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Pressestimmen zur HKKA
|Zeitungsartikel||Online|

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.6.2000

(Kurt Wölfel)

Die Zeit, 10.1.2002

Ludger Lütkehaus: Karrengetöffel, Todtenbeine
Gottfried Kellers Werk wird historisch-kritisch neu ediert

Neue Zürcher Zeitung, 15.12.2001

(Wolfram Groddeck)

Schnurrpfeifen der Liebe
Gottfried Keller erfindet schöne Frauen
Von Kurt Wölfel
Es ist zwar mit Büchern wie mit den "schönen jungen Mädchen", von denen das Lied sagt, sie wüchsen immer wieder auf. Hat man aber dergleichen Schönes, in diesem Fall ist von Büchern die Rede, vor Augen und in der Hand, dann ist dennoch Anlass gegeben, vom Schönen festzustellen, dass es schön sei: so von den beiden neuen Bänden der Historisch-kritischen
Gottfried-Keller-Ausgabe, Band 6 mit den "Züricher Novellen" und Band 22, der den zugehörigen philologischen "Apparat" enthält - der eine in blauem, der andere in rotem Leinen gebunden, jener großzügig gedruckt, dieser so sorgfältig wie übersichtlich ausgearbeitet: in einem Kommentar, der über Entstehung und Veröffentlichungen unterrichtet und Textzeugen vorstellt; in einer Auflistung der Textvarianten; einem asketisch eingeschränkten Stellenkommentar (nicht vergleichbar mit dem der Keller-Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags); schließlich einer erschöpfenden Dokumentensammlung zur Entstehung, Publikation und Rezeption des Werkes.
Setzt man sich einmal über die heikle Frage hinweg, was es heute noch auf sich habe mit "literarischer Tradition" und den damit verbundenen "klassischen Autoren", dann fällt es nicht schwer, von Gottfried Keller zu behaupten, er habe nicht nur stets als ein solcher Autor gegolten, sondern sei auch immer gelesen worden; ja, einige seiner Erzählwerke zeichneten sich sogar durch jene seltene Verbindung von Klassizität und Popularität aus, die in Mozarts "Zauberflöte" ihr berühmtestes Beispiel hat. Es bedurfte keines Jubiläums und keiner Aktualisierung seines Werkes für irgendeine Jetztzeit, um diesen Erzählungen ihre Leserschaft zu gewinnen. Sie hatten die wunderbare Eigenschaft, unmittelbar da zu sein, sobald man das Buch aufschlug und die ersten Zeilen las. Den "Züricher Novellen" ist diese Gunst in geringerem Maße zugefallen, jedenfalls jenseits der Grenzen der Schweiz. Was die fünf Novellen - vom Mittelalter ("Hadlaub" und "Der Narr auf Manegg") über die Reformationszeit ("Ursula") und das achtzehnte Jahrhundert ("Der Landvogt von Greifensee") bis in die Gegenwart führend, in der "Das Fähnlein der sieben Aufrechten" spielt - von den anderen novellistischen Werken Kellers unterscheidet, ist ihre Zugehörigkeit zu einem Genre, dem zwar das bildungsbürgerliche Interesse des