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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Siebtes Buch
21. Die ganze Glaubenslehre über den Sohn kann man aus den vorgenannten Worten Christi entnehmen.
Der Vater wirkt also noch bis jetzt, und der Sohn wirkt. Du hast die Wesensnamen, wenn (es heißt, daß) der Vater und der Sohn wirkt. Erkenne (nun) auch das handelnde Wesen Gottes, wodurch Gott wirkt!1 Damit du aber nicht glaubest, zwei Wirkungsweisen voneinander verschiedener Wesen annehmen zu sollen, (deswegen) erinnere dich der Worte über den Blinden: „Damit Gottes Werke in ihm offenbar werden; ich muß dessen Werke tun, der mich gesandt hat.”2 Damit also, daß der Sohn handelt, ist es das Werk des Vaters; und [S. 357] das Werk des Sohnes ist Gottes Werk. Und von den Werken ist auch noch weiterhin die Rede.
Vorerst kam es der Antwort nur auf dieses an, jedes Werk auf beide zu beziehen; daß ferner das Wesen beider im Wirken nicht voneinander verschieden sei, da in dem noch dauernden Wirken des Vaters zugleich auch der Sohn wirkt; damit man nicht glaube, der Herr des Sabbates ― denn der Menschensohn ist Herr des Sabbates3 ― wirke in frevelhafter Weise am Sabbat, er, dessen Werk wegen des wesensmäßigen Zusammenhanges der Geburt die hoheitsvolle Billigung des väterlichen Werkes in ihm ist. Das Wesen wird also nicht verwischt oder aufgehoben, um (ihm) die Sohnschaft zu nehmen; anderseits wird auch nicht das Wesen genommen, um seine Göttlichkeit zu zerstören. Sie werden auch nicht durch Verschiedenheit getrennt, um ihr Einssein zu verhindern; und anderseits hindert die Tatsache ihres Einsseins es nicht, daß jeder von ihnen selbständiges Dasein hat.
Zunächst erkenne den Sohn, wenn es heißt: „Der Sohn vermag nicht von sich aus etwas zu tun, es sei denn, daß er es den Vater habe tun sehen!”4 Da hast du die Geburt des Sohnes, der5 von sich aus nichts tun kann, wenn er es nicht sieht. Damit aber, daß er von sich aus nichts tun kann, zerstört er den Irrtum seines Ungeboren-seins; denn von sich aus kann eine Geburt sich nicht vollziehen; daß er aber sieht, das bezeichnet klar die Erkenntnis, daß er sich seines Wesens bewußt ist.
Jetzt erkenne in ihm auch sein wahres göttliches Wesen: „Denn alles, was jener tut, dasselbe tut in gleicher Weise auch der Sohn.”6 Nach dem Hinweis auf die Macht des Wesens7 erkenne eben dadurch die Einheit des voneinander nicht verschiedenen Wesens: „damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren, der ihn gesandt [S. 358] hat!”8 Damit aber nicht die Einheit des Wesens dich in der Meinung befangen mache, es gebe nur das Eins-sein eines einzelnen, so erfahre hiermit das Geheimnis des Glaubens: „Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch nicht den Vater, der ihn gesandt hat!”9
Alles ist (einheitlich) zusammengeschlossen gegen den Geist irrlehrerischen Wahnes. Sohn ist er, weil er von sich aus nichts vermag; Gott ist er, weil er alles ebenso tut, wie es der Vater tut; eines sind sie, weil er ihm gleichgestellt wird an Ehre und weil er dasselbe, nicht etwas anderes, tut; Vater ist er nicht, weil er gesandt ist. Die einzige Geburt schließt also dies an Geheimnis in sich: daß sie den Namen und das Wesen und die Macht und das Bekenntnis in sich begreift, weil keine einzige Geburt anderen Wesens sein kann (als jenes), von wem es geboren wird. Sie bringt nicht einen Seinsvorrat äußerlich bleibender Wesensart bei, weil aus dem einen nicht etwas Fremdartiges Dasein gewinnt. Was aber sich selbst nicht fremd ist, das ist hinsichtlich der Wesensart nur eines; und was immer eines ist auf Grund einer Geburt, das hat keine (zahlmäßige) Einzigkeit; denn die Einzigkeit ist vereinzelt, die Einheit der Geburt wird aber auf zwei bezogen.
1: das ist: den Sohn.
2: Joh. 9, 3 f.
3: Luk. 6, 5.
4: Joh. 5, 19.
5: eigentlich: die.
6: Joh. 5, 19.
7: die dem Sohn mit dem Vater gemeinsam ist.
8: Joh. 5, 23.
9: Joh. 5, 23.