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biografie
Jean-Marc Seiler ist 1942 in Frankreich geboren. Seine Mutter, Edith Watzke, stammte aus der Tschechoslowakei und war in den Dreissigerjahren unter dem Pseudonym Trude Waldow Ballettsolistin am Deutschen Theater in Brünn. Sein Vater, (Doppelbürger Frankreich, Schweiz) war Opernsänger und trat unter den Namen René Seiler und Richard Salva in Frankreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und in der Schweiz auf. Der Grossvater mütterlicherseits kollaborierte als ranghohes Mitglied in der tschechischen Armeeführung mit den deutschen Besatzern. Während seiner Verhaftung in Prag durch die russischen Befreier entzog er sich einer standrechtlichen Hinrichtung, indem er sich in seinem Arbeitszimmer mit einem Pistolenschuss selber tötete. Seilers Kindheit ist mitgeprägt durch den frühen Tod der Eltern, jahrelange Aufenthalte in Kinderheimen, Erziehung durch seinen Stiefvater und mehrere aufeinanderfolgende Stiefmütter, von denen nicht jede für ihn nur das Beste wollte. Mit sechzehn verlässt er dieses Zuhause und wohnt fortan in Abruchhäusern, in WGs und bei Freunden. Für diese Undankbarkeit bestraft ihn sein Erziehungsberechtigter mit dem Entzug jeglicher finanzieller Unterstützung für immer. Und so wächst er auf mit einer frühen und gesunden Skepsis gegenüber Religion, Fanatismus und Sport.
Ausbildungen ab 1958 an der Kunstgewerbeschule Zürich bei Karl Schmid, Hans Eduard Meier, Louis Conne und Willy Bärtschi. Anschliessend Lehre als Grafiker im Atelier von Paul Leber & Charlotte Schmid. Klavierstunden am Konservatorium und Schauspielunterricht bei Linde Strube. Als Militärdienstverweigerer wurde er 1962 in die Psychiatrische Klinik Friedmatt in Basel eingewiesen. Im selben Jahr übersiedelt er nach Wien. Versucht sich dort als Schauspieler an einem Kleintheater und verdient sich mit Gelegenheitsarbeiten die Überlebenskosten. Zurück in Zürich arbeitet er als Grafiker in einer grossen Zürcher Werbe- und PR-Agentur. Danach als Beleuchter am Schauspielhaus Zürich. Er übernimmt Aufträge als Sprecher in verschiedenen Multimedia-Produktionen. Spielt gelegentlich Nebenrollen in Filmen von Fredi M. Murer. Spielt in einer Filmdokumentation von Peter K. Wehrli im ehemaligen Cafe Odeon den stummen Gesprächspartner des Dadaisten Walter Mehring.
Seiler schreibt Texte, Gedichte, Monologe. Lesung am Literaturpodium der Stadt Zürich. Verschiedene Gastauftritte bei Urban Gwerders Poetenzen. Veröffentlicht Beiträge in der Zeitschrift «Hotcha» zum Überfall der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei 1968. Oder zur vorzeitigen Entlassung Peter Löfflers, dem damaligen Direktor am Schauspielhaus Zürich. Als Mitbegründer und Texter der «Arbeitsgruppe Frieden» formuliert Seiler die Anzeige: «Mobilmachung für den Frieden», die zur Teilnahme an der Berner Demonstration 1962 gegen eine atomare Bewaffnung der Schweiz aufruft und als ganzseitiges Inserat im Tages Anzeiger und im Blick erscheint. Die Neue Zürcher Zeitung hatte den Insertionsauftrag abgelehnt. Wegen des regen Zustromes nach Bern setzten die SBB Extrazüge ein. Nach dieser Volksabstimmung musste die Schweizer Armee ihre Kernwaffenpläne (vorerst) begraben.
1963, Drehbuch, Dekor und Regie des s/w-Filmes «Agonie», in Zusammenarbeit mit Fredi M. Murer, mit Ursula Schäppi und Augustin Erb in den Hauptrollen. Er schreibt das Theaterstück «Grastreppe». Es wurde nie aufgeführt. 1969 produziert er als Sprecher seiner Kurzhörspiele die Schallplatte «Oliven». Der darin enthaltene Text «Der alte Armenier», in dem es um den Genozid der Türken an den Armeniern geht, gelangte in die Unterrichtsstunden eines Zürcher Gymnasiums. (Heute als Compact Disc wieder erhältlich «Die eigenartigen Bemerkungen des J.M. Waldow»).
