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Wir stellen hier unsere aktuellen und abgeschlossenen Forschungsprojekte (Dissertationsprojekte, Drittmittelprojekte, Monografien und Herausgaben) zur bosnisch/kroatisch/serbischen, polnischen, tschechischen und russischen Literatur und zu allgemeinen literatur-, kultur-und theaterwissenschaftlichen Fragestellungen vor.
In der literaturwissenschaftlichen Forschung konzentrieren wir uns einerseits auf Fragestellungen, die sich aus der aktuellen Literatur und Kultur in Osteuropa ergeben, unter anderem zur Interferenz von Recht und Literatur sowie von Politik und Literatur, zum Theorietransfer, zur autobiographischen Rekonzeptualisierung der kommunistischen und sozialistischen Ära, zur Geopoetik und zu literarischen Raumentwürfen in der postkommunistischen Literatur (Balkan, Ukraine).
Ein zweiter Schwerpunk liegt in der Moderne, wir forschen zu Theatertheorien Nikolaj Evreinovs, zu den Schriften Michail Bachtins, Tatjana Rozenthals, zum polnischen Schweiztext, zum Konzept der Synergie in der Slavia Orthodoxa und zur Lagerliteratur.
Seiteninhalt
- Der Sturm auf den Winterpalast: Forensik eines Bildes (SNF-Agora, 2106-2018)
- Reisend schreiben. Avantgardistische Topograf(i)en der frühen Sowjetunion (SNF 2016-2018)
- Performance Art in Osteuropa (1950-1990): Geschichte und Theorie (EU Projekt: ERC Consolidator Grant, 2014-2019)
- New Exploratory Phase in Research on East European Cultures of Dissent (COST Action Proposal OC-2016-2-21448)
- Synergie. Technik und Glaube in der Slavia Orthodoxa
- Theater und/oder juridische Praxis - Sowjetisches Gerichtstheater der 1920er und frühen 1930er Jahre
- Genealogie und Genesis. Heldengenese und Analyse der Milizionärgestalt in der sowjetischen und russischen Kultur von Vladimir Majakovskij über Dmitrij Prigov bis Vojna.
- Tat'jana Rozental' (1884-1921) - Eine Pionierin der russischen Psychoanalyse
- New femininities in post-communist societies: refusing the name of the Mother
- Literatur und Kunst vor Gericht: Fokus Osteuropa (SNF-Forschungsprojekt, 2014-2017)
- Sergej Tret’jakovs (anti-)sowjetische Raumpoetik (SNF-Forschungsprojekt, 2012-2015)
- Literatur und Kunst vor Gericht (SNF-Forschungssprojekt, 2011-2013)
- Sprachkraft und Gedankenmacht. Rezeptionstheorien und -experimente in der russischen und sowjetischen Moderne (DFG-Forschungsprojekt, 2007-2010)
- Gender-Theorietransfer in Polen: Theorien zu Geschlecht und Sexualität in der polnischen Wissenschaft und Literatur nach 1989
- Exklusionserfahrung von Avvakum bis Šalamov: Gefängnis- und Lagerhaft in der russischen Literatur des 18.-20. Jahrhunderts
- Kunsturteile. Gerichtsprozesse gegen Kunst, Künstler und Kuratoren in Russland seit der Perestroika
- Politische Positionierungen in Literatur und Kunst im postsowjetischen Russland: Kunst/ Literatur und Aktivismus
- Die Ukraine schreiben. Ethnografische "Einstellungen" in ukrainisch- und russischsprachiger Prosa (1991-2011)
- Nekroperformans. Kulturowa rekonstrukcja teatru Wielkiej Wojny
- Vom polnischen Schweizbild zum Schweiztext ab dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart
- Sammelband: Kommunismus autobiographisch
- Edition bislang unveröffentlichter Schriften von Michail Bachtin
- Balkanvision. Konstruktion und Ästhetik des Raums bei den Südslaven
- Hintertüren
Drittmittelprojekte
Der Sturm auf den Winterpalast: Forensik eines Bildes (SNF-Agora, 2106-2018)
2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Aus diesem Anlass widmet sich die Ausstellung Sturm auf den Winterpalast: Geschichte als Theater jener Fotografie, die wie keine andere zum Symbolbild dieser Revolution geworden ist: dem Sturm auf den Winterpalast.
Zur Ausstellung erscheint das Buch: Nikolaj Evreinov: Sturm auf den Winterpalast, hg. von Inke Arns, Igor Chubarov, Sylvia Sasse (diaphanes, Zürich).
Projektverantwortliche: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Reisend schreiben. Avantgardistische Topograf(i)en der frühen Sowjetunion (SNF 2016-2018)
Projektverantwortliche: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Projektmitarbeiterin: Dr. Tatjana Hofmann
Performance Art in Osteuropa (1950-1990): Geschichte und Theorie (EU Projekt: ERC Consolidator Grant, 2014-2019)
Das Projekt hat das Ziel, erstmalig einen Überblick über die historische und transnationale Entwicklung der Performance-Art in Osteuropa zur Zeit der Diktaturen zu geben. Dabei soll Performance-Art nicht nur als Untersuchungsgegenstand vorgestellt werden, sondern als ein zentrales künstlerisches Genre, das implizit und explizit sowohl an der Erforschung kultureller Praktiken als auch an der Schaffung alternativer Handlungsweisen selbst beteiligt war. Es handelt sich dabei einerseits um die künstlerische Erforschung totalitärer bzw. realsozialistischer Praktiken, Rituale und Gesten, anderseits um künstlerische Handlungsweisen, die durch das Agieren im Untergrund entwickelt worden sind.
Projektbeschrieb
Projektverantwortliche: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Projektkoordinatorin: Dr. Sabine Hänsgen
New Exploratory Phase in Research on East European Cultures of Dissent (COST Action Proposal OC-2016-2-21448)
Resistance and dissent in former socialist Europe 1945-1989 constitutes a remarkable chapter of Europe’s recent past, which not only informs in a decisive way the identities of post-socialist societies, but has also reshaped the continent as a whole and still provides an important reference for contemporary social movements worldwide.
The proposers of this Action believe that, after a period of growth and consolidation, this field of study and the respective domain of cultural heritage have stalled and fell short of its true significance. This state of affairs results from (1) the inheritance of Cold War-era conceptual distinctions, (2) confinement of research within national silos and (3) neglecting the problem of access to original archival sources for
digitally enabled research due to both their heterogeneity and uneven investment in research infrastructures.
The main aim of the Action is to trigger the next discovery phase of this legacy through forging a new, reflexive approach and providing a platform for incubating networked, transnational, multidisciplinary and technology-conscious research with creative dissemination capacities.
The Action will create a valuable interface for communication between three communities of practice: researchers and archivists, art and cultural heritage curators and IT experts with humanities and social sciences expertise in order for future research to be technologically advanced and better disseminated.
The Action will enable participant researchers to train with cutting edge digital tools, and to increase their capacities for creative dissemination through engaging in productive dialogue with art and cultural heritage curators, proposing best practices of cooperation between those three communities of practice.
Mitarbeiter: Tomáš Glanc
Habilitationsprojekte
Synergie. Technik und Glaube in der Slavia Orthodoxa
Das Habilitationsprojekt setzt bei dem synérgeia-Verständnis der Ostkirche an, demzufolge menschliche und göttliche Energien im Heilsprozess interagieren und der Mensch, der paulinischen Tradition folgend, Gottes Mitarbeiter und Helfer, ist (I Kor 3,9). Die Figur des synergós gewann angesichts des allgemeinen Krisenbewusstseins um 1900 an Aktualität und wurde von Denkern und Grenzgängern zwischen den Disziplinen aufgegriffen. Von diesen Synergie-Konzepten gingen, so eine Ausgangsthese, grundlegende Impulse für weitgreifende Technologie- und Transformationsprojekte und performative Ästhetiken aus, die um 1900 entwickelt wurden – mit dem Ziel, zu einer 'Neuen Menschheit' aufzubrechen. Die Untersuchung ermöglicht die Neubewertung von Synergie-Konzepten der Slavia Orthodoxa und deren Einordnung in die europäische Wissenskultur der Moderne.
Projektbeschrieb
Habilitantin: Dr. Tatjana Petzer
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Dissertationsprojekte im Doktoratsprogramm "Slavische Literaturwissenschaft"
Theater und/oder juridische Praxis - Sowjetisches Gerichtstheater der 1920er und frühen 1930er Jahre
Das Dissertationsprojekt untersucht Theaterskripte sogenannter Agitsudy (Agitacionnye sudy: dt. Agitationsgerichte) aus den Jahren von 1920 bis etwa 1932, die nach der russischen Revolution vom Proletkul’t für die theatrale Aufführung durch Laiendarsteller in Arbeiter- und Dorfklubs zur Aufklärung der Massen konzipiert wurden.
Die untersuchten Stücke verbindet ihre gemeinsame Form: Alle inszenieren einen Gerichtsprozess, durch den der äussere Handlungsablauf, Rollen und gewisse Motive vorgegeben werden. In Agitsudy wurden beispielhaft moralische Vergehen vor Gericht gestellt, um die sowjetische Moralvorstellung, die neue Gesellschaftsordnung und zum Teil auch Rechtspraxis auf der Bühne vorzuführen und die Bevölkerung über das Theater als Urteilende, aber auch potentielle Verbrecher in die Rechtspraxis zu involvieren.
Doktorandin: Gianna Frölicher
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Genealogie und Genesis. Heldengenese und Analyse der Milizionärgestalt in der sowjetischen und russischen Kultur von Vladimir Majakovskij über Dmitrij Prigov bis Vojna.
Am 1. März 2011 wurde die gleich nach der sozialistischen Revolution etablierte sowjetische Miliz in Russland offiziell abgeschafft und erfährt derzeit eine Umstrukturierung zu einer polizeilichen Einrichtung. Laut Wikipedia hat "die Symbolik der Miliz ab 1. Januar 2012 keinerlei Gültigkeit". Das politische und kulturelle Phänomen des Milizionärs, dessen mythische Symbolkraft Dmitrij Prigov in seiner milicaner-Figur zum Kult performierte, entschwindet aus der russischen Realität. Das Forschungsprojekt geht der Heldengenese sowie der Präsenz des Milizionärs im kollektiven Bewusstsein der sowjetischen Gesellschaft nach. Dabei werden die medialen Mach- und Machtmechanismen des sowjetischen Kulturapparats sowie die programmatische Formierung eines kollektiven Kulturbewusstseins und Gedächtnisses anhand der Figur des Milizionärs aufgespürt und vorgeführt. Dies geschieht in Hinblick auf die Analyse von Dmitrij Prigovs Texten und Performances, in deren Zentrum die Figur des Milizionärs steht.
Doktorandin: Olga Martin
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Tat'jana Rozental' (1884-1921) - Eine Pionierin der russischen Psychoanalyse
Das Forschungsprojekt widmet sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Biographie und Werk der russisch-jüdischen Psychoanalytikerin Tat'jana Rozental'. Vor allem geht es darum, Rozental's Biographie in den grösseren kulturgeschichtlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext zu stellen, etwa in Bezug zur jüdischen Emanzipationsbewegung im Russischen Reich, zur Geschichte der Frauenbildung, und zur revolutionären Bewegung in Russland. Ein weiterer Schwerpunkt ergibt sich aus den beiden publizierten psychoanalytischen Aufsätzen Rozental's, die sich beide mit Literatur befassen. Mit ihrem Aufsatz "Karin Michaelis Das gefährliche Alter im Lichte der Psychoanalyse" (1911) ist sie die erste Autorin, die eine psychoanalytische Arbeit über ein literarisches Werk schreibt.
