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Kein Bett ist besser als das eigene.
Am 4., vor einer Woche, lag ich im Kantonsspital auf einem Tisch. Routine, sagten sie, das Einsetzen eines Katheters in Ihre Schlüsselbeinvene, Routine, so haben wir einen ständigen Zugang in Ihr Inneres, damit wir Sie, Frau Rast, wenn Sie zur Chemo kommen, nicht jedesmal neu stechen müssen – ich lag auf ihrem Tisch und hörte sie leise reden und reden. Und irgendwann, plötzlich, halfen sie mir in den Rollstuhl und fragten: Wie geht es mit dem Atmen? Können Sie atmen? Sie rollten mich zum Röntgen, dann in den Notfall – Ihr Brustfell, Frau Rast, wurde leider verletzt, tut uns sehr leid, Sie dürfen nicht nach Hause.
Machen Sie, was Sie wollen, sagte ich. Am 10. bin ich zu Hause, am 10. werde ich siebzig.
Vorgestern, einen Tag vor dem Fest, liessen sie mich gehen, einen sogenannten Port a Cath in der Brust. Sepp hatte Tische, Bänke, Stühle in die Stube getragen, den Boden mit Kunststoff bedeckt, 42 Einladungen hatte ich verschickt zu meinem Tag der offenen Tür.
Es gab Zeiten, da dachte ich, den Siebzigsten würde ich nie erleben –
Ich schlief schnell ein, kein Bett ist besser als das eigene, und erwachte um sechs, ging in die Küche, trank Kaffee, las die Zeitung, schluckte die Tabletten und wartete, ein Kreuzworträtsel vor mir, auf Sepp, meinen Mann, mit dem ich verheiratet bin seit 47 Jahren. Krebs habe ich seit 38 Jahren, Brustkrebs.
«In der Schweiz erkranken im Jahr rund 5700 Frauen an Brustkrebs, nur etwa 2,5 Prozent davon sind jünger als 35 Jahre, in Zahlen ausgedrückt etwa 140 Frauen. Heute investieren wir viel Zeit in die Abklärung, ob es sich bei einem Knoten tatsächlich um Krebs handelt, wir nehmen also eine Biopsie vor, und mittels MRI, Magnetresonanztomographie, machen wir uns kundig über den genauen Ort und die Ausdehnung des Tumors– alles mit dem Ziel, nicht die ganze Brust entfernen zu müssen, sondern nur das Karzinom. Je nach Befund beginnt man bereits vor der Operation eine Therapie mit Medikamenten, eine neoadjuvante Therapie. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, die operierte Brust zu rekonstruieren. Ist der Tumor klein, braucht es keinen Wiederaufbau. Häufig ist es möglich, Gewebe innerhalb der Brust umzulagern. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit grösserer plastischer Eingriffe, zum Teil mit Prothesen, zum Teil mit Eigengewebe.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi, Chefarzt Medizinische Onkologie, Luzerner Kantonsspital)
Nun bin ich also siebzig, fünfzig Kilo, Haut und Knochen, aber am Leben. Darauf bin ich stolz. Dass ich noch lebe –
Ich zog den hellblauen Pullover an, legte Ketten um Hals und Arm, nichts Teures, etwas, das ich vor Jahren gekauft hatte, vielleicht in Verona oder Berlin. Um neun sass der erste Gast in der Küche, Eugen von nebenan, Witwer, er brachte Rosen wie jedes Jahr, wenn ich feiere – samstags bringe ich ihm, der nun allein lebt, herzkrank und bleich, ein Pfund Sauerteigbrot, das er so sehr liebt.
Dann, kurz vor zehn, standen vier Schwestern vor der Tür, ich habe sechs davon, bin die Zweitälteste. Im Juni 1952 waren meine Eltern in das Haus gezogen, in dem ich seither lebe, mein Vater war Bäcker, die Mutter führte den Laden, Brot, Teigwaren, Waschmittel, das Nötigste. Zur Schule ging ich gern, half den Eltern, begleitete Vater, wenn er am Montag und Donnerstag die Ware zu den Höfen brachte – ich weiss noch, dass ich einmal, Brot im Korb, durch Schnee ging, der mir bis zur Hüfte reichte, zwei Kilo für Familie Hess, eins für Familie Huber. Oft reichte Frau Huber zum Dank ein Stück Wurst. Und ich fragte, ob ich ihre Toilette benützen dürfe. Damit ich bei Frau Bättig, die gern über den Durst trank und mir vorkam wie eine Hexe, keinesfalls auf die Toilette musste.
Arbeit war mir nie ein Übel, Arbeit hat mir immer Sinn gegeben. So wurde ich gross, Arbeit tut mir gut, deshalb, vielleicht, lebe ich noch.
Seltsam oder auch nicht, dass am Morgen meines Siebzigsten der Bericht des Kantonsspitals Luzern im Kasten lag, ich öffnete den Umschlag, las wenige Sätze, setzte mich zu den Gästen: Martha Rast, 10.10.1949, Diagnose: metastasiertes Mammakarzinom, Operationen: Port a Cath Implantation rechts über die V.subclavia, Patient in Rückenlage. Single Shot Antibiotikaprophylaxe mit Kefzol 2 g i.v. Desinfektion und steriles Abdecken. Team TimeOut. Uff.
Die Schriebe der Ärzte haben mich nie interessiert. Verstehe sie nicht. Ich glaube daran, dass die Ärzte mir Gutes wollen, ihr Mögliches tun – ich habe keine Wahl. Und ich bin gut gefahren damit bis zu meinem Siebzigsten, den zu erleben ich so sehr gehofft hatte.
«Ich meine, dass heute, wohl anders als vor vierzig Jahren, mehr Wert gelegt wird auf offene Kommunikation und psychologische Unterstützung der Patientinnen. Wir geben uns Mühe – und es wird auch von uns erwartet –, dass wir die Patientinnen darüber informieren, was wir wissen. Und darüber, was wir nicht wissen. Wir geben ihnen jene Auskünfte, die sie möchten. Was wir nicht tun sollten, ist, uns gleichsam zu entlasten, indem wir alles, was wir wissen, den Patientinnen vorsetzen. Die ökonomische Bedeutung der Behandlung von Krebskrankheiten hat enorm zugenommen wegen präziserer Diagnostik und besserer Therapien, so dass die Patientinnen im Durchschnitt länger leben. Die Prognose der Frauen, die an Brustkrebs erkranken, hat sich in den letzten vierzig Jahren wesentlich verbessert, und die Sterblichkeit ist gesunken.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi)
Eigentlich wollte ich Hauswirtschaftslehrerin werden – kommt nicht in Frage, wir brauchen dich zu Hause. Also blieb ich zu Hause, stand im Laden, in der Backstube, in der Küche.
Manchmal rede ich mit ihm – Herr Krebs, wie wär’s, wenn Sie endlich wieder gingen? Herr Krebs, jetzt reicht’s. Wütend auf ihn war ich nie. War nie wütend auf irgendwas oder irgendwen, der macht, dass ich krank bin seit bald vierzig Jahren. Keine Ahnung, weshalb ich so wutlos bin.
Krebs, denke ich, ist Zufall – es traf mich. Und viele andere. Es traf den Kottmann Sepp, der mir Äpfel in den Laden brachte, es traf den Bürgi Bruno, der uns eine neue Küche baute, Menschen aus meinem Dorf in der Mitte der Schweiz, keiner älter als ich.
Immer mehr Leute sassen am Tisch, manche gingen, andere kamen, eine Nachbarin rief an: Martha, dir alles Gute und Schöne, wir sind auf dem Weg ins Spital, unser erster Enkel ist heute geboren.
Klingt kitschig, ist wahr.
Am Mittag, als niemand hier war, schob ich eine Pizza in den Ofen, bat Sepp, zu Aldi zu fahren, um Quark und Joghurt zu kaufen – hatte noch Himbeeren im Eisfach, auch Erdbeeren, wollte, falls mehr Gäste kämen, mit einer Crème aufwarten. Sepp lernte ich im Wirtshaus Herlisberg kennen, vielleicht fünf Kilometer von hier. Jemand hatte mir erzählt, im Herlisberg sei die Stelle einer Serviertochter frei. Unter Menschen sein, reden, quatschen – das könnte mir gefallen. Also sprachen meine Eltern und ich bei den Wirtsleuten vor, 1969, sie stellten mich an, zuerst zur Aushilfe, dann wohnte ich bei ihnen, bediente Gäste, Trinkgeld war mein einziger Lohn. Und manchmal, an Wochenenden, war da einer in der Küche oder im Keller, schleppte Kisten voller Flaschen, füllte Kühlschränke, Sepp Rast, Schmied von Beruf, ein Mann mit grossen Händen. Vater fragte, ob der katholisch sei. Wir heirateten an einem Dienstag, 11.April 1972, in Oberschongau, Wallfahrtskirche zur Lieben Frau vom Lindenberg, ich trug ein einfaches weisses Kleid, einen einfachen weissen Schleier, Sepp einen dunklen Anzug und Krawatte, er war so schön. Als wir die Kirche verliessen, zog ein Schneesturm auf, der Fotograf packte seine Kamera ein. Wir feierten im Restaurant Zihl, Beinwil am See, Schweinsbraten und Poulet, Pommes frites und Nudeln, Gemüseplatte, grüner Salat, Vacheringlace zum Dessert. Der Abend war lang und laut und lustig, Sepp, zur Freude der Gäste, wickelte eine Puppe, ich rauchte eine Pfeife, er 25, ich zwei Jahre jünger. Dann die Hochzeitsreise im roten Volvo, wir fuhren nach Holland, ich war bald schwanger.
Nun lebten wir im Haus meiner Eltern, Laden und Backstube im Erdgeschoss, Mutter und Vater im ersten Stock, Sepp und ich im zweiten. Wieder war ich ihre Angestellte, wartete auf mein Kind.
Keine Ahnung, weshalb es mir gelingt, allem Schlimmen den Schrecken zu nehmen, den Geruch der Katastrophe. Es gibt Frauen, die schreiben Bücher, wenn sie ihr Kind verlieren oder ihre Brust – ich kann das nicht, muss es nicht. Unsereins akzeptiert – ich habe kein anderes Wort dafür.
Am 27. Dezember 1972, Sepps Geburtstag, war mir übel, ich ahnte, dem Kind in meinem Bauch ging es schlecht, ich fuhr zum Arzt im Nachbardorf, schwanger im siebten Monat, der Lift war besetzt, ich nahm die Treppe und stieg zwei Stockwerke hoch, trat in die Praxis, fiel hin, man legte mich auf ein Bett, und ich gebar mein erstes Kind, tot, ich weiss nicht, ob ich es je sah, ich habe kein Bild von ihm, weiss nur, dass es ein Mädchen war, mein Mädchen ohne Namen und Gesicht, der Arzt legte es in Tücher und trug es hinaus, man schicke das Kind nach Luzern zur Abklärung, ich weiss nicht, wo es liegt, Sepp holte mich nach Hause.
So war das – 1972.
Es gibt Frauen, die schreiben Bücher darüber – ich hatte Sepp, die Eltern, den Laden, die Backstube, meine Arbeit.
Am Abend kam der Arzt und reichte mir eine Salbe: Reiben Sie das in Ihre Brüste, damit die Milch nicht einschiesst. Dann legte er eine Binde um meinen Busen, eng und enger. Irgendwann hiess es, während der Schwangerschaft hätten wohl meine Nieren versagt, es wäre besser für Sie, Frau Rast, Sie würden drei Jahre lang nicht mehr schwanger.
Man akzeptierte –
Ich war mit sechs Schwestern aufgewachsen, ich wollte zwei Buben. Verhütete während dreier Jahre. Arbeitete mit den Eltern, dann in einer Fabrik, Manometer AG, dann bei Hartmetall AG, war endlich wieder schwanger, Sommer 1975. Der Hausarzt schickte mich zu einem Professor im Kantonsspital, jeden Monat fuhr ich hin, mein Kind sei klein, aber gesund, machen Sie sich keine Sorgen, Frau Rast. Fünf Wochen vor dem Termin floss Blut aus mir, wieder Spital, wieder Ultraschall, ich musste liegen, nicht einmal zur Toilette durfte ich, am Karfreitag 1976 befahl jemand, mich an den Bettrand zu setzen, wieder Blut und Ultraschall: Am Ostermontag machen wir einen Kaiserschnitt.
Beat, 19. April 1976, vier Wochen zu früh, zwei Wochen Brutkasten, heute Vater von zwei Kindern, Lastwagenchauffeur.
Peter, 20. Juli 1977, auch zu früh, auch Kaiserschnitt, seine Lunge war nicht ausgebildet, ich durfte nach Hause, pumpte Milch ab, brachte sie Peter ins Spital, heute Vater von zwei Kindern, Lebensmittelingenieur.
Mein Leben lang wollte ich zwei Buben, nun hatte ich sie. Es hat, denke ich, seine Richtigkeit, dass ich in kurzer Zeit zweimal gebar. Es kam, wie es kam –
Sie sind noch jung, sagte der Arzt, als ich ihm den Knoten zeigte, ein hartes Ding in meiner rechten Brust, 1980, Schlimmes schliesse ich aus. Keine Sorge, sagte der Mann im Röntgeninstitut.
Wer keine Ahnung hat, vertraut dem, der vielleicht eine hat – wem sonst?
Monate später schmerzte die rechte Schulter, Mammographie im Kantonsspital: Wir wissen nicht, ob der Knoten harmlos ist, wir schlagen vor, dass wir ihn entfernen und sofort untersuchen. Dass wir Sie in Narkose halten, bis wir wissen, was Sache ist. Und dass wir dann, falls Sie Krebs haben, Frau Rast, Ihre Brust entfernen. Sind Sie einverstanden damit?
Sollte ich Nein sagen? Um noch Abschied zu feiern von meiner rechten Brust, die ich, falls ich Krebs habe, eine Woche später doch verliere?
«Frau Rast hatte auch einen befallenen Lymphknoten, sie wurde mit CMF behandelt, Cyclophosphamid-Tabletten, Methotrexat und Fluoruracil, Substanzen, die per Hand gespritzt werden können. Diese Chemotherapie kam jahrzehntelang zur Anwendung, heute allerdings nur noch selten, weil es wirksamere Therapien gibt.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi)
Nein, ich kam und komme mir als Frau nicht minderwertig vor, weil ich keine Brüste mehr habe. Sepp weiss, wie ich aussehe, auch die Söhne wissen es, Beat und Peter, meine zwei Buben, die gestern früh Feierabend machten, sie kamen mit Frau und Kindern und setzten sich an den Tisch, Wein floss, und Valerie, die Enkelin meines Nachbarn Eugen, der mir zum Geburtstag jeweils Rosen bringt, trug die Himbeererdbeercrème auf, Pommes Chips, belegte Brote, ins Haus gebracht von Metzger Bitzi, dessen Würste ich in unserem Laden einst verkaufte. Bruno war da, Pia, Elmar, Angelo, Ursula, Irma, Toni, Josef, Antoinette, Ruedi, Hans, Otti, Marie-Louise, Gerda, Paul, Hugo, Michi, Werner, Carlos, Theres, Charlotte –
Sepp trug die leeren Flaschen weg – ich schluckte meine drei Tabletten, drei am Morgen, drei am Abend, keine Ahnung, wie die heissen, ich muss es nicht wissen, und wüsste ich es, wüsste ich nichts.
Am 12. Mai 1981, dem Tag unseres Kirchenheiligen Pankraz, erwachte ich ohne rechte Brust. Ich weiss nicht, wie lange ich im Spital lag – einen Monat später holten sie mir die Eierstöcke aus dem Bauch: Frau Rast, wir empfehlen Ihnen, Ihre Eierstöcke entfernen zu lassen – weshalb genau, weiss ich nicht mehr.
Ich hatte zwei Buben, brauchte keine Eierstöcke mehr.
Der Herr Krebs –
«Seit mehr als hundert Jahren weiss man, dass die Prognose nach der Entfernung der Eierstöcke, die ja Hormone produzieren, Östrogene und Progesteron, eine bessere ist und das Risiko eines Rückfalls sinkt. Die Entfernung ist nach wie vor eine korrekte Therapie. Sie wird allerdings nicht mehr häufig angewendet, weil es mittlerweile Medikamente gibt, die den gleichen Effekt haben: die Unterdrückung der Produktion von Hormonen. Die Brustkrebszellen von Frau Rast wiesen Hormonrezeptoren auf, sie waren also geeignet, auf Hormone zu reagieren und zu wachsen – wohl vor allem deshalb empfahl man ihr, die Eierstöcke entfernen zu lassen. Denn es ist möglich, dass Brustkrebszellen unsichtbar im Körper vorhanden sind. Diese können von Östrogenen und Progesteron stimuliert werden, eine Antihormontherapie bewirkt eine Hemmung dieser Stimulation. Im Fall von Frau Rast geschah dies, wie gesagt, mittels Entfernung der Eierstöcke und Tamoxifen. Dieses Medikament gibt es seit Ende der siebziger Jahre. Heute noch ist die Verabreichung von Tamoxifen und die gleichzeitige medikamentöse Unterdrückung der Hormonproduktion eine Standardbehandlung. Genau wie Hormone bindet sich Tamoxifen an die Rezeptoren der Brustkrebszellen, stimuliert aber nicht deren Wachstum – das Tamoxifen besetzt gleichsam den Platz, den die Hormone einnähmen.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi)
Jede Woche fuhr ich nach Luzern ins Kantonsspital, liess mir eine Spritze setzen, ich verlor alle Haare, kaufte ein Perücke, halblang und schwarz, kochte für Mann, Kinder, Eltern. Machte kein Gewese aus meiner Krankheit – stehen zwei Kinder vor dir, das eine fünf, das andere vier, hast du wenig Zeit, dich zu bejammern.
