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Françoise Caraco, Künstlerin in Zürich, ist der Familiengeschichte ihres Urgrossvaters nachgegangen, der zu Beginn des 20. Jahrhundert aus Konstantinopel nach Basel gezogen ist. Im Rahmen ihrer Recherche ist sie auf spannende Geschichten einer kaum bekannten und wenig sichtbaren Bevölkerungsgruppe im heutigen Istanbul gestossen. Interviews und Fotos in ihrem Buch machen mit den Sepharden und mit Istanbul vertraut.
«Sehr geehrte Frau Karako, wir möchten Sie leider davon in Kenntnis setzen, dass die Generaldirektion der türkischen Autobahnen das Gebiet, in dem sich das Grab Ihres Ur-Grossvaters und weitere Gräber befunden haben, für den Bau eines neuen Autobahnabschnitts beschlagnahmt hat. Die geräumten Grabsteine wurden in einen anderen Friedhof transportiert, dort können Sie sie besichtigen». Diesen Bescheid erhielt die Schweizer Künstlerin Françoise Caraco, die sich daran machte, der Geschichte ihrer sephardisch-jüdischen Vorfahren in Istanbul nachzugehen. In einer Fotografie auf einer Doppelseite ihres Buchs «Hidden Istanbul» sind zerbrochene alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften zu sehen, die kreuz und quer auf einer Wiese liegen, in der Ferne einige Hochhäuser.
«Hidden Istanbul» ist ein grosszügig gestalteter Bild-Textband mit 263 Fotografien, in dem die aus Basel stammende und in Zürich lebende Künstlerin Françoise Caraco der Geschichte ihrer Familie nachgeht. Angefangen hatte die umfangreiche Bild- und Textrecherche an der Gerbergasse 77 in Basel, wo sich ihr aus Istanbul zugezogener Urgrossvater Isaac im Jahr 1916 niedergelassen hat. Der Name Caraco steht noch heute auf der Geschäftstafel. Ein schlauchartig enges Geschäft. Spitzen, gehäkelte und gestickte Bordüren, Zierbänder in allen Farben und Breiten werden hier seit mehr als hundert Jahren angeboten. Während andere Geschäfte in der Nachbarschaft des Barfüsserplatzes in den letzten Jahren verschwunden sind, hat sich der kleine Laden halten können. Knapp 40 Jahre nach der Gründung übernahm Robert Caraco, Sohn des Geschäftgründers, den Laden. Dessen Sohn wiederum, Psychiater von Beruf, ist der heutige Eigentümer. Ein ähnlicher Laden in der Altstadt von Zürich, im Besitz eines Bruders von Isaac Caraco, wurde vor Jahren geschlossen. Dass viele Basler den Laden und den Namen kennen, hat mit der langen Tradition des Ladens zu tun und mit den angebotenen Textilien, die kaum ein anderes Geschäft mehr in einer so breiten Auswahl anbietet.
Nach dem Tod ihres Grossvaters stiess Françoise Caraco im Obergeschoss des Geschäfts auf längst vergessene alte Fotografien und Briefe aus dem Besitz der Familie. Es waren alte Bilder und kleine Schriftstücke wie Ansichtskarten von Menschen, deren Geschichten und Namen mit dem Tod des Grossvaters nicht mehr erzählt werden konnten. Der Besuch eines entfernt verwandten Mannes aus Istanbul im Geschäft löste Suche und Neugierde nach der Geschichte der Istanbuler Familie aus. Ein Stipendium der Landis & Gyr Stiftung ermöglichte es ihr, mehrmals in die Türkei zu fahren, um sich dort auf die Suche nach Spuren der Familie zu begeben. Ausgerissene Grabsteine, verschlossene Synagogen, typische Familiennamen wie Modiano, Toledo, Levi und Nasi, Nachkommen sephardischer Juden und eine betagte Verwandte traf sie noch an. Und weil es kaum mehr war und sie mehr erfahren wollte, begann sie in einem Schneeballverfahren Menschen zu suchen, die ihr über das Leben und die Geschichte ihrer Familie und der Sepharden in Istanbul, von Juden und ihre Nachfahren, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel gelebt hatten, erzählen konnten.
