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Wohnen im Heim
Eine geeignete Architektur – für die Pflege gebaut – könnte das Personal körperlich und emotional entlasten und die Pflegequalität positiv beeinflussen. Mittels einer qualitativen Studie wurde in der Schweiz erstmals untersucht, welche architektonischen Faktoren die tägliche Arbeit in Pflegeheimen unterstützen oder behindern.
Pflegeheime sind nicht nur Wohnort für ältere, auf Pflege angewiesene Menschen, sondern auch Arbeitsort für Tausende von Pflegenden aller Ausbildungsstufen. Wie zeit- und energieintensiv Pflege in ungeeigneten Räumlichkeiten sein kann, zeigt die folgende anschauliche Schilderung einer Pflegeassistentin:
«Diese Abteilung wurde total renoviert, aber die Badezimmer blieben genau so klein wie vorher. Man muss täglich einen ‹Tanz› machen, um einen Bewohner zu duschen. Ich rolle den Bewohner im Rollstuhl zur Badezimmertür, gehe rückwärts zum Waschbecken und bücke ich mich, um den Rollstuhl hineinzuhieven. Dann ziehe ich meinen Bauch ein, um mich klein zu machen, und bewege mich zur Seite, wo die Toilette ist. Auch da gibt es nicht viel Platz. Von dort ziehe ich den Rollstuhl ganz hinein.
Der Bewohner hält sich am Waschbeckenfest und steht kurz auf, während ich den Rollstuhl mit dem Fuss aus dem kleinen Raum hinausschiebe. Dabei stelle ich mich hinter den Bewohner, damit er nicht fällt, sollte ihn seine Kraft verlassen. Ich ziehe seine Hose herunter, nehme den Duschstuhl aus der Dusche und lasse den Bewohner Platz nehmen. Dann schiebe ich ihn in die Dusche und ziehe ihm den Rest der Kleidung aus.
Während dem Duschen ‹verstecke› ich mich hinter dem Vorhang, um trocken zu bleiben. Manchmal wasche ich seine Haare. Dann werde ich auch nass und schwitze stark. Sobald das Duschen beendet ist, bitte ich den Bewohner, sich am Handgriff festzuhalten und kurz aufzustehen, damit ich das Duschtuch unter ihn legen und ihn trockenreiben kann. Vergesse ich das Badetuch bereitzulegen, muss ich mich weit hinausbeugen, um es vom Gestell zu holen. Dabei halte ich den Bewohner mit einer Hand fest. Ankleiden passiert in seinem Zimmer, weil es im Bad keinen Platz hat,um saubere Kleidung bereitzulegen. Dafür muss ich ihn erneut auf den Rollstuhl setzen und mit einem extra Handtuch zudecken, weil es im Zimmer viel kälter ist als im Badezimmer. Das heisst, wir machen nun den umgekehrten Tanz.»
Heime erinnern an Spitäler
Heime sind der Lebensmittelpunkt alter Menschen mit Pflegebedarf. Bei Neu- und Erweiterungsbauten von Pflegeheimen wird auf Heimeligkeit, Sicherheit, Ästhetik und die Umsetzung neuester gerontologischer Erkenntnisse geachtet.
Rundläufe, Sinnesgärten, Beleuchtungs- und Farbkonzepte fliessen in die Architektur ein, um Bewohnerinnen und Bewohner in ihren körperlichen, psychischen und kognitiven Einschränkungen zu unterstützen und das Gefühl eines Zuhauses zu fördern.
Trotzdem erinnern die Heime immer noch an Spitäler – mit langen Fluren, Mahlzeitenlieferungen aus der Zentralküche, zentraler Wäscherei, Ausgüssen und Stationszimmern, die eine gute Pflege unterstützen sollen. Das Personal ist angehalten, in dieser spitalähnlichen Architektur Alltagsnähe herzustellen und mit den Bewohnerinnen und Bewohnern den Alltag zu gestalten, sie zu pflegen, zu betreuen und zu aktivieren.
Pflege ist, wie jede Form von Tätigkeit, auf ein Umfeld angewiesen, das körperlich, geistig und emotional unterstützend ist – was nötig ist, um die Ziele zu erreichen. Dazu gehören eine gute Führung, ein ausreichender Personalschlüssel mit den erforderlichen Qualifikationen der Mitarbeitenden, ein Angebot von Fort- und Weiterbildung, Mitarbeiterförderung, Teilzeitangebote etc.
Die gebaute Umgebung wird bei Überlegungen zu einer guten Arbeitsplatzgestaltung nur selten miteinbezogen.
Da es kaum Literatur zu den Auswirkungen der architektonischen Umgebung auf die Arbeitsqualität gibt, können keine Forschungsergebnisse umgesetzt werden. Es ist kaum bekannt, wie die Pflegenden in diesem «Misch-Ambiente» zwischen einer Klinik und einem Zuhause arbeiten und wie es ihnen dabei körperlich und emotional geht.
Aus Forschungen in Spitälern ist bekannt, dass lange Wege ermüden und die wichtige Kontaktzeit mit den Patientinnen und Patienten reduzieren. Eine Verkürzung der Wege sowie eine dezentrale Lagerung von Materialien setzt Zeit und Energie für die Pflegearbeit frei, wodurch auch weniger Fehler gemacht werden.
Studien zu Pflegeheimen – auch die umfangreiche SHURP-Studie in der Schweiz1 – befassen sich nicht explizit mit dem gebauten Umfeld und seinem Einfluss auf die Arbeit in der Pflege. Ein erster Schritt, um diese Forschungslücke zur schliessen, wurde mit der vorliegenden Untersuchung gemacht (siehe Box).
Was ist förderlich?
Als für die Pflegearbeit förderliche architektonische Merkmale nennen die Pflegenden ausreichend Platz, vor allem in Bad und WC, um sich bei der Pflege bewegen zu können.
Gefragt sind genügend Platz für Ablagen, Stauraum für Rollstühle, Rollatoren und Pflegematerialien sowie kurze Wege – beispielsweise um nachzuschauen, wie es den Bewohnerinnen und Bewohnern geht. Küchen und Wohnzimmer standen oben auf der Wunschliste der Pflegenden und wurden positiv bewertet, wenn sie vorhanden waren.
Hilfreiche Technologien wie gut erreichbare Computer, elektrische Storen, die das Kurbeln unnötig machen, und sich automatisch anpassendes Licht wurden als positiv empfunden.
Pflegende nehmen vor allem natürliches Licht durch grosse Fenster, farblich angenehm gestaltete Räume und Naturkontakt durch gut zugängliche Gartenräume als Arbeitsressourcen wahr.
Diesen positiven Merkmalen steht – negativ und kräfteraubend – die Notwendigkeit gegenüber, ständig architektonische Hindernisse überwinden zu müssen.
Pflegende müssen lange Strecken für kleine Aufgabenzurücklegen, z. B. wenn sie einem Bewohner eine Tasse Tee bringen oder eine Bewohnerin auf die Toilette begleiten, aber auch um Esswagen von der Zentralküche zu holen und zurückzubringen oder die Bewohner in den zentralen Esssaal und wieder zurück in ihre Zimmer zu begleiten. «Gehen, gehen, gehen» heisst die Devise.
Fast jede Pflegeaufgabe wird durch eine ungünstige Raumaufteilung erschwert.
In den Zimmern und Nasszellen der Bewohner ist körperliche Arbeit in engen räumlichen Verhältnissen zu erledigen. Der Körper der Pflegenden braucht Platz, da sie sich bei Pflegearbeiten wie dem Anheben von Bewohnerinnen bücken und drehen müssen.
Pflegende müssen sich in einer Art Choreographie bewegen und sich in verzerrte Körperpositionen begeben, wie die einleitende Geschichte oben eindrücklich zeigt. Wegen der engen Platzverhältnisse bleiben die Pflegenden mit ihrer Arbeitskleidung hängen, wodurch mitgetragene Pager oder Gegenstände vom Nachttisch auf den Boden fallen.
Als weitere bauliche Mängel wurde genannt und beobachtet, dass es Aufenthaltsräume statt Wohnzimmer gibt und kaum Küchen, in denen Kaffee auf Knopfdruck gemacht werden kann.
Grosse Bäder mit modernen Badewannen und Hebevorrichtungen werden zu Lagerräumen für Pflegegeräte, weil dafür auch in Neubauten kein extra Raum vorgesehen ist.
«Pufferarbeit» und Zwischenlager
Diese täglichen Vorgänge belasten die Pflegenden zusätzlich zur eigentlichen Pflegearbeit. Wenn die Zeit knapp wird oder sie zu müde sind, unterlassen oder beschleunigen sie Pflegearbeit.
Sie setzen etwa Bewohnerinnen, die mit Hilfe zu Fuss gehen könnten, in den Rollstuhl, um Energie zu sparen. Das ist emotionale Arbeit, die die Pflegenden zusätzlich seelisch ermüdet.
Trotz dieser Anforderungen engagieren sich die Pflegenden mit Extra- oder «Puffer»-Arbeit, die sie freiwillig leisten, weil es ihnen ein gutes Gefühl gibt. Beispielsweise möchten sie den Bewohnern eine normale Mahlzeitenerfahrung ermöglichen.
Deshalb nehmen sie Suppe, Hauptgang und Dessert nacheinander von den in der Küche zusammengestellten Plateaus und servieren sie einzeln. Weil diese Art von Service mehr Zeit braucht, schaffen sie Zwischenlager, für die auf den Stationen kein Platz vorgesehen ist, und senden das gebrauchte Geschirr erst mit dem nächsten Esswagen retour.
Damit die Bewohnerinnen ihre Wäsche selbst in ihre Schränke räumen können, lagern die Pflegenden die Wäsche z. B. in ihrem Büro, bis sie das Einräumen mit den Bewohnerinnen und Bewohner in Ruhe erledigen können.
Mit dieser «Pufferarbeit» bezwecken sie eine familiäre, wohnliche Atmosphäre in einem institutionellen Umfeld, das für routinisierte Abläufe gebaut wurde.
Weitere Extra-Arbeit, die nirgends dokumentiert, zeitlich erfasst oder als Leistung erkannt wird, leisten Pflegende, indem sie das Umfeld dekorieren und normalisieren. Sie bringen Blumen oder saisonales Dekomaterial von zu Hause mit, setzen sich für kleine Haustiere ein, stellen Bügelbretter und Zimmerpflanzen auf oder gestalten Mithilfemöglichkeiten im Alltag.
Oft funktionieren sie Räume eigenhändig temporär um, machen z. B. aus einem Aufenthaltsraum einen Pausenraum für sich selbst oder eine Ecke im Garten zur Raucherecke. Sie schmücken auch düsterere Teile des Heimes, um sie lebendiger und einladend aussehen zu lassen.
Gutes tun und Normalität bieten als Zusatzarbeit
In der Studie verdichteten sich Hinweise, dass Pflegende nicht nur die ihnen zugewiesene Arbeit, sondern auch ein ungünstiges Umfeld bewältigen müssen. Sie benötigen Energie durch tägliche zusätzliche Arbeit, die nicht von Bewohnern, sondern von der Architektur gefordert wird.
Trotzdem leisten sie sie diese Mehrarbeit, die ihnen emotionale Energie zurückgibt, indem sie den Bewohnerinnen und Bewohnern Gutes tun und ihnen eine Art Normalität bieten wollen.
Die ständige Pufferarbeit repräsentiert gelebte humanistische Werte in einem immer noch nach dem Vorbild von Spitälern institutionell gebauten und betriebenen Umfeld, das wenig Platz für Individualität oder Gemeinschaft bietet.
Es kann spekuliert werden, dass einige der Versäumnisse der Pflegearbeit bewusst gemacht werden, um Energie für die lohnendere freiwillige Arbeit zu sparen, in Übereinstimmung mit den eigenen Werten.
Es kann auch sein, dass Pflegepersonen sich bis zum Limit verausgaben und zusätzlich freiwillige Arbeit in einer räumlich ungünstigen Umgebung leisten, weil gerade dieser zusätzliche Effort ihnen Befriedigung bei der Arbeit gibt.
Pflegende nehmen die architektonische Umgebung nicht als selbstverständlich hin. Sie sind, wenn man sie fragt, hochreflektiert und kämpfen damit, sich mit der Umgebung zu arrangieren oder diese zu verbessern und dadurch ihre Werte zu leben.
Nach dem Vorbild eines Zuhauses gebaut
Der Grossteil des Wissens und der Einsichten, die die Pflegenden teilten, entspricht der Literatur aus der Kulturwandelbewegung2,3 und den Empfehlungen von «demenzspezifischer Architektur». Diese sieht logisch angeordnete kleine Einheiten vor, mit «normaler» Raumabfolge wie Küche, Wohnzimmer, und persönlichen Zimmern mit Nasszelle, die aber über Platz für die menschlichen Helfer verfügen müssen.
Es scheint, als ob eine Architektur, die für Bewohnerinnen und Bewohner richtig ist, wie z. B. nach dem Vorbild eines Zuhauses gebaute Wohneinheiten, auch für Pflegepersonen unterstützend ist.
Kürzere Wege und eine normale Ausrichtung der Räume würden erhebliche Energie- und Zeiteinsparungen ermöglichen, die mit den Bewohnern in sinnvoller Interaktion genutzt werden könnten.
Eine bequemere Arbeitsumgebung kann zum Wohlbefinden und zur Gesundheit von Pflegepersonen beitragen.
Das Wissen und die Erfahrung des Pflegepersonals sollten routinemässig in Design-Entscheidungen und -bewertungen einfliessen.
Pflegende reflektieren ihre Arbeitsumgebung und können klare Aussagen darüber machen, wie der Idealfall sein sollte. Ausserdem ist weitere Forschung angesagt, da das Thema der gebauten Arbeitsumgebung in Pflegeheimen noch kaum erforscht ist.
Die Studie
Die qualitative Studie wurde in sieben neu errichteten oder baulich verbesserten Pflegeheimen mit öffentlicher und privater Trägerschaft im Kanton Zürich durchgeführt. Die Heime wiesen zum Untersuchungszeitpunkt keinen Personalmangel auf. Die Bauplanung in den untersuchten Heimen war ohne eine routinemässige Beteiligung von Pflegenden durchgeführt worden.
Methodisch arbeitete die Autorin mit nicht-teilnehmender Beobachtung, Fokusgruppeninterviews, Einzelinterviews, geführten Rundgängen und Digitalfotografie. Sie beobachtete und interviewte diplomierte Pflegefachpersonen, Pflegeassistentinnen sowie FaGe einzeln und in Gruppen, auch in den Pausen. Aus ethischen Gründen war sie nicht dabei, wenn Körperpflege durchgeführt wurde. Diese Pflegesituationen wurden glaubhaft nachgestellt und beschrieben.
Die Forschungsfragen wurden offen gehalten, um den Meinungen und Erfahrungen der Pflegenden Platz zu geben. Sie lauteten: Welche baulichen Gegebenheiten unterstützen die tägliche Pflegearbeit, welche sind hinderlich, und wie geht es Ihnen als Pflegende dabei?
Merzeder, C, 2017, Built for Care? An in-depth study of Nursing Home (NH) layout in the German speaking part of Switzerland.
1 Zuniga, F., Ausserhofer, D., Serdaly, C., Bassal, C., De Geest, S. & Schwendimann, R. 2013. Schlussbericht zur Befragung des Pflege- und Betreuungspersonals in Alters- und Pflegeinstitutionen der Schweiz. Basel: Universität Basel – Institut für Pflegewissenschaft.
2 Abushousheh, A., Proffitt, M. & Kaup, M. 2010. Culture Change & the Household Model.
Milwaukee, University of Wisconsin.
3 Kiyota, E. & Monkhouse, C. 2009. Keine Ghettos mehr – Wohnen im Alter. Konstruktiv.
Die Age-Stiftung bietet Informationen für Architekten, Planer und Bauberater sowie Bauträger und Betreiber und fördert vorbildliche stationäre Pflegeeinrichtungen.
Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.5/2018. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung!
erschienen: 31.05.2018