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veröffentlicht am Mittwoch, 25.02.2015 19.02 Uhr
Deutsch ab der 1. Klasse à durchschnittlich 5 Lektionen
Englisch ab der 3. Klasse à durchschnittlich 2.5 Lektionen
Französisch ab der 5. Klasse à durchschnittlich 2.5 Lektionen
So sieht die kantonale Stundentafel aller Sprachen auf der Primarstufe seit 2008 aus. Damals kam das Englisch ab der 3. Klasse neu hinzu, wobei als Kompensation Lektionen in der Mathematik, dem Deutsch und der Gestaltung abgebaut wurden. 2009 trat unser Kanton dann per Volksabstimmung dem HarmoS-Konkordat bei, was insofern keine Rolle spielte, als dass in diesem Konkordat genau diese bereits bestehende Fremdsprachenregelung vorgesehen ist. Es wurde also etwas zugestimmt, das bereits bestand.
Sehr ähnlich sieht es in den Kantonen Nidwalden und Thurgau aus (Englisch ab der 3., Franz ab der 5.). Im Gegensatz zu uns verwarfen das Nidwalder sowie das Thurgauer Stimmvolk das HarmoS-Konkordat jedoch. Beide sind also nicht an diese Regelung gebunden.
Das Parlament des Kantons Thurgau hat den Französisch-Unterricht bereits mit einem Entscheid im Sommer 2014 auf die Oberstufe verschoben. Auf das Gleiche zielt eine Initiative, die in Nidwalden am 8. März zur Abstimmung kommt. Uri, Appenzell Innerrhoden und Aargau kennen gar kein Französisch auf der Primarstufe. Wie sinnvoll ist also der Umstand, dass Primarschüler zusätzlich zum Deutsch noch zwei Fremdsprachen lernen?
Diverse Untersuchungen
Es wäre zweifelsfrei genial und für die Wirtschaft nur förderlich, wenn alle Kinder bereits am Schluss der Primarschule neben der Muttersprache auch noch zwei Fremdsprachen beherrschen würden. Die Praxis zeigt jedoch, dass dies lediglich auf die sprachlich begabtesten Schülerinnen und Schüler zutrifft. Viele Kinder tun sich schwer mit zwei Fremdsprachen, indem sie beispielsweise Wörter und Grammatik aller drei Sprachen verwechseln.
2010 verglich Seklehrer Urs Kalberer gut 200 Knaben und Mädchen der ersten Oberstufenklasse nach einem halben Jahr. Einige hatten bereits in der Primarschule vier Jahre Englischunterricht, andere nicht. Seine interessante Erkenntnis: Nach einem Semester waren beide Gruppen etwa gleich stark - der Vorsprung des Frühenglischs war also in kürzester Zeit praktisch vollständig dahingeschmolzen.
Im entsprechenden 10vor10-Beitrag wurde Kalberers Fazit von Erziehungswissenschaftlerin Andrea Haenni Hoti niedergeputzt. Seine Masterarbeit sei nicht aussagekräftig und auch nicht wissenschaftlich. Jeder Sekundarlehrer schreibe heute ja eine Masterarbeit, was nicht mit wissenschaftlicher Arbeit zu vergleichen sei. Den Gegenbeweis - nämlich, dass Frühenglisch nachhaltig etwas bringt - konnte Haenni Hoti nicht liefern.
Ob sie die Seriosität von Kalberers Studie anzweifelte, weil sie ihre Berufsbezeichnung rechtfertigen wollte, sei dahingestellt. Jedenfalls war ich überrascht ob der Tatsache, dass die Unterschiede so klein sind, wenn es sich auch um eine eher knappe Stichprobe handelt.
2014 wies dann Dr. Simone Pfenninger in einer (wohl auch für Haenni Hoti) wissenschaftlichen Langzeitstudie nach, dass es bei der Fremdsprachkompetenz der 18-Jährigen keinen signifikanten Unterschied ergibt, ob früh oder spät mit dem entsprechenden Fach begonnen wird. Die Empfehlung: Französisch durchaus schon in der Primarschule, Englisch getrost ab der Oberstufe.
Als Begründung führt sie neben dem gängigen Argument des nationalen Zusammenhalts die Tatsache ins Feld, dass Englisch bei Jugendlichen viel beliebter ist und daher auch schneller gelernt werden kann als Französisch. Oder noch kürzer ausgedrückt: Wenn man auf der Sekundarstufe mit dem Englisch beginnt, reicht das noch aus, um auf ein vernünftiges Niveau zu kommen.
Gutes Deutsch als Basis
Eine weitere Aussage von Pfenningers Studie: "Wer in Deutsch gut ist, lernt besser Englisch". Es ist eine längst bekannte und x-fach nachgewiesene Tatsache, dass man jede weitere Sprache einfacher lernt, je besser man die Erstsprache beherrscht. Das gilt vor allem für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, lässt sich aber natürlich auch auf den Fremdsprachenunterricht in unseren Schulen ummünzen.
Dass eine gute Deutschkenntnis Grundlage für einen effizienten Fremdspracheerwerb ist, sollte unter zwei Aspekten bedacht werden:
- Erstens haben einige Kinder Deutsch bereits als erste Fremdsprache und beherrschen nicht selten weder ihre Muttersprache noch Deutsch auf einem so hohen Niveau, dass sie Englisch problemlos ab 8 Jahren erlernen könnten.
- Zweitens wurden - wie eingangs erwähnt - bei der Einführung des Frühenglischs auch Deutschlektionen gestrichen.
Es ist also höchst bedenklich, bereits ab der 3. Klasse eine Fremdsprache einzuführen.
Aus meinen bisherigen Erläuterungen mag meine persönliche Meinung durchdringen, dass der Englisch- und nicht der Französischunterricht auf die Oberstufe zu verlagern sei. Tatsächlich halte ich das für den besten Weg. Als viel wichtiger erachte ich jedoch, dass überhaupt nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule unterrichtet wird. Ob das dann Englisch oder eine zweite Landessprache ist, hat zweite Priorität.
Selbst SP-Kantonsrat und Schulleiter Ruedi Blumer betont, dass es nicht immer nur easy und schon gar nicht facile ist: "Fakt ist, dass etwa zwei Drittel aller Schüler Mühe haben, neben Deutsch zwei Sprachen zu lernen".
Durch das Verschwinden einer Fremdsprache auf der Primarstufe würden Lektionen frei, die in die Kernfächer Deutsch und Mathe aber auch den Gestaltungsunterricht investiert werden könnten.
Die JSVP SG empfiehlt allen Nidwaldner Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, am 8. März ein JA zur Fremdspracheninitiative in die Urne zu legen.
Um in St. Gallen nachziehen zu können, müssten wir als ersten Schritt aus dem HarmoS-Konkordat aussteigen.