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Mit virtuellen Grüssen!
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
Daniel de Roulet: Die menschliche Simulation [4]140 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
1. Aufl., August 1997
SFr. 29.80, 29.80 €sofort lieferbar
978-3-85791-285-6
Frenesie, eine, schwarze Obdachlose, dringt in ein New Yorker Krankenhaus ein, um dort den Winter zu verbringen. In diesem Krankenhaus entwickelt Professor Work Operationsroboter mittels virtueller Realität und sucht über das Anschlagbrett eine Versuchsperson. Frenesie trägt den ganzen Tag einen Kopfhörer, sie wird mit dem Datenhelm keine Probleme haben. Aber Frenesie ist auch jung und schön, man könnte sich verlieben.
Leider fehlt dem Professor noch das Geld, um der ungläubigen Schulmedizin die Effizienz seiner neuen Technologie beweisen zu können, und leider hat die schöne Frenesie einen Freund. Für den Professor des Cyberspace wird es immer schwieriger, seine schöne neue Welt noch im Griff zu behalten …
Leider fehlt dem Professor noch das Geld, um der ungläubigen Schulmedizin die Effizienz seiner neuen Technologie beweisen zu können, und leider hat die schöne Frenesie einen Freund. Für den Professor des Cyberspace wird es immer schwieriger, seine schöne neue Welt noch im Griff zu behalten …
© Yvonne Böhler
Daniel de RouletDaniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor mehrerer Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Frankreich.
Maria Hoffmann-Dartevelle1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.
LeseprobeEine Krankenschwester betritt die Box mit einer Spritze in der Hand: »Wir werden uns aufs Bett setzen und eine kleine Spritze bekommen«, verkündet sie.
»Hören Sie«, meint Frenesie, »Sie wollen sicher sagen, daß Sie ihm Blut abnehmen werden.«
»Sag ich doch«, erwidert die Krankenschwester.
»Nein, Sie haben ›wir‹ statt ›Sie‹ gesagt. Übrigens hat Brother2 sich schon testen lassen. Er ist HIV-negativ.«
»Ich weiß, was für den Patienten gut ist.«
Die Krankenschwester sticht Brother2, entnimmt ihm etwas Blut für den obligatorischen Aidstest und geht wortlos hinaus. Er drückt auf die weiße Watte am Ende seiner schwarzen Finger.
Frenesie setzt ihre Erkundung der Umgebung fort, entziffert die Etiketten, öffnet jede Schublade, um deren Inhalt zu prüfen. Detaillierte Bestandsaufnahme: Desinfektionsmittel, Gewebe, Handschuhe, Einmalvlies, Zangen, Pinzetten, Verbandsmaterial. Ein paar Kondome wandern in ihre Tasche, ein schelmisches Augenzwinkern zu Brother2.
»Ich habe nie jemand anderes gehabt als dich«, sagt er. »Und du?«
Statt zu antworten, liest sie ihm die neben dem Waschbecken hängende Mitteilung der Leitung des städtischen Gesundheitsamtes vor. Die Tuberkulose, heißt es da, ist zurückgekehrt. Siebenundzwanzigtausend Fälle letztes Jahr im gesamten Bundesstaat, davon dreitausendsiebenhundert in New York. Die Hälfte wird daran sterben, die anderen werden die mittlerweile resistenten Keime weiter übertragen. Die Stadt wird hundert Millionen Dollar für tuberkulosekranke Gefangene ausgeben. Fünfhundertvierzig werden nötig sein, um die Epidemie zu stoppen, das heißt, den Obdachlosen auf den Fersen zu bleiben, die ihre Behandlung vierundzwanzig Monate lang fortsetzen müssen, und diejenigen zu isolieren, die nicht mehr mitmachen wollen oder nicht mehr lange zu leben haben. Die Mitteilung endet mit einem feierlichen Aufruf zur Hygiene.
»Schlimmer als Aids«, bemerkt Frenesie. »Ich dachte, die hätten sie elimiert ...«
»Du meinst wohl eliminiert«, sagt Brother2, das letzte Wort verbessernd, weil er noch zur Schule geht.
:-)
An seine Maus geklammert, prüft Work die Bildschirmfenster, nimmt dabei die Brille ab, regelt den Kontrast und die Helligkeit. Das Symbol des elektronischen Briefträgers blinkt neben einer digitalen Uhr. Ein von seiner Wichtigkeit aufgeblähter Papierkorb nimmt die unnötigen Dateien entgegen, denen der Zeigerpfeil quer über den Bildschirm nachstellt. Work klickt zweimal mit seiner Maus, das orangefarbene Fenster springt ihm entgegen. Er läßt eine virtuelle Lupe darüber wandern, die es ihm erlaubt, auf seine Brille zu verzichten. Auf dem Tisch des Konferenzzimmers sprudelt noch etwas Sekt von der »Gott-sei-Dank-ist-Freitag«-Zeremonie. Die Büros seiner Kollegen sind alle dunkel. Sie sind Weihnachten feiern gegangen.
Nach der elektronischen die richtige Post. Work öffnet den großen Umschlag, der mit einer Flasche Bourbon, Huldigung eines Softwarelieferanten, gekommen ist. Ein mit »Audubon« betitelter Kalender. Der Name meint zunächst einen naturalistischen Maler aus dem letzten Jahrhundert, außerdem eine Naturschutzgesellschaft, schließlich mehrere Denkmäler in diesem Stadtteil, in dem der Künstler selbst lebte. So zum Beispiel jenen Ballsaal gegenüber vom St. Bellevue, der bald abgerissen werden soll. Work legt den Kalender zu den Terminplanern, Glückwunschkarten und vergoldeten Kugelschreibern, die er am Montag an die Projektmitarbeiter verteilen wird.
Das Projekt heißt Orange. Nicht in Anspielung auf das Entlaubungsmittel. Noch auf den Herzog gleichen Namens. Sondern wegen des Stendhal-Satzes: »Wie gut auch unsere Augen sein mögen, wir können nicht gleichzeitig die beiden Seiten einer Orange sehen.«
Die Inquisition hatte sich Christoph Columbus' Vorhaben widersetzt; weil sie behauptete, die Erde sei flach, damit Gott sie überwachen könne. Was nicht möglich gewesen wäre, hätte die Erde einer Orange mit ihren beiden gleichzeitig vorhandenen Seiten geglichen.
Work verlangt, daß alle Projektberichte mit einem orangefarbenen Deckblatt beginnen. Ebenso alle Bildschirmfenster und sämtliche Pressemitteilungen. Medienwirksame Darstellung, die den Fortschritt der Wissenschaft im Dienste des Patienten verkündet. Medizinische Bildverarbeitung als Diagnosehilfe. Zum Wohl des Kranken, für die Sache der Gesundheit. Kampfansage an den Schmerz, dank der digitalisierten Techniken: Kernspintomographie, Positronenkamera, Echographie, Tomographie, Radiologie mit phosphorbeschichteten Platten.
Da die Handgriffe des Chirurgen immer präziser werden, immer stärker in Einzelschritte zerlegt, berechnet, wiederholt, verfeinert werden, sind sie reif für die Automatisierung. Dank der Simulation und des Lasereinsatzes in der Mikrochirurgie kann man einem Roboter die delikatesten Aufgaben anvertrauen. Schneiden, Ausbrennen. Im Hirnbereich sind mehrere Operationen gelungen. In Grenoble, in Frankreich, konnte Work mitverfolgen, wie ein Patient, dessen Kopf man auf dem op-Tisch fixiert hatte, zur Entfernung eines Tumors der automatischen Chirugie überlassen wurde. Mit Hilfe der digitalen Bildverarbeitung können die Lage des Tumors und die Art, ihn loszuwerden, exakt reproduziert werden. Der Roboter wiederholt die Operation so oft wie nötig in Realgröße, jedoch nicht am lebenden Objekt. Der Patient selbst wird mit der Technik vertraut gemacht, und dann schreitet man zur Tat.
»Und Sie?« hat man Work gefragt. »Würden Sie der Maschine trauen?«
»Bei einem Tumor: ja«, hat Work gesagt, »da hat man keine Wahl.«
Ihm ist die Idee gekommen, diese Technik auch auf das Gesicht anzuwenden. Mit dem Leiter der Abteilung für Plastische Chirurgie hat er sich darauf geeinigt, ein gemeinsames Projekt vorzulegen. Er, als Chef der Medizinischen Bildverarbeitung, hat die ersten Schritte eingeleitet. Hat private und öffentliche Mittel beantragt. Hat sein Vorhaben vor dem wissenschaftlichen Rat, dem Rat für medizinische Ethik und sogar vor einer Gruppe von Journalisten verteidigt. Kredite mit drei Jahren Laufzeit, Datengeräte, zehn bezahlte Projektassistenten. Zu Beginn dachte er, das würde vollauf reichen. Doch heute, sechs Monate vor Auslaufen der Kredite, liegt noch kein akzeptables In-vivo-Ergebnis vor. Dutzende von Veröffentlichungen, Programme für hyperrealistische Simulation, phantastische Versprechungen, das gesicherte Interesse der Industrie, Auswirkungen auf mehrere angrenzende Bereiche, doch einen echten Patienten aus Fleisch und Blut, von einem Roboter im Gesicht operiert, das nicht. Work muß in zwei Tagen einen Verlängerungsantrag für fünf Jahre gestellt haben. Doch in diesem Stadium ist die Akte noch zu dünn. Er sieht bereits den Brief vor sich: »Lieber Kollege, trotz des unzweifelhaften wissenschaftlichen Interesses ... leider ... nicht völlig ausgereift ... unser Bedauern ... fortschrittliche Ideen ... Hochachtungsvoll.«
Doppelklick von Work auf den elektronischen Terminkalender. Eine Erinnerung an das Datum und dazu diese beinahe bedrohliche Aufforderung an sich selbst: »Jetzt streng mal Deinen Grips an, und laß Dir eine Bombenstory, eine Sensation einfallen.«
Work hat mehr als einmal eine geniale Idee gehabt. Er hat den Agenten jenes internationalen Stars angerufen, der ein großer Anhänger der plastischen Chirurgie ist, die Verkörperung der vom Skalpell geschaffenen Schönheit. Er hat eine erneute, selbstverständlich kostenlose Operation vorgeschlagen, um die Nasenform noch zu perfektionieren. Eine Weltpremiere, die man einem Fernsehsender für eine Direktaufnahme verkaufen könnte. Der Star würde sein Gesicht für den Fortschritt der amerikanischen Wissenschaft zur Verfügung stellen; dafür würde seine Popularitätsquote über seine Nase hinauswachsen. Pinocchio-Nase, Cleopatra-Nase. Doch der Agent hat den Deal nicht begriffen, wollte nicht »die Intimsphäre des Gesichts vermarkten«. Work ist sich immer noch sicher, daß es ihm gelingen würde, den fraglichen Popsänger zu überzeugen, wenn er direkt mit ihm sprechen könnte.
«Der Roman freilich ist ein echtes, kein virtuelles Vergnügen.» Biograph, Düsseldorf
«Dem Jahrhundertende ein Stück voraus.» Ecriture
«Ein perlender, überaus brillianter Roman, illusionslos präzis und doch voller Poesie.» Tages-Anzeiger
«Dem Jahrhundertende ein Stück voraus.» Ecriture
«Ein perlender, überaus brillianter Roman, illusionslos präzis und doch voller Poesie.» Tages-Anzeiger