Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03472.jsonl.gz/1166

Recap: wo stehen wir heute?
Ein erneuter Blick auf die Timeline: Ende Juli 2023 wurde das Neonicotinoid Acetamiprid in Kloten versprüht. Seit September werden Nematoden auf den betroffenen Rasenflächen ausgebracht, wobei im Oktober 2023 trotzdem neue Käferlarven gefunden wurden. Nun heisst es: Abwarten bis nächsten Frühling, wenn die neue Generation der Larven schlüpft, sofern welche überlebt haben. Betrachtet man die Fälle in Norditalien und im Tessin, ist es eher unwahrscheinlich, dass der Japankäfer im Fall Kloten getilgt ist. Wahrscheinlicher ist, dass wir uns auch nördlich der Alpen auf dieses invasive Neozoon einstellen müssen. Neue Vorkommen flackern nämlich seit geraumer Zeit auf (siehe Timeline). Dazu kommt, dass der Lebensraum nördlich der Alpen durch den Klimawandel für den Japankäfer immer geeigneter wird (siehe Abb. 2). Deswegen schauen wir uns für erneute Japankäfervorkommen in der Nordschweiz alternative Möglichkeiten zur direkten Giftanwendung an.
Abb 2: Potentielle Verbreitung des Japankäfers unter heutigen (1981 – 2010) und zukünftigen (2070 – 2099) Klimabedingungen. Dunkelrote Gebiete zeigen ein günstiges Klima für das längerfristige Überleben des Insekts an. Quelle: NCCS
Biologische Bekämpfungsmittel
Nematoden
Diese biologische Bekämpfungsweise wurde und wird bereits im Fall Kloten angewendet. Nematoden sind Fadenwürmer, welche in der Schweiz einheimisch sind und andere Lebewesen parasitieren. In Kloten wurden befallene Rasenflächen mit Nematoden angereichertem Wasser gegossen, sodass die Japankäferlarven im Boden getötet werden sollen. Anschliessend sollte der Boden für mehrere Wochen feucht bleiben, damit die Nematoden überleben. Der Erfolg dieser Massnahme wird sich nächsten Frühling zeigen.
Pilze
Zurzeit wird an einem weiteren biologischen Bekämpfungsmitteln gegen den Japankäfer bei der Agroscope geforscht. Die Idee: Die Bekämpfung des Japankäfers durch einen einheimischen Pilz. Durch den Pilzbefall sollen die Tiere sterben. Die verwendeten Pilze sind natürliche Gegenspieler der Käfer und kommen in geringen Konzentrationen sowieso in den meisten Schweizer Böden vor. Die ursprüngliche Idee war es, Pilzsporen konzentriert dem Boden zuzufügen und so direkt die Käferlarven zu tangieren, denn ähnlich wurde es in der Vergangenheit bereits beim Mai- und Junikäfer gemacht. Erste Feldversuche im Tessin im Jahr 2021 waren jedoch erfolglos, da die Japankäferlarven robuster sind als die vom Mai- und Junikäfer. Es gibt jedoch noch Hoffnung, denn Labortests haben sehr positive Ergebnisse für den Befall der adulten Tiere gezeigt.[1] Zukünftig könnten also Pflanzenblätter mit Pilzsporen besprüht werden, denn eine Berührung des Japankäfers mit den Sporen reicht bereits, dass der Pilz in den Käfer hineinwächst und ihn abtötet.[2] Damit lässt sich der Japankäfer kaum mehr aufhalten, weil es faktisch unmöglich ist, all die Gehölze und Pflanzen, an denen sich die erwachsenen Käfer aufhalten, mit Pilzsporen einzunebeln. Es würde sich bei einem solchen Vorgehen unweigerlich die Frage stellen, welche anderen Käferarten und Insekten daran zugrunde gehen. Darauf wurden diese Produkte bislang nicht getestet.
Parasitäre Fliegen
Ein anderer Ansatz ist die Bekämpfung mit natürlichen Gegenspielern aus dem Ursprungsland. In Japan, wo der Käfer ursprünglich herkommt, macht der Käfer keine Probleme, da er in das Ökosystem eingebettet ist. Soll heissen: Die Käferpopulationen werden durch diverse Gegenspieler und limitierende Faktoren begrenzt und befinden sich in einem regulierten Gleichgewicht. Bei uns kann sich der Japankäfer nur deshalb so stark ausbreiten, da er hier keine natürlichen Feinde hat.
