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Um die klassische Einfachheit und die künstlerische Eleganz von Elena würdigen zu können – einer Geschichte über die qualvolle Situation einer Frau aus der unteren Gesellschaftsschicht, die zwischen ihrem reichen, betagten Ehemann und ihrem erwachsenen Paria-Sohn aus erster Ehe steht –, muss man sich die Vorgeschichte dieses Films in Erinnerung rufen. Bereits Andrej Swiaginzews erster Film, Die Rückkehr (Woswraschtchenie), der vor knapp zehn Jahren herauskam, war ein einzigartiger Erfolg. Das Debüt des damals völlig unbekannten Regisseurs gewann 2003 nicht nur den Goldenen Löwen in Venedig, sondern kam weltweit in die Kinos und spielte seine bescheidenen Kosten um ein Vielfaches wieder ein. Es entfachte aufs Neue das flau gewordene Interesse am russischen Kino, indem es die mystische, fast schon religiöse Wahrnehmung des Lebens und der Natur zum Ausdruck brachte, die mit Andrej Tarkowskij praktisch gestorben war. Der erste russische Film, der jemals in Venedig gewann, war Tarkowskijs Iwans Kindheit (Iwanowo Detstwo, 1962). Die Rückkehr handelt von einer Kindheit ohne Krieg, aber in einer Welt voller diffuser Ängste und dumpfer Ahnungen, in einer unzweifelhaft russischen Welt, auch wenn nationale Aspekte nicht im Vordergrund stehen.
Swiaginzews zweiter Film war mit Ungeduld erwartet worden. Er sollte Antwort geben auf die Frage, worin das Phänomen von Die Rückkehr bestand, was es mit diesem neu aufgetauchten Regisseur auf sich hatte. Handelte es sich bloss um den zufälligen Erfolg eines Möchtegerns, von einem, der angesichts einer normierten, sippenhaft organisierten Filmindustrie, in der jeder seinen festgelegten Platz zugewiesen erhält, wie aus dem Nichts auftauchte? War es Massenhypnose? Die geschickte Übertragung einer klischierten russischen Spiritualität à la Tarkowskij in ein zeitgemässes Kinoformat? Oder handelt es sich tatsächlich um ein eigenständiges künstlerisches Schaffen, die Entdeckung einer individuellen, mächtigen und magischen künstlerischen Welt?
Swiaginzews erster Film heisst Die Rückkehr, der zweite Film heisst Die Verbannung (Izgnanie, 2007). Beide Worte haben alltägliche Bedeutungen, doch der Regisseur benutzt sie in einem anderen Sinn, einem sakralen, neubiblischen. Der erste Film handelt von einem verlorenen Vater, im zweiten geht es um die Vertreibung aus dem Paradies. Der Erfolg von Die Rückkehr war allgemein. Die Rezeption von Die Verbannung hing in vielerlei Hinsicht davon ab, wie weit das Publikum fähig war, die unvermittelte Religiosität und die permanenten, fast schon zudringlichen Zitate aus den Evangelien zu verdauen. Von letzteren gab es in Die Verbannung zu viele (was die russischen Kritiker gern betonten), der Film war zehnmal teurer als Die Rückkehr und hatte es schwerer, sein Publikum zu finden.
Die Fragen, die sich mit Die Rückkehr stellten, beantwortet Elena. Bei diesem Projekt löste ein Produzent, Aleksandr Rodnyanskij, den anderen, Dmitj Lesnjewski, ab, doch beide liessen sich gleichermassen auf Swiaginzews künstlerische Strategie ein. Es liegt eine Gesetzmässigkeit darin, dass Leute wie sie zusammenfinden: Talent zieht seinesgleichen an.
Elena unterscheidet sich stark von den beiden früheren Filmen des Regisseurs, vor allem aufgrund seines stark zeitgemäss gezeichneten, russischen sozialen Hintergrunds. Die Hauptfigur Elena – eine ehemalige Krankenschwester, die einen reichen Patienten heiratet und wie ein Dienstmädchen für ihn sorgt – pendelt zwischen zwei Welten. Der Hightech-Luxus im Haus des Geschäftsmanns im Zentrum Moskaus kontrastiert mit der Ärmlichkeit eines Fünfetagenblocks im heruntergekommenen Randbezirk, wo der arbeitslose Sohn von Elena mit zwei Kindern und seiner ständig schwangeren Ehefrau haust. Den Bewohnern dieses Elendsbezirks ist alles egal, sie trinken den ganzen Tag über Bier und saugen ihre reichen Verwandten bis aufs Blut aus. Am Ende muss Elena eine schicksalhafte Wahl treffen, die sich als tragisch erweisen wird. Die verhängnisvolle Kraft und der Fluch familiärer Bindungen, die Unmöglichkeit, diese, selbst angesichts des Offensichtlichen, zu zerreissen – das ist die Hauptthematik dieses Films.
Viele hielten Swiaginzew für einen Vertreter eines abstrakten metaphysischen Kinos, doch hier erweist sich der Regisseur zugleich als scharfsichtiger Soziologe. In keinem russischen Film, der in letzter Zeit entstanden ist, sehen wir eine derart prägnante Kontrastierung, einen so realen und explosiven Antagonismus zweier Welten. Gleichzeitig ist der Film in seiner ausgewogenen Haltung selten, und er hat eine tiefe Emotionalität, vor allem dank der Schauspieler Nadeshda Markina (als Elena in ihrer besten Rolle), Andrej Smirnov und Elena Lyadova, aber auch dank des Kameramanns Michail Krichman. Es ist die Emotionalität familiärer Beziehungen. Die Familie mit ihren zentripetalen Kräften, die sie zusammenhalten, und ihren zentrifugalen Tendenzen, die sie zerstören, bildet den Kern der Filmthemen, die Swiaginzew bisher umgetrieben haben. Ohne Kompromisse zu machen, erforscht er die Abgründe des Menschen angesichts seiner materiellen Bestrebungen und Abhängigkeiten.
Es ist wahr, Swiaginzew spart auch in Elena nicht mit Symbolen, zum Beispiel wenn die Krähe am Anfang des Films das nahende Unheil vorwegnimmt. Der Film war zunächst als Teil eines englischsprachigen Projekts über die Apokalypse gedacht. Obwohl ursprünglich das die Idee war, ist alles einfacher und zugleich komplizierter. Es ist ja nicht unbedingt nötig, die Schrecken des kommenden Jüngsten Gerichts heraufzubeschwören, wenn sich dieses Gericht vor unseren Augen abspielt. Wer ist nun diese Elena – ein Racheengel, eine Verbrecherin oder ein Opfer? Wer ist ihr Mann – ein blutsaugender Oligarch oder ein ehrlicher Unternehmer? Der Film gibt keine abschliessenden Antworten, sowenig wie eine antike Tragödie. Dennoch zeichnet sich deutlich das Bild einer Gesellschaft ab, in der das Geistige und die Moral keinerlei Rolle mehr spielen, es keine funktionierenden Institutionen gibt, und nicht einmal die Religion ist imstande, von Sünden freizusprechen oder der Seele der Heldin Erleichterung zu bringen. Die Stärke des Films liegt darin, dass Swiaginzew keine endgültige Diagnose stellt. Er widerspiegelt die dramatische Situation im heutigen Russland, in dem alles durcheinandergeraten ist und jeder sich als Geisel des anderen entpuppt.
In gewisser Weise ist Elena ein trojanisches Pferd in einem von zwei verfeindeten Lagern. Elena ist ja ein Film über den Krieg zwischen sozialen Schichten – von der dramatischsten Front dieses Krieges: jener, die durch die Familie verläuft. Doch bemüht der Film keinerlei Parallelen, weder mit der griechischen Helena noch überhaupt mit der antiken Tragödie. Wie schon die früheren Filme des Regisseurs ist auch dieser ein Gleichnis, ein mythologisches Modell, das diesmal jedoch auf das raue und vertraute soziale und nationale Koordinatensystem aufgezogen ist. Swiaginzew mit seinem bekannten – und manchmal übermässigen – Hang zum Gleichnis ist Genauigkeit in der Darstellung alltäglicher und psychologischer Details sehr wichtig. Für ein Gleichnis ist aber nicht nur metaphysischer Tiefgang, sondern auch eine gewisse Modellhaftigkeit charakteristisch.
Das ist der Grund, warum Elena für den Regisseur ein äusserst wichtiger Schritt ist. Er hat seinen Stil weiterentwickelt, was nur sehr talentierten Leuten gelingt. Als kalte, nüchterne und asketische Diagnose eines moralisch-gesellschaftlichen Zustands erinnert diese Art Kino kaum mehr an Tarkowskij, sondern schon eher an Krzysztof Kieslowskis Dekalog oder, um ein neueres Beispiel zu nennen, an Michael Hanekes Werke. Was wird der nächste Schritt sein? Wenn man von den um die altrussische und sogar die altgriechische Geschichte kreisenden Projekten Swiaginzews weiss, kann man nur mit grosser Neugier in die Zukunft schauen.