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AMERICAN FOOTPRINTS
AARON COPLAND (1900 – 1990)
Appalachian Spring
AARON COPLAND
Konzert für Klarinette, Klavier, Harfe und Streicher
PHILIP GLASS (*1937)
Mishima
BERNARD HERRMANN (1911 – 1975)
Psycho
JOHN ZORN (*1953)
Kol Nidre
OSVALDO GOLIJOV (*1960)
Last round
Mitten im zweiten Weltkrieg beauftragte die amerikanische Tänzerin und Choreografin Martha Graham den Landsmann Aaron Copland, ein Ballett zu schreiben. Ihre Vision: ein mythisches Bild des amerikanischen Pionierlebens. Copland, der wenige Jahre zuvor mit den Balletts Billy the Kid und Rodeo Bekanntheit erlangt hatte, war ebenso wie Graham auf der Suche nach einer amerikanischen Musik-Identität , losgelöst von der europäischen Tradition. Und er schafft mit dem Ballett Appalachian Spring, wie der Musikkritiker Alex Ross schreibt, „das Bild einer idealen Nation, eines Amerikas, wie es hätte sein können oder noch immer werden kann“. Da treffen in den Hügeln Pennsylvanias ein Bräutigam und eine Braut aufeinander, feiern und tanzen mit der Hochzeitsgesellschaft. Verunsicherung über die Zukunft wirft einen Schatten auf die Idylle. Nach fünf Variationen über die Shakermelodie „Simple Gifts“ wird das Paar ruhig und stark in seinem neuen Haus allein gelassen, wie Copland schreibt.
Durch eine sorgfältige Orchestrierung und Anklänge an die amerikanische Folk-Tradition lässt das Ballett die Lebensweise der Pioniere des 19. Jahrhunderts aufleben, ohne banal oder kitschig zu wirken. Dafür erhält Copland 1945 den Pulitzer-Preis für Musik.
Kantigere Fussspuren hinterlässt sein zweites Stück, dessen Titel so gar nicht Jazz-Elemente vermuten lässt: Konzert für Klarinette, Klavier, Harfe und Streicher. Und doch – die Komposition entstand 1947-1949 im Auftrag des Jazz-Klarinettisten Benny Goodman und kostete diesen 2000 Dollar. Die Zusammenarbeit gestaltete sich, wie Goodman schreibt, harmonisch. Allerdings überstiegen einige hohe Noten am Ende des zweiten Satzes Goodmans Fähigkeiten. Im Manuskript steht denn auch mit Bleistift: „too difficult for Benny Goodman“.
Aus einer tatsächlich nicht nach Jazz klingenden Welt scheint der erste Satz zu kommen, von dem Copland meinte, dass er alle zu Tränen rühren werde. Die lyrische Melodie der Klarinette vermischt sich mit den weiten Streicherakkorden zu einem bittersüssen Klang, welcher jäh von einer eigenwilligen ausgeschriebenen Kadenz unterbrochen wird. Ohne Pause schliesst der zweite Satz an die Kadenz an. Dieser steckt voller virtuoser Jazz-Themen, leichtfüssig begleitet durch Klavier, Harfe und Streicher. Letztere lässt Copland perkussiv spielen, in dem er sie u.a. anweist, mit dem Holz des Bogens leicht auf die Saiten zu schlagen. Hier scheinen die Grenzen zwischen Jazz und klassischer Musik überwunden.
Wo Coplands Musik, wie Ross schreibt, die sepiabraune Prärie erklingen lässt, da erinnert die Minimal Music an eine „Autofahrt durch leere Wüstenlandschaften, und die Wiederholungsschichten spiegeln die Veränderungen, die das Auge wahrnimmt – vorbeihuschende Strassenschilder, ein Gebirgszug, der sich am Horizont verschiebt, unter den Füssen der Orgelpunkt des Asphalts“ (Ross). Das ist Musik, wie sie z.B. Steve Reich oder Terry Riley schreiben, mit einer vereinfachten harmonischen Sprache, gleichmässigem Takt, einer Tonalität ohne Nostalgik. Und es ist die Musik, welche Philip Glass für die biografischen Retrospektiven im Film ’Mishima’ des Regisseurs Paul Schrader komponiert hat. Dieser erzählt die Geschichte des japanischen Schriftstellers und Polit-Aktivisten Mishima Yukio, die tiefe Spuren im kollektiven japanischen Gedächtnis hinterliess. 1970, nach der Geiselnahme eines japanischen Generals, rief Mishima zur Wiedereinsetzung des Tennō, des Kaisers, auf. Danach beging er den seit 1868 verbotenen Seppuku, den traditionellen rituellen Suizid. Philip Glass schrieb 1985 seine Musik der sechs Retrospektiven für Streichquartett um und veröffentlichte sie als Streichquartett Nr. 3 „Mishima“.
Die angsteinflössende Fussspur entsteht an diesem Abend durch das musikalische Thema der Mordszene unter der Dusche im Thriller ’Psycho’. Dank Alfred Hitchcocks grandioser Schnitttechnik und Bernard Herrmanns prägnanter Musik und den hohen, an den Nerven zehrenden Violintönen, gehört die Szene zu den unheimlichsten Momenten der Filmgeschichte. Ursprünglich plante sie der Regisseur ohne musikalische Untermalung. Der Komponist konnte ihn jedoch mit seinem Entwurf begeistern. Aus Kostengründen komponierte Herrmann den Soundtrack für Streichorchester und erzielt doch gerade damit in ’the prelude’ eine unglaubliche Spannung. Die repetitiven, vorwärtsdrängenden Töne lassen die lauernde Gefahr erahnen und der dunkle, intensive Klang der Streicher „con sordini“ (mit Dämpfer) verstärkt die Bildsprache Hitchcocks. Dieser meinte später, dass 33 % der Wirkung von ’Psycho’ der Musik zu verdanken sei.
Wie Copland, Glass und Hermann ist auch John Zorn ein Komponist mit jüdischen Wurzeln. 1992 formulierte er mit Marc Ribot ein Manifest für eine „radical Jewish culture“, mit dem Ziel, die jüdischen Elemente der amerikanischen Kultur ans Licht zu bringen. Der 1953 in New York geborene Komponist und Free-Jazz-Saxofonist ignoriert die Grenzen der Genres und kombiniert „alle Klänge seines Erfahrungshintergrunds zu einer Musik, die (…) hektisch-cool ist (…).“ (Alex Ross)
Ganz atypisch für ihn klingt da das besinnliche Stück Kol nidre von 1996, welches präzise notiert ist und, bei einer Länge von ca. 8 Minuten, auf einer Seite Partitur Platz findet. ‚Kol nidre’ bezeichnet das Einleitungsgebet zum Versöhnungstag (Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag), welches der Vorbeter in der Synagoge singt. Darin werden alle Gelübde und Versprechungen gegenüber Gott widerrufen, welche im vergangenen und laufenden Jahr unwissentlich oder unüberlegt gegeben wurden. Obwohl der Titel von Zorns Stück deutlich auf dieses Gebet Bezug nimmt, verwendet der Komponist nur kleine Melodieausschnitte daraus und kaum erkennbare Motive, um eine ehrfürchtige, demütige Atmosphäre zu gestalten.
Last round, das letzte Stück des Programms, entstand ebenfalls 1996 und entführt in die Welt des Tangos. Der argentinische Komponist Osvaldo Golijov beschreibt die zwei sich gegenüberstehenden Streichquartette im ersten Satz: „Die Bögen fliegen durch die Luft wie umgedrehte Beine und kreuzen sich, ständig einander anziehend und abstossend, immer in der Gefahr zu kollidieren, im letzten Moment ausweichend (…).“ Sie klingen dabei wie ein idealisiertes Bandoneon, ein u.a. vom Deutschen Heinrich Band konstruiertes Handzuginstrument, welches mit den Auswanderern Anfang des 20. Jh. nach Südamerika kam und u.a. in Argentinien den Klang des Tango nuevo prägte. Ein Meister dieses Instruments und Begründer des neuen Tangos war Astor Piazzolla. Anlässlich seines überraschenden Todes 1991 komponierte Golijov den zweiten Satz von Last round, einen „langgezogenen Seufzer“ (Golijov), und fügte später den ersten Satz hinzu, als Hommage an den grossen Komponisten und Musiker.
Sara Seidl
Der israelisch-kanadische Violinist und Bratschist Daniel Bard begann mit dem Violinspiel in Haifa und setzte seine Studien in Toronto fort, wo er auch seine Leidenschaft für Kammermusik entdeckte. 2007 gründete er das Trio Mondrian, das am internationalen Wettbewerb für Kammermusik in Triest den ersten Preis für seine Interpretation von Brahms Klaviertrio erhielt. Daniel Bard ist Konzertmeister der schwedischen Camerata Nordica sowie Solobratschist bei der Amsterdam Sinfonietta. Erstmals durch Tabea Zimmermann empfohlen, leitete er in Folge mehrere erfolgreiche Projekte der CAMERATA BERN.
Chen Halevi ist wohl einer der vielseitigsten Klarinettisten überhaupt. Sein Interesse gilt der Alten Musik (auch auf historischen Instrumenten) genauso wie der Klassik und der Neuesten Musik unserer Zeit. Er ist ein angesehener Kammermusikpartner, spielt Rezitale und tritt regelmässig mit Orchestern auf. Bereits in früher Jugend debütierte er beim Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. Seitdem hat er mit führenden Orchestern in den USA, Europa und Japan zusammengearbeitet. Eine tiefe Liebe verbindet ihn mit der Kammermusik; zudem pflegt er eine enge Zusammenarbeit mit vielen zeitgenössischen Komponisten.
Anna Adamik wurde in Budapest geboren und studierte an der Hochschule für Musik «Franz Liszt» Budapest und an der Musikuniversität Wien bei Paul Badura-Skoda, wo sie als Stipendiatin des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung ihr Konzertexamen ablegte. Seit 1997 ist sie Dozentin am Vorarlberger Landeskonservatorium für Klavier und Solokorrepetition und lebt mit ihren beiden Töchtern in Feldkirch.
Vera Schnider hat an der Musikhochschule Luzern bei Prof. Xenia Schindler studiert, wo sie den Master mit Auszeichnung abgeschlossen hat; weitere Studien führten sie zu Prof. Godelieve Schrama nach Detmold (D). Der Schwerpunkt ihres Schaffens liegt in der zeitgenössischen Musik; sie ist Gründungsmitglied des ensemble proton bern für zeitgenössische Musik und als Barockharfenistin tätig.