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Unsere grosse Sommerserie über die Geschichte des Telefons. In der Schweiz und auf der Welt.
- Teil 1: Der Schweizer Telefonpionier, den niemand kennt
- Teil 2: Wetten, du errätst nicht welches Handy am meisten verkauft wurde?
- Teil 3: Die Geschichte der ersten Telefonbauer
- Teil 4: Eigentlich begann alles mit dem Stück eines Besenstiels
- Teil 5: Eine Manufaktur in der schnellen Entwicklung der Telegrafie
- Teil 6: Eine Erfindung verändert die Kabelwelt (27. August)
- Teil 7: Warum das erste Glasfaserkabel in Zürich ein Fail war (3. September)
- Teil 8: Wie das Licht in das Kabel kam (10. September)
- Teil 9: Wie die Schweiz das erste Land mit vollautomatischem Telefonnetz wurde (17. September)
In den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts schritt die Entwicklung der Telegrafie schnell voran und auch das Telefon machte Fortschritte. 1877 erfuhr Werner Genest, ein Ingenieur der königlich Preussischen Eisenbahn von den Versuchen, die der Generalpostmeister Heinrich von Stephan mit den Bell’schen Telefonapparaten durchführte. Er erkannte deren weitreichende Bedeutung. Das bewog ihn, zusammen mit dem Kaufmann Wilhelm Mix, eine eigene Firma zu gründen.
So entstand 1879 die «OHG Mix & Genest, Telegraphenbau-Anstalt und Telegraphendraht-Fabrik» in Berlin-Schöneberg. Mit einigen Mitarbeitern wurden elektrische Nachrichtengeräte produziert. Es waren am Anfang nur einfache Geräte wie Hausklingeln, Läutwerke, Fallklappen und Druckknöpfe. Später folgten Wecker, Telefone und Feuermelder. Ein weiteres Geschäftsfeld bildeten die Blitzableiteranlagen. Neben der Konstruktion kümmerte sich Werner Genest auch selbst um Aufträge und Kunden. Er zielte mit seinem Unternehmen von Beginn an auf eine wirtschaftliche Mengenfertigung.
Die Firma entwickelte sich darum sehr erfolgreich, am Ende des zweiten Betriebsjahres hatte sich die Produktion bereits verdreifacht und die Artikel fanden guten Absatz. Mit der Einführung des öffentlichen Fernsprechverkehrs 1881 begann sich die neue Telefonie durchzusetzen. Durch mehrere Erfindungen und Verbesserungen hatte Genest wesentlichen Anteil an der frühen Entwicklung der Telefontechnik. Die Post war ein grosser und dankbarer Abnehmer. Der Erfolg seines Unternehmens gab die wirtschaftliche Grundlage, sich intensiv mit der Entwicklung von Fernsprechern und der damit zusammenhängenden Technik zu beschäftigen.
Das erste überlieferte Patent von 1883 betraf eine Verbesserung der Polschuhe früher Telefone. Das Wachstum des jungen Unternehmens beschleunigte sich weiter und ein neues Fabrikgebäude musste gebaut werden. Genest war seit 1886 im Alleinbesitz der Firma und wandelte die Firma 1889 in eine AG mit dem Namen «Aktiengesellschaft Mix & Genest, Telephon-, Telegraphen- und Blitzableiter-Fabrik» um. Sie waren auch unter den Ersten, die Telefon und Mikrofon zu einem transportablen Apparat verbanden. Dieser wurde unter der Bezeichnung «Abfrageapparat« in den Vermittlungsämtern eingesetzt. Mehrfach verbessert entstand dann das heute bekannte Mikrotelefon. 1891 wurde eine «Vorrichtung zur selbstständigen Gebührenerhebung der Fernsprechstellen« patentiert, was nachher zum Bau der ersten Münzfernsprecher führte.
1894 wurden die entstandenen Zweigwerke in einer neuen grossen Fabrik zusammengelegt. Diese bot Platz für 1000 Beschäftigte. Die Rationalisierung der Produktion war notwendig, um sich im Konkurrenzkampf zu behaupten. 1904 hatte die Firma bereits 2300 Beschäftigte und Filialen in Amsterdam und London. In viele zusätzliche Länder wurde exportiert. Mix & Genest galten zu dieser Zeit als Pioniere im Gebiet der Schwachstromtechnik und der Signalübermittlung.
1904 hatte die Firma bereits 2300 Beschäftigte und Filialen in Amsterdam und London.
1899 wandte sich der dänische Erfinder Valdemar Poulsen an das Unternehmen. Er suchte einen starken für die Weiterentwicklung, Produktion und Vermarktung des von ihm konstruierten Geräts zur Aufzeichnung und Wiedergabe von Ton und Sprache durch elektromagnetische Induktion. Seine Erfindung verwendete Stahldraht zur Aufzeichnung und leitete die Entwicklung von Drahttongeräten ein, aus denen schliesslich Tonbandgeräte und Kassettenrekorder hervorgegangen sind. Noch im gleichen Jahr wechselte Poulsen mit der Mehrheit seiner Mitarbeiter von Kopenhagen nach Berlin.
Die bei Mix & Genest produzierten Geräte trugen die Bezeichnung «Telephongraph» aus der später wegen Patentstreitigkeiten «Telegraphon» wurde. Trotz anfänglicher Aufmerksamkeit blieb aber das Telegraphon wirtschaftlich erfolglos. Auch die Zusammenarbeit mit Poulsen wurde 1901 schon wieder beendet, man konnte sich über die Weiterentwicklung und die Finanzierung nicht einigen.
Bis zur Jahrhundertwende hatte «Mix & Genest» schon etwa 100 000 Anschlüsse an über 75 grössere Ämter geliefert. Dabei handelte es sich um die damals üblichen, handbedienten Ortsbatterie-Zentralen. Nachdem jedoch deren Verbindungskabel durch das häufige Umstecken schnell abgenützt und damit störanfällig wurden, entwickelte Mix & Genest den Pyramidenschrank. Hier waren die Teilnehmerverbindungen in Form einer Pyramide fest verdrahtet. Die Verbindung zwischen Teilnehmer wurde durch einen schnurlosen Stöpsel geschaltet.
1907 trat Genest aus der Geschäftsführung aus, war aber weiterhin beratend tätig. 1910 wurde mit dem Bau von Schreibmaschinen begonnen, die aber 1918 in eine eigene Firma, die «Titania Schreibmaschinen GmbH Berlin» überführt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Schwachstromerzeugnisse aller Art, sowie auch Rohrpost- und Kleinförderanlagen gebaut. Nach dem Tod von Genest im März 1920 übernahm die AEG 1922 die Mehrheit des Aktienkapitals.
Mix & Genest stellte in Berlin von ca. 1921 bis 1927 unter dem Namen «Emgefunk» Rundfunkgeräte, Verstärker und Lautsprecher her, die von der Mix & Genest Hansawerke GmbH in Hamburg vertrieben wurden. 1930 erwarb die Standard Elektrizitäts-Gesellschaft AG in Berlin, die zur International Telephone and Telegraph Company (ITT) gehörte, die Aktienmehrheit. 1930 hatte Mix & Genest ca. 3200 Beschäftigte bei einem Umsatz von 21 Mio. Reichsmark (RM), das Aktienkapitel betrug 1931 bereits 16,185 Mio. RM.
Die Nachkriegszeit
Bei Kriegsende 1945 waren wesentliche Anlagen zerstört. Das Werk in Berlin hatte bei einem Fliegerangriff am 1. März 1943 schwere Bombenschäden erlitten und die übrigen Fabrikationseinrichtungen wurden nach Einnahme der Stadt von der Roten Armee demontiert. Im Juni 1945 wurde die Arbeit mit 28 Werksangehörigen wiederaufgenommen, um erst mal die Vorbedingungen zur Wiedereinrichtung eines Betriebs zu schaffen. Die Berlin-Blockade im Juni 1948 führte zu einschneidenden Behinderungen der West-Berliner Wirtschaft, da der Güterverkehr mit den westlichen Besatzungszonen unterbrochen wurde. Der Mutterkonzern verlegte darum den Sitz des Unternehmens im gleichen Jahr von Berlin nach Stuttgart-Zuffenhausen.
1954 wurde die Mix & Genest mit der «Standard Elektrizitätsgesellschaft AG» und der «Süddeutschen Apparate – Fabrik GmbH« verschmolzen. 1956 ging der Konzern an die «SEL Standard Elektrik Lorenz AG», der Firmenname Mix & Genest wurde nicht mehr weitergeführt.