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mit einem Tempel und ein freistehendes Gebäude, vielleicht eine Versammlungshalle. Im ganzen zählte dieser (assyrische) Palast über 200 Gemächer und Wandelgänge und etwa 30 Höfe.
Es zeigt sich hierbei, daß die Semiten nicht so verbissene Anhänger des Grundsatzes der «Regelmäßigkeit» waren, wie die Aegypter. Die ganze Anordnung der Räume und Höfe ist zwar im Sinne der Zweckmäßigkeit, aber sonst eine völlig freie. Jede Seite ist anders gestaltet; einige Teile springen vor, andere zurück, kurz, es herrscht eine große Mannigfaltigkeit, und der Grundriß stellt keine regelmäßige [* 1] Figur dar. Daß diese Gestaltung der Anlage nicht durch Platzrücksichten bedingt war, ist klar; ob nun «künstlerische» sie bestimmten - man durch die Mannigfaltigkeit einen gefälligen, «schönen» Eindruck erzielen wollte - läßt sich freilich nicht erweisen, aber daß man solche überhaupt vermuten kann, gereicht den Erbauern schon zur Ehre. Der bewegliche semitische Geist war der Gleichförmigkeit und Eintönigkeit abhold und liebte Abwechslung.
Bauformen. Auch hinsichtlich der Bauformen zeigen die
Babylonier-Assyrer einen Fortschritt; sie kannten
die Wölbung und wandten die Rundbogenform mit Vorliebe an. Hier muß ich nun vorerst von den Baustoffen sprechen. Der Natur
des Landes gemäß wird in den ältesten Zeiten zwar auch der Holzbau vorwiegend gewesen sein, wahrscheinlich aber ziemlich
gleichzeitig die Verwendung des Lehms stattgefunden haben. Schon bei den frühesten Bauten sind die Wände
teils aus festgestampftem
Thon, teils aus Lehmziegeln hergestellt.
Die Erzeugung von Backsteinen gedieh bald zu hoher Vervollkommnung, und diese bildeten nun den hauptsächlichsten Baustoff. Stein war wohl in dem nördlichen Bergland zu finden, aber immerhin in weiterer Entfernung, als in Aegypten; und im babylonischen Reiche stand offenbar nicht jene sklavische Menschenmasse zur Verfügung, wie im Nillande. Der ausgedehnten Verwendung von Stein stand die Kostspieligkeit der Herbeischaffung im Wege, und so wurde dieser Baustoff nur zu Zierzwecken benutzt.
Der Backstein hat nun zwar den Nachteil der geringeren Haltbarkeit, dafür bietet er manche andere Vorteile,
es lassen sich mit ihm die Formen leichter und mannigfaltiger gestalten. Deshalb konnten auch die
Babylonier zur Erfindung
der Wölbung und des Rundbogens - sowie der Giebelform - gelangen. Sie verwandten dabei keilförmige Ziegel und brachten
Wölbungen bis zu 2 m
Spannweite zu stande. (Selbst Spitzbogen wurden ausgeführt.)
Große Säle vermochten
sie freilich nicht zu überwölben und bei diesen wurde die Decke daher aus Holz aufgeführt; besonders große Räume waren
nur rings an den Seiten eingedeckt, während die Mitte deckenlos blieb. Bemerkenswert ist nämlich, daß die Chaldäer weder
Pfeiler noch Säulen als Deckenstütze anwandten; wenigstens nicht in erheblichem Maße.
Die Erklärung dafür scheint mir ziemlich einfach zu sein. Die ältesten Bauten waren kleineren Ursprungs, und da reichten Holzstämme völlig zur Eindeckung aus; diese bedurften auch keiner weiteren Unterstützung in der Mitte, welche bei den schweren Steinbalken der Aegypter nötig wurde. Auch gab es hier im Euphratlande keine in natürlichem Fels ausgemeißelten Höhlenräume, bei denen Pfeiler gleichfalls nötig waren. Dazu kam dann die Erfindung des Wölbens, welches auch die Säulen in mancher Hinsicht entbehrlich machte. Wir sehen solche, sowie Pfeilergebilde nur als Außenschmuck verwendet, zur Gliederung der Wandflächen, und ich möchte glauben, daß sie überhaupt erst später unter fremdem Einflüsse aufkamen. Sicher ist, daß die Chaldäer keine besonderen eigentümlichen Säulenformen ausbildeten. Bei den wenigen erhaltenen Wandsäulen besteht das Kapitäl aus zwei übereinander liegenden Schneckengliedern (Voluten). - Erwähnt habe ich, daß die Wölbungen und Bogen mit keilförmigen
[* 1] ^[Abb.: Fig. 40. Fußbodenplatte aus Kujundschik.
Das Schmuckwerk mit geöffneten und geschlossenen Lotosblumen, Rosetten und Palmetten wahrscheinlich nach Teppichmustern gebildet.] ¶
Ziegeln hergestellt wurden, und da will ich gleich einschalten, daß die Assyrer für diese Keilform eine ganz besondere Vorliebe hatten und sie auch in der Verzierungskunst vielfach verwendeten. (Bekanntlich beruht auch ihre Schrift auf dieser Form.)
Die großen Wandflächen verlangten natürlich nach Schmuck. Zuerst mochten die Wände im Innern mit
Teppichen verkleidet worden sein, da die
Babylonier in der Weberei schon frühzeitig Meister waren, wie dies aus den Nachrichten
hervorgeht. Darauf deutet auch hin, daß die wahrscheinlich ältesten Reste von Wandbekleidung, die man gefunden hat, Teppichmuster
nachahmen. Diese Wandbekleidung wurde in der Weise hergestellt, daß in den Mörtelbewurf - wobei Erdharz
verwendet wurde - Keile aus gebranntem, verschiedenfarbig verglastem Thon eingedrückt wurden.
Flachbilder und Malerei. Der weitere Fortschritt bestand dann in der Verwertung der Flachbildnerei und Malerei für den Wandschmuck. Namentlich mit Werken der ersteren Art waren die Paläste der Könige und Vornehmen überreich bedacht. Meist wurde weißer Alabaster, bisweilen ein gelblicher Kalkstein dazu verwendet, und wahrscheinlich waren in der Regel diese Bildwerke auch bemalt, wenn auch bei den erhaltenen Resten die Farbe vielfach verloren ging.
Die Gestalten sind auch weit mehr erhaben ausgearbeitet, als bei den ägyptischen Bildwerken, vielfach sogar «hocherhaben». Gegenstand der Darstellung sind natürlich vor allem die Herrscher, deren Thaten und Umgebung, sodann Vorgänge des gewöhnlichen Lebens: letztere kommen jedoch in geringerem Maße vor.
Eigentümlichkeit der Darstellungsweise. Was nun die Darstellungsweise anbelangt, so bekunden auch die Semiten in erster Linie das Streben nach Naturtreue, sowie eine scharfe Auffassungsgabe für das Bezeichnende und Eigentümliche. Auf die genaue Wiedergabe der Aeußerlichkeiten - Gewandung, Waffen, Schmuck - wird jedoch mehr Gewicht gelegt, als auf den einzeln-persönlichen Ausdruck der Gesichtszüge. So scharf daher die einzelnen Stände und Völker durch äußere Kennzeichen und allgemeine (typische) Züge unterschieden werden, so zeigen dagegen die Köpfe eine ziemliche Gleichförmigkeit. Ich möchte dies dahin ausdrücken, daß die Bildner nur eine Anzahl von Hauptformen des Gesichtsausdrucks verwendeten, wobei die bezeichnenden Leitlinien scharf herausgearbeitet wurden, daß sie aber die feineren Abweichungen von der Hauptform, welche eben das Eigenpersönliche ausmachen, nicht berücksichtigen. Zu der unbedingten Naturtreue in letzterer Hinsicht
[* 3] ^[Abb.: Fig. 41. Grundriß des Palastes von Khorsabad.] ¶
fehlte eben hier der Zwang, welcher bei den Aegyptern vorlag, und so berücksichtigten die Künstler die mehr allgemeinen Züge. (S. als Beispiel [* 4] Fig. 44.)
