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Lectio XXI
Dass wir unsere Wahrnehmung von uns selbst auf andere, teils auch unbelebte Dinge übertragen, scheint ein urmenschliches Vorgehen zu sein. Dafür wurde der Begriff Anthropomorphismus geprägt. Anthropomorphismus kommt in verschiedenen Ausprägungen vor: In der Religion spricht man von Anthropomorphismus, wenn Göttern menschliche Gestalt und/oder menschliche Eigenschaften (wie Eifersucht, Begierde etc.) zugeschrieben werden. Auch auf die Sprache hat Anthropomorphismus einen grossen Einfluss, indem wir Bezeichnungen für menschliche Körperteile für nicht-menschliche Gegenstände verwenden, wenn wir beispielsweise vom «Flaschenhals» oder vom «Fuss eines Berges» sprechen.
Auch in der Vermessung seiner Umwelt nimmt der Mensch seinen eigenen Körper zum Richtmass. Der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier (1887-1965) beschrieb dies wie folgt: «Der Erbauer hat als Massstab genommen, was ihm am leichtesten erreichbar war, was gleichbleibend war; er richtete sich nach demjenigen Hilfsmittel, das er am wenigsten verlieren konnte: nach seinem Schritt, seinem Fuss, seinem Ellenbogen, seinem Finger.» Dabei bezieht sich Le Corbusier auch auf den römischen Architekten Vitruvius (ca. 80–15 v. Chr.), der in seinem Werk De architectura häufig vom menschlichen Körper als Massstab beispielsweise für den Tempelbau ausgeht. Jede Masseinheit ist dabei ein Vielfaches einer kleineren anthropomorphen Einheit: Eine Elle ist 24 Finger breit, ein Klafter (die Strecke zwischen den Fingerspitzen, wenn man beide Arme ausstreckt) ist sechs Fuss breit, ein Fuss ist vier Hand breit…
Diese simplen Verhältnisse nimmt Vitruvius als Basis für seine Theorie der Säulenordnung: Die dorische Säule weist ein Verhältnis von 1 : 6 Fuss auf und entspricht damit den Körpermassen eines Mannes, dessen Körper 6 Fuss hoch ist. Die ionische Säule orientiert sich am Verhältnis 1 : 8 und damit an den Körpermassen einer Frau.
Dieses von Vitruv konstruierte anthropomorphe Masssystem entspricht natürlich nicht exakt den sowieso variierenden Verhältnissen des menschlichen Körpers, sondern zielt vor allem auf Einfachheit. Daneben lässt es auf das Bedürfnis schliessen, den Menschen in den Mittelpunkt der Architekturtheorie zu stellen und damit zu einem absoluten Bezugspunkt für eine allgemeine Theorie der Ästhetik zu machen.