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Lausanne mit seinen Grünanlagen, seiner Kathedrale, dem Olympischen Komitee ... Die außergewöhnliche Hanglage hat die Waadtländer Hauptstadt für eine Spezialität auserwählt, um die sie weltweit benieden wird: Die abschüssige Stadt ist zu einem Paradies für Rollschuhfahrer geworden. Die Mähne im Wind, trunken von Freiheit, nehmen Meuten von Jugendlichen die großen Avenuen und Treppengeländer in Beschlag, rasen aus den Höhen hinunter bis zum Ufer des Genfersees. Entgegen jeglicher Vernunft nehmen sie viele Risiken auf sich, lavieren zwischen Autos, schwingen sich auf Geländer und versuchen sich an akrobatischen Kunststücken – alles unter dem vorwurfsvollen Blick von Passanten und Polizisten.
Im Rahmen der Sendung Tel Quel der Télévision Suisse Romande porträtierte Peter Entell 1994 denjenigen, der zur Galionsfigur dieser Freiheitsbewegung wurde: Ivano Gagliardo, der seine Arbeitslosigkeit und die Perspektivelosigkeit eines allgemeinen No-Future-Gefühls nur im Schwindel der Geschwindigkeit vergessen zu können schien. In seinem Kielwasser bewegten sich andere junge Immigrierte der zweiten Generation: Spanier, Jugoslawen, Kambodschaner. Rolling erlaubt es, das kurze Treffen am Fernsehen zu verlängern und zu vertiefen. Die Sendung brachte Ivano Glück. Die Wellen der Bekanntheit verschafften ihm Glaubwürdigkeit bei Behörden und Gläubigern und ermöglichten ihm einerseits, ein Geschäft mit Rollerskates zu eröffnen, andererseits, ein Rolling-Zentrum zu konzipieren, ein Video zu drehen und mit seinen Freunden einen international anerkannten Wettbewerb zu organisieren. Womit er gleichzeitig unter Beweis stellte, daß ein ausgefallenes Hobby auch ein Faktor sozialer Integration sein kann.
Trotz allem ist Rolling keine Erfolgsstory. Von einem Moment auf den andern steigt lvano, den man nie anders als im Wind auf seinen Inline-Skates dahinflitzen sah, von den Rollen. Gleichzeitig und symbolischerweise dreht damit auch das Glück. Wie Baudelaires Albatros, der in seinem Flug innehält, verliert der Halbgott des Pflasters seine Grazie, wenn er zu Fuß gehen muß. Ivano, der Idealist, der Lautere, der für seinen Geschwindigkeitstraum lebt und jeden Kompromiß zurückweist – darin inbegriffen die Vorteile des Sponsoring –, wird von der Realität eingeholt. Seine Buchhaltung ist eine Katastrophe, seine Geschäfte geraten ins Wanken. Seine Beziehung – voll Enthusiasmus und auf Rollschuhen feierte man die Hochzeit – liegt darnieder. Der Film endet mit einer Einstellung auf Ivano, wie er auf einem Mäuerchen sitzt, plötzlich unbeweglich, plötzlich der Schwerkraft unterworfen. Die helvetische Disziplin hat keine Nachsicht mit diesen wunderbaren rollenden Verrückten, die etwas Unordnung und Phantasie in unsere Straßen bringen.