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Widmungsgedicht für eine kleine Alabasterbüste von Ochs 1791
Im Archiv der Familie Ochs/His im Staatsarchiv Basel-Stadt findet sich unter der Signatur
PA 633c A 4.3, fasc. 20 ein französisches Gedicht von 3 Seiten, gedruckt auf einem Doppelbogen. Auf der leeren Rückseite findet sich die Angabe: «Jmprimés et distribués à la fin de mars 1791». Es handelt sich um ein elaboriertes Widmungsgedicht in 7 Strophe: 6 vierzeilige und eine abschliessende achtzeilige Strophe. Es begleitete ein wertvolles Geschenk: eine kleine Porträtbüste von Peter Ochs aus Alabaster (Link zu Blog Drei Porträts erstellen).
Das Gedicht entstand zwischen dem 22. Juli 1790, als Peter Ochs vom Ratsschreiber zum Stadtschreiber (Zeile 3: chancelier de la ville de Bâle) avancierte, und wurde laut Datierung Ende März gedruckt und verteilt (Zeile 37). Die Übergabe von Gedicht und Büste dürfte Teil einer Feier Ende März 1791 gewesen sein, in deren Zentrum Ochs stand. Bei der im Titel genannten Büste (Zeile 2) handelt es sich um eine kleine Alabasterbüste von Landolin Ohmacht (1760–1834). Ohmacht hielt sich bis Ende 1790 in Basel auf, bevor er die Schweiz für eine Bildungsreise verliess und nach Rom reiste. Die Büste entstand demnach zwischen August und Dezember 1790.
Der Auftraggeber der Büste ist auch der Autor des Gedichts, ein gewisser von Pfaff (Zeile 36: chevalier von Phaff), der sich zur Zeit der Abfassung des Gedichts in der Schweiz aufhielt (Zeile 28–31: séjour), den republikanischen Geist der Schweizer Reformkreise bewunderte, selbst aber kein Schweizer war. Ich konnte ihn leider bisher nicht identifizieren.
Die Charakterisierung von Ochs (Zeile 8–23) legt nahe, dass der Autor mit Peter Ochs befreundet war, in dessen Haushalt verkehrte und seine politischen Ansichten teilte. Er scheint die politische Karriere von Peter Ochs zwischen 1782 und 1791 mitverfolgt zu haben, auch die politischen Auseinandersetzungen, die diese von Anfang an begleiteten (vgl. Zeile 16). Das Gedicht reflektiert die Angriffe auf Ochs aus der Basler Bürgerschaft, seine Diffamierung als «Franzosenfreund», auf die wohl die Zeilen 24–27 anspielen, die Ochs’ Begeisterung für die Grundideen der französischen Revolution verteidigen, nicht aber die demokratischen Extreme der Revolution. Tatsächlich unterstützte Ochs zu diesem Zeitpunkt noch die konstitutionelle Monarchie.
Die Beförderung von Ochs zum Stadtschreiber war wohl der unmittelbare Anlass für das Geschenk der kleinen Büste. Der Aufstieg zum Stadtschreiber war ein wichtiger Karriereschritt, der Ochs’ Einfluss auf die Regierung und die Basler Aussenpolitik verstärkte. Das Geschenk sollte Ochs dann wohl auch über eine politische Niederlage hinwegtrösten: die Desavouierung seiner strikten, auf die Erhaltung des Friedens ausgerichteten Neutralitätspolitik durch die Basler Regierung und die Tagsatzung im Februar/März 1791. Auf diese Grundhaltung von Ochs spielt wohl bereits die erste Strophe mit der Zeile 3 an. Der Beschluss der Basler Regierung veranlasste Ochs, seinen Rücktritt einzureichen, der aber nicht akzeptiert wurde. Ochs wurde unmittelbar nach dieser Auseinandersetzung mit einer äusserst ehrenvollen Mission nach Paris betraut. Auf diese Vorgänge scheinen die Zeilen 14 und 15 anzuspielen. Das Gedicht lobt ausdrücklich den nationalen und übernationalen Horizont von Ochs’ Politik (vgl. Zeile 20–23) und stellt ihn implizit in der letzten Strophe als «Modellschweizer» dar.
Im Folgenden finden Sie Bilder des Originaldruckes, eine zeilen- und zeichengetreue Umschrift des französischen Textes und eine deutsche Prosaübersetzung des Gedichts.
Ich danke der Universitätsbibliothek Basel für die Überlassung der Digitalisate eines Exemplars dieses Gedichts aus einem bis jetzt noch unerschlossenen Bestand.
Bilder des Drucks
Transkription des Drucks
- STANCES
- Pour le buste de Monsieur Ochs
- Chancelier de la ville de Bâle
- Si dans mes doux loisirs au Temple de Mémoire,
- J’ose porter soudain un pas trop hazardeux,
- Ma Muse ne prétend qu’à la paisible gloire,
- De chanter un Ami, comme toi, vertueux.
