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Rollenklarheit
Als Moderator/in stehen wir im Dienst der Gruppe, und die Gruppe entscheidet, was sie erreichen will. Wenn wir als Moderatoren/innen einen andern Weg verfolgen als die Gruppe, dann ist das ein Zeichen dafür, dass wir in einem Rollenkonflikt stehen. Die Unklarheit der Rollen ist wahrscheinlich der häufigste Grund, weshalb Gruppen die erwünschten Resultate nicht erreichen.
Die Rollenunklarheit betrifft sowohl den/die Moderator/in als auch die Teilnehmer/innen. Es ist die Aufgabe des/der Moderators/in, sich selbst über ihre eigene Rolle im Klaren zu sein und diese den Teilnehmern/innen verständlich mitzuteilen. Anderseits ist es Bestandteil der Vereinbarung, auch den Teilnehmern/innen zu erklären, welche Rolle von ihnen erwartet wird. Die verschiedenen Rollen müssen am Anfang der Veranstaltung und allenfalls vor jeder Sequenz neu definiert oder bestätigt werden.
«Gemeinsam entscheiden»
Es geschieht immer wieder: Der/die Chef/in lädt ihre Mitarbeiter/innen zu einer Sitzung ein. Sie wünscht, gemeinsam in einer Sache zu entscheiden. Chef/in und Mitarbeiter/innen diskutieren engagiert, und plötzlich sagt der/die Chef/in: «Danke, das reicht; ihr könnt jetzt gehen». Die Mitarbeiter/innen sind frustriert, da der/die Chef/in den Entscheid offensichtlich alleine fällt, und von Mal zu Mal sinkt die Bereitschaft der Mitarbeiter/innen, sich an den «gemeinsamen Entscheiden» zu beteiligen.
Der Frust ist verständlich, denn die Rollen der Anwesenden sind nicht klar. Besser ist, wenn der/die Chef/in ihre Mitarbeiter/innen (in der Rolle von Berater/innen) dazu einlädt, ihm/ihr (als Chef/in) beim Treffen ihres Entscheids zu helfen und sagt: «Ich muss einen schwierigen Entscheid treffen und möchte vorher gerne Eure Meinung anhören.» So wissen die Mitarbeiter/innen, was von ihnen erwartet wird und tragen gerne ihren Anteil bei. (TZ)
Das Offenlegen der Interessen ist eine Voraussetzung dafür, dass alle Anwesenden gegenseitig ihre Rollen (an-)erkennen können.
Nebenstehend sind die wichtigsten Rollen aufgeführt, welche Personen einnehmen, die vor einer Gruppe stehen.
Jede der genannten Rollen hat ihre ganz besondere Ausprägung, ihre besondere Funktion und ihren besonderen Platz. Und es ist wichtig, dass jede Person, die mit einer Gruppe arbeitet, selbst weiss, welche Rolle sie einnimmt und dies der Gruppe auch klar mitteilt. Meist geschieht dies in einem einführenden Satz: «Ich bin hier als Referent/in zum Thema xy» oder «Guten Tag; ich bin der/die Tagungsleiter/in und werde sie durch das Programm führen».
Der Umgang mit verschiedenen Rollen
In vielen Situationen nehmen wir als Moderator/innen weitere Rollen ein: Wir sind zeitweise auch Experte/in, Referent/in, Geschichtenerzähler/in, (betroffene/r) Teilnehmer/in. Für alle Anwesenden ist es hilfreich, wenn wir das Abgeben und das erneute Übernehmen der Moderationsrolle klar kommunizieren. Je besser unsere Rollen für die Teilnehmer/innen unterscheidbar bleiben, umso einfacher lassen sie sich führen und umso eher sind sie bereit, sich im vorgeschlagenen Programm zu engagieren.
Eine Möglichkeit, unsere Rollenwechsel zu deklarieren, besteht natürlich darin, den Teilnehmern/innen mitzuteilen, in welcher Rolle wir uns befinden. Dieses Vorgehen wirkt bei wiederholtem Rollenwechsel eher plump, und es gibt bedeutend wirksamere Formen, um den Rollenwechsel ganz unauffällig, ganz beiläufig und dennoch klar zu vermitteln. Das eine Hilfsmittel ist die räumliche Verankerung der Rolle im Raum und das andere der bewusste Einsatz der Stimme.
Wir empfehlen grundsätzlich, als Moderator/in vor der Gruppe zu stehen. Wenn wir als Moderator/in im Raum stehen statt sitzen, dann unterscheidet sich unsere Rolle schon durch die Körperhaltung von den andern Rollen. Das gilt auch für moderierte Sitzungen. Im Raum zu stehen, erleichtert zudem das Visualisieren der Resultate. Siehe auch Kapitel «Vereinbarung mit einer Gruppe».
Positionen ankern
Die Erfahrung hat gezeigt, dass die non-verbale Information die wirksamste ist, um den Teilnehmern/innen verschiedene Rollen klar zu machen. Das gilt ganz besonders, wenn wir während eines Anlasses mehrere Rollen übernehmen. Es erfordert jedoch ein gehöriges Mass an Selbstdisziplin, denn diese nonverbale Sprache wirkt nur, wenn wir vor der Gruppe für jede Rolle einen eindeutigen Platz einnehmen und ihn hierauf konsequent einhalten. Damit «ankern» wir eine Rolle an einem festen Platz.
Als Person, die sich vor einer Gruppe befindet, nehmen wir häufig eine der fünf folgenden Rollen ein:
- Moderator/in einer Veranstaltung
- Diskussionsleiter/in
- Referent/in (Lehrer/in, Vermittler/in von Inhalten)
- Erzähler/in (Geschichten, Anekdoten)
- Organisator/in (Rahmenprogramm)
Eine sechste Rolle hat vor allem bei Veranstaltungen mit Jugendlichen eine gewisse Bedeutung:
- Autorität (Ordnung in der Gruppe aufrecht erhalten)
Es ist wichtig, sich bereits bei der Vorbereitung einer Veranstaltung zu überlegen, wo wir welche Rolle im Raum verankern und uns eine Topographie der Rollen im Raum zurechtzulegen.
Der eingenommene Ort im Raum ist ein Signal für die gewählte Rolle. Mit einer entsprechenden Körperhaltung unterstreichen wir die Botschaft.
- Für die Vereinbarung und sonstige Anweisungen stellen wir uns aufrecht vor die Gruppe, das Gewicht gleichmässig auf beide Füsse verteilt. Diese Haltung verleiht uns Autorität, auch wenn der untere Teil des Körpers hinter einem Stehpult verdeckt ist. Selbst im Sitzen können wir als Moderator/in verschiedene Körperhaltungen einnehmen, und auch da erkennen die Teilnehmer/innen, ob wir mit beiden Füssen solide auf dem Boden stehen.
- Sobald wir eine Diskussion leiten, begeben wir uns etwas näher zur Gruppe, und wir nehmen eine einladende Haltung ein.
- Wenn wir Inhalte vermitteln, verfügen wir meist über äussere Zeichen, die dem Publikum zu verstehen geben: Jetzt folgt ein Referat. Diese äusseren Zeichen sind das Flipchart, der Beamer, der Hellraumprojektor, ein Plakat oder ein Manuskript, mit deren Hilfe wir unsere Ausführungen begleiten.
- Eines der besten Hilfsmittel für die Vermittlung von Inhalten sind Anekdoten oder kleine Geschichten. Auch dafür besetzen wir einen vorher bestimmten Platz, oft ist es ein Stuhl oder eine Tischkante. Sobald wir den «Geschichten-Ort» einmal geankert haben, erwarten die Teilnehmer/innen beim nächsten Mal, wenn wir uns dahin begeben, wieder eine Geschichte und beim dritten Mal lehnen sie sich schon zurück, weil sie bereits wissen, jetzt folgt eine Geschichte.
Und nicht vergessen: Die nonverbalen Signale wirken nur bei ganz konsequenter und disziplinierter Anwendung.
Die Stimme bewusst einsetzen
Als Moderator/in unterstreichen wir mit unserer Stimme unterschiedliche Absichten. Die Erfahrung und die Beobachtung erfolgreicher Anwender/innen haben gezeigt, dass es vor allem der Tonfall (die Melodie) der Stimme ist, welche bei den Teilnehmern/innen eine bestimmte Reaktion auslöst. Wenn ich also eine bestimmte Reaktion der Teilnehmer/innen haben möchte, dann tue ich gut daran, die entsprechende Melodie einzusetzen. Es geht dabei nicht um eine komplizierte Tonfolge, es geht nur um das Heben oder Senken der Stimme und um Pausen.
Absichten des/der Moderators/in und entsprechende Stimmlagen:
|Absicht||Stimmführung||Kommentar|
|Als Moderator/in die Aufmerksamkeit wecken||Pause||Zuerst einen kurzen Satz mit Absenken der Stimme am Ende und dann warten, bis sich die Ruhe einstellt.|
|Als Referen/tin einen Inhalt vermitteln||«Relativ» monoton und in kurzen Sätzen sprechen. Wichtig ist: Jedesmal am Ende des Satzes die Stimme absenken und atmen.|
|Als Moderator/in zu etwas auffordern oder zu einer Diskussion einladen, Fragen stellen||Das Heben der Stimme am Ende des Satzes zeigt an, dass der/die Moderator/in etwas von den Teilnehmern/innen erwartet, sei es ein Kommentar, sei es, dass sie etwas unternehmen sollen.|
|Als Erzähler/in ein Beispiel erzählen||Das Senken oder Heben der Stimme am Ende des Satzes folgt dem Inhalt der Geschichte (direkte Rede, Frage etc.) Doch selbst in diesem Falle führt das Absenken am Ende des Satzes zu erhöhter Aufmerksamkeit.|
|Als Autoritätsperson zur Disziplin auffordern“||In diesem Fall ist die Stimme sehr monoton (auf Englisch «frozen») und senkt am Schluss ab.|
Die Aufmerksamkeit der Gruppe gewinnen wir durch die Stimmführung (das Absenken am Schluss des Satzes und die Pause danach) und nicht mit dem Inhalt des Gesagten. Folgende Beispielsätze eigenen sich, die Aufmerksamkeit zu gewinnen:
- «Darf ich Sie um Ihre Aufmerksamkeit bitten!»
- «Ich möchte gerne mit dem Programm weiterfahren!»
- «Nehmen Sie bitte wieder Platz!»
- «Ich bitte Sie, mir zuzuhören!»
- «Ich möchte gerne etwas mitteilen!»
- «Zu diesem Punkt habe ich eine andere Meinung!»
Auch wenn der Satz als Frage daher kommt… es handelt sich um eine Aufforderung, bei der am Schluss die Stimme abgesenkt wird. Erst wenn Ruhe eingekehrt ist, folgt die inhaltlich wichtige Mitteilung.
Die Kunst besteht darin, alles zu kombinieren. Die Stimme entspricht der gewünschten Absicht. Der Ort entspricht der eingenommenen Rolle und die Körperhaltung ist kohärent zu Inhalt und Absicht. Und auch inhaltlich sollten wir noch etwas vermitteln. Deshalb sei allen Moderatoren/innen geraten: Lenkt eure Aufmerksamkeit bewusst jeweils nur auf eine Komponente, sonst geschieht dasselbe wie in der ersten Tanzstunde, in der die Tänzer/innen kaum mehr wissen, welches nun der linke und welches der rechte Fuss ist.
Eigene Motive offen deklarieren
Für das Gelingen einer Veranstaltung ist es ausserordentlich wichtig, dass die Teilnehmer/innen vom/von der Moderator/in, vom/von der Vortragenden oder vom/von der Kursleiter/in glaubhaft erfahren, aus welcher Motivation sie die entsprechende Rolle einnimmt.
Das heisst sie muss ihr eigenes Interesse offen legen. Fehlt diese Transparenz, dann fragen sich die Teilnehmer/innen während des Anlasses immer wieder: «Weshalb sagt sie dieses oder jenes?» oder: «Wie soll ich diese Information einordnen?». Während sie sich diese Frage stellen, ist ihre Aufmerksamkeit nicht auf das eigentliche Thema ausgerichtet und die kleinen, unerwünschten Zeitfresser treten auf: Rückfragen, Wiederholungen etc.
Eigene Motive nennen
Am Anfang jedes Anlasses stelle ich mich zuerst den Anwesenden vor und sage ihnen dann, was mich motiviert, ihren Anlass zu moderieren, welches mein Anliegen ist. Mit dieser Erklärung können die Teilnehmer/innen viele meiner Äusserungen richtig deuten und müssen sich nicht unterschwellig fragen: «Weshalb sagt er das? Was will er wohl?». Ihre Aufmerksamkeit bleibt erhalten.
Im Fall des Moderatorentrainings lautet das so: «Ich will etwas dazu beitragen, dass sich die Teilnehmer/innen an Sitzungen, Workshops und anderen Veranstaltungen wohl fühlen, und es ist mir ein Anliegen, dass dabei in kurzer Zeit befriedigende Resultate zustande kommen (Wohlbefinden, Effizienz und Effektivität)». Das ist mein ganz persönliches Interesse, und ich bin jeweils selbst erstaunt, wie häufig ich mich während des Trainings auf diese Absicht beziehe. (TZ)
Dieser Grundsatz gilt für alle Veranstaltungen, sei es ein Vortrag, ein Kurs oder eine Sitzung. Wenn wir am Anfang des Anlasses unser ganz persönliches Anliegen bzw. Interesse nennen, den Grund, weshalb wir vor der Gruppe stehen, dann schafft das Transparenz, Offenheit und Vertrauen. Wenn Teilnehmer/innen ihre Anliegen und den erwarteten Nutzen, den sie aus einer Veranstaltung zu ziehen hoffen, offen legen, dann trägt das ebenso zur Transparenz bei.
Versteckte Absichten erzeugen Unmut
An einem internationalen Treffen von Geldgebern hält ein Vertreter einen Vortrag über eine neue Vorgehensweise. Er deklariert seinen Beitrag als Information an die Teilnehmenden. Im Verlauf des Vortrags wird den Zuhörern jedoch mehr und mehr klar, dass der Redner sie davon überzeugen will, diese Vorgehensweise auch zu übernehmen.
Das wahre Anliegen des Redners war nicht informieren, sondern Anhänger für seine Idee gewinnen, seine Idee verkaufen. Da seine Ankündigung nicht mit seinem wirklichen Anliegen und seinem Interesse übereinstimmt, kommt es, wie es kommen muss: Viele Zuhörer fühlen sich hereingelegt und in ihrem Unmut nehmen sie nicht einmal die Information auf. (TZ)