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Zwei gegensätzliche Artikel kritisch betrachtet
Vor einer Weile bekam ich zwei gegensätzliche Artikel zugesandt, einmal Contra Halsband, einmal Pro Halsband, mit der Bitte, dazu Stellung zu nehmen. Beide Artikel waren mir schon bekannt.
Contra Halsband
Beim ersten Artikel handelt es sich um ein PDF von freedogz.com, in welchem mit grossen fetten Buchstaben und bunten, plakativen Zeichnungen leidenschaftlich gegen das Halsband argumentiert wird.
Als erstes möchte ich ein paar Worte zu diesem Artikel sagen, den man hier nachlesen kann:
https://www.freedogz.be/equipment/image/data/pdfs/posters_web_DE.pdf
Behauptung: Die Anatomie des Hundes und die des Menschen sind durchaus vergleichbar
Natürlich kann man grundsätzlich alles miteinander vergleichen. Doch tut man das in diesem Fall, stellt man fest, dass gerade die Halswirbelsäule des Hundes und die des Menschen sehr unterschiedlich aufgebaut sind.
Der Kopf des Hundes liegt vor dem Brustkorb und muss daher ständig gegen die Schwerkraft getragen werden. Dadurch sind sie obersten Wirbel die kräftigsten. Die Körper des 3.-7. Halswirbels werden gegen die Brustwirbelsäule zu allmählich immer kürzer und kleiner.
Der Kopf des Menschen hingegen wird in der vertikalen Achse des Körpers getragen, resp. balanciert. Die Körper des 3.-7. Halswirbel werden gegen die Brustwirbelsäule hin zunehmend immer länger und massiver, ähnlich einem Turm, der sich nach oben hin verjüngt.
Das Nackenband (blau) verbindet beim Hund den mächtigen zweiten Halswirbel (Axis) mit dem Dornfortsatz des ersten Brustwirbels. Das verleiht der Halswirbelsäule Stabilität. Die einzelnen Halswirbel können von oben her bei einem stehenden Hund nicht getastet werden. Das Nackenband dient als Ansatz verschiedener Halsmuskeln.
Das Nackenband des Menschen jedoch entspringt am Schädelknochen (Occiput) und verbindet sich mit allen Dornfortsätzen der Halswirbelsäule, weshalb man die einzelnen Dornfortsätze beim Menschen sehr gut ertasten kann.
Beim Hund zeigen die tiefen, gelenksnahen Wirbelsäulenmuskeln einen hohen Grad der Differenzierung. Sie sind kräftig entwickelt. Die oberflächlichen Halsmuskeln sind lang und kräftig. Die gesamte Halswirbelsäule liegt tief eingebettet und ist geschützt durch Muskulatur und das Nackenband, welches zu den Wirbelkörpern keine Verbindung hat.
Beim Menschen aber sind die tiefen, gelenksnahen Wirbelsäulenmuskeln so angelegt, dass sie in der Längsachse wirken können. Sie dienen der Stabilisation und Bewegung, nicht der Kraftentwicklung. Die oberflächlichen Halsmuskeln sind im Vergleich zum Hund kurz und wirken ebenfalls in der Längsachse als Beweger des Halses und des Kopfes. Sie müssen keine Kraft entwickeln und sind daher auch nicht als kräftige Muskelbäuche konzipiert. Die Halswirbel liegen beim Menschen also sehr oberflächlich und sind nicht wie beim Hund geschützt durch Muskulatur und Nackenband.
Dies sind nur einige Punkte, die klar machen sollen, dass ein Zug an einem menschlichen Hals nicht direkt vergleichbar ist mit einem Zug am Hals des Hundes.
Man kann sagen, dass die Halswirbelsäule des Hundes sehr viel stabiler und widerstandsfähiger ist als jene des Menschen, dass dafür jedoch der Brustkorb des Hunde sehr viel beweglicher, labiler und fragiler ist als unser menschlicher Brustkorb (dazu später noch mehr).
Um bei einem Hund Verletzungen zu erzeugen, die einem Schleudertrauma beim Menschen entsprechen, sind grosse Kräfte nötig. In einem solchen Fall sollte die Frage nicht mehr lauten, ob man besser ein Brustgeschirr nehmen würde, sondern wie schnell man den Hund einem solchen Hundeführer wegnehmen und ihn in Sicherheit bringen kann.
