Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03574.jsonl.gz/452

| Hieronymus († 420) - Briefe

VII. Briefe an Augustinus von Hippo
102. An Augustinus
2.
Es liegt mir fern, etwas aus den Schriften Deiner Heiligkeit angreifen zu wollen. Ich beschränke mich darauf, meine Ansicht als richtig darzutun, ohne andere Meinungen zu kritisieren. Im übrigen bist Du ja erfahren genug, um zu wissen, daß jedem seine Meinung am meisten zusagt. 1 Es ist knabenhafte Ruhmsucht, wie sie einst bei jungen Leuten Sitte war, hervorragende Männer anzugreifen, um sich selbst einen Namen zu machen. Ich bin auch nicht so töricht, daß ich mich durch Deine abweichende Erklärung beleidigt fühle, wie ja auch Du nicht verletzt sein wirst, wenn ich anderer Meinung bin. Aber dadurch kommt es unter [S. 425] Freunden zu wirklichem Streit, wenn man seinen Ranzen nicht sieht und, um mit Persius zu reden, Ausschau hält nach dem Quersack des anderen. 2 Im übrigen liebe den, der Dich liebt, und Du, auf dem Felde der Schrift noch ein junger Mann, mögest den Greis nicht herausfordern. Ich habe meine Zeit gehabt und bin gelaufen, so gut ich konnte. Jetzt ist es an Dir, zu laufen und lange Strecken zurückzulegen, während mir Ruhe zukommt. Damit Du nicht allein Dich auf die Dichter berufst — es sei ohne Kränkung und Deine Erlaubnis vorausgesetzt gesagt —, so will auch ich Dich an Dares und Entellus erinnern 3 und an das allgemein bekannte Sprichwort: „Ein müder Ochse tritt schwerer auf.“ Diesen Brief habe ich in niedergeschlagener Stimmung diktiert. O daß ich Dich doch umarmen dürfte und bei gemeinschaftlicher Unterhaltung lehren und lernen könnte!
1: Röm. 14, 5.
2: Persius, Sat. 4, 24.
3: Verg., Aen.V 369 ff. Dares, ein jugendlicher Gefährte des Aeneas, wollte gegen den alten, aber noch kräftigen Entellus kämpfen, der ihm eine schmähliche Niederlage zufügte.