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Zeichne einen Baum, und ich sage Dir, wer Du bist
20.4.2019 - 14:00, David Eugster
Nehmen Sie ein Blatt und zeichnen einen Baum. Fertig? Haben Sie den Baum in der Mitte gezeichnet? Und wo hängen die Äpfel? Sie haben sie vergessen? Das lässt tief blicken, behauptet der Schweizer Psychologe Charles Koch.
Der Baumtest ist recht einfach: Man gibt einem Probanden ein A4-Blatt und lässt ihn einen Obstbaum zeichnen. Danach analysiert man die Zeichnung. Während zum Beispiel beim Rorschachtest, der durch einige Serienkillerfilme zu Prominenz gekommen ist, die Bemerkungen der Untersuchten zu den Formen der Kleckse analysiert werden, ist es beim Baumtest umgekehrt: Hier deutet der Psychologe oder die Psychologin die Zeichnung der Untersuchten selbst.
Klare Vorgaben zur Deutung
Vor 70 Jahren, 1949, hat der Psychologe Charles Koch sein Buch über den Baumtest publiziert. In den 1950er-Jahren etablierte sich dieser als Hilfsmittel auch jenseits der Psychiatrie: Berufsberater liessen Jugendliche Bäume zeichnen, die Reife von Schulkindern wurde danach beurteilt, wie sie die Äste ihre Bäume zeichneten, sogar bei der Selektion von Piloten kam der Baumtest zum Einsatz.
Koch gab relativ klare Vorgaben, wie man die Bäume zu deuten hat – in der Bildstrecke sind einige Beispiele zu sehen. Beim Stamm konnte man ohnehin nur alles falsch machen: War er gegen links unten etwas dicker, so zeigte sich darin eine zu starke Mutterbindung, war er gegen rechts ausgebeult, so war das ein weiteres Anzeichen für «Bockigkeit» und «Autoritätsscheu».
Doch auch ein telefonstangenartiger, geradliniger Stamm war verdächtig: So sah Koch darin zwar Sachlichkeit und Abstraktionsvermögen, es konnte aber ebenso ein Anzeichen für Starrköpfigkeit und einen «Mangel an Anpassung» sein. Am liebsten mochte Koch wolkig gezeichnete Bäume, mit einem soliden, aber nicht allzu geraden Stamm: In solchen Zeichnern sah er anständige und gesellige Menschen.
Die Analysen, die auf Koch basierten, fielen dann doch oft sehr deutlich aus. So erdreistete sich ein getesteter Pilotenanwärter in den 1950er-Jahren, statt einer Linde oder einer Eiche eine Palme zu zeichnen. Darin sah man das wilde unüberlegte Draufgängertum eines arroganten Egozentrikers.
Pappeln hingegen verraten den erotischen Träumer, Kinder, die zu wenig wolkige Bäume zeichneten, sondern nur vom Stamm abstehende Striche, sie konnte man mit dem Baumtest auf wissenschaftlicher Basis als «frech» klassifizieren.
«Karikatur seriöser Diagnostik»
Woher nahm Koch die Gewissheit über die Bedeutung dieser Formen? Der Psychologe Koch hat sich für die psychologische Forschung zu Zeichnungen wenig interessiert, das gibt er in seinem Vorwort offen zu. Eine wichtigere Grundlage für seinen Baumtest ist die Graphologie, die versucht, in der Handschrift das Wesen eines Menschen zu erkennen.
Es kann heute noch vorkommen, dass bei Bewerbungen ein handgeschriebenes Motivationsschreiben gefordert wird – zur graphologischen Analyse. Dann werden die G-Bögen und T-Dächlein daraufhin untersucht, ob die Bewerberin oder der Bewerber einen Charakter zeigt, der zur Firma passt. Obschon ab und zu noch verwendet: Aus wissenschaftlicher Sicht ist das längst überholt.
Deswegen wird auch der Baumtest heute nur noch selten verwendet, er gilt nicht mehr als wissenschaftlich. So meint der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning , der sich an der Universität Osnabrück mit kruden Formen in der Personalauswahl beschäftigt, der Baumtest sei «eine Karikatur all dessen, wofür seriöse Diagnostik steht» – die Ergebnisse seien hochgradig abhängig davon, wer den Test durchführt, und nicht wirklich überprüfbar.
Er spitzt zu: «Wer den Baumtest einsetzt, könnte ebenso gut die Lieblingsfarbe deuten, den Händedruck interpretieren oder gleich den Kaffeesatz lesen.» Das Versprechen Kochs, dass der Mensch im Baum erkannt werden kann, lässt sich kaum einlösen.