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Ökonomin, Autorin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.
Themenbereich: China, Gesellschaft
Die Masse und Dichte der Menschenmengen im Küstengürtel Chinas ist weltweit einzigartig. Ein Beitrag zu den Diskussionen rund um Ecopop aus Schanghai.
Wie viel Menschen können in der Schweiz leben? Diese und verwandte Fragen zu Lebensqualität und Ressourcenverbrauch beschäftigten in den letzten Wochen viele Schweizer Medien. Oft wurden dabei Statistiken über die Bevölkerungsdichte herangezogen, an deren Spitze Stadtstaaten wie Monaco und Singapur liegen, und an deren Ende Länder wie die Mongolei, Grönland oder Australien zu finden sind. Solche Zahlen sind wenig aussagekräftig, da sie Durchschnittswerte darstellen und das effektive bewohnbare Land, die Urbanisierung und die Konzentration der Bevölkerung auf bestimmte Regionen nicht berücksichtigen. Ebenso fehlen darin Angaben zur Wohnfläche pro Kopf und der öffentlichen Infrastruktur.
China ist das flächenmässig viertgrösste Land der Welt, und mit rund 1,38 Mrd. Menschen das Land mit der höchsten Bevölkerungszahl. In Bezug auf die Bevölkerungsdichte rangiert China weit vorne auf Platz 23 (die Schweiz befindet sich auf Platz 21). Doch riesige Gebiete im Westen Chinas sind sehr dünn besiedelt, während sich im Osten des Landes die gigantischen Metropolen ausbreiten. Werden Vororte mitgezählt, gibt es in China 179 Städte mit mehr als einer Million Einwohner. Peking, Schanghai und Guangzhou haben zwischen 20 und 30 Mio. Einwohner, Chongqing ist mit 33 Mio. Einwohnern die grösste Metropole der Welt.
Gemäss Regierungsangaben ist die Wohnfläche pro Kopf in China in den letzten Jahren auf 25 m2 pro Person angestiegen (Schweiz: 50 m2). Doch auch diese Zahl trügt. Offizielle Statistiken berücksichtigen sämtliche neu gebaute Wohnflächen, ohne Berücksichtigung der Leerstände. Es ist auch im reichen und für chinesische Verhältnisse hochentwickelten Schanghai gang und gäbe, dass sich acht Personen eine 75-m2-Wohnung teilen. Migrantenarbeiter ohne offiziellen Wohnsitz in einer Grossstadt leben meist noch viel enger zusammen, oft zu dritt oder viert in einem einzigen kleinen Zimmer. Und wer einmal zur Stosszeit in Peking U-Bahn gefahren ist, fühlt sich abends um sechs Uhr am Bahnhof Stadelhofen recht vereinsamt.
Dichte führt zu Wirtschaftswachstum
Die Masse und Dichte der Menschenmengen im Küstengürtel Chinas ist weltweit einzigartig. Realer und greifbarer Dichtestress ist allgegenwärtig, was zu verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Phänomenen führt.
Der E-Commerce in China boomt, weil die Distribution dank der guten Infrastruktur bei dieser Bevölkerungsdichte super-effizient ist. Das senkt die Transaktionskosten des Konsums und ist wohlstandsfördernd. Paradebeispiel dafür ist der Internet- und E-Commerce-Gigant Alibaba. Obwohl bislang nur in China aktiv, ist sein Handelsvolumen grösser als das von Ebay und Amazon zusammen. Zudem wächst Alibaba rund fünf mal schneller als die amerikanischen Konkurrenten.
Die vom Westen oft als überdimensioniert bezeichnete Infrastruktur wird intensiv genutzt. Enorm teure Projekte wie die Hochgeschwindigkeitseisenbahn zwischen Schanghai und Peking zahlen sich wirtschaftlich aus. Die Hochgeschwindigkeitszüge brauchen für die 1320 km von Schanghai nach Peking 5 Stunden, verkehren im 15-Minutentakt und sind immer voll besetzt. Die weltweit grössten U-Bahnnetze Peking und Schanghai sind eigentlich keine U-Bahnen, sondern S-Bahnen, da die Stationen oft mehrere Kilometer auseinander liegen und einzelne Linien 100 km lang sind. Doch die Züge verkehren im 2- bis 3-Minutentakt.
Es gäbe noch unzählige positive Beispiele für die wirtschaftliche Dynamik, die die Urbanisierung und Bevölkerungsdichte Chinas auszeichnet. Doch auch die Folgen für die Umwelt müssen erwähnt werden: Sie sind fatal und vielleicht nicht mehr vollständig zu korrigieren, auch wenn dies das Ziel Pekings ist.
Es gibt zu viele Chinesen
Der Dichtestress beeinflusst jedoch nicht nur Wirtschaft und Umwelt, sondern hat auch soziale Folgen. Jeder Chinese leidet konstant unter einem unglaublichen Wettbewerbsdruck. Dieser Wettbewerb beginnt mit dem Ergattern eines guten Kindergartenplatzes, einer guten Schule und der Aufnahme an eine gute Universität. Spielen und Freizeit sind für die meisten chinesischen Kinder Fremdwörter. Auch am Wochenende und in den Ferien werden unzählige Nachhilfestunden besucht und es wird durchgebüffelt. Der Wettbewerb geht weiter am Arbeitsmarkt, bei der Suche nach einem Lebenspartner und einer Wohnung. Der Stress und der Erfolgsdruck, unter dem vor allem junge Chinesen stehen, ist enorm.
Dazu kommen Gefühle von Schuld und Verpflichtung gegenüber den Eltern, die für die Ausbildung der Kinder so viel geopfert haben. Ausgewählte chinesische Führungskräfte von McKinsey haben an einem Seminar angegeben, die wichtigsten Momente ihres Lebens seien die Aufnahme – oder Nicht-Aufnahme – an eine bestimmte Universität gewesen, als sie ihre Eltern stolz machten, oder eben enttäuschten. Bei ähnlichen Befragungen in Europa und den USA wurden hingegen familiäre Ereignisse wie die Geburt eines Kindes genannt.
Stellt man Chinesen die Frage, was sie an ihrem Land am meisten stört, nennen sie immer die zwei gleichen Dinge: die mangelhafte Qualität der Lebensmittel und «es gibt einfach zu viele Chinesen». Die Frage – mit Blick auf Ecopop – was Schlimmer ist, sei erlaubt: Zu viele Ausländer, oder zu viele Einheimische?
Elisabeth Tester,
Ökonomin, Journalistin
Ehem. Chinakorrespondentin von «Finanz und Wirtschaft», Wirtschaftspublizistin «From facts to stories», lebt in Schanghai und Zürich. Spezialistin China, makroökonomische Themen und Rohstoffe.
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
Ökonomin, Autorin