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Die Entwicklung begann vor gut 100 Jahren in der Schweiz: Die Menschen bevölkerten immer mehr Land, die Industrie wuchs stetig. Die Siedlungen rückten näher an die Ufer von Flüssen und Bächen. Der Wunsch nach einem wirksamen Hochwasserschutz stieg, der Bedarf nach Strom aus Wasserkraftweken nahm zu. Mehrere 10’000 Hektaren Moore sind in den letzten 150 Jahren durch Meliorationen trocken gelegt worden.
61’000 Kilometer lang ist das Schweizer Gewässernetz. Davon sind rund 12’000 Kilometer verbaut: Flussbegradigungen, Uferverbauungen, Wasserausleitungen, zerstörte natürliche Uferstreifen. Fische, Vögel, Kleintiere und Pflanzen fühlen sich aber nur in einer vielfältigen Umgebung wohl, und mit mehr Raum wird auch das Risiko extremer Hochwasser reduziert.
Der Alpenrhein ist in unserer Region ein eindrückliches Beispiel: Über 30 Fischarten besiedelten Mitte des 19. Jahrhunderts den verzweigten Alpenrhein und seine Zuflüsse. Heute ist der grösste «Gebirgsfluss Europas» praktisch durchgehend reguliert. Hochwasserdämme trennen vielerorts den Fluss von den Nebengewässern.
Der Fluss hat sich im Verlaufe der letzten Jahrzehnte immer mehr eingegraben. Durch die Sohleneintiefung entstanden Meter hohe Abstürze zwischen Alpenrhein und Zubringerflüssen. Für viele Fische sind sie unüberwindbare Hindernisse. Zudem belasten tägliche Wasserstands-Schwankungen die noch vorhandenen Lebensräume im Fluss. Mit einem Generationen-Projekt soll nun der Alpenrhein in den nächsten Jahrzehnten wieder lebendig werden.
Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz vor allem ein Agrarland. Knapp die Hälfte der 2,4 Millionen Einwohner arbeitete in der Landwirtschaft. Mit der Industrialisierung sank dieser Anteil zunehmend. 1905 arbeiteten mehr als 700’000 Beschäftigte auf rund 250’000 Landwirtschaftsbetrieben. Heute gibt es noch 62’000 Betriebe mit 173’000 Beschäftigten. Die Zahl der Produzenten ist um 75 Prozent gesunken, während die Bevölkerung um weit mehr als das Doppelte auf 7,6 Millionen (1905 waren es noch 3,3 Millionen) angewachsen ist.
Die Konsequenz war eine massive Produktionssteigerung. Zum Beispiel sind die Getreideerträge seit 1950 um das Dreifache gestiegen, von 2 Tonnen pro Hektare auf heute 6 Tonnen. Die durchschnittliche Betriebsgrösse hat sich in den letzten hundert Jahren vervierfacht. «Dies war nur möglich, durch die Mechanisierung der Landwirtschaft und den Einsatz von neuen Sorten und von Hilfsmitteln wie Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden und Kunstdünger», heisst es in «Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900» (Hauptverlag, 2010). Die Bauern brachten zum Beispiel in den Jahren 1936 bis 1940 jährlich durchschnittlich 2,1 Kilogramm Stickstoff-Dünger pro Hektare aus, in den Jahren von 1986 bis 1990 waren es jährlich 72 Kilogramm pro Hektare. Bis ins Jahr 2000 sank die Düngung um 20 Prozent.
Die Intensivierung der Landwirtschaft blieb nicht ohne Folgen: Die Vielfalt an Lebensräumen, der Arten, Populationen, Kultursorten und der Nutzrassen auf landwirtschaftlichem Boden ging in der Schweiz und auch in unserer Region deutlich zurück.
Grafik: Nutztierbestand in St.Gallen 1866–1993 (Quelle: Bundesamt für Statistik)
Der Bedarf an der begrenzten Ressource Boden steigt in der Schweiz nach wie vor. Der Schweizer oder die Schweizerin beanspruchte Mitte der 1990-er Jahre im Durchschnitt 397 Quadratmeter Boden. Neue Erhebungen der Schweizerischen Arealstatistik zeigen, der Ressourcenverbauch wurde in den letzten Jahren nicht gestoppt. In 13 Kantonen – in St.Gallen und den beiden Appenzell liegen noch keine Werte vor – ist die überbaute Fläche pro Kopf in den letzten fünf Jahren durchschnittlich um gut 10 Quadratmeter gestiegen. Durch den Bau von Siedlungen, Strassen und Industrie ist ein Landschaftspuzzle entstanden, dessen Teile vielerorts für viele Tier- und Pflanzenarten zu eng sind, um zu Überleben.
Aus dem neuen Agrarbericht der Schweiz 2009:
«Mit der in den neunziger Jahren eingeleiteten Ökologisierung der Landwirtschaft gingen der Düngemittel- und Pestizidverbrauch, aber auch der Rindviehbestand zurück, während der Anteil ökologischer Ausgleichsflächen zunahm. Entsprechend konnte seither der Rückgang der Artenvielfalt teilweise gebremst, gestoppt und lokal oder regional sogar eine Trendwende bewirkt werden. Dennoch ist die Lage für viele Arten, welche eng an offenes Kultur- oder Landwirtschaftsland gebunden sind, weiterhin kritisch.»
Die Siedlungsfläche des Kantons St.Gallen beträgt rund 10 % der Gesamtfläche also 200 Quadratkilometer. Fast die Hälfte davon ist Wies- und Ackerland; knapp ein Drittel ist bewaldet, ein Zehntel besiedelt. Auf der Hälfte der Siedlungsfläche stehen Wohngebäude und landwirtschaftliche Bauten. Strassen, Parkplätze und Bahngeleise sind auf einem Zehntel der Siedlungsfläche gebaut worden. Die Siedlungsfläche ist zwischen 1985 und 1997 um rund 13 Prozent angestiegen. Das entspricht einer Zunahme von rund 3 Quadratmeter pro Minute.
Die Bodennutzung variiert regional. Ist zum Beispiel in der Wirtschaftsregion Rorschach bis zu einem Drittel der Gesamtfläche überbaut, so beträgt der Anteil im Toggenburg lediglich 4 bis 5 Prozent. Pro Kopf gemessen sieht die Situation aber anders aus: Im Toggenburg nutzt eine Person 281 Quadratmeter Gebäudefläche, in St.Gallen nur 153 Quadratmeter. Die Gründe: Der Wohnungsbau im Toggenburg ist weniger dicht, zudem gibt es viele Gebäude für den Tourismus.
Die Bevölkerung nimmt bis ins Jahr 2035 im Kanton St.Gallen nach Szenarios des Bundesamts für Statistik um rund 15’000 Menschen zu. Der Trend zu Einpersonenhaushalte bei gleichzeitig grösseren Ansprüchen der Wohnfläche hält weiter an. Die Ausdehnung der Siedlungsfläche wird ohne gesetzliche Grundlagen laut dem Bericht «Natur und Landschaft im Kanton St.Gallen» weitergehen.
Weltweit gilt die Bioinvasion nach der Zerstörung der Lebensräume als die grösste Bedrohung für die Biodiversität. Unter Bioinvasion wird die Gesamtheit der Folgeerscheinungen durch die Besiedlung neuer Regionen durch gebietsfremde Arten zusammengefasst. In Mitteleuropa sind die Schädendurch Bioinvasion bisher weit geringer ausgefallen als in den anderen Kontinenten. Die Ausbreitung invasiver Organismen ist eine Folge des weltweiten Handels und Personenverkehrs.
Mehrere invasive Pflanzenarten breiten sich bei uns aus. In sensiblen geschützten Lebensräumen stellen sie eine Bedrohung für seltene Pflanzen und Tiere dar. Beispielsweise kann die Kanadische Goldrute Riedwiesen aber auch Magerwiesen überwuchern. Der Japan-Knöterich verdrängt an Flussufern die naturnahe Vegetation.
Eine ganze Reihe verschiedener gebietsfremder Tierarten ist bei uns hemisch geworden. Weitere werden folgen. Seit längerem treten bei uns ab und zu Waschbären auf. Der Asiatische Marienkäfer hat vor wenigen Jahren ganz Mitteleuropa erobert und ist inzwischen die häufigste Marienkäferart. Aktuell breitet sich der Maiszünsler aus. Er gilt als der gefürchtetste Schädling an Maiskulturen.
Unter den invasiven Krankheitserregern hat der Feuerbrand bei uns am meisten Aufmerksamkeit erlangt. Der Pilz hat seit 1997 Apfel- und Birnbäume in ganz Miteleuropa befallen. In der Anfangsphase wollten die Behörden die Ausbreitung des Feuerbrandes durch rigorose Fällaktionen verhindern. Als Folge davon sind die Landschaften mit Hochstammobstbäumen in kurzerZeit verarmt. Auch das Verschwinden der Ulmen in den letzten Jahren geht auf einen invasiven Pilz zurück. Im weiteren Sinne gehören auch Krankheitserreger wie die Schweinegrippe zu den invasiven Organismen, welche unsere Gesellschaft verunsichern.
Eine Dienstleistung des Naturmuseums St.Gallen