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Das Magazin N°8– 25. Februar 2017
Prolog
Der Ort, an dem die Musik entsteht, liegt nahe den Bahngeleisen, gut versteckt.
Als ich zum ersten Mal dort verabredet bin, bricht gerade der Feierabend an. Die Züge spucken Menschen aus und schlucken neue, aber von den Pendlern, die ich nach dem Weg frage, weiss niemand, wovon ich rede. Die Leute, zu denen ich unterwegs bin, haben mir eine Adresse gegeben, Pfingstweidstrasse irgendwas, und eine Telefonnummer, die ich notfalls wählen soll. Ich tippe die Adresse bei Google Maps ein und irre umher. Und stehe schliesslich vor einem Gebäude, das eigentlich eine Baracke ist, jedenfalls im Vergleich zu seiner reichlich wichtigtuerischen Umgebung. Nichts an ihm macht den Eindruck, als ob es hierhergehören würde. Eher sieht es aus wie eine letzte kleine Trutzburg, ein Ort des Widerstands zwischen Prime-Tower-Gedöns und Geschäftshektik. Es ist, als wäre dieses Gebäude beim Umbau von Zürichs Industriequartier einfach vergessen gegangen – was nicht der Fall ist, wie sich herausstellen wird.
Ich entdecke ein Treppenhaus und noch eines, stosse auf Schilder einer Schlosserei, eines Transportunternehmens und eines Spritzwerks. Aber die Musik finde ich nicht. Ich wähle die Nummer, und Dodo meldet sich.
Die Musiker, deretwegen ich hier bin, haben mir viel von Dodo erzählt. «Dodo ist die Sonne», haben sie gesagt, und im «Bund» habe ich gelesen, dass da, wo er ist, nicht schwarzgemalt oder an Abgründen entlanggetaumelt werde. «Sein Ding ist die Sonnenscheinmusik, wahlweise mit Hip-Hop, karibischem oder afrikanischem Flair aufgedonnert.» Das gilt zuallererst für seine eigenen Stücke, für Lieder wie «Robinsong» und «Hippie-Bus». Und zumindest in Teilen gilt es auch für die Musik, die er als Produzent umsetzt. Dodo, geboren 1977 in Nairobi, aufgewachsen in der Republik Côte d’Ivoire, heisst eigentlich Dominik Jud, aber niemand nennt ihn so.
Dodo fragt, wo ich sei. Ich sage, dass ich vor einem Gebäude stehe, das etwas fehl am Platz wirke. Beschämt murmle ich, dass ich wohl ganz falsch sei. «Einen Moment», sagt Dodo. Ich höre, wie sich über mir eine Tür öffnet, blicke hoch und sehe, wie Dodo auf den Balkon tritt. «Peace!», ruft er.
Update — Die Hit-Küche
Erster Stock, linker Eingang.
Ich stehe in der Küche. Ich habe die Wohnungstür geöffnet und ein Entrée erwartet oder sonst etwas Gewöhnliches – aber ich bin mittendrin. Der Ort, an dem die Musik entsteht, ist eine kleine Küche, in der es nach Zigarettenrauch riecht und sich Teller und Pfannen stapeln. Auf dem Tisch in der Mitte des Raums stehen Aschenbecher, leere Wasserflaschen und halb volle Dosen alkoholfreien Weizenbiers. Auf den Stühlen, die klapprig und nicht sonderlich bequem aussehen, sitzen Lo und Luc, geboren 1986 und 1989 in Bern, und beugen sich über ihre Laptops.
Das ist im Herbst 2016, und es ist ein Jahr her, dass ich Lo und Luc kontaktierte, um sie zu fragen, ob sie mir zeigen würden, wie ein Lied entsteht. Sie hatten gerade die Tournee abgeschlossen, die auf die Veröffentlichung ihres ersten professionellen Albums im Frühling 2014 folgte – und zu sagen, dass sie vom Publikum und von den Medien in dieser Zeit regelrecht bestürmt worden seien, wäre noch eine Untertreibung.
Als Lo & Leduc, so nennen sich die beiden, hatten sie ein Feuer entfacht. Sie hatten Mundart-Rap mit den warmen Rhythmen und Melodien aus Afrika, Südamerika und der Karibik vermischt und das Publikum mitgerissen. Ihre Musik berührt die Herzen, und wenn man ihr Zeit gibt und auf die Texte achtet, dann erreicht sie auch den Kopf. Was die beiden machten, war neu, eine Mischung aus Nachdenklichkeit, Latin Groove und harten Bässen, eine Art World-Music-Hip-Hop auf Berndeutsch. Es war unmöglich, eines ihrer Lieder im Radio zu hören und nicht in Bewegung zu geraten, nicht durch die Küche zu tanzen oder im Auto wenigstens mit den Fingern aufs Lenkrad zu trommeln. Und es war unmöglich, eines ihrer Konzerte zu besuchen, eines dieser fast allesamt ausverkauften Konzerte, und sich nicht von ihrer Freude anstecken zu lassen. Sie standen auf der Bühne, sie und ihre achtköpfige Band, und trugen das Glück nach aussen, es verbreitete sich im Saal oder auf der Open-Air-Wiese wie eine Welle. Hier waren zwei Sänger, die die Gabe haben, auf wenigen Zeilen Philosophie, Humor, Hoffnung und leise Kritik zu vermengen. Sie gewannen drei Swiss Music Awards, als Best Group, Best Live Act und Best Talent, drei aufs Mal, so viele wie vor ihnen nur der Rapper Stress. Ihr Album «Zucker fürs Volk» verkaufte sich mehr als 30 000-mal, es hielt sich 88 Wochen lang in den Charts, eine Woche auf Rang eins. In der Jahreswertung 2015 kam es auf Rang sechs, als bestplatziertes Album einer Schweizer Band.
Aber der Erfolg hatte, wie so oft, eine Schattenseite.
Vor allem Lo, der Introvertiertere der beiden, tat sich schwer damit, von Fremden erkannt zu werden. Er mochte, was er auf der Bühne tat, mochte die Zuneigung des Publikums. Aber er mochte es nicht, immerfort angehauen zu werden. «Es ist paradox: Ich stehe gern auf der Bühne, aber nicht so gern im Mittelpunkt», sagte er mir später. «Wir teilen unsere Lieder mit den Leuten. Sie können die Lieder überallhin mitnehmen, können mit ihnen machen, was sie wollen. Aber das gilt nicht für meine Person.»
Luc ging unbekümmerter mit der Zuneigung um. Vielleicht ahnte er früher als Lo, dass der Hype vorübergehen würde. Vielleicht gefiel es ihm auch einfach, wenn Passanten aus dem Nichts seine Lieder anstimmten. Nur in der Schule, in der er, neben dem Geschichtsstudium, als Teilzeitlehrer arbeitete, musste er ein paar Dinge klarstellen. Das wurde ihm bewusst, als er die Anfrage einer Redaktion ablehnte, die ihn auf der Titelseite bringen wollte, dazu die Zeile: «Der coolste Lehrer der Schweiz». Die Vorstellung, vielleicht nicht jede solche Berichterstattung verhindern zu können, bereitete ihm Sorgen, also versuchte er es mit einem Kniff. Er holte seine Schülerinnen und Schüler ins Boot, indem er sagte: «Auf dem Pausenplatz dürft ihr mich fragen, was ihr wollt, aber im Unterricht bin ich nicht der Luc von Lo & Leduc, sondern Herr Oggier. Ihr dürft im Unterricht auch nicht ständig unsere Lieder singen, sonst muss ich aufhören. Und künden. Und dann habe ich keinen Job mehr.»