- Ce marbre représente une image bien chère!
- Celui d’on bon mari, celui d’un tendre père,
- D’un citoyen zèlé, d’un ami généreux,
- Erudit et savant, - mais toujours gracieux.
- Au bien de ce pays il travaille sans cesse,
- De tous les malheureux il est le digne appui,
- Contrarié souvent, il céde sans bassesse,
- Ne trouvant son bonheur que dans celui d’autrui.
- Poursuis, malgré l’envie, une illustre carrière,
- Nous avons tous besoin de ta docte lumière,
- De tes soins vigilans, de tes soins généreux:
- De tout bon citoyen j’exprime ici les vœux.
- C’est le vœu d’un Ami, qui sans être flatteur,
- En toi veut cultiver un sage, dont le cœur
- Par un zèle enflammé veut le bien de la terre,
- Fut-il même, par fois, à son bonheur contraire.
- De chaque Nation admirons les vertus,
- Sans admirer en eux l’excès, le superflus:
- Adorons prudemment la liberté civique,
- Mais sachons l’adorer sans être fanatique!
- C’est ainsi, qu’habitant ce fortuné séjour,
- J’admire la candeur, la valeur helvétique:
- Et le cœur pénétré de respect et d’amour,
- J’addresse au ciel mes vœux pour cette République.
- Que la paix, l’union, cimente son bonheur,
- Pour prix de ses vertus, pour prix de sa valeur!
- Prudence et tempérance, un bon cœur, du courage,
- Voilà du Suisse, enfin, le plus cher apanage.
- Par le Chev.r Phaff
37. Jmprimés et distribués à la fin de mars 1791.
Prosaübersetzung von Titel und Strophen
Titel, Zeile 1–3:
Stanzen für die [Porträt]büste von Herrn Ochs, Stadtschreiber der Stadt Basel
Strophe 1, Zeilen 4–7:
Wenn ich während meiner geliebten Freizeitvergnügen plötzlich einen etwas voreiligen Schritt in den Tempel der Erinnerung zu setzen wage, drängt es meine Muse nur zum Ruhm des Friedens (eigentlich: des friedlichen Ruhms), einen tugendreichen Freund wie Dich zu besingen.
Strophe 2, Zeilen 8–11:
Dieser Marmor [die Alabasterbüste von Ohmacht] stellt ein mir liebes Bild vor! Das [Bild] eines guten Ehemannes, eines zartfühlenden Vaters, eines engagierten Bürgers, eines grosszügigen Freundes, gebildet und wissend, – aber immer taktvoll und unterhaltend (gracieux).
Strophe 3, Zeilen 12–15:
Für das Wohlergehen dieses Landes arbeitet er unablässig, allen Unglücklichen ist er eine würdige Stütze; oft stösst er auf Widerstand, er gibt nach, ohne Berechnung oder Hintergedanken (bassesse), weil er sein Glück nur im Glück der anderen findet.
Strophe 4, Zeilen 16–19:
Verfolge trotz des Neides eine ruhmvolle Laufbahn, wir haben alle Dein gelehrtes Licht nötig, Deine wachsame Fürsorge, Deine grosszügige Aufmerksamkeit und Pflege (soins): Ich spreche hier die Wünsche eines jeden braven Bürgers aus.
Strophe 5, Zeilen 20–23:
Es ist der Wunsch eines Freundes, der – ohne ein Schmeichler zu sein – in Dir einen Weisen verehren will, dessen Herz von Eifer entflammt das Wohl der Erde [d.h. der Menschheit] sucht, selbst wenn es manchmal seinem eigenen Glück und Wohlergehen (bonheur) im Wege steht.
Strophe 6, Zeilen 24–27:
Bewundern wir die Tugenden einer jeden Nation, ohne an diesen das Übertriebene, das Überflüssige zu bewundern: Lasst uns die bürgerliche Freiheit mit Zurückhaltung verehren, aber wir müssen sie zu verehren wissen, ohne fanatisch zu sein!
Strophe 7, Zeilen 28–35:
So kommt es, dass ich, der ich diesen glücklichen Aufenthaltsort bewohne, die Unschuld, den helvetischen Mut bewundere: Und das Herz durchdrungen von Achtung und Liebe, schicke ich meine guten Wünsche für diese Republik zum Himmel. Dass Friede, dass Einigkeit sein Glück befestige, als Belohnung für seine Tugenden, als Preis für seinen Mut! Vorsicht und Zurückhaltung, ein reines Herz, Mut. Diese stellen doch schliesslich des Schweizers liebsten und wertesten Erbteil dar!
Unterschrift, Zeile 36:
Von Ritter von Pfaff
Datierung auf letzter Seite, Zeile 37:
Gedruckt und verteilt Ende März 1791