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Ins Panel einleitend kündigte BARBARA MILLER an, dass drei sehr unterschiedliche Vorträge folgen würden, die Arbeit und Geschlecht zusammendenken. Die Beiträge untersuchten, wie Frauen den Arbeitsbegriff und die Arbeit, die sie selbst leisteten, veränderten. Zentrale Perspektiven von arbeitenden Frauen würden so sichtbar gemacht, neue und andere Akteurinnen rückten ins Zentrum und neue Quellenbeständen würden befragt. Arbeiterinnen des Schweizerischen Arbeiterverbandes wurden beispielswiese zum ersten Mal historisch befragt in Bezug auf das Fabrikgesetz. Die vier Referentinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht zu zeigen, wie Akteurinnen selbst ihre Arbeit deuten und gestalten.
SIMONA ISLER (Bern) stellte in ihrem Beitrag dar, dass die Arbeiterinnen den Schutz für Frauen in der Schweizerischen Fabrikgesetzgebung, die zwischen 1877 und 1925, auch in reformierter Form, in Kraft war und beispielsweise eine längere Mittagspause und ein Nachtarbeitsverbot für Frauen beinhaltete, nicht als diskriminierender «Sonderschutz» empfanden, sondern dass dadurch überhaupt erst die Grundlage geschaffen wurde für einen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen. Frauenorganisationen hingegen diskutierten die Schutzparagraphen kontrovers. Der Bund Schweizerischer Frauenorganisationen etwa, der sich für die Gleichbehandlung der Geschlechter einsetzte, empfand die Sonderschutzgesetzgebung als diskriminierend. Im Gegensatz dazu argumentierten die Arbeiterinnen, dass die Diskriminierung lange vor den Sonderparagraphen beginne. Ein besonderer Schutz von Frauen sei erst der Ausgleich für eine grundlegend ungleiche Ressourcenverteilung von Geld und Zeit. Isler legte dar, dass Arbeitszeit, Löhne und Gesundheit allgemeine Probleme des Klassenkampfes waren und die Arbeiterinnen allgemeine Lösungen anstrebten. Die Forderungen der Arbeiterinnen seien nicht am Rande der Arbeiterbewegung zu sehen, sondern im Zentrum des Klassenkampfes.1
SARAH BAUMANNs (Fribourg) Beitrag beschäftigte sich anhand des Genfer Beispiels des Vereins Aspasie mit der Frage, ob die Prostitution «sozial eingegliedert», als Arbeit akzeptiert oder ein Arbeitswechsel erleichtert werden soll. Aspasie bestand aus Sex- und Sozialarbeiterinnen, die sich ab 1982 dagegen wehrten, dass die Genfer Behörden ehemals in der Prostitution tätigen Frauen erst nach drei Jahren ein Leumundszeugnis ausstellten. Im Genfer Wirtschaftsleben war dieses Dokument zentral, so musste es bei Bewerbungen vorgelegt werden und war auch wichtig für die selbständige Erwerbstätigkeit. Es sei schliesslich ein Teufelskreis entstanden, führte Baumann aus, da die mindestens 350 registrierten Prostituierten in den 1980er Jahren nicht mit der Prostitution aufhören konnten, weil sie kein Leumundszeugnis hatten. 1989 verkürzte die Genfer Regierung die Frist auf ein Jahr. Die gesellschaftliche Reintegration der als «sozialdeviante Subjekte» bezeichneten Frauen, nicht ihre strukturelle Benachteilig in der Schul- und Berufsbildung und auf dem Arbeitsmarkt, stand im Zentrum der Argumentation der Regierung. SOS Femmes, Anaïs und Aspasie kämpften dafür, dass die Prostitution als (gesellschaftliche, emotionale und psychologische) Arbeit und nicht als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und vermeintlich «abnormen Identität» wahrgenommen wurde. Sie setzten bei den strukturellen Ursachen von Prostitution an und zielten auf die ökonomische Freiheit der Frauen, sich gegen die Prostitution entscheiden zu können. Schichtunterschiede, so Baumann auf Rückfrage, seien keine festzumachen.
Die freischaffenden Historikerinnen BETTINA STEHLI und LOU-SALOMÉ HEER (beide Zürich) präsentierten ihr Projekt zur Geschichte der Villa Kassandra, dem bisher einzigen Bildungs- und Ferienzentrum für Frauen in der Schweiz, in dem ab Mitte der 1980er Jahre eine neue Vision von Arbeit von und für Frauen gelebt und Arbeitsplätze für Frauen geschaffen wurden. Die beiden Referentinnen lösten sich meist nach wenigen Worten ab und präsentierten das Projekt einer Performance ähnlich, die die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden hör- und sichtbar machte. Die beiden Historikerinnen beschrieben, wie in der Villa Kassandra im Jura, an der Grenze zu Frankreich, an einer «ganzheitlichen und hierarchiefreien Frauenkultur» gearbeitet wurde, in der Arbeit, Beziehungen, politische, spirituelle, körperliche und intellektuelle Praxis nicht mehr getrennt sein sollten. Gemeinsam leiteten die Frauen den Betrieb mit dem Anspruch, patriarchale Strukturen zu verändern und Transformationsstrategien auf allen Ebenen anzusetzen. Das Haus sollte den Frauen die Möglichkeit bieten, über den eigenen Körper, die eigene Zeit und eigenen Raum zu verfügen und autonome Handlungsspielräume zu erfahren. Mit den Sommeruniversitäten für Frauen war die Villa Kassandra ein gesamtschweizerisches Forum für die Frauenbewegung der späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Der Generationenwechsel der Betriebsfrauen gestaltete sich jedoch schwierig, sodass die Villa Kassandra 1995 schliessen musste. In der Diskussion merkte Elisabeth Joris an, dass die abgelegene Lage der Villa wohl auch ein Problem gewesen sei. Ebenfalls thematisiert wurden die Geschichte der internationalen Vernetzung der Frauenbildungshäuser sowie die Notwendigkeit öffentlicher Gelder für Frauenprojekte.
ANNA LEYRER (Basel) stellte in ihrem Kommentar die Frage nach der Art der Veränderung, die sich im Zusammendenken von Arbeit und Geschlecht im 20. Jahrhundert in den drei Vorträgen erkennen lässt. Veränderten sich im vergangenen Jahrhundert die Frauen oder ihre Arbeit? Leyrer merkte an, dass in allen drei Beiträgen die Gleichzeitigkeit von gegenläufigen Momenten auszumachen sei. So gäbe es in der Villa Kassandra den Rückzug von der Gesellschaft und die Intervention in die Gesellschaft; im Schweizerischen Arbeiterinnenverband den Bezug auf eine konkrete Differenzerfahrung als Sonderstatus, der zunächst ausgeglichen werden sollte, und zugleich den Anspruch auf Allgemeinheit, so sich an den Arbeiterinnen quasi die Ausbeutung der Arbeiterklasse kristallisiere; und im Verein Aspasie die Vermittlung zwischen sozialstrukturellen Zusammenhängen und individuellen Rechten. Letztlich sei also jeweils eine Spannung verhandelt worden zwischen Frauenarbeit und Arbeit, in der Frauen besonders benachteiligt und ausgebeutet sind, zwischen einer Kulturrevolution und der Etablierung einer Frauenkultur, zwischen einer Anpassung der Gesellschaft und der Anpassung an die Gesellschaft. Arbeitende Frauen und weibliche Arbeit würden ständig neu produziert gegen und mit arbeitenden Männern und männlicher Arbeit. Offen bleibe die Frage, ob es bei der Deutung und Veränderung von Arbeit durch Frauen letztlich auf eine Veränderung von «Arbeit» oder von «Frauen» hinausläuft: Wenn man die Konstellation von Arbeit und Frauen betrachte, dann sei im Titel des Panels der Zusammenhang relativ klar formuliert, nämlich dass das eine – die Arbeit – durch das andere – die Frauen – verändert wurde. Vielleicht sei aber der Zusammenhang komplexer, als der Titel zugibt, gab Leyrer zu bedenken: Denn es lasse sich in allen drei Fällen auch umgekehrt sagen, dass Frauen und ihre Beziehungen durch Arbeit gedeutet und verändert werden.
In der Diskussion wurde die Fruchtbarkeit des Konzepts der «citizenship» für die einzelnen Fallbeispiele besprochen. Durch die Analyse konkreter Arbeitsbedingungen wird sichtbar, welches die Postulate und Forderungen der Arbeitnehmerinnen waren, und welche interessanten Erkenntnisse die Perspektive auf diese Akteurinnen für die historische Analyse bergen. Isler merkte an, dass es sich für Frauen lohne, auf die konkrete Differenz hinzuweisen und nicht auf Gleichheit zu beharren. Dieser Weg sei vielversprechender. Das sehr gut besuchte Panel, das besonders ein jüngeres Publikum anzog, schloss mit tosendem Applaus. Wie relevant die Themen rund um Frauen und Arbeit auch heute noch sind, zeigen die Diskussionen um den Frauenstreik am 14. Juni 2019.
Anmerkungen
1 Der Beitrag ist Teil des eben erschienenen Buches, basierend auf Islers Dissertation an der Universität Basel, Politiken der Arbeit Perspektiven der Frauenbewegung um 1900 (Schwabe 2019).
Panelübersicht:
Isler, Simona: Mehr Zeit für Arbeiterinnen. Der Einsatz des Schweizerischen Arbeiterinnenverban-des (SAV) für frauenspezifische Schutzgesetze
Baumann, Sarah: Das Leumundszeugnis sexueller Arbeit. Engagement von Genfer Sexarbeiterinnen für die Möglichkeit beruflicher Umorientierung (1980er Jahre)
Stehli, Bettina / Heer, Lou-Salomé: Arbeit von Frauen mit Frauen für Frauen – der Anspruch auf ein anderes Arbeiten im Frauenprojekt "Villa Kassandra" in den 1980/90er-Jahren
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen