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NEVERTHELESS, #02, 150 x 130 cm, Öl auf Leinwand, 2020
Es gibt die Geschichte eines Königs, dem ein Zen-Meister ein Bild von einem Bambus malen sollte. Wie lange es dauern würde, fragte der König. Zwei, drei Jahre, so der Meister. Der König wunderte sich. – Ich dachte, du könntest es jetzt gleich malen, es ist ja nur ein Bambus. Zuerst muss ich ein Bambus sein, sagte der Zen-Meister, wie sonst könnte ich wissen, was ein Bambus ist? Und so begab er sich in einen Bambuswald und stellte sich zwischen die Halme.
Ausser mit seinem kahl geschorenen Kopf erinnert Conrad J. Godly wenig an einen Zen-Mönch. Unter seinem schwarzen T-Shirt lugen Tattoos hervor, das Gesicht zeugt von mehr als einem gelebten Leben, die Statur ähnelt jener eines Bergs. Und doch muss man sich Godly als Maler vorstellen, dessen Selbstverständnis nicht weit von jenem des Bambus-malenden Zen-Meisters entfernt ist. Nur malt Godly keine Pflanzen, sondern Berge. Sie sind sein Markenzeichen geworden, seit er sich 2005 der Malerei zuwandte.
Ein Mann wie ein Berg: Conrad J. Godly in einer Ausstellung.
Davor hatte er ein anderes Leben gelebt, so ganz weit weg von aller Beschränkung und Bescheidenheit. Godly war in jungen Jahren, 1986, als er 24 Jahre alt war, nach New York gegangen, im Gepäck seine Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel; malen wollte er. Doch die Stadt und das Land überwältigten ihn so sehr, dass er zur Kamera griff und damit begann, alles zu fotografieren, die Häuser, Landschaften und – vor allem – Menschen. Zurück in der Schweiz zeigte er seine Arbeiten herum, und irgendwie, der Zufall wollte es so, erhielt er seinen ersten Auftrag als Modefotograf. Die Kampagne lief in allen grossen Magazinen, weitere Aufträge kamen hinzu, Godly zog nach Paris, wieder in die USA, später nach Mailand. Seine Bilder landeten auf den Cover von Titeln wie «Vogue» und «Sports Illustrated». Er reiste herum, verdiente gut und gab das Geld mit beiden Händen aus.
Godly sitzt in seinem Atelier in Felsberg, in dem es nach Ölfarbe riecht, der Duft mischt sich mit Zigarettenrauch, überall lehnen Leinwände aneinander. Er erzählt mit einem gewissen Understatement von dieser Zeit zwischen 1988 und 2005. Namen nennt Godly keine, er macht Andeutungen, er habe Menschen getroffen, die man sonst nur im Kino sieht, zum Beispiel. Und doch spürt man auch einen gewissen Stolz über das Erreichte, über diese erste Karriere, von der heute nichts mehr übrig ist.
SOL, #91, 95 x 80 cm, Öl auf Leinwand, 2014.
2004 verkaufte er seine Ausrüstung, sperrte seine Negative und Abzüge in einen Archivschrank und verstaute ihn in seinem damaligen Atelier in Sils im Domleschg. Er hatte sich abgewendet von der oberflächlichen und ausbeuterischen Welt der Modefotografie, wo die Models immer jünger und immer dünner geworden waren. Und hatte sich an seinen ersten Lebenswunsch erinnert: zu malen, so wie van Gogh, von dem ein Kalenderblatt in der Küche seiner Davoser Kindheit gehangen hatte. Schon mit 14 wusste Godly, dass er Künstler werden wollte.
Dieser Wunsch führte ihn nun weg von der Fotografie und hin zur Malerei. Vom Geld, das er durch den Verkauf seiner Habseligkeiten erlöst hatte, konnte er vier Jahre lang leben. Es war eine karge Zeit voller Entbehrungen, das Atelier, wo er auch schlief, war kalt im Winter. Er malte ohne Unterlass, ging nur mit dem Hund spazieren, in der Migros kaufte er Aktionen in Grossmengen.
Godly lebte das Leben eines Eremiten. Es war, rückblickend, seine beste Zeit, sagt er. «Das holte mich total runter, hat mich geerdet, denn ich habe gesehen, wie es auch sein kann.»
Seine Bilder zeigte er in dieser Zeit niemandem. Er wollte keinen Einfluss von aussen, weder Lob noch Kritik. Vier Jahre ging das so. Bis er in den Gassen von Chur den Galeristen Luciano Fasciati traf und in sein Atelier einlud. Fasciati kam, war begeistert und richtete Godly eine Einzelausstellung aus. Und seither geht es mit Godly aufwärts.
