Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/458

Das Alter hat viele Gesichter
Wie auch immer wir uns einrichten: Wir brauchen auch Glück.
Unlängst waren wir zum 90. Geburtstag von Bianca, einer entfernten Cousine, eingeladen. 90 Gäste bat sie zum Nachtessen. Zum Fest liess sie sich ein elegantes Abendkleid schneidern, das farblich auf ihren Teint und ihr hellbraunes Haar abgestimmt war. Nach der Vorspeise hielt sie eine Rede. «Ich habe mich nie aufgeregt im Leben, sondern alles genommen, wie es kam», sagte sie und schloss: «Deshalb bin ich so alt geworden, aber fragt nicht nach meinem Alter, feiert einfach mit mir.» Alle klatschten, bejubelten sie, und es gab verschiedene Darbietungen.
Das passte zu Bianca. Sie lebt noch immer in ihrem Reihenhaus ohne Lift. Sie kocht leidenschaftlich gerne und schätzt es, Gäste am Mittagstisch zu haben. Abends trifft man sie häufig im Theater oder in der Oper.
Ganz anders wirkte ein älteres Ehepaar, auf das wir gleich zu Beginn beim Apéro stiessen. Beide hatten sie hellgraues Haar. Die Frau hielt sich gut, war aber eingefallen. Sie wäre froh, müsste sie nicht stehen, bemerkte sie schmunzelnd und zeigte auf meinen Rollstuhl. Ihr Mann war gebückt und stützte sich mit der einen Hand auf einen Stock, in der anderen hielt er leicht zitternd ein Glas Weisswein.
Später beim Essen sass ich neben ihm. Leise und langsam redend, erklärte er mir, der Vater der Jubilarin sei sein Onkel gewesen. Er sei eben der «Benjamin» des Familienclans, also der Jüngste, und fuhr fort, er wohne mit seiner Frau schon seit zehn Jahren in einer Altersresidenz. Mit 55 habe er sich aus dem Erwerbsleben zurückgezogen.
Im Hinterkopf begann ich zu rechnen, wie jung denn dieser alt erscheinende Benjamin sein könnte. «Sie sind also wesentlich jünger als die Jubilarin?», fragte ich ihn schliesslich. «69 Jahre», antwortete er. Im weiteren Gesprächsverlauf zeigte sich, dass er kerngesund ist und weit entfernt, den Assistenzdienst in der Residenz beanspruchen zu müssen. Zu wissen, dass Hilfe jederzeit abrufbar ist, beruhige ihn aber sehr, sagte er. Er sei auch froh, dass er sich um nichts mehr zu kümmern brauche.
Dieser «Benjamin» scheint seit seiner Frühpensionierung zu altern, überlegte ich mir. Er fügt sich förmlich dem Alter, er begeht es zusammen mit seiner Frau fast schon rituell. Beide führen sie ein Leben, als wären sie Greise. Sie schonen sich, berichtete er, und passen sich den altersbedingten Umständen an. Da bemerkte ich: «Sie sehen vor, während Bianca sich über das Alter hinwegsetzt. Sie tut so, als wäre sie ewig jugendlich.» Er bestätigte: «Wir sind zwar nahe verwandt, aber doch sehr unterschiedlich.»
Als ich am folgenden Morgen aufwache, sinniere ich: Wir sind eben so alt, wie wir uns geben. Aus dem Radiowecker erschallt «Satisfaction» von den Rolling Stones. Sie sind äusserlich verlebt, innerlich aber aufgeschlossen und voller Tatendrang. Einst waren sie die «bösen Buben», jung und frech, als «Rock-Opis» mit ihren zerfurchten Gesichtern bringen sie’s aber immer noch. Auch mit Gichthändchen spielt der 75-jährige Keith Richards seine Riffs einprägsam. Sein Kumpel Ron Wood, der mit 72 Jahren jüngste von ihnen, hatte 2017 sogar Lungenkrebs. Seither raucht er nicht mehr, auf Konzerttour geht er aber unverdrossen.
Im Umgang mit Behinderungen finden wir diese Verhaltensmuster auch. Die einen geben vor, sich nicht peinigen zu lassen. Sie versuchen, die Querschnittlähmung abzuschütteln und zu leben wie Nichtbehinderte. Dieser Weg ist leistungsorientiert und anstrengend. Wer auf ihm erfolgreich ist, kann aber mit viel Anerkennung rechnen. Die anderen fügen sich ihren Einschränkungen und setzen ihre Ziele behinderungsbedingt etwas tiefer an. Ich beurteile nicht, welcher Weg der bessere ist. Vielmehr finde ich, je älter ich werde, dass wir vor allem eine grosse Prise Glück brauchen, um gut durchs Leben zu kommen. Darauf angesprochen, fand auch Bianca, sie könne von Glück reden, dass sie noch immer jeden Tag gesund und frohen Mutes aufstehen kann.