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Wie die Waadtländer Bauerntochter Mary Widmer-Curtat (1860–1947) Freundschaft mit der belgischen Königin schloss und im Ersten Weltkrieg belgischen Flüchtlingskindern zu Hilfe kam.
Die Geschichte der Waadtländerin Mary Widmer-Curtat, Schwester des Malers Louis Curtat, ist ein Zeugnis des humanitären Engagements der Schweiz im Ersten Weltkrieg, steht aber auch für den Mut der von preussischen Soldaten unterjochten belgischen Bevölkerung.
In der 1905 von ihrem Ehemann Doktor Henri-Auguste Widmer in Glion bei Montreux gegründeten Klinik Valmont, wo sich Angehörige des Bürgertums und des Adels aus ganz Europa behandeln liessen, lernte Mary Widmer-Curtat die belgische Königin Elisabeth kennen, die im März 1913 unter dem falschen Namen «Comtesse de Réthy» in der Klinik verweilte. Innerhalb kurzer Zeit verband die Bauerntochter Mary Widmer-Curtat und ihren Gatten eine Freundschaft mit dem Königspaar.
Dank dieser privilegierten Beziehung würde das schweizerische Ehepaar beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine wichtige Rolle spielen. Bereits vor dem Winter 1914 war Belgien fast vollständig von deutschen Truppen besetzt. König Albert I. hatte beschlossen, bei seinen Truppen zu bleiben und die Yser zu verteidigen. Der Krieg forderte im ganzen Land grosse Entbehrungen, nicht nur wegen der deutschen Besatzung und anhaltenden Kämpfe im Westen, sondern auch aufgrund der Seeblockade der Alliierten und der überaus harten Repressalien gegen die von den Deutschen angeführten Dissidenten und «Partisanen».
Der Angriff auf Belgien – ebenso wie die Schweiz ein neutraler Staat – wurde in den Kantonen der Westschweiz als Verrat verstanden und schockierte weite Teile der Bevölkerung zutiefst, darunter auch Mary Widmer-Curtat. Ohne zu zögern startete sie im Herbst 1914 im Namen des belgischen Hilfswerks «Office belge œuvre d’entraide» eine Rettungsaktion für belgische Flüchtlinge. Unterstützt wurde sie nicht nur von ihrem Mann, sondern vermutlich auch von Aloïs de Meuron, damals Nationalrat und einflussreiches Mitglied des Verwaltungsrats der Tageszeitung Gazette de Lausanne, die offen Position für Frankreich und die Alliierten bezog.
Aloïs de Meuron setzte sich über die vom Bundesrat auferlegte Neutralität hinweg und erhob sich im März 1917 im Nationalrat gegen die Deportationen französischer und belgischer Zivilpersonen nach Deutschland. Er hielt eine flammende Rede, die es verdient hätte, in die Geschichte einzugehen:
So kam es, dass Mary Widmer-Curtat, auch dank dieser Unterstützung, zu Beginn des Ersten Weltkrieges eine private schweizweite Hilfsaktion ins Leben rief, die sie während fünf Jahren organisierte und leitete. Mehrmals reiste sie nach Belgien und besuchte das Königspaar. 1915 begleitete ihr Mann die Königin sogar an die Front. Es war jedoch nur ein kurzer Besuch, denn der um die Sicherheit seiner Gemahlin besorgte König Albert «liess der Königin ausrichten, es sei Zeit, nach Hause zurückzukehren».
Die schweizerische Organisation half 9000 belgischen Kindern, die in diesem Konflikt besonders schutzbedürftig waren, den Schrecken des Krieges zu entkommen. Sie erhielten medizinische, materielle und finanzielle Hilfe. Mary Widmer-Curtat fand Hunderte von Schweizer Familien, in denen sie die geretteten Kinder bis zum Ende des Krieges unterbrachte. Die meisten kamen im Laufe der Jahre wahrscheinlich zu Bauernfamilien, die weniger unter Knappheit zu leiden hatten als die Stadtbevölkerung.
Für ihr unermüdliches Engagement erhielt Mary Widmer-Curtat in der Schweiz, in Belgien und in anderen Ländern zahlreiche Auszeichnungen. 1919 empfing sie das Ritterkreuz des Leopoldsordens und wenige Jahre später wurde sie Ehrenmitglied der Société Royale Union Belge-Lausanne, wo man sie liebevoll als «Belgiens Mama» und später «Grossmama» bezeichnete.
2014 wurde im Beisein des Lausanner Stadtpräsidenten Daniel Brélaz, des belgischen Botschafters in Bern, Frank Recker, und der belgischen Generalkonsulin Danielle Haven schliesslich eine Gedenktafel mit dem Namen «Mary Widmer-Curtat» an der Statue «La Belgique reconnaissante» in Lausanne enthüllt.