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|Wir haben also zwei diametral entgegengesetzte Bewertungen der Oda: einerseits wird sie als unehrerbietig angesehen (so Falla; Eutimio Martin empfindet sie sogar als heterodox, obwohl uns nicht klar wird, wieso der erste Teil der Oda orthodox und der zweite heterodox sein sollte), andererseits wird seinem Verfasser (vor allem durch Buñuel) die Traditionshörigkeit, die Unfähigkeit zum echten Surrealismus, ein dem Instinkt nicht unterworfener Intellektualismus, und eine morsche" artistische Absicht vorgeworfen. Salvador Dali, übrigens, teilte auch diese Meinung: "tu eres una borrasca cristiana y necesitas de mi paganismo", hatte er Garcia Lorca gesagt, wie der Dichter selbst an Jorge Zalamea mitteilt, in einem Brief anfangs August 1928 (Obras III 977).
Meiner Meinung nach wird keine dieser extremen Bewertungen dem Werke Lorcas gerecht. Um Valle-Incláns Bild wieder aufzugreifen: auch das dichterische Schaffen Garcia Lorcas kann aus den drei Perspektiven betrachtet werden, auf den Knien, stehend und von oben herab. Und keiner der beiden Bewertungen kann der Vorwurf erspart bleiben, den erhobenen Standpunkt eingenommen zu haben, der den Blick von oben herab richtet: aus dem Blickwinkel des Traditionalisten mag die Oda als unehrerbietig erscheinen, aus dem Blickwinkel des Ikonoklasten wird sie wie eine artistische Verwesung von Vergangenem angesehen werden.
Nun aber der Leser, der den Standpunkt der Überheblichkeit aufgibt, der in seiner Lesung dem Dichter als einem vor ihm stehenden alter Ego zuhört, vernimmt entgegen der Meinung von Manuel de Falla eine Haltung tiefer Ehrerbietung vor dem besungenen Sakrament. Denn die Oda Garcia Lorcas ist im Glauben verwurzelt, wie Lorca in einem weiteren Brief an Jorge Zalamea deutlich bekennt:
Estoy enfrascado en la Oda al Santisimo Sacramento de] altar. Veremos a ver. Es dificilisima. Pero mi fe la hará. (Obras III 978)
Aus dieser Warte, die den Dichter ernst nimmt und ihm mit der Bereitschaft zum Verstehen begegnet, wird auch die Ganzheit des Stoffes besser ersichtlich:
die thematische Verbindung zwischen dem Altarsakrament und den drei Feinden der Seele wurde nämlich nicht von ungefähr aus einer Laune heraus hergestellt. Sie reiht sich vielmehr an die jahrhundertealte Überlieferung der spanischen Mystik: man denke an die Thematik des wahren Friedens, den das Altarsakrament stiftet im Gegensatz zum falschen Frieden der Seelenfeinde, "la falsa paz que ofrecen al alma el mundo, la carne y el demonio" nach den Conceptos del amor de Dios, (cap. l und 2) der von Garcia Lorca hoch verehrten Teresa von Avila.
Was die poetische Selbständigkeit von Federico Garcia Lorca betrifft: eine Lektüre der Ode im Lichte surrealistischer Manifeste mag von kunsthistorischen Interesse sein, um die Haltung des Surrealismus besser zu verstehen, kaum aber um die Ode treffender zu interpretieren. Dem unvoreingenommenen Leser wird es bald klar, dass die Ode nicht die traditionelle Frömmigkeit ausstrahlt, die vielleicht einem Manuel de Falla genehm gewesen wäre. Der Dichter nähert sich dem Altarsakrament nicht mit den drei Gaben der heiligen Könige in ihrer Reinheit ohne Mischung.
Er schleppt vielmehr mit sich die für seine Seele bedrohliche Wirklichkeit der drei Widersacher Welt, Teufel und Fleisch. Die Ode wird so zu einem ergreifenden Gesang de profundis, von einer tiefen Begeisterung besessen, die offenbar weniger von Manuel de Falla als vom sarkastischen Bunuel verstanden wurde.
Nun aber, auch wenn die Ode den surrealistischen Freunden missfiel, so ist die Annäherung Lorcas zu dieser Ästhetik nicht zu verkennen: der Gesamtplan der Ode ist zwar streng konzipiert und verstandesmässig nachvollziehbar. Doch in der metaphorischen Umsetzung ist die Ode (zum Leidwesen der Literaturkritiker und der Übersetzer) von einer echt surrealen Kühnheit, die selbst das Niedrige, oder auch das Widersinnige und das Widerwärtige nicht verschmäht, um es dem Erhabenen entgegenzusetzen und schliesslich zu unterwerfen. (137-139)
Zusammenfassung des Artikels von Pedro Ramírez: García Lorca: Oda al Santísimo Sacramento del Altar. Probleme der Rezeption und der Übersetzung. Übersetzung und Rezeption García Lorcas im deutschen Sprachraum. Hrsg. Ernst Rudin.
Kassel: Reichenberger, 1997. (S.121-141)