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Helmut Lachenmann war Zeit seines Lebens skeptisch gegenüber der Gattung Oper. Er machte sich am Anfang seiner grossen Komponisten-Karriere lieber Gedanken über die Musik als solches, als nach einer dramatischen Handlung oder nach einem Programm für seine Stücke zu suchen.
Geschichten haben keinen Platz mehr
Er und berühmte Kollegen wie Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez wollten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Musikbegriff überdenken.
So entstanden Stücke über musikalische Phänomene mit Titeln wie «Gruppen», «Répons» oder «Air». Und «in einer Musik, die über sich selber nachdenkt», sagt Lachenmann, «hat eine Story keinen Platz mehr.»
Kein Komponist ohne Oper
Trotz aller Skepsis fragt sich Lachenmann Anfang der 1990er Jahre: «Soll ich nun dieses Leben durchleben und nie eine Oper schreiben? Ein Komponist, der nie wirklich singen lässt, da stimmt doch vielleicht irgendetwas nicht.»
So fängt der Stuttgarter an, «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» zu vertonen. Es wird eine langwierige Arbeit werden, und an einem Punkt droht sie sogar gänzlich zu scheitern.
Drei Jahre Arbeit gestohlen
Lachenmann hatte schon drei Jahre an seiner Oper gearbeitet, und er war gerade in Ligurien unterwegs auf dem Rückweg nach Deutschland. Seine musikalischen Skizzen hatte er in zwei Koffern mit dabei. Einmal liess er sie im parkierten Auto zurück und prompt wurde alles gestohlen.
Die Arbeit mehrerer Jahre schien für immer verloren. Verzweifelt rief er mitten in der Nacht Peter Ruczika an, den damaligen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper, welche die Oper in Auftrag gegeben hatte.
Fündig per Annonce
«Ich kann nicht weiterkomponieren», sagte Lachenmann resigniert. Noch einmal ganz von vorne anzufangen wäre für ihn undenkbar gewesen.
Man suchte nach einer Lösung und gab schliesslich in der italienischen Presse eine Annonce auf. Die Koffer mögen doch zurückgegeben werden, denn für den Dieb oder einen Finder seien sie wertlos. Tatsächlich tauchten die Koffer daraufhin wieder auf.
Die mit Bleistift geschriebenen Skizzen waren zwar etwas lädiert und von der Feuchtigkeit etwas verwaschen, aber trotz allem waren sie noch les- und brauchbar. Die Arbeit an der Oper konnte also weitergehen.
Es bleibt Lachenmanns einzige Oper
Insgesamt dauerte es fast sieben Jahre, bis «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» vollendet war und im Januar 1997 in Hamburg uraufgeführt wurde.
Der heute 81-jährige Helmut Lachenmann versichert im Gespräch rück- und vorausblickend, dass er keine Oper mehr komponieren werde.
Das «Mädchen» ist ein Klassiker
Sein «Mädchen» ist mittlerweile zu einem Klassiker der neuen Musik geworden. Es erlebte schon sieben Inszenierungen an verschiedenen Opernhäusern, mehrere konzertante Aufführungen in Europa, Asien und den Amerikas. In der Schweiz war die Oper bisher noch nicht zu hören oder zu sehen. Ausserdem liegen zwei Aufnahmen des Werks vor.
Je eine der ursprünglichen Fassung und eine der im Leonardo-Teil gekürzten, sogenannten Tokyo-Fassung aus dem Jahr 2000.
Oper ohne herkömmliches Textbuch
Ein abendfüllendes Musiktheater mit den für Lachenmann typischen, oft geräuschhaften Klängen, die Verbindung mit einem populären Märchen, die sozialkritischen und philosophischen Einschlüsse, sowie der Name des berühmten Avantgardisten waren wohl die Schlüssel zum Erfolg der Oper.
Sie kommt ohne herkömmliches Textbuch aus. Trotzdem erzählt sie das beliebte Märchen von Hans Christian Andersen über ein Mädchen nach, das in einer Neujahrsnacht erfriert. Die Musik erzählt die Geschichte.
«Ritsch», «ritsch» und immer wieder «ritsch»
Sie macht oft naturalistisch die Handlung hörbar: Die Winterkälte, den eisigen Wind, das vor Kälte zitternde Mädchen und – ein zentrales Motiv der Oper – die Geräusche der Streichhölzer. «Ritsch» heisst es bei Andersen, als das Mädchen ein erstes Streichholz anzündet.
Lachenmann lässt dieses «Ritsch» als musikalische Geste in unzähligen Varianten und verteilt über die gesamte, knapp zweistündige Oper erklingen.
Das Märchen und die Terroristin
Zweimal hält die Märchenhandlung inne und an diesen Stellen fügt Lachenmann Assoziationsräume ein.
Im ersten erinnert er an die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die er als Kind persönlich gekannt hatte und die er als eine Art Seelenverwandte des kleinen Mädchens sieht. Er hält jedoch fest, dass er damit Ensslins kriminelle Taten weder entschuldigen noch verherrlichen will.
Nach diesem sozialkritischen Exkurs fügt er im zweiten Assoziationsraum eine philosophische Dimension an, indem er Auszüge aus Leonardo da Vincis Text «Das Verlangen nach Erkenntnis» rezitieren lässt. Dieses Verlangen ist für ihn in jedem Menschen angelegt.