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"Wenn man gerne schreibt, heisst das nicht, dass man gerne liest."
Echt jetzt, was sagt sie da? Ich bleibe an diesem Satz hängen. Die Schülerin, die ich als Seniorin im Klassenzimmer seit mehr als zwei Jahren begleite, hat ihn lachend gesagt. Sie übt gerade die Präsentation ihrer Projektarbeit, wenige Wochen vor Schulabschluss. Bald ist die Pflichtschule fertig, und F. kann noch immer nicht fliessend lesen.
Ich reisse mich zusammen. Beobachte sie, höre genau hin, was sie sagt, stoppe die Zeit natürlich - und gebe ihr Applaus und Feedback. Vor zwei Jahren war es für sie unmöglich, wenige Sätze vor ihren Klassenkamerad*innen zu sagen, heute ist sie zuversichtlich, dass sie das vor allen Schüler*innen des Schulhauses und den Eltern der Schulabgänger*innen schaffen wird. Sie macht das wirklich gut.
F. spricht fliessend Deutsch, mit einigen grammatikalischen Fehlern, aber mit grossem Wortschatz. Vor einigen Wochen habe ich nebenbei herausgefunden, dass sie auch Dialekt spricht und versteht. Als sie vor wenigen Jahren aus einem afrikanischen Land in die Schweiz kam, über die weiteren Umstände weiss ich nichts, besuchte sie zum ersten Mal eine Schule. Vor zwei Jahren habe ich begonnen, sie wöchentlich ein paar Lektionen zu begleiten.
Vieles haben wir in den zwei Jahren seither zusammen gemacht. Wir haben viel gespielt - "Mensch ärgere dich nicht" wurde schnell ihr Lieblingsspiel. Natürlich UNO. "Halma" fand sie schrecklich, aber ein paar modernere Lernspiele mochte sie, die Worte auf deutsch wusste sie schnell und sie war häufig sehr viel schneller als ich wenn es darum ging, herauszufinden, welche/r Farbe/Gegenstand zu dem gezeigten Bild passte. Sie beherrschte zwar das kleine Einmaleins nicht, aber an der Berufsmesse konnte sie sofort ein Farbenspiel mittels Armbewegungen auf einem grossen Display dirigieren. Auch konnte sie sich in der grossen Halle viel besser orientieren als ich.
Eines Vormittags ging ich mit ihr spazieren. Zu meiner Überraschung sagte sie, dass sie das erste Mal in ihrem Leben in einem Wald sei. Sie glaubte im Winter, die Apfelbäume auf dem Pausenhof seien tot. Sie kannte keine einzige Pflanze, aber sie wusste vieles über Tiere.
Und ja, F. kann nur sehr langsam lesen, sie macht viele Fehler, sie liest die ersten Buchstaben eines Wortes und erfindet dann den Rest. Wenn sie aber ihre Geschichten aufschreibt, dann ist sie glücklich. Sie schreibt mit so vielen Fehlern, dass es schwer ist, zu verstehen - aber die Geschichten sind toll.
Für ihr Abschlussprojekt hat F. elf Geschichten abgetippt und daraus ein Buch machen lassen. In Ihrer Präsentation bedankt sie sich für die Unterstützung durch die Lehrpersonen, die geholfen haben, dass die Texte fehlerfrei sind. Und als ich die erfundenen Geschichten so als Buch vor mir habe, staune ich. So viel Phantasie, Originalität und vor allem Lebensweisheit steckt darin.
Ich hoffe, die Sechzehnjährige schreibt weiter. Ich werde ihre Texte gerne auch in Zukunft korrigieren. Und ihr ab und zu vorlesen, wenn ihr selber lesen zu mühsam wird. Und ihr wohl auch ein iPad verschaffen, damit sie ihre Texte tippen kann. Ob sie ihren Traum, Autorin zu werden, wohl verwirklichen kann?