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Zehn Jahre nach dem Beben in Haiti ist die Katastrophe noch spürbar
Die Katastrophe von 2010 hat in Haiti ganze Stadtviertel zerstört. Die Opfer von damals leben noch heute unter schlimmen Bedingungen. Und besser auf weitere Beben vorbereitet ist das Land heute nicht.
In der Bibel ist Kanaan das gelobte Land, in dem Milch und Honig fliessen. In der danach benannten Gemeinde Canaan in Haiti fliessen hingegen nicht einmal Wasser und Strom. Trotzdem leben rund 300'000 Menschen in Canaan – einem Ort am Rande der Hauptstadt Port-au-Prince, der vor zehn Jahren praktisch noch nicht existierte. Doch dann siedelten sich dort Überlebende des Erdbebens vom 12. Januar 2010 an, das mehr als 220'000 Leben forderte.
Eng und stickig
Einer von ihnen ist Frantz Charlestin. Der heute 29-jährige Mechaniker war nach dem Beben, wie Hunderttausende andere Haitianer auch, obdachlos geworden. Heute lebt er mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Töchtern im Alter zwischen acht Monaten und acht Jahren in einem grünen Holzhaus. Es ist gerade einmal Platz für ein Bett und einen Tisch in der engen, stickigen Bude. Die wenigen persönlichen Gegenstände liegen auf schmalen Brettern an den Wänden.
Die Hilfe durch den Staat und internationale Organisationen habe drei Jahre nach dem Erdbeben aufgehört, erzählt Charlestin. Von den vielen Problemen sei die Wasserknappheit das grösste. Auch die Schule für die Kinder zu bezahlen, sei nicht einfach. Er würde gern zurück nach Delmas, den Vorort von Port-au-Prince, aus dem er stammt, sagt Charlestin. «Hier gibt es nicht genug Arbeit.»
Wie eine Geisterstadt
Unbefestigte Strassen, klapprige Hütten, kaum Autos und bis auf die in Haiti allgegenwärtigen Lotto-Buden so gut wie keine Geschäfte: Canaan hat etwas von einer Geisterstadt. Im einzigen geöffneten Gesundheitszentrum ist der Arzt nicht da, weil er nicht bezahlt worden ist, wie eine Mitarbeiterin, Marie Denise Desormeaux, erklärt. Medikamente gebe es hier aber eh keine.
Aus einem Brunnen vor einer Schule, die aus elf Holzhütten auf einem staubigen Gelände besteht, kommt seit fünf Jahren kein Wasser mehr. In einem kargen Klassenzimmer erzählt der Grammatiklehrer Julmisse Dieufort, er habe Kollegen, die seit 2011 hier arbeiteten, ohne vom Staat bezahlt zu werden. Die Eltern müssten stattdessen 1'000 Gourdes pro Jahr geben, erklärt der 36-Jährige. Das sind umgerechnet gerade einmal neun Euro, für viele hier ist das allerdings eine Menge.
«Der Staat ist aus meiner Sicht unfähig, seine Verpflichtungen zu erfüllen», meint Francis Alphonse. Er ist der Direktor einer Behörde, die für die Entwicklung der rund 100 Kilometer entfernten Region Palme nach dem Erdbeben zuständig ist. Die politische Krise, die das Land seit rund eineinhalb Jahren immer wieder lahmlegt und mit Gewalt erschüttert, erschwere die Regierbarkeit. Es habe aber auch zuvor grobe Fehler gegeben – und Korruption. Die Erdbebenopfer würden im Stich gelassen. Es sei eine grosse Katastrophe, sagt Alphonse, dass in Canaan ein riesiger Slum entstanden sei.
Die internationalen Organisationen nimmt er aber auch nicht aus der Verantwortung für die Probleme beim Wiederaufbau. «Sie sagen, 80 Prozent der zugesagten zwölf Milliarden Dollar seien ausgegeben worden. Davon sieht man aber nichts», betont Alphonse. Das ausgegebene Geld sei grösstenteils zurück in die Ursprungsländer gewandert – in Form etwa der Gehälter der ausländischen Experten.
40 Prozent benötigen dringende Hilfe
Nach Angaben der UNO herrscht in Haiti die am schlimmsten unterfinanzierte humanitäre Krise der Welt. Im Jahr 2018 seien nur 13 Prozent der benötigten Mittel bereitgestellt worden. Fast vier Millionen Menschen litten unter Nahrungsknappheit. In diesem Jahr würden voraussichtlich 4,6 Millionen Haitianer – rund 40 Prozent der Bevölkerung – dringende Hilfe benötigen.
Die mit Abstand meisten Erdbebenopfer gab es in der dicht besiedelten Hauptstadt. Die Spuren sind noch allgegenwärtig – etwa durch das Fehlen des eingestürzten Nationalpalastes. Die Katastrophe hat aber auch ländliche Gegenden des Karibikstaates hart getroffen.
Auch etwa im südhaitianischen Ort Bainet gibt es heute noch Gebäude, von denen nur Trümmer übrig sind. Nach Angaben des Bürgermeisters Clive McCalla hat die finanzielle Not vieler Familien hier seit dem Beben junge Mädchen in die Prostitution getrieben. Die Abholzung, die das Land für schlimme Sturmschäden noch anfälliger macht als ohnehin schon, hat ihm zufolge zugenommen – die Leute machen aus den Bäumen Holzkohle, die sie verkaufen.
Die deutsche Organisation Diakonie Katastrophenhilfe hat in Bainet und der Umgebung mit Mitteln des Roten Kreuzes Hunderte Häuser für Erdbebenopfer gebaut. Eines davon ging an Marie Marielle René. Zwei der sieben Kinder der heute 58-Jährigen gingen vor zehn Jahren in Port-au-Prince zur Schule. Sie war bei ihnen, als die Erde bebte, wie René erzählt. Zum Glück hätten sie alle überlebt, aber in die etwa drei Autostunden entfernte Hauptstadt traue sie sich seitdem nicht mehr. Zu viel Tod habe sie dort gesehen. «Wenn man über Leichen gehen muss, will man nicht mehr zurück», sagt sie.
Von einer Katastrophe in die Nächste
Haiti – das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und eines der ärmsten der Welt – scheint immer wieder von einer Katastrophe in die Nächste zu schlittern. Das Erdbeben von 2010 hat aber tiefe Spuren hinterlassen - wenn auch nicht unbedingt die richtigen Lehren.
«Die Haitianer haben nichts daraus gelernt, was vor zehn Jahren passiert ist», meint Richard Widmaier, der Chef des Senders Radio Métropole. «Häuser werden weiter auf praktisch dieselbe Weise gebaut.» Die arme Bevölkerung könne sich bessere Standards nicht leisten, und der Staat sei korrupt und reguliere nicht.
«So oft bin ich schon an einem Haus vorbeigefahren, das total schief gebaut wird und an dem auf einem Schild ‹abzureissen› steht», erzählt der deutschstämmige Widmaier. «Die Bauarbeiten stoppen für eine Woche, und dann geht es einfach weiter. Offensichtlich ist man mit dem Büro des Bürgermeisters zu einer Einigung gekommen, und wahrscheinlich ist Geld geflossen.»
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