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von Michael Lünstroth, 02.05.2018
Von Michael Lünstroth
Die Szenerie wirkt schräg: Fünf Männer sitzen an einem Tisch, sie haben offensichtlich etwas zu feiern. Schnaps wird gereicht, die Münder sind weit zum Lachen aufgerissen, Zähne blitzen hervor. Einer hat eine Schweinchen-Nase, einer trägt ein Scheichgewand, viele militärischen Orden prangen an uniformierten Brüsten. Im Hintergrund sieht man noch zwei Tauben, die ziemlich gerupft aussehen und zwei weitere Männer, die sich leicht umarmen. Einer mit schwarzer Haut und Rebellenmütze und einer in schniekem Anzug mit Krawatte und weissem Haar. Letzterer ist Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, der Entwickler der gleichsamigen vollautomatischen sowjetischen Waffe.
Das Bild trägt den Titel «Kalaschnikows Geburtstag» und stammt aus dem Pinsel des 2017 verstorbenen tschechischen Malers Boleslav Kvapil. Gemalt hat er es 2001 und es illustriert ein Lebensthema dieses Mannes: Die Macht ist eher selten mit den Guten. Sondern eher mit jenen zwielichtigen Figuren, die er in dem eingangs beschriebenen Werk dargestellt hat. Etliche der sehr bunten, manchmal sehr schrillen Arbeiten von Kvapil sind noch bis zum 10. Juni unter dem Titel «Freiheit, die ich meine» im Kreuzlinger Museum Rosenegg zu sehen.
«Kalschnikows Geburtstag» aus dem Jahr 2001. Bild: Museum Rosenegg
Die Biografie des Malers ist spannend: Er hat den «Prager Frühling» direkt erlebt als Student der Prager Karls-Universität. Kvapil ist hoffnungsfroh und euphorisch über die greifbar scheinenden Reformen hin zu einem Sozialismus mit menschlichem Gesicht. In dieser Zeit arbeitet als auch als Journalist und Karikaturist. Um so enttäuschter ist er als die Truppen des Warschauer Pakets das zarte Aufblühen brutal niederschlagen. 1969 flieht Boleslav Kvapil mit seiner Familie über das damalige Jugoslawien zunähest nach Österreich. Erst ein Jahr später kommen sie in Deutschland an. Den Rest seines Lebens wird der Maler im Hegau verbringen.
Dass sich ein Kreuzlinger Museum nun seiner annimmt hat zwei Gründe. Erstens: Der «Prager Frühling» ist in diesem Jahr 50 Jahre her. Zweitens: Museumsleiterin Yvonne Istas kannte Kvapils Arbeiten noch aus ihrer Zeit im Stockacher Stadtmuseum. «Sein Werk nährt sich aus Erfahrungen von Repression und dem Leben in totalitären Regimen, das fand ich angesichts des Zustands unserer Welt einen interessanten aktuellen Ansatz», erklärt die Museumschefin im Gespräch mit thurgaukultur.ch
Gemeinsam mit der Witwe des Künstlers hat sie die Ausstellung nun auf die Beine gestellt. In mehreren Räumen des Hauses kann man so dem lebenslangen Abarbeiten des Künstlers an Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten zuschauen. Yvonne Istas verortet Kvapil irgendwo zwischen naiver Malerei, neuer Sachlichkeit und Surrealismus. Tatsächlich kann man in einigen Arbeiten durchaus Ähnlichkeiten zu Werken von beispielsweise Salvador Dali erkennen: Die prototypische Darstellung von Figuren, die Verzerrung von Perspektiven, die Kombination von scheinbar nicht Kombinierbarem. «Auf satirische, poetische und malerische Weise befasst sich Kvapil mit allen Spielarten des Allzumenschlichen und regt die Betrachter zum Schmunzeln und Nachdenken an», findet die Museumschefin.
In einem eigenen Zyklus hat sich Boleslav Kvapil zudem mit den Gedankenwelten seines Landmannes Franz Kafka auseinandergesetzt. «Dessen besondere Weltwahrnehmung entsprach seinem Erleben einer chaotischen und schauderhaften Realität», heisst es im Flyer zur Ausstellung. 1993 wurden diese Illustrationen zu Kafkas Tagebüchern in der Kafka-Gesellschaft auf dem Prager Wenzelsplatz ausgestellt. Die Kreuzlinger Schau zeigt aber nicht nur künstlerische Arbeiten, sondern auch Dokumente aus Kvapils Leben und seinem journalistischen und politischen Wirken. Die Haltung, die darin zum Ausdruck kommt korrespondiert mit seinem künstlerischen Schaffen. Die Welt, wie Kvapil sie sah, war kein freundlicher Ort. Überall witterte er Verrat, Verschwörung und Machtmissbrauch. Auch die Einführung des Euro beobachtete er kritisch, er sah darin vor allem eine weitere Kapitalisierung der Welt.
«Memento-Park» aus dem Jahr 2012. Bild: Museum Rosenegg
Seine Bilder zeigen ihn als jemanden, der an seiner Zeit verzweifelt ist. Dazu passen auch die Zitate, die im Saal im Erdgeschoss des Museums auf grosse Fahnen gedruckt sind. In einem heisst es: «Es gibt keine Kraft, die das Geschehene ungeschehen machen könnte, es gibt keinen Trost, der mir das Verlorene wiederfinden könnte, es gibt nur die Gnade der Zeit.»
Die Ausstellung «Freiheit, die ich meine - der Maler Boleslav Kvapil und der Prager Frühling in seinem Werk» ist nich bis zum 10. Juni im Museum Rosenegg zu sehen. Die Öffnungszeiten: Mittwoch 17 bis 19 Uhr; Freitag & Sonntag jeweils 14 bis 17 Uhr. Führungen durch die Ausstellung gibt es am 9. Mai (für Kinder), 15 Uhr, 13. Mai, 15 Uhr, und 6. Juni, 16 Uhr. Mehr: www.museumrosenegg.ch
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