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Kurz nach der Landung auf dem Planet Erde sendet der Alien Gonso den ersten Funkspruch ins heimatliche Sonnensystem. Doch seine primären Eindrücke sind verwirrend. Denn er erfährt von den absurden Auseinandersetzungen um die Hans-Insel – einer wahren Geschichte.
30. Dezember 2022. Gut auf der Erde gelandet, auf einem kleinen Fels mitten im Salzwasser, in der Nähe des grossen Eises. Idealer Landeplatz, da flaches Hochplateau. (Von anderen Universalreisenden als Ankunftsort gebaut?) Keinerlei lebendige Organismen, weder Menschen noch Pflanzen. Grösse: 2‘348‘732 Planetenpixel (in menschlichen Masseinheiten: 1,3 Quadratkilometer).
Ergebnisse meiner ersten Recherchen: Fels trägt den Namen Hans. (Ausdruck der Zuneigung? Name wird auch für Menschen benutzt.) Verdacht: Die wahre Bedeutung der Insel soll verheimlicht werden, denn die öffentlichen Informationen zu diesem Ort müssen ein Scherz sein. Es heisst, dass zwei Planetenteile für ganze 873 All-Momente (in menschlichen Masseinheiten: 50 Jahre) um diese Steinplatte gekämpft haben. Sie liegt nämlich genau zwischen «Kanada» und «Dänemark», wie die beiden Planetenteile (hier: «Staaten») genannt werden. Man spricht von einer Linie, die zwischen ihnen verläuft und die die Menschen «Grenze» nennen. Solche Grenzen haben offenbar eine horrende Bedeutung auf der Erde, und fast überall auf dem blauen Ball bringen sie sich gegenseitig um, wenn diese Linien ohne Erlaubnis übertreten werden. (Thema genauer untersuchen. Linien sind fiktiv und an den meisten Orten nicht markiert. An einigen Stellen hohe Zäune und Mauern. Grosses Fragezeichen.)
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Auf der Hans-Insel ist keine Grenze sichtbar, doch offenbar gelangten Vertreter der beiden Planetenteile über längere Zeit hinweg abwechslungsweise auf die Insel. Bei jedem Besuch hängten sie ein farbiges Stück Stoff auf und rissen jenes der Gegenpartei herunter. Dazu stellten sie jeweils einen Behälter mit Flüssigkeit auf den Boden, die den Geist öffnen soll. (Recherchieren: Bis zu welchem Winkelgrad ist das menschliche Bewusstsein dehnbar? Normalzustand liegt bei 0,5 Grad.) Es ist nicht ganz einfach zu verstehen, aber scheinbar hat jeder Planetenteil der Erde ein eigenes Symbol, seine so genannte Flagge. Das Markieren eines Territoriums mit diesem Symbol ist so bedeutungsvoll, dass deswegen auch immer wieder Menschen getötet werden. Im Fall von Hans ist jedoch keine Gewalt angewandt worden. Der Austausch der Flüssigkeiten – Schnaps genannt – ist offenbar eine äusserst unübliche, ja einzigartige Praxis, die aber zum Erfolg geführt hat: Vor kurzem wurde der Streit beendet und die Insel ganz einfach in zwei Teile geteilt. Die Grenze wurde allerdings nicht auf dem Fels, sondern nur auf einem Stück Papier markiert. (Input zur friedlichen Konfliktlösung? Entwicklungsprojekt ausarbeiten, um diese Methode auch in anderen Planetenteilen umzusetzen.)
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Ich frage mich, inwiefern es Sinn macht, den Erdplaneten und seine Bewohner zu erforschen. Ihr Entwicklungsstand scheint Lichtjahre zurückzuliegen. Vor 925 All-Momenten – 53 Erdenjahren – flogen sie zu ihrem Trabanten und spielten das gleiche Markierspiel wie auf der Hans-Insel. Ich habe den Fall nicht ganz verstanden, doch folgenden Bericht gefunden:
Am 21. Juli 1969 rammte Neil Armstrong die amerikanische Flagge in den Boden des Mondes. Die USA hatten den so genannten «Wettlauf ins All» gegen die Sowjetunion gewonnen, und der Anblick des Sternenbanners auf dem Erdtrabanten erfüllte Millionen amerikanischer Herzen mit Vaterlandsstolz. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Amerika den Mond für sich in Anspruch nehmen kann. Im Weltraumvertrag von 1967 hat die UNO nämlich Folgendes festgelegt: «Der Weltraum einschliesslich des Mondes und anderer Himmelskörper unterliegt keiner nationalen Aneignung durch Beanspruchung der Hoheitsgewalt, durch Benutzung oder Okkupation oder durch andere Mittel.»
Das bedeutet im Prinzip: Der Mond gehört niemandem. Geschäftsleute haben jedoch bemerkt, dass der Weltraumvertrag nur für Staaten gelte, nicht aber für Privatpersonen. Deshalb sei es durchaus möglich, sich die Rechte am Mond anzueignen. Auch wenn dies juristisch wahrscheinlich nicht durchsetzbar wäre, hat der Amerikaner Dennis Hope in den 80er Jahren seinen Anspruch auf den Mond und auf sämtliche Planeten des Sonnensystems beim Grundstück-Registrierungsamt von San Francisco eintragen lassen. Er bezog sich dabei auf ein altes amerikanisches Gesetz, das besagt: Wer ein Begehren auf eine Parzelle Land öffentlich bekanntmacht – durch Aushänge oder Rundschreiben –, darf das Land sein Eigen nennen, wenn innert einer bestimmten Frist niemand Einspruch dagegen erhebt. Auf diese Weise hat Dennis Hope seit den 80er Jahren mit dem Verkauf von Grundstücken im Weltall mehr als fünfzig Millionen Dollar verdient. Dass seine Besitzansprüche von keiner rechtlichen Instanz anerkannt werden, stört weder ihn noch seine Kundschaft. 2003 wurde er angeklagt, aber der Richter wies die Klage ab mit der Begründung, er habe keine Entscheidungsgewalt über den Mond.
Inzwischen verkauft Hope über sein Unternehmen «Lunar Embassy» auch Grundstücke auf dem Mars, der Venus, dem Merkur und verschiedenen Monden unseres Sonnensystems. Rund ein Drittel der verkauften Grundstücke gingen an Investmentfirmen. Denn: Auf dem Mond gibt es Rohstoffe wie Gold oder Platin, und laut der diesjährigen Space Station Design Workshops der Uni Stuttgart ist die Aufnahme von Bergbautätigkeiten auf dem Mond schon im Jahr 2050 denkbar.
(Recherchieren: Vaterlandsstolz, Hoheitsgewalt, Grundstück-Registrierungsamt, Gesetz, Dollar, Richter, Klage, Investmentfirma.) ♦
Aufgezeichnet von Nicole Maron
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