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Etwa zwanzig Prozent der Schulkinder in der Schweiz haben einen Migrationshintergrund. Im Vergleich zu Schweizer Kindern haben es die Migrantenkinder in der Schule vor allem deshalb schwerer, weil sie andere Lernvoraussetzungen mitbringen. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind deutlich unterrepräsentiert in den Sekundarschulen und vor allem im Gymnasium, damit besteht auch eine geringere Chance, ein Studium aufzunehmen.
Die Bildungschancen von Migrantenkindern in der Schweiz hat Bildungssoziologe Rolf Becker untersucht. Er berichtete darüber an der Universität Zürich im Rahmen eines Gastvortrags des Instituts für Erziehungswissenschaften der UZH. Becker lehrt an der Universität Bern.
Wie jedoch kann man die Nachteile erklären? Becker listete mehrere theoretische Ansätze auf, wie zum Beispiel die These kultureller Defizite, die davon ausgeht, dass bestimmte ethnische Gruppen kulturelle Verhaltensweisen mitbringen würden, die nicht zur Bildungsstruktur des Einwanderungslandes passen. Oder die These der institutionellen Diskriminierung: Aufgrund von Struktur und Organisation des Bildungssystems würden Migrantenkinder ausgeschlossen und überproportional in Sonderklassen abgeschoben.
Im Aufwind sei heute eher die Theorie, die die Unterschiede nicht kulturell erkläre, sondern die Nachteile der Migrantenkinder darin begründet sehe, dass ihre Eltern über geringere sozioökonomische Ressourcen verfügen, um ihre Kinder entsprechend zu fördern. Diesen Ansatz verfolgt auch Becker. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel entscheiden sich viele Eltern mit Migrationshintergrund für eine kurze und finanziell risikoarme Ausbildung ihrer Kinder.
Hinzu kommt, dass vielen Eltern das Schweizer Bildungssystem sehr fremd und komplex erscheint, häufig fällt auch deshalb der Entscheid für eine einfache schulische Laufbahn der Kinder, die man meint einschätzen zu können. «Hier bleiben die Kinder mit Migrationshintergrund auf der Strecke», sagte Rolf Becker. «Festzustellen bleibt, dass die Ethnie einen weitaus geringeren Effekt auf die Bildungschancen hat als die sozioökonomischen Ressourcen der Eltern.»
Haben die Eltern nämlich ein gutes finanzielles Polster und stammen aus höheren Sozialschichten, so scheuen sie in der Regel die Kosten für die weiterführende Bildung nicht. Sie investieren in die Ausbildung ihrer Kinder.
Becker hat festgestellt, dass bei Migrantenkindern, die vorschulische Betreuungsangebote nutzen und den Übergang von der Primarschule zur Sekundarschule A schaffen, die Unterschiede zwischen den Nationalitäten verschwinden. Oft sei es sogar so, dass diese Kinder besonders leistungsorientiert seien.
Eher erfolgversprechend für die Förderung der Bildungschancen von Migranten seien Massnahmen, die die elterlichen Bildungsentscheidungen so beeinflussen, dass leistungsfähige Migrantenkinder das Angebot höherer Bildung auch wirklich nutzen können.
Zudem wirkten sich gute Deutschkenntnisse positiv auf den schulischen Erfolg aus. Schüler mit besseren Deutschnoten gehen auch eher auf die Sekundarschulen. Deshalb sollten, so Becker, Massnahmen getroffen werden, die Migrantenkinder darin unterstützen, Deutsch zu lernen.
Gegen die These einer Diskriminierung der Migrantenkinder durch Lehrpersonen oder durch die Bildungsinstitutionen verwahrte sich Becker. Davon könne nicht die Rede sein. Anders jedoch in der Berufsausbildung. Bei der Selektion durch die Lehrbetriebe spielten äussere Merkmale nach wie vor eine Rolle.