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Im Herbst 1947 fand in Luzern die Delegiertenversammlung der Schweizerischen Artillerievereine statt. Im Anschluss luden die Kameraden von Luzern zu einem Trunk im prächtig ausgebauten Wasserturm ein.
Die Zofinger Artilleristen waren von der Turmstube im Luzerner Wasserturm so begeistert, dass sie an der nächsten Generalversammlung vom 7. Februar 1948 den Vorschlag machten, etwas ähnliches im Zofinger Pulverturm zu realisieren. "Der Turm sei ja seit Jahrzehnten ungenutzt und mit etwas Arbeit und Wille sei es sicher möglich, eine schöne Turmstube herzurichten." Die Generalversammlung beauftragte den Vorstand, dem Stadtrat ein Mietgesuch für die obersten beiden Stockwerke zu stellen, was dieser 5 Tage nach der Versammlung auch tat.
Die Stadträte wunderten sich über dieses Gesuch und es soll geheissen haben «wenn sich dort oben noch weitere Vögel einnisten wollen, dann sollen sie. Wir bewilligen das Gesuch».
Zu dieser Zeit war der Pulverturm von Zofingen keine Zierde. Im obersten Stock hausten die Stadttauben und führten ein paradiesisches Leben. Die Holztreppen waren morsch und der Taubendreck türmte sich meterhoch. Auf dem kleinen Absatz in der Fassade wuchsen Tannen, die fast bis zum Wetterhahn hinaufragten und das Dach war undicht.
Am 16. April 1948 wurde der Mietvertrag zwischen dem Stadtrat von Zofingen, als Vertreter der Ortsbürgergemeinde einerseits und dem Artillerieverein Zofingen anderseits, über die obersten beiden Räume des Pulverturms abgeschlossen.
Ab sofort wurde geplant und Geld gesammelt. Die Stadtbehörden hatten die Sanierung des defekten Daches und der Aussenhülle beschlossen und liessen im Juni 1949 das Gerüst für die Sanierungsarbeiten aufstellen.
Nun mussten die bisherigen Herren des Turmes ausquartiert werden. In einer Nachtaktion schlichen sich einige Artilleristen am 27. Juni 1949 nach Einbruch der Dunkelheit in die Behausung der Tauben und fingen über 30 Stück ein. In Körbe verpackt wurden sie aus dem Turm getragen und in neue Schläge verfrachtet. Die Zofinger Tierschützer, die sich über den grausamen Überfall empört hatten, beruhigten sich nach einigen Wochen wieder.
Der Taubendreck der in mühsamer Arbeit aus der Turmstube entfernt werden musste, fand in den Treibhäusern eines Gärtners als Dünger Verwendung. Im Oktober 1949 waren die Renovationsarbeiten am Dach und an der Fassade abgeschlossen und die Artilleristen konnten mit dem Innenausbau beginnen.
Die Böden wurden instand gestellt und in der Turmstube mit Platten belegt. Neue Treppen mit Geländer wurden montiert und natürlich mussten ganz oben Fenster eingebaut werden. Die wunderschöne Aussicht auf die Berner Alpen und die Zofinger Dächer ist heute noch für jeden Besucher eine riesige Überraschung.
Den Winter 1949 -1950 haben die Berufsleute des Artillerie-Vereins Zofingen und ihre «Handlanger» genutzt, um den Ausbau voranzutreiben. Ab Januar wurden die notwendigen Toilettenanlagen eingebaut und das Klopfen und Hämmern aus dem Turm war jeden Abend und am Wochenende zu hören.
An der Generalversammlung vom 4. März 1950 wurde unter anderem der Kauf eines grossen Tisches beschlossen, über dessen Ausmasse selbst Putin staunen würde. Für die 35 passenden Stabellen wurden Spender gesucht, deren Namen dann in die Rückenlehne eingeschnitzt wurde.
Unermüdlich wurde das ganze Jahr weitergearbeitet. Und wenn die dreckigen Artilleristen vor der Polizeistunde im Jägerstübli mit einem Bier den Staub runterspülten, wurden sie belächelt und zum Teil als Spinner bezeichnet. Aber sie machten weiter.
Ende Oktober 1950 war die Turmstube soweit fertig, dass man ans Dekorieren denken konnte. Dank guten Kontakten zu Verantwortlichen der Zeughäuser Kriens und Aarau konnten Gegenstände zum Ausschmücken gekauft werden. Ein Schlossermeister aus dem Verein hat den aus Säbeln bestehenden Kronleuchter hergestellt, der heute noch in der Turmstube hängt.
Am 16. Februar 1951 konnte der Vorstand des Artillerie-Vereins Zofingen den Stadtrat, den Stadtschreiber und den Bauverwalter als erste offizielle Gäste im Pulverturm begrüssen. Die Einweihung der Turmstube wurde im März an zwei Tagen durgeführt, da es für alle Vereinsmitglieder zu wenig Platz in der Turmstube hatte.
Die Arbeiten gingen aber weiter. Unter der Turmstube entstand im Laufe der nächsten Jahre eine kleine Küche mit Kochherd und Schüttstein. In den eingebauten Schränken konnten nun das Geschirr und die Gläser aufbewahrt werden und das Bewirten der Gäste wurde dadurch einfacher. Unter der obersten Treppe wurden Munitionskisten in die Wand eingebaut, in denen nun anstelle von Granaten Weinflaschen lagern.
Der Artillerie-Verein Zofingen ist noch heute dankbar, dass unsere Väter damals den Mut und den Willen gehabt haben, ein so prächtiges Vereinslokal zu realisieren. Auch die Behörden von Zofingen sind mächtig stolz, wenn sie ihren Gästen das prachtvoll eingerichtete Lokal im altehrwürdigen Pulverturm zeigen können.
Zofingen, Januar 2023. Text und Bilder Res Kaderli
Dekoration aus Zeughäusern in der Turm-Stube vom Pulverturm Zofingen
Im Juni 1951 wurde der Pulverturm zwei Tage für die «gwundrigen» Zofinger geöffnet und es kamen an diesen beiden Tagen 1556 Personen über die 97 Stufen in die Turmstube! Das Interesse der Zofinger war so gross, dass im November noch ein Besuchstag durchgeführt wurde und es kamen noch einmal 1119 Besucher in die Artilleriestube hoch.
Foto Res Kaderli