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In den vergangenen Jahren ist die Arktis immer mehr in den Fokus der Weltmächte geraten. Der Klimawandel-bedingte Rückgang des arktischen Meereises hat neben den wirtschaftlichen Möglichkeiten auch die Militärstrategen auf den Plan gerufen. Während Russland militärisch und wirtschaftlich seine nördlichen Regionen aufrüstet und sich mit China eine weitere Grossmacht in der Arktis etabliert, haben die USA erst seit kurzem wieder begonnen, sich als Arktisstaat zu zeigen. Die Marine hat nun einen Entwurf für ihre zukünftige Strategie vorgelegt und wollen darin wieder Stärke demonstrieren.
Das unter dem Titel «Eine blaue Arktis», in Anlehnung an das verschwundene Meereis und die entstehende Öffnung des arktischen Ozeans, erschienene Dokument wurde gestern öffentlich gemacht. Neben dem Ausbau der eigenen Infrastruktur soll auch eine verstärkte Präsenz durch Übungen und Operationen in den arktischen Regionen unter der Einbindung des US-Marinekorps und der Küstenwache gezeigt werden. Ausserdem sollen die strategischen Partnerschaften wieder gestärkt und ausgebaut werden, heisst es in dem 28-seitigen Dokument. Dabei sollen sowohl die Über- wie auch Unterwasserstreitkräfte, sprich U-Boote, der US Navy und auch anderer Partner, besonders der NATO, eingebunden werden. Das Ziel ist es, «die Bereitschaft, die Fähigkeiten und die Professionalität der Seestreitkräfte in der arktischen Region in den kommenden Jahrzehnten zu verbessern». Weiter soll nach ihren Angaben die bestehende Infrastruktur modernisiert werden, um «die kompetitiven Vorteile in der Arktis zu verstärken». Diese Aussage steht jedoch im Widerspruch zur Analyse von Experten, die vor einiger Zeit im Fachblatt The National Interest den USA schwere Versäumnisse im Bereich der Möglichkeiten in der Arktis vorgeworfen hatten.
In dem Dokument werden namentlich Russland und China als Bedrohung für die nationalen Interessen der USA in der Arktis genannt. Dabei wird die militärische Aufrüstung Russlands entlang der Nordostpassage zwar als Muskelspiel und zur Verteidigung seiner nördlichen Grenze betrachtet. Doch gleichzeitig untergrabe «der eskalierende und nicht transparente Charakter der militärischen Aktivitäten Russlands und die rechtswidrige Regulierung des Seeverkehrs entlang der Nordseeroute die globalen Interessen, fördern die Instabilität und beeinträchtigen letztendlich die Sicherheit in der Region», heisst es im Dokument. Auch China, dessen wirtschaftliche Aktivitäten in der Arktis, besonders in Zusammenarbeit mit Russland, von den USA kritisch betrachtet werden, soll in den kommenden Jahren sich militärisch in der Arktis betätigen, schreiben die Autoren. Damit seien sie eine «Bedrohung für die Menschen und Nationen, inklusive denjenigen, welche die Arktische Region Heimat nennen».
Im Strategiepapier der US-Navy sind neben den Modernisierungen auch die verstärkte Zusammenarbeit mit den bestehenden alliierten Partnern und die Aufnahme neuer Partner aufgelistet. Dabei will man sich auch vermehrt sowohl intern, sprich mit der Küstenwache und dem US-Marinekorps verbinden, wie auch öffentliche und private Partner mit ins Boot holen. Vor allem bei der technischen Entwicklung und Modernisierung sollen so grosse Fortschritte erzielt werden. Im letzten Jahr hatte die US Navy bereits diesen Aspekt verstärkt und mit Grossbritannien, Norwegen, Dänemark und anderen Partnern mehrere Übungen und Operationen in der Arktis durchgeführt. Unter anderem fuhren US-Kriegsschiffe bis weit in die Barentssee hoch und mehrere Partner beteiligten sich an der ICEX2020-Übung in der Beaufortsee. Dabei wurden auch U-Boote eingesetzt. Solche Übungen gemeinsam mit Partnern und Alliierten sollen nach dem Willen der Navy-Strategen in Zukunft wieder vermehrt durchgeführt werden.
Der Strategieplan der US-Navy kommt zu einem Zeitpunkt, in welchem einerseits von einem «Kalten Krieg 2.0» gesprochen wird, da sich in den vergangenen Monaten das militärische Muskelspiel der USA und Russland wieder verstärkt hat. Schweden und Norwegen hatten in ihren Strategiepapieren eine Aufrüstung ihrer eigenen Arktischen Streitkräften eingeplant und bei der Vorstellung der Strategien explizit auf die Gefahren eines militärischen Konfliktes in der Region hingewiesen. Gleichzeitig geben aber Experten Entwarnung und erklären, dass man von einer Militarisierung der Arktis weit entfernt sei und man eher auf Kooperationen im Bereich der arktischen Schifffahrt und der Operationen zusteuere. Betrachtet man aber das Strategiepapier der US-Navy und anderer Arktisstaaten, scheint diese Annahme eher unwahrscheinlich zu sein.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal