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Herkunft und Ausbildung
Andreas Brugger wird am 16. November 1737 als Sohn von Joseph Brugger und seiner Ehefrau Theresia Mayer in der Pfarrkirche von Gattnau bei Kressbronn am Bodensee getauft. Sein Vater ist Fuhrknecht und Weinbauer im Dienst der Grafen von Montfort-Tettnang. Er wächst in Kressbronn auf und zieht 1747 mit der Familie in den montfortischen Münzhof von Langenargen. Er beginnt 1749, wahrscheinlich bei Joseph Esperlin in Scheer, eine sechsjährige Lehre.[1] 1755 ermöglicht der Landesherr dem jungen Gesellen eine Weiterbildung in Wien.[2] Hier wirkt der Langenargener Landsmann Franz Anton Maulbertsch (1724–1796). Bei ihm tritt Brugger als Scholar ins Atelier ein und schreibt sich Ende 1755 auch als Student in der Wiener Akademie der bildenden Künste ein. Er besucht vorwiegend Winterkurse, da er im Gefolge Maulbertschs während den Sommermonaten in Niederösterreich, Mähren und Ungarn als Freskant tätig ist.
Erste Selbstständigkeit und Romreise
1764, im Alter von 25 Jahren, verlässt er Wien und zieht wieder an den Bodensee, wo er vorerst im Neuen Schloss Tettnang die Deckenfresken erstellt und dann am Bilderzyklus im Bernhardusgang des Klosters Salem arbeitet. Dann kann er für den Konstanzer Fürstbischof Franz Konrad von Rodt ein Meersburg arbeiten. Hier malt er in der Seminarkapelle das Deckenfresko und in der Kapelle des Neuen Schlosses die 16 Medaillons der Pilaster.[3] Eine Zahlung erfolgt auch für 11 Supraportenbilder im Neuen Schloss.[4] Brugger verdient gut und reist im Frühsommer 1768 für einen Studienaufenthalt nach Rom, wo er an der päpstlichen Akademie an Aktkursen und Wettbewerben teilnimmt und hier auch einen ersten Preis gewinnt. Ende 1769 kehrt er für einen Auftrag im Neuen Schloss Tettnang, das Deckenfresko der Schlosskapelle, zurück.
Tettnang
Graf Franz Xaver von Montfort, Bruggers Patronatsherr, beschäftigt den Rompreisträger sofort nach der Rückkehr nebst dem Fresko in der Schlosskapelle auch für weitere Arbeiten im Neuen Schloss. Im südlichen Eckkabinett setzt er in die bereits 1760 erstellten Rocaillen des Stuckateurs Johann Georg Dirr seine neun wohl bekanntesten Ölbilder. Sie zeigen eine Auswahl von Marktfahrer in der Form von volkstümlichen Ausrufbildern.[5] Das schönste ist wohl die Darstellung des Guckkastenmannes. 1772 malt er im repräsentativen Bacchussaal des südlichen Mittelrisalites das grosse Deckenfresko mit den Taten des Herkules und erstellt die sechs grossen Ölgemälde der Grafenfamilie.
Salem
Schon vor der Romreise hat sich Brugger auch dem Abt von Salem mit den Gemälden im Bernhardusgang empfohlen. Anselm II. Schwab zieht ihn jetzt 1773–1776 für Fresken im Münster bei und lässt sich auch von ihm porträtieren. Bemerkenswert ist dies, weil Anselm II. in dieser Zeit radikal mit dem Rokoko gebrochen hat und sich als aufgeklärter Prälat schon früh dem französischen «Goût grecque», dem nun modischen Klassizismus, zuwendet und das Münster im neuen kühlen Stil durch Pierre Michel d'Ixnard einrichten lässt. Andreas Brugger kann sich offensichtlich gut anpassen. Noch 1778 zieht ihn deshalb der Nachfolger, Abt Robert Schlecht, für weitere Fresken im Münster bei.
