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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Dritte Homilie.
III.
16. Und bei euch durchzureisen nach Macedonien und von Macedonien zu euch zurückzukehren und mich von euch nach Judäa geleiten zu lassen; indem ich nun Dieses beabsichtigte, bin ich etwa mit Leichtsinn verfahren?
Hier nun weist Paulus geradenwegs den Vorwurf des Säumens und Ausbleibens zurück. Er will ungefähr sagen: Ich hatte im Sinne, zu euch zu kommen; warum bin ich nun nicht gekommen? Bin ich etwa unüberlegt und wandelbar? Denn Das bedeutet: „Bin ich etwa mit [S. 58] Leichtsinn verfahren?“ Durchaus nicht. Aber was ist dann der Grund?
17. Weil, was ich beschließe, ich nicht dem Fleisch e gemäß beschließe.
Was heißt denn: „Nicht dem Fleische gemäß“? Das ist: nicht nach Art des Fleisches. „So daß bei mir (unter allen Umständen) das Ja ja bliebe und das Nein nein.“ Aber auch Das ist noch unklar. Was will er denn eigentlich sagen? Der fleischliche Mensch, das heißt der Mensch, der ganz am Irdischen hängt und immer in diesem Kreise sich bewegt, der ausserhalb der Einwirkung des göttlichen Geistes steht, der kann hingehen, wohin er will, und umherschweifen, wo es ihm beliebt. Wer aber Diener des Geistes ist, wer vom Geiste geleitet und geführt wird, der kann nicht jedes Mal Herr seines Entschlusses sein, weil er seinen Willen gebunden hat an das Wohlgefallen des Geistes. Es geht ihm wie etwa einem wackeren Diener, den dahin und dorthin die Aufträge seines Herrn rufen, der nicht über sich selbst verfügen kann und kaum einen Augenblick sich Ruhe gönnen darf; wenn nun dieser seinen Mitknechten Etwas verspräche und hernach, weil es seinem Herrn anders beliebte das Versprechen nicht halten könnte, so wäre es das gleiche Verhältniß. Das ist es , was Paulus sagen will mit den Worten: „Ich beschließe nicht dem Fleische gemäß;“ ich stehe nämlich nicht ausserhalb der Leitung des Geistes, ich habe nicht die Freiheit, hinzugehen, wohin ich will; ich bin der Herrschaft und den Befehlen des Geistes unterstellt und gehe und komme, wie diese Stimme mich ruft. Das ist also der Grund, warum ich nicht gekommen bin; es gefiel nicht dem Geiste. Ähnliche Fälle finden wir mehrere in der Apostelgeschichte.1 Denn manch- [S. 59] mal hatte Paulus sich vorgenommen, dahin zu gehen, und dorthin rief ihn der Befehl des Geistes. Also nicht Leichtsinn, nicht Wankelmuth meinerseits ist die Ursache meines Ausbleibens, sondern der Wille des Geistes, dem ich verbunden bin zu folgen. — Hier sehen wir wieder recht deutlich das gewohnte Beweisverfahren des Apostels. Denn während seine Gegner in der Nichterfüllung seines Versprechens den Beweis finden wollten, daß er seine Entschlüsse nach den Eingebungen des Fleisches fasse, zeigt er ihnen gerade daraus, daß sein Entschluß ganz dem Geiste gemäß gewesen, und daß es im Gegentheil nach der Weise des Fleisches entscheiden hieße, wenn er bei seinem Willen geblieben wäre. Aber wie, könnte man fragen, hat denn nicht der Geist auch mitgewirkt, als Paulus das Versprechen machte? Keineswegs. Denn wie bemerkt, Alles wußte Paulus nicht voraus, was die Zukunft bringen und was zum Nutzen sein werde. Darum sagt er eben im ersten Schreiben: „Damit ihr mich geleitet, wohin ich etwa gehen werde.“2 Er fürchtet gerade Das, wenn er etwa Judäa nenne, seinen Weg anderswohin nehmen zu müssen. Nachdem aber die Sache anders gekommen, so sagt er hier ausdrücklich: „Ich beabsichtigte, mich von euch nach Judäa geleiten zu lassen.“ Was nämlich zur Kundgebung seiner Liebe diente, das Kommen, das drückt er bestimmt aus; was aber für die Korinther weniger Bedeutung hatte, sein Weggehen, ob etwa nach Judäa, Das läßt er noch unbestimmt. Nachdem aber inzwischen die Lage sich geändert, so sagt er hier mit Entschiedenheit: „Ich beabsichtige, mich nach Judäa geleiten zu lassen.“ Und solche Änderungen hatten auch ihr Gutes; sie wehrten den übertriebenen Vorstellungen der Leute. Denn wenn so schon das Volk den Aposteln Stiere opfern wollte, wo hätte erst die mißverstandene Verehrung ihr Ziel gefunden, wenn die Apostel nicht manche Beweise menschlicher Ein- [S. 60] schränkung gegeben hätten? Und was nimmt es dich Wunder, wenn Paulus nicht alles Zukünftige weiß, da es ihm ja selbst beim Gebete manchmal verborgen blieb, was zum Frommen sei? Denn „um was wir beten sollen, sagt er, wie es sich geziemt, wissen wir nicht.“3 Und das ist nicht bloßer Ausdruck der Demuth; denn er führt auch ein Beispiel an, wo er beim Gebete nicht gewußt, was zum Heile diene. Und wo hat er es nicht gewußt? Es war damals, als er flehte, aus den Bedrängnissen erlöst zu werden, worüber er sagt: „Gegeben wurde mir ein Stachel in mein Fleisch, ein Engel des Satans, daß er mir Faustschläge gebe; um dessen willen habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß er weiche von mir. Und er sprach: Es genügt dir meine Gnade; denn meine Kraft zeigt ihre volle Wirksamkeit in der Schwachheit.“4 Du siehst also, wie er nicht um das Rechte zu beten wußte; darum fand er auch nicht Gewährung trotz oftmaligen Bittens.
18. Getreu aber ist Gott, daß unser Wort an euch nicht wurde Ja und Nein.
Weislich beugt hier Paulus einem auftauchenden Einwande vor. Es könnte nämlich Jemand sagen: Wenn du ungeachtet deiner Zusage vergeblich auf dich hast warten lassen, wenn also bei dir das Ja nicht ja bleibt und das Nein nicht nein, sondern wenn du heute Etwas sagst und morgen wieder aufhebst, wie du es mit deinem Kommen gemacht hast, dann wehe uns! Am Ende steht es gerade so auch mit deiner Predigt. Mit solchen Gedanken sollte sich Niemand quälen; darum sagt er: „Getreu ist Gott, daß unser Wort an euch nicht wurde Ja und [S. 61] Nein!“ In der Predigt, will er sagen, findet solche Änderung nicht statt; sie kann nur eintreten, wo es sich um Wege und Wanderungen handelt. In der Predigt aber, denn unter dem „Worte“ ist hier die Predigt zu verstehen, bleibt Alles fest und unverrückt, was wir einmal gesagt haben. Und seine Versicherung beweist er sofort unwiderleglich, indem er die ganze Angelegenheit auf Gott zurückführt. Er sagt ungefähr: Das Versprechen, zu kommen, war meine Sache; aus mir habe ich die Zusage gemacht. Aber die Predigt ist nicht meine, ist überhaupt keines Menschen, sondern Gottes Sache; was aber von Gott ausgeht, kann niemals trügen; denn getreu, d. h. zuverlässig, ist Gott. Darum laßt die Bedenken über Das, was von Gott kommt, denn hierin ist Nichts wandelbar. — Und weil er nun vom „Worte“ gesprochen, so erklärt er jetzt weiter, was er sich unter diesem „Worte“ denkt.
1: Apostelg. 16, 9.
2: I. Kor. 16, 6.
3: Röm. 8, 26.
4: II. Kor. 12, 7.