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Simbabwe: Mugabes größte Sünde - Von F. William Engdahl 09.08.2008 20:45

Robert Mugabe, Simbabwes kürzlich wiedergewählter Präsident, herrscht über eines der reichsten Rohstoffgebiete der Welt: den »Great Dyke«, der sich wie eine geologische Schneise durch das ganze Land von Nordost nach Südwest zieht. Das gibt einen Hinweis auf den wahren Grund für die frommen Sorgen der Regierung Bush über die Wahrung der Menschenrechte in Simbabwe in den letzten Jahren.
Nur im Vordergrund geht es um Wahlbetrug durch Mugabe oder die Enteignung weißer Siedler, denn Mugabe unterhält umfassende Geschäftsbeziehungen mit dem Land, das praktisch unbegrenzten Bedarf für die Rohstoff aus Simbabwe hat - China. Zusammen mit dem Sudan steht Mugabes Simbabwe im Zentrum des neuen Krieges zwischen Washington und Peking um die Rohstoffe aus Afrika; dabei spielt auch Moskau eine unterstützende Rolle. Es geht um ungeheuer viel.
Simbabwes Präsident Robert Mugabe ist ein furchtbarer Schurke. Das wissen wir alle aus der Zeitung oder aus den Äußerungen von George W. Bush, früher von Tony Blair und in letzter Zeit von Gordon Brown. In ihren Augen hat er schwer gesündigt. Sie werfen ihm vor, er sei ein Diktator, er habe im Rahmen einer Landreform weiße Farmer oftmals gewaltsam enteignet, er habe seine Wiederwahl durch Wahlschwindel und Gewalt durchgesetzt, und schließlich, er habe Simbabwes Wirtschaft ruiniert. Aber seine Sünde scheint vielmehr die zu sein, daß er versucht, sich aus der sklavischen neokolonialistischen Abhängigkeit von den Anglo-Amerikanern zu befreien und unabhängig vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben. Seine wirkliche Sünde scheint in der Tat zu sein, daß er sich an das einzige Land gewendet hat, das seiner Regierung Kredite und günstige Zahlungsbedingungen ohne Fallstricke für die wirtschaftliche Entwicklung gewährt - die Volksrepublik China. Dazu paßt, daß in den Berichten der westlichen Medien der zweite Beteiligte an dem riesigen Tauziehen um die Kontrolle über Simbabwes enormen Rohstoffreichtums unter den Tisch fällt.
Das Erbe von Cecil Rhodes
Simbabwe ist der Name des afrikanischen Landes, das vor hundert Jahren, im Zeitalter des britischen Kolonialismus, Rhodesien hieß. Namensgeber für das damalige Rhodesien war der britisch-imperiale Stratege und Bergwerksbesitzer Cecil Rhodes, der Begründers des renommierten »Rhodes-Stipendiums« in Oxford, der vor allem aber dadurch bekannt wurde, daß er im Auftrag der britischen Krone den Plan für eine riesige private »Afrika-Zone« entwarf, die von Ägypten bis Südafrika reichen sollte. Nach dem Vorbild der britischen East India Company (Ostindiengesellschaft) gründete Cecil Rhodes zur Ausbeutung der riesigen Rohstoffvorkommen in Afrika die British South Africa Company (Britische Südafrika-Gesellschaft), und zwar zusammen mit L. Starr Jameson, der mit dem »Jameson Raid«, dem Überfall auf Paul Krugers Südafrikanische Republik im Jahre 1895, berühmt-berüchtigt wurde. Diese Gesellschaft kontrollierte das später Northern Rhodesia (Sambia) und Southern Rhodesia-Nyasaland genannte Gebiet. Bei diesem »Geschäftsmodell« sollte es die britische Regierung Cecil Rhodes notfalls mit Waffengewalt ermöglichen, die Rohstoffe ausbeuten zu können, während Rhodes und seine Londoner Bankiers, allen voran sein enger Verbündeter Lord Rothschild, den gesamten Profit einstrichen.
Rhodes war ein cleverer Geologe und wusste, daß es eine geologische Verwerfung gab, die von der Nilmündung im Golf von Suez südlich über den Sudan, Uganda, Tansania, bis ins heutige Simbabwe und nach Südafrika verlief. Rhodes hatte bereits einige Kriege angezettelt, um die Kontrolle über die Diamanten von Kimberley und das Gold von Witwatersrand in Südafrika zu bekommen. Die geologische Formation, die Rhodes und deutsche Geologen in den 1880er-Jahren entdeckten - auf der Strecke liegen auch einige Vulkane - erhielt den Namen »Großer Afrikanischer Grabenbruch«.
Rhodesien wurde, wie Südafrika nach den blutigen Burenkriegen, von Weißen besiedelt, die die zukünftigen Rohstoffeinkommen für die alliierten Interessen sichern sollten; das betraf insbesondere die mächtige Familie Oppenheimer und deren große Diamanten- und Goldunternehmen in der Region. Als 1962 viele afrikanische Länder das Joch der Kolonialherrschaft abwarfen und unabhängig wurden, gehörte Rhodesien zusammen mit der ehemaligen britischen Kolonie Südafrika zu den letzten Bastionen der weißen Apartheid-Herrschaft. Weiße machten in Rhodesien nur 1 bis 2 % der Bevölkerung aus: ihre Methoden zum Erhalt der Herrschaft waren entsprechend brutal. Der weiße rassistische Premierminister Ian Smith erklärte 1965 Rhodesiens Unabhängigkeit von Großbritannien, ohne den geringsten Kompromiß in der Rassenfrage oder einer Machtaufteilung mit den schwarzen Nationalisten einzugehen. Großbritannien gelang es, UNO-Sanktionen verhängen zu lassen, um Smith zum Einlenken zu zwingen. Trotz der Sanktionen bekam Smith von konservativen Geschäftsinteressen in London erhebliche Unterstützung, und Tiny Rowland, der Chef des Bergbaukonzerns Lonrho, sicherte sich während der Regierung Smith den Großteil seiner Profite aus den rhodesischen Kupferminen und ähnlichen Unternehmen. In der Londoner City wußte man sehr wohl, über welchen Reichtum Rhodesien verfügte. Die Frage war, wie man die Kontrolle dauerhaft sichern konnte. Nach langen und blutigen Auseinandersetzungen gewann 1980 der Führer der schwarzen Koalitionsbewegung African Popular Front, Afrikanische Volksfront, überwiegend die Wahl zum ersten Premierminister eines neuen Simbabwe. 20 Jahre später ist derselbe Robert Mugabe wachsenden Angriffen aus dem Westen ausgesetzt, besonders von Simbabwes ehemaliger Kolonialmacht England. Dazu gehören harte Wirtschaftssanktionen, die das Land an den Rand des Zusammenbruchs führen sollen, um die Wirtschaft zwangsweise für ausländische (sprich anglo-amerikanische und verbündete) Investitionen zu öffnen.
Der Great Dyke
In Simbabwe wird ein Abschnitt des Großen Afrikanischen Grabenbruchs »Great Dyke«, Großer Deich, genannt, eine rohstoffreiche geologische Auffaltung, die sich über 530 km vom Nordosten des Landes bis zum Südwesten erstreckt und bis zu 12 km breit ist. Ein Fluss durchzieht den Graben und die Region ist vulkanisch aktiv. Hier gibt es reiche Vorkommen an Chrom, Kupfer und vor allem Platin. Beim US-Außenministerium und in London weiß man über die reichen Rohstoffvorkommen und anderen Reichtümer Simbabwes natürlich Bescheid. Im Bericht über Simbabwe heißt es: »Zimbabwe ist mit reichen Rohstoffquellen ausgestattet. Exporte von Gold, Asbest, Chrom, Kohle, Platin, Nickel und Kupfer könnten über Nacht zu wirtschaftlicher Erholung führen. Bislang sind keine wirtschaftlich nutzbaren Ölvorkommen entdeckt worden, obwohl das Land mit noch nicht erschlossenen Vorkommen an Flözgasen reich gesegnet ist. Auf Grund von Attraktionen wie den Victoria Falls, den Ruinen von Groß-Simbabwe, dem Lake Kariba und einer reichen Tierwelt, ist der Tourismus schon seit langem ein bedeutendes Segment der Wirtschaft und eine Devisenquelle. Dieser Bereich ist jedoch wegen des sinkenden internationalen Ansehens des Landes seit 1999 drastisch eingebrochen.
Energieressourcen
Aufgrund des erheblichen Potentials zur Nutzung der Wasserkraft und reicher Kohlevorkommen zur Nutzung in Kraftwerken, ist Simbabwe weniger vom Öl als Energiequelle abhängig als die meisten anderen vergleichbar industrialisierten Länder, aber trotzdem werden noch immer 40 % des Stromverbrauchs aus umliegenden Ländern importiert, vor allem aus Mosambik. Nur 15 % des gesamten Energieverbrauchs in Simbabwe werden aus Öl gedeckt, das ausschließlich importiert wird. Simbabwe importiert etwa 1,2 Milliarden Liter Öl pro Jahr. Wie gesagt verfügt das Land über große Kohlevorkommen, die zur Stromerzeugung genutzt werden und über vor kurzem in der Provinz Matabeleland entdeckte Flözgasvorkommen, die größer sind als alle bekannten Erdgasfelder im südlichen und östlichen Afrika. In den letzten Jahren haben schlechtes wirtschaftliches Management und geringe Devisenreserven zu ernsthafter Treibstoffverknappung geführt.
Kurz: Für Washington und London geht es in Simbabwe um Chrom, Kupfer, Gold, Platin, ein riesiges Wasserkraft-Potential und große Kohle- bzw. Gasreserven. Das Land verfügt auch noch über große, allerdings unbestätigte Reserven an Platin, das heute in großen Mengen für die atomare Stromerzeugung gebraucht wird. Es scheint so zu sein, daß - solange der hartnäckige Mugabe die Fäden in der Hand hält - nicht die Anglo-Amerikaner, sondern die Chinesen der bevorzugte Geschäftspartner Simbabwes sind. Das ist offenbar wohl Mugabes größte Sünde. Nach Ansicht von George W. Bush und seinen Freunden liest er nicht vom richtigen Programm ab. Wie gesagt: seine wahre Sünde scheint die zu sein, daß er nicht im Westen, sondern im Osten um Wirtschaftshilfe nachsucht.
Die China-Connection
Schon im Juli 2005, als Tony Blair die Sanktionsschrauben gegen Simbabwe anzog, flog Mugabe zu Treffen mit der Staatsführung nach Peking, wo er dem Vernehmen nach um einen Kredit in Höhe von 1 Million US-$ und um ein stärkeres wirtschaftliches Engagement der Chinesen bat. Diese Reise zahlte sich langsam aus. Im Juni 2006 unterzeichneten staatliche simbabwische Unternehmen mit chinesischen Unternehmen eine Reihe von Verträgen im Energie-, Bergbau und Landwirtschaftsbereich in Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Der größte Vertrag wurde mit dem Maschinenbauunternehmen ›China Machine-Building International Corporation‹ geschlossen, und zwar über 1,3 Milliarden $ für die Ausweitung bzw. Modernisierung des Bergbaus und den Bau von Kohlekraftwerken in Simbabwe, um die Energieknappheit des Landes zu beseitigen. Das chinesische Maschinenbauunternehmen hatte zuvor schon Kohlekraftwerke in Nigeria und im Sudan gebaut und hatte sich an Bergbauprojekten in Gabun beteiligt. Ein weiteres Abkommen zwischen Simbabwe und China war die Vereinbarung zwischen den beiden Unternehmen ›Simbabwe Mining Development‹ (Bergbau-Entwicklung) und ›China’s Stark Communication‹; dabei ging es um ein ›Joint Venture‹ zum Abbau von Chrom in Simbabwe, das die China Development Bank, Chinas staatliche Entwicklungsbank, finanzierte. Außerdem erklärte sich Simbabwe bereit, von der ›China National Construction and Agricultural Machinery Import and Export Corporation‹ (Im- und Export Unternehmen für Bau- und Landwirtschaftsmaschinen) und der ›China Poly Group‹ Straßenbaumaschinen sowie Bewässerungsanlagen und Landwirtschaftsmaschinen zu kaufen. Auch beim Import von Telekommunikationsanlagen, militärischer Ausrüstung und anderen wichtigen Bereichen ist Simbabwe von chinesischen Importen abhängig, weil das afrikanische Land diese Güter aufgrund der unter britischer Führung verhängten Sanktionen nicht mehr importieren kann. Die Beziehungen zu China sind mittlerweile so wichtig, daß Simbabwes Polizei eine spezielle ›China-Abteilung‹ eingerichtet hat, um chinesische Interessen im Land zu schützen.
Im April 2007 flog Jia Qinglin, der Chef von Chinas wichtigstem politischen Beratergremium, dem ›National Committee of the Chinese People’s Political Consultative Conference‹, zu einem Treffen mit Mugabe nach Harare. Es war ein Folgetreffen nach dem China-Afrika-Kooperationsgipfel in Peking 2006, zu dem die chinesische Regierung die Staatschefs von über 40 afrikanischen Ländern eingeladen hatte, um über die Beziehungen zu beraten. Für China und seine Wirtschaft ist Afrika mittlerweile eine diplomatische und wirtschaftliche Priorität geworden. Damals erging an Peking die ständige Einladung, an der Entwicklung der noch nicht erschlossenen Minen im Land mitzuarbeiten. Nach Angaben der offiziellen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua forderte Simbabwes stellvertretender Parlamentssprecher China auf, seine Investitionen im Bergbausektor zu erhöhen. Inzwischen wurden die Bergbaugesetze in Simbabwe dahingehend geändert, daß die Regierung nicht genutzte Gruben neu zuteilen kann. Der Bergbau liefert die Hälfte des Exporteinkommens von Simbabwe. Nach dem Zusammenbruch des ehemals wichtigsten Agrarsektors ist der Bergbau nun der einzige Sektor im Land, bei dem es noch ausländische Investoren gibt. Westliche Unternehmen, die früher Gruben in Simbabwe besaßen, nutzten diese nicht mehr. »Wir appellieren an die chinesische Regierung, in voller Stärke zu kommen, um diese Rohstoffe abzubauen«, erklärte der stellvertretende Parlamentssprecher von Simbabwe, Kubirai Kangai, gegenüber Xinhua. Er erklärte, mögliche chinesische Investoren hätten keine Verfahren zu fürchten, wenn sie die Gruben der westlichen Unternehmen übernähmen.
Wenige Monate später, im Dezember 2007, übernahm das chinesische Unternehmen ›Sinosteel Corporation‹ 67 % der Anteile an Simbabwes führendem Produzenten und Exporteur von ›Ferrochrom Zimasco Holdings‹. Zimasco Holdings ist weltweit der fünftgrößte Produzent von karbonisiertem Ferrochrom. Die Produktion betrug früher 210.000 Tonnen karbonreichen Ferrochroms pro Jahr. Fast alle Vorkommen lagerten im Great Dyke; es entsprach 4 % der Welt-Ferrochrom-Produktion. Zimasco verfügt auch über die nach Südafrika weltweit zweitgrößten Reserven an Chrom. Das Unternehmen gehörte früher zur ›Union Carbide Corporation‹, die heute Teil der Dow Chemicals Corp. ist. Bei dieser Nachricht schrillten in London und Washington die Alarmglocken. China betrachtet Afrika als zentralen Teil seiner strategischen Planung, vor allem wegen seiner Ölvorkommen und der strategisch wichtigen Rohstoffe wie Kupfer, Chrom und Nickel, die China praktisch zum Überleben braucht. Gleichzeitig wird der Kontinent zu einem wichtigen Abnehmer für chinesische Produkte. Aber im Zentrum steht der Kampf um die Rohstoffe, und dies ist auch der Grund dafür, warum Washington vor kurzem beschlossen hat, ein separates Afrika-Kommando im Pentagon einzurichten. Chinas wirtschaftlichen Aufstieg nach Kräften zu verhindern bzw. China in Schach zu halten, ist für die Außen- und Verteidigungspolitik der Vereinigten Staaten schon seit der Zeit vor dem 11. September 2001 eine unausgesprochene strategische Priorität. Der einzig heikle Punkt für Washington ist dabei allerdings der, daß China mit seinen Devisenreserven von deutlich über 1,7 Billionen Dollar - der größte Teil davon vermutlich in Form von US-Staatspapieren - eine sofortige Dollar-Panik und den weiteren Einbruch der US-Wirtschaft auslösen könnte, wenn Peking zu dem Schluss käme, es sei aus politischen Gründen zu riskant, weiter viele Hundert Milliarden US-Dollarschulden zu behalten.
China weigert sich, die Spielregeln des anglo-amerikanischen Neokolonialismus einzuhalten. Man fragt den IWF oder die Weltbank nicht um Rat, bevor man sich in afrikanischen Ländern engagiert. Man vergibt günstige Kredite, unabhängig davon, wer das Land regiert. Darin unterscheidet sich China übrigens nicht von Washington oder London. Die Chinesen halten den amerikanischen Einfluss in Afrika für weniger fest verwurzelt als in anderen Teilen der Welt, was China einzigartige Chancen bietet, dort seine wirtschaftlichen Ziele zu verfolgen. Man kann das für zynisch halten. Wenn es aber dazu führt, daß bestimmte afrikanische Länder den wirtschaftlichen Bedarf Chinas als Gegengewicht zu einseitigen anglo-amerikanischen Beherrschung des Kontinents betrachten, dann könnte allein das für die Afrikaner von Vorteil sein. Es ist keine Frage, daß die chinesische Wirtschaft außerordentlich stark von Chinas Zugang zu strategischen Rohstoffen in Afrika profitiert hat, sowie von den Öllieferungen aus Darfur und dem Südsudan, oder aus Nigeria. Afrikas Rohstoffreichtum rückt den ›Schwarzen Kontinent‹ erneut ins Zentrum eines Kampfes um Rohstoffe zwischen Ost und West. Anders als im Kalten Krieg, hat China dieses Mal wesentlich mehr Karten in der Hand und Washington wesentlich weniger.
Quelle: http://info.kopp-verlag.de/aktuelles.html 1. 8. 08 1. 8. 08 Mugabes größte Sünde - Von F. William Engdahl; Hervorhebungen durch politonline
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