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Vor der Abstimmung zur Eingemeindung Strättligens platzierten die Gegner dieses Inserat im «Tagblatt der Stadt Thun». Mit der Zustimmung zur Vorlage schaufelten sich die Thuner aber mitnichten ihr Grab, sondern sicherten sich eine Goldgrube. Auf dem Gebiet Strättligen entstanden Wohnquartiere nicht nur für die Arbeiterschaft, sondern ebenso für die Mittel- und Oberschicht, hier siedelten sich erfolgreiche Gewerbe- und Industriebetriebe an und nicht zuletzt war auf der weiten Ebene genug Platz vorhanden für Sportanlagen wie Strandbad, Lachenstadion und Stockhorn Arena.
Die heutige Gemeinde Thun war bis ins 20. Jahrhundert in die Gemeinden Thun, Strättligen und Goldiwil geteilt. Hier wohnten um 1900 insgesamt rund 10200 Personen, davon 59 Prozent in Thun, 30 Prozent in Strättligen und 11 Prozent in Goldiwil. Die Stadt besass nur wenig Umland, das zudem fast zur Hälfte Militärgebiet war. Die Gemeinde Strättligen befand sich südwestlich von Thun auf der Schwemmebene der Kander, wo der Boden zum Teil nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt war und vorwiegend als Weideland diente. Dort, wo der Fluss mit Schwemmpartikeln aufgefüllte Runsen hinterlassen hatte, eignete er sich auch für Ackerbau. Goldiwil war durch den Grüsisbergwald zweigeteilt: «Goldiwil nid dem Wald», wo die Mehrheit der Gemeindebevölkerung lebte, bildete eine kleine Vorstadt von Thun und umfasste das Gebiet Lauenen-Hofstetten, welches sozioökonomisch eng mit der Stadt verbunden war und sich zur Hotelmeile entwickelt hatte. «Goldiwil ob dem Wald» hingegen war landwirtschaftlich geprägtes, voralpines Hügelland, das auf fast 1200 Meter über Meer hinaufreichte.
1869 begann Thun mit dem Bau der Wasser- und Energieversorgung. Um Goldiwil anzuschliessen, war eine enge Zusammenarbeit der Gemeinden nötig. Die Thuner schlugen 1903 eine Gemeindefusion vor, was die Goldiwiler an ihrer Gemeindeversammlung ablehnten. Ausschlaggebend waren die Stimmen der Goldiwiler, die «ob dem Wald» lebten, weil sie von der Eingemeindung nicht direkt profitiert hätten und ihre ländliche Identität in Gefahr sahen. Einige Jahre später wurde die Fusion jedoch auf Initiative der Goldiwiler hin erneut diskutiert, denn sie hatten sich unterdessen vor allem mit dem Bau der eigenen Wasserversorgung stark verschuldet. Thun zeigte sich weiterhin interessiert, doch in beiden Gemeinden gab es Opposition: Viele Goldiwiler «ob dem Wald» hielten an ihren früheren Vorbehalten fest, und die Thuner Sozialdemokraten fanden es unnötig, das bürgerlich dominierte Goldiwil auf Kosten der Thuner Steuerzahler zu sanieren. Die Befürworter betonten die Berührungspunkte der beiden Gemeinden wie die gemeinsame Kirchgemeinde oder die Stadtnähe des Gebiets «nid dem Wald». Sie setzten sich mit ihren Argumenten durch; beide Gemeinden akzeptierten die Eingemeindung auf den 1. Januar 1913.41
Die Stimmbürger von «Goldiwil ob dem Wald» konnten sich schlecht mit der Eingemeindung anfreunden. Selbst den zweiten Anlauf lehnten sie 1912 mehrheitlich ab, wurden aber von den Goldiwilern «nid dem Wald» überstimmt. Allerdings profitierte auch das Dorf Goldiwil stark von der Gemeindefusion: Es erhielt eine selbständige Schulgemeinde und 1950 eine eigene Kirche.
Die Fotografie zeigt den Glockentransport nach Goldiwil vom 25. März 1950. Die festlich geschmückten Fuhrwerke befinden sich noch im Gebiet Lauenen, der lange Anstieg ins Dorf Goldiwil steht kurz bevor.
In Strättligen waren seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auf den stadtnahen Gebieten Häuser für Arbeiterinnen und Arbeiter der Militärbetriebe und der Thuner Industrie entstanden. Bis 1918 entrichtete man im Kanton Bern die Steuern nicht am Wohnort, sondern dort, wo man arbeitete. Für die Gemeinde Strättligen bedeutete dies, dass sie wegen der Bevölkerungszunahme neue Schulen, Strassen und eine Wasserversorgung bauen musste, die meisten Einwohnerinnen und Einwohner die Steuern aber in Thun bezahlten. Damit geriet Strättligen in eine gravierende finanzielle Schieflage und nahm deshalb 1915 Fusionsverhandlungen mit Thun auf. Diesmal befürworteten die Thuner Sozialdemokraten die Eingemeindung, weil sie hofften, dass die Strättliger Arbeiter die SP stärken würden. Viele Bürgerliche teilten die Befürchtung und warnten, dass die Integration der armen Nachbargemeinde höhere Steuern zur Folge hätte. Doch Strättligen besass etwas, was der Stadt abging: eine riesige Baulandreserve. Vor allem deshalb akzeptierte das Thuner Stimmvolk die Eingemeindung auf den 1. Januar 1920 mit einer Mehrheit von 56 Prozent. Die Begeisterung der Strättliger über die Vorlage, die sie aus der misslichen finanziellen Lage befreite, war weit grösser: Hier betrug die Zustimmung satte 83 Prozent.42