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Laut einer Zählung der Uno gibt es in der kenianischen Hauptstadt 168 Elendsquartiere – nirgendwo sonst in Afrika wohnen so viele Menschen in Slums. Aber nicht alle, die in Nairobis grösstem Slum Kibera leben, wollen dort einfach weg.
Ein Freitag um viertel vor 6 Uhr in der Früh. Der Latrinenreiniger Samson Muli weiss noch nicht, dass es in der Nacht geregnet hat. Er schläft. Auch DJ Ramosh schläft noch, er hatte die Nacht frei. Für die Tausenden aber, die in vollkommener Dunkelheit aus dem grössten Slum Afrikas strömen, kann ein Tag kaum schlechter beginnen. Die Erde ist zu einem Sumpf aufgeweicht. Plastikfetzen, die in Schichten den Boden bedecken, sind zur Rutschbahn geworden. Kein Licht warnt vor Steinbrocken und steilen Abhängen. Erst am Rand des Slums führen befestigte Strassen hinaus in die besseren Viertel Nairobis. Obwohl hier Busse in alle Richtungen fahren, sparen viele FrüharbeiterInnen die dreissig Schilling und gehen zu Fuss zu ihren Arbeitsplätzen, um als Putzfrauen, Gärtner, Verkäuferinnen, Wachleute zu arbeiten. Oder sie gehen zu Sammelstellen, wo sie vielleicht für einen Tagesjob in einer Fabrik oder auf dem Bau angeheuert werden. Zwei Drittel der BewohnerInnen Nairobis, mindestens 1,5 Millionen Menschen, leben in Slums wie Kibera.
Auch die Schülerin Lilian Otieno ist bereits unterwegs. In ihrer improvisierten grauen Schuluniform duckt sie sich unter niedrigen Wellblechdächern, zieht in engen Gassen die schmalen Schultern zusammen, springt über Fäkalienbäche, die im Dunkeln nur zu ahnen sind. Von Zeit zu Zeit schlägt sie ihre Schuhe an einen Stein, um Erdklumpen abzuschütteln. Das wirkt sinnlos, weil sie gleich wieder im Matsch versinkt, aber es gelingt ihr, in der Schule mit weissen Socken anzukommen. Für ihre Reinlichkeit erhielt sie in der Ayani High School am Nordrand von Kibera einmal sogar eine Auszeichnung: ein Paket Schulhefte. Die Sechzehnjährige ist ehrgeizig, sie will Medizin studieren und dann in das vornehme Stadtviertel Lavington ziehen. «Ich bin immer als Erste oder als Zweite da», sagt sie und verschwindet hinter dem Tor zum Schulhof. Bis zum späten Nachmittag wird Lilian hier bleiben.
Fliegende Toiletten
Um sieben Uhr wacht Samson Muli, der Latrinenreiniger, auf und schlüpft in ein frisches Hemd. Er hat gerade Wasser in einen Topf gekippt und schwarzen Tee, Zucker und Milch dazugemischt, als das Stövchen erlischt. Das Paraffin ist zu Ende. Sohn Maunda wird geschickt, ein paar Löffel Öl zu kaufen. Mulis Ehefrau Beatrice schaut sorgenvoll: «Heute gibt es für die Kinder Schläge mit dem Rohrstock», sagt sie. So wird in der Schule Zuspätkommen bestraft. Aber ohne Tee lässt sie die Kinder nicht gehen. Also giesst der Vater das ungekochte, lauwarme Gemisch in Blechtassen. «Trinkt schnell», befiehlt er sanft mit einer tiefen Stimme, die nicht zu seiner schmächtigen Gestalt passt. Dazu drückt er jedem der drei Kinder zwischen fünf bis acht Jahren einen Mandazi in die Hand, einen dreieckigen Krapfen, fast so gross wie ein Kindergesicht. Die Eltern essen nichts; die Haushaltskasse erlaubt an diesem Tag keine weiteren Ausgaben.
«Wenn Sie die Antwort wissen», ertönt eine Stimme aus dem Radio, «rufen Sie an und gewinnen Sie 1000 Schilling.» – «Weisst dus?», fragt die dreissigjährige Frau Muli ihren zwölf Jahre älteren Mann leise. 1000 Schilling sind zwei Monatsmieten. Er weiss die Antwort nicht, und wenn er sie wüsste, könnte er nicht anrufen – er besitzt kein Telefon.
Wie die meisten BewohnerInnen von Kibera leben die Mulis in einem einzigen Raum von zehn Quadratmetern. Er reiht sich mit acht weiteren Räumen Wand an Wand um einen kleinen Hof. Der Boden ist festgetretene Erde, die Wände bestehen aus Lehm, das Dach aus Wellblech. Sie haben sich zu fünft hier eingerichtet; das älteste Kind wächst bei den Grosseltern auf dem Land auf, so spart man Kosten und Platz. Ein Vorhang verdeckt das Bett der Eltern, im vorderen Teil steht das schmale Bett, das sich die drei Kinder teilen. Drei Stühle, von denen die hellblaue Farbe abblättert, ein Tisch, eine Kochecke mit Töpfen und Eimern. Das Plumpsklo und einen Raum zum Waschen teilen sie mit vierzehn weiteren Familien.
Als Samson Muli 1984 aus dem 65 Kilometer entfernten Machakos auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Kibera ankam, hatte er nur eine «fliegende Toilette», wie bis heute viele der 800 000 BewohnerInnen. Sie verrichten ihre Notdurft in eine Plastiktüte und schleudern diese entweder auf ein vom eigenen Haus weit entferntes Dach oder auf eine der zahllosen Müllhalden mitten im Hüttenmeer.
Schwarze, Weisse, InderInnen
Das Wort Slum ist wie das, was es beschreibt, nicht leicht zu fassen. Bis heute streiten sich WissenschaftlerInnen um eine einheitliche Definition. Ursprünglich bezeichnete das Wort heruntergekommene, ehemals gute Wohnviertel. So beschrieb Friedrich Engels im 19. Jahrhundert die Slums in England, wo die industrielle Revolution zur Verwahrlosung der Innenstädte führte.
Nairobis Slums haben eine andere Geschichte. Als die britischen Kolonialherren im Jahr 1902 die kenianische Hauptstadt gründeten, wurden die Stadtviertel nach Herkunft zugeteilt: Schwarze, Weisse und InderInnen lebten getrennt. Für die Schwarzen war das auch schon alles, was es an Stadtplanung gab: Strassenbau, Verlegung von Wasser- und Abwasserleitungen, Ausbau des Stromnetzes – all das ging an ihnen vorbei.
Auch Kibera entstand durch Zuteilung. Nach dem Ersten Weltkrieg gab die britische Verwaltung einer Gruppe von ausgemusterten sudanesischen Soldaten ein Stück Land. Diese nannten es in ihrer nubischen Sprache «Wald» – Kibra. Heute erstreckt sich eine dichte Hüttenlandschaft über 2,5 Quadratkilometer, mittendrin mäandern Bahngleise und schneiden Kibera in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Die NachfahrInnen der Nubier betrachten bis heute das Land als ihren rechtmässigen Besitz, obwohl weder die britische noch die kenianische Regierung ihnen Eigentumsurkunden ausstellte.
Wie Samson Muli leben viele BewohnerInnen Kiberas schon lange hier und haben sich arrangiert. Nachbarn sind zu Freunden geworden, Familienangehörige sind nachgekommen. Doch die meisten träumen von einem Leben auf dem Land oder in einem der besseren Quartiere von Nairobi. «Wenn ich nur die Miete von 500 Schilling im Monat sparen könnte», sagt Muli, «das wären im Jahr 6000 Schilling! Dafür bekomme ich in meiner Heimat eine Kuh.»
