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Waren verlieren immer mehr ihre Labels, wie "Made in Switzerland", um sich in Erzeugnisse "Made in the World" zu verwandeln. Dieses Modell vermehrt die Geschäftsmöglichkeiten, läuft aber Gefahr, die ärmsten Länder auszuschliessen.
Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten und verwischt die geographischen Grenzen. Das nächste Flugzeug, das Sie besteigen, wird wahrscheinlich einen Rumpf aus Italien, Fluchttüren aus Frankreich, Kontrollinstrumente aus den USA und Mittelflügel aus Japan haben.
Dies sind Erzeugnisse der sogenannten globalen Wertschöpfungsketten oder GVC (englisch: Global Value Chains). Laut der UNCTAD machen sie heute 80% des Welthandels aus.
Ein Land befasst sich mit der Forschung; das nächste mit dem Design; ein drittes stellt die Teile her; und das letzte übernimmt die Montage. Dieselbe Entwicklung ist auch im Dienstleistungssektor festzustellen, wo beispielsweise einige Länder zu Spezialisten für Call Centers wurden.
Laut dem Rat der globalen Agenda des WEF von Davos wurden die GVC zum wahren Rückgrat und Nervensystem der Weltwirtschaft. Die Expertengruppe analysierte 2012 das Phänomen im Bericht "Die wechselnde Geographie der Verlagerung der GVC: Auswirkungen auf Entwicklungsländer und Handelspolitik".
Mehr Chancen und Arbeitsplätze
Laut dem Sprecher der WTO, Keith Rockwell haben die GVC drei Hauptvorteile: neue Handelsmöglichkeiten, effizienteren Handel und die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Als zwischen Ländern nur Fertigwaren gehandelt wurden, führte dies dazu, "dass kleinere und ärmere Länder aus dem Markt gedrängt wurden. Heute können sogar kleine Schwellenländer eine Industrie aufbauen, die fähig ist, sich auf ein bestimmtes Segment der Autoindustrie oder der Elektronik zu spezialisieren", sagt Rochwell gegenüber swissinfo.ch.
"Die Länder stellen diejenigen Teilerzeugnisse her, für welche sie über komparative Kostenvorteile verfügen. So führen die GVC oft zu Direktinvestitionen, die Arbeitsplätze schaffen", so Rochwell.
Hans-Peter Egler, Chef für Handelsförderung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), stimmt den Vorteilen dieser globalen Handelsform zu. Sie fördere Chancen sowie den effizienten Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen verschiedenen Märkten.
Kein Wundermittel
Das Phänomen hat jedoch auch Schwächen. Obwohl die GVC Chancen bieten, damit sich Entwicklungsländer in den Welthandel integrieren, seien sie nicht allen Volkswirtschaften zugänglich, sagt Jean-Pierre Lehmann, Professor für internationale Wirtschaftspolitik in Lausanne und einer der Autoren des Berichts "Die wechselnde Geographie der Verlagerung der GVC".
Laut dem Bericht müssen die an diesen Ketten teilnehmenden Firmen ihren Kunden zusichern können, dass sie fähig sind, zu den geforderten Standards und unter akzeptablen Arbeitsbedingungen zu produzieren. "Für KMU ist es oft schwierig, diese Bedingungen zu erfüllen", meint Lehmann.
Die WTO gibt zu, dass nicht alle Volkswirtschaften fähig sind, das Potential dieser Handelsform auszunützen. "Es stimmt, dass viele arme Länder an den GVC nicht in dem Ausmass teilnehmen, wie sie eigentlich möchten. Dies ist häufig auf Kapazitätsprobleme zurückzuführen. Sie verfügen nicht über die notwendige Infrastruktur, Gesetzgebung und Kenntnisse", betont Rockwell.
Ausschluss verringern
Verschiedene Organisationen, so Aid for Trade, versuchen die schwächsten Glieder der globalen Wertschöpfungsketten zu stärken. Die von der WTO geförderte Initiative "Hilfe für Handel" vereint Agenturen für internationale Zusammenarbeit und Spender mit dem Ziel, den Regierungen von Entwicklungsländern bei der Überwindung von Hindernissen im internationalen Handel behilflich zu sein. Zu den Ländern gehören Burkina Faso, Kolumbien, Vietnam, Honduras und Haiti.
Rockwell erinnert, dass in den vergangenen Jahren jährlich um die 40 Mrd. Dollar für verschiedene für Entwicklungsländer bestimmte Programme aufgewendet wurden. Diese müssten sich aber auch auf Massnahmen verpflichten, die Investitionen anziehen und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, wie es bereits in Bangladesch, Kambodscha, Vietnam oder Costa Rica der Fall sei.
Auch die Schweiz trägt ihren Anteil bei für einen Handel "made in the world", der Schwellenländer begünstigt. Das Seco fördert diese mit Entwicklungsprogrammen: "Wir unterstützen die Förderung nachhaltiger landwirtschaftlicher Rohstoffe wie Kaffee, Kakao und Baumwolle sowie die Einführung der von der OIT festgesetzten Arbeitsbedingungen seitens der Unternehmen," erklärt Hans-Peter Egler gegenüber swissinfo.ch.
Gut positionierte Schweiz
Welche Volkswirtschaften unterstützen den Handel "made in the world" und welche lehnen ihn ab? Laut Keith Rockwell sind grundsätzlich "diejenigen Länder dafür, die sich bereits in die globalen Ketten eingefügt haben, wie Costa Rica, Chile, Mexiko, China, Singapur, Malaysia, Japan, USA, Kanada und der Grossteil der europäischen Staaten." Die am wenigsten begeisterten seien diejenigen, die sich noch nicht integriert hätten.
Für Jean-Pierre Lehman sind "die USA zweifelslos das durch die GVC meist begünstigte Land". Multinationale wie Apple wussten, aus diesem Handelsmodell den höchsten Gewinn zu ziehen.
Auch China erleichterten die GVC das Wirtschaftswachstum, "obwohl man angesichts wachsender Arbeitskosten nun eine Verlagerung nach asiatischen Ländern mit billigeren Arbeitskräften beobachten könne, wie Vietnam, Bangladesch und Indonesien", vermerkt Lehman und fügt hinzu, dass diese Entwicklung in Lateinamerika - mit der Ausnahme von Mexiko und Costa Rica - und Afrika noch beschränkt sei.
Die Gesprächspartner stimmen überein, dass die Schweiz zu den Gewinnerinnen gehöre.
Rockwell unterstreicht die Bedeutung des Exportsektors für ein Land mit nur 8 Mio. Einwohnern und Lehman, dass die grossen Schweizer Multinationalen erfolgreich Handel mit dem Label "made in the world" betreiben.
Für Hans-Peter Egler vom Seco haben im Falle der Schweiz auch die KMU eine entscheidende Rolle gespielt: "Die schweizerische Industrieproduktion ist durch starke und höchst spezialisierte KMU geprägt, die vorfabrizierte oder Halbfertigerzeugnisse importieren, sie umwandeln und mit Mehrwert exportieren."
Die Schweiz gehört zu den Ländern, die am meisten importierte Zwischenprodukte verwenden. Laut der OECD betragen diese für die Chemie 70% und für die Textilindustrie 60%.
Zwar ist es nicht bedenklich, dass die Produktion "made in the world" die Zügel übernommen hat. Beobachter dieser beschleunigten Expansion weisen jedoch darauf hin, dass der Zukunftserfolg von schwer abwägbaren Faktoren abhängt.
Lehman erinnert, dass die Überschwemmungen in Thailand (2011) die Lieferungen dieses Landes an die internationale Autoindustrie empfindlich beeinträchtigten und weist auch auf die Beziehungen zwischen China und Japan hin: "stark integriert in der Produktion, aber mit angespannten politischen Beziehungen, wo ein, wenn auch unwahrscheinliches, Kriegsrisiko gegenwärtig ist."
"Buchhaltung"
Sowohl die WTO als auch die OECD warnen, dass die Zersplitterung der Produktionsprozesse die Welt herausfordert.
"Was man sieht, ist nicht, was in der Wirklichkeit besteht", betont die OECD mit einem symbolischen Beispiel: Im Falle eines iPad- Tablet mit Herstellungskosten von 187,51 Dollar sieht die Wertverteilung der verschiedenen Komponenten wie folgt aus: Korea (80,05 Dollar), China (20,75), USA (22,88), Deutschland (16,08), übrige Länder (47,75). Dies sei jedoch nur ein Teil der Geschichte, da die Zulieferfirmen für die Produktion ihrerseits Zwischenerzeugnisse importierten.
Jedes Mal, wenn ein Erzeugnis oder seine Komponenten die Grenzen überschreiten, um verarbeitet zu werden oder einen Mehrwert zu erhalten, werden sie verbucht.
Die WTO schätzt ihrerseits, dass der Handel zwischen den USA und China 2008 um 40% geringer gewesen wäre, wenn eine Methodologie benützt worden wäre, die das Gewicht der gegenseitigen Wertschöpfungen berücksichtigt hätte.
Mithilfe der Initiative Made in the World (Miwi Initative) arbeiten die OECD und WTO an einer Methodologie, die den Einfluss des Mehrwerts im Welthandel berücksichtigt sowie an einer öffentlichen Datenbasis.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein), swissinfo.ch