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Tschaikowskys Musik hängt noch immer Adornos Urteil an: Er, so der deutsche Kulturkritiker, porträtiere selbst die Verzweiflung mit Schlagermelodien. Auch das Violinkonzert des russischen Tonschöpfers kann als Bekenntnis einer leidenden Seele verstanden werden. Mit diesem war bereits ein Zeitgenosse Tschaikowskys hart ins Gericht gegangen: Der scharfzüngige Musikkritiker Eduard Hanslick meinte dazu, da werde an der Geige herumgezerrt, sie werde in Stücke gerissen und grün und blau geschlagen (die noch unappetitlicheren Charakterisierungen Hanslicks ersparen wir dem Leser). Das Verdikt hat Tschaikowsky so tief getroffen, dass er den Verriss selbst an seinem Lebensende noch aus dem Gedächtnis aufzusagen vermochte.
Die Geigerin Janine Jansen würde sich vor den von Hanslick unterstellten Misshandlungen hüten, immerhin spielt sie eine Stradivari (die «Barrere») aus dem Jahr 1727, und da wäre Derartiges doch wohl eher unbedacht. Allerdings straft bereits Jansens Interpretation des hochromantischen Konzertes das Verdikt von Hanslick Lügen. Die Holländerin spielt das Werk, das 1878 im Welschschweizer Dörfchen Clarens zu Papier gebracht worden ist, mit solcher Leichtigkeit, Reinheit und Klarheit, dass man sich unwillkürlich fragt, wie der scharfzüngige Musikpublizist zu seinem vernichtenden Urteil kommen konnte.
Es ist aber auch nicht das erste Mal, dass Jansen sich des Konzertes angenommen hat. Die Einspielung mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Daniel Harding − sie ist im Juli dieses Jahres anlässlich einer Konzertreise im spanischen Santiago de Compostela entstanden − widerspiegelt den vorläufigen Endpunkt einer langen inneren Auseinandersetzung mit der Partitur.
Mit dreizehn Jahren hat sich die Geigerin am Rande eines Sommerseminars in den USA erstmals - vergeblich - an dem exorbitant schwierigen Solopart versucht. Um die Jahrtausendwende lud Valery Gergiev sie ein, das Konzert mit dem Kirov-Orchester aufzuführen. Wer könnte ein besserer Reiseführer in die Welten des russischen Nationalkomponisten sein? Anlässlich ihres ersten Auftrittes in London bot sich Jansen überdies die Gelegenheit, das Konzert auch unter den schützenden Fittichen des russischen Pianisten und Dirigenten Vladimir Ashkenazy zum Besten zu geben. Denkbar gute Voraussetzungen also, um zu einem eigenen und dennoch authentischen Zugang zu dem Werk zu finden. Vertraulich und melancholisch, schlicht und ehrlich verstehe sie diese Musik, erklärt Jansen im Booklet, und genauso spielt sie sie auf der nun vorliegenden CD auch.
Ebenfalls gut gewählt ist die Zusammenstellung des Konzertes mit Tschaikowskys «Souvenir d'un lieu cher», einer Suite für Violine und Klavier, die der rumänisch-niederländische Dirigent Alexandru Lascae für Violine und Streichorchester bearbeitet hat. Beim ersten Satz handelt es sich nämlich um den ursprünglichen, aber von Tschaikowsky verworfenen Mittelsatz des Konzertes. Die Kombination erlaubt also einen Blick in die Werkstatt des Komponisten. Würde der ursprüngliche langsame Satz sich in das Ganze tatsächlich nicht einfügen? Der Hörer ist eingeladen, sich dazu selber ein Urteil zu bilden. (wb)
Tschaikowsky: Violinkonzert, Souvenir d'un lieu cher, Janine Jansen (Violine), Mahler Chamber Orchestra, Daniel Harding (Leitung), Decca 478 0651