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Anleitungen zum korrekten Verfassen von Briefen sind nicht neu, und Erasmus war keineswegs der erste, so etwas zu verfassen. Im Gegenteil: Schon die Antike kannte die Literaturgattung ‚Brief‘ und schrieb darüber. Im Mittelalter waren Briefsteller vor allem Anleitungen für die Schreiber in den Kanzleien von Fürsten und Bischöfen, Königen, Kaiser und Papst. Entsprechend ‚degenerierte‘ die Theorie – man beschäftigte sich vorzugsweise mit der richtigen Form der Anrede. (Worüber Erasmus so manchen Spott ausschüttet!) Erst die Renaissance entdeckte das Genre des ‚Privatbriefs‘ neu.
Bei diesem Begriff darf man sich nicht dazu verleiten lassen, an einen privaten Brief im heutigen Sinn zu denken. Schon in der Antike wurden Briefe nicht nur gesammelt, sie wurden auch im Freundeskreis weitergegeben, und oft schon von Anfang an mit dem Gedanken einer späteren Publikation verfasst.1) Diese Tradition nahm die Renaissance wieder auf: Die ‚Privat‘-Briefe der Humanisten untereinander waren oft nichts anderes als gelehrte Abhandlungen.
Wenn also Erasmus, der Tradition folgend, Geschäfts- und Privatbrief voneinander unterscheidet, meint er keineswegs, was wir heute meinen. Allerdings ist Erasmus der erste, der eine sture und strikte Einteilung sowohl der Briefgattungen wie des Inhalts ablehnt. Vor allem das Mittelalter hatte hier Grosses geleistet. Wir haben gesehen, wie schon der Frühhumanist Dante diese Einteilung bewusst aufbrach. (Ich habe allerdings in meiner achtbändigen Auswahlausgabe keinen substantiellen Hinweis darauf gefunden, dass der Holländer den Italiener wirklich zur Kenntnis genommen hätte.)
Erasmus will zum Beispiel den Humor keineswegs so restriktiv handhaben, wie es seine Vorgänger taten. Selbst in einem Trostschreiben kann seiner Meinung nach Humor unter Umständen am Platz sein – in einem Empfehlungsschreiben sowieso. So teilt er auch die Missachtung des Briefeschreibers Seneca, den das Mittelalter aussprach, weil es den alten Römer als zu weitschweifig ansah, keineswegs. Seneca ist für ihn im Gegenteil das Beispiel dessen, dass je nach Thema anders argumentiert, anders geschrieben werden müsse. Schwierige, weitschweifige Themen verlangen geradezu nach einer weitschweifigen Behandlung. (Im Übrigen übergeht Erasmus das Mittelalter weitestgehend und greift direkt auf die Antike zurück – hierin ein echtes Kind der Renaissance.)
Während sich die meisten auch seiner Zeitgenossen in ihren Briefstellern nicht ganz von mittelalterlichen Vorschriften und vom mittelalterlichen Kanon lösen können (auch wenn sie ihre mittelalterlichen Vorgänger kaum beim Namen nennen), verfasst Erasmus nicht nur den ersten bis heute brauch- und lesbaren Briefsteller – er verfasst ihn more paedagogico, d.h., so, dass ein Lehrer sein Werk als Anleitung verwenden kann, wie er das Briefeschreiben unterrichten könnte: Gattungsbeschreibung, praktisches Beispiel für den Unterricht, eventuell weiterführende Literatur. Darin ist Erasmus einerseits tatsächlich noch Kind seiner Zeit, die das Briefeschreiben als Kapitel der Rhetorik lehrte, andererseits aber trennt er den Brief von der Rede und wirft auch altehrwürdige rhetorische Vorschriften, wie zum Beispiel die, dass im Privatbrief der Stil ‚leicht‘ zu sein hat, die schriftliche Sprache der mündlichen zu ähneln, über Bord. (Mit dem Hinweis, dass in einer Zeit, wo Latein nur noch, allerdings fast ausschliessliche, Schrift-Sprache ist, eine solche Vorschrift ja keinen Sinn ergibt.) Erasmus bringt auch wenig bis gar keine Listen kanonischer Briefautoren. Sein Kanon erschliesst sich eher aus den Autoren, die er immer wieder mal zitiert. Es fällt auf, dass die alten Griechen fast völlig fehlen (obwohl er alle unter Platons Namen überlieferten Briefe für genuin hielt), ebenso die meisten pastoralen und/oder theologischen Briefe der Apostel und der Kirchenväter. Das ist allerdings bei den meisten Zeitgenossen ähnlich; die Verquickung von Form und Inhalt war wohl gerade zur Zeit der Bildung der Gegenreformation und der verschärften katholischen und protestantischen Zensur zu gefährlich. Einzig seinen Liebling Hieronymus finden wir einige Male aufgeführt. Neben Seneca sind von den alten Römern die auch von seinen Kollegen als ‚klassisch‘ empfundenen Cicero und Plinius bei Erasmus nachgerade omnipräsent.
Band 8 der Auswahlausgabe wurde von Kurt Smolak übersetzt, eingeleitet und mit einem Nachwort versehen. Vor allem die Einleitung war für mich sehr erleuchtend, und auch dieses Aperçu verdankt ihr einiges.
Meine Erasmus-Lektüre ist für den Moment an ihrem Ende angekommen. Ich finde, man sollte diesen Holländer unbedingt mehr lesen, gerade in der heutigen Zeit. Aber vielleicht ist er für einer Zeit wie diese, die so sehr seiner eigenen ähnelt, wie schon vor 400 Jahren zu nachdenklich, zu wenig bereit, sich einfach so unreflektiert auf die eine oder die andere Seite zu schlagen…
1) Das war bis ins 19. Jahrhundert so. Noch Bürger lässt ganz unbefangen solche Briefe unter seinen Freunden zirkulieren. Auch das heute als noch bedeutend intimer denn ein Brief empfundene Tagebuch war lange Zeit halb öffentlich. Ferdinand Beneke gibt noch am Ende des 18. Jahrhunderts Auszüge aus seinem Tagebuch an einen Freund weiter. Als Edmond de Goncourt allerdings Ende der 1880er Jahre Teile seiner Tagebücher veröffentlicht, zeigt die Reaktion seiner Freunde, dass man das nun als ungehörig empfand. Beneke hat später sein Tagebuch nur noch im Kreise der Familie gelesen bzw. vorgelesen. Mit dem Rückzug ins Private, den das Biedermeier darstellte, hatten sich auch diese Gewohnheiten geändert – so, wie man nun endgültig aufs leise Lesen umgestellt hatte.
(Erst das Erscheinen von Facebook, Twitter, Instagram & Co. scheint hier wieder etwas zu ändern. Der Status-Beitrag, den wir dort veröffentlichen, ist im Grunde genommen nichts anderes, als ein Tagebuch-Eintrag oder Brief an Freunde. Nur, dass nun im WWW der Leserkreis beinahe ins Unendliche gehen kann.)