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«Als ich dieses Buch schrieb, dachte ich: Soll ich enthüllen, oder soll ich nicht? Dann dachte ich: Es ist so lange her: Es gibt keine Sowjetunion mehr, keinen KGB, keine Stasi, keinen Ulbricht, keinen Stoff mehr, der gefährlich sein könnte. Also: Warum nicht? Ich habe erzählt, wie es war.»
In der Höhle des Löwen
Frederick Forsyth arbeitete für den britischen Geheimdienst MI6 in der DDR und war nicht selten in Lebensgefahr. Bereits Anfang der 1960er-Jahre, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, zog es den jungen Journalisten, der seine Fliegerkarriere bei der Royal Air Force an den Nagel gehängt hatte, nach Ost-Berlin. Er war der einzige West-Korrespondent der Agentur Reuters, der östlich der Mauer akkreditiert war. Die Weltlage war heikel, und der Dritte Weltkrieg hätte durchaus in Berlin beginnen können.
Munter und jovial plaudert Forsyth heute vom Katz- und Mausspiel mit der Stasi. «Der schwarze Tatra der Stasi kam immer hinterher gefahren, und ich sass in meinem hässlichen roten Wartburg, das war mein Geschäftswagen. Ich hatte einen Trick: Ich konnte durch den Checkpoint Charlie fahren, und die konnten mich nicht verfolgen. Vom Checkpoint Charlie konnte ich zum Ku-Damm, über die Heerstrasse, dann nach Dreilinden, dem Ausgangspunkt von West-Berlins Westseite, und zurück in die DDR, ohne Stasi.»
Treffpunkt Herrentoilette
Spionage gilt ja als britische Spezialität und Obsession – auch Frederick Forsyth werden gute Kontakte zum britischen Geheimdienst nachgesagt. In seinen Memoiren spricht er nun freimütig über einige Gefälligkeiten, die er dem Auslandsgeheimdienst MI6 erwiesen hat. Für seine «Freunde», wie er mit einem spitzbübischen Lächeln ergänzt.
Forsyth reiste, getarnt als argloser Kultur-Tourist, in die DDR und sollte im Dresdner Museum Albertinum mit seinem sowjetischen Kontaktmann Informationen austauschen: Treffpunkt Herrentoilette. Auf der Rückreise in den Westen entging er um Haaresbreite der Verhaftung. Agent Forsyth will auf einer Raststätte die Geheimdokumente aus einem Geheimfach holen – da kommt es fast zum Showdown.
Mehr Glück als Verstand
«Plötzlich hält ein anderer Wagen auf dem Rastplatz. Grün-beige: Das ist die Farbe der Volkspolizei. Einer von den vier Polizisten musste ins Gebüsch, um Pipi zu machen. Wir plauderten, und ich sagte, dass mein Wagen eine Panne hatte. Sie haben ihn repariert, und ich habe ihnen West-Zigaretten geben, Rothmans. Dankeschön! Und mit guten Wünschen wurde ich von der Volkspolizei auf den Weg geschickt.»
Forsyth hatte in seinem Leben oft mehr Glück als Verstand. Nicht nur in der DDR, auch im Biafra-Krieg im Nigeria der 1960er-Jahre bewegte er sich auf dem schmalen Grat zwischen journalistischer Neugier und Leichtsinn.
«Outsider» ist definitiv sein letztes Buch, eine im augenzwinkernden Plauderton gehaltene Hommage an das schöne wilde Leben des abenteuerlustigen Reporters und Romanautors, in der die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit immer leicht zu verschwimmen scheinen. Den Buchtitel «Outsider» will der rüstige Grossvater auch programmatisch verstanden wissen. «Ich bin eine Ein-Personen-Gesellschaft, stehe ausserhalb der Masse». Nun will er mehr mit seinen Enkelkindern spielen.
Sendung: Echo der Zeit, 30.08.2015, 18:00 Uhr
Zur Person
Mit Romanen wie «Der Schakal» oder «Die Akte Odessa», «Die Hunde des Krieges» und zuletzt «Die Todesliste» hat der 1938 in England geborene Frederick Forsyth das Genre Politthriller über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Nun hat er seine Lebensgeschichte als Thriller in eigener Sache herausgebracht: «Outsider».
Buchhinweis
Frederick Forsyth: «Outsider». Deutsch von Susanne Aeckerle. C. Bertelsmann, 2015.