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Der «Farbrausch» wurde als schöpferischer Beitrag zum künstlerischen und wissenschaftlichen Diskurs über Farbsysteme, Farbordnungen und Farbkompositionen konzipiert.
Alle bekannten Farbsysteme – von Wilhelm Ostwald (1853–1932) bis zu den heute gebräuchlichen Ordnungen – strukturieren die Welt der Farben zu einem mehr oder weniger geschlossenen Ganzen. In ihrer konsequenten Logik scheinen sie den Anspruch zu erheben, den gesamten Farbkosmos zu erfassen. Die daraus resultierenden Systeme werden in der Praxis oft als absolute Wahrheit verstanden, denn sie lassen sich codieren, sind berechenbar und allgemein zugänglich. Allerdings fallen diesen vermeintlich allumfassenden Ordnungen einerseits das reiche Farbspektrum der Bunt-Bunt-Mischungen und der Komplementär-Mischungen zum Opfer – andererseits verhindert die aufgeräumte Anordnung ein vielfältiges oder sogar zufälliges Nebeneinander.
Die limitierende Ordnung von Farbsystemen, die zugleich eine ästhetische Begrenzung bedeutet, sollte mit dem Projekt «Farbrausch» gesprengt werden. Das Ziel: die ästhetischen Facetten zu erforschen, welche zum Ausdruck kommen, wenn das überschaubare Spektrum der Farbsysteme durch verloren gegangene Bunt-Bunt- und Komplementär-Mischungen erweitert wird, und wenn die Anordnung nicht als zielgerichtete Komposition, sondern als ein zufälliges Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Farbtönen verstanden wird.
Als Methode der Erkenntnis sollte ausschließlich die sinnliche Erfahrung zur Anwendung kommen, und zwar in Form eines begehbaren Farbraums, der dem Prinzip des Chaos folgt. Es sollten Farbnachbarschaften und -bezüge entstehen, die weder einem Ordnungssystem noch ästhetischen Konventionen folgen. Dies geschah aus der Überzeugung heraus, dass das Ungeordnete die Unvollständigkeit eines jeden Systems unterstreicht und sich das Wesen einer jeden Farbe in den unendlichen Bezugsmöglichkeiten zu anderen Farben immer wieder neu manifestiert.
Im Rahmen einer Übung im Bildungsgang «Farbgestaltung am Bau» stellten Studierende, ausgehend von drei individuell gewählten Farben, eigene Farbkollektionen her und fertigten von jedem Farbton zusätzlich eine Karte für die Installation «Farbrausch» an.
Im Durchschnitt mischten 17 Studierende je über 300 Farben. Daraus entstand eine Sammlung von mehr als 5500 einzigartigen Farbkarten, die anschliessend in stundenlanger Arbeit so vermischt, bis jegliche Ordnung und Reihenfolgen, sogenannte Farbnester, aufgelöst waren. Dann wurden die Farbkarten von oben nach unten an die Wände genagelt und zudem auf Boden- und Tischflächen ausgelegt.
Die geplante Unordnung kam in eindrücklicher Art und Weise zum Tragen. Überraschend ungewöhnliche und unterschiedliche Farbwelten dynamisierten die Flächen. Beim verweilenden Betrachten zeigten sich betörende Phänomene: harte Rhythmen, vertikale Bezüge, weiche horizontale Wellen, kontrastreiche und zurückhaltende Klänge. Keine Farbe am falschen Ort, keine unnötig. Die Frage des Gefallens unterlag dieser ästhetischen Ausdruckskraft. Es zeigte sich diskussionslos, dass einzelne Farben an sich weder schön noch hässlich, sondern einfach unschuldig sind und immer kontext- und nicht subjektbezogen zu beurteilen sind. Der empirisch entwickelte offene Farbraum, dem das Chaos zugrunde liegt, zeigt keine Ordnung, sondern Bezüge. Unzählige einzigartige Geräusche, Klänge und Rhythmen bilden einen in sich bewegten Farbenteppich.
Marcella Wenger-Di Gabriele, Leiterin Abteilung Gestaltung
Studierende des Bildungsgangs «Farbgestaltung am Bau»
Abgeschlossen: 2007