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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

11. Buch
9. Die Lehre der Heiligen Schrift über die Erschaffung der Engel.
Nunmehr also, da ich über den Ursprung der heiligen Stadt zu handeln mir vorgenommen habe und zunächst von den heiligen Engeln sprechen zu sollen glaube, die einen großen Teil dieser Stadt ausmachen und einen um so glückseligeren, als sie niemals in der Fremde gepilgert, so werde ich die göttlichen Zeugnisse über sie, soweit es der Zusammenhang erfordert, mit Gottes Beistand zu erklären suchen. Im Schöpfungsbericht der Heiligen Schrift ist nicht ausdrücklich gesagt, ob und wo in der Reihenfolge die Engel erschaffen worden sind; aber wenn sie nicht überhaupt unerwähnt geblieben sind, so sind sie zu verstehen unter dem Worte „Himmel“ in der Stelle: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, oder besser unter jenem Lichte, wovon ich eben sprach. Daß sie nicht unerwähnt geblieben sind, schließe ich daraus, daß es heißt, von allen seinen Werken, die er erschaffen, habe Gott geruht am siebenten Tage, während andrerseits der Schöpfungsbericht beginnt mit den Worten: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, so daß wir doch wohl annehmen müssen, er habe vor Himmel und Erde nichts erschaffen. Da also mit Himmel und Erde der Anfang gemacht wurde und die Erde, wie die Heilige Schrift weiter erzählt, zunächst nach ihrer Erschaffung unsichtbar und ungeordnet war und vor Erschaffung des Lichtes natürlich „Finsternis schwebte über dem Abgrund“, d. i. über einer Art unausgeschiedener Vermengung von Erde und Wasser [wo kein Licht ist, muß Finsternis herrschen] und danach alles durch Schöpfungsakte geordnet wurde, was nach dem Bericht in einer Folge von sechs Tagen zum Abschluß kam, wie sollten da die Engel unerwähnt geblieben sein, als gehörten sie nicht zu den Werken Gottes, von denen er am siebenten Tage ruhte? Immerhin jedoch ist an dieser Stelle, wenn auch nicht unerwähnt geblieben, so doch auch nicht klar ausgesprochen, daß die Engel Gottes Werk seien; aber anderwärts bezeugt dies die Heilige Schrift mit ganz klaren Worten. So werden in dem Lobgesang der drei Männer1 im Feuerofen, wo es zunächst heißt: „Lobet den Herrn, alle Werke des Herrn“, in der darauffolgenden Aufzählung dieser Werke auch die Engel genannt; und im Psalme2 liest man: „Lobet den Herrn vom Himmel her, lobet ihn in den Höhen; lobet ihn, all seine Engel, lobet ihn, all seine Heere; lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne; lobet ihn, Himmel der Himmel, und die Wasser, die über dem Himmel sind, sie sollen loben den Namen des Herrn; denn er hat gesprochen, und sie sind geworden; er hat befohlen, und sie sind geschaffen worden“. Auch an dieser Stelle ist ganz unzweideutig durch göttliches Zeugnis ausgesprochen, daß die Engel von Gott erschaffen wurden, indem sie unter den übrigen himmlischen Wesen aufgeführt werden und dann zusammenfassend von allen gesagt ist: „Er hat gesprochen, und sie sind geworden“. Sollten sie nun erst nach all dem, was im Sechstagewerk aufgezählt wird, geschaffen sein? Das wäre doch eine recht sonderbare Annahme. Sie wird übrigens widerlegt und als unhaltbar erwiesen durch eine Schriftstelle von gleichem Gewicht, worin Gott sagt3 : „Als die Gestirne erschaffen wurden, lobten mich mit mächtiger Stimme alle meine Engel“. Also waren die Engel schon da, als die Gestirne erschaffen wurden. Diese aber wurden am vierten Tage erschaffen. Werden wir demnach die Erschaffung der Engel auf den dritten Tag verlegen? Aber es ist ja offenkundig, was an diesem Tage erschaffen worden ist. Das feste Land wurde bekanntlich von den Wassern geschieden, diese beiden Elemente nahmen die ihrer Gattung zukommende Eigenart an und die Erde brachte hervor all das, was mit der Wurzel in ihr haftet. Also am zweiten Tag? Auch da nicht. Denn da wurde die Feste erschaffen zwischen den oberen und den unteren Wassern und Himmel genannt, die Feste, an der die Gestirne am vierten Tag erschaffen wurden. Kein Zweifel also, wenn die Engel überhaupt zum Sechstagewerk gehören, so sind sie jenes Licht, das den Namen Tag erhalten hat und das, um seine Einheit anzudeuten4 , nicht als der erste Tag, sondern als ein Tag bezeichnet ist. Und auch der zweite Tag ist kein anderer, noch der dritte oder die übrigen; vielmehr ist eben jener eine Tag wiederholt bis zur Sechs- oder Siebenzahl wegen der siebenmaligen5 Erkenntnis; eine sechsmalige der Werke, die Gott erschaffen hat, und eine siebente, die die Ruhe Gottes zum Gegenstand hat. Indem nämlich Gott sprach: „Es werde Licht“ und das Licht entstand, sind die Engel, wofern man mit Recht bei diesem Licht an ihre Erschaffung denkt, in der Tat des ewigen Lichtes teilhaftig geworden, das nichts anderes ist als die unwandelbare Weisheit Gottes, durch die alles erschaffen worden ist und die wir den eingeborenen Sohn Gottes nennen; sie sind also, erleuchtet durch dasselbe Licht, durch das sie erschaffen worden, Licht geworden und werden als Tag bezeichnet auf Grund der Teilnahme am unwandelbaren Licht und Tag, d. i. am Worte Gottes, durch das sie selbst und alle übrigen Wesen erschaffen sind. Denn „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“6 , es erleuchtet auch jeden reinen Engel, so daß er Licht ist, nicht in sich selbst, sondern in Gott. Wendet er sich ab von ihm, so wird er unrein, wie alle die sind, die man unreine Geister nennt, nicht mehr Licht im Herrn, sondern Finsternis in sich selbst, losgelöst von der Teilnahme am ewigen Licht. Denn das Böse hat keine Wesenheit, vielmehr ist das, was man als böse bezeichnet, Verlust des Guten7 .
1: Dan. 3, 57 ff.
2: Ps. 148, l ff.
3: Job 38, 7.
4: Die Einheit des Lichtes oder des „Tages“ im Sechstagewerk ist darin begründet, daß die sechs Tage entstehen durch die Erkenntnis des Geschaffenen seitens ein und desselben Subjektes, nämlich der Engelwelt.
5: Zur Textüberlieferung vgl. Dombart [oben Band 1, S. LXI A. 1], 49 f.
6: Joh. 1, 9.
7: Vgl. unten XII 3.