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Das Beste an meinen Kanarenferien 2019 ist: Mein Hotel hat das Animationsprogramm noch nicht hochgefahren. Das heisst: Es gibt weder Nötigungen zum Aquafitten noch Bogenschiessenwettbewerbe gegen Vierjährige noch Flaschendrehen mit Leuten, die…äh…nun: mit denen man einfach nicht unbedingt Flaschendrehen möchte; ämu keinesfalls nüchtern und schon gar nicht im Unstockfinsteren.
Eine Attraktion gibts aber doch, und zwar seit heute Morgen. Sie ist ein Er, flog Mitte Woche mit seiner Freundin Sofie aus Norwegen ein und heisst Erik. Als Erik stellte er sich mir jedenfalls vor, als er sich gestern neben mich an den Pool legte. Auf die Idee, ihn seinen Pass holen zu lassen, damit ich seine Angaben überprüfen kann, kam ich erst, als Erik schon der Clinincanaria Internacional in Playa del Inglés darauf wartete, dass ein Arzt sich Zeit für ihn nimmt.
Denn: Nachdem er und ich uns ein bisschen über die soziokulturell-wirtschaftlichen Begebenheiten unserer Heimatländer und das Akustik-Album von A-ha unterhalten hatten, fragte Sofie ihren Schatz, ob er chli mit ihr schwimmen komme.
Erik stand auf, ging ein paar Schritte in Richtung Stägeli, schlipfte auf dem feuchten Boden aus (oder tat einen Fehltritt; es ging so schnell, dass ich, falls sein Anwalt mich dereinst als Zeugen in einem Schadenersatzprozess gegen den Plättlileger aufbieten möchte, wild fuchtelnd ablehnen würde), fand das Gleichgewicht wieder, folgte seiner Freundin ins Becken, crawlte zwei, drei Längen hin und her, küsste Sofie (vor allen Leuten!) auf den Mund, stieg aus dem Bassin und legte sich hin.
Ungefähr eine Stunde später begann er, seinen linken Fussknöchel zu massieren. Sofie fragte ihn etwas (ich nehme an, „was hast du?“ oder so), aber er schüttelte nur den Kopf. Nach einer weiteren Stunde winkte Erik dem Proforma-Sanitäter, der – wie jeden Tag – seit 10 .00 Uhr in einer schattigen Ecke neben der Bar dagegen ankämpfte, bei lebendigem Leib zu vermodern.
Der Nothelfer schaute sich den Knöchel an, umwickelte ihn mit einem Gazeband und griff zum Handy. Es verging keine Viertelstunde, bis Erik in einem Krankenwagen (wenn auch ohne Blaulicht und Sirene) abtransportiert wurde. Sofie fuhr mit.
Heute sah ich die beiden wieder. Sofie war am Schwimmen, Erik sass, das links Bein bis fast zum Knie eingegipst, auf der Liege. Er erzählte mir, dass die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen seien und entschuldigte sich für seine etwas undeutliche Aussprache. Im Spital hätten sie ihm „very good stuff“ gegeben, grinste er wie ein kleiner Bub, der seinem Götti von einem besonders gelungenen Streich berichtet, und nun wirke das Zeug halt immer noch nach.
Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll, fuhr er fort. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.
Kaum hatte er fertig erzählt, näherte sich ein Hotelgast. Er deutete auf den Gips und begehrte zu wissen, was da los sei. Erik erzählte, dass er irgendwie ausgerutscht sei und die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen habe. Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.
„Na dann – good betters!“, rief der Fremde ihm zu, und zog von dannen. Der Wasserabdruck, den seine Füsse hinterlassen hatten, war noch nicht verdunstet, als auch schon der nächste Gast kam, der sich nach dem Wie und Warum erkundigte. Erik erzählte, dass er irgendwie ausgerutscht sei und die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen habe. Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.
So ging das in einem fort. Bleiche und braune und alte und junge und grosse und kleine und dicke und dünne Menschen aus ganz Europa und dem angrenzenden Asien schauten bei Erik vorbei, hörten sich an, was er mit bemerkenswerter Geduld rapportierte und wünschten ihm in mindestens einem Dutzend verschiedenen Sprachen alles Gute. Die einen taten das sicher, weil am Pool ansonsten nicht wahnsinnig viel lief und sie folglich froh um jede Abwechslung waren. Den meisten schien Eriks Schicksal aber wirklich am Herzen zu liegen.
Gegen Mittag verzogen sich die Leute zum Lunch. Wie Geier aufs Aas stürzten sich die Langschläfer, die nach dem Erwachen auf ihren Balkonen auf der Lauer gelegen hatten, auf die freigewordenen Plätze. Erik verdrehte die Augen. Er ahnte, was gleich passieren würde.
Und tatsächlich: Es dauerte keine fünf Minuten, bis eine in einen Kimono gewickelte Rentnerin betont nonchalant unserer Poolseite entlangschlenderte und wie zufällig das Gipsbein erblickte. „What is that?!?“. wollte sie, mässig talentiert die Überraschte spielend, von Erik wissen.
„I was swimming with the sharks“, teilte Erik ihr mit. Ohne auch nur ansatzweise rot zu werden, klärte er sie darüber auf, dass er zuhause regelmässig mit Walen tauche. Das sei sozusagen der Nationalsport der Norweger. Nun habe er gedacht, er wolle einmal sehen, ob sich diese Riesen auch vor der Küste Gran Canarias tummeln. Mit einem gemieteten Boot sei er ein paar hundert Meter weit in den Atlantik hinausgefahren.
Dann habe er die Flossen montiert, den Schnorchel in den Mund gesteckt und sei in die Fluten gesprungen. Ausser Schlingpflanzen, Sand und einigen Nemo-Fischen habe er nichts gesehen. Deshalb sei er zurück zum Kahn geschwommen. Beim Einsteigen habe er ein Kratzen verspürt, aber nicht weiter darüber nachgedacht.
Doch dann…(an dieser Stelle legte Erik eine perfekt getimte Kunstpause ein)…dann habe er im Wasser eine riesige blutrote Wolke aufsteigen sehen. Und nur wenige Meter von seinem Boot entfernt sei eine dreieckige Flosse aus den Fluten geragt. Sie habe ihn umkreist, als ob das Ding darunter nur auf ihn warten würde. In diesem Moment erst sei ihn bewusst geworden, dass das vorhin kein harmloses Kratzen gewesen sei. Sondern ein Haibiss.
Die Frau stand, die Kinnlade sperrangelweit heruntergeklappt, vor ihm und wusste nicht mehr, was sagen. Schliesslich stammelte sie: „And the shark… is he…“
„Don‘t know“, sagte Erik ungerührt. Er habe nur noch den Motor angeworfen und sei zum Ufer gerast. Dort sei ihm ein ein Strandwächter zu Hilfe geeilt. Ob der Hai noch da sei und wer sich um das Boot gekümmert habe, wisse er nicht. Doch das, fügte er an, interessiere ihn ohnehin nur sehr bedingt. Er sei einfach froh, noch hier zu sein, sagte er, und warf Sofie, die sich das Lachen inzwischen nur noch mit grösster Körperbeherrschung verklemmen konnte, einen dankbar-demütig-verliebten Blick zu.
Es war unschwer zu erkennen, dass das Ömchen furchtbar gerne noch mehr Details gehört hätte. Andererseits schien sie nicht recht zu wissen, wieviel Horror sie ertragen kann, ohne die Concenance komplett zu verlieren. Schliesslich reichte sie Erik die Hand, versicherte ihn ihres Mitgefühls und gesellte sich zu ihren Freundinnen, die sich wohlig in der Sonne aalten und vielleicht schon leicht neidisch werweissten, was cheibs ihre Hermine mit diesem Mann wohl alles zu besprechen haben könnte.
Aus den Augenwinkeln beobachteten Sofie, Erik und ich, wie die Frau sich vor ihren Gspändli in Postur warf. Mit einem „Ihr glaubt nicht, was ich gehört habe!“ sicherte sie sich erst die Aufmerksamkeit der Umliegenden. Als sie sicher sein konnte, dass ihr wirklich alle zuhören, legte sie los: „Vor dem Strand da unten ist ein Hai….“.