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Wie verhalten sich Politik und öffentliches Leben in unterschiedlichen Zeiten und Räumen zueinander? Welche Weisen des Ratschlags, des Kommentars, der Reflexion erforderten sie – und lassen sie zu? Was lehrt uns ein lyrisches Genre dazu? Im Rahmen des Projekts «Lektor» der Künstlergruppe Slavs and Tatars wollen wir an diesem Abend Einblicke in die „Fürstenspiegel“ gewinnen, ein Genre mittelalterlicher politischer Literatur, und seine Relevanz für gegenwärtige Herausforderungen von politischem Kommentar sowie die generelle Rolle des Glaubens beim Schreiben, Lesen, Sprechen und Zuhören, kurz: im öffentlichen Leben diskutieren.
Im Vorgriff auf ihre Herbstausstellung entwickelten Slavs and Tatars für die zukünftigen Bibliotheksräume der Kunsthalle Zürich eine neue Version des Hörstücks «Lektor». Es besteht aus in uigurischer Sprache vorgetragenen Auszügen aus dem mittelalterlichen epischen Gedicht Kutadgu Bilig (Die Weisheit der königlichen Glorie) und dem Voice-over der deutschen Übersetzung dieser Textstellen. Die Macht, die beim Sprechen und Zuhören, Übersetzen und Überführen, Zitieren und Zusammenführen auf dem Spiel steht, zeigt sich in diesem Gedicht, das ein wichtiges Beispiel des im 11. Jahrhundert entstandenen Genres der „Fürstenspiegel“ darstellt. „Fürstenspiegel“ waren Anleitungen für zukünftige Herrscher und eine im Mittelalter und während der Renaissance in christlichen und muslimischen Ländern gleichermassen verbreitete Gattung, deren bekanntestes Beispiel Machiavellis Der Fürst ist.