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Diesseits des Brunello
Die toskanische Appellation Montalcino ist eine so etablierte Grösse im italienischen Weinbau, ihr Spitzenwein, der Brunello, eine so monumentale, weltweit ausstrahlende Marke, dass man heute kaum glauben mag, dass der Wein noch 1960 auf gerade mal 63 Hektaren gezogen wurde und Montalcino eine kaum bekannte Spezialitätennische von wenig mehr als 200 Hektaren war (heute ist es das Zehnfache):
Erst 1966 in den Status einer DOC erhoben, formierte sich 1967 das Consorzio del Vino Brunello di Montalcino, das über die Einhaltung strenger Regeln wachte, unter anderem die ausschliessliche Verwendung des Sangiovese, und zwar der vom Gründervater, dem legendären Clemente Santi, in den Tiefen des vorletzten Jahrhunderts gemendelten Variante Sangiovese Grosso; Mengenbeschränkung auf 52 Hektoliter pro Hektare; Freigabe des Brunello für den Handel erst ab dem 1. Januar des sechsten auf die Ernte folgenden Jahres.
Einer der Gründerväter des Gremiums war Silvio Nardi, ein umbrischer Produzent von Landmaschinen, der sich 1950 in Montalcino das Gut Casale del Bosco, 1962 dann weitere vierzig Hektaren der Tenuta di Manachiara kaufte. In den Anfängen wurde der Pionier in der geschlossenen Gesellschaft von Montalcino-Winzern als Fremder skeptisch beäugt. 1985 trat Nardis jüngste Tochter, Emilia, in die inzwischen auf achzig Hektaren angewachsenen Tenute Silvio Nardi ein, deren Leitung sie 1990 übernahm und ab da kontinuierlich, mit ebenso viel Traditionsbewusstsein wie Fantasie zu einem der führenden Betriebe ausbaute.
Im Angebot: eine Reihe von bemerkenswerten Brunellos, unter anderem das Flagschiff «Manachiara» und der Lagenwein «Poggio Doria»; daneben auch Volkstümlicheres wie ein Rosso di Montalcino, eine Cuvée aus Sangiovese, Petit Verdot, Syrah und Colorino namens «Tùran». Und, seit 2016, eine aus Sangiovese, Merlot und Petit Verdot.
Die sei hier als geglückte Synthese von Klassik und Moderne, Herkunft und Aufbruch entgegen des Ressentiments von Puristen empfohlen: kein Brunello, aber eine gelungene Erfindung der experimentierfreudigen Wein-Lady Emilia und ihres Önologen und Neffen Emanuele Nardi. Der Wein heisst «Ferus», was wir nicht allzu wörtlich nehmen sollten. So wild und ungezämt springt uns die harmonische Assemblage nicht ins Gesicht. Wenn sie auch trotz ihrer Souplesse ihre Bodenhaftung nicht verrät. Satte Frucht (Kirschen, Johannisbeeren), präsente, eingeschliffene Tannine, etwas Vanille vom Holz. Gut gemacht.