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Der Krach in Amden
Es ist nun ein Jahr und länger her, daß man in allen schweizerischen und ausländischen Zeitungen einen kleinen Artikel unter „Vermischtem“ lesen konnte, der das Stichwort führte „eine Million für das Schweizerbürgerrecht“. Der ausländische Bewerber, welcher das Glück, in das schweizerische Landrecht aufgenommen zu werden, so hoch einschätzte, war Herr Josua Klein in Amden, Gründer der dortigen, ebenfalls in allen Zeitungen erwähnten „geheimnisvollen Kolonie“. Die Million hat sich leider inzwischen in blauen Dunst aufgelöst, aber auffällig blieb es, daß die Beteiligten ein volles Jahr verstreichen ließen, ehe sie in irgend einer Form der Oeffentlichkeit zu wissen taten, daß ein solches Versprechen, wie es Herr Josua Klein der Gemeinde Amden gegeben haben sollte, weder geleistet noch je erwartet wurde. Die Entstehungsgeschichte der Million führt lediglich zurück auf die scherzhafte Aeußerung eines Mitgliedes des Gemeinderates: „Sagen Sie ‚mal, es wäre doch schön, wenn Sie uns eine von Ihren Millionen zur Verfügung stellen wollten?“ Und irgend ein Scherz war auch die Antwort des Herrn Klein; draußen jedoch, vielleicht in Amden selbst, wenigstens aber weit herum, wurde die Sache ernst genommen, und die niemals dementirte Million erfüllte vortrefflich ihre Reklamezwecke.
Daß das Märchen Glauben finden konnte, war indessen nicht verwunderlich. Josua Klein hatte anfangs Geld in Hülle und Fülle, daran war gar kein Zweifel; er kaufte Heimwesen um Heimwesen auf und bezahlte die Kaufsümme nach Abzug der Hypotheken bar. Der Preis schien für ihn gar keine Rolle zu spielen, die Bauern konnten für ihre Anwesen fast fordern, was sie wollten, und es wurde zugesagt. Wer wollte es ihnen verargen, wenn sie die nimmerwiederkehrende Gelegenheit, den prächtigen Schnitt zu machen, benutzten? Schade nur, daß es niemandem einfiel, es könne bei diesen unsinnigen Landkäufen so ganz mit rechten Dingen doch nicht zugehen. Es war in Tat und Wahrheit nicht sein Geld, mit dem Herr Klein wirtschaftete, sondern das Geld anderer Leute, die er hatte mit seinem hypnotischen Einfluß und seiner religiösen Suada beschwatzen und dran kriegen können. Man spricht von 400,000 und 450,000 Franken, die ihm für die Gründung seiner spiritistisch-theosophischen Müßiggängerkolonie anvertraut worden sein sollen, und mit deren Hilfe Herr Klein und sein Anhang denn auch ein Leben herrlich und in Freuden führte, so lange das Geld vorhielt. Pferde und Wagen wurden angeschafft, Ausfahrten gemacht, Picknicks gehalten, lustig ward gelebt und dabei mit unversieglicher Beredsamkeit das neue Evangelium von der „Religion der Tat“ ausgebreitet. Eine Menge sonderbarer Menschen der verschiedensten Herkunft und Stellung sammelte sich nach und nach um den „neuen Propheten“ in Amden, der ihnen ein schönes, müheloses Leben auf Kosten anderer Leute zu versprechen schien. Arbeiten sah man, wie es heißt, von den Kolonisten kaum je einen, arbeiten mußten nur die von Klein angestellten Knechte, Mägde und sonstiges Betriebspersonal, denen er über ein Jahr den Lohn vorenthielt, weil das vorhandene Geld für die eigenen Bedürfnisse des nähern Kreises notwendig gebraucht wurde. Jetzt endlich hat der ganze Zauber ein Ende, die vielen, schwer geschädigten kleinen Leute, denen Herr Klein Geld schuldig war, mußten rechtliche Schritte einleiten, um zu ihrer Sache zu kommen. In der „geheimnisvollen Kolonie“ hat der Gerichtsbote sich eingestellt, der Wagen, das schöne Schimmelpaar, die Kühe, die Hühner sind vergantet, und am 7. Dezember soll, wie wir hören, das Ganten fortgesetzt werden, da noch lange nicht alle Ansprüche befriedigt sind. Herr Klein aber befindet sich zurzeit in Wien, um neue Geldquellen für sein Unternehmen flüssig zu machen. Ob ihm das gelingen wird, ist sehr die Frage, da nachgerade auch die Vertrauensseligsten unter den mystisch und schwärmerisch veranlagten Naturen stutzig werden dürften. Auf alle Fälle aber ist es Zeit, daß einmal das weitere Publikum erfahre, wie es in Amden eigentlich steht und daß diejenigen, welche die dortige Gründerei ernst genommen haben, erbärmlich hereingefallen sind.
