Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/1898

An diesem Tag erschien der zweite Teil des Berichts zur Milchversorgung der Schweiz (der erste Teil ist zu lesen unter dem 17. März):
Der gegenwärtige Stand der Milchversorgung in der Schweiz.
In letzter Linie ist die Milchknappheit auch noch durch den vermehrten Konsum im bäuerlichen Haushalte und durch die Hausbutterung verursacht worden. Normalerweise sind vor dem Kriege pro Jahr 500 Wagen Butter in unser Land eingeführt worden. Seit Frühjahr 1916 hat die Buttereinfuhr fast ganz aufgehört. Schon in normalen Jahren wurde diese Ware in den Monaten November und Dezember knapp. Begreiflicherweise muss zur Zeit, wo die Mehrheit der Käsereien Konsummilch liefern muss, ein empfindlicher Buttermangel vorhanden sein. Dieser veranlasste die Hausfrauen, die nur ungern auf die Verwendung von Butter verzichten, mehr und mehr zu Selbstfabrikation überzugehen. Es ist erwiesen, dass noch nie so viele Haushaltungsbutterungsmaschinen [sic] abgesetzt wurden, wie im laufenden Winter. Diese Feststellung wird ausserdem durch die Tatsache erhärtet, dass gegenwärtig eine ganze Reihe von Butterungseinrichtungen zum Patent angemeldet sind. Je höher die Butterpreise gegenüber den Milchpreisen, die zurzeit durch die Bundesbehörden künstlich tief gehalten werden, um so intensiver wird die Hausbutterung einsetzen. Wenn auch die meisten Hausfrauen die für den Konsum bestimmte Milch abrahmen, so wird dadurch der Milchbedarf dennoch erheblich grösser. Völlig zu verwerfen ist die Hausbutterung, wenn die Abfälle nicht zur Verwertung gelangen.
Am grössten ist zurzeit der Milchmangel im Gebiete des Verbandes nordwestschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften, insbesondere in der Stadt Basel. Die erwähnte Organisation soll von drei Schwesterverbänden zusammen 100,000 Tageskilo Milch erhalten, die bisher nicht voll zur Ablieferung gelangten. Der normale Milchbedarf der Stadt Basel beträgt zirka 100,000 Kilo pro Tag. Infolge des Rückganges in der Produktion konnten vorübergehend nurmehr 80-85,000 Kilo nach Basel spediert werden. Seit vielen Jahren wird vom nordwestschweizerischen Verband eine gewisse Milchmenge in das benachbarte badische Grenzgebiet und in einige süddeutsche Städte geliefert. Wenn auch die Pflicht besteht, in erster Linie für das Inland zu sorgen, so wäre es auf der andern Seite auch nicht zu verantworten, wenn man in diesen schweren Zeiten den süddeutschen Städten, insbesondere Mü[h]lhausen, die auf die Milchzufuhr aus der Schweiz angewiesen sind, keine Milch mehr senden wollte. In Mühlhausen erreicht die gegenwärtige Milchzufuhr nur mehr hin, um den dringendsten Bedarf der kleinen Kinder zu decken. Der Milchmangel im Gebiete des nordwestschweizerischen Verbandes wird durch die dort stationierten Truppenkontingente noch erhöht. Um der Zivilbevölkerung nach Möglichkeit entgegenzukommen, wurden einzelne Divisionen angewiesen, ihren Milchbedarf durch Verwendung von Kondensmilch zu decken.
In gewöhnlichen Zeiten trat nach Neujahr in der Milchproduktion regelmässig eine Besserung ein. Im laufenden Winter ist die Knappheit bis Mitte Februar eher grösser geworden. Die Ursache muss auf die schlechte Ernährung des Viehstandes zurückgeführt werden. Die frisch gekalbten Kühe geben nur während kurzer Zeit befriedigende Milchmengen, magern verhältnismässig stark ab und gehen in der Milchproduktion sehr bald bedeutend zurück.
Im weitern muss darauf hingewiesen werden, dass die Heuvorräte nicht sehr gross sind, so dass sie, wenn die Grünfütterung spät einsetzen sollte, knapp ausreichen werden. Es ist zu hoffen, dass beim Eintritt der wärmern Witterung die Milchproduktion sich wieder etwas günstiger gestaltet. Eine dauernde und durchgreifende Besserung in der Milchversorgung darf jedoch erst nach Beginn der Grünfütterung erwartet werden.
Nächster Beitrag: 17. April 1917 (erscheint am 17. April 2017)
Quelle: Staatsarchiv St.Gallen (St.Galler Bauer, 14.03.1917, Text mit etwas mehr Absätzen als im Original; 31.03.1917, Anzeige)