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Lieblings «Zürcher Schule»: Psychologie und Menschlichkeit
Peter Boller
Vor rund sechzig Jahren begründete Friedrich Liebling in der Schweiz eine grössere psychologische Bewegung. Welche Lebenserfahrungen verbinden sich mit seiner «Zürcher Schule», aus der sich später eine rechtskonservative Gruppe abspaltete? Eine neuere historische Untersuchung liefert unerwartete Einblicke.
Ab den 1950er-Jahren baute der österreichische Psychologe Friedrich Liebling mit seinem Schüler Josef Rattner in Zürich eine psychologische Beratungsstelle auf. Nebst der unmittelbaren Hilfe bei Erziehungs- und Alltagsproblemen war es schon früh seine Absicht, mit psychologischen Informationen eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Dass eine gewaltfreie Erziehung möglich sei, dass in einer Beziehung Gleichberechtigung herrschen sollte, aber auch seine dezidierte Kritik an Militarismus, Staat und Religion waren Standpunkte, die vor 1968 durchaus avantgardistisch anmuteten. Ein anderes Kapitel ist, dass die Bewegung nach Lieblings Tod 1982 zerschlagen wurde und später oft fälschlicherweise mit dem «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis» (VPM) in denselben Topf geworfen wurde (siehe Kasten). Von den späten 1960er- bis in die 1980er-Jahre war die «Zürcher Schule» mit zuletzt gut 3000 Teilnehmern die grösste psychologische Bewegung der Schweiz. Zunächst war sie mit ihren unkonventionellen Ansichten ihrer Zeit voraus. Was zahlreiche Menschen unterschiedlichster Herkunft so faszinierte, dass sie in dieser Gruppe mitwirkten, lässt sich wohl am Besten mit einer gewissen Distanz zu den Behörden und Standesorganisationen sowie zum damals vorherrschenden Zeitgeist erfassen.
Autonome Individuen
So erfährt man aus mündlichen Quellen, dass Liebling viele Männer mittels psychologischer Gutachten vom Militärdienst befreite. Freimütig schildert eine Zeitzeugin, dass auch sie als Psychologin solche Zeugnisse angefertigt habe. Oder die Mutter eines verhaltensauffälligen Sohns erzählt, wie sie zuerst ziemlich holzschnittartige Vorstellungen von Psychologie hatte und vieles erst allmählich begriff, auch im Kontakt mit anderen hilfesuchenden Eltern: Während die herkömmlichen Institutionen ihren Sohn pathologisierten und eine Sonderbehandlung anordneten, habe Liebling gezeigt, wie für ihn ein Weg in den normalen Schulen möglich war. Der junge Mann entwickelte sich sehr gut und wurde später Psychiater. Urs Tobler (Name geändert), heute ein namhafter Unternehmer, schildert, dass es Liebling darum gegangen sei, autonome Individuen zu kultivieren. Viele seien aber durch die freie Atmosphäre etwas «berauscht» worden und hätten sich zu bestimmten Aktionen hinreissen lassen, als ob jemand danach verlangt hätte. So habe er im Umfeld der Gruppe eine Zeitlang mit Formularen für Kirchenaustritte geworben, wovon Liebling gar nichts gewusst habe. Wie Tobler schmunzelnd erklärt, hätte dieser ihn damals wahrscheinlich gefragt: «Was machen Sie auch für Sachen?» In den frühen 1970er-Jahren hielt Liebling vor einem Gericht ein Plädoyer, dass man einen wegen Homosexualität und Exhibitionismus Angeklagten nicht bestrafen, sondern ihm eine Therapie ermöglichen solle; das Gericht folgte diesem Vorschlag. An der «Zürcher Schule» herrschte offenbar ein wohlwollendes menschliches Klima. Man studierte visionäre gesellschaftliche Modelle, befasste sich mit psychologischer Fachliteratur und las auch belletristische, philosophische, biologische, politische, pädagogische, historische und soziologische Werke. Nicht zuletzt lernte man voneinander im offenen Gespräch und am Beispiel der eigenen Biografie. Zuweilen entsteht der Eindruck, dass die Beteiligten die Bewegung als Modell für eine künftige Gesellschaft, als eine Art «utopische Keimzelle» betrachteten.
Optimismus und Ängste
Aber wohin führt es, wenn eine psychologische Schule die landläufigen Meinungen über Begabung und Intelligenz für falsch hält und findet, dass im Grunde jeder studieren kann? Ob dies nicht zu optimistische Ansichten seien, wurde Liebling einmal von einem Journalisten gefragt. Betrachtet man die Bewegung als wissenschaftlich- gesellschaftliches Experiment, so wurden die optimistischen Annahmen bestätigt. Doch ebenso ist auch klar, dass die damals ungewohnten Auffassungen Ängste auslösten: So hatte der Schweizer Staatsschutz schon früh Kenntnis von Liebling und Rattner und vermutete bei ihnen prokommunistische Einstellungen. Weitere Gründe für Observationen waren Rattners mögliche atheistische Position. Schliesslich trat dieser mehrmals in Diskussionsrunden am Schweizer Fernsehen auf, eingeladen vom Journalisten August E. Hohler, der einige Jahre in der «Zürcher Schule» verkehrte. Weitere bekannte Autoren wie Walter Matthias Diggelmann oder Hugo Leber nahmen an Gruppentreffen teil. Man verzichtete darauf, die Bewegung ins Rampenlicht zu rücken, wohl, weil man an seriöser Arbeit interessiert war und nicht an Schlagzeilen. Dennoch erschienen ab Ende der 1970er-Jahre zahlreiche negative Presseberichte, in denen meist ein grosses Misstrauen der «Zürcher Schule» gegenüber sichtbar wurde. Auffällig ist heute die Diskrepanz zwischen dieser Wahrnehmung von aussen und den Erzählungen der unmittelbar Beteiligten. Dass die verzerrte Berichterstattung System hatte und mit dem Staatsschutz zusammenhing, bleibt eine Vermutung. Doch räumt sogar der heutige Zürcher Kantonsarzt ein, dass die Verurteilung Lieblings 1980 wegen Übertretung des Gesundheitsgesetzes zumindest fragwürdig gewesen sei, weil die Psychotherapie gar nicht als ärztliche Handlung geregelt war. Alles in allem erweist sich die «Zürcher Schule» auch nach heutigen Massstäben als eine professionelle Einrichtung mit einer progressiven und humanistischen Haltung. Zwar gab es dabei auch Schattenseiten, aber diese sind nicht dort, wo sie bisher vermutet wurden. Problematisch wurde es etwa, als die Gruppe in den 1970er-Jahren rasant anwuchs und ein grösseres Vermögen zusammenkam. Liebling fürchtete um die egalitäre Ausrichtung der «Schule», weil einzelne Mitglieder Machtpositionen anzustreben schienen, was er unterband. Ob sein Verdacht richtig war, ist heute kaum mehr zu rekonstruieren; jedenfalls blieben solche Vorfälle bei verschiedenen beteiligten Zeitgenossen in unguter Erinnerung. Doch die negative Optik, in der die «Zürcher Schule» gesehen wurde, unterschlägt sowohl die deutlich positiven Erinnerungen der Beteiligten als auch die bemerkenswerten, vielleicht zukunftsweisenden Leistungen Lieblings in psychologischer und pädagogischer Hinsicht.
Nicht gleich VPM Der politische Flüchtling Friedrich Liebling (1893–1982) floh aus Österreich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach Schaffhausen in die Schweiz und kam 1950 nach Zürich. Die von ihm und Josef Rattner (*1928) gegründete «Zürcher Schule für Psychotherapie» gilt als progressiv und machtkritisch. Nach Lieblings Tod wurde der Wille des Stifters missachtet, worauf sich die Gruppe spaltete: Ein Teil entwickelte sich später zum rechtskonservativen «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis» (VPM), der von 1986 bis 2002 in Erscheinung trat und mit Lieblings Intentionen nicht mehr viel gemein hatte. Während es über diesen Verein viele Publikationen gibt, blieb die wesentlich grössere und bedeutendere «Zürcher Schule» bisher kaum erforscht. Für seine Dissertation hat der Historiker Peter Boller Interviews mit 25 Zeitzeugen zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit der «Zürcher Schule» zwischen 1952 und 1982 geführt; zudem zog er Staatsschutzund Prozessakten sowie weitere bisher unerschlossene Quellen bei. Dabei untersuchte er vor allem die Bedeutung der Gesellschaftskritik in ihrer psychologischen Arbeit der «Schule», aber auch die Motive von Zeitzeugen, weshalb sie sich der Gruppe anschlossen und diese wieder verliessen. Es zeigt sich, dass für sie die alltagspraktische Lebenshilfe, ein umfassender Bildungs- und Forschungsanspruch sowie, damit einhergehend, eine vielschichtige Kritik an konventionellen gesellschaftlichen Werten attraktiv waren. Wo der Eindruck entstand, dass das humanistische Ethos später wieder aufgegeben wurde, führte dies zu einer Entfremdung gegenüber dieser sozialen Bewegung.