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10. März 2009
Sterben vor laufender Kamera
Eine Frage der menschlichen Würde
Regula Bähler
So unterschiedlich die Medienkritik die Ausstrahlung eines Dokumentarfilmes in verschiedenen Ländern aufnahm, in dem ein schwerstkranker Mann mit der Sterbehilfeorganisation «Dignitas» aus dem Leben schied, so kontrovers bleibt der Bruch des Tabus: einen sterbenden Menschen vor laufender Kamera zu zeigen.
«Darf ich dir einen dicken Kuss geben?», fragt sie ihn. «Natürlich», sagt er. Sie wünscht ihm eine gute Reise: «Irgendwann werde ich dich wiedersehen.» Ein letzter Wortwechsel, dann stirbt Craig Ewert vor laufender Kamera. Er hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt und eine tödliche Dosis eines Barbiturats eingenommen, in einer Zürcher Wohnung der Sterbehilfeorganisation «Dignitas».
Plötzliche Welle der Entrüstung
Das war im September 2006, und die Szene fand Eingang in den Dokumentarfilm «Das Recht zu sterben» (Right to die) des Oscar-Preisträgers John Zaritsky. Der Film lief ein Jahr später ohne lautere Nebengeräusche bei Privatsendern in Kanada, in den USA und den Niederladen. Auch, als das Schweizer Fernsehen SF 1 den Film im Oktober 2008 unter dem Titel «Selbstmord-Touristen» ausstrahlte, schlug dies in der Medienöffentlichkeit keine höheren Wellen. Ganz anders, als «Sky Real Lives» – ein zur Murdoch-Gruppe gehörender Privatsender, der in Grossbritannien und Irland kostenpflichtig über Satellit und Kabel zu empfangen ist – die Ausstrahlung der Dokumentation am 10. Dezember 2008 ankündigte: Die Entrüstung von Vertretern der Palliativpflege und von Medienwächter-Organisationen, aber auch der Politik, schwappte von den Inselstaaten auf das Kontinentaleuropa über, vor allem auf Dänemark und Deutschland. - Dies schon vor der Ausstrahlung des Films am Fernsehen und in den Online-Medien mit Video-Ausschnitten der eigentlichen Sterbeszene.
Es war von «makabrem Todes-Voyeurismus» und einem «zynischen Versuch» die Rede, «die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben». Andere warnten vor dem Nachahmungseffekt, den solche Sendungen haben. Der britische Premierminister Gordon Brown sprach sich in der parlamentarischen Fragestunde gegen begleitete Selbsttötung aus und betonte, wie wichtig es sei, dass sich keine kranke oder ältere Person unter Druck gesetzt fühle, in einen solchen Tod einzuwilligen. Auf die Frage, ob er meine, dass dieses Programm im öffentlichen Interesse liege oder ob es einfach nur verabscheuenswürdiger Voyeurismus sei, gab der Premier seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Thema mit Einfühlungsvermögen und ohne Sensationsgier behandelt werde. Ein Vertreter von «Mediawatch-UK» befürchtete, dass das Programm die Meinungsbildung des Publikums in einer heiklen Phase der öffentlichen Diskussion beeinflusse.
Zwischen Aufklärung und Provokation
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren in Grossbritannien immer wieder Vorstösse, die Sterbehilfe – wie früher schon die Selbsttötung – zu entkriminalisieren. Bislang ohne Erfolg. So ist Sterbehilfe in England, Wales und Schottland nach wie vor mit einer Gefängnisstrafe bis zu 14 Jahren bedroht. Und nur kurze Zeit vor der Ausstrahlung des Dokumentarfilms auf «Sky Real Lives» hatte der Oberste Gerichtshof in einem Aufsehen erregenden Fall entschieden, dass dies so bleibt und dass die Strafbarkeit der Sterbehilfe in Übereinstimmung mit der Europäischen Menschenrechtskonvention keine unzulässige Einschränkung der persönlichen Autonomie darstelle. Die 45-jährige, an Multiple Sklerose erkrankte und an den Rollstuhl gebundene Debbie Purdy wollte festgestellt haben, ob ihr Ehemann, wenn er sie nach Zürich zum Sterben mit Hilfe von «Dignitas» begleitete, bestraft würde oder nicht. Allerdings, so befand die Anklagebehörde der Britischen Krone genau zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Dokumentarfilms auf «Sky Real Lives», liegt die Strafverfolgung nicht im öffentlichen Interesse. Dies zumindest im konkreten Fall der Eltern des 23-jährigen Daniel James, die im September 2008 mit ihrem Sohn nach Zürich gereist waren, damit er seinem Leben mit der Hilfe von «Dignitas» ein Ende setzen konnte. Der Rugby-Spieler war nach einem Trainingsunfall von den Halswirbeln an abwärts komplett gelähmt.
In diesem Spannungsfeld, rechtfertigte Barbara Gibbon, die Chefin von «Sky Real Lives», die Ausstrahlung der Dokumentation gegenüber BBC News, sei es die Aufgabe des Fernsehens, in der öffentlichen Diskussion auch über schwierigste Dinge zu informieren. «Das Recht zu sterben» vermittle einen aufklärenden Einblick in Entscheidungen, die einige Menschen zu treffen haben. Diesen Anspruch hatte auch Craig Ewert, als er die Gegenwart von Kameras bis zum letzten Moment zuliess. Er wollte diesen gezeigt haben, weil die Menschen der Angst vor dem Tod nicht ins Gesicht sehen.
Kamera im Angesicht des Todes
Der Amerikaner Craig Ewert, in seinem Berufsleben Professor für Informationstechnologien und Mathematik, verbrachte die letzten Jahre in Grossbritannien. Im April 2006 suchte er wegen Atemproblemen einen Neurologen auf. Drei Monate später stand die Diagnose fest: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Es handelt sich um eine unheilbare Krankheit, bei der die fortschreitende Zerstörung von motorischen Nervenzellen zur Lähmung und schliesslich zum Tod durch Ersticken führen. Die Krankheit nahm einen rasanten Verlauf, so dass er bald auf ein Beatmungsgerät und auf Hilfe für die alltäglichen Verrichtungen angewiesen war. Im Film sagt er: «Wenn ich vollständig gelähmt bin, werde ich nichts als ein lebendes Grab sein, welches über einen Schlauch Nahrung im Magen aufnimmt. Es ist schmerzlich.» Er richtet sich auch an das Filmteam: «Für mich gibt es den Tod oder das Leiden und den Tod.» Er trifft seine Wahl, beisst auf einen Schalter, damit sich das Beatmungsgerät allmählich abstellt, und saugt mit einem Strohhalm das tödliche Getränk.
Die Ausstrahlung dieser Szene und das Verweilen der Kamera bis nach dem Eintritt des Todes, aber auch die Kritik im Vorfeld, bescherten dem Sender «Sky Real Lives» die höchsten Einschaltquoten in der Zeit seines einjährigen Bestehens. Die Aufnahme der öffentlichen Debatte in anderen europäischen Ländern veranlasste die Leiterin der Dokumentarprogramme am öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Dänemark – «Danmarks Radio» (DR) – den Film früher als geplant zu zeigen, und sie verlegte den Sendetermin auf den 14. Dezember 2008. Am selben Abend zog sich die Programmdirektorin von «Danmarks Radio» – Mette Bock – von ihren Aufgaben im ethischen Ausschuss des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zurück, dessen Vorsitzende sie von Amtes wegen war. In einer E-Mail an die übrigen Mitglieder des Ausschusses hielt sie fest, dass sie nachhaltig von der Ausstrahlung des Films abgeraten hätte, wäre die ethische Instanz überhaupt begrüsst worden. Dies unter anderem mit dem Argument, dass «der Augenblick des Todes ein sehr privater ist und dass DR bislang keine derartigen Szenen gezeigt hat». Ein knappes Jahr zuvor schrieb Mette Bock anlässlich ihres Amtsantritts als Programmdirektorin in der «Jyllands-Posten»:
«Die Verwaltung der Programmethik ist schlechthin ausschlaggebend für die Legitimität von Danmarks Radio als Service public-Sender, der mit öffentlichen Geldern finanziert wird. [...] Es gibt Richtlinien, aber keine Nachschlagewerke, keine einfachen Lösungen. Das Spannende an der Auseinandersetzung mit der Programmethik ist eben, dass die Fragestellungen Dilemmata offenbaren, bei denen die Prioritätensetzung oft Diskussionen auslösen wird.»
Zu solchen Diskussionen kam es wegen der Blitzprogrammierung von «Hilfe – ich will sterben», wie der Film in Dänemark hiess, erst im Nachgang der Ausstrahlung.
