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(vorgetragen auf der Podiumsdiskusssion zum Sonderprogramm "Kollaborative Prozesse - wechselnde Akteure", Film- und Videotage Basel 11.96)
Das Thema des Sonderprogramms der Film- und Videotage heisst "Autorschaft" und "Identität". Dieses Thema hat für mich eine paradoxe Faszination, die mich letztlich zur Teilnahme bewegt hat. Vorab muss ich anmerken, dass ich kein Künstler bin. Eigentlich bin ich nicht einmal der Verfasser der Texte, die hier in meinem Namen stehen. Ich hatte mir sogar überlegt, ob ich bei meiner Ankunft in Basel irgendjemanden von der Strasse anheuern sollte und als "Florian Cramer" oder "Monty Cantsin" auf dieses Podium zu schicken.
Nun repräsentiere ich hier zwei verschiedene Web-Sites, die auf dem hintersten Terminal laufen: Die "Seven by Nine Squares" und die "Textmaschinen".
Im Fall der "Seven by Nine Squares" ist die Anwesenheit meiner Person zumindest fragwürdig. Alle Fragen, die man an diese Web-Site stellen könnte, beantwortet sie eigentlich selbst, und zwar stets auf widersprüchliche Weise. Wenn man nun persönlich für dieses Gebilde einstehen soll, läuft man immer Gefahr, diese Widersprüche erklärend glattzubügeln.
Die "Seven by Nine Squares" sind zunächst ein Text-Destillat des sogenannten Neoismus. Nun gibt es viele konträre Ansichten, was Neoismus eigentlich ist. Zunächst ist Neoismus ein Präfix und ein Suffix ohne Wortstamm: "Neo" und "Ismus". Viele Neoisten hingegen behaupten, Neoismus habe niemals existiert und seine eine blosse Erfindung seiner Gegner, der Anti-Neoisten. Anderen Versionen zufolge ist der Neoismus eine ironische Neuauflage der Situationistischen Internationale oder des Rosenkreuzertums. Gestern nacht begegnete ich zufällig dem Basler Mail Art-Künstler Marcel Stüssi, für den Neoismus eine Bewegung ist, die in den frühen 80er Jahren von einem ungarisch-kanadischen Performancekünstler erfunden wurde.
Die "Seven by Nine Squares" präsentieren hunderte widersprüchliche Antworten auf die Fragen: Was ist Neoismus, oder: Wer ist Monty Cantsin, die kollektive Identität der Neoisten. Neoismus war zunächst nichts anderes als eine Ansammlung privater Ironien, von Insider-Witzen. Diese Ironien wurden mit Emblemen und Allegorien ausgeschmückt, die nur Eingeweihten verständlich waren. Die verschlüsselten Bedeutungen dieser Embleme gingen später verloren. Was übrig blieb, waren die blossen Codes, aber niemand wusste mehr, wofür sie eigentlich standen. Da nun die Codes offensichtlich etwas zu bedeuten hatten, oblag es den Neoisten, diese Bedeutungen neu zu erfinden. Die entlegensten Analogien zwischen Zeichen und Dingen wurden konstruiert, bis Neoismus eine Kunst kohärenter Paradoxien und paradoxischer Kohärenz wurde, oder, wenn man so will, ein geschlossenes System fixer Ideen.
Nun mag Neoismus eine Kunst des kohärenten Paradoxes sein, er ist aber nicht Kunst. Wenn er "Kunst" betreibt, dann vielleicht im Sinne der mittelalterlichen "ars", der Fertigkeit. Das scheint mir ein wichtiger Grund dafür, dass neoistische Texte sich relativ gut fürs Internet eignen. Wenn es "Kunst" im Internet geben kann, so glaube ich, dann nicht als autonome Kunst, sondern in diesem alten Sinne der "ars". Das Internet bietet keine auratischen Räume, die ein Objekt aus seinem alltäglichen Kontext entfremden. Im Netz ist es ziemlich unerheblich, ob man ein Pissoir auf den Seiten des Museum of Modern Art ausstellt oder im Bestellkatalog eines Sanitär-Grosshändlers, oder ob ein Gummi-Hase von Jeff Koons stammt oder aus einer taiwanesischen Spielzeugfabrik. Umgekehrt finde ich das Wort "Kunst" kaum hilfreich bei der Beurteilung der Web-Sites und Computerprogramme hier in diesem Raum.
Ich habe eingangs gesagt, dass ich kein Künstler sei. Die beiden Web-Sites, die ich hier präsentiere, sind eigentlich philologische Arbeiten. Die Site "Text Machines Text" versammelt funktionale Online-Adaptionen historischer Textautomaten und Gedichtmaschinen: Die "Ars Magna" von Raimundus Lullus, daneben permutierende Barocklyrik von Georg Philipp Harsdörffer und Quirinus Kuhlmann sowie moderne Textgeneratoren von Raymond Queneau und dem österreichischen Komponisten Karlheinz Essl.
Der gemeinsame Nenner der Textautomaten und der "Seven by Nine Squares" sind Texte, die ihre Verfasser nur noch bedingt im Griff haben. Kuhlmann und Queneau rechnen aus, dass man Jahrhunderte bräuchte, um alle Kombinationen ihrer permutierenden Gedichte aufzuschreiben. Es geht also um die Fusion von Text und Spiel, im Neoismus sogar um ständige Manipulation der Spielregeln.
Ich muss klarstellen: Meine Internet-Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Poetik im Sinne von Produktionsästhetik. Textautomaten interessieren mich vor allem als Lesemaschinen. Herkömmliche Web-Browser und überhaupt der sogenannte "Hypertext" benutzen den Computer eigentlich nur als Blättermaschine, als eine Art Diaprojektor. Mich interessiert, ob wir das algorithmische, kombinatorische Potential des Computers für neue Leseweisen nutzen können mit der Hilfe von Suchmaschinen, Markovgeneratoren, Anagrammprogrammen, Gematrieanalysen. Vielleicht regen solche Überlegungen dazu an, Computer-adäquate Darstellungsformen zu finden und, wozu meine Web-Sites bescheiden anregen wollen, über den Tellerrand der Internet-Kultur zurück- und hinauszublicken.