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Wie sind Heranwachsende zu erziehen? Welche Rollen spielen dabei die Beziehungen zwischen den Generationen – und der Staat? Wie sieht sich das Individuum als Teil der Gesellschaft? Was ist seine Aufgabe als Bürger? Wie immer man diese Fragen im einzelnen beantworten mag und unabhängig davon, ob man nun Kinder hat oder nicht, wird man ständig mit ihnen konfrontiert. Sie gehören zu den drängendsten Fragen der Gegenwart. Und dennoch – sie sind so alt, wie unsere Erinnerung zurückreicht.
Dass der Staat bei all diesen Fragen schon früh mitmischte, zeigt ein Blick in die Geschichte. Seit Sparta gab es Schwanken zwischen Wohlwollen und Brutalität, zwischen staatlich gewährtem Privatismus und gezielten Versuchen, Familien und ihr subversives Potential aufzulösen. Über das Verhältnis der Spartaner zu ihren Familien schreibt der Pädagoge Rudi Palla:* «Die Erziehung war es, die der sagenhafte Lykurg ‹als die grösste und wichtigste Aufgabe eines Gesetzgebers› betrachtete; aus diesem Grund lag sie auch in den Händen des Staates und hatte Gewöhnung an streng militärischen Gehorsam, Disziplin, Selbstbeherrschung und äusserte Abhärtung zum Ziel.»
Soll aus einem Kind ein Mensch oder ein Bürger werden? Beides sei nicht möglich, meinte Jean-Jaques Rousseau. Oder doch? Hielt der Patriarch in der bürgerlichen Familie des 18. Jahrhunderts durch Alleinherrschaft seine Sippschaft zusammen, wurde das Arbeiterkind während der Industrialisierung als Billigstlöhner eingesetzt, so begann vor rund 200 Jahren ein anderer Faktor das Verhältnis von Familie, Individuum und Staat nachhaltig zu beeinflussen: die urliberale Forderung nach Bildung für alle.
Es waren aufklärerische Kräfte, die die Bildung dem kirchlichen Klammergriff entrissen. Es waren Liberale, die den wachsenden Ansprüchen von Gewerbe, Handel und Industrie entgegenkommen und mit der hartnäckigen Forderung nach obligatorischer, vom Staat sichergestellter Ausbildung allen Kindern aus allen Schichten Zugang zu Bildung ermöglichen wollten. Es waren liberale Aufklärer, die damit die Autonomie der Familienpatriarchen in Frage stellten. Sie setzten das Schulobligatorium durch und verliehen der Schule die Aura einer – in der Schweiz bis heute anhaltenden – staatlich sanktionierten Institution. «Der liebe Gott weiss alles und der Herr Lehrer noch ein bisschen mehr», hiess es mehrdeutig und ironisch gefärbt noch während meiner Kindheit auf dem katholisch geprägten Land. Es waren Liberale, die, mit einer neudefinierten Ausbildung ohne starke religiöse Schlagseite, aus den Menschen erst jene Staatsbürger machten, auf die ein demokratischer Staat baut – und auf die er angewiesen ist.
So kam es, dass das staatliche Schulobligatorium zunehmend den Familienalltag prägte. Eltern konnten ihre Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte einsetzen, sondern mussten sie gewaschen, gekämmt und guternährt zur Schule schicken. Und waren die langen Sommerferien früher noch Zugeständnisse an den bäuerlichen Alltag, verschwanden die «Heuferien» irgendwann vom Stundenplan.
Sosehr die Familie heute als Glücksbringer und Privatsache, und die Erfindung der Kindheit als wesentlicher Schritt in die Familie der Moderne betrachtet wird, sosehr war sie lange Zeit geprägt von ökonomischen, gesellschaftlichen und moralischen Zwängen. Steile Hierarchien, die Macht und Besitz den Ältesten zuhielten und jüngere Geschwister meist zu Mägden und Knechten degradierten, prägten Familien und deren Beziehungen zwischen den Generationen. Der private Raum war kein Schonraum, sondern mitunter voller Ungleichheit, Kinderfeindlichkeit und Frauenverachtung. Der Staat verweigerte Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre gesetzliche Gleichstellung mit den Männern, schränkte ihren Handlungsspielraum ein und war auch damit mehr als nur Pinselhalter bei der Kreation von Familienbildern.
Der Aufstieg der Markt- und Kontraktgemeinschaft bedeutete den Niedergang des patriarchalen Hauskommunismus. Arbeitsteilige Geldwirtschaft und moderner Rechtsstaat haben dem Individuum erst auf die Beine geholfen und seine Freiheit gefördert. Seither sind Freiheit und Individualität einerseits und Familie und Staat anderseits unauflöslich miteinander verwoben.
Die Familie (oder der Staat) erlaubt es einem Individuum, sich zu realisieren, doch zugleich beschneidet die Familie (oder der Staat) dessen Autonomie. Es ist die Ambivalenz dieser Verbindung, die heute ins Bewusstsein gerade junger Menschen drängt – freilich ohne sie zu ängstigen. Sie plazieren, ohne am Grundsatz ihrer Individualität zu rütteln, die Familie wieder weit oben. Repräsentative Befragungen («Shell»-Jugendstudien aus den Jahren 2002 und 2006) zeigen: eine Mehrheit ist der Meinung, dass es zum Glücklichsein eine Familie brauche. Junge Menschen, konfrontiert mit einer Welt, die sich wie ein Spiegelkabinett präsentiert, suchen in der Familie Verlässlichkeit und Stabilität. Sie hoffen auf eine Familie, die nicht ständig eine Neudefinition des Lebensentwurfs erfordert. Die jungen Leute stehen heute nicht mehr auf dem scheinbar unverrückbaren Felsen, von dem aus ihre Eltern noch Revolution machten, und müssen früh lernen, auf dem schwanken Untergrund der Vielleicht-so-oder-doch-anders-Gesellschaft zu stehen. Weil jedes Individuum seines eigenen Glückes Schmied sein und in diesem Sinne «Gewinnmaximierung» betreiben soll, kann oder will, wächst der Wunsch nach einem Ort, an dem es in seiner Schwäche und Begrenztheit akzeptiert ist, an dem es Erfüllung seiner Sehnsucht nach einer Solidargemeinschaft findet, von der es bedingungslos getragen wird.
Wie sehr eine Solidargemeinschaft trägt, zeigt die menschliche Energiebilanz. Täglich erbringen millionenfach Menschen solidarische Leistungen für ihre Kinder, Enkel, Eltern oder Grosseltern – ohne nach finanzieller Entschädigung oder staatlicher Unterstützung zu schielen. Würde man die Familienmitglieder nach dem Warum ihres grossen Engagements fragen, würden sie vermutlich antworten: einfach darum.
Und wie steht der Staat heute zur Familie? Der moderne Wohlfahrtsstaat gesteht den Alleinerziehenden Alimentenbevorschussung zu; er gibt feministischen Kämpferinnen recht, die sich gegen das gemeinsame elterliche Sorgerecht als Regelfall wehren; er stellt ausserhäusliche Betreuungsmöglichkeiten bereit, wobei er zugleich Eltern und deren Kinder seiner Bildungsidee unterwirft; er finanziert seit 1948 ein Altersrentensystem. Kurz, der Staat ist auch heute – oder gerade heute – mehr als ein Pinselhalter für die Familienbilder.
Es wird zuweilen behauptet, dieses Staatsengagement führe zu einer Entsolidarisierung der familiären Gemeinschaft. Dies lässt sich freilich nicht belegen. Grosseltern übernehmen, begünstigt durch die demographische Entwicklung und ihre gesundheitliche Verfassung, heute nach wie vor ein Gutteil der anfallenden Enkelbetreuung. Und Eltern – zu 80 Prozent Frauen – leisten unentgeltlich Pflegearbeit für ihre Angehörigen.
Vielmehr haben die jungen, zugleich individualistisch und solidarisch orientierten Eltern von heute ein unverkrampftes Verhältnis zum Staat. Wenn ein junger, gutausgebildeter Familienvater mir sagt, die staatlich mitgetragenen Betreuungsangebote und neuen Schulstrukturen mit Mittagstisch und Blockzeiten hälfen seiner Familie, finanziell auf die Beine zu kommen, weil dadurch seine Frau ihrer Teilzeitberufstätigkeit besser nachgehen könne; diese Lebensform machte sie alle vielfältiger und reicher, wobei ihr Leben dadurch aber nicht unbedingt entschleunigt oder seiner Familie gar die Erziehungsverantwortung abgenommen werde – wenn er also all dies sagt, dann zeugt das von einem neuen Familien- sowohl als Staatsbewusstsein.
Man nimmt hin, dass der Staat die Kinder unterstützt. Man nimmt vom Staat und seinen Steuerzahlern, was man für seine Familie braucht – aber nur, wenn es ins eigene Lebens- und Familienkonzept passt. Ein Beispiel: in Rapperswil-Jona besuchen fast 500 Kinder den unentgeltlich zu Verfügung stehenden Mittagstisch. Ein Kind besucht ihn aber kaum zweimal pro Woche. Die neue, junge Elterngeneration zeigt damit, dass sie ein unverkrampftes Verhältnis zum Staat pflegt. Oder eben ein ambivalentes.
Diese junge Elterngeneration sagt von sich selbst: ich bin ich, weil ich viele bin. Sie definiert sich über Leistung. Und über Eigenverantwortung. Auch für solidarische Leistungen in der Familie – auch ohne staatlichen Sukkurs. Aber manchmal eben auch mit staatlichem Sukkurs.
* Rudi Palla: «Die Kunst, Kinder zu kneten». Eichborn: Frankfurt a. M., 1997.