Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/2469

Die Entstehung der Gemeinde Oberdorf – eine spezielle Geschichte

Die Entstehung der Gemeinde Oberdorf unterscheidet sich klar von der Geschichte der anderen Nidwaldner Gemeinden. Vor 1850 gab es gar keine Politischen Gemeinden im Kanton, sondern nur Pfarreien und Ürten (Korporationen). Die Bundesverfassung von 1848 verlangte aber, dass alle stimmfähigen Schweizer Bürger in ihrer Wohngemeinde Stimm- und Wahlrechte haben sollten und nicht nur die Alteingesessenen. Deshalb wurden mit der Kantonsverfassung von 1850 die Politischen Gemeinden eingeführt – damals noch unter dem Namen Bezirksgemeinden.|
Doch welches Territorium sollten die einzelnen Gemeinden haben? Bei neun Gemeinden ergab sich die Antwort auf diese Frage einfach und klar: es sollte mit dem Gebiet der jeweiligen Ürte oder der Pfarrei beziehungsweise Kaplanei übereinstimmen. Nicht so eindeutig war das bei den Ürten Waltersberg, Büren nid dem Bach (mit Niederrickenbach) und der Korporation Stans.
Waltersberg und Büren waren zu klein, um je eigenständige Gemeinden zu bilden. Deshalb wurde von der Korporation Stans der obere Teil, der bereits die Bezeichnung Oberdorf trug, abgetrennt und daraus zusammen mit Büren und Waltersberg die neue Bezirksgemeinde Oberdorf gebildet. Der obere Teil von Stans passte gut zu diesen beiden Ürten, denn er war ebenfalls sehr ländlich geprägt und seine Bevölkerung hatte mehr mit den Waltersbergern und den Bürern gemeinsam als mit den Stanser Dorfbewohnern.
Drei Ortsteile heute
Wenn man in der Gemeinde Oberdorf heute von den drei Ortsteilen spricht, meint man damit Büren, Niederrickenbach und Oberdorf (darin eingeschlossen ist Waltersberg). Diese drei Gebiete sind bis heute geprägt durch ihre individuelle Geschichte und Entwicklung: Niederrickenbach ist Berggebiet, Wallfahrts- und Klosterort und eine bekannte Wanderregion, welche seit 1911 mit einer Luftseilbahn erschlossen ist (Personentransport seit 1923). Büren hat einen traditionellen Ortskern, ist eine eigene Kaplanei und hat ein reges Vereinsleben. Es ist somit eine Art Dorf im Dorf. Niederrickenbach und Büren haben eigene Postleitzahlen. Für das restliche Gemeindegebiet, den Ortsteil Oberdorf, hat sich die Umgebung rund um Wil als eine Art neues Zentrum entwickelt. Es ist geprägt durch den Nidwaldner Landsgemeindeplatz mit dem alten Zeughaus und zwei traditionellen Gasthäusern. Dazu kommen im näheren und etwas weiteren Umkreis verschiedene Wohnquartiere, das Schulzentrum und die militärischen Einrichtungen und Übungsgelände von SWISSINT und Zivilschutz. Durch die Zugehörigkeit zur Pfarrei Stans und die «Abstammung» aus der Korporation Stans ist eine gesellschaftliche und kulturelle Orientierung hin zum Hauptort bis heute vorhanden. Sinnbild dafür ist, dass Oberdorf bis heute die Postleitzahl 6370 mit Stans teilt.
Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung
Mit der Eröffnung der Autobahn wurde Oberdorf aus dem Dornröschenschlaf einer beschaulichen Landgemeinde geweckt und gehörte im Zeitraum von 1970 bis 1990 zu den Nidwaldner Gemeinden mit dem grössten Bevölkerungswachstum. Die gute Verkehrsanbindung verhalf Oberdorf zu einer idealen Wohnlage, was zum Bau neuer Wohnquartiere wie St. Heinrich oder Schinhalten führte. Vor allem im Bau- und Baunebengewerbe haben sich einige traditionelle Industrie- und Gewerbebetriebe behauptet und entwickelt. Aber auch die Land- und Alpwirtschaft sowie die Nahrungsmittelproduktion (zum Beispiel Käsereien) erfreuen Geniesser mit hochwertigen Lebensmitteln.
Die traditionelle Beschreibung der Gemeinde Oberdorf als Streusiedlung ist immer noch zutreffend, obwohl die Bevölkerung auch in den letzten Jahrzehnten weiter gewachsen ist. Denn bis heute verfügt Oberdorf über viel Landwirtschaftsland und Wald und ist geprägt durch kleinere, „verstreute“ Höfe und Siedlungen wie Hueb oder Geren.
Keine Pfarrei – aber viele Kapellen
Kirchenrechtlich gehört Oberdorf bis heute zur Pfarrei Stans. Niederrickenbach und Büren haben eigenständige Kaplaneien. Bereits 1494 ist erstmals eine Kapelle in Büren erwähnt, 1867 und letztmals 1968 wurden Neubauten erstellt, da die Bevölkerung gewachsen war.
Die Kapelle in Niederrickenbach hatte ihren Ursprung gemäss Legende in einer Marienerscheinung im 16. Jahrhundert. Deshalb heisst der Ort auch Maria-Rickenbach. Die heutige Wallfahrtskapelle im Biedermeierstil wurde 1869 eingeweiht; sie enthält eine bedeutende Sammlung von Votivtafeln. Diese «Bildergeschichten» zeigen die Heilung von Krankheiten und Unfällen oder wundersame Rettungen. Meist sind sie mit der Beschriftung «Ex Voto» versehen, das heisst übersetzt «aufgrund eines Gelübdes» – die Wallfahrer versprachen eine solche Gabe für den Fall, dass ihre Gebete erhört würden. Angesichts der grossen Sammlung muss dies ziemlich häufig der Fall gewesen sein.
Maria-Rickenbach war auch innerhalb des Kantons Nidwalden ein wichtiger Pilgerort. Generationen von Nidwaldner Schulkindern erinnern sich an die jährlichen Wallfahrten zu Fuss nach Niederrickenbach mit dem steilen Schlussaufstieg und dem Fünfliber, der ihnen oben zur Belohnung in die Hand gedrückt wurde.
Drei weitere Kapellen zeugen von der Verbundenheit der früheren Generationen mit dem katholischen Glauben. So errichteten die Waltersberger Ürtner 1702 auf ihrem Gebiet die St. Anna-Kapelle – der Bau in seiner heutigen Gestalt stammt von 1889.
In der Zeit des grossen Pestzugs 1629/30, der auch in Nidwalden viele hundert Tote forderte, wurde die St. Rochus-Kapelle gebaut, denn zum heiligen Rochus betete man, um von der Seuche verschont zu werden. Sie wurde im Jahr 1902 neu aufgebaut.
Die älteste der drei Kapellen ist die St. Heinrich-Kapelle, die bereits 1541 erstmals erwähnt wurde. Der aktuelle Bau stammt aus dem Jahr 1801.
In der Gemeinde Oberdorf sind auch überdurchschnittlich viele kleine Wegkapellen und «Helgenstöckli» zu finden, so etwa in den Gebieten Mühlematt, Winterswil, Hostetten und Gisi.
Schule mit mehreren Standorten
Als 1850 die Gemeinde Oberdorf gegründet wurde, beliess man das Führen der Schulen weiterhin den einzelnen Ortsteilen: in Büren und auf dem Waltersberg gab es je eine Schule und die Kinder des Ortsteils Oberdorf besuchten wie bisher die Schulen in Stans. Ab 1873 wurden die Kinder von Niederrickenbach im Kloster Maria-Rickenbach unterrichtet. Die Verfassung von 1877 schuf autonome Schulgemeinden, doch eine Schulgemeinde Oberdorf für das gesamte Gemeindegebiet entstand damals noch nicht. Da die Schule in Büren eine lange Tradition hatte, wurde eine Schulgemeinde Büren geschaffen. Die Oberdorfer und Waltersberger wurden in die Schulgemeinde Stans integriert. Erst mit der heute noch gültigen Kantonsverfassung von 1965 wurde festgelegt, dass die Grenzen der Politischen Gemeinden mit den Schulgemeinden übereinstimmen mussten. 1968 entstand deshalb die Schulgemeinde Oberdorf, und 1972 wurde ein grosses Schulzentrum mit Turnhalle und Schwimmbad eingeweiht. Unterrichtet wurde dennoch weiterhin in Oberdorf, in Büren und in Niederrickenbach (bis 1987). Kindergarten und Primarschule werden heute in Büren und Oberdorf, die Oberstufe ausschliesslich in Oberdorf geführt.
Kloster «auf dem einsamen Berg»: Die Benediktinerinnen von Maria-Rickenbach
1857 zogen sechs Benediktinerinnen nach Niederrickenbach, um dort ein Kloster zu gründen. Obwohl Nidwalden ein durch und durch katholischer Kanton war, hatten die Frauen zunächst mit grossem politischem Widerstand zu kämpfen, denn man befürchtete, dass die Gemeinschaft wirtschaftlich nicht lebensfähig sei und die verarmten Schwestern dann den öffentlichen Kassen zur Last fallen würden. Doch entgegen aller Schwierigkeiten und Widerstände errichteten die Benediktinerinnen auf dem Berg ein Kloster mit Mädchen-Institut, dessen Ausstrahlung weit über die Kantonsgrenzen hinaus reichte. Sie betrieben eine Weberei und Stickerei, eine Kräuterei, in der sie Naturheilmittel produzierten, vor allem aber widmeten sie sich der Ewigen Anbetung. Das heisst, dass im Kloster seit 1857 bis heute ununterbrochen, Tag und Nacht, das Allerheiligste (eine geweihte Hostie, die für die Präsenz von Jesus Christus steht) angebetet wird. Das Internat hatte einen guten Ruf in der gesamten katholischen Schweiz, die Schwestern unterrichteten aber auch mittellose Mädchen aus Nidwalden und ab 1873 die Kinder von Niederrickenbach. Sie engagierten sich im Armenhaus von Wolfenschiessen und gründeten sogar Kloster-Niederlassungen in Amerika. Die Klostergemeinschaft bestand bis in die 1960er Jahre zumeist aus fünfzig bis sechzig Schwestern – danach nahm diese Zahl kontinuierlich ab, da es kaum noch Neueintritte gab. Wegen Nachwuchsmangels wurde das Internat 1981 geschlossen. Heute leben fünfzehn Schwestern im Kloster, die sich der Ewigen Anbetung widmen. Auch die Kräuterei wird weiter betrieben – die Teemischungen aus Alpenkräutern und die Naturheilpräparate werden per Post in die ganze Schweiz und auch ins Ausland versandt.
Skriptorium GmbH
Karin Schleifer
29. Oktober 2016