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Wie maches de die Lehrerslüt?
Wie eine Lehrperson ihre Tätigkeit erlebt und ihr eigenes Handeln reflektiert, das zeigen Werner Jundt und Hansruedi Hediger in ihrer dreiteiligen Serie «Wie maches de die Lehrerslüt?». In ihrem Protokoll beschreiben sie eine reale Unterrichtssequenz in einer sechsten Klasse sowie die Überlegungen einer fiktiven Lehrperson.
Von Werner Jundt und Hansruedi Hediger.
Was bisher geschah (nachzulesen im profil 1–16 und 2–16)
In zwei Halbklassen erfolgte die Einführung ins Thema «Koordinaten». Während die Schülerinnen und Schüler in der einen Halbklasse mit dem Geobrett arbeiteten, bewegten sich die anderen in grossen, auf dem Boden markierten Koordinatensystemen. Nach dem Austausch zwischen den beiden Gruppen arbeiteten die Lernenden einzeln oder zu zweit an Übungs- und Vertiefungsaufgaben. In dieser Phase hatte die Lehrperson auch Zeit für individuelle Betreuung.
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Die abschliessende Lernkontrolle gestalte ich in zwei Teilen mit je unterschiedlicher Zielsetzung. Die erste Aufgabe dient der Überprüfung von Lernzielen im Bereich «Kenntnisse und Fertigkeiten» (Berner Lehrplan 95) beziehungsweise von Kompetenzen zum «Operieren und Benennen» (Lehrplan 21). Dabei geht es mir um das Absichern von Grundfertigkeiten – um das, was ich bei der Arbeit an anderen Inhalten bezüglich Koordinaten voraussetzen möchte. Diese Aufgabe wurde in der vorangehenden Lektion von den Schülerinnen und Schülern selbst nach einer Vorlage vorbereitet. Ich möchte möglichst viele der Vorschläge aus der Klasse in der Lernkontrolle verwenden – andererseits sollten die Beispiele den gleichen Schwierigkeitsgrad aufweisen. Ich wähle fünf aus, kopiere sie und teile sie den Lernenden so zu, dass Sitznachbarinnen und -nachbarn verschiedene Aufgaben erhalten. (Die Beispiele unterscheiden sich nur in den Punkten A bis D – alle mit geradzahligen Koordinaten.) Mit dieser Aufgabe werden drei Lernziele überprüft:
- Punkte mit positiven Koordinaten eintragen können
- Eine Figur nach Vorschrift im Gitter zeichnen können
- Punkte mit positiven Koordinaten bezeichnen können
In der zweiten Aufgabe geht es darum, vier andere Punkte A, B, C, D zu finden, mit denen der «Schatz» bei gleicher Konstruktionsvorschrift am selben Ort zu liegen kommt. A, B, C und D sollen kein Rechteck bilden. Hier geht es um Zielsetzungen im Bereich des «Problemlösens» (Berner Lehrplan 95) beziehungsweise des «Erforschens und Argumentierens» (Lehrplan 21). Zum Beispiel darum,
- auf eine ungewohnte Aufgabenstellung einzugehen
- eine Situation systematisch oder zielgerichtet zu verändern
- einen Plan zu fassen und zu verfolgen
- das Vorgehen zu erläutern
Warum ich die Lernkontrolle1 so gestalte? – Dahinter stecken verschiedene Überlegungen. Ich möchte nicht nur Kenntnisse abrufen. Ich denke, dass es bei jedem Thema auch darum geht, sein Wissen in neuartigen Situationen einzusetzen. Ich bin aber von den Beurteilungsvorgaben her auch verpflichtet, Leistungen in verschiedenen Richtzielbereichen zu überprüfen und zu bewerten. Dass die Lernenden die Aufgaben zum Teil selbst entwickeln, soll die Identifizierung mit der Prüfungssituation verstärken. Ich will nicht nur feststellen, was die Schülerinnen und Schüler können – ich und die Lernenden müssen wissen, ob wir das Thema abschliessen und ein neues angehen können. Ich werde darum die erste, leicht zu korrigierende Aufgabe sehr rasch kontrollieren und das Ergebnis zurückmelden. Es entscheidet, ob das Thema «Koordinaten» fürs Erste abgeschlossen ist.
Beim Korrigieren zeigt sich, dass alle Schülerinnen und Schüler die Lernziele zu den Kenntnissen und Fertigkeiten erreichen. Hingegen fallen mir bei der zweiten Aufgabe fünf Arbeiten auf, die nicht einfach abgehakt werden können. Während es bei dreien vor allem um unkritisches oder ungenaues Arbeiten und um ungenügende Reflexion geht, sind zwei der Lernenden mit der zweiten Aufgabe nicht zurechtgekommen. Bei den drei «harmloseren» Fällen genügt es, die Gründe des unbefriedigenden Ergebnisses kurz zu besprechen. Dann können die beiden Mädchen und der Junge die zweite Aufgabe zufriedenstellend überarbeiten.
Bei Rosalia und Reto braucht es mehr. Ich benutze dazu die nächste Lektion, in der mein Kollege und ich zu zweit in der Klasse arbeiten können. Ich setze mich mit Rosalia an einen Tisch. Sie hat das Wort «gegenüberliegend» nicht verstanden; leider wurde ihr das nicht bewusst, sonst hätte sie gefragt. Da ich nicht spanisch kann, habe ich mich erkundigt: «enfrente». Und «vecino» heisst benachbart – damit hat Rosalia es verwechselt. Einmal mehr wird spürbar: In jedem Fach lauern Sprachhürden. Also sprechen wir über Wörter, und nebenbei lerne ich, dass ich «vecino» falsch ausspreche. – Aber dann lasse ich Rosalia die zweite Aufgabe doch noch zeichnen. Wir wollen beide sicher sein, dass sie es kann.
Reto hat möglicherweise gar nicht gemerkt, dass die zweite Aufgabe eine neue Problemstellung bringt; darauf deutet auch seine Beschreibung hin; er hat eigentlich Aufgabe 1 wiederholt. Diese versteht er problemlos; aber er zeichnet ungenau, verzählt sich im Raster. Für einmal macht er nicht gleich von Anfang an auf Opposition, das macht es mir leichter. Ich zeige ihm (wieder), wie er mit dem Geodreick Verbindungslinien genauer ziehen kann: Den einen Punkt mit der Bleistiftspitze fixieren, das Dreieck anlegen, justieren, dann die Strecke zeichnen. Er nimmt es, scheint mir, dankbar entgegen, als hätte er das noch nie gehört (!), und macht es nach. Die zweite Aufgabe lösen wir gemeinsam Schritt für Schritt. Ich sage, was wir machen und begründe es. Retos Konzentration lässt nach. «Merkst du, dass du müde wirst?» Er bejaht. Ich heisse ihn, die Arme zu strecken, durchzuatmen, aufzustehen, die Beine zu schütteln. «Wenn du merkst, dass du müde wirst, musst du etwas dagegen tun. Gerade in Prüfungen ist das sehr wichtig!» Wir machen weiter. Nach einer Weile wird Reto wieder zerstreuter. Ich schaue ihn an, strecke die Arme, atme durch. Er macht das Gleiche. Eigentlich versteht Reto alles, was wir machen. Das wird klar, als ich ihn die zweite Aufgabe allein wiederholen lasse, mit dem Ziel, eine andere Lösung zu finden.
Notengebung? – Rein aufgrund der ursprünglichen Leistung hätte ich Rosalia und Reto etwa die gleiche nichtssagende Note unter ihre Arbeit setzen können. Das hätte ja wirklich nichts gebracht. – Nun ja, am Ende des Semesters muss ich dann doch eine Note setzen. Aber in der Zwischenzeit ist es für mich und die Lernenden wichtiger zu wissen, was die einzelne Schülerin und der einzelne Schüler können und was noch nicht. Und woran es liegt, dass er oder sie etwas noch nicht kann. Dazu dienen mir Rückmeldungen zum Erfüllen bestimmter Lernziele mehr als Noten. Mir ist wichtig, das Nichterfüllen von Anforderungen mit den Lernenden zu hinterfragen und auszuloten, ob nicht mehr drin liegt. Meistens ergibt der zweite Anlauf eine Verbesserung der Leistung.
«Wie maches de die Lehrerslüt?» hat profil in drei Nummern gefragt. – Zum Beispiel so. Oder ganz anders.
Schatzgräberplan
Sie finden die Lernkontrolle und das Vorbereitungsblatt dazu im Downloadbereich:
profil-online.ch/dbox/316.1