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Bei der P. handelt es sich um eine durch das Bakterium Yersinia pestis verursachte Infektionskrankheit, die ab Mitte des 14. Jh. bis in die späten 1660er Jahre in periodisch wiederkehrenden Seuchenzügen die Schweiz heimsuchte. Die Infektionsmechanismen wurden indessen erst nach der Entdeckung des Pestbazillus 1894 in Hongkong durch Alexandre Yersin herausgefunden. Wild lebende Nagetiere (v.a. Ratten und Mäuse) bilden das natürl. Erregerreservoir, die Übertragung geschieht durch infizierte Flöhe, welche auch Menschen anstecken. Charakterist. Zeichen sind die nach einigen Tagen auftretenden Schwellungen der Lymphknoten, die Pestbeulen. Breitet sich die Krankheit aus und wird auch die Lunge befallen, kann sich die P. über Tröpfcheninfektion als Lungenpest direkt von Mensch zu Mensch übertragen. Je nach Schweregrad führte die P. nach wenigen Tagen oder Wochen zum Tod. Höchstens jeder fünfte an Beulenpest Erkrankte überlebte die Seuche und entwickelte eine Resistenz. Die P. tritt auch heute noch endemisch in Nagerpopulationen Asiens und Amerikas auf und führt jedes Jahr weltweit zu einigen tausend Infektionsfällen bei Menschen.
Die erste grosse Pestwelle traf kurz vor Mitte des 14. Jh. ganz Europa heftig und unvorbereitet. Der Schwarze Tod erreichte die Schweiz Ende 1347 von Süden her im Rhonetal und im Tessin. 1348 brach die P. in den Städten des Mittellands aus. Danach blieb sie eine ständige Bedrohung: Alle 10 bis 20 Jahre traten grössere oder kleinere Epidemien auf. Die Eintrittspforten waren v.a. die Verkehrs- und Handelswege von Norden her über Basel und aus dem Westen über Genf. Hauptsächlich entlang der Transitrouten forderte die P. ihre Opfer auch in Graubünden und im Tessin. Durch viele regionale Ausbrüche war die Westschweiz am meisten, die Süd- und Zentralschweiz am wenigsten betroffen. 1519, 1541, 1611 sowie 1630 wurde die gesamte Eidgenossenschaft von Epidemien heimgesucht. Dabei handelte es sich meist um die über den Menschenfloh verbreitete Beulenpest. Die direkt von Mensch zu Mensch übertragene Form der Lungenpest war vermutlich weit weniger häufig.
Das Krankheitsbild der P. und die hohe Mortalität jagten den Menschen im MA und in der frühen Neuzeit grosse Angst ein. Primär wurde die Seuche als Strafe Gottes für die sündige Menschheit interpretiert. Doch der Glaube an Gott, die Fürbitte bei Jesus, Maria und den Heiligen, v.a. Sebastian und Rochus (Heiligenverehrung, Volksfrömmigkeit) boten Stärkung und Zuflucht. Die Kirche organisierte Bitt- und Bussprozessionen. Die Gründung von Bruderschaften, Kapellenstiftungen oder Vergabungen für die Armen gehörten ebenso zu den indirekten Massnahmen gegen die P. Die Phänomene der Geisslerzüge (Ketzer) und der Judenverfolgung (Antisemitismus) traten in der Schweiz besonders 1348-50 im Kontext der sozialen Erschütterungen durch die Pestepidemien auf; mindestens 28 jüd. Gemeinden wurden zerstört.
Ab dem MA versuchten zwei konkurrierende Lehrmeinungen das Entstehen der Pestepidemien zu erklären: Nach der Miasmatheorie verdarben pesterzeugende Stoffe die Luft und führten zu lokal begrenzten, gehäuften Erkrankungen der Menschen. Dagegen fusste die Kontagionslehre auf der Erfahrung der Ansteckbarkeit der P. Das Pestgift - über dessen Natur vor der Entdeckung der Mikroorganismen nur spekuliert werden konnte - wurde direkt oder über sog. giftfähige Waren von Mensch zu Mensch übertragen. Entsprechend unterschiedlich waren die empfohlenen prophylakt. Massnahmen: Aufgrund der Miasmatheorie sollte man aus Gegenden mit verdorbener Luft wegziehen. Die Kontagionslehre dagegen setzte auf eine Vermeidung der Übertragung des Pestgifts, besonders durch die Isolation der Kranken sowie die Überwachung des Personen- und Warenverkehrs aus infizierten Gegenden. Als Massnahmen gegen die P. im Fall einer Erkrankung empfahlen die ma. Heilkundigen eine richtige Lebensführung, Aderlass und Arzneien entsprechend der Säftelehre zur Stärkung des Organismus. Dazu kam das Aufschneiden der Pestbeulen.
Die demograf. Folgen der Pestepidemien waren verheerend (Bevölkerungskrisen). 1349 raffte die P. in Saint-Maurice ein knappes Drittel der Bevölkerung dahin. Die europ. Gesamtsterblichkeit wird auf 25-50% geschätzt. Genf, 1568-72 vom schlimmsten Pestzug betroffen, begrub innerhalb von vier Jahren über 3'000 Pesttote, wobei die Seuche im Sommer und speziell im August die meisten Opfer forderte. In der Stadt St. Gallen starben an der P. 1585 etwa 7% und 1629 rund 30% der Bevölkerung. Nach dem Pestbericht des Basler Stadtarztes Felix Platter für die Epidemie von 1610-11 erkrankten 50,5% der Einwohner, 62% davon (oder 31,4% der Gesamtbevölkerung) starben. Dabei waren Männer und Frauen meist gleichermassen betroffen. Der Rückgang der Bevölkerung wirkte sich in der Stadt und auf dem Land unterschiedlich aus. Die Städte konnten etwa durch vergünstigte Einbürgerungen die durch die P. entstandenen Lücken schneller schliessen. Die wirtschaftl. Folgen insbesondere auf die Landwirtschaft und innerhalb der ländl. Gesellschaft wurden als Agrarkrise oder Krise des Spätmittelalters analysiert.
Um die Versorgung der Pestkranken kümmerten sich Stadtärzte, Scherer, weltl. und geistl. Institutionen. Nebst den Siechenhäusern nahmen temporär errichtete Holzbauten oder bereits bestehende, ausserhalb der Siedlungen gelegene Gebäude, z.B. aufgehobene Klöster, die Kranken auf. Seltener wurden eigentl. Pestspitäler - Zeichen einer aktiven städt. Pestpolitik - wie das Spital Saint-Roch in Lausanne (1495) errichtet. Für die Sicherung des Seelenheils sorgte etwa in Zug 1492 die Sebastians-Bruderschaft, die sich um Begräbnisse, Messlesungen und Seelenheil der Pesttoten kümmerte.
Individuelle Massnahmen erwiesen sich als wenig hilfreich; die Flucht war nur für wenige möglich. Die Zuständigkeit der Behörden für die Organisation der Pestabwehr wurde anerkannt, was v.a. in Städten zur Schaffung von Sanitätsräten führte. Wegweisend für die Entwicklung von Pestreglementen waren die exponierten nordital. Städte Mailand und Venedig, die z.B. mit Bern und Zürich zusammenarbeiteten. Ihrem Vorbild folgte die erste bekannte Pestordnung in der Schweiz von Renward Cysat in Luzern von 1580. Bereits 1571 veröffentlichte der Lausanner Stadtarzt Jacques Aubert ein Pesttraktat. In Sitten erarbeitete der Stadtarzt Constantin a Castello 1629 ein Pestreglement. In Schaffhausen verfasste Johannes Ammann, der spätere Stadtarzt, 1667 eine Pestschrift. Künstlerisch fand die P. ihren Ausdruck in Form zahlreicher Totentanzdarstellungen.
Entsprechend der Miasmalehre wurden Massnahmen zur Luftreinigung oder zur Verbesserung der öffentl. Hygiene - etwa die Entfernung der Misthaufen aus der Stadt - ergriffen. Friedhöfe wurden ab dem 16. Jh. zunehmend an einen Platz ausserhalb der Wohngebiete verlegt. Mit der Verbreitung der Kontagionslehre im 17. Jh. erfolgten weiter reichende wirksame Massnahmen. Über Orte, in denen die P. wütete, wurde der "Bando", eine Grenzsperre, verhängt, um den Personen- und Warenverkehr zu unterbrechen. Durch die Sperrung der Verkehrswege, welche die Innerschweiz aufgrund des Drucks von Mailand durchführte, blieben ihre Gebiete während der letzten Pestwelle von 1665-70 pestfrei, während Basel als wichtige Handelsstadt weniger konsequent verfuhr und von einer Epidemie heimgesucht wurde. 1629 blieb die Stadt Luzern im Gegensatz zur Landschaft pestfrei; gleiches gilt für Bern und Zürich in den Epidemien 1667-70. Die P. 1633-36 erreichte die Zentralschweiz nicht mehr, die letzte Welle ab 1667 nur noch die ref. Gegenden wie Basel, Schaffhausen, Aargau, die Landschaften Zürich und Bern, dort bis hinauf ins Oberland, wo sie 1670 erlosch. Als fünfzig Jahre später die P. von Marseille aus die Schweiz erneut bedrohte, beschloss eine ausserordentl. Tagsatzung im Okt. 1720 Abwehrmassnahmen, was zu Spannungen mit den angrenzenden franz. Gebieten führte. Wie ernst die Bedrohung der P. auch später noch genommen wurde, zeigt ein Erlass des Bundesrats zum Vorgehen bei Pestverdacht von 1900.
Literatur
– E. Olivier, Médecine et santé dans le pays de Vaud 2, 1962, 580-634
– O. Sigg, «Die drei Pestzüge in Ossingen 1611/12, 1629/30 und 1634», in 2. Basler Pestkolloquium vom 3. Juni 1978, [1978]
– S. Bucher, Die P. in der Ostschweiz, 1979
– A. Perrenoud, La population de Genève du seizième au début du dix-neuvième siècle, 1979, 446-454
– H. Koelbing, «Zur Geschichte der P. in der Schweiz», in JbSolG 57, 1984, 5-12
– A. Gili, «L'uomo, il topo e la pulce: epidemie di peste nei territori ticinesi, avamposti naturali del cordone sanitario dello Stato di Milano verso i Paesi svizzeri (XV-XVII s.)», in Pagine storiche luganesi, 1986, Nr. 2, 7-254
– F. Hatje, Leben und Sterben im Zeitalter der P., 1992
– LexMA 6, 1915-1921
– H. Kupferschmidt, Die Epidemiologie der P., 1993
– P., hg. von M. Meier, 2005
Autorin/Autor: Roger Seiler