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In den 60er Jahren entstand in der Türkei unter politisch schweren Umständen der Anadolu Rock. Das Land war geprägt von Machtwechsel, Instabilität und Gewaltakten. Was dem Staat nicht passte wurde zensuriert. So auch der Anadolu-Rock, welcher sich die westliche Rockmusik zum Vorbild nahm und diese mit traditionellen, türkischen Perkussions- und Saiteninstrumenten ergänzte. Die Musik aber durfte nicht auf den Fernseh- und Radio-Kanälen gespielt werden. So begannen mehr und mehr Künstler ihre Kritik am Staat in Form von Musik auszuüben. Es entwickelte sich eine sehr gut vernetzte Musik-Szene, welche beim Volk sehr populär war. Oftmals konnten die Künstler aber primär nur im Ausland grosse Konzerte geben, zumal Konzerte in der Türkei stets mit einem gewissen Risiko verbunden waren. Die Adaption der westlichen Rockmusik ist nicht zu überhören und doch hat sich der Stil sehr eigenwillig entwickelt. Unter anderem auch, weil sich die Türkei nie einer westlichen Kolonialmacht unterwerfen musste und daher ziemlich isoliert von westlichen Einflüssen war.
Musiker wie Cem Karaca, Erkin Koray, Selda Bağcan oder Barış Manço erlangten Kultstatus. 1980 ereignete sich in der Türkei ein weiterer Putsch, welcher dem Land nach langer Zeit wieder einmal freie Wahlen ermöglichte. Die politische Situation besserte sich daraufhin, wenn auch nur ganz langsam. Selda Bağcan beispielsweise wurde in dieser Zeit zweimal inhaftiert, unter anderem weil ihre Songs als kommunistische Propaganda betrachtet wurden. Da der Staat fortan aber nicht mehr so viel Angriffsfläche bot, verlor auch der Anadolu-Rock an Strahlkraft. Die Musiker produzierten zwar weiter, aber der damalige Hype, gerade auch auf internationaler Ebene nahm merklich ab. Im Jahre 2006 soll aber ein Podcast von Egon, welcher auf dem Label Stones Throw Records erschien, einen neuerlichen Hype um den Anadolu-Rock ausgelöst haben. Seither dreht der Anadolu-Rock wieder seine Runden, auch auf dem internationalen Musik-Karussell. Selda Bağcan gibt auch im hohen Alter noch Live-Konzerte, 2015 spielte sie an der Bad Bonn Kilbi.
Diverse Plattenlabes wie Finders Keepers, Pharaway oder Guerssen haben viele Platten wiederveröffentlicht und die "Widerauferstehung" zusätzlich vorangetrieben. Höre dich durch zwei Stunden voller Schätze aus dem Anadolu-Rock. Und dass es auch heute noch Bands gibt, welche sich davon inspirieren lassen, musikalisch und ideologisch, sehen wir am Beispiel von Baba Zula.
Tune in: