Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03183.jsonl.gz/1890

K. oder Detailhandel besteht im Kauf, Verkauf und/oder Tausch von Waren in kleinen Mengen. Der Begriff K. wird auch zur Bezeichnung der Personen verwendet, die diese Form des Handels betreiben. Im Unterschied zum Fernhandel (Handel), der sich über grosse Distanzen abwickelt, findet der K. gewöhnlich im lokalen, manchmal regionalen Rahmen statt. Er unterscheidet sich auch vom Grosshandel, bei dem die Mengen bedeutender sind.
Im 21. Jh. kaufen nur die Konsumenten im Detailhandel. Früher fand K. oft unter den Händlern statt, z.B. zwischen einem Hausierer und einem Krämer mit festem Laden. Im Verlaufe der Jahrhunderte haben sich die Örtlichkeiten des K.s geändert: period. Zusammentreffen Messen, Märkte, Ausstellungen), Wanderhandel oder feste Lokale (Läden und Gasthäuser, dann Warenhäuser und schliesslich Einkaufszentren). Der K., der von den Historikern lange zu Gunsten des Fernhandels vernachlässigt wurde, ist für das Überleben und die Entwicklung der Gesellschaften, die nie in völliger Autarkie gelebt haben, unerlässlich. Sogar die Bauern mussten sich immer gewisse Produkte, auf die sie nicht verzichten konnten, anderswo beschaffen. Neben der Versorgung mit Gütern hat der K. auch soziale und symbol. Funktionen. Er fördert die Begegnung von Menschen, die Verbreitung von Dingen, Ideen und Moden. Er bringt zahlreichen Kleinhändlern ein Einkommen, auch wenn dieses breiter gestreut und bescheidener ist als jenes, das der Grosshandel abwirft. In Krisenzeiten kann er Arbeitsplätze schaffen.
Schon in der Urzeit wurden nicht vor Ort hergestellte Produkte, seltene oder regelmässig gebrauchte, durch den Handel beschafft. Die Kenntnisse über die Verbreitungsgebiete und -wege dieses Handels nehmen stetig zu, aber man weiss kaum, wer ihn betrieb, in welchem Rahmen und in welchem Rhythmus. Im galloröm. Helvetien führten röm. Siedler und reiche Einheimische zahlreiche Waren ein, die kostbar waren und oft von weither kamen, aber es gab auch einen K. mit einheim. Produkten. Mit der Völkerwanderung nahm der K. ab, ohne jedoch ganz zu verschwinden, doch mangels Dokumenten ist es praktisch unmöglich, ihn zu fassen und vom Fernhandel zu unterscheiden. Im SpätMA nahm sein Umfang wieder zu; die meisten Örtlichkeiten, an denen öffentl. Handel stattfand, lagen in den Städten, so dass sich die Bauern da hinbegeben mussten. Ein rein ländl., mit der regionalen Spezialisierung verbundener K. bestand jedoch spätestens seit dieser Epoche. Er konnte in Form von Tauschgeschäften zwischen Bauernfamilien stattfinden oder über die Vermittlung durch ländl. Feudalherren, so etwa die Klöster, ablaufen.
Zwischen dem Ende des MA und der Mitte des 19. Jh. waren immer mehr Leute im K. tätig. Trotz des Widerstands der Bürger, die auf die Verteidigung der städt. Handelsprivilegien bedacht waren, fand ein Prozess der Verdichtung und der Verländlichung statt, der Läden, Messen und sogar Märkte betraf. Dieser Vorgang verlief von Region zu Region unterschiedlich schnell. Überall zogen einheim. oder fremde Hausierer durch das Land. Der Kredit spielte eine wesentl. Rolle, ebenso der Schmuggel. Es ist unmöglich, den Umsatz des K.s abzuschätzen, doch war er höher als jener des Grosshandels. Einerseits wurden die meisten im In- oder Ausland en gros eingekauften Waren früher oder später wieder im Detailhandel verkauft, und anderseits vertrieb der K. - ohne oder mit einem Minimum von Zwischenhändlern - zahlreiche Artikel, die in kleiner Menge vor Ort oder in der umliegenden Region hergestellt wurden. Das Volumen des K.s war auch grösser als jenes der Aussenwirtschaft, die nur einen Teil der Produktion betraf, manchmal das Luxussegment. Die Palette der Güter war gross. An den Messen auf dem Land und in den kleinen und mittleren Städten herrschte das Grossvieh vor (Viehhandel). Die Märkte waren v.a. für die Versorgung mit Getreide bestimmt (Agrarmarkt). Auf dem Markt oder der Messe konnte man aber auch Lebensmittel, Gebrauchsartikel (Kleider, Haushaltgeräte, Werkzeug) oder seltenere Dinge kaufen. Die Kramläden boten Tabak, Kaffee und Zucker feil. Auch hier fand man sehr versch. Produkte, unter denen die Merceriewaren dominierten.
Am Ende des 18. Jh. war das Spektrum der Berufe im K. sehr breit: Metzger, Gastwirte oder Bäcker; Zunfthandwerker, die in der Regel nur selbst hergestellte Dinge verkaufen konnten, während die anderen Waren aller Art anboten (Handwerk); spezialisierte Kleinhändler; Hausierer, die oft auch Wanderhandwerker waren; umherziehende Merceriewarenhändler von relativem Wohlstand; schliesslich Kaufleute, die eigentlich nur Grosshandel betrieben, oft aber auch im K. Artikel absetzten, die sie herstellten oder importierten.
Die schon im Ancien Régime erfolgreich angefochtenen städt. Handelsprivilegien wurden durch die Revolution von 1798 abgeschafft. Die fundamentalen Veränderungen der Neuzeit ereigneten sich mehrheitlich in den Jahren nach 1850. Der K. wurde sesshaft (Quartierläden, dörfl. Kolonialwarenhandlungen) und spezialisierte sich (z.B. Lebensmittel, Mercerieartikel, Eisenwaren). Zwischenhändler spielten eine wachsende Rolle. Hausierer und Wanderhandwerker verschwanden allmählich. Während die grossen Messen zu Ausstellungsorten wurden, nahmen die Viehmessen zunächst stark zu und wurden dann allmählich durch Ausstellungsmärkte ersetzt. Gebrauchtwarenläden wurden immer zahlreicher, während die Zahl der Handwerkerbuden sank. Von Marktleuten verkaufte Frischprodukte lösten die direkt vom Produzenten angebotene Ware ab. Vom Ende des 19. Jh. an vermehrten sich, v.a. in den Städten, Einkaufsgalerien und Warenhäuser, die wiederum Tochtergeschäfte eröffneten. Der Versandhandel verbreitete die Waren im ganzen Land. Die Konsumenten ihrerseits schlossen sich zu Einkaufsgenossenschaften (Konsumvereine) zusammen.
In der 2. Hälfte des 20. Jh. konzentrierte sich der K. und verlagerte sich an die Peripherie der Städte, in die Gewerbezonen, wo sich die Einkaufszentren ansiedelten. Trotz der Versuche, ihre Kräfte zu bündeln (Usego), mussten ab den 1950er Jahren zahlreiche Quartiergeschäfte und kleine Dorfläden schliessen, was nicht ohne Folgen für das soziale Leben blieb. Während im Ancien Régime ein Grossteil der Bevölkerung aktiv im K. tätig war, nahm sie im 20. Jh. passiv daran teil. In der Konsumgesellschaft verkauft die Mehrheit der Leute ihre Arbeitskraft, hat aber keine Waren mehr zum Tausch anzubieten. Am Ende des 20. Jh. tauchten jedoch wieder alte Formen des K. auf wie der Verkauf über Kleinanzeigen, der Altwarenhandel, die Weihnachtsmärkte oder der Direktverkauf ab Bauernhof. Um die Einkaufszentren herum entstanden kleine Läden oder Stände. Weiter entwickelte sich der Verkauf im Internet. Die versch. Formen des K.s, die zeitlich aufeinander gefolgt sind und sich im Verlaufe der Jahrhunderte stark verändert haben, entwickeln sich also nicht linear. Oft ist ein Nebeneinander von vorschnell als archaisch eingestuften Formen mit entschieden zukunftsorientierten zu beobachten.
Literatur
– H. Cottier, La crise du petit commerce, 1930
– M. Voser, L'évolution structurelle du commerce de détail, 1969
– A.-M. Dubler, Handwerk, Gewerbe und Zunft in Stadt und Landschaft Luzern, 1982
– L. Berekoven, Gesch. des dt. Einzelhandels, 1986
– R.U. Kaufmann, Jüd. und christl. Viehhändler in der Schweiz 1780-1930, 1988
– H. Jahier Angleterre et Suisse romande, 1994 (Mikrofichen)
– J. Auf der Maur, Von der Tuchhandlung Castell zur Weinhandlung Schuler, 1996
– A. Radeff, Du café dans le chaudron, 1996
– Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998
– A. Radeff, «Gewürzhandel en détail», in Gewürze, 1999, 187-204
– B. Keller Von Speziererinnen, Wegglibuben und Metzgern, 2001
Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB