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David Bowie, Prince, Leonard Cohen: Drei unsterbliche Momente
- Aktualisiert am Dienstag, 27. Dezember 2016, 7:49 Uhr
2016 war musikalisch gesehen ein Trauerjahr: Neben George Michael haben drei weitere der grössten Musiker das Zeitliche gesegnet. Es ist aber Zeit zu feiern, statt zu trauern: Wir feiern drei Menschen, die sich leider als sterblich herausstellten, mit drei Geschichten, die uns für immer bleiben.
Als die Gitarre von Prince in die Lüfte entschwand
Die Geschichte hinter dem epischen Prince Gitarrensolo auf dem Beatles-Song «While My Guitar Gently Weeps». Hier war Prince nicht Frontmann, sondern Lead-Gitarrist, abseits seiner violett schimmernden Studio-Kunst.
Es war der 15. März 2004. George Harrison wurde posthum aufgenommen in die «Rock n’ Roll Hall of Fame». Der Ort: New York, Waldorf Astoria. Die Band: Tom Petty, George Harrisons Sohn Dhani Harrrison und einige weitere Musik-Cracks. Erst kurz vor der Show kommt Produzent Joe Gallen mit der Nachricht , dass Prince das Gitarrensolo spielen wird.
«Keine Angst, das wird schon.»
Am Abend vor der Show war Probe. Prince hatte Sound-Probleme, verschwand im Hotelzimmer, kam später zurück. Tom Petty, der später mit der «New York Times» über diesen einmaligen Moment sprach, schildert die Probe folgendermassen: «Prince erschien mit seiner Gitarre an der Seite der Bühne. Als er die Bühne betrat, begann aber der Gitarrist der Band mit dem Solo, Note für Note, wie im Original des Beatles-Songs.» Produzent Gallen war ausser sich: «Wir haben Prince bei uns auf der Bühne, und irgend so ein Studio-Gitarrist schnappt ihm das Solo weg!» Gallen unterhielt sich nach der Probe kurz mit Prince, wollte sich entschuldigen. Prince lächelte nur und sagte: „Keine Angst, das wird schon.“
Das Coolste, was ein Gitarrist tun kann
Am nächsten Abend der Auftritt. Tom Petty: «Du konntest den magischen Moment förmlich spüren. Die Luft flimmerte.» Bei 3:28 Min. betritt Prince die Bühne, und er erobert sie im Sturm. Das Lächeln auf dem Gesicht von Harrisons Sohn Dhani verrät tiefste Genugtuung, Tom Petty feuert Prince an: «Go on, go on». Man sieht es förmlich, hier wird gerade Musikgeschichte geschrieben. Prince spielt ein ausserirdisches Gitarrensolo, fackelt buchstäblich alles ab, lässt sich rücklings ins Publikum fallen. Ganz am Schluss macht er das vielleicht Coolste, was ein Gitarrist je getan hat: Er nimmt seine Gitarre ab, schleudert sie in die Luft und läuft davon. Schlagzeuger Ferrone: «Bis heute fragen sich alle, wohin seine Gitarre verschwand, wer sie auffing. Ich weiss es nicht. Und ich war auf der Bühne!»
Als David Bowie bei Top of the Pops «Starman» spielte
Fünf Millionen Briten sitzen vor ihrem Fernseher, es läuft die BBC-Hitparadenshow «Top of the Pops». David Bowie als sein Alter Ego Ziggy Stardust und seine Band betreten in exotischer Aufmachung die Bühne.
Ein ikonischer TV-Moment, ausgestrahlt auf BBC am 6. Juli 1972, aufgenommen einen Tag vorher. Es wird David Bowies kommerzieller Durchbruch. In diesem Auftritt steckt bereits alles, was David Bowie später zu einer der grössten Figuren der Rockmusik machen sollte. Das Spiel mit den Geschlechtern, sein Rebellentum, seine Genialität als Musiker, als Künstler, Performer. Und auch das PR-Genie David Bowie.
«Ich habe Dich ausgesucht»
Bowie im knallbunten, hautengen Einteiler, Glitzer-Make-Up, mit orangen Haaren. Er flirtet offensiv mit seinem Gitarristen Mick Ronson. Und plötzlich schaut er in die Kamera, zeigt mit dem Finger darauf, dass es heute noch wirkt, als wähle er aus allen Verehrerinnen und Fans genau dich aus, während er diese Zeilen singt: «Ich musste jemanden anrufen, und ich habe dich ausgesucht.»
Bowies Geburtsstunde
Als David Bowie an diesem Tag in dieser biederen Hitparaden-Show auftauchte, war in den englischen Wohnzimmern auf einen Schlag nichts mehr, wie es vorher war. Väter wüteten, Mütter weinten. Und eine Generation von begeisterten Teenagern wollte selbst eine Band – oder legte sich spätestens am nächsten Tag solche Klamotten zu. Es war David Bowies wahre Geburtsstunde.
Als Leonard Cohen auf der Bühne weinte
1972 spielte Leonard Cohen eine Europatournee, die ihn für 20 Konzerte von Dublin bis nach Jerusalem brachte. Am Ende war er emotional und physisch erschöpft. Und als er seine Ex-Freundin im Publikum erblickte, brach er in Tränen aus.
Wenn es je eine Konzerttournee gab, die den künstlerischen Überlebenstrieb eines Musikers testete, dann Leonard Cohens Europatournee 1972. Drogen spielten dabei eine Rolle. Es war die Zeit, als Cohen und seine Band regelmässig mit LSD experimentierten. Die meisten Konzerte waren von technischen Problemen überschattet und geprägt von emotionalen Hochs- und Tiefs Cohens. Im Konzertfilm «Bird on a wire» sagte er: «Ich bin kein komplizierter Mensch, aber das ist das 15. Konzert ohne Sound. Wir hören nichts hier auf der Bühne. Alles ist im Dunkeln.»
Plötzlich sah er Marianne im Publikum
Umso emotionaler und überwältigender dann das allerletzte Konzert in Jerusalem. Es war ein Triumph. Als er zum Ende den Song «So Long, Marianne» anstimmt, erblickt er ausgerechnet Marianne Ihlen überraschend im Publikum - seine ehemalige Muse, für die er genau diesen Song geschrieben hatte. Während er weitersingt, kullern ihm die Tränen übers Geschicht. Er dreht sich zu seinen Mitmusikern, sie weinen ebenfalls. Im Backstage-Raum versuchen sie, sich zu beruhigen, doch es gelingt nicht.
«Ich werde dir bald folgen»
Cohen tritt noch einmal ans Mikrofon: «Hört her, Leute, meine Band und ich weinen hinter der Bühne. Wir sind zu aufgewühlt, um weiterzumachen.»
Als Cohen 44 Jahre später, im Sommer 2016, von Mariannes Krebserkrankung erfährt, schreibt er ihr einen emotionalen Abschiedsbrief mit den Worten: «Ich werde dir bald folgen.»
Der britische Filmemacher Tony Palmer begleitete Leonard Cohen 1972 auf seiner Tournee und drehte den Dokumentarfilm «Bird on a wire». In diesem Film-Ausschnitt sieht man, was nach Cohens emotionalem Zusammenbruch hinter der Bühne passierte.