Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03438.jsonl.gz/1305

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Hans Richter zum Militärdienst eingezogen, von dem er wenige Monate später aufgrund einer schweren Verwundung wieder freigestellt wurde. Im Herbst 1916 folgte er der ärztlichen Empfehlung, diese Kriegsverletzung in der Schweiz behandeln zu lassen. Das ermöglichte ihm auch die Einlösung eines Versprechens: Seinen eigenen Angaben zufolge hatte er in der Zeit des Einrückungsbefehls 1914 mit Albert Ehrenstein und Ferdinand Hardekopf vereinbart, sich zwei Jahre später im Zürcher Café de la Terrasse wieder zu treffen. Hier begegnete er nun den alten Freunden und lernte mit Tristan Tzara sowie Marcel und Jules Janco neue kennen.
Mit neuen Kräften stellte er sich den Barbarismen der Zeit und suchte die politische Auseinandersetzung. Anklagend und provokativ nutzte er Mal- und Zeichenstift. In Kaiser Wilhelm als Befehlshaber des Todes setzte er den Herrscher in strammer Pose vor niedergestreckten Menschen ins Bild. Tot oder im Gefängnis war die Wahl für all jene, die sich seinem Befehl nicht beugten. In den damals in Zürich entstandenen Serien Die Welt den Ochsen und den Schweinen und Im Felde der Ehre sind Kriegstreiber und ihre Opfer spontan in wilder, expressiver Form gezeichnet. Alle diese Zeichnungen aus dem Jahre 1917 führten mit dem gleichen Hohn und Spott den Totentanz weiter, der jeweils im Cabaret Voltaire zu einer Marschmelodie vorgetragen wurde. Richters mithin metaphorische, schwierige Bildsprache hatte zur Folge, dass für Illustrationen vorgesehene Zeichnungen nicht publiziert wurden. Auch seine Zeichnungen Emmy Hennings im Gefängnis erschienen nicht in Hennings‘ Gefängnis-Roman (1919).
Im Text «Ein Maler spricht zu den Malern» (Zeit-Echo) sprach Richter die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers an. «Wie kann man es verantworten, dass es so schrecklich und geistverlassen ist, ohne sein ganzes Gejammer, Geschmerz und Gebrüll herauszubrechen, so artikuliert wie man ist, so präzise wie es das rasend geschärfte Bewusstsein von Schuld und Unrecht Schuldigen und Guten nur zulässt.» Richters Suche nach dem neuen Menschen, den er in einer Serie unter dem Titel Der heilige Mitmensch zeichnete, aktivierte ihn für die revolutionären politischen Bewegungen in Deutschland. Sein Engagement beeinflusste die künstlerischen Diskussionen im Zürcher Dada-Kreis und führte 1919 zum Manifest der «Radikalen Künstler / artistes radicaux», das Richter verfasste und das u.a. von Hans Arp, Viking Eggeling und Marcel Janco unterzeichnet wurde: «Wir Künstler als Vertreter eines wesentlichen Teiles der Gesamtkultur wollen uns ‚mitten in die Dinge‘ hineinstellen, die Verantwortung für die kommende, ideelle Entwicklung im Staate mitübernehmen». Der Spagat zwischen dem Ernst dieses Manifests und den dadaistischen Gesten macht deutlich, in welchem persönlichen und künstlerischen Spannungsfeld Dada Zürich zu Ende ging. Richters Mitteilung «Gegen Ohne Für Dada», die er an der letzten Dada-Soirée im April 1919 verlas, widerspiegelt seine ambivalente Haltung gegenüber dem «mondsteinfarbenen Dada».
Provenienz: Geschenk von Frida Richter aus dem Nachlass des Künstlers, 1977. Im Kunsthaus Zürich befinden sich 41 Zeichnungen von Hans Richter aus der Zeit von 1916 – 1918.
Erste Ausstellungen: Providence, Museum of Modern Art et al., The World between the Ox and the Swine, 1971/1972. Zürich, Kunsthaus, Dada in Zürich, 1980. Berlin, Akademie der Künste; Zürich, Kunsthaus; München, Städtische Galerie, Hans Richter, 1982.