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Zahlreiche Untersuchungen fossiler Hölzer oder Pflanzenreste zeigen: Natürliche Störungen wie Waldbrand, Lawinen, Sturm oder Borkenkäferbefall prägen unsere Bergwälder schon seit Jahrtausenden. Viele Wälder wiederspiegeln jedoch auch, wie der Mensch darin wirtschaftete – wie er Holz daraus schlug, sie beweidete oder sie niederbrannte, um Ackerland zu gewinnen. Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte die Holznutzung in den Alpen ihren Höhepunkt – nie waren Waldfläche und Baumdichte geringer als damals. Als Folge davon entstanden vielerorts neue Lawinenanrissgebiete. Wegen jahrhundertelanger Übernutzung und kleinerem Holzvorrat boten die Wälder jedoch weniger Angriffsfläche für grössere Störungen – Waldbrand, Borkenkäferbefall und Windwurf waren in dieser Zeit deshalb weniger von Bedeutung.
Mitte des 19 Jh. kam die Wende: Die Leute zogen von den Berggebieten in die Städte und steile Hänge wurden zunehmend nicht mehr landwirtschaftlich bewirtschaftet. Kohle und andere fossile Brennstoffe ersetzten vielerorts Holz als Energieträger. Zudem entstanden als Folge von Hochwasser- und anderen Naturkatastrophen strengere Forstgesetze, welche den Schutz und Wiederaufbau von Schutzwäldern ermöglichte.
Mehr Wald, mehr Totholz und mehr natürliche Störungen
Die Auswertungen zeigen: Die Waldfläche hat im ganzen Alpenbogen während des letzten Jahrhunderts stark zugenommen – im Durchschnitt um 4 % pro Jahrzehnt. Das gleiche gilt für die Holzvorräte. Während das Holzvolumen von lebenden Bäumen pro Jahrzehnt um 10 % gewachsen ist, hat dasjenige von toten Bäumen als Folge von natürlichen Störungen, geringeren Holzernte und einer höheren Akzeptanz für Totholz sogar um rund 60 % zugenommen.
Ein internationales Forscherteam um Peter Bebi hat die Waldentwicklung in den Alpen seit dem 19. Jahrhundert untersucht und mit älteren verfügbaren Quellen in einen längerfristigen Zusammenhang gebracht. Sie berechneten anhand von Waldinventurdaten des vergangenen Jahrhunderts, wie stark sich der Wald über den gesamten Alpenbogen hin ausgedehnt hat. Für die Schweiz schauten sie noch etwas genauer hin: Neben Inventuren zogen sie Siegfriedkarten (topografischer Atlas) von 1880 sowie moderne Karten und topografische Daten zurate. Sie untersuchten damit auch, wie veränderte Waldfläche und -struktur mit dem Auftreten von natürlichen Störungen zusammenhängen, und wie sich die neu seit dem 19. Jahrhundert eingewachsenen Wälder diesbezüglich von älteren unterscheiden.
In den Schweizer Alpen machen Wälder, die nach 1880 entstanden sind, heute fast die Hälfte der Waldbedeckung aus. Sie befinden sich vorwiegend an über 30 Grad steilen Hängen, wo die landwirtschaftliche Nutzung am stärksten abnahm. Im Vergleich mit älteren Wäldern weisen diese neu eingewachsenen Wälder kleinere Baumdurchmesser, weniger Biomasse und häufiger dichte Bestandesabschnitte auf. In den letzten 50 Jahren wurde diese Wälder auch deutlich weniger aktiv bewirtschaftet als ältere Bestände und sie weisen vielfach Spuren von Beweidung auf. Aufgrund des geringeren Alters und der geringeren Biomasse wurden sie weniger stark von den Stürmen Vivian und Lothar beschädigt, jedoch verhältnismässig häufiger von Waldbränden betroffen.
Grössere zusammenhängende Waldflächen und steigende Biomasse seit dem 19. Jahrhundert haben zur Folge, dass es wieder mehr und grössere flächige natürliche Störungen in den Alpen gibt. Zusätzlich tragen Erwärmung und Sommertrockenheit zu einer grösseren Gefährdung bei, insbesondere durch Waldbrand und Insekten. Die langfristige Waldgeschichte sowie die aktuelle Entwicklung zeigen den Forschern, dass natürliche Störungen wie Waldbrand, Insektenbefall oder Windwurf wichtiger sind als je zuvor seit der menschlichen Besiedlung und in Zukunft noch bedeutsamer werden.
Details zum Projekt
Projektdauer
2015 - 2017