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Man möge mir meine laienhaften Bemerkungen zum Buch verzeihen, da ich kein Historiker bin. Sicherlich, Peter J. Heathers (Professor für mittelalterliche Geschichte am Kings College in London) neue Buch zum "Untergang des römischen Reiches" ist nachvollziehbar und anschaulich geschrieben, und stützt sich dabei auf umfangreiche Forschungen. Dennoch stellte sich mir beim Lesen ein Unbehagen ein.
Heather gehört zu einer neuen Generation von Historikern (wie auch Ward-Perkins), die unsere "liebgewonnenen" Vorstellungen von der Spätantike und dem Mittelalter umschreiben möchten. Hierbei bedient sich Heather in seinem neuen Buch "Invasion der Barbaren" der Migrationsforschung.
Womit will der Revisionismus von Heather aufräumen? 1.) Mit der Vorstellung von reinen und geschlossenen Formen kultureller, politischer oder sozialer Einheiten, ob nun als Völker, Stämme, Nationen o.ä. 2.) Mit der Annahme, dass das römische Reich an der eigenen Dekadenz unterging. 3.) Mit der Vorstellung, dass die Völkerbewegung eine Wanderung großer Volkseinheiten (Vandalen , Hunnen, Goten usw.) war. 4.) Und mit der Annahme, dass Migrationen harmlos sind.
Zu welchen Ergebnissen kommt Heathers Umschreibung der Geschichte? 1.) Kulturelle bzw. politische Identitäten sind weder naturgegeben, in sich geschlossen bzw. kontinuierlich historisch (Ethnogenese, Traditionskerne) gewachsen. Vielmehr performieren sich Identitäten durch die Handlungen der Akteure (durch Wahl bzw. Zuschreibung). 2.) Das römische Reich zerfiel nicht aufgrund der eigenen Dekadenz, sondern durch Migration, d.h. durch ein mehr oder weniger gewaltsames Eindringen von Außen. Dabei bezieht sich Heather u.a. auf die "push and pull"-Theorie bzw. auf Sogfaktoren und Distanz- und Gravitationsmodelle der Migrationsforschung. 3.) Um den Untergang des römischen Reiches zu beschreiben, benötigt Heather auch keine großen Migrationsgruppen oder ganze wandernde Völker. Ihm reichen kleine Migrationen von Zweckgemeinschaften oder heterogene Gruppen mit einer hohen Fluktuation, um Brüche und Umwälzungen in der Geschichte aufzuzeigen. 4.) Auch ist Heather kein Anhänger der These, dass die Migration ein harmloser Akt wäre. Aus seinen Forschungen zieht er den Schluss, dass die mit der Völkerwanderung einhergehenden Zerstörungen und destruktiven Entwicklungen bislang nicht genügend beachtet wurden.
Ein gewisses Unbehagen bereitete mir Heathers Vorstellung von einer politischer Verfassung und deren Feindschaften. Keine Frage: Es ist gut, dass man mittlerweile auch in der Geschichtswissenschaft von Theorien der Ethnogenese und Völkertheorien abrückt. In dieser Hinsicht haben die postcolonial studies innerhalb der Politikwissenschaft bzw. in der politischen Philosophie schon einiges bewirkt. Ob man jedoch im Austausch der Dekadenz-Theorie mit den Theorien der Migrationsforschung die Verfassung und Destruktion des Römischen Reiches erklären kann, oder ob man nicht nur die politischen Feinde des Reiches austauscht (innerer Feind "Dekadenz" gegen äußere Feinde "Migranten"), bleibt dahingestellt. Möglicherweise bleiben das Politische und dessen Aporien unverstanden, wenn von politischen Feindschaften ausgegangen wird.
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