Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/765

Die Facebook-Moralapostel mit ihren bunt hinterlegten Sinnsprüchen verkünden momentan ja gerne solche Sätze wie „Kein Mensch hat keine Zeit – nur falsche Prioritäten“, irgendwie noch verwurstet mit der Aussage, wer nicht pausenlos mit seinen Freunden abhänge, sei ein mieser Kerl, der kein Interesse an seinen Mitmenschen habe.
Nun, ich kann nicht beurteilen, wie das bei anderen Menschen läuft, aber wenn ich mein Leben so betrachte, sehe ich das ein wenig anders. Dreimal raten, was mir lieber wäre: Mit einem netten Menschen einen Kaffee trinken, oder zum hundertsten Mal die Klobürste mit Backpulver und Essig sauber machen, weil das sonst eine äusserst unappetitliche Sauerei gibt? Mit meiner Familie friedlich zu Mittag essen, oder zwischen zwölf und eins fünfmal das Telefon zu ignorieren versuchen, was aber irgendwann auch nichts mehr bringt, weil gewisse Leute äusserst hartnäckig sind, wenn sie eines meiner Familienmitglieder sprechen wollen? Eine liebe Person, die gerade eine schwere Zeit durchmacht, anrufen, oder diese elenden Formulare ausfüllen, die mir die Versicherungsgesellschaft zum sofortigen Ausfüllen ins Haus flattern lässt, weil meine mündliche Auskunft offenbar nicht reicht? Ganz spontan zum Open House einladen, oder die Familie von einem nicht verschiebbaren Pflichttermin zum nächsten zu hetzen? Mit einer Horde lieber Menschen an einem schönen Ort vier Wochen Ferien machen, oder dafür sorgen, dass Ende Monat Geld auf dem Konto ist?
Falsche Prioritäten? Manchmal vielleicht schon. Sehr oft aber auch einfach ein modernes Leben mit unzähligen kleineren und grösseren Verpflichtungen, die sich zwischen uns und unsere Mitmenschen drängen.