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| Athanasius (295-373) - Brief an Epiktet (Epistula ad Epictetum)

8.
Da es also um den Beweis so bestellt ist, ist es überflüssig, die anderen Punkte noch zu berühren und sich weiter darüber zu verbreiten, weil der Leib, in dem der Logos war, der Gottheit nicht wesensgleich, sondern wahrhaft aus Maria geboren ist, und weil der Logos selbst sich nicht in Fleisch und Bein verwandelt hat, sondern im Fleisch gewesen ist. Denn was bei Johannes gesagt ist: ,,Der Logos ist Fleisch geworden"1, hat den gleichen Sinn, wie man das auch aus einer ähnlichen Stelle finden kann. Bei Paulus steht nämlich geschrieben: „Christus ist für uns zum Fluche geworden"2. Und wie nicht er zum Fluche ward, sondern nur, weil er den Fluch für uns auf sich nahm, gesagt ist, daß er zum Fluch geworden sei, so ist er auch Fleisch geworden, nicht indem er sich in Fleisch verwandelte, sondern weil er für uns Fleisch annahm und Mensch wurde. Denn der Ausdruck: „Der Logos ist Fleisch geworden" besagt das gleiche wie: der Logos ist Mensch geworden, gemäß einem Wort bei Joel: „Ich werde von meinem Geiste über alles Fleisch ausgießen"3. Denn diese Verheißung erstreckte sich nicht auf die unvernünftigen Tiere, sondern geht auf die Menschen, derentwegen auch der Herr Mensch geworden ist. Da die Stelle diesen Sinn hat, werden sich natürlich alle selbst verurteilen, die glauben, schon vor Maria sei das aus ihr stammende Fleisch gewesen, und schon vor ihr habe der Logos eine menschliche Seele gehabt, und in derselben sei er vor seiner Ankunft immer gewesen. Aber auch jene werden sich bescheiden müssen, die behaupten, das Fleisch sei nicht des Todes fähig, sondern sei unsterblicher Natur. Denn, wenn er nicht gestorben ist, wie konnte dann Paulus den Korinthern mitteilen, was er empfangen hatte, „daß Christus für unsere Sünden gestorben ist gemäß der Schrift"?4 Wie ist er überhaupt auferstanden, wenn er zuvor nicht gestorben ist? In heftiger Scham werden aber alle jene erröten, die gar auf den Gedanken verfielen, es könnte statt der Trinität eine Vierheit entstehen, wenn man sage, der Leib sei aus Maria. Denn wenn wir behaupten, sagen sie, daß der Leib mit dem Logos wesensgleich sei, bleibt die Trinität eine Dreiheit, da der Logos nichts Fremdartiges in sie einführt; wenn wir aber sagen, der aus Maria stammende Leib sei ein menschlicher Leib, so muß, da der Leib wesentlich etwas Fremdartiges und der Logos in ihm ist, eine Vierheit statt der Trinität entstehen, weil der Leib dazu kommt.
1: Joh. 1, 14.
2: Gal. 3, 13.
3: Joel 2, 28.
4: 1 Kor. 15, 3.