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Unzählige Spitzensportler schwören auf Höhentraining. Seit den 60er Jahren wird die spezielle Methode angewendet, um eine Leistungssteigerung im Profisport zu erreichen. Der dänische Physiologe Carsten Lundby stellt nun aber genau dieses Training in Frage. Wer hat nun recht?
Nicola Spirig und Nino Schurter haben vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ein Höhentraining oberhalb von St. Moritz absolviert. Sie mussten diese Vorbereitungen genau so legen, dass ihr Wettkampf in ein Zeitfenster 14 bis 25 Tage später fällt. Experten wollen herausgefunden haben, dass im Idealfall eine Leistungssteigerung von bis zu drei Prozent aus einem solchen Höhentraining resultieren kann. Was aber genau passiert mit dem Körper wenn man in grossen Höhen trainiert? Die Literatur spricht in erster Linie von einer höheren Konzentration des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin, der den Sauerstoff transportiert. Um den Mangel an Sauerstoff in der Höhe auszugleichen, erhöht der Körper die Produktion von Hämoglobin. Die Überkapazität steigert bei normalem Luftdruck die Leistung.
Es ist alles Placebo
der dänische Forscher Carsten Lundby, welcher an der Universität Kopenhagen doziert, teilt diese allseits bekannte Meinung nicht. Er ist überzeugt: Die Trainingsmethode bringt nichts. Als eine Forschungsgruppe das Blut von Sportlern nach dem Höhentraining untersuchte, konnten sie keinen Unterschied feststellen. Lundby vermutet, dass die Sportler bereits so voller Hämoglobin sind, dass der Effekt des Höhentrainings ausbleibt. Dies war ihm aber noch nicht Beweis genug. „Wir organisierten die erste Studie, die wie eine Medikamentenstudie doppelverbindet und placebokontrolliert war.“ Bei der Hälfte der Probanden wurde die Sauerstoffkonzentration im Schlafzimmer künstlich so weit gesenkt, dass sie der auf einer Höhe von 3000 Metern über Meer entsprach. Weder die Forschenden noch die Athleten wussten, zu welcher Gruppe ein Proband gehörte, also ob er ein „Höhentraining“ absolvierte oder nicht. Insgesamt sechs kontrollierte Studien mit jeweils zwischen 15 und 19 Radfahrern und Skilangläufern hat Lundby inzwischen durchgeführt und kommt zum Schluss: „Es ist alles Placebo. Wenn die Athleten ihre Gruppe nicht kannten, fanden wir keinen Effekt.“
Höhentraining zeigt Wirkung
Lundbys Erkenntnisse sind allerdings umstritten. Jon Wehrlin, Leiter der Abteilung Ausdauerphysiologe an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (BE), relativiert: „Viele der betrachteten Studien machten methodische Fehler im Training.“ Einige hätten das richtige Zeitfenster nicht abgewartet, oder die simulierte Höhe sei zu klein gewesen. So sei es nicht erstaunlich, dass keine Leistungssteigerung beobachtet wurde. Aus seiner langjährigen Erfahrung wisse er, dass positive Effekte sehr individuell seien. Es sei zudem nicht möglich, den Athleten zu verheimlichen, in welcher Studiengruppe sie sich befänden. Trotzdem: „Seit 15 Jahren ist klar, dass Höhentraining einen positiven Effekt auf die Leistung im Ausdauersport haben kann.“
Dies bestätigt auch Grégoire Millet, Professor für Physiologie an der Universität Lausanne. Höhentraining werde seit den 1960er Jahren praktiziert und sei schon früher angezweifelt worden. Im Idealfall resultiere eine Leistungssteigerung von bis zu drei Prozent.
Die „live high, train low“-Methode
Für die populärste Variante „live high, train low (LHTL)“ wurden seit 1997 über 70 Artikel publiziert, wovon nur zwei von einen Placebo-Effekt sprechen. LHTL ist eine der bekanntesten und am meisten verbreitete Höhentrainingsmethoden. Forscher haben herausgefunden, dass die gewünschte Wirkung des Höhentrainings nur dann eintritt, wenn rund 400 Stunden in einer Höhe von 2300 bis 2600 Metern verbracht werden. Durch den tiefen absoluten Sauerstoffgehalt der Luft ist in dieser Höhe die absolute Trainingsintensität reduziert.
Pendeln die Athleten zwischen Berg und Tal, können sie vom Höheneffekt profitieren und trotzdem mit einer hohen absoluten Intensität trainieren. Um auf die 400 Stunden zu kommen, verbringen Leistungssportler über drei bis vier Wochen täglich zwischen 14 und 19 Stunden in der Höhe.
Peter Bärtsch, möchte sich nicht auf eine der Seiten schlagen. Der Arzt und ehemalige Direktor Abteilung Sportmedizin der Universität Heidelberg und ebenfalls Mitautor auf der Standard-definierenden Literaturübersicht attestiert den Studien von Lundby eine hohe Qualität. „Ich würde den Athleten weiterhin ein „live high, train low“ empfehlen, wobei unsicher ist, ob die Wirkung eher auf Physiologie oder Psychologie beruht.“
(Quellen: http://www.snf.ch/de/fokusForschung/newsroom/Seiten/news-170612-horizonte-der-placeboeffekt-von-duenner-bergluft.aspx UND https://www.mobilesport.ch/aktuell/hoehentraining-live-high-train-low/)
Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 16. Juni 2017 um 14:47 und abgelegt unter Allgemein, News. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.