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| Irenäus († um 200) - Gegen die Häresien (Contra Haereses)

Zweites Buch
30. Kapitel: Die „Geistigen“ stehen nicht über dem Demiurgen
7.
Daß es nämlich im Himmel geistige Wesen gibt, verkündet die gesamte Schrift, und auch Paulus legt davon Zeugnis ab, indem er sagt, daß er bis in den dritten Himmel entrückt worden sei, und wiederum, daß er in das Paradies getragen sei und unaussprechliche Worte gehört habe, die ein Mensch nicht reden dürfe1 . Und was nützt es ihm, das Paradies zu betreten oder in den dritten Himmel aufgenommen zu werden, wenn dies alles unter der Herrschaft des Demiurgen steht? Sollte er doch die Geheimnisse, die über dem Demiurgen sind, schauen und hören, wie einige von ihnen zu sagen sich erkühnen. Sollte er die Einrichtung über dem Demiurgen kennen lernen, dann durfte er doch nicht in dem Gebiet des Demiurgen stecken bleiben, ohne selbst dies durchstudiert zu haben, denn nach ihrer Lehre blieb ihm doch noch der vierte Himmel übrig, bis er zu dem Demiurgen gelangte und die ihm unterworfene Siebenzahl erblickte. Wenigstens hätte er bis zur Mitte, d. h. bis zur Mutter, gelangen müssen, um von ihr zu erfahren, was im Pleroma ist. Denn der innere Mensch, der in ihm sprach und unsichtbar ist, wie sie sagen, der konnte nicht nur bis zum dritten Himmel, sondern auch bis zu ihrer Mutter gelangen. Wenn nämlich sie, d. h. ihr Mensch, den Demiurgen überflügeln und zur Mutter vordringen konnte, dann müßte dies noch viel mehr dem Menschen des Apostels möglich gewesen sein. Der Demiurg hätte ihn nicht aufgehalten, da er ja selbst dem Erlöser unterworfen sein soll, und wenn er es versucht hätte, wäre es ihm nicht gelungen, denn er kann nicht stärker sein als die Vorsehung des Vaters, zumal der innere Mensch für den Demiurgen auch unsichtbar sein soll. Wenn nun der Apostel es als etwas Großes und Herrliches hervorhebt, daß er bis zum dritten Himmel erhoben wurde, dann steigen jene sicherlich nicht bis zum siebenten Himmel empor, da sie nicht höher sind als der Apostel. Wollen sie sich aber über den Apostel überheben, so werden sie von ihren Werken überführt werden, da von ihnen nicht so große Dinge gerühmt werden wie von dem Apostel. — Weiter fügt er hinzu: „Ob in dem Leibe oder außer dem Leibe, Gott weiß es“2 . Man soll nämlich wissen, daß auch der Leib an jener Vision hätte teilnehmen können, da er doch dereinst daran teilnehmen soll, was er gesehen und gehört hatte. Und ebensowenig soll jemand sagen, daß er wegen des Gewichtes seines Leibes nicht höher emporgehoben sei. Vielmehr ist es auch ohne Leib möglich, die geistigen Geheimnisse Gottes und das Wirken dessen zu verstehen, der die Himmel und die Erde gemacht hat und den Menschen gebildet und in das Paradies gesetzt hat, Gott zu schauen ähnlich dem Apostel, wenn man sehr vollkommen ist in der Liebe Gottes.
1: 2 Kor. 12,2 ff.
2: Ebd. 12,2