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Ruth Schoch fühlte sich von Kind an zur Mission berufen. 1968 schickte die Heilsarmee sie in das Spital Chikankata in Sambia. Dort blieb Schoch für fast 30 Jahre ihres Lebens und brachte Heil und Hilfe für tausende Menschen im afrikanischen Busch. Die Trägerin des Gründer-Ordens schildert bei einem Besuch an ihrem Wohnort in Stammheim ihren Missionseinsatz:
„Ich habe immer ein Herz für die Armen gehabt. Mit 16 Jahren in einer Freiversammlung habe ich die Heilsarmee kennengelernt. Und das ist es gewesen: ‚Herr, mein ganzes Leben gehört dir; mach, wie du es für gut hältst’, sagte ich. Ich habe dann Krankenschwester und Hebamme gelernt, immer mit dem Ziel vor Augen, Heilsarmee-Offizierin zu werden.
Eine Krankenschwester und Hebamme schickte die Heilsarmee dorthin, wo es am nötigsten war. Die Heilsarmee hat viele Spitäler. Nach der Kadettenschule in London wurde ich ausgesendet. Nach Sambia. Ich hatte drei Wochen, bis ich mit dem Schiff ausreisen sollte. Mir war es egal, ob Indien, ob Kongo – Sambia, ehrlich gesagt, habe ich damals gar nicht gekannt. Ich war aber bereit.
Ein mulmiges Gefühl hatte ich vielleicht am Anfang schon. Als ich aber auf afrikanischem Boden stand, habe ich gedacht: ‚Das ist es!‘ Ich war happy. Und habe nie mehr zurückgeschaut.
Ich arbeitete im Heilsarmeespital Chikankata. Chikankata ist der Name eines Häuptlings, der der Heilsarmee Land gegeben hat, um das Spital zu bauen. Angefangen hat es mit 40 Betten, ungefähr 1950. Dann vergrösserte es sich, bis heute auf 240 Betten. Das Spital hat mehrere Stationen und Schulen für Hebammen, Laboranten, Krankenschwestern und eine Sekundarschule. Als ich kam, gab es zudem 500 bis 600 Lepra-Patienten. Alles mitten im Busch. Der Busch war mein Zuhause und ich liebte es, dort zu leben.“
„1987 oder 1988, während der Malaria-Zeit im Februar, als viele Malaria-Kranke ins überfüllte Spital kamen, hatte ich eine Vision. Am Sonntagmorgen machte ich immer Stille Zeit. Ich fragte, ‚Herr, was machen wir mit diesen Menschen? Es hat so viele Leute.‘
Dann kriegte ich ein Bild: Ich sah tausende kranker Menschen. Aids – das wusste ich aber nicht. Ich sah die Leute auf mich zukommen. Ihre Blicke fragten: ‚Kannst du mir helfen?’ Von diesem Bild war ich so überwältigt, von diesen hoffnungslosen Menschen mit furchtbaren Wunden. ,Herr, was soll ich machen?‘, fragte ich. Und er zeigte mir ein wunderschönes Spital mit Blumen, mit weissen Leintüchern, Wolldecken und Kopfkissen. Ich sah, wie die Kranken liebevoll gepflegt wurden.
Lange sagte ich niemandem etwas, aber ich schaute mich um. Ich musste Land auf dem Gelände finden. Der Chefarzt fand viele Gründe gegen das neue Spital. Dann kam langsam Geld zusammen. Wir mussten Schwestern suchen. Ich ging in die Dörfer: Acht Schwestern kamen zusammen. Ich unterrichtete, es gab eine Tafel und Kreide, sonst nichts. Nach zwei Jahren waren sie ausgebildet. Die Diplomfeier war der vielleicht schönste Moment für mich in all diesen Jahren.
Bald war auch das Spital gebaut. Es war ein Pionierprojekt. Das erste Aids-Spital in Afrika. Ich wurde Leiterin des ‚Bethania‘. Das heisst Ort der Ruhe, Ort des Friedens. Wer auf meine Station kam, wusste, dass er sterben würde. Endstation. Diese Menschen, die meist sozial isoliert waren, sollten geliebt werden und nur das Schönste und Beste haben. Auf der Endstation sollten sie in Frieden liegen. Mit Gottes Hilfe durfte ich ihnen das Leben verschönern, aber ihnen auch eine Hoffnung – den Himmel – geben.“
„Ich war zum Helfen gekommen, aber ich fühlte mich immer auch als Missionarin. Zuerst musste ich den Patienten aber Linderung verschaffen. Es musste ihnen wohl sein. Und wenn sie dann bequem lagen, dann konnte ich Andachten halten, über die Liebe von Gott reden. Sie mussten die Liebe spüren können, dann nahmen sie es mir auch ab.
Es war nicht immer einfach. Ich war einige Male in Todesgefahr. Da war der Fall mit den toten Kindern, ganz am Anfang. In einer Nacht, als ich Nachtwache hatte, starben gleich mehrere Kinder. Vor dem Spital waren plötzlich hunderte Menschen, das geht schnell in Afrika. Wir mussten uns verstecken. Später kam aus, dass ein drogenabhängiger Laborant in der Apotheke im Delirium etwas verwechselt und das Wasser vergiftet hatte. Das war eine grosse Geschichte.
Wenn man mit Menschen mit Lepra zusammen ist; mit Menschen, die keine Hände mehr haben, keine Füsse, die Schmerzen haben; wenn man Mütter sieht mit ihren ausgehungerten Kindern, dann spürt man all das Leid ... Diese Erlebnisse zeigten mir immer wieder: Diese Menschen brauchen mich. Ich fühlte Erbarmen. Wir hatten nicht viel im Busch, aber mein Reichtum war: Ich durfte helfen. Ich habe diese Menschen geliebt. Ich habe sie in den Arm nehmen können. Mein Leben wurde reich in der Armut. Es hat mich reich gemacht, weil ich helfen konnte.
Ich sagte immer, dass ich bis 60 bleiben würde. Am Ende, auf der Aids-Station, starben fast jede Woche fünf Menschen. Es waren junge Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Viele beerdigte ich selbst, denn sie galten als unrein. Keine Angehörigen kümmerten sich um sie. Als ich dann 60 war, war für mich klar: Ich habe bald keine Tränen mehr. Und dann ging ich in die Schweiz zurück.“
Aufgezeichnet von Stefan Trachsel