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Das Theater mit der Muhsiiik!
Ein Symposium der HKB diskutierte und präsentierte vom 13. bis 15. Dezember zeitgenössisches «Théâtre Musical».
Warum nur muss es ein französischer Begriff sein? Warum heisst der entsprechende Master-Studiengang an der Hochschule der Künste Bern (HKB) seit Jahren «Théâtre Musical»? Wenn man diesen Begriff kurzerhand mit «Musiktheater» ins Deutsche überträgt, überhört man eine Nuance. Im Französischen nämlich, so sagt Roman Brotbeck, der den Kurs einst als Leiter des Departements Musik in Bern mitinitiierte, ist «Théâtre Musical» der Terminus für jenes «instrumentale Theater», wie es von Mauricio Kagel, Dieter Schnebel u. a. in Deutschland entwickelt wurde; für ein theatralisiertes Musizieren oder ein musikalisiertes Theater. Der französische Begriff ist nicht nur vorzuziehen, weil wir uns im Bernbiet an der Sprachgrenze bewegen und zahlreiche Studierende aus dem Französischen kommen, sondern auch, weil er das Vokale mit einschliesst. An der HKB war dies insofern wesentlich, als der Studiengang lange vom griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis geprägt wurde: Sein Theater geht nämlich stark von einer musikalisierten Sprache aus.
Das Theater um die Muhsiiik hiess ein von Angela Bürger und Peter Kraut konzipiertes Festival und Symposium, das Mitte Dezember in der HKB und der Dampfzentrale stattfand. Der Titel der höchst anregenden Veranstaltung deutet bereits die Sprachnähe an. Die Möglichkeiten des zeitgenössischen «Théâtre Musical» wurden nun an diesem Wochenende eifrig präsentiert und diskutiert. Der Musikwissenschaftler Jean-François Trubert von der Universität Nizza erläuterte in einem historischen Abriss die kompositorischen Neuerungen des «Théâtre Musical». Der Berliner Philosoph Harry Lehmann, dessen kulturtheoretische Thesen in Deutschland zurzeit heftig diskutiert werden, entwickelte im Gegensatz zur «absoluten Musik» den Begriff einer «relationalen Musik», die tendenziell immer stärker aussermusikalische Materialien und Inhalte aufgreife. Der Hamburger Komponist und Regisseur Jan Dvorak stellte eigene Musiktheaterprojekte im Grenzbereich von Klassik und Pop vor. Die Komponistin Cathy van Eck zeigte medienübergreifende Stücke aus dem eigenen Schaffen. Und dann waren mit Manos Tsangaris und Daniel Ott auch zwei der international profiliertesten Komponisten des Genres vertreten; die beiden werden ab 2016 die Leitung der Münchner Biennale für Neues Musiktheater übernehmen und das Festival wohl dabei etwas auffrischen. Deutlich wurde nämlich: Das «Théâtre Musical» hat bereits eine längere Geschichte. Und es hat seine Überväter. Tsangaris erinnerte daran, dass viele der Klassiker von Kagel und Schnebel, ja auch von Cage und Aperghis, auf das Vorbild Beckett verweisen – und dass es sich davon auch zu lösen gelte. Eine wichtige Bemerkung. Wie das «Théâtre Musical» solcher Einengung entkommen kann, wurde doch einige Male an diesem Wochenende deutlich.
Viele Klassiker des «Théâtre Musical» verweisen auf das Vorbild Beckett –
davon gelte es sich zu lösen.
Diskutiert wurde ausserdem die Situation des aktuellen Musiktheaters in der Schweiz. Dass mindestens vonseiten der Ausbildung das Potenzial dazu vorhanden ist, zeigten die schönen Produktionen der HKB in der Dampfzentrale. Unter der Leitung von Pierre Sublet hatten Studierende eine eigene Version von Cages Europera 2 von 1987 auf die Bühne gebracht. Darin wird es ja dem Zufall überlassen, wie Versatzstücke aus der europäischen Operngeschichte neu «kom-poniert» werden: Arien, Orchesterstimmen, Kostüme, Kulissen etc., so dass ein faszinierendes Durcheinander entsteht, ebenso amüsant wie verquer. Man adaptierte in Bern das Werk geschickt für die Bedürfnisse der Schule: Tanz- und Sprechpartien wurden integriert; die Opernhauskulissen ersetzt. Und vorne dran wurde eine Extra-Viertelstunde angehängt, die den Théâtre-Musical-Absolventen zu Auftritten zusätzlich Gelegenheit bot. Bei Europera 2 handelt es sich um die kürzere und gleichsam zeitlich geraffte Version, in der die Materialmenge von Europera 1 in der halben Zeit, nämlich in 45 Minuten dargeboten wird, was mit der Zeit eine akustische Überfülle ergibt, einen etwas undifferenzierten Klangbrei. Wahrscheinlich hätte man hier doch etwas stärker nuancieren müssen – oder hätte das Cages Absichten widersprochen?
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- Roman Brotbeck kocht für das «grosse musikulinarische Muhsiiik-Bankett» © Joachim Koerfer
Dass ein «Théâtre Musical» noch eine ganz andere Sinnlichkeit entfalten kann, zeigte das «grosse musikulinarische Muhsiiik-Bankett». Roman Brotbeck exerzierte in Abwandlung von Cages berühmtem Water Walk zusammen mit dem Koch Martin Schöni eine Art fulminanten Cook Walk mit überraschenden Varianten und einem geschmacklich höchst überzeugenden Ergebnis. In Einlagen zum gemeinsamen Mahl kamen schliesslich nochmals die Studiengang-Absolventen zum Zug. Die Perkussionistin Françoise Rivalland, Dozentin an der HKB und im Übrigen eine vorzügliche Aperghis-Interpretin, hatte diese virtuosen Sprachkünste einstudiert, die sich witzig hart an der Grenze zwischen Verständlichem und Nonsens bewegten. Da wurde denn noch einmal die Aperghis-Nähe des Berner «Théâtre Musical» spürbar; vielleicht wäre es gut, da noch weitere Facetten zu entwickeln. Aber das gehört in die Zukunft dieses Genres, das in Bern auf so hohem Niveau praktiziert wird wie sonst fast nirgendwo.
Bild oben: Versatzstücke aus der europäischen Operngeschichte – John Cages «Europera 2» © Marco Frauchiger