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Basel, um 1650
Ölmalerei auf Holz; verchromter Messingzylinder (neu)
H. 39 cm, B. 39,3 cm (Platte), H. 30 cm, Dm. 7 cm (Zylinder)
Inv. 1907.244.1.
Wohl aus dem Besitz des Johann Rudolf Wettstein; im Nachlassinventar von Johann Ludwig Krug-Wettstein (1617–1683) aufgeführt: «drei Cylindertäfelin sambt dem Cilinder» (Burckhardt 1914, S. 58). 1804 von Daniel Burckhardt-Wildt erworben. 1907 schenkte Daniel Burckhardt-Werthemann die Anamorphosen dem Historischen Museum Basel mit folgender Notiz: «Die 3 ‹Vexierspiegelbilder›, die ich mir erlaube samt den 2 dazu gehörenden Spiegeln dem Museum zu überweisen, kommen aus dem Besitz des Bürgermeisters Wettstein, gingen darauf an Bürgermeister Krug über, dessen Ururenkel Christoph Winkelblech sie am 13. Nov. 1804 an Daniel Burckhardt-Wildt verkaufte: ‹1 Cylinder mit drei in Öl sehr schön gemalten Vorstellungen a) Denkmal v. Bgmstr. Wettstein, b) Caressierender Narr mit Basler bäuerin c) Der Glaube›. Kommt aus dem Besitz von Bürgermeister Wettstein […]». (Brief von Daniel Burckhardt-Werthemann vom 26.2.1907, Nachweisakte Historisches Museum Basel zu Inv. 1907.244.).
Das abstrakt anmutende Bild auf der quadratischen Holztafel entzerrt sich schlagartig, sobald man in dessen Mitte einen polierten Metallzylinder stellt. Nun erkennt man auf der gewölbten Spiegelfläche die Darstellung einer Bürgersfrau, die von einem Narren umarmt wird. Solche Anamorphosen (altgriechisch «anamorphosis» = Umformung) sind sorgsam konstruierte Rätselbilder, die bei der üblichen frontalen Betrachtung deformiert erscheinen und nur aus einem extremen Blickwinkel oder mit Hilfe eines verspiegelten Entzerrungskörpers zu entschlüsseln sind.
Bereits Leonardo da Vinci experimentierte Ende des 15. Jahrhunderts zeichnerisch mit solchen Zerrbildern. Zu den bekanntesten Anamorphosen gehört Hans Holbeins d. J. Doppelporträt Die Gesandten von 1533, auf dem im Vordergrund ein verzerrter Totenkopf zu sehen ist (National Gallery, London; Leeman 1975, S. 13–15, Abb. 2 u. 3). Mit den ersten Publikationen zum Thema, die Anweisungen für die Anfertigung solcher Zerrbilder enthielten, erlebte die Anamorphose im 17. Jahrhundert eine Blütezeit. Ab 1630 fanden Zylinder- und Kegelanamorphosen Verbreitung. Für die Freude am versteckten Spiel boten sich besonders erotische oder zweideutige Darstellungen an. Dies gilt auch für die vorliegende Anamorphose, die Mitte des 17. Jahrhunderts in Basel entstand: Mit der Abbildung einer Bürgersfrau, die von einem Narren verführt wird, spielt das Zerrbild auf das Laster des ungezügelten Verlangens an.
Das Werk gehört zu einer Gruppe von drei Anamorphosen gleichen Formats, die in einem schwarz gestrichenen Holzkasten mit Schiebedeckel aufbewahrt wurden. Die beiden anderen Zerrbilder sind nach dem gleichen Prinzip komponiert: Die eine zeigt die allegorische Darstellung einer nackten Frau, die ein flammendes Herz in der rechten Hand hält und als Allegorie des Glaubens gedeutet werden kann. Auf der anderen Holzplatte ist das Brustbild des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein (1594–1666) über einem brüstungsartigen Sockel zu sehen. Aus dem Besitz des bedeutenden Politikers Wettstein, der 1648 beim Westfälischen Frieden die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom Römisch-Deutschen Reich erwirkt hatte, stammen den Aufzeichnungen Daniel Burckhardt-Wildts zufolge alle drei Anamorphosen.
Dokumentiert sind die Objekte erstmals im Nachlassinventar von Wettsteins Schwiegersohn Johann Ludwig Krug-Wettstein (1617–1683) als «drei Cylindertäfelin sambt dem Cilinder». Der wie sein Schwiegervater als Bürgermeister in Basel amtierende Krug-Wettstein bewahrte die drei Anamorphosen in der Wohnstube seines Hauses im Spalenhof auf. Von dessen Ururenkel erwarb der künstlerisch tätige Sammler Daniel Burckhardt-Wildt 1804 die Anamorphosen. Später gingen diese in den Besitz von dessen Urenkel Daniel Burckhardt-Werthemann über, der sie schliesslich 1907 dem Historischen Museum Basel schenkte. Dem Konservator der Öffentlichen Kunstsammlung verdanken wir auch die überzeugende Zuschreibung der Zerrbilder an Hans Heinrich Glaser. Der Basler Maler hat neben zwei Trachtenfolgen, Einblattdrucken und Zeichnungen auch einen Kupferstich mit einer perspektivischen Anamorphose hinterlassen. Dieses signierte und 1638 datierte Blatt zeigt eine Paradieslandschaft mit dem Zerrbild des dornengekrönten Christuskopfes im Zentrum (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett; Weber 1993, S. 108–109).
Zur Technik der Anamorphose, die sonst zu jener Zeit kaum in Basel ausgeübt wurde, mag Glaser von theoretischen Abhandlungen über die Gesetze der Perspektive und die Konstruktion optisch verzerrter Bilder angeregt worden sein. Möglicherweise kannte er auch den Reproduktionsstich eines Zerrbildes mit dem Porträt des englischen Königs Edward VI. – «ein angesicht, in die perspektiff gar kunstlich verlengeret gemahlet» –, den der Basler Arzt Thomas Platter d. J. (1574–1628) von England mit nach Basel gebracht hatte. Glaser war sowohl mit ihm als auch mit dessen Bruder, dem Stadtarzt und Sammler Felix Platter persönlich bekannt (Kat. Basel 1998, S. 202 [Brigitte Meles]). Auch mit dem Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein stand der Künstler in Kontakt, konnte er diesen doch 1629 als Paten für seinen Sohn Hans Heinrich gewinnen (Weber 1992, S. 21). Somit ist denkbar, dass Glaser die Anamorphose mit Wettstein speziell für ihn anfertigte und ihm die beiden erotischen Darstellungen dazu schenkte. Der Bürgermeister betätigte sich nicht als Kunstsammler wie sein Zeitgenosse Remigius Faesch, in dessen Besitz sich die oben erwähnte Anamorphose von Hans Heinrich Glaser befand. Wie Faesch setzte er sich für den Ankauf des Amerbach-Kabinetts durch Stadt und Bibliothek ein.
Die Anamorphose mit Wettsteins Porträt gehört zu den wenigen erhaltenen Zerrbildern, die eine historische Persönlichkeit nicht hochadeliger Herkunft darstellen. In königlichen Sammlungen haben sich hingegen mehr Anamorphosen von Herrschern erhalten (Gundestrup 1991, Bd. 2, Nr. 857/28). Derartige Werke, die nur von einem eingeschränkten Betrachterkreis aus der Nähe gesehen werden können, hatten eher privaten Charakter und eigneten sich besonders als Kunstkammerstücke.