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Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 84“ im Online-Nebelspalter vom 2. Oktober 2023 zu lesen.
In trendigen Quartieren Berlins ist es «in», mit einem Lastenvelo einzukaufen oder damit Kinder zu transportieren. Natürlich wird so gezeigt, wie klimafreundlich man ist, weil man kein Auto benutzt. Das Wirtschaftsblatt «The Economist» hat dazu eine Vergleichsrechnung gemacht: Wenn man alle Subventionen für solche Lastenfahrräder einrechnet, kostet es 50’000 Euro, um auf diese Weise eine Tonne Treibhausgase einzusparen (siehe hier). Wenn man aber ein fossiles Heizsystem auf ein CO2-freies Heizsystem umrüstet, könnte man die gleiche Tonne zum Preis von nur 200 Euro vermeiden.
Wenn wir das Netto-Null-Ziel, das jetzt überall deklariert wird, irgendwann erreichen wollen, sollten wir möglichst effiziente und kostensparende Massnahmen treffen, um Treibhausgase zu reduzieren –die Subventionen für Lastenräder gehören sicher nicht dazu.
Was wichtig ist:
– Wer effizienten Klimaschutz betreiben will, muss darauf achten, was die Vermeidung einer Tonne Treibhausgase kostet.
– Eine Studie der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs liefert wichtige Grundlagen für entsprechende Kostenabschätzungen.
– Demnach ist die Vermeidung von CO2 17-mal teurer, wenn man den Autoverkehr elektrifiziert, als wenn man (im asiatisch-pazifischen Raum) Kohle- durch Gaskraftwerke ersetzt.
Werfen wir kurz einen Blick auf die Dimensionen des Problems Netto-Null. Die folgende Grafik zeigt, wie sich die globalen Treibhausgas-Emissionen von 1850 bis 2021 entwickelt haben.
Die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bestehen zu 75 Prozent aus CO2 (vor allem aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe), zu 17 Prozent aus Methan und zu 6 Prozent aus Lachgas. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die Welt jährlich etwa 15 Milliarden Tonnen (Gigatonnen) Treibhausgase ausgestossen. Dieser Wert stieg bis 2021 mehr oder weniger gleichmässig bis auf 55 Gigatonnen – ein Plus von rund 270 Prozent.
Netto-Null-CO2 bis 2050 ist faktisch unmöglich
Es kann sein, dass wir diese Emissionen in den nächsten Jahren stabilisieren können, weil die reichen Länder den Mehrausstoss der ärmeren Länder möglicherweise kompensieren können. Das anvisierte Netto-Null-Ziel habe ich als grüne Linie in die Grafik eingetragen: Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass die Menschheit eine derart radikale Abnahme in so kurzer Zeit zustande bringt.
Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns Gedanken machen, wie wir beim Ersatz fossiler Energien möglichst effizient vorgehen können. 2021 hat die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs dazu eine bedeutende Studie «Carbonomics» veröffentlich (siehe hier). Die Ökonomen der Bank haben darin für alle Massnahmen, die heute zur Vermeidung von Treibhausgasen zur Verfügung stehen, entsprechende Preise berechnet.
Umsteigen von Kohle zu Gas ist kostengünstig
Die Originalgrafik aus «Carbonomics», die den Zusammenhang zwischen Kosten und Wirksamkeit der Massnahmen zeigt, wurde im eingangs erwähnten Artikel des «Economist» mit hilfreichen Zusatzinformationen ausgestattet (siehe hier). Die nächste Abbildung zeigt diese Grafik in der Fassung des «Economist».
Die Grafik zeigt die Kurve der Vermeidungskosten für globale Treibhausgas-Emissionen im Jahr 2020. Auf der horizontalen Achse sieht man, wie viele Gigatonnen mit einer Massnahme vermieden werden können (Abatement potential). Das Total liegt bei 53 Gigatonnen, die 2020 gemessen wurden. Auf der vertikalen Achse sind die Vermeidungskosten in Dollar pro Tonne CO2-Äquivalent abzulesen (Cost of abatement). Diese reichen von minus 150 bis gut 1100 Dollar. Die verschiedenen Massnahmen werden nach folgenden Sektoren unterschieden: Industrie (dunkelblau), Landwirtschaft (grünblau), Verkehr (hellblau), Stromproduktion (orange), Gebäude (blassblau).
Am rechten Rand der Grafik sieht man, dass für einige Emissionen zur Zeit noch keine Vermeidungs-Technologien bekannt sind, die im grösseren Massstab eingesetzt werden könnten. Und auf der linken Seite sieht man anhand der negativen Preise, dass in wenigen Fällen mit der Reduktion von Emissionen Geld verdient werden kann – zum Beispiel, wenn Prozessabläufe in der Industrie effizienter werden.
Automobile zu elektrifizieren ist sehr teuer
Einen Hinweis auf die Effizienz der Massnahmen gibt die «Carbonomics»-Studie mit einer separaten Rechnung. Dabei teilt sie den Gesamtbereich der Emissionen auf der horizontalen Achse bei 23 Gigatonnen in zwei Hälften: Links davon finden sich Massnahmen, deren Kosten unter 70 Dollar pro Tonne liegen, rechts davon sind Massnahmen, die zwischen 70 und 1100 Dollar kosten.
In der linken Hälfte mit den kostengünstigen Massnahmen dominiert der Sektor Stromproduktion (orange) mit einem Anteil von 55 Prozent vor dem Sektor Landwirtschaft (grünblau) mit 27 Prozent. In der rechten Hälfte mit den teuren Massnahmen ist der Anteil der Industrie (dunkelblau) mit 43 Prozent am grössten, gefolgt vom Verkehr (hellblau) mit 30 Prozent.
Ein einfaches Rechenbeispiel, das ich aus einem Vortrag von Lino Guzzella übernommen habe (siehe hier), erläutert das. Nehmen wir an, wir hätten tausend Milliarden Dollar zur Verfügung, die wir in zwei verschiedene Projekte investieren. Bei Projekt 1 wenden wir die Massnahme an, die in der Grafik rechts mit «Switching from petrol or diesel…» beschrieben ist. Hier geht es darum, benzin- und dieselbetriebene Autos durch elektrisch angetriebene Autos zu ersetzen, und zwar zu einem Preis von tausend Dollar pro vermiedene Tonne CO2.
«It’s the economy, stupid!»
Bei Projekt 2 setzen wir auf die Massnahme, die in der Grafik links der Mitte beschrieben ist: «A switch from coal to gas…». Dabei geht es darum, im asiatisch-pazifischen Raum Kohle- durch Gaskraftwerke zu ersetzen. Hier liegen die Vermeidungskosten pro Tonne CO2 etwa bei 60 Dollar.
Der Vergleich zeigt: Mit den tausend Milliarden Dollar können wir mit dem Projekt 1 eine Gigatonne Emissionen einsparen, mit dem Projekt 2 jedoch 17 Gigatonnen. Ein Ausbau der E-Autos in diesem Ausmass würde also von den total emittierten 53 Gigatonnen zwei Prozent einsparen, während der Wechsel von Kohle zu Gas zu einem Minus von 32 Prozent führt.
Es ist also tatsächlich die Ökonomie, die zählt («It’s the economy, stupid!», Bill Clinton). Und jeder Dollar, der nicht effizient ausgegeben wird – wie bei den Lastenvelos – , fehlt an einem anderen Ort, wo er viel mehr Wirkung hätte.