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Moebius: Arzach / Die hermetische Garage
Abtauchen in fremdartige Sphären
Wenn man mit möglichst unvoreingenommenem Blick an die Wiederveröffentlichungen «Arzach» (1976) und «Die hermetische Garage» (1979) von Moebius herangeht, stellt sich recht schnell die Frage, ob der als unumstösslich geltende Platz der beiden Werke im Comic-Olymp tatsächlich berechtigt ist.
«Arzach», das ist ein auf einer Art Flugsaurier reitender Charakter in merkwürdiger Kluft, der auf ein paar wenigen Seiten je Story in einer Art Retro-Fantasywelt Frauen nachsteigt – sich unliebsamen Nebenbuhlern entledigend – und relativ unmotiviert Monstren metzelt respektive selber scheinbar grundlos attackiert wird. Die grafische Umsetzung mit ihrer die ganze Skala abdeckenden Farbgebung freilich ist superb.
Und «Die hermetische Garage»? 120 Seiten in schwarz-weisser Grafik, in denen sich ein gewisser Major Grubert in 4- bis 5-seitigen Mini-Episoden an wechselnden ausserirdischen Schauplätzen mit seinem Kontrahenten Jerry Cornelius misst – wobei man weder inhaltlich noch formal auf Geschlossenheit hoffen darf (beide bei Cross Cult in bibliofiler Aufmachung, zirka 29 bzw. 35 Franken).
Pilze, aber niemals LSD
Möglicherweise hilft diesbezüglich eine Erweiterung des Kontexts: In einem im Mai 1980 in «Schwermetall», dem deutschen Ableger des stilprägenden französischen Erwachsenen-Comicmagazins «Métal hurlant», das Moebius mitgegründet hatte, publizierten Interview sagt der Künstler: «Ich habe Pilze genommen, aber niemals LSD. Ich bin der Meinung, das Wichtigste am Pilz ist sein Geist, und wenn ich nun LSD schlucke, welcher Geist steckt darin? Mittlerweile ist mir klar: Wenn ich weiterkommen will, muss ich das ganze Zeug hinter mir lassen. Marihuana zum Beispiel. Ich hoffe, dass ich stark genug dazu sein werde, denn im Grunde fühle ich mich eher als schwacher Typ.» Damit soll nicht gesagt sein, dass bewusstseinsverändernde Substanzen den Löwenanteil an Moebius’ Schaffenskraft und Gestaltungswillen tragen, psychedelische Welten auf Papier zu bringen, doch eine gewisse Tendenz lässt sich damit zweifellos aufzeigen.
Auch wenn die Splittung des 1938 in der Nähe von Paris auf die Welt gekommenen Jean Giraud in «Gir» und «Moebius» etwas gar reduktionistisch anmutet – zur Erklärung und zu einer ersten groben Annäherung an den vielschichtigen Künstler taugt sie bestens: Als «bürgerliches» Ich «Gir» zeichnet der Jijé-Schüler ab 1963 die Western-Abenteuer von «Blueberry» und erlangt damit internationales Renommee. Die zusammen mit dem Szenaristen Jean-Michel Charlier realisierte Serie wird zunehmend komplexer – bis der übliche 48-Seiten-Rahmen und die klassische Panelseitenaufteilung schliesslich nicht mehr reicht. Nach dem Tod Charliers (für den er auch «Jim Cutlass» zeichnete) Ende der 80er-Jahre übernimmt Giraud das Zepter über «Blueberry» und schafft im Alleingang bildgewaltige, anspruchsvolle und dabei doch dem Western-Genre jederzeit klar zuordbare und in sich geschlossene Werke.
Unbewusstes sichtbar machen
Als sein Alter Ego Moebius, der im Gegensatz zu Gir statt mit dem Pinsel vorwiegend mit der Feder arbeitet, verzichtet Giraud vollständig auf ein vorgegebenes Szenario. Er entführt die Leserschaft in oft nur wenige Seiten langen Strips auf der selber geschaffenen Publikationsplattform «Métal hurlant» in nie gesehene Fantasy-Welten. Dabei hangelt sich Moebius mit einer Arbeitsmethode, die er selber an die Psychoanalyse angelehnt «automatisches Zeichnen» nennt, spontan von Panel zu Panel, ohne nach eigener Aussage vorgängig selber zu wissen, welchen Verlauf die Geschichte nehmen wird. Rücksicht auf das Verständnis der Leser wird dabei nicht genommen, ein Umstand, der sich an der «Hermetischen Garage» perfekt illustrieren lässt, die mit ihren Brüchen, kryptischen Passagen und ihren Ausführungen in verschiedensten Zeichenstilen geradezu als Inbegriff von Inkohärenz gelten kann. Oder mit Moebius gesprochen: «Meine Comics sollen keine Spielzeugeisenbahn sein, bei der ständig ein Ansager laut die Entgleisungen zählt. Ich kann mich nicht lang damit abgeben, für jedermann verständlich zu sein. Ich bin lediglich der Struktur der menschlichen Sprache unterworfen, die die Eindrücke, dir mir im Kopf herumgehen, in eine Form bringt.»
Während sich der Gir der «Blueberry»-Anfänge gängigen formalen Schemata anpasste (sein Zeichenstil war zuerst kaum von demjenigen seines Meisters Jijé zu unterscheiden) und sich einem
Szenaristen «beugte», scheint das Moebius-Alias, das bereits 1963 zum ersten Mal zum Einsatz kam, idealtypisch für das konsequente Durchbrechen aller Konventionen zu stehen. «Wenn etwas
undurchdringlich ist, hat es zumindest mal den Anschein, undurchdringlich zu sein; man sieht nur nicht die Tür, man weiss nicht, was dahintersteckt; man hat den Eindruck, vor einem Apfel zu stehen,
aber in Wirklichkeit steht man vor einem Piano», hat Moebius einmal in einem Interview in «Schwermetall» sein Bestreben in Worte gefasst, Leseerwartungen aufzunehmen und mit diesen zu spielen. Dies
hätte ein Dekonstruktivist wohl nicht besser ausdrücken können.
Einladung zum Spiel
Entsprechend müssen Moebius’ Werke wohl auch heute noch verstanden werden: Als Aufforderung zum Experiment, zu einer neuen Erfahrung. Wer sich nicht darauf einlässt, kann auch nicht hineintauchen in jenes fremdartige Universum, in jene so emsig praktizierte Logik des Traums, diese Spielwiese des Unbewussten. Wer schon, muss sich auf eine anstrengende und mit Durststrecken gespickte Lektüre einstellen – die letztlich jedoch die Erkenntnis bringen kann, dass die beiden nun neu aufgelegten Klassiker durchaus nicht nur von kunsthistorischem Interesse sind, sondern tatsächlich Horizonte erweitern kann. Wer eine sanfte Annäherung an Moebius’ «Universum der Wunder» (so der Titel einer inzwischen vergriffenen, sehr empfehlenswerten Anthologie bei Carlsen) sucht, ist vielleicht gut beraten, sich zuerst den sechsbändigen, zusammen mit dem Autor Alexandro Jodorowsky realisierten und bei allem Ideen-Gewitter wohltuend stringenten Dystopie-Zyklus «John Difool» (vor kurzem bei Ehapa in einer gewöhnungsbedürftiger Neukolorierung als Sammelband herausgekommen) vorzunehmen.
Dave Schläpfer, im Oktober 2008