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Corona hat den öffentlichen Diskurs fest im Griff. Ebenso steigen die Ausgaben der öffentlichen Hand im Zuge der Coronakrise immer weiter an. Mittlerweile hat der Bund mehr als 39 Milliarden Franken zur Bewältigung der Pandemie gesprochen. Zusätzlich kommen Ausgaben der Kantone in der Grössenordnung von schätzungsweise 2 Milliarden Franken. In der mittlerweile überarbeiteten Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz von 2015 wurde eine Pandemie als Jahrhundertereignis kategorisiert. Doch wie hat die Schweiz auf die letzte Pandemie – die Spanische Grippe von 1918-1920 – reagiert? Wieviel Geld haben der Bund und die Kantone für deren Bewältigung bereitgestellt?
Schätzungsweise die Hälfte der Schweizer Bevölkerung hatte sich mit dem Virus infiziert. Die Seuche forderte nach offiziellen Angaben hierzulande 24’449 Tote. Besonders betroffen war dabei die Alterskohorte der 20- bis 40-Jährigen (vgl. Sonderegger u. Tscherrig 2016). Sie stellte die Mehrheit der Toten. Weltweit werden die Todeszahlen mit entsprechend variierender Dunkelziffer zwischen 50 und 100 Millionen geschätzt – potenziell mehr als in beiden Weltkriegen zusammen (vgl. Spinney 2018).
Und dennoch hat sich diese Pandemie nur schwach in der Erinnerungskultur festgesetzt. Die Spanische Grippe kann berechtigterweise als «vergessene Katastrophe» bezeichnet werden. Überschattet von den Wirren des Ersten Weltkrieges und den Geschehnissen des Landesstreiks, wurde die Pandemie in ihrer Zeit zwar durchaus als krisenhaftes Ereignis wahrgenommen. Das Gesundheitswesen war denn auch komplett überlastet. Die Historikerin Laura Spinney beschreibt es so: «Die Spanische Grippe schlägt sich in persönlichen Erinnerungen nieder, nicht im kollektiven Gedächtnis. Sie steht uns nicht als historische Katastrophe vor Augen, sondern bildet sich in Millionen einzelner privater Tragödien ab.» Ein aussagekräftiges Beispiel stellt die erstmalige Verschiebung einer Volksabstimmung dar: Nicht aber etwa wegen der Spanischen Grippe wurde diese verschoben, sondern im Jahr nach der Pandemie wegen einer ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche.
Die Aufnahmefähigkeit des öffentlichen Diskurses war durch den ersten Weltkrieg und den Landesstreik offenbar bereits ausgereizt. Die Seuche verkam zu einem «Anhängsel der politischen Geschichte». Die zeitgenössische Berichterstattung fokussierte auf die Ausbrüche bei der mobilisierten Armee. Doch auch hier warf der Landesstreik seinen Schatten und stilisierte die Ereignisse zum Politikum. Sah das Oltner Komitee im Truppenaufgebot des Bundesrates den hiesigen Haupttreiber der Seuche, machten die Vertreter der Bürgerlichen die Arbeiterschaft selbst dafür verantwortlich. An die zivilen Opfer, die rund 94% aller Grippetoten ausmachten, wurde kaum erinnert.
Geringe Belastung der Staatsfinanzen
Trotz des vermeintlichen «Vergessens» blieb die Politik keineswegs passiv. Verschiedene Kantone forderten den Bundesrat auf, ihre Bestrebungen zur Bekämpfung der Influenza finanziell zu unterstützen. Dazu willigte der Bundesrat schliesslich einen Monat nach der Niederlegung des Landesstreiks ein.
Die Ausgaben, welche der Bundesrat kompensierte, umfassten die Errichtung und Unterhaltung von Notspitälern, die Unterstützung von «brotlos gewordenen» Angestellten behördlich geschlossener Betriebe und gar Entschädigungen an Ärzte zur administrativen Bewältigung der neu verfügten Meldepflicht. Unterstützung erhielten ferner die Krankenkassen. So sprach der Bund drei Millionen Franken, um die hohe Belastung der Versicherungen zu mildern.
Um Zugang zu den Bundesbeiträgen zu erhalten, mussten die Kantone sämtliche Ausgaben zur Prüfung einreichen. Darin enthalten waren auch die Ausgaben der Gemeinden. Dadurch ergibt sich anhand der Staatsrechnungen von 1919 und 1920 ein gesamtheitliches Bild der Grössenordnung sämtlicher Ausgaben der öffentlichen Hand: Insgesamt beliefen sich die ausgewiesenen Bundesausgaben demnach auf 4,2 Millionen Franken. Die Gesamtausgaben des Bundes betrugen im Jahr 1920 383 Millionen Franken.
Im Aggregat summierten sich die Ausgaben zur «Bekämpfung der Influenza» auf 6,1 Millionen Franken. Angepasst an die Veränderung der Konsumentenpreise ergibt sich ein Gegenwert von 28,4 Millionen Franken. Somit reservierte der Bund ein Prozent seiner Ausgaben zur Bewältigung der Gesundheitskrise. Setzt man diese Ausgaben ins Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt kurz vor Kriegsausbruch käme dies einem Promille gleich – einem Bruchteil dessen, was derzeit für die Bewältigung der Corona-Pandemie aufgewendet wird.
Privates Engagement
Des Weiteren ist bezeichnend, dass der Bundesrat trotz den Vollmachten, die ihm im Zuge des Ersten Weltkrieges verliehen wurden, nicht die alleinige Kompetenz zur Bewältigung der Krise an sich riss. Er erweiterte die Befugnisse des Bundes lediglich um eine unterstützende Funktion. Vielmehr waren es die Kantone, welche die wesentlichen staatlichen Akteure bei der Bekämpfung der Influenza darstellten. Sie meldeten dem Bund 3,1 Millionen Franken an Ausgaben, wovon zwei Drittel zur Bundesunterstützung qualifizierten. Wiederum zwei Drittel jener kantonalen und kommunalen Ausgaben wurden zur Pflege der Erkrankten aufgewendet, eine weitere halbe Million für die Errichtung der Notspitäler.
Von besonderer Bedeutung war das private Engagement. Dieses hatte einen zentralen Stellenwert in der Bewältigung der Gesundheitskrise. Verschiedene Frauenorganisationen zeichneten sich bei der Einrichtung und Unterstützung der Pflege in den Notspitälern aus. Sie leisteten einen gewaltigen Effort für das Gesundheitswesen, das einen fast kompletten Zusammenbruch erlitten hatte.
Die staatlichen Massnahmen erschöpften sich aber keineswegs im Finanziellen. Kantonen und Gemeinden wurden weitreichende Einschränkungen der Grundrechte ermöglicht. Den einschränkenden Verordnungen, etwa den erlassenen Versammlungsverboten, wurden alsbald politische Motive unterstellt. So sollte damit die sozialdemokratische Bewegung in ihrer Organisation behindert und weitere Streiks und Proteste unterbunden werden. Der Schatten des Landesstreiks machte sich stetig bemerkbar.
Letzten Endes ist es äusserst anspruchsvoll, historische Vergleiche anzustellen und dem vielschichtigen Kontext und den veränderten Diskursen gerecht zu werden. Der letzten Pandemie begegnete der Bund aber sicherlich mit einer restriktiveren Ausgabenpolitik. Im institutionellen Geflecht der Schweiz waren es vorwiegend die Kantone, die sich der Gesundheitskrise stellten und nicht der Bund. Der Blick zurück stellt zudem die vermeintliche Alternativlosigkeit in der gegenwärtigen Bewältigung der Coronakrise in Frage und zeigt, dass in der Schweiz bereits ein reicher, historischer Erfahrungsschatz im Umgang mit Pandemien bestünde, den es aber zu beachten und zu analysieren gälte.