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Sara war mit ihren Eltern und Geschwistern auf dem Weg in eine neue Heimat. Das mächtige Schiff des Königs würde sie und viele andere Familien in diese neue Welt bringen und sie würden dort in ein neues Leben beginnen.
Der Pfarrer auf dem Schiff hatte veranlasst, dass zu Weihnachten alle auf dem Schiff zusammen kommen würden. Er sprach lange, doch Sara verstand nicht, wovon die Rede war. Es war auch nicht wichtig. Sie und ihre Geschwister hatten nur noch Augen für das reichlich gedeckte Festtagsmahl. Selten hatten sie so gut gegessen und mit gefüllten Mägen gingen sie zu Bett.
Das Geschrei der Matrosen riss Sara aus einem traumlosen Schlaf. Die Nacht war zum Tag geworden und es roch nach verbranntem Holz. Sara erinnerte sich, wie ihre Mutter schrie und Sara und ihre Geschwister an Deck zerrte. Beim Versuch, in eines der kleinen Boote zu klettern verlor Sara das Gleichgewicht. Und danach war nur noch Kälte und Dunkelheit.
Sara erwachte in einer Höhle. Sie lag in einem Berg aus Fellen und es drangen fröhliche Stimmen von Kindern an ihr Ohr. Mit einiger Mühe befreite sie sich von den Fellen und richtete sich auf.
„Du musst hungrig sein, iss.“
Ohne darüber nachzudenken ass Sara die heisse Suppe, welche die grosse Frau ihr gabe.
„Wer bist du?“ fragte Sara, als die grosse Frau ihr die Schüssel aus der Hand nahm.
„Ich bin die Olga. Und wer bist du?“
„Ich heisse Sara. Wo bin ich?“
„Du bist im Norden“, antwortete Olga.
„Und wo sind meine Geschwister und meine Eltern?“ wollte Sara wissen.
Die grosse Olga schwieg, während sie sich über den grossen Topf auf dem Feuer beugte. Sie drückte Sara eine weitere Schüssel mit dampfender Suppe in die Hand und setzte sich stöhnend neben das Kind:
„Wir haben dich im Meer gefunden, in den Trümmern eines Schiffes. Du warst alleine.“
Unbeholfen erhob sich Olga und verliess die Höhle.
In den kommenden Tagen schlief Sara viel und ass, wenn Olga ihr eine Schüssel brachte. Eines Morgens verliess Sara die Höhle, welche eigentlich ein Haus war. Sofort drückte Olga ihr einen Eimer in die Hand. Sara folgte den anderen Kindern mit den Eimern zum Brunnen. Und von da an lebte Sara in der Erdhöhle im Norden.
Es gab jeden Tag viel zu tun und niemand fand die Zeit, Saras Fragen zu beantworten. Als die Tage wieder kürzer wurden, verlagerte sich die Arbeit von den Feldern in die Höhlen und erst als die Sonne nicht mehr über den Horizont steigen wollte, kehrte Ruhe ein.
Bis dahin hatte Sara nur erfahren, dass sie auf einer Insel war, welche nur Zugang zum Festland hatte, wenn der Fjord über mehrere Wochen zugefroren war. Ausser Sara wurde niemand im Meer gefunden. Ihre Familie sei bei dem Schiffsbrand wohl umgekommen. Sara blieb nichts übrig, als bei der grossen Olga zu bleiben. Was hätte sie auch sonst tun wollen? Das alte Leben hatte die Familie aufgegeben, in der neuen Welt waren sie nicht angekommen und die einzige Brücke zwischen diesen Welten war flammend im Meer versunken. Sara lebte in einer Zwischenwelt, geschützt vor den bösen Erinnerungen an die Vergangenheit und sicher vor den Herausforderungen der Zukunft und sie hatte kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern.
Seit fast zwei Wochen war die Sonne nun nicht mehr über den Horizont gestiegen, als Sara das hektische Treiben im Dorf bemerkte.
„Was ist los, Olga?“ wollte Sara wissen.
„Heute ist heilig Abend mein Kind. Es gibt viel zu tun.“
Olga fand wie üblich nicht die Zeit, Saras Fragen zu beantworten.
Gegen Abend, als jegliches Tageslicht verloschen war, gebot Olga Sara sich die warmen Felle überzuwerfen. Die Menschen des Dorfes machten sich mit Fackeln und Kerzen auf den Weg zur grossen Klippe. Die Lichter waren weit zu sehen.
Auf der höchsten Klippe, welche ostwärts blickte, hatten die jungen Männer eine grosse Tanne aufgestellt. Zum Fusse der Tanne wurden mehrere Feuer entzündet. Sara spähte in die Dunkelheit auf der Suche nach der reichlich gedeckten Festtagstafel. Doch das einzig essbare waren die Äpfel, welche die Kinder in die grosse Tanne gehängt hatten.
