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Das Kino liebte die Stoffe und Vorlagen von Friedrich Dürrenmatt – Dürrenmatts Verhältnis zum Film hingegen war zwiespältig, wie Elio Pellin in seinem Text ausführt. In unserem Dürrenmatt-Schwerpunkt zeigen wir die grossen Kinoproduktionen von Es geschah am hellichten Tag (1958) bis Hyènes (1992) und The Pledge (2001). Wir ergänzen diese Verfilmungen mit Werken, die von Dürrenmatt inspiriert sind, und mit Charlotte Kerrs Dokumentarfilm Porträt eines Planeten
«Der Film an sich ist eine Zumutung», lässt Friedrich Dürrenmatt in «Midas oder Die schwarze Leinwand» den Schriftsteller klagen, den er nicht ganz zufällig F.D. nennt. Der Film täusche «auf einer zweidimensionalen Fläche eine Welt vor, die mindestens vierdimensional ist.» In Charlotte Kerrs Dokumentarfilm Porträt eines Planeten (1984) führt Dürrenmatt aus, was er damit meint. Die Frage sei, wie er das, was in ihm kreativ sei, andern mitteilen könne. Wenn er das in ein Drehbuch fassen solle, müsste er «unendlich viel hineinschreiben» – da schreibe er doch lieber eine Novelle. In den Drehbüchern fühle er sich «gar nicht zuhause».
Damit beschreibt Dürrenmatt nicht nur die Probleme, die er mit seinem Midas-Drehbuch hatte, für das er schliesslich eine schwarze Leinwand vorsah. Er beschreibt auch seine Arbeitsweise für Es geschah am hellichten Tag, mit der er den Filmproduzenten Lazar Wechsler knapp drei Jahrzehnte zuvor fast in die Verzweiflung trieb. Statt, wie es in der Filmbranche üblich und mit Blick auf den knappen Zeitplan des Filmprojektes auch nötig gewesen wäre, ein Treatment zu schreiben und dann ein Drehbuch auszuarbeiten, schrieb Dürrenmatt an einer Erzählung herum, die er immer wieder umarbeitete – so wie er es gewohnt war, seine literarischen Stoffe zu entwickeln.
Wechsler, der eine gute Kriminalgeschichte über ein Sittlichkeitsverbrechen bestellt hatte, die er verfilmen und mit dem Etikett «Drehbuch von Friedrich Dürrenmatt» verkaufen wollte, verschob die Dreharbeiten mehrmals. Ein Opfer, das er sich eigentlich nicht leisten könne – so schrieb er an Dürrenmatt –, weil er damit seine Praesens-Film aufs Spiel setze. In einem neuen Vertrag wurde Dürrenmatt verpflichtet, endlich mit der Arbeit am Drehbuch zu beginnen.
Dürrenmatts Unbehagen mit dieser Art von Zusammenarbeit in einer Filmproduktion zeigt sich einigermassen drastisch in der Art und Weise, wie Dürrenmatt Lazar Wechsler in seinen «Stoffen» zeichnet: «Ein Mächtiger, der an einer leichten Parkinson litt, die ihn zwang, seinen gewaltigen Schädel schräg und ruhig zu halten [...], alles strömte Macht aus von ihm, er war wie von Sklaven umgeben.»
Nun war Dürrenmatt kein Autor, dem man ein Thema vorgeben konnte (Sittlichkeitsverbrechen an Kindern), und der dann (sklavisch) Material lieferte, das sich im Prozess einer Filmproduktion bearbeiten liess. Wie er seine Bilder selbst machen müsse – und wohl auch deshalb nicht zum Drehbuchautor tauge (Porträt eines Planeten) – so musste er auch seine Stoffe quasi selber machen, auf eigene Art zu fassen bekommen. Am bieder-pädagogischen Plot mit einem bösen Schokoladenonkel, der seiner gerechten Strafe nicht entkommt, war Dürrenmatt wenig interessiert. Mit Dürrematts Volte, den Mörder vor der Verhaftung umkommen zu lassen, konnte wiederum Wechsler nichts anfangen.
«Drehbücher sind da, um geändert zu werden», stellt F.D. im «Midas» fest und beschreibt damit die Erfahrung des realen Dürrenmatt, wie im Filmgeschäft Ko-Autoren, Produzenten und Berater mit einem Drehbuch verfahren. Ein Drehbuch ändern heisst aber noch lange nicht, einen Stoff relativ spät im Schreibprozess noch umzustülpen und – wohl unter dem Eindruck von George Simenons «Maigret tend un piège» (1955) – statt eine berechenbare Handlung zu entwickeln, «eine grundsätzlich unberechenbare Welt aufzuzeigen, an der eine grundsätzlich richtige Überlegung scheitert.» («Stoffe»). Das Filmprojekt von Wechsler und Dürrenmatt führte zum sonderbaren Ergebnis, dass ein Autor mit mässigem Interesse an einem Drehbuch (mit-)arbeitete und den Stoff daneben bzw. danach zu einem eigenständigen Roman umformte, der seinerseits für mehrere Filme adaptiert wurde.
