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Zwanzig Jahre Klettern in den Dolomiten
Claudio Cima, Belluno ( I )
Crozzòn di Brenta, früher ein sehr beliebtes Ziel, das jedoch solchen Kletterern vorbehalten bleibt, die einen Abstieg von fünf Stunden in Kauf nehmen.
Vor langer Zeit 1974 kletterte man noch fast ausschliesslich mit schweren Schuhen. Die Lehrer in den Bergsteigerschulen waren mit der Schultersicherung vertraut; Abseilgeräte waren jedoch eine Seltenheit, die nur einige Auserwählte im Ausland zu sehen bekamen ( ich hatte vier Jahre vorher einen Bergführer in Rosenlaui ein solches Gerät benutzen sehen ). Man hatte den Eindruck, einen Augenblick des Stillstandes zu erleben, und Reinhold Messners besorgter Aufruf einige Jahre zuvor,
Die aufregenden sechziger Jahre waren vorbei: Die Medien bezeugten gegenüber den grossen Leistungen vom Typ ( daran waren auch die Schweizer Weber und Scheiben beteiligt ) Gleichgültigkeit und Desinteresse. Die beiden Protagonisten Bonatti und Maestri hatten sich zurückgezogen.
Man fuhr fort, in den Dolomiten - mehr als in irgendeinem andern alpinen Gebiet — neue Routen zu eröffnen, dazu gab es gelegentlich kühne Solobegehungen oder schwierige Winterbesteigungen, die aber -ausser auf den schwer zugänglichen Seiten der Zeitschrift des Club Alpino Italiano -kein Echo fanden. Ein grosser Teil der Kletterer gehörte der sogenannten an: Entsprechend der einige Jahre vorher von Reinhold Messner geäusserten Theorie, der Hias Rebitsch als Beispiel anführte, bei nur wenig Training im Klettergarten, so dass man erst nach und nach den III. und IV. Grad erreichte. Nach drei Touren glaubte man, für grössere Schwierigkeiten bereit zu sein. Mit Bergschuhen, Steigleitern und Haken - Haken wurden damals sehr geschätzt - nahmen sie AO- und A1-Routen in Angriff! Im Grunde dachte niemand daran, mit technischen Hilfsmitteln eröff- nete Routen frei zu klettern, und ebenso wenig, dass es noch grössere Schwierigkeiten als den schicksalhaften Grad VI+ geben könnte. ( In diesem Beitrag wird die Gradeinteilung der UIAA benutzt. ) Ein neuer Wind Die Dolomiten gehören kulturell und historisch zu den Drei Venetien, einem recht provinziellen, grossen geographischen Gebiet, das für neue Moden und Einflüsse wenig zugänglich ist. So fanden die Nachrichten vom kalifornischen Klettern und von der Verwendung von Bohrhaken hier kein Gehör, dagegen konnten diese Methoden in Turin und später in Mailand Fuss fassen. In Turin verkündete vor zwanzig Jahren Gian Piero Motti, angeregt durch seine Beziehungen zu französischen Kletterern, die dabei waren Verdon und Vercors zu entdecken, den neuen Stil des reinen, freien Kletterns ohne Fesseln oder unnötige Hilfsmittel.
Diese Neuigkeit verbreitete sich nach Osten, erreichte Mailand, wo der stürmische junge Ivan Guerini, von den offiziellen Kreisen verspottet, jeden, der es hören wollte, auf die Val di Mello, das
Die Jungen waren sofort von der neuen Art des Kletterns begeistert, wozu auch manche Äusserlichkeiten beitrugen ( das Gedankengut der Hippie-Bewegung ). Einige bedeutende, an internationale Kontakte gewöhnte Persönlichkeiten - hier sei stellvertretend für alle der unvergessliche Bergführer Gian- .carlo Grassi genannt - wendeten sich der neuen Richtung zu und machten bald Schule.
In den Dolomiten Schloss man sich dieser Entwicklung nur vorsichtig und langsam an. Die meisten Vertreter des Extremkletterns jener Jahre waren Menschen von wenigen Worten und dachten nicht im Traum daran, zu erzählen, was sie unternahmen; ein besonders krasses Beispiel ist Lorenzo Mas- Der Mittelteil der Brenta-Gruppe von Osten, ein Kletterparadies mit sehr festem Fels Die berühmten Vajolèt-Türme in der Rosengar-ten-Gruppe, ein Muss für jeden Dolomitenbesucher sarotto, ein hervorragender Eröffner neuer Routen, nur weiss bis heute niemand, wo genau sie sich befinden.
In der Zwischenzeit stellten einige, die die
Als sich die Neuerungen Ende der siebziger Jahre schliesslich bis in das bis dahin für sie unempfängliche Gebiet der Drei Venetien ausbreiteten, schlössen sich auch die einheimischen Kletterer der Entwicklung an.
Teile der Sella- und der Langkofel-Gruppe. Rechts Piz Ciavazes. Im Hintergrund: Grohmann-Spitze ( ganz links ), Fünffinger-Spitze und Langkofel In den Geschäften tauchte das neue Material, von Klemmkeilen bis zu den leichten Kletterschuhen, auf, und manchem wurde bewusst, dass in den Klettergärten ein höherer Stand der sportlichen Vorbereitung zu erreichen und zu bewahren war. Natürlich hatte man schon vorher an Blöcken oder kurzen Wänden im Talgrund geklettert, aber von 1985 an war derartiges Gelände - wie im übrigen Europa - begehrt und wurde eifrig genutzt. Der Trend setzte sich fort, neue, gut besonnte, dazu immer schwierigere Klettergebiete wurden eingerichtet, mit Vorliebe an bequem und mit dem Auto erreichbaren Orten. In den Dolomiten ist Erto überaus stark besucht, auch wenn es nicht so schön liegt wie der Verdon, Finale oder Buoux.
Die Cima Scotoni ( 2873 ml liegt im Gebiet zwischen Cortina und dem Gadertal. Ihre schöne Westwand bietet eine Route im IX. Grad.
Am Ende dieser kurzen Einführung soll noch auf drei Phänomene eingegangen werden, die durch die Ideologie des modernen Frei- und Sportkletterns bewirkt wurden.
1. Die Aufgabe von, oft ausgedehnten, Gebieten auch von mittlerer Schwierigkeit, in denen es einst eine lebhafte alpinistische Aktivität gab. Man geht nicht mehr , die langen Routen werden immer weniger begangen. Der grösste Teil der Alpinisten findet es heute unnütz, zu einer zwei Stunden von der Strasse entfernten Hütte aufzusteigen und dort zu übernachten. Man bevorzugt eintägige Unternehmungen und bequem mit dem Auto erreichbare Ausgangspunkte.
Diese Erscheinung war schon vor zehn Jahren in dem stets als
In den Dolomiten wird die Schiara, die in den sechziger Jahren die Deutschen sehr gut kannten, heute selbst von den Bellune-sen, die sie doch direkt vor der Nase haben, kaum noch erklettert!
2. Die Erkundung der Berge ging weiter, ebenso - in grösserer Zahl als in andern alpinen Regionen - die Eröffnung neuer Routen von oft grosser Schwierigkeit. Das ist aus der Struktur der Dolomiten zu erklären, in denen sich jeder Grat und jede Wand zum Klettern eignet. Überdies gelingt es mit den neuen Möglichkeiten, dort zu klettern, wo es vorher nicht denkbar gewesen war, zum Beispiel Platten zu bevorzugen ( und zugleich Kamine aufzugeben ). Natürlich werden 85% dieser Routen niemals populär und die restlichen nur von solchen Kletterern wiederholt werden, die dem Niveau des Eröffners entsprechen.
3. Die alpinistische der Zeit hat zu Beginn der achtziger Jahre auf ruhmvolle Leistungen in der Heimat verzichtet und ihre unbezweifelbaren Fähigkeiten bei Expeditionen ausserhalb Europas -vom Karakorum bis zu den Rocky Mountains oder Patagonien - eingesetzt. So klettert Maurizio Giordani, seitdem er seine Aufstiegsrouten an der Marmolada bis ins letzte vollendet hat, nur noch in Übersee. Schliesslich ein geographischer Hinweis, Photo: Claudio Ci ehe wir die Dolomiten Gruppe für Gruppe Revue passieren lassen. Die Dolomiten erstrecken sich über die eigentlichen geographischen Grenzen der Dolomiten hinaus. Wir werden deshalb hier auch Gebiete wie die Brenta-Alpen ( genau genommen Teil der Rätischen Alpen ) und die zu den Karnischen Voralpen und Alpen gehörigen Dolomiten jenseits der Piave behandeln. Die Ordnung nach Gruppen hat sich empfohlen, weil viele der besten loka- len Kletterer es vorziehen, nur in einem bestimmten, heimatlichen oder von ihnen erwählten, Gebiet tätig zu sein.
Die Brenta-Dolomiten In diesem grossen, für die gute Qualität seines Gesteins und für manche eindrucksvollen Gipfel wie Campanile Basso und Brenta Alta bekannten Massiv westlich des Adige - der Etsch - hat es zwei klar begrenzte Perioden alpinistischer Aktivität gegeben, die eine in den dreissiger Jahren, als Bruno Detassis und Ettore Castiglioni die beherrschenden Persönlichkeiten waren, die andere 1955 bis 1968, als Cesare Maestri, der berühmte ( Bagno delle Dolomiti ) ( Dolo-miten-Spinne ), aktiv war.
Die gewaltige gegen Nordwesten gerichtete Felsmauer der Civetta Nach dem Erscheinen des von Gino Buscaini verfassten CAI-Führers im Jahr 1975 wurde es viel einfacher, noch einer Lösung harrende mögliche Problem zu erkennen. Die dritte goldene Periode begann, jene der kühnen Leistungen des Extremkletterns, auch an bereits von andern Routen durchzogenen Wänden, aber mit oft bewunderungswürdiger Redlichkeit. Die Protagonisten jener Periode waren Elio Orlando und der Bergführer Ermanno Salvaterra, deren Werk im Jahr 1982 die aufsehenerregende
Zu den gewöhnlichen klassischen Routen - etwa dreissig vielbegangene von mehr als tausend möglichen - sind nun auch schwierige, oft kurze Routen hinzugekommen, deren Vorteile in ihrer Nähe zu den Hütten des zentralen Teils der Gruppe und im hervorragenden Fels liegen. Routen von hohem Rang, in der Art des
Die Piccole Dolomiti Diese voralpine Kette in der Nähe von Vicenza, die in den dreissiger Jahren, als Solda und Carlesso dort kühne Routen eröffneten, sehr viel besucht wurde, ist heute, obgleich es sich um Kalkstein handelt, von Alpinisten verlassen, weil der Fels nach jetzigen Kriterien als zu brüchig gilt.
Das Tal der Sarca, die etwa zwischen Trento und dem Gardasee in den Adige mündet, hat alle Voraussetzungen, um als « kleiner Verdom zu gelten, doch die vor zehn Jahren eröffneten Routen locken niemanden mehr, sie sind zu lang. Klettergärten sind bequemer!
Val die Fassa Latemar und Catinaccio ( Rosengarten ) Der Latemar sei von vornherein ausgeschlossen: Er ist bei Wanderern zwar sehr beliebt, wird von Kletterern dagegen wegen seines brüchigen Gesteins abgelehnt.
Sehr viel bessere Möglichkeiten bietet der Catinaccio oder Rosengarten. Dennoch drängt sich die Masse der Kletterer nur in der zentralen Partie der berühmten Torri del Vajolèt, sie besteigen höchstens die nahe Punta Emma, die Cima Catinaccio selbst und gelangen bis zur Roda di Vaèl ( Rotwand ). Auch hier herrscht, wie überall, die Gewohnheit, die Nähe der Hütten vorzuziehen, nicht mehr als zwei Stunden zu laufen und das Risiko nicht ausgerüsteter Routen zu meiden. Darum werden einige der historisch bedeutenden Routen von Dülfer, genauso wie die ersten Routen des VI.Gra- Torre Venezia ( Civetta ) von Südosten aus gesehen. Die Ersteigung des Pfeilers auf einer direk- ten Linie ( VII+, VIII ) erfolgte erst in jüngster Zeit.
des aus den dreissiger Jahren, nicht wiederholt. Die Südtiroler Seite ( W ) des Massivs und auch der Larsech werden völlig vernachlässigt.
Die Marmolada Die Gruppe, in der der höchste Gipfel ( 3343 m ) der Dolomiten aufragt, ist sehr ausgedehnt. Sie gehört teils zu Trento ( Val di Fassa ), teils zu Belluno ( Val Cordevole ). Die schönsten und modernsten Routen wurden an der Südwand der Marmolada eröffnet. An dieser mehr als 5 km langen und 800 m hohen Wand bestanden bereits die Routen von Solda und Vinatzer, von Messner und Aste, aber den grössten, eine Epoche prägenden Einfluss haben der Tiroler Heinz Bei der Eröffnung einer neuen Route an der Cima del Bancòn ( Civetta ) tII Moderne Routen durchziehen den Pfeiler der Cima del Bancòn ( Civetta ). Hier befindet sich bereits die historische Führe von Da Roit und Gabriel.
