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In den USA gilt wegen Menschenrechtsverletzungen seit dem 13. Januar ein Einfuhrverbot für Tomaten und Baumwolle aus Xinjiang, sowie für Produkte, die in anderen Ländern mit diesen Rohstoffen aus Xinjiang gefertigt werden. China produziert ein Fünftel des weltweiten Baumwollbedarfs und ist der grösste Tomatenproduzent der Welt. Schlechte Zeiten also für T-Shirts, Hosen, Ketchup und Tomatensauce.
Allerdings geht nur ein kleiner Teil der von China exportierten Tomatenprodukte in die USA. Nach Schätzungen des Workers Rights Consortiums importieren die USA aber jährlich mehr als eine halbe Milliarde Kleidungsstücke, in denen Baumwolle aus Xinjiang steckt. Was nach einem weiteren Schritt im geopolitischen Macht-Ping-Pong klingt, ist ein Einschnitt für die weltweiten Handelsketten, die alle grösseren Marken betreffen dürfte. Allerdings eher im Westen – 88 Prozent der in China produzierten Textilien werden in China verkauft. Treffen könnte der US-Import-Bann aber Länder, die chinesische Baumwolle verarbeiten.
Baumwolle zieht fragwürdige Arbeitsverhältnisse an
Baumwolle scheint fragwürdige bis illegale Arbeitsverhältnisse von jeher geradezu anzuziehen. Sie wird grösstenteils in weniger entwickelten Ländern angebaut und meist aufwendig von Hand gepflückt.
China ist nicht der erste Staat, der wegen Zwangsarbeit mit Sanktionen belegt wird. In Turkmenistan und Usbekistan werden Teile der Bevölkerung jedes Jahr zwangsweise auf die Baumwollfelder geschickt. Usbekistan will diese Praxis nach jüngeren Berichten beenden.
Kinderarbeit ist in fast allen baumwollanbauenden Staaten verbreitet. Wegen der grossen Pestizidmengen, die im Baumwollanbau verwendet werden, ist die Ernte für Kinder besonders riskant. Auch die Herkunft von Tomaten und Tomatenmark ist oft zweifelhaft. Die Arbeitsbedingungen auf südeuropäischen Tomatenplantagen standen beispielsweise schon vielfach in der Kritik.
Uiguren ersetzten Han-chinesische Fremdarbeiter
Bei China richtet sich die Kritik auf den Arbeitseinsatz der uigurischen Minderheit, die vom Staat unterdrückt und zu hunderttausenden in Lager gesperrt wird. Daran, dass Uiguren auf den westchinesischen Tomaten- und Baumwollfeldern freiwillig arbeiten, gibt es erhebliche Zweifel. Beide Produkte werden in China grösstenteils in Xinjiang hergestellt.
Der deutsche Xinjiang-Forscher Adrian Zenz legte im Dezember eine Studie vor, aus der hervorgeht, dass eine halbe Million Hilfskräfte aus Xinjiang 2018 die Han-Chinesen aus anderen Landesteilen ersetzten, die sich vorher um die Baumwollernte gekümmert hatten. Nach Chinas Darstellung schickt das Land Uiguren im Rahmen des Armutsbekämpfungsprogrammes auf die Felder. In Xinjiang werden 85 Prozent der chinesischen Baumwolle angebaut.
Chinesische Dokumente: Bekämpfung «tiefsitzender Faulheit»
Die Beschäftigung beschränkt sich Zenz zufolge nicht auf die Ernte. Zusätzlich finde «Gedankenbildungsarbeit» und «Bildung in ethnischer Einheit» statt, um die «tiefsitzende Faulheit» der Arbeiter zu bekämpfen.
Letzteres ist ein Beispiel für die Sprache, die in Dokumenten der chinesischen Behörden verwendet wird. Sehr respektvoll klingt das nicht. Zudem ist bekannt, dass bei der Rekrutierung von Arbeitskräften Quoten erfüllt werden müssen. Die «BBC» hat diese und weitere Recherchen zur Zwangsarbeit in Xinjiang auf einer interaktiven Webpage in einem Visual verarbeitet.
Nach Analysen des Forschungsinstituts C4ADS und «Buzzfeed» finden sich 1500 Unternehmen mit Firmensitz auf oder in der Nähe von chinesischen Umerziehungslagern.
Ein Drittel der Baumwolle und ein grosser Teil der Tomatenernte werden vom gleichen Unternehmen produziert, welches in den 1950er-Jahren aus einer paramilitärischen Organisation hervorging («FAZ»). Das Xinjiang Production and Construction Corps hat schon öfter Gefangene zur Feldarbeit eingesetzt.
Grossbritannien könnte Genozid gerichtlich feststellen lassen
Auch andere Länder wie Kanada und Grossbritannien haben auf Menschenrechtsverletzungen in China reagiert. Im Vereinigten Königreich ist Baumwolle aus Xinjiang aufgrund eines Gesetzes gegen Sklavenarbeit geächtet.
Nur einen Tag vor den USA kündigte die britische Regierung ein härteres Vorgehen gegen Unternehmen an, die Geschäftsbeziehungen mit Xinjiang verheimlichen. Die britische Handelsministerin Liz Truss möchte sogar gerichtlich feststellen lassen, dass China in Xinjang Genozid betreibt. Die Reaktionen darauf sind bisher uneinheitlich.
Doch die Lieferketten sind schwer zu kontrollieren. Die US-Behörden wollen Pollen- und Gewebeanalysen durchführen, um Baumwollprodukte aus Xinjang ausfindig zu machen. Da oft Baumwolle aus verschiedenen Quellen gemischt wird, könnte das Verbot dazu führen, dass sich der Bann faktisch auf ganz China ausweitet.
Kontrolle der Lieferketten wird immer schwieriger
Mitte Dezember 2020 fragte die «BBC» bei 30 international bedeutenden Marken an. Marks and Spencer, Next und Tesco antworteten, sie könnten ihre Lieferketten so kontrollieren, dass ihre Produkte keine Baumwolle aus Xinjiang enthielten. Burberry gab an, überhaupt keine Baumwolle aus China zu verwenden. Neun befragte Unternehmen antworteten nicht, alle anderen konnten nicht garantieren, dass keine Baumwolle aus Xinjiang in ihren Produkten steckt.
Die Überwachung der Lieferketten in China werde immer schwieriger, sagen auch Unternehmen aus anderen Branchen. Quasi die gesamte weltweite Bekleidungsindustrie hänge mit drin, sagen Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen.
Nicht zu unterschätzen ist der Image-Schaden, den die Unternehmen fürchten. Globale Marken wie der schwedische Konzern H&M zogen sich bereits aus der Verwertung von chinesischer Baumwolle zurück.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.