Seit 1968 eigenes Atelier für Grafik, Text und Fotografie. Konzepte und Texte für Werbekampagnen. Zahlreiche Theater- und Film-Plakate. Entwirft Bühnenbilder für diverse Theater. In den 80er Jahren entstehen Reliefs, Skulpturen, Assemblagen, Collagen und Radierungen. Ausstellungen im In- und Ausland. 1990 Aufbau der «Rahmerei», der «Grafik Galerie Zürich», des «Kulturkiosk» – und deren Abbruch. Beginn eines nervenaufreibenden und unaufhaltsamen Aufrüstens digitaler Gestaltungswerkzeuge. Zusammen mit Freunden (Robert Wunderli, Margreth Freitag, Annemarie und Hansulrich Bänziger) gründet er 1995 den «Wolfbach Verlag Zürich», den er bis 2013 als Verleger und Buchgestalter mitbetreut. 2007 gestaltet er visuell das von Roger Staub initiierte Schweizer Hilfsprojekt «Peacechair», eine Versteigerungsaktion für Waisenkinder in Tschetschenien. Für die Filme seines Sohnes Mathieu Seiler gestaltet er Titelgrafik und entwickelt Vorspannkonzepte. In diesen Filmen taucht er manchmal in kleinen Nebenrollen auf, meistens als Taugenichts oder Alkoholiker. 2010 Spielt er den stummen Diener neben Bodo Krumwiede im Theaterstück «Die Geschichte» von Markus Bundi.
«Welten» heisst eine Bilderserie, die in Zusammenarbeit mit Markus Bundi ab 2009 entsteht und in mehreren Ausstellungen gezeigt worden sind. Aus dieser langjährigen Zusammenarbeit sind verschiedene gemeinsame Projekte entstanden und realisiert worden: Lesungen, Bücher, Theaterproduktionen und die Bücher «Selbstauslöser» 2010, «Kartengrüsse» 2015, eine Postkartenbox sowie diverse handgebundene Privatdrucke.
2011 erscheint «Papierflieger» mit Kurztexten von J.M.S. in der Edition Die Reihe, Wolfbach Verlag.
Jean-Marc Seilers «Affichen» (Anschläge) entstehen auftragslos in Editionen typografischer Plakate. Konzentrate aus Notizen und Bemerkungen, die er über die gelebten Jahre aufgezeichnet hat. Er schreibt sie aus Angst über den Zustand des Planeten und aus Wut über jene, die diesen Zustand verursacht haben – also wir alle. Die ersten Zettel reichen zurück bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Zwanzig Jahre später beginnt er die Texte als Plakate zu gestalten, aktualisiert sie, fügt neue hinzu. Plakate zur Profitwirtschaft, Sachzwangpolitik und Machtstrukturen. Plakate auch zur Eigendynamik von Denkmustern. Erst ab 2001 zeigt er sie in Ausstellungen in der Schweiz, in Deutschland und in Oesterreich.
Seiler ist an verschiedenen Fronten gleichzeitig aktiv. In seinen, unter dem Namen Waldow gezeigten Fotomontagen, bearbeitet er im Studio inszenierte Miniaturen und ergänzt sie am Computer mit Bildern aus dem Fotoarchiv. Ausstellungen in der Schweiz und in Deutschland. Werkschau 2016 im Konzertfoyer der Oper Leipzig. Ohne Verwendung der Fotografie entstehen 2018 Editionen reiner Grafikblätter, die ebenfalls am Computer erstellt und als Giclées ausgedruckt sind. Eine Fortsetzung der frühen Reliefs findet sich in der 2016 entstandenen Werkgruppe von Kleinskulpturen. Das Buch «Wahrgebungen» mit Waldows Fotomontagen erscheint 2014 bei Wolfbach. Es enthält Texte von Klaus Merz, Andreas Neeser, Matthias Dieterle, Markus Bundi, Christian Haller, Sascha Garzetti, Ingrid Fichtner und Roger Staub.
2017 projektiert er die Wohnhaussiedlung «Quattrotorre», mit insgesamt 63 Wohneinheiten mit begrünbaren Terrassen und Erdgeschossräumen für Restaurants, Kindergarten und Ladenflächen. Dazu verfasst er einen Essay zur herrschenden Unterbringungsarchitektur und zu den korrupten Gepflogenheiten im Bau- und Immobiliensektor. Siehe: Vorwort zur Dokumentation «Quattrotorre»
Seiler war dreimal verheiratet, ist dreimal geschieden, Vater von drei Kindern und Grossvater von drei Enkelkindern. 2011 erkrankte er an Krebs und überlebte acht chemotherapeutische Angriffe dank eines klugen und umsichtigen Hämatologen. Die Bezeichnung «Künstler» mag er gar nicht. In der Europäischen Union ortet er ein mafioses Wirtschaftskartell und kann sich daher nicht uneingeschränkt zu ihr bekennen. Er empfiehlt diesem Lobbyistenzentrum dringend eine unsanfte Renovierung. Seiler gehört keiner Partei an. In einem Aargauischen Lokalsender antwortete er auf die Frage nach seiner Einschätzung für die Zukunft: «Wenn nächste Woche alle Menschen plötzlich Habgier und Rücksichtslosigkeit aufgeben, dann werden wir wahrscheinlich in Frieden über die Runden kommen.» Das war 2004. Gleichwohl begibt er sich immer wieder in tiefe Gewässer und sucht als Nichtschwimmer ein rettendes Ufer.