Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03115.jsonl.gz/412

Wildes Talent
Dreka starrte den Mann mit unverholenem Interesse an, obwohl Octavia ihr die ganze Reise eingeschärft hatte, dass sie sich demütig zu verhalten hatte.
Der Scheich schien ihre Neugier zu amüsieren. Offen erwiderte er ihren Blick. Mit seinem schwarzen Bart, der edlen Nase und den funkelnden Bernsteinaugen galt er bei den Frauen wohl als gutaussehend. Dreka, gerademal 12 Jahre jung, interessierte sich jedoch nicht für das Aussehen von Männern oder für Menschen überhaupt. Viel spannender waren Tiere für das Mädchen. Dreka verstand sie wie niemand anderes es tat. Die Magier nannten es wildes Talent, konnten jedoch nur ansatzweise nachvollziehen wie ihre Fähigkeiten funktionierten. Das Mädchen hatte keine Lust, sich von den Wissenschaftlern analysieren zu lassen. Stattdessen hatte sie eingewilligt, ihre Gabe für das Wohl des Reiches einzusetzen. Scheich Mirazan gehörte nicht dazu, aber die diplomatischen Beziehungen zu seinem Land waren dem König wichtig. Als er nach Dreka und ihrem Talent gefragt hatte, zögerte der Hof deshalb nicht lange und schickte die Tierflüsterin mit der Kriegerin Octavia als Beschützerin auf den langen Weg.
Der Austausch von Höflichkeitsfloskeln dauerte Dreka entschieden zu lange. Irgendwann platzte sie heraus: «Wo sind die Vögel untergebracht?»
Alle starrten sie ob ihrer Unverfrorenheit entsetzt an.
Als Octavia Entschuldigungen stotterte, winkte der Scheich ab.
«Deswegen seid ihr ja hier. Die Voliere ist hier entlang, Tiermeisterin.»
Auf dem Weg erzählte er ihr über den Bau der Voliere, doch Dreka hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Egal wie raffiniert der Bau war, er war immer noch ein Käfig und Tiere gehörten nicht in Käfige.
Sie erreichten einen Saal, dessen eine Seite ganz von einer milchigen Glasscheibe eingenommen wurde. Dahinter leuchteten unscharf verschiedene Grüntöne. Als ob dies die staatliche Schatzkammer wäre, standen bewaffnete Soldaten vor dem Eingang. Sobald sie die Gruppe entdeckten, nahmen die Männer Haltung an. Einer beeilte sich und öffnete die Tür.
Schwüle Luft, das Rascheln von üppig belaubten Blättern und das harmonische Zwitschern unzähliger Vögel drang zu ihnen. Mirazan winkte seine Besucher rasch hindurch. Octavia sah sich entzückt um und auch Dreka musste zugeben, dass die künstlich geschaffene Umgebung ein Meisterwerk war. Sie und ihre Leibwächterin kamen aus dem Norden wo dichte Nadelwälder, wilde Berge und harsche Winde vorherrschten. Nur im Süden des Reiches trafen sie auf üppige Grünflächen und auch die waren nie so dicht, farbenprächtig und voller Leben wir dieser Mikrokosmos.
Dreka hörte hunderte von verschiedenen Vogelstimmen, sah aber weitaus weniger, denn die grosszügigen Blätter grosser Palmen, die filigranen Netzwerke feiner Schlingpflanzen und die riesigen Blütenkelche boten genug Platz um den Einwohnern Verstecke zu bieten.
Als das Mädchen den Kopf in den Nacken legte, erkannte sie wie weit oben die Decke erst war. Was sie zuerst für Wolken hielt, war feiner Sprühregen, der aus Leitungen an der Dachkonstruktion her kam.
«Ich kann dich zu den Brutkästen der Regenbogenfalken bringen», bot Mirazan Dreka an.
«Das ist nicht nötig», meinte die Tiermeisterin und ließ sich wo sie war in den Schneidersitz sinken. «Ich kann die Falken hierherrufen.»
Dreka schloss die Augen und blendete die Menschen um sie herum so gut es ging aus. Was sie allen verschwieg war, dass sie auch Menschen auf eine besondere Art und Weise spürte. Es war das animalische in ihnen, das zu ihr sprach und genau das war auch der Grund, warum sie so wenigen ihrer eigenen Spezies traute. Sie wusste, wozu sie fähig waren. Hinter den Menschen pulsierten die Leben der Vögel, bunten Flecken gleich schimmerten sie zwischen der warmen Vegetation hindurch. Die älteren Exemplare wirkten weniger grell wie frisch geschlüpfte Küken, so war der Lauf des Lebens. Doch es gab fünf graue Flecken, die nicht ins Bild passten. Das mussten die Regenbogenfalken sein.
Sanft rief Dreka nach ihnen, versprach sie zu heilen, damit sie wieder fliegen konnten.
Ein Flüstern riss das Mädchen aus ihrer Konzentration. Der Scheich hatte sich zu Octavia hinübergebeugt und sie etwas gefragt.
Wütend öffnete die Tiermeisterin die Augen. «Lasst mich bitte alleine. Eure Anwesenheit stört meinen Fokus.»
Octavia öffnete bereits den Mund, um sie ob ihrer Frechheit zu rügen, doch der Scheich zog die Kriegerin am Ärmel weg. Es war klar, dass er für seine geliebten Vögel alles tun würde. Dreka war froh über diese Erkenntnis, denn sie wusste nun, was sie zu tun hatte.
Sie wies die anderen an, erst am nächsten Morgen wieder zu kommen und verschloss höchstpersönlich die Tür hinter ihnen.
Als die Delegation am nächsten Morgen wieder auftauchte, merkten alle sofort, dass etwas anders war. Das Klima hatte sich verändert. Es war weniger schwül und eine sanfte Brise raschelte durch das Blätterdach. Sie fanden Dreka auf einer funklenden Lichtung.
«Ist das Glas?», keuchte der Scheich verblüfft. Alle folgten seinem Blick gen Himmel und wahrlich, dort wo sich die filigrane Kuppel hätte spannen müssen, war nur noch weiter offener Himmel zu sehen.
«Was hat du getan?», schrie Mirazan und stampfte ins Zentrum der Lichtung Richtung Dreka los. Octavia hastete ihm nach, überholte ihn und stellte sich zwischen ihn und das Mädchen, das gelassen auf dem Boden saß. Die Hand der Kriegerin lauerte über ihrem Schwertknauf.
Dreka öffnete die Augen. «Ich habe getan, weswegen Ihr mich hergeholt habt. Ich hab Eure Falken geheilt. Sie waren nicht von einer Krankheit befallen, sondern der Freiheitsentzug hat sie krank gemacht. Sie müssen ungehindert fliegen können.»
«Weißt du wie viel diese Exemplare wert waren?», zischte der Scheich.
«Das interessiert mich nicht. Die Vögel gedeihen wieder, das ist das einzige was zählt.»
«Und sie sind weg! Du hast sie befreit!»
«Genau das habe ich und trotzdem sind sie hier. Lauscht, Scheich Mirazan. Hört sich das Gezwitscher anders an? Nein? Wisst Ihr warum? Weil Ihr gut für Eure Schützlinge sorgt. Ihr habt hier eine Oase geschaffen, die die Vögel nicht freiwillig aufgeben werden. Der einzige Unterschied ist, dass sie jetzt ihre Flügel strecken können, wenn sie wollen. Die meisten von ihnen werden jedoch gerne zurückkehren. Seht Ihr, dort ist Eure Regenbogenfalkenfamilie.» Dreka deutete mit einem Lächeln zu einer Steinformation, auf der die schillernden Tiere hockten. Ihr Gefieder gesund und schimmernd, die Augen klar und ihre Schnäbel golden glänzend.
***
Wordcount: 99
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.