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Nach seiner Ausbildung zum Fotografen in Bern in einem Atelier für Werbe- und Frisurenfotografie und einer Weiterbildung in Porträt- und Architekturfotografie im zürcherischen Wetzikon kam Markus Hässig 1979 zu Comet. Als Cheffotograf eines Fotogeschäfts hatte er damals eine sehr gute Position. Sein Kollege Patrick Lüthy, der bereits bei Comet war, fragte ihn, ob er auch kommen wolle. Die Stelle bei Comet reizte Hässig, weil er als Pressefotograf näher am Geschehen sein konnte.
Patrick Lüthy: Markus Hässig und Fotolaborantin Vreni Gügi in einer gestellten Aufnahme, 07.12.1982 (Com_L31-0493-0002-0001)
Die Agentur Comet der 80er Jahre bestand aus “Gruppen”. Da waren einerseits die “Urgesteine” Jules Vogt und Hans Krebs, dann die jüngeren Kollegen Christian Lanz, Rudolf Steiner und Rolf Neeser. Markus Hässig arbeitete oft mit Patrick Lüthy zusammen. Dann gab es die “Chefetage” mit Björn Erik Lindroos und Max A. Wyss, von der man nicht genau wusste, was dort vor sich ging. Die Fotografen konzentrierten sich in erster Linie auf ihre Arbeit, und das bedeutete bei Comet, das aktuelle Geschehen festzuhalten. Markus Hässig erinnert sich, dass Lindroos ihm ab und zu einen Zettel zusteckte, auf dem stand, wo er sich frühmorgens einzufinden hatte. Meist handelte es sich um Polizeieinsätze gegen die Drogenszene oder Hausbesetzungen.
Markus J. Hässig: Häuserräumung am Stauffacher, Januar 1984 (Com_L33-0101-0002-0006)
Markus J. Hässig: Häuserräumung am Stauffacher, Januar 1984 (Com_L33-0101-0002-0009)
Zur Stimmung bei Comet sagt Markus Hässig:
Ob beim Beschriften von Fotos, beim Studieren neuer Aufträge oder beim Warten auf die Pause, der Fotograf Jules Vogt gab bei Comet den Ton an. Er interessierte sich für vieles und sagte seine Meinung laut und energisch, so dass man ihn manchmal schon draussen hörte, bevor man zur Tür hereinkam. Auch wenn neue Fotografen ihre Arbeit aufnahmen, “kümmerte” er sich um sie, sagte ihnen, was sie zu tun hatten und gab ihnen aus seiner Sicht wichtige Ratschläge. Die Fotografen nahmen das unterschiedlich auf, manche freuten sich, andere mochten die “veralteten” Ratschläge nicht. Ich würde sagen, in dieser Zeit kam man um Jules Vogt nicht herum. Wenn Jules mit Hans Krebs in ein Restaurant (besser “Beiz”) ging, sagten sie mir ab und zu, ich solle mitkommen. Auch hier war Jules der wortgewaltige Erzähler und Krebs eher der zurückhaltende, zuhörende Kollege.
Jules Vogt: Schweizerische Bankgesellschaft (SBG): Vertragsunterzeichnung am Hauptsitz, 14.03.1978 (Com_M27-0026-0005-0002)
Weiter berichtet Markus Hässig:
Bei Comet war ich in erster Linie ein Fotograf, der sich in jeder Situation zurechtfand. Die Chefs Max A. Wyss und Björn Erik Lindroos, die meistens die Aufträge vergaben, konnten mir fast alles zum Fotografieren geben. Das konnten Drogenbilder sein, Jugendunruhen, Polizeieinsätze, Aufträge für Banken, Versicherungen und etablierte Firmen. Zum Beispiel durfte ich bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft oder beim Bankverein bei vielen Vertragsunterzeichnungen dabei sein. Es waren wichtige Verträge, die nur von den obersten Bankmanagern, meist Japanern, unterschrieben wurden. Die Bankiers verlangten, dass der Fotograf gut gekleidet (mit Krawatte) und diskret war. Das war für mich kein Problem, ich konnte mich gut anpassen.
Hello, Highness
Markus Hässig: Zürich, Zunfthaus zur Saffran, Prinz Philip, Duke of Edinburgh, 7.10.1983 (Com_L32-0371-0001-0001)
Am 7.10.1983 kam Prinz Philip nach Zürich. Markus Hässig war als Fotograf dabei:
Ich bemerkte, dass viele der Wartenden sehr aufgeregt waren. Man wurde instruiert, wie man ihn anreden solle, wenn er zu einem käme. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich glaube, es war so etwas wie “Ihre Hoheit”. Ausserdem wurde meine Fototasche nach Sprengstoff oder Waffen durchsucht, was ich noch nie erlebt hatte. Als dann der Prinz kam, war ich sehr erstaunt, wie höflich und lächelnd er war. Und dann, nachdem er alle Anwesenden begrüsst hatte, kam er direkt auf mich zu und reichte mir tatsächlich die Hand. Ich war so erstaunt, dass ich ihm die Hand schüttelte und so etwas wie “Hello, Highness” sagte und natürlich vor Ehrfurcht den Kopf neigte.
Neue und alte Technologien
Was neue Technologien anbelangt, hatte es Björn Erik Lindroos nicht allzu eilig. Wie sich Markus Hässig erinnert, bildeten die ersten Mobiltelefone eine Ausnahme …
In den 1980er Jahren kam das Natel auf. Es war ein schweres, tragbares Telefon, das mehrere Kilo wog, mit einer Batterie als separatem Teil. Der Empfang war nur an wenigen Orten möglich und schlecht. Aber der Chef, Lindroos, hatte seine helle Freude daran. Eines Morgens rief er mich ins Büro und übergab mir alles mit den Worten: “Fahren Sie etwas höher, vielleicht Richtung Uetliberg, und dann versuchen Sie, mich anzurufen, ich habe dort einen wichtigen Auftrag”. Ich machte mich auf den Weg, irgendwo war Empfang und rief den Chef an. Der freute sich sehr, wollte wissen, wo ich sei, wie gut ich ihn verstehe und meinte, wie toll so ein mobiles Telefon wäre. Ich stimmte ihm zu und fragte, was denn das Wichtige sei, das ich fotografieren sollte. Durch das Knistern des Handys konnte man Lindroos nicht so gut hören, aber ich verstand: “Sie haben soeben einen wichtigen Auftrag erfüllt, sehr gut gemacht, kommen Sie einfach zurück”.
Beatrix Lindroos: Büro von Björn Erik Lindroos, auf dem Pult neben dem Festnetztelefon das tragbare Telefon, 1979 (Com_C30-065-002-003)
Comet Photo AG: Björn Erik Lindroos im Büro, 1977 (Com_C26-139-003)
So war das mit dem “alten Lindroos”. Oft kam es auch vor, dass er durch den Vorraum zu seinem Büro ging und den Fotografen ansprach: “Herr Hässig, kommen Sie doch mal in mein Büro”. Dort zeigte er ihm dann alte Artikel, für die er fotografiert hatte, und erzählte Geschichten dazu. Nicht alles war interessant, aber der Chef wollte einfach mit jemandem über alte Zeiten plaudern.
Flugaufnahmen
Markus Hässig genoss die Tage mit den Flugaufnahmen, weil man frei und ungezwungen arbeiten konnte und oft bei den Vorbereitungen des Piloten am Flugplatz dabei war. In der Luft selbst herrschte allerdings Stress, weil mit der grossen Flugkamera fotografiert wurde. Manchmal wurde das schwere Gerät auf Wunsch von Lindroos auch am Boden eingesetzt, wie das folgende Bild zeigt.
Patrick Lüthy: Markus Hässig auf der Europabrücke in Zürich beim Fotografieren mit der Flugkamera, Juni 1981 (Com_L30-0352-0001-0002)
Markus J. Hässig: Kirche Zürich-Höngg, von der Europabrücke aus fotografiert, Juni 1981 (Com_M30-0162-0002-0006)
Hässig war mit der Qualität der Bilder zufrieden (unten links ist noch das Geländer der Europabrücke zu erkennen), wusste aber nicht, wofür sie später verwendet wurden. Er hatte nie Einblick in die Verwendung der Bilder.
Nach dem Tod von Björn Erik Lindroos am 22. Januar 1984 kippte die Stimmung bei Comet und die Mitarbeitenden machten sich zunehmend Sorgen um die Zukunft des Unternehmens. Markus Hässig erinnert sich:
Patrick wollte ins Ausland, nach Südamerika (warum, weiss ich nicht genau). Wir haben immer mal wieder über eine eigene Agentur nachgedacht. Aber Patrick wollte sich nicht festlegen, ob und wann er einsteigen wollte. Also habe ich Sinus ganz alleine gegründet, Geld, Name, Labor, Standort (Sinus, Brugg) und auch Kunden an Land gezogen. Ich wollte auf keinen Fall Kunden von Comet abwerben, das fand ich moralisch nicht vertretbar. Aber eines Tages rief mich ein Journalist der Handelszeitung an, für den ich einmal bei Comet fotografiert hatte. Er sagte, er wolle meine Art zu fotografieren und würde mir eine Chance geben. Das tat ich, und so kam der Ball ins Rollen.
Patrick Lüthy kam einige Monate nach der Gründung der Agentur Sinus zurück und fragte, ob er noch mitmachen könne. Markus Hässig willigte ein, denn er hatte bereits viel zu tun und wusste, dass sein Kollege ein sehr guter Fotograf war. Die Fotoagentur Sinus war vor allem im Kanton Aargau erfolgreich, hatte aber Kunden in der ganzen Schweiz. Da Sinus zeitweise mehrere Mitarbeiter beschäftigte, darunter auch Fotografen, und zudem einen “Medienversand” ähnlich dem “Pool” von Comet betrieb, hörte man ab und zu den Spruch: “Hey, das ist ja fast eine kleine Comet”. Markus Hässig hat das immer als Kompliment aufgefasst und Sinus gibt es heute noch.
Das Portrait basiert auf Korrespondenz und einem Telefongespräch mit Markus Hässig im Sommer 2022.
Bisher erschienen in der Reihe Die Cometen:
Geplant sind: Rudolf Steiner, Rolf Neeser, Thomas Zwyssig, Ralph Bensberg, Gary Kammerhuber, Zsolt Somorjai und weitere.