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Spurensuche
Sie fiel mir in der U-Bahn auf, und als sie ausstieg, folgte ich ihr, wie mit einem unsichtbaren Faden an ihr befestigt. Das Alter hätte stimmen können, die Grösse auch. Sie schritt kräftig aus, die Schneeflocken fegten um ihren Kopf und legten sich dann, als hätten sie es sich anders überlegt, sanft auf ihre schwarzen Haare. Ich wollte sehen, wie sich ihre Hüften wogen, wie sie die Füsse aufsetzte, in welchem Winkel sie die Hände in die Manteltaschen gesteckt hatte.
Vor Weihnachten war es immer am schlimmsten. Erst vor zwei Tagen war ich einer anderen Frau gefolgt, hatte dafür sogar das Wechselgeld an der Kasse liegen lassen. Ich musste einfach sehen, wie sie die Handtasche über die Schulter schwang, mit welcher Bewegung sie das Halstuch enger zog, die Haare nach hinten warf. Ich wollte wissen, ob es so gewesen sein könnte, genau so.
Die Frau vor mir zögerte, bog in eine Seitenstrasse ein. Ihre Stiefel hinterliessen eine Spur im frischen Schnee, und ich versuchte, in die Abdrücke hineinzutreten. Die Frau vor zwei Tagen war irgendwann in einem Hauseingang verschwunden. Später hatte ich die Namensschilder gelesen und an der Fassade hochgeschaut, ob irgendwo Licht angehen würde. Aber alles blieb dunkel.
Ich hätte auch einfach meinen Vater fragen können. Er hätte mir die Fakten erklärt und mich dann mit seinem Professorenblick gefragt, ob ich noch mehr wissen wolle, und ich hätte den Kopf geschüttelt, hätte gelogen. Natürlich wollte ich mehr wissen. Alles wollte ich wissen. Aber er stand mir mit seinem Schmerz im Weg. Ich weiss nicht mehr, wann ich das erste Mal einer fremden Frau hinterher gelaufen war. Aber ich tat es immer wieder, die ganzen Jahre.
Auf einem der Fussabdrücke im Schnee rutschte ich aus und landete unsanft auf meinem Hintern. Die Frau drehte sich um. «Oh! Haben Sie sich wehgetan?», fragte sie und kam auf mich zu.
Mein Steissbein brannte, aber ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich hochzurappeln. Die Frau stand jetzt vor mir. «Kommen Sie, ich helfe Ihnen.» Ihre Stimme war wie warmer Honig. Sie streckte mir die Hand hin, zog mich hoch, und da sah ich endlich ihr Gesicht. Sie war es nicht. Ihre Augen waren braun, nicht blau, ihre Nase war zu lang, und um ihren Mund lag ein müder Schatten, als hätte sie in ihrem Leben zu viel reden müssen. Einen Augenblick schauten wir uns in die Augen. Dann lächelte sie. «Warum sind Sie mir gefolgt?»
Ich zuckte zusammen.
«Es macht nichts», sagte sie und wischte sich den Schnee von den Armen. «Sie haben mich nicht erschreckt. Aber ich würde es gerne verstehen.»
In diesem Moment wusste ich, dass ich es nie mehr tun würde. Keine dieser fremden Frauen hätte jemals meine Mutter sein können.
Plötzlich fand ich die Schneeflocken, die zwischen uns hinabwirbelten, unglaublich schön. Die Strassenlaterne verwandelte jene in ihrem Haar in kleine Diamanten. Die Kälte, der Duft des Schnees, die Häuser um uns herum, die Menschen, die darin lebten – all das nahm ich in mich auf, als sei es aus einer alten Ewigkeit endlich zu mir zurückgekehrt.
Hastig und ein wenig unbeholfen legte ich die Hand auf ihren Arm und drückte ihn. «Danke», sagte ich, «Sie haben mir sehr geholfen.»
Die Müdigkeit wich aus ihrem Gesicht, sie lächelte. «Dann ist ja alles gut», sagte sie.
Ich liess ihren Arm los und schaute ihr noch einmal in die Augen. Dann drehte ich mich weg und ging davon. Meine Schritte hinterliessen im Neuschnee eine frische Spur.
Text: Sabina Haas, Fotos: iStock, Uli Sacchet (Porträt)