Projektbeschrieb
Doktorandin: Sabina Meier
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Dissertationsprojekte im Doktoratsprogramm "Gender Studies"
New femininities in post-communist societies: refusing the name of the Mother
The fall of the Iron Curtain changed the lives of many women. Groups of Western feminist scholars and activists rushed to post-Soviet countries in order to research the lives of post-socialist women. Nevertheless, regardless of the heavy financial investment and individual efforts to import feminism, many Western feminists are still shell-shocked by the extent of the rejection which their ideology received from Eastern European women. According to some contemporary gender scholars, the reasons behind intense rejection of Western feminist ideology are rooted in the legacy of the communist past.
Therefore, this doctoral project aims to investigate changing gender identities and female self-representation in contemporary post-socialist societies. Currently, this thesis focuses on the investigation of a fairly recent change in Lithuanian legislation which enables Lithuanian women to chose a neutral form of their family name. The Lithuanian language applies distinct gender marking within family names system, in which a woman cannot have a neutral social status as she is either associated with the figure of the father or, after the marriage, with her husband. Therefore, close historical and cultural investigation of this phenomenon as well of the application of the new law in Lithuanian society can potentially provide important insights in relation to the broad spectrum of contemporary gender identities that are being embraced, performed and declined by Lithuanian women today.
Abgeschlossene Drittmittelprojekte
Literatur und Kunst vor Gericht: Fokus Osteuropa (SNF-Forschungsprojekt, 2014-2017)
Das Projekt "Literatur und Kunst vor Gericht: Fokus Osteuropa" baut auf dem Projekt "Literatur und Kunst vor Gericht" auf und will dieses um zwei neue Forschungsgebiete erweitern: erstens um eine komparatistische Perspektive und zweitens um die stärkere Fokussierung auf jene Formen von Gerichten, die in sozialistischen Ländern neben der Judikative existierten und die die Mehrheit der Fälle von Nachzensur ausgemacht haben. Wir bezeichnen diese Gerichte als "alternative Gerichtsbarkeiten" und meinen damit einerseits Laiengerichte und die sogenannten Kollegengerichte und, andererseits, schriftliche und mündliche Selbstkritiken und Denunziationen sowie die damit verbundenen Anklage-, Geständnis- und Diskussionsrituale im Bereich der Kunst und Literatur. Diese neue Forschungsperspektive soll es uns ermöglichen, juridische und quasijuridische Aushandlungsprozesse und Debatten über Literatur und Kunst vergleichend analysieren zu können. Dabei sollen Strategien und Verfahren zur Etablierung sozialistischer Literatur- und Kunstbegriffe auf der einen Seite und Taktiken und Argumente zur Verteidigung künstlerischer Autonomie auf der anderen Seite in transnationaler Perspektive systematisch erforscht werden.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Mitarbeiter: Dr. Sandra Frimmel, Dr. des. Matthias Meindl, Mara Traumane M.A.
Sergej Tret’jakovs (anti-)sowjetische Raumpoetik (SNF-Forschungsprojekt, 2012-2015)
Das Projekt setzt sich zum Ziel, Sergej Tret’jakovs (1892-1937) topografische und ethnologische Arbeiten (Reiseskizzen, Zeitungsartikel, Fotographien, Filmskripte) im Kontext der Raumpoetik der postrevolutionären Avantgarde und in Wechselbeziehung mit einer sich immer deutlicher herausbildenden sowjetischen Geopolitik und Ethnologie zu untersuchen.
