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Schweizer Reisende und Auswanderer in Brasilien, ihre Vorstellungen und Erfahrungen sind das Thema von Jeroen Dewulfs «Brasilien mit Brüchen». Das Ausgangsmaterial sind Schriften wie die Reiseberichte des Pastors Jean de
Léry (1557), Berichte von Schweizer Ethnologen und Biologen sowie literarische Texte von Schriftstellern wie Blaise Cendrars und Hugo Loetscher, die mit ihren Werken das Schweizer Bild Brasiliens prägten. Die Frage, ob die Berichte und Darstellungen der Komplexität der Begegnung völlig unterschiedlicher Kulturen gerecht werden können, durchzieht Dewulfs Werk.
Am Anfang steht ein kolonialer Gedanke, der unvermeidlich zu einer Mythologisierung der tropischen Natur und des Menschen als «Guten Wilden» führte. In den Berichten entstehen Bilder, die mit der Realität der unbesiegbaren Natur und der unmenschlichen Verhältnisse der Sklaverei nicht übereinstimmen. Gelockt durch die utopischen Bilder war die Auswanderung für viele Schweizer eine unerwartete Begegnung mit Unterdrückung, Armut und ökonomischer Abhängigkeit in einer feudalistischen Gesellschaft.
In dem thematisch gegliederten Buch greift Dewulf auch auf die Rassentheorien des Schweizer Biologen Louis Agassiz zurück und zeigt, wie das Bild der Afrobrasilianer während vier Jahrhunderten mit dem Bösen verbunden war. Eurozentrisch und rassistisch war die Angst vor der Degenerierung der Menschheit als Folge von Rassenmischung. Erst im 20. Jahrhundert ist von einer Aufwertung des Schwarzen in der brasilianischen Gesellschaft zu sprechen. Eine neue Utopie entsteht: die Rassendemokratie. Tief verankert, reichen die Folgen des Glaubens an Brasilien als Utopialand weit ins 20. Jahrhundert. Das Traumbild funktioniert als Antrieb für den Fortschrittsoptimismus der Regierung, bis hin zum Wirtschaftswunder der 70er.
Die Verbrasilianisierung führt Schweizer Auswanderer auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Schweizer Identität. Indem viele der Auswanderer versuchten, die Schweizer Kultur aus Treue zur Heimat zu bewahren, verweigerten sie jede Form der Kulturmischung: die Degenerierung war in erster Linie eine Folge des Identitätsverlustes. Das Bekenntnis der Hybridität der Gesellschaft ist selbst in Brasilien neu, präsentiert sich aber als eine erfolgreiche postkoloniale Strategie. Im Diskurs der Autoren Richard Katz, Hubert Fichte und Hugo Loetscher hebt Dewulf die Thematik des Nordostens hervor und zeigt, wie eine hybride und polyphon aufgefasste Literatur dem Problem der Reflexivität und des Fremden beim Schreiben wenigstens teilweise gerecht werden kann.
Zwischen Kulturen schriftliche Brücken zu bauen, ist eine Herausforderung. Etwas unbeliebt macht sich der Autor in Brasilien mit Fragen wie «Kann der Nordestino reden?», ohne dabei zu erwähnen, dass der Nordosten sich als wichtigstes Thema der brasilianischen Literatur des 20. Jahrhunderts erwiesen hat. So scheinen auch in Dewulfs Werk kolonialistische Züge durch. Aus Schweizer Sicht ist das Buch ein Aufdecken polemischer Themen wie der Rassentheorien, der Auswanderung als Lösung der sozialen Probleme und der schwierigen Reintegration der Auslandschweizer. Der Schweizer als Ausländer, eine Inversion, die zu fruchtbaren Diskussionen führen kann.
vorgestellt von Adelaide Stooss, Winterthur
Jeroen Dewulf: «Brasilien mit Brüchen. Schweizer unter dem Kreuz des Südens». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2007.