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Für die Sowjetunion waren die Trockengebiete in Zentralasien eine öde und rückständige Wildnis, die es zu bewässern und zu modernisieren galt. Nach einer wenig erfolgreichen Agrarreform bauten die Russen mitten in der kasachischen Steppe sogar ein Kosmodrom.
Der Definition nach sind Steppen keine «richtigen» Wüsten, sondern Halbwüsten, in denen nur Gras und Sträucher, aber keine Bäume wachsen, weil es nicht genügend regnet. Und doch haben die mehr oder minder kargen Landschaften – zumindest in der Wahrnehmung vieler Menschen – mit den echten vegetationslosen Gebieten dieser Erde vieles gemein. Da sind zum einen die garstigen Bedingungen: bisweilen unerträglich heiss am Tag, wenn die Sonne scheint – und bitterkalt in der Nacht. Und zum anderen der weite, flache Horizont, der ein Gefühl der Leere und Erhabenheit erzeugt. Steppengebiete – mit jeweils unterschiedlichen Namen – gibt es zwar an vielen Orten, etwa die Prärie in Nordamerika, die Pampas in Südamerika oder die Savanne in Afrika. Doch das Wort «Steppe» ist vom Russischen abgeleitet und bezieht sich im engen Sinn auf den Eurasischen Steppengürtel, die grösste Steppenlandschaft der Welt. «Das russische степь (step) ist ein schillernder Begriff mit vielen Bedeutungen, die sowohl Grasland wie auch Trockengebiete umfassen», sagt Christine Bichsel vom Departement für Geowissenschaften.
Bewegungsmuster der Nomaden
Die Professorin für Humangeographie befasst sich seit gut zwanzig Jahren mit der Umweltgeschichte der Steppen in Zentralasien und untersucht dabei auch, wie sich Macht- und Gewaltverhältnisse auswirken. «Während Jahrtausenden war die eurasische Steppe die Heimat von nomadischen und halbnomadischen Völkern, die Viehzucht betrieben», schreibt Bichsel im Einführungskapitel eines Themenhefts zur sowjetischen Steppe, das soeben veröffentlicht wurde. Die Bewegungsmuster der Nomaden prägten das Netzwerk der Handelswege, das als «Seidenstrasse» Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat.
Dann liessen sich im 16. Jahrhundert russische Siedler in der zentralasiatischen Steppe nieder. Alsbald kamen «Spannungen zwischen den sesshaften Slawen und ihren umherziehenden Nachbarn, den turko-mongolischen Bewohnern der Steppengebiete auf», so Bichsel. Schon im Zarenreich galt die nomadische Lebensweise als minderwertig, doch erst unter Stalin wurde die Umwandlung nomadischer oder halbnomadischer Gruppen in sesshafte Sowjetbürger zu einem wichtigen Projekt. Die katastrophale Hungersnot in Kasachstan in den frühen 1930er-Jahren sei ein augenfälliges Beispiel, wie Stalins Regime mit der Bevölkerung in Zentralasien umging, schreibt Bichsel.
«Für die Sowjetunion waren die Trockengebiete in Zentralasien Ödland, das sich ideal für die Errichtung moderner Welten eignete», führt Bichsel weiter aus. Ein erster grosser Schub ging mit der unter Chruschtschow im Jahr 1953 eingeleiteten so genannten Jungfernland-Kampagne einher, die «triste Steppen in blühende Gärten verwandeln sollte». Chruschtschow pries die Arbeit in den «neuen Ländern» als sozialistisches Abenteuer an. «Es ging einerseits um die Verwirklichung von Zivilisierungsideen. Die sowjetische Gesellschaft hatte einen ausgeprägten Modernisierungsanspruch», sagt Bichsel.
East Tat’Ali Basin, Dépression du Danakil
05.02.2019 | 13.4933°N, 41.0051°E
En regardant en arrière, la visibilité est bonne aujourd’hui. Du gypse, du sable et du basalte. Tous se sont déposés ici il y a moins d’un demi-million d’années, une période extrêmement courte pour un géologue. Nous essayons de comprendre comment la tectonique, le volcanisme, les variations du niveau marin et les cycles climatiques ont conduit à la formation de ces paysages lunaires, mais aussi comment ils ont évolué et comment ils ont été utilisés par nos ancêtres Homo pour sortir d’Afrique.
Austrocknung des Aralsees
«Doch bei der Transformation spielten andererseits auch ökonomische Interessen eine wichtige Rolle», fährt sie fort. Mit der Kampagne war es der Sowjetunion – zumindest kurzfristig – gelungen, die Getreideproduktion zu steigern und die Nahrungsmittelknappheit zu lindern. Bald folgten auch Baumwollfelder. «Das «weisse Gold» stand im Zentrum von Wirtschaft und Politik mehrerer Sowjetrepubliken», erklärt Bichsel. Doch der Baumwollanbau erforderte den Ausbau von Bewässerungskanälen. Und die übermässige Bewässerung führte ab den 1960er-Jahren zur Austrocknung des einst riesigen Aralsees.
«Die Sowjets hatten eine sehr funktionale und technische Sicht auf die Steppe, die auf die nützlichen Eigenschaften, die fruchtbaren Bodenschichten fokussiert war», sagt Bichsel. Bei dieser eindimensionalen Perspektive blieben die Schönheit der Landschaft, die kulturelle Vielfalt der nomadischen Bevölkerung und die einzigartige Flora und Fauna unbeachtet. Wohl auch aus diesem Grund fiel die Wahl auf einen Standort mitten in der kasachischen Steppe, als die Sowjetunion im Jahr 1955 ein streng geheimes Testareal für Interkontinentalraketen baute. Der Startplatz in Baikonur erlaubte es, «die Raketen über nur ‹dünn besiedeltem› Gebiet abzuschiessen», hält Bichsel fest.
Schon nach wenigen Monaten wurde das ursprünglich rein militärische Testareal um Startanlagen für Weltraumflüge erweitert. So wurde die kasachische Steppe zum wichtigsten Schauplatz einer zweiten sowjetischen Moderne: dem Raumfahrtprogramm. Es versetzte 1957 mit dem Start des Satelliten Sputnik 1 und mit der Erdumrundung der Hündin Laika den Rest der Welt in Staunen, das spätestens 1961 mit Juri Gagarin als erstem Menschen im Weltall in Ehrfurcht und Angst umschlug.
Halde für Weltraumschrott
«Das Kosmodrom Baikonur wurde zum Emblem der sowjetischen Modernität», sagt Bichsel. In der Nähe des weltweit ersten (und immer noch grössten) Weltraumbahnhofs entstand eine neue Stadt, mit Wohnblöcken, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Mit einem zentralen Park, mit Kinos, Fussballstadion, einem Kulturhaus und einem eigenen Fernsehsender. Während in dieser Retortenstadt die siegreichen Kosmonauten und Kosmonautinnen (nur zwei Jahre nach Gagarin flog Walentina Tereschkowa als erste Frau ins All) ein privilegiertes Leben führten und in der ganzen Sowjetunion als Heldinnen und Helden gefeiert und verehrt wurden, stellten die kasachischen Bäuerinnen und Hirten «die Kehrseite der sowjetischen Moderne dar». Ihr Wohngebiet ausserhalb der Retortenstadt, eine – in den Augen der Sowjets – rückständige und brachliegende Gegend, musste als Halde für den bei den Weltraumreisen anfallenden Schrott herhalten: Kurz nach ihrem Start werfen Raketen jeweils die rasch geleerten Treibstoffbehälter ab. «Innert weniger Minuten verwandeln sich Hightech-Teile in Müll, der achtlos weggeworfen wird», so Christine Bichsel. Auch heute noch, mehr als dreissig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, setzt sich die von Ungleichheiten geprägte Geschichte des Kosmodroms in Baikonur fort. Weil Kasachstan das Gebiet rund um den Weltraumbahnhof (bis zum Jahr 2050) an Russland vermietet hat, stehen die Retortenstadt und das Testareal, von dem aus immer noch Raketen starten, unter der Verwaltung der russischen Luftwaffe und der Raumfahrtbehörde Roskosmos.
Kinderschlitten aus Altmetall vom All
In einem kürzlich erschienenen Aufsatz hat Bichsel die in der kasachischen Steppe liegenden Raketentanks als «imperiale Trümmer mit einem materiellen und sozialen Nachleben» bezeichnet. Das Altmetall vom All ermöglicht zwar einigen Personen ein Einkommen: Schrotthändler bergen aus den Raketentrümmern Leichtmetall, Titan- und Aluminiumlegierungen sowie Kupferdraht und verkaufen ihre Ausbeute in China, wo alles wieder eingeschmolzen und rezykliert wird. Ein kleiner Teil des Weltraumschrotts findet auch als lokales Baumaterial Verwendung. «Aus den ehemaligen Raketentanks sind zum Beispiel schon Dächer, Werkzeuge und sogar Kinderschlitten geworden», erzählt Bichsel. Doch zugleich belasten die Raketentrümmer die Umwelt mit giftigen Chemikalien. Der in russischen Raketentriebwerken verwendete Treibstoff UDMH ist krebserregend. Er steht nicht nur mit den erhöhten Krebserkrankungsraten in der Bevölkerung in der Nähe des Kosmodroms in Zusammenhang, sondern auch mit dem Massensterben von Vögeln und Wildtieren, das entlang der Raketenflugbahnen beobachtet wurde. Deshalb ist der Schrott, der vom Himmel fällt, ingesamt gesehen immer noch mehr Fluch als Segen.
Unsere Expertin Christine Bichsel ist Professorin für Humangeographie am Departement für Geowissenschaften der Universität Freiburg.