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Es ist das Gegenteil des Verursacherprinzips: Die reichen Industrieländer befördern die Klimaerhitzung, die Folgen tragen vor allem die Länder des Globalen Südens. Diese landen in einem finanziellen Teufelskreis.
Der Anstieg des Meeresspiegels ist in vielen Weltregionen kein Schreckensszenario: Er ist längst bedrohliche Realität. Das gilt insbesondere für manche Küstenregionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Meeresspiegel sogar rascher steigt als im globalen Durchschnitt. Sich anzupassen, ist extrem teuer. Und ob es langfristig überhaupt möglich ist, hängt auch davon ab, ob die reichen Industrienationen, die derzeit für achtzig Prozent der fortwährenden Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, ihren verschwenderischen Ressourcenverbrauch rasch begrenzen, ihr Wirtschaftssystem klimagerecht umbauen und die ärmeren Länder des Globalen Südens für die Folgen entschädigen.
Vor über zehn Jahren verpflichteten sich die G20 in Kopenhagen, bis 2020 die Klimahilfen für ärmere Staaten auf jährlich hundert Milliarden US-Dollar anzuheben. Das Ziel wurde bei weitem verfehlt. Zudem kritisieren NGOs, unter anderen etwa Oxfam, die Art der bisher ausgewiesenen Unterstützungsgelder: einerseits weil Geberländer Augenwischerei betreiben, indem sie Klimainvestitionen im eigenen Land und sogar Gelder von Privaten dazurechnen. Und andererseits, weil sie einen Teil der Klimaentschädigungen an finanzschwache Länder in Form rückzahlbarer Kredite entrichten.
Die auf Fragen des Klimawandels spezialisierte Politikwissenschaftlerin Giulia Sofia Sarno etwa bezeichnet die Zahlungen der G20 in einem im September erschienenen Beitrag nicht in erster Linie als «Hilfe», sondern «eher als Ausgleich» für die historische Verantwortung der Industrieländer. Doch landen arme Staaten in einem finanzpolitischen Teufelskreis, wie Sarno im selben Beitrag erläutert: Die physischen und ökonomischen Schäden der Klimaerhitzung würden den Ländern verunmöglichen, bestehende Schulden abzutragen, während Klimakatastrophen sie oft dazu zwängen, neue Kredite aufzunehmen. «Die angehäufte Verschuldung behindert Investitionen in Anpassung und Widerstandsfähigkeit und verschärft damit die Klimaanfälligkeit», so die Wissenschaftlerin. Sie plädiert deshalb für eine Änderung der Kriterien bei der Schuldenvergabe.
Eine Schutzmauer im Meer
Ghana befindet sich in dieser Hinsicht wie viele weitere stark betroffene Länder nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit. Die 500 Kilometer lange Küstenlinie des westafrikanischen Landes wird seit Jahren von heftigen Flutwellen getroffen. Allein in diesem Jahr waren es drei. Die letzte brach Anfang dieses Novembers über Dörfer und Felder in der Region Volta herein. Sie zerstörte auch das Gebäude einer Fachhochschule, die bereits sieben Jahre zuvor von einer Flutwelle dem Erdboden gleichgemacht worden war. Im Podcast «Africa Daily» von «BBC World» äusserte sich dazu jüngst Kwasi Appeaning Addo: Der Professor der University of Ghana beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Klimaerhitzung für Küsten und die dort lebenden Menschen. Er war unter anderem Berater der West African Coastal Observation Mission, der elf westafrikanische Länder angehören. Diese entwickelte einen Masterplan zum Schutz der westafrikanischen Küsten.
Zu Schäden führten nicht bloss der steigende Meeresspiegel und die zunehmend heftigeren Stürme, erklärte Addo, auch die Abholzung von Mangroven und die Entnahme von Sand für die Bauwirtschaft seien ein Problem. Deshalb fordert der Professor einen nationalen Dialog. Er möchte die Bevölkerung sensibilisieren, Mangrovenwälder wiederaufforsten lassen und den Raubbau am Sand verhindern. Mangrovenwälder, sofern sie denn weitläufig genug sind, brechen die Energie von Flutwellen fast vollständig und schützen Küsten besonders gut. Auch Umsiedlungen brachte Addo im Podcast ins Spiel – während jedoch eine von der Flutwelle betroffene Frau im selben Podcast sagte: «Weggehen? Wohin denn?» Sie fordert Abhilfe von der Regierung. In der Küstenregion leben ein Viertel der 31 Millionen Ghanaer:innen.
