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Sechzehn Fussballnationalmannschaften spielen während eines Monats um den afrikanischen Titel - mit dabei zahlreiche Spitzenspieler der europäischen Ligen. Den Teams, die in dieser Zeit auf ihre Stars verzichten müssen, passt das gar nicht.
«Der Termin ist schierer Wahnsinn», sagte Arsenal-Trainer Arsène Wenger. «Wettbewerbsverzerrung», klagte Chelsea-Coach Avram Grant im Vorfeld des Afrika-Cups. Während im westafrikanischen Ghana derzeit 368 Fussballspieler um den Titel kämpfen, fehlen viele von ihnen in den europäischen Ligen. Denn nur ein kleiner Teil ist in einer afrikanischen Liga beschäftigt, die meisten verdienen ihr Geld in Europa oder in den Golfstaaten.
Das ist nicht neu, allerdings mehren sich die Stimmen derjenigen europäischen Fussballverantwortlichen, die das biennale Stelldichein des wichtigsten afrikanischen Sports auf den europäischen Frühsommer verlegt sehen möchten. Zudem soll der Afrika-Cup nur alle vier statt alle zwei Jahre stattfinden - wie die Europameisterschaft. Im Vorfeld der diesjährigen Coupe d'Afrique des Nations, wie der Afrika-Cup eigentlich heisst, liessen es vor allem die Engländer mit larmoyanten Verlautbarungen in den Kronen des Blätterwaldes rauschen.
Allen voran forderten Chelseas Trainer Grant und Arsenals Wenger, der afrikanische Verband müsse endlich etwas unternehmen. Es gehe nicht an, dass (europäische) Vereine, die ihre Stars mit nicht zu knappen finanziellen Mitteln erwerben und unterhalten, alle zwei Jahre im Januar und Februar während eines ganzen Monats auf ihre afrikanischen Auswahlspieler verzichten müssen. Kein Trainer der Welt verzichtet gerne auf Spieler vom Format eines Didier Drogba oder Michael Essien - sei es auch nur für ein einziges Spiel.
Wenger beeilte sich, den an Birmingham ausgeliehenen Schweizer Johan Djourou als Ersatz für einen der beiden ivorischen Verteidiger Kolo Touré und Emmanuel Eboué nach London zurückzurufen. Und Chelsea reagierte auf Drogbas Einsatz für das ivorische Nationalteam mit einem Griff in die ausgebeulte Gesässtasche des russischen Klubbesitzers Roman Abramowitsch und verpflichtete den französischen Stürmer Nicolas Anelka von den Bolton Wanderers für fünfzehn Millionen Pfund. Ob der Drogba-Ersatz den Ivorer in Toren gemessen gleichwertig vertreten kann, ist allerdings fraglich. Denn auch für einen ausgewiesenen Fachmann wie Anelka ist es schwierig, umgehend ins Angriffsdispositiv einer eingespielten Spitzenmannschaft eingebunden zu werden.
Die halbe Mannschaft weg
Für den englischen Fussball sind die durch den Afrika-Cup bedingten Spielerausfälle stark spürbar: In der englischen Premier League hat sich in den letzten zwei Jahren die Zahl der afrikanischen Nationalspieler von zwanzig auf vierzig verdoppelt. Rund zehn Prozent der Spieler am Afrika-Cup gehören somit zur Kaste der englischen Grossverdiener. Am stärksten trifft das wohl Harry Redknapp, den General Manager beim relativ kleinen, aber zurzeit erfolgreich aufspielenden Portsmouth FC. Gleich fünf unbestrittene Stammspieler sind ihm auf einen Schlag abhanden gekommen - die nigerianischen Offensivspieler Nwankwo Kanu und John Utaka, die Mittelfeldachse mit Sulley Muntari (Ghana) und Pape Bouba Diop (Senegal) sowie der defensive Kameruner Lauren. Bereits im vergangenen November begann sich Redknapp schaudernd auszumalen, wie ihn die Absenz der halben Mannschaft den hart umkämpften Uefa-Cup-Platz kosten dürfte. Und tatsächlich liegt Portsmouth inzwischen auf dem neunten Rang, drei Plätze hinter dem benötigten Platz sechs.
Einige Manager drohten, in Zukunft keine afrikanischen Spieler mehr zu verpflichten. Das ist natürlich ein Bluff der Verzweiflung. Denn kaum ein mittelmässiger europäischer Verein (von den britischen Krösussen Chelsea und Arsenal ganz zu schweigen) verzichtet freiwillig auf ein afrikanisches Ass im Ärmel. Afrikanische Spieler vereinigen oft die wichtigsten Eigenschaften des modernen Fussballers: Sie sind unerschrocken wie deutsche Haudegen, technisch versiert wie brasilianische Ballzauberer, taktisch auf europäischem Niveau und läuferisch überragend. Zudem sind sie preisgünstiger als vergleichbare Europäer oder Südamerikaner.
Dem englischen Beispiel folgend beklagten sich auch die Deutschen über den Afrika-Cup. Dabei sind es nur elf Afrikaner, die der Bundesliga für zwei Runden fehlen werden. Huub Stevens, Trainer vom Hamburger SV, machte kein Hehl aus seiner Erleichterung, dass es der Verteidiger Guy Demel nicht ins Aufgebot der Elfenbeinküste geschafft hat. So muss er zum Rückrundenstart nur auf zwei Aussenverteidiger (Atouba, Benjamin) und den ägyptischen Stürmer Zidan verzichten.
Kaum Stimmen zum Thema Spielerausfälle waren diesmal aus Frankreich zu vernehmen. Der französische Fussball war bisher vom zweijährlichen Exodus der Afrikaner stärker betroffen als alle anderen europäischen Ligen. Obwohl in Frankreich immer noch drei Afrikaner mehr als in Englands oberster Liga spielen, ist die Zahl afrikanischer Spieler erstmals seit 1998 zurückgegangen (2006 waren es 54, 2007 noch 43). Die Franzosen kennen das Problem Afrika-Cup und haben gelernt, es als eine Art «unversicherbaren Schadensfall» zu akzeptieren. Als Reaktion hat man einerseits einige der besten und teuersten afrikanischen Stars nach England verkauft und anderseits damit begonnen, sich bei Spielerkäufen in Afrika zurückzuhalten.
«Finish palava'»
In Europa möchte man unter anderem wegen der zahlreichen Ausfälle afrikanischer Nationalspieler im Zweijahresrhythmus den Afrika-Cup auf Juni verlegen. Doch der afrikanische Fussballverband CAF beharrt auf dem traditionellen Austragungsdatum im Januar und Februar. Das Argument: Während der europäischen Zwischensaison im Juni sei in Afrika aus klimatischen Gründen kein reguläres Fussballspiel möglich.
Die CAF lehnt auch einen der Europameisterschaft angepassten vierjährigen Austragungsmodus kategorisch ab. «Warum», so fragt sich nicht nur die CAF, sondern ganz Afrika, «soll sich der Fussball unseres Kontinents dem reichsten, schönsten und wohl auch korrumpiertesten Fussball der Welt, nämlich dem europäischen, anpassen?» Afrika reagiert auf die zumeist eurozentristisch gefärbten Diskussionen um die weltweite Terminangleichung gereizt. «Jeden Tag könnt ihr Europäer hochstehenden Fussball sehen», so heisst es hier. «Live im Stadion oder am Fernseher. Ihr kriegt so viel davon, dass eure Kinder es gar nicht mehr verkraften können und sich gegenseitig zu schlagen beginnen, bis es Tote gibt. Wir sehen unsere afrikanischen Spieler nur am Bildschirm, wie sie im fernen Europa brillieren. Aber hier bei uns sehen wir Essien, Drogba, Kanu oder Eto'o nur am Afrika-Cup. Und der findet alle zwei Jahre statt. Finish palava' - Punkt, fertig.»
Allen berechtigten Argumenten zum Trotz bleiben die Interessenkonflikte bestehen. Wo werden sich Europa und Afrika in diesem weiten Feld des globalisierten Fussballs finden? Wie werden mittelfristig die Lösungen und Kompromisse aussehen, die sowohl den beteiligten europäischen Klubs als auch den afrikanischen Ansprüchen genügen können?
Eine kleine Prognose sei erlaubt: Es ziehen in nächster Zeit immer mehr afrikanische Spitzenkräfte in den europäischen Fussball. Deutschland, Spanien und Italien steigen in der oberen Preisklasse ebenfalls vermehrt ein. Dadurch wird der Druck auf die Spieler, sich zwischen Verein und Heimat zu entscheiden, immer grösser. Ausserhalb Afrikas wird man sich um die Wünsche des Kontinents foutieren. Über kurz oder lang wird es offiziell auch im Mai oder Juni möglich sein, in Afrika Spitzenfussball zu zeigen, und der Afrika-Cup wird sich dem vierjährlichen Austragungsmodus des Weltfussballs angepasst haben.