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«Das Tea Room ist eine nationale Einrichtung der Schweiz, seine Funktion ebenso vielfältig wie weitreichend», schrieb Vincent O. Carter vor über sechzig Jahren, als die Institution Tearoom hierzulande ihren Höhepunkt hatte. «Das Tea Room, so wurde mir bewusst, war eine Welt für sich mit weitreichenden Auswirkungen auf die Welten, die die Gesellschaft als Ganzes umfassen.»
Wie diese Auswirkungen genau aussahen, das beschrieb der afroamerikanische Autor ausführlich in seinem 1957 verfassten Buch, das diesen Herbst unter dem Titel «Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch» zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist. Vincent O. Carter, in Kansas City aufgewachsen, kam 1953 als knapp Dreissigjähriger nach Bern. Sein Ziel war eigentlich Paris, er hatte sich als junger Soldat während des Kriegs in die Stadt verliebt. Doch als er in den fünfziger Jahren wieder in die Stadt seiner Träume reiste, wurde er von der bitteren Realität eingeholt: Kein Hotel wollte ihm ein Zimmer geben, die Serviceangestellten verlangten von ihm stets mehr für die Getränke als von den weissen Städter:innen, und die Leute starrten ihn unverhohlen an.
Carter landete nach Umwegen über Amsterdam und München (wo er eine vom Krieg traumatisierte Gesellschaft vorfand) im beschaulichen Bern – eigentlich nur zur Durchreise. Doch er blieb bis zu seinem frühen Krebstod 1983. Er strich Tag und Nacht durch die Stadt, liebte es, die Kirchenfeldbrücke zu überqueren, sass in Tearooms, Cafés und Bars – und schrieb auf, was er sah und erlebte. Als Leserin wandelt man mit dem «Mann mit dem schwarzen Cape», wie ihn die Berner:innen nannten, durch die Gassen und beobachtet die Bundesstadt der fünfziger Jahre.
Jobangebot als Bananenverkäufer
In plauderndem Ton erzählt Carter im «Bernbuch» von seinem Alltag, der von Rassismus bestimmt ist: Da ist der alte Mann, der ihm verzückt über die Haare streicht, der Werber, der ihm einen Job als Bananenverkäufer anbieten will. Da sind die vielen Absagen bei der Wohnungssuche, die Schweizer:innen, die, obwohl sie vor ihm noch nie einen Schwarzen gesehen haben, seine Empfindsamkeiten genau kennen, wissen, was Schwarze Musik ist (und was nicht), und ihn immer wieder fragen, warum er in Bern sei. In manchmal ausufernden Anekdoten, in Dialogen mit Fremden oder Bekannten sowie in mäandrierenden Gedanken reflektiert Carter über sich selber, über das Leben der Berner:innen, ihren Blick auf ihn als einzigen Schwarzen Mann in der Stadt sowie über sein Dasein als Schwarzer Autor in einem Land, das seine eigenen Kunstschaffenden nicht wirklich zu schätzen weiss und in dem die Arbeit kein Vergnügen bereiten darf.
Anhand des Tearooms gelingt es ihm, nicht nur aufzuzeigen, wie puritanisch und frauenfeindlich die Schweiz der Fünfziger war, sondern auch, wie Klassengesellschaft gelebt wurde. Da die Berner:innen selten Gäste hätten, weil Einladungen bestimmte Formalitäten mit sich brächten, und da sie knausrig seien, würden sie sich im Tearoom treffen, «wo Formalitäten sich in Grenzen halten, Familiengeheimnisse gewahrt werden und jeder für sich selbst zahlen kann, ungeachtet von Gesellschaftsschicht, Alter oder Geschlecht». Und doch beobachtet er hier entscheidende Unterschiede zwischen den Schichten: So stammen die «Mädchen», die im Tearoom arbeiten, meist aus ländlichen, eher bescheidenen Familien und suchten den Aufstieg durch Heirat, die Herren, die hier ihren Kaffee trinken, «um Geschäftliches zu besprechen oder sich unmittelbar vor oder nach der Arbeit bei einem Kaffee zu entspannen», sind ohne ihre Ehefrauen hier und schenken den hübschen Kellnerinnen besondere Aufmerksamkeit. Carter zieht sogar einen Vergleich zu den japanischen Geishas: Zwar hätten die «Tearoom-Mädchen» keine Ausbildung und seien auch nicht besonders begabt, was die kommerziellen oder schönen Künste angehe, andererseits würden sie, ähnlich wie die Geishas, «von der Gesellschaft ermutigt, eine Haltung bescheidener weiblicher Beflissenheit vorzuleben».
Die Herren wiederum, weiss Carter, sind unter den merkwürdigsten Umständen verheiratet: nämlich nicht mit der Frau, die sie eigentlich liebten (und mit der oft auch ein Kind gezeugt würde). Nein, denn es gibt für diese Herren einen Plan: Sicherheit. Erst wenn die gegeben ist, wird geheiratet: eine ehrbare Frau mit guter Ausbildung, Geld oder aus einer angesehenen Familie. «Er hatte eine sichere Stelle, die üblichen Versicherungen gegen alle Eventualitäten des Lebens, exakt strukturierte Aufstiegsmöglichkeiten, eine Rente mit fünfundsechzig, eine Wohnung, ein Haus oder eine Villa im Kirchenfeld und gesellschaftliche Anerkennung.» Und während sich die Frau zu Hause um die wachsende Kinderschar kümmert, sitzt der Mann mit anderen Männern im Tearoom, und sie «schätzen die neutrale häusliche Effizienz der Tearoom-Mädchen, weil sie die Langeweile ihres Arbeitsalltags erleichtert». In solchen soziologischen Ministudien liegt eine der Stärken von Carters über vierhundertseitigem Buch. Darin entblösst er immer wieder die träge Selbstgefälligkeit der Schweizer:innen, deren Desinteresse am Leben anderer (man weiss es ja selber am besten) und deren rassistisches Gedankengut.
Allheilmittel Frau
Doch ab und an staunt man auch über Carters sprachliche Unbedarftheit und seine fehlende Selbstreflexion. So analysiert er zwar kritisch die untergeordnete Rolle der Frau in der Schweizer Gesellschaft, doch die Frauen, über die er schreibt, reduziert er oft auf ihr Äusseres. Während er sich zu Recht über die Blicke der weissen Menschen auf ihn als Schwarzen ärgert, setzt er die Frauen ungeschützt seinen eigenen Blicken aus, ja starrt sie teils unverhohlen an und beschreibt detailliert: «[…] gerade als die Bardame sich bückte, um ein Messer aufzuheben, das ihr aus der Hand gefallen war, und die tiefe Spalte zwischen ihren Brüsten offenbarte, die so stramm standen, als wären sie dazu abgerichtet.» Oder: «Damit meine ich eigentlich nur, dass sie einen tollen Hintern hatte. Wenn der Hintern stimmt, kann man normalerweise auf den Rest schliessen.» Zwar stört es ihn, dass die Berner:innen alle Schwarzen über einen Kamm scheren, doch macht er dasselbe mit den Frauen, die für ihn eine Art Allheilmittel sind. So erfreuen sie nicht nur das Auge des Autors, sondern er ist auch überzeugt, dass sie Homosexuelle «heilen» können: Sobald diese Männer in eine «gesündere Umgebung versetzt würden» – sprich an einen Ort, an dem Frauen zur Verfügung stehen –, würde die homosexuelle Neigung weichen. Solche Abschnitte irritieren ab und an, selbst wenn man seine Ansichten vor dem Hintergrund des Zeitgeists liest.
Letztlich bleiben Carters ausschweifende Erzählungen in einer individualistischen Perspektive verhaftet. Ganz anders als bei James Baldwin, dem prominenten afroamerikanischen Autor, der ebenfalls in den Fünfzigern in der Schweiz weilte. Im Text «Ein Fremder im Dorf. Ein schwarzer New Yorker in Leukerbad», den er über seinen Aufenthalt verfasste, verwob er seine Erlebnisse in eine dichte politische und historische Analyse des Rassismus. In der fehlenden politischen Analyse sieht der Autor Herbert Lottmann im Vorwort der ersten englischen Ausgabe von Carters «Bernbuch» von 1973 auch den Grund dafür, dass dieses sechzehn Jahre lang keinen Verleger fand: Für einen Schwarzen Autor habe Carter zu wenig protestiert und somit nicht den Erwartungen entsprochen.
Es wirkt, als habe Vincent O. Carter schliesslich auch seine Strategien im Rückzug ins Individuelle gesucht. Als das «Bernbuch» 1973 endlich erschien, hatte er aufgehört zu schreiben, sich dem Malen zugewandt und später zu Spiritualität und Yoga gefunden. Kurz vor seinem Tod 1983 sagte er in einem Gespräch mit der Zeitschrift «Annabelle», seine Auswanderung nach Europa müsse als Versuch gewertet werden, dem Konflikt zwischen Schwarzen und Weissen zu entfliehen. Dies ist ihm wohl nie ganz gelungen. Doch seinen Platz in Bern hatte er gefunden. Und mit dem «Bernbuch» hat er der Stadt ein aussergewöhnliches literarisches Vermächtnis hinterlassen.
Vincent O. Carter: Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch. Aus dem Amerikanischen von pociao und Robert de Hollanda. Limmatverlag. Zürich 2021. 440 Seiten. 36 Franken