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Der Mensch ist ein Tier. Oder, der Mensch ist eigentlich ein Tier. Dieser Satz mag so manchen aus unterschiedlichen Gründen erschrecken. Den einen, weil das Wörtchen „eigentlich“ dem Satz eine merkwürdige Bedeutung verleiht. Sprachpuristen vermuten hier gar ein überflüssiges Wort, das man problemlos streichen kann, denn es trägt zur Aussage nicht viel bei. Viel störender ist für viele die unmissverständliche Aussage, dass der Mensch ein Tier sei.
Ich bin sicher, dass so mancher beim Lesen dieses Satzes zusammenzuckt. Der Mensch ist ein Tier? Was soll das denn? Sind wir nicht vernunftbegabte Wesen, die unser Schicksal selbst bestimmen? Wir fliegen mit Raumschiffen in das Weltall, schreiben Romane, komponieren Musikstücke und beschäftigen uns mit vielen Sachen, die Tiere nie in den Sinn kämme, zu machen. Also können wir keine Tiere sein. Das lehrte uns bereits der berühmte und von uns so verehrte Philosoph Descartes, für den es deutliche Unterschiede zwischen Mensch und Tier gab. Mensch und Tier waren für ihn qualitativ unterschiedlich. Der Mensch soll mit einer Ratio, also Vernunft ausgestattet sein, das Tier nicht. Das Tier handelt wie ein Automat und wird durch Instinkte gesteuert. Der Mensch dagegen denkt. „Cogito ergo sum“, ich denke, also bin ich, ist die in diese schöne Formulierung gegossene Quintessenz von René Descartes. Tiere denken eben nicht, sie handeln einfach. Warum dachte Descartes so?
Was veranlasste ihn, dies so niederzuschreiben? Wir wissen es natürlich nicht und können deshalb nur spekulieren. Er lebte zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die Menschen in Mitteleuropa einander abschlachteten, folterten und sich wegen kleiner Unterschiede in der Ausübung des christlichen Glaubens hassten. René Descartes war nicht nur Philosoph und Naturwissenschaftler, er war auch Soldat oder besser gesagt Söldner in den wilden Armeen, die durch das geschundene Deutschland zogen und soviel Unheil über das Land brachten. Im Grunde reihten sich seinerzeit Kriegsverbrechen an Kriegsverbrechen. Sicher war Descartes Zeuge von grauenvollen Ereignissen. Es verwundert deshalb, dass er dem Menschen eine besondere Denkfähigkeit und Vernunft zuschrieb, obwohl er doch erlebt haben musste, wie unvernünftig er sich in diesem Krieg verhalten hat. Oder glaubte Descartes, dass der Krieg und die Ursachen dieser Auseinandersetzungen vernünftig waren? Wie auch immer, aus der heutigen Sicht müsste René Descartes eigentlich zu anderen Schlussfolgerungen gelangt sein. War der Mensch damals nicht unvernünftig und völlig fehlgeleitet? Offenbar hat dies René Descartes nicht erkannt. Er war jedenfalls überzeugt, dass wir rationale Wesen seien, die sich von den Tieren qualitativ unterscheiden würden.
René Descartes war zwar Naturwissenschaftler, aber in einer Zeit, als man über das Gehirn und über die Art und Weise, wie der Mensch funktioniert, nichts wusste. Descartes war wie viele seiner gelehrten Zeitgenossen der Meinung, dass die psychischen Funktionen in den Hohlräumen des Gehirns (also den Ventrikeln) zusammengefasst seien. Dem Gehirn mass er keine Bedeutung bei. Es sei einfach ein Kühlorgan. Die psychischen Funktionen (Denken, Aufmerksamkeit etc.) und die Seele seien staubartige oder fluide Gebilde, die nicht objektiv fassbar seien. Diese seien in den Ventrikeln gefangen und würden darüber ihre Einflüsse auf den Körper entfalten. Insofern teilte er die Ansicht des Philosophiegiganten Aristoteles, der bereits 300 vor Christus diese These aufstellte. Descartes präzisierte diese Annahme bezüglich der Wechselwirkung zwischen den psychischen Funktionen und dem Körper, indem er annahm, dass die Seele und damit die psychischen Funktionen auf einen winzigen Hirnbereich einwirken würden, über den dann der Körper kontrolliert würde. Diesen verantwortungsvollen Hirnbereich ortete er in der Zirbeldrüse, einem winzigen, maximal 1 Zentimeter langen und weniger als einem Gramm schweren Organ. Descartes war überzeugt, dass die Zirbeldrüse das zentrale Organ sein müsste, mit der die Seele mit dem Körper in Wechselwirkung treten würde. Warum ist nicht eindeutig bekannt. Die Zirbeldrüse ist das einzig nicht paarig vorhandenen Gehirnteil. Das war seinerzeit auch Descartes aufgefallen. Offenbar ließ die anatomische Besonderheit Descartes aufhorchen und diesem Miniorgan essenzielle Aufgaben zukommen.
Vereinfacht nahm Descartes an, dass die Seele über die Zirbeldrüse den Körper über ein Röhrensystem hydraulisch beeinflussen würde. Wir müssen an dieser Stelle nicht näher auf diesen abenteuerlichen Mechanismus eingehen, denn diese Vorstellung ist aus heutiger Sicht falsch.
Wir wissen heute, dass der Körper nicht durch ein hydraulisches System kontrolliert wird. Die winzige Zirbeldrüse ist für die Kontrolle des Schlaf-wach-Rhythmus verantwortlich und sondert je nach vorherrschenden Lichtverhältnissen das Hormon Melatonin ab. Wir wissen auch, dass die Seele und die psychischen Funktionen nicht in den Ventrikeln gefangen sind. Wir wissen heute, dass das Gehirn ein komplexes Netzwerk von Neuronen ist, das nach biophysikalischen Prinzipien arbeitet und die psychischen Funktionen generiert. Wenn es so etwas wie die Seele gibt, dann wird sie durch die neurophysiologische und neurochemische Aktivität dieses Netzwerkes generiert.
Heute unterscheiden wir Tiere und Menschen nicht mehr kategorial. Menschen sind auch Tiere, die sich im Verlauf der Evolution aus gemeinsamen Vorfahren mit den heutigen Affen entwickelt haben. Etwa vor 4–4,5 Millionen Jahren entwickelte sich der erste Urmensch, der Australopithecus. Er war ungefähr so gross wie ein Schimpanse und sein Gehirn wog mit 500 Gramm in etwa so viel, wie das Gehirn eines neugeborenen modernen Menschen. Gemäß dem modernen biologischen Ordnungsprinzip gehört der moderne Mensch (der Homo sapiens) mit den Urmenschen und allen Affenvarianten zu der Ordnung der Primaten. Beschränkt man sich auf die Menschenaffen (Schimpansen und Gorillas), ergibt sich die kleinere und speziellere Familie der Hominiden. Ohne Affen bilden die Urmenschen und modernen Menschen die Gattung Mensch.
Aufgrund des gemeinsamen evolutionären Ursprungs mit den Affen teilen wir sehr viele Gemeinsamkeiten. Körperbau, Gene und vor allem Verhalten bzw. Verhaltensantrieb sind bei Affen und Menschen sehr ähnlich. Wir teilen mit den heutigen Affen die Neugier, das Streben nach Macht, die Suche nach Sicherheit und Zuneigung, die Neigung unser räumliches und gedankliches Revier zu verteidigen und die Wertschätzung von Vertrauen und Kooperation. Eine Besonderheit des modernen Menschen ist das Gehirn mit seinen 80 Milliarden Nervenzellen. Davon befinden sich gut 12 Milliarden Nervenzellen im Neocortex, dem Hirnteil, das sich beim Menschen besonders stark vergrössert und entwickelt hat. Hier finden sich die Netzwerke, die für unser Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln verantwortlich sind.
Bemerkenswert ist, dass kein Tier auf dieser Welt über so viel Nervenzellen im Cortex verfügt wie der Mensch. Selbst die Gehirne der Elefanten und Wale mit ihren drei- bis fünfmal grösseren Gehirnen verfügen über weniger corticale Neurone als der Cortex des Menschen. Diese grossen und reich miteinander verbundenen Neuronennetzwerke generieren auch das Gefühl unserer Identität; wenn man so will, auch das, was man im Allgemeinen auch als unsere Seele auffasst. Man könnte auch sagen, das, was wir glauben zu sein, nichts anderes ist als das Produkt neuronaler Aktivität. Dieses grosse, ja bemerkenswert grosse Netzwerk macht auch das mitunter merkwürdige menschliche Denken und Handeln möglich. Kein Tier kann so elegant die Welt interpretieren, wobei die Interpretationen immer von den individuellen Erfahrungen abhängen. Deshalb generiert der Mensch so viele Meinungen, die oft meilenweit voneinander entfernt sind und unversöhnlich sind. Das Gehirn des Menschen ist ein wildes Interpretationsorgan, das sich praktisch alles einbilden kann. Diese Einbildungskraft kann uns schöne Momente gewähren, sie kann aber auch den Menschen in undurchdringliche Irrgärten des Denkens und Selbsteinschätzung führen.
Wie auch immer, welche Konsequenzen müssen wir aus der Tatsache ableiten, dass der Mensch ein Tier ist?
Wir Menschen sind nichts Besonderes und Aussergewöhnliches. Wir sind bestenfalls ein besonderes Tier.
Insofern war Descartes Vermutung (oder besser gesagt seine Behauptung) falsch. Es existiert kein kategorialer Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Es existieren kontinuierliche Unterschiede zwischen Mensch und den anderen Tieren.
Ob wir Menschen ein evolutionsstabiles Wesen sind, dass die Welt beherrscht und die Welt über längere Zeiträume bevölkern wird, ist eher unwahrscheinlich. Die evolutionsstabilste Kreatur auf dieser Welt ist die Kakerlake. Sie bevölkert die Welt seit circa 700 Millionen Jahre ohne nennenswerte Veränderung des Körperbaus und des Verhaltens. Ob der Mensch dies schaffen wird, wird sich zeigen. Ich bin diesbzgl. eher pessimistisch. Der moderne Mensch (Homo sapiens) existiert gerade mal circa 150.000 Jahren und der Urmensch betrat vor circa 4,5 Millionen Jahren die Welt. Das bedeutet, dass das menschliche Dasein lediglich einen Wimpernschlag der evolutionären Geschichte der Welt beträgt. Die Welt existiert im Übrigen seit circa 4.5. Milliarden Jahren.
Wir sind ein biologisches Wesen, das durch Gene und Hormone massgeblich geformt und beeinflusst wird.
Alle Krankheiten werden auf der Basis des Wissens über die Biologie des Menschen behandelt. Hier kommen naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten zur Anwendung.
Das menschliche Gehirn ist eine evolutionäre Weiterentwicklung der Affengehirne bzw. der Gehirne der gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen. Es funktioniert allerdings nach den gleichen Prinzipien wie die Gehirne der Affen und aller Säugetiere. Die grundsätzlichen Funktionsprinzipien der Nervenzellen des menschlichen Gehirns findet man selbst bei den einfachsten Tieren (z. B. bei der Fliege).
Mit unseren evolutionären Verwandten, den Affen, teilen wir einige grundlegende Verhaltensantriebe. Diese Verhaltensantriebe sind für unsere Lebensgestaltungen von herausragender Bedeutung. Diese Bedeutung wird nicht durch die kulturelle Einbettung des menschlichen Verhaltens und die enorme Lernfähigkeit des menschlichen Gehirns eingeschränkt. Die Lernfähigkeit bzw. Anpassungsfähigkeit des Menschen basiert letztlich auf den grundlegenden biologischen Verhaltensantrieben.
Diese Verhaltensantriebe dienen dem ultimativen Zweck des Menschen, dem Überleben und der Fortpflanzung.
Das menschliche Gehirn und der Cortex verfügen absolut über die meisten Nervenzellen. Kein Tier verfügt über so viel corticale Nervenzellen wie das menschliche Gehirn. Dieses grosse Netzwerk ist die Grundlage für die vielfältigen Berechnungsmöglichkeiten, die das menschliche Gehirn durchführen kann.
Diese enorme Berechnungskapazität ermöglicht das besondere menschliche Denken und Interpretieren.
Dieses Denken führt nicht grundsätzlich zu logischen und vernünftigen Schlussfolgerungen, sondern das Denken orientiert sich eher an individuellen Erfahrungen und Interpretationen.