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Flügelrossfisch
Eurypegasus draconis
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Inselgruppe der Malediven liegt südwestlich der Südspitze Indiens im Indischen Ozean. In diesem Meeresgebiet zieht sich der «Maledivenrücken», ein mächtiger untermeerischer Gebirgszug, in nordsüdlicher Richtung über eine Strecke von mehr als 2500 Kilometern dahin, von ungefähr 15 Grad nördlicher Breite bis 10 Grad südlicher Breite. Der Grossteil des Gebirges befindet sich mehrere hundert Meter unter dem Meeresspiegel, doch an drei Stellen ragen seine Gipfel in Form von Inseln über die Meeresoberfläche empor. Ganz im Norden sind es die politisch zu Indien gehörenden Lakkadiven, in der Mitte die Malediven, politisch eine eigenständige Republik, und ganz im Süden die Chagos-Inseln, welche als «Britisches Territorium im Indischen Ozean» politisch zu Grossbritannien gehören. Mit einer nordsüdlichen Ausdehnung von fast 900 Kilometern bilden die Malediven die grösste der drei Inselgruppen.
Fast alle Malediveninseln sind Teil von Atollen, das heisst von mehr oder weniger vollständigen Inselringen, welche um eine zentrale Lagune gruppiert sind. Ein paar wenige sind angehobene Riffe. Die gesamte Landfläche der Inselrepublik bemisst sich auf bloss 298 Quadratkilometer und ist verteilt auf 1087 kleine Inseln, von denen 220 bewohnt sind. Nur gerade neun Inseln sind grösser als zwei Quadratkilometer, und selbst die grösste weist eine Fläche von lediglich sechs Quadratkilometern auf.
Wie man sich aufgrund dieser Zahlen denken kann, ist die auf den Malediven heimische Tier- und Pflanzenwelt ziemlich artenarm. Ausser zwei Flughunden (Pteropus spp.)
gibt es keine einheimischen Säugetierarten, und auch die Vogelwelt ist mit nur zwei Dutzend Brutvogelarten (wovon die Hälfte Meeresvögel sind) recht mager.
Unter der Meeresoberfläche sieht die Situation wesentlich anders aus. Da alle Malediveninseln innerhalb der Tropenzone liegen und weite Flächen seichter Küstengewässer aufweisen, ist die Formenvielfalt der hier vorkommenden Meereslebewesen enorm gross. Besonders artenreich ist die Fischfauna: Es wurden bisher über eintausend Arten verzeichnet, was die Malediven diesbezüglich zu einer der reichhaltigsten Regionen der Welt macht.
Die meisten Fischarten leben im Bereich der bunten Korallenriffgärten, die sich rund um die Malediveninseln herum ausdehnen. Manche von ihnen bevorzugen jedoch andere Lebensräume, beispielsweise die tieferen Wasserschichten zwischen den einzelnen Atollen, oder aber jene Bereiche der Riffe und insbesondere der Lagunen, welche einen sandigen oder kiesigen Grund aufweisen. Zu letzteren gehört der Flügelrossfisch (Eurypegasus draconis)
, auch «Gemeiner» oder «Kleiner» Flügelrossfisch genannt, von dem hier berichtet werden soll.
Stichling oder Seepferdchen?
Der Flügelrossfisch ist ein Mitglied der Familie der Flügelrossfische (Pegasidae), einer kleinen, aber recht eigentümlichen Gruppe meereslebender Fische. Früher wurde die Familie in eine eigene Ordnung namens Flügelrossfische (Pegasiformes) gestellt. Heute wird sie im Allgemeinen der Ordnung der Stichlingsfische (Gasterosteiformes) zugeordnet, einer Sippe kleiner Fische, welche unter anderem die in den Süssgewässern der nördlichen Erdhalbkugel weit verbreiteten Stichlinge «im eigentlichen Sinne» (Familie Gasterosteidae) umfasst. Einige Fachleute sind jedoch der Ansicht, dass die Flügelrossfische verwandtschaftlich den Seepferdchen, Seenadeln und Fetzenfischen in der Familie Syngnathidae näher stehen. Diese werden heute zumeist in eine eigene Ordnung namens Seenadelartige (Syngnathiformes) gestellt. Andere Wissenschaftler wiederum sind der Ansicht, dass die Flügelrossfische, die Stichlingsfische und die Seenadelartigen so nah miteinander verwandt sind, dass sie in einer einzigen Ordnung - namens Stichlingsfische (Gasterosteiformes) - zusammengefasst werden sollten.
Unabhängig von der umstrittenen verwandtschaftlichen Zuordnung sind sich die Marinbiologen einig, dass die Familie der Flügelrossfische insgesamt nur fünf Arten umfasst, nämlich drei in der Gattung Pegasus
und zwei in der Gattung Eurypegasus
. Die zweite Art in der Gattung Eurypegasus
, neben dem «Gemeinen» Flügelrossfisch, ist der Hawaii-Flügelrossfisch (Eurypegasus papilio)
. Die Verbreitung der Familie ist auf den Indopazifik beschränkt; ihre fünf Mitglieder kommen im Atlantik und dessen Randmeeren also nicht vor.
Der Flügelrossfisch erreicht eine maximale Länge von etwa zehn Zentimetern, ist aber gewöhnlich kleiner. Wie andere Mitglieder der Familie hat er einen abgeflachten Körper und ist rundherum durch einen Panzer aus unregelmässig geformten Hautknochenplatten geschützt. Die Rücken-, die Bauch-, die After- und die Schwanzflosse sind relativ kleine, durchsichtige Gebilde, während die beiden ebenfalls transparenten, aber weiss geränderten Brustflossen zu grossen, waagrecht gehaltenen «Flügeln» umgebildet sind. Der Kopf trägt eine stark verlängerte, schnabelartige Schnauze, unter welcher die Mundöffnung versteckt ist. Die Kiefer sind unbezahnt und können stark vorgestülpt werden. Die Körperfärbung ist sehr variabel, weist aber oftmals hell- bis dunkelbraune Töne auf. Die beiden Geschlechter sehen gleich aus, doch sind die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen.
Muschelschalentarnkleid
Das Verbreitungsgebiet des Flügelrossfischs erstreckt sich von der Ostküste Afrikas und vom Roten Meer im Westen in einem breiten Gürtel quer durch den Indischen und Pazifischen Ozean bis zu den Marquesas-Inseln (Französisch-Polynesien) im Osten. Innerhalb dieses riesigen Areals hält er sich in der Regel als Bodenbewohner in seichten Gewässern auf. Vorzugsweise bewegt er sich in Tiefen von 30 bis 90 Metern umher, konnte aber auch schon in nur 3 Metern Tiefe angetroffen werden.
Im Allgemeinen begegnet man ihm in Gebieten, wo der Meeresgrund aus Sand, Kieselsteinen oder zerbrochenen Muschelschalen besteht und keinen Bewuchs aufweist. Hier ist er mit seinem Hautknochenpanzer, welcher zerbrochenen Muschelschalen überaus ähnlich sieht, vorzüglich getarnt, wenn er bewegungslos auf dem Meeresgrund liegt. Abgesehen von seiner Tarntracht und seinem Knochenpanzer, der ihn für gewisse Fressfeinde zu einer «harten Nuss» macht, verfügt der Flügelrossfisch über keine Feindabwehrmittel oder -massnahmen. Dies im Unterschied zu einigen vergleichbar gut getarnten, bodenlebenden Fischen wie den Steinfischen (Synancejidae) oder den Stechrochen (Dasyatidae), welche wegen ihrer giftigen Rückenflossen- bzw. Schwanzstacheln berühmt-berüchtigt sind.
Der Flügelrossfisch ernährt sich von einem breiten Spektrum kleiner Tiere, darunter vor allem Würmern und Krebschen, welche im und auf dem Meeresboden leben und die er mittels der vorstülpbaren Kiefer in seinen Mund einsaugt. Er ist mehrheitlich tagsüber aktiv, und er ist ein ziemlich sesshafter Fisch, der zumindest als erwachsenes Tier kaum je grössere Strecken zurücklegt, sondern sich ganzjährig in einem verhältnismässig kleinen Wohngebiet umherbewegt.
Er fährt regelmässig aus der Haut
In Intervallen von einem bis fünf Tagen tut der Flügelrossfisch etwas für Fische sehr Seltsames: Er häutet sich. Das Häuten ist bei den landlebenden Wirbeltieren ein häufiges Phänomen. Sie besitzen eine Oberhaut aus toten, verhornten Zellen, welche als Schutzschicht gegen Austrocknung, Verletzungen und Infektionen dient. Diese Oberhaut ist erheblicher Abnutzung ausgesetzt und muss darum regelmässig erneuert werden. Die Säugetiere, darunter der Mensch, und die Vögel häuten sich gewissermassen ständig, indem sie fortwährend kleine bis kleinste Hautstückchen («Schuppen») abstossen. Die Reptilien hingegen häuten sich nur hin und wieder, indem sie ihre ganze Haut oder zumindest grosse Stücke davon aufs Mal abstreifen.
Bei den allermeisten Fischen besteht die Gefahr der Austrocknung nicht, und auch eine mechanische Abnutzung der Haut findet im Wasser kaum statt. Tote, verhornte Zellen existieren darum bei ihnen einzig an Körperstellen, welche tatsächlich beansprucht werden, insbesondere an den Lippen. In den übrigen Körperbereichen besteht die Oberhaut aus lebenden Zellen, welche in der Regel durch eine von besonderen Hautdrüsen abgesonderte Schleimschicht geschützt sind. Stirbt eine Zelle der Oberhaut ab - was jede Zelle früher oder später tut - so wird sie von der Unterhaut resorbiert und individuell ersetzt. Bei der grossen Mehrzahl der Fische gibt es darum den Vorgang der Häutung im alltäglichen Leben nicht. Einzig bei Hautinfektionen oder anderen Hautkrankheiten können unter Umständen Hautstücke abgestossen werden.
Der Flügelrossfisch jedoch steckt nicht nur «von Kopf bis Fuss» in einem Hautknochenpanzer, sondern er hat auch eine vollständig verhornte Oberhaut. Und er zeigt alle paar Tage - weit häufiger als jedes Reptil - eine vollständige Häutung: Die alte Haut reisst zunächst am Kopf auf. Dann bewirkt der Fisch mit ruckartigen Bewegungen und kräftigem «Atmen», dass Umgebungswasser unter die alte Haut gelangt. Schliesslich befreit er sich durch einen kombinierten Atem- und Schwimmstoss von ihr.
Warum sich der Flügelrossfisch häutet, ist nicht abschliessend geklärt. Eine Theorie besagt, dass er im Laufe seiner Stammesgeschichte eine Oberhaut entwickelt hat, welche zwecks Verstärkung der Tarnwirkung die Besiedlung durch Algen und andere kleine Organismen zulässt oder sogar fördert. Da dieser lebende «Filz» jedoch schnell wuchert und zu einer Gefahr für die Gesundheit werden kann, muss der Fisch sie beizeiten loswerden. Dies tut er, indem er die alte Haut mitsamt dem Belag kurzerhand abstreift.
Obschon das Phänomen der Häutung für Fische äusserst untypisch ist, tun es noch andere Arten ausser dem Flügelrossfisch. Mehrere Mitglieder der Familie der Drachenköpfe (Scorpaenidae) sowie der nah verwandten Familie der Steinfische (Synancejidae) verfügen ebenfalls über eine verhornte Oberhaut, die sie regelmässig abstreifen. Diese Fischarten zeigen eine ähnliche Lebensweise wie der Flügelrossfisch: Sie halten sich gewöhnlich am Meeresboden auf und tragen eine sehr wirkungsvolle Tarntracht. Allerdings sind sie nicht näher mit den Flügelrossfischen verwandt, sondern gehören zur Ordnung der Panzerwangen (Scorpaeniformes). Es scheint also, dass sich das Phänomen der Häutung bei den Fischen mindestens zwei Mal separat herausgebildet hat. Man nennt dies «konvergente Entwicklung».
Monogam, aber nicht territorial
Der Flügelrossfisch ist auch hinsichtlich seiner Gesellschaftsform sehr ungewöhnlich: Als erwachsenes Tier geht er eine feste, vermutlich lebenslange Paarbeziehung mit einem Individuum des anderen Geschlechts ein. Er lebt also monogam. Die Monogamie ist bei den meereslebenden Fischen überaus selten: Bei den mindestens 15 000 Fischarten, welche die Meere bevölkern, wurde sie bisher erst bei rund hundert Arten (in achtzehn verschiedenen Familien) festgestellt.
Die Flügelrossfischpaare pflanzen sich in verhältnismässig kurzen Intervallen fort. Sie schwimmen dazu jeweils in der Abenddämmerung gemeinsam zur Wasseroberfläche. Dort gibt das Weibchen eine grössere Anzahl Eier ins freie Wasser ab, worauf diese vom Männchen sofort besamt werden. Innerhalb von 24 Stunden schlüpfen aus den Eiern winzige Jungfische, welche ihren Eltern keineswegs ähnlich sehen. Sie sind also Larven. Eine Zeitlang treiben sie planktonisch mit den Meeresströmungen dahin, häuten sich mehrfach und verändern dabei ihr Aussehen erheblich. Eines schönen Tages verwandeln sie sich schliesslich in Miniaturausgaben ihrer Eltern und lassen sich an einer günstigen Stelle auf dem Meeresboden nieder. Früher oder später gehen sie einen Paarbund ein und werden sesshaft. Ihr Wohngebiet beanspruchen sie nicht als Territorium exklusiv für sich, sondern die Wohngebiete benachbarter Flügelrossfischpaare überlappen teils sehr stark.
Die Monogamie bei Tieren ist ein Thema von grossem Interesse für die Zoologen, einerseits weil es bei den meisten Tiersippen ein recht seltenes Phänomen ist, andererseits weil die Menschen mehrheitlich monogame Gesellschaftsstrukturen herausgebildet haben. Die Frage, weshalb gewisse Arten oder Artengruppen zur Monogamie neigen und andere nicht, ist allerdings schwer zu beantworten. Es lassen sich lediglich gewisse Faktoren nennen, welche häufig mit der Monogamie einhergehen. Bei den Fischen sind dies hauptsächlich zwei: erstens die Brutpflege und zweitens die Verteidigung eines Territoriums. Da die beiden Partner der Flügelrossfischpaare weder Brutpflege betreiben noch ein gemeinsames Territorium verteidigen, ist ihre monogame Gesellschaftsstruktur für uns ein grosses Rätsel.
Getrocknet ein chinesisches Heilmittel
Der Flügelrossfisch ist ein weit verbreiteter Fisch und er bewohnt einen Lebensraum, der weniger gefährdet ist als viele andere Habitate. Er scheint darum derzeit nicht in seinem Fortbestand gefährdet zu sein.
Allerdings wird er überraschend stark befischt, und zwar besonders im ost- und südostasiatischen Raum. Wie alle Mitglieder der Flügelrossfamilie wird er in getrocknetem und zerriebenem Zustand in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zu Heilzwecken eingesetzt. Zu nennen ist vor allem die Behandlung von Atemwegserkrankungen, speziell von Infektionen der Bronchien bei Kindern. Aus diesem Grund gelangen alljährlich viele Millionen Flügelrossfische auf die Märkte der Region. Eine Untersuchung in den 1990er Jahren ergab, dass in einem begrenzten Bereich der Philippinen in lediglich einem Jahr mehr als 130 000 Flügelrossfische gefangen und gehandelt worden waren. Mit der zunehmenden Öffnung Chinas und dem wirtschaftlichen Aufschwung in den ost- und südostasiatischen «Tigerstaaten» wächst die Nachfrage nach solchen Arzneien weiter an - und damit der Druck auch auf die Flügelrossfische.
Zwar gibt es gegenwärtig keine verlässlichen Informationen über den Einfluss dieser Fischerei auf die Bestände des Flügelrossfischs. Seine verhältnismässig geringe natürliche Bestandsdichte lässt aber befürchten, dass eine Schädigung durchaus möglich ist. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Fangzahlen in gewissen Gebieten rückläufig sind, weil die lokalen Bestände übernutzt sind.
Erfreulicherweise gilt dies aber erst für einzelne Gebiete wie die Philippinen. Anderenorts, beispielsweise im Bereich der Malediven, ist der Fangdruck beträchtlich geringer oder überhaupt nicht vorhanden. Das Überleben dieses kleinen, aber sehr faszinierenden Geschöpfs dürfte darum in absehbarer Zukunft kaum in Gefahr geraten.
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