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© 1990 Markus Kappeler
Guernsey
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)
«Morceaux de France, tombés a la mer et ramassés par l'Angleterre» («Stücke Frankreichs, ins Meer gefallen und von England aufgesammelt») - so hat der französische Dichter Victor Hugo die Kanalinseln bezeichnet, auf denen er von 1852 bis 1870 achtzehn Jahre lang im Exil lebte. Geografisch gesehen hatte er recht: Die Kanalinseln gehören von Natur aus eher zu Frankreich als zu England; sie sind durchschnittlich nur 20 Kilometer von der französischen Küste entfernt, hingegen 130 von der englischen. Aber seine Geschichtskenntnisse waren offensichtlich unvollständig: Denn - das weiss auf Guernsey jedes Kind - die grosse britische Hauptinsel gehört zu den Kanalinseln, nicht umgekehrt. Das kam so: Im 10. Jahrhundert waren die Kanalinseln Teil des Herzogtums Normandie und hatten mit England nichts zu tun. 1066 besiegte jedoch Wilhelm II., siebter Herzog der Normandie, die Angelsachsen in der Schlacht bei Hastings, dem heutigen Seebad an der englischen Südküste. Anschliessend liess er sich in Westminster zum englischen König krönen, und zwar als Wilhelm I., genannt «der Eroberer». So wurde also England der Normandie und den Inseln angegliedert.
Wilhelms Ururenkel, König Johann I., spöttisch Johann «ohne Land» genannt, verlor dann 1204 die Normandie an den König von Frankreich. Die Zugehörigkeit der Kanalinseln war vorerst unklar, und die Inselbewohner waren hin- und hergerissen: Sollten sie nun England oder Frankreich die Treue schwören? Das bessere Angebot kam schliesslich von König Johann, der den Inselbewohnern «die Beibehaltung ihrer angestammten Rechte und Privilegien» zusagte. Ausserdem konnten sie damit rechnen, dass England als überlegene Seemacht sie besser vor Eindringlingen schützen würde als Frankreich. Und nicht zuletzt war der König von England weiter entfernt als der König von Frankreich, würde sich also voraussichtlich weniger in die inneren Angelegenheiten der Inseln mischen. Beide Annahmen erwiesen sich als richtig, und mit dem verbrieften Recht, weiterhin nach normannischen Gesetzen und Bräuchen zu leben, war das Fundament für die Selbstverwaltung der Kanalinseln, die bis heute währt, gelegt. Noch heute sind die Inseln als «Überreste» des ehemaligen normannischen Herzogtums unmittelbar der englischen Krone verbunden (Königin Elisabeth II. trägt den zusätzlichen Titel «Herzog der Normandie»), gehören aber nicht zum Vereinigten Königreich und unterstehen denn auch nicht der britischen Regierung. Sie sind «Landvogteien» - selbständige Staatsgebilde mit eigenen Gesetzen, eigener Verwaltung, eigenem Wappen, eigenem Geld und eigenen Briefmarken. Und mit Bewohnern, denen man nachsagt, sie würden englisch reden, französisch beten und normannisch fluchen. Neben den offiziellen Sprachen Französisch (auf Jersey) und Englisch (auf Guernsey) wird nämlich vor allem in ländlichen Gebieten noch ein normannischer Dialekt gesprochen. Victor Hugos klassischer Ausspruch würde beispielsweise auf «Guernsey-French», einem bretonisch-normannischen Patois, folgendermassen lauten: «Morciâoux d'la France, tcheies dans la maïr et épplutchis par l'Angleterre». Wilhelm der Eroberer hätte das im 11. Jahrhundert wohl kaum anders gesagt, denn diese, seine Sprache hat sich bis heute kaum verändert.
Guernsey und Jersey - zwei alte Rivalen
Obschon die Kanalinselgruppe, die sich aus fünf grösseren, vier kleineren und ungezählten winzigen Eilanden, Felsen und Klippen zusammensetzt, eine Grundfläche von lediglich 195 Quadratkilometern aufweist und damit kaum grösser ist als das Fürstentum Liechtenstein, bildet sie keine politische Einheit: Sie wird seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in zwei völlig eigenständige «Bailiwicks» (Landvogteien) unterteilt: Jersey und Guernsey. Zum Bailiwick Jersey gehören neben Jersey die Inselgruppen Les Ecréhous und Les Minquiers. Zum Bailiwick Guernsey zählen ausser Guernsey noch Alderney, Sark, Herm, Burhou, Brecqhou, Jethou und Lihou, wobei allerdings Alderney, Sark und Herm ihre eigenen Verwaltungen und teilweise sogar eigenen Gesetze haben.
