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Im Jahr 2020 veröffentlichten wir, das Border Violence Monitoring Network (BVMN), die erste Ausgabe des «Blackbook of Pushbacks». Es war die bisher umfangreichste Sammlung von Zeug:innenaussagen über Grenzgewalt, mit 892 Gruppenaussagen. Das Buch sammelt die Erfahrungen von über 12.600 Menschen auf mehr als 1.500 Seiten und wurde im Europäischen Parlament vorgestellt.
Obwohl Mitglieder des Europäischen Parlaments der EU-Kommissarin Ylva Johansson das Buch mit den Beweisen über illegale Grausamkeiten überreichten und trotz der koordinierten Übergabe an Innenminister, Bürgerbeauftragte und andere Schlüsselakteure in allen EU-Mitgliedstaaten und der umfangreichen Berichterstattung in den Medien, reichte der Berg von Beweisen nicht aus, um die systematischen Praktiken des Missbrauchs entlang der europäischen Grenzen zu beenden.
BVMN veröffentlichte Ende 2022 eine erweiterte und aktualisierte Ausgabe des Buches und löste damit sein Versprechen ein, so lange neue Versionen zu schreiben, bis die Kultur der Straflosigkeit im Zusammenhang mit Grenzgewalt abgeschafft ist. Am 8. Dezember 2022 wurde das neue Buch mit 3.176 Seiten und 1.635 Zeugenaussagen, die mehr als 24.990 Personen betreffen, im Europäischen Parlament vorgestellt.
Zunahme der Gewalt
In den zwei Jahren zwischen diesen Büchern gab es neue Entwicklungen, die Menschen auf der Flucht betrafen und die Arbeit von BVMN behinderten.
Es kam zu einer beispiellosen Zunahme der Gewalt an den Grenzen: Wir beobachteten die Intensivierung von extremer und lang anhaltender körperlicher Gewalt, sexuellen Übergriffen, Hundeangriffen, Schüssen und Angriffen mit Elektroschockwaffen. Wir dokumentierten eine Zunahme ausgeklügelter Foltermethoden an der kroatischen und griechischen Landgrenze. Zu diesen gehörte auch das Werfen von Personen in Flüsse – manchmal mit durch Kabelbinder gefesselten Händen. Ebenfalls berichtet wurde die Systematisierung der erzwungenen Entkleidung, die darin gipfelte, dass eine Gruppe von 19 Personen in der Nähe des Flusses Evros erfror. Da die Zahl der Toten und Vermissten in der gesamten Region immer weiter anstieg, waren wir häufig damit beschäftigt, Kontakt zu Familien aufzunehmen und Geldmittel für die Überführung von Leichen zu beschaffen.
Unser Engagement für die am meisten gefährdeten Menschen hatte leider einen hohen Preis. Die Regierungen Kroatiens, der Türkei und Griechenlands erwiesen sich als besonders brutal. Sie nahmen nicht nur unsere Aktivist:innen, sondern auch deren Familienangehörige ins Visier, zwangen BVMN-Mitgliedsprojekte wie Josoor zur Schließung und veranlassten viele unserer wichtigsten Mitarbeiter:innen, ihre Heimatländer zu verlassen. Das hat unsere Berichterstattung behindert und uns gezwungen, die öffentliche Sichtbarkeit einiger unserer exponiertesten Mitglieder zu überdenken.
Wir beginnen das Jahr 2023 an einem Ort der politischen Unsicherheit. Die Zukunft der Menschen, denen wir dienen, wie auch unsere eigene, wird immer unsicherer. Die Notwendigkeit, diese Verstöße zu dokumentieren, aufzuzeichnen und zu veröffentlichen, ist demnach klarer und relevanter denn je.
Hope Barker (BVMN) und Milena Zajovic (AYS/BVMN)