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Ganz abwegig ist die Frage nicht: Warum hat sich Fidus 1904 nicht auf dem Monte Verità niedergelassen, nachdem er in die Schweiz gekommen war, aber nicht in Amden bleiben wollte? Oder etwas bescheidener: Warum hat er 1904, in der Zeit, in der er in Zürich wohnte und arbeitete, den Monte Verità nicht besucht?
Ob es nur daran lag, dass er Gusto Gräser, der zudem Mitbegründer der Siedlung auf der Anhöhe bei Ascona war, aus dem Weg gehen wollte? Zumal Gräser als Besucher in Amden ihm den Anlass lieferte, die Gemeinschaft in einem theatralischen Abgang zu verlassen. Wobei Fidus übrigens den Anteil Gräsers an der Gründung des Monte Verità übergeht, wenn er über den Besucher, bzw. seine Brüder schreibt:
Es war der Naturdichter, Maler und Wanderer Gusto Gräser, der in der Reformer-Siedlung des Belgiers Oedenkofen bei Ascona am Lago maggiore sesshafte Brüder hatte, dessen jüngerer, auch Maler, ehemals östr. Offizier, aber bald starb. Karl Gräser hatte sich ein Naturhaus gebaut, in welchem alle Möbel aus Naturästen und -knorren bestanden. Seine Frau war eine Schwester der Oedenkoven.
Beide, Fidus und Gräser lebten eine Zeitlang mit dem Maler Karl Wilhelm Diefenbach zusammen. Fidus wurde Im Sommer 1887 sein Schüler und Mitarbeiter in dessen Lebensgemeinschaft im Steinbruch Höllriegelskreuth bei München. 1889 kam es zum Bruch mit Diefenbach und er kehrte an die Akademie nach München zurück. Gräser war fast ein Jahrzehnt später bei Diefenbach. 1898 schloss er sich kurze Zeit Diefenbachs Künstlergemeinschaft Humanitas auf dem Himmelhof bei Wien an. Bei Diefenbach waren sich die beiden also nicht begegnet. Dafür aber, wie Fidus in den Kleinen Lebenserinnerungen schreibt, als Gräser um 1900 Friedrichshagen besuchte. Dorthin war Fidus nach seiner Eheschliessung mit Elsa 1900 gezogen.
Ebenfalls in den Kleinen Lebenserinnerungen berichtet Fidus über Besucher in Amden, die allerlei „Gutes“ mitgebracht hätten, so auch Wurst und Speck. „Als wir zum ersten gemeinsamen Mittagsmahle wollten,“ erzählt Fidus, „kam wieder ein Besucher ‚zu mir‘.“ Trotz seiner Warnung sei dieser, Gusto Gräser, von Josua Klein, dem Leiter der Siedlung, zu Tisch geladen worden. Und Fidus fährt fort:
Man wusste, daß er Vegetarier war; aber Josua, der alle Gesetze selbst bestimmen wollte fragte ihn, ob er nun der Gemeinschaft willen auch alles mitessen würde. Gusto wich aus und sagte er wisse nie vorher, was er in jedem Lebensfalle tun würde, er handle dann nach seiner inneren Stimme. Die lässt Josua ja bei Andern! nicht gelten; er sagt „das Leben spricht“ wenn er seinen Einfall walten lassen will. So fragte er ihn, ob er z.B. mit ihnen alsobald Wurst u. Schinken essen würde, um des Bleibens in der Gemeinschaft würdig zu sein. Und rief den Jungen zu diese Leckereien herbei zu holen. Dann sagte er feierlich „Nun wollen wir in einem heiligen Gemeinschaftsmal auch diese Speisen heiligen und unsern Bund mit diesen besiegeln!“ – Da hatte ich genug, der Anlaß war da! Ich stand auf, sprach einen Abschiedssegen dafür und reichte nur Josua die Hand, der sie mir verstummt nicht verweigerte. Dann ging ich hinauf und packte meine Restsachen! Gusto aber, statt sich mir anzuschließen blieb und aß mit. Mir war es ja nicht um das bischen [sic!] Wurst u. Schinken, zum Ekel, sondern um des lächerlichen Getues willen!