Die Heimat im Slum
Unter den Jungen gibt es jedoch auch Leute wie den Hip-Hop-Musiker Refigah, der sagt: «Kibera ist Heimat, ich gehe nirgendwo anders hin.» Der 27-Jährige ist erfolgreich genug, er könnte sich woanders eine Wohnung leisten. «Wie soll ich das erklären? Hier ist es nie langweilig», sagt er. «Wenn ich Kibera zum Beispiel mit dem teuren Viertel Lavington vergleiche – ich bin sicher, da kennen die Leute nicht einmal ihren nächsten Nachbarn. Hier aber treffe ich immer jemanden und kann quatschen.»
Der Theater- und Filmautor Cajetan Boy identifiziert sich aus einem anderen Grund mit Kibera. Wie Refigah wuchs Boy in einem besseren Teil Kiberas auf, in einem Steinhaus, in dem es manchmal Strom gab. «In meiner Schule, sie lag in einem reichen Vorort, habe ich mich immer geschämt. Dort haben alle auf die Leute aus Kibera herabgesehen. Ständig habe ich beteuert: Ich komme nicht aus dem Slum-Kibera, ich komme aus dem guten Kibera. Aber meine besten Freunde kamen aus dem Slum-Kibera, und ich war jede freie Minute dort. Irgendwann habe ich mir gesagt: Stopp! Wenn jemand findet, dass Abschaum ist, wer aus Kibera kommt, dann bin ich eben Abschaum.» Damals habe ein Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl ihm Kibera zur Heimat gemacht.
Gut bezahlt, aber selten
Am frühen Vormittag, die Kühle des Regens ist verdampft, steigt Latrinenmann Muli durch das Gassenlabyrinth hinauf zur Hauptstrasse seines Viertels. Er ist ein beliebter Mann, überall grüssen ihn Bekannte. Er geht an Videoläden vorbei, die auf Schiefertafeln «Cat Woman» und ein Spiel von Manchester United anpreisen. Daneben Stände, auf denen sich Tomaten und Mangos akkurat stapeln. Es ist, als sollte die Ordentlichkeit der Auslagen den Ort vergessen machen, an dem sie stehen. Unter einem der Stände picken zwei Hühner in einem schaumigen, beissend riechenden Rinnsal. Die grün-quallige Flüssigkeit durchzieht ganz Kibera.
Am Ende eines engen Korridors liegt das Klo, das dringend geleert werden soll. Mulis Arbeitskleidung besteht aus Handschuhen, die bis zum Ellbogen reichen. Behutsam lässt er einen Kanister in die Fäkaliengrube hinab, zieht ihn wieder hoch und schüttet den braunen Brei vorsichtig in einen Eimer. Es spritzt trotzdem. Die junge Frau, deren Wohnungseingang keinen Meter von der Latrinentür entfernt ist, zieht angewidert ihr kleines Kind ins Haus.
Samson Muli trägt den Eimer zu einer Müllhalde am Rand eines Bachs und leert den Inhalt in das träge fliessende Gewässer. 300 Schilling zahlt ihm die Toilettenbesitzerin für einen Zwanziglitereimer. Das ist viel. Eine Putzfrau in einem Villenviertel kommt nach einem achtstündigen Arbeitstag mit ebenso viel Geld nach Hause. Aber die Latrinenarbeit ist nicht regelmässig, denn die ToilettenbesitzerInnen sind sparsam mit Aufträgen. Und der Wettbewerb ist gross, obwohl die meisten Männer die Arbeit nur nachts erledigen, weil sie sich schämen. Samson Muli schämt sich nicht: «Ich bin Familienvater», sagt er. «Es ist nicht an mir, eine Arbeit abzulehnen.»
Drei Jobs am Tag
So geht er direkt zu seinem nächsten Arbeitsplatz, einem engen Lokal mit vier Tischen, in dem Tee und Mandazi serviert werden. Fast jeden Tag knetet hier Muli Krapfenteig für fünfzig Schilling. Er und ein junger Mann walken in grossen Eimern, die Arme bis zum Ellenbogen in der weissen Masse. «Der Teig ist hart heute», sagt Muli. «Die Leute wissen nicht, wie schwer diese Arbeit ist», antwortet der Junge. «Ihr redet jeden Tag das Gleiche», sagt die Besitzerin des Lokals.
