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Seit einigen Tagen steht mit islamica.ch nun unser Portal. Noch macht die Sache einen relativ kargen Eindruck. Wir sind aber fleissig daran, unser Gedankenkind mit Inhalten zu bestücken. Die passenden Begriffe des ökonomischen Neusprech wären in diesem Prozess “work in progress” und “learning by doing”.
Es lohnt sich bei so einem schreib- und sprachlastigen Projekt, gleich zu Beginn über die Rolle der Sprache und ihre Stellung zu reflektieren.
Aspekt 1: Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, (Englisch)
Wirft man einen Blick auf die muslimische Landschaft der Schweiz, fällt schnell ein Umstand ins Auge. Bei gefühlten 99% der Organisationen (genaue Statistiken gibt es hierzu, wie zu so vielem, keine) ist die Rede von “albanischen Moscheen”, “türkischen Kulturzentren”, “bosnischen Gemeinden”, “arabischen Vereinen” usw.
Bücher, Texte, Verlautbarungen, Predigten, manchmal sogar Pressemitteilungen und die meisten anderen Inhalte, die innerhalb muslimischer Gemeinschaften generiert werden, sind in Sprachen verfasst, die über 90% der Bevölkerung weder aktiv spricht, noch passiv versteht. Ein immer grösser werdender Teil junger Menschen innerhalb der muslimischen Gemeinschaften selbst gesellt sich mehr und mehr zu diesen 90% der Bevölkerung.
(Ja, es gibt hier und da die stieffmütterlich abgehandelte deutsche Zusammenfassung einer Freitagspredigt, das soll nicht verneint werden.)
Zwei Individuen müssen, damit sie überhaupt miteinander in Kontakt treten können, auf einem völlig grundsätzlichen Level erst einmal ein gegenseitig verständliches Zeichensystem, wie z. B. eine Sprache verwenden.
Für dieses rein erste Level einer gemeinsam verständlichen Kommunikation, bieten sich einfachheitshalber die im Untertitel aufgeführten Sprachen an.
Wir schneiden hier noch nicht den kulturell-kontextuellen Aspekt der Kommunikation an.
Aspekt 2: Der abwesende Vater, der misstrauische Sohn, oder über den Sprechakt und seine Wichtigkeit
Der bekannte amerikanische Dichter, Schriftsteller und Friedensaktivist Robert Bly beschreibt im Werk “Eisenhans” die moderne Figur des abwesenden Vaters, der in irgendeiner Firma irgendetwas macht. Weil der Sohn des 21. Jahrhunderts nicht weiss, wo sein Vater den ganzen Tag ist und was er macht, entwickelt er mit den Jahren ein tiefes, giftiges Misstrauen seinem Vater gegenüber.
In der muslimischen Szene wird vieles gemacht (wiederum vieles noch nicht). Das meiste davon kann aber von der Mehrheitsgesellschaft nicht verwertet werden, weil es eben keine gemeinsame Sprache gibt. Muslime mögen zwar sprechen, dieses Sprechen aber richtet sich momentan meist an ein internes Publikum.
Fremde Menschen versammeln sich in Agglomerationen und Industriegebieten. Sie sehen anders aus. Sie verhalten sich anders. Sie sprechen auf einer fremden Sprache, die wir nicht verstehen. Im Fernsehen kommen ständig blutige Bilder aus den Ländern, wo viele solcher Menschen leben. Was machen die da? Worüber sprechen die?
Es ist gar nicht verwunderlich, dass dabei ein gewisses Unbehagen, Misstrauen oder sogar Feindschaft aufkommen.
Will man positiv im Sinne einer Integration seiner Gemeinschaft wirken und Vorurteile abbauen (berechtigte, oder unberechtigte, das sei dahingestellt), muss man in erster Linie damit beginnen, eine Sprache zu sprechen, die “die anderen” auch verstehen.
Aspekt 3: Heimat, Kontext und Kultur
Wenn man global die Geschichte der Muslime auf den Sprachaspekt hin betrachtet (natürlich möglichst ohne Idealisierung derselben), stellt man fest, dass religiöse Inhalte praktisch immer relativ rasch in den lokalen Sprachen und Dialekten generiert und transportiert wurden. Das muss auch zwangsläufig so geschehen, wenn ein bestimmtes Ideengebilde in einer geographischen Region überleben möchte, um nicht von “aufblühen” zu sprechen.
Für Kultur gilt dasselbe. Man mag sich nur die persischen Gedichte eines Rumi oder Sa’di, die türkischen Verse des Yunus Emre, oder die Zeilen des grossen Bulleh Shah aus dem Panjab zu Gemüte führen, um zu verstehen, dass das Herz wahrhaftig in der Sprache singt, die mit der Muttermilch eingesogen wurde.