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Ist es notwendig, viel Geld in den zweiten Torhüter zu investieren? Diese Frage bringt die Sportchefs immer mehr in Teufels Küche. Wer den zweiten Mann im Tor unterschätzt, dem droht die Strafe der Hockey-Götter. Deshalb ist Ambri drauf und dran, den SCL Tigers Damiano Ciaccio auszuspannen.
Die Torhüter nehmen eine zentrale Rolle ein. Logisch und nicht neu. Bis in die jüngste Zeit hinein genügte es, einen Torhüter ordentlich zu löhnen und die Position des zweiten Mannes mit einem «Billig-Arbeiter» zu besetzen. Einem, der im Falle eines Falles eingewechselt werden konnte und dazu in der Lage war, eine Partie in Anstand zu Ende zu spielen.
Der SCB ist so gut gefahren. Von 1987 bis zu einem Rücktritt 2001 hat Renato Tosio sämtliche Partien bestritten. Auch alle Vorbereitungsspiele. Und als er an einem Spieltag Vater wurde, hatte sich Reto Schürch schon auf einen Einsatz gefreut. Aber kurz vor Spielbeginn stürmte Tosio – soeben Vater geworden – in die Kabine und spielte. Auch der EHC Kloten brauchte während seiner ruhmreichsten Jahre mit den vier Titeln zwischen 1993 und 1996 hinter Reto Pavoni keine teure Nummer zwei. Aber damals wurden nur 36 Qualifikationsrunden gespielt.
In der NHL ist es mit 82 Partien plus längeren Playoffs längst klar, dass es mindestens zwei sehr gute Goalies braucht. In der National League werden inzwischen 50 Partien gespielt, bis die Playoffs beginnen. Dazu kommen für die Spitzenteams Spiele in der Champions Hockey League und nebenbei gibt es ja auch noch den Cup und einige Vorbereitungsspiele. Diese 50 Partien sind eine kritische Grenze. In der NHL gibt es tatsächlich Goalies, die 50 Spiele aushalten. Müsste es dann nicht so sein, dass auch bei uns einer 50 Partien durchsteht? Aber eben: Was ist, wenn die Nummer 1 ausfällt? Notfalls kann man ja dann einen Ausländer verpflichten.
Letzte Saison haben unter anderem drei Teams sehr gute Erfahrung mit zwei Torhütern gemacht. Ambri mit Daniel Manzato und Benjamin Conz, Servette mit Robert Mayer und Gauthier Descloux und Langnau mit Ivars Punnenovs und Damiano Ciaccio. Ja, die SCL Tigers wären nach der Verletzung von Punnenovs ohne Ciaccio nicht in die Playoffs gekommen. Die Nummer 2 mutierte zur Nummer 1 und hexte sein Team zu 21 Siegen.
Nun wird Manzato im Sommer nach Genf zügeln und Ambri braucht eine neue starke Nummer 2. Conz ist nicht dazu in der Lage, alle 50 Spiele zu bestreiten. Sportchef Paolo Duca bestätigt: «Ja, wir sind auch der Suche nach einer Nummer 2.»
Wie müssen wir uns die ideale künftige Nummer 2 in Ambri vorstellen? Der zweite Mann sollte einerseits dazu in der Lage sein, eine Mannschaft in die Playoffs zu hexen und in Extremsituationen die beste Leistung abzurufen. Andererseits sollte er mit sich und seiner Karriere so im reinen sein, dass er Gelassenheit hat, um sich mit der Rolle des Ersatzmannes zufrieden zu geben und nicht zu murren, wenn er mal nicht zum Einsatz kommt. Gut wäre es natürlich auch, wenn er ein gewisses Charisma und eine starke Persönlichkeit und das Potenzial zum Fanliebling hätte. Und geradezu perfekt wäre es, wenn er fliessend italienisch, deutsch und französisch parlieren könnte. Die Chronistinnen und Chronisten zwischen Gotthard und Chiasso wären dann entzückt.
Spontan denken wir: So einen Goalie gibt es nicht. Aber wenn wir ein wenig herumtelefonieren, uns umhören, die Gewährsleute befragen, die «Berner Zeitung» lesen – dann erfahren wir: Es gibt diese perfekte Nummer 2 für Ambri. Damiano Ciaccio. Mit 30 Jahren im idealen Goalie-Alter. Es gibt nur wenige Torhüter, die sich in Extremsituationen so bravourös bewährt haben. 2013 vermochte er zwar in der Liga-Qualifikation gegen Lausanne Langnaus Abstieg nicht zu verhindern. Aber 2015 hexte er die SCL Tigers zurück in die höchste Liga.
Letzte Saison fiel Punnenovs im Dezember durch eine Verletzung aus und alle Last ruhte nun auf den Schultern von Ciaccio. Er trug seine Mannschaft mit 40 Einsätzen sensationell in die Playoffs. Keine Frage: Er kann Extremsituation. Die Fans würden ihn in Ambri lieben. Er stammt aus einer sizilianischen Familie, spricht fliessend italienisch, deutsch und französisch. Mit viel Sinn für Humor und Selbstironie ist er in der Mannschaf und im Umfeld der SCL Tigers durchaus beliebt und cool wie ein Rockstar.
Aber halt! Er hat einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison! Aber eben: Wenn wir ein wenig herumtelefonieren, uns umhören, die Gewährsleute befragen – dann erfahren wir, dass die Langnauer bereit sind, ihre Nummer 2 freizugeben und sogar schon die Modalitäten für die vorzeitige Vertragsauflösung ausgehandelt worden sind. Der enge Freund von Chris DiDomenico, der zu Fribourg-Gottéron geht, scheint bei der sportlichen Führung in Ungnade gefallen zu sein. Diese Saison bestritt er erst 8 Partien (8 Niederlagen).
Es ist, wie es ist: Es laufen Gespräche um eine vorzeitige Vertragsauflösung. Was Damiano Ciaccio vehement dementiert: «Ich habe einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison. Mehr kann ich dazu nicht sagen.»
Sportchef Marco Bayer sagt: «Damiano Ciaccio hat einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison. Punkt. Wir brauchen Ruhe.» Und verweist in der Sache an den Geschäftsführer. Geschäftsführer Peter Müller hat zwar kürzlich bestätigt, dass der Wunsch einer Vertragsauflösung geäussert worden sei, hat sich inzwischen aber auf sicheres Gelände zurückgezogen und sagt: «Damiano Ciaccio hat einen Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison.»
Die Überlegung ist einfach. Wenn Damianco Ciaccio unzufrieden ist, dann ist es besser, ihn ziehen zu lassen. Kult-Fussballtrainer Hanspeter Latour würde wohl sagen: «Är isch ä Gränni». Dann ergibt sich erst noch die Chance, den letztjährigen Helden durch eine billigere Nummer 2 mit nur noch einer fünfstelligen Salärsumme zu erstzen. Was aber einer Unterschätzung der wichtigen Rolle einer Nummer 2 und einer Herausforderung der Hockey-Götter gleichkommt. Es ist das uralte Abwägen zwischen Geld und Geist, zwischen Budget und der Hege und Pflege der sportlichen Leistungsfähigkeit. Und was zur Frage führt: Warum gelingt es dem Sportchef und dem Trainer eigentlich nicht mehr, zwei Goalies glücklich zu machen?
Nun, wo der Rauch der Gerüchte, da ist auch ein Transferfeuer. Es kann sehr wohl sein, dass Damiano Ciaccio nächste Saison am Ort seiner Bestimmung ankommt. In der Leventina. Bei Ambri. Und Langnau nächste Saison auf einmal ein Goalie-Problem hat.