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Inhaltsverzeichnis
Motorische Schwierigkeiten
Die meisten Autisten – 87 Prozent gemäss neuster Schätzung – haben irgendeine Art von motorischen Schwierigkeiten, die von einem atypischen Gang bis hin zu Problemen mit der Handschrift reichen. Diese Probleme unterscheiden sich deutlich von den sich wiederholenden Verhaltensweisen, die als Kennzeichen von Autismus gelten. Und doch gelten motorischen Schwierigkeiten trotz ihrer Prävalenz nicht als Kernmerkmal von Autismus, da sie auch bei anderen Erkrankungen wie Down-Syndrom, Zerebralparese und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auftreten.
Nachfolgend beschreibe ich, was Experten über die Ursachen, Merkmale und Folgen motorischer Schwierigkeiten wissen, welche derer Meinung nach zu den am wenigsten verstandenen und am meisten vernachlässigten Aspekten von Autismus gehören. Die Spezialisten fordern die Forscher auch auf, motorische Schwierigkeiten bei autistischen Menschen besser einzuschätzen, sowie auch, dass Ärzte diese Probleme behandeln, insbesondere weil motorischen Schwierigkeiten Rückschläge zur Folge haben können, die weit über die blosse Behinderung der Bewegung hinausgehen.
Welche Arten von motorischen Schwierigkeiten haben Autisten?
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Feinmotorik:
- Motorischen Schwierigkeiten bei feinmotorischen Aufgaben können sich in ungeschickten Bewegungen der Hände und Finger zeigen. Das kann zu Problemen beim Greifen kleiner Gegenstände, beim Schreiben, Zeichnen oder beim Ausführen von feinmotorischen Handlungen wie dem Knöpfen von Kleidung führen.
- Einige Menschen mit Autismus können Schwierigkeiten haben, ihre Finger unabhängig voneinander zu bewegen oder komplexe Handlungen mit den Händen durchzuführen, wie z.B. das Binden von Schuhen oder das Schließen von Reißverschlüssen.
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Grobmotorik:
- Motorischen Schwierigkeiten bei grobmotorischen Fähigkeiten können sich in unkoordinierten oder ungeschickten Bewegungen manifestieren. Dies kann sich in einem unsicheren Gang, Problemen beim Treppensteigen, beim Fangen oder Werfen von Bällen oder beim Fahrradfahren zeigen.
- Einige Menschen mit Autismus können auch Schwierigkeiten bei Aktivitäten haben, die eine gute Körperbalance erfordern, wie z.B. das Stehen auf einem Bein oder das Springen.
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Motorische Planung und Organisation:
- Menschen mit Autismus können Schwierigkeiten haben, Bewegungsabläufe zu planen und zu organisieren. Dies kann dazu führen, dass sie Schwierigkeiten haben, Bewegungen nachzuahmen oder neue motorische Fähigkeiten zu erlernen.
- Die Planung und Durchführung von komplexen Handlungen oder Aktivitäten kann herausfordernd sein. Es kann länger dauern, bis sie sich an neue Bewegungsmuster anpassen und sie automatisieren können.
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Sensomotorische Integration:
- Sensomotorische Integration bezieht sich auf die Fähigkeit, sensorische Reize zu verarbeiten und in angemessene motorische Reaktionen umzusetzen. Menschen mit Autismus können Schwierigkeiten haben, sensorische Informationen aus ihrer Umgebung effektiv zu verarbeiten und angemessen darauf zu reagieren.
- Einige Personen können überempfindlich gegenüber bestimmten sensorischen Reizen sein, wie z.B. Geräuschen, Licht, Berührungen oder bestimmten Texturen. Dies kann ihre motorische Koordination und Kontrolle beeinträchtigen.
- Andere Personen können unterempfindlich gegenüber sensorischen Reizen sein und haben möglicherweise Schwierigkeiten, sensorische Informationen zu registrieren, was sich ebenfalls auf ihre motorischen Fähigkeiten auswirken kann.
