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| Hieronymus († 420) - Leben und Gefangenschaft des Mönches Malchus (Vita Malchi)

7.
Nach langer Zeit saß ich einmal allein in der Wüste, ohne etwas anderes zu erblicken als Himmel und Erde. In stilles Nachdenken versunken gedachte ich unter anderem auch des Zusammenlebens mit den Mönchen. Besonders erinnerte ich mich der Gesichtszüge des Abtes, der mich unterwiesen, zurückgehalten und verloren hatte. Während mich solche Gedanken beschäftigten, sehe ich, wie es auf einem engen Fußwege von Ameisen wimmelt. Erstaunen mußte man über die Lasten, welche sie trugen, schwerer als ihr Körpergewicht. Einige schleppten mit ihren Freßzangen Samenkörner herbei; andere entfernten den Boden aus den Gängen und errichteten Dämme, um den Wasserzufluß abzugraben. Eine weitere Gruppe sorgte für den kommenden Winter und biß die Keime der eingebrachten Samenkörner ab, damit nicht etwa der feuchte Boden die Vorratskammern in Gemüsegarten verwandle. Eine letzte Abteilung schaffte in ernster Trauer die Leichen fort. .Am meisten jedoch fiel bei dieser großen Menge auf, daß die eine der anderen nicht im Wege war. Ja, wenn sie sahen, daß eine unter der bürdevollen Last zusammenbrach, dann stellten sie ihre Schultern hilfbereit zur Verfügung. Wirklich, dieser Tag bot mir ein herrliches Schauspiel. Ich dachte an Salomon, der uns zu den fleißigen Ameisen schickt und träge Geister durch ihr Beispiel aufrüttelt1 . Ich fing an, der Gefangenschaft überdrüssig zu werden und mich nach den Klosterzellen zu sehnen. Jenen Ameisen wünschte ich gleich zu werden, bei denen man für das Wohl des Ganzen arbeitete, wo dem Einzelwesen nichts eignet, vielmehr allen alles gehört.
1: Spr. 6:6.