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| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Erstes Buch
2. Cap. Die beiden Götter Marcions, der Demiurg und der sogenannte Gott der reinen Güte.
Unser Mann aus Pontus kommt uns mit zwei Göttern an, gleichsam zwei symplegadischen Felsen, woran er seinen Schiffbruch leidet; der eine ist unser Gott, der Schöpfer, den er nicht zu leugnen im stande ist, der andere der seinige, dessen Existenz er nicht zu beweisen vermag. Den Anstoss zu diesem Wahn empfängt der Unglückliche aus der schlichten Stelle eines Ausspruches des Herrn. Dieser hat aber bloss die Menschen, nicht Götter im Auge, wenn er in seiner Parabel vom guten und schlechten Baume sagt, dass der gute Baum keine schlechten und der schlechte Baum keine guten Früchte trage, d. h. eine gute Gesinnung oder ein guter [S. 132] Glaube könne keine schlechten und ein schlechter keine guten Werke hervorbringen.1 Gefoltert nämlich, wie viele Leute, namentlich Häretiker, auch jetzt noch von der Frage über das Böse und seinen Ursprung und betäubt durch die Gewalt seines Grübelgeistes selbst, findet er, dass der Schöpfer den Ausspruch that: „Ich bin es, der die Übel schafft.“2 Je fester er sich nun auch auf andere Gründe hin, die auf alle verdorbenen Menschen diesen Eindruck machen, eingebildet hatte, der dort gemeinte Gott sei der Urheber des Übels, um so zuversichtlicher deutete er den schlechten Baum, der schlechte Früchte, nämlich das Böse, hervorbringt, auf den Demiurgen3 und wähnte nun, dass es noch einen andern Gott geben müsse für die Rolle des guten Baumes mit den guten Früchten, indem er in Christo so gleichsam eine andere Heilsveranstaltung fand, die der blossen und reinen Güte, von welcher der Schöpfergott weit entfernt ist, gelangte er mit Leichtigkeit zu dem Schlusse, eine neue Gottheit gastire in seinem Christus und habe sich in demselben offenbart. Von der Zeit an verdarb er mit einer geringen Menge Sauerteig die ganze Masse des Glaubens durch seine häretische Säure. Er hatte einen gewissen Cerdo zum Lehrer dieser anstössigen Dinge, damit die Blinden desto eher glauben sollten, zwei Götter erkannt zu haben. Den einen hatten sie nämlich nicht recht gesehen. Denn Leute mit entzündeten Augen sehen mehrere Lichter, wo nur eins ist. Den einen Gott also, dessen Dasein zu bekennen er sich gezwungen sah, hob er auf, indem er Böses an ihm zu tadeln hatte, den andern, den er zu erklären beflissen war, konstruierte er auf Grund der vorauszusetzenden Güte. Wie er diese beiden Naturen anordnete, geben unsere Erwiderungen selbst zu erkennen.
1: Luk. 6, 43.
2: Bei Is. 45, 7.
3: Für Creator setze ich der leichteren Fasslichkeit halber, um nicht erst durch das unverfängliche deutsche Wort „Schöpfer“ falsche Vorstellungen zu erregen, hier lieber den gleich gnostischen Kunstausdruck „Demiurg“, an anderen Stellen „Schöpfergott.“