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Editorial Europäer April/Mai 2011
Vor zwei Jahren wurde der Öffentlichkeit das erste und einzige authentische Porträt des größten Dramatikers der Welt vorgestellt. Es wurde um das Jahr 1610 von einem unbekannten Maler im Umkreis von Henry Wriothesley, dem wohl wichtigsten Gönner Shakespeares*, gemalt. Shakespeare (1564–1616) stand zu diesem Zeitpunkt also in der Mitte seiner 40er Jahre. Es dauerte 400 Jahre, bis dieses Porträt, das in einem Familienbesitz einen 400jährigen Dornröschenschlaf führte, identifiziert und mit modernsten Methoden untersucht wurde. Offenbar diente es als Vorlage für eine Anzahl nicht unähnlicher Porträts und auch für den Stich auf dem Titelblatt der Folioausgabe von Shakespeares Werken (1623).
Shakespeare war mit dem jungen Wriothesley eng befreundet. Er widmete ihm seine Werke Venus und Adonis und Die Schändung der Lucrezia, und es besteht guter Grund zur Annahme, dass manche der Sonette ihm gegolten haben.
Das Porträt ist zur Zeit in einer Sonderausstellung der Morgan Library in New York zu sehen. Die Monographie Shakespeare Found! – A Life Portrait at Last** beschreibt in vorbildlicher Art Herkunft und Geschichte dieses einzigartigen Bildes. «Shakespeare schrieb erhabene Dichtungen, die von Witz, Lebensfreude und Leidenschaft strotzen», so ein Kommentator des neuen Fundes. «Das Gesicht des Mannes auf diesem Porträt strahlt Tiefe, Freude und etwas Schelmisches aus.» Das kann von keinem der bisher bekannten Porträts in solcher Mischung behauptet werden.
Ein bemerkenswerter kleiner Zug an diesem Porträt ist die Stellung der Augachsen. Das rechte Auge blickt (nur auf dem Original erkennbar) leicht nach außen. Rudolf Steiner soll im Zusammenhang mit alten Gemälden gesagt haben, dies deute oft darauf hin, dass es sich um eine eingeweihte Persönlichkeit handle.
Ludwig Polzer-Hoditz (1869–1945) träumte einmal von einer «Teilnahme an einer Kulthandlung in ägyptischer Art. Stand mit gekreuzten Armen als Lichtträger dabei. Inhalt im Sinne eines Shakespeare-Dramas. Wahrscheinlich eine Beziehung Shakespeares mit Ägypten andeutend.»*** Polzer wurde am selben Tag geboren, der auch Shakespeares Geburts- wie auch Todestag ist. Es ist der 23. April.
Ist es inmitten der apokalyptischen Ereignisse dieser Wochen und Tage (von Libyen bis Japan, auf das vor 66 Jahren die erste Atombombe abgeworfen wur- de) am Platz, auf einen solchen Fund hinzuweisen? Und wie! Gerade in Zeiten, in denen sich die Tages-Katastrophen geradezu überschlagen, ist eine Besin- nung auf die großen Impulsatoren und Begleiter der Menschheitsentwicklung, die offenbar mit einem langen Atem schaffen und noch nach Jahrhunderten neu und zurecht von sich reden machen können, dringender denn je.
Thomas Meyer
* Siehe Richard Ramsbotham, Jakob I. (1566 –1625), Basel 2008, S. 117ff.
** Cobbe Foundation, 2. erweiterte Auflage 2011, ISBN 978-09538203-2-0
*** Archiv des Perseus Verlags.