SOL, #83, 75 x 60 cm, Öl auf Leinwand, 2014.
Dann kam das Feuer: 2011, beim Brand in der ehemaligen Wolldeckenfabrik in Sils, ging Godlys fotografisches Werk in Flammen auf. 17 Jahre Arbeit, Zehntausende Prints, 400 Bundesordner Negative. Und auch wenn es in den ersten Tagen ein Schock war, so sagt Godly heute: Es ist gut, dass alles weg ist von seinem alten Leben. «Das war nur Ballast. Die Erinnerungen habe ich noch, und that’s it.» Und wieder spricht der Zen-Mönch.
Noch etwas, sagt er, hat er aus dieser Zeit mitgenommen: die Fähigkeit, Licht zu führen. Schon im Studio ging es darum, Menschen perfekt auszuleuchten, jetzt tut er dasselbe mit Pinsel und Farbe. Wie das Sonnenlicht auf die Bergflanken fällt, wie es den Schnee zum Scheinen bringt, wie sich der Schatten über die Hänge legt. «Das ist vielleicht mein grösstes Talent.»
Wenn Godly malt, ist er ganz dort, beim Berg. Er hat jahrelang die Gebirgszüge Graubündens studiert, ihre Kanten, Schründe und Abgründe, nun trägt er sie in sich – ihr Wesen, sagt er, darum geht es ihm. Er arbeitet kurz, zwei bis sechs Stunden pro Bild vielleicht, und heftig, davon zeugen die Farbspritzer an den Wänden neben der Leinwand. Ein Scheitern kennt Godly nicht, es gibt nur bessere und schlechtere Bilder, Ausschussware gibt es nicht. So sind über die Jahre Tausende von Bildern entstanden, einige lagern in seinem Atelier in Felsberg, andere in Scharans.
Das Bild tritt hervor
Das Wort pastos muss fallen, wenn man über Godlys Kunst spricht. Er trägt die Farbe derart dick auf, dass die Bilder reliefartig hervortreten, ja quasi selber zu Objekten, zu Skulpturen werden. Wer die Pinselstriche – Strich ist eigentlich untertrieben – verfolgt, kann Godlys Dynamik nachvollziehen, sich vorstellen, wie dieser grosse Mann vor seinen grossen Formaten steht und mit einer ungebändigten Rabiatesse aufträgt, schichtet, spachtelt und streicht.
Derzeit arbeitet er an einer Serie für eine Ausstellung in der Galerie JD Malat in London, die am 18. November eröffnet wird, 18 Bilder will er zeigen, alle neu. Waren seine ersten Arbeiten noch in einem dunklen Ton gehalten, die Farben Schwarz, Grau und Weiss, hat er sich zuletzt auch helleren, froheren Tönen zugewandt. Zuerst widerwillig, denn der Wunsch kam mehr von den Galeristen und Kunden als von ihm selber. Erst als die Coronakrise auch bei Godly eine Schaffenspause ausgelöst hatte und zugleich die Galeristen nicht mehr danach fragten, konnte er sich aus freien Stücken dazu entscheiden. «Jetzt male ich diese mit derselben Freude wie die dunkleren Bilder», sagt er, denn die Menschen brauchen in Zeiten wie diesen positive Bilder.
Doch warum tut er es überhaupt? Weshalb steht er morgens auf? Er verkauft ja gut, hat noch ein riesiges Lager, könnte sich ausruhen auf dem Erfolg, müsste nicht jeden Tag ins Atelier. Und auch seine Frau, die Künstlerin Kazuyo Okushiba, die er in Japan kennengelernt hat, ist mir ihrer Arbeit erfolgreich.
Es gibt mindestens zwei Gründe: «Es ist das, was ich tun will. Wenn ich male, bin ich am richtigen Ort. Dann bin ich glücklich.» Der zweite Grund: Wenn er zum Beispiel eine E-Mail bekommt von einer amerikanischen Psychologin, die erzählt, wie ihr Tränen in die Augen steigen, wenn sie sein Bild betrachtet. Wenn er also Emotionen auslöst bei denjenigen, die seine Kunst sehen.
Der Zen-Meister übrigens kehrte nach drei Jahren aus dem Bambuswald zum Palast des Königs zurück. Er liess sich Leinwand, Tusche und Pinsel reichen und malte mit wenigen Strichen einen Bambus. Und auch der König weinte vor Freude.