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Von Aventicum nach Avenches
Die Kleinstadt Avenches an der Südspitze des Murtensees bildet eine Exklave und gleichzeitig den nördlichsten Zipfel des Kantons Waadt. Hier im Umfeld des Lac de Neuchâtel ist die Grenzziehung zwischen den beiden Nachbar-Kantonen Waadt und Fribourg besonders komplex und verwirrend, eine Folge verwickelter historischer Besitzverhältnisse.
Wer heute den nach wie vor stark agrarisch geprägten Ort mit seinen gerade mal 4‘000 Bewohnern besucht, würde kaum vermuten, dass Avenches einmal wesentlich bedeutender war. Das ist allerdings auch schon lange her und führt in die Zeit des Römischen Reiches zurück. Nur die noch erhaltenen römischen Überreste lassen erahnen, dass hier einmal mehr war als ein überschaubares Städtchen. Für seine bescheidene Grösse hat Avenches erstaunlich viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, die keineswegs nur antiken Ursprungs sind.
Einst die grösste Stadt der Schweiz
Bereits in vorrömischer Zeit hatte hier eine keltische Siedlung bestanden. Ein von den Römern niedergeschlagener Aufstand der einheimischen Kelten im Jahre 69 nach Christus beendete diese Siedlungsgeschichte.
Die Römer legten daraufhin an dieser Stelle eine Militärkolonie an. Den umständlichen offiziellen Namen „Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Fœderata“ verwendete man kaum, stattdessen wurde die Kolonie Aventicum genannt.
Unter der römischen Ägide entwickelte sich die Stadt prächtig. In ihrer Blütezeit hatte sie rund 20‘000 Einwohner – fünfmal so viel wie heute – und war damit die grösste Metropole auf heutigem Schweizer Boden. Der bekannte römische Kaiser Verspasian (Nachfolger Neros und Initiator des Kolosseums) soll hier seine Jugendjahre verbracht haben. Bereits zu Beginn des 3. Jahrhunderts wurde Aventicum auch christlicher Bischofssitz, mehrere Kirchen sind in dieser Zeit belegt.
Der Niedergang kam mit der Völkerwanderung, dem Einfall der Alemannen und dem Zerfall des Römischen Reiches. Als Mitte des 6. Jahrhunderts der Bischofssitz nach Lausanne verlegt wurde, verlor Aventicum endgültig seine Bedeutung. Erst im Mittelalter erfolgte eine systematische Neuanlage der Stadt – die Keimzelle des heutigen Avenches. Im 16. Jahrhundert geriet Avenches unter Berner Herrschaft, seit 1803 gehört es als Exklave zum Kanton Waadt.
Avenches Opéra und Rock Oz’Arènes
Die zweifellos eindrucksvollste römische Hinterlassenschaft ist das Amphitheater am östlichen Rand der Altstadt. Es gilt als der am besten erhaltene Bau seiner Art in der Schweiz und bot einst rund 15‘000 Zuschauern Platz.
Das Amphitheater wird auch heute genutzt. Es ist Schauplatz des jährlich stattfindenden Festivals „Avenches Opéra“ – eine Art Schweizer Verona-Ausgabe. Auch in diesem Jahr wird die Veranstaltung wieder viele Tausend Zuschauer in ihren Bann ziehen. Vom 30. Juni bis 15. Juli steht Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ auf dem Spielplan.
Das ebenfalls jährliche durchgeführte Festival „Rock Oz’Arènes“ nutzt den gleichen Ort, wendet sich aber an ein Publikum mit anderem Musikgeschmack. Neben dem Amphitheater zeugen auch noch die Ruinen des Cigognier-Tempels, des Theaters und der Thermen von der einstigen Anwesenheit der Römer. Teile der antiken Stadtmauer sind ebenfalls noch zu sehen.
Interessante Fundstücke aus Aventicum zeigt das römische Museum der Stadt, das im sogenannten Bischofsturm beim Amphitheater untergebracht worden ist.
Mittelalterliches Stadtzentrum
Das historische Zentrum von Avenches aus dem Mittelalter ist ebenso sehenswert. Sie weist einen fast rechteckigen Grundriss mit 60‘000 Quadratmeter Grundfläche auf – etwa sechs Fussballfelder. Eines der ältesten Gebäude in diesem Bereich ist die reformierte Stadtkirche Sainte Marie Madeleine, die im 11. Jahrhundert errichtet wurde.
Die romanische Apsis ist noch ursprünglich, die übrigen Teile des Baus stammen aus der Gotik und dem 18. Jahrhundert. Direkt neben dem Amphitheater befindet sich das Schloss. Es wurde im 13. Jahrhundert als Burg errichtet und zwischen 1565 und 1568 zu einem Renaissanceschloss umgebaut. Hier residierten früher die Berner Landvögte.
Die spitzen Dachhauben der drei Rundtürme geben dem Schloss zusammen mit den übrigen Gebäuden ein anmutiges Antlitz. Das Hôtel de Ville, das Hôtel de la Couronne und die Tour de Montauban sind weitere bemerkenswerte Bauwerke in der Altstadt. Aber auch das Ensemble der Bürgerhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert in der zentralen Grand Rue verleiht dem historischen Zentrum ein harmonisches Bild.
Und wer von den vielen Besichtigungen genug hat, findet Erholung und Entspannung im Umfeld des nahen Murtensees. Der See und seine Umgebung bieten alles, was für Freizeitspass, Badevergnügen und Naturerlebnisse angesagt ist.
Fazit
Avenches als nördlichste Stadt im Kanton Waadt bietet Besuchern eine Zeitreise in die Vergangenheit. Das römische Aventicum war einmal die grösste Stadt auf Schweizer Boden, aber auch das mittelalterlich geprägte Avenches ist einen Besuch wert.
Artikelbild: Mihai-Bogdan Lazar – Shutterstock.com