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Die Herbstsaison 1999 im Nepal-Himalaya Monsun, Monstertour und Millennium1
Die vergangene Herbstsaison an den hohen Bergen des Himalaya war geprägt vom schlechten Wetter, aber auch von einer sensationellen Monstertour des Slowenen Tomaz Humar am Dhaulagiri. Leider verunglückten zwei prominente Alpinisten: Alex Lowe und Ginette Harrison. Ungewöhnlich wenig Teams hielten sich für einmal am Everest auf.
Im Herbst 1999 dauerte der Monsun unüblich lang: Die Regen- und Schneefälle hielten mehrere Wochen über die normale Zeit hinaus an und endeten erst Anfang Oktober. Sie waren gefolgt von weiteren Schneefällen Mitte Oktober. Das führte dazu, dass viele Teams an Bergen wie Cho Oyu, Ama Dablam - wo die Erfolgsra-ten normalerweise recht hoch sind -, an den Achttausendern im Allgemeinen oder an Bergen wie dem Siebentausender Baruntse wegen gefährlicher Verhältnisse mit Lawinengefahr und tiefem Schnee unverrichteter Dinge umkehren mussten, ja zum Teil nicht einmal an ihren Berg gelangten. Dennoch waren einige Alpinisten erfolgreich, so der Schweizer Markus Baumann mit dem Nepalesen Shyam Prasad Pun, der am Ganchempo ( 6387 m ) den Gipfel über eine neue Route erreichte. Die Expedition an diesen Gipfel im Langtang-Gebiet wurde von Karl Kobler und Christoph Jezler geleitet.
Zwei alpinistische Höhepunkte waren trotz der schlechten Voraussetzungen zu vermerken: Der Slowene Tomaz Humar, der in den letzten Jahren durch äusserst kühne Neutouren an verschiedenen grossen Wänden aufgefallen ist, beging am Dhaulagiri ( 8167 m ) eine völlig neue Linie durch die riesige Südwand. Es handelt sich mit rund 4000 m Höhe um eine der beeindruckendsten Bergflanken überhaupt, die zudem grosse objektive Gefahren aufweist. Tomaz Humar war für seine Monstertour bestens gerüstet, hat er doch bereits als Erster Wände wie die 1900 m hohe Nordwestwand der Ama Dablam, die 2500 m hohe Nordwestwand des Bobaye ( solo ) und die Westwand des Nuptse durchklettert. Er wird von anderen Alpinisten als « einfach ein bisschen verrückter » charakterisiert, was seine Konzentration und seine Einsatzbereitschaft betrifft. So hat er jede Neutour, die er sich vorgenommen hat, beendet - wenn auch der Preis zum Teil unendlich hoch war.
Humar durchstieg die Dhaulagiri-Südwand im Alleingang, beobachtet und gefilmt von seinen Freunden im Basislager und gefährdet durch Eis-und Schneelawinen und Steinschlag. Auf 7900 m Höhe musste der 30-jäh-rige Profialpinist und gelernte Elektriker in extremis aus der Wand auf den Südostgrat und weiter durch die Ostwand auf den Nordostgrat hinausqueren. Er sagte selbst, er hätte einen weiteren Aufstieg durch die Wand nicht überlebt. Nach sieben Biwaks in der Wand und einer weiteren Übernachtung auf 7300 m auf dem Nordostgrat stieg er über die Normalroute ab. Beim Aufstieg durch die Wand hatte er übrigens schwere Erfrierungen erlitten.
Eine Gruppe von Slowenen unter der Leitung des bekannten Bergsteigers Andrej Stremfelj war zudem erstmals an der Nordwand des Gya-chungkang erfolgreich. Dieser Berg ist 7952 m hoch und liegt wenig nordwestlich des Everest auf der nepale-sisch-tibetischen Grenze. Da alle Anstiege schwierig sind und ein Gipfelerfolg nicht mit dem Prestige eines Achttausenders verbunden ist, wurde der Gyachungkang bis heute nur wenige Male bestiegen. Die acht Slowenen durchstiegen seine Nordwand im alpinen Stil in nur vier Tagen vom Wandfuss bis zum Gipfel. Mit diesem Erfolg und der herausragenden Unternehmung von Tomaz Humar bewiesen die slowenischen Alpinisten, dass sie zurzeit zu den führenden und kreativsten Himalaya-Bergsteigern gehören.
Auf der Südseite des Shisha Pangma ( 8046 m ) starben der Amerikaner Alex Lowe und der Kameramann David Briggs Anfang Oktober in einer Lawine. Der 40-jährige Lowe galt weltweit als einer der besten Allroundalpinisten. Ihm gelangen sowohl schwierigste Klettertouren als auch extreme alpine Routen in kombiniertem Gelände, er war ein hervorragender Extremskifahrer ( über die steilen Hänge des Shisha Pangma wollte er zusammen mit seinen Teamkollegen mit Ski abfahren ), Big-wall- und Eiskletterer. Zweimal stand er auf dem Gipfel des Everest. In Gebirgsmassiven der ganzen Welt - insbesondere auch in Alaska und Baffin Island - verwirklichte er Erstbesteigungen und Erstbegehungen, oft begleitet von seinem Freund Conrad Anker, der am Shisha Pangma mit geringfügigen Verletzungen davonkam.
Ebenfalls von einer Lawine verschüttet wurde die hervorragende Alpinistin und Höhenbergsteigerin Ginette Harrison. Die 41-jährige Britin, mit dem Amerikaner Gary Pfister verheiratet, fiel durch ihre Erfolge an mehreren Achttausendern auf. So stand sie als erste Frau auf dem Kangchenjunga in Ostnepal, einem der schwierigsten und höchsten Achttausender. Sie war im Organisieren und Leiten von solchen Expeditionen sehr erfahren und ist nach Alison Hargreaves die zweite bekannte Britin, die an einem hohen Berg verunglückte.
Ungewöhnlich wenig Teams waren im vergangenen Herbst am Everest unterwegs: auf der Nordseite zwei Teams, an der Ostwand eine südkoreanische Gruppe sowie ein weiteres Team über den Normalaufstieg auf nepalesischer Seite. Eines der zwei Teams auf der Nordseite beklagte sich denn auch, nicht rechtzeitig von seiner Agentur über den einsamen Aufenthalt informiert worden zu sein! Die zwei Italiener hatten mit der Hilfe anderer Mannschaften bei der Einrichtung und Sicherung der Route gerechnet.
Es scheint, dass viele Gruppen aufs Jahr 2000 warten, um den höchsten Berg möglichst früh im neuen Jahrtausend zu besteigen. Der Amerikaner Robert Anderson beispielsweise möchte das Dach der Welt in den ersten Januartagen betreten. Das in unseren Breitengraden allgegenwärtige Millenniums-Virus macht damit auch einen Abstecher in die unwirtlichen Höhen des Himalaya!