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|Die
beiden japanischen Frösche

Eine Fabel aus dem Fernen Osten

Es waren einmal zwei Frösche. Der eine lebte in einem Graben in der Küstenstadt Osaka, der andere an einem klaren Bach in der Kaiserstadt Kioto.
Beide hatten denselben Plan: Der Frosch von Osaka wollte die Stadt Kioto kennenlernen und jener aus Kioto wollte sich Osaka anschauen.
Ohne voneinander zu wissen, machten sie sich zur selben Zeit zu Fuss auf die Reise. Der Weg führte über einen grossen Berg; ein mühevolles Unterfangen für einen Frosch! Es dauerte lange, bis beide den Gipfel erreichten.
Auf
dem Berg begegneten sie einander und glotzten sich erstaunt an:
"Wenn wir grosse Tiere wären", sprach der eine, "könnten wir hier vom Berggipfel aus die beiden Städte sehen. Wir wüssten dann, ob es sich lohnt, die Wanderung fortzusetzen." "Oh, dafür gibt's eine Lösung", meinte der andere. "Wir müssen uns nur aufrichten und gegenseitig stützen, und schon erblickt jeder die Stadt, die er besuchen möchte."
Gesagt - getan. Die Frösche stellten sich auf die langen Hinterbeine und umschlangen sich, damit sie nicht fielen. Der Frosch aus Kioto streckte seine Nase Richtung Osaka, jener aus Osaka nach Kioto. So standen sie still und betrachteten, was vor ihnen lag.
Eines aber hatten sie nicht bedacht: Ihre grossen Augen richteten sich , wenn sie den Kopf so hoch in die Luft recken, nach hinten. Sie schauten also auf die eigene Stadt!
"Was sehe ich?" rief der Frosch aus Osaka. "Kioto sieht genau so aus wie Osaka. Den Weg dahin kann ich mir ersparen." Der Frosch aus Kioto kam zum selben Schluss. Als sie sich einige Minuten lang gewundert hatten, liessen sie einander los und landeten - plumps! - im Gras. Dann machten sie eine Verbeugung, sagten sich Lebewohl und nahmen den Rückweg unter die Füsse.
Zu
Hause erzählten sie Verwandten und Bekannten entzückt
von der herrlichen Stadt, die sie gesehen hatten. Ihr Leben lang
waren sie überzeugt, die Städte Kioto und Osaka - die
doch so verschieden voneinander sind - glichen sich wie ein Ei
dem anderen.

hhhhh
|Japanische
Fabel von Silvia Studer-Frangi, Zürich

aus mündlichen Quellen diskret bearbeitet.