Urteil: «würdelos», «einseitig» und «gefährlich»
Im Organ des Journalistenverbandes (journalisten.dk) wurden vor allem Stimmen zitiert, welche vor der Ansteckungsgefahr vor Selbstmord warnten. Jacob Mollerup, der interne Ombudsmann der Zuschauerinnen und Zuschauer bei DR, vermisste in erster Linie die Beleuchtung des Themas Sterbehilfe von verschiedenen Seiten und rügte in seiner Stellungnahme einen Verstoss gegen das Sachgerechtigkeitsgebot: «Der Dokumentarfilm beschrieb den so genannten Selbstmordtourismus, welcher durch die besondere Gesetzeslage in der Schweiz möglich ist und der seit Jahren in ganz Europa stark diskutiert wird. Als Zuschauer bekam man den Eindruck einer seriös arbeitenden Organisation, welche auf Nonprofit-Basis hoffnungslos kranken und leidenden Menschen hilft». Der Ombudsmann störte sich daran, dass die Sterbehilfeorganisation «Dignitas» nicht in ihrer ganzen Umstrittenheit zur Darstellung gelangte.
In Deutschland fokussierte sich die Kritik stärker auf den Aspekt der Verletzung der Menschenwürde. Auch diesmal wurde die Kritik schon vor der Ausstrahlung des Dokumentarfilms laut, der am 24. Januar 2009 auf dem Spartensender-Kanal «Focus-Gesundheit» lief, – einem Spartensender, der über den Pay-TV-Sender «Premiere» zu empfangen ist, bei dem Rupert Murdoch ebenfalls Grossaktionär ist. Der Präsident der deutschen Ärztekammer sagte gegenüber der «netzeitung.de»: «Wenn das Sterben öffentlich inszeniert wird, verliert der Sterbende seine Würde.» Und Johannes Freiherr Heereman von Zuydtwyck, der Präsident des Hilfswerks der Malteser, doppelte nach: Es sei «zutiefst entwürdigend und pietätlos, den Akt des Sterbens sekundengenau aufzuzeichnen und auszustrahlen. [...] Wir protestieren auf das Schärfste gegen einen solch menschenverachtenden Umgang mit einem der intimsten Momente des Menschen.»
Wie frei darf der freie Wille sein?
Die Menschenwürde ist rechtlich eine normative, nicht beweisbare Fiktion – nämlich dass alle Menschen zur freien Entscheidung fähige Wesen sind. Diese Freiheit kann niemandem genommen werden, weil sie jedem Menschen gegeben ist, allein aufgrund der Tatsache, dass er ein Mensch ist, unabhängig von irgendwelchen persönlichen Eigenschaften. So verstanden ist die Menschenwürde die grundlegende Wertentscheidung jeder demokratischen Rechtsordnung. Damit verbunden ist der Anspruch eines und einer jeden Einzelnen gegenüber dem Staat, der alles zu unterbinden hat, was diese Würde verletzt, sei es in seinem eigenen hoheitlichen Handeln oder im Verhalten von privaten Drittpersonen. Die Achtung der Menschenwürde schützt die einzelne Person nicht nur vor der Gleichsetzung mit nicht-menschlichen Wesen, sondern auch vor der Reduzierung auf Körperlichkeit oder auf ein Etwas, ein Objekt.
Craig Ewert hatte seine Einwilligung erteilt, bis zuletzt gefilmt zu werden. Auch seine Frau Mary war damit einverstanden und sagte gegenüber der «Times»: «Ich bedaure überhaupt nicht, meine Zustimmung gegeben zu haben, dass die Kamera lief, als Craig starb. Wir wollten das beide.» Sie verlangte erst 30 Minuten nach dem Eintritt des Todes, die Kamera abzustellen. «Ich musste weinen und wollte dies für mich alleine tun.»
Die öffentliche Preisgabe des intimen Moments des Sterbens ist ein Akt der Selbstbestimmung, des Persönlichkeitsrechts, welches seine Grundlage wiederum in der Menschenwürde hat. Fragt sich, ob dies angesichts des Umstandes zulässig ist, dass keinem Menschen die Würde genommen werden kann, ob dies gleichsam einen freiwilligen Verzicht auf den Kernbereich der menschlichen Würde darstellt. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ist ein solcher Verzicht im Kernbereich dieses Grundrechts nicht möglich. So erachtete dieser beispielsweise den Betrieb eines Laserdromes, in dem Tötungsspiele veranstaltet wurden, als nicht mit der Menschenwürde vereinbar – wegen der entwürdigenden Behandlung eines Gegners oder der Erzeugung oder Bestärkung einer Einstellung, welche den fundamentalen Achtungsanspruch jedes Menschen leugne. Ein Höchstwert der Verfassung wie die Menschenwürde könne nicht im Rahmen eines Unterhaltungsspiels wegbedungen werden. Ähnlich argumentieren auch die Gerichte in verschiedenen Ländern, welche den so genannten «Zwergenweitwurf» verbieten. Dabei handelt es sich um Wettbewerbe und Unterhaltungsshows, in denen kleinwüchsige Menschen ebenfalls zu reinen Unterhaltungszwecken möglichst weit geworfen werden. Deren Einwilligung und das Anrufen der Berufsfreiheit sind in diesem Zusammenhang unbeachtlich – genau so wie jene der Darstellerinnen von Peep Shows, welche sich zu einer Ware machen.
Eine Frage der Würde
Dass der Film über das Sterben von Craig Ewert der reinen Unterhaltung diene, behauptet niemand. Auch ist er selbst nicht reines Objekt der Betrachtung. Wenn gleichwohl alle gebannt hinsehen, wann und wie er den letzten Atemzug nimmt und das Leben aus seinem Körper entweicht, so erzählen andere filmische Momente viel mehr über sein Sterben und das Aussetzen des Beatmungsgeräts. So etwa der Moment, als er die Klänge von Beethovens Neunter Symphonie vernehmen will, bevor er langsam das Bewusstsein verliert, oder der Abschiedsdialog mit seiner Frau. Craig Ewert ist in Würde gestorben, mit dem Respekt und der Zuwendung von Mary Ewert.
Selbstverständlich ist es schwierig und auch fraglich, menschliches Sterben am Fernseher zu zeigen, wo dieses in der Gesellschaft doch verdrängt und an Institutionen wie Spitäler delegiert wird. Das war ja nicht immer so. Die Geschichtsschreibung und frühneuzeitliche Gemälde belegen, dass sich im Sterbezimmer einer kranken Person, oder vielmehr eines kranken Mannes, viele versammelten. Sie alle wollten laut Philippe Ariès (vgl. die «Geschichte des Todes») etwas über den Übertritt in eine andere Welt erfahren. Wie jemand starb, war im ausgehenden Mittelalter symbolkräftig: Die Reuigen sollten beim Jüngsten Gericht auf die Gnade Gottes hoffen können, die Uneinsichtigen fielen dem Teufel anheim.
Es sterben auch nicht alle so ruhig wie Craig Ewert, den das Leben kaum merklich verlässt. Karin Westman verbringt ihre letzten Stunden schwer atmend, röchelnd und gurgelnd. Diese Szene hat das schwedische öffentlich-rechtliche Fernsehen «Sveriges Television» im Jahre 1991 gesendet, im Dokumentarfilm «Im Angesicht des Todes» (Se döden), in dem sich der Kameramann und Filmregisseur Lars Westman gegen die Anonymisierung und Delegation des Sterbens wendet. Er begleitete seine Mutter mit der Kamera während Jahren im Pflegeheim, führte Gespräche mit ihr, solange dies möglich war, und zeigt auch schonungslose Bilder – etwa wie das Pflegepersonal seine Mutter wäscht, und spart dabei selbst den Intimbereich nicht aus. Trotzdem behält auch Karin Westman ihre Würde. Das hat zum einen mit der Kameraführung zu tun, die kaum bewegt ist, zum anderen aber mit der direkten Ansprache zwischen Sohn und Mutter, welche im Off immer präsent ist, selbst als die Mutter nicht mehr antwortet.
Sterben zwischen bewegten Bildern
Die Entrüstung war, als der Film am schwedischen Fernsehen gezeigt wurde, ähnlich gross wie jene in Grossbritannien und Deutschland, als Craig Ewerts Dokumentation ausgestrahlt wurde. Heute gehört «Im Angesicht des Todes» zum Unterrichtsstoff an Schwedens Schulen. – Das belegt zumindest, dass ein Tabu, wie das Zeigen des Sterbens, mit der Zeit keines mehr sein muss, wenn der Umgang damit behutsam ist.
