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Unter die Haut und ins Herz
Eine meiner Lieblingsveranstaltungen letztes Jahr war ein Podiumsgespräch in Baden, an dem ich Bücher vorstellen durfte, die mich und mein Schreiben wesentlich beeinflusst haben. Ich musste keine Minute darüber nachdenken, welche Bücher ich mitnehmen würde, ich musste sie auch nicht lange suchen in meinem Bücherregal. Was einen prägt, vergisst man nicht.
«Die Outsider» von Susan E. Hinton
Das Buch über die jungen Aussenseiter Darrel, Sodapop und Ponyboy hat mich durch meine Jugendzeit begleitet. Ich weiss nicht, wie oft ich es gelesen habe, aber ich weiss, dass ich jedes Mal an genau der gleichen Stelle bittere Tränen vergossen habe. Dass das Buch von einer siebzehnjährigen Autorin stammt, hat mich zutiefst beeindruckt und in meinem damaligen Schreiben motiviert. Ich habe auch andere Bücher von ihr gelesen, «Rumble Fish» zum Beispiel, das ich noch trauriger fand als «die Outsider». Ich bin überzeugt, dass es unter anderem Susan E. Hinton war, die mir die Themen für meine Jugendbücher mit auf den (Lebens)Weg gegeben hat.
«Flight of the Stone Angel» von Carol O’Connell
Dieses Buch las ich ungefähr zu der Zeit, als ich ernsthaft mit dem Schreiben begann. Der Klappentext hatte mich im Sturm genommen, denn er erinnerte mich an die unzähligen Wild West Romane meines Grossvaters, die ich als Jugendliche stapelweise verschlungen habe. Die weibliche Protagonistin Kathy Mallory war für mich in ihrer Kälte so was wie eine Offenbarung und die Erzählsprache von Carol O’Connell so messerscharf, dass ich auf der Stelle entschied: So, exakt so intensiv, will und werde ich schreiben. Erst im Verlaufe des Lesens fand ich heraus, dass ich mit Band 4 einer Serie begonnen hatte, in der sich vieles auflöste, was sich über die ersten drei Bände angebahnt hatte. Ich las auch die ersten drei Bände und später dann die nachfolgenden. Und ich borgte mir für meine Geschichten als Pseudonym den Namen von Kathy Mallory: KT Mallory. Sie wurde zu meinem Alter Ego, beeinflusste meine Protagonist*innen und meine Art zu schreiben. Viel später wurde sie Vorbild für meine Kata in der «Lost Souls» - Serie. (Ein kleiner Disclaimer an dieser Stelle: Man kann die Mallory Bücher nur im englischen Original lesen; die deutschen Übersetzungen werden der Erzählsprache von Carol O’Connell leider überhaupt nicht gerecht.)
«Killing God» von Kevin Brooks
Als ich schon meine ersten Bücher veröffentlicht hatte, entdeckte ich den Autor Kevin Brooks. Meine Tochter brachte das Buch «Lucas» von ihm aus der Schulbibliothek nach Hause und legte es auf den Küchentisch. Ich schlug es wahllos auf und begann zu lesen. Kevin Brooks eroberte mein Herz mit dem ersten Satz, den ich je von ihm gelesen hatte. Ich sass an unserem Küchentisch und hatte nach diesem einen Satz Tränen in den Augen. Und ich sagte mir: «Jemand, der das alleine mit seiner Sprache schafft, der ist ein Genie.» Ich merkte schnell, dass Kevin Brooks mich auch mit einem Satz zum Lachen bringen kann und er die Fähigkeit besitzt, mir mit einem Satz die Härchen an den Armen aufzurichten. Rasiermesserscharf ist eine Verniedlichung für seinen Schreibstil. Seine Erzählsprache dringt wie ein Skalpell durch die Haut und das Gewebe; es blutet, bevor man überhaupt merkt, dass es wehtut. Und der Schmerz bleibt, nistet sich ein und wohnt in einem drin. (Ein kleiner Disclaimer auch hier: Wer ein Happy End für eine Geschichte braucht, ist bei Kevin Brooks an der falschen Adresse.) Warum ich «Killing God» und nicht «Lucas» als Buch gewählt habe, das mich beeinflusst hat, hat einen Grund. Noch bevor ich mit dem Schreiben meines Buches «Freerunning» begann, entschied ich mich, es Kevin Brooks zu widmen, meinem Schreibidol und Schreibvorbild. Der Zufall wollte es, dass ich während des Schreibprozesses an der Frankfurter Buchmesse völlig ungeplant und unvorbereitet zu meiner ersten Lesung von Kevin kam. Mit weichen Knien und laut klopfendem Herzen sass ich da und hörte gebannt zu, wie er aus seinem Buch «Killing God» vorlas. Nach der Lesung haben wir ein paar Worte gewechselt und ich denke, ich war in jenem Moment der glücklichste Mensch auf der ganzen Buchmesse. Nach der Lesung, beim Schreiben während der Zugfahrt zurück nach Hause, platzte genauso ungeplant und unvorbereitet wie ich bei Kevins Lesung eine neue Figur in mein Buch … und sie blieb, bis zum Ende. Ihr Spitzname: Gott.
Ohne diese drei Bücher würde ich wahrscheinlich auch schreiben. Aber dass ich schreibe, wie ich nun mal schreibe, und worüber ich schreibe, daran haben sie einen sehr grossen Anteil. Und dafür danke ich Susan E. Hinton, Carol O’Connell und Kevin Brooks aus ganzem Herzen.