Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/1069

Glosse des Monats Oktober
Ich kenne Leute, die wissen, dass Strindberg Frauenhasser war und Grabbe ein Alkoholbesessener. (…) Von Hebbel wissen sie, dass er sich hässlich gegen eine Elise benommen hat, von Kleist, dass er Selbstmord beging, von Maupassant, dass er im Irrenhaus gestorben ist, und mit Goethes Verhalten Friederike Brion gegenüber sind sie nicht einverstanden. Aber sie kennen kein einziges Werk dieser Dichter.
Irmgard Keun
Ich habe Irmgard Keuns Worte in der Gesamtausgabe ihrer Werke gefunden, in der sich (Achtung, Werbung!) viele bisher unbekannte Texte dieser faszinierenden Autorin entdecken lassen.
Es ist ja ein interessantes Phänomen, dass sich unser Wissen über Autoren oft auf einen einzigen Satz beschränkt. Ich selber, zum Beispiel, habe „Fascht e Familie“ geschrieben. Wenn ich irgendwo eine Lesung mache, geht die Leiterin der Bibliothek oder der Präsident des Kulturvereins vorher ans Mikrofon und teilt den Zuhörern mit: „Er hat ‚Fascht e Familie‘ geschrieben.“ Dann freuen sich alle und bereiten sich darauf vor, bei der Lesung viel zu lachen. Auch wenn es sich um ein ganz ernstes Buch handelt. Weil „Fascht e Familie“ doch lustig war. Manchmal – es passiert nicht jeden Tag, aber es passiert ‒ sprechen mich Leute auf der Strasse an, sind furchtbar nett zu mir und sagen: „Ich kenne jedes Wort, das Sie geschrieben haben.“ Und wenn ich sie dann frage, welches meiner Bücher ihnen am besten gefallen habe, dann ist es meistens die Episode, in der Walter Andreas Müller in Unterhosen dastand. Denn ich habe „Fascht e Familie“ geschrieben, und das ist es, was die Leute von mir wissen. So wie sie von Schiller wissen, dass er an faulen Äpfeln riechen musste, um inspiriert zu sein, oder von Nietzsche, dass er nie ohne Peitsche zum Weibe ging.
Ich weiss, man soll sich über seine Popularität freuen, aber andererseits…
Ich weiss nicht, ob ich wirklich glücklich sein werde, wenn man mir „Fascht e Familie“ auch noch auf den Grabstein meisselt. Oder wenn ich ans Himmelstor komme, und St. Petrus (oder wer immer für jüdische Frischverstorbene zuständig ist) sagt: „Sie sind doch der, der ‚Fascht e Familie‘ geschrieben hat.“ Und dann erzählt er mir – verständlich, dass ihm gerade die besonders gefallen hat – die Episode, in der Tante Martha in den Himmel kam.
Aber ich bin selber schuld. Ich hätte „Fascht e Familie“ eben nicht schreiben sollen.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 30. September 2018,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
Wenn Sie mehr Literatur-Glossen lesen wollen,
Und die ersten vier Dutzend können Sie jetzt