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Vom Grüßen und Verabschieden, Teil 1
Warum ich stets in Verlegenheit gerate, wenn ich einen Unbekannten ansprechen muss.
Jede sprachliche Interaktion ist eingebettet in eine emotionale Atmosphäre, die einem zumeist gar nicht bewusst ist. Das beginnt schon bei der simplen Begrüßung. Es ist halt ein Unterschied in Gestimmtheit und Selbstdarstellung, ob man zu jemandem „Hi“ oder „Hallo“, „Servus“ oder „Seawas“ sagt.
Wenn man aus einer anderen Sprachwelt kommt, werden diese Selbstverständlichkeiten durcheinandergekegelt, auch und gerade dann, wenn die Muttersprache die gleiche bleibt. So stehe ich bis heute vor einem nie gelösten Dilemma, sobald ich einen Unbekannten begrüßen muss. Ich habe dann im Grunde nur zwei Möglichkeiten, wenn ich nicht salopp („Hallo“), komisch („Grüß Sie“) oder grotesk („Griaß Ihna“) klingen will: Entweder ich sage „Guten Tag“ oder „Grüß Gott“. Letzteres ist mir unbehaglich, weil die Formel einen hoch religiösen Inhalt hat. Und „Guten Tag“ klang für meine Ohren schon immer recht förmlich, damit leitet man eher ein Amtsgeschäft ein als ein nettes Gespräch. Der Rheinländer mit seiner Aversion gegen die Zumutungen des Hochdeutschen entschärft den Gruß auf seine Art: „Tach“.
Sehr charmante Österreicher, denen der liebe Gott im Gruß auch eine Nummer zu groß ist, umgehen das Dilemma, indem sie einfach sagen, was sie gerade tun: „Ich begrüße Sie.“ Wie erwidert man eigentlich einen solchen Gruß, mit „Ich Sie auch“?
Skurril kann es werden, wenn der Migrant nicht aus dem deutschen Sprachraum kommt. So habe ich einmal als Student in einer rheinischen Kartonfabrik gearbeitet. Der pakistanische Arbeiter, der am Fließband neben mir stand, begrüßte mich jeden Morgen mit einem aufgeräumt klingenden „Asklah“. Ich war überrascht über sein Selbstbewusstsein, in dieser keineswegs fremdenfreundlichen Umgebung in seiner Muttersprache zu grüßen, bis ich bemerkte, dass sein „Asklah“ nur die akzentgefärbte Klangvariante jener Frage war, mit der sich dort alle einheimischen Arbeiter begrüßten: „Alles klar?“ Was sein Gruß eigentlich bedeutete, war ihm nicht bewusst. Wahrscheinlich begrüßte er so auch Amtspersonen und Würdenträger.
Von einem ähnlichen Phänomen erzählt die Schriftstellerin Eva Menasse. Man habe ihr berichtet, wie ausländische Kunden sich in einem Wiener Supermarkt von der Kassiererin mit „Sakala“ verabschiedeten. Was die Kunden nicht wussten (und worauf sie auch niemand hinwies), war, dass sie mit ihrem Gruß nur lautlich die Erkundigung der Angestellten imitierten, ob sie eine Tüte benötigen: „Sackerl a?“
Der geradezu lyrische Höhepunkt dieser babylonischen Sprachverwirrung wäre es, wenn der Migrant aus Deutschland eines Tages auf seinen Schicksalsgenossen aus Österreich treffen würde: „Asklah“ – „Sakala“.
(„Die Presse“, Druckausgabe, 29.Jan.2012)