Nach dem Kneten stellt Samson Muli vor dem Lokal ein Tischchen auf, das er vom niedrigen Wellblechdach herunterhebt. Der stille Mann, der nur drei Jahre eine Schule besuchte, ist bereit für seinen dritten Job: Schuhe reparieren. Seit ihm die Werkzeuge gestohlen wurden, muss er sich allerdings darauf beschränken, Schuhsohlen mit einer Angelschnur festzunähen. Wenn er keine Arbeit hat, spielt er Billard in einer Halle unweit seines Schuhstands. Während des Spiels raucht er, bis die Glut seine Fingerspitzen anzusengen droht. Dann zieht er noch zweimal so tief, dass sein Gesicht noch knochiger erscheint.
Manchmal wird um Bier gespielt. Aber Samson Muli bevorzugt Geld, er trinkt seit zwölf Jahren nicht mehr. Zum einen, weil ihm schnell übel wird vom Alkohol. Aber vor allem wegen eines Erlebnisses: Er arbeitete einmal auf einer Baustelle und bekam eine grosse Summe Geld aufs Mal ausgezahlt, fast 300 Euro. Ein Kollege kaufte von dieser Summe Kühe und einen Pflug. «Ich aber habe alles versoffen», sagt er mit dunkler Stimme, «nicht mal einen Löffel hab ich gekauft.»
Fünfzig Schilling und keine Gnade
Um fünf Uhr nachmittags läutet die Glocke in der Ayani High School. Dann geht die Schülerin Lilian über die Bahngleise entweder nach Hause, oder sie holt ihre Mutter ab, die auf einem nahen Markt die grünen Sukuma-Wiki-Blätter, eine Art Spinat, verkauft. Lilian kocht, spült und wäscht ihre drei jüngeren Geschwister, und wenn alle schlafen, macht sie sich an die Hausaufgaben. Obwohl sie Musik über alles liebt, geht sie nachts nie aus.
Ebenso wenig wie Beatrice Muli, die «nie im Dunkeln» das Haus verlässt. «Ich habe Angst. Kibera ist kein sicherer Ort.» Viele BewohnerInnen, vor allem Frauen, trauen sich abends nicht aus dem Haus, schon gar nicht allein. Selbst die Polizei macht einen Bogen um das Labyrinth der Gassen, in dem Kriminelle leicht unterschlüpfen können. Doch die tatsächliche Zahl der Raubüberfälle und Vergewaltigungen in Kibera ist wahrscheinlich nicht höher als im Rest von Nairobi, das weltweit zu den Städten mit besonders hoher und brutaler Kriminalität zählt.
So ist es still um Mitternacht im südlichen Wellblechmeer, nur in vereinzelten Lokalen wird beim Schein von Öllampen selbst gebrauter Alkohol getrunken. Nördlich der Bahngleise füllen sich dagegen allmählich die Bars und Tanzschuppen. Den Eingang der Akiba Bar bewachen vier Männer. Sie stehen da, weil sich fast alle NachtschwärmerInnen um den Eintrittspreis zu drücken versuchen. «Fifty Bob» – fünfzig Schilling – , ruft monoton und undeutlich der Besitzer der Musikanlage. Seine Backe sieht aus, als habe er einen Tennisball im Mund. Weil er tagsüber einem Job in der Stadt nachgeht, kaut er Miraablätter, ein Rauschmittel, das wach hält. Fünfzig Schilling und keine Gnade – fast keine: Manch hartnäckig lächelnde Frau und manch treuherzig seine leeren Hosentaschen zeigender Gast bekommen einen Rabatt.
Die Wände des Tanzsaals sind bemalt mit Bildern von Guinness-Gläsern und Sprüchen: «Mein Land, mein Bier» und «Manchester, unsere Nation». Im Schein von lila und grünen Neonröhren legt Ramadan Abdul alias DJ Ramosh seit vier Stunden auf. Buju Banton singt: «I and I, I wanna rule my destiny» – «Ich will mein Schicksal bestimmen». Reggae ist unter den jungen Leuten von Kibera der beliebteste Musikstil. Der dreissigjährige DJ Ramosh sieht es so: «Wir identifizieren uns mit den Jamaikanern», sagt er, «die kommen auch aus dem Ghetto.»
