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In Westafrika wird immer mehr billiger Reis aus Thailand verkauft. Der Import bedroht die lokalen BäuerInnen. Dagegen wollen sich die ReisproduzentInnen beider Regionen gemeinsam wehren.
Die Sonne steht senkrecht am Himmel und brennt auf die Stoppeln eines abgeernteten Reisfelds in der Nähe von Suphan Buri, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz nordwestlich von Bangkok. Dominic Kwotuak vermischt mit blossen Händen einen Bund Strohhalme mit Erde und Wasser, während er konzentriert den Anweisungen eines thailändischen Reisbauern folgt. Kwotuak ist selber Reisbauer, allerdings nicht in Thailand, sondern in Ghana, einem der Länder Westafrikas, die bis vor kurzem noch vom Reis ihrer eigenen ProduzentInnen leben konnten, jetzt aber immer mehr von Importreis abhängig sind. «Thailands Reis macht unseren Markt komplett kaputt», sagt Kwotuak, während er weiter an seinem selbstgemachten Dünger mischt.
Unabhängig werden
Nach dieser einfachen Lektion in Biolandbau plant er, diese Methode künftig zu Hause in Ghana anzuwenden. «Wir müssen unabhängig von den internationalen Düngerproduzenten werden, und ebenso von den Abnahmeverträgen mit den grossen Zwischenhändlern. Nur so können wir in Westafrika dem Druck von aussen, insbesondere dem aus Thailand, standhalten.»
Kwotuak ist 31 Jahre alt. Er ist der zweite Sohn einer siebenköpfigen Familie. Sein Vater betreibt die Farm, auf der Kwotuak aufgewachsen ist. «Wir haben Glück. Die Farm verschafft uns allen ein Einkommen.» Zurzeit arbeitet er allerdings hauptamtlich als Forstingenieur. Bald jedoch wird er den Hof seines Vaters übernehmen. «Ich arbeite jetzt schon daran, unsere Produktion zu diversifizieren, um die Abhängigkeit von Monokulturen zu mindern», erklärt er in einem Englisch, das stark von seinem muttersprachlichen Dialekt geprägt ist. Nebst Bioreis, Mais, Karotten und Hirse zieht Kwotuaks Familie für die Fleisch- und Milchproduktion auch Rinder auf.
Es ist dieser Vielfalt zu verdanken, dass es Kwotuaks Familie im Vergleich zu anderen BäuerInnen in der Region gut geht. Kwotuaks Vater besitzt sogar zwei Traktoren, mit denen er die eigenen Felder bearbeitet, die er aber auch an andere BäuerInnen in der Nachbarschaft vermietet.
Dominic Kwotuak ist sehr wohl bewusst, dass sich diese komfortable Situation schnell ändern kann. Ein wichtiger Faktor spielt dabei der Fluss, an dessen Ufern sich das Farmland von Kwotuaks Eltern befindet: Noch führe er das ganze Jahr hindurch Wasser, sagt Kwotuak. Doch immer mehr Dörfer würden diese Lebensader illegal anzapfen und damit ihr Farmland bewässern.
Absurde Situation
Der künftige Hofbesitzer sorgt sich um die Zukunft seines Landes: «Die sinkenden Reispreise in den letzten Jahren machen mir Angst. Wenn das so weitergeht, wird es für uns ganz schön eng», sagt er, während er sich fein säuberlich die genauen Mischverhältnisse der Ingredienzien für den eben fertig gemischten Biodünger notiert. «Ich habe mir auch schon überlegt, auf unserer Farm noch ein kleines Gästehaus einzurichten, um so längerfristig nebst der Landwirtschaft auch noch ein Standbein im Ökotourismus zu haben.»
So gut wie Kwotuak geht es längst nicht allen BäuerInnen in Ghana. Laut einer Studie zum ghanaischen Lebensstandard sind insbesondere die BäuerInnen, die vom Pflanzenanbau leben, stark von Armut betroffen. Laut Zahlen des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP müssen in den ländlichen Savannenregionen gar bis zu siebzig Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Vor allem die ReisbäuerInnen kommen immer mehr unter Druck. Denn billiger Reis aus Thailand überschwemmt die Märkte Westafrikas. In Ghana kommt bereits jedes dritte Reiskorn aus dem südostasiatischen Königreich und macht das Land zu einem der Top-Ten-Importeure von Thai-Reis. «Das ist doppelt absurd», sagt Kwotuak, «denn eigentlich hat sich in unserem Land wegen der immer grösseren Mittelschicht in den Städten der Reiskonsum in den letzten Jahren fast verdoppelt, wir Bauern können aber immer weniger absetzen.»
Verantwortlich dafür sind verschiedene Abkommen der Welthandelsorganisation WTO, die dieses Dumping erst ermöglichen: Durch den Abbau von Zöllen können sich die Länder nicht mehr vor den Billigprodukten aus dem Ausland schützen. Erst im Dezember hat Ghana auf grossen Druck der EU hin ein weiteres Wirtschaftsabkommen unterzeichnet, das diesen freien Handel ohne Zollschranken weiter begünstigt. «Unsere Regierung hört leider nicht auf uns Kleinbauern», meint Kwotuak, der die Unterschrift unter diese Economic Partnership Agreements (EPA) mit der EU zusammen mit VertreterInnen verschiedener Bauernorganisationen Westafrikas erfolglos zu verhindern suchte.
«Wir wollen dieser Entwicklung nicht mehr länger zuschauen», sagt Kwotuak, während er sich die Überreste des Düngers von den Händen wischt. Er habe deshalb sofort zugesagt, als er angefragt wurde, mit einer Delegation westafrikanischer ReisbäuerInnen nach Thailand zu reisen, um mit denjenigen ProduzentInnen, die den afrikanischen Markt überschwemmen, in einen Dialog zu treten. Als Vertreter eines kleinen Netzwerkes von BäuerInnen aus seiner Region sei das für ihn eine gute Möglichkeit, auf die Situation in Ghana aufmerksam zu machen. Anderseits erhoffte er sich von der Reise zum thailändischen Reis auch neue Erkenntnisse für die eigene Produktion.
Initiiert hat den BäuerInnenaustausch die nichtstaatliche thailändische Organisation Local Action Link oder kurz Local Act, eine Organisation, die seit längerem das Thema Reisdumping auf ihrer Agenda führt. Finanziert wurde die Reise vom deutschen katholischen Hilfswerk Misereor.
Ernährungssouveränität
Der Fokus von Local Act liegt zwar in erster Linie auf der Situation im eigenen Land, also in Thailand. Weil diese jedoch direkt mit der Situation der Abnehmerstaaten verbunden sei, habe sich der Austausch mit den AfrikanerInnen als logischer Schritt angeboten, erklärt die Gründerin und Leiterin von Local Act, Samranjit Pongtip. «Unser Hauptanliegen ist die Ernährungssouveränität.» Sie ist auch die Hauptforderung des internationalen KleinbäuerInnennetzwerks La Via Campesina, dem Local Act angehört. La Via Campesina wehrt sich gegen die negativen Auswirkungen des globalisierten Agrarhandels wie etwa Preisdumping. Ernährungssouveränität heisst laut Pongtip nicht nur, dass alle genug zu essen haben, sondern auch, dass Länder und Regionen ihre Landwirtschaft selbständig gestalten und die eigene Lebensmittelproduktion vor Billigimporten schützen können. Wichtig sei, dass jedes Land selber entscheiden könne, wie gross der Anteil an Eigenproduktion sei, sagt die Leiterin von Local Act. «Deshalb sollten Exportsubventionen, welche die Ernährungssouveränität eines anderen Landes bedrohen, verboten werden.» Sie verweist auf die Situation in Thailand. Der ins Ausland exportierte Reis werde dort subventioniert: «Warum sonst ist wohl der thailändische Reis in Afrika billiger als hier? Wohl nur, weil er exportsubventioniert ist.»
Der erste Schritt
Hier beginnt der Kampf, den die betroffenen KleinbäuerInnen mit ihren Regierungen ausfechten. Die thailändische Regierung etwa streitet die Subventionierung schlicht ab, wie Kwotuak und seine KollegInnen bei einem späteren Treffen im thailändischen Handelsmi nisterium erfahren müssen. Der Reis unterliege dem freien Markt, und die Preise würden von Angebot und Nachfrage bestimmt, lautet die lapidare Erklärung des thailändischen Aussenhandelsverantwortlichen bei einem Treffen mit der afrikanischen Delegation. Darüber hinaus sei es oft gar kein thailändischer Reis, der auf den Märkten in Afrika als solcher deklariert sei, behauptet der Abgeordnete weiter. «Die verkaufen irgendwelchen Billigreis und füllen ihn einfach in thailändische Säcke ab.» Eine Antwort, die Kwotuak zwar nicht ganz glaubt, die ihn aber auch nicht wirklich erstaunt. «Ich kann mir vorstellen, dass dies in einzelnen Fällen sogar wahr ist, allerdings ist es wohl nicht die Hauptursache für die grosse Menge Reis aus Thailand, die bei uns verkauft wird. Wir werden dem aber sicher nachgehen.»
Samranjit Pongtip von Local Act äussert sich am Schluss grundsätzlich zufrieden über das Zusammentreffen der beiden BäuerInnengruppen. Allerdings hatte sie sich ursprünglich gewünscht, dass daraus eine Petition zuhanden des thailändischen Handelsministeriums resultieren würde. «Es war aber schon gut, dass die afrikanische Delegation überhaupt mit thailändischen Regierungsvertretern reden konnte.» Die Vertreter des Handelsministeriums hätten so immerhin aus erster Hand erfahren, welche Folgen ihre aggressive Preispolitik auf die BäuerInnen in Afrika habe. Das sei ein wichtiger Schritt. Denn obwohl die Zahlen eigentlich Bände sprächen, würden sich die Politiker und Handelsverantwortlichen immer aus der Verantwortung ziehen, sagt Pongtip. «Ein Land wie Thailand, das pro Jahr mehr als sieben Millionen Tonnen Reis exportiert, muss anfangen, Verantwortung zu übernehmen, sowohl im Ausland als auch im eigenen Land.» Immerhin sei Thailand der grösste Reisexporteur der Welt, und als solcher verdiene das Land um die 1,8 Milliarden Dollar pro Jahr, ohne sich dabei auch nur ansatzweise um das Wohlergehen der KleinproduzentInnen zu kümmern.
Die totale Überraschung
Samranjit Pongtip weist darauf hin, dass in Thailand die Exportmengen zwar Jahr für Jahr steigen, die ReisbäuerInnen im eigenen Land davon jedoch überhaupt nichts merken. Denn die Preise entwickeln sich nur in eine Richtung: nach unten. Laut Local Act bleibt den thailändischen ReisbäuerInnen im Durchschnitt nicht einmal ein Viertel des eigentlichen Exportwertes, weshalb sich viele über kurz oder lang verschulden müssen. Einziger Ausweg ist die Aufnahme eines Kredits, um damit neues, teures Saatgut zu kaufen, weil dieses höhere Erträge verspricht. «Oftmals beginnt damit die klassische Schuldenspirale.» Laut einer Erhebung sind in Thailand über sechzig Prozent der bäuerlichen Haushalte verschuldet - trotz diverser staatlicher Unterstützungsprogramme, die eigentlich genau das verhindern sollten. Die Folgen sind die gleichen wie in Westafrika: Immer mehr KleinbäuerInnen geben den Reisanbau auf und sehen sich gezwungen, ihre paar letzten Quadratmeter Reisfelder an einen grossen Produzenten abzutreten, der darauf industriell und profitabler wirtschaften kann.
Darüber sind die afrikanischen BesucherInnen am meisten erstaunt. Denn Kwotuak und seine afrikanischen KollegInnen reisten mit einer ganz anderen Vorstellung nach Thailand. «Ich bin total überrascht, dass ich am Schluss meiner Reise sagen muss: Vielen Bauern hier in Thailand geht es gleich wie uns, manchen sogar noch schlechter. Das hätte ich niemals gedacht. Und dagegen müssen wir nun alle gemeinsam kämpfen, sowohl in unseren eigenen Ländern als auch in der internationalen Wirtschaftswelt.»