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Seit einigen Jahren beschäftigt ein Thema die Community rund um Business Process Management Tools (BPM) ganz besonders: Zero Code. Ziel ist es dabei, sämtliche Geschäftsprozesse ohne eine einzige Zeile Code zu modellieren, optimieren und letztlich komplett zu automatisieren. Doch wie viel ist dran an dieser Wunschvorstellung von Systemen, die die Geschäftswelt in allen Zweigen und Disziplinen auch für IT-Laien zugänglicher und effektiver machen will? In diesem Artikel gehen wir auf die Vorteile von Low Code und Zero Code ein und hinterfragen, ob darin die Zukunft liegt oder die Ideen weiter Wunschvorstellungen bleiben werden.
Was genau bedeutet Zero Code?
Unter dem Begriff Zero Code versteht man allgemein die Möglichkeit, Tools und Prozesse ohne die Eingabe von Code in einer Programmiersprache zu nutzen. Der Versand einer E-Mail ist also Zero Code, aber auch das Dateihandling auf einer grafischen Oberfläche wie dem Windows Explorer oder Mac Finder.
Aber was ist die Begriffsdefinition von «coden» oder «programmieren»? Keith Swenson, VP R&D bei Fujitsu beschreibt auf seinem Blog schon das Verschieben und Platzieren von Symbolen in einem Modell als «coden», weil man damit dem System genau sagt, wie es sich zu verhalten hat. Der Code sei in diesem Fall einfach hinter den Symbolen im Modell versteckt, die Methodik und intellektuelle Leistung des Programmierens ist aber die gleiche.
Zero Code im Zusammenhang mit BPM
Im Kontext von BPM-Systemen wird unter Zero Code die Funktionalität verstanden, Business-Prozesse mit Eingabemasken, Abläufen und Aufgabenzuweisungen ohne Code in einer Programmiersprache zu definieren. Die Definition der Logik geschieht mit Hilfe grafischer Modelle in der BPMN-Notation sowie Konfigurationen für Formulare und Zuweisungsregeln in der jeweiligen Plattform. Das ist Zero Code in dem Sinne, dass man nicht mehr mit einer Programmiersprache wie Java in Berührung kommt, auch wenn es nach Keith Swensons Definition sehr wohl «Coding» wäre.
Zero-Code-BPM-Systeme richten sich vom Anspruch und dem Zielpublikum her an Aufgabenstellungen geringer Komplexität, wie z. B. den Ablauf von einfachen Anfragen und Arbeitsaufträgen. Die Systeme haben hier durchaus ihre Berechtigung, aber auch ihre Grenzen. Denn die Bestrebungen, das System für normale Anwender einfacher zu gestalten, schränken oft gleichzeitig die Flexibilität und die Individualisierungsmöglichkeiten ein.
Ist Low Code das neue Zero Code?
Um die Grenzen von Zero Code zu verschieben, setzen Plattformhersteller zunehmend auf sogenannte Low-Code-Konzepte. Diese sollen die Einfachheit des Zero-Code-Konzeptes beibehalten, aber Flexibilität bieten, sodass auch komplexere Prozesse umgesetzt werden können. Kernbereiche sind dabei insbesondere Benutzer-Interfaces, Formulare, Reporting und vorgefertigte Workflows wie Approval- und Benachrichtigungsprozesse. Diese Funktionsblöcke bieten die geforderte Vereinfachung, denn klassischer Programm-Code kann genutzt werden, um die bei Zero-Code-Konzepten vermisste Flexibilität zu ermöglichen.
Diese Klasse von Systemen ermöglicht die Umsetzung relativ komplexer und individueller Aufgabenstellungen, allerdings braucht es schon mehr als reines Anwender-Know-how, um dieses Potential auch nutzen zu können. Auch wenn nicht überall Developer Skills nötig sind, sind doch zumindest IT-affine Anwender gefragt.
Der Anspruch dieser Systeme ist nicht, ohne IT-Entwickler auszukommen, sondern diese effizienter zu gestalten und einige der einfacheren Tätigkeiten an fachliche Benutzer auslagern zu können.
End-to-End-Digitalisierung und Low Code
Die Grenzen der alleinigen Anwendung von Zero-Code- oder Low-Code-Plattformen zeigen sich in der Regel bei der Umsetzung von End-to-End-Digitalisierungslösungen. Hier findet man typischerweise eine gewachsene Applikationslandschaft an, in die der Prozess integriert werden muss. Zusätzlich sollen hier auch wesentliche Teile automatisiert werden, sodass es ein robustes Fehler- und Ausnahme-Handling, ein Testmanagement und vieles mehr benötigt.
Diese Komplexität erfordert Konzepte und Technologien aus der klassischen Entwicklung. Die Konzeption von Architektur und übergreifenden Datenmodellen, das Design und die Programmierung der Schnittstellen verlangt hier definitiv nach Skills und Erfahrungen von IT-Entwicklern: Zero- oder Low-Code-Funktionalität der Plattform ändert daran nichts.
Eine kontrovers diskutierte Frage ist daher, ob es Sinn macht, mit Zero-Code-Lösungen den Programmcode vor Entwicklern zu «verstecken», wenn für den Bau komplexer Prozessabläufe doch wieder versierte IT-Spezialisten gebraucht werden. Die Arbeit mit klassischem Code ist für diese ein gewohntes Arbeitsmittel, wie das Mehl für den Bäcker, dem man nun versucht, mit einer Backmischung das Leben vermeintlich einfacher zu machen.
Keine Frage der Technologie
Wie so oft ist es auch in der Zero-/Low-Code-Diskussion wohl weniger eine Frage der Technologie selbst, sondern ihres Einsatzes. Die Funktionalitäten von Low-Code-Plattformen sind durchaus sinnvoll und einsetzbar, und erlauben es IT-affinen Anwendern, einfachere Abläufe und Eingabemasken zu gestalten, ohne IT-Entwickler hinzuzuziehen.Komplexere Prozesse, Automationen oder End-to-End-Digitalisierung werden weiterhin von IT-Developern und Architekten entwickelt werden, wobei in den meisten Fällen ein Zusammenspiel von Low-Code-Technologien und klassischer Programmierung zum Einsatz kommen wird.