Und dann wurden die Menschen auf der Klippe ganz still. Man hörte die Brandung und den Wind und ein eigenartiges Knistern.
Jemand hatte den Baum entzündet.
Der Wind verbreitete den Geruch von Harz, Äpfeln und Zimt und ein Wimpernschlag später brannte die riesige Tanne lichterloh. Sie spie Funken in alle Richtungen. Die Funken tanzten in die Höhe, vereinten sich mit andern um sich gleich wieder zu verabschieden.
Und aus den Funken entstanden Bilder. Sara sah das mächtige Schiff, ihre Familie, ihre alte Heimat. Da spürte Sara einen so unglaublich starken Schmerz in ihrer Brust, dass sie schreien davon rannte. Sie rannte in die dunkle Nacht hinaus auf der Flucht vor den Bildern aus ihrer Vergangenheit. Doch der Schein des Feuers reichte nicht aus, um den Weg zurück ins Dorf zu beleuchten. Sara stürzte und blieb weinend am Boden liegen.
Sara erwachte in einer Höhle. Sie lag in einem Berg aus Fellen und es drangen fröhliche Stimmen von Kindern an ihr Ohr. Mit einiger Mühe befreite sie sich von den Fellen und richtete sich auf. Sara lebte immer noch in der Erdhöhle im Norden.
Mit der Sonne erwachte das Dorf zu neuem Leben und alle gingen geschäftig ihren Aufgaben nach. Doch Sara zog sich oft in die Höhle zurück. Seit dem heilig Abend auf der Klippe war der unbeschreibliche Schmerz in ihrer Brust geblieben.
Die Jahreszeiten kamen und gingen, doch der Schmerz blieb. Und als die Sonne nicht mehr über den Horizont stieg, wurde es besonders schlimm. Sara konnte nicht mehr aufstehen.
„Es ist heilig Abend, Sara. Wirf die warmen Felle über. Wir gehen alle zur Klippe“, ertönte die Stimme der grossen Olga durch die Höhle.
„Ich kann nicht. Die Schmerzen sind zu stark“, wimmerte Sara.
„Genau darum musst du zum Feuer“, brummte die grosse Olga und nahm die kleine Sara kurzerhand auf ihren Rücken.
Olga trug das Kind den steilen Weg hinauf zur Klippe. Wie schon ein Jahr zuvor hatten die jungen Männer eine grosse Tanne auf die Klippe gebracht. Wie im Jahr zuvor wurden Feuer entfacht und alsbald brannte die grosse Tanne lichterloh. Und wie zuvor tanzten die Funken durch die Nacht und erzählten Geschichten, für jeden Menschen eine andere.
Saras Brust fühlte sich an, als würde etwas ganz tief drin zerbrechen. Sie wollte wegrennen, doch Olga hielt sie fest im Arm. Sara schluchzte und weinte bis die Tanne schon fast niedergebrannt war.
Und da erstrahlte das Licht. Ein Licht so unsagbar warm, dass Saras Tränen sofort trockneten. Der Schmerz in ihrer Brust wich als die Sonne über den Horizont stieg und die Welt in wunderschöne Farben hüllte.
Olga sprach: „Die Sonne hat sich für einen Neubeginn entschieden und ist wieder auf die Welt zurück gekehrt. Tu es ihr gleich, Sara.“
Sara schloss die Augen. Sie sah noch die Bilder des Feuers, die Bilder aus vergangenen Tagen, doch der Schmerz war nicht mehr da und als die Sonne höher stieg, verblassten auch die Bilder.
„Ich werde mit dem fahrenden Volk aufs Festland gehen“, flüsterte Sara der Sonne zu.
Schon eine Woche später waren Glöckchen zu hören. Ein grosser Schlitten mit Renntier Gespann hielt im Dorf. Ein rauer, bärtiger Mann mit langem Mantel stieg ab und verteilte seine Handelsware. Er hatte alles dabei, was die Menschen hier draussen in dieser Jahreszeit brauchten. Und nachdem er seine Geschenke verteilt hatte, war im Schlitten genug Platz, um Sara mitzunehmen.
So fuhr Sara im grossen Schlitten mit Renntier Gespann aus dem Dorf. Die Renntiere wirbelten den Schnee auf und der Wind streichelte Saras Gesicht. Sie fühlte sich, als würde sie fliegen. Sie flog einer neuen Welt entgegen. Und wo auch immer das Leben sie hintragen würde, von nun an würde sie immer am kürzesten Tag des Jahres eine Tanne aufstellen und mit dem Feuer der Tanne dem Licht des Neubeginns den Weg weisen.