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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist in der Psychiatrie aufgrund ihrer vielen Nuancen seit Jahrzehnten ein Diskussionsthema. Um zu klären, worum es sich bei dieser Störung handelt, aber vor allem, wie man sie heilen kann, haben wir uns entschlossen, mit einer ehemaligen GET-Patientin zu sprechen, die nun geheilt und der Welt „zurückgegeben“ wurde.
Aus Ihrer Sicht, wie würden Sie die Borderline-Störung beschreiben?
Wenn ich beschreiben müsste, wie ich die Störung erlebt habe, würde ich aufgrund meiner Erfahrung sagen: Ich leide unter einem ständig und stark unvollkommenen Bild, das von anderen projiziert wird (vielleicht aufgrund von Erfahrungen in der Vergangenheit), das auf enormen und unmöglichen Verantwortlichkeiten beruht und bei dem man auf verschiedenen Wegen Hilfe von außen sucht.
Ich hatte das starke Gespür, dass ich jemanden brauchte, der mir Schritt für Schritt erklärte, warum ich mich in der Welt so unpassend fühlte. Ich brauchte dringend jemanden, der mir das Gefühl gab, lebendig zu sein und nicht in diesem Gefühl der Leere verlassen zu sein.
Gleichzeitig wollte ich andere beeindrucken, um ihnen zu zeigen, wie „stark“ ich war, vielleicht mit einem stark aggressiven Eindruck, der nichts mit meinem wahren Charakter zu tun hatte. In Wahrheit spürte ich unter dieser Aggressivität eine große Angst.
Ich konnte die Vielfalt der Welt überhaupt nicht verstehen, denn ich war nicht irgendetwas, ich war alles. Ich war erstaunt, als ich feststellte, dass man auf so unterschiedliche Weise denken kann und jeder seine eigene Idee hat. Ich dachte, die Menschen seien entweder gut oder böse, und es gäbe keinen Mittelweg.
Ich konnte nicht verstehen, dass man Dinge auf eine bestimmte Art und Weise sieht, wenn man wütend ist, und dass es normal ist, dass das anders ist, wenn man ruhig ist. Ich konnte nicht verstehen, dass wir nicht das sind, was wir tun oder sagen, dass wir weder gut noch schlecht sind, weil ich mich immer verurteilt fühlte, und das hat mir die Freiheit genommen, jemand zu sein.
Ich dachte, es existierten vordefinierte, fixe Muster, und als ich herausfand, dass die Welt voller „es hägt ab…“ besteht, war ich erleichtert. Ich hatte immer Angst, dass Menschen mir etwas antun wollten, dass Menschen böse waren. Es fällt mir immer noch schwer, zu vertrauen, aber ich arbeite daran, genau wie an meinem Selbstvertrauen.
Wie verlief der Bewusstseinsprozess? Haben Sie gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war? Haben Sie um Hilfe gebeten? Haben Sie Hilfe erhalten?
Ich habe immer gewusst, dass etwas mit mir nicht stimmt, schon als Kind. Ich wusste, dass ich den Ärger zu stark fühlte. Ich habe immer in den Spiegel geschaut und gedacht: ‚Wer weiß, ob ich als erwachsene Person verrückt sein wird‘.
Ich habe immer um Hilfe gebeten, weil meine Eltern eher anwesend waren. 2014, im November, habe ich zum ersten Mal einen Psychiater wegen Essstörungen aufgesucht.
Ich leide seit meinem 15. Lebensjahr unter Panikattacken, aber damals war ich nicht wirklich in der Lage, um Hilfe zu bitten, also behielt ich sie einfach für mich, ich hatte nur einen Spezialisten, den ich zweimal mit meinem Vater aufgesucht habe, aber dann wurde die Problematik nie wieder untersucht.
Ich wusste, dass ich leide, aber ich verstand nicht aus welchem Grund. Ich war traurig, und als ich am Abend tanzen gegangen bin, dachte ich: „Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu gehen und mich umzubringen“.
Ich habe mich 2014/15 am San Raffaele Spital gewandt, denn obwohl ich sehr litt, wusste ich, dass ich nicht sterben wollte. Auch 2017 habe ich wegen meiner Magersucht nach Hilfe gefragt. Nach kurzer Zeit kam meine Mutter, die in den USA lebte, zu mir.
Im Großen und Ganzen habe ich mich immer um meine eigene psychische Gesundheit gekümmert, außer in den letzten Jahren, als ich einfach nicht mehr allein sein konnte.
Ich habe Hilfe von einer Ärztin bekommen, wofür ich sehr dankbar bin. Sie hat zwei Hospitalisierungen organisiert, eine davon, während ich auf die Aufnahme in die GET wartete (die Borderline-Diagnose kam später). Bei ihr fühlte ich mich wie ein Mensch und nicht wie ein Patient. Ich fühlte mich auch durch das GET unterstützt, wo ich sogar Menschen fand, die uns wie Personen und nicht wie Nummern behandelten, was nicht immer in anderen Zentren der Fall war.
Ein wesentlicher Teil der GET-Methode ist die Gruppentherapie. Wie war Ihre Erfahrung? Hat der Austausch Ihrer Gefühle mit anderen Ihnen bei Ihrem Veränderungsprozess geholfen? Inwiefern?
Die Gruppe ist meiner Meinung nach, der wesentliche Teil der Wirksamkeit der Therapie. Es bricht viele Grenzen auf: andere zu akzeptieren, empathisch zu sein, zuzuhören und zu verständigen, verstehen, dass es nicht immer nur Schlechtes gibt… kurz gesagt, ich könnte noch viel mehr sagen: bewusst sein, dass die Welt viel komplexer ist, als eine Borderline-Person sich vorstellt.
Ich habe gelernt, dass die eigene Interpretation der Realität Beziehungen verhindert, wie auch den Mangel an Verständnis und Anerkennung der Unterschiede. Sogar sich selbst zu legitimieren, zu verstehen, dass wir leider nicht alle glücklich machen können, und mit Bildung und Feingefühl müssen wir uns zuerst selbst respektieren, ohne zu sagen, was andere hören möchten.
Die Besonderheit des Austausches liegt auch darin, dass es menschlich ist, dass Dinge, die wir nur in unserem Kopf sind riesig, schwierig und unmöglich erscheinen. Wenn man dann über sie spricht, fühlt man sich weniger allein, manchmal fühlt man sich verstanden und manchmal nicht (auch das ist normal), aber man kann Vergleiche ziehen und sich weiterentwickeln. Du kannst auch erkennen, dass jeder Mensch seine eigene Realität hat und sich deshalb bewusst machen, dass auch wir manchmal nicht alles verstehen können.
Wo sehen Sie die Hauptstärke der GET-Methode? Was und wie hat Ihnen die Methode bei dieser therapeutischen Erfahrung am meisten geholfen?
Ich sehe die Stärke von GET in der Gruppenarbeit, in der Mindfulness-Arbeit (die ich persönlich in meinem Privatleben praktiziere) und im Team. Bei allen Fachleuten, mit denen ich zu tun hatte, fand ich Orientierung. In jedem von ihnen steckte ein Stück, das ich mit nach Hause nahm, aber nicht in ihnen als Privatleben, denn sie hielten sich ehrlich gesagt sehr neutral bei der Aufgabe. In ihnen als Fachleuten auf diesem Gebiet, in der Psychologie, die ich für ein sehr faszinierendes Thema halte, in der Methode, die jeder von ihnen angewandt hat.
Eine weitere Stärke ist sicherlich, einen Mentor zu haben. Der schwierigste Teil, wenn man aus der Therapie kommt (d.h. der physische Ort, an dem man auch mit schmerzhaften Teilen von sich selbst konfrontiert wird), ist das Gefühl der Leere und dass man bei sich selbst bleiben muss. Dieser Moment ist sehr heikel, und es ist sehr wichtig, einen Mentor zu haben, der einen in kritischen Momenten begleitet, und auch zu lernen, um Hilfe zu bitten, wenn man in Schwierigkeiten ist. Die Figur des Mentors wird meiner Meinung nach im wirklichen Leben gerade durch die Möglichkeit ersetzt, wenn man lernt um Hilfe zu fragen.
Gab es einen bestimmten Moment während der Therapie (eine der 3 Phasen), in dem Sie merkten, dass sich die Verhältnisse ändern, oder haben Sie es nach und nach gemerkt? Welche Gefühle haben diese Momente begleitet?
Phase 1. Für mich war das einer der schwierigsten Momente in meinem Leben. Am Anfang stand die Frage: „Aber wie weiß ich, dass ich meinen Freund liebe?“ Ich hatte eine so starke Erkenntnis, dass ich mich selbst überhaupt nicht kannte, aus keinem Aspekt heraus. Ich wusste nicht einmal, was ich für Gefühle hatte. Ich musste mich völlig neu orientieren, ich habe ein ganzes Jahr damit verbracht, mir Fragen zu stellen und lange Dialoge mit mir selbst zu führen, in denen ich Dinge entdeckte, die ich vergessen hatte.
Die ersten Monate habe ich ernsthaft und klar über Selbstmord nachgedacht, weil ich nichts mehr verstanden habe. Ich hatte nichts mehr, womit ich mich hätte verteidigen können, ich weiß nicht, ob die Therapie auf irgendeine Weise gewirkt hat, ohne dass ich es gemerkt habe, aber ich fühlte mich hilflos und machtlos. Ich hatte eine unbeschreibliche Angst, schlug mit dem Kopf gegen die Wände, schrie und weinte. Ich habe aus Blut Bildern gemacht, ich habe mir die tiefsten selbstverletzenden Schnitte am Körper zugefügt, aber das war aus Masochismus und nicht aus einer Krise heraus.
Dann beschloss ich, zu vertrauen, weil ich es nicht einmal überleben konnte, und ich habe mich entschieden, zu reden. Ich habe viel mit meiner Mentorin gesprochen, ich habe mit ihr über alle meine Gedanken gesprochen, auch über die, für die ich mich schäme, über Ängste und Unsicherheiten.
Ich habe sie tagsüber oft angerufen, um sie zu konsultieren. Ich habe dreimal täglich TIP (T – Temperature; I – Intense Exercise; P – Progressive Relaxation, Anm. d. Red.) und Mindfullness ausgeübt. Langsam begann ich, etwas wieder aufzubauen. Es gab einen Punkt in meinem Leben, als ich etwa 17 Jahre alt war (ich glaube, das waren meine glücklichsten Jahre), ich war viel in den USA und lernte mich selbst kennen.
Damals bewunderte ich mich selbst und liebte es, mit mir selbst zusammen zu sein. Dann nahm ich Teile von dem, was ich in jenen Jahren empfand, wenn ich kennengelernt hatte, und versuchte, es weiterzuentwickeln. Ich muss zugeben, dass ich auch Momente der Freude erlebt habe, die ich, glaube ich, noch nie erlebt habe, als ich Teile von mir selbst wieder entdeckte.
Früher habe ich lange Läufe von mehreren Kilometern gemacht, bei denen ich innere Gespräche geführt habe, und das Gefühl des Wohlbefindens war unbeschreiblich. Ich habe mich selbst aufgebaut, ich habe angefangen, mit mir selbst zu reden, ich habe gemerkt, dass ich doch existiere, aber ich weiß nicht, wo ich all die Jahre gewesen bin. Es war wunderbar, sie wiederzuentdecken.
Auf welche Entwicklung sind Sie jetzt, da Sie geheilt sind, besonders stolz?
Meine stolzeste Entwicklung ist, dass ich mich selbst in Frage stellen kann. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, und die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen, hat mir eine neue Welt eröffnet. Früher war ich sehr beleidigt, wenn jemand anders dachte, ich hielt es nicht für möglich, andere Ideen zu haben.Einer musste sich dabei irren. Jetzt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass jeder im Recht ist (es sei denn, es geht darum, die Freiheit zu verdrängen oder jemandem zu schaden).
Wie haben Sie Ihre Zukunft früher gesehen und wie sehen Sie sie jetzt?
Ich habe meine Zukunft nicht vorausgesehen. Ehrlich gesagt, gab es keine solche Frage, also gibt es auch keine Antwort. Zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte sehe ich meine Zukunft als kompliziert, mit einigen Schwierigkeiten, aber möglich. Mein größter Wunsch ist es, das Studium, von dem ich träume, zu beginnen und auszubauen, denn Wissen gibt mir ein gutes Gefühl.