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Das Café, so schrieb Thomas Mann, «ist neutrales, vom Wechsel der Jahreszeiten unberührtes Gebiet», stellt gleichsam «die entrückte und erhabene Sphäre des Literarischen dar, in der man nur vornehmerer Einfälle fähig ist». Ein solcher Ort der Lektüre, des Gesprächs und des literarischen Schaffens war das legendäre Grand Café Odeon im Herzen von Zürich. Seine Eröffnung im Jahr 1911 verdankte das Nobelcafé mit eigener Konditorei, Billardsaal, deutschem Bier und internationalen Zeitungen einem Glücksfall. Der Eigentümer vermochte das überschuldete Bauprojekt dank dem Gewinn des grossen Loses der «Spanischen Nationallotterie» noch kurz vor dem Abbruch zu retten. Erster Pächter des Odeons war ein Münchner Cafetier. Die zentrale Lage, das Interieur und das Angebot an Süssspeisen machten das Odeon binnen kurzer Zeit zu einem mondänen Kultur-, Literaten- und Künstlertreffpunkt von internationalem Ruf. In den Jahren bis 1918 erlebte das Odeon seine Blütezeit. Unter den illustren Gästen befanden sich Einstein, Furtwängler, Sauerbruch, von Werefkin, Lasker-Schüler, von Hofmanns- thal, Maugham, Joyce, Moissi und der Schweizer General Wille. Daneben zeigte sich im Odeon die Führungsriege des europäischen Anarchismus, Pazifismus und Sozialismus, wie Kraus, Zweig, Frank, Alvarez del Vayo, von Laban und Mary Wigman, Klabund, eher selten Lenin und Trotzki – und vor allem auch die Dadaisten, die zwei Fenstertische in Beschlag nahmen.
Exil in Zürich
Die Dadaisten waren junge Studenten und Künstler, die durch den Krieg aus ihren Ländern vertrieben wurden. Aus Deutschland emigrierten Hugo Ball, Katholik und Mystiker, seine Freundin Emmy Hennings mit ihrer Tochter sowie Richard Huelsenbeck; aus Rumänien kamen Tristan Tzara, der eigentlich Samuel Rosenstock hiess, und Marcel Janco; aus Paris der Elsässer Hans Arp. Dem engeren Dada-Kreis gehörten mit Ausnahme von Sophie Taeuber und Friedrich Glauser keine Schweizer an. «Die Schweizer Jugend ist zu bedächtig für ein Kabarett» war die Auffassung Hugo Balls. Die Dadaisten bewegten sich in einer städtischen Subkultur der Cafés und Variétés, in einer Welt mit allerlei Nischen und kargem Auskommen für Aussenseiter und Emigranten. Man war, so Ball, «arm, aber sehr bereichert». Hunger litten die Dadaisten nie, assen zuweilen gute Steaks, betranken sich mit spanischem Wein und feierten gebührend. Mit Einkünften aus Auftragsarbeiten, Schreiben, Variétéauftritten, Kneipen-Klavierspiel oder dem Porträtieren von «Schiebern» hielten sie sich über Wasser. Auch das Cabaret Voltaire und die Dada-Soiréen brachten etwas Geld ein. Daneben konnten sie auf einige Unterstützung zählen. Im Zürcher Armenarzt und Sozialisten Fritz Brupbacher fanden die Dadaisten ebenso einen Förderer, wie im Direktor der Pestalozzischule, dem Galeristen, Han Coray. Er stellte seine Galerie an bester Lage, im «Sprüngli-Haus», für Dada-Ausstellungen, Veranstaltungen und Feste zur Verfügung und kam gewöhnlich für die Zeche im Odeon auf. Der holländische Wirt der Weinstube «Meierei» überliess den Dadaisten den kleinen Saal für das Cabaret Voltaire in der Hoffnung, den Bierkonsum der vielen studentischen Gäste zu steigern. Als ehemaliger Matrose fühlte er sich zu der dadaistischen Exotik auch ein wenig hingezogen und tat bei einigen überbordenden Anlässen selbst mit. Auch der Anarchist Julius Heuberger leistete den Dadaisten wichtige Dienste. In seiner kleinen Druckerei wurden die teils graphisch aufwendigen Dada-Publikationen gedruckt. Selbst die Presse und vornehmlich die «Neue Zürcher Zeitung» begegneten den Dadaisten mit einigem Wohlwollen. Lediglich der «Tages Anzeiger» bezeichnete den Dadaismus unumwunden als «Schindluder».
