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7. Juni 2015: Es ist nicht Stan Wawrinkas erster Grand-Slam-Titel, aber wohl der wichtigste. Der Waadtländer sorgt am French Open in Paris mit grandiosem Tennis für Schlagzeilen – und mit einer seltsamen Hose.
Der Schlusspunkt war ein «Wawrinka spezial». Wie von einem Laser gezogen flog die Rückhand des Schweizers der Linie entlang ins Feld von Novak Djokovic, der keine Chance mehr hatte, an den Ball zu kommen. Es war nicht übertrieben, als Stan Wawrinka an der Siegerehrung vom «Spiel des Lebens» sprach. Nie war der damals 30-jährige Lausanner besser als am French Open 2015.
Und nie unterhielt er das Publikum besser. Am Ende jubelten ihm die 15'000 Fans auf dem Court Philippe-Chatrier begeistert zu.
In den zwei Wochen auf dem Weg in den Final war dies noch ganz anders gewesen. Vom «mal-aimé de Roland Garros» schrieb die renommierte Zeitung «Le Monde» – dem Ungeliebten. Die Franzosen nahmen es Wawrinka übel, dass er ihnen im November zuvor zusammen mit Roger Federer – dem ja nie jemand böse ist – den Davis Cup entrissen hatte. Dass er im Halbfinal mit dem Sieg gegen Jo-Wilfried Tsonga die Hoffnung der Franzosen, endlich wieder einmal einen French-Open-Finalisten zu stellen, zunichte machte, machte die Sache nicht besser.
Der Grund, warum der Schweizer bereits früh im Turnier im Fokus stand, hatte aber noch einen anderen wichtigen Grund. Obwohl er am Australian Open 2014 seinen ersten Grand-Slam-Titel gefeiert hatte, gehörte Wawrinka zu Beginn der grossen Turniere noch immer nicht zu den Haupt-Gesprächsthemen. Bis er in Paris, in der Stadt, in der die Mode eine riesige Rolle spielt, die vielleicht kurioseste Tennishose der Geschichte aus dem Hut zauberte. Agassi hatte mit seinen Jeans schockiert, Nadal mit den schlabbernden Shorts, doch Wawrinka präsentierte eine Mischung aus Pyjama- und Badehose mit rot-weissem Karomuster.
In einem TV-Interview zu Beginn des Turniers prophezeite der Lausanner: «Ihr werdet schon sehen: Jeder wird am Ende diese Shorts haben wollen, wenn ich hier gewinne.» Er meinte dies vielleicht nicht ganz ernst, doch er sollte recht behalten. Für einmal verschwendete Wawrinka in den frühen Runden nicht unnötig viel Energie. Bis zum Final verlor er nur zwei Sätze. Im Viertelfinal zauberte er gegen seinen Angstgegner Roger Federer sogar eine veritable Gala in den Sand. Der Maestro, der sonst bei Grand-Slams nie gegen seinen Landsmann verloren hat, schwärmte in den höchsten Tönen: «Nie habe ich Stan stärker und konstanter spielen sehen. Er ist in Topform und ich hoffe, er zieht es jetzt durch.»
Auch Federer sollte recht behalten. Djokovic hatte im Viertelfinal die Herrschaft von Rafael Nadal in Paris vorübergehend beendet. 28 Spiele in Folge und die Turniere in Indian Wells, Miami, Monte Carlo und Rom hatte der Weltranglisten-Erste aus Serbien bis zu seinem dritten Roland-Garros-Final gewonnen. Und doch sprach nicht alles für ihn. Er hatte im Halbfinal gegen Andy Murray eine 2:0-Satzführung aus der Hand gegeben und musste am Tag vor dem Final nachsitzen. Der Serbe traf als Top-Gesetzter auf die Nummer 8 – von der gleichen Setzposition hatte Wawrinka im Jahr zuvor im Australian-Open-Final den damaligen Weltranglistenersten Rafael Nadal bezwungen. Und der Druck auf Djokovic war riesig. Er wollte endlich seinen Karriere-Grand-Slam komplettieren.
Dennoch startete der Serbe stärker und gewann den ersten Satz. Dann aber drehte Wawrinka auf. 60 (!) direkte Winner hatte er am Ende gegen das Defensiv-Genie geschlagen. Der konstante Druck machte Djokovic müde, auch ein letztes Aufbäumen mit einer 3:0-Führung im vierten Satz verpuffte wirkungslos.
Mit Tränen in den Augen anerkannte der Serbe die Überlegenheit seines guten Kumpels. Die Lobeshymnen prasselten von allen Seiten herein. «Das war eine der besten Leistungen, die man je auf einem Tennisplatz gesehen hat», lobte der dreifache Champion Gustavo Kuerten, der die legendäre Coupe des Mousquetaires an Wawrinka überreichte. Und Serena Williams schwärmte: «Wow. So möchte ich auch Tennis spielen können!» An diesem Tag hätte höchstens ein Nadal in Hochform gegen den zweiten Schweizer Paris-Sieger im Einzel bestehen können.
Und dann, schon reichlich spät am Abend, lancierte «Stan the Man» einen weiteren «Wawrinka spezial». Als er zur Pressekonferenz kam, hängte er seine mittlerweile berühmten Hosen neben den Pokal. «Jeder hat über diese Shorts gesprochen», sagte er schmunzelnd. «Also mir gefallen sie, aber wohl als Einzigem. Aber es ist witzig, dass diese Shorts jetzt das French Open gewonnen haben.» Kein Mann der grossen Worte, aber einer mit Schalk und feinem Sinn für Humor. Später schenkte er Djokovic einen Schlüsselanhänger in der Form der Shorts als Glücksbringer – und tatsächlich gewann der Serbe 2016 den begehrten Titel doch noch.