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Jean-Marie Samyn ist Landesdirektor von Helvetas Burkina Faso. Der 62-jährige hat insgesamt zehn Jahre in Burkina Faso gewohnt und gilt als Kenner des westafrikanischen Landes. Watson konnte ihn in der Hauptstadt Ouagadaougou erreichen, wo die Schweizer Entwicklungshilfeorganisation ein Büro unterhält.
Nachdem am Donnerstag heftige Proteste Ouagadougou erschütterten, hat Präsident Blaise Compaoré am Freitag Mittag seinen Rücktritt bekanntgegeben. Compaoré hatte das Präsidentenamt seit 1987 inne, als er durch einen Putsch gegen den ehemaligen Weggefährten Thomas Sankara an die Macht kam. Kurz nach der Rücktrittserklärung Compaorés gab Militärchef Honoré Traoré die Machtübernahme bekannt. Er übernehme «gemäss der Verfassung» mit sofortiger Wirkung das Amt des Staatschefs, so Traoré.
watson: Herr Samyn, wie muss man sich die Lage in der Hauptstadt vorstellen?
Jean-Marie Samyn: Nach den Demonstrationen gestern hatte sich die Lage am Morgen wieder ein wenig beruhigt. Meine Frau ging in die Stadt einkaufen, man kann sich einigermassen frei bewegen. Es wird allerdings nach wie vor davon abgeraten, ins Zentrum zu gehen, wo gestern die Zusammenstösse stattgefunden haben.
Auch heute gingen wieder Tausende Regierungsgegner auf die Strasse. Um 13.30 (Ortszeit) kam dann die Meldung, dass Blaisé Compaoré aus seinem Amt zurücktritt. Wie haben die Leute reagiert?
Wie gesagt, ich war noch nicht im Zentrum, die Lage wird von der Helvetas und der Schweizer Botschaft noch immer als instabil eingeschätzt. Aber soviel ich mitbekomme, feiern die Leute in den Strassen Ouagadougous den Rücktritt Compaorés.
Die Situation ist von der Schweiz aus kaum zu überblicken, deshalb die Frage: Wer regiert momentan das Land?
Das ist die richtige Frage, aber ich habe keine Antwort darauf. In vielerlei Hinsicht sind wir auf demselben Informationsstand wie Sie. Klar ist, dass es drei konkurrierende Gruppen gibt: das Lager des Präsidenten, die Opposition und das Militär. Letzteres hat sich gegenüber den Demonstrierenden gestern ruhig verhalten und die Waffen ruhen lassen. In den sozialen Medien wird der Name Soungalo Appolinaire Ouattara, ehemaliger Präsident der Nationalversammlung, als Interimspräsident gehandelt. Andere Quellen bringen den General Honoré Traoré ins Spiel. Sie sehen, auch hier in Ouagadougou ist die Lage unübersichtlich.
Wie sieht der politische Fahrplan in Burkina Faso jetzt aus?
Das Militär hat gestern von einer Übergangsperiode von 12 Monaten gesprochen, dann sollen Präsidentschaftswahlen abgehalten werden. Nach meiner Einschätzung wird diese Zeitspanne aber deutlich kürzer sein: ich gehe von 60 bis 90 Tagen aus.
Compaoré soll laut Berichten die Hauptstadt verlassen haben.
Das ist richtig. Nach meinen Informationen befindet er sich mit einem Konvoi auf dem Weg in Richtung Süden, hin zur ghanaischen Grenze. Compaorés Heimatstadt Po liegt im Süden des Landes, dort befinden sich die Getreuen des Ex-Präsidenten und eine Militärakademie, deren Soldaten Compaoré gegenüber loyal sein sollen.
Baut Compaoré von Po aus seine Machtbasis wieder auf? Mit anderen Worten: Droht der Ex-Präsident mit einer gewaltsamen Rückkehr an die Spitze des Staates?
Ich glaube nicht. Es geht Compaoré wohl eher darum, sich vor dem Volkszorn in Sicherheit zu bringen.
Droht dem zurückgetretenen Präsidenten ein Justizprozess wegen Veruntreuung und illegaler Bereicherung, wie das einige Zeitungen spekulieren? Das ist schwer zu sagen. Ich denke aber, dass ein Gerichtsprozess gegen Compaoré zum jetzigen Zeitpunkt nicht oberste Priorität hat.
Burkina Faso wurde 27 Jahre lang von Blaise Compaore regiert. Wieso brachen die Proteste gerade jetzt aus?
Die Leute hofften auf die Präsidentschaftswahlen 2015, sie waren bereit zu warten; auch, weil man nicht damit gerechnet hat, dass Compaore plante, ein weiteres Mal anzutreten. Nun, als sie realisierten, dass er alles tun würde, um an der Macht zu bleiben, lautete der Tenor: Genug ist genug.
Wie setzt sich die Gruppe der Protestierenden zusammen?
Es sind grösstenteils junge Leute, aber man muss auch im Auge behalten, dass Burkina Faso nach westlichen Begriffen ein extrem junges Land ist. (Anm. der Redaktion: 45.5 Prozent der Einwohner Burkina Fasos sind jünger als 14 Jahre, 52 Prozent der Menschen unter 18 Jahre alt.). Diese Leute haben ein anderes Mindset als die ältere Generation. Sie schauen auf die Landkarte und sehen, dass auch in anderen afrikanischen Ländern keine Veränderungen stattfinden. Die Machthaber bleiben über Jahrzehnte an den Schalthebeln der Macht, das frustriert.
Beschränkten sich denn die Proteste nur auf die Hauptstadt oder sind auch in anderen Landesteilen Unruhen im Gang?
Wir wissen von Demonstrationen in Fada-Ngourma, einer Kleinstadt im Osten und in Bobo Dioulasso im Südwesten Burkina Fasos.
Kann man, wie das in einigen europäischen Zeitungen zu lesen ist, in Analogie zum Arabischen Frühling von einem «Black Spring» sprechen?
Ich bin mir nicht sicher. Es könnte sein, dass die Ereignisse in Burkina Faso als Exempel für andere Länder dienen werden, aber das hängt von der weiteren politischen Entwicklung in Burkina Faso ab, in Folge der gestrigen Eruption. Aber ich denke, wir können bereits jetzt von einem Triumph der jungen Generation sprechen.
Sie sind momentan nicht im Büro, sondern bleiben zuhause, wie alle ihre Mitarbeiter bei Helvetas. Haben Sie Angst um Leib und Leben?
Angst nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass es in Burkina Faso brennt, wir sind uns so einiges gewohnt. Wir halten uns an die Sicherheitsrichtlinien von Helvetas und von der Schweizer Botschaft.
Ist man als Ausländer in Burkina also nicht besonders gefährdet? Immerhin weiss man, dass etwa Frankreich und die USA enge Verbindungen zur Regierung Compaoré gepflegt haben. Gerät man da als Ausländer nicht automatisch in den Fokus?
Wie gesagt, wir bewegen uns momentan vorsichtig in Ougadougou, halten uns von den neuralgischen Punkten im Regierungsviertel fern. Aber es scheint mir nicht, dass man als Ausländer besonders gefährdet ist.
Welche Auswirkungen hat die instabile Situation auf ihre Arbeit bei Helvetas?
Nun, im Moment ist es so, dass wir überhaupt nicht arbeiten können. Das ist natürlich ärgerlich, weil unsere Projekte wichtig sind für Burkina Faso. Aber wir haben eine Mission hier. Wir können nicht einfach sagen: Weil demonstriert wird, verlassen wir das Land. Es ist eine Langzeitverpflichtung, also bleibt uns nichts anderes übrig, als Geduld zu zeigen.
Was bringen die nächsten Tage in Burkina Faso?
Man muss abwarten, wohin die Verhandlungen zwischen Opposition und Militär führen. Aber niemand kann die Zukunft voraussehen, in Burkina Faso ohnehin nicht. Grundsätzlich bin ich aber zuversichtlich, dass sich die Situation beruhigen, und die demokratischen Mechanismen spielen werden. Der Rücktritt des Präsidenten ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.