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Weitere Luftaufnahmen vom Schloss
Die lange Geschichte
Die im 19. Jahrhundert durchgeführten Ausgrabungen, vor allem die, die von dem Archäologen Albert Neaf geleitet wurden, beweisen, daß der Felsen von Chillon bereits während der Bronzezeit bewohnt war.
Die heutige Gestalt des Schlosses ist das Resultat jahrhunderter langer Auf- und Umbauten.
Die Felseninsel, auf der das Schloss erbaut wurde, diente nicht nur als natürlicher Schutz, sondern auch als strategischer Punkt zur Kontrolle der Passage zwischen Nord- und Südeuropa.
Die Geschichte des Schlosses kann in drei Hauptperioden eingeteilt werden:
Das Savoyen Zeitalter
1150 wird das Schloss erstmals ausdrücklich erwähnt. Damals war Chillon in der Hand der Grafen von Savoyen. Diese hatten zum Teil gemeinsam mit den Herren von Blonay Rechte an der Burg erworben und kontrollierten so auch den schmalen Durchgang am See. Chillon wurde damals als Castrum bezeichnet, was belegt, dass es neben dem Schloss nach dem mittelalterlichen Verständnis des Begriffs auch einen Flecken gab.
Im 13. Jahrhundert eroberten die Grafen von Savoyen den grössten Teil der Waadt, die damals in zahlreiche Herrschaften zerstückelt war. Dies war aber nur das Vorspiel zu einer viel umfassenderen Vorherrschaft: Die Savoyer machten sich fast zwei Drittel der heutigen Welschschweiz zueigen. Mit ihren Ländereien südlich und nördlich der Alpen beherrschten sie die beiden wichtigsten westlichen Alpübergänge: den Mont Cenis und den Grossen Sankt Bernhard. Diese beiden bedeutenden Handelsstrassen zwischen Italien und Nordwesteuropa waren sehr einträglich, da sie für den Unterhalt der Strassen und den Schutz der Reisenden auf den Waren, die durch ihre Gebiete befördert wurden, Abgaben erhoben. Das Schloss Chillon bot mit seinem Standort an der Route des Grossen Sankt Bernhards wirtschaftliche und strategische Vorteile. 1214 gründete Thomas I. von Savoyen (1189–1233) zwei Kilometer östlich von Chillon Villeneuve, das genug Platz bot für eine Zollstation, Lagerhallen und Hafenanlagen.
Am Schloss selbst liessen Graf Thomas I. von Savoyen und seine vier Söhne etappenweise umfangreiche Wiederaufbau- und Erweiterungsarbeiten durchführen. Einer der Söhne, Peter II., war Schlossherr von 1255 bis 1268 und wurde dabei durch Pierre Mainier, einen Schreiber aus Chambéry, vertreten, der als Bauinspektor wirkte. Philipp von Savoyen, einer der Brüder und Nachfolger Peters, vertraute die Bauleitung dem Maurermeister und Ingenieur Jacques de Saint-Georges an, einem auf Wehrbauten spezialisierten Architekten.
Die Burg diente den Grafen und Herzögen von Savoyen als vorübergehende Residenz, und dem Kastlan (und später dem Vogt) als ständiger Wohnsitz. Zur Ausübung ihrer Herrschaft mussten die Savoyer ihre riesigen Territorien immer wieder persönlich aufsuchen. Die Jahreszeiten hatten ebenfalls einen gewissen Einfluss auf ihr Nomadendasein: Einige Residenzen waren im Winter unbewohnbar, andere eigneten sich besser für bestimmte Betätigungen wie die Jagd. Der Graf reiste mit einem riesigen Hofstaat, der aus seinem unmittelbaren Gefolge und zahllosen Bediensteten und Beamten bestand. Dabei führte er alles mit, um die Etappenziele wohnlich zu gestalten. Die ihm vorbehaltenen Gemächer und Säle blieben nämlich in seiner Abwesenheit geschlossen und waren leer. Chillon wurde dann jeweils der Obhut eines Kastlans überlassen, der in der Regel dem savoyischen Adel entstammte. Er befehligte die Garnison, sprach Recht, erhob Zölle und herrschaftliche Abgaben. Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als die Grafschaft Savoyen in mehrere Vogteien aufgeteilt wurde, war der Kastlan von Chillon zugleich auch Landvogt des Chablais. Dieses Gebiet umfasste Kastlaneien zwischen Vevey und Aigle, im heutigen Unterwallis sowie am Südufer des Genfersees (Evian, Thonon) und war der grösste Verwaltungsbezirk Savoyens im 14. Jahrhundert.
Das Schloss Chillon wurde zu einem der wichtigsten Verwaltungs- und Finanzsitze im Norden des savoyischen Territoriums. Auf diese Zeit geht der Bau zweier Gebäude im Norden der Anlage in jenem Trakt zurück, der dem Grafen vorbehalten war: des Domus clericorum (G) zu Verwaltungszwecken und der Schatzkammer (K) zur sicheren Aufbewahrung des Archivs und der Einnahmen aus der Kastlanei und der Zollstation von Villeneuve. Meistens wurde nämlich das Geld für künftige Militäreinsätze oder Bauarbeiten im Schloss zurückbehalten, statt nach Chambéry in die „Finanzzentrale“ geschickt zu werden.
Ab Ende des 14. Jahrhunderts änderte sich dies allerdings: Chillon wurde als Finanzsitz durch Chambéry abgelöst, fortan wurden die Gelder dort zentral verwaltet. Zudem gab der Hof anderen Residenzen wie Le Bourget, Thonon oder Ripaille den Vorzug. Amadeus VIII., der später unter dem Namen Felix V. Papst wurde, versuchte noch 1436, dem Schloss neues Leben einzuhauchen. Damit beauftragte er seinen Baumeister Aymonet Corniaux, einen Zimmermann, der für die Erhaltung der Bauten des Chablais und der Waadt zuständig war. Er führte umfassende Bauarbeiten durch und veränderte die Wehreinrichtungen an den Mauerkronen der Türme und auf den Ringmauern. Doch blieben diese Bemühungen umsonst und Chillon geriet bis zum Einzug der Berner in Vergessenheit.
Das Berner Zeitalter
Am 29. März 1536 war die Eroberung der Waadt mit der Einnahme des Schlosses Chillon abgeschlossen.
Damit fiel den Bernern ein Bauwerk in die Hand, das trotz gewisser Alterserscheinungen in recht gutem Zustand war, da es in den Burgunderkriegen nicht in Mitleidenschaft gezogen worden war. Das Schloss wurde zum Verwaltungszentrum der Vogtei Vevey und zum ständigen Wohnsitz des Landvogts. Der Vogt wurde aus dem Kreis der Berner Patrizier ausgewählt und trug auch den Titel eines Hauptmanns von Chillon. Als Vertreter der Obrigkeit hatte er zahlreiche Aufgaben. Die bisherige Aufteilung des Schlosses in zwei Hauptbereiche, in einen Trakt für den Herren und einen für die Intendanz, war hinfällig geworden. Die neuen Schlossherren gestalteten es ihren Bedürfnissen entsprechend um und passten die Wehranlage der Entwicklung der Feuerwaffen an.
1733 verlegten die Landvögte ihren Sitz nach Vevey, denn das Schloss war ihnen zu isoliert und bot nicht genügend Komfort. Da es für Kriegszwecke nicht mehr tauglich war, wurde es in ein Lagerhaus umfunktioniert. 1785 erwogen die Berner, aus dem Nordtrakt einen riesigen Getreidespeicher zu machen, doch kamen sie möglicherweise wegen seiner Kostspieligkeit und wegen der Luftfeuchtigkeit wieder davon ab.
Das Waadtländer Zeitalter
1798 besetzten Waadtländer Patrioten aus Vevey und Montreux das Schloss – Widerstand wurde ihnen dabei nicht entgegengesetzt. Im Zuge der Waadtländer Revolution wurde das Schloss öffentliches Gut und ging 1803 an den damals gegründeten Kanton Waadt über.
Die aufkommende Romantik, die sich für das Mittelalter begeisterte, verhalf Chillon zu einem neuen Bild. Rousseau hatte bereits 1762 auf das Schloss aufmerksam gemacht, indem er einen Teil der Handlung der Nouvelle Héloïse dort ansiedelte und die Haft Bonivards erwähnte.
Eine eigentlich mythische Dimension nahm es aber erst mit Lord Byron und seinem berühmten Gedicht The Prisoner of Chillon von 1816 an, der auf den Spuren Rousseaus zum Schloss gepilgert war. Das Gedicht handelt von François Bonivard (1493–1570), Prior von Saint-Victor in Genf, der wegen seiner Savoyen-feindlichen Haltung in Chillon eingekerkert und dann von den Bernern befreit worden war. Durch die Überhöhung seiner Leiden während seiner Gefangenschaft machte ihn Lord Byron zu einem Symbol für Freiheit und das Gefängnis erhielt etwas beinahe Sakrales.
Das Schloss und die umliegende Landschaft entsprachen haargenau den ästhetischen Vorstellungen der Romantik: eine malerische Silhouette, altehrwürdige Mauern mit einer schauerlichen Geschichte und im Hintergrund die prächtige Bergwelt. Schriftsteller, Maler und Besucher waren gleichermassen fasziniert.
Die Waadtländer Behörden liess diese aufflammende Begeisterung allerdings kalt, und so funktionierten sie das Schloss 1836–1838 in ein Lager für Kriegsmaterial und schliesslich in ein Gefängnis um. Trotzdem kamen die Besucher in immer grösseren Scharen, wobei die Räume nur unter der Bewachung von Gendarmen besichtigt werden konnten, die behelfsmässig als Schlosswächter eingesetzt wurden, bis es offiziellere Führer gab. Diese liessen ihre Zuhörer gerne erschaudern und schmückten die von den Schriftstellern und Dichtern geschaffenen Bilder noch mit Liebesgeschichten und Dramen aus, wovon heute noch die Bezeichnung gewisser Säle zeugt.
Rundgang durch Schloss Chillon (Auszug), Claire Huguenin, Fondation du Château de Chillon, 2008
Bibliographie