An Neujahr 1982, sieben Monate nach der Operation, stand ich auf der Bühne des Männerchors, spielte eine eifersüchtige Ehefrau, Bschiise isch Trumpf, Schwank in zwei Akten.
Dann, wenn ich mich richtig erinnere, fünf Jahre lang täglich eine Tablette, Antihormontherapie, jedes halbe Jahr nach Luzern zur Kontrolle, schliesslich jedes Jahr.
Glatti Helde, 1983. D Tante Galathe, 1984. D Langfinger-Zunft, 1985, ich gab eine Gangsterbraut, ein verschlagenes Luder, war in eine Perücke aus rotem Haar gepackt, in hohe schwarze Stiefel, einen ledernen Mini mit Fransen, meine liebste Rolle.
1986 übernahmen Sepp und ich den Laden der Eltern, Sepp fuhr seine Tour zu den Fabriken und Höfen, ab sechs stand ich an der Kasse, Vater buk Brot, seine Lebkuchen, für die er berühmt war, Quittenkrapfen, Nussstengel, Anisbrötchen. Jeden Samstag stand ich um drei auf, stellte mich zu ihm in die Backstube, half stumm, trug das heisse Brot in den Laden, verkaufte, alles war gut. Am Tag der heiligen Agatha, der man einst, um sie vom Glauben abzubringen, die Brüste abschnitt, Patronin der Feuerwehrleute, Helferin bei Brustkrankheiten, Viehseuchen und Erdbeben, kam jeweils der Pfarrer ins Haus und segnete Teig und Brot – ich mag diese Dinge, ich mag Tradition. Vor drei Monaten begleitete ich die Verwitweten der Pfarrei nach Luthernbad im Luzerner Hinterland, wo, der Legende nach, einem Bauern, der an Gicht litt, im Traum die Muttergottes erschien und ihm beschied, hinter seinem Haus finde sich eine Quelle, deren Wasser heile. Ich war dort – irgendetwas trug mich, machte mich ruhig, ich weiss nicht, was es war. Vielleicht ist nicht wichtig, an was man sich hält – Hauptsache, man hat einen Halt.
Mutter starb am Tag der heiligen Agatha, 5.Februar 1991 – zwei Monate lang, an Hautkrebs erkrankt, war sie im Spital gelegen, ich heulte, wagte mich nicht in die Kirche, weil alle sähen, dass ich heulte und heulte.Im Bünzli sis Lädeli, 1993. De Giizchraage, 1994. Zämehaa macht starch, 1995. Mach keis Büro uuf, 1996 – seither bin ich auch Fahnengotte der Brass Band, sie gab sich neue Uniformen, eine neue Fahne, die ich, zusammen mit einem Götti, bezahlte. Mit Ross und Wagen holten sie uns zu Hause ab, Sepp und mich, Ende Juni 1996, zwei Tage lang feierten wir in der Mehrzweckhalle des Dorfes, ich glaube, manche Musikanten wissen nicht, wie ich heisse, ich bin die Fahnengotte.
Am Abend des 1.Oktober 1998 fand ich Vater in der Backstube – ein schöner Tod. Zuvor war er im Wirtshaus Eintracht gewesen, hatte zwei Zweier Roten getrunken und vielleicht Abschied genommen von dieser Welt, Herzschlag, Paniermehl war sein letztes Wort. Könnte ich wählen, wie ich sterbe, dann so wie er.
