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Forschungsprojekte
Als wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Kulturforschung Graubünden (ikg) bearbeiten Mirella Carbone und Joachim Jung zurzeit folgende Forschungsprojekte:
Der Schmuggel an den Grenzen zwischen Bündner Südtälern und der Provinz Sondrio
Einführung
Die Geschichte des Schmuggels von Südbünden nach Italien und in umgekehrter Richtung umfasst eine Zeitspanne von ca. 160 Jahren und beginnt in der Zeit um 1800, nachdem Napoleon den Bündnern das Veltlin und Chiavenna weggenommen und diese Gebiete der Zisalpinischen Republik zugeschlagen hatte. Die ehemaligen Untertanen der Drei Bünde hatten sich vom «Befreier» Napoleon die Anerkennung ihrer Autonomie erhofft. Was sie erlebten, war im Gegenteil eine zentralistische Regierung, die sogleich Grenzen zog und diese streng kontrollieren liess. Diese Grenzen durchschnitten plötzlich Wege, die jahrhundertelang frei benutzt worden waren, sie zerstörten soziale und wirtschaftliche Beziehungen, die in der Geschichte und Kultur dieser Gebiete tief verwurzelt waren. Die neuen, von der napoleonischen Regierung eingeführten Grenz- und Zollgesetze blieben den Menschen aus diesen Gegenden völlig unverständlich.
Vor allem die neu eingeführte, teure Salzsteuer wurde von Menschen, die hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben und viel Salz für die Konservierung des Fleisches brauchten, als Schikane erlebt. Die Folge war nach kurzer Zeit die Entwicklung des Schmuggels mit Salz aber auch mit anderen Waren, wobei es für die Grenzbewohner schwierig war, den unrechtmässigen Charakter ihres Handels nachzuvollziehen. Mit der Zeit wurde der Schmuggel für die Bergbevölkerung auf beiden Seiten der Grenzen zu einer willkommenen Alternative zur harten Land- und Viehwirtschaft und zur Emigration. Es handelte sich zwar auch um eine sehr anstrengende, dazu gefährliche Tätigkeit, sie war aber lukrativ.
Im Zeitraum zwischen 1800 und den 1960er Jahren florierte der «Export II» – so wurde der Schmuggel in den 1950er und 60er Jahren von den Schweizer Zollbeamten genannt – fast ununterbrochen, obwohl er – v.a. von italienischer Seite – hart bekämpft wurde. Sein Ende kam erst zu Beginn der 1970er Jahre hauptsächlich aus folgenden Gründen: 1) beim Schmuggel mit Zigaretten wurde die Konkurrenz des Schwarzhandels auf dem Seeweg immer stärker; 2) der Wechselkurs Lira-Franken war lange Zeit fest und für die Italiener günstig gewesen. Im März 1973 veränderte sich die Lage durch das Zusammenbrechen dieses Systems und durch die Erstarkung des Franken, so dass die Gewinnspanne beim Kauf in der Schweiz und Verkauf in Italien immer kleiner wurde; 3) der Kaffee-Schmuggel bekam den Todesstoss in den 70er Jahren durch die neue Zollpolitik Italiens, die endlich den Einfuhrzoll auf Kaffee drastisch reduzierte, was nun den Schwarzhandel völlig sinnlos machte.
Ausgangslage: Quellenmaterial und Vorarbeiten, Quellenpotenzial
Es existiert ein starkes Gefälle im Forschungstand auf beiden Seiten der Grenze: Während auf der italienischen Seite bereits Einiges über dieses Thema publiziert worden ist, gibt es auf Schweizer Seite kaum umfassende Forschungsstudien, die auch die sozio-ökonomischen und die politischen Aspekte der Thematik umfassen.
Projektphasen
In einer ersten Phase sollte das Projekt das Ziel haben, noch vorhandenes Wissen von Zeitzeugen zu sichern. Dabei müsste das Forschungsgebiet geographisch auf das Gebiet Oberengadin/Bergell und eventuell Puschlav beschränkt werden.
Dabei sollte man mit ForscherInnen aus Valchiavenna und Valmalenco Kontakt aufnehmen und versuchen, zusammenzuarbeiten und Synergien zu schaffen.
In einer zweiten Phase sollten auf Schweizer Seite Archivrecherchen geführt werden, auf Gemeinde‑, Kantons- und Bundesebene. Eine oder mehrere Fachpersonen mit historischer Ausbildung sollten diese Recherchen übernehmen.
Ziele
Das aus den Interviews und den Archiv-Recherchen gewonnene Material wird in einer Datenbank des Instituts für Kulturforschung Graubünden gesammelt und eventuelle öffentlich zugänglich gemacht. Die Ergebnisse der Forschung werden in einer Publikation zusammengefasst.
Abgeschlossene Forschungsprojekte
Spaziergänge durch Nietzsches Sils Maria
Sils Maria im Oberengadin war für Friedrich Nietzsche eine «perla perlissima». Hier verbrachte er zwischen 1881 und 1888 sieben Sommer. Seitdem suchen Dichter, Musiker, Künstler und unzählige andere Besucher Jahr für Jahr Ruhe und Erholung auf den Spuren des Philosophen. Welches aber waren Nietzsches Lieblingsspaziergänge? Was zog Hermann Hesse immer wieder nach Sils? Wo wohnten und was machten Annemarie Schwarzenbach, die Familie Mann, Marc Chagall, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Marcel Proust, Anne Frank, Paul Celan, Claudio Abbado und so viele mehr an diesem Ort?
Auf sechs Spaziergängen geleitet Paul Raabe seine Leserinnen und Leser zu den schönsten Plätzen, zu geschichts- und geschichtenträchtigen Häusern und Herbergen in Sils und dessen Umgebung. Begleitet von der literarischen Stimmenvielfalt ihrer zahlreichen berühmten Gäste erschliesst sich dem Spaziergänger Nietzsches «lieblichster Winkel der Welt» als eine nicht nur wunderschöne Natur‑, sondern auch literarisch reiche (Kultur-)Landschaft.
Das sehr erfolgreiche Buch ist in einer neuen Auflage 2019 erschienen:
Wallstein Verlag, Göttingen
Erscheinungsdatum: 13.05.2019
ISBN Nr. 978–3‑8353–1888‑5
Preis CHF 20.05
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2010–2012 Forschungsarbeit über den aus dem Bergell stammen den naiven Maler Samuele Giovanoli (1877–1941)
Giovanoli, der sein Leben im Fextal (Oberengadin) verbrachte und verkannt starb, ist heute über die kantonalen Grenzen hinaus bekannt und für seine originelle Kunst geschätzt. Das Resultat dieser Forschungsarbeit ist eine Monographie über Giovanoli mit dem ersten Gesamtverzeichnis aller Werke des Künstlers, die bis heute gefunden werden konnten:
Publikation: Mirella Carbone: «Samuele Giovanoli (1877–1941)». — Hrsg. vom Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg). — Zürich: Edition Stephan Witschi, 2013. — ISBN: 978–3–9523619–6–2.
Ausstellung: Anlässlich dieser Publikation fand vom 18. Dezember 2012 bis zum 7. April 2013 im Silser Robbi Museum eine Sonderausstellung statt, mit zum Teil noch nie öffentlich gezeigten Werken Giovanolis.
2010 Publikation – Annemarie Schwarzenbach. Werk, Wirkung, Kontext
Akten der Tagung in Sils/Engadin vom 16. bis 19. Oktober 2008. Hrsg. Mirella Carbone; mit einer Schwarzenbach-Bibliografie 2005–2009. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2010.
Diese Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden enthält die Beiträge einer internationalen Tagung, die das ikg und das Kulturbüro KUBUS im Herbst 2008, anlässlich von Annemarie Schwarzenbachs 100. Geburtstag, in Sils durchgeführt haben.
Für den Tagungsband verfasste Prof. Walter Fähnders eine Bibliographie. Sie berücksichtigt die künstlerischen Adaptionen von Schwarzenbachs Leben und Werk sowie die Forschungsliteratur zwischen 2005 und 2009 und bildet damit die Fortsetzung einer ersten Bibliografie, die Fähnders in der Aufsatzsammlung «Annemarie Schwarzenbach. Analysen und Erstdrucke» (Hg. W. Fähnders/S. Rohlf. – Bielefeld: Aisthesis, 2005) publiziert hatte.
Eine Bibliographie ab Januar 2010 ist nun online einsehbar und wird regelmässig aktualisiert. Download
Siehe auch: https://kulturforschung.ch/institut/projekte