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«Holzschue!» – «Schafseckel!»
Es gibt Tage, Wochen, da geschieht nichts, was die Öffentlichkeit interessieren könnte. Klar, man hört Geschichten, X ist gestorben, Y hat eine Affäre, Berlin wird überschätzt.
Das Wetter war sorglos, paradiesisch, als ich an einem Morgen über den Fussgängerstreifen ging, auf dem See zogen die Ruderer ihren Strich im Wasser, die Autos, unterwegs zur Arbeit, liessen mich passieren, ein Radfahrer brauste auf dem Velostreifen heran, soll ich jetzt über den Streifen rennen?, dachte ich, nein, der Tag ist zu schön, ich spaziere.
Auf dem Rad sass ein Typ um die fünfzig, wie soll ich sagen, ein Alternativer, aber mit Geld, alles hatte Qualität, sein Rennrad, der schwarze Sweater, der silberne Velohelm, der kleine Rucksack. Er musste bremsen, fiel aus seinem Rhythmus, und wie er sich auf seinem Rad aufrichtete, sah ich: Er verträgt keinen Spass. «Holzschue», sagte er, als er hinter mir vorbeizog, ich schaute ihm nach, wie er wieder Fahrt aufnahm, «Schafseckel», rief ich ihm nach.
Holzschue, wahrscheinlich hat er recht, aber was meinte er damit? Ich sei ein Idiot? Schwerfällig? Nicht zeitgemäss?
Im Verkehr habe ich eine pragmatische Haltung. Das einzige Ziel ist, möglichst reibungslos aneinander vorbeizukommen, je eleganter, desto besser. Belehrungen sind meist langweilig und primitiv. Es ist erstaunlich, wie selbstregulierend die Meute der Autofahrer sein kann, wenn sich alle dem Ziel unterordnen, dass es fliesst, selbst im Chaos von Palermo oder im endlosen, nie abreissenden Strom von Los Angeles. Jeder schaut nur für sich, und weil das alle so machen, kommt man vorwärts.
Die Strasse ist kein Ort der Selbstverwirklichung, sie hat keine andere Aufgabe, als A mit B zu verbinden; Städten und Gegenden, die das begriffen haben, kann man eine zivilisatorische Leistung attestieren. Ich habe das zum ersten Mal vor vielen Jahren realisiert, als ich in Schweden war, wo man stundenlang über Land fahren kann, ohne eine menschliche Behausung zu sehen, trotzdem ist die Geschwindigkeit streng limitiert. In einer fortgeschrittenen Zivilisation ist die Strasse, wie gesagt, eine funktionale Angelegenheit, ein Ort der Vernunft.
Eine Erkenntnis, die für Velofahrer in der Stadt nicht gilt. Auch für mich nicht, übrigens. Auch ich fahre über Trottoirs, springe vom Randstein direkt auf die Fahrbahn, kurve um Fussgänger, gefährde Kinderwagen. Das hat sicher historische Gründe, weil sich das Velo seinen Platz auf den Zürcher Strassen erkämpfen musste und weil es einen gesellschaftlichen Bonus geniesst dank seiner Umweltfreundlichkeit.
Wer sich auf ein Rad setzt, meint immer noch, eine Art Revolutionär zu sein. Und wie es in revolutionären Gesellschaften üblich ist, herrscht da oft ein anarchischer Geist, seltsamerweise gepaart mit einem bornierten Dogmatismus, einer unmenschlichen Rechthaberei, es reicht, die Geschichte der Sowjetunion zu studieren. Da ist so ein «Holzschue» eher harmlos. Aber wie gesagt, es gibt Tage, Wochen, da nicht viel geschieht.
Miklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.