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Die vorliegende Arbeit stellt einen neuen Versuch dar, astronomische und kalendarische Bezüge des Gilgamesch-Epos aufzuzeigen und deren mythisch-weltanschauliche, sexual- und tiefenpsychologische sowie agrikulturelle und gesellschaftliche Bedeutung zu ergründen.
Der Kampf Gilgameschs mit dem Himmelsstier findet sich durch eine Reihe von Sternbildern am Himmel dargestellt, die zur Saatzeit im Herbst über dem morgendlichen Ost- und Westhimmel zu sehen waren. Über dem Westhorizont waren dies Orion, Himmelsstier, Lohnarbeiter und Pflug; am östlichen Horizont stand gleichzeitig die Ackerfurche. Damit war ganz konkret die Zeit des Pflügens und Säens angezeigt. Der Himmelsstiermythos kann daher als eine Ätiologie des Ackerbaus gelesen werden. Er stellt dar, wie der Mensch den Pflugochsen gezähmt und mit seiner Hilfe zum ersten Mal den Ackerboden aufgepflügt hat.
Nun wird der Ackerbau in gewissen mit Inanna-Ischtar assoziierten Texten als eine heilige sexuelle Vereinigung des Menschen mit der Erdgöttin interpretiert. Es zeigt sich, daß der Anschein, Gilgamesch hätte der in ihn verliebten Göttin einen Korb gegeben, trügt. Unter Beizug anderer Mythen erotischer Natur wird demonstriert, daß Gilgameschs Nein als Teil eines erotischen Vorspiels gedeutet werden muß. Sein Kampf mit dem Himmelsstier, bei dem Gräben in die Erde gerissen werden, ist in Wahrheit nichts anderes als Symbol für einen leidenschaftlichen Liebesakt – und gleichzeitig für die Pflugarbeit des Bauern auf dem Acker. Das Thema ist also eine Heilige Hochzeit des Bauern mit der Erde, jedoch repräsentiert durch eine urbildliche Verbindung des Königs mit der Göttin. Gleichzeitig stellt der Himmelsstiermythos einen Initiationsmythos dar. Ein junger Mann wird in die Sexualität eingeweiht und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Er wird damit auch zu einem vollwertigen Eingeweihten des Ackerbaus bzw. des Ackerbaukultes.
Das Aufreißen der Erde durch den Pflug wurde dabei als ein Sakrileg an der Göttin empfunden. Analog dazu wurde das Entjungfern einer Frau bzw. der Göttin – auch symbolisiert durch die Erstechung des Stieres – als eine Verletzung der Göttin interpretiert. Diese Tat zieht als „Strafe" zwangsläufig den Tod nach sich. Der Himmelsstiermythos stellt daher nicht nur die Einweihung junger Menschen in die Sexualität und in die Arbeit auf dem Acker dar, sondern zugleich auch eine Einweihung in den Tod. Erwachsen-werden heißt Sterblich-werden und Sterben.
Auf ähnliche Weise wird die Chuwawa-Episode untersucht. Auch sie steht astronomisch und kalendarisch in Verbindung zu Herbst und Winter, zu Ackerbau und Holzfällerei sowie zur Initiation junger Männer, und zwar der sexuellen wie auch der kriegerischen. Die Rolle von Gilgameschs Mutter, die ihn nur ungern ziehen läßt, und die Rolle des völlig abwesenden Vaters wird diskutiert; ebenso die Frage, ob sich der Mythos durch Freuds Ödipustheorie erhellen läßt. Schließlich wird wiederum in ähnlichem Stil eine Deutung von Gilgameschs Reise zu Utanapischti und der Sintflutsage versucht.
Im zweiten Teil werden vergleichbare Motive in anderen Kulturen Europas, Afrikas und Asiens untersucht, wobei auch archäologische Zeugnisse aus prähistorischen Epochen berücksichtigt werden. Es erweist sich, daß diese Motive derart weit verbreitet und so alt sind, daß sie zum Kern der neolithischen Weltanschauung gehört haben müssen.
Dieter Koch
Der Stierkampf des Gilgamesch - Vom Ursprung menschlicher Kultur
ISBN: 978-3-9318-0605-7, 745 Seiten
© 2007 Dieter Koch, Zürich