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Wie sich Amerika auseinandergelebt hat
Republikanische und demokratische Wählerinnen lebten bis in die 1970er-Jahre nah beieinander. Doch das «purpurne» Amerika löst sich zusehends auf – in ein räumlich getrenntes Nebeneinander von knallroten bis tiefblauen Wahlbezirken.
Von Simon Schmid, 16.11.2020
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Als die Menschen in Philadelphia am Samstag vor einer Woche auf der Strasse zu tanzen begannen, war klar: Donald Trump hatte die Präsidentschaftswahl verloren – symbolisch und arithmetisch.
Dank der vielen Stimmen aus der grössten Stadt in Pennsylvania war es Joe Biden gelungen, den Bundesstaat auf seine Seite zu ziehen – und damit auch die Wahlen für sich zu entscheiden. 80 Prozent der Wähler in Philadelphia hatten sich für Biden entschieden, den demokratischen Herausforderer. Nur 20 Prozent hatten für Trump gestimmt, den republikanischen Amtsinhaber. Nicht zuletzt deshalb kommt es im Weissen Haus nun zu einer Ablösung.
Doch das Ergebnis in Philadelphia, der Stadt, in der einst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet worden war, macht noch etwas anderes klar: An manchen Orten in Amerika wird extrem einseitig gewählt.
Nichts zeigt dies deutlicher als ein Blick auf die Landkarte mit den Wahlresultaten. Nicht auf die Karte mit den fünfzig Bundesstaaten – nein, auf jene mit gut dreitausend Verwaltungsbezirken, den sogenannten Countys.
Auf dieser Karte sieht man einerseits Cluster von grossen, blauen Punkten. Das sind die (nach Wähleranzahl skalierten) Countys, in denen die Städte an der Küste sowie um die grossen Seen liegen, die überwiegend demokratisch wählen: Boston, New York, Los Angeles, Chicago. Und andererseits ist ein Meer aus roten Farbtupfern sichtbar, die weitflächig übers Landesinnere verteilt sind. Das sind die vielen ländlichen, republikanisch geprägten Countys.
Violett, also gleichmässig auf beide Parteien verteilt, sind daneben nicht allzu viele Gegenden. Zu einem gewissen Teil zählt vielleicht Florida dazu (der Archipel im Südosten), daneben Minnesota (im nördlichen Zentrum) oder Arizona (im Südwesten). Das «purpurne Amerika» – ein durchmischtes Gebiet, in dem beide Parteien zu Hause sind – existiert nirgends wirklich.
Viele Kommentatorinnen haben anlässlich der Präsidentenwahlen vom 3. November auf diese Tatsache hingewiesen. Die USA seien so stark gespalten wie noch nie, sagte etwa der Politologe Ian Bremmer im Interview mit der Republik. Das «Time Magazin» schrieb: Die Vereinigten Staaten seien «tief polarisiert».
Und selbst der angehende Präsident sagte in seiner Siegesrede, die Nation müsse jetzt «heilen». Amerika müsse wieder ein vereintes Land werden, in dem sich politische Fraktionen nicht als Feinde gegenüberstünden.
Um zu verstehen, was Joe Biden meint, spulen wir die Zeit um ein paar Jahrzehnte zurück.
Blicken wir ins Jahr 1976, als Joe Bidens Karriere gerade erst begonnen hatte. Ähnlich wie heute gelang damals dem demokratischen Herausforderer, Jimmy Carter, ein knapper Sieg über den republikanischen Amtsinhaber Gerald Ford.
Anders als heute war das Stimmvolk im Jahr 1976 aber noch recht homogen übers Land verteilt. Reiht man die damaligen Countys auf einer Achse von links nach rechts ein – je nachdem, wie stark sie zu den Demokraten oder zu den Republikanern neigten –, so ergibt sich eine ballonartige Verteilung rund um das Zentrum. Viele Verwaltungsbezirke, auf dem Land ebenso wie in der Stadt, waren damals tatsächlich noch purpur. Differenzen von mehr als 40 Prozentpunkten (also Ergebnisse, bei denen eine Partei im Verhältnis von 70 zu 30 Prozent oder noch deutlicher gewann) kamen praktisch nicht vor.
Auffällig an den Ergebnissen von 1976 sind insbesondere auch die kleinen, blauen Punkte am linken Rand. Es sind Wahlbezirke im Süden – in Georgia, Tennessee, Arkansas. Das ist aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, war damals aber Tatsache: Jimmy Carter gewann die Wahl in den Südstaaten deutlich. Und zwar nicht nur dank Wählerinnen aus Städten wie Atlanta – wie Joe Biden dieses Jahr – sondern auch dank grossem Support auf dem Land.
