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… gut leben und geniessen …
Möchtest Du in einer Nachbarschaft wohnen, wo im August vierzig Sorten Tomaten direkt vom Strauch auf Deinen Teller kommen? Dazu eine selbst produzierte Mozzarella aus der hausinternen Molkerei? Oder gehörst Du vielleicht zu jenen, die im Herbst, wenn die im Sommer gemästeten Schweine geschlachtet werden, alles von der Schnauze bis zum Schwänzchen essen wollen? Von einem Schwein, das auf einem Bauernhof gelebt hat, wo Du im Sommer Peperoni, Mangold, Auberginen, Gurken und Bohnen selbst geerntet hast? Willst Du wissen, wie glücklich die Hühner wirklich sind, die zuerst Eier legen und dann im Suppentopf enden? Wie hiess der Hahn schon wieder? Charlie? Walter?
Wir wollen gut essen und sollten zugleich in dichten Städten wohnen. Das erste ist wichtig für unser Wohlbefinden, das zweite ist notwendig, damit es das Kulturland, wo das gute Essen produziert wird, überhaupt noch geben wird. In den Städten selbst können wir – vom Balkonkistchen bis zum Gemeinschaftsgarten – höchstens zwei Prozent unserer Lebensmittel produzieren. Das ist schön und macht Freude, ist aber keine Lösung des Ernährungsproblems. Viel gescheiter ist es, wenn wir zugleich mehr Stadt machen, also das Stadtleben wieder kooperativ und intensiv gestalten und zugleich mehr Land machen, also stadtnahes Kulturland zurückgewinnen, Streusiedlungen abbrechen oder umbauen.
Die Lebensmittelversorgung wurde im Zuge der Industrialisierung den Bauern und Grossverteilern überlassen. Arbeitsteilung ist bekanntlich effizient, Spezialisierung nötig. Leider hat das bei der Ernährung nie richtig funktioniert. Landwirtschaft ist eigentlich gar kein Wirtschaftszweig. Zu viele Faktoren machen sie unberechenbar – Wetter, Schädlinge, Bodenqualität. Kühe kann man nicht abstellen wie Maschinen. Die Herstellung von Lebensmitteln gleicht eher der Pflegearbeit als der industriellen Produktion. Sie ist daher nicht rentabel unter kapitalistischen Bedingungen, ausser man treibt Raubbau.
In der Schweiz ist die Landwirtschaft praktisch verstaatlicht: sie lebt von Subventionen und künstlichen Preisen. Die Bäuerinnen kennen ihre Konsumentinnen kaum mehr, sie arbeiten sozusagen als Kontraktarbeiterinnen von Grossverteilern. Dieses System war immer störungsanfällig und ist heute in Krise. Die Landarbeit ist nicht befriedigend, das Grossverteilersystem ist unökologisch und intransparent, Lebensmittelskandale häufen sich, die Qualität ist nivelliert auf leicht zu vermarktende Sorten, die Konsumentinnen sind enttäuscht – und vor allem generiert dieses System eine gigantische Lebensmittelverschwendung von 50 Prozent. Da die Ernährung 28 Prozent der Umweltbelastung ausmacht – der private Verkehr 12,2 – ist das heutige System schon rein ökologisch nicht haltbar. Allein der Food-waste belastet also die Umwelt mehr als der ganze Privatverkehr!
Unter dem Zwang eines Wirtschaftssystems, das auf Wachstum und daher die Ausweitung des Konsums ausgerichtet ist, sollen Lebensmittel möglichst billig sein. Wir geben 7 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus – das darum, damit mehr übrig bleibt für Autos, Wohnen, elektronischen Kram, Fernreisen usw. Der Staat, das heisst wir selbst, mit unseren Steuern, muss also die Landwirtschaft subventionieren, damit genug Geld für die profitableren Konsumausgaben übrig bleibt. Lebensmittel und Benzin müssen billig sein, sonst bricht das Wachstum zusammen. Was aber ist mit dem Boden und dem Klima?
Diese Logik muss vollständig auf den Kopf gestellt werden. Gute Lebensmittel sind das Wichtigste für ein gutes Leben. Und gut zu leben, ist eine Voraussetzung für Gesundheit und ein gewaltfreies Zusammenleben. Gute Lebensmittel heisst nicht nur, dass etwa der Salat biologisch ist. Vielmehr müssen sie unter guten Arbeitsbedingungen, mit Freude am Werk, so nah wie möglich und «nachverfolgbar» – das heisst letztlich persönlich verknüpft – produziert werden.
All diese Ziele verfolgt das Mikroagro-Konzept von Neustart Schweiz. Es schafft die passenden Grössenordnungen, so dass eine neue, solidarische Logistik entstehen kann, die Produzentinnen und Konsumenten zusammen bringt, ja sogar ihre Rollen teilweise austauschbar macht. Das heute populär gewordene «Urban Gardening» zeigt, dass die Städterinnen wieder wissen wollen, wie Pflanzen und Tiere wachsen und wie man sie pflegt.
Wer selbst die Bauernbetriebe kennt, wo die Milch herkommt, wer vielleicht selbst schon die Karotten geerntet hat, der braucht kein Label um Sicherheit herzustellen. Damit diese neue Lebensmittelversorgung genügend effizient funktionieren kann, müssen sich Konsumentinnen und Bäuerinnen umstellen. Einfach nur mit dem Kesseli in der Hand (per Auto) zur netten Biobäuerin zu fahren, wird nichts bringen. Individuelle Lösungen gibt es im Ernährungsbereich nicht, wir schaffen das nur zusammen.
In der Stadt bilden wir Nachbarschaften, auf dem Land schliessen sich möglichst benachbarte Bäuerinnen zu einer Landbasis zusammen. Es braucht etwa 60 ha Land um den grössten Teil unserer Lebensmittel zu produzieren. Das heisst wiederum, dass die Landbasis einer städtischen Nachbarschaft bis zu 50 km entfernt sein kann. Da aber die Lieferungen relativ gross sein werden (6000 kg pro Woche) und nur drei Mal pro Woche erfolgen, stellt diese Distanz keine grosse Umweltbelastung dar. Wenn man bedenkt, dass Zwischenlager, Grossverteiler, Verarbeitungsbetriebe und Shoppingausflüge wegfallen, dann ist diese neue Logistik ökologisch viel besser. Zugleich bestimmen wir selbst Sortiment, Qualität und Verarbeitungsart. Nachbarschaften sind auch Gourmetgemeinschaften. Und sie haben die professionelle Kompetenz, den Food-Waste drastisch zu reduzieren.
Wie wir es schaffen können, selbst für gutes Essen zu sorgen, erfährst Du aus unserem Buch «Nach Hause kommen».
Alle von Neustart Schweiz beschriebenen Genossenschaften haben Projekte zur eigenen Ernährung, sei es ein Depot, einen Laden, eine Gemüsekooperative oder eigene Gärten. Bei vielen gehört gemeinsames Kochen und Essen zum Konzept.
Das Neustart-Modell beinhaltet im Bereich Landwirtschaft und Ernährung vier grundsätzliche Ziele:
- Die ökologische Bewirtschaftung
- Die landwirtschaftliche Produktion ist auf die Bedürfnisse bzw. direkte Versorgung von Nachbarschaften ausgerichtet. Diese finanzieren den Betrieb und nicht die einzelnen Produkte
- Gute Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft
- Partizipative Regionalentwicklung und eine gegenseitig bereichernde und interessante Stadt-Land Beziehung
Das sind auch die Grundsätze der solidarischen Landwirtschaft, siehe:
Selbstverständlich können nicht alle Lebensmittel in der Schweiz oder im mitteleuropäischen Raum (warum soll nicht einmal eine Landbasis jenseits der nationalen Grenzen sein?) hergestellt werden. Denken wir nur an Kaffee, Tee oder Kakao. Fairer Austausch ist aber möglich. Also brauchen wir nicht nur Mikroagro, sondern auch globale Austauschbeziehungen, die nach den gleichen Prinzipien funktionieren. Dank Internet gibt es da kaum Kommunikationsprobleme.
Mit diesem Aspekt befassen sich viele Netzwerke, die mit Nachbarschaften oder Quartieren verbunden werden können: