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Museo Castello San Materno
2. März – 12. Mai 2019
Anlässlich des 100 Jahre Bauhaus Jubiläums widmet das Museo Castello San Materno einem seiner Vertreter eine Ausstellung, dem deutschen Architekten Carl Weidemeyer, welcher der Gemeinde Ascona das Teatro San Materno hinterlassen hat, einziges verbleibendes Beispiel eines Bauhaus Theaters in der Schweiz.
Seit 1995 besitzt die Gemeinde Ascona einen wichtigen Bestand an Dokumenten und Werken Weidemeyers, der mit mehr als 3’300 Einheiten die vielseitige Natur des Bremer Künstlers aufzeigt, welcher während seines ganzen Lebens in den verschiedenen Sparten der Kunst tätig gewesen ist und zwar als Architekt, Maler, Zeichner, Graveur, Illustrator, Designer, Grafiker und Bildhauer.
Im komplexen Übergang zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert wusste Carl Weidemeyer auf originelle Weise den modernen und innovativen Zeitgeist zu verkörpern, indem er die Kontinuität zwischen der organischen Form der Art Nouveau und der geometrischen, abstrakten, rationalistischen Form der Modernität wahrnimmt und so eine Synthese der protorationalen Bestandteile vorlegt, also eine nicht vollständig rationale architektonische Form, die aber schon vom exzessiven Dekorativismus der Art Nouveau befreit ist. Auch wenn Weidemeyer im Tessin zu einem der Vertreter der rationalistischen Architektur wird – die sich in den Zwanziger- und Dreissigerjahren in Europa verbreitet und zu deren typischen Merkmalen z.B. die Bevorzugung des flachen Daches zählt – sind die von ihm entworfenen Strukturen alle gewollt noch von den modernistischen Merkmalen der Art Nouveau beeinflusst, von deren phytomorphen und geschwungenen Linie, die auch für seine zahlreichen Bauten in Ascona typisch ist, die harmonisch in die Natur eindringt und sich darin integriert.
Carl Weidemeyer, der seit 1905 zu den Mitgliedern der Künstlerkolonie Worpswede zählt – zusammen mit Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, dem Dichter Rainer Maria Rilke und vielen anderen – hat sich auf den Prinzipien der Rückkehr zur Natur der Lebensreform gebildet, die von der Kolonie seit ihrer Entstehung 1889 weitergeführt wurden, im Gegensatz zum Fortschritt der industrialisierten und entfremdenden Gesellschaft. Später ist der junge Architekt zwischen Bremen und Willingen tätig, bis er 1927 nach Ascona zieht, wohin er auf Einladung von Paul Bachrach gelangt, um das Theater San Materno zu errichten: eine Art neues Kammertheater für seine Tochter, die «sakrale» Tänzerin mit Künstlernamen Charlotte Bara, Schülerin des berühmten Tänzers Alexander Sacharoff. Auch die Familie Bachrach pflegte Kontakte zu Worpswede, wo sie sich zwischen 1914 und 1918 mehrmals aufgehalten hat.
In Ascona realisiert Weidemeyer schon in den ersten Jahren seines Aufenthaltes verschiedene Villen, wie die Häuser Haas (1928), Fontanelle (1928), Fritsch/Tutsch (1928), Rocca Vispa (1930), Andrea Cristoforo (1931) und die vorzügliche Villa Chiara (1935) für die Familie Oppenheimer, die bis heute vollständig erhalten ist. Gerade an diesem letzten Haus wird die formale Eleganz ersichtlich, die ein Element all dieser Bauten ist, und die einzigartige Aufmerksamkeit gegenüber der natürlichen Umgebung, in welcher sie errichtet sind. Diese Achtung weist uns, von einem anderen Gesichtspunkt her gesehen, auch auf die Auftraggeber dieser ausserordentlichen Villen in der Natur hin, denn diese sind alle für Freunde oder Bekannte aus dem Umkreis von Worpswede gebaut worden, für welche ein Leben im Einklang mit der Natur unabdingbar ist.
In Ascona ist Weidemeyer nicht nur als Architekt tätig, sondern auch als Maler, indem er seine Technik in Richtung eines nie komplett abstrakten Synthetismus entwickelt, wie von seinen vielen Bildnissen, Landschaften und Stillleben nachvollziehbar ist. Unter den verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten tritt er ausserdem auch als Pantomime und Theaterschauspieler auf, aber schon zu den Zeiten von Worpswede, Bremen und Willingen hatte er in der Erstellung wunderbarer Holzspielzeugen und anderer interdisziplinären Erfahrungen seine Vielseitigkeit bewiesen, die er in Ascona fortsetzt, als er mit Charlotte Bara und dem Schweizer Maler, Schriftsteller und Marionettenspieler Jakob Flach zusammenarbeitet.
