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Zwei Mahlzeiten pro Tag
In Dayer, einem abgelegenen Dorf im Südwesten von Haiti, ist Mamoun Pierre an ihrem Holz befeuerten Herd beschäftigt. In einem grossen Kochtopf bereitet sie ein Essen aus Bananen, Yams und Süsskartoffeln und dazu eine Sauce aus Trockenfisch, während ihre Schwester Orangen auspresst. Eine Nachbarin wäscht unterdessen mit Seife die 50 Teller und Becher aus Blech ab, von denen die Schüler bereits am Morgen ihr Frühstück gegessen haben. Eine Stunde später werden sich alle drei - ihre dampfenden Töpfe und das Tischgedeck auf dem Kopf balancierend - auf den Weg zur Schule machen.
Für den Lehrer, der sie in seiner Klasse von 50 Schülern empfängt, ist der Unterschied, den die drei Frauen machen, klar erkennbar: «Als es noch keine Kantine in Dayer gab, hatten einige Kinder so starke Hungerkrämpfe, dass sie sich vor Schmerzen auf ihren Stühlen krümmten. Jetzt sind sie viel konzentrierter und beteiligen sich besser am Unterricht.»
In einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung des Landes täglich mit weniger als drei Dollar auskommen muss, sind zwei ausgewogene Mahlzeiten pro Tag eine Wohltat für die Kinder und eine Erleichterung für ihre Familien. «Das ist ein echter Gewinn für die Gemeinschaft» so Romelus Jeansavon, ein Mitglied des Kantinen-Verwaltungsrats, und fügt hinzu: «Die Kinder kommen jetzt pünktlich, um das Frühstück nicht zu versäumen!»
Vorteile für die Kantinenbetreiberinnen
An 16 ländlichen Schulen wurden bisher 68 Kantinenbetreiberinnen wie Mamoun angestellt. Es handelt sich um ein partizipatives Projekt: HEKS und seine beiden Partnerorganisationen haben Küchen mit Steinofen eingerichtet und die notwendigen Küchengerätschaften beschafft. Die Betreiberinnen sind zuständig für das Fundament, den Einbau von Türen und Fenstern und den Bau von Regalen. Sie werden dabei von der Gemeinschaft unterstützt. Eine andere Kantinenbetreiberin, Mathulène Bélizé, erklärt, wie ihre Arbeit ihr Leben verändert hat: «Ich kann die Schule für meine Kinder bezahlen, ich konnte mir Dinge kaufen, die mir fehlten, und darüber hinaus eine Ziege.»
Mathulène äusserte sich auch zufrieden über ihre Arbeit in einer Kantine in der Gemeinde Abricots, wo sie eine Woche lang die Zusammenstellung und Verwaltung von Speiseplänen gelernt hat.
Einarbeitung in die Tätigkeiten, Verantwortung und Rechenschaft sind wichtige Aspekte. Jede Betreiberin führt täglich ihr Kassenbuch, in das sie alle Einkäufe für ihre Zubereitungen und die Anzahl der verkauften Essen einträgt. Auf der Grundlage dieser Informationen ist erkennbar, ob sie einen Gewinn erzielt oder einen Verlust erlitten haben. «Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil HEKS seine Unterstützung nach und nach reduzieren wird», erklärt Estève Ustache, Koordinatorin für das Programm zur landwirtschaftlichen Rehabilitation.
Einkauf bei lokalen Erzeugern
Neben den Kindern und den Kantinenbetreiberinnern profitiert auch die Gemeinschaft von dieser Initiative, denn der Reis sowie das Obst und Gemüse der Kantinen wird von lokalen Kleinbauern erzeugt, die damit ihre Produkte vor Ort absetzen können und sich den langen Weg zum Markt ersparen können. «Dieser integrierte Ansatz ist eine lokale Neuerung und trägt zur Verstärkung der Projektwirkung bei», erklärt Marie-Jeanne Hautbois, HEKS-Landesdirektorin in Haiti. «Wir mobilisieren die Gemeinschaft, indem wir sie auffordern, selbst Hand anzulegen, in gegenseitigem Einvernehmen zusammenzuarbeiten und andere teilhaben zu lassen, um so einen positiven, sich selbst verstärkenden Kreislauf zu schaffen. »
Eltern bilden Verwaltungsrat
Ein Kantinen-Verwaltungsrat, der aus Eltern gebildet wird, stellt die Verbindung her zwischen Schule, Kantinenbetreiberinnen und den Organisationen. Der fünfköpfige Rat überwacht turnusmässig die Qualität des Essens und die täglichen Finanzbeiträge der Eltern. Er fördert darüber hinaus die Lebensmittelbeschaffung der Betreiberinnen bei den Kleinbauern und auf lokalen Märkten. Filias Vanel ist einer dieser Kleinbauern. Sein Reis ist bereits abgeerntet, muss aber noch zwei Mal gekocht und geschält werden. Das ist zwar viel Arbeit, aber mit dem HEKS-Projekt soll auch der Anbau und Verkauf von lokalem Reis gefördert werden, der hier ohne Einsatz von Pestiziden angebaut wird. Die Kantinen sollen nicht den amerikanischen Überschussreis kaufen, der den Markt in Haiti überschwemmt.
«Dank meiner Arbeit als Kantinenbetreiberin, kann ich die Schule für meine Kinder bezahlen und konnte mir eine Ziege anschaffen. Wir ernähren uns heute besser, das ist gut für die Gesundheit der Kinder und die ganze Familie. Das schützt uns auch vor Krankheiten.»
Selbstverwaltet und unabhängig
Das Ziel des Projekts ist eine komplette Selbstverwaltung der Kantinen. Der Verwaltungsrat arbeitet bei der Lösungssuche mit Projektmitarbeitenden zusammen. Eine finanzielle Beteiligung der Eltern ist erwünscht, stellt aber eine grosse Herausforderung dar. Marie-Jeanne erklärt warum: «In einem Krisenland der Logik einer dauerhaften Entwicklung zu folgen, ist schwierig. Aufgrund der aktuellen Blockade des Landes befinden sich die Kleinbauernfamilien des Bezirk Grand‘Anse in einer schwierigen Lage, weil sie ihre Erzeugnisse nicht in der Hauptstadt absetzen können. Es wird deshalb noch einige Zeit dauern und weitere Projektbegleitung erforderlich machen, bis die Kantinen selbstständig operieren können.» Das sei jedoch das Ziel, abgesehen von der tagtäglichen Ernährung von 3.500 Schülerinnen und Schülern.