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Luigi Snozzi, geboren 1932 in Mendrisio, studierte von 1952 bis 1957 Architektur an der ETH Zürich und gründete 1958 sein bis heute bestehendes Büro in Locarno. Von 1973 bis 1975 war er Gastdozent an der ETH Zürich, von 1985 bis 1997 lehrte er als ordentlicher Professor an der École polytechnique fédérale in Lausanne. Zusammen mit dem jüngeren Mario Botta ist er Vertreter der sogenannten Tessiner Schule und versteht Architektur auch stets als politische und soziale Aufgabe. Zu den bekanntesten seiner wenigen Bauten gehören neben Monte Carasso diverse Wohnhäuser wie etwa die casa Bernasconi in Carona (Lugano) oder das Haus Barbarossa in Minusio.
von Gabrielle Boller
Die Casa Kalman steht an einer für ein Bauvorhaben äusserst ungünstigen Nordhanglage – das Gelände bei Minusio nahe am Lago Maggiore fällt so schroff ab, dass man dem Hügel den Baugrund geradezu abtrotzen musste, um an dieser Stelle ein Haus errichten zu können. Luigi Snozzi hat wohl genau diese Schwierigkeit, für einen fast unbebaubaren Grund eine Lösung zu finden, gereizt. Denn gerne gibt der um zugespitzte, provozierende Aussagen nie verlegene Doyen der sogenannten Tessiner Schule zu Bedenken, dass Natur eigentlich nicht für den Menschen gemacht sei, Architektur sich folglich zwangsläufig an ihr reiben müsse. Die Casa Kalman, 1974 bis 1976 erbaut und bis heute Lehrstück für Architekturstudenten, schiebt sich denn als quaderförmiger Betonbaukörper geradezu in den Hügel hinein, umschmiegt das Terrain auf der zum Hang liegenden Längsseite in einer Bogenform, die auch in der lang gezogenen, in einer Pergola mündenden Terrasse fortgesetzt wird. Als Gegenpol bleibt die Vorderkante der Terrasse gerade und setzt die klare Linie der Blockform des Hauses dem Gelände angepasst leicht abgewinkelt fort.
Die grossen, als zurückversetzte Fensterfronten konzipierten und präzise auf die Umgebung ausgerichteten Öffnungen der Fassade wirken wie ins Gebäude eingeschnitten und bilden für die Bewohner des Hauses einen Rahmen um die umliegende Landschaft. Denselben Zweck erfüllt auch die mit dem Haus in Zwiesprache stehende Pergola am äusseren Ende der Terrasse – sie rahmt das imposante Bergpanorama und macht es dadurch, wie Snozzi es sich wünscht, gewissermassen handlich, verleiht ihm eine dem Menschen angemessene Dimension; damit sich, so möchte man sinngemäss anfügen, der Blick nicht in der Unendlichkeit verliert. Gleichzeitig verweist die Pergola auf ein traditionelles Element von Tessiner Häusern: «Nichts ist zu erfinden, alles ist wiederzufinden», so formuliert Luigi Snozzi sein Credo in einem seiner vielen Merksätze und Aphorismen, für die er ebenso bekannt ist wie für seine konsequente Widerständigkeit gegenüber allen von ihm als unsinnig erachteten Bauvorschriften und reglementen.
Diese Haltung mag mit dazu geführt haben, dass der als Lehrer und ETH-Professor einflussreiche Architekt vergleichsweise wenige Bauten ausführen konnte. Für Luigi Snozzi, der die Stadt als natürlichen Lebensraum des Menschen betrachtet, ist Architektur stets auch eine politische Aufgabe und eine öffentliche Angelegenheit. Architektur sei Leere, formulierte er im Hinblick auf urbane Strukturen einmal, und es liege an einem selbst, sie zu definieren – wie das funktionieren kann, lässt sich an seinem wohl prominentesten Projekt, der Umgestaltung der Gemeinde Monte Carasso bei Bellinzona, ersehen. Vor dreissig Jahren begann Snozzi damit, dem zersiedelten Ort durch bauliche Massnahmen eine Struktur zu geben, heute besitzt er eine neue, selbstbewusste Identität – das Angebot der Architektur wurde angenommen.