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Abstinenz
»Wirklich?«
Die Augen seines Gegenübers weiteten sich und ihr Mund verzog sich zu einem schrägen Lächeln, das er nicht wirklich deuten konnte.
Überraschung, Schock oder pure Skepsis? Sebastian wusste es nicht.
»Ja«, nuschelte er nur und lenkte seinen Blick zurück auf die Menükarte.
Er hatte befürchtet, dass es Diskussionen geben würde. Tat es immer. Die Frage war jeweils nur, in welche Richtung sie sich entwickeln würden.
Er hatte schon alles erlebt. Von ungläubiger Bewunderung über Belustigung hin zu offener Ablehnung.
Was wäre es heute?
Vorsichtig schielte er von der Menükarte hoch, senkte den Blick aber sofort wieder, als er auf der Höhe ihres Dekolletees ankam.
Ihre gepflegten Finger trommelten am Rande seines Sichtfeldes auf den Tisch.
»Ich hab davon schon gehört. Aber bisher habe ich niemanden getroffen, der das wirklich durchzieht.«
Ihre Stimme ließ Sebastian doch wieder den Blick heben.
Sie klang nicht herablassend oder als würde sie sich über ihn lustig machen.
Sie schaute an ihm vorbei an einen unbestimmten Punkt, die Augen leicht zusammengekniffen, als würde sie angestrengt nachdenken. Dann schüttelte sie ihre ebenholzschwarze Mähne.
»Ich glaube nicht, dass ich das könnte.«
Nun verzog er den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Es ist vermutlich einfacher, wenn man es von Anfang an immer schon macht. Oder eben nicht macht.«
Sie musterte ihn offen und das Blut schoss in seine Wangen.
Ihre Augen waren von einem kristallklaren Blau, das ihn fesselte.
Dass er so jemanden ausgerechnet auf Tinder finden würde, hätte er nicht erwartet und er war mit viel Skepsis zu dem Date erschienen. Aber kaum hatte sie das Lokal betreten, war ihm der Atem weggeblieben. Sie war echt. Keine Filter, kein Bot. Ein richtiger Mensch, der ihm nichts vormachen musste.
Sie hatte sich einen Weißwein zu Apéro bestellt und Sebastian hatte gewusst, dass er direkt mit der Tür ins Haus fallen musste. Wenn sie ihn aufgrund seiner Abstinenz gleich abschieben würde, wollte er es wissen und sich keine falschen Hoffnungen machen.
Aber sie schnalzte nur mit der Zunge und nahm das Menü in die Hände.
»Fleisch isst du aber oder hast du dem ebenfalls abgeschworen?«
Sie blickte nicht auf und Sebastian war sich nicht sicher, ob er sich den kecken, herausfordernden Unterton nur einbildete. Dann grinste sie aber und zwinkerte ihm zu.
Er lachte erleichtert und widmete sich ebenfalls wieder der Karte.
»Nein, ich bin Allesfresser.«
Der weitere Abend verlief besser, als er es sich hätte ausmalen können. Ihr Humor war genau sein Geschmack und wenn sie von ihrem Job als Hochbauzeichnerin erzählte, hing er an ihren Lippen. Zugegeben, sie hätte ihm das Telefonbuch vorlesen können und er hätte jedem Wort gelauscht und sich nicht eine Sekunde lang gelangweilt.
Er hoffte innig, dass sie den Abend ebenfalls genoss und er sich ihre stimmende Chemie nicht nur einbildete.
Nach dem Hauptgang nippte sie bedächtig an ihrem dritten Glas Wein und musterte ihn wieder auf diese Art, die die Hitze in ihm aufwallen ließ. Er presste die Beine zusammen, als er noch etwas anderes aufwallen spürte.
»Wie lange bleibst du diesem Grundsatz nun schon treu?«
Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er hatte befürchtet, dass das Thema nicht gänzlich gegessen war.
»Seit ich siebzehn bin. Meine Freunde und ich damals haben einen Deal gemacht. Zuerst war es mehr eine Wette, um ganz ehrlich zu sein.«
Sie lachte hell und Sebastian konnte nicht anders, als mit einstimmen.
»Ziemlich dämlich, wenn ich so daran zurückdenke«, gestand er. »Aber irgendwie haben wir es alle durchgezogen und seither halten wir uns alle daran.«
Sie hob die Augenbrauen. »Alle? Wirklich?«
Sebastian zuckte mit den Schultern. »So viel ich weiss. Überprüfen tut das niemand.«
Sie stellte das Glas ab und entlockte ihm ein paar Klänge, indem sie mit dem feuchten Zeigefinger über den Rand fuhr.
In seinem Kopf spielten sich automatisch Bilder ab, wo dieser Finger sonst noch entlang fahren könnte.
Er räusperte sich und blickte in eine andere Richtung.
»Ich find das ganz schön beeindruckend«, sagte sie und in ihrer Stimme lag definitiv kein Schalk.
Er murmelte etwas Unverständliches, ohne selber zu wissen, was er genau zu sagen versuchte.
Er dankte es ihr, dass sie ihn deswegen nicht direkt abschoss. Aber so richtig angenehm war es ihm auch wieder nicht, dass das Thema erneut aufkam.
Eine Berührung an seinem Unterschenkel ließ ihn zusammenzucken und entlockte ihr ein spitzes Lachen.
»Sorry. Das war nur mein Fuss«, sagte sie und setzte ein gespielt unschuldiges Gesicht auf.
Er blinzelte und spürte, wie sich Schweißtropfen auf seiner Stirn bildeten.
Wieder die Berührung, doch dieses Mal zuckte er nicht, sondern atmete nur tief in den Bauch hinab ein.
Jetzt nur keine Dummheit begehen.
Sie beugte sich verschwörerisch über den Tisch und er imitierte die Geste automatisch.
»Wie wärs wenn wir den Nachtisch zu mir nach Hause verlegen?«, flüsterte sie.
Seine Augen weiten sich und er setzte sich bolzengerade auf.
Der Abend war wunderbar verlaufen. Aber meinte sie das ernst? Machte sie sich vielleicht über ihn lustig Oder wollte sie tatsächlich…
Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er rieb seine schweißnassen Hände an seiner Hose ab.
Wieder lachte sie hell.
»Komm schon, Sebastian. Tinder?« Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Sag mir jetzt bitte nicht, dass du auch dem Sex abgeschworen hast.«
Er ließ die angehaltene Luft entweichen und schüttelte vehement den Kopf.
Sie meinte es wirklich ernst.
»Nein«, sagte er und versuchte sich an einem verschmitzten Grinsen, das ganz bestimmt zu gewollt aussah. »Lass und gehen.«
Sie fragte nach der Rechnung, und seine bereits wieder schweißnasse Hand fasste nach der Flasche auf dem Tisch. In einem großen Zug leerte er den Resten seines alkoholfreien Bieres.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.