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| Rufin von Aquileia (345–411/412)

Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis
(Expositio Symboli)
1.
[S. 19] Zum Schreiben fühle ich mich, mein treuester Vater Laurentius, ebenso wenig geneigt als geeignet, wohl wissend, daß ein geringes und unbedeutendes Talent sich nicht ohne Gefahr dem Urtheile Vieler preisgibt. Doch da du mich - du erlaubst mir es zu sagen - in deinem Briefe so eindringlich ausforderst, und zwar bei Christus und seinen Sakramenten, die wir mit der höchsten Ehrfurcht empfangen, daß ich dir Einiges über den Glauben zusammenstellen solle nach der Überlieferung und dem Zusammenhange des Symbolum: so will ich, obgleich das Gewicht des Auftrages meinen Kräften zu schwer ist (kenne ich doch den sehr wichtigen Satz der Weisen, daß von Gott selbst Wahres reden gefährlich ist), wenn du mir das durch Deinen Wunsch auferlegte Werk durch Dein Gebet erleichtern willst, Einiges zu sagen versuchen, mehr aus pflichtschuldigem Gehorsam als meiner Fähigkeit vertrauend: und so möge denn diese meine Arbeit weniger für die Übungen der Vollkommenen [S. 20] als vielmehr für die Unterweisung der Kleinen in Christo, der Anfangenden geeignet erachtet werden.
Es ist mir nicht unbekannt geblieben, daß mehrere ausgezeichnete Schriftsteller über denselben Gegenstand Manches in frommer Gesinnung kurz geschrieben haben. Von dem Häretiker Photinus 1 aber weiß ich, daß er in der Absicht geschrieben, nicht um seinen Lesern Zusammenhang und Bedeutung der einzelnen Sätze des Symbolum zu erklären, sondern um die einfachen und schlichten Aussprüche nach dem Sinne seiner falschen dogmatischen Anschauung zu verkehren, obgleich der heilige Geist es weislich gefügt hat, daß sich hier keine Zweideutigkeiten, kein Dunkel, keine Widersprüche finden; hier erfüllt sich wahrhaft die Prophezie [sic], welche sagt: "Denn er faßt zusammen und bringt in kurze Form das Wort in Billigkeit; ja ein abgekürztes Wort stellt der Herr aus über die Erde hin." 2 Wir also wollen es versuchen, sowohl den apostolischen Worten ihren einfachen Sinn wiederzugeben und denselben zu erklären, als auch Dasjenige, was von unsern Vorgängern übersehen zu sein scheint, zu ergänzen. Doch damit die Bedeutung dieses "abgekürzten" Wortes, wie wir es genannt haben, um so klarer hervortrete, wollen wir die ursprüngliche [S. 21] Veranlassung, aus welcher diese Überlieferung den Kirchen gegeben worden, zuvor erörtern.
1: Daß der bekannte Häretiker Photinus, Schüler des Marcellus von Ancyra und später Bischof von Sirmium in Panonien, eine Klärung des Symbolum geschrieben, wissen wir nur aus dieser Notiz Rufin's; Hieronymus (de vir. illustr.) nennt von seinen Werken nur die Bücher "gegen die Heiden" und "an Valentinian." Nach Sokrates und Sozomenus schrieb er auch ein Werk gegen alle Ketzereien, welches als mit der Schrift an Valentinian identisch vermuthet wird.
2: Die Stelle ist angeführt nach dem freien Citate Röm 9,28 aus Jes 10,23 und nur accomodiert, wie denn überhaupt die Väter das Symbolum gerne als "breviarium fidei" oder als "verbum abbreviatum" bezeichnen.