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Der Hirte zeigt auf die schwarze Wolle auf dem Bergweg - ein Zeichen, dass ein Wolf in der Region Schafe gerissen hat. Die steigende Zahl der Wölfe hat die Frage aufgeworfen, ob der Mensch und das Raubtier in der Schweiz nebeneinander leben können.
"Die Wolle ist von einem Raubvogel ausgespuckt worden, nachdem sich dieser von den Kadavern der Lämmer nährte, die der Wolf gerissen hatte", sagt Röbi Seliner. Die Bergweide auf der pittoresken Alp Usser Wiggis in der Ostschweiz war Schauplatz des jüngsten Risses.
Seliner machte die makabre Entdeckung während einer Routine-Kontrolle bei seiner Herde. "Zuerst sah ich ein Lamm, das gebissen worden war. Es fiel mir sofort auf, weil seine Ohren herunterhingen. Die Wunden glichen grossen Bissspuren. Dann fand ich ein totes Lamm und die Überreste eines angefressenen Kadavers."
Der Vorfall über dem Dorf Näfels, der zehn tote Lämmer forderte, war der erste Beweis für die Präsenz des Wolfs im Kanton Glarus seit zwei Jahrhunderten.
Tatsächlich zeichnet sich ein Sommer des Wolfs ab, wie Berichte über verschiedene Angriffe und Beobachtungen aus verschiedenen Regionen der Schweiz zeigen (Vgl. Karte) – einem Land, in dem sich seit Menschengedenken bis in die 1990er-Jahre kein Wolf mehr zeigte.
Inzwischen wurden aber in 17 von 26 Kantonen Wölfe gesichtet. In der Bündner Region Calanda hat sich vor zwei Jahren ein Wolfsrudel niedergelassen. Das erwachsene Weibchen könnte dieses Jahr zum dritten Mal Nachwuchs haben.
Der Wolf ist in der Schweiz gemäss der Berner Konvention, einem internationalen Übereinkommen über die Erhaltung wildlebender Pflanzen und Tiere sowie Ihrer natürlichen Lebensräume, geschützt. Die Konvention verpflichtet das Land, mittels Herdenschutz auf die Koexistenz von Nutztierhaltung und Wolfspräsenz hinzuwirken.
Der Schutzstatus des Wolfs war mehrmals Gegenstand von Debatten im Parlament. Seit 2004 regelt ein Wolfskonzept des Bundes, unter welchen Umständen ein Wolf zum Abschuss freigegeben werden kann.
Eine Antwort auf die Wolfspräsenz war die Schaffung einer mobilen Herdenschutz-Truppe, die durch Agridea, eine staatlich finanzierte, landwirtschaftliche Beratungsstelle, koordiniert wird. Seliner hatte diese Notfall-Hilfe angefordert. Zwei Tage nach dem Angriff befanden sich Walter Hildbrand und dessen Hunde auf der Alp, um die Herde vor dem Wolf zu schützen.
"Die Tradition, Hirtenhunde einzusetzen, ist in der Schweiz, Frankreich und Deutschland verloren gegangen, weil es keine Feinde mehr gab. Seit 1999 versuchen wir, Hunde zu züchten und einzusetzen", sagt Hildbrand gegenüber swissinfo.ch.
"Wenn ein Wolf zum ersten Mal in irgendeiner Region der Alpen Schafe reisst, sind die Bauern nicht darauf vorbereitet. Dann stehen wir ihnen mit der mobilen Herdenschutz-Gruppe während einer Alpsaison zur Verfügung", sagt er. Die alpine Sommersaison, während der die Herden auf die höher gelegenen Weiden gebracht werden, dauert von Mitte Mai bis Mitte September.
Nicht nur die Wölfe, auch die Schutzhunde kommen aus Italien. Die Maremmano-Abruzzese-Hirtenhunde werden unter Schafen aufgezogen. Sie führen ihre Schutzfunktion mit Leidenschaft aus, wie swissinfo.ch selber erfahren konnte.
Konzept Wolf
Unter den Nutztieren sind Schafe am häufigsten das Ziel von Wolfsattacken. Einige Zwischenfälle gab es auch mit Rindern und Ziegen. Die Bauern wurden für die Verluste entschädigt.
Gemäss dem Konzept Wolf, das 2004 in Kraft gesetzt und später revidiert wurde, wird eine Abschussbewilligung erst erteilt, wenn ein Wolf während vier aufeinanderfolgenden Monaten mindestens 35 oder innerhalb eines Monats mindestens 25 Schafe gerissen hat. Die Entscheide werden von einem Komitee aus Vertretern der Behörden der betroffenen Region und des Bundesamts für Umwelt (Bafu) getroffen.
Das Bafu hat im letzten Jahr ein neues Konzept, insbesondere zur Regulierung von Wolfsrudeln, vorgestellt. Aufgrund der neuen Vorkommnisse und daraus resultierender politischer Vorstösse soll die Arbeit am neuen Konzept, das im Juni in Konsultation ging, laut Innenministerin Doris Leuthard vorerst sistiert werden.Infobox Ende
Schutz
Diese kleinbäuerliche Landwirtschaft ist nicht besonders lukrativ. Die Alp Usser Wiggis ist, wie fast alle Weiden der Glarner Alpen, im Besitz der Gemeinde. Hobby-Bauer Seliner pachtet sie während des Sommers.
Eine weitere von Agridea empfohlene Schutzmassnahme sind Elektrozäune, die sich allerdings nicht für jede Situation eignen. Ausserdem sind sie für manchen Bauern unerschwinglich. "In diesem Gelände eignen sich Hunde besser. Es hat so viele Bäume und Felsen im Gelände, die sich nicht alle umzäunen lassen", sagt Hildbrand auf der Alp Usser Wiggis.
Auch der Gebirgskanton Wallis, wo einige Wölfe illegal abgeschossen wurden, hat die Schutzmassnahmen ausgeweitet.
Emotionales Thema
Die grösste Gefahr droht dem Wolf laut Ralph Manz von Kora infolge der emotionalen Diskussionen über das Thema. Die Raubtier-Forschungsstelle Kora koordiniert Forschungsprojekte, die sich mit der Ökologie der Raubtiere in der Kulturlandschaft und mit der Koexistenz von Mensch und Raubtier befassen. Gemäss dieser Organisation leben in der Schweiz rund 20 Wölfe.
"Die Leute sollten sich bewusst sein, dass sich Wölfe nicht anders verhalten als andere Wildtiere. Wir sollten uns vom Mystischen lösen", sagt Manz. "Die Wölfe in der Schweiz machen einen kleinen Teil der gesamten Alpenpopulation aus. Vom rein ökologischen Standpunkt aus betrachtet gibt es in der Schweiz Raum für 60 bis 65 Rudel oder 300 Wölfe. Aber ich bezweifle, ob dies angesichts unserer landwirtschaftlichen Ausrichtung jemals erreicht werden wird", sagt Manz.
Daniel Mettler von Agridea teilt diese Einschätzung. Gemessen an der sozialen Belastbarkeit liege die Höchstzahl niedriger.
Einige Bauern beklagen sich über eine zunehmende Belastung. "Man erwartet von uns, dass wir die Verbuschung verhindern, und man ermutigt uns, dafür die Tiere zur Sömmerung auf die Alpen zu führen. Aber es macht keinen Sinn, dass wir die Landschaft pflegen müssen und unsere Herden dem Wolf aussetzen."
Die Entdeckung eines Wolfs bei Schlieren in der Nähe der Stadt Zürich, der von einem Zug erfasst und getötet wurde, hat die Leute in Aufregung versetzt und die Vermutung entstehen lassen, dass die Raubtiere ihre Beutezüge in urbane Räume ausdehnen könnten. Aber die Experten gehen davon aus, dass sich der junge Wolf auf einer Durchwanderung befand, um sich in abgelegene Regionen zu begeben, wo die Beute ergiebiger ist.
Laut Mettler geht vom Wolf nur in den Bergen eine wirkliche Gefahr aus. "Im Sommer folgen die Raubtiere den Wildtieren in höhere Zonen, wo sie auf die Schafherden treffen können. Anders als der Luchs hetzt der Wolf seine Beute, bevor er zugreift. Diese Art zu jagen eignet sich besser im offenen Gelände."
Es wird eng
Der grösste Teil der Schweizer Bevölkerung lebt in unteren Regionen, aber das Berggebiet, das 60 Prozent der Landesfläche ausmacht, wird für Freizeit, Tourismus und Berglandwirtschaft genutzt.
Der Wolf ist nicht das einzige Raubtier, das in der Schweiz ein Comeback feiert. Der einzige wildlebende Bär, M13, der vor drei Jahren von Italien herkommend in Graubünden auftauchte, wurde im Februar 2013 zum Abschuss freigegeben, weil er sich nicht vom Siedlungsgebiet fernhalten liess.
Die Bündner Behörden rechneten damals damit, dass weitere Tiere aus der rund 40-köpfigen Bärenpopulation des nahegelegenen Trentino, zu der auch M13 gehörte, in die Schweiz einwandern würden.
Die Voraussage hat sich inzwischen bewahrheitet. Im Mai dieses Jahres ist im Münstertal ein Bär gesichtet worden.
Wölfe und Bären werden auch in Zukunft in der Schweiz für Schlagzeilen sorgen. Laut Mettler hat dies mit der Vergangenheit und dem Unterbewusstsein der ländlichen Bevölkerung zu tun. "Volkspsychologie unterliegt den Emotionen", sagt er.
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch