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Brächere-Brönnts
Brächete Brönz, Brächer Brönnts, Brächer Brönz, Brächerebrönz
In Kürze
Das Brächere-Brönnts ist ein gesüsster und gewürzter Likör von bräunlich-roter Farbe. Der karamellisierte Zucker ist deutlich herauszuschmecken. Bis nach dem 2. Weltkrieg wurde der Schnaps jeweils während der Brächete, einem herbstlichen Fest, an dem der Flachs gebrochen und verarbeitet wurde, getrunken. Auch wenn die Brächete keine wirtschaftliche Bedeutung mehr für das ländliche Leben hat, hat der Brauch in Zäziwil im Emmental als Volksfest, das jeweils am letzten Mittwoch des Septembers stattfindet, überlebt. Das Brächere-Brönnts wird heute gewerblich nach unterschiedlichen Rezepten ausschliesslich für diesen Anlass hergestellt, ansonsten ist das Produkt nicht erhältlich.
Verwandt ist das Getränk mit anderen gewürzten und gesüssten Likören, wie zum Beispiel dem Bündner Röteli. Das Brächere-Brönnts hat aber einen ganz eigenen, süsslichen und lieblichen Geschmack.
Der Name Brächere-Brönnts ist Berndeutsch und lässt sich etwa mit “Schnaps der Brecherin“ übersetzen.
Beschreibung
Bräunlich-roter, gesüsster und gewürzter Schnaps, der traditionell bei der Brächete im Herbst ausgeschenkt wurde und wird
Zutaten
Zucker, Wasser, Bätziwasser (meist Obstbranntwein), Zimtstängel, Kümmel, Rotwein, Nelken, Wacholderbeeren
Geschichte
Im fünften Band des schweizerischen Idiotikons, das im Jahr 1905 erschien, ist unter dem Begriff Brächere-Brönnts zu lesen: “Eine Art versüssten Branntweins, der anlässlich der Brächete unter die Arbeiterinnen verteilt wird.“ Diese Brächete beschreibt der vierte Band des Idiotikons aus dem Jahre 1901 als “das Brechen des Hanfs. Die Arbeit wird in Gesellschaft betrieben und gestaltete sich früher zu einem wahren Festtag für die daran Beteiligten.“ Die Geschichte des Brächere-Brönnts ist untrennbar mit dieser Brächete verknüpft. Jeder Weiler hatte seine eigene Brächete und vermutlich hatte jede Hausfrau ihr eigenes Rezept für den Schnaps. Jeremias Gotthelf hat bereits in den 1840er-Jahren in zwei Kurzgeschichten eine Brächete im Emmental ausführlich beschrieben. Dabei wird das Brächere-Brönnts aber nicht erwähnt. Insofern bleibt es fraglich, ob das Getränk schon um 1840 verbreitet war. Vermutlich gibt es das Getränk Brächere-Brönnts seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Idiotikon werden nämlich die Berner Blätter für Landwirtschaft aus dem Jahre 1892 zitiert. In dieser Brächete-Beschreibung wird konkret auf den Schnaps eingegangen, der jeweils anlässlich der Brächete gereicht wurde und dabei eine wichtige Rolle einzunehmen schien. “Was war das jedes Mal für ein Ereignis, diese Brächete! Was da nicht Alles verhandelt wurde, namentlich wenn der Brechere-Schnaps zirkuliert und die sonst schon recht beweglichen Mäulchen der alten abgewetterten Brecherinnen noch mehr in Bewegung gesetzt hatte! Da kam Niemand gut weg. Nach dem Mannenvolch kam ein Haus nach dem andern an die Reihe, bis die ganze Gemeinde durchgehechelt war. Und dann kamen die Brecherinnen zu guter Letzt selber hinter einander, und dann gieng’s strub her.
“Im “Kleinen Büchlein vom Flachs“ beschreibt Vreni Herren-Ramseier im Jahr 1988 auf Berndeutsch ein Rezept „aus alten Zeiten“ für ein Brächere-Brönnts. “Eis vom Wichtigschte anere Brächete isch der Brächerebrönz. Müetti het ne gar guet chönne amache: Dicks Zuckerwasser het’s imene Hafe agrüert, de het es e toue Gutsch Bätzibrönz dri gschüttet, chli Safaran derzue ta für im e schöni Farb z’gäh, u was ds Beschte drinne isch gsi, es Chacheli früsche Beielihung. Das het däm Brönz es Güüli gä, s’hät no mänge Ratsheer guet dünkt.“
Als die billigere Baumwolle aufkam und importiert wurde, verlor die Flachsverarbeitung im 20. Jahrhundert stark an Bedeutung. Der Emmentaler Koch und Rezeptbuchautor Fritz Gfeller schreibt, dass die handwerkliche Verarbeitung vom Flachs mitsamt dem Brauch spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg dem Untergang geweiht ist.
