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Als die Sowjetunion 1948 die Land- und Wasserwege nach Westberlin sperrte, brachte ein Flugzeug über eine spektakuläre Luftbrücke nicht nur Nahrung, sondern auch Freude in den abgeschnittenen Stadtteil.
Im Juli 1948 war Westberlin von den westlichen Siegermächten USA, Grossbritannien und Frankreich fast vollständig abgekoppelt. Westberlin lag mitten im sowjetischen Besatzungssektor. Nur drei vertraglich festgelegte Luftkorridore boten über den Flugverkehr einen Weg in die Stadt. Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Westberlin begann eine schwierige Zeit: ein Leben mit dem Minimum, Hunger und die Ungewissheit, wie es mit der Stadt weitergeht.
Etwa zur gleichen Zeit bereitete der US-amerikanische Militärpilot Gial Halvorsen einen Einsatz in Puerto Rico vor. Wenig später kam jedoch alles anders: Der knapp dreissigjährige Halvorsen übernahm den Einsatz seines besten Freundes in Deutschland, da dieser gerade Vater von Zwillingen geworden war. In den Besprechungen rund um die Berlin-Blockade hiess es bis dahin stets, dass sie höchstens 25 Tage dauern würde. Gial Halvorsen und seine Kollegen wussten damals nicht, dass sie viel länger in Berlin bleiben würden. Auch wussten die Piloten nicht, dass sie während der 15-monatigen Sperre mit riesigem Aufwand mehr als 200’000 Flüge über die Luftbrücke machen und fast 2 Millionen Tonnen Güter abwerfen würden.
Nachdem Gial Halvorsen auf dem Rhein-Main-Flugplatz angekommen war, standen auch schon die ersten Flüge nach Westberlin an und die «Operation Vittles» (Operation Proviant) entwickelte sich zum Thema Nummer eins unter den Piloten. Im 90-Sekunden Takt landeten Flieger, gefüllt mit Lebensmitteln, auf den Flugplätzen Tempelhof und Gatow in Westberlin. Direkt nach dem Abladen ging es zurück an den Startflugplatz.
Der Amerikaner Halvorsen wollte unbedingt die zerbombte, aber weltbekannte Stadt entdecken und beschloss, während seiner Einsatzzeit in Berlin auch einmal als Tourist nach Westberlin zu fliegen. Am Flughafen Tempelhof angekommen, tauschte er sich mit den zahlreichen Kindern aus, die tagtäglich die Flugzeuge und Piloten mit einem Winken begrüssten, und war überrascht, dass keines der Kinder um etwas bettelte. Bei seinem Griff in die Hosentasche plagten ihn gemischte Gefühle, denn, so beschreibt Halvorsen in seinen Memoiren, diese Kinder hatten möglicherweise einmal der Hitlerjugend angehört. Es überwog seine Menschlichkeit und er schenkte seine zwei Kaugummis den Kindern. Die strahlenden Kindergesichter weckten im Militärpiloten die Idee, dass er beim Anflug über dem Flughafen aus seinem Flieger Schokolade und Kaugummi abwerfen könnte.
Aus der Idee, den Kindern im zerbombten Westberlin eine Freude zu machen, wurde schnell eine Mission: Damit die Kinder sein Flugzeug erkennen, wackelte Halvorsen beim Anfliegen des Flugplatzes mit seinen Flügeln und warf die Süssigkeiten an kleinen Fallschirmen ab. Die Kinder mussten ihm im Gegenzug versprechen, dass sie alles untereinander teilen. Schon beim ersten Flug gelang der Abwurf mit Hilfe seiner zwei Kollegen und die Kinder winkten dankbar in den Himmel. Gial Halvorsen konnte seine Mission nicht lange geheim halten, denn schon bald erreichten die Leitstelle zahlreiche Dankesbriefe, adressiert an den «Onkel Wackelflügel» und «Schokoladenflieger» und ein Reporter verbreitete die Geschichte des amerikanischen «Candy Bombers» in Europa. Aus der geheimen Idee entwickelten sich die «Operation Little Vittles» (Operation kleiner Proviant) und eine grosse Solidaritätswelle. Menschen aus aller Welt schickten Süssigkeiten, Taschentücher für Fallschirme oder einfache Dankesworte an die zahlreichen Militärpiloten. Auch nachdem Gial Halvorsen seinen Dienst in Deutschland im Januar 1949 beendete, wurde seine Mission bis zum Ende der Berlin Blockade weitergeführt. Den Militärpiloten zog es jedoch immer wieder nach Deutschland zurück, bis zu seiner Pensionierung 1974 war er mehrmals im gespaltenen Land tätig.
Ich werde mehrmals mit den Flügeln meines Flugzeugs wackeln. Das ist das Signal.Gial Halvorsen zu den Kindern am Flugplatz
Am 12. Mai 1949 – eine Minute nach Mitternacht – wurde die Blockade aufgehoben. Die Situation für die Westberlinerinnen und ‑berliner wurde jedoch nicht besser. Knapp fünf Monate später wurde Deutschland in zwei Staaten geteilt: die Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten. Mitten auf der Grenze lag Berlin. Der Kalte Krieg war nun endgültig lanciert: In Deutschland entwickelten sich entlang der innerdeutschen Grenze und im gespaltenen Berlin zwei Parallelwelten, die den Alltag der Menschen prägten. 1989 fiel die Berliner Mauer und die Wiedervereinigung von Deutschland nahm ihren Lauf.
2019 feiert Deutschland 30 Jahre Mauerfall und Wiedervereinigung. Dabei soll es zu einem historischen Revival kommen: Drei Freunde wollen mit zahlreichen Piloten zum Ende der Jubiläumsfeierlichkeiten des Mauerfalls die Luftbrücke über Berlin nachstellen. Das grosse Highlight: «Onkel Wackelflügel» Gail Halvorsen – inzwischen 97-jährig – soll als Ehrenschirmherr dabei sein.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zahlreichen Verhandlungen zwischen den Siegermächten (Grossbritannien, Frankreich, USA und Sowjetunion) über den Wiederaufbau des zerstörten Landes wurde Deutschland 1949 durch die innerdeutsche Grenze in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen geteilt. Sie bildete einen Teil des Eisernen Vorhangs.
Zuvor war es zur Eskalation zwischen den vier Siegermächten gekommen, da die drei westlichen Länder am 21. Juni 1948 eine einseitige Währungsreform veranlassten. Die Planung dieser Währungsreform verlief seitens USA peinlich genau, nichtsdestotrotz erfuhren die Sowjets durch einen Agenten Details. Die Sowjetunion führte wenige Tage später in ihrer Besatzungszone eine eigene Währung ein und sperrte für die westlichen Besatzungsmächte alle Land- und Wasserwege nach Berlin. Das war der Beginn der Berlin-Blockade.
Die Teilung Deutschlands mit der innerdeutschen Grenze in Kürze:
Kerstin Bütschi studiert an der Universität Freiburg im Master Geschichte und Osteuropastudien und macht dazu das Lehramt für Maturitätsschulen. Zuvor absolvierte sie ein Bachelorstudium in Geschichte der Moderne und Osteuropastudien. Ihre Studieninteressen liegen im Bereich Politik, Osteuropa und der Verbindung von Aktualitäten mit Vergangenem.