Es funktionierte. Die Kinder, von denen viele ganz verrückt nach seiner Musik waren, lernten zwischen seinen Rollen zu unterscheiden, als wären sie Erwachsene (wohingegen sich manche Erwachsene wie Kinder benahmen), und sie gewöhnten sich daran, dass der Kerl, den sie aus dem Radio, von Youtube und aus dem Fernsehen kannten, auch einmal verschlafen oder schlecht gelaunt sein kann.
Lo & Leduc waren überall, auf allen Bühnen, in vielen Medien. So plötzlich, so unerwartet. Es war, als wären sie aus dem Nichts gekommen. Richtig ist das Gegenteil: Es gab sie seit rund einem Jahrzehnt. Sie waren aus einer Schülerband heraus entstanden, die für eine Maturaarbeit zusammengefunden hatte. Doch welches Lokal hatte schon Platz für zwei Sänger und die damals sieben Musiker? Und vor allem: Welches Lokal leistete sich eine Band, die niemand kannte? Wenn sie engagiert wurden, liessen sie sich mit einem Topf Spaghetti bezahlen, und wenn sie ausnahmsweise einmal eine Gage aushandeln konnten, war die so gering, dass sie bereits aufgebraucht war, wenn auf dem Heimweg nur einer in die Radarfalle tappte. Lo und Luc unterschieden sich von Anfang an von den anderen Mundart-Rappern. Sie hatten ja all diese Musiker im Rücken, die Bläser, den Schlagzeuger, die Gitarristen. Aber das hinderte sie nicht daran, sich auf die alte Tour in der Hip-Hop-Szene bewähren zu wollen, in dieser Szene mit dem Wettkampfcharakter und den für Aussenstehende so schwer verständlichen Codes.
Es geht in dieser Szene oft um die Frage, wie glaubwürdig jemand ist, wie schnell seine Reime und wie hart seine Rhythmen sind. Aber die besten Voraussetzungen nützen nichts, wenn man Musik macht, die keiner kennt.
Lo und Luc taten, was sie bei einer befreundeten Rap-Combo gesehen hatten: Sie produzierten so günstig wie möglich Alben und stellten sie kostenlos ins Netz. Manchmal nahmen sie an einem Abend drei Songs auf, in ein paar Tagen ein ganzes Album. Das erste entstand in der Wohnung des Pianisten, zweieinhalb Zimmer, Spannteppich. Im Wohnzimmer befand sich die Konsole des Produzenten, überall lagen Kabel herum, Mikro und Schirm waren im Schlafzimmer installiert. Über zwei weitere Mikrofonständer, deren obere Enden abgeknickt waren, spannten Lo und Luc eine Decke mit Monden und Sternen. Dann schlossen sie die Tür und zwängten sich unter die Decke in der Hoffnung, sie möge Geräusche absorbieren und den Schall minimieren.
Die Alben hiessen «Update 1.0», «Update 2.0», «Update 3.0». Sie waren roh und Rap-lastiger als später «Zucker fürs Volk», und die Beats waren ausschliesslich elektronisch. Es war die Zeit, als sich Lo und Luc in einem Pressetext, für den sich von der Presse kaum jemand interessierte, als «Strassenphilosophen» bezeichneten und ihre Musik als «Widerspiel zwischen einer vergeistigten und weltfremden Existenz in Bibliotheken und dem Spukschloss des Zeitgeistes» beschrieben – als eine Suche nach den Tränen, «die man nicht eindeutig der Trauer oder der Freude zuordnen kann». So waren sie drauf, gleichermassen versonnen und verkopft. Es war ein Untergrundding, eine Spielerei, das machte aber nichts. Oder vielleicht hatten sie gerade darum Erfolg. Jedenfalls wurde jedes dieser Alben mehrere Tausend Mal heruntergeladen. Und die Konzertveranstalter begannen sie zu buchen.
In dieser Zeit wurde Dodo auf sie aufmerksam. Er sah sie in Berner Lokalen, er hörte sich ihre Alben an und klickte sich durch die Videos, die sie ab 2011 auf Youtube veröffentlichten. Es sind Videos, denen man den Geist der Anfänge ansieht, handgestrickt und mit einem Minibudget realisiert, aber sie erfahren bis heute Zuspruch. Zum Beispiel «Warum düet dir so fröhlech», eine Hommage an Mani Matters «Warum syt dir so truurig», mit mehr als 680000 Views. Oder «Räuber u Poli», mit mehr als 420 000 Views.
U mir spile viu zweni Räuber u Poli / Doch chum mit mir use, wüu zspät isches no ni / U mir si doch aui no so Giele gägä Modi / U plötzlech sy si Müettere, u mir sy Vättere / U mir hei gmeint, es wird sech nie verändere / Chum mir gö ga gängele, chum mir gö ga gängele / U du hesch gmeint, es wird sech aus verändere / Aber i gseh di gängele, i gseh di gängele
An Zürich mochte Dodo, dass man sich als Rapper nicht dreinreden lässt, dass man auf den Erfolg fokussiert ist und auch einmal etwas wagt, «eifach bämm, chum, mir chlöpfet, isch doch egal». An Bern, wo er eine Weile wohnte, mochte er die Schwermut und dass man dem Leben Zeit und Raum gibt, und vor allem mochte er, dass der Austausch unter den Rappern lebendiger, die gegenseitige Bewunderung ehrlicher ist. Der Kontakt zu Lo und Luc war schnell hergestellt, aber die Annäherung brauchte Zeit – und eine Vermittlerin. 2010 hatte Dodo das erste Album von Steff la Cheffe produziert, einer Bernerin wie Lo und Luc. 2013 folgte das zweite, «Vögu zum Geburtstag», ein Nummer-eins-Album. Darauf sind auch Lo und Luc vertreten. Zusammen mit Steff la Cheffe haben sie «Grächtigkeitsgass» geschrieben, ein Lied über die hohen Damen und Herren in Bern, die den Jungen die Party vermiesen, weil sie in den Gassen Ruhe wollen und Bars und Clubs schliessen.
Der Erfolg von Steff la Cheffe war auch ein bisschen der Erfolg von Dodo. Es war sein Durchbruch als Produzent, und es war die Gelegenheit, Lo und Luc zu zeigen, wie er arbeitet. Und wo er arbeitet.
Erster Stock, linker Eingang.
Der Ort, an dem die Musik entsteht.
Die Idee — Irgendwas mit Apfelbaum
Wie entsteht ein Lied?
«Das fragen wir uns auch gerade», sagt Luc.
«Wir stecken fest», sagt Lo.
Und Dodo sagt: «Ich hab Hunger.»
Die Geschichte des Lieds, dessetwegen sie sich im Herbst 2016 in Dodos Küche die Haare raufen, beginnt im Winter 2013/14, unmittelbar vor der Veröffentlichung von «Zucker fürs Volk». Lo und Luc haben zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, ob das Album Anklang finden wird, und sie wissen auch nicht, ob irgendwann die Nachfrage nach einem weiteren bestehen wird. Aber da ist dieses Plakat, an dem sie sich reiben, und die Musik ist nun mal ihr Mittel, um zu verarbeiten, was sie beschäftigt. Also denken sie über ein neues Lied nach.
Das Plakat hängt überall im Land, in Bahnhöfen, an Hauswänden, bei Bushaltestellen. Es zeigt einen Apfelbaum, an dessen Ästen knallrote Früchte hängen und dessen Wurzeln sich an der an den Rändern bereits zerbröckelnden Schweiz vergreifen, dazu der Slogan «Masslosigkeit schadet!». Das Plakat wirbt für die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, und nicht zum ersten Mal wird ein Apfelbaum, in der Bibel der Baum der Erkenntnis, für politische Stimmungsmache benutzt. Angefangen hat es im Jahr 2000 mit einer Kampagne des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse für die bilateralen Verträge. Seither ist der Apfelbaum wiederholt in Abstimmungskämpfen aufgetaucht, einmal sogar in Kombination mit einem Holzfäller, der einem Hodler-Gemälde entlehnt war. Das Symbol des Apfelbaums ist über all die Jahre dasselbe geblieben. Aber die Botschaften haben sich teilweise diametral voneinander unterschieden, sie sind mal von links und mal von rechts gekommen, ein semiotisches Wirrwarr.
Ein Lied darüber, wie politische Institutionen Begriffe besetzen und umdeuten oder ihnen überhaupt erst eine Bedeutung zusprechen, wie sie Symbole instrumentalisieren und von ihnen Besitz ergreifen: Das ist die Idee. Es ist nicht mehr als ein Gedankenfetzen, eigentlich ein Nichts, aber es wird Lo und Luc drei Jahre lang umtreiben, bis zum Abschluss des neuen Albums im Winter 2016/17. Es ist der Beginn einer Odyssee, die ihnen zeitweise unerträglich vorkommen wird, eine Odyssee des Haderns und Zweifelns und Verwerfens. Die Idee wird ihnen jeden Nerv rauben, und bis zum Schluss wird fraglich bleiben, ob es das Lied aufs Album schafft.
Sommer 2014. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative sind ein paar Monate verstrichen, und die Plakate sind verschwunden. Lo und Luc haben «Zucker fürs Volk» veröffentlicht und touren durch die Schweiz. Sie sind überwältigt vom Erfolg, schweben von Konzerten zu Medienterminen zu Besprechungen. Sie haben kaum Zeit für sich, geschweige denn Musse für neue Lieder, aber das Apfelbaum-Plakat lässt sie nicht los. Eines Abends treffen sie sich beim Türken im Sternengässchen. Es ist WM, die Schweiz spielt gegen Frankreich, 2:5, und weil die Übertragung beim Türken jener in der gegenüberliegenden Turnhalle-Bar ein paar Sekunden hinterherhinkt, wissen Lo und Luc, dass wieder ein Tor gefallen ist, ehe sie es sehen. Sie wenden den Blick vom Fernseher ab und widmen sich dem Apfelbaum-Plakat. Sie formulieren erste Zeilen, zusammenhanglose Reime, Zeilen wie diese:
We du ersch ab Houzchöpf merksch, wie bruun eigentlech Houz isch / We du vor luuter Öpfuböimli di Stammboum nüm fingsch / We dini Wurzle u dini Chrone di Stouz sy
Die Zeilen sind viel zu explizit, das merken Lo und Luc, kaum dass sie sie gedichtet haben. Eigentlich streben sie in ihren Texten nach Feinheit und Feinfühligkeit, aber davon sind sie in diesem Moment weit entfernt.
Stammbäume und Holzköpfe?
Krone und Stolz?
«Geht gar nicht», sagt Luc.
Ein paar Wochen später führt sie ihre Schweiztournee ins Studio eines Lokalradios. Lo und Luc haben den Machern ein Interview und zusätzlich ein paar exklusive Reime versprochen. Auf der Zugfahrt zermartern sie sich den Kopf, aber als sie das Studio betreten, haben sie nichts Brauchbares beisammen. Der Moderator begrüsst sie. Ihnen bleibt ein zehnminütiger Musikblock, und sie starren auf ein leeres Blatt Papier. Sie haben nicht die schlechtesten Ideen in solchen Situationen, aber die Ideen sind dann meistens unverständlich, weil sie auf Assoziationen und Alliterationen beruhen und nicht auf inhaltlich irgendwie Sinnvollem.
Es muss schnell gehen. Lo und Luc stolpern durch ihre Gedanken, sie streifen die Apfelbaum-Idee und entfernen sich wieder davon, und plötzlich, Lo ruft: «Walther!», halten sie inne. Walther! Walther Tell! Ein Lied über Vater-Sohn-Beziehungen: Auch so eine Idee, die sie schon lange mit sich herumtragen. Und an wem liesse sich dieses Lied besser festmachen als an Wilhelm und Walther Tell, an diesen Mythos-Schweizern? In aller Eile dichten sie ein paar Zeilen über den Menschen, der einem Mann so ähnlich ist wie niemand sonst, über den Vater also. Die Zeilen handeln von der sozialen und biologischen Nähe, die dazu führt, dass einen Mann nichts so sehr trifft wie das, was ihm sein Vater sagt. Nur vereinigen sich die Zeilen nicht zu einer verständlichen Geschichte. Es geht um die Tells, um Wilhelm und Walther, und um den Armbrustschuss des Vaters, der dem Sohn so nahe kommt. Es ist ein poetisches Bild, aber ein unausgegorenes.
Und vorläufig erkennen Lo und Luc auch nicht den geringsten Zusammenhang zwischen der Walther- und der Apfelbaum-Idee.
Ein Jahr lang geschieht nichts. Erst im Sommer 2015 tauschen sich Lo und Luc wieder über neue Lieder aus. Die Idee mit den Apfelbäumen, diese Idee zu der Instrumentalisierung von Symbolen – sie ist noch weiter weg als damals im Radiostudio. Aber Walther taucht wieder auf, Walther Tell, und von dem Walther mit h gelangen Lo und Luc schliesslich zu dem Walter ohne h, zu Walter aus dem Wimmelbuch «Wo ist Walter?». Es ist der Sommer der Flüchtlingskrise. Die Schweiztournee von Lo und Luc wurde verlängert, sie fläzen sich im Backstagebereich eines Open-Airs auf Liegestühlen. Sie überlegen, was wäre, wenn Walter fliehen müsste und aus dem Buch verschwände. Die Geschichte, die daraus entsteht, erzählt von einem Sohn, der sich am Esstisch von seinem Vater verabschiedet, um sich auf die Suche nach einem besseren Leben in einem anderen Land zu machen. In der ersten Strophe soll der Eindruck entstehen, dass die Familie in der Schweiz lebt und der Sohn von hier aus aufbricht – wie es viele junge Männer aus armen und von der Industrialisierung abgehängten Bergregionen vor etwas mehr als hundert Jahren tatsächlich getan haben. Erst später, in der zweiten oder dritten Strophe, soll klar werden, dass die Geschichte von einer Familie in Aleppo handelt.
Das ist der Stand im Sommer 2015: Apfelbäume. Walther und Walter. Vater-Sohn-Beziehung, besetzte Begriffe, Flüchtlingskrise.
Ein Chaos.
Rückschläge — Wovon sollen sie singen?
Im Herbst 2015 beenden Lo und Luc im Dachstock der Berner Reitschule ihre «Zucker fürs Volk»-Tournee, es ist ein Fest, ein letztes. Dann kehrt Luc an die Uni zurück. Und Lo?