Bereits in den 1950er-Jahren hatten Dorfpersönlichkeiten von Zäziwil bei einem Gasthofbesuch die Idee, den Brauch der Brächete wiederzubeleben. Und so findet seit dem Jahr 1955 in Zäziwil jeweils am letzten Mittwoch im September eine Brächete statt. Unzählige Marktstände beleben den Dorfkern und Brecherinnen in Trachten zeigen mit alten Geräten und Werkzeugen die Verarbeitung von Flachs. Auch andere alte Handwerke, zum Beispiel das Seilmachen, werden an diesem Tag vorgeführt. Das Volksfest Brächete, das von mehreren Tausend Leuten besucht wird, ist nicht mehr aus Zäziwil wegzudenken.
Produktion
Die Produktion des Getränks ist vergleichsweise einfach. Das Brächere-Brönnts wird etwa eine Woche vor der Brächete hergestellt. Es gibt kein standardisiertes Rezept, jeder Produzent hält sich an sein überliefertes Rezept.
Das Grundprinzip ist jedoch immer dasselbe: Karamellisierter Zucker, oder als Alternative Kandiszucker, wird zusammen mit Wasser und Gewürzen aufgekocht und während bis zu 15 Minuten bei grosser Hitze weitergekocht. Dann wird ein Schnaps, heute meist ein Obstschnaps, beigegeben, das ganze abgesiebt und in Flaschen abgefüllt. Im 19. Jahrhundert wurde vermutlich zumeist ein Kartoffelbrand für das Brächere-Brönnts verwendet.
In einigen Rezepten kocht man mit dem Wasser zusätzlich Rotwein auf. Die grössten Unterschiede zwischen den Rezepten sind in den Gewürzzutaten zu finden. Es werden Nelken, Kümmel, Zimtstängel, Süssholz und Wacholderbeeren genannt, auch Honig ist in einigen Rezepten enthalten.
Konsum
Das Brächere-Brönnts trinkt man in Zäziwil ausschliesslich am Tag der Brächete. Es wird in der offiziellen Festwirtschaft als “Verdauerli“ nach dem Mittagsmahl ausgeschenkt. Auch an einem Marktstand eines Zäziwiler Restaurants ist das Getränk erhältlich. Neugierige Passanten, die das unbekannte Getränk kennen lernen wollen, bekommen dort auch ein Gläschen zur Degustation gereicht.Wie auf Fotodokumenten ersichtlich ist, wurde früher an der Brächete jeweils eine Flasche mit dem Getränk herumgereicht. Das Brächere-Brönnts half, den vielen Staub, der bei der Flachsverarbeitung fiel, “hinunterzuschwäiche“, wie in der Brächete-Broschüre zu lesen ist. Da das Getränk süss ist, trinken es auch viele Personen, die sonst keinen Schnaps mögen. So war das Brächere-Brönnts jeweils ein unverzichtbarer Bestandteil der Brächete und half mit, die Brecherinnen bei Laune zu halten und das Fest zu einem Arbeitsfest, bei dem die Gemeinschaft im Zentrum steht, zu machen.
Rezepte für Brächere-Brönnts finden sich in verschiedenen Rezeptsammlungen. Dadurch kann das Getränk auch ausserhalb der Brächete in Privathaushalten zum Eigengebrauch hergestellt werden.
Wirtschaftliche Bedeutung
Brächere-Brönnts ist auf keinen Fall ein Produkt, mit dem man reich werden könnte. Der Verkauf ist nur an der Brächete gestattet, für den Verkauf von ganzen Flaschen braucht es sogar eine Sondergenehmigung. An der Brächete 2008 waren nur an einem Marktstand eines Zäziwiler Restaurants Fläschchen zu erwerben. Die Produzentin erzählt: “Ich habe dieses Jahr 50 Liter hergestellt.“ Diese bot sie in Flaschengrössen von zwei und fünf Dezilitern zu Preisen von 12 und 25 Franken an. Was sie nicht verkaufen kann, wird für den Eigenbedarf gebraucht oder für nächstes Jahr aufgehoben.
An der Festwirtschaft wurde das Brächere-Brönnts im Offenverkauf angeboten.
Literatur
- Gfeller, Fritz, Rezepte aus dem Emmental. Ein Rezeptbuch zu Gestalten und Geschichten von Jeremias Gotthelf, Hallwag, Bern, 1989.
- Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Staub, Friedrich et al..
- Riedhauser, Hans, Essen und Trinken bei Jeremias Gotthelf, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart, 1985.
- Künzi-Mosimann, Alice, Alte Emmentaler Rezepte. Kochen wie zu Gotthelfs Zeiten, Olten, 2004.
- Sperandio, Ruedi, http://home.balcab.ch/r.l.sperandio/rezept_857.html, 2005.
- Brächete Zäziwil, Gemeinde Zäziwil, Zäziwil, 2008.
- Das kleine Büchlein vom Flachs, Verein Bauernmuseum Althus Jerisberghof, Althus Jerisberghof, 1988.
- Bedeutung von Flachs, Gemeinde Zäziwil, Zäziwil, 1996.