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Allegorie
Kolloquium 2015: »Verschleierte Botschaften« – Gestalten und Leistungen der Allegorie
Samstag, 19. September in Zürich
Zum Thema:
Allegorien waren von der Spätantike bis ins Barockzeitalter ein ernstgenommenes rhetorisches Überzeugungs- und poetisches Ausdrucksmittel; die literarische Form hat überlebt in Festansprachen, in der Werbung und im Cabaret.
Allegorien stellen Bezüge zwischen der körperlichen und der geistigen Welt her, indem sie behaupten, eine Struktur in der körperlichen Welt bilde eine analoge Struktur in der Sphäre des Geistig-Abstrakten Pendant für Pendant ab. So versuchen sie, auf poetischem Weg eine Glaubwürdigkeit zu bewerkstelligen.
Es lassen sich zwei Haupttypen von Allegorien ausmachen: die Personifikation (von Tugenden und Lastern, des Todes, des Frühlings usw.) und die Dingallegorie (Elemente aus der Natur wie z. B. Tiere; aus der Technik wie z. B. die Konstruktion einer Mühle; aus dem menschlichen Leben wie z. B. eine Reise). Immer wieder werden Allegorien auch bildlich umgesetzt: die Technik solcher Visualisierungen von Allegorien bilden einen weiteren Aspekt des Themas.
Einge Leitfragen: Auf welcher Grundvorstellung beruht die Analogie? Wie gibt ein Text oder Bild dem Leser / Betrachter zu erkennen, dass er / es auch allegorisch verstanden werden will? Von welcher Art sind die Bezüge zwischen den Pendants in den beiden Weltbereichen? Was muss man wissen, um diese Bezüge zu entdecken? Welche Funktionen haben Allegorien (z. B. Mnemotechnik; Verschlüsselung; Strukturierungshilfe …)? Worin liegt der Erkenntnisgewinn einer Allegorie? Welche Epochen sind dem Allegorischen gewogen, welche nicht und warum?
Exposés der Referentinnen und Referenten ...
… zu einzelnen Bedeutungsträgern wie z.Bsp. dem Spiegel oder dem Gefängnis – zu einzelnen allegorisch gefassten Themen wie z.Bsp. der Hölle oder der Liebe – zu Allegorien in bestimmten Epochen (Mittelalter, Renaissance, Moderne) und Kulturkreisen (Islam) – zu allegorischen Verfahrenstechniken (Typologie; Bild-Text-Bezüge) – zu Metaphern des Allegorischen (Lüge; Schleier) – zu Leistungen des Allegorischen (Mnemotechnik, Verdrängung, Ästhetik, Witz …) – u. a. m.
Hinrich Biesterfeldt: »Jeder Vers des Korans hat ein Äußeres und ein Inneres«
»Mose sagte: Das ist mein Stock, auf den ich mich stütze: das heißt die Seele, auf die ich mich in der Welt der Intuition und der Aneignung der Vollkommenheit, des Wandelns zu Gott und der Angleichung an seine Eigenschaften stütze. Das heißt: Diese Dinge sind nur durch die Seele möglich.«
Der Korankommentar des Mystikers al-Kāšānī (gest. 1330 oder später), aus dem diese Passage (zu Sure 20, Vers 18) stammt, soll als Basis für die Beschreibung der Quellen, Motive und Methoden der allegorischen Koranexegese im mittelalterlichen Islam dienen. Insbesondere möchte ich die Unterscheidung der Kommentatoren zwischen allegorischer Auslegung im eigentlichen Sinne und blosser ›Parallelisierung‹ tatsächlicher Ereignisse mit Symbolen der geistigen Welt vorstellen und analysieren. Des weiteren möchte ich untersuchen, inwieweit die klassisch-arabische Rhetorik die Funktion der literarischen Allegorie untersucht hat.
Doris Lier: Verschleierte Botschaften in Freuds Fehlleistungen und Träumen
In seinem Buch »Zur Psychopathologie des Alltagslebens« schildert Sigmund Freud zahlreiche Situationen, in denen Dinge und Wörter vergessen, verwechselt, verloren, verlegt und verdreht werden. Freuds Gedanke ist, dass solche Fehlleistungen eine Bedeutung haben, das heisst, dass in ihnen nicht selten gerade das aufscheint, was der/die Sprechende oder Handelnde verstecken möchte. Im Hintergrund steht natürlich das Konzept des Unbewussten, das uns ohnehin auf vielfältige Weise Streiche spielt.
Freuds Sichtweise ist nicht ohne Kritik geblieben. Wer hat die Deutungsmacht? Wie sollen in einer schnelllebigen Zeit wie der heutigen Fehlleistungen noch tiefere Bedeutung haben? Wie lässt sich ihr Sinn wissenschaftlich nachweisen?
Wir gehen diesen Einwänden nicht im Detail nach, sondern lassen uns von Freud ins Kuriositätenkabinett des Menschen führen, wo Fehlleistungen unübersehbar Sinn machen und Verborgenes zum Vorsch(w)ein bringen.
Katharina Mertens Fleury: Spiegel
Das Motiv des Spiegels repräsentiert Potentiale der Erkenntnis, die sich mit verschiedenen Inhalten verbinden. Das geht aus der Variationsbreite der Verwendung des Motivs hervor, welche geistliche, weltliche oder auch soziale Dimensionen umfasst. Wird das Spiegelmotiv zur ausführlichen Allegorie ausgeweitet und ausgestaltet, erweitern sich dadurch auch diese Erkenntnis- und Vermittlungsdimensionen und werden z.T. explizit dargelegt. Der Schwerpunkt meines Beitrags liegt vornehmlich auf der Analyse solcher Strategien: In einem ersten Schritt möchte ich Überlegungen zum gemeinsamen Nenner möglicher allegorischer Vermittlungsstrategien (›Spiegel‹ und ›Spiegelungen‹) in Mittelalter und früher Neuzeit anstellen und in einem zweiten Schritt spezifische Beispiele untersuchen: Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen die allegorischen Umsetzungen des Spiegelmotivs in Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) und seiner Nachwirkungen bei Aegidius Albertinus (1618).
Die Idee, sich den Eingang zur Hölle als weit aufgerissenen Tierrachen vorzustellen, wurde in der Antike geboren. Erste Bildbeispiele sind aus hochmittelalterlicher Zeit auf uns gekommen. Das Festgeschehen der Renaissance trug entscheidend dazu bei, dass die Vorstellung vom animalischen Höllenrachen allmählich ihren Schrecken verlor. Dieses so besondere Höllentor mutierte im Laufe der Frühen Neuzeit zu einer beeindruckenden Kulisse, die nicht nur für Teufel, sondern auch für weltliche Herrscher und geistliche Würdenträger zur Bühne wurde, was zahlreiche Bildzeugnisse dokumentieren. Gegenstand der Untersuchung ist die Erörterung der Beweggründe, die diesen Wandlungsprozess begleitet haben.
Während die apokalyptischen Reiter (Apk 6,1–8) von einem peitschenschwingenden höllischen Wesen angetrieben (?) losrasen, saugt der Höllenrachen Menschen aller Stände in sich hinein.
Heraufführung des Papst aus der Hölle (lutherisches Flugblatt 1545)
Gisela Seitschek: ›Roman de la Rose‹
Zu der Zeit, da Dante in seinem Convivio den Dichtern eine andere Art der Allegorie zuschrieb als den Theologen, war dieses Genre längst fest in der profanen Literatur etabliert, obwohl es sich ursprünglich aus der christlichen Tradition entwickelt hatte. Als ein Paradebeispiel für die ›Allegorie der Dichter‹ im romanischen Sprachraum kann man den Roman de la Rose ansehen, dessen erster Teil um 1230–1240 von Guillaume de Lorris verfasst wurde. Im Wesentlichen geht es hier um die Einweihung des Protagonisten in das System der höfischen Liebe mithilfe einer allegorisch verhüllten Erzählung. Da das Gedicht nach etwa 4'000 Versen unvollendet abbricht, wurde es ca. 40 Jahre später, also gegen 1270–1280 von einem gelehrten Kleriker namens Jean de Meun um weitere 18'000 (!) Verse erweitert und fertiggestellt. Im zweiten Teil des Rosenromans rückt nun allerdings die Allegorie zugunsten zahlreicher Exkurse, gelehrter Abhandlungen und ausführlicher Monologe stark in den Hintergrund bzw. wird zur Rahmenhandlung ›degradiert‹. Im Fokus des Vortrags wird daher der erste Teil mit seiner typischen allegorischen Schreibweise stehen, auf den die Definition Dantes für die sogenannte ›Allegorie der Dichter‹ als eine hinter einer schönen Lüge verhüllte Wahrheit voll und ganz zutrifft.
Falls Interesse besteht und Zeit bleibt, könnte man abschließend den Blick weiten hin zu zwei italienischen Imitationen des Rosenromans (Il Fiore und Il Detto d’Amore), die möglicherweise von Dante selbst stammen.
Martin Städeli: Dürrenmatt, ›Die Schweiz als Gefängnis‹
Kurz vor seinem Tod hielt Friedrich Dürrenmatt die Laudatio auf den tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Václav Havel, der am 22.11.1990 den ›Gottlieb Duttweiler Preis‹ entgegennehmen durfte. Dürrenmatts Rede löste vor 25 Jahren gelinde gesagt unterschiedliche Reaktionen hervor. Er verglich in seiner Laudatio die Schweiz mit einem Gefängnis. Noch heute wird diese Rede in Zeitungen, Blogs und Büchern zitiert. Während sich aber die meisten Beiträge mit dem Inhalt der Rede beschäftigen, geht der Vortrag der Frage nach, wie Dürrenmatt diese Rede – und vor allem die Gefängnis-Allegorie – gestaltet hat. Wir untersuchen, wie Dürrenmatt Elemente aus der Welt des Strafvollzugs auf einen so allgemeinen Begriff wie ›die Schweiz‹ abbildet. Auf diese Weise ergeben sich Anhaltspunkte dafür, was die Allegorie in diesem Text leistet.
Rudolf Suntrup: Naturallegorie im Dienste der Heilsgeschichte. Die ›Concordantiae caritatis‹ des Ulrich von Lilienfeld
Typologische Heilsgeschichts-Konzepte werden seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in großartigen Bildprogrammen liturgischer Kunst sowie in reich illustrierten Handschriften verwirklicht. Die Ausformung der Typologie zu großen typologischen Text-Bild-Zyklen erreicht in der seit etwa 1220 bezeugten, auch in Prachthandschriften des 13. Jahrhunderts überlieferten Bible moralisée (mit der größten Fülle von typologischen Bezügen in einem Einzelwerk), dann im 14./15. Jahrhundert mit den ältesten erhaltenen Handschriften der – wohl um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstandenen – Biblia Pauperum und der reichen Überlieferung des Speculum humanae salvationis beeindruckende Höhepunkte. Den markanten Schluß dieser groß angelegten Zyklen bilden seit der Mitte des 14. Jahrhunderts die Concordantiae Caritatis des Ulrich von Lilienfeld, ein bedeutendes Zeugnis spätmittelalterlicher Klosterkultur. Das ›Urexemplar‹, die Handschrift CL 151 aus dem Zisterzienserstift Lilienfeld, ist dadurch ausgezeichnet, dass sie in Text und Bild zum ersten Mal durchgängig konsequent den alttestamentlichen Typen, formal gleich strukturiert und auch im Inhaltsumfang gleichwertig, Zeugnisse aus der Naturdeutung, und hier ganz schwerpunktmäßig aus der Tierallegorese, beigibt. Die den Texten gegenübergestellten Bildseiten sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern sie haben eine originäre Erklärungsfunktion.
Der Vortrag stellt einleitend Autor und Werk knapp vor, ordnet die Handschrift thematisch in die Überlieferung ein und zeigt exemplarisch, wie das altbekannte, hier aber erweiterte allegorisch-typologische Deutungsverfahren funktioniert und welchen praktischen Zweck es verfolgte. Textauszüge werden in Übersetzung vorgelegt.
Alice Thaler-Battistini: Bilder Sehen Lernen. – Die ›Iconologia‹ des Cesare Ripa als Theater der Begriffe
Bei der »Iconologia«, die 1593 in Rom zum ersten Mal nur als Text und seit 1603 bebildert erschien, handelt es sich um eine Sammlung von Allegorien, die in kurzer Zeit wiederholt neu aufgelegt, erweitert und auch außerhalb Italiens erfolgreich vertrieben wurde. In ihr manifestiert sich eine geistesgeschichtliche Haltung, die von der Verbindung dichotomischer Positionen gekennzeichnet ist und sich besonders in der Fusion von paganen und christlichen Inhalten sowie in der Transformierung bildhafter Texte ins gezeichnete Bild zeigt.
Die Holzschnitte der Allegorien sind immer betitelt und mit Texten, die ihnen zugrunde liegen, versehen. Die Sammlung richtet sich zum einen an Dichter, Maler, Bildhauer und andere, um Tugenden, Laster, Gefühle und Leidenschaften darzustellen, zum anderen aber sollen sie generell zum Nachdenken über Abstrakta anregen. Dieses Reflexionsmoment wird durch die Distanz zwischen dem Geschriebenen, den Vorstellungen, die es in den Lesenden auslöst und den tatsächlichen Darstellungen bewirkt, so dass sich eine der nun 400jährigen Zielsetzungen noch immer erfüllen kann. Aufgrund seines multimedialen Charakters und der Beschränkung auf Begriffe, die sich auf Aspekte menschlicher Eigenschaften, Einstellungen oder auf Glaubensinhalte beziehen, präsentiert sich das Werk volksnah, was die Vermutung zulässt, dass es der Erbauungsliteratur zugerechnet werden könnte oder sogar wurde – der Zeitpunkt der Erstedition, die stilistischen Adaptierungen sowie der internationale und bis ins 19. Jahrhundert anhaltende Erfolg sprechen für diese Hypothese.
Die manchmal surreale Rätselhaftigkeit der Abbildungen wird an einigen Beispielen untersucht und sowohl ikonologisch als auch ideengeschichtlich kontextualisiert. Dadurch wird kenntlich, wie und dass ihnen einerseits ein durch Philosophie geleitetes systematisches Vorgehen zugrunde liegt, das jedoch andererseits an eine eklektisch wirkende Auswahl von Werten, Begriffen und Bildelementen angelegt wird, deren Ursprünge zuweilen in der Antike, zuweilen in der ständischen Gesellschaft der Zeit aufzufinden sind.
Rosmarie Zeller: Die Chymische Allegori »Coniugium Phœbi & Palladis« des Christian Knorr von Rosenroth (1677)
Vgl. auch die Unterseite hier zur Emblematik