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Architekturführer Gdynia: Vom Fischerdorf zur Hafenmetropole
Bis heute zeugt das Stadtzentrum der polnischen Hafenstadt Gdynia vom Bauboom der Zwischenkriegszeit. Ihre vielen modernistischen Bauten machen die Ostseemetropole zu einem Open-Air-Architekturmuseum, wie der Architekturführer von Justyna Borucka und Harald Gatermann zeigt.
Quelle: Joymaster, eigenes Werk, Gemeinfrei,
Gdynia: einst ein kleines Dorf, heute eine Hafenmetropole.
Einst war Gdynia ein Fischerdorf bei der Danziger Bucht, an der Ostsee. Davon ist längst nichts mehr zu spüren. Denn Gdynia hat vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren eine gewaltige Entwicklung hingelegt: 1926 erhielt der Ort das Stadtrecht und wuchs mit der Eingemeindung der umliegenden Dörfer von 6000 Einwohner auf rund 12000 an. Ein gutes Jahrzehnt später, 1939, war Gdynia zur Grossstadt avanciert. Die Bevölkerung war mit 115000 auf beinahe das Zehnfache angestiegen.
Ursache für diesen rasanten Wandel war der Versailler Vertrag: Er verschaffte dem nach dem Ersten Weltkrieg geteilten Polen einen Zugang zur Ostsee – allerdings verfügte dieser schmale Landstrich über keinen Hafen. Obwohl die Möglichkeit bestand, den maritimen Handel über die damals nicht zu Polen gehörende «Freie Stadt Danzig» abzuwickeln, gestaltete sich der Warenaustausch kompliziert und unbefriedigend. Der polnische Staat beschloss daher, einen eigenen Hafen anzulegen. Errichtet werden sollte er in der Nähe von Danzig, in Gdingen – oder heute Gdynia. Nebst einem Marine- und einem Handelshafen schuf man weitere Infrastrukturen, zum Beispiel eine Eisenbahnverbindung zwischen den Bergbaugebieten im Süden des Landes und dem Hafen. Im Zuge dessen breitete sich die Stadt aus.
«Weisse Moderne»
Vom Bauboom jener Zeit zeugt Gdynia bis heute: Das Stadtzentrum bildet ein beinahe einheitliches Ensemble aus zahlreichen Bauten der «Weissen Moderne».
Ein besonders prägnantes Beispiel liefert das 1936 von der Sozialversicherungsanstalt ZUS bei Roman Piotrowski in Auftrag gegebene Wohn- und Bürogebäude, in dem heute das Stadtamt untergebracht ist. Auffällig sind sein halbzylinderförmiger Abschluss und die durchgängig horizontalen Fensterbänder. In der Nähe liegt ein mehrgeschossiger Wohnblock, den die Nationale Wirtschaftsbank 1939 von Stanislaw Ziolowski errichten liess: Das Wohngebäude war damals mit seiner Tiefgarage äusserst modern. Besonders reizvoll: Hier lässt sich eine im Stil der Zwischenkriegszeit eingerichtete Musterwohnung besichtigen. Ein weiteres Highlight sind die Markthallen. Der nach Entwürfen von Jerzy Müller und Stefan Reychman 1938 erbaute Komplex besticht mit Stahlbetonbögen, viel Licht und einem hoch geschwungenen Dach.