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Phantastische Geschichten: "Ob ich geträumt hatte?"
Die unheimliche Bibliothek
Kurz vor den Ferien beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler der 3b und 3e mit „phantastischen Geschichten“, u.a. mit Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“.
(Haruki Murakami: „Die unheimliche Bibliothek“, aus dem Japanischen von U. Gräfe, Dumont Buchverlag, Köln 2013.)
Darin begleiten wir einen Jungen, der eigentlich nur seine Bücher in der Stadtbibliothek abgeben und neue Werke über die Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich ausleihen will. Von einem alten, dämonischen Bibliothekar, der ihm den gewünschten Lesestoff herbeischafft, wird er schliesslich durch ein unterirdisches Labyrinth geführt und in ein Verlies eingesperrt. Sobald der Junge alles über osmanische Steuereintreibungsmethoden vor Ort gelesen haben wird, will der unheimliche Alte ihm den Kopf absägen und das Gehirn aussaugen.
Während der Gefangenschaft wird der Junge mit Tee und köstlichen Donats versorgt, die ihm von einem Schafsmann und einem stummen Mädchen, das sich im weiteren Verlauf in einen Star verwandelt, gebracht werden. Nachdem der Junge das Vertrauen der beiden gewinnen kann, planen sie die Flucht, die ihnen später auch glückt: Er entkommt diesem „Albtraum“, verlässt letztlich das Verlies seiner Angst und findet sich auf einer Wiese in einem Park wieder. „Als ich nach langer Zeit meine Augen wieder öffnete, war der Schafsmann nicht mehr da. (…) Ich rief laut nach ihm. Aber es kam keine Antwort. Der Schafsmann war, ohne etwas zu sagen, einfach verschwunden. Wie Morgentau verdunstet.“ (S. 60)
Ein typischer Murakami-Text – viele Fragen bleiben offen. Was ist Wirklichkeit, was Traum? Wer sind diese seltsamen Gestalten? Welche Rolle spielt die Mutter? Und wie geht es weiter?
Vielleicht so:
Fortsetzung von Francesco Rudi (3b)
Als ich nach Hause kam, sass meine Mutter wie immer vor dem Fernseher. Ich wollte mich unbemerkt in mein Zimmer schleichen, da hörte auf einmal ihre schrille Stimme hinter mir: «Wo warst du die ganze Zeit? Ich habe mir Sorgen gemacht.» «Ich war in der Bibliothek und habe etwas über osmanische Steuereintreiber gelesen.» Mit diesem Satz verschwand ich schnell in meinem Zimmer, ohne dass meine Mutter noch irgendwelche Fragen stellen konnte, und dachte, ich hätte das Schlimmste überstanden.
Etwas ratlos stand ich in der Mitte des Zimmers, das wegen der heruntergelassenen Rollladen in dunkles Licht getaucht war. Für einen Moment war es still im Haus, dann hörte ich das leise Quietschen rostiger Sprungfedern und einen Augenblick später schwang voller Wucht meine Zimmertür auf und meine Mutter trat mit schweren Schritten und wutverzerrtem Gesicht hinein. Sie wirkte grösser als sonst. Sie baute sich vor mir auf und wieder ertönte ihre durchdringende Stimme. Dieses Mal schrie sie fast: «Ich war noch nicht fertig, junger Mann. Wie kannst du es wagen, mir einfach aus dem Weg zu gehen, nachdem du solange verschwunden warst! Ich nehme an, da du die Nacht draussen verbracht hast, macht es dir sicher nichts aus, die nächsten drei Tage in deinem Zimmer zu verbringen. Oder hast du irgendwelche Einwände?» Ohne eine Antwort abzuwarten, verliess sie den Raum, zog die Tür hinter sich zu, die laut ins Schloss fiel, und ich meinte ein Klicken zu hören, als wäre ich von aussen eingeschlossen worden.
Ich wandte mich um und sah in den dunklen Raum. Wie üblich hockte mein kleiner Star in seinem Käfig, der von der Decke hing. Ich warf mich auf mein Bett und wollte zu weinen beginnen, doch ich brachte keine Träne heraus und stand wieder auf. Ich ging zum Käfig, nahm den Vogel heraus, legte ihn auf meine Hand und drückte ihn an meine Brust. Sanft streichelte ich ihr über den Rücken. Das Streicheln beruhigte mich ein wenig, ich liess meine Gedanken schweifen und blickte sehnsuchtsvoll aus dem Fenster. Da vernahm ich die zarte Stimme des Mädchens: «Ich habe dir versprochen, dass ich nachkomme, und hier bin ich.» Ich schaute den Vogel überrascht an und antwortete voller Freude: «Ich wusste, dass du es schafft, ich bin so froh, dass du hier bist. Aber was ist aus dem alten Mann geworden?» «Ich weiss es nicht. Als du weg warst, war er es ebenso.» «Wie der Schafsmann. Er hätte sich wenigstens verabschieden können.»
