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Geweih ist eine Knochensubstanz, die von Vertretern der Hirschfamilie jährlich abgeworfen wird und sich neu bildet. In der Arktis finden sich vor allem zwei Arten, Elch (Alces alces) und Karibu (Rangifer tarandus). Die domestizierte Form von Karibu heisst Rentier. Das sehr haltbare Material wird bis heute für die Herstellung von Waffen und Werkzeugen verwendet. Zum Beispiel die Griffe von Messern und Messerscheiden, (Abb. 1), Löffel (Abb. 2) und Schneemesser (Abb. 3). Aber auch für die Herstellung von Schmuck (Ohrringe, Lippenpflöcke) und Kunst (Abb. 4). Dabei können ganze Geweihstangen oder aber auch nur einzelne Segmente Verwendung finden.
Archäologische Funde zeigen, dass die Verarbeitung von Geweih durch Menschen eine weit in der Zeit zurückreichende Tradition hat. Wie weit, ist jedoch schwer zu sagen, da sich organisches Material nur unter optimalen Bedingungen über solch lange Zeiträume im Boden erhält. Zudem hat die Besiedlung der Arktis durch Rentiere und Menschen je nach Gebiet zu verschiedenen Zeiten stattgefunden. Während Sibirien bereits vor etwa 27,000 Jahren nördlich des Polarkreises Besiedlungsspuren aufweist, bilden Skandinavien (vor etwa 10,000 Jahren) und Grönland (vor etwa 5,000 Jahren) die Schlusslichter.
Während in Skandinavien und Sibirien für ihre Rentierzucht bekannt sind, waren die Karibus in Nordamerika immer Jagdtiere. In beiden Fällen bewegten sich Menschen jahreszeitlich mit den wandernden Herden. In Skandinavien wurde dies durch die Grenzziehungen der heutigen Staaten immer mehr erschwert. Im 19. Jahrhundert wurde in Alaska ein Versuch gestartet, indigenen Bevölkerungen die Rentierzucht zu lehren. Dafür wurden zuerst benachbarte Tschuktschen aus Nordostsibirien nach Alaska gebracht. Diese traditionellen Feinde der Küstenbevölkerungen von Alaska hatten aufgrund der Animositäten zwischen den Gruppen keinen Erfolg. So wurden dann in den 1890er Jahren in Skandinavien Rentiere und ihre Besitzer angeheuert und nach Alaska gebracht. Obwohl das Projekt nicht sehr erfolgreich war, sind aber unter anderem die Schnitztradition und Werkzeuge der Sami nach Alaska gebracht. Ein Messer der Sami mit Messerscheide aus Rentiergeweih aus der Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen wurde um 1900 in Alaska gesammelt.
Als in den USA 1937 der Reindeer Act verabschiedet wurde, war der Besitz von Rentieren nur noch den indigenen Bewohnern von Alaska erlaubt und die eingewanderten Sami verloren ihre traditionelle Lebensgrundlage. 1997 wurde das Gesetz wieder zurückgenommen und heute ist der Besitz von Rentieren allgemein erlaubt.
Für die Bewohner von Alaska, wo auch der Elch in weiten Teilen vorkommt, hat die Verarbeitung von Karibu- und Rentiergeweih keine sehr grosse Bedeutung. In Sibirien ist Geweih bei Künstlern nur mässig beliebt. Ein Grund ist, dass es im Kunstschaffen nie von grosser Bedeutung war. Vor allem in den Küstengebieten findet Walrosselfenbein Verwendung, weiter im Inland auch Mammutelfenbein. Aufgrund von immer strengeren Artenschutzbestimmungen für den Export von Elfenbein, sieht man seit einigen Jahren die Tendenz des Wandels.
In Skandinavien erfreut sich die Verarbeitung von Geweih, vor allem des Rentieres, auch weiterhin grosser Beliebtheit. Vor allem Messer mit Messerscheiden aus Geweih und Becher aus Birkenholz (Abb. 5) mit Geweihverzierungen sind in Skandinavien begehrte Sammlerobjekte. In Nordkanada findet Karibugeweih verschiedene Verwendungen. Aufgeschnittene Enden werden als Einlagen für Augen verwendet (Abb., 6) teils auch ganze Geweihstücke als Geweih für Karibuskulpturen (Abb.7).
Als sehr stabiler, fester und nachwachsender Rohstoff wird Geweih sich auch weiterhin einiger Beliebtheit erfreuen. Doch während die Elchpopulationen derzeit weltweit recht stabil erscheinen, nehmen die Zahlen der Rentiere und Karibus vielerorts ab. Vor allem durch Eingriffe in die Umwelt, wie jüngst die beschlossen Rodung von Wäldern in Nordschweden, werden die traditionellen Weidegründe und Wanderwege gestört und zerstört. Die Zukunft wird zeigen, ob auch das Geweih der Karibus und Rentiere zukünftig auf den Listen des Artenschutzes geführt werden wird.
Martin Schultz, Museum Cerny