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Einst spielte er den Superhelden Birdman und leidet bis heute darunter für keine andere Rolle gekannt und erkannt zu werden. Riggan Thompson, eigentlich im besten Schauspieleralter, kommt von seinem Image als einstiger Superheld nicht mehr los. Nun steht er, von Selbstzweifeln geplagt, mit schütterem Haar und eingefallenen Augen, kurz vor der Premiere seines selbst inszenierten Broadwaystückes nach Ray Carver. Eine gescheiterte Ehe, eine Tochter, die gerade aus dem Entzug kommt, Geldsorgen, ein bekannter und sauteurer Mitdarsteller, der ihn den letzten Nerv kostet (aber ein Potential hat um genügend News und Zuschauer zu generieren) und die Figur, die immer im Hintergrund lauert… Birdman. Als gäbe es nicht schon Probleme genug.
Alejandro G. Iñárritu, mexikanischer Regisseur mit vielen Sonderzeichen im Namen, die selbst den geübten Kritiker aus der Fassung bringen, ist spätestens seit 21 Grams und Babel ein Regisseur in aller Munde. Für Birdman: Or (The Unexpected Virtue of Ignorance) konnte er gleich drei (von insgesamt vier) Oscars abholen (Film, Regie, Drehbuch) und, so darf zurecht behauptet werden, verdient hätte den Oscar eindeutig auch Michael Keaton – zudem ist es ein lustiger aber nicht unverständlicher Widerspruch sich in einem System auszuzeichnen, an dem die versammelte Academyriege teilnimmt und welches nur allzu oft seine Darsteller mit Nachhaltigkeit in ihren bekanntesten oder besser einträglichsten Rollen festsetzt!
Der Film ist ein virtuoses Schauspielerstück mit einer schlicht umwerfenden Leistung von Michael Keaton, notabene ein Darsteller, der nach seinen beiden Tim Burton-Batman Filmen selber nie so ganz aus dem allzu grossen Schatten eines Superhelden heraustreten konnte (witzigerweise lässt Riggan an einer Pressekonferenz mit gerade mal drei anwesenden Journalisten verlauten, er habe seit 1992 Birdman nicht mehr gespielt, dem Jahr in dem Batman Returns in die Kinos kam und Keaton den dunklen Rächer zum letzten Mal gespielt hatte).
Edward Norton gibt den fiesen Kollegen (einen weniger begabten Kollegen kurz vor der Premiere ersetzend), dessen Prominenz das Stück vorab in die Schlagzeilen bringt und es somit bekannter macht als Riggan sich je hätte erträumen können. Nicht unähnlich Keatons Hintergrund kann auch Nortons Charakter als Parodie ausgelegt werden, ist er doch für sein schwieriges Verhalten auf Sets berühmt-berüchtigt.
Wie Hitchcock in Rope stellt Iñárritu seine Darsteller in den Mittelpunkt und gibt ihnen in sehr langen, nur von wenigen, gut getarnten Schnitten unterbrochenen Einstellungen Zeit für Aktion und Reaktion, ihre Dialoge sind schnell und fast ebenso lang wie die Einstellungen selbst. Faszinierend und in dieser Intensität selten gesehen. Gut vorzustellen, wie oft geprobt werden musste und dass so manch ein Take nicht hinhaute, weil ein Statist zum falschen Zeitpunkt auftauchte oder ein Schauspieler sich verhaspelte.
Ein kleiner Skandal umrankte den Score von Komponist und Schlagzeuger Antonio Sanchez, es ist fast Ironie des Schicksals. Die Academy, die dem Film vier Statuetten servierte, taxierte Sanchez‘ Drum-Score aufgrund der im Film „prominent“ verwendeten klassischen Stücke als nicht wählbar. Böse Zungen behaupteten zwar, Sanchez sei nicht zuletzt auf Grund der Fakten, dass sein Score anstatt von einer grösseren Anzahl Musikern nur von einem Schlagzeug intoniert worden und er kein Academy Mitglied sei, disqualifiziert worden, doch fand das strikte Reglement der AMPAS hier seine in den letzten Jahren wohl umstrittenste Anwendung, die da heisst „Scores diluted by the use of tracked themes or other pre-existing music, diminished in impact by the predominant use of songs, or assembled from the music of more than one composer shall not be eligible“.
Fakt ist: die verwendeten klassischen Stücke von Mahler, Ravel, John Adams oder Tschaikowski dienen im Film als Musik im Theaterstück und nicht als Score für den Film. Da der Film zum Grossteil im Theater spielt, in dem das Ray Carver Stück aufgeführt wird, läuft die getadelte Musik hie und da auch im Hintergrund der Filmhandlung. Dennoch ist eine derart barsche Auslegung durchaus fraglich und es ist nur verständlich, dass sich der Musiker aber auch Regisseur Iñárritu extrem enttäuscht zeigten. Witzigerweise fand sich ein weiterer Score, der sich mit dem Thema Schlagzeug befasste, im gleichen Jahr auf der Abschussliste der Academy, jener von Justin Hurwitz zu Whiplash.
Fazit: Grandioser Film mit fantastischen Schauspielern und wundervollen Dialogen! Ein Muss!
Phil, 29.5.2015
BIRDMAN: OR (THE UNEXPECTED VIRTUE OF IGNORANCE) R: Alejandro G. Iñárritu D: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts u.a. Musik: Antonio Sanchez Verleih: Fox