Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03402.jsonl.gz/198

Die Härte des Sonnenscheins schlug mich aus dem Schlaf. Die Fenster sirrten vor Helligkeit. Ich hatte von wildem Krächzen geträumt, schwarzen Schreien, die über einen Felsen herabgekollert waren und als plumpe Körper teils auf einem Fels zerschellten, teils sich taumelnd wieder in die Luft zu erheben versuchten und dabei Raum und Blick mit ihrem zausen Gefieder erfüllten. Und als ich jetzt, benommen von den Hieben der Sonne, den Kopf vom Kissen hob, klangen die Schreie immer noch nach. Ich schüttelte den Kopf, hielt mir die Ohren zu; bis ich begriff, daß ich nicht mehr träumte, vielmehr das Krächzen draußen wirklich war; es klang, als reibe sich die Sonne an den beschlagenen Scheiben. Auf dem Nachttisch lag das Buch, das ich am Vortag aus dem Antiquariat mitgenommen hatte. Die verkratzten, mit Gold ehemals schimmernd ausgelegten Lettern des Titels schlugen die greisen Augen zu mir auf. Und als ich mich aus dem Bett erhoben hatte, so schnell, daß mich ein Schwindel erfaßte, hörte ich, während ein buntes Geriesel mir den Blick durchschneite und ich mich am Bettpfosten festhalten mußte, um nicht umzukippen, plötzlich die Schreie nicht mehr aus dem hinter Schleiern verborgenen Räumen jenseits des Fensters, nicht mehr vom Feld, aus der frostigen-grellen Luft, aus dem wuchtigen Himmel, nicht mehr von Türmen oder Zinnen (oder Felsabstürzen) herunter- und heranschrillen, sondern als mühsame Stimmen aus dem Buch, aus dem Dunkel der nach unten aufgeschlagenen Seiten des Buchs, seinen seltsamen Geschichten, sich herausquälen.
So ein Name, drei Silben, nicht lang, nicht kurz, lang genug, weit genug, daß eine ganze Kindheit darin zu Wort und Klang kommen konnte, Mi und Le und Na, solche Silben, lächelnde, ernste, stirnrunzelnde, plappernde Mädchenseelensilben. Mi und Jan, Jan und Le, Na und Jan, mit Mi in einem Schneehaus gesessen, mit Le ein Eis geteilt, und Na hat Vanillestriemen auf ihrer Zunge gehabt, und Mi will mit ihm Küssen üben hinter einer Scheune, und Le hockt mit ihm kichernd unter einem Tisch, an dem ringsum viele Gäste sitzen, mit Na gemeinsam krank gewesen, mit Mi die Windpocken gehabt, Le auf die Toilette begleitet und dort erstaunliches gesehen, und Na, die letzte Silbe, das Ausschwingen und ins Verstummen Laufende ihres Namens, Na, hat ihn nicht ins Auto steigen lassen wollen, in den Wagen, der ihn forttragen würde von ihr, von allen ihren runden, rollenden, Lippen und Zunge zu schöner Bewegung zwingenden Silben, einem Namen, einer Kindheit: Mi, Le, Na, Milena.
Die Schneehäuser sind abgeschmolzen, die Windpocken überstanden. Aber damals ist er ins Auto gestiegen, und später, am Abend, in der Wohnung in der Stadt, da hat er geweint und es nicht fassen können, daß er am Morgen, in einer anderen Welt, ins Auto gestiegen ist. Daß nun Milenas Hier zu seinem Dort und ihr Dort zu seinem Hier geworden ist, und wie das aueinanderfällt, und daß die Zeit vergeht und man nicht zurückkann in ihr, und man darin Dinge tut und getan hat, die man später nicht getan haben will. Das ängstigt ihn und peinigt ihn, und die Mutter kann ihn nicht trösten: Die Mutter, die er wegen Milenas ausgebreiteter Arme gefragt hat, und die es ihm erklärte, Sie wollte nicht, daß du fährst. Sie wollte nicht, und dann ist er aber gefahren. Und er wollte doch auch nicht. Oder wollte er? Und jetzt lag er im Bett, untröstlich, und weinte, daß er hier und nicht Dort war, in Milenas unerreichbarem Hier.