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Ungestörte Harmonie
Bernie Krause ist ein bekannter Natur- und Klangforscher, ein regelrechter Pionier der Tonaufnahmen im «freien Feld», in der unberührten Natur. Schon sein ganzes Leben lang war er fasziniert von der Schönheit und Harmonie jener Geräusche, welche die Schöpfung aus sich selbst hervorbrachte, und darum war er immer auf der Suche nach Orten, in denen er möglichst lange, ungestörte Tonaufnahmen machen konnte.
Krause erzählte einmal, dass er im Jahr 1968 für eine ganze Stunde ungestörter Naturaufnahmen ohne Flugzeuge, Autos, Motorsägen usw. etwa 15 Stunden Aufnahmezeit benötigte. 40 Jahre später brauchte er für denselben Zeitraum – für eine Stunde ungestörter Naturgeräusche – 2000 Stunden Aufnahmezeit.
Dröhnende Dieselmotoren
Naturschützer bei Greenpeace und anderen Organisationen machen seit längerem darauf aufmerksam, dass selbst die großen Ozeane dieser Welt vom Lärm der Dieselmotoren riesiger Schiffe erfüllt sind.
Diese gewaltigen Motoren erzeugen laute Geräusche im Subbass-Bereich – Vibrationen, welche über Hunderte von Kilometer zu hören sind und vor allem den Walen zu schaffen machen. Konnten sich Wale früher über weite Distanzen mit ihrem Gesang verständigen und orientieren, so gehen ihre Rufe heute im Lärm der Schiffsmotoren unter. Dazu kommen die Tieffrequenz-Geräusche von Bohrinseln und infernalisch laute «Airguns», die für seismische Untersuchungen benutzt werden.
Laut neusten Studien hat sich der Schallpegel im pazifischen Ozean in den vergangenen 40 Jahren verzehnfacht.
Nicht nur die sich häufenden Strandungen von Meeressäugern wird auf die Irritation der Tiere durch den Lärm zurückgeführt – es wurde auch nachgewiesen, dass zum Beispiel im Gebiet der kanarischen Inseln immer mehr Pottwale mit Schiffen zusammenstoßen, weil ihre akustische Ortung durch den starken Schiffsverkehr verunmöglicht wird – ja, weil sie buchstäbliche Hörschäden erleiden…
Man wird allen Ernstes sagen können, dass es auf diesem Planeten kaum noch einen Ort ohne menschlich verursachten Lärm gibt.
Akustischer Müll
Und dabei sind wir noch nicht einmal dorthin vorgedrungen, wo die meisten Menschen heute leben – in Städten. Städteplaner erstellen heute aufwändige Konzepte, um den Lärm einzudämmen bzw. den «akustischen Müll» (so wird Lärm definiert) im Zaum zu halten.
Tatsächlich aber steigt der Geräuschpegel in städtischen Gebieten ständig an.
Baustellenfahrzeuge und -geräte, Autos, Motorräter, Flugzeuge, Hubschrauber, dann auch Radios, Fernseher, Lautsprecher-Ansagen, Werbebotschaften, Hupen, Klingeln, Warnsignale usw. – uns ist das meist gar nicht bewusst, wir nehmen diese Kakophonie an Geräuschen kaum mehr bewusst wahr – aber noch vor zweihundert Jahren hätte es wahrscheinlich kein Mensch auch nur eine Stunde ohne Panikanfälle im heutigen Stadtverkehr oder in einer ganz gewöhnlichen Shopping Mall ausgehalten.
Inseln der Ruhe
Wir sind mit anderen Worten einer nie dagewesenen Bandbreite akustischer Reize ausgesetzt – und stehen vor der Herausforderung, in dieser Klangfülle doch noch Momente der Ruhe, des Innehaltens zu finden.
Denn ohne solche Augenblicke lässt sich unser Leben irgendwann nicht mehr einmitten, dreht sich unsere Seele im Kreis und verliert das Bewusstsein der Gegenwart Gottes.
Sicher: Ruhe ist nicht alles. Manchmal ist auch angesagt, das Schweigen zu brechen, seine Stimme zu erheben, im Namen Gottes und der Menschen laut zu protestieren. Manchmal ist es dran, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, um himmelschreiende Umstände zu verändern, um Notleidenden aufzuhelfen und Visionen zu verwirklichen. Ruhe ist nicht alles… aber ohne bewusste Momente des Rückzugs in die Stille werden wir unsere Stimme irgendwann verlieren, wird unser Tatendrang verpuffen, werden unsere Visionen verblassen.
Die christliche Spiritualität lebt seit jeher davon, dass auch der lebendige Gott bevorzugterweise in der Stille zu uns durchdringt.
Anregung
Schaffe dir heute eine Insel der Ruhe in deinem Alltag – bei einer Tasse Tee, einem warmen Bad, einem abendlichen Spaziergang –, lass deinen Gedanken freien Lauf und beobachte, was dabei in dir vorgeht.
Illustration: Rodja Galli