Lo ist der Grössere der beiden, der mit den blonden Haaren, die er manchmal zu einem kleinen Bürzi zusammenbindet. Sie beide, Lo und Luc, sind gewissenhaft und zielstrebig, aber Lo ist der Strengere und Systematischere, und er ist der, der relativ alt werden musste, um sich eine Karriere in der Musik überhaupt vorstellen zu können. Er ging noch zur Schule, als er seine ersten Texte verfasste, sie waren wütend, pathetisch, düster. Und sie waren, wie er inzwischen findet, hochgestochen und vielleicht nur für ihn verständlich. Aber sie zeugten von einem fast fanatischen Drang, Dinge loszuwerden und Gedanken rauszuhauen. Manche waren Raptexte, andere waren Prosatexte, vom losen Schnipsel bis zur langen Abhandlung. Lo hat Geschichte, Kommunikationswissenschaften und Germanistik studiert, er schreibt nicht nur Songs, sondern tritt mit selbst verfassten Erzählungen auch an Lesungen auf. Dreimal hat er das Ultimate MC Battle gewonnen, die inoffizielle Schweizer Meisterschaft der Freestyle-Rapper. Und er ist Mitglied der Freestyle Convention, eines in der Kleinkunstszene etablierten Kollektivs für improvisierte Reimkunst.
Politisch sind sie beide, Lo ebenso wie Luc, sie schauen die «Arena» und debattieren und ärgern sich dann stundenlang darüber. Wie Luc ist auch Lo von einer schier unglaublichen Höflichkeit. Manchmal hat man den Eindruck, dass er fast lieber zuhört als erzählt. All das Grüblerische und Ernsthafte, das ihn charakterisiert, fällt allerdings von ihm ab, kaum dass er die Bühne betritt. Seine Aussprache ist so präzise, wie es nur irgendwie geht, und seine Stimme hat einen rauchigen, belegten, einen fast dumpfen Klang. Wenn er beim Singen die Augen schliesst und den Kopf zur Seite neigt, sieht er aus, als hätte sein ganzes bisheriges Leben auf diesen einen Moment zugesteuert, auf diesen Moment der Andacht, Intimität und Achtsamkeit.
Wie entsteht ein Lied?
«Nicht in der Leere», sagt Luc. «Sondern in allem, was du tust.»
Lo erzählt von seinem «gutbürgerlichen und typisch schweizerischen Sicherheitsbedürfnis», von dieser Neigung zu einem geregelten Job, einem richtigen Verdienst, einer verlässlichen Pensionskasse, die so gar nicht zum Leben eines Musikers passe. Und er sagt: «Ein gutes Lied entsteht, wenn du dein Leben lebst. Nicht das Leben als Musiker, sondern eines abseits der Musik.» Also lebt er sein Leben und disloziert ins Ausland, um ein mehrmonatiges Praktikum zu absolvieren.
Als sich Lo und Luc nach der Dernière im Dachstock voneinander verabschieden, ist offen, wann sie sich an die Arbeit für das neue Album machen.
Wie Steff la Cheffe sind sie bei Bakara Music unter Vertrag, dem 170- Stellenprozent-Label des Zürchers Martin Geisser, das die von Universal, Sony und Warner kontrollierte Schweizer Musiklandschaft seit ein paar Jahren aufrüttelt. Der Erfolg von Bakara Music ist schier unheimlich, aber er ist nicht unerklärlich. Geisser, ein Jugendfreund von Dodo, gilt als einer, der sich für seine Musiker, Pardon, den Arsch aufreisst. Er ist ziemlich medienscheu, ein Journalist des «Tages-Anzeigers» hat ihn in einer Art persönlicher Huldigung einmal als «kuriose Gestalt» beschrieben, aber auch als einen mit «Geduld, Lernfähigkeit, Vernunft und Verhältnismässigkeit». Der Journalist, der Geisser von der gemeinsamen RS-Zeit her kennt, hatte sich, ehe er den Text schrieb, erfolglos um ein Gespräch mit Geisser bemüht. In dem kurzen Telefongespräch, das sie führten, sagte Geisser: «Schreib doch, dass ich hundertmal lieber an einen Fussballmatch als an ein Konzert gehe!»
So wie Dodos Küche ein Untergrundort ist und die ersten Alben von Lo und Luc ein Untergrundding waren, so ist Bakara Music ein Untergrundlabel: irgendwie subversiv, irgendwie magisch. Eine Telefonnummer, ein Postfach, eine E-Mail-Adresse. Nach den «Update»-Alben hatten Lo und Luc unterschriftsreife Verträge von zwei Major-Labels auf dem Tisch, aber sie entschieden sich für Bakara Music, auch weil Geisser ihnen nicht einen dieser Knebelverträge vorsetzte, die längst üblich sind. Einen dieser Verträge, die Künstler zu, sagen wir, mindestens drei Alben und einer Best-of-Compilation verpflichten.
Doch sosehr Geisser ihnen alle Freiheiten lassen will: Er kennt das Geschäft, und er weiss, dass zwischen der Veröffentlichung des ersten und der Veröffentlichung des zweiten Albums höchstens drei Jahre liegen sollten, wenn man nicht komplett in Vergessenheit geraten will. Also sagt er ihnen, dass sie sich mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, im Frühling 2017 ein neues Produkt vorliegen zu haben.
Macht anderthalb Jahre ab jetzt.
Im Winter 2015/16, inzwischen hat er sich einigermassen im Ausland eingelebt, bekommt Lo wieder Lust aufs Texten und Reimen. Wenn er am Morgen sein Appartement verlässt und sich auf den Weg zur Arbeit macht, setzt er die Kopfhörer auf und hört sich die Beatskizzen an, die die Produzenten in der vorangegangenen Nacht zusammengestellt und in ihren Dropbox-Ordner geladen haben.
Eine Beatskizze ist die Ursprungsversion eines Beats, eine Idee im Kopf des Produzenten, umgesetzt am Computer. Noch ist kein Instrument zum Einsatz gekommen, und vielleicht wird es auch keines geben, einige der bekanntesten Hip-Hop-Beats sind rein elektronische Werke. Als Beat bezeichnet man alles, was nicht gerappt oder gesungen und also mit der menschlichen Stimme erzeugt wird, was zeigt, wie wichtig der Produzent für einen Rapper ist, viel wichtiger als beispielsweise für einen Singer-Songwriter oder einen Rock’n’Roller. Im Prinzip ist der Produzent ein Komponist, ein Virtuose am Computer. Ein Beat kann fünfzig oder auch mal hundert Tonspuren umfassen. Auf dem Bildschirm, wo jeder Tonspur eine Linie zugeordnet ist, sieht es dann sehr farbig und für das ungeübte Auge recht chaotisch aus. Oft sind es der Beat und allenfalls dessen Instrumentalisierung, die beim Hip-Hop die Glücksgefühle im Publikum auslösen, ein fetter Basslauf, eine ikonische Sequenz. Und trotzdem bleiben die Produzenten meistens im Hintergrund. Der Rapper reitet auf der musikalischen Welle, die der Produzent gestaltet hat, aber die wenigsten nehmen ihre Produzenten mit auf die Bühne oder sogar aufs Albumcover.
Das Produzententeam von Lo und Luc besteht aus Dodo und den Bernern Marco Jeger und Maurice Könz. Jeger lebt in Berlin und kommuniziert mit Dodo über Skype, Könz nennt sich Dr. Mo oder Mo und verbringt viel Zeit bei Dodo in Zürich. Dodo ist der Chef, ist eine Art musikalischer Leiter, aber sie alle sind es, die mit Lo und Luc das Sounddesign definieren – das Gesamtbild, das sich durch ein Album zieht.
Und dieses Sounddesign soll beim neuen Album so stringent wie nur irgendwie möglich sein. Lange bevor sie das erste Lied einsingen, laden Lo und Luc vier Perkussionisten nach Zürich ein, in ein Studio, in dem schon Prince aufgenommen hat. Die Musiker packen ihre Trommeln aus und richten sich ein. «Richtige Tempel sind das!», sagt Luc. Und dann stellt Dodo ihnen die Beatskizzen vor, die bis hierhin vorliegen, und die Perkussionisten jammen dazu. Dasselbe geschieht etwas später mit drei Bläsern, einem Posaunisten, einem Saxofonisten, einem Trompeter. Sie kommen aus aller Welt und gehören zu den Besten. Auch sie spielen die extremsten Rhythmen und Melodien ein, drei Tage lang.
Das kostet Geld, aber Dodo findet, dass es sich lohnt. Denn nun steht ihm eine Fülle an Livematerial zur Verfügung, eine Bibliothek des Sounds, zum ersten Mal. Die Alben, die er bisher herausgegeben hat, als Produzent wie als Musiker, entstanden nach einem anderen Muster, dem für Hip-Hop eigentlich charakteristischen: Dodo kombinierte ein rhythmisches Grundgerüst aus Schlagzeug und Bass mit einer durch Sampling erzeugten Melodie. Sampling bedeutet, den Ausschnitt eines bestehenden Lieds in einem neuen Kontext zu verwenden. Man digitalisiert und speichert ein Klangstück und verarbeitet es mit einem Audioprogramm weiter.
Die Perkussionisten und Bläser – sie sind der Faden des neuen Albums von Lo und Luc. Sie und das Bandoneon, eine Handorgel, die man vor allem von der Tangomusik kennt.
So weit die Theorie. Die Praxis ist komplizierter.
Je mehr Distanz zwischen ihnen und dieser ganzen «Zucker fürs Volk»-Verrücktheit liegt, desto sicherer sind sich Lo und Luc, worauf sie beim zweiten Album noch stärker Wert legen wollen. Sie wollen Lieder machen, die Geschichten sind, solche wie Mani Matter sie so meisterhaft erzählt hat und wie Kuno Lauener von Züri West sie noch immer erzählt. Geschichten, in denen kleine Worte riesige Gedankenwelten schaffen, Geschichten, die wie Anekdoten wirken, aber vom grossen Ganzen handeln. Je komplexer ein Thema ist, desto klarer und verständlicher muss die Geschichte sein. Geschichten, wie man sie sich am Strand erzählt, wenn man mit Freunden am Lagerfeuer sitzt: Das ist die Bedingung.
Apfelbäume? Walther und Walter? Vater-Sohn-Beziehung, besetzte Begriffe, Flüchtlingskrise?
Dass sich Lo und Luc die Bedingung überhaupt gestellt haben, hängt auch mit «Jung verdammt» zusammen, ihrer mit Abstand beliebtesten Single. Zwischen Herbst 2014 und Herbst 2015 hat sich das Lied 46 Wochen lang in den Charts gehalten und ist bis auf Platz zwei vorgestossen. Auf Youtube ist es mittlerweile mehr als drei Millionen Mal angeklickt worden. Eine gigantische Zahl für ein Mundartlied.
«Jung verdammt» ist das Lied vom Teufel. Ein ganzes Lied lang versucht der Teufel einem Mann klarzumachen, dass er der Teufel ist. Aber der Mann zieht die Selbsttäuschung der Wahrheit vor und beharrt darauf, dass der Teufel in Wahrheit eine Frau im roten Kleid ist, und er redet sich ein, mit dieser Frau zu flirten. Sosehr sich der Teufel auch bemüht, sein wahres Gesicht zu offenbaren – der Mann widersetzt sich.
I ha se gfragt: Wär bisch du / Und ha glachet, wo sie seit Mephisto / Ii so: Ja, denn hesch du ghübschet / Sie seit, me dörf sech nid la verwütsche / Drum fraag i nomau: Wi heissisch / Fraage mi, werums hie so heiss isch / und sie seit: Lug, i ha viu Näme, wüu i mir viu nime / I bi aus Bööse i dir inne / Aber i nähm se eh nid ärnscht, und sie nähm mi no nid hei / Wüu sie syg nid abegheit / Wenns nume umne Aabe geit / Und sie bruuch o gar ke Hörner / Wüu i wöu nur nid gloube, was i ja eigentlech scho weiss
Dass wir das Böse selbst dann nicht erkennen, wenn es uns gegenübersteht: Das wollten Lo und Luc sagen. Aber da war auch diese wahnsinnig eingängige Zeile, die sie getextet hatten, ein Ohrwurm von wahrlich teuflischem Ausmass. Da war dieses «Und i ha gmeint, dr Tüüfu chäm im Füür und nid im rote Chleid». Und je öfter jemand diese Zeile brüllte, im Eishockeystadion oder an der Fasnacht oder im Après-Ski-Zelt, desto deutlicher wurde, dass viele Leute in dem Lied nicht die Geschichte vom Teufel hörten, sondern die Geschichte, die sie hören wollten: die von der Frau im roten Kleid.
Wenn man so will, hatte sich das Lied selbst bewahrheitet, und wenn Lo und Luc es so betrachteten, waren sie mit der Karriere, die das Lied hingelegt hatte, einigermassen im Reinen. Aber das änderte nichts daran, dass sie sich unverstanden fühlten. Und sosehr sie gelernt hatten, dass man die Kontrolle über ein Werk abgibt, sobald man es veröffentlicht – beim nächsten Mal wollten sie es besser machen.
Das nächste Mal ist jetzt.
Lo im Ausland, Luc in Bern.
Manche Ideen, die Lo und Luc für das neue Album durch den Kopf gehen, lassen sich schneller umsetzen, andere langsamer. Sie handeln von Vampiren, die Menschenblut nicht mögen, und von Karussellen, Nidletäfeliduft und Keramikpferden. Eine Idee handelt von einem Damenvelo, eine von einem Henker, eine von einer Alzheimerpatientin. Manche Ideen sind eher heiter, andere eher seicht, manche eher verwunschen, andere eher unwirklich. Aber zu jeder dieser Ideen liegt früher oder später ein Text vor, mit dem sich arbeiten lässt, ein Text, aus dem ein Lied entstehen kann.
Nur aus der Apfelbaum-und-Walther-und-Vater-und-Sohn-und-was-auch-immer-Idee will einfach nichts gedeihen.
Zuerst versucht sich Lo daran. Eines Abend nach der Arbeit setzt er sich hin und nimmt sich vor, nicht ins Bett zu gehen, bevor er nicht zumindest den Ansatz eines Textes formuliert hat. Im Dropbox-Ordner hat er den Beat «Change Souls» entdeckt, einen Beat von Mo, von dem er findet, dass er passen könnte. Er zwingt sich zur Kunst und reimt eine Strophe, einen Refrain und ein paar Satzfetzen. Die Strophe:
Är seit, tues verruume, bissoguet, ufem Chuchitisch ligt es Chinderbuech / Wo dr Bueb mitem Finger uf dr Sitte nachem Maa mit däm rote Liibli suecht / U wener ne fingt, zeigt är sim Vatter, wo dass är isch / U si Vatter faht sich a frage, was macheni no hie? / Dass ig dr ganz Tag schaff u nid verdiene, ds hani würklech nid verdient / Är het ghofft, es zauh sech us / Aber är zauht ständig nume ii / Är weiss, z Jahr cha nid nume Summer ha u Liebi isch e Bumerang / Wüu sich um öper kümmere heisst unger angerem immer o Chummer ha / U sorge für si Sohn, heisst o sich immer sorge um si Sohn / U das im Wüsse, dass es für ihn o kes bessers Morn git dert, wo är wohnt
Die Strophe, der Refrain, die paar Satzfetzen: Lo tippt sie zuerst in seinen Laptop und nimmt sich dann dabei auf, wie er sie über den Beat rappt. Im Gegensatz zu all den anderen Texten, die er während seiner Zeit im Ausland komponiert, speichert er diesen aber nicht im Dropbox-Ordner. Er will nicht, dass die anderen ihn lesen oder hören, bevor er ihnen nicht sagen kann, dass er unzufrieden ist damit. Er findet, er sei zu konzeptionell und angestrengt vorgegangen, wieder einmal. Die hungrige Familie am Küchentisch: zu weit weg von seiner Lebensrealität, zu unglaubwürdig. Und überhaupt: eine Flüchtlingsgeschichte. Würde man Lo & Leduc eine solche Geschichte abnehmen, ihnen, den Schweizern? Spätestens als sich Lo für die zweite Strophe mit der Aufgabe zu befassen beginnt, eine Flüchtlingsroute zu beschreiben, die Balkan- oder die Mittelmeerroute, weiss er: Dieses Lied wäre eine Anmassung. Luc und er würden von etwas erzählen, das sie nicht kennen.
Zurück auf null.
Der Refrain — Walther und das Wimmelbuch
Luc, der mit den dunklen Kraushaaren, ist ebenso sehr in Worte vernarrt wie Lo. Aber seine Wurzeln liegen in der Musik. Er macht schon ein Leben lang Musik und kann darüber wie ein Musiklehrer sprechen, mit all den Fachbegriffen, aber auch wie einer, der die Musik mit dem Herzen aufsaugt, ein Liebender. Zuerst waren es der Salsa und der Reggae, die ihm zusagten, später auch der Hip-Hop. Er bringt ganze Nächte damit zu, im Internet nach verborgenen Schätzen zu suchen, nach irgendwelchen Favela-Bands, die den Rhythmus fühlen wie niemand sonst, oder nach Aufnahmen, für die sich vor ihm nur drei Menschen interessiert haben. Seine Stimme ist wie ein Paradiesvogel, sie tanzt und ist verspielt und irgendwie verrückt, und wenn er singt, wedelt er mit den Armen und spreizt die Finger, als würde nicht Blut, sondern Musik durch seine Adern strömen. Luc ist einer, der auf die Menschen zugeht und sie umarmt, im übertragenen wie im Wortsinn. Er ist der Jüngere der beiden, der Unerschrockenere. Auch er macht Pläne, aber manchmal kommt halt etwas dazwischen. Wenn Lo und er zusammen im Ausgang sind, ist es Lo, der auf einem Sofa Platz nimmt und sich in Gespräche vertieft, und Luc ist der, der schnurstracks zur Tanzfläche geht und sie nicht mehr verlässt. Am Ende kennt er alle, die sich mit ihm zur Musik bewegen, und die anderen kennen sich auch, denn er hat sie einander vorgestellt. Er ist jemand, der die Leute mitreisst – auf und jenseits der Bühne.
Wie Lo rechnet er nicht damit, dass Lo & Leduc ein Projekt ist, das ihn bis zum Ende seines Berufslebens beschäftigen wird. Aber im Gegensatz zu Lo geht er davon aus, dass er immer irgendwas mit Musik machen wird.
Jetzt, im Sommer 2016, würde es allerdings nicht erstaunen, wenn er Zweifel an diesem Plan bekäme.
Denn dieses Apfelbaum-und-Walther-und-Sie-wissen-schon-Lied: Auch Luc beisst sich an ihm die Zähne aus. Seit Lo wieder in der Schweiz ist, haben sie Zeit zum Reden gehabt. Sie waren im Proberaum und haben mit der Band ein neues Set für die kleine Sommertour einstudiert, und für ein Mani-Matter-Tribute-Album haben sie ein Cover von «Nei säget sölle mir» eingespielt. Und Luc hat eben auch weitere Versionen des Liedes getextet, das sie seit dem Winter 2013/14 beschäftigt, hat sich an die Aare und an einen griechischen Strand gelegt, hat gehirnt und geschrieben.
Er weiss, wie man Musik macht, die den Musikkritikern und ein paar Zwanzig- bis Dreissigjährigen gefällt, diese Szenemusik mit dem Echo und den kalten Synthesizern. Er hat nichts gegen diese Musik, er findet viele Bands cool, die sich ihr widmen. Aber er versteht nicht, warum so viele Leute eine Aversion gegen eingängige Musik haben. Viel eher stört er sich an der häufig ironischen Verwendung solcher Musik. Er sagt: «Wenn man eine eingängige Melodie singt, dann doch bitte, weil man sie ernsthaft fühlt.» Er will, dass sich der Dreijährige zu seinen Rhythmen bewegt und ihm die Rentnerin einen Brief schreibt, weil sie ganz hingerissen ist von seinen Texten.
Aber wie setzt man dieses Ideal in die Tat um?
Jeder von Lucs Versuchen dreht sich um Walter, um Walther mit und um Walter ohne h, denn so viel ist ihm und Lo inzwischen klar: Wenn dieses verflixte Lied irgendwann veröffentlicht werden soll, muss es wenigstens den einfachstmöglichen Refrain haben. Genau genommen ist überhaupt nur das der Grund, dass sie das Lied nicht längst entnervt begraben haben – weil sie von der Eingängigkeit des Refrains überzeugt sind.
Wo isch dr Walter? / Wo isch dr Walter?
Zuerst versucht sich Luc noch einmal an der Thematik der Flüchtlingskrise. Er legt «Change Souls», den Beat von Mo, zur Seite und orientiert sich an «Felix», einem Beat, den Dodo inzwischen in den Dropbox-Ordner geladen hat. Luc beschreibt nun, wie er vergeblich nach Walter sucht, weil Walter am Schalter in Como aufgehalten wird; er beschreibt die Schweiz als Wimmelbild, die scheinbar im Dichtestress erstickt. Er schreibt über Wolken, die an den Bergen kratzen, über Zweitwohnungen, über Bleistifthäuschen und Postautos, die durch Postkarten-Panoramen fahren. Aber er verzettelt sich. Und als er in einem weiteren Versuch zwar das Walt(h)er-Sujet beibehält, jedoch die Thematik wechselt, von der Flüchtlingskrise zurück zu den Apfelbäumen und den instrumentalisierten Begriffen – da erreicht er den Tiefpunkt.
Är het ne äuä glich erschosse / Me weiss nid, ob politisch motiviert oder blöd gloffe / Beides wär verständlech / I wär o ächt närvös gsi / U weme luegt, wies isch usecho, chönntme ihm o nid bös si / U vilech het är grüeft / I la mir die Biuder nid la nä / U vilech het är grüeft / I la mir die Wörter nid la nä / I la mi nid la bsetze
Walther wird erschossen? Von seinem Vater?
Gehts noch?
Dabei ist das der Einfall, der das Lied rettet.
Walther ist nicht der Sohn, der sich von seinem Vater verabschiedet, weil er flüchten muss. Er ist der Sohn, der mit seinem Vater seit Jahrzehnten für alle möglichen Botschaften instrumentalisiert wird. Wie die Apfelbäume. Nur ohne Apfelbäume. Und tatsächlich. Eine kleine Recherche zeigt Lo und Luc, dass es schweizweit vielleicht nur ein einziges Symbol gibt, das noch häufiger als die Apfelbäume für politische Kampagnen benutzt wird: Wilhelm und Walther Tell.
Mehr als zweieinhalb Jahre nach den Apfelbaum-Plakaten verschwinden die Apfelbäume. Aber die Ursprungsidee von den besetzten Begriffen – die kehrt zurück.
Die ErLösung — 3 Minuten, 50 Sekunden
Herbst 2016.
Erster Stock, linker Eingang.
Der Ort, an dem die Musik entsteht.
Die Küche ist Teil einer Wohnung, die Dodo vor ein paar Jahren zur Miete übernommen und zu einem Aufnahmestudio umfunktioniert hat. Wobei: Das Aufnahmestudio ist auch eine Wohnung geblieben. Im Bad, das an die Küche grenzt, liegen die Zahnbürsten von Lo und Luc, und in dem Zimmer mit den Mikrofonen lehnen Matratzen an den Wänden, auf denen Lo und Luc ihre Schlafsäcke ausbreiten, wenn sie wieder bis tief in die Nacht gearbeitet haben. Ja, hier wohnen sie, wenn sie mit Dodo ein Album produzieren, im Herbst 2016 zum zweiten Mal, auch diesmal über mehrere Monate hinweg, jeweils zwei, drei oder vier Nächte hintereinander.
Sie erwachen um die Mittagszeit und frühstücken, dann hören sie sich die Lieder an, die sie am Tag zuvor aufgenommen haben, und verwerfen, was sie schlecht finden. Wenn es Abend wird und die Stimmen allmählich besser klingen, fangen sie von vorn an, singen eine Zeile, eine Strophe, einen Refrain. Bis alles sitzt und Dodo zufrieden ist, singen sie jede Stelle zwanzig- oder dreissigmal. Dodo sucht den Moment, in dem alles zusammenpasst, Rhythmus, Klang, Tonlage. Er hat gelernt, dass dieser Moment nicht während der ersten fünf Aufnahmen eintritt und für gewöhnlich auch nicht während der letzten fünf, sondern irgendwann dazwischen. Es kommt vor, dass er Lo und Luc zum Weitermachen motivieren muss wie ein Trainer seine Sportler. Wenn er genügend Aufnahmen beisammenhat, setzen sich Lo und Luc zu ihm an den Computer. Dann bilden sie Paare, Paare aus Aufnahmen, und jedes dieser Paare liefert sich ein Duell, wie an einem Tennisturnier. Die Aufnahme, die sie für die bessere halten, kommt eine Runde weiter. Meistens sind sie sich nicht auf Anhieb einig, aber wenn sie nur lange genug diskutieren, stehen sich am Ende noch zwei Aufnahmen gegenüber. Und eine gewinnt.
So machen sie es mit jeder Zeile, jeder Strophe, jedem Refrain, manchmal sogar mit einzelnen Wörtern. Ein Lied von Lo & Leduc setzt sich aus vielen verschiedenen Aufnahmen zusammen, und manchmal setzt sich sogar eine einzelne Zeile aus mehreren solcher Aufnahmen zusammen. Jede dieser Aufnahmen bekommt eine eigene Tonspur zugeteilt, eine eigene Linie auf dem Bildschirm, dazu die Tonspuren des Beats, diese fünfzig oder auch mal hundert Tonspuren: Es ist eine Bastelei, die Dodo veranstaltet, eine zermürbende Kleinarbeit. Am Ende soll das Lied ja wie aus einem Guss daherkommen. Lo und Luc könnten sich diesen Aufwand nie leisten, wenn sie Dodo, wie es in anderen Studios üblich ist, in Tagessätzen bezahlen müssten. Dodo berechnet ihnen eine Pauschale, zudem treten sie ihm und auch Mo und Marco Jeger einen Teil der Urheberrechte ab, eine Art Erfolgsbeteiligung.
Dodo wird nicht reich damit. Seit den Erfolgen mit Steff la Cheffe und Lo & Leduc und auch James Gruntz hat er alle möglichen Angebote erhalten, er könnte Alben im Monatstakt produzieren und würde gut damit verdienen. Aber es geht ihm nicht um Geld oder nicht in erster Linie. Er sagt: «Viele Leute im Musikbusiness wollen einfach, dass der Cash stimmt. Und nicht, dass die Liebe stimmt. Mich dünkt: Wenn die Liebe stimmt, stimmt irgendwann auch der Cash.» Das mag fast unglaubhaft selbstlos klingen, wie eine Masche. Aber es ist das Gegenteil von selbstlos. Es ist der einzige Weg, den Dodo für richtig hält.
Er sagt: «Du kannst das geilste Studio haben. Aber es fehlt etwas, wenn es dir nicht gelingt, einen Vibe zu kreieren, der allen Freude bereitet. Dann fehlt auch mir etwas. Hier hängen wir rum, streiten, philosophieren nächtelang. Wir kochen zusammen, gehen zusammen schwimmen, wir trinken. Klar haben wir ein gewisses Zeitfenster und machen uns ein bisschen Druck. Aber wir wollen, dass es uns gut geht, wenn wir das Studio verlassen. Die Lieder sind für uns wie Kinder, wir ziehen sie auf, sie werden gross. Und wenn wir dann sehen, wie sie vom Publikum gefeiert werden, wie das Publikum die Liebe spürt, die wir hineingesteckt haben – dann ist das ein unbeschreibliches Glück.»
Dieses Glück, das ist im «Bund»-Text über Dodo gestanden, «steht felsenfest im Zentrum von Dodos musikalischem Tun». Dodo selbst findet, es sei einfach, aus einer Verletzung heraus ein Lied zu schreiben. Aber etwas aus einer «Feelgood-Phase» heraus zu machen, wie er es nennt, etwas, das mehr ist als blosse Trällerei – das ist die Herausforderung. Dafür braucht es Magie, und diese Magie, so sagen Lo und Luc, vermag Dodo in seinem Studio herzustellen. Das ist – neben den Beats und all der Kleinarbeit – sein Beitrag zum Album: ein Ort, der alles zulässt.
Im Gang, wo das Deckenlicht ausgefallen ist, verstauben die Gold- und Platinschallplatten, die Dodo mit Steff la Cheffe und Lo & Leduc gewonnen hat. Auf dem Küchentisch, als wäre sie vergessen gegangen, steht eine dieser klobigen Swiss-Music-Awards-Trophäen herum, mit denen Steff la Cheffe, Lo & Leduc und James Gruntz ausgezeichnet worden sind. Lo verwechselt sie ständig mit den kleinen Lautsprechern, die Dodo gleich daneben aufgestellt hat. Alles in diesen Räumen ist alt, vieles liegt einfach herum – Instrumente, Musikboxen, Tournee-Flyers. In dem Zimmer, in dem der Produzent arbeitet – es ist das Zimmer, das an jenes mit den Mikrofonen grenzt, dazwischen ein in die Wand eingelassenes Fenster –, in diesem Zimmer hängen Bilder und Plakate. Hinter dem Stuhl des Produzenten steht ein Sofa, in dem man beinahe versinkt und von dem aus man sich in die Bilder und Plakate an der Wand vertiefen kann, zum Brainstorming. Mögliche Albumtitel sind notiert, mögliche Single-Auskopplungen. Aber auch: musikalische Stile, die das Album prägen sollen, von Benjamin Clementine und Stromae zum Beispiel, und Filme und Fernsehserien, die als Inspiration dienen sollen, etwa die Netflix-Drogenserie «Narcos».
Wie entsteht ein Lied?
«Das fragen wir uns auch gerade», sagt Luc.
«Wir stecken fest», sagt Lo.
Und Dodo sagt: «Ich hab Hunger.»
Dodo erinnert Lo und Luc daran, dass Musik aus dem Herzen kommen müsse, er erinnert sie immer wieder. Er sagt: «Ihr dürft philosophieren, dürft die klügsten Sachen sagen. Aber ihr müsst es mit dem Herzen sagen.»
Luc hat den Einfall, den «Felix»-Beat von Dodo, an dem ihm die Bläser gefallen, nicht aber der brave Swing-Rhythmus, mit einem neuen Beat von Mo zu vermengen, dem Beat «Meander», an dem er den afrikanischen 12/8-Shuffle mag, dieses Ungerade und Hinterherhinkende, nicht aber alles andere. Dodo murrt, weil das noch mehr Kleinarbeit bedeutet, aber er erkennt, was Luc meint, und setzt sich an den Computer. Und als der neue Beat steht, ein Beat aus zweien, und als Lo und Luc ihn hören, diesen Beat mit den Perkussionisten, den Bläsern und dem Bandoneon, da entwirrt sich plötzlich wie von Zauberhand auch das inhaltliche Chaos.
Walter, jetzt ohne h, ist kein Flüchtling. Und er wird auch nicht erschossen und ist auch nicht aus irgendwelchen anderen Gründen tot. Er ist nur einfach nicht auffindbar. Und will sich nur einfach nicht vereinnahmen lassen. Er verschwindet. Wohin er geht, ist unwichtig. Wichtig ist nur, dass er sich widersetzt.
I ha dr Walter gsuecht / Imene Walter-Buech / Ds cha ja nid e so schwär si / Aber i finge ne nid / uf dene vielne Bilder vo dr Schwiz / Die Sitte chönnte grad so guet läär si / I gseh nur all die Alpe / alli die alte Bärge / aber weni «Walter» rüefe / ghöri nume ds Echo stärbe / Gseh uf ere grüene Wiese am blaue See e rotwissi Fahne / Ha scho gmeint, i gsehne loufe, doch es verloufe nume Farbe / So lieblech, so löblech, so läbig / So liisli, so lauwarm, so gäbig / I blettere witer nach Autdorf / u fragä si Vater / u dä seit / «I ha gmeint, dä steit da i mim Schattä»
Wo isch dr Walter? / Wo isch dr Walter?
U so bletteri witter / bis zu dr letschte Sitte / aber gfunge hani ne nid / u vilech het är / eifach gnue gha nach / all dene Jahr und isch / usegloffe usem Bild / U vilech het är no gseit «Nei / Ds isch nid mal mis Deheim / Nei, ds isch nid mis Deheim / Mi Vatter isch Dän / i bi nid vo da / i weiss nid, was dir vo mir weit / I ha scho denn müesse dr Gring häreha, bi dere Sach mit däm Öpfel / U itze meinet dir, i müess härestah, für irgendwän, irgendöper / Weisch / i ma doch nid geng mit mim Père uf au die Wahlplakat / vo links bis rächts, 1. Ougustrede hani aus scho gha / U wenn är würk / dr Vatter vo / üsere Schwiz isch / de überleget nech mau – wär ig bi
Wo isch dr Walter? / Wo isch dr Walter?
Wars das? Endlich?
Die Freude währt kurz. Denn erst jetzt erkennen Lo und Luc, dass sie mit ihrem Lied genau das tun, was sie kritisieren: Sie instrumentalisieren Walter. Sie rücken Walter in ein Licht, das ihrer Botschaft zusagt. Also gehen noch einmal ein paar Nächte drauf, Nächte in Dodos Küche. Es entsteht eine dritte Strophe, in der erzählt wird, wie Walter, wenn er wider Erwarten zurückkäme und dieses Lied hörte, gleich wieder das Weite suchte.
Endlich.
U we dr Walter wider Erwarte wieder einisch würdi cho / U wener när das Lied würd ghöre, de würd är grad wieder drvo / U we die Alpe chönnte loufe, de würde sie drvo / de würde sie drvo / U we die Weide u die Wiese u die Wälder chönnte loufe, de würde sie drvo / Wüu sie sy, was sie sy / Alls angere het me gmacht drus, u drus schöpft me Macht / U sy si wäg, sy d Sitte läär, aber die Weste glych nid wiiss / drum säg du mir
Wo isch dr Walter? / Wo isch dr Walter?
Das Ende der Odyssee.
Siebzehn Lieder haben Lo und Luc im Verlauf dieser Produktion aufgenommen, von sechs müssen sie sich trennen, von sechs teilweise fertigen, aber doch unzureichenden Liedern.
Das Walter-Lied hat es geschafft. Das Lied, das erst ein Lied über Apfelbäume war, dann ein Lied über Vater-Sohn-Beziehungen, dann ein Lied über die Flüchtlingskrise, dann ein Lied über Dichtestress, dann ein Lied über den Mord eines Vaters an seinem Sohn – dieses Lied kommt aufs Album. Das Album wird «Ingwer und Ewig» heissen, das Lied «Walter», Track neun von elf, drei Minuten und fünfzig Sekunden.
Drei Jahre für drei Minuten und fünfzig Sekunden. Für ein Lied, dessen Text nicht länger ist als ein «20 Minuten»-Artikel. Drei Jahre, die wie ein Trichter wirkten: Oben stopften Lo und Luc alle möglichen und unmöglichen Ideen hinein – es waren ja, wie sich gezeigt hat, vor allem unmögliche Ideen, die sie hatten, solche, die zu pathetisch, zu fadenscheinig oder zu verworren waren, oder solche, die einfach unanständig waren. Und unten, das haben sie immer gehofft, ist nun endlich die Essenz übrig geblieben.
Das Leichte ist so schwer.
Und auf einmal fällt all das Schwerfällige, das diesen Prozess geprägt hat, von Lo und Luc ab. Als sie in dem Zimmer mit den Mikrofonen stehen und das Lied einsingen, zwanzig oder dreissig Aufnahmen pro Zeile, Strophe, Refrain – da kommt die Freude wieder in ihnen hoch, dieses Ansteckende, das ihre Musik ausmacht. Unterwegs schien es ein paarmal, als wäre die Freude verloren gegangen, aber jetzt ist sie zurück, eine besinnliche und begeisternde Freude. Sie erfasst auch Mo, der hinter Dodo auf dem Sofa liegt und im Takt mit den Füssen wippt, und vor allem erfasst sie Dodo, der sich in den vergangenen Wochen so oft mit Lo und Luc gefetzt hat und extra ihretwegen die Veröffentlichung seines eigenen Albums nach hinten verschob, einfach weil sie mehr Zeit brauchten als geplant.
«Für das erste Album», hat Dodo irgendwann in diesen anstrengenden Tagen gesagt, «hast du ein Leben lang Zeit. Für das zweite drei Jahre.»
Epilog
Ein paar Tage nach Weihnachten 2016 sitzen Lo und Luc zum letzten Mal in Dodos Küche. Im Frühling werden sie auf der Bühne stehen, in Bern, Zürich, Solothurn und Luzern, und im Sommer folgen die grossen Open-Airs. All das, was bald erledigt werden muss, die Konzertdaten festlegen, das Live-Set einstudieren, die Videoproduktion aufgleisen, all das, was auch noch zu diesem schier nicht enden wollenden Prozess der Albumproduktion gehört: Das ist in diesem Moment weit weg. Denn der Ort, an dem die Musik entstanden ist, diese schäbige, aber magische Trutzburg, wird bald nicht mehr existieren.
Das Gebäude wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.
Lo & Leduc, «Ingwer und Ewig» (Bakara Music/Warner Music) erscheint am 17. März.
Der Fotograf Pierluigi Macor lebt in Zürich