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Bern
Buchreihe: Quellen und Forschung zur Bündner Geschichte 38 (hg. vom Staatsarchiv Graubünden).
Basel: Schwabe Verlag; 2021.
454 Seiten.
Preis: 65 CHF.
ISBN: 978-3-7965-4333-3.
2018 beauftragte der Kanton Graubünden eine Gruppe von Autorinnen und Autoren der Universität Basel, die Geschichte seiner Psychiatrie zu untersuchen. Die Studie setzt bei den Anfängen der institutionalisierten Psychiatrie zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein und zeichnet den Wandel des psychiatrischen Angebots bis in die Gegenwart in sechs Kapiteln und sieben Nahaufnahmen nach. Zwei unterschiedliche Einrichtungen waren prägend: die multifunktionale Versorgungsanstalt Realta (die heutige Klinik Beverin Cazis) und die städtische Heil- und Pflegeanstalt Waldhaus (heute: Klinik Waldhaus). Realta war bis um 1950 mehr Versorgungsanstalt denn psychiatrische Klinik, danach nahm sie neue psychiatrische Strömungen schneller auf als die Klinik Waldhaus.
Die Autorenschaft kommen zum Schluss, dass in Graubünden fürsorgerische Zwangsmassnahmen prägender waren als in anderen Kantonen: Bis 1980 wurde fast die Hälfte der Patientinnen und Patienten über administrative Versorgungsgesetze in die Psychiatrie eingewiesen. Versuche mit noch nicht zugelassenen Medikamenten hätten stattgefunden, allerdings in einem geringeren Ausmass als in universitätsnahen Kliniken. In Graubünden habe die Psychiatrie stärker auf physikalische als auf medikamentöse Therapien gesetzt, also etwa auf Elektroschockkuren oder psychochirurgische Eingriffe. Eine Besonderheit sei die Kastration verurteilter Sexualstraftäter gewesen; zwischen 1950 und 1980 waren über hundert Männer davon betroffen. Zudem sei der Kanton ein Zentrum für Forschung zur Eugenik gewesen, was allerdings nicht zu mehr eugenisch indizierten Eingriffen geführt habe als in anderen Kantonen.
Im Gegensatz zu den vorliegenden Aufarbeitungen der Psychiatriegeschichte, die vor allem auf Medikamentenversuche fokussieren, bezieht die Studie auch Therapieverfahren oder die Diagnostik sowie die Perspektive der Patientinnen und Patienten wie auch der Pflegenden mit ein. Dominant sind die institutionellen Entwicklungen. Klinische Aspekte wie der Wandel der Diagnostik und die in den 1950er-Jahren aufkommenden Psychopharmaka werden eher gestreift. Das regt zu weiterer Forschung an.
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