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Eine Reise nach Bhutan, dem Land des Drachen: Weite Flüsse, buddhistische Mythen und die Suche nach Glück.
Es wird bereits dunkel. Ich sitze im Lichtkegel meiner Lampe. Auf meinem Schreibtisch verstreute Papiere, an meinem Ellbogen eine dampfende Tasse Tee. Draussen fällt dünner, kalter Regen durch nackte Äste. Ich zähle die Fenster im Gebäude auf der anderen Seite des Hofes. In einem von ihnen ist ein warmes, orangefarbenes Licht und die Silhouette eines gebeugten Kopfes zu sehen; die dunkle Gestalt eines anderen Menschen bei der Arbeit. Meine Finger schweben über der Tastatur. Ich bin hier, um von Glück zu erzählen. Aber ich zögere.
Wo kann ich Glück finden? Vielleicht im Puls der Flüssigkeiten, die meinen Körper durchströmen? Oder finde ich es zwischen den schnippenden Synapsen und der Collage von Erinnerungen in meinem Kopf? Wenn es da ist, zwischen sich bewegenden Bildern und Gefühlsschwankungen, wie kann ich dann sicher sein, dass es überhaupt existiert? Oder wartet das Glück da draussen in der Welt darauf, gefunden zu werden? Gibt es einen Ort, an dem unsere unordentlichen, kämpfenden Herzen verstummen und wir einfach nur sein können?
Druk Yul, das Land des Drachens, liegt am äussersten östlichen Ende des Himalaya, jenseits der ockerfarbenen Hänge von Kaschmir und Ladakh im Westen und der hohen, kargen tibetischen Hochebene. Hier wölbt sich die Erdkruste nach oben, während der indische Subkontinent an der Südflanke Eurasiens beharrlich vorstösst. Geheime Täler, dunkel mit Rhododendron. Breite, rauschende Flüsse, gepflastert mit flachen Steinen, blankegwaschen von der Farbe Türkis. Die blanke Mauer einer Festung, die über Reihen von aufrechten Kiefern thront.
Ich weigere mich, will mich nicht – auch nur für einen Moment – trügerischen Phantasien hingeben, dass Menschen irgendwo etwas anderes sind als Menschen, voller Hoffnungen und Ängste, Trauer und Wonne, Freude und Enttäuschung. Ich werde mit Ihnen nicht über Shangri-La sprechen, denn ich bin sicher, dass es dieses Land nicht gibt.
Dennoch besteht der Mythos weiter, und ich kann den Verdacht eines Geheimnisses nicht loslassen. Haben sie nach Tausenden von Jahren, eingeschlossen im festen Griff der Berge, den Schatz entdeckt? In dunklen Klöstern, die von Gemurmel erfüllt waren, wurden Tradition, Technik und Lehren sorgfältig miteinander verwoben. Vajrayana; ein diamantenes Donnerschlagfahrzeug, unzerstörbar und unwiderstehlich. Ein Wagen, der geschmiedet wurde, um uns von hier und jetzt und in die Welt des Glücks zu tragen.
Was ihr in sieben Jahren in Tibet erreicht, erreicht ihr in sieben Tagen an diesen heiligen Orten.
Padmasambhava
Guru Rinpoche. Padmasambhava. Pema Jung-né. Lotusgeborener. Ich starre sein Porträt an. Er ist zornig und lächelt. Er lodert prächtig. Auf seinem Kopf trägt er einen fünfblättrigen Lotus-Hut. Seine Augen sind weit geöffnet und sein Blick durchdringend. Seine Lippen sind geteilt. Sein Teint ist das silberne Weiss des Mondes, getönt vom feurigen Rot der Sonne. In der rechten Hand hält er einen fünfzackigen Blitz an sein Herz. In der linken Hand eine Kappe, die vom Nektar unsterblicher Weisheit und Mitgefühl überquillt. In diese Täler flog er auf dem Rücken seiner Geliebten Yeshé Tsogyal, die sich in eine geflügelte Tigerin verwandelt hatte. Er hinterliess einen Abdruck seines Körpers an der Wand einer Höhle im Kurjey Lhakhang-Tempel. Das Kloster, das "Tigernest", wurde um Taktsang Sengé Samdup, der Höhle seiner Meditationen, herum gebaut.
"Es gibt in Bhutan keinen Ort", sagte er, "nicht einmal in der Grösse eines Hufeisens oder eines Sesams, auf den ich nicht meinen Fuss gesetzt habe. Allein durch die Reise hierher findet ihr den Weg zur Befreiung. Flieht in die südlichen Schluchten, in das verborgene, heilige Land. Was ihr in sieben Jahren in Tibet erreicht", sagte er, "erreicht ihr in sieben Tagen an diesen heiligen Orten."
Sein Mantra erklingt durch die parfümierte Luft. Om Ah Hung Benza Guru Pema Siddhi Hung. Om Ah Hung reinigt die Trübungen, die aus den drei Geistesgiften Anziehung, Abneigung und Gleichgültigkeit entstehen. Benza reinigt die Verwirrung der Wut. Guru verbannt die Verblendungen des Stolzes. Pema vertreibt den wahnsinnigen Nebel der Begierde. Siddhi befreit uns aus dem Griff des Neides. Hung wischt alle emotionalen Gebrechen weg. Die Töne hallen durch die Luft, bevor das Lied in der Stille verklingt.
Ich bin still. Kann es ein grösseres Ziel geben als das Streben nach dem Glück jedes fühlenden Wesens? Aber was ist mit meinem eigenen Glück? Was ist, wenn diese beiden Dinge im Widerspruch zueinander stehen? Kann ich das eine ohne das andere haben?
Ich habe Frieden und Besinnung erwartet, aber stattdessen finde ich leuchtende Farben, Gesang und Tanz, gewürztes Schweinefleisch, roten Reis und berauschenden Wein. Röcke wirbeln im Gelb, Weiss, Rot, Grün und Blau der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Metall. Jacken sind mit grinsenden Totenköpfen bestickt; ständige Erinnerungen an die Vergänglichkeit. Masken zeigen Stosszähne von Wildschweinen, Reisszähne von Tigern und Fetzenschnäbel von Geiern.
Kann ich durch den Sturm der Traumlogik den Boden meines Seins direkt sehen? Kann ich den Blick mit der Wirklichkeit verschmelzen und das Beil, den Dolch, das Geweih benutzen, um die Festigkeit zu durchschneiden und in die direkte Sicht zu gelangen? Spontane Präsenz. Rigpa. Dharma. Chö. Was auch immer die Realität ist, ich kann sicher sein, dass sie mehr ist, als ich mir vorstellen kann.
Die weite Ausdehnung eines Talbodens. Erdtöne. Ein geometrisches Gitter aus Reisfeldern. Nebel über einer Linie von Bergen und ein höherer, gebrochener Horizont dahinter. Steinmännchen und sich drehende Gebetsmühlen. Leere Strassen und imposante, bepflasterte Gebäude. Ich kam hierher, um zu fliehen, aber dieses Fahrzeug bringt mich immer wieder direkt nach Hause.
Kann ich mein Glück finden, wenn ich in einem ramponierten Bus auf einer holprigen Strasse zu einem Haus voller Verwandter fahre, die gleichermassen Freude und Verärgerung empfinden? Kann ich es in einem Bauch finden, der ein wenig zu voll ist? Oder in der Wärme einer Hand in meiner? Liegt es inmitten des Drängens und Ziehens der Liebe oder inmitten der Eifersüchteleien? Schwimmt es auch in dieser Schattensuppe der Trauer? Oder zwischen den Schlägen der Erregung und den Blitzen der Heiterkeit, des Verlusts und des Schmerzes? Soll ich mir fünfmal am Tag die Zerstörung meines Körpers vorstellen? Ist Glücklichsein Akzeptanz oder ein Dopaminschock für mein Gehirn?
Meine Hände schweben immer noch über der Tastatur. Bin ich so weit gekommen, nur um zu entdecken, was ich bereits wusste? Inmitten all dieser in schattige Wälder gehüllten Pracht wird mir klar, dass ich nicht auf dem Rücken einer geflügelten Tigerin zum Glück fliegen kann, denn es ist schon immer da. Es funkelt durch die Kett- und Schussfäden der Erinnerung, der Erwartung und der Angst. Es existiert, komplex, widersprüchlich, flüchtig. In dem Raum zwischen einem Moment und dem nächsten. Glück, schreibe ich, ist eine Art Spuk.
Bilder: Rich Stapleton
MAG/NET kuratiert ausgewählte Beiträge von Cereal, einem halbjährlich erscheinenden Magazin mit Beiträgen zu Reisen, Kunst, Design und Stil. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich und ist in über 45 Ländern erhältlich.