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Reisen mit dem letzten Inka – Ein Sonnenritual am Heiligen Berg Ausangate
von Basler Psi Verein
10. Dezember 2014
Der in Kuba geborene Anthropologe Alberto Villoldo hat viele Jahre in Südamerika verbracht und dort die schamanischen Traditionen studiert.
Hier beschreibt er ein Sonnenritual mit 50 Schamanen am Ausangate, dem Heiligen Berg der Inka, in der Nähe der alten Hauptstadt Cuzco
Im frühen 16. Jahrhundert besiegte eine Bande goldsuchender Konquistadoren das mächtigste Reich Amerikas. Heute hat Peru mehr als fünf Millionen Einwohner, von denen 90 Prozent Indianer sind. Seine drei Klimaregionen – die wüstenartige Küste, das Gebirge der Anden und der Amazonas-Urwald – brachte die ältesten Zivilisationen Amerikas hervor. Die Vorfahren der Inka bauten Mais an und stellten Keramik her – tausend Jahre bevor beides in Nordamerika entdeckt wurde. Gemäss einer Inka-Legende wurde der erste Inka direkt aus der Sonne geboren.
Im frühen 16. Jahrhundert besiegte eine Bande goldsuchender Konquistadoren das mächtigste Reich Amerikas. Heute hat Peru mehr als fünf Millionen Einwohner, von denen 90 Prozent Indianer sind. Seine drei Klimaregionen – die wüstenartige Küste, das Gebirge der Anden und der Amazonas-Urwald – brachte die ältesten Zivilisationen Amerikas hervor. Die Vorfahren der Inka bauten Mais an und stellten Keramik her – tausend Jahre bevor beides in Nordamerika entdeckt wurde. Gemäss einer Inka-Legende wurde der erste Inka direkt aus der Sonne geboren.
Bruderzwist mit bösen Folgen
Huayna Capac war der letzte grosse Inka. Vor seinem Tod warnte er seine Söhne Atahualpa und Huascar vor den Gefahren, denen ihr Volk ausgesetzt sein werde. In den Kämpfen der beiden, wer von ihnen der nächste Regent sein würde, beachteten sie die Warnungen ihres Vaters jedoch nicht. Es folgte ein blutiger Kampf, der damit endete, dass Atahualpas General Huascar aus seiner goldenen Sänfte stiess. Es war jedoch für Atahualpa nur ein kurzlebiger Sieg, denn als er 1532 triumphal in Cuzco einziehen wollte, fand er, dass dort der bärtige Francisco Pizarro und seine Männer auf ihn warteten. Cuzco, die Hauptstadt des Inkareichs, ist die am längsten bewohnte Stadt des Kontinents. Heute ist Cuzco das Kathmandu Südamerikas. Reisende aus aller Welt kommen hier zusammen, um das Mysterium der Anden und seiner Bewohner zu suchen. Als medizinischer Anthropologe studiere ich die Inka seit fast 25 Jahren. Kürzlich hatte ich Gelegenheit, den letzten der Inka-Schamanen auf einer Reise zum Heiligen Berg Ausangate zu begleiten.
Pilgerweg zu Fuss
«Du musst ihm die Augenbinde überziehen, bevor du ihn besteigst», erklärte mir der Indianer in einer Mischung aus Spanisch und Quechua. «Er erschrickt leicht». Ich schaute mir das Pferd an, das kaum grösser war als ein Pony, und die Binde, die seine Augen bedeckte, und murmelte «Oh, Shit». «Es ist ein gutes Pferd», sagte er, als er mein Zögern bemerkte. «Klein, aber gut. Die Herzen der grossen Pferde versagen auf dieser Höhe.» Wir begannen den letzten Teil unserer Reise zum Basiscamp am Fuss den Berges Ausangate. Die nächsten sechs Tage lebten und assen wir mit den letzten der Inka-Schamanen und nahmen an ihren Zeremonien teil. Sie waren die K'ero, die Hüter der Inka-Prophezeihungen, und der Ausangate war der Platz ihrer Übergangsriten. Er ist 6'384 Meter hoch. Die Einheimischen kennen ihn als den «sturmumhüllten » Berg. Ich schaute zum Himmel hoch und fand dort keinen Flecken Blau. Es sah aus, als könnte es jederzeit anfangen zu schneien. Ich wandte mich dem Mann zu, der mein augenverbundenes Pferd hielt und sagte: «Ich denke, ich werde zu Fuss gehen. Vielen Dank.»
Leben in den Bergen
Ab 4'000 Meter Meereshöhe ist jeder Schritt eine Meditation. Nach drei Stunden unseres Weges bedauerte ich mit jedem errungenen Atemzug das Pferd nicht genommen zu haben, mit oder ohne Augenbinde. Der unerwartete Segen dieser Entscheidung aber war, dass ich mit der Gruppe der gut 50 Schamanen wanderte, unter denen auch Don Humberto Sonco war, der Führer der K'ero Nation. Er erklärte, dass die K'ero keine Pferde besteigen. «Pferde sind spanisch», sagte er. Die andere Gruppe hatte einen längeren Weg genommen, der besser für Pferde geeignet war, während wir einen Fussweg nahmen – der war kürzer, aber wir mussten dabei knietief durch Gletscherbäche waten.
"Fünfhundert Jahre lang haben die Medizinleute das Wirken der Konquistadoren beobachtet – das Verschmutzen der Flüsse, das Vergrössern der Städte, das sich ändernde Wetter. Dann begannen die Zeichen zu erscheinen."
«Wir haben seit dem Beginn der Zeit in den Bergen gelebt», erklärte Don Humberto, «sogar bevor die Stadt Cuzco gegründet wurde. Nachdem die Naupa Runa, die vorweltlichen Wesen, von den Kindern der Sonne verbannt worden waren, liessen sich unsere Vorfahren auf den Berggipfeln nieder. Wir haben immer mit den Apus gelebt, den Heiligen Bergen.» Fünfhundert Jahre lang haben die Medizinleute das Wirken der Konquistadoren beobachtet – das Verschmutzen der Flüsse, das Vergrössern der Städte, das sich ändernde Wetter. Dann begannen die Zeichen zu erscheinen. Er erklärte, dass ihm eine Prophezeiung anvertraut worden sei, die das Ende der Zeit ankündigte. «Jeder kann ein Wahrsager sein», erklärte Don Humberto. «Auch wir waren Hüter einer Reihe von Vorgängen, von Übergangsriten, die darauf deuten, wer wir als Menschen, als Erde sein werden. Diese Vorgänge sind nicht nur für die Indianer, sie sind für die Welt.»
Machu Picchu und Cuzco
Ich fragte Don Humberto, was für Prophezeiungen das seien. «Unsere Prophezeiungen sind in Stein geschrieben», sagte er. «Wir haben keine geschriebene Sprache, so wie ihr. Wir haben nur unser Gewebtes und unsere Steine. Wenn du Machu Picchu verstehst, und die Steine dieser alten Stadt», fuhr er fort, «dann verstehst du Cuzco. Machu Picchu ist Cuzco in klein. Und wenn du Cuzco verstehst, dann verstehst du das ganze Inkareich.» An dieser Stelle machte er eine Pause, und ich lehnte mich gegen einen Felsen, um Atem zu holen. Wir hatten noch eine Meile bis zum Basiscamp an der Blauen Lagune am Fuss des Berges. Ein anderer der Ältesten, Don Mariano, hockte in meiner Nähe und öffnete seine Mesa, eine Sammlung von Steinen und Kraftobjekten, die jeder Schamane bei sich trägt. «Wenn du die Mesa verstehst», sagte er, als er behutsam sein Medizinbündel öffnete, um die Steine darin zu zeigen, «dann verstehst du Machu Picchu und die Prophezeiungen». Machu Picchu wurde von Pachcutek gebaut, dem neunten Inka, einem Architekten von Wolkenstädten und einem Reich von der Grösse der heutigen USA. Sein Name bedeutet «Verwandler der Erde». Die Inka verwenden seinen Name auch als Verb, pachacuti; es bedeutet «Zeiten des Umbruchs». Die letzte Zeitenwende kam mit der Ankunft der spanischen Konquistadoren, als die indianische Welt umgestürzt wurde. Könige und Häuptlinge wurden zu Sklaven gemacht, und Barbaren wurden zu Regenten. Mit der Ankunft der europäischen Religionen wurden die Kinder der Erde aus dem Garten geworfen. Gemäss den Schamanen hat die nächste Pachacuti, der nächste Umbruch bereits begonnen, das charakteristische Chaos dieser Zeit dauert bis ins Jahr 2012. In dieser Zeit werden die Erdemenschen zurückkehren. Der Konquistador wird durch sein eigenes Schwert zugrunde gehen.
Der Quero-Ältestse und Schamane Don Humbertobereitet sein Despacho als Geschenk für Mutter Erde vor.
Folge dir selbst!
Der Schamanismus ist keine Religion und ist doch die Basis aller Religionen. Die Pacos, die Schamanen der Anden, erklären, dass sie keinen Christus, keinen Buddha und keinen Moses haben, der sagt «Folgt mir!» Sie sagen: «Folge dir selbst! Lerne von den Flüssen, den Bäumen und den Felsen. Ehre Christus, Buddha und deine Brüder und Schwestern. Ehre Pachamama – Mutter Erde – und den Grossen Geist. Ehre dich selbst und die ganze Schöpfung.»
Mein Mentor war ein alter indianischer Schamane, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Er pflegte mir zu sagen: «Alberto, wie haben eine schwebende Verabredung zum Abendessen mit dem Grossen Geist.» Er erklärte, dass beim Rausschmiss aus dem Paradies eine Stimme zu uns sagte: «Weil ihr die Früchte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen habt, hinaus mit euch, damit ihr nicht auch die Frucht vom Baum des Lebens esst und werdet wie wir.» (1. Buch Mose, 3.22)
Don Mariano legt seine Mesa weg. «Haku, Wayakay », sagte er, «wir müssen uns beeilen». Die Sonne war fast untergegangen, und wir waren noch eine gute Stunde vom Camp entfernt. Dann zeigte er zum Apu hinauf. Ein Kreis blauen Himmels umringte den Berg. Als wir am Basiscamp ankamen, war der ganze Himmel klar.
Der Tod ist ein Räuber
Für die Schamanen ist der Tod ein Räuber, der uns alle verfolgt. Während der Jahre, in denen ich die Medizin der Inkas studierte und mit ihnen lebte, erkannte ich, dass das animistische Denken des Schamanismus keineswegs primitiv ist. Im Gegenteil, es ist komplex und elegant. Für den Schamanen macht es keinen Unterschied ob du von einem Jaguar oder von einer Mikrobe getötet wirst. Für uns hingegen ist das eine eine Krankheit und das andere ein Unfall. Für den Medizinmenschen ist es wichtig, sowohl mit Mikroben als auch mit Jaguaren gute Beziehungen zu haben. Wenn deine Beziehung zu ihnen nicht gut ist, verfolgt dich der Tod. Die Schamanen glauben, dass die meisten von uns schon gewählt haben, wie sie sterben wollen, so wie wir auch gewählt haben zu leben. Don Humberto erklärte mir später, dass wir, um das Leben abzulegen, für das wir erwählt wurden, wir erst den Tod ablegen müssen, für den wir erwählt wurden.
Auf dem Weg zum Camp sah ich mein Pferd mit der Augenbinde. Die Sonne ging gerade unter, und der schneebedeckte Gipfel des Berges stand in Flammen. Ich ging zum Pferd und löste seine Augenbinde. Geblendet von dem Andenlicht schielte es zu mir rüber und sprang dann weg. Am folgenden Morgen war das Wasser in unserer Kantine gefroren. Als der Tag anbrach, hatte die Sonne aber die Luft auf angenehme 18 Grad erwärmt, und keine Wolke bedeckte den Himmel. Nach dem Frühstück versammelten wir uns mit den Ältesten, um die Sternenriten zu beginnen, die Riten der kommenden Zeiten.
Aus der Zeit heraustreten Vor der spanischen Zeit war der Inka der politische und spirituelle Führer eines mächtigen Reichs, das einen Grossteil von Südamerika umspannte. Die Prophezeiungen sprechen nicht von der Rückkehr eines Regenten, der den jetzt vergessenen Ruhm dieses Reichs wiederherstellen würde. Sie sprechen von den Leuchtenden – gewöhnlichen Menschen wie du und ich – die fähig sein werden, aus der Zeit herauszutreten, um diejenigen zu werden, die wir individuell und als Art sein können. Für die Schamanen versprechen die Prophezeigungen das Eingehen in die fünfte Sonne. In die fünfte Sonne einzutreten ist für die Inka so etwas wie für die Hopi-Prophzeiungen das Eintreten in die fünfte Welt. Die fünfte Sonne wird von Pachacuti vertreten und verkörpert, dem Erbauer des alten Reichs und Architekt des kommenden Milleniums.
Die Sternriten werden am Schneestern abgehalten, auf dem Ausangate. Sie beginnen mit einem «Despacho». Das bedeutet wörtlich so etwas wie «Geschenk», «Spende» oder «Opfer». Gewöhnliche Despacho bestehen aus der rituellen Zubereitung von zwei Medizinbündeln – einem für Pachamama, die Mutter Erde, das andere für Apu, den Berg. Die Früchte der Erde – Samen von Mais, Quinoa und Coca – werden sorgfältig in einem Bett aus Coca- Blättern hergerichtet. Dazu wird Alpaca-Fett gegeben und für den Apu eine Kondor-Feder. Für die Sternriten wird ein drittes Medizinbündel zubereitet für den Chaska, den Stern. Wenn die Gaben für das Despacho vollständig sind, schliesst der Schamane die Medizinbündel und bindet die für Pachamama mit einem Silberfaden und die für den Apu mit einem goldenen. Das für die Sterne wird mit einer dünnen, weissen Schnur gebunden. Dann wandte sich Don Humberto an mich und erklärte, dass sie uns mit den Medizinbündeln «reinigen» würden, um eventuelle Huchas (schwere, mit unserer Vergangenheit verbundene Energien) zu extrahieren – den Schmerz, die Trauer und Unzufriedenheit, die wir alle aufgrund unserer persönlichen Geschichte mit uns tragen. Noch wichtiger, die Reinigung würde uns helfen, eine Vergangenheit abzuwerfen, die uns unablässig verfolge und die Gegenwart besetze.
Die Medizinleute glauben, dass eine neuer Tag beginnt. Die Türen zwischen den Welten öffnen sich wieder – Löcher in der Zeit, durch die wir eintreten können, um unsere menschlichen Möglichkeiten sich entfalten zu lassen. Unsere leuchtende Natur zu erreichen ist eine Möglichkeit für alle, die es wagen, diesen Sprung zu machen. Dadurch werden wir physisch neue Körper anfertigen, die auf eine andere Art altern, die anders heilen – und die vielleicht nie sterben.
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