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BildGeschichte 12/2016
Rimini
Von Erika Frey Timillero
Als ich klein war, fuhr ich mit meiner Familie in den Sommerferien nach Rimini. Rimini war das Paradies. Alles war anders als zu Hause. Wir mieteten jeweils die Wohnung einer italienischen Familie, die während des Sommers im Keller wohnte – so habe ich es zumindest in Erinnerung. In ihrer Küche flatterte oft ein Huhn mit zusammengebundenen Beinen herum, bevor es nachher draussen kopfüber an der Leine hing, um auszubluten.
Nach dem Frühstück gingen wir zum Strand. Unser Platz war in der dritten Reihe, um uns italienische und andere Familien aus dem Norden. Ein deutsches Mädchen schlug einmal vor, zu einer Sandbank hinauszuschwimmen. Ich konnte noch nicht gut schwimmen, legte meinen Schwimmring aber statt um den Bauch nur um den Arm. Auf halbem Weg geriet ich in Panik, und wäre es meiner Schwester nicht geglückt, mir den Schwimmring über den Kopf und den andern Arm zu stülpen, wäre ich wohl ertrunken.
Nach dem Strand war der Mercato mein zweitliebster Ort. Da wurde nebst Obst und Gemüse, lebenden Hühnern, Kaninchen und jungen Katzen auch Spielzeug verkauft. Meine Schwester und ich schauten mit grossen Augen all die Objekte der Begierde an und hofften, dass sich unser Vater erweichen liess.
Im Alter von sechs Jahren wusste ich natürlich noch nichts von Fellini, der in Rimini aufgewachsen war und später mit „Amarcord“ seiner Heimatstadt ein grandioses Denkmal setzte. Fellini drehte den Film 1973. Da war ich 22. Ich sah mir den Film mindestens drei- oder gar viermal an, denn er stand für das verlorene Paradies meiner Kindheit. Meine Lieblingsszene ist die, in der Titta und seine Familie, Gradisca, der Blinde und alle anderen nachts in kleinen Booten auf den Luxusdampfer Rex warten. Und dann kommt er, Inbegriff aller Träume, und gleitet wie ein riesiges Geisterschiff majestätisch am Horizont vorbei.
Erika Frey Timillero (1951) arbeitet als selbständige Übersetzerin und Lektorin in Luzern. Bis vor zwei Jahren war sie ausserdem als Kursleiterin für Deutsch als Fremdsprache tätig. Nebenbei engagiert sie sich ehrenamtlich für den Chor der Nationen Luzern und ist dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.