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Lk 10,11 Griechischer Urtext?
Meine erste Gemeinde war in Jerusalem, wo Dr. Robert Lindsey (gestorben 1995) Pastor war. Dort wurde ich 1984 getauft und kehrte dann nach einiger Zeit wieder nach Österreich zurück. Erst 14 Jahre später – zur Israelfeier im Mai 1998 – reiste ich wieder nach Israel und berichtete in der Jerusalemer-Gemeinde (ich würde sie als charismatische Baptisten bezeichnen) von meinem bisherigen Lebensweg. Einer der Ältesten der Gemeinde in der Narkis-Road, Professor David Bivin, ist Direktor der „Jerusalem School of Synoptic Research“ und Autor des Buches „Was hat Jesus wirklich gesagt – die schwierigen Worte Jesu ?“. Darin geht es um die Tatsache, dass die Worte und Taten Jesu zuerst in der hebräischen Sprache vorlagen. Die Synoptiker (Markus, Lukas und Johannes) haben ihre Evangelien jedoch in griechisch niedergeschrieben. Bei den schwierigen Passagen des Neuen Testamentes ist es also hilfreich, wenn wir den hebräischen Hintergrund verstehen, da man damals prinzipiell nicht sinngemäß sondern wortwörtlich übersetzte. Als Jünger Yeshuas, die sich miteinander im Glauben an den einzigen wahren Gott, den Schöpfer und Vater, verbunden sehen, ist es sicherlich nicht unwichtig diese Tatsache zu kennen. Ein kleines Beispiel aus dem Buch von Professor Bivin soll erklären, warum es so interessant ist sich damit zu beschäftigen.
„Das Reich Gottes ist euch nahe gekommen“ aus Lukas 10/11
Im hebräischen bedeutet das Wort „nahe herbeikommen“(karav) „dasein“. Wenn wir Lukas 10,11 zu verstehen versuchen, indem wir das griechische Wort engiken (übersetzt mit „nahe herbeigekommen“ ) lesen, kommen wir in Schwierigkeiten. Denn engiken bedeutet „dabei sein zu erscheinen“ oder „fast hier“. Wenn wir engiken jedoch zurückübersetzen ins Hebräische erhalten wir eine völlig andere Bedeutung. Das hebräische Äquivalent von engiken ist das Wort karav, das bedeutet aber „kommen und dabeisein“ oder „dort sein, wo jemand oder etwas ist“
Das griechische engiken oder das deutsche „nahe“ bedeuten jedoch: „Es ist noch nicht da“. Die konsequente Schlussfolgerung wäre daher zuerst, dass das Reich Gottes laut Jesu noch in der Zukunft liegt; mit anderen Worten: „Es ist noch nicht da“. Das hebräische karav bedeutet aber genau das Gegenteil: „Es ist hier! Es ist gekommen!“ Karav wird zum Beispiel in 5. Mose 22/13-14 verwendet: „Ich habe mich einer Frau genähert (karav).“
Falls jemand interessiert ist mehr über den hebräischen sprachlichen Ursprung des Neuen Testamentes zu erfahren, besorge (kostet 8,50 Euro im Buchhandel) oder leihe ich ihm das Buch sehr gerne. Es hat mir vor beinahe zehn Jahren viel geholfen schwere Bibelstellen einmal in einem anderen Lichte zu sehen und zu verstehen. Unter anderem habe ich übrigens in dieser Gemeinde mit Professor Bivin sehr interessante Diskussionen über das Thema Dreieinigkeit führen können.
Mir scheint es wichtig bei Diskussionen über die Bedeutung eines griechischen Wortes zu wissen, dass der Urtext eben NICHT griechisch ist. Jesus hat sicherlich seine Gleichnisse und Predigten NICHT in griechisch erzählt! Das bedeutet nicht, dass wir die Bibel („Biblos“ ist auch ein griechisches Wort, das übrigens nirgends in der Bibel vorkommt!) dadurch weniger achten, denn auch die Übersetzung vom Hebräischen ins Griechische und dann ins Deutsche hindert die Kraft von Gottes Wahrheit für uns nicht. Aber schwierige Stellen sind sicherlich im Lichte der hebräischen Sprache besser zu verstehen!
Werner Bartl