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Im Video erzählt eine junge Frau über ihre Erfahrungen als Eizellenspenderin. Laura Perler hat Lidia in der mexikanischen Millionenstadt Puebla getroffen und von ihr ein Video aufgenommen. Die alleinerziehende Mutter ist 24 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder und hat bereits zwei Mal Eizellen gespendet. Das erste Mal drei Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Für jede Eizellenspende erhält sie rund 800 Franken. «Damit wollte ich mir einen Traum erfüllen und einen kleinen Laden eröffnen», sagt sie im Video. «Doch dafür reichte es noch nicht, da ich zuerst Schulden abzahlen musste.»
Lidia darf noch acht Mal Eizellen spenden, denn in den meisten Kliniken darf höchstens zehnmal gespendet werden. «Da sich die Eizellenspende jedoch in einer gesetzlichen Grauzone befindet und kein nationales Register geführt wird, ist Kontrolle kaum möglich», erklärt Laura Perler.
Mit Vollnarkose
Für die Eizellenspende muss Lidia zwei Wochen lang jeden Tag ein hoch dosiertes Hormon schlucken. Dieses regt die Eizellenproduktion an, sodass 10 bis 30 Eizellen reifen. In der Fruchtbarkeitsklinik werden ihr unter Vollnarkose die Eizellen entnommen. Diese werden via In-vitro-Fertilisation mit Sperma befruchtet und der Wunschmutter transferiert. Laura Perler war bei einer Eizellenentnahme mit dabei und sagt dazu: «Die Eizellenspende stellt andere Herausforderungen an unser Verständnis von Elternschaft, ist doch in der Eizelle das Erbgut enthalten.»
Wunscheltern zahlen für Spende und Einpflanzung in Mexiko rund 6000 Franken. Nach Mexiko City, Cancún und den Grenzregionen zu den USA kommen viele Paare, alleinstehende Frauen oder auch Homosexuelle aus den USA und Europa. In Puebla ist der Markt eher national. «Klar ist aber, dass die Wunscheltern meist aus einer höheren sozialen Schicht kommen als die Eizellenspenderinnen», fährt Laura Perler fort. Wunscheltern, Eizellenspenderinnen und Leihmütter kennen einander nicht.
Schwierige Situationen
Lidia ist eine der drei Eizellenspenderinnen, mit welchen Laura Perler in Puebla biografisch gearbeitet hat. Alle drei teilen ein ähnliches Schicksal. Die jungen Frauen erlebten Missbrauchssituationen hatten wenig Entscheidungsfreiheit in Familie und Partnerschaft und hatten ungewollte Schwangerschaften. «Es waren aber auch alles starke Frauen, welche ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben», betont Laura Perler.
So auch Lidia. Mit 13 Jahren ging sie von Zuhause weg, arbeitete in diversen prekären Jobs und wurde mit 21 Jahren ungewollt schwanger. Lidia wollte ihr Kind nach der Geburt wegen ihrer finanziell schwierigen Situation weggeben. Perler: «Im Gegensatz zum ‹Recht auf ein eigenes Kind›, das die Fruchtbarkeitskliniken propagieren, setzt sich bei Lidia niemand für ihr ‹Recht auf Familie› ein». Diese Realität zeige, so Perler, dass reproduktive Rechte vor allem einer globalen finanzkräftigen Elite zustehen, während sich die ärmere Bevölkerung bitte nicht mehr fortpflanzen soll.
Die angehende Ethnologin (siehe Kasten) hat nicht nur die Biografien der Frauen untersucht, sondern sich auch über die Fruchtbarkeitskliniken ein Bild gemacht. In Mexiko werben die Fruchtbarkeitskliniken mit lachenden glücklichen Familien. «Dieses Bild steht im krassen Gegensatz zu den Familiengeschichten, von denen mir die Eizellenspenderinnen berichteten», räumt Laura ein. Die jungen Frauen werden durch die Kliniken von Kopf bis Fuss unter die Lupe genommen. Alter, Schönheit, Gesundheit, «Rasse», Klasse und Bildung sind auschlaggebende Kriterien. «Weisshäutige Eizellenspenderinnen erhalten auch mehr Geld als dunkelhäutige.» Die meisten Spenderinnen sind Studentinnen und alleinerziehende Mütter. Sie erhalten bis zu 1500 Franken pro Eizellenspende. Dabei wird ein ganz bestimmtes Schönheitsideal reproduziert. Frauen mit europäischen Zügen sind die Bevorzugten. Frauen als Handelsware?
Risiken und Fragen
Und wie steht es mit den Risiken? Langzeitrisiken seien wenig erforscht, bemerkt Laura. «Es fragt sich allerdings, wie sich die hormonelle Stimulation auf die Fruchtbarkeit, das Einsetzen der Menopause auswirkt oder auch den Krebs fördert.» Mit Fragen im Kontext der Reproduktion beschäftigt sich die Ethnologin in ihrem Studium seit längerer Zeit. Und wie steht sie persönlich dazu? «Die Biografien der Frauen haben mir die Augen geöffnet für die Ungleichheiten, die mit so einem Markt entstehen.» Von der Emanzipation her gesehen seien Eizellenspende und Leihmutterschaft allerdings ein legitimes Anliegen. «Frauen bestimmen heute ihr Leben selber und werden auch später oder alleinerziehend zu Müttern. Auch Homosexuelle haben ein Anrecht auf Familie.»
Die Reproduktionsmedi- zin verspreche diesbezüglich mehr Handlungsspielraum. Doch die Fragen bleiben. Wie hoch ist die Gefahr der Ausbeutung? Wie hoch der Druck, «à tout prix» Eltern zu werden? Wer hat überhaupt das «Recht auf Familie», und wie ist das bevölkerungspolitisch auf die Reihe zu bringen? «Wenn sich eine weisse reiche Minderheit auf Kosten von Frauen aus dem globalen Süden fortpflanzt, finde ich das sehr bedenklich», meint Perler.
Info Fruchtbarkeitsklinik Puebla: www.insemer.com
Die Wunscheltern kommen meist aus einer höheren sozialen Schicht als die Eizellenspenderinnen.
Recht: Befruchtungstourismus in Europa und Mexiko
I n Europa ist die Eizellenspende unterschiedlich geregelt. Verboten ist sie in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Litauen, Norwegen und der Türkei. Erlaubt ist sie unter anderem in Frankreich, England, Spanien, den Niederlanden, Belgien, der Slowakei, Polen und der Ukraine.
In der Schweiz ist die Leihmutterschaft ebenfalls verboten. Nicht so in den USA. Eine Leihmutterschaft in den USA kostet über 100 000 Franken. Günstiger ist sie in der Ukraine oder in Mexiko, wo das Geschäft boomt, wie die Geografin Carolin Schurr im USZ-Magazin schreibt: «Cancún ist zu einer globalen Destination für Leihmutterschaftstourismus geworden. Leihmutteragenturen werben mit einem All-inclusive-Paket. 49 000 US-Dollar kostet die Erfüllung des Traums vom ‹Cancún-Baby›, zur Welt gebracht mithilfe reproduktiver Technologe und einer mexikanischen Leihmutter.» Seit Indien Leihmutterschaft nur noch im Auftrag verheirateter heterosexueller Paare gestatte, boome das Geschäft in Mexiko, so Schurr.
Mehrlingsgeburten
Auch Frauen aus der Schweiz gehen für reproduktionsmedizinische Behandlungen ins Ausland. An einer kürzlich durchgeführten Veranstaltung des Forums für Gesellschaft und Universität an der Uni Bern zum Thema «Am Angang des Lebens» wies Gynäkologe Michael von Wolff auf die Schattenseiten des Fortschritts hin: «Mit der steigenden Anzahl an In-vitro-Fertilisation-Kindern, die heute bei 2,25 Prozent liegt, nehmen auch die Probleme zu.» Als Beispiel nannte er Mehrlingsgeburten, die mit höheren gesundheitlichen Risiken (Frühgeburt) und Kosten verbunden seien. il
Zur Person
Für die Masterarbeit in Mexiko geforscht
Laura Perler ist in Wünnewil aufgewachsen und studiert an der Uni Bern Sozialanthropologie und Geschlechterforschung. Für ihre Masterarbeit weilte sie mit ihrem Partner und dem zweijährigen Sohn drei Monate in der Millionenstadt Puebla. Ziel ihrer Arbeit ist eine kritische Reflexion über die globalisierte Reproduktionstechnologie. Sie wählte Mexiko aus, weil Lateinamerika noch wenig erforscht ist und in Mexiko der Reproduktionsmarkt floriert.il