Man kann nicht wählen –
Unser Geschäft lief gut, Sepp brachte den Leuten nicht nur Brot nach Hause, sondern Gemüse, Waschmittel, Seifen, Früchte, alles. Im Sommer schlossen wir zwei Wochen lang den Laden, reisten nach Amsterdam, Wien, Berlin, Lissabon oder irgendwohin, die Söhne zogen aus, Beat und Peter, meine Buben, beide zu früh in diese Welt geschickt – und, ja, Herr Krebs schlich wieder ums Haus, Frühling 2009, ich war sechzig, fand unter der linken Achsel einen Knoten.
Röntgen, Biopsie, bösartig –
Krebs ist Zufall – es traf mich, schon wieder.
Ich weiss nicht, weshalb ich so wutlos bin. Dachte: Das habe ich schon einmal überlebt, werde es auch ein zweites Mal.
Ärzte schnitten die linke Brust ab, von 36 Lymphknoten, die sie untersuchten, waren 30 befallen. Wieder Chemo, wieder Perücke, sechs Therapien, jede dauerte drei Stunden, nach jeder, mit zwei Tagen Verspätung, bekam ich hohes Fieber, ich lag im Spital während Tagen, nach der letzten Chemo hatte ich über vierzig Grad, war im Irgendwo und Irgendwie, was ich ass, floss aus mir, plötzlich schoben sie mein Bett in einen Saal, helles Licht, Darmdurchbruch, Notoperation – ich erwachte mit einem Stoma, einem künstlichen Darmausgang.
Man kann hadern. Ich wollte nur eins, leben –
«Diese zweite Chemotherapie war wesentlich anders und sehr intensiv. Zwar wurde Frau Rast abermals mit Cyclophosphamid behandelt – und gleichzeitig mit zwei anderen Medikamenten, die es dreissig Jahre zuvor noch nicht gegeben hatte, Docetaxel, Doxorubicin. Diese Kombination verwenden wir heute kaum noch, wir ziehen es vor, die Medikamente nacheinander statt miteinander einzusetzen. So sind die Nebenwirkungen immer noch erheblich, aber weniger ausgeprägt. Die heutigen Chemotherapien sind wirksamer als frühere, aber, rein statistisch gesehen, nebenwirkungsreicher: grössere Müdigkeit, Einschränkung der Produktion von weissen Blutkörperchen, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, Haarausfall, möglicherweise, wenn der Onkologe nicht aufpasst, Herzprobleme, Nervenprobleme. Frau Rast erhielt diese Therapie in sechs Zyklen, sie bekam also am Tag 1 die Medikamente, hatte dann drei Wochen Ruhe, bekam am Tag 22 wieder Medikamente, dann wieder am Tag 43 – und so fort. Es ist zu vermuten, dass der Darmdurchbruch eine Folge der intensiven Chemotherapie war. Denn diese Therapie kann die körpereigene Abwehr von bakteriellen Infektionen hindern und die Oberfläche des Darms beschädigen, so dass Bakterien in die Darmwand eindringen. Eine derart schwere Komplikation, wie Frau Rast sie hatte, ist sehr ungewöhnlich.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi)
Wie lange ich im Spital war, weiss ich nicht. Ich weiss, dass ich zu Hause, kaum hatte ich eine Pfanne auf den Herd gestellt, mich vor Erschöpfung setzen musste. Drei-, viermal in der Woche kam eine Frau der Spitex und reinigte meine Stomaplatte, dünn war ich geworden, bleich und kraftlos, abends ging ich früh zu Bett, morgens stand ich früh auf – ich kann nicht anders, habe es mein Leben lang so gemacht.
Nein, so will ich nicht sterben –
Vier Monate lang hatte ich meinen künstlichen Ausgang, ich fand zu mir, stand wieder im Laden, zuerst Stunden, dann Tage, ich fuhr zur Kontrolle nach Luzern, nahm, was sie mir verschrieben, die Haare wuchsen neu, waren nun fahl und grau – egal.
Ich glaube, dass es jemanden gibt, der dafür sorgt, dass ich noch lebe. Wie man den nennt, spielt keine Rolle – ich nenne ihn Gott.
2013 gaben wir den Laden auf, den letzten im Dorf, Sepp war 66, ich 64, ein Paar seit vier Jahrzehnten, den Enkeln richtete ich ein Zimmer ein, dort spielten sie auch gestern, als ich siebzig wurde, Nico, Tim, Julia, Lukas und alle Kinder, die hier waren und Kuchen assen und Himbeererdbeercrème. Es war dunkel geworden vor den Fenstern. Sepp sagte: Leg dich hin, wenn du müde bist, ich kümmere mich um den Rest.
