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In der Übersicht
In neun Interviews mit Professoren renommierter Musikhochschulen liessen sich folgende gemeinsame Beschreibungen der «École française de clarinette» erfassen: für vier Personen war das Mitwirken im lokalen Musikverein während ihrer Schulzeit ausschlaggebend für ihre spätere musikalische Laufbahn. Teilweise vermissten sie in ihrer Grundausbildung das Erlernen musikalischer Interpretationsansätze, betonen aber, dass sie heute als Lehrpersonen bereits im Anfängerunterricht Grundtechnik mit musikalischen Zielen verbinden. Betont technisches Üben folgt in höheren Stufen. Von Anbeginn wird in den Klassen die französische Wettbewerbstradition gepflegt. Solfège ist ausserhalb des Instrumentalunterrichts Pflicht. Eine einheitliche Didaktik der Grundtechnik lässt sich nicht mehr, wie in der Unterrichtsliteratur bis in die 1930er-Jahre nachweisbar, feststellen. Allgemein wird aber grosser Wert auf die Technik der Vokalisierung (Ausformung von Rachen und Mundhöhle, bewusstes Formen und Platzieren der Zunge je nach gespielter Tonhöhe) gelegt – eine Notwendigkeit, die sich durch die Diskrepanz der im Solfège verwendeten Vokale mit der tonbildenden Vokalformung beim Klarinettenspiel ergibt (Billard, 2018).
Ab 1930 ist in Frankreich eine Abkehr von der Doppellippenansatz-Technik zu beobachten. So änderten sich auch Klangfarbe und -ästhetik. Das helle, brillante, oft von Vibrato begleitete Spiel kam ab ca. 1960 durch die Annäherung der «École française» an die «Deutsche Schule» wieder ausser Mode. Seither ist eine Vereinheitlichung in der Tonbildung und der Wahl ähnlicher Mundstücke und Blätter zu beobachten. Michel Arrignon (2018) ist als Gastdozent international tätig und beklagt in dieser Entwicklung den Verlust klanglicher Lebendigkeit und Charakteristik: «Cependant il y a actuellement en France et dans le monde entier, une obsession en faveur du son mat, lisse, impersonnel. Je pèse mes mots, une obsession». Ramon Wodkowski (2018), der sich mit dem Nachbau alter französischer Mundstücke beschäftigt, sagt zu diesem weit verbreiteten Konzept der Tonbildung: «dark but dead».
Den Lehrpersonen in Paris sind die für das Klarinettenspiel relevanten Forschungsarbeiten des IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) bekannt. Die Resultate fliessen in ihre didaktisch-künstlerische Praxis ein (Arrignon, Verhaeghe, 2018). Die traditionell gepflegte Zusammenarbeit der grossen Pariser Instrumentenbauer mit namhaften Lehrpersonen fördert einen regen fachlichen Austausch bei den Entwicklungen von Instrumenten, Mundstücken und Blättern. Die Wechselwirkungen zwischen musikalischer Praxis, Instrumentaltechnik, klanglicher Ästhetik und Instrumentenbau stehen hier in lebendigem Austausch. Dabei können kommerzielle Interessen der Instrumentenbauer auch im Widerspruch zur ästhetisch-künstlerischen Praxis ihrer Partner stehen (Verhaeghe, 2018).