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«Kaschperowa famoser Kerl, nie dagewesener Erfolg»
Igor Strawinskys Klavierlehrerin, Leokadia Kaschperowa-Andropowa, wird wiederentdeckt und entpuppt sich als vielseitige Komponistin, Interpretin und Lehrerin.
Daniel Lienhard — Mit Galina Ustwolskaja und Sofia Gubaidulina kommen zwei der berühmtesten Komponistinnen des 20. Jahrhunderts aus Russland. Bis vor kurzem völlig unbekannt war hingegen die einige Jahrzehnte ältere Leokadia Kaschperowa. Sie wurde 1872 bei Jaroslawl nordöstlich von Moskau geboren. Ihre Wiederentdeckung als Komponistin geht hauptsächlich auf das Konto des Londoner Musikwissenschaftlers Graham Griffiths. Bei der Arbeit an seinem Buch über Igor Strawinskys Klaviermusik fiel ihm auf, dass der Komponist seine Klavierlehrerin in seiner Autobiographie ohne Namensnennung zwar als «ausgezeichnete Pianistin und sehr musikalisch» bezeichnete, man aber kaum etwas über sie wusste. Mehrere Studienreisen nach Russland förderten einiges an biographischem Material zutage.
Kaschperowa wuchs in einem Elternhaus auf, in dem die Beschäftigung mit Musik, Dichtung und Malerei selbstverständlich war. Ihre Begabung für das Klavierspiel wurde früh entdeckt und entsprechend gefördert. Da man am Moskauer Konservatorium nur ein Hauptfach belegen durfte, wählte sie die Musiktheorie, besuchte aber parallel dazu die Klavierklasse von Anton Rubinstein, des Direktors des Konservatoriums. Rubinstein war für Kaschperowa ein grosses Vorbild, was Strawinsky zu der Bemerkung veranlasste, sie sei «völlig beherrscht von ihrer Begeisterung für den grossen Meister, dessen Ansichten sie blind teilte». Nach ihrem fulminanten Abschluss telegraphierte das Prüfungskollegium auf Deutsch an Rubinstein: «Kaschperowa famoser Kerl, nie dagewesener Erfolg». Als Abschluss ihrer Kompositionsstudien dirigierte sie selbst ihre Kantate Orvasi, obwohl Rubinstein strikt gegen Frauen am Dirigierpult war.
Bis 1905 unterrichtete sie an der St. Petersburger Musikschule, wo Strawinsky von 1899 bis 1902 ihr Schüler war. Er schreibt, dass sie es verstand, «meinem Klavierspiel in musikalischer und technischer Hinsicht einen neuen Aufschwung zu geben.»
Regelmässig trat sie als Solistin und Kammermusikerin auf, oft mit eigenen Werken. Ihr verschollenes Klavierkonzert op. 2 erklang in Moskau, St. Petersburg und Berlin. Besonderen Erfolg hatte sie mit ihren drei Cellosonaten. Komponisten wie Alexander Glasunow und Mili Balakirew vertrauten ihr die Uraufführungen ihrer Klaviersonaten an. Die Sängerin Monika Hunnius erinnert sich, wie Kaschperowas Interpretationen auf ihre Umgebung wirkten: «Wenn sie spielt, klingt‘s immer, als improvisierte sie, so eigen, wie im Moment geboren, klingt alles.»
1905 erschien ihre Symphonie in h-moll op. 4 im Druck, die knapp 40 Minuten dauert. Kaschperowa komponierte originell, ohne besonders modern sein zu wollen. Dankbare Soli für alle Instrumente machen das Werk abwechslungsreich, das mit seinen Volksmusikthemen ganz in der russischen Tradition verankert ist und das Pathos nicht scheut. Anders als die meisten Zeitgenossen ist die Komponistin von der Harmonik Wagners oder gar Skrjabins ziemlich unbeeinflusst.
1916 heiratete sie ihren Klavierschüler Sergej Wassiljewitsch Andropow, einen Militäringenieur und Revolutionär der ersten Stunde. Wohl auch dank seiner intimen Kenntnis der politischen Situation überlebte das Ehepaar die Revolution und den Bürgerkrieg unbeschadet. Ab 1922 wohnten sie in Moskau, wo Kaschperowa privat unterrichtete und Kammermusikkonzerte gab. Die Komposition grosser Werke gab sie zugunsten von Klaviermusik und Liedern auf.
Nach ihrem Tod 1940 geriet ihr Name in Vergessenheit. Es scheint, als ob die Zeit jetzt reif wäre, sie als Komponistin wiederzuentdecken. Der Musikverlag Boosey & Hawkes hat 2018 begonnen, die Werke der Russin in Neueditionen zu publizieren. Am 4. April 2020 findet in einem Konzert des Orchestre national de Lyon unter der Leitung von Cristian Măcelaru die französische Erstaufführung ihrer h-moll-Symphonie statt.