Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/676

Vor kurzem wurde im Depot des Museums für Kommunikation in Schwarzenburg bei Bern eine Videodokumentation mit drei Zeitzeugen der Zuse-Rechenmaschine M9 aufgezeichnet. Während die Geräte Z1 bis Z5 wohl bekannt sind, gibt es kaum Unterlagen zu den Modellen Z6 bis Z10.
Konrad Zuse beschreibt zwar in seinen Lebenserinnerungen die Rechenlocher, die sein Unternehmen Zuse KG für Remington Rand entwickelt hat, nennt aber die Typen nicht mit Namen. Von den Zuse-Rechenautomaten Z1 bis Z10 haben weltweit nur gerade zwei Originale überlebt, die Z4 im Deutschen Museum (München) und die M9 (Z9) im Museum für Kommunikation (Bern). Dass es in der Schweiz eine solche einzigartige Zuse-Anlage gibt, hat selbst Fachleute überrascht. Dank der Nachforschungen der ETH Zürich für die Festschrift zum 100. Geburtstag des Informatikpioniers Konrad Zuse wurde die Bedeutung dieses Rechenlochers erkannt. Erst 2011 wurden Bau- und Konstruktionsunterlagen sowie Zeichnungen der M9 aus dem Jahr 1953 näher untersucht. Neu sind auch Angaben zur bisher unbekannten M10 sowie wieder entdeckte Dokumente zur M9, u.a. eine Diplomarbeit von Ernst Inauen, in der ein geschicktes Verfahren für das abgekürzte Rechnen (dank Verschlüsselung von Binärzahlen mit 3) beschrieben wird.
Zuses Rechenanlagen Z1 bis Z5 waren Einzelanfertigungen. Die Z1 bis Z3 wurden im Krieg zerstört, die Z4 stand von 1950 bis 1955 an der ETH Zürich. Sie befindet sich heute im Deutschen Museum in München. Die Z5 wurde für die Firma Leitz in Wetzlar gebaut und später verschrottet. Die Z6 wurde nie verwirklicht. Die Beziehungen zwischen den Modellen Z7, Z8 und M9 sind unklar. Es gab mehrere Entwicklungsstufen (mechanische Rechenlocher für die amerikanische Remington Rand, eine M9 mit jeweils vier einschiebbaren Relaisrahmen für technische Anwendungen, eine M9 mit eingehängten Relaisrahmen für kaufmännische Anwendungen. Die Schalttafeln waren anfänglich gelötet, später gab es Steckkabel). Über die Z7 und Z8 sind nur wenige Angaben bekannt, auch über die M9 (entspricht wohl Z9) waren bislang nur wenige Schriften zu finden. Von der M10 wurde 1957/1958 ein Prototyp gebaut. Das Rechenwerk bestand aus Relais, der Speicher aus (Philips)Röhren. Das Vorhaben wurde aber nicht weitergeführt, weil die Univac 120 auf den Markt kam. Obwohl angeblich etwa 30 Rechenlocher gefertigt wurden, hat nach unserem Wissen eine einzige M9 überlebt. Die Z9 wurde aus rechtlichen Gründen M9 genannt (nach der in Zürich ansässigen Firma Mitra der Schweizer Remington Rand).
Dass die M9 aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte, ist Josef Steinmann zu verdanken, einem damaligen Wartungstechniker der Zürcher Remington Rand. Die M9 stammt aus der Stadtverwaltung Winterthur. Dort wurde sie für Strom-, Gas- und Wasserrechnungen verwendet. Es ist das Verdienst von Hansjürg Stadelmann, dem damaligen Leiter der Lochkartenzentrale, dass die M9 der Verschrottung entging. In den meisten Betrieben wurde die M9 für Lohnabrechnungen eingesetzt, ab und zu auch für technische Berechnungen (z.B. Turbinen) sowie die Vor- und Nachkalkulation. Die M9 wurde nicht von den Benutzern, sondern von den Wartungstechnikern programmiert. Die Maschine hatte keinen Drucker, die Ergebnisse wurden auf Lochkarten ausgestanzt.
Abgekürztes Rechnen dank Verschlüsselung der Binärzahlen mit 3
Im Gespräch stellte Ernst Inauen seine sehr lehrreiche „Diplom-Arbeit vom Sommer 1962“ vor, in der u.a. ein äusserst geschicktes Verfahren für die Beschleunigung des Rechenvorgangs beschrieben wird: Verschlüsselung der Binärzahlen mit 3 (Dreier-Excess-Code). Intel hat dieses bei der M9 genutzte Verfahren erst im Jahr 2000 wieder entdeckt und übernommen. Ein vorzügliches Merkmal der M9 war auch das leistunglsose Schalten ohne Funkenbildung.
Die Frühzeit des automatischen Rechnens an der ETH Zürich ist eng verknüpft mit dem legendären Rechenautomaten „Zuse 4“. Die Nutzung der Z4 ist auch ein Meilenstein in der europäischen Informatikgeschichte, denn 1950 war die ETH Zürich mit der Z4 die einzige Universität auf dem europäischen Festland mit einem betriebsfähigen Computer. Zudem baute Zuse im Auftrag der Schweizer Remington Rand Anfang der 1950er Jahre den Rechenlocher M9. Die fünfjährige Miete (1950–1955) der Z4 durch die ETH Zürich und der Folgeauftrag für die M9 bildeten die wirtschaftliche Grundlage für Zuses Firma.
Nur zwei Originalmaschinen haben überlebt
Von den Modellen Z1 bis Z10 haben nur zwei Originalmaschinen überlebt, die Z4 und die M9 (Z9). Sie steht im Depot des Berner Museums für Kommunikation. Dass es in der Schweiz eine solche Rarität gibt, wurde erst im Zuse-Jahr 2010 bekannt. Der Rechenlocher war seit 1964 im Winterthurer Technorama, das ihn jedoch loswerden wollte. So kam die Maschine 2010 nach Bern. Erst durch
langwierige Nachforschungen der ETH Zürich offenbarte sich, dass dieses Gerät weltweit der einzige noch vorhandene Zuse-Rechenlocher ist. Es gelang auch, mehrere Zeitzeugen ausfindig zu machen. Sie sind um 80 Jahre alt.
Hinweis: Die M9 befindet sich im Depot des Berner Museums für Kommunikation, sie ist zurzeit nicht ausgestellt. Der Film dient als Videodokumentation für die Sammlungen.