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Sie kennen diese Stelle nicht? Das könnte zwei Gründe haben: Zum einen kommt Junia wirklich nur in einem Bibelvers vor, in Römer, Kapitel 16, Vers 7. Dort schreibt Paulus: «Grüsst den Andronikus und die Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und vor mir in Christus gewesen sind.»
Zum anderen wurde der Name dort jahrhundertelang ausschliesslich in seiner männlichen Form wiedergegeben: als Junias. Und obwohl sich Bibelwissenschaftler und Ausleger heute weitgehend einig sind, dass hier tatsächlich von einer Frau die Rede ist, wird das noch nicht in allen Übersetzungen deutlich. Denn wenn eine Frau schon damals selbstverständlich eine apostolische Aufgabe in der Gemeinde hatte, hätte dies ja Auswirkungen auf so manches Amtsverständnis heute.
Ein Blick in die Bibel
Um eine jahrhundertelange theologische Diskussion abzukürzen: Offensichtlich gab es zur Zeit des Paulus den Männernamen Junias noch nicht – in der männlichen Form war die Rede von Junius. Gleichzeitig war Junia einer der häufigsten römischen Frauennamen. Mit Andronikus und Junia grüsste Paulus in seinem Brief ein Ehepaar und Apostelteam – genauso wie er ein paar Verse vorher Priska und Aquila gegrüsst hat (Römer, Kapitel 16, Vers 3). Die beiden waren «Stammverwandte», also jüdischer Herkunft. In irgendeiner Form waren sie wie Paulus selbst als «Mitgefangene» in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie waren bereits länger gläubig als Paulus selbst und hatten «unter den Aposteln» einen hervorragenden Ruf. Und genau hier beginnt die Kontroverse.
Wie kam es zum Missverständnis?
Was meinte Paulus, als er Junia in eine Reihe zu den Aposteln stellte? Zunächst einmal: genau das hat er getan. Er redete hier nicht davon, dass es Apostel gab, die eine hohe Meinung von Junia hatten. Er ordnete sie ihnen zu. Und das wurde am Anfang der Kirchengeschichte auch ganz selbstverständlich so akzeptiert. Johannes Chrysostomus (gest. 407), der Bischof von Konstantinopel, schrieb deshalb in seinem Kommentar zum Römerbrief: «Wie gross muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie würdig gewesen ist, Apostel genannt zu werden.»
Die Ostkirche zählt Junia zusammen mit Andronikus zu den «70 Aposteln» aus Lukas, Kapitel 10, Verse 1–17. Erst ab dem 13. Jahrhundert wurde aus der Frau und Apostelin Junia der Mann Junias. Begründet wurde diese Änderung nicht – jedenfalls ist keine Argumentation erhalten. Aber sie setzte sich schnell durch. Hier scheint sich die patriarchale Kirchenleitung auf dem kurzen Dienstweg geeinigt zu haben, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Eine Frau als Predigerin, Lehrerin und Apostelin war undenkbar geworden. Von da an war Junias ein Mann. Luther übernahm ihn so in seine Übersetzung, selbst wissenschaftliche Bibelausgaben wie das griechische NT nach Nestlé-Aland propagierten diese Hypothese.
Hinterfragt von Theologinnen wie Bernadette Brooten und immerhin einigen Männern brach dieses Hypothesengebäude erst Anfang der 1980er-Jahre zusammen. Inzwischen ist im Nestlé-Aland von einer Frau die Rede. Auch viele Bibelübersetzungen wurden revidiert – zum Beispiel die aktuelle Lutherbibel von 2017 und die Einheitsübersetzung von 2016. Ganz beendet ist das (gewollte?) Missverständnis damit jedoch nicht.
Ein Vers mit grossen Auswirkungen
Eigentlich sollte hier nach einer jahrhundertelangen theologischen Aufarbeitung stehen: Ende gut – alles gut. Doch so einfach ist das leider nicht. Viele Christinnen und Christen sehen Junia inzwischen als Frau und Apostelin. Etliche akzeptieren sie als Frau, schränken aber ihre apostolische Funktion erheblich ein: laut Paulus dürfe sie jedenfalls nicht gelehrt haben… (vgl. 1. Timotheus, Kapitel 2, Vers 12). Und warum das Ganze? Weniger wegen exegetischer Fragen. Tatsächlich hängt an diesem einen Vers des Römerbriefs in der katholischen Kirche, aber auch in einigen Freikirchen ein lange gepflegtes Amtsverständnis. Stünde mit Junia eine Frau als gleichberechtigte Kollegin neben den Aposteln Paulus und Petrus, dann liessen sich so manche männlichen Vormachtsgedanken nicht länger halten. Es bleibt uns als Kirchen und Gemeinden zu wünschen, dass diese Diskussion nicht weitere 700 Jahre dauert. Die frühe Kirche war für ihr revolutionäres Frauenbild bekannt. Der heutigen Kirche täte genau diese unverkrampfte gemeinsame Nachfolge unendlich gut.