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Am 1. Oktober 1905 wurde im Casino Winterthur der Verband nordostschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften gegründet, der heutige Milchverband Winterthur. Damit schlossen sich 133 Milchgenossenschaften zu einem Genossenschaftsverband zusammen, vor allem mit dem Ziel, Preisunterbietungen gegenüber dem Milchhandel und den Käsereien zu verhindern. Die Milchproduktion war vor dem Ersten Weltkrieg hoch im Kurs: Die "gelbe Schweiz" mit viel Getreidebau war gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur "grünen Schweiz" mit viel Grasland geworden, der Ackerbau war durch billige Importe zurückgedrängt worden. Der Staat förderte durch seine Zollpolitik die Milchproduktion, mit dem Ziel, diese Branche möglichst exportorientiert zu machen.
Gründungswelle von Milchverbänden
Vor und nach der Gründung des Winterthurer Milchverbandes wurden eine ganze Reihe regionaler Milchverbände gegründet, als Reaktion auf Marktpartner, die sich auch zunehmend organisierten. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich Milchkäufer und Käsehändler zu regionalen Verbänden und dann zum Schweizerischen Milchwirtschaftlichen Verein zusammengeschlossen. Auch die Konsumenten schlossen sich zu lokalen und später regionalen Konsumvereinen zusammen (heute Coop), und 1890 schliesslich zum Verband schweizerischer Konsumvereine. Auf Produzentenseite bildeten sich zuerst lokale Genossenschaften und ab der Jahrhundertwende eben die regionalen Milchverbände. Bereits 1897 wurde der Thurgauische Milchproduzentenverband gegründet, 1902 der Verband St.Gallischer Käserei- und Milchgenossenschaften. In der Nordwestschweiz gab es seit der Jahrhundertwende mehrere erfolglose Initiativen, Selbsthilfeorganisationen zu gründen. Im Januar 1905 wurde dann aber doch der Verband nordwestschweizerischer Milchgenossenschaften gegründet. In Bern entstand im März 1906 der Verband zentralschweizerischer Milchgenossenschaften, der fünf Jahre später zum Milchverband Bern und benachbarte Gebiete wurde, nachdem der Bernische Käsereiverband dazu gestossen war. 1906 entstanden weitere regionale Genossenschaftsverbände: Der Verband zentralschweizerischer Milchverwertungsgenossenschaften, die Fédération laitière vaudoise-fribourgeoise und die Fédération laitière de la région du Léman.
Rasch zeigte sich, dass die regionalen Genossenschaftsverbände die Stellung der Milchbauern gegenüber den Abnehmern zwar verbesserten, dass dies aber noch nicht genügte. Mit den damaligen Verkehrswegen konnten die Milchkäufer leicht billigere Milch aus entfernteren Gebieten beschaffen. Daraus folgte die Erkenntnis, dass man die regionalen Verbände zusammenschliessen wollte. So wurde im Januar 1907 wurde der Zentralverband schweizerischer Milchproduzenten (ZVSM) gegründet, die heutige Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP).
Kritische Reaktionen
Die Gründung des Verbandes nordostschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften stiess "in der Öffentlichkeit nicht auf günstigen Widerhall", wie es in der Festschrift zum 75. Jubiläum heisst. Die Milchkäufer und der Käsehandel, die gewohnt waren, den Milchpreis einseitig festzulegen, waren nicht erfreut darüber, dass die Bauern hier nun auch mitreden wollten. Einige liessen ihre Lieferanten ganz fallen, so dass der Verband sich gezwungen sah, selber als Milchkäufer einzuspringen. Später stieg er auch in die Verarbeitung ein, mit den Verbandsmolkereien in Winterthur, Zürich und Chur.
Ebenfalls kritisch reagierten die Konsumentenorganisationen auf die Verbandsgründung. Der Verband schweizerischer Konsumvereine bezeichnete die Milchpreis-Forderungen, welche die Bauern im Zuge der Verbandsgründung gemacht hatten, als "Wucher mit dem unentbehrlichsten Lebensmittel". Die Konsumentenvereine setzten sich dafür ein, dass die Milch in den Städten zu erschwinglichen Preisen erhältlich war. Die Versorgung mit Milch steckte in ihren Anfängen. Zum Teil belieferten die Bauern selber die Kunden oder die Läden, zum Teil kauften Engros-Händler auf dem Land Milch zusammen und verkauften sie an den Detailhandel in den Städten. "Die Milch war damals noch ein wichtiges Lebensmittel", sagt Hansjörg Schmid, Präsident des Milchverbandes Winterthur. Ganz im Gegensatz zu heute: Sie sei zum Rohstoff verkommen. Die Verarbeiter verdienten heute ihr Geld vor allem mit hoch verarbeiteten Produkten, und die Milchbauern als Rohstofflieferanten stünden noch schlechter da als damals.
100 Jahre Milchverband Winterthur
1. Oktober 1905: Gründung des Verbandes nordostschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften
1917 – 1920: eigene Verarbeitungsbetriebe nehmen den Betrieb auf: Käserei Schmerikon SG, Verbandsmolkereien in Zürich, Winterthur und Chur.
1925: Nachdem stockender Absatz und fehlende Exportmöglichkeiten zu Milchüberschüssen und Preiszusammenbrüchen führen, nehmen die Verarbeiter die Produktion von Butter, Kasein und Glacé auf.
1931: Die Weltwirtschaftskrise betrifft auch die Milchwirtschaft. Der Bund spricht grosse Beträge zur Stützung des Milchpreises.
1940/1941: Butter, Milch und Käse werden rationiert.
1955: Das Milchlieferungs-Regulativ wird in Kraft gesetzt. Das Wirtschaftswachstum in den folgenden Jahren führt zu hohen Teuerungsraten. Für die Bauern wird die Teuerung nur teilweise ausgeglichen. Der grosse Einkommensrückstand der Bauern wird teilweise durch Stützungsgelder ausgeglichen.
1977: Die Toni-Molkerei in Zürich, die "modernste Molkerei Europas", wird eingeweiht. Molkereien in Schaffhausen, St.Gallen, Glarus, Chur und Winterthur werden geschlossen. – Die Milchkontingentierung wird eingeführt.
1980er Jahre: In der Verarbeitung arbeitet der MVW zuerst mit dem Nordwestschweizer Milchverband MIBA, dann auch mit dem Milchverband Bern zusammen.
1992: Die Toni Lait AG wird gegründet, mit Produktionsstandorten in den Verbandsgebieten Winterthur, Bern, Basel und Waadt.
1998: Die Toni Lait AG schliesst sich mit Säntis zur Swiss Dairy Food zusammen.
2000: Die Molkerei Zürich wird geschlossen.
2001: Swiss Dairy Food geht in die Nachlassstundung.
2005: Gründung der Vermarktungsorganisation Nordostmilch AG
Ähnliche Herausforderungen
Parallelen sieht Schmid dagegen zwischen der Marktsituation in den Anfängen des Verbandes und heute. Es hätten "ähnliche Mechanismen" gespielt, die Milchproduzenten hätten sich zusammenschliessen müssen, um den Abnehmern Paroli zu bieten. Heute, vor der Aufhebung der Milchkontingentierung, sei es ähnlich. Allerdings müsste man noch ein paar Schritte weiter gehen, findet Schmid. Es gehe noch stärker darum, zwischen Abnehmern und Produzenten ein zahlenmässiges Gleichgewicht zu schaffen, "damit der Markt gleichmässig spielt". Von daher bräuchte es nur drei bis vier Produzentenorganisation, sagt Schmid. Von einer solchen Konzentration der Kräfte sei man leider weit entfernt.
Die Antwort auf die Zukunft ohne Kontingentierung ist die Produzentenorganisation Nordostmilch AG, in der 1,500 Milchbauern aus den Verbandsgebieten der Milchverbände Winterthur, St.Gallen-Appenzell und Thurgau zusammengeschlossen sind. Und die drei Milchverbände, braucht es die in Zukunft noch? Man sei daran, Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen, bis hin zur Fusion, sagt Schmid. Es brauche sicher auch in Zukunft noch regionale Milchverbände, um mit den Verarbeitern politische und regionale Fragen zu besprechen.