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Zwei Schmetterlinge
Der Eine geht - der Andere kommt
Bericht und Fotos von Ernst Lienhard
Vor rund sechzig Jahren begann ich mich für die Fotografie zu interessieren, und das Beobachten von
Kleintieren und Blumen, speziell der Orchideen, wurde bald einmal zum Hobby. Das wiederum bewirkte, dass
ich mich immer mehr der Makrofotografie zuwandte.
Nun zu den beiden Schmetterlingen. Der Osterluzeifalter (Zerynthia polyxena) flog noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts an ganz wenigen Stellen im Tessin. Seither ist er aus der Schweiz verschwunden. Der Geranium-Bläuling (Cacyreus marshalli) stammt aus Südafrika. Er wurde vor ein paar Jahren auf den Kanarischen Inseln gesehen und etwas später auch in der Gegend von Marseille. Vor zwei Jahren begegnete ich ihm in Morbio. Zwei weitere Funde wurden aus Tegna und der deutschen Schweiz gemeldet. Man vermutet, dass er als Ei, Raupe oder Puppe mit Geranien eingeschleppt wurde.
Den in der Schweiz ausgestorbenen Zerynthia polyxena habe ich in Nordgriechenland bei der Eiablage auf der rundblättrigen Osterluzei (Aristolochia rotunda) beobachtet.
Ich nahm zwei Pflanzen mit und kaum zu Hause angekommen, schlüpften auch schon die ersten Räuplein. Die bei uns selten gewordene Aristolochia clematitis (Echte Osterluzei) nahmen sie ohne weiteres als Futterpflanze an und gediehen hervorragend. Nach der Verpuppung schlüpften im nächsten Frühling wunderschön gefärbte Schmetterlinge, die ich beim Osterluzei-Standort in die Freiheit entliess. Weil die Futterpflanze der Raupen im Tessin sehr selten geworden ist, wird der Osterluzeifalter bei uns kaum wieder ansässig werden. Der südostmediterrane Schmetterling fliegt in Italien noch in der Poebene, am südlichen Comersee und in der Hügelzone des unteren Aostatals.
Und jetzt zum Geranium-Bläuling (Cacyreus marshalli). Im Spätsommer 2004, während dem Mittagessen auf der Terrasse, fiel mir plötzlich ein kleiner graubrauner Schmetterling mit geschwänzten Flügeln auf, der um die Geranien in meinen Blumenkistchen flatterte. Von Zeit zu Zeit setzte er sich ganz kurz (2-3 Sekunden), wie zum Ausruhen auf ein Blatt, ohne jedoch Eier zu legen, um gleich wieder weiter zu tänzeln. Der Falter kam mir sofort seltsam und unbekannt vor. Mit viel Geduld konnte ich zwei Exemplare fotografieren, leider nur mit zusammengeklappten Flügeln. Ein Jahr später gelang mir bei bedecktem Himmel eine Aufnahme, welche die Oberseite der Flügel zeigt. Trotz guter Literatur konnte ich den Schmetterling nicht bestimmen. Also schickte ich die Dias einem bekannten Lepidoptera-Spezialisten, der mir weiter helfen konnte und die oben genannten Angaben machte. Während den Sommermonaten des vergangenen Jahres setzte ich unzählige Stunden für die Beobachtung und Fotografie unseres Zuzüglers ein. Ich sah ihn bei der Eiablage auf die Blütenknospen der Geranien und fand Raupen, die mit ihren langen Haaren und den lilaroten Linien überaus gut getarnt, in den knospigen Blütenständen fast nicht zu sehen sind. Bei einer Kontrolle sah ich auf einem der nur einen halben Millimeter grossen Eier ein winziges, glänzendes, schwarzes Pünktlein. Durch eine stark vergrössernde Lupe stellte ich fest, dass es der Kopf des Räupleins war, das ein Loch in die Eischale nagte. Der Versuch, das Schlüpfen der Raupe auf den Film zu bannen, war von Erfolg gekrönt. Nachdem das etwa 1.5 mm lange Räuplein die Eischale verzehrt hatte, kroch es durch ein selbst gebohrtes Löchlein in die Knospe, wo es sich während etwa zehn Tagen gut geschützt entwickeln kann. Die Nahrung besteht ausschliesslich aus Blütenknospen. Nur ausnahmsweise werden Blätter und Blütenstiele benagt. Die älteren Raupen nagen von aussen Löcher in die Knospen, stecken den Vorderkörper hinein und höhlen sie vollständig aus. Durch den Frass der Blütenblätter im Innern der Knospen hinterlassen sie rot gefärbte Kotbällchen, die ihre Anwesenheit verraten, bevor man die Raupe selbst entdeckt hat. Die erwachsene Raupe heftet sich mit dem Hinterende und einem sehr feinen Gürtel an die Ober- oder Unterseite eines Blattes und verwandelt sich innerhalb von zwei Tagen in eine behaarte Puppe. Diese wird langsam braun und gegen das Ende der Puppenruhe schwarz. Nach vierzehn Tagen schlüpft der neue Falter. Die Geburt beginnt plötzlich ohne von Auge sichtbare Vorankündigung und dauert nur knapp eine halbe Minute. Beim vierten oder fünften Mal gelang es mir trotzdem, sie zu fotografieren.
Die Ökologie von Cacyreus marshalli müsste von Spezialisten noch genau erforscht werden. Interessant wäre zu wissen, ob sich dieser Schmetterling auch auf unseren einheimischen Geranien, wie zum Beispiel dem Wald-Storchenschnabel (Geranium sylvaticum) entwickeln kann. Auch dieses Jahr werde ich wiederum ein Augenmerk auf die Lebensweise unseres Immigranten richten. Es scheint, dass er sich bei uns wohl fühlt, bereits gut assimiliert ist und vielleicht sogar ein Einheimischer wird.
Aktualisiert 10. 03. 2009