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Wie ich noch beschreiben werde, ist der ursprüngliche Seinsliebezustand des Säuglings unbewusst. Bei Erwachsenen lässt sich ein solcher Zustand neben den als Regression beschriebenen Erfahrungen auch in verschiedenen ASC- bzw. Trancezuständen erreichen.
Unter Zenrealität beschreibe ich eine für den im Ich-Bewusstsein lebenden Menschen völlig neue Erfahrung, nämlich die eines bewussten Zustandes der Seinsliebe:
These:
«Zenrealität ist die «Wirklichkeit», wie sie im Zustand des bewussten Primärselbst erfahren wird. Dabei lebt der/die Zenreale nicht nur im Zustand der Seinsliebe, sondern integriert auch bewusst die Erregungsliebe. Zusätzlich vermag er/sie jederzeit den Überstieg in die Hauptrealität des sozialisierten Sekundärselbst vorzunehmen»
Unvoreingenommenes, bewusstes Wahrnehmen
Abgesehen von dem durch die Physiologie definierten naturwissenschaftlichen sowie dem psychischen und dem philosophisch umschriebenen Bewusstsein gibt es einen vierten Bewusstseinszustand, der als «unvoreingenommen bewusstes Wahrnehmen» bezeichnet wird. Dieses Bewusstsein erfasst nicht, wie in neurobiologischen Modellvorstellungen, nur einen beschränkten Sektor, sondern – wie ein klarer Spiegel – das Feld aller Wahrnehmungsmodalitäten, die das Hier-und-Jetzt zu erfassen vermögen – mit einer Einschränkung: Analytische Denkprozesse, die nur als Bezug zu vergangenen Erinnerungen möglich sind und die deshalb nicht gleichzeitig mit der Hier-und Jetzt-Wahrnehmung stattfinden können, sind ausgeschlossen.
In diesem Zustand ist es nicht möglich, dass «eine innere Stimme» kommentiert, be- und verurteilt oder applaudiert.
Was ist spirituelles Bewusstsein?
Im Gegensatz zur neurobiologischen Vorstellung vom fokussierenden Bewusstsein, das abwechslungsweise einmal da und einmal dort nachgewiesen werden kann, hat das spirituelle Bewusstsein eine Grundeinstellung der Leere, aus der heraus die Epiphänomene der Verstandesaktivität sich entwickeln: Es ist die Wahrnehmung des «reinen Himmels», auf dem von Zeit zu Zeit – wie Wolken – Gedankenfetzen vorüberziehen.
Eigenschaften der Zenrealität
Es ist absolute Stille, tiefer Friede bei vollem Bewusstsein. «Denken» in diesem Zustand steht mit der frühkindlichen, averbal-bildhaften «Welt» in Bezug und vermag deshalb wesentlich mehr Eindrücke pro Zeiteinheit zu erkennen als das durch abstrakte Symbole gekennzeichnete sequentielle «Sprech-Denken». Das frühkindliche präverbale «Denken» ist allerdings noch «unbewusst», jedenfalls vermögen wir es später normalerweise nicht abzurufen.
Dieser vierte, spirituell-metaphysische Bewusstseinszustand entspricht dem, was ich unter Zenrealität verstehe. Man könnte diese Seinsweise auch als integrierte Realität bezeichnen, weil die betreffenden Menschen den Zustand der «Hauptrealität» kennen und meistern, aber gleichzeitig jederzeit in die umfassendere Realität der «kosmischen (Neben)Realität» wechseln können.
Der Zustand der Zenrealität in verschiedenen Traditionen
Der Zustand der Zenrealität ist keineswegs ein esoterisches Phantasieprodukt. Dies beweisen nicht nur Beschreibungen, die sich in allen Hochreligionen dafür finden. Auch neuere elektroencephalographische Untersuchungen belegen das Vorkommen dieser Seinsweisen.
Was in der Zentradition dem Zustand des «original face» entspricht, dürfte der Erfahrung des «Twice born» (zum zweiten Mal Geborenseins) der indischen Veden vergleichbar sein. Auch Jesu Wort «Werdet wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich», kann im selben Sinn interpretiert werden. Entscheidend ist dabei «wie Kinder sein», im Gegensatz zu «Kind sein».
Angstfrei und zeitlos leben
Psychische Schmerzen werden «durchschaut», deren Bezug zu frühkindlichem Liebesentzug respektive zu sozialisationsbedingten Kränkungen wahrgenommen. Aktuellen Bedrohungen wird bewusst begegnet oder situationsgerecht ausgewichen.
Der zenreale Zustand zeichnet sich vor allem durch die Qualitäten angstfrei und zeitlos aus: Da die Notwendigkeit des Vergleichens (um den Erfolg abmessen zu können) und konsequenterweise auch antizipative Befürchtungen wegfallen, empfinden Menschen im Zustand der Zenrealität weder Angst noch eine entsprechende (Ver-)spannung. Da die Zukunft jetzt stattfindet, sind sie ohne besorgten Zeitbezug. Entsprechend entfällt der Zeitdruck, jenes permanente Spannungsgefühl, von dem unsere Zivilisation entscheidend geprägt ist.
Der Zustand der Zenrealität entspricht dem Zustand der bewussten Seinsliebe, erweitert durch die Möglichkeit, die primäre Erregungsliebe einzubeziehen.
Bewusst erfahrene Liebe und Meditation unterscheiden sich nur insofern, als dass ohne Meditation bei den wenigsten Menschen der Raum für echte Seinsliebe vorbereitet ist.
Überstieg
Die besondere Fähigkeit, sich zwischen der Haupt- und der (kindlichen) Nebenrealität bewegen zu können, bezeichnet LEMPP als Überstieg. Im Weiteren werde ich aufzeigen, dass es sich dabei um den Wechsel zwischen Primär- und Sekundärselbst handelt.
Im Gegensatz zur unbewussten kindlichen Nebenrealität in LEMPPS Konzept entspricht die Zenrealität nicht der averbalen Bilderwelt des Säuglings, sondern dem perspektivlosen «Blick von Nirgendwo».