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Skikultur zwischen Buchdeckeln und Museumswänden. Nur Skifahren selbst ist noch schöner. Wenn es denn Schnee hat…
«Bis zum Zweiten Weltkrieg war die französische Region Tarentaise mehr für ihren Käse, den Beaufort, bekannt gewesen. Heute ist sie es für ihr weisses Gold.»
So leitete ich den kurzen Hintergrundartikel „Das weisse Gold der Tarentaise“ ein, der auf der Ferien/Reisen-Seite der „Berner Zeitung“ vom 16. Februar 1989 erschien, die seitengross die „Safari durch die grossen Skigebiete der Alpen“ vorstellte. Diese von Transalp organisierte Skiwoche durch die französischen Topskigebiete Valmorel, Les Trois Vallées (Les Ménuirs, Méribel, Courchevel, Val Thorens), La Plagne, Les Arcs, Val d’Isère und Tignes hatte im Januar 1988 stattgefunden; mit dabei war Beat Hächler, heute Direktor des Alpinen Museums der Schweiz in Bern, und immer noch passionierter Skifahrer auf und vor allem neben der Piste.
Nun legt der französische Skihistoriker und Skikrimiautor Guillaume Desmurs ein ganz smart geschriebenes und illustriertes Buch über die Geschichte dieser berühmten Skistationen in den französischen Alpen vor, über die Mechanisierung der winterlichen Berge überhaupt und über die schwierige Zukunft des Skitourismus ganz allgemein: „Une histoire des stations de sports d’hiver“. Ein kleiner Ausschnitt möge die Einschätzung unterstreichen; in der Einleitung zur „naissance des stations modernes, de 1945 à 1980“ schreibt Desmurs: „La période économiquement faste de reconstruction d’après-guerre, appuyé sur une énergie bon marché, voit la naissance à une échelle industrielle des sports d’hiver. La France, avec l’implication directe de l’état, dessine les plus grands domaines skiables du monde afin de rivaliser avec les célèbres stations suisses et autrichiennes.“ Von dieser Konkurrenz war ebenfalls im BZ-Artikel die Rede: „Im 250 Quadratkilometer grossen Gebiet von Les Trois Vallées hissen 190 Liftanlagen 170‘000 Skiläufer pro Stunde zu den 500 präparierten Pistenkilometern – Zahlen, die in etwa dem ganzen Berner Oberland entsprechen.“ Auch die radikale Umwandlung von bergbäuerlichen Landschaften und Dörfern zu Skifabriken mit grossartigen Pisten und grosswabigen Unterkunftsgebäuden entging dem Skijournalisten vor 34 Jahren nicht: „Der Nebel verschluckt die geplante 2000-Meter-Abfahrt vom Grand Col, wir schlürfen dafür Glühwein in einem feuchtwarmen Ex-Stall. Zwischen Obstbäumen kurven wir nach Villaroger hinab, wo ein Bauer den Tieren Heu füttert. Welch ein Unterschied zu den johlenden Monoskifahrern von Les Arcs!“ Tempi passati, jedenfalls das Skifahren auf einem Brett. Indoor Skiing hingegen gibt es heute fast überall auf der Welt, und gab es schon früher: Das Buch von Desmurs zeigt SkifahrerInnen, die sich 1939 in einer Halle in Bern an einem Seil hochhangeln, um dann über Teppichhänge hinabzuschwingen. Wo genau in Bern das wohl war?
Kurven wir zurück nach Frankreich. Am besten grad nach Val d’Isère und zu seiner berühmtesten Piste, der Face de Bellevarde. Dort gewann am Samstag Marco Odermatt den Weltcup-Riesenslalom, wie schon im letzten Jahr. Diese Piste, als „théâtre vertical“ bezeichnet, gehört wie die „Éclipse“ in Courchevel oder die „Roc de fer“ in Méribel zu den Pistes mythiques in den französischen Alpen. Diese Auszeichnungen finden wir in der neuen Publikation „Ski français“. Ihr erster Band befasst sich mit der Identität. So fragt sich der Starttext mit der Frage, ob es überhaupt einen französischen Skilauf gibt; auf dem Einstiegsfoto fährt uns Émile Allais entgegen, der unvergleichliche Stylist aus dem letzten Jahrhundert. Der nächste Artikel befasst sich genau mit dieser Epoche, betitelt als „siècle de la vitesse, siècle du ski“. Ein dritter beleuchtet Star-Skiorte und zeigt Johnny Hallyday und Silvie Vartan in Avoriaz, wobei sie nicht eben glücklich dreinschaut – ist es seinetwegen oder wegen des Sports? Qui sait…
Am vergangenen Samstag gewann Marta Bassino den Weltcup-Riesenslalom in Sestriere. Wer mehr über berühmte italienische AlpinskifahrerInnen erfahren will, greift zum Buch „Discese, speciali e giganti. Una storia dello sci alpino“ von Matteo Pacor und Stefano Vegliani. Grosse Namen, wie Gustav Thöni, Alberto Tomba und Dominik Paris, Federica Brignone, Deborah Compagnoni und Sofia Goggia. Am nächsten war mir und meinen Skigefährten, allen voran Gabriele Sabbioni, aber immer der Pierino Gros gewesen. Wenn wir oben an einem Hang standen, ob auf der Piste oder noch mehr abseits von ihr, dann dachten wir an Pierino, wollten fahren wie er, riefen uns seinen Namen zu, und stürzten uns in die Abfahrt, sofern es die Schneeverhältnisse erlaubten, rasant bis in die erste Kurve, vielleicht noch bis in die zweite, bei der dritten fuhren wir nur noch wie der Lele oder der Dänu… Schöne Erinnerungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lasenberg ob Erlenbach im Simmental, wo einst ein Skilift lief und wir immer unverspurte Hänge suchten.
Unverspurtes Gelände ebenfalls im folgenden Buch. Oder besser formuliert: Die besondere Geschichte eines Skilaufs mit teils ganz bösen Spuren. Da sind politische Stürze unvermeidlich, da fällt so mancher österreichische und deutsche Skiheld abrupt vom Stockerl. Der Österreicher Anton „Toni“ Seelos, viermal Skiweltmeister in den 1930er Jahren, 1937 erfolgreicher Trainer der französischen Skinationalmannschaft, machte Karriere im nationalsozialistischen Sportbetrieb und stieg via SA zum Reichstrainer der Ordnungspolizei auf. Hubert Salcher stemmte sich vom Allroundsportler zum SS-Sportreferenten und Waffen-SS-Truppenarzt; 1931 hatte er als Double für den verletzten Hannes Schneider in der Fuchsjagdszene im Skifilm „Der weiße Rausch“ gewirkt – ausgerechnet ein Nationalsozialist für Schneider, der 1938 von den Nazis verhaftet wurde, weil er sich ihnen nicht unterwerfen wollte (er konnte 1939 in die USA emigrieren). Ferdinand Friedensbacher, 1931 erster Sieger der berühmten Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel, machte als Angehöriger der Geheimen Feldpolizei den Westfeldzug mit und wurde 1942 auf Kreta zum Kriegsverbrecher. Es gab selbstverständlich auch andere österreichische Skisportler. Nämlich diejenigen, die zum Beispiel mit ihrem Dienst in der US-Armee einen Beitrag zur Beendigung der nationalsozialistischen Herrschaft leisteten. All das liest man im kantenscharf recherchierten Buch „Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung – Verfolgung – Kollaboration“ von Andreas Praher. Detailliert legt er dar, wie es dazu kam, dass gerade im alpinen Skisport von Österreich und Deutschland solche Karrieren wie oben möglich wurden. Und wie sie nach 1945 mit einer dicken Schicht Schnee zugedeckt wurden: „Der Skisport legte die politische und gesellschaftliche Verantwortung mit der Wehrmachts- und SS-Uniform ab und zog sich stattdessen eine weiße Weste über.“ Beim Nationalsozialisten Hellmut Lantschner beispielsweise, dem Weltmeister in der Abfahrt von 1939, erfolgte seine politische Rehabilitierung fast im gleichen Tempo.
Skifahren ist halt wirklich mehr, als auf zwei Brettern einen weissen Hang hinabzufahren. Das erfahren wir auch im Buch „Surmonter les frontières à ski/Grenzen überwinden mit Ski“. Die in diesem Band versammelten Beiträge behandeln ein breites Spektrum an Themen, von nationalen und kulturellen Grenzen über Geschlechterbeziehungen bis hin zu sozialen Barrieren. Sie geben Antworten auf die Frage, wie eine aus Skandinavien stammende Praxis auf dem europäischen Festland Fuss fassen und sich verbreiten konnte. Christoph Thöny begleitet die ersten Skifahrer im Bodenseeraum, Christian Koller führt Schweizer Fabrikarbeiter auf die Piste, Rudolf Müllner befasst sich mit der „Akte Toni Sailer“ und den Missbrauchsvorwürfen im österreichischen Skiverband 2017-2019. Der Glarner Christoph Iselin war viel mehr als der schweizerische Skivater, die ersten Skifahrerinnen im Schwarzwald galten als „Skitöchter“ und „Über-Weiber“. Und dann kommt da noch der legendäre Skilift am Piz Mus bei Stuttgart vor, der bis 1995 in Betrieb war. Bis zu zwei Stunden musste man sonntags vor dem Schlepplift in Musberg anstehen, um 300 Meter in zwanzig Sekunden runterzusausen.
Mehr zur Skilift-Kultur in der neuen Biwak-Ausstellung „Après-Lift. Skiberge im Wandel“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Sie läuft vom 17. Dezember 2022 bis zum 28. Mai 2023. Die Ausstellung basiert unter anderem auf meinem Buch „Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz“, Projektleiter ist Beat Hächler. Wer hätte das gedacht, als wir beide vor knapp 35 Jahren über die Face de Bellevarde nach Val d’Isère kurvten?
Guillaume Desmurs: Une histoire des stations de sports d’hiver. Éditions Glénat, Grenoble 2022. € 26,00.
Ski français. Tome 1: Identité. Éditions Glénat, Grenoble 2022. € 20,00.
Matteo Pacor, Stefano Vegliani: Discese, speciali e giganti. Una storia dello sci alpino. Mondadori Libri, Milano 2022. € 20,00.
Andreas Praher: Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung – Verfolgung – Kollaboration. Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2022. € 48,00. Hier herunterladen: file:///C:/1%20Bilder/%C3%96sterreichs%20Skisport%20im%20Nationalsozialismus.pdf
Thomas Busset, Peter Engel (Hrsg.): Surmonter les frontières à ski/Grenzen überwinden mit Ski. Éditions CIES, Collection Réflexions sportives (vol. 12), Neuchâtel 2021. Fr. 35.- https://shop.cies.ch
Après-Lift. Skiberge im Wandel: www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/biwak.