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Zwei Monate vor seinem 50. Geburtstag am 24. Oktober erlag der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Christoph Schlingensief am Samstag seinem Krebsleiden. Dies bestätigte ein Sprecher der Nachrichtenagentur DAPD.
Schlingensief liebte bis zuletzt die Provokation. In seinen Inszenierungen, Performances, Aktionen und Filmen setzte er auf Emotionen und Tabubrüche, die immer wieder für empörte Aufschreie sorgten. Häufig thematisierte er in seinen Werken den Tod. Er selbst aber wollte leben, trotz der eigenen Krebsdiagnose Anfang 2008.
Der Regisseur arbeitete bis wenige Wochen vor seinem Tod. Die Regiearbeit mit seinem Stück «S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken» für die Ruhrtriennale in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin konnte er allerdings wegen einer neuen Krebsdiagnose nicht mehr beenden und sagte sie Anfang Juli ab.
Auf der Homepage des Künstlers schrieb die Familie am Samstag: «Im Sinne von Christoph Schlingensief bitten wir statt Blumen und Kränzen um eine Spende für das Operndorf in Afrika.» In das Mammutprojekt in Burkina Faso hat der Künstler viel Arbeit gesteckt. Erst im Januar war Grundsteinlegung auf dem sechs Hektar grossen Gelände.
Geboren wurde Schlingensief am 24. Oktober 1960 in Oberhausen. Er wuchs nach eigenem Bekunden in einem «extrem kleinbürgerlichen Elternhaus» auf. Sein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München brach es nach sieben Semestern ab. Lieber drehte er Filme, unter anderem «Das deutsche Kettensägenmassaker», «Terror 2000» und «Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutsche Film».
1996 war Schlingensief erster Aufnahmeleiter bei der ARD-Serie «Lindenstrasse», wo er «grauenhafte Erfahrungen» machte, wie er sagte. Zwischen 1997 und 2002 moderierte er im Fernsehen medienkritische Formaten wie «Talk 2000» und «U 3000». 1993 debütierte er als Regisseur an der Berliner Volksbühne. Später war er dort als Hausregisseur.
Schlingensief führte Schauspieler, Behinderte und Laien zu einer Truppe zusammen. Sein Stück «Schlacht um Europa» wurde 1997 von «Theater Heute» zum besten deutschsprachigen Stück gekürt. Zu einem Eklat kam es bei der Documenta 1997, als Schlingensief das Plakat «Tötet Helmut Kohl!» präsentierte.
Schlingensief mischte auch selbst in der Politik mit: 1998 trat er mit seiner Partei «Chance 2000» zur Bundestagswahl an. Bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen 2004 inszenierte er mit dem «Parsifal» seine erste Oper. Inzwischen gilt sie als als «Kult-Inszenierung».
2001 inszenierte er in Zürich «Hamlet», in das er aussteigewillige Neonazis integrierte. Die Schweizer Kritiken waren höflich bis vernichtend. Bemängelt wurde - anders als später in Deutschland - nicht der Einsatz der Neonazis, sondern die inkohärente Inszenierung. Auch Attabambi Pornoland (2004) sorgte für viel Aufruhr. Die Aufführung wurde von einer Anzeige der Zürcher Stadtpolizei überschattet, die Schlingensief wegen angeblicher Ruhestörung büssen wollte. Dieser sah sich einer Kampagne von Gegnern seiner Arbeit ausgesetzt und setzte sich nach Wien ab. Ein Teil der Vorstellungen fiel ins Wasser.
Zusammengerechnet hat der Multi-Künstler knapp 80 Stücke, Theater und Aktionen geschaffen - ohne die ganzen Filme und Installationen, Objekte, Bilder und Skulpturen, wie Schlingensief einmal bilanzierte. «Ich glaube, es geht nichts verloren. Das hab ich als grösste Erleichterung.»