In der Gestaltung der Gliedmaßen tritt richtige Beobachtung und Verständnis für den Körperbau zu Tage; insbesondere sind die Muskeln gut herausgearbeitet, auch die Bewegungen der Natur entsprechend dargestellt. Der nackte Körper wurde nicht nachgebildet - die Gestalten erscheinen bis auf Arme und Beine bekleidet - und so kann man nur, insoweit die Gewandung die Körperformen in Umrissen erkennen läßt, noch sagen, daß auch das Verständnis für das richtige Verhältnis der Teile zum Ganzen vorhanden war. Eine treffliche Auffassung zeigt sich bei den Tiergestalten, sowohl hinsichtlich der ganzen Erscheinung wie der Bewegung; so sind beispielsweise Löwen musterhaft wiedergegeben.
Mangel an Standbildern. Auffallend ist die große Seltenheit an freien Standbildern oder Rundbildern. Ich sehe die Erklärung dafür in dem Umstande, daß die Bildnerei hauptsächlich für Innenräume zu arbeiten hatte, wofür Flachbildwerke sich besser eigneten, daraus ergab sich natürlich auch, daß die Künstler keine Fertigkeit in Darstellung von Freifiguren erwerben konnten. Nur als Thorwächter scheinen solche häufiger verwendet worden zu sein, und zwar in der bekannten eigentümlichen Gestalt geflügelter Stierkörper mit Menschenköpfen.
Diese Gebilde - welche sonst als hocherhabene Flachbildwerke vorkommen, wobei oft der ganze Vorderkörper heraustritt - sind in mancherlei Hinsicht bezeichnend für die chaldäische Kunst. So ist beachtenswert, daß sie mit fünf Füßen versehen sind, damit der Beschauer sowohl von der Seite her wie von vorne stets auch vier Füße sehe und so die Naturtreue gewahrt bleibe. Die Verwendung von Flügeln, um über das Menschliche hinausragende Gestalten zu kennzeichnen, zeugt von Einbildungskraft.
Diese Beflügelung ist übrigens für die Semiten kennzeichnend, sie findet sich auch bei den Israeliten, von denen wir unsere Flügel-Engel übernommen haben. Jedenfalls erscheint sie ansprechender, als die ägyptische Art, Götter durch Aufsetzen von Tierköpfen auf Menschenleiber zu bezeichnen. Daß die chaldäische Kunst in dem Stierleib den vollsten Ausdruck der Kraft und Stärke fand, während die Aegypter den Löwenleib verwendeten, läßt sich einfach aus den Verhältnissen erklären: die Semiten in dem wohlbebauten Euphratlande hatten mehr Hochachtung vor dem nützlichen Haustiere als Furcht vor dem Wüstentier. Es kommen jedoch auch Zusammensetzungen aus Mensch, Stier und Löwe vor, wie [* 4] Fig. 42 zeigt, wobei den Stierleibern Löwenfüße gegeben wurden.
Fehlen der Perspektive. Die Gesetze des Räumlichsehens (Perspektive) und somit auch eine diesem entsprechende Darstellungsweise wurden auch von den Chaldäern nicht erfaßt, und so
[* 4] ^[Abb.: Fig. 42. Geflügelter Stier mit Menschenhaupt und Löwenfüßen.
Aus Khorsabad. London, Brit. Museum. (Nach Photographie von Mansell).] ¶
Berōsus,
Zeitgenosse Alexanders d. Gr., Priester des Bel zu Babylon, schrieb in griech. Sprache [* 6] drei Bücher babylonisch-chaldäischer Geschichten («Chaldaica»),
für die er das uralte Tempelarchiv von Babylon als Quelle [* 7] benutzt haben soll. Die Arbeit stand bei den griech. und röm. Historikern in großem Ansehen. Erhalten sind nur Bruchstücke bei Josephus, Eusebius, Syncellus u. a., die von großer Bedeutung sind, weil sie über die dunkelsten Teile der ältesten Geschichte Vorderasiens wichtige Aufschlüsse geben. Eine Sammlung der Fragmente findet sich in den «Fragmenta historicorum graecorum», hg. von C. Müller, Bd. 2 (Par. 1848). Die zu Rom [* 8] zuerst 1498 von Eucharius Silber in lat. Sprache bekannt gemachten und häufig wieder gedruckten «Antiquitatum libri quinque cum commentariis Joannis Annii» des Berosus sind ein Machwerk des Dominikaners Giovanni Nanni zu Viterbo.