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Durch Sardinien
Von Prof. H. Schiess ( Sektion Basel ).
( Von Cagliari nach Sassari über den Genargentù. ) Bei meinem kurzen Aufenthalt in Cagliari mit meinem Sohne P. war ich von den dortigen Kollegen der verschiedenen Fakultäten, Medizinern, Juristen und Philosophen, mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit behandelt worden. Am 27. Februar 1894 hatte man uns sogar ein kleines Bankett unter dem Präsidium des Rektors der Universität veranstaltet, wo man erst spät sich trennte. Wie waren wir aber erstaunt, als wir in der Morgendämmerung des 28. beim kleinen Bahnhof den Specialkollegen G. und den Juristen S. antrafen, die sich 's nicht hatten nehmen lassen, uns noch einmal die Hand zum Abschied zu drücken, und uns noch eine Empfehlung nach Arizzo brachten. An dieser Stelle sei ihnen und sämtlichen liebenswürdigen Universitätskollegen mein warmer Dank ausgesprochen.
Strahlend brach der Tag an. Wir hatten alles geregelt und unser Hauptgepäck gestern der Eisenbahn bis Macomer übergeben, wohin wir durch das Innere zu gelangen hofften. Nur ein Täschchen und einen Plaid hatten wir mitgenommen, und das war noch zu viel. Wir haben den Plaid auf der ganzen Reise nicht geöffnet. Wir wußten nun, daß wir bis Arizzo zu fahren hätten, daß dort und in Sorgono Unterkunft in einem Hotel zu finden wäre. Unser Streben war, womöglich den Genargentù zu besteigen, dessen Bedeutung als Janua argentea Prof. Segri meinem Sohne verständlich zu machen suchte.
Wunderschön machte sich im Rückblick Cagliari, das im ersten Frühlicht erglänzte, während vor uns ein Schneegebirg blinkte, von dem P. behauptete, es müsse schon der Genargentù sein, was mir aber unwahrscheinlich vorkam. Das Land, das wir durchfuhren, ist hügelig. Hie und da sahen wir einen Trupp Männer in ihren weißen, weiten Hosen, schwarzen Kamaschen und braunen Kitteln aufs Feld ziehen. Der Zug war mäßig besetzt. Zweiter Klasse fuhren drei Personen, ein Fabrikant mit zwei Angestellten, der im Süden in Geschäften gewesen und jetzt nach Sorgono zurückkehrte. Er redete uns an, da er merkte, wir seien Fremde, und es stellte sich heraus, daß er von Gebweiler war und hier in Sardinien eine Pfeifenfabrik hatte. Er war eben in den Wäldern gewesen, um sieh Holz zu seinen Pfeifen zu kaufen, und hatte in einer Forsthütte in einsamer Gegend mehrere Tage mit seinen Leuten kampiert. Als er hörte, daß wir die Barbagia durchqueren und bis Nuoro durchdringen wollten, schüttelte er den Kopf und sagte, das möchte er uns abraten, das sei eine unsichere Gegend, und als wir gar etwas vom Genargentù sagten, lachte er und sagte, das sei unmöglich! Er sei zwar auch einmal droben gewesen, aber in der besseren Jahreszeit, und sie seien zwanzig Männer gewesen, alle mit Flinten bewaffnet und beritten. Dann erzählte er von der Vicinalbahn, auf der wir fuhren, und die in dem hügeligen Terrain allerdings ganz gewaltige Schlangenlinien beschreibt, auf diese Weise aber auch keine Tunnels und Brücken braucht. Er sagte, das komme daher, daß die Regierung so und so viel Subvention für den Kilometer garantiert habe, und da habe man möglichst viele Kilometer gemacht. Ich will die Sache dahingestellt sein lassen. Etwas Wahres kann schon daran sein.Früher war der Ausgangspunkt für Touren in die wilde Gebirgsgegend Barbagia Lacomi, das wir heute per Bahn erreichten. Es ist ein ansehnliches Städtchen, von dem wir aber nichts weiter sahen, da die Station ziemlich weit von der Ortschaft entfernt liegt. Früher brauchte man einen Tag von Lacomi bis A rizzo. Jetzt gelangt man mit der Bahn dahin. Es geht da schon ganz ins Gebirge hinein. Man sieht nur lichten Wald von Gebüsch und von Steineichen. Es werden viele Kohlen gebrannt, die alle beinahe nach dem Festlande gehen. Es sind verschiedene Stationen, die keiner Ortschaft entsprechen, sondern nur für diesen Kohlen-export errichtet sind. Ortschaften sieht man überhaupt sehr wenige, das Land macht einen menschenleeren Eindruck. Man fährt auch abwärts und aufwärts auf dieser Bahn, aber wenn es abwärts geht, fährt der kleine Zug in rasender Eile, so daß man beständig das Gefühl hat, man werde hinausgeschleudert. Auf den Stationen erhält man sehr wenig, etwas Käse und Brot und Wein. Es mochte etwa 3 Uhr sein, als wir in Beivi, der Station für das höher gelegene Arizzo, einrückten. Wir nahmen hier Abschied von unserem Elsässer, der uns über Land und Leute allerlei berichtet, wie die Leute nur wenig arbeiten und gleich den Lohn verlangen, wenn sie etwas verdient haben. Doch sei es besser, als in Korsika, wo fir vorher gewesen. Als wir in Beivi anlangten, wies er uns an einen Herrn, eben unseren Gastfreund von Arizzo, den Dr. C, an den wir empfohlen waren durch die Professoren G. und B. Er begrüßte uns freundlich und fand sogleich einen Sarden in Tracht, dem unser Gepäck aufgeladen wurde. Man kommt durch gut bebautes Land. Der Doktor in schwarzer, wollener, dem Lande entstammender Kleidung lud uns ein, bei ihm vorlieb zu nehmen. Wir wollten nicht darauf eingehen, aber da war nichts zu machen. Er sagte, wenn ihm jemand so empfohlen werde, wie wir, so dürfte er ihn nie ins Hotel gehen lassen. Wir kamen auch am Hotel vorbei, das ziemlich primitiv aussah.
Arizzo ist ein stattliches Gebirgsdorf, an einen Bergabhang hingebaut, rings von Kastaniengehölz umgeben und macht ungefähr denselben Eindruck, wie eines der Dörfer landeinwärts vom Lago Maggiore, etwa in Val Canobbio. Es liegt 800 m hoch, ist auch im Sommer kühl und wird von Cagliari aus als Sommerfrische besucht. Der Doktor sagte mir, sie haben oft im Sommer acht bis zehn Personen als Gäste im Hause. Das ist die sardische Gastfreundschaft. Professor B. hatte mir von einer Augenverletzung eines der Magnaten von Arizzo erzählt und mir gesagt, ich werde wohl konsultiert werden. Dr. C. erzählte mir dann auch gleich von diesem Falle und bat mich um meinen Rat, ersuchte mich aber, dort nicht zu sagen, daß ich ihm von Professor B. empfohlen worden, sonst würde es übel vermerkt, daß dieser mich nicht an den Patienten selbst gewiesen habe.
Das Haus des Doktors ist von einer Hofmauer umschlossen. Er führte uns in ein verfinstertes Zimmer mit Möbeln angefüllt und fragte, was er uns anbieten solle, Kaffee oder Wein. Wir zogen das letztere vor; da brachte er eine Riesenflasche, wie man sie bei uns nicht kennt, voll süßen, malagaähnlichen Inselweines. Nun ging es zunächst ins Dorf zu dem Kranken, der der Krösus des Ortes ist und sich auf der Jagd verletzt hatte. Es war sehr interessant, sein Haus zu betrachten. Es ist rings von einer hohen Hofmauer umgeben, die nach vorn von einer eisernen Pforte abgeschlossen wird. Alle untern Gemächer sind stark vergittert. Die Hausthüre ist eisenbeschlagen, und neben dem einen Thürpfosten ist ein rundes Loch in der Seitenwand. Wir fragten den Doktor nach seinem Zweck. Er sagte, es sei ein Loch, durch das man ein Gewehr herausstrecken könne, so daß einer, der etwa mit einer Axt oder einem andern Instrument die Thüre einzuschlagen versuche, erschossen werden könne. Es kommt eben vor, daß eine Anzahl braver Dorfbewohner, wenn sie wissen, daß etwa eine Summe Geld eingegangen ist, sich verbinden, dies Geld zu holen; das Haus wird dann nachts umzingelt und eingebrochen. Wenn dies ohne Blutvergießen geschehen kann, so macht man es so. Ist aber der Angegriffene auf seiner Hut, so schlägt er die Leute ab, oder es erfolgt das Scharmützel vielleicht erst, wenn die Räuber oder Grassatores drin sind; dann haben sie vielleicht das Unglück, auch den einen oder andern kalt zu machen. Diese Art des Einbruchs hat in der Gerichtssprache die Bezeichnung Grassatio. Die Gerichte haben das ganze Jahr mit diesen Dingen zu thun, und es ist, wie mir der Doktor versicherte, eine sehr zeitraubende Geschichte, in den betreffenden Jurys zu sitzen.
Wir fanden nun Einlaß bei dem Kapitalisten Signor A., der eine große, saalartige Stanza bewohnte. Beim Hinaufgehen sahen wir auch städtisch gekleidete, ganz hübsche Fräulein, die uns neugierig betrachteten. Es waren die Nichten des kinderlosen Ehepaars. Die Frau, eine stattliche Matrone, hatte offenbar Freude an meinem Besuche. Ich schaute das Auge des Mannes an, der ein interessantes Gesicht hatte und dem ich ganz zutraute, er würde bei Gelegenheit auch einen andern „ gras-sare ". Jetzt war er sehr zahm und froh, daß der von der ersten Autorität empfohlene Professor seinem Doktor beispringen wolle. Ich fand das Verordnete ganz in Ordnung und gab genaue Vorschriften für die Zukunft, stellte auch keine ungünstige Prognose. Man sprach dann von dem Lande und vom Berge. Der Herr offerierte dem Doktor sein Pferd, und nach dem obligaten Trunk folgten wir dem Doktor weiter. Er führte uns auf einer guten Straße zum Dorfe hinaus, durch das Kastaniengehölz. Im Dorfe waren bei unserem Vorbeigehen alle Frauen, die dasaßen, aufgestanden und hatten sich verneigt. Wir sahen dabei fast nur schwarze Tücher, die über den Kopf geschlagen werden oder den Vorderteil des Mieders bilden. An andern Orten sieht man grüne und rote Mieder. Der Doktor erzählte uns, daß bei der Trauer alles schwarz werde and hier so bleibe. Ist man einmal schwarz, so bleibt man so das ganze Leben hindurch. Da nun fast jeder einmal in Trauer versetzt wird, so wird nach und nach alles schwarz. Der Abend war sehr angenehm, nicht zu heiß, und wir hatten Zeit, den Feldzugsplan für morgen zu entwerfen.
Der Doktor meinte, es sei genug, wenn wir am ersten Tage auf den Berg gehen und am zweiten nach Fonni. Es wäre dies auch entschieden das Beste gewesen; da es aber hieß, der Weg nach Fonni und auf den Genargentu sei eine Strecke weit identisch, schien es mir nicht rationell, von der Bifurkation wieder nach Arizzo zurückzukehren, und ich fragte, ob man nicht von dort noch am gleichen Tage direkt nach Fonni könne. Wir hatten nur eine kleine Karte von Sardinien und konnten uns nur oberflächlich orientieren. Distanzen waren nicht angegeben und Terrainverhältnisse vollends nicht ersichtlich. Als wir zu unserem Hause zurückkehrten, wurden uns die Zimmer gezeigt, die sehr reichlich möbliert waren und eine Masse von kleineren Nippsachen und Zierraten zeigten. Wir fanden aber auch alles Notwendige, und hörten nach einiger Zeit mit Vergnügen, daß die nötigen Pferde gefunden seien. Auf das Nachtessen mußten wir bis x/a9 Uhr warten und wurden dann in ein kleines Zimmer hinter der Küche geführt, wo gewöhnlich bequemlich-keitshalber gegessen wurde. Wir hatten einheimisches schönes Tischzeug und hiesiges Backwerk, das Fleisch kam aber jedenfalls von Cagliari. Als eigentümliches Gericht wurde etwas wie eine schmale Speckseite aufgetragen, von der man sich dünne Scheibchen abschnitt. Es waren das in eine Art Wurst verpackte Thunfischeier. Man servierte es uns anfangs mit Öl, in welchem es dann ganz zerging und ein höchst unappetitliches Ansehen bekam. Am trockenen und zwar wohl luftgetrockneten Stück sah es wie Caviar aus und schmeckte auch so. Gut war der Käse und die geschmuggelten Cigarren. Die Nacht war ziemlich unruhig. Die Hunde waren die ganze Nacht nicht still. Statt um 6 Uhr, wie er bestellt gewesen, kam unser Führer erst um V27 Uhr. Er behauptete, der Doktor habe ihn fortgeschickt, als er früher gekommen sei. Wir verzehrten neben der Küche unser bescheidenes Frühstück, aus schwarzem Kaffee bestehend, wie das im nüchternen Süden überall Brauch ist. Dann ging es zum Hofthor hinaus. Der Doktor bestieg ein hübsches Pferd, das von meinem Patienten von gestern gestellt war, um ihn möglichst rasch von unserer verrückten Expedition zurückzubringen. Wir stiegen durch die holprigen Gäßchen des Dorfes nach oben, der schwierigste Teil der ganzen Reise. Ein Fehltritt hätte uns in den schwarzen Straßenmorast geworfen. Glücklich kamen wir aus dem gefährlichen Bezirk. Der Morgen des 1. März war wolkenlos und alles ließ uns auf ein glückliches Vollbringen unseres Planes hoffen.
Sobald wir aus den Häusern heraus waren, kamen wir durch allerlei Buschwerk, nicht durch eigentlichen Wald, doch bestand ein ordentlicher Weg. Die Temperatur war ganz angenehm, die Vögel sangen, und wie man sich höher wand, öffnete sich immer weiter der Blick hinaus in die Thäler, die aber noch von Nebel erfüllt waren. Auch einige Dörfer wurden sichtbar auf den Bergesrücken der Umgebung. Weiter oben war etwas hochstämmiger Eichwald. Bei einer Windung des Weges präsentiert sich dann in ganzer Pracht der schneebedeckte Kamm des Genargentu. Mit bedeutungsvollem Lächeln hält unser Führer einen Augenblick still und beobachtet uns mit halb spöttischer, halb mitleidsvoller Miene. Er glaubte offenbar Zweifel und Zaudern in unsern Gesichtern zu lesen! Aber er täuschte sich gründlich und mußte sich überzeugen, daß keine Hoffnung auf Rückkehr vorhanden sei. Man ritt nun auf einem ganz nackten Höhenkamm gegen den Berg. Dort schied sich der Weg nach Fonni, unserem heutigen Ziele, und nach dem Berg. Wir wandten uns rechts und aufwärts und wanden uns mühsam mit unseren Pferden durch zum Teil stachliges Gestrüpp, der Doktor auf seinem Renner immer voraus. Endlich kamen wir zu einzelnen Schneeflecken, durch die die Pferde durchfielen, so daß wir abstiegen. Auf der anderen Seite der kleinen Schlucht war noch lange Zeit schneeloses Terrain, so daß wir noch lange auf den Pferden hätten bleiben können. Aber der Führer war sehr froh, mit guten Gründen das Weiteireiten zu verhindern, und da der Doktor keine Einsprache erhob, so machten natürlich auch wir keine Opposition. Wir kamen nun bald zu einem kleinen „ Krachen ", der von einer Schneewächte überdeckt war und den wir überschreiten mußten. Der Schnee war ganz hart und man mußte die Füße fest einschlagen, um nicht abzurutschen. Wir kommen allmählich aufwärts. Proviant ist keiner mitgenommen worden, nur der Doktor hat eine kleine Flasche mit Anisette eingesteckt, das einzig trinkbare gebrannte Wasser der Insel. Jetzt überschreiten wir einen sekundären felsigen Kamm und haben vor uns einen langgezogenen, ganz weißen Kamm, den wir zuerst als die Spitze anschauen. Unser Führer war natürlich bei den vier Pferden geblieben und von einem vorbei wandelnden Einwohner als Räuber angesehen worden. Dieser sah eben die Pferde sich bewegen und mochte noch weitere grassa-tores im Gebüsch vermuten. Da er nichts zu verlieren hatte, war er näher gekommen. Er konnte sich nicht erklären, was eine Partie in dieser Jahreszeit hier oben wolle. Es belustigte uns nicht wenig, obwohl die Sache auch ihre ernste Seite hatte.
Wir hatten also jene schneeige Wand vor uns, aber bald zeigte sich zur Linken ein schwarzer, felsiger Gipfel, und diesem strebte auch unser bespornter und gestiefelter Doktor zu. Wir kamen bald in ziemlich tiefen, weichen Schnee. Als wir droben waren, sahen wir ganz nach links höhere Kämme auftauchen und blickten in ein tiefes Thal zu unseren Füßen, das zu einer anderen Ortschaft führt. Hier soll einmal einer erfroren sein, der, vom Sturme überrascht, den Rückweg nicht mehr fand. An einer Stelle wenden wir uns zu dem felsigen Kamm; der Schnee ist nämlich ganz unangenehm. Aber da kommen wir vom Regen in die Traufe, denn das graue Gestein ist nur ein grauer Morast. Das Terrain ist von Schneewasser so gründlich getränkt, daß man tief einsinkt und lieber wieder dem Schnee sich zuwendet. Endlich kommen wir unter einigen Felsen durch und sehen einen Gipfel vor uns, der das Signal tragen soll. Aber auch hier neue Täuschung, noch ein weiterer Gipfel erhebt sich in die Luft. Weiter wird gestampft. Der Doktor reicht die Anisette-fiasche herum, die die alpine Cognacflasche ersetzt. Um 9 Uhr 30 Min. waren wir von den Pferden gestiegen und 12 Uhr 10 Min. ist es, als wir den Gipfel erreichen, 1870 m. Immer war der Doktor an der Spitze der Kolonne gewesen. Das Wetter war ganz schön geblieben, aber der Horizont blieb leider neblig. So sahen wir denn auch hier oben nicht mehr, als wir schon im Anstieg gesehen hatten. Man sah ein faltiges Hügelgewirr nach allen Seiten mit dem grauen Horizont verschwimmen. Das Meer muß bei heller Witterung nach Ost und West sichtbar sein. Die ganze Formation ist etwa wie auf den höhern Juragipfeln: Chasserai, Dôle, Mont Tendre. Es ging nur ein mäßiger Wind und die Temperatur war ganz angenehm. Der Niedersteig wurde der Kürze halber mehr auf der Ostseite genommen, .wo der Hang steiler und felsiger, aber schneefrei ist. Da geraten wir jedoch fatalerweise wieder in den grauen Brei, von dem ich schon oben gesprochen, und wir gehen weiter unten doch wieder auf die Schneeseite. Der Schnee war freilich ganz weich geworden. Irgend ein lebendes Wesen war nicht zu sehen, obwohl nach Aussage unseres Doktors der Moufflon ziemlich häufig sein soll. Er war meist auf der Moufflonjagd hier oben gewesen, freilich nie im Winter. Um 2 Uhr kamen wir wieder bei den Pferden an. Wir waren also über 4 Stunden im Schnee gestanden und ich begriff jetzt den Führer, der uns so zweifelhaft angeschaut hatte. Es werden nun die Vorräte hervorgenommen und wir bleiben bis 3 Uhr. Jetzt nehmen wir die Pferde am Zaum, und erst weiter unten sitzen wir auf.
Nun wäre es eigentlich am gescheitesten gewesen, wenn uns der Doktor wieder nach Arizzo genommen hätte; aber ich weiß nicht, was für ein Gesicht wir zu so einem Vorschlag gemacht hätten. Der Führer getraute sich auch nicht, etwas zu sagen, obwohl er, wie ich glaube, darüber klagte, daß es sehr spät werde, bis wir nach Fonni kommen. Das Wetter war sehr schön. Aus den Distanzen war ich nie klar geworden. Die Sprache unseres Führers war so unverständlich, daß wir oft verständnisvoll nickten, wenn wir nur einen blassen Schein davon hatten, was er etwa wolle. Wir hatten bald den Punkt erreicht, wo sich die Wege trennen und schüttelten unserem Gastfreund dankbar die biedere Eechte. Er eilte dem kranken Don A. zu, dem wir ihn für drei Viertelstage entzogen hatten, und wir waren mit unserem Sarden allein. Wir wanden uns durch Gebüsch den steilen Abhang hinunter und kamen auf eine Art Weg, den wir etwa 10 Minuten lang verfolgten und der uns gegen eine Schlucht, die mit Gehölz bewachsen war, hinführte. Der Führer war voraus und kam nun plötzlich mit den Zeichen größter Bestürzung zurück und meldete, daß der Weg heruntergefallen sei. Ich forderte ihn, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß ein Hinüberkommen mit den Tieren wirklich riskiert wäre, auf, weiter oben oder weiter unten einen Durchgang zu suchen. Er ließ sein Tier bei uns und auch ich machte mich dann auf die Suche. Es war offenbar, daß wir besser dran gethan hätten, die Schlucht schon weiter oben, wo sie nur eine unbedeutende Spalte war, zu überschreiten. Aber immerhin schien es möglich, über dieses Bächlein hinüberzukommen. Wir sahen, wie schlecht man dran ist, sobald man sich auf etwas anderes verlassen muß, als auf seine eigenen Beine. Nach einiger Zeit kam der Führer wieder und meldete, da oben und auch unterhalb sei kein Übergang praktikabel, und ich hatte auch nichts gefunden. Nun war guter Rat teuer. Der Führer fing an zu jammern, daß es ohnehin schon spät sei, wir hätten uns auf dem Berge zu lange aufgehalten. Ich frage, ob wir nach Sorgono können, werde aber aus seiner Antwort auch nicht klar. Endlich erblicken wir auf der anderen Seite einen Eingeborenen, der mit vielen Gestikulationen und großem Geschrei unserem Führer etwas begreiflich machen will, was er offenbar nicht versteht. Ich citiere ihn zu uns her. Es ist eine Art Waldmensch. So ungefähr mögen die Faunen im Altertum ausgesehen haben. Es fehlen ihm nur die Zweihufe. In einem uns absolut unverständlichen Idiom erklärt er unserem Führer, was er schon von sich aus wußte, daß man eben die Schlucht weiter unten überschreiten und auf der anderen Seite wieder aufwärts reiten müsse, was ich dem Führer schon vorher expliziert hatte.
Inzwischen war darüber viel Zeit hingegangen. Der Doktor hatte mir gesagt, er sei schon in 3 Stunden von Fonni nach Arizzo geritten. Nun muß man bei solchen Bravourstücklein bekanntlich immer etwas ab- oder zuzählen, wenn man der Wahrheit nahekommen will; immerhin stellte ich mir vor, daß dies abenteuerliche Fonni in 4 Stunden zu erreichen sein werde. Ich trieb also unseren Führer vorwärts. Wir kamen auf eine Art Weg, der eben zu einem Dorfe führte, das uns der Führer als Zwischen-ort zwischen Arizzo und Fonni genannt hatte, wo wir aber, wie er uns gestand, wohl keine Unterkunft finden würden. Cela ne me souriait guère, und so mußte der Mann, der am liebsten zum heimatlichen Herde zurückgekehrt wäre, weiter. Er machte zwar kein freundliches Gesicht, und wenn nicht die Rücksicht auf den Doktor gewirkt hätte, so wäre er einfach, wenn wir nicht nachgegeben hätten, mit uns in jenes Dorf geritten und dort hätten wir dann wohl oder übel übernachten müssen. So aber respektierte er in uns die Gastfreunde des Dorfmagnaten.
Wir überschritten dann weiter unten ohne die geringste Mühe den Bach und verließen den Weg, uns nach rechts steil durch den Wald aufwärts wendend, um den abgefallenen Weg weiter oben zu treffen. Nach Überwindung einiger steilen Stellen kamen wir aus dem Wald und Buschwerk wieder ins Freie und fanden endlich auch den alten Weg wieder. Es war dies nur ein bald deutlicher, bald sich verlierender Pfad, der uns ziemlich aufwärts gegen einen Paß führte. Auf dessen anderer Seite sahen wir neue Höhenzüge, die wir longierten. Der Führer war ziemlich voraus und trieb zur Eile. Wir waren nun auf der Westflanke des Genargentu und kamen nach längerem, ganz einsamem Ritt auf einen Kamm, der uns ein Thal eröffnete, das sich nach Norden weit hinauszog und auf dessen Grund wir Fonni wähnten. Wir sahen von links her eine kleine Karawane Fußgänger herkommen und etwas, nur ganz wenig, vor uns den Kamm erreichen. Das Thal war bewaldet und von der Abendsonne prächtig beschienen. Der Weg führte steil abwärts und wir mußten, dem Beispiel des Führers folgend, die Pferde am Zügel führen. Die andere Seite des Thales schien ebenfalls ziemlich bewaldet. Auf einer Seite waren prächtige Gruppen von Steineichen und anderen Eichen. Sie rahmten den schneeigen Genargentu in herrlicher Weise ein, ähnlich wie man etwa in Grindelwald durch Ahorn-gruppen die weißen Spitzen des Hochgebirges glänzen sieht; ich habe im Süden nie ein so schönes alpines Bild gesehen. Dazu die schöne Abendbeleuchtung!
Von der oben erwähnten Gesellschaft waren zwei Sarden zurückgeblieben, schöne bärtige Männer in weißen weiten Hosen, dunkelbraunen Kamaschen und roten Kitteln, die sich mit unserem Führer unterhielten und ihm auch über den Weg berichteten. Unten kin dem mäßig breiten Thal, das neben dem klaren Alpenwasser noch Kaum hatte für^ wunderbare Bosketts von baumartigen Stechpalmen, die mit ihrem dunkeln Grün vom Gold des Abendhimmels abstachen, waren die beiden Sarden vorausgeeilt. Sie hatten eine Furt gefunden und wir sahen sie bald auf der anderen Seite des Baches. Wir ritten in dem höchst malerischen, frischen Thälchen noch ein Stück abwärts und trieben dann unsere Gäule durchs Wasser. An der anderen Seite ging 's dann durch Strauchwerk und niederes Gehölz aufwärts. Plötzlich bricht auch hier der Weg wieder ab. Wir müssen absteigen und die Pferde in einem Kreis um die abgestürzte Stelle herumführen und kommen dann weiter oben wieder auf den Weg. Es ist ein steiler Pfad über Steine und Baumwurzeln auf- und abwärts und man wird im Sattel gehörig herumgeschüttelt. Nach Westen ein wunderbarer Himmel. Die Sonne ist zwar schon untergegangen, aber zu unserem Glücke leuchtet uns der glühende Himmel noch lange auf der abscheulichen Straße, oder vielmehr dem steinigen, teilweise ganz im Fels verlaufenden Weg, auf dem man einmal einen ungeheuren Tritt nach oben machen muß und bald wieder fast über den Hals des Tieres vornüber fliegt. Hier oben sind nun prachtvolle deutsche Eichen, wie ich sie wohl als einzelne Exemplare, nie aber in solcher Menge und solcher Schönheit gesehen habe. Leider wurde uns das Beschauen und Bewundern durch die Bemerkung des Führers verkümmert, daß es noch zwei Stunden bis Fonni sei. Als mir mein Sohn das mitteilte, war ich geneigt, es als Mißverständnis zu betrachten. Es hatte aber seine volle Richtigkeit, und nachdem ich gehofft hatte, dank dem ungewöhnlich lang andauernden Abendrot noch bei Tage anzulangen, wurde es uns allmählich zur traurigen Gewißheit, daß wir in dieser unsicheren Gegend in der Nacht reiten müssen, mit einem wildfremden Menschen, der gegen seinen Willen uns führte, und ohne die geringste Orientierung. Wir hatten uns zwar in Cagliari nach Karten umgesehen, daselbst auch ein ordentliches Kärtchen gefunden, das uns eine schöne Landstraße, von Süd nach Nord die Insel durchziehend, zeichnete. Auch Arizzo und Fonni standen darauf. Aber sonst nichts. Die Landstraße macht auch einen ungeheuren Bogen. Der Weg wurde jetzt immer schlechter. Er bestand aus großen ausgelaufenen Felsplatten mit großen Löchern und allen möglichen und unmöglichen Niveauverhältnissen, die auch einem besseren Reiter, als ich einer bin, etwas zu raten aufgegeben hätten. Das letzte Rot war verschwunden. Ein kalter, grauer Himmel zeigte uns nur noch schwach die Konturen des Weges. Derselbe führt nun eine Strecke weit eben, dann senkt er sich und wird noch schlechter, als er gewesen. Wir haben unsere zwei Sarden eingeholt. Es geht abwärts und zwar auf einem Pfad, der die unglaublichste Ähnlichkeit mit einer Steinrüfe hat. Ich steige ab und einer von den Sarden nimmt das Pferd am Zügel.
Es ist dunkle Nacht geworden. Kein Stern leuchtet uns und ich tappe vorwärts, teilweise von meinem Sohne am Arm geführt, so gut es eben geht. Wir kommen endlich wieder auf ein ebenes Terrain. Es sieht fast aus wie ein Sträßchen. Ich denke schon, es sei gewonnen. Unseren Führer haben wir schon längst nicht mehr gesehen. Er ist mit dem einen Sarden voraus. Ich fordere den anderen auf, meinen Gaul zu besteigen. Auf einmal scheint der Weg wieder aufzuhören. Die beiden vorderen Männer kehren zurück und unser Sarde hält mit denselben ein gänzlich unverständliches Zwiegespräch; ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Es schien eher unheimlich.
Aber es klärte sich auf. In der Nacht werden einzelne Wege verschlossen, und vor solch einem Hindernis kehren wir zurück. Nun geht die Geschichte aufs neue los. Wir kommen über Stock und Stein, ja es wird noch ärger: wir kommen ins Wasser und es ist mir unbegreiflich, wie sich der Sarde auf dem Pferde oben zurechtfindet. Wir werden vertröstet, es werde bald besser kommen. Es ist schon lange 7 Uhr vorbei, und noch sind wir nicht auf der Straße. Doch hört man in der Ferne Hundegebell, wir glauben auch Lichter zu sehen, es ist aber nur Täuschung. Es hört aber auch dieser fürchterliche Weg endlich auf. Wir gelangen auf eine richtige Straße. Es ist das die große Hauptstraße unserer kleinen Karte, die uns Fonni in ein heimeliges Licht gesetzt hatte, da wir ja noch nicht gewußt, daß es Landstraßen giebt, zu denen die Wagen fehlen. Es war 73/4 Uhr, als wir die Straße erreichten. Jetzt mußten wir wieder aufsitzen, und da es etwas aufwärts ging und die Pferde auch merken mochten, daß wir bald am Ziele seien, griffen sie kräftiger aus. Nach etwa zwanzig Minuten merkten wir, daß wir in Fonni seien.
Es war sehr dunkel und ich sah nicht einmal den Schimmel meines Sohnes vor mir. Es schien mir, wir kommen an der Kirche vorbei. Dann hieß es: haltEs wurde an ein Thor geklopft, und nach einiger Zeit kam von innen Antwort. Der Führer hatte unsern Gastfreund in Arizzo versichert, daß eine passable Osteria in Fonni sich befinde. Es wurde ein Thor geöffnet; der Führer stieg ab und veranlaßte uns, dasselbe zu thun. Bei sehr spärlicher Beleuchtung gelang dies auch, und wir wankten in dem unebenen Hofe nach abwärts. Dort schien der Eingang des „ Hotel " sich zu befinden. Durch einen schmutzigen, dunkeln Kaum kam man in die Küche, die hier überall auch das Wohnzimmer ist. Im Grunde des Zimmers saßen verschiedene Menschen um ein Feuer herum. Vorne am Herde ein Weib, wohl die Wirtin. Der Wirt fragt uns, ob wir ins Zimmer wollen, was wir bejahen. Mit einem Öllämpchen wird uns wieder durch den Vorraum in den Hof geleuchtet. Dort geht es nach links zu einem Appendix, an den eine schlechte Treppe gebaut ist, die zu einer Art offener, geländerloser Altane führt; damit nun der Wanderer nicht in die Luft hinaustritt, ist eine leere Kiste in den Weg gestellt. Nach links ist in der Mauer eine kleine Thüre angebracht, die zu einer Hühnertreppe führt, welche wir erklimmen, um so in unsere Kammer zu gelangen; sie ist natürlich ohne Schloß. An der einen Wand ist ein ziemlich großes Bett ohne Leintücher, die gemeinschaftliche Lagerstätte für meinen Sohn und mich. Am Fuße des Bettes ist ein großer Kartoffel-haufen; ein zweiter findet sich hinter dem wackligen Tisch, auf dem ein zerbrochenes Waschbecken steht. Oben auf einem Gesimse hinter der Thüre steht das Gehäuse eines Spiegels, ohne Glas, das anzudeuten schien, daß die Familie in bessern Zeiten einen Spiegel besessen. Das Zimmer gefiel uns so gut, daß wir mit der Wirtin sofort in die salle à manger zurückkehrten.
Wie immer fragte man uns, was wir essen wollen, aber auf die Frage, was es gebe, hieß es nicht: Kalbsbraten, Schmarren und Forellen, wie im Tyrol, sondern: Salami und Eier. Das war doch etwas, und wenn auch die Salami in ihrem Umfang neben den stattlichen Continentali sich nicht hätten zeigen dürfen, waren sie doch genießbar.
Ehe ich mich zur Schilderung unseres Intérieur wage, denn diese Aufgabe scheint mir eine sehr schwierige, muß ich doch noch ein Wort sagen über unsere wackern Sarden, die uns die Pferde geleitet, die unserm Führer den Weg gezeigt und uns selbst auch manchmal eine hülfreiche Hand gereicht hatten. Ich muß leider sagen, daß sie, als wir auf der Straße einen schnellen Schritt anschlugen, zurückblieben und uns so die Gelegenheit gänzlich abschnitten, uns erkenntlich zu erzeigen. Nicht einmal ein mündlicher Dank ward ihnen zu teil. Ich hatte angenommen, nachdem sie uns auf dunkeln Wegen so treu zur seite gestanden, werde man sie auch im Wirtshaus bereit finden, wenigstens einen Trunk mit uns zu nehmen. Aber sie waren unbemerkt in der Nacht vor uns verschwunden und so sage ich ihnen auf diesem, etwas ungewöhnlichen, Wege herzlichen Dank. Ich bin gewiß, daß wir ohne ihre Hülfe die Nacht im Freien hätten zubringen müssen, und ich hätte dem Führer nicht einmal einen Vorwurf machen können, denn das Gewirr der Wege in der Nacht zu lösen, wäre ihm gar nicht zuzumuten gewesen.
In einem sehr interessanten Buche von Tommasini: Spaziergang durch Calabrien und Apulien, aus dem Jahr 1828 findet sich Seite 111 die Beschreibung einer calabrischen Wirtschaft, die eine gewisse Ähnlichkeit mit unserer sardinischen hatte. Ich hatte anfangs die Absicht, einfach die dortige Beschreibung abzuschreiben. Mein litterarisches Gewissen sträubte sich aber dagegen, und so will ich es denn versuchen, eine annähernde Idee dieser Spelunke zu geben. Also vorne in der Küche die Wirtin als Präsidentin am Feuer. Das Feuer wurde von einem gewaltigen Eichstamm genährt, an dem vorne einige kleinere Stücke angefügt waren. Die Eichen sind hier zu Hause. Sie sind hart, und es kostet weniger Mühe, den Stamm nach und nach vom Feuer verkohlen und verzehren zu lassen, als wenn mit Keil und Axt die Verkleinerung geschehen muß. Die Frau hatte noch eine Magd, und die hatte ein kleines Kind auf dem Arm, das meist ganz jämmerlich schrie. Daneben saßen einige junge Männer: Continentali, die als wandernde Händler das Land durchzogen und nur nächtigten. Wir waren also doch ins Haupt- oder einzige Hotel gekommen. Diese Männer waren unser Trost, durch sie gelang es uns, den Wirt zu benachrichtigen, daß wir das und jenes wollten. Dann war noch ein Mann mittlerer Jahre da, den wir aber bei der schwachen Beleuchtung nicht so recht erkannten und von den andern unterschieden.
Wir saßen auf ganz niedrigen Stühlchen; es war also etwas schwierig, sich zu setzen, und noch schwieriger, sich zu erheben. Die Beleuchtung lieferte das Herdfeuer und ein geringes Öllämpchen. Außer dem schreienden Kinde hatten wir noch das klägliche Geschrei eines kleinen Capretto, das in einer Art Vogelkäfig neben dem Herd sich befand. Zu allem waren noch einige gehfähige Kinder da, die mit den Katzen und einigen Hunden sich einem beständig zwischen den Beinen durchzwängten. Der Tisch, auf dem nach und nach die weichen Eier serviert wurden, war auch bedenklich auf dem unebenen Küchenboden nivelliert. Besonders zu der etwas höhern Weinflasche mußte man acht geben, daß sie nicht etwa das Gleichgewicht verliere. Unser Führer kam dann auch herein. Leider versäumten wir, uns für den folgenden Tag sichere Mittel des Weiter-transports zu verschaffen; es ist mir aber unwahrscheinlich, ob dies überhaupt etwas genützt hätte. Man würde uns auf morgen vertröstet haben. Nachdem ich es endlich durch einige pädagogische Bemerkungen dazu gebracht, das kleine schreiende Kind aus dem Wege zu schaffen, unterhielten wir uns, so gut es eben gehen wollte, mit den Leuten. Wir hörten, daß sie ein schlechtes Jahr gehabt, es seien im vorigen kalten Winter große Schafherden elendiglich im Schnee umgekommen. Ställe für die Schafe giebt es nicht, höchstens für die Kühe, und so waren denn die großen Bardischen Herden zu Grunde gegangen. Was noch übrig geblieben, war diesen Winter an die Meeresküste gezogen, um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen. Auch Pferde haben sie wegen der großen Trockenheit des letzten Sommers viel verloren.
Wir verlangten nach Ruhe. Der Schlaf war nicht gerade ein splendider, doch stellte er sich trotz des schlechten Bettes ein. Der Morgen des 2. März war wieder ganz schön und wir erhoben uns schon früh, um die verschiedenen Gelegenheiten nun auch am Tage zu betrachten. Sehr amüsierte uns die geländerfreie Altane, von der man den ganzen Hof überschauen konnte. Derselbe senkt sich allmählich gegen die bewohnten Räumlichkeiten hin. Die beste Situation hatte der Stall, hinter dem noch ein Schuppen sich befand, der dann allerdings allerlei sehr profanen Beschäftigungen diente... Derselbe war aber so wenig einladend, daß einige das Himmelszelt als Dach vorzogen, und niemand schien dahinter etwas zu finden. Im freien Hofe sah ich nachher auch den sehr manierliehen Coiffeur sein Geschäft verrichten. Von diesen obern Teilen zog sich nun ein bräunliches, bituminöses Bächlein nach der Küche hin. In die Küche gelangte man durch zwei dunkle Gemächer, die wieder Thilren hatten, die wahrscheinlich zum Bureau des Wirtes führten. Dort hinein sah ich ihn nämlich schlüpfen, als ich wundershalber eine geschriebene Rechnung verlangte. Als er aber lange nicht mehr kam, erfaßte mich ein menschliches Rühren, und ich rief ihm hinein, es sei nicht nötig. Es war schönes Wetter; wenn aber des Himmels Schleusen sich öffnen und diesen Augiasstall auszumisten beginnen, da muß es dort beim Eingang in die Küche weder hygienisch aussehen noch riechen.
Da die Padrona, ohne welche kein Kaffee gemacht werden darf, nicht auf war, so besprachen wir uns mit unserm Führer, der versprochen hatte, uns Reittiere zu verschaffen. Er versprach auch mit dem Wirt zu sprechen, sagte aber dann, dessen Pferd sei umgestanden und er wisse auch im Dorfe keines zu finden. Es kamen nach und nach verschiedene Leute auf den Hof, aber alle schüttelten den Kopf, als man von Pferden sprach. Ich fing nun meinerseits auch an zu lamentieren und sagte, es sei eine Schande, wenn man in einem Lande, das so sehr den Ruf eines gastfreien genieße, sich der Fremden so gar nicht annehme. Diese Rede schien die Leute sehr kalt zu lassen, und als ich endlich mit dem Sindaco drohte, gaben sie mir bereitwillig einen Knaben zu ihm mit.
Wir kamen am wasserreichen Brunnen vorbei, wo die in grüner und roter Tracht prangenden Dorfmädchen ihrem in allen Ländern wortreichen Geschäft oblagen, dann an der Kirche vorbei in die gedrängte Häuserreihe des obern Dorfes. Der Sindaco, ein schwarzäugiger brauner Mann in schöner sardischer Tracht, fragte uns nach dem Begehr, ob wir auch zu denen vom Berge gehören? Wir verstanden seine Frage nicht recht und dachten, er wolle uns fragen, ob wir auf dem Berge gewesen, was wir bejahten. Dann klagten wir unsere Pferdenot, worauf er erwiderte, daß man jetzt keine Pferde bekommen könne, denn jetzt seien sie alle zerstreut auf den Feldern; das hätten wir gestern besorgen müssen, wir müssen heute dableiben, und für morgen werde .er uns Pferde besorgen. Aber das leuchtete uns nicht ein. Hätten wir kein Gepäck bei uns gehabt, so würden wir ganz einfach zu Fuß gegangen sein; so waren wir gebunden. Es standen mehrere junge Leute herum und ich fragte, ob man denn niemand zum Tragen bekommen könne. Das könne sich vielleicht finden, meinte er und schaute die Bursche fragend an; doch die wollten nicht anbeißen. Das schien ihnen wohl eines Bewohners der Barbagia, die nie ein fremdes Joch getragen, unwürdig. Endlich kam doch einer mit einem freundlichen, etwas burlesken Aussehen, der meinte, er würde schon mitgehen nach Nuoro, so hieß der erste Ort an der Eisenbahn. Seine Forderung für den Weg nach Nuoro war hoch, wir mußten sie aber gewähren.
Als wir in unsern Hof zurückkehrten, kam der Mann, der mit uns genächtigt hatte und nach Mamujada wollte, und zwar beritten und sagte, wir hätten mit ihm gehen können. In Mamujada hätte es schon Pferde gegeben. Er hatte nämlich gehört, was wir unserm Träger geben, und schlug uns vor, den andern sitzen zu lassen und mit ihm zu kommen. Da wir nicht darauf eingingen, versuchte er es, uns dem Führer abzukaufen, was wir freilich nicht zugegeben hätten. Wir schüttelten den Dreck von unsern Füßen, nachdem wir noch den Führer vom vorigen Tage bezahlt hatten.
Unser Träger hatte unser Gepäck in eine Bisaccia gesteckt, einen Doppelsack, wie man solchen zum Beladen der Lasttiere hat. In die eine Hälfte steckte er das Reisesäckchen, in die andere den Plaid. Er erschien uns nicht gerade stark und trabte uns nur zu schnell in kleinen Schritten vorwärts, die mir nicht viel versprachen. Die Straße führt im Bogen abwärts. Unter dem Dorfe waren Leute auf dem Felde, die den Träger fragen, wohin wir gehen. Uns bedeutsam winkend, sagte er strahlend: a Spasso! Er erklärte uns, man dürfe den Leuten nicht sagen, wohin man gehe, sonst werde man überfallen. Ob er selber daran glaubte, weiß ich nicht.
Es sind hier ziemlich viele gut bebaute Felder. Weiter unten kommt man zu einer Brücke, die über einen kleinen klaren Fluß, den Taloro, führt. Hier wechselte der Träger seine beiden Sackhälften und ruhte sich aus, was allmählich immer häufiger geschah, so daß ich den Moment eintreffen sah, wo er sage: Impossibile! Nachdem wir ein Thal durchschritten, sah man ein erstes Dorf. Unser Führer aber schlägt vorher einen Feldweg ein, der uns bald in einen Sumpf führt und dann ganz aufhört. Doch finden wir ihn wieder, trotz der vielen Seitenwege, die nach Gavoi führen. Der Nebel ist ganz dick und wir wissen nur, daß wir die Straße zu unserer Rechten haben. Es geht hie und da durch Felder, dann durch Haide und Gebüsch. An einer Stelle treffen wir ein Holzkreuz. Da sei einer „ ammazzato " worden, heißt die Erklärung. Vorher hatten wir den Mann durch etwas feurigen Wein, den wir von Fonni mitgenommen hatten, ermuntert. Nun ging 's in einen Hohlweg und dann steil hinunter.
Plötzlich sehen wir weit ins Land hinaus. Eine große Kirche ragt in die Luft, ganz allein stehend, und eine zweite, kleinere im Dorf drinnen. Das ist Mamujada, ein Name, der mir schwer eingeht. Es liegt in der Mitte zwischen Fonni und Nuoro. Hier hat der Führer Verwandte und fragt uns, ob es uns gleichgültig sei, bei seinen Verwandten Mittag zu machen, worein wir willigten. Wir wurden in ein bescheidenes aber reinliches Gemach geführt, wo am Herde eine Gruppe weiblicher Wesen der verschiedensten Alter saß. Es waren drei Generationen vertreten. Die Leute begrüßten uns freundlich und teilten ihrem Verwandten mit, daß sie gestern unerwartet einen Knaben verloren hätten, daher auch nicht im Falle seien, uns zu bewirten; doch wurde uns etwas Wein geboten. Dann kam der Mann mit uns in eine Osteria, wo wir etwas zu essen bekommen würden. Der Führer teilte uns geheimnisvoll mit, die Leute seien durch Brigantaggio zu Gütern gekommen. Wir kamen zuerst in einen Vorraum und durch denselben in die Küche, wo neben der Frau noch eine hübsche, wohlgestaltete Person sich nützlich machte. Frau und Magd waren in reinliche, große Kopftücher gehüllt. Über dem Feuer stand der Maccaronikessel, der dann den fünf Kindern überlassen wurde, die die gemeinschaftliche Mahlzeit sich herrlich schmecken ließen. Der Wirt hatte das Aussehen eines höhern Räubers, ein braunes nicht unschönes Gesicht, einen gutgepflegten, großen schwarzen Bart und ein paar Augen, aus denen ich nicht klug wurde. Er glich etwas einem meiner Kollegen. Als wir an der Mahlzeit, Maccaroni und Salami, waren, die uns von der jungen Person hergerichtet worden, kam unser Bekannter von Fonni herein, der uns dem Träger hatte abkaufen wollen, und begrüßte unsern Wirt sehr herzlich. Der Führer kredenzte ihm, sowie seinem Verwandten aus unserer Flasche und ruhte nicht, bis auch der Wirt Bescheid gethan hatte. Ich weiß nicht, ob er auf diese Weise uns zu Freunden stempeln wollte, und sicher ist, daß der Wirt nur widerstrebend aus dem Glase trank. Mein Sohn behauptete nachher, der Bekannte aus Fonni habe ihm bei seinem Eintritt einen sehr unheimlichen Blick zugeworfen.
Ich fand gut, wieder aufzubrechen, sobald wir fertig waren, obwohl der Bekannte uns noch zum Bleiben aufforderte. Es mochte etwa 1 Uhr sein, als wir aus dem Dorfe heraus waren, nachdem wir noch von den Verwandten Abschied genommen hatten. Die Straße zieht sich anfangs ziemlich abwärts und wir sehen einen Mann mit einer Flinte vor uns reiten. Umsonst wollte der Träger seine Last dem Tiere aufhalsen, bot auch dem Manne einen Schluck aus seiner Flasche, die seine Verwandten ihm verehrt hatten. Diesen nahm er an und schlug sich dann seitwärts. Es sei der Sindaco, teilte uns der Führer mit. Wir bleiben nun fast immer auf der Straße und machen nur eine einzige Kürzung, die uns dann zum Flüßchen führt, das wir auf einer guten Brücke überschreiten. Wir haben schon lange bemerkt, daß unser zappeliger Träger nicht zu den würdevollen Sarden gehöre. Er vertraute uns denn auch an, daß er ein Continentale sei und auch am liebsten wieder nach dem Continent zurückkehren würde. Er war aber doch schon längere Zeit hier, seines Zeichens ein Schuster.
Das Wetter blieb schön. Die Gegend war äußerst einsam und öde.Vom Flusse an wurde dies besser. Wir kamen auch zur Cantiniera, die uns der Schuster als Ruhestätte bezeichnet. Dieselbe ist ein kunstloses, aber solides Gebäude, worin der Straßenwart weilt. Er bedauerte, uns nichts offerieren zu können. Wir hatten aber gar nichts nötig und gaben ihm von unserm Weine.Von hier steigt nun die besser werdende Straße ganz erheblich und man kommt auf eine Art Paß, wo wir uns an den Straßenrand setzen. Unser Schuster war etwas zurückgeblieben, sobald es aufwärts ging. Wir setzten uns am Wege und wollten auf ihn warten. Aber nirgends, obwohl man die Straße rückwärts ein großes Stück übersehen kann, erblickt man etwas von ihm. Wir sahen die da unter uns liegende Strecke, es zeigte sich eine kleine Schlucht, über die eine Brücke ging. Jenseits sah man einige Häuser, und da wir auf unsero Mann nicht weiter warteten, zeigte sich weiter vorne ein Felskamm, auf dessen Höhe auch Gebäulichkeiten zu erblicken waren. Von hier an mehrten sich die Wahrzeichen, daß wir uns der übrigen Welt, von der wir uns gänzlich abgeschlossen fühlten, näherten. Es ging nun in langen Bogen nochmals aufwärts auf ein weißes Häuschen zu, das wir schon für den Anfang von Nuoro hielten.
Als wir es aber erreichten, sahen wir nun erst rechts von uns im Glänze der Sonne die stattliche Kirche und das weiße Städtchen von Nuoro. In die große Straße einbiegend, die direkt ins Städtchen hineinführt, bemerkten wir die schöne Lage des Orts. Schaut man nach Süden, so erblickt man die schneegekrönten Nordabhänge des Centralgebirgs-stockes, dessen höchste Erhebung der Genargentu ist. Der Ort macht eine sehr stattliche Figur und hat eine sehr hübsche Hauptstraße mit ansehnlichen, ganz reinlichen Häusern. Wir fragten auf der Straße einen seine Gattin am Arme spazieren führenden Offizier nach der besten Unterkunft. Er nennt uns das Albergo Etrusco, wo wir auch ein Zimmer finden. Zuerst aber wird nach Hause telegraphiert, daß wir ohne Unfall hier angelangt seien. Man sieht daraus am besten, daß es uns doch nicht ganz wohl gewesen. Der Sindaco von Fonni mit seinem schönen Gesicht und seinen auf- und abwärts rückenden Augenbrauen, die bald fragend, bald verneinend sich bewegen, wird mir stets in Erinnerung bleiben. Unsern Schuster hatten wir nicht mehr gesehen, was uns aber keinen Kummer machte. Im Falle eines Angriffs hätten wir jedenfalls nicht die mindeste Unterstützung an ihm gehabt, aber daß er uns durchbrennen würde, daran hatten wir nicht gedacht. Er kam denn auch bald, obwohl wir ihm nicht hatten sagen können, in welchem Hotel die Herrschaften abstiegen, und zwar nicht allein, sondern mit einem echten Sarden, der sich des pauvern Continentalen angenommen und ihm seine Bisaccia auf den eigenen Rücken genommen hatte.Vergnügt trollte er von dannen, als er seinen Sold empfangen.
Es kamen dann noch zwei Handlungsreisende, die auch da aßen und schliefen und die sich sehr wunderten, als wir ihnen erzählten, wo wir gewesen. Der eine, der schon lange in diese Gegend kommt, meinte, um keinen Preis würde er nach Fonni oder nach Gavoi gehen. Mein Sohn war mächtig mutig geworden und meinte, sie würden doch zu viel riskieren, wenn sie auf Fremde einen Angriff machten.
Es war ziemlich frisch am Abend und wir waren ganz froh, als man uns einen jener großen Braseros anzündete, die in Sizilien, Sardinien und Spanien die Stelle unseres Ofens vertreten. Wenn man einen solchen Brasero unter den Tisch setzt, so strömt von demselben eine behagliche Wärme aus, die das Frösteln beseitigt. Mein Sohn wollte die Wärme aber auch in der Nacht noch haben und trug denselben in unser Schlafzimmer, was wir am Morgen mit heftigem Kopfweh zahlten.
Am 3. mußten wir, da die Anzahl der Züge eine sehr geringe ist, mit dem ersten Zuge abreisen. Wir ließen uns durch die dunkeln Sträßchen zum Bahnhofe hinaufführen, wo wir verschiedene Reisende und auch zwei Gendarmen trafen, die einzigen, glaube ich, die mir in Sardinien aufgefallen sind, während in Sizilien auf jeder Station zwei auf dem Perron auf und ab gehen. Von Nuoro hatten wir also nicht viel gesehen. Die Umgebung ist öde und das Städtchen liegt hoch, so daß auch sehr wenig Vegetation hier ist. Das Wetter ist nicht schlecht, aber trüb und eher kühl. Das Land ist sehr steinig und nicht sehr bebaut. Man fährt, nachdem man die Kreuzung passiert, die nach Norden in der Richtung von Sassari zieht, in einer Art Thal. Rechts zieht sich eine ziemlich hohe Gebirgskette, an deren Fuß, in etwa einer halben bis ganzen Stunde Entfernung von der Bahn, eine Reihe von Ortschaften sich zeigt, die zum Teil, aus der Ferne gesehen, ein stattliches Ansehen haben. Man sieht auch hie und da einen Nuraghen in die Luft starren. Es sind das vorgeschichtliche Bauwerke, runde Türme aus cyklopischem Mauerwerk, die auf einer viereckigen Basis ruhen, auf deren Höhe eine Thür ins Innere führt. Im Innern ist gewöhnlich nur ein Raum, mit seitlichen nicht ganz abgeschlossenen Réduits, zuweilen sind auch zwei Kammern übereinander. Im Innern führt eine rohe Steintreppe zur Höhe einer Plattform, von der man einen freien Überblick auf die Umgebung hat. Die Nuraghen sind also Bollwerke für eine friedliche zerstreute Bevölkerung, die sich hieher im Falle eines feindlichen Einfalls zurückziehen kann. Es ist so eingerichtet, daß man von der Höhe des Nuraghen Steine'oder andere Geschosse auf unten außerhalb Weilende schleudern kann.
Diese Nuraghen werden bei ihrer exponierten Lage mit einander in Kommunikation gestanden haben. Sie sind stehen geblieben, während die eigentlichen Wohnstätten der damaligen Bewohner, einfache Hütten aus Strauchwerk, natürlich spurlos verschwunden sind. Da wo zahlreiche Ansiedelungen bestanden haben, war auch die Zahl der Nuraghen größer, sie sind übrigens über das ganze Land verbreitet. Jetzt sind sie zum Teil ganz oder teilweise überwachsen, sind von gelben oder grauen Flechten überzogen, und da das Land sehr schwach bevölkert, es auch an Steinen keinen Mangel hat, sind sie auch nicht als Steinbrüche benützt worden, wie mannigfach die Bauwerke der Römer.
Etwa um 10 Uhr sind wir in Macomer, wo ein famoses Hotel sein soll. So hatte uns die Fama schon in Neapel berichtet. Das Hotel ist von der Bahngesellschaft errichtet worden und soll ein Buen Retiro für Sommerfrischler sein. Es liegt ganz nahe bei der Station, die Vereinigungspunkt ist für die südlich und östlich streichende Linie der Hauptbahn. Macomer machte uns eher einen düstern Eindruck. Auch der Verkehr ist kein erheblicher und nur gegenüber der übrigen Einsamkeit dem Einheimischen bemerklich.
Am 4. früh ging wieder der erste Zug nach Sassari. Die Gegend ist steinig und öde, sehr schlecht bebaut, schwach bevölkert. Man sieht einzelne kleine Wäldchen, dann Gestrüpp und auf den magern Felderchen überall reichlich Steine. Die Felder sind mit Lavamauern eingefaßt und man stößt hier überall auf Spuren vulkanischer Thätigkeit. Das giebt auch der Gegend etwas Tiefmelancholisches.
Wie wir gegen Sassari kommen, wird das Land besser bebaut. Man sieht auch einige Wasserläufe und kommt am Ende durch ein grünes Thal mit einzelnen zerstreuten Häusern. In Sassari ist 's auf dem Bahnhof recht lebhaft. Der Portier der „ Italia " bemächtigt sich gleich unsers Gepäckes und verteilt es dann an verschiedene Untergebene. Die Stadt steigt vom Bahnhof ganz erheblich und man sieht viel sonntäglich gekleidetes Volk in den Straßen. An vielen Thüren sind kleine Fähnchen angebracht, die anzeigen, daß hier Wein geschenkt wird. Die „ Italia " ist gerade in Reparatur. Wir müssen darum ziemlich hoch steigen, bekommen aber ganz ordentliche Zimmer, besser als in Cagliari. Das Wetter hält sich gut, und nach dem Essen, das passabel ist, gehen wir in die Stadt. Die Straßen sind reinlich. Außerhalb der Stadt ist auf beiden Seiten eine hübsche Anlage; auch eine passable Kathedrale ist da. Am Ostabhang der Stadt ist die Fontana del Rosello. Der Brunnen ist ein weißer Marmorbau, aus dem verschiedene Röhren ein klares Wasser speien. Oben thront der heilige Gavinus, der auf einem Pferde sitzt. Der Brunnen ist beständig von einer Anzahl Eseltreiber umlagert, die das Wasser in kleinen Fäßchen in die Stadt hinaufbefördern. Der Abfluß des Wassers ist sehr schlecht und der schöne Brunnen ist von schwarzen Lachen eines stinkenden Schlammes umgeben, der auf große Distanz die Luft verpestet. Wir spazieren dann vor die Stadt hinaus und kommen dort zu alten Steinbrüchen, die ganz ähnlich sind den Latomien von Syrakus. Sie haben auf den frischen Stelle » eine hellgelbe Färbung, wo sie alt sind, ein Eisengrau. Weiter außen ist ein hübscher Pinienwald, an dessen Rand einige Häuschen stehen.
In die Stadt zurückgekehrt, hörten wir die Militärmusik auf dem großen Platze. Hier war die ganze Bevölkerung der bessern Stände versammelt und bewegte sich spazierend auf- und abwärts. Hier sahen wir die einzigen Fremden, die wir während unseres ganzen Aufenthaltes auf der Insel gesehen, ein junges Paar, Deutsche, wie wir annahmen. Man sah unter den Frauen ganz hübsche Gesichter, aber beinahe keine Landestracht, und wir waren nun doppelt froh, unsere Trachtenphotographien in Cagliari genommen zu haben.
Wir hatten uns am Nachmittag auch nach der Fahrgelegenheit nach Italien oder Frankreich erkundigt und es war uns bestätigt, daß am Montag Nachmittag ein Fraissinetdampfer nach Ajaccio und Nizza gehe. Billete konnten wir aber in Sassari nicht bekommen.
Der 5. März war nicht übel angebrochen. Die Strecke bis Porto Torres, der Hafenstadt von Sassari, ist ganz kurz. Nachdem wir auf der „ Agenzia " unsere Billets genommen, hatten wir noch Zeit genug, uns auch das Städtchen oder Nest anzusehen. Oberhalb des einsträßigen Ortes ist die uralte Basilika St. Gavino. Nach der andern Seite ist noch eine gut erhaltene römische Brücke und ziemlich erhebliche Kuinen von Profan-gebäuden, außerdem Ruinen eines Tempels der Fortuna. Der Hafen ist nicht von den besten. Eben als wir uns einschiffen wollten, erhob sich ein kleiner Sturm. Wo der innere Hafen in den äußern übergeht, ist eine Mauer, gegen die die Wellen sich brandend brechen, und wenn man an diese Wendestelle kommt, wird man gewaltig hin- und her-geschaukelt. Es war sehr mühsam für unsere Ruderer, an das Schiff zu gelangen, und auch das Einsteigen war gar nicht angenehm. Ich war herzlich froh, wieder auf einem französischen Schiff zu sein, das uns nach Frankreich bringen sollte.
In Sturm und Regen nahmen wir Abschied von der Insel Sardinien. Ich war froh, sie gesehen zu haben, und habe eigentlich gar keinen Grund, mit derselben unzufrieden zu sein. Ich hatte in Cagliari und Arizzo den liebenswürdigsten Empfang gefunden, aber ich war doch herzlich froh, wieder nach civilisiertern Gegenden zu kommen.
Man findet in Sardinien im Innern noch eine solche Originalität der Tracht und der Lebensweise, wie vielleicht kaum in einem europäischen Lande. Eine bequeme Reise ist es nicht und wird so bald auch nicht in die Mode kommen, aber ich möchte die Insel jedem empfehlen, den es nicht unglücklich macht, mit wenigem sich zu begnügen, um Schönes und Originelles zu sehen.
Ich glaube nicht, daß bescheidene Reisende, die von einem Ort zum andern Empfehlungen haben, viel riskieren, aber gut ist es, immer gleich vorwärts zu ziehen und nicht zu viel sich über die Reiseroute auszulassen. Die in letzter Zeit öfters genannten Räubereien sind alle an Landes-bewohnern, Einheimischen und Fremden verübt worden.
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III.
Abhandlungen.