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Ja, ich gebe es zu. Wenn Diskussionen um unterschiedliche Weltanschauungen manchmal hitzig werden, werfe ich religiösen Menschen zuweilen vor, dass sie glauben, anstatt zu denken. Nicht selten kommt die Antwort sofort zurück: «Du glaubst doch auch an das, was die Wissenschaft sagt!»
Das stimmt. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Egal, an welchen Gott, welche Göttin, welche Götter du glaubst, allen ist etwas gemeinsam. Sie repräsentieren unveränderliche Systeme.
Glaubst du heute an den christlichen Gott, glaubst du an einen zweitausend Jahre alten Gott. Kein Wunder, braucht es immer akrobatischere Rhetorik-Tricks, um absurde Konzepte wie die Dreifaltigkeit oder verstaubte Wertvorstellungen wie in der bizarren Geschichte über Sodom und Gomorrha mit unserer heutigen Welt zu vereinbaren.
Dieses Problem hat die Wissenschaft nicht. Denn im Gegensatz zur Religion ist nichts, was die Wissenschaft sagt, unumstösslich. In diesem Punkt ist die Wissenschaft sogar das genaue Gegenteil von Religion: Zeige einem Physiker in einem Experiment, dass seine Theorie falsch war, und er wird sich über den Wissensgewinn freuen. Keine Wissenschaftlerin wird sich an ihrer Theorie festkrallen, wenn es Beweise dagegen gibt. Denn das Ziel der Wissenschaft ist es nicht, Regeln für die Welt aufzustellen und dann für immer daran zu glauben. Sondern ein Modell zu entwerfen, das unsere Welt beschreibt. Und zwar immer genauer.
Es gibt zig Fälle aus der Wissenschaft, wo sich eine Theorie durch neue Erkenntnisse als nicht gut genug herausgestellt hat – und durch eine bessere ersetzt wurde. Zum Beispiel das Newtonsche Gravitationsgesetz. Es beschreibt zwar sehr gut, warum der Mond um die Erde kreist, oder warum es Ebbe und Flut gibt. Aber wenn man ein globales Netzwerk von Satelliten bauen will, das den Standort meines Telefons jederzeit exakt berechnen kann, reicht ein «Gesetz» aus dem Jahr 1684 eben nicht. Dazu brauchte es die Erkenntnisse von Albert Einstein, der mit seiner allgemeinen Relativitätstheorie das Modell von Materie, Raum und Zeit verfeinerte. Und damit dem grossen Rätsel, was das Universum, was die Welt, was das Leben im Verborgenen zusammenhält, einen weiteren Schritt näherkam. Darum glaube – nein, vertraue ich der Wissenschaft. Weil ihr nichts heilig ist.