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Josef Rüttimann, Aesch
Schon vor mehr als zehn Jahren wurde in landwirtschaftlichen Zeitschriften und Zeitungen von drohenden Überproduktionen in der Landwirtschaft gewarnt. Die Befürchtungen sind wahr geworden: Die Milchmenge ist kontingentiert, der Zuckerrübenanbau ist eingeschränkt, ein «Fleischberg» steht im Schweizerland, Obst gibt es im Überfluss, für Stallbauten sind Spezialbewilligungen notwendig, bereits spricht man von einer Kornkontigentierung. Gemüse wird zu Dumpingpreisen eingeführt, wir Bauern können nicht zu solch niedrigen Preisen produzieren usw.
Es spricht für die Anpassungsfähigkeit unserer Bauernsame, wenn versucht wird, auf andere Produktionszweige umzustellen. Man rät uns Bauern, billiger zu produzieren, die Kosten zu senken. Andere empfehlen uns, weniger extensiv zu wirtschaften. Aber wer, ob Bauer oder Nichtbauer, nimmt gerne freiwillig Einkommenseinbussen in Kauf?
Gelände und Klima setzen Futteranbau Grenzen
Es bestände auch die Möglichkeit, vermehrt Futtergetreide anzubauen. Hier machen sich aber klimatische und geländemässige Grenzen bemerkbar. Da und dort versucht man, auf den Anbau von Beeren auszuweichen. In diesem ganzen Zusammenhang muss man die imposanten Tabakfelder sehen, die in den letzten Jahren auch im Seetal angepflanzt worden sind. Der Tabakanbau ist eine der möglichen Alternativen zur herkömmlichen Bewirtschaftung unseres Bodens.
Der Tabak spielt weltweit eine grosse Rolle. Millionen von Menschen sichert er die Existenz, Millionen von Franken fliessen in die Volkswirtschaft. Kolumbus brachte das Kraut aus der Neuen Welt, genauer aus Kuba, nach Europa. Im 16. Jahrhundert kam der Tabak durch die Spanier nach Europa, zuerst als harmlose Zierpflanze und als Heilmittel. Weltliche und geistliche Obrigkeiten verboten den Anbau. Wer sich widersetzte, wurde schwer bestraft. Aber der heimliche Anbau blühte. 1661 reihte die Stadt Bern das Rauchen unter die schwersten Verbrechen ein. Als sich mit der Besteuerung des Tabaks die Staatskassen füllen liessen, änderten sich die Ansichten vieler Regierenden; am vermehrten Tabakkonsum hatten sie bald einmal grösseres Interesse.
Aufwändige Tabakpflege
Dank neuer Sortenzüchtungen wurde der Tabakanbau ab 1968 auch in unserer Gegend möglich. Das Saatgut, das von der eidgenössischen Forschungsanstalt geliefert wird, sät man Mitte März in Kistchen, die mit keimfreier Erde gefüllt sind. Zwei Gramm Samen geben ungefähr 6000 bis 8000 Pflanzen. Drei Wochen nach der Aussaat sind die drei- bis vierblätterigen Keimlinge pikierbereit. Jeder einzelne wird in einen Erdwürfel umgepflanzt.
Für eine Hektare Land werden um 24‘000 Setzlinge benötigt. Die Würfel werden nun in einem Treibhaus auf nassen Torfmull ausgelegt. Nach weiteren vier Wochen haben die Pflanzen die Grösse eines Salatsetzlings. Mit Hilfe einer eigens konstruierten Maschine werden sie nun aufs freie Feld versetzt, meistens erst nach den Eisheiligen, denn sie ertragen keinen Frost.
Dem Wachstum der Pflänzlinge hat der Bauer grosse Beachtung zu schenken. Mit chemischen Mitteln bekämpft er Krankheiten (Blauschimmel, Wildfeuer) und Schnecken. Er muss das Unkraut bekämpfen und regelmässig die Erde lockern.
Mitte Juli ist es soweit: die feinsten Boden- oder Sandblätter können abgelesen werden. Das sind die untersten vier bis fünf Blätter, die an der Spitze leicht gelblich sind. Einen Monat später kommen die grössten und längsten acht Mittelblätter an die Reihe. Bis zum 15. September sollten dann auch die restlichen fünf bis sechs Spitzenblätter geerntet sein. Für all diese Arbeiten wurden bereits Maschinen entwickelt. Die geernteten Blätter werden mit Hilfe einer solchen Maschine zu Girlanden von 60 Blättern aufgefädelt und in einen speziellen Trocknungsraum gehängt.
Während der Trocknungsperiode werden die Blätter täglich kontrolliert. Dabei spielt die Lüftung eine ausschlaggebende Rolle. Die Erfahrung zeigt, dass ganze Ernten durch Fäulnis oder Ersticken zu Grunde gehen können. Langsam vergilben nun die Blätter, sie werden… tabakbraun.
Im Spätherbst und Winter werden 60 bis 80 Girlanden zu Ballen verpackt. Die Tabakpflanzer im Seetal haben ihre Ballen in Sursee abzuliefern. Eine Taxationsgruppe, aus Vertretern der Industrie und der Pflanzer zusammengesetzt, untersucht jede einzelne von ihnen. «Zwei Zehntel, drei Zehntel», rufen hier die Taxatoren. Das bedeutet, dass eine Balle zwei Zehntel Drittklassware, drei Zehntel Zweitklassware und fünf Zehntel Erstklassware enthält. Das sind spannende Momente für den Tabakpflanzer, wurden im Jahre 1979 doch folgende Preise bezahlt: Fr. 4.20 für Drittklassware, Fr. 8.20 für Zweitklassware und Fr. 11.90 für Erstklassware. Wobei man nicht vergessen darf, dass für die Hege und Pflege einer Hektare Tabak ungefähr 1500 Arbeitsstunden aufgewendet werden müssen.
Ein Beitrag an die AHV
Die mit Tabak bepflanzte Fläche in der Schweiz (760 ha) bringt einen Ertrag von ungefähr 2 Millionen Kilo. Das sind aber nur 4, 5% des Tabakverbrauchs in unserem Land. 85% der Schweizerernte wird zu Zigaretten- und der Rest zu Pfeifentabak verarbeitet. 1969 hat der Bund ein neues Gesetz zur Tabakbesteuerung erlassen. Ein Kilo in- und ausländischer Tabak wird mit Fr. 30.– Steuern belastet, d. h. ungefähr 45% des Detailhandelpreises der Tabakprodukte fliesst in die Staatskasse, die damit die AHV ganz wesentlich mitfinanziert, und zwar mit über 500 Millionen Franken jährlich.
Man kann sich fragen, ob der Tabakanbau volkswirtschaftlich und moralisch verantwortbar sei. Da gehen die Meinungen weit auseinander. Ob nun der Tabak im Ausland oder bei uns angepflanzt wird, der Konsum wird genau gleich gross sein. Mit andern Worten: Es wird kaum ein Schweizer zur Zigarette greifen in der Absicht, einheimisches Schaffen zu unterstützen. Uns Bauern ist jedoch mit dem Tabakanbau ein Mittel in die Hand gegeben, der Überproduktion auf anderen Gebieten zu steuern.
Josef Rüttimann (geboren 1940) stammt aus einer alteingesessenen Aescher Familie. Als innovativer Bauer bewirtschaftete er mitten im Dorf einen stattlichen Landwirtschaftsbetrieb. Er engagierte sich als langjähriger Präsident der Korporation Aesch und Präsident des Verwaltungsrates der Raiffeisenbank auch in der Öffentlichkeit. Zwischen 1969 und 1990 hat er mit seiner Filmkamera das Dorfleben in Aesch festgehalten und damit eine interessante Dokumentation geschaffen.