Im „Bund“ stand dieser Tage zu lesen, durch die Notwendigkeit rechtlicher Schritte habe wohl die religiöse Gloriole des Herrn Klein bedenklich an Glanz verloren; das schöne Verhältnis zwischen den Amdern und den Kolonisten jedoch bleibe dadurch unberührt. Frägt man an vertrauenswerter Stelle über dieses schöne Verhältnis etwas nach, so tönts doch recht sonderbar. „Zweieinhalb Jahre sind die Leute nun hier, und ich weiß jetzt noch nicht, was ich aus ihnen machen soll; ich könnte beim besten Willen nicht sagen, was sie eigentlich wollen, was sie glauben oder nicht glauben“ — und ein anderer ehrenwerter Mann findet: „ich bin nur darüber nicht sicher, ob gewisse Herren in der Kolonie ins Narrenhaus oder ins Zuchthaus gehören.“ Würde man nicht fürchten, sich selbst ein wenig zu blamiren, hätte man längst lauter gesprochen, da im Grunde ganz Amden die elenden Prahlereien eines unleidlichen Schwätzers satt hat. Daß er sich, vielleicht um den katholischen Bauern etwas vorzumachen, als großen Marienverehrer ausgab und am Grappenhof ein prächtiges Marienbild aufstellen ließ, wird ihm längst nicht mehr zum Verdienst angerechnet, hat doch bald nachher einer der Kolonisten, der aus der Münchener „Jugend“ bekannte Maler Fidus, in nächster Nachbarschaft des Marienbildes ein Glasgemälde von größten Dimensionen angebracht, welches Adam und Eva in paradiesischem Kostüm, der Straße die Rückseite zuwendend, darstellte und den Jungburschen von Amden und Umgebung Stoff zu unendlichen schlechten Witzen gab, bis dann das Pfarramt bewirken konnte, daß ein Vorhang über das greuliche öffentliche Aergernis gezogen werden mußte. Dem Glasgemälde entsprechend soll auch der innere „künstlerische Schmuck“ der Kolonistenwohnungen gewesen sein. Leute, die an den Lippen Kleins hingen und seine religiösen mystischen Ergüsse mit Andacht anhörten, soll es dabei immer gegeben haben, doch hört man auch von harter Behandlung seiner blindlings ergebenen Anhänger, sogar von gelegentlichen Auspeitschungen wird gemunkelt.
Alles in allem ist, was wir heute von der „geheimnisvollen Kolonie“ in Amden und den dort angesiedelten, als „noble Tagediebe“ betrachteten Leute hören, so wenig Vertrauen erweckend, teilweise auch so duhios und verdächtig, die zum mindesten unverantwortlich leichtsinnige Art, wie dort mit dem anvertrauten Gelde gewirtschaftet und ohne Mühe und Arbeit in dulci jubilo gelebt worden ist, so sehr zum Aufsehen mahnend, daß sich vielleicht doch bald einmal die Behörden von St. Gallen das Leben und Treiben in der Künstler- und Prophetenkolonie etwas genauer ansehen und dafür sorgen dürften, daß nicht zu den bereits Geprellten und Geschädigten noch andere gutgläubige Leute in diese mit mancherlei Anzeichen eines dreisten Schwindels behaftete Unternehmung hineingezogen werden.
Zürcherische Freitagszeitung, 2. Dezember 1904, Nr. 49, S. 1. Online