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Biografische Fragmente von Franz Ulrich [in: cinébulletin 2/2000]
Am 21. Dezember 1999 ist in Zürich der Dokumentarfilmer Walter Marti gestorben. Er war ein leidenschaftlich politischer Mensch und hat die Entwicklung der Schweizer Film- und Kulturpolitik entscheidend geprägt. Zudem hat für ihn der berühmte Röstigraben nicht existiert: Walter Marti kommunizierte mehrsprachig und ausgesprochen direkt.
Walter Marti wurde am 10. Juli 1923 in Zürich geboren. Väterlicherseits stammte seine Familie aus dem Aargau, seine Mutter war Waadtländerin, weshalb in der Familie französisch gesprochen wurde. Sein Großvater Fritz Marti, Schriftsteller und NZZ-Redaktor wie auch sein Vater, ein protestantischer Pastor, waren journalistisch tätig. Der Vater war in Brüssel für mehrere Zeitungen wirtschaftlicher und politischer Korrespondent der Region Benelux, bis ihn die Machtübernahme Hitlers und sein radikaler Antifaschismus sowohl für die NZZ als auch für die «Frankfurter Rundschau» untragbar machten. Er ließ sich an die Eglise Suisse in Genua berufen.
Durch seine Mutter und die in Belgien und Italien verbrachte Kindheit wurde Walter Marti zuerst durch romanische Kulturen geprägt: «Ich habe ein patriotisches Interesse für Belgien, eine kulturelle Verbundenheit mit Frankreich und eine sinnliche Liebe zu Italien.» Marti war sein Leben lang ein beredtes Beispiel multikultureller Offenheit. Und über seine Kindheitsjahre sagte er einmal: «Wenn auch das Fleisch manchmal auf dem Tisch fehlte, an geistiger Nahrung war nie Mangel. Einstein brachte mir das Velofahren bei, August Piccard lehrte mich Papierflugzeuge fliegen. Und bevor wir nach Genua kamen, kannte ich schon die meisten italienischen Opern auswendig.»
Da seine Familie wegen des Abessinienkrieges in die Schweiz zurückkehren mußte, verbrachte er die Jugendzeit in Yverdon, wo der Vater Pfarrer der Deutschsprachigen war.
Durch seinen Freund Benno Besson, der 1940 die «Troupe des écoliers», später «Troupe des sept» genannt, gegründet hatte, lernte Walter Marti nicht nur die Theaterarbeit näher kennen, sondern auch eine der Darstellerinnen, Suzanne Marty aus Lutry, die später seine Frau wurde und ihm all die Jahre zur Seite stand – auch in sehr schwierigen Zeiten – und als berufstätige Frau die Familie mitgetragen hat.
Nach der Matura in Zürich studierte Marti an der Universität Romanistik, Kunstgeschichte und Geschichte. Noch während des Studiums trat er in die Fußstapfen von Großvater und Vater, war als Journalist, Übersetzer und Redaktor tätig und arbeitete für das Radio. Beim Film begann er als Statist von Jacques Feyder, er schrieb Werbetexte und Kommentare, machte Untertitel zu mehreren hundert Filmen. Während acht Monaten war Marti Leiter der Filmabteilung beim Schweizer Fernsehen, als sich dieses noch im Experimentierstadium befand. Es gehörte zu den bittersten Erfahrungen seines Lebens, daß dieses Fernsehen, das er als Kommunikationsmedium der Zukunft erkannte, an seinen Ideen, Sendungen näher am Puls des Lebens und der Zeit zu produzieren, nicht interessiert war.
Für die Entwicklung Walter Martis waren Freundschaften mit bedeutenden Zeitgenossen besonders wichtig. Erinnert sei hier an einige seiner Freunde, die sein Denken und Schaffen stark geprägt haben und bereits verstorben sind. Da waren Emigranten wie Bertolt Brecht und Helene Weigel, die nach dem Krieg einige Monate in Herrliberg im Haus der Familie Mertens wohnten. Marti über Brecht: «Brecht war eine wichtige Begegnung, und zwar mit der Kraft des Denkens, mit der Dialektik.» Mit Brecht verband ihn wohl auch die Lust am Dozieren und Argumentieren, der er manchmal bis zum Exzeß frönte. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Cesare Zavattini, dem Vater des Neorealismo, dem er als Journalist bei den Dreharbeiten zu de Sicas «Ladri di biciclette» begegnet war. Sie planten mehrere gemeinsame Projekte, die jedoch nicht zustande kamen, aber Zavattinis Kraft und Poesie der Wirklichkeit hat tiefe Spuren in Martis Filmen hinterlassen. Durch Zavattini befreundete er sich auch mit einer Reihe von naiven Malern der Po-Ebene. Ein schönes Zeugnis dieser Freundschaft mit Künstlern der Alta Padana ist der Film «La ballade au pays de l'imagination», den Jean-Jacques Lagrange 1980 mit WM als Mitarbeiter realisiert hat.
Ein weiterer wichtiger Lehrmeister und Freund war der Fotograf Helmar Lerski. Dessen Meisterwerk «Verwandlungen durch Licht», 1936 erstmals ausgestellt, bestand aus 175 Aufnahmen des Gesichts eines jungen jüdischen Arbeiters, dessen Charakter, Ausdruck, ja ganze Persönlichkeit allein durch die Lichtgestaltung jeweils verändert wurde. Diese Kunst, das Wesentliche eines Menschen durch das Licht sichtbar zu machen, findet sich in Martis frühen Filmen, besonders eindrucksvoll in «Ursula oder das unwerte Leben» (1966). Enge Freunde waren auch der Maler Mario Comensoli und derJournalist und Schriftsteller Hans Rudolf Hilty – Freundschaften, in denen es auch Perioden der Entfremdung gab, und die sich dennoch als dauerhaft erwiesen. Moritz de Hadeln, der 1963 zusammen mit Marti und Sandro Bertossa den Dokumentarfilm «Le pèlé» über die traditionelle Wallfahrt der Pariser Studenten nach Chartres gedreht hatte, schrieb 1983 im Pro-Helvetia-Dossier über die beiden Filmemacher: «Bei Reni Mertens und Walter Marti darf man vor allem nie gleicher Meinung sein. Für jeden, der sich in ein Gespräch mit ihnen einläßt, ist ständiger Widerspruch die einzige Überlebenschance. Der Dialog mit ihnen ist pausenlose Herausforderung.» Marti konnte schroff und abweisend sein, und dennoch hatte er in ungewöhnlichem Masse die Gabe der Freundschaft. Wer sein Vertrauen gewann, erlebte eine diskrete, nie kumpelhafte, anbiedernde oder überschwengliche Freundschaft. Aber sie war tief, zuverlässig, rücksichtsvoll, warmherzig, großzügig, voller Zuwendung und unendlich bereichernd.
Wenn von den Filmen Walter Martis die Rede ist, dann gehört untrennbar Reni Mertens dazu. Sie haben sich beim Studium kennen gelernt, haben 1953 zusammen die Teleproduction gegründet – ein Firmenname, in dem sich die Erwartung auf eine Zusammenarbeit mit dem Fernsehen zeigte, zu der es jedoch nie richtig gekommen ist. In einer außerordentlichen, symbiotischen Partnerschaft haben die beiden während über vier Jahrzehnten gemeinsam Filme gemacht. Sie gehören zu den Pionieren des Schweizer Dokumentarfilms, haben 1962, zusammen mit Henri Brandt, Claude Goretta, Jean-Jacques Lagrange, Freddy Landry, Alexander J. Seiler, Alain Tanner und anderen, den Verband der Schweizer Filmgestalter gegründet und sich immer wieder filmpolitisch engagiert.
Walter Marti und Reni Mertens haben an die 20 kürzere und längere Filme realisiert, zahlreiche Vorhaben mussten nie verwirklichte Projekte bleiben. Ein Mann und zwei Frauen waren «Paten» ihrer ersten Filme: Von Pestalozzi stammt die Überzeugung von der Entwicklungsfähigkeit jeder menschlichen Anlage und von der Veränderbarkeit der Welt durch Erziehung, Bildung und Arbeit. Die beiden Frauen waren ebenfalls Pädagoginnen: Mimi Scheiblauer und Marie Meierhofer. Mit ihnen zusammen entstanden zwischen 1953 und 1962 die Filme «Krippenspiel II», «Rhythmik», Im Schatten des Wohlstandes» und «Unsere Kleinsten» – alles Zeugnisse für die Überzeugung, dass Kinder, seien sie gesund oder behindert, taubstumm oder blind, bildungs- und entwicklungsfähig sind. Höhepunkt dieser ersten Schaffensperiode war 1966 «Ursula oder das unwerte Leben». Dieser Film steht am Beginn einer ganzen Reihe großer Dokumentarfilme anderer Autoren über und mit Behinderten und Außenseitern und gehört immer noch zu den wichtigsten und eindrücklichsten Werken des Schweizer Dokumentarfilms.
1973 folgte der radikal experimentelle Film «Die Selbstzerstörung des Walter Matthias Diggelmann», heute das bewegende Dokument eines Schriftstellers, der es weder sich noch der Mitwelt leicht machte. Stand bei Diggelmann die verbale Sprache im Mittelpunkt, so fehlt sie völlig in «Héritage» (1980), dem Film über den Aargauer Komponisten und Maler Peter Mieg. Aus formal völlig verschiedenen Sequenzen besteht «Helder Camara – Gebet für die Linke» (1974). Darin spricht der brasilianische Erzbischof von den «wunderbaren Atheisten, die zwar nicht glauben und dennoch das Richtige tun» – ein Satz, den Walter Marti zu Recht auch ein bißchen auf sich beziehen durfte. Weitere wichtige Filme waren «Flamenco vivo – Die Schule des Flamenco» (1985) ein wunderschöner Musik und Tanzfilm, der mit einem Minimum an Kommentar Wurzeln und Wesen des Flamenco in Andalusien erschließt, und «Pour écrire un mot» (1988), der sich mit einem fundamentalen Problem (nicht nur) afrikanischer Völker befaßt: der Integration der modernen «westlichen» Zivilisation und der damit verbundenen Gefahr der Zerstörung ihrer kulturellen Identität.
Zu Walter Martis Vermächtnis geworden ist «Requiem» (1995), ein «musikalisches Filmgedicht ohne Worte», eine filmische Totenliturgie für die 120 Millionen Toten, die Kriege in den letzten 100 Jahre in Europa gefordert haben. Es ist eine Gedenkfeier und ein Mahnmal in einem, zu dem Léon Francioli die Musik komponiert hat.
Den Film in den Dienst jener zu stellen, die selber nicht zu Wort kommen, war ein zentrales Motiv der gemeinsamen Arbeit von Walter Marti und Reni Mertens. Ein anderes Kennzeichen ihrer Filme ist die Suche nach der jeweils richtigen, dem Thema adäquaten Form. Nie hat sich WM mit dem einmal Erreichten und Erarbeiteten bequem eingerichtet, jedes neue Werk war auch ein formales Wagnis. Marti war ein radikaler Cineast, der mit den Möglichkeiten von Film und Ton experimentierte. Kaum jemand unter den Schweizer Filmschaffenden vertraute derart radikal auf die Universalität der Bildsprache, vergleichbar vielleicht mit Robert Bresson, der wenige Tage vor Walter Marti gestorben ist. Es gibt zwischen den beiden gewiß große Unterschiede, aber in einem sind sie sich ähnlich, nämlich in der Kompromißlosigkeit und Entschiedenheit, den als richtig erkannten Weg zu gehen, ohne Anbiederung an Moden und sogenannte Publikumserwartungen. In seinem Ethos war Marti stur wie ein Felsen – und auch stolz, weil er in seinen Filmen immer sich selber und seinen Überzeugungen und Werten treu geblieben ist.
Walter Marti war aber nicht nur auf die eigene Arbeit fixiert. Immer wieder hat er Partei für die Jungen ergriffen und sie nach Kräften gefördert. Ihm lagen die Außenseiter, die Unbequemen, die Querulanten. So hat die Teleproduction die ersten Filme von Alain Tanner («Les apprentis», 1964) und Rolf Lyssy («Eugen heißt wohlgeboren», 1968) produziert, und Marti unterstützte und begleitete auch später junge Talente wie Erich Langjahr, der auf eindrückliche Weise und auf seine ganz eigene Art Dokumentarfilme in Martis Sinn und Geist macht. Zu den wichtigsten Mitarbeitern Martis gehörten die Cutterin Edwige Ochsenbein und die Kameraleute Rob Gnant und Urs Thoenen. Walter Marti hat von ihnen viel gefordert, aber auch viel bekommen.
Es lag eine gewisse Tragik darin, daß Walter Marti häufig hat zusehen müssen, wie andere von dem profitierten, wofür er gekämpft hatte. Trotz aller Schwierigkeiten aber hat er seit 1953 im neuen Schweizer Film markante Spuren hinterlassen. Alle seine Filme sind Plädoyers für die im 20. Jahrhundert wie kaum je geschändete Würde des Menschen, an deren Unzerstörbarkeit er unverbrüchlich glaubte. Noch sein letztes Projekt, ein Film über die Rechte der Kinder, zeugte davon. In einer Welt, in welcher der Markt zum Maß aller Dinge gemacht wird, werden wir einen querständigen Filmemacher wie Walter Marti schmerzlich vermissen.
Franz Ulrich
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