Im August hat Ghana im Rahmen eines umfassenderen Schutzprogramms mit dem Bau einer Mauer im Meer begonnen: Sie wird gerade mal fünf der 500 Kilometer langen Küste vor Erosion schützen und die Rückgewinnung von Land begünstigen. Kostenpunkt: 69 Millionen Dollar, nicht einmal die Hälfte dessen, was Deutschland jährlich für den Küstenschutz ausgibt.
Land unter im Mekongdelta
Die zerstörerische Kraft der Klimaerhitzung wirkt andernorts entlang der westafrikanischen Küste noch heftiger, etwa in Lagos, dem direkt am Meer gelegenen Wirtschaftszentrum Nigerias und einem der grössten Ballungsräume Afrikas. In Moçambique, einem der ärmsten Länder der Welt, wüteten 2019 die Zyklone Idai und Kenneth und verursachten Schäden in der Höhe von beinahe 900 Millionen US-Dollar. Für den Wiederaufbau musste das hochverschuldete Land weitere Kredite aufnehmen. Es ist unumstritten, dass die Häufigkeit solcher Extremwetter infolge der Klimakrise zunimmt.
Apokalyptisch sind die klimatischen Perspektiven auch in Asien, etwa in Vietnams Speisekammer, dem Mekongdelta. Abholzung von Mangrovenwäldern, Erosion der Küstenlinie, steigender Meeresspiegel, Versalzung der Böden, Ausbeutung der Grundwasserreserven und Staudämme am Oberlauf des Mekong: Viele Faktoren setzen dem Delta und den siebzehn Millionen dort lebenden Menschen so sehr zu, dass das Meer laut manchen Prognosen die 40 000 Quadratkilometer grosse Region bis 2050 überflutet haben wird. Das Delta ist die drittgrösste Industrieregion Vietnams und vor allem ein üppiger Garten, in dem fast alles wächst; noch ist es eine ergiebige Reiskammer, die Vietnam nach Indien und Thailand zum drittgrössten Reisexporteur der Welt macht. Die Regierung investiert in den Küstenschutz eine Milliarde Dollar, darin enthalten sind auch internationale Hilfsgelder.
Aber nicht allein der steigende Meeresspiegel und die Folgen ökologischer Sünden sind ein Problem: Staudämme am Oberlauf des Mekong drosseln die Fliessgeschwindigkeit des riesigen Stromes, es kommen weniger Sedimente an, das beeinträchtigt den natürlichen Aufbau des Deltas. Zudem bewässern die Landwirt:innen in Trockenperioden ihre Felder mit Grundwasser, der Boden sinkt ab. Zur Klimaerhitzung kommen also gleich mehrere menschengemachte Faktoren hinzu, die diesen Lebensraum zerstören.
Schwere Megacitys
Besonders bedroht sind auch die in den grossen Flussdeltas der Welt gelegenen Megacitys, also die riesigen urbanen Ballungsräume, die ständig weiterwachsen. Auch das zeigt sich besonders exemplarisch in Südostasien, etwa in Jakarta, Manila oder Bangkok. Der Boden unter diesen Grossstädten gibt nach – zum einen wegen des schieren Gewichts ihrer Gebäude, aber auch aufgrund der Übernutzung des Grundwassers.
Die Städte sinken ab, und gleichzeitig kommt das Meer näher. Als die am schnellsten sinkende Megastadt der Welt gilt Jakarta: Zwischen 1900 und 2013 sackte die indonesische Hauptstadt um 2 Meter ab, bis 2025 soll sie um weitere 1,8 Meter nachgeben. Manila auf den Philippinen sank im gleichen Zeitraum um 1,5 Meter, das thailändische Bangkok um 1,25 Meter. Alle drei Städte liegen knapp über, auf oder in Teilen unter dem Meeresspiegel.