Sergej Tret’jakov hat in den 1920er und 1930er Jahren unterschiedliche Genres und Schreibweisen entwickelt, die sich mit dem sowjetischen (Moskauer Umgebung, Kaukasus, Sibirien) und dem aussersowjetischen Raum (Deutschland, China, Tschechoslowakei) auseinandersetzen. An diese Reisetexte, Fotografien und Filmskripte hat er zentrale poetologische Konzepte gekoppelt, wie das der Faktographie, Operativität oder Metapoetik. Dabei ging es ihm vor allem darum, die Perspektive des Touristen und Raum-‚Konsumenten’ in die eines Produzenten und Mitgestalters zu verwandeln.
Das Projekt möchte die Stationen dieser Entwicklung unter zwei Aspekten untersuchen: Zum einen soll die Tret’jakovsche Faktographie und Operativität in den Kontext der postrevolutionären topografischen Poetik gestellt werden, und zwar innerhalb der von Tret’jakov mitbegründeten Gruppe der LEF (Linke Front der Künste) und ausserhalb, u.a. in Kontrast zu Autoren wie Ossip Mandel’štam und Isaak Babel’ und im Vergleich zu den staatlichen Auftragsreisen in der Sowjetunion der 1930er Jahre. Zum zweiten soll Tret’jakovs Reise- und Lebenspoetik in Wechselbeziehung mit geopolitischen und ethnologischen Diskursen der 1920er und 1930er Jahre betrachtet werden.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Dr. Tatjana Hofmann und Prof. Dr. Sylvia Sasse
Literatur und Kunst vor Gericht (SNF-Forschungssprojekt, 2011-2013)
Das Forschungsprojekt befasst sich mit Gerichtsprozessen gegen literarische und künstlerische Werke sowie deren Autoren und Kuratoren; ein besonderer Fokus liegt auf der russischen Literatur und Kunst seit 1990.
Grundlage der Analyse bilden die Dokumente der Gerichtsprozesse (Anklageschriften, Verteidigungsschriften, Gutachten der Experten aus Literatur- und Kunstwissenschaft, Protokolle von Zeugenaussagen, Urteile), die Inszenierung der Gerichtsprozesse (öffentlich vs. nichtöffentlich, Auftritte der Ankläger, Verteidiger, Richter, Zeugen, Rolle des Publikums etc.) und die mediale Inszenierung ausserhalb des Gerichtssaales.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Projektmitarbeit: Dr. Sandra Frimmel und Dr. des. Matthias Meindl
assoziiert: Mara Traumane und Gianna Frölicher
Sprachkraft und Gedankenmacht. Rezeptionstheorien und -experimente in der russischen und sowjetischen Moderne (DFG-Forschungsprojekt, 2007-2010)
Gegenstand des Projektes sind Theorien und Experimente in der russischen und sowjetischen Moderne, die die unmittelbare Wirkung von (künstlerischer) Sprache und die Möglichkeit einer Übertragung von Gedanken erforscht und behauptet haben. Ausgerichtet ist das Projekt explizit auf jene Theorien und Experimente, die im Schnittpunkt von künstlerischer Theorie und Praxis und physikalischer, biologischer, physiologischer und psychologischer Forschung entwickelt worden sind.
Die Perspektive ist somit eine doppelte: Einerseits soll untersucht werden, wie Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften die künstlerische Praxis und Forschung bestimmt haben, insbesondere das Wissen über ästhetische Reize und Reaktionen (u.a. bei Tolstoj, Gor’kij, Mejerchol’d, Evreinov, Belyj, Florenskij, Lunačarskij, Vygotskij, Ėjzenštejn).
Andererseits soll analysiert werden, welche Rolle Sprache und Gedanken in Experimenten der naturwissenschaftlichen Forscher, in der Physik, Psychologie und Physiologie gespielt haben (u.a. bei Kotik, Bechterev, Pavlov, Vygotskij, Kažinskij, Guljaev).
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Mitarbeit: Dr. Wladimir Velminski, Studentische Mitarbeit: Oliver Meckler B.A.
