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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.

C. Ostentation

C.6. Kartographien politischer Räume
Im Zentrum des Teilprojekts steht die Frage nach den Strategien kartographischer Entwürfe von politischem Raum um 1500. Untersucht werden Formen der Ausstellung herrschaftlicher Verhältnisse auf Karten und der Inszenierung politischer Vorstellungen mit Karten für eine Zeit, die durch nachhaltigen Wandel charakterisiert ist: durch neue Standards der Darstellung, durch innovative Drucktechniken, durch ein wachsendes Interesse an der systematischen Sammlung von Wissen und durch eine Veränderung in der Raumwahrnehmung, die sich mit der Verfestigung von Gebietsherrschaften, zunehmender Mobilität und Expansion vollzog.
An ausgewählten Beispielen werden die besonderen Leistungen kartographischer Darstellung bei der Konzipierung politischer Entitäten in den Blick genommen. Insbesondere wird es darum gehen, die im Vergleich mit den historiographischen Beschreibungen andersartigen Funktionsweisen von Karten zu analysieren, die an der Schwelle von Mittelalter und Früher Neuzeit zwischen traditioneller kartographischer Sinnstiftung und neuen Darstellungsweisen oszillieren. Gefragt wird dabei sowohl nach den Verfahren, mit denen über Bildlichkeit, Bild- und Textelemente politische Aussagen generiert werden, wie auch danach, inwieweit die Karten selbst Wissen um ihre Effizienz und Effekte zur Schau stellen. Die Bedingungen, unter denen kartographische Konzep-tionen selbst Wirkung entfaltet haben und zur Verfestigung von Vorstellungen über politische Räume beitrugen, bilden einen weiteren Aspekt der Auseinandersetzung. Diese beschreiben zu können erfordert, der Tradition und Präsentation von Karten nachzugehen, die als Manuskript oder gedruckt, als Einzelblatt, in gelehrten oder propagandistischen Werken oder im Kontext eines Bildprogramms in unterschiedlichen Situationen lesbar jeweils andere Öffentlichkeiten erreichte und in verschiedener Weise nachhaltig kollektive Bilder räumlicher Ordnung etablierte. Der dritte Akzent der Untersuchung wird auf den Praktiken politischen Kartierens und insbesondere dem Interesse liegen, mit dem Gelehrte unterschiedlicher Herkunft, in städtischer oder landesherrlicher Sphäre und jeweils in verschiedener Weise an Entscheidungsträger gebunden, herrschaftlich besetzen Raum vergegenwärtigten.
In der Auseinandersetzung mit kartographischen Verfahren des Ausstellens und Inszenierens politischer Räume um 1500 sollen der Blick für zeitspezifische Formen kartographischer Sinnstiftung geschärft und eingefahrene Vorstellungen von einer epochalen Zäsur aufgelöst werden. Gleichzeitig soll ein Beitrag zu den Beobachtungs-ebenen von Medien und Medialität geleistet werden, indem den Relationen zwischen immanenten Verhältnissen von Artefakten und den Situationen nachgegangen wird, in denen diese Bedeutung erhalten. An älteren Beispielen überdacht werden sollen die in der medientheoretischen Forschung paradigmatisch an modernen Karten anknüpfenden Beobachtungen zur ‹Transparenz› und ‹Opazität›, zu dem Medium als dem Mediatisierten und dem Medium, das sich selbst zeigt.
Dissertationsprojekt Bettina Schöller
Wissen speichern, Wissen ordnen.
Die Londoner Psalterkarte und die Descriptio Mappe Mundi Hugos von St. Viktor
Die Dissertation untersucht und vergleicht zwei unterschiedliche Speichermedien geographischen Wissens, die Descriptio Mappe Mundi, einen erdbeschreibenden Text Hugos von St. Viktor (12. Jh.), und die sogenannte Psalterkarte, eine Weltkarte des 13. Jahrhunderts. Ziel der Dissertation ist, einen Beitrag zu leisten zu den aktuellen kartographiehistorischen Diskursen um das Verhältnis und die Wechselwirkung von Texten und Karten sowie zu den noch ungeklärten Übertragungs- und Herstellungsprozesse mittelalterlicher Weltkarten.
Ausgehend vom Befund einer weitgehenden Ähnlichkeit der geographischen Informationen von ‹Descriptio› und Psalterkarte liegt der Fokus insbesondere auf folgenden Aspekten:
(1) Die je eigene medienspezifische Organisation geographischer Informationen in Text und Karte wird analysiert und die beiden Quellen werden im Hinblick auf ihre unterschiedlichen Strategien der Wissensinszenierung untersucht.
(2) Die Bedingungen des Übergangs vom Text zur Karte und die Möglichkeiten der Umsetzung vom Text ins Bild werden diskutiert, ebenso die medienabhängigen Differenzen und die Frage nach dem Quellenwert der ‹Descriptio› für die Psalterkarte.
Dissertationsprojekt Stefan Fuchs
Herrschaftswissen und Raumerfassung um 1500. Karten und Landesbeschreibungen im Dienste des Nürnberger Stadtstaates
Gegenstand des Projektes sind Beschreibungen und Karten, die der Nürnberger Stadtstaat um 1500 von seinem Territorium anfertigen liess. Bei ihnen handelt es sich um einige der frühesten Beispiele für die kartographische Erfassung von Herrschafts-
raum im kontinentalen Europa. Anknüpfend an Überlegungen zur politischen Instrumentalisierung von Schriftgut und kartographischen Darstellungen in der Vormoderne wird der Frage nachgegangen, mit welchen Mitteln der Stadtstaat Nürnberg das Wissen über sein eigenes Herrschaftsgebiet erfasste, ordnete, speicherte und zu welchen Zwecken er es einsetzte. Dabei sollen die neuen Techniken der Speicherung, Verbreitung und des Sichtbarmachens von Wissen - Karte, Landesaufnahme, Landesbeschreibung - akzentuiert werden, weil gerade sie den ‹Nutzen› des Wissens für die Selbstdarstellung ebenso wie für die Ausübung von Macht in entscheidender Weise formten. Die Funktionen, die das Wissen über das eigene Territorium für den Nürnberger Stadtstaat erfüllte, sollen in zwei Richtungen verfolgt werden: erstens hinsichtlich seines Gebrauches nach innen, das heisst im Sinne einer ‹gouvernementalen› Kontrolle über Land und Bevölkerung. Zweitens soll aber auch geklärt werden, welche Rolle das Zeigen von Wissen nach aussen, etwa zum Zweck der Rechtfertigung von Herrschaft als ‹rationaler› Lenkung des Gemeinwesens, für die sich formenden politischen Entitäten an der Schwelle zum frühneuzeitlichen Staat des 16. Jahrhunderts bereits spielte.

Prof. Dr. Martina Stercken
Dr. des. Stefan Fuchs, Doktorand
Dr. Bettina Schöller, Doktorandin (2009–2011)