Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/793

17.8.1780 Beromünster, 6.3.1866 Aarau, kath., von Beromünster. Sohn des Leopold, Schneiders und Tuchhändlers, und der Katharina Brandstetter. ∞ 1809 Wilhelmine Polborn, aus Potsdam. T.s Bildungsgang führte von der Stiftsschule Beromünster über das Gymnasium Solothurn ans Lyzeum Luzern, wo Anhänger von Ignaz Heinrich von Wessenberg wirkten. Aufgrund der Helvet. Revolution musste er seine Ausbildung 1798 unterbrechen. Die polit. Ereignisse weckten früh T.s Freiheitssinn. Aus diesem Grund trat er für kurze Zeit in den Dienst der Helvet. Republik, zuletzt als Privatsekretär von Regierungsstatthalter Vinzenz Rüttimann. 1800 wandte er sich von der Politik ab und begab sich nach Jena, wo er an der Universität Medizin und Philosophie studierte. Hier schloss er sich besonders Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling an und nahm vom klass.-romant. Geist in Weimar und Jena starke Impulse auf. 1803 promovierte er beim Augenarzt Karl Himly und folgte diesem nach Göttingen. Danach bildete er sich medizinisch in Wien bei Johann Malfatti weiter. T. propagierte Schellings Naturphilosophie - Identität von Natur und Geist, Herrschaft des Geistes in der Natur - unter den Wiener Medizinern.
1805 kehrte er nach Beromünster zurück und führte erfolgreich eine Arztpraxis. Infolge publizist. Kritik am rückständigen Luzerner Medizinalwesen musste T. 1806 für einige Jahre nach Wien ausweichen, wo er auch heiratete. Ab 1809 betrieb er sowohl medizin. als auch philosoph. Studien. 1812 publizierte er den ersten anthropolog. Entwurf, die Schrift "Blicke in das Wesen des Menschen". Zwei Jahre später, am Ende der Mediation, verfocht er das Selbstbestimmungsrecht des Volks gegen die Restaurationsordnung und unternahm in Wien persönlich eine Demarche bei dem vom Wiener Kongress für die schweiz. Angelegenheiten eingesetzten Ausschuss. Hier schloss T. auch eine dauernde Freundschaft mit Karl August Varnhagen von Ense. 1816 erschienen in der von ihm gegr. Zeitschrift "Schweiz. Museum" wegleitende staatstheoret. Abhandlungen über das Wesen der Volksvertretung, die Pressefreiheit und die Grundbegriffe des Repräsentationssystems. 1819 brachte ihn eine Reformströmung in Luzern auf den Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte am Lyzeum. Damit begann T.s polit.-pädagog. Aktivität in Heranbildung zukünftiger liberaler Eliten. Aber bereits 1821 stürzte ihn die patriz.-klerikale Reaktion. T. zog von Luzern nach Aarau. In seiner Präsidialansprache vor der Helvet. Gesellschaft in Schinznach rief er 1822 zur geistigen Erneuerung der Eidgenossenschaft auf.
Danach verlief sein Leben - mit bisweilen heftigen Pendelschlägen - zwischen ärztl. Praxis, philosoph. Forschung und Lehre sowie polit. Aktivität. In Aarau arbeitete er mit Heinrich Zschokke im sog. Lehrverein zusammen, einer privaten Bildungsinstitution mit starker demokrat.-liberaler Ausstrahlung. In Basel, wo er 1830 auf den Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde und zum Rektor aufstieg, verfocht er die aus der Helvetik übernommene Idee einer nationalen Gesamthochschule. Seine offenkundigen Sympathien für die nach der Julirevolution aufwallende demokrat. Bewegung auf der Basler Landschaft machten ihn der Stadt verdächtig; 1831 floh er aus Basel und verlor das Lehramt. Als einer der Wortführer des schweiz. Radikalismus vertrat T. seine Postulate nun von Aarau aus, 1832-34 auch als Mitglied des Gr. Rats. Er setzte sich v.a. für die Bundesrevision zur Schaffung eines Bundesstaats ein (nicht von oben durch Entwurf einer Tagsatzungskommission, sondern von unten durch einen vom Volk gewählten Verfassungsrat). 1834 wurde er auf den philosoph. Lehrstuhl an die neu gegr. Universität Bern berufen. Bereits bahnte sich die geistige Isolierung des eigenwilligen kath. Radikalliberalen an, da er die staatskirchl., antireligiösen Tendenzen des landläufigen Radikalismus und die aufkommende materialist. Geistesströmung ablehnte.
Bei der Bundeserneuerung von 1848 wurde T. als Verfechter der Bundesstaatsidee mit Zweikammersystem - durch seine in die Kommissionsberatung gelangte Schrift über das nordamerikan. Verfassungsmodell - zum ideellen Geburtshelfer des schweiz. Bundesstaats. Nach dem Rücktritt vom Lehramt 1853 war er bis zu seinem Tod bemüht, das lebenslang gesammelte wissenschaftl. Material in einer philosoph. Anthropologie, genannt Anthroposophie, zu verarbeiten. Dieses Werk blieb jedoch ein Fragment. Als sprachmächtiger Kämpfer und tiefgründiger Denker stand T. oft unverstanden zwischen den Fronten.
Werke
– Naturlehre des menschl. Erkennens oder Metaphysik, hg. von H.R. Schweizer, 1985
– Blicke in das Wesen des Menschen, hg. von M. Steinrück, 1989
– Polit. Schr. in Auswahl, hg. von A. Rohr, 2 Bde., 1989 (mit Bibl.)
– Philosoph. Rechtslehre der Natur und des Gesetzes, hg. von L. Gschwend, 2006
Archive
– UBB, Nachlass
– ZHBL, Slg. Marta T.
Literatur
– E. Spiess, Bibl. T. 1780-1866, 39 Bde., 1964-66
– E. Spiess, Ignaz Paul Vital T., 1967
– P. Heusser, Der Schweizer Arzt und Philosoph Ignaz Paul Vital T., 1983
– D. Furrer, Ignaz Paul Vital T., 2010
Autorin/Autor: Adolf Rohr