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Verantwortung: Matthieu Gillabert / Luc van Dongen
Referentinnen: Robert Heinze / Scott Krause / Simo Mikkonen / Stéphanie Roulin / Raphaëlle Ruppen Coutaz
Vier Leitfragen sollten die Klammer des Panels bilden: 1. Kann mittels der Rolle der internationalen Radiostationen eine Chronologie des Kalten Krieges herausgearbeitet werden oder bieten nur unterschiedliche Periodisierungen anhand der spezifischen Entwicklungen der Radios einen dem Thema gerechten, temporalen Rahmen? 2. Welche Methoden sind auf diesem Gebiet anwendbar, welches sind die relevanten Archive und wie sieht ihr Bestand aus? 3. Inwiefern waren die internationalen Radios durch die globale psychologische Kriegführung geprägt und welche Rolle spielten sie darin? 4. Welchen Einfluss hatten die politischen und kulturellen Vorgaben auf die Mitarbeitenden des editorial staff und gab es typische Mitarbeiterprofile?
RAPHAËLLE RUPPEN COUTAZ‘ Präsentation „Le Service suisse des ondes courtes dans le concert des radios internationales à l'épreuve de la Guerre froide: la Conférence d'Atlantic City (1947)“ führte aus, wie das Schweizer Radio International (sri) seine Position nach dem Zweiten Weltkrieg neu definierte.
Trotz Einstellung der Kriegshandlungen ging der Propagandakrieg während des Kalten Krieges weiter. An der Internationalen Radiokonferenz in Atlantic City vom 15.5.-2.10.1947 war der Leiter des sri, Paul Bosinger, als technischer Berater anwesend. Dabei vertrat er das Credo, dass nicht prioritär nationale Interessen durch die verschiedenen internationalen Radiostationen vertreten werden sollten, sondern dass über den Ideenaustausch die Völkerverbindung und der Weltfrieden gestärkt werden müssten. Während das sri kein Sprachrohr der schweizerischen Regierung sein wollte, vertrat es dennoch häufig deren Positionen im Ausland. Dabei nutzte das sri seine hohe Glaubwürdigkeit, um der Welt eine ‚schweizerische Sicht‘ der Dinge darzulegen, indem es die postulierten schweizerischen Charakteristika wie Neutralität und die Humanitäre Tradition betonte. Dadurch erzielte das sri eine grössere politische Resonanz als die internationale Bedeutung der Schweiz vermuten lassen würde.
ROBERT HEINZE zeigte in seinem Vortrag „Broadcasting the 'Hot Cold War': Southern African liberation movements and their propaganda radios“ die Bedeutung des Radios in den Unabhängigkeitsbestrebungen im Südlichen Afrika auf. Dabei ging er nicht nur auf die unterschiedlichen Positionen der Stationen ein, sondern zeigte auch den Einfluss der technologischen Entwicklung wie auch der Bedeutung der ausgestrahlten Musik auf.
Während das 1965 gegründete staatliche Radio Südafrikas (RSA) die Position vertrat, die wahre Konfliktlinie verlaufe nicht zwischen einer weissen Minderheit(sregierung) und der schwarzen Mehrheitsbevölkerung, sondern zwischen dem freien Westen und den kommunistischen Kräften, hatte Radio Moscow im Unabhängigkeitskampf relativ wenig Einfluss. Grossen Zuspruch hingegen hatten die kontinentalen Radiostationen, welche nicht nur wegen ihres nationalistischen und antikolonialistischen Programms, sondern auch wegen der Betonung des panafrikanischen, humanistischen Gedankenguts und der Verfolgung der internationalen diplomatischen Entwicklungen gehört wurden. Den verschiedenen (ausser-)afrikanischen Staaten boten die Unterstützung der Radioinfrastruktur und die Ausbildung der Radiojournalisten eine Möglichkeit, sich im kolonialen Ablösungsprozess zu positionieren, ohne direkt in den Konflikt einzugreifen. Die Sender nutzten allerdings Änderungen in der Rhetorik, um den Osten und Westen gegeneinander auszuspielen und die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Die Rezeption der Zuhörerschaft war nicht unkritisch und die verschiedenen Informationsangebote wurden häufig ergänzend genutzt, um ein ausgewogeneres Bild der Lage zu erhalten. Oft war das Radiohören der erste Schritt in ein aktives Engagement. Die identitätsstiftende Rolle der Radiosender durch die ausgestrahlte Musik sollte nicht unterschätzt werden, was jedoch aufgrund der lückenhaften Archivbestände schwierig systematisch zu untersuchen sei.
SCOTT KRAUSE zeichnete in „Linking the ‘Outpost’ with ‘Freedom’. RIAS Journalists’ Work in Transforming West Berlin’s Political Culture, 1945-1963“ nach, wie der Radiofunk im amerikanischen Sektor (RIAS) zum beliebtesten Sender Berlins aufstieg und zur Einbettung Deutschlands in den politischen Westen beitrug.
1946 wurde RIAS gegründet, um deutsche Journalisten unter amerikanischer Aufsicht auszubilden und zur Demokratisierung beizutragen. Dabei wurde eine amerikanische Lässigkeit zelebriert, indem sich der Sender informell, jung und frisch präsentierte. Innert kurzer Zeit gelang es ihm, als Vertreter der Interessen sowohl der Amerikaner als auch der Berliner Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Dabei trug er wesentlich zum cultural bonding bei und etablierte das Topoi der ‚Freiheit‘ neu. Neben der Einbindung prominenter PolitikerInnen und Kulturschaffenden schaffte RIAS nicht nur ein attraktives Rollenbild Amerikas als Wächter des besten Interesses, welches u.a. durch den verlustreichen und umstrittenen Koreaeinsatz in Frage gestellt war, sondern auch für die Einwohner Berlins als Kämpfende für die Demokratie, welches ihnen eine neue weltpolitische Relevanz und ein Zurücklassen des Nazi-Erbes ermöglichte. Dass im Zuge der red scare McCarthy die amerikanischen Verantwortlichen von RIAS nur fünf Tage nach den Aufständen in der DDR vom 16.6.1953 vorladen wollte, gehört zu den ironischen Fussnoten der Geschichte.
Die Bemühungen der UdSSR, mittels Propagandasendungen einen aussenpolitischen Einfluss auszuüben, standen im Fokus von SIMO MIKKONENs Vortrag „Global network - local challenges: Radio Moscow's adaptation strategies“.
Radio Moscow wurde 1928 gegründet und war das erste Propagandaradio, das praktisch überall empfangen werden konnte. Zu den frühen Strategien gehörte es, die Sendungen in den lokalen Sprachen auszustrahlen, ausser wenn sie explizit an ausgewanderte Russen oder an stationierte Truppen gerichtet waren. Die Ziele waren die Propagierung der sowjetischen politischen, technischen und kulturellen Leistungsfähigkeit und die Korrektur westlich-kapitalistischer Unwahrheiten. Spezifisch wurden in den Entwicklungsländern die Vorteile des Kommunismus gepriesen, während in den Kolonien des Westens die Hauptbotschaft die Unterstützung der Freiheitskämpfer war. In den sozialistischen Ländern wurden die Freundschaft unter den sozialistischen Völkern und die Errungenschaften betont. Unter Stalin war der Sender stark instrumentalisiert und technisch aufgerüstet worden. Mangelnder Erfolg führte 1957 dazu, dass Radio Moskau mehr Freiraum erhielt und der Sender in seinen Gefässen experimentierte. Anbetrachts der ausländischen Konkurrenz versuchten die sowjetischen Autoritäten nicht länger, ihren Angestellten den Konsum der ausländischen Nachrichtensendungen zu verbieten, sondern ermunterten sie, diese als Lernmaterial zu nutzen, da sie einsahen, dass sich die westlichen Produktionen schneller an die lokalen Begebenheiten anpassen konnten. Auch betreffend die Programmformate nahmen sie Anpassungen vor, als sie erkannten, dass mehr Interaktivität die Sendungen humaner und weniger langweilig machten. Im Laufe der 1960er Jahre stieg der Einfluss des KGB und Radio Moscow verlor wieder an Dynamik, ein Zustand der bis in die 1980er Jahre weitgehend stabil blieb.
STÉPHANIE ROULIN präsentierte erste Funde ihres Aufenthalten am Open Archives Projekt in Budapest. „The listener behind the iron curtain. The development of audience survey and expert’ reports by Radio Liberty in the 1960’“ verfolgte, wie die zuständigen Stellen versuchten, den Erfolg und die Reichweite von Radio Liberty (RL) zu messen.
RL war 1956 offiziell von Privaten gegründet worden, um den Bewohnerinnen und Bewohnern des Ostblocks pluralistische und objektive Informationen zukommen zu lassen (allerdings wurde 1967 bekannt, dass die Central Intelligence Agency (CIA) RL wesentlich finanzierte). Um herauszufinden, welche Sendungen und Sendezeiten populär waren und um den schlechten Ruf als propagandistisches white emigré radio zu ändern, wurde Max Ralis beauftragt, den Einfluss von RL auf die sowjetische Bevölkerung zu untersuchen. Dies war methodisch jedoch schwierig, da der Befragung der europareisenden Sowjets kein repräsentatives Sample zugrunde lag und unklar war, ob die Befragten wahrheitsgemäss antworteten oder sowjetische Agenten waren. Die Untersuchungen waren denn auch stark umstritten; die Erkenntnisse blieben eher anketotisch und wurden als propagandistisch empfunden. Während Ralis die CIA von seiner Untersuchung überzeugen konnte, kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Ralis und den enttäuschten Mitarbeitenden von RL, welche gehofft hatten, mittels der Resultate ihre Zuhörerschaft besser zu erreichen.
In der abschliessenden Diskussion wurde deutlich, dass eine einheitliche Periodisierung nur unter Vorbehalten möglich ist. Während der Kalte Krieg für die UdSSR bereits in den 1920er Jahren begonnen hatte, wurde im Westen dessen Anfang auf die Nachkriegszeit angesetzt. Jedoch waren sich die Referierenden darin einig, dass die Verschiebung der Aufmerksamkeit von Europa gegen Süden während der 1960er Jahren eine gemeinsame Zäsur bildet. Ebenfalls Übereinstimmung herrschte darin, dass nicht nur die politische, sondern auch die technische Entwicklung prägend war. Zudem wurde über das vorhandene Quellenmaterial und dessen Qualität diskutiert und inwiefern die Analyse der Sendungen mittels Transkriptionen Einschränkungen unterliege. Gerade der Bedeutung der Musik sei so nur in Teilaspekten und auf Umwegen auf die Schliche zu kommen.
Raphaëlle Ruppen Coutaz: Le Service suisse des ondes courtes dans le concert des radios internationales à l'épreuve de la Guerre froide: la Conférence d'Atlantic City (1947)
Robert Heinze: Broadcasting the "Hot Cold War": Southern African liberation movements and their propaganda radios
Scott Krause: Linking the ‘Outpost’ with ‘Freedom’. RIAS Journalists’ Work in Transforming West Berlin’s Political Culture, 1945-1963
Stéphanie Roulin: The listener behind the iron curtain. The development of audience survey and expert’ reports by Radio Liberty in the 1960’
Simo Mikkonen: Global network - local challenges: Radio Moscow's adaptation strategies