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Der Soziologe Philipp Rieff (1922-2006), der über Freud promovierte, kurz darauf ein weiteres Werk “The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith After Freud” und über drei Jahrzehnte später eine umfassende dreiteilige Kulturkritik herausbrachte, beschrieb die kulturelle Entwicklung als Abfolge dreier Welten. Einer polytheistischen, auf Zauberer und Taboos basierenden Welt folgte eine monotheistische, auf göttlicher Autorität aufgebauten; diese wurde von einer a-theistischen Welt, welche Autorität abschaffte bzw. ins Selbst verlegte, abgelöst. Anstatt jedoch von einer Rückkehr in die zweite Welt zu träumen, schlägt Rieff einen mutig-zukunftsorientierten Ansatz vor. Er wird im lesenswerten Aufsatz “A Theological Sickness unto Death: Philip Rieff’s Prophetic Analysis of our Secular Age” zusammengefasst:
Der Aufbau einer vierten Welt erfordert die Wiederherstellung der heiligen Ordnung und damit auch die Wiederherstellung von Offenbarung und Autorität sowie von transzendentem Sinn und Moral. Eine solche Wiederherstellung vollzieht sich nicht von selbst; sie wartet auf ein Volk, das verantwortlich sprechen und handeln wird. Dieses “Volk der vierten Welt”, so argumentiert Rieff, muss scheinbar überholte Vorstellungen von Wahrheit und Tugend artikulieren und verkörpern – eine gewaltige Aufgabe in unserer radikal entzauberten und moralisch freizügigen Dritte-Welt-Kultur. Doch trotz der gewaltigen Herausforderungen, die die Dritte-Welt-Ordnung darstellt, gibt es bereits Risse im Fundament; obwohl es einst befreiend schien, Gott von seinem Posten zu feuern und ohne Grenzen zu leben, wird die Dritte Welt bald erkennen, dass eine Welt ohne Grenzen ein beängstigender – und nicht ein befreiender – Ort ist. Daher muss sich ein verantwortungsbewusstes Volk erheben, um die Schönheit des “Du sollst” und “Du sollst nicht” zu manifestieren.
Rieffs Analyse floss in das eben in deutscher Sprache erschienene Buchs “Der Siegeszug des modernen Selbst” ein. Ich selbst habe es kurz nach dem Erscheinen im Original hungrig verschlungen, eine Podcast-Serie erstellt und anschliessend einen Vortrag gehalten.
In einem kürzlich übersetzten Interview fasst Trueman die Intention des Buches zusammen:
Ich hoffe, dass es für die Leser die Ursprünge und die Reichweite der Umwälzung deutlich macht, die sich in den letzten 50 Jahren in der Vorstellung vom Selbst auf dramatische Weise in der westlichen Kultur vollzogen hat. Die Wurzeln sind tief, und in gewisser Hinsicht sind wir alle mitschuldig, sodass ein paar kleine Reparaturen, wie die Wahl des richtigen Präsidenten oder die Einsetzung passender Richter, die Situation nicht grundlegend verändern werden.