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Unsere sozialen Interaktionen beginnen schon in jungen Jahren
Kinder zeigen schon früh im Leben soziale Fähigkeiten und einen starken Wunsch, mit Gleichaltrigen zu interagieren. Sie beteiligen sich häufiger an sozialen Interaktionen als unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, so eine Studie unter der Leitung von Forschenden der University of California, San Diego und der Universität Neuenburg in der Zeitschrift Philosophical Transactions of the Royal Society B. Diese soziale und natürliche Veranlagung des Menschen zur Interaktion scheint ein Schlüsselelement für das Verständnis der Evolution der Sprache zu sein.
Von Emilie Wyss, NFS Evolving Language. Übersetzung: Vanessa Pasci
Was haben der Bau von Pyramiden, der Flug zum Mond, das Paddeln in einem Zweierkanu oder das Tanzen eines Walzers gemeinsam? All diese Handlungen sind das Ergebnis eines gemeinsamen Ziels zwischen mehreren Partnern und führen zu einem gegenseitigen Gefühl der Verpflichtung, das als “gemeinsames Engagement” bezeichnet wird. Diese Fähigkeit zur Kooperation ist beim Menschen und bei bestimmten Tierarten, wie den Menschenaffen, universell.
Der Mensch scheint jedoch eine einzigartige Veranlagung und einen starken Wunsch nach sozialer Interaktion zu haben, die laut den Autoren der Studie eine der Komponenten für die Entstehung der Sprache sein könnten. Wie unterscheiden sich unsere sozialen Interaktionen von denen anderer Arten? Und warum? Um diese Fragen zu beantworten, analysierte ein internationales Team die Interaktionen von 31 Kindern im Alter zwischen 2 und 4 Jahren in vier Vorschulen in den Vereinigten Staaten (10 Stunden pro Kind). “Es gibt nur wenige quantitative Analysen der spontanen sozialen Interaktionen von 2- und 4-Jährigen im Umgang mit Gleichaltrigen, obwohl dies ein kritisches Alter für die Entwicklung der sozial-kognitiven Fähigkeiten von Kindern ist. Und die, die es gibt, basieren entweder nicht auf umfangreichen Videoaufnahmen, die einzelne Kinder über mehrere Tage hinweg begleiten, oder erlauben schlichtweg keinen einfachen Vergleich mit den sozialen Interaktionen von Menschenaffen”, fügt Federico Rossano, Erstautor der Studie und Assistenzprofessor an der University of California, San Diego, hinzu. Anschließend verglichen sie ihre Ergebnisse mit ähnlichen Interaktionen bei Erwachsenen und Menschenaffen.
Vermehrung der Sozialpartner
Die Forschenden analysierten die Umweltfaktoren (Anzahl der Partner, Art der Aktivitäten usw.), die die Kinder umgeben. Sie fanden heraus, dass die Kinder häufiger (durchschnittlich 13 verschiedene soziale Interaktionen pro Stunde) und kürzer (durchschnittlich 28 Sekunden) mit Gleichaltrigen interagieren als Menschenaffen in vergleichbaren Studien. Adrian Bangerter, Mitautor der Studie und Professor an der Universität Neuenburg, erklärt warum: “Indem sie vielen Partnern ausgesetzt sind, lernen Kinder schnell die Notwendigkeit, ihr Verhalten aufeinander abzustimmen.” Die Zahlen belegen dieses schnelle Lernen: 4-Jährige nehmen bereits häufiger an kooperativen sozialen Interaktionen teil als 2-Jährige und streiten weniger als 2-Jährige. “Wenn man lernt, sich mit anderen zu koordinieren und zu kommunizieren, um gemeinsame Aktivitäten durchzuführen, lernt man auch, Konflikte zu minimieren”, fügt Rossano hinzu.
