Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/210

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) lernte die in Meilen lebende Nanny Wunderly-Volkart 1919 kennen, kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz. Es entwickelte sich eine rege Korrespondenz zwischen den beiden Briefpartnern, und Nanny Wunderly-Volkart wurde zu einer wichtigen Bezugsperson und engen Vertrauten Rilkes bis zu seinem Tod im Jahre 1926.
Briefe mit literarischer Qualität
Rilkes Briefe sind nicht nur ein Mittel der Kommunikation, sie besitzen auch eine literarische Qualität und stehen manchmal in direkter Verbindung zu dichterischen Motiven. Die 470 Briefe des Dichters an die Meilener Empfängerin nehmen in Rilkes Korrespondenz eine Schlüsselstellung ein. Sie sind eines der wichtigsten Zeugnisse für Rilkes letzte Jahre, insbesondere für seinen Walliser Aufenthalt im Château de Muzot oberhalb von Sierre, wo der Dichter seine Meisterwerke verfasste: den Grossteil der «Duineser Elegien» und die «Sonette an Orpheus». Die Ausstellung zeigt die inhaltliche Vielfalt seiner Briefe, welche von existentiellen Sorgen genauso wie von allerlei alltäglichen Bedürfnissen zeugen.
«…das Beste, was einem auf Erden widerfahren kann»
Die ausgewählten Briefstellen lassen dabei einen wenig bekannten, humorvollen Rilke entdecken. Vom Dorf Meilen schwärmte er regelrecht: «…in Meilen ankommen –, das ist für mich das Schönste, Vollkommenste. Das müsste eine Redensart werden für das Beste, was einem auf Erden widerfahren kann. Wenn man von einem sagte, er sei in Meilen angekommen, so gäbe es eben nichts darüber hinaus», schrieb er an Nanny Wunderly-Volkart am 19. Dezember 1919 aus Locarno.
Der Dichter wusste, dass er immer auf die zierliche und doch starke Nanny Wunderly-Volkart zählen konnte, er nannte sie «engelgleich» in ihrer grenzenlosen Zuwendung und Grosszügigkeit. Sie war es denn auch, der Rilke seine letzten Bestimmungen anvertraute, worin er unter anderem der Veröffentlichung aller seiner Briefe zustimmte.
Geschrieben in zwei Sprachen
Und es sind viele Briefe. Ihre Anzahl wird auf rund 10‘000 geschätzt, etwa 8500 davon sind bis heute bekannt. Es tauchen häufig bisher unbekannte Briefe auf, die wichtige Informationen über den Dichter liefern. Rilkes Briefe an Nanny Wunderly-Volkart sind zweisprachig geschrieben, deutsch und französisch; in französischer Sprache hat Rilke im Wallis sogar gedichtet. Die Originale sind im schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt. Sie wurden 1977 in einer zweibändigen Ausgabe veröffentlicht. Die Briefe von Nanny Wunderly-Volkart an Rilke sind unveröffentlicht.
Erweitere Ausstellung in Meilen
Ein Teil der Ausstellung wurde von der Fondation Rilke in Sierre ursprünglich für das Walliser Korrespondenzfestival «Lettres de Soie» in Mase konzipiert. Gezeigt wird im Ortsmuseum Meilen eine erweiterte Version, die durch ein ausführliches Meilemer Kapitel ergänzt wurde.
Die Ausstellung ist geöffnet vom Samstag, 4. Dezember bis am Sonntag, 13. Februar 2022. Öffnungszeiten: jeweils Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 14.00 bis 17.00 Uhr. Vom 20. Dezember bis 6. Januar bleibt die Ausstellung geschlossen.
Rahmenprogramm: Sonntag, 5. Dezember, 14.30 Uhr: Vortrag «R.M. Rilke und das Wallis» und Führung mit Brigitte Duvillard, Fondation Rilke; Sonntag, 12. Dezember, 17.00 Uhr: Lesung «R.M. Rilke und Weihnachten». Weitere Termine folgen.
Rainer Maria Rilkes Briefe an Nanny Wunderly, Meilen. Ortsmuseum, Kirchgasse 14. Bis 13. Februar 2022. Vernissage: Samstag, 4. Dezember, 16.00 Uhr. Zertifikatspflicht, 3G.