdienst liegt darin, dass er der antiken Schuldoktrin den Rücken gekehrt und die Forschung auf den Weg der Beobachtung am Patienten verwiesen hat. Gleichzeitig hat er in Verbindung zur Volksmedizin pflanzliche und chemische Heilmittel aufgespürt, die sich in der Therapie erfolgreich einsetzen liessen. Mit seinem Lehrsatz: die Dosis macht das Gift -Dosis sola veneum facit-, wurde er zum Begründer der Pharmakologie und der Toxikologie.
Zwischen 1529 und 1532 war die Universität wegen der Reformationswirren geschlossen. Der letzte Ordinarius vor und der erste nach Schliessung der Universität war Oswald Bär. Er war wegen seines lauteren Charakters als Arzt sehr geschätzt. Mit ihm, mehr jedoch mit Johann Huber, dem Lehrer von Felix Platter, beginnt die grosse Zeit der Medizinischen Fakultät. Sie dauerte von 1532-1625. Dies lässt sich auch an der Zahl der Immatrikulationen ablesen. Die Zahl der Neuimmatrikulierten (pro Jahrzehnt) stieg von 15 für die Jahre 1561 - 1570 auf 243 für das Jahrzehnt 1601 -1610, um nach 1630 wieder auf 50 und weniger pro Dezennium abzufallen. Im Durchschnitt haben sich in der Zeit von 1460 bis 1820 7 Studierende pro Jahr an der Medizinischen Fakultät eingeschrieben. Damit lag der Anteil der Medizinstudenten bei ca. 10% aller Basler Studenten.
Zum Aufblühen der medizinischen Fakultät trug nicht zuletzt Andreas Vesal bei, obwohl er in den Jahren 1542 und 1543 nur wenige Monate in Basel weilte und anscheinend keine systematische Vorlesung hielt, sondern sich lediglich in die Matrikel der Universität eintragen liess. Er widmete sich der Drucklegung seines grossen anatomischen Werkes: "De humani corporis fabrica". Für dieses Werk hatte ein Tizianschüler die Illustrationen beigetragen. Es machte Vesal zum "Vater der Anatomie wenn nicht der abendländischen Medizin", wie es bei Bonjour enthusiastisch heisst. Vesals Aufenthalt wirkte sich nachhaltig auf den Anatomieunterricht in Basel aus, der als der beste "diesseits der Alpen" gerühmt wurde.
Tabelle der ordentlichen Professoren 1571-1664
|Name und Heimat||Anatomie gelehrt||Theoretische Medizin gelehrt||Praktische Medizin gelehrt||Nichtmedizinische Fächer gelehrt|
|Platter Felix,|
Basel
|1571 - 1614|
|Zwinger Theodor I|
Basel
|1580 - 1588||Griechisch ab 1565,|
Ethik ab 1571
|Stupanus Joh. Nikolaus,|
Pontresina GR
|1589 - 1620||Eloquenz 1570|
Logik 1571
Organ. Aristot. 1575
|Bauhin Caspar,|
Basel
|1589 - 1614||1614 - 1624||Griechisch ab 1582|
|Platter Thomas,|
Basel
|1614 - 1625||1625 - 1628|
|Stupanus Emanuel,|
Basel
|1620 - 1664||Nur als Vikar|
Felix Platter wurde 1536 in Basel geboren. Als 7-jähriger hatte er Vesal die Hand schütteln dürfen. Er wohnte im Haus zum Samson an der Ecke Hebelstrasse / Petersgraben. 1551 trat er als 15jähriger in die Basler Universität ein und hörte unter anderem Vorlesungen bei J. Huber über Hippokrates. Huber - sein Gönner und Lehrer - förderte seine Ausbildung und schickte ihn nach Montpellier zur damals führenden Medizinschule. 1557 kam er nach Basel zurück und erwarb sich hier im Alter von 21 Jahren sein Doktordiplom. Anfangs florierte die Praxis nicht so recht. Das änderte sich schlagartig, als er 1559 eine öffentliche Autopsie an einem gehängten Dieb durchführte. Seit Vesal hatte man dieses Schauspiel nicht mehr erlebt. Die Autopsie fand vor einer grossen Zahl von Zuschauern statt, "das mir einen grossen rum bracht" heisst es in der Autobiographie.
Felix Platter war ein begeisterter und begeisternder Lehrer, ein hervorragender Forscher und ein liebenswürdiger, pflichtbewusster Mensch. Er starb 1614 "78-jährig in bedeutendem Wohlstand". Die medizinischen Werke Platters füllen Bände. Sein Interesse erstreckte sich auf fast alle Fachgebiete, besonders der Praktischen Medizin und der Arzneimittellehre. Detailliert sind seine Aufzeichnungen über die "Geisteskrankheiten" und das "Fieber", aber auch die pathologische Anatomie, Chirurgie und Gynäkologie. Selbst Orthopädie, Augen-, Ohren-, und Kindererkrankungen werden von ihm behandelt. Seine historische Bedeutung besteht darin, dass sich in ihm zwei Entwicklungsströme verbanden, die Universitätsmedizin und die Volksmedizin, die durch ihn zu einer fruchtbaren Synthese fanden. Sein Grabspruch bringt sein Leben und Streben auf einen Nenner:
|Auff Erden war diss mein Beruff,|
Von allem dem, das Gott erschuff,
Etwas zu erfahren und zu wissen,
Hab ich von Jugend mich beflissen:
Und solchs anwenden thun und kehren
Ins Menschen nutz, und Gott zu ehren.
Zeitgenossen Platters waren Theodor Zwinger, der die Professur für Theoretische Medizin innehatte, und Caspar Bauhin, der das Ordinariat für Anatomie und Botanik bekleidete. Zwinger galt als "gelehrter Humanist" und hinterliess ein umfangreiches wissenschaftliches Oeuvre, das allerdings nicht die Bedeutung des Werkes von Felix Platter erreichte. In seinen Publikationen nahm er immer wieder Bezug auf Paracelsus. Bauhin hinterliess viele Arbeiten auf den Gebieten Botanik und Anatomie. Er trug wesentlich zur Verbesserung der anatomischen Terminologie bei, machte aber keine medizinisch-wissenschaftlichen Entdeckungen, auch wenn die Ileozäkalklappe heute seinen Namen trägt.
Bauhin und Platter scheinen nicht viel miteinander gesprochen zu haben, liess doch Bauhin in seinen anatomischen Tafeln Blut noch durch das Septum aus dem rechten Ventrikel in den linken Ventrikel strömen, obwohl Platter bereits den Lungenkreislauf richtig gedeutet hatte.
In die Zeit Platters und Bauhins fällt 1588 auch die Gründung eines Theatrum anatomicum. Hier wurden für Studenten und gemeines Volk in Anwesenheit der Honoratioren öffentliche Sektionen durchgeführt.
Zu den weiteren Zeitgenossen Platters, Bauhins und Zwingers gehört Johann Nikolaus Stupanus aus Pontresina (Graubünden). Von ihm sind nur seine Prügeleien in der Stadt historisch verbrieft. Auch Thomas Platter, dem jede Legimitation für eine Professur fehlte, interessierte sich nicht für wissenschaftliche Arbeit.