Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03293.jsonl.gz/1522

Wenn Roger Federer am Freitag im Wimbledon-Halbfinal auf Milos Raonic trifft, steht er gleich drei Coaches gegenüber: Riccardo Piatti, Carlos Moya und neu John McEnroe.
John McEnroe war begeistert und beeindruckt. "Ich kann es nicht glauben, dass er dieses Spiel noch gewonnen hat", staunte der dreifache Wimbledon-Champion und heutige BBC-Experte nach Federers Fünfsatz-Erfolg gegen Marin Cilic, bei dem der Schweizer drei Matchbälle abgewehrt hatte. Der einstige "Bad Boy" des Tennis analysierte Federers Spiel nicht nur fürs Fernsehen, sondern auch in seinem neuen Job als Teilzeit-Coach von Milos Raonic. Der Kanadier wird am Freitag gegen Federer versuchen, erstmals einen Grand-Slam-Final zu erreichen. McEnroe soll der fehlende Baustein sein.
Seine Aufgabe ist es, das Offensivspiel des glänzenden Aufschlägers Raonic zu verbessern. "Der Fokus in unserer ersten Trainingswoche lag darin, keine Gelegenheit zu verpassen, nach vorne zu kommen, den Gegner immer unter Druck zu setzen", erklärt der 25-Jährige. "Das war mein grosses Ziel." McEnroe habe aber auch betont, wie wichtig das Auftreten auf dem Platz sei. "Das ist sein grosses Ding."
Mit McEnroe zum Grand-Slam-Titel
Raonic, aktuell die Nummer 7 der Welt und bereits in Wimbledon 2014 (Niederlage gegen Federer) und Anfang Jahr am Australian Open (Niederlage gegen Andy Murray) im Halbfinal, will sich nicht auf seinen gewaltigen Service verlassen "Das reicht nicht, denn ich habe klare Ziele: Ich will Grand-Slam-Turniere gewinnen."
Dafür hat der smarte Kanadier, der in Montenegro geboren wurde und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Ontario umzog, für die Rasensaison John McEnroe engagiert, obwohl er mit dem Italiener Piatti und dem Spanier Moya, ebenfalls eine ehemalige Weltnummer 1, bereits über zwei Coaches verfügt. In einem Interview mit der "New York Times" erklärte Moya, der sich auf Sandplätzen am wohlsten fühlte und 1998 das French Open gewann, die Hintergründe. "Milos will sich immer verbessern. Deshalb fragte er uns, was wir davon halten würden, wenn wir eine weitere Person in unser Team integrieren." Moya stimmte zu, denn "John und ich kennen uns schon lange und sind gute Freunde".
Djokovic und Murray als Vorbild
Vorreiter des neuen Trends zu prominenten Coaches (oder Mentoren) waren Andy Murray und Novak Djokovic. Mit Ivan Lendl an seiner Seite gewann der notorische Finalverlierer Murray mit den Olympischen Spielen und dem US Open 2012 sowie Wimbledon 2013 seine ersten ganz grossen Turniere. Lendl sitzt seit diesem Sommer wieder in Murrays Box. Und Djokovic setzte mit Boris Becker zum Höhenflug an, löste Rafael Nadal als Nummer 1 der Welt ab und holte mit dem Deutschen sechs seiner inzwischen zwölf Grand-Slam-Cup-Trophäen.
"Viele Spitzenspieler suchen den kleinen Vorteil, der sie den nächsten Schritt machen lässt", erklärt Michael Chang, der die Weltnummer 6 Kei Nishikori betreut. "Wir können die Erfahrung aus grossen Matches einbringen, die andere Coaches vielleicht nicht haben." Und Goran Ivanisevic, der den unterlegenen Wimbledon-Viertelfinalisten Marin Cilic trainiert, sagte vor eineinhalb Jahren in Australien: "Es ist Pech, das ich keinen wie mich hatte, der mich coachte. Ich hätte sonst wahrscheinlich fünf oder sechs Grand-Slam-Turniere mehr gewonnen." So blieb es bei seinem einzigen Triumph 2001 in Wimbledon. Cilic, der US-Open-Champion von 2014, könne von ihm lernen, nicht die gleichen Fehler zu machen, die er beging. "Es würde zehn Tage dauern, all die Fehler aufzuzählen, die ich gemacht habe."
Mit zwei Coaches zum Ziel
Mit dem Trend zu ehemaligen Spitzenprofis hat sich auch ein Zwei-Coach-System entwickelt. Roger Federer arbeitete während der zwei Jahre mit Stefan Edberg und aktuell mit Ivan Ljubicic immer auch mit seinem langjährigen Coach und Davis-Cup-Captain Severin Lüthi zusammen. Der 40-jährige Berner schätzt es sehr, nicht mehr an alle Turniere reisen zu müssen. Das gleiche gilt für die prominenten Gegenstücke. "Mit meiner Familie wäre es für mich nicht machbar, bei allen Einsätzen vor Ort zu sein", erklärt Chang.
Der einzige, der sich diesem Trend (noch?) versperrt, ist Rafael Nadal. Der derzeit verletzte Spanier setzt noch immer mehrheitlich auf seinen Onkel Toni. Er hat aber seit dem French-Open-Final 2014 gegen Djokovic und Federer kein Spiel mehr gewonnen.
sda-ats