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I
Boulogne-Billancourt, Paris, Frankreich
Das Tagebuch ist ein Geschenk von Monsieur und Madame Paul Landowski. Da ich nicht spreche, halten sie es für eine gute Idee, wenn ich die Dinge notiere, die mir durch den Kopf gehen. Anfangs dachten sie, ich wäre dumm, hätte den Verstand verloren, was in vielerlei Hinsicht sogar stimmen mag. Möglicherweise bin ich aber auch nur geistig erschöpft, weil ich mich schon so lange auf diesen Verstand verlassen muss. Und der ist wie ich sehr müde.
Ihnen ist klar, dass ich zumindest einen Funken Intelligenz besitze, denn sie haben mich gebeten, etwas aufzuschreiben. Zuerst meinen Namen, mein Alter und woher ich stamme. Doch ich habe schon vor Langem gelernt, dass man in Schwierigkeiten geraten kann, wenn man solche Dinge notiert, und Schwierigkeiten möchte ich nie wieder. Folglich habe ich am Küchentisch sitzend ein Gedicht zu Papier gebracht, das ich von Papa kenne. Es gibt keinen Hinweis darauf, woher ich kam, bevor ich unter einer Hecke in ihrem Garten entdeckt wurde. Es war keiner meiner Lieblingstexte, aber ich hatte das Gefühl, dass die Worte zu meiner Stimmung passten und sich eigneten, diesem freundlichen Paar, das mir das Schicksal gesandt hatte, als der Tod an meine Tür klopfte, zu zeigen, wie ich mich äußern konnte. Also schrieb ich:
Mond und Plejaden sind untergegangen,
die Nacht ist halb vorbei,
die Jugend vergeht,
und ich schlafe allein.
Ich notierte das Gedicht in Französisch, Englisch und Deutsch, obgleich keine dieser Sprachen diejenige ist, mit der ich das Reden lernte (denn das kann ich sehr wohl. Doch ähnlich wie Geschriebenes lässt sich – besonders in Eile – Gesprochenes gegen einen verwenden). Ich muss gestehen, dass ich mich über den erstaunten Blick Madame Landowskis freute, als sie den Text las. Er würde ihr nicht helfen zu ergründen, wer ich war oder zu wem ich gehörte. Als das Hausmädchen Elsa eine Schale mit Essen vor mir auf den Tisch knallte, schaute die junge Frau drein, als wäre es ihr am liebsten, wenn man mich schnellstmöglich dorthin zurückschickte, wo ich hergekommen war.
Stumm zu bleiben fällt mir nicht schwer. Mittlerweile ist es über ein Jahr her, dass ich mein Zuhause verlassen habe. In dieser Zeit habe ich meine Stimme nur benutzt, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
Beim Schreiben kann ich aus dem winzigen Fenster im Dachboden blicken. Vor einiger Zeit sah ich die Landowski-Kinder, die vom Unterricht nach Hause kamen, den Weg herauflaufen. Sie wirkten sehr schick in ihren Schuluniformen – Françoise mit weißen Handschuhen und Strohhut, ihre Brüder mit weißen Hemden und Jacken. Monsieur Landowski klagt oft über Geldmangel, aber das große Gebäude, der herrliche Garten und die hübschen Kleider, die die Damen des Hauses tragen, deuten eher auf Reichtum hin.
Ich kaue auf meinem Stift herum. Das wollte Papa mir abgewöhnen, indem er das Ende in alle möglichen scheußlich schmeckenden Dinge tauchte. Einmal erklärte er mir, an diesem Tag hätte der Stift bestimmt einen gar nicht so schlechten Geschmack, sei jedoch giftig, weswegen ich tot umfiele, wenn ich ihn in die Nähe meines Mundes bringen würde. Aber beim Nachgrübeln über den Text, den er mir zu übersetzen gegeben hatte, schob ich ihn zwischen die Lippen. Als er das sah, stieß er einen Schrei aus, packte mich am Kragen, trug mich hinaus und stopfte mir Schnee in den Mund, den ich gleich darauf ausspucken musste. Ich bin nicht gestorben, und bis zum heutigen Tag frage ich mich, ob das eine Schocktherapie war, um mir diese Gewohnheit auszutreiben, oder ob der Schnee und das Ausspucken mich tatsächlich gerettet haben.
Obwohl ich mich sehr bemühe, mich an ihn zu erinnern, verblasst sein Bild allmählich, weil ich ihn so lange nicht gesehen habe.
Vielleicht ist es das Beste, wenn ich meine Vergangenheit vergesse. Falls sie mich dann irgendwann foltern sollten, kann ich ihnen nichts verraten. Und falls Monsieur und Madame Landowski meinen, ich würde etwas in das Tagebuch schreiben, das sie mir freundlicherweise gegeben haben, und dem kleinen Schloss mit Schlüssel vertrauen, den ich in meinem Lederbeutel aufbewahre, täuschen sie sich gewaltig.
»In das Tagebuch kannst du alles schreiben, was du fühlst oder denkst«, hat Madame Landowski mir erklärt. »Nur du darfst es lesen, es ist dein ganz privater Ort. Ich verspreche dir, dass wir nie hineinschauen werden.«
Dankbar lächelnd lief ich nach oben in meine Dachkammer. Ich glaube ihr nicht. Aus Erfahrung weiß ich, dass weder Schlösser noch Versprechen ein Hindernis darstellen.
Beim Leben deiner geliebten Mutter verspreche ich dir, dass ich zu dir zurückkomme … Bete für mich, w