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Seit die Risikoprämien der italienischen Staatsanleihen gesunken sind, haben die Optimisten in Europa wieder Oberwasser. Die EU werde die Euro-Krise erfolgreich bewältigen, wird argumentiert. Am Ende des Prozesses werde es nicht weniger, sondern mehr Europa geben. Der Rettungsfonds, der Fiskalpakt und die regelmässigen EU-Gipfel seien der Anfang einer umfassenden Union.
In diesem Zusammenhang wird die EU oft mit der Schweiz vor der Bundesstaatsgründung von 1848 verglichen. Damals habe auch niemand vorausgesehen, dass die Kantone sich dereinst dazu aufraffen könnten, wichtige Funktionen an eine übergeordnete Instanz abzugeben. Der französische Philosoph Alexis de Tocqueville schrieb bekanntlich in den 1830er Jahren, es gebe nur Kantone, keine Schweiz: «Il y a des cantons, il n’y a pas de Suisse.» Etwas mehr als zehn Jahre später gab es die Schweiz dann doch.
Was ist vom Vergleich Schweiz/EU zu halten? Mir kommen nur fundamentale Unterschiede in den Sinn:
1. Es gab bereits vor 1848 so etwas wie ein Nationalgefühl in der Eidgenossenschaft. Bereits im 15./16. Jahrhundert sprach man den Schweizern einen eigenständigen politischen Raum im Gegensatz zu Frankreich, Norditalien und Süddeutschland zu. Die Abgrenzung zu Süddeutschland hat zum Beispiel der amerikanische Historiker Thomas Brady mustergültig herausgearbeitet («Turning Swiss»).
In der EU fehlt dieses gemeinsame Bewusstsein.
2. Die moderne Schweiz ist nicht das Resultat einer freiwilligen Vereinigung der Deutschschweiz mit der französischen und italienischen Schweiz. Im Gegenteil: Die Deutschschweizer Gebiete beherrschten bis ins späte 18. Jahrhundert weite Teile der heutigen West- und Südschweiz. Das Waadtland war von Bern besetzt, der französische Teil des Wallis war vom deutschsprachigen Oberwallis regiert, das Tessin war Untertanenland des Kantons Uri und der gesamten Eidgenossenschaft, Neuenburg gehörte Preussen, der Jura war Teil des Fürstbistum Basels. Ausserdem sind die Bewohner der Deuschschweizer Kantone in einer klaren Mehrheit. Das dürfte den Zusammenhalt erleichtern. In Ländern, die keine klare Mehrheiten haben, ist die Spaltung fast nicht zu verhindern. Das Paradebeispiel ist Belgien.
Bei der EU müssen sich völlig unterschiedliche Kulturen freiwillig zusammenschliessen. Es sind keine klaren Mehrheiten sichtbar, die stabilisierend wirken könnten.
3. Die Bundesstaatsgründung gelang nur dank eines Bürgerkriegs. Es brauchte also eine militärische Entscheidung, um die Opposition der katholischen Kantone gegen einen Bundesstaat zu überwinden.
Die EU setzt auf eine kontinuierliche Stärkung des EU-Rechts und der EU-Institutionen. Der Bundesstaat soll schleichend entstehen, damit er gerade nicht Gegenstand einer grösseren Auseinandersetzung werden kann.
Bestimmt gibt es auch Parallelen zwischen der Schweiz vor 1848 und der EU. Aber diese drei fundamentalen Unterschiede zeigen ganz klar, dass sich die Schweizer Geschichte nicht als Folie für die Zukunft der EU eignet. Die EU ist ein historisches Experiment, dessen Ausgang völlig offen ist.