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Die Weihnachtsgeschichte im Faktencheck
«Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet werde.» So lesen wir es in der Weihnachtsgeschichte der Bibel. «Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.» Die Erzählung von Jesus’ Geburt beginnt mit recht akkuraten Angaben – sodass sich das Verhältnis von historischen Fakten zu Unklarheiten im Neuen Testament hier ganz gut zeichnen lässt. Dass Jesus gelebt hat, wird ja selbst von entschlossenen Atheisten kaum bestritten. Aber was weiss man wirklich? Und wo beginnt die Legende?
Die Volkszählung
Das Lukas-Evangelium erwähnt die erste Volkszählung, die von den Römern in Judäa durchgeführt wurde. Tatsächlich ist dieser Zensus belegt, er fand unter einem Prokonsul namens Publius Sulpicius Quirinius statt, und zwar in den Jahren 6 und 7 nach Christus. Der Anlass: Kurz zuvor war Judäa direkt in den römischen Staat integriert und bürokratisch erfasst worden – nachdem es bislang von einem jüdischen Vasallenkönig regiert worden war. Den hatte Kaiser Augustus im Jahr 6 n. Chr. abgesetzt: Den Römern waren allzu viele Klagen über den tyrannischen Herrn in Jerusalem zu Ohren gekommen. Der Name des Gestürzten: Herodes Archelaus. Es war der Sohn von Herodes dem Grossen.
Herodes
Das heisst: Als der Zensus stattfand, war der der Bibel-König Herodes längst tot. Als Todesjahr geben die Quellen 4 v. Chr. an. Hier besteht also ein klarer Bruch zwischen der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und jener von Matthäus: «Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.»
Herodes geht in der Folge als phänomenaler Übeltäter in die Weltgeschichte ein – weil er aus Furcht vor diesem mächtigen Baby befohlen haben soll, in Bethlehem alle Kinder unter zwei Jahren zu töten. Der Heiligen Familie gelingt knapp die Flucht nach Ägypten.
Es gibt keine sonstigen Quellen für solch ein Massaker. Und so bietet sich hier wohl ein schönes Beispiel, wie sich alte Erzählmuster mit einigen Realitäten zu einer neuen Legende verbinden. Denn die Geschichte des verfolgten Kindes kannten die Juden ja aus ihren eigenen Schriften: Der alttestamentarische Prophet Moses überlebte mit Glück, nachdem der Pharao in Ägypten die Ermordung aller männlichen Kinder der Israeliten angeordnet hatte.
Zweitens ging der historische König Herodes brutal gegen jüdische Schulen vor, in denen prophezeit worden war, er werde seinen Thron verlieren. Und drittens beging er tatsächlich eine Art Kindermord – er liess unter anderem zwei Söhne hinrichten, wenngleich als Erwachsene.
Der Stern von Bethlehem
Es gab schon viele Versuche, astronomisch festzumachen, was ums Jahr null drei Könige (oder Magier) nach Palästina gelockt haben könnte. Eine These: Der grosse Stern war der Halley’sche Komet – dieser tauchte im Jahr 12 vor Christus auf. Das passt also zeitlich eher schlecht. Obendrein dürfte der Komet bei diesem Besuch eher unauffällig gewesen sein.
Beim Stern von Betlehem – so weitere Thesen – könnte es sich um ein Zusammentreffen diverser Gestirne gehandelt haben, etwa eine Planetenkonjunktion. Saturn und Jupiter kamen sich im Herbst des Jahres 7 vor Christus so nahe, dass sie zusammen wie ein grosses, helles Licht erschienen. Allerdings findet sich in keinem der Fälle eine astronomisch voll überzeugende Erklärung – sodass eine sehr menschliche Deutung des Weihnachtssterns naheliegt: Da sollte die Geburt des Propheten mit einem astronomischen Ereignis überhöht werden.
Saturn trifft Jupiter: Himmel über Jerusalem mit Blick gegen Süden, November, 7 vor Christus. (Quelle: Zwergelstern|Wikimedia Commons)
Nazareth und Bethlehem
Der Heimatort von Jesus in der israelischen Region Galiläa hat heute rund 75’000 Einwohner, er wird verehrt und von vielen Pilgern besucht. Doch ob es Nazareth zur Zeit des Kaisers Augustus überhaupt gab? Wir wissen es nicht sicher.
Denn erstaunlicherweise taucht ein Ort dieses Namens ausserhalb der Bibel erst etwa dreihundert Jahre später auf, sodass es immer mal Zweifel daran gab. Immerhin: Archäologen fanden Hinweise auf eine kleine Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Nazareth. Sie dürfte um die Zeitenwende vielleicht ein paar Hundert Menschen umfasst haben – ein bescheidenes Nest in einer abgelegenen Gegend.
Betlehem ist da schon unbestrittener: Viele jüdische Quellen berichten von der Ortschaft, die auch der Geburtsort des Königs David gewesen sein soll. Der Prophet Micha sagte im 8. Jahrhundert vor Christus voraus, dass aus diesem Ort, obwohl bescheiden, dereinst der Messias kommen werde – «aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist».
Und so findet sich hier eine mögliche Erklärung, weshalb Maria und Josef im Neuen Testament auf die beschwerliche Reise nach Bethlehem geschickt werden: Die historische Figur Jesus (aus Galiläa) sollte mit dem Zensus-Befehl nach Bethlehem (einige Kilometer südlich von Jerusalem) verlagert werden. Denn dass die Römer von der Bevölkerung verlangten, sich für eine Steuererhebung in die Vaterstadt zu begeben – auch dafür gibt es sonst keine Quellen.