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Was wissen wir über das Dasein unserer Grosseltern oder Urgrosseltern, über Ihren Werdegang, über ihre Freuden und Sorgen? Vielleicht sind sie ja noch unter uns. Dann können wir sie jederzeit fragen was uns interessiert. Bei mir ist das leider zu spät. Selbst meine Grosseltern wurden allesamt gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren und sind längst verstorben. Wie gerne würde ich mich heute mit ihnen unterhalten über ihre Jugendzeit, über Erlebnisse und Erfahrungen aus ihrem Leben.
Mit jeder neuen Generation werden die Erinnerungen an die Vorfahren – schöne und weniger schöne - schwächer, sofern nicht schriftliche Aufzeichnungen aus ihrem Leben vorhanden sind. Gelegentlich wurden und werden auch bewusst Dinge verschwiegen, die nicht in das gängige Bild einer glücklichen und harmonischen Familie passen. Das bleibt dann ein Geheimnis.
Das trifft auch zu auf einen entfernten Cousin, den ich per Zufall kennengelernt habe. Mit dem gemeinsamen Familiennamen Amsler und dem gemeinsamen Heimatort Bözen ist es naheliegend, das wir Verwandte sind. Weil er sich für die Familiengeschichte interessierte, liess ich es mir nicht nehmen, meine Unterlagen durchzukämmen und nach irgendwelchen interessanten Hinweisen zu seinem Zweig der Familie zu suchen. Im ersten Familienregister der Gemeinde Bözen wurde ich fündig.
Kaspar Amsler wandert 1864 aus nach Amerika
Sein Urgrossvater war Kaspar Friedrich Amsler, geboren am 27.4.1863, verstorben am 10.12.1914.
Der Eintrag im ersten Familienregister von Bözen enthält aufschlussreiche Informationen. Die Eltern von Kaspar Friedrich Amsler sind Kaspar Amsler und Maria Peter.
Sie heiraten am 10. Februar 1863, 10 Wochen vor der Geburt des ersten Kindes Kaspar Friedrich.
Die nachträglichen Bemerkungen im Familienregister verraten uns, dass die Ehe von Kaspar und Maria unter keinem guten Stern stand. Am 16. April 1864 wanderte der junge Vater nach Amerika aus, ein Jahr nach der Heirat. 1867 erfolgte dann die gerichtliche Scheidung mit dem Vermerk: Wartezeit für den Mann zur Wiederverheiratung 1 ½ Jahre, für die Frau 1 Jahr.
Die verlassene Maria Peter
Maria Peter und der kleine Kaspar Friedrich blieben zurück in der Schweiz. Die verlassene Ehefrau ersuchte die Gemeindebehörde um Hilfe. Im Protokoll des Bezirksgerichtes Brugg vom 30. Juni 1865 wurde die Gemeinde Bözen zu einem Ediktalruf ermächtigt. Es handelte sich dabei um eine Vermisstmeldung für Kaspar Amsler, die im Amtsblatt publiziert wurde. Ob dieser Aufruf bis nach Amerika drang, ist nicht bekannt.
Bald darauf verlangte Maria die Scheidung. Auf Begehren der Ehefrau beschloss das Bezirksgericht am 18. Januar 1867, dass „der Bund der Ehe aufgelöst sei“. Der kleine Friedrich Kaspar wurde der Mutter zur Erziehung zugesprochen. Der beklagte Ehemann musste die Gerichtskosten übernehmen, das Frauengut herausgeben, und er wurde zur Zahlung eines jährlichen Alimentbetrages von Fr. 75.- verpflichtet.
Die geschiedene Maria kehrte zurück in ihre Heimatgemeinde Othmarsingen. Zuerst wohnte sie wohl wieder bei ihren Eltern, Heinrich Peter, von Beruf Mühlewagner, und Susanne Frey. Zum Glück fand sie bald einen neuen Lebenspartner. Ein Jahr nach Ablauf der gesetzlichen Wartefrist heiratete Maria am 21. Januar 1868 den um 7 Jahre älteren Witwer Hans Jakob Suter aus Aesch bei Birmenstorf. An der Hochzeit war die Braut hoch schwanger. Nur drei Wochen später wurde Johann Jakob getauft. Ein Jahr später folgte ihm Schwesterchen Anna.
Friedrich Kaspar Amsler wuchs also mit seinen Stiefgeschwistern in Othmarsingen auf und vermählte sich 1895 im Alter von 32 Jahren mit Albertini Rüegger.
