Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/2596

Jakob Leiner stellte ein paar Fragen an den österreichischen Komponisten Bernhard Lang
Bernhard Lang wurde 1957 in Linz geboren, und der 65-jährige Komponist weist aktuell ein nicht nur zahlenmäßig, sondern auch stilistisch beeindruckendes Oeuvre vor. Der mehrfach ausgezeichnete und häufig aufgeführte Komponist schreibt für den Konzertsaal, für das Musiktheater und für den Film.
Glarean Magazin: Guten Tag, Herr Lang, wie verhält sich aktuell das Wetter dort, wo Sie gerade sind?
Bernhard Lang: Überraschende Frage – der Jahreszeit entsprechend.
Als Komponist können Sie auf ein in seiner Vielfalt geradezu betörendes Gesamtwerk zurückblicken, das sich natürlich noch weiter fortsetzt. An was arbeiten Sie derzeit?
Ich arbeite derzeit an Radical Loops, einem Stück für 6 Violinen, Schlagzeug und Playback.
Sie sind im Jazz und elektronischer Musik genauso zu Hause wie in der zeitgenössischen Avantgarde. Langweilt Sie die Etikettierung von Musik oder halten Sie sie für notwendig?
Kategorisierungen muss man rational bzw. wissenschaftlich begründen: Solange es solche objektiven Begründungen gibt, sind Differenzierungen sinnvoll, wenn nicht, sind sie redundant.
Sie arbeiten häufig mit Stilmitteln der Recyclage, der „Über- und Fortschreibung“. Aus welcher musikhistorischen Haltung heraus komponieren Sie?
Die Überarbeitung/Überschreibung ist eines der ältesten Prinzipien in der Geschichte der notierten Musik und reicht bis zum Gedanken des Remixens (vgl. die Transformation eines römischen Chorals in die Tenorstimme eines Messesatzes).
Welchen Raum nimmt die Ironie samt Schattenseiten in Ihrer Arbeit ein?
Ironie ist ein romantischer Begriff und geht von der Erkenntnis eines verlorenen Ideals aus; explizit spielt das eher in den Musiktheatern eine Rolle, etwa im Reigen. Die „Schattenseite“ der Ironie müsste man vielleicht zuvorderst erst definieren.
„Playing Trump“ heißt eine Ihrer sogenannten „Cheap Operas“, deren Uraufführung begeistert aufgenommen wurde. Was liegt Ihnen näher: Vernichtungswut oder Spieltrieb?
Vernichtungswut ist mir unbekannt, Spieltrieb motorisiert mich allezeit, jedoch in Kombination mit sehr strengen strukturellen Überlegungen.
Ein weiterer Aspekt Ihrer Karriere ist die umfangreiche Lehrtätigkeit u.a. an der Kunstuniversität Graz. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Zukunftsherausforderungen für künstlerisch ausbildende Institutionen?
Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass die kommenden Generationen zunehmend den Bezug zum eigenständigen Produzieren von Musik verlieren, Singen, Spielen, Üben inbegriffen: Die notwendige Disziplin am Instrument wird jetzt vehement von Handy und vor allem von der Playstation konkurriert. Wer aber selbst keine musikalische Ausbildung hat, dem wird immer der Zugang zu komplexeren Musikformen fehlen.
Das Multidisziplinäre scheint für Sie von besonderem Reiz zu sein, insbesondere die Beschäftigung mit Tanz und Tanztheater. Was kann körperlich ausgedrückt werden, was der Musik fehlt?
Ich würde eher formulieren: Tanz kann in der Musik bereits vorhandene Momente verstärken, etwa Bewegung.
Gibt es wiederkehrende Routinen, wie Sie sich einem Stoff künstlerisch nähern?
Ja, das vorausgehende wissenschaftliche Studium der Texte, deren Analyse.
Bernhard Lang wurde 1957 in Linz/A geboren, und der 65-Jährige weist aktuell ein nicht nur nominell, sondern auch stilistisch beeindruckendes Oeuvre vor. Lang studierte Musik am Bruckner-Konservatorium in Linz sowie Philosophie und Germanistik in Graz. Dort begann auch seine Auseinandersetzung mit Elektronischer Musik und Computertechnologie. Seit 1999 lebt er freischaffend in Wien. Der mehrfach ausgezeichnete und häufig aufgeführte Komponist schreibt für den Konzertsaal, für das Musiktheater und für den Film.
