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Die «sozialistische Kalkulationsdebatte» fand in den 20er und 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts statt. Diverse Ökonomen entwickelten ein Bild der Wirtschaft, welche aus Preisen und Mengen für Güter und Dienstleistungen auf Grundlage von Angebot und Nachfrage erschaffen sei. Sozialistische Ökonomen (wie z.B. Oskar Lange) argumentierten wie folgt:
«Anhand der Fortschritte in der Ökonomie ist es nun möglich, zu erörtern, wie diese hinsichtlich Nachfrage, Angebot, Preisen, Löhnen, und so weiter funktioniert. Die Befürworter des freien Marktes treffen jedoch die Fehlannahme, dass das marktwirtschaftliche Ergebnis (zumindest nahe) beim bevorzugten gesellschaftlichen Ergebnis liege. Dagegen können Sozialisten gleichermassen berechnen, wie sich eine Marktwirtschaft verhielte, und einbeziehen, wie sich das Marktergebnis durch Regierungseingriffe verbessern liesse. Im Mindesten kann die sozialistische Planung das Marktergebnis widerspiegeln, weswegen Sozialismus einem Marktergebnis ebenbürtig sein wird. Allerdings bietet Sozialismus die Möglichkeit, das Marktergebnis an sich zu verbessern.»
Diesem sozialistischen Argument kann auf zwei Weisen entgegnet werden. Erstens reicht Zentralplanung in der Praxis nicht aus, um die Wirtschaft zu steuern. Sogar Autoren wie Leon Trotzki, welche sich dem Sozialismus verpflichtet fühlten, schrieben darüber, wie sich die Regierungsbürokratie einbilde, einen «universellen Verstand» zu besitzen, welchen sie nicht habe. Folglich versucht sich die Bürokratie in ökonomischer Planung, welche aufgrund des politischen Drucks zwangsläufig mit einem gewissen Mass an Unwirklichkeit vermengt. Dies verursacht Knappheit, geringe Herstellungsqualität und Ineffizienz.
Anmassung von Wissen
Die zweite (oft mit Friedrich Hayek verbundene) Entgegnung besagt, dass detaillierte wirtschaftliche Zentralplanung auch grundsätzlich unmöglich ist, weil eine Wirtschaft ein Ablauf der kontextuellen Entdeckung ist. Unternehmen kennen ihre Herstellungskosten nicht, wissen nicht, wie sie auf unerwartete Ereignisse, oder neue Technik reagieren werden, bis diese tatsächlich eintreten. Verbraucher wissen anhand der Vielzahl etwaiger Güter und Preise nicht, wie sie sich entscheiden werden, bis zu dem Moment, wo sie die Entscheidung tatsächlich fällen. Arbeiter wissen nicht, welchen Job sie bevorzugen, bis sie diese Möglichkeiten erwägen. Keiner weiss im Voraus, welche Neuerungen in der Produktion brauchbar sind, oder von Verbrauchern nachgefragt werden, bis diese zur Anwendung gelangen.
Der Staat kann zwar bestimmte Rollen einnehmen, welche den Marktergebnissen einen Rahmen setzen: Zwangsumverteilung an die Armen, Subventionierung von Bildung, Landwirtschaft, Infrastruktur und ähnliches. Aber die Vorstellung eines Zentralplaners, welcher alle Folgen des Zusammenspiels von Menge, Qualität, Neuerungen, Preise und Löhnen vorhersieht, ist schlicht unmöglich. Es ist nicht möglich, eine Marktwirtschaft zu simulieren, wenn man den Menschen die Entscheidungsfreiheit nimmt – und sei dies nur partiell.
Verbesserung der sozialistischen Kalkulation?
Bereits seit den 1930er Jahren behaupten Sozialisten, dass sich mit der Verbesserung der Rechenleistung die Machbarkeit sozialistischer Kalkulation verbessere. Manche argumentieren, die neuerlichen Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz führe zur Situation, in der eine sozialistische Zentralplanung einem freien Markt überlegen sei.
