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sMus-E
Am 19. Januar 1992, also noch vor der Veröffentlichung des Berichts über das Nationalfonds-Projekt hielt ich in Tramelan an einer Fachtagung des Verbandes Bernischer Musikschulen ein Referat unter dem Titel „Bessere Bildung mit mehr Musik“, worin ich über die Schulversuche berichtete. Über Werner Schmitt, den Leiter der Musikschule Bern, erhielt Yehudi Menuhin anlässlich einer Sitzung der European String Teachers Association EVTA, davon Kenntnis und war derart begeistert, dass er Werner Schmitt aufforderte, zusammen mit ihm und mir ein neues, ähnliches Projekt in die Wege zu leiten.
Am 15. Februar 1993 war ich bei Lord Menuhin im Hotel Storchen in Zürich eingeladen. Ich schilderte ihm unsere Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht und ihre Ergebnisse, wir schwärmten von Kodaly und seiner Methode, er skizzierte ein neues, „bestätigendes“ Projekt. Zwei Tage später sandte er mir ein Geleitwort zu „Musik macht Schule“, dem beim Verlag Die blaue Eule in Essen wenig später veröffentlichten Bericht über die Nationalfonds-Studie.
Es lautet:
Mit ‚Musik macht Schule’ wird endlich die Musik als Teil der allgemeinen Bildung
und als Beitrag zur Rettung des Menschen anerkannt.
Leider müssen wir immer so viel Zeit verlieren, um das zu prüfen, was selbstverständlich wäre. Obschon die Beweise immer häufiger werden – vom dicken, klassischen Buch über das Kodàly-Konzept in Ungarn bis zu diesem neuen Buch über die so gründlich und methodisch durchgeführten Schulversuche in der Schweiz –, gibt es noch immer nicht in allen Schulen aller Länder einen guten Musikunterricht.
Bestimmt kann man behaupten, dass ohne Musik keine gründliche soziale Harmonie und keine positive Beziehung zur Natur zu schaffen ist. Möge dieses Buch nicht nur andere bestätigende Versuche zeugen, sondern auch dazu dienen, in der ganzen Schweiz und in andern Regionen und Kulturen eine eifrige Praxis des Musikunterrichts zu fördern, um unsere Kinder zu einem reicheren Denken hinzuführen.
Zürich, den 17. Februar 1993
Yehudi Menuhin
Die Planungskonferenz in Gstaad
Vom 27. bis 29. September 1993 veranstalteten Werner Schmitt und ich im Auftrag von Lord Menuhin und der International Menuhin Association zusammen mit dem Europäischen Musikrat und unter dem Patronat der bernischen Erziehungsdirektion mit Lord Yehudi Menuhin als Präsident und Werner Schmitt als Chairman in Gstaad eine Planungskonferenz unter dem Titel „Music at School, Source of Balance and Tolerance“. Als Teilnehmer waren Exponenten der Musikerziehung eingeladen aus Dänemark, Estland, Frankreich, England, Ungarn, Portugal und der Schweiz, als Referenten Thys Hervé (Belgien), Dr. Adam Kormann (Deutschland) und ich, ferner Dr. Jean-Luc Patry und Dr. Philippe Gonon.
Ich hatte im Laufe des Sommers vom Bericht „Musik macht Schule“ eine Kurzfassung von 30 Seiten erstellt, und Dr. Patry hatte sie in einer Parforce-Leistung speziell für die Konferenz ins Englische übersetzt. Am Abend vorher wurden die Broschüren fertig, und ich holte sie auf dem Weg nach Gstaad ab.
Mein Referat trug den Titel „A better education with more music“. Diskutiert wurde zunächst im Plenum, dann in zwei Arbeitsgruppen und erneut im Plenum.
In den schliesslich verabschiedeten Guidelines heisst es „The project is based on the Research of Zoltan Kodaly and a study undertaken in 50 Swiss schools from all different culturel regions ‚A better education with more Music’ by Ernst Waldemar Weber, Maria Spychiger and Jean-Luc Patry.“
Die Evaluation sollte (wenn möglich mit Kontrollklassen) an der Universität Bern durchgeführt werden, das ideale Alter für den Start wäre das erste Schuljahr. Alle vertretenen Länder sahen vor, mit einer bis zwei Klassen zu starten, England und die Schweiz noch in diesem Herbst, die meisten andern 1994, nur Frankreich und Estland später. Damit hatten wir – das Executive Committee – nach drei Tagen den Auftrag erhalten, ein Konzept für die Lancierung des Projekts in den Ländern Europas zu erarbeiten und die wissenschaftliche Begleitung vorzubereiten. Die nächste Konferenz wurde auf das Wochenende vor Ostern 1994 angesetzt.
