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INTERVIEW MIT SIMPLE MINDS

Anlässlich der Erscheinung ihres 16. Studioalbums hat uns Jim Kerr von Simple Minds, die bekannt für ihren Welthit "Don't You (Forget About Me)" bekannt sind, für ein Interview eingeladen.
hitparade.ch: Über all die Jahre hat Simple Minds immer wieder mit verschiedenen Stilen experimentiert. Wie lässt sich euer neues Album "Graffiti Soul" einordnen?
Jim Kerr: Interessant, dass du das fragst. Einer meiner besten Freunde in Glasgow ist Journalist und am letzten Aufnahmetag hat er mich gefragt: "Kannst du mir das Album in einem Wort beschreiben?" Ich sagte: Es ist stacheliger, mutiger Simple-Minds-Pop. Es zeigt unsere Pop-Seite. Ich denke, Pop ist eine Abstraktion. Was ist Pop? Es kann Abba sein, oder The Pixies. Wenn ich bei Simple Minds von Pop spreche, meine ich die Melodie. Stachelig, so ist unser Pop. Es hat aber auch ein gefährliches Element. Der erste Song, "Moscow Underground" sagt mir das. Wenn ich "Empires And Dance" höre, denke ich an Bands wie Joy Division und Comsat Angels. Ich höre da die dunkle, sinnierende Seite von uns. Es kommt aus dem Tunnel ans Licht, aber es ist rau. Es ist irrationaler Pop.
hitparade.ch: Was ist dein Lieblingssong des Albums?
Jim Kerr: Einen speziellen Platz in meinem Herzen inne hat der Opener "Moscow Underground". Es ist ein 8-Song-Album, alte Schule. Nach 40 Minuten ist schluss. In der heutigen Zeit, und ich weiss nicht, ob du mit mir einig gehst, ist es schade, wenn man 14 Songs auf ein Album packt. Erstens: Wer hat die Zeit? Zweitens: Wer hat mehr als eine Handvoll richtig guter Songs? Vergiss es! Wenn du es mir nicht in 40 Minuten geben kannst, gib es mir gar nicht. Die B-Sachen, behalt die für anderes auf. Wir wollten es in 40 Minuten machen, so dass jeder Song zählt. Beim Opener sagte mein Partner: "Jetzt mach mal halblang! Du hast mit diesem Pop aufgehört und willst jetzt mit diesem Grüblerischen anfangen." Ich sagte: "Aber es ist dunkel, grüblerisch und sexy!" Es zieht dir keins über, es lädt dich ein. Es verführt dich, als würde etwas in einem Tunnel im Moskauer Untergrund passieren. Was passiert dort? Es hat ein bisschen Zug-Rhythmen. Ich denke, der Song ist gut. Sehr gut.
hitparade.ch: Nelson Mandela und du hatten für viele Jahre eine spezielle Beziehung und ihr habt einige Benefiz-Konzerte und Geburtstagspartys zusammen gemacht. Wie findet er eure Musik?
Jim Kerr: Ich bin ehrlich: Er weiss, dass wir diese Schotten aus Glasgow sind und dass der Lachs in Schottland gut ist. Er fragt mich, ob ich Fischer sei und ich habe ihm schon so viele Male erzählt, dass ich es nicht bin. Er fragt: "Warum nicht?" Und ich antworte: "Nun, das ist eine lange Geschichte…" Ich denke, Glasgow war eine der ersten Städte, wenn nicht sogar die erste, die ihn zum Ehrenbürger ernannt hat, als er noch im Gefängnis war, darum hat er die Stadt in sein Herz geschlossen. Es war auch einer der ersten Orte, die er nach seiner Haft besucht hat. Wir repräsentieren für ihn wohl eher all das als eine Band, die "Don't You (Forget About Me)" gespielt hat.
hitparade.ch: Welches sind die interessantesten Erlebnisse, die ihr in dreissig Jahren auf der Bühne gemacht habt?
Jim Kerr: Grossartige Frage. Es gibt offensichtliche Höhepunkte, von denen wir einige hatten. "Live Aid" zum Beispiel. Du hast die Konzerte mit Mandela genannt. Wir haben an schönen Orten gespielt. Wir spielen nächsten Monat sogar im Markusplatz in Venedig. Was für eine Ehre. Wir haben in Edinburgh Castle gespielt. Auch eine Ehre. Weisst du was? Diese Konzerte in den Anfangsjahren, als uns nur drei Männer und ein Hund besuchten, diese aber gegen Ende richtig ausgeflippt sind. Du hast keine Platten verkauft und keine grosse Aufmerksamkeit gekriegt, aber du hast gefühlt, dass es klappt. Oder wie viele junge Bands waren wir früher Supporting Act. Du gehst auf die Bühne und bevor du einen Ton spielst, wird gebuht. Das ist brutal. Wir machen Zugaben, das können Supporting Acts nicht. Man muss beide Momente, die brutalen und die schönen, im Herz behalten. Ohne die einen würde es die anderen nie geben.
hitparade.ch: Mit welchen Bands warst du am liebsten unterwegs? Mit welchen am wenigsten?
Jim Kerr: Wir hatten viel Glück: Mein erstes Konzert was Genesis, mit Peter Gabriel. Hat mich beeindruckt. Peter Gabriel ist mein Idol. 1980 nahm er uns mit auf Europa-Tournee mit seinem Solo-Album, seinem dritten. Er zeigte uns, wie man ein Star ist und trotzdem bescheiden bleibt. Man hat erwartet, er wäre ein Arschloch, aber er hat immer jeden nett behandelt, seine Crew, und die haben auch uns nett behandelt. Wir waren auch mit anderen Helden auf der Bühne, zum Beispiel Lou Reed. Ich freue mich, nächsten Monat mit Neil Young zu spielen. Auch er ist ein Held für uns. Einmal mussten wir nach Iggy Pop spielen. Das ist, wie wenn man nach dem Beutelteufel spielen muss. Weißt du, was ich meine? Warum müssen wir nach Iggy Pop spielen? Es ist wie nach James Brown zu spielen. Wir machten es und haben überlebt. Ich vergesse das nie, in den Anfangsjahren von U2, ich vergötterte sie eher als das ich sie mochte. Ich mochte Keyboardbands, und sie hatten nicht viele. Sie waren eine Gitarrenband. Wir spielten mit ihnen, als sie aus Amerika zurückkamen, wo sie Gold für "War" gewonnen haben. Auch das war eine grosse Sache. Wir hatten Agenten, die sie kannten und sagten: Wartet, bis ihr sie kennenlernt. Sie sind unglaublich". Der Clou war: Es war ein zweitägiges Festival. Am ersten Tag mussten sie vor uns spielen, am zweiten Tag spielten wir vor ihnen. Sie waren gut, aber nicht grossartig. Ich dachte: Yeah! Als wir spielten, klappte einfach alles, es hätte nicht besser laufen können. McGuiness, U2-Manager kam rauf und sagte, wir wären genau so gut wie U2 gewesen. "Wir waren besser!" Wie auch immer, am nächsten Tag lief es grossartig. Ich dachte: Schauen wir uns noch ein wenig U2 an. Ich habe in meinen ganzen Leben noch nie so was gesehen. Phänomenal, phänomenal! Was zur Hölle ist das? Das werde ich nie vergessen. Ich erinnere mich, mit The Smiths gespielt zu haben. Sie waren fantastisch.
hitparade.ch: Gibt es etwas, das du, wenn du zurückschaust, gerne anders gemacht hättest?
Jim Kerr: Das meiste sind Sachen, die du mit der späteren Einsicht einfach anders organisiert hättest. Das einzige, was ich bereue: Wir haben unserem Bassisten rausgekickt. "Du bist gefeuert!" Es war sein Leben. Wenn du jung bist… "Du bist gefeuert, geh raus". Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Er war grossartig. Er stand vielleicht damals ein wenig neben den Schuhen. Wir hätten zusammen sitzen und das besprechen sollen. Wir haben im etwas weggenommen. Wir haben das den Zeitungen so gesagt. Er schrieb mir: "Grossartig, dass du das gesagt hast. Meine Kinder haben es gelesen. Du hast gesagt, es sei nicht mein Fehler gewesen". Zum Glück habe ich das gesagt. Es kam schlussendlich gut. Wir haben nicht lange nachgedacht. Es war Donnerstag, wir betrunken. "Du bist raus"!
hitparade.ch: Warum hast du in Sizilien ein Hotel aufgemacht?
Jim Kerr: Das Grossartige an der Band ist das Reisen. 1982 kamen wir das erste Mal dorthin, als es wirklich Ödland war. Die Leute sagten: "Die Mafia wird eure Ausrüstung stehlen." Wir gingen runter, spielten und es war unglaublich. Am nächsten Tag würde ich Geburtstag haben und jemand sagte, wir würden zu einem Platz, Toro Mineo, gehen und ich würde ihn lieben. Ich tat es! Zehn Jahre lang kam ich in den Ferien zurück. Vor zehn Jahren, da hatte die Band langsam keine Kraft mehr. Leerer Tank. Ich ging runter, ich dachte: "Das ist mein Ort". Ich war vierzig und dachte, ich würde nicht mehr Musik machen. Warum nicht aufs Ganze gehen? Schliesslich mag ich die Kultur, die Landschaft. Es wurde ein immer grösseres Projekt. Jeder sagte, ich sei verrückt. Ja, vielleicht, aber es gab mir auch grosse Befriedigung. Es wurde Teil meines Lebens. Kürzlich dachte ich, dass sich in meinem Leben alle zehn Jahre etwas ändert. Vielleicht steht bald wieder eine grosse Herausforderung an. Keine Ahnung, was es sein wird.
hitparade.ch: Hat "Don't You (Forget About Me)", der Song aus dem Kultfilm "The Breakfast Club", eine spezielle Bedeutung für euch?
Jim Kerr: Wir haben hart gearbeitet und doch keinen Vertrag in Amerika bekommen bis zu unserem fünften Album. Niemand wollte unsere anderen Alben hören. Jeder bekam Gold und Silber und all das. Wir hatten "New Gold Dream" und "Sparkle In The Rain" rauszubringen. Wir kamen im keinem Mainstream-Radio. Dann passierte etwas Bizarres: Man sagte: "Wir machen diesen Breakfast-Club-Film und es steckt viel Geld drin. Es wäre doch toll für euch, da mitzumachen. Wir haben einen Song für euch." Was für ein Song? Wir schreiben unsere eigenen Songs! Wir spielen keine Songs anderer Leute. Sie sagten: "Wir haben diesen Song und ihr habt keinen. Wir haben diesen Song und er ist wie Simple Minds". Ach ja? Verpiss dich. Wir sind Simple Minds. Man gab uns die Demo-Version. Die Melodie war da, aber der Text war seltsam. Der Typ, der den Song schrieb, wollte uns unbedingt dabei haben. Er hätte keine Absage akzeptiert. Er kreuzte in Glasgow im Proberaum auf. Wir mochten ihn besser als seinen Song. Aber irgendwie arrangierten wir das dann. Wenn wir nun in ein Taxi steigen, sagt der Taxifahrer: "Wo arbeitest du?" - "Ich bin Musiker?" - "Ach ja, inwiefern?" - "Meine Band heisst Simple Minds" - "Simply Red!" - "Nein, nein: Simple Minds" - "Wie heisst euer Song?" - "Don't You Forget About Me" - "Oh, ich liebe den Song. Habe ich an meiner Hochzeit gespielt!" Er kennt sonst keinen Song wahrscheinlich, trotzdem fühlt es sich gut an.
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