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Nachdem Peter Jackson die strapaziösen Dreharbeiten zu seiner «Hobbit»-Trilogie endlich hinter sich hatte, fasste er eine Auftragsarbeit des Imperial War Museum in London: Der 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs sollte mit einer Dokumentation gewürdigt werden. Herausgekommen ist «They Shall Not Grow Old» – ein solider Film und ein produktionstechnisches Meisterstück.
Wer auch nur einen kleinen Teil von Costa Botes’ 17-stündigem Making-of der «Lord of the Rings»-Reihe gesehen hat, weiss, dass Peter Jackson ein Regisseur ist, der die Dinge sehr genau nimmt. Als Ende 1999 die Dreharbeiten zu «The Fellowship of the Ring» (2001) begannen, hatten der Neuseeländer und seine Crew bereits zwei Jahre damit zugebracht, Modelle, Kostüme und Sets zu entwerfen, zu überarbeiten und schliesslich zu realisieren. Eine der bekanntesten Produktionsanekdoten handelt davon, wie gewisse Rüstungen über längere Zeit so gelagert wurden, dass sie bei Drehbeginn einen natürlichen Alterungsprozess durchgemacht haben und somit umso realistischer aussehen würden.
Es wird diese Liebe zum Detail gewesen sein – wie auch Jacksons tiefes persönliches Interesse am Ersten Weltkrieg –, die das Imperial War Museum (IWM) und das britische Mammut-Kunstprojekt 14-18 NOW dazu bewog, ihn mit der Aufgabe zu betrauen, 100 Stunden Film- und 600 Stunden Interviewmaterial zu einem Porträt des «Grossen Kriegs» zu verdichten, der zwischen 1914 und 1918 weite Teile Europas zerstörte.
Entstanden ist aber kein historischer Abriss über die wichtigsten Schlachten des Krieges, sondern ein faszinierender, unmittelbarer Einblick in den Kriegsalltag und eine innovativ-experimentelle Interaktion mit dem Material selbst. Dass Jackson mit seinem Team die IWM-Archive durchkämmen würde, um die Originalbilder aus den Zehnerjahren möglichst genau situieren zu können, war zu erwarten. Doch «They Shall Not Grow Old» schafft einen neuen Standard im Umgang mit Quellenmaterial: Jackson liess jeden noch so lichtgeschädigten Stummfilmstreifen restaurieren und anschliessend kolorieren. Er heuerte professionelle Lippenleser an, um nachvollziehen zu können, was die darauf eingefangenen Soldaten sagen, und anschliessend zu vertonen. Er feuerte zeitgenössische Artilleriegeschütze ab, um das Ganze mit authentischen Hintergrundgeräuschen zu unterlegen.
«‹They Shall Not Grow Old› schafft einen neuen Standard im Umgang mit Quellenmaterial.»
Diese beeindruckende Bild- und Tonkulisse wird angereichert mit den vom IWM und der BBC beigesteuerten Interviews mit Erstweltkriegsveteranen. 120 einstige Frontsoldaten äussern sich zu ihren Erfahrungen in den Schützengräben, doch sie bleiben namen- und gesichtslos: Jackson stellt Verbindungen zwischen dem Gesagten und dem Gezeigten her, obwohl die Menschen auf der Leinwand niemals mit den Sprechern übereinstimmen. Mit diesem legitimen – und höchst stimmigen – Akt der künstlerischen Freiheit arrangiert der Film disparate Eindrücke zu einer prägnanten und facettenreichen Oral History des Ersten Weltkriegs aus britischer Perspektive.
«Der Moment, in dem sich die alten Schwarzweissaufnahmen plötzlich in farbige Fast-HD-Bilder verwandeln, ist allein schon den Gang ins Kino wert.»
Dramaturgisch ist dem Film anzumerken, dass es sich dabei um eine kunstfertige Chimäre handelt. Gewisse Sequenzen wirken etwas gedehnt, mitunter auch ein wenig repetitiv, doch das ändert nichts daran, dass Jackson mit «They Shall Not Grow Old» wahrscheinlich Film(technik)geschichte geschrieben hat. Der Moment, in dem sich die alten Schwarzweissaufnahmen plötzlich in farbige Fast-HD-Bilder verwandeln, ist allein schon den Gang ins Kino wert.
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Kinostart Deutschschweiz: 27.6.2019
Filmfakten: «They Shall Not Grow Old» / Regie: Peter Jackson / Grossbritannien, Neuseeland / 99 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH / Imperial War Museum
Es mag mitreissendere Dokumentarfilme geben, doch schon nur wegen des restaurierten Bildmaterials ist der faszinierende «They Shall Not Grow Old» ein Muss.