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Aus dem historischen Kriminalarchiv von Daniel Voget, Kurator des Polizeimuseums Basel-Stadt
Schrecklicher Unglücksfall in der Bierhalle zum Storchen. Die grosse Zaubervorstellung endete mit dem Tod des Künstlers. Er wird mit der eigenen Pistole durch einen Zuschauer erschossen.
Sofort nach bekannt werden des Unglückes wurde die Polizei in das Hotel Storchen aufgeboten. Detektiv Wagner war für die Tatbestandsaufnahme zuständig. Er verfasste folgenden Rapport:
Heute Mittwoch 24. Januar abends ca. um 10 1/4 Uhr wurde der Zauberkünstler Wilhelm Blumenfeld (Bloomfield) in der Restauration des Hotels Storchen durch einen Pistolenschuss, der von dem Studenten N. abgegeben wurde, getötet.
Der Sachverhalt ist folgender: Wilhelm Blumenfeld gab heute Abend mit seinem Sohn William Blumenfeld in obgenannter Wirtschaft Vorstellungen. Anfänglich spielte der Sohn und später der Vater. Dieser fabrizierte z.B. in 6 oder 8 Gläsern Wein, Milch etc. Er liess dann auch zwei Ringe verschwinden. Schliesslich nahm er eine Pistole zur Hand, dann eine Pulverbüchse nebst Zündkapseln. Hierauf zeigte er dem Publikum ein Kügelchen, unter dem Vorwande, er wolle die Kugel im Munde auffangen, ohne dass er irgendwie verletzt werde.
Blumenfeld schüttete dann etwas Pulver in einen Teller, präsentierte dieses Pulver, reichte es noch einem Herrn dar, ergriff hierauf die Pistole, schüttete das Pulver in den Lauf und rief seinem Sohn zu «Ladstock». Der Sohn suchte nach dem Ladstock, fand ihn aber nicht. Vater Blumenfeld nahm die Kugel, legte diese in den Lauf und fertigte dann aus einem Stück Papier einen Pfropfen an, den er ebenfalls in den Lauf steckte. Sohn Blumenfeld überbrachte einen hölzernen Ladstock. Der Vater stopfte fest und rief: «Wer will schiessen.»
Es meldete sich niemand trotz dreimaliger Aufforderung von Seite des W. Blumenfeld. Zuletzt wandte sich Blumenfeld an N., der mit mehreren Herren zunächst bei der Bühne sass. N. wollte nicht darauf eingehen. Er wurde aber von Blumenfeld wiederholt dazu aufgefordert und willigte dann ein.
Blumenfeld begleitete den Studenten auf die Bühne, mit der Bemerkung: «Jetzt wird der Herr schiessen.» Hierauf ersuchte Blumenfeld den N., er möge sich jetzt mit der Schiesswaffe nur entfernen und dann direkt auf seinen Mund zielen.
In einer Entfernung von etwa 8–10 Meter drückte N. los und die Kugel traf den Wilhelm Blumenfeld ins rechte Auge und drang offenbar ins Gehirn. Der Tod erfolgte ganz kurz darauf. Wie der Sohn Blumenfeld nachher erklärlich machte, war sein Vater in der Meinung gewesen, es hätte sich die Kugel bei der Übergabe der Waffe an N. nicht mehr im Lauf befunden. Die Kugel werde nämlich stets mittelst einer Kapsel wieder herausgenommen und nun müsse aber diese Kapsel das Kügelchen nicht erfasst haben.
Den N. habe ich um 10 1/2 Uhr abends dort in der Restauration zum Storchen angehalten und im Lohnhof vorläufig in Arrest gesetzt, trotzdem ihn jedenfalls keine grosse Schuld trifft.
Wilhelm Blumenfeld wurde auf Anordnung des Herrn Lieutenant Binder ins Vesalianum verbracht.
Ein Arzt wurde sofort herbeigerufen, dessen Name ich hier noch nicht angeben kann.
Die beiden armen Kerle, der Student N. und der Sohn des Zauberers, verbrachten die Nacht in einer Zelle des Lohnhofes. Am nächsten Tag wurden sie Herrn Dr. Wille zu Einvernahme vorgeführt.
Es wird aus der Haft vorgeführt N. und gibt auf Befragen an:
Ich bestreite, dass mich ein Verschulden trifft. Ich bin am Mittwoch, 24 Januar, abends 9 3/4 Uhr in die Bierhalle des Hotels Storchen am Fischmarkt gegangen mit dem Lehrer Herzog, Schweizergasse 38. Die Bierhalle ist das Local der Studentenverbindung Rheno-Basilea, deshalb bin ich gerade in diese Wirtschaft gegangen. Ich bin nämlich Mitglied der betreffenden Studentenverbindung.
Da gerade eine Zaubervorstellung war, setzten wir uns nicht an den Stammtisch, sondern an den Tisch der mittleren Tischreihe, welcher zunächst der Eingangstüre, vom Fischmarkt aus, gelegen ist.
Der ältere Zauberkünstler machte verschiedene Künste. Er wollte z.B. zeigen, dass er Jedermann Geld aus dem Ärmel schütteln könne. Er wandte sich an mich und zeigte das Kunststück an mir. Etwas später erklärte er, er wolle eine Pistole laden und das Geschoss mit dem Mund auffangen.
Ich beobachtete, dass der ältere Zauberkünstler selbst lud. Beim Laden frug er nach dem Ladstock. Beide Zauberkünstler suchten nach demselben. Da sie den Ladstock nicht fanden, nahm der ältere der Zauberkünstler einen Pfeiffenröhr und stopfte mit diesem den Lauf.
Als geladen war, forderte er die Anwesenden auf, es möchte irgend Jemand hervortreten und die Pistole abdrücken. Da sich niemand meldete, so rief er mir. Ich begab mich an einen Tisch zunächst dem Podium; der ältere Zauberkünstler übergab mir die Pistole. Dann hiess er mich, mich von ihm zu entfernen, bis ich 8–10 m entfernt war. Ich musste den Schuss von meinem Stammtisch aus, der sich rechts von der Eingangstüre am Fischmarkt befindet, abgeben.
Das Podium, auf welchem sich der Zauberkünstler stand, befand sich an der entgegengesetzten Wand, gegenüber dem Buffet. Ich musste somit über das Publikum hinüberschiessen. Da ich nichts vom Schiessen verstand, musste mir der Zauberkünstler zurufen, ich solle zuerst den Hahnen der Pistole öffnen. Als ich den Schuss abgegeben hatte, stiess der Zauberkünstler einen Schrei aus und fiel um. Aus dem rechten Auge floss eine rote Flüssigkeit. Wir glaubten zuerst, der Mann mache Spass. Das Publicum lachte deshalb, bis einer rief, der Mann sei tot.
Was weiter geschehen ist, weiss ich nicht. Es trifft mich kein Verschulden, das ich nur nach den Weisungen des Zauberkünstlers handelte; ich durfte annehmen, dass die Manipulation mit der Pistole ganz ungefährlich sei. Ich bemerkte noch, dass der Büchsenmacher Preiswerk, wohnhaft an der Kaufhausgasse, anwesend war und sich als Zeuge anerboten hatte.
N. hat im Gang zu warten; bis das Verhör mit dem Sohn Blumenfeld beendigt ist.
Es erscheint auf Veranlassung William Blumenfeld, von High Wycombe, England, Zauberkünstler, wohnhaft obere Rebgasse 68, ledig, geb. 18. Juli 1881 in Brighton, Aufenthalter, nicht vorbestraft, und gibt auf Befragen an:
Mein Vater, der Zauberkünstler ist, hatte gestern Mittwoch, 24. Januar, abends in der Bierhalle des Hotel zum Storchen eine Zaubervorstellung gegeben; ich hatte als Gehülfe mitzuwirken. Das Kunststück, anlässlich dessen mein Vater verunglückte, nennt man den Wilhelm Tell Schuss. Dasselbe besteht darin, dass die scheinbar mit einer Bleikugel geladene Pistole auf den Zauberkünstler abgeschossen wird und dass derselbe scheinbar das Geschoss mit dem Mund auffängt. In Wirklichkeit wird die Pistole blind geladen schon vor der Vorstellung; in der Vorstellung wird die Bleikugel nebst Pulver und Papier in eine besondere im Laufe befindliche Röhre gestopft. Vor Abgabe des Schusses wird die Röhre mit der Bleikugel unbemerkt entfernt, so dass nur ein blinder Schuss aus der Pistole abgegeben wird. Noch vor Abgabe des Schusses nimmt der Zauberer eine andere Bleikugel in den Mund, um dieselbe dem Publicum als die abgeschossene und aufgefangene Kugel zu zeigen.
Gestern Abend hatte mein Vater die Pistole bereits zu Hause blind geladen indem er eine Kapsel unter den Hahn legte und einen Becher voll Pulver und Papier in den Lauf stopfte. In der Vorstellung wurde vor dem Publicum noch einmal scheinbar geladen, indem eine Bleikugel, etwas Pulver und Papier in die Pistole gestopft wurde. Damit die Bleikugel in der besonderen Röhre blieb und nicht in den Lauf rutschte, wurde die Röhre bereits vor der Vorstellung unten mit Papier verstopft.
Mein Vater fand nun den gewöhnlich zum Stopfen verwendeten Ladstock nicht; trotz eifrigem Suchen kam derselbe nicht zum Vorschein. Mein Vater verwendete nun zum Stopfen einen hölzernen Stock, der zum Schliessen des Korbes, in dem wir unsere Utensilien haben, dient. Mein Vater hatte nun jedenfalls so stark gestopft, dass die Bleikugel nicht mehr in der Röhre blieb, sondern in den Lauf der Pistole geriet.
Als dann der Schuss abgegeben wurde, wurde mein Vater getroffen durch die Bleikugel.
Den Studenten trifft keine Schuld; ich finde nur, er hätte nicht direkt an die Stirne schiessen sollen.
Ich selbst habe bei dem Kunststück in keiner Weise mitgewirkt.
N. wird vormittags 11 Uhr 20 Min. entlassen; die Effekten werden ihm zurückgegeben.
Basel, den 25. Januar 1906
Rapport von Polizeimann Ankli
Im Auftrag von Herrn Dr. Wille wurden durch Unterzeichneten in vorstehender Sache folgende Erhebungen gemacht:
Auf der Leiche Blumenfeld wurde in der Hosentasche ein Geldbeutel mit 2 Goldstücken Frs. 37.50 englisches Geld, 9.20 Frs. Kleinsilber und 30 Rappen vorgefunden. Das Geld wurde an die Titl. Civilgerichtsschreiberei abgeliefert. Von den Künstlergerätschaften Blumenfelds, welche sich noch In der Bierhalle zum Storchen befanden, wurden als Corpus Delicti folgendes nach dem Lohnhofe verbracht: 1 Blechbüchse mit Schiesspulver, 1 hölzerner Ladstock, 1 runder Eisenstab welcher Blumenfeld sonst als Ladstock gebrauchte, 1 Bleikugel, 1 Blechbüchse in welcher Blumenfeld die Zündkapseln zur Pistole aufbewahrte.
William Blumenfeld erhält am 2.2.1906 alle Gegenstände von seinem Vater zurück.
Beschluss der Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt vom 26. Januar 1906 in der Anzeigesache gegen den Studenten N. betreffend fährlässige Tötung, wird die Einstellung des Verfahrens verfügt wegen Fehlens des Tatbestandes, beziehungsweise Beweises der Unschuld.
Der Gerichtsarzt schliesst sein Gutachten mit folgenden Worten:
Als Todesursache ergiebt sich eine Schussverletzung des Gehirns. Die Verletzung ist absolut tödlich und der Tod ist sofort eingetreten.
Natürlich war das Geschehnis auch Thema in den Zeitungen. Die National Zeitung schrieb am 26. Januar 1906 ausführlich über das Unglück. Nach Schilderung des Sachverhalts fügte die Zeitung in einem zweiten Abschnitt noch nachfolgende Bemerkung an:
Wir erinnern daran, dass vor mehreren Jahren ein anderer Zauberkünstler, der sich «Professor Brendolini» nennt und gerade jetzt wieder in Basel sich produziert, bei einer ähnlichen Zaubervorführung eine Verwundung erlitt, indem ihm ein Stück Steinkohle in den Unterkiefer geschossen wurde. Dieser Vorfall ereignete sich allerdings nicht hier, sondern im Auslande. Es ist zu erwarten, dass der unglückliche Vorfall dazu führen wird, dass die Produktionen derartiger «Kunststücke» ein Ende nehmen werden.
Daniel Vogt,
Kurator des Polizeimuseums Basel-Stadt