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«Auf Insta, YouTube, whatever, überall kriegst du zu hören: SEI DU SELBST! HASHTAG STAY REAL! NO FAKE IDENTITY! Aber was, wenn ich gar nicht weiss, was ICH SELBST ist? Was soll das sein: ICH SELBST? Kann man das anfassen? Hat das eine Form, einen Namen? War das schon immer da oder kann ich das bestimmen?»
Eine Geographiestunde der dritten Art
(Textcollage Schüler 2. Progymnasium)
Am Mittwoch, dem 31. Oktober, sassen die Schüler und Schülerinnen des zweiten PGs und der zweiten Sekundarklasse in ihrer Geographielektion, lösten Seite um Seite ihres Geographieheftes und langweilten sich zu Tode. An jenem Mittwoch war die Atmosphäre besonders gespannt, weil sich eine Frau im Klassenzimmer befand, die sich als Inspektorin der Schulpflege ausgab. Sie schritt die Bankreihen auf und ab, um Arbeiten der Schüler zu untersuchen und dem einen Schüler oder der anderen Schülerin Fragen zu stellen. Doch niemand, nicht einmal die Inspektorin, Frau Rusconi, oder Herr Bär, war sich des Unheils bewusst, das sich ihnen im Sekundentakt näherte. Schritt für Schritt, Meter um Meter.
Es passierte, als Herr Bär die Schüler und Schülerinnen über die Gefahren, die Vorteile und Nachteile der Nordostpassage befragte. Auf einmal stürmte eine Frau herein, die mit Wollpulli, Jeans und weissen Schuhen bekleidet und mit einer Kamera bewaffnet war. Die Frau sprang herum und johlte ein paar schlecht verständliche Worte, die wie “ich bin die Eisbärin“ klangen. Sie fuchtelte so wild mit der Kamera herum, dass es nicht klar war, ob die Kamera überhaupt zum Filmen gedacht, oder gar eine improvisierte Waffe war. Dann blickte sie in die Kamera, säuselte: „Seht ihr das Klassenzimmer, es ist ja richtig geil!“, und stellte die Kamera ab. Herr Bär blickte die Frau verdutzt an, öffnete den Mund um zu sprechen, schloss ihn aber wieder. „Leute, das war vor zehn Jahren mein Klassenzimmer. It’s a prank! Jawohl, Leute, ich hab‘ meinen alten Klassenlehrer voll auf den Arm genommen! Ihr wisst, wer es ist, ich bin’s eure Eisbärin. Gönnt euch mal die verdutzten Gesichter der Schüler“, schrie die Eisbärin in ihre Kamera, „geben Sie mir doch ein wenig Zeit um Lehrerin zu spielen. Setzen Sie sich bitte und lassen Sie mich übernehmen!“ Mit offenem Mund und verzweifeltem Blick machte sich Herr Bär auf den Weg in den hinteren Teil des Klassenzimmers. Viele nach Hilfe rufende Blicke folgten ihm. Geschockt und fast in Trance verfolgten die meisten Augen der Schüler das Schauspiel
Mona erzählte von ihrem Leben als Youtuberin und aus ihrer Schulzeit. Besonders von einem Mädchen namens Tanja, die in der siebten Klasse neu an die SalZH kam und sozusagen alles hatte, was eine Person haben muss, um beliebt, bzw. geliebt zu sein. Mona hatte damals die Rolle der pummeligen Aussenseiterin. Als sie dies erzählte, hörten alle gespannt zu.
Sie erzählte auch, wie sie in einem Klassenlager, bei „Wahrheit oder Pflicht“, die Aufgabe bekam, einem Jungen ihre Brüste zu zeigen. Was, unserer Meinung, gerade für ein Mädchen pure Peinigung ist. Und das alles nur, um von der Schülergemeinschaft akzeptiert zu werden? Es passierte dann zum Glück nichts. Aber es reichte, um von allen ausgelacht zu werden und von Tanja höchst persönlich als: „Dämlichstes Wesen der Geschichte“, ausgelacht zu werden.
Mona bat das Mädchen mit der Kamera, diese auszuschalten und verabschiedete sich von uns.
Danach gab sich die Frau von der Schulpflege als Theaterpädagogin zu erkennen und sagte uns, dass alles mit Herrn Bär vorher geplant und vorbereitet gewesen sei und dass dies ein eingeübtes Theaterstück sei. Für die allermeisten von uns war das eine grosse Überraschung. Im anschliessenden Gespräch mit der Schauspielerin und der Theaterpädagogin konnten wir alle unsere Fragen stellen und die Geographiestunde der dritten Art verdauen.
Bestimmt haben Sie, liebe Eltern, in der Zwischenzeit von dieser speziellen Geographiestunde erfahren. Was haben unsere Schülerinnen und Schüler erlebt? Hat das Theaterstück etwas ausgelöst? eine Diskussion über den Sinn von Instagram? über Nutzung der modernen Medien? über „online sein“ und anderes? was will das Theater des Kantons Zürich mit dieser Aktion auslösen?
Theater des Kantons Zürich: Eine junge Frau platzt ohne Vorwarnung in den Unterricht. Sie ist eine bekannte Youtuberin und für einen «Prank» (engl. für «Streich») stürmt sie das Klassenzimmer, in dem sie einst selbst als Schülerin gesessen hat. Während sie ihr neues Youtube-Video aufzeichnet, verhandelt sie Fragen der Selbstinszenierung und der Realitätsverwertung in den sozialen Medien. Ich poste, also bin ich. Oder war es umgekehrt? Mit Socialmedia kann jede/r ein bisschen zum Star werden, Instagram und Co. sind der Glitzer auf dem Alltag, mit dem auch ganz banale Ereignisse (mein Frühstück, meine neue Maniküre, meine Katze auf dem Fensterbrett) verwertbar werden. Likes sind die neue soziale Währung. Wie weit gehe ich, um zu gefallen? Diese Frage ist nicht erst seit Socialmedia aktuell, Identitätssuche im Spiegel der Anderen haben bis anhin noch jede heranwachsende Generation umgetrieben. Der Radius hat sich mit Socialmedia vergrössert und dies birgt neue Gefahren – eröffnet aber auch neue Möglichkeiten.“
Mehr Informationen: https://theaterkantonzuerich.ch/wsp/rubriken/die-eisbaerin oder im Programmheft des Kantons Zürich