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Hecht an der Grenze
für die Menschen 1 + Fortsetzung
Reportage von Andrea Saemann im Tagblatt «Hecht an der Grenze», vom 30. März 2014
Während den Vorbereitungen zu ihrer Performance hat Dorothea Rust Folgen- des notiert: «Limes ist das lateinische Wort für Querweg, Schneise, Grenzweg, Grenzwall, abgeleitet von den Wörtern limus / quer und limen / Türschwelle. Der Begriff dient zur Einteilung eines Raumes und zur Erschliessung von Gelände. Zunächst hätten die Römer mit Limes ein Feld oder einen Acker begrenzt und mit Grenzsteinen, Holzpfosten und Landmarken wie Bäumen und Flüssen bezeichnet; später dann allgemein die Grenzen des römischen Reiches markiert mit Grenzwällen und Grenzsystemen in Vorderasien, Europa und Afrika. — Doch mit Limes wird heute der obergermanisch-rätische Grenzwall gemeint, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. errichtet, die nördliche Aussengrenze des römischen Imperiums bildete. Er verlief über 550 km vom Rhein bis zur Donau, um vor den germanischen Übergriffen zu schützen. Zunächst als Postweg mit Wachtürmen angelegt, wurde er in den anschliessenden Jahrzehnten mit Palisaden, Wällen, Gräben und zum Teil mit durchgehenden Mauern ausgebaut.»
Nun stehen wir versammelt auf dem Schiffsteg vor der Waaghausterrasse und hören es rufen. Es ruft von hinter der Wand, von rechts nach links und ums Eck, zwischen dem Schiffssteg und um die Waaghausterrasse herum «Limes», «Limes»! Steine werden aus dem Nass des Seerheins gezogen und auf den Steg gelegt. In schweren Fischerstiefeln stapfend und wankend bewegt sich Dorothea Rust langsam vorwärts und unter uns durch. Auf dem Rücken ein hölzerner Bottich, der sich nach oben verjüngt, so dass die gefangenen Fische nicht davonspringen, nicht davonschwimmen. Rust hat damit keine Fische, sondern eine Tonspur eingefangen, eine Stimme im Resonanzraum des Bottichs zum Erklingen gebracht. Rust hört der Stimme zu, wiederholt uns ihre Worte, schleudert uns einzelne geschichtliche Informationen als Wortbrocken vor die Füsse.
Dicht ist das Gesagte. Zahlreich sind die Tatbestände, mannigfaltig das recherchierte Material. Es beginnt 10’000 Jahre v. Chr., kommt zum Limes der Römer und tastet sich durch die Geschichte hindurch. Hin zu uns. Hier im Heute regnet es und ist widrig. Rust riskiert, nimmt wie es kommt und verstärkt das, was sie hört. Immer wieder geht es um die Seegfrörni. Diese komplette Seegfrörni. Hatte die Künstlerin nicht schon immer den Plan, über den See zu gehen, um zu Fuss das andere Ufer zu erreichen? Würden in diesem Falle Grenzsteine auf der Eisdecke verteilt werden, um das Bewusstsein der Grenze weiterhin aufrecht zu erhalten? Eine Seegfrörni in fast allen Jahrhunderten. Und der hölzerne Johannes, der dann über den See getragen wird. Hin und her. Von einer Seegfrörni zur nächsten den Bogen schlagend. Wie ein Pendel, das innehält für den Moment zwischen zwei Seegfrörnis.
Unten auf den Uferbefestigungen steht Dorothea Rust, auf metallenen Profilen, die mit Beton ausgegossen und ins Ufer gerammt sind. Die Wellen schwappen knapp drüber, der Rheinpegel ist tief. Es ist kalt geworden in den letzten Tagen, der Schnee aus den Bergen ist noch nicht im Fluss angekommen. So geht Dorothea Rust, die Arme über den Kopf gestreckt und sich mit den Händen am Bordstein der Uferpromenade haltend, das Gesicht zu uns nach oben gerichtet. Regen fällt in ihre Augen, wäscht ihren Blick. Wird sie selbst Fisch? Auf- und abtauchend aus den Strudeln der Geschichte? Aus der Fülle der gelebten Schicksale an dieser Grenze?
So beginnt sie zu singen, ein wortloses Lied: «Jai dai, da dai dai, da dai». Es sei ein chassidisches Lied, erfahre ich später, «durch die häufigen Wiederholungen versuche der Betende, sich leer zu machen und für Gott zu öffnen». Mit diesem Lied weiter durch Regen und Historie stapfend, erreicht sie die Bootsrampe. Aus ihrer Fischfang-Lautsprecher-Chratte holt sie nun Bilder, kopierte Bilder zu den Worten, zu den Grenzziehungen zwischen den Ländern. Sie übergibt sie dem Wasser und den Wellen, die das vorbei- fahrende Ausflugsboot ihr zuspielen und die visuellen Abbildungen ins Schwanken bringen. Die Grenze zwischen Land und Wasser auslotend, zeigt sich bei Dorothea Rust die Performance als eine veritable Grenzgängerei.