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Das Wort Freizeit taucht erstmals 1823 beim Pädagogen Friedrich Fröbel auf. Er bezeichnete damit die Zeit, die den Zöglingen seiner Erziehungsanstalt „zur Anwendung nach ihren persönlichen und individuellen Bedürfnissen freigegeben“ war. Klare Ansage. Der erste Eintrag im Duden ist auf das Jahr 1929 datiert. Da steht: „Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht.“
Die Idee von Freizeit taucht in zweierlei Hinsicht auf. Zum einen in der Aufweichung und später dem Aufbruch autoritärer Strukturen. Der Individualisierung mit mehr Räumen zur selbstbestimmten Lebensführung. Zum anderen war Freizeit die Folge der industriellen Revolution mit der Entfremdung der Arbeit durch die Arbeitsteilung. Das Zeitalter der Industrialisierung führte aber nicht nur in die Fabriken und an die Fließbänder, sondern war Ausgangspunkt eines ungeahnten technischen Fortschrittes mit dem Resultat einer um ein vielfaches gesteigerten Produktivität. Der Schlüssel dazu war die Energiegewinnung und folglich die Mechanisierung und Rationalisierung der Arbeit. Entfremdet, aber sehr effektiv. Das ist eindrücklich zu sehen an der Entwicklung der Landwirtschaft: Um 1900 erzeugte ein Landwirt Nahrungsmittel für 4 weitere Personen; im Vergleich dazu ernährte er 1950 10 Personen. 2004 waren es bereits 143.
Der Begriff Freizeit taucht da auf, wo Arbeit und Leben eine Teilung erfahren. Wenn Arbeit nicht mehr natürlich und selbstverständlich gemacht und gewollt wird, sondern die Menschen selbst zum Rädchen in einem grossen System werden (Modern Times), kommt der Gedanke, dass es eine Freizeit braucht.
Von Freizeit zu sprechen ist nur verständlich gegenüber einer Arbeit, die man nicht freiwillig macht. Einer Zwangszeit sozusagen, in der man arbeitet, weil man muss. Wo Arbeit nicht als sinnstiftende Tätigkeit, sondern als Mühsal und oft notwendiges Übel erlebt wird, will man nicht nur Entschädigung (Lohn), sondern auch Rechte, die einem garantieren, auch noch ein anderes Leben als das Arbeitsleben zu führen. Freizeit eben. Den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie ist zu verdanken, dass ihr Arbeitskampf zu weniger Arbeitszeit, mehr Lohn und mehr Freizeit geführt hat.
Den Kapitalisten des 20. Jahrhunderts waren diese Forderungen an die Arbeitsbedingungen mehr oder weniger einsichtlich. In Salamitaktik wurde den Proletariern mehr Freizeit zugestanden. Schließlich müssten sich die Angestellten ja auch erholen von den Arbeitsstrapazen, um wieder frisch an die Arbeit gehen zu können. Von den Arbeitenden her ist die Freizeit eine verdiente Kompensation. Ich habe Freizeit, also bin ich. Ich arbeite, also habe ich das Recht auf Freizeit. Auf Zeit in der ich nicht arbeiten muss. Zeit in der ich selbst bestimmen kann, was ich mache. Zeit in der ich keiner Anweisung verpflichtet bin.
Freiheit 1
Für die Arbeit bekomme ich einen Lohn. Während der Arbeit bin ich den Vorgaben und Erwartungen des Arbeitgebers verpflichtet. Ich verkaufe meine Arbeitskraft und meine Zeit. Über die Verwendung des Lohnes kann ich selbst entscheiden. Da bin ich frei: Freiheit 1.
Als ich 14 Jahre alt war, arbeitete ich am Mittwochnachmittag in einer Metallwarenfabrik. Ich musste Nieten in kleine Löcher von großen Rohren stecken. Der Vorarbeiter nahm das Rohr und vernietete es mit einer schweren Maschine. Fertig war das Ofenrohr. Dafür bekam ich fünf Franken in der Stunde. Eigentlich war mir egal, was ich machen musste. Nachher hatte ich Geld in der Hand und konnte darüber völlig frei entscheiden. Da fühlte ich mich frei. Ich kaufte mir mit dem Geld ein Mofa!
Freiheit 2
Ich kann nur gut tun, was ich will. Was ich nicht will, tue ich besser nicht. Entscheidend ist, ob ich mich mit meiner Arbeit identifizieren kann. Sehe ich den Sinn in der Arbeit, bin ich zu Höchstleistungen fähig. Eine aktuelle Umfrage zeigt: 67 Prozent der deutschen Arbeitnehmer können sich mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, nur gering identifizieren. 17 Prozent gar arbeiten mit innerer Kündigung. Alleine die volkswirtschaftlichen Kosten für die innere Kündigung werden in Deutschland auf jährlich über 100 Milliarden geschätzt.
Aufwachen. Ein Schritt steht an. Vielleicht sollten wir einfach nur den Fuß vom Schlauch nehmen. Und wieder gibt es zwei Motive: Zum einen die noch weiter vorangeschrittene Individualisierung. Viele wollen nicht mehr nur in der Freizeit sie selbst sein. Sie wollen sich in der Arbeit entfalten und entwickeln. Die Sinnstiftung in der Arbeit wird immer mehr zum tragenden Motiv. Ich will nicht mehr nur etwas ausführen, was sich jemand anderes ausgedacht hat, sondern selber mitdenken, mitbestimmen und auch mitverantworten. Das zweite Motiv begründet den Übergang des Industriezeitalters ins Kulturzeitalter. Der Schlüssel hier ist die Digitalisierung. Sie potenziert die Möglichkeiten der Rationalisierung und Produktivitätssteigerung nochmals und führt dazu, dass wir nicht nur in den Fabriken, sondern in ganz vielen weitern Berufsfeldern enorme Arbeitsveränderungen erleben und noch viel mehr erleben werden. Alles was berechenbar ist und digital dargestellt werden kann, kann auch ohne Menschen bearbeitet und umgesetzt werden. Das betrifft den Banker genauso wie die Frau an der Kasse und bald auch den Autofahrer.
Aber, „die Rationalisierung hat ihre Grenzen am Lebendigen.“ Über diesen Satz von Enno Schmidt lohnt es nachzudenken. Nur das, was Menschen nicht ausführend, sondern selbstführend ergreifen, nur wo selber gedacht werden muss, und dort, wo die menschliche Arbeit nicht berechnet werden kann, sind die zukünftigen Berufe. Für das Kombinieren und Anwenden braucht es die Menschen weniger denn je, für alles Schöpferische und Selbstverantwortliche dafür immer mehr. Was für eine Erfolgsgeschichte. Wir müssen sie nur noch verstehen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Freizeit wird dabei zum Auslaufmodell. Selbstbestimmung und Kreativität werden in der Arbeit zu wegweisenden Erfolgsfaktoren. Freiheit 2.
Der Rohstoff des 21. Jahrhunderts ist die Kreativität, wie die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler es treffend formuliert. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dafür ein Förderinstrument.