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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

13. Buch
15. Adam hat durch seine Sünde Gott verlassen, ehe Gott ihn verließ, und der erste Tod der Seele bestand in der Abkehr von Gott.
„Des Todes werdet ihr sterben“, sprach Gott; es heißt nicht: mehrerer Tode werdet ihr sterben; und so mögen wir dabei lediglich an den Tod denken, der bewirkt wird, wenn die Seele von ihrem Leben verlassen wird, das für sie Gott ist [sie ist indes nicht verlassen worden und hat nachher verlassen, sondern sie hat verlassen mit der Wirkung, daß sie verlassen worden ist; denn wo es sich um ihr Unheil handelt, ist ihr eigener Wille der vorgängige; dagegen wo es sich um ihr Wohl handelt, ist der Wille ihres Schöpfers der vorgängige, sei es um sie zu schaffen, da sie nicht vorhanden war, sei es um sie wiederherzustellen, weil sie durch ihren Fall zugrunde gegangen war]. Wir mögen also immerhin nur dieses Todes Ankündigung erblicken in der Drohung: „An welchem Tage ihr davon esset, werdet ihr des Todes sterben“, etwa als wenn es hieße: An welchem Tage ihr mich verlasset aus Unbotmäßigkeit, werde ich euch verlassen aus Gerechtigkeit. Gleichwohl sind auch die übrigen Tode, die ohne Zweifel folgen sollten, in jenem einen angekündigt. Darin nämlich, daß unbotmäßige Regung im Fleische der unbotmäßigen Seele entstand, wie sich in der Bedeckung der Schamteile äußerte, machte sich der eine Tod bemerkbar, der, bei dem Gott die Seele verläßt. Er ist angedeutet in den Worten, die Gott an den in sinnverwirrter Angst sich verbergenden Menschen richtete1 : „Adam, wo bist du?“ Er fragte natürlich nicht aus Unkenntnis, sondern tadelnd und mahnend, damit sich Adam besinne, wo er wäre, da Gott nicht mehr in ihm war. Als die Seele sodann den durch die Zeit geschwächten und vom Alter gebrochenen Leib verließ, machte der Mensch Bekanntschaft mit dem andern Tod, den Gott im Auge hatte, als er, ebenfalls zur Strafe für die Sünde, zu dem Menschen sprach2 : „Staub bist du und zu Staub sollst du werden“. So wurde also durch diese beiden Tode der erste Tod vollständig, der den ganzen Menschen umfaßt und dem dann von selbst zuletzt der zweite Tod folgt, wenn der Mensch nicht durch die Gnade erlöst wird. Denn der Leib, der von der Erde genommen ist, kann zur Erde nur zurückkehren durch seinen eigenen Tod, der bei ihm erfolgt, wenn sein Leben, d. i. die Seele von ihm scheidet. Daher gilt es bei den Christen, die den wahrhaft katholischen Glauben festhalten, für ausgemacht, daß auch der leibliche Tod aus Schuld der Sünde verhängt worden ist, nicht nach Naturgesetz, da Gott nicht durch ein solches dem Menschen den Tod bestimmt hat. Vielmehr sprach er im Zusammenhang mit der Strafe für die Sünde zu dem Menschen, in welchem wir alle uns damals befanden: „Staub bist du und zu Staub sollst du werden“.
1: Gen. 3, 9.
2: Ebd. 3, 19.