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Die Schriftstellerin Margarete Susman war eine prägende jüdische Denkerin weit über ihre Zeit hinaus – ein Blick auf Werk und Leben aus Anlass des 150. Geburtstags.
Bereits im Alter von zehn Jahren kam die 1872 in Hamburg geborene Margarete Susman ein erstes mal nach Zürich, wo sich ihre Eltern mit ihren beiden Töchtern im Quartier Enge niederliessen und Margarete, welche in Hamburg eine Privatschule besucht hatte, nach Beendigung der öffentlichen die höhere Töchterschule absolvierte. Allerdings untersagte der Vater nach deren Abschluss die Aufnahme eines Studiums. Nach dem Tod des Vaters 1892 entschliesst sich die Mutter mit den Töchtern zur Rückkehr nach Hannover, den Geburtsort von Jenny Susman-Katzenstein. Aus München, wo sich Susman 1899 aufhält und als Gasthörerin Vorlesungen besucht, datiert ihre Freundschaft mit Gertrud Kantorowicz, durch welche Susman Zugang zum Kreis um Karl Wolfskehl und damit zu Stefan George gewinnt. 1901 erscheint ihr Gedichtband «Mein Land». In Berlin besucht sie in den folgenden Jahren Vorlesungen von Georg Simmel, in dessen Umkreis sie u. a. auch Martin Buber und Ernst Bloch begegnet. 1910 erschien ihr Buch «Das Wesen der modernen deutschen Lyrik», in welchem Susman, ohne selber «dem Kreis» anzugehören oder sich gar mit ihrer eigenen Lyrik von diesem vereinnahmen zu lassen, früh auf die Bedeutung der Lyrik Stefan Georges und seines Kreises aufmerksam macht.
Symbolistische Lyrik
In ihren eigenen Gedichten steht sie dennoch der symbolistischen Lyrik des Dichterkreises um Stefan George nahe. 1906 heiratet Maragarete Susman den Maler und Kunsthistoriker Eduard von Bendemann, mit dem sie in den kommenden Jahren in Berlin lebt, wo 1906 ihr Sohn Erwin zur Welt kommt. 1907 erscheint der Gedichtband «Neue Gedichte». Nachdem sie den Herausgeber der «Frankfurter Zeitung» Heinrich Simon kennengelernt hat, wird sie für viele Jahre Mitarbeiterin der Zeitung. 1912 zieht die Familie nach Rüschlikon, wo Susman mit einer Unterbrechung in den Jahren 1915 bis 1917, in welchen sie sich in Frankfurt aufhält, bis 1918 bleiben wird. In den Jahren nach 1917 publiziert Susman in zahlreichen weiteren Zeitungen und Zeitschriften, darunter «Der Jude», herausgegebenen von Martin Buber, aber auch in der «Neuen Zürcher Zeitung» und der «Neuen Rundschau» und ab Mitte der 1920er-Jahre in «Morgen – Monatsschrift der deutschen Juden». Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lässt sich Margarete Susman 1919 in Bad Säckingen nieder. Mehr und mehr wendet sie sich einerseits Themen der Frauenbewegung, andererseits jüdischen und Themen des Zionismus zu. In einer 1913 vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag im Verlag von Kurt Wolff herausgegeben Publikation «Vom Judentum. Ein Sammelbuch» mit Beiträgen ihrer Freunde Martin Buber, Gustav Landauer, Karl Wolfskehl u. v. a. ist Margarete Susman unter über 20 Autoren die einzige Autorin mit einem Beitrag über «Spinoza und das jüdische Weltgefühl». Nachdem sie 1921 Franz Rosenzweig kennengelernt hat, widmet sie dessen Werk «Stern der Erlösung» eine frühe, eingehende Auseinandersetzung. 1930 wird Susman mit Martin Buber, Ernst Simon, Gershom Scholem und anderen zu einem «Buch des Gedenkens» an Franz Rosenzweig beitragen. In die Zeit der 1920er-Jahre fällt auch die Veröffentlichung eines Beitrags über «Die Brücke zwischen Judentum und Christentum», ein frühes Dokument der erst nach dem Zweiten Weltkrieg «virulent» werdenden Auseinandersetzung und Annäherung zwischen den beiden Religionen.
