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Was ist das Gegenteil von „Big in Japan“? – Genau: „Small in Scottland“. „Small“, weil: Keine 10 cm hoch ist dieses Büchlein, nicht einmal ½ cm breit sein Rücken. Und „Scottland“, weil: Dr. John Brown war ein schottischer Arzt; die Handlung des Büchleins spielt in Edinburgh, zur Zeit von Browns Medizinstudium. Im Übrigen aber alles andere als „small“ – Dr. John Brown (1810-1882) ist zumindest in englischsprachigen Regionen nach wie vor ein bekannter Name. Und zu Rab and His Friends gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel – wenn auch nur auf Englisch. Darin wird auch die Story nacherzählt, weshalb ich mir das erspare. Wer Rab and His Friends lesen will, wird es sowieso auf Englisch machen müssen; m.W. existiert keine Übersetzung. Die im Wikipedia-Artikel enthaltene Eloge Browns
He wrote comparatively little; but all he did write is good, some of it perfect, of its kind.
könnte ich allerdings so nicht unterschreiben. (Der Autor wurde, nebenbei, auch auf Portugiesisch mit einem längeren Artikel bedacht, und auf Schwedisch mit einem Mini-Beitrag.)
Ich verliere mich in Ephemera – immer ein Zeichen dafür, dass ich mich eigentlich nicht zum Text selber äussern möchte… Denn der ist banal. Anscheinend eine Erinnerung an Browns Studienzeit, schildert der kurze Text das Schicksal eines Ehepaares, bei dem der Mann als Fuhrmann seinen kargen Unterhalt verdient. Bei der Frau wird Brustkrebs diagnostiziert, sie wird operiert, stirbt aber trotzdem, der Mann ihr nach und zum Schluss stirbt auch der Hund. Rab nämlich ist der Hund des Paars, den der Ich-Erzähler noch als Junge kennenlernt. Diese Szenen rund um einen Hundekampf – mit Rab in der Hauptrolle – sind auch die am besten erzählten. Einen Moment lang glaubte ich, Szenen aus Mark Twains Tom Sawyer zu lesen. Bei der Schilderung der Krankheit und des Kranken- bzw. Sterbelagers der Frau dann aber wird Brown süsslich und sentimental. Der Tod der übrigen Familienmitgleider wiederum wird unziemlich schnell heruntergehaspelt.
Zwei Dinge allerdings machen das Büchlein interessant:
Da ist zum einen die Schilderung der Operation: Vor versammelter Studentenschaft, ohne Anästhesie – und selbst der Hund darf sich bei der Operation im Raum aufhalten. Medizin zu Beginn des 19. Jahrhunderts…
Zum andern ist da der Hund selber, bzw. dessen Beschreibung. Brown gelingt es, den Hund als Hund zu beschreiben. Bei der Schilderung von Menschen wird er süsslich-sentimental – den Hund beschreibt er mit grossem hundepsychologischen Einblick. In keinem Moment wird Rab vermenschlicht; seine Reaktionen aber aus seinem begrenzten Hunde-Horizont heraus so geschildert, dass man z.B. seinen Zweispalt anlässlich der Operation gut nachvollziehen kann: Wird seinem Frauchen, das er bedingungslos verehrt, nun gut oder weh getan? Soll er die Anwesenden aus Liebe ablecken oder im Zorn beissen? Ich habe, um ehrlich zu sein, noch nie eine tierische Psyche so gut geschildert gefunden. (Ich selber kann es – wie man gerade gesehen hat – nicht.)
Wie ich überhaupt auf diesen Text gekommen bin? Dr. John Brown und Rab and His Friends gehören auf die Liste jener von Mark Twain unbedingt verehrten Gestalten bzw. Texte, die sich aus seiner Geheimen Autobiografie ziehen lässt. Was beweist, dass der literarische Geschmack von literarischen Grössen auch nicht über jeden Zweifel erhaben ist…