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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.
[S. 98] 1. Einleitung.
Die Reihenfolge unseres Versprechens und unserer Reise fordert, daß jetzt die Lehre des Abtes Nesteros, eines in jeder Hinsicht ausgezeichneten Mannes von höchster Wissenschaft, folge. Als dieser gemerkt hatte, daß wir Einiges aus den hl. Schriften dem Gedächtnisse eingeprägt hatten und nun nach dem Verständnisse desselben uns sehnten, redete er uns mit folgenden Worten an: Es gibt in dieser Welt viele Arten von Wissenschaften, und ihre Verschiedenheit ist so groß als die der Künste und Lehrgegenstände. Aber obwohl alle entweder ganz unnütz sind oder doch nur den Interessen des gegenwärtigen Lebens dienen, so ist doch keine, die nicht eine eigene Stufenfolge und Art ihrer Lehre hätte, durch die sie von den Forschenden erreicht werden kann. Wenn sich nun diese Künste bei ihrer Erlernung nach bestimmten und eigenen Linien richten, um wie viel mehr wird das Lehrsystem und die Wissenschaft unserer Religion, welche darnach strebt, das Verborgene der un- [S. 99] sichtbaren Geheimnisse zu schauen, und die nicht nach der Vergeltung mit gegenwärtigem Gewinn, sondern mit ewigem Lohne ringt, an einer bestimmten Reihenfolge und Weise festhalten! Es gibt nun von ihr ein doppeltes Wissen: erstens ein praktisches oder thätiges, welches in der Besserung der Sitten und der Reinigung von Lastern gipfelt; zweitens ein beschauliches, das nemlich in der Beschauung der göttlichen Dinge und in der Erkenntniß der verborgensten Sinne besteht.