Bereits vier Jahre später wurde Carter jedoch aus dem Amt gedrängt – vom Republikaner Ronald Reagan, der in einem Erdrutschsieg mehr als 90 Prozent aller Elektorenstimmen errang. Unter ihm und seinen Nachfolgern, George Bush sen. und Bill Clinton, sollten sich die Vereinigten Staaten tiefgreifend verändern – wirtschaftlich, mit dem Einzug von Digitalisierung und Globalisierung; und geografisch, mit der Renaissance der urbanen Zentren.
Im symbolträchtigen Jahr 2000 kam es in den USA erneut zu einer äusserst knappen Präsidentenwahl. George W. Bush, Sohn des vormaligen Präsidenten George Bush, setzte sich dabei gegen den Demokraten Al Gore durch. Wenige hundert Stimmen im Bundesstaat Florida machten damals den Unterschied zugunsten des Republikaners.
Doch obwohl das Rennen ähnlich eng verlief wie 1976, hatte sich die politische Landkarte seit Jimmy Carters Sieg stark verändert. Sämtliche Südstaaten, die einst demokratisch gewählt hatten, gingen 2000 an die Republikaner. Auch im restlichen Landesinnern holten sie satte Mehrheiten.
Umgekehrt wurden die Städte zunehmend zu demokratischem Territorium. Los Angeles, der einwohnerstärkste Verwaltungsbezirk der USA, hatte 1976 noch ausgeglichen für die beiden Parteien gewählt. Im Jahr 2000 lagen die Demokraten in Los Angeles mit 63 zu 32 Prozent vorn (die Stimmen des grünen Kandidaten Ralph Nader dazugezählt, wäre es sogar noch deutlicher gewesen). Der Stadt-Land-Gegensatz, den wir heute in den USA beobachten, hatte zur Jahrtausendwende also bereits Gestalt angenommen.
Auffallend ist an der Verteilung von 2000 auch, dass sie insgesamt flacher ist als noch 1976. Die gut dreitausend Countys formen nun keinen Ballon mehr, sondern eine Art Auge. Zu beiden Seiten der violetten Mitte sammeln sich blaue und rote Punkte. Und eine ganze Reihe von Verwaltungsbezirken stimmt mit einem Abstand von 50 Prozentpunkten und mehr für eine der beiden Parteien.
Noch mehr Ergebnisse dieser Art tauchen auf bei einer Rückkehr in die Gegenwart – zur Wahl, die vor knapp zwei Wochen abgehalten wurde. Die Verteilung ist nun noch flacher geworden: Das «Auge» wurde zu einer Art Tannzapfen zusammengequetscht, mit einer ausgedünnten Mitte und einem Spektrum, das von extrem demokratisch zu extrem republikanisch reicht.
Die Stadt Los Angeles stimmt inzwischen mit 71 zu 27 Prozent demokratisch. In und um Washington D.C. liegen die demokratischen Wähleranteile sogar um 90 Prozent. Und in Philadelphia, wie eingangs erwähnt, bei mehr als 80 Prozent.
Gerade einmal drei Autostunden westlich von Philadelphia, in Fulton County (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Verwaltungsbezirk in Georgia, der bei dieser Wahl grosse mediale Beachtung fand), stimmten dagegen mehr als 80 Prozent für Donald Trump. Sogar fast 100 Prozent waren es in Roberts County – einem Viereck im nördlichen texanischen Niemandsland. Nur eine Handvoll Stimmen gingen dort für Joe Biden ein.
Bemerkenswert: 1976, als der frisch gewählte Präsident gerade seine erste Amtszeit im Senat verbrachte, hatten die Demokraten in diesem County im konservativen «Herzland» immerhin ein Drittel der Stimmen geholt. Das zeigt, wie weit die USA in dieser Zeit auseinandergedriftet sind – und wie sehr die sozialen und ökonomischen Kämpfe, die im neuen Jahrtausend mit noch höherer Intensität geführt werden, dem politischen Gefüge zugesetzt haben.
Wenn sich Joe Biden nun anschickt, seine Landsleute zu versöhnen, hat er also einen weiten Weg vor sich. Denn viele Republikanerinnen und Demokraten bewegen sich nicht nur auf Facebook, Twitter und Whatsapp in ihren eigenen Blasen. Sie leben auch physisch zunehmend voneinander entfernt.
Wie unter diesen Umständen ein grösseres Verständnis für die Lebenswelt des politischen Gegenübers entstehen soll – wenn sich republikanische und demokratische Wählerinnen nicht einmal mehr beim Einkaufen im Supermarkt über den Weg laufen – ist offen. Die segregierten Countys von Amerika werden aller Voraussicht nach nicht so rasch wieder zueinanderfinden.
Wahldaten auf der County-Ebene sind in den USA nicht ganz einfach verfügbar. Für den vorliegenden Beitrag sind wir einerseits beim «US Election Atlas» fündig geworden (1976). Dieser bietet Daten kostenpflichtig zum Download an. Für die Jahre 2000 bis 2016 hat die Universität von Harvard eine Datenbank aufbereitet. Die aktuellen Wahldaten stammen von der Website der «New York Times».