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Die meisten Fluggäste, die in Juliaca landen, fahren gleich weiter in Richtung Titicaca-See. Die schmutzige, chaotische, halb fertig gebaute Handelsstadt auf fast 4000 Metern Höhe lassen sie schnell hinter sich.
Juliaca gilt als die Schmuggel-Hauptstadt Perus und, seit vor 18 Jahren der Gold-Boom ausgebrochen ist, auch als Hotspot der Goldschürfer und Goldhändler.
Deshalb bin ich hier. Ich will wissen, woher das Gold kommt, das in die Schweiz exportiert wird. Dass ich schon gleich vor dem Flughafen Antworten finde, hätte ich allerdings nicht gedacht. «Ich fahre an den Wochenenden oft zu den Minen der Rinconada hoch und kaufe dort etwas Gold, das ich hier weiterverkaufe», sagt mein Taxifahrer Fredy Humpiri unverblümt. «Früher bin ich auch selbst in die Mine gegangen.»
Dort würden sogar Menschen geopfert, um die Mine gnädig zu stimmen, damit sie ihr Gold freigibt. «Das glaube ich nicht, die Menschen würden doch vermisst», wende ich ein. «Doch, Loquitos, geistig Behinderte, die niemanden haben, oder auch Babys. Habe ich mit eigenen Augen gesehen.» Das Gefährlichste seien aber die Überfälle. Ihm sei sein Gold auch schon geraubt worden auf dem Weg von La Rinconada nach Juliaca.
Peru ist der sechstgrösste Goldproduzent der Welt. Entsprechend wichtig ist der Goldbergbau für Perus Wirtschaft. Die Goldminen werden hier in gross, mittel, klein und artisanal eingeteilt. Die grossen und mittleren Minen sind meist in den Händen ausländischer Unternehmen und werden industriell im Tagebau betrieben.
Die Umwelt verschmutzen und verschandeln alle Goldschürfer, grosse wie kleine.
Die ausländischen Investoren werden vom peruanischen Staat bevorzugt. Die kleineren Minen dagegen sind in der Hand einst armer Bauern, die aufgelassene Minen oder Grundstücke besetzt haben und zuerst mit Schaufel und Hacke, seit den hohen Goldpreisen auch mit grossen Maschinen nach Gold schürfen oder buddeln. Den kleinen Goldbergbau gibt es sowohl im Tagebau – so wie im nahen Ananea oder in der Amazonas-Region Madre de Dios – oder unter Tage.
Im Gegensatz zum grossen Goldbergbau haben die kleinen Bergleute oft keine Genehmigungen, arbeiten im rechtsfreien Raum und zahlen keine Steuern. Die Umwelt verschmutzen und verschandeln alle, grosse wie kleine.
Da rund 150’000 Peruaner direkt und 650’000 indirekt vom Kleinbergbau leben und dieser mindestens 20 Prozent der nationalen Goldproduktion ausmacht, möchte der peruanische Staat die kleinen Bergleute in einem sogenannten Formalisierungsprozess zu legalen Minenbetreibern machen.
In La Rinconada in der Region Puno müssen die Männer in den Berg kriechen, um das Gold herauszuholen. Fünf Stunden dauert die Autofahrt von Juliaca zu dem auf 5200 Metern gelegenen Minencamp. Schon bevor man die ersten Häuser erreicht, riecht man, dass hier viel zu viele Menschen mit zu wenigen WCs, Bädern und Abflussrohren leben.
Kilometerlange Müllhalden kündigen die Siedlung an. Manche Schätzungen gehen von 45’000 Menschen aus, in Puno sagt man, es seien sogar 60’000. Davon 20’000 Männer, die in Stollen kriechen, Felsen sprengen und hoffen, auf eine Goldader zu stossen.
Frauen dürfen nicht in den Berg, denn der Aberglaube besagt, das bringe Unglück. Dafür sind viele Frauen in Rinconada als Goldkäuferinnen und Händlerinnen präsent. Oder als Prostituierte, meistens unfreiwillig. Es sind Mädchen, die von ihren Eltern in der Umgebung oder im benachbarten Bolivien verzweifelt gesucht werden.
25 Tage schürfen für den Chef, einen für den eigenen Gewinn
La Rinconada wirkt wie ein Vorhof der Hölle. Männer kriechen auf einem von Müll gepflasterten Weg in einen der engen Schächte, auf dem Rückweg kommen sie an Marktständen, Bars und Bordellen vorbei, die sie einladen, das geschürfte Gold gleich wieder auszugeben.
Die Männer arbeiten im sogenannten Cachorreo-System: Anstatt eines festen Lohns dürfen sie nach 25 Tagen Arbeit für den Minenbesitzer einen oder zwei Tage für ihren eigenen Gewinn schürfen. Die Aussicht auf die grosse Goldader motiviert mehr als jeder feste Lohn mit Sozialversicherung.
Quecksilberdampf lässt sich auf Dächern und Ebenen nieder, die nahe Lagune Lunar de Oro ist längst eine Quecksilberleiche. Die Bauern unten am Ramis-Fluss klagen, dass ihre Tiere durch das verschmutzte Wasser sterben. Auch die Fische im nahen Titicaca-See weisen viele Schwermetalle auf. Wahrscheinlich wegen der Goldschürferei in Rinconada und Ananea.
In der Rinconada herrschen Mord und Vergewaltigungen. Von hier kommt das Gold für die Schweizer Raffinerien.
Staatliche Stellen gibt es in La Rinconada so gut wie nicht. Welcher Polizist, Lehrer oder Arzt möchte schon hier leben? Wenn sich doch einer hochtraut, dann dauert es nicht lange, und er geht selber in die Mine und verdient damit ein Vielfaches seines kleinen Lehrer- oder Polizistengehaltes.
Aus der Rinconada, beherrscht von Menschenhandel, Mord, Vergewaltigungen und Umweltvergiftung, von hier kommt ein guter Teil des Goldes, das Peru in die Schweiz exportiert. Dort wird es in einer der vier grossen Raffinerien zu Feingold weiterverarbeitet.
Zurück in Juliaca, Calle Mariano Nuñez 614. In einem fünfstöckigen Haus mit verspiegelten Scheiben und Metallgittern residiert der zweitwichtigste Goldlieferant in die Schweiz. Die Firma Minerales del Sur kauft Gold auf von den kleinen Goldschürfern in Puno. Seit 2014 tut sie dies sogar im Namen des peruanischen Staates und ist damit zu einem grossen Player im peruanischen Goldgeschäft geworden.
Einziger Kunde: Metalor in Neuchâtel
Im selben Jahr rief die peruanische Regierung den Umweltnotstand aus: Der illegale Goldabbau im Amazonasgebiet Madre de Dios hat die Region schwer geschädigt und vergiftet. Auch Metalor hatte illegal geschürftes Gold aus Madre de Dios aufgekauft. Seitdem behauptet Metalor, kein Gold mehr aus Madre de Dios zu kaufen.
Doch der peruanische Journalist Oscar Castilla hat im Auftrag der Gesellschaft für bedrohte Völker herausgefunden, dass gegen die Besitzer von Minerales del Sur in der Vergangenheit mehrfach wegen Geldwäsche und illegaler Goldausfuhr ermittelt wurde, dass einer sogar seinen Namen wechselte und selbst in Madre de Dios schürfen lässt.
Da Metalor der einzige Kunde ist, spricht sehr vieles dafür, dass er weiterhin Gold aus dem Amazonas aufkauft und in der Schweiz weiterverarbeitet.
Ich möchte vom Besitzer von Minerales del Sur wissen, wie er so sicher sein kann, dass das Gold, das sie aufkaufen, legal und ohne Umweltzerstörung abgebaut wurde. Das nämlich behauptet Metalor auf seiner Website: Minerales del Sur verlange vom Goldverkäufer Name, Steuernummer, Daten der Konzession und die Einschreibung ins Register der zu formalisierenden Kleinschürfer.
Die kleine Tür im Metalltor öffnet sich einen Spalt, ein Wachmann nimmt meinen Presseausweis entgegen und sagt, er würde meine Bitte nach einem Interview weitergeben. Nach drei vergeblichen Versuchen, mehreren Telefonaten und halbstündigem Warten bekomme ich endlich die Antwort – ich solle mich ans Bergbauministerium wenden.
«Niemand hier in Puno kann die legale Herkunft von Gold garantieren, es sei denn, es kommt aus einer zertifizierten Mine», sagt der junge Staatsanwalt Federico Chavarrí. Mit einem Kollegen und fünf Polizisten ist er für alle Umweltdelikte in der Region Puno zuständig. 200 Fälle illegalen Goldbergbaus hat er momentan auf dem Schreibtisch.
Die staatlichen Regulierungen sind eine Einladung an Goldschürfer, ihre illegale Arbeit reinzuwaschen.
Als illegal gilt das Goldschürfen dann, wenn es zum Beispiel in einem Naturschutz- oder Wasserschutzgebiet betrieben wird, oder wenn sich der Schürfer nicht im staatlichen Formalisierungsregister einschreibt.
Allerdings, und da ist der Haken: Wer sich ins Register einschreibt, darf weiterarbeiten wie bisher. Er verpflichtet sich nur, bis 2020 alle staatlichen Vorgaben geregelt zu haben. «Das ist eine Einladung an die illegalen Goldschürfer, legal weiterzuarbeiten, das nennt man dann informell», schimpft Staatsanwalt Chavarri. Informelle Goldschürfer dürfen ihr Gold legal verkaufen – auch an Minerales del Sur.
Die regionale Bergbaubehörde mit ihren 15 Angestellten hat viel zu wenig Kapazitäten, um zu kontrollieren, ob die angegebenen Konzessionen wirklich stimmen und ob das Quecksilber wirklich sachgemäss verwendet wurde. 5530 Bergleute aus Puno haben sich als «informell» ins staatliche Register eingeschrieben. 10’000 bis 15’000, darunter auch viele «Cachorreros» aus La Rinconada, so schätzt Chavarrí, arbeiten gänzlich illegal.
Auf der belebten Strasse Mariano Nuñez in Juliaca laufen Schulkinder nach Hause, Frauen in Pollera-Röcken verkaufen Essen, Handyverkäufer buhlen um Kundschaft. Kleinbusse stauen sich, hupen und verpesten die Luft. In dieser Strasse befindet sich nicht nur das Geschäftshaus von Minerales del Sur, sondern ein Laden neben dem anderen wirbt mit «Oro»-Schildern um den Fund der kleinen Goldschürfer aus La Rinconada und den anderen Goldschürf-Orten Punos.
Hinter den meisten verspiegelten Scheiben winkt eine goldfarbene Plastikkatze. Ein Laden bietet auch die neuesten Pistolen an. «Ja, eigentlich müssen wir beim Aufkauf schon Dokumente verlangen, aber da gibt es Wege, dies zu umgehen», sagt einer der jungen Goldaufkäufer, der seinen Namen nicht sagen will.
«Die Goldwirtschaft verzerrt alle Preise. Menschen, die nicht so viel verdienen, müssen nun doppelt so viel Miete bezahlen.»
Ob denn der illegal-informelle Goldabbau in Puno wenigstens die Entwicklung der Region voranbringe, wenn er schon die Umwelt zerstört, frage ich. Staatsanwalt Chavarrí schüttelt heftig den Kopf: «Die Goldwirtschaft verzerrt alle Preise. Wir, die wir nicht so viel verdienen, müssen auf einmal das Doppelte an Miete bezahlen.»
Fredy Humpiri ist anderer Meinung. Er fährt mich zurück zum Flughafen von Juliaca, das Auto hüpft von einem Erdloch zum anderen, die Strassen sind noch nicht geteert. Regenwasser staut sich in grossen Lachen, die Kanalisation funktioniert nicht. «Natürlich ist das Gold gut für uns, ohne den Goldbergbau hätten wir ja gar keinen Umsatz», meint mein goldschürfender Taxifahrer.
Das nächste Mal, wenn ich komme, würde er mir ein paar Gramm Gold aus La Rinconada zurücklegen. «Für einen echten Goldring.»