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Distanz halten
Das Corona-Virus verändert unsere Lebensgestaltung. Ein Blick in die Vergangenheit belegt das eindrücklich.
CovInzwischen steht fest: das Corona-Virus wird uns weiter verfolgen, solange wir keinen wirksamen Impfstoff dagegen haben. Selbst dann bleiben wir möglicherweise eingeschüchtert. Ein Blick in die Geschichte veranschaulicht, was solche Erfahrungen nach sich ziehen.
Corona hiess früher Tuberkel
1882 entdeckte der deutsche Mediziner Robert Koch das Mycobacterium Tuberculosis. Er wies nach, dass dieses Bakterium, aus dem sich Tuberkel bilden, die gefürchtete Tuberkulose in allen ihren Ausprägungen verursacht. Er belegte zudem, dass es sich – wie das Corona-Virus – über den Speichel verbreitet. Schon ein winzig kleines, kaum sichtbares Tröpfchen genügt.
Nun wussten die Leute, dass Tuberkulose eine hoch ansteckende Infektionskrankheit ist, die sich nur bedingt behandeln lässt und in 10 bis 15 Prozent der Fälle zum Tode führt. In der Folge gingen sie auf Distanz zueinander, wichen Unbekannten aus, fassten nicht mehr an, was andere schon in der Hand hatten und massregelten jeden, der auf den Boden spuckte. Überall witterten sie Tuberkulose-Bakterien, nirgends fühlten sie sich sicher. Sie unternahmen alles, um die Hygiene zu verbessern.
Im verseuchten Davos wehren sich alle
Im aufstrebenden Kurort Davos, der seit 1865 auf die Behandlung wohlhabender tuberkulöser Patienten gesetzt hatte, gingen die Besucherzahlen vorübergehend zurück. Der ganze Ort galt als «verseucht». Die Einheimischen begegneten den reichen Kurgästen, die Geld und Wohlstand brachten, plötzlich argwöhnisch. Sie hatten fortan immer einen Spucknapf mit sich zu tragen. In den Kirchen waren sie nicht mehr willkommen – dort sei es ja ungeheizt, also gefährlich für sie, lautete der Vorwand.
So bekam 1883 das Alexanderhaus, das erste Volkssanatorium, seine eigene beheizte Kirche als Anbau. Dort waren die schwer atmenden, röchelnden, teils bluthustenden Tuberkulösen mit ihren Spucknäpfen unter sich. 1886, rund 30 Jahre vor der Kantonshauptstadt Chur, hatte Davos bereits eine Kanalisation. In den Hotels, Heilstätten und Sanatorien prüfte der Lebensmittelkontrolleur die Hygiene. Die Zentralmolkerei erhielt ein angegliedertes Labor, das die Milch auf Bakterien untersuchte. Dank dieser Hygienemassnahmen kamen wieder mehr Gäste.
Die erste «geschlossene Anstalt»
1889 entstand unter den Geboten der Hygiene das erste geschlossene Sanatorium für selbst zahlende Erkrankte. Gehorsam befolgten sie das äusserst rigide Regime, das ihnen Chefarzt Karl Turban auferlegt hatte. Er schrieb ihnen das Tagesprogramm vor. Im Mittelpunkt standen täglich sieben Stunden Liegekur, während der Lesen und Sprechen strikt verboten waren. Wer nicht parierte, flog raus und damit dem Tod entgegen.
1901 erliess die Gemeinde ihr eigenes Hygienegesetz. Der Hygiene zuliebe eröffnete 1902 die «Sanitäre Dampfwäscherei, Färberei, Chem. Reinigungs- und Desinfektionsanstalt A.G.» ihre Pforten. 1914 kamen das Krematorium und die Müllverbrennung dazu. Davos war mit diesen Anlagen dem übrigen Kanton weit voraus.
Die Architektur wird hygienisch
Die Architekten mussten die Erfordernisse der Hygiene besonders beherzigen. In Gebäuden hatte alles abwaschbar und hell zu sein. Auf den Böden gab es nur noch Marmor oder Linoleum, an den Wänden Kacheln. Die Patientenzimmer mussten lichtdurchflutet und nach Süden zur Sonne hin ausgerichtet sein. Jedem Zimmer war ein grosser Sonnenbalkon vorgelagert. Polstermöbel, Vorhänge, Teppiche, selbst Stuckaturen und Verzierungen galten als dreckige Brutstätten für bedrohliche Bakterien. So entstanden die kubischen und schnörkellosen Sanatorien mit ihren wabenartig angelegten Balkonen.
Die Möbelbauer passten sich ebenfalls an. Wasserabstossend, durchlässig und ritzenfrei mussten ihre Produkte sein. Diese Entwürfe von Architekten und Designern wiesen den Weg in die Moderne und beeinflussen bis heute weltweit Wohnungsbauten und ihre Einrichtung. Gut konzipierte Wohnblöcke mit Terrassen sind nichts anderes als funktional erweiterte Sanatorien. Erst recht gilt das für zeitgenössische Rehabilitationszentren. Sie sind die Sanatorien von heute.
Durchaus Wohliges liegt in der Zukunftsluft
Im Laufe der Zeit sind sie die Bauten der Moderne zudem rollstuhlgängig geworden. Ebenerdige Zugänge, automatische Türen, Aufzüge im Gebäudeinnern dienen ebenfalls der Hygiene. Bislang ist niemandem eingefallen, Wünsche dieser Art so zu etikettieren. Vielmehr sprach der ethisch schöne und gesetzlich verankerte Gedanke des «Nachteilausgleichs» und der Gleichstellung für solche baulichen Massnahmen. Vielleicht beschleunigt die Corona-Krise nun gewisse Prozesse, die in diese Richtung zielen: Es ist unhygienisch und gefährdet die Volksgesundheit, wenn wir uns helfen lassen müssen, um in Gebäude und Trams zu gelangen, müssen wir ab sofort androhen – und schwupps wird die Welt ausgeebnet?
Bereits zeichnet sich ab, wie sich die laufende Infektionswelle auswirken könnte: Schön hat’s, wer mehrheitlich zu Hause arbeiten kann. Gut bedient ist, wer sich Waren und Dienstleistungen bringen lässt. Glücklich ist, wer sich in den eigenen vier Wänden selbst beschäftigen kann. Bequem ist’s, sich mit Verweis auf das Ansteckungsrisiko von mühseligen Anlässen, langweiligen Versammlungen und anstrengenden Reisen abzumelden. Erfreulich ist’s, dass in der Politik mit dem verdriesslichen Geheule, die Gesundheitskosten seien zu hoch, auf absehbare Zeit kein Staat zu machen ist.
Ich finde: Solche Veränderungen gereichen uns Rollstuhlfahrern durchaus zum Wohl. Wie seht ihr das?