Carl Weidemeyer hat so dazu beigetragen, die Geschichte der Künstlergemeinschaft von Ascona zu bereichern, in kultureller wie in architektonischer Hinsicht, mit einem Auge auf die Erhaltung der Natur, gleichzeitig den internationalen Ruf dieser magischen Ecke am Lago Maggiore bestätigend, wo der Architekt und Künstler bis zu seinem Tode, 1976, verweilt.
Mittwoch, den 13. März, um 18.30 Uhr, im Teatro San Materno anlässlich der Präsentation des Buches Carl Weidemeyer 1882-1976 von Frau Dr. Veronica Provenzale, neueste Ausgabe in der Reihe "Künstler des Museums". Ab 17.30 Uhr besteht die Möglichkeit die Ausstellung zu besuchen.
Museo Castello San Materno, Ascona
Carl Weidemeyer | Komposition | 1960-62 | Öl auf Leinwand | 41.5 x 60.5 cm | Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona | FCW 0-0-12
Carl Weidemeyer | Komposition | um 1963-65 | Buntstift und Pastell auf Papier | 25.5 x 39 cm | Fondazione Carl Weidemeyer, Ascona | FoCW 4291
Carl Weidemeyer | Reh | o.J. | Öl auf Leinwand | 74.5 x 59.5 cm | Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona | FCW 0-0-3
Carl Weidemeyer | o.T. | o.J. | Kaltnadelradierung auf Papier | 24 x 29.7 cm | Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona | FCW 3355
Carl Weidemeyer | Haus Rocca Vispa (Ascona) | 1930 | Fotografie s/w | 16.5 x 22.8 cm | Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona | FCW 16-8-2608
Mittwoch, den 13. März 2019, um 18.30 Uhr, Teatro San Materno, Ascona
Offizielle Vernissage der Ausstellung anlässlich der Präsentation des Buches Carl Weidemeyer 1882-1976 von Frau Dr. Veronica Provenzale, letzte Erscheinung in der Reihe "Künstler des Museums". Ab 17.30 Uhr besteht die Möglichkeit die Ausstellung zu besuchen.
Donnerstag, den 25. April 2019, um 18.30 Uhr, Teatro San Materno, Ascona
Vortrag des Kunsthistorikers Uwe Ramlow zum Thema 100 Jahre Bauhaus und Carl Weidemeyer. Ein Architekt zwischen Moderne, Lebensreform und der Vision vom „neuen Menschen“. Der Vortrag wird in deutscher Sprache gehalten.
Mit dem Teatro San Materno in Ascona schuf der Universalkünstler Carl Weidemeyer 1928 eine Ikone der modernen Architektur. Damit demonstrierte er selbstbewusst den Anschluss an die ästhetischen Errungenschaften der europäischen Moderne, die mit dem Bauhaus eine ihrer weltweit einflussreichsten Institutionen des 20. Jahrhunderts besass. Gleichsam entwickelte Weidemeyer seine Architektur aus den Idealen des modernen Ausdruckstanzes, der mit Charlotte Bara eine bedeutende Protagonistin vor Ort besass. Das Teatro San Materno avancierte mit seiner klaren und schnörkellosen Ästhetik zu einem prominenten „Tempel“ des Ausdruckstanzes. Die Vereinigung von Kunst und Leben gehörte nicht nur zum essentiellen Credo der neuen Tanzgeneration, sondern bildete auch den Kern der frühen Ideale des legendären Bauhauses. Der Vortrag fragt nach den Schnittstellen der Moderne zwischen Lebensreform, künstlerischen Konzepten und der Vision vom „neuen Menschen“.
Uwe Ramlow
1955 in Bremen geboren. Lebt seit 1999 in Weimar. Studium der Kulturwissenschaften, Kunstwissenschaften und Geschichte. Autor verschiedener Publikationen zur Kultur- und Architekturgeschichte (Insel-Suhrkamp-Verlag, Verlag Taschen, Emons-Verlag), Vorträge zur Geschichte der modernen Architektur u.a. für die Universität Ilmenau, Ernst-May-Gesellschaft Frankfurt am Main, Volkshochschule Zürich, Bauhaus-Weiterbildungsakademie Weimar, Führungen durch das Bauhausmuseum Weimar. Mehrere Jahre freier Mitarbeiter der Tessiner Zeitung, freier Mitarbeiter der Klassik Stiftung Weimar.