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Schulbildung im ärmsten Gebiet Südamerikas...
Andreas Janner fliegt erstmals in ein Land der Dritten Welt und möchte die Pionierarbeit von der Gehörlosenschule von Andreas Kolb kennenlernen.
Aktivferien an einer Gehörlosenschule in Riberalta / Beni / Bolivien
Vor 10 Jahren habe ich gemeinsam mit Andreas Kolb die dreijährige Ausbildung zum soziokulturellen Animator an der Höheren Fachschule für soziokulturelle Animation in Zürich abgeschlossen. Er wanderte kurz nach seinem erfolgreichen Abschluss nach Bolivien aus und leitet heute als Direktor die Gehörlosenschule ‹Centro Arca Maranatha› in Riberalta.
Yeraldine, Jesús, Karina
Am Sonntag, 1. Juni 2003 feierte diese Gehörlosenschule ihr 5jähriges Jubiläum. Es war für mich ein guter Grund, Andreas Kolb dort überraschend einen zweiwöchigen Besuch abzustatten und einen ersten Einblick in seine Pioniertätigkeit zu nehmen. Ich hatte durch den Präsidenten der CGG und seiner Freu kompetente Reisebegleiter und Dolmetscher (Deutsch - Spanisch). Während unserem Besuch haben sie mit dem Direktor verschiedene Gespräche und Sitzungen abgehalten. Ich durfte überall mitkommen und konnte das Geschehene mehr oder weniger mitverfolgen. Über meine Erlebnisse möchte ich für die LeserInnen gerne berichten.
Andreas Janner (rechts) mit Familie Kolb
Riberalta
Riberalta ist in den letzten Jahren extrem stark zu einer Stadt mit über 80 000 Einwohnern angewachsen. Es liegt nahe am Zusammenfluss der drei Flüsse Madre de Dios, Mamoré und Beni. Diese Stadt liegt sehr abgelegen mitten im tropischen Urwald im Norden von Bolivien. Sie ist gut zwei Autostunden von der brasilianischen Grenze entfernt. Um dieses Ziel von der Schweiz aus anzureisen, braucht man gut zwei Tage und drei Zwischenlandungen.
Bolivien ist gemäss Statistik des Lohneinkommens das ärmste Land in Südamerika. Die Provinz Beni, wo die Stadt Riberalta liegt, ist das ärmste Gebiet in Bolivien. So gesagt reiste ich eigentlich vom reichsten Gebiet der Welt (Schweiz) zum ärmsten Gebiet Südamerikas. Bei meinem zweiwöchigen Besuch herrschten dort trotz Winterzeit während des Tages Temperaturen zwischen 20 - 35 Grad und 70 - 80% Luftfeuchtigkeit. Der wichtigste Wirtschaftsfaktor dort ist der Vertrieb und Handel von Baumnüssen und Tropenholz.
Gehörlosenschule (Sonderschule / Teilintegration / Abendschule)
Die Gehörlosenschule steht auf einem winzigen Grundstück in der Grösse von nur 910 m² (ca. 25 x 35 Meter). Auf diesem kleinen Areal sind drei Gebäude mit hohen Mauern ringsum abgeschlossen. Eines ist das Wohn- und Bürohaus mit Garage für die Familie Kolb. Im Nebengebäude lebt die Hauswartfamilie und überwacht dieses Areal, besonders in der Nacht, damit nichts gestohlen wird, was dort oft sehr üblich ist. Das letzte Gebäude, das nur mit Wellblech bedacht ist, beherbergt die meisten Schulräume sowie eine Schulküche für die Mittagsverpflegung der Schüler.
Alle gehörlosen und schwerhörigen Kinder, egal welchen Hörstatus sie haben, werden gemeinsam in der Sonderschule eingeschult. Bei einigen älteren Jugendlichen bestehen ganz in der Nähe auch gute Möglichkeiten, in sich gewissen Fächern mit Hörenden gemeinsam ausbilden zu lassen (z.B. Handarbeit, Werken, Sport).
Drei ältere gehörlose Jugendliche besuchen zusätzlich einmal pro Woche an einer Abendschule (ähnlich wie bei uns in der Volkshochschule) zusammen mit Hörenden die Fächer Rechnen und Spanisch. Als Dolmetscherin fungiert die Sekretärin der Gehörlosenschule, denn sie hat einer der besten Gebärdensprachkompetenzen, das Gesprochene simultan zu übersetzen und zu voicen. Sie ist selber mit einem gehörlosen Mann verheiratet.