Sie studierten ebenso Philosophie und Germanistik, sind also durchaus text- und schriftaffin, was sich ebenso in Ihren zahlreichen Vertonungen niederschlägt. Zuerst das Wort, dann die Musik?
Das lässt sich nicht auf alle Stücke und Genres verallgemeinern, im Falle des Musiktheaters ist es sicher der Text, der vorangeht, wenn nicht zuerst schon ein Konzept im Raum steht. Bei einem Stück für Orgel ist es dann etwa der Klang, der das Konzept formt.
Für unsere jüngere Leserschaft: Welcher Rapper / welche Rapperin wäre Ihre Herzensempfehlung?
Tricky, Snoop Dog, Cypress Hill.
Herr Lang, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?
Jakob Leiner mit Fragen an die Schweizer Konzertpianistin & Komponistin Katharina Nohl
Katharina Nohl wurde 1973 in der DDR geboren und lebt seit 2002 mit ihrer Familie in der Schweiz. Neben dem Komponieren und dem Konzertieren ist sie Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und widmet sich kulturpolitischen Fragen sowie gender-paritätischen Defiziten des Musik-Betriebes.
Glarean Magazin: Frau Nohl, Sie sind Pianistin, Komponistin, Kulturvermittlerin und Familienmensch. Was ist das integrierende Etwas in Ihrem Leben?
Die Idee, etwas für Komponistinnen zu tun, ihnen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und zu verbinden, schwirrte schon länger in meinem Kopf herum. 2018 fing ich an, die ersten Vorbereitungen zu treffen, damit das erste „Call for Score“ im Januar 2019 veröffentlicht werden konnte.
Welche institutionellen Kulturlücken (in der Schweiz) sind Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Konzertprogramme noch immer männlich dominiert sind, auch im zeitgenössischen Bereich?
Verantwortlich sind vorrangig die Veranstalter und Künstler. Viele junge Künstler wählen renommierte Komponisten, um sich zu etablieren, denn es ist ein zusätzliches Risiko, unbekannte Musik zu spielen. Der Veranstalter benötigt, wenn er nicht fremd finanziert wird, ein ausgelastetes Haus. Demzufolge wählt man bekannte Musik von Komponisten. Hinzu kommt, dass prozentual viel weniger Musikmaterial von Komponistinnen vorhanden ist, aus dem man wählen und in dem man stöbern kann, als von Männern. Dieser Umstand liegt in unserer sozial-strukturierten Geschichte begründet, denn Frauen durften maximal etwas Nettes zum Tee spielen. Das Klavier war da das bevorzugte Instrument.
Wie könnte sich die Ausbildungssituation an den Musikhochschulen im Hinblick auf Gender-Parität im Kulturbereich verändern?
An Hochschulen und Universitäten ist es, meines Erachtens, bereits viel weniger ein Thema. Da hat man sich schon länger geöffnet. Die Schwierigkeit kommt danach, wenn man damit Geld verdienen möchte und den freien Markt erobert.
Welche Konzertinitiativen oder Förderungen existieren in der Schweiz, die sich spezifisch dem weiblichen kompositorischen Schaffen widmen?
Da gibt es einige. Einige, die sich auch gar nicht vorrangig damit betiteln, es aber gern und gut unterstützen. Bei Konzerten ist es immer wieder interessant, dem Publikum Komponistinnen auch über zusätzliches Erzählen näher zu bringen. Viele Zuhörer sind sehr interessiert, mehr über den Hintergrund, über das Leben der Komponistinnen und so über die Schweizer Frauen, über das Hier und Jetzt zu erfahren. Sie hoffen auf einen Wandel in der Musik, auf etwas Neues wieder mit Harmonie.
Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Ohje, das ist eine lustige Frage, die mich zum Schmunzeln bringt! 😉 Eigentlich gibt es keinen typischen Arbeitstag für mich. Manchmal gehen die Tage einfach bis in die Nacht hinein und am Wochenende weiter. Mein privates Leben und mein Arbeitsleben sind sehr eng miteinander verbunden.
Gibt es wiederkehrende Inspirationsquellen oder –rituale?
Ja, vor allem, weil ich zu Hause arbeite, da muss man mal raus, um den Kopf zu lüften und sich Platz für neue Gedanken zu schaffen. Die Natur, das Gärtnern, Pilze sammeln und vor allem das Kochen und Konservieren sind Hobbys und Leidenschaften von mir, die ich auch an meine Töchter weitergegeben habe.
Die Musik, die sich dahinter verbirgt, kann man auf allen Streaming-Plattformen hören und herunterladen. Es ist eine Mischung von Musik, die meine Kinder besonders geliebt haben, wenn ich für Konzerte geübt habe, als sie noch klein waren. Aber meine Highlights sind die Stücke, die ich mit meinen Töchtern gespielt habe. Beispielsweise „Wintermorgen in Istanbul“, welches ich mit meiner ältesten Tochter vierhändig gespielt habe. Sie war damals zwölf Jahre alt. Und das Stück „Fantasia“, welches meine jüngste Tochter mit neun Jahren komponiert hat. Der Titel „Creating Childhood“ bedeutet, wir kreieren die Kindheit unserer Kinder! Bewusst oder unbewusst…
Sie traten im Anschluss an dieses CD-Projekts mit eigenständigen Kompositionen hervor. Was gab den Ausschlag?
Mein Freund und Kollege Fazil Say hat mich schon länger dahingehend gedrängt, ich sollte komponieren. Irgendwann nahm ich es an und die Dinge wuchsen. Auch Cyprien Katsaris war eine wichtige Person in diesem Prozess. Ausschlag sind Zuspruch und der Glaube in mein Können und Kreativität ihrerseits.
Wie viel Eigeninitiative braucht es als zeitgenössische*r Komponist*in, um verbreiteter wahrgenommen zu werden?
Ja, ich sehe mich eigentlich nicht wirklich in den Reihen der zeitgenössischen Musik. Ich hätte gern eine neue Schublade! 😉
Vielleicht bin ich nur Komponistin des Jetzt. Es braucht wie so oft viel Arbeit, Durchhaltevermögen, Unterstützung der Familie, Kreativität und das ein oder andere Bier oder einen Café mit Freunden für den Austausch! Es reicht nicht aus, einfach nur Musik zu schreiben, das war früher auch nicht so. Da kommen viele andere Gebiete noch dazu wie Präsentation, Kommunikation, Austausch und digitales Updaten. Das sind nur ein paar wenige Aspekte.
Was sind Ihre derzeitigen Projekte, an denen Sie arbeiten?
Neu im Entstehen ist ein Stück für Hackbrett/Cymbalo & Klavier. Das hat überraschend viel Interesse hervorgerufen. Die ersten Proben haben bereits stattgefunden. Die wunderbare Cymbalo-Spielerin Olga Mishula aus Zürich probt mit mir. Es macht uns beiden sehr viel Spaß, etwas Neues zu kreieren. Auf Hackbrett/Cymbalo wird vorrangig traditionelle Musik gespielt. Olga als auch ich mögen Rhythmus und Technique beim Spielen, und wir lieben es, das bestehende Repertoire mit neuer Musik zu erweitern. Weiterhin ist noch etwas für Klarinette und String Orchestra fertig zu stellen. Es sind drei Stücke, die ich für Reto Bieri schreibe. Und dann gibt es die vielen unvollendeten Sachen, die da auf ihren Schlusstakt warten…!
Sie sind in der DDR geboren, mit 16 Jahren haben Sie die Wende miterlebt. Auch angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation: Wie prägend war diese Zeit für Sie?
Ich hatte das Glück, wunderbare Jahre meiner Kindheit in der DDR zu verbringen. Sie waren für mich prägend und sind meine Heimat gewesen. Ich habe sie mit mir mitgenommen und mit anderen und neuen Lebenssituationen bereichert. Die aktuelle Situation ist sehr befremdlich für mich, da ich stets eine enge Verbindung zu Russland und den angrenzenden Staaten empfunden habe. Durch Musik, Kultur und Bildung waren wir eng verbunden.
