Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/3075

| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Achte Unterredung, welche die zweite mit Abt Serenus ist über die Herrschaften oder Mächte.
10. Antwort über den Anfang des Falles Satans.
Serenus: Daß Dieß nicht der Anfang des Abfalles oder der Verwerfung von Jenem gewesen sei, zeigt uns die Lesung der Genesis, welche ihn vor der Verführung der Menschen mit dem Brandmal des Schlangennamens belegen zu müssen glaubt, indem sie sagt: „Die Schlange aber war weiser“ — oder, wie die hebräischen Bücher das [S. 519] ausdrücken, — „schlauer als alle Thiere der Erde, die Gott der Herr gemacht hatte.“ Ihr seht also, daß er vor jenem Betruge des ersten Menschen von der englischen Heiligkeit abgefallen war, so daß er nicht nur mit der Schande dieses Namens bezeichnet werden mußte, sondern auch an hinterlistiger Bosheit den übrigen Thieren der Erde vorgezogen wird. Denn mit diesem Worte hätte die Schrift keinen guten Engel bezeichnet, und sie würde nicht von solchen, die in jener Seligkeit verharrten, sagen: Die Schlange aber war schlauer als alle Thiere der Erde. Denn dieser Beiname würde nicht nur einem Gabriel oder Michael auf keine Weise angepaßt werden können, sondern er würde sich nicht einmal für irgend einen guten Menschen schicken. Offenbar klingt also sowohl der Name „Schlange“ als auch die Zusammenstellung mit den Thieren nicht nach der Würde eines Engels, sondern nach der Schmach eines Abgefallenen. Endlich ward der Zunder zu Mißgunst und Verführung, durch den er angetrieben wurde, den Menschen zu bethören, durch seinen frühern Fall geliefert, weil er nämlich sah, daß der erst jüngst aus dem Schlamme der Erde Gebildete zu jener Herrlichkeit berufen werden sollte, aus der er, obwohl einer der Fürsten, sich herabgestürzt wußte. Und deßhalb folgte auf feinen früheren Fall, in welchem er durch Hochmuth stürzte, und durch den er auch den Namen der Schlange verdient hatte, der zweite Sturz durch Neid. 1 Während ihn dieser noch einigermaßen im Rechten fand, so daß er auch mit dem Menschen Umgang zu einiger Besprechung und Berathung haben konnte, wurde er nun durch den Urtheilsspruch Gottes zu unserm Nutzen [S. 520] ganz in die Tiefe geworfen, so daß er nicht mehr wie früher hoch einher schreiten und nach irgend Etwas in der Höhe schauen konnte, sondern am Boden kroch und auf den Bauch gelegt sich an irdischem Lastergenuß und Lasterwerk weidete. So verräth er hiefür den verborgenen Feind und setzt zwischen sich und dem Menschen eine nützliche Feindschaft und heilsames Zerwürfniß, damit er nicht weiter durch trügerische Freundschaft dem Menschen schaden könne, da er ja als gefährlicher Feind gemieden wird.
1: Auch hier begegnen wir einer Ansicht, die nicht haltbar erscheint. Der Teufel hatte nach seiner ersten, der Hochmuths-Sünde, keineswegs noch Etwas von Ordnung oder Gerechtigkeit an sich, das er erst durch Verführung der Menschen verloren hätte; sondern seine erste Sünde war so entscheidend, daß sie ihn dem völligen geistigen Tode überlieferte.