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Abassia Rahmani ist ein Aushängeschild des Schweizer ParaSports. Ab sofort gibt sie auch der Imagewerbung der Bank WIR ein Gesicht.
Die unterschenkelamputierte Abassia Rahmani sprintet auf Prothesen ihrem nächsten Ziel, den Sommer-Paralympics in Tokio, entgegen. Abassia Rahmani verdankt ihren Erfolg der Begeisterung für ihren Sport, ihrer Disziplin, dem Durchhaltewillen und einem Umfeld, das sie unterstützt und ihr Halt gibt. In den kommenden Jahren wird Sie in der Werbung für die Bank WIR eine tragende Rolle spielen.
Eine Art zweite Geburt hat Abassia Rahmani mit 16 Jahren erlebt. Eine Infektion mit Meningokokkenbakterien führte zu einer Blutvergiftung, die sie nur überlebte, nachdem ihr mehrere Fingerkuppen und beide Unterschenkel amputiert wurden. Schnell siegt die Kämpfernatur Abassias (arabisch für Löwin) über quälende Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem «Wie weiter?». Sie unternimmt alles, um wieder auf dem Snowboard stehen und reiten zu können. Sie schliesst die kaufmännische Lehre ab und sucht nach weiteren Möglichkeiten, ihren Bewegungsdrang auszuleben. «Schwimmen kam nicht in Frage, ich bin keine Wasserratte», sagt sie, und auch der Rollstuhlsport vermag sie nicht zu reizen. Klick macht es 2013 an einem Workshop des deutschen Behindertenspitzensportlers und Weltrekordlers Heinrich Popow, der mit neun Jahren seinen linken Unterschenkel verlor. Er ist es, der ihr zum ersten Mal Rennblades aus Karbon anschraubt. Weil ihre Form an die Hinterbeine von Geparden erinnert, werden sie auch Cheetahs genannt.
Ihr 70-Prozent-Bürojob erlaubte es Abassia Rahmani, täglich zwei Stunden zu trainieren. 2016 erringt sie den ersten grossen Erfolg an einem Wettkampf: Bronze über 100 Meter an den Europameisterschaften in Grosseto. Im selben Jahr verpasst sie an den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro mit dem vierten Rang über 200 Meter knapp einen Podestplatz. Ein weiteres Highlight war die Goldmedaille 2018 an den Europameisterschaften in Berlin, ebenfalls im 200-m-Rennen. Im selben Jahr machte Abassia Rahmani den Sport zum Beruf.
Wie sieht heute ein typischer Tagesablauf aus?
Abassia Rahmani: Essen und Schlafen – also Regeneration – sind wichtiger Bestandteil des Jobs. Richtig zur Sache geht es von 10 bis 12 Uhr mit dem ersten Training: Kraftraum oder Laufen auf der Bahn. Das zweite Training startet um 16 oder 18 Uhr, je nachdem, ob sich noch Berufstätige einfinden. In der Gruppe – ich trainiere mit «Zweibeinern» – laufe ich gerne die längeren Strecken, also 150 oder 200 Meter. Die Zeit dazwischen ist für Physiotherapie, Büro und Haushalt reserviert.
Hat man mit Blades einen Vorteil gegenüber «Zweibeinern»?
Ich möchte vorausschicken, dass die Leichtathletikfamilie super ist und wir Bladerunners praktisch nur positive Rückmeldungen erhalten, wenn wir zusammen mit «Zweibeinern» an einem Wettkampf teilnehmen. Ich halte es trotzdem für eine meiner Aufgaben, für Aufklärung und mehr Verständnis zu sorgen: Das Laufen auf Blades ist nicht so einfach, wie es vielleicht aussieht. Nur mit hartem Training – ich komme auf rund 22 Stunden pro Woche – schafft man es an die Spitze. Früher rannte ich den anderen 20 Meter hinterher. Wer die Entwicklung eines Läufers oder einer Läuferin auf Karbonbeinen mitverfolgt, honoriert und anerkennt deren Leistung in der Regel ohne Wenn und Aber. An Meisterschaften sind Blades übrigens als technische Hilfsmittel deklariert, und wir starten ausser Konkurrenz. Das ist völlig in Ordnung für mich.
Müssen die Blades an Wettkämpfen bestimmten Kriterien entsprechen?
