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«Ich hoffe, meine Musik ist kein Monster, sondern eher ein Organismus», sagte Iannis Xenakis 1986 in einem Interview für das damalige Radio DRS 2. Und ergänzte verschmitzt: Es gäbe auch «schöne Monster».
Tatsächlich hat Xenakis ab den 1950er-Jahren eine Musik erfunden, so überraschend und faszinierend wie ein schönes Monster. Kompositionen voller variierender Tonhöhen (Glissando) und Schwarmklängen. Mal hört man Insekten summen und Grillen zirpen, dann wieder das Dröhnen von Maschinen oder das Zischen elektrischer Leitungen.
Musik, die sich niemand vorstellen konnte
Der griechisch-französische Komponist Iannis Xenakis wollte nie komponieren, was ihm gerade in den Sinn kam. Er suchte nach Klängen und Tönen, die so neu und unerwartet waren, dass er sie sich weder ausdenken noch vorstellen konnte.
In den 1970er-Jahren, als noch kaum jemand von Computermusik sprach, gelang es Xenakis, in Paris Zugang zum drei Millionen teuren IBM 7090 Prozessor zu bekommen, mit dem auch die NASA arbeitete. Auf diesem Mega-Computer entwickelte Xenakis das Kompositionsprogramm für sein erstes Streichquartett.
Er konnte Bilder in Musik verwandeln
In seinem eigenen elektronischen Studio forschte Xenakis an weiteren Musikmaschinen: zum Beispiel am Kompositionsautomaten UPIC. Das spezielle an diesem Computer ist: Man füttert ihn mit einer Zeichnung oder einem Bild – und die Maschine spuckt Musik aus. UPIC verwandelte grafische Vorlagen in Klang.
Wie ein Zauberlehrling träumte Xenakis davon, dass man eines Tages auch mit biologischem Material, quasi mit Zellkulturen, Musik programmieren und komponieren könne. Die heute vieldiskutierte künstliche Intelligenz hätte ihn fasziniert.
Xenakis: Visionär mit Blick zurück
Er war ein der grossen Visionäre des 20. Jahrhunderts und hat immer weit in die Zukunft gedacht. Sein eigentlicher Sehnsuchtsort aber lag in ferner Vergangenheit: in der griechischen Antike. Geboren wurde Iannis Xenakis am 29. Mai 1922 in Rumänien, wuchs dann in Griechenland auf und studierte Ingenieurswissenschaft in Athen. Gleichzeitig beschäftigte er sich intensiv mit Musik. Seine grosse Liebe aber galt der Antike mit ihrer Philosophie, ihren Tempeln und Mythen.
Dem Tod mehrfach entkommen
Doch die Wirklichkeit holte ihn ein: Im Zweiten Weltkrieg kämpfte der junge Xenakis zuerst gegen die deutschen und später gegen die englischen Besatzer. Ein Panzer schoss ihm ein Auge und den halben Kiefer weg. 1946 schloss er sich im griechischen Bürgerkrieg dem kommunistischen Widerstand an. Dafür wurde er 1947 zum Tode verurteilt, Xenakis floh daraufhin nach Paris.
Mit Le Corbusier kooperiert
In Paris fand er Anstellung in der Equipe des Star-Architekten Le Corbusier und war für zwölf Jahre dessen Assistent. Xenakis aber ging auch hier seinen eigenen Weg. Dabei hat er architektonische Konstruktionsprinzipien auf die Musik übertragen und umgekehrt. So wirken manche seiner Kompositionen wie erratische Betonbauten.
Manche seiner Betonbauten scheinen schwerelos wie Musik. Dieses Schweben sieht man im Philips-Pavillon, den Xenakis für die Weltausstellung 1958 in Brüssel entworfen hat. Mit seinen kühnen Kurven ist es eine in Beton gegossene Glissando-Komposition. Zeitlos bis ins Heute.
Auch die Musik von Iannis Xenakis altert nicht. Seine Werke sprechen uns in ihrer kraftvollen Emotionalität direkt an. Seine visionären Klänge halten uns fest – und doch kann man sich in ihnen verlieren wie in der Weite des Ozeans. Xenakis formulierte es einmal so: «Meine Musik ist ein strukturiertes Meer.»