Töff-Taxidienst
Jeweils vor und nach dem Schulunterricht (jeweils Vormittags und Nachmittags) werden gehörlose Kinder mit Töfftaxis in die Schule und wieder nach Hause befördert. Zwei Angestellte (Töffchauffeure) bringen je nach Situation und Wegrichtung mehrmals bis maximal drei Kinder auf einem Töff. Diese Transporte werden vom Betrieb finanziert. Die Schulbehörde ist von der jeweiligen Schulstatistiken sehr erstaunt, da von den eingeschriebenen gehörlosen Schulkindern mindestens 95% regelmässig in die Schule gehen. Zum Vergleich die hörenden Kinder gehen nur etwa zu 60% - 70% regelmässig in die öffentlichen Schulen.
Schulunterricht
Die Infrastruktur reicht nur aus, jeweils morgens (nur Unterstufe) und nachmittags (nur Mittelstufe) je 3 -4 Klassen zu unterrichten. Zurzeit gehen über 30 Kinder im Alter zwischen 5 und 18 Jahren in diese Schule. Eltern müssen ihre Kinder jeweils jedes Jahr neu im Februar einschreiben und ein Schulgeld in der Höhe von umgerechnet Fr. 40 im Jahr bezahlen. Ein Monatslohn für einen Angestellten entspricht dort für etwa Fr. 100. In einigen Klassen werden auch Kinder in unterschiedlichem Alter gemeinsam unterrichtet, denn sie wurden früher oder später eingeschult.
José Abraham, der jüngste Schüler
Die Methode ist die manuelle Erziehungsphilosophie, wo einzig die Gebärdensprache für die Instruktion und die Kommunikation zur Anwendung kommt. Dies steht in Übereinstimmung aus den Erfahrungen der Forschungsstätten für Gehörlosenbildung, welche besagen, dass ein Kind zuerst die eigene Mutter- oder Erstsprache, d.h. die Gebärdensprache, erlernen sollte, um später die Laut- und Landessprache dazu zu lernen. Niemand vom Personal ist derzeit in der Lage, mit allen Kindern mit der Entwicklung der lautsprachlichen Fähigkeiten zu beginnen wie Aussprache, von den Lippen ablesen, Sprachübungen und dergleichen, verwandt mit der lautsprachlichen Kommunikation.
Jesús
Dort sind zur Zeit vier Klassenlehrer (zwei gehörlose Lehrerinnen und zwei hörende Lehrer) und einige weitere FachlehrerInnen (Handarbeitslehrerin, Artikulationslehrerin sowie Turnlehrer) angestellt. Die Klassenlehrer müssen besonders zu Beginn der Schulwoche den Lehrplan beim Direktor zeigen und beweisen, dass sie darauf gut vorbereitet sind. Mit einer Unterschrift vom Direktor visiert, können sie nun an die Arbeit gehen. Einmal musste ein Lehrer wieder nach Hause gehen, weil er sich darauf nicht vorbereitet hatte. So hatte diese Klasse nichts zu tun und wartete einfach im Vorhof, bis er sich gut vorbereitet und die Unterschrift vom Schuldirektor erhalten hatte.
Pro G (Gehörlosenkultur)
Jeweils mittwochs den ganzen Tag unterrichtet Andreas Kolb in diesem Jahr als Fachlehrer versuchsweise auch an fünf verschiedenen Gruppen Gehörlosenkultur.
Andreas Kolb unterrichtet
Er möchte damit das Ziel erreichen, dass sich alle Kinder als Gehörlose besser und stärker identifizieren und dazustehen können.
Andreas Kolb zeigt den Buchstaben «h» des Fingeralphabets
Einmal durfte ich an einem solchen Tag den Direktor entlasten und alleine diesen Unterricht übernehmen. Welch ein schönes Erlebnis...
Kommunikation / Gebärdensprache
Als Umgangssprache und im Schulunterricht werden die ASL (American Sign Language) und Spanisch als Schriftsprache angewendet. In der Schule wird in unterschiedlichen Formen bilingual gearbeitet. Die hörenden LehrerInnen sind vor Stellenantritt verpflichtet, Gebärdensprache in Intensivkursen zu erlernen und anzuwenden. Erstaunlich festzustellen ist, dass ein Lehrer, der erst seit einem halben Jahr in dieser Schule angestellt ist, so gut und schnell gebärden konnte.
Der neue Lehrer Remberto
Der Bolivianische Gehörlosenbund hat angefangen, bolivianische Gebärden zu sammeln und zu erforschen. Früher gab es in Bolivien nur ASL (American Sign Language). Sie war eingeführt worden von nordamerikanischen Gehörlosen-Organisationen, die Entwicklungshilfe mit Gehörlosen begonnen und Schulen aufgebaut hatten. Damals gab es in Bolivien nur katholische Oral-Schulen mit Gebärdensprachverbot (wie früher in Spanien, von den Spaniern übernommen). Die Amerikaner fanden keine eigenen bolivianischen Gebärden, also haben sie aus Not und unfreiwillig ASL eingeführt. Das war damals die einzige Lösung, die einzige Möglichkeit, rasch eine Kommunikation aufzubauen. Aber die Gebärden von ASL sind stark abhängig von der englischen Lautsprache. Sie passen nicht zur spanischen Lautsprache (in Bolivien spricht man Spanisch). Der Staat hat im letzten Jahr die bolivianische Gebärdensprache anerkannt.
Ein sehr gutes Beispiel: für ‹agua› (= Wasser auf Deutsch) verwendet man die Gebärde ‹water›in ASL. Die Gebärde enthält ein ‹W›. Dieses ‹W› passt nicht zu ‹agua›. Jetzt treffen sich die bolivianischen gehörlose Fachleute aus ganz Bolivien regelmässig in einer Arbeitsgruppe und haben angefangen, ihre eigenen Gebärden zu sammeln und zu veröffentlichen. Eine gehörlose Lehrerin aus Riberalta arbeitet aktiv mit.
Hör-, Ablese und Sprachförderung
Die Kinder benützen keine Hörgeräte und CI. Es gibt in dieser Region keinen Audiologen oder Akustiker. Es ist deshalb auch nicht möglich, den Hörrest respektive den Grad der Gehörlosigkeit zu ermitteln. In dem tropischen Gebiet kann man die Hörgeräte wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht optimal nutzen, pflegen und betreuen. Die Kosten der Batterien sind viel zu hoch, und es bringt nur eine geringe Leistung. Deshalb hat die Hörerziehung keine bedeutende Rolle in der Schulbildung. Einzelne Kinder, die von sich aus spontan schöne Laute ausdrücken können, werden jeweils speziell von einer Angestellten mit Ablese- und Artikulationsunterricht gefördert.
Mirjam Weber de Callo beim Artikulationsunterricht
DolmetscherInnen
In Riberalta gibt sogar einige Gebärdensprach-DolmetscherInnen, die mittels Gebärdensprachkursen und -Intensivkursen gefördert werden (ähnliche Situation wie 1980 in der Schweiz). Interessierte junge TeenagerInnen werden auch eingeladen und zu künftigen NachfolgerInnen gefördert. An einem Treffen der Dolmetschergruppe (ähnlich wie bgd in der Deutschschweiz) durfte ich auf Anfrage ein Referat zur Situation der DolmetscherInnen in der Schweiz halten. Alle waren von der Entwicklung (Ehrenkodex, Bestellformular, Honorare, Dolmetsch-Dienst, etc.) hell begeistert.
Gehörlosenzentrum
Jeweils Donnerstagsabend steht das Areal auch als Gehörlosenzentrum zur Verfügung. Öfters kommen gehörlose Erwachsene zu den Treffen. Ein Vorstand vom Gehörlosenverein ‹Arca› plant und organisiert verschiedene Veranstaltungen (z.B. Treffen, Geburtstagsfeier, Basteln, Plaudern, Sport, Spiele, etc.).
Jubiläumsfeier
Zwischen 1979 und 1993 existierte dort eine Gehörlosenschule unter dem Namen LOGOS. Die zwei damaligen Lehrerinnen verliessen jedoch die Schule, um nach Holland respektive nach Cochabamba, Bolivien, zurückzukehren. Von 1993 - 1998 war die Gehörlosenschule geschlossen. Am 1. Juni 1998 wurde sie mit fünf SchülerInnen wieder eröffnet.
Am Sonntag durfte ich am fünfjährigen Jubiläum der Gehörlosenschule mit einem umfangreichen Programm mit über 100 Gästen beiwohnen und mitfeiern. Gebete, Theater, Gebärdensprachkurse, Besichtigungen, Spiele, Mittagessen und Kontakte standen auf dem Programm.
Die Jugendgruppe «Arca»
Auffallend war die gute Medienpräsenz im Fernsehen (Aufnahmen per VHS-Videokamera) und das gute Beziehungsnetz zu den Behörden, Institutionen und der Regierung von und um Riberalta.
Ausblick für weitere Projekte
Diesmal konnten wir zwei Grundstücke (eines direkt benachbart mit der Gehörlosenschule) ansehen, welche die CGG kürzlich gekauft hat. Sie möchten es später mit verschiedenen Projektideen ausbauen (z.B. Erweiterung Schulbetrieb, Aufbau einer Holz- und Metall-Werkstatt, etc.).
Ebenfalls haben wir ein gut erhaltenes und schönes Einfamilienhaus mit Umschwung angesehen, das die CGG auch erworben hat. Zugleich haben wir ein hörendes Paar kennengelernt, das als Pflegefamilie arbeiten könnte. In diesem Projekt möchte man im Jahre 2004 eine Pflegefamilie anstellen, um gehörlose Kinder aus der weiten Umgebung dort wohnen zu lassen (ähnlich wie ein Internat), damit diese Kinder eine bessere Möglichkeit bekommen, in der Gehörlosenschule geschult zu werden. Es fehlen Transportmöglichkeiten, weshalb Kinder von weit her zur Zeit nicht zu Schule kommen können.
Laut einem Gespräch mit der Vertretung der Gemeindebehörde möchte die Stadt so bald wie möglich ein grosses Grundstück (100 x 100 Meter) im Stadtzentrum für Projekte dieser Gehörlosenschule suchen und übergeben. Ein dazugehörender Sportplatz wäre dafür ein interessantes Projekt. Man stellt fest, dass die Gemeindebehörden von dieser Enwicklungsarbeit begeistert sind, sie voll unterstützen und dahinter stehen.
Bibelschule und Missionsarbeit
Jeweils vor und nach dem Schulunterricht am Vormittag und Nachmittag werden alle Kinder und Angestellten zu einem Gebet im Kreis aufgerufen. Zuerst werden die Bibelverse von der LehrerIn in lautsprachbegleitenden Gebärden vorgelesen. Der Inhalt wird anschliessend in Gebärdensprache erklärt und diskutiert. Manchmal sind Kinder auch bereit, diese Versen auswendig vorzulesen und zu erklären.
Im Gebiet des heutigen Bolivien (gehörte ab 1450 mit Peru, Teilen von Ecuador, Chile und Argentinien zum Inkareich) lebten schon in frühen Zeiten viele verschiedene Stämme. 1532 wurden sie von den Spaniern erobert. Damals wurden ihnen die europäische Kultur und die katholische Religion aufgezwungen. Grosse Teile der ursprünglichen Kulturen gingen verloren, einiges hat aber bis heute überlebt, z.B. in der Kunst und in Volkstänzen. Zwischen 1810 und 1825 haben die Südamerikaner die Spanier verjagt. Am 6. August 1825 entstand der heutige Staat Bolivien mit immer noch vielen verschiedenen Völkern. Heute werden sie vor allem von Nordamerika stark beeinflusst.
Eine andere Überlegung von mir ist auch, dass überhaupt solche gehörlose Kinder im Urwald dank diesen christlichen Spendengeldern zumindest lebensnotwendige Schulbildung bekommen und somit gefördert werden können. Grundsätzlich möchte ich mich aber persönlich von dieser Bibel- und Missionsarbeit distanzieren.
Anerkennung
Dort stelle ich in gewisser Weise manchmal im Vergleich zur Deutschschweiz viel bessere Lern- und Arbeitsbedingungen für gehörlose Kinder und MitarbeiterInnen fest. Diese harte Pionier- und Entwicklungsarbeit in diesem Schulbereich des gehörlosen Schweizers Andreas Kolb mit seinem Team hat aus meiner persönlichen Sicht und auch als Bildungsbeauftragter vom SGB DS eine Anerkennung mit erhobenen Händen gross verdient. Ich wünsche ihm in seiner weiteren Entwicklungs- und Aufbauarbeit nur alles Beste.
Die Erlebnisse und Eindrücke aus dieser Reise werde ich nicht so schnell wieder vergessen. Um die Entwicklung weiter zu verfolgen werde ich auf jeden Fall später wieder einmal dorthin fliegen. Eine Option, dort oder anderswo irgend einmal für eine längere Zeit in der Entwicklungshilfe mit Gehörlosen mitzuarbeiten, besteht in mir auch als eine weitere Möglichkeit.
Um den ganzen Betrieb zu gewährleisten und sicherstellen zu können, braucht die Schule im Moment jährlich ungefähr 30 000 US-Dollar. Die Schweizerische Missions-Gemeinschaft (SMG), die Christoffel-Blinden-Mission (CBM) und die Christliche Gehörlosengemeinschaft (CGG) als gemeinsamer Träger dieser Institution sammeln dafür regelmässig und aktiv Spendengelder. Spenden auf das PC-Konto 80-42881-3 SMG, Schweiz. Missionsgemeinschaft, 8700 Küsnacht, mit dem Vermerk: Projekt Riberalta (Einzahlungsscheine Online) sind sicher unterstützenswert.
Andreas Janner