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Mehrere aktuelle Studien haben belegt, dass bei kognitiven Störungen die Gefahr besteht, dass eine im Verhältnis zur Schmerzintensität unangemessene Schmerztherapie verabreicht wird. Dass sich die Ermittlung und Beurteilung von Schmerzen bei schwer demenzkranken Personen mit Kommunikationsstörungen schwierig gestalten, ist allgemein bekannt, zumal sich Schmerzen bei dieser Patientenpopulation atypisch durch Verhaltensänderungen ausdrücken können, etwa durch eine abrupte Verschlechterung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens, akute Verwirrtheitszustände und verminderte Mobilität. (Piolino, Puppin, & Yusuf, 2016)
Die Selbstermittlung der Schmerzintensität durch die demenziell erkrankte Person gilt als angemessenste Assessmentmethode, da man weiss, dass Pflegende und Angehörige Schmerzen tendenziell über- oder unterbewerten. Zur Erhärtung der geklagten Schmerzen muss deren Intensität deshalb evaluiert werden; ihr Schweregrad muss ebenso gemessen werden wie die Wirksamkeit der verabreichten Analgetika. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass demenziell erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner zu Beginn der kognitiven Veränderungen in der Lage sind, Skalen zur Selbstevaluation von Schmerzen zu verwenden und dass eine derartige Erhebung der Schmerzintensität zuverlässige Werte liefert. Dabei muss man sich insbesondere Zeit nehmen, um der/dem Betroffenen die Funktionsweise der Skala zu erläutern, muss Dualtask-Situationen vermeiden, das passendste Instrument wählen und allfällige Sinneseinschränkungen, z. B. betreffend das Hör- und Sehvermögen, berücksichtigen.
Zur Erfassung von Schmerzen ist daher, wenn immer möglich, eine Selbsteinschätzung der betroffenen Person zu erfragen. Oft aber können demenzkranke Menschen ihre Schmerzen nicht in Worten ausdrücken und lokalisieren, und sie erinnern sich nicht mehr daran, dass sie unter Schmerz gelitten haben. Die Evidenz zeigt, dass Schmerzen bei demenzkranken Personen häufig nicht erkannt und daher untertherapiert werden. Deshalb kommt der systematischen Beobachtung eine wichtige Funktion zu. Da Schmerzen sich als auffälliges oder verändertes Verhalten äussern können, sollen strukturierte und bestmöglich evidenzbasierte Instrumente zur Erkennung schmerzbedingten Verhaltens eingesetzt werden. (SAMW/ASSM, 2017).
Skalen für die Selbstevaluation
· Die verbale Rating-Skala (VRS) umfasst fünf bis sechs Bewertungen für den Schmerzgrad, z. B. keine, leichte, mässige, starke, sehr starke, extrem starke Schmerzen. Sie wird in erster Linie bei kommunikationsfähigen Bewohnerinnen und Bewohnern eingesetzt.
· Die visuelle Analogskala (VAS) besteht aus einer 10 cm langen Linie, an deren Enden die Extremwerte der Schmerzempfindung vorgegeben sind: links «kein Schmerz», rechts «stärkste vorstellbare Schmerzen»; die Versuchsperson soll mithilfe eines Strichs angeben, wo der empfundene Schmerz zu einem bestimmten Zeitpunkt angesiedelt ist. Auf der Rückseite befindet sich meist eine numerische Skala mit Werten von 0 bis 10 oder von 0 bis 100.
· Die Smiley-Analogskala oder Gesichterskala umfasst sechs bis sieben Gesichter, die zunehmend Schmerz ausdrücken. Das ursprünglich für Kinder gedachte Modell wurde für geriatrische Patienten angepasst.
· Das ESAS. Das Edmonton Symptom Assessment System gehört zu den in der Palliative Care gängigsten Skalen für die Selbstevaluation von Symptomen wie Schmerzen, Atemnot, Erschöpfung, Somnolenz, Appetit, Angst, Depression, Wohlbefinden und dergleichen.
Skalen für Fremdevaluation oder Beobachtung
· Algoplus-Skala: Hierbei handelt es sich um eine verhaltensbasierte Skala zur Bewertung akuter Schmerzen bei älteren Menschen mit Störungen der verbalen Kommunikation. Sie wurde speziell für die Fremdevaluation akuter Schmerzen bei älteren Menschen entwickelt und basiert auf somatischer Beobachtung, nicht auf Verhaltensänderungen. Die Durchführung der Bewertung dauert weniger als eine Minute.
· Die ECPA-Schmerzskala: es handelt sich um eine verhaltensbasierte Skala zur Fremdevaluation von Schmerzen bei nicht kommunizierenden älteren Personen. Sie findet in Fällen Anwendung, in denen keine Selbstevaluation mehr möglich ist. Sie verhütet, dass die Schmerzsymptomatik unterschätzt wird, und gestattet die Ermittlung, Quantifizierung und weitere Überwachung der Schmerzen. Die Skala liefert schnell und wiederholt vergleichsweise zuverlässige Ergebnisse. Die Beurteilungszeit ist mit 1 bis 5 Minuten (je nach Übung) sehr kurz. Aufgrund der hohen Zuverlässigkeit der Skala reicht eine einzige beurteilende Person aus.
Die Beurteilung der Schmerzstärke wird, soweit die Kommunikationsfähigkeit und die kognitiven Einschränkungen der betroffenen Person es zulassen, ergänzt durch eine umfassende Anamnese – einschliesslich der Lokalisierung, des (qualitativen) Charakters und der Ausstrahlung der Schmerzen –, die Suche nach Auslösern, verschlimmernden oder lindernden Faktoren sowie die Abklärung, ob eine Depression oder Angststörung vorliegt.