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Neuenburgerhandel
Als die Schweiz beinahe Krieg gegen Preussen geführt hätte
Mobilmachung auf beiden Seiten: General Dufour plant schon den Vorstoss ins Herzogtum Baden, während die Preussen Bern und Zürich im Visier haben. Der Krieg kann vor 165 Jahren gerade noch verhindert werden.
Es ist nach 1849 erst das zweite Mal, dass die Eidgenossenschaft den Oberbefehl über die Armee abgibt. Und wieder erhält Guillaume Henri Dufour das Mandat: Die Bundesversammlung beauftragt den ersten General der Schweiz am 27. Dezember 1856, einen Feldzug gegen Preussen zu planen.
Der Zankapfel: der Kanton Neuenburg und das Schicksal einiger inhaftierter Royalisten. Dufour verliert keine Zeit. Weil es damals in Basel nur eine Brücke über den Rhein gibt, ordnet er am 7. Januar 1857 den Bau einer Ponton-Querung an, die unweit der heutigen Wettsteinbrücke entsteht.
Die Dufourbrücke soll den Einmarsch von Schweizer Soldaten ins Grossherzogtum Baden ebnen, denkt sich der 69-Jährige: Die Preussen müssen möglichst weit von der Schweiz entfernt gestellt werden, um der Heimat die Folgen eines Krieges zu ersparen.
Die Badenser werden eher auf Seiten der Schweizer stehen, hofft die Armeeführung. Erst acht Jahre zuvor hat die preussische Armee im Grossherzogtum einen Aufstand niedergeschlagen – und diese liberalen Unruhen im Zusammenhang mit der Revolution von 1848/1849 legen auch den Grundstein der Probleme in Neuenburg.
Sonderfall Neuenburg
Der Kanton hat damals einen eigenartigen Sonderstatus, weshalb er beim Sonderbundskrieg 1847 auch neutral geblieben ist: Er steht unter dem Schutz der Eidgenossenschaft, ist aber gleichzeitig auch ein souveränes Fürstentum. 1707 geht dieses an das Haus Hohenzollern über, das über Preussen herrscht.
Berlin lässt das Fürstentum von einem Gouverneur verwalten und mischt sich insgesamt wenig ein. Das zeigt sich eben 1848, als Demokraten die konservative Regierung stürzen und eine Republik ausrufen. Preussen beschränkt sich darauf, die royalistische Opposition zu stützen und lässt sich seine Rechte im Londoner Vertrag von 1852 bestätigen.
In dem Dokument geht es aber vor allem um Dänemark und das Herzogtum Schleswig-Holstein: Die Schweiz ist am Verhandlungstisch nicht vertreten und hat kein Interesse daran, einen Kanton mit einem preussischen König zu teilen. Als am 2. und 3. September 1856 einige Hundert Royalisten das Schloss in Neuenburg stürmen, scheitert der Versuch eines Gegenputsches kläglich.
Mobilmachung in der Schweiz und in Preussen
Die Revolutionäre werden verhaftet: Ihnen droht die Todesstrafe. Das wiederum kann der preussische König Friedrich Wilhelm IV. nicht akzeptieren, der wegen der Situation in Neuenburg ohnehin genervt ist. Er fordert von der Schweiz die Freilassung der Royalisten – und droht andernfalls mit Krieg. Weil die Regierung in Bern eine Amnestie verweigert, beginnt die Schweiz im Dezember 1856 mit der Mobilisierung.
Berlin reagiert verärgert, bricht am 13. Dezember 1856 die diplomatischen Beziehungen ab und lässt ebenfalls mobilisieren – allerdings erst ab dem 1. Januar 1857. Alle Zeichen stehen auf Krieg, als General Dufour in Basel die Brücke bauen lässt. Und tatsächlich ist Basel neben Schaffhausen das erste Ziel des preussischen Generalstabs, der mit rund 140'000 Soldaten über Basel bis Bern und über Schaffhausen bis Zürich vorrücken will.
Dufour will dagegen mit bis zu 230'000 Mann eine Verteidigungslinie in Baden bilden. Die europäischen Grossmächte versuchen, einen Waffengang zu verhindern: Der französische Kaiser Napoelon III. erreicht, dass Preussen seine Mobilisierung auf den 15. Januar verschiebt. Gleichzeitig steigt der diplomatische Druck auf Bern, die Revolutionäre abzuschieben. Als die Schweiz das Frankreich zusichert, bläst Berlin die Mobilmachung ganz ab.
Sieg für Neuenburg und die Schweiz
Eine eiligst einberufene Konferenz der Grossmächte kommt im März 1857 zusammen, um den Konflikt zu lösen. Der Thurgauer Diplomat Johann Konrad Kern vertritt die Schweiz, neben Preussen sind auch noch Frankreich, Grossbritannien, Österreich-Ungarn und das russische Zarenreich vertreten. Das Ergebnis ist der Vertrag von Paris, der den Streit, der als Neuenburgerhandel in die Geschichte eingeht, besiegelt.
Preussen fängt sich am Verhandlungstisch eine schwere Niederlage ein, denn König Friedrich Wilhelm IV. tritt die Souveränitätsrechte am Fürstentum Neuenburg und an der Grafschaft Valangin ab, während der Kanton weiter Mitglied der Eidgenossenschaft bleibt. Nur Friedrich Wilhelm selbst darf sich noch pro Forma Fürst von Neuenburg und Graf von Valangin nennen – doch er stirbt ohnehin vier Jahre später. Nur die Verfahrenskosten zahlt die Schweiz.
Der Vertrag von Paris, der einen Krieg zwischen Preussen und der Schweiz verhindert, wird am 26. Mai 1857 unterzeichnet. Und er wird trotz des Erfolgs nicht überall in der Schweiz gefeiert: «Dass die Schweiz ihre Rechte letztlich nicht militärisch verteidigt, sondern ihr Schicksal der internationalen Diplomatie überlassen hatte, wurde in der Öffentlichkeit zum Teil heftig kritisiert», erklärt das Historische Lexikon der Schweiz.