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| Hilarius von Poitiers († 367) - Über die Synoden oder über den Glauben der Orientalen.

Dreiundzwanzigstes Hauptstück.
Die Worte des Herrn an die Apostel lauten:1 „Seyd klug, wie die Schlangen, und einfältig, wie die Tauben.“ Hiedurch wollte er, daß wir die Natur von Thieren, welche unter einander ganz verschieden sind, haben sollten, aber so, daß die Klugheit der Schlange durch die Einfalt der Taube gemäßigt, und die Einfalt der Taube durch die Klugheit der Schlange unterrichtet werden möchte, und theils die Weisheit einfältig, theils die Einfalt weise würde; ein Gebot, welches in der Auslegung dieses Glaubenspunktes beobachtet wurde. Denn da die früher angeführte Stelle, von welcher wir gesprochen haben, dafür Vorsorge getroffen hatte, daß wegen der Gleichheit der Wesenheit nicht die Einheit der Person gelehrt, und durch die Nichtverschiedenheit der Natur die Geburt des Sohnes nicht verdrängt werden möchte, und daß wir nicht einen Einzigen und Eine Person im Sinne haben mochten, weil Einer von dem Andern in der Beschaffenheit nicht verschieden wäre; so ist aber auch in der darauffolgenden Stelle jener Klugheit der Schlange, die wir uns nebst der Einfalt der Taube aneignen sollen, durch die unbefangene und apostolische Klugheit wieder entgegnet worden; damit nicht etwa darum, weil die persönliche Einheit nicht angenommen würde, da ein Anderer der Vater und ein Anderer der Sohn sey, wieder die Lehre von einer ungleichen Natur sich einschleichen könnte; damit man nicht [S. 368] glauben möchte, daß, da ein Anderer der ist, welcher gesandt hat, und ein Anderer der, welcher gesandt worden ist, (weil der Gesandte und der Sender nicht Einer sind), der Gesandte und der Sender von verschiedener und ungleicher Natur seyen, weil der Geborne und der Zeugende nicht von verschiedener Wesenheit seyn können. Es wird also in dem Vater und dem Sohne die Gleichheit der nichtverschiedenen Natur durch die Geburt der Wesenheit beibehalten; es verursacht jedoch die Gleichheit der Natur der Person nicht den Nachtheil, daß der Gesandte und der Sendende Einer wären. Und dagegen wird auch der eigenthümlichen Persönlichkeit, weil Einer für sich nicht zugleich Sohn und Vater heißen kann, nicht die Gleichheit der Natur entzogen. Und somit trägt theils die Wahrheit der Geburt zur Gleichheit der Wesenheit bei, theils verliert die Gleichheit der Wesenheit die persönliche Wahrheit der Geburt nicht. Auch schließt hinwiederum die Anerkennung des Zeugenden und des Gezeugten die Gleichheit der Wesenheit nicht aus; weil, da der Zeugende und der Gezeugte nicht Einer seyn können, doch der Geborne und der Zeugende nicht von verschiedener Natur sind.
X. „Und wenn Jemand annimmt, daß Gott in irgend einer Zeit Vater des eingebornen Sohnes geworden sey, und nicht glaubt, daß der eingeborne Sohn vor den Zeiten und vor aller menschlichen Erkenntniß ohne Gefühl von dem Vater geboren worden sey; so soll er, weil er die Lehre des Evangeliums überschreitet, welche die Annahme von Zeiten hinsichtlich des Vaters und des Sohnes verworfen, und uns dagegen auf rechtgläubige Weise gelehrt hat, daß2 das Wort im Anfange war, und daß das Wort bei Gott war, und daß Gott das Wort war, verflucht seyn.“ [S. 369]
1: Matth. X, 16.
2: Joh. I, 1.