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Dambar Bailkoti kniet vor seiner Lehmhütte in Sanitar, einer Ansammlung von einem knappen Dutzend Haushalten in einem schattigen Tal im Okhaldhunga Distrikt. In seinem Mund stecken zwei rostige Nägel, vor ihm ausgebreitet liegt ein altes Drahtgitter. Dambar nagelt das Gitter an zwei Bambusrohren fest. Im kleinen Gehege neben seiner Lehmhütte balgen sich zwei Ferkel um einen Maiskolben. Sie werden grösser, stärker, und Dambar fürchtet, dass sie den schwachen Gitterzaun bald umrennen und abhauen könnten. Die beiden Ferkel sind fast alles, was er hat. Deshalb muss ein neuer, stabiler Zaun her. Neben ihm hockt seine Frau Hem Kumari und wäscht ihrer Enkelin die Haare im hölzernen Familienzuber, wie jede Woche. An der Wand neben der niedrigen Eingangstür hängt noch das Plakat der Maoistischen Partei, die hier im Wahlkampf wohl vorbeikam und den Bailkotis kurz von ihrer politischen Agenda vorschwärmte. Darunter steht der Holzstrunk, auf dem Dambar alle paar Wochen mal ein Huhn schlachtet. Doch, das ist Luxus. An normalen Tagen, an Tagen wie diesem, kocht Hem Kumari Reis, ein wenig Kartoffeln und Linsenmus.
Die Bailkotis sind Dalits, Unberührbare, Angehörige der untersten Schicht im hinduistischen Klassensystem. Sie besitzen ausser den wenigen Quadratmetern rund um ihre Hütte kein Land. Sie betreten keine Tempel aus Angst, die Götter könnten sie, die Unwürdigen, dafür bestrafen. Und wenn Dambar als Tagelöhner für die Chetris oder Brahmins (Angehörige höherer Kasten) unten im Tal arbeitet und von ihnen ein Dal Baht aufgetischt bekommt, dann wird der Teller, aus dem er gegessen hat, danach mit Kuhurin und Wasser gewaschen und fünf Tage lang an der Sonne getrocknet, bis er wieder rein ist. Seit 1963 ist Diskriminierung aufgrund der Kastenangehörigkeit in Nepal gesetzlich verboten. Doch hier im Okhaldhunga Distrikt, weit weg von den Powerstätten Kathmandus, zählt das Gesetz der Hauptstadt wenig. Gut 32’000 Haushalte zählt der verarmte ländliche Distrikt im Osten Nepals. 153 davon haben einen Internetzugang, 52 einen Kühlschrank, 29 ein Auto. In Okhaldhunga zählt das Gesetz der alten Tage. Und das weist den Dalits einen klaren Platz im gesellschaftlichen Gefüge zu.
In der trockenen Erde rund um seine Hütte hat Dambar ein weniger Hirse, Kartoffeln und Bohnen angepflanzt. Das Klima in Okhaldhunga ist gut, doch zum Überleben reichen die paar wenigen Knollen und Ären nicht. Dambar und sein Frau haben es immer wieder als Tagelöhner versucht. Doch mehr als knapp 10’000 Rupien (rund 100 Franken) haben sie im vergangenen Jahr nicht verdient. Seine vier Söhne hat Dambar fortgeschickt. Einer arbeitet auf einem Reisfeld, einer als Mechaniker in der Hauptstadt, und zwei sind seit Anfang 2012 in Katar. Was sie da machen, weiss Dambar nicht genau. “Ich hoffe, sie verdienen das grosse Geld und kommen nächstes Jahr nicht allzu fett zurück”, sagt er und verzieht den zahnlosen Mund zu einem vorsichtigen Lächeln. Einmal die Woche rufen sie ihn an, erkundigen sich nach ihrem Vater, ihrer Mutter, ihren Frauen, ihren Kindern. Die 180’000 Rupien, mit denen sie bei den katarischen Arbeitsagenten für die Reise und die Jobvermittlung in der Kreide standen, sind zurückbezahlt. Mehr erzählen sie am Telefon nicht. Über die Gründe ihres Schweigens will Dambar nicht allzu lange nachdenken. Von den Zeitungsberichten über die katastrophalen Arbeitsbedingungen für Migranten am Golf hat er nichts gehört. Von den beinahe täglichen Todesfälle auf den Baustellen für die WM 2022 weiss er nicht. Er hofft nur, dass sie bald gesund nach Hause kommen. Doch lange bleiben werden sie nicht können. “Ich schicke sie wieder weg, wieder ins Ausland. Hier gibt es keine Zukunft für sie. Wir haben nichts, was wir ihnen geben könnten. In Nepal können sie es unmöglich schaffen.”
200’000 Strassenarbeiter auf der DEZA Lohnliste
Khila Dhamala ist ein wenig optimistischer was seine und die Zukunft seiner Kinder angeht. Auch er ist ein Dalit, auch er wohnt in einem kleinen Dorf in Okhaldhunga, auch er hat kein Land, kein Vieh, keine Bildung. Doch er hat einen Job und ein regelmässiges Einkommen. Seit sieben Jahren arbeitet er für das District Road Support Programme (DRSP) der Schweizerischen DEZA. Sieben Tage die Woche schleppt, hackt, gräbt und schaufelt er auf der kilometerlangen Baustelle zwischen Rambur und Prapcha. Im Juli 2014 soll hier die neue Steinstrasse eröffnet werden, welche abgelegene Dörfer im nördlichen Teil des Distrikts mit dem Markt in Rambur verbinden und den nördlichen Dorfgemeinschaften die Möglichkeit geben soll, als Käufer und Verkäufer am Marktleben teilzunehmen. Khila ist einer von knapp 200’000 Nepalesen, die landesweit als Strassenarbeiter auf der DEZA Lohnliste stehen. Gut 30 Prozent von ihnen sind Frauen. Khila arbeitet sieben Tage die Woche, von 9 bis 17 Uhr, und verdient rund vier Franken, pro Tag. Kein schlechter Lohn für Nepal, auch wenn Khila jeden Tag rund drei Stunden wandern muss, um zu seinem Arbeitsplatz und wieder zurück nach Hause zu gelangen. “Die Arbeit ist hart, der Weg hierhin lang, doch eine andere Option habe ich nicht”, sagt Khila und zeigt mir sein Absenzheft um zu beweisen, dass er im letzten Monat keinen einzigen Tag gefehlt hat.
Strassen aus der Isolation
Auch die Strasse vom Distrikthauptort Okhaldhunga hinunter nach Rumjatar, wo einmal die Woche ein kleines Flugzeug auf der Dirtroad landet, wurde von der DEZA finanziert. Sie wurde vor einigen Jahren fertiggestellt. Ein Bus fährt einmal täglich zwischen Okhaldhunga und Rumjatar hin und her. Junge Burschen hupen in ihren monströsen Allrad-Vehikeln und bieten einem ihre Dienste als Chauffeur an. Männer und Frauen schleppen frisches Gras, Gemüse oder Holz in riesigen Körben von einem Dorf ins nächste. Schulkinder schlendern entlang der Strasse. Es herrscht Betrieb. Die Strasse hat offensichtlich Leben in die bis dahin isolierten Dörfer gebracht.
Auf dem Wochenmarkt in Rumjatar treffe ich am Freitagmorgen verschiedene Bäuerinnen aus Sisne Khola und Sanitar wieder, mit denen ich tags zuvor auf ihren Feldern gesprochen habe. Ram Maya Rai verkauft Blumenkohl, Ingwer und Senfblätter. Kumari Rai hat getrocknete Chillies auf einem Tuch ausgebreitet und packt Kartoffeln in kleine Jutensäcke ab. Jeden Freitag kommen die beiden Frauen hinunter nach Rumjatar und bieten zwischen 6 und 11 Uhr ihr Gemüse an. Fünf Rupien müssen sie dem “market committee” dafür bezahlen. Verkraftbar, selbst für die Bäuerinnen, die beide knapp 200 Franken im Jahr verdienen. In der Marktküche kochen zwei junge Frauen Momos (eine Rarität in Okhaldhunga, wo es praktisch nichts gibt ausser Dal Baht und Kartoffeln), Kinder helfen ihren Müttern, die schweren Reissäcke vom Markt nach Hause zu tragen. An den Wägestationen wird lautstark um die Kartoffelpreise gefeilscht.
Bloody Business
Noch viel spannender aber ist das Drama, das sich ab 8.30 Uhr während gut einer Stunde auf der Wiese südlich der Markstrasse abspielt. Der tragische Held: Santosh Basnet, ein drahtiger Mittzwanziger aus Rumjatar. Vergangene Woche hat er auf einem Viehmarkt im südlichen Terai eine Ziege gekauft, die grösste Ziege, die ich je gesehen habe. Das kalbsgrosse, stolz scharrende Tier steht angebunden an einen Bambuspfahl mitten auf der Wiese und äugt zum prasselnden Feuer hinüber, auf dem Santosh’s Gehilfe in einem grossen Topf Wasser kocht. 22’000 Rupien (rund 220 Franken) hat Santosh für die Riesen-Ziege bezahlt. 60 Kilo Fleisch muss das Tier abwerfen, damit sich der Kauf für Santosh rentiert. 400 Rupien verlangt er pro Kilo. Das scharrende Tier zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Es wird nachgefragt, mitgeboten, gehandelt. Die Ziege ist bis auf den letzten Knochen verkauft, und noch immer steht sie scharrend auf der Wiese und lässt sich den Kopf kraulen. Santosh ist unsicher, ob die Rechnung aufgehen wird. Er war betrunken, als er das Tier gekauft hat. Kritisch begutachtet er das Tier, bindet es vom PFahl los und führt es hinüber zum grossen Baumstrunk neben der Feuerstelle. Er spricht leise und schnell vor sich hin, klopft sich dreimal auf die Brust, dreimal auf die Stirn. Dann nässt er den Nacken der Ziege, sein Gehilfe zerrt an den Hinterläufen des Tieres, Santosh reisst am Strick, den er der Geiss um den Nacken gelegt hat. Ein zweiter Gehilfe wetzt das meterlange Buschmesser ein letztes Mal, holt aus. Der Schlag sitzt, die Ziege sackt zusammen. Die Beine zucken ein paar Sekunden lang, die Augen im abgeschlagenen Kopf sind weit aufgerissen. Santosh lässt das Tier ausbluten. Dann wird es gewaschen, mit einem Zinnbecher enthaart, mit Gelbwurz eingerieben (soll das Fleisch vor dem Verderben schützen) und mit einem Khukuri, dem traditionellen Gorkha-Messer, in seine Einzelteile zerlegt.
Als Santosh beginnt, die einzelnen Fleischstücke auf die Waage zu legen, zählt die eng zusammengedrängte Zuschauermenge laut mit. 20… 30… 40… 42. Mehr ist da nicht. Santosh hat sich verrechnet, um mehr als 15 Kilo. Er hatte zu tief ins Glas geschaut, zu tief in die Tasche gegriffen, zu hoch gepokert. “Schlachten ist gambeln” ist das einzige, was er sagt, während er die zerhackte Geiss in schwarze Plastiksäckchen abpackt und an seine Kunden aushändigt. Hinter ihm lecken ein paar Hunde das Blut aus dem trockenen Gras. Santosh macht Verlust, rund 6000 Rupien. Und das, obwohl er sich nicht an die Marktregeln gehalten hat. Die besagen nämlich, dass man pro Kilo Ziegenfleisch maximal 350 Rupien verlangen darf. Ein alter Mann mit Gehstock steht seit rund 10 Minuten neben Santosh und schreit ihm ebendiese Regel immer und immer wieder ins Ohr. Das “market committee” hätte klare Regeln, wer er denn sei, sich nicht daran zu halten. Doch Santosh hört nicht hin, und irgendwann geht der verärgerte Alte seinen Weg. Nächste Woche wird Santosh wieder ins Terai reisen und sich auf dem Viehmarkt nach einem guten Deal umsehen. Trinken wird er zuvor aber nicht mehr. Auch wenn er sagt, dass das die einzige Möglichkeit sei, diesem verfluchten Leben ab und dann für ein paar Stunden zu entwischen.
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