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Hans Wüthrich (1937–2019)
Das zeitgenössische experimentelle Musiktheater verdankt dem Komponisten und Sprachwissenschaftler Hans Wüthrich wesentliche Impulse und Innovationen. Hans Wüthrich, geboren am 3. August 1937 in Aeschi (CH), gestorben am 20. März 2019 in Arlesheim (CH), erfand für jedes seiner Musiktheater-, Orchester- und Kammermusik-Werke jeweils eine eigene, von niemandem je zuvor gehörte Sprache.
Mit der Aufführung von Das Glashaus (1974/75) in Boswil wurde eine grössere Öffentlichkeit auf Hans Wüthrich aufmerksam. Für diese musiktheatrale «Operette» entwickelte Hans Wüthrich auf der Grundlage von jahrelangen lingustischen Untersuchungen eine neue psychophonetische Sprache, welche gesellschaftliche Kommunikations-Strukturen sehr präzis wiedergibt und die zu Grunde liegenden Machtverhältnisse schonungslos offenlegt. Das Glashaus wird seit den späten Siebzigerjahren bis heute von unterschiedlichen Musiktheater-Ensembles weltweit gespielt und hat – leider – seit 40 Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüsst.
Mit dem Konzept Genossin Cäcilie – Komponieren mit einem anderen Ich setzte Hans Wüthrich ein Fragezeichen hinter sogenannte «Flaschenpostkunst»: die beiden Ausarbeitungen – Brigitte F. (1978, uraufgeführt in Donaueschingen) und Procuste deux étoiles (1980/81) adressieren sich jeweils an genau eine bestimmte Person und sind mit deren Ohren komponiert. Hans Wüthrich stellte sein kompositorisches Handwerk seiner Dialogpartnerin / seinem Dialogpartner zur Verfügung und entwickelte mit ihnen zusammen eine neue musikalische Sprache, unabhängig von seinen eigenen ästhetischen Vorlieben. Ziel war – angeregt durch gesellschaftliche Fragestellungen in den späten 60er- und 70er-Jahren – wenigstens einem Mitglied der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen: Der Kompositionsprozess für Brigitte F. begleitete eine junge Frau auf dem Ausweg aus der Drogenabhängigkeit, derjenige für Procuste deux étoiles unterstützte einen jungen Mann bei der Verarbeitung seines traumatischen Gefängnis-Aufenthalts.
Die Orchesterwerke Netzwerk I – III (1982 – 1989) entstanden für Orchester ohne Dirigenten. Als einer der ersten Komponierenden experimentierte Hans Wüthrich mit Kommunikationsmodellen, welche die hierarchische Funktion eines Dirigierenden überflüssig machten und die Verantwortung für das musikalische Geschehen auf die beteiligten Orchester-Musiker aufteilten – in einem «kybernetisch sich selbst regulierenden Orchester»: Hans Wüthrich verstand seine künstlerische Arbeit nie als ausschliesslich auf Musik bezogen, sondern beispielsweise die Netzwerke als gesellschaftliches Modell für eine gerechtere Zukunft.
Die Textgrundlage für Wörter – Bilder – Dinge (1991, für Streichquartett und Stimme) bildet die Erklärung der Menschenrechte von 1948. Hans Wüthrich übertrug diese in ägyptische Hieroglyphen, die er wiederum in verschiedene europäische Sprachen rück-übersetzte, und erhielt so einen sehr bildhaften Text, welcher das Anliegen der Erklärung der Menschenrechte auf eine sehr indirekte, poetische Weise transportiert.
In seinen grossangelegten Musiktheater-Zyklen Leve (1992) und Happy hour (1994 – 1997) schliesslich verknüpft Hans Wüthrich in grosszügigen musiktheatralen Bögen linguistische Experimente und poetische Passagen (u.a. auf Fernando Pessoa referierend) mit absurd-heiteren Einfällen, gesellschaftskritischen Tableaux und anarchischen Momenten.
In Rümlingen war Hans von der ersten Stunde an dabei. Beim ersten Rümlinger Festival unterstützte er die Veranstalter organisatorisch und übernahm schwierige Pressegespräche. Die erste Komposition überhaupt, die in 1990 Rümlingen bzw. in den inneren Gehörgängen des Publikums erklang, war das Konzeptstück Die singende Schnecke (1981). Hans blieb dem Festival bis zuletzt verbunden als liebevoller künstlerischer Berater und Gesprächspartner, sowohl während der Festivalzeiträume als auch bei den oft langwierigen Planungen und Ideenfindungen im Vorfeld. Zum Beispiel geht der gesamte Festival-Jahrgang Drinnen. Vor Ort(2011) auf Anregungen von Hans zurück. Unvergessen bleiben z.B. die Landschaft mit Streichquartetten 1994 auf der langen Wiese hinterm Viadukt, die unterschiedlichen Glashaus-Versionen (1990 auf dem Kirchen-Altar, mit dem ausdrücklichen Einverständnis des damaligen Pfarrers Ado Müller, 1996 unter dem Viadukt), Wörter Bilder Dinge beim zweiten Festival 1991, Chopin im TGV Basel – Paris, die Sonne betrachtend 1993 – und schliesslich der enorme Klangreichtum in den Zwölf Phasen eines Kokons und 5 dyamische Kreuze, die 2006 für Rümlingen entstanden sind.
Wir verlieren nicht nur einen grossartigen, viel zu bescheidenen Komponisten, sondern auch einen grossen Denker und Philosophen, dem wir wünschen, dass seine musikalischen und musiktheatralischen Anmerkungen zur Gegenwart auch in Zukunft gehört und verbreitet werden: es würde der Welt gut tun!
Daniel Ott