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Die Evolution ist gut in ihrem Job. Unter anderem werden Arten im Lauf der Zeit immer größer.
Edward Drinker Cope war ein Paläontologe des 19. Jahrhunderts. Er verfolgte die Entwicklung Tausender Arten über lange Zeiträume hinweg und fand eine klare Tendenz, dass Arten im Lauf der Evolution immer größer wurden. Das wurde später als Copesches Gesetz bekannt.
Urpferde waren nur so groß wie Hunde, die Vorfahren der heutigen Boas waren keine 3 Zentimeter lang. Dinosaurier entwickelten sich von 7 Zentimeter großen Eidechsen zu Brontosauriern. Auch die Vorfahren des Menschen vor Millionen Jahren waren im Durchschnitt keine 1,20 Meter groß, erst im Lauf der Evolution wuchs der Mensch zu seiner heutigen Größe heran. Das ist nicht überraschend. Größere Körper sind besser darin, Beute zu fangen, sie können größere Entfernungen zurücklegen und größere Gehirne versorgen.
Nun lautet die offenkundige Frage: Warum sind inzwischen nicht alle Arten riesengroß?
Die Antwort darauf formulierten Aaron Clauset vom Santa Fe Institute und Douglas Erwin vom Museum of Natural History in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung: »Die Tendenz der Evolution, größere Arten zu erschaffen, wird von der Tendenz ausgeglichen, dass größere Arten aussterben.«
Körpergröße in der Biologie ist vergleichbar mit einem Hebel beim Investieren: Sie erhöht die Gewinne, steigert dadurch zugleich aber auch die Verluste. Größenwachstum funktioniert eine Zeit lang prima und geht dann spektakulär nach hinten los, an einem Punkt, wo Größe einen angenehmen Vorteil bietet, aber einen tödlichen Nachteil hat – zum Beispiel bei Verletzungen. Große Tiere sind verletzlicher. Eine Ameise kann aus einer Höhe, die dem 15.000-Fachen ihrer Körpergröße entspricht, herunterfallen und unversehrt weiterlaufen. Eine Ratte bricht sich ein paar Knochen, wenn sie aus dem 50-Fachen ihrer Größe herunterfällt. Ein Mensch stirbt schon, wenn er aus einer Höhe fällt, die dem Zehnfachen seiner Größe entspricht. Ein Elefant, der aus der doppelten Höhe seiner Körpergröße herunterfällt, platzt wie eine Wasserbombe.
Große Tiere benötigen auch viel Fläche, was zu brutalen Revierkämpfen führen kann. Sie brauchen mehr Nahrung pro Kilogramm Körpergewicht als kleinere Tiere, was bei Nahrungsknappheit zu einem entscheidenden Nachteil wird. Sie können sich weniger leicht verstecken. Sie bewegen sich langsam und pflanzen sich langsam fort. Da sie an der Spitze der Nahrungskette stehen, müssen sie sich normalerweise nicht anpassen – was unglücklich ist, wenn dann doch Anpassung gefragt ist. Die dominantesten Kreaturen sind riesig, doch am längsten halten sich tendenziell kleinere Arten. T-Rex < Küchenschabe < Bakterium.
Das Unglaubliche daran ist, dass die Evolution Arten zum Wachstum ermuntert und sie dann für ihre Größe abstraft. Tatsächlich verhält es sich in vielen Lebensbereichen so: Wettbewerbsvorteile bleiben nicht lange erhalten. Betrachten wir dazu den Untergang des Einzelhandelsgiganten Sears.
Der Untergang von Sears
Das Einzige, was noch schwieriger ist, als einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen, ist, ihn zu behalten. Als Drehbuchautor, der sich ein Unternehmen mit dem größten vorstellbaren Wettbewerbsvorteil ausdenken müsste, würde man sich vielleicht an Sears in den 1970er-Jahren orientieren. Damals war Sears mit seinem Versandhandel und seiner Kaufhauskette der weltgrößte Einzelhändler und einer der größten Arbeitgeber. Die Zentrale residierte im höchsten Wolkenkratzer der Welt. 1983 schrieb die New York Times über das Unternehmen: »Niemand muss einem sagen, dass man hier richtig ist. Hier sind Meister der Vermarktung am Werk, das zeigt sich überall und unverkennbar.«
In den 1970er- und 1980er-Jahren beherrschte Sears den Einzelhandel derartig, dass das Unternehmen in andere Branchen wie den Finanzbereich expandierte. Ihm gehörten der Versicherer All-state Insurance, das Kreditkartenunternehmen Discover, der Finanzdienstleister Dean Witter und der Immobilienmakler Coldwell Banker. In fast jeder Hinsicht war Sears das Amazon jener Jahre: Das Unternehmen dominierte dank seiner Effizienz den Einzelhandel so vollständig, dass es seine Magie auch in ganz anderen Branchen verbreiten konnte, zum Schrecken der dortigen Rivalen. 1974 schrieb die Times:
»Donald T. Regan, der Chairman von Merrill Lynch … erklärte gestern, die Firma sehe sich künftig als Sears, Roebuck der Geldanlage … ›Wir müssen so effizient wie möglich werden, um die Kosten für den Verbraucher niedrig zu halten‹, sagte er. ›Das hat Sears so erfolgreich gemacht, und diese Regel müssen wir im Kopf behalten.‹«
Und dann ging alles den Bach hinunter. In den 1980er-Jahren wuchs die Kluft zwischen den Einkommen: Die einen Kunden jagten gezwungenermaßen nach Schnäppchen, während die anderen im Luxus schwelgten. Sears blieb nur die schrumpfende Kundenschicht dazwischen. Walmart und Target – jüngere, hungrigere Konkurrenz – fachten einen gnadenlosen Preiskampf an.
Ende der 2000er-Jahre war Sears nur noch ein Schatten seiner selbst. An meiner örtlichen Filiale hing ein Schild mit den Worten »JA, WIR HABEN GEÖFFNET« – als Erinnerungshilfe für eine Kundschaft, die das Unternehmen schon mehr oder weniger abgeschrieben hatte.
Die Geschichte, wie Sears seinen Wettbewerbsvorteil verlor, ist faszinierend. Aber nicht einmalig. In vielerlei Hinsicht endete Sears ganz ähnlich wie viele einst dominierende Unternehmen.
Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, zeigt das, dass es einen ausreichend großen Wettbewerbsvorteil erlangt hat, um zu einem Großkonzern heranzuwachsen. