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Now and Forever
Am 18. Oktober feiert Chuck Berry seinen – sage und schreibe – neunzigsten Geburtstag. Der Pionier des Rock’n’Roll ist eine kulturelle Ikone, und wenn er noch vor wenigen Jahren auf der immerwährenden Abschiedtournee mit seinen Zeitgenossen Jerry Lee Lewis, Little Richard und/oder Fats Domino unterwegs war, konnte man einen alten aber noch immer erstaunlich virilen Herrn erleben, der durch die zigtausendfach geübten Elemente seiner Bühnenshow ging: Duck-Walk, Johnny B. Goode und die ewig beschworene Jugendkultur des Rock’n’Roll. Bluesnews.ch schaut anlässlich seines Geburtstags zurück auf ein bewegtes Leben, in dem vieles anders lief als bei den klassischen Bluesmen eine Generation vor ihm, und der als Vorbild für die Beatles, die Beach Boys und die Rolling Stones von unermesslichem Einfluss war auf die Geschichte der Unterhaltungsmusik.
Der als Charles Edward Anderson Berry geborene Musiker war das Kind einer mittelständigen Schwarzen Familie in St. Louis Missouri. Sein Interesse an Musik erwuchs früh und sein erster öffentlicher Auftritt fand noch in seiner High School statt. Im Alter von 18 Jahren kam er erstmals mit dem Gesetz in Konflikt: Chuck Berry wurde wegen bewaffnetem Raubüberfall zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und von 1944 bis 1947 in einer Jugendanstalt «reformiert». Wie B.B. King gibt auch Chuck Berry als Vorbilder «T-Bone» Walker und Lonnie Johnson an, in verschiedenen Quellen wird der in St. Louis tätige Jazz-Gitarrist Ira Harris als Lehrer von Chuck Berry bezeichnet. Leider ist über Harris weiter nichts bekannt.
1953 spielte Berry im Trio von Pianist Johnnie Johnson und lernte das Tourneeleben kennen. 1955 kam er nach Chicago und Muddy Waters warb ihn für «Chess Records» an, wo er mit Maybellene gleich einen ersten Hit landete, die Single verkaufte über eine Million Exemplare. Neben Berrys Gitarre und Gesang sind zu hören: Johnnie Johnson am Klavier, Willie Dixon am Bass, Jasper Thomas am Schlagzeug und Bo Dilddleys Bandmitglied Jerome Green an den Maracas. Im Spielfilm Cadillac Records von 2008, in dem Mos Def den Pionier des Rock’n’Roll verkörpert, ist seine Ankunft bei Chess Records ein Höhepunkt. Durch die 1950er Jahre lieferte er Hit um Hit: Roll Over Beethoven, Reelin' And Rockin', Rock 'n' Roll Music, Sweet Little Sixteen, Memphis, Tennessee und Johnny B Goode stamen alle aus dieser Zeit.
Was die Musik Chuck Berrys speziell machte, war seine Liebe für Country-Songs, aus denen er den präzise auf den Schlag ausgeführten Rhythmus übernahm. Dies wirkte im Gegensatz zum gemütlichen Shuffle eines Blues frischer und elektrisierend. Auf No Particular Place to Go ist das besonders gut zu hören, man kann sich den Song ebensogut als Shuffle vorstellen, aber so ist es eben Rock’n’Roll. Natürlich gibt es auch Titel, die ein klares Blues-Feeling haben, wie etwa Reelin' And Rockin' oder Night Beat, aber gerade im Vergleich hört man das Besondere an Berrys Rhythmus. Beim Vergleich zwischen Berry No Money Down und Muddy Waters Mannish Boy, bzw. Bo Diddley I’m a Man wird das sehr deutlich: Alles drei Versionen sind im Prinzip dasselbe Lied, aber die präzise Verschiebung des Rhythmus bei Diddley und noch etwas deutlicher bei Berry ist faszinierend anzuhören.
Chuck Berry war auch ein grossartiger Showman, der mit dem Publikum spielte, Clownereien à la «T-Bone» Walker machte, der berühmte Duck-Walk ist was geblieben ist, seit der Spagat altersbedingt nicht mehr klappt. So wurde er auch als Schauspieler engagiert und spielte in den beliebten Musikfilmen der 1950er Jahre. Sein kometenartiger Aufstieg und der enorme Erfolg wurden möglich durch Berrys Erfolg beim Weissen Publikum, das nach Tanzmusik suchte und den wenig bedrohlichen neuen Sound mit den Lollipop-bunten Texten liebte.
1962 erlebte seine Karriere kurzzeitig einen Knick, als er erneut für drei Jahre ins Gefängnis musste, verurteilt dafür, eine Vierzehnjährige in seinem Auto über die Staatsgrenze transportiert zu haben. Diese zweite Haftstrafe tat seiner Karriere keinen Abbruch, nach seiner Entlassung kamen die Hits wie No Particular Place to Go, Promised Land, Nadine oder You Never Can Tell (zu dem dann Jahrzehnte später Uma Thurman und John Travolta tanzen sollten).
In den 1970er Jahren begann der Wandel vom aktiven Musiker zum lebenden Museumsstück, den Berry aktiv selbst betrieb, indem er sich auf endlose Tourneen begab, die im Prinzip bis vor kurzem fortdauerten (heute gibt es nur noch regelmässige Auftritte in der Nähe seines Wohnortes bei St. Louis, ähnlich wie Les Pauls Konzerte in New York). Zunächst publizierte er auch jetzt noch Musik, so für «Chess» das Album The London Chuck Berry Sessions mit dem er an den Erfolg von Muddy Waters’ und Howlin' Wolfs gleichnamigen Alben anknüpfen sollte. 1975 folgte Chuck Berry und 1979 ein Album Rock It für das Label «Atco Records». Aber die Zeit der Megahits war vorbei, jetzt folgte die Ehrung für seine Lebensleistung: 1979 kam eine Einladung ins Weisse Haus durch Präsident Jimmy Carter, aber auch 120 Tage im Gefängnis für Steuervergehen waren in diesem Jahr abzusitzen.
1986, zum sechzigsten Geburtstag, wurde Chuck Berry in die «Rock and Roll Hall of Fame» aufgenommen als einer der ersten Musiker überhaupt. Seine von Keith Richards ausgerichtete Geburtstagsparty wurde als grosses Konzert gefeiert und dieses ist im Film Hail Hail Rock’n’Roll zu sehen.
Bei allem Erfolg und der historischen Einzigartigkeit scheint Chuck Berry ein im Umgang schwieriger Mensch zu sein: In seinem Restaurant «The Southern Air» in Wentzville, Missouri verklagten ihn die Kellnerinnen, weil er Videokameras in den Toiletten aufgehängt hatte. Es kam nie zu einer Verurteilung, aber gegen Zahlung von über einer Million wurde die Klage beigelegt. Im Zusammenhang mit dieser Sache wurde Marihuana in seinem Haus gefunden und er entkam diesem Ärger mit 2 Jahren auf Bewährung und einer Stiftung an ein Krankenhaus. Im Jahr 200 verklagte ihn dann Pianist Johnnie Johnson, der behauptete, über 50 Titel mindestens gemeinsam mit Berry geschrieben zu haben und seinen Teil einforderte. Der Richter verfügte, dass die Ansprüche verjährt seien. Konzertveranstalter berichten auch von seiner Unzuverlässigkeit und seinem divenhaften Umgang. Grundsätzlich gibt es aus der Sicht von Chuck Berry erstmal nur ihn und dann lange nichts mehr. Nun, für den Urheber des einzigen Rock’n’Roll-Titels auf der Raumsonde Voyager (Johnny B. Goode) lässt sich der Anspruch der Einzigartigkeit tatsächlich nicht von der Hand weisen. Und das heute seit 90 Jahren.