Nun hatte ich keinen Laden mehr, ich begann zu häkeln, war im Garten, zog Blumen und Gemüse – und ständig schmerzte der Rücken. Ich salbte, legte Pflaster auf, fand schliesslich einen Knoten unter der linken Achsel, ging zum Arzt. Der schickte mich nach Emmenbrücke zum Röntgen, mit dem Zug fuhr ich hin, schliesslich sagte eine Frau: Frau Rast, es ist da etwas, das nicht sein sollte. CT, MRT – Ableger in den Knochen – Herr Krebs, zum dritten –
Zehnmal bestrahlten sie den oberen Teil des Rückens, zehnmal den unteren, alles tat weh, die Ärztin sagte: Wenn Sie das überstanden haben, ist das Schlimmste vorüber.
«Ableger im Skelett lassen sich relativ gut bestrahlen. Die Knochen werden solider, die Schmerzen lassen nach. Im Vergleich zur Chemotherapie hat die Bestrahlung in der Regel weniger Nebenwirkungen. Bestrahlt wird dabei jene Stelle, die am meisten Probleme, also Schmerzen verursacht. Der Rest wird medikamentös behandelt. Frau Rast erhielt erst die verstärkte Form einer Antihormontherapie, Fulvestrant, zusammen mit Palbociclib, einem Medikament, das in die Zellteilung eingreift, ein sehr modernes Mittel. Ein Jahr lang war das bei Frau Rast wirksam, dann nicht mehr, seither, September 2019, bekommt sie eine einfache Chemotherapie. Plus Medikamente, die die Knochen schützen, sie weniger anfällig machen auf den Abbau.» (Prof. Dr. med. Stefan Aebi)
Wer nie verliebt war, weiss nicht, was Verliebtheit ist. Wem die Knochen nie wehtaten, weiss nicht, was Knochenschmerzen sind: Alles tat weh, manchmal kannte ich mich selbst nicht mehr, wer war ich noch?
So wollte ich nicht ins Grab –
Spritzen ins Gesäss, Woche nach Woche, Tabletten, Kontrollen, dann Wasser auf der Lunge –
Am 9. September 2019 war der Tumormarker gestiegen, irgendetwas, das man im Blut messen kann und das allenfalls auf einen Tumor hinweist. Wir stellen die Therapie um, sagte die Ärztin, Infusionen statt Spritzen, dazu, schlage ich vor, setzen wir Ihnen einen dauerhaften Katheter beim Schlüsselbein, damit wir Sie nicht jedesmal, wenn Sie zu uns kommen, neu stechen müssen, einverstanden, Frau Rast?
Vor einer Woche lag ich auf ihrem Tisch. Wie geht es mit dem Atmen? Können Sie atmen? Sie brachten mich zum Röntgen, dann in den Notfall – Ihr Brustfell wurde leider verletzt, weil Sie kaum noch Fett haben, es tut uns leid, Sie dürfen nicht nach Hause.
Machen Sie, was Sie wollen, sagte ich. Am 10. bin ich zu Hause, am 10. werde ich siebzig.
Es war ein grosses Fest. Sepp schlich zur Tür, kam wieder, lächelte, es war halb acht. Dann sah ich, dass es hell wurde vor dem Haus, drei Lampen leuchteten auf, zwanzig Männer standen im Licht, jeder mit seinem Instrument, meine Brass Band – Bundesrat-Gnägi-Marsch. Rancherfest-Polka. Zur Heldenfeier. Schweizer Soldaten. Böhmischer Traum.
Ich bat sie in Küche und Stube – der letzte, Buffi, unser S-Bass, der beste auf Erden, verliess sie morgens um zwei.
Und nun, einen halben Tag später, liege ich im Spital, schon wieder, glücklich wie seit Jahren nicht, es ist 14 Uhr, Medizinische Onkologie, vierter Stock Ost, Zimmer 4.80 – zuerst ein Mittel gegen Übelkeit, dann eins gegen den Krebs, jetzt spülen sie nach, damit, wenn ich richtig verstehe, das Gift sich im Blut besser verteilt, schliesslich Salzwasser, um den Katheter zu putzen.
Gestern, nach dem Böhmischen Traum, schrie einer: Lang lebe unsere Fahnengotte, lang lebe Martha.
Aber ich wollte nicht heulen –
Erwin Koch ist freier Journalist; er lebt in Hitzkirch LU.