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Während wir uns zuletzt auf den meisten Veranstaltungen und Kongressen sowohl gesellschaftlich wie auch inhaltlich-wissenschaftlich gezielt mit geschlechtsspezifischen Aspekten beschäftigt haben, war am letzten Kongress des «European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis» (ECTRIMS) zu dieser Thematik eher wenig zu finden.
Was ist mit «geschlechtsspezifischen Aspekten» gemeint?
Wir wissen, dass die MS häufiger Frauen als Männer trifft, und auch die Erkrankung unterschiedlich verläuft. Es drängen sich mit der unterschiedlichen «Biologie» von Mann und Frau viele Fragen auf. Zum Beispiel dazu, ob die Therapien unterschiedlich wirken, mit anderen Medikamenten (etwa der «Pille») in Wechselwirkungen treten oder Ähnliches. Diese Aspekte bezeichnet man im Englischen mit dem Begriff «sex», also den biologischen Phänomenen in diesem Kontext. Darüber hinaus beeinflussen auch gesellschaftliche und soziale Faktoren zum Geschlecht, zum Beispiel aus Erziehung und Bildung, unter anderem die Krankheitswahrnehmung und das Gesundheitssystem.
Im wissenschaftlichen Programm ergaben sich bei der Suche nach den Begriffen «sex» und «gender» nur acht individuelle Treffer, allesamt Posterpräsentationen. Hiervon behandelten zwei Beiträge den Symptomkomplex sexueller Funktionsstörungen, somit eigentlich nicht das hier gemeinte Thema. Ein weiterer Beitrag handelte von einem experimentellen System, in dem der Einfluss des Geschlechts untersucht wurde.
Die verbleibenden fünf Beiträge sollen kurz diskutiert werden
Eine eher kleine Analyse aus den USA zeigte, dass die Zeit vom Beginn der ersten Symptome bis zur Diagnosestellung einer MS bei Männern länger ist als bei Frauen. In einer unserer Analysen aus dem Schweizer MS Register haben wir diesen Effekt in 2018 nicht feststellen können. Dies mag in unterschiedlichen Gesundheitssystemen tatsächlich unterschiedlich ausfallen.
Unsere Gruppe hat eine Auswertung aus einem internationalen Arzneimittelregister präsentiert und konnte zeigen, dass weibliches Geschlecht, jüngeres Alter und niedrigeres Gewicht das Risiko des Auftretens einer sogenannten Neutropenie, einer üblicherweise kurzzeitigen Abnahme eines Teils der weissen Blutkörperchen, unter einer bestimmten MS-Therapie erhöhen. Für die Arzneimittelsicherheit sind solche Untersuchungen ein wichtiger Bestandteil, Medikamenten-Nebenwirkungen besser verstehen zu lernen und Therapieschemata zu optimieren.
Bei der Untersuchung der Leistungen in kognitiven Testungen stellte eine italienische Studie fest, dass Männer (auch gesunde) hierin eher schlechter abschneiden als Frauen. Bei MS-Betroffenen können aber Frauen mit höherem Bildungsgrad bestimmte Teile der Testungen besser kompensieren als Frauen mit geringerem Bildungsgrad. Dieser Effekt war bei Männern nicht nachzuweisen. Sollte sich dies weiter bestätigen, bestenfalls mit unterschiedlichen Arten der Testung, um Einflüsse der Testmethode ausschliessen zu können, würde das durchaus ein Argument dazu darstellen, dass unterschiedliche Trainingsstrategien für kognitive Leistungen bei Männern, Frauen und nach Bildungsgrad erforderlich sein könnten.
Eine weitere italienische Studie konnte zeigen, dass von MS betroffene Männer ein höheres Risiko für eine Volumenminderung in bestimmten Gehirnbereichen haben als von MS betroffene Frauen und ein Zusammenhang zur Fatigue zu bestehen scheint. Hier sind weitere Analysen erforderlich, um zu untersuchen, wie genau diese Wechselwirkungen entstehen und ob es möglich wäre, das MRI mit dieser Volumenmessung zum Beispiel für Therapiestudien in diesem Bereich anzuwenden.
Die letzte Untersuchung konnte an menschlichem Hirngewebe zeigen, dass im Gehirn an bestimmten MS-Entzündungsherden an der Grenze zwischen weisser und grauer Substanz deutliche Unterschiede in der lokalen Hormonproduktion zwischen Männern und Frauen bestehen. Diese Unterschiede könnten dazu beitragen, dass Männer schlechter vor der Entstehung eben dieser Entzündungen geschützt sind. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass biologische Geschlechtsunterschiede nicht nur mit dem Zyklus und der Produktion von Geschlechtshormonen im engeren Sinne zu tun haben, sondern auf Zellebene im ganzen Körper, auch im Gehirn, andere Signalwege eine Rolle spielen können.
Zusammenfassung: noch weitere Erforschung nötig
Auch wenn nicht allzu viele Beiträge im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der MS präsentiert wurden und die Aufmerksamkeit beim ECTRIMS Kongress nicht sehr auf diesem Thema lag, zeigen die hier kurz angesprochenen Beiträge die Breite und die Wichtigkeit dieses Themas, bei dem wir in der Erforschung noch recht am Anfang stehen. Um in der Behandlung von MS Fortschritte zu machen, sollte die weitere Erforschung von geschlechtsspezifischen Aspekten unbedingt weitergeführt werden.
Vorgestellt wurden diese Ergebnisse auf «ECTRIMS 2021». Der MS-Kongress fand vom 13. bis 15. Oktober 2021 digital statt.