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M.A. in Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaft der Universität Zürich. Ehemaliger Praktikant bei iconomix.
Themenbereich: Wirtschaftsgeschichte, Buch-Besprechungen
Wie definiert man «Kapitalismus»? Diese Frage führt immer wieder zu kontroversen Diskussionen – nicht nur unter Lernenden, sogar Ökonomen streiten gern darüber. Dabei wird’s schnell emotional, klare Fakten sind oft Mangelware.
Zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds, Sarwat Jahan und Ahmed Saber Mahmud, haben sich dem Problem angenommen und einen nüchternen Artikel geschrieben. Wir präsentieren Ihnen den Text auf Deutsch.
Kapitalismus stellen wir uns oft vor als ein Wirtschaftssystem, in dem private Akteure ihr Eigentum nach eigenen Interessen kontrollieren und in dem Nachfrage und Angebot die Marktpreise frei und im besten Interesse der Gesellschaft bestimmen.
Das zentrale Merkmal des Kapitalismus ist die Motivation, einen Profit zu erzielen. In den Worten von Adam Smith, Philosoph aus dem 18. Jahrhundert und Vater der modernen Wirtschaftswissenschaften: «Nicht von der Güte des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern davon, dass diese ihr eigenes Interesse verfolgen.» Beide an einem freiwilligen Handel beteiligten Parteien haben ein Interesse, ein Geschäft zu machen. Aber keine von beiden kann das bekommen, was er oder sie will, ohne zu berücksichtigen, was der oder die andere will. Es ist dieses vernunftgeleitete Selbstinteresse, das zu wirtschaftlichem Wohlstand führen kann.
In einer kapitalistischen Wirtschaft befindet sich das Kapitalvermögen – wie z.B. Fabriken, Minen und Eisenbahnen – im Besitz von Privatpersonen und wird von diesen kontrolliert. Arbeitskraft erkauft man sich gegen die Bezahlung von Geld in Form von Löhnen. Gewinne aus Kapital fallen den Privatbesitzern zu. Dabei verteilen die Preise das Kapital und die Arbeitskräfte auf konkurrierende Verwendungszwecke.
Heute haben fast alle Ökonomien eine bestimmte Form von Kapitalismus als Grundlage. Dennoch war Kapitalismus im vergangenen Jahrhundert für lange Zeit nur eine von zwei wirtschaftlichen Organisationsformen. In der anderen, im Sozialismus, besitzt der Staat die Produktionsmittel. Die Unternehmen sind in staatlichem Besitz und eine zentrale Planungsbehörde versucht, den gesellschaftlichen Nutzen anstatt die Profite zu maximieren.
Die Säulen des Kapitalismus
Kapitalismus beruht auf den folgenden Säulen:
- Privatbesitz, der es allen ermöglicht, materielle Werte (wie Land und Häuser) oder immaterielle Werte (wie Aktien und Obligationen) zu besitzen.
- Selbstinteresse, mit dem Menschen ihr eigenes Wohl anstreben, ohne Rücksicht auf soziopolitische Zwänge. Dennoch tragen diese unkoordinierten Individuen zum Wohl der Gesellschaft bei, als ob sie «durch eine unsichtbare Hand» geführt würden (in den Worten von Adam Smith, «Der Wohlstand der Nationen» von 1776).
- Wettbewerb, basiert auf der Freiheit der Firmen, an Märkten teilzunehmen oder aus ihnen auszutreten. Maximiert den gesellschaftlichen Wohlstand, das heisst den Wohlstand sowohl der Produzenten als auch der Konsumenten.
- Ein Marktmechanismus, der Preise dezentral durch Interaktion zwischen Käufern und Verkäufern bestimmt. Die Preise wiederum verteilen die verfügbaren Ressourcen so, dass diese die höchsten Erträge liefern. Das gilt nicht nur für Güter und Dienstleistungen, sondern auch für die Löhne.
- Wahlfreiheit, in Bezug auf Konsum, Produktion und Investitionen. Unzufriedene Kunden können ein anderes Produkt kaufen, Investoren können zu lukrativeren Anlagen wechseln und Angestellte können kündigen und eine bessere Bezahlung suchen.
- Die Rolle der Regierung beschränkt sich darauf, die Rechte der Bürger zu schützen und eine Ordnung zu sichern, in der Märkte funktionieren können.
