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Vermitteln Grosseltern ihren Enkeln Werte in unterschiedlicher Weise als Eltern ihren Kindern?
Zusammenfassung der Resultate
In diesem Projekt wurden 132 Drei-Generationenfamilien (N=528) darüber befragt, welche Werte sie im Vergleich zu den je beiden anderen Generationen (G1=Grosseltern; G2=Eltern; G3=Grosskinder) besonders hochhalten und welche Unterschiede in den drei Generationen bezüglich moralischer, sozialer und allgemein gesellschaftlicher Werte (Wertetypen) zum Zuge kommen. Ausgegangen wurde von einer so genannten Doppel-Team-Theorie, die besagt, dass das Verhältnis der dritten Generation zu den Eltern bezüglich dieser Werttypen ein konfliktreiches sei, das Verhältnis zu den Grosseltern hingegen vor allem narrative, „entspannte" Elemente enthalte, die vermehrt emotionale Bindungen und grosse Akzeptanz von Unterschiedlichkeit beinhalte. Diese Theorie wurde aus Studien abgeleitet, wie sie etwa von Liebman Jacobs (2000) zur kult- und Traditionsvermittlung crypto-spanischer jüdischer Grosseltern zu beobachten war. Daneben wurde Einsicht genommen in Studien zur Generationenproblematik allgemein (z.B. Smith 2005; Kohli & Szydlik 2000; Hofer & Sassenberg 1998; Perrig-Chiello & Höpflinger 2001; Levinson 1978, 1996 u.a.) oder zur Wertevermittlung bzw. Steuerung der Lebenswelt durch Werte (z.B. Maccoby 1999; Marbach 1994; Oser & Althof 1992; Killen & Nucci 1995, Leming 1997 u.a.). Es gibt bis jetzt unseres Wissens keine Studie, die den Werteaspekt über die drei Generationen hinweg einigermassen sorgfältig darstellt. Es muss deshalb auch akzeptiert werden, dass diese Hypothese vorläufig nur einen Face-Validity-Charakter besitzt, oder anders gesagt eine gewisse intuitive Plausibilität in Anspruch nimmt. – Das Frageinstrument, das verschiedentlich verändert und ausgebessert wurde, setzt sich zusammen aus Fragen zum Verhältnis der drei Generationen (Closeness, Verbundenheit und Familienstil) allgemein, dann aber insbesondere zu verschiedenen Aspekten des Wertebereichs. Zur Erfassung dieser Wertdimensionen in den drei Generationen haben wir vier Fragebogenteile entwickelt. Die vier Teile sind auf einem je tieferen Level angesiedelt. Mit diesen vier Levels glauben wir einen wesentlichen Teil der unterschiedlichen Wertkonzepte erfassen zu können. Oberste Ebene: Der „oberflächlichste" Teil bezieht sich auf Werte, die an sich dastehen. Drittoberste Ebene: Die zweite Form, bei der die verschiedenen Generationen eher mit der Inhaltlichkeit der Begriffe zurechtkommen und damit auch genauer verstehen, was gemeint ist, bezeichnen wir als Tugenden. Zweitunterste Ebene: Sie besteht in einer Kopplung von Erziehungsverantwortung mit der moralischen Verantwortung der betreffenden Personen. Tiefste Ebene: Hier werden den jeweiligen Generationen konkrete Situationen vorgelegt. - Die Hypothesen besagen,
- dass es Muster des grosselterlichen Werteverhaltens gibt, die eindeutig
sind (siehe weiter unten das Konzept der double-team-theory)
- dass der Wertehorizont aller Generationen dahingehend einheitlicher wird, als angesprochene Normen einen bestimmten Stärkegrad erreichen (s. das Konzept der starken und schwachen Normen.
- dass eine starke domain-Spezifität dahingehend besteht, dass gesellschaftliche Strömungen in der Wertegewichtung der Generationen sichtbar werden, dies aber nur bei den Domains, die ausserhalb der Moral liegen, wie Religiosität, Höflichkeitsverhalten, politische Einstellungen etc.
- dass die Verantwortungszuschreibung für bestimmte Wertehaltungen und ein bestimmtes Werteverhalten von den Domains, aber auch von angenommenen Schädlichkeitsausmassen abhängt.
- dass Grosseltern und Eltern alle Wertgewichtungen je nach Alter der Bezugsgruppe der Grosskinder bzw. Kinder anders vornehmen (anders bei den Kindern als bei den Adoleszenten).
Die Resultate sind vielfältig, wobei gesamthaft gesehen die Doppel-Team-Theorie, so wie sie vorgelegt worden ist, nicht haltbar ist. Es ist in der Tat so, dass die Grosseltern eher einen Adaptionskurs befolgen, der darin besteht, das Verhalten der Eltern gegenüber den Kindern (bzw. Grosskindern in Bezug zur 1. Generation) im Grossen und Ganzen zu kompensieren. D.h. dass, wenn Eltern sehr streng sind, Grosseltern verständnisvoll und grosszügig werden, wenn Eltern aber einen laisser-faire-Stil bevorzugen, Grosseltern eher normorientiert auftreten. Empirisch kann dies aus den verschiedensten Indizes, wie wir sie weiter unten noch unvollständig darstellen, entnommen werden. Die noch durch eine Liz. Arbeit vorzunehmende Auswertung der qualitativen Daten belegen dies aber hinlänglich. - Weitere Befunde sind, dass die Verbundenheit der Grosseltern mit den Grosskindern (9-12) und vice versa sehr hoch ist, allerdings die Verbundenheit der Adoleszenten (12-15) mit den Grosseltern weniger stark eingeschätzt wird, als dies die Grosseltern in Bezug auf die Jugendlichen tun. – Interessant ist, dass Grosseltern eine zu verhängende Strafe bei Diebstahl weniger hoch gewichten als dies Mütter, aber ganz besonders Väter es tun; und die grössten Diskrepanzen findet man, wenn Kinder und Jugendliche einschätzen, wie Grosseltern die Frage, ob im Falle des Diebstahls die Erwachsenen zu bezahlen hätten, gewichten: Kinder und Jugendliche glauben, dies würde für die Grosseltern wichtig sein, während es für diese signifikant unwichtiger ist. Ob beim selben Diebstahl die Kinder und Jugendlichen selber dafür aufzukommen hätten, wird von allen Erwachsenen höher eingeschätzt als von den Kindern und Jugendlichen. Kontra-intuitiv aber schätzen auch hier die Kinder und Jugendlichen ein, dass die Grosseltern dies weniger fordern würden. - Interessant sind die Gewichtungen bezüglich der Werte; hier gibt es allerlei Muster, nämlich dass Eltern und Grosseltern eher gegen die Gewichtung der Kinder und Jugendlichen übereinstimmen, oder dass sich Grosseltern und Jugendliche verbünden, oder Jugendliche und Eltern eher übereinstimmen. Wir merken, dass hier die angenommene Normstärke, der Typ des Wertes, die gesellschaftliche Akzeptanz und die entwicklungspsychologische kognitive Reversibilitätskomplexität eine Rolle spielt. Wir entwickelten sechs Muster der Gewichtung, was wiederum gegen die obigen Doppel-Team-Theorie spricht. - Ganz anders bei den Tugenden, die eine gewisse Operationalisierung im Fragebogen und damit ein ausgeprägteres Gesicht erhalten hat. Hier finden wir vor allem zwei Muster: Die älteren Generationen schliessen sich positiv oder negativ gegen die Grosskinder beider Altersstufen ab. – Schliesslich möchten wir in diesem Summary auch erwähnen, dass die Resultate bezüglich der subjektiv vorgestellten Entscheidungsbefugnisse hinsichtlich unterschiedlich starker Werte (Verantwortungszuschreibung) grosse Differenzen zeigt; der Werte der Selbstschädigung etwa wird ganz anders gewichtet als dies bezüglich prosozialer Werte oder bezüglich starker moralischer Normen geschieht.
Weitere Informationen zum Projekt
In diesem Projekt wird untersucht, ob Grosseltern den Enkelkindern Werte in qualitativ anderer Art vermitteln als Eltern. Es wird vermutet, dass Kinder Werte von den Eltern lernen, wenn diese sie z. B. korrigieren, von den Grosseltern hingegen dann, wenn sie z. B. Geschichten zu hören bekommen oder mit ihnen gemeinsam etwas unternehmen.
Hintergrund
In gegenwärtigen westlichen Gesellschaften sind Veränderungen in Familienstrukturen zu beobachten (Alleinerziehende, Doppelverdienende, soziale und geografische Mobilität usw.). Man weiss viel darüber, wie Kinder von den Eltern Werte erlernen. Trotzdem wurde die Rolle der Grosseltern in der Frage der Wertevermittlung kaum erforscht: Wie kann das Beziehungsgeflecht dreier Generationen bezüglich emotionaler Unterstützung und der Weitergabe von Werten beschrieben werden?
Ziele
Das Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Hypothese zu überprüfen, wonach Eltern und Grosseltern Werte in verschiedener Weise vermitteln. Dabei wird insbesondere die Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern im Vergleich zu derjenigen zwischen Eltern und ihren Kindern untersucht. Es wird der Versuch unternommen, Werteübereinstimmungen und -widersprüche über drei Generationen hinweg zu beschreiben, indem Ähnlichkeiten und Differenzen der Werte einerseits durch die Eigenschaften der einzelnen Wertebeziehungen, andererseits durch die Entwicklungsaufgaben der Grosseltern, Eltern, Jugendlichen und Kinder aufgezeigt werden.
Methoden/Vorgehen
Für die quantitative Untersuchung werden Triaden von Kindern mit je einem Teil ihrer Eltern und Grosseltern befragt, wobei zwischen Kindern im Alter von 9–11 und Jugendlichen von 14–16 Jahren unterschieden wird. Die Gruppe der Grosseltern wird ebenfalls eingeteilt in jüngere (40–60-Jährige) und ältere (60–80-Jährige). Nach einer ersten Auswertung werden einige Einzel- und Familieninterviews gefilmt und mit qualitativen Methoden analysiert, um besser verstehen zu können, wie Werte vermittelt werden.
Bedeutung
Durch das Projekt wird eine neue Theorie der Werteentwicklung in einem grösseren Familienkontext aufgezeigt. Der Fokus richtet sich darauf, wie und was Kinder von ihrer Beziehung zu den Grosseltern lernen. Wenn wir verstehen wollen, wie Familienkultur sich verändert oder erhält, ist das Verständnis der Mechanismen der Wertevermittlung innerhalb der intergenerativen Beziehungen unverzichtbar.
Projektdauer: 01.10.03–31.03.06
Bewilligtes Projekt: CHF 200 098
Proposal no.: 405240-69006
Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Fritz Oser
Universität Freiburg
Departement Erziehungswissenschaften
Rue Faucigny 2
1700 Freiburg
Tel. 026 300 75 60/61
Fax 026 300 97 11
E-Mail <email-pii>
Dokumente:

||Oser_poster.pdf

Oser_poster.pdf (109KB)
|12.01.2005

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||Zwischenbericht August 2005

Abstract_0805.pdf (77KB)
|01.09.2005

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||Artikel horizonte, März 2007

NFP52_Oser_horizonte_07_d.pdf (162KB)
|30.03.2007

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