Soziale Interaktionen sind in der Regel durch eine Einstiegs- und eine Ausstiegsphase gekennzeichnet (wenn man ein Gespräch mit Blickkontakt und einem “Hallo” beginnt und dann durch die Wiederholung von “Okay, gut” oder mit einem “Auf Wiedersehen” signalisiert, dass es zu Ende ist). Diese Signale sind auch bei Bonobos in 90 % und bei Schimpansen in 69 % der sozialen Interaktionen vorhanden. Es scheint, dass kleine Kinder diese Signale nur 66-69 % der Zeit verwenden, weniger häufig als Bonobos und Erwachsene. “Einerseits könnte dies darauf zurückzuführen sein, dass sie im Laufe des Tages immer wieder mit denselben Kindern interagieren, so wie zwei Passagiere, die im Flugzeug nebeneinander sitzen, während des Fluges immer wieder ein kurzes Gespräch beginnen und unterbrechen, ohne sich jedes Mal zu grüßen, wenn sie das Gespräch wieder aufnehmen. Andererseits könnte sich darin die Tatsache widerspiegeln, dass nicht jede soziale Interaktion auf einem gemeinsamen Engagement füreinander beruht, d. h., manchmal drängen sich junge Kinder vor und gehen davon aus, dass sich die anderen Kinder einfach an sie anpassen werden, anstatt sich zu koordinieren.”, erklärt Rossano. Weitere empirische Untersuchungen sind erforderlich, um diese Verhaltensweisen zu bestätigen, aber diese Studie ist ein erster Schritt zum Verständnis der Rolle des gemeinsamen Engagements für die menschliche soziale Interaktion und dessen Auswirkungen auf die Evolution der Sprache.
Kooperation bei Schweizer Kindern
Eine ähnliche Studie wird derzeit im Rahmen des NFS Evolving Language durchgeführt, einem Schweizer Forschungszentrum, das sich zum Ziel gesetzt hat, die biologischen Grundlagen der Sprache, ihre evolutionäre Vergangenheit und die Herausforderungen durch neue Technologien zu entschlüsseln. Ein Team, zu dem auch die Koautoren der Universität Neuenburg gehören, arbeitet mit Neuenburger Kinderhorten zusammen und will die Entwicklung des gemeinsamen Handelns bei Kindern verstehen, indem es beobachtet, wie sich ihr Gebrauch von so genannten Rückkanalwörtern (uh-huh, okay) im Laufe der Zeit verändert, wenn sie ein kooperatives LEGO®-Spiel spielen. Adrian Bangerter erklärt, warum diese Begriffe für die Analyse so wichtig sind: “Wir verwenden ständig “kleine” Wörter wie okay, uh-huh, yeah oder right, um unser Verhalten mit unseren Partnern abzustimmen. Dennoch ist nur wenig darüber bekannt, wie kleine Kinder diese Wörter lernen.”
Soziale Interaktionen erleichterten die Sprachevolution
Der Artikel wurde im Rahmen einer Sonderausgabe veröffentlicht, die sich mit der “Interaction Engine”-Hypothese beschäftigt. Diese Hypothese geht davon aus, dass soziale Fähigkeiten und Motivationen beim Menschen entscheidende Faktoren für die Entwicklung der menschlichen Sprache waren, deren Ursprünge nach wie vor unbekannt sind. In einer Reihe von 14 Beiträgen, die von Raphaela Heesen von der Universität Durham und Marlen Fröhlich von der Universität Tübingen herausgegeben werden, untersuchen Forschende die sozial-kognitiven Fähigkeiten, die den Weg für die Entstehung der Sprache geebnet haben, indem sie einen multidisziplinären und vergleichenden Ansatz vorschlagen. Der NFS Evolving Language ist mit sieben seiner Forschenden, die 4 Beiträge verfasst haben, an dieser Sonderausgabe beteiligt.
Literatur
Rossano Federico, Terwilliger Jack, Bangerter Adrian, Genty Emilie, Heesen Raphaela and Zuberbühler Klaus (2022). How 2- and 4-year-old children coordinate social interactions with peersPhil. Trans. R. Soc. B3772021010020210100 http://doi.org/10.1098/rstb.2021.0100
Zusammenfassung der Sonderausgabe
Sieben NFS-Mitglieder haben an einer von Raphaela Heesen und Marlen Fröhlich herausgegebenen Sonderausgabe mitgewirkt, die empirische und theoretische Beiträge zu der Idee enthält, dass Sprache wahrscheinlich durch eine besondere Fähigkeit zur sozialen Interaktion ermöglicht wurde.