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Für viele Kinder ist es Alltag. Sie kommen aus der Schule, greifen sich einen Fussball oder Basketball und spielen, bis die Hausaufgaben rufen. Bei Armand Duplantis war es ähnlich. Bloss waren es bei ihm Sprünge auf der eigenen Stabhochsprunganlage im Garten. Als Dreijähriger springt er mit dem Besenstiel auf das Sofa, mit sieben erhält der amerikanisch-schwedische Doppelbürger extra angefertigte Stäbe – weil er so klein und dünn ist, dass er keinen der herkömmlichen Stäbe biegen kann. Und springt seinen ersten Alters-Weltrekord (2,33 m). Für ihn ist schon damals klar, dass er auch bei den Grossen der Beste der Welt sein will.
Nun, mit 20 Jahren, ist er es. Im Februar ist Duplantis in der Halle zweimal Weltrekord gesprungen; der steht jetzt bei 6,18 Meter. Er hat damit seinen Freund und Mentor Renaud Lavillenie übertroffen. Unter freiem Himmel steht noch der legendäre Sergej Bubka zuoberst (6,14 m aus dem Jahr 1994), der die Bestmarke 35 Mal verbessert hatte.
Bei den Duplantis ist Stabhochsprung Familiensache. Vater Greg ist sein Trainer, Mutter Helena schreibt die Athletik-Trainingspläne. Selbst sein Grossvater sprang früher. Alles ganz selbstverständlich. Vielleicht wirkt «Mondo» deshalb nicht abgehoben – nicht mal, wenn er sagt, er wolle der Grösste werden, der je gesprungen ist.
«Die Leute wollen Weltrekorde sehen.»Armand Duplantis
Armand Duplantis, in welchem Moment wissen Sie, ob es ein guter Sprung wird?
Normalerweise in der Sekunde, in der ich abspringe. Der Anlauf und das Abheben sind meiner Meinung nach die wichtigsten Punkte. Und wenn ich den Boden verlasse, weiss ich meistens, was passiert.
Können Sie das Fliegen geniessen?
Sicher! Ich bin ja ziemlich lange dort oben (Anm.: gut 2,5 Sekunden). Wenn die Latte liegen bleibt, hast du einen schönen, friedlichen freien Fall. Wenn du reisst, macht es etwas weniger Spass.
Als Sie den zweiten Weltrekord sprangen, schien noch ziemlich viel Luft zwischen Ihnen und der Latte zu sein. Ist es Ihr Ziel, den Weltrekord nach Bubka-Manier zu verbessern – Zentimeter um Zentimeter?
Ich nehme nichts für selbstverständlich. Du weisst nie, wann du wieder in einer solchen Form bist. Aber die Leute wollen Weltrekorde sehen. Es ist ihnen egal, ob er einen, zwei oder fünf Zentimeter über der alten Bestmarke ist. Ich werde sicher versuchen, den Rekord so oft wie möglich zu brechen.
Das ist auch sehr lukrativ – für einen Weltrekord gibt es vom internationalen Leichtathletikverband 100 000 US-Dollar.
(lacht) Das soll mein Denken nicht zu sehr beeinflussen. Am Ende des Tages ist es natürlich auch meine Arbeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Aber ich bin sicher eher ein einfacher Mensch, der nicht viel braucht.
Sie sagten schon als Kind, Sie wollten der beste Stabhochspringer der Welt werden. Besteht die Gefahr, dass Sie nun, da Sie das erreicht haben, in ein Loch fallen?
Nein. Es gibt so viele Dinge, die ich noch nicht erreicht habe: Ich will Weltmeister sein und Olympiasieger. Und ich will so dominant sein, wie es mir möglich ist. Eine Markierung hinterlassen als der Grösste, der je gesprungen ist. Dafür kannst du nicht einfach bei ein, zwei Meetings gut springen, sondern dann, wenn es wirklich zählt, an den grossen Meisterschaften. Ich bin also immer noch sehr, sehr motiviert. Ich liebe es den Wettkampf und die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit jeden Tag hinauszuschieben.
Sind Sie überall so ehrgeizig?
Ich bin sicher sehr ambitioniert. Und im Stabhochsprung habe ich noch diesen Extragang, den ich einlegen kann. Aber mit zwei älteren Brüdern, die als Kind in allem besser waren als ich, versuchte ich, überall zu gewinnen, wo es ging: Und sei es nur beim Spiel, wer am schnellsten essen kann. Dass ich in einem sehr konkurrenzbetonten Umfeld aufgewachsen bin, ist sicher ein Grund für meinen Erfolg.
Ihr Bruder Andreas sprang auch, die jüngere Schwester Johanna ist ebenfalls ein Talent. Antoine jedoch ist Baseball-Profi in der Major League bei den New York Mets. Wie stark sind Sie selbst im Baseball?
Ich war ziemlich gut, glaube ich. Als ich mit 13 Jahren aufhörte, war ich wohl besser als er. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich dort wäre, wo er heute ist, wenn ich weitergemacht hätte.
Sie sind in den USA aufgewachsen, starten aber für Schweden, der Heimat Ihrer Mutter. Welche Beziehung haben Sie zu dem Land?
Als ich Kind war, verbrachten wir praktisch jeden Sommer in Schweden bei unserer Familie. Es war immer ein zweites Zuhause für mich. Ich fühle mich schwedisch und spreche die Sprache ganz okay. Natürlich fühle ich mich aber auch amerikanisch.
Welche Charakterzüge haben Sie denn aus den beiden Ländern?
Oh, das ist schwierig (überlegt). Für mich ist das nicht so verschieden. Wie ich über den Wettkampf denke, ist aber wohl eher amerikanisch. Sehr selbstsicher, zuversichtlich. Wenn ich in etwas gut bin, wirke ich vielleicht etwas grossspurig oder eingebildet. Die schwedische Mentalität ist viel demütiger und realistischer. Ich habe immer hoch gezielt – als Kind sagte ich, ich wolle den Weltrekord brechen. Viele fanden es verrückt, das auszusprechen. Aber ich hatte immer das starke Streben in mir, das wohl zu einem grossen Teil von meinem Vater kommt. Er sprang auch 5,80 Meter hoch.
Ihr Idol war der Franzose Renaud Lavillenie. Was ist mit Bubka, der Legende Ihres Sports? Haben Sie eine Beziehung zu ihm?
Nein, überhaupt nicht. Er überreichte mir die Goldmedaille an der U18-WM 2015. Das ist die ganze Verbindung. Renaud und ich aber sind gute Freunde. Er ist eine Art Mentor, grosser Bruder, Gegner. Es gibt so viele verschiedene Begriffe, unsere Beziehung zu beschreiben.
Wie kam diese Freundschaft zustande?
Als ich aufwuchs, war er immer mein Idol, dann wurde er zum Konkurrenten und nun wie zu meinem grossen Bruder. Das ist verrückt und gleichzeitig grossartig, wir haben eine wirklich gute Beziehung. Ehrlich gesagt hat er grossen Anteil daran, dass ich so weit gekommen bin. Er hat mich in den letzten drei, fast vier Jahren auf diesem Weg geführt. Mich immer mit offenen Armen empfangen, wenn ich mit ihm in Frankreich trainieren wollte. Und sich nie gescheut, mir Tipps zu geben. Er wollte mich erfolgreich sehen. Ich schätze sehr, was er alles für mich getan hat.
«Renaud ist eine Art Mentor, grosser Bruder und Gegner. Das ist verrückt und auch grossartig.»Armand Duplantis
Wie oft trainieren Sie denn zusammen?
In den vergangenen drei Sommern vielleicht jeweils so zwei Wochen.
Was haben Sie von ihm gelernt?
Es ist weniger eine spezifische Sache als zu sehen, wie er trainiert, sich benimmt, sich regeneriert als Weltrekordhalter. Er zeigte mir, wie er an die Spitze kam, seinen Lifestyle, und ich habe beobachtet und alles aufgesaugt.
Stabhochspringer scheinen ohnehin einen freundschaftlichen Umgang zu haben, sie freuen sich über die Leistungen der anderen. Wie kommt das?
Vielleicht, weil der Wettkampf bei uns so lange dauert. Wir sitzen stundenlang direkt nebeneinander. So spricht man zusammen, unterstützt sich. Wir haben viel Respekt voreinander und vor der Disziplin, die wir machen – denn sie ist nicht einfach. Wir sind wie Brüder.
Der Stabhochsprung ist eine sehr spektakuläre Disziplin. Mögen Sie die Show?
O ja, sicher! Das ist die Rolle des Sports: die Leute zu unterhalten. Ich will ein Entertainer sein, dem Publikum eine gute Show bieten. Die Hauptsache dabei ist natürlich, hoch zu springen. Nur dann kannst du all die Extras bringen, den Jubel, das Publikum animieren und miteinbeziehen. Wenn du nicht gut bist, wirst du gar keine Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich liebe die Energie, die das Publikum mir gibt, sie hilft mir, besser zu springen.
Wie hoch springen Sie denn im Training?
Nicht so hoch. Ich brauche den Wettkampf, das Adrenalin, die Unterstützung der Zuschauer dafür. Sechs Meter im Training wären für mich wohl ein Rekord. Natürlich ist das Training sehr wichtig, aber wenn du dort besser bist als im Wettkampf, hast du wohl ein Problem. Ich bin vor allem dann gut, wenn ich es sein muss.
Und wie. Weshalb sieht es so leicht aus, wenn Sie springen?
Das ist, was einen guten Sprung ausmacht. Es ist eine schwierige Disziplin, aber meine besten Sprünge sind die einfachsten. Die, bei denen ich das Gefühl habe, überhaupt nichts tun zu müssen. Es gibt so viele technische Dinge zu beachten, wenn du einen Sprung angehst. Und wenn alle stimmen, dann habe ich die besten Sprünge. Der Sprung über 6,18 war vermutlich einer meiner einfachsten. Nicht einfach im Sinn von: Das kann ich jederzeit tun. Denn so oft passiert das nicht. Aber ich springe schon so lange, dass es sich wie ein Autopilot anfühlt. Natürlich muss ich mich verschiedenen Situationen anpassen. Bei jedem Sprung muss ich meinen Körper anders bewegen, es sind nie zwei Sprünge gleich. Aber es fühlt sich fast natürlich an, und das schon seit einer Weile. Wenn jemand Rad fährt, stellt er sich auch nicht die Frage, wie er vorwärts kommt, die Balance hält. Du kannst es nicht einmal genau erklären, man weiss einfach, wie es geht. Für mich, und ich weiss, dass das schräg klingt: Für mich ist Stabhochspringen wie Velofahren.
Gibt es eine Traumhöhe, die Sie gern springen würden?
Nein, nein. Ich will mir keine Grenzen setzen oder in die Zukunft schauen. Ich weiss, dass ich höher springen kann als bisher. Aber eine spezifische Zahl zu sagen wie 6,30, nein – vielleicht springe ich höher, vielleicht erreiche ich das auch nicht! Für den Moment ist es wichtig, Medaillen anzuhäufen. Und dafür zu sorgen, dass es goldene sind.