späteren neunzehnten Jahrhunderts gehörte, über das sich aber heute Patina gelegt hat: Es sind - das "Fähnlein" ausgenommen, das als Lehrstück demokratischer Bürgerlichkeit eher politischen Charakter besitzt - historische Novellen, bei aller Eigenart doch dem verwandt, was in patriotisch-didaktischer Absicht zur gleichen Zeit von Autoren wie Gustav Freytag zur Beförderung des Nationalbewusstseins geschrieben wurde. Keller erzählt Gechichten aus der res publica Zürich, wie bestand, sich veränderte und fortbesteht, Geschichten, in denen das "Ehemals" vom "Jetzt noch" treu begleitet wird und alles Leben sich in seiner gegenwärtigen Lebendigkeit wohl fühlen darf, von keiner Spur Stormscher Vergänglichkeits-Wehmut eingetrübt.
Vom manchmal unrühmlichen, vor allem aber rühmenswerten Leben adeliger Herren und von Bürgersleuten ist die Rede - die Rahmenhandlung macht sie zu Exempeln, mit denen der junge und belehrungsbedürftige "Herr Jacques" unterwiesen
wird, der gerne etwas sein möchte, dem aber leider nur lauter Wursteleien einfallen. Was er lernen soll, ist, dass einer zu einem Besonderen im rechten Sinn erst dadurch wird, dass von seiner Besonderheit auch das Gemeinwesen etwas hat; durch bürgerliche Tüchtigkeit also, die bei Keller über die wirtschaftende hinaus auch die des Citoyens ist.
In manchen Zügen nehmen die Novellen sogar den Charakter von kulturhistorischen Erzählungen an, und der Erzähler, im "Hadlaub" von der Entstehung der Mannese-Handschrift handelnd, macht sich zum Kollegen mediävistischer Germanisten, der
mit philologischer Textvergleichung und Konjekturen zu tun hat. [...]
Kein Autor in unserer Sprache hat in seine Büchern eine größere Schar weiblicher Wesen von so bestrickend lebendiger Liebenswürdigkeit vorgestellt, wovon keine einzige eine bloße Kopie der anderen ist. Nur darin haben sie eine gewisse
Gemeinsamkeit, dass sie geneigt sind, vom Liebhaber auf immer neue Weise nicht gewonnen oder alsbald wieder verloren zu werden - ein Übriges, um den Leser zu entzünden, dem es geht, wie es offenbar dem Autor auch ergangen ist: Der kann - als treibe ihn der Ehrgeiz, mit der Nymphenburger Schönheitsgalerie des bayerischen Königs Ludwig zu konkurrieren - nicht genug von ihnen bekommen. [...]
Das (bereits 1860 entstandene) "Fähnlein", heißt es in einem Brief an Julius Rodenberg, "würde leider dermalen zu schreiben nicht möglich sein, da es von glücklicheren tempi passati handelt und nun politisch und sozial bei uns ein großes Missbehagen herrscht". Und an Storm: Es sei "bereits ein antiquiertes Großvaterstück; die patriotisch-politische Zufriedenheit, der siegreiche altmodische Freisinn sind wie verschwunden, soziales Missbehagen, Eisenbahnmisere, eine endlose Hatz sind an die Stelle getreten".

Neue Zürcher Zeitung, 15./16. Dezember 2002

Skizzen und Notizen aus der Werkstatt eines Dichters
Von Wolfram Groddeck
(Auszug)
Zur Historisch-Kritischen Gottfried Keller-Ausgabe
Seit 1996 erscheint die Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Werke Gottfried Kellers. Die in Basel und Zürich von einem Forscherteam erarbeitete Edition geht neue Wege bei der philologischen Erschliessung von Überlieferung und Nachlass. Die beiden zuletzt erschienenen Bände ermöglichen verblüffende Einblicke in Kellers Arbeitsweise.
[...]
Als dann 1996 der erste Band der neuen, demonstrativ als "Historisch-Kritisch" bezeichneten Gottfried Keller-Ausgabe unter der herausgeberischen Leitung von Walter Morgenthaler erschien, bedeutete dies nicht nur den Beginn einer auf aktuellsten wissenschaftlichem Niveau konzipierten und mit den modernsten computeriellen Mitteln erstellten Neuedition von Kellers Hinterlassenschaft, sondern auch eine Rückkehr zu Text und Werk als historischen Dokumenten.
Als tragendes editorisches Gerüst liegt ihr die zehnbändige Werk-Ausgabe von 1889 zugrunde; somit ist als ein leitender Editionsgedanke der letzte Wille des Dichters und dessen Vorstellung von der Komposition seines dichterischen Werks, wie er es der Nachwelt überliefert wissen wollte, in der neuen Ausgabe erhalten bzw. gegenüber den früheren Editionen wieder hergestellt worden. Allerdings ist dies nicht der alleinverpflichtende Gedanke dieser historisch-kritischen Ausgabe, sondern es werden selbstverständlich auch alle früheren Versionen der gedruckten Texte erschlossen und editorisch dargestellt, die, wie z. B. "Romeo und Julia auf dem Dorfe", oft erhebliche Unterschiede der Textgestalt aufweisen. In der Buchedition findet man den Weg zu den frühen Fassungen über den Variantenapparat, in der beigegebenen CD kann man sich jedoch Version eines Textes als integralen Volltext anzeigen lassen. Das Problem, welcher Fassung oder welchem Druck nun editorisch der Vorzug zu geben sei, ist daher in dieser Edition im Grunde überholt. Die Frage nach dem verbindlichen Text, die unter Editoren seit über hundert Jahren zu heftigen Glaubenskämpfen geführt hatte - die einen suchten die ursprüngliche Version zu finden oder zu rekonstruieren, für die anderen blieb das Prinzip der "Ausgabe letzter Hand" verpflichtend - wird durch die neue Keller-Ausgabe dadurch gelöst, dass sie alles enthält. Sie enthält alles, d.h. sämtliche Abweichungen der oft sehr zahlreichen Drucke mitsamt den unendlichen orthographischen Varianten - alles, nur nicht mehr den einen idealen Text, nach dem sich manche Philologen immer noch zurücksehnen.
[...]
Studien- und Notizbücher
Von der Historisch-Kritischen Ausgabe sind inzwischen, erarbeitet von einem mehrköpfigen Editoren-Team, elf Bände erschienen. Das ist schon fast ein Drittel der ganzen Ausgabe. Die beiden jüngsten Bände zeigen nun gegenüber den bisher erschienenen Bänden, die sich auf die Ausgabe von 1889 beziehen, ein ganz neues Verfahren, das dem veränderten Inhalt der Bände angepasst ist. Sie enthalten die Notizbücher Kellers mit Aufzeichnungen, die man bisher teilweise noch gar nicht kannte und die man vor allem noch nicht in dieser Form kannte. Der erste Teilband enthält die "Studienbücher" Kellers, der zweite Teilband seine "Notizbücher". Das editorische Darstellungsverfahren verzichtet hier zurecht auf die Herstellung irgend eines "konstituierten Textes", denn die Aufzeichnungen in Notizheften haben einen anderen textuellen Status als eine Reinschrift oder gar der Druck eines ausgearbeiteten Textes. Es handelt sich um eine besondere Art der Verschriftlichung, die nicht ausformulierte Texte festhält, sondern eher Einfälle zu Texten. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat die Philologie ein besonders intensives Verhältnis zu solchen semantisch offenen Schriftstrukturen entwickelt, was sich auch auf die Editionspraxis ausgewirkt hat. Nicht nur der abgeschlossene Text ist Gegenstand philologischer Forschung, sondern auch die Textgenese, d. h. die Geschichte der Textentstehung, wie sie sich aus dem Studium der Handschriften ergibt. Das Interesse am Entwurf und am vielbeschworenen work in progressist sicher auch als Ausdruck einer Abwendung vom in sich abgeschlossenen, klassischen Werkbegriff zu begreifen. Allerdings sind dann in der editorischen Praxis oft sehr komplexe Modelle für die Wiedergabe von Entwurfshandschriften und Notaten entstanden, die gelegentlich an einer gewissen Unlesbarkeit kränkeln. Vor dem Hintergrund solcher editionstheoretischer Diskussionen ist für die beiden Bände mit Kellers Studien- und Notizbüchern eine bestechend einfache Lösung gefunden worden, die zugleich ein Ergebnis von beachtlichem ästhetischen Reiz darstellt: Sämtliche Handschriften bzw. die integralen Notizhefte werden als Faksimiles abgebildet und mit genauen Umschriften versehen. Was Keller gestrichen hat, wird mit durchgestrichener Type wiedergegeben, was in der Handschrift auf der Seite oder auf dem Kopf steht, bleibt in der Umschrift auf der Seite oder auf dem Kopf stehn. Damit ist nicht nur der Spontaneität des kreativen Prozesses Rechnung getragen, sondern auch dem Prinzip der ursprünglichen Kontextualität dieser Aufzeichnungen.
Der erste Teilband mit den beiden umfangreichen "Studienbüchern" (1836 bis 1841) dokumentiert jene Lebens- und Schaffensphase von Gottfried Keller, in der er noch zwischen den Berufungen Maler oder Schriftsteller schwankte. Das zeigt sich anschaulich in der Durchmischung von Textentwürfen und Zeichnungen im selben Buch, aber auch in den Motivsammlungen, wo Keller schriftlich festhält, was er zeichnen oder malen will. So notiert er im Mai 1838 auf Blatt 27v des zweiten Studienbuches unter der Überschrift: "Zu mahlende Gegenstände auf Spatziergängen gefunden" unter anderen Sujets auch eine "Seestudie von Tiefenbrunnen her gegen Zürich mit Weidenbüschen. Abendluft". Eine Seite später - unter dem Titel "Ideen" - wachsen sich die Beschreibungen der "zu mahlenden Gegenstände" zu kleinen Prosastücken aus, deren sprachliche Imaginationskraft nuancenreich ausdifferenziert, was erst noch zu malen wäre: "Die violette Dämmerung ruht schon auf dieser Seite und wirkt wohlthuend auf die Helle, die noch jenseits über dem See leuchtet". Es finden sich hier des weiteren auch Exzerpte und Lesefrüchte oder Spielereien mit Schrift. So z. B. ein Satz in Spiegelschrift oder - merkwürdig faszinierend - eine ganze Seite mit den von Keller akribisch nachgemalten Unterschriften Napoleons. Daneben dann auch erste literarische Texte, Gedichte und Prosa. Aber nichts von diesen literarischen Versuchen hat Keller später weiter verwendet. Und so vermittelt dieser Band mit den Studienbüchern eine kleine in sich geschlossene Welt des jungen Gottfried Keller.
|Der zweite Teilband enthält die elf "Notizbücher" Kellers, welche Aufzeichnungen ganz verschiedener Art aus den Jahren 1845-1852 und aus den siebziger Jahren enthalten. Neben Gelegenheitsnotizen (Adressen, Kalkulationen und Ähnliches) finden sich auch vereinzelte Zeichnungen, so z. B. eine Bleistiftskizze aus der Heidelberger oder Berliner Zeit: Man sieht eine elegante Dame mit Schirm, rechts einen abgemagerten Hund und am linken Rand unter dem Davidsstern eine Figur mit Hexenprofil, die aus dem Bild hinauszeigt. Darunter eine zweite Zeichnunt mit derselben Dame, dazwischen aber, kräftig durchgestrichen, steht der Satz: "Hony soit qui mal n'y pense pas." Offenslichtlich eine "literarische" Anordnung von Bildelementen, die aber bisher noch ungedeutet ist.|
Es begegnet einem in den "Notizbüchern" aber vor allem der Schriftsteller Keller bei der Arbeit. Erste Werknotizen entdeckt man und Konzepte zu später berühmten Texten. Was bisher, falls es überhaupt mitgeteilt wurde, in den Lesartenverzeichnissen verschwand, findet sich jetzt in der Unmittelbarkeit der ersten Aufzeichnung wiedergegeben. [...]
Die Edition der Studien- und Notizbücher enthält Neues von Keller, sie ermöglicht aber auch erstmals einen unverstellten Blick in die intime Werkstatt des Dichters. Nächstes Jahr wird der Band 29 erscheinen, der nicht nur die Kommentare und Querverweise zu den Studien- und Notizbüchern enthalten wird, sondern auch das neueste Update der Editions-CD mit allen bisherigen Texten und mit sämtlichen Handschriften aus Band 16. Da wird man sich dann per Mausklick an jeder beliebigen Stelle die Transkription in den Bildschirm einblenden können. Die Verfügbarkeit der Handschrift im elektronischen Medium will und wird aber nicht jene intime Schlichtheit der Darstellung ersetzen, welche durch die beiden schönen Faksimile-Bände erreicht worden ist.