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Bild des Monats Oktober 2010: Der ungläubige Thomas und die gläubige Maria Magdalena
«Noli me tangere», sprach der auferstandene Christus zu Maria Magdalena, der er als Erster begegnete, «berühre mich nicht!». – «Reiche deine Hand her und lege sie mir in die Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!», sprach später der auferstandene Christus zum Apostel Thomas, der zuvor verkündet hatte, er werde nicht eher an die Auferstehung Christi glauben, als dass er dessen Wundmale berührt habe. Maria darf Christus nicht berühren, Thomas dagegen soll ihn berühren. Beide Begegnungen werden im Johannesevangelium erzählt.
Im Nonnenchor Wienhausen (Niedersachsen/Deutschland), der um 1335 entstand und lückenlos sowohl an den Wänden als auch im Deckengewölbe ausgemalt ist, finden sich zwei Medaillons, die die oben geschilderten Begegnungen darstellen. Doch in den Wienhäuser Darstellungen erscheint Maria Magdalena gegenüber dem ungläubigen Thomas als die Gläubige: Auf dem Spruchband Christi bei der Begegnung mit ihr stehen nicht die berühmten Worte «Noli me tangere», sondern der Satz: MARIA ECCE FIDES TUA TE SALV(AM) (FECIT) – «Maria, siehe, dein Glaube hat dich gerettet». Der Akzent in den Bildern wurde also gegenüber der Schrift verschoben von der Berührung auf den Glauben.
Die beiden Medaillons erweisen sich in Komposition und Anordnung ähnlich und damit als zusammengehörig, wenn sie auch nicht direkt nebeneinander liegen. Im Vergleich der beiden Darstellungen erscheint Maria Magdalena gegenüber Thomas aufgewertet. Das Medaillon mit Maria vor Christus liegt zusätzlich an privilegiert sichtbarer Stelle in der erhellten Nordhälfte des Nonnenchors – nur die Süd- und Westwand weisen Fenster auf. Die Betonung Maria Magdalenas musste im Klausurbereich des Nonnenchores besondere Wirkung gehabt haben. Mystiker jener Zeit (insbesondere Heinrich Seuse) wiesen die Nonnen an, die ‹guten› Bilder – Bilder Christi – vor die inneren Augen der Seele zu führen und so die Seele zu bilden. Dieser Kontext medialer Bedeutung von Bildern, der Übertragung des Äusseren auf das Innere, lässt die Gewichtung der weiblichen Rolle in den Deckenmedaillons in Wienhausen in einem neuen Licht erscheinen.