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Mein sehr verehrter Herr u Freund
Ich will Ihnen kurz den Stand der Dinge mit Italien zur Kenntniss bringen. Nachdem ich, wie Sie wissen, Herrn Pioda wiederholt telegraph. beauftragt hatte die drei Puncte der neuesten Note zu dementiren, kam er diesem Auftrag nach u wollte seine Note dem Minister persönlich übergeben; als er diesen nicht fand begab er sich zu Artom um denselben von dem Inhalte der Note vorläufig in Kenntniss zu setzen. Dieser eröffnete ihm, dass die | Eingabe dieses Dementi die sofortige Abberufung von Melegari zur Folge haben würde. Hierauf machte mir Pioda den Vorschlag die Eingabe der Note zu verschieben und das Dementi auf die förmliche Beantwortung der Note zu versparen. Ich gab meine Einwilligung und habe nun in der Note alle drei unwahren Angaben des bestimmtesten als solche bezeichnet.
Unterdessen kam Herr Melegari hier an u da er unwohl war liess er mich ersuchen gelegentlich bei ihm vorbeizukommen. Ich trat nicht | darauf ein u er fand dann Gelegenheit mit Herrn Cérésole zu sprechen, der ihm die Sachlage und unsere Absichten gegenüber der letzten italien. Note auseinandersetze. Von dieser Note erhielt Herr Melegari erst hier Kenntniss. Er wünschte dann in einer Unterredung mit mir seine ganze Haltung an der Hand seiner Correspondenz zu besprechen. Diese Unterredung fand im Beisein des Herrn Cérésole statt, war confuser als je eine frühere, lieferte aber immerhin folgendes sehr positive Resultat:
1) Herr Melegari gab zu nicht | behaupten zu können, dass er mir sein Telegramm von 22. Aug. gezeigt oder vorgelesen habe.
2) dass er seinem Ministerium auch nie gesagt oder geschrieben hätte er habe es mir mitgetheilt.
3. dass das Telegramm nicht eine Äusserung von mir sondern seine persönliche Appreviation enthalte.
4. dass er überhaupt nicht sagen könne ich hätte ihm eine «communication préalable» zugesagt, sondern dass dies immer seine Meinung gewesen sei.
Auf einen Vorschlag des Herrn | Cérésole uns gegenüber die Irrthümer der ital. Note schriftlich anzuerkennen, damit wir dann dem Ministerium gegenüber weniger incisiv eintreten müssten, gieng er nicht ein. Bemerkenswerth ist im Übrigen bloss, dass er erklärte Menabrea sei derjenige der am meisten Öl im Feuer giesse und alle Schuld nur auf die Gottharddirection werfe, die ihrer Seits den Bundesrath zu seinem Verfahren veranlasst habe.
Es ist nun zu gewärtigen, welchen Effort unsere Antwort machen wird. In Bezug auf die Reserven sagen | wir wörtlich: «Wir sind gerne bereit auch in Bezug auf den Vertrag Favre die Verbindlichkeiten anzuerkennen, die wir im Allgemeinen in Bezug auf den Bau des grossen Tunels eingegangen haben u auf welche sich, wie wir annehmen die am Schlusse der Note gemachten Reserven beziehen! An einer frühern Stelle wird gesagt: der Vertrag vom 15. Oct. 1869 lege uns keine Pflicht auf den grossen Tunel in einer bestimmten Baufrist oder um eine bestimmte Summe erstellen zu lassen und | es würde der Bundesrath eine solche Obligation auch nie übernommen haben etc.»
Ich glaube damit ist diesen Reserven gegenüber genug gethan. Sollten Sie aber anderer Meinung sein, so bitte ich um möglichst baldigen Bericht, da die Note am Montag abgehen muss.
Von ganzem Herzen
Ihr
E Welti
Bern
3. Jan. 1873.