Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03549.jsonl.gz/874

In den 1990er-Jahren stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Schweiz markant an. Um dem Problem zu begegnen, revidierte der Bund das Arbeitslosengesetz und verpflichtete die Kantone im Jahr 1996, Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) aufzubauen. Damit erhielten die Arbeitslosen und Stellensuchenden einerseits Beratung und Hilfe, um wieder einen Job zu finden, andererseits erlegte man ihnen auch Pflichten auf: Bewerbungsschreiben, Kurse, Beschäftigungsprogramme.
Heute, 20 Jahre später, haben die FN mit zwei Männern gesprochen, die beim Aufbau der RAV in Freiburg beteiligt waren: Michel Pittet wurde 1992 für die CVP in den Staatsrat gewählt und übernahm die Volkswirtschaftsdirektion. Bruno Köstinger, Lehrer und früherer Geschäftsführender Zentralsekretär des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes (heute Travail Suisse), war der erste Leiter des RAV im Sensebezirk.
Zuvor wenige Arbeitslose
«Als ich Staatsrat wurde, war die Arbeitslosigkeit das grosse Thema», sagt Michel Pittet. Es habe auf kantonaler Ebene aber weder ein Gesetz noch Geld gegeben, die Hilfe ermöglicht hätten. «Das ist kein Vorwurf an meine Vorgänger, denn bis dahin kannte man in Freiburg Arbeitslosigkeit kaum.» Noch 1992 brachte er ein Dekret im Grossen Rat durch, mit dem während vier Jahren 2 Prozent der Steuereinnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verwendet werden konnten. «1992 waren wir im Rückstand. Als aber 1996 das neue Gesetz kam, hatten wir im Vergleich zu anderen Kantonen einen kleinen Vorsprung», so Pittet.
Dennoch habe der Aufbau der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren den Kanton vor Herausforderungen gestellt: Der Bund, der die RAV und die arbeitsmarktlichen Massnahmen grösstenteils finanzierte, forderte, dass die Arbeitsvermittler aus den unterschiedlichsten Berufen kommen. «Es sollten nicht nur Akademiker sein, sondern auch Handwerker oder andere Berufsleute», sagt Pittet. Es sei nicht einfach gewesen, gute Leute zu finden, da es noch keine entsprechende Ausbildung gab. Erst nach Eröffnung der RAV hätten diese Kurse für Arbeitsvermittlung und Personalberatung besuchen können.
Pionier Sensebezirk
Bruno Köstinger trat seine Stelle im November 1995 in Tafers an. Er hatte zwei Monate Zeit, die künftige RAV-Stelle aufzubauen: Personalsuche und Einrichten der Räume standen bei ihm zuoberst auf der Prioritätenliste. Am 1. Januar 1996 nahm das RAV des Sensebezirks offiziell seinen Betrieb auf. Neben Köstinger zählte es vier Mitarbeiter.
«Der Sensebezirk war viel weiter als die anderen Bezirke, wir konnten von dessen Erfahrungen profitieren», sagt Michel Pittet. Denn bereits vor den RAV gab es im Bezirk das Koordinationsprojekt für Arbeitslose Kopra, das vom Gemeindeverband Region Sense organisiert worden war. Das RAV Sense genoss deshalb in den Anfängen einen Sonderstatus: Es stand weiterhin unter dem Patronat des Gemeindeverbandes, währenddem die RAV der anderen Bezirke direkt dem Kanton unterstellt waren.
«Wir genossen grosse unternehmerische Freiheiten», sagt Bruno Köstinger. «Wir hatten ein Budget, in dessen Rahmen wir frei agieren konnten, und wir pflegten intensive Kontakte mit den Arbeitgebern.» Die Abläufe seien weitgehend unbürokratisch gewesen, und die Zusammenarbeit mit dem Gemeindeverband verlief angenehm. «Unser Ziel war, so gut wie möglich den Willen des Bundesparlaments umzusetzen, nämlich die Arbeitslosen möglichst rasch und dauerhaft zu vermitteln.»
1999 änderten sich die Bedingungen, auch das RAV Sense war nun direkt dem Kanton unterstellt. «Damit wurde alles technokratischer», sagt Bruno Köstinger. Dennoch habe er den Schritt verstehen können, sollten doch alle gleichbehandelt werden.
Auch weitere Anpassungen wurden laut Michel Pittet mit der Zeit nötig: Einerseits hat der Kanton gewisse RAV zusammengelegt, so dass es nicht mehr in jedem Bezirk ein Zentrum gab. Auch die RAV des See- und Sensebezirks wurden in Tafers zusammengelegt. «Die Kantone bekamen weniger Geld vom Bund und mussten den Umgang mit den Mitteln optimieren», erklärt Pittet. Andererseits gab es personelle Wechsel: «Wir mussten die Löhne anpassen. Da die Arbeitsvermittler sehr unterschiedliche Hintergründe und Ausbildungen hatten, war es nicht einfach, einen Mittelweg zu finden. Das führte zu Spannungen.» Auch seien nicht alle Posten ideal besetzt gewesen.
Ein neuer Dienstchef sollte für Ordnung sorgen, doch auch das führte zu internen Konflikten und schliesslich dazu, dass dieser 2010 den Hut nahm. «Es war wirklich nicht einfach», sagt Michel Pittet dazu. «Die Spannungen waren nicht gut, aber die RAV konnten trotzdem ihre Leistungen erbringen. Das haben die Zahlen bestätigt», sagt Pittet.
Michel Pittet und Bruno Köstinger sind überzeugt vom Nutzen der RAV. «Früher gingen Arbeitslose auf die Gemeinde zum Stempeln, danach konnten sie über ihre Zeit frei verfügen», so Köstinger. Mit dem Gesetz sei dies durch regelmässige und obligatorische Beratungsgespräche und arbeitsmarktliche Massnahmen wie Kurse oder Beschäftigungsprogramme ersetzt worden. Er kritisiert aber, dass die Umsetzung nicht immer geklappt habe. So habe es von Bund und Kanton Vorgaben gegeben, etwa bezüglich der Anzahl Zuweisungen: Die RAV-Mitarbeiter mussten die Angemeldeten zu einer bestimmten Zahl Bewerbungen verpflichten. «Das führte dazu, dass sich Leute auf Stellen bewarben, für die sie nicht qualifiziert waren, was die Arbeitgeber verärgerte.» Generell hätten die administrativen Abläufe viel Zeit verschlungen, die dann für das Vermitteln, die Beratung oder den Kontakt zu den Arbeitgebern fehlte.
Michel Pittet gibt Köstinger in diesem Punkt recht: Die Administration sei effektiv aufwendig gewesen, die Vorgaben seien aber vom Bund gekommen. «Er bezahlte den grössten Teil, wir mussten uns rechtfertigen.»
Im Oktober 2001 übernahm Bruno Köstinger die Leitung des RAV in Freiburg. «Hier hatten wir fast 3000 Angemeldete.» Die administrative Arbeit sei deshalb berechtigter gewesen. «In Tafers konnten wir viel über den direkten Austausch erledigen, in Freiburg war das angesichts der Grösse des Betriebes unmöglich.»
Ähnliche Herausforderung
2003 ging der heute 73-jährige Bruno Köstinger in Pension, der heute 74-jährige Michel Pittet verliess den Staatsrat 2006. Beide beobachteten in ihrer Zeit verschiedene Herausforderungen bezüglich Arbeitslosigkeit – und obwohl nun über zehn Jahre dazwischen liegen, decken sie sich weitgehend mit den Schwierigkeiten von heute: Eine Sockelarbeitslosigkeit gebe es immer, sagt Köstinger. «Gewisse Leute sind nicht vermittelbar, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen.» Schon damals habe das Verschwinden einfacher Arbeiten für Schwierigkeiten gesorgt, was sich nun zugespitzt habe. Bei ausländischen Arbeitssuchenden sei die Schulbildung zum Teil ein Problem gewesen: «Wir stecken rund 15 Jahre in die Schul- und Berufsbildung: Wie soll das jemand in kurzer Zeit aufholen?», fragt Köstinger. Gerade für solche Leute sei die Einführung der arbeitsmarktlichen Massnahmen, etwa Beschäftigungsprogramme, sinnvoll gewesen. «Sie geben ihnen eine Aufgabe und eine Tagesstruktur.»
Michel Pittet hält fest, dass die Arbeit der RAV sehr wichtig sei, dies aber nicht genüge, um der Arbeitslosigkeit zu begegnen. «Es braucht auch Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, eine starke Wirtschaftsförderung und eine Koordination aller Akteure.»
Arbeitsmarkt hält mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt
2015 endete für den Freiburger Arbeitsmarkt mit einer Rekordzahl an Stellensuchenden sowie einer im Vergleich zu den letzten Jahren höheren Arbeitslosenquote. 250 Arbeitsplätze seien verloren gegangen, obwohl der Frankenschock erst mit Verzögerung wirkte, teilte das Amt für den Arbeitsmarkt gestern mit. Neue Jobs halten mit dem Bevölkerungszuwachs nicht mit.
Urs Haenni
«Das AMA erfüllt eine wichtige Aufgabe für die Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt.» Dies sagte der Freiburger Volkswirtschaftsdirektor Beat Vonlanthen (CVP) gestern bei der Bilanzmedienkonferenz des Amts für den Arbeitsmarkt (AMA). Im vergangenen Jahr war das Amt bei dieser Aufgabe mehr als je gefordert. Per Ende 2015 waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren 9000 Stellensuchende angemeldet, so Amtsvorsteher Charles de Reyff. Damit sei ein trauriger Rekord gebrochen worden, sagte er. Dieser Spitzenwert lasse sich durch zwei Faktoren erklären: einen demografischen und einen saisonalen. So sei zwischen 2010 und 2015 die Einwohnerzahl des Kantons um 26 000 Personen angewachsen. Damit konnte die Schaffung neuer Stellen nicht Schritt halten. Gemäss de Reyff gebe es heute im Kanton Freiburg 144 000 Stellen für 165 000 Erwerbstätige. Der saisonale Faktor betrifft hauptsächlich das Bauhaupt- und das Baunebengewerbe. Mit der Zunahme der Tätigkeit auf den Baustellen ist die Zahl der Stellensuchenden per Ende März 2016 wieder auf 8670 zurückgegangen.
«2008 schlimmer als 2015»
Schaut man rein die Arbeitslosenquote an, so wirkte sich der Frankenschock 2015 nicht so stark aus wie der Konjunktureinbruch 2008. «Von der Subprime-Krise 2008 hat sich die Wirtschaft nie mehr ganz erholt», so Staatsrat Vonlanthen. Damals hatte die Freiburger Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres von 2,5 auf 3,3 Prozent zugenommen. Im Vergleich dazu stieg die Quote im Kanton von 2014 auf 2015 durchschnittlich bloss von 2,9 auf 3 Prozent an. Der Freiburger Wert liegt unter dem Schweizer Durchschnitt von 3,3 Prozent und unter der Arbeitslosenquote sämtlicher Westschweizer Kantone, so de Reyff. Entwarnung mochte der Amtsvorsteher dennoch nicht geben: «Wenn wir die Zahlen genau betrachten, stellen wir eine langsame, aber stetige Zunahme der Arbeitslosigkeit seit 2011 fest.»
Wie de Reyff ausführte, habe nach dem Frankenschock erst eine abwartende Stimmung geherrscht, die Auftragsbücher seien bis zum Sommer noch relativ gut gefüllt gewesen. Danach gingen aber doch zahlreiche Stellen verloren. Die Zahlen sind zwar schwer zu eruieren, doch für Freiburg wird geschätzt, dass im letzten Jahr 250 Arbeitsplätze verloren gingen; gesamtschweizerisch waren es 6500 Stellen. Auch kündigten acht Unternehmen Massenentlassungen an (mehr als zehn Kündigungen) für insgesamt 334 Mitarbeiter; 2014 waren es noch 120 gewesen. Charles de Reyff sagte jedoch, dass nicht jeder angekündigte Stellenabbau tatsächlich auch in diesem Mass ausgeführt wird.
Eine Zunahme verzeichnete das AMA bei den Gesuchen um Kurzarbeit. Der Bund hat nämlich erlaubt, dass Auswirkungen aus der Aufhebung des Euro-Mindestkurses als Grund für Kurzarbeit akzeptiert würden. Zudem haben im Dezember erstmals sieben Tourismusbetriebe in Skigebieten Kurzarbeit wegen Schneemangels beantragt.
Beat Vonlanthen meinte: «Die permanente Krisenlage ist zu einem Normalzustand geworden.» Wie er sagt, habe das AMA aber immer vorausschauend und innovativ gehandelt. «Die Arbeitslosenquote ist in unserem Kanton unter Kontrolle», so der Volkswirtschaftsdirektor.
Staatsrat Beat Vonlanthen (l.) und AMA-Chef Charles de Reyff: «Alles unter Kontrolle.» Bild Charly Rappo
Zur Serie
Arbeitsvermittlung im Fokus
Die Freiburger Nachrichten nehmen das 20-Jahr-Jubiläum der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren zum Anlass, deren Arbeit näher zu beleuchten. Wie läuft ein Tag in einem RAV ab? Welche Menschen arbeiten dort? Wie sehen die Pflichten von Arbeitssuchenden aus? Was sind die aktuellen Herausforderungen punkto Arbeitslosigkeit? Diesen Fragen gehen die FN in einer losen Artikelserie bis in den Herbst auf den Grund.mir
Das Jubiläum: Dating, Markt und Frühstück
D as Amt für den Arbeitsmarkt stellt für das Jubiläumsjahr «20 Jahre RAV» Anlässe auf die Beine, deren Ziel es ist, Kontakte zu knüpfen. Gemeinsam mit dem Freiburger Verband privater Arbeitsvermittler organisiert das Amt drei Jobdatings: Stellensuchende haben fünf Minuten Zeit, um sich Arbeitsvermittlern vorzustellen. Ein Jobdating hat bereits stattgefunden, das zweite findet am 9. Mai statt. Ende Jahr bringt das Amt an einem Jobmarkt Unternehmer aus einem Wirtschaftsbereich mit Stellensuchenden zusammen. Bis November finden neun Arbeitgeberfrühstücke statt. Die Mitglieder dreier Arbeitgeberverbände werden mit Themen des Arbeitsmarkts konfrontiert. An einem Event im August erhalten Jugendliche Tipps für erste Schritte auf dem Arbeitsmarkt. Dazu findet im Herbst eine Ausstellung und ein Tag der offenen Tür bei den RAV statt. uh
Zahlen und Fakten
Arbeitslosenquote täuscht
Ende März hat die Arbeitslosenquote im Kanton Freiburg 3,3 Prozent betragen (FN vom Samstag). AMA-Chef Charles de Reyff mahnte aber, dieser Wert sei verzerrt. Die aktuelle Zahl der Arbeitslosen werde vom Staatssekretariat für Wirtschaft mit der erwerbstätigen Bevölkerung von 2010 verglichen. Würde man die aktuellen Zahlen zum Vergleich nehmen, läge die Arbeitslosenquote um 0,4 Prozentpunkte tiefer. Wie er sagt, finden 73 Prozent der Freiburger Stellensuchenden innert sechs Monaten nach der Anmeldung einen Job. 2004 dauerte es durchschnittlich 146 Tage; heute sind es 130 Tage (national 139 Tage).uh