Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/3278

Es waren denkwürdige Szenen, die sich diese Woche in einem Bürogebäude des britischen Parlaments abspielten. Alan Rusbridger, Chefredaktor des «Guardian», war von einem Ausschuss des Unterhauses vorgeladen worden, um sich zu rechtfertigen.
Der «Guardian» wurde, nachdem seine Journalisten Zugang zum Datensatz des Whistleblowers Edward Snowden erhielten, zum treibenden Medium hinter den Enthüllungen über die Methoden amerikanischer und britischer Geheimdienste. Von der britischen Regierung und den Sicherheitsorganen wird die Zeitung dafür seit Monaten scharf kritisiert.
Die folgenden Passagen sind gekürzte und bearbeitete Auszüge aus der öffentlich übertragenen Befragung vom Dienstag. Neben Rusbridger treten auf: Keith Vaz, Labour-Abgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses, sowie die Tory-Parlamentarier Michael Ellis und Mark Reckless.
Keith Vaz: Die Spitzen der Geheimdienste haben vor dem Parlament klar zum Ausdruck gebracht, dass Sie dem Land (mit den Enthüllungen im «Guardian»; Anm. d. Red.) Schaden zugefügt haben. Akzeptieren Sie diese Kritik?
Alan Rusbridger: Das Problem dieser Anschuldigungen ist, dass sie sehr vage sind und sich nie auf konkrete Artikel beziehen. Ich würde darauf gerne mit vier Leuten antworten, die mir persönlich gesagt haben, dass es keinen Schaden gibt oder sie diesen nicht erkennen können. Selbst der Staatssekretär Norman Baker, den Sie letzte Woche befragt haben, hat das ja gesagt.
Keith Vaz: Der Schaden besteht darin, dass Ihre Informationen die Namen von Mitarbeitern der Sicherheitsdienste enthalten und dass Sie diese Informationen um die Welt geschickt haben (an die «New York Times», mit welcher der «Guardian» eine Kooperation einging; Anm. d. Red.).
Alan Rusbridger: Erstens haben wir nie einen Namen publiziert, das ist ganz wichtig. Wir haben keine Namen veröffentlicht und wir haben nie die Kontrolle darüber verloren. Ich habe dem Kabinettssekretär persönlich mitgeteilt, dass wir unser Material mit der «New York Times» teilen würden.
Keith Vaz: Erlauben Sie mir eine Frage, bevor ich an die übrigen Mitglieder weitergebe. Sie und ich wurden beide ausserhalb dieses Landes geboren, aber ich liebe dieses Land. Lieben Sie dieses Land?
Alan Rusbridger: Wir leben in einer Demokratie. Die meisten Leute, die an dieser Geschichte arbeiten, sind Briten, die dieses Land lieben. Ich bin ein wenig erstaunt über diese Frage. Ja, wir sind Patrioten. Und etwas, worauf wir stolz sind, ist die Demokratie und die freie Presse – und die Tatsache, dass man solche Dinge in diesem Land schreiben und diskutieren darf.
Keith Vaz: Also haben Sie das nicht getan, um dem Land zu schaden, sondern damit das Land versteht, was mit der Überwachung geschieht?
Alan Rusbridger: Es gibt Länder, in denen die Medien nicht frei sind in der Berichterstattung. Dort sagen die Sicherheitsdienste den Journalisten, was sie zu schreiben haben, und Politiker zensieren Zeitungen. Grossbritannien ist kein solches Land, und Amerika ist es auch nicht. Diese Freiheit ist eines der Dinge, die ich an diesem Land liebe.
Michael Ellis: Herr Rusbridger, Sie haben zugelassen, dass von Snowden gestohlene Dokumente weitergegeben wurden, welche die Namen von Geheimdienstmitarbeitern enthalten, stimmt das? Ja oder nein?
Alan Rusbridger: Es ist seit einem halben Jahr bekannt, dass diese Dokumente Namen enthalten und dass ich sie mit der «New York Times» ausgetauscht habe.
Michael Ellis: Akzeptieren Sie, dass dies ein kriminelles Vergehen gemäss dem Terrorismusgesetz ist?
Alan Rusbridger: Sie mögen Anwalt sein, Herr Ellis, ich bin es nicht. Ich überlasse das Ihnen.
Michael Ellis: Wenn Sie während des Zweiten Weltkriegs den Enigma-Code gekannt hätten, hätten Sie diese Information an die Nazis weitergegeben?
Alan Rusbridger: Das ist ein leidiges Ablenkungsmanöver, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben. Ich glaube, die meisten Journalisten können durchaus unterscheiden zwischen den Dingen, von denen wir hier sprechen, und dem Enigma-Code. Ich kenne den Unterschied, danke.
Mark Reckless: Sie haben vorher ein kriminelles Vergehen zugegeben (den Austausch von Daten mit der «New York Times», die sich ausserhalb der britischen Gerichtsbarkeit befindet; Anm. d. Red.). Wäre es nicht im öffentlichen Interesse, dass die Strafverfolgungsbehörden gegen Sie ermitteln würden?
Alan Rusbridger: Das kommt auf Ihre Definition einer freien Presse an. In Amerika hat Justizminister Eric Holder gesagt, dass er keinen Journalisten verfolgen würde, der seine journalistische Pflicht ausübt. Ich habe in New York auch mit dem früheren Rechtsverantwortlichen der NSA gesprochen, und er unterscheidet absolut zwischen dem, was Snowden getan hat, und zwischen dem, was Journalisten taten. Er sagte: Ist die Information einmal in den Händen der Journalisten, ist das Material geschützt.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper
Der «Guardian» enthüllte die Überwachungsmethoden der Geheimdienste. Nun musste sich ihr Chefredaktor vor dem britischen Parlament gegen absurde Vorwürfe verteidigen. Ein Protokoll.
Es waren denkwürdige Szenen, die sich diese Woche in einem Bürogebäude des britischen Parlaments abspielten. Alan Rusbridger, Chefredaktor des «Guardian», war von einem Ausschuss des Unterhauses vorgeladen worden, um sich zu rechtfertigen.