Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03635.jsonl.gz/2402

Will man über 70 Jahre Vereinsgeschichte schreiben, so stöbert man in Protokollen und Akten, um sich über die Tätigkeiten und Ereignisse der sieben Jahrzehnte zu informieren. Vieles hat sich mit der Zeit geändert, doch der Grundgedanke, auf einem Stück Land von der Saat bis zur Ernte alle Tätigkeitsstufen des Gartenbaus in voller Verantwortung auszuüben, ist gleich geblieben: Das Erleben der Natur im Familiengarten, die Freude und der Stolz bei der eigenen Ernte machen die Arbeit im Familiengarten zu einer gesunden und naturverbundenen Freizeitbeschäftigung.
In vielen Europäischen Ländern sind die Familiengärten bekannt. Sie entstanden in der Zeit des Ersten Weltkrieges, als die Lebensmittel knapp und die Löhne niedrig waren. Damals wurden diese «Pflanzengärten» vorwiegend von ärmeren Schichten der Bevölkerung angebaut. Der Ertrag des Gartens war seinerzeit eine willkommene Bereicherung des Speisezettels. Seit dieser Zeit hat aber eine umwälzende Wandlung stattgefunden, nicht nur in der Benennung; die früheren «Pflanzengärten» sind zu Familiengärten geworden. Das Gartenhäuschen hat teilweise die Gerätekiste abgelöst. Ein Sitzplatz, eventuell mit einer Kletterrose oder Reben überrankten Pergola, etwas Rasen sind neben dem Pflanzengarten zu einer kleinen Oase der Ruhe und Erholung geworden. Auch die Zusammensetzung der Pflanzer in den Arealen wandelte sich; heute gibt es keine Bevölkerungsschicht und keinen Beruf mehr, der nicht unter den Familiengärtnern zu finden wäre.
Familiengärtner im Areal Seferen zwischen Bahngeleisen und Seestrasse, nach 1925. (Die SBB-Linie ist elektrifiziert.)
Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) legte man in Wädenswil, der Not gehorchend, zur Versorgung der Bevölkerung sogenannte Pflanzenplätze an. Nach Kriegsende, als sich die Lage wieder normalisierte, bildete sich am 6. August 1920 ein Komitee, um die damals schon sehr zahlreichen Kleingärtner in einem Verein zu organisieren. Hauptgedanke dieses Komitees war es, die Kriegs-Pflanzgärten zu erhalten, da die damalige Gemeindebehörde als wesentlichste Landeigentümerin diese lösen wollte.
Das Komitee handelte rasch, und schon am 13. August 1920 wurde zur Gründungsversammlung der Familiengarten-Genossenschaft Wädenswil ins Restaurant Volkshaus eingeladen. Das Interesse war gross, hatten sich doch 138 Personen zu dieser Versammlung eingefunden. Unter dem Vorsitz von Gemeinderat Otto Vollrath wurde beschlossen, sich einzusetzen, um alle Vorteile eines genossenschaftlichen Zusammenschlusses verwirklichen zu können.
Der neu gegründete Verein musste die Eintragung ins kantonale Handelsregister vornehmen, weil die Gemeinde über die damals noch umfangreichen, gemeindeeigenen Liegenschaften nur unter dieser Bedingung Pachtverträge abzuschliessen versprach. Die ersten Jahre des neu gegründeten Vereins waren sicher Lehr- und Überlebensjahre, musste man doch mit unvorhergesehenen Schwierigkeiten fertig werden. Der hohe Pachtzins war eine allzugrosse Belastung, denn das Ziel war, günstiges Pachtland an die Familien weiterzugeben. Finanziell war man nicht gerade auf Rosen gebettet. Im Jahre 1923 wies die Kasse ein Defizit von 850 Franken auf, was zu dieser Zeit einen grossen Batzen bedeutete. Und man atmete wieder auf, als die Gemeinde mit einer Subventionsgabe von 1000 Franken zum Weiterbestehen des Vereins verhalf. Starker Hagelschlag im Jahre 1924 hatte die damaligen Areale Schützenhaus an der Fuhrstrasse und Eidmatt stark geschädigt. Die Entschädigung der Hagelversicherung von 198 Franken bedurfte zur Verteilung schon einiger Diplomatie; verständlich, das die Versicherungs-Jahresprämie von 530 Franken von den Mitgliedern immer wieder allgemein beanstandet wurde und zur Kündigung der Versicherung und Schaffung eines eigenen Hagelschadenfonds führte.
Familiengärten in der Ecke Fuhrstrasse/Sonnmattstrasse.
Familiengärten auf dem Areal Hottenmoos. Blick gegen Osten, im Hintergrund rechts Neubauten im Büelen.
Verschiedene Begebenheiten begleiteten die Vereinsgeschichte und bleiben niedergeschrieben erhalten. So findet man eine Aufzeichnung, dass aus dem Büelen-Areal ein Privatmann im Winter 1924/25 für sein liebes Federvieh verschiedene Wintergemüse holte. Er wurde ermittelt, und der Vorstand verhandelte mit dem Dieb. Man einigte sich auf einen Schadenersatz von runden hundert Franken und erledigte so die Angelegenheit ohne gerichtlichen Beistand. Das waren sicher teure Eier für den Hühnerzüchter. Auch heutzutage erlauben sich dann und wann Personen, sich in den Gärten zu «bedienen», zum Ärger und Verdruss des Pflanzers; ebenfalls sind Schändungen an Kulturen und Einbrüche in Häuschen bedauerliche Vorkommnisse.
Die Familiengarten-Genossenschaft wurde im Februar 1927 aufgelöst und in den heutigen Verein für Familiengärten umgewandelt. Die Vereinsleitung übernahm im Jahre 1928 Hans Schäppi, damals Gemeinderat und Wirt zum Volkshaus. In seiner Präsidialzeit, die bis 1947 dauerte, trat der Verein 1930 dem schweizerischen Verband bei, organisierte im Jahre 1935 die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Verbandes und beschloss, den «Gartenfreund», das Verbandsorgan, für die Mitglieder als obligatorisch zu erklären.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewann der Familiengarten wieder mehr an Bedeutung. An der Anbauschlacht Wahlen beteiligte sich 1942 der Verein für Familiengärten aktiv mit dem Anbau von Kartoffeln auf 36 Aren Ackerland im Ödischwänd, und zusammen mit der Ortspolizei wurde eine Gemeinde Flurwache zur Bewachung des grossen Kartoffelackers vor Diebstählen aufgestellt. Vor Dieben konnte man sich einigermassen schützen, doch vor dem Wettergott, der mit Hagel in den frühen Morgenstunden des 8. Juli anrückte, war man machtlos.
Blumenpracht im Familiengarten.
Der Kartoffelacker hatte bei diesem Hagelwetter grossen Schaden erlitten, aber bis zur Ernte im Herbst erholte sich die Kultur wider Erwarten gut, und ein annehmbarer Ertrag war der Mühe Lohn. Doch den Rekord dieses Kartoffelanbaues buchten die Pflanzer im Jahre 1944, wo im Ödischwänd auf den 36 Aren total 11'700 Kilogramm geerntet wurden, pro 100 Quadratmeter (1 Are) war das ein Ertrag von 325 Kilogramm. Erhebungen des Vereins für Familiengärten Zürich ergaben, das im Zweiten Weltkrieg die Familiengärtner der Schweiz bei der Anbauaktion einen Ertrag von schätzungsweise 10 Millionen Franken pro Jahr erwirtschaftet haben.
Alt Bundesrat Wahlen erklärte später einmal: «Die Familiengärtner haben durch ihre aktive Mitarbeit beim Mehranbau während des Krieges einen ausserordentlich wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Ernährungslage geleistet.»
