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Engadiner Post: Andrea Urech*, Sie sind Beauftragter für die Zweisprachigkeit in Samedan. Was beinhaltet diese Aufgabe?
Andrea Urech: Der Zweck ist die Förderung der Zweisprachigkeit in Samedan. Wenn wir von Zweisprachigkeit reden, ist in Samedan damit vor allem die Förderung der romanischen Sprache als schwächere Sprache gemeint. Nachdem die gesetzliche Grundlage 2004 mit einem Sprachenartikel in der Verfassung vorhanden war, wurde diese Arbeitsstelle geschaffen, und ich wurde gewählt. ?Meine Aufgabe ist es, Romanisch in Samedan präsenter zu machen, zum Beispiel mit Zusammenfassungen oder Artikeln in der Lokalzeitung oder mit Übersetzungen und Korrekturen für die Gemeinde. In der Schule unterstütze ich die Schulleitung und Kollegen in Puter, gebe Sprachlektionen oder organisiere zusammen mit der Gruppe «Bilinguited» Weiterbildungskurse für das Kollegium. Es gibt noch einige andere Aufgaben, die ich als Beauftragter erledige.
Was sind bisher die grössten Erfolge in dieser Funktion?
Die romanische Sprache ist in Samedan präsenter geworden. Das Bewusstsein der Einwohner für die Zweisprachigkeit ist grösser geworden. Natürlich wünschte ich mir, dass es noch ausgeprägter wäre. Ich glaube auch, dass durch meine Tätigkeit die Sicherheit vor allem der neuen Kolleginnen und Kollegen in der romanischen Sprache und ihr Bewusstsein für die Zweisprachigkeit gewachsen ist. Für die Schülerinnen und Schüler ist die Zweisprachigkeit dadurch selbstverständlich geworden. Um eine ausgewogene Zweisprachigkeit in Samedan zu erreichen, gibt es aber noch viel zu tun.
Also haben Sie in dieser Funktion das Ziel nie erreicht?
Das kann man so sagen. Einmal erreichte Einsichten können mit der Zeit verloren gehen oder die Bequemlichkeit nimmt wieder überhand, indem man den vermeintlich einfacheren Weg übers Deutsche einschlägt. Auch von den politischen Behörden könnte die Zweisprachigkeit besser gelebt werden. Oft findet an öffentlichen Veranstaltungen nur die Begrüssung als romanische Alibiübung statt, danach wird sofort auf die stärkere Sprache gewechselt. Romanisch sollte aber nicht nur eine Beilage sein, sondern als wertvolle und brauchbare Sprache neben dem Deutschen stehen.
Auch andere Gemeinden im Engadin haben ähnliche Ziele verfolgt und haben schlussendlich Schiffbruch erlitten. Was hat zum Beispiel Silvaplana falsch gemacht?
Das Oberengadin ist für die romanische Sprache ein schwieriges Gelände. Der Anteil der romanischen Bevölkerung ist oft sehr klein. Dadurch wird es schwierig, der Minderheitssprache das nötige Gewicht zu geben. Das Modell der zweisprachigen Schule wäre eine Möglichkeit dazu. Hier hat Silvaplana aber nichts falsch gemacht. Die Bedingung des Kantons für eine zweisprachige Schule ist nämlich die, dass beide Sprachen vom Kindergarten bis zur neunten Klasse als Unterrichtssprachen verwendet werden. In Silvaplana ist das nur bis zur sechsten Klasse gewährleistet, weil die Oberstufenschüler die deutschsprachige Schule in St.?Moritz besuchen. Deshalb kann Silvaplana keine zweisprachige Schule wie Samedan werden und bleibt eine traditionell romanische Schule in einem überwiegend deutschsprachigen Umfeld.
Weshalb wurde Silvaplana denn kürzlich von der Regierung gerügt?
Das Problem von Silvaplana war die neue Gemeindeverfassung. Laut kantonalem Sprachgesetz gilt Silvaplana – wie auch die anderen Oberengadiner Gemeinden ausser St.?Moritz – als zweisprachige Gemeinde, und die Behörden müssen dem in der Anwendung der Sprachen Rechnung tragen. Eine Formulierung in der neuen Gemeindeverfassung von Silvaplana widersprach dieser Vorschrift. Der Gemeinderat wird dies ändern, womit das Problem vordergründig gelöst ist. Die Realität sieht aber anders aus, und mit diesem Problem kämpfen die meisten Oberengadiner Gemeinden.
Ist es denn sinnvoll, alle Erlasse, Gesetze und Mitteilungen einer Gemeinde in beide Sprachen zu übersetzen?
Eine Klausel im Gemeindegesetz von Samedan sagt dazu zum Beispiel, dass sich die Gemeinde unter Berücksichti?gung der Verhältnismässigkeit einer oder beider Amtssprachen bedienen solle?...
