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Dr. Pop, wer hat den Rock’n’Roll erfunden?
Der Rock’n’Roll ist offenbar gekommen, um zu bleiben. Wer hätte gedacht, dass ihn genau genommen eine Frau erfunden hat?
An Rock’n’Roll-Tanzwettbewerben und Indie-Stammtischen erzählt man sich, der Radio-DJ Alan Freed hätte den Begriff Rock’n’Roll erfunden. Dies ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Der Amerikaner hat mit seiner Radioshow „Moondog Rock and Roll House Party“ lediglich schwarze Musik einer weissen Hörerschaft schmackhaft gemacht. Freed definierte Rock’n’Roll 1951 als Sammelbecken für afroamerikanische Musik. Innert wenigen Jahren wurde daraus ein Genre, das vor allem weisse Stars hervorbrachte.
Als erster Rock’n’Roll-Song gilt gemeinhin „Roll ’em Pete“ von Big Joe Turner. Der Rhythm&Blues-Musiker lieferte 1949 die Blaupause für das Genre, das schwarzen Blues mit weissem Country zusammenbrachte. Als rein mediales Marketingkonstrukt ist der Rock’n’Roll der Urvater des Pop. Dessen Mechanismus, sich unterschiedliche Musikstile einzuverleiben und diese als heissen Einheitsbrei von sich zu geben, ist bis heute intakt.
Die Wendung Rock’n’Roll ist deutlich älter als das Genre: Als Metapher für Sex lässt sich die Phrase, die Anfang des 20. Jahrhunderts Eingang in den afroamerikanischen Slang gefunden hat, bis in den Blues der 20er-Jahre zurückverfolgen. Die älteste freudsche Anspielung auf das „Wiegen und Wälzen“ findet sich auf einer Schellackplatte von 1922. Trixie Smith zielte mit ihrem lasziven Jazz-Blues-Hybriden „My Man Rocks Me (With One Steady Roll)“ als erste Sängerin der Musikgeschichte unter die Gürtellinie:
Ironischerweise steht der allererste Tonträger, auf dem die Phrase „rocking and rolling“ zu hören ist, in einem christlichen Kontext. Das 1916 von einem unbekannten Quartett eingespielte Stück „The Camp Meeting Jubilee“ klingt wie ein Kindergeburtstag bei der Familie Flanders und ist frei von jeglichen Hintergedanken. Gospelsänger benutzten den Begriff „rocking“ bereits im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für die religiöse Ekstase.
Noch weiter zurück reichen die Ursprünge der zweiten Hälfte der Phrase: Das Verb „to roll“ war schon im Mittelalter eine gängiger Euphemismus für den Geschlechtsverkehr. Angesichts der Tatsache, dass die Ritter mit ihrem hedonistischen Lifestyle und ihrem lederlastigen Kleidungsstil manche Metalband beeinflusst haben, überrascht dies nicht weiter. Aus dem mittelalterlichen Wein, Weib und Gesang wurde im Laufe der 50er Sex, Drugs and Rock’n’Roll.
Wie der Rock’n’Roll erlag auch dessen geistiger Vater bald schon den Verlockungen des Mammon. Der Payola-Bestechungsskandal bedeutete das Aus für Alan Freed, der 1968 an den Folgen seiner Alkoholsucht gestorben ist. Elvis avancierte daraufhin zum familienfreundlichen Dickerchen und der Rock’n’Roll wurde von der Musikindustrie fortan geknebelt, vergewaltigt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Er mutierte zu einer gefrässigen Bestie, die Rock-Opern und Hair-Metal ausspuckte.
Im neuen Jahrtausend ist der einst so diabolische Dämon zu einem handzahmen Haustier geworden, das in der Emo-Kuschelecke mit Tokio Hotel Händchen hält. Doch so abgewetzt seine Krallen auch sein mögen – wie tagtäglich tausende von Bands da draussen beweisen, ist der Rock’n’Roll in seinen besten Momenten nach wie vor ein lebensbejahender Schrei in der mundtoten Masse.
„Hunde wollt ihr ewig rocken?“, fragte Chris von Rohr zu einer Zeit, als es noch keine Casting-Shows gab. Ja Chris, es sieht ganz danach aus.
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