Ab welchem Alter treten motorischen Schwierigkeiten auf?
Sie können bereits im Säuglingsalter auftreten. Beispielsweise neigen einen Monat alte Säuglinge, bei denen später Autismus diagnostiziert wird, dazu, ihre Arme weniger zu bewegen als typische Säuglinge. Im Alter von etwa 4 Monaten kann ein typisches Kind seinen Kopf in einer Linie zu seinen Schultern halten, sobald es in eine sitzende Position gezogen wird. Bei einem Baby mit Autismus fehlt diese Kraft oft und sein Kopf fällt nach hinten. Und mit 14 Monaten – einem Alter, in dem die meisten typischen Kinder laufen können – können autistische Kinder möglicherweise immer noch nicht stehen. Andere motorische Schwierigkeiten können auch Schwierigkeiten beim Greifen von Gegenständen sein.
Wie hängen motorischen Schwierigkeiten mit genetischen Faktoren zusammen, die Autismus beeinflussen?
Einige Mutationen, die Menschen für Autismus prädisponieren, können auch zu motorischen Schwierigkeiten beitragen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 erhöht beispielsweise jede einmonatige Verzögerung beim Beginn des Laufens die Wahrscheinlichkeit um 17%, dass ein Kind eine spontane Mutation in einem Autismus-Gen hat. Und einige «syndromale» Formen von Autismus – solche, die eine einzige genetische Ursache haben – beinhalten bestimmte motorischen Schwierigkeiten unter ihren charakteristischen Merkmalen: Menschen mit Phelan-McDermid-Syndrom haben oft einen niedrigen Muskeltonus, und Kinder mit dup15q-Syndrom neigen dazu, einen charakteristischen Gang zu haben.
Obwohl motorische Schwierigkeiten bei autistischen Menschen mit zusätzlicher, geistiger Behinderung in der Regel am schwerwiegendsten sind, können sie jeden im Spektrum betreffen, auch jene mit einem «leichten» Autismus. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 haben beispielsweise Menschen mit Autismus, die spontane Mutationen aufwiesen, auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für motorischen Schwierigkeiten, unabhängig davon, ob sie eine geistige Behinderung haben. Andere Studien haben herausgefunden, dass Kinder im Spektrum mehr motorische Probleme haben als neurotypische Kontrollpersonen, welche den selben Intelligenzquotienten haben.
Was könnte im Gehirn vor sich gehen?
Unterschiede in der Konnektivität zwischen Gehirnregionen könnten helfen, die motorischen Schwierigkeiten einiger autistischer Menschen zu erklären. Zum Beispiel haben Kinder mit Autismus eine verminderte Synchronität in der Aktivität zwischen ihren visuellen und motorischen Regionen; Je geringer die Synchronisation, desto schwerer ihre sozialen Defizite, gemessen an einer Standardskala. Ihre motorischen Schwierigkeiten können auch auf eine geringere Konnektivität zwischen dem unteren Scheitellappen, einer Region, die an der Hand-Augen-Koordination beteiligt ist, zurückzuführen sein sowie auch beim Kleinhirn, welches hilft, Bewegungen genau zu führen und zu korrigieren.
Andere Beweise implizieren schwache Verbindungen zwischen sensorischen und motorischen Regionen und atypische Aktivität in einem Netzwerk, welches für die motorische Planung wichtig ist.
Menschen mit Autismus scheinen gegenüber neurotypischen Menschen auch visuelle Informationen eher zu ignorieren und sich mehr auf die Propriozeption zu verlassen. Zum Beispiel wenn sie lernen, ein neues Werkzeug zu benutzen. Je mehr sich Menschen mit Autismus auf die Propriozeption verlassen, desto schwerwiegender sind ihre sozialen Defizite, obwohl Forscher noch nicht sicher sind, warum das so ist.
Können motorische Schwierigkeiten zu Autismus-Merkmalen beitragen?
Womöglich. Motorische Schwierigkeiten im Säuglingsalter sind mit Verzögerungen beim Brabbeln, Gestikulieren und Erlernen neuer Vokabeln verbunden und können andere «Kaskadeneffekte» auf die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung haben. Denn motorische Fähigkeiten wie das sich Aufrichten, das Greifen nach Gegenständen und das Gehen, eröffnen Babys neue, lernfördernde Erfahrungen. Ausserdem neigen Babys, die sich nicht viel bewegen oder Gegenstände nicht greifen können, dazu, Interaktionen mit deren Bezugspersonen zu meiden, wodurch die Möglichkeiten eingeschränkt werden, Sprache und andere Fähigkeiten von Erwachsenen zu lernen.
Schlechte motorische Fähigkeiten in der späteren Kindheit können dazu führen, dass autistische Kinder sich nur ungern an körperlichen Aktivitäten wie Sport beteiligen, was ihre Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen Kindern einschränkt und möglicherweise die soziale Entwicklung behindert. Auf subtilere Weise können Probleme bei der Koordination von Kopfbewegungen es schwierig machen, sozialen Interaktionen in einer grossen Gruppe zu verfolgen. Probleme mit der Handschrift können die schulischen Leistungen beeinträchtigen.
Die visuell-motorischen Integrationsfähigkeiten, mit denen autistische Menschen am meisten zu kämpfen haben, sind auch entscheidend für die Nachahmung und das Lernen von anderen Menschen und die Teilnahme an sozialen Interaktionen.
Obwohl motorischen Schwierigkeiten zweifellos die soziale und kognitive Entwicklung behindern, ist es unwahrscheinlich, dass sie die einzige Ursache für soziale Schwierigkeiten sind, sagen einige Forscher.
Wie messen Ärzte und Forscher motorische Fähigkeiten?
Einige standardisierte Tests können Aufschluss darüber geben, ob ein Kind bestimmte motorische Aufgaben bewältigen kann. Diese sind jedoch nicht präzise genug, um die motorischen Beeinträchtigungen von Kindern mit Autismus erfassen und messen zu können. Ausserdem können die Aufgaben, die für typische Kinder konzipiert wurden, für Kinder mit geistiger Behinderung oder kognitiver Beeinträchtigung schwierig oder unmöglich zu bewältigen sein.
Einige Forscher haben neue Wege entwickelt, um motorischen Schwierigkeiten untersuchen zu können, indem sie Handschrift, virtuelle Realität, Bewegungserfassung mit Sensoren und Infrarotkameras, Beschleunigungsmesser und Gyroskope (um die Intensität und den Winkel der Gliedmassenbewegungen zu messen), Matten mit Drucksensoren (um Unterschiede beim Gehen erkennen zu können) und Elektromyographie (eine Technik, die die elektrische Aktivität der Muskeln misst) erfassen und vergleichen. Man ist aber noch weit davon entfernt, all diese Möglichkeiten standardisieren zu können. Der erste Schritt besteht darin, Massnahmen zu finden, die die motorischen Unterschiede autistischer Menschen erfassen und einordnen können.
Wie werden motorische Schwierigkeiten behandelt?
Zu den Standardbehandlungen gehören normalerweise Physio- und Ergotherapie, aber diese gehen möglicherweise nicht vollständig auf die Bedürfnisse autistischer Kinder ein. Darüber hinaus werden nur 32 Prozent der Kinder mit Autismus wegen ihrer motorischen Probleme behandelt. Einige Experten haben damit begonnen, neue Behandlungen auszuprobieren , wie z. B. ein angepasstes Sportprogramme, Yoga, Kampfsport und Bewegungstherapien mit Musik. Es gibt aber noch wenig Beweise dafür, ob solche Ansätze wirklich wirksam sind.