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Bullshit-Jobs und Semi-Sozialismus
Die Behauptung ist nicht weit hergeholt: Hätte der an der London School of Economics lehrende Anthropologe und bekennende Anarchist David Graeber sein jüngstes Buch nicht mit dem Titel «Bullshit-Jobs» publiziert, wäre es kaum zum Bestseller avanciert. Markige Begriffe sind nun einmal ein erprobtes Verkaufsrezept – jedenfalls dann, wenn sie einen sozialen Nerv treffen und dem angelsächsischen Vulgärwortschatz entstammen, den jeder kennt.
Sinnloser Türsteher-Job?
Eine präzise Definition des Bullshit-Jobs kann zwar auch der Autor Graeber nicht liefern. Er spricht verschwommen von sinnvollen und sinnlosen Jobs. Letztere sind natürlich die Bullshit-Jobs, von denen es in unseren hoch technisierten Gesellschaften immer mehr geben soll. Doch da bleiben die Einschätzungen völlig subjektiv. Vielleicht sollte man einmal einen arbeitslosen Flüchtling aus Afrika fragen, ob er einen Türsteher-Job etwa vor einem Nachtclub auch als Bullshit-Job definiert, wie Graeber das tut! Oder einen Flugreisenden, der bei einem Angestellten am Airline-Schalter (laut Graeber ein Bullshit-Job) nachfragt, weshalb sein Koffer nicht eingetroffen ist.
Dennoch soll nicht bestritten werden, dass es Arbeitsplätze gibt, die sowohl der Angestellte und wohl auch der Arbeitgeber als ziemlich überflüssig empfinden. Graeber behauptet, diese Jobs würden von den Unternehmern deshalb bezahlt, damit die Angestellten weniger Zeit zur Revolte hätten – was schwer nach Verschwörungstheorie riecht, die wohl niemand belegen könnte.
Plädoyer für bedingungsloses Grundeinkommen
Interessanter ist das Plädoyer des Autors für das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle – oder zumindest für jene, die unter einer sinnlosen Arbeit leiden, womit seiner Meinung nach dann auch die Bullshit-Jobs verschwinden würden. Über diese Idee dürfte in Zukunft in manchen Wohlstandsgesellschaften mit zunehmender Intensität diskutiert und gestritten werden. Graeber meint, dass die Leute, denen ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung stehe, dann ihre unbegrenzte Freizeit mehrheitlich mit kreativen Tätigkeiten ausfüllen und so zu glücklichen Bürgern würden.
Auch zu dieser Annahme darf man seine Zweifel anmelden. Allzu erstaunlich wäre es jedenfalls nicht, wenn etliche Zeitgenossen mit bedingungslosem Grundeinkommen ihr Dasein als «Bullshit-Existenz» beklagen würden.
Sloterdijks Synonym für «Kapitalismus»
Auf den im Vergleich zum «Bullshit-Job» noch weniger verbreiteten aber ebenfalls zur Diskussion anregenden Begriff «Semi-Sozialismus» stösst man in der neu erschienenen Tagebuch-Folge des Philosophen Peter Sloterdijk. Er schreibt, Semi-Sozialismus sei ein Synonym für das, was nach «weltweit gültiger Sprachregelung» als «Kapitalismus» bezeichnet werde. Tatsächlich ist der Ausdruck Kapitalismus, wie er heute im Schwange ist, ein Kampfbegriff. Wer damit rhetorisch operiert, klammert in der Regel bewusst oder unbewusst aus, dass zumindest in den westlichen Wohlstandsgesellschaften die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit bedeutenden sozialstaatlichen Errungenschaften und Umverteilungsmechanismen funktioniert (Altersversicherung, staatlich regulierte Krankenkassen, Ergänzungsleistungen, Bildungswesen etc.).
Präziser als der Ausdruck Kapitalismus wäre für die Zustände in modernen Sozialstaaten eigentlich der Begriff «Soziale Marktwirtschaft». Doch dieser einst vor allem in Nachkriegsdeutschland gängige und populäre Ausdruck scheint sich weitgehend verflüchtigt zu haben. Über die Gründe liesse sich lange diskutieren.
Gegen eingefahrene Denkmuster
Sloterdijk ist offenkundig mit der pauschalen Verwendung des Kapitalismus-Begriffs unzufrieden. Er kehrt deshalb den Spiess um und bezeichnet dessen heutige Spielart als Semi-Sozialismus. Bei Staatsquoten (Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandprodukt BIP) von nahezu oder über 50 Prozent (Frankreich, Finnland, Belgien, Dänemark) kann man das schwerlich als blosse Polemik bezeichnen. Aber ähnlich wie der «Bullshit-Job» ist die provokante Wortschöpfung «Semi-Sozialismus» geeignet, belebende Debatten über eingefahrene Denkmuster anzustossen.
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