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SRF News: Bernie Sanders und Donald Trump, zwei Namen die für alles stehen, nur nicht für die bisherige Ordnung in der US-Politik. Ist das Resultat einfach nur Ausdruck der Verdrossenheit der US-Bevölkerung?
Christian Lammert: Ich würde nicht von der US-Bevölkerung sprechen. Zum jetzigen Zeitpunkt der Vorwahlen engagieren sich vor allem die aktiven Parteianhänger auf beiden Seiten. Und hier sehen wir sowohl bei den Republikanern als auch bei den Demokraten eine grosse Unzufriedenheit mit dem etablierten politischen Personal. Deshalb können in dieser frühen Phase der Vorwahlen noch diese Kandidaten punkten, die sich eben als Aussenseiter präsentieren und die eher moderaten und vom Partei-Establishment geförderten Kandidaten haben Schwierigkeiten, hier Profil zu zeigen.
Schauen wir uns zuerst die Situation der Demokraten genauer an. Nach dem ersten Wahlgang in Iowa haben Sie in verschiedenen Interviews gesagt, dass sich Clinton letztlich doch durchsetzen werde. Bleiben Sie auch nach New Hampshire bei dieser Einschätzung?
Ja. Obschon wir zwischenzeitlich sehen, dass es ein sehr offenes Rennen ist, das sich wahrscheinlich lange hinziehen wird. Aber wenn man sich die Umfragen der nächsten beiden Staaten ankuckt, in denen Wahlen und Parteiversammlungen anstehen – Nevada und South Carolina – liegt Hillary Clinton klar vorne.
Hillary Clinton hat immer noch die bessere Kampagne, die bessere Organisation, sie hat viel mehr Geld und Ressourcen zur Verfügung und hat auch immer noch die Unterstützung der Partei. Das wird ihr helfen: Je länger der Wahlkampf geht, desto mehr muss man auf einen solchen Apparat bauen. Und hier muss Bernie Sanders noch nachlegen können. Er ist momentan sehr erfolgreich in der Mobilisierung von jungen Wählern, die dann auch aktiv Wahlkampf machen. Das muss er weiter ausbauen können. Doch ich habe das Gefühl, wenn er einmal in zwei, drei Staaten verliert, kann auch schnell seine Kampagne in sich zusammenfallen.
Aber könnte es nicht auch sein, dass Sanders nach dem Sieg in New Hampshire noch mehr Geld erhält?
Ja, aber der Unterschied ist, dass er Werbung damit macht, ausschliesslich kleine Spenden anzunehmen und nicht vom grossen Geld abhängig zu sein. So muss man wahnsinnig viel sammeln. Hillary Clinton hat es da viel leichter mit ihren «Super Political Action Committees» (Super PAC), die schon Millionen gesammelt und ausgegeben haben. Es muss sich zeigen, ob sich dieser Geldvorteil auch in Stimmen umsetzen lässt.
Wechseln wir zu den Republikanern: Donald Trump dominiert und dann kommt lange nichts. Liegt das am Unvermögen der anderen Kandidaten?
Das Hauptproblem bei den moderateren Republikanern liegt darin, dass es nebst Donald Trump und Ted Cruz noch zu viele Kandidaten gibt, die sich gegenseitig die Stimmen wegnehmen. Man hat nach Iowa gehofft, dass Marco Rubio der Kandidat ist, auf den sich alle einigen können. Der hatte aber eine schlechte Performance im TV-Duell am vergangenen Wochenende. In New Hampshire war auf einmal John Kasich stark. Es müsste eine Bündelung hinter einem Kandidaten stattfinden, dann könnte man gegen Trump angehen.
Und wann muss diese Bündelung stattfinden? Wie schnell kann das gehen?
Chris Christie muss nun darüber nachdenken, ob er aus dem Rennen aussteigt. Dann wäre die Frage, wo dessen Anhänger – das waren in New Hampshire immerhin 6 Prozent – sich verorten werden. Und wir haben dann den «Super Tuesday» Anfang März, wo sehr viele Staaten gleichzeitig ihre Primaries und Caucuses haben. Da wird man die ersten Tendenzen sehen und danach wird sich das Feld auf alle Fälle sortieren. Wenn das nicht passiert und alle im Rennen bleiben, dann könnte Donald Trump wirklich eine Chance haben.
Noch haben erst zwei Wahlen in Iowa und New Hampshire stattgefunden, die ja nicht für das ganze Land repräsentativ sind. Kann man trotzdem sagen: Wer da gewinnt hat gute Chancen, als Kandidat nominiert zu werden?
Die Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahlen zeigen: Es hat es noch nie jemand geschafft, der nicht in beiden dieser ersten Abstimmungen unter den ersten drei gelandet ist. Aber wir sehen in diesem Wahlkampf auch, dass viele Mechanismen, die wir als Politikwissenschaftler für Prognosen anzuwenden versuchen, nicht ganz so gut funktionieren.
Deswegen kann in diesem Jahr auch dieses Muster anders sein und sich die Wahl viel später entscheiden. Manche Republikaner sagen auch, «vielleicht wird die Entscheidung erst auf dem Parteitag im Juli getroffen. Dann müssen wir Strategien haben, wie wir da vorgehen» – viele Dynamiken sind in diesem Wahlkampf neu und das macht den Präsidentschaftswahlkampf 2016 auch so spannend.
Das Gespräch führte Tina Herren.
Christian Lammert
Christian Lammert ist Professor für nordamerikanische Politik am John F. Kennedy-Institut der Freien Universtität Berlin.