Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03110.jsonl.gz/453

Karten sind Asadullah Adibs Leidenschaft: politische Karten, geologische Karten, Landeskarten – vor allem aber topographische Karten. Schon in der Schule war ihm die Kartenkunde im Geographieunterricht am liebsten und so beschloss er, diese Passion zum Beruf zu machen. Nach der Matur nahm er zusammen mit 100'000 weiteren jungen Afghaninnen und Afghanen an einem landesweiten Examen teil und schaffte es als eine von nur 4'000 Personen, einen Studienplatz an der Kabul University zu erhalten.
2012 schloss Adib nach vier Jahren den Bachelor in Geowissenschaften ab und fand bald darauf Arbeit als Vermessungsingenieur im Strassenbau. Er half mit, das marode Strassennetz der Hauptstadt Kabul zu sanieren. Doch dann eroberten die Taliban Adibs Heimatprovinz Gazni, wo Adibs Eltern und die Familie seines Bruders lebten. «Sie bedrohten meinen Vater, sie sagten, ich müsste unverzüglich meinen Job aufgeben und nach Hause kommen», erzählt Assadullah Adib. Und er musste den Milizionären seinen Lohn abgeben, «alles, jeden Cent».
Kein Geld für Schlepper dank Karten-Kenntnissen
Adib sah bald keine Zukunft mehr in seiner Heimat: «Die Taliban hätten mich höchstens noch als Strassenhändler arbeiten lassen.» Er beschloss zu fliehen. Nach einer mehrmonatigen Reise durch den Iran, die Türkei, Griechenland und Österreich erreichte er schliesslich im September 2015 die Schweiz. Insbesondere in Europa kamen ihm bei der Routenfindung seine kartographischen Kenntnisse zugute, wie Adib erzählt: Im Gegensatz zu vielen anderen Geflüchteten habe er Karten lesen und daher kein Geld für Schmuggler bezahlen müssen.
Mit seiner Familie in Gazni steht Asadullah Adib seit seiner Flucht regelmässig in Kontakt. Seine Sorge um sie ist gross; umso mehr, seit die Taliban im August 2021 Kabul erobert haben und nun ganz Afghanistan kontrollieren. «Ich hoffe, dass ich sie bald in die Schweiz holen kann», sagt er.
Odyssee durch die Ämter
Adib kam in einer Unterkunft für Geflüchtete in Ringgenberg bei Interlaken unter, wo er die nächsten drei Jahre verbrachte und eine andere Art Odyssee begann: die Anerkennung seines Bachelor-Diploms in der Schweiz. Adib wollte weiterstudieren, um danach wieder Fuss zu fassen in seinem Beruf. Informationen, Beratungen oder auch nur Sprachkurse gab es keine in der abgeschiedenen Unterkunft. Niemand habe ihm sagen können, welche Dokumente er welchen Stellen habe schicken müssen, und so klopfte er erfolglos bei verschiedenen kantonalen und städtischen Ämtern an.
Unterstützung fand Adib schliesslich bei «Perspektiven – Studium», ein Projekt des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS), das studieninteressierte Geflüchtete berät und ihnen einen Überblick über die Schweizer Hochschullandschaft und die Anforderungen für ein Studium bietet. Mit ihrer Hilfe schickte Asadullah Adib seine Dokumente an swissuniversities. Die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen anerkannte 2021 seinen Bachelor und vermittelte ihm zudem eine Praktikumsstelle beim Bundesamt für Landestopografie Swisstopo.