Meisterschaft und Reife
Abt Anselm II empfiehlt den Maler von Langenargen auch den Pfarrherren von Patronatspfarreien und den adeligen Stiftsfrauen von Buchau. Hier kann er 1775–1776 in der ebenfalls von Pierre Michel d'Ixnard umgebauten Damenstiftskirche die Fresken erstellen.[6] Sie stellen den Höhepunkt in Bruggers Schaffen dar. Ähnlich malt er in der ebenfalls klassizistischen Pfarrkirche von Wurzach ein Fresko von 22 Meter Länge und 10 Meter Breite. In der Pfarrkirche des zum Fürststift St. Gallen gehörenden Rorschach kann er 1785 die Deckenfresken ausführen.[7] Breite frühklassizistisch und scheinperspektivisch gestaltete Grisaille-Rahmen, im Schiff eine Kassetierung andeutend, fassen die Ovalbilder. Die Fresken der Pfarrkirche Rorschach sind heute wegen mehrfachen Übermalungen und freischöpferischen Restaurierungen schlecht erhalten. Besser erhalten sind die Deckengemälde des Hauses zum Falken in Rorschach. Es scheinen die einzigen Fresken zu sein, die Brugger je für einen bürgerlichen Auftraggeber erstellt.[8] Bis 1800 arbeitet er vermehrt für Deckenbilder in Pfarrkirchen des nahen vorderösterreichischen Herrschaftsgebietes, zu dem jetzt auch die Herrschaft Tettnang gehört. Für die Prämonstratenserabtei Weissenau kann er noch 1790 fünf grosse Tafelbilder aus dem Leben des heiligen Norbert malen. Es ist der letzte Auftrag eines Klosters an den Maler in Langenargen.[9]
Alterswerk
Auftraggeber sind jetzt für kurze Zeit die Pfarrgemeinden im Gebiet Vorderösterreichs. In der Pfarrkirche Hohenems sind Bruggers letzte noch vorhandene Deckenfresken zu finden. Für die vier Fresken und zwei Altarblätter vereinbart er 1798 einen Akkord über 500 Gulden. Noch 1786 hat er für die drei Fresken in Rorschach 2052 Gulden erhalten. Dies zeigt deutlich die Lage der bildenden Künstler zur Zeit der Koalitionskriege und der darauf folgenden politischen Umwälzungen. 1804 fertigt Brugger für die Normalschule Langenargen drei Schultafeln und erhält dafür vier Gulden und 48 Kreuzer.[10] Nur für Pfarrkirchen und Kapellen, vor allem in Vorarlberg, kann er jetzt noch Altarblätter und Kreuzwegstationen liefern. Sie zeichnen sich durch eine rustikale Figürlichkeit aus, die kaum mehr an die grosse Meisterschaft der frühklassizistischen Phase erinnern.
Am 8. Februar 1812 stirbt im Alter von 75 Jahren der «ledige, wohlgeachte H. Andreas Brugger, Kunstmahler in Langenargen», wie der Eintrag im Sterbebuch lautet. Den gesamten künstlerischen Nachlass holt sein Haupterbe, der Neffe Alois Brugger, als «Glump» vom Dachboden und verbrennt ihn.
Würdigung
Andreas Brugger ist uns aus keinem Selbstbildnis bekannt. «Man kann sich Brugger kaum anders denn als religiösen Menschen und gläubigen Katholiken vorstellen. Eine gewisse Sinnen- und Genussfreude dürfte er sich allerdings trotz seines Junggesellendaseins bewahrt haben, wie auch aus der Buchauer Anekdote hervorgeht».[11] Er ist mit seinem bäuerlich-praktischem Sinn aber fest dem Diesseits verhaftet und weist, wie sein Rompreis zeigt, trotzdem genügend Ehrgeiz auf. Seine Werke zeichnen sich durch eine volkstümliche, verständliche Darstellung aus. Aber mit Recht warnt Pater Iso Müller den Rorschacher Mitbruder, «dass H. brugger zwar schön male, aber nicht nach der optica, wie seine Mahlereyen weisen», denn tatsächlich zeigen die Fresken Bruggers Schwächen im perspektivischen Illusionismus, wie sie der Brugger weit überlegene Martin Knoller 1775 in Neresheim demonstriert.[12] Auch mit der Vitalität der Figuren Knollers kann Brugger nicht mithalten. Der zweite grosse Freskenmaler des Frühklassizismus, Januarius Zick[13] ist ihm an Gestaltungs- und Erfindungskraft überlegen. Andreas Brugger kann trotzdem als einer der bedeutendsten Maler Oberschwabens betrachtet werden. Seine Werke vermitteln eine von der Aufklärung nicht berührte, einfache und verständliche religiöse Botschaft.
Pius Bieri 2010
Benutzte Literatur:
Hosch, Hubert : Andreas Brugger (1737–1812), Sigmaringen 1987.
