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Sarah Bernauers Diplomarbeit Districts, Lines & Circles — Verwandte Positionen ist im Dialog und in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern ihrer Familie entstanden. Die beiden Kernstücke der Installation sind Zimmer, eine abstrakte Rekonstruktion des Kinderzimmers, das ihr Stiefvater für sie gebaut hatte, als sie 7 Jahre alt war und die Arbeit Gefässe, eine Skulpturenanordnung, deren zwei Tontöpfe die Künstlerin gemeinsam mit ihrer Mutter für diesen Anlass getöpfert hat. An den Wänden zeigt Bernauer Fotoarbeiten und ein bemaltes Zelt von ihrem Stiefgrossvater, eine weitere Fotoarbeit von ihrer Stieftante, eine Gouache ihres Vaters und eigene Zeichnungen. Ein Heft mit Textfragmenten, in denen die Familienangehörigen Bezug auf ihre künstlerischen Arbeiten nehmen und Einblicke in die familiären Verknüpfungen geben, liegt der Ausstellung bei. Entstanden ist so ein privates und gleichzeitig hybrides Geflecht um die künstlerischen Methoden des Zeigens und des Schaffens. In verschiedenen Varianten der Kooperation, der Aneignung und der Kontextualisierung übernimmt Sarah Bernauer die Rolle der Künstlerin, als auch der Kuratorin und benutzt die Form ‹Ausstellung› als ein künstlerisches Medium.
Die aus dem Appenzell stammende Künstlerin Barbara Brülisauer entschied sich für ihre MA-Diplomarbeit für ein halbes Jahr in Appenzell Dorf zu leben und sich mit ihrer Heimat auseinanderzusetzen. In früheren Arbeiten setzte sich die Künstlerin mit fremden Kulturkreisen auseinander und konnte so mit einer Aussensicht auf Beobachtetes und Erfahrenes eingehen. In der Zeit, die sie in Appenzell verbrachte, nahm sie an zahlreichen kulturellen, religiösen und politischen Veranstaltungen teil, um so Einsicht in unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen zu erhalten. In ihrer Video- und Fotoarbeit analysiert sie ihre Beobachtungen und zieht Schlussfolgerungen. Sie konstatiert beispielsweise eine konservative Haltung und die Wahrung von ‹alten› Werten, die für das Selbstbild der Appenzeller heute wie damals Gültigkeit besitzen.
Aus Zorn und Traum, reflexive Arbeit von Linn Marie Carlehed: «Ich mäandriere zwischen Nachtgedanken und Erinnerungen, bewussten und unkontrollierten Träumen, Faszination und Aggression. Inspiration bieten mir zornige Künstlerinnen, während des Studiums geknüpfte Freundschaften, philosophische Betrachtungen und Alltagsgeschichten. Mit Hilfe von Skizzen, Notizen und Videomontagen füge ich ‹alte› und ‹neue› Identitäten zu weiteren Selbst-Bildern zusammen. Das Resultat sind drei gefilmte Verarbeitungsversuche. Abschliessend erkenne ich die Notwendigkeit, vorübergehend still zu werden und meinen Blick auf die Fülle der leeren Wand zu richten.»
Globalisierung, Weltbürger, komplexe Identitäten, Migration, Entwurzelung, soziale Netzwerke, moderne Nomaden und andere sind Begriffe, mit denen sich die gebürtige Kolumbianerin Naydu Certa-Torres während des Masterstudiums beschäftigt hat. In der Stadt Cali, in welcher die Künstlerin geboren ist, lässt man im August, wenn die starken Winde der Anden die Stadt erreichen, auch heute noch so genannte ‹Cometas› (Drachen) steigen. Die Cometas gelten als kulturelles Identitätsmerkmal, das sich grosser Beliebtheit erfreut. In ihrer Installation greift die Künstlerin stellvertretend für eine gegenwärtige globale Welt die ‹Cometas› als Symbol auf. Ihren großformatigen Bildern, entstehen bei der Auseinendersetzung mit dem Thema ‹Identität›. Sie zeigen einfache Oberflächen, die statisch in der Leere schweben. Die Leere steht für den Übergang zwischen den Orten der Vergangenheit und der Zukunft.
Einundzwanzig Plakate in verschiedenen Farben und Formaten bilden eine wandfüllende Retrospektive, eine Archivschau von Performances und Aktionen, an denen Martin Chramosta in den letzten zwei Jahren teilgenommen bzw. durchgeführt hat. Poster hegt nicht den Anspruch einer Dokumentation. Vielmehr benutzt Martin Chramosta seine vergangenen Performances, ihre Eckdaten und Titel als Rohmaterial, um eine neue Arbeit zu schaffen. Das Plakat, eine scheinbare Gebrauchsgrafik, eine ‹angewandte Kunst›, wird hier in den Kunstkontext verschoben: Der Grossteil der gezeigten Plakate war nie in Gebrauch, sondern wurde ‹posthum› gestaltet und den Performances angedichtet: Die Hauptaufgabe eines Veranstaltungsplakates, anzukünden, wurde von diesen Posters nie erfüllt. Ein Zettel zum Mitnehmen enthält den Schlüssellink zu einem versteckten Youtube-Video: «Confessions of a Performance Artist» zeigt einen Mann im Gegenlicht. Seine Stimme ist verfremdet: In Reimen spricht er über sein Selbstverständnis als Performance-Künstler. Ist es ein Manifest? Ist es eine Beichte? Eine Drohung? Ein Schwur? Ein Abschied? Ist es eine Seelenreinigung?
Nadja Crola beschäftigt sich in ihren Zeichnungen mit ihrer eigenen Vorstellungswelt, die sie auf Papier zum Ausdruck bringt. In den abgebildeten Vorstellungswelten sucht sie einen Zustand zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, zwischen Bedeutungsgenerierung und -entleerung, zwischen Nähe und Distanz, zwischen einem strukturierten, einheitlichen Ganzen und dessen Zerfall.
Natalie Danzeisen hat für ihre Masterarbeit während einem Jahr sieben verschiedene europäische Städte besucht. Auf diesen Reisen entstanden pro Stadt rund tausend Fotographien, welche sie in der Arbeit romberlinvenedigparisflorenzbarcelonapisa zusammenführt. Die einzelnen Fotographien sind aus der Nähe betrachtet gut erkennbar. Sie zeigen den Blick der Künstlerin auf die besuchten Orte. Wobei es sich sowohl um individuelle wie auch um kollektive Bilder handelt, welche den jeweiligen Ort repräsentieren. Aus der Distanz ist das Porträt der Künstlerin wahrnehmbar. Hier funktioniert das einzelne Bild als Pixel und wird zu einem Teil des Ganzen. Für eine weitere Arbeit platziert sich Natalie Danzeisen sieben Mal vor einem ‹charakteristischen› Hintergrund, in jeder Stadt. Ihr Blick ist nach oben gerichtet. Das im Bild Abwesende erscheint im Titel z.B. Tour Eiffel und vor dem geistigen Auge des Betrachters. Der Eiffelturm, besteht als kollektives Bild und verweist als Wahr-Zeichen auf die Stadt Paris. Die Verortung geschieht zweimal: im sichtbaren Bildhintergrund und durch das fehlende Element im Bild (ausserhalb des Bildes). Für die Arbeit Ich und die Anderen liess sich Natalie Danzeisen von fünfundzwanzig verschiedenen Porträtmalern in den verschiedenen Städten zeichnen. Entstanden sind fünfundzwanzig unterschiedliche Porträts. Es stellt sich die Frage nach der Abbildbarkeit einer Person in der Zeichnung. Wer ist im Porträt repräsentiert, das Modell oder der Maler?
Mathias Kaspar setzt sich seit längerem mit Bedeutung und Funktion des Konjunktivs auseinander, woraus er eine komplexe These entwickelt. Für ihn repräsentiert ‹Realität = materialisierte Fiktion› und ›Fiktion = Konjunktivisches Feld = Wahrnehmung der Realität›. Mit seinen Beiträgen an der Ausstellung versucht er seine philosophische These künstlerisch umzusetzen. Dabei werden mit Hilfe der Metonymie ‹Namensvertauschung, Umbenennung› rhetorische Figuren zu rhetorischen Objekten. Innerhalb des Bildraums kommt es so möglicherweise zu Bedeutungsverschiebungen, möglicherweise auch nicht, so der Künstler im Kommentar zu seiner Arbeit.
