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Paul Thomas Anderson erkundet das Umland von Los Angeles in den Siebzigerjahren: Die Coming-of-Age-Tragikomödie «Licorice Pizza» hat bescheidene Ambitionen und ein grosses Herz – und sticht gerade damit positiv aus dem Werk des «There Will Be Blood»- und «Phantom Thread»-Regisseurs heraus.
Gary (Cooper Hoffman) ist 15 Jahre alt und ein ziemlich erfolgreicher Schauspieler – doch da seine Tage als putziger Kinderstar gezählt zu sein scheinen, sieht er sich bereits eifrig nach neuen Geschäftsmöglichkeiten um. Alana (Alana Haim) wiederum ist zehn Jahre älter, wohnt aber noch bei ihren Eltern und langweilt sich durch ihren Alltag als Fotostudio-Assistentin. Diese zwei Menschen an entgegengesetzten Enden des jungen Erwachsenendaseins treffen sich im neuen Film von Paul Thomas Anderson 1973 im kalifornischen San Fernando Valley und verbringen einen unvergesslichen Sommer miteinander.
Wer Anderson primär als Regisseur von gewichtigen Psychodramen wie «Magnolia» (1999), «There Will Be Blood» (2007) oder «The Master» (2012) kennt, dürfte sich ob dieser Prämisse wundern, klingt sie doch eher nach einer gemächlich-nostalgischen Hangout-Eskapade Marke Richard Linklater, irgendwo zwischen «Dazed and Confused» (1993) und «Everybody Wants Some!!» (2016).
«Anderson war schon immer dann am besten, wenn er neben seiner dramatischen Qualitäten auch seiner komischen Ader frönte.»
Doch Anderson war schon immer dann am besten, wenn er neben seiner dramatischen Qualitäten auch seiner komischen Ader frönte. «Punch-Drunk Love» (2002), seine romantische Komödie mit Adam Sandler in der Hauptrolle, gilt inzwischen als verkapptes Meisterwerk. Seine Thomas–Pynchon-Adaption «Inherent Vice» (2014) ist eine herrlich schwarzhumorige Abrechnung mit dem korrumpierten amerikanischen Hippie-Traum. Und sein bislang letzter Film, das Kostümdrama «Phantom Thread» (2017), von vielen als Zelebrierung toxischer männlicher Genie-Komplexe missverstanden, ist einer der dreckigsten mainstreamtauglichen amerikanischen Filme der letzten fünf Jahre – eine grossartige, messerscharf geschriebene Groteske über die Freuden sadomasochistischer Liebesbeziehungen.
«Licorice Pizza» bestätigt diese Tendenz. Die Geschichte von Gary, der Wasserbetten verkauft, eine Flipperhalle eröffnet und unentwegt versucht, mit Alana auszugehen, und von Alana, die sich angesichts dieser Aufmerksamkeit Fragen über ihre Zukunft zu stellen beginnt, wird als gemütliche, anregend melancholisch angehauchte Sommer-Tragikomödie erzählt. Plot ist, wie so oft bei Anderson, und ganz im Sinne seines grossen Regie-Vorbildes Robert Altman («Nashville», «Short Cuts»), zweitranging. Viel wichtiger sind Atmosphäre, emotional aufgeladene Momente, überlebensgrosse Figuren und – in diesem Fall – urkomische Episoden.
Andersons Valley ist ein faszinierender Tummelplatz von schrägen Vögeln und abstrusen Szenarien. Mal endet ein Wasserbett-Botengang für Filmproduzent und Barbra–Streisand-Beau Jon Peters (Bradley Cooper) damit, dass Alana einen Lastwagen mit leerem Tank rückwärts den Hang hinuntermanövrieren muss; mal führt ein Streit zwischen ihr und Gary dazu, dass sie sich auf dem Rücksitz eines Motorrades wiederfindet, mit dem der abgehalfterte Hollywoodstar Jack Holden (Sean Penn als William–Holden-Verschnitt) einen Stunt hinlegen will.
Das Los Angeles von «Licorice Pizza», das sich 1973 im soziokulturellen Niemandsland zwischen Old und New Hollywood befindet, ist ein Ort, an dem es doppelt schwierig ist, ohne grössere Komplikationen erwachsen zu werden: Peters, Holden und die windigen Geschäftsleute, mit denen Gary verhandelt, erinnern tagtäglich daran, dass Erfolg in dieser Stadt rein gar nichts mit emotionaler Reife zu tun hat.
«Dass die potenziell unstimmige Mischung dieser traurigeren Coming-of-Age-Einschläge – insbesondere Alanas äusserst empathisch dargestellter Einsamkeit – mit der nostalgischen Schwelgerei und der unbekümmerten Komödie letztlich hervorragend gelingt, ist auch Andersons sorgfältiger Inszenierung geschuldet.»
Dass die potenziell unstimmige Mischung dieser traurigeren Coming-of-Age-Einschläge – insbesondere Alanas äusserst empathisch dargestellter Einsamkeit – mit der nostalgischen Schwelgerei und der unbekümmerten Komödie letztlich hervorragend gelingt, ist auch Andersons sorgfältiger Inszenierung geschuldet. «Licorice Pizza» wirkt wie eine Jugenderinnerung: Er ist bruchstückhaft und hat eine vergleichsweise geringe dramatische Fallhöhe – das Geschehen wird nicht erlebt; es wurde durchlebt.
So wie man sich, gerade im jungen Erwachsenenalter, oftmals nicht sofort bewusst ist, soeben ein prägendes Erlebnis hinter sich gebracht zu haben, bleibt die emotionale Bedeutsamkeit vieler Szenen implizit. Die Romantik zwischen Alana und Gary, wenn sie einmal durchscheint – etwa in der Holden-Episode oder während der polarisierenden Schlussszene –, ist überhöht, ihre offensichtliche Kurzlebigkeit ein unangenehmer Umstand, den es zu verdrängen gilt. Auf dem Soundtrack laufen bekannte, aber noch nicht zum Zeitbild-Klischee verkommene Songs wie Paul McCartneys «Let Me Roll It» oder Gordon Lightfoots «If You Could Read My Mind».
«Anders als in ‹The Master› und ‹Inherent Vice› ist das Amerika der Vergangenheit hier nicht eine offene psychische Wunde, sondern ein Ort, an dem junge Leute Spass hatten, Enttäuschungen erlebten, sich gegen die Erwartungen der Erwachsenenwelt zu stellen versuchten und mit dem Ende der eigenen Jugend haderten.»
Visuell unterstrichen wird diese Fotoalbum-Qualität von den lichtdurchfluteten, farbgesättigten, mithilfe von alten Linsen eingefangenen 35-mm-Bildern, mit denen Anderson und Co-Kameramann Michael Bauman sich – durchaus erfolgreich – an einer möglichst authentischen Siebzigerjahre-Ästhetik versuchen. Oft heftet sich ihre Kamera auch dicht an die Fersen einzelner Figuren, was zur Folge hat, dass etwa das detailgetreue Setdesign nicht ein gepützelter, prahlerisch vorgetragener Schauwert ist, sondern ein leb- und glaubhafter Schauplatz, der so wirkt, als hätten Anderson und Bauman schlicht vor der eigenen Haustür filmen können. (Die ständige Bewegung der Kamera lässt einen auch schier einen wunderbaren Cameo von John C. Reilly verpassen.)
Im Vergleich zu Andersons restlicher Filmografie ist «Licorice Pizza» also ein Werk mit ziemlich moderaten Ambitionen. Doch darin liegt auch sein Reiz: Hier geht es nicht um Leben und Tod wie in «Boogie Nights» (1997) oder «There Will Be Blood». Anders als in «The Master» und «Inherent Vice» ist das Amerika der Vergangenheit hier nicht eine offene psychische Wunde, sondern ein Ort, an dem junge Leute Spass hatten, Enttäuschungen erlebten, sich gegen die Erwartungen der Erwachsenenwelt zu stellen versuchten und mit dem Ende der eigenen Jugend haderten. Offenherziger als in «Licorice Pizza» war Anderson wohl noch nie.
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Kinostart Deutschschweiz: 20.1.2022
Filmfakten: «Licorice Pizza» / Regie: Paul Thomas Anderson / Mit: Cooper Hoffman, Alana Haim, Skyler Gisondo, Benny Safdie, Mary Elizabeth Ellis, Bradley Cooper, Tom Waits, Sean Penn, John Michael Higgins, Maya Rudolph, Danielle Haim, Este Haim / USA, Kanada / 133 Minuten
Bild- und Trailerquelle: © 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved. © 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.
Paul Thomas Andersons kleine Coming-of-Age-Zeitreise ist voller unterhaltsamer Episoden und wunderlicher Figuren. «Licorice Pizza» ist ein Sommerfilm, in den es sich abzutauchen lohnt.