Es wurde ein Exekutivrat bestimmt, bestehend aus Sir Yehudi Menuhin (Präsident), Ursula Bally-Fahr, Generalsekretärin des Europäischen Musikrats, Marianne Poncelet, Generalsekretärin der Internationalen Menuhin-Association, Werner Schmitt (Vice-Präsident) und Ernst W. Weber. Das Büro des Exekutivrats bestand aus Werner Schmitt und Ernst W. Weber.
Wir machten uns sofort an die Arbeit. Ich nahm Kontakt auf mit Professor Oelkers, arbeitete mit Dr. Gonon an Vorschlägen für die wissenschaftliche Evaluation und erstellte zuhanden des Büros einen Katalog der dringend zu lösenden Fragen:
Versuchskonzept: Lehrer oder Animatoren? Klassen oder Schulen? Fortbildungsseminare für die Lehrkräfte oder Symposien für die Animatoren?
Evaluationskonzept: Sind Kontrollklassen nötig? Abklärung des Aufwandes bei verschiedenen Modellen. Auftrag an Oelkers (oder Oser) ? Diskussion, Beschluss und Vorlage an die Legislative.
Finanzen: Beschaffung, Budget, Verwaltung, Spesenregelung.
Organisation der Projektleitung: Verteilung der Aufgaben unter die Mitglieder, Verantwortung und Kompetenzen. Grundlagenpapier: Verfassen, Übersetzen, Versenden. Nächste Tagung/Fort-bildungsseminar: wer,, wann, was, wo; wie finanziert?
Aufgaben der Projektleitung: Vorbereitung der Beschlüsse der Executive. Ausführung der Aufträge, Rechenschaftsablage. Verwaltung der Finanzen, Führen der Rechnungen, Korrespondenz mit den Unterrichtenden und den Landesbehörden. Organisation von Workshops, Seminaren und Tagungen. Kontakt zum wissenschaftlichen Team, evtl. administrative Unterstützung. Öffentlichkeits-Arbeit. Interne Ressortverteilung. Aufträge an das Sekretariat.
Aufgaben des wissenschaftlichen Teams: Erarbeitung und Vorlegen eines Evaluationskonzepts. Wo ist Dezentralisation möglich? Aufbau eines Netzwerks von wissenschaftlichen Beauftragten in den Ländern oder Regionen. Durchführung der Tests und zentrale Auswertung. Evtl. regelmässige Berichte über Ergebnisse und Erkenntnisse zuhanden der Projektleitung.
Das Grundsatzpapier
An der Sitzung vom 29. Oktober erhielt ich den Auftrag, ein Grundsatzpapier zu entwerfen. Dieses wurde Ende November genehmigt und war die Grundlage für die Arbeit des wissenschaftlichen Teams (wo inzwischen Maria Spychiger dazu gestossen war) und die Eingabe an den Nationalfonds. So sah es aus:
MUSIK IN DER SCHULE IN EUROPA
MUSE
QUELLE VON AUSGLEICH UND TOLERANZ
Unter dem Namen MUSE werden in den Ländern Dänemark, Estland, Frankreich, Grossbritannien, Portugal, Ungarn und Schweiz sogenannte Musikklassen geführt, in denen Musik vermehrt, aber ohne Vernachlässigung der andern Schulfächer, gepflegt wird. Im Prinzip bestehen diese Klassen aus Schulanfängern und stammen aus unterprivilegierten Verhältnissen.
In diesem Unterricht haben die Pflege der Stille, das einstimmige und mehrstimmige Singen, instrumentales Musizieren und Improvisieren, Rhythmik, körperlicher Ausdruck und Tanz im Rahmen der Lehrplananforderungen der einzelnen Länder ein bedeutendes Gewicht. Es wird sowohl Volks- als auch geistliche Musik und Musik anderer Länder verwendet. Die Verbindungen zu andern Fächern (z.B. Geschichte, Geographie, Zeichnen, Werken, Mathematik, Sprachen) sind zu pflegen.
