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Selbst die Staatschefin Dilma Rousseff hat ihren Terminkalender im Herbst 2012 dem Fernsehprogramm angepasst: Um 9 Uhr abends mussten ihre politischen Veranstaltungen beendet sein, denn dann leerten sich die Strassen. Die Massen versammelten sich vor dem Bildschirm, um keine Folge von «Avenida Brasil» zu verpassen.
Die nahezu 180 Episoden dieser Telenovela, die von März bis Oktober 2012 ausgestrahlt wurden, waren ein riesiger kommerzieller Erfolg, gekrönt von Rekordquoten und Millionen von Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Die Serie wurde für einen Emmy nominiert und in zahllose Länder verkauft – neuerdings läuft sie auch in der Mongolei. Und dabei zeigt «Avenida Brasil» eine Welt, die bis jetzt im Schema der brasilianischen Telenovelas kaum Platz hatte.
Vorstadtbewohner werden zu Fernsehhelden
Avenida Brasil heisst eine der Ausfallstrassen, die vom Zentrum Rio de Janeiros in die grauen Vorstädte führt. Die Protagonisten der gleichnamigen Serie leben in der brasilianischen Suburbia, sie gehören der sogenannten «C-Klasse» an, der unteren Mittelschicht.
40 Millionen Brasilianer haben in den letzten zwei Jahrzehnten diesen Aufstieg geschafft, dem wirtschaftlichen Boom und Sozialprogrammen der Regierung Lula sei Dank – 40 Millionen Menschen, die nun nicht mehr um das nackte Überleben kämpfen müssen, sondern einen bescheidenen Wohlstand pflegen. Das macht «Avenida Brasil» zur idealen Identifikationsfläche für einen wachsenden Teil der Bevölkerung.
Das Thema des sozialen Aufstiegs spiegelt sich wieder in den Lebensläufen der Hauptfiguren von «Avenida Brasil». Da gibt es eine junge Frau, die auf einer Müllhalde gross geworden ist, und nun in die Welt der Reichen will. Da gibt es den hoffnungsvollen Fussballer aus bescheidensten Verhältnissen, der zum Star wird. Zuvor haben bereits andere Telenovelas den Mythos des Aufstiegs zum Inhalt gemacht: In «As Empreguetes» schaffen Hausangestellte mit Klugheit und Charme den Sprung aus der Armut, in «Paraiso tropical» emanzipiert sich eine Prostituierte, und wehrt sich gegen die Doppelmoral der Gesellschaft.
Telenovela als Volkserziehung
Diese Geschichten passen zur Tradition der brasilianischen Telenovela, die schon immer nicht nur Unterhaltung sein wollte. Der Medienkonzern Globo versuchte im Dienste der Militärdiktatur in den 60er- und 70er-Jahren, mittels der Telenovela ein Gemeinschaftsgefühl im heterogenen Brasilien herzustellen. Später erhoben die Telenovelas einen beinahe volkserzieherischen Anspruch.
In einem Land, in dem noch heute 30 Prozent der Bevölkerung als funktionale Analphabeten gelten, hat Fernsehen einen grossen Einfluss auf die Werthaltung der Menschen. Im Bereich der Frauen-Emanzipation liefern die Telenovelas Vorbilder, zeigen sie doch häufig berufstätige Frauen, die kinderlos oder sogar geschieden sind. Studien wiesen nach, dass die sinkende Geburtenrate und die steigende Scheidungsquote mit solchen Rollenbildern zusammenhängt.
20 Centavos sind zu viel
Doch Telenovelas sind kommerzielle Produkte, gesteuert von ökonomischen Interessen. Die Protagonisten der unteren Mittelschicht sind vor allem als Zielgruppe der Werbung interessant. Auch in den einfachen Wohnungen der C-Klasse-Helden von «Avenida Brasil» gibt es Fernseher und Dosenbier – als Einladung zum Konsum. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens, der jetzt scheinbar durch die Ausrichtung von Weltmeisterschaft und Olympische Spiele gekrönt wird, zum Teil ein Mythos ist.
«Es ist ein Aufstieg vom Elend in die Armut», sagt der Schriftsteller Luiz Ruffato. Und er weist darauf hin, dass wirtschaftliches Wachstum nicht mit wachsender sozialer Gerechtigkeit gekoppelt ist: «Mit dem Aufstieg der C-Klasse sind nicht Bürger entstanden, sondern Konsumbürger.» Und die wirtschaftliche Entwicklung zeigt: Der bescheidene Wohlstand der unteren Mittelschicht ist bedroht, durch Immobilienspekulation, Korruption und wachsende Privatverschuldung.
Als im Sommer 2013 die Fahrpreise der Stadtbusse in Sao Paulo um ganze 20 Centavos erhöht wurden, brachen Proteste aus. Ein kleiner Betrag, doch für all die Putzfrauen, Hausangestellten, Hilfsarbeiter, die täglich mit dem Bus stundenlang aus den Vorstädten anreisen, ein existentieller Preisaufschlag. Der wahre Aufstieg ist noch lange nicht vollzogen, auch wenn die Telenovelas es glauben machen.