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Wollte man den Schmetterlingseffekt trotzdem in sehr freier Anwendung auf sie umlegen, könnte man einer Winzigkeit wie der Neuschreibung der Gemse als nunmehr Gämse die Schuld dafür zuschieben, dass einer wie Reiner Kunze in Bitterkeit verfiel und sich aus dem Haus seiner Sprache ausgesperrt fand. Woran die Frage zu schließen wäre, ob es dafürsteht, das zweifelhafte Glück der Gämse mit dem Unglück eines Dichters zu erkaufen.
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Auf den Deppenapostroph reagiert die deutsche Laiensprachkritik absolut zuverlässig, ja fast reflexhaft. […] Auch den Apostroph-Tribunalen ist viel Boden unter den Füßen weggezogen worden, kurioserweise durch die Rechtschreibreform, die den Bann von „Heidi’s Stüberl“ und vergleichbaren Etablissements genommen hat […].
Dabei ist das ß doch ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Sprache, stolzer Solitär und Flaggschiff in der S-Klasse. […] Die Rechtschreibreform hat uns einiges genommen, den „Paß“ und das „Schloß“, das „Roß“ ebenso wie das „Faß“ und den „Erlaß“, genau betrachtet also sogar den Rechtschreib-Erlaß. […] Seit 1996, als die neuen Regeln in Kraft traten, schreibt man all diese Wörter mit ss. Wenn man sie heute so schreibt wie früher, wirken sie ein bisschen (auch so ein ß-Abtrünniger) schnörkelig […]. So zurückgeblieben aber ist das ß gar nicht. […] Jetzt nämlich soll das ß auf seine alten Tage doch noch groß herauskommen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat die Einführung eines Großbuchstabens für das scharfe S angeregt […].
Zehetmair […] sieht den Sprachfrieden gesichert. Im ersten Präliminarartikel zu der Schrift „Zum ewigen Frieden“ schreibt Immanuel Kant, dass es diesen Frieden nur geben könne, wenn kein geheimer Vorbehalt für weitere Kriege vorliege. Was einen weiteren Rechtschreibkrieg anginge, so ist zu sagen, dass Vorbehalte dieser Art nicht existieren, ja dass man, um es nach Landsknechtsart zu sagen, die Schnauze gestrichen voll hat.
Wer ist «man»?
2004 war das Jahr des Jammers, der Pleiten, des Pechs und der Pannen gewidmet der Depression: Karstadt-Krise, Opel-Katastrophe, Rechtschreibreform-Desaster, Pisa-Schock, EM-Debakel . . . Es ist nun aber so mit der Jammerei, dass einem auch die traurigste Traurigkeit und das vollendetste Versagen irgendwann auf die Nerven gehen. Weshalb man allmählich anfängt, positiv zu denken. […] Die Rechtschreibreform wird sich noch als wahrer Segen und Toll Collect als ewiger Quell der Freude erweisen.
Damit soll nicht gesagt sein, dass das Ketchup, unbeschadet seiner halbherzigen Eindeutschung zu Ketschup bei der Rechtschreibreform, eine deutsche Errungenschaft sei.
Peter Wehle gibt in seinem […] Buch Sprechen Sie Wienerisch? Von Adaxl bis Zwutschkerl der Vermutung Raum, der Hallodri leite sich vom stereotypen Jodleranfang holladrioh her. Abgesehen davon, dass der Hallodri in dem Fall Holladri heißen müsste […], ist die Erklärung etwa so schlüssig wie die volkstümliche Vermutung, der Tollpatsch sei toll und patschig, also insgesamt irgendwie unbeholfen, wo doch der Begriff, wie man seit der Rechtschreibreform weiß, vom ungarischen Wort talpas gleich breitfüßig kommt.
Mit ihrer Debatte um die Frage, ob das Wort neu in der eben erfundenen Neuen sozialen Marktwirtschaft groß oder klein zu schreiben sei, haben CDU und CSU die Erinnerung an eine Story aus der Frühzeit der Rechtschreibreform wachgerufen. Damals trugen die Reformer sich angeblich mit dem Gedanken, den Heiligen Vater künftig mit kleinem h schreiben zu lassen. Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair, papsttreu wie kein Zweiter, soll sich damals sehr erregt und seine Zustimmung zur Reform davon abhängig gemacht haben, dass es beim H blieb. Die Sache ist nicht ohne hintergründige Komik, weil das klein geschriebene heilig ja essentiell und somit wesentlich stärker ist als das groß geschriebene. Mit seinem Einspruch hätte Zehetmair demnach nichts anderes angedeutet, als dass der Papst keineswegs wirklich heilig ist […] Man ist heute auf dem halbwegs gesicherten Niveau, dass die Leute das Schwarze Brett groß schreiben, weil es schließlich nicht wirklich schwarz ist. Beim blauen Brief würden sie es gern ebenso machen, dürfen aber nicht, obwohl der noch weniger blau ist als das Schwarze Brett schwarz, sondern weiß […].
Walsers Verweigerung in allen Ehren. Trotzdem wäre es schön, wenn ein nationales Rechtschreibdiktat der Dichter zustande käme. Man muss sich das einmal bildlich vorstellen! Da sitzt zum Beispiel Walter Kempowski auf dem Affenbänkchen, schreibt Stängel in altgewohnter Manier mit e, also Stengel, und Jens Jessen vom Zeit-Feuilleton streicht ihm das rot an, nicht ohne ihm launig zuzuraunen: „Mit ä schreib Stängel, sonst bist du ein Rechtschreibbengel!" Übrigens fällt uns bei dieser Gelegenheit auf, dass die nämlich-Eselsbrücke schon mit der Gämse nicht mehr funktioniert. „Wer Gämse mit e schreibt, ist . . ." – ja was eigentlich: Brämse? Sänse? Thämse? Wir rufen Deutschlands Dichter.
Deutschland im Frühling 2003: Die pink-violette Regierung beginnt zügig mit der Umsetzung ihrer Koalitionsvereinbarungen. Aufbauend auf den guten Erfahrungen, die vor allem das bayerische Innenministerium seit dem Jahr 2000 mit den Sprachtests für einbürgerungswillige Ausländer gemacht hat, wird nun der Rest der Bevölkerung examiniert. Alle Deutschen müssen nachweisen, dass sie ihre Muttersprache beherrschen. […] Vor allem im Osten scheitern viele Bürger an der Bildung des Genitivs, den sie allesamt mit Hilfe eines Auslassungszeichens bilden. Es kommt zu ersten Ausschreitungen. An einem Ort und in einer Nacht wird ein Dutzend Ladenschilder mit Farbe übersprüht, darunter Atze’s Destille, Lore’s Friseursalon und Werner’s Hundeparadies. Etliche schieben die Schuld auf die nun lange zurückliegende Rechtschreibreform, unterliegen aber mit ihren Anfechtungsklagen vor den Verwaltungsgerichten.
Fast 60 000 Berliner haben bisher im Rahmen eines Volksbegehrens gegen die geplante Rechtschreibreform gestimmt. Für den Erfolg der Initiative sind jedoch rund 240 000 Unterschriften erforderlich.
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