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«Einstein»: Wie kamen Sie als Professor für Fischökologie dazu, das Schwarmverhalten von Menschen zu erforschen?
Jens Krause: Das war ein Zufall. Ursprünglich wollten mein Team und ich herausfinden, wie viele Anführer-Fische es in einem Schwarm braucht, damit sie ihn steuern können. Wir begannen also mit der Rekrutierung dieser Anführer-Fische …
… man kann Fischen etwas beibringen?
Ja, sie lernen relativ gut. Wir platzierten beispielsweise Futter oder einen Unterschlupf an verschiedenen Stellen im Aquarium. Nach einigen Wiederholungen wussten die Fische, wo etwas zu holen ist. Die Rekrutierung der Anführer-Fische war aber sehr aufwendig und nicht ganz zuverlässig, da die Fische das Gelernte auch gerne wieder vergassen. Es war deshalb einfacher, mit Menschen zu experimentieren, als mit Fischen.
Lässt sich also die Schwarmforschung von Tieren auf Menschen übertragen und umgekehrt?
Im Grunde ja. Alle Individuen orientieren sich in einer Gruppe nur an ein paar lokalen Nachbarn, ohne dabei miteinander in Kontakt zu treten – und das gilt sowohl für Menschen als auch für Tiere.
Wie sieht so ein Experiment mit Menschen aus?
2009 haben wir das Verhalten von 200 Menschen in einer Arena untersucht. Sie erhielten die Anweisung, möglichst in der Gruppe und in Bewegung zu bleiben und nicht miteinander zu kommunizieren. Zehn von ihnen erhielten konkrete Anweisungen, wohin sie nach einiger Zeit gehen sollten. Wo auch immer sie hingingen: Die Masse folgte ihnen.
Was war die Erkenntnis aus diesem Experiment?
Es bestätigte unsere Annahme, dass im Durchschnitt schon 5 bis 10 Prozent der Individuen in einer Gruppe reichen, um sie anzuführen.
Kann jeder eine Gruppe anführen?
Grundsätzlich kann jeder eine Gruppe anführen, der über eine Zusatzinformation verfügt. In unserem Experiment fielen die Anführer für ihre Nachbarn lediglich dadurch auf, da sie sich gerichteter bewegten als alle anderen. Sie hatten ja von uns eine genaue Information darüber, wohin sie gehen sollten.
Wozu dienen die Erkenntnisse aus der Schwarmforschung?
Einige Architekten und die Polizei sind interessiert an unserer Forschung. Sie hoffen dadurch, Evakuations-Szenarien bei Gebäuden oder Fussballstadien optimieren zu können. Im Ernstfall könnten bereits wenige Anführer die Masse effizient zum Ausgang leiten. Die Frage würde dann lauten: Wo müssten diese Sicherheitskräfte stehen, um eine optimale Evakuation zu gewährleisten?
Und wo müssten sie stehen?
Es ist sehr schwer den Ernstfall zu simulieren, zum Beispiel bei einer Massenpanik. Gemäss unseren Experimenten müssten die Anführer aber möglichst gleichmässig in der Menschenmenge verteilt sein und nicht alle auf einem Haufen.
Wie sieht die Zukunft der Schwarmforschung aus?
Nebst den Erkenntnissen, wie sich Menschen und Tiere in einer Gruppe bewegen, fand unsere Studie auch in der Ökonomie grossen Anklang. Manager grosser Firmen sind interessiert, die soziale Selbstorganisation von Gruppen wie sie in der Natur vorkommen zu verstehen. Denn auch Arbeitsgruppen steuern sich selbst und passen sich dem jeweiligen Problem automatisch an, ohne dass sie von einem Chef dazu beauftragt werden. Im Fokus steht dabei die sogenannte kollektive Intelligenz. Das Prinzip: Fehler, die einzelne Individuen machen, werden im Kollektiv minimiert.
Ist diese kollektive Intelligenz immer intelligent?
Nein, wir sprechen deshalb auch oft vom kollektiven Verhalten, denn es gibt kollektive Intelligenz und kollektive Dummheit – und beides kommt in unserem Alltag vor.