Das Regierungswesen ist in beiden Bailiwicks ähnlich aufgebaut. Es soll hier am Beispiel Guernseys kurz skizziert werden: Staatsoberhaupt ist der «Herzog der Normandie», also derzeit Königin Elisabeth II. Alle in der Landvogtei verabschiedeten Gesetze bedürfen ihrer formalen Sanktion. Sie lässt sich vor Ort durch einen «Lieutenant-Governor» (Statthalter) vertreten, welcher Sitz und Rederecht, jedoch kein Stimmrecht im Inselparlament hat, für militärische Angelegenheiten zuständig ist und bei allen offiziellen Anlässen das Staatsoberhaupt repräsentiert.
Das Parlament setzt sich zusammen aus dem «Bailiff» (Landvogt), der von der Königin ernannt wird und das bürgerliche Oberhaupt Guernseys darstellt, ferner 12 «Conseillers» (Räte), die von einer komplexen Körperschaft aus 98 Personen in ihr Amt eingesetzt werden, 33 «People's Deputies» (Abgeordnete), die vom Volk gewählt werden, 10 «Douzaines» (Gemeindevertreter), die von den zehn Kirchgemeinden bestimmt werden, und schliesslich 2 Abgeordneten von Alderney.
Mehrere Eigentümlichkeiten kennzeichnen Guernseys Regierungswesen: So besteht kein zentrales Kabinett; das Parlament bildet eine Anzahl Ausschüsse, die für jeweils einen bestimmten Sektor, beispielsweise die Landwirtschaft oder den Tourismus, verantwortlich sind und ihre Vorschläge jeweils zur Beratung der Vollversammlung unterbreiten.
Ungewöhnlich ist ferner, dass der Bailiff nicht nur Vorsitzender des Parlaments ist, sondern auch oberster Richter des Bailiwicks, was dem Prinzip der Gewaltentrennung zwischen Legislative und Judikative klar widerspricht. In Guernsey hat sich diese «Machtballung» aber bestens eingespielt und ist noch nie missbraucht worden.
Des weiteren existieren auf Guernsey keine politischen Parteien; jeder Kandidat macht seine eigene Wahlpropaganda. Das Fehlen einer offiziellen Opposition ist von aussenstehenden Kritikern schon als Zeichen politischer Unreife ausgelegt worden. Die Inselbewohner schliessen sich aber dieser Meinung keineswegs an: Politik ohne Parteien hat Guernsey ungewöhnliche politische Stabilität beschert, denn so besteht keine Gefahr, dass eine Wahl einen Regierungsumschwung oder einen Wechsel von rechts nach links bringen könnte.
Auf den ersten Blick erscheint das Regierungswesen Guernseys (wie auch das jenige Jerseys) etwas altertümlich und auf jeden Fall sehr eigenartig und verwirrend. Es hat auch durchaus seine Tücken und Schwächen - aber im Alltag funktioniert es tadellos.
Die Bailiwicks Guernsey und Jersey bilden nicht nur zwei völlig eigenständige Staatsgebilde, sondern lassen auch jegliche Kooperation untereinander vermissen, denn die Rivalitäten zwischen ihnen sind von alters her so gewaltig wie die Gezeiten, die mit zwölf bis dreizehn Metern einen der höchsten Wasserstandsunterschiede der Welt aufweisen. Wenn die Jerseyer die Guernseyer traditionsgemäss als «ânes» (Esel) und diese die Jerseyer als «crapauds» (Kröten) bezeichnen, so schwingt im Humor durchaus auch eine Spur gegenseitiger Verachtung mit, entstanden aus dem jahrhundertealten harten Wettstreit, den sich die beiden Nachbarinseln in allen möglichen, vorab aber wirtschaftlichen Sparten liefern. Geht jemand von Guernsey nach Jersey, so heisst es: «Jersey - wo liegt denn das?» Und umgekehrt.
Bewusst grenzen sich die beiden Bailiwicks auch in mancherlei Äusserlichkeiten voneinander ab, so etwa in der unterschiedlichen Form der Polizeihelme, der verschiedenen Farbe der Telefonhäuschen oder der abweichenden Uniform der Gerichtsdiener. Auch Geldscheine und Münzen sind in den beiden Bailiwicks verschieden: Auf Jersey ist seit 1797 eigenes Geld im Umlauf, auf Guernsey seit 1830. Sowohl das Jersey-Pfund als auch das Guernsey-Pfund entsprechen aber wertmässig dem Pfund Sterling, und es ist auf beiden Inseln durchaus auch britisches Geld im Umlauf.
Schliesslich geben auch beide «Rivalen» eigene Briefmarken heraus. Dies allerdings erst seit dem Zweiten Weltkrieg; vorher waren alle Briefe mit britischen Briefmarken frankiert. Während der deutschen Besetzung (1940 bis 1945) klebten die Soldaten dann die ersten inseleigenen Marken auf die Briefe in die Heimat. Sie waren auf Befehl der deutschen Wehrmacht in Guernsey auf französischem Banknotenpapier gedruckt worden. 1958 trennten sich Jersey und Guernsey auch auf diesem Gebiet. Alderney, Sark und Herm führten nach und nach ebenfalls eigene Marken ein, bis 1969 Jersey und Guernsey je ein Hauptpostamt eröffneten und nur noch die Verwendung von Jersey- und Guernseymarken (und in beschränktem Ausmass Alderneymarken) gestatteten.
«Guernsey Toms» und «Golden Guernseys»
Guernsey ist - verglichen mit dem reicheren, kultiviert intelektuellen Jersey - eine ruhige, ländliche Insel. Die Guernseyer pflegen einen weniger «atemberaubenden» Lebensstil als ihre südöstlichen Inselnachbarn, und eine gewisse stilisierte Gelassenheit prägt alle ihre Handlungen. Guernseys Landschaft ist mit ihren bewegten Hügeln, felsigen Steilküsten und sandigen Buchten ausserordentlich malerisch. An der Südküste ragen die Klippen stellenweise mehr als 80 Meter über den Meeresspiegel auf, der Norden dagegen ist flach, mit weiten Buchten und Sandstränden, und das Inselinnere ist von kleinen Bächen in tief eingeschnittenen Tälern durchzogen. Guernsey ist eine zauberhafte Insel, die von den Wikingern einstmals treffend «Greneze» - «Grüne Insel» - genannt wurde.
Traditionsgemäss versorgt Guernsey England mit seinen erstklassigen landwirtschaftlichen Produkten, seien es nun Erdbeeren, Kartoffeln, Lilien oder Sahne. Bei weitem wichtigstes Ausfuhrgut waren bis in jüngster Zeit die begehrten Guernsey-Tomaten, welche auf der Insel in Treibhäusern gezogen werden. Letztere bedecken etwa 18 Prozent der Inselfläche; an einem sonnigen Tag lassen ihre spiegelnden Scheiben Guernsey vom Flugzeug aus wie einen einzigen Kristallpalast erscheinen.
1865 hatten Fischer die ersten Tomatenpflanzen aus Spanien auf die Insel gebracht. Aber die Hausfrauen auf Guernsey wollten zunächst nichts mit dem fremden Gemüse zu tun haben. Sie befürchteten, dass Tomaten giftig sein könnten. Zudem vermuteten sie hinter dem damals gängigem Namen «Liebesapfel» geheime Kräfte, die ihnen nicht geheuer waren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten aber kaufmännischer Erwerbssinn und nicht zuletzt die traditionelle Konkurrenz mit Jersey jeglichen Zweifel zerstreut. Die meisten Treibhäuser, die man ab 1805 vor allem für die Traubenzucht gebaut hatte, waren für die Tomatenzucht umgerüstet, und viele weitere kamen im Laufe der Zeit hinzu. Die Tomatenzucht entwickelte sich mehr und mehr zum bedeutendsten Wirtschaftszweig, aus dem zeitweise 75 Prozent des Einkommens der Bevölkerung stammten. In den siebziger Jahren betrug der jährliche Ernteertrag von «Guernsey Toms» bis 60 Millionen Kilogramm, und der englische Marktbedarf an Tomaten wurde im wesentlichen durch Guernsey gedeckt.
Ende der siebziger Jahre begann der Niedergang der Tomatenzucht: Anfänglich konnten die Bauern auf Guernsey mit ihren niederländischen Konkurrenten nicht mehr mithalten. Dann traten Spanien und Portugal der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EG) bei, und damit waren die Tage der «Guernsey Toms» endgültig gezählt. 1986 exportierte Guernsey bereits nur noch 7,5 Millionen Kilogramm Tomaten, und die Tendenz ist weiterhin rückläufig. Noch immer spiegeln die vielen hundert Treibhäuser auf Guernsey das Sonnenlicht, doch drinnen sind die Tomaten von allerlei «Exoten» wie Kiwifrüchten oder farbenprächtigen Orchideen verdrängt worden, die auf dem englischen Markt eine bessere Absatzchance haben. Dass man fast jedes Objekt zum Gegenstand eines Museums machen kann, beweist im übrigen das «Guernsey Tomato Centre» in der Gemeinde Castel, das eine ständige Ausstellung über die Geschichte der Tomatenzucht auf Guernsey enthält.
Eine andere «Berühmtheit» Guernseys ist die Guernsey-Kuh, die man in Fachkreisen als «Goldene Guernsey» kennt und die ausser durch ihr goldbraunes Fell durch ihren kleinen Wuchs, nach innen gebogene Hörner, einen schmalen Kopf und eine schlanke Schnauze mit rosa Nasenspiegel gekennzeichnet ist.
Die Guernsey-Kuh ist aus einer Kreuzung zwischen der «Froment de Leon» aus der Bretagne und der «Isigny» aus der Normandie hervorgegangen, die bereits im 6. Jahrhundert von Mönchen auf die Insel gebracht worden waren. Durch sorgfältige Zucht entwickelte sie sich im Laufe der Zeit zu einer der besten Rassen der Welt. Sie zeichnet sich aus durch ein sanftes und gutmütiges Wesen, ist leicht mästbar und gibt überdurchschnittlich viel Milch mit hohem Fettgehalt. Ausserdem gewöhnt sie sich leicht an ein anderes Klima und fremde Lebensbedingungen, seien es nun die strengen Winter in Kanada oder die Hitze und Krankheiten in Indien. Aus diesem Grund wurde die Guernsey-Kuh ursprünglich vor allem für den Export gezüchtet; die Viehschauen auf Guernsey, an denen die begehrten Tiere zum Verkauf gelangten, wurden zu einem Magnet für Züchter aus aller Welt.
Heute werden die Guernsey-Kühe - es leben ungefähr 4000 Tiere auf der Insel - hauptsächlich für die Milchproduktion gezüchtet, kaum mehr für den Export. Denn infolge der Ausweitung des Tourismus in den letzten Jahrzehnten ist der Milchbedarf auf Guernsey enorm angestiegen. Butter, Sahne, Yoghurt und natürlich Milch in verschiedenen Fettstufen werden in den leistungsfähigen Molkereien Guernseys in grossen Mengen hergestellt. So oder so hat die «Goldene Guernsey» über viele Jahrzehnte hinweg einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung des Inselwohlstands geleistet.
Urlaubs- und Steuerparadies
Als wichtiger Erwerbszweig blüht heute auf Guernsey die Fremdenindustrie, denn die Insel kann - im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubszielen - wesentlich mehr bieten als nur Meer und Sonnenschein. Zwar gibt es eine herrliche Küstenlinie mit weiten Sandstränden, bizarren Felsformationen und verschwiegenen Buchten für die Sonnenanbeter und Wasserratten. Es gibt aber auch für den Wanderer und den Reiter ein ländliches Inselinneres, das von einer Vielzahl kleiner Felder und verstreuten Ansiedlungen geprägt ist und wo die Bauernhäuser ihren traditionellen normannischen Charme erhalten haben. Dann findet man über die ganze Insel verstreut eine Vielzahl von Festungen, Kirchen, Schlössern und anderen historischen Zeugnissen aus allen Epochen, die für den Kulturfreund sehr sehens- und erkundenswert sind. Und nicht zuletzt lockt St. Peter Port, die malerische Hauptstadt der Insel, mit ihren hübschen Häuserzeilen im viktorianischen Stil, ihren schmalen Gassen und ihren steilen Treppen Jung und Alt zu ausgedehnten Erkundungsgängen. Den ganz besonderen Reiz der Insel macht aber wohl aus, dass, obschon Umgangssprache und Lebensstil heute überwiegend englisch sind, über der ganzen Insel und ihren Bewohnern ein deutlich spürbarer Hauch französischer Nonchalance liegt - jener liebenswürdigen Formlosigkeit und Ungezwungenheit, die den Franzosen eigen ist. Besonders ausgeprägt entfaltet sich die französische Atmosphäre natürlich in den vielen Restaurants, welche die französische Küche mit ihren delikaten Fisch-, Meeresfrüchte- und Gemüsespezialitäten pflegen.
Mit ihrem milden ozeanischen Klima gelten die Kanalinseln seit jeher als «Sonnenecke» Englands, und so stehen heute die britischen Besucher mit einem Anteil von rund 80 Prozent an der Spitze der Tourismus-Statistiken. Glücklicherweise wird aber der Massentourismus Guernsey nie erreichen, da die Bettenzahl von der Regierung schon frühzeitig auf maximal 12 000 limitiert worden ist. Man begegnet also jederzeit mindestens fünfmal mehr Einheimischen als Touristen - ein sehr gesundes Mischverhältnis.
Einen unerwarteten wirtschaftlichen Aufschwung haben Guernsey in den achtziger Jahren die in mancher Hinsicht «paradiesischen» Steuergesetze beschert: Die Insel gilt heute (neben Jersey) als Zentrum für britische «Offshore-Investitionen» - Investitionen, die ausserhalb des Landes getätigt werden und daher steuerfrei sind.
Es begann damit, dass die neue konservative Regierung unter Margaret Thatcher in London die Devisenausfuhrbestimmungen lockerte. Die Briten konnten daraufhin ohne Genehmigung der «Bank of England» Geld auf die Kanalinseln transferieren und von dort aus ihre Geldgeschäfte auf dem Weltmarkt tätigen, ohne der britischen Steuerbehörde dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Ausländische Firmen schossen auf Guernsey wie Pilze aus dem Boden, und Banken- sowie Kapitalgesellschaften verbuchen seither Milliardenumsätze. Guernsey jongliert derweil weltmännisch gekonnt mit den beiden unabdingbaren Voraussetzungen, die ein Steuerparadies in sich vereinigen muss, obschon sie sich manchmal widersprechen: Diskretion und Reputation.
Die Finanzgeschäfte, die über Guernsey abgewickelt werden, übertreffen heute als Quelle für Staatseinnahmen die traditionellen Wirtschaftszweige Gartenbau und Tourismus und decken zu einem überwiegenden Teil die Ausgaben für Erziehung, Gesundheitsvorsorge und andere soziale Einrichtungen der Guernseyer.
Bildlegenden
Guernsey ist eine ruhige, ländliche lnsel. Weite Bereiche des sanft gewellten Inselinnern sind geprägt durch kleinflächige, heckengesäumte Felder, lockere Ansiedlungen, deren Häuser zumeist in normannischem Stil erbaut sind, undTreibhäuser, hinter deren Scheiben allerlei wärmebedürftige Gewächse gedeihen.
Guernseys felsiger Südküste entlang führt ein gut unterhaltener Wanderweg, der in St. Peter Port seinen Ausgang nimmt und nach 22 Kilometern am Pleinmont Point, dem südwestlichsten Punkt der Insel, endet. Immer wieder gibt er den Blick - wie hier bei der Petit Bot Bay - auf prächtige landschaftliche Szenerien frei.
St. Peter Port, die Hauptstadt der Landvogtei Guernsey hat sich nach aussen erfolgreich der Moderne widersetzt. Aber rückständig ist sie deshalb keineswegs: Hinter den Fassaden der prächtigen Wohn- und Geschäftshäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert wird mit der neusten Technologie gearbeitet.
Das milde ozeanische Klima hat Guernsey zu einem beliebten Ferienziel vorab britischer Urlauber gemacht. An den warmen Sandstränden (hier bei Les Grandes Rocques) können die Erwachsenen neue Energie tanken, und die Kinder finden in den felsigen Ausläufern herrliche Abenteuerspielplätze.
Von Mai bis September herrscht auf dem Marktplatz von St. Peter Port an jedem Donnerstag buntes Treiben, denn dann ist Markttag. An zahlreichen Ständen verkaufen die einheimischen Handwerker, Kunsthandwerker und Künstler - oftmals in traditionelle Guernsey-Tracht gekleidet - ihre Erzeugnisse.
Vor der Pfarrkirche von St. Martin steht eine weibliche Steinfigur, welche bei den Guernseyern als Glücks- und Fruchtbarkeitssymbol gilt. Die 160 Zentimeter grosse Statue dürfte um 2500 v.Chr. entstanden sein und hatte ihren Platz ursprünglich auf dem Kirchhof weshalb sie «La Gran'mere du Chimquiere» («Grossmutter des Friedhofs») genannt wird. Den Riss an ihrem Torso hat ihr im 19. Jahrhundert ein übereifriger Kirchendiener beigebracht, der über die Verehrung des steinernen Götzenbildes verärgert war. Nach heftigen Protesten von seiten der Bevölkerung wurde die «Gran'mere» knapp ausserhalb des kirchlichen Bodens wieder aufgerichtet, und dort stellt man ihr noch heute jeweils an May Day in der Hoffnung auf ein grosses Vermögen und/oder reichen Kindersegen Blumen und Früchte zu Füssen.
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