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Der Grösste,
der Schönste,
der Beste
Wie Muhammad Ali in Zürich kämpfte.
Und sein Clan versuchte,
200 Tonnen Gold zu kaufen.
Vor zwei, drei Jahren rief mich Erhan Emre an. Ein türkischstämmiger deutscher Schauspieler, auch aus den Istanbuler Krimis bekannt. «Der Produzent Peter-Jörg Klein aus Berlin hat erfahren, dass es eine noch unveröffentlichte Filmrolle von den Tagen um den Ali-Kampf 1971 in Zürich gibt mit sensationellen Bildern und Aussagen von Muhammad Ali. Wir möchten gerne einen neuen Film daraus machen. Kannst du helfen?»
Muhammad Ali trainierte in löchriger Trainingshose und abgelatschten Militärstiefeln auf dem Uetliberg.
Ich hätte gerne geholfen. Denn mir war daran gelegen, Muhammad Ali in ein richtiges Licht zu rücken. Ihn als Menschen zu zeigen. Denn das war er auch. Neben der Legende, die das Produkt von Instrumentalisierungen aller Art ist. Es kam nicht dazu. Zu grosse finanzielle Interessen verstecken eine der grössten Geschichten des Sports mit aller Macht. Jene über Ali, was und wer er wirklich war.
Darüber später mehr.
Zuerst zum Kapitel um den Kampf vom 26. Dezember 1971 zwischen Muhammad Ali und dem Hamburger Jürgen Blin. Die kann keiner vor mir verstecken, denn niemand kennt sie besser als ich.
«The Greatest»: Muhammad Ali war nett zu allen und für jeden Spass zu haben.
Meine Freundschaft zu Ali machte sie möglich.
Im Sommer 1971 war ich in Houston, Texas: Muhammad Ali boxte gegen seinen langjährigen Sparringspartner Jimmy Ellis. Keine grosse Sache, aber nach der Niederlage von Muhammad Ali bei seinem Comeback im Dezember 1970 gegen Joe Frazier doch von Bedeutung.
Ein paar Tage vor dem Fight im Astrodom rief mich mein damaliger Chefredaktor vom «Blick», Martin Speich, an. «Der Konzertpromoter Hansruedi Jaggi möchte Ali gerne nach Zürich bringen, hilf ihm.»
Ich half nicht sehr gern. Um Ali waren damals fast nur und dafür sehr fanatische schwarze Männer, die alle Weissen hassten, Business fast nur unter sich besprachen. Warum sie mich tolerierten?
Vielleicht, weil ich Ali während der Zeit, in der er wegen seiner Weigerung Militärdienst zu leisten, geholfen hatte? Ich hatte ihm eines Tages 10 000 Dollar in Travellerchecks nach Chicago gebracht, ihn als Kolumnisten angestellt. Vielleicht, weil ich mit Richard Durham, Alis Chronisten und Sohn eines Bürgerrechtlers aus Chicago, befreundet war?
Ali selber interessierte es sehr wenig, gegen wen und wo er kämpfen sollte. Dafür hatte er seinen Clan. Und Drew Bundini Brown, einen schwarzen Juden aus New York, ehemaliger Seemann, der ihm fast alle seine Sprüche schrieb.
«Es ist schwierig, bescheiden zu sein, wenn man so grossartig ist wie ich», sagte Muhammad Ali über sich selbst.
Richard Durham und seine Freundin Rukmimi Sukarno, Opernsängerin und Tochter eines indonesischen Diktators, deichselten den Kampf in Zürich mit dem gemeinsamen Freund Herbert Muhammad, Alis Manager und Sohn des Black-Muslim Chefs Elija Muhammad. Als Gegenleistung
sollte ich dem Ali-Clan helfen, in der Schweiz 200 Tonnen Gold zu kaufen.
Wie ich weiss, kam der Kauf der 200 Tonnen Gold nicht zustande, der wahrscheinlich Gelder aus Indonesien verstecken sollte. Der Kampf in Zürich sehr wohl.
Es wurde eine Zitterpartie.
Ein deutscher Industrieller, der sich in die Westschweiz niedergelassen hatte, und ein Berner Anwalt zogen die finanziellen Fäden für dem emsigen Zürcher Hansruedi Jaggi.
Als die Gegenleistungen nicht erfolgten, kappten sie den Finanzfluss mehrmals während der Zeit, in der Muhammad Ali mit gut 50 Begleitern im Tross im Zürcher Atlantis-Hotel logierte.
Muhammad Ali mit seiner Frau Belinda Boyd und Tochter Maryum im Zürcher Hotel Atlantis.
Ali mit seiner Familie im Hotel Atlantis. Sein Begleit-Tross genoss das Zürcher Nachtleben ungeniert und setzte sämtliche Spesen dafür auf die Hotelrechnung.
Vor allem die Begleiter des Champs genossen das Zürcher Nachtleben sehr engagiert und ungeniert in Saus und Braus und setzten sämtliche Spesen dafür einfach auf die Hotelrechnung.
Und so drohte das Ali-Management mehrmals in der Woche vor dem Kampf, frühzeitig wieder abzureisen, wenn die abgemachten Zwischenzahlungen nicht erfolgen würden. Bei wem wohl? Nun, bei mir, ich war der Einzige, den sie kannten.
Dass der Fight am Ende doch stattfand, ein kleinerer Spaziergang für den Champ bis zum K.o. in der siebenten Runde, ist für mich noch heute mehr als ein
Wunder.
Autogramme schreiben im Schuhgeschäft an der Langstrasse.
Muhammad Ali in zerschlissener Trainingshose im Gespräch mit dem Fotografen Eric Bachmann vor dem Hotel Atlantis.
Der letzte Teil der Zahlungen an Ali, gewiss über eine Million Dollar, erfolgte nie, wahrscheinlich mit der Begründung, die Gegenseite hätte nicht alle ihre Verpflichtungen erfüllt.
Wobei es sich anscheinend um die Abtretung gewisser Video-Rechte handelte, wie es sich über 40 Jahre später erweisen sollte, als Erhan Emre und Dr. Peter-Jörg Klein ihren Film mit den Aufnahmen von Zürich nicht drehen konnten.
Nicht nur wollte die Witwe von Hansruedi Jaggi für ihre eingekellerten Filmrollen viel zu viel Geld, eine New Yorker Anwaltsfirma, die alle Ali-Memorabilien beansprucht, verwaltet und verkauft, brachte finanziellen Drohungen und eine siebenstellige Summe ins Gespräch.
Nun Ali benahm sich in Zürich, trotz aller finanziellen Probleme, normal wie immer. Er war sehr nett zu allen Leuten, die ihn natürlich sämtliche anhimmelten, machte jeden Spass mit: Kleines Sparring im Ring mit dem Blick-Reporter Josef Brazerol, er lief für den Fotografen den Uetliberg hoch, kaufte riesige Schuhe an der Langstrasse, überliess seinem Trainer Angelo Dundee die 10 000 Dollar für die Adidas-Boxschuhe, die er im Ring trug.
Und er machte mir weder in Zürich noch später jemals einen Vorwurf wegen des Geldes, das er nicht bekommen hatte.
Muhammad Ali beim Training im Hotel Limmathof, mit dem Journalisten Mario Widmer (links) und dem Promoter Hansruedi Jaggi.
Tatsächlich liess er sogar ein paar Tage vor dem Kampf noch einige seiner Kinder einfliegen, ein Teil der nicht veröffentlichten Filmrollen soll ihn mit ihnen zeigen.
Manchmal beschlich mich später das Gefühl, das Geschäft mit den 200 Tonnen Gold vom Syndikat der Schweizer Banken hätte damals doch noch geklappt, man wollte es mich nur nicht wissen lassen aus Angst, ich würde noch ein paar Prozente beanspruchen wollen. Wer weiss schon alles, wenn es um so viel Geld geht.
Muhammad Ali: «Ich habe jede Trainingsminute gehasst. Aber ich habe mir gesagt: Gib nicht auf. Leide jetzt und lebe den Rest deines Lebens wie ein Champion.»
Möglich allerdings auch, dass Ali selber von diesen 200 Tonnen Gold gar nie etwas erfuhr, denn fast alles, was das Geld betraf, interessierte ihn kaum. Er wurde am Anfang seiner Karriere von einer Gruppe von Geschäftsleuten aus Louisville, Kentucky, finanziert, die ihm seine Börsen nicht
auszahlten, dafür in eine Anlage steckten, die ihm sein Leben lang einen monatliche Beitrag garantierte.
Später balgten sich die beiden grossen amerikanischen Veranstalter Don King und Bob Arum um seine Kämpfe, die Finanzen liefen aber vollständig über seinen Manager Herbert
Muhammad.
Es war ein langer Weg durch die ganze moderne Geschichte gemeinsam mit Muhammad Ali. Der Weg begann in den frühen 60er-Jahren in Miami in einem Gym, als mir Angelo Dundee, der geniale Trainer, sein neuestes Wonder Kid vorstellte. Und endete 1997 in Atlantic City beim letzten Kampf von George Foreman, wo ich Ali zum letzten Mal traf.
Nachher versank Muhammad Ali immer tiefer in den Krisen seines Parkinsons, der Krankheit, die ihn ganz am Ende seiner Karriere einholte. Ich wollte ihn später nochmals in seinem Haus in Scottsdale, Arizona, im Paradise Valley besuchen, doch da sagte mir seine letzte Frau, dass er sich gerade im Krankenhaus befinden würde.
Ali interessierte sich wenig, gegen wen und wo er kämpfen sollte.
Alis Weg führte vom naiven Jungen vom Lande, der Olympiasieger in Rom wurde, zum instrumentalisierten Hasser fast aller Weissen, dann zum Vermittler zwischen den Rassen und Religionen. Vom wunderbaren Athleten zum unbesiegbaren Boxer und Bösewicht bis zum Darsteller aller menschlichen Schwächen, als er zittrig, geschlagen in Atlanta 1996 vor meiner damaligen Haustür das Feuer Olympias entfachte.
Jetzt ist er gestorben. Was für ein Leben. Was für ein Triumph. Was für eine Zeit. Was für eine Geschichte.
Adieu, Champ.
Impressum
Text Mario Widmer
Fotos Eric Bachmann, Keystone
Gestaltung Andrea Bleicher