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Als Schnittstelle zwischen Theater, Tanz, Skulptur und darstellenden Künsten ist die Performance zum privilegierten Medium mehrerer Generationen von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern geworden. Mit einer umfangreichen Präsentation ausgewählter Positionen möchte das Museum Tinguely diese Entwicklung vorstellen. Die Ausstellung nimmt ihren Anfang in den frühen 1960er-Jahren, zu der Zeit in der Jean Tinguely seine ersten autodestruktiven Aktionen realisierte, und erkundet von dort ausgehend mehr als fünf Jahrzehnte performativer Kunst. Als einer der Pioniere auf diesem Gebiet ersinnt Jean Tinguely Homage to New York (1960), das erste sich selbst zerstörende Kunstwerk der Geschichte im Garten des Museum of Modern Art, das ihm über Nacht zu Bekanntheit in der internationalen Kunstlandschaft verhalf, oder mit Study for an End of the World No. 2 (1962), einer skulpturalen Assemblage, die sich in der Wüste Nevadas zu guter Letzt in Rauch auflöst.
Neben Jean Tinguely bilden Künstler wie Urs Lüthi, Daniel Spoerri oder Anna Winteler den historischen Teil der Ausstellung während mit Alexandra Bachzetsis, San Keller, Florence Jung oder Anne Rochat neuere Tendenzen gezeigt werden. In Form von Dokumenten, Fotografien, Videos, Zeichnungen, Objekten und natürlich mit Performances selbst, sind Werke von mehr als 55 Künstlern und Künstlerinnen in der Ausstellung präsent. Jeden Monat präsentieren Künstlerinnen und Künstler historische wie auch speziell für die Ausstellung konzipierte Performances. Höhepunkt bei dieser Erkundung der performativen Künste ist ein zweitägiges, internationales Symposium in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Basel (26.–27.01.2018).
Die Ausstellung wurde von den Gastkuratoren Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser vom Centre culturel suisse Paris in Zusammenarbeit mit Séverine Fromaigeat, Museum Tinguely, kuratiert.
Auf einer steinigen Hochebene irgendwo in den italienischen Abruzzen fährt eine Frau in gelben Gummistiefeln und silbernem Nasa-Trainingsoverall auf einem alten Fahrrad über den holprigen Grund. Ein merkwürdiger weisser Holzrahmen in Pfeilform ist um ihr Fahrrad montiert. Gefolgt wird das skurrile Gefährt von elf blütenweissen Gänsen, die sich schnatternd bemühen, den Anschluss an ihre Wegbereiterin nicht zu verlieren. Agnes Meyer-Brandis ist gerade dabei ihren „Mond-Gänsen“ den Pfeilflug beizubringen.
Sie hat unter der Erde angefangen, um sich bis weit in den Himmel vorzuarbeiten. Der Kosmos der deutschen Mineralogin, Bildhauerin und Fotografin Agnes Meyer-Brandis entspinnt sich zwischen Kunst, Poesie und Wissenschaft. Sie will vor allem eines: Möglichkeitswelten schaffen. Dafür hat Sie 2003 ein eigenes Institut gegründet, das „Forschungsfloss – Institut für Kunst und subjektive Wissenschaft“, dessen Organigramm in unterirdische, irdische und überirdische Themengebiete eingeteilt ist. Damit versucht sie, die Grenzen zwischen Fiktionen und Fakten auszuloten. Ihre Kunst entwickelt sie mithilfe „subjektiver wissenschaftlicher Methoden“, die sich stets der künstlerischen Freiheit unterordnen müssen, eine Freiheit, die ihr ganz besonders wichtig ist – wie sie an der Medienkonferenz betont.
Das HeK–Haus der elektronischen Künste Basel widmet der deutschen Künstlerin die erste grosse Einzelausstellung in der Schweiz und hat dafür keine Mühen gescheut. Dem Kuratorenteam, bestehend aus der Hek-Direktorin Sabine Himmelsbach und dem Projektleiter für Pop und Neue Medien beim Migros Kulturprozent, Raphael Rogenmoser, ist eine spannende und ansprechende Schau gelungen. Sie widmet sich einzelnen Forschungseinheiten von Meyer-Brandis – deren Klammer das Thema Erdanziehung bildet – und beginnt mit dem Thema „Wolkenkerne“. Damit meint die Künstlerin eigentlich Aerosole – also Tropfen, deren Schwerelosigkeit sie genauer untersuchen will.
Dafür hat sie auf einem Parabelflug, zu dem die Künstlerin von der deutschen Raumfahrtagentur eingeladen wurde, ihre ganz eigenen Testreihen für das Verhalten von Tropfen in der Schwerelosigkeit entwickelt. In ihrer Serie „Impakt – Studien zu Ursache und Wirkung“ forscht die Künstlerin unter anderem zu den Auswirkungen der Schwerkraft auf den menschlichen Körper. Ihre Untersuchungen dokumentiert Meyer-Brandis auf – von ihr so getauften – „Subsurdum“, das sind Kontext-Wände, die in der Ausstellung zu sehen sind. Auf einer Art wissenschaftlichem Mood-Board, trägt die Künstlerin detailliert und humorvoll zusammen, was sich aus ihren Datensammlungen und Experimenten ergeben hat.
Mit ihrem „Moon Goose Experiment“ lässt sich Meyer-Brandis seit 2008 auf ein besonders poetisches Projekt ein. Inspiriert von der 1603 entstandenen Erzählung „The man in the moone“ von Francis Godwin, in deren Verlauf ein von Gänsen gezogenes Gefährt die Schwerelosigkeit überwindet und zum Mond schwebt, hat die Künstlerin ihre eigene elfköpfige Gänse-Crew aufgezogen. Nach der Methode von Konrad Lorenz hat sie die Gänse in den ersten fünf bis sechs Wochen nach dem Schlüpfen verhaltensbiologisch auf sich geprägt. Ein ganzes Jahr hat die Künstlerin anschliessend mit ihren Gänsen verbracht, in der Absicht, diese mit einem Astronauten-Training auf ihre Reise zum Mond vorzubereiten. Dass Sie sich diesem Projekt mit Leib und Seele verschrieben hat, zeigt die aufwendige und liebevolle Dokumentation, die in der Ausstellung zu sehen ist. Sie umfasst unter anderem eine Filmdokumentation, das Modell einer Mondlandschaft und einen eigenen „Control Room“ in dem man live mit den Gänsen in Italien kommunizieren kann.
Auf dem von gleissendem, kaltem Sonnenlicht beschienenen grauen, staubigen Sandboden findet Meyer-Brandis eine einzelne, weisse Gänse-Feder. Um deren kräftigen Schaft spannen sich Innen- und Aussenfahne, die im zarten, flaumigen Daunenteil enden. Diese Feder scheint aus einer unwirklichen Mondlandschaft zu stammen und wird in der Ausstellung zu einem Echtheitszertifikat des Experiments „Moon Goose“ – samt dokumentarischer Fotografie ihres Fundortes. Auf so wunderbare, fantastische und feinfühlige Weise wird hier subjektive Wissenschaft in Kunst verwandelt.
Die Fondation Beyeler widmet ihre Sommerausstellung Wolfgang Tillmans, dem grossen Künstler des Zeitgenössischen. Seit den frühen 1990er-Jahren hat Tillmans (*1968 in Remscheid, Deutschland) mit einer beachtlichen öffentlichen Präsenz Bilder geschaffen, die nicht nur in Kunstinstitutionen ausgestellt, sondern auch in Zeitschriften, auf Plattencovern oder zum Zwecke politischer und sozialer Kampagnen publiziert wurden. Über die Jahre ist ein Œuvre entstanden, das in dieser Vielfalt und Gegenwärtigkeit seinesgleichen sucht. Tillmans arbeitet fast ausschliesslich mit fotografischen Mitteln, wobei er stets die Grenzen des Mediums auslotet und immerzu bestrebt ist, diese zu erweitern. Wolfgang Tillmans weiterlesen →