Die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges gingen vorüber, und man durfte wieder nach eigenem Willen und Bedarf seine Parzelle bepflanzen. Auch das Vereinsschiff ging wieder auf normalen Kurs. 1947 übernahm Walter Metzger von Hans Schäppi als dritter Präsident das Steuer. Ein wirkliches Problem begann sich nun zu entwickeln und begleitete den Familiengärtner bis zum heutigen Tage: die Beschaffung und Erhaltung von Gartenland. Die Landansprüche für Schulen, Sportbauten, Industrie- und Wohnsiedlungen, Spitäler, Kläranlagen, Strassen, usw. verdrängten vielerorts die Familiengärten. Auch die Wädenswiler waren immer auf der Flucht und mussten notwendig gewordenen Bauvorhaben weichen. Die Odyssee der Familiengärten kann sicher nicht von Anfang bis zur heutigen Zeit aufgezeichnet werden, das würde eine lange Liste der Standorte ergeben. Kurz sei jedoch die Wanderschaft der Familiengärtner an einem Beispiel aufgezeigt. Vom Areal Schützenhaus, wo heute das Sekundarschulhaus Fuhr steht, zogen die Pflanzer im Areal Untermosen, den heutigen Standort des Hallenbades und Schulhauses; von da ging 1972 ein Teil ins neueröffnete Areal Neubüel und ein Teil ins Areal Jugendheim. Ein Teil der Neubüeler Pflanzer mussten Ende 1977 für die Tennisplätze ihre Parzelle abtreten, und wieder musste, nachdem man endlich den Boden soweit kultiviert hatte, gezügelt werden. Die Areale Hottenmoos und Zopf wurden erschlossen. Dies geschah in der Präsidialzeit von Walter Landolt (GV 1968-1974) und Ernst Raschle (GV 1974-1984). Heute bepflanzen 300 aktive Mitglieder die knapp 400 Aren gepachtetes Land, was fast dem Stand von 1922 entspricht, wo an 338 Mitglieder 327 Aren Pflanzland und 78 Aren Wiesland verpachtet wurden. In der Stadt Wädenswil bestehen heute, vom Verein für Familiengärten betreut, die Areale Eichweid, an der Walter-Hauser-Strasse, das Areal Jugendheim, Areal im Boller (das in absehbarer Zeit einer Überbauung weichen muss), das kleine Gartenareal an der Fuhrstrasse/Sonnmattstrasse, die Anlagen im Neubüel, Hottenmoos/Tiefenhofstrasse, Standbad, Zopf und das Stückchen Land bei der umgebauten Büelenscheune. Eine Arealverlegung ist immer eine betrübliche Angelegenheit. Der Neuanfang im anderen Areal bringt viel Mühe und Aufopferung mit sich. Man muss den liebgewonnenen Boden, den man jahrelang gehegt und gepflegt hat und dessen Tücken und Eigenschaften man kennt, verlassen. Am neuen Ort heisst es nun, die neu zugeteilte Parzelle einteilen und ordnungsgemäss herrichten, was neben der Neuanpflanzung sehr viel Freizeit in Anspruch nimmt. Zur Erledigung der Arbeiten, wie Legen der Wasserleitung, Erstellen des Zaunes und weiteren gemeinschaftlichen Tätigkeiten, wird man nebenbei noch aufgeboten, und die Mithilfe ist selbstverständlich Ehrensache und in den Statuten als obligatorisch verankert. Die Familiengärtner haben so alle ihre Areale in der Zeit seit Bestehen selbst erstellt, ausgebaut und unterhalten. Den Frohndienst, welcher unentgeltlich durchgeführt wird, empfinden trotz Obligatorium die Mehrheit der Pächter nicht als Zwang. Meistens wird mit dem bestmöglichen Einsatz an solchen Gemeinschaftswerken mitgeholfen, denn neben der Förderung der Kameradschaft bewirken diese Arbeiten auch das Gefühl der gemeinsamen Verantwortung und Zusammengehörigkeit. Auch kleinere Gartenfeste sind Anlässe, um Kameradschaft und Gemeinschaftssinn zu pflegen.
