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«Gefühle, die ich nie zuvor erlebt hatte»
Unvergessen Am 29. Januar 1995 war der Obergösger Radfahrer Dieter «Didi» Runkel auf dem Zenit seiner Karriere. Er wurde in Eschenbach Radquer-Weltmeister.
Von: Achim Günter
Dieter Runkel, im Herbst 1966 geboren, wuchs als Bäckersohn mit fünf Geschwistern in Obergösgen auf. Am 1. Mai 1977 fuhr «Didi» als Zehnjähriger sein erstes Radrennen. Auch sein Vater und einer seiner Brüder waren bereits Radrennen gefahren. In der Folge bestritt Runkel Rennen in den unterschiedlichen Nachwuchskategorien, ehe er schliesslich Amateur wurde. Runkel liess sich zum Maurer ausbilden und arbeitete auch als solcher, bis er 1993 Radprofi wurde. Zuvor hatte er 1992 als Vizeweltmeister im Radquer sowie als Sieger des GP Tell und einiger weiterer Rennen auf sich aufmerksam gemacht. Im Spätherbst 1994 setzte er im Hinblick auf die bevorstehende Heim-Weltmeisterschaft im sanktgallischen Eschenbach im Januar 1995 wieder vermehrt auf die Sparte Radquer.
«Ich fuhr in jenem Winter kein einziges Rennen im Ausland, nur in der Schweiz. Die ersten drei Rennen fuhr ich einfach mit, ab dem vierten Rennen gewann ich jedes bis zur WM. Jeweils mit mindestens einer Minute Vorsprung. Für mich stand fest, dass ich Weltmeister werden wollte. Ich war physisch und mental stark und wollte den Sieg unbedingt. Bei der Heim-WM war meine Chance so gross wie sonst nie. Ich bin generell einer, der gerne zuhause ist, ich fahre nicht so gerne weg. Das hinderte mich auch an einer erfolgreicheren Karriere als Strassenprofi, weil man da oft wochenlang weg von zu Hause ist.
Im Vorfeld wurde ich zwar oft gewarnt, dass die WM kein Rennen wie jedes andere sei. Aber wenn man viel trainiert, gesund bleibt und alles richtig macht, hat man eine gute Chance – wenn es denn auch im Kopf stimmt. Bei mir hat damals alles gestimmt, schon viele Wochen vorher. Ich hatte im Vorfeld viel Kraft trainiert, fuhr immer wieder mit Vollgas den Hauenstein oder die Saalhöhe hoch. Morgens ging ich jeweils rennen, dann folgte eine Einheit auf dem Velo, abends ging ich nochmals rennen.
Meine ausländischen Kontrahenten waren eher schwächer, wenn es matschig war und es lange Laufpartien drin hatte. Am Tag vorher hatte es noch geregnet oder geschneit, so genau weiss ich das nicht mehr. Am WM-Tag war das Wetter wechselhaft, aber trocken. Doch die Strecke war matschig, man musste viel laufen. So konnte ich mir ausrechnen, was drin liegen könnte. Das Wetter am WM-Tag spielte letztlich gar keine so grosse Rolle – die Strecke war ohnehin sehr selektiv. Nur wenn es gefroren gewesen wäre, hätte mir das nicht gepasst. Aber ich spürte im Vorfeld: Das würde mein Rennen werden. Am Freitag sagte ich auf der Pressekonferenz: ‹Am Sonntag werde ich Weltmeister!› Trainer und Eltern meinten, dass ich das nicht hätte sagen dürfen. Aber ich wollte diesen Titel unbedingt. Ich schlief als Veloprofi oft schlecht. In jener Woche aber schlief ich wie ein ‹Ängeli›. Ich war ruhig, sehr selbstsicher, fast ein wenig überheblich. Es gab welche, die mich arrogant schimpften.
Je näher das Rennen am WM-Tag dann rückte, desto nervöser wurde ich. Kurz vor dem Start riss mir der Reissverschluss beim Rennkombi, so dass der Teamarzt diesen mit einem Nähfaden nähen musste. Und da ich keine Rennen im Ausland bestritten hatte, musste ich aus der dritten oder vierten Reihe starten. Das spielte allerdings keine grosse Rolle, weil es gleich zu Beginn ins Gelände ging und man eine Laufstrecke zurückzulegen hatte. Da konnte man viele Fahrer überholen. Den Leuten, die für mich nach Eschenbach gekommen waren, konnte ich vor dem Rennen nicht in die Augen schauen. Ich wurde enorm emotional, es hat mich jeweils fast geschüttelt. So lief ich an den Leuten vorbei, als wäre ich in einem Tunnel drin. Da waren Gefühle, die ich nie zuvor erlebt hatte.
