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Eine geniale Frechheit
Alfred Werner erneuerte in einem nächtlichen Denk- und Schreibmarathon die anorganische Chemie – und das, ohne dazu ein Experiment gemacht zu haben.
Ein Geistesblitz in tiefer Nacht steht am Anfang von Alfred Werners wissenschaftlichem Ruhm: 1892 logierte der damals 26-jährige Chemiker im Zürcher Hotel Pfauen am Heimplatz. Eines Nachts wachte Werner auf und hatte die Lösung für ein Problem im Kopf, an dem er sich bis dahin die Zähne ausgebissen hatte.
Um zwei Uhr morgens setzte er sich ans Pult und schrieb in einem 17-stündigen Denk- und Schreibmarathon die Grundzüge seiner Koordinationstheorie nieder, die die anorganische Chemie revolutionieren sollte. Unzählige Tassen Kaffee hielten ihn dabei wach. Um fünf Uhr nachmittags war Werner fertig. Die Arbeit, die aus diesen wissenschaftlichen Sternstunden entstand, trug den Titel «Beitrag zur Konstitution anorganischer Chemie» und wurde 1893 veröffentlicht – dem Jahr, in dem der Wissenschaftler eine Professur für Chemie an der Universität Zürich erhielt.
Alfred Werner entwickelte in seiner Publikation ganz neue Vorstellungen darüber, wie anorganische Komplexverbindungen räumlich aufgebaut sind und begründete damit die moderne Komplexchemie. Er baute seine Theorie auf unsicherem Grund, denn er hatte bis zum Erscheinen seiner bahnbrechenden Arbeit kein einziges Experiment zum Thema gemacht. Werner scheint damit Albert Einsteins Diktum zu bestätigen, wonach Fantasie wichtiger sei als Wissen. Ein deutscher Kollege nannte seinen theoretischen Wurf später einmal «eine geniale Frechheit». Für seine neue Theorie, die er in den folgenden Jahren dann tatsächlich experimentell untermauern sollte, erhielt Werner als erster Schweizer 1913 den Nobelpreis für Chemie.