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Fast acht Milliarden Franken Verlust schreibt die Schweizerische Nationalbank nach nur neun Monaten in diesem Jahr. Werden jetzt die Steuern erhöht? Oder musst du um deinen Sparbatzen bangen?
Vielen von euch ist heute vielleicht beim Morgenessen das Gipfeli in die Kaffeetasse gefallen: 7,8 Milliarden Franken Verlust meldet die Schweizerische Nationalbank (SNB); und das, obwohl das Jahr noch nicht einmal zu Ende ist. Wer ein gutes Gedächtnis besitzt, kann sich jedoch erinnern, dass die SNB letztes Jahr noch einen Gewinn von sagenhaften 33,7 Milliarden Franken ausgewiesen hat.
Wie kommen diese gewaltigen Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung der SNB zustande? Und was bedeuten sie? Hier eine kurze Erklärung:
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts reiste der englische König nach Amsterdam, um Geld für seine kostspieligen Kriege aufzunehmen, und der Monarch musste darauf hohe Zinsen entrichten. Gleichzeitig wussten die erfolgreichen Kaufleute Londons nicht, wie sie ihr Geld sicher anlegen konnten. Beide waren daher unzufrieden und suchten nach einer Lösung: Sie hiess Bank of England.
Die Bank of England wurde 1694 gegründet und ist die zweitälteste Nationalbank der Welt. (Die älteste ist die Schwedische Reichsbank.) Dank ihr konnte sich der König fortan zu vernünftigen Bedingungen verschulden, und die Kaufleute hatten nun mit den Staatsanleihen eine sichere Anlagemöglichkeiten gefunden.
Im 19. Jahrhundert herrschte in Sachen Geld ein Chaos. Währungen wurden manipuliert, Banken krachten zusammen. Beides fügte der Wirtschaft schweren Schaden zu. In den USA kam es 1907 wieder einmal zu einem Beinahe-Kollaps des Bankensystems. Der damals führende Banker JP Morgan konnte es nur verhindern, indem er die wichtigsten Vertreter der Wall Street in seine Bibliothek einsperrte und sie erst wieder herausliess, als sie sich auf einen Rettungsplan geeinigt hatten.
Morgan hatte jedoch die Nase gestrichen voll. Deshalb trieb er die Gründung einer amerikanischen Nationalbank energisch voran. 1913 war es so weit: Das Federal Reserve System (Fed) wurde aus der Taufe gehoben, um die Wiederholung eines Crashs des Finanzsystems zu verhindern.
Fassen wir zusammen: Nationalbanken müssen dafür sorgen, dass sich Staaten vernünftig finanzieren können und für die Stabilität der Währung und des Bankensystems sorgen. Der Aufgabenbereich kann erweitert werden. Die Fed beispielsweise ist auch für Vollbeschäftigung verantwortlich.
Nationalbanken können einerseits den Leitzins der kurzfristigen Staatsanleihen bestimmen. Erhöhen sie diesen Zinssatz, wird das Geld teurer, senken sie ihn, wird es billiger. Teureres oder billigeres Geld hat einen grossen Einfluss auf das Investitionsverhalten der Unternehmen und das Konsumverhalten der Menschen. Überhitzt die Konjunktur, dann erhöht die Nationalbank den Leitzins. Schwächelt die Wirtschaft, senkt sie ihn wieder.
Die Nationalbanken können den Preis des Geldes auch indirekt bestimmen. Sie tun dies, indem sie Staatsanleihen kaufen oder verkaufen. Kaufen sie die Anleihen, dann emittieren sie im Gegenzug Banknoten, erhöhen die Geldmenge und senken die Zinsen. Verkaufen sie Anleihen, geschieht das Gegenteil.
Dieser Mechanismus spielt nur im Inland. Die Nationalbank muss jedoch auch für die Stabilität der Währung auf den internationalen Devisenmärkten sorgen. Sie tut dies ebenfalls mit dem Kauf oder Verkauf von ausländischen Devisen und Wertpapieren. Will die SNB verhindern, dass der Franken zu stark wird, dann kauft sie deshalb Dollars, Euros, etc., aber auch deutsche Staatsanleihen oder Aktien von Apple oder VW. Damit erhöht sie das Franken-Angebot und senkt den Preis.
Der umgekehrte Fall, dass die SNB Devisen oder Gold verkaufen muss, um den Franken zu stärken, ist seit dem Zweiten Weltkrieg eher theoretisch geblieben.
Die SNB wurde 1906 als private Aktiengesellschaft gegründet. Das ist sie bis heute, obwohl sich die meisten Aktien im Besitz der öffentlichen Hand – hauptsächlich der Kantone – befinden. Das Ziel der SNB besteht jedoch nicht darin, ihren Gewinn zu optimieren. Wie gesagt muss sie sich um die Stabilität des Frankens und des Bankensystems kümmern und die Finanzierung des Staates sichern.
Die Gewinne oder Verluste der SNB sind gewissermassen das Nebenprodukt ihrer zentralen Aufgaben. So hat die SNB nach wie vor grosse Goldbestände, um das Vertrauen in den Franken zu stärken. Der Goldpreis schwankt. In den letzten Monaten ist er gesunken und hat der SNB einen Verlust von 3,7 Milliarden Franken beschert. Auch der Wert der ausländischen Devisen ist massiv gesunken.
Der Wert ausländischer Staatsanleihen oder Aktien befindet sich ebenfalls auf einer Achterbahn. Die SNB erwirbt sie wie erwähnt, um den Kurs des Frankens stabil zu halten. Das kann jedoch nie hundertprozentig gelingen. Deshalb hat die SNB auf ihren Obligationen im letzten Quartal 8,5 Milliarden Franken verloren. Auf den Aktien hingegen hat sie 8,2 Milliarden Franken gewonnen.
Um das Bankensystem zu schützen, haben die Nationalbanken seit der Finanzkrise im grossen Stil Anleihen und Aktien aufgekauft. Sie haben, wie es in der Fachsprache heisst, ihre Bilanzen verlängert. Auch die Bilanzsumme der SNB hat sich in etwa vervierfacht. Das bedeutet auch, dass die Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung viel grösser geworden sind.
Zweistellige Milliardengewinne – noch vor zehn Jahren undenkbar –, sind heute normal geworden. So gesehen könnt ihr euer Gipfeli wieder aus dem Kaffee holen. Es ist (noch) alles im grünen Bereich.