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Sie heissen „Mühleboden“, „Kirschgarten“ oder „Rüti“. Man kennt sie, die Atriumsiedlungen der Architekten Ulrich Löw und Theodor Manz aus Basel. In den 1960er-Jahren realisierten die beiden in der Region Basel eine ganze Reihe solcher Siedlungen, von Binningen über Reinach bis Therwil. Die Siedlungen verhandeln die nach wie vor aktuellen Themen des Verhältnisses zwischen Privatheit und Gemeinschaft – und die Frage des günstigen Wohnraums.
Der schwindende Traum vom Einfamilienhaus steht am Ausgangspunkt der eindrücklichen architektonischen Recherche und Bautätigkeit von Löw und Manz. Aufgrund steigender Baukosten und Landpreise infolge der Hochkonjunktur wurde das Einfamilienhaus ab Ende der 1950er-Jahre mehr und mehr ein Luxusgut, das einer oberen Mittelschicht vorbehalten blieb. Löw und Manz gingen das „Problem“ des teuren Hausbaus mit grosser Konsequenz an. „Wenn der Preis einer Ware nicht gesenkt werden kann, muß versucht werden, die Kaufmenge zu reduzieren. Es müssen also Siedlungslösungen gesucht und entwickelt werden, bei welchen der Landanteil pro Haus verringert werden kann, ohne daß der Wohnwert verschlechtert wird,“ beschrieb der deutsche Architekt und Architekturtheoretiker Jürgen Joedicke 1973 in seiner „Rückblende“ die Herangehensweise von Löw und Manz. Genau umgekehrt stellte sich das Problem bei den Baukosten: „Wenn der Wohnraum nicht reduziert werden kann, muß der Preis zu seiner Erstellung gesenkt werden. Es gilt einige wenige, aber vielfältige Bauelemente zu entwickeln, welche die einfache, rationelle und rasche Erstellung verschiedenartiger Haustypen erlauben.“ Ein Prinzip, das bereits Wilhelm Emil Baumgartner 1926 bis 1938 mit den nach ihm benannten „Baumgartnerhäusern“ in Basel mit grossem Erfolg erprobte, wobei es sich bei ihm um Mehrfamilienhäuser mit Geschosswohnungen handelte.
Also: Senkt die Baukosten! Ein Credo, dass Löw und Manz unter anderem dank dem weitgehenden Verzicht auf Unterkellerung der Häuser erreichten. Ausserdem verfolgten sie eine konsequente Rationalisierung des Bauprozesses. „Das Baugewerbe leidet in zunehmendem Maße an einer ungesunden Vielfalt von Baustoffen“, kritisierten die beiden Architekten 1967 in der Zeitschrift „Das Werk“. Zur Vereinfachung entwickelten sie das sogenannte „LOMA-System“: Der ganze Rohbau konnte dabei mit nur fünf normierten, industriell fabrizierten Konstruktionselementen erstellt werden. „Die 5 LOMA-Konstruktionselemente sind im Prinzip Schalungssteine, die sich mit Schwer- oder Leca-Isolierbeton füllen lassen und zum bleibenden Bestandteil von Wand und Decke werden. Es entstehen somit homogene, fugenlose Konstruktionen. Durch einfache Trennungen an vorgebildeten Bruchfugen lassen sich diese 5 Grundelemente so umformen, daß mit den Abschnitten und Restkörpern alle im Rohbau erforderichen Detailkonstruktionen gelöst werden können, ohne daß Hilfskonstruktionen oder Materialwechsel nötig sind.“
Die Baukosten konnten dank dem „Loma-System“ mit damals CHF 150 pro Kubikmeter – im Vergleich zu herkömmlichen Konstruktionsweisen – um circa 25% reduziert werden. Dabei musste bereits in der frühen Planungsphase auf das Rastermass von 22,5 cm der LOMA-Elemente berücksichtigt werden. „Konsequent nach dem LOMA-System durchgeführte Bauten haben gezeigt, daß sich bei sorgfältiger Planung bedeutende Baukosten- und Termineinspraungen verwirklichen lassen“, resümierten die Architekten ihre Erfahrungen.
Tiefe Baukosten in Ehren, aber was leisten die Siedlungen auf städtebaulicher und architektonischer Ebene? Die Architekten versuchten in einer konzentrierten Bebauung die Qualitäten des Einfamilienhauses, Privatsphäre und Intimität, zu erhalten. „Das vorliegende Experiment sucht anstelle der Streubauweise eine Konzentration zu erreichen, ohne jedoch der gefährlichen Verwechslung mit Höherbebauung zu verfallen. Die Vorteile des individuellen Einfamilienhauses sollten erhalten bleiben und die Intimität der privaten Wohnsphäre ist vor allem im Freien noch zu steigern“, erklärten Löw und Manz in der Schweizerischen Bauzeitung 1961.
Bei aller Privatheit lag den Architekten aber auch die Gemeinschaft am Herzen. Sie schufen deshalb einen zentralen Platz in der Siedlung als Treffpunkt und Ort des Austauschs zwischen den Nachbarn. „Die Familien können sich ganz in ihre private Sphäre zurückziehen, sie können sich aber auch im Mittelpunkt der Siedlung treffen. Solche Gedanken und Ueberlegungen bestimmen letzten Endes die Form, die für die Lösung der gestellten Aufgaben zu finden ist.“ Allen Siedlungen gemeinsam ist zudem die konsequente Trennung von Fussgängern und motorisiertem Verkehr: Das interne Weg- und Platznetz steht der Bewohnerschaft, vor allem den Kindern als Spielraum zur Verfügung. Die oberirdischen Parkplätze werden an einem Ort konzentriert („In den Gartenhöfen“) oder an den Rändern verteilt („Mühleboden“).
Heute stellt sich die Frage: Leisten die Siedlungen von Löw & Manz einen Betrag zur Verdichtung? Die Ausnützungsziffer, die das Verhältnis zwischen Geschoss- und Grundstückfläche bezeichnet, ist mit 40% vergleichsweise tief. Die eingeschossige Bauweise und die vielen Erschliessungswege haben diesbezüglich ihre Nachteile. Was können wir dennoch von den Atriumsiedlungen lernen? Die klare räumliche Struktur mit Gassen, Plätzen und Höfen ist von hoher urbaner Qualität. Die präzise Trennung von privaten und öffentlichen Aussenräumen, die an antike oder mittelalterliche Bebauungsmuster erinnert, funktioniert nach wie vor bestens. Auf das gutschweizerische Abstandsgrün und den obligaten Lattenzaun kann hier getrost verzichtet werden. Die zweite Qualität der Siedlungen liegt in der Rationalisierung: Klar definierte Regeln bestehend aus Bauteilen und Haustypen liefern einen Baukasten, der in sich stimmige Kompositionen ermöglicht – vom Grundriss bis zum Städtebau. Die Siedlungen zeichnen sich durch eine gestalterische und typologische Robustheit und Wertigkeit aus, dank der sich die Atriumhäuser bei den Bewohnern nach wie vor grosser Beliebtheit erfreuen. Für Sie hat sich der Traum vom bezahlbaren Einfamilienhaus bewahrheitet.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Atriumsiedlungen von Löw und Manz Architekten in der Region Basel
- »In den Gartenhöfen«, Reinach, 1959-60.
- »Im Pfeiffengarten«, Reinach, 1961-63
- »Im Kirschgarten«, Binningen, 1964-65
- »Rüti«, Oberwil, 1966-69
- »Mühleboden«, Therwil, 1967-70
- »Lochacker«, Reinach, 1968-70
Literatur
- Ulrich Löw & Theodor Manz: Die Atriumsiedlung „In den Gartenhöfen“ in Reinach BL, in: Schweizerische Bauzeitung, Heft 3, 1961.
- Ulrich Löw & Theodor Manz: Atriumsiedlung „Mühleboden“ in Therwil BL, in: Das Werk : Architektur und Kunst, Heft 8, 1967.
- Joedicke, Jürgen: Rückblende: Atriumsiedlungen bei Basel, in: Bauen + Wohnen, Heft 11, 1973.
- Martina Desax, Barbara Lenherr, Reto Pfenninger (Hrsg.): verDICHTen: Internationale Lowrise-Wohnsiedlungen im Vergleich, Zürich, 2015.