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Roth_neurobio213
Gehirn und Bewußtsein
Was ist Bewußtsein?
Bewusstsein gilt als ein geistiger oder »mentaler« Zustand, und deshalb entzieht sich für viele dieses Phänomen grundsätzlich einer naturwissenschaftlich-neurobiologischen Erklärung. Wir müssen uns deshalb fragen, ob die Hirnforschung sagen kann, was Bewußtsein ist, wie es im Gehirn zustande kommt und welche Rolle Bewußtsein bei der Kognition spielt.
Philosophen, Psychologen, Psychiater und Neurologen verwenden den Begriff »Bewußtsein« oft verschieden. Ich will mich im Einklang mit den meisten Autoren auf Bewußtsein als einen Zustand, den ein Individuum haben kann, beschränken und alle Formen eines möglichen überindividuellen Bewußtseins außer acht lassen. Dieses individuelle Bewußtsein wird von uns als Zustand bzw. Begleitzustand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden.
Eine charakteristische Form des Bewußtseins betrifft meine Ich-Identität: Bei dem, was ich tue und erlebe, habe ich in aller Regel das Gefühl, daß ich es bin, der etwas tut und erlebt, und daß ich wach und »bei Bewußtsein« bin. Ich fühle mich eins mit meinem Körper, ich empfinde mich als ein Wesen, das eine Vergangenheit, eine historische Identität hat. Dieses Bewußtsein ist mir unmittelbar gegeben; wir wollen es Ich-Bewußtsein nennen.
Allerdings kann dieses Ich-Bewußtsein nachhaltig gestört sein. Manche schizophrene Patienten haben den Eindruck, daß nicht sie es sind, die wahrnehmen oder handeln, sondern daß sie "gehandelt werden", daß ihre Gedanken »eingegeben« werden (Frith, 1992). Auch neurologische Schäden können dazu führen, daß Teile des eigenen Körpers als fremd betrachtet werden, etwa wenn die Körperempfindung gestört ist, wie dies anschaulich von Oliver Sacks im vierten Kapitel seines Buches »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« geschildert wird (Sacks, 1987). Eine besonders dramatische Schilderung des Verlustes der Ich
Neben dem Bewußtsein der eigenen Person und Identität und der willentlichen Kontrolle der eigenen Handlungen gibt es eine weitere Form des Bewußtseins, das sich auf bestimmte innere oder äußere Geschehnisse richtet wie Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Erinnern oder Vorstellen. In diesem Zusammenhang ist Bewußtsein eng mit Aufmerksamkeit verbunden oder gar identisch mit ihm: je stärker die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Geschehen gerichtet ist, desto bewußter ist es. Wir wollen diesen Zustand das Aufmerksamkeits-Bewußtsein nennen. Das Bewußtsein des eigenen Ich und der personalen Identität bildet hierzu einen ständig vorhandenen Hintergrund.
Vom Ich-Bewußtsein und dem Aufmerksamkeits-Bewußtsein müssen wir noch den Zustand der Wachheit bzw. Bewußtheit unterscheiden. Beim gesunden Menschen gibt es viele verschiedene Zustände von Bewußtheit, z. B. ein hellwaches, ein normales Bewußtsein, einen Zustand des Dösens bis hin zum Dahindämmern oder einen Bewußtseinszustand beim Träumen, der von uns als sehr eigenartig empfunden wird. Weiterhin unterscheidet die Medizin eine ganze Reihe von Wachheit und Bewußtseinszuständen bei schweren psychischen Erkrankungen und eine Reihe von Zuständen der Bewußtlosigkeit nach Unfällen oder in der Narkose. Bewußtsein kann global oder scharf umgrenzt (fokal) ausfallen. Beidseitige Schädigungen des Gehirns im Bereich der Formatio reticularis führen in aller Regel zur globalen Bewußtlosigkeit, zum Koma. Läsionen im Bereich der assoziativen corticalen Areale können hingegen zu fokalen Bewußtseinsausfällen führen. So kann die Fähigkeit zu bewußtem Sehen oder Hören selektiv beeinträchtigt sein. Trotzdem ist der Patient wach und sich ansonsten seiner Tätigkeiten und Erlebnisse voll bewußt.
Gerhard Roth
Neurobiologie
Kognition
Consciousness