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Klaus Wagenbach machte sich im politischen Spektrum Freunde – und Feinde. Ebenso wild liest sich die Liste der von ihm verlegten Bücher: Sein Programm vereinte RAF-Texte mit Franz Kafka und Ingeborg Bachmann.
«Kurven in der Biografie»
Wagenbach begann 1949 eine Lehre beim noch vereinten Verlag Suhrkamp/Fischer. Dabei traf er erstmals auf das Werk Franz Kafkas. Der Schriftsteller wurde zu seiner grossen Leidenschaft.
Der Kauf von Fischer durch Holtzbrinck hatte dann einschneidende Konsequenzen: Die neuen Chefs kündigten Wagenbach, nachdem der sich bei der Staatsanwaltschaft über die Verhaftung eines DDR-Verlegers während der Buchmesse beschwert hatte. Wagenbach mochte solche «Kurven in der Biografie», wie er es nannte.
Erfolgreich und konkursreif
Ein eigener Laden musste her. Der Erlös einer vom Vater vermachten Wiese brachte das Geld ein für die ersten Bücher. Wirtschaftlich war es nicht leicht. Das Verlegen bedeute, erfolgreich ein konkursreifes Unternehmen zu führen.
«Die ersten Titel blieben den bekannteren Autoren vorbehalten, beginnend mit den Erinnerungen von Kurt Wolff, gefolgt von Prosabüchern Christoph Meckels und Johannes Bobrowskis und je einem Buch von Günter Grass, Hans Werner Richter und Ingeborg Bachmann, die sich gerne an diesem Projekt eines alternativen Verlags beteiligten», erinnerte sich Wagenbach später.
Er brachte aber auch «Die Drahtharfe» von Wolf Biermann heraus. Zwar wurde es zum erfolgreichsten Buch des Jahres. Doch die Publikation von Biermanns Gedichten und Liedern, einem lauten Kritiker der DDR und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, brachten Wagenbach auch weniger Erfreuliches: ein Ein- und Durchreiseverbot und kaum Chancen auf weitere DDR-Autoren.
Ein Verleger der 68er-Bewegung
Wagenbach stand für eine Kultur der Einmischung und des demokratischen Streits. Er galt als Prototyp des politischen Verlegers der 68er-Bewegung. Die Szene ging im Verlag ein und aus. Immer wieder gab es Hausdurchsuchungen, Prozesse, Verurteilungen.
Wagenbach sah sich selbst als den meistangeklagten noch lebenden deutschen Verleger. Ein Linker war er wegen seiner «Stinkwut auf diesen Staat».
Schlagring und Toskana
Er veröffentlichte auch Texte der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Sie sei ein Kontakt im Untergrund gewesen und habe ihm nahegestanden, sagte der dem «Spiegel». «Aber ich habe nie verstanden, wie sie auf diesen Weg geraten ist.»
Gleichzeitig brachte ihm ein Buch Peter Brückners über die RAF-Mitgründerin Meinhof eine Drohung von RAF-Terroristin Gudrun Ensslin ein. Wagenbach steckte sich eine Zeit lang vorsorglich den Schlagring seines Urgrossvaters in die Tasche.
Der eigensinnige Verleger war auch Lebemann und ein Liebhaber Italiens – auch von dessen Literatur. Der Verlag hat ein starkes italienisches Programm, Pier Paolo Pasolinis «Freibeuterschriften» sind Erfolgsgeschichte.
Ein Verlag für wilde Leser
Wagenbach stand für aufwendig gemachte Bücher, sie sollten «hundert Jahre halten». «Der unabhängige Verlag für wilde Leser» nannte er ihn später. 2002 übernahm Susanne Schüssler den Verlag, Wagenbachs dritte Ehefrau.
Einer der grössten Erfolge wurde 2008 Alan Bennetts «Die souveräne Leserin» – ein Buch ausgerechnet über die Queen. Die «Hundejahre» seines langjährigen Freundes Günter Grass kürzte Wagenbach. Grass bedankte sich per Widmung: «Für die fehlenden Kapitel ist der Setzer verantwortlich.»