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Die Unterscheidung zwischen Märchen, Sagen und Legenden, zwischen verschiedenen Mächenarten und -typen ist für die Märchenforschung ein wichtiges Hilfsmittel.
Wir Märchenerzählerinnen und Märchenerzähler haben als Künstlerinnen und Künstler die Freiheit, diese Kategorien bunt zu kombinieren und weiter zu gestalten.
Je weiter wir uns von der mitteleuropäischen Märchenkultur entfernen, desto weniger klar sind die Grenzen dieser Kategorien. In den Geschichten der aussereuropäischen Kulturen sind die Unterscheidungskriterien kaum noch anwendbar.
Auch die Brüder Grimm “hielten sich nicht an die Regeln”, die ja erst nach ihrer Zeit aufgestellt wurden. Ihre Kinder- und Hausmärchen enthalten neben den Zauber- und Schwankmärchen auch einige Fabeln und Legenden (wie zum Beispiel: Der Zaunkönig, Die Scholle, oder: Die 12 Apostel) und sogar zeitgenössische Kunstmärchen (Jorinde und Joringel, Hans im Glück).
Ich habe aber trotzdem in einem »Beitrag einige Gedanken zu den verschiedenen Formen überlieferter Geschichten notiert.
Soll ich textnah erzählen, wenn die Vorlage dies qualitativ erlaubt ? Im Fall eines Grimm-Märchens, von Wilhelm Grimm meist sprachlich sehr schön bearbeitet, ist das sicher eine gerechtfertgte Option. Ich würde das allerdings nicht „Erzählen“ sondern „Rezitieren“ nennen. In dieser hohen Kunst der wörtlichen Erzählung kommen allfällig vorhandene sprachliche Gestaltungsmittel (wie z.B. Alliterationen, Verwendung auffälliger Grammatik“fehler“ oder selten verwendete Wörter) viel besser zur Geltung. In diesem Fall ist eine Ausbildung als Sprachgestalter/in wohl hilfreicher als diejenige eines Märchenerzählers oder einer Märchenerzählerin.
Für mich ist Erzählen ein kreativer und interpretierender Akt, etwa so wie wenn ein/e Musiker/in ein an sich auskomponierte Stück aus der persönlichen Auffssung heraus „wie neu spielt“, ohne die Vorlage zu verlassen. Deshalb speichere ich die Abfolge der Bilder des Märchens und versuche aus diesen Bildern heraus frei zu formulieren. Selbstverständlich prägen sich beim Einüben eines Märchens mehrheitlich bestimmte Formulierungen ein, so dass das Märchen beim wiederholten Erzählen auch immer sehr ähnlich tönt. Bei den Bildern, Symbolen und natürlich bei der Handlung halte ich mich natürlich sehr streng an die Vorlage, eine Freiheit besteht nur in der Wahl der Worte und Satzkonstruktionen und der Verwendung von Gestaltungsmitteln wie Betonungen, laut-leise, schnell-langsam, gezielte Pausen. Inhaltliche Veränderungen wären die Arbeit eines modernen Regisseurs von Theaterstücken oder Filmen, nicht die eines Märchenerzählers.