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Der Vogel Bulbulis und der Bernsteinring
Ein weiser König regierte einst ein reiches Land am Meer. Er hatte drei wohlgeratene Söhne und besonnene Nachbarn, und so stand in seinem Land alles zum Besten.
Nun hätte der König recht zufrieden sein können, aber da war eine grosse Sorge, die ihn plagte. Einmal hatte der älteste seiner Ratgeber davon berichtet, dass andere Völker sich an den langen Winterabenden wundersame Geschichten erzählten.
«Sie nennen ihre Geschichten Märchen», hatte der Ratgeber gesagt. «Und diese Märchen sind ein Schatz, den sie sorgsam hüten und an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben,sodass er niemals verlorengehen kann. Auch unser Volk hatte einst seine Märchen. Aber es gibt gewiss keinen Menschen mehr in diesem Land, der auch nur eines zu erzählen weiss.»
Da hatte der König begonnen, sein Volk zu befragen. Aber niemand hatte ihm eine Antwort geben können. Er liess überall verkünden, dass derjenige eine hohe Belohnung erhalte, der wisse, wohin sie geraten seien. Lange Zeit wartete er vergebens.
Und er hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als eines Tages ein Greis aus dem fernsten Teil seines Reiches zu ihm kam und sagte: «Ich war noch ein Knabe, da erzählte mir die Mutter meiner Mutter von dem Vogel Bulbulis. Er war es, der einst unseren Märchenschatz raubte und in ein Königreich trug, das hinter neun Flüssen und neun Hügeln liegt. Dort lebt er allein in einem Garten. Abends schlüpft er in seinen goldenen Käfig, der in einer mächtigen Linde mit drei Kronen hängt. Weil er aber mit einer herrlichen, betörenden Stimme zu singen vermag, stellen die Menschen ihm nach. Sollte es Euch gelingen, in den Besitz des Vogels Bulbulis zu kommen, werden wir alsbald unseren Märchenschatz zurückerhalten.»
Der König war über die Worte des Alten hocherfreut, und so belohnte er ihn reich. Dann rief er seine Söhne und erzählte ihnen, was der Alte berichtet hatte.
Zum ältesten Sohn aber sprach er: «Gehe hin und fange den Vogel Bulbulis!»
Da gürtete der Älteste sein Schwert, nahm sich ein starkes Pferd und verabschiedete sich von seinem Vater. Seine Brüder begleiteten ihn bis vor die Stadt. Dort hieb er mit seinem Schwert eine tiefe Kerbe in den Stamm einer Buche und sagte: «Reitet jeden Morgen hierher. Bleibt die Kerbe weiss, so ist mir nichts geschehen. Färbt sie sich jedoch blutrot, so bedarf ich eurer Hilfe.»
Darauf verliess er nun auch seine Brüder und ritt über neun Flüsse und neun Hügel, bis er in die Hauptstadt jenes Königreiches gelangte, in dem der Vogel Bulbulis lebte. Dort eilte er gleich zum König und fragte ihn nach der mächtigen Linde mit den drei Kronen.
«Der Baum wächst in meinem Garten», antwortete der König. «Aber ich rate dir, gib dein Vorhaben auf und kehre nach Hause zurück. Viele Jünglinge drangen in den Garten ein, um sich den Vogel Bulbulis zu holen, doch keiner kehrte je zurück.»
Der Königssohn beachtete aber die warnenden Worte nicht, und er ging in den Garten. Doch nach der Linde blickte er sich vergeblich um. Wohin er auch seine Schritte lenkte, überall standen ihm Birken im Wege. Endlich, als die Sonne schon sank, kam er auf eine kleine Lichtung, in deren Mitte die Linde ihre drei Kronen ausbreitete. Da versteckte er sich im hohen Gras und wartete.
Plötzlich erfüllten herrliche Töne die Luft. Und der Königssohn vernahm einen Gesang so betörend, dass es sein Herz rührte. Als der Gesang verstummte, entdeckte er den Vogel, der sich auf einem Ast vor dem goldenen Käfig niedergelassen hatte. Voller Argwohn spähte er in die Runde, und dabei begann er zu klagen: «Alle schlafen schon fein gebettet. Nur ich allein kann keine Ruhe finden. Ist denn niemand hier, der mirGute Nacht sagt?»
Der Königssohn überlegte nicht lange. Er sagte: «Gute Nacht, Vogel Bulbulis!»
Damit hatte er sein Versteck verraten. Und sogleich erhob sich der Vogel von dem Ast, glitt hinunter und berührte ihn mit seinem rechten Flügel. Im selben Augenblick wurde der Königssohn in eine Birke verwandelt.
Anderntags sahen die beiden Brüder, dass sich die Kerbe im Buchenstamm blutrot gefärbt hatte. Ohne zu säumen, schlug der Zweitälteste eine neue Kerbe in den Baum und sagte: «So will ich mich denn auf den Weg machen. Reite du fortan allein jeden Morgen hierher und sieh nach dem Zeichen.»
Dann sattelte er sein Pferd, gürtete sein Schwert und machte sich auf den langen Weg über die neun Flüsse und die neun Hügel, um seinem Bruder zu Hilfe zu eilen.
Schon bald gelangte er in dieHauptstadt des fremden Reiches, und auch ihn warnte der König vor dem Vogel Bulbulis. Aber der Jüngling liess sich nicht abhalten. Er eilte in den Garten, um seinen Bruder zu suchen. Und bevor noch die Dämmerung hereingebrochen war, fand er die Linde mit den drei Kronen. Er versteckte sich – wie zuvor sein Bruder – im hohen Gras und wartete. Und wieder nahte der Vogel mit seinem betörenden Gesang. Kaum aber hatte er sich auf einem Ast niedergelassen, verstummte er und spähte voller Argwohn in die Runde.
Dann begann er zu klagen: «Alle schlafen schon fein gebettet. Nur ich allein kann keine Ruhe finden. Ist denn niemand hier, der mirGute Nacht sagt?»
Da besann sich auch der zweitälteste Königssohn nicht lange. Er rief mit lauter Stimme: «Gute Nacht, Vogel Bulbulis!»
Sogleich entdeckte ihn der Vogel im hohen Gras, glitt hinunter und berührte ihn mit seinem rechten Flügel. So wurde auch der zweite Königssohn in eine Birke verwandelt.
Am nächsten Morgen sah der jüngste Bruder die blutrote Kerbe im Stamm der Buche. So schnell ihn seine Füsse trugen, eilte er zu seinem Vaterund sagte: «Lass mich nun reiten. Vielleicht gelingt es mir, meine Brüder zu befreien und die Märchen deines Volkes zurückzuholen.»
Und der König liess den Jüngsten ziehen.
So ging es wiederum über neun Flüsse und neun Hügel in das ferne Land. Und auch der jüngste Königssohn entdeckte die Linde mit den drei Kronen und dem goldenen Käfig darin. Alsbald hörte er einen lieblichen Gesang. Da versteckte er sich schnell hinter einem Birkenstamm, und schon vernahm er die klagende Stimme des Vogels Bulbulis: «Alle schlafen schon fein gebettet. Nur ich allein kann keine Ruhe finden. Ist denn niemand hier, der mirGute Nacht sagt?»
Der jüngste Königssohn rührte sich nicht, er schwieg. Da hob der Vogel von neuem an zu klagen. Doch der Jüngling blieb in seinem Versteck und tat den Mund nicht auf. Der Vogel klagte ein drittes Mal.
Als er wieder keine Antwort erhielt, wähnte er sich in dem grossen Garten allein. Er schlüpfte beruhigt in seinen goldenen Käfig, steckte den Kopf unter einen Flügel und schlief ein.
Nun verliess der Königssohn sein Versteck und kletterte auf die Linde. Bevor er aber die Tür des goldenen Käfigs schloss, entdeckte er einen kostbaren Bernsteinring, den der Vogel an einer Kralle trug. Behutsam zog er ihn ab und verwahrte ihn in einem kleinen Beutel. Dann ergriff er den Käfig und stieg hinab.
Der Vogel erwachte, er schlug wild mit den Flügeln und flatterte verzweifelt gegen die Stäbe seines Käfigs. Aber es half ihm alles nichts, er war gefangen und musste Antwort geben, als der jüngste Königssohn ihn nach seinen Brüdern fragte.
«Die beiden Birken am Rande der Lichtung sind deine Brüder», sagte der Vogel.
«Und die anderen Bäume?», fragte der Königssohn.
«Bis auf die Linde waren es Menschen.»
«Sag nun, Vogel Bulbulis, was kann ich tun, damit sie alle ihre wahre Gestalt zurückerhalten?»
«Nimm eine Handvoll Erde und wirf sie in die Krone einer jeden Birke. Dann wird mein Zauber gebrochen sein.»
Zuerst warf der jüngste Königssohn Erde in die beiden Birken am Rande der Lichtung. Und als seine Brüder ihre menschliche Gestalt zurückerhalten hatten, halfen sie freudig, die übrigen Bäume wieder in Menschen zu verwandeln, immer grösser wurde die Schar der Jünglinge, die den jüngsten Königssohn umringten. Und alle dankten ihm für ihre glückliche Rettung. Nachdem drei Tage vergangen waren, machten sie sich auf den Heimweg.
So zogen auch die drei Brüder los. Sie überquerten die neun Hügel und neun Flüsse, bis sie in ihr Land kamen. Der Jüngste trug den goldenen Käfig mit dem Vogel Bulbulis darin. Er ahnteaber nicht, dass seine Brüder mit neidischen Blicken auf ihn schauten.
Als sie sich abends am Meeresufer niedergelegt hatten und der Jüngste eingeschlafen war, kamen die beiden älteren Brüder rasch überein, ihm den Vogel zu rauben. Sie fesselten den Bruder und warfen ihn ins Meer. Dann ergriffen sie den goldenen Käfig mit dem Vogel und ritten zum Schloss.
Aber der jüngste Königssohn ertrank nicht. Er sank bis auf den Meeresgrund hinab, und eine Strömung trug ihn in das Bernsteinschloss der Meereskönigin. Die fand Gefallen an dem schönen Jüngling, befreite ihn von seinen Fesseln und bat ihn, bei ihr zu bleiben. Der Königssohn willigte ein, und nicht lange danach vermählten sie sich miteinander.
Der Königssohn vergass aber nicht, dass er ausgezogen war, um seine Brüder zu retten und die Märchen seines Volkes zurückzuholen. Und sein Herz wurde schwer über die Tat seiner Brüder, die ihm ihre wunderbare Rettung so übel gelohnt hatten.
«Der Märchenschatz ist meinem Volkwiedergegeben», sagte er zur Meereskönigin.
«Aber meine Brüder haben das Lob erhalten, das mit gebührt. Alles, was mir bleibt, ist dieser Bernsteinring, den ich dem Vogel Bulbulis abgestreift habe.»
Dabei öffnete er den Beutel und zog das Kleinod heraus.
Kaum hatte aber die Meereskönigin den Ring erblickt, da umarmte sie ihren Gemahl und sprach. «Gräme dich nicht. Es ist wahr, deine Brüder haben dich betrogen. Doch den Märchenschatz haben sie deinem Volk nicht zurückgebracht. Als der Vogel die Märchen einst raubte, schloss er sie in diesen Ring ein, und nur derjenige vermag die Märchen wieder lebendig zu machen, der den Ring besitzt. Sie werden aus seinem Munde strömen, und die Menschen, die sie vernehmen, werden hinauseilen und sie über das ganze Land verbreiten.»
«Wie stelle ich es aber an, dass der Bernstein die Märchen freigibt?», fragte der Königssohn.
«Du musst ihn unter deine Zunge legen», antwortete die Meereskönigin.
Da zögerte der Königssohn nicht, er legte den Ring unter die Zunge. Alsbald spürte er eine seltsame Kraft, die von dem Bernsteinring auf ihn überging, und er setzte sich zu Füssen der Meereskönigin und begann zu erzählen.Viele Tage lang hatte der Königssohn zu Füssen der Meereskönigin gesessen und ihr die Märchen seines Volkes erzählt. Eine grosse Freude war dabei über ihn gekommen. Und nun verlangte es ihn, auf die Erde und zu seinem Vater zurückzukehren und den kostbaren Märchenschatz zu überbringen.
«Wie aber soll ich es anstellen, dass ich zur Erde hinaufgelange?», fragte er.
Da geleitete ihn die Meereskönigin zu einer Brücke aus schimmerndem Bernstein und geleitete ihn hinüber bis ans Meeresufer. Hier nahmen sie Abschied voneinander, und der Königssohn ging frohgemut den Weg zum Schloss.
Der König wusste sich vor Glück über die Rückkehr des jüngsten Sohnes kaum zu fassen. Die ungetreuen Brüder aber erschraken, sie fürchteten die Strafe für ihre böse Tat. Und so stahlen sie sich davon und krochen in ein Versteck.
Der Jüngste fand sie jedoch bald und sprach zu ihnen: «Da ihr meine Brüder seid, will ich euch verzeihen.»
Danach begab er sich wieder zum König und bat ihn: «Rufe doch die Ratgeber und das ganze Gesinde zusammen, denn alle sollen hören, was ich zu erzählen weiss.»
Der Vater fragte: «Wozu könnte das noch gut sein? Deine Brüder baten mich in gleicher Weise. Aber als sich alle versammelt hatten und der Vogel Bulbulis – denn wisse, deine Brüder haben ihn gefangen – hereingetragen war, damit dieser den Märchenschatz zurückgebe, blieb der Vogel stumm.»
Der jüngste Königssohn beharrte aber auf seinem Wunsch, und zuletzt erfüllte der Vater ihn. Als nun im Schloss alle beisammen waren, zog der Königssohn den Bernsteinringaus dem Beutel hervor und legte ihn sich unter die Zunge. Da spürte er, wie zum zweiten Mal jene seltsame Kraft von dem Bernsteinring auf ihn überging. Und wie staunte der ganze Hof, denn alsbald strömten die Märchen aus seinem Munde und drangen in die Herzen aller. Sechs Tage lang hörten sie dem jüngsten Königssohn zu, und als am Abend des siebenten Tages das letzte Märchen erzählt war, liefen sie hinaus und verbreiteten den kostbaren Schatz übers ganze Land.
Der König aber umarmte den Jüngsten und sprach: «Dir gebührt Dank! Du hast dem Land den Märchenschatz wiedergebracht. Doch sage, wie hast du ihn gefunden?»
Da berichtete der Jüngste, wie es ihm gelungen war, den Vogel Bulbulis zu finden und zu fangen. Er berichtete aber auch von seinen Brüdern, die der Vogel in zwei Birken verwandelt hatte, von ihrer Befreiung und davon, wie sie ihn gefesselt und ins Meer geworfen hatten.
«Doch ich habe ihnen verziehen», sagte er.
Schliesslich zeigte er den Bernsteinring her und erklärte, welche Bewandtnis es damit habe.
«Das Geheimnis seiner Zauberkraft hat mir die Meereskönigin offenbart, und die ist meine Gemahlin.»
Darauf ging er zu dem goldenen Käfig und steckte dem Vogel Bulbulis, der seit seiner Gefangennahme trübsinnig vor sich hingestarrt hatte, den Bernsteinring an. Kaum aber hatte er das getan, da hob der Vogel den Kopf und fing zu singen an.
Wie gefiel das dem König!
Bis zum nächsten Morgen lauschte er dem herrlichen Gesang. Währenddessen war der Jüngste ans Meeresufer gegangen und über die Bernsteinbrücke ins Reich der Meereskönigin zurückgekehrt.
Da lebten sie glücklich und zufrieden. Und an den langen Winterabenden konnten sie hören, wie die Menschen oben im Land einander die Märchen erzählten, die der jüngste Königssohn einst der Meereskönigin in dem Bernsteinschloss berichtete.
Märchen aus Lettland
Aus: Märchenforum Nr. 77, "Zauberdinge", herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung