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Im letzten Kapitel seines Buches über die Prinzipien der Psychologie schreibt Bavinck über den menschlichen Willen. Er unterscheidet drei verschiedene Definitionen, die alle mit der Macht über sich selbst zu tun haben (Herman Bavinck. Jack Vanden Born (trans.) Herman Bavinck’s Foundations of Psychology. Calvin College: Grand Rapids 1981. S. 152):
a) den Wille bzw. Nichtwillen etwas zu tun
b) die Wahl zwischen verschiedenen Optionen
c) die Wahl zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten, die einander entgegenstehen (ethische Entscheide). Wichtig ist insbesondere die Unterscheidung zwischen dem Willen, geistlich Gutes oder aber Gutes im ordentlichen Sinn des sozialen Lebens zu tun (153).
Die grosse Frage lautet: Wie steht die menschliche Willensfreiheit zu Gottes Vorherwissen und – bestimmung? Bavinck gibt hier einige interessante Ausführungen wieder. Er betont, dass die Reformation jeglichen Zwang ausschloss, nicht aber die Notwendigkeit (153). Von Gottes Seite aus bleibt alles geplant, sogar die Sünde, denn es entzieht sich nichts seiner Kontrolle (154). Es gibt zwei Denkschulen, welche die Spannung aufzulösen versuchen: Während die einen den freien Willen proklamieren, sehen die Deterministen eine ungebrochene Ursache-/Wirkungskette. Beide Seiten nehmen wichtige Argumente für sich in Anspruch (155). Wo steht Bavinck?
In der ihm typischen Weise gesteht Bavinck beiden Seiten legitime Anliegen zu. Der Wille des Menschen bleibt all seinen Motiven zum Trotz frei. Deutlich wird das z. B. am Verantwortungs-, Schuld- und Reuegefühl, das der Mensch zeigt. Im Wollen ist immer eine konkrete Person involviert, ebenso ihr Verständnis (156). Auf der anderen Seite tun die Vertreter eines freien Willens so, als ob es Freiheit gäbe alles zu tun, was immer der Wille auszuführen wünsche. Auf diese Weise wird der Wille von der Person und vom Kontext losgelöst, was pure Abstraktion und fern von der Realität ist (157). Wenn der Mensch sagen könnte „ich will es einfach“, dann würde er zum Schöpfer und Gott (158). Erziehung, Charakter und moralische Entwicklung würden so verunmöglicht. Bavinck sieht aber auch einen grossen Unterschied zwischen dem physischen, monistischen Determinismus des Islam und dem Prädestinationsverständnis von Calvin. Ersterer wird durch die alltägliche Erfahrung ebenfalls widerlegt: Die meisten Sünden geschehen nämlich wider besseres Wissen (159).
Der Theismus, so die Schlussfolgerung, der die Schöpfer-/Geschöpf-Unterscheidung aufrecht hält, löst das Problem des freien Willens nicht auf. Der Akt des Willens ist weder Syllogismus noch Metabolismus des Gehirns (160). Die Sphäre der ethischen Entscheidungen wird jedoch von eigenen, übergeordneten Gesetzen wie Schuld, Verantwortung, Verdienst, Bestrafung etc. regiert. Den Indeterminismus gibt es nicht, und der Mensch bleibt dennoch frei.
Die menschliche Freiheit ist deshalb weder willkürliche Entscheidung noch unumgänglicher Zwang, sondern eine „rationale Selbstfestlegung“ (160). Die Liebe beispielsweise ist die höchste Form des Willens, eine ernsthafte, andauernde Richtung des Willens, die Gutes ansteuert. Oder in einem negativen Beispiel ausgedrückt: Der Alkoholiker weiss genau, dass es besser wäre nicht zu trinken; aber die Lust ist stärker als alle anderen Motive. Die Entscheidung des Willens ist offenbar das Resultat einer Reihe von Einsichten, Argumenten, Kräften, Wünschen und Leidenschaften (163). Der Mensch kann niemanden sonst beschuldigen, er ist das Subjekt seiner Taten.
Ohne die Sünde würden Begehren und Pflicht vollständig zusammenfallen. Freiheit und Verantwortung ist Teil der ethischen Natur des Menschen und kann weder mit physischer noch mit logischer Unmöglichkeit gleichgesetzt werden. Wer sündigt, ist ein Sklave der Sünde. Wo Gottes Ordnung übertreten wird, entstehen Schuldgefühle. Verloren gegangen ist der Wille das wahrhaft Gute zu tun (164).
Bavincks Schluss des Buches ist bemerkenswert. Er sieht Allwissen, Prädestination und Vorauswissen als Basis und Grund der menschlichen Freiheit. Freiheit spiegelt etwas von Souveränität wider. Es ist Teil der Imago Dei. Sogar die Freiheit, von der der Mensch Gebrauch macht um zu sündigen, ist immer noch ein Schatten seiner von Gott verliehenen Souveränität (165).