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Die Eröffnung eines Regenwaldes
29.06. - Rede im Zoo Zürich
Von aussen sieht diese Halle aus wie ein Raumschiff, das aus dem All gekommen und bei einer Endstation der VBZ gelandet ist. Öffentliche Transportmittel, und da gehören Raumschiffe ja dazu, pflegen uns in Zürich mitzuteilen, was sie sonst noch alles sind. Jeden Tag prahlt so ein Fahrzeug mit einer anderen Funktion, die es auch noch erfüllt.
„Ich bin auch ein Schiff,
ich bin auch eine Plauderecke,
ich bin auch ein Chat-Raum.“
Und so weiter
Dieses Raumschiff, in welchem wir uns befinden, diese Halle, will da natürlich nicht hinten anstehen und sagt uns gerne ebenfalls, was sie denn auch sonst noch alles sei:
Und so sagt sie uns
am 1. Tag als erstes:
„Ich bin auch ein Regenwald!“
Wo Regen und Wärme sind, entsteht ein Regenwald.
Nur etwas mehr Regen, nur etwas mehr Wärme als bei uns - und anstatt eines heimischen mitteleuropäischen Waldes - entsteht ein Regenwald.
Eine andere Breite, eine andere Länge auf der Weltkugel, der kleine Winkel in der Rotationsachse der Erde verwandeln die Landschaft, verändern und bestimmen so das Leben des Menschen.
Mensch bleibt aber Mensch, lehrt uns die Erfahrung.
Er macht sich die Erde untertan, gestaltet sie, meist nach seinen unmittelbaren Bedürfnissen.
Und so greift er hier wie dort zur Axt, um sich Platz zu verschaffen,
- damals im Kanton Zürich, im Zürcher Oberland und im Tösstal, um Holzkohle für die beginnende Industrialisierung zu produzieren,
- heute in Madagaskar, um Reis anzubauen.
Die Erde reagiert hier wie dort auf die gleiche Weise:
der Regen wird vom Wald nicht mehr aufgenommen, er fliesst zum Meer. Überschwemmungen, Erosion, Verarmung sind die Folgen.
Es ist ein altes madagassisches Sprichwort, das uns sagt:
„Ohne Wald kein Wasser, ohne Wasser kein Reis.“
Darin steckt der ganze Begriff der Nachhaltigkeit, über den die Menschen - hier wie dort - vor allem reden, leider weniger handeln.
Langfristig denkende Unternehmungen und Regierungen bilden darum Reserven, gelegentlich auch ein Reservat. Pharao liess in den sieben fetten Jahren Korn lagern, so musste das Volk in den sieben mageren Jahren keinen Hunger leiden.
Und so sagt uns denn diese Halle
am 2. Tag:
„Ich bin auch die Nachhaltigkeit!“
Im Wald leben die Geister. Das glaubten sowohl die Schweizer wie die Madagassen. Geister, Symbole, Sinnbilder:
- Für die Romantiker war der Wald Ort der Träume und der Erotik,
- für Hölderlin Sinnbild republikanischen Denkens,
- für Gottfried Keller war er Beweis und Sinnbild dafür, dass die Demokratie eine Ordnung der Natur ist.
Der Wald ist mächtig und ursprünglich. Der Wald ist leise und trotzdem laut. Der Wald ist vielfältig und fruchtbar.
Der Regenwald, er, ist besonders ursprünglich und besonders mächtig. Und - er ist besonders fragil.
Alles was er hat - alle Nährstoffe, seine ganze Biomasse - befindet sich in der Vegetation selbst. Kaum fällt ein Blatt zu Boden, wird es in der Feuchte und der Wärme zersetzt und seine Bestandteile werden von den Bäumen wieder aufgenommen. Im Boden sind keine Reserven. Verschwindet der Regenwald, bleibt Wüste zurück.
Der Regenwald ist aber auch besonders vielfältig und besonders fruchtbar. Vögel und Schmetterlinge, Früchte und Blumen bereichern die Welt mit ihrer Pracht, ihrem Duft und ihrem Geschmack. Ohne sie könnten wir zwar gewiss überleben. Aber - wir wären ärmer.
Warum sind die Menschen gewalttätig? Joseph Beuyss antwortete:
„Weil sie in hässlichen Tapeten aufgewachsen sind“.
Die Schönheit der Welt macht das Leben erst lebenswert. Schon nur deswegen müssen wir sie erhalten.
Darum geht es, wenn wir uns um Artenvielfalt bemühen,
- hier um die Ansiedlung des Luchses, um die Toleranz gegenüber dem Wolf,
- dort um die Lemuren und Tenreks (Igelart in Madagaskar).
Deshalb schützen langfristig denkende Menschen die Schönheit der Natur, - Menschen in Madagaskar und in Zürich.
Diese Halle, dieses Gemeinschaftswerk zweier
Länder südlich und nördlich des Äquators sagt uns
als drittes
… am 3. Tag:
„Ich bin auch der Nord-Süd-Dialog!“
Die Zerstörung von Regenwäldern schadet nicht nur der dortigen Bevölkerung, sie schadet allen Menschen.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Wirbelsturm auslösen.
Ein Baum zuviel, der abgeholzt wird, kann die Klimabalance auf dem ganzen Erdball ins Kippen bringen.
Diese Halle löst jedoch eine gegenläufige Kettenreaktion aus.
Von Norden her mit einer Patenschaft für ein Tier, mit der Unterstützung des Nationalparks in Masoala,
von Süden her durch die Hilfe, die Masoala und Madagaskar uns bei diesem Projekt geben und dem Reichtum, den sie in uns mit einem Stückchen Regenwald schenken.
Diese Halle ist Sinnbild
- für die Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden,
- für die globale Verantwortung gegenüber der Natur, der Erde und dem Menschen, die wir alle und überall haben und wahrnehmen.
Die Erde ist gross, doch sie hat Grenzen. Wo Grenzen sind, muss man mit dem leben, was vorhanden ist: Was wir zum Leben brauchen - Nahrungsmittel, Energie - ist beschränkt. Die Möglichkeiten das, was uns schadet, zu entsorgen - Abfall, CO2 - sind beschränkt.
Das einzige, was Grenzen überwinden kann, ist die Phantasie des Menschen.
Deswegen verspricht uns die Halle als viertes
…am 4. Tag:
„Ich bin auch die Phantasie!“
Wir lernen, Ressourcen zu sparen und aus den Abfällen von heute die Rohstoffe von morgen zu gewinnen, wir lernen Kreisläufe zu erfinden.
Die Feuchtigkeit für den Regenwald in der Halle ist Regenwasser, - aufgefangen, behandelt und mehrfach wieder benutzt. Die Energie, die diese Halle erwärmt, stammt vom Sonnenlicht und von verfeuerten Holzschnitzeln aus der Umgebung. Die Tageswärme wird gespeichert und in der Nacht benutzt.
Phantasie und Erfindergeist ermöglichen das Leben auf der Erde und in der Halle. Dadurch wird diese Halle für uns alle zu einem Erlebnis.
Und so jubelt denn die Halle als fünftes
… am 5. Tag:
„Ich bin auch ein Erlebnis!“
Der Mensch ist ein Teil der Schöpfung, er steht nicht einfach abseits und beobachtet.
Deshalb werden wir, so wie die zukünftigen Besucher, in der Halle wandern, in der Wärme und Feuchtigkeit schwitzen, den madagassischen Regenwald und seine Tiere erfahren und nicht bloss anschauen.
Die nachhaltige Gestaltung des Lebens auf dem stark beladenen Raumschiff Erde ist nötig. Es kann sie nur geben, wenn die Menschen mit all ihren Sinnen sich als Teil der Welt er-leben, die Umwelt riechen, sie hören, sie spüren.
Dass das Guckkastenprinzip durch die Zooverantwortlichen endgültig als überholt erkannt wurde, ist übrigens auf die Schulreise des Bundesrates 2001 zurückzuführen. Wir wollten damals so früh kommen, als der Zoo noch geschlossen war. Wir Polittiere wollten allein sein und nicht ständig beglotzt werden. Und so fanden wir dann, bevor die Fotografen der Presse hereinstürmten, für kurze Zeit unser natürliches Biotop zwischen sensiblen Elefanten und eitlen Pfauen.
Es war an diesem historischen Tag, als die Tierwissenschafter endgültig realisierten: Auch andere Lebewesen möchten einmal für sich sein. Und so wurde das Guckkastenprinzip abgeschafft.
Heute gibt es dieses Prinzip eigentlich nur noch, wenn wir die „Arena“ schauen oder wenn Besucher das Parlament besichtigen.
Dort sehen sie dann auch all die Chamäleons, Platzhirsche, Papageien und Pfauen, Saurier, Mimosen mit Elefantengedächtnis.
Die Halle folgt nun also einem neuen Prinzip von zoologischen Gärten. Wird es Erfolg haben?
Die Halle sagt uns jedenfalls als sechstes
…am 6. Tag:
„Ich bin auch ein Experiment!“
Der Erfolg der Halle ist, wie derjenige jegliches Handelns, ein Experiment mit Risiken und unsicherem Ausgang.
Wird die Zusammenarbeit mit dem Nationalpark von Masoala die Erwartungen von beiden Seiten erfüllen?
Wird die Halle den nächsten Hagelschlag überleben?
Werden sich die Tiere und Pflanzen darin heimisch fühlen?
Werden sich die Schildkröten an die Spazierwege halten?
Wird vielleicht nochmals ein Äffchen entweichen, und wenn ja: Wo wird es sich in Zürich heimisch fühlen?
Werden sich die Besucher richtig verhalten oder werden sie ihre heimgebrachten Schlangen hier abladen?
Werden alle die Hitze ertragen?
Das Wagnis, das verantwortungsvolle, gemeinsame Wagnis, gehört zum Menschen.
Der Mensch will die Welt verändern, muss die Welt verändern, damit er lebendig bleibt. Denn er verbindet die Veränderung mit Hoffnung.
Wir haben die Hoffnung, dass das Konzept der Masoala Halle - wenigstens heute und nach unserem heutigen Wissenstand - das richtige sei. Insofern ist es ein Konzept der Hoffnung, der Hoffnung, dass wir für die Nachhaltigkeit, für unsere globale Verantwortung gegenüber Mensch, Tier und Klima das Richtige tun.
Die Entwicklung, auch die wissenschaftliche, wird weiter gehen. In 25 Jahren ist vielleicht auch dieses Konzept überholt.
Aber wir hoffen heute, dass es, gemessen an unseren Erkenntnismöglichkeiten, gemessen an den Zeitumständen, die uns heute prägen, verantwortungsvoll sei.
Was sagt uns die Halle am siebten Tag, am heutigen Sonntag?
Sie, die sie Licht, Luft, Land, Wasser, Pflanzen, Tiere, Menschen in einem harmonischen Kreislauf von Nehmen und Geben vereint,
sie die sie innen grösser ist als aussen, sagt uns:
„Ich bin auch die ganze Welt!“
Die Welt wurde in sechs Tagen erschaffen. Am siebten, an einem Sonntag, wurde sie beurteilt.
Wir kennen das Urteil. Wir teilen es auch heute. Es gilt für die Erde, es gilt für die Halle und lautet:
„Und siehe: Sie war sehr gut.“