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Roter Flamingo
Phoenicopterus ruber
© 2013 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Der in der Neuen Welt heimische Rote Flamingo (Phoenicopterus ruber) ist - knapp hinter seinem eng mit ihm verwandten Vetter in der Alten Welt, dem Rosaflamingo (Phoenicopterus roseus) - das zweitgrösste Mitglied der 6 Arten umfassenden Flamingofamilie (Phoenicopteridae). Erwachsene Individuen weisen eine Standhöhe von 120 bis 145 Zentimeter und ein Gewicht von 2 bis 3 Kilogramm auf, wobei die Männchen durchschnittlich etwas grösser und schwerer sind als die Weibchen. Im Prachtkleid ist der Rote Flamingo kräftiger rosa- bis orangerot gefärbt als alle anderen Flamingos, daher sein deutscher wie auch wissenschaftlicher Name.
Das Verbreitungsgebiet des Roten Flamingos ist sehr weit: Es umfasst zahlreiche Karibikinseln, von Kuba im Norden bis Trinidad und Bonaire im Süden, ferner die Bahamas, den Süden Floridas, die Küste Mexikos bei der Yukatan-Halbinsel, die Nordküste Südamerikas und sogar die Galapagosinseln. Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets kommen die Roten Flamingos allerdings nur sehr verstreut vor, denn wie alle Flamingos sind sie an ein Leben an den Rändern grossflächiger, seichter Stillgewässer mit hohem Salzgehalt angepasst, bewohnen also vorzugsweise brackige Lagunen, küstennahe Strandseen und salzige Binnenseen.
Bei der Nahrungsaufnahme betätigen sich die Roten Flamingos als «Filterer»: Sie waten im seichten Wasser umher und filtern mit ihrem nach unten geknickten und «verkehrt herum» ins Wasser getauchten Seihschnabel Kleinstlebewesen aus dem Wasser. Täglich nehmen sie 250 bis 300 Gramm Nahrung auf, was Zehntausenden winziger Organismen wie Ruderfusskrebschen, Salzfliegenlarven und Vielborstenwürmern entspricht.
Die Roten Flamingos leben monogam. Einmal gebildete Paare halten also während mehrerer Jahre zusammen. Die Bruten erfolgen stets in kopfstarken Kolonien, meistens unmittelbar am Wasser. Die Nester bestehen aus einem aus Schlamm angehäuften, etwa dreissig Zentimeter hohen Kegelstumpf, der oben eine flache Mulde aufweist. Dort hinein legt das Weibchen manchmal zwei, gewöhnlich aber ein einzelnes Ei. Dieses wird in der Folge von den beiden Altvögeln partnerschaftlich während rund vier Wochen bebrütet. Nach dem Schlüpfen trägt das Junge anfänglich ein hellgraues Daunenkleid und hat einen geraden Schnabel. Es wird von beiden Eltern mit einer Nährflüssigkeit gefüttert, welche im Bereich von Speiseröhre und Vormagen abgesondert wird. Diese so genannte «Kropfmilch» lassen sie direkt von ihrem Schnabel in den des Jungen rinnen.
Flugfähig sind die jungen Roten Flamingos im Alter von etwa elf Wochen. Sie lösen sich dann von ihren Eltern. Ihr erstes Jugendgefieder ist hellgrau, ihr zweites graurosa gescheckt. Die volle Ausfärbung erreichen sie im Alter von drei bis fünf Jahren. Dann erst verbinden sie sich mit einem Geschlechtspartner und beteiligen sich ihrerseits an der Fortpflanzung. Der langsamen Jugendentwicklung entspricht ein hohes Lebensalter: Rote Flamingos können in Menschenobhut bis über sechzig Jahre alt werden. Im Freiland dürfte die Lebenserwartung aber typischerweise bei zwanzig bis dreissig Jahren liegen.
Vier der insgesamt sechs Flamingoarten werden von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «Potenziell gefährdet» oder «Verletzlich» eingestuft, weil ihre Bestände rückläufig sind. Nur der Rosaflamingo und der Rote Flamingo, also die beiden grossen, besonders eng miteinander verwandten Vettern, gelten als «Nicht gefährdet», weil sie beide sehr weit verbreitet sind und zudem gebietsweise grosse, stabile Bestände aufweisen. Für den Roten Flamingo wird die Gesamtpopulation auf etwa 850 000 Individuen geschätzt.
Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bestände des Roten Flamingos örtlich schnell in Gefahr geraten können. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Scheu der schlanken Vögel vor dem Menschen. Sie meiden seine Nähe und suchen für die Brut und für den Nahrungserwerb möglichst abgeschiedene Gebiete auf. Entsprechend empfindlich reagieren sie auf den Bau von Strassen und Gebäuden aller Art in ihrem Umfeld, ja selbst gut gesinnte Vogelbeobachter und Tierfotografen können ein Problem darstellen. An verschiedenen Orten wurden die Roten Flamingos früher auch für den Verzehr bejagt und ihre Eier eingesammelt, doch scheint dies heute kaum mehr vorzukommen.
Auf den Bahamas, wo der Rote Flamingo Anfang der 1970er-Jahre zum Nationalvogel erklärt wurde und heute das Wohlwollen der ganzen Bevölkerung geniesst, war der örtliche Brutbestand einst durch Übernutzung massiv geschwunden. In den 1950er-Jahren lebten nur noch etwa 5000 Individuen im Inselstaat. Heute stehen die Roten Flamingos auf den Bahamas zum einen unter striktem gesetzlichem Schutz, zum anderen liegt ihr Hauptbrutplatz innerhalb des gut geführten Inagua-Nationalparks, weshalb sich die Population gut erholen konnte und weiter anwächst. Die Zukunft sieht für den roten Vogel hier wie auch anderenorts recht gut aus.
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