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Fünf (geschichtliche) Bücher zum schönsten und anspruchsvollsten Beruf in den Bergen. Geschrieben und gelebt von Männern und Frauen.
«Mademoiselle, votre plume vous va comme à moi la corde.»
Ein sehr schönes Kompliment, das Jean Mugnier, Träger und angehender Führer der Compagnie des guides de Chamonix, seiner Klientin am 7. August 1838 nach der erfolgreichen Besteigung des Mont Blanc macht, als sie Zeile um Zeile in sein noch unbeschriebenes Führerbuch schreibt. Der Eintrag endet mit diesem Satz: „Je désire que cette attestation consciencieuse puisse lui faire un titre d’avancement dans la carrière à laquelle il se destine.“ Die Verfasserin ist Henriette d’Angeville, nach Marie Paradis die zweite Frau auf dem höchsten Gipfel der Alpen. Sie besteigt ihn am 4. August 1838, in Begleitung von sechs Führern und zwei Trägern. Für Jean Mugnier ist es auch das erste Mal.
Der passende Vergleich von Stift und Seil findet sich in „Compagnie des guides de Chamonix. 200 ans d’histoire(s)“ von Joëlle Dartigue-Paccalet und David Ravanel, erschienen in den Éditions Glénat. Nicht die einzige Publikation zum 200-Jahr-Jubiläum des ältesten Bergführervereins. Der andere grosse französische Bergverlag, die Éditions Guérin, legen „Le roman des guides“ von Gilles Chappaz auf. Das Vorwort des berühmten Bergführers Christophe Profit gipfelt in diesen Sätzen: „Alors, ne perdons jamais le sens de ce mot, engagement, car nous l’avons tous dans notre ADN. Pour que nous poursuivions tous, clients et guides, gardiennes et gardiens de refuge, notre belle histoire.“
Die Compagnie des guides de Chamonix entstand aus einem Gemeinderatsbeschluss vom 24. Juli 1821. Dieser betraf die Gründung eines Hilfsfonds, um den Familien von verunglückten Führern zu helfen. Die Expedition zum Mont Blanc von Joseph Hamel, Arzt und Berater des Zaren, im Jahr 1820 hatte drei Bergführern das Leben gekostet und für Schlagzeilen und Unruhe gesorgt; es war der erste grosse Unfall am beliebten Berg ob Chamonix gewesen. Am 9. Mai 1823 genehmigte der König von Sardinien – Savoyen gehörte damals nicht zu Frankreich – ein Manifest der Abgeordnetenkammer in Turin, das die Gründung der Compagnie des guides de Chamonix offiziell machte. Seit 200 Jahren sind also Führer werden, Führer sein und Führer vermittelt bekommen in Chamonix genau geregelt.
Aber welche der beiden Jubiläumsschriften sollen wir nun lesen? Les deux, mais bien-sûr! Beide warten mit hochspannenden, bekannten und unbekannten Geschichten auf, beide sind fein illustriert, mit alten und neuen Abbildungen. Aber diejenige von Glénat ist deutlich günstiger. Und was machen wir mit den gesparten Euros? Ganz einfach: Wir kaufen das Jubiläumsbuch „Meister der Vertikale. Die Geschichte der Südtiroler Bergführer“. Nur schon aus sprachlichen Gründen… Es lohnt sich auch sonst, allein wegen der zahlreichen, sehr ansprechenden Illustrationen inklusive passender Legenden. So heisst es beispielsweise beim Foto vom Becherhaus (3195 m), der höchstgelegenen Hütte Südtirols, darauf der angestellte Bergführer, weibliches Servierpersonal und Touristen in einer Reihe stehen: „Das Becherhaus war übrigens eines der ersten Schutzhäuser mit eigener Kapelle. So konnte man auch am Sonntag zu einer Tour aufbrechen, ohne fürchten zu müssen, direkt in der Hölle zu landen.“ Der zwingende sonntägliche Gottesdienst vor oder nach dem Zmorge, und dann hinauf auf den Wilden Freiger! Dass die Südtiroler Bergführer nun ihr 150jähriges Jubiläum feiern, geht auf die vom Deutschen Alpenverein erlassene „Bergführerordnung giltig für Tirol und Vorarlberg“ vom 4. September 1871 zurück. Ja, damals gehörte auch noch der Ortler und andere berühmte Gipfel südlich des Alpenhauptkamms zu Tirol. Ein tolles Buch, mit vielen Kurzporträts berühmter und weniger bekannter (süd)tiroler Bergführern, so auch von Siegfried Messner, dem Gründungspräsidenten des Verbandes der Südtiroler Berg- und Skiführer. Bruder Reinhold warf sein Bergführer-Abzeichen mal dem Landeshauptmann vor die Füsse. Touristische, politische und sprachliche Auseinandersetzungen gehen im Südtirol auch an den Bergsteigern nicht spurlos vorüber.
Doch knoten wir uns ins Italienische ein und ziehen ein viertes Jubiläumsbuch zu Bergführern aus dem schweren Rucksack: „Macugnaga. Due secoli di Guide Apine“, verfasst von einer Viererseilschaft. Es ist eine Neuauflage der ersten, kleinen Auflage von 1992, die nicht mehr greifbar war. Die Geschichte der Bergführer von Macugnaga beginnt mit der Ankunft des berühmten Genfer Naturforschers und Alpinisten Horace Bénédict de Saussure am 24. Juli 1789. Der Aufenthalt wird ihm vom Regen vermiest, doch ein Schönwetterfenster erlaubt ihm die Besteigung des Vorgipfels des Pizzo Bianco (3215 m), idealer Standort für die direkte Beobachtung der Ostwand des Monte Rosa, der höchsten Wand der Alpen, gekrönt von den vier höchsten Gipfeln der Schweiz. Führer von de Saussure ist der Einheimische Giovanni Battista Jachetti, in die Geschichte eingegangen als erster Bergführer Italiens. Ein anderer Führer von Macugnaga ist Ferdinand Imseng, Erstdurchsteiger der Ostwand am 22. Juli 1872; am 8. August 1881 wird er dort, bei einer erneuten Begehung mit Gast Damiano Marinelli und Zweitführer Battista Pedranzini, von einer Lawine in den Tod gerissen. Eine der vielen Geschichten im Buch. Eine andere stammt aus dem Tourenbuch von Beatrice Canestro Chiovenda, die am 28. August 1922 mit ihrem Bruder Renzo, dem Führer Cristoforo Jacchini und dem Träger Erminio Jacchini durchs Marinelli-Couloir auf die Punta Dufour klettert.
Und wenn wir mit Frauen und Bergführern unterwegs sind, dann gehört folgendes, ebenfalls neues Buch unbedingt in den Rucksack: „Première de cordée“ von Martine Rollande. Ein genialer Titel, weil er an den berühmten Roman „Premier de cordée“ von Roger Frison-Roche anklingt, der 1930 als erster Nicht-Einheimischer in die Compagnie des guides de Chamonix aufgenommen wurde. Martine Rollande war 1983 die erste französische Bergführerin. Die erste Bergführerin überhaupt ist die Britin Gwen Moffat, die 1958 das britische Bergführerdiplom machte. Kurz nach ihr (in den frühen 1960er-Jahren) erhielt Brede Arkless das britische und das internationale Bergführerdiplom. Mit feiner Feder erzählt Martine Rollande, wie und warum sie diesen Beruf wählte, welche Schwierigkeiten sie in diesem von Männern dominierten Milieu überwinden musste – und diese waren happiger als die schwierigsten Wände und höchsten Gipfel. So gab bei der Ausbildung in Chamonix einer der (altgedienten) Führer unmissverständlich den Tarif durch: „Même si techniquement elle a ses chances, de mon vivant, je ne laisserai aucune femme réussir l’examen!“
Joëlle Dartigue-Paccalet, David Ravanel: Compagnie des guides de Chamonix. 200 ans d’histoire(s). Éditions Glénat, Grenoble 2021. € 30,00.
Gilles Chappaz: Le roman des guides. Éditions Guérin–Paulsen, Chamonix 2021. € 56,00.
Verband der Südtiroler Bergführer (Hrsg.), J. Christian Rainer: Meister der Vertikale. Die Geschichte der Südtiroler Bergführer. Edition Raetia, Bozen 2021. € 25,00 [I], € 27,50 [D/A].
Beatrice Canestro Chiovenda, Enrico Rizzi, Teresio Valsesia, Luigi Zanzi: Macugnaga. Due secoli di Guide Apine. Comitato della Comunità Walser di Macugnaga, 2021. € 28,00.
Martine Rolland: Première de cordée. Éditions Glénat, Grenoble 2021. € 20,00.