Antibürgerlicher Protest durch Ästhetizismus
Die Dadaisten formierten sich in Zürich mit dem tiefen Drang und Ehrgeiz eines kulturellen Protests gegen Militarismus, Nationalismus und Machbarkeitsglauben als Formen einer überkommenen bürgerlichen Kultur. «Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften» beschrieb Hans Arp die Situation. Als Individualanarchisten hielten die Dada-Exponenten wenig von Pazifismus, Humanismus und einer Politisierung der Kunst, wozu auch die «etwas ländliche Atmosphäre von Zürich, die gutmütigen Menschen und das verdauliche Essen» beitrugen und soziale Fragen nie vordringlich werden liessen. «Niemand von uns», so Richard -Huelsenbeck, «besass damals eine politische Aktivität». Solchen Ästhetizismus der Dadaisten verurteilte der «Clan der Ethiker», der mit Frank, Schickele, Rubiner und anderen ebenfalls im Odeon zugegen war, als politische Verantwortungslosigkeit. Auch Lenin lehnte den Dadaismus ab und unterhielt zu den auch deutlich jüngeren Protagonisten keine Kontakte. Immerhin berührten sich an der Spiegelgasse, dem Ort des Cabarets Voltaire und dem Zimmer Lenins, künstlerische und politische Revolution aufs Nächste.
Das Café Odeon, das geistige Hauptquartier der Dadaisten, war ein kleines Stück Schweiz, ein Hafen der Neutralität inmitten eines hochgerüsteten und kriegstrunkenen Europa. Ins Odeon begab sich ein international gemischtes Publikum auf der Durchreise, fanden sich Gleichdenkende zur künstlerischen und politischen Tat oder schlicht auch Süchtige auf der Suche nach etwas Morphium oder Kokain. Im Ersten Weltkrieg war die neutrale Schweiz und besonders die Stadt Zürich mit ihrer Asyltradition, wie es Huelsenbeck ausdrückte, «Sammelpunkt aller Menschen, die der Krieg über die Grenzen ihrer Vaterländer geworfen hatte. Ein Brennpunkt kritischer Energien, ein Zentrum revolutionärer Temperamente».
Die Schweiz betrieb bis ins frühe 20. Jahrhundert eine relativ offene Einwanderungspolitik. Mit den umliegenden Staaten war eine fast vollständige Freizügigkeit, Handels- und Gewerbefreiheit über bilaterale Niederlassungsverträge vereinbart. Um 1914 lag der Anteil an Ausländern in der Schweiz bei rund 15 Prozent, in der Stadt Zürich bei über 34 Prozent, von denen zwei Drittel aus Deutschland stammten. Sie arbeiteten vorwiegend in den über 1000 Gasthöfen, Bierlokalen und Kaffee-häusern der Stadt oder im Kleingewerbe.
Insgesamt grosszügige Aufnahme
Wer in die Schweiz einreiste, benötigte keinen Pass und keine Papiere. Zur Wohnsitznahme waren Heimatschein und Leumundszeugnis ausreichend. Konnte man den Nachweis des Bestreitens des Lebensunterhalts und der polizeilichen Unauffälligkeit erbringen, stand einer Niederlassung mit Familiennachzug gewöhnlich nichts im Weg. Die Steuerung der Einwanderung, die überdies noch nicht zwischen politischem Asyl und Einwanderung zwecks Arbeit unterschied, erfolgte über Wegweisung bei Armut oder politischer Agitation, wobei die Praxis von Kanton zu Kanton verschieden war und die kantonalen Fremdenpolizeien insgesamt ein sehr menschliches Antlitz besassen. In Zürich wurden die Dadaisten zwar polizeilich observiert, konnten sich aber frei äussern und ihre Dada-Soiréen gar in bürgerlichen Zunfthäusern wie der «Waag» oder der «Meisen» abhalten. Ernsthafte Konsequenzen erfuhren sie trotz polizeilicher Androhung und kleineren Unannehmlichkeiten nicht. Selbst Lenin vermochte sich mit seinen Getreuen, als Kegelklub getarnt, im Restaurant Stüssihof im Zürcher Niederdorf zu treffen, wo es gar keine Kegelbahn gab. Die Gewährung von Aufnahme oder die Anordnung von Ausweisung von Ausländern blieben politische Entscheide und waren von juristisch-bürokratischen Vorschriften und Terminologien noch grösstenteils befreit. Wer in einem Kanton keine Aufnahme fand, konnte es im nächsten wieder versuchen. Der schweizerische Kantons- und Gemeindeföderalismus ermöglichte gesamthaft eine grosszügige Aufnahme von Emigranten und Flüchtlingen.
