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Ludovic Ravanel ist ein französischer Gletscherexperte, Wissenschaftler und Bergführer bei der Chamonix Guides Company. Die Liebe zu Gletschern und die Leidenschaft für die Natur liegen in seiner DNA, denn er ist im Chamonix-Tal aufgewachsen und tritt die Nachfolge mehrerer Generationen von Bergführern an, darunter sein Vater. Heute widmet sich Ludo in seiner Arbeit als Bergführer und Wissenschaftler am EDYTEM (Laboratory of Environments, Dynamics and Mountain Territories) ganz der Erforschung von Hochgebirgsregionen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Für i-vest sind wir Ludo auf einem steilen Bergpfad gefolgt und haben mit ihm über die Folgen des Klimawandels gesprochen und wie man mit Impact Investing etwas fürs Klima tun kann (ja, es gibt Hoffnung).
Ludo, du bist Glaziologe und Geomorphologe. Wie bist du zu diesem Beruf gekommen?
Ich habe die Berge schon immer geliebt und schon in jungen Jahren war für mich klar, dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte. Um das tun zu können, habe ich in Chambéry an der Université Savoie-Mont-Blanc in Frankreich studiert. Zunächst habe ich meinen Masterabschluss gemacht in einem Programm, das sich mit der Entwicklung von Felswänden in den Alpen in grosser Höhe beschäftigt hat. Nach meinem Abschluss blieb ich noch drei weitere Jahre an der Universität, um meine Doktorarbeit abzuschliessen. Das Thema meiner Doktorarbeit war der Evolution der Felsen und des Eises in Zusammenhang mit der globalen Erwärmung gewidmet.
Meine ersten Jobs waren danach in Lausanne und in Zürich. Aber nach einer Weile hatte ich es satt, immer von meiner Familie getrennt zu sein. Ich bin in Chamonix stark verwurzelt und stamme aus einer sehr alten Familienlinie. Also kam ich zurück und arbeitete zwei Jahre lang als Direktor des Risikopräventions- und Bergrettungsdienstes in Chamonix. Aber ich vermisste es wirklich nach einer Zeit, wissenschaftlich zu arbeiten. Also machte ich eine Prüfung, um in das französische CNRS, das Zentrum für Forschung in Frankreich, einzutreten – und ich hatte Erfolg. So wurde ich Forscher und Bergführer. Heute lebe ich in Chamonix und arbeite in Chambéry.
Du bist also quasi auf dem Gletscher aufgewachsen. Wie haben sich die Gletscher seit deiner Kindheit verändert?
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind mit meinem Vater auf den Gletscher geklettert bin. Es war der Bossons-Gletscher. Seit den 80er Jahren hat er sich um 1,2 Kilometer zurückgezogen, was kein Einzelfall ist. Inzwischen schrumpfen alle Gletscher.
Ludo geht während des Interviews auf dem Bergpfad mit festen, kundigen Schritten voran. Der Blick auf das verschwindende Mer de Glace macht den Klimawandel während der Wanderung greifbar. Wir kommen an verschiedenen Schildern vorbei, auf denen steht: „Stand des Gletschers im Jahr 1990“, oder davor. Trotzdem bleibt die Stimme von Ludo immer klar und seine Antworten sachlich. Er zeigt keine Emotionen angesichts des Verlusts einer seiner liebsten Umgebungen. Dabei bedeutet der Verlust der Gletscher auch den Verlust einer Erinnerung für ihn, da er schon als Kind mit seinem Vater auf die Gletscher gestiegen ist.
Du hast uns vorhin gesagt, dass sich die Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts um vier bis acht Grad erwärmen könnten und dass wir in 50 Jahren kein Eis mehr vom Montenvers sehen werden. Glaubst du, dass es noch Hoffnung gibt?
Mit der globalen Erwärmung stehen wir vor einer grossen Krise, die mit vielen katastrophalen Ereignissen einhergehen wird. Aber wir können immer noch daran arbeiten, sie abzumildern. Wir haben viele Möglichkeiten, die globale Erwärmung zu verlangsamen, was auch die Auswirkungen weniger dramatisch machen wird. Wir werden die Klimakrise nicht aufhalten können. Aber wir können vielleicht die schlimmsten Folgen noch vermeiden.
Was sind die wichtigsten Schritte, um gegen die globale Erwärmung vorzugehen?
Es gibt viele Möglichkeiten, etwas für das Klima zu tun und die Emissionen im Vergleich zum jetzigen Stand zu verringern. Zunächst müssen wir unser Konsumverhalten ändern. Wir müssen unsere Denkweise verändern und anfangen, weniger zu konsumieren, weniger zu kaufen und auch weniger zu reisen. Wenn wir konsumieren, müssen wir darüber nachdenken, was und woher wir kaufen. Muss es aus einer Fabrik in China sein, oder können wir auch lokal kaufen?
Zuallererst müssen wir aber unsere Denkweise ändern. Wir sind heute mehr darauf fokussiert, Geld anzuhäufen, als unseren Planeten, der unser Zuhause ist, zu schützen. Jeder und jede ist so sehr auf sich selbst fokussiert, aber warum? Für mich spielt das keine Rolle.
„Ich denke, dass das inflationäre Reisen, ohne seine eigene Heimat zu kennen, eines der wichtigsten Probleme dieses Jahrhunderts ist.“
Wie können Investorinnen und Investoren die Welt zum Besseren beeinflussen?
Viele Menschen wissen nicht, dass wir mit unserem Geld auch etwas gegen die Erderwärmung tun können. Wenn unser Geld auf einer herkömmlichen Bank liegt, verursacht es die meiste Zeit nur Umweltverschmutzung. Viele Banken lieben noch immer Gas und Öl für ihre Anlagen – aber nicht alle. Indem wir die Bank wechseln, können wir den Impact unseres Geldes verändern. Es gibt solche Banken, die nicht nur an die Rendite denken, sondern auch daran, wie sie soziale und ökologische Probleme lösen können.
Was bedeutet es für dich, wohlhabend zu sein?
Hier in Chamonix sind wir alle mit den Bergen verbunden. Ich bin glücklicher, wenn ich in den Bergen bin, als wenn ich viele Dinge zu Hause habe. Ich ziehe ein einfaches und gesundes Leben vor und muss nicht alles haben und überall hinreisen. Ich denke, dass das inflationäre Reisen, ohne dass man seine eigene Heimat kennt, eines der wichtigsten Probleme dieses Jahrhunderts ist. Das Narrativ unserer Gesellschaft ist, dass wir alles gesehen haben müssen und alles besitzen sollen. Aber letztendlich kann man viele sehr interessante Dinge nicht weit von seinem Zuhause entfernt finden und sein eigenes Land entdecken.
Das Eis ist wie ein Umweltgedächtnis. Mit dem Verlust der Gletscher verlieren wir die Erinnerung an die Geschichte der Erde.
Was hast du von den Gletschern gelernt?
Wir lernen viele Dinge von den Gletschern. In ihrem Eis sind uralte Informationen über den Klimawandel, die Umweltverschmutzung und viele andere Parameter gespeichert. Das Eis ist wie ein Umweltgedächtnis. Mit dem Verlust der Gletscher verlieren wir die Erinnerung an die Geschichte der Erde. Ist das Eis weg, werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mehr in der Lage sein, daraus Informationen über die Vergangenheit zu extrahieren. Das Abschmelzen der Gletscher ist also nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein wissenschaftliches Problem. Dies wird auch den Blick nach vorne beeinflussen. Denn wenn man die Entwicklung des Eises kennt, kann man auch die Zukunft bis zu einem gewissen Grad vorhersagen.
Im 20. Jahrhundert stieg die durchschnittliche Oberflächentemperatur um etwa 0,6 Grad Celsius. Für dieses Jahrhundert prognostizierst du einen unglaublichen Temperaturanstieg von vier bis zehn Grad Celsius. Wie wird die Welt aussehen, wenn das passiert?
Wenn wir hier Temperaturen haben, die sechs, acht oder zehn Grad höher sind als heute, wird sich die Situation für die Alpenbevölkerung völlig verändern. Aber natürlich nicht nur für sie, sondern für alle Menschen. Grosse Teile der Erde sind eng mit dem Wasser verbunden, das von den Gletschern kommt.
Heute ist zum Beispiel die Schweiz auf Elektrizität aus den Gletschern angewiesen, ein großer Teil kommt aus Wasserkraft. Dann gibt es noch das Trinkwasser. Auch das könnte in Zukunft eine knappe Ressource sein.
Das ist in der Tat ein beängstigendes Szenario.
Nimm als Beispiel die Rhone, die in der Schweiz beginnt und im Mittelmeer endet. Etwa ein Drittel der Wassermenge des Flusses kommt aus Gletschern. Wenn wir die Gletscher verlieren und dazu noch die sommerlichen Hitzewellen kommen, wird die Rhone nur noch ein Drittel dessen sein, was sie jetzt ist. Das wird nicht ausreichen, um uns mit frischem Wasser zum Trinken, für landwirtschaftliche Aktivitäten und so weiter zu versorgen.
So gesehen ist die Menschheit also wirklich von den Gletschern abhängig.
Ja, das stimmt.
Gibt es eine Möglichkeit, das Eis zurückzubringen? Zum Beispiel, es wieder aufzubauen?
Nein, das ist nicht möglich. Wir können nur die Umweltverschmutzung reduzieren.
Du hast drei Kinder. Wie siehst du deren Zukunft?
Ich habe Angst, dass es für die nächsten Generationen immer schwieriger sein wird. Wir hier haben Glück, weil wir in einer Hochgebirgsregion leben, wo das Leben auch bei höheren Temperaturen noch möglich sein wird. Ich denke, dass die Menschen in Zukunft immer höher ziehen und in alpinen Gebieten leben werden.
Wann ist deine nächste Gletscher-Tour?
Gleich morgen. Diesmal werde ich eine Gruppe von Kindern auf den Gletscher führen. Wir werden gemeinsam die Entwicklung des Gletschers messen. Sie werden verstehen können, wie schnell der Gletscher schon heute schmilzt und wie schnell das in Zukunft gehen wird. Zudem möchte ich die Tatsache unterstreichen, dass wir die Gletscher brauchen. Dies ist die nächste Generation, also muss man da sensibel sein. Sie müssen Lösungen kennen. Und ich habe das Gefühl, dass sie in der Lage sind, das zu verstehen.
Merci, Ludo, das war wirklich interessant! Mach weiter so mit deiner tollen Arbeit.
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