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Was ist das Ding auf dem Plakat der Ausstellung? Auch wenn man nahe herangeht, bleibt es ein Rätsel. Erst in der Ausstellung erkennt man «My Mu» wieder: Eine Kleinplastik aus Keramik, bräunlich, 34x24x16 Zentimeter, ein Oval, drei Beine, zwei Löcher. Oder der Kopf eines Elefäntchens mit gebogenem Rüssel und den staksigen Vorderbeinen? 1950 stand es in der Ausstellung des Künstlers in einem Kaufhaus in Tokio.
Isamu Noguchi (1904-1988). Der Name sagte mir nichts. Aus Pflichtgefühl folgte ich der Einladung in das Zentrum Paul Klee (ZPK) und das Kindermuseum Creaviva. Als ich hinausging, war ich reicher.
In Japan geboren, in den USA aufgewachsen und ein Leben lang wohnhaft, erlebte Noguchi beinahe das ganze 20. Jahrhundert vom russisch-japanischen Seekrieg bis nahezu ans Ende des Kalten Krieges. Er arbeitete in New York, in Paris, in den Marmorbrüchen von Pietrasanta, in Spoleto, in Indien, an vielen weiteren Orten.
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Überall hatte er das Glück, mit Meisterinnen und Meistern der Kunst, der Materialbearbeitung, der Form und der Technik zusammenarbeiten und von ihnen lernen zu können. Isamu Noguchi lernte zeitlebens, entwickelte sich fortwährend, nahm Ideen auf und verwandelte sie in Werke der Kunst, der (Selbst-)reflexion, in politische Kommentare – und in Gärten sowie Spielplätze.
Kodomo no kuni
Ein Leben als Künstler mit Interesse an den Menschen öffnet den Blick auf die Kinder, die in die Gesellschaft hineinwachsen und diese verändern. Jedes Kind, das auf die Welt kommt, bringt Hoffnung. So ungefähr empfand es Hannah Arendt. Noguchi wollte den Kindern ihr Land geben mit Erde, Steinen und Wasser. Kodomo no kuni heisst auf Japanisch «Land der Kinder». Den ersten von Noguchi geplanten Spielplatz eröffnete 1951 in Yokohama der japanische Kaiser persönlich. Auch einen Garten im UNESCO-Hauptquartier in Paris konnte Noguchi in den 1950er Jahren planen und mit Steinen aus Japan umsetzen.
Kodomo no kuni heisst auf Japanisch ‘Land der Kinder’.
Im Kindermuseum Creaviva liegen Teppiche in Noguchis Farben Grau, Braun und Grün, darauf Steine, Steintische, Tuschepinsel und Wasser. Die Kinder können daraus Gärten anlegen, Steinmannli bauen oder mit Wasser auf die Tische Formen malen, die bald darauf wieder verdunsten. Ein karges Instrumentarium, um die Phantasie anzuregen, nicht zu lenken, nicht zu zähmen.
1978 hat der Berner Pfarrer Klaus Bäumlin nach einem Herbstspaziergang über den Friedhof geschrieben: «Grünflächen, Parks, Spielplätze gibt es zwar, wenn auch zu wenige. Ihre Vermehrung wird mancherorts geplant und realisiert. Realisiert von Erwachsenen. (…) Zweckbestimmt für einige stereotype Standardbetätigungen wie Sandeln, Schaukeln und dergleichen, die, jedenfalls für uns Erwachsene, Inbegriff kindlichen Spiels sind, doch kaum Unerforschtes und also Entdeckbares bieten, kaum Möglichkeiten enthalten, dass Kinder spielend definieren lernen, was Spielen alles heissen könnte; ohne lockende Ferne, ohne Geheimnisse, ohne Anreiz und Herausforderung für Kinder, ihre eigene Kultur zu schaffen, Reiche zu bauen für einen langen Kindertag, Häuser, Burgen, Städte, Länder, Urwälder, Prärien, Meere, Schiffe, Inseln, Pferde, Autos, Maschinen zu erfinden.»
Für mich verbindet sich diese Vision eng mit dem, was Isamu Nogochi beseelte. In seinem Sinne entsteht im Creaviva während der Dauer der Ausstellung eine Gemeinschaftsskulptur aller, die sich beteiligen.
Von allen Seiten beargwöhnt
Der Eintritt in die grosse Ausstellungshalle des ZPK überwältigt. Der Blick erfasst eine riesige Fülle unterschiedlicher Objekte: Grosse und kleine Werke, hängend, stehend, am Boden, auf nierenförmigen Tischen, in knapp abgegrenzten Kompartimenten thematisch oder zeitlich gegliedert. Der flexibel einteilbare Riesenraum erweist seine Eignung, die Kuratorinnen beweisen ihre Fähigkeit, ihn zu nutzen.
