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Netzprojekt Anschluss Nant de Drance
Was haben professionelle Taucher mit dem Bau einer Höchstspannungsleitung zu tun? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass mit der Mini-Tunnelbohrmaschine Giorgia gerade der Stollen gebohrt wird, in dem in Zukunft eine unterirdische Höchstspannungsleitung verläuft. Diese wird das Unterwerk La Bâtiaz mit dem Ortsteil Le Verney in Martigny verbinden. Bestimmte Teile des Bohrkopfs dieser Mini-Tunnelbohrmaschine nutzen sich durch die Bohrarbeiten ab und müssen dann ausgetauscht werden. Das ist aber einfacher gesagt als getan. Der Bohrkopf befindet sich nämlich in einer Tiefe von 12 bis 20 Metern unter der Erde, wo sich verschiedene Grundwasserschichten überlagern.
Der hintere Teil der Tunnelbohrmaschine ist sehr einfach zugänglich. Man erreicht ihn problemlos über den bereits gebohrten Stollen. Er wird im Verlauf der Bohrarbeiten nach und nach mit Betonröhren verstärkt. Eine ganz andere Geschichte ist es aber, zum Bohrkopf vorne an der Bohrmaschine zu gelangen. Um die Sache zu erleichtern, ist Giorgia aus zwei einzelnen Teilen zusammengesetzt. Der röhrenförmige Hauptteil ist 8 Meter lang und wiegt 67 Tonnen, der Bohrkopf am vorderen Ende 13 Tonnen.
Der Hauptteil besteht aus vier aufeinanderfolgenden Kammern, die über Luken zugänglich sind: eine Kompressions-/Dekompressionskammer, eine Arbeitskammer, eine Druckkammer und eine Abbaukammer. Die beiden letzten Kammern stehen während der Bohrarbeiten unter Druck, um zu verhindern, dass Grundwasser eindringt, und um das Erdreich rund um den Bohrkopf stabil zu halten. Der Druck im Stollen hinter der Tunnelbohrmaschine ist nicht derselbe wie vor der Maschine, im Bereich des Bohrkopfes. Zwischen dem hinteren und dem vorderen Bereich der Tunnelbohrmaschine müssen entsprechende Kompressions- und Dekompressionsstufen durchlaufen werden, genau wie im Meer, wenn die Taucher aus der Tiefe wieder an die Oberfläche kommen.
Das Verfahren, welches das Taucherteam einzuhalten hat, ist in Martigny noch strenger als im offenen Meer.
Einsatzplan
Vom 27. April bis zum 2. Mai 2021 machte sich ein Team aus zwei professionellen Tauchern und einem Operateur daran, in einem sorgfältig abgestimmten Prozess die verschlissenen Schneidräder, Rollenmeissel und Schälmesser auszutauschen. Den ganzen Vormittag wurde der Einsatz vorbereitet, unter anderem wurde dabei das für die Arbeiten erforderliche Material in die Arbeitskammer der Mini-Tunnelbohrmaschine gebracht. Anschliessend begaben sich die beiden Taucher in die Kompressions-/Dekompressionskammer und schlossen die letzte Zugangsluke hinter sich. All das unter Aufsicht des Signalmanns, der jeden Schritt des Einsatzes von aussen überwachte. In der ersten Kammer wird der Druck dann über einige Minuten ausgeglichen. Anschliessend gelangen die Taucher durch eine zweite Luke in die Arbeitskammer und dann durch eine dritte Luke in die Druckkammer. Nur einer der beiden Taucher passiert schliesslich die letzte, sehr enge Luke zur Abbaukammer direkt hinter dem Bohrkopf. Ausgestattet mit Sauerstoffflasche und Lampen muss er seine Arbeit bei einer Temperatur von zehn Grad in einer finsteren Umgebung aus Wasser und Schlamm verrichten. Die Abbaukammer, also der Bereich, der die Druckkammer vom Bohrkopf trennt, ist gerade einmal 40 cm breit. Ab dem Moment, in dem die Taucher sich in die Kompressions-/Dekompressionskammer begeben, bis zum Verlassen der Tunnelbohrmaschine dürfen aus Sicherheitsgründen nicht mehr als sechs Stunden vergehen. Rund 60 Minuten davon nehmen jedoch allein die Dekompressionsstufen vor dem Verlassen der Bohrmaschine in Anspruch. Einen ganzen Vormittag lang hat sich das Team daher auf den Einsatz vorbereitet, um die Arbeit an der Bohrmaschine innerhalb von fünf Stunden abschliessen zu können und dann eine weitere Stunde in der Dekompression zu verbringen.
Noch riskanter als im Meer
Das Verfahren, das das Taucherteam dabei einzuhalten hat, ist in Martigny noch strenger als im offenen Meer. Denn auch die Gefahr ist grösser. Es können daher nur erfahrene Taucher eingesetzt werden, die auf diese Art von Arbeiten spezialisiert sind. Da immer ein gewisses Risiko bleibt, wurde für den Notfall auf der Place du Verney eine Überdruckkammer aufgestellt. Die SUVA wurde vorab über die Arbeiten informiert. Genau wie die Rettungsflugwacht Rega, die mit einer Maschine bereitstand, um eventuelle Verletzte schnell ins Universitätsspital Genf transportieren zu können, das ebenfalls über eine Druckkammer verfügt. Glücklicherweise lief aber alles problemlos.
In diesen fünf Stunden Ende April wurden fünf Schneidräder mit einem Gewicht von jeweils 55 kg, acht Rollenmeissel und drei Schälmesser ausgetauscht. Diese Elemente des Bohrkopfs dienen dazu, das Erdreich aufzubrechen und zu zerkleinern, sodass es dann durch eine Öffnung von 8 cm Durchmesser in die Rohre abtransportiert werden kann, über die es schliesslich an die Oberfläche gelangt. Auf der Baustelle in Le Verney wird das so gewonnene Material wiederverwertet.
Der Einsatz Ende April war der zweite dieser Art. Ein dritter ist geplant, bevor die Bohrung des Stollens unterhalb der SBB-Linie beginnt. Es könnte auch noch ein vierter nötig werden, wenn die Abnutzung an bestimmten Teilen des Bohrkopfes zu stark sein sollte.
Im Verlauf des Sommers 2021 sollte die Mini-Tunnelbohrmaschine Giorgia dann das Unterwerk La Bâtiaz erreichen. Anschliessend muss der Stollen ausgebaut werden. Die Kabel werden gezogen, dann der Ausgang in Le Verney installiert, wo die unterirdischen Leitungen mit der Höchstspannungsleitung Chamoson – Romanel verbunden werden. Die Inbetriebnahme dieses dritten und letzten Abschnitts der Höchstspannungsleitung, die das Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance mit dem Übertragungsnetz verbindet, ist für 2022 geplant.