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Alain Claude Sulzer hat mit ‹Ein perfekter Kellner› einen zu Recht vielgelobten Roman geschrieben, 2004 bei der Edition Epoca publiziert, zwei Jahre später als Suhrkamp-Taschenbuch. Bereits 2001 war ebenfalls bei Epoca ein schmaler Band von Sulzer erschienen, ‹Annas Maske›, seit 2006 auch als Taschenbuch vorliegend. Eine Novelle ist es und berichtet damit, so Meister Goethe, von einer «unerhörten Begebenheit».
Es ist offensichtlich, was an ‹Annas Maske› so unerhört ist, nämlich die Umstände, die zum Tod von Anna Sutter führten, geboren am 26. November 1871 in Wil, Kanton St. Gallen, gestorben am 29. Juni 1910 in Stuttgart, wo sie als «Königliche Kammersängerin» so etwas wie der Star des Publikums war, vorzugsweise als Carmen in Bizets gleichnamiger Oper. Wie diese hatte das von den Stuttgartern in bester Absicht so genannte «Sutterle» eine starke erotische Anziehungskraft auf Männer, scherte sich allgemein nicht sonderlich um die herrschende (schwäbisch-bürgerliche) Moral und war von einem wilden Freiheitswillen erfüllt. Wie Carmen gab Anna einem Mann leichthin den Laufpass und kam durch seine Hand, durch die eines rasend Eifersüchtigen, zu Tode. Der Mann heisst hier Aloys Obrist und war während einiger Jahre in Stuttgart Hofkapellmeister.
‹Annas Maske› ist eine fein gebaute Erzählung. Sie setzt nach jenem 29. Juni 1910 ein, als Anna Sutter durch einen Schuss in die Brust in ihrem Schlafzimmer getötet wurde, geht in der Zeit zurück und springt vor, wird mittels Wechsel der Perspektiven und Montage von Quellenmaterial zu einem schönen kleinen Kunstwerk. Wie macht Alain Claude Sulzer das, fragt man sich, wie schaffte er es, uns für Annas Geschichte, die Umstände ihres Todes, aber auch für Aloys Obrist zu interessieren und dabei eine spürbare Spannung zu erzeugen? Wo man doch weiss, wie die Geschichte ‹ausgeht›.
Da ist zum einen der Reiz des Faktischen, beruht die Erzählung doch weitgehend auf Tatsachen. Da ist weiter Sulzers dokumentarisch knapper, angemessen altertümlicher Stil, schliesslich geschah das alles vor etwa 100 Jahren. Überhaupt ist neben des Autors Erzählkunst sein Stil zu loben, und dass beide, was durchaus nicht selbstverständlich ist, so schön Hand in Hand gehen. Sulzer arrangiert sein ‹Material›, fügt verschiedene Stränge und Stücke zu einem Ganzen. Was passierte, erfahren wir dabei wesentlich aus der Sicht Paulines, Anna Sutters Zofe und aus jener eines Mannes, der an der Anfertigung der Totenmaske beteiligt war. Dazu kommen Auszüge aus dem Libretto von ‹Carmen›, Briefe, Rezensionen und Zeitungsberichte. Die eigentliche Spannung jedoch erwächst formal aus der Komposition, inhaltlich und emotional aber hauptsächlich aus den Verhören der Zofe Pauline durch den Polizeiinspektor Heid. Denn man ahnt und weiss schon bald, dass man noch nicht alles weiss.
Wenn ich dem Basler Autor einmal auf der Strasse begegnen sollte, werde ich ihn still für ‹Annas Maske› und seinen Kellner-Roman bewundern. | Oliver Lüdi
Alain Claude Sulzer, ‹Annas Maske›, Suhrkamp TB 2006. 116 S., CHF 11.20
Der Autor hat die ‹Vorlesungen über die Esskunst› von Antonius Anthus neu herausgegeben und stellt sie im Gespräch vor: Fr 16.2., 19.00, Literaturhaus Basel
(Heft Februar 2007)