Katharina Nohl (*1973) studierte Klavier, Performance und Musikwissenschaften in Southampton, Ferrara und London. Anschließend lebte sie einige Zeit in München und studierte dann bei Alfons Kontarsky am Mozarteum Salzburg sowie bei Werner Bärtschi.
Seit 2015 ist sie als Komponistin tätig und gibt internationale Konzerte. 2016 veröffentlichte sie ihr Debütalbum Creating Childhood. Nohl ist Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und lebt mit ihrer Familie seit 2002 in der Schweiz.
Frau Nohl, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?
Das ist eine wunderbare und sehr gute Frage. Es hat mit Vision und Berücksichtigung des Publikums zu tun.
Nun denn, zuerst einmal denke ich, dass wir der Musik der Zukunft Raum für einen neuen Namen geben müssen, denn die Begriffe moderne, zeitgenössische, neue etc…. Musik sind überlastete Begriffe.
Das Publikum ist von moderner Musik gesättigt und orientiert sich bevorzugt an alter und harmonischer Musik. Wenn man diesen Umstand beachtet und ebenso an das finanzielle Management von Konzertauslastungen denkt, bin ich überzeugt, dass die Musik wieder harmonischer und rhythmischer wird.
Unsere musikalische Vorstellung ist mehrheitlich von Harmonie geprägt. Ich benutze gern eine alltägliche Szene aus dem Leben: Eine Mutter oder ein Vater singt ihr/sein Kind in den Schlaf. Ich kenne niemanden, der in dieser Situation experimentelle oder „moderne“ Musik rezitiert – man behilft sich da gern mit harmonischer und traditioneller Musik… Und diese Kinder wiederum sind unsere Zukunft. ♦
Mit der neuen Einspielung kammermusikalischer Werke von Jacques Ibert setzt das Hamburger „Ensemble Arabesques“ seine Konzeptidee mit überragendem Gespür fort, sich ausgefallenen, teils in Vergessenheit geratenen Werken unterschiedlicher Besetzung zu widmen.
Dass sich das Ensemble Arabesques nach Gustav Holst und Francis Poulenc nun bei der Wahl ihres dritten Albums für Jacques Ibert entschied, scheint durchaus nachvollziehbar. So ist die Verbindung zu Poulenc über den künstlerischen Kontext der „Groupe des Six“ herstellbar, der zahlreiche Begegnungen der beiden Zeitgenossen förderte, und die zu Holst über das gemeinsame Faible für Blasinstrumente und ihre Einsatzmöglichkeiten.
Beachtliches filmmusikalisches Oeuvre
Auch im ersten Satz der „Trois pièces brèves“ für klassische Bläserquintettbesetzung kommt Iberts ausgereifte Instrumentationstechnik klanglich schillernd zur Geltung. Eine charmante Melodik und augenzwinkernde Überraschungseffekte im ersten Satz verdeutlichen die Nähe des 1890 geborenen französischen Komponisten zur Filmmusik, die er zeitlebens in sehr ergiebiger Weise schuf.
Das Ensemble reüssiert, die unabdingbare Luftigkeit, die einem solchen Rausschmeißer-Stück gebührt, beizubehalten, wenn auch die triolischen Punktierungen der Hauptmelodie etwas einheitlicher laid-back hätten ausgeführt werden können. Ein sich sublim umspielendes Flöten-Klarinetten-Duett leitet die pastorale Stimmung des kurzen „Andante“ ein, während das abschließende „Allegro scherzando“ zwischen typisch französisch-operettenhaftem Gestus à la Offenbach und interessanten polytonalen Annäherungen changiert, was die Spielenden äußerst gewitzt einzusetzen wissen.
Eklektizistisch bis vorsichtig modern
Zwar wird Ibert aufgrund seiner engen Kontakte zu Kollegen wie Poulenc, Milhaud oder Honegger von manchen Quellen als der inoffizielle Siebte der „Groupe des Six“ betitelt, jedoch ließ er sich zeitlebens keiner bestimmten Strömung oder Schule zuordnen. Diese bewusst gelebte Unabhängigkeit schlägt sich ausdrucksstark in seinen Werken, die teils traditionell tonal, teils eklektizistisch bis vorsichtig modern anmuten, sowie einer enormen Genre-Breite nieder. Auch diese Vielfalt ist auf der vorliegenden Aufnahme abgebildet.
Ästhetisch durchwegs ansprechend
Die „Deux Mouvements“ für Holzbläserquartett entstanden nach der Zuerkennung des begehrten Prix de Rome und setzen die konzertanten Qualitäten der Instrumente gekonnt in Szene, ohne eine kammermusikalische Ausgewogenheit zu gefährden. Hier erinnert die distinktive Behandlung der Einzelstimmen bereits an spätere Werke wie z.B. das „Concerto pour flûte“, welches mittlerweile fest zum Standard-Repertoire gehört.
Das alles gelingt den Spielenden des „Ensemble Arabesques“, das sich 2011 im Rahmen des gleichnamigen deutsch-französischen Kulturfestivals gründete, ästhetisch durchweg ansprechend und mit zahlreichen Farbvaleurs auftrumpfend. In den „Deux Interludes“ für Flöte, Violine und Harfe sei vor allem die nostalgische Klangmagie hervorgehoben, die auch auf das stimmige Verhältnis von gewählten Grundtempi und ihren gestalteten Dehnungen und Raffungen zurückzuführen ist.
Besondere Gussartigkeit des „Capriccio“
Neben dem in den Kriegsjahren 1944/45 entstandenen „Trio“ für Violine, Violoncello und Harfe und der Auftragskomposition „Cinq Pièces en Trio“ für Oboe, Klarinette und Fagott erreicht das Album mit dem „Capriccio“ für 10 Instrumente seinen würdigen Höhepunkt.
Die strenge Verwendung eines fast durchgehend konzertanten Stils bei komplexen rhythmisch-harmonischen Elementen führt zu einer besonderen Gussartigkeit dieses etwa elfminütigen Werks. So ist das Kaleidoskop der sich virtuos annähernden und imitierenden Klangfarben lustvoll zu verfolgen, wobei dem sich geschickt einfügenden Trompetenpart ein Extralob gebührt. Die Spiel- und Entdeckungsfreude eines derart gut aufeinander abgestimmten Ensembles ist es, was diese Neuerscheinung zur klaren Empfehlung werden lässt – hoffend auf mehr! ♦
Jacques Ibert: Kammermusik, Ensemble Arabesques, Audio-CD, 53 Min., Farao Classics
Mit seiner jüngst erschienenen „Hommage à Dinu Lipatti“ gelang dem Duo Markus Schäfer (Tenor) und Mihai Ungureanu (Klavier) eine Einspielung von musikalischer wie historischer Bedeutung.
Mit einer verklärten, von chromatischen Parallelbewegungen unterlegten Melodie im Klavier beginnt der Liederzyklus „Cinq Chansons de Verlaine“, eingeleitet von der Sonett-Vertonung „À une femme“ aus den „Poèmes Saturniens“. Bald weicht der zarte tremolierende Anfangsgestus einer gewissen melodiösen Brutalität, von den beiden Interpreten wunderbar entwickelt. Große Bewegtheit, Eifersucht und inneres Drama werden über eine erweiterte Tonalität ausgedrückt, nur um in der vierten Strophe in reine Anbetung zu verfallen. Es ist das Zerren eines Verliebten, der seiner Muse ausgeliefert ist wie ein Suchtkranker, und eine bemerkenswerte Vertonung des Stoffs.
Der Pianist als Komponist
Dinu Lipatti – Dinu ist die Koseform von Constantin – wird bis heute in singulärer Einigkeit als einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts bewundert. Bekannt ist das Wort Karajans über ihn: „Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere“.
Neben seiner ruhmreichen konzertanten Karriere trat sein kompositorisches Schaffen allerdings doch in den Hintergrund. Mit dieser Aufnahme wird also musikhistorische Aufarbeitung betrieben und das Bild des tragisch-früh verstorbenen rumänischen Künstlers damit vielfältiger und echter.
In „Le Piano qui baise une main frêle“ (Das Klavier, das eine schmale Hand küsst) nimmt ein berückender Dialog zwischen den beiden Interpreten seinen Anfang. Durch eigenständige Deutungsrollen, die Lipattis teils freie Textinterpretationen abbilden, und eine dem gesteigerten Realismus zugeneigten Tonsprache wird der „feine, unsichere Refrain“ Verlaines nochmals dupliziert. Die hier omnipräsente Anforderung einer hochgehaltenen Flexibilität in Ausdruck und Technik erfüllen Schäfer wie Ungureanu auf bemerkenswerte Weise.
„Quatre Mélodies“ von Dinu Lipatti
Der zweite zu Lebzeiten vollendete Liederzyklus Lipattis, die „Quatre Mélodies“, basieren auf Texten von Arthur Rimbaud, Paul Valéry und Paul Éluard. Hier trifft hermetisch-surrealistische Dichtung auf eine reduziertere musikalische Ausgestaltung. So ist der Klavierpart deutlich zurückgenommen und fungiert mit wiederkehrenden rhythmischen Zellen als post-impressionistisch zu verortende Basis. In „Les pas“ (Die Schritte) entwickelt Schäfers eindringlich tastende Stimmführung eine geradezu bannhafte Wirkung, von beklemmenden Achtelbewegungen im Klavier ge- bwz. verleitet: Die albtraumhafte Szenerie eines zum Lauschen Verdammten tut sich auf.
Gefördert wurde Dinu Lipatti (1917-1950) unter anderem von einem Landsmann internationaler Bekanntheit: George Enescu. Dessen „Sept Chansons de Clément Marot“ bereichern die Aufnahme um eine Reihe außergewöhnlicher Stimmungsbilder. Lautenähnliche Arpeggio- und Akkordfolgen in der Klavierbegleitung untermalen die Renaissance-Texte, die minnetypisch das Leiden eines Liebhabers behandeln und von Schäfer angemessen affektreich teils gesungen, teils quasi-rezitiert werden.
Sphärisches Melodrama von Violeta Dinescu
Die Klammer um die Stücke auf dieser kurzweiligen CD bildet Violeta Dinescus Gesangsszene „Mein Auge ist zu allen sieben Sphären zurückgekehrt…“ – einerseits als Hommage an Lipattis 100. Geburtstag, andererseits als auskomponierter Enescu-Bezug. Als Textgrundlage diente der 1953 in Bukarest geborenen und heute an der Universität Oldenburg lehrenden Künstlerin Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ aus dem frühen 14. Jahrhundert.
Das knapp 17-minütige Werk besticht durch seinen melodramatischen Charakter und die mehrdimensionale Verarbeitung der „paradiesischen“ Verse. Die expressive sängerische Improvisation durch auftaktige und ins Unendliche fragende Wortmelodien bei fast orchestraler Klavierbegleitung gelingt dem Duo Schäfer/Ungureanu auch hier derart ausgewogen und aufeinander abgestimmt, dass der Hörgenuss zuverlässig über die Zeit trägt. Alles in allem ein programmatisch wie musikalisch faszinierendes Album! ♦
Markus Schäfer (Tenor) & Mihai Ungureanu (Klavier): Hommage à Dinu Lipatti, Audio-CD, 54 Min, Label Dreyer Gaido 2021
Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking
Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.
Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?
Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.
Komponieren in frühester Kindheit
Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?
Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.
Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?
Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.
„Ich arbeite einfach drauflos“
Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.
Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?
Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.
Wie digital komponieren Sie?
Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.
Komponierend in Farben denken
Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?
Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.
Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?
Eine dritte Oper.
Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung
Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?
Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.
Warum abbilden?
Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.
Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?
In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.
„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“
Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?
Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.
Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?
Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦
Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein. Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.
Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?
Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.
In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?
Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.
Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.
Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?
Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.
Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?
Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.
Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.
Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.
Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?
Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.
Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?
Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.
Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.
Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?
Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.
Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.
Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.
Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.
Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?
Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.
Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.
Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?
Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.
Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.
Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?
Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.
Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?
Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.
Wie wird sich eigentlich die Musik der Zukunft anhören?
Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?
Es ist wahr, hat man das suchende Element in dem neuen Album „Labyrinth“ von Khatia Buniatishvili einmal registriert, scheint es sich mit jedem Höreindruck noch zu potenzieren. Und hier könnte man bereits zu einem Kern der „Labyrinth“ betitelten Einspielung, Ende 2020 bei Sony Classical erschienen, vorgedrungen sein: das Suchende als Wiederholung, als eine sich selbstverstärkende, fast repetitive Kraft, die brachial nicht sein muss.
In Buniatishvilis Auswahl der Stücke sowie ihrer liebevollen Interpretation äußert sich neben dem Suchenden eine zweite Wirkungsebene von hochwirksamer Sinnlichkeit. Das gilt sowohl für Filmmusikalisches wie „Deborah’s Theme“ von Ennio Morricone („Once Upon a Time in America“) als auch für „unser aller“ Bach, u.a. vertreten mit der (angejazzten) „Badinerie“ aus der zweiten sowie seiner genialen „Air“ aus der dritten Orchestersuite.
Grenzen zwischen E- und U-Musik aufgelöst
Buniatishvili scheut sich nicht, die Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, ohnehin ein ältliches und durchaus umstrittenes Klassifikationsschema, mit der Anordnung der kurzen Einzelwerke aufzulösen. Das gelingt, weil sie sich der Musik sämtlicher Genres (bzw. Epochen) mit derart unvoreingenommener Zärtlichkeit nähert, dass jene zum „Mörtel“ des gesamten Albums werden kann. Der Ohrwurm-Charakter der allesamt wohlbekannten Stücke erleichtert natürlich die Rezeption um eine gewisse intellektuelle Anforderung, die ja nicht immer intendiert sein muss.
Was beliebig scheint – folgt auf die berühmte Rachmaninov-Vocalise doch eine Transkription des wunderbaren Gainsbourg-Chansons „La Javanaise“ (Juliette Gréco lässt grüßen), an welchen sich Couperins „Les Barricades mystérieuses“ anschließt, nur um wieder zu einem Bach’schen Arrangement (der „Sicilienne“ nach Vivaldis „Concerto Op. 3, Nr. 11“) zu springen – diese stilistisch mutige Abfolge erklärt sich beim Hören von selbst. Buniatishvilis tatsächlich schwervergleichliche Feinheit im Anschlag spannt den Bogen sowie eine gewisse Verklärtheit, die nicht als Pathos missverstanden werden darf.
Introvertierte Musik-Sammlung
Die französisch-georgische Pianistin möchte dieses Konzeptalbum nicht als Beispiel ihrer enormen Virtuosität (man denke nur an Schumanns Klavierkonzert mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi) verkaufen – nein, es ist eine stille, geradezu introvertierte Musiksammlung, die sie vorlegt.
Arvo Pärts reduktive Gebetskomposition „Pari intervallo“ steht stellvertretend für das Ausmaß an meditativer Versenkung, die zeitweise erreicht wird. Zwei streng parallel geführte Linien, dem persönlichen Tintinnabuli-Stil des estnischen Komponisten folgend, bilden über knapp acht Minuten hin ein klares klangoptisches Muster, das von Es-Moll-Dreiklängen bestimmt wird. Nicht nur (Selbst-)Spiritualität zugeneigte Menschen werden der Transzendenz, die hier zusammen mit Schwester Gvantsa Buniatishvili zu vier Händen meisterhaft transportiert wird, etwas abgewinnen können.
Von Bach bis Cage
Natürlich darf in einer solchen durchaus nach philosophischen Gesichtspunkten festgelegten Stückauswahl auch John Cages „Nichtwerk“ „4’33“ nicht fehlen. Frühlingshafte Realklänge wie entferntes Vogelgezwitscher werden, dem CD-Booklet nach auf einem Friedhof aufgenommen, zur aleatorischen Musik von hoher imaginativer Wirksamkeit. Bezeichnend, dass die Künstlerin kurze kontemplative Texte zu jedem Werk selbst verfasste – das Labyrinth als Sinnbild für einen Lebensweg, der Verirrung gewissermaßen beinhalten muss und den man trotzdem selbstreflektiert und bewusst zu gehen in der Lage ist. Zugleich schwingt die Aufforderung mit, die intrinsische Ordnung, für die der Albumname ebenso steht, aus metaphysischer Vogelperspektive sowohl wahrzunehmen als auch zu ergründen.
Schnulzige Gesten neben überzeugender Seriösität
Es lässt sich nicht vermeiden, dass der Gestus an manchen Stellen mit dem Schnulzigen liebäugelt, jedoch verliert er nie eine seriöse Überzeugungskraft. Die Ligeti-Etüde „Arc-en-ciel“ oder Johannes Brahms melancholisches „Intermezzo in A-Dur“ aus den 6 Klavierstücken bestätigen jene interpretatorische Reife, die der erst 33-Jährigen vielfach attestiert wird. Das empfindsame Spiel mit Zwischenstimmen kennzeichnet auch die Liszt-Consolation in Des-Dur als „poetischer Gedanke“.
Somit ist „Labyrinth“ ein gewagtes wie sensibles Album, das genau durch diese Mischung besticht. Der Bezug auf jene neoromantische Konzeption des menschlichen Geistes als wechselseitiges Eintauchen und Eingetauchtwerden in die Vielfalt einer Weltbeseeltheit ist in pandemischen Zeiten ebenso heilsam wie wahr. Wehe dem, der anders spricht… ♦
Khatia Buniatishvili (Klavier): Labyrinth (Div. Komponisten) Audio-CD, Label Sony Classical
Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD)
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Klaviermusik auch über Komitas: Seven Songs (Pianistin: Lusine Grigoryan)
Geb. 1961, Diplom-Ingenieur, aktiver Schach-Spieler und -Trainer, Co-Autor des Wikipedia-Schach-Portals, lebt als Programmierer in Berlin Thomas Binder im Glarean Magazin
Christian Busch (Musik & Literatur)
Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Studium der Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, jahrelange Musik-Erfahrung in verschiedenen Chören, arbeitete als Lehrer in Frankreich, Südafrika und Spanien, lebt in Düsseldorf Christian Busch im Glarean Magazin
Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft, derzeit Promovierung, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals Sigrid Grün im Glarean Magazin
Isabelle Klein (Literatur)
Geb. 1975 in Würzburg, Lehramts-Staatsexamen, Studium der Soziologie und Politologie, zahlreiche Online-Belletristik- und Sachbuch-Rezensionen, lebt in Hannover Isabelle Klein im Glarean Magazin
Alexandra Lavizzari (Literatur)
Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB Alexandra Lavizzari im Glarean Magazin
Geb. 1992, Studium an der Hochschule für Musik Karlsruhe, langjähriges Mitglied im Bundes-Jugendorchester, seit 2016 Lyrik-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, 2020 Abschluss des Medizin-Studiums, lebt als Arzt in Freiburg/Breisgau (BRD) Jakob Leiner im Glarean Magazin
Geb. 1953 in der Tschechoslowakei, 1968 Übersiedlung in die Schweiz, Studium der Slavistik, Germanistik und Literaturkritik in Zürich, später Paarberatungsausbildung und Psychodrama-Diplom, lebt als Sachbuch- und belletristische Autorin sowie als Therapeutin und Fotografin in Basel Katka Räber im Glarean Magazin
Geb. 1953 in Hamm/D, Wirtschaftsinformatiker, Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Betriebspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, daneben Musiklehrerprüfung; freiberuflicher Lektor und Schriftsteller, Buch-Veröffentlichungen zu regionalen und geschichtlichen Themen, Romane, Krimis, Novellen, Erzählungen Horst-Dieter Radke im Glarean Magazin
Geb. 1974 in Neunkirchen/Saarland, Studium der Geschichte und Klassischen Philologie, 2002 Promotion in Alter Geschichte, seither als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im universitären Lehrbetrieb tätig. Langjähriger Schachtrainer sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zum Thema Schach
Mario Ziegler im Glarean Magazin