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Wie männlich darf eine Athletin sein?
Berlin, Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009. Die 18-jährige südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya lässt im 800-Meter-Lauf ihre Konkurrentinnen deutlich hinter sich und holt sich die Goldmedaille. Doch manche im Publikum zeigen bei ihren Auftritten mit dem Finger auf sie, buhen sie aus. Die Athletin kann die Situation nicht einordnen: Was ist hier los? Was ist anders mit mir? Während des Wettkampfs liess der Leichtathletik-Weltverband World Athletics verlauten, dass Caster Semenya einem Geschlechtertest mit Fachleuten aus der Endokrinologie, Gynäkologie und Psychologie unterzogen werde. Dieser wird später ergeben, dass sie intergeschlechtlich ist und damit nicht eindeutig einer der Geschlechtskategorien Mann oder Frau zugeordnet werden kann – obwohl Caster Semenya als Mädchen aufgewachsen ist und niemals einen Zweifel an ihrer weiblichen Identität hatte. Die Athletin wird gesperrt. Für sie beginnt mit den Weltmeisterschaften 2009 ein langer juristischer Kampf gegen World Athletics, der sie bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führen wird.
Umstrittene Testosteron-Obergrenze
Nichtregierungsorganisationen wie Human Rights Watch, aber auch der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf verurteilen das von World Athletics aufgestellte Reglement, wonach nur Teilnehmerinnen an Frauenwettbewerben über 400 Meter bis eine Meile teilnehmen dürfen, die den Testosteron-Grenzwert von 5 Nanomol pro Liter in ihrem Blut nicht überschreiten. Caster Semenya ist auf diese Mittelstrecken spezialisiert. Da sie sich aber weigert, testosteronsenkende Medikamente einzunehmen, musste sie auf längere Laufstrecken wechseln. «Mit dem Fall Caster Semenya sind die Sportverbände aufgeschreckt worden», sagt der Sportmediziner Walter O. Frey, der an sieben olympischen Spielen Olympia-Arzt war. Er spricht sich gegen die Testosteron-Obergrenze aus und befürwortet stattdessen ein differenzierteres System mit Einbezug einer medizinischen Beurteilung: «Der Schwarze Peter wird zwischen den Verbänden herumgereicht, es passiert nichts und am Ende haben wir Gerichtsfälle und einen Scherbenhaufen.» Zudem würde den Athletinnen, die durch das Reglement gesperrt werden, sehr viel Leid zugefügt.
Gemäss der deutschen Soziologin Marion Müller «ist der Sport wohl das letzte gesellschaftliche Funktionssystem mit einer bis heute augenfälligen Geschlechtersegregation.» Zudem würden die unterschiedlichen Leistungsanforderungen an Frauen und Männer in sportlichen Wettkämpfen anders als in anderen Gesellschaftsbereichen von allen Beteiligten nicht als Ausschluss erlebt, sondern als rechtmässig empfunden.
Die grosse Ambivalenz der Sportwelt
Die Sportverbände stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Auf der einen Seite möchten sie einen «fairen Wettbewerb» ermöglichen, der ausgangsoffen und somit spannend ist. Dies bedingt, dass innerhalb der Leistungsklassen der verschiedenen Disziplinen möglichst ähnlich starke Athletinnen und Athleten an den Start gehen. Auf der anderen Seite wird im Sport das Prinzip der Nichtdiskriminierung hochgehalten. In der Olympischen Charta etwa gibt sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Mission, «gegen jede Form der Diskriminierung, die die olympische Bewegung betrifft, vorzugehen».
Diese Ambivalenz in der Welt des Spitzensports wird in einem Gerichtsurteil des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) deutlich. Caster Semenya legte dort Beschwerde gegen die vom Leichtathletik-Weltverband eingeführte Testosteron-Obergrenze ein. Die Richterin und die zwei Richter des Gerichtshofs empfanden die Regelung zwar als diskriminierend, «aber die Mehrheit des Gremiums fand, dass auf der Basis der von den Parteien vorgebrachten Beweise diese Diskriminierung ein notwendiges, angemessenes und verhältnismässiges Mittel ist, um das Ziel der IAAF (heute World Athletics, Anmerkung der Redaktion) zu erreichen: die Integrität der Frauen-Leichtathletik (...) zu erhalten.» Da der CAS seinen Sitz in Lausanne hat, zog die süd-
afrikanische Athletin den Fall an das Schweizer Bundesgericht weiter. Nachdem sie auch dort unterlag, bleibt ihr noch die Hoffnung, vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg das Recht zu erhalten, an internationalen 800-Meter-Lauf-Wettbewerben zu starten – so, wie sie geboren wurde und ohne testosteronsenkende Medikamente einnehmen zu müssen. Am Tag, an dem sie die Klage beim Gerichtshof einreichte, schrieb sie auf Twitter: «Bei diesem Kampf geht es nicht nur um mich, sondern darum, Stellung zu beziehen und für Würde, Gleichberechtigung und die Menschenrechte von Frauen im Sport zu kämpfen.»
Das Testosteron kann es nicht richten
Die US-Kulturanthropologin Katrina Karkazis hat Caster Semenyas Team im Vorfeld der CAS-Anhörung beraten. Ihre Forschung zum Hormon Testosteron lässt sie zum Schluss kommen, dass Testosteronwerte nicht dazu herangezogen werden können, Menschen in Männer oder Frauen einzuteilen. Die Studien, die dazu vorliegen, ergeben kein klares Bild. Viele Biomarker spielen bei der Geschlechtsentwicklung eine Rolle, Testosteron ist nur einer davon. World Athletics versucht aber, die Aufteilung in die Leistungsklassen Männer und Frauen mithilfe dieses Hormons beizubehalten. Dazu hat der Verband Studien in Auftrag gegeben, die belegen sollen, dass Unterschiede im endogenen (also vom Körper produzierten) Testosteron intergeschlechtlichen Athletinnen einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das aktuell gültige Reglement zu den Varianten der Geschlechtsentwicklung wurde auf Basis einer im Jahr 2017 im British Journal of Sports Medicine veröffentlichten Studie erarbeitet. Allerdings wurde sie von anderen Forschenden kritisiert. Auch der Sportmediziner Walter O. Frey hält die Studie für problematisch: «Die Studiendesigns bei Forschungen zum endogenen Testosteron sind zu komplex, um klare Aussagen zu machen. Zudem ist zentral, welche Athletinnen man in eine solche Studie einschliesst.» Eine Studie zum endogenen Testosteron, die von World Athletics 2014 in Auftrag gegeben wurde, hatte etwa intergeschlechtliche Athletinnen als «störende Faktoren» nicht miteinbezogen.
Im August 2021 mussten die Autoren der Studie im British Journal of Sports Medicine einräumen, dass sie keine Leistungsvorteile durch erhöhte Testosteronwerte im Blut nachweisen können. Für Caster Semenya kommt diese Korrektur zu spät: Sie durfte nicht an die Olympischen Sommerspiele in Tokio reisen, weil sie auf ihrer Paradestrecke 800 Meter gesperrt ist. Und beim für sie ungewohnten 5000-Meter-Lauf hatte sie die Olympia-Qualifikation deutlich verpasst.
Katrina Karkazis hält das Argument, Testosteron führe zu einem Leistungsvorteil, für ein Ablenkungsmanöver. In ihrem Buch Testosteron. Warum ein Hormon nicht als Ausrede taugt beschreibt sie, wie Ärzte, die mit World Athletics zusammenarbeiten, ohne medizinische Indikation chirurgische und medikamentöse Eingriffe vornahmen, die seit Langem praktiziert werden, um Mädchen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung zu «normalisieren». Dienen solche Eingriffe dazu, die binäre Geschlechterordnung im Spitzensport aufrechtzuerhalten, koste es, was es wolle? Auf Initiative Südafrikas hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen im April 2019 eine Resolution verabschiedet, in der er sich besorgt zeigt, dass die Regelung des Leichtathletik-Weltverbands internationale Menschenrechtsstandards verletzt. In einem offenen Brief empfiehlt er World Athletics zudem dringend, seine Zulassungsbestimmungen für die Kategorie der Frauen zurückzuziehen. Im Schreiben heisst es: «Diese Operationen können bei den Frauen zu irreversiblen Schäden mit lebenslangen negativen Folgen für ihr körperliches und psychisches Wohlbefinden führen.»
Deutliche Botschaft an die Sportverbände
Die Mittelstreckenläuferin Caster Semenya ist nicht die erste Frau, die gegen das umstrittene Reglement von World Athletics ankämpft. Zuvor musste auch die indische Sprinterin Dutee Chand erleben, was es heisst, aufgrund von zu hohen Testosteronwerten disqualifiziert zu werden. Die Athletin prozessierte erfolgreich gegen den Leichtathletik-Weltverband. Sie wurde dabei von der Menschenrechtsaktivistin Payoshni Mitra unterstützt, die sie bei der Anhörung vor dem CAS begleitete (siehe Interview nebenan).
In seinem Urteil vom Juli 2015 hielt der Sportgerichtshof fest, dass die Regelung ausgesetzt werden muss, bis wissenschaftliche Beweise geliefert werden, welche bestätigen, dass Athletinnen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung einen deutlichen Leistungsvorteil haben. «Dies war das erste Mal, dass vor Gericht nachgewiesen wurde, dass die Regelung nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht», sagt Payoshni Mitra. Das Urteil habe zudem eine deutliche Botschaft an alle Sportverbände gesendet, nämlich dass sie für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden und dass ihre Entscheidungen von den Athletinnen und Athleten angefochten werden können. Die Menschenrechtsaktivistin zeigt sich optimistisch: «Das Urteil gab jungen Athletinnen auf der ganzen Welt die Hoffnung, dass sie jede Ungerechtigkeit anfechten können, selbst wenn die Täter so mächtig sind wie die internationalen Sportverbände.»
«Es ist absolut unfair, die Körper von Frauen zu regulieren»
Verletzt das World-Athletics-Reglement zu den Varianten der Geschlechtsentwicklung die Menschenrechte?
Im World Report 2020 von Human Rights Watch, zu dem ich beitrug, wird ausführlich darauf eingegangen, dass diese Vorschriften unter anderem das Recht auf Gesundheit, Privatsphäre, Menschenwürde, Recht auf Arbeit und körperliche Autonomie verletzen. Diese Vorschriften verletzten in der Vergangenheit und verletzen weiterhin die Menschenrechte von Athletinnen, die bei den Geschlechtsmerkmalen Varianten aufweisen.
World Athletics stützt sein Reglement auf eine Studie zu Testosteronwerten, die später korrigiert wurde. Eignet sich Testosteron als Biomarker, um die Geschlechterkategorien im Sport aufrechtzuerhalten?
Ich forsche nicht im Bereich Testosteron, aber ich weiss, dass es hier an Studien mangelt. Die im British Journal of Sports Medicine veröffentlichten Korrekturen weisen auf die fehlende Forschung hin und zeigen auf, wie World Athletics versuchte, die Öffentlichkeit durch einen behaupteten Kausalzusammenhang in die Irre zu führen, obwohl nur eine Korrelation vorlag. Es ist absolut unfair, die Körper von Frauen aus dem globalen Süden auf Basis von irreführender explorativer Forschung zu regulieren. Diese Regulierungen zwingen die betroffenen Frauen dazu, lebensverändernde Entscheidungen bezüglich ihrer Körper zu treffen. Das ist inakzeptabel.
Was muss getan werden, damit Frauen wie Dutee Chand oder Caster Semenya an internationalen Sportwettbewerben teilnehmen können?
Dutee Chand erhielt ein positives Urteil und läuft wieder mit. Auch Caster Semenya muss eine Lauferlaubnis erhalten. Ich hoffe, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein entsprechendes Urteil fällen wird. /jof
Payoshni Mitra setzt sich aktiv für die Rechte von Athletinnen ein. Sie arbeitet eng mit den betroffenen Athletinnen in Asien und Afrika zusammen und unterstützt sie bei Menschenrechtsverletzungen. Sie ist zudem Direktorin des Centre for Sport and Human Rights in Genf und Mitglied von WomenSport International.
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