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Stellen Sie sich vor, Sie wären Brady W. Dougan. Nicht heute als CEO der Credit Suisse. Sondern in den boomenden 1990ern, Mitte 30, talentiert, ehrgeizig.
Stellen Sie sich vor, Sie würden in dieser Zeit einen Job bei der First Boston finden, im Moment, in dem die stolze Credit Suisse 1990 eine Kontrollmehrheit an dieser US-Investmentbank erwirbt. Stellen Sie sich weiter vor, dass Sie schnell Karriere machen und später die Verantwortung für die Region „Americas“ der Credit Suisse übernehmen dürfen.
Und stellen Sie sich vor, dass Sie als US-Amerikaner heute an der Spitze der Credit Suisse diesen unglaublichen Schlamassel ausbaden müssen, den irgendwelche Mitarbeiter in den USA mit ihren reichen Kundinnen und Kunden in den letzten 50 Jahren angerichtet haben. Poor Boy, Brady Dougan!
In einem netten Interview im „SonntagsBlick“ erklärt Brady Dougan vor wenigen Tagen, dass er nicht einmal mit seinem Vorgänger Oswald Grübel über die US-Privatkunden gesprochen habe, welche bei der CS ihr Konto haben. Dass das Geschäft mit US-Kunden riskant wurde, das wussten viele.
Im Mai 2008 übernahm der UBS-Mann Tony De Chellis in New York bei der CS als Head of Private Banking Americas. Ihm rapportierten direkt der Head of Private Banking USA, Gray A. Neuser, und Alexander Siegenthaler, Head Private Banking North America Offshore, Latin America und Bahamas.
Brady Dougan liess sich in der offiziellen Medienmitteilung vom 9. Mai 2006 wie folgt zitieren: „I look forward to working with Tony (De Chellis) to ensure that we fully leverage the capabilities of the firm in the region to best serve our clients.“ De Chellis selbst, Chef des gesamten On- und Offshore-Geschäfts der Credit Suisse in Amerika, rapportierte nicht nur an Walter Berchtold, sondern direkt an Brady Dougan. Denn Dougan war nicht nur der CEO des Investment Bankings, sondern Länderchef „Americas“.
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Brady Dougan hat nie bestritten, dass das grenzüberschreitende Geschäft Probleme mit sich bringen kann. Er verteidigt sich damit, dass die Regeln und Vorschriften, welche in diesem Bereich erlassen worden sind, nicht oder ungenügend umgesetzt worden seien.
Das ist jedoch nicht die kritische Thematik. Wesentlich ist heute, ob ein CEO die nötige Glaubwürdigkeit gegen innen und aussen wieder herstellen kann, wenn er vorgibt, als US-Länderchef von nichts gewusst zu haben.
Brady Dougan kannte diese Art des Geschäftens aufgrund seiner Verantwortung in der Bank vor 2007 bestens. Das ist eine Tatsache. Vielleicht hat er nie Illegales toleriert. Aber er hat toleriert, dass Regeln und Vorschriften, welche erlassen worden sind, um Illegales zu verhindern, von seinen direkt unterstellten Kadern tagtäglich gebrochen worden sind. Dass dies geschehen konnte, dafür trägt er die Verantwortung als Manager.
Brady Dougan wird überbewertet. Wäre nicht er es, der sich heute mit seinem kindlichen Ausharren an der Spitze einer eigentlich sehr guten und erfolgreichen Bank keinen Gefallen tut, dann wäre es ein anderer. Brady Dougan macht sich damit austauschbar wie jeder andere Bankmanager, gleich auf welcher Stufe er seinen Job macht.
Austauschbar, weil das System „internationale Bank“ diesen Typ Manager geschaffen hat. Das System Bank hat Manager-Charaktere in Spitzenpositionen gehoben, welche schlicht die Auffassungsgabe nicht haben zu realisieren, welche Bedeutung eine Grossbank wie die Credit Suisse für die Schweiz als Standort, Marke und Symbol im weltweiten Wettbewerb hat.
Sie mögen einwerfen, dass es heute nicht um die Schweiz geht, sondern um den Erhalt der Bank. Das ist richtig. Das Beispiel der Credit Suisse zeigt erneut, wie eine Bank die Flucht nach vorne antreten muss. Sie wird gerade in drei Gesellschaften zerlegt, wobei nur eine noch Sitz in der Schweiz hat. Sie wird ihre Busse leisten und deswegen überleben. Sie wird jedoch noch weniger schweizerisch sein als zuvor. Roger Federer hin oder her.
Eines gilt es nicht zu vergessen: Die Schweiz verdankt ihren Reichtum wesentlich der Tatsache, dass sie starke Banken hatte. Die Schweizer Banken sind international gross geworden, weil sie Garant waren für das, was die Schweiz symbolisiert: Rechtschaffenheit, Zuverlässigkeit, Rechtssicherheit. Diese Glaubwürdigkeit ist – zumindest was das Bankenwesen betrifft – der Schweiz abhanden gekommen.
Die Schweizer Politik hätte eines verhindern können. Sie hätte verhindern können, dass langjährige ausländische Kunden, welche die Schweiz als einen der letzten sicheren Häfen seit Generationen schätzen, den Steuerbehörden und Gerichten ihres Heimatstaats wehrlos zum Frass vorgeworfen werden.
Im Gegensatz zu den USA und China oder neu wieder Russland definieren Bundesrat und Parlament Aussenpolitik als Mittel zur Wahrung der Harmonie im internationalen Umfeld. Das ist ein reichlich naiver Ansatz.
Brady Dougan ist eine Episode in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz. Die Generation unserer Kinder wird unserer politischen Elite dereinst dankbar sein. Dafür, dass wesentliche Standortfaktoren des Landes geopfert worden sind. Nicht nur bezüglich des Finanzplatzes. Die, welche können, werden das Land verlassen. Die, welche bleiben, werden im Mittelmass verschwinden, weil die Schweiz im Mittelmass versinkt.