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Als Michel Merkt ein Knabe war, hat ihm sein Vater jeden Morgen nach dem Aufwachen eine Geschichte erzählt, ein Märchen zum Beispiel oder eine Episode aus einem «Tim und Struppi»-Band. Klein Michel hat es geliebt, die Erzählungen waren sein Lebenselixier.
Die Liebe ist geblieben. Doch heute, mit 44 Jahren, erzählt er die Geschichten selbst oder, besser: Er macht sie möglich. Merkt ist einer der wichtigsten Produzenten der internationalen Filmszene. Weil er ein Gespür hat für aussergewöhnliche Stoffe. «Ich suche den Wow-Effekt, die Überraschung. Ich will Geschichten, die nicht vorhersehbar, aber unausweichlich sind», sagt er.
Und das gelingt ihm. Gleich zwei seiner Filme waren heuer für einen Oscar nominiert, der deutsche Hit «Toni Erdmann» und der Schweizer Animationsfilm «Ma vie de Courgette». Dieser handelt von einem Knaben, der seine Mutter verliert, in ein Heim kommt und adoptiert wird. Der Film lag ihm besonders am Herzen, weil er ein wenig seine eigene Geschichte erzählt.
1972 kam Merkt in Genf zur Welt. Seine Mutter war eine junge, unverheiratete Spanierin aus zerrütteten Verhältnissen. Sie kam für die Geburt in die Schweiz, weil sie hier finanzielle Unterstützung erhielt. Zeit für ihr Kind hatte sie nicht. Nach drei Jahren im Heim wurde Michel von einem Anwalt adoptiert. Seine biologischen Eltern kennt er nicht, er will sie entgegen Ratschlägen von Psychologen auch nicht ausfindig machen. «Ich habe jetzt Eltern, es stimmt für mich.»
Merkt sitzt in weissen Turnschuhen, Jeans und T-Shirt auf der Terrasse eines Hotels in Locarno. Er spricht leise, wirkt zurückhaltend. «Ich war schon als Kind sehr schüchtern», sagt er. Um aus sich herauszukommen, hat er mit sieben Jahren angefangen, Theater zu spielen. «Das war zwar eine Qual, hat mir aber geholfen, so dass ich heute vor Kameras treten kann.»
Michel Merkts Leben würde selbst zum Filmstoff taugen. Nach der Adoption wuchs er bei seinen neuen Eltern in Genf auf, schaffte aber die Matura nicht. Er zog nach Brüssel und wurde Journalist beim TV-Sender Canal+. Merkt berichtete vom Filmfestival Cannes, entbrannte für den Film, wechselte aber später zur Privatbank Pictet.
Dort wurde eines Tages ein Mitarbeiter des Sultans von Brunei vorstellig. Der Monarch wollte einen Anlass mit der Nelson Mandela Foundation in Genf durchführen. Merkt riet davon ab. Darauf meldete sich der Sultan: «Sie sollten für mich arbeiten.»
Zwei Jahre lang reiste Merkt durch Afrika und die USA, um Investitionsmöglichkeiten für den Sultan zu suchen: Öl, Immobilien, Kinofilme, Unterhaltungsgeschäfte. Merkt lernte einflussreiche Leute kennen - und wurde reich. «Man muss im Leben manchmal ausscheren, eine Chance packen und nicht wie am Skilift warten, bis ein Bügel kommt, den man bequem fassen kann.»
Sein Vermögen fliesst seither in seine Filme, und zwar im grossen Stil. Gewinn ist nicht das primäre Ziel. Geld hat Merkt schon. «Ich möchte die Vision eines Künstlers einem möglichst grossen Publikum zugänglich machen.» Damit das gelingt, arbeitet er mit seiner ukrainischen Frau zusammen. Die beiden leben mit ihren drei Kindern in Monaco.
«Als wir uns in Genf kennenlernten, arbeitete sie im Frachtgeschäft und liess von einem Büro in Dubai aus Container in alle Welt verschiffen.» Heute beurteilt sie die Drehbücher für die Produktionen des Gatten. «Es ist mir wichtig, dass unsere Projekte auch aus weiblicher Sicht geprüft werden, meine Frau ist auch die Erste, die den Endschnitt eines Films zu sehen bekommt.»
Bei aller Liebe zum Film, Merkt ist ambitioniert, tut alles für den Erfolg. Schweizer, die mit ihm zusammengearbeitet haben, nennen ihn ein Marketinggenie und einen brillanten Strategen, beschreiben ihn als fordernd, aber auch als generösen Typ, der an einen Hotelier erinnere, weil er stets schaue, dass es allen gutgehe.
Am Mittwoch wird Merkt in Locarno mit dem Raimondo-Rezzonico-Preis als bester unabhängiger Produzent ausgezeichnet. Anschliessend feiert er mit der Schweizer Produktion «The Song of Scorpions» Weltpremiere.
Sein Adoptivvater wird ebenfalls unter den Zuschauern auf der Piazza Grande sitzen. Er hatte einst gehofft, sein Sohn würde Anwalt wie er. Merkt sagt: «Er ist nicht glücklich, dass ich beim Film gelandet bin, aber er ist froh, dass ich glücklich bin.»