Noguchis künstlerischer Werdegang in Stichworten: 1927 gewinnt der 23-Jährige ein Guggenheim-Stipendium. Damit reist er nach Paris, um Constantin Brancusi zu assistieren und dessen Handwerk zu erlernen. Zurück in New York reagiert Noguchi mit seiner Kunst auf die Grosse Depression und nimmt auch das Thema der Sklaverei auf.
Nach dem Überfall Japans auf die amerikanische Flotte in Pearl Harbour 1941 werden die in den USA lebenden Japaner*innen interniert; Noguchi begibt sich freiwillig in ein Lager in Arizonas Wüste, will mit anderen Internierten dort einen Park anlegen, strandet aber an deren Desinteresse. Ein Memorial für die 1945 mit US-Atombomben zerstörten japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki kommt nicht zustande, da der Künstler in Amerika als Japaner und in Japan als Amerikaner beargwöhnt wird.
In den 1950er Jahren kehrt Noguchi in die neue Familie seines Vaters, eines japanischen Poeten zurück, wird aber nicht freundlich aufgenommen. Er lernt in Japan die Keramik-Technik und die Faltung von Metall in der Art der Origami. So entstehen Keramiken in archaischen Formen und feine, helle Metall-Objekte wie etwa «Orpheus» 1958. In der Lebensmitte nutzt Isamu Noguchi ein zweites Stipendium, um an vielen Orten der Welt das Funktionieren öffentlicher Plätze zu studieren.
It is clear that I often crave to bring sculpture into a more direct contact with the common experience of living.
Es gibt noch viel mehr
Da ist der Künstler etwa 50 Jahre alt. Noch ist nichts erzählt von seinen Lichtgestaltungen, von seiner Formung der weltbekannten Akari-Lampen 1951, die in vielen Wohnungen ein sanftes Licht verströmen. Nichts von den «Lunars» genannten beleuchteten Skulpturen. Nichts von seiner Kooperation mit dem wissenschaftlichen Utopisten und visionären Architekten R. Buckminster Fuller in den USA.
Nichts von der Beziehung zum Galeristen Israel Ben-Neumann in New York, der auch Paul Klee ausstellte; Klees Haltung zur Natur und zur unsicheren Balance von Natur und Kultur regten Noguchi an. Kein Wort noch zu Noguchis filigran-gerüstartigen Bühnenbildern etwa für die Tänzerin Martha Graham. Und nichts zur Bespielung des US-Pavillons an der Biennale von Venedig 1986 mit Akari-Leuchten und einer Marmor-Rutsche für Kinder.
Auf dem Weg
Isamu Noguchi entzieht sich jeder Schubladisierung. Sein Interesse war auf die Prozesse gerichtet, auf den Weg mehr als auf das Ziel, das Produkt, das Werk. An jedem Ort fragte er: Wo bin ich? Was ist da? Was war hier zuvor? Er blieb künstlerisch nie stehen, entwickelte sich stetig fort. Ein ernster Mann, der fortwährend neue Techniken und damit Möglichkeiten künstlerischen Arbeitens erlernte. Seine Werke umfassen ohne Unterschied Kunsthandwerk, Design wie auch zweckfreie Kunst. Sie sind politische Statements, Kommentare und kunstvolle Objekte in einem. Sie stehen auf Stadtplätzen (im italienischen Spoleto), vor «heiligen» Museumsorten (in den Giardini von Venedig) – und locken spielende Kinder an.
Ihn verband das Interesse an einer Gestaltung, die die Menschen durch Einfachheit, Funktionalität und Ehrlichkeit berühren sollte.
Die Ausstellung ist vom Barbican Centre London, vom Museum Ludwig Köln und vom ZPK gemeinsam gestaltet worden. Ihre Präsentation im ZPK wirkt wie für diesen Ort gemacht. Das KMB und das ZPK setzen damit die Kooperationen fort, die uns Ausstellungen bescheren, die im Alleingang nie möglich wären.
Im gemeinsamen, reichhaltigen Katalog schreibt Fabienne Eggelhöfer, Chefkuratorin des Zentrums Paul Klee und mitverantwortlich für die Ausstellung quasi als Essenz: «Noguchi war ein universeller Künstler, der international vernetzt war. Mit allen Personen und Bewegungen, mit denen er in seinem Leben in Kontakt kam, verband ihn das Interesse an einer Gestaltung, die die Menschen durch Einfachheit, Funktionalität und Ehrlichkeit berühren sollte.»