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Sie sitzt und schaut aus dem Fenster, das über ihrem Schreibtisch liegt, vielleicht eine Massstablänge darüber, durch das sie den Himmel sieht und ein wenig vom Nachbarhaus und der senfgelben Fassade ihres eigenen Wohnhauses. Sie sitzt an ihrem Pult und schaut hinaus und sieht die Schattierungen des Grau, wie sie ineinanderlaufen und sich sachte, fast unbemerkt bewegen und verändern und eine wogende Masse Weissgrauhelldunkel bilden, undurchdringlich. Ab und zu ein Vogel oder zwei, die den Fensterraum queren, in verschiedenen Richtungen, auftauchen und wieder verschwinden, ein Feld zurücklassen, von neuem, weit und leer, ungewiss, ob je wieder etwas geschehen würde.
Sie sitzt auf ihrem Stuhl und wartet, scheint zu warten, worauf auch immer. Bis plötzlich wieder, mit kräftigem Flügelschlag, eine Krähe die obere Ecke ihres Himmels quert, Richtung Südwesten von hinten übers Haus herkommend und wieder verschwindet. Und ihn wieder zurücklässt, den weissgrauen Himmel, eine leere Fläche, tiefenlos, verwaist. Sie sitzt auf ihrem Stuhl, der, zwar mit einem Kissen bestückt, ein wenig unbeweglich und hart ist, ein gewöhnlicher alter Holzstuhl halt, den sie bei ihrer Mutter aus dem Haus mitgenommen hat, damals, als alle irgendwelche Sachen mitnahmen, weil die Mutter gestorben war und das Haus nun zu leeren war. Sie hatte zwei dieser Stühle mitgenommen und sonst nichts, alles, was sie in die Hände genommen hatte, hatte sie wieder hingelegt. Sie konnte sich nicht beteiligen an diesem Räumungsaktivismus, obwohl sie es durchaus gewollt hätte, es durchaus verstand, begrüsste und so weiter, dass dieses Haus nun von all diesen Dingen, den Wollknäueln, den Schränken, dem Geschirr, den Büchern, der kleinen bemalten Kommode, den Bleistiften, Farbstiften, der Bettwäsche, den hintersten und vordersten Dingen, von allem, was nicht niet- und nagelfest war, befreit werden musste. Sie verstand es und fand es auch gar nicht weiter schlimm, es war einfach so, der Lauf der Dinge und so weiter, sie sah die Notwendigkeit ein, auch dass die Arbeit getan werden musste. Aber es gelang ihr nicht, an Ort und Stelle zu sein.
Sie versuchte es, gewiss, rief sich zu, aufauf!, jetzt beweg dich!, du musst!, du sollst!, aber es half alles nichts. Sie sah die andern, wie sie hin und her liefen, sich gruppierten, wieder trennten, einzeln ein Ding begutachteten, um dann wieder zu zweit oder zu dritt sich darum herum zu scharen und zu beratschlagen, zu werweissen, sich zu vergewissern, dass die andern nicht wollten oder doch zumindest nicht so sehr, was sie gerade mit Vehemenz ins Herz zu schliessen begannen, dass dieses schön war und das andere aber auch, doch sicherlich, dass jenes nützlich, aber dieses wohl kaum, wer braucht denn heute noch so was, und so weiter, von einem Raum in den nächsten und wieder zurück und in den Keller und auf den Dachboden, hinauf und hinunter. Jeder klebte auf die Stücke seines Interesses kleine Zettelchen, es gab Stücke, auf denen klebten schliesslich zwei, drei oder gar vier, und am Ende sollte geschaut werden, wie das Zeugs zu verteilen sei, eine durchaus effektive und dabei auch faire Methode, da gab es nichts dagegen einzuwenden, nein, bestimmt nicht. Aber da sie nun einmal dabei war, durch ein weitläufig entlegenes Land zu stapfen, eine raue, steinige Landschaft, horizontlos und abwegig, und sie keine Möglichkeit sah, wie der Abgrund, die Schluchten, die Galaxien zu queren wären, damit sie ebenso tatkräftig und bodenständig hätte den andern zur Hand gehen können, verliess sie das Haus und ging fort. Sie wusste nicht mehr, ob sie sich von den andern verabschiedet hatte, ihr Bruder sagte ihr später, dass sie einfach plötzlich nicht mehr da gewesen sei.
So wird es wohl sein. Er hatte ihr aber die zwei Stühle später zukommen lassen, es seien Zettelchen mit ihrem Namen drangeklebt und niemand sonst habe sie haben wollen, aha, ja, das könne schon sein, sie hätte es nicht mehr sicher sagen können, ob sie es getan oder nicht, das mit den Zettelchen, aber dann sei es wohl so gewesen. Sie war ihm dankbar, dass er die Stühle für sie mitgenommen hatte. Offenbar war es ihr doch nicht ganz gleichgültig, ob sie noch etwas besass von diesem Früher, dieser vormaligen Zeit.
Einer weit entfernten.