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Der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809–1849) galt in der Literaturgeschichte während Jahrzehnten «nur» als wegweisender Exponent der Schauergeschichte. Das hat sich längst geändert. Inzwischen wird er auch als Pionier des modernen Kriminalromans geführt. Sein Einfluss ist nicht zu unterschätzen: Er inspirierte H. G. Wells, Arthur Conan Doyle, H. P. Lovecraft und Franz Kafka. Poe selbst fasziniert ebenso, was auch an den mysteriösen Umständen seines Todes liegt, dessen Ursache nie geklärt werden konnte.
Louis Bayard (59) widmete sich Poe im 2006 erschienenen Roman «The Pale Blue Eye», der erst letzten März als «Der denkwürdige Fall des Mr. Poe» seinen Weg in deutschsprachige Bücherstuben fand. Der US-Autor, der sich darauf spezialisiert hat, historische Figuren in fiktive Erzählungen zu packen, wirft den jungen Poe mitten in einen Kriminalfall. Diesen hat nun Scott Cooper, dessen Erstling «Crazy Heart» (2009) zwei Oscars gewann, verfilmt – mit seiner sechsten Regiearbeit. Dafür spannte er zum dritten Mal mit Christian Bale zusammen.
Der verbitterte Detective Augustus Landor (Bale) wird 1830 an die Militärakademie von West Point beordert. Er soll das Rätsel um den Kadetten Fry klären, der sich scheinbar erhängt hat – bevor jemand nachts der Leiche das Herz herausschnitt. Landor stellt fest, dass Frys Tod kein Suizid, sondern Mord war. Bei den Ermittlungen stösst er auf den Kadetten Edgar Allan Poe (Harry Melling), einen Aussenseiter an der Akademie, und macht ihn zu seinem Assistenten. Die Spuren führen zu einem bizarren Hexenritual aus dem Mittelalter. Als ein zweiter Kadett erhängt, aufgeschnitten und ohne Herz in der Gegend baumelt, gerät Poe selbst unter Verdacht.
«Der denkwürdige Fall des Mr. Poe» ist ein klassischer Historienkrimi im Stil von «Der Name der Rose» und trumpft neben Bale mit altgedienten Charakterköpfen wie Toby Jones, Robert Duvall und Charlotte Gainsbourg in Schlüsselrollen auf. Harry Melling, der seine Kinokarriere als Dudley Dursley in den «Harry Potter»-Filmen startete, wirkt als junger Poe indes leicht überkandidelt und zuweilen wie eine Karikatur. Zudem entwickelt sich der Fall im Mittelteil etwas zäh.
Wie manche Netflix-Eigenproduktionen ist auch diese hier mit über zwei Stunden Laufzeit eine Spur zu lang. Glücklicherweise zieht das Ganze im letzten Drittel wieder deutlich an. Inklusive einer quasi doppelten Auflösung, die im ersten Moment konstruiert wirkt, genauer betrachtet aber praktisch einwandfrei funktioniert.
Netflix | Historienkrimi
Mit Christian Bale, Harry Melling, Lucy Boynton, Toby Jones
USA 2022, ab 6. Januar 2023