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Nein, der Journalismus ist nicht grundsätzlich krank, wie es der Titel dieses Beitrags nahelegen könnte, und auch die Journalisten sind es nicht, jedenfalls nicht generell. In seiner «Psychopathologie des Alltagslebens» von 19041 hatte Sigmund Freud ja alltägliche menschliche Fehlleistungen im Blick: Versprecher, Vergesslichkeit, das Verlegen von Gegenständen. Er deutete diese als rational erklärbare Mechanismen des Unbewussten. Ähnlich, wenn auch natürlich in Tiefe und Umfang weniger ehrgeizig, möchten wir hier Mechanismen des Journalismus mit dem Werkzeug der Psychologie deuten.
Es gibt psychologisch einleuchtende Gründe, warum jemand eine journalistische Laufbahn einschlägt und nicht zum Beispiel auf einer Bank arbeitet. Die Psychologen Varga von Kibéd und Sparrer (2005)2 und Ferrari (2011)3 führen Lebensentscheide wie die Berufswahl auf Werte zurück, die durch Veranlagung und Erziehung verinnerlicht sind. Sie haben ein Wertedreieck ausgearbeitet, anhand dessen sich eine Persönlichkeit und ihr Verhalten deuten lassen. Ruth Enzler Denzler (2009, 2014)4 hat dieses Wertedreieck empirisch weiterentwickelt. Wir übertragen es hier auf den Journalismus. Dazu dienen uns neben den Erkenntnissen aus der psychologischen Theorie unsere eigenen Erfahrungen als Journalist und als Objekt einer Medienkampagne sowie Gespräche mit ins mediale Kreuzfeuer geratenen Persönlichkeiten (Enzler Denzler und Schuler, 2017)5.
Das Dreieck der Werte
Das Wertedreieck unterscheidet zwischen dem sozialen Typ, dem Erkenntnistyp und dem Ordnungsstrukturtyp. Jeder Typus beinhaltet seine eigenen Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen. Forschungsergebnisse – und die Lebenserfahrung – zeigen, dass eine Persönlichkeit selten einem einzigen Typus zugerechnet werden kann. Keiner ist besser als der andere, und jeder von uns trägt Elemente aller drei Werthaltungen in sich. Gleichwohl steht bei den meisten Menschen ein bestimmter Typus im Vordergrund. Manchmal gibt es eine Mischform von zwei verschiedenen Typen, während der dritte eine deutlich untergeordnete Rolle spielt.
Der soziale Typ strebt nach menschlicher Verbindung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Das macht ihn zu einem wertvollen Teammitglied. Er hat aber auch oft den Ruf, «everybody’s darling» sein zu wollen. Er hat das Bedürfnis, allen alles recht zu machen. Wenn seine verinnerlichten Werte Anerkennung und Zugehörigkeit verletzt werden, reagiert er mit Anpassung und Konfliktvermeidung.
Der Erkenntnistyp sieht Leistung als grundlegenden Wert an, strebt aber auch nach Entfaltung und kreativem Freiraum. Er ist neugierig und vorwärtsgewandt. Den Stillstand fürchtet er und reagiert darauf mit innerer Unruhe und der Suche nach neuen Herausforderungen. Deshalb hat er häufig den Ruf einer vielfältig interessierten und handlungsorientierten Person. Er scheut keine Konflikte, wenn es um das Gelingen seiner Projekte geht.
Der Ordnungsstrukturtyp strebt nach Einfluss und Kontrolle. Er denkt in Systemen und ordnet sich und andere hierarchisch ein. Er hat die Fähigkeit, Ordnung und Struktur in Sachverhalte und Organisationen zu bringen. Das macht ihn zu einem durchsetzungsstarken Chef. Allerdings reagiert er auf Kritik empfindlich. Er neigt zu Schuldzuweisungen und einem Denken, das nur Schwarz oder Weiss zulässt: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.
Felix Müller, bis vor kurzem Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», hat den Journalisten treffend als Menschen charakterisiert, «der sein Leben mit dem Versuch verbringt, den Dschungel dieser Welt zu verstehen. Er entdeckt Neues, er forscht nach Fakten, er trägt diese als Puzzleteile zusammen und bemüht sich, sie zu einem Bild zu fügen.»6 Neugier gehört wesentlich zum Beruf des Journalisten. Er will durch Recherchen die Dunkelkammern der Macht durchleuchten, um so die Gesellschaft voranzubringen. Journalisten müssen in der Lage sein, sich Informationen gegen Widerstände rasch zu beschaffen und das Vertrauen von Auskunftspersonen zu gewinnen. Im Journalisten vereinigen sich typischerweise auf der individuellen Ebene also klar Eigenschaften des Erkenntnis- und des sozialen Typs.
Journalismus wird aber nicht einfach von einzelnen Journalisten betrieben. Für die Verbreitung journalistischer Produkte sorgen hierarchisch strukturierte Organisationen: Redaktionen, Verlage, Sendehäuser. Einen Aufstieg in diesen Hierarchien streben Journalisten an, deren Persönlichkeiten Elemente des…