Behauptung: Die Haut wird durch das Halsband geschädigt
Es werden mir bestimmt eine Mehrzahl der Leser zustimmen, wenn ich behaupte, dass gerade die Schäden der Haut (Haarausfall, Hautirritationen, Quetschungen, Wunden, Schmerzen), die in dieser Grafik beschrieben werden, sehr viel öfter durch das Tragen von Brustgeschirren verursacht werden, vor allem wenn sie schlecht sitzen oder Modell und Grösse nicht stimmen, als durch das Tragen eines Halsbandes. So jedenfalls meine eigenen Beobachtungen. Dieses Argument funktioniert nicht.
Behauptung: Die Muskeln werden durch das Halsband geschädigt
Auch in dieser Grafik stimmt zwar der erste Abschnitt, jedoch funktioniert dieses Argument wieder nur dann, wenn Halsband mit komplett nackt verglichen wird. Im Vergleich mit dem Brustgeschirr muss auch hier festgestellt werden, dass das Geschirr ebenso Quetschungen, Verspannungen, Schmerzen und Verletzungen verursachen kann. Sowohl beim Halsband als auch beim Brustgeschirr führen zum einen ungeeignetes Material, schlechter Schnitt und Sitz, als auch falsches Leinenhandling des Hundehalters zu Verspannungen und vielfältigen anderen Probleme des Bewegungsapparates. Oft entstehen reaktive Muskelverspannungen, da das Brustgeschirr sehr direkt auf die Wirbel- und Rippengelenke einwirkt und somit Schmerzen verursachen kann. Auch hier: für mich kein Argument gegen das Halsband.
Behauptung: Lymphgefässe / Thymusdrüse werden durch das Halsband geschädigt
Richtige Erklärung im ersten Abschnitt.
Jedoch liegt das Lymphsystem nicht bloss im Hals. Der Venenwinkel, also der im Text erwähnte Ort, an dem die Lymphe wieder dem Blutkreislauf zugeführt wird, befindet sich hinter dem Brustbein.
Die Buglymphknoten, welche die Lymphe aus dem Hals- / Kopfbereich und der vorderen Extremität aufnehmen und dann weiter in den Venenwinkel leiten, findet man am vorderen Rand der Schulterblätter.
Genau dort, wo in der Regel ein Brustgeschirr sitzt. Wer schon einmal eine professionelle Lymphdrainage geniessen durfte, der weiss, dass die Behandlung immer oben am Schlüsselbein begonnen wird,
wo der Venenwinkel beim Menschen sitzt. Genau so beginnt man eine Lymphdrainage beim Hund am vorderen Rand der Schulterblätter, bei den Buglymphknoten. Der Venenwinkel nimmt ebenfalls die Lymphe
aus der ganzen hinteren Extremität und des Rumpfes auf.
Aber auch die Achsellymphknoten darf man nicht vergessen. Sie sitzen, wie bei uns, in den Achselfalten. Sehr oft sieht man Brustgeschirre, die verrutschen und dann genau auf diese Stelle drücken.
Die Thymusdrüse reicht beim Neugeborenen vom Herzen bis wenige Millimeter über den Brusteingang hinaus. Bereits im Alter von 4-6 Monaten setzt eine Rückbildung des Organes ein, wobei das
Organgewebe mehr und mehr durch Fettgewebe ersetzt wird. Es bleiben aber immer noch winzige aktive Thymusinseln erhalten, selbst im höchsten Lebensalter.
Auch bei einem Welpen sitzt der Thymus an einer Stelle, an der niemals ein Halsband hinkommt, sondern über welcher die Brustgeschirre liegen.
Behauptung: Das Zungenbein wird durch das Halsband geschädigt
Das Zungenbein liegt zwischen den Unterkieferästen. Es ist dort auch mit dem Zungengrund und der Luftröhre verbunden.
Ein Halsband hat an dieser Stelle, so direkt am Ansatz des Kopfes, nichts verloren.
Es kann nur druck auf das Zungenbein entstehen, wenn direkt vertikal an der Leine nach oben gezogen wird, oder wenn der Hund am Boden schnuppert, wobei das Halsband über Kehlkopf und Zungenbein rutschen kann und in dieser Position an der Leine geruckt wird. Oder aber der Hund hüpft, springt und windet sich an der Leine (Kettenhunde!!!).
All diese Fälle sind tatsächlich NoGo’s:
- Ein Hund soll niemals am Halsband nach oben gezogen werden!
- Ein Hund, der meist an der Leine geführt wird und der sehr viel die Nase am Boden hat und schnuppert, gehört unbedingt in ein Brustgeschirr!
- Hunde, die längere Zeit unbeaufsichtigt angebunden sind, wie Kettenhundem gehören unbedingt in ein Brustgeschirr!
Behauptung: Wirbel und Bandscheiben werden durch das Halsband geschädigt
Durch fehlerhaftes und grobes Leinenhandling und ständiges Leinenrucken kann die Halswirbelsäule stark belastet werden.
Jedoch darf nicht vergessen werden, dass der Hund auch Brustwirbel hat, die empfindlich auf Quer- oder Scherkräfte durch den Zug am Brustgeschirr reagieren, und die nicht durch kräftige Muskelbäuche geschützt werden, so wie der Hals.
Die 7 Halswirbel sind stark und mächtig. In der Brustwirbelsäule werden die Wirbel – ganz im Gegensatz zum Menschen – immer kürzer und schwächer. Ausserdem werden sie gegen die Lendenwirbelsäule hin immer beweglicher. Am beweglichsten und somit auch am empfindlichsten gegenüber Scherkräften ist die Wirbelsäule am Übergang der Brust- zur Lendenwirbelsäule, wo bei vielen Brustgeschirren der Ankerpunkt der Leine sitz. Immer öfter werden veterinärmedizinisch Spondylosen und Bandscheibenprobleme in genau diesem Bereich diagnostiziert.
Somit ist grobes Handling in einem Brustgeschirr genau so schädlich für die Wirbel und die Bandscheiben wie in einem Halsband.
Grundsätzlich gilt: wer ständig an seinem Hund ruckt, ihn von rechts nach links reisst und immer wieder vom Schnuppern wegzieht, der sollte sich weniger Gedanken machen über Halsband oder Brustgeschirr, als vielmehr darüber, in welcher Hundeschule er das korrekte Führen eines Hundes lernen kann.
Behauptung: Rückenmark, Nerven, Sympathisches und Parasympathisches Nervensystem, und Arterien und Venen werden durch das Halsband geschädigt
Auch hier kann wiederholt werden, dass eine Schädigung dieser Strukturen durch Gewalt durchaus möglich ist.
Jedoch darf man auch hier nicht denken, dass man all dies vermeidet, nur weil man dem Hund ein Brustgeschirr anzieht. Wie viele sensible Nerven, Venen und Arterien, sowie Lymphgefässe im Bereich des Halses, aber auch im Bereich der Brust, der vorderen Extremität und speziell der Achseln liegen, zeigt folgende Abbildung. Über die Wirbel / Bandscheiben wurde bereits gesprochen:
Das sympathische und parasympathische Nervensystem oder autonome oder vegetative Nervensystem kann nicht willentlich beeinflusst werden.
Sympathikus:
Macht den Körper bereit für «Fight or Flight». Beschleunigung der Herzfrequenz, Erweiterung der Pupillen, Hemmung der Speichelsekretion, Erweiterung der Bronchien und der Blutgefässe in den Muskeln, Verengung der Blutgefässe in Haut, Eingeweiden und Genitalien,
Parasympathikus:
Aktiv in Ruhe. Verlangsamung des Herzrhythmus, Verengung der Pupillen, Verengung der Bronchien, Förderung der Darmmotilität und der Sekretion in Magen, Darm, Leber und Bauchspeicheldrüse.
Die Fasern des Sympathikus treten im Bereich der Brustwirbelsäule aus und versorgen die Organe. Beim Menschen sieht man oft, dass Manipulationen im Bereich der Brustwirbelsäule, wie Massage, leichte Mobilisationen der Wirbel oder Bindegewebstechniken sympathische Reaktionen auslösen. Das kann Schwitzen sein, plötzliche Übelkeit, Herzrasen. Auch beim Hund können Reizungen in diesem Bereich durch ein Brustgeschirr ebenfalls die sympathischen Nerven reizen, was zu entsprechenden unangenehmen Reaktionen führen kann.
