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Ein weiteres Märchen aus der reichen Schatzkiste der Brüder Grimm führt uns zu «Aschenputtel», einem Klassiker, der weit über die einfache Erzählung einer unterdrückten Heldin hinausgeht. Bevor wir uns auf eine tiefergehende psychologische Betrachtung einlassen, lade ich Sie herzlich ein, sich zunächst mit dem Originaltext vertraut zu machen. Dieser Schritt wird Ihnen ein umfassenderes Verständnis der nachfolgenden Analysen ermöglichen, in denen ich die Wandlung von Aschenputtel von der Randfigur zur zentralen Gestalt ihrer eigenen Geschichte aufschlüssle.
Aschenputtel: Symbol der Unterdrückung und Transformation
«Aschenputtel», sprichwörtlich für jemanden, der niedrigste Arbeiten verrichtet, steht für die unterwürfige Rolle, die viele Menschen aus Angst vor Ablehnung oder Verlust (Arbeit, Liebe, Anerkennung) einnehmen. Diese Rolle beschränkt sich nicht auf das Geschlecht; sie findet sich in jedem von uns. Psychoanalytiker sind sich einig, dass das Märchen tiefgreifende psychologische Themen wie Angst, Unterwerfung und das Streben nach Anerkennung verhandelt.
Der Cinderella-Komplex
Colette Dowling¹ prägte den Begriff «Cinderella-Komplex» für die unbewusste Wunsch, sich umsorgt zu fühlen, was oft zur Unterwerfung unter die Erwartungen anderer führt. Dieses Verhalten kann langfristig zu einem Verlust des Selbstwertgefühls und der eigenen Identität führen.
Pubertät: Die Suche nach Identität
In der Pubertät, einer Zeit des Umbruchs und der Identitätssuche, können sich Jugendliche besonders mit Aschenputtel identifizieren. Die erlebte Fremdheit gegenüber den Eltern und das Gefühl, von Geschwistern überschattet zu werden, verstärken das Gefühl der Isolation.
Transformation und Reifung
Aschenputtels Geschichte ist eine Metapher für den inneren Reifungsprozess. Trotz Ablehnung und Unterdrückung bewahrt sich Aschenputtel eine innere Stärke und den Glauben an eine bessere Zukunft. Die Hilfe, die es erfährt, symbolisiert die Wichtigkeit von Hoffnung und Unterstützung auf dem Weg zur Selbstfindung.
Die Bedeutung in der Kunsttherapie
In der Kunsttherapie ermöglicht das Märchen «Aschenputtel» die Auseinandersetzung mit Themen wie Selbstwert, Anerkennung und Transformation. Durch kreatives Gestalten können verborgene Gefühle und unentdeckte Aspekte des Selbst sichtbar gemacht werden. Die Kunsttherapie bietet einen geschützten Raum, um sich mit der eigenen Biografie, dem inneren Kind, familiären Beziehungen und vor allem der Beziehung zu sich selbst auseinanderzusetzen.
Der Weg zur Selbstakzeptanz
Der Prozess mag «aschig» sein, doch die Kunsttherapie bietet die Chance, mit professioneller Unterstützung und durch die Kraft der inneren Bilder, die Augen wieder für die Schönheiten des Lebens zu öffnen. Indem man lernt, den «Aschenputtel-Komplex» abzulegen, stärkt man das eigene Selbstwertgefühl und findet den Weg zurück zu sich selbst.
¹ Colette Dowling ist eine amerikanische Autorin, die für ihre Arbeiten über psychologische und soziale Themen bekannt ist. Ihr wohl bekanntestes Werk, «Der Cinderella-Komplex: Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit», veröffentlicht im Jahr 1981, beschäftigt sich mit dem unbewussten Wunsch von Frauen, von Männern abhängig zu bleiben, und untersucht die psychologischen Barrieren, die Frauen daran hindern, ihre volle Unabhängigkeit und ihr Potenzial zu erreichen.
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