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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1994 von Georg Hess
GESCHICHTLICHER RÜCKBLICK
Erstmals wird 1484 ein kleiner Rebberg auf der Halbinsel Au urkundlich erwähnt. Er soll etwa 2 Jucharten (76 Aren) umfasst haben. Dies blieb bis 1739 so. Die Regierung des Kantons Zürich erlaubte 1739, durch Abholzen «rauchenden und unbrauchbaren an den Rebberg anstossenden Holzes», den Rebberg um 1,5 Jucharten zu erweitern. 1824 kamen durch Waldrodung nochmals 8,5 Jucharten dazu. Damit betrug die Rebfläche damals 4,56 Hektaren. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erfolgten die ersten Rodungen. 1912 waren alle Reben ausgerissen.
Erst 1950 entstand die Idee, den Au-Rebberg − jetzt im Besitz des Au-Konsortiums und der Familie Dr. Boller-Baer − in Zusammenarbeit mit der 1942 gegründeten Weinfachschule wieder zu bestocken. 1951 half das Meliorationsamt mit, den Hügel zu erschliessen, und die ersten vier Parzellen konnten bepflanzt werden. 1952 verpachtete die Familie Boiler das Au-Gut der heutigen Ingenieurschule Wädenswil, und es konnte im Keller des «Wuhrmann-Hauses» eine kleine Kellerei eingerichtet werden. Darin wurden alle Trauben des Au-Rebberges gekeltert.
1959 bis 1973 wurde dann der Rebberg laufend erweitert; er umfasst heute 5,1 Hektaren. Davon sind 4,7 Hektaren bestockte Rebfläche und 0,4 Hektaren Wege und Wegränder. Nach dem Übergang des Boiler-Gutes an die Gemeinde Wädenswil und den Kanton Zürich wurde es auch möglich, den mittleren Weg bis zur Au-Strasse zu verlängern. Damit konnte der Rebberg bequem durchwandert werden.
1974 erfolgte ein weiterer Ausbau des Rebbaus auf der Halbinsel Au. Dr. Eric von Schulthess beschloss, auch auf seinem Grundstück den Rebbau wieder aufzunehmen. In zwei Etappen wurden die Lagen direkt über dem Au-See und vor dem Schloss durch Querterrassen erschlossen und bepflanzt. Damit kamen weitere 24,5 Aren Riesling x Silvaner und 59,5 Aren Blauburgunder dazu. Die Trauben wurden ebenfalls von der damaligen Weinfachschule gekeltert. 1984 bezog die nun in Ingenieurschule Wädenswil umbenannte Weinfachschule den Neubau im Grüental. Die Kelterung der Weine erfolgte ab diesem Jahr in der Weinkellerei im Neubau.
Das Bauernhaus des Schlossgutes Au mit der Rebparzelle.
Die Rebparzellen von Dr. Eric von Schulthess wurden zusammen mit dem ganzen Schlossgut 1989 an den Kanton Zürich verkauft. Dieser verpachtete die Reben an einen Wädenswiler Bauer, der aber nach zwei Jahren vom Pachtvertrag zurücktrat. Seit 1992 ist die Ingenieurschule auch Pächterin der Schlossgut-Reben. Das Traubengut aus diesen drei Rebparzellen wird aber seit 1990 nicht mehr an der Ingenieurschule gekeltert. Mit dem Kauf der Rebberge durch den Kanton Zürich gingen Kelterung und Verkauf der Weine aus dem Schlossgut an die StaatskeIlerei des Kantons Zürich über.
DER HEUTIGE REBBERG
Der Übersichtsplan zeigt die einzelnen Rebparzellen des Rebberges Halbinsel Au. Die Parzellen H, G, J und K gehören zur Pacht der Stadt Wädenswil. Jene des Schlossgutes sind vom Kanton gepachtet. Verpächter aller anderen Parzellen ist das Au-Konsortium. Der Rebberg der Halbinsel Au kann in vier Reblagen unterteilt werden. Die beste Lage bildet der Steilhang mit den Parzellen A, D und G. Das Gelände ist bis zu 55 Prozent geneigt und direkt nach Süden exponiert. Der weniger als 30 Prozent geneigte Teil oberhalb des zentralen Weges wird auch in Zukunft im Direktzug bearbeitet. Die Parzellen L und K sind am flachsten. Die Trauben reifen darum auf diesen beiden Parzellen am langsamsten. Die drei Parzellen des Schlossgutes sind wiederum recht unterschiedlich. Die bei den Terrassenanlagen Halde und Hof sind vergleichbar mit der Parzelle C. Auf der Ebene reifen die Trauben langsam. Dies muss bei einer Neubestockung der Schlossgutreben berücksichtigt werden.
