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Als der Alkohol wütete
Ein Gläschen Wein zum Apéro oder ein kühles Bier beim Grillieren – viele Schweizer konsumieren regelmässig alkoholische Getränke. Meistens hält sich dies in vernünftigen Grenzen. Vor 125 Jahren geriet der Alkoholkonsum einiger europäischen Ländern jedoch ausser Kontrolle.
Die Kartoffelschnapspest wütete.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert führten diverse gesellschaftliche Entwicklungen zu einem massiven Anstieg des Alkoholkonsums. Die Industrialisierung und die damit verbundene Fabrikarbeit unter schlechten Arbeitsbedingungen verlangte den Arbeiter psychisch und physisch vieles ab. Nicht wenige suchten Trost am Boden eines Glases.
Die Wunderknolle
Ermöglicht wurde dies durch die Verbreitung der Kartoffel, welche erst wenige Jahrhunderte zuvor aus Amerika nach Europa kam. Die resistente Knolle gewann schnell an Beliebtheit, da sie einfach und günstig anzubauen war und sättigte. Folglich wurde die Kartoffel für weite Teile Europas zu einem Grundnahrungsmittel. Wie abhängig Europa von der Kartoffel war, zeigte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, als in Irland aufgrund eines Pilzes Unmengen an Kartoffeln verfaulten und als Folge davon Millionen von Iren verhungerten.
In Zentraleuropa zeigte sich ein anderes Problem des Kartoffelanbaus. Es wurde bald klar, dass sich die Kartoffel nicht nur einfach anzubauen, sondern auch zu brennen war. Vor allem in der Schweiz und in Deutschland verbreitete sich der Kartoffelschnaps rasant und Tausende Menschen verfielen der Alkoholsucht. Noch zu Beginn des Jahrhunderts gehörten Wein, Bier und Spirituosen zu den Luxusgütern. Hundert Jahre später wurde der Alkohol zur Volkskrankheit. Der Alkoholmissbrauch führte zu psychischen und physischen Krankheiten und zu hungernden Familien, da einige Arbeiter es bevorzugten, ihren Lohn in der nächsten Gaststätte zu vertrinken, als damit Nahrungsmittel für ihre Familie zu kaufen. Die sogenannte «Kartoffelschnapspest» wurde zu einem weitgreifenden, gesellschaftlichen Problem.
Der Bund greift ein
Es wurde schnell klar, dass die Kantone diesem Problem nicht Herr werden konnten. So nahm sich der Bund der Problematik an. Mit dem ersten Schweizer Alkoholgesetz von 1887, welches Steuern auf Kartoffel- und Getriedeschnaps-Verkauf erhob, und der Einrichtung der eidgenössischen Alkoholverwaltung, kam es zu einer Verbesserung der Lage. Erst als das Alkoholgesetz 1930 revidiert und mit einem zusätzlichen Artikel ergänzt wurde, welcher der Bundesverwaltung ein Quasi-Monopol auf den Alkoholausschank ermöglichte, wurde das Problem der gesellschaftlichen Alkoholsucht massgeblich entschärft. Doch nicht nur der Staat reagierte. Auf privater Ebene entwickelte sich ebenfalls Widerstand gegen den Alkoholismus. Auf dieser Grundlage entstand der ZFV. Die Gründerinnen des ZFV verschrieben sich dem Kampf gegen den Alkohol und leisteten damit einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Alkoholproblematik. So eröffneten sie mit dem «Kleinen Marthahof», die erst alkoholfreie Gaststube in Zürich.