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Feldarbeit
Etappe 6
La Paz - Choro - Chairo
November 1997 und 2009 - Zwei Wanderungen zusammengefasst!
Die meisten Bilder sind digitalisierte Diapositive und stammen von meiner ersten Tour 1997, dessen Text ich hier wiedergeben werde.
La Paz und Umgebung
Nachdem ich 1997 meine Tour von Ravelo (Departemento Potosi) nach Cochabamba erfolgreich abgeschlossen hatte,
reiste ich etwas früher als geplant zurück nach La Paz. Diese Gelegenheit nutzte ich, um noch eine weitere Wanderung
auf dem bekannten Choro-Inka-Pfad von La Paz in die Jungas zu unternehmen. Die Begeisterung für die hochandinen
Landschaften und die vielfältige Natur, insbesondere die Pflanzen, veranlasste mich, die Route 2009 noch einmal
zu begehen. Über diese beiden Reisen möchte ich hier zusammenfassend berichten.
La Paz mit dem weltweit höchstgelegenen Regierungssitz liegt auf 3´600 Metern über Meer im Hochtal des Rio Chokeyapu.
Der Höhenunterschied zwischen den weiter talabwärts gelegenen südlichen Stadtteilen mit vielen Villen und dem
Stadtrand am oberen Ende des Talkessels beträgt knapp tausend Höhenmeter. An der Höhenlage der Wohnviertel lassen
sich beträchtliche soziale Unterschiede ablesen: je höher die Lage, desto ärmer die Bewohner. Mit der auf dem
Altiplano angrenzenden Stadt El Alto und den Agglomerationen im Süden hat La Paz über zwei Millionen Einwohner.
La Paz Stadtzentrum mit Illimani 6´400m
Stadtzentrum mit Blick aufs Altiplano
Stadtzentrum
An der Plaza San Francisco mit Zuschauern einer Veranstaltung
Offener Markt an der Plaza San Francisco
Etwas südlich von La Paz, in der Region von Mallasa, befindet sich mitten in der Agglomeration das auf 3´200 Metern
gelegene Valle da La Luna (Mondtal). Die bizarren Fels- und Lehmformationen sind vor Millionen von Jahren durch
Erosionen, Regenfälle und andere klimatische Einflüsse entstanden. Schon vor einer ganzen Weile ist diese beinahe
vegetationslose, kuriose Landschaft durch Wege und Treppen touristisch erschlossen worden. Unter den wenigen Pflanzen,
die hier noch eine Lebensgrundlage finden, ist der Corryocactus melanotrichus und vereinzelt auch der
Oreocereus pseudofossulatus.
Im Valle de La Luna mit Villensiedlung, Region von Mallasa
Im Valle de La Luna
Corryocactus melanotrichus mit Oreocereus pseudofossulatus
Valle de la Luna 3´200m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Corryocactus melanotrichus
Valle de la Luna 3´200m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Hier in Mallasa, mitten im Valle de La Luna, befindet sich auch das Hotel Oberland von meinem langjährigen Schweizer
Freund Walter Schmid. Alle meine Reisen nach Bolivien haben hier begonnen. Dazu kommt, dass Walter die für mich
nötigen Flugtickets für den Weiterflug an verschiedene Destinationen in Bolivien organisiert hat und ich das nicht
gebrauchte Gepäck für die Rückreise bei ihm habe deponieren können.
Die Ortschaft Mallasa und Hotel Oberland mit Walter Schmid
Zurück nach La Paz: Da der Pendelverkehr auf der Strasse zwischen La Paz und der fünfhundert Meter höher gelegenen
Stadt El Alto stetig zugenommen hat und ständig überlastet ist, hat die Regierung beschlossen, in verschiedenen
Stadtteilen bis 2014 drei Gondelbahnen nach El Alto bauen zu lassen. Bis Ende 2018 ist das Netz auf insgesamt
acht Linien und 155 Stationen und einer Gesamtlänge von über 27 Kilometer erweitert worden. Die Transportleistung
pro Stunde hat sich auf 26´000 Personen erhöht. Die Fahrt mit der Gondel über die Grossstadt hinauf aufs Altiplano
mit Blick zum Nevada Illimani ist atemberaubend.
Gondelfahrt von La Paz nach El Alto mit Blick nach Süden zum Nevada Illimani
Die Gondelfahrt endet im alten Stadtteil von El Alto. Die Gegensätze zum wohlhabenderen Teil von La Paz könnten
nicht grösser sein. Hier oben auf 4´100 Metern, wo sich auch der höchstgelegene internationale Flughafen befindet,
lebt hauptsächlich die ärmere Bevölkerung, auch Menschen vom Lande, die sich hier ein besseres Leben erhoffen.
Nicht zu übersehen ist, dass der Alltag der Menschen vom Schamanismus geprägt ist. Beobachten kann man dies an
den entfachten Feuern vor den Häusern, die über längere Zeit brennen und zu den Ritualen gehören, wie auch
mumifizierte Alpakas, die zum Verkauf angeboten werden.
Im alten Stadtteil von El Alto und Mumifizierte Alpacas
El Alto mit Blick auf den östlich gelegenen Stadtteil von La Paz mit dem Berg Nevada Huayna Potosi
Nevada Huayna Potosi
Während unserer Reise 1981 auf der Panamericana mit unserem VW Bus lernten wir in La Paz ein Bergführerehepaar
aus dem Engadin in der Schweiz kennen. Sie sagten, sie würden gerne in den nächsten Tagen die 6´088 Meter
hohe Nevada Huayna Potosi besteigen und fragten, ob wir Lust hätten mitzukommen. Lust hätten wir schon,
jedoch keinerlei Erfahrung und schon gar nicht die entsprechende Ausrüstung. Kein Problem, Ausrüstung könne
man mieten. Sie hätten die Ostroute schon einmal bestiegen. Diese sei auch für Anfänger geeignet.
So kam es, dass wir einige Tage später mit der nötigen Ausrüstung mit unserem VW Bus zum Zongo Pass, auf 4´750 Meter
fuhren, von wo aus wir die Tour in Angriff nahmen. Der Vorteil war, dass wir uns in den letzten Wochen auf dem
Altiplano an die Höhe gewöhnen konnten. Dadurch konnten wir den Berg hin und zurück in einem Tag bewältigen.
Beim Abstieg gerieten wir in einen Schneesturm, und es war mir ein Rätsel, wie unsere beiden Bergführer uns
ohne jegliche Sicht mitten in der Nacht zurück ins Basislager führen konnten.
