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Ich war überrascht, als nach der Geburt unseres ersten Sohnes Pierangelo (am 3. April 1991) in der Klinik plötzlich der prominente Kinderarzt und Musicclown Beatocello im weissen Arztkittel vor mir stand und mein Baby examinierte. Er war der Arzt vom Dienst, ich damals Chefredaktor der «Schweizer Illustrierte». Ich kannte natürlich Beatocello, er verkehrte im Zürcher Seefeld in den gleichen Restaurants wie ich, zum Beispiel im Conti, Treffpunkt der Journalisten, Opernsängerinnen, Dirigenten und Banker.
So wurde er unser Kinderarzt. Ich lernte von ihm, dass Mütter, die sich Sorgen machen, immer recht haben. «Sie merken, was mit dem Kind los ist, viel schneller als jeder Arzt». Nach einigen Besuchen in seinem «Lädeli», wie er die Praxis nannter, erzählte er meiner Frau und mir die unglaubliche Geschichte vom Kinderspital, das er im zerstörten Kambodscha wieder aufbauen wolle. «Wer soll das bezahlen?», fragte ich. Er lachte: «In Zürich gibt’s genug Banken und Millionäre, bei denen ich betteln kann.» Ich erwiderte nur: «Wetten, das funktioniert nicht, ich weiss aus Erfahrung, wer gibt und vor allem wer nicht.»
Ich lernte von ihm, dass Mütter, die sich Sorgen machen, immer recht haben.
Dann hatte meine Frau die Idee, die «Schweizer Illustrierte» könnte doch für sein Projekt Geld sammeln. Ehrlich gesagt fand ich das alles etwas irreal: der Mann mit den krausen Haaren, auf dessen Pult neben viel Papierkram ein kleines Musikkarrussel zur Unterhaltung der Kinder stand, hatte ja noch nichts in den Händen, kein Geld, keine Unterstützung. Aber Beatocello wirkte so überzeugend, so stark, dass ich mir sagte, wenn einer alles riskiert, dann ist es allemal eine gute Geschichte.
Der Rest ist bekannt: Wir brachten die Story vom Zürcher Kinderarzt mit dem Cello, der aufbrach, um die ärmsten Kinder zu retten. Und die Spenden flossen, aber nicht von den Banken, nein, es kamen sehr viele kleinere Spenden von SI-LeserInnen, Dr. Richner konnte mit einem ersten Check von rund 50'000 Franken nach Kambodscha fliegen. Eine Stiftung wurde gegründet. Bald stand das erste Kinderspital, dann das zweite, dann die Chirurgie, dann eine Maternité, dann eine medizinische Fakultät, und so weiter.
Richner kam regelmässig mit seinem Cello nach Zürich, Einsiedeln, Lausanne, Genf und zur jährlichen Gala im Circus Knie, um Geld zu sammeln. Dieses Betteln war ihm peinlich, denn er meinte, den Wiederaufbau der Spitäler sollte von denen bezahlt werden, die das Land mit Krieg verwüstet haben.
Dieses Betteln war ihm peinlich.
Wir von der «Schweizer Illustrierte» haben ihn über all die Jahre hinweg mit Reportagen und Spendenaufrufen unterstützt, vor allem auch, als er heftig kritisiert wurde, von Entwicklungshilfe-Funktionären, die das alte Prinzip vertraten, man müsse in armen Ländern für arme Leute nur ein arme Medizin betreiben. Richner betreibe Rolls-Royce-Medizin.
Beat haben diese Schüsse in den Rücken geschmerzt, doch er schlug zurück, griff mutig auch Pharmariesen an, die seinen Kinderspitälern die teuren Medikamente nicht zu ermässigtem Preis liefern wollten. Gewisse Persönlichkeiten der Zürcher High Society, die ihn zunächst unterstützt hatten, gingen auf Distanz zu diesem Rebell. Uns Journalisten hat dieser Kampfgeist gefallen. Wir wussten, dass Beat richtig liegt. Es kam meines Wissens noch nie vor, dass eine Schweizer Zeitschrift ein gutes Werk so lange und so treu unterstützt hat wie die «Schweizer Illustrierte» das Werk von Beat Richner. Nie hat er uns enttäuscht, wir konnten nur stolz sein auf seine Leistung und diese schöne Partnerschaft.
Jetzt können wir nur weiterhin über diesen Menschen staunen, bei dem hinter der Fassade des gemütlichen Clowns ein hervorragender Mediziner, ein nachdenklicher Philosoph, ein Menschenfreund und – last but not least – ein hartnäckiger, visionärer Unternehmer steckt.
Nie hätte ich vor 27 Jahren gedacht, dass dieser leicht zu Korpulenz neigende Mann eine derart gigantische Lebensleistung stemmen könnte
Nie hätte ich vor 27 Jahren gedacht, dass dieser leicht zu Korpulenz neigende Mann eine derart gigantische Lebensleistung stemmen könnte, bei der er dauernd gegen die garstigsten Umstände kämpfen musste. Als Beatocello sang er noch, «wir wollen es ein bisschen gemütlich haben». Das hatte er nie….
Wenn ich ihn jeweils zur Entspannung am Telefon fragte, wieviel Schnee in Phnom Penh liegt (bei dreissig Grad!) oder wann er endlich nach Nizza in die Ferien fährt, haben wir ausgiebig gelacht, wie damals im Conti. Er würde sicher auch jetzt lachen, wenn er sähe, wie er, der eigentlich längst den Medizin- oder den Friedensnobelpreis, oder beide zusammen verdient hätte, jetzt nur noch gefeiert wird. Weil sein Projekt noch heute effizient, nachhaltig und modellhaft ist. In Kamboscha ist er heute so etwas wie ein Nationalheiliger. Seine Urne wird demnächst nach Kambodscha geflogen.
Galerie: Das Leben von Beat Richner in Bildern