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Auf der Suche nach dem verlorenen Raum: Der ungarische Emigrant György Sebestyén und die Mitteleuropa-Debatte in den 1970er- und 80er-JahrenOliver Sterchi
Das vorliegende Dissertationsprojekt nimmt die Mitteleuropa-Debatte in den 1970er- und 80er-Jahren im Kontext des Kalten Krieges genauer in den Blick. In der einschlägigen Literatur ist oft von «Mitteleuropa» die Rede, ohne die verschiedenen Ausprägungen dieses Raumkonzeptes zu berücksichtigen. Dabei hatten die Akteure jener Zeit sehr unterschiedliche Vorstellungen von den Zwischenräumen in der Mitte Europas, was sich in einer Vielzahl an Quellenbegriffen zeigt.
Manche Konzepte nahmen auf das untergegangene Habsburger-Reich Bezug, andere waren naturräumlich konzipiert, etwa der «Donauraum». Ihnen allen war gemein, dass sie die herrschende Zweiteilung Europas mit alternativen, blockübergreifenden Raumvorstellungen herausforderten – und damit auch den geopolitischen Status quo, wie er sich nach 1945 verfestigt hatte, infrage stellten. Bei «Mitteleuropa» handelt es sich in diesem Sinne um eine begriffliche Verengung, die in der Historiographie tradiert wurde. Diese Arbeit setzt hier an, indem sie eine spezifische Spielart des Mitteleuropa-Diskurses im Kalten Krieg in den Fokus rückt: «Pannonien» im Grenzland zwischen Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien.
Eine prägende Stimme im Sprechen über Pannonien war der ungarisch-österreichische Publizist und Schriftsteller György Sebestyén (1930-1990). Aufgewachsen in Budapest und ein glühender Kommunist in seinen Jugendjahren, emigrierte Sebestyén nach dem Ungarnaufstand 1956 nach Österreich. Von Wien und später vom burgenländischen Eisenstadt aus schrieb Sebestyén fortan gegen die Blocktrennung an, die ihm, der sich als «österreichisch-ungarischer Zentaur» verstand, als unnatürlich vorkam. Im Magazin Pannonia, das er ab 1973 als Chefredakteur betreute, gab Sebestyén dem regionalen Mitteleuropa-Diskurs ein Forum, an dem Schriftsteller und Politiker beidseits der Blockgrenzen partizipierten.
Sebestyéns Biographie bietet interessante Anhaltspunkte für eine akteurszentrierte Perspektive auf den Mitteleuropa-Diskurs im Kalten Krieg. Neben dem persönlichen Nachlass Sebestyéns wird vor allem das Magazin Pannonia einer systematischen Analyse unterzogen. Dabei soll es unter anderem um die Frage gehen, wie die Beitragenden «Pannonien» konzeptualisierten und welche Funktionen diese Raumreferenz auf den Mental Maps der Akteure ausübte. Auf einer übergeordneten Ebene soll es auch darum gehen, die Metapher des «Eisernen Vorgangs», die eine hermetische Trennung der Lebenswelten in Ost und West suggeriert, auf ihre Evidenz hin zu hinterfragen.
In der Forschungsdebatte zwischen strukturalistischen und dekonstruktivistischen Auffassungen der Kategorien «Raum» und «Region» verortet sich diese Arbeit grundsätzlich im jüngeren Trend, der Raumvorstellungen in erster Linie als historisch wandelbare Konstrukte begreift. Gleichwohl verfügte Sebestyén über einen bestimmten Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, die seine Mental Map konfigurierten und auch von anderen geteilt wurden, die sich und ihre Lebenswelt im Identifikationsangebot «Pannonien» wiederfanden. In Anlehnung an das Konzept der Phantomgrenzen wird deshalb versucht, diese beiden Ebenen – reale Erfahrung und Diskurs – aus einer akteurszentrierten Perspektive miteinander in Einklang zu bringen respektive einen dritten Weg vorzuschlagen.