Mariacher und derTrentiner Maurizio Giordani ausgeübt. Sie haben zusammen mit Freunden in den letzten zwanzig Jahren eine eindrucksvolle Zahl herrlicher Routen von ungewöhnlicher Schwierigkeit eröffnet, denen sie ( vor allem Mariacher, Rieser und Schiestl, Giordani ist in dieser Frage traditioneller ) phantastische Namen gaben:
\ " II Mauricio Dal'Omo in den Felsen von Erto Verpasst man sie, muss man entweder ein Biwak auf sich nehmen - unerfreulich, weil man mit möglichst geringem Gewicht, also ohne die dafür nötige Ausrüstung klettert -oder den Abstieg in leichten Kletterschuhen auf dem Gletscher. Es ist nicht überraschend, dass die Sonnenwand bei einem Schlechtwettereinbruch für langsame Seilschaften zur Falle werden kann.
An der zur Val di Fassa gewendeten Südwestwand haben die Trentiner Maffei und Leoni schöne Routen eröffnet; die härteste und ehrgeizigste von allen ist aber die berühmte ( VII+/VIII ) der tschechoslowakischen Seilschaft Igor Koller/I. Sustr von 1981.
Fast alle diese Routen sind ebenfalls im Winter und auch solo begangen worden.
In den Untergruppen des Massivs sind Alpinisten nicht häufig. Mariacher hat einen sehr schönen Klettergarten an einer Felsgruppe der Val di San Nicolo eingerichtet. Die nahe Vallacia wird nicht besucht, weil sie nach Nordwesten orientiert ist; auch die Besucherzahl der während einiger Zeit dank der Routen von Tissi beliebten Cime dell'Auta nimmt rapide ab. Heute will niemand mehr einen über dreistündigen Anmarsch auf sich nehmen.
Die Südtiroler Dolomiten ( Val Gardens oder Grödnertal, Val Badia oder Gadertal ) Sciliar ( Schiern ) Die von Kletterern aus Bozen in den fünfziger und sechziger Jahren eröffneten Extremrouten sind niemals wiederholt worden.
Sassolungo ( Langkofel ) In dieser von Wanderern viel besuchten, kleinen, aber schwierigen Gruppe gibt es nicht mehr als fünfvon Kletterern begangene Routen. Selbst die Normalroute von Grohmann aus dem Jahr 1869 ( II bis IM ) gilt heute als überaus anstrengend und sinnlos. Gar nicht zu reden von der riesigen, 1000 m hohen und häufig vereisten Nordwand. Die Routen von Solda und Messner wurden sogar im Winter begangen ( von einer engli- 81 Manrico Dell'Agnolla im Klettergarten schen Seilschaft und dem Team von Ivo Rabanser ), aber diese beachtliche Leistung fand keine Nachfolge. Neue Extremrouten von grosser Länge hat, nach Jahren des Trainings an den Wänden der Sella-Gruppe, kürzlich Ivo Rabanser eröffnet.
Die Sella-Gruppe Dieses Massiv ist durch ein ausgedehntes Gipfelplateau gekennzeichnet; die steil abfallenden Wände teilt in der Mitte ein terrassenartiges Band. Eine Strasse über die Pässe Sella, Grödner Joch, Campolongo und Pordòi führt um die Gruppe, die seit jeher als Synonym für schönes und Klettern gilt, zumindest soweit es sich um die Gebiete des Sella-Passes ( Torri di Sella, Piz Ciavazes ) und des Pordòi ( Sass Pordòi ) handelt.
Die grossen, aufsehenerregenden Leistungen gehen auf den Beginn der sechziger Jahre zurück, als Bepi De Francesch seine Bohrhaken, auf die er ganz wild war, reihenweise einen nach dem andern setzte, allerdings in grossen Abständen. Damals schien jedem Dach die letzte Stunde geschlagen zu haben.
In den letzten Jahren ist man vom Sella-Pass abgekommen, hat sich zum Beispiel dem herrlichen Gebiet der Ostabstürze wieder zugewendet, das schon in den dreissiger Jahren ein Ziel von Castiglioni und Detassis gewesen war. Der Zugang ist heute durch neue Installationen und das Rifugio Kostner erleichtert. Die
Die Kletterer aus dem Grödnertal ( Val Gardena ) unter der Führung von Rabanser haben ein im Nordwesten ihr Tal überragendes Gebiet entdeckt, an dessen etwa 250 m hohen Wänden sie ungefähr dreissig Routen angelegt haben, alle sehr schwierig, aber in herrlichem Fels. Die anspruchsvollste, wenn auch sehr kurze Route befindet sich im Vallon: Es ist der 1987 von Roland Mittersteiner eröffnete
Die Stevia-Felsen ( östlich von Gröden ), die in den 1930er Jahren von Vinatzer erklettert wurden. Nachdem sie lange in Vergessenheit geraten waren, rückten sie wieder ins Interesse der Kletterer aus dem Grödnertal, besonders von Ivo Rabanser.
Kurz gesagt, in der Sella-Gruppe gibt es für den, der schöne Möglichkeiten sucht und dafür auch einen Umweg in Kauf nimmt, noch viel zu tun.
Odle ( Geisterspitzen ), Puez, Pütia ( Peitlerkofel ) Es sind die Berge des grossen Vinatzer und die Heimat von Messner, ihre grossen Die Südwand und der Südostpfeiler der Kl. Fermada in den Geislerspitzen V:'i Routen tragen die Signatur dieser Meister. Man sagt jedoch, das Gestein in diesem Gebiet sei brüchig, was nur bis zu einem gewissen Grad stimmt. Auf jeden Fall hat sich an die Direktroute von Vinatzer an der Furchetta, die als selbstmörderisch gilt, nicht einmal Reinhold Messner gewagt, ihre letzte Wiederholung liegt vierzig Jahre zurück.
Es wird auch von einer geheimnisvollen, furchterregenden Route am Sass da Pütia berichtet, die Martin Schliesser 1953 eröffnete und die nie wieder begangen wurde. Sicher ist, dass ihr Urheber in die USA auswanderte, um dort Mathematik zu unterrichten; ebenso emigrierte später auch der Wiener Walter Philipp.
Die hier zuletzt eröffneten Extremrouten sind das Werk von Rabanser und Kletterern aus der Val Gardena.
Sasso della Croce ( Heiligkreuzkofel ) An dieser 600 m hohen Wand wurden schon vor den siebziger Jahren grosse Leistungen vollbracht: der Livanos-Pfeiler ( VI+ ), die Mayerl-Verschneidung ( VI+ ) und die beiden Routen und
lär geworden, die Route von Livanos ist nur vier- oder fünfmal wiederholt worden. Die beiden Messner-Routen gerieten während zehn Jahren in Vergessenheit und wurden erst zu Beginn der achtziger Jahre wiederentdeckt. Man stellte damals fest, dass Messner und sein Bruder Günther bereits 1968 am den I. Grad erreicht hatten. Aber zu jener Zeit galt noch die nach oben begrenzte Schwierigkeitsskala, entsprechend bewertete Messner seine Route mit VI+.
In den letzten Jahren wurde die Wand berühmt; andere Routen von etwa 300 m, alle über dem VI. Grad, wurden von Mariacher, Egon Wurm und dem einheimischen Bergführer Marcello Cominetti eröffnet.
Weiter im Nordosten ragt die der Sonne zugewendete, erstaunliche, weisse Fläche der Platten des Sass dales Nu oder Neuner- Der Livanospfeiler am Heiligkreuzkofel, er wurde 1954 vom bekannten und temperamentvollen Marseiller Georges Livanos erklettert.
Zwei Routen ( VII+ ) wurden von Mariolo in der hier zu sehenden Südwand des Lasta del Sol ( Pala-Gruppe ) eröffnet.
kofel auf; die drei Routen von Messner werden heute sehr viel begangen. Er hat sie mit Bergschuhen eröffnet und mit IV bewertet; heute, mit den leichten Kletterschuhen, ist die Begehung auch kein Kinderspiel, doch die Situation hat sich dank der besseren Adhäsion geändert. Man ist sich aber einig, dass die Routen höher als IV zu bewerten sind.
Die Dolomiten von Cortina d' Ampezzo Verschiedene Gruppen umgeben das weite Becken des Ampezzo. Von dem Komplex Croda da Lago / Nuvoläu, zu dem die Cinque Torri gehören, soll hier nicht die Rede sein. Er hat Klettergarten-Charakter. Die beliebtesten Routen wurden von der Bergführergruppe von Cortina, den berühmten ( Eichhörnchen ), angelegt. Die jüngste Generation verfehlt nicht, ihre Tüchtigkeit zu beweisen, wenn auch mit geringerer Lautstärke.
Tofane Nichts Neues in den letzten zwanzig Jahren, abgesehen von einer Superdirettissima in der Ostwand der Tofana di Mezzo ( VII+/VIII ).
Fànes Die berühmteste Wand der ganzen Gruppe ist die 550 m hohe der Cima Scotoni. Internationalen Ruf erlangte sie durch die 1952 eröffnete Route ( VI+ ) der Scoiattoli ) Ghedina, Lacedelli und Lorenzi, die erst zwanzig Jahre später populär wurde.
Im Jahr 1972 eröffnete Cozzolino die
Abgesehen von der schönen Scotoni-Route überwiegen in der Gruppe, vor allem gegen den Passo Falzarego, Routen mittlerer Schwierigkeit, die viel von Kletterkursen besucht werden.
Croda Rossa ( Hohe Gaisl ) Diese grosse Berggruppe zwischen Cortina und dem Pustertal ist wegen des brüchigen Gesteins eins der von Alpinisten am wenigsten besuchten Gebiete. An den Wänden des Taè, in Sichtweite von Cortina, haben jedoch kürzlich junge ( Scoiattoli ) vier herrliche Routen des VI. bis VII. Grades eröffnet.
Gianni Gianneselli, einer der Erstbegeher ( 1967 ) des Burel ( Schiara ), klettert heute mit 54 Jahren immer noch auf beachtlich hohem Niveau.
Pomagagnòn / Cristallo Auch der Cristallo teilt das Schicksal der Croda Rossa. Die Cortina zugewandte rosen-farbene Wand des Pomagagnòn wird viel besucht, aber die Felskletterer beschränken sich ausschliesslich auf die Punta Fiâmes, an der die Route « Alberti Rodèla> ( VI+ ), die bisher schwierigste, eröffnet wurde. Sie ist auf gutem Weg, klassisch zu werden.
Die Dolomiten des Cadore In diesem Gebiet befindet sich das Gebirgsdreieck der Gruppen Sorapis, Antelao, Marmarole, alle von beachtlicher Höhe und ungewöhnlich wegen der starken Höhenunterschiede wie auch wegen der Schneemengen und kleinen Gletscher. Aus den dreissiger Jahren stammen einige histo- rische Routen von Comici, Mazzorana und Casara. Zu Beginn der achtziger Jahre war die Gegend ein Eldorado der Möglichkeiten, die aber durch die intensive Aktivität jener Jahre zum grossen Teil ausgeschöpft wurden. Härteste, sehr technische, athletische Routen in ausserordentlich kompakten Platten wurden eröffnet. Es ist zu befürchten, dass sie nicht populär werden, weil die Region zu alpin ist, aber sie haben die grossen Fähigkeiten ihrer Urheber - vor allem der einheimische Maurizio Dall'Omo und die Bergführer Ferruccio Svaluto und R.Pan-cera - in der Welt der Alpinisten bekannt gemacht.
Es sei noch erwähnt, dass für das Gebiet kein dem heutigen Stand entsprechender Führer besteht; der Führer von Berti aus dem Jahr 1971 geht tatsächlich auf 1928 zurück!
Civetta und Pelmo Es besteht kein Zweifel, dass an der Nordwand des Pelmo die erste Route des VI. Grades 1924 von den Österreichern Simon und Rossi eröffnet wurde; ein Jahr später durchstieg Solleder die Nordwestwand der 85 Der Pizòch in den südlichen Dolomiten, dessen Wand erst in den letzten Jahren durchstiegen wurde.
Civetta. In jüngerer Zeit hat man, wie bei der Dibona am Croz dell'Altissimo, feststellen müssen, dass bereits im Jahr 1910 ein gewisser Gabriel Haupt Schwierigkeiten des Grades VI- überwunden hat!
Die dreissiger Jahre waren dank so bedeutender Persönlichkeiten wie Carlesso, Cassin, Soldà, Comici eine hohe Zeit des VI. Grades. In den fünfziger Jahren kam dann Georges Livanos aus Marseille, er vollendete zusammen mit Gabriel und Da Roit das Werk.
Jede Seilschaft, die sich an die Civetta wagte, wusste, dass die Zeitschriften ausführlich über jede Route, jede Winterbesteigung berichten würden.
Erwähnt sei hier, aus dem Jahr 1963, die Winterbegehung der Solleder-Route durch Hiebeier, Redaelli, Piussi, Sorgato, Bonafede und Menegus ( nach Hiebe-lers Meinung der Eigernordwand vergleichbar ). Viel Aufsehen erregte auch die erste Solobegehung der Philipp-Flamm-Route im Jahr 1969 durch Messner.
In diesen zwanzig Jahren besteht - ähnlich wie in andern Gebieten - die Tendenz, die gefährliche Nordwestwand zu meiden; man zieht es vor, an der besonnten Torre Trieste zu bleiben, oder weicht sogar zur nahen Marmolada aus. Deshalb entstanden auch keine bemerkenswerten neuen Routen.
Die südliche Fortsetzung der Civetta, die Moiazza-Gruppe, belegt diese Tatsache: Niemand sucht die vom Rifugio Vazzoler gut sichtbaren Nordwestwände mit den Routen von Livanos, De Dona und Massarotto auf, alles drängt sich in günstig exponierten, mit Haken und Bohrhaken gut gesicherten, 250 m langen Routen von erheblicher Schwierigkeit.
Pale di San Martino ( Pala-Gruppe ) Wie in der Brenta- oder der Sella-Gruppe gibt es auch in dieser grossen Gruppe mit durchweg sehr solidem Fels eine unwahrscheinliche Anzahl von Routen ( mehr als tausend ). Alle sind potentiell lohnend, aber nur rund zwanzig werden tatsächlich begangen - und immer dieselben. Niemand verweigert den Alpinisten das Vergnügen, den ( die Schleierkante ) zu begehen, aber die Folgen zu vieler Seilschaften sind schlimm, und der Fels ist unangenehm seifig geworden.
Der VII. Grad wurde zum ersten Mal 1978 an der Cima della Madonna durch den jungen Manolo1 - mit bürgerlichem Namen Maurizio Zanollo - erreicht, ein wahres Klettertalent. Er hat seitdem mehr als dreissig Routen über dem VI. Grad eröffnet. Sein Werk ist auch die bemerkenswerte, mehr als 1000 m lange am Sass Maor, die rechts von der historischen Solleder-Route aufsteigt. 1993 hat er dann, ebenfalls am Sass Maor, ( VIII und IX ) eröffnet.
Die Belluneser Seite ( O ) der Pale ist im Gebiet des Agnèr von grosser Wildheit. Dort hat Lorenzo Massarotto in aller Stille Routen von 1500 m eröffnet, und die Erinnerung an die unvergesslichen Renato Casarotto und Heini Holzer ist noch lebendig. Aber diese Routen sind nur ganz wenigen vorbehalten. Heute hat selbst die Zahl derer, die den einzigartigen, 1600 m hohen Nordgrat des Agnèr ( IV/V+ ) begehen, drastisch abgenommen.
?'Vgl .Remy, Nathalie und Claude,
Später begeisterte sich Toni Hiebeier, der bekannte deutsche Bergsteiger und Publizist, für die Schiara. Er zog viele Landsleute an, die schöne Routen eröffneten. Zu jener Zeit waren die Polen in den Dolomiten sehr aktiv, zusammen mit den Bellunesen Gianneselli und Garna gelang ihnen 1967 die Besteigung der 1500 m hohen, furchterregenden Wand des Burèl, einer der mächtigsten der ganzen Ostalpen.
Dann war die Reihe an Franco Miotto und Riccardo Bee, die sich auf äusserst schroffe und schwer zugängliche Wände spezialisierten. Sie eröffneten sehr lange Routen des VI. oder eines höheren Grades, die niemals wiederholt wurden, weil sie Biwaks in ungewöhnlich wilder Umgebung erfordern. Nicht ohne Grund ist das ganze Gebiet zum Nationalpark erklärt.
In den letzten Jahren sind junge Felskletterer aus Belluno unter der Führung von Pier Verri auf den Plan getreten und haben das Werk von Miotto und Bee vollendet. So hat Verri solo die « Route der Schweizer ) am Pizòch begangen.
Etwas weiter im Norden liegen die Dolomiten von Zoldo mit der vielbesuchten Bo-sconero-Gruppe. Zu ihr gehört die grossartige Rocchetta Alta mit einer 750 m hohen Wand, die durch die Routen von Navasa und den ( « Spigolo Strobeh ) zu Recht berühmt wurde.
Die Dolomiten östlich der Piave Jene Kette, die sich über mehr als 150 km im Osten der Piave hinzieht, vom Monte Peralba im Norden bis zum Wald des Cansi-glio über der Ebene des Veneto, erlebte vor mehr als neunzig Jahren die Leistungen der Alpinisten von Glanwell, Pàtera, Steinitzer und Diener. Dann senkte sich Schweigen über das Gebiet, nur der ausserordentliche Monolith des Campanile di Val Montanaia Ignazio Piussi, einer der letzten
Sextener Dolomiten In diesem Gebiet ragen die vielgerühmten Tre Cime di Lavaredo - die Drei Zinnen -auf, in denen sich in den letzten zwanzig Jahren nichts ereignet hat; einzige Ausnahme: die Route , die 1989 von den Tschechen Miroslav und Michel Coubal in der Nordwand der Cima Grande, links der Comici-Route, eröffnet wurde.
Die heutigen Kletterer vergnügen sich höchstens damit, die historischen Routen von Comici, Cassin und Hasse frei zu wiederholen. Die berühmte
Bergführer Bruno De Dona, einer der aktivsten und stärksten Kletterer der 1980er Jahre zu überwindenden Überhänge auch nie möglich sein wird.
Auch die langen winterlichen Kämpfe ( man denke an die
An der gegen Comelico gewendeten Ostwand ist Gildo Zanderigo, ein Einheimischer, sehr aktiv. Er eröffnet dort in aller Ruhe Routen des VII. Grades.
Die Karnische Kette: Monte Peralba und Monte Còglians Die Italiener lernen schon in den ersten Schuljahren, dass am Monte Peralba, dem Hochweissstein, die Piave entspringt, jener durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges ( an dem Italien erst vom Mai 1915 an beteiligt war ) geheiligten Fluss. Die kompakte Gruppe, deren ausgezeichneter Kalkstein von gleicher Art ist wie derjenige der Marmolada oder des Kaisergebirges, kann auch die anspruchsvollsten Kletterer zufriedenstellen. Gildo Zanderigo und der Friauler Roberto Mazzillis haben eine beachtliche Zahl von Routen des VII. Grades - alle sehr eindrucksvoll und in scheinbar unmöglichen Platten - eröffnet.
Die Entwicklung des modernen Kletterns geht darauf hinaus, sich auf kürzere, dafür aber sehr schwierige Routen zu konzentrieren: hier die ersten 200 m der 850 m hohen Nordwand des Einserkofels in den Sextener Dolomiten.
Weiter östlich, auf der Grenze zu Österreich, ragt der Còglians, die Hohe Warte, auf. In dem hervorragenden Kalkstein hat lange Zeit, unterstützt von kärntnerischen Freunden, Massilis intensiv gewirkt.
Und die Frauen?
In diesem Beitrag ist nur von Männern die Rede. Warum? Tatsächlich sind Frauen in den Dolomiten wenig in Erscheinung getreten. Zu erwähnen ist jedoch, dass Sonia Livanos in den fünfziger Jahren ihren Mann begleitete, dass Rosanna Manfrini, die Frau von M. Giordani, von 1985 an mit ihm zusammen an der Eröffnung von Routen des VII. und VIII. Grades beteiligt war und dass Luisa Jovane ihren Mann Heinz Mariacher von 1978 an bei der gesamten Erforschung der Marmolada-Wände begleitet hat. Häufig liest man, wenn es sich um Besteigungen in der Marmarola-Gruppe handelt, den Namen Monica Malgarotto. Sie ist eine der wenigen italienischen Bergführerinnen.
Bibliographie Gruppo Sella, Guida CAI/TCI 1993 Giordani, M., Marmolada, Parete S, Ed. Méditerranée, Rom 1988 Cima, Claudio, Gruppo Sella, Ed. Méditerranée, Rom 1993 Cima, Claudio, Dolomito Meridionali, Ed. Méditerranée, Rom 1993 Im Bergverlag Rother, München, sind in den achtziger Jahren folgende Führer erschienen:
Stiebritz, E., Geislergruppe Stiebritz, E., Puez - Peitlerkofel Mariacher, H., Marmolada Steinkotter, H., Brenta Kubin, A., Civetta Goedeke, R., Pelmo - Bosconero Goedeke, R., Schiara - Moiazza Goedeke, R., Sextener Dolomiten Winkler, A., Cristallo - Pomagagnòn Mariacher, H., Rosengarten Kubin, A., Sellagruppe Aus dem Italienischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern