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Der Schriftsteller Mark Twain soll gesagt haben, dass Mauritius als Vorlage für den biblischen Garten Eden gedient haben müsse, so schön sei die kleine Insel, 870 Kilometer östlich von Madagaskar im Indischen Ozean. Als Tourist teilt man diese Einschätzung. Gerade als Schweizer denkt man zuerst an Badeferien, endlose Strände, Korallenriffe und nicht zuletzt an viel Sonne, wenn jemand von Mauritius spricht. Doch der "Stern und Schlüssel des Indischen Ozeans" ist nicht nur Ferienparadies für Erholungssuchende, sondern auch eines der am besten entwickelten Länder im südlichen Afrika, das über ein vergleichsweise hohes Bruttoinlandprodukt pro Person verfügt. Mit der stabilen Demokratie und einer nicht besonders stark wahrgenommenen Korruption dient Mauritius deshalb auch als Rollenmodell für manches afrikanische Land.
Dass Mauritius heute diese Position übernehmen kann, hat viel mit seiner Geschichte zu tun. Denn es waren in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart viele Menschen, die sich für das Wohl der Insel und ihrer Bewohner eingesetzt haben. Erst seit 1968 sind es die Mauritier selbst, die sich um die Entwicklung "ihrer" Insel kümmern, zuvor waren es die britische Königin, die französischen, portugiesischen und holländischen Kolonialherren sowie Piraten.
Siedler brachten fremde Tiere und Pflanzen
Wer die Insel zuerst entdeckte, ist unklar. Auf portugiesischen Karten tauchten die Inseln bereits 1502 auf, während die Insel "offiziell" erst 1507 durch die Portugiesen entdeckt wurde. Es waren auch die Portugiesen, die in Europa heimische Rinder, Schweine und Affen auf Mauritius ansiedelten und so den Grundstein für die Entwicklung der Insel legten. Bis dahin lebten vor allem Schildkröten, Dodos und verschiedene Fledertiere auf Mauritius. Da die portugiesischen Besatzer in der Insel keinen nützlichen Anlaufhafen sahen, nutzten sie diese nur gelegentlich als Stützpunkt, wenn sie auf dem Seeweg durch den Indischen Ozean frisches Wasser und Verpflegung benötigten.
Es dauerte mehr als hundert Jahre bis Mauritius zu einer wirklichen Kolonie mit einer ständigen Wohnbevölkerung wurde. Denn 1638 gingen die Holländer am Grand Port im Südosten des Landes vor Anker und begannen, Siedlungen zu errichten. In den folgenden Jahren führten die Niederländer aus Jakarta Zuckerrohr ein und begannen mit dessen Anbau. Auch Reis, Kartoffeln, Ananas, Bananen und Zitrusfrüchte sowie verschiedene Gemüsesorten und Tabak brachten die Holländer auf die Insel. Ebenso wie Kaninchen, Schweine, Hirsche, Schafe, Tauben und Gänse. Alles wurde zur Ernährung der Seefahrer und der lokalen Bevölkerung benötigt und entsprechend kultiviert. Doch für die holländischen Kolonialherren blieb die Insel eine Herausforderung; bis 1706 machten häufige Zyklone und Regen, Krankheiten und die Abgeschiedenheit den 111 Menschen auf der Insel zu schaffen. 1710 schliesslich verliessen die Holländer die Insel endgültig in Richtung Südafrika.
In den folgenden Jahren diente die Insel als Ankerplatz für Piraten, welche die schwer beladenen Handelsschiffe im Indischen Ozean abfingen und ausraubten. Darunter waren auch französische Schiffe, weshalb bereits 1715 die ersten Franzosen auf der Insel landeten - nicht zuletzt um den Piraten das Handwerk zu legen.
Franzosen transformierten Landwirtschaft
1735, zwanzig Jahre nach Ankunft der ersten Franzosen, wurde Zuckerrohr definitiv zur Hauptpflanze von Mauritius. Denn der damalige französische Verwalter, Mahé de Labourdonnais, wollte, dass Mauritius nicht nur als Durchgangspunkt der Handelsschiffe dient, sondern auch als Exporteur auftreten kann. Labourdonnais war Kapitän der französischen East Indian Company, die im Auftrag des Staates Handel mit fernen Ländern trieb. Und er war es, der nicht nur im Zuckerrohranbau die grössten Chancen für Mauritius sah, sondern gleich auch die ersten Zuckermühlen errichten liess. Labourdonnais hat auch die Produktion des blauen Farbstoffs Indigo, von Kaffee, Baumwolle und Gewürzen gefördert.
Auch die Gestaltung von Port Louis, der heutigen Hauptstadt, wird ihm zugeschrieben - ebenso wie der Ausbau des Hafens und die Errichtung von Strassen. Bis zur französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen entwickelte sich Mauritius kontinuierlich weiter und konnte seine Position als wichtiger Anlaufhafen festigen. Doch mit dem Verfall des französischen Königreichs, den Kriegen und den stärker werdenden Briten wurde Mauritius 1810 von den Engländern übernommen. Doch die britischen Besatzer haben nur wenig Einfluss auf die Verhältnisse auf der Insel ausgeübt. In der Folge blieben nicht nur die französische Sprache erhalten, sondern auch viele französische Institutionen und der napoleonische Code Civil.
Dass sich die Insel dennoch weiterentwickelte, war vor allem dem Engagement einzelner Personen zuzuschreiben; so zum Beispiel Robert D. Faqhar. Ihm wird heute nachgesagt, dass er mehr die Interessen von Mauritius vertrat als die des britischen Empires. Faqhar hat bereits kurz nach der britischen Übernahme dafür gesorgt, dass Mauritius nicht nur mit Grossbritannien, sondern auch mit anderen Ländern Handel betreiben durfte. Gleichzeitig wurde in England der Importzoll für mauritischen Zucker reduziert, was insgesamt zu einem steigenden Zuckerrohranbau und zu einer zunehmenden Zuckerproduktion führte.
Als dann 1826 die Zuckerpreise auf dem Weltmarkt stiegen, akzentuierte sich die Zuckerindustrie noch stärker. Denn Kaffee, Indigo und viele weitere Pflanzen waren im Gegensatz zum Zuckerrohr nicht genügend robust, um den häufig auftretenden Zyklonen zu widerstehen. So wurde aus dem ehemaligen Durchgangsort eine Kolonie, die das Exportprodukt Zucker anbauen und ausführen konnte. Bis dahin beruhte ein wesentlicher Teil des Wachstums darauf, mit vorwiegend afrikanischen Sklaven über äusserst günstige Arbeitskräfte zu verfügen.
Inder ersetzten Sklaven
Mit dem Ende der Sklaverei um 1835 hatten auch die Zuckerbarone ein Problem, denn sie mussten ihren Plantagenarbeitern plötzlich einen Lohn auszahlen. Andererseits waren die ehemaligen Sklaven auch nicht mehr bereit, für ihre Herren zu arbeiten. Auf der Suche nach neuen, billigen und willigen Arbeitskräften wurde man unter anderem in Indien fündig. So begann bald der "Kulihandel", der Handel mit Vertragsarbeitern aus der Region um Kalkutta. Der Kulihandel hatte innert kurzer Zeit grosse Auswirkungen auf das soziale Gefüge von Mauritius, schon nach dreissig Jahren war die Hälfte der mauritischen Bevölkerung indischer Herkunft.
Die Zuckerrohrplantagen und Zuckerfabriken lagen indes nach wie vor im Besitz franko-mauritischer Unternehmer und Landbesitzer. Während den 20er-Jahren des letzten Jahrhundert kam es dann auch zu Aufständen, die mit der Gründung der Mauritischen Arbeiterpartei zur Bildung der ersten politischen Partei der Insel führte.
Mit dem Bau des Suez-Kanals 1869 verlor Mauritius als Anlaufhafen für Handelsschiffe an Bedeutung. Ausserdem wurde in den darauffolgenden Jahren in Europa damit begonnen, Zuckerrüben anzubauen, was den Zuckerpreis zusehends unter Druck setzte. Bis zum zweiten Weltkrieg blieb die gesamte Wirtschaft auf der Insel praktisch stehen. Mit dem Erstarken einer politischen Linken, die sich für die Arbeiterklasse und ihre Anliegen einsetzte, stieg auch die Verhandlungsbereitschaft der britischen Kolonialherrschaft. Nach dem zweiten Weltkrieg begann man, Verhandlungen zu führen und schliesslich auch über eine neue Verfassung nachzudenken.
Von der Agrarnation zum Dienstleistungsexporteur
Mauritius wurde am 12. März 1968 nach 150 Jahren britischer Herrschaft unabhängig. Es folgte die Mitgliedschaft im Commonwealth und Königin Elisabeth II. blieb zunächst offizielles Staatsoberhaupt der Insel. Als die Briten Mauritius 1968 verliessen, basierte die ganze Wirtschaft auf Zuckerexporten. Zwar wurde etwas Tee angebaut und exportiert, allerdings in unbedeutenden Mengen. Gleichzeitig war in dieser Zeit die Landwirtschaft nach wie vor der bedeutendste Wirtschaftszweig, der am meisten Menschen beschäftigte und im Export die höchsten Erlöse erzielte. Seither hat sich jedoch viel verändert, Mauritius hat sich von einer ärmlichen Agrarnation zu einem Land mit einer breit gefächerten Wirtschaft entwickelt. Zuerst kamen der Tourismus und die Textilindustrie. In den 90er-Jahren schliesslich auch die Finanzdienstleistungen und allgemeine Dienstleistungen, die zu einem Devisenbringer wurden. Letzterer macht heute mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, das einstige Flaggschiff, die Zuckerrohrproduktion noch zwei Prozent. Die mauritische Wirtschaft ist eine der am schnellsten wachsenden im südlichen Afrika und ein Nettoexporteur von Dienstleistungen. Ein Grund dafür sind internationale Unternehmen, die sich auf Mauritius niederlassen und die Insel als Tor zu den schnell wachsenden afrikanischen Märkten nutzen wollen.
Mit dem Aufschwung der Wirtschaft verlor die Landwirtschaft gleichzeitig an wirtschaftlicher Bedeutung, obwohl knapp die Hälfte der 2'040 km2 grossen Insel dafür verwendet wird. Weil Zucker nach wie vor das wichtigste Exportprodukt der Landwirtschaft ist, dominieren auch die Zuckerrohrfelder das Landschaftsbild. Einige Bauern produzieren Früchte, Gemüse, Blumen oder Tee. Und vereinzelt werden Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine gehalten. Allerdings reichen die so hergestellten Nahrungsmittel nicht aus, um die Bevölkerung zu versorgen; in Mauritius muss etwa 70 Prozent des Essens importiert werden, die Landwirtschaft macht insgesamt noch etwa fünf Prozent des BIP aus.
Flaggschiff unter Druck
Nach der Unabhängigkeit hat die EU Mauritius eine Zuckerquote gewährt, die den Zuckerexport zu Preisen ermöglichten, die phasenweise mehr als 30 Prozent über den Weltmarktpreisen lagen. Weil diese Quoten seit 2006 laufend abgebaut wurden, ist die Zuckerindustrie unter Druck geraten. Man begann in der Folge, die traditionellen Verarbeitungsprozesse zu erweitern; Mauritius entwickelte sich zu einem Zuckerrohr-Cluster, das aus Zuckerrohr verschiedene Energieformen herstellen kann: Ethanol, Elektrizität oder Nahrungsmittel. Trotzdem haben diese Massnahmen den Rückgang der Anbauflächen nicht verhindert. Dass das freiwerdende Land aber nicht bewirtschaftet wird, ist undenkbar. Die Regierung will nämlich, dass die Bauern ihre Höfe diversifizieren und zusehends auch Gemüse und Früchte anbauen, in Tierhaltung und Milchproduktion einsteigen.
Grund für diesen Kurs ist die tiefe Inlandversorgung. Insbesondere der auf der Insel nicht vorhandene Getreideanbau schwächt die Kalorienversorgung. Ebenso müssen Rind- und Schaffleisch sowie Milch und Milchprodukte zu fast 100 Prozent importiert werden. Die lokale Landwirtschaft kann nur zwei Prozent der nachgefragten Milch und 1,5 Prozent des nachgefragten Rindfleisches produzieren. Immerhin ist Mauritius Selbstversorger bei Geflügel, Eiern, Schweinefleisch und den meisten Gemüsen.
Landwirtschaftspolitik
Die Regierung von Mauritius will die Ernährungs- und die Lebensmittelsicherheit garantieren. Dazu wird einerseits eine Professionalisierung der Versorgungsketten gefordert, andererseits eine diversifiziertere Landwirtschaft, die neben Zuckerrohr auch Obst und Gemüse produziert. Zusätzlich sollen und müssen der Handel und die Handelsbeziehungen gefestigt werden, denn Mauritius wird immer von Importen abhängig sein. Der Grenzschutz ist auf Mauritius von besonderer Bedeutung, denn um den Bauern ein Auskommen zu ermöglichen, werden sowohl Importe von Kartoffeln und Salz durch Importquoten limitiert, gleichzeitig aber die Inputs - Dünger oder Frachtkosten - durch die Regierung reduziert. Andererseits muss Mauritius dafür sorgen, dass es nicht zu Versorgungsengpässen kommt. Deshalb wird der Import von strategischen Gütern - wie zum Beispiel Weizen oder Reis - durch halbstaatliche Organisationen wie das Agricultural Marketing Board vorgenommen.