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Goethes unbekannter Grossvater.
Tatsächlich wissen wir wenig über Friedrich Georg Göthé. Geboren 1657 stammte er aus dem Thüringischen, war gelernter Schneider und machte sich als Geselle auf die zu jener Zeit obligate Walz, die ihn offenbar bis nach Strassburg und weiter nach Frankreich, nach Lyon, eventuell sogar Paris, führte. Von dort kehrte er zurück in Deutsche Reich, nach Frankfurt a.M. Hier erhielt er den Meister-Status und eröffnete eine eigene Werkstatt. Das Geschäft schien zu blühen: Binnen weniger Jahre war Göthé von der niedrigsten in die höchste Steuerklasse aufgestiegen. Er war zweimal verheiratet; seine zweite Frau, Catharina Schellhorn, brachte u.a. einen florierenden Gasthof der Oberklasse in die Ehe. Göthé sattelte um und wurde Wirt. Als solcher und als geachteter Bürger Frankfurt starb er denn auch 1730. Viel mehr wissen wir nicht von seinem Leben; und was wir wissen,
wissen wir vor allem aus der Rede, die an seinem Grab gehalten wurde. Catharina Göthe verkaufte nach seinem Tod den Gasthof (er war Frauengut, gehörte also schon immer ihr alleine) und kaufte sich für den Erlös zwei Häuser am Großen Hirschengraben (heute N° 23-25), wo sie danach wohnte. Ihr jüngster Sohn, Johann Caspar Goethe, folgte ihr mit seiner jungen Frau Catharina Elisabeth, geb. Textor. Johann Wolfgang wurde dort geboren, und er hat seine Grossmutter noch erlebt. (Dass sie ihm, wie er in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit schreibt, jenes ominöse Puppen-Theater geschenkt habe, das heute noch am Großen Hirschengraben ausgestellt wird, scheint allerdings nicht der Fall gewesen zu sein. Dafür muss, wenn wir Boehnke / Sarkowicz / Seng glauben wollen – und es besteht kein Grund, dies nicht zu tun – das ganze Haus nach dem Wein geduftet haben, der im Keller gelagert wurde, und der noch aus den Zeiten des Gasthauses stammte. Die ganze Familie Göthe trank offenbar gern Wein und trank gern guten Wein.)
Wir wissen wenig über Friedrich Georg Göthé. Johann Wolfgang von Goethe erwähnt ihn in Dichtung und Wahrheit ein- oder zweimal, nennt aber nicht einmal seinen Namen. Das ist einer offenbar systematischen Verdrängungsstrategie des berühmten Dichters geschuldet, einer Verdrängungsstrategie, die Johann Wolfgang im Übrigen von seinem Vater Johann Caspar übernommen hat. Kaum ein Jahr nach dem Tod der Mutter liess dieser die beiden Häuser komplett umbauen und eliminierte dabei nicht nur die Einlegerwohnung seiner Mutter, sondern liess auch zwei Portraits, die Vater und Mutter darstellten, in eine Abstellkammer transferieren. Die beiden Bilder gelten heute als verschollen – und so stehen wir vor der Tatsache, dass von diesem Grossvater Goethes kein einziges Bild existiert. Aber auch Friedrich Georg Göthé muss einer Strategie des Sich-selber-unsichtbar-Machens gehuldigt haben. Aus seiner Zeit in Lyon z.B. ist kein einziges Dokument vorhanden, obwohl die fremden (meist deutschen) Gesellen auf der Walz penibelst erfasst wurden und auch die Angehörigen der lutherischen Religion, zu der Göthé zählte. Friedrich Georg findet sich nirgends. Die Wissenschaft hat sich, nach dem Abflauen der positivistischen Forschung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, kaum um Friedrich Georg Göthé gekümmert. Heute ist auch das eine oder andere Dokument, das im 19. Jahrhundert noch zur Verfügung stand, in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verschollen oder auch positiv zerstört.
Monsieur Göthé informiert nicht nur über das Leben Friedrich Georgs. Es skizziert auch die Lebensläufe seiner Vor- und Nachfahren, sowie seiner Geschwister und deren Kinder. Die meisten blieben im Thüringischen stecken, es gab aber auch andere, die es nach Frankfurt verschlug. Des weiteren werden wir über Dinge informiert, die heute zumindest in der damals vorhandenen Form nicht mehr existieren, z.B. über die strikten Regeln, die das damalige Zunftwesen Meistern und Gesellen vorgab, u.a. war die Walz sehr genau reglementiert. Wir erfahren vom Leben und den Sitten Frankfurts – u.a. mit einem Exkurs in die damalige (Damen-)Mode (der auch erklären soll, warum der in Frankreich ausgebildete Göthé als einer der wenigen in der Lage war, den Luxus und den komplizierten Schnitt der Seidenkleider auszuführen). Wir erfahren von der Regierungsform der Reichsstadt Frankfurt, vom Unterschied zwischen einem Bürger Frankfurts (was Friedrich Georg geworden war) und einem Patrizier. Patrizier war Friedrich Georg nie, und wenn Johann Wolfgang von Goethe im Alter gegenüber Eckermann meinte:
Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich, und als ich das Diplom in Händen hielt, hatte ich in meinen Gedanken eben nichts weiter, als was ich längst besessen. (Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 25. Juli 1827)
Wir Frankfurter Patrizier und immer … Tatsächlich war der erste Goethe, der in den Patrizier-Stand aufstieg, sein Vater Johann Caspar – und der auch nur mit einem Trick, den ihm das Geld seines Vaters erlaubte, indem er sich 1742 den Titel eines Wirklichen Kaiserlichen Rats kaufte. So zum Patrizier geworden, konnte er seine Stellung untermauern, indem er Catharina Elisabeth Textor heiratete. Deren Vater Johann Wolfgang Textor war ebenfalls Patrizier, aber auch erst, seitdem er 1743 in Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Stadtschultheißen Wirklicher Kaiserlicher Rat geworden war. Johann Wolfgang von Goethes Gedächtnis konnte sehr selektiv sein…
Noch ein Wort zur Schreibung des Namens “Göthe”. Auch wenn damals die Orthographie, vor allem bei Eigennamen, schwankend war (auch Johann Wolfgang schrieb sich manchmal “Göthe”), so lässt sich doch eine Tendenz ausmachen: Ursprünglich schrieben sich die thüringischen Göthes ganz einfach mit ‘ö’ in der Mitte und ‘e’ am Schluss. Friedrich Georg hat in Frankreich das Schluss-‘e’ in ein ‘é’ mit Accent ungewandelt, wohl, um zu verhindern, dass die Franzosen es ganz verschluckten. Zurück in Frankfurt war es dann auch ein Markenzeichen des erfolgreichen Schneidermeisters, der damit signalisieren konnte, dass er über französische Ausbildung und französisches Flair verfügte. Er behielt diese Schreibweise aber nur sich selber vor. Seine Frau(en) und seine Kinder schrieben sich ganz normal “Göthe”. Einzig Johann Caspar tanzte aus der Reihe und behielt die latinisierte Form “Goethe” bei, die für die Drucklegung seiner Dissertation verwendet worden war. (So, wie sich die simplen “Weber” lieber latinisiert “Textor” nannten.)
Ein interessanter und gut geschriebener Einblick nicht nur in ein zu Unrecht vergessenes bzw. verdrängtes Leben, sondern in eine ganze Epoche. Viele wissenswerte Details runden dieses Bild ab.
Heiner Boehnke / Hans Sarkowicz / Joachim Seng: Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Grossvater. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2017.