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Die Geschichte der Schweiz lässt sich nicht nur an den grossen, oft erst später erkennbaren Entwicklungen ablesen, spannend wird sie in den "kleinen" Ereignissen.
Am 19. Februar 1946 verjagten aufgebrachte Andermatter Einwohner einen Ingenieur der Centralschweizerischen Kraftwerke aus ihrem Dorf, und zwar so heftig, dass er sich anschliessend ärztlich behandeln lassen musste. Der Grund: Die Kraftwerke hatten ein riesiges Wasserkraftwerk geplant, in dessen Folge die Bewohner von Andermatt, Rehalp und Hospental ihre Häuser hätten verlassen müssen, da das ganze Urserental hätte geflutet werden sollen. Es wäre die weltweit höchste Staumauer geworden, höher als später die umstrittene Drei-Schluchten-Staumauer in China. Der verantwortliche FDP-Politiker konnte dafür sogar schon den Bundesrat gewinnen. – Aber eben nicht die betroffene Bevölkerung, die sich handfest und mit Krawall wehrte. "Wir verhandeln nicht, wir verkaufen nicht, wir gehen nicht", war ihr Slogan, und am Ende setzten sie sich durch.
Dieses Ereignis und 49 andere Episoden aus der Schweizer Geschichte des letzten Jahrhunderts lesen wir in "Die Schweiz als Ereignis", herausgegeben von Marc Tribelhorn. Vielbeachtete Ereignisse, an die wir uns heute noch erinnern, aber auch längst vergessene Anekdoten werden von mehreren Autoren in kurzen Kapiteln geschildert und kommentiert. So erhalten wir Schlaglichter auf verschiedene Kapitel der Schweizer Geschichte. Sie beruhen auf Berichten der Neuen Zürcher Zeitung, wirken aber durch die geschickte Zusammenstellung in drei Kapiteln und durch die lebendige Darstellung gar nicht so, als wären sie vergilbten Zeitungsseiten entnommen.
Der Blick zurück kann Anlass sein, sich darüber klar zu werden, wie wir heute zum Beispiel über andersfarbige Menschen in unserem Land denken. Die erste Anekdote "Begaffte «Exoten»" berichtet davon, dass an der Landesausstellung 1896 ein "Menschenzoo" das Publikum belustigen sollte. Ca. 200 Westafrikaner wurden in einem "Negerdorf" regelrecht ausgestellt, und die Zuschauenden amüsierten sich über die "putzigen" Menschen, die ein halbes Jahr in Lehmhütten hausen und Kunststückchen vorführen mussten. – Das ist zum Glück seit langer Zeit nicht mehr möglich. Die schwarze Sängerin Tina Turner wurde vor einigen Jahren zitiert, dass sie sehr gern an der Zürcher Goldküste wohne, da sie sich dort nicht begafft oder belästigt fühle. Von weniger berühmten farbigen Zeitgenossen hört man jedoch immer wieder, dass sie ohne sichtbaren Grund sehr viel häufiger kontrolliert werden als ihre weissen Mitbürger.
In seinem aufschlussreichen Vorwort "Lichtblitze der Geschichte" erklärt der Herausgeber, weshalb eine Sammlung solcher Anekdoten den Blick auf die Schweizer Geschichte erweitert. "Die Schweiz hat sich zwar stets im Windschatten der Weltgeschichte bewegt, doch ihre Geschichte bietet Erstaunliches . . .", schreibt Tribelhorn. Denn die Welt bricht in die Schweiz ein, wenn beispielsweise im ersten Weltkrieg Bomben auf Porrentruy fallen oder wenn eine verwirrte Russin einen vermeintlichen Minister des Zaren erschiesst. Es sind doch gerade solche Vorfälle ohne direkte historische Folgen, die zeigen, wie auch die Schweiz sich der Weltgeschichte nicht entziehen kann.
Die Geschichtswissenschaft befasste sich bis ins 19. Jahrhundert vor allem mit der Geschichte der Herrschaften, mit Kriegen, Friedensschlüssen, Eroberungen und Gesetzen. Das hat den Schulunterricht bis weit ins 20. Jahrhundert beeinflusst und vielen Schülern die Lust auf Geschichte genommen. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich aber die Methoden der Geschichtsschreibung grundlegend geändert. Einen der wichtigsten Pioniere in der Geschichtsforschung "von unten", Fernand Braudel, erwähnt Tribelhorn. "Ereignisse sind Staubkörnchen: sie blitzen kurz im Lichtstrahl der Geschichte auf und fallen alsbald dem Dunkel und häufig der Vergangenheit anheim. Jedes Ereignis aber, so kurzlebig es sein mag, erhellt ein Stückchen Geschichtslandschaft und bisweilen auch ein grosses Panorama", schreibt Fernand Braudel, ein in vieler Hinsicht herausragender Mensch und Wissenschaftler. Er lenkte den Blick der Historiker auf neue Gegenstände ihrer Forschung und veränderte diese Wissenschaft damit grundlegend.
So erhebt der Herausgeber zu Recht den Anspruch, auch wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen, obwohl dieses Buch keineswegs nur als solches einzuordnen ist, denn es ist durchaus unterhaltend und kurzweilig zu lesen. Unter den Ereignissen finden sich nämlich einige äusserst komische, ja skurrile Episoden – Schmunzeln ist immer erlaubt. Deutet nicht das Murmeltier mit Helm und Feldstecher darauf hin, dass nicht alles tierisch ernst zu nehmen ist?
Die Schweiz als Ereignis. 50 Episoden aus der jüngeren Geschichte.
Herausgeber: Marc Tribelhorn
NZZ Libro. 216 Seiten. Mit 21 Illustrationen
ISBN 978-3-03810-261-8