Lagune Milluni mit Nevada Huayna Potosi
Besteigung des Nevada Huayna Potosi 6´088m
Etwas weiter südlich befindet sich der 5´400 Meter hohe Nevado Chacaltaya. Dieser galt über viele Jahre als das
höchstgelegene Skigebiet der Welt. Der Gletscher ist durch die Erderwärmung in den letzten Jahren stark
geschrumpft und 2009 völlig verschwunden. Da heute auf dem Berg nur noch während der Regenzeit etwas Schnee
fällt, wurde der Skilift für immer geschlossen. Heute ist der Berg ein beliebtes Wandergebiet.
Blick vom Nevada Chacaltaya zum Nevada Huayna Potosi
Das 1981 gemachte Foto vom Skigebiet des Nevada Chacaltaya 5´400m hat heute historischen Charakter
LaPaz-Choro-Chairo
Noch etwas weiter südlich befindet sich der Cumbre-Pass, über den die wichtigste Strassenverbindung von La Paz in
die Jungas führt. Von hier aus begann meine Wanderung auf dem Choro-Inka-Pfad in die Jungas im November 1997,
von der die folgenden Tagebucheinträge stammen:
La Paz, 23. November 1997
Der Fahrer des klapprigen Busses, der zwischen La Paz und Coroico verkehrt, ruft andauernd "einsteigen, einsteigen!",
aber ich mache ihm klar, dass ich erst noch einige Früchte kaufen muss. Im Bus sitzt noch ein Schweizer Paar und neben
mir eine Amerikanerin, die mir gestern im Bus nach Mallasa schon aufgefallen ist. Alle sind auf einer Bolivienreise
und fahren jetzt in die Yungas. Auf der kurzen Fahrt zum Cumbre Pass kann ich ihnen noch einige gute Tipps geben für
ihre Weiterreise.
Ich bin der einzige, der auf dem 4´600 Meter hohen Cumbre Pass bei intensivem Schneeregen in kurzen Hosen aus dem
Bus steigt. Die Leute finden das lustig und kichern unauffällig vor sich hin, doch für mich ist es der Anfang einer
mit Irrwegen gespickten Stolperwanderung über schneebedeckte Andengipfel. Kurze Hosen trage ich deshalb, weil ich die
dazu passenden langen Hosenstösse, die ich als Kopfbedeckung gegen die Sonne benutzt habe, genauso wie die Schildmütze
auf der Wanderung von Ravelo nach Cochabamba verloren habe. Eigentlich wollte ich heute noch in den tausend Meter tiefer
gelegenen und klimatisch angenehmen Bergurwald hinabwandern, doch es wird alles anders kommen.
Die Wolken hängen bis zum Boden, und der Bus verschwindet nach wenigen Metern im Nichts. Ich stehe orientierungslos
und schlotternd am Strassenrand und grabe im Rucksack nach meinem Regenponcho. Ein unangenehmer, kalter und stürmischer
Wind macht die Lage noch ungemütlicher, und meine steifgefrorenen Finger haben Mühe, den Regenschutz über den Kopf zu
stülpen. Doch dann reisst der Wind ein Loch in die Wolkendecke, sodass ich mich für kurze Zeit wieder orientieren kann
und die Lagune Estrellani entdecke, wo auch mein Weg entlangführt. Ich denke, wenn ich auf dem richtigen Weg bin, kann
ich mich gar nicht verlaufen, und bin mir der Sache sehr sicher. Eine unheimliche, aber schöne Stimmung liegt über der
Lagune, in der sich die Enten sauwohl zu fühlen scheinen.
Der Weg führt in ein kleines Tal, von dem ich weiss, dass dieser irgendwo rechts nach Osten über den Apacheta Pass führt.
Doch der Regen geht bald über in einen Schneesturm, und ich kann zusehen, wie der Weg, der mich eigentlich in den tropischen
Regenwald führen sollte, unter dem Schnee begraben wird. Mir wird auch sofort klar, dass solche Wetterverhältnisse
auf 4´800 Metern ohne passende Ausrüstung lebensgefährlich sein können.
Trotz allem hoffe ich, den Weg über den Pass zu finden, und gehe weiter das Tal hoch, obwohl wegen dem Schnee und dem
dichten Nebel nichts zu erkennen ist. Als ich nach mühsamem Aufstieg auf losen Schieferplatten völlig erschöpft auf einem
Bergrücken ankomme, wird mir schlagartig klar, dass ich mich verlaufen habe. Mein Höhenmesser zeigt bereits fünftausend
Meter an und es gibt hier auch keinen Weg. Als die Sicht gegen Westen hin besser wird, entschliesse ich mich, über die
steilen Hänge abzusteigen.
Ich brauche jetzt dringend einen geeigneten Platz zum Campen, denn ich bin durch und durch nass und kurz vor dem Erfrieren.
Überall sprudelt Wasser von den Hängen, auch aus meinen Schuhen. Dann erblicke ich plötzlich unter mir eine glasklare
Lagune mit flachen Stellen; sie erweist sich aber als zu sumpfig zum Campen. Dafür gibt es einen Weg ins Tal. Schon
kurze Zeit danach finde ich einen schönen Platz. Ich bin stark unterkühlt und habe grosse Mühe, das Zelt aufzubauen.
Auch Tee und eine warme Mahlzeit bringen keine Besserung. Ich ziehe alle meine wenigen Kleider an, die ich dabeihabe,
krieche in den Schlafsack und rolle mich eng zusammen. Ich schlottere noch eine Weile zähneklappernd weiter, doch dann
beginnen sich die Wolken zwischen den Bergriesen aufzulösen, und schon bald erscheint die Retterin in der Not, die Sonne.
Innert Kürze wird es angenehm warm im Zelt, und ich taue langsam wieder auf.
Camp 1. Tag, Blick nach Osten in die Cordillera Real
Die beiden schneebedeckten Berge hinter mir und das Lama-Dorf Achachicala weit unten im Tal zeigen mir, dass ich
viel zu weit nach Norden gewandert bin. Ich muss morgen also wieder fast die ganze Strecke zurück. Aber zumindest
weiss ich jetzt wieder, wo ich bin, und wenn das Wetter Morgen gut ist, sehe ich keine Probleme, den richtigen
Weg zu finden. Meine einzige Angst ist, dass ich nachts zu einem Eiszapfen werde, denn ich bin hier immer noch
auf 4´700 Metern, und wenn die Nacht klar bleibt, können die Temperaturen weit unter 0° sinken. Draussen ist es
bereits jetzt sehr kalt geworden, und die Sonne zeigt sich nur noch wenig zwischen den Wolken. Eigentlich ist der
Tag noch lange nicht zu Ende, und ich hätte noch genügend Zeit, um die schöne Landschaft zu erkunden, doch die
Müdigkeit und die Kälte machen mir zu schaffen. Ich krieche deshalb in den Schlafsack, um mich möglichst warm zu
halten und schreibe Tagebuch.
Montag, 24. November 1997
Die Befürchtung, ich müsse elendiglich erfrieren, ist glücklicherweise nicht wahr geworden, im Gegenteil, es ist
mir fast zu warm geworden. Auch von der Höhenkrankheit, deren Symptome meist erst viele Stunden später auftreten,
bleibe ich verschont. Vermutlich deshalb, weil ich mich schon für längere Zeit über dreitausend Metern aufgehalten
habe.
Der Reif auf dem Zelt und den wenigen Grasbüscheln zeigt, dass die Temperaturen nachts doch ziemlich weit nach unten
gesunken sind. Auf jeden Fall fühle ich mich wohl und bin wieder fit für neue Abenteuer. Es ist noch sehr früh am
Morgen, und das Eis auf der Feuchtpuna verhindert das Einsinken in den sumpfigen Grund. Es schleichen zwar noch
Wolkenreste in den Felsen umher, doch kann ich mich gut orientieren. Da es immer noch ziemlich frostig ist und ich
kurze Hosen trage, beeile ich mich die Bergflanken hoch. Mein Rucksack ist jetzt nur noch ungefähr zwanzig Kilo
schwer, daher komme ich ziemlich flott voran und erreiche schon bald wieder die höchste Stelle.
Blick nach Osten in die Cordillera Real
Flechte auf schwarzem Fels, Cordillera Real 4´600m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo
Graue nebelartige Wolken umzingeln die Schneeberge, deren Spitzen bizarr, aber auch lieblich in den Himmel ragen.
Ja, sogar der Nevado Huayna Potosi mit 6´100 Metern, der König der Berge zwischen Urwald und dem Titicacasee, zeigt
majestätisch seine wahre Grösse. Schon bald blicke ich in das Tal, wo ich gestern mit dem Schnee zu kämpfen hatte,
und entdecke auch den Weg, der steil über schwarzes Lavagestein auf den Pass führt.
In der Nähe befindet sich neuerdings auch das Parkwächterhaus des Cotapata Nationalparks, das erst Jahre später
gebaut wurde. Jeder Besucher wird hier registriert und mit den zu beachtenden Pflichten vertraut gemacht. So bekam
ich auf meiner letzten Reise 2009 die nötigen Informationen. Der Park, der 1993 gegründet wurde, ist 400 km2 gross
und beherbergt 204 verschiedene Tierarten, darunter viele bedrohte Arten. Dazu wurden 820 Pflanzenarten registriert,
die geschätzte Zahl ist jedoch höher und beläuft sich jedoch auf 1´800. Der Park umfasst Regionen der Cordillera Real
bis Höhen von 5´500 Meter und weite Gebiete der Jungas bis 1´000 Höhenmeter.
Parkwächterhaus mit Informationstafel
Auf dem Apacheta Pass 4´800m, Blick nach Süden
Fortsetzung: Tagebuch 24. November 1997
Auf dem Pass, wo das Wasser nach Osten in den grössten Fluss der Erde, den Amazonas fliesst, und nach über
fünftausend Kilometern in den Atlantik mündet, sind die Schluchten so eng, dass man deren Tiefe nur erahnen
kann. Gletscherbäche rauschen von überall her und stürzen endlos über Fels und Flur.
Dort, wo schwarze Felswände unheimlich und drohend in die Tiefe fallen, beginnt der eigentliche Inka-Pfad. Der
etwa drei Meter breite, in den Fels gehauene Weg, an deren Aussenseite zur Sicherheit eine perfekt angelegte
Mauer steht, hat mich sehr beeindruckt. Der Weg selber ist mit runden Flusssteinen gebaut worden, so dass ein
Wegspülen durch die vielen Regenfälle kaum möglich ist. Diese stabile und architektonisch perfekte Konstruktion
ist typisch für die Inkakultur und hat deshalb wie die meisten Bauten über Jahrhunderte Sturm und Regen getrotzt.
Dieser Pfad war eine sehr wichtige Verbindung zwischen Hochland und dem Amazonasbecken. Vermutlich arbeiteten
Tausende von Menschen unter unwürdigen Bedingungen daran, und bestimmt starben viele dabei.
Choro-Inka-Pfad mit Blick ins Tal des Rio Chucura
Auf 4´600 Metern, wo das Wasser wie Perlen über Steinplatten tanzt, wachsen bereits Hartpolster, Farn, verschiedene
Moose und Flechten. Auffallend ist eine rosettenartig wachsende, kleine Pflanze mit sehr kurzen roten Blütenrispen.
Es ist die Castilleja paramensis, die eigentlich nur in Kolumbien vorkommen sollte. Sie ähnelt morphologisch
der Castilleja pumila, Castilleja virgata und insbesondere Castilleja nubigena, die auf dem Hochland von Bolivien und Peru vorkommen, deren
wuchs jedoch deutlich grösser ist. Obwohl sich die Sonne nur selten zeigt, wird es spürbar wärmer und die Matten, wo
Lamas und Alpakas weiden, werden saftig grün. Auf 4´400 Metern vereinigen sich mehrere Gletscherbäche zu einem reissenden
Fluss, der sich wild durch riesige, rund gewaschene Felsen zwängt. Das Bergdorf Chucura ist wie die Natur hier ganz aus
Stein gebaut und ist zwischen den runden Felsen kaum zu erkennen. Hier auf 4´100 Metern werden bereits wieder
Kartoffeln angepflanzt, die prächtig gedeihen.