Gefundenes und übriggebliebenes Material (teilweise von befreundeten Künstlern) werden im Arbeitsprozess von Viktor Korol zu Objekten oder Skulpturen kombiniert und zusammengestellt. Ein bereits erprobtes Teilstück oder Objekt kann immer wieder neu kombiniert, gefärbt oder wieder auseinandergenommen werden und in einem späteren Werkzusammenhang wieder vorkommen. Im Fokus des Künstlers steht die Thematisierung des Unbedeutenden, des üblicherweise Nicht-Gezeigten.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich Carmen E. Kreis in ihren Videoprojekten mit der Verbindung von Kunst und (Natur)Wissenschaft — so auch in der aktuellen Videoarbeit über den Wolf, der als Raub- und Wildtier für die (wilde) Natur und somit für das Unkontrollierbare, Geheimnisvolle, Heimtückische und Unsichtbare steht. Die Videoarbeit ist nebst dem künstlerischen Forschungsprojekt zum Wolf das Resultat von mehr als einem Jahr Beschäftigung, unzähligen Recherchen und Gesprächen mit Fachleuten. In der Videoarbeit verwendete die Künstlerin das Rohmaterial der Nachtvideoaufnahmen von Schutzhunden und Wölfen, sogenannte Infrarot-Videoaufnahmen, welche im Jahr 2000 auf der Alpage du Longon im Nationalpark von Mercantour in Frankreich entstanden sind. Sie hat daraus eine 26teilige Szenenreihefolge mit zwei nebeneinander gestellten Videoprojektionen im Raum kreiert mit dem Ziel, wissenschaftliches Bildmaterial mit dem künstlerischen Blick zusammenzubringen, die Bilder zu "poetisieren". Bestehende Pixel-, Kamerafehler und Kamerahinweise setze sie bewusst gleichwertig neben die Tiere. Das Forschungsmaterial ist auf der speziell erstellten Webseite einsehbar: www.carmenekreis.ch/wolf
Die Zeichnungen und Malereien von Ayako Kyodo erinnern an Landschaften. Die Künstlerin malt und zeichnet auf Abfallpapieren, Verpackungen und Kartons und bringt dadurch den Topos der Landschaft mit dem Alltagsleben in Verbindung. Die einzelnen Werke sind verschieden gross und gehen in ihrer verdichteten Hängung eine neue Symbiose ein. In ihrem Video Alternative (2011) stellen verschiedene Leute der Künstlerin Fragen. Sie beantwortet jedoch jede einzelne mit «Ja». Mit der permanenten Ja-Sage-Strategie bezieht sich die Künstlerin auf ihren eigenen kulturellen Hintergrund: Aus Japan stammend, ist sie es gewohnt, eine Harmonie im Zusammenleben mit den Mitmenschen anzustreben, wofür das Ja-Wort mehrheitlich beiträgt. Ayako Kyodo betrachtet ihre Landsleute und nicht zuletzt sich selbst mit einem ironischen clin d’œil.
Gianpiero Patuto zeigt mehrere Arbeiten: Die Installation Rainbow besteht aus drei modifizierten PowerBooks G4 der Firma Apple, die auf runden Sockel präsentiert werden. In das Gehäuse, an Stelle der Tastatur, sind Prismalo Farbstifte der Marke Caran d’Ache eingelassen und visuell zu einer Einheit verbunden. Die Anordnung der Farbstifte ist vom älteren Apple-Logo geprägt und gleicht einem Regenbogen. Weitere Farbverläufe sind auf den Rückseiten der Laptops ersichtlich, da die eigelassenen Logos mit Farbstiften koloriert wurden. Für die Skulptur Single Wheel diente Marcel Duchamps Roue de Bicyclette (1913) als Ausgangspunkt, wobei Patuto nicht das Experiment, sondern die Materialisierung in den Vordergrund stellt. Sein Fahrrad-Rad stammt aus dem Highend-Bereich und besteht aus eloxiertem Aluminium und Karbon. Anstelle des Küchenhockers wie bei Duchamp tritt ein Hocker aus den Edelmaterialien Ahornholz und verchromter Stahl. Ebenfalls spielt das Vorderrad eine Rolle, da es an die farbigen Single-Speeder oder Fixies erinnert, welche heutzutage in den Städten anzutreffen sind. Auch das Objekt Filztasse basiert auf einer Verfremdung des Materials. Im Unterschied zu der bekannten Pelztasse von Meret Oppenheim verwendet Patuto Filz, was als Material unmittelbar mit Joseph Beuys in Verbindung gebracht wird. Eine weitere Arbeit geht von den Nespressokapseln aus. Der Künstler hat ihnen eine kleinformatige Serie von Gemälden gewidmet und schreibt u.a.: «Die Farbe Rot spielt dabei eine wichtige Rolle und deutet auf Pavlow’sche Versuche hin und markiert zudem die Verkaufsstrategie der Firma Nespresso, da es sich bei dieser Farbe um dekoffeiniertem Kaffee handelt.»
Maja Rieder schreibt in ihrem Manifest: «Ich ziehe die Dinge nicht aus meiner Phantasie. Ich will auch nicht an Erfindungen glauben. Ich glaube nicht an Erfindungen. Beim Zeichnen entsteht etwas, es findet eine Entwicklung statt. Am Ort der Zeichnung gibt es Raum für Entwicklung. Es entwickelt sich ein Bild. Diese Entwicklung braucht meine Aufmerksamkeit.»
Fatima Rubi-Ibrahim zeigt eine Reihe von Skulpturen, die über den Ausstellungsraum verteilt sind. Ausgehend von gesellschaftlichen Beobachtungen zieht die Künstlerin eine Parallele zwischen dem Individuum das in einer komplexen Welt versucht, seinen Platz zu finden und ihren Skulpturen. Eine der Skulpturen, die im Raum hängt, erinnert an geschälte Orangen und lässt Fragen nach Identität aufkeimen. Eine andere wiederum ist aus netzartigen Strukturen zusammengesetzt, die wiederum an die globale Vernetzung denken lässt. Die Künstlerin schreibt: «The twilight zone is a process of nature metamorphosing and an eventual decompositon. The twilight of any idea, design, creation or man, even sunlight may seem to be the end, but in actual fact it is the birth of a new concept.»
Zainolabedin Safari bringt in seinen Malereien das Hintergrundswissen um die persische Kalligraphie ein. Die schwarze Aufgabe, so das Thema seiner neuesten Serie, bezieht sich auf die Skizzen von Kalligraphien, die auf Übungsblättern so lange mit schwarzer Tusche überschrieben wurden, bis die Schrift kaum mehr lesbar war. Der Künstler spannt von den Kalligraphien ausgehend einen inhaltlichen Bogen zur Zensur, bei welcher das Schwärzen von Text oder Bild eine Unlesbarkeit und Unsichtbarkeit bedeutete. Für den Künstler beinhaltet die schwarze Aufgabe eine Parallele mit einem Leben, das unter ständiger Verdeckung, Verbergung, Angst und Druck leidet.
In den letzten Jahren, beschäftigt sich Tom Senn vermehrt mit der Auseinandersetzung von Malerei und Installation. In seinen Installationen thematisiert er die Malerei als installative, räumliche und zeitliche Komponente. Er sucht nach Möglichkeiten seine Objektsammlung, welche er in seinen Assemblagen anwendet, in einen malerischen Ausdruck zu übertragen. Die Objekte sind seine ‹Farbpalette›. Für ihn bedeutet die filmische Erfassung seiner Komposition eine Chance, an einem ‹veränderten› Ausdruck von Malerei zu arbeiten. In seiner Vorgehensweise bedient er sich der malerischen Tradition des Stilllebens und Landschaftmalerei. Dabei versucht er diese mittels medialer ‹Hilfsmittel› zu erweitern und neu zu interpretieren. Die Namensgebung der Installation bezieht sich auf das Datum des Entstehungsmomentes der Installation. Für Ihn bedeutet dieser Moment, die letzte Möglichkeit, die verwendeten Objekte in ihrer Ursprungsform zu gebrauchen. Durch die Anhäufung, die filmische und fototechnische Erfassung und der Wiedergabe bzw. Projektion werden aus den einzelnen Objekten eine Gesamtkomposition.
Carlos Varela schreibt in seinem Statement: Paris, Barcelona, Milan, London — special cities, dynamic places. An urbanity that stimulates and overpowers me with its energy as I wander and observe the streets by switching from my Photo/Video camer mode. Completely concentrated I mix in and I focus on the light, the architecture and its people. I experiment, let the lens react to the light and go with the moment. The camera is my partner and witness. I see the world around me very different. I am a participator who moves with a camera, in a role of observer who records time and all its elements.
Markus Kummer (Gast der HKB Bern) begegnet dem Eingangsbereich des Kunsthaus Baselland mit einer prekären Konstruktion. Aus vorgefertigten, nur flüchtig ineinander gesteckten Trägern, die an den Schnittstellen mit einem speziellen Gips fixiert sind, erhebt sich ein Gebilde mit der Beständigkeit einer plastischen Fata Morgana. Prekär ermisst er mit einer Stange — einer Säule? — auch die Vertikale des architektonischen Raums.
Die Arbeit All at Once (2011) von Samuel Graf (Gast der HGB Bern) besteht aus einer fünfschichtigen schwarzen Glaspyramide, die in einer Raumecke platziert wurde. Die mit Emaille beschichteten Glasplatten wurden in situ von einer Pistolenkugel durchdrungen. Dieser extrem komprimierte und gewaltsame Moment des einfallenden Schusses stört die ruhige, spiegelnde Oberfläche und durchdringt die Schichten. In Displaced (2011) zeigt Graf einen Flachbildschirm, auf welchem eine in Echtzeit gesteuerte Computerarbeit zu sehen ist. Sekunden-Zahlen von Null bis Sechzig werden darauf nur für einen Bruchteil einer Sekunde in unregelmässigen Intervallen dargestellt. Das Zusammenspiel der beiden Zeitebenen — die metrische Zeit und die undurchschaubare, zufallsgesteuerte Ebene der aufblitzenden Zahlen — führen zu einer Irritation beim Betrachter.