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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch I.
2.
Ungefähr um dieselbe Zeit begründete Pythagoras, der Samier, wie ihn einige nennen, eine andere philosophische Schule. Man nannte sie die Italische, weil Pythagoras auf der Flucht vor dem Tyrannen von Samos, Polykrates, sich in einer Stadt Italiens niederließ und dort sein Leben beschloß. Seine Schüler blieben im allgemeinen bei seinen Anschauungen. Auch er forschte über naturwissenschaftliche Fragen und verband Astronomie, Geometrie, Musik und Zahlenkunde. Er bezeichnete die Einheit (Monas) als Gott, und auf Grund seiner Forschungen über das Wesen der Zahl [S. 19] behauptete er, der Kosmos gebe Klänge von sich und beruhe auf Harmonie; als erster schrieb er die Bewegung der sieben Gestirne dem Rhythmus und der Musik zu. Er wollte, daß seine Schüler aus Ehrfurcht vor der Weltordnung im Anfang Stillschweigen übten, da sie zur Welt gekommen seien, um sich in die Geheimnisse des Alls einweihen zu lassen. Wenn sie dann anscheinend hinreichend Unterricht genossen hatten und mit Sachkenntnis über die Gestirne und die Natur Forschungen anstellten, so erklärte er sie für rein und gestattete ihnen zu reden. Er teilte seine Schüler in zwei Klassen und nannte die einen Esoteriker, die andern Exoteriker. Erstere führte er in die vollkommenere Wissenschaft ein, letztere in die gewöhnliche. Er soll auch Magie getrieben haben und erfand die Physiognomik.
Indem er Zahl und Maß zugrunde legte, behauptete er, das Prinzip der Arithmetik begreife die Philosophie synthetisch folgendermaßen in sich: Prinzip ist die Urzahl, das Unbegrenzte nämlich und Unfaßliche; sie begreift alle Zahlenfülle in sich, die bis zum Unendlichen fortschreiten kann. Die erste Einheit ist wesenhaft das Prinzip der Zahlen; sie ist männlich und erzeugt nach Vaterart alle anderen Zahlen. Dann kommt die Zweiheit, eine weibliche Zahl, die von den Zahlenkundigen auch gerade genannt wird. Hierauf folgt die Dreiheit, eine männliche Zahl, die bei den Zahlenkundigen auch eine ungerade heißt. Zu all diesen kommt die Vierzahl, eine weibliche Zahl, die wiederum als weibliche gerade genannt wird.
Die sämtlichen Zahlen, nach ihrem Genus genommen — die Urzahl ist ihrem Genus nach unbestimmt — sind also vier; aus ihnen besteht die vollkommene Zahl, die Zehnzahl; denn eins, zwei, drei und vier ergeben addiert zehn, wenn jede Zahl ihren eigenen wesenhaften Namen (Wert) behält. Diese heilige Vierzahl, sagt Pythagoras, ist „die Quelle, die die Wurzeln der ewigen Natur“ in sich „enthält“, und diese Zahl ist das Prinzip aller Zahlen; denn die Zahlen elf und zwölf usw. hätten ihr Daseinsprinzip aus der Zehnzahl. Die vier Bestandteile der Zehnzahl, der vollkommenen Zahl, heißen: Zahl, Einheit, Quadrat, Kubus. Durch deren [S. 20] Verbindungen erfolgt Vermehrung und wird in der Natur die zeugungskräftige Zahl gebildet. Denn wenn das Quadrat mit sich selbst multipliziert wird, wird es Quadrat im Quadrat; wenn das Quadrat mit dem Kubus, wird es Kubus im Quadrat; wenn aber der Kubus mit dem Kubus, so gibt es Kubus im Kubus. So entstehen alle sieben Zahlen, aus denen das Werden quillt: Zahl, Einheit, Quadrat, Kubus, Quadrat-Quadrat, Kubus-Quadrat, Kubus-Kubus.
Pythagoras lehrte auch die Unsterblichkeit der Seele und die Seelenwanderung; dementsprechend sagte er von sich, er sei vor der trojanischen Zeit Äthalides gewesen, in der trojanischen Zeit Euphorbus, hierauf Hermotimos aus Samos, dann Pyrrhus aus Delos und an fünfter Stelle Pythagoras. Diodoros aus Eretria und der Musiker Aristoxenos berichten, Pythagoras habe den Chaldäer Zaratas1 aufgesucht; dieser habe ihm dargelegt, das Seiende habe von Anbeginn zwei Ursachen, Vater und Mutter; der Vater sei das Licht, die Mutter die Finsternis, die Teile des Lichtes seien das Heiße, das Trockene, das Leichte und das Schnelle, die Teile der Finsternis das Kalte, das Flüssige, das Schwere und das Träge; daraus bestehe die ganze Welt, aus Weib und Mann. Die Welt sei wesenhaft musikalische Harmonie, deshalb vollführe auch die Sonne ihre Umdrehung nach harmonischen Gesetzen. Bezüglich der Erden- und Weltdinge soll Zaratas gelehrt haben, es gebe zwei Gottheiten, eine himmlische und eine irdische; die irdische verursache das Wachstum aus der Erde; sie sei das Wasser; die himmlische sei das Feuer; es sei mit der Luft verbunden, Warmes mit Kaltem2. Somit beflecke oder vernichte keines dieser Dinge die Seele; denn sie seien das Wesen aller Dinge. Pythagoras hat, wie berichtet wird, verboten, Bohnen zu essen auf Grund des Ausspruches des Zaratas, daß die Bohne zu allererst, bei der Vermengung aller Dinge, beim Gerinnen und Zusammengären der Erde [S. 21] entstanden sei. Zum Beweise führt er an, daß, wenn man die Bohne mit den Zähnen enthülst und eine Zeitlang an die Sonne legt — diese übe dann gleich ihre Wirkung aus —, sie den Geruch menschlichen Samens von sich gebe. Ein anderer Beweis sei noch überzeugender, meint er; wenn man eine Bohnenblüte3 nimmt, in einen Topf legt und diesen verpicht in den Boden vergräbt und nach einigen Tagen öffnet, so sieht man, wie sie auf den ersten Blick die Gestalt etwa einer weiblichen Scham hat; bei genauerem Zusehen zeigt sich die eines frisch gebildeten Kinderkopfes.
Pythagoras starb den Feuertod zu Kroton in Italien zugleich mit seinen Schülern. Bei ihm war es Brauch, daß, wer zu ihm kam, um sein Schüler zu werden, sein Hab und Gut verkaufte und das Geld versiegelt bei ihm hinterlegte. Ein solcher hatte dann bald drei, bald fünf Jahre Stillschweigen zu halten und zu lernen. Nach Ablauf dieser Probezeit durfte er entweder weiterhin Schüler bleiben, an der Gesellschaft der anderen und am gemeinsamen Tisch teilnehmen, oder aber er erhielt sein Eigentum zurück und wurde entlassen. Die Esoteriker hießen Pythagoreer, die anderen (die Exoteriker) Pythagoristen. Aus dem Brande entkamen des Pythagoras Schüler Lysis und Archippos sowie sein Diener Zamolxis, der die keltischen Druiden die pythagoreische Philosophie gelehrt haben soll. Die Kenntnis der Zahlen und der Maße soll Pythagoras von den Ägyptern gehabt haben. Er empfing von der gut begründeten, blendenden und schwer zugänglichen Weisheit der ägyptischen Priester einen tiefen Eindruck, führte nach ihrem Vorgang Stillschweigen bei seinen Schülern ein und ließ sie in unterirdischen Räumen ein zurückgezogenes Leben führen.
1: Identisch mit Zoroaster-Zarathustra (Bousset, Hauptprobleme der Gnosis S. 374 ff.)
2: Roeper.
3: Sauppe.