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Von 1932 bis 1945 besprach Max Frisch für renommierte Schweizer Tageszeitungen und Zeitschriften über sechzig Bücher und Vorträge. In den meisten seiner überwiegend kurz gefassten Rezensionen erwies er sich einem bürgerlichen Standpunkt verpflichtet. Seine Kritiken zeichneten sich durch subjektive Meinungsäusserung und ein unbefangenes Urteil aus.
Das Max Frisch-Archiv zeigt in seiner Ausstellung eine Auswahl der von Frisch besprochenen Bücher und die korrespondierenden Rezensionen.
Max Frisch, 1933. ©Hans Staub/Fotostiftung Schweiz/Max Frisch-Archiv, Zürich
Nach dem Tod seines Vaters im März 1932 musste Frisch sein Studium stark einschränken, um für sich und seine Mutter den Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Stelle als freier Journalist kam seinen Interessen zum damaligen Zeitpunkt am nächsten. Zu seinem wichtigsten Arbeitgeber wurde die Neue Zürcher Zeitung und deren Feuilletonchef Eduard Korrodi (1885-1955). Auf die Auswahl der zu besprechenden Bücher konnte Frisch keinen Einfluss nehmen, er musste sich mit dem begnügen, was die „gestandenen“ Rezensenten für ihn übrig liessen. Das Spektrum der besprochenen Autorinnen und Autoren reichte von Werken späterer Exilanten oder vom Nationalsozialismus Vertriebenen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Franz Werfel, Lisa Tetzner oder Albrecht Schaeffer bis hin zur religiös-unpolitischen Ruth Schaumann. Darunter waren aber auch dem völkischen Gedankengut Nahestehende oder Profiteure des „Dritten Reichs“ wie Max René Hesse, Hermann Burte, Conrad Muschler, Martin Heidegger oder Richard Billinger. Zudem Schweizer, die in Nazi-Deutschland nicht oder kaum mehr wahrgenommen wurden, wie Jakob Bührer, Rudolf Jakob Humm, Kurt Guggenheim, Ludwig Hohl oder Albin Zollinger. Es gab nur einzelne fremdsprachige Autoren wie Pearl S. Buck, Grigol Robakidse oder Harry Mortimer Batten, die von Frisch rezensiert wurden.
Frisch besprach die Bücher gänzlich unbefangen, nicht selten referierte er voller Enthusiasmus den Inhalt der Werke und Vorträge. Die Neuerscheinungen wertete er aber auch mit einer gewissen Beliebigkeit, weil für ihn stets das eigene Leseerlebnis im Vordergrund stand. So waren die einzelnen Schriftsteller für ihn keine Vertreter bestimmter literarischer oder politischer Strömungen, und folglich blieben Vertiefungen, die den Leser auf neue gedankliche Ebenen hätten führen können, aus. Dies lässt sich auch auf die Realitäten des Feuilletonwesens zurückführen, dem Frisch sich fügen und anpassen musste. Mit Anfang zwanzig lag es nicht drin, dass er sich über die Regeln und Konventionen seiner Arbeitgeber hinwegsetzte. Im Gegenteil: Er musste mehr oder weniger deren Denkweisen übernehmen, um weiterhin als Rezensent gefragt zu sein und Nachfolge-Aufträge zu erhalten. Insbesondere lehnten sich seine Wertungen an die Ansichten von Eduard Korrodi an, wie dieser sie über Jahrzehnte hinweg in seinen Artikeln vertrat. Frisch war mit seinen Besprechungen und Feuilletons ganz auf das Wohlwollen von Korrodi angewiesen und bewegte sich deshalb nur innerhalb des vom Feuilletonleiter gesteckten Rahmens. Dies ist sicherlich auch mit eine Erklärung, weshalb Frisch sich in seinen Rezensionen jeglicher politischen Wertung der vorgestellten Bücher und Vorträge enthielt.
In seinen Besprechungen und Feuilletons der Dreissigerjahre begegnet uns ein unpolitischer Max Frisch, der es sich selbst als „Heldenstücklein“ anrechnete, keiner Partei anzugehören, dafür aber über eine „teilnehmende Menschenseele“ zu verfügen. Seine Rezensionen zeigen den weiten Weg auf, den der Autor in seinem Leben persönlich und als Schriftsteller zurückgelegt hat. Sie gewähren uns einen Blick auf die Entwicklung Max Frischs von einem politisch indifferenten Studenten zu einem engagierten Weltbürger, als den wir ihn heute in Erinnerung haben.
Ort der Ausstellung:
Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek
HG H27
Rämistrasse 101
8092 Zürich
Laufzeit der Ausstellung:
2. März bis 31. August 2015
Montag – Freitag, 10:00 – 17:00
Ansprechpartner:
Dr. Margit Unser
Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek
Mail: <email-pii>
Telefon 044 632 40 35