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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Ein See, eine Wiese, eine stockfinstre Nacht. Die Szenerie war perfekt als sich Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal auf dem Rütli trafen, um gemeinsam … also: Es gab natürlich einen Grund, weshalb die Szenerie so perfekt war. Schliesslich war die Geschichte erfunden.
Beschrieben wurde sie im 16. Jahrhundert von Aegidius Tschudi. Zu seiner Zeit war die Eidgenossenschaft bereits ein relativ festes Gefüge und also musste ein Historiker wie er erklären können, wie sie entstanden war. Tschudi griff in seinem «Chronicon Helveticum» Elemente von Tell- und Schwursagen auf, machte das Rütli zum Ort der Verschwörung gegen die Habsburger und datierte sie auf den 8. November 1307.
Rund 200 Jahre nach Tschudi, 1758, tauchte ein lange verlorener Vertrag wieder auf, in dem Uri, Schwyz und Unterwalden Anfang August 1291 einen Landfrieden schlossen. Die Waldstätte versprachen, sich gegenseitig beizustehen und rechtliche Angelegenheiten selbst zu regeln. Verfertigt wurde das Dokument nicht von verschwörerischen Bauern, sondern von der örtlichen Aristokratie. Dann folgte das 19. Jahrhundert.
Unter zahlreichen Geburtswehen – Helvetik, Restauration, Sonderbundskrieg – wurde aus dem eidgenössischen Staatenbund der Bundesstaat Schweiz. Auch dieser brauchte Geschichten, auch dieser musste erklärt sein. Also erhoben Tschudis Nachfolger den alten Vertrag zum «Bundesbrief» und datierten den Rütlischwur auf 1291 um. Eine besondere Rolle spielte dabei die erste «Bundesfeier» am 1.8.1891: Bern feierte 700 Jahre Bern und die Hauptstadt verknüpfte dies (gestützt auf den alten Vertrag) mit einer 600-Jahre-Schweiz-Feier. Historisch eine kühne These, praktisch eine ideale Ergänzung.
In der Zentralschweiz kam diese Deutung allerdings schlecht an. Als in Uri 1895 das Telldenkmal eingeweiht wurde, prangte unter dem Freiheitshelden plakativ das alte Datum 1307. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts setzte sich 1291 definitiv als «Gründungsjahr» durch.
Tatsächlich wurde die Schweiz weder 1291, noch 1307 gegründet, sondern gar nie. Tell und Rütli sind Legenden, der «Bundesbrief» ist zwar ein Vertrag, aber weder eine Staatsgründungsakte, noch eine Unabhängigkeitserklärung von Habsburg. Tatsache ist, dass sich Uri, Schwyz und Unterwalden zwischen 1291 (Tod Rudolf von Habsburgs) und 1315 (Schlacht am Morgarten) von den habsburgischen Herrschern zu emanzipieren begannen und danach trachteten, direkt dem König unterstellt zu werden. Tatsache ist auch, dass sich daraus später ein grösseres Bündnisgeflecht entwickelte, das überraschenderweise Bestand hatte. Und Tatsache ist drittens, dass sich Geschichte in einprägsamen Bildern und packenden Geschichten sehr viel besser verstehen lässt, als in historischen Zufällen und abstrakten Prozessen.
Digital in die Vergangenheit
Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch