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Nationalheiliger Niklaus von Flüe: Das bessere Ich der Schweiz
Am Anfang war ein Missverständnis. Als Martin Luther in einer Schrift gegen das Papsttum eine Vision des Niklaus von Flüe (14171487) zitierte, geschah dies aufgrund einer falschen Quelle. Luther hatte von einer Schau des Einsiedlers erfahren, worin dieser angeblich ein Menschenantlitz erblickt hatte, das den Papst darstellte, umgeben von Schwertspitzen, die als Zeichen für dessen blutige Herrschaft gedeutet werden konnten.
Tatsächlich hat es diese Vision nie gegeben. Das Porträt, auf das sich der Wittenberger Reformator im Jahr 1528 bezog, sollte eigentlich das Antlitz Christi zeigen, und die vermeintlichen Schwertspitzen repräsentierten die göttlichen Strahlen, die vom Erlöser ausgehen. Die Darstellung stammte von einem bemalten Tuch (siehe Abbildung), das Niklaus von Flüe möglicherweise zur meditativen Betrachtung benutzte.
Doch die Tatsache, dass Luther derart ausdrücklich auf den Obwaldner Gottesfreund Bezug nahm, der sich selbst schlicht «Bruder Klaus» nannte, erscheint dennoch aufschlussreich. Sie ist ein Beleg dafür, welch grosses Ansehen dieser in den Augen der ersten Protestanten genoss, die dem Heiligenkult an sich sehr ablehnend gegenüberstanden.
Noch höher schätzten die Reformatoren in der Schweiz ihren Landsmann. Ulrich Zwingli bezeichnete ihn ehrfürchtig als den «edlen Bruder Klaus». Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger widmete ihm einen langen, lobreichen Abschnitt seiner «Zürcher Geschichte» und besass zu seiner Zeit die einzige erhaltene Kopie des berühmten Briefs, den Niklaus von Flüe einst an den Rat der Stadt Bern schreiben liess.
Vater des Vaterlandes
Die protestantischen Erneuerer sahen in dem frommen Asketen, der die Eidgenossen stets zur Einheit und Rechtschaffenheit gemahnt hatte, eine moralische Autorität in einer Epoche korrupter weltlicher und geistlicher Mächte, einen Gewährsmann gegen fremde Herrschaft und Einflussnahme, sowohl politischer als auch kirchlicher Art. Dabei kam ihnen sicherlich gelegen, dass Bruder Klaus ein Heiliger des Volkes, nicht der Kirche war.
Als wohlhabender Bauer und Richter hatte er im Alter von fünfzig Jahren Haus und Familie im Dorf Flüeli verlassen, um sich als Eremit in die nahe Ranftschlucht zurückzuziehen. Doch lange blieb er dort nicht allein. Bald fand «täglich ein grosser Volkszulauf» statt, wie eine zeitgenössische Quelle berichtet. Besondere Aufmerksamkeit bei den Pilgern, die sogar aus dem Ausland kamen, erregte das wundersame Fasten des Mystikers, der offenbar bis auf die Hostie in der Messe keine Nahrung zu sich nahm. Sein «gewöhnliches Gebet» (siehe Kasten) verbreitete sich bis nach Norddeutschland und wurde unter anderem durch den evangelischen Kirchenlieddichter Paul Gerhardt literarisch verarbeitet.
Geprägt hat Niklaus von Flües Nachruhm jedoch ein historisches Ereignis, bei dem er persönlich eine Schlüsselrolle spielte. Als im Jahr 1481 mehrere Kantone aufgrund von Konflikten untereinander an den Rand eines Bürgerkriegs gerieten, vermochte er mit einem geheimen Ratschlag an die politischen Vertreter einen Friedensschluss zu vermitteln, der als «Stanser Verkommnis» in die Geschichte einging. Damit wurde er im Gedächtnis der Nation zum «Vater des Vaterlandes», der bis heute über alle Konfessionsgrenzen hinweg Verehrung geniesst. «Das bessere Ich der Schweiz» nannte ihn einmal der Neuenburger Gelehrte Georges Méautis.
Ökumenischer Heiliger
So wichtig war den Protestanten der Ratgeber aus dem Ranft, dass sich manche gegen seine späte Heiligsprechung durch Papst Pius XII. im Jahr 1947 wehrten, weil sie diese als Vereinnahmung seitens des Vatikans auffassten. Karl Barth, der evangelische Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, machte deutlich: «Trotz der Kanonisierung, die wir grundsätzlich ablehnen, bleibt Bruder Klaus auch unser Heiliger.»
Während die katholische Kirche den Gedenktag des Friedensstifters auf den 25. September festlegte, blieben die Reformierten beim 21. März, der als sein Todes- und Geburtstag zugleich gilt. Und obwohl die evangelische Schweiz ihrem Landespatron keine eindrucksvollen Baudenkmäler errichten konnte, hielt sie seine Erinnerung immer lebendig. Stellvertretend für sie notierte schon der Pfarrer und Schriftsteller Jeremias Gotthelf schwärmerisch über den Nationalheiligen: «Sein Altar ist ewig in Gemütern, die ihn fassen.»
Fabian Kramer