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Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht mehr los! Der Poet (Enrique Rivero) im ersten Teil von Jean Cocteaus Orpheus-Trilogie zeichnet ein Porträt einer Frau auf eine Leinwand. Doch als er den Mund ausradiert, bleibt dieser auf seiner Hand kleben und erwacht zum Leben. Aber der Poet kann diesen Mund in seiner Hand (vorerst) nicht mehr loswerden. Eine Metapher auf die Kunst an und für sich?
Der französische Schriftsteller, Filmemacher und Maler hat im ersten Teil seiner Trilogie, "Das Blut eines Dichters", eine surrealistische Bildabfolge geschaffen, die in mehrere Sequenzen abgetrennt ist. Der Film entstand 1930 (!), zeitgleich zu Luis Buñuels Film "Das goldene Zeitalter" und zeigt in nur 51 Minuten alles das, was ein Künstlerleben auszeichnet. "Comment j’etais pris au piège par mon propre film", schreibt Cocteaus Handschrift auf die Leinwand und der Poet wird seinen zweiten Mund an eine Statue (die spätere, berühmte Fotografin Lee Miller als Cameo) los, bevor er in einen Spiegel springt. Doch "das Innere des Spiegels führt in die Revue des Wahnsinns", einem Hotel, in dem in jedem Zimmer etwas Seltsames, Surreales passiert. "Unstillbare Ruhmsucht" wiederholt eine Stimme, die zum Mantra wird. Eine Dame meint: "Si vous n’avez pas un as du coeur, vous êtes un homme perdu". Dann schneit es und es kommt ein schwarzer Schutzengel. Eine Statue zu zerstören bedeutet selbst eine zu werden, so warnt der aufmerksame Erzähler.
Die Idee des Spiegels als Möglichkeit zur Transsubstantiation in eine andere, bessere (Traum-)Welt greift Jean Cocteau auch in seinem ersten abendfüllenden Film in Spielfilmlänge (1950, 95 min.), "Orpheus", wieder auf. Hier dient der Spiegel sogar dem Tod (Maria Casarès: die Prinzessin, Botin des Todes) persönlich, der dem Protagonisten (Jean Marais) erscheint, als Pforte, um zwischen Hades und Oberwelt zu wechseln. Natürlich geht es um die alte griechische Sage, die die Liebe von Orpheus und Eurydike erzählt, die Cocteau hier zur Grundlage seines Filmes, der in der Moderne, den 50ern, spielt, macht. Allerdings muss man in "Orpheus", Handschuhe tragen, um in die jeweils andere Welt abtauchen zu können. Jean Cocteau verwendete einige Tricks, um den Film so realistisch wie möglich zu machen. So benutzte er Negativbilder, rückwärts laufende Zeitlupen und für den Spiegel ließ er einen Tank mit Quecksilber füllen, um zu zeigen, wie Orpheus' Hand in eben diesem Spiegel verschwindet. Ein ergreifendes Melodram aus abendfüllenden Bildern, die einem bis in die Träume folgen.
"Das Testament des Orpheus", der dritte Teil der Trilogie, 81min, entstand 1960, zwei Jahre vor seinem Tod und kann durchaus als Abschiedsgeschenk bezeichnet werden. In seinem letzten Spielfilm übernahm der Regisseur höchstpersönlich die Hauptrolle des Orpheus an der Seite seines Lebensgefährten Jean Marais in der Rolle des Ödipus, also doch ein recht aufregender Rollenwechsel. In weiteren Rollen sind außerdem Yul Brynner und Pablo Picasso zu sehen. Der erklärte Bisexuelle Cocteau verarbeitet darin aber zugleich auch persönliche Schicksalsschläge, wie den frühen Tod seines Geliebten Raymound Radiguet auf. Der Film wurde auch der Durchbruch für die junge Chansonette Juliette Gréco (Bonjour Tristesse, 1958) und wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Großen Preis ausgezeichnet.In dieser Box enthalten: