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Trauer um den ehemaligen Leiter der Choralschola St. Nikolaus
Während 30 Jahren leitete Klaus Lüthi die Choralschola St.Nikolaus, welche sich der schönen Aufgabe widmet, die gregorianischen Gesänge als wesentlichen Teil der römischkatholischen Kirchenmusik lebendig weiterzuführen.
Der gregorianische Choral ist der weltweit älteste schriftlich überlieferte Liturgiegesang. Der Name geht zurück auf Papst Gregor den Grossen (590–604), der damit begonnen hatte, die mündlich überlieferten Gesänge zu sammeln und aufzuzeichnen. Er gründete zudem eine «Schola Cantorum», einen Chor für die musikalische Gestaltung der römischen Liturgie. Der Kernbestand des heute bekannten Repertoires entstand allerdings erst in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, als die Gesänge aus Rom ins Frankenreich übertragen und durch dortige musikalische Einflüsse noch einmal umgeformt wurden.
In Gedenken an Klaus Lüthi
(*24. August 1936 • † 21. Februar 2021)
Klaus Lüthi wurde im Sommer 1986 nach seiner militärischen Entlassung vom damaligen Militärdirektor Felix Rosenberg angefragt, ob er die Nachfolge von Pierre Sarbach in der Leitung der Choralschola St. Nikolaus antreten würde. Er wusste damals noch nicht, dass ihm diese Aufgabe so lange Freude und Genugtuung bereiten würde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich, als frisch gewählter Organist in Frauenfeld, Klaus Lüthi zum ersten Mal mit seiner Choralschola auf der Empore der St. Nikolauskirche antraf und mich sofort an seine Besuche als Schulinspektor in den Schulhäusern meiner Kindheit erinnerte. Auf seine zuvorkommende Art schaute er jeweils, dass der Organist während dem Gottesdienst nicht ganz arbeitslos war und ermunterte mich immer, ein fröhliches Stück zum Ausgang zu spielen, wofür ich dann den Applaus bekam, welchen eigentlich die Schola verdient hätte. Klaus Lüthi hätte sehr gut auch selbst spielen können; als stilistisch vielseitiger Musiker war er als Organist wie Pianist sehr gefragt. Doch diese rücksichtsvolle Bescheidenheit war vielleicht der zurückhaltenden
Natur des gregorianischen Chorals geschuldet.
Ich glaube, es war im Jahr 2014, als mich Klaus darauf ansprach, die Schola altershalber in neue Hände geben zu wollen. Ich konnte mir vorstellen, es zu versuchen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich zuerst ein bis zwei Jahre mitsinge und ab und zu etwas Unterricht bekomme. Durch die liebenswürdige und grosszügige Betreuung von Klaus, lernte ich die Gesänge im Repertoire der Schola zu singen und auch zu schätzen. Dank seiner langjährigen Erfahrung war es für ihn ein Leichtes, mit grosser Übersicht und Ruhe die Geheimnisse und Tücken der lateinischen Gesänge offenzulegen. Klaus Lüthi hat mir und uns gezeigt, dass der gregorianische Choral bis heute aktuell ist – jenseits der archaischen, mystischen, romantischen oder rückwärtsgewandten Vereinnahmungen. Über die Art und Weise, wie im gregorianischen Choral biblische Texte durch Melodien, Tonarten, Rhythmen und Agogik lebendig werden, kann man ein Leben lang nur staunen. Der einstimmige, unbegleitete, liturgische Gesang plustert sich nicht auf, betreibt Kunst nicht als Selbstzweck (l’art pour l’art) und kann gerade durch seine Schlichtheit kathartisch (reinigend im Sinn von befreiend) wirken. Seine Einfachheit steht im Kontrast zur Pracht, welche in unseren Kirchen zwar Augen und Ohren betört, dabei aber vielleicht weniger der Verherrlichung Gottes dienen als uns dabei helfen soll, glauben zu können.
Bis im Frühjahr 2020 durfte ich ab und zu einen Hausbesuch bei Klaus und Verena machen, um neue Ideen zu besprechen und das Repertoire aufzufrischen. Die meisten Sänger in unserer Choralschola haben ein Kloster-Gymnasium besucht, wo bis zum zweiten Vatikanischen Konzil noch regelmässig Gottesdienste in lateinischer Sprache zum Pflichtprogramm gehörten. Sie singen die einfachen Ordinariums-Gesänge (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus-Benedictus, Agnus Dei) und auch andere bekannte Klassiker wie das «Salve Regina» selbstverständlich auswendig, während der neue Chorleiter in die Noten schauen und dazu noch dirigieren muss. Nun ist Klaus nach schwerer Krankheit von uns gegangen. Wir alle werden Klaus Lüthi sehr vermissen und hoffen darauf, im Gedenken an sein bedeutendes musikalisches Wirken ein Requiem anstimmen zu dürfen, sobald die Umstände es wieder erlauben.
Emanuel Helg, Leitung Kirchenmusik