Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03448.jsonl.gz/295

15/7/2012
Das Wimbledon-Turnier 2012 sorgte gleich für mehrere denkwürdige Geschichten und Ereignisse, welche in die Tennishistorie eingehen werden. Es war ein Turnier, das vielen noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Federer gewinnt zum 7. Mal in Wimbledon und kehrt zurück an die Weltranglisten-Spitze
2003 gewann Federer zum ersten Mal in Wimbledon - gleichzeitig sein erster Erfolg bei einem GS-Turnier. Es war der Beginn einer unglaublichen Karriere. Federer reihte Sieg an Sieg, brach Rekord um Rekord und war über Jahre die unangefochtene Nummer 1. Sein letzter Triumph bei einem GS-Turnier datierte jedoch vom Januar 2010 - seither war Federer oft nahe dran, scheiterte jedoch an seinen jüngeren Widersachern wie Rafael Nadal oder Novak Djokovic. Öfters war in der Presse zu lesen, dass Federers Zeit für die ganz grossen Titel abgelaufen sei. Mit über 30 werde er keinen GS-Titel mehr gewinnen und die Spitze der Weltrangliste nochmals zu erklimmen, sei ausser Reichweite. Nicht zum ersten Mal wurde Federer abgeschrieben.
Doch Federer hat es allen - und speziell seinen Kritikern - eindrücklich gezeigt. Mit seinem Finalerfolg über den Schotten Andy Murray in einer hochklassigen Partie gewann Federer den Wimbledon-Titel zum 7. Mal und kehrte damit gleichzeitig an die Spitze der Weltrangliste zurück. Doch bis es so weit war, hatte Federer in Wimbledon einige bange Momente zu überstehen...
In Runde 3 traf er auf den Franzosen Julien Benneteau und fand seinen Rhythmus lange überhaupt nicht. Er verlor die ersten beiden Sätze und in Satz vier war der Franzose verschiedentlich ganz nahe an der faustdicken Sensation und nur noch zwei Punktgewinne vom Sieg entfernt. Doch Federer blieb auch in diesen Phasen äusserlich ruhig, schaffte es irgendwie in den Tie-Break und konnte diesen hauchdünn mit 8:6 für sich entscheiden. Danach musste Benneteau dem kräfteraubenden Spiel Tribut zollen und war in Satz 5 chancenlos. Nach der Partie zeigte sich Benneteau tief beeindruckt von Federers mentaler Stärke: "Er ist in mentaler Hinsicht ein Fels. Er liegt mit 0:2 Sätzen zurück und lässt sich nichts anmerken. Wenn du auch nur ein wenig nachlässt, packt er die Möglichkeit und dreht die Partie."
Im Achtelfinale kam es zur Begegnung mit Xavier Malisse. Bald einmal war ersichtlich, dass Federer körperlich beeinträchtigt und in seinen Bewegungen eingeschränkt war. Er musste sich behandeln lassen und war wohl heilfroh, dass die Partie nach dem ersten Satz wegen Regens unterbrochen wurde. Auch in der Folge spielte er verhalten, taktisch indes enorm clever, währenddem Malisse irgendwie gehemmt wirkte, angesichts der unerwarteten Chance, welche sich ihm plötzlich bot. Und so fand Federer einen Weg die Partie in 4 Sätzen für sich zu entscheiden und ins Viertelfinale einzuziehen. Die Frage indes blieb, wie es körperlich weitergehen und ob sein Rücken wieder voll belastungsfähig sein würde.
Aufatmen dann zwei Tage später: Federer präsentierte sich in der Partie gegen Mikhail Youzhny bestens erholt und spielte zum ersten Mal im Verlaufe des Turniers hervorragendes Tennis. Gerade rechtzeitig zeigte die Formkurve steil nach oben, denn im Halbfinale wartete anschliessend der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic. Interessanterweise war es das erste Aufeinandertreffen zwischen den beiden auf Rasen.
In den ersten beiden Sätzen gab es kaum längere Ballwechsel. Nach nicht einmal einer Stunde hatten beide Spieler je einen Satz deutlich für sich entschieden. Satz 3 war dann der umstrittenste, Federer mit leichten Vorteilen und überraschenderweise mit weniger unerzwungenen Fehlern als Djokovic. Mit seiner fünften Breakchance realisierte Federer schliesslich das entscheidende Break zum Satzgewinn bei 5:4 und war fortan nicht mehr aufzuhalten.
