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In meiner Heimat Oberbayern machte Anfang der 50er Jahre ein Mann von sich reden: Bruno Gröning. Ich lernte ihn deshalb kennen, weil er behauptete, Ferndiagnosen stellen und Fernheilungen bewirken zu können. Eine grosse Illustrierte - ich vermute heute, dass es der Stern war - wollte damit eine Sensation herausbringen. Damit alles mit rechten Dingen zugehe, sollte die Ueberprüfung der Diagnosen unter notarieller Aufsicht geschehen. Mein Vater war damals der zuständige Notar, da Bruno Gröning in Uffing, einem benachbarten Dorf, wohnte. In unserem Wohnhaus befand sich eine kleine Aussenstelle des Notariats, das in der nahegelegenen Kreisstadt (Weilheim) war. Die Amtshandlung fand in unserem Wohnzimmer statt, da die kleinen Amtsräume für diesen Anlass - es waren zusätzlich Journalisten und Photographen anwesend - nicht ausreichten.
Der Wunderheiler erschien also in unserem damaligen Wohnzimmer. Meine Neugierde war riesengross, waren doch alle Zeitungen voll von Berichten über den Wundertätigen. Als Schülerin des Gymnasiums - ich war wohl in der 5. oder 6. Klasse - war ich allen Fragen gegenüber auch kritisch eingestellt.
In meiner Erinnerung habe ich von Bruno Gröning folgendes Bild. Er war ein schlanker Mann mit auffallend dickem Hals. Er wirkte zunächst sehr einfach und etwas ungebildet. Er hatte einen durchdringenden, stechenden Blick, der sich auf einen fernen Punkt zu konzentrieren schien. Ich gebe zu, dieser Mann hatte etwas Geheimnisvolles, Aussergewöhnliches an sich.
Bruno Gröning setzte sich in unseren alten Ohren-Fauteuil und behauptete, alle Menschen, die sich nachher in diesen Stuhl setzen würden, könnten ein Kribbeln und Wohlbefinden erleben. Wir hatten damals einen heissgeliebten Hund, der sehr unter einer Verletzung an der Pfote litt. Ein Professor der Veterinär-Hochschule in München hatte ihn ohne Erfolg operiert. Der Wunderheiler versprach, sich des Hundes anzunehmen. Wir erhielten die geheimnisvolle Stanniolkugel, die wir besonders im Fauteuil benützen sollten. Leider half beides weder für das Kopfweh meiner Mutter, noch für die Pfote unseres Lieblings. Nicht einmal das Kribbeln konnten wir spüren, so sehr wir es auch wünschten. Mein skeptischer Bruder erkannte relativ schnell, woran der Misserfolg lag: wir glaubten einfach zu wenig an die Wunderkraft.
Enttäuschenderweise könnte Bruno Gröning nicht einen einzigen Fall der hinterlegten Diagnosen bestätigen.
Heute vermute ich, dass Bruno Gröning wahnhaft von der Idee besessen war, heilen zu können. Derartige Fälle werden zur Genüge in der Psychopathologie beschrieben.
Ursula Jaquemar, 1998
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