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Wenn man einen Flugzeugabsturz überlebt
Text: Sandra Schmid; Foto: Unsplash / Jordan Sanchez
Ich sass in der zweiten Reihe und beobachtete die Passagiere, die nach mir ins Flugzeug einstiegen. Viele waren wohl geschäftlich unterwegs, eine vierköpfige Familie reiste gerade in die Ferien. Mein Sitznachbar war einer der letzten, der das Flugzeug betrat. Er stellte sich mir als Mark vor. Als die Maschine startete, sah ich aus dem Fenster und genoss die Sicht auf Manhattan. Neunzig Sekunden später knallte es, das Flugzeug wurde durchgeschüttelt. Wie sich später herausgestellt hat, ist es mit einem Schwarm Wildgänse kollidiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste das aber niemand. Panik brach aus. Viele schrien und fingen laut an zu beten. Die Kabine füllte sich mit einem Rauchschleier und einem komischen, nicht identifizierbaren Geruch. Danach wurde es ruhig. Ich versuchte angestrengt, das Motorengeräusch zu hören, doch da war absolut nichts. Beide Triebwerke fielen aus, das Flugzeug senkte sich.
Eine Sekunde fühlte sich an wie eine Minute, eine Minute wie eine Stunde. Ich fokussierte auf eine Pilotin, die sich auf dem Heimweg von einem anderen Flug befand. Ich versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu lesen, und fragte sie, ob wir okay sein würden. Sie verneinte. In diesem Moment wurde mir klar: Wir werden sterben.
Das Flugzeug näherte sich dem Grund. Ich sass ruhig auf meinem Platz, in Gedanken bei meinem Vater, meiner Schwester und meinen Freunden. So vieles war noch ungesagt und ungetan. Mark hielt meine Hand. Wir beteten. Der Flugkapitän meldete sich: «Hier spricht Ihr Kapitän, nehmen Sie die Notfallposition ein!» Die Flugbegleiterinnen begannen mit dem Aufruf: «Brace, brace, brace, heads down, stay down.» Immer wieder. Ich legte den Kopf zwischen meine Beine und versuchte gleichzeitig hochzuschauen, um zu sehen, wann, wie und wo ich sterben sollte. Die Anweisungen wurden lauter, der Tonfall höher, das Zittern in den Stimmen war nicht zu überhören.
Dann schlug das Flugzeug auf dem Hudson River auf. Mehrere Häuserblöcke lang glitt es weiter flussabwärts. Das linke Triebwerk wurde vom Wasserdruck abgerissen und drehte das Flugzeug dramatisch nach links, bis es plötzlich stoppte.
Flugkapitän Chesley Sullenberger ist es tatsächlich gelungen, den tonnenschweren Airbus notzulanden. Ich sass aFuf meinem Platz, erstarrt. «Evakuieren Sie das Flugzeug!», rief Sullenberger. Menschen rannten den Gang entlang an mir vorbei. Mark nahm mich an der Hand mit zum Ausgang. Wir glitten die Notrutsche hinunter ins eiskalte Wasser. Adrenalin pumpte durch meinen Körper. Ich schwamm aufs Rettungsfloss und begann, anderen Menschen zu helfen. Manche Gesichter waren weiss oder blau, gezeichnet von der Todesangst und der Kälte. Wir waren 155 Personen an Bord – und wir haben alle überlebt.
Wenige Tage später flog ich zurück in meine Heimatstadt Charlotte. Zuhause angekommen weinte ich ununterbrochen. Ich litt monatelang unter Flashbacks. Meine Psychologin lehrte mich, meine Angst zu kontrollieren. Der Kontakt zu den anderen Überlebenden half mir, mein Trauma Stück für Stück zu bewältigen. Mit Mark bin ich bis heute gut befreundet. Das war vor zehn Jahren. Es gibt heute noch keinen Tag, an dem ich nicht an Flug 1549 denke. Ich werde schnell nervös und bekomme Panik, wenn keine Fluchtmöglichkeiten vorhanden sind. Noch immer leide ich unter Schuldgefühlen. Warum habe ich überlebt, während Freunde von mir ihre dreissigjährige Tochter bei einem Flugunglück verloren haben?
Heute helfe ich ehrenamtlich Menschen, die Angst vor dem Fliegen haben, oder Angehörigen, die geliebte Menschen bei einem Absturz verloren haben. Ich möchte ihnen in diesen schweren Zeiten beistehen und etwas davon weitergeben, was ich durch das Wunder vom Hudson River bekommen habe: eine zweite Chance.
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