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Zynisch Analog
In Kürze wird in Beirut ein Wohnhochhaus mit Kunstgalerie der Pariser Architektin Lina Ghotmeh fertiggestellt. Der Turm in der Stadt am östlichen Mittelmeer, die in den letzten vier Dekaden mehrfach Kriegsschauplatz war, befremdet: Er erinnert an eine Ruine. Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Der Turm soll in seiner Gestalt die (unglückliche) Geschichte der libanesischen Kapitale reflektieren. Das Gebäude vermag auf den ersten Blick architektonisch anzusprechen, wirkt aber im Kontext dieses Konzeptes letztlich naiv bis zynisch.
Text: Elias Baumgarten – 28.1.2019
Fotos: Tekuji Shinmura
Visualisierungen: Lina Ghotmeh – Architecture
Der Phönix des Mittleren Ostens
Ruinen und Einschusslöcher an Gebäuden gehört in Beirut leider zum Stadtbild: Seit den 1970er-Jahren war die Stadt immer wieder Schauplatz von Kampfhandlungen. Während des Libanesischen Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 wütete, verlief die Frontlinie mitten durch die Stadt. Die schlimmsten Zerstörungen ereigneten sich dabei im Zentrum. Im Libanon-Krieg von 1982 wurde die Stadt von Israel belagert und beschossen. 1993 und 2006 warfen israelische Flugzeuge Bomben auf Verkehrswege, Bahnanlagen und den Flughafen im Süden der Stadt ab, um die Hezbollah zu schwächen.
Dazwischen und danach wurde wiederaufgebaut und die Kriegsschäden repariert. Alle Konflikte konnten Beiruts Stellung als Zentrum für Tourismus und Kultur im Mittleren nicht dauerhaft schwächen. Daher wird die Stadt auch immer wieder als das «Paris des Mittleren Ostens» bezeichnet. Die Bautätigkeit ist in den letzten Jahren besonders rege. Weil 2004 die Höhenbeschränkungen gelockert wurde, schiesst die Stadt derzeit in die Höhe. Im Zuge dessen entsteht aktuell auch das erwähnte Wohnhochhaus nach den Plänen der Architektin Lina Ghotmeh mit einer Kunstgalerie. Die Arbeiten sind bereits weit gediehen: Bald wird der Bau, der «Stone Garden» heissen wird, bezugsbereit sein.
Naive Ruinenästhetik
2011 begann Lina Ghotmeh mit den Planungen des 15-stöckigen Hauses. Durch seine mitunter kleinen Fensteröffnungen erinnert der Bau zunächst an traditionelle Wohnhäuser im arabischen Raum und die erdige Textur der Fassaden lässt an Lehmbauten denken. Zudem soll das Gebäude das Bilder einer Ruine evozieren. Denn Beirut ist für die Architektin ein Ort «permanenter Archäologie», wie sie in einer Pressemitteilung erklären lässt. Von jeher sei die Stadt geprägt von Zerstörung und Wiederaufbau. Das neue Haus, welches «einmal an eine von Pflanzen überwucherte Ruine erinnern soll», reflektiere diesen Aspekt der Geschichte. Man liest und staunt oder schüttelt den Kopf. Bei allem Verständnis für den Versuch Architektur möglichst aus dem Kontext des jeweiligen Ortes zu entwickeln und selbst bei einer geteilten Faszination für Ruinen, wirkt diese Analogie einfach nur zynisch.