Abgeschlossene Dissertationsprojekte
Gender-Theorietransfer in Polen: Theorien zu Geschlecht und Sexualität in der polnischen Wissenschaft und Literatur nach 1989
Das Projekt fokussiert auf die Rezeption und Aneignung westlicher Theorien zu Geschlecht und Sexualität in Polen nach 1989. Dieser Theorietransfer soll einerseits aus kulturell-politischer Sicht betrachtet werden, wobei Hierarchisierungen und Motivationen in der Theorieentwicklung untersucht werden. Das Hauptinteresse liegt jedoch in der Beteiligung der Literatur und der Literaturwissenschaft im Prozess der Aneignung. Dabei soll nach Wechselwirkungen von Theorie und Literatur ebenso gefragt werden wie nach den Forderungen nach einer Re-Lektüre des literarischen Kanons. Das meta-analytisch ausgerichtete Forschungsprojekt widmet sich Akteurinnen des literarischen und literaturwissenschaftlichen Betriebs sowie ihren Werken und deckt die Bereiche Feminismus, gender studies und queer theory ab.
Projektbeschrieb
Doktorandin: Nina Seiler
Erstbetreuer: Prof. Dr. German Ritz
Zweitbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Exklusionserfahrung von Avvakum bis Šalamov: Gefängnis- und Lagerhaft in der russischen Literatur des 18.-20. Jahrhunderts
Das Dissertationsprojekt befasst sich mit Texten, denen die Erfahrung von Haft und Verbannung zu Grunde liegt. Beginnend mit dem Urtext der russischen Gefängnis- und Lagerliteratur, der „Vita“ des Protopopen Avvakum, fokussiert sich die Analyse im weiteren Verlauf auf folgende Eckpunkte: die memoiristischen Texte der Dekabristen, autobiographische, fiktionale und dokumentaristische Texte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie die Memoiren Aleksandr Gercens, Fëdor Dostoevskijs Mërtvyj Dom und Anton Čechovs Ostrov Sachalin, sowie autobiographische und fiktionale Texte aus dem 20. Jahrhundert wie die Memoiren Vera Figners und Varlam Šalamovs Lagerzyklus Kolymskie rasskazy.
Projektbeschrieb
Doktorandin: Anne Krier
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Kunsturteile. Gerichtsprozesse gegen Kunst, Künstler und Kuratoren in Russland seit der Perestroika
Seit der Jahrtausendwende werden in Russland außergewöhnlich viele Gerichtsprozesse gegen Kunst, Künstler und Kuratoren geführt. Am Beispiel der beiden größten Prozesse gegen die Organisatoren der Ausstellungen "Achtung, Religion!" und "Verbotene Kunst 2006" befasst sich die Autorin mit dem Aushandeln der Bedeutung von Kunst(werken) und mit ihrer gesellschaftspolitischen Wirkung im Kontext des Gerichts. Im Fokus steht die Frage, mit welchen Mitteln durch die Prozesse versucht wird, einen normativen Kunstbegriff nicht nur argumentativ zu verhandeln, sondern auch dauerhaft und rechtlich verbindlich zu fixieren. Wie wird diskutiert, was die Kunst in Russland heute soll, darf und kann? Wie wirkt die Kunst? Und wo liegen die Grenzen der Kunstfreiheit?
Böhlau Verlag
Projektbeschrieb
Doktorandin: Sandra Frimmel
Zweitbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Politische Positionierungen in Literatur und Kunst im postsowjetischen Russland: Kunst/ Literatur und Aktivismus
Auf Grundlage eines experimentellen Umgangs mit Pierre Bourdieus Theorie gesellschaftlicher Felder und vor dem Hintergrund der besonderen Vorgeschichte – in der Sowjetunion besaß die Kultur eine starke politische Brisanz –untersucht die Arbeit vielfältige Praktiken und poetologische Positionen der Politisierung des künstlerischen und literarischen Felds Russlands: Von der ‚radikalen Kunst’ der 1990er Jahre über die Ästhetisierung von Politik in Ėduard Limonovs Schreiben und seinem Projekt einer radikalen Jugendbewegung, der Nationalbolschewistischen Partei, bis hin zu neuen linken Projekten.
Projektbeschrieb
Doktorand: Matthias Meindl
Erstbetreuerin: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Georg Witte, FU-Berlin
Die Ukraine schreiben. Ethnografische "Einstellungen" in ukrainisch- und russischsprachiger Prosa (1991-2011)
Nach 1991 findet eine verstärkte (Selbst-)Ethnologisierung der Ukraine in der Literatur statt. Dafür gestalten ukrainisch- und russischsprachige Prosatexte kulturelle und fiktionale Räume. Die Narrationen mit Fokus auf die West-, Ost-, Zentralukraine und die Krim sowie L’viv, Kyïv und Charkiv werden in dieser Studie zu Objekten einer «beobachtenden Lektüre» literarischer Explorationen.
Die Ukraine ist nicht nur in letzter Zeit von innen- wie aussenpolitischen Konflikten zerrüttet, sondern seit Jahrhunderten von politischen Brüchen und territorialen Neuverschiebungen geprägt. Das zweitgrösste europäische Land ist zum Gegenstand national engagierter Konstruktionen und Dokumentationen geworden, die der Selbsterkundung und Positionierung dienen. Die Untersuchung analysiert dieses Phänomen anhand ukrainisch- und russischsprachiger Prosa aus der Zeit von 1991 bis 2011 – den ersten beiden Jahrzehnten der Unabhängigkeit der Ukraine.
Der nachholende Anschluss der fiktionalen Ukraine an europäisch konnotierte Diskurse verdeckt zeitgleich zu findende literarische Charakteristika, die dem postmodernen Denken widersprechen: Das totgesagte Subjekt kehrt zurück, die «korrigierte» und «wahre» Geschichte sowie ausserliterarisch erfahrbare Topografien werden vorausgesetzt.
Die Arbeit betrachtet, wie Prosatexte auf (meta)sprachlicher Ebene die Ukraine konzipieren – wie sie an der Writing Culture partizipieren und wie sie dafür das Konzept der Ethnografie, der Vertextlichung erlebter Räume, einsetzen. Sie geht auf diese Weise dem «ethnografischen» – Kultur beobachtenden und erschreibenden – Moment von Literatur nach, um eine theoretische und an komparatistischen Beispielanalysen ausgeführte Alternative zur postkolonialen Politisierung anzubieten. Vor der Folie des nationalen Diskurses stehen heterogene Repräsentationen verschiedener Regionen und Städte der Ukraine im Vordergrund.
Abgeschlossene Habilitationsprojekte
Nekroperformans. Kulturowa rekonstrukcja teatru Wielkiej Wojny
Habilitantin: Dr. Dorota Sajewska
Punktem wyjścia do cyklu opowieści o teatrze Wielkiej Wojny są uwikłane w wydarzenia geopolityczne biografie intelektualistów, artystów, żołnierzy i rewolucjonistów.
Buchprojekte
Vom polnischen Schweizbild zum Schweiztext ab dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Die polnische Literatur bildet zur Zeit der Romantik einen eigenen Schweiztext heraus, der am europäischen Schweiztext der Zeit partizipiert, diesen aber durch die Emigrationserfahrung der polnischen Dichter in der Schweiz stark abwandelt.
Der romantische Schweiztext ist zum kanonischen Text in der polnischen Literatur geworden, der in der Folge immer wieder neu überschrieben wird und durch seinen hohen Rang zu jeweils grossen Entwürfen provoziert.
Das Projekt konzentriert sich auf den literarischen Schweiztext und sucht weniger die Geschichte der Polen in der Schweiz zu beschreiben.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. German Ritz
Sammelband: Kommunismus autobiographisch
Das Projekt versammelt Beiträge der internationalen Konferenz "Kommunismus autobiographisch" sowie Auszüge aus autobiographischen Texten, die nach 1990 entstanden oder veröffentlicht worden sind. Das Buch geht der Beobachtung einer immensen autobiografischen Welle seit 1990 nach, bei der mit ganz unterschiedlichen autobiografischen Schreibweisen und Experimenten eine Analyse der kommunistisch/sozialistischen Gesellschaft aus individueller Perspektive erarbeitet wird, die ganz im Unterschied zur offiziellen Aufarbeitung Mikrogeschichten, Gegengeschichten entwerfen. Unter anderem sind in dem Band Beiträge enthalten von Magdalena Marszalek, Susanne Frank, Georg Witte, German Ritz, Tatjana Petzer, Michail Ryklin, Franziska Thun-Hohenstein.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse
Mitarbeiterin: Anne Krier und Tatjana Hofmann
Edition bislang unveröffentlichter Schriften von Michail Bachtin
Das Projekt verfolgt das Ziel, bislang in deutscher Sprache unveröffentlichte Schriften von Michail Bachtin herauszugeben. Zu diesen Schriften gehören das aus den frühen 1920er Jahren stammende Frühwerk Zur Philosophie der Handlung (K filosofii postupka), dessen deutsche Übersetzung (in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg) bereits 2011 im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen ist.
Gearbeitet wird nun an der Herausgabe weiterer Texte, und zwar: Bachtins Studien zum Bildungsroman aus den 1930er Jahren (Der Bildungsroman und seine Bedeutung in der Geschichte des Realismus (Roman vozpitanija i ego značenija v istorii realizma), Notizen zum Bildungsroman (K romanu vozpitanija).
Herausgegeben wird ferner sein in den 1950er Jahren zunächst als Auftragsarbeit verfasster Text zu den Sprechgattungen (Problem der Sprechgattungen / Problema rečevych žanrov, fragmentarische Erstpublikation 1978 in Literaturnaja učeba) und seine Arbeitsaufzeichnungen aus dem 1960er und 1970er Jahren.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse, Renate Lachmann, Rainer Grübel
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Balkanvision. Konstruktion und Ästhetik des Raums bei den Südslaven
Die topographischen Konzepte des "Balkans" und des "Südens" waren für die Vorstellung des heteroslavischen Südostens Europas als ein einheitlicher Raum programmatisch. Als solcher wurde dieser auch wahrgenommen, als die gemeinschaftsbildenden Prozesse mit geo-kulturellen Verwerfungen einhergingen und zur Desintegration der politisch-territorialen Neuordnungen führten. Der Entwurf, die Organisation und die Wahrnehmung des "Balkans" bzw. des slavischen "Südens" im langen 20. Jahrhundert sind Gegenstand dieser Studie.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Dr. Tatjana Petzer
Hintertüren
Ausgangspunkt des Buches ist ein Satz des Kellerlochmenschen aus Dostoevskijs 1864 veröffentlichter Erzählung "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch". Dieser Kellerlochmensch charakterisiert seine Lebensphilosophie wie folgt: "Ich hatte mir für alles eine edle Hintertür (lazejka) zugelegt...". Lazejka bezeichnet im Russischen eine Ausflucht, eine Hintertür, eine Öffnung, ein Schlupfloch, beispielsweise ein Loch im Zaun, durch das man potentiell verschwinden kann.
Bei Dostoevskij steht lazejka für eine mögliche Ausflucht, die man sich von vornherein offenlässt. Die spezifische Hintertürphilosophie des Menschen aus dem Kellerloch haben zwei unterschiedliche Philosophen bzw. Philologen, und zwar Friedrich Nietzsche und Michail Bachtin, implizit und explizit zum Thema eigener Überlegungen gemacht.
Projektbeschrieb
Projektleitung: Prof. Dr. Sylvia Sasse