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"Die Schweiz muss ihre Kinder anerkennen"
Die Sozialdemokratin Ada Marra, die letzten Herbst in den Nationalrat, die grosse Parlamentskammer, gewählt wurde, ist die Tochter italienischer Einwanderer. Ein Porträt einer gläubigen Katholikin, deren Leidenschaft die Politik ist.
"Ich bin eine Kämpferin, eine militante dazu." So bezeichnet sich die 35 Jahre junge Ada Marra, Generalsekretärin der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Waadt. Seit letzten Herbst gehört sie dem Nationalrat an. Vorher amtete sie bereits vier Jahre im Parlament des Kantons Waadt.
Obwohl sie in einer eher wohlhabenden Gemeinde in der Nähe von Lausanne aufgewachsen ist, hat Ada Marra, Tochter einer Arbeiterfamilie, die aus Apulien eingewandert war, den Unterschied zwischen arm und reich schon sehr früh kennengelernt.
"Die Ungleichheit hat mir schon immer zu schaffen gemacht. Und ich habe sehr schnell begriffen, dass nicht alle die gleichen Chancen haben. Einige können ihr Schicksal auslesen, andere müssen es ertragen", sagt sie.
Vollzeit-Politikerin
Im Unterschied zu den meisten andern eidgenössischen Parlamentarierinnen, die mit einem Bein in der Arbeitswelt stehen oder ihr Einkommen mit verschiedenen Mandaten ergänzen, ist Ada Marra zu 100 Prozent in der Politik tätig.
"Mit Netto 6000 Franken pro Monat lebt man gut", bestätigt sie. Wichtig ist für sie, genügend Zeit für das Aktenstudium zu haben, "um diese Arbeit gut zu machen". Und aus Rücksicht auf ihre Gesundheit will sie übermässigen Stress vermeiden.
Trotz ihrer Professionalität gesteht Ada Marra, dass sie in ihrem Beruf als Parlamentarierin – der ihr ausgezeichnet gefällt – noch viel zu lernen habe. Die Fehler vieler ihrer Kollegen, "im Rampenlicht zu stehen und den Journalisten hinterher zu laufen", will sie vermeiden.
Grundsätzlich habe sie das Profil einer Aktivistin: "Die politischen Parteien sind wichtige Stützen eines demokratischen Systems, aber ich glaube, dass die Verbände mehr Möglichkeiten haben, Reformen durchzusetzen."
Drei vorrangige Themen
Ihr Start im Parlament war geprägt von der Nicht-Wiederwahl von Christoph Blocher als Regierungsmitglied am 12. Dezember 2007: "Es hätte nicht besser anfangen können", sagt sie lachend. Ihre Prioritäten sieht sie allerdings in andern Bereichen.
"Als ich ins Parlament kam, fielen mir die vielen parlamentarischen Initiativen, Motionen und anderen Postulate auf. So viel Papier zu produzieren, interessiert mich nicht, ich will mich auf zwei oder drei wichtige Themen konzentrieren und mit andern Parteien daran arbeiten, denn nur so haben wir Aussicht auf Erfolg".
Unter diesen Themen befinden sich – auch bedingt durch ihre familiäre Herkunft – die Integration, der Analphabetismus – sie ist Präsidentin des Vereins "Lesen und Schreiben" – und das Bildungswesen. Dazu kommt die Sozialhilfe, "ein Thema, das ich noch nicht so gut kenne, aber an dem ich in den nächsten Wochen arbeiten werde".
Die Eingebürgerten des Parlaments
Auf Initiative von Ada Marra hat sich eine Gruppe von Eingebürgerten gebildet, aus Personen von allen grossen Parteien, ausgenommen der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei SVP. "Im Parlament stellt man eine Zunahme der Personen fest mit irgend einem Migrationshintergrund."
Diese Leute seien vielleicht mehr noch als andere berechtigt, gegen die ständigen Angriffe der SVP auf die Einbürgerungen zu reagieren. Was die Initiative betrifft, die dem Volk am 1. Juni zur Abstimmung vorliegt, hat Ada Marra eine klare Position: "Die Initiative der SVP ist sehr gefährlich, weil sie damit den Souverän in ein Volksgericht umfunktioniert", sagt sie. "Das ist das eigentliche Problem. Denn wenn es der SVP wirklich um die Anzahl Einbürgerungen ginge, hätte sie strengere Aufnahmekriterien verlangt".
Aber die junge Parlamentarierin blickt bereits weiter: "Wenn die Initiative abgelehnt wird, kommt es zum Gegenschlag. "Ab dem 2. Juni werde ich einen Vorschlag einreichen zugunsten einer automatischen Einbürgerung der dritten Ausländer-Generation. Die Schweiz muss ihre Kinder anerkennen. Es ist unmöglich, einen Menschen als Ausländer zu betrachten, der in der Schweiz als Kind von Eltern geboren wurde, die ebenfalls in der Schweiz auf die Welt kamen und seit Jahrzehnten hier wohnen."
"Jesus war links"
Trotz ihrer klar linken politischen Einstellung entspricht Ada Marra nicht der typischen sozialistischen Parlamentarierin. Dazu gehört insbesondere ihr religiöser Glaube, den sie aus dem katholischen Elternhaus mitbrachte, der sich aber unabhängig davon entwickelte, unterstützt und genährt wurde durch ihr soziales Engagement.
"Für mich war Jesus ein Sozialist", ist sie überzeugt. Wenn in der Religion von Brüdern und Schwestern die Rede ist, entspricht dies dem Begriff Genossen. Es kommt vor, dass ich mit dieser Einstellung sowohl bei Katholiken wie bei Sozialisten auf ein gewisses Unverständnis stosse. In Bezug auf bestimmte Fragen, wie zur Abtreibung, befinde ich mich auch in einer schwierigen Position."
"Meines Erachtens muss das Gesetz die freie Wahl gewähren. Der Entscheid, dass ich gegen Abtreibung bin, betrifft nur mich. Die Kirche sollte keine Kampagne für ein Gesetz gegen die Abtreibung lancieren, aber sie sollte das Recht haben, ihre Meinung dazu zu äussern."
swissinfo, Andrea Tognina
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)
Ada Marra
Nationalrätin Ada Marra ist 1973 in Lausanne als Tochter italienischer Eltern geboren. Sie studierte Politische Wissenschaft.
Mit 25 Jahren wird sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und bald darauf Generalsekretärin der Waadtländer Sektion.
1998 erhält sie das Schweizer Bürgerrecht. Danach politisiert sie 4 Jahre im Waadtländer Kantonsparlament. Während eineinhalb Jahren ist sie Generalsekretärin des Verbands der Schweizer Universitäten.
Sie ist ausserdem Präsidentin des Vereins "Lesen und Schreiben". Im Oktober 2007 ersetzt sie im Nationalrat (grosse Kammer) Géraldine Savary, die in den Ständerat (Kleine Kammer) gewählt wird.
Wenn die Schweiz und Italien sich an der Fussball-Europameisterschaft begegnen sollten, würde sie wahrscheinlich Italien unterstützen. "Ich wäre auf jeden Fall Siegerin", sagt sie.
Sommersession
Das Parlament kommt vom 26. Mai bis 13. Juni, also eine Woche früher als üblich zusammen, damit die Abgeordneten den Fussballspielen folgen können.
Schwerpunktthemen:
- Finanzierung der Alters- und Invalidenversicherung und die Initiative für ein flexibles Rentenalter (Ständerat, 27. Mai)
- Erneuerung des Abkommens über den freien Personenverkehr mit der EU und der Erweiterung auf Rumänien und Bulgarien (Nationalrat, 28. Mai)
- Finanzierung der Eisenbahn-Infrastruktur und der Neuen Alpentransversale (Ständerat, 3. Juni)
- Abschaffung der Lex Koller, die den Erwerb von Immobilien durch ausländische Staatsangehörige regelt (Ständerat, 4. Juni)
- Verfassungsartikel zur Forschung am Menschen (Nationalrat, 4.-5. Juni)
- Eidgenössisches Patentgesetz (Nationalrat, 5. Juni)
- Technische Zusammenarbeit und finanzielle Hilfe für Entwicklungsländer (Nationalrat, 9.-10. Juni).
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