Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/2813

Die grundlegende Maxime europäischer Moderne fusst auf der Einheit von Form und Inhalt. Ihr zur Seite steht die Materialästhetik und die Ablehnung des Dekors als inhaltsleeres Beiwerk. Die arabische Kultur hat diesen Grundsatz als ästhetisches und inhaltliches Prinzip nie formuliert. In ihrer Serie «Bosporus» öffnet Margareta Daepp ein Tor zwischen europäischer und arabischer Keramik-Tradition. So ist denn auch die Bezeichnung dieser Werkgruppe zu verstehen. Der Bosporus teilt und verbindet geografisch den Okzident mit dem Orient.
Der dreiteilige Gefässaufbau trennt nicht allein drei eigenständige Gefässformen, den hohen Zylinder von der flachen Schale und die Schale von der schlichten Platte, sondern auch unterschiedliche Dekore voneinander. Kobaltblaue Bänder sind auf den reinen, weiss glasierten Gefässen als Fünfer-, Sechser- und Achterreihe angeordnet. Kobalt bedeckt auch Boden und Wandung im Inneren der Gefässe. Die kühle Strenge des Zylinders wird kontrastiert von dem prachtvollen, aufwändigen Ornament der Schale in Schwarz auf Türkis. Der breite Rand ist komplementär ergänzt mit einer kräftigen orangefarbenen Glasur. Drei Variationen hat die Keramikerin hier erarbeitet. Sie sind das Produkt eines ausdauernden Prozesses der Auslese, Umformung und Angleichung. Die historischen Vorlagen für diese Dekore stammen aus dem British Museum, im Original studierte Margareta Daepp die Keramikfliesen und ihre multiplen Ornamente in Konya/Anatolien. Die geometrische Struktur sowohl des floralen als auch des grafischen Musters gründet sich streng auf den Grundformen von Pentagon, Hexagon und Oktagon. Die flache Platte, auf der die beiden anderen Gefässe stehen, ist mit einer irisierend türkisfarbenen Glasur bedeckt. Ihr schmaler Rand ist undekoriert.
Margareta Daepp fügt in dieser Serie zusammen, was unvereinbar erscheint. Direkt proportional entspricht die Anzahl der Bänder auf dem Zylinder dem strengen Mass des Schalendekors. Die strikte Einhaltung der Grundstruktur des Vielecks bietet gleichzeitig die Multiplizierung des Dekors ins Unendliche. Neben der sinnvollen Ordnung des Ornaments ist auch die Farbgebung der Gefässe semantisch aufeinander bezogen. Kobaltblau ist eine der wichtigsten und kostbarsten Glasuren der europäischen Keramiktradition. Türkis und Orange gehören zum dominierenden und tradierten Farbenspektrum arabischer Gefässe und Fliessen.
Im Turm der Gefässe verbindet die Keramikerin zwei bedeutende Kulturkreise miteinander. Dabei werden die Rückbezüge über das Dekor geleistet. Seine Aufgabe als kulturelles Gedächtnis und seine Potenz der Wandlung und Erneuerung ist hier veranschaulicht. Die Aneignung der Kulturen als Reflexionsprozess, im keramischen Gefäss versinnbildlicht, eröffnet die Möglichkeiten der Kommunikation und des Austausches. Die Keramik wird zum Objekt mit dem und durch das wir denken.
Susanne Schneemann