MUSE beginnt im Spätsommer 1994. Die Erfahrungen in den in einzelnen Ländern schon 1993 eröffneten Musikklassen werden in das Projekt einfliessen. Es ist eine Dauer von drei Jahren vorgesehen. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Es werden die Fortschritte der Kinder in Bezug auf ihre Einstellung zur Musik, ihre Fähigkeiten im Ausüben und Erschaffen von Musik gemessen, ferner ihre soziale Entwicklung (Soziogramm) und ihre allgemeine schulische Leistung. Die Lehrkräfte sind teilweise an der Evaluation zu beteiligen, z.B.. durch das systematische Beobachten von bestimmten Merkmalen. Als Dokumentation und als didaktische Hilfe für die Lehrkräfte werden in regelmässigen Abständen Videoaufnahmen gemacht.
Die beteiligten Lehrkräfte sollen sowohl als Lehrer wie in Musik qualifiziert sein. Sie nehmen jährlich einmal an einem Fortbildungsseminar von zwei Wochen Dauer teil, das abwechselnd in einem der beteiligten Länder stattfindet und durch bestens ausgewiesene Animatoren geleitet wird. Das erste derartige Seminar findet in den Sommerferien 1994 in der Schweiz statt. Die Lehrkräfte verpflichten sich, während wenigstens drei Jahren an der Musikklasse zu arbeiten.
Die Leitung von MUSE obliegt dem Exekutivrat, bestehend aus Sir Yehudi Menuhin (Präsident), Ursula Bally-Fahr, Generalsekretärin des Europäischen Musikrats, Marianne Poncelet, Generalsekretärin der Internationalen Menuhin-Association, Werner Schmitt (Vice-Präsident) und Ernst W. Weber. Das Büro des Exekutivrats besteht aus Werner Schmitt, Ernst W. Weber und einer administrativen Hilfskraft.
Der Exekutivrat beschafft die finanziellen Mittel bei privaten Sponsoren, der EG und der UNESCO. Die beteiligten Länder bezahlen einen Drittel der Kosten.
In allen Schlüsselfragen des Projekts entscheidet die Konferenz der Verantwortlichen der beteiligten Länder mit.
In diesem Papier verwendete ich zum ersten Mal das Wort Muse. Im Januar 1994 wurde das Projekt umbenannt in MUS-E, wobei das E für Europa steht. Im März reichten wir das Evaluationskonzept dem Nationalfonds ein.
Tous les violons du monde
Vom 29. April bis 1. Mai 1994 fand in Bern nochmals eine internationale Konferenz statt. Höhepunkt war ein dreieinhalbstündiges Konzert im Casino unter dem Titel „Tous les violons du monde“ mit Hunderten von Geigern.
Zweifel
Leider hielt Yehudi Menuhin am Modell mit Animatoren fest, weil er – und auch Werner Schmitt – nicht daran glaubte, dass gewöhnliche Lehrer fähig wären, einen guten Musikunterricht zu erteilen. Ich bedauerte das sehr, denn es bedeutete, dass die Einsätze der Animatoren zwar jeweils ein erfreuliches Happening waren, dass die Impulse aber nicht nachhaltig weitergepflegt wurden. Mir war immer wichtig gewesen, dass auf Grund der Ergebnisse meiner Studie alle Kinder in den Genuss guten Musikunterrichts kommen müssten, und dass dafür alle Lehrerinnen und Lehrer in der Grund- und Primarstufe kompetent ausgebildet sein müssten. Und ich wusste ja aus langer Erfahrung auch, was es bedeutet, Musik zu unterrichten in der Volksschule: Das ist schwere Arbeit, wenngleich auf weite Sicht lohnend und erfüllend. Und mir war klar, dass die Situation mit gut gemeinten Happenings nicht entscheidend zu verbessern ist.
Aber vorderhand wartete viel Arbeit auf uns, denn die Projekte begannen und wollten von Bern aus begleitet und betreut werden; Werner Schmitt und ich waren manchmal fast Tag und Nacht im Einsatz. Im Februar 1995 kam die Absage des Nationalfonds; ich hatte zwar damit gerechnet, weil ich wusste, dass die Vorgaben für eine wissenschaftliche Evaluation zu vage waren. Trotzdem war es eine Enttäuschung. Dazu kam, dass Werner Schmitt die Tendenz hatte, in eigener Kompetenz Entscheide zu fällen, mit denen ich nicht einverstanden war, für die ich mich aber als Mitglied des Executive Committee auch verantwortlich fühlte. Im April fuhr ich schweren Herzens nach Basel ins Hotel Drei Könige, um Lord Menuhin mitzuteilen, dass ich aus dem Projekt aussteige. Zum internationalen Meeting von Mus-E vom 10. bis 14. Juli 1995 in Gwatt war ich als Beobachter eingeladen, aber ich nahm daran nicht mehr teil.
Wenn ich an diese wenigen, aber intensiven Jahre mit Mus-E zurückdenke, fühle ich ein Bedauern und eine leise Wehmut. Wäre ich weniger stur und ängstlich gewesen, hätte ich die persönlichen Bedenken und das Unbehagen wegen der Art des Projekts überwunden, dann hätte ich in alle die Länder reisen können, hätte viele interessante Menschen kennen gelernt, viele Türen in ganz Europa hätten sich (vielleicht) meinen Anliegen geöffnet. Solche Gedankenspiele sind natürlich müssig, ich wäre undankbar, wenn ich ihnen nachhinge. Was mir zu schaffen macht, ist aber dies: Ich hatte eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des Jahrhunderts persönlich kennen gelernt, einen wunderbaren Musiker und liebenswerten Menschen, hatte eine Zeit lang in seinem Glanz gelebt, und dann habe ich ihn enttäuscht. Ich tröste mich damit, dass Mus-E gedeiht und das Andenken an Yehudi Menuhin wach hält, und ich bin ein wenig stolz darauf, dass ich dabei nicht unwesentlich im Spiele war, durch meine Studie zunächst, durch die Aufbauarbeit für Mus-E und nicht zuletzt durch die Namensgebung. I
Zusammenfassend kann gesagt werden:
Das Projekt MUS-E fusste auf den Ergebnissen des Nationalfonds-Projekts mit dem Namen BESSERE BILDUNG MIT MEHR MUSIK, das von 1988 bis 1991 unter meiner Leitung am Pädagogischen Institut in Fribourg durchgeführt wurde und im Bericht MUSIK MACHT SCHULE (ISBN 3-89206-540-39) dokumentiert ist. Ich habe MUS-E von Anfang an wesentlich mitgeprägt und in den Jahren 1993 bis 1995 kräftig mitgeholfen, es mit sehr viel – natürlich unbezahlter – Arbeit in Fahrt zu bringen.
Das Projekt MUS-E ist heute dank Werner Schmitt in ganz Europa präsent. Im Mai 2014 wurde in Bern mit einem Symposium und einem grossen Konzert im Münster das 20-jährige Bestehen gefeiert. Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass auf der Website von Mus-E die Entstehungsgeschichte völlig falsch dargestellt wird. Werner Schmitt versprach mir, das zu ändern. Aber jetzt heisst es einfach, Mus-E sei eine Weiterentwicklung des Konzeptes von Kodaly. Mein Projekt, von dem alles ausging, wird mit keinem Wort erwähnt, auch ich selber komme nicht vor. Das ist gelinde gesagt, ziemlich fies. Und auf der Website von Mus-E Deutschland steht noch immer, Mus-E sei 1993 von Yehudi Menuhin gemeinsam mit Werner Schmitt und Marianne Poncelet ïnitiiert worden, was schlicht gelogen ist.
Mir scheint, dass bei MUS-E zu meinem Bedauern das Singen zu kurz kommt. Im Protokoll der Planungskonferenz von Gstaad heisst es:“ The main contents of the music teaching are singing (solo and choral singing), and dancing, melody and rhythm, improvisation and music making with percussions and other musical instruments.“ Und kurz vor seinem Tod hat Lord Mehuhin für die von Karl Adamek gegründete IL CANTO DEL MONDO (wo ich korrespondierendes Mitglied des Exekutivrats war) ein wunderbares Gedicht über das Singen geschrieben.