1928 erfolgt die Trennung von Eduard von Bendemann. In den folgenden Jahren lebt Susman, nach einem Aufenthalt in Basel, in Frankfurt am Main. 1933 emigriert Margarete Susman nach Zürich, wo es 1934 in Meilen zur Wiederbegegnung mit Karl Wolfskehl kommt und wo sie ab 1935 zu den Mitarbeiterinnen der von Leonhard Ragaz herausgegeben Zeitschrift «Neue Wege» zählt. Die Schoah führt Margarete Susman zu einer noch eingehenderen Beschäftigung mit Fragen der jüdischen Religion und darüber hinaus.
Glaubensprüfung Schoah
1946 erscheint in Zürich «Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes», an welchem Hermann Levin Goldschmidt einen nicht unwesentlichen Anteil hatte und in welchem Susman die Schoah als Glaubensprüfung bezeichnet. 1948 erscheint eine zweite Auflage, in deren neuem Vorwort sich Susman mit der inzwischen erfolgten Entstehung des Staates Israel auseinandersetzt, der damit im Widerspruch zu Susmans Darlegungen aus den 1920er-Jahren steht, dass die Juden in keinem eigenen Staat eine Heimat finden könnten und Zion eine himmlische Heimat, eine seelische Zuflucht sei. Martin Buber trägt dazu bei, dass Susman sich vermehrt auch mit der Bedeutung und dem Einfluss des Chassidismus beschäftigt. 1955 erscheint ihr Buch «Deutung biblischer Gestalten», in welchem sich Susman u. a. mit Moses, Saul und David und den Propheten beschäftigt. Vorangegangen sind in diesen überaus produktiven Jahren 1951 die «Deutung einer grossen Liebe – Goethe und Charlotte von Stein», eine Sammlung ihrer Gedichte unter dem bezeichnenden Titel «Aus sich wandelnder Zeit», und mit «Gestalten und Kreise» ein Band mit gesammelten Essays u. a. über Goethe ebenso wie über Stefan George und Karl Wolfskehl, über Franz Rosenzweig und Moses Mendelsohn u. a. m. Eine vorletzte Publikation gilt mit «Die geistige Gestalt Georg Simmels» ihrem Lehrer und Mentor in Berliner Jahren. 1964 erscheinen Susmans Erinnerungen unter dem Titel «Ich habe viele Leben gelebt», in welchen sie neben den früheren Freundinnen und Wegbegleitern auch den Beziehungen zu Begegnungen mit Vertretern einer jüngeren Generation wie Jacob Taubes, Eleazar Benyoetz, Michael Landmann oder Paul Celan ihre Reverenz erweist und die sie, zunehmender Erblindung geschuldet, nur noch diktiert, als Fragment begreift. «Mein ganzes Leben von Kindheit an war ein Erwachen aus einem immer erneuten Traum, und bei jedem Erwachen war die Welt und war ich selbst eine andere geworden. Ich habe nicht nur ein Leben, ich habe viele Leben gelebt.»
Biblische und andere Gestalten
1966 stirbt Margarete Susman, 93 Jahre alt, in Zürich und wird auf dem Friedhof der Israelitischen Cultusgemeinde am Oberen Friesenberg bestattet. Während Susman vor 50 Jahren noch überaus gegenwärtig war, ist ihre Bedeutung 50 Jahre später weitgehend in den Hintergrund gerückt, obwohl mit Neuausgaben etwa ihres Hiob-Buches und monographischen Arbeiten über sie der Zugang durchaus möglich wäre, während sich Arbeiten, die sich wissenschaftlich mit ihrem Werk auseinandersetzen, oft eher hermetisch bleiben. Ihr Hiob-Buch, «Gestalten und Kreise» oder die «Deutung biblischer Gestalten» sind aber, wenn nicht zeitlos, so doch nach wie vor «aktuell» und ihre Interpretationen haben nichts von ihrer Bedeutung eingebüsst. Ihre frühe Interpretation etwa von Franz Kafka, jene «Deutung einer grossen Liebe» zwischen Goethe und Charlotte von Stein oder auch ihre durch persönliche Bekanntschaft geprägten und prägenden Darstellungen von Stefan George, Georg Simmel oder Karl Wolfskehl und Gustav Landauer sind ungebrochen lesenswert und geben bis heute unmittelbare Zeugnisse bedeutender Persönlichkeiten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Der Ewigkeit entsprungnen Seele Leid
Ist alles Seienden Vergänglichkeit
Und doch mag die Vergänglichkeit nur Schein
Und jene Ewigkeit die Wahrheit sein.
(Widmung Margarete Susmans in ihrem Buch «Gestalten und Kreise»)
Siehe auch die Veranstaltung im Literaturhaus Zürich