Fidus lässt einiges unklar. So, ob er mit „kam wieder ein Besucher ‚zu mir'“ einfach meint, dass der Besuch für ihn von Bedeutung geworden sei, oder aber, ob er der Grund oder wenigstens mit ein Grund für den Besuch gewesen sei. Aber auch, wovor er Klein warnen wollte. Unklar ist auch, was genau mit dem „selbst“ gemeint ist. wenn Fidus schliesst: „Ich mied weitere Gemeinsamkeiten, selbst mit Gusto Gräser, um ihm (nach Nietzsche) Scham zu ersparen.“
Die Charakterisierung von Gräser, den Fidus als Naturdichter, Maler und Wanderer bezeichnet, liest sich dagegen sachlich-distanziert:
Gustav aber wanderte durch die Lande und „besuchte“ Gesinnungsgenossen“ solange, bis sie ihn wieder weiter wiesen. Denn er verachtete das Geld und hatte keines. Er ließ also andere, die es redlich brauchten, für sich sorgen! Er ging dabei malerisch in estischer Zigeunertracht, schön aber unzivilisiert mit umwickelten Beinen und „Opanken“ an den Füßen. Er sang seine Lieder mit schöner Baritonstimme, und verkaufte wohl auch von seinen eigenen Bildkarten, das Geld nur benutzend, um sie weiter drucken zu lassen.
Ida Hofmann über Gusto Gräser
Sehr viel härter uns Gericht geht Ida Hofmann, die zusammen mit Henri Oedenkoven, und den Brüdern Karl und Gusto Gräser den Monte Verità gründete.1 Sie schreibt über ihn in ihrem Rückblick Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung, der 1906 erschienen ist:
Nicht unkünstlerisch umhüllt eine lange härene Tunika über Kniehosen die hohe Gestalt eines 22jährigen Burschen. Langes, straffes Haar ist durch ein ledernes Diadem von dem sehr regelmässigen Gesicht zurückgehalten. Bloßfüssig oder mit Sandalen an den Füssen schreitet er dahin, ein Täschchen mit dichterischen Ergüssen umgegürtet, einen Hirtenstab in der Hand. Kinder knieen vor ihm nieder denn sie meinen der Heiland erschiene ihnen. Davon ausgehend, dass Schöpfung und Menschheit seiner Entwicklung dienen, dass Geldbesitz schlecht sei, verschanzt sich hier Bettelei und Arbeitsscheu hinter angeblicher Bedürfnislosigkeit. Selbst zu träge um ein angeborenes Künstlertalent weiter zu bilden, oder auf andere Art seinen Unterhalt zu bestreiten, hält Gustav Gräser, um satt zu werden skrupellos in den Gärten der Bauern Einkehr und meint die Menschheit für milde Gaben, Speisung und Wohnung durch seine volltönende Stimme und ein allgemeines Phrasentum über Liebe und Brüderlichkeit voll zu entschädigen; es gelingt ihm oft kleine Geister durch sein Auftreten zu verblüffen; mit Sofismus, aus krankhaften Wahnideen erzeugt, begegnet er den Scharfblickenden und mit mitleidigem Lächeln lässt er sich buchstäblich vor die Türe setzen. Wie unser Schatten war dieser Mann seit München unsern Spuren gefolgt und wirkte durch seine fortdauernde Aufdringlichkeit und einen gewissen lehrhaften Ton den er selbst Greisen gegenüber für angebracht findet, höchst unangenehm auf seine Umgebung.2
Was die Karten betrifft, tritt übrigens sehr viel später, 1930, Gräsers Tochter Getrud mit folgender Bitte an den „lieben Meister Fidus“:
Wir haben die Absicht, Postkarten in derselben Art, wie sie von deinen Zeichnungen hergestellt sind, machen zu lassen.
Wir bitten dich darum, uns baldigst doch die Anschrift von der Firma, die deine Postkarten hergestellt hat, mitzuteilen.3
Es ist nicht klar, welche Technik Gräsers Tochter meinte, denn Fidus verwendete verschiedene Techniken. Wenn aber die Bromsilber-Karten, die Fidus hauptsächlich herstellen liess, gemeint sind, stellt sich die Frage, warum Gräser sich plötzlich für die damit verbundene Ästhetik von gewissermassen „originalen“ Schwarzweiss-Fotografien mit ihrer feinen Grauzeichnung interessierte.
Bemerkungen von Hermann Müller
Mir stellt sich dabei zunächst die frage: wann wurden die KLEINEN LEBENSERINNERUNGEN geschrieben? Vermutlich doch in seinen späten jahren. Es handelt sich also um einen rückblick im abstand von rund einem halben jahrhundert und zugleich um eine zusammenfassung seiner sicht auf gusto.
Wie sieht er ihn, wie beurteilt er ihn?
Sichtlich abschätzig, er stellt sich moralisch über ihn. Er präsentiert sich selbst als charismatische guru-figur. Denn was soll das in anführungszeichen gesetzte „zu mir“ besagen? Ich verstehe es so: es ist ja üblich, dass die suchenden seelen zu mir, ihrem geistführer, kommen. Und so wollte auch dieser ungehobelte wanderdichter sich mir an die brust werfen oder zumindest von meiner autorität und mneinem ruhm profitieren. Durch die anführungszeichen unterstellt er gräser eine art heuchelei oder ein berechnendes interesse.
Und so geht es weiter. Als gusto sich bereit erklärt, trotz seiner vegetarischen überzeugungen an einem fleischessen teilzunehmen, sieht er darin ein moralisches versagen und feiges ausweichen. Es kommt ihm nicht in den sinn, den „bruder in diefenbach“ als einen zu sehen, der eben kein prinzipienreiter ist, der seine regel über alles stellt. Wie gusto selbst immer wieder betont hat:
Willst leben, du, mein freund, so gib
nicht allzuviel auf den „Prinz Ipp“,
der wird kein rechter könig.
Das leben steht ihm über jeder regel. Die situation des augenblicks fordert und erlaubt auch den bruch mit der regel. Und gusto ging es in diesem augenblick offenkundig darum, dem prophetischen prediger josua klein auf den zahn zu fühlen. Was ist von ihm zu halten? Ist er echt, kann er mir was geben?
Es scheint, dass gusto erst nach amden kam, als fidus schon seine erfahrungen mit klein gemacht hatte, gründlich enttäuscht war und nur noch einen anlass suchte, um sich einen grund zur abreise zu geben. Gusto dagegen war noch neugierig. Und er folgte in der tat immer zuerst seiner inneren stimme.
Also: sie befinden sich in entgegengesetzter lage mit entgegengesetzten interessen. Fidus aber nutzt diese konstellation zu seinen gunsten: er ist der prinzipientreue, der moralisch reine, der sich nicht bestechen lässt. In wirklichkeit stand, wie er selbst sagt, sein entschluss zum abgang schon fest – aus anderen gründen.
Dass er sich „selbst (von) Gusto“ trennt, besagt doch wohl, dass dieser ihm näher stand als alle andern, von der gemeinsamen schülerschaft bei diefenbach her aber auch als künstler und eigenwilliger denker.
Dann aber kommt es knüppeldick: er stellt gusto schlichtweg als schmarotzer dar, ganz so, wie der durchschnittliche besitzbürger ihn sah und sehen wollte. Keinerlei sinn für die selbstlose hingabe des siebenbürgers an seine berufung, seine mission. Die ja darin bestand, seine mitmenschen herauszureissen aus der gefangenschaft in besitz, macht, ruhm, gesellschaftlicher geltung. Auch aus veralteten traditionen und eingefahrenen denkgewohnheiten. Eben in dem, was den echten propheten ausmacht, der leiden und schmähung auf sich nimmt, um seiner einsicht, seiner überzeugung zu folgen und seine freiheit zu leben.
Fidus war ein solcher gefangener geworden, der seine künstlerische und geistige freiheit geopfert hatte, um finanziell als anständiger bürger zu überleben, mal für sozialdemokraten, mal für theosophen, mal für nationalisten, mal für pazifisten schreibend und zeichnend und malend, warum nicht auch für hitler und stalin? Die prinzipenreinheit von fidus, wenn man auf die summe seines lebens blickt, erweist sich als groteske. Dass er das nicht wahrhaben will und lieber seinen bruder gusto in die wüste schickt, ist verständlich.
Es sind wirklich „kleine“ lebenserinnerungen, die er bietet. Die grösse, die er sich gern zugeschrieben hätte, gewinnt er erst durch herabsetzung anderer.
(E-Mail vom 2. Januar 2021.)
Hermann Müller ist der Nachlassverwalter von Gusto Gräser.