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Seit über 100 Tagen ist der Brexit vollzogen. Die Vorteile der Scheidung von der Europäischen Union sind zwar noch nicht ganz ersichtlich. Denn vorderhand muss sich Premier Boris Johnson noch mit den Nebengeräuschen und Kollateralschäden des Brexit in Nordirland und Schottland beschäftigen. Selbstbewusst hat sich Grossbritannien jedoch auf der Weltbühne zurückgemeldet.
Ende Juni ist Johnson Gastgeber des G7-Gipfels. Der Abschluss von Freihandelsverträgen mit Indien und Australien ist auf der Zielgeraden, und auch sicherheitspolitisch setzt London Zeichen. In diesen Tagen mit dem Auslaufen einer wahren Kriegsflotte.
Tonnen von Kartoffeln und Karotten und selbst eine Popcorn-Maschine seien in diesen Tagen im Kriegshafen von Portsmouth auf die «HMS Queen Elizabeth» verladen worden, melden britische Zeitungen. Wenn das grösste Kriegsschiff der königlichen Marine – mit einer Verdrängung von 70'000 Tonnen und einer Besatzung von 1600 Personen – ausläuft, wirft das buchstäblich Wellen. Rechtzeitig zum heutigen Auslaufen veröffentlichte «10 Downing Street» sogar einen kleinen martialischen PR-Film.
Unterlegt von pathetischen Klängen bezeichnet Premierminister Johnson auf dem Deck des Flugzeugträgers die «HMS Queen Elizabeth» als die Materialisierung von genialer britischer Schiffsbaukunst.
Kein profanes Seemanöver
Wenn der Flugzeugträger in See sticht, wird er von einer ganzen Flotte von Fregatten, Zerstörern und einem Atom-U-Boot begleitet. Während eines Hintergrund-Gesprächs mit Auslandskorrespondenten machte die britische Admiralität vergangene Woche klar, dass diese Fahrt weit mehr sei als ein profanes Seemanöver.
Seit dem Falkland-Krieg 1982 habe die Royal Navy nie mehr eine so grosse Seestreitmacht mobilisiert wie in diesen Tagen. Die Flotte sei die grösste Konzentration von See- und Luftstreitkräften, die Grossbritannien seit einer Generation verlasse, heisst es in London.
Provokation in Richtung China
Die «HMS Queen Elizabeth» soll im kommenden halben Jahr 26'000 Seemeilen zurücklegen und dabei 40 Länder besuchen. Darunter Indien, Südkorea, Singapur, Japan und Australien. Mit dem Aufbruch der Flotte in den Mittleren und Fernen Osten sendet die stolze, aber im Vergleich doch eher kleine Seemacht verschiedene Signale an Freund und Feind. Der maritime Aufbruch ist der Versuch, sich nach dem Brexit sicherheitspolitisch neu zu positionieren.
Ein nautischer Gruss an künftige Freihandelspartner. Eine Demonstration eines neuen Selbstbewusstseins – und spätestens beim Einlaufen ins Südchinesische Meer eine Provokation.
Und das ist durchaus gewollt: Der jüngste verteidigungspolitische Bericht Grossbritanniens bezeichnet China als «systemischen Gegner und wirtschaftlichen Konkurrenten». Chinas wachsende Macht und sein internationales Selbstbewusstsein würden vermutlich die bei Weitem wichtigsten geopolitischen Faktoren der kommenden Jahre sein. Deshalb werde Grossbritannien seine Präsenz im Indopazifik verstärken.
Moskau reagiert: «Bequemes grosses Seeziel»
Die Mission, die heute beginnt, wird vom britischen Flugzeugträger angeführt und von der Nato unterstützt. Es handelt sich dabei um den ersten operativen Einsatz des bisher grössten und mächtigsten Kriegsschiffs der Royal Navy, das im Oktober 2017 vom Stapel lief.
Der Flugzeugträger sei ein Kriegsschiff, ein Mutterschiff, ein Überwachungs- und Aufklärungsschiff und eine Visitenkarte der globalen, militärischen Schlagkraft Grossbritanniens, erklärte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace vor einigen Tagen stolz.
Zu einer leicht anderen Einschätzung kommt man offenbar in Moskau: Ein Sprecher des russischen Marine-Ministeriums bezeichnete den vier Milliarden Franken teuren Flugzeugträger unlängst lapidar als «bequemes grosses Seeziel».