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Eisenmangel hat Inflation, könnte man meinen – die Kosten für die Behandlungen dieser Krankheit steigen auf jeden Fall Jahr für Jahr. Und ausserdem: die bewährte Behandlung mit Tabletten erhält immer häufiger Konkurrenz durch die teurere und risikoreichere Eiseninfusion. Sie können selten, aber extrem schwere Nebenwirkungen auslösen.
Über die Frage, bei welchen PatientInen Infusionen tatsächlich die bessere Lösung sein kann, ist eine medizinische Debatte entstanden, ausgelöst von einem viel kritisierten Bericht des Swiss Medical Boards. Dieses Experten-Gremium wollte Klarheit schaffen – und hat dabei das Gegenteil erreicht: eine heftige Debatte ist entstanden.
Worum geht es überhaupt bei Eisenmangel?
Allgemeine Zeichen von Eisenmangel sind muskuläre Schwäche und herabgesetzte Ausdauerleistung, Müdigkeit, kognitive Störungen (Konzentrationsschwäche, beeinträchtigte Lernfähigkeit, Gedächtnisstörung), Kopfschmerzen, Belastungsdyspnoe, Tachkardie, reduzierte Thermoregulation, Reizbarkeit (Stimmungsschwankungen) sowie Appetit auf Lehm und Erde.
Auf der Haut und den Schleimhäuten ist Eisenmangel erkennbar durch Blässe von Haut und Schleimhäuten (insbesondere der Konjunktiven in den Augen), Rillenbildung der Nägel, brüchige Nägel, Haarausfall, trockene Haut, Pruritus (Juckreiz auf Haut oder Schleimhaut), Aphthen (eine von entzündlichem Randsaum umgebene Schädigung der Schleimhaut des Zahnfleischs, der Mundhöhle einschließlich der Lippen, der Tonsillen oder der Zunge) und Mundwinkelrhagaden (entzündliche Veränderung der Mundwinkel).
Ursachen von Eisenmangel
Eisenmangel entsteht zumeist durch einen vermehrten Eisenverlust oder erhöhten Eisenbedarf, seltener durch Resorptionsstörungen.
Vermehrter Eisenverlust
Als Ursachen für zu tiefe Eisenwerte kommen Blutverlust im Magen-Darm-Trakt (Refluxösophagitis, Ulzera, Polypen, Ösophagusvarizen), Krebsgeschwüre, Menstruation, häufige Blutspende, Urogenitaltumoren) in Frage.
Erhöhter Eisenbedarf
Gründe für erhöhten Eisenbedarf können sein: Schwangerschaft (Stillperiode), Wachstum, Hochleistungs-Ausdauersport (v.a Langstreckenläufer), chronische intravasale Hämolyse, Vitamin B12-Therapie bei Vitamin B12-Mangelanämie.
Verminderte Aufnahme von Eisen
Und eine verminderte Aufnahme von Eisen kann folgende Gründe haben: inadäquate Zufuhr (z.B., bei Vegetariern), atrophische Gastritis, Achlorhydrie, Magenresektion, Malabsorption, Zöliakie/Sprue, bariatrisch Operierte, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.
Was tun gegen Eisenmangel?
Bereits ein latenter Eisenmangel (Eisenmangel ohne Anämie) kann zu Beeinträchtigungen führen und ist dann behandlungsbedürftig. Das Auftreten der Symptome hängt von der Dauer und Schwere des Eisenmangels ab. Interessant ist, dass es zwischen Müdigkeit und Anämie in der Bevölkerung keine eindeutige Beziehung gibt. Mit anderen Worten, nicht jede Müdigkeit ist eine Anämie und nicht jede Anämie führt zu Müdigkeit.
Eine vermehrte Eisenzufuhr kann gegen Eisenmangel vorbeugend wirken. Gute Eisenlieferanten sind Fleisch (rotes Muskelfleisch hat am meisten verwertbares Eisen), Leber, Hülsenfrüchte (Sojabohnen, Linsen, Kichererbsen), Nüsse und Samen (Pistazien, Mandeln, Haselnüsse, Sonnenblumenkerne, Leinsamen), Getreideprodukte (v.a. Vollkorn) sowie Gemüse und Kräuter (Petersilie, Brunnenkresse, Löwenzahn, Zwiebeln, Schwarzwurzel). Kochgeschirr aus Gusseisen erhöht übrigens den Eisengehalt der Speisen auch.
Durch eisenreiche „Diät“ kann einem Eisenmangel vorgebeugt werden, bei bestehendem Eisenmangel muss in der Regel zusätzlich mit Medikamenten «nachgeholfen» werden. Dabei gilt die Behandlung mit Tabletten weiterhin als Standard. Nur wenn diese vom Patienten nicht vertragen werden oder unzureichend wirksam sind, wird eine Eiseninfusion empfohlen.
Was sind die wichtigsten Kritikpunkte der Ärzte am Bericht des Swiss Medical Boards?
Unbestritten ist, dass zu tiefe Eisenwerte (Ferritin-Werte) zu Krankheitssymptomen führen können. Unbestritten ist auch, dass nur PatientInnen behandelt werden sollten, die auch Symptome verspüren. Ein tiefer Eisenwert alleine ist also noch kein Grund für eine Therapie.
Anlass zur Kritik am Bericht geben vor allem drei Aspekte:
- Im Bericht heisst es, dass bei schwerem Eisenmangel eine Infusion gegenüber der Behandlung mit Eisentabletten vorzuziehen sei, weil diese rascher wirke. Deshalb sei sie trotz höherer Kosten oft die günstigere Lösung. Diese Aussage ist umstritten: Viele Ärzte sind nämlich überzeugt, dass bei den allermeisten Fällen von Ferritin-Mangel auch eine Behandlung mit Tabletten ausreichend wirksam sei, auch bei sehr schweren Fällen. Eine Eiseninfusion sei nur bei Unverträglichkeit oder bei fehlender Wirkung angezeigt. Diese Empfehlung findet sich interessanterweise sogar auf den Beipackzetteln der Infusionen, nicht aber im Bericht des Swiss Medical Boards.
Felix Huber, ärztlicher Leiter von mediX zürich, sagt deshalb dazu: «Wenn man den Bericht liest, wird man leicht ärgerlich und hat das Gefühl, es handle sich dabei um eine Verkaufsförderungsaktion für Eiseninfusionen.» Der Bericht sei gemäss Huber unklar formuliert, lasse viele Fragen offen und berücksichtige die Nebenwirkungen der Infusion zu wenig. In seltenen Fällen sei es nämlich zu schweren allergischen Schocks gekommen.
- Andere Experten weisen auf das Fehlen von Aussagen zu Richtwerten hin, bei denen eine Behandlung mit Infusionen sinnvoll sein könnten. Auf die Frage, ab welchen Ferritin-Werten eine Infusionsbehandlung allenfalls angezeigt sein könnte, geht der Bericht nämlich gar nicht ein, obwohl heute in der ärztlichen Praxis sehr unterschiedliche Grenzwerte angewendet würden und eine Klärung in dieser Frage sehr erwünscht wäre.
- Im übrigen bemängeln manche Ärzte die zu starke Fokussierung des Berichts auf die Therapie der Krankheit und zu wenig auf die Prävention. Besonders bei jungen Frauen sei nämlich neben der Menstruation die mangelnde Ernährung ein wichtiger Faktor für das Entstehen von Eisenmangel. Eine eisenhaltige Ernährung könnte dem Entstehen der Krankheit entgegen wirken und eine Behandlung mit Medikamenten in vielen Fällen unnötig machen.
Anzufügen bleibt noch, dass sich die Kosten für die Behandlung von Eisenmangel bei den Krankenkassen innert weniger Jahren verdreifacht haben. Die Frage, welche Therapie die richtige ist und wie die Prävention verbessert werden kann, ist daher nicht unerheblich für die Kostenentwicklung im Schweizer Gesundheitswesen.
Den Bericht vom SRF Wissenschaftsmagazin, sorgfältig recherchiert von Odette Frey, können Sie hier in voller Länge hören.
mediX-Praxen orientieren sich bei der Behandlung von Eisenmangel an den mediX-eigenen medizinischen Guidelines, die Sie hier als PDF downloaden (Guidelines Eisenmangel) können. Für medizinische PraxisassistentInnen gibt es ausserdem hier das PDF des Merkblatts Eiseninfusion.