Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/1437

Architektur
Die Visionen des Frank Lloyd Wright
Es gab niemals einen erfolgreicheren und zugleich klammeren Architekten als Frank Lloyd Wright. Permanent stand er bei den Bau ausführenden Unternehmen in der Kreide. Finanzielle Polster, wie sie die großen Architekten heutiger Zeit haben, kannte Wright nicht. Und dennoch wurden unter seiner Regie einige der bekanntesten Gebäude der Welt, wie das Imperial-Hotel in Tokio, die Privatvilla Fallingwater oder seine zahlreichen Prairie-Häuser, gebaut.
Sein berühmtestes Bauwerk ist zweifelsohne das New Yorker Guggenheim-Museum, das gerade seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat. Mitten im Krieg, bei karger Auftragslage, trat die Gründungsdirektorin der Solomon R. Guggenheim Stiftung und Vertraute des Kunstmäzens, Baronin Hilla Rebay von Ehrenwiesen, an Wright mit der Bitte heran, für die Kunstsammlung Guggenheims ein neues Museum zu entwerfen. Wright war fasziniert von der Idee, in New York ein Museumsgebäude zu verwirklichen, das bisher ohne Vorbild war. Als er seinen Enthusiasmus bremsen musste, weil es noch gar kein Grundstück für das Gebäude gab, schrieb er an Rebay, dass er "explodieren oder Selbstmord begehen" müsse, wenn er nicht bald anfangen könne, zu zeichnen. Guggenheim war wenig später überwältigt, als ihm Wright seine Entwürfe zeigte. In Spiralrampen, einem Schneckenhaus ähnlich, entwarf Wright das Gebäude, "sodass ein Rollstuhl in ihm überall hin, nach oben und unten gelangt", argumentierte der Architekt. Die Spirale tauchte auch in späteren Entwürfen Wrights wieder auf, z.B. im Haus seines Sohnes David in Phoenix, Arizona.
Wright bedachte in seinem Entwurf für das Guggenheim-Museum jedoch nicht nur die geforderte Einmaligkeit des Baus, sondern widmete ebensoviel Aufmerksamkeit dem Lichteinfall und der Akustik, der absoluten Bewegungsfreiheit in Zeit und Raum, Praktikabilität und künstlerischen Anspruch. Seine Pläne für das Museum waren derart komplex, dass Guggenheim Präsentations- und Ausführungspläne sowie ein Modell forderte, um Haus und Bau vorstellbar zu machen. Wright ließ damit auf sich warten und vertröstete die unruhig werdenden Auftraggeber. Sie könnten sich keine Vorstellung von der Komplexität des Projektes machen, schrieb er Guggenheim und Rebay. "Es ist eine Aufgabe, die übermenschliche Kräfte erfordert. Beinahe. Das Gebäude ist unerhört plastisch und so schön wie die schönste Sinfonie."
Guggenheim selbst sollte dieses sinfonische Gebäude, dessen Entwürfe ihm allein schon die Tränen in die Augen trieben, nie in Augenschein nehmen können. Er starb im November 1949. Mehr als sechs Jahre nach Guggenheims Tod und unzählige überarbeitete Entwürfe später wurde am 16. August 1956 der erste Spatenstich getan. Knapp vierzig Monate später, im Oktober 1959, wurde es eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war auch Wright bereits fünf Monate tot. Es dauerte 16 Jahre, bis aus der Bitte in Hilla von Rebays Brief ein Gebäude wurde. Insofern ist das Guggenheim-Museum durchaus eine Art Lebenswerk des amerikanischen Architekten.
