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Tom Lüthi war Weltmeister, er hat 16 Grand Prix gewonnen und er gehört zu den besten Rennfahrern der Welt. Nun beginnt er nach 13 Jahren noch einmal ganz vorne. Als Lehrling und Musterschüler in der «Königsklasse».
Tom Lüthi war schon einmal ein Lehrling. Ganz offiziell. Aber das ist schon eine Weile her. 2002 fährt er im Juli auf dem Sachsenring seinen ersten GP (125 ccm). Ab der Saison 2003 ist er vom ersten Rennen an dabei. Sein Manager Daniel M.Epp schliesst mit ihm einen Lehrlingsvertrag ab: Lüthi absolviert eine dreijährige Rennfahrer-Lehre in der kleinsten Klasse bei den 125ern (heute Moto3). Er hat also drei Jahre Zeit, um ein GP-Pilot zu werden. Er ist ein Musterschüler. Im dritten Lehrjahr legt er 2005 eine formidable Abschlussprüfung hin. Er wird Weltmeister der 125er-Klasse.
13 Jahre sind vergangen, seit Lüthi seine «Töff-Lehre» mit dem WM-Titel gekrönt hat. In dieser Zeit ist er ein Meister seines Fachs geworden. Er hat bis heute 16 GP gewonnen und die zwei letzten Moto2-Weltmeisterschaften auf dem zweiten Platz beendet. Er gilt nach Luigi Taveri als zweitbester helvetischer Töff-Rennfahrer aller Zeiten. Und nun ist der Meister wieder ein Lehrling geworden.
2018 fährt Tom Lüthi in der Königsklasse MotoGP. Was das bedeutet, könnten wir mit einem Vergleich zum zivilen Leben veranschaulichen. 2003 hat er mit einer Banklehre begonnen. Nun sitzt er neu im Verwaltungsrat der UBS. Oder der Chefredaktor des «Unter Emmentaler» steigt als Volontär bei der NZZ ein.
Nur wer in der «Königsklasse» fährt, ist – um es mit Tom Wolfe zu sagen – ein «ganzer Kerl». Am meisten Geld, am meisten Prestige. Nicht für alle. Valentino Rossi ist der Krösus. Er verdient mit dem Salär von Yamaha und Werbeeinnahmen mehr als 30 Millionen Franken im Jahr. Tom Lüthi, der Lehrling, wird es 2018 nicht auf eine Million bringen. Aber er darf jetzt gegen Valentino Rossi fahren.
Die «Königsklasse» leistet sich die umfangreichsten offiziellen Tests vor der Saison. Dreimal drei Tage. Vom 28. bis 30. Januar in Malaysia, vom 16. bis 18. Februar in Thailand und vom 1. bis 3. März in Katar. Am 28. Januar hat Tom Lüthi zum ersten Mal in offizieller Mission eine «Höllenmaschine» der wichtigsten Töff-Klasse bestiegen.
Er hatte schon früher ein wenig geschnuppert. Am 7. Oktober 2005, am Montag nach dem Titelgewinn, durfte er in Valencia ein paar Runden eine MotoGP-Honda fahren. Als Belohnung. Ein Test war das nicht. Einfach ein Abenteuer. Ernsthafter waren die Tests für KTM. Er hat für die Österreicher im Laufe des Jahres 2016 die neu entwickelte MotoGP-Maschine getestet. Aber einen direkten Vergleich mit den Stars hatte er da noch nicht. Und Erwartungsdruck gab es keinen.
Der Ernst des Lebens in der Königsklasse hat am 28. Januar 2018 begonnen. Ausgerechnet in Sepang. Hier ist am 28. Oktober 2017 nach dem Trainingssturz beim GP von Malaysia seine Saison zu Ende gegangen. Erst am 12. Dezember waren die Blessuren verheilt und er konnte die Krücken weglegen.
Der 28. Januar ist ein typischer Tag für Malaysia. Erst regnet es. Dann trocknet die Piste ab. Um 10.00 Uhr wird die Boxengasse geöffnet. Die Saison 2018 hat offiziell begonnen. Um 10.32 Uhr fährt Tom Lüthi auf der Honda aus der Boxenstrasse. Es ist ein grosser Moment. «Aber ich musste die Euphorie sofort vergessen und mit der Arbeit beginnen. Und wir werden in den nächsten Wochen sehr, sehr viel Arbeit haben.» So wird er am Abend seinen ersten offiziellen Arbeitstag als MotoGP-Pilot zusammenfassen. In der Nacht davor habe er vor Aufregung nur wenig geschlafen.
Es ist eine gewaltige Umstellung. Rund 240 PS für eine Maschine von 160 Kilo Gewicht. Ein PS für 0,66 Kilo. Das ist noch extremer als die Formel 1. Bei den Moto2-Bikes war es ein PS für 1,1 Kilo. Mit der Moto2-Maschine ist Tom Lüthi schon hoch geflogen. Doch mit der MotoGP-Höllenmaschine ist es ein Vorstoss in den fahrerischen Weltraum. Welche Umstellung ist die schwierigste? «Alles ist schwierig», sagt Tom Lüthi. In diesen ersten drei Testtagen sei es für ihn in erster Linie darum gegangen, die neue Maschine kennen zu lernen.
Wenn es irgendwo im Sport nicht mit der Brechstange geht, dann hier. Die Motorenkraft sei die eine Seite. «Andererseits greift die Elektronik beim Fahren ein. Das ist für mich vollkommen neu.» Stark vereinfacht erklärt: Eine Drehung am Gasgriff ist bei den Moto2-Maschinen eine Drehung am Gasgriff und überträgt sich direkt auf die Beschleunigung. Das ist bei den MotoGP-Maschinen nicht so.
Tom Lüthi hat sich bei diesen ersten Tests nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er ist ein Lehrling mit der Weisheit eines Lehrmeisters und dem Benehmen eines Musterschülers. Runde für Runde, praktisch ohne Fehler zu machen, hat er sein neues Arbeitsgerät kennen gelernt und sich kontinuierlich gesteigert.
Noch ist ein Direktvergleich mit seinem Teamkollegen Franco Morbidelli wenig aussagekräftig: der Italiener hat bereits im November testen können. Da war Tom Lüthi noch mit der Therapie seiner Sturzverletzungen beschäftigt.
Den Rückstand auf die Spitze des ersten Tages hat der Emmentaler bereits am zweiten Tag halbiert und dabei ist es bis zum Abschluss der Tests geblieben. Ein harmloser Sturz am dritten Tag hat keinerlei Folgen. Sein Teamchef Michael Bartholemy ist zufrieden. Er sagt, für einen MotoGP-Neuling sei die behutsame Vorgehensweise besser. Es können durchaus Wochen und mehrere Rennen dauern, bis einer in der MotoGP-Klasse angekommen sei.
Sowieso sind Piloten, die auf Anhieb auch in der«Königsklasse» Spitzenresultate erzielen wie Valentino Rossi oder Marc Marquez die Ausnahmen. Nicht die Regel. Lüthis Chef sagt, wer neu einsteige und zu viel wolle, riskiere wie gegen eine Wand zu fahren. Schwere Stürze seien schwierig zu verkraften und es könne mehrere Rennen dauern, bis einer das Selbstvertrauen wieder gefunden habe.
Tom Lüthi ist bei seinen ersten MotoGP-Tests 2,296 Sekunden hinter der Bestzeit von Jorge Lorenzo geblieben. Der Spanier hat eine absolute Rekordrunde für Sepang hingelegt. Oder noch anders gesagt: Mit seiner Testzeit hätte Tom Lüthi im Abschlusstraining beim letzten GP von Malaysia auf den 18. Startplatz gestellt.
Zwei weitere Neulinge sind auf der gleichen Honda wie Tom Lüthi in die MotoGP-Klasse eingestiegen. Sein Teamkollege Franco Morbidelli und Takaaki Nakagami. Beide haben bereits vor Sepang im letzten November getestet und damit einen Erfahrungsvorsprung, der Tom Lüthis Rückstand von rund einer halben Sekunde (auf Morbidelli) und einer Sekunde (auf Nakagami) erklärt.
Der Lehrling und Musterschüler wird im Laufe der nächsten Tests weitere Fortschritte machen. Die Prognose? Tom Lüthi steht nach Sepang bereits auf der Höhe des 20. Platzes und bis Saisonbeginn wird er dazu in der Lage sein, in die Top 10 zu fahren.
Rasche Fortschritte sind wichtig. 2003 hatte er drei Jahre Zeit. Jetzt läuft sein «Lehrvertrag» mit dem Team Marc VDS nur ein Jahr. Aber eigentlich sind es bloss sechs Monate: Spätestens im Juli muss Tom Lüthi so schnell sein, dass er auf eine Vertragsverlängerung hoffen kann.