Die beiden gründeten eine Familie und tauften 4 Kinder. Wären sie noch am Leben, könnten sie stolz sein auf eine erfreuliche Schar von Gross- und Urgrosskindern.
Dass der 1840 geborene Kaspar Amsler kurz nach der Geburt seines Sohnes nach Amerika auswanderte, ist den heute in der Schweiz lebenden Nachkommen nicht mehr gegenwärtig.
Vermutlich gab es weder Post 1) vom Auswanderer noch erfolgten Zahlungen für die Alimente und für die Gerichtskosten der Scheidung. Auf jeden Fall hatte die vom Ehemann verlassene Maria Peter kein einfaches Schicksal. Der Schmerz und die Schande der gescheiterten ersten Ehe sollten wohl den nachfolgenden Generationen erspart werden und wurden deshalb verschwiegen.
Und so wusste auch niemand Bescheid über die „zweite“ Familie, die Kaspar in Amerika gründete und über seine dortigen Nachkommen…
Kaspar Amsler, Metzger in Albany
Der Auswanderer Kaspar Amsler verliess seine Familie im Aargau und fand sein Glück in der Neuen Welt. Dank den umfangreichen Datenbanken, die uns heute im Internet zur Verfügung stehen, finden sich zahlreiche Spuren von Einwanderern in den USA. Ich verwende unter anderem ancestry.de, eine Plattform, die eine grosse Vielfalt von verschiedensten Datenquellen für Genealogen anbietet. So ist auch ist die Einsicht in eine grosse Anzahl von privaten Stammbäumen möglich. Zugang zu diesen Informationen erhält man allerdings nur gegen Bezahlung. So habe ich denn auch den Auswanderer Kaspar gefunden anhand von Ankunftsdaten und Volkszählungen.
Die Ankunftsdaten der Einwanderer in Amerika sind auf Mikrofilm gespeichert und wurden nicht nur digitalisiert, sondern auch vollständig indexiert. Sie sind somit auf der Webseite recht einfach auffindbar.
Das Ankunftsdatum von Kaspar (Caspar) Amsler sowie das Alter von 24 Jahren entspricht den Aufzeichnungen auf Seite 319 im Familienregister in Bözen. Er ist am 16. April 1864 ausgewandert und kam in Ellis Island am 23. Juni 1864 an.
Kaspar war einer von 178 Passagieren auf der «Amalie», die von Antwerpen ablegte. Obwohl der eine oder andere Passagier als Schweizer aufgelistet wurde, registrierte man Kaspar Amsler bei der Ankunft fälschlicherweise als Deutscher Bürger.
In den Vereinigten Staaten von Amerika wird seit 1790 alle zehn Jahre eine Volkszählung durchgeführt, der „United States Census“. In der Datenerhebung von 1880 findet sich die nächste Spur. Caspar Amsler ist nun 40 jährig und wird aufgeführt als „sausage maker“, also als Metzger. Er ist verheiratet mit Wilhelmina, geboren um 1851, und hat 6 Kinder im Alter von eins bis acht Jahren.
Wir kennen auch seine Adresse: Elk Street 144, Albany, New York. Einige seiner Nachkommen leben heute noch in dieser Gegend.
Derselbe Kaspar Amsler ist in einem Stammbaum auf ancestry.com erfasst. Dieser wurde publiziert von einer entfernten Cousine in den USA. Dank ihren Nachforschungen ist dieser Teil der Familiengeschichte gut erforscht und dokumentiert. Der Kontakt mit ihr ist ebenfalls über die Plattform von ancestry.com zustande gekommen. Sie hat mir liebenswürdigerweise die Daten aus ihren Nachforschungen zukommen lassen:
Sie war überrascht zu erfahren, dass ihr Urgrossvater, der aus der Schweiz eingewandert war, dort eine geschiedene Frau und einen Knaben zurückgelassen hatte. Auch hier in den USA wurde dieser Teil der Familiengeschichte nicht überliefert und blieb ein Geheimnis.
Heute jedoch überwiegt die Freude über die neu entdeckten Verwandten in der Schweiz. Wir hoffen beide, dass wir uns in bald in der Schweiz oder in den USA treffen können. Unsere Familie ist grösser als wir ahnen.
1) das Beitragsbild ist eine Postkarte von Bözen, datiert 1905 – aus dem Privatarchiv von Peter Brack