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Im Sommer 2010 waren in Pakistan rund 20 Millionen Einwohner von einem Jahrhunderthochwasser betroffen. Die Heilsarmee – seit 125 Jahren in Pakistan aktiv – engagierte sich in der Nothilfe und in längerfristigen Hilfsprojekten.
Die Überschwemmungskatastrophe in Pakistan ist bereits eineinhalb Jahre her. Wie präsentiert sich die Situation für die Menschen vor Ort?
Anaël Jambers: In einigen Regionen Pakistans hatte es auch im vergangenen Sommer wieder Hochwasser gegeben, von welchem mehr als fünf Millionen Menschen betroffen waren. In den anderen Regionen hat sich das Leben – eineinhalb Jahre nach dem Hochwasser 2010 – weitgehend normalisiert und die Menschen sind zu ihrem Lebensalltag zurückgekehrt. Viele in der Landwirtschaft tätige Familien haben jedoch grosse Schulden, weil sie im Hochwasser ihre Ernten verloren und danach Geld mit überteuerten Zinsen geliehen haben. Es leben auch immer noch viele Menschen in Zelten oder bei Verwandten, vielfach in unwürdigen Verhältnissen.
Die Heilsarmee Schweiz finanziert ein Hilfsprogramm in verschiedenen Dörfern Pakistans, die von den Überschwemmungen betroffen waren. Wie sieht dieses Programm aus?
In jedem Dorf hat die Heilsarmee ein Dorfgremium ins Leben gerufen. Dieses erarbeitet mit den lokalen Heilsarmeeoffizieren die notwendigen Projekte. Die Umsetzung der Projekte liegt dabei von Anfang bis Ende bei den Dörfern und den Dorfgremien. Dadurch lässt sich gewährleisten, dass nur Projekte durchgeführt werden, welche für die lokale Bevölkerung sinnvoll sind. Die Projekte sind sehr vielfältig – vom Viehersatz über Kurse in Bienenzucht, Stickkurse für Frauen, Fahrkurse für Männer, bis hin zur Verbesserung der Wasserqualität des Dorfes. Auch die Vorbeugung gegen Auswirkungen zukünftiger Katastrophen bildet einen Programmschwerpunkt.
Du warst für die Heilsarmee Schweiz in Pakistan. Was war deine Aufgabe?
Ich habe die Heilsarmee Schweiz vor Ort vertreten, alle Dörfer und Projekte besucht und die Heilsarmeeoffiziere vor Ort ermutigt und unterstützt. Viele lokale Heilsarmeeoffiziere mussten erst die Projekt-Grundprinzipien erlernen und ihre Rolle verstehen.
Wie hast du das Land und die Leute in Pakistan erlebt?
Pakistan ist einerseits ein wunderschönes, vielseitiges Land. Es ist sehr gross und beherbergt verschiedene Sprachen und Kulturen. Andererseits ist es ein von Armut und Angst geprägtes Land. Viele Kinder haben kaum Zugang zu Bildung und somit keine Aussicht auf zukünftige finanzielle Sicherheit. Frauen sind in ihrer Bewegungsfreiheit oft sehr eingeschränkt. Männer haben die wirtschaftliche und soziale Verantwortung für ihre Familien und leiden sehr, wenn sie dieser Verantwortung nicht gerecht werden können. Trotz der häufig schwierigen Umstände haben die Menschen einen ausgeprägten Sinn für Humor. Ich habe auch eine grosse Gastfreundlichkeit erlebt.
Hattest du keine Angst um deine Sicherheit beim Umherreisen?
Nein, ich hatte nie Angst um meine Sicherheit, denn die Angehörigen der Heilsarmee Pakistan waren sehr um meine Sicherheit bemüht. Ich musste mich jedoch auch entsprechend verhalten. Es war mir zum Beispiel nicht erlaubt, alleine auf die Strasse zu gehen. Die Menschen vor Ort kennen die Situation und gehen sehr verantwortungsvoll mit den Gefahren um.
Hattest du ein speziell eindrückliches Erlebnis?
Wir besuchten ein Dorf in Punjab, welches von der Heilsarmee einige Kühe erhalten hatte. Wir trafen auf ein älteres blindes Paar. Sie schlafen während des ganzen Jahres auf Strohmatten in der Dorfmitte, weil sie kein Haus haben. Die Frau eines Neffen bringt ihnen täglich eine Mahlzeit. Obwohl dieses Paar zu den ärmsten Dorfbewohnern gehört, hat es vom Dorfgremium keine Kuh bekommen, weil es sich unmöglich um das Tier hätte kümmern können.
Das Gremium entschied jedoch, dass alle Familien, die im Besitz einer von der Heilsarmee gespendeten Kuh sind, diesem Paar Milch abgeben müssen. So bekommt das Paar nun täglich Milch zum Trinken. Als wir fragten, wie denn das Dorfgremium auf diese Idee gekommen war, antwortete ein Mann, dass der lokale Heilsarmeeoffizier sie gelehrt habe, sich umeinander zu kümmern. Das Dorf sei eine Gemeinschaft und die Menschen sollen einander helfen. Dies war ein schönes, ermutigendes Erlebnis.
Interview: Thomas Martin