Castilleja paramensis (Familie: Sommerwurzgewächse)
Camino del Choro, Cotapata National Park 4´600m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Yareta Azorella compacta (Familie: Doldenblütler)
Camino del Choro, Cotapata National Park 4´600m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Das Bergdorf Chucara
Auf 3´800m werden die Felsen von Moos und Flechten völlig zugedeckt, doch zu meinem Erstaunen wächst darauf auch noch
eine lang bedornte, polsterbildende Lobivia aus der Familie caespitosa, HJ 819. Diese zum Teil riesengrossen
Polster mit kugeligen bis leicht gestreckten und bis zu 10cm dicken Pflanzen konnten sich dieser extremen Feuchtigkeit
und dem kühlen Klima anpassen, aber wohl nur deshalb, weil die dünne Moosschicht auf den Felsen schnell wieder abtrocknet
und so dafür sorgt, dass die darauf wachsenden Kakteen nicht zu viel Flüssigkeit bekommen.
HJ 819 Lobivia caespitosa fa.
Chucura, 3´750m, Cotapata National Park, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Flechte
Camino del Choro, Cotapata National Park, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Der Bergurwald beginnt auf 3´600 Metern mit mannshohen Sträuchern, darunter ebenso hohen sperrigen
Brachyotum microdon, die ich auf anderen Wanderungen im Süden bereits angetroffen habe, jedoch in viel
kleinerer Gestalt. Von hier an Schlucht abwärts ist jeder Schritt ein Erlebnis, und man kann nur staunen über
die Mannigfaltigkeit der Pflanzen. An besonders feuchten Stellen, meist dort, wo in kleinen engen Schluchten das
glasklare Wasser mit hohem Druck aus dem immergrünen Dickicht schiesst, ist die Fülle an Pflanzen kaum zu übertreffen.
Ein umgefallener Baum mit dickem Moosbewuchs, der über dem Wasser liegt, ist Heimat vieler Pflanzen geworden,
wie zum Beispiel einer kleinen, nur 10cm grossen gelben Orchideenart namens Maxillaria und verschiedener
Farne und Flechten.
Brachyotum microdon Schwarzmundgewächse (Melastomataceae)
Camino del Choro, Cotapata National Park 3´500m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo
Maxillaria spec. (Orchideengewächs) epiphytisch an Baumstämmen wachsend
Camino del Choro, Cotapata National Park, 3´500 bis 2´800m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Diesen unheimlich tosenden grünen Tunnel, in dem Licht und Schatten sich berühren, will ich unbedingt näher
kennenlernen. Übers Wasser springe ich von Stein zu Stein, dann krabble ich auf allen Vieren durchs
Bambusgestrüpp, bis ich mit Ohren und Extremitäten im Geäst hängen bleibe. Neben der Stelle, wo das Wasser
lieblich und fast lautlos über einen hohen, glattgeschliffenen Felsen gleitet, wachsen in fast völliger
Dunkelheit Bomerea galucescens (Inkaliliengewächse) und Begonien, die vermutlich das ganze Jahr über blühen.
Über meinem Kopf, wo einzelne Sonnenstrahlen den Weg in die Tiefe gefunden haben, gibt es ein Wirrwarr von
umgefallenen Bäumen, wo wiederum epiphytische Pflanzen gedeihen. Sollte mir hier etwas zustossen, würde kein
Mensch nach mir suchen, aber zumindest hätte ich für die Ewigkeit einen immergrünen und meist blühenden Grabschmuck.
Bomarea glaucescens (Inka-Liliengewächs)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 3´500 bis 3´200m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Moose
Camino del Choro, Cotapata National Park, 3´500m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Kleinwüchsige Schleierfarne (Hautfarngewächse Hymenophyllaceae)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 3´500m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Die Bäume weiter flussabwärts werden jetzt immer höher, und die Pflanzenvielfalt entlang des Weges erlaubt
nur noch ein zögerndes vorankommen. Immer wieder entdecke ich eigenartige Pflanzen, wie zum Beispiel einen
strauchartigen holzigen Busch mit langestreckten Blüten: Es ist die Barnadesia pycnophylla.
Barnadesia pycnophylla (Familie: Korbblütler)
Rio Chacura, 3´200m, Camino del Choro, Cotapata National Park, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
In der kleinen Siedlung Challapampa gibt es eine Holzbrücke und eine saftige grüne Wiese. Die grossen runden
Felsen am Rio Chucara und die ganz aus Stein erbauten Häuser erinnern mich ans Tessin. Gerne würde ich hier
an diesem schönen Ort das Zelt aufbauen. Ich möchte aber zuerst die Leute um Erlaubnis bitten und bewege
mich deshalb über eine Brücke, an dessen Ende ein Teehaus steht. Letzteres raucht aus allen Ritzen, so dass
ich denke, die Holzbude sei am Brennen. Doch für die Frauen, die zu dieser Zeit kochen, scheint dies ganz
normal zu sein. Eine von ihnen spendiert mir einen Tee und sagt, ich könne überall das Zelt aufbauen.
Die nassen Kleider von gestern stinken grässlich, ich muss sie dringend waschen. Auch ich bin nicht mehr
salonfähig, daher lege ich mich in den frisch sprudelnden Rio Chucura; doch nicht für lange, denn mir bleibt
im eiskalten Bergwasser die Luft weg. Kaum habe ich die Wäsche an die Leine gehängt, fängt es an zu regnen.
Eigentlich will ich die Eindrücke des Tages im Tagebuch festhalten, doch der Landregen wirkt wie ein Schlafmittel,
so dass mir der Stift aus der Hand fällt.
Chalapampa am Rio Chacura 1997
Chalapampa am Rio Chacura 2009
Dienstag, 25. November 1997
Als ich am Morgen meinen Kopf aus dem Zelt strecke, tropft es überall von den Bäumen und meine Wäscheleine
hängt schwer im Geäst. Nebelschwaden schleichen durch Baumwipfeln und das Gebrüll der Brüllaffen widerhallt
im engen Tal. Die kurzen, aber heftigen Pfeiftöne, vermutlich durch Tukane verursacht, veranlassen mich,
endgültig aus dem Zelt zu kriechen. Der Regen hat bereits aufgehört, und ich mache mich auf den Weg, um
die idealen Lichtverhältnisse für das Fotografieren zu nutzen.
Der Weg entlang des jetzt tosenden und wilden Rio Chucuras ist ein besonderes Erlebnis. Unzählig viele
Farnarten prägen das Unterholz: Ganze Baumstämme, Felsen und Lichtungen sind davon überwachsen. In den
Lichtungen mit vielen blühenden Staudenpflanzen tummeln sich unzählig Schmetterlinge in allen Grössen
und Farben. Zwischendurch segelt auch einer mit 20cm breiten türkisfarbenen Flügeln vorbei, der fast so
gross wie ein Jumbo ist.
