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Bulgakov-Forschung im deutschsprachigen Raum
Sergij Bulgakovs Werk "Das abendlose Licht" ging kurz vor dem Revolutionsjahr 1917 in Druck – er hatte es in den Jahren des Ersten Weltkriegs geschrieben und als Flaschenpost bezeichnet:
„Und so mögen nun diese Seiten, dieser schwache Versuch, die große Verkündigung aufzuzeichnen, ähnlich wie der versiegelte Brief einer Flaschenpost dem tobenden Strudel der Geschichte übergeben werden.“*
Die Aussage lässt sich auch auf Bulgakovs Gesamtwerk beziehen. Die umfangreiche Bergung von Bulgakovs Flaschenpost im deutschsprachigen Raum seit Ende des 20. Jahrhunderts ist hauptsächlich der katholischen Theologin Barbara Hallensleben zu verdanken, die seit 1994 Professorin für Dogmatik an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg Schweiz ist. Ein Tipp von Fairy von Lilienfeld, von 1966 bis 1984 Professorin für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens an der Theologischen Fakultät Erlangen und Pfarrerin der Evangelischen Kirche Deutschlands, führte Hallensleben zu Bulgakovs Werk, womit sogleich auch der ökumenische Hintergrund und das grundlegende Anliegen dieses Interesses deutlich wird:
"Wenn wir Bulgakovs ‚Flaschenpost‘ aus dem bewegten Meer bergen, dann ist sie erst dann wirklich verstanden, wenn sie in demselben Geist aufgenommen wird, aus dem sie geboren wurde. Seine prophetische Botschaft will nicht in einem Archiv pietätvoll verwahrt werden, sondern das Feuer unseres Glaubens und damit zugleich das Feuer der Ökumenischen Bewegung neu entfachen."**
So initiierte Hallensleben vor rund 30 Jahren weitere deutsche Übersetzungen von Bulgakovs immensem Werk, das Hans-Jürgen Ruppert bereits 1977 als immer noch „totes theologisches Kapital“ bezeichnet hatte. An der Universität Freiburg Schweiz, die seit ihrer Gründung im Jahr 1889 über einen Lehrstuhl für Slavistik verfügt und an der theologischen Fakultät seit über 100 Jahren einen Schwerpunkt zu den Ostkirchen aufweist, ist Hallensleben am „Institut für Ökumenische Studien“ tätig, an dem 2017 eigens ein „Zentrum für das Studium der Ostkirchen“ gegründet wurde. Dieser Fachbereich ist auch am Interfakultären Institut für Ost- und Ostmitteleuropa der Universität beteiligt, so dass Hallenslebens Begeisterung für die orthodoxe Theologie und Sergij Bulgakov nicht nur viele Studierende der Theologie, sondern auch der Osteuropawissenschaften (Slavistik, Kulturphilosophie, Politikwissenschaften, Ethnologie) erreichte. Mehrere Studentinnen der Slavistik waren als Übersetzerinnen an vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Übersetzungsprojekten beteiligt und arbeiteten vor allem mit den Übersetzerinnen Dr. Katharina Breckner, Dr. Elke Kirsten und Xenia Werner zusammen. Auf dieser Basis entstand 2011 die Forschungsstelle Sergij Bulgakov, um all diese deutschen Übersetzungen mit wissenschaftlichem Apparat zu veröffentlichen und die Sichtbarkeit von Bulgakovs Werk in der deutschsprachigen Welt zu erhöhen – und nicht nur dort.
Auszug aus: Regula M. Zwahlen: Eine Flaschenpost für das 21. Jahrhundert? Zum 150. Geburtstag von Vater Sergij Bulgakov. In: Istoriko-filosofskij ežegodnik 36 (2021), 196–220: 197–200.
* Bulgakov, S.N.: Svet nevechernii [Das abendlose Licht]. Moskau: Pespublika Publ., 1994, S. 6. Zit. nach der nicht publizierten deutschen Übersetzung von Elke Kirsten.
** Hallensleben, Barbara: “Ökumene Als Pfingstgeschehen Bei Sergij N. Bulgakov”. Ökumene. Das eine Ziel – die vielen Wege, hrsg. von I. Baumer und G. Vergauwen. Freiburg: Universitätsverlag Freiburg, 1995, S. 179–180.