Das Finale bot eine packende Affiche: Auf der einen Seite Andy Murray, der sich in Wimbledon zum ersten Mal für das Finale qualifiziert hatte. Der "local hero", der noch nie ein GS-Turnier für sich entscheiden konnte und als erster Brite seit 1936 (Fred Perrys letztem Erfolg) die Möglichkeit hatte das Turnier zu gewinnen. Auf der anderen Seite Roger Federer, der das Turnier bereits 6-mal gewinnen konnte, mit einem weiteren Titel den Rekord von Pete Sampras egalisieren konnte und bei einem Erfolg wieder die Nummer 1 sein würde. Zudem würde er damit einen weiteren Rekord von Sampras übertreffen und derjenige Spieler werden, der die meisten Wochen die Nummer 1 der Welt war. Die Frage war deshalb, wie die beiden Spieler mit dieser Situation umgehen würden. Konnten sie das alles ausblenden und sich aufs Spiel konzentrieren?
In beiden Fällen kann die Frage mit einem JA beantwortet werden. Das Finale bot herausragendes Tennis auf allerhöchstem Niveau. Nach einem Fehlstart hatte Federer danach leichte Vorteile in Satz 1, verlor diesen dann jedoch mit 4:6. In Satz 2 spielte Murray noch stärker und war nahe an einer 2:0 Satzführung. Federer wehrte in extremis Breakchancen ab und spielte bei 6:5 Führung ein sensationelles Returngame, das ihm den Satzausgleich brachte. Zu Beginn des dritten Satzes musste die Partie unterbrochen werden und wurde bei geschlossenem Dach fortgesetzt. Fortan gelang es Federer das Spiel zunehmend zu bestimmen gegen einen bis zuletzt aufopferungsvoll kämpfenden Andy Murray. Nach 3 Stunden und 24 Minuten verwandelte Federer seinen 2. Matchball - welch eine Leistung, die er vollbracht hatte gegen einen Gegner, der ihm alles abverlangte. Der in gewissen Kreisen als zu "alt" abgestempelte, beeindruckte insbesondere durch eine sensationelle Beinarbeit und bewegte sich leichtfüssig und wieselflink über den "heiligen Rasen" von Wimbledon. Mindestens so beeindruckend ist zudem, wie Federer mit diesen Hindernissen umgegangen ist, welche sich ihm in den Weg stellten. Er liess sich durch nichts aus der Ruhe bringen und verlor nie den Glauben an seine Chance und an seine Fähigkeiten.
Kürzlich wurde im Schweizer Fernsehen eine Dokumentation über Federer ausgestrahlt. Der Titel: "Roger Federer - spirit of a champion"...
Die Rückkehr von Serena Williams
Im Juli 2010 gewann Serena Williams in Wimbledon ihren 13. GS-Titel. Damals war sie die dominierende Spielerin auf der Tour und führte die Weltrangliste an. Doch kurz darauf wurde ihre Dominanz jäh gestoppt. Abseits des Tenniscourts erlitt sie eine gravierende Fussverletzung und als diese auskuriert war, wurde kurz darauf bei ihr eine Lungenembolie diagnostiziert - siehe auch den Bericht zum Damenturnier bei den US Open 2011.
Im Jahre 2012 spielte Serena Williams im Vorfeld der French Open eine grossartige Sandplatzsaison. In Charleston und in Madrid deklassierte sie ihre Konkurrenz und liess Spielerinnen wie Sharapova, Azarenka oder Stosur nicht den Hauch einer Chance. So reiste sie als eine der Topfavoritinnen nach Paris, um dann zum ersten Mal in ihrer Karriere in Runde 1 eines GS-Turniers sensationell auszuscheiden.
Wie würde sie darauf nur einige Wochen später reagieren? Hatte sie sich davon erholt? - Nach zwei einfachen Auftaktsiegen traf Williams in Runde 3 auf Jie Zheng, eine gefährliche Rasenspielerin. Bei eigenem Aufschlag war Serena unantastbar, doch beim Return offenbarte sie grosse Schwächen. So verlor sie den ersten Satz im Tie-Break, steigerte sich dann in Satz 2 deutlich, um den Satzausgleich zu realisieren. Satz 3 war dann ein Hitchcock - beide Spielerinnen hielten ihren Aufschlag bis Williams beim Stande von 7:7 das entscheidende Break gelang und wenig später als Siegerin feststand. Die Erleichterung war ihr anzusehen. Nicht gut gespielt, doch mit eisernem Willen die Partie letztlich doch noch gewonnen. Irgendwie war zu spüren - dieser Sieg war enorm wichtig für ihr Selbstvertrauen. Nun ist Serena Williams richtig im Turnier angekommen und wird nur noch schwer zu stoppen sein...
Leichter wurde es danach jedoch keineswegs, hatte Serena doch eine sehr schwierige Auslosung erwischt. Im Achtelfinale traf sie auf die sich in blendender Form befindende Yaroslava Shvedova. Abermals eine ganz enge Partie und wiederum behielt Serena im dritten Satz mit einem 7:5 knapp die Oberhand. Im Viertelfinale wartete mit Petra Kvitova die Vorjahressiegerin, doch nun hatte die Amerikanerin den Tritt endgültig gefunden. Weiterhin schlug sie hervorragend auf und in den Ballwechseln war sie nun viel sicherer und variabler als noch in der Partie gegen Jie Zheng. Auch äusserlich war ein Wandel sichtbar: Williams wirkte viel ruhiger, fokussierter und hatte mehr Vertrauen in ihre Schläge. Sie gewann die Partie in zwei Sätzen und traf anschliessend im Halbfinale auf die Weltranglistenzweite Victoria Azarenka. Für viele das vorweggenommene Finale. In Satz 1 hatte Serena klar die Oberhand und auch in Satz 2 gelang ihr ein frühes Break. Doch dann verkrampfte sie sich, kassierte das Re-Break und beanspruchte auch etwas Glück, damit sie die Partie im Tie-Break des zweiten Satzes doch noch mit 8:6 für sich entscheiden konnte. Diesen Eindruck bestätigte sie auch im Interview nach der Partie: Ja, sie sei nervös geworden und es sei ihr einfach nicht mehr gelungen sich zu entspannen.
Im Finale traf Serena Williams auf die Polin Agnieszka Radwanska, die Weltnummer 3, welche in ihrem Stil etwas an Martina Hingis erinnert und mit einem Finalerfolg gar die Nummer 1 der Welt hätte werden können. Doch Williams galt als klare Favoritin für das Finale und wurde dieser Rolle auch gerecht. Satz 1 war eine glasklare Sache und es zeichnete sich ein kurzes Endspiel ab. Doch ab Mitte des zweiten Satzes zeigte Serena plötzlich Nerven, reihte Fehler an Fehler und brachte ihre Gegnerin zurück ins Spiel. Plötzlich war der Satzausgleich da. Imponierend wie sich Serena dann jedoch wieder fangen konnte, zu ihrem Spiel zurück fand und Satz 3 wiederum dominierte.
Und so konnte eine freudestrahlende Serena Williams am Samstag-Nachmittag, des 7. Juli zum fünften Mal die Siegertrophäe in die Höhe stemmen. Wie im Falle von Federer war es ihr erster Titel bei einem GS-Turnier mit über 30 Jahren. Ihr erster Titel stammt übrigens aus dem Jahre 1999, als sie Martina Hingis im Finale der US Open bezwingen konnte. Welch eine Karriere!
Wenige Stunden später gewann Serena Williams an der Seite ihrer Schwester Venus auch die Doppelkonkurrenz.
"Golden-Set" von Yaroslava Shvedova
In der dritten Runde kam es in der Begegnung zwischen der Kasachin Yaroslava Shvedova und der Italienerin Sara Errani zu einem historischen Spielverlauf. Wochen zuvor hatte Errani bei den French Open überraschend das Finale erreicht und stiess mit diesem Erfolg in die Top 10 vor. Doch gegen Shvedova sollte sie ein Debakel erleben...
Shvedova gewann den ersten Satz in 15 Minuten mit 6:0 und gab dabei keinen einzigen Punkt ab - sprich: das Punkteergebnis lautete, so unglaublich es klingen mag, 24:0!!! Shvedova reihte Winner an Winner und schaffte damit etwas, was noch nie zuvor einer Spielerin seit der Open Ära (Zulassung der Profis im Jahre 1968) gelungen war. Der nachfolgende Videolink zeigt im Schnelldurchlauf, wie es dazu kam:
Satz 1 Shvedova - Errani
Shvedova realisierte erst nach der Partie, was ihr da gelungen war. Selbst hatte sie das Gefühl einen sehr guten ersten Satz gespielt zu haben. Angesprochen darauf, warum es derzeit bei ihr so gut laufe, antwortete sie: "It's about confidence..."
Was weiter interessant ist und zusätzlich belegt, dass Shvedova eine Spielerin mit grossen Schwankungen ist, ist der folgende Umstand. Schon vor ihrem "Golden Set" hielt sie den Rekord für die meisten Punkte am Stück. In der Partie gegen Amy Frazier aus dem Jahre 2006 gewann sie die ersten 23 Punkte der Begegnung und stand einen einzigen Punkt vor dem "Golden Set". Fast nicht zu glauben, dass sie dann die Partie jedoch völlig aus der Hand gab und schlussendlich sang- und klanglos unterging. Das seltsam anmutende Ergebnis lautete damals 6:1, 0:6 und 0:6.
Sensation im Herren-Doppel
Zu einer der grössten Überraschungen der Tennisgeschichte kam es im Doppelbewerb der Herren. Der Titel ging an das britisch-dänische Duo Jonathan Marray/Frederik Nielsen, welches mit einer Wild-Card an den Start ging. Die beiden hatten zuvor erst einmal gemeinsam an einem Turnier teilgenommen. Frederik Nielsen hatte bis Wimbledon keine einzige Partie an einem GS-Turnier gewinnen können und auch Jonathan Marray agierte zumeist erfolglos.
In Wimbledon sollte jedoch alles ganz anders werden. Die beiden "Nobodies" standen in Runde 1 kurz vor dem Aus, als sie doch noch den fünften Satz mit 7:5 gewannen. Es folgten in Runde 3 und im Viertelfinale weitere knappe 5-Satz-Erfolge, bevor sie im Halbfinale auf die als übermächtig geltenden Bryan-Brothers trafen. Doch Marray/Nielsen, mit 31 resp. 28 Jahren wahrlich keine aufstrebenden Talente mehr, waren nicht mehr zu stoppen und sorgten mit dem Titelgewinn für ein Tennismärchen, das zeigt, was alles möglich sein kann - als "chancenlose" Aussenseiter gestartet, grüssten die beiden plötzlich als Wimbledon-Sieger!
Die Geschichte von Brian Baker
...und dann gibt es noch die verblüffende Geschichte von Brian Baker, einem 27-jährigen Amerikaner. Einst ein hoffnungsvoller Junior, der die Orange Bowl im Jahre 2002 gewann und die Nummer 2 der Junioren-Weltrangliste wurde, war seine Profitenniskarriere aufgrund etlicher Verletzungen eigentlich abgeschlossen. Im Jahre 2005 gewann er sogar u.a. gegen Novak Djokovic und schien auch bei den Profis Tritt fassen zu können, bis ihn eine Hüftverletzung am Ende des Jahres jäh stoppte. Es folgten mehrere Operationen und nur noch sporadische Auftritte bei Turnieren. 2008 zog er die Konsequenzen, beendete seine Laufbahn, begann ein Studium und arbeitete nebenher als Tennistrainer an einer Universität.
Drei Jahre später beschloss Brian Baker es doch nochmals zu versuchen und seinen Traum zu verwirklichen. Zu seiner Entscheidung sagte er: "Ich wollte nicht später zurückblicken und mich ärgern, dass ich es nicht noch einmal versucht habe." Ohne in der Weltrangliste geführt zu werden, nahm er in Pittsburgh an einem sog. "Future-Turnier" teil, gewann dieses ohne Satzverlust und erhielt dafür 18 Weltranglistenpunkte. Am Ende des Jahres hatte er sich auf Position 456 vorgearbeitet und was das Wichtigste war: der Körper hielt den Belastungen stand.
Unmittelbar vor den French Open sorgte Baker für Aufsehen, als er beim Turnier in Nizza völlig überraschend das Endspiel erreichte und auf dem Weg Spieler wie Gael Monfils oder Nikolay Davydenko bezwang. Für die French Open erhielt er eine Wild-Card und verlor in Runde 2 nur knapp in 5 Sätzen gegen die Setznummer 12, Gilles Simon. Noch besser sollte es wenig später in Wimbledon laufen. Brian Baker überstand die Qualifikation und nach drei weiteren Erfolgen im Haupttableau stand er plötzlich im Achtelfinale des bedeutendsten Tennisturniers. Endstation war dann der Deutsche Philipp Kohlschreiber. Vor einem Jahr noch ohne Ranking, stiess Baker mit diesen Erfolgen in die Top 100 der Weltrangliste vor und wurde am 9. Juli auf Position 76 der Rangliste geführt.
Auch für die Topspieler ein beinahe unfassbares Comeback:
Andy Roddick meinte dazu: "Es gibt Spieler, die waren sechs Monate verletzt und hatten ein schwieriges Comeback. Aber er war sechs Jahre verletzt, ich kann das nicht glauben".
Und Federer: "Wow, das ist eine unglaubliche Geschichte".
Auch Baker selbst nahm in seinen Interviews den Begriff "unglaublich" öfters in den Mund, meinte jedoch auch: "Ich hatte immer Vertrauen in meine Fähigkeiten. Nur mein Körper wollte nicht."