Schmetterlinge und Käfer
Rio Chacura, 3´000m, Camino del Choro, Cotapata National Park, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Wie Nester sitzen Bromeliengewächse auf moosbewachsenen Bäumen und strecken sich gegen das Licht. Lange
Orchideenrispen (Epidendrum secundum) mit über hundert lilafarbenen kleinen Blüten hängen vor meinem Gesicht.
Baumstämme sind ummantelt von kleinen gelben Orchideen (Maxillaria spec.), dazwischen graue Flechten, die
aussehen wie Pilze mit kleinen Stämmen und roten Köpfchen.
Bromeliengewächse auf Baumkronen und schattigem Unterholz
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´800 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Epidendrum capricornu aff. (Orchideengewächs)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´800 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
verschiedene Flechten
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´800 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Ich sitze am Flussufer auf einem Stein und geniesse die Schönheit der Natur, als plötzlich ein Schweizer Paar,
Kurt und Cinzia, sowie Jakob, ein Israeli vor mir stehen. Wie klein ist doch die Welt. Sie fragen mich, wieso
ich alleine unterwegs bin. Ich antworte, dass ich niemanden kenne, der solche abenteuerlichen Reisen machen will.
Dazu kommt, dass ich nicht weiss, wie mein Partner in der Wildnis bei kritischen Situationen reagiert. Vielleicht
dreht er durch und möchte nach Hause. Ein anderes Problem ist das Fotografieren, mein grosses Hobby, das sehr
viel Zeit in Anspruch nimmt, und ich glaube, jeder Nichtinteressierte würde an mir verzweifeln.
So gingen wir auch wieder getrennte Wege, in der Hoffnung, uns später wieder zu sehen. Die Sonne kämpft sich
jetzt langsam durch die Wolken, es wird schwül warm. An grasbewachsenen Steilhängen entdecke ich zwei verschiedene
Puya Pflanzen mit roten und blauen Blütenrispen. Immer wieder kann ich beobachten, wie blaue Kolibris
mit gelben langen Schnäbeln Nektar saugen. An breit geöffneten Blüten schwirren hummelgrosse braune
Kolibris umher, die so schnell sind, dass man sie kaum wahrnehmen kann.
Puya spec. mit roten verzweigten Blütenrispen
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´500m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Puya spec. mit blauen verzweigten Blütenrispen und roten Hüllblättern
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´500m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
In Chorro auf 2200 Metern, wo nur ein Haus steht, treffe ich Kurt und Cinzia wieder beim Mittagessen. Ich geselle
mich zu ihnen, und weil das Wetter so schön ist, lege ich alle meine Sachen zum Trocknen aus. Als ich Wasser
für mein Trockenfutter koche, ist Jakob so begeistert von meinem nur 200 Gramm schweren Kocher, dass er ihn kaufen
möchte. "Der Kocher ist ein Allesfresser - von Benzin bis Kerosin schluckt er alles. Deshalb war er auch nicht
billig", erwidere ich. "Aber du kannst ihn für siebzig Dollar haben, da ich ihn übermorgen nicht mehr brauche und
ich mir für die nächste Reise sowieso einen neuen kaufen will." Er ist dankbar, ich muss weniger tragen.
Camp Chorro
Die Hängebrücke über dem Fluss ist nicht nur eine sehr wackelige Angelegenheit, sondern es fehlen auch viele Bretter
des Laufstegs. Dann führt der Weg wieder steil durch mannshohes Gras eine Bergflanke hoch, und man kommt ganz schön
ins Schwitzen. Ganz oben auf 2´600 Metern hat man einen herrlichen Blick in das sehr enge, tiefe Tal, wo sich Grasflächen
und Urwald berühren. Es ist so schwül, dass wir möglichst schnell wieder in die tiefer gelegenen Urwaldgebiete absteigen.
Hängebrücke am Rio Chacura alt und neu 1997 und 2009
Plötzlich rutscht Cinzia aus und verletzt sich dabei den Ellbogen. Auch die drückende Hitze ohne ein Lüftchen macht
ihr sehr zu schaffen - es geht ihr gar nicht gut. In einer Bachrunse mit niederen Schattenbäumen machen wir deshalb Rast.
Eigentlich habe ich noch bis zum "Casa del Japones" wandern wollen, das sind etwa zehn Kilometer von unserem jetzigen
Standort, doch spüre ich, dass Kurt und Cinzia es begrüssen würden, wenn ich sie bis ans Ende des Inkatrails in Chairo
begleiten würde. Nach langsamem, aber sicherem Abstieg erreichen wir endlich einen paradiesischen Wald, der an Schönheit
seinesgleichen sucht: bis zu zehn Meter hohe Baumfarne, deren Kronen wie Schirme aus dem Dickicht ragen, Vogelgezwitscher
in allen Tonlagen und sprinkelnde Wasserfälle, bei denen man nicht weiss, woher sie kommen. Auf grossen und breiten Bäumen
hängen Nester wie grosse Tropfen an den Ästen, wo schwarz-gelbe Vögel mit ihrem Nachwuchs beschäftigt sind. Hoch oben im
Geäst hängen oder stehen Orchideen in unterschiedlicher Grösse und allen Farben. Daneben Bromelien und mehrere Farnarten.
In einer Seitenschlucht, wo der Gebirgsbach eine Insel bildet, rätseln wir, wie und wo wir die Zelte aufbauen sollen.
Es sind deren drei, doch so viel Platz gibt es nicht, deshalb müssen sich Kurt und Cinzia bei Jakob im Dreierzelt einquartieren. Eigentlich
gibt es nur einen Ort, um ein Zelt aufzubauen, und ich muss mich mit einem unmöglichen schrägen, von Flusssteinen besetzten Platz begnügen.
Mein Zelt steht nur wenige Zentimeter vom Wasser, so dass ich die Schnüre bis zur Bachmitte spannen muss. Mir ist das Ganze im ersten Moment
gar nicht geheuer und ich hoffe, es kommen nachts keine allzu heftigen Regenfälle. In diesen bewaldeten Gebieten mit saugfähigem Humusboden
steigen die Flüsse jedoch nicht so schnell wie z. B. in trockenen Gebieten, wo ich vorher war. Dafür ist es hier gar nicht so einfach, Feuer
zu machen, denn das Holz ist mehr als nur feucht. Kurt und Cinzia haben grosse Lust auf mein Hühnerfutter, und Sie kochen mir dafür Reis und
eine Dose Fisch. Ich bin gar nicht unglücklich darüber. Da es ihnen recht gut schmeckt, gebe ich Ihnen auch noch die restlichen vier Packungen.
Es fängt dann tatsächlich an zu regnen, und so krieche ich mit mulmigem Gefühl in meinen Schlafsack.
Mittwoch, 26. November 1997
Das ständige Rauschen, das sich als Sintflut in meine Träume schleicht, weckt mich und raubt mir den Schlaf. Obwohl
die Nacht noch nicht ganz zu Ende ist, packe ich zusammen und erkunde den Fluss, wo bereits schon viele Vögel
aktiv ihren Gewohnheiten nachgehen.
Kurt und Cinzia kriechen jetzt ebenfalls mit grossem Gestöhne auf allen vieren aus dem Zelt und beklagen sich über
einen fürchterlichen Muskelkater. Die Zehen von Kurt sind voll von Blasen wegen den kaum eingelaufenen Schuhen,
die er noch kurz vor Abreise gekauft hat. Dazu kommt, dass man hier dauernd abwärts geht und dauernd mit den Zehen
vorne anstösst. Er wisse nicht, ob seine Füsse überhaupt noch in die Schuhe passten. Ich gebe ihm ein paar Blasenpflaster,
doch würden wir alle überkleben, müsste er barfuss weiter, weil die Füsse dann nicht mehr in die Schuhe gingen.
Wir verlassen den Wald und wandern einem mit Gras und Büschen bewachsenen Steilhang entlang. Dabei entdecke ich
wunderschöne Orchideen. Bei der einen tragen die einzelnen Stöcke bis zu zehn Rispen, diese sind 60cm lang,
geschmückt mit unzähligen wachsartigen, gelb und violett gepunkteten Blüten (Trichocentrum tigrinum fa.)
Aber auch solche mit weiss-violett gestreiften Lippen und schmalen ocker und gelb gestreiften Blütenblättern
sind kaum zu übersehen (Trichocentrum tigrinum fa.). Und dann gibt es noch eine Art, die mich von der Form her
am meisten beeindruckt: Oberhalb der etwas verdrehten gelb-braun getigerten Lippe stehen senkrecht ein paar
Blütenblätter wie Hasenohren. Unterhalb der Lippe sind ebenfalls zwei Blütenblätter, die gespreizt wie ein
Schnurrbart nach unten zeigen (Brassia spec.).
Trichocentrum tigrinum fa. (Orchideengewächs am Boden wachsend
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´300 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien.
Trichocentrum tigrinum fa. (Orchideengewächs) am Boden wachsend
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´300 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien.
Brassia spec. (Orchideengewächs) am Boden wachsend
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´300 bis 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien.
Plötzlich führt der Weg steil in eine enge, bewaldete Schlucht. Oberhalb und unterhalb der reparaturbedürftigen
Hängebrücke (Puente Colgante), die wenigstens für Seiltänzer kaum eine Herausforderung darstellt, stürzen in
einem grünen Tunnel tobend Wasserfälle in die Tiefe. Der Weg führt wieder steil hoch in die Berge, da das
undurchdringlich zerklüftete Gelände unter uns unbegehbar ist. Durch diese wunderschöne Gegend, umgeben von
hohen Farnbäumen und einem herrlich duftenden Garten, erreichen wir das Casa del Japones. Hier lebt ein Japaner,
der vor 40 Jahren genauso wie wir des Weges entlangkam, hier oben in den Bergen der Jungas das Paradies auf Erden
fand und nie mehr nach Hause zurückkehrte. Der heute 80-jährige Mann, lebt bescheiden von den wenigen Touristen,
die hier vorbeikommen. Es gibt auch Übernachtungsmöglichkeiten in der Laube am Boden. Sein grosser Stolz ist sein
Gästebuch, wo sich über Jahrzehnte Menschen aus aller Welt eingetragen haben. Aber auch seine Tapeten zeigt er
allen gerne, die aus hunderten von Postkarten bestehen, mitgebracht von seinen Besucherinnen und Besuchern. Bei
jeder Postkarte kann er gleich sagen, woher sie kommt, selbst beim kleinsten Nest im Berner Oberland.
Casa del Japones
Auf meiner zweiten Tour 2009 auf dem Camino del Choro sah ich auf der Karte, dass es im nächsten Seitental beim
Casa del Japones einen Weg gibt, der auf die Hauptstrasse führt, die von La Paz in die Jungas geht.
Schon zu Beginn stellte ich fest, dass der Weg ziemlich zugewachsen war. Gleichzeitig konnte ich sehen, dass es
weiter oben einen grösseren Bestand von Baumfarnen gab, den ich unbedingt sehen wollte. Die Strapazen bis in dieses
kleine Naturparadies lohnten sich jedoch: Alte, bis zehn Meter hohe Baumfarne, deren Stämme mit Moos, Farnen und
Bromelien bewachsen sind, standen locker in einer abgeflachten Mulde. Auf verrotteten Baumstrünken wuchsen
Aronstabgewächse (Spathiphyllum oder Scheidenblatt.) und an den moosbewachsenen Bäumen Epiphillum (das sind Kakteengewächse).
Auch bekam ich vom Urwaldsender ein unglaublich vielfältiges Konzert von Tiergeräuschen zu hören. Da gab es zirpende,
sägende, brummende und summende Insekten und verschiedene Papageienarten, die sich kreischend auf Bäumen sammelten.
Baumfarne (Cyathea delgadii) mit Bromelien und Farngewächsen an den Stämmen
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Spathiphyllum spec. (Aronstabgewächse)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
HJ 1286 Epiphyllum spec.
Camino del Choro, Cotapata National Park, 2´000m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Wir wandern durch einen hohen Wald mit Farmbäumen: Blattneutriebe, die anfangs wie behaarte Schnecken aus dem
Stammende hervortreten, rollen sich aus zu riesigen Fächern. Die Umgebung versetzt den Wanderer zurück in die
Zeit der Dinosaurier und das Begehen des Wegstücks ist ein besonderes Erlebnis. Kurt und Cinzia haben grosse
Mühe beim ständigen Abwärtsgehen: Kurt wegen seinen Blasen an den Zehen, die immer schlimmer werden, während
sich Cinzia einen fürchterlichen Knieschnapper eingefangen hat. Ihre Schmerzen sind so gross, dass Sie oft rückwärts
geht und viele Pausen macht. Ich habe ihr zwei Holzstöcke gebastelt, damit Sie den Druck etwas abfangen kann.
Natürlich ist es eine grosse Belastung ohne vorheriges Training 71 Kilometer und 4´000 Höhenmeter abwärts zu
bewältigen. Auch ich bekomme dies zu spüren, obwohl ich jetzt gut durchtrainiert bin.
Auf 1´200 bis 1´100 Metern entdecke ich viele mir unbekannte Pflanzen, darunter auch eine strauchartig wachsende
Orchideenart, die bis zwei Meter hoch ist und über meinem Kopf ihre magentaroten Blütenrispen in den Himmel streckt.
Am gleichen Ort ist auch eine strauchartige Fuchsie mit traubenartigen sternförmig roten Blütenständen, die
träge und schwer von oben in meine Kamera schaut. An grasbewachsenen Steilhängen wachsen zudem niedrige Stauden
mit becherförmigen Blüten der Pflanzengattung Tibouchina aus der Familie der Melastomataceae. Auffällig in der
Form, jedoch aufgrund seiner geringen Grösse kaum sichtbar, ist das Wolfsmilchgewächs der Pflanzengattung Jatropha
mit korallenähnlichem Blütenstand und gelben, kaum sichtbaren Blüten. Unübersehbar sind aber die kräftigen Farben
der Orchideengattung Cattleya warscewiczii, die als Farbtupfer weit verstreut überall zu sehen sind. In etwas
tieferen Lagen, wo die Buschlandschaft wieder dominiert, findet man vereinzelt auch die Goldtrompete (Allamanda cathartica),
ein Kletterstrauch oder eine Liane aus der Familie der Hundsgiftgewächse. Sie ist in vielen tropischen Gebieten
Südamerikas verbreitet und wird auch als Zierpflanze kultiviert.
Orchideengattung Cattleya (buschartig, bis 2m hoch)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´200m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Fuchsia boliviana oder Fuchsia boliviana var. buchlovice
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´200m, Dep. La Paz, Provinz Pedro Domingo Murillo, Bolivien
Pflanzengattung Tibouchina fa. (Melastomataceae)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´200m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Pflanzengattung Jatropha fa. (Wolfsmilchgewächs)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´200m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Orchidee Cattleya warscewiczii
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´200m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Goldtrompete Allamanda cathartica (Hundsgiftgewächs)
Camino del Choro, Cotapata National Park, 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas
Unten im Tal breitet sich der immergrüne Urwald über flache Hügel unendlich weit nach Osten hin aus. Irgendwann
erreichen wir dann aber endlich Chairo, nach 71 langen Kilometern Strapazen. Das Dorf am Rio Huarinilla liegt
mitten in Bananen-, Kaffee- und Papayaplantagen. Es gibt hier auch wieder eine Strasse, die nach Coroico führt.
Die Leute sagen, dass diese an einer fünf Kilometer entfernt liegenden Stelle unterbrochen sei. Anschliessend
gäbe es jedoch Transportmöglichkeiten nach Coroico.
Wir alle sind müde und zerschlagen vom langen Abstieg, und wir fragen deshalb auf einer Bananenplantage, ob wir die
Zelte aufbauen können. Die Menschen hier sind sehr freundlich und helfen, wo sie können. Auch der Wirt im kleinen
Restaurant, wo nur gerade ein Tisch steht, erfüllt uns jeden für ihn möglichen Wunsch. Um das feine Essen, Fleisch
mit Gemüse und Reis oder Kartoffeln, auch richtig geniessen zu können, stellt er extra eine Kiste Bier in den kalten
Fluss. Es gibt ein richtiges kleines Fest heute Abend, und der Wirt freut sich sicher auch über das gute Geschäft.
Informationstafel Cotapata Nationalpark
Die Ortschaft Chairo
Cinzia und Kurt mit Jakob
Donnerstag, 27. November
In der Nacht hat es leicht geregnet und die Temperatur ist angenehm. Wir alle haben lange und gut geschlafen. Die
kalte Dusche im Freien hat jeden auch noch so erbärmlichen Morgenmuffel wieder auf die Beine gebracht. Zum
Frühstück gibt es logischerweise Bananen und Papayas frisch von der Plantage.
Ich habe noch etwas Zeit, um in den Früchteplantagen herumzustöbern und entdecke dabei auch Pflanzen einer Art, die
eigentlich nicht hierher gehört: Agapanthus praecox, die zur Familie der Amaryllisgewächse gehört, sie ist in
Südafrika beheimatet und vermutlich verwildert oder angepflanzt. Die Hackenlilien, die ebenfalls zwischen den
Bananenstauden wachsen, gehören zu den Amaryllisgewächsen. Ob diese Art hier heimisch ist, ist ebenfalls zu
bezweifeln.
Papayabaum
Chairo 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Bananenstaude
Chairo 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Kaffeestrauch
Chairo 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Agapanthus praecox (ist ursprünglich in Südafrika beheimatet)
Chairo 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Hakenlilie spec. (Amaryllisgewächse)
Chairo, 1´100m, Dep. La Paz, Provinz Nor Yungas, Bolivien
Wir folgen der Strasse oberhalb des Rio Huarinilla, der jetzt ausgetobt und still durch den Urwald fliesst. Mächtige
Urwaldriesen mit herunterhängendem Epiphyllum (Blattkakteen) säumen den Weg, aber auch verschiedenartige Blütensträucher,
wo Kolibris hastig nach Nektar suchen. Wir erreichen die Stelle, wo ein wildgewordener Gebirgsbach die Holzbrücke
weggerissen hat. Auf der anderen Seite steht ein Toyota mit Fahrer; als ob dieser gewusst hätte, dass wir kommen!
Die ca. fünfzehn Kilometer lange Fahrt zur Hauptroute kurz vor Coroico ist für hiesige Verhältnisse nicht gerade
billig, nämlich 110 Bolo, das sind ca. 22 amerikanische Dollar.
Auf der staubigen Strasse werden wir ziemlich durchgeschüttelt. Schon bald erreichen wir den Rastplatz für Lastwagen
und Busse bei Yolosa. Ich mache den Vorschlag, statt mit dem Bus, mit einem Lastwagen den Camino de la Muerte hoch
nach La Paz zu fahren. Dies sei nicht nur wesentlich billiger, sondern auch ein unvergessliches Abenteuer. Ich bin
diese gefährliche, aber wunderschöne Strecke bereits 1984 zusammen mit Dora im VW Bus gefahren.
