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Wer hat nicht schon insgeheim davon geträumt, einen eigenen Staat auszurufen und seine eigenen Gesetze zu erlassen? Nicht wenige haben das schon getan: Rund um den Globus gibt es eine Vielzahl von Fantasiestaaten. Diese Mikrostaaten – manche sind nur so gross wie eine Wohnung oder kommen ganz ohne Territorium aus – sind international nicht anerkannt; man sollte sie nicht mit souveränen Zwergstaaten wie Monaco oder dem Vatikanstaat verwechseln.
Das Bergdorf Seborga liegt in der italienischen Provinz Imperia hoch über der ligurischen Blumenriviera und lebt vornehmlich von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Für letzteren dürfte es ganz vorteilhaft sein, dass sich das mittelalterliche Städtchen 1993 zum Fürstentum Seborga proklamierte.
Der Blumenhändler Giorgio Carbone hatte mit Freunden schon seit den Sechzigerjahren versucht, den historischen Nachweis zu erbringen, dass Seborga völkerrechtlich nie zum italienischen Staat gehörte. Dieser ignorierte die separatistischen Bemühungen Seborgas gekonnt und liess Carbone gewähren, als der sich als Giorgio I. zum «Principe di Seborga» ernannte. Seit seinem Hinschied 2009 amtet Marcello Menegatto als Principe. Das Fürstentum hat sogar eine ehemalige Münze wiederbelebt: Der «Luigino» gilt jedoch nur in den Geschäften Seborgas als Zahlungsmittel.
Als Litauen unabhängig wurde, war Užupis, am Rand der Altstadt von Vilnius gelegen, ein eher armes Quartier. Mit der Zeit entwickelte es sich zum Künstlerquartier und Szeneviertel, aus dem die ärmeren Leute allmählich verdrängt wurden. 1998 riefen einige Bewohner als Kunstaktion die Republik Užupis («Uzupio Res Publika») aus, die über eine eigene Flagge und Währung verfügt. Die Unabhängigkeit wird alljährlich am 1. April gefeiert.
Zudem gibt es eine Verfassung, deren Artikel auf einer Bronzetafel am Parlamentsgebäude – es ist ein Café – angebracht sind. Die erste dieser Grundregeln lautet: «Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbei zu fliessen.» Jeder hat zudem das Recht, glücklich zu sein – aber auch das Recht, unglücklich zu sein.
Užupis hatte zunächst eine eigene Armee, die aus zwölf Soldaten bestand. Da jedoch niemand Angst vor ihr hatte und sich die Republik ohnehin zu einem völligen Gewaltverzicht verpflichtet hat, wurde sie mittlerweile wieder aufgelöst.
Am Anfang von Liberland steht eine Flusskorrektur. Nachdem die Donau Ungarn verlässt und nach Süden fliesst, bildet sie die Grenze zwischen Kroatien und Serbien. Einst war ihr Lauf dort von Mäandern geprägt, doch dieser kurvenreiche Verlauf wurde stark begradigt. Da Kroatien den alten Flusslauf als Grenze betrachtet, Serbien hingegen die begradigte Linie, sind mehrere kleinere Gebietstaschen entstanden, die von keinem der beiden Staaten beansprucht werden und ein Niemandsland bilden. In der grössten davon hat der libertäre tschechische Politiker Vít Jedlička die Freie Republik Liberland (tschechisch: Svobodná Republika Liberland) ausgerufen und sich zu deren Präsidenten ernannt.
Wäre Liberland ein richtiger Staat, es wäre ein feuchter libertärer Traum. Steuern werden grundsätzlich nicht erhoben; Waffenbesitz ist für alle legal und jeder darf Marihuana rauchen. Weder Bildungs- noch Gesundheitswesen sind vorgesehen, dafür soll es Referenden wie in der Schweiz geben. Als Zahlungsmittel sollen Bitcoins dienen. Die Staatsbürgerschaft – die 10'000 US-Dollar in Bitcoin kostet – kann über eine Website beantragt werden. Unter den bisher angeblich hunderttausenden von Interessenten soll allerdings eine Auswahl stattfinden; nur etwa 5000 sollen sie erhalten. «Extremisten» sind ausdrücklich davon ausgeschlossen. Noch aber wohnt niemand auf der sumpfigen Donau-Halbinsel.
1971 baute der Künstler Edwin Lipburger im niederösterreichischen Katzelsdorf ein Kugelhaus – ohne Baugenehmigung. Die war gemäss Lipburger auch gar nicht notwendig, denn seine «nur vorübergehend stabilisierte Kugel» sei ein «positiv konstant gekrümmter, zweidimensionaler Raum und daher kein Begriff im Sinne der Niederösterreichischen Bauordnung». 1976 rief der Künstler seine Kugel zur «Republik Kugelmugel» aus, die freilich nie offiziell anerkannt wurde. Er selbst beförderte sich zum «Generalvolksanwalt und Präsidenten» des Scheinstaats.
1982 zogen das Kugelhaus und damit auch die Republik Kugelmugel nach Wien um, wo sie im Prater angesiedelt wurden. Dort steht das Haus, von Stacheldraht eingezäunt, auf dem von Lipburger so benannten «Antifaschismusplatz». Da der Staatsgründer sich weigerte, Steuern an den österreichischen Staat zu zahlen und auch eigene Briefmarken herausgab, wurde er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und musste zehn Wochen absitzen, bis er – vom echten Präsidenten – begnadigt wurde. Lipburger starb 2015, doch sein Sohn Nikolaus führt sein Werk weiter. Im Kugelhaus, das eine Touristenattraktion geworden ist, finden regelmässig Kunstveranstaltungen statt.
Unweit der Schweizer Grenze, in der Franche-Comté, liegt die Freie Republik Saugeais. Für einen Mikrostaat ist die Republik ziemlich gross: Sie besteht aus 11 Gemeinden und erstreckt sich über fast 130 km2. Ihre Gründung verdankt sie einem Scherz des damaligen Präfekten des französischen Departements Doubs, der den Gastwirt Georges Pourchet beim Mittagessen zum Präsidenten der Republik ernannte. Dessen Nachfolge trat zunächst seine Witwe, später die Tochter an, die heute noch «regiert».
Die «République libre du Saugeais» hegt keine separatistischen Absichten und erhebt keine Steuern oder Zölle. Finanz- und Gerichtshoheit liegen bei Frankreich, das auch die polizeilichen Aufgaben wahrnimmt. Es gibt auch keine eigene Währung, allerdings wurde 1997 eine inoffizielle Banknote zum 25. Amtsjubiläum der damaligen Präsidentin Gabrielle Pourchet entworfen.
Wer «Alcatraz» hört, denkt sofort an die berüchtigte Gefängnisinsel bei San Francisco. Doch in Italien gibt es ebenfalls ein Alcatraz – eine Freie Republik mit eigener Währung und eigenen Briefmarken. Dieses abgelegene autonome Öko-Dorf in der umbrischen Provinz Perugia geht auf eine sogenannte «süsse Revolution» zurück, als die Einwohner 1981 die «Libera Università di Alcatraz» gründeten. Der Ort lebt von nachhaltigem Tourismus und ist autark. Brunnenwasser wird gefiltert, eigenes Gemüse und Obst angepflanzt, Abfall getrennt und reduziert.
2009, in der Regierungszeit von Silvio Berlusconi, sagte sich Alcatraz als Freie Republik von Italien los. Jacopo Fo – Künstler, Sohn des Literatur-Nobelpreisträgers Dario Fo und Präsident der Mikro-Nation – hatte schon Jahre zuvor das Gelände aufgekauft, um die Abholzung der Bäume zu verhindern. Fo tat dies nicht allein, sondern gemeinsam mit Freunden – getreu dem Grundsatz «Einigkeit macht stark, Alleinsein ist langweilig», der in den Statuten der Freien Republik Alcatraz steht. 2015 beherbergte Alcatraz die dritte Internationale Konferenz der Mikronationen, bei der sich Staatsoberhäupter von Scheinstaaten aus aller Welt ein Stelldichein gaben.
1970 hatte Leonard Casley genug. Der australische Farmer war der Meinung, die von den Behörden des Bundesstaates Westaustralien verhängten Produktionsquoten für Weizen seien viel zu niedrig. Aus Protest gründete er einen eigenen Staat, das Fürstentum Hutt River (engl. «Principality of Hutt River»), und verlieh sich selbst den Titel «Seine Majestät, Prinz Leonard I. von Hutt». Konsequenterweise hörte er auch auf, Steuern an den australischen Fiskus abzuführen. 1977 wurde er deshalb bestraft, worauf er Australien den Krieg erklärte, wenige Tage später aber die Einstellung der Feindseligkeiten erklärte.
Das Scheinfürstentum im äussersten Westen Australiens wird von den australischen Behörden formell nicht anerkannt. Es lebt vom Getreideanbau, aber auch vom Tourismus – Hutt River, das eine eigene Währung, ein Postamt und auch eine Kirche besitzt, wird von Touristen aus aller Welt besucht. Neben den auf dem Gebiet selbst wohnenden Staatsangehörigen besitzen weitere 14'000 Personen die Staatsbürgerschaft, darunter zahlreiche Aborigines. Diese exterritorialen «Untertanen» dürfen allerdings nicht auf dem Gebiet von Hutt River siedeln. 2017 dankte Leonard I. im Alter von 92 Jahren ab; sein jüngster Sohn Graeme folgte ihm auf den Thron. Der Ex-Fürst starb 2019.
Ladonien verdankt seine Existenz einem Rechtsstreit. Der Künstler Lars Vilks – später international bekannt geworden, weil ein Kopfgeld wegen Mohammed-Zeichnungen auf ihn ausgesetzt wurde – hatte im südschwedischen Naturschutzgebiet Kullaberg ohne Genehmigung zwei Skulpturen aus Treibholz und Stein gebaut. Die Behörden verlangten deren Entfernung. Vilks rief 1996 nach jahrelangem juristischem Hickhack die «Königliche Republik Ladonien» aus, deren Gebiet sich im Naturschutzgebiet befindet. Ladonien beabsichtigt, langfristig sein Territorium auszudehnen, damit die mittlerweile knapp 22'900 Staatsbürger tatsächlich im Land selbst wohnen können – derzeit wohnt keiner von ihnen auf dem Staatsgebiet.
Die Staatsbürgerschaft kann online beantragt werden und ist kostenlos. Dies ist nicht unproblematisch: Im Jahr 2002 beantragten etwa 3000 pakistanische Flüchtlinge die Staatsbürgerschaft – angelockt vom Versprechen auf Freiheit und vermutlich ohne zu wissen, dass es sich um einen Scheinstaat handelt. Ladonien erhebt keine Geld-Steuern, die Abgaben können in Form von Kreativität entrichtet werden. Adelstitel kosten 12 Örtug (12 Euro) – das ist die Währung des Landes. Die Republik – ihr Name bezieht sich auf den Drachen Ladon in der griechischen Mythologie – hat auch eine nationale Sprache. Sie hat nur zwei Wörter: «waaaall» und «ÿp».
Auch die Mikronation Whangamomona entstand, wie so mancher Scheinstaat, als Protestaktion. Als die neuseeländischen Behörden eine Gebietsreform durchführen wollten, die das im Westen der Nordinsel gelegene Gemeinwesen auf zwei verschiedene Bezirke verteilen sollte, riefen 20 Einwohner mit Unterstützung aus dem Umland eine unabhängige Republik aus. Zentrum der Rebellion ist das 1984 eröffnete Hotel. Dem Unternehmen war insofern kein Erfolg beschieden, als die Behörden die Gebietsreform gleichwohl durchzogen. Seither feiert man jedoch in dem kleinen Ort alle zwei Jahre den «Whangamomona Republic Day» – 2019 bereits zum 30. Mal.
Das Volksfest in dem winzigen Nest lockt mittlerweile mehrere tausend Besucher an. Vor Ort kann man für 3.50 Neuseeländische Dollar einen Pass erstehen, der zur Einreise am Unabhängigkeitstag berechtigt. Allerdings muss man sich dafür zu den politischen Forderungen der Republik bekennen. Am Volksfest wird zugleich der Präsident gewählt. Lange Jahre war ein Ziege im Amt, die – wie jeweils kolportiert wurde – deshalb gewählt wurde, weil sie Stimmzettel anderer Kandidaten gefressen hatte. 2019 wurde jedoch Amtsinhaber John Herlihy erneut gewählt, mit lediglich fünf Stimmen Vorsprung. Er setzte sich unter anderem gegen Eunice, das Schaf, und einen Teddybären durch. Das Schaf verschwand kurz vor dem Fest, an dem übrigens Sandwiches mit Schaffleisch vom Grill serviert wurden. Der Teddybär wurde von der Wahl ausgeschlossen, weil er nicht nachweisen konnte, das er lebendig war. Herlihy wird bis zum nächsten Republic Day im Januar 2021 amtieren.
Christiania ist einer der ältesten Mikrostaaten – und der vielleicht bekannteste. Die Freistadt entstand 1971 unter der Führung des Journalisten Jacob Ludvigsen als alternative Siedlung auf einem alten Kasernengelände mitten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Neben dem Bedürfnis, die Wohnungsnot zu lindern, spielten auch utopische Ideen eine Rolle – Christiania versteht sich als eine selbstregierte Gesellschaft, die überdies ökonomisch selbsttragend sein soll. Es gibt keine Mieten und keinen Hausbesitz, Werbung auf den Strassen ist verboten. Der dänische Staat versuchte zuerst, Christiania zu räumen, doch dies erwies sich als nahezu unmöglich. Die Freistadt wurde dann als «soziales Experiment» geduldet und ist seit 2011 als autonome Kommune anerkannt. Sie hat eine eigene Währung; ein LØN (Lohn) entspricht 50 Dänischen Kronen (ca. 7 Fr.).
Christiania hat keine Polizei und nur wenige Gesetze. Weiche Drogen wie Cannabis werden toleriert. In der Vergangenheit stellte der Drogenhandel freilich ein ernsthaftes Problem für die Gemeinschaft dar – Drogenbanden übernahmen die Kontrolle über die berüchtigte Pusher Street, und es kam mehrmals zu Schiessereien. Der letzte solche Vorfall ereignete sich 2016, danach griffen die Bewohner durch und versuchten, die Drogenhändler zu vertreiben. Die letzten Stände wurden 2018 entfernt. Heute präsentiert sich das Gelände als grüne Wohnumgebung für Familien, Künstler und Freidenker, die zugleich eine wichtige Touristenattraktion darstellt.