Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03380.jsonl.gz/2183

Datierung
1976
Bildmasse
91 x 91 cm
Technik/Material
Öl auf Baumwolle
Nennung
Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung des Künstlers
Inv.-Nr.
SK98043
Violett-Orange II
Als sich Franz Fedier (1922, Erstfeld, CH – 2005, Bern, CH) in den 1950er-Jahren vorübergehend in Paris aufhielt, pflegte er mit dem dort wohnhaften Jean Tinguely intensiv über das Thema der Bewegung in der Kunst zu diskutieren. Tinguely verschrieb sich der Kinetik, Fedier hielt an der Malerei fest und wurde zu einem der bedeutendsten Schweizer Vertreter der abstrakten Malerei.
Die Faszination für Bewegung setzte sich in der geometrischen Periode unter neuem Blickwinkel fort; der individuell-gestische Farbauftrag wich dem neutralen, die expressiv abstrahierte Form ging ins Geometrische über. Kreis-, Streifen, Keil- und Dreieckformen in grellbunten Farben reiben sich so heftig aneinander, dass unmittelbar deutlich wird, was Fedier unter dem Prinzip «Malen von Kontrasten» verstand. Aus Interesse am kinetischen Prinzip entwarf er um 1965 eine kleinere Serie von Wandobjekten, an deren Vorderseiten er drehbare Scheiben montierte. 1967 brach er das Experiment ab in der Meinung, der Betrachter solle die Rotationsbewegung – so wie bei «Kreisrelief mit rotem Band» – selbstständig nachvollziehen. Auch ohne realiter drehbar zu sein, löst die ingeniöse Konstruktion mit den drei Kreisscheiben die Illusion einer Rotationsbewegung aus. Selbst wenn Fedier zu subtileren Mitteln greift, z.B. in «Violett-Orange», sind seine Farbräume, ob rektangulär, rund oder winklig angeordnet, von dynamischer Energie durchpulst. «Violett-Orange» weist acht durch Balken abgetrennte Hochrechtecke auf, denen in aufsteigender respektive absteigender Anordnung je zwei stufenweise aufgehellte Farbbänder eingeschrieben sind. Die ab- bzw. anschwellenden Farbbänder wechseln alternierend viermal ihre Position; die ebenso einfache wie raffinierte Umpositionierung löst eine vor- und zurückspringende Raumtiefe aus, die sich dem Betrachter als Bild umspannende Vibration mitteilt.
Fédier ist einer der wenigen Künstler seiner Generation, welche die ideologische Kluft zwischen der gestisch-abstrakten und der konstruktiven Kunst erfolgreich zu überwinden vermochten. Er hat die Entwicklung der Schweizer Abstraktion vorangetragen, war an der Neuorientierung der geometrischen Kunst mitbeteiligt und fand im Spätwerk zu beider Synthese. Der Umschwung der Richtungen mag auf den ersten Blick erstaunen. Doch ging es Fedier in allen Werkphasen, auch wenn sich die Sprache verlagerte, schlussendlich um ein und dasselbe Grundthema: Dynamische Farbräume zu entwerfen in der als «Malen von Kontrasten» umschriebenen Konzeption.
Elisabeth Grossmann