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Johann Ferdinand Schor und seine Architekturmanuskripte. Erforschung der theoretischen Quellen seiner Vorlesungen
Grundlage des Forschungsvorhabens bildet das in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu datierende handschriftliche Manuskript "Anfangs-Gründe der bürgerlichen Baukunst oder Architectur, aufgesetzt durch Herrn Johann Ferdinand Schor, angestellter Ingenieurs Professor", das in der Abteilung für Handschriften und alte Drucke der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik (Inv.-Nr. Teplá MS.B49) aufbewahrt wird. Es besitzt 167 Folios. Die Schrift diente Schor, der seit 1726 als Professor an der kurz zuvor gegründeten Ingenieurschule in Prag die Militär- und Zivilbaukunst lehrte, als Vorlesungsmanuskript. Er beginnt – im besten vitruvianischen Sinn – mit der Einteilung der Baukunst und den Anforderungen an den Architektenberuf und geht dann über zur Beschäftigung mit den Begriffen 'Schönheit' und 'Geschmack' einschliesslich ihrer grundlegenden Voraussetzungen, um die vitruvianischen Grundbegriffe neu zu interpretieren. Im Gegensatz zu den anderen erhaltenen Handschriften Schors in Prag – unter dem Titel "Anfangs-Gründe der Geometrie" in der Tschechischen Nationalbibliothek (DF II 9) – und in der Innsbrucker Universitätsbibliothek mit dem Titel "Allerhand Bau und Kunstschrift" (Nr. 856) wurde es noch nicht erforscht oder publiziert, obwohl es sich in diesem Fall um die einzige authentische Quelle zur Architekturlehre des 18. Jahrhunderts in Böhmen handelt.
Das Forschungsvorhaben wird die Zusammenhänge zwischen dem Manuskript und der einschlägigen Architekturliteratur untersuchen und hat seine kritische Kommentierung zum Ziel. So sollen zunächst die Quellen erforscht werden, deren Autoren Schor häufig namentlich und oft mit Seitenangaben anführt, allerdings ohne Titel oder Auflage zu nennen. Er erwähnt unter anderem François Blondel, Charles Perrault, Leon Battista Alberti, Leonhard Christoph Sturm und darüber hinaus Voltaire, Chr. Wolff, J. G. Walch, W. Hogarth, Cesare Ripa und viele weitere. Oft sind die Namen – genauso wie Fachbegriffe oder fremdsprachige Zitate auch – falsch geschrieben, verballhornt, so als ob sie phonetisch wiedergegeben worden sind. Die zitierten Traktate und die anderen lexikalischen und ästhetischen Schriften sollen anhand der umfangreichen Bestände der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin zunächst identifiziert und die verwendeten Ausgaben gefunden werden.
Das aufmerksame Studium dieser Quellen soll zudem ermöglichen, auch diejenige Passagen zu identifizieren, die Schor nicht als Zitat gekennzeichnet, sondern vielmehr in eigene Gedanken eingeführt hat. Das Hauptaugenmerk dieses Vorgehens ist die kritische Beurteilung der Quellen bezüglich ihrer Aufgabe als Lehrmaterial und ihrer praktischen Verwendung im Rahmen der Architektenausbildung an der Prager Ingenieurschule. Es ist davon auszugehen, dass Schor auch im zu untersuchenden Manuskript in der Lage war, die lange Tradition der Architekturtheorie mit Praxisanweisungen zu verknüpfen. Dies ist jedenfalls für das zweite Manuskript von Schor aus der Prager Nationalbibliothek, das geometrische Übungen zum Inhalt hat, feststellbar, aber auch in dessen Innsbrucker Handschrift, die über das Programm seiner Architekturvorlesungen und einzelne Fächer handelt, die an der Ingenieurschule in Prag gelehrt wurden. So zeigt z. B. die Geometrie-Handschrift, dass Schors Vorlesungen einerseits breite theoretische Kenntnisse vermittelten, andererseits konkrete praktische Aufgaben im Bereich des Feldmessens beinhalteten. Die Lehre dort scheint also im Gegensatz zum Unterricht an der von Jesuiten geprägten Prager Karlsuniversität mehr an praktischen Zielen orientiert gewesen zu sein.
Das Erregen von Gefühlen, das Wahrnehmen des Wohlgefallen, kurz: das psychologische Empfinden bedeutet ihm – im Anschluss an Christian Wolff, Charles Batteux und Johann Christoph Gottsched – mehr als die Messbarkeit und rationale Erfahrung der Architektur. Es soll daher weiterhin in Auseinandersetzung mit den gedruckten Quellen untersucht werden, wie Schor die – im Spiegel der Begründung der Ästhetik in der rationalen Philosophie – neu interpretierten Grundbegriffe "Bequemlichkeit, Beständigkeit, Zierlichkeit - oder Schönheit" mit der vitruvianischen Tradition in Einklang bringt.
Die Publikation einer textkritischen Edition des Manuskriptes inklusive einer kommentierten Zusammenfassung der identifizierten und zitierten Quellen ist geplant.
Ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds.