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Text: Yaël Jakob / Illustration: Jihyun Lee / Foto: Stocksy
Weniger ist mehr. Keine andere Redewendung könnte Origami besser beschreiben. Aus einem simplen Blatt Papier entstehen in der japanischen Faltkunst die unterschiedlichsten Figuren. Und dabei gilt: Hände weg von Schere und Klebstoff! Der Begriff Origami setzt sich zusammen aus den japanischen Wörtern «oru» für «falten» und «kami» für «Papier». Trotz der eindeutigen Namensherkunft lässt sich aber bis heute nicht bestätigen, ob der Ursprung des Papierfaltens wirklich in Japan liegt. Historischen Quellen zufolge wurde die Grundlage des Origami – das Papier – nämlich um 105 n. Chr. in China erfunden. Von dort aus gelangte es erst im 6. Jahrhundert nach Japan. In China gibt es zwar nur wenige Zeugnisse von Werken aus gefaltetem Papier, aber in 400 Jahren wird bestimmt jemand sein Glück beim Falten versucht haben.
Perfektioniert wurde die Kunst auf jeden Fall in Japan. Dort galt Papier lange Zeit als kostbare Ware und es wurde nur bei religiösen Zeremonien verwendet. Auf Hochzeiten dekorierte man zum Beispiel die Tische und Co. mit Papierfiguren oder überreichte sie dem Brautpaar als Geschenk. Im Laufe der Zeit wurden den verschiedenen Figuren bestimmte Bedeutungen zugeschrieben. Ab dem 18. Jahrhundert kamen schliesslich die ersten Origami-Bücher in Japan auf den Markt. In diesen waren Faltanleitungen für unterschiedliche Motive abgebildet. Mit den Büchern verbreitete sich Origami auch in Europa – als Zeitvertreib, Kunstform und Lernmethode in Schulen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Papierfalten ist beliebt und fördert die Konzentration, Präzision sowie Fingerfertigkeit.
Wenn man von Origami spricht, ist der Kranich oft das Erste, woran man denkt. Er ist zum Sinnbild für die Papierfaltkunst geworden und hat in Japan eine ganz besondere Bedeutung: Der majestätische Vogel steht für Glück, Wohlstand und die Erfüllung von Wünschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zudem zum Symbol für den Weltfrieden. Einer japanischen Legende zufolge hat die junge Schülerin Sadako Sasaki 1945 während der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki tausend Kraniche gefaltet und sich davon die Erfüllung ihres eigenen Wunsches erhofft: Frieden. Kaum hatte sie den letzten Vogel beendet, starb Sadako an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Später wurde ihr zu Ehren in Hiroshima ein Denkmal errichtet, unter das noch heute täglich Tausende Papierkraniche gelegt werden.
Nicht ohne Grund wird die Lotusblume oft als «heilige Blume» bezeichnet. In Japan, aber auch ganz allgemein im Buddhismus und im Hinduismus, ist die Blüte der besonderen Wasserpflanze ein Symbol für Reinheit, Weisheit und Wiedergeburt. Wenn man sich eine Lotusblume in der Natur ansieht, wird schnell klar, wie es zu diesen Bedeutungen gekommen ist: Die Blüte ziert die Oberfläche schlammiger Teiche und Co. und versinkt jede Nacht unter der Wasseroberfläche, nur um bei Tageslicht wieder makellos aufzutauchen. Gefaltete Blüten aus Papier sieht man oft bei Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen. Geachtet wird dabei auch auf die Farben: Weiss steht für Reinheit, Blau für Weisheit und Rosa für Wiedergeburt sowie Erleuchtung. Letztere gilt im Buddhismus als die heiligste Sorte der Lotusblumen.
In Japan symbolisiert der zarte Schmetterling Liebe und Leidenschaft – etwa so, wie es rote Rosen in Europa tun. Daher tragen Frauen während der Verlobungszeit oft Kimonos mit Schmetterlingsmotiven. Zusätzlich steht der Sommervogel auch für Freiheit und Kreativität. Das passt perfekt zur Tradition des Origami. Als Papierfiguren werden die Flattertierchen in den unterschiedlichsten Grössen gefaltet und gerne auch mit durchsichtigem Faden an die Decke gehängt. Lust bekommen, einen zusammenzufalten? Dann greife jetzt zu buntem Papier und folge unserer Faltanleitung. Wer weiss, vielleicht entdeckst du im Origami eine neue Leidenschaft.
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