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Normalerweise setze ich mir ein Rangziel und kommuniziere dies auch der Trainerin oder den Medien, doch vor den diesjährigen Europameisterschaften konnte ich zu schlecht abschätzen, was möglich sein würde. Ich wusste von einem Leistungstest und den Intervalltrainings, dass meine physische Verfassung etwa 5% schlechter war als im 2021. Daher schätzte ich meine Chancen auf eine Topplatzierung im Sprint-Rennen wesentlich höher ein als in der Langdistanz, denn Bike-OL Sprints sind typischerweise sehr anspruchsvoll zum Navigieren und man kann selten das physische Potential voll ausschöpfen.
Wie erwartet wurde uns in Ignalina eine anspruchsvolle Sprint-Bahn geboten. In einem extrem dichten Wegnetz galt es 32 Posten anzufahren. Man musste blitzschnell Entscheidungen treffen, stets abwägen, ob man auf den Wegen bleiben oder doch besser quer fahren sollte und dann die Routen konsequent umsetzen. Dies gelang mir ausgezeichnet bis kurz nach dem Kartenwechsel. Bei Posten 24 hatte ich 12 Sekunden Vorsprung auf den Sieger Ludvik (CZE). Leider hängte ich zu Posten 25 beim Kartenlesen auf einem Bike-Trail mit der linken Hand an einem Baum ein und stürzte zu Boden. Dies kostete einige Sekunden und warf mich aus dem Navigations-Flow raus. Wenig später machte ich dann zu Posten 28 den entscheidenden Routenwahl-Fehler und verlor weitere 20 Sekunden. Schlussendlich klassierte ich mich auf dem 4. Platz mit zwei Sekunden Rückstand aufs Podest. Es war sehr hart zu realisieren, dass ich so knapp das Podest und meine vermeintlich beste Chance auf eine EM-Medaille verpasst hatte.
Nach dem Cooldown analysierte ich kurz das Sprintrennen und nahm die positiven Aspekte für die Tags darauf folgende Langdistanz mit. Ich arbeitete an meiner verhaltenen Erwartungshaltung und versuchte diese zu einer Gewinner-Mentalität umzuformen, indem ich mich von meinen vergangenen Langdistanz-Erfolgen inspirieren liess (2. Platz WM 2018/ 3. Platz WM 2021).
Am nächsten Tag startete ich sicher ins Langdistanz-Rennen und traf die richtigen Routenwahl-Entscheidungen. Mehrere Male kreuzte ich den drei Minuten vor mir gestarteten amtierenden Langdistanz-Weltmeister Samuel Pökälä und merkte, dass ich Zeit auf ihn aufgeholt hatte. Entscheidend war schlussendlich eine lange Route zu Posten 15: obwohl ich zu Posten 14 drei vor mir gestartete Fahrer kreuzte, liess ich mich nicht verleiten und zog meine alternative südliche Route durch. Dadurch knüpfte ich Waldmann (AUT) und Ludvik (CZE), die zu diesem Zeitpunkt noch gleichauf mit mir an der Spitze lagen, eine bzw. zwei Minuten ab. Nach 1 Stunde und 46 Minuten fuhr ich völlig entkräftet ins Ziel und durfte meinen ersten EM-Titel über die Langdistanz feiern.
Auch meinen Nati-Kollegen gelangen Spitzenleistungen: Adrian Jäggi und Silas Hotz realisierten persönliche Bestleistungen und fuhren auf die Plätze 8 und 12, Noah Rieder klassierte sich in seinem ersten Elite-Jahr sogleich klar in der vorderen Hälfte auf Platz 23 und Junior Flurin Schnyder holte nach Sprint-Gold zusätzlich Langdistanz-Bronze.
Rückblickend war vermutlich der Schlüssel zum Erfolg die knapp verpasste Sprint-Medaille. Die Mischung aus Enttäuschung über das Resultat und Stolz über die technische Leistung führten dazu, dass ich alle Hebel in Bewegung setzte, die richtige Taktik wählte und am allerwichtigsten, dass ich an mich und eine Erfolgs-Chance glaubte. Oder gewann ich doch nur weil ich zwei Stunden vor dem Start den Hinterrad-Reifen wechselte? Ich tauschte den Racing Ralph mit einem Thunder Burt aus…