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Weltweit werden etwa 160 Mio. Tonnen Zucker produziert. Rund 45 Mio. davon gelangen auf den freien Weltmarkt. Beinahe vier Fünftel des weltweit produzierten Zuckers wird heute aus Zuckerrohr hergestellt, das ausschliesslich in tropischen und subtropischen Regionen angebaut werden kann. Der Anteil des Rübenzuckers an der Weltproduktion ist stark rückläufig. Während die EU seit der Reform des Zuckermarktes nur noch 14 Millionen Tonnen produziert, hat Brasilien seine Zuckerproduktion in den letzten Jahren verdoppelt.
Für viele kleinere Länder der Dritten Welt ist die Zuckerwirtschaft ebenfalls von enormer Bedeutung, z.B. Guyana oder Mauritius. Die Schweiz hat vor drei Jahren die Zollpräferenzen für Zucker aus Brasilien aufgehoben, weil dieser wegen seiner dominanten Marktstellung Zucker aus anderen Entwicklungsländern vom Markt drängt.
Weltmarktpreis
Der Weltmarktpreis für Zucker entsteht hauptsächlich an den Warenterminbörsen in New York und London. Dort wird nicht mit echtem Zucker gehandelt, sondern mit sogenannten Future-Kontrakten. Das sind Verträge über die Lieferung einer bestimmten Menge, zu einem bestimmten Zeitpunkt und einem bestimmten Preis.
Der Weltmarktpreis für Rohzucker schwankt stark, er ist abhängig von tatsächlichen oder vermuteten Einflüssen auf Angebot und Nachfrage. Das sind nicht nur Klima und Wettereinflüsse, welche für Rekord- oder Missernten sorgen können. Sondern auch plötzliche Nachfrage-Änderungen z.B. bei Bioethanol, dem Treibstoff, der aus Zuckerrohr hergestellt wird. Die Nachfrage nach diesem Treibstoff hängt stark vom Ölpreis ab: Ist das Öl teuer, ist Bioethanol gesucht, wenn der Ölpreis sinkt, ist das Gegenteil der Fall.
Zuckerpreise Schweiz
Zucker ist der einzige Agrarrohstoff der Schweiz, der preislich mit der EU konkurrieren kann. Zucker kann ohne Einfuhrbeschränkung importiert werden. Es braucht lediglich eine Generaleinfuhrbewilligung. Der Schweizer Zuckerpreis berechnet sich aus den Angeboten im Ausland franko Schweizer Grenze, plus Prämien und Grenzabgaben. Die Grenzabgaben bestehen aus Zoll, Gebühren und einem Beitrag an die Pflichtlagerhaltung, dem sogenannten Garantiefondsbeitrag.
Brasiliens Herrschaft
Der Zuckermarkt war im letzen Jahr so volatil wie seit 1970 nicht mehr. Schuld daran dürfte nach Ansicht der FAO unter anderem die wachsende Konzentration bei den Exporteuren gewesen sein. Während die fünf führenden Zuckerexporteure (Brasilien, EU, Thailand, Indien, Australien) zwischen 2005 und 2009 rund 66 % des Welthandels unter sich aufteilten, werden es im Wirtschaftsjahr 2010/11 laut FAO voraussichtlich 74 % sein. Mehr als die Hälfte davon wird allein Brasilien liefern. Bezogen auf den Rohzuckermarkt liefert Brasilien sogar 65 % des Welthandels. Wenn man bei dieser Rechnung auch noch jene Ausfuhren der EU und der USA abzieht, die unter Handelsabkommen erfolgen und damit dem freien Weltmarkt entzogen sind, dann bringt es Brasilien sogar auf 75 % der Rohzuckermenge, die global gehandelt wird! Diese hohe Konzentration auf ein einziges Land ist – wie ein zu hoher Zuckerkonsum – nicht wirklich gesund.
Dass Brasilien derzeit fast als einziges Land zum tiefen Weltmarktpreis produzieren kann, hat mehrere Gründe. So können die Zuckerrohrfabriken ihre Anlagen bis zu zehn Monate auslasten – statt wie in der Schweiz nur drei Monate. Monokulturen und ausbeuterisch tiefe Löhne tragen aber mindestens so viel zu den tiefen Produktionskosten bei. Im Nordosten Brasiliens wird teilweise immer noch Regenwald für die Zuckerproduktion abgeholzt. Im Südosten wird auf riesigen ebenen Flächen mit modernen Maschinen und nicht selten dem Geld ausländischer Investoren sehr effizient produziert. Monokultur und die für Zuckerproduktion typischen prekären Arbeits- und Anbaubedingungen herrschen aber auch hier. Der Um- und Ausbau des Zuckersektors wird staatlich gefördert. Immer öfter investieren auch europäische Zuckerhersteller in Brasilien.
6.1 Verzuckerte Entwicklungshilfe
Damit auch die ärmsten Zuckerproduktionsländer des Südens eine Chance auf den Absatz ihres Zuckers in den Exportmärkten haben, gewähren Europa und die Schweiz den sogenannten "Least Developed Countries" (LDC) seit Mitte 2009 einen unbeschränkten, zollfreien Marktzutritt. Bis dahin galten grosszügige Zollpräferenzen. Zudem liefern etwa 50 AKP-Staaten (Asien, Karibik, Pazifik) rund 1,3 Mio. Tonnen Weiss- oder Rohzucker zollfrei oder zu garantierten Preisen in die EU. In vielen dieser Staaten ist die Zuckerwirtschaft der wichtigste Arbeitgeber überhaupt. Die Einfuhrgarantien werden deshalb als Bestandteil der Entwicklungspolitik angesehen.