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Eine zweite Chance
Er knallte die Tür zu und stapfte wütend davon. Seine Mutter rief nach ihm, er ignorierte sie. Draussen war es bereits dunkel, doch es war ihm egal. Seine Schritte knirschten auf dem gefrorenen Boden, denn hier schneite es nie an Heiligabend. Er fror und steckte sich die zitternden Hände in die Taschen seines Pullovers, eine Jacke hatte er nicht mitgenommen. Es war sehr kalt, aber er würde jetzt nicht nach Hause zurückkehren. Schliesslich änderte er seine Meinung doch. Er drehte sich um und stutzte. Er kannte diesen Wald, er kam öfters hierher. Orte im Dunkeln sehen immer anders aus als am Tag, aber hier war er noch nie gewesen, dessen war er sich sicher. Panik stieg in ihm auf und vor seinem inneren Auge sah er Zeitungsartikel über Leute auftauchen, die erfroren waren. Er atmete tief durch. „Du wirst hier nicht erfrieren“, sagte er zu sich selbst. „Nicht an Weihnachten“, fügte er hinzu, dann schüttelte er den Kopf. War doch egal, was heute für ein Tag war. Dann sah er weit weg ein kleines Licht. Licht bedeutete Wärme. Licht bedeutete Leben. Er war gerettet. Er ging darauf zu und fand eine Hütte. Er hob die Hand um zu klopfen, aber die Tür öffnete sich, ohne dass er sie berührte. Wärme und der Geruch von frisch gebackenen Keksen strömten ihm entgegen. Er sah eine ältere Frau, die ein Blech mit Keksen auf einen Tisch stellte. Das ganze Haus war mit dem kitschigsten Weihnachtskram geschmückt, den er jemals gesehen hatte. Von irgendwoher tönte Weihnachtsmusik, im Kamin brannte knackend ein Feuer. Es wirkte sehr einladend, und das ärgerte ihn wieder. Was hatten alle bloss mit diesem Fest? Für ihn war Weihnachten bloss der 25. Dezember. „Komm herein, ich hab auf dich gewartet. Die Kekse sind gerade fertig geworden“, sagte die Frau ohne sich umzudrehen. „Wer bist du?“ fragte er. „Ich bin Mary Klaus“, antwortete sie. „Lass mich raten, dein Mann ist grad raus und teilt Geschenke aus?“ Sie kam auf ihn zu und drückte ihm eine Tasse warmen Tee in die Hand. „Trink den, du zitterst ja vor Kälte.“ Verwirrt nahm er einen Schluck. Wärme breitete sich sofort in ihm aus. „Was ist da drin? Er schmeckt grässlich“ Sie sah ihn verwundert an. „Sternenstaub und ein bisschen Zimt, das schmeckt eigentlich nach Weihnachten.“ Er stellte die Tasse auf den Tisch. „Ich mag keinen Zimt, und“ - „Weihnachten auch nicht?“ Er nickte.
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© Linda E. Wilhelm