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Wenn Kinder keine Freunde finden
Für Eltern ist es nicht einfach mitanzusehen, wenn ihre Kinder keine Freunde finden. Jesper Juul sagt, was sie in einer solchen Situation tun können – und was nicht.
Eine Mutter fragt: Wir sind eine vierköpfige Familie und leben auf dem Land. Mein Mann und ich sind seit 15 Jahren verheiratet und wir haben zwei wunderbare Kinder. Unser Sohn Nicolas ist 14 und unsere Tochter Luisa ist 11 Jahre alt. Leider haben unsere Kinder nur wenige Freunde. Nicolas geht in die Oberstufe.
Nach dem Unterricht macht er nur selten mit Kollegen ab. Mein Mann und ich laden immer wieder Freunde mit gleichaltrigen Kindern zu uns ein, beispielsweise für einen Kinoabend oder zum Eisessen, aber die Initiative kommt immer von uns, nie von unserem Sohn. Auch Luisa ist nicht sehr kontaktfreudig. Sie ist ein bisschen schüchtern und meidet den Kontakt mit ihren Klassenkameradinnen.
Es ist wichtig, einen guten Freund oder eine gute Freundin zu haben – es ist aber nicht notwendig,
viele Freunde zu haben.
In der Pause ist sie viel lieber mit Jungs zusammen. Früher hatte sie einen guten Schulkollegen, doch heute ist dieser lieber mit seinen Jungs zusammen als mit Luisa. Wie Nicolas hat auch Luisa keine Schulprobleme. Viele gleichaltrige Kinder haben Freunde und verbringen ihre Freizeit in Gemeinschaft, veranstalten Übernachtungspartys oder gehen Minigolfen.
Unsere nicht. Das macht mich traurig. Ich habe den Eindruck, dass unsere Kinder an der Seitenlinie stehen, während andere Kinder ihr Sozialleben geniessen. Manchmal frage ich mich, ob wir als Eltern etwas falsch gemacht haben. Ich wünsche mir so sehr, dass unsere Kinder gesellschaftlich und sozial besser integriert sind. Ich finde das für die Entwicklung sehr wichtig. Können Sie mir Tipps geben, wie ich meine Kinder darin unterstützen kann, Freunde zu finden?
Jesper Juul antwortet
Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. Kinderfreundschaften sind Political-Correctness-Initiativen. Deren Naivität ist rührend, aber auch erschreckend. Lassen Sie mich damit beginnen: Sie haben nichts «falsch» gemacht. Das Einzige, was ich erkennen kann, ist, dass Sie versuchen, Ihre Kinder vor Schmerz und Trauer zu bewahren. Natürlich ist es wichtig, dass Kinder Freunde haben, oder besser gesagt: einen besten Freund oder eine beste Freundin.
Es ist nicht unbedingt notwendig, mehrere oder viele Freunde zu haben, auch wenn das oftmals so gesehen wird. Durch die heutigen organisatorischen und sozialen Umstände hat sich die Möglichkeit, Freunde zu finden, für Kinder verringert.
Bemühungen, diese fehlende Freiheit zu kompensieren, gibt es viele. So versuchen beispielsweise Eltern in den USA, an sogenannten play dates ihre Kinder mit anderen Kindern zusammenzubringen. Denn Freunde zu haben, hat sich zu einem «Muss» entwickelt – als Ausdruck sozialen Prestiges. Die Beziehungen, die hier zwischen den Kindern entstehen, sind aber kaum das, was wir unter einer Freundschaft verstehen.
Die Möglichkeiten, Freunde zu finden, sind heute kleiner geworden.
Echte Freundschaften, die zufällig entstehen und sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln, haben Ähnlichkeiten mit Liebesbeziehungen. Sie enthalten sowohl Freude und Erwartung als auch Wut, Enttäuschung, Verlust oder Schmerz. Diese Gefühle zu erleben, ist wichtig – Kinder und Jugendliche bekommen dadurch die Chance, Fähigkeiten und Kompetenzen für ihr gesamtes Leben zu entwickeln. Wenn ein Kind einen Freund verliert, reagiert es mit Trauer und Selbstvorwürfen.
Es wird sich einsam fühlen. Wenn Sie und Ihr Mann eine liebevolle und vertrauensvolle Beziehung zu Ihren Kindern pflegen, können Sie über diese Gefühle und Erfahrungen sprechen. So können Sie Ihre Kinder nicht «heilen», aber Ihr Sohn und Ihre Tochter sind mit ihren Gefühlen weniger allein. Keine Mutter, kein Vater kann den Schmerz stellvertretend für sein Kind übernehmen.
Die Kinder leben mit ihren eigenen Schmerzen – dies müssen Eltern aushalten lernen. So ist das Leben – oder so ist es zumindest, bevor wir damit beginnen, Alkohol, Drogen, Psychopharmaka, Schlaftabletten und andere adrenalin- und hormonausschüttende Aktivitäten dafür zu missbrauchen, die Einsamkeit, wenn auch nur für eine kurze Zeit, zu überdecken.
Aber was können Sie als Eltern stattdessen tun? Nun, Sie können mit Ihren Kindern einen gemeinsamen Ausflug machen und dabei mit ihnen über Ihre eigenen Erfahrungen und damit verbundenen Emotionen sprechen. Ihr Sohn und Ihre Tochter sind auf dem besten Weg, aus der Kindheit herauszutreten und hinein in ein eigenes, individuelles Leben zu starten. Das Einzige, was Sie tun können, ist, Ihre Gesellschaft, eine Tasse Kakao und eine Schulter zum Anlehnen anzubieten. Den Rest machen Ihre Kinder selbst – aber eben nicht allein!
In Zusammenarbeit mit familylab.ch