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Grundsätzlich geht unser Erstklässler gern zur Schule. Nur leider nicht, weil er es so toll findet, Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen. Sondern, weil er dort seine Freunde trifft. Als im Herbst im Libanon die Revolution ausbrach, wurde diese Freude abrupt gestoppt: Zuerst für zwei, drei Tage, dann für eine Woche, dann nochmals eine Woche.
Die Schule, auf die unsere Kinder in Beirut gehen, tat sich anfänglich schwer damit einzusehen, dass der Unterricht in dieser Situation nicht aufrechterhalten werden konnte.
Nervenaufreibende Tage
Anfänglich kamen die E-Mails noch täglich, beziehungsweise nächtlich (meistens wurde die Schulschliessung für den kommenden Tag gegen Mitternacht verkündet). Dann in immer grösseren Abständen.
Und während wir von den Ereignissen selbst verunsicherten Eltern versuchten, den Kindern trotz brennender Autoreifen und wütender Demonstrationen einen strukturierten Alltag zu geben, in dem sie sich aufgehoben fühlten und keine Angstzustände entwickelten – denn die Geschehnisse konnten wir nicht vor ihnen verbergen – versuchte die Schule, Alternativen aufzubauen.
Als die Proteste geordneter wurden und die erste Gefahr, dass der Aufstand gewalttätig werden könnte, abflaute, versuchte die Schulleitung, wieder Unterricht abzuhalten. Doch nach einer Woche Halbtages-Unterricht musste die Schule wieder geschlossen werden.
Das alte System versuchte, die Revolution mit Gewalt zu kapern, Verkehrswege waren wieder blockiert oder zumindest gefährdet, die Sicherheit nicht gewährleistet. Unser Sohn entwickelte die Angst, dass wir Eltern am Ende eines Schultages nicht mehr in der Lage sein würden, ihn abholen zu können. Es waren nervenaufreibende Tage.
Pascal Weber
Nahost-Korrespondent, SRF
Seit 1999 arbeitet Weber für SRF. Als Redaktor und Produzent war er zunächst in der Sportredaktion tätig, danach bei «10vor10». Seit September 2010 ist er Korrespondent im Nahen Osten. Folgen Sie ihm auf Twitter, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Gefährdetes Schuljahr
So ging das während mehrerer Wochen. Und weil angesichts des sich abzeichnenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Libanon und der andauernden Proteste nicht absehbar war, wie das Schuljahr weitergehen würde, arbeitete die Schule mit Hochdruck an alternativen Unterrichtsformen.
Kamen anfänglich noch reine Text-Mails, wurden es bald Filmchen mit Aufgaben. Als nun die Schulen im Libanon zwei Wochen früher als in der Schweiz wegen des Corona-Virus landesweit geschlossen werden mussten, war unsere Schule bereit: über eine App mit dem treffenden Namen «Seesaw», zu deutsch «Wippe» oder auch «Hin und Her», erhält unser Sohn jeden Morgen pünktlich zum üblichen Schulbeginn von seiner Lehrerin die Aufgaben des Tages.
Das sind manchmal kleine Filme, manchmal Aufgabenblätter, manchmal einfach eine Geschichte, die die Lehrerin erzählt. Aber immer genauso, wie es der Stundeplan an diesem Tag sowieso vorsieht.
Immer selbständigere Schüler
Über dieselbe App kann unser Erstklässler seine Geschichten, seine Rechnungslösungen oder seine Leseübungen wieder zurückschicken. Anfänglich musste ein Elternteil noch permanent bei diesem «Homeschooling» dabei sein. Weil ich selbst gerade aus dem Iran zurückgekehrt war und aus Vorsicht sowieso in einer Art häuslicher Quarantäne war, hatte ich viel Zeit und konnte diese gemeinsame Schule zuhause voll und ganz geniessen.
Seit einigen Tagen kann er die Aufgaben aber immer selbständiger abrufen und lösen. Die Schule zuhause wurde zu einer normalen Routine, die erstaunlich gut funktioniert. Nur seine Freunde kann selbst die beste Heimschule nicht ersetzen.