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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Elftes Buch: Von dem Geiste der eitlen Ruhmsucht.
15. Die eitle Ruhmsucht berauscht den Geist.
[Forts. v. [S. 236] ] Von meinem Aufenthalte in der scythschen Wüste her erinnere ich mich eines Greises, der einst zu der Zelle eines Bruders kam, um ihn zu besuchen. Als er sich nun der Thüre genähert hatte und ihn drinnen Etwas murmeln hörte, blieb er ein wenig stehen, um zu erfahren, was er denn in der heiligen Schrift lese, oder was er, wie es Sitte ist, bei seiner Arbeit auswendig hersage. Alsdann hielt der fromme Kundschafter sein Ohr behutsam hin, um aufmerksamer zu horchen. Da fand er den Bruder dergestalt von dem Geiste der Eitelkeit verführt, daß er wähnte, in der Kirche an das Volk eine Ermahnungsrede zu halten. Der Greis blieb stehen, bis er das Ende der Rede vernahm. Hierauf wechselt jener seine Rolle und feiert, wie ein Diakon, die Katechumenenmesse. Erst jetzt klopft der Greis an die Thüre, worauf der Bruder heraustrat und ihm mit der gewohnten Ehrfurcht entgegenging. Während er ihn hineinführte, bekam er jedoch Gewissensbisse über seine Gedanken und fragte ihn deßhalb, wie lange er schon da sei; denn er fürchtete, der Greis möchte durch längeres Stehen an der Thüre Unannehmlichkeiten ertragen haben. Allein scherzend und freundlich erwiderte der Greis: „Eben bin ich gekommen, als du die Katechumenenmesse feiertest.“