Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/83

Die Bibel und ich
Die Bibel und ich - Ein origineller Selbstversuch und Kurzinterview mit A.J. Jacobs
Eines muss man A.J. Jacobs lassen: Der Mann hat Ausdauer. Schon mit seinem Buch Britannica & ich machte er einen ungewöhnlichen Selbstversuch, indem er die ganze Encyclopaedia Britannica durchlas, immmerhin 33'000 Seiten und darüber ein Buch schrieb.Der Mann schreibt für das Männermagazin Esquire und wagte sich nun schlechthin an das Buch der Bücher: Die Bibel. Jacobs wollte das Phänomen der Religion unter die Lupe nehmen.Im Vorwort zu seinem Buch schreibt Jacobs, dass er bisher als liberaler Jude wenig religiöse Erfahrungen gemacht hat. Er versprach sich von seinem Versuch, allfällig eine gute persönliche Erfahrung zu machen und etwas, was er seinem Sohn weitergeben kann.Dass es gar nicht so einfach ist, strikt nach der Bibel zu leben, wird schon nach dem Lesen des ersten Kapitels dieses Buches klar. Denn es gibt hunderte von Regeln und Geboten in der Bibel, die sich alle nicht so einfach in das New York des 21. Jahrhunderts, wo Jacobs lebt, transportieren lassen.Zudem wird Jacobs immer wieder mit der Frage konfrontiert, welche Regeln und Geboten denn wortwörtlich zu verstehen sind und welche nur sinngemäss verstanden werden sollen. Jacobs beschliesst, acht Monate nach dem Alten Testamens und vier Monate nach dem neuen Testament zu leben.Jacobs versucht, so authentisch wie möglich nach der Bibel zu lesen. Sehr zum Leidwesen seiner Ehefau und Freunde, die seine neue Lebensart "ertragen" müssen, sei es, dass er auf die Kleiderordnung achtet oder sich ein Jahr lang nicht mehr rasiert. Von diesen alltäglichen Erfahrungen erzählt der Autor mit viel Humor.Aber auch Ernsthaftigkeit zeichnet sein Buch aus. Anhand vieler theologischer Fachbücher, die er während dieses Jahres liest, und einem theologischen Beraterstab, der ihm während seines Versuchs unterstützt, zeigt er auf, wie unterschiedlich einzelne Bibelstellen verstanden und ausgelegt werden können. Zudem besucht der Autor verschiedenen religiöse Gemeinschaften und fliegt für einen Besuch nach Israel.Gegen Ende des Buchs macht der Autor an einem Fest in New Jersey eine kurze religiöse Erfahrung, die sich aber gemäss seinen eigenen Worten nur schwer beschreiben lässt.Ich konnte A.J. Jacobs einige Fragen stellen:Ist dieser spezielle Moment im Country-Club von New Jersey, den Sie beschrieben haben, der beste Moment Ihres Versuchts?"Sicher einer von ihnen. Ich liebte auch die Treffen mit verschiedenen religiösen Gemeinschaften - von den Amish zu den hasidischen Juden bis zu den Zeugen Jehovas. Ich denke, ich bin die erste Person, die die Zeugen Jehovas mit der Bibel hinaus geredet hat."Von Zeit zu Zeit beschreiben Sie im Buch die Reaktionen Ihrer Ehefrau zu Ihrem Versuch. Was sagte sie nach einem Jahr als Ergebnis zu Ihrem Versuch?"Es gab viele Dinge, die sie an diesem Jahr liebte. Sie liebte es, dass ich dankbarer wurde. Und sie liebte es, dass ich anfing, den Sabbat zu beachten und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Natürlich hasste sie den Bart. Und sie hasste es, dass ich sie während ihrer Menstruation nicht berühren würde."Finden Sie, es wäre ein guter Versuch für jeden, ein Jahr nach der Bibel zu leben, so wie Sie es taten?"Ich denke nicht, dass sich jeder einen Bart wachsen lassen oder vermeiden sollte, Kleider aus Mischgewebe zu tragen. Aber ich denke sicher, dass es für die Leute gut wäre, ein Jahr lang nicht zu tratschen, zu lügen oder zu begehren."Gibt es eine Boschaft, die Sie Ihren Lesern nach diesem Versuch geben möchten?"Vielleicht, dass die goldene Regel wirklich das Wichtigste ist, der man folgen sollte." Jacobs macht mit seinem Versuch auf einen spannenden Punkt aufmerksam: Während Christen auf einzelne Regeln und Gebote in der Bibel besonderen Wert legen und diese verteidigen, lassen sie andere völlig ausser acht. Doch welche Regeln und Gebote haben einen besonderen Stellenwert? Und sind alle gleich wichtig oder nicht?Denn mit seinem Selbstversuch macht Jacobs deutlich, wie leicht - aber auch unsinnig - es ist, nur diejenigen Regeln und Gebote aus der Bibel herauszupicken, die einem für die eigenen Glaubensüberzeugungen als wichtig erscheinen.Der Autor verzichtet auf wertende Aussagen, was nun richtig oder falsch sei - und das ist auch gut so. So lässt er dem Leser Raum, selber darüber nachzudenken, wie man den Glauben im Alltag leben sollte.Fazit: Die Bibel und ich von A.J. Jacob ist ein lesenswertes Buch über einen originellen Selbstversuch, das anregt, darüber nachzudenken, welche Glaubensvorstellungen einem wichtig sind und warum eigentlich.