Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/2964

Im Januar 1929 beschloss das Leningrader Staatliche Opern- und Balletttheater, die Ideen der sowjetischen Revolution auch im Bereich des Musiktheaters fruchtbar werden zu lassen. Man setzte deshalb eine Kommission zur Schaffung sowjetischer Opern ein und fand rasch das geeignete Thema für den Prototypus: Der Staudamm sollte das bahnbrechende neue Werk heissen und um die Errichtung eines mächtigen Wehrs im Süden des Landes kreisen. Die gestaltet sich laut Libretto zwar schwierig, weil das Projekt von Konterrevolutionären, also abergläubischen Dorfweibern, einem Mönch und einem reichen Kulaken, torpediert wird; doch die tatkräftigen sowjetischen Arbeiter vermögen alle Widerstände zu überwinden und den Stausee am Ende zu fluten. Den geeigneten Komponisten für dieses Stück über den glorreichen Aufbau des Landes glaubte man in Aleksandr Mossolow gefunden zu haben. Denn der zählte nicht nur zur musikalischen Speerspitze; er schien mit seiner Eisengiesserei auch schon sein Faible für die arbeitende Klasse unter Beweis gestellt zu haben.
Am Anfang lief noch alles nach Plan. Die ersten Hörproben, die Mossolow im Mai 1930 präsentierte, stiessen auf Zustimmung und Lob. Doch während des Sommers wendete sich das Blatt, auch weil die Kommission neu besetzt wurde und verdiente Politfunktionäre nun die progressiven künstlerischen Kräfte abgelöst hatten. Obwohl die Proben für die Uraufführung des Staudamms schon im Gange waren, kam das runderneuerte Gremium nun zu dem Schluss, das Werk offenbare eine erschreckende Fremdheit gegenüber dem Proletariat, es entspreche nicht «den Anforderungen des heutigen Tages». Mossolows sowjetische Oper hatte daraufhin in der Versenkung zu verschwinden, aus der sie erst 2012 wieder hervorgeholt wurde.
Für den Komponisten war das eine beunruhigende Nachricht, und er musste bald erleben, dass seine Werke in der Sowjetunion nicht mehr gespielt wurden. Aber es kam noch schlimmer. Im August 1931 wandte sich der deutsche Kommunist Rudolf von Liebig mit einem Brief aus Los Angeles an die sowjetischen Kulturbehörden: Er habe in der Hollywood Bowl die Eisengiesserei gehört. Das amerikanische Publikum assoziiere Mossolows Klangwelt mit der «Zwangsarbeit in der UdSSR und dem damit verbundenen Terror» – und nicht mit dem «Geist der Hoffnung und des Triumphs». Daraufhin bestellten die Funktionäre ein Gutachten bei Moisej Grinberg, dem Inspektor der Musikabteilung, der sich nun seinerseits die Eisengiesserei vornahm. «Diese Musik erzeugt eine bedrückende Atmosphäre durch ihr totes, monotones, mechanisches, automatenhaftes, freudloses und düsteres Kolorit», lautete seine «Expertise». Mossolow habe für eine «boshafte und tendenziöse Darstellung der sowjetischen Wirklichkeit» gesorgt. Weshalb Grinbergs Quintessenz vernichtend ausfiel: «Seiner Ideologie nach ist das Schaffen Mossolows für uns klassenfeindlich.»
Fortan war Mossolow ein Fall für die Zensur. Seine Situation entwickelte sich so ausweglos, dass er im März 1932 schliesslich an Josef Stalin höchstpersönlich schrieb: «Drei Jahre lang (seit 1929) wurde überhaupt nichts von mir gedruckt», klagte er in seinem Brief, «1930/31 gelangte nicht ein einziges Stück zur Aufführung. […] Weil sie vor meinem ‹anrüchigen› Namen zurückschreckten, stellten allmählich alle musikalischen Einrichtungen Moskaus jeglichen Verkehr mit mir ein, unter dem Vorwand, sie hätten keine Arbeit oder meine Musik sei ‹schädlich›.» Sein mehrseitiges Schreiben schloss Mossolow mit der Bitte, doch entweder die «Hetzjagd» gegen ihn einzustellen und ihm die Möglichkeit zu geben, in der Sowjetunion zu arbeiten, oder aber ihn ins Ausland reisen zu lassen.
Stalin entschied sich für einen dritten Weg. Mossolow wurde in die entlegensten Gebiete der Sowjetunion entsandt, nach Armenien, Dagestan, Kirgisien und Turkmenien, um dort Volkslieder zu sammeln und sich als Folklorist im Sinne des Sozialistischen Realismus zu rehabilitieren. Er tat, was man von ihm erwartete, komponierte zum Beispiel ein Klavierkonzert über kirgisische Themen, und das gelangte dann tatsächlich im Grossen Saal des Moskauer Konservatoriums zu Gehör.
Doch war die Krise damit nicht ausgestanden, im Gegenteil. Am 18. September 1937 erschien in der Iswestija ein Schmähartikel, in dem Mossolow beschuldigt wurde, sich bei seinen Exkursionen nach Mittelasien nicht ehrenhaft zu verhalten, sondern sich dem Suff hinzugeben und ein liederliches Leben zu führen. Wenige Wochen später, am 4. November 1937, wurde er verhaftet und in einem Schnellverfahren wegen konterrevolutionärer Umtriebe zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Wahrscheinlich war es einer Intervention seiner früheren Lehrer Reinhold Glière und Nikolai Mjaskowsky zu verdanken, dass aus diesen acht Jahren nur neun Monate wurden und Mossolow im August 1938 wieder freikam.
Um das Recht, sich wieder frei in der Sowjetunion niederlassen zu dürfen, musste er freilich noch bis 1940 kämpfen. Und sich diese Selbstverständlichkeit mit der Komposition patriotischer Gesänge und eines Trinklieds zum 60. Geburtstag von Stalin «erkaufen». Mossolow lebte fortan in Moskau und mied jeden Konflikt mit dem Regime. Künstlerisch aber war er gebrochen, konnte er nie mehr an den kühnen, visionären Stil seiner Jugendwerke anknüpfen. Stattdessen arbeitete er mit Volkschören zusammen, schrieb tonale Musik – und huldigte dem System. Erst nach seinem Tod im Jahr 1973 wurde Aleksandr Mossolow als Stalin-Opfer rehabilitiert.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Riccardo Chailly und das Orchester der LUCERNE FESTIVAL ALUMNI musizieren am 8. September Mossolows Eisengiesserei.