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Die USA sind der grösste Ölproduzent. Dank der sogenannten Fracking-Methode, bei der Öl und Gas aus Schiefergestein gewonnen wird, haben sie Russland an der Spitze abgelöst. Die neue Position verändert die Interessen des Landes.
Ed Morse sitzt in seinem Büro mit Blick auf die Wolkenkratzer von Manhattan. Im riesigen Saal nebenan, starren dutzende junger Männer konzentriert auf ihre Bildschirme. Sie handeln mit Öl und Gas für die US-Bank Citigroup. Der amerikanische Ölrausch findet auch hier statt. Ed Morse leitet die Rohstoff-Studienabteilung der Bank.
«Die USA sind das am schnellsten wachsende Ölproduktionsland der Welt», sagt Ed Morse. Nirgends sei die Erdölproduktion je so schnell gewachsen wie heute in den USA. Dies dank neueren Technologien, die neben Gas auch Öl aus Schiefergestein und aus dem Meeresboden holen.
China kauft für niedrigere Preise
Das zeigt bereits deutliche Auswirkungen: Die Nachfrage der USA auf dem Weltmarkt ist stark gesunken, der Handel verschiebt sich. Als erste sind Nigeria und andere westafrikanische Staaten betroffen. Sie fördern «light sweet crude» – die Sorte Erdöl, die bis vor kurzem in den zahlreichen US-Raffinerien am Golf von Mexiko gebraucht wurde.
«Die USA haben praktisch das gesamte nigerianische Erdöl aufgekauft, nun kaufen sie nichts mehr davon», sagt Ed Morse. Das Öl stammt nun aus den Böden unter North Dakota. Nigeria fand neue Abnehmer wie China, aber für weniger hohe Preise.
Das sei ein Problem für ärmere Ölförderländer wie Nigeria, Algerien, Yemen und Syrien, aber zunehmend auch für die gewichtigeren Ölmächte wie Saudi Arabien, Venezuela und Russland, sagt Ed Morse. Deren Staatsfinanzen sind von hohen Öleinnahmen abhängig.
OPEC-Kartell verliert an Einfluss
Kommt es wie der Citigroup-Rohstoffexperte voraussagt, so wird der Öl-Preis in den nächsten Jahren sinken. Für Saudi Arabien, Russland und Venezuela bedeutet das, dass sie ihre Staatsausgaben nicht mehr finanzieren können. Und Saudi Arabien wird den Preis nicht mehr in die Höhe treiben können, indem das Land den Ölhahn etwas zudreht. Das von ihm dominierte Kartell OPEC verliert an Einfluss, je mehr sein Marktanteil sinkt.
Der amerikanische Erdölboom könnte also gewichtige geopolitische Folgen haben: Das strategische Interesse der USA an Saudi Arabien nimmt ab, US-Kriege für das Erdöl werden unnötig.
«Möglich», sagt Ed Morse. Eine weltpolitische Folge habe der Boom bereits gezeigt, meinen viele Beobachter in den USA: Das Iran-Embargo wäre nicht zu Stande gekommen, wenn deswegen der Ölpreis gestiegen wäre. Die beteiligten Länder hätten nur mitgemacht, weil es sie nicht schmerzte. «Ich denke, die tiefen Preise haben eine entscheidende Rolle gespielt», sagt Ed Morse.
Rollenteilung bedeutet Machtverlust
Ed Morse schätzt, dass die USA in rund acht Jahren genug Erdöl herstellen werden, um den eigenen Bedarf zu decken. Da stellt sich auch die Frage, ob die USA bereit bleiben, die Seewege für den Welthandel zu sichern. Denn das ist teuer. Oder ob sie ihre Rolle als Meereshandelspolizei teilweise aufgeben werden.
«Es ist klar dass China und Indien ein grösseres Interesse haben werden an sicheren Seewegen für Öl», sagt Ed Morse. Aber noch seien die USA nicht bereit, diese Rolle, die auch mit Macht verbunden ist, zu teilen.