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Arbeitsstress und Lebensqualität – Die Auswirkungen von belastenden Arbeitsbedingungen bei querschnittgelähmten Menschen

Chronischer Arbeitsstress und geringe Kontrolle über die Arbeitsprozesse führt auch bei Querschnittgelähmten häufig zu einer schlechteren Lebensqualität. Wie stark sich Arbeitsstress auswirkt, hängt gemäss dieser Studie nicht von der Bildung oder der finanziellen Situation der querschnittgelähmten Arbeitnehmer ab.
Was war das Ziel dieser Studie?
Andauernder Termindruck, Überforderung oder Mobbing am Arbeitsplatz können Stress auslösen und zu weitreichenden psychischen und körperlichen Einschränkungen führen. Depressionen, Verspannungen, Schlafstörungen und Bluthochdruck sind Beispiele für mögliche körperliche Reaktionen auf andauernden Stress. Zahlreiche Studien belegen, dass stresserzeugende Arbeitsbedingungen zu einer Verminderung der Lebensqualität und der Gesundheit beitragen können.
Wissenschaftlich erwiesen ist auch, dass Stress die Lebensqualität insbesondere bei sozial und finanziell schlechter gestellten Personen herabsetzt. Sozioökonomische Faktoren wie die Ausbildung, der Beruf oder das Einkommen spielen somit bei den individuellen Auswirkungen von Stress eine wichtige Rolle.
Während zu diesen Zusammenhängen gesicherte Erkenntnisse für die allgemeine Bevölkerung vorliegen, gibt es kaum vergleichbare Studien für Menschen mit Behinderungen. Diese Studie behandelte daher die folgenden beiden Fragen:
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen beruflich bedingtem Stress und Lebensqualität bei Personen mit Querschnittlähmung?
- Ist unter querschnittgelähmten Personen der Einfluss von stresserzeugender Arbeit auf die Lebensqualität in sozioökonomisch benachteiligten Gruppen stärker als in privilegierten Gruppen?
Wie sind die Forscher vorgegangen?
Die Daten stammten zum einen aus der SwiSCI-Umfrage, zum anderen aus ILIAS, einem internationalen Forschungsprojekt zur Arbeitsmarktintegration querschnittgelähmter Menschen (https://www.ilias-survey.eu/de/index.php). Insgesamt werteten die Wissenschaftler Daten von 386 querschnittgelähmten erwerbstätigen Personen aus der Schweiz, den Niederlanden, Norwegen und Dänemark aus. Diese Personen arbeiteten zum Zeitpunkt der Studie mindestens 18 Stunden pro Woche.
Um den "Arbeitsstress", die "Lebensqualität" und den "sozioökonomischen Status" der Querschnittgelähmten bestimmen zu können, ordneten die Forscher jedem dieser drei abstrakten Begriffe konkrete Indikatoren zu, die sich anhand der erhobenen Daten messen liessen:
- So wurde Arbeitsstress anhand des Ungleichgewichtes zwischen Einsatz (z.B. geleistete Arbeit, erlebter Zeitdruck, hohe Anforderungen) und Belohnung (z.B. Wertschätzung, angemessene Bezahlung) gemessen. Ein Missverhältnis zwischen diesen Faktoren kann zu Stressreaktionen im Erwerbsleben führen. Die Teilnehmer wurden auch gefragt, inwieweit sie als Arbeitnehmer Einfluss auf die Arbeitsprozesse hatten, denn es ist bekannt, dass geringe Kontrolle am Arbeitsplatz ebenfalls zum Stressempfinden beiträgt.
- Um die Lebensqualität der Befragten abzuschätzen, sollten sie angeben, wie sie ihre allgemeine Lebensqualität beurteilten und wie zufrieden sie mit ihrer Gesundheit, ihren sozialen Beziehungen, der Ausführung von alltäglichen Aktivitäten und ihrer Wohnsituation waren.
- Der sozioökonomische Status der Teilnehmer wurde anhand der Schulbildung und der finanziellen Situation bestimmt.
Was haben die Forscher entdeckt?
Die Auswertungen zeigten, dass die Lebensqualität von Arbeitnehmern mit Querschnittlähmung variiert, und zwar in Abhängigkeit vom Ausmass der Stressbelastung am Arbeitsplatz. Personen, die ein Ungleichgewicht zwischen ihrer Arbeitsleistung und ihrer Vergütung erfahren, haben ein erhöhtes Risiko für eine niedrigere Lebensqualität (siehe Abbildung 1): Sie sind weniger zufrieden mit ihrer Gesundheit (siehe Abbildung 2), mit sozialen Beziehungen, mit alltäglichen Aktivitäten und ihrer Wohnsituation.
Ähnliche Zusammenhänge konnten die Forscher auch bei Personen feststellen, die wenig Einfluss auf die Arbeitsorganisation, das Arbeitstempo oder arbeitsbezogene Entscheidungen haben. Diese Personen berichteten allgemein von einer niedrigeren Lebensqualität als Personen mit mehr Einflussmöglichkeiten (siehe Abbildungen 3 und 4).
Was diese Untersuchung nicht bestätigte, ist eine Verringerung der Lebensqualität durch stresserzeugende Arbeit besonders in sozioökonomisch benachteiligten Gruppen. Die Daten zeigten nicht, dass rückenmarksverletzte Personen mit einer einfachen Ausbildung und finanziellen Problemen mehr an den Folgen belastender Arbeitsbedingungen leiden als besser gestellte Personen.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Anders als in der allgemeinen Bevölkerung konnte diese Studie bei querschnittgelähmten Menschen keinen Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und den Auswirkungen belastender Arbeitsbedingungen feststellen. Ein möglicher Grund liegt darin, dass diese Untersuchung in Ländern durchgeführt wurde, die über ein gut ausgebautes Sozial- und Gesundheitssystem verfügen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass die günstigen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Ländern (z.B. Sozialversicherungen, Massnahmen des Arbeitsschutzes oder finanzielle Unterstützungen) die negativen Effekte von Arbeitsstress auf die Lebensqualität bei benachteiligten Gruppen abfedern. Interessant wäre es daher, eine solche Studie in Ländern mit weniger gut ausgebauten Sozialsystemen durchzuführen.
Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?
Die SwiSCI-Befragung, auf deren Daten die vorliegende Studie beruht, wird von diversen Kooperationspartnern in der Schweiz durchgeführt (siehe den Artikel zum SwiSCI-Studiendesign). Das ILIAS-Projekt wird von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil (Schweiz), dem Revalidatiefonds in Odijk, the Dwarslaesiefonds in Amsterdam (beides Niederlande) sowie der Central Norwegian Regional Health Authority in Stjørdal (Norwegen) finanziert. Die Auswertung der Daten für diese Studie zum Arbeitsstress erfolgte an der Schweizer Paraplegiker-Forschung.