Yolosa, Beginn des Camino de la Muerte
Am Strassenrand stehen Busse und Lastwagen vollgepackt mit Gütern wie Früchte, Gemüse, Mais und Bohnen, die nach
La Paz gebracht werden sollen. Ein Fahrer sagt, es gäbe immer Platz zum Mitfahren, obwohl die Ladefläche gestrichen
voll ist mit Säcken und oben drauf noch einem Trupp Indios. Schnell kaufen wir noch ein paar Früchte und versuchen
uns dann in diesem Knäuel von Menschen niederzulassen. Jeder verteidigt hartnäckig seinen Platz, und wenn man ungewollt
auf einen Sack Tomaten steht, gibt es Ärger. Aber auch dann, wenn man die Hühner aufschreckt und sie wild umherflattern.
Bald merken wir, dass es so zwecklos ist, nach einer Sitzgelegenheit zu suchen und begnügen uns mit einem fussgrossen
Stehplatz ganz hinten auf der Ladefläche. Da es mir dort aber auch zu eng und der Menschen- und Tiergeruch unerträglich
wird, ziehe ich es vor, die Reise stehend auf der Leiter am Ende der Ladefläche zu ertragen. Als sich der LKW endlich
in Bewegung setzt, geraten die Schweine, deren Anwesenheit ich vorher gar nicht bemerkt habe, im Gewühle der Menschen
in Panik, und dann ist auf der Ladefläche der Teufel los. Aber zumindest gibt es endlich frische Luft.
Im Schneckentempo und immer im ersten Gang geht es stinkend und sehr steil den Camino de la Muerte (Strasse des Todes)
hoch in Richtung La Paz. Um die Gefährlichkeit dieser Strasse etwas zu entschärfen, ist hier ausnahmsweise Linksverkehr
eingeführt worden. Das hat den Vorteil, dass die Lenker beim Abwärtsfahren bei einer Fahrzeugbegegnung den Fahrbahnrand
besser einsehen können; eine Fehleinschätzung dort hätte gewiss fatalere Folgen als in der Gegenrichtung. Ein weiterer
Vorteil ist, dass die bergauf in Richtung La Paz fahrenden, schwer beladenen Fahrzeuge bei Ausweichmanövern auf der dem
Berg zugewandten und besser befestigten Strassenseite fahren können. Die Ausweichstellen bieten jedoch wenig Platz und
nur millimetergenaues Fahren macht ein Kreuzen überhaupt möglich. Diese Fahrmanöver können viele Minuten dauern. Man
darf nicht hinsehen, wo bei den abwärtsfahrenden LKWs die Doppelräder stehen, nämlich zur Hälfte über dem Abgrund, und
dieser kann bis 700 m tief sein. Wenn die Sicht wegen Wolken gleich Null ist und es stark regnet, was oft der Fall ist,
müssen die Leute sicherheitshalber absteigen, falls das noch möglich ist. Viele Lastwagen stürzen aber vorher in die Tiefe,
wobei es meist keine Überlebende gibt. Beinahe in jeder Aussenkurve stehen Kreuze entlang der Strasse. Deshalb stehe ich
hinten auf der Leiter. Immer sprungbereit.
Es ist besser man verdrängt diese furchtbaren Möglichkeiten und geniesst diese einzigartig schöne Landschaft und die
Vielfalt der Pflanzen, wie ich sie in den letzten Tagen kennen gelernt habe. Die Orchideen entlang der Felsen, sind
so nah, dass ich sie im Vorbeifahren pflücken könnte.
An manchen Stellen, wo es viele hundert Meter in die Tiefe geht, wurde die Strasse in die Felsen gehauen. Bei scharfen
Linkskurven ist der Blick nach unten furchteinflössend, denn man schwebt viele Meter über dem Abgrund. Wasserfälle
stürzen direkt auf die Strasse: Ob man will oder nicht, man wird herrlich kalt geduscht. Ich muss auch aufpassen,
dass ich von herunterhängenden Ästen nicht weggerissen werde. Obwohl der Tod im Nacken lauert, herrscht auf der
Brücke mittlerweile eine friedliche und fröhliche Stimmung. Es wird geplaudert und gelacht, eben eine ganz normale
Fahrt von A nach B.
Lastwagenfahrt auf dem Camino de la Muerte nach La Paz
Bereits 1985, als wir mit unserem VW Bus nach Coroico unterwegs waren, haben wir diese Strecke mit viel Respekt und Vorsicht unter die Räder genommen.
Unterwegs mit unserem VW Bus auf dem Camino de la Muerte - 1985
Nach gut sechs Stunden Fahrt im ersten Gang und mit einem Sonnenbrand im Gesicht erreichen wir den 4´600 Meter hohen
Cumbre Pass. Noch einmal giesst der Fahrer Wasser über den glühend heissen Motor und füllt den Kühler auf, dann geht
es endgültig hinunter nach La Paz. Doch vorher geniesse ich zum letzten Mal das imposante Bergpanorama bei strahlend
blauem Himmel. Nach sechs Stunden LKW-Abenteuer für zehn Bolo (das entspricht zwei Franken) geht hier in La Paz meine
abenteuerliche Reise zu Ende. Kurt und Cinzia besuchen mich am Abend noch im Hotel Oberland. Bei leckerem Zürcher
Geschnetzeltem verbringen wir zusammen noch einen vergnügten Abend.
Laut "Wikipedia" (Yungas-Straße - Wikipedia, 06.05.2022) verunglückten bis 2007 pro Monat auf dem Camino de la
Muerte zwei Fahrzeuge, und es starben jährlich 200 bis 300 Reisende auf dieser Strecke. Sie wurde deshalb auch als die gefährlichste
Strasse der Welt benannt. Seit 2007 auf der anderen Talseite die neue Strasse fertiggestellt wurde, gibt es auf der alten Yungas-Strasse
keinen Kraftfahrzeugverkehr mehr. Heute ist diese Route eine beliebte Downhill-Bike-Strecke für Touristen, die in La Paz von verschiedenen
Reiseveranstaltern angeboten wird. Sie beginnt auf dem Cumbre Pass auf 4´640 Metern und endet 3400 Meter tiefer in den Yungas.