Das gesamte Schaffenswerk Frank Lloyd Wrights in diesen 16 Jahren kann nun in einem opulenten Band vom Verlagshaus Taschen eingesehen werden. Dieser versammelt nicht nur zahlreiche historische Aufnahmen des Architekten und seiner Projekte, sondern auch aktuelle Fotografien seiner Bauwerke. Darüber hinaus sind in dem gewichtigen Band hunderte Ideenskizzen, Entwurfszeichnungen und detaillierte Präsentations-, Entwicklungs- und Ausführungsstudien der zwischen 1943 und 1959 gebauten und inzwischen teilweise zerstörten Bauwerke sowie Entwürfe für nie umgesetzte Projekte abgebildet. Jeder vorstellten Studie sind Erläuterungen des Wright-Schülers Bruce Brooks Pfeiffer zur Seite gestellt, deren Umfang jeweils dem Aufsehen entsprechen, die die Dokumente heute noch hervorrufen. In deren Zusammenspiel wird deutlich, welch Visionär Wright Zeit seines Lebens - auch wenn hier "lediglich" die letzten 16 Schaffensjahre dokumentiert sind - war. Der Band arbeitet dabei heraus, warum viele seiner Zeitgenossen offensichtlich mit seinen Entwürfen hoffnungslos überfordert waren. Denn Wrights Zeichenstudien atmen Futurismus pur und vereinen Visionen der Architektur, der Ingenieurstechnik, des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Demokratie.
Eine beachtliche Zahl von Plänen entwarf Wright allein für seine Vision eines besseren, ästhetischeren und demokratischeren Amerika. "Usonia" nannte er dieses gewünschte Land, in dessen gesellschaftlichen Zentrum das Familienheim steht. Nur dort sei absolute Individualität lebbar, meinte Wright. Individualität, wie sie seiner Ansicht nach nur die amerikanische Demokratie zulasse. Ausdruck dieses Denkens war zunächst die Idee seiner Prairie-Houses, den amerikanischen Pioniergeist atmende Landhäuser. Später dann baute Wright circa 50 Häuser, die direkt nach seinem Konzept "Usonia" ausgerichtet waren. Ihr Grundriss war in L-Form gehalten, sie waren schlicht, nahezu karg, einstöckig, ohne Garage und Lagerraum - eine architektonische Antwort auf die damalige Weltwirtschaftskrise. Zahlreiche Pläne dieser Häuser enthält auch der vorliegende Band. Wrights Entwürfe lassen ein anderes Leben möglich erscheinen. Sie erzählen von greifbar nahen utopischen Welten.
Beispielhaft für Wrights grenzenlosen Utopismus ist aber auch das für Pittsburg geplante und niemals umgesetzte Stadtcenter Point Parc, eine Weltraumstadt, die Wright in der Gestalt eines gigantischen Ufos an die Ufer von Allegheny und Monongahela landen lassen hat. Es sollte neben der Verwaltung für Stadt, Kommune und des Bundesstaats noch mehrere, mit Glas überdachte Sportstadien, Opern und Kinosäle sowie Hunderte von Geschäften beherbergen, die notwendigen Parkplätze inklusive. Der direkte Zugang war für den Straßen-, Wasser- und Flugverkehr geplant. Die Entwürfe lassen erahnen, welch gigantischer Vergnügungstempel da entstanden wäre. Mit der Umsetzung dieses Mammutprojekts hätte Wright einmal mehr Architektur- und Ingenieurs, aber wohl auch Gesellschaftsgeschichte geschrieben.
Mit seiner Architektur ging es Wright stets um Versöhnung. Verwunderlich, glaubt man seinen Biografen, die ihm eher einen schwierigen Charakter zuschreiben. Egozentrik und Selbstherrlichkeit scheinen seine wesentlichen Eigenschaften gewesen zu sein. Kaum eine Konfrontation in seinem Leben ließ der Stararchitekt aus, weder geschäftlich noch privat. Er verprellte Auftraggeber, forderte immer wieder zusätzliche Gelder für seine Tätigkeit, verdonnerte seine studierten Schüler zu niedrigsten Arbeiten auf seinem Anwesen in Taliesin und galt privat als Lebemann. Amerikas Ikonograf T.C.Boyle legte erst im Frühjahr seinen neuen Roman "Die Frauen" vor, in dem er das Leben des Architekten Frank Lloyd Wright aus der Sicht seiner Frauen Revue passieren lässt - ein Rückblick auf einen streitbaren und streitsüchtigen Egomanen.
Der umstrittene Ruf tat dem Ruhm Wrights aber keinen Abbruch, denn mit seinen Entwürfen fand er die perfekte Balance aus Aufsehen erregender Provokation und respektvollem Einklang mit der Umgebung. Seine Bauwerke fügen sich in die vorhandenen Strukturen ein und fallen dennoch auf. Bei aller optischen Dominanz passen sie sich an, amalgamieren mit der sie umgebenden Welt. So bleiben sie bis heute unauffällig auffällig.
Gleiches gilt für die Innenraumgestaltung, in der die natürlichen Baustoffe, die Wright bevorzugte, eine geradezu selbstverständliche Symbiose eingehen, aufeinander zufließen und ineinander übergehen. Ebenso wie das Interieur, das Wright teilweise zu seinen Gebäuden entwarf. Die Möbelstücke nehmen Farben und Formen der Baumaterialien auf, sind zuweilen sogar aus eben diesen gefertigt, um die perfekte Einheit zu kreieren. Idealismus pur - und doch wirken diese Wohn- und Lebensensembles nur selten steril.
Dieser erste, fast 600 Seiten starke Sammelband einer prächtigen Gesamtausgabe von Wrights kreativem Schaffenswerk, die in drei Bänden geplant ist, lädt zum Stöbern, Blättern, Betrachten, Staunen und Nachlesen ein. Besonders spannend sind dabei die unzähligen Luftschlösser, die Wright meist bis ins kleinste Detail zu Papier brachte, bevor er die Umsetzung der Pläne streichen musste. Aus heutiger Perspektive erstaunlich, wie selbstverständlich Wright vor mehr als einem halben Jahrhundert Elemente der green and sustainable architecture in seine Entwürfe einbezogen hat. Solarversorgung und natürliche Temperierung waren für Wright wichtige Elemente seiner organischen Architektur. Auch das gibt dieser Band eindrucksvoll wieder.
Die Zeichnungen Wrights wirken meist nachhaltiger, als die Fotografien des Bandes, was vielleicht auch daran liegt, dass mit Julius Shulman der wohl beste Fotograf von Wright-Bauwerken gänzlich fehlt. Das ist bedauerlich, liegt doch im selben Verlagshaus eine nicht minder opulente Sammlung der Arbeiten des amerikanischen Fotografen vor. So konzentriert man sich recht schnell auf die gezeichneten Entwürfe Wrights und erkennt das unaufhörliche Spiel mit Formen und Farbe, das sich durch sein Schaffen zieht. Zugleich erschließt sich dem Betrachter durch die Skizzen aus den verschiedenen Produktionsphasen die Arbeitsweise des Architekten, der seine Entwürfe schon vor dem Auge gehabt haben muss, bevor er überhaupt anfing zu zeichnen. Aufgrund der sprühenden, spielerischen Kreativität, meint man zuweilen fast, das Kind im Manne wiederentdecken zu können.
Eine Anekdote am Ende der Rohbauphase am Guggenheim-Museum macht deutlich, dass Wright bis an sein Lebensende Kind geblieben ist. Als 1958 die hölzernen Verschalungen am Guggenheim-Bau entfernt werden, entspinnt sich sofort eine rege Diskussion um die Eignung des Hauses, Gemälde präsentieren zu können. Das Gebäude selbst würde dominieren, die Kunstwerke erdrücken und vernichten, meinten die Kritiker des Baus. Wright betonte, dass er vielmehr einen Gleichklang zwischen Malerei und Architektur schaffen wollte. Um sein Konzept zu untermauern, ließ er Innenansichten des künftigen Museums anfertigen. Eine dieser Zeichnungen zeigt eine Menschengruppe, die ein Kunstwerk betrachtet. Nur ein kleines Mädchen wendet sich von der Szenerie ab und blickt über die Brüstung in den Innenhof des Hauses. Als Wright die Innenansichten im Sommer 1958 signieren will, soll er bei dieser Zeichnung kurz inne gehalten, sich einen Bleistift genommen und dem Mädchen ein Jojo in die Hand gemalt haben. Seinen Schüler gegenüber soll er dazu bemerkt haben: "Jungs, bei all diesem müssen wir niemals den Sinn für Humor verlieren."