Weltstadt der Kriegsgegner und Schieber
Im Unterschied zu Basel, «dem sittlichen Kehrbesen der Schweiz», oder zu Bern, «ein trockenes Milieu mit all seinen Rationalisten» (Ball), war Zürich nach 1914 ein Anziehungspunkt für «internationale Revolutionäre, Reformatoren, Dichter, Maler, Neutöner, Philosophen, Politiker und Friedensapostel» (Arp). Zürich galt als florierende und offene Stadt, in der sich welt- und kleinstädtisches, Tradition und Fortschritt glückhaft verbanden, in welcher die sozialen Gegensätze gemässigt ausfielen und sich Hochschulen, Kultur und Presse auf hohem Niveau befanden. Wer in der Zeit des Ersten Weltkriegs nach Zürich gelangte, der «hatte sich aus dem Blutozean, wenn auch nur für kurze Zeit, gerettet. Hier war eine Urlaub-von-dem-Tode-Stimmung, eine Ausgelassenheit, die sich mit Melancholie verband» (Huelsenbeck). Die Stadt war ein begehrter Zufluchtsort für Kriegsdienstverweigerer und Kriegsgegner, aber auch für Schieber und Spione aus ganz Europa. «Im Café Odeon und im Café Terrasse verbargen sich hinter den weiten Falten der ‹Neuen Züricher Zeitung› Köpfe, mit denen man der Polizei kriegführender Länder ein schönes Geschenk gemacht hätte» (Huelsenbeck). Schieber und Kriegsgewinnler waren in den besseren Hotels abgestiegen und tagsüber an der Bahnhofstrasse anzutreffen, die im Volksmund alsbald in «Balkanstrasse» umbenannt wurde. Die Literaten, Künstler und sonstigen Bohémiens tummelten sich im Niederdorf und am Limmatquai in den zahlreichen Kaffeehäusern, Gastwirtschaften, Bierhallen und Variétés. Solches Treiben am helllichten Tag machte Zürich in den Augen der Beteiligten zu einer kleinen Weltstadt, erschien den zumeist arbeitsamen Zürchern hingegen als eher anstössig.
Gegen Ende des Krieges war der Zürcher Dadaismus am Versiegen. Seine Exponenten reisten, wie viele Emigranten, weiter und hinterliessen auch im Odeon eine spürbare Lücke. Teuerung, Lebensmittelknappheit, eine Grippeepidemie, gewalttätige Demonstrationen und Streiks suchten die Stadt Zürich heim und nährten die Angst vor grösseren sozialen Unruhen und einer Revolution. Im Zuge des Ersten Weltkriegs veränderte sich auch die schweizerische Einwanderungspolitik mar-kant. Der Begriff der «Überfremdung» wurde allmählich geläufig. Mit der Herausbildung der regelungsintensiven Industrie-gesellschaft, dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats und verstärkter Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten wurde die persönliche Freizügigkeit gesamteuropäisch sukzessive eingeschränkt. Als Konsequenz davon begann der Bund, mit Grenzschutz und der Zentralstelle für Fremdenpolizei, mit Gesetzen über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer, sowie der Gewährung von Asyl, die Zuwanderung zu zentralisieren und zu verrechtlichen.
Nach dem Verschwinden des Zürcher Dadaismus blieben seine Erzeugnisse und seine Wirkungsstätten, wie das Café -Odeon oder das Cabaret Voltaire, zurück. Sie sind ein bleibendes Vermächtnis mit der Botschaft, dass geistige Freiräume und soziale Nischen, dass Spontaneität und Kreativität nicht planbar sind. Schöpferisches gedeiht da, wo Offenheit, Vielfalt und eine natürliche Skepsis gegen zentralisierte, sich rational gebärdende Macht vorherrschen.
Bernhard Ruetz, geboren 1968, hat in Zürich, Basel und Freiburg im Breisgau Geschichte, Philosophie und Allgemeines Staatsrecht studiert. Er promovierte in Geschichte an der Universität Zürich. Seit 2001 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Liberalen Institut, Zürich. (<email-pii>)