Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/293

Die Nahukuá bilden die kleinste Gruppe der innerhalb der kulturellen Zone des so genannten “Oberen Xingu“ lebenden Indianerstämme – integriert im Indianer-Territorium “Parque Indígena do Xingu“. Hier sprechen die verschiedenen Indianervölker zwar unterschiedliche Sprachen, jedoch teilen sie miteinander eine ähnliche Vision von der Welt und ähnliche Sitten und Gebräuche. Auch sind sie durch ein kommerzielles Tauschsystem miteinander verbunden, durch inter-gesellschaftliche Rituale und Einheirat.
Nahukuá
|Andere Namen: Nafukwá, Nahkwá, Nafuquá, Nahukwá

Sprache: Nahukuá (aus der Familie Karib)
Population: 126 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
|INHALTSVERZEICHNIS

Mythologie und Geschichte
Das Leben im Park
Lebensraum und territoriale Streitigkeiten
Musik und Kosmologie
Sprache
Wanderungen und gegenwärtiger Lebensraum
Bevölkerung
Die Nahukuá und das kommerzielle Netz am oberen Xingu
Produktive Aktivitäten
Relationen mit den Nicht-Xinguanern und den Nicht-Indianern
Kosmologie, Rituale und Schamanismus
Wie die Kalapalo, die Kuikuro und die Matipu, gehören die Nahakuá ebenfalls der linguistischen Familie Karib an. Sie sprechen sogar denselben Dialekt wie die Kalapalo und die Matipu, während die Kuikuro in ihrem Dialekt von diesem Modell abweichen. Jedoch auch bei ihnen erkennt man im Vergleich die gemeinsame Sprachfamilie. Es gibt eine Schule in ihrem Dorf, die von zwei ausgebildeten Lehrern ihres Volkes geleitet wird.
Die Nahukuá, wie auch noch andere “Xinguaner“ der Karib-Sprache, besetzten traditionell den Südöstlichen Teil der Region des Oberen Xingu. Als Karl von den Steinen dieses Gebiet bereiste (1884 und 1887) gehörten die “Nahukuá-Kalapalo-Kuikuro“ – damals ein einziges Volk – zu den Gruppen mit der grössten Anzahl von Mitgliedern, und sie wohnten verstreut auf insgesamt neun Dörfer. Paul Ehrenreich, der damals Karl von den Steinen auf seiner zweiten Expedition begleitete, bestätigt, dass eines der Nahukuá-Dörfer sich am Rio Kurisevu befand und dass, in derselben Zeit, sechs oder mehr Dörfer entlang des Rio Kuluene zu finden waren. Das Dorf am Kurisevu bestand aus 13 Häusern, in einem Kreisbogen rund um das Männerhaus angeordnet, in dem sich die „heiligen Flöten“ befanden.
Zwischen 1900 und 1901 unternahm Max Schmidt eine weitere Expedition zu den Quellen des Rio Xingu und lieferte neue Daten über die Kultur des Oberen Xingu. Oberflächlich streift er die Nahukuá und bezeichnet sie als eines der wenigen Karib-Völker, die den “meridionalen Rand“ des Amazonasgebiets bewohnten. Seine Hypothese lautete, dass der grösste Teil der Karib-Völker von den Guianas in südwestlicher Richtung abgewandert war.
Zwischen 1947 und 1949 unternahm Pedro de Lima vier Reisen, bei denen er den Rio Xingu hinunterfuhr, und er beschreibt die Nahukuá im südöstlichen Teil des Gebiets und als drastisch reduzierte Gruppe von nur 28 Personen. Später besassen sie nicht einmal mehr ein eigenes Dorf. In den sechziger Jahren, ermutigt von den Gebrüdern Villas Bôas, errichteten sie ein neues Dorf in der Nähe der Kalapalo. In diesem Gebiet lebten sie acht Jahre lang, bis ein heimtückischer Mord, den man als Hexerei betrachtete, sie dermassen erschreckte, dass ise sich erneut davonmachten. Endlich 1977 waren sie zurück am jenseitigen Ufer des Rio Kuluene, unweit der Laguna “Ipa“, südöstlich des Kalapalo-Dorfs.
Der Posten Leonardo Villas Bôas, der im nördlichen Teil des Oberen Xingu gelegen ist, funktionierte lange zeit wie ein Magnet für alle Bewohner des Oberen Xingu, er repräsentierte sich innerhalb eines Areals, in dem alle Gruppen friedlich miteinander verkehren und umgehen konnten, und er verkürzte damit die Entfernungen zwischen den einzelnen Dörfern. Gegenwärtig finden die Besuche der Nahukuá auf dem Posten mindestens alle zwei Monate statt, während der Trockenzeit.
Auf seinen Reisen auf dem Rio Xingu (1947 und 1949) zählte Pedro de Lima lediglich 28 Personen. Im Jahr 1953 brach eine Masern-Epidemie aus, und der Ethnologe Agostinho da Silva schätzte, dass in jener Zeit ein Minimum von 35 und ein Maximum von 44 Personen zusammen in einem einzigen Dorf lebten. Die Situation war dermassen schlecht, dass die Ethnologin Gertrude Dole (1945) veröffentlichte, die Nahukuá seinen ein ausgestorbenes Volk. Indessen, eine bessere medizinische Betreuung und verschiedene interethnische Eheschliessungen begründeten ein erneutes Wachstum des gebeutelten Volkes. Im Jahr 1963 zählte man schon 51 Personen und 1977 zirka 69 bis 70 Personen, die in dem bekannten Dorf wohnten. Der prozess der demografischen Erholung ging in den Folgejahren weiter und gegenwärtig besteht das Dorf der Nahakuá aus 105 Personen.
Die Nahukuá, wie die anderen Angehörigen der linguistischen Familie Karib, zeichnen sich besonders durch ihre Produktion von Halsketten aus Schneckenhaus-Material unter den Stämmen des Oberen Xingu aus – ein Kunsthandwerk, welches auch von den anderen Stämmen hoch geschätzt wird.
Eine Reihe von Produkten, die traditionell von bestimmten Gruppen angefertigt werden, haben einen Tauschmarkt zwischen den einzelnen Völkern des Oberen Xingu ind Leben gerufen, von dem alle Dorfgemeinschaften dieser Region profitieren. Zum Beispiel brauchen die Nahukuá einen bestimmten Typ von Keramik-Topf zur Verarbeitung der Maniok – die Herstellung dieses Topfs ist eine Spezialität der linguistischen Familie Aruak. Um ihn zu bekommen, tauschen die Nahukuá also etwas ein, was sie am besten herstellen, nämlich eine solche Schneckenhaus-Halskette – und zwar mit den Aruak-Völkern der Waurá, der Mehinako oder den Yawalapiti. (Wenn Sie mehr über das Tauschsystem des Oberen Xingu erfahren wollen, lesen Sie den Text in der Rubrik “Parque Indígena do Xingu“).
Die Nahukuá haben einen grossen Vorrat von Salz in ihrem Dorf, denn sie ziehen das industrialisierte Produkt der xinguanischen Version aus Wasserpflanzen vor. Hinsichtlich anderer Güter der nicht-indianischen Gesellschaft, waren sie einstmals abhängig vom Posten Leonardo Villas Bôas, um sie zu bekommen, heute gibt es einen Sanitäter und zwei bezahlte Lehrer, welche den Import industrialisierter Güter ins Dorf erleichtern.
Der Feldarbeit widmen sie sich auf Flächen, die an ihr Dorf grenzen. Die Technik der Rodung wird durch den Einsatz von Stahläxten wesentlich erleichtert. Gerodet wird im Mai und Juni, wenn die Regenzeit zuende gegangen ist und die Erde wieder trocken. Abgebrannt werden die gerodeten und getrockneten Flächen Ende August bis September, bevor die neuen Regenfälle einsetzen. Die Felder werden dann im September angelegt, je nach erwünschter Ernte. Die Männer sind verantwortlich für die Erdbearbeitung der Felder wie auch für die Waldrodung – die Frauen jäten das Unkraut und übernehmen die Erntearbeit.
Obwohl sie dem Fischfang den Vorzug geben, jagen die Nahukuá, wie alle anderen Xinguaner, mit Feuerwaffen sowie mit Pfeil und Bogen. Fisch wird mit Sicherheit viel mehr gegessen als Wild, dem man aber gelegentlich ebenfalls zuspricht – Affen, Schildkröten oder Vögel, wie der Auerhahn, das Zigeunerhuhn und verschiedene Taubenarten, werden besonders dann verzehrt, wenn verschiedene rituelle Gelegenheiten es erfordern, keinen Fisch zu essen. Zum Beispiel bei Geburt oder während der Krankheit eines Kindes, muss wenigstens die Mutter, aber manchmal auch der Vater und seine Brüder, eine Zeit lang das Verzehren von Fisch vermeiden. In solchen Fällen dürfen sich die Betroffenen lediglich von Maniok, oder zusammen mit Affenfleisch, oder dem Fleisch von Vögeln, ernähren.
Neben dem Fischfang ist das Sammeln von Waldfrüchten, Wurzeln und Gemüsepflanzen eine wichtige zusätzliche Nahrungsquelle für die Nahukuá. Zum Beispiel bieten Schildkröteneier eine ganz besondere Proteinquelle und zusätzliche Kalorien. Diese Eier werden gekocht oder auch roh gegessen, zusammen mit dem Fladenbrot “Beiju“. Während der Jahreszeit in der die Süsswasserschildkröten ihre Eier im Sand der Flussufer vergraben, schwärmen kleine Gruppen von Dorfbewohnern aus und bringen nach ein paar Tagen grosse Körbe voller Eier zurück, die an alle verteilt werden.
Die Grundlagen der Ernährung der Nahukuá sind denen anderer Xingu-Völker sehr ähnlich. Wie sie alle, ist die “wilde Maniok“ ihr Grundnahrungsmittel, die sie auf ihren Feldern kultivieren – in weniger grossen Mengen Pflanzen sie auch Bananen, Süsskartoffeln, Melonen, Ananas und Mais.
Die Relationen zwischen den Nahukuá und anderen Gruppen desselben Gebiets sind im Allgemeinen gut, obwohl es eine lange Geschichte uralter Feindschaft gibt, die zwischen der einen und der anderen Ethnie existiert. Zum Beispiel bekämpften sich die Ikpeng und die Nahukuá zur Zeit des Besuchs von Karl von den Steinen in ihrem Gebiet (1884). Und es ist eine Tatsache, dass die Dezimierung der Bevölkerung der Nahukuá – von neun Dörfern, die Ehrenreich 1929 noch gesehen haben will, auf nur ein einziges überlebendes Dorf – auf einen inter-ethnischen Konflikt grossen Ausmasses zurück zu führen ist – aber auch auf Krankheiten, die von Nicht-Indianern eingeschleppt worden sind.
Die Nahukuá unterhielten Verbindung mit Nicht-Indianern mittels des Postens Leonardo Villas Bôas, oder wenn sie auf Fazendas arbeiten gingen oder auf dem ehemaligen Sitz der FAB (Força Aérea Brasileira – die brasilianische Luftwaffe) ihr Kunsthandwerk anboten – der Aussenposten der FAB wurde in den Anfängen der 90er Jahre deaktiviert. Heutzutage, mit den vielen Strassen, die zu den Nachbardistrikten und Fazendas der Region führen, können die Indianer jeder Zeit den Park verlassen, um ihr Kunsthandwerk in Brasília oder São Paulo zu verkaufen, oder um Einkäufe in der Umgebung zu tätigen – besonders in Canarana, einem kleinen Ort mit leichtem Zugang, der von den “Xinguanos“ am meisten frequentiert wird.
Die Relationen mit anderen Völkern des Parks ergeben sich vor allem mittels Tauschhandel oder anlässlich der Intergesellschaftlichen Zeremonien am Oberen Xingu. Die Führungspersönlichkeiten nehmen an den Versammlungen der ATIX (Associação Terra Indígena do Xingu) teil – in der sich sämtliche Ethnien des Parks zusammengeschlossen haben. Hier werden Themen wie die Kontrolle über das Territorium, der Gesundheit und der Erziehung diskutiert. (Um darüber mehr zu erfahren, lesen Sie bitte das Kapitel über die ATIX in der Rubrik “Parque Indígena do Xingu“.
Die Nahukuá – und ebenso auch andere Völker des Oberen Xingu – sehen die Ausscheidungen des menschlichen Körpers als etwas potentiell Gefährliches an. Das Blut, besonders das der Menstruation oder der Plazenta, ist etwas Problematisches. Zum Beispiel bei einer Geburt assistieren der Mutter andere Frauen – aber nur mittels Instruktionen und Ratschlägen, um ihr den Gebärvorgang zu erleichtern – jedoch keiner von ihnen würde es einfallen, die Gebärende zu berühren, denn ihre Körpersekrete bedeuten Gefahr.
Die einzelnen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung werden bei den Nahukuá in derselben Art und Weise rituell begangen, wie bei den anderen Xinguanern. Zum Beispiel der Haarschnitt, der Aderlass, die pubertäre Reklusion, das Durchbohren der Ohrläppchen – all das bedeutet gesellschaftliche Anerkennung und eine Vervollkommnung des persönlichen Status.
Die Nahukuá nehmen auch an denselben inter-gesellschaftlichen Ritualen teil, wie die übrigen Stämme der Region. Das “Yawari“ und der “Kwarup“ und die regelmässigen Ringkämpfe sind von grosser Bedeutung für den Umgang der einzelnen Dorfgemeinschaften miteinander. Die Nahukuá-Männer trainieren den “Huka-Huka“ (Ringkampf) regelmässig, auch das Werfen der Speere für das “Yawari“ wird immer wieder geübt, um einen Sieg bei diesen Wettkämpfen davonzutragen.
Bevor die moderne Medizin auch im “Parque Indígena do Xingu“ ihre Effizienz beweisen konnte, verfügten die eingeborenen Schamanen (Medizinmänner) über grössere Macht. Trotzdem haben die Aktivitäten der Ärzte und Sanitäter die Bedeutung der “Pajelança“ (Heilung durch Geisterbeschwörung) nicht annulliert. Es gibt Krankheiten, die als “indianisch“ klassifiziert werden – wie zum Beispiel den Diebstahl einer Seele durch ein Geistwesen und Hexerei, die nur durch die Schamanen geheilt werden können. Deren Hilfe besteht aus der Entfernung von krankheitserregenden Objekten aus dem Körper der Patienten, in erster Linie durch Saugen und Massieren. Tabakrauch und Gesang sind ebenfalls Bestandteile des Heilungsprozesses. Die Schamanen assistieren aber nicht nur bei Krankheiten, sondern besitzen auch politische Macht.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther