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«Entweder man schützt die einheimischen Hühner oder man arbeitet mit Bill Gates zusammen, um sie zu ersetzen. Beides zusammen geht nicht!» Das Ministeriumsprojekt zur Kennzeichnung von burkinischem Geflügel – dem sogenannten «Fahrradhuhn» – überzeugt Organisationen, die sich für Artenvielfalt und kleinbäuerliche Landwirtschaft einsetzen, nicht wirklich. Neben anderen Risiken besteht die Gefahr, dass das Label von der Industrie instrumentalisiert wird.
Am 5. Juli 2021 kündigte die Regierung von Burkina Faso ein Projekt zur Kennzeichnung von «Fahrradhuhn» an. Das erklärte Ziel dieses Labels ist, das lokale burkinische Huhn vor importierten Hühnern zu schützen. Werden Letztere mit einheimischen Hühnern gekreuzt, könnte dies zum Verschwinden der lokalen Rasse führen. «Es war wichtig für uns, die für Burkina Faso typische Bezeichnung „poulet bicyclette“ (Fahrradhuhn) zu schützen», sagt der für Tierzucht zuständige Minister Modeste Yerbanga. Er betont, der Prozess würde innerhalb von drei Monaten abgeschlossen. Das Label wird für Hühner gelten, die bestimmte Kriterien erfüllen, insbesondere die richtige Rasse haben und zurückhaltend mit Veterinärprodukten behandelt wurden. Zudem muss das Futter teilweise aus Speiseresten bestehen und das Tier muss Auslauf im Freien haben.
Der Begriff «Label» oder «Kennzeichnung» deutet darauf hin, dass die Regierung einen Antrag auf geistiges Eigentumsrecht an diesem Huhn plant. Der Generaldirektor des Nationalen Zentrums für industrielles Eigentum innerhalb des Handelsministeriums bestätigt, dass es sich dabei entweder um eine geografische Herkunftsangabe (GGA) oder eine Kollektivmarke handeln soll. Unabhängig von der gewählten Rechtsform ist klar, dass der Antrag bei der OAPI (Afrikanische Organisation für geistiges Eigentum) auf eine direkte Anwendung in den 16 Mitgliedsländern abzielt. Dies wirft jedoch zahlreiche Fragen auf.
- Unseres Wissens dürfte es nicht möglich sein, die Bezeichnung «poulet bicyclette» als eine geografische Angabe zu schützen. Wenn schon, müsste es heissen: «Fahrradhuhn aus der Region XY». Der Name muss mit einem genau definierten Gebiet verbunden sein, aus dem das Produkt seine Qualitäten (aufgrund des Bodens, des Klimas oder der Topografie) oder seinen Bekanntheitsgrad (aufgrund des Know-hows der Produzent:innen) bezieht.
- Das sogenannte Fahrradhuhn gibt es in ganz West- und Zentralafrika, von der Zentralafrikanischen Republik bis zum Senegal. Es ist ein allgemeiner, geläufiger Name, der ein sehr umfangreiches Erbe repräsentiert. Wie soll dieser Name nun plötzlich einem einzelnen Land zugeteilt werden?
- Wird eine bestimmte Rasse geschützt? Wenn ja, welche? Ist das Fahrradhuhn eine Rasse in Bezug auf Genetik, Population, Stamm oder Ähnliches? Wenn man versucht, eine Tierrasse zu schützen und zu fördern, besteht das Risiko, dass man deren Industrialisierung vorantreibt, d.h. Investitionen in ein einheitliches Produktionssystem fördert, um die Reinheit der Rasse zu erhalten. Zudem schafft eine geografische Herkunftsangabe, ein Label, eine Bezeichnung oder eine Marke automatisch einen Mehrwert bezüglich dieser Art von Huhn und zieht folglich Investoren an.
- Ja, Hühner mit Label werden wohl einen höheren Preis erzielen. So funktionieren Labels: Produzent:innen werden für ein Qualitätsprodukt bezahlt. Aber besteht nicht die Gefahr, dass damit die Interessen wohlhabender Schichten auf Kosten der Ärmsten gefördert werden? Die Strategie der geografischen Herkunftsangabe, welche die Afrikanische Organisation verfolgt, nimmt dies bewusst in Kauf. Bereits fordern burkinische Züchter:innen für sich selbst Schutz und Unterstützung mittels gerechteren, kostendeckenden Preisen.
- Dass eine solche Initiative von der Regierung ergriffen wird, steht quer in der Landschaft. Dem System der geografischen Herkunftsangaben und Marken liegt die Idee zugrunde, die lokalen Erzeuger:innen zu schützen. Im Normalfall kommen solche Bestrebungen dadurch zustande, dass sich diese organisieren und eine solche geografische Herkunftsangabe vorschlagen und einfordern.
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Ungereimtheiten
Die burkinische Regierung sagt, sie wolle das einheimische Huhn gegenüber den importierten Rassen «bewahren und verbessern». Jedoch investiert die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung seit Jahren in ein Programm zur Kreuzung von burkinischen mit französischen Hühnern, um deren Produktivität zu steigern. Über das Projekt «Chicken of Faso» stellte die Stiftung 2015 den beiden französischen Unternehmen Ceva und Sasso 7 Millionen US-Dollar zur Verfügung, um diese Kreuzungen vorzunehmen und «Mischlingshühner» für Burkina zu entwickeln. Mit dem Projekt «Sustainable access to poultry parental stock in Africa» (Nachhaltiger Zugang zu Elterntieren in der afrikanischen Geflügelzucht) pumpte die Gates-Stiftung zusätzlich 9 Millionen US-Dollar in die Firma Sasso, die inzwischen zu Hendrix Genetics (Niederlande) gehört, um Zweinutzungsrassen (zur Eier- und gleichzeitig zur Fleischerzeugung) für Burkina zu züchten. Die Gates-Stiftung finanziert auch die World Chicken Foundation (USA): Diese arbeitet mit dem Pharmakonzern Merck zusammen, um Veterinärprodukte für die Zucht dieser «verbesserten» Hühner in Afrika zu entwickeln. Alle diese Projekte beinhalten eine Test- und Anpassungsphase auf lokalen Bauernhöfen in Burkina Faso. Es ist schwer zu glauben, dass die burkinischen Behörden darüber nicht informiert waren.
Der gleiche Prozess ist in Äthiopien im Gange, wo die Gates-Stiftung in einen Industriekonzern namens Ethiochicken investiert. Dieser wurde 2010 gegründet, unter Beteiligung von David Ellis. Der Amerikaner hatte das Land besucht und sich gewundert, dass «es in Äthiopien 15 Millionen Kleinbauern gibt, die undefinierbare Rassen verwenden, welche nicht genug Eier produzieren». Obwohl er zuvor noch nie etwas mit Hühnern zu tun hatte, machte er es sich zur Aufgabe, «der führende Anbieter von traditionellem Geflügelfleisch in Subsahara-Afrika» zu werden. Ellis arbeitete ebenfalls mit Sasso zusammen, um französische Hühner mit äthiopischen Hühnern zu kreuzen. Zehn Jahre später ist sein Konzern der grösste Produzent von Eintagsküken und Geflügelfutter in ganz Äthiopien! Dafür gewährte Gates ihm im Dezember 2015 eine Finanzhilfe von 7,8 Millionen US-Dollar über AgFlow Poultry, eine Holdinggesellschaft, die den Konzern vom Steuerparadies Mauritius aus verwaltet. Da das Huhn in Afrika zu einem «Big Business» wird, drängen nun auch die Weltbank, die finnische Regierung und Private-Equity-Firmen darauf, in Ethiochicken zu investieren.
In Tansania läuft mehr oder weniger dieselbe Geschichte ab: Unterstützt von der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (welche wiederum von Gates finanziert wird), wurde die Firma Silverlands Tanzania Ltd dank eines Exklusivvertrags zur Vermarktung der Rasse Sasso zu einem der grössten Produzenten von Eintagsküken im Land und zum wichtigsten Hersteller von Hühnerfutter in Ostafrika. Zu den Geldgebern von Silverlands gehört auch die Private-Equity-Firma SilverStreet Capital: Diese erklärt, dass vor der Gründung des Unternehmens im Jahr 2014 «der Geflügelsektor in Tansania durch eine schlechte Genetik beeinträchtigt war». Der Widerspruch ist offenkundig: Entweder man schützt die einheimischen Hühner oder man arbeitet mit Bill Gates zusammen, um sie durch solche mit angeblich «leistungsfähigerer» Genetik zu ersetzen. Beides gleichzeitig zu tun, ist unmöglich.
Ernährungssouveränität
Die Initiative der burkinischen Regierung stösst zwar viele Menschen vor den Kopf und beschwört überwundene Konflikte herauf. Dennoch hat sie auch einen positiven Effekt. Sie eröffnet eine wichtige Debatte über die Zukunft der Geflügelzucht in Afrika, einer wichtigen Nahrungsressource, die ins Visier der Industrie geraten ist. Statt einen allgemein gebräuchlichen Namen schützen zu lassen, geistiges Eigentum (ein westlich-koloniales Instrument) anzumelden oder auf den Markt zu setzen, gäbe es andere und bessere Mittel zur Förderung der kleinbäuerlichen Zucht einheimischer Hühner.
Freiwillige «Labels», die ein Produkt bekannt machen, können hilfreich sein, ebenso wie kollektive Projekte zur Ernährungssouveränität, die Menschen zusammenbringen, zum Beispiel um das Produkt zu verteidigen. Aber man muss darauf achten, dass der Zugang zum Label (also dessen Vergabe) nicht von Konzernen wie Agrotop monopolisiert wird: Die israelische Firma stellt in Nigeria und Côte d’Ivoire gerade Hühnerfarmen im grossen Stil auf. Auch sollten Labels nicht für Eingriffe in die Genetik instrumentalisiert werden, wie es in Projekten von Bill und Melinda Gates oft der Fall ist. Ansonsten wiederholt sich die Erfahrung, die in der Region bereits mit der Zwiebel «Violet de Galmi» gemacht wurden.
Das «Fahrrad-Huhn» und generell die Kleintierzucht zu verteidigen, zu schützen und zu fördern, ist eine gute Sache. Und es gibt etliche Massnahmen, die dabei helfen können: Importverbote, Förderung lokaler Rassen, Unterstützung der Produzent:innen (Preisregulierung, steuerliche Massnahmen, Bereitstellung von Infrastruktur usw.). Aber es darf nicht sein, dass eine allgemeine Bezeichnung, die in ganz West- und Zentralafrika verbreitet ist, ausschliesslich für eine bestimmte Region gelten soll. Und lassen wir uns nicht durch widersprüchliche Handlungen von Regierungen in die Irre führen.
Geografische Herkunftsangaben und Kolonialismus
Geografische Herkunftsangaben (abgekürzt GGA: geschützte geografische Angabe) sind ein System des geistigen Eigentums, das die Namen von Agrarprodukten oder Lebensmitteln regelt, welche ihre Qualität oder ihren Ruf von ihrem Ursprungsgebiet ableiten. Eine GGA ist ein kollektives Exklusivrecht, das von Europa geschaffen wurde, um ein Monopol auf bestimmte Produkte (Champagner, Roquefort, Scotch) zu errichten und zu schützen sowie um Nachahmungen zu verhindern. Tatsächlich drängt Europa alle seine Handelspartner, dieses System zu übernehmen, um mit den USA zu konkurrieren, die das Markensystem zum Schutz derselben Produkte nutzen und fördern. Ausserhalb der Welthandelsorganisation bekämpfen sich die beiden Mächte durch bi- und multilaterale Freihandelsabkommen.
Es gibt verschiedene Arten von GGA, die mehr oder weniger eng mit einem geografischen Gebiet verbunden sind. Dies soll Vorteile für die ländliche Entwicklung mit sich bringen (Anreize zum Verbleib in der Region, Möglichkeiten zur Einkommensgenerierung), aber diese Ergebnisse sind nicht garantiert. GGAs können von Industriellen oder mafiösen Strukturen vereinnahmt werden (wie z.B. Darjeeling-Tee in Indien oder Mezcal in Mexiko). Sie können ausländischen Interessen dienen, anstatt den lokalen Markt zu fördern (wie der Kampot-Pfeffer in Kambodscha). Sie können auch dazu führen, dass die Produkte nur noch für die Elite erschwinglich sind, während die Einnahmen nicht an die Erzeuger:innen weitergegeben werden. Darüber hinaus können sie bereits bestehende Konflikte um Produkte verschärfen, die verschiedene Staaten als ihr kulturelles Erbe ansehen (etwa Pisco, von Chile und Peru beansprucht, Hummus, um den Israel und der Libanon streiten, oder Basmatireis, der aus Indien und Pakistan stammt). Zwar gibt es hier und da einige Erfolgsgeschichten, bei denen GGAs lokale Gemeinschaften gestärkt haben. Insgesamt handelt es sich jedoch um ein koloniales System, das äusserst begrenzten Interessen dient. Zudem beruhen GGAs zumindest teilweise auf der Privatisierung von Sprache – eigentlich ein Gemeingut.
GGAs schützen ein Produkt, ein Know-how oder ein kollektives Erbe im einem kommerziellen Rahmen: Ihr Zweck ist mit dem Markt verbunden. Sie sind also ein Marketinginstrument (weitere mutmassliche Ziele wie Umweltschutz oder Gleichstellung von Frauen mögen mitunter hinzukommen). Daher können GGAs den Neoliberalismus und die damit verbundene Ungleichheit verstärken. Kritische Studien zeigen, dass GGAs nur dann «emanzipatorisch» wirken, wenn der Prozess von Anfang an kollektiv organisiert wird (Definition der Kriterien, Spezifikation, Rückverfolgbarkeit usw.)
COPAGEN/GRAIN
COPAGEN, die Koalition für den Schutz des genetischen Erbes in Afrika, setzt sich für die nachhaltige Nutzung der biologischen Ressourcen Afrikas ein: http://copagen.org/
GRAIN ist eine Nichtregierungsorganisation zur Unterstützung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie sozialen Bewegungen: https://grain.org/
Den ungekürzte Originalartikel finden Sie auf https://grain.org/fr/article/6718-labelliser-le-poulet-bicyclette-des-questions-s-imposent
Das Titelbild in diesem Artikel stammt von Ferdinand Reus, NL, CC commons.wikimedia.org =>