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Musik,
bei den Griechen, deren
Sprache
[* 2] das Wort entstammt, die Gesamtheit der auf
Geistes- und Gemütsbildung
abzielenden Künste (lat. studia humaniora) im Gegensatz zur Gymnastik, die den Körper bildet.
Erst in den christl.
Zeiten faßt man sie in dem engern
Sinne als
Tonkunst. Insofern die
Bildung von
Tönen auf gesetzmäßig
geregelter materieller
Bewegung (Luftschwingungen) beruht, beschäftigt sich die
Akustik, ein Zweig der Physik,
mit der
Musik. Die eigentliche
Musiklehre, als ästhetische Disciplin, hat dreierlei zu behandeln: den Rhythmus, die Melodie und
die
Harmonie.
Aller Rhythmus haftete ursprünglich an dem Metrum, der
Sprache und am Tanze, löste sich aber mit der Zeit davon ab und erlangte
seine Selbständigkeit zum
Teil auch durch die Einführung der mehr rhythmischen als tonischen
Instrumente,
wie
Trommel, Pauke
u. dgl. In der
Musik giebt es zwei
Arten von Rhythmen: den planen Rhythmus oder die
Mensur, d. h. die
musikalische
Zeitmessung, wie sie in den
Takten und ihren
Teilen zur Anwendung kommt;
dann den kunstvoll gegliederten Rhythmus, der über
die
Takte hinausgreift und sich nicht nach dem Taktmaß, sondern nach der innern Natur der
musikalischen
Gedanken bildet.
Die Melodie ist die Lebensader ¶
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der
Musik; ohne ihre Bewegung tritt Monotonie und Stillstand ein; sie kann entweder deutlich hervortreten oder mehr im Verborgenen
wirkend, den harmonischen Massen innewohnen. Zu der Melodie gehören die Tonarten, als die Ur-, Schul- und Hilfsmelodien, die
sich im Durchgang durch die sog. acht Kirchentöne zu den modernen zwei Tonarten Dur und Moll entwickelt
und vereinfacht haben. Während Rhythmus und Melodie an sich für die Lehre
[* 4] nicht sehr ergiebig sind, nimmt die Unterweisung
in allen Regeln und Künsten der Harmonie die Musiklehre fast ausschließlich in Anspruch. Hier sind zu behandeln: A. Die einfache
oder unentwickelte Harmonik, gewöhnlich Generalbaß (s. d.) genannt. B. Die entwickelte Harmonik oder der
Kontrapunkt (s. d.). C. Die Formenlehre, die das ganze Gebiet der künstlerischen
Gestaltung umfaßt, und in der auch alles, was die Lehre über Rhythmik und Melodik zu sagen hat, zur Anwendung kommt.
Einteilung der
Musik. Die Musik zerfällt in Vokalmusik, die von der menschlichen Stimme erzeugte, und Instrumentalmusik,
die mit Tonwerkzeugen oder Instrumenten hervorgebrachte; die Vokalmusik nimmt als die geistig bedeutendere, innerlichere und
die frühesten und wichtigsten Kunstnormen abgebende Gattung den ersten Platz ein. Die Instrumentalmusik dagegen übertrifft
den Gesang weit an Vielseitigkeit, Umfang des Tongebietes, Mannigfaltigkeit der Farben und an Stärke
[* 5] des Tons.
Beide sind im stande, mit ihren eigenen Mitteln große Werke zu schaffen, aber sie leisten das Höchste,
wenn sie zusammenwirken. Eine Unterabteilung der Vokalmusik nach dem stofflichen Inhalt ist die in geistliche und weltliche
Musik, die aber keineswegs ausreichend und seit dem 16. Jahrh. durch die Entwicklung überholt ist. An ihre
Stelle ist folgende einfache, das ganze Gebiet umfassende Teilung getreten, die jedem Zweige der Kunst sein Recht gewährt:
Kirchenmusik, Bühnenmusik, Konzertmusik.
Jede dieser drei Kunstgattungen haftet an einer bestimmten Örtlichkeit als an ihrer ausschließlichen, allein berechtigten Heimat und hat demgemäß auch einen besondern Kunststil zu vollster Selbständigkeit ausgebildet. Die Kirchenmusik (s. d.) begreift in sich den einstimmigen Ritual- und Choralgesang sowie den mehrstimmigen Chorgesang und das kirchliche Orgelspiel. Bühnen- oder Theatermusik wird gewöhnlich als dramatische Musik bezeichnet, weil sie aus dramat. Vorgängen ihre Anregung empfängt und dieselben zu heben und zu verstärken bestimmt ist.
Den Mittelpunkt dieser Gattung bildet die Oper (s. d.). Singspiel, Operette, Melodrama, Ballett sind Nebenarten, bei denen die Musik weniger hervortritt. Die Konzertmusik hat sich von den drei Gattungen zuletzt eine berechtigte selbständige Stellung errungen; erst sie ermöglicht die Ausgestaltung,Vollendung und Reinheit der Musik, deren volle Wirkung in der Kirche und auf der Bühne durch die liturgischen und scenischen Vorgänge beeinträchtigt wird. So entwickelt sich der Chorgesang erst im Bereich der Konzertmusik in seiner vollen Pracht und Größe, da in der kirchlichen Musik die Instrumente, in der theatralischen die Singstimmen nicht völlig zur Geltung gebracht werden können.
Eine ähnliche Begünstigung erfährt der begleitete Sologesang; denn obwohl ihm diejenigen Wirkungen abgehen, die aus einer Verbindung mit Aktion und Kostüm [* 6] entstehen, bleibt doch das Konzert die Pflegestätte und eigentliche Heimat alles im großen Stil, in breiten Formen gehaltenen Gesangs. Zu der Konzertmusik ist auch das Kleine Konzert oder die Haus- und Kammermusik (s. d.) zu rechnen, die Heimstätte der Instrumentalmusik sowie des geselligen Gesangs. Unter Hinzunahme dieses Gebietes umfaßt die Ausbildung, die namentlich die gesamte Instrumentalmusik durch das Konzert erhalten hat, alle Zweige, von den Sätzen für einzelne Instrumente aufsteigend zu der vollkommensten, vielstimmigsten und vielgestaltigsten Form der Instrumentalmusik, der Sinfonie (s. d.). Die Vereinigung beider Hauptkräfte der Tonkunst, der vokalen und instrumentalen, erzeugt auf diesem Felde als größtes und vollkommenstes Werk das Oratorium (s. d.). Wie die Oper hat auch das Oratorium einige kleinere Formen neben sich in Kantaten, Pastoralen, Oden u. s. w.; einige andere stehen auf der Grenze zwischen Kirchenmusik und Konzert, wie die Passionen und Kantaten.
Neuere Ästhetiker unterscheiden noch absolute Musik, diejenige Art von Instrumentalmusik, deren geistiger Inhalt sich nicht bestimmt bezeichnen läßt, und Programmmusik, diejenige Art der Instrumentalmusik, die bestimmte Vorgänge darstellen will.
Geschichte der Musik. Bei den Griechen gelangte neben den übrigen Künsten auch die Musik zuerst als Kunst zum Bewußtsein. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, daß sie namhafte Tonwerke hinterlassen hätten, sondern darin, daß sie auch für diese Kunst den allein richtigen Weg betreten, den wahren Grund zu ihrer noch höhern Vollendung gelegt haben. (S. Griechische Musik.) Im Mittelalter vereinigte der christl. Kultus alle musikalischen Richtungen der bekehrten Völker. Es entstanden die sog. Kirchentöne (s. d.), die den kirchlichen und allmählich auch den außerkirchlichcn Gesang der verschiedenen Völker beherrschten.
Für diese Epoche ist die Musik einzuteilen in kirchliche und außerkirchliche, wobei aber nicht der Gegensatz des Geistlichen und Weltlichen, sondern der des Universalen und Nationalen zu Grunde liegt. Die eigentlich musikalischen Länder waren damals Italien, [* 7] England und das Reich Karls d. Gr., der diese Kunst bevorzugte und förderte. In den beiden Jahrhunderten nach ihm blühte die Musik namentlich im Kloster zu St. Gallen. Das kanonische Buch für den Kirchengesang war die durch Gregor d. Gr. veranstaltete Melodiensammlung, die sich bald in Mittel- und Westeuropa verbreitete und in Guido von Arezzo (s. d.) einen Dolmetscher fand.
Unmittelbar nach Guido, im Zeitalter der Kreuzzüge, verbreitete sich eine neue Kunst, deren Anfänge dunkel sind: die Harmonie oder Mehrstimmigkeit und der darauf gegründete Kontrapunkt. Zu gleicher Zeit und zum Teil Hand [* 8] in Hand damit gelangte fast in allen Ländern Europas der Liedergesang zu neuer Blüte [* 9] und gestaltete sich zu Nationalmelodien, die sich zum Teil in der mehrstimmigen Musik, zum Teil unmittelbar im Volksgesang bis auf unsere Zeit erhalten haben. Von der Kirche wurde der mehrstimmige Gesang anfangs ungern geduldet. Als er aber in England, Nordfrankreich, den Niederlanden und Deutschland [* 10] sich mit jedem Jahrzehnt glänzender entwickelte, wurde die päpstl. Kapelle in Avignon und Rom [* 11] bald sein Hauptsitz, ein Sammelplatz der größten Meister aller Länder als Sänger, Kapellmeister und Tonsetzer. Zuerst waren die Engländer in dieser Kunst tonangebend, aber in der letzten Hälfte des 15. Jahrh. gewannen die Niederländer die Oberhand; in Rom rivalisierten mit ¶
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ihnen die Spanier. Dann aber erhob sich Italien selbst in Palestrina und brachte den mehrstimmigen Kirchengesang zur Vollendung, im Wetteifer mit zahlreichen großen Meistern, unter denen Orlandus Lassus besonders hervorragt. In dieser ganzen Zeit war der Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Musik der treibende Faktor. Das Weltliche wurde endlich durch das Kirchliche besiegt, zuerst in der Umwandlung des weltlichen Gesangs in Choralmelodien durch die Reformatoren und sodann in der Vollendung des kirchlichen Chorgesangs durch Palestrina und seine Zeitgenossen.
Zu Palestrinas Zeit wurde der mehrstimmige Gesang auch im weltlichen Liede mit einer gewissen Einseitigkeit gepflegt. Dem entgegen tauchten Bestrebungen auf, welche die Wiedererweckung des Einzelgesangs in altgriech. Art und Wirkung bezweckten und schon um 1600 so tiefe Wurzeln gefaßt hatten, daß in Florenz [* 13] die ersten Opern («Dafne» und «Euridice» von Peri) und in Rom das erste Oratorium («L'anima e corpo» von E. del Cavaliere) aufgeführt werden konnten. Hiermit waren die beiden größten Formen der Tonkunst ins Leben gerufen und auf die Bahn der Entwicklung gestellt, die sie in unaufhaltsamem, durch eine unendliche Fülle von Werken bezeichnetem Lauf in kaum zwei Jahrhunderten bis zum Ziel hin zurücklegten, und zwar besonders seit 1637, als das erste ständige Operntheater in Venedig [* 14] errichtet wurde und Carissimi in Rom zur selben Zeit die eigentlichen musikalischen Grundlagen des Oratoriums und der Konzertmusik legte.
Die Höhepunkte bilden Händel im Oratorium und Mozart in der Oper, zwei Deutsche, [* 15] deren Werk aber nicht möglich war und nicht verstanden werden kann ohne das, was ihre Vorgänger unter Beteiligung der Hauptnationen Europas geleistet haben. Die gesamte in ihrer modernen Richtung vom Beginn des 17. Jahrh. an wurde zunächst fast ausschließlich gepflegt von ihren Schöpfern, den Italienern. Der Hauptort im17. Jahrh. für die Oper war Venedig, wo Monteverdi den Grund gelegt hatte und Cavalli weiter baute, der für das Oratorium Rom. Im 18. Jahrh. gewann Neapel [* 16] den Vorrang, hauptsächlich infolge der Wirksamkeit des fruchtbaren Alessandro Scarlatti. Auch in der Instrumentalmusik wurde Italien tonangebend durch den Organisten Frescobaldi, den Violinisten Corelli und viele andere. Ital. Oper, Gesangskunst, Instrumentenbau und Instrumentenspiel verbreiteten sich jetzt über alle Länder, namentlich über das prot. Mittel- und Norddeutschland, England, Frankreich und Österreich [* 17] mit Süddeutschland.
Das prot. Nord- und Mitteldeutschland, das um die Mitte des 17. Jahrh. in Heinrich Schütz einen angesehenen Meister hervorgebracht hatte, fand seit1678 einen musikalischen Mittelpunkt in der Hamburger Oper, an der Reinhard Keiser, Mattheson, Telemann und andere bedeutende Musiker wirkten.
Selbständig entwickelte sich das Orgel- und Klavierspiel durch viele gediegene Meister und fand seinen Höhepunkt in J. S. Bach, der direkt und durch die Wirksamkeit seiner Söhne und Schüler auf die folgende Entwicklung einen bedeutenden Einfluß ausgeübt hat. Auch die Vokalmusik der deutschen evang. Kirche dieser Zeit weist eine Reihe großer Werke auf; nur haben diese durch Anlehnung an die Formen der Oper sich dem Kultus oder der Kirche entfremdet, ohne zu der rein kunstmäßigen Abgeschlossenheit des Oratoriums durchzudringen. Einen ähnlichen Mangel hat die deutsche Oper dieser Periode; um die Mitte des 18. Jahrh., zur Blütezeit Hasses und Grauns, wurde sie überall in ital. Sprache gesungen.
Ebenso großen Einfluß hatten die Italiener in England, wo die engl. Oper unter Purcell und andern nationalen Komponisten auf die Dauer sich nicht als lebensfähig erwies, aber später die zum größten Teil aus Volksliedern zusammengesetzte Balladenoper (Ballad-opera) hervorbrachte, durch deren Anregung das deutsche Sing- oder Liederspiel entstand. Die ital. Oper beschränkte sich hier auf London, [* 18] und in ihrer glänzendsten Zeit (1710-40) sind ihre Schicksale eng verflochten mit dem Leben Händels, der durch sie den Weg nahm zum Oratorium, das er aus der unvollkommenen Gestalt seiner Vorgänger plötzlich zur Vollendung erhob.
Die wertvollsten Eigentümlichkeiten der englischen Musik, die Kraft [* 19] des Accents, vollwichtige Melodie und der rein musikalische (aber nicht dramat.-theatralische) Sinn, sind in Händels Musik mit deutscher Tiefe und ital. Formfülle vereinigt. Frankreich war das einzige Land, das die ital. Oper nachzuahmen wußte, ohne ihr Sklave zu werden, nämlich durch völlige Einbürgerung. Ein Ausländer, der Italiener Lully, wurde der Gründer der franz. Oper. Was er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. gestaltet hatte, baute Rameau in der Mitte des 18. weiter aus und vollendete der Deutsche Gluck einige Jahrzehnte später.
Die französische Musik hat eine stark ausgeprägte Eigentümlichkeit, und wenn auch in der rhetorischen Neigung der Sprache und in der Gewandtheit der dramat.-theatralischen Aktion der italienischen verwandt, ist sie doch in allen wesentlichen Punkten ihr wahrer Gegensatz. Accent und Rhythmus sind im Französischen heftig, bestimmt und leicht, nicht im Tonstrom verschwimmend, wie im Italienischen, die melodischen Formen sind kurz und knapp, die harmonisch-kontrapunktischen im Vergleich zu den italienischen und deutschen unentwickelt, das Ganze mehr auf das Charakteristische als auf das Schöne gerichtet. Daher ist die französische Musik vorzüglich für die Bühne geeignet; in den rein musikalischen Arten, den oratorischen und instrumentalen, ist sie von geringer Bedeutung.
In Österreich (Wien) [* 20] und Süddeutschland bürgerten sich Oper und Oratorium früh ein, hielten sich aber in den Grenzen [* 21] der ital. Sprache und Musikformen. Eine Erweiterung des überkommenen wurde dagegen auf dem Felde der Instrumentalmusik geschaffen, auf dem sich hier und in Süddeutschland bis an den Rhein hin ein durchaus freier Geist immer mehr geltend machte, der zuerst in Joseph Haydn zu wahrer Kunstgröße gelangte. Glucks glänzende Versuche an der Italienischen Oper in Wien leiteten auf die herrlichen Schöpfungen Mozarts, die das von Gluck Erstrebte musikalisch vertieften, das von Haydn Erreichte weiter führten, die ital. Oper (die mit komischen Elementen gemischt war) vollendeten und durch Vollendung überwanden, womit zugleich der deutschen Oper eine neue Bahn gebrochen wurde. Der Geist dieser Epoche fand in Beethovens Instrumentalmusik seinen höchsten Ausdruck.
Die Musik der neuesten Zeit hat wesentlich an Ausdrucksmitteln gewonnen, teils durch hervorragende Fortschritte im Instrumentenbau, teils durch die auf dem Begriff des Programms beruhende gesteigerte Erfindung bedeutender Komponisten. Zu diesen zählen in erster Reihe der Franzose Berlioz, der Ungar Liszt und der Deutsche Rich. Wagner, der den deklamatorischen Stil in ungeahnter Weise ausbildete ¶