Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03178.jsonl.gz/2450

Medizin-Papers im Zwielicht
Die Forschungsförderung sollte weniger Wert auf Resultate legen und vermehrt darauf bestehen, dass Forschende ihre Daten der Allgemeinheit verfügbar machen, sagt der Epidemiologe John Ioannidis. Von Ori Schipper
Herr Ioannidis, Sie haben an Ihrem Auftritt im Schweizerischen Nationalfonds kein gutes Haar am Wissenschaftssystem gelassen. Steckt es in der Krise?
So generell lässt sich das nicht sagen. Die Wissenschaft ist produktiver denn je, doch sie leidet an einem Glaubwürdigkeitsproblem. Viele veröffentlichte Resultate stimmen nicht. Um willentliche Fälschungen geht es nur selten, viel öfter geht es um fehlerhafte Versuchsanordnungen und unzulässige statistische Aussagen. Von diesem Problem sind nicht alle wissenschaftlichen Disziplinen gleich stark betroffen, jeder Forschende sollte wissen, wie es um sein Gebiet steht. Einige Disziplinen haben Verbesserungen in der Überprüfung von Forschungsergebnissen eingeführt und produzieren nun glaubwürdige und nützliche Resultate. Andere Disziplinen sind mit der Qualitätskontrolle weniger weit. Doch wer seine Ergebnisse nicht überprüft, kann nicht wissen, ob sie richtig sind oder nicht.
Wie sind Sie als Forschender dazu gekommen, das System, an dem Sie mitwirken, in Frage zu stellen?
Es geht mir nicht darum, das Wissenschaftssystem in Frage zu stellen. Ich bin einfach nur auf Probleme und Fehler gestossen, die sowohl in meiner Arbeit als auch in derjenigen von Kollegen weit verbreitet sind. Die meisten der im biomedizinischen Bereich als statistisch signifikant ausgewiesenen Ergebnisse sind entweder übertrieben dargestellt oder schlicht falsch. Verschiedenen Hormon- oder Vitaminzusätzen in der Nahrung wurden etwa heilende oder vor Krebs schützende Wirkungen zugeschrieben. Diese Behauptungen haben einer Überprüfung durch grössere Studien nicht standgehalten. So habe ich angefangen, empirische Evaluationen durchzuführen und zu schauen, welche Resultate wie entstehen, ob sie überprüft werden und, falls ja, ob die Wiederholungen der Versuche zu denselben Ergebnissen gelangen oder nicht. Ich übe keine grundsätzliche Kritik, sondern möchte aufzeigen, wo Probleme vorliegen und wie sie behoben werden können.
Diese Probleme betreffen aber auch viele andere Forschende. Sind Sie einfach mutiger oder hartnäckiger als die anderen, dass Sie darüber sprechen?
Nein, ich glaube, das hat nicht mit Mut, sondern eher mit meinen Forschungsvorlieben zu tun. So wie sich andere für den Vogelflug oder Trennungsängste interessieren, faszinieren mich Fragen über die Forschung. Ich bin offen für Diskussionen und habe mit über 2000 anderen Wissenschaftlern zusammengearbeitet. Dabei bin ich mir bewusst, dass auch in meinen Arbeiten Fehler schlummern.