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Titel
Favre
(spr. fawr), 1)
Pierre, auch
Lefèvre genannt, einer der
Stifter des Jesuitenordens, geb. 1506 zu Villaret in
Savoyen,
studierte seit 1527 zu
Paris.
[* 2] Ihm und dem
Spanier
Fr.
Xaver entdeckte
Loyola (s. d.) seinen
Plan zur
Gründung
eines neuen
Ordens. Beide legten in der
Abtei auf dem
Montmartre mit noch drei andern ihr
Gelübde ab.
Später ward
Favre
Professor der
Theologie in
Rom und
[* 3]
Parma,
[* 4] wohnte 1541 dem
Reichstag in
Regensburg
[* 5] bei und verbreitete sodann in
Deutschland
[* 6] den
¶
mehr
neuen Orden; [* 8] unter anderm stiftete er 1544 das Jesuitenkollegium zu Köln, [* 9] später die Ordenshäuser zu Valladolid und Coimbra; er starb in Rom. Sein Leben beschrieb Nic. Orlandini in der »Historia societatis Jesu« (Rom 1615; besonders gedruckt, Lyon [* 10] 1617).
2) Antoine
Favre, Freiherr von Peroyes, bekannter unter dem Namen Antonius Faber, berühmter franz. Rechtsgelehrter,
geb. zu Bourg en Bresse, studierte in Paris und Turin,
[* 11] wurde 1581 zum Oberrichter von Bresse und 1610 zum Präsidenten
des Senats von Savoyen ernannt. Er starb in Chambéry. Seine »Opera juridica« erschienen gesammelt Lyon 1658-63, 10 Bde.
3) Jules, franz. Staatsmann, geb. zu Lyon, studierte in Paris die Rechte, nahm an der Julirevolution eifrigen Anteil und forderte in einer Zuschrift an den »National« Abschaffung des Königtums und Berufung einer konstituierenden Versammlung. Er kehrte darauf nach Lyon zurück, ließ sich als Advokat nieder und that sich durch republikanische Gesinnung und Verteidigung politischer Angeklagten hervor. 1835 verteidigte er die Aprilangeklagten vor dem Pairshof und nahm von 1836 an seinen bleibenden Aufenthalt in Paris.
Nach der Februarrevolution von 1848 zum Generalsekretär im Ministerium des Innern ernannt, verfaßte er das verrufene Zirkular, welches die Kommissare der Republik mit diktatorischer Allgewalt in den Provinzen bekleidete. Zum Deputierten gewählt, gab er seine amtliche Stellung auf, übernahm aber bald danach auf kurze Zeit das Unterstaatssekretariat im Ministerium des Auswärtigen. An den Arbeiten der Nationalversammlung nahm er bedeutenden Anteil und verfocht, wenn er auch die Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung, wie die Gesetze über Volksaufläufe, die Klubs u. a., billigte, doch durchaus freisinnige Grundsätze. Er stand an der Spitze der Opposition gegen Ludwig Napoleon.
Dessen Staatsstreich machte seiner politischen Laufbahn für längere Zeit ein Ende. Als Verteidiger Orsinis ward
er von neuem bekannt. Als Deputierter im Gesetzgebenden Körper, in welchen er 1858 gewählt wurde, war
Favre das Haupt der Opposition gegen das Kaiserreich, der sogen. Unversöhnlichen, die anfangs nur aus fünf
Männern bestand, aber mit jeder neuen allgemeinen Wahl wuchs, und seine wirksamen Reden fanden in der Nation einen immer lautern
Widerhall.
Als ehrlicher politischer Charakter und als edler Mensch hochgeschätzt, genoß er eine große Popularität. 1860 wurde
er zum Batonnier (Stabträger) der Pariser Advokaten und 1867 zum Mitglied der Akademie erwählt. Seine Opposition gegen die mexikanische
Expedition und gegen die italienische Politik der Regierung fand bei der Mehrheit des Volkes allgemeinen Beifall, wenn er auch
den Radikalen zu idealistisch, andern zu doktrinär erschien. In der denkwürdigen Sitzung vom gehörte
Favre zu den wenigen, welche den Kriegsfall durch den Verzicht des Prinzen von Hohenzollern
[* 12] auf den spanischen Thron
[* 13] für beseitigt
erklärten und den von Ollivier geforderten Kredit nicht genehmigten.
Die Niederlage von Sedan [* 14] brachte ihn in eine einflußreiche Stellung von bedeutender Verantwortlichkeit. Nachdem er durch seinen Antrag auf Absetzung der Napoleonischen Dynastie den Anstoß zur Revolution vom 4. Sept. gegeben, wurde er Mitglied der Regierung der nationalen Verteidigung und übernahm das Ministerium des Auswärtigen. Aber er bewies einen geringen Einblick in die Verhältnisse und eine wenig staatsmännische Nachgiebigkeit gegen die phrasenhafte Eitelkeit des Volkes. In seinen zwei Rundschreiben vom 6. und 17. Sept. erklärte er, die neue französische Regierung wolle den Frieden und sei zu einer Kriegsentschädigung bereit, wenn der König von Preußen [* 15] sofort mit seinem Heer das französische Gebiet verlasse; wo nicht, so falle die ganze Verantwortung des Kriegs auf ihn, und er werde einem fürchterlichen Widerstand des ganzen Volkes begegnen; nicht einen Fußbreit Landes, nicht einen Stein seiner Festungen werde Frankreich abtreten.
Unter solchen Umständen konnte seine Zusammenkunft mit Bismarck in Ferrières (19. und 20. Sept.), welche den Abschluß eines die
Vornahme von Wahlen zur Konstituierenden Versammlung ermöglichenden Waffenstillstandes zum Zweck hatte,
keinen Erfolg haben.
Favre zeigte sich ganz als eitlen, verblendeten Franzosen, der nur die Ehre seines Vaterlandes im Auge,
[* 16] aber
für die Rechte und Interessen andrer Nationen kein Verständnis hatte. Nach dem Scheitern der Waffenstillstandsverhandlungen
blieb in Paris, um das Schicksal seiner Kollegen zu teilen. Er übernahm nach Gambettas Abreise auch das
Innere und zeigte sich bei der Revolte 31. Okt. zwar mutig, nachher aber gegen die Empörer allzu nachsichtig. Da Bismarck ihm
einen Paß
[* 17] verweigerte, begab er sich nicht auf die zur Schlichtung der orientalischen Frage berufene Konferenz
und nahm Ende Januar 1871 die für ihn besonders schmerzliche Aufgabe auf sich, die Kapitulationsverhandlungen in Versailles
[* 18] zu führen. Hierbei beging er in seinem kurzsichtigen Optimismus den großen Fehler, den Waffenstillstand nicht auf die Bourbakische
Armee auszudehnen und die Entwaffnung der Pariser Nationalgarde abzulehnen; die Warnungen Bismarcks vor dem Pariser
Pöbel wies er mit der Behauptung zurück, es gebe keinen Pöbel in Paris. Er hat später offen seinen verhängnisvollen Irrtum
eingestanden und bereut. Bei den Wahlen vom 8. Febr. in die Nationalversammlung gewählt, ward
Favre 19. Febr. von Thiers wiederum auf
den Posten eines Ministers des Auswärtigen berufen und führte mit Thiers und Picard die Verhandlungen des
Präliminarfriedens von Versailles und endlich gemeinsam mit dem Finanzminister Pouyer-Quertier die Verhandlungen des definitiven
Friedens von Frankfurt.
[* 19] Seit der Unterzeichnung dieses Friedens, dem schwersten Opfer seines glühenden Patriotismus, war er ein
gebrochener Mann. Als die Mehrheit der Nationalversammlung die klerikalen Petitionen, welche
auf eine Wiederherstellung des Kirchenstaats hinzielten, an den Minister des Auswärtigen überwies, nahm
Favre 23. Juli seine Entlassung.
Unangenehme Enthüllungen über sein Familienleben (er lebte in wilder Ehe mit einer nicht geschiedenen Frau) zwangen ihn zu
einem kompromittierenden Prozeß. Er trat daher in der Nationalversammlung und im Senat, dem er seit 1876 angehörte,
fast gar nicht und als Advokat nur sehr selten auf und starb an einem Herzleiden in Versailles.
Favre veröffentlichte
in den letzten Jahren: »Rome et la République française« (1871);
»Le [* 20] Gouvernement de la défense nationale« (1872-75, 3 Bde.);
»Conférences et discours littéraires« (1873);
»La justice et la réforme judiciaire« (1877).
Eine Sammlung seiner Reden gab
Favres Witwe heraus (»Discours parlementaires«, 1881, 4 Bde.).
Vgl. Maritain, Jules
Favre, mélanges
politiques, etc. (1882).
4) Louis, Ingenieur, geb. zu Chêne-Bourg bei Genf [* 21] als Sohn eines Zimmermanns, erlernte das Handwerk des Vaters, ging später nach ¶
mehr
Frankreich und bildete sich hier als Eisenbahningenieur aus. Durch die Lösung eines schwierigen praktischen Problems legte er in Lyon den Grundstein für seine weitere Laufbahn, und bald beteiligte er sich als selbständiger Unternehmer an den großen Eisenbahnbauten der damaligen Zeit. Hierbei sammelte er wichtige Erfahrungen und erreichte durch sein eminentes praktisches Geschick, sein Organisationstalent und seine Energie hervorragende Erfolge. 1872 siegte er bei der Konkurrenz um die Erbauung des Gotthardbahntunnels und übernahm die Verpflichtung, den Tunnel [* 23] in acht Jahren zu vollenden.
Der Gotthardbahngesellschaft leistete er eine Kaution von 10 Mill. Frank, welche er mit Hilfe eines Konsortiums von Genfer Fachmännern
aufbrachte, und begann dann in Göschenen und Airolo die nötigen Vorarbeiten. Anfangs blieb er hinter seinem Arbeitsprogramm
zurück; aber seit 1876 wurden erhebliche Überschüsse erzielt und damit auch die finanziellen Schwierigkeiten beseitigt,
welche dem Unternehmen und speziell der Vollendung desselben durch
Favre verhängnisvoll zu werden drohten. Er überwand
glücklich zahlreiche Widerstände aller Art, und schon erwartete er zu Ende 1879 die Vollendung des Werkes,
als er 19. Juli d. J. im Tunnel selbst starb.