Das plötzliche Klopfen an meiner Tür riss mich aus meinen Gedanken. Mein Vater trat ins Zimmer. Er versuchte zu lächeln, doch ich merkte, dass es ihm schwerfiel. In der einen Hand trug er einen Teller voller Donuts, in der anderen ein Glas heissen Kakao. Er schloss die Tür leise, setzte sich aufs Bett und flüsterte: «Keine Sorge, ich krieg dich hier schon irgendwie früher heraus und eigentlich ist es gar nicht so schlecht hier. Jetzt nimm erstmal einen Donut, sie sind ganz frisch.» «Danke Papa».
Wieder war es einen Augenblick lang still, dann hörte ich die Stimme meiner Mutter aus dem Wohnzimmer: «Geh von dem Jungen weg, er muss seine Strafe absitzen, und zwar allein.» «Aber Schätzchen, er ist doch noch ein Kind.» Die Stimme meines Vaters zitterte ein wenig. «Ich habe dir gesagt, du sollst aus dem Zimmer raus!» Ihre Stimme kam immer näher. Sie sagte noch etwas, aber ein Bellen von draussen übertönte ihr Geschrei, sodass ich nichts verstehen konnte. Mein Vater wirkte plötzlich sehr traurig. Behutsam stellte er den Teller und das Glas auf den Boden, drehte sich wieder zu mir und nahm mich liebevoll in den Arm. Ein tiefes Seufzen drang an mein Ohr, schliesslich löste er sich aus der Umarmung und verliess mit gesenktem Kopf mein Zimmer. Als die Tür für einen Moment offenstand, sah ich den Schatten meiner Mutter, der mit erhobener Hand ausholte und sich dann auf meinen Vater stürzte. Die Tür schloss sich wieder, dieses Mal leiser und ohne das klickende Geräusch des Schlosses, was mir etwas Hoffnung machte.
Wieder Stille. Ich hatte den Vogel auf meiner Hand schon fast vergessen, da sprach erneut die Stimme des Mädchens zu mir: «Keine Sorge, uns ist die Flucht schon einmal gelungen. Was spricht gegen ein zweites Mal?» «Kann schon sein», meinte ich. So richtig überzeugt war ich allerdings nicht. Wieder überfiel mich ein seltsames Gefühl. Ich brachte den Vogel zurück in seinen Käfig, holte mein Lieblingsbuch Erinnerungen eines Schäfers aus dem Regal, setzte mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, schaltete die kleine Schreibtischlampe an, die nur wenig Licht bot, und begann zu lesen…
Fortsetzung von Marisa Caluori, Clara Sarnthein und Lena Ziebold (3b)
Ich sah mich um und nahm einen tiefen Atemzug. Kalte Luft füllte meine Lunge und ich fühlte mich lebendig, so wie die Vögel, deren Gezwitscher den Park erfüllte. Alles schien normal. Geradezu paradiesisch. Doch etwas stimmte nicht. Plötzlich begann die Welt um mich herum zu beben. Alles drehte sich, der Grund unter meinen Füssen wurde weggerissen und ich stürzte ins Bodenlose. Mit einem spitzen Schrei schreckte ich auf und sah Rebekka, meiner Lieblingsbibliothekarin, ins Gesicht. «Entschuldige, dass ich dich wecken muss, aber es ist schon 17.20 Uhr und die Bibliothek schliesst gleich», sagte sie behutsam. Verwirrt blickte ich um mich. Unter mir lag aufgeschlagen das Buch «Erinnerungen eines Schäfers». Hatte ich das Buch nicht schon zurückgegeben? Nein. Das konnte nicht sein. Es lag doch da. Direkt vor mir. «Ist alles in Ordnung?», fragte Rebekka besorgt nach. «Ja», antwortete ich abwesend, steckte die «Erinnerungen eines Schäfers» in meine Tasche und lief dem Eingang entgegen. Meine neuen Lederschuhe riefen ein seltsames Klacken hervor, als ich über das graue Linoleum ging. Als wäre es gar nicht ich, der dort ging. Ich kam an der Ausleihe vorbei. Hatte dort nicht eine andere, mir unbekannte Frau, anstatt Rebekka gesessen? Nein. Das konnte nicht sein. Rebekka sass doch da. Direkt vor mir. Ich ging weiter. Ich musste mich beeilen, damit ich nicht zu spät zum Abendessen kam, denn meine Mutter würde sich sonst schrecklich Sorgen machen.
Als ich die Strasse entlanglief, dämmerte es bereits und die Strassenlaternen strahlten ein schummriges Licht aus. Mit einem leisen Rasseln schloss ich die Haustür auf und betrat die Wohnung. Nur schwach konnte ich die Silhouette meiner Mutter hinter dem laufenden Fernseher erkennen, der die einzige Lichtquelle im Zimmer war. Sobald sie mich erblickte, sprang sie auf, machte das Licht an und rief aufgeregt: «Wo warst du so lange?! Ich habe mir schon Sorgen gemacht! Musst du nicht noch Hausaufgaben machen, lernen oder … - egal. Das wirst du nach dem Essen machen müssen. Setz dich.» Sie deutete auf den gedeckten Tisch, drehte mir plötzlich den Rücken zu und dimmte das Licht. Irgendetwas störte mich. Ein Gedanke. Aber ich wusste nicht genau was. Ein leises Surren riss mich in die Realität zurück. Eine Fliege schwirrte um meinen Kopf herum. Ich hörte ein zweites, ein drittes Surren. Ich sah meine Mutter an, doch was ich da erblickte, liess mich vor Schreck erstarren: Etwas flog aus ihrem mir so vertrautem Mund heraus. Eine Fliege. Viele Fliegen. Unzählige Fliegen.
Fortsetzung von Maude Annen, Alessia Loeliger, Gianna Marconi (3b)
Ich richtete mich auf und blinzelte ein paar Mal in das helle Morgengrauen. Plötzlich schoss mir der Gedanke an meine Mutter durch den Kopf. Vermutlich hatte sie sich schon längst vor Sorge die Augen aus dem Kopf geweint. Ruckartig richtete ich mich auf und machte mich schnellen Schrittes auf den Heimweg.
Behutsam schloss ich die Haustür auf und trat in den Flur. Vom Raum nebenan nahm ich, nebst ein paar verschwommenen Stimmen, welche aus dem Fernseher zu kommen schienen, ein summendes Geräusch wahr. Ohne wie üblich in meinem Zimmer zu verschwinden, wagte ich mich langsam vor und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Ich erkannte meine Mutter, die stumm auf dem Sofa sass. Als sie mich sah, musterte sie mich mit ihren freundlichen Augen. Von irgendwoher kannte ich diesen Gesichtsausdruck. Ich ging langsam näher, mein Blick fiel auf ihre Lippen und ich bemerkte einen blutigen Striemen an einem ihrer Mundwinkel. Da wurde mir alles klar. Erstarrt blieb ich stehen.
«Er war hier, nicht wahr? Er war wieder hier.»
Sie antwortete nicht, machte nur ein bekümmertes Gesicht. So hatte ich sie noch nie erlebt. Sie kam nicht, um mir eine Lektion zu erteilen. Sie kam nicht, um mich meiner Pünktlichkeit zu belehren. Sie kam nicht, um mich in mein Zimmer zu scheuchen. Nein, im Gegenteil. Sie sass einfach nur da. Wie gelähmt. Es schien mir, als hätte sie Angst davor, nach ihrem eigenen Willen zu handeln, als wäre sie eine leere Hülle.
Nicht einmal mein Star gab einen Laut von sich. Abgemagert hockte er in seinem Käfig neben dem Sofa. Wieder überfiel mich ein seltsames Gefühl. Ich schaute an mir hinunter und sah, dass ich keine Schuhe trug. Alles begann sich zu drehen, jegliche Hoffnung verschwand und ich realisierte, dass Träume, wie schlimm sie auch sind, mit der Realität verschmelzen. Mein Leben war ein einziger Albtraum...
Fortsetzung von Justine Jerlin (3e)
Ich verstand nicht, was gerade passiert war. War es real gewesen oder hatte ich mir das alles nur eingebildet? Ehrlich gesagt wollte ich mich lieber nicht an dieses Erlebnis erinnern, ich wollte einfach nur vergessen, alles hinter mir lassen. Ich richtete mich auf, ordnete meine Kleidung und machte mich auf dem Heimweg.
Als ich die Hauptstrasse entlanglief, fielen mir die Wollhaufen auf, die in regelmässigen Abständen auf dem Gehweg lagen. War es die Wolle des Schafsmannes? Was wohl mit ihm passiert war? Neugierig folgte ich dem Wollpfad, als ich plötzlich einen Star auf dem Ast eines hohen Baumes sitzend bemerkte. Mein Star und jener Vogel, der mich gestern vor dem bösen alten Mann gerettet hatte, sahen genau gleich aus. Das konnte kein Zufall sein! Wieder überfiel mich ein seltsames Gefühl. Die Grenze zwischen Realität und Traum war in der vor-herigen Nacht unglaublich dünn gewesen, ich konnte keinen Sinn darin erkennen. War dieser Star auf dem Baum vielleicht das schöne Mädchen aus dem Verlies? Ich verwarf den Gedanken gleich wieder, da die gestrigen Geschehnisse sich kaum real anfühlten.
Ich lief weiter und erkannte schliesslich, dass die Wollhäufchen bis zu meiner Haustür reichten. Hatte sich der Schafsmann in meinem Haus versteckt? Ich trat hinein und schloss lautlos die Tür, damit meine Mutter mich nicht bemerken würde. Ein Geräusch drang aus der Küche. Als ich näherkam, erblickte ich den Schafsmann, der leblos in einer Blutlache auf dem Boden lag. Neben ihm stehend – meine Mutter, die mich anverwandt ansah. «Willkommen zurück, Schätzchen!», sagte sie und lächelte
P. Jarling