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Eine Studie zeigt, dass bei den dokumentierten Jäger- und Sammlergesellschaften die Frauen zu 79 Prozent an der Jagd beteiligt waren. Es ist deshalb ein Mythos, dass sich in der Steinzeit nur Männer in die Wildnis wagten.
Anton Ladner
Die amerikanischen Anthropologinnen Sarah Lacy und Cara Ocobock schreiben in der Fachzeitschrift American Anthropologist: «Die These vom Mann als Jäger ist seit 1968 verbreitet.» Die Anthropologen Richard Lee und Irven DeVore stellten damals die These auf, der Mann als Jäger habe die Zutaten zur Erreichung der Zivilisation geliefert: genetische Variabilität, Erfindungsreichtum, sprachliche Kommunikation und die Koordination des sozialen Lebens. «Heute widersprechen Archäologie und Physiologie dieser sexistischen These», schreibt Sarah Lacy. Für die beiden Wissenschaftlerinnen zeigt die Literatur über das Leben in der Altsteinzeit (vor 2,5 Millionen bis 12 000 Jahren) ein aufschlussreiches Fehlen von Hinweisen auf eine strikte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern bei der Jagd. Sie führen ein überzeugendes Beispiel an: Bei den rituellen Bestattungen wurden den Verstorbenen die im Leben verwendeten Werkzeuge mitgegeben. Zwischen den Männern und Frauen gab es keinen Unterschied bei den Werkzeugen. Und bei den Skelettresten konnten bei Männern und Frauen die gleichen Arten von Abnutzung, Traumata und Brüchen festgestellt werden. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass beide Geschlechter die gleichen Tätigkeiten
ausübten: die Jagd. Es stimmt zwar, dass bei den männlichen Neandertalern des Jungpaläolithikums (vor 50 000 Jahren) Sehnenverletzungen doppelt so häufig am rechten Arm, am Wurfarm, auftraten. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen nicht gejagt hätten. Studien aus den 1960er-Jahren zeigen, dass Ainu-Frauen grosse Tiere mithilfe von Hunden jagten. Andere Studien weisen darauf hin, dass die Männer des Matis-Volkes im Amazonasgebiet mehr Wild erlegten, wenn sie von Frauen unterstützt wurden.
Das Argument bezüglich Jägerinnen wird auch durch ihre Physiologie gestützt. Das weibliche Hormon Östrogen erleichtert die Verwertung von Fettsäuren als Energiereserve, was für Aktivitäten, die Ausdauer erfordern, von Vorteil ist. Bei 391 dokumentierten Jäger- und Sammlergesellschaften waren Frauen zu 79 Prozent an der Jagd beteiligt, wie eine Studie von Cara Wall-Scheffler der University of Washington in Seattle ergab. Die Untersuchung analysierte Jäger-und-Sammler-Gesellschaften auf verschiedenen Kontinenten und in unterschiedlichen Kulturen und verweist auf die Bedeutung dieser Ergebnisse für die Interpretation archäologischer Funde.
Die steinzeitlichen Malereien in der Höhle von Altamira bei Santander, die zum UNESO-Weltkulturerbe gehören, zeigen zum Beispiel Hirsche, Bisons, Pferde und Wildschweine. Es handelt sich dabei teilweise um Ritz- und Kohlezeichnungen, die vor allem 16 500 und 13 000 vor Christus angebracht wurden. Die Höhle wurde erst 1868 aufgrund des Verschwindens eines Jagdhundes von seinem Besitzer entdeckt. Doch die Bedeutung der Malereien blieb unerkannt. Erst als im Jahre 1901 ähnliche Kunstwerke in der Höhle von Font-de-Gaume bei Les Eyzies-de-Tayac-Sireuil in Frankreich entdeckt wurden, dämmerte es der Forschung. Die Höhlenkunst kann als natürliche Reaktion auf die Umwelt verstanden werden. Lange ging die Wissenschaft aber davon aus, dass mit diesen Malereien Männer ihre Jagderfahrungen künstlerisch umgesetzt hätten, wofür es allerdings keine Beweise gab. Der Archäologe Dean Snow von der Pennsylvania State University analysierte Handabdrücke aus acht französischen und spanischen Steinzeithöhlen und fand heraus: Etwa drei Viertel aller farbigen Hände stammen von Frauen, und es finden sich auch zahlreiche Handabdrücke von Kindern und Jugendlichen.