Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03309.jsonl.gz/143

Charles Lewinsky, Johannistag
Ein deutscher Lehrer, der seinen Beruf aufgegeben hat, kommt in ein kleines, ruhiges Dorf in der französischen Provinz, wo er ein eigenes kleines Haus bewohnt. Nach und nach lernt er die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner kennen, ihre Eigenschaften und Marotten. Das Leben scheint ihm sehr friedlich und gesittet zu sein, doch nach und nach merkt er, dass der Schein trügt, dass es auch hier „menschelt“. Er selbst leidet an der Trennung von seiner Geliebten. Alles, was er in Frankreich erlebt, schreibt er in Briefform dieser Frau, die jedoch keinen seiner Briefe öffnet und beantwortet.
Subtil lässt Charles Lewinsky in „Johannistag” durch den erzählenden Lehrer seine Leser die einzelnen Dorfbewohner kennen, ihre Charaktere, ihre Liebenswürdigkeiten, ihre Boshaftigkeiten. Da wäre beispielsweise Jean, der Handwerker, der alles reparieren kann, sich aber nur unter der Hand zahlen lässt, um seine Einkünfte nicht dem Fiskus bekannt geben zu müssen. Oder Monsieur Ravallet, der während zweier Stunden pro Woche als Bürgermeister amtet und zum Ziele hat, als Abgeordneter Karriere zu machen. Eine wichtige Rolle spielt auch dir uralte Mademoiselle Millotte, die auf ihrem Rollstuhl auf der Terrasse sitzend die Strasse überblickt und rasend schnell das Gesehene unter die Leute bringt.
Dem Lehrer seinerseits scheinen immer wieder junge Mädchen zum Verhängnis zu werden. Die Geliebte war eine Schutzbefohlene, weshalb er seinen Dienst quittieren musste. Zwei weitere Mädchen aus dem Dorf zwingen ihm Aktivitäten ab, die er sich nicht gewünscht hat. So findet er sich, der Fremde, ungewollt in die Ränkespiele der Dorfbewohner eingespannt. Als gar sein Nachbarhaus einer Brandstiftung zum Opfer fällt und sein Nachbar dabei sein Leben verliert, ist das Chaos perfekt.
„Johannistag“ ist ein interessantes, gelungenes Buch, eine spannende Geschichte in einer nur scheinbar idyllischen Dorfgemeinschaft, psychologisch geschickt verwoben von einem starken Schriftsteller.
Teddy Buser (2011)
Buchinformationen:
Charles Lewinsky, Johannistag, Gebundene Ausgabe
IBSN 978-3-312-00388-4
316 Seiten
Jetta Carleton
Matthew und seine Frau Callie Soames führen ein einfaches, arbeitsreiches Leben als Schulleiter und Farmer. Langsam haben sie sich zu einem bescheidenen Wohlstand hochgearbeitet, welcher der Familie mit vier Töchtern die Lebensgrundlage liefert. Die Eltern sind streng, die Rollen vorgegeben, Luxus und Faulenzen sind verpönt, die Bibel und die Gesellschaft gibt den Rhythmus vor.
Wie jeden Sommer besuchen die inzwischen ausgeflogenen Töchter auch 1950 die Eltern in Missouri und erinnern sich an die Jugendzeit. Dabei nimmt die Erzählerin die Lebenswege von Matthew und seiner Frau und jeder Tochter einzeln auf und erzählt so die Familiengeschichte vielschichtig und geheimnisvoll aus unterschiedlichen Perspektiven. Die rebellische Mathy kommt ebenso zu Wort wie Jessica, die sich in eine Heirat aus der Enge der Familie zu retten versucht, die brave Leonie, aber auch Matthew und Callie haben ihre Geschichte, die wenig zum „offiziellen" Familienbild passen.
Ein schönes Buch voller Drama, Sehnsucht und Liebe, aber auch voller Humor und Leben, ein wiederentdeckter Klassiker, den zu lesen ich nur empfehlen kann.
Peter Maibach (2011)
Buchinformation
Jetta Carleton: Wenn die Mondblüten blühen
Taschenbuch mit Leineneinband, 511 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462040968
Fabio Volo
Giacomos Alltag ist recht eintönig geworden, Job, Freizeit, ein paar flüchtige Frauenbekanntschaften, gescheiterte Beziehungen, nichts festes. An einem weiteren grauen Morgen, als Giacomo zur Arbeit fährt, fällt ihm eine Frau in der Strassenbahn auf, die er von nun an beinahe jeden Tag um die selbe Zeit antrifft. Doch er getraut sich nicht, die Unbekannte anzusprechen und beobachtet sie monatelang. Eines Tages spricht ihn Michela an, aber bloss um ihm bei einem gemeinsamen Kaffee zu erklären, dass sie morgen für länger in die USA abreise.
Eine Weile zaudert Giacomo, doch er kann sich dem Bann der faszinierenden Frau nicht mehr entziehen und schliesslich reist er ihr nach New York nach. Was spielerisch als eine Verlobung für neun Tage beginnt, wächst in der kurzen Frist zu einer echten Liebesbeziehung heran, charmant erzählt. Doch als der alles entscheidende letzte Tag bevorsteht, wird Giacomo unversehens an das Sterbebett seiner Grossmutter gerufen, er reist schweren Herzens zurück nach Italien – Giacomo und Michela fehlen noch ein Tag und eine Nacht...
Peter Maibach (2011)
Buchinformation
Fabio Volo: Noch ein Tag und eine Nacht
Diogenes, 298 Seiten
ISBN 978-3-257-86211-9
Lily Brett
In 50 Minigeschichten erzählt Lily Brett über ihren New Yorker Alltag. Kurze, humorvolle Beobachtungen aus der Metropole aber auch ein Blick auf ihre persönliche Geschichte, auf das Leben ihrer Eltern, die den Holocaust überlebt haben. Mangel und Entbehrung in der einen Waagschale, Überfluss und Verrücktheiten der Grossstadt in der anderen.
„Zu den Dingen, die das Ende des Sommers und das Nahen des Winters erträglicher machen, gehört die Vorstellung, keine Amerikaner in Shorts mehr zu sehen." Beginnt zum Beispiel das Kapitel „Shorts".
Die witzigen und pointierten, aber klugen und versöhnlichen Beobachtungen des American Dreams ergeben einen feinsinnigen, ergänzenden Reiseführer zur Seele New Yorks.
Peter Maibach (2011)
Buchinformation
Lily Brett: New York
List Taschenbuch, 159 Seiten
ISBN 13-978-3-548-60230-1