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Zur selben Zeit wie Margot Ruben und Margarete Wittkowski studierte auch Fanny Ginor (geb. Dulberg) in Basel. Ob und wie die drei Frauen deutsch-jüdischer Herkunft miteinander in Beziehung standen, wissen wir nicht; immerhin legten sie ihre Promotionsexamina 1934 fast zeitgleich bei Edgar Salin ab. Ginor hatte an der Universität Frankfurt und der LMU in München Nationalökonomie studiert und dort die Veranstaltungen von Alfred Weber besucht, dem Doktorvater Salins. Durch das Amt als Vorsitzende der zionistischen Studentenverbindung in München exponierte sich Ginor öffentlich und war somit besonders gefährdet während der NS-Machtdemonstrationen an der LMU. Obwohl jüdische Studierende noch nicht vom Studium ausgeschlossen waren und Ginor bereits die Zusage eines Professors hatte, sie bei ihrer Promotion zu betreuen, verliess sie Deutschland noch vor der endgültigen Machtergreifung fluchtartig und nahm ihre Studien in Basel wieder auf. Allerdings ohne grosse Begeisterung, da sie ein tieferes wissenschaftliches Niveau befürchtete - Salins Veranstaltungen besuchte sie dann aber mit grossem Interesse. Ihre Dissertationsschrift, eine theoretische Abhandlung des Wirtschaftsimperialismus, verfasste Ginor bei ihm und Ritschl. Salins originelle Vorlesungen bereicherten ihr Studienjahr in Basel, aber auch der intellektuelle Austausch mit zahlreichen KommilitonInnen aus Deutschland - die meisten von ihnen jüdisch, viele in sozialdemokratischen oder kommunistischen Verbindungen zusammengeschlossen. Im Anschluss an ihre Promotion im Mai 1934 emigrierte Ginor nach Israel und nahm in Tel Aviv eine Arbeit in einer Bank auf.
Fachkorrespondenz zwischen Tel Aviv und Basel
Ihre eigentliche Berufslaufbahn begann 1943, als Ginor eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei David Horowitz in der Jewish Agency in Tel Aviv und später im Finanzministerium erhielt und fortan die Regierung in sozioökonomischen und finanzpolitischen Fragestellungen beriet. Als Delegierte Israels und wirtschaftliche Beraterin hatte sie Einsitz in der UNO-Generalversammlung und nahm wiederholt an Konferenzen in Europa und den USA teil. In Israel arbeitete sie seit 1954 als Beraterin für die Bank of Irsael und konnte nebenberuflich am sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Tel Aviv unterrichten. Schliesslich erhielt sie 1966 eine Stelle als Senior Lecturer und 1971 ein Extraordinariat; 1978 wurde sie emeritiert und blieb freiberuflich in der Forschung tätig.
Entgegen dem damaligen Kanon der israelischen Wirtschaftswissenschaften blieb Ginor dem sozialwissenschaftlichen Verständnis der Ökonomie verpflichtet, wie sie es von Alfred Weber und Edgar Salin kannte. In den 1970er Jahren arbeitete sie an einer grossangelegten Studie zu sozioökonomischen Disparitäten in Israel und rückte insbesondere die Erwerbsarbeit von Frauen und die ökonomischen Ungleichheiten zwischen der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung in den Fokus. Die Korrespondenz im Nachlass Edgar Salins belegt, dass Ginor zumindest während der Arbeit an dieser Studie in regelmässigem Kontakt mit ihm stand. Sie liess Salin ihre Manuskripte Korrektur lesen und verarbeitete die Ergebnisse ihrer Fachkorrespondenz in der Studie, die 1979 erschien und zu einem wichtigen Lehrbuch an den israelischen Universitäten wurde.
Die israelische Wirtschaft im Fokus der Basler Nationalökonomie
Salin selber stand mit diversen Vertretern des israelischen Banken- und Universitätswesens im Austausch, etwa mit Yacoov Bach von der General Mortage Bank oder mit Rudolf Bloch von der Negev University, aber auch mit Ginors langjährigem Vorgesetzten David Horowitz. Die Wirtschaft Israels zeige exemplarisch, dass ökonomische Aspekte nicht unabhängig von politischen, demographischen und sozialen Gesichtspunkten betrachtet werden können. In zahlreichen Promotionen unter der Betreuung Salins entstanden in Basel Studien über die israelische Ökonomie und Gesellschaft; so verfasste etwa der ehemalige Rektor und Doktorand Salins, René L. Frey, eine Dissertation über den Strukturwandel in der israelischen Wirtschaft.