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Schauspielhaus Zürich, Zürich ZH
Eigenproduktionen mit festem Ensemble, Sprechtheater
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts galt Zürich als "theaterfeindliche" Stadt, denn lange Zeit wies sie weit mehr Gesuche von Wanderbühnen um Spielerlaubnis ab, als sie guthiess. Eine stehende Bühne gab es nur ausserhalb der Stadtgrenze in der Gemeinde Enge. Erst mit dem Umbau der Barfüsserkirche am Hirschengraben zum →Aktientheater 1834 setzte ein ständiger Spielbetrieb ein. Dort und nach dessen Zerstörung im 1891 neu eröffneten Stadttheater (→Opernhaus Zürich) wurden sowohl Opern und Operetten als auch Schauspiele aufgeführt. Mit dem Amtsantritt von Direktor →Alfred Reucker 1901 begann man, das Schauspiel auszulagern. Als neuer Spielort diente das Pfauentheater. Dieses war aus einem nach und nach erweiterten Konglomerat verschiedener Bauten am Heimplatz entstanden (ab 1837 Gasthof Pfauen, 1877 Kegelbahn mit Bierhalle und Gartenwirtschaft, 1882 Gartenpavillon und 1884 Floratheater). Seine heutige Form erhielt es 1888/89, nachdem das Floratheater abgebrochen worden war und Heinrich Hürlimann im Hof das "Volkstheater zum Pfauen" erbauen liess. Es zeigte verschiedene Unterhaltungsprogramme und verfügte über ein eigenes kleines Ensemble. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verpachtete die neue Besitzerin, die Genossenschaft zum Pfauen, das Pfauentheater an die Theater-Aktiengesellschaft Zürich, die Trägerin des Stadttheaters. Mit einem anspruchsvollen Spielplan aus klassischen und modernen Stücken (etwa von Ibsen, Schnitzler, Hauptmann, →Frank Wedekind) gelang es Reucker, das einstige Provinztheater am Pfauen zu einer angesehenen Bühne zu entwickeln. 1921–26 verpachtete die Theater-Aktiengesellschaft wegen finanzieller Schwierigkeiten das Theater an →Franz Wenzler weiter, einen Direktor mit eigenem Ensemble, der das Unternehmen nun unter dem Namen S. auf eigenes Risiko führte. Nachdem 1926 der Pachtvertrag zwischen der Genossenschaft zum Pfauen und der Theater AG ausgelaufen war, gründete →Ferdinand Rieser – bereits seit 1922 im Besitz der Mehrheit der Anteilscheine der Genossenschaft des S. – die Zürcher Schauspiel AG als neue Betriebsgesellschaft, liess das Gebäude auf eigene Kosten komplett umbauen (Verdoppelung der Bühnenfläche sowie der Sitzplätze auf rund 940) und leitete das Theater finanziell unabhängig als Generaldirektor. Damit war das S. definitiv vom Stadttheaterbetrieb getrennt. Eigenproduktionen und zahlreiche Gastspiele boten einen heterogenen Spielplan von klassischen Dramen, politischen Zeit- und Tendenzstücken bis hin zu Boulevardkomödien. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland emigrierten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler in die Schweiz; am S. fanden Einwanderer wie →Therese Giehse, →Gustav Hartung, →Wolfgang Heinz, →Kurt Hirschfeld, →Kurt Horwitz, →Erwin Kalser, →Wolfgang Langhoff, →Leopold Lindtberg, →Teo Otto, →Karl Paryla, →Hortense Raky, →Leonard Steckel und →Emil Stöhr ein Engagement. Mit Ur- und deutschsprachigen Erstaufführungen von Broch, Horváth, Friedrich Wolf und âapek bezog das S. politisch klar Stellung gegen den Faschismus. Diese Entwicklung blieb in Teilen der Bevölkerung nicht unwidersprochen, die gegen das «Emigrantenunternehmen» und die Vernachlässigung von Schweizer Theaterschaffenden protestierten. 1938 wanderte Rieser aus und vermietete das Haus an die auf Anstoss des Verlegers →Emil Oprecht neu gegründete Neue Schauspiel AG, die fortan Rechtsträgerin des S. war und an der sich die Stadt mit vierzig Prozent beteiligte. (Seit 1970 besitzt die Stadt die Aktienmehrheit.) Die anfängliche Bürgschaftsverpflichtung der Stadt Zürich für den Mietzins wurde kontinuierlich in indirekte und direkte Subventionen von Stadt und Kanton Zürich ausgebaut. Neuer Direktor wurde 1938 →Oskar Wälterlin, der das Haus bis zu seinem Tod 1961 leitete, als Dramaturgen engagierte er Hirschfeld, der 1946 Vizedirektor wurde. Politisch und künstlerisch um einen klaren und beständigen Kurs bemüht, machte Wälterlin mit herausragenden Regisseuren, Bühnenbildnern, Schauspielerinnern und Schauspielern trotz knapper Mittel aus dem S. eines der führenden deutschsprachigen Theater Europas. Während des Zweiten Weltkriegs war es eine der wichtigsten Uraufführungsbühnen für Werke emigrierter Autoren. Klassiker-Aufführungen mit Bezug zur aktuellen politischen Situation in Europa waren ein Beitrag zur geistigen Landesverteidigung. Unter den Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern wurde besonders →Heinrich Gretler, der 1933 in die Schweiz zurückgekehrt war, als Symbolfigur schweizerisch moralischer Gesinnung angesehen. In der Ära Wälterlin wurden über sechzig Uraufführungen gezeigt, rund ein Drittel davon während des Kriegs, herausragend die Uraufführungen der Stücke →Bertolt Brechts ("Mutter Courage und ihre Kinder", "Herr Puntila und sein Knecht Matti", «Der gute Mensch von Sezuan», "Galileo Galilei"). Auch nach dem Krieg war das S. eine massstabsetzende Bühne für das deutschsprachige Theater, ab 1945 fanden dort beispielsweise fast alle Uraufführungen der Stücke →Max Frischs statt ("Nun singen sie wieder" noch vor dem Kriegsende), →Friedrich Dürrenmatt liess rund die Hälfte seiner Dramen dort uraufführen. Als Anfang der fünfziger Jahre der Pachtvertrag mit der Neuen Schauspiel AG auslief und das Haus verkauft werden sollte, lehnten es die Stimmbürger der Stadt Zürich 1951 knapp ab, das S. in städtischen Besitz zu überführen. Stattdessen kaufte die Schweizerische Bankgesellschaft die Liegenschaft, bewahrte das Theater vor der Schliessung und erneuerte den Mietvertrag mit dessen Trägerschaft. Seit 1975 gehört das Gebäude der Stadt Zürich. Auf Wälterlin folgten die Direktoren Hirschfeld (1961–64) mit weiteren erfolgreichen Uraufführungen von Frisch ("Andorra") und Dürrenmatt ("Die Physiker", "Herkules und der Stall des Augias") sowie Lindtberg (1965–68), der das →Theater Neumarkt als Studiobühne nutzte und unter anderem die Uraufführungen von Dürrenmatts "Der Meteor" sowie Frischs "Biografie. Ein Spiel" inszenierte. Den Stil seiner Vorgänger versuchte →Peter Löffler (1969/70) mit einem Neubeginn zu brechen und polarisierte mit seiner Politisierung des Spielplans, der Auswahl der Regisseure (→Peter Stein) und deren Inszenierungsästhetik das Publikum. Bereits im Dezember 1969 wurde Löfflers Kündigung ausgesprochen. Mit →Harry Buckwitz (1970–77) kehrte das S. zu einem konventionelleren Programm zurück, das dank Publikumszuspruch vor allem auch die finanzielle Situation des Hauses konsolidierte. Mit der Veranstaltungsreihe "Nachtstudio" und der Nebenspielstätte Tramdepot Tiefenbrunnen bot er auch dem experimentellen Theater und der zeitgenössischen Schweizer Dramatik ein Forum und pflegte den Austausch mit dem Berliner Ensemble aus der DDR. Seit langem verfolgte Um- und Neubauprojekte wurden erst 1975 realisierbar. Während der Bauzeit gastierte das Schauspielhaus im →Corso-Theater. Im Januar 1978 konnte der neue Direktor →Gerhard Klingenberg (1978–82) am Pfauen ein modernisiertes Haus mit einer zweiten Bühne für kleinere Produktionen im Keller übernehmen, auf der grossen Bühne pflegte er besonders das psychologische Drama des 19. und 20. Jahrhunderts und führte rund ein Dutzend Schweizer Autoren auf. Unter →Gerd Heinz (1982–89) entwickelte sich der Schauspielhaus-Keller mit erfolgreichen Eigeninszenierungen und Gastspielen zu einem Publikumsmagneten, während die Aufführungen der grossen Bühne vor allem im deutschsprachigen Ausland auf Anerkennung stiessen (unter anderem Einladungen zum Berliner Theatertreffen). In Zürich führten diese Produktionen zu einem Publikumsrückgang, ein Finanzdefizit war die Folge. Heinz’ Nachfolger →Achim Benning (1989–92) setzte auf die Realisten des 20. Jahrhunderts, förderte jüngere Autoren, namentlich →Thomas Hürlimann, und brachte unter anderem Frischs "Jonas und sein Veteran" zur Uraufführung. →Gerd Leo Kuck (1992–99) zeigte zeitgenössische Dramatik (darunter rund 20 Uraufführungen und zahlreiche Erstaufführungen). In einer Doppeldirektion zusammen mit dem Verwaltungsdirektor Marcel Müller (1991–2002) wurde der Betrieb strukturell und ökonomisch reorganisiert und saniert. Die AG wurde in Schauspielhaus Zürich AG umbenannt. Um der Platznot abzuhelfen und rationellere Arbeitsbedingungen zu schaffen, wurde der Bau eines Werkzentrums beschlossen. Unter Einbezug einer alten Schiffbauhalle wurde es 1997–2000 auf dem Sulzer-Escher-Wyss-Areal im Zürcher Industriequartier errichtet. Der "Schiffbau" umfasst nebst Werkstätten, Probebühnen, Wohnungen, einem Restaurant und einem Jazzclub ein Hallen- und ein Studiotheater ("Box"). →Christoph Marthaler, der das S. – nach der Interimsspielzeit →Reinhard Palms – 2000 zusammen mit der Dramaturgin Stefanie Carp und der Bühnen- und Kostümbildnerin →Anna Viebrock übernahm, weihte den Schiffbau am 21.9.2000 mit "Hotel Angst" ein und bespielte während seiner Direktionszeit bis 2004 alle drei Spielstätten mit zahlreichen Ur- und deutschsprachigen Erstaufführungen sowie Klassikern. Die Kündigung, die der Verwaltungsrat Marthaler 2002 wegen des Publikumsrückgangs und der damit verbundenen finanziellen Probleme aussprach, wurde auf Grund von Protesten in der Bevölkerung wieder rückgängig gemacht. Auf Ende der Spielzeit 2003/04 erklärte Marthaler jedoch seinen Rücktritt. Bis zum Amtsantritt des designierten Direktors Matthias Hartmann im Sommer 2005 wurde das S. interimistisch von Andreas Spillmann geleitet. Das S. wurde mehrfach ausgezeichnet, so wurde es seit 1964 mit dreizehn Inszenierungen ans Berliner Theatertreffen eingeladen sowie 2001 und 2002 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zum deutschsprachigen "Theater des Jahres" gewählt. Verbandsmitglied: →SBV.
Spielstätten
Schauspielhaus am Pfauen: Rämistrasse 34, 8001 Zürich. 1888/89 Überbauung des Areals zwischen Zeltweg, Rämistrasse und Hottingerstrasse durch Alfred Chiodera/Theophil Tschudy. Umbauten: 1899 durch Fellner & Helmer; 1926 durch Otto Pfleghard Vergrösserung auf doppelte Bühnenfläche, -höhe und -tiefe, weit gehende Hofüberdeckung; 1976/77 durch Schwarz & Gutmann Einbezug der angrenzenden Liegenschaften an Zeltweg, Rämistrasse und Hottingerstrasse, Überbauung des Hofraums, Einbau neuer Garderoben- und Verwaltungsräume sowie der Probe- und Kellerbühne (letztere 2000 wieder aufgehoben). Platzkapazität: 745 Plätze. Bühne: 11,2 m breit, 13,5 m tief, Schnürbodenhöhe: 14,5 m. Portal: 8,6 m breit, maximal 4,6 m hoch. Orchesterpodium -2,5–0 m, Seitenbühne als Anlieferung, keine Hinterbühne, Hubpodium 3 x 10 m, -9–1,6 m, schräg stellbar bis 12%. 4 Reihen Versenkungsklappen. Schiffbau: Schiffbaustrasse 4, 8005 Zürich. Kultur- und Werkstattzentrum mit den Spielstätten "Halle" und "Box", 1997–2000 erbaut durch Ortner & Ortner. Halle: Platzkapazität: maximal 500 Plätze, Raumbühne: 850 m2, 10 m hoch, umlaufende Galerien, Versenkungsmöglichkeiten, Hubpodium, variable Tribüne. Box: Platzkapazität: maximal 300 Plätze, Raumbühne: 350 m2, 7,6 m hoch, umlaufende Galerien.
Literatur
- Neue Schauspiel AG (Hg.): Vom Variété zum neuen Schauspielhaus, 1978.
- Gojan, Simone: Spielstätten der Schweiz, 1998.
- Kröger, Ute/Exinger, Peter: "In welchen Zeiten leben wir!"Das Schauspielhaus Zürich 1938–1998, 1998.
- Bundesamt für Kultur (Hg.): Schiffbau, 2003.
Nachlass
- Stadtarchiv Zürich.
Autor: Marco Badilatti
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Badilatti, Marco: Schauspielhaus Zürich, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1585–1588, mit Abbildung auf S. 1586.