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Weder Sänger Mick Jagger noch Gitarrenvirtuose Keith Richards erhalten auf der laufenden "Voodoo Lounge" Welttournee der Rolling Stones am meisten Applaus, sondern der weisshaarige Schlagzeuger Charlie Watts. Einigermassen überraschend, stand er doch bisher stets im Schatten seiner berühmten Bandkollegen. Oder hatte er sich etwa selber dahin gestellt?
"Charlie is good tonight, ain’t he?", meinte 1969 Mick Jagger nach dem letzten Trommelwirbel von Little Queenie im New Yorker Madison Square Garden. Die Bemerkung, der Nachwelt auf dem Live-Album "Get Yer Ya-Ya’s Out" überliefert, war natürlich berechtigt, dennoch lag der Stones-Boss mit seinem saloppen Spruch völlig daneben: Charlie ist jeden Abend gut, wenn er eine Bühne oder ein Studio betritt.
Doch Charles Robert Watts, wie der am 2. Juni 1941 im Londoner Stadtteil Islington geborene Schlagzeuger mit vollem Namen heisst, stand drei Jahrzehnte im Schatten der Herren Jagger und Richards. Allzu vereinfachend wurden diese beiden, die für die meisten der Stonesnummern als Komponisten verantwortlich zeichnen, mit der Band als ganzem gleichgesetzt. Dabei hält Keith Richards ausgesprochen hohe Stücke von seinem trommelnden Hintermann. "Er ist die Seele der Stones - persönlich und musikalisch. Ob ein neues Gitarrenriff etwas taugt, erweist sich erst in dem Moment, wo sich Charlie rhythmisch damit auseinandersetzt." Seit dem Tod des Pianisten und Gründungsmitglieds Ian Stewart im Dezember 1985 fällt Charlie auch die Aufgabe zu, die unterschiedlichen Charaktere innerhalb der Stones-Mixtur aufeinander abzustimmen. Er hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Jagger und Richards wieder zusammenfanden, nachdem sie sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre vorübergehend schwer entzweit hatten: Als Freund von Keith trifft er sich mit diesem beispielsweise beim Fischen, als Freund von Mick stand er zur Taufe von dessen erstem Sohn Pate.
Der Landlord als Rockstar
Insider freilich wundern sich, wie Watts, der mit seinem weissen Bürstenhaarschnitt und seinen Nadelstreifenanzügen eher an einen englischen Landlord oder an einen flämischen Sparkassenverwalter denn an einen Rockstar gemahnt, überhaupt die Strapazen der seit dreizehn Monaten laufenden "Voodoo Lounge" Welttournee aushält. Über den Stones-Schlagzeuger wird nämlich aus zuverlässiger Quelle berichtet, dass er Liveauftritten normalerweise nur zustimmt, wenn er nach Konzertschluss in seinem eigenen Bett nächtigen kann. Ob ihn dahin primär die Malerin und Bildhauerin Shirley, mit der er seit 1964 verheiratet ist, zurückzieht, oder ob für das Heimweh die rund zwei Dutzend Hunde und Pferde auf dem Landsitz in Devon verantwortlich sind, ist unbekannt. Umstritten ist auch, ob die Tiere (oder zumindest einzelne davon) tatsächlich im ehelichen Schlafzimmer der Watts nächtigen, oder ob sie sich hier nur aufhalten dürfen, wenn sie der Hausherrin Modell stehen. Nur am Rande sei vermerkt, dass Charlie während des Australienabstechers der Rolling Stones im Februar dieses Jahres für rund eine Million Schweizer Franken einen Araberhengst namens Simeon Sadik erwarb, der mehr Fanpost bekommt als der weltberühmte Drummer selbst.
Eine skurriles Denkmal der Rockmusik also, ein Exzentriker, der sich in englischem Silber genauso auskennt wie in Schusswaffen aus dem amerikanischen Sezessionskrieg. Eine Figur aber auch, die sich vom Erfolg der "greatest rock’n roll band in the world" nie irre machen liess, sondern es stets verstand, sich abseits des Weltruhms und ausserhalb des Erwartungsdrucks ein Nische zu schaffen. Offenbar nicht nur als Masche: So wurde Charlie Watts Ende 1991 mit 350 Pfund gebüsst, weil er sich geweigert hatte, seinen Volkszählungsbogen auszufüllen. Nur Schafe könne man widerstandslos zählen, erklärte er den Statistikern ihrer britischen Majestät.
Natürlich begünstigte die bandinterne Konstellation der Rolling Stones das Eremitendasein des verschlossenen Drummers: Während der gesamten 60er Jahre beschäftigte die Rivalität zwischen dem Blondschopf und musikalischen Wunderkind Brian Jones einerseits und dem Gespann Jagger/Richards andrerseits die Skandal- und Musikpresse. Anschliessend waren es die Jetset-Eskapaden Jaggers und die Drogenexzesse Richards’, die die Band im Gespräch hielten. Das Coming-Out von Charlie Watts lässt sich im Rückblick exakt datieren: Am 1. und 2. Mai 1986 nahmen die Stones in den englischen Elstree Studios das Video zu One Hit To The Body auf. Ein TV-Reporter der BBC war einigermassen erstaunt, dass ihm bei dieser Gelegenheit auch der bis dahin äusserst schweigsame Schlagzeuger in den Sucher der TV-Kamera geriet, brachte jedoch geistesgegenwärtig Charlies notorische Abneigung gegen Videoaufnahmen und die damit verbundenen Drehpausen aufs Tapet: "You must have done a lot of waiting in your career?", worauf Charlie, ohne lange zu fackeln, mit einer Antwort konterte, die umgehend Kultstatus erwarb: "Yes, five years work and twenty years hanging around".
Alte Liebe zum Jazz
Als dann kurz darauf Mick Jagger und notgedrungen auch Keith Richards ihre Karriere ausserhalb der Band aufzubauen begannen, wagte auch Charlie Watts als Soloartist den Schritt an die Öffentlichkeit. Doch verfiel er dabei nicht in den Fehler so vieler Drummer und Bassisten, es als Sänger in der Popwelt zu versuchen. Vielmehr stellte er aus 32 befreundeten oder verehrten Musikern und Musikerinnen eine Big-Band, The Charlie Watts Orchestra, zusammen. Watts kehrte damit zu seiner musikalischen Jugendliebe zurück, denn anders als die übrigen Mitglieder der Stones, die vom Rock Chuck Berrys und dem schwarzen Blues von Elmore James, Muddy Waters oder Jimmy Reed zum Rhythm’n’Blues gefunden hatten, war Charlie seinerzeit durch Swing und Jazz auf den Musikgeschmack gekommen. Konkret angetörnt hatte ihn Chico Hamilton, der bei Gerry Mulligan am Schlagzeug sass und Walking Shoes so umwerfend interpretierte, dass der 12-jährige Charles Robert Watts, nachdem er das Stück am Radio gehört hatte, mit Hilfe eines Mecano-Baukastens umgehend sein Banjo in ein Drum-Kit verwandelte. - Das im November 1986 erschiene "Live At Fulham Town Hall" (LP: CBS 450531, 1986/CD: Sony Japan SRCS 6222, 1992) bescherte dem Charlie Watts Orchestra eine Einladung ans Jazzfest in Berlin und an verschiedene Veranstaltungen in den USA, wo einige Kritiker freilich witzelten, auf der Bühne würden sich bedeutend mehr Personen einfinden als im Auditorium.
Charlie strafte die Spötter Lügen mit seinem nächsten Projekt, "From One Charlie" (UFO Rec. 002, England, 1991; Wiederveröffentlichung demnächst). Die CD war diesmal von einem Quintett eingespielt und war nichts anderes als die originelle Vertonung einer kleinen Broschüre, Ode To A High Flying Bird, die Watts, der gelernte Graphiker, bereits 1964 als Tribut an sein Idol Charlie Parker verfasst hatte. In der Form von illustrierten Kinderversen wird darin witzig das Leben des schwarzen Saxophonisten Charlie "Bird" Parker nachgezeichnet, der 1955 an Alkohol- und Drogenkonsum gestorben war. Die "From One Charlie"-Box enthielt denn neben einer CD oder einer 10-inch Platte auch ein Faksimile-Reprint der längst vergriffenen Broschüre.
Auf einer Promo-Tour zugunsten des Projekts kam Watts dann in Kontakt mit diversen TV-Stationen. Alle wollten nun den kauzigen Drummer interviewen, freilich nicht über die kleine Jazzkapelle, sondern über die Rolling Stones. Doch dazu hatte Watts weder Lust noch Anlass. Als David Letterman in seiner berühmten Talk-Show dem Quintett einen Auftritt verweigerte, sagte der Drummer kurzerhand auch seine Beteiligung ab.
Dennoch ist er auf dem besten Weg, wegen seiner TV-Interviews zum Superstar zu werden. Seit Januar 1993, als Bill Wyman seinen Dienst als Bassist bei den Stones quittierte, ist Charlie Watts neben Mick Jagger und Keith Richards das einzige Mitglied aus der Urzeit der Band und dementsprechend gefragter Gesprächspartner. Seine markigen Sprüche gehören mittlerweile zu den Highlights aller Reports über die Band. Die blonde Rebecca von MTV etwa, die sich auf einem Ledersofa anbiedernd erkundigte, welches denn seine Lieblingsnummer auf der LP "Tattoo You" sei, putzte er mit einer Gegenfrage ab: "Well, what’s on it?" Während Soziologen und Kulturhistoriker das Geheimnis des Dauererfolgs der Band zu ergründen suchen, meint Charlie lakonisch: "Ich habe schon nie ganz begriffen, woher die Aufregung rührte, als wir noch in Clubs auftraten." Und über seine persönliche Motivation befragt, gibt er schlicht zu Protokoll: "Ich spiele eben gerne Schlagzeug und dies bei den Rolling Stones."
Sein wortkarger Humor ist wohl der Hauptgrund, warum er 1994/95 zum Publikumsliebling innerhalb der Band avancierte. In jedem Konzert wird ihm eine Ovation bereitet, und Charlie, der noch nie bei den Rolling Stones Schlagzeugsolo spielen durfte, erscheint dann jeweils in Grossaufnahme auf der Riesenleinwand über der Bühne. Mit einer Mischung von Verlegenheit und Stolz nimmt er die Beifallsbezeugung entgegen. Doch vielleicht verdankt das Publikum nicht nur die träfen Sprüche des Schlagzeugers; möglicherweise applaudiert es auch dem Mann, der offen zu seinem Alter steht: Watts ist mit 54 nur zwei, beziehungsweise zweieinhalb Jahre älter als Mick Jagger oder Keith Richards. Aber er macht nicht auf jugendlich. Und wer genau zuschaut, merkt, dass er es ist, der den jüngeren Bandmitgliedern einheizt, nicht umgekehrt. "He beats the shit out of them", urteilt Peter Townshend über den Charlie Watts der Jahre 1994/95, und wer die Live-Versionen von Not Fade Away, Tumbling Dice, I Go Wild oder Sympathy For The Devil hört, wird dem Urteil vorbehaltlos zustimmen. Auch am nächsten Wochenende in Basel. See you there.
Quelle: Die Weltwoche (Nr. 30), 27. Juli 1995, S. 36
The Rolling Stones, 1962-1995: The Ultimate Guide von Felix Aeppli
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