Sie müssen frei erhältlich sein. Die Federung kann man selbst bestimmen, sie wird hauptsächlich durch die muskuläre Stärke und das Körpergewicht definiert. Wer 85 Kilo wiegt, benötigt eine härtere Federung als ich mit 50 Kilo. Eine weichere Federung führt zu einem harmonischeren Bewegungsablauf und ist gesünder für Rücken und Gelenke.
Was sind ihre Ziele an den diesjährigen Paralympics in Tokio?
Leider wurde der 200-m-Lauf aus dem Programm gestrichen; das wäre eigentlich meine Paradedisziplin. Mir gefällt daran das Taktische: Die Kurve sozusagen mit angezogener Handbremse nehmen, um dann auf der Geraden voll durchzudrücken – wie beim Autofahren (lacht). Ich konzentriere mich nun auf den 100-m-Lauf, mit dem Ziel, es mindestens ins Finale – unter die Top 8 - zu schaffen.
Woran müssen Sie arbeiten?
Im Winter haben wir viel auf Kraft trainiert, jetzt geht es um den Feinschliff und bei mir spezifisch darum, schneller aus dem Startblock zu kommen. Mein Start ist eher langsam, was über 200 Meter weniger ins Gewicht fällt, beim 100-m-Lauf aber matchentscheidend sein kann. Ich habe mich schon stark verbessert und habe den ganzen April in den Trainingslagern in der Türkei und im Tessin Gelegenheit, weiter daran zu arbeiten.
Wer sind ihre härtesten Konkurrentinnen?
Das wird sich an der Europameisterschaft Anfang Juni in Polen zeigen. Die Holländerinnen sind sehr stark, aber auch mit den USA und Kanada muss man rechnen.
War der Wechsel in den Profi-Sport nicht auch mit Risiken verbunden?
Durchaus, ich hatte auch Zweifel, schliesslich war die finanzielle Sicherheit nicht einfach so gegeben. Auf meinem Motto «Entweder ganz oder gar nicht» aufbauend, liessen sich bald die richtigen Partner finden – oder sie kamen auf mich zu. Heute fühle ich mich frei, was sich auch positiv auf die Performance auswirkt.
Nach welchen Kriterien wählen Sie ihre Sponsoren aus?
Ich erhalte viele Anfragen und überlege mir ein Engagement sehr genau. Für einzelne Projekte bin ich eher nicht zu haben, und wenn ich mich auf etwas Längerfristiges einlasse, müssen sich die Werte einer Firma oder Organisation mit den meinen überschneiden. Identifikation ist wichtig.
Wie haben Sie die Filmaufnahmen für die Imagewerbung der Bank WIR erlebt?
Das war für mich eine neue Dimension, ein spannender Einblick: Mir war nicht bewusst, wie viel in ein paar Minuten Film drinsteckt. Wohl gefühlt habe ich mich immer, vor allem natürlich während der Aufnahmen auf der Bahn, das ist meine Welt.
Sie haben keine Vorbilder, wo holen Sie sich Anregungen und Inspirationen?
Ich habe eine super Familie, Lieblingsmenschen aus verschiedenen Lebensabschnitten, Freunde aus der Leichtathletik, Trainer, Therapeuten… Charaktereigenschaften, die ihnen eigen sind und die mir imponieren, können eine Vorbildfunktion übernehmen. Es ist ein Umfeld, das mir Stabilität und eine gewisse Balance gibt: Ich möchte immer alles richtig machen, da braucht es manchmal jemanden, der mich wieder auf den Boden herunterholt. Eine starke mentale Basis habe ich mir selber gegeben; wenn man als 16-Jährige mit einem so einschneidenden Schicksal konfrontiert ist, hat man Zeit, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen und reift schneller als der «normale» Teenager.
Sie werden bald 29 Jahre alt, wie lange kann man auf Ihrem Niveau Sport treiben?
So lange, wie ich mithalten kann und es Spass macht. Ich bin hoch motiviert für die Paralympics in Tokio, Paris 2024 und in Los Angeles 2028. Ein Ende ist nicht in Sicht!
Sie haben die Berufsmatur nachgeholt und werden im Herbst Sportmanagement studieren. Mit welchem Ziel?
Als Sportmanagerin sehe ich es als eine meiner Aufgaben, den Para-Sport in der Schweiz besser zu situieren. Wir hinken z.B. bezüglich Visibilität, Sponsoring und effizienten Strukturen anderen Nationen hinten nach. Wenn wir hier Verbesserungen hinkriegen, hat es auch der Nachwuchs leichter.