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Vor langer, langer Zeit, lebte in einem Dorf eine arme Witwe, die ganz allein für ihre hungrigen Kinder aufkommen musste. Einmal, es war kurz bevor der Schnee kam, nahm sie einen grossen Sack und ging in den Wald, um Tannenzapfen zu sammeln, als sie von einem heftigen Gewitter überrascht wurde. Dunkle Wolken zogen auf, der Wind blies immer heftiger und erste Schneeflocken fielen vom Himmel. Bald war die Frau ganz durchfroren und weiss vor Schnee und Kälte. Sie stapfte zu einem Felsen hin und suchte Unterschlupf in einer Höhle. Doch wie staunte sie, als sie sah, dass in der Höhle ein Feuer brannte. Ein kleines Männlein sass dort, wärmte sich und sprach: «Seid gegrüsst, gute Frau! Ist es nicht ein schreckliches Wetter heute?» Die Frau grüsste ebenfalls und antwortete: «Was macht schon das nasse Wetter! Der Schnee vertreibt die Feldmäuse und schützt unsere Wintersaat, und die Zapfen, die werde ich zu Hause trocknen.»
«Kommt näher und wärmt euch. Findet ihr denn auch, dass der Winter eine schlimme Zeit ist?»
«Aber nein! Ich finde den Winter schön und die Kinder lieben weisse Weihnachten. Jetzt muss ich aber nach Hause.»
Die Frau stand auf und wollte den schweren nassen Sack heben, da sprach das Männlein: «Ich werde euch helfen, der Sack ist gar schwer.» Es schulterte den Sack und ging der Frau hinterher bis zum Dorf. Vor der Tür zu ihrem Haus sprach es: «Hört, gute Frau, geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Mit diesen Worten verschwand das Männlein. Die Frau aber tat wie ihr geheissen und welch Wunder: Im Sack waren lauter Goldtaler!
Von da an ging es der Familie gut. Sie konnten sich warme Sachen kaufen, mussten nicht mehr Hunger leiden und hatten genug, um an Weihnachten Geschenke an die Armen zu verteilen. Nun wohnte aber neben der Familie eine Frau, die wunderte sich sehr über den plötzlichen Geldsegen. Sie ging hin und fragte und fragte, und als sie alles wusste, nahm sie einen riesigen Sack und zog zu den Felsen hoch. Sie sammelte ein paar Zapfen, schaute zum Himmel hinauf und tatsächlich fielen ein paar Schneeflocken. Schnell ging sie auf die Höhle zu und sah dort schon das Männlein am Feuer sitzen.
«Seid gegrüsst!», rief das Männlein. «Schlimmes Wetter heute.»
«Ja, ihr habt recht», sagte die Frau. «Der Winter ist eine schlechte Zeit. Man friert, die Welt sieht aus wie ein Friedhof und das Leben ist eine Plage! Doch jetzt muss ich nach Hause!»
Sie hob den Sack und schon sprang das Männlein auf, schulterte den Sack und trug ihn durch den Schnee bis zu ihrem Haus. Dann sprach es: «Hört gut zu: Geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Die Frau eilte ins Haus, verschloss Türen und Fenster und öffnete den Sack, doch was kam heraus? Lauter Ameisen! Und die zwickten und zwackten sie, dass sie wahrhaft etwas zu schimpfen hatte. Das Männlein aber hat man seit diesem Tag nicht mehr gesehen.
Märchen aus der Schweiz, Fassung Djamila Jaenike, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag