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Erholungsphase
In der auf die akute Infektionsphase folgende Erholungsphase übernehmen benachbarte, mehr oder minder intakte, motorische Vorderhornzellen deren Aufgaben. Neue Nervenzellausläufer (Dendriten) spriessen aus und versorgen, so weit möglich, die verwaisten Muskelfasern mit.
Es tritt eine deutliche, aber meist nicht vollständige, muskuläre Erholungsphase ein. Dieser natürliche Reparaturvorgang funktioniert recht effektiv. Hatte eine solche Zelle vorher einige wenige Muskelzellen zu versorgen, beliefert sie nun einige hundert oder sogar tausende. Die sogenannte «motorische Einheit» und damit der Aufgabenbereich und der Stoffwechsel der Nervenzelle wurden dadurch allerdings immens vergrößert.
Klinisch tritt eine deutliche Besserung der Muskelkraft ein, und viele Betroffene lernen in der Folgezeit wieder, sich besser zu bewegen oder gar zu laufen. Auch nach Ablauf der akuten Erkrankung können weitere Folgen auftreten. Da meistens Kinder von der Erkrankung betroffen sind, resultiert durch die lähmungsbedingte, unterschiedliche Belastung und den unterschiedlichen Einsatz der Extremitäten ein unterschiedliches Wachstum. Ein stärker betroffener Arm kann deshalb kürzer und schmächtiger als der weniger oder gar nicht betroffene Arm sein. Im Bereich der Wirbelsäule kann es durch die Schwächen der Rumpfmuskulatur zu Deformitäten und Skoliosen kommen. Durch die Fehlbelastungen können Kontrakturen auftreten.
Typischerweise treten bei etwa 70 Prozent der Patienten, die in der Kindheit eine Poliomyelitis erlitten haben, nach einer Periode von 15 bis 40 Jahren funktioneller und neurologischer Stabilität erneut Probleme auf in Form von:
- neuerlichen Schwächen (Verlust von Kraft und Ausdauer),
- erhöhter Erschöpfung, die nicht mit Anstrengungen zu erklären ist,
- verminderter Ausdauer und Funktionsverlust, aber auch in Form von Schmerzen, besonders in den Muskeln und Gelenken,
- Muskelatrophien,
- Schwierigkeiten beim Atmen,
- Schluckbeschwerden und Sprachschwierigkeiten,
- Stimmbandlähmungen rechts, links oder beidseitig,
- einer erhöhten Kälteintoleranz resp. Wärmeintoleranz bei Sommerhitze.
Die Patienten haben immer größere Schwierigkeiten mit den Anforderungen des täglichen Lebens (Leistungsdruck / Überforderung). Das Post-Polio-Syndrom PPS, welches heute als gesicherte, eigenständige Zweiterkrankung gilt, stellt sich ein. Als wahrscheinlichste Ursache gilt eine Überlastung und Zerstörung verbliebener motorischer Nervenzellen, evtl. ausgelöst durch metabolischen Stress. Schon während der Phase funktioneller Stabilität kann eine fortgesetzte Dysfunktion der alpha-Motoneurone festgestellt werden. Wenn dann eine gewisse Schwelle (Zerstörung von mehr als 50-60% der Motoneurone) überschritten ist, kommt es nach herrschender Lehrmeinung zum Auftreten des Post-Polio-Syndroms durch Dekompensation, des seit der akuten Kinderlähmung bestehenden De- und Reinnervationsprozesses.