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Gäbe es einen Preis für die unpassendsten Euphemismen im verbreiteten deutschen Sprachgebrauch, wüsste ich einige Kandidaten fürs Podest.
Auf Platz drei sähe ich die «Gewinnwarnung», die überraschenderweise nicht vor der glückseligen Ohnmacht warnt, die den Shareholder angesichts eines zu erwartenden Riesengewinns ereilen könnte, sondern vor den Schrecken eines drohenden Verlusts.
Meinen persönlichen Platz zwei hat die «Familientragödie» erobert, hin und wieder ersetzt durch das «Familiendrama». Gibt man die beiden Wörter auf Google ein, erhält man Hunderttausende Treffer, und alle meinen dasselbe: die Ermordung ganzer Familien durch eines ihrer Mitglieder, meistens den Vater. Diese Mehrfachmorde als «Familientragödien» zu bezeichnen, erweckt den Eindruck, ein unausweichliches Schicksal habe die Familie dahingerafft; wie in der antiken Tragödie umweht den Täter ein Hauch tragischen Heldentums – edle Einfalt, stille Grösse: Er war unglücklich und konnte einfach nicht mehr ertragen, dass er seine Stelle verlor / seine Frau ihn verlassen hat / sein Ehrgefühl verletzt wurde.
Auf Platz eins hingegen strahlen seit einigen Tagen konkurrenzlos die von der EU beschlossenen «Transitzentren», in die künftig an Europas Grenzen gescheiterte Menschen eingesperrt werden sollen. Für die Betroffenen werden es «Sitzzentren» sein – von Transit können sie nur noch träumen.