Das Forschungsinstitut Centre for Agriculture and Bioscience International (CABI) untersucht zurzeit die Fliege Istocheta aldrichi (Abb. 3) als mögliche Lösung für die Japankäferbekämpfung. Die in Japan beheimatete Fliege sieht unserer Stubenfliege zwar sehr ähnlich, hat jedoch einen anderen Lebenszylkus: Die Weibchen legen ihre Eier auf den Rücken der Japankäfer ab (Abb. 1). Die erste Larve, die aus den Eiern schlüpft, bohrt sich in den Käfer hinein. Dort ernährt sie sich vom Käfer, entwickelt sich in ihm weiter und tötet ihn dabei ab. Schlussendlich schlüpft im Frühling eine adulte Fliege aus dem Käfer. [2] Mit der Einführung dieser Fliegenart in der Schweiz könnte der Japankäfer biologisch reguliert werden. Davor muss jedoch abgeklärt werden, ob durch die Fliege nicht auch einheimische Käferarten bedroht wären. Dafür macht CABI Tests mit verschiedenen dem Japankäfer ähnlichen Arten wie dem Gartenlaubkäfer, dem Maikäfer oder Rosenkäfern. Darüber hinaus werden die klimatischen Bedingungen in der Schweiz für die Ansiedlung der Parasitoiden (= Parasit, der den Wirt, hier Japankäfer, tötet), die Synchronisierung von Wirt und Parasitoiden im Feld und die potenzielle Konkurrenz mit einheimischen Parasitoiden der erwachsenen Käfer untersucht.[3]
Abb. 3: Japankäfer in Abwehrhaltung und sein Parsitoid Istocheta aldrichi. Quelle: SteveShel 2019
Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. Bis ein Risiko für Nicht-Zielorganismen endgültig ausgeschlossen werden kann, dauert es aber noch ein paar Jahre. Wenn alles gut läuft, könnten die ersten Fliegen in 3 bis 4 Jahren, also frühestens ab 2026, freigelassen werden. Hoffnung gibt auch, dass dieses Verfahren 2018 bereits bei der marmorierten Baumwanze gut funktioniert hat (Einführung der Samuraiwespe). [2]
Skeptisch stimmt uns allerdings, warum diese Methode noch nicht in der USA, wo der Japankäfer seit langem hohe Kosten verursacht, etabliert ist. [4]
Weitere Ansätze
Spürhunde
Eine kreative Idee zur besseren Auffindung der Käferlarven im Boden ist die Nutzung von Spürhunden. Die beiden Umweltingenieurinnen und Hundetrainerinnen Chiara Baschung und Aline Lüscher starteten ein Pilotprojekt zur Ausbildung von Japankäfer-Spürhunden im Jahr 2022. Die Hunde werden dabei auf den Geruch der Larven trainiert. Im Frühling 2023 konnten die Hunde bereits erfolgreich Larven im Feld aufspüren, ab Frühling 2024 sollten sie dann einsatzbereit sein. [5]
Die Methode scheint erfolgsversprechend und vor allem schont sie andere Käfer und Insekten vollständig. Es bleibt jedoch die Frage, auf welchem Massstab sie angewendet werden kann. Ausserdem bedeutet solch eine Massnahme einen grösseren Aufwand, als natürliche Gegenspieler «arbeiten» zu lassen.
Resilienz des Ökosystems stärken
Als weitere Massnahme ist die Resilienzerhöhung unserer Ökosysteme aufzuführen. Damit ist gemeint, dass biodiversitätsreiche Lebensräume besser mit Störungen umgehen können als biodiversitätsarme. Im Fall von Kloten wird die Störung (Japankäfer-Invasion) besser abgefedert, wenn eine Vielfalt von Lebewesen vorhanden ist, von denen gewisse den Käfer als Nahrungsressource nutzen können. So sind einheimische Vögel, Laufkäfer, Spitzmäuse und Maulwürfe natürliche Gegenspieler des Japankäfers. [6] Auch Fledermäuse könnten interessant werden, da sie die dem Japankäfer ähnlichen Maikäfer fressen. [7] Die Vogelarten Wiedehopf, Star, Amsel, Rotkehlchen, Spatz und Krähe verspeisen den Japankäfer besonders gerne. Unter den einzelnen Arten haben der Wiedehopf und der Star das grösste Potential, da sie sowohl Larven als auch adulte Tiere fressen. [8],[9] Da die Siedlungsdichte des Wiedehopfs in der Schweiz klein ist (nur 180 – 260 Brutpaare/ganze Schweiz; auf Roter Liste als «verletzlich» eingestuft)[10], kommt vor allem der Star in Frage. Der Vogel ist in der Schweiz nicht gefährdet und weist mit 120’000 – 140’000 Brutpaaren/Schweiz bereits eine stattliche Population auf. [11]
Abb. 4: Der Star (Sturnus vulgaris) frisst gerne Japankäfer. Bild: MKcray 2015, via Wikipedia Commons
Der Star ist ein geselliger Vogel, der auch im städtischen Gebiet hohe Dichten erreichen kann. [12] In geeigneten kleinen Laubholzinseln (2.5 ha) können es sogar über 100 Brutpaare pro km2 sein [13]. Vögel dieser Grösse fressen etwa 35% ihres Körpergewichts pro Tag [14]. Der rund 80 Gramm schwere Star frisst damit pro Jahr 10 kg Futter. 100 Brutpaare und ihre vielen Jungen könnten pro Jahr mehrere Tonnen Japankäfer verspeisen. [15] So müssten aus dieser Sicht in der Landschaft viele Laubholzinseln (Wildhecken, Bäume) geschaffen und sehr viele Nistkästen für Stare (Lochgrösse 45 mm) aufgehängt werden. Dies könnte ein sehr wichtiger Beitrag sein, um die Landwirtschaft vor Schaden zu schützen. Allerdings müsste sie dazu ihr Paradigma wechseln und den Gift-Pfad (Insektizide) verlassen.
Fazit
Ja, es stimmt, mit dem Japankäfer drohen erhebliche Schäden für viele unserer Kulturen. Aber es ist auch Fakt, dass Acetamiprid für die menschliche Gesundheit und das Ökosystem schädlich ist. Wenn sich der Käfer hierzulande ausbreitet wie in Norditalien (und ähnliches wird von Experten vermutet[16]), stellt Acetamiprid keine Lösung dar. Deswegen ist es so wichtig, bereits jetzt alternative Massnahmen anzusteuern. Zurzeit werden diverse Ansätze verfolgt, von Spürhunden über Pilze bis hin zur Einführung einer japanischen Fliege. Wichtig ist aber auch, unsere Ökosysteme resilienter zu machen (Förderung von Käfer fressenden Tieren wie Vögel). Eine multidimensionale Vorgehensweise ist wichtig, da ein Ansatz alleine häufig nicht die Lösung ist, sondern die Kombination von Methoden die Erfolgschance erhöht.
Quellen:
[1] Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau (2020): Japankäfer – Einheimische Pilze gegen invasiven Schädling.
[5] 20min (2023): Diese Spürhunde sollen die Japankäfer-Ausbreitung in der Schweiz stoppen und Schweizer Bauer (2023): Spürhunde sollen Japankäfer finden.
[6] Hölling, D. (2022): Japankäfer – eine invasive Art erobert die Schweiz.
[8] Swissinfo (2017): Vögel und Biodiversität schützen uns vor dem Japankäfer.
[13] Schimkat, J. (2021): Die Bestandsdynamik des Stars Sturnus vulgaris im Vergleich mit Kleiber Sitta europaea und Buntspecht Dendrocopos major über 35 Jahre in Altholzinseln der Jungen Heide (Dresden/Radebeul)
[15] Vereinfachte Rechnung, da natürlich nicht die gesamte Nahrung von Staren aus Insekten besteht und auch nicht alle gefressenen Insekten Japankäfer sind. Die 35% des Körpergewichts an Nahrung sind zudem eine variable Grösse.
[16] Der Biologe Tim Haye von der CABI sagt eine Ausbreitung des Japankäfers in Kloten in den nächsten ein bis zwei Jahren voraus. Quelle: Von Burg, C. (2023): Japankäfer: in der Deutschschweiz bekämpft, im Tessin akzeptiert
Sie können sich jederzeit wieder abmelden.