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| Gregor v. Nyssa (†394) - Acht Homilien über die acht Seligkeiten

Fünfte Rede: "Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."
III
Aber wenngleich jedem der große Nutzen einleuchtet, der aus unserer Seligpreisung für das Leben erwächst, so will doch, wie mir dünkt, ihr wahrer Gehalt dadurch, daß die zukünftige Zeitform gewählt ist, noch Größeres enthalten, als der Wortlaut auf den ersten Blick anzudeuten scheint. Es heißt nämlich: "Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen", in dem Sinne, daß die Barmherzigen später eine Vergeltung erwarten dürfen, nach Maßgabe der Barmherzigkeit, die sie geübt. Wollen wir daher den dargelegten, leichtfaßlichen und von den meisten unschwer gefundenen Sinn unserer Seligpreisung verlassen und, soweit es uns möglich ist, mit forschendem Geist hinter den Vorhang zu blicken versuchen!
"Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." Man kann in der Tat eine höhere Lehre in dem Ausspruche entdecken, nämlich ungefähr folgende: Der ewige Schöpfer, welcher den Menschen nach seinem Ebenbilde gestaltete, legte in die Natur seines Geschöpfes die Keime zu jeglichem Guten, so daß nichts Gutes erst von außen her in uns hineinkommen muß, sondern jedes, das wir zu besitzen wünschen, in unserer Gewalt ist, und wir das Gute nur aus der eigenen Natur wie aus einer Vorratskammer hervorholen können. An eine r Tugend sollen wir lernen, was von alle n Tugenden gilt: niemand kann das Gute, das er zu erlangen sich sehnt, auf eine andere Weise erreichen als dadurch, daß er es sich selbst spendet. Darum sagt der Herr irgendwo zu seinen Jüngern: "Das Reich Gottes ist in euch" [Luk. 17, 14]; ebenso: "Wer bittet, empfängt; wer sucht findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan" [Matth. 7, 7]; demnach hängt es bei allen unseren Bestrebungen von unserem freien Willen ab, das Ersehnte zu bekommen, das Gesuchte zu finden und das Gewünschte zu erhalten. Wollen wir konsequent sein, so müssen wir das Gesagte auch auf das Gegenteil des Guten anwenden: auch der Fall in die Sünde wird nicht durch einen Zwang von außen hervorgerufen, sondern das Böse kommt dadurch zustande, daß wir uns für dasselbe entscheiden, indem es nämlich dann ins Dasein tritt, wenn wir es frei wollen und wählen; außerhalb unseres Willens aber wird das Böse als etwas für sich selbst Bestehendes nirgends vorgefunden. Daraus erweist sich deutlich die unabhängige und selbstherrliche Macht, die der Schöpfer in unsere Natur legte, da alles von unserem Willen abhängt, sowohl das Gute wie das Böse.
Darum wird aber auch der göttliche Richterspruch in unbestechlichem und gerechtem Urteil nur demjenigen Richterspruch sich anschließen, der von uns selbst durch unsere Gesinnung gefällt wird, und jedem lediglich das zuteilen, was er sich selbst zuspricht: Den einen, die nach der Wendung des Apostels Ehre und Ruhm durch Beharrlichkeit in guten Werken suchen [Röm. 2, 6], ewiges Leben, den anderen aber, welche nicht der Wahrheit, sondern der Ungerechtigkeit gehorchen, Zorn und Trübsal und wie alles das heißt, was zur schrecklichen Wiedervergeltung gehört. Wie nämlich genaue Spiegel vom Antlitz ein solches Bild zeigen, wie es tatsächlich ist, also heiter das der Freudigen, niedergeschlagen das der Traurigen, und niemand diese Eigenschaft des Spiegels tadeln kann, wenn er ein finsteres Gesicht von dem sehen läßt, der in Trübsinn versunken ist, so richtet sich auch der gerechte Urteilsspruch Gottes vollständig nach unserem Zustand; er handelt seinerseits mit uns so, wie wir gehandelt haben. Darum sagt er sowohl: "Kommet ihr Gesegneten!" als auch: "Weichet ihr Verfluchten" [Matth.25, 34. 41]. Findet hierbei vielleicht ein äußerer Zwang statt, der denen zur Rechten das süße Wort, denen zur Linken aber das zürnende aufnötigen würde? Haben nicht vielmehr die einen durch ihre eigene Barmherzigkeit ebenfalls Barmherzigkeit gefunden, die anderen hingegen durch ihre eigene Hartherzigkeit gegen ihresgleichen Gott gegen sich hartherzig gemacht? Der in Üppigkeit schwelgende Reiche erbarmte sich nicht des Armen, der in Elend vor der Türe lag; damit schneidet er für sich selbst die Möglichkeit des Erbarmens ab, so daß er zwar um Barmherzigkeit fleht, aber nicht erhört wird, nicht als ob ein einziger Tropfen für den mächtigen Strom des Paradieses einen Verlust bedeutet hätte, sondern weil der Tropfen des Erbarmens keine Verbindung mit der Hartherzigkeit einzugehen vermag; denn "welche Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis" [2 Kor. 6, 15]. Desgleichen heißt es: "Was der Mensch sät, das wird er auch ernten; wer in das Fleisch sät, wird aus dem Fleische Verderben ernten; wer aber in den Geist sät, wird aus dem Geiste ewiges Leben ernten" [2 Kor. 6. 14 vgl. 9, 6 Gal. 6, 8]. Die Saat, glaube ich, ist die Willensentscheidung des Menschen, die Ernte die Vergeltung, die der Willensentscheidung entspricht. Reich an Ertrag ist die Ähre des Guten für die, welche eine solche Saat wählen, qualvoll aber die Distelernte für die, welche Distelsamen im Leben ausstreuen. Denn es muß einer mit Notwendigkeit das ernten, was er eben gesät hat; eine andere Möglichkeit gibt es nicht.