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Im Beitrag Facebook ist ein schwarzes Loch habe ich mich darüber ausgelassen, dass Facebook Debatten monopolisiert und in einem Datensilo verschwinden lässt. Die Diskussionsbeiträge verschwinden auf einer Plattform, wo man sie nur schwer wiederfindet. Mein Vorschlag war, die Diskussion nicht bei Facebook zu führen, sondern über die Kommentarfunktion bei den Primärqullen.
Nun gibt es natürlich viele Websites, die keine Kommentarfunktion haben und über die man dementsprechend überhaupt nur auf Facebook diskutieren kann. Und es gibt auch Fälle, wo man eine solche Diskussion nicht öffentlich, sondern in einem eingeschränkten Kreis führen möchte. Das ist, wie ich beklagt habe, sehr oft sehr schade, weil nicht alle von dieser Diskussion profitieren und die Diskussion überhaupt nur für einen eingeschränkten Kreis ersichtlich ist.
Aber natürlich gibt es legitime Gründe dafür. Zum Beispiel, wenn man rein fachlich debattieren oder sehr persönlich werden möchte. Vielleicht möchte man Trolle oder die unqualifizierte Meinung von Otto Normalsurfer ausklammern – was zwar elitär, aber auch verständlich wäre. Oder man hat vor, ein Thema aus einer ganz bestimmten Perspektive anzugehen.
Ich habe mir also die Frage gestellt, wie man in solchen Fällen operieren könnte. Dabei bin ich auf hypothes.is gestossen. Das ist eine gemeinnützige Organisation, die «an open conversation over the whole web» bringen will. Sie hat das Ziel, das ganze Netz kommentierbar zu machen: Die Kommentarmöglichkeiten werden «von aussen» bereitgestellt.
Das wird hier als Konversationsebene beschrieben, die dem Netz übergestülpt wird. Sie funktioniert überall, ohne dass bei den zugrundeliegenden Websites irgend eine Änderung nötig wäre (a conversation layer over the entire web that works everywhere, without needing implementation by any underlying site).
Konkret funktioniert das so, dass man bei seinem Browser ein Bookmarklet und bei Chrome eine Erweiterung verwendet. Ein Bookmarklet ist ein Lesezeichen, das keine Internetadresse, sondern ein bisschen Javascript-Code enthält. Und dieser Code lädt dann die Elemente, mit der man die Ergänzungen zur Website hinterlegt wird. Die Annotationen werden in einer Leiste am rechten Rand angezeigt. Bei manchen Websites erscheinen sie auch in der Navigation. Bei diesem Blog hier ersetzen sie ein von Google Adsense angezeigtes Werbebanner.
Wenn man einen Beitrag kommentieren möchte, muss man sich anmelden. Die Annotationen zu lesen, benötigt man weder ein Benutzerkonto noch eine Anmeldung.
Stellt sich natürlich die Frage: Wer kann und darf die Anmerkungen lesen? Hier wird das wie folgt erklärt:
Annotations are public by default and can be seen by anyone using the Hypothesis client. Highlights are private, visible only to you when you’re logged in. If you’ve created a public annotation you can later make it private.
Annotations made as a member of a group are visible only to other group members. Group annotations can, as well, be made fully private.
Kurz zusammengefasst: Annotationen sind standardmässig öffentlich und durchsuchbar. Die Hervorhebungen sind hingegen privat und nur sichtbar, wenn man eingeloggt ist. Man kann öffentliche Annotationen privat machen. Und wenn man zu einer Gruppe gehört, sind die Gruppen-Annotationen nur für die Gruppe ersichtlich.
Das ist sinnvoll: Man kann Kommentare je nach Zweck und Absicht nur für sich, für eine Gruppe oder für die ganze Welt machen.
Wie üblich gilt bei solchen Webdiensten: Man macht sich abhängig, wenn man sie nutzt. Sie können von einem Tag auf den nächsten eingestellt werden. Wenn man alle seine Notizen für eine Doktorarbeit bei einem gerade verschwundenen Dienst gesammelt hat, steht man entsprechend dumm da.
Bei hypothes.is schätze ich das unmittelbare Risiko für einen Totalausfall als relativ gering ein. Es gibt den Dienst laut Wikipedia schon seit 2011. Und wie gesagt: Hinter dem Projekt steht eine gemeinnützige Organisation, die die Software auch quelloffen zur Verfügung stellt. Wenn seine Diskussionen selbst unter Kontrolle haben möchte, betreibt man sie selbst. Wie einfach oder schwer es ist, sie zu hosten, habe ich allerdings auf die Schnelle nicht in Erfahrung bringen können.
Ein paar Ergänzungen:
Wenn man seine Artikel lieber privat kommentiert, gibt es dazu natürlich auch Möglichkeiten: Man kann sie zum Beispiel mittels Webclipper nach Evernote oder Onenote überführen. Man verwendet die Webseitennotiz von Microsoft Edge. Oder man verwendet ein Tool wie diigo.com. Einige weitere Tricks finden sich übrigens im Beitrag Tricks fürs Jagen und Sammeln im Web.
Eingesetzt wird hypothes.is auch bei Outlline.com. Diese Webanwendung kombiniert die Möglichkeit, Webdienste zu annotieren mit einer lesefreundlichen, entrümpelten Leseansicht. Outline.com eliminiert Navigation, Werbung, Teaser, Popups und jegliches Drumherum. Es bleibt nur der Text und die zum Artikel gehörenden Bilder übrig. Das ist praktisch, wenn man am Bildschirm liest, wenn man eine Seite ohne Ballast drucken oder als PDF archivieren möchte – und wenn man nicht die überladene Originaldarstellung für Annotationen nutzen möchte, sondern eine aufgeräumte, vereinfachte Ansicht.
Und noch ein kurzer Einschub: Fürs Entrümpeln von Websites gibt es noch weitere Möglichkeiten:
- Man kann den Lesemodus des Broswers verwenden. Den gibt es fast in allen modernen Browsern und er funktioniert immer in etwa so, dass ein Buchsymbol in der Adressleiste auftaucht, über das man ihn aktiviert. Bei Firefox heisst er Leseansicht und wird über die F9-Taste aktiviert. Bei Edge erscheint die Leseansicht als kleines Buchsymbol am rechten Rand der Adressleiste. Safari hat übrigens sogar eine Voreinstellung, um bestimmte Websites immer im Reader-Modus darzustellen.
- Eine Ausnahme macht übrigens nur Chrome. Er hat keinen Lesemodus, aber man kann sich mit einer Erweiterung behelfen, zum Beispiel mit Reeader.
- Es gibt auch Webdienste, die eine aufgeräumte Ansicht einer Website generieren. Meine Empfehlung ist seit Jahren printfriendly.com (Man muss kein Internetausdrucker sein, um Printfriendly gut zu finden).