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Wenn aus kultivierten, genutzten Bodenoberflächen naturnahe Lebensräume wiederhergestellt werden, spricht man von einer Renaturierung. Meist wird der Ausdruck im Zusammenhang mit Gewässern benutzt.
Dynamische Gewässer erlauben diverses Leben
Fast ein Viertel aller Flussstrecken und Bachläufe der Schweiz sind entweder verbaut oder begradigt, mit besonders vielen künstlich bearbeiteten Fliessgewässern im Mittelland. Das 2011 erlassene Gewässerschutzgesetz fordert die Revitalisierung von rund 4000 Kilometern einheimischer Seeufern, Bach- und Flussabschnitten. Eine solch aufwendige Aufwertung der Natur findet über Jahre oder gar Jahrzehnte statt. Die Vorteile lassen sich allerdings sehen. Im Gegensatz zum kanalisierten Bach bildet ein natürlicher Lebensraum ein Mosaik von Strukturen. Bei natürlichen Fliessgewässern besonders wichtig ist die grosse Dynamik: Tiefe Stellen wechseln sich ab mit seichten, mal läuft das Wasser ruhig, dann wieder turbulent. Verschiedene Substrate wie Steine, Pflanzen, Kies, Totholz und Sand bieten diversen Lebewesen Schutz und Nahrung. Die sich daraus eröffnenden Ökosystemleistungen sind unschätzbar. Renaturierte Gewässer erlauben die verbesserte Vernetzung von Lebensräumen, die Verminderung der Hochwassergefahr und eine optimierte Selbstreinigung durch den Abbau von Schadstoffen. Schliesslich dienen naturnahe Gewässer auch Menschen als wichtige Naherholungsgebiete.
Grossflächige Renaturierung des „Knepp Rewilding“ Projekts
Unter dem Stichwort der Renaturierung werden also Flussläufe revitalisiert. Relativ selten werden grossflächige Lebensräume renaturiert. Grosses Ansehen geniesst in dieser Hinsicht das «Knepp Rewilding Project» südlich von London. Ursprünglich war das rund 3500 Hektar grosse Anwesen ein landwirtschaftliches Gut. Der Untergrund bestand zu einem grossen Anteil aus Lehm, was mit ein Grund war, dass das jahrzehntelange Bestellen der Felder kaum Profit abwarf und man nicht mit anderen Farmen konkurrieren konnte. 2000 gab die Familie den Bauernbetrieb schliesslich auf. Damit die hohen Schulden des Anwesens beglichen werden konnten, wurden die Viehherden und landwirtschaftlichen Maschinen verkauft. Ein Jahr später erhielt man erstmals finanzielle Mittel, um 350 Hektaren inmitten des Anwesens zu renaturieren, woraufhin die Besitzer sich mit der Idee befassten, das gesamte Areal umzugestalten. Pläne zur Einrichtung einer «Biodiverse Wilderness Area in the Low Weald of Sussex» wurden daraufhin an Natural England, ein Umweltberatungsgremium der englischen Regierung, geschickt. Nach Jahren des Hin und Her wurde dem Projekt schliesslich im Jahre 2010 die uneingeschränkte Unterstützung zugesichert. Was als Experiment begann, trug bald Früchte.
Pflanzenfresser als exzellente Störenfriede
Zu Beginn wurde die «natürliche Störung» der Landschaft angestrebt. Vor der Landnahme des Menschen belebten Auerochsen, Wisents, europäische Wildpferde, Elche und Biber Europas Landschaften. Die Zahl dieser Pflanzenfresser muss ähnlich jener des heutigen Afrikas gewesen sein. Je nach Tierart unterscheidet sich die natürliche „Störung“: Die einen bilden Pfützen, wühlen und reiben, die anderen brechen Äste ab, verteilen Samen und trampeln durch die Landschaft. Sie alle verhinderten damals eine komplette Verwaldung und gestalteten die Landschaft zu einem komplexen Mosaik. Vegetationsstrukturen mit offenen Waldweiden, Gestrüpp, Hainen und Dickicht bieten diverse Nischen, in denen sich Arten verstecken können, Nahrung finden und Junge aufziehen können. Im Knepp Estate wurden möglichst ursprüngliche Rassen wie Longhorn Cattle, Exmoor Ponies, Tamworth Pigs oder auch verschiedene Reharten eingeführt. Es sind dies besonders robuste Rassen, die rustikale Bedingungen gut überstehen, wenig krankheitsanfällig sind und zudem eine hohe Komplexität des Lebensraumes ermöglichen. Zusätzlich übertragen sie auch wichtige Nährstoffe über grosse Entfernungen, da sie am einen Ort fressen und am anderen koten. Raubtiere wie Bären, Luchse und Wölfe spielten im ursprünglichen Ökosystem ebenfalls eine grosse regulatorische Rolle. In der heutigen modernen Zeit wäre die Einführung solcher Arten gerade in der dicht besiedelten Gegend um London allerdings nicht möglich gewesen. Wird die Tragfähigkeit des Knepp Anwesens also erreicht, werden die Freilandtiere direkt vom Hof als Bio-Fleisch verkauft.
Wenn der Grundstein gelegt ist…
In relativ kurzer Zeit besiedelten viele neue Pflanzen- und Tierarten das von den Pflanzenfressern vorbereitete Gebiet. Wanderfalken, Rotmilane, Buntspechte oder Feldlerchen brüten hier, ebenso wie vom Aussterben bedrohte Arten wie die Nachtigall und Turteltauben. Alle fünf in Grossbritannien heimischen Eulenarten finden hier Nahrung, ebenso wie 13 der 17 Fledermausarten des Vereinigten Königreichs. Das revitalisierte Gebiet verbesserte ausserdem die Wasser- und Luftreinigung sowie die Bestäubung durch die vielen, wieder ansässigen Käfer, Bienen und Schmetterlinge.
Heute wird Knepp von unzähligen Naturschutzorganisationen unterstützt und regelmässig von Landbesitzern, Landwirten und politischen Entscheidungsträgern besucht. Es zählt als Vorreiter der Rewilding-Bewegung. Knepp Estate ist eines dieser Erfolgsprojekte, die Mut und Hoffnung geben können, dass die Natur auch in stark bearbeiteten und industrialisierten Gebieten wieder zurückkehren kann, solange man ihr Platz und etwas Zeit lässt. Überall Naturschutzgebiete einzurichten, ist nicht möglich. Wichtig ist jedoch, bestimmte Lebensräume und Arten anzuvisieren, die unseren Schutz besonders benötigen, um so sichere Oasen bieten zu können. So hat auch die Biodiversität wieder Chancen, sich in ihrer breitgefächerten Schönheit zu entfalten.