Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03217.jsonl.gz/1743

Angekündigt hat er es im Februar. Jetzt ist es so weit: Jon Stewart moderiert am Donnerstag zum letzten Mal die «Daily Show» auf dem Kabelsender Comedy Central. Damit geht eine Ära im US-Fernsehen zu Ende. Stewart war mehr als ein Komiker, seine als Newssendung «getarnte» Show entwickelte sich für viele Amerikaner zur wichtigsten Nachrichtenquelle überhaupt.
In einer Umfrage des Magazins «Time» wurde Jon Stewart 2009 zum «vertrauenswürdigsten Nachrichtensprecher» der USA gewählt. Was sowohl ein Armutszeugnis für die klassischen Medien darstellt wie eine Auszeichnung für den Satiriker, der mit beissendem Witz – und vielen derben Worten – nicht nur die Politik aufs Korn nahm, sondern auch die Belanglosigkeit und die zunehmende Beisshemmung der quotengetriebenen Fernsehsender.
Begonnen hatte Stewart (geboren als Jonathan Stuart Leibowitz) als Standup-Comedian. 1999 übernahm er mit 36 Jahren die recht harmlose «Daily Show» und machte sie zu einer Sendung, die jeder gesehen haben muss, der sich für amerikanische Politik interessiert. Oft wurde sie kopiert, in Deutschland etwa mit der «heute-show» im ZDF. Was er nun machen wird, lässt Stewart offen. Zum Abschied ein Rückblick auf Highlights aus 16 Jahren «Daily Show».
Die Präsidentschaftswahl 2000 mit der unsäglichen Nachzählung in Florida und der «Ernennung» von George W. Bush zum Sieger durch den Obersten Gerichtshof bedeutete für Jon Stewart den Durchbruch. Die Berichterstattung bescherte der «Daily Show» den ersten von 18 Emmys sowie den renommierten Peabody Award, eine Auszeichnung für herausragende Fernseh- und Radioprogramme.
Als Stewart nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erstmals wieder auf Sendung ging, tat er dies in ernster, der Tragödie angemessenen Art. Immer wieder von Weinkrämpfen erschüttert, erging er sich in Selbstreflexion und schaffte es trotzdem, den einen oder anderen Gag zu platzieren. Jon Stewarts Monolog trug ihm viel Respekt ein.
Einen seiner denkwürdigsten Auftritte hatte Jon Stewart nicht in der eigenen Show, sondern in der CNN-Sendung «Crossfire» im Oktober 2004. Das Format war simpel: Ein Vertreter der Linken und der Rechten gaben sich gegenseitig aufs Dach. Stewart sollte sein neues Buch promoten, doch er verwendete den Auftritt zur Attacke auf die Sendung, der er vorwarf, sie würde «Amerika schädigen».
Einige Monate danach wurde «Crossfire» abgesetzt, der damalige CNN-Chef Jonathan Klein berief sich dabei explizit auf Jon Stewarts Kritik. Genützt hat es gar nichts, die Polarisierung in den USA hat sich seither verschärft.
Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im März 2009 war Jim Cramer, ehemaliger Hedgefonds-Manager und Moderater des Wirtschaftssenders CNBC, zu Gast in der «Daily Show». Es kam zu einem heftigen Wortgefecht, in dem Stewart seinem Gast ins Gesicht sagte, er sei zu eng mit der Finanzindustrie verbandelt und habe seine Zuschauer in die Irre geführt.
Ein gutes Beispiel für Stewarts Medienkritik war seine scharfzüngige Attacke auf die Berichterstattung von CNN über das rätselhafte Verschwinden von Flug MH370 der Malaysia Airlines im März 2014. Tagelang gab es auf dem Sender kaum ein anderes Thema, selbst abstruseste Theorien erhielten breiten Raum. Ein gefundenes Fressen für Jon Stewart. Wer wissen will, woher seine Glaubwürdigkeit stammt, muss sich dieses Segment anschauen.
Der US-Präsident war sieben Mal in der «Daily Show» zu Gast, erstmals 2005 als Senator von Illinois. Im Oktober 2010 trat er als erster amtierender Präsident in der Show auf. Obama wusste, dass er hier jene jungen Leute erreichen konnte, die sich von den «klassischen» Medien abgewendet hatten. Sein letzter Auftritt liegt erst wenige Tage zurück.
Wie viel Obama auch persönlich von Jon Stewart hält, zeigt die Tatsache, dass er ihn zweimal ins Weisse Haus eingeladen hat, um seine Meinung zur aktuellen politischen Lage zu erfahren.
Jon Stewarts Herz schlägt unverkennbar links. Oft wurde er deswegen von den Republikanern und ihrem Sprachrohr Fox News attackiert. Die Angriffe konterte Stewart cool: «Wir haben Barack Obama härter kritisiert, als George W. Bush jemals von Fox News kritisiert wurde.» Mit Bill O'Reilly, dem Starmoderator des rechten Senders, verbindet ihn eine Art Hassliebe, zumindest aber ein grosser Respekt. Mehrfach besuchten sie sich gegenseitig in ihren Sendungen.
Die «Daily Show» beschäftigt eine Reihe von «Korrespondenten». Einige machten von sich aus Karriere, etwa Steve Carell und Stephen Colbert. Der eine schaffte den Sprung auf die grosse Leinwand zum Kinostar, der andere erhielt mit dem «Colbert Report» eine eigene Show. Im September wird Colbert die Nachfolge von Late-Night-King David Letterman antreten.
Ein weiterer Stewart-Zögling, der es zu eigener Berühmtheit brachte, ist der Brite John Oliver. Der Pay-TV-Sender HBO gab ihm eine eigene Show, mit der er schon mehrfach für Furore sorgte.