Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03535.jsonl.gz/1600

Das Schloss in 1767 Herrliberger
Auf einer steilen, bewaldeten Bergzunge oberhalb des Dorfes Wikon erheben sich inmitten von neuzeitlichen Gebäuden die Reste einer mittelalterlichen Wehranlage. Die älteste Ansicht aus dem 17. Jahrhundert zeigt auf des schmalen Hügelzunge eine ganze Reihe von hintereinander stehenden Baukörpern. Zuhinterst bergwärts erheben sich ein hoher, schlanker Bergfried und ein Wohnhaus mit Treppengiebel, kleinere Anbauten und schliesslich ein Zwinger, an dessen Ende ein niedriger Rundturm steht. Von dieser mittelalterlichen Bausubstanz haben sich lediglich der Bergfried, der schmale Wohnbau und, im Winkel zwischen beiden, der Chor der Kapelle erhalten. Der Bergfried weist einen rechteckigen Grundriss von sieben auf zehn Meter Grundfläche auf. An den beiden freistehenden Seiten beträgt die Dicke des Mauerwerks drei Meter. In der Westecke des Turms beginnt in einer Höhe von sieben Metern eine ins Mauerwerk eingebrochene, steinerne Wendeltreppe, die bis ins oberste Geschoss führt. Der westlich anschliessende Wohnbau beschreibt im Grundriss ein Rechteck von neun auf vierundzwanzig Meter Seitenlänge und ist mit einem Staffelgiebel ausgerüstet.
Über die Entstehungszeit der ehemals zweiteiligen Burg Wikon ursprünglich und im Dialekt auch heute noch Wiggen genannt fehlen gesicherte Angaben. Nach den Aufzeichnungen des Luzerner Chronisten Renwart Cysat aus dem 16. Jahrhundert soll es sich gar um eine vierteilige Anlage gehandelt haben, die von den Grafen von Lenzburg gegründet worden sei. Wir sind der Meinung, dass es sich auf Wiggen nicht um vier eigentliche Burgen handelte, sondern um eine Grossanlage, deren einzelne Baukörper infolge der vielen Erbteilungen und Lehensübertragungen verschiedene Besitzer hatten, also eine Art städtischer Häusergruppe innerhalb des gleichen Berings bildeten. Nach den Lenzburgern sollen dir Grafen von Frohburg die Anlage mit der dazu gehörenden Herrschaft übernommen haben. 1373 gehörte die Feste dem Grafen Rudolf von Neuenburg und 1409 den Grafen von Thierstein. Die Herren von Falkenstein werden in den Urkunden aus den Jahren 1420, 1441 und 1457 als Eigentümer aufgeführt. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind die Herren von Büttikon als Träger des ausgedehnten Burglehens belegt. Als treue Dienstleute des habsburgischen Hofes zogen sie mit Leopold III zur Schlacht von Sempach. Dort fielen sieben Vertreter des Geschlechts im Kampf mit den Eidgenossen. Bei der Eroberung des Aargaus wurde ein Teil der Feste von den Bernern, ein anderer von den Luzernern besetzt. Nach längeren Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ständen entschied die Eidgenössische Tagsatzung 1470 in Stans, dass die ganze Anlage dem Stand Luzern allein gehören sollte, in dessen Grafschaft Willisau die Herrschaft Wiggen lag. Die Herren von Büttikon waren trotz der Wirren um die Besitzrechte auf der Burg verblieben. 1422 veräusserten Henmann von Rüsegg und seine Frau Anflis von Aarburg ihre Rechte „an den vesten und Burgen zu wiggen, die hintern zwei wiggen“ an Hans von Büttikon. Doch bereits 1476 verkaufte Rudolf von Büttikon Burg und Herrschaft an die Stadt Luzern.
Die neue Besitzerin liess in den Jahren 1483/84 grosse Umbauten durchführen, die der luzernische Stadtwerkmeister vornahm. 1488 wurde die Burgkapelle geweiht. Die Wehranlage diente von 1485 bis 1798 als Sitz der luzernischen Landvögte. Gegen 60 Vögte aus den angesehensten Luzerner Geschlechtern residierten auf Wikon. Im Bauernkrieg von 1653 hielten die Bauern der Umgebung den unbeliebten Landvogt von Wikon gefangen und führten die auf der Burg eingelagerten Geschütze weg. Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde das Landvogteischloss von ehemaligen Untertanen geplündert und teilweise in Brand gesteckt. Der Vogt war seines Lebens nicht mehr sicher und musste fliehen.
Die Ruine ging im beginnenden 19. Jahrhundert an die Gemeinde über, in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts an die Korporation, und schliesslich übernahm Pfarrer Josef Leupi die Anlage.
Er liess den ruinösen Sitz umbauen und richtete zusammen mit seiner Tante, der Benediktinerin Getrud Leupi, das heute noch bestehende Tochterinstitut „Marienberg“ ein. Der ehemalige Bergfried, der dank seinem gewaltigen Mauerwerk die Stürme der Zeit am besten überstanden hatte, wurde bei dieser Gelegenheit stark verändert. Er erhielt neue, grössere Fenster und ein Dach. 1893 fand sich im Palas ein kleines, in Fragmenten erhaltenes rundbogiges Doppelfenster aus verziertem Backstein aus St. Urban. Dieses Werkstück aus dem Fabrikationszentrum St. Urban lässt sich in die Zeit um 1260 einordnen. Das rekonstruierte Doppelfensterchen befindet sich jetzt in der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich. Die Grafen von Frohburg und die Herren von Büttikon hatten mit dem Kloster St. Urban immer gute Beziehungen unterhalten. Dies könnte das Vorkommen von Backsteinen aus St. Urban auf der Burg Wikon erklären.
Dank einer wertvollen gotischen Pietà-Statue wurde die 1635 geweihte neue Schlosskapelle zu einem eigentlichen Wallfahrtsort. Die Pietà, die heute in einer Seitennische des 1963 errichteten Sakralraumes steht wo sich einst die alte Kapelle befand -, ist um 1400 entstanden.
In den Jahren 1956 bis 1958 und 1963 ist das Tochterinstitut vergrössert worden. Zwar wurde auf die historischen bauten eine gewisse Rücksicht genommen, doch haben die verschiedenen Nebengebäude das mittelalterliche Bauwerk stark beeinträchtigt. So lässt sich der Bergfried nur noch von Westen und Norden her erkennen, und Ausdehnung und Aussehen des einstigen Landvogteischlosses lassen sich nur aus den alten Ansichten erahnen. Die Kapelle kann besichtigt werden. Die eigentlichen Institutsgebäude hingegen sind nicht zugänglich.
Bibliographie