Verschiedene Formen von Kapitalismus unterscheiden sich darin, wie stark ausgeprägt diese verschiedenen Säulen sind. In Laissez-faire-Ökonomien funktionieren die Märkte mit wenig oder gar keiner Regulierung. Auch in gelenkten Volkswirtschaften – aufgrund einer Mischung freier Märkte und staatlicher Intervention auch «mixed economies» genannt – spielen Märkte eine dominante Rolle. Sie sind aber stärker staatlich reguliert, um Marktversagen wie externe Effekte (z.B. Umweltverschmutzung) oder Monopolbildung zu korrigieren. Auch das Fördern von Sozialversicherungen und öffentliche Güter wie Verteidigung und Sicherheit sind Gründe für staatliche Intervention. Gelenkte kapitalistische Volkswirtschaften sind heute am häufigsten.
Die vielen Gestalten des Kapitalismus
Je nach Kriterium unterscheiden Ökonomen unterschiedliche Formen von Kapitalismus. Zum Beispiel kann Kapitalismus nach der Organisation der Produktion in zwei Typen unterteilt werden. In liberalen Marktwirtschaften dominiert der Wettbewerb und der Grossteil des Produktionsprozesses läuft dezentralisiert ab. Beispiele dafür sind die freien Märkte in den USA oder in Grossbritannien. In koordinierten Marktwirtschaften hingegen wird private Information auch zwischen Institutionen ausgetauscht, die nicht dem Markt unterworfen sind, wie Gewerkschaften oder Industrieverbände. Beispiele dafür sind Deutschland und Japan (Hall and Soskice, 2001).
Eine neuere Unterteilung untersucht, wie Unternehmertum (der Prozess, eine Firma zu gründen) Innovationen fördert und in welchen institutionellen Rahmenbedingungen neue Ideen umgesetzt werden, die das Wirtschaftswachstum antreiben (Baumol, Litan und Schramm, 2007). Sie unterscheidet vier Formen von Kapitalismus:
Im staatlich gelenkten Kapitalismus entscheidet die Regierung, welche Wirtschaftssektoren wachsen sollen. Ausgehend vom Wunsch, das Wirtschaftswachstum zu fördern, führt diese Art von Kapitalismus zu verschiedenen Problemen: übermässiges Investment, Auswahl der falschen Gewinner, Anfälligkeit für Korruption und Schwierigkeiten, staatliche Unterstützung abzubauen, wenn sie nicht mehr angebracht ist. Oligarchischer Kapitalismus versucht, einen kleinen Teil der Bevölkerung zu schützen und zu bereichern. Wirtschaftswachstum ist kein zentrales Ziel und Länder mit dieser Form weisen ein hohes Mass an Ungleichheit und Korruption auf.
Grossfirmen-Kapitalismus nutzt Skalenerträge. Diese Form ist wichtig für die Massenproduktion von Gütern. (Sie spielt aber aufgrund von Netzwerkeffekten auch bei modernen Internetdiensten eine Rolle, Anm. von iconomix.) Unternehmerischer Kapitalismus führt zu technologischen Durchbrüchen wie dem Automobil, dem Telefon und dem Computer. Diese Innovationen kommen normalerweise von Individuen und neuen Firmen. Es braucht jedoch grosse Firmen, um neue Produkte massenhaft zu produzieren und zu vermarkten. Aus diesem Grund erscheint eine Mischung aus Unternehmerischem und Grossfirmen-Kapitalismus als die beste Form. Diese Mischung findet sich am ehesten in den USA.
Die keynesianische Kritik
Während der Grossen Depression in den 1930er-Jahren litten die entwickelten kapitalistischen Ökonomien unter weitverbreiteter Arbeitslosigkeit. In seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 argumentiert der britische Ökonom John Maynard Keynes, dass sich die Wirtschaft nach einer Finanzkrise schlecht erholt, da kapitalistische Ökonomien endlos in einem Gleichgewicht mit hoher Arbeitslosigkeit und ohne Wachstum stecken bleiben können. Die keynesianische Lehre stellte infrage, dass kapitalistische Laissez-faire-Ökonomien von sich aus gut funktionieren, ohne dass der Staat interveniert, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu fördern und Arbeitslosigkeit und Deflation zu bekämpfen.
Keynes verlangte ein Eingreifen der Regierung (mit Steuererleichterungen und höheren Staatsausgaben), um die Wirtschaft in den 30er-Jahren aus der Rezession zu führen. Diese Massnahmen sollten den Auf- und Abschwung im Konjunkturzyklus etwas abschwächen und zur Erholung des kapitalistischen Systems nach der Grossen Depression beitragen. Keynes hatte nie die Absicht, die Marktwirtschaft durch ein anderes System zu ersetzen. Er argumentierte nur, dass die Intervention der Regierung von Zeit zu Zeit nötig sei.
Die Kräfte, die im Allgemeinen zum Erfolg des Kapitalismus führen, können auch dessen Scheitern verursachen. Freie Märkte funktionieren nur, wenn Regierungen die dafür nötigen Regeln (wie etwa Eigentumsrechte) und die nötige Infrastruktur (wie Strassen und Autobahnen für den Transport von Gütern und Menschen) garantieren. Jede Regierung steht aber auch unter dem Einfluss von privaten Interessengruppen. Diese versuchen, staatliche Regulierung zu beeinflussen, um ihre eigene wirtschaftliche Position zu schützen – oft auf Kosten des öffentlichen Interesses. Zum Beispiel kann ein Unternehmen versuchen, genau den freien Markt einzuschränken, dem es seinen Erfolg verdankt.
Gemäss den beiden Ökonomen Raghuram Rajan und Luigi Zingales aus Chicago muss die Gesellschaft darum «den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten». Dazu braucht es angemessene Massnahmen, die freie Märkte schützen und verhindern, dass mächtige Privatinteressen die Märkte in ihrer Funktion behindern. Um den Wettbewerb zu sichern, muss zum Beispiel die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen weniger Besitzender eingeschränkt werden. Und es müssen, da der Wettbewerb Gewinner als auch Verlierer hervorbringt, die Verlierer kompensiert werden. Freier Handel und starker Wettbewerbsdruck für etablierte Firmen sind nötig, um mächtige Privatinteressen unter Kontrolle zu halten. Zudem müssen die Vorteile des freien Marktes im Bewusstsein der Zivilgesellschaft verankert sein. Nur so kann sich die Öffentlichkeit gegen staatliche Eingriffe in den Markt wehren, wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit nur die Interessen der Mächtigen schützen.
Das im Kapitalismus erreichte Wirtschaftswachstum ist höher als dasjenige aller anderen Wirtschaftssysteme. Jedoch bleibt individuelle Ungleichheit eine umstrittene Eigenschaft kapitalistischer Gesellschaften. Führt die Dynamik der privaten Kapitalakkumulation unweigerlich zur Konzentration des Reichtums in den Händen weniger? Oder reduzieren die ausgleichenden Kräfte von Wachstum, Wettbewerb und technologischem Fortschritt die Unterschiede? Ökonomen kennen sehr verschiedene Ansätze, um die Ungleichheit und deren Ursprung zu erforschen. Die neuste Studie zum Thema untersucht eine einzigartige Sammlung von Daten zurück bis ins 18. Jahrhundert (Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert»). Gemäss dieser Analyse ist in modernen Marktwirtschaften die Kapitalrendite oft höher als das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Dauert dieser Widerspruch an, so werde der Reichtum der Kapitalbesitzer schneller ansteigen als andere Einkommen (zum Beispiel Löhne) und diese irgendwann um ein Vielfaches übersteigen. Zwar hat diese Studie genauso viele Kritiker wie Bewunderer. Sie hat aber zu einer Debatte über die Verteilung von Reichtum im Kapitalismus beigetragen. Bei vielen hat sie die Überzeugung gestärkt, dass kapitalistische Ökonomien durch eine Wirtschaftspolitik der Allgemeinheit gesteuert werden müssen, damit Adam Smiths unsichtbare Hand auch in Zukunft dem gesellschaftlichen Wohl dienen kann.
Dieser Text ist eine Übersetzung eines Artikels von Sarwat Jahan und Ahmed Saber Mahmud. Das Original erschien als Teil der Serie «Back to Basics» im Magazin «Finance & Development» des Internationalen Währungsfonds (IWF). Jahan ist Ökonom beim IWF. Saber Mahmud ist Professor für Angewandte Ökonomie, Johns Hopkins University, Baltimore, USA.
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