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In der peruanischen Stadt Cusco, der einstigen Hauptstadt des Inka-Reiches, wimmelt es von Touristen. In den engen Gassen sind Sprachen aus allen Weltgegenden zu hören. Doch ausgerechnet Quechua, die Sprache der Inkas, wird immer seltener gesprochen. Die UNESCO stuft die Quechua-Sprachfamilie – es gibt 44 verschiedene Varianten – als gefährdet ein. Die Zahl der Sprecher nimmt Jahr für Jahr ab. Stattdessen kommunizieren die Indigenas auf Spanisch.
Wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, zeigt das Beispiel von Pedro, der meine Freundin Lea und mich nach Cusco bringt. Der 38-jährige Lastwagenfahrer erzählt uns: «Mit meinen Eltern kommuniziere ich in einer Mischform aus Spanisch und Quechua. Meine vier Kinder dagegen können kein Quechua. Sie sprechen ausschliesslich Spanisch.»
Pedro ist ein klassischer Fall: Er ist in Pasco aufgewachsen, einer Region in den Anden auf über 4000 Metern über Meer. Hier hat Quechua traditionell noch eine grössere Bedeutung und ist auch eine offizielle Amtssprache. Auf der Suche nach Arbeit ist Pedro vor einigen Jahren aber in die Hauptstadt Lima gezogen. Und im wirtschaftlichen Zentrum des Landes wird offiziell nur Spanisch gesprochen. Pedro: «Für meine Kinder gibt es deshalb keinen Grund, Quechua zu lernen.»
Gemäss der Publikation «Ethnologue», welche die Verbreitung von Sprachen erfasst, gibt es heute weniger als 8 Millionen Quechua-Sprecher. Vor rund zehn Jahren war noch von 9 bis 10 Millionen die Rede. Die genaue Zahl weiss aber niemand. Denn viele Indigenas schämen sich für ihre Sprache und verschweigen, dass sie Quechua sprechen.
Um diese Scham zu verstehen, muss man bis in die Kolonialzeit zurückgehen: Die Spanier waren seit ihrer Ankunft die Stärkeren, die Erfolgreicheren, die Reicheren. Die spanische Sprache steht deshalb in Südamerika bis heute für Macht und wirtschaftlichen Erfolg. Quechua dagegen gilt als die Sprache der Bauern, der Armen, der Verlierer. «Wenn in einer Schulklasse gefragt wird, wer Quechua spricht, bleiben deshalb die meisten Hände unten – obwohl zu Hause viele Quechua sprechen», sagt Esteban, unser Trekking-Guide.
Weil Quechua negative Assoziationen hervorruft, haben Leute wie unser Fahrer Pedro kein grosses Interesse daran, dass ihre Kinder die Sprache ihrer Vorfahren erlernen. Schliesslich wünschen sie sich für ihre Kinder, dass sie Karriere machen und gesellschaftlich aufsteigen. Und dazu muss man in Südamerika Spanisch sprechen. Dass damit ein wichtiger Bestandteil der eigenen Kultur und Identität verloren geht, nehmen viele in Kauf.
«Aber das ist doch traurig, nicht wahr?», frage ich Pedro. Seine knappe Antwort: «Ja, aber so ist es halt.» Er sagt das ziemlich gleichgültig. Er hat die Entwicklung längst akzeptiert. Dabei ist es ein schwacher Trost, dass Quechua keine Ausnahme ist: Sprachwissenschafter gehen nämlich davon aus, dass von den weltweit 6000 bis 7000 existierenden Sprachen im Verlaufe des 21. Jahrhunderts mehr als die Hälfte verschwinden werden.
Spanisch dürfte nicht dazugehören – auch wenn man von den Strassenverkäufern, Hostelangestellten und Kellnern in Cusco fast immer auf Englisch angesprochen wird.
Ich bin in den vergangenen sechs Monaten per Autostopp von Winterthur nach Ürümqi in China gereist.
In 28 Ländern nahmen mich 303 Fahrer mit, sie transportierten mich kostenlos rund 19'000 Kilometer weit. Nur wenige dieser Autostopp-Helden kamen in meiner Kolumne vor, und auch sonst blieben viele Begegnungen und Beobachtungen aus Platzgründen unerwähnt.
Ich offeriere meinen Fahrern meist Süssigkeiten. Allzu oft habe ich mein Angebot aber schon bereut. Denn kaum ist der Schokoriegel ausgepackt, …