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Ich mache gern eine Lesung in Ihrer Literaturgruppe,
in Ihrer Kirchgemeinde, im Frauen Treff...
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Liebe Leserin, lieber Leser
"n i c h t v e r s a n d t "
Liebe Hanna
Ich stelle mir vor, dass ich mit Ihnen in Tegna im Schatten der Pergola am Steintisch sitze, mit Blick über das Tal, vielleicht ein Glas Wein vor uns; wir unterhalten uns über Gott und die Welt, wie man so sagt. Wie schön wäre das. Ich hätte tausend Fragen an Sie und würde es wohl schmunzelnd ertragen, wenn Sie häufig den Kopf schütteln über meine Unbedarftheit. Vielleicht würden Sie auch mich fragen wollen, die Nachgeborene und vielleicht doch Vertraute in Vielem.
Sie sind vor dem 1. Weltkrieg geboren, ich nach dem 2. Das zeigt schon die ganze Absurdität des 20. Jahrhunderts: wir rechnen in Kriegsjahren, wir rechnen mit den Kriegen und ordnen unser Leben in ihnen ein.
Sie sind Jüdin; wie Sie immer wieder schreiben, durch Hitler zu einer geworden. Sie hatten ihre Identität lange nicht aus dieser Realität bezogen. Sie waren eine junge Frau mit Chancen, die sie genutzt haben. Sie haben Schulen besucht, studiert, gelesen, debattiert und – mussten dann gehen, alles zurücklassen wie Hunderttausende auch. Sie gingen nach Paris, hofften mit Ihren Freunden in dieser wunderbaren Stadt, in diesem anregenden Milieu bleiben zu können. Auch diese Hoffnung wurde zerstört. Die Nazis kamen, durchkämmten die Wohnungen, die bekannten Treffpunkte der Intellektuellen. Mit nichts gingen Sie in den Süden, waren auch kurz interniert im Lager in Gurs und bekamen schließlich die Schiffspassage nach Amerika, konnten fliehen. Nicht alle schafften es; es gab so viele Verzweifelte, Suizid unter Freunden auch, etwa Walter Benjamin, Benji, wie Sie ihn zärtlich nannten.
Ich habe unzählige Geschichten dieser Zeit gehört, gelesen und versuchte mich einzufühlen. Ob ich das kann? Sie werden es bestreiten. Tatsächlich: ich bin nur immer wieder leer und krank, wenn ich durch diese Zeit "wandere".
Ich bewundere Ihre Leistung, Hanna, alles hinter sich lassen zu können, englisch zu lernen, sich in New York zu behaupten, zu lehren und zu schreiben. Ich weiss, Sie wollen das nicht individuell gewürdigt haben. Es war die Leistung von Tausenden, aber nicht allen gelang sie gleich gut. Auch das erlebten Sie. Ihr Erfolg gefiel und gefiel nicht. Ihr Schreiben auch nicht.
Während meiner Studien habe ich Ihren Namen gekannt, die Haupttitel Ihrer Werke auch; aber ehrlich, viel von Ihnen gelesen habe ich nicht. Heute bedaure ich das. Es wäre ja vielleicht noch möglich gewesen, Sie persönlich kennen zu lernen: in Zürich, in Basel, wo Sie oft mit Jaspers und seiner Frau zusammen waren, oder eben im Tessin.
Ich hätte Sie befragen wollen über Ihre Dissertation der Liebesbegriff bei Augustinus, ja tatsächlich das war Ihr Thema; ich hätte Sie verstehen wollen in Ihrem Werk über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft - wie nötig wäre seine Lektüre heute wieder - ; die Arbeit zu Vita activa oder Vom tätigen Leben, das mich bis heute beschäftigt, und natürlich Ihr Buch über Eichmann, das in einem Shitstorm endete, wie wir die Reaktion heute nennen würden. Sie haben gewagt zu sagen, was man nicht hören wollte. Eichmann war nicht das Monster, das man in ihm zu finden hoffte, sondern banal. Der Untertitel: die Banalität des Bösen nahm man Ihnen übel, zum Teil bis heute.
Pflichtbewusstsein, Karriere, und Gehorsam, Gehorsam, Gehorsam… die Eckpunkte so vieler Leben sind banal. Man rutscht hinein, ist in ihnen gefangen, denkt nicht selber, fragt sich nichts, ist froh um jede Beförderung, will alles perfekt machen, sogar den Tod, das Morden soll effizient sein. Die Empörung über diese Taten ist scheinheilig. Wer glaubt, das konnte nur zur Nazizeit und unter den perfektionistischen Deutschmännern passieren, irrt gewaltig. Es passiert täglich, überall, in kleinerer Dimension vielleicht. Wer biologische oder chemische Waffen herstellt, wer Daten sammelt für den ultimativen Herrschaftsanspruch, wer überzeugt ist, nur Wirtschaftswachstum sei Leben, sie alle wirken doch an der Banalität des Bösen kräftig mit.
Ach Hanna, wo bin ich, wo sind wir nur gelandet. Ich wollte mit Ihnen doch auch geniessen, denn das konnten Sie auch; ich wollte über Ihre Liebe zu Heinrich (Heinrich Blücher) reden; ich wollte über Ihr Verhältnis zum Zionismus Klarheit; ich wollte Sie fragen, was Sie von Israel halten, das heute von einer Regierung gemanaged wird, von denen gleich drei Minister rechtmässig zu Haftstrafen verurteilt worden sind, die aber ihre Haut retten, koste es, was es wolle.
Die Berichte über das Alter, Ihr Altern und die lustvollen und leidvollen Stränge darin, beseelen mich. Sicher ist es so, dass wir nichts "nachholen" können, was gelebt, erlebt und gelitten wurde. Wir können es wertschätzen, ernstnehmen und – vielleicht – daraus lernen, wie unser Leben einzuordnen ist im jeweiligen Zeitgeist.
Gerade auch darüber wäre in Tegna zu reden, wo lange Spaziergänge nicht mehr drin lagen, aber der kleine Spaziergang zur Kirche und zur Bank auf dem Friedhof sehr wohl. Und ich würde mich mit Ihnen, Hanna, freuen, dass das Rotkehlchen noch kommt, trotz aller Zerstörung der Welt.
Monika Stocker
Keller, Hildegard E.: Was wir scheinen, Hanna Arendt, poetische Denkerin, Köln, Eichborn Verlag, 2022, 573 S.
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