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Rakaposhi, 7790 m
rVon Hans Gyr
Mit 4 Bildern ( 97—100 ) und 2 SkizzenRorschach ) Jeder Reisende, sei er Forscher, Bergsteiger, Politiker oder Missionar, der das eigenartige Land der Hunzas durchquert, beschreibt den gewaltigen Eindruck, den der Rakaposhi hinterlässt; vom Standpunkt des Alpinisten aber blieb der Berg bis heute fast völlig unbekannt.
Als westlicher Eckpfeiler des Karakorum zwingt er den Hunzafluss, einen grossen Bogen nach Westen zu machen. Sein Aufbau gleicht einer dreiseitigen Pyramide, deren Kanten durch den Ost-, Nordwest- und Südwestgrat gebildet werden.
Als H. W. Tilman, R. Kappeier, C. H. Secord und ich uns entschlossen, im Sommer 1947 einen Besteigungsversuch zu unternehmen, standen uns nur Fernaufnahmen zur Verfügung. Einzig einige Bilder Secords waren für uns zur Beurteilung des Berges von Interesse. ( AJ Nr. 259, Seite 231, und eine Photographie von Ella Maillart. ) 1 Ein ausführlicher, reich illustrierter Bericht über diese « Schweiz. Himalaya-Expe-dition Gyr-Kappeler 1947 » erscheint im Band IV « Berge der Welt ».
Keine schützende Bergkette ist dem Rakaposhi im Süden vorgelagert, so dass er den feuchten, vom Meer her über Indien streichenden Winden ( Sommer-Monsun ) sehr stark ausgesetzt ist. In den Höhen bedeutet dies oft schlechtes Wetter mit Neuschnee und Stürme, so dass sich dann riesige Wächten bilden. Diese Tatsache machte uns während des vierwöchigen Besteigungsversuches viel zu schaffen.
Am 22. Mai verliessen wir Abbottabad und richteten am 10. Juni am Biro-Gletscher zwischen dem Nordwest- und Südwestgrat in 3500 m unser Basislager ein, mit Proviant für fünfzig Tage versehen.
Schon nach zwei Versuchen, über den stark zerrissenen Biro-Gletscher vorzustossen, mussten wir einsehen, dass dies ein zu gefährliches Unternehmen darstellen würde. Nur durch Zufall entgingen Kappeier und Secord auf der Nordseite des Gletschers und Tilman auf der Südseite den ständig hinunter-donnernden Lawinen; ausserdem scheint der Aufschwung des Biro-Gletschers zum Südwestgrat für einen Aufstieg mit Lasten zu steil.
Der vom Südwestgrat abzweigende Südwestsporn trennt den tiefen — zwischen fast senkrechten Wänden eingeschnittenenKunti-Gletscher vom Biro Gamuk ( Gamuk = Gletscher ). Auf Grund einer Rekognoszierung des Kunti Gamuk beschlossen wir, ein erstes Lager in 4200 m Höhe an seinem Westufer zu errichten.
Wir waren uns einig, dass das ca. 6200 m hoch gelegene Verbindungsstück zwischen diesem Sporn und dem Grat die Schlüsselstellung für einen erfolgreichen Angriff auf den Gipfel sein müsste. Es stellte sich uns die Frage, ob eventuell vom Kunti-Tal aus dieser Punkt erreicht werden könnte?
Wir fanden eine einzige begehbare, aber nicht ungefährliche Runse, die zu einem 5000 m hohen Sattel hinaufführte. Dort oben errichteten wir ein zweites Lager. Sechsmal überwanden wir mit schweren Lasten die steile, lawinengefährliche Runse. Jedesmal mussten wir im tiefen Schnee eine frische Spur stampfen, da sie immer wieder durch Lawinen zugedeckt worden war.
Endlich am 24. Juni erlebten wir im Lager II einen schönen Tag, so dass es möglich wurde, am nächsten Morgen den nun folgenden 800 m hohen Steilhang anzugreifen. Schon einmal wurden wir auf ungefähr 2/3 Höhe dieses Hanges durch einen Schneesturm zur Umkehr gezwungen. Bis zu den Knien einsinkend, bahnten wir uns über den scharfen mit ungeheuren Wächten behangenen Grat einen Weg zu dem 6200 m hohen Baraioshen. Der nun folgende Gipfel im Sporn, der Monk's Head, wie wir ihn wegen seiner Eiskappe nannten, wäre das letzte Hindernis vor dem Einbiegen des Sporns in den Grat gewesen. Er kehrte uns aber einen ungefähr 500 m hohen Schneehang mit einem über die ganze Flanke gehenden Eisabbruch zu. Wir mussten einsehen, dass unsere fast vierzehntägige Arbeit, die wir mit so viel Hoffnung und Eifer begonnen hatten, umsonst war. Schweren Herzens, aber auch mit neuen Hoffnungen, die wir nun auf den Nordwestgrat setzten, räumten wir unsere Lager und kehrten zu unserer Basis am Biro-Gletscher zurück.
