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Nicht immer war es selbstverständlich, dass Frauen an der Universität studieren dürfen. Das Zürcher Staatsarchiv lud deshalb vergangene Woche zur öffentlichen Führung zum Thema 150 Jahre Frauenstudium ein.
Dass die Frau „dem Kinde näher als dem Mann“ sei, wurde 1872 noch geglaubt. Somit ist es nicht verwunderlich, dass noch einige Jahrzehnte vergehen mussten, bis Frauen sich an Universitäten etablieren konnten. Dabei ist heute der Frauenanteil an der Universität Zürich sogar grösser als derjenige der Männer.
150-jähriges Jubiläum
Diese und weitere Informationen waren an einer öffentlichen Führung des Zürcher Staatsarchives zum Thema 150 Jahre Frauenstudium zu erfahren. Anlass der Veranstaltung war das 150-jährige Jubiläum der ersten Frau mit Doktortitel im Deutschsprachigen Raum, Nadeschda Suslowa. Die UZH wurde durch die Russin zur ersten europäischen Universität, an der Frauen nicht nur als Hörerinnen, sondern als vollwertige Studentinnen zugelassen waren und einen Abschluss erlangen konnten. Zeugnis dieser Ereignisse sind die vielen schriftlichen Dokumente, die der Führung wegen hier im Keller des Staatsarchivs ausgestellt wurden. Darunter zu finden waren Urkunden, Zeitungsartikel, Studierendenverzeichnisse. Gekonnt erzählte Verena Rothenbühler Anekdoten und brachte den anwesenden Interessierten einzelne Schicksale näher. Die Studentin Olga Kraft etwa wurde 1877 vom Studium an der UZH ausgeschlossen, nachdem sie ein uneheliches Kind gebar. Der Vater des Kindes war von einer solchen Massnahme nicht betroffen.
Russinnen und Medizinerinnen
Die Medizinerin und Pionierin Suslowa war aber nur eine von vielen Frauen, die aus Russland an die Universität Zürich kamen, um hier zu studieren. Dies nicht ohne Grund, denn viele RevolutionärInnen aus Russland, darunter etwa Rosa Luxemburg, flüchteten in das liberale Zürich. Zudem galt die Ausbildung zur Medizinerin noch am ehesten als akzeptabel, da Frauen in helfenden oder heilenden Positionen zu rechtfertigen waren. Während die erste Professorin mit Emilie Kempin-Spyri zwar eine Juristin war, ist es nicht überraschend, dass die erste Schweizer Studentin, Marie Vögtlin, Medizinerin war. Als Rarität unter ihren männlichen Kommilitonen war es Vögtlin unangenehm, sich «passiv begaffen lassen zu müssen». Verständlich. Hier in den Tiefen des Staatarchivs am Irchel rückten die Studentinnen erneut ins Rampenlicht, wenn auch aus anderer Perspektive. «Wir wollen diese Frauen überhaupt sichtbar machen», meinte Rothenbühler. Und sichtbar sind sie im Archiv, auf alten Fotos und Dokumenten.
Würdigung Suslowas
Am 16. November wird an der Universität zudem passend eine Feier zur Würdigung Suslowas veranstaltet und gleichzeitig der Marie Heim-Vögtlin Preis als «Förderungsinstrument für exzellente Forscherinnen auf Postdoc-Stufe» verliehen. Die Preisträgerin ist weder Medizinerin noch Juristin, sondern die Mathematikerin Mathilde Bouvel für «ihre Arbeit auf dem Gebiet der Kombinatorik». Vom misogynen Unsinn einer «geistigen Inferiorität der Frau» ist dabei zu Recht nichts mehr zu hören.