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Am 23. Juli wird feststehen, wer Theresa May im Amt des Premierministers von Grossbritannien beerben wird. Entweder wird es Jeremy Hunt, der aktuelle Aussenminister Grossbritanniens, oder Boris Johnson, der ehemalige Bürgermeister von London und Brexit-Hardliner. Letzterer ist bekannt für sein Kulturflair.
Martin Alioth
Grossbritannien-Korrespondent SRF
Martin Alioth studierte in Basel u.a. allgemeine Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Er arbeitete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Museum Basel. 1988 promovierte er in Basel.
Seit 2000 ist er Grossbritannien-Korrespondent für Radio DRS bzw. SRF. Von 2003 bis 2018 schrieb er für die «NZZ am Sonntag». Daneben liefert er regelmässig Beiträge für deutsche und österreichische Medien, wie den «Spiegel», ORF oder den «Deutschlandfunk».
SRF: Falls Boris Johnson nächste Woche zum Premierminister ernannt wird, was hätte das für das Kulturschaffen in Grossbritannien zu bedeuten?
Martin Alioth: Die Kulturschaffenden hätten einen unzweifelhaft kultivierten Premierminister. Seine Vertrautheit mit der Antike drückt sich in zahlreichen lateinischen Zitaten aus. Johnson hat eine Biografie von Winston Churchill verfasst. Böse Zungen behaupten aber, das Buch sage mehr über Johnson als über Churchill aus.
In knappen Zeiten ist die Kultur ein beliebter Sündenbock, nicht nur in Grossbritannien.
Und schliesslich malt Johnson in seiner Freizeit Bilder. Aber diese Neigungen kollidieren mit seiner Brexit-Politik, wenn das Vereinigte Königreich tatsächlich am 31. Oktober ohne Vertrag aus der EU gerissen wird.
Dann kann die Kultur ihre Hoffnungen begraben. Dann wird jeder Penny gebraucht, um Löcher zu stopfen.
Das heisst, Boris Johnson ist sehr kulturaffin, aber die Realpolitik rund um den Brexit würde ihm einen Strich durch die Rechnung machen?
So sehe ich das realistischerweise. In knappen Zeiten ist die Kultur ein beliebter Sündenbock, nicht nur in Grossbritannien. Das zeigte sich in den Jahren der Sparpolitik nach 2010.
Aber auch wenn es einen geregelten Brexit gäbe: Johnson verspricht radikale Steuersenkungen und Ausgabensteigerungen, ohne zu verraten, woher dieses Geld kommen soll. Die Kultur wird ihren Obolus an diese Versprechungen leisten müssen.
Wie war seine Politik als Bürgermeister von London, hat sich Boris Johnson damals für die Kultur eingesetzt?
Das kann man fairerweise behaupten. Er hatte gute Berater, das wurde auch von seinen Gegnern eingeräumt. Er organisierte oder unterstützte parallel zu den Olympischen Spielen von 2012 in London eine sogenannte «Kultur-Olympiade», die damals – im guten Sinne – Wellen warf.
Und er unterstützte den Bau einer Dependance des berühmten Victoria and Albert Museums auf dem ehemaligen Olympiagelände. Es gibt wirklich konkrete Spuren seiner Tätigkeit als Bürgermeister von London.
In einer Kolumne für den konservativen Daily Telegraph hat Boris Johnson einmal gefordert, dass Schulkinder obligatorisch in Poesie unterrichtet werden müssten. Das sind konkrete Vorstellungen.
Ich will nicht despektierlich sein, aber Boris Johnson schreibt in seiner fürstlich bezahlten Kolumne im Daily Telegraph, was ihm Sympathien und wenn möglich einen Lacher einträgt. Niemand hält das für ein Programm.
Was ist denn mit dem anderen Kandidaten mit Jeremy Hunt? Er war ja unter David Cameron Kulturminister von Grossbritannien.
Hunt ist eine ziemlich farblose Figur. Er war zwischen 2010 bis 2012 Kultur-, Medien- und Sportminister. Die Olympiade und mediale Fragen haben ihn damals beschäftigt.
Er hat die Kultur weitgehend seinem damaligen liberaldemokratischen Stellvertreter überlassen. Beide, Hunt und sein Stellvertreter, mussten damals die geltenden Sparmassnahmen verteidigen, die die Kultur empfindlich trafen.
Das Gespräch führte Igor Basic.