Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03155.jsonl.gz/709

Interview mit Gerd Ganteför
Das Thema vom Wirtschaftsforum Thurgau 2020 lautet «Verantwortungsvolles Handeln nach 2020» – wie sieht dieses verantwortungsvolle Handeln aus Ihrer persönlichen Sicht aus?
Die Corona-Krise hat eine weitere Schwäche der westlichen Demokratien offenbart. Während manche westliche Nationen fast hilflos von der Pandemie überwältigt wurden, schafften es asiatische Länder wie China und Südkorea in verblüffend kurzer Zeit, die Fallzahlen nahezu auf Null zurückzudrängen. Die Coronakrise ist nur eine weitere von vielen Krisen Europas. Im Vergleich zu den aufstrebenden Ländern Asiens mutet es fast wie ein historischer Niedergang an. Verantwortliches Handeln bedeutet, sich der Systemschwäche Europas und auch des eigenen Landes bewusst zu sein und diese Schwächen zu bekämpfen, um nicht im globalen Wettbewerb in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Zwei Faktoren halte ich dabei für essentiell: Bildung und Werte. Unter Bildung verstehe ich vor allem tiefes Wissen in den Naturwissenschaften und der Mathematik und die Fähigkeit zu logischem Denken und eigenverantwortlichem Handeln. Eine Bevölkerung, die ein hohes Bildungsniveau im naturwissenschaftlichen Fächern, in Mathematik und im logischen Denken erreicht hat, ist weniger anfällig für Populismus und Verschwörungstheorien. Und hat die Einsicht und Disziplin, gemeinsam eine Pandemie einzudämmen. Ähnliches gilt für die Klimaproblematik. Es ist ein Zeichen der Unfähigkeit und Orientierungslosigkeit, wenn eine Gesellschaft in einer so wichtigen Problematik einer Bewegung von Schulkindern folgt.
Der zweite Aspekt betrifft Werte. Ich war überrascht, dass einige Ökonomen und Politiker in der Coronakrise Menschenleben gegen Wirtschaftswachstum aufgerechneten. Diese unsägliche Debatte um den Wert alter Menschen offenbart eine tiefgreifende Krise der westlichen Gesellschaften: den Mangel an Werten und positiven Visionen.
2020 war bisher ein turbulentes Jahr – was ist, Stand heute, ihr grösstes Learning aus der Corona-Zeit?
Es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Warnungen vor Pandemien. Ich war mir damals sicher, dass die westlichen Länder eine Pandemie problemlos abwehren würden – auf der Basis von Vernunft, Disziplin und einem hohen Bildungsstand. Mein grösstes Learning ist, dass viele westliche Nationen das nicht geschafft haben. Ich sehe ein tiefgreifendes Systemproblem. In der Vergangenheit gab es immer eine gemeinsame Weltanschauung, die eine Nation definierte. Das konnte eine politische Ideologie oder eine Religion sein. Heute werden Ideologien und Weltanschauungen mit Misstrauen betrachtet. Das vielleicht berechtigt. Aber dadurch entsteht ein Vakuum. Europa hat keine Vision, die die Menschen begeistern kann. Hat die Schweiz eine Vision? Werden wir jemals die Sterne erreichen oder fahren wir Jahrtausende lang Fahrrad, um das Klima zu schützen?
Wie schätzen Sie, wird sich die Krise auf das Weltklima auswirken?
Die CO2-Emissionen der Industrieländer werden für einige Monate um 20 oder 30% zurückgehen. Selbst wenn das ein oder zwei Jahre andauern sollte, wird diese Einsparung in kurzer Zeit vom Anwachsen der Emissionen in den Schwellenländern aufgeholt werden. Die globalen Emissionen hängen entscheidend am Bevölkerungswachstum. Mehr Menschen brauchen mehr Energie und mehr Land. Die Landwirtschaft und der Landverbrauch allein tragen inzwischen zu fast einem Drittel zur Klimaerwärmung bei. Selbst wenn die Emissionen der USA und Europas dauerhaft auf Null fielen, würde dies die Erwärmung nur um ein oder zwei Jahre verzögern.
Die Coronakrise wird die westlichen Länder lehren, dass die teuren Bemühungen um die Reduktion der eigenen Treibhausgasemissionen für die Lösung des globalen Problems nichts bringen. Eine wirkliche Lösung erfordert ein globales und ganzheitliches Denken. An einer anderen Stelle hat dieser Lernprozess bereits begonnen: Die Schadstoffbelastung ist in einigen deutschen Städten nicht wie erwartet zurückgegangen, obwohl in der Krise sehr viel weniger Fahrzeuge unterwegs waren. Das zeigt, dass solche Probleme nur mit echter Naturwissenschaft und einem wirklichen Verständnis der Zusammenhänge gelöst werden können – nicht aber mit einer ideologisch motivierten generellen Ablehnung der Industriegesellschaft.