...?diese Formulierung lässt ja alles offen?
Ja. Wenn zwei Drittel oder mehr der Bevölkerung nicht Romanisch sprechen und der Rest als Lesesprache Deutsch vorzieht, ist die Frage berechtigt, ob jetzt wirklich alles in beide Sprachen übersetzt werden muss. Jedes Gesetz oder Reglement, mit dem ja meist nur sehr wenige Menschen in Kontakt kommen, noch auf Romanisch zu übersetzen, erachte auch ich als sinnlos. Ich finde es aber entscheidend, dass Romanisch zwingend überall dort verwendet werden muss, wo es für die breite Bevölkerung sicht- und hörbar ist, also bei offiziellen Bekanntmachungen, Aushängen, Mitteilungen, Plakaten, Tafeln und Inseraten ebenso wie im mündlichen Kontakt mit den Einwohnern.
Wie wird die Zweisprachigkeit in Samedan von der Bevölkerung aufgenommen?
Samedan hat offiziell seit 2001 eine zweisprachige Gemeindeschule. Seitdem ist das Verständnis der nicht romanischen Bevölkerung gewachsen. Die Einwohner haben gelernt, dass zweisprachiges Aufwachsen den Kindern wissenschaftlich bewiesene Vorteile bringt. Der Umstand, dass die deutsche Sprache bereits im Kindergarten auch Unterrichtssprache ist und die Erkenntnis, dass das Romanische den Deutschkompetenzen nicht schadet, konnte auch die Skeptiker überzeugen, sodass heute die Bevölkerung hinter diesem Modell steht.
Welche Sprache sprechen die Kinder auf dem Pausenplatz?
In diesem Bereich gibt es noch viel Potenzial für Verbesserungen. Die Universität in Fribourg und die Pädagogische Hochschule in Chur haben unabhängig voneinander unsere Schulen im Oberengadin analysiert. Beide Analysen kommen zum Ergebnis, dass sowohl die Romanisch- als auch die Deutschkompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler gut und vergleichbar mit denen einsprachiger Schulen sind. Aber auf dem Pausenplatz und innerhalb des Freundeskreises überwiegt die deutsche Sprache sehr stark. In der Oberstufe hat Romanisch im Umfeld der Freunde praktisch keine Bedeutung mehr. Und wir müssen auch zugeben, dass die Romanischkompetenz auf dieser Stufe nicht mehr zunimmt. Leider ist unser Zweisprachigkeitsmodell in der Oberstufe nicht vollständig umsetzbar.
Wieso scheitert dieses Modell in der Oberstufe?
In unserem Modell verliert das Romanische in der Primarschule zugunsten der deutschen Unterrichtsanteile. Als Kompensation dafür wurde der Anteil der romanischen Sprache in der Oberstufe erhöht. Das Zweisprachigkeitsmodell sieht vor, dass wir in der Oberstufe den Unterricht zu 50 Prozent auf Deutsch und zu 50 Prozent auf Romanisch gestalten. Dies würde bedeuten, dass zum Beispiel in Geographie, Geschichte und Naturwissenschaft die Hälfte des Unterrichts in Romanisch stattfinden müsste. Dazu haben wir aber nicht genug romanischsprachige Lehrkräfte und Lehrmittel.
Fehlt es allgemein an Romanisch sprechenden Oberstufenlehrern?
Ja, leider. Die romanischsprachigen Universitätsabgänger für den Unterricht auf der Oberstufe sind äusserst dünn gesät. Der Markt ist praktisch ausgetrocknet. Doch auch auf der Primarstufe, wo das Angebot bis heute noch genügend ist, ist eine ähnliche Tendenz sichtbar. So sind zum Beispiel von den 140 abgehenden Kindergarten- und Primarlehrpersonen der Pädagogischen Hochschule Graubünden in diesem Jahr gerade einmal vier ladinischer Sprache. Dies kann künftig auch in den Primarschulen zu Engpässen führen. Zudem stellen wir fest, dass die Romanischkompetenz der Abgänger oft mangelhaft ist, weil im Vergleich zur früheren Seminarausbildung der Romanischunterricht der angehenden Lehrpersonen gesamthaft gesehen abgenommen hat.
Wie werden anderssprachige Kinder im Zweisprachigkeitsmodell von Samedan integriert?
Neu zugezogene Kinder erhalten während maximal zwei Jahren Integrationsunterricht in Romanisch und/oder Deutsch. Es hat sich gezeigt, dass dies in der Regel genügt, um die Kinder in den zweisprachigen Unterricht zu inte?grieren. Die Kinder, die seit dem Kindergarten bei uns sind, wachsen meist gut in das zweisprachige Schulmodell hinein. Solche mit lateinischen Erstsprachen lernen schnell Romanisch. Schwierigkeiten gibt es in einigen Fällen bei der deutschen Sprache. Dies liegt aber nicht an unserem Modell, schreibt dieses doch bereits im Kindergarten Deutschunterricht vor. Wir beobachten, dass gerade portugiesische Familien stark in ihrem Umfeld bleiben und den Kontakt nach aussen meiden und dass so die Integration in dieser Sprache zu kurz kommt.
Die vom Bundesgericht für gültig erklärte Fremdspracheninitiative verlangt, dass in der Primarstufe nur eine Fremdsprache gelehrt wird. Welche Konsequenzen hätte die Annahme dieser Initiative?
Für die romanisch (und italienisch)sprechenden Gebiete wäre die Annahme der Initiative schlecht. Dabei denke ich vor allem an die traditionellen romanischen Gemeindeschulen, wo Deutsch als erste Fremdsprache gilt. Englisch als zweite Fremdsprache könnte in diesen Gemeinden nicht mehr unterrichtet werden, was für die Schülerinnen und Schüler zu einer Chancenungleichheit in Bezug auf die immer wichtiger werdende Englischkompetenz führen würde. In Samedan und den anderen zweisprachigen Gemeindeschulen wäre die Situation wahrscheinlich nicht so schlimm. Ich gehe davon aus, dass bei zweisprachigen Gemeinden Romanisch und Deutsch als Erstsprachen betrachtet werden. Somit wäre Englisch als erste Fremdsprache weiterhin möglich. Das ist aber meine Interpretation, und ich hoffe, nicht falsch zu liegen, falls die Initiative angenommen würde.
Welche Chance geben Sie der Initiative?
Ich vermute und hoffe, dass sie abgelehnt wird.
Und trotzdem ist eine gewisse Unzufriedenheit vorhanden, sonst wäre es gar nicht zur Initiative gekommen. Sind drei Sprachen für Primarschüler zu viel?
Wenn es drei nur Sprachen sind, meistens nicht. Aber häufig sind vier, fünf oder sogar sechs Sprachen im Spiel, je nach sprachlichem Hintergrund der Kinder. Die Angst vor Überforderung ist in diesen Fällen berechtigt und muss ernst genommen werden. Ich bin aber der Meinung, dass dieses Problem nicht so radikal gelöst werden darf, wie es die Initiative vorsieht, denn die meisten Kinder sind nicht überfordert. Zum Beispiel sollten tatsächlich überforderte Kinder entlastet werden können, und der Kanton sollte die Sprachförderung und -integration in den Gemeinden mit speziellen Angeboten besser unterstützen.
Wie stark kann eine Sprache per Gesetz gefördert bzw. gerettet werden?
Es ist wichtig, dass eine gesetzliche Grundlage vorhanden ist, nach der eine Gemeinde handeln kann und muss. Aber schlussendlich bleibt die Grundlage nur auf dem Papier, wenn die Bevölkerung bei der Umsetzung nicht freiwillig mitmacht. Die Leute können ja nicht bestraft werden, wenn sie nicht Romanisch sprechen. Es braucht Menschen, die mit Überzeugung hinter der Sprache stehen und diese auch verwenden.
Wie sieht für Sie gelebte Zwei- und Mehrsprachigkeit in einer Dorfgemeinschaft aus?
Zuerst muss bei allen das Bewusstsein für den Wert jeder Sprache und der Zwei- und Mehrsprachigkeit überhaupt vorhanden sein. Jeder sollte stolz darauf sein, seine eigene und andere Sprachen zu gebrauchen. Dazu gehört automatisch auch Toleranz. Die Idealvorstellung ist die, dass im Fall von Samedan Romanen und Deutschsprachige ihre Sprache sprechen können und von den anderen verstanden werden. Für die Romanen heisst dies, dass sie untereinander vor allem Romanisch sprechen, auch wenn Anderssprachige dabei sind. Dies würde signalisieren, dass ihnen Romanisch etwas bedeutet, und es könnte auf die anderen durchaus auch motivierend wirken, es zu lernen. Natürlich ist dabei Fingerspitzengefühl gefragt, und es darf niemand ausgeschlossen werden.
Und für anderssprachige Personen?
Für anderssprachige Personen sollte unsere gelebte Zweisprachigkeit bedeuten, dass sie sich Mühe geben, die romanische Sprache wenigstens so weit zu lernen, dass sie sie verstehen. Romanisch zu können, ist ein Mehrwert, aber das ist vielen Leuten – auch Romanen – gar nicht bewusst. Bei uns können die Kinder gratis und franko zwei Sprachen lernen. Es wäre schön, wenn sie diese Zweisprachigkeit auch überall in der Dorfgemeinschaft antreffen würden.