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IM GESPRÄCH MIT HARALD GRÜNDL, DEM DESIGNER VON SAVE!
Wie kommt ein Designer dazu, ein Urin-Trenn-WC zu entwerfen? Harald Gründl vom Designstudio EOOS hat uns diese sowie weitere spannende Antworten zur Entstehung von save! geliefert.
Was bewegt einen Designer dazu, ein Urin-Trenn-WC zu entwerfen?
H G 2008, mitten in der Finanzkrise, erlebten wir bei EOOS einen Wandel. Unser Designstudio lief gut und wir arbeiteten für die grössten Premiumbrands der Welt wie Armani oder Adidas. Doch 2008 fühlte sich diese Arbeit in der Konsumwirtschaft irgendwie seltsam an und bewegte mich dazu, meine Rolle als Designer zu hinterfragen und zu überlegen, was ich Gutes tun könnte. Wir waren zu dieser Zeit noch keine Systemdenker. Wir wurden angefragt, eine schöne Badewanne zu designen und wir designten eine schöne Badewanne. Aber wir dachten nicht darüber nach, woher das Wasser für die Befüllung der Badewanne kommt, wie das Wasser erhitzt wird oder was Grauwasser ist und wie dieses entsorgt wird. Bei meiner Suche nach Partnern, die sich mit genau diesen Themen auseinandersetzen, bin ich auf das Forschungsinstitut Eawag gestossen und ich habe die Wissenschaftlerin Tove Larsen getroffen, die seit vielen Jahren nach Alternativen für die Abwasserbewirtschaftung sucht. Ich sagte zu Ihr: «Tove, ich bin ein Designer. Gibt es etwas, was ich für dich tun kann?» Und sie sagte: «Ja, kannst du für mich ein Urin- Trenn-WC designen?» So wurden wir Teil eines von weltweit acht Projektteams, das sich der Challenge annahm, im Auftrag der «Bill & Melinda Gates Foundation» ein Urin- Trenn-WC für Entwicklungsländer zu schaffen.
Bitte erzählen Sie uns von diesem Projekt.
H G Bill und Melinda Gates haben die karikative Einrichtung gegründet mit dem Ziel, in Entwicklungsländern die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst aus Hunger und extremer Armut zu befreien. Es ist unglaublich, aber heute haben über 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicheren Sanitäranlagen. Können Sie sich das vorstellen? Es ist eines der grössten Probleme, die wir haben und wir sind nicht wirklich in der Lage, gute Lösungen zu finden. Denn das im 19. Jahrhundert erfundene Wasser-WC mit seinem ganzen Abwassersystem und den Kläranlagen kann in Entwicklungsländern schlicht und einfach nicht eingesetzt werden. Deshalb braucht es eine dezentrale sanitäre Lösung. Unser Ansatz war es, nicht eine Trockentoilette, sondern ein Spül-WC zu entwickeln. Es entstand ein Wandelement, das sowohl Spül- als auch Waschwasser zur Verfügung stellt, dieses aber nicht wegspült, sondern in der Wand rezykliert und zudem Urin, Fäkalien und Grauwasser trennt. Der erste Entwurf scheiterte bei unserem Feldtest in Nairobi und musste mehrmals überarbeitet werden. Entstanden ist die «Blue Diversion Toilet».
Und was hat das alles mit save! zu tun?
H G Schon während der Entwicklung der Blue Diversion Toilet schauten wir nicht nur auf die Probleme in den Entwicklungsländern. Es gibt auch Probleme hier, genau jetzt. Während es bei der Lösung der Bill & Melinda Gates Foundation um die Gesundheit der Menschen geht, geht es bei «save!» um die Gesundheit der Umwelt. Derzeit gelangen die Nährstoffe im Urin oftmals weitgehend ungeklärt über das Abwasser direkt in die natürlichen Gewässer. Zusammen mit den Nährstoffmengen, die aufgrund der Überdüngung in der Landwirtschaft ebenfalls in die natürlichen Gewässer eingebracht werden, entsteht eine Übersättigung der Gewässer mit zu vielen Nährstoffen. Das wiederum ist ein grosses Problem für die Umwelt. Aus Nährstoff wird Schadstoff. Den Urin bereits an der Quelle zu separieren und in gereinigter Form zurück in die Landwirtschaft zu führen, ist irgendwie total logisch. Und dafür braucht es das Urin-Trenn-WC save!.
Was waren die besonderen Herausforderungen hinsichtlich des Designs bei der Entwicklung von save!?
H G Wir wollten auf Technik mit Stromanschluss verzichten und arbeiteten deshalb an einer Urinfalle. Dafür mussten wir uns zuerst jedoch ganz einfaches Wissen über das menschliche Pinkeln aneignen. Wir haben in zahlreichen wissenschaftlichen Texten recherchiert, aber keiner hatte sich bisher angesehen, wie der Mensch pinkelt. Das blieb also uns überlassen. Als Designer ist man sich gewohnt, Leute dazu zu bringen sich auf Stühle zu setzen, um deren Komfort zu testen und wie es sich hinsetzen und aufstehen lässt. Aber ihnen beim Pinkeln zuzusehen, war schlicht undenkbar. Wir haben sehr engagierte Designer in unserem Büro, aber auch sie waren nicht glücklich über die Vorstellung, beim Pinkeln gefilmt zu werden. Unsere abstrakte Idee: Wir zeichnen mit einer Wärmebildkamera den Urinstrahl auf. Gedacht, getan. Dabei entstanden Bilder, welche die unterschiedlichen Strahlarten und –Stärken dokumentierten. Das war wirklich menschlich-sachliche Forschung. Nachdem wir ein besseres Verständnis für die Thematik hatten, mussten wir etwas finden, was nicht einem Mechanismus oder einem Ventilsystem entsprach und stiessen auf das Teekannen-Prinzip. Es ist eigentlich so einfach – und es funktioniert. Das zeigten uns die mit der ETH Zürich erstellten Simulationen. Wir sind glücklich, mit Keramik Laufen den perfekten Partnerfür die Herstellung der Toiletten gefunden zu haben. Der nächste Schritt ist es nun die Baubranche zu überzeugen den Urin zu sammeln und in die Landwirtschaft zurückzuführen. Nehmen wir es in Angriff.