Während Kappeier und Secord einen Übergang ins Dianor-Tal und über die Mano-Gah-Kette erkundeten, richteten Tilman und ich ein Lager auf 4800 m Höhe in der Südwestflanke des Nordwestgrates ein. Mehrmals mussten RAKAPOSHI, 7790 M Aus Band IV « Berge der Welt » Schweizerische Stiftung für alpine Forschungen, Zürich wir wegen Neuschnees und schlechten Wetters wieder ins Basislager zurück. Endlich, nach einer Woche schien uns das Glück hold zu sein. Nur wenig Lawinen brausten diesmal in der Nacht an unserem Lager, das durch einen turmartigen Eissérac geschützt war, vorbei in die Tiefe. Nach achtstündiger harter Eisarbeit standen Tilman und ich anderntags in etwa 5700 m Höhe auf dem Nordwestgrat. Während Nebelschwaden über den Grat fegten und die freie Sicht versperrten, zogen wir etwas Schokolade und « a food with the sinister name of Ovosport », wie Tilman unser Universalstärkungsmittel nannte, aus den Taschen. Tilmans unerschütterlichen Glauben in sein Pemmican vermochte weder die beste Schweizer Schokolade noch das nahrhafte Ovosport ins Wanken zu bringen. Über diesen Punkt konnten wir uns nie einigen.
Da vertrieb der Wind die Nebelschwaden, und mit einem Schlag verschwand unsere letzte Hoffnung. Riesige, überhängende Gendarmen bildeten die Fortsetzung des Grates zum Gipfel. Auch dieses war also kein Zugangsweg zum Rakaposhi.
Nachts 12 Uhr trafen wir mit unseren Kameraden im Basislager zusammen und mussten auch ihnen die Aussicht auf ein Gelingen nehmen. Wir RAKAPOSHI, 7790 M beschlossen, nach Gilgit zurückzukehren und uns neu auszurüsten für eine Erkundung des noch unerforschten Kukuay-Gletschergebietes im Batura Muztagh ( s. Geogr. J., September 1948 ).
Auf dem Rückweg überschritten wir die tiefste Einsattelung ( 4500 m ) in den Ausläufern des Südwestgrates und stiegen ins Dianor ab. Infolge des trüben Wetters konnten wir aber nicht mit Sicherheit feststellen, ob der Südwestgrat vom Gletscher dieses Tales aus eventuell erreicht werden könnte. Die Talsohle ist so tief eingeschnitten, dass dies wohl kaum der Fall sein dürfte. Immerhin ist diese Möglichkeit nicht ganz auszuschliessen.
Ende Juli verbrachten Kappeier und ich noch drei Tage am oberen Mina-pin-Gletscher auf der Nordostseite des Rakaposhi. Der Ostgrat, der das Bagrot-Tal von Minapin trennt, kann in der Nähe des Diran verhältnismässig leicht erreicht werden; leider mussten wir aber gegen Abend in 5000 m, nur ca. 300 m unterhalb des Grates, umkehren, da wir nicht für ein Zwischenlager ausgerüstet waren. Nach unserer Ansicht ist der Ostgrat gegen den Rakaposhi kaum begehbar.
Nur um noch die Südostseite des unnahbaren Gipfels zu erkunden, kehrten wir im September vom Haramosh-Gebiet durch das Bagrot-Tal zurück. Aber auch diese Flanke des Berges ist eine Steilwand, die für einen Besteigungsversuch kaum in Betracht kommt.
Der einzig mögliche Zugangsweg dürfte der eigentliche Südwestgrat sein. Die Frage zu beantworten, ob dieser Grat, dessen Flanken sowohl auf der Südost- als auf der Nordwestseite durch steile, 2000-3000 m hohe Wände O X Aus Band IV « Berge der Welt » Schweizerische Stiftung für alpine Forschungen, Zürich