Das Drehbuchschreiben gab Dürrenmatt aber noch nicht auf. Das Drehbuch für die TV-Verfilmung seines Krimis «Der Richter und sein Henker» hatte er schon 1956/57 zusammen mit Hans Gottschalk und Franz Peter Wirth geschrieben und danach mit verschiedenen Fernsehstationen Projekte angepackt. Auch mit Lazar Wechsler suchte er schon bald nach dem Abschluss von Es geschah am hellichten Tag wieder die Zusammenarbeit. Dürrenmatt schlug Wechsler «Justiz» als Filmstoff vor. Wechsler buchte schon mal die Filmcrew, Regisseur, Schauspielerinnen und Schauspieler. Doch Dürrenmatt brach die Arbeit an «Justiz» ab – der Roman sollte erst 25 Jahre später fertig werden – und schlug Wechsler vor, sein Stück «Die Ehe des Herrn Mississippi» zu verfilmen. Wechsler ging diesmal auf Dürrenmatts Vorschlag ein und drehte mit der bereits für Justiz engagierten Besetzung Die Ehe des Herrn Mississippi (1961).
Die Rolle als Drehbuchschreiber lag Dürrenmatt nicht. Das Wichtigste beim Film seien der Regisseur und der Kameramann, hält Dürrenmatt in Porträt eines Planeten fest, – also jene, die für die Bilder verantwortlich sind. Und um Bilder für den Film zu machen, brauche es für ihn zu viel Technik. Doch Film und TV brauchen Stoffe. Und in einem Werk wie in jenem von Dürrenmatt finden sich reichlich Stoffe. Eine kaum überblickbare Menge von Fernsehspielen zeigt Dürrenmatt-Stücke als gefilmtes Theater im TV-Studio. Dürrenmatts erster Millionenhit «Der Besuch der alten Dame» taugte als Stoff für eine internationale Grossproduktion mit Starbesetzung und unblutigem Schluss (The Visit, 1964) genauso wie als filmische Reise in den Senegal (Hyènes, 1992). «Der Richter und sein Henker» war ein guter Krimistoff für das noch junge Medium Fernsehen (1956/57) und ein prächtiger Anlass für Maximilian Schells faszinierendes filmisches Scheitern (1975) – inklusive eines skurrilen Auftritts von Dürrenmatt selbst und einem Donald Sutherland, der mit sichtlichem Vergnügen eine komische Leiche spielt.
Unter den Filmen, die mit Dürrenmatt-Stoffen in Verbindung gebracht werden können, finden sich brave, ungelenke und mutlose Bebilderungen des Klassikers – wie etwa La Promessa (1979) von Alberto Negrin; eigenständigere und interessantere Adaptionen (The Pledge, Sean Penn, 2001) sowie eigenwillige Filme, für die Dürrenmatts Stoffe mehr Inspiration also Vorlage waren; wir finden, kurz gesagt, das ganze Spektrum der Möglichkeiten, wie der Film literarische Texte zu bewegten Bildern und Ton verarbeiten kann.
Dass die Nähe zu einem literarischen Schwergewicht ein schwaches Drehbuch nicht zwingend besser macht, dafür ist Beresina (1999) von Regisseur Daniel Schmid und Drehbuchautor Martin Suter ein schönes Beispiel. Dass ein Unbändiger wie Lars von Trier die Nähe zu Stoffen eines Grossen der Literatur nicht zu scheuen braucht und sie höchst produktiv nutzen kann, belegt der beklemmende und intensive Dogville (2003). Und dass man einen wie Dürrenmatt – zumindest für die Vermarktung eines Films – auch enfach beiseite lassen kann, zeigt das Remake von Es geschah am hellichten Tag (1997), das bis heute als «Neuverfilmung des Klassikers mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe» angepriesen wird.
Elio Pellin
Elio Pellin ist Autor, Literaturwissenschaftler und Verantwortlicher für Öffentlichkeits- und Kulturarbeit der Universitätsbibliothek Bern. Als Filmkritiker hat er für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet.
Dürrenmatt im Park
In 16 Grünanlagen der Stadt Bern stellen die Kornhausbibliotheken in Zusammenarbeit mit Stadtgrün der Bevölkerung neu offene Bücherschränke zur Verfügung. Nach einer zweijährigen Pilotphase werden die Parkbibliotheken am 3. Mai offiziell eingeweiht. Zum Auftakt werden sie mit Büchern von Friedrich Dürrenmatt in vielen Sprachen bestückt. Das Oeuvre des Berner Autors, der Weltliteratur schrieb, öffnet das Tor zur sprachlichen Vielfalt. Neben Büchern finden sich auch Hörbücher, Filme und CDs in den Bücherschränken: Sie alle sind zum Mitnehmen. «Nimm eins, gib eins», lautet die Einladung, und sie ist wörtlich zu verstehen. Der Tausch ist kostenlos und unkompliziert.