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Die Ursünde der Eurozone
Es geschah vor fünf Jahren:
Am 18. Mai 2010 erhielt die Regierung Griechenlands 20 Milliarden Euro von der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Es war die erste Tranche des ersten Rettungspakets für den in Schieflage geratenen Staat, und die 20 Milliarden stellten sicher, dass Hellas seine finanziellen Verpflichtungen erfüllen konnte.
Wir wissen, was danach geschah: Eurokrise, zwei weitere Rettungspakete, ein Schuldenschnitt, Regierungswechsel, Ausschreitungen, Austerität, Misere, zähe Verhandlungen. Die Lage Griechenlands hat sich kein Jota verbessert.
Ebenfalls vor fünf Jahren:
Am 13. Mai 2010, fünf Tage vor der ersten Hilfszahlung an Athen, stirbt in der Kleinstadt Portadown in Nordirland ein Mann namens Wynne Godley. Er wurde 83 Jahre alt.
Was haben diese beiden Ereignisse, das erste Hilfspaket für Griechenland und der Tod von Wynne Godley, miteinander zu tun?
Direkt natürlich nichts.
Aber der nahezu zeitgleiche Ausbruch der Eurokrise und das Ableben Godleys im Mai 2010 können im Nachhinein geradezu als göttlicher Fingerzeig angesehen werden.
Wieso das? Ganz einfach: Godley war ein britischer Ökonomieprofessor, und er hatte eingehend vor den grundlegenden Konstruktionsfehlern der Eurozone gewarnt. Er hatte exakt vorausgesagt, was geschehen würde, wenn ein Land der Eurozone in strukturelle wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät.
Er tat dies fast zehn Jahre vor der Einführung des Euro, und fast zwanzig Jahre vor dem Ausbruch der Eurokrise: 1992.
Dieser Beitrag Wynne Godleys in der «London Review of Books» von Oktober 1992 mit dem Titel «Maastricht and all That» enthält in klaren, einfachen Worten alles, was man über die Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion wissen muss.
Mein Kollege Alexander Trentin, der mich auf den Text von Godley aufmerksam gemacht hat, hat die Argumente des Briten in diesem Beitrag mit dem Titel «Eine Europrophezeiung aus dem Jahr 1992» ausführlich beschrieben. Ich beschränkte mich hier daher nur auf den wesentlichen Punkt:
Ein Staat, der sich der Europäischen Währungsunion anschliesst, gibt seine geldpolitische Souveränität auf. Er verliert die Freiheit, sein Zinsniveau zu bestimmen, seine Währung abzuwerten, seine Zentralbank als Kreditgeberin letzter Instanz («lender of last resort») zu benutzen. Der Verlust dieser Freiheit kann nur kompensiert werden, wenn der betreffende Staat Teil eines grösseren Fiskalgebildes wird, mit definierten Transfer-Zahlungsflüssen, die Ungleichgewichte in der wirtschaftlichen Dynamik lindern.
Im Original-Wortlaut von Godley:
The incredible lacuna in the Maastricht programme is that, while it contains a blueprint for the establishment and modus operandi of an independent central bank, there is no blueprint whatever of the analogue, in Community terms, of a central government. Yet there would simply have to be a system of institutions which fulfils all those functions at a Community level which are at present exercised by the central governments of individual member countries.
The counterpart of giving up sovereignty should be that the component nations are constituted into a federation to whom their sovereignty is entrusted. And the federal system, or government, as it had better be called, would have to exercise all those functions in relation to its members and to the outside world which I have briefly outlined above.
(…)
What happens if a whole country – a potential ‘region’ in a fully integrated community – suffers a structural setback? So long as it is a sovereign state, it can devalue its currency. It can then trade successfully at full employment provided its people accept the necessary cut in their real incomes. With an economic and monetary union, this recourse is obviously barred, and its prospect is grave indeed unless federal budgeting arrangements are made which fulfil a redistributive role.
Und zum Schluss:
If a country or region has no power to devalue, and if it is not the beneficiary of a system of fiscal equalisation, then there is nothing to stop it suffering a process of cumulative and terminal decline leading, in the end, to emigration as the only alternative to poverty or starvation.
Genau das also, was sich heute in Griechenland abspielt.
Was Godley 1992 schrieb, hat auch heute, nach fünf Jahren Eurokrise, seine unveränderte Gültigkeit: Die Währungsunion ist nur überlebensfähig, wenn sie durch eine rudimentäre Form von Fiskalunion ergänzt wird.
Denn sonst werden die wirtschaftlichen Ungleichgewichte die Union irgendwann zerreissen.
Kein hastig gebastelter Kompromiss um Griechenland wird daran etwas ändern.
Drei Links in eigener Sache:
- Hier der 7. Teil unserer Serie über historische Spekulationsblasen: Die Schwellenländerkrise von 1825.
- Wer sich für die Finanzmärkte interessiert: Hier ein sehr lesenswertes Interview mit den legendären Value-Investoren Bruce Greenwald und James Montier, das mein Kollege Gregor Mast kürzlich geführt hat.
- Immer sehenswert sind die edukativen Fintool-Videos des Finanzprofessors Erwin Heri, in denen er jeweils in verständlichen Worten ein Konzept aus der Finanzwelt erklärt. Hier zum Beispiel eine Betrachtung, weshalb einzelne Aktien riskantere Anlagen sind als ein Index.