[2] 1754 geht die Herrschaft Tettnang von Ernst Maximilian (1700–1758) an Sohn Franz Xaver (1722–1780) über, nachdem Österreich dem Sohn eine Anleihe von 500 000 Gulden gewährt. Mit der nicht uneigennützigen Hilfe Österreichs kann Franz Xaver jetzt in den Wiederaufbau des 1753 ausgebrannten Schlosses Tettnang investieren. Das Haus stirbt 1787 aus, Österreich kann die überschuldete Herrschaft aber schon 1780 übernehmen.
[3] Ausstattung der Kapelle von Joseph Anton Feuchtmayer und Gottfried Bernhard Göz von 1740–1743. Die Pilastermedaillons sind eine Ergänzung.
[4] Eine weitere Zahlung erfolgt für zwei Supraporten, die er nach seiner Rückkehr aus Rom erstellt. Von diesen insgesamt 13 Supraporten-Gemälden sind 2010 überraschend mehrere Stücke aufgefunden worden und werden bis 2012 wieder am ursprünglichen Ort zu besichtigen sein.
[5] Das Eckzimmer wird deswegen als «Vaganten-Kabinett» bezeichnet.
[6] Eine Anekdote erzählt, dass Brugger bei seinen Weinpausen der kontrollierenden Fürstäbtissin durch vom Deckengerüst herabhängende Stiefel unermüdlichen Arbeitseifer vortäuscht.
[7] Der Offizial P. Iso Walser, der einflussreiche Organisator aller Kirchenbauten im Fürststift, will dies noch 1782 verhindern und bezeichnet Brugger als wenig erfahren in der Art des perspektivischen Illusionismus. Vermutlich bevorzugt er den Konstanzer Hofmaler Franz Ludwig Hermann. Der Pfarrer von Rorschach, P. Gerold Brandenberg, setzt sich aber durch. Für Brugger setzt sich auch der Langenargener Bürger und Rorschacher Kirchenpfleger Benedikt Martignoni ein. Ironie der Geschichte ist, dass der verdienstvolle, aber als Gegner der Aufklärung im Kloster umstrittene Offizial P. Iso Walser 1685, im Jahr der Ausführung der Fresken, seines Amtes enthoben und als Statthalter nach Rorschach versetzt wird. Sein Nachfolger als Offizial von St. Gallen ist P. Gerold Brandenberg, der Pfarrer von Rorschach.
[8] 1782, wieder unter Vermittlung des Kirchenpflegers Benedikt Martignoni. Sie sind in Rocaillerahmen gefasst. Die gut erhaltenen Deckengemälde sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich.
[9] Die Bilder, 178 x 240 Zentimeter gross, sind für den Kreuzgang bestimmt. Heute hängen zwei Bilder in der Kirche und drei im ehemaligen Kapitelsaal, dem heutigen evangelischen Betsaal.
[10] Trotzdem bleibt er wohlhabend. Denn der Tagesverdienst eines Handwerkermeisters liegt 1800 bei einem Gulden oder bei 250 Gulden im Jahr.
[11] Zitat Hubert Hosch, 1987.
|Andreas Brugger (1737–1812)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|16. November 1737||Gattnau (Kressbronn, Bodenseekreis)||Baden-Württemberg D|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Grafschaft Montfort-Tettnang (bis 1780)||Konstanz|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|8. Februar 1812||Langenargen (Bodenseekreis)||Baden-Württemberg D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Grafschaft Montfort-Tettnang (bis 1780)||Konstanz|
|Kurzbiografie|
|Andreas Brugger ist Maler und Freskant am Übergang vom Barock zum Klassizismus. Er ist Schüler von Franz Anton Maulbertsch und wird vom Landesherr, dem Grafen von Montfort, und auch vom Abt in Salem gefördert. Nach den beiden gleichzeitig im süddeutschen Raum tätigen Künstlern Martin Knoller und Januarius Zick zählt Brugger zu den wenigen grossen Kirchenmalern der letzten drei Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts in Schwaben und Vorarlberg. Er arbeitet ausschliesslich im Bodenseegebiet, und nur ausnahmsweise für bürgerliche Kreise. Seine Altarblätter und Fresken zeugen von einer Vertrautheit mit der bäuerlichen Bevölkerung, welche trotz aller Umwälzungen noch tief in barocker Religiosität verharrt.|