An Bilder von realen Toten hat sich das Fernsehpublikum in Berichten über Kriege, andere Gewalttätigkeiten und Massensterben schon gewöhnt. Was nicht heissen will, dass dies von Gutem sei. Doch das Sterben wird dabei selten sichtbar, obwohl Film und Fernsehen die einzigen Medien sind, die diesen Prozess scheinbar abbilden können – im Gegensatz etwa zur Fotografie, die immer nur den Augenblick vor oder nach dem Todeseintritt festhalten kann, oder im Gegensatz zu dokumentarischen Schilderungen rein sprachlicher Natur, die zwar auch auf Wiedergabe ausgerichtet sind, aber eine grössere Distanz zum Geschehen schaffen als bewegte Bilder. Zur Unmittelbarkeit dieser Wirkung von Film und Fernsehen kommt, dass Sterben vor laufender Kamera kein individueller Akt mehr ist, sondern exemplarische Bedeutung erhält. – Dass Zuschauerinnen und Zuschauer sich fragen, wie sie in der nämlichen Situation entscheiden würden, ob sie, wie Craig Ewert, als Schwerstkranke den Freitod wählen würden oder nicht.
Obwohl in Grossbritannien, Dänemark und Deutschland den Umfragen zufolge eine Mehrheit der Bevölkerung für begleitete Sterbehilfe ist, sind die Reaktionen auf den Dokumentarfilm über Craig Ewert in der Medienöffentlichkeit heftig und äusserst kontrovers ausgefallen. In der Schweiz haben diese Bilder die Medienkritik kaum auf den Plan gerufen. Ob dies ein Gewöhnungseffekt als Folge der tatsächlichen Existenz der Sterbehilfeorganisationen «Exit» und «Dignitas» ist, von denen vor allem die letztere immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt, bleibt hier dahingestellt.
Erhöhte Sorgfalt wahren
In der Schweizer Programmaufsicht von Radio und Fernsehen spielen solche Überlegungen kaum eine Rolle, auch wenn für sie der Schutz der Menschenwürde zu den sensiblen Bereichen gehört, die von den Medienschaffenden eine erhöhte Sorgfalt erfordern. Der Schutz umfasst nicht nur die dargestellten Personen, sondern auch das Publikum, das keinen Bildern ausgesetzt werden soll, welche die Menschenwürde missachten. Die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) hat noch nie einen Fall zu beurteilen gehabt, der mit dem Dokumentarfilm über Craig Ewert vergleichbar wäre. In Grossbritannien erhielt die entsprechende Behörde, das Ofcom, zwar vor der Ausstrahlung des Films über «Sky Real Lives» Beschwerden, hat aber nicht auf diese eintreten können, weil aufgrund des Zensurverbots nur gesendete Programme der Aufsicht unterstehen. Hingegen traf das britische Ofcom schon diverse Entscheide im Zusammenhang mit Berichten über Selbsttötungen: Selbsttötungen und Selbstverletzungen dürfen am Fernsehen nur gezeigt werden, wenn diese durch den übrigen Inhalt der Sendung gedeckt werden, also nicht zu reinem Selbstzweck verkommen. Dieses Kriterium entspricht den Grundsätzen der Programmaufsicht in den Ländern Europas, auch in der Schweiz.
Ziemlich sicher würde die Ausstrahlung des Films über Craig Ewert unter programmrechtlichen Gesichtspunkten als zulässig erklärt, eben weil Craig Ewert in der Dokumentation nicht zum Objekt voyeuristischer Neugierde wird, sondern Person bleibt. – Dies ganz im Gegensatz zu den Tierpflegerinnen, die bei «Wetten dass...?» am Kot von 33 Tieren schnüffelten, um deren Art zu erkennen, oder im Kontrast zur 77-jährigen Schauspielerin und Vegetarierin Ingrid van Bergen, die im Dschungelcamp von RTL Känguru-Hoden oder einen Brei von Fisch-Innereien mit ganzen Krokodilsaugen herunterwürgte. Dies lief am selben Tag und zur selben Sendezeit wie auf «Focus-Gesundheit» die Dokumentation über Craig Ewert.
Regula Bähler ist Rechtsanwältin und Vizepräsidentin der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI.
Quellen:
DOK SF1: Die Selbstmord-Touristen (23.10.2008):
Ariès, Philippe (2005): Geschichte des Todes. München und Wien, 11. Auflage.
Replik:
Auf diesen Beitrag ist eine Replik von Urs Meier erschienen unter dem Titel: Geschäfte mit «Selbstmord-Touristen». Ein Dokfilm macht sich zum «Dignitas»-Supporter. In: Medienheft, 13. März 2009: