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Das unbekannte Milano: die Kartause von Chiaravalle (1135)
In seinem Beitrag über den St. Galler Klosterplan stellt Fabian Felder die These auf, dass ein ideales Kloster wie eine kleine Stadt funktionieren sollte: ein selbsttragendes und in sich abgeschlossenes religiöses, soziales und wirtschaftliches System. Dies war auch bei den Zisterziensern so. Trotz einer ausgeprägten Selbständigkeit funktionierten diese grossen Klöster nicht isoliert, sondern waren natürlich Bestandteil des komplexen politischen Systems ihres Zeitalters. Dies wollen wir am Beispiel eines weniger bekannten Klosters am südlichen Rande Mailands illustrieren
Historischer Kontext
Nach dem Tod von Papst Honorius II. im Jahr 1130 kam es am 14. Februar desselben Jahres zur Wahl von zwei Päpsten. Zeitlich früher, aber nur von einer Minderheit berufen, wurde Innozenz II. gewählt. Später am gleichen Tag wählte die Mehrheit der Kardinäle in einem tumultartigen Verfahren Petrus Pierleoni, der den Namen Anaklet II. annahm. Anaklet II. konnte sich zunächst in Rom durchsetzen und zwang Innozenz II. zur Flucht. In der Folgezeit verbündete er sich mit dem König Roger II. von Sizilien, wodurch er sich die kaiserliche Partei dauerhaft zum Feind machte. König Lothar III. intervenierte denn auch zu Gunsten Innozenz’ II., führte diesen 1133 nach Rom zurück und empfing, zum Dank für diese Hilfe, von Innozenz II. die Kaiserkrone. Nach dem Abzug Lothars gelang es Anaklet II. allerdings wenig später, die Herrschaft über Rom zurückzugewinnen. Das Schisma wurde auch durch den Tod Anaklets, der 1138 starb, nicht beendet: Seine verbliebenen Anhänger wählten Gregorio Conti zum Papst, der den Namen Viktor IV. annahm, sich jedoch nach einer Intervention Bernhards von Clairvaux noch im Jahr 1138 Papst Innozenz II. unterwerfen musste.
Gegen Ende des Schismas befanden sich die Herrscher von Mailand auf der falscher Seite des politischen Kalküls, da sie die strategische Allianz des Papstes Anaklett II. und Königs Konrad III. von Bamberg, der 1127–1135 als Gegenkönig von Lothar auftrat, unterstützten. Nicht zufällig im gleichen Jahr 1135, als Konrad scheiterte, schenkte ein mailander Patrizier, Manfredo Archinto, dem Hl. Bernhard das Land, auf welchem der Heilige ein Kloster errichten sollte. So wollte man den politischen Fehler Mailands wiedergutmachen.
Diese Schenkung war nicht nur politisch motiviert. Zisterzienser waren dank ihres Wissens, ihrer Organisationsfähigkeiten und schlussendlich ihrem Fleiss, auch kräftige Promotoren des Wohlstands. Mailand bekam auf diese Weise an seinem südlichsten Punkt nicht nur ein spirituelles Zentrum, sondern auch wirtschaftliches Zentrum. Die Bedeutung des Klosters lässt sich am einfachsten an der umfangreichen Korrespondenz zwischen den Äbten des Klosters und den Päpsten nachvollziehen. Seit der Gründung des Klosters bis zum 15. Jahrhundert gibt es nicht weniger als 120 päpstliche Briefe, die an die Äbte adressiert sind und im dortigen Archiv aufbewahrt werden.
Die Kartause von Chiaravalle
Abt Bernhard von Clairvaux soll in Chiaravalle bei der Gründung der ersten Prioratskirche im Jahr 1135 zugegen gewesen sein. Die heutige Lage der Kartause im Vorort Nosedo illustriert schnell, wie entfernt von Mailand der Gründungsort der Kirche lag. Das passte zum Ethos zisterzienischer Mönche: ein Ort der Einsamkeit und Unwirtlichkeit, ein unwirtschaftliches Sumpfgebiet. Die heutige Mühle zeugt von der Fähigkeit der Mönche, Getreide zu bearbeiten. Da die Regel der Zisterzienser einen einfachen Lebensstil vorschrieben und dies zu schmucklosen Klosteranlagen führte, überrascht etwa die nüchterne Fassade der Abteikirche St. Maria nicht. Auf die für die Lombardei üblichen, reichlich dekorierten Kirchtürme, verzichtete man. Im 20. Kapitel der Verordnungen Bernhards von Clairvaux wird der gestalterische Spielraum auch im Inneren der Kirche klar eingegrenzt: "Wir verbieten, dass in unseren Kirchen oder irgendwelchen Räumen des Klosters Bilder und Skulpturen sind, weil man genau auf solche Dinge seine Aufmerksamkeit lenkt und dadurch häufig den Nutzen einer guten Meditation beeinträchtigt und die Erziehung zu religiösem Ernst vernachlässigt wird."
Die Hemmungen zur Dekoration und zu monumentalen Formen wurden aber allmählich aufgegeben und in den Jahren 1347-1349 wurde ein Vierungsturm errichtet, der zu den prachtvollsten Kirchtürmen gehört, die es in Norditalien zu sehen gibt. Erbaut wurde er von Francesco Pecorrari von Cremona. Der Architekt schuf auch den Kirchturm der Kirche San Gotthardo, wenige Minuten vom Mailänder Dom entfernt. Die Dekorationen in der Kirche, stammen aus einer späteren Zeit. So zum Beispiel die Fresken aus dem frühen 17. Jahrhundert von den Gebrüdern della Rovere "Fiammenghini" genannt, sowie Bernardo Luinis Madonna della Buonanotte (Bild unten). Nach dem Abendgebet in der Kirche kamen die Mönche auf dem Weg in ihre Zellen an diesem Bild vorbei und wünschten sich Gute Nacht .
Trotz dieser dekorativen Elementen, ist die Kirche ein meditativer Ort geblieben. Den Ort kenne ich seit 2002. Während meines Mailand-Lebensabschnittes, als ich in der Nähe, in San Giuliano Milanese, als junger Manager arbeitete. Zugegeben, die Kirche habe ich dank einem wunderbaren Restaurant gleich um die Ecke entdeckt. Dort wollen wir während unserer Mailandreise auch gerne einkehren.