Behauptung: Luftröhre, Kehlkopf, Schilddrüse, Speiseröhre werden durch das Halsband geschädigt
Der Kehlkopf schliesst sich dem Zungenbein direkt an, unterhalb des Kehlkopfes liegt die Schilddrüse der Luftröhre an. Für diese beiden Strukturen gilt genau dasselbe wie schon zum Zungenbein
gesagt wurde.
Luftröhre und Speiseröhre verlaufen gemeinsam, wobei die Speiseröhre hinter der Luftröhre liegt. Im mittleren Halsbereich, wo das Halsband liegt, werden die Strukturen von kräftigen Muskelbäuchen geschützt. Im Bereich des Brustbeins, wo die beiden Hohlorgane ins Körperinnere verschwinden, und wo die meisten Brustgeschirre liegen, befinden sich die Ansätze dieser Muskeln, die einem Zug oder Druck nicht mehr den gleichen Widerstand entgegensetzen können.
Anhaltender Zug am Halsband erzeugt Druck auf die Luftröhre. Anhaltender Zug am Brustgeschirr in den meisten Fällen genauso. Jeder von uns hat schon Hunde gesehen, die keuchend und hustend am
Halsband ziehen. Aber bestimmt hat auch jeder schon Hunde gesehen, die ebenfalls hustend und keuchend an einem Brustgeschirr ziehen.
Aus diesem Grund ist darauf zu achten, dass ein Brustgeschirr vorne nicht höher liegt als das Ende des Brustbeins. Vorne zu hoch geschnittene Y-Geschirre drücken oft viel unangenehmer gegen die Luftröhre als Halsbänder es tun.
Pro Halsband
Beim zweiten Text handelt es sich um den Artikel «Halsband oder Geschirr?» meiner Berufskollegin Britta Kutscher aus Norddeutschland, welcher 2010 im Magazin «Der Hund» erschienen ist (Der Hund 7/2010. S. 34-37).
Britta Kutscher ist Krankengymnastin sowie osteopathische Hunde- und Pferdetherapeutin. In ihrem Text spricht sie sehr klar FÜR das Halsband.
Leider kann man Artikel des Magazins nicht online nachlesen. Aber auf verschiedenen Webseiten wurde der Text originalgetreu online gestellt. Zum Beispiel hier:
Vieles, was Frau Kutscher in ihrem Artikel erwähnt, habe ich weiter oben auch bereits angesprochen.
Ich möchte hier trotzdem noch auf ein paar ihrer Aussagen eingehen.
Britta Kutscher:
«Entstanden ist der Trend zum Geschirr aus der physikalisch richtigen Überlegung: Je größer die Auflagefläche, desto geringer ist der punktuelle Druck. Um sich von harten Methoden zu distanzieren, wurde überlegt, wie man Druck vom Hundehals wegnehmen kann und kam auf die Idee, den Druck zu verteilen. Messungen mit speziellen Druckmessunterlagen haben ergeben, dass durch die Geschirre durchaus der punktuelle Druck verringert wird, aber es entstehen Druckspitzen an Körperstellen, die überhaupt keinen Druck vertragen können.»
Das sehe ich auch so. Es wird oft vergessen, wie fragil der Brustkorb des Hundes aufgebaut ist, im Gegensatz zum Brustkorb des Menschen. Durch das Fehlen der Schlüsselbeine gibt der Brustkorb federnd nach, wenn man von vorne auf das schmale, zarte Brustbein des Hundes drückt. Beim Menschen ist das Brustbein eine starke Platte, die über die Schlüsselbeine mit den Schulterblättern verbunden ist und so dem Brustkorb Stabilität verleiht.
Ausserdem ist der Brustkorb des Hundes nicht – wie die Halswirbelsäule – in dicke Muskelbäuche gepackt. Rippen, Rippengelenke und Brustbein liegen knapp unter der Haut. Seitlicher Zug, Scher- und Rotationskräfte wirken sehr direkt auf die Gelenke ein und stellen eine grosse Belastung für den Brustkorb des Hundes dar.
Das stellt für mich jedoch kein Argument GEGEN das Brustgeschirr dar, sondern ist lediglich ein weiterer Punkt, an den man bei der Wahl des Equipments denken sollte.
Britta Kutscher:
«Der Hund ist ein Jäger, dessen Körperbau trotz Domestikation immer noch auf diesen Broterwerb ausgelegt ist. Egal, ob Jagd- oder Schoßhund, im Großen und Ganzen stimmen die Skelette aller Hunde bis auf einige wenige Details, wie z.B. die Kopfform, überein. Ebenso haben alle Hunde die gleichen Muskeln mit denselben Funktionen. Als Beutereißer ist der Hund auf einen überaus stabil bemuskelten Hals angewiesen, da sich die Beute nach dem Zubeißen durchaus wehrt.»
Grundsätzlich ist das so. Hier wird aber nicht die heute sehr unterschiedliche Physiognomie, resp. Konstitution des Hundes berücksichtigt.
Die Kraft und die Masse der Halsmuskulatur ist nicht bei jeder Rasse und bei jedem Individuum gleich. Da unsere Hunde trotz allem keine Wölfe mehr sind, sondern in sehr unterschiedlicher Ausprägung gezüchtet und verändert wurden, und sich sowohl in Charakter, genetisch verankertem Verhalten, Temperament, Talenten, Interessen und im Körperbau stark unterscheiden, muss man individuell beurteilen, ob ein Halsband sinnvoll ist oder doch eher ein Brustgeschirr.
Für die verschiedenen Strukturen des Halses ist es auch nicht dasselbe, ob der Hund aktiv an der Leine zieht, während sein Fokus nach vorn gerichtet und seine gesamte Muskulatur angespannt ist, oder ob vom anderen Ende der Leine aus gezogen, resp. geruckt wird, während der Hund sich auf etwas anderes (z.Bsp. Schnuppern) konzentriert und seine Halsmuskulatur in dem Moment, in dem der Zug einwirkt, eben nicht aktiviert ist. Von Auffahrunfällen wissen wir, wie verschieden die Auswirkungen auf die Halswirbelsäule sind, je nachdem, ob der Fahrer das Auto hinter ihm kommen sah und Zeit hatte, seine Muskulatur, resp. seinen Schutzschild vor dem Aufprall zu aktivieren, oder ob Fahrer oder Beifahrer unvorbereitet sind und mit voller Wucht den Aufprall und die rück-vor-rück-Beschleunigung im Nacken abbekommen.
Aus diesem Grund empfehle ich, ein Brustgeschirr zu nehmen, wenn der Hund an der Schleppleine oder Flexleine läuft, wenn er neben dem Fahrrad läuft oder
unbeaufsichtigt angebunden wird, da man in diesen Situationen die Krafteinwirkungen und die Richtung der Kraft nicht wirklich kontrollieren kann und der Hund darauf vielfach auch überhaupt nicht
vorbereitet ist.
Aus diesen Gründen halte ich es für problematisch, diese von Frau Kutscher erwähnte Tatsache als generelles Argument «Pro Halsband», resp. «Contra Brustgeschirr» für alle Hundetypen und Situationen zu verwenden.
Britta Kutscher:
«Die Halswirbelsäule ist sehr beweglich und tief in sehr gut ausgeprägter Muskulatur eingebettet. Durch die Beweglichkeit verzeiht sie auch schon einmal einen seitlichen Ruck.»
Das ist sicher so. Die Halswirbel verzeihen schon einmal einen Ruck. Die Brustwirbel verzeihen auch schon einmal einen Ruck. Es geht um die Wiederholung und die Stärke der Einwirkung. Wiederholtes Geruckel tut weder der Hals- noch der Brustwirbelsäule gut. Ich sehe da weder für das Halsband noch das Brustgeschirr einen signifikanten Vorteil oder Nachteil, sondern einfach auch hier wieder die dringende Notwendigkeit einer sanften und gefühlvollen Leinenführung.
Britta Kutscher:
«Sind die Schultergelenke durch irgendwelche äusseren Einflüsse wie z.B. ein dort aufliegendes Norwegergeschirr in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, bereitet das dem Tier nicht nur Unbehagen (welche Dame hat nicht schon mal über die heruntergerutschten BH-Träger geflucht? Und damit Sport treiben?), sondern es entsteht sogar eine erhebliche Mehrbelastung für die darunter liegenden Gelenke, allen voran die Ellenbogengelenke.»
Das ist vollkommen richtig. Deswegen habe ich selbst auch schon einige Artikel und Texte verfasst, in denen ich die Nachteile und die Problematik des Norwegergeschirrs erläutert habe. Dazu muss nicht mehr viel gesagt werden.
Jedoch existieren heute mehr als genug Brustgeschirr-Modelle, welche den Bereich der Schulterblätter frei lassen und somit eine freie Beweglichkeit garantieren.
Norwegergeschirre liegen über dem Schulterblatt Y-Geschirre lassen das Schulterblatt frei
Britta Kutscher:
«Nun liegen die Bruststreifen der Geschirre auf dem Brustbein – sollten sie zumindest. Wer hat schon mal probiert, ein Brett auf einer Rolle auszubalancieren? Bei der geringsten Bewegung der Rolle rutscht das Brett hinunter. ….. Erzeugen Geschirre Druck in den Achseln, so können Muskelverletzungen und/oder Irritationen der Nerven bis hin zu Lähmungen entstehen»
Das ist tatsächlich ein grosses Problem der Y-Geschirre, welche auf der anderen Seite für eine optimale Bewegungsfreiheit der Schulter
sorgen. Da das Brustbein der Hunde ein schmaler, runder Stab ist, nicht wie bei uns eine flächige Knochenplatte, rutscht der Bruststeg tatsächlich bei vielen Hunden schnell runter vom Brustbein
in die Achselfalte. Besonders wenn Zug von der Seite auf das Geschirr kommt, dreht es sich leicht. Natürlich verschiebt es sich dann nicht nur oben auf dem Rücken, sondern auch unten am Bauch,
resp. der Brust. Dieses Problem hat zwar auch mit dem Schnitt, der Fabrikation und er Qualität des Y-Geschirrs zu tun, doch viel wesentlicher ist hier der Körperbau des Hundes. Hunde mit einem
schmalen, tiefen oder spitzen Brustkorb sind davon stärker betroffen als breite, muskulöse Hunde.
Auch hier gibt es aber Abhilfe durch die Auswahl eines anderen Geschirrtyps (bei schmalen Hunden zum Beispiel ein X-Geschirr, oder ein speziell konzipiertes Windhundgeschirr wie es von der Firma Grossenbacher angeboten wird) oder die Anpassung eines Geschirrs nach Mass.
Britta Kutscher:
«Ein weiterer Faktor für Unbehagen sind die dicken Schnallen vieler Geschirre, die auf den Rippen liegen. Wird das Geschirr nicht abgenommen, sobald sich der Hund hinlegen soll oder möchte, so drücken die Schnallen auf die empfindliche Knochenhaut der Rippen. …. Die Druckmessungen haben ergeben, dass die schonendste Druckverteilung mit einem breiten, weichen Halsband zu erreichen ist, bei dem alle Schnallen, Schieber und die Leinenöse im Nacken positioniert sind.»
Hier drängt sich mit die Frage auf: Wenn schon von einem breiten, weichen Halsband gesprochen wird, bei dem alle Schnallen und
Metallteile aus dem Weg sein müssen, wieso zieht man denn nicht die Möglichkeit in Betracht, dass ein Geschirr auch breite, weiche Riemen haben kann und sämtliche Schnallen, Ringe sowie andere
Metall- oder Kunststoffteile unterpolstert sein können?
Ein breites weiches Halsband wird hier in meinen Augen verglichen mit einem harten, einschneidenden Brustgeschirr, bei dem die Schnallen in den Körper drücken. Wurden auch die Messungen auf die Art verglichen? Ich weiss es leider nicht…
Der Artikel von Frau Kutscher ist vor bald 10 Jahren geschrieben worden. In einer Zeit, in welcher der Markt für Brustgeschirre noch nicht diese enorme und vielfältige Auswahl an unterschiedlichen Modellen zu bieten hatte wie heute.
Es ist auf jeden Fall sowohl bei Halsband als auch beim Brustgeschirr wichtig, dass auf weiche Materialien geachtet wird, dass die Riemen und Bänder unterpolstert sind und dass nirgendwo Schnallen auf den Körper drücken.
Britta Kutscher:
«Es gibt einige medizinische Ausnahmefälle, bei denen das Geschirr das Führungsmittel der Wahl ist. Dazu zählen Verletzungen oder Krankheiten im Bereich des Halses, ausserdem eine Neigung zum Trachealkollaps (Instabilität der Luftröhre).»
Hier bin ich anderer Meinung. Es gibt zahlreiche Gründe, sich für ein Brustgeschirr zu entscheiden. Tierschutzhunde, ganz besonders wenn sie ängstlich sind, gehören
anfangs IMMER in ein Brustgeschirr, und zwar in ein ausbruchsicheres. Hier geht es um die Sicherheit des Hundes, unter Umständen sogar um sein Leben.
Später kann man immer noch umsatteln. Genau das gleiche würde ich auch bei jedem anderen Hund aus dem Tierheim oder aus zweiter Hand empfehlen, den man noch nicht gut kennt und auf dessen
Erziehung man in seinem vorherigen Leben keinen Einfluss hatte.
Wie schon gesagt sollten Hunde meiner Ansicht nach ausschliesslich Brustgeschirre tragen, wenn sie an der Schleppleine oder an der Flexleine laufen oder neben dem Fahrrad geführt werden. Und nein… es ist nicht immer eine Frage der Erziehung. Es gibt Hunde, die ein Leben lang nicht oder nur in Ausnahmefällen von der Leine gelassen werden können. Es gibt Hunde, deren genetische Veranlagung es einfach nicht zulässt, wie das bei vielen Huskies, Podencos, Basenjis oder auch Windhunderassen der Fall ist. Natürlich kann man auch in diesem Punkt nichts verallgemeinern und gegenteilige Beispiele gibt es mit Sicherheit auch hier.
Ebenso gibt es Hunde, die nicht glücklich werden, wenn sie neben ihrem Herrchen «Fuss» laufen müssen, weil das ihrer Natur einfach nicht entspricht.
Britta Kutscher:
«Was für den einzelnen Hund am besten zu sein scheint, muss in letzter Instanz jeder selbst entscheiden.»
Ganz genau!!
Zusammenfassung
Wer meine bisherigen Texte und vor allem diesen Artikel bis zum Ende gelesen hat (Danke übrigens fürs Durchhalten!) wird bemerken, dass ich kein Fan bin von
plakativer Propaganda für oder vor allem GEGEN Brustgeschirr oder Halsband. Ich finde es schade, dass nach wie vor diese beiden Lager existieren, die sich auch weiterhin gegenseitig verbal
bekämpfen.
Sobald jemand gegen das Halsband wettert, beginne ich das Halsband zu verteidigen. Sobald gegen das Brustgeschirr gesprochen wird, verteidige ich das Brustgeschirr.
Ich würde mir wünschen, dass immer mehr der gesunde Menschenverstand zum Zuge kommt und bei jedem Hund individuell entschieden wird, was für ihn das Beste ist.
Ich freue mich immer, wenn ich einen Hund sehe, der problemlos an der Leine läuft und der sehr viel Freilauf geniessen kann. Für so einen Hund ist immer das Halsband
die beste Wahl, da kein anderes Equipment ihm so viel Bewegungsfreiheit ermöglicht.
Ganz persönlich jedoch schlägt mein Herz für Tierschutzhunde. Für Hunde mit Vergangenheit, die Baustellen haben und die von uns Menschen erst gezeigt bekommen müssen, was es heisst, ein glückliches Hundeleben zu führen. Hunde die ängstlich sind, deren Jagdtrieb noch nie vorher in die Schranken gewiesen wurde oder mit denen man über Jahre hinweg oder gar lebenslang an ihrer Territorial- oder Angstaggression gegenüber anderen Hunden oder auch gegenüber Menschen arbeiten muss. Hunde, die nicht daran gewöhnt sind, sich in unserer Gesellschaft zu bewegen und die alles erst lernen müssen. Für solche Hunde ist das Brustgeschirr nicht nur die beste, sondern schlicht die EINZIGE Wahl.
Werden wir uns bewusst, dass sowohl Halsbänder als auch Brustgeschirre jeweils viele Vorteile haben, aber auch Nachteile. Die ultimative Freiheit gib es in unserer
Gesellschaft für einen Hund nicht mehr. Wir sind gezwungen, in irgendeiner Form auf den Hundekörper einzuwirken.
Die beste Wahl für einen bestimmten Hund ergibt sich aus seinem Körperbau, seinem Temperament, seinem Charakter, seinen «Hobbies», Genetik, körperlicher Gesundheit und Psyche.
Hören wir auf, ständig Halsband gegen Brustgeschirr in die Schlacht zu führen und hören wir auf, das andere Lager zu bekämpfen.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!
Brigitte Jost