Peter J. Boettke und Rosolino A. Candela geben dazu entsprechende Anregungen in On the feasibility of technosocialism.[1] Sie beginnen mit einer Aussage des chinesischen Geschäftsmannes Jack Ma (Gründer von Alibaba), der der Meinung ist, zusätzliche Rechenleistung würden eine sozialistische Planwirtschaft wahrscheinlicher werden. Ma sagt:
«In den vergangenen 100 Jahren, gelangten wir zur Überzeugung, dass die Marktwirtschaft das beste System sei. Meiner Meinung nach steht in den kommenden drei Dekaden ein bedeutender Wechsel bevor, in welchen die Planwirtschaft immer grösser wird. Weshalb? Mit dem Zugang zu jeglicher Art von Daten könnten wir in der Lage sein, die unsichtbare Hand des Marktes zu finden. Die Planwirtschaft, welche ich meine, entspricht nicht jener aus der Sowjetunion, oder der Gründungszeit der Volksrepublik China. Der wesentliche Unterschied zwischen der Marktwirtschaft und der Planwirtschaft besteht darin, dass erstere über die unsichtbare Hand der Marktkräfte verfügt. In der Ära zahlreicher Informationen (Big Data) sind die Möglichkeiten des Menschen zur Gewinnung und Verarbeitung von Daten grösser, als man es sich vorstellen kann. Mithilfe künstlicher, oder multipler Intelligenz wird sich unsere Wahrnehmung der Welt in andere Höhen verschieben. Insofern werden diese zahlreichen Daten die Märkte schlauer machen und uns ermöglichen, Marktkräfte zu planen und vorherzusagen, um auf diese Weise schlussendlich zu einer Planwirtschaft zu gelangen.»
Die Bemerkungen von Ma sind freilich eine ausdrückliche Anerkennung, dass Planwirtschaften bisher nicht besonders gut funktionierten. Wird es diesmal anders? Boettke und Candela weisen darauf hin, dass Mas Argument viele zeitgenössische Unterstützer habe. Sie schreiben:
«Wir gehen jedoch davon aus, dass der Vorschlag des Technosozialismus dem Befüllen alter Schläuche mit neuem Wein gleicht. Was wie ein neuer Vorschlag zur Verwirklichung des uralten sozialistischen Gedankens erscheint, unterscheidet sich nicht grundlegend vom marktsozialistischen Modell, welches Oskar Lange und Abba Lerner in den 1930er Jahren als Antwort auf Ludwig von Mises und F. A. Hayek vorschlugen, die beide darlegten, dass die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus unmöglich sei. Lange schlug später zur Antwort auf Mises und Hayek vor: ‘Lassen Sie uns die Simultangleichungen in einen elektronischen Rechner einspielen und wir gelangen in weniger als einer Sekunde zum Ergebnis. Der Markt mit seinen umständlichen Tastversuchen erscheint altmodisch. Er sollte besser als Rechengerät des vorelektronischen Zeitalters angesehen werden’. Allerdings beruht Langes Einschätzung, wie jene des Technosozialismus auf einem grundlegenden Missverständnis der wirtschaftlichen Probleme der Gesellschaft auf rein rechnerischer Grundlage, statt eines zu lösenden ‘Wissensproblems’ und die Weise wie der Marktprozess mit diesem Problem wirklich umgeht.»
Kein Rechner vermag den Markt zu ersetzen
Boettke und Candela untersuchen die Akteure und Argumente in der klassischen sozialistischen Kalkulationsdebatte. Sie vertreten indes die hayeksche Position, dass die Marktwirtschaft an sich ein soziales Werkzeug zur Entdeckung, Nutzung und Verbreitung von Informationen in einem breiten Spektrum vorhandener Zusammenhänge ist, und zwar auf eine Weise, welche kein Rechner ersetzen kann. Sie schreiben:
«Nimmt man perfektes Wissen und statische Bedingungen an, wird das Problem der Wirtschaftsrechnung durch Hypothesen gelöst. Die Wirtschaftsrechnung ist ein Mittel, welches ihrem Anwender ermöglicht, durch ein unruhiges Meer wirtschaftlicher Unsicherheit, ständigen Wandels, Unkenntnis der Umwelt sowie verlockender Hoffnungen und quälender Ängste zu steuern. Sobald diese entfernt werden, verschwindet die funktionale Bedeutung der Wirtschaftsrechnung, aber auch die Aussichten auf gegenseitigen Gewinn, unternehmerische Neuerungen und die Entdeckung neuer Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Wer den Wandel ausser Acht lässt, verliert dadurch die Möglichkeit von wirtschaftlichem Wachstum und Fortschritt. Der Markt ist ein sozialer Lernprozess.»
Freilich behaupten die Autoren nicht, dass Fortschritte bei der Rechenleistung keine Auswirkungen auf Wirtschaft, Produktion und Arbeit, sowie wirtschaftliche Schlüsselfragen habe. Sie vertreten jedoch die Ansicht, dass eine Betrachtung der Wirtschaft als riesiges Mathematikproblem, welches Zentralplaner nicht nur lösen können, sondern auch mit Variablen herumbasteln, um andere als die gewünschten Ergebnisse zu erzielen, einen zentralen Gesichtspunkt aussen vor lasse: nämlich, was eine Wirtschaft ist und macht.
Dieser Beitrag ist beim Conversable Economist erschienen.
[1] Journal of Economic Behavior and Organization, 2023 (205), pp. 44-54.