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Unter Börsenexperten macht eine spannende Prognose die Runde: Es stehe eine Sektorrotation bevor, also eine Umschichtung von einer Branche in andere. Im Klartext: Titel, die gestern noch performt haben wie Technologieaktien, werden von anderen Branchentiteln überholt. Wer auf- und wer absteigen könnte und wie eine Rotation funktioniert, lesen Sie hier.
Konkret wird vermutet, dass zyklische Aktien in den kommenden Monaten vermehrt gefragt sein werden. Also jene Titel, die in der Corona-Krise tendenziell stark an Wert eingebüsst haben. Das könnte bedeuten, dass Technologietitel beispielsweise von Industrie- und Rohstoffaktien überholt werden. Eine mögliche Erklärung dazu findet man im «Kitchin-Zyklus».
Die Basis für diesen Zyklus liefern die beiden folgenden Grössen: der US-Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe (ISM Manufacturing) sowie die Rendite einer zehnjährigen US-Staatsanleihe, also den Zins für langfristige Ausleihungen.
Diese beiden Grössen schwingen sinusartig im vierjährigen Konjunkturzyklus, auch «Kitchin-Zyklus» genannt (Joseph Kitchin, 1861 – 1932). Ein hoher Zins schwächt die Konjunktur ab, lässt damit den Einkaufsmanagerindex, eine Masszahl für die Wirtschaftstätigkeit, sinken und führt parallel zu einem nachgebenden Zins, da die Kreditnachfrage abnimmt und der Inflationsdruck nachlässt.
Irgendwann, in der Regel zwei Jahre später, ist der Zins so weit gesunken, dass er wieder stimulierend wirkt. Die Wirtschaft beginnt zu wachsen und mit ihr driftet der Zins so lange in die Höhe, bis er wieder bremsend wirkt.
Was die Vergangenheit zeigt
Die Wirtschaftstiefpunkte dieses Rhythmus liessen sich in den Jahren 2008, 2012, 2016 und zuletzt im Jahr 2020 beobachten. Dieser Takt bestimmt nicht nur, wann die Aktienkurse neuen Höhen entgegen streben und wann sie eher schwächeln, sondern auch welche Branchen bevorzugt werden sollten. Bei den Konjunkturaufschwüngen wie von 2012 bis 2014 und von 2016 bis 2018 gewannen die konjunktursensiblen Werte (zyklische Aktien) wie Siemens oder BASF deutlich an Wert.
Während der Abschwünge, wie nach dem Jahr 2014 oder nach dem Jahr 2018, glänzten dagegen die konjunkturunsensiblen Valoren aus der Konsumgüter- und Pharmasparte wie etwa Nestlé oder Unilever. Diese Aktien sind von einem Konjunktureinbruch nicht so stark betroffen und profitieren von den sinkenden Zinsen.
Man konnte in der Vergangenheit bei den letzten beiden vierjährigen Zyklen jeweils zweimal 50 Prozent gewinnen: beim Aufschwung an der BASF-Aktie und beim Wirtschaftsabschwung an der Nestlé-Aktie.
Gold gehört übrigens zu den konjunkturunsensiblen Anlagen. Bei den Wirtschaftsaufschwüngen im vierjährigen Takt gab der Goldpreis eher nach, während er bei Flauten mit nachgebenden Zinsen deutlich steigen konnte. Der Grund dafür leuchtet ein: Gold zahlt keine Zinsen. Bei sinkenden Zinsen wird Gold attraktiver. Auch muss der Anleger während der Aufschwungsphasen keine Krisen fürchten. Im Aufschwung wird alles besser und die Aussichten hellen sich auf. Finanz-, Schulden- und andere Krisen traten in der Vergangenheit im vierjährigen Takt hauptsächlich bei Abschwüngen auf, wie im Jahr 2008 die Immobilienkrise, im Jahr 2012 die Eurokrise, im Jahr 2016 die Chinakrise und der Abschwung des Jahres 2020, der durch Covid-19 noch verstärkt wurde.
Welches Szenario für den Aktienmarkt lässt sich nun anhand des «Kitchin-Zyklus» für die nächsten Monate ableiten?
Nachdem wir den konjunkturellen Tiefpunkt mit dem Zinstal hinter uns gelassen haben, sollten nun gemäss dem «Kitchin-Zyklus» fast zwei Jahre des Wirtschaftsaufschwungs vor uns liegen. Und davon profitieren bekanntlich konjunktursensible Werte wie zum Beispiel Industrie-, Rohstoff- oder Baufirmen besonders.
Aber ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Für den langfristig orientierten Anleger muss die konkrete Aktienauswahl immer im Vordergrund stehen, unabhängig von der Branche.
Von Thomas Gebert
Verwaltungsrat der Point Capital Group
Börsenexperte und vielfacher Buchautor
5. Februar 2021