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Lectio XXVI
Der Philosoph Epikur wurde im Jahr 342/41 v. Chr. auf der griechischen Insel Samos geboren. Er genoss eine umfassende Bildung und kannte sich auch in den Naturwissenschaften bestens aus. Nach Lehrtätigkeiten in verschiedenen Städten gründete er in Athen eine Schule, die vor allem aus einem grossen Garten bestand. Die epikureische Schule und die dort gelehrte Philosophie werden deshalb nicht selten «der Garten» genannt.
Zu Epikurs Zeit hatte die griechische Polis viel von ihrer politischen Bedeutung verloren: Die einzelnen Poleis waren in die grossen Diadochenreiche integriert worden. So wurden politische Entscheidungen weit weg von den Bürger*innen gefällt und die Bevölkerung der Städte stärker durchmischt. Dadurch war der Bezugspunkt philosophischen Denkens nun die einzelne Person, das Individuum, das sich jetzt zum ersten Mal auch als Kosmopolit*in fühlen konnte.
Die Philosophen fragten nun eher danach, wie eine einzelne Person ein gelungenes Leben führen und glücklich sein könne.
Epikur hatte sich intensiv mit Demokrit (vgl. Lectio XVIII) befasst. Er entwickelte dessen Lehre von einer Welt aus Atomen weiter und wandte sie vor allem auch auf Fragen des menschlichen Lebens an. So formulierte er eine Lehre der Wahrnehmung und eine materialistisch-atomistische Seelenlehre.
Daraus ergaben sich zwei zentrale Punkte seiner Ethik:
Erstens zerfällt auch die Seele des Menschen nach dem Tod wieder in ihre Atome. Es kann also kein Leben nach dem Tod geben und damit auch keine Strafen in der Unterwelt. Die Angst vor dem Tod ist unnötig, weil wir nichts mehr fühlen, sobald wir tot sind.
Zweitens empfängt die Seele ihr Wissen, die Grundlage alles Denkens, ausschliesslich aus sinnlicher Wahrnehmung. Anders als die Stoiker lehnt Epikur die Vorstellung eines nicht-materiellen Geistes ab. Deshalb muss auch das «summum bonum», das höchste, am meisten anzustrebende Gut etwas sein, das wir sinnlich wahrnehmen können.
Daraus schliesst Epikur, dass Schmerz das ist, was wir am stärksten meiden, und Lust (ἡδονή – voluptas) das, was wir letztlich immer anstreben. Allerdings versteht Epikur dieses Streben nach Lust und Vermeiden von Schmerz so, dass bereits das Wegfallen jeder unangenehmen Empfindung als die grösstmögliche Lust bezeichnet wird. Es geht also nicht um eine Art Rausch, sondern bloss um Ausgeglichenheit. Die verschiedenen (körperlichen) Lüste sind durchaus erstrebenswert, aber nur, solange sie bei einem selbst und anderen nicht grösseren Schmerz zur Folge haben.
Das Hauptwerk Epikurs — περὶ φύσεως («Über die Natur») — ist nicht erhalten. Vermutlich gibt uns Lukrez in seinem Werk De rerum natura eine gute Übersicht über dessen Inhalt. Erhalten sind aber Lehrbriefe von Epikur und zwei Sammlungen von Lehrsätzen, die uns einen guten Einblick in seine Philosophie geben. Zudem sind im 20. Jh. in Herculaneum viele noch lesbare Papyri mit epikureischen Schriften gefunden worden.