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Sich treffen, palavern, eine gute Zeit verbringen: Noch im 18. Jahrhundert blieb man dabei am liebsten unter sich. Der Adel traf sich in seinen Palais, die Zunftleute in ihren Zunftstuben, einfache Männer im Wirts- und gewöhnliche Frauen im Waschhaus. Dann brach in Frankreich die Revolution aus und in der Schweiz stürzte wenig später das Ancien Régime. Auch durch Bern wehte zumindest ein Hauch von «Egalité, Liberté, Fraternité». Und gerade die Vertreterinnen und Vertreter des neu entstehenden Bürgertums waren der Ansicht, dass kulturelle Aktivitäten nicht länger in isolierten Räumen stattfinden, sondern (im Prinzip wenigstens) jedermann zugänglich sein sollten.
Also starteten Bernerinnen und Berner Crowdfundings und Grassroot-Bewegungen, oder wie man dem damals sagte: Vereine. Musikgesellschaften, Chöre, Museums-, Turn- und Gesellschaftsvereine. Einer dieser Vereine war die «Musikalische Gesellschaft». Sie eröffnete 1821 das erste Berner Casino. Das äusserlich eher schlichte, zweistöckige Sandsteingebäude befand sich an der Stelle des heutigen Bundeshauses, war von Bäumen umgeben und wurde aus den unterschiedlichsten Quellen finanziert. Die Stadtregierung spendete tausend Franken fürs Mobiliar, die in der Elfenau residierende Fürstin Anna Feodorowna stiftete zwei Türen aus Eichenholz, hinzu kamen zahllose ähnliche Beiträge.
Billardzimmer und Tannenholz
Ein Casino war ursprünglich ein italienisches Landhaus, eine licht- und luftdurchflutete Sommerresidenz im Grünen, wo die Nobilità ihresgleichen zu Lesungen, Konzerten und Festen empfing. An ein Landhaus erinnerte im Berner Casino am ehesten das Restaurant, das von einem kleinen Park umgeben auf der heutigen Bundesterrasse lag. Der Haupteingang hingegen befand sich auf der Stadtseite. Wer das Gebäude durch diesen betrat, fand sich in einem Entrée wieder, hinter dem der eher tiefe Ballsaal lag. Das Parterre verfügte ausserdem über ein Billardzimmer und einige weitere Räume, weit wichtiger aber war der erste Stock oder besser: die Bel Etage. Diese war deutlich höher und prunkvoller gebaut und umfasste den grossen Konzertsaal, mehrere Balkone sowie die Räume der Direktion.
Das Interieur des Casinos verströmte ein durchaus opulentes und luxuriöses Flair. Es sind vierzehn grosse Spiegel, mehrere Kronleuchter und allerhand Schmuck und Verzierungen bezeugt – wobei bei weitem nicht alles was glänzte, tatsächlich aus Gold war. Ein beträchtlicher Teil des Mobiliars war aus banalem Tannenholz gefertigt, viele Kissen waren aus Stroh und als Farbe dominierte ein zwar unaufdringliches, aber auch recht langweiliges Grau.
Sommerabende auf der Restaurantterrasse
Ein wirklich öffentlicher Raum war das alte Casino höchstens theoretisch. Wer Billette kaufen wollte, brauchte ein Abonnement und die allermeisten Leute konnten sich weder das eine noch das andere leisten. Immerhin kam es im alten Casino aber zu einer Durchmischung alter und neuer Eliten, zu Kontakten zwischen Burger- und Bürgertum. Dabei waren die Sitten noch stark geprägt von allerlei ständischem Gehabe und es wurde sehr genau registriert, wer was trug und sich wie verhielt. Deutlich lockerer war die Atmosphäre im Restaurant, das gerade im Sommer auch bei einfacheren Gästen ein beliebter Treffpunkt war.
Nebst Konzerten und Bällen wurde das Casino für unterschiedlichste Zwecke genutzt: Schulsynoden, Parteiversammlungen, Bazare, Vorträge, Theateraufführungen, Blumen- und Gemäldeausstellungen. Und Nationalratssitzungen. Ab 1848 tagte der Rat zehn Jahre lang im Casino, bevor das Parlament ins Bundesratshaus (heute Bundeshaus West) umzog. Der Bund war es auch, der das Ende des alten Casinos besiegelte. Er kaufte das Gebäude, riss es 1895 ab und erstellte an gleicher Stelle das heutige Bundeshaus.
Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch