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Der Autobahn-Viadukt über die Goldach
Als das Dorf im Verkehr zu ersticken drohte, wälzte sich wie eine doppelte Schlange die Autobahn von St. Gallen her kommend am Hang des Rossbüchels entlang nach Osten, erreichte im Buriet den Alten Rhein, um via Rheintal am San Bernardino das Tor nach Süden zu öffnen. Der St. Galler Regierung und insbesondere ihrem impulsiven Bauchef Simon Frick sei das Kompliment gemacht, dass sie die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte und geradezu ungestüm den Autobahnbau vorantrieb, um die sanktgallische Wohnlandschaft lebenswert zu erhalten und zu schützen.
Ein glücklicher Zufall — oder war es das Können der Ingenieure? — wollte es, dass die Planung der Autobahn verhältnismässig hoch überm Dorf erfolgte. Wenn man bedenkt, dass ursprünglich die Absicht bestand, das Trassee auf der Höhe der Möttelistrasse zu führen, wäre dies für Goldach zu einer eigentlichen Katastrophe geworden. Aus heutiger Sicht würde man es sogar begrüssen, wenn die Strasse noch weiter südlich in den Witenwald verlegt und tunnelliert geführt worden wäre. Aber nachträglich ist man immer klüger. Und gerechtigkeitshalber sei auch zugegeben, dass man ursprünglich die Autobahn gar als Panoramastrasse überm Bodensee betrachtete, womit sich eine Tieferlegung sicher nicht vertragen hätte. Auf jeden Fall können wir mit der vorhandenen Autobahn leben. Sie ist das kleinere Übel und hat rechtzeitig Untergoldach mit der St. Gallerstrasse vom motorisierten Verkehr wenigstens teilweise und vorübergehend entlastet.
Der Einlenker Meggenhus nach St. Gallen und in den Thurgau sorgt anderseits für unerträglich viel Ziel- und Quellverkehr, wobei sich hier das Tor zur Schweiz befindet, was auch festgestellt werden muss. Entsprechend wurde 1963/64 die Ortsplanung in die Wege geleitet, erlebte Goldach doch in der Mitte unseres Jahrhunderts ein Wachstum von 3000 auf über 8000 Personen, also eine Bevölkerungszunahme, wie sie in der Ostschweiz höchstens noch Agglomerationsgemeinden im Raum Zürich kannten.
Mit der Ortsplanung erhielt der Gemeinderat ein Instrument in die Hand, das es möglich machte, die Bautätigkeit nicht nur an die Zügel des Gemeinwohls zu nehmen, sondern auch das Bauen ganz allgemein zu verlangsamen und in geordnete Bahnen zu lenken. Die Gemeinde erlangte die notwendige Verschnaufpause, um ihre Infrastruktur, die 1960 hoffnungslos überfordert war, den neuen Gegebenheiten anzupassen, und mehr noch, ihr für lange Zeit zu finanziellem Wohlstand zu verhelfen.
Daran möge man denken, wenn man auf dem Goldach-Viadukt in die Neuzeit fährt. In kühnem Schwunge führt er den schnellen Automobilisten vom Sonnental über den Goldach-Graben, die Blumenegg unter sich lassend, zur Blumenhalde. Diese vierte und letzte der bedeutenden Goldach-Brücken soll darum den Namen «Die Kühne» tragen.
Der Goldachviadukt ist das Kernstück der gesamten N1 (Heute: A1) St. Gal!en Ost — Buriet. Für jede Fahrrichtung wurde eine separate Brücke gebaut. Sie sind 510 bzw. 450 m lang. Die Fahrbahnen überqueren die Goldach in ca. 60 m Höhe. Der Viadukt liegt im Bereich einer Kurve mit Radius 750 m. Der Rohbau konnte 1971 ausgeführt werden. 1973 wurden die Bauarbeiten abgeschlossen. Ingenieur Hans Appenzeller vom Baudepartement zeichnet als Bauleiter des ganzen Abschnittes verantwortlich. Zielstrebig und entsprechend hartnäckig führte er seinen Auftrag durch. Für den eigentlichen Brückenbau zeichnet Ingenieur Nuot Letta verantwortlich, ein tüchtiger und erfahrener Fachmann.
Mit einem rauschenden Fest im Goldacher Schäflesaal unter den Fittichen der Gemeinde Goldach wurde die Eröffnung der Autobahn gefeiert. Vertreter des Bundes, der Ostschweizer Kantone und der betroffenen Gemeinden waren anwesend. Zuvor fuhren Extracars am Nachmittag des 12. Dezember 1973 die Gäste über den Goldach-Viadukt, wo Goldacher Werkhofmannen in historischen Uniformen den Brückenzoll bei Landammann Willi Geiger kassierten.
Text: Hans Huber-Anderes
Bilder: Die ersten beiden Bilder unten aus Goldachs Wasserwege, S.95
Buchtitel: Goldachs Wasserwege, S.94-96
Copyright: 1995, Gemeinde Goldach