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Die Freie Strasse 1961, fotografiert von Hans Bertolf (1907–1976). Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-1750 1.
Eine Stadt ist nie fertig gebaut. Der stete Wandel, dem auch Basel unterworfen ist, lässt sich nirgendwo besser ablesen als an der Hauptgeschäftsstrasse, der Freien Strasse. Denn diese Strasse ist älter als die Stadt selbst. Davon erzählen verschiedene Dokumente aus dem Staatsarchiv.
Die Mutter aller Strassen
Auffallend ist schon der Name. Die Freie Strasse ist die einzige «Strasse» genannte Verbindung in der Basler Altstadt (von der wesentlich jüngeren Falknerstrasse abgesehen). Üblicherweise wurden die innerstädtische Verkehrswege in Basel «Gasse» oder «Berg» genannt. Das hängt damit zusammen, dass diese Strasse viel älter ist als die Kaufmanns- und Handwerkersiedlung in der Talstadt. Letztere hat sich erst im späten 10. Jahrhundert entwickelt. Die Freie Strasse hingegen war schon in römischer Zeit Teil der Fernstrasse von Augusta Raurica nach Kembs, die hier dem steilen Hang des Münsterhügels entlang ins Tal des Birsig führte und diesen im Bereich des heutigen Marktplatzes überquerte. Sie blieb auch in der nachrömischen Zeit als Reichsstrasse eine wichtige Verbindungsachse von der Rheinebene zu den Jurapässen. In die Stadt integriert wurde sie erst im 11. Jahrhundert. Dabei scheinen die spezifischen Nutzungsrechte, die mit einer Reichsstrasse verbunden waren, erhalten geblieben zu sein. Darauf deutet die Bezeichnung «Freie» Strasse, die vermutlich so viel wie «allgemein, öffentlich» bedeutet.
Häuser und ihre Namen
In den Quellen taucht die Freie Strasse 1241 als «libera strata» und 1276 als «frigestrase» erstmals auf. Die amtliche Benennung erfolgte allerdings erst 1861. Anlass dazu war die Einführung des Grundbuchs – eine ungemein reiche Quelle, die im Staatsarchiv Basel eingesehen werden kann.
Die früheren Bezeichnungen lassen sich aus dem sogenannten Historischen Grundbuch herausfinden. Dabei handelt es sich um Karteikarten, auf denen Archivforschende Informationen aus verschiedenen Quellen zusammentrugen.
Das Historische Grundbuch vermittelt uns beispielsweise die Namen längst verschwundener Häuser: «Zur Himmelspforte», «Zur oberen Welt» oder «Zum grossen Elefanten». Sie wecken Neugier. Nur zu gern wüsste man, wie etwa das Haus «Zum geylen Mönch» an der Ecke zum Münsterberg zu seinem Namen kam (wobei «geyl» – man ist versucht zu sagen: leider – nur «gelb» bedeutet). Doch darüber gibt es nur vereinzelt Aufzeichnungen. So wissen wir, dass der Buchdrucker und Rektor Thomas Platter die Fassade seines Hauses 1539 mit einem Hirschkopf bemalen liess, wonach das Haus «zum Gejäg» genannt wurde. Ähnlich dürfte es sich bei anderen Häuser verhalten haben, etwa dem «Goldenen Kranich». Wieder andere wurden nach ihren Besitzern genannt, etwa das Haus «Zum Steblin» oder «Relings Hus». Als Orientierung in der doch sehr überschaubaren Stadt genügten die Hausnamen jahrhundertelang.
Nummern ersetzen die Namen
Stadtplan von Heinrich Keller, 1832. Staatsarchiv Basel-Stadt, Planarchiv K 2,50.
1798 wurde Basel Etappenort der durchziehenden französischen Armee. Die Soldaten und Offiziere waren in der ganzen Stadt einquartiert – in Häusern, deren Namen sie nicht verstanden und die sie wohl auch nicht aussprechen konnten. Deshalb ordnete der Regierungsstatthalter die Durchnummerierung der Stadt nach französischem Vorbild an. In der Freien Strasse tauchte der Zähltrupp erstmals oben beim Schilthof auf, um beim alten Spital in die Streitgasse abzubiegen (Nr. 1055-1084). Der rechte Strassenseite zwischen Rüdengasse und Streitgasse erhielt die Nummern 1171-1192 usw.
Wie übersichtlich das System war, sei dahin gestellt. Immerhin verdanken wir dieser Nummerierung die Kenntnis, dass Grossbasel um 1800 über 1759 Häuser verfügte, von denen nicht weniger als 114 in der Freien Strasse standen. Mit der Einführung des Grundbuches wurden die bis heute gültigen Nummern festgelegt und die napoleonischen Hausnummern verschwanden.
Basels Einkaufsmeile einst und heute
Freie Strasse 52 Schumachernzunft, zwischen 1896 und 1904. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 17.
Verschwunden sind nicht nur die napoleonischen Hausnummern, sondern auch die meisten Häuser. Dem stetig steigenden Verkehrsvolumen war die enge Strasse gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen. Innerhalb weniger Jahre wurden praktisch alle Häuser auf der rechten Strassenseite abgerissen und die Baulinie um mehrere Meter zurückversetzt. Der radikale Umbau, dem die Freie Strasse unterworfen wurde, lässt sich anhand der Photographien des Staatsarchivs nachvollziehen. So zeigt die um 1898 entstandene Aufnahme das Zunfthaus der Schuhmacher (Freie Strasse 52) unmittelbar vor dem Abbruch. Das drei Jahre zuvor erstellte Geschäftshaus linkerhand (Freie Strasse 54) steht schon auf der neuen Baulinie.
Ecke Freie Strasse und Barfüssergasse, vor 1904. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 6504.
Der heutige Betrachter dürfte grösste Mühe haben, dieses Bild von Jakob Koch aus den 1890er-Jahren zu lokalisieren. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man in der Bildmitte im Hintergrund Melchior Berris Dreizackbrunnen. Links zweigt die Kaufhausgasse ab, rechts ist noch die Linde an der Bäumleingasse zu erkennen.
Freie Strasse 84/82, ca. 1910. Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 1197.
Völlig anders präsentiert sich «die Freie» in dieser Aufnahme von ca. 1910! Die enge, gewundene Strasse ist verschwunden und hat der mondänen Einkaufsmeile der Belle Epoque Platz gemacht.
Jahrzehnte später: Flanieren ist schwierig geworden, der motorisierte Verkehr beansprucht den Strassenraum für sich. Die massiven Eingriffe in die historische Bausubstanz im Verlauf des 20. Jahrhunderts haben nicht wirklich zur optischen Aufwertung beigetragen. Und viele Basler beklagen, dass alteingesessene lokale Geschäfte zunehmend verschwinden und internationalen Ladenketten Platz machen. Insofern spiegelt die Freie Strasse wie kaum eine andere die Folgen der Globalisierung. Sie ist – und war schon immer – ein Kind ihrer Zeit.