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Das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft ist an der Studie ALM-Field, Digitalization, and the Public Sphere (ALMPUB) (https://almpub.wordpress.com), die von Kolleginnen und Kollegen der Oslo and Akershus University College of Applied Sciences geleitet wird, beteiligt. Teil der Studie war/ist eine Telefonumfrage in den beteiligten Staaten (Norwegen, Dänemark, Schweden, Schweiz, Deutschland, Ungarn) bei jeweils rund 1000 Personen pro Land. In der Umfrage wurde unter anderem die Sicht auf Bibliotheken, Archive, Museen (das ALM-Feld) und die jeweilige Gesellschaft im Allgemeinen sowie die Nutzung der ALM abgefragt. Die Auswertung wird sich hinziehen. Hier, in diesem Beitrage, aber schon mal ein kurzer Blick auf eine der gestellten Fragen: Welche Aufgaben von Bibliotheken werden als wichtig angesehen?
In der Tabelle sind die Werte für die Schweiz und – als Vergleich – Deutschland abgetragen. Zu Antworten war immer pro Item 1=sehr geringe Bedeutung bis 11= sehr grosse Bedeutung (bei der Umfrage dargestellt als 0 bis 10, aber in den Daten als 1 bis 11, d.h. der höchstmögliche Wert, welcher zu erreichen wäre, wäre 11). In der Tabelle angegeben sind jeweils das Item, absteigend geordnet nach dem Mittelwert der Antworten (bei 1002 Antworten für die Schweiz, 1017 für Deutschland). Angegeben ist zuerst der Median (die Antwort genau in der Mitte, bei der 50% höher und 50% niedriger geantwortet haben), da dieser weniger von Ausreissern beeinflusst, also auch genauer ist.
Zu sehen ist in den Daten – auch wenn sie vorsichtig interpretiert werden müssen – einiges, was den zeitgenössischen bibliothekarischen Diskussionen etwas zuwider läuft.
- Interessant ist erstmal, dass die Werte an sich recht hoch sind. Menschen finden offenbar im Allgemeinen und Grundsätzlich alles wichtig, was (Öffentliche) Bibliotheken als Aufgaben übernehmen. (Nicht hier dargestellt, aber in den Daten zu sehen: sowohl in Deutschland als auch der Schweiz gibt es eine Anzahl von Menschen, die Parteien, PolitikerInnen und anderen Menschen nicht viel vertrauen, aber grundsätzlich ist das Vertrauen hoch, in gesellschaftliche Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Archive und Museen sogar sehr. Der aktuelle Populismus spiegelt sich in den Daten, aber sehr einseitig, so als würden eine ganze Anzahl Menschen einen Unterschied machen zwischen den gesellschaftlichen Institutionen im Allgemeinen, die funktionieren, und ausgewählten Bereichen, denen sie einfach nicht vertrauen wollen. Bibliotheken wird vertraut.)
- Interessant ist auch, dass die Reihenfolge, was als wichtig und weniger wichtig betrachtet wird, in der Schweiz und Deutschland sehr ähnlich ist. In Deutschland sind die Wertung allgemein etwas höher, aber die erst vier „Plätze“ sind trotzdem die gleichen. Auch bei den anderen Positionen gibt nur kleine Unterschiede. Schweiz und Deutschland sind zwei unterschiedliche Länder, aber in Bezug auf die Wahrnehmung der Bibliotheken nur wenig voneinander unterschieden.
- Wirklich interessant ist, dass Funktionen, die in der bibliothekarischen Diskussion kaum besprochen werden, von der Bevölkerung als wichtig angesehen werden und Funktionen, die Bibliotheken betonen, weil sie modern sein wollen (und das heisst heute eigentlich immer, den Wünschen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen) werden als nicht so wichtig angesehen. Das ist offensichtlich bei dem Item „[Die Bibliothek befördert das literarische und kulturelle Erbe.]“, dass am höchsten bewertet wurde, aber in der bibliothekarischen Diskussion eigentlich nur noch in den Einführungswerken kurz ansprochen wird. (Und vor allem stimmt das so für Öffentliche Bibliotheken, die ja nicht Bewahren, sondern den Bestand aktiv entwickeln, auch bekanntlich nicht. Aber das ist für die Befragten offenbar irrelevant.) Auch die Aufgaben, Zugang für alle zu Wissen und literarischer Erfahrung (nicht Information, dass wird weniger wichtig bewertet) zu ermöglichen oder Freizeit mit Literatur zu gestalten wird von der Bevölkerung offenbar als weit weniger wichtig angesehen, als in der bibliothekarischen Literatur. Dafür werden Aufgaben, wie die Kreativität zu fördern („[Die Bibliothek befördert Kreativität und Innovation, indem sie ihre Nutzer dazu anregt, Kreativräume, sog. Makerspaces, für individuelles oder gemeinschaftliches Arbeiten zu schaffen.]“) oder Begegnungsstätte zu sein („[Die Bibliothek erfüllt als Begegnungsstätte in einer Gemeinde / Stadtteil eine wichtige soziale Funktion.]“), deren Diskussion die Seiten bibliothekarischer Zeitschriften füllen, als nicht so wichtig angesehen.
