Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03286.jsonl.gz/353

Berechnung der Bewässerungsbedürfnisse unter aktuellen und zukünftigen Bedingungen in der Schweiz.
Agroscope Science, 107, 2021, 1-55.
Download german (2996 kB)
Mit steigenden Temperaturen und abnehmenden Sommerniederschlägen ist in Zukunft generell davon auszugehen, dass der Wasserbedarf für Bewässerung in der Landwirtschaft zunimmt. Obwohl die Schweiz insgesamt ein sehr wasserreiches Land ist, kommt es schon unter aktuellen klimatischen Bedingungen regional und zeitlich begrenzt zu Wasserknappheit. Hydrologische Projektionen legen nahe, dass die Verfügbarkeit von Wasser aus Flüssen für die Bewässerung mit fortschreitendem Klimawandel noch weiter abnimmt. Für die langfristige Planung von Bewäs-serungsinfrastrukturprojekten sind Informationen über zu erwartende Änderungen der Bewässerungsbedürfnisse von grosser Bedeutung. Vor dem Hintergrund wurde in dieser Arbeit die FAO-Methode zur Schätzung kultur-spezifischer Bewässerungsbe-dürfnisse operationalisiert und auf Basis von Klimaprojektionsdaten bis zum Ende des Jahrhunderts für die Kultu-ren Kartoffel, Karotten Zuckermais, Apfelbäume, Eisbergsalat, Erdbeeren, Klee, Raigras und Weide an ausgewähl-ten Standorten im Schweizer Mittelland (Aigle, Basel, Bern, Changins, Güttingen, Payerne, Reckenholz) und für unterschiedliche Bodenarten (Sand, sandiger Lehm, Lehm, Schluff, schluffig-toniger Lehm, schluffiger Lehm, leh-miger Sand, schluffiger Ton, Ton) angewandt. Die projizierten Veränderungen werden nach Emissionsszenario, Standort und Projektionshorizont analysiert. Exemplarisch werden die Änderungen für eine Ackerkultur (Kartoffel), eine Gemüsekultur mit mehrmaliger Ernte (Eisbergsalat) und für Raigras diskutiert. Die Ergebnisse für alle anderen Kulturen sind im Anhang aufgeführt. In Abhängigkeit von den Annahmen über den zukünftigen globalen Ausstoss von Treibhausgasen (Emissionspfad RCP2.6: Wirksame Klimaschutzmassnahmen greifen und führen zu einer Reduktion der CO2-Konzentration der At-mosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts auf etwa 400 ppm; Emissionspfad RCP8.5: Ohne Klimaschutzmass-nahmen steigt der CO2-Gehalt der Atmosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts kontinuierlich bis 2100 auf beinahe 1000 ppm an) unterscheiden sich die Schätzungen der Änderungen im Wasserbedarf für Bewässerung wesentlich: Mit RCP2.6 wird für alle Kulturen gleichermassen eine leichte Zunahme der Bewässerung bis Mitte des Jahrhun-derts projiziert und dann eine leichte Abnahme; mit RCP8.5 steigt der Bewässerungsbedarf für alle Kulturen bis zum Ende des Jahrhunderts stetig an. Die prozentualen Änderungen der Bewässerungsbedürfnisse unterscheiden sich zwischen den Standorten im Mit-telland und je nach Bodenarten nur wenig. Auch zwischen den untersuchten Kulturarten wurden keine sehr grossen Unterschiede in Bezug auf die Änderungssignale bezogen auf den Referenzzeitraum 1981−2010 festgestellt: Bis zum Zeithorizont 2045−2074 wird mit RCP8.5-Projektionen (ohne Klimaschutz) für Kartoffel eine Zunahme des Be-wässerungsbedarfs von im Mittel 21% projiziert, für Eisbergsalat im Mittel 20% und Raigras im Mittel 22%. Bis zum Ende des Jahrhunderts (2070−2099) wären gemäss den Projektionen Zunahmen von 33% (Kartoffel und Eisberg-salat) bzw. 35% (Raigras) zu erwarten. Durch die unterschiedliche saisonale Veränderung der Temperatur und der Niederschlagsmenge verändert sich auch der zusätzliche Bewässerungsbedarf je nach Anbausaison unterschiedlich. Grosse Veränderung in der Be-wässerungsmenge über das Jahrhundert sind in den Jahreszeiten Sommer und Herbst zu erwarten, unabhängig von Standort und Kultur. Im Frühling ist mit einer minimalen Änderung der Bewässerung zu rechnen. Bei all diesen Schätzungen sind jedoch auch die mit fortschreitendem Zeithorizont immer grösser werdenden Klimaprojekti-onsunsicherheiten zu berücksichtigen. Die hier operationalisierte Methode schafft eine entscheidende Grundlage zur Abschätzung der Bewässerungsbe-dürfnisse für unterschiedliche Kulturen im Schweizer Mittelland unter aktuellen und zukünftigen klimatischen Bedin-gungen in Abhängigkeit von wichtigen Bodenparametern. Für die Zukunft sind Überprüfungen der Modellparameter und Validierungen von Schätzwerten für unterschiedliche Klimaregionen, Böden, Kulturen von grosser Wichtigkeit, um bestehende Modellunsicherheiten so weit wie möglich zu reduzieren.