Neben den in der Legende erwähnten acht Hauptsorten stehen im Rebberg der Halbinsel Au noch weitere 180 Rebsorten, die vor allem im Sortiment H gepflanzt wurden. Vier mehltautolerantere, sogenannte interspezifische Sorten wurden in der Parzelle M angepflanzt. Zwölf alte Traubensorten bilden den historischen Rebberg hinter dem Weinbaumuseum. Das Sortiment H setzt sich mit zwei bis vier Stöcken pro Sorte aus den wichtigsten europäischen Rebsorten zusammen. Auch Unterlagsreben, Spaliersorten und rebverwandte Pflanzenarten werden angebaut.
Von den acht Hauptsorten werden seit jeher verschiedenste Typen, sogenannte Klone, angebaut und miteinander verglichen. Die nebenstehende Tabelle zeigt die Vielzahl der Klone. Sie unterscheiden sich durch für den Weinbauer oder den Kellermeister interessante Faktoren, wie zum Beispiel Anfälligkeit auf Graufäule (Botrytis), Reifezeitpunkt, Ertragskonstanz, Säuregehalt, Aroma- und Farbkonzentration, Langlebigkeit des Laubes im Herbst usw.
DER REBBERG HALBINSEL AU
VERSUCHS- UND LEHRBETRIEB DER INGENIEURSCHULE WÄDENSWIL
Der Rebberg Halbinsel Au soll vor allem ein Anschauungsobjekt für den Praktiker sein. Darum wurden viele Demonstrationsparzellen angelegt. Im Anlagebau sind Stickelbau, normale Drahtanlage und Weitraumanlage sowie Terrassenbau vertreten. Die normalen Drahtanlagen werden heute alle auf 2,0 Meter Reihenabstand gepflanzt. Der Stockabstand beträgt entweder 1,2 Meter bei der Doppelerziehung oder 0,9 Meter bei der Einfacherziehung. Im Bereich Anlagebau sind alle heute gängigen Materialien für die Unterstützung in verschiedenen Anlagen eingebaut. Bei den Schnittsystemen finden wir neben der normalen Doppelbogenerziehung auch den einfachen Bogen, den Doppelstrecker, den einfachen Strecker, den doppelten Cordon, den einfachen Cordon, die Fuseau-Erziehung, den Zapfenschnitt und den Rundbogen am Stickel, die Umkehrerziehung, eine Lenz-Moser-Art und die offene Laier nach Carbonneau. Die Umkehrerziehung wird vor allem für den Hobbyrebbau noch weiter entwickelt.
Speziell im Herbst ist die Sortensammlung eine wichtige Demonstrationsparzelle für den Unterricht und für Kurse. Im Laufe des Rebjahres werden verschiedene Geräte und Materialien für die Bewirtschaftung der Reben gezeigt. Am deutlichsten sieht man dies im Herbst mit den verschiedenen Vogelschutzmöglichkeiten. Es werden aber auch alle auf dem Markt verfügbaren Scheren für den Rebschnitt demonstriert, alle Anbindmöglichkeiten verwendet oder verschiedene Geräte miteinander verglichen.
Traditionell wurden vor allem Klonversuche angelegt. Dabei standen die Sorten Pinot Gris, Gewürztraminer und Blau-burgunder im Vordergrund. Die dabei entstandenen SOW-Klone sind immer noch in den Versuchen enthalten. Daneben wurden verschiedene Unterstützungsmaterialien und Imprägnierungsverfahren von Holzpfählen miteinander verglichen. Einer dieser Versuche dauerte 24 Jahre und endete 1992.
1989 wurde ein neuer, schachbrettartig verteilter Klonenversuch mit sechs lockerbeerigen Blauburgunderklonen angelegt. Die Trauben werden ab 1995 separat vinifiziert und degustativ verglichen. Dazu kamen 1993 nochmals zwei Blauburgunderklone. Geplant ist, diesen Versuch 1995 mit zwei neuen Klonen zu ergänzen.
1991 konnte ein neues Tiefbodenbearbeitungsgerät getestet werden, dessen Resultate in verschiedenen Semester- und Diplomarbeiten ausgewertet wurden. Ebenfalls mit einer Diplomarbeit versuchte man, die Unterstockpflege zu optimieren. Dabei steht die gelenkte Unterstockbegrünung im Vordergrund. Diese ökologisch optimalste Möglichkeit der Unterstockbodenpflege verlangt die Definition einer Unkrauttoleranz bezüglich der Leistung der Rebe und der Qualität des Traubengutes. Nach den ersten Jahren dieses Versuches zeigt sich, dass als einziger beschränkender Faktor die Akzeptanz der Unordnung unter den Reben auftritt. Hier treffen ökologische und ästhetische Interessen hart aufeinander.
Seit 1986 ist der Rebbetrieb Halbinsel Au der integrierten Produktion angeschlossen. Daraus ergeben sich viele Impulse für die Anpassung der Kulturtechnik. So wird gegen den Traubenwickler mit der Verwirrungstechnik gearbeitet; man verbreitet und exportiert Raubmilben. Die Stickstoffdüngung wird sukzessive auf organische Materialien umgestellt. Seit 1993 werden keine mineralischen Stickstoffdünger mehr verwendet. Das durch die obligatorische Nutzung der Schilfbestände der Halbinsel Au anfallende organische Material wird im Rebberg als organischer Dünger eingesetzt.
Viele Anpassungen der Kulturtechnik zielen auf die betriebswirtschaftliche Optimierung ab. Zurzeit werden die Voraussetzungen geschaffen, dass in einigen Jahren gezielte Verfahrensvergleiche erarbeitet werden können. Dabei steht der Aufwand für die Stockpflege im Vordergrund. Im Moment werden zwei Anlagen auf die Cordon-Erziehung umgestellt. Dies würde ein tieferes mechanisches Vorschneiden erlauben. Mit beweglichen Drähten wird versucht, den Aufwand für das erste Einschlaufen zu verringern und mit dem maschinellen Einschlaufen zu vergleichen. Es ist geplant, verschiedene neue Techniken, wie Laubschneiden, Laubheften und Auslauben arbeitswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich zu vergleichen. Die Parzelle M, welche 1992 mit vier mehltautoleranten Rebsorten bepflanzt wurde, wird als Versuchsparzelle für den extensiven Weinbau aufgebaut. Der Maschineneinsatz in dieser Parzelle beschränkt sich auf einen Durchgang mit dem Schlegelmulchgerät zur Zerkleinerung des Rebholzes in jeder zweiten Rebreihe und einen Durchgang mit dem Motormäher in jeder Rebgasse vor der Weinlese. Mit diesem Konzept kann der Arbeitsaufwand von heute 700 Std/ha auf gegen 300 Std/ha gesenkt werden.
Die Erträge schwanken zum Teil stark. 1990 wurde die Menge durch die in der Ostschweiz geltenden Mengenbegrenzungen von 700 g/m2 Blauburgunder und 900 g/m2- Riesling x Silvaner begrenzt. 1989 war der September feucht und warm. Darum entstanden vor allem bei den weissen Trauben grosse Fäulnisprobleme, was sich negativ auf den Ertrag auswirkte. 1986 verzeichnete die Halbinsel Au eine noch kaum erreichte Grossernte. Die restliche Ostschweiz erntete durchschnittliche Mengen. Im Vollertrag kann von den 4,3 Hektaren mit rund 35‘000 Kilogramm gerechnet werden. In den nächsten Jahren wird aber immer eine Fläche von mindestens 0,5 Hektaren brach liegen oder mit Jungreben bepflanzt sein. Das Jahr 1994 wird in die Geschichte eingehen. Ein sehr starker Hagelschlag hatte am 2. Juni bis zu 95 Prozent Schäden verursacht. Die verbleibenden Trauben wurden durch einen erneuten Hagelschlag am 6. August noch vollends zerstört, was zu einem totalen Ernteausfall führte.
Ertragsstatistik
(ohne Traubengut aus dem Schlossgut)
ZUKÜNFTIGE PROJEKTE
Im Jahre 1992 wurde ein Teil des Steilhanges terrassiert. Diese Steilhangbewirtschaftung wird schon seit über zwanzig Jahren angewendet und immer weiter verbessert. Damit kann neben der Einsparung von etwa 400 Stunden pro Hektare auch die Versuchstätigkeit im Bereich Verfahrensvergleiche auf die Querterrassierung ausgedehnt werden. Ein weiterer grosser Vorteil ist die erwiesenermassen wesentlich grössere Vielfalt von Fauna und Flora in terrassierten Rebbergen. Man kommt damit der Optimierung des Agroökosystems Rebberg näher. Aus diesem Grund wird zurzeit ein Projekt bearbeitet, den restlichen Steilhang unterhalb des mittleren Weges ebenfalls auf eine Querterrassierung umzustellen. Die Terrassen würden durch die Hoteltreppe und durch diagonale Wiesenwege von 1,5 Meter Breite unterbrochen. Ebenfalls müssen die Parzellen des Schlossgutes erneuert werden, und dort wo nötig, ist die Terrassierung anzupassen.
Der Rebberg Halbinsel Au kurz vor der Terrassierung der Parzelle G, 1992.
Wir betrachten es als eine Ehre, auf der legendären Halbinsel Au Weinbau betreiben zu dürfen. Es ist unsere Pflicht, mit unserer Tätigkeit mitzuhelfen, den Weinbau den zukünftigen Anforderungen entsprechend zu optimieren. Dies ist nicht immer einfach, weil gerade auf der Halbinsel Au eine Vielzahl von Interessen zusammentreffen. Die Rebberge werden auch in Zukunft offen sein für alle Wanderer und Erholungssuchenden. Durch die konsequente Anwendung umweltschonender Anbautechniken soll auch gezeigt werden, dass der Weinbau als Intensivkultur mit den Interessen des Natur- und Landschaftsschutzes auf der Halbinsel Au durchaus vereinbart werden kann.