- Es scheint hier einen Missverhältnis zu geben, aber nicht so, wie die Bibliotheken sich untereinander öfter gegenseitig beklagen: Nicht die Bibliothek ist unmodern und hält an überkommenden Aufgaben (so die polemischen Ausdrücke) fest und „verliehrt“ deshalb Nutzerinnen und Nutzer, sondern die „neuen Aufgaben“, die sich die Bibliothek zuschreibt sind gar nicht die, die Menschen besonders an Bibliotheken schätzen.
- Innerhalb des Projektes betonen die Kolleginnen und Kollegen aus den skandinavischen Staaten die Aufgabe der Bibliotheken, Orte der Demokratie zu sein (was in Norwegen sogar so im Bibliotheksgesetz steht, wortwörtlich). Für die Schweiz und Deutschland hatten wir schon anfangs die Vermutung, dass das so nicht gilt. Die Umfrage scheint das zu bestätigen: Das wird als nicht so vorrangige Aufgabe angesehen.
- Einzige Ausnahme (neben der Aufgabe, Ort der Demokratie zu sein), wo bibliothekarischen Diskussion und Einschätzung der Bevölkerung übereinzustimmen scheinen, ist die Unterstützung von Formellem und Informellem Lernen. Aber wohl eher (siehe die Antwort zur „Kreativität“) doch klassisch: Buch und Artikel auf dem Tisch, lesend und schreibend.
Wie gesagt: Das ist nur ein kurzer Blick auf Daten, die auch nicht perfekt erhoben wurden. Eine tiefergehende Auswertung muss noch vorgenommen werden. Aber es sind schon mal Hinweise.
Brigitte Lutz, Karsten Schuldt
Schulbibliotheken in der dritten Welt? Davon gibt es (wohl) eher wenige, vor allem im ländlichen Raum. Und wenn, dann sehen sie nicht so aus, wie wir uns das vorstellen. So sind Lehrmaterialien oftmals nur in geringen Mengen vorhanden und werden häufig von den Lehrpersonen boykottiert oder Eltern müssen Arbeitsmaterialien beisteuern. Geld für neue Medien ist in der Regel eher nicht vorhanden, ganz zu schweigen von finanziellen Ressourcen für bibliothekarische Arbeitskräfte oder Bibliothekssysteme.
Da es aber nicht nur im Bereich der Schulbibliotheken mangelt, sondern auch an technischer Ausstattung, wurde 2006 das Projekt „One Laptop per Child“ gestartet. Es hat sich zum Ziel gesetzt, einen Laptop zu entwerfen, der den Bedingungen dieser Länder angepasst. Dieser Laptop ist mittlerweile in mehr als 40 Staaten verbreitet. Ausgestattet ist er mit der – auf beliebige Linux- oder Windows-Systeme aufsetzbaren – Desktop-Oberfläche „Sugar“, einem System, welches auf die Zielgruppe der Kinder angepasst ist. Es ist intuitiv und ohne jegliche PC-Kenntnisse nutzbar. Zusammengesetzt ist es aus mehreren sogenannten Aktivitäten. Dabei handelt es sich um verschiedene Programme, welche grösstenteils visuell gestaltet sind. Da es sich bei Sugar um Open Source handelt, können bestehende Aktivitäten beliebig verändert und erweitert und neue Aktivitäten entwickelt werden.
Das Projekt COLiSu begann mit der einfachen Frage: Warum sollte man nicht eines der zahlreichen Open Source Bibliothekssysteme wie Koha, NewGenLib oder ABCD nehmen und es so anpassen, dass es auch in Sugar integriert werden beziehungsweise von Sugar aus genutzt werden kann? Damit würde man neue Möglichkeiten schaffen, Bibliotheksbestände besser für Kinder und Jugendliche zugänglich zu machen und sie damit in den Lernprozess zu integrieren. Ferner könnte eine Realisierung solcher Zugänge dazu beitragen, dass Öffentliche Bibliotheken sowie national tätige Bibliotheken beginnen, Dienste für die Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gegenden zu entwickeln. Zu wünschen wäre ausserdem, dass Bibliotheken ihren Bestand mit elektronischen Medien erweitern, welche dann über Sugar zugänglich gemacht werden könnten. Das SII widmet sich derzeit im Forschungsprojekt dieser Aufgabenstellung und lotet aus, wie freie Bibliothekssysteme mit Sugar verbunden werden könnten und welche Möglichkeiten für die bibliothekarische Arbeit sich daraus ergeben.
Im Moment ist noch offen, inwiefern eine solche Lösung überhaupt umsetzbar wäre und was sie bringen würde, ob der Zugang zu Medien dadurch verbessert würde, der Lernerfolg bei den Lernenden dadurch grösser und der Unterricht aufgrund des freieren Zugangs zu Wissen dadurch demokratischer wäre. Doch vielleicht ist dies eine Chance, die Schulbedingungen in der dritten Welt tatsächlich ein wenig zu verbessern.
Zu klären sind in diesem Projekt:
- Die software-technischen Fragen der Verbindung von Sugar und freien Bibliothekssystemen. Da alle Komponenten als Open Source vorliegen und zumeist klar definierte Schnittstellen aufweisen, scheint dies relativ leicht möglich.
- Die Gestaltung der Aktivität oder Aktivitäten in Sugar, welche auf die Bibliothekssysteme zurückgreifen sollen.
- Die organisatorischen Fragen in Schulen, Bibliotheken und Schulbibliotheken. Neben der Frage, was möglich wäre, ist auch zu klären, wie und mit welchem Aufwand bestimmte Anwendungen umgesetzt werden können, ob sie sinnvoll in Schule, Unterricht oder Freizeit der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden können. Dabei sind auch die spezifischen Voraussetzungen in den unterschiedlichen Staaten zu bedenken.
- Im Idealfall würden Feldtests Auskunft darüber geben, ob solche Aktivitäten tatsächlich – und wenn ja, mit welchem zusätzlichen Aufwand, beispielsweise der Schulung von Lehrerinnen und Lehrern, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren – Auswirkungen haben können.
- Im weitergehenden Idealfall wird im Laufe des Projektes eine Verbindung zu den Versuchen, mittels Open Educational Resources die Möglichkeiten des Unterrichts und Lernens weltweit zu verbessern, hergestellt.
Projekteinreichung bei der KTI in 2013
E-Books gewinnen seit Jahren an Bedeutung. Dabei werden unter E-Books in der Regel digitale Inhalte verstanden, die bereits als „konventionelle“ Bücher publiziert worden sind. Für die Produktion solcher E-Books stehen Verlagen zahlreiche Werkzeuge zur Verfügung und auch für den Vertrieb gibt es bereits etablierte Lösungen.
Digitale Inhalte in E-Books können aber nebst Text, Bild und Grafik auch Audio, Video und Interaktion umfassen, so wie wir es vom Web kennen (und dort auch erwarten). Mit diesen Elementen entsteht ein Enhanced (angereichertes) E-Book. Die Forschungsgruppe „Informationseinrichtungen auf dem Weg in die Digitale Gesellschaft“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur befasst sich mit den aufkommenden Fragen rund um Enhanced-E-Books und erarbeitet praxistaugliche Antworten auf diese neue Herausforderung für die Buchbranche sowie für Hochschulen und Bibliotheken.
Im Jahr 2013 startet die Forschungsgruppe ein Projekt, das sich mit der besagten Thematik ausführlich befassen wird und folgende Ziele verfolgt:
• Exemplarische Realisierung von ausgewählten Enhanced E-Books unter Berücksichtigung mediendidaktischer, technischer und ökonomischer Aspekte.
• Evaluation der realisierten multimedialen und interaktiven E-Books.
• Erarbeitung eines Leitfadens für einen optimalen und innovativen Produktions- und Publikationsprozess unter Berücksichtigung der neuesten Technologien und der Betrachtung des gesamten Zyklus (Produktion, Vertrieb und Verkauf).
Die Konkretisierung der Detail-Ziele wird in enger Zusammenarbeit mit Projektpartnern aus der Buchbranche erfolgen. Das Projekt wird bei der Kommission für Technologie und Innovation KTI eingereicht. Aktuell befindet sich die Forschungsgruppe in Verhandlung mit potentiellen Projektpartnern.
Für Fragen zum Projekt steht das Forschungsteam jeder Zeit gerne zur Verfügung.
Urs Dahinden, Bruno Wenk, Rudolf Mumenthaler, Ekaterina Vardanyan und Vincenzo Francolino