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Der Theatermensch (Homo theatrum amandi [1]) (kurz: ThM) ist aktives Mitglied des Mikrokosmos «Theaterwelt». Vor allem im deutschsprachigen Raum gibt es eine ausgeprägte Form, die sich dadurch auszeichnet, dass sie aus einer selbstverschuldeten Exklusivität die Welt reflektierend betrachtet. Die Gedanken dazu konsumiert und produziert der ThM in Form von dramatischer, performativer Kunst; meistens in dafür vorgesehenen Theaterhäusern.
[1] Lat.: Der theaterliebende Mensch.
1. Werdegang
Der Werdegang des ThM beginnt meistens mit einem prägenden Theaterereignis. Dies kann etwa eine Theateraufführung oder die Partizipation an einer Theaterproduktion sein. Einige werden auch durch frühkindliche Aussetzung mit der Theaterwelt durch ThM-Verwandte in den Mikrokosmos gezogen. Der Grund für die Entscheidung, diesen Werdegang einzuschlagen, ist sehr individuell. Doch eine tiefe Faszination für die Bühnensituation, das Spiel, sowie der Verschränkung von Literatur, Sprache, Philosophie, Politik, Gesellschaft, Musik, Bildender Kunst und Bewegungskunst ist bei den meisten ThM wahrzunehmen.
Der ThM befindet sich bald nach der Entfachung oben genannter Faszination an dem Punkt, an dem er entscheiden muss, ob er Theater zum Beruf machen möchte oder nicht. Sollte er sich dafür entscheiden, liegt vor ihm ein Lebensabschnitt des sich Rechtfertigens, des sich Beweisens, des Durchhaltens und der Ausprägung eines gesunden Umgangs mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Diese Phase dauert unterschiedlich lang und kann durch andere ThM vereitelt oder unterstützt werden. Sobald der ThM sich durch diese Phase geschlagen hat, wird er auch von aussen als ThM gelesen und geniesst fortan die Mitgliedschaft in der Theaterwelt.
2. Der Konflikt
Eine weitere Faszination, die der gemeine ThM hegt, ist der Konflikt. Man hört einen ThM oft die Frage stellen «Was ist der Konflikt?» oder «Wo ist der Konflikt?». Ein ThM ist in diesem Sinne Konflikt suchend. Er sucht ihn erbarmungslos. Doch auch der ThM selbst, als Hauptfigur dieses Artikels, trägt einen inneren Konflikt aus. Denn er befindet sich in der zerreissenden Lage, dass er auf der einen Seite ein*e Verehrer*in der hohen Künste ist, die stets zelebriert, genossen und reproduziert wird in ihren Traditionen, Strukturen und Abonnements. Ein Hang zur Exklusivität ist dieser Gesinnung inhärent. Doch auf der anderen Seite sehnt er sich nach ganzheitlicher Zugänglichkeit und einer Reformation des Theaters auf allen Ebenen. Er hat das ernstgemeinte Bedürfnis nach einer Öffnung und Ebnung, nach einer aufrichtigen (auch auf sich selbst gerichteten) Auseinandersetzung mit all den Entwicklungen der Welt, die das Theater auf eine einzigartige Weise reflektieren kann und beeinflussen könnte. Aber man hängt einfach zu sehr an Stücken von Shakespeare und dem Ticketpreis-System.
Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann hat diesen Konflikt des ThM bereits 1910 in seinem Stück Die Ratten in einem Streitgespräch zwischen dem Direktor Hassenreuter und seinem Schauspielschüler Spitta ausgedrückt. Man lese es als inneren Monolog:
Spitta Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe von dramatischer Kunst divergieren in mancher Beziehung total. Direktor Hassenreuter Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu ein Monogramm des Größenwahns und der Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein Schüler und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? Sie blutiger Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich Schiller! Ich habe Ihnen schon zehnmal gesagt, daß Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist. Spitta Das müßte mir erst bewiesen werden. Direktor Hassenreuter Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! — Sie leugnen die Kunst des Sprechens, das Organ, und wollen die Kunst des organlosen Quäkens dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama und behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine Sache für Gründlinge ist. Sie negieren die poetische Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie als pöbelhafte Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten und verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von den Höhen der Menschheit wissen Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein Barbier oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebensogut ein Objekt der Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear. Spitta bleich, putzt seine Brille. Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr Direktor.
Man stellt sich die Frage, wie sich das deutschsprachige Theater entwickelt hätte, hätte William Shakespeare nie Theaterstücke geschrieben, wie Macbeth oder König Lear, die laut missverstandenem Gesetz nach 400 Jahren nach wie vor jährlich programmiert werden. Kleiner Gedankenexkurs.
3. Trivia
Der ThM liest in der Regel gern Bücher, lernt Namen von anderen ThM auswendig und schaut Filme auf mubi.com. Dies tut er als Teil des Spiels «Was? Das kennst du nicht?», das die ThM in ihrer Freizeit gern miteinander spielen. Es ist ein Strategiespiel, bei dem der ThM gewinnt, der einen anderen ThM durch das Beschiessen mit Theaterwissen als erstes zum Schweigen bringt. Um dieses Spiel zu gewinnen empfiehlt sich ein Studium in Theater-, Film- und/oder (am besten und) Literaturwissenschaft, das tägliche Konsumieren sämtlicher Kulturnachrichten auf arte, 3sat, Deutschlandfunk, orf, srf, nachtkritik.de sowie der Magazine Theater Heute und Theater der Zeit. Pro Tag ein Buch lesen, einen Arthouse-Film schauen und ins Theater gehen (manchmal dafür reisen, um die viel besprochenen Stücke in Berlin zu sehen) ist selbstredend. Ausserdem ist das Üben einer Verlierer*innen-Reaktion, also eines einstudierten Gesichtsausdrucks mit einem eloquenten Satz, der den ThM aus der Schmach des Nicht-Kennens zumindest oberflächlich rettet, ratsam.
Der ThM verhält sich skeptisch und kritisch zu digitalen Medien. Die zwei Extreme bilden die Smartphone-Verweigerer*innen und die, die online aus sich eine Theatermarke machen wollen.
Der ThM spricht gern in Zitaten aus aktuellen Theaterproben, die nur andere Teilnehmende der Produktion verstehen. Den Zitaten folgt meist ein kurzes Gegiggel oder ein fortsetzendes Auspielen der anzitierten Szene, was das Alltagsgespräch, in das dieses Intermezzo eingefügt wird, manchmal irreparabel zerreisst.
4. Literatur
Schliessen möchte ich mit einer Strophe aus Johann Nestroys Posse Frühere Verhältnisse (1862), in dem Peppi ihre Sehnsucht nach dem Theater besingt.
Was? Das kennt ihr nicht?!
Nicht schlimm. Was auch immer euch am Theater reizt oder Freude macht, ist Grund genug, euch als Theatermenschen zu definieren, wenn ihr das wollt. Ansonsten ist es auch nur eine Schublade von vielen.
Theater! O Theater, du Der Kunst geweihter Tempel! Raubst viel’ Geschöpfen Herzensruh’ - So bin ich ein Exempel. Als Köchin lebt’ ich ungetrübt, Da konnt’ ich lachen, scherzen, Die Herrn war’n alle in mich verliebt, Sonst hatt’ ich keine Schmerzen. Nur eins hat manchmal mich gequält: Sehnsucht nach der Theaterwelt!
Illustration: © Arbnore Toska