Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03503.jsonl.gz/982

«Der Friede ist das Beste aller Dinge»
So lautet das Motto des Westfälischen Friedens, der sich in diesem Jahr zum 375. Mal jährt. Jedoch ist die Sehnsucht nach Frieden weltweit immer noch gross. Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, dass Frieden und Demokratie auch in Europa nicht selbstverständlich sind. Wie lässt sich in solchen Zeiten ein Friedensjubiläum würdevoll begehen?
Martin Ötker
Mit dem Westfälischen Frieden gelang es zum ersten Mal in Europa, einen Krieg auf dem Verhandlungsweg zu beenden. Es war ein Sieg der Diplomatie über das Töten. Aus heutiger Sicht ist dieser Friedensschluss ein historischer Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung gleichberechtigter Staaten, die klare territoriale Grenzen haben und souverän sind.
Der ehemalige Sicherheitsberater und Aussenminister der US-Regierung Henry Kissinger nannte in seinem Buch «Weltordnung» (2014) die Grundsätze des Westfälischen Friedens ein bis heute gültiges Erfolgsinstrument zur Lösung komplizierter Gewaltkonflikte. Allerdings ist das kein Patentrezept. Auf jeden Fall braucht es «den uneingeschränkten Willen zum Frieden. Man muss auch bereit sein, Kompromisse zu schliessen. Das alles setzt voraus, dass man Vertrauen hat in den oder die Verhandlungspartner. Ist das nicht vorhanden, muss es mühsam aufgebaut werden. Es ist auch immer der Mut zu unkonventionellen Lösungen erforderlich. Man darf sich nicht sklavisch an das halten, was zunächst erreicht werden sollte, sondern Flexibilität ist wichtig sowie das Eingehen auf die anderen Konfliktparteien.»
Der Westfälische Frieden beendete den Dreissigjährigen Krieg (1618–1648). Jedoch ist dieser Begriff irreführend, da es sich dabei nicht um ein «gleichmässiges Kriegsgeschehen über drei Jahrzehnte hinweg» handelte. Vielmehr war es ein ganzes Bündel verschiedener miteinander verflochtener militärischer Konflikte. «Es war ein deutscher Krieg, ein europäischer Krieg, ein Krieg um Macht und um Religion. 30 Jahre kämpften Protestanten und Katholiken um den rechten Glauben, stritten die Herrschenden Dänemarks, Schwedens, der Niederlande und Frankreichs in wechselnden Konstellationen gegen den habsburgischen Kaiser des Reiches und dessen spanische Verwandte.» Ebenso drängten die Reichsstände (ca. 300 Reichstädte, Grafschaften und Fürstentümer) danach, ihre Machtbefugnisse gegenüber dem Kaiser auszuweiten. Das Reichsgebiet war der Hauptkriegsschauplatz und mit bis zu zwei Drittel Bevölkerungsverlust in manchen Regionen am meisten von den Gräueln und fürchterlichen Folgen des Krieges betroffen.
Verhandlungen in zwei Städten
Nachdem nach langen Abnutzungskämpfen keine der Kriegsparteien mehr eine realistische Aussicht auf einen eindeutigen Sieg hatte, einigten sich die Grossmächte Spanien, Heiliges Römisches Reich, Frankreich und Schweden unter Vermittlung Dänemarks auf einen Friedenskongress, der aus konfessionellen Gründen parallel in Münster und Osna-brück im Herbst 1643 beginnen sollte. Diese Wahl war günstig getroffen, denn die Städte liegen circa 50 Kilometer voneinander entfernt, waren befestigt und im Krieg weitgehend verschont geblieben. Während im protestantisch geprägten Osnabrück die Verhandlungen zwischen dem Kaiser und Schweden stattfanden, erfolgten im katholischen Münster die Sondierungen zwischen dem Kaiser und Frankreich, zwischen Spanien und Frankreich sowie Spanien und den Niederlanden.
Schon die Grösse des Friedenskongresses war eine logistische Herausforderung, denn so etwas hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Insgesamt 140 Reichsstände und 16 europäische Staaten waren durch eigene oder fremde Gesandte und Delegationen in den Kongressorten repräsentiert. Wegen der Komplexität der Problemlage und der gegebenen Verhandlungsstruktur wurden die Gespräche zum Teil direkt, aber mehrheitlich durch Vermittler geführt. Der Westfälische Frieden besteht aus zwei Vertragswerken, dem Osnabrücker Friedensvertrag «Instrumentum Pacis Osnabrugensis» und dem Münsteraner Friedensvertrag «Instrumentum Pacis Monasteriensis», die beide am 24. Oktober 1648 unterzeichnet wurden. Ersterer wurde zwischen Kaiser Ferdinand III. und Königin Christina von Schweden sowie deren Verbün¬deten geschlossen und regelte die innere Ordnung und die kon¬fessionellen Verhältnisse im damaligen Heiligen Römischen Reich Deut¬scher Nation. Ferdinand III. und Ludwig XIV. von Frankreich sowie deren Verbündete unterzeichneten den Münsteraner Vertragsteil, in dem unter anderem Spanien und die Niederlande Frieden schlossen und die sieben niederländischen Provinzen aus dem Reich ausschieden, was als Gründungsakt des niederländischen Staates gilt.
Obwohl sich die Eidgenossen nicht direkt am Dreissigjährigen Krieg beteiligt hatten und deshalb weder als Verhandlungspartner noch von den Mächten zum Friedenskongress geladen waren, erlangten sie dennoch einen beachtlichen Erfolg. Die historische Leistung des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein (1594–1666), der in den Verhandlungsorten bei den Delegierten vorsprach, «besteht in der Loslösung der Eidgenossenschaft vom Reich und damit in der Schaffung und Anerkennung ihrer völkerrechtlichen Souveränität».
«Geschichte reflektieren – Zukunft neu denken» lautet das anspruchsvolle Thema des Osnabrücker Friedensjubiläums. Inhaltlich werden «sieben Themen in sieben Monaten» angegangen. Von April bis Oktober 2023 hatte bzw. hat jeder Monat einen Schwerpunkt, der sich besonders um ein Friedensthema dreht; so war es zum Beispiel im April «Natur und Umwelt». Die monatlichen Themenwochen mit verschiedenen Veranstaltungen, wie Kongresse, Gesprächsreihen, Bürgerprojekte, Ausstellungen, Projekte von und für Jugendliche sowie Konzerte, bilden den roten Faden des Jubiläumsprogramms. Alle Themen eint eine Frage: «Was können wir vom historischen Friedensschluss von 1648 für die Gegenwart und schliesslich für die Zukunft mitnehmen und lernen?» Dazu werden im Oktober die zentralen Themen der Vormonate – Natur und Umwelt, Geschichte, Glaube und Religion, Dialog und Begegnung, Europäischer Frieden, Engagement und Widerstand – zusammengefasst und mit einem Blick in die Zukunft das Jubiläumsjahr beenden: Was fordert die Zukunft von allen Generationen? Wie können wir Frieden neu denken und die Zukunft selbst aktiv mitgestalten?
Viele Fragen. Eine Antwort wird jeder Mensch für sich selber finden müssen.