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Aus Langeweile über die Art des Vorlesens gingen die Leute immerfort einzeln
weg, mit einem Eifer, als ob nebenan vorgelesen werde.
Franz Kafka
Bis zu diesem Moment war es eine Lesung wie alle andern gewesen. Die Lampe am Lesetisch blendete nicht, ein Glas mit Wasser stand bereit, und im Publikum sassen, wie das eigentlich immer der Fall ist, sehr viel mehr Frauen als Männer.
(Irgendwann einmal wird ein Soziologe ein dickes Buch darüber schreiben, warum Frauen zu Lesungen gehen und Männer zum Fussball. Und ob das auch so ist, wenn Pedro Lenz aus „Der Goalie bin ig“ vorliest.)
Auch ich selber fühlte mich ganz gut in Form, die Zuhörer schienen aufmerksam, und soweit ich sehen konnte war noch niemand eingeschlafen.
(Es schläft bei Lesungen eigentlich fast immer jemand ein. Meistens sind es ältere Männer und nur ganz selten Frauen. Auch das ein Fall für den Soziologen.)
Und dann, mitten in einem Kapitel, stand in der dritten Reihe ein Mann auf und bahnte sich an den Knien seiner Nachbarinnen vorbei einen Weg zum Ausgang. Er tat es, wie mir schien, nicht etwa schüchtern oder verlegen, sondern mit wilder Entschlossenheit, genauso, wie es Franz Kafka geschildert hatte: als ob nebenan vorgelesen werde.
Es wurde nebenan aber nicht vorgelesen. Nebenan war nur die Garderobe.
Und seither überlege ich: Was war da passiert? Hatte ihn seine Frau trotz heftigen Widerstandes zu meiner Lesung geschleppt, und er war pünktlich um acht Uhr einundzwanzig zum Schluss gekommen, sich doch lieber scheiden zu lassen, als mir noch länger zuzuhören? War er von dem Buch, aus dem ich vorlas, enttäuscht, weil darin weder Flip noch Tante Martha vorkam und auch sonst keine Figur aus „Fascht e Familie“? Erinnerte ihn das Timbre meiner Stimme an den Primarlehrer, der ihn damals eine Klasse hatte wiederholen lassen?
Oder, um die Sache positiver zu sehen: War er vielleicht ein berühmter Chirurg, und sein diskret vibrierendes Handy hatte ihm gerade mitgeteilt, das lang erwartete Spenderherz sei nun endlich eingetroffen?
Ich werde es nie erfahren.
Um ein Geständnis abzulegen: Ich bin, vor allem bei Theatervorstellungen, auch schon selber vor dem Ende aus dem Saal verschwunden. Aber ich habe doch immerhin jedes Mal bis zur Pause gewartet. Darum, hihihi, macht man bei Lesungen ja auch keine Pause.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28. Mai 2017,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«