35 Personen hat Françoise Caraco befragt, ihre Antworten hat sie auf Band aufgenommen und nach ihrer Rückkehr in der Schweiz transkribiert. Herausgekommen ist eine grosse Sammlung spannender Texte. Zehn Fragen brachte Françoise Caraco mit an ihre Interviews. Und die Antworten hat sie thematisch gebündelt. Geordnet sind die Antworten nicht nach den befragten Personen sondern nach den Interviewthemen, was dem Textteil eine grosse Dichte gibt. «Kennen Sie jemanden mit dem Familiennamen Karako?», lautet die erste Frage. Die Schreibweise des eigenen Familiennamens mit dem Buchstaben k wählte sie, weil diejenige mit dem Buchstaben c im Türkischen als Tscharatscho ausgesprochen wird. Zu Beginn ihrer Begegnungen überlegte sie sich, welche Fragen sie den Interviewten stellen könnte und entschied sich für diese Fragen: «Woher stammt Ihre Familie?», «Welche Sprachen sprechen Sie zuhause?», «Feiern Sie die jüdischen Festtage?», «Von wo kommt Ihr Name?», «Wo sind Sie aufgewachsen und welche Gegenden mögen Sie?», «Wo haben Sie früher den Sommer verbracht, wo verbringen Sie den Sommer heutzutags?», «Ist Istanbul Ihre Heimat?», «Sind Sie Mitglied einer Gemeinde?», «Denken Sie an eine Auswanderung?». Und dann kamen während den Treffen noch weitere Fragen hinzu wie diese: «Wenn ich ein Porträtbild von Ihnen in Istanbul machen würde, welchen Ort würden Sie wählen, welcher Ort wäre für Sie wichtig?»
Die Porträtbilder hat Françoise Caraco dann doch nicht gemacht. Wohl auch um Ihre Auskunftspersonen in der politisch heiklen Landschaft der Türkei zu schützen, hat sie auf sie verzichtet. Auch kommen die vollen Namen der Interviewten im Buch nicht vor. Aber sie alle erhalten ein Exemplar.. Kurze Antworten, immer wieder auch sehr privat, geben Einblick in das Leben sephardisch-jüdischer Familien, die aus Spanien und Portugal im 15. Jahrhundert und später aus Griechenland und Bulgarien oder sogar Deutschland und Österreich eingewandert sind. Die Antworten der Befragten im Buch lesen sich wie spannende Kürzestgeschichten, sie sind graphisch locker geordnet, jede Antwort nicht länger als mehrere Zeilen lang. Und schnell wird einem klar, dass die zehn Fragen erst nach gründlicher Vorbereitung formuliert wurden. Da wird deutlich, welche Rolle bestimmte Stadtteile für die sephardische Bevölkerung hatte. Die Bedeutung der Schulen der Alliance Israélite Universelle für die Bildung jüdischer Jugendlicher wird erklärt wie auch die Situation der Sepharden in einem Land, in dem der Islam stark gefördert wird. Entstanden ist ein Buch, das sich als Oral History Band lesen und in vielen Bildern beschauen lässt.
Zwischen den Kapiteln die Bilder, nicht thematisch eingeordnet. Verstreut in den Bildkapiteln alte Fotos, die die Künstlerin im ersten Obergeschoss des kleinen Ladens in Basel beim Aufräumen vieler Schachteln versteckt und verstreut gefunden hat und die den Ausgang ihrer Recherchen bildeten. Immer wieder kommen die autofreien Prinzeninseln im Marmarameer in den Antworten auf den Fotos vor, sie waren und sind immer noch beliebte Wochenend- und Feriengebiete der jüdischen Bewohner der Millionenstadt. Spannend lesen sich die Antworten auf die gestellten Fragen.
Und die Bilder im Buch? Françoise Caraco, ausgebildete Fotografin, geht nicht den tausendfach fotografierten Sehenswürdigkeiten der Stadt nach. Weder die Blaue Moschee, noch die Hagia Sophia oder der Topkapi Palast sind auf ihren Aufnahmen zu sehen. Dafür stille Gassen und Gärten, Wohnungsinterieurs und Einblicke in alte Synagogen, die kaum mehr genutzt werden. Eben «Hidden Istanbul», das versteckte, unbekannte Istanbul. Dass die Bilder legendenlos daherkommen, stört nicht, denn ob ein Hof oder eine Strasse, eine Wohnung, ein Garten oder ein Aussichtspunkt einen Namen hat, ist hier zunächst nicht relevant und stört ebenso wenig wie die fehlenden Namen der Interviewten. In „Hidden Istanbul“ verwebt Françoise Caraco weit zurückliegende Familienerinnerungen mit Fotografien ihrer Reisen und Recherchen. Das Ergebnis ist ein Porträt der verschwindenden Vergangenheit und der immer noch lebendigen Gegenwart der türkischen Metropole, aus der Perspektive eines weitgehend unbekannten Teils ihrer Bevölkerung. Ein Glossar am Ende des Buches erläutert Begriffe, die in den Interviews vorkommen, führt in Stadtteile ein, erwähnt Friedhöfe und Synagogen, macht mit Traditionen und Institutionen und mit der Geschichte schön klingender Familiennamen vertraut.
Françoise Caraco stellt das Buch «Hidden Istanbul» am Donnerstag, 19. Mai um 19 Uhr in der Galerie Edition Stephan Witschi an der Zwinglistrasse 12 in Zürich im Rahmen eines Gesprächs vor. Das Buch, 404 Seiten, 263 Abbildungen, ist im Art Paper Editions Verlag, Gent, Belgien, erschienen.
Eingeworfen am 10.5.2022