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Ihre Bühne ist der endlose Hotelgang, ihren Auftritt legt sie durch eine durchsichtige Baublache hin. In einer der schönsten Szenen des Dokumentarfilms «Dreaming Walls» bahnt sich Merle Lister mit ihrem Rollator den Weg zwischen Leitern, Bauschutt und herabhängenden Kabeln.
Vor dem Fahrstuhl trifft sie einen jungen afroamerikanischen Bauarbeiter, der ihr erzählt, dass es im Hotel spukt. All die Geister der verstorbenen Bewohner könnten das Haus nicht verlassen, weil ihre Seelen es nicht schafften, loszulassen.
Dann tanzen der junge Mann und die alte Frau einen Mambo vor dem Hotelfenster mit Blick auf New York.
Eine junge Choreografin in New York
Merle Lister kam Anfang der 1980er-Jahre ins Hotel Chelsea. Die in Toronto geborene Tänzerin hatte bei der bekannten Choreografin und Tänzerin Martha Graham studiert, wandte sich aber der Avantgarde zu.
Sie arbeitete mit Ellen Stewart im berühmten La MaMa, einem experimentellen Theaterclub und gründete ihre eigene Merle Lister Dance Company. Ihr Tanzstudio befand sich in einem grossen Loft in Chelsea, in dem sie auch wohnte.
Als ihr dort gekündigt wurde, zog sie auf Drängen ihres Ehemanns ins Chelsea Hotel. Viel Platz hatte das Paar in dem kleinen Hotelzimmer nicht - dafür illustre Nachbarn.
Merle war befreundet mit der Schauspielerin Viva aus Andy Warhols «Superstar-Clique», die auf dem gleichen Stockwerk wohnte. Im obersten Stock besuchte Merle oft den Komponisten George Kleinsinger, der sich hier ein Glashaus eingerichtet hatte, das mit exotischen Pflanzen, Schlangen und Hasen bevölkert war. Es gab Nacktpartys und drogengeschwängerte Stürze vom Balkon.
Erinnerung an wilde Zeiten
Als Merle einzog, hatte das Hotel Chelsea seine besten Zeiten bereits hinter sich. Aber es atmete noch den Geist der wilden Vergangenheit New Yorks.
Hier hatte Jack Kerouac sein Jahrhundertwerk «On the Road» geschrieben. Patti Smith, Bob Dylan, Janis Joplin lebten, liebten und arbeiteten hinter den roten Backsteinmauern. Im Zimmer 100 soll der Bassist der Sex Pistols Sid Vicious seine Freundin Nancy Spungen erstochen haben. Ein paar Monate später starb er im selben Zimmer an einer Überdosis.
Die guten Geister der Vergangenheit
1983 feierte das Hotel seinen 100. Jahrestag. Zur Feier inszenierte Merle Lister ihr bekanntestes Stück, den «Tanz der Geister» im Treppenhaus des siebten Stocks. Die Tänzerin Gina Lior glitt im weissen Gewand die Treppen hinunter und lehnte sich gefährlich weit über das Geländer herab.
Die anderen Geistertänzer wanderten einsam durch das Treppenhaus. Mehr an sich selbst interessiert als am Gegenüber. Im Film «Dreaming Walls» reproduziert Merle Lister diese Choreografie noch einmal mitten in der Baustelle.
Im Chelsea weht heute ein neuer Geist
Das Chelsea Hotel wurde mehrfach verkauft, es gab Pläne das Hotel komplett zu renovieren, doch die Dauermieter wie Merle Lister waren vom Gesetz gut geschützt. So renovierte man Jahrzehnte lang um sie herum. Neben Merle Lister wohnen noch ein paar weitere Künstler in ihren unrenovierten Zimmern.
Im Januar 2022 wurde das Chelsea Hotel als Luxushotel wiedereröffnet. Für die Dauermieter gibt es einen separaten Lift. Merle Lister ist zu einer Art Ikone des Chelsea Hotels geworden. Sie ist noch da, wie ein Geist aus einer anderen Zeit. Als Chelsea noch Boheme war.
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