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Wie viel Radioaktivität in Japan freigesetzt wurde und welche Regionen wie stark betroffen sind, wird sich erst in Zukunft zeigen. Was kann man überhaupt gegen Nuklearschäden unternehmen? Was empfehlen die Schweizer Behörden für diesen Fall?
"Es ist sehr schwer vorherzusagen, wie belastet die Böden in Japan sein werden. Das kommt auf die Menge und Zusammensetzung der freigesetzten Radioaktivität an. Jod 131 beispielsweise hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. In ein paar Monaten ist es wieder weg. Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren."
Das bedeute, dass nach 30 Jahren immer noch die Hälfte da sei, erklärt Philipp Steinmann, der Experte für Umweltradioaktivität des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).
Es gebe schon einige Massnahmen, mit denen man versuchen könne, den Boden zu entgiften, zum Beispiel eine kontaminierte Schicht abzutragen.
"Oder man kann versuchen, den Boden mit Phytoremediation zu sanieren." Das ist ein Verfahren, bei dem Pflanzen gepflanzt werden, die gewisse Stoffe gezielt aus dem Boden herausziehen.
"Von einigen Pflanzen weiss man, dass sie gewisse Stoffe stark aufnehmen. Wenn man einige Jahre lang diese Pflanzen dort anbaut, kann man so einen kleinen Teil der Radioaktivität abbauen. Je nach Element, mit dem der Boden verseucht ist, kann man beispielsweise auch Kalk beifügen und so versuchen, die Aufnahme der Stoffe durch die Pflanzen zu vermindern."
Man habe weiter die Möglichkeit, Pflanzen anzubauen, von denen man wisse, dass die essbaren Teile die radioaktiven Elemente nicht aufnehmen, sagt Steinmann: "Es ist allerdings entscheidend, wie stark der Boden kontaminiert ist. Bei starker Verseuchung kann man nichts machen."
Für den Notfall ein Dosis-Massnahmen-Konzept
Die Pflanzen, die in der Schweiz wachsen, sind von den Ereignissen in Japan nicht berührt. Die wenigen Lebensmittel aus Japan, die in die Schweiz importiert werden, würden stichprobenmässig untersucht, sagt Steinmann.
Für den Fall, dass die Schweiz von einer Freisetzung radioaktiver Strahlung betroffen wäre - sei es durch einen Unfall in der Schweiz, einen Unfall im Ausland oder die Verseuchung durch Kernwaffen - existiert ein Dosis-Massnahmen-Konzept.
Darin ist nicht nur festgehalten, bei welchen Dosen Radioaktivität welche Kreise in der Umgebung der Verstrahlungsquelle evakuiert werden, sich in Schutzräumen oder Häusern aufhalten müssen, oder wann die Jodtabletten eingenommen werden sollen, sondern auch, wann die Nutztiere im Stall gelassen werden müssen und wann sie nicht mehr mit Frischfutter, also Gras, gefüttert werden dürfen.
Ein vorsorgliches allgemeines Ernte, Weide- und Ablieferungsverbot könnte erlassen werden, um zu verhindern, dass kontaminierte Lebens- und Futtermittel in Verkehr gebracht würden.
Ob die in dem Dosis-Massnahmen-Konzept aufgelisteten Massnahmen angeordnet würden, hängt von der Stärke der Verseuchung und der Art der radioaktiven Strahlung ab. Bei tonhaltigen Böden und intensiver Nutzung würden laut dem Massnahmenkatalog die Ernteprodukte untergepflügt werden, da Ton das Cäsium binden könne.
Kontaminierte Lebensmittel
Wie gefährlich die Einnahme von kontaminierten Lebensmitteln ist, hängt laut Steinmann von der Art der Verstrahlung und vom Element ab, das freigesetzt würde: "Bei der Radioaktivität unterscheidet man Alpha-, Beta und Gammastrahlen. Alphastrahlen haben nur eine sehr kurze Reichweite."
Verschiedene Strahlen entstehen deshalb, weil die Elemente unterschiedlich zerfallen.
Wenn Alphastrahlen von aussen an einen gelangen, sei dies nicht sehr schädlich, sie würden von den Kleidern absorbiert werden, sagt Steinmann: "Gelangt die Alphastrahlung aber in den Körper, kann sie ihre Wirkung entfalten. Gammastrahlen hingegen gehen durch den Körper hindurch, auch wenn sie von aussen kommen. In diesem Fall kann die externe Strahlung eine ebenso grosse Rolle spielen wie die interne."
Man dürfe aber nicht vergessen, dass es auch eine natürliche Radioaktivität gebe. Die natürliche Radioaktivität sei genauso schädlich für die Menschen wie die künstliche, sagt Steinmann. "Der Körper kann eine bestimmte Menge an Radioaktivität ertragen, aber bei zu hoher Belastung werden die Reparaturmechanismen der Zellen versagen.“
Die Grenzwerte bezeichnen denjenigen Gehalt an radioaktiver Strahlung, die der Körper noch verarbeiten kann.
Keine erhöhten Werte in der Schweiz
Die aus Japan nach Westen strömende radioaktive Wolke
hat in der Schweiz bis gegen Mittwochmittag zu keinen erhöhten Werten an Radioaktivität geführt. Dies sagte Daniel Dauwalder, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).
Das BAG betreibt für Messungen am Boden neben 100 herkömmlichen Messgeräten fünf hochempfindliche Geräte in den Kantonen Aargau, Freiburg, Genf, Tessin und Thurgau, die kleinste Spuren erfassen. Bisher habe keines dieser fünf Geräte erhöhte Werte angezeigt, sagte der BAG-Sprecher.
Die Resultate des am Mittwoch durch die Luftwaffe durchgeführten Messflugs würden am Freitagvormittag vorliegen, sagte Dauwalder
weiter. Die Luftwaffe werde je einen Messflug auch am Donnerstag und am Freitag starten.
swissinfo.ch