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Gralsbewegung
andere Namen: Gralsbotschaft
Die Gralsbewegung ist das Werk des sächsischen Kaufmanns, Orientreisenden, Poeten und Ordensgründers Oskar Ernst Bernhardt (1875–1941) oder Abd-ru-shin, wie er sich als Ordensgründer auch nannte.
In Bischofwerda als jüngstes Kind eines «Schankwirts» geboren, wäre er eigentlich gerne Pfarrer geworden. Auf Anraten seiner Mutter wurde er Kaufmann und arbeitete zumeist als Teilhaber in verschiedenen kleinen Firmen, zuerst in Dresden, dann in Zürich und Bern. Wahrscheinlich war es seine Gutmütigkeit und die mangelnde Vorsicht bei der Wahl seiner Geschäftspartner, die ihn wiederholt in berufliche Krisen stürzte. Einmal musste er wegen angeblichen Betrugs 13 Monate ins Gefängnis. Einer zweiten Verurteilung in Bern im Zusammenhang mit einem weiteren Konkurs einer seiner Firmen entzog er sich durch Weltreisen und Rückkehr in seine deutsche Heimat.
Die schwierigen Erfahrungen im Geschäftsleben und die innere Stimme führten Bernhardt zur Schriftstellerei. Er publizierte zuerst Reisebücher, verfasste dann verschiedene Romane und erfolgreich inszenierte Theaterstücke. Er verband Schilderungen aus dem Alltag mit dramatischer Handlung und tiefsinnigen Erwägungen. Immer offenkundiger kreisten seine Publikationen auch um letzte philosophische Fragen.
Eine Zeit lang lebte er in New York, 1913 ging er nach England. Von 1915 bis 1919 wurde er in einem Internierungslager für Deutsche auf der Insel Man festgehalten. Sein Sohn starb als Soldat im Krieg. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland heim. Seiner erste Frau Martha, die in Deutschland geblieben war, hatte er sich schon seit seiner ersten grossen Orient-Reise 1900/01 und seit seiner Haft 1902/03 immer mehr entfremdet. Die Ehe wurde aber erst 1924 geschieden.
Seit 1920 sammelte Bernhardt einen Kreis von Gleichgesinnten um sich, zu dem auch Maria Freyer gehörte, die er später heiratete und die ihn sofort als Herold seiner jetzt sich immer breiter entfaltenden Grals-Botschaft akzeptierte und unterstützte. Seine religiösen Abhandlungen veröffentlichte Bernhardt 1925–1930 in den «Gralsblättern.»
Die Gemeinschaft um Bernhardt zog aus Sachsen zuerst nach Bayern und dann 1928 ins Tirol, wo sich auf dem Vomperberg bei Schwaz noch heute die Gralsburg, das Weltzentrum der Bewegung befindet. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland wurde die Gralsburg geschlossen und zu einer Nazi-Ausbildungsstätte umfunktioniert. Bernhardt wurde zum Schweigen verdammt und starb 1941. Die Gralsburg wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der französischen Besatzungsmacht der Witwe von O. Bernhardt zurückgegeben.
Bernhardt verbindet in seiner Grals-Lehre christliches Gedankengut mit gnostisch-esoterischen und modernen Perspektiven zu einer umfassenden Weltanschauung, in der alle wesentlichen Fragen zu einer Antwort finden. Seine weit ausholenden Interessen, sein Sinn für theatralische Inszenierung und für poetische Sprache, seine offenkundige spirituelle Intuition und sein gewaltiges Sendungsbewusstsein geben seiner Botschaft und Bewegung ihr eigenes Gepräge. Verehrung seiner Person wies er zurück. Trotzdem verstand er sich als Abd-ru-shin – ein Name angeblich aus persischen und arabischen Elementen, gedeutet als «Knecht oder Sohn des Lichts» – als der von Christus, dem Gottessohn, verheissene Menschensohn. Der Gottessohn ist seinerzeit als Verkörperung der Gottesliebe gescheitert. Der Menschensohn verkörpert nun den göttlichen Willen und offenbart die volle Wahrheit.
Bernhardt zeichnet eine Welt in Stufen gegliedert. Auf höchster Stufe steht das Göttlich-Wesenlose, das mit einer gewaltigen Strahlung alle darunter liegenden Stufen beschenkt.
Die Gralsburg ist die eigentliche Schleuse, durch die hindurch die göttliche Strahlung sich in die Schöpfung hinunter ergiesst. Der Gral in dieser Gralsburg wird als Schale gedacht, in der göttliche Kraft ununterbrochen wallt. Einmal pro Jahr, am 30. Mai, am Tag der heiligen Taube, am eigentlichen Pfingstfest, erscheint eine Taube über der Schale. Die Schale fliesst über und die göttliche Kraft ergiesst sich abwärts durch das ganze Weltall.
Vom Ursprung her sich ergiessend kühlt sich die Gottesstrahlung immer mehr ab, verdichtet sich und wird zuerst feinstofflich und dann grobstofflich. Nach dem Gesetz der Schwere sinkt das Dichtere und Gröbere immer tiefer nach unten und entfernt sich von der Lichtquelle. Auch in jedem Menschen hat sich ein Geistkeim ins Stoffliche hinuntergesenkt.
Der Geistkeim muss sich nun seiner Geistigkeit bewusst werden und stufenweise zu seinem Ausgangspunkt zurück aufsteigen. Der Verstand des Menschen ist – anders als der Geist – an diese Erde gebunden. Wer sich nur durch den Verstand führen lässt, wird zum «Gehirnkrüppel». Nur wo der Mensch sich durch seinen Geist führen lässt, wo er in seinen Empfindungen mit den Schöpfungsgesetzen mitschwingt, wird der Mensch selber zu einer kleinen Gralsburg. Göttliches Licht fliesst durch ihn in die Welt und findet durch ihn wieder zurück in den Ursprung.
Karmische Belastungen behindern allerdings den Aufstieg, den jeder Mensch selber und aus eigener Kraft antreten muss. Im Jenseits werden wir uns auf genau jener Stufe wiederfinden, die unserer momentanen geistigen Entwicklung entspricht. Von dort aus gilt es die weiteren Stufen emporzusteigen, bis wir zur Quelle, zum Göttlich-Wesenlosen, zurückgefunden haben. Manche Menschen werden wieder auf dieser Erde als Menschen geboren. Das schenkt ihnen die Möglichkeit, Schuld abzutragen.
Diesem gnostischen Aufstiegsmodell entspricht auch das Jesusbild der Bewegung: Für leibliche Auferstehung und Himmelfahrt Jesu ist in dieser Weltanschauung kein Raum. Nur das göttliche Wesen des Gottessohnes kehrte ins Göttlich-Wesenlose zurück.
Die Gralsanhänger versammeln sich in ihren «Lichtstätten» (Andachtsräumen) zu sonntäglichen Andachten, wobei aus der «Gralsbotschaft» Abd-ru-shins vorgelesen wird.
Die Mahlfeier an den besonderen Festtagen wird mit Brot und Wein begangen und bringt den neuen, durch Abd-ru-shin eingesetzten Bund zwischen Gott und dem Menschen zum Ausdruck.
Sog. Gralshandlungen, Trausegen, Ehesegen, Segen für Kinder, resp. Babys, die sog. Versiegelung als ausdrückliches Bekenntnis zur Gralsbewegung und Beisetzung von Verstorbenen begleiten das Leben des Bekenners oder des Freundes der Bewegung.
Die Versiegelten erhalten ein Silberkreuz. Durch «Berufung» werden Silberkreuzer zu Goldkreuzern. Durch «Erwählung» werden Goldkreuzer zu «Jüngern», die Edelsteine in ihren Gralskreuzen tragen.