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Kapitel zwei
Jonkershof – März 1915
Der größte Teil des Landes war seit dem Herbst von den Deutschen besetzt. Nur an der Yser, unweit der Kanalküste, behielten die belgischen Truppen mit König Albert I. einen kleinen Rest unter ihrer Kontrolle. Noch weigerte sich der König, sich den Alliierten anzuschließen.
„Bleib stehen“, rief Anna und folgte ihrer jüngeren Schwester Alice den Hügel hinauf, auf dem die Birken eng aneinander standen. Ihre Kronen reichten hinauf in den vom Abendrot leuchtenden Himmel. Alice hörte nicht auf ihre Schwester, stattdessen lief sie noch schneller in den kleinen Wald hinein. Sie richtete den Blick nach oben, breitete die Arme zu den Seiten aus und drehte sich im Kreis. An diesem Ort fühlte sie sich gänzlich frei. Es war wie ein Stückchen des Himmels, das allein ihr gehörte.
„Vater hat gesagt, wir sollen nicht so weit weg gehen“, ermahnte Anna sie, als sie endlich bei ihr angekommen war. Atemlos stützte sie die Hände auf ihre Knie. „Wenn er erfährt, dass wir wieder hier waren, gibt es Ärger.“
„Er muss es ja nicht wissen.“ Alice ließ sich ins satte Moos fallen. Auf dem Rücken liegend beobachtete sie, wie die Birkenwipfel im Wind schaukelten und vom kräftigen Himmelsrot durchbrochen wurden. „Er ist viel zu besorgt.“
„Hin und wieder tut er aber recht daran, besorgt zu sein.“ Anna kniete sich grummelnd neben sie.
„Glaubst du denn, dass es stimmt, was die Leute sich im Dorf erzählen?“, begann Alice vorsichtig. „Kommen die Deutschen bis zu uns aufs Land?“
„Vater hält es nicht für ausgeschlossen.“
„Ich glaube das nicht. Hier gibt es nichts für sie zu erobern, außer ein paar Bauernhöfe. Ich meine, was hätten sie denn davon?“
„Ich denke, darum geht es ihnen nicht. Wenn wir auf ihrer Marschroute liegen, dann ist alles andere nicht von Belang. Dann geht es nur noch darum, Land zu gewinnen.“
Alice drehte sich zur Seite und stützte den Kopf auf ihren Unterarm. „Du meinst, so wie an der Marne?“
Anna hob verwundert die Brauen. „Woher weißt du denn, dass bei Paris gekämpft wurde?“
„Ich habe gehört, wie Vater mit dem Bäcker darüber gesprochen hat.“
„Es ist nicht gut, wenn du so etwas hörst.“ Anna seufzte schwer und setzte sich ihr gegenüber in den Schneidersitz.
„Wieso?“
Anna druckste herum.
„Vater sagt, man muss sich dafür interessieren. Und dass es wichtig sei, zu wissen, was vor sich geht in der Welt.“
„Das stimmt schon.“
„Na also.“ Alice strich mit den Fingerkuppen über das Moos und ertastete einen Kiefernzapfen, den sie in der Hand drehte. „Nathan war dort, der Sohn des Schulmeisters. Wims älterer Bruder. Du kennst ihn doch. Er hat mir mal Limonendrops geschenkt und ist dafür von seinem Vater verhauen worden.“
Anna nickte beklommen.
„Er ist echt nett.“
Wieder nickte Anna nur.
„Vater hat gesagt, sein Bruder sei gefallen. Was heißt das?“ Alice blickte sie aus forschen Augen an.
Anna zögerte mit ihrer Antwort. Doch sie wusste auch, dass sie ihre kleine Schwester nich