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Hendrick Goltzius’ Porträt seines ersten und einzigen Lehrers Dirck Volckertsz. Coornhert (1522-1590) gehört zu jenen Werken, deren reale Wirkung durch Reproduktionen stets nur unzureichend vermittelt werden kann. Das liegt nicht zuletzt an den Maßen des Blattes, das mit über einem halben Meter Höhe der größte Porträtstich im Werk Goltzius’ ist; es zeigt damit den Dargestellten fast in Lebensgröße, was wesentlich zu dessen raumgreifender Präsenz beiträgt.
Aber auch die verblüffend mimetische Wiedergabe lässt sich in ihrer handwerklichen Virtuosität und ihrem Detailreichtum nur am Original vollends erfahren.
Mimesis und Paradox
Ein von rechts kommendes Streiflicht erfasst mit dokumentarischer Präzision jede Unebenheit des betagten Gesichtes: die Warzen auf Stirn und Nase, die hervortretende Ader an der Schläfe, die tiefen Stirnfurchen ebenso wie die unzähligen feinen Fältchen. Seine wachen Augen erwidern eindringlich unseren Blick. Die Pupille des rechten, ausgeleuchteten Auges liegt exakt auf der Mittelsenkrechten des Bildes und erfährt so eine subtile Akzentuierung. Ein anderer Trick kreiert ein räumliches Paradox: Coornherts uns seitlich zugewandte Schulterpartie schiebt sich gewissermaßen zwischen die beiden Rahmenleisten, die aber auf Höhe seines Kopfes in derselben Ebene liegen. Dieser Kunstgriff dient nicht nur der Steigerung der Körperhaftigkeit des Dargestellten, es ist auch eine Art mise en abyme der Illusion: die Illusion wird vom Künstler selbst als solche entlarvt.
Der auffällig inszenierte Schlagschatten, den Coornherts Körper auch auf seinen eigenen Namen in der Inschrift wirft, spielt auf die Tatsache an, dass der Dargestellte bereits verstorben war, als der Stich fertiggestellt wurde. Die Nennung des Sterbedatums in der Inschrift, der 29. Oktober 1590, liefert einen terminus post quem für die Datierung. Da Goltzius bereits Ende Oktober 1590 zu einer Italienreise aufbrach, ist es wahrscheinlich, dass er das Blatt erst nach seiner Rückkehr, 1591, gestochen hat. Die Formulierung «ad vivum depictus» (nach dem Leben gemalt) direkt oberhalb seines Kopfes muss sich daher nicht auf eine real stattgefundene Porträtsitzung beziehen, sondern bekräftigt vielmehr das Bemühen um eine möglichst lebensechte Darstellung.
Biographie im Rahmen
Der das Oval einfassende Rahmen enthält weitere Inschriften sowie bildliche Vermerke, die sich allesamt auf die Biographie Coornherts beziehen. Die Objekte vertreten seine vielfältigen Tätigkeiten als Sekretär, Notar, Autor und Humanist (Feder, Tintenfass, Papierrollen, Bücher, Merkurstab), als Fechter (Degen, Schwerter und Handschuhe), als Musiker (Saiten- und Blasinstrumente) und als Kupferstecher (Stichel, Kupferplatte, Graveurkugel, Zeichenbücher, Filzlappen). Palette und Pinsel, die an der Graveurkugel hängen, sind nicht auf Coornhert selber zu beziehen, welcher nie als Maler tätig war. Vielmehr sollen sie wohl auf die hier wörtlich gemeinte Abhängigkeit der Malerei vom Kupferstich verweisen, welcher ihre Werke zu reproduzieren und verbreiten vermag.
Der auf der Kupferplatte dargestellte Hund, auf den der Stichel zeigt, mag symbolisch auf die Treue verweisen, die das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler zeitlebens prägte.
Das im Rahmen zentral stehende Motto Coornherts «Weet, of rust» („Wisse, oder ruhe“), kann in zweierlei Hinsicht interpretiert werden: Zum einen meint es, dass der Mensch alle Fragen erkunden soll, denen er auf den Grund gehen kann, während er jene, die unergründlich sind, auf sich beruhen lassen soll. Zum anderen fordert es dazu auf, sich nur über jene Dinge zu äussern, von denen man wirklich etwas versteht. Schon in der Wahl des Mottos zeigt sich die Aktualität Coornherts, der sein ganzes Leben unangepasst und leidenschaftlich für wahre Toleranz und Gedankenfreiheit kämpfte.
Das Original wird demnächst in der Ausstellung «Gekreuzte Parallelen. Agostino Carracci und Hendrick Goltzius» in der Graphsichen Sammlung ETH Zürich zu sehen sein, 09. Dezember 2020 – 14. März 2021.