Das Wort Ghetto spricht er amerikanisch aus. The Gheddo, the Hood, das sagen die Jungen hier oft und stolz und fuchteln mit den Armen im globalisierten MTV-Gangsta-Stil. Die Musik der Rastafarians haben sie übernommen, sie heben auch die Faust zum Gruss. Doch ihre Religion nicht. Der DJ ist Muslim, die Türsteher sind Christen.
Es mag einige praktizierende Rastas in Kibera geben. Niemand hat einen Überblick über all die Religionen, die hier vertreten sind. Die Ökumenische Gebetsgruppe von Kibera, ein Zusammenschluss von etwa fünfzehn christlichen Kirchen, schätzt die Zahl der Religionsgemeinschaften auf 300. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage gaben 60 Prozent der in Kibera befragten Personen an, dass sie protestantisch seien; 33 Prozent nannten sich katholisch, 6 Prozent sind Muslime.
Angst vor der Regierung
Veranlasst hatte die Umfrage die Stadtentwicklungsorganisation Habitat der Vereinten Nationen, die gemeinsam mit der Regierung von Kenia ein Programm zur Verbesserung der Slums begonnen hat. Nach 44 Jahren Unabhängigkeit kann sich Kenias Regierung nicht mehr mit dem britischen Vermächtnis herausreden. Desinteresse der jeweiligen Regierungen und Eigennutz in Regierungskreisen, die von den privaten Mieteinnahmen in den Slums profitieren, haben die Lage verschlimmert. Immer wieder gab es brachiale Versuche, die Slums auszuradieren wie einen störenden Fleck auf weissem Papier. Hütten wurden platt gewalzt, an ihre Stelle Hochhäuser mit Mietswohnungen gebaut, die sich kein SlumbewohnerInnen leisten konnte.
«Wir haben Angst vor der Regierung», sagt auch Wilta Nyabate. Die Dreissigjährige ist Geldeinsammlerin des Soweto Highrise Savings Scheme, einer Art Sparverein. Jedes der knapp 300 Mitglieder aus dem Kibera-Viertel Soweto spart mindestens fünf Schilling am Tag. Die werden auf einem gemeinsamen Konto deponiert und bei Bedarf als Kleinkredit an die Mitglieder zurückgegeben. Nyabate hat vor einigen Monaten ihren zweiten Kredit aufgenommen: 3000 Schilling zur Eröffnung eines Gemüsestands. «In den sieben Jahren, in denen wir das machen, ist noch niemand mit dem Geld abgehauen», sagt sie.
Über Umfragen und Volkszählungen ist das Habitat-Programm bisher nicht hinausgekommen. Immerhin hat jetzt eine Uno-Expertengruppe einen neuen Vorschlag für die Definition von «Slum» vorgelegt. Ein Slum, sagen die StadtforscherInnen, habe folgende Merkmale: mangelhafter Zugang zu sauberem Wasser, mangelhafte Abwassersysteme, schlechte Bausubstanz, Überbevölkerung, ungesichertes Wohnrecht. Gemäss dieser Definition zählt das Programm allein in Nairobi 168 Slums.
Kurz nach 6 Uhr bei Tagesanbruch wird DJ Ramosh seine Platten einpacken. Muli, der Familienvater, wird schlafen. Die Schülerin Lilian ruht noch auf dem Boden vor dem Bett ihrer Eltern – es ist Samstag. DJ Ramosh wird gegen den Strom von FrüharbeiterInnen nach Hause gehen, 300 frisch verdiente Schilling im Schuh, und davon träumen, einmal reich und berühmt zu sein – in Kibera. Wie sein Vorbild, der Hip-Hopper Refigah, kann er sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Allenfalls in Amerika, okay, wenn sich die Chance böte. Dann wäre er weg.
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