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Am 19. September 1946 hielt Winston Churchill in Zürich eine historische Rede, in der er zu "Vereinigten Staaten von Europa" aufrief. 50 Jahre nach seinem Tod schaut swissinfo.ch hinter die Kulissen der Rede, um zu sehen, wie er über die Schweiz dachte – und was diese von ihm hielt.
Beim Lesen der Telegramme, die für diesen Anlass vom Projekt Diplomatische Dokumente der Schweiz (DDS) in einem Dossier zusammengestellt und online archiviert wurden, kommt man nicht umhin, an Wikileaks zu denken: Kurze, prägnante Darstellungen, die von Botschaftern aus verschiedenen Orten der Welt an das Aussenministerium in Bern versandt wurden.
Diplomatische Dokumente der Schweiz
Die Diplomatischen Dokumente der Schweiz (DDS) sind ein in Bern angesiedeltes Forschungsprojekt zur Edition von zentralen Dokumenten der Aussenbeziehungen der Schweiz.
Die Arbeit von DDS ist sowohl wissenschaftlich als auch praktisch, das Forschungsprojekt stellt für die Öffentlichkeit amtliche Quellen in gedruckter und digitalisierter Form zur Verfügung, die es für die Rekonstruktion und das Verständnis der Geschichte der Schweizer Aussenpolitik braucht.
Die Auswahl und Edition der relevanten Dokumente erfolgt durch eine Forschungsgruppe, der Historikerinnen und Historiker aus verschiedenen Schweizer Universitäten angehören.
"Vor ein paar Tagen traf ich Winston Churchill zum Essen [..]. Dabei griff er in ziemlich kühner Weise zum vorhandenen Alkohol, mit dem Ergebnis, dass ich die zweite Hälfte unseres Gesprächs als null und nichtig betrachten muss. Er sprach Worte, aber es war schwierig, deren präzise Bedeutung zu erkennen."
Dies schrieb Carl Burckhardt, der Schweizer Gesandte in Paris, an den Schweizer Aussenminister Max Petitpierre über ein Essen mit dem ehemaligen britischen Premierminister Churchill im Juli 1946 in der französischen Hauptstadt.
In einem früheren Telegramm vom November 1945, vier Monate, nachdem Churchill nach verlorenen Wahlen als Premierminister hatte zurücktreten müssen, hatte Burckhardt über eine weitere unvergessliche Szene bei einem Essen mit dem Briten berichtet.
(...) "Plötzlich drehte er sich zu mir und sagte ohne Umschweife: "Ich mag Ihr Land sehr. Es ist das Beste auf dem Kontinent. Sie haben Ihre Arbeit so gut erledigt, als ob Sie Engländer gewesen wären. (...) Doch während ich Sie mag, verabscheut mein Freund Stalin Sie."
"Ich habe den Nationalsozialismus gefällt", sagte [Churchill] mit dem Ausdruck eines Mannes, der in einer Kneipe erklärt, dass er gerade die grosse Tanne gefällt habe, die das Dach bedrohte. Dann fügte er hinzu: 'Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich mein ganzes Leben lang ein unerbittlicher Feind des Kommunismus war, und ich werde dagegen kämpfen bis ans Ende meiner Tage', schrieb Burckhardt.
Danach sei Churchill näher auf die russische Bedrohung aus seiner Sicht eingegangen und habe dann erklärt, was die Schweiz tun sollte: 'Sie haben viel Geld, mit diesem Geld müssen Sie Ihre Armee stärken, stärken, stärken, denn dieses Mal werden Sie vielleicht die Gelegenheit haben, an der Frontlinie zu kämpfen."
Als er auf ein Treffen mit Churchill am 11. September 1946 hinwies, schrieb Cuttat: (...) "Er sagte, Stalin habe ihm 1944 vorgeschlagen, in die Schweiz einzufallen, um Deutschland von Süden her angreifen zu können. Herr Churchill blickte mich eine Weile lang an und sagte dann, dass er Stalin trocken geantwortet habe: 'Wir Engländer, wir tun so etwas nicht. Wir marschieren nicht in einem neutralen Land ein.' Ich versäumte es nicht, zu antworten, dass wir in der Schweiz nicht wussten, wie sehr wir in seiner Schuld standen."
Ruf verbessern
Es war vor diesem Hintergrund von Churchills Abscheu vor dem Kommunismus und dem jüngst erlittenen Verlust seines Amts als britischer Premierminister, dass einige seiner Schweizer "Bewunderer" – vor allem grössere Unternehmen – die Idee diskutierten, den Politiker zu einem Urlaub in die Schweiz einzuladen und für alle Kosten aufzukommen.
Hans Bracher, ein hochrangiger Offizier der Armee und eine zentrale Figur, um zu gewährleisten, dass eine eventuelle Visite ohne Zwischenfälle verlaufen würde, schätzte, dass diese Unternehmen "nicht ausschliesslich philanthropisch" handelten, sondern auch ihren Ruf in Grossbritannien verbessern wollten, der während dem Krieg Schaden genommen hatte.
Burckhardt informierte Petitpierre am 27. Juli, "Herr Churchill freut sich sehr auf seinen Aufenthalt in der Schweiz. Er sagte mir, vor allem wolle er schwimmen gehen. Angesichts der Wahl zwischen einer Villa am Zugersee und einer Villa am Genfersee, scheint er letztere vorzuziehen, er denkt, das Wasser im Genfersee werde nach dem 22. August wärmer sein als in einem See in den Bergen."
Zudem "würde er sich freuen, nach Bern zu gehen und sehr gerne einen militärischen Umzug sehen. Ich denke, General Guisans Idee, ihn durch das Réduit [Befestigungsanlagen] zu begleiten, ist ausgezeichnet".
Ankunft
Schliesslich landete Churchill am 23. August 1946, im Alter von 71 Jahren, aber kämpferisch wie immer, mit seiner Frau Clementine und Tochter Mary auf dem Flughafen Genf. Zum Auftakt des drei Wochen dauernden Aufenthalts in der Schweiz waren sie in einer privaten Villa in Choisi untergebracht, mit Blick auf den Genfersee.
"Schon unmittelbar nach Ankunft des Flugzeugs liess sich feststellen, dass Winston Churchill mit Vorliebe die Polizei vor unerwartete Aufgaben zu stellen wünscht und sich nicht allzu sehr in seiner Bewegungsfreiheit einschränken lässt. Anstatt vom Flugzeug weg zum vorbereiteten Erfrischungsraum in einem der grossen Hangars zu gehen, steuerte Winston Churchill zum Entsetzen der Polizei-Gewaltigen direkt auf die Menge der Zuschauer los (...)", schrieb Bracher.
Cuttat war beeindruckt vom Wunsch des aristokratischen Churchill, Arbeiter und Bauern zu begrüssen: "Auch wenn nur einer oder zwei da waren, erhob er sich von seinem Sitz und richtete sein [Victory] Zeichen an sie. 'Ich mag die Arbeiter am besten', sagte er mir bei zwei Gelegenheiten. Ich sehe darin nicht nur das Bedürfnis nach Popularität, sondern vor allem das Bewusstsein, dass er, angesichts von Stalin, die einzige Persönlichkeit ist, die grosse Mengen anziehen kann", schrieb Cuttat.
Rede und Reaktion
In der Rede an der Universität Zürich, die kurz nach einer erfolgreichen öffentlichen Ansprache an die dicht gedrängte Menschenmenge auf dem Münsterhof erfolgte, einem Platz in der Zürcher Altstadt, wurde Russland nicht mit Namen erwähnt.
Churchill sprach aber darüber, dass die Menschen die "dunklen Horizonte auf das Herannahen von neuer Gefahr, von Tyrannei oder Terror" im Auge behielten. Doch es gebe ein "Heilmittel", das, wenn man dazu greifen würde, "wie durch ein Wunder die ganze Szene verwandeln und in ein paar Jahren Europa, oder den grössten Teil davon, so frei und glücklich machen könnte, wie es die Schweiz heute ist".
Seine Lösung – "wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa bauen" – kam in der Schweiz viel besser an als in seiner Heimat Grossbritannien, vor allem als darauf hingewiesen wurde, dass Churchill den Kern der Botschaft abgekupfert haben könnte.
"Die Rede Winston Churchills hat gerade hier im Rheinland das grösste Aufsehen erregt, weil sie sich völlig in den Gedankengängen bewegt, die dem Führer der Christlich demokratischen Partei in der britischen Zone, dem früheren Oberbürgermeister der Stadt Köln, Herrn Dr. Adenauer, entsprechen", schrieb Franz Rudolph von Weiss, Schweizer Generalkonsul in Köln, am 22. September 1946 in einer Depesche an Petitpierre.
"Es handelt sich dabei keineswegs um einen Zufall, sondern um die tatsächliche Übernahme der Vorschläge Adenauers durch den ehemaligen britischen Premier", fuhr von Weiss fort.
Der Generalkonsul rief danach in Erinnerung, wie er drei Monate zuvor nach Bern berichtet hatte, dass Duncan Sandys, ein Politiker und Churchills Schwiegersohn, in Köln ein Treffen mit Adenauer gehabt hatte, bei dem der Deutsche – der später der erste Nachkriegs-Bundeskanzler Westdeutschlands wurde – eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland als "ersten Schritt zum Wiederaufbau der europäischen Völkerfamilie und die Schaffung einer Art Vereinigte Staaten von Europa" vorgeschlagen hatte.
"Rauschender Jubel"
Paul Ruegger, der Schweizer Botschafter in London, erklärte in einem Schreiben vom 24. September 1946 an Petitpierre, die "lauwarme" Reaktion in London auf Churchills Zürcher Rede möge überraschend erscheinen, habe aber ihre Gründe.
Ruegger verwies auf den "auffallenden Kontrast zwischen dem Verhalten der Londoner – die an der Front gestanden waren – und dem schrankenlosen, rauschenden Jubel unseres Landes, das vom Krieg verschont geblieben war".
Eine der ersten – und positivsten – Bewertungen der Rede kam von Max Petitpierre. In einem Telegramm, das am 19. September um 20 Uhr an Churchill im Grand Hotel Dolder geschickt wurde, gratulierte Bundesrat Petitpierre dem Briten für dessen "tiefgründige und mutige" Rede.
"Wie Sie bin ich überzeugt, dass die Gesundheit Europas in der Vereinigung seiner Völker liegt, nicht als Block, sondern indem die föderalistische Formel verfolgt wird, mit der mein Land Jahrhunderte lange Erfahrung hat. Dies erlaubt jedem Land, seine eigene nationale Persönlichkeit zu bewahren und jene anderer Länder zu respektieren. Ich wünsche, dass ausnahmslos alle Ihren bewegenden Aufruf hören werden, so dass Europa endlich Frieden in Freiheit kennen mag."
"Ich danke Ihnen nochmals für ihre Verbundenheit mit meinem Land und für die Freude, die sie der Schweizer Bevölkerung machten, indem Sie Ihre Ferien hier verbrachten."
Winston Churchill
30. November 1874: Winston Leonard Spencer-Churchill wird in Blenheim Palace, Oxfordshire, geboren.
10. Mai 1940 – 26. Juli 1945: Premierminister als Vorsitzender der Konservativen Partei.
7. Mai 1945: Deutschland kapituliert.
5. Juli 1945: Allgemeine Wahlen in Grossbritannien (Bekanntgabe der Resultate am 26. Juli): Churchills Konservative Partei verliert unerwartet gegen die Arbeiter-Partei (Labour Party) von Clement Attlee. Churchill wird Oppositionsführer.
19. September 1946: Churchills Rede an der Universität Zürich mit dem Vorschlag zur Schaffung einer Art "Vereinigter Staaten von Europa".
29. Oktober 1951 – 6. April 1955: Churchill ist zum zweiten Mal britischer Premierminister.
25. März 1957: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande unterzeichnen den Vertrag von Rom zur Gründung der Europäischen Wirtschafts-Gemeinschaft (EWG). Am 1. Januar 1958 tritt der Vertrag in Kraft.
1963: Churchill ist die erste Person, die zu einem Ehrenbürger der Vereinigten Staaten von Amerika ernannt wird.
24. Januar 1965: Churchill stirbt im Alter von rund 90 Jahren in London.
Abdankungsfeier
Churchill starb am 24. Januar 1965 im Alter von 90 Jahren. Die Abdankungsfeier mit Vertretern aus 112 Ländern war das grösste Staatsbegräbnis der Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt. Nur China hatte keinen Abgesandten an den Staatsakt geschickt.
Die Schweiz war vertreten mit Aussenminister Traugott Friedrich Wahlen und dem Schweizer Botschafter in Grossbritannien, Beat Fischer.
In einer internen Notiz, die an die Mitglieder der Regierung verteilt wurde, hatte das Aussenministerium erklärt: "Der Tod dieses grossen Staatsmannes löste in der ganzen Welt tiefe Emotionen aus, wo man nicht vergessen hat, was die freien Nationen dem früheren Chef der britischen Regierung verdanken, der von 1940 bis 1945 den Widerstand von Demokratien gegenüber Tyranneien verkörperte. Radio, Fernsehen und die Presse unseres Landes waren gleicher Meinung wie die ganze Bevölkerung der Schweiz und gaben ihrer tiefsten Dankbarkeit gegenüber dem Verstorbenen Ausdruck."
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch