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Postkarte aus Rotterdam
Text: Stephanie Hess; Fotos: Getty Images
Moderne Architektur und Multikulti: Die zweitgrösste Stadt der Niederlande bietet ein Kontrastprogramm zum beschaulichen Amsterdam.
In Rotterdam, sagt man, werden die Hemden bereits mit hochgekrempelten Ärmeln verkauft. Mit Zweifeln und Zaudern hält man sich hier nicht auf, hier drängt alles vorwärts. Das merkt man bei der Flussüberquerung im Wassertaxi, das wie irr über die Wellen hüpft. Und beim Blick auf die Stadt: Nachdem ein Luftangriff der Deutschen die Innenstadt 1940 in Schutt und Asche gelegt hat, entscheidet man sich gegen die historische Rekonstruktion. Und für die radikale Moderne. Es entstehen diese vornüberkippenden Kubushäuschen. Riesige, spiegelnde Hochhäuser. Das Bürogebäude De Brug (die Brücke), das wie eine Brücke über eine alte Fabrik gebaut wurde. Die Zentralbibliothek, über deren Fassade eine Kaskade gelber Rohre fliesst. Oder die Markthalle, ein monströser Bogen, unter dem sich Tausende Gerüche schichten.
Ich setze mich unter diesem Bogen an einen Hochtisch, bestelle einen Kaffee, an dem ich mir die Zunge verbrenne, und beisse in einen glänzenden Donut. Um mich herum werden spanische Kleinbrötchen mit Belag feilgeboten, Sushi in schwarzen Plastikschalen, dreissig verschiedene Sorten Kleintomaten, Halal-Burger, Gewürzberge in allen Farben des Orients. In der Markthalle manifestiert sich kulinarisch, was die unter dem Meeresspiegel liegende Hafenstadt seit langem prägt: dass die Hälfte der 600 000 Einwohner nicht niederländischer Herkunft ist. Sie kommen aus der ehemaligen Kolonie Surinam, aus Marokko, China, der Türkei. Eine kulturelle Vermischung, die heute relativ gut funktioniert. Anfang der Nullerjahre keimte in Rotterdam der islamfeindliche Rechtspopulismus auf, unterdessen sitzt hier seit einigen Jahren mit Ahmed Aboutaleb ein Muslim im Stadtpräsidentenamt. Nach den Attentaten in Paris rief er den Islamisten zu: «Wenn es euch hier nicht gefällt, haut doch ab!» Eben, in Rotterdam hält man nichts von Zaudereien.
Als ich weiterspaziere, sehe ich an einer Hausmauer weisse Leuchtbuchstaben schimmern: I have to change to stay the same – ich muss mich ändern, um gleich zu bleiben, der Spruch des niederländisch-amerikanischen Künstlers Willem de Kooning. Er bringt den Kern der Stadt auf den Punkt: dieser forsche, unzögerliche Wille zur Konfrontation mit allem Neuen, das in dieser Hafenstadt unablässig ans Ufer gespült wird.
Tipps
ESSEN
Mein Highlight! Im quirligen Künstlerviertel Witte de Withstraat befindet sich das Restaurant Bazar. Das Interieur ist eine arabischasiatisch-afrikanische Mischung, genauso wie das würzige Essen.
– Hotel-Restaurant Bazar, Witte de Withstraat 16, Tel. 0031 10 206 51 51, hotelbazar.nl
Die bogenförmige Markthalle im Stadtzentrum ist kaum zu übersehen. Etwas versteckter liegt die alternative Fenix Food Factory: In der ehemaligen Hafenlagerhalle findet man Gemüse und Früchte, lokales Bier, Käse, Fleisch und frischen Kaffee. Die Häppchen geniesst man gleich auf der Terrasse am Rhein – mit Blick auf die Skyline.
– Markthal Rotterdam, Ds. Jan Scharpstraat 298, markthalrotterdam.nl
– Fenix Food Factory, Veerlaan 19, fenixfoodfactory.nl
SCHLAFEN
Es ist eines der wenigen historischen Gebäude, die den deutschen Luftangriff überlebt haben: das ehemalige Verwaltungsgebäude der Holland-Amerika-Linie, das später zum Hotel New York wurde. Die Zimmer und das Restaurant kommen in einem schlichten Industrial Style daher.
– Hotel New York, Koninginnenhoofd 1, Tel. 0031 10 439 05 55, hotelnewyork.com
Er hat die ganze Welt schon gesehen, jetzt liegt der letzte Luxusliner der Holland-Amerika-Linie vertäut am Pier, als schwimmendes Hotel.
– SS Rotterdam, Katendrechtse Hoofd 25, Tel. 0031 10 297 30 90, ssrotterdam.nl
QUARTIER
Die West-Kruiskade war einst eine Drogenmeile. Jetzt steht sie für die gelungene Integration der Menschen aus mehr als siebzig Ländern, die an dieser Strasse wohnen. Durch ein Aufwertungsprojekt sind hier nun die verschiedensten Shops vertreten: indische Kleiderläden, chinesische Supermärkte, Szenebars oder afrikanische Coiffeure.
INFOS
Tipps für Architektur, Kultur oder Lifestyle von Einheimischen erhält man bei einer Stadtführung von urbanguides. nl
ANREISE
Text: Stephanie Hess; Fotos: Getty Images
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