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Spielfilme dürfen auch Geld einspielen
Wie es zu einem Kosmopoliten passt, begeht der Produzent, Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Gessner, im westungarischen Szombathely als Sohn einer Ungarin und eines Zürchers zur Welt gekommen, am 17. August seinen 90. Geburtstag in Paris, wo er sein halbes Leben lang vorzugsweise wohnt. Er arbeitete am Rande des schweizerischen und im Zentrum des internationalen Films und verstand es brillant, für sein Schaffen ein Frankreich, Deutschland, England, Kanada und die USA umfassendes Netzwerk zu knüpfen.
Esprit und Charme
Nicolas Gessner gehört zur Generation des neuen Schweizer Films, aber nicht zu dessen Glaubensgemeinschaft. Er schwamm gegen den Strom der aufklärerischen und aufregenden Gesellschaftsveränderung und wollte mit Esprit und Charme ein grosses Publikum gewinnen. Das war gehobene alte Schule, ungeheuerlich zeitgeistwidrig, doch unterhaltsam intelligent.
Mit der Gaunerkomödie „Un milliard dans un billard“ erreichte er 1965 eine aussergewöhnliche Resonanz. Martin Schlappner schrieb in der NZZ begeistert: „Dass der Film eines Schweizers einem so viel Spass bereiten könnte, hat man fast nicht mehr zu hoffen gewagt! Nicolas Gessner hat es geschafft! Sein ‚Diamanten-Billard‘ ist leichtfüssig und beschwingt und schwört der Usance, auch die Komödie in der pädagogischen Provinz anzusiedeln, mit Erfolg ab.“
Universitäre und praktische Ausbildung
Er studierte an der Universität Zürich Romanistik und schrieb als Erster eine Dissertation über Samuel Beckett. Noch als Gymnasiast volontierte er bei der Condor Film AG, wo er etwas später Regie führte, so beim „Der Gefangene der Botschaft“ im Auftrag des Schweizer Fernsehens und der ARD und „Pastorale Suisse“ für die Schweizerische Verkehrszentrale. Mit der Sachkunde eines Offiziers verfasste er das Drehbuch für den Armeefilm an der Expo 1964, „Wehrhafte Schweiz“, der für einen „Oscar“ nominiert wurde.
Nicolas Gessner war am Schauspielhaus Zürich Regieassistent bei Leopold Lindtberg und Oskar Wälterlin, in Paris bei Jean-Louis Barrault und in Hollywood bei Henry Koster. Als Mitarbeiter des „Oscar“-Preisträgers Richard Schweizer lernte er das Handwerk des Drehbuchautors samt der Pflicht, bis ins Detail genau zu sein. Unter dem Einfluss von Jean-Luc Godard befreite er sich von den traditionellen Formen der Filmgestaltung.
Filmisches Erzählen als Leidenschaft
Doch Nicolas Gessner hielt an seiner Ambition fest, mit dem Gesicht und nicht mit dem Rücken zum Publikum Geschichten deliziös zu erzählen. Als Unterhaltung, die sich mit gutem Gewissen durch ihre stilvolle Inszenierung rechtfertigt und keiner Entschuldigung bedarf.
Damit war die Singularität in der rebellischen Filmszene Schweiz definiert. Abstrafend. So sehr, dass die Emigration ins Ausland als Prophet einer sich selber finanzierenden und von der staatlichen Filmförderung emanzipierten Filmkultur unumgänglich war. Als Ausdruck liberaler Souveränität ohne Hader.
Abgelehnter Brückenbauer
Was aber, wäre Nicolas Gessner im Land geblieben, um mit seiner Bildung, seinem Wissen und seiner sprachgewandten Durchsetzungskraft den kommerziellen Schweizer Film zu erneuern und ihm den internationalen Markt zu öffnen? Unangefochten von den Meinungsmachern, denen die Herkunft vom Auftragsfilm und ein Hauch von Hollywood als Verrat am Aufbruch strikter Observanz galten? Wir dürfen mit gutem Grund annehmen, Nicolas Gessner wäre ein impulsgebender Brückenbauer geworden.
Gefühle wecken und Spannung erzeugen
Mit dem Ziel, bei den Kinobesuchern Gefühle zu wecken und eine Geschichte zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Luftanhalten und Aufatmen zu erleben, realisierte er seine Spielfilme. Dem fulminanten „Un milliard dans un billard“ folgten solide Werke und mit dem Krimi „The Little Girl Who Lives Down the Lane“ nochmals ein herausstechendes. Dafür gab es internationales Medien-Lob und den „Saturn Award“ der US-amerikanischen „Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films“.
Zu Nicolas Gessners Perfektionswillen gehört das Engagement von Stars unter den Schauspielerinnen und Schauspielern. Zu nennen sind Jodie Foster, Elsa Martinelli, Jean Seberg, Charles Bronson, Vittorio Gassmann, Anthony Perkins, Claude Rich, Orson Welles.
Weltraum als Schauplatz
In der Zusammenarbeit mit dem Fernsehen versiert, entschied sich Nicolas Gessner 1996 mit „Spaceship Earth“ einerseits für eine persönliche Novität, nämlich eine Computeranimation, und anderseits für die Besinnung auf seine astronomische Passion. In 52 zehnminütigen Folgen erklärte er facettenreich den Lauf der Erde um die Sonne. Die Produktion, bis heute die letzte, löste ein breites Echo aus.
Kein Ausruhen auf den Lorbeeren
Es charakterisiert Nicolas Gessner auch physisch, ihn nicht bloss höflich fragen zu müssen, wie denn alles war, sondern sich auch ehrlich interessiert erkundigen zu können, was noch wird. Denn er arbeitet an einem neuen Film. Das Drehbuch ist fertig.
Es zeichnet Nicolas Gessner überdies aus, sich des Gelingens trotz seiner Lebensleistung nicht sicher zu sein, sondern Zweifel zu hegen. Ihm ist wie seit je die Notwendigkeit vertraut, originell und hartnäckig mit Argumenten zu kämpfen.
So erfüllt die Vergangenheit war, so erfüllt sind für Nicolas Gessner die Gegenwart und die Zukunft. Das macht die Glückwünsche zum Geburtstag leicht und heiter.