Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/35

Wenn hier über die kurdische Sprache berichtet wird, dann geht es um mehr als die Sprache. Wenn eine Sprache verboten, eingeschränkt und abgewertet wird, wie das seitens der türkischen Regierung in Kurdistan geschieht, dann ist das politisches Kalkül und gewollte Unterdrückung der kurdischen Kultur, Freiheit und Identität. Von Onur Karakoyun und Penaber Nenas
Ein Sprachinstitut der türkischen Regierung publizierte in den 1930er Jahren eine Theorie über die Sprachen in der Türkei mit dem Titel «Sonnensprachtheorie». Es ging vor allem darum, die von den Minderheiten gesprochenen Sprachen, zu denen das Kurdische gehört, als primitive Sprachen zu entwerten und der hochstehenden Sprache Türkisch unterzuordnen. Die Mentalität hat nicht gross geändert und noch heute wird die kurdische Sprache in der Türkei sogar eine degenerierte Form des Persischen genannt. Eine weit verbreitete etymologische Deutung des Begriffes «Kurde» (Kürt) ist auch die Annahme, der Name sei lautmalerischen Ursprungs, ein Laut nämlich, der entstehe, wenn die Menschen in den Bergen im Schnee Fussstapfen hinterlassen würden, «kart kurd», töne es dann und so sei die kurdische Sprache entstanden.
In Wahrheit ist Kurdisch eine Sprache mit einer langen Literaturtradition. Es gibt ein berühmtes Epos aus dem 17. Jahrhundert über das Liebespaar Mem û Zîn, eine Legende, die der von Romeo und Julia ähnlich ist und von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde. Für die Kurd_innen symbolisiert Mem das kurdische Volk und Zîn das kurdische Land, die voneinander getrennt bleiben und nicht vereint werden können. Das Besitzen und lesen des Buchs war lange Zeit sogar in der türkischen Ausgabe verboten und das Buch wurde erst vor Kurzem das erste Mal in Kurdisch publiziert. Dabei ging es aber nicht um eine Anerkennung der Sprache, sondern darum, die Illusion und die Hoffnung zu wecken, um die letzten grossen Wahlen zu gewinnen. Die türkische Regierung unterdrückt die kurdische Minderheit nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell und versucht, die in der Verfassung verankerten Gesetze einer Türkei mit nur einer Sprache und einer Kultur gewaltsam durchzusetzen. Wenn die kurdische Sprache einer unzivilisierten Kindersprache gleichgesetzt wird, kann die Türkei nämlich ihre Politik der Assimilation rech- tfertigen. Interessant ist es, diese Situation mit anderen Momenten der Geschichte zu vergleichen, in denen es darum ging, ein Volk zu unterwerfen. Indem man die Menschen und ihre Sprachen zuerst auf ein primitives Niveau heruntersetzte, konnte man sie nachher ohne Skrupel beseitigen oder der angeblich höher gestellten Kultur einverleiben.
Die Kurd_innen machen schätzungsweise 20 Prozent der 70 Millionen Einwohner_innen der Türkei aus. Da bei den Volkszählungen seit 1985 nicht mehr nach der Muttersprache gefragt wird, gibt es keine exakten Anga- ben dazu, wie viele Menschen kurdischer Muttersprache sind. Auf der Grundlage des Vertrages von lausanne im Jahr 1923 erkannte die neugegründete Türkei die Kurden nicht als ethnische Minderheit an. Ihre Sprache hat damit auch keine Chance als offizielle Sprache zu gelten. In den Schulen und Universitäten wird ausschliesslich auf Türk- isch unterrichtet, die gleiche Situation findet man im Gerichtssaal, im Parlament und in allen öffentlichen Ämtern. Spricht jemand bei einer Gerichtsverhandlung oder im Parlament kurdisch, wird das Gesagte im Protokoll nicht erwähnt und mit «hat in einer unbekannten Sprache gesprochen» bezeichnet. Kurdisch kann man nur in privaten Sprachkursen als Fremdsprache lernen. Es gibt in der Türkei auch einen staatlichen kurdischen Fernsehkanal (TRT6), die Programme beschränken sich aber auf wöchentliche zensierte Nachrichten, Tiersendungen und andere Dokumentarfilme. Politische Sendungen gibt es so wenig wie Kinderprogramme und Zeichentrickfilme – wenn überhaupt werden diese auf Türkisch ausgestrahlt. Das macht es den kurdischen Kindern noch schwerer, ihre Muttersprache zu lernen und damit auch ihre Identität zu leben.
Die Türkei wird von den Menschenrechtsorganisationen als sehr schlecht eingestuft. Daran ändert auch der Steiger Award nichts, ein Preis den Deutschland anfangs dieses Jahres dem türkischen Präsidenten Erdogan überreichen wollte, für sein Bemühen um einen demokratischen Wandel in seinem Land. Der Preis wird zur Farce und widerspiegelt in keiner Weise die Realität der in der Türkei lebenden Kurd_innen. Es gibt in der Türkei nur scheinbar ein Recht auf freie Meinungsäusserung und viele Journalist_innen, Wis- senschaftler_innen und Menschenrechtsaktivist_innen bezahlen ihre Arbeit nach wie vor mit der Freiheit oder mit dem Leben.