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Werke. Darmstädter Ausgabe. Band V. Herausgegeben und kommentiert von Hanno Beck. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 22008.
Ansichten zur Natur war zu seinen Lebzeiten Alexander von Humboldts populärstes Werk. Es erschien 1808 zum ersten Mal (nur 1 Band und nur 3 Essays enthaltend – ein hin und wieder in den Antiquariaten der Welt gesuchter zweiter Band von 1808 ist nie erschienen) – wie alle Auflagen seinem Bruder Wilhelm gewidmet; 1826 erschien die zweite Auflage, gegenüber der ersten beträchtlich erweitert (2 Bände, nunmehr 5 Essays); 1849 schliesslich die dritte (und zu Humboldts Lebzeiten letzte) Auflage, nochmals erweitert (1 oder 2 Bände, aber auf jeden Fall nun 6 Essays). Humboldt vergrösserte dabei nicht nur die Zahl der Essays, sondern erweiterte und verbesserte auch jedes Mal deren Inhalt; vor allem seine letzte grosse Reise nach Zentralasien, die 1829, also nach dem Erscheinen der zweiten, aber vor dem der dritten Auflage stattfand, vermittelte ihm viele neuen Einsichten, so über das Wesen von Steppen und Tundren, was u.a. in den ersten Aufsatz Über die Steppen und Wüsten einfloss.
Dem Neuling in Alexander von Humboldts Werk würde ich wohl dieses hier, in der 3. Auflage, als Einstieg empfehlen. Nicht nur, dass wir hier in nuce alle Themen und Orte finden, die Humboldt beschäftigt haben: Wüsten, Urwälder, Vulkane, Pflanzengeografie, Geologie, die Geschichte der Eroberungen der alten Indianer-Reiche, selbst das Thema der Sklaverei wird nochmals aufgenommen, und diesmal werden auch die USA harsch kritisiert dafür, dass auf ihrem Staatsgebiet so etwas erlaubt ist. Humboldts Stil ist in den Ansichten zur Natur sehr flüssig; Statistiken und ähnliches sind in Anmerkungen verbannt worden (nicht, dass Humboldt irgendwelche Phänomene unkommentiert hätte stehen lassen – das erlaubte ihm sein Gewissen als Naturwissenschafter schon gar nicht erst). Und schliesslich gibt es auch noch ein oder zwei Highlights, die wir ganz offensichtlich dem volkstümlichen Charakter dieses Werkes verdanken – zum Beispiel, wenn Humboldt das Phänomen phosphoreszierender Kleinlebewesen im Meer schildert, tut er das, indem er erzählt, wie er und seine Gefährten (u.a. Bonpland) nackt in eben diesem Meer badeten, und danach noch nackt am Ufer promenierten, so, dass die phosphoreszierenden Tierchen wie eine Art Körperschmuck noch an ihnen hingen und leuchteten.
Nirgends in seinem Werk zeigt sich Humboldt auch so ausgeprägt als der Mann zwischen zwei wissenschaftlichen Epochen wie hier. Humboldt erzählt von wissenschaftlichen Diskussionen über Anatomie mit dem ausgebildeten Arzt Schiller, und eine Auseinandersetzung mit dem geologischen Werk Goethes findet ebenfalls ihren Platz. Ja, in der zweiten Auflage (also erst 1826!) fügt Alexander von Humboldt auch seine kleine pädagogisch-naturwissenschaftliche Fiktion Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung aus dem 5. Teil der Horen von 1795 hinzu, was einmal mehr die Spannbreite und Einheit Humboldt’schen Schaffens untermalt. Die beiden Forster, Vater und Sohn, werden für ihr Sammeln von Daten rund um die Welt immer wieder erwähnt. Doch auch den Namen eines andern Daten-Sammlers finden wir des öfteren: Charles Darwin. Die Entstehung der Arten wird zwar erst in Humboldts Todesjahr, 1859, veröffentlicht werden; Humboldt bezieht sich auf Darwins Werke zur südamerikanischen Geologie und zur Bildung von Korallenriffs. Allerdings schrammt er unabhängig von Darwin selber haarscharf an einer Evolutionstheorie vorbei – nur, um sie vehement abzulehnen. Andere Äusserungen, die er in diesem Buch macht, können dahingehend interpretiert werden, dass Alexander von Humboldt bereits eine Kontinentaldrift im Sinne Wegeners vorausnahm. (Es braucht allerdings sehr viel guten Willen, dies aus Sätzen zu entnehmen, in denen Humboldt nur das Ineinanderpassen der südamerikanischen und der afrikanischen Atlantikküsten festhält, um dann dahin fortzufahren, dass trotz der Ähnlichkeit, trotz der Tatsache, dass die beiden Kontinente sich in etwa unter denselben Breitengraden befinden, das Klima und die geografische Verbreitung von Pflanzenarten eine so andere ist – was seiner Meinung nach gegen einen wie auch immer gearteten Zusammenhang der beiden Kontinente spricht.)
Alles in allem ein Werk, das seine damalige Popularität verdient hat – auch heute wieder Popularität verdienen würde.