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Ist das Rennen schon gelaufen ...
Seit über 18 Jahren hat das Tessin keinen Vertreter in der Landesregierung mehr. Letzter Tessiner Bundesrat war Flavio Cotti (CVP). Er amtete vom 10. Dezember 1986 bis zum 30. April 1999.
Insgesamt stellte das Tessin seit der Gründung des Bundesstaates 1848 sieben Bundesräte. Die Chancen stehen gut, dass der freisinnige 56-jährige Ignazio Cassis am Mittwochmorgen zum achten Tessiner Bundesrat erkoren wird.
Der Tessiner Anspruch, wieder einen Bundesrat zu stellen, ist weitgehend unbestritten. Doch auch wenn der Arzt und Nationalrat Cassis als Kronfavorit ins Rennen geht, kommt es bei Bundesratswahlen nicht selten zu Überraschungen.
Herausgefordert wird Cassis vom Genfer Senkrechtstarter, dem 39-jährigen Regierungsrat Pierre Maudet, und der 46-jährigen Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret. Nötig wird die Ersatzwahl, weil der seit 2009 amtierende Aussenminister Didier Burkhalter (FDP/NE) seinen Rücktritt erklärt hatte.
Würde Cassis gewählt, hätten die Freisinnigen, als stärkste Partei in der Westschweiz, zum ersten Mal seit 1848 keinen welschen Bundesrat.
Frühere Tessiner Bundesräte waren: Stefano Franscini (FDP 1848–1857), Giovanni Battista Pioda (FDP 1857–1864), Giuseppe Motta (CVP 1912–1940), Enrico Celio (FDP 1940–1950), Giuseppe Lepori (CVP 1954–1959), Nello Celio (FDP 1966–1973), Flavio Cotti (CVP 1986–1999).
Die 246 Mitglieder der Vereinigten Bundesversammlung treten am Mittwochmorgen um 08.00 Uhr zusammen und wählen den neuen Bundesrat oder die neue Bundesrätin in geheimer Wahl. Gewählt wird solange, bis einer der zwei Kandidaten oder die Kandidatin das absolute Mehr erreicht hat.
Ignazio Cassis
Ignazio Cassis, geboren am 13. April 1961 als italienischer Staatsbürger in Sessa (TI). 1972 erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ab 1992 war er schweizerisch-italienischer Doppelbürger. Im Sommer 2017 verzichtete er aus wahltaktischen Gründen auf die italienische Staatsbürgerschaft. Er studierte Medizin an der Universität Zürich und promovierte an der Universität Lausanne zum Dr. med. Seit 2011 ist er Nationalrat. 2015 wurde er Präsident der FDP-Bundeshausfraktion. Er ist Mitglied der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit SGK.
Cassis gilt als dossiersicher, als sehr umgänglich, freundlich, nicht stur und konsensfähig. Die Bürgerlichen hoffen, mit ihm den rechtsbürgerlichen Einfluss im Bundesrat stärken zu können.
Für einige gilt der Tessiner Kandidat als „harmoniebedürftig“. Kritisiert wurde er von seinen Gegnern wegen seiner Lobby-Arbeit und weil er zu viele Ämter ausübte. Vor allem sein Mandat als Präsident des Vorstandes des Versichererverbandes „Curafutura“ sowie des Heimverbandes „Curaviva“, das ihm jährlich 180’000 Franken einbringt, wurde an den Pranger gestellt. Franco Cavalli, der Fraktionschef der Sozialdemokraten im Bundeshaus, wirft Cassis Opportunismus vor. Er habe sich aus wahltaktischen Gründen von linksliberalen Positionen losgesagt und sei immer weiter nach rechts gerutscht.
Für Ignazio Cassis hatte sich schon früh die CVP und anschliessend auch die SVP ausgesprochen. Laut gut informierten Quellen im Bundeshaus spricht sich auch FDP-Präsidentin Petra Gössi für Cassis aus. Aus gleicher Quelle verlautet, dass auch mehrere Sozialdemokraten „mit Cassis leben können“.
Pierre Maudet
Pierre Maudet, geboren am 6. März 1978 in Genf. Das Studium an der zweisprachigen Rechtsfakultät der Universität Freiburg schloss er mit dem Master ab. Bekannt wurde er in Genf als Gründer des Jugendparlaments der Stadt Genf. Zunächst präsidierte er die Freisinnigen der Stadt und anschliessend des Kantons Genf. Von 2011 bis 2012 war er Genfer Stadtpräsident (Maire). Anschliessend wurde er in den Regierungsrat gewählt. Er ist Mitglied der pro-europäischen „Neuen europäischen Bewegung“ Nebs. Aufsehen erregte er, als er 590 Sans-papiers nach Absprache mit dem Bund legalisierte und ihnen Aufnahme gewährte.
Maudet gilt als energischer, teils draufgängerischer Kämpfer. Seine Freunde erklären, im Bundesrat fehle seit dem Abgang von Pascal Couchepin eine starke, durchsetzungsfähige freisinnige Figur. Maudet könne diesen Platz einnehmen. „Er könnte ein zweiter Couchepin werden, einen solchen braucht die Landesregierung dringend“, sagt uns ein Genfer Nationalrat.
In Genf ist es Maudet gelungen, die Kriminalität landesweit überdurchschnittlich stark zu drücken. Folge davon sind überfüllte Gefängnisse. Seine Gegner werfen ihm einen autoritären Regierungsstil vor. Er dulde keinen Widerspruch und spiele seine Kontrahenten an die Wand. Vor allem mit der Polizeigewerkschaft hat er es verdorben.
Würde Maudet gewählt, wäre er der sechste Genfer Bundesrat.
Isabelle Moret
Isabelle Moret, geboren in Lausanne am 30. Dezember 1970. Das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Lausanne schloss sie mit dem Lizenziat ab. 1995 legte sie das Anwaltsexamen ab. Seit 2006 ist sie Nationalrätin und Mitglied der Staatspolitischen Kommission (SPK) sowie Mitglied der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit SGK. Von 2008 bis 2016 war sie Vizepräsidentin der FDP Schweiz (seit 2009 FDP.Die Liberalen). Moret präsidiert H+, den Dachverband der schweizerischen Spitäler.
Sie kämpft für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gegen die Rentenreform des sozialdemokratischen Bundesrats Alain Berset. Die Gleichstellung von Mann und Frau will sie vorantreiben. Sie gilt als Förderin von KMUs und will die Berufsbildung ausbauen.
Moret gilt als engagiert, loyal, umgänglich und konsensfähig. Einige Stimmen behaupten, sie sei eine grosse Kämpferin, allerdings nicht immer ganz dossiersicher.
Unterstützt wird Isabelle Moret von den Grünen.
(J21/hh)
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