Es liegt in der Natur, dass sich Gleichgesinnte zusammenschliessen. Heute sind es in der Schweiz 73 Sektionen mit 30 000 Mitgliedern, die sich im Schweizerischen Familiengärtner-Verband vereinigen. Der Schweizerische Verband ist wiederum Mitglied des Internationalen Verbandes, dem Office International für Kleingärtner, der 1951 gegründet wurde. Ein Zeichen dafür, dass die Liebe zum Garten und einem bisschen eigener Scholle weltweit in kleinen Gemeinden und grossen Städten zu Hause sind. Diese lokalen und nationalen Vereine und Organisationen setzen sich ein für die Erhaltung der Familiengärten als Grün- und Erholungsflächen in einer Zeit, in der tagtäglich Quadratmeter um Quadratmeter für Strassen und Bauten geopfert werden.
Für seine innere Befriedigung benötigt der Mensch die Ausübung irgendeiner schöpferischen Tätigkeit. Wer schon vor dem Eintritt ins Rentenalter einen Familiengarten betreute, dem bieten sich viele Möglichkeiten, die kommende Freizeit schöpferisch auszuwerten, denn die Betreuung eines Stückes Gartens erfüllt diese Voraussetzung in idealer Weise. So mancher pensionierte Familienvater fand in seinem Ruhestand die seelische Ruhe und Erholung, die Befriedigung in seinen alten Tagen. Ein Sprichwort sagt: «In Gärten altert nie ein fröhlich Herz.»
Und die Jugend? Schon den Kindern wird in irgendeiner Gartenecke ein kleines Gartenbeet angelegt, und es ist eine Freude zu sehen, wie oft ein kleiner Familiengärtner mit Eifer die kleine Giesskanne am Wasserfass füllt, damit seine Pflänzchen nicht dürsten müssen. Wenn wir den Kindern ein eigenes Stück Gartenbeet überlassen, so fördern wir in ihnen die Freude und das Interesse am Werden in der Natur und leisten so ein Stück wertvolle Aufklärung über den Werdegang vom Saatkorn zur Pflanze. Alt und jung pflanzen und verbringen ihre Freizeit in freundnachbarlicher Harmonie nebeneinander im Gartenareal. Eine Gemeinschaft, deren Tätigkeiten von manchem Aussenstehenden belächelt wird, doch macht es dem Familiengärtner nichts aus, wenn er mancherorts spöttisch als Maulwurf oder Wühlmaus bezeichnet wird.
Garten- und Gerätehaus des Vereins für Familiengärten Wädenswil im Areal Hottenmoos.
Seinen Lohn für die Mühe und Arbeit erhält er in frischem knackigem Salat, reifen, roten Tomaten, erntefrischem Gemüse und sonnengereiften Beeren. Bemühen wir uns alle, dass die Familiengarten-Vereine auch weiterhin eine Zukunft besitzen. Der Boden ist «unser Herz», durch den Raubbau zerstören wir das Herz, und heute schon stehen wir nahe vor dem Herzinfarkt. Darum tragt Sorge zu unserem Boden, denn er ist unsere Lebensgemeinschaft. Eine gesunde Bodenpolitik mit einer vernünftigen Planung bietet Platz für Familiengärten und fördert so die Erhaltung von Grün- und Freiflächen. Der Familiengarten ist im Kleinformat ein Paradies der Erholung und Freizeitgestaltung, in dem Blumen, Sträucher, Stauden und Bäume, Gemüse und Salate nebeneinander Platz finden und in dem man das Werden und Gedeihen jedes Jahr neu erleben darf. Mit ein paar treffenden Worten von J.W. Goethe soll der Bericht über die Familiengärten schliessen:
«Aber die Natur versteht gar keinen Spass, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.»
Hanswerner Bass, Präsident