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Wie die genannten Beobachtungen demonstrieren, kann an der Tatsache einer hemisphärischen Spezialisierung des menschlichen Gehirns wohl nicht gezweifelt werden. Allerdings ist zu sagen, dass man bei der Betonung der Unterschiede in der Vergangenheit gewissen Übertreibungen zum Opfer gefallen ist. Springer und Deutsch (1985) reden in diesem Zusammenhang von einer "Dichotomanie", einer Tendenz, jegliche Art von Gegensatz in Wahrnehmungs- und Denstilen mit den Differenzen zwischen den beiden Hemisphären in Verbindung zu bringen. Auch glaubte man eine Zeitlang, der linken Hemisphäre, weil dort der Sitz der Sprachfähigkeit ist, einen dominanten Status zuweisen zu müssen. Entsprechend wurde dann die rechte Hemisphäre als subdominant bezeichnet. Heute wird eine solche Dominanzthese nicht mehr vertreten, sondern es wird betont, dass das Zusammenwirken der beiden Hälften, jede mit den ihr eigenen Fähigkeiten, wesentlich ist. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass bei den meisten mentalen Vorgängen beide Hemisphären mehr oder weniger stark beteiligt sind; schliesslich sind sie unter sich ja auch durch ein grosses Bündel von Fasern (corpus callosum) verbunden.
Andererseits darf aber auch vermutet werden, dass die linke Hirnhälfte stärkeren Anteil oder besseren Zugang zum obersten Bewusstsein hat, während die rechte dafür über eine bessere Verbindung zum Unbewussten verfügt. Hier könnte ein im Hinblick auf die heutige Mensch-Umwelt-Situation wesentliches Problem liegen, das gerade durch die absichtliche und einseitige Förderung des rationalen, logischen und analytischen Denkens in unseren neuzeitlichen Schulsystemen noch eine Verschärfung erfahren hat. Jedenfalls scheint hier Pestalozzis Prinzip von "Kopf, Hand und Herz" in Vergessenheit geraten zu sein. Für ein komplettes menschliches Bewusstsein dürfte aber eine Integration der "linken" und der "rechten" Wahrnehmungs- und Denkstile vonnöten sein. Das in der 'new age'-Literatur so beliebte Gegeneinander-Ausspielen der beiden Hirnhälften mit der Forderung nach mehr Gebrauch der rechten Hemisphäre wäre also wohl so zu modifizieren, dass damit nicht ein umgekehrtes Dominanzprinzip, sondern eben eine bessere Kooperation zwischen den beiden Hälften gemeint sein sollte.