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Es ist mal wieder soweit: In Stockholm und Oslo werden die Nobelpreise verteilt. Sie gehören zu den begehrtesten Auszeichnungen der Welt – und die Frage, wer einen bekommt (und wer nicht), sorgt seit je für Diskussionen. Brisante Affairen, umstrittene Entscheidungen lautet der Untertitel von Heinrich Zankls Buch Nobelpreise.
Warum bekam Fritz Haber 1918 den Chemiepreis, kurz nachdem im Krieg Tausende von Soldaten an dem Giftgas draufgegangen waren, das er entwickelt hatte? Wieso heimste Otto Hahn den Chemiepreis 1944 ganz alleine ein, ohne seine Mitstreiterin Lise Meitner? Robert Andrews Millikan (Physikpreis 1923) hatte, so stellte sich viel später heraus, Versuchsergebnisse manipuliert, damit sie zu seiner Theorie passten. Als Konrad Lorenz 1973 mit dem Medizinpreis geehrt wurde, kamen einige unschöne Tatsachen aus seiner Vergangenheit im Dritten Reich ans Licht. Auch Knut Hamsun (Literaturpreis 1920) machte sich durch seine Sympathien für die Nazis unmöglich. Die Verleihung des Literaturpreises an Winston Churchill (1953) erregte Aufsehen. Wollte man die „lebende Legende“ Churchill unbedingt irgendwie auszeichnen und wich notgedrungen auf die Literatur (nämlich seine Bücher über den Zweiten Weltkrieg und seine Reden) aus, weil er für den Friedenspreis seiner Einstellung wegen kaum in Frage kam? Überhaupt ist der Friedenspreis, der naturgemäss immer einen politischen und moralischen Unterton hat, zweifellos am umstrittensten. Warum beispielsweise erhielt der brutale Machtpolitiker Theodore Roosevelt den Preis (1906), Mahatma Gandhi, der gewaltlos das britische Empire in die Knie zwang, hingegen nie? Zu den ewigen Beinahe-Preisträgern gehörte auch der amerikanische Chemiker Gilbert Newton Lewis, der bis zu seinem Tod 1946 nicht weniger als zweiundvierzigmal in die engere Auswahl kam und doch scheiterte.
Es „menschelt“ in den verschiedenen Preis-Komitees. Vorurteile, Missgunst und persönliche Eitelkeit sind auch Nobelpreis-Verleihern nicht fremd. Die Ausgezeichneten haben ebenfalls ihre Schwächen. Allerdings muss man zugeben, dass zumindest die wissenschaftlichen Nobelpreise in erster Linie als fachliche Ehrungen und nicht unbedingt als Gütesiegel für den persönlichen Charakter der Preisträger gedacht sind.