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Am Ende bleibt die Hoffnung
“A Single Man” von Tom Ford
Dem Star-Modedesigner Tom Ford ist mit „A Single Man“, einer Adaption des gleichnamigen Romans von Christopher Isherwood über einen in den USA lebenden britischen Literaturprofessor, welcher den Unfalltod seines langjährigen Partners nicht verkraften kann, ein dialoglastiger, im besten Sinne altmodischer Debütfilm gelungen.
Von Christoph Aebi.
In einer Zeit, in der es von singenden und schauspielernden Supermodels sowie modelnden Sport-Ikonen nur so wimmelt, stellt sich die Frage: Braucht die Welt unbedingt einen Modemacher, der sich als Filmregisseur versucht? Im Falle von Tom Ford zumindest kann diese Frage mit grossem Nachdruck bejaht werden. Mit „A Single Man“ ist ihm als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion ein höchst bemerkenswerter und erstaunlich reifer Debütfilm gelungen.
Nach dem Hintergrund für die Qualität des Streifens muss nicht lange gesucht werden: Die Verfilmung des 1964 erschienenen, autobiographisch gefärbten Romans „A Single Man“ („Der Einzelgänger“) des Briten Christopher Isherwood, der nach seiner Emigration in die USA dem 31 Jahre jüngeren Don Bachardy (welcher sowohl als Berater an den Dreharbeiten teilnahm als auch einen Cameo-Auftritt im Film hat) begegnete und mit ihm eine bis zu Isherwoods Tod 1986 andauernde Liebesbeziehung führte, war für Tom Ford schlicht und einfach eine Herzensangelegenheit. Bereits mit Anfang zwanzig, als Kunstgeschichte-Student an der New York University, las Ford den Roman erstmals und war gerührt von der Ehrlichkeit und Einfachheit der Geschichte. Nach seinem kometenhaftem Aufstieg in der Glitzer- und Glamourwelt des Modedesigns, welche 1990 als Womenswear-Designer bei Gucci begann, und 2003, nachdem er das einst marode Unternehmen wieder auf Erfolgskurs gebracht hatte, als Kreativdirektor von Gucci und Yves Saint Laurent endete, las er das Buch nochmals und entdeckte eine tief spirituelle Seite der Geschichte: Ein Tag im Leben eines Mannes, der keine Zukunft für sich mehr sieht.
Mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet, gründete Ford seine Filmproduktionsgesellschaft „Fade to Black“ sowie sein eigenes Modelabel und machte sich daran, ein Drehbuch für „A Single Man“ zu verfassen, was sich als einigermassen vertrackte Angelegenheit herausstellen sollte. Zwei Jahre verbrachte Ford damit, den in der Originalversion komplett als inneren Monolog verfassten Roman filmtauglich zu adaptieren. Das Resultat kann sich, wie gesagt, sehen lassen.
Die Einsamkeit und Leere nach dem Tod des Partners
Wir schreiben den 30. November 1962 und begleiten den nach Los Angeles emigrierten 52-jährigen Literaturprofessor George Falconer (Colin Firth), seine Off-Stimme im Ohr, durch den Tag. Alle Äusserlichkeiten im Film, inklusive Georges architektonisch extravagantem Glashaus und seiner Massanzüge (notabene, Product Placement lässt grüssen, von „Tom Ford Menswear“ angefertigt), sind von auserlesener Schönheit, nur Georges Augen strahlen eine grosse Leere aus. Seine Umwelt nimmt er wie in Zeitlupe wahr. Kein Wunder, acht Monate zuvor ist sein um etliche Jahre jüngerer Freund Jim (Matthew Goode), mit welchem George 16 Jahre lang zusammen war, bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Zur Beerdigung wurde George nicht eingeladen, Jims konservative Eltern konnten den Partner ihres Sohnes nie akzeptieren.
Mit der Leere, welche Jims Tod hinterlassen hat und der damit einhergehenden Trauer und Einsamkeit kommt George nicht zurecht. Umso mehr als er nicht öffentlich trauern kann. Homosexualität ist in den USA der 60er-Jahre, im durch die Kuba-Krise geprägten politischen Klima der Angstmacherei, wo die Regierung hinter jeder Strassenecke einen verkappten Kommunisten vermutet, immer noch ein Tabuthema. So wenig George in der Öffentlichkeit zu seinen politischen Ansichten stehen kann, so kryptisch bleiben den Studenten gegenüber seine Äusserungen zur privaten Lebenssituation: Solange eine Minderheit unsichtbar bleibe, meint er in einer Vorlesung nur, verursache diese grössere Angst.
Die kleinen Geschenke des Lebens
George fällt den Entschluss, sein Leben, in dem er keine Zukunft mehr sieht, an diesem Tag zu beenden. Fein säuberlich trifft er die Vorbereitungen, packt seinen Revolver ein, räumt an der Universität das Büro und in der Bank den Safe, kauft Kugeln für die Waffe und hinterlässt der Haushälterin eine Notiz zusammen mit dem noch fälligen Lohn, bevor er zum letzten Mal zu einem Abendessen bei seiner besten Freundin Charley (Julianne Moore) aufbricht. Diese ist eine wohlhabende, aber seit der Scheidung von ihrem Mann alleinstehende, die Einsamkeit im Alkohol ertränkende, ehemalige Studienkollegin. Mit ihr verbindet George auch eine lange zurückliegende, kurzzeitige Liebschaft, die Charley noch so gerne wieder aufnehmen würde. Jetzt, wo Jim tot ist, mit dem George, wie Charley in angeheiterter Stimmung erklärt, doch gar keine wirkliche Beziehung unterhalten habe. Eher sei diese ein Ersatz für etwas anderes, nämlich die wahre, heterosexuelle Liebe gewesen.
Bevor George seinem Leben definitiv ein Ende setzen will, sucht er noch ein letztes Mal die Bar auf, in welcher er damals Jim kennenlernte. Dort trifft er auf Kenny (Nicholas Hoult), einer seiner Studenten, der bereits im Verlaufe des Tages mehrmals ein mehr oder weniger zweideutiges Interesse an George zeigte und wohl einer der wenigen Menschen ist, die ahnen, was in Georges Kopf vorgeht. Die Begegnung und die Gespräche mit dem verführerischen, blauäugigen Schönling, der George weismacht, man müsse doch immer die kleinen Geschenke, die einem das Leben so beschere, schätzen, lassen George seine Entscheidung nochmals überdenken. Er lädt Kenny zu sich nach Hause ein, verbrennt die bereits geschriebenen Abschiedsbriefe. Ein Fünkchen Hoffnung auf einen Neubeginn, eine etwas weniger schwarze Zukunft, keimt auf, bevor das Leben doch noch in seiner ganzen Grausamkeit und Unberechenbarkeit zuschlägt.
Gewagter Schachzug entpuppt sich als Glücksgriff
Tom Ford ging mit der Realisierung von „A Single Man“ einige Risiken ein. So ist die Geschichte eines schwulen Literaturprofessors, der durch den Tod seines geliebten Freundes in eins schwere Lebens- und Sinnkrise gerät, wohl die Art von Film, welche bei Festivals gerne den ein oder anderen Preis gewinnt, jedoch kaum das Blockbuster-Massenpublikum anspricht. Die Besetzung seines Protagonisten mit dem Briten Colin Firth war ebenfalls gewagt, ist doch dieser dem Publikum vor allem als Herzensbrecher Mr. Darcy aus der Fernseh-Adaption des Jane Austen-Klassikers „Pride and Prejudice“ sowie als Mark Darcy aus „Bridget Jones Diary“ wohlbekannt. Dieser gewagte Schachzug stellt sich für den Film jedoch als Glücksgriff heraus: Colin Firth liefert als George Falconer eine wahrlich oscar-würdige schauspielerische Leistung ab (den Darstellerpreis der 66. Filmfestspiele von Venedig sowie einen BAFTA-Award hat er sich bereits geholt). Er trägt mit seiner Darstellung den ganzen Film. Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, ein Schauspieler sei hier am Werk.
Colin Firth verkörpert die unendliche Leere und Trauer, welche Georges ganzes Handeln und Denken überschattet, so überzeugend, dass der Eindruck entsteht, Firth sei mit der Figur des Literaturprofessors regelrecht verschmolzen. Von Julianne Moore ist man sich die eindringliche Darstellung komplexer Frauenfiguren gewohnt, es sei nur auf „The Hours“ und „Far from Heaven“ verwiesen. Ihre leider viel zu kleine Rolle als depressive, alkoholsüchtige Endvierzigerin wurde zu Recht mit einer erneuten Golden Globe-Nomination gewürdigt. Eine reife Leistung zeigt der zwanzigjährige Brite Nicholas Hoult in der Rolle des Studenten Kenny. Hoult machte vor acht Jahren an der Seite von Hugh Grant in „About a Boy“ erstmals auf sich aufmerksam und ist hier, sonnengebräunt, mit kurzem Haar und amerikanischem Akzent, kaum mehr wiederzuerkennen.
Ein im besten Sinne altmodischer Film
Eine gute Wahl bewies Tom Ford zudem mit der Verpflichtung des bisher kaum bekannten, erst 28-jährigen spanischen Kameramanns Eduard Grau. Die brillante Kameraführung, verbunden mit einer ausgeklügelten Farbdramaturgie, welche die Charaktere je nach Stimmung in blau-gräuliches oder orange-rotes Licht tauchen lässt, ist eine der weiteren Stärken des Films. Ebenfalls zum Gelingen trägt der schwelgerische Soundtrack bei, zu welchem Shigeru Umebayashi (man erinnere sich nur an seine Musik zum Film „In the mood for love“ von Wong Kar Wai) drei Themen komponierte.
Tom Ford hat mit „A Single Man“ in nur 21 Drehtagen einen gemächlichen, dialoglastigen und deshalb im besten Sinne altmodischen Film realisiert. Allzu pingelige Kritiker würden einige Szenen wohl als „abgefilmtes Theater“ betiteln. Nichtsdestotrotz ist das Debütwerk des Modemachers ein sehr persönlicher (Ford ist seit 23 Jahren mit dem Modejournalisten Richard Buckley, dem der Film gewidmet ist, verpartnert) und tieftrauriger Film geworden, der seinen Fokus auf ein ausgezeichnetes Drehbuch, brillante Darsteller und zum Weinen schöne Bilder und Musik legt. Kurzum: Wenn auch noch kein Meisterwerk, so doch zumindest ein Gesamtkunstwerk.
Seit dem 11. Februar 2010 im Kino.
Originaltitel: A Single Man (USA 2009)
Regie: Tom Ford
Darsteller: Colin Firth, Julianne Moore, Matthew Goode, Nicholas Hoult, etc.
Genre: Drama
Dauer: 99 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite
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