Es gab insgesamt etwa zehn Fahrer, die für den Sieg in Frage kamen. Meine Hauptgegner kamen aus dem eigenen Team: Beat Wabel und Roger Honegger. Stark waren auch Adrie van der Poel, Richard Groenendaal, Peter Van Santvliet, Luca Bramati. Bei der ersten Zieldurchfahrt passierte ich ungefähr als Zehnter. Nach zwei Runden lag ich an der Spitze. Von da an zog ich es durch. In der ersten Laufpartie konnte ich viele überholen. Ich merkte rasch, dass es mir rund lief. Bald fuhr ich mit Wabel alleine vorneweg. Dann hängte ich auch ihn ab. In der zweitletzten Runde wies ich etwa 30, 35 Sekunden Vorsprung auf Groenendaal auf, in der letzten Abfahrt rund 45 Sekunden. Ich fuhr wie in Trance. Fahren, absteigen, rennen, aufsteigen, fahren. Ich war ohnehin nie einer, der taktisch fuhr. Vielleicht klingt es überheblich. Aber in diesem WM-Rennen habe ich nie eine Schwäche gespürt. Am Ende gewann ich vor Groenendaal und Wabel.
Ein Sieg bei einer Heim-WM – was Grösseres hätte es für mich nicht geben können. Jeder Schweizer Zuschauer war ja für die einheimischen Fahrer vor Ort. Schon während des Rennens war es sehr emotional für mich. Auf der letzten Runde hätte ich weinen können. Die Zuschauer trugen mich förmlich ins Ziel.
Als mir Bundesrat Kaspar Villiger dann die Goldmedaille umhängte, musste ich mich beherrschen, damit ich nicht hemmungslos weinte vor Freude. Im Nachhinein denke ich manchmal, ich hätte meinen Gefühlen freien Lauf lassen sollen. Ich finde es heute schade, dass auf dem Podest die Freudentränen nicht flossen.
Als sich die Anspannung löste, litt ich unter enormen Magenschmerzen. Wahrscheinlich nervlich bedingt, ich weiss es nicht. Ich wurde dann ins ‹Sportpanorama› nach Zürich gefahren. Da konnte ich das Interview mit Müh und Not über mich ergehen lassen. Anschliessend wurde ich zurück ins Hotel in Schmerikon chauffiert. Meine Teamkollegen assen zu Abend. Ich aber zog mich ins Zimmer zurück und ging ins Bett, die Bauchschmerzen waren unheimlich stark. Essen konnte ich noch immer nichts.
Dann kam der Aufbruch. Der Nationaltrainer brachte mich nach Hause nach Obergösgen. Ich ging direkt in mein Zimmer. So langsam wurden die Bauchschmerzen weniger. Plötzlich kam der Vater ins Zimmer und sagte: ‹Du kannst jetzt nicht ins Bett, du musst zur Turnhalle, da warten die Leute auf dich!› Es war Mitternacht.
Bei der Siegesfeier wurde ich ausgiebig gefeiert, von einem Tisch zum anderen gereicht. Hier eine Umarmung, da eine Umarmung. Und es wurden auch viele Freudentränen vergossen. Morgens um 6 Uhr ging die Feier weiter im Restaurant Tannenbaum in Winznau – mit den ganz eingefleischten Mitgliedern des Fanclubs. Der harte Kern. Erst morgens um 10 Uhr kehrte ich nach Hause zurück.»
1996 zählte Runkel bei der Radquer-WM in Paris wiederum zu den Topfavoriten, wurde aber «nur» Siebter. Im Jahr 2000 trat er als Radprofi zurück und verdiente sein Geld als Maurer oder auch als Lastwagenfahrer. Bereits in den letzten Jahren der Radkarriere begann er aber auch die Zeit danach vorzubereiten: Runkel baute in Neuendorf eine Stickerei auf. Seit mehr als 20 Jahren verdient er den Lebensunterhalt für sich, seine Frau und die beiden Kinder Michelle (22) und Samuel (18) als selbständiger Sticker. In der Radsportszene ist Dieter Runkel – bis heute der letzte Radquer-Weltmeister aus der Schweiz – nur noch wenig präsent. In Boningen organisiert er jeweils ein Querrennen, dazu trainiert er mit seinem Sohn Samuel, der seit vier Jahren wie einst sein Vater Radrennen bestreitet. Unternimmt Runkel eine Ausfahrt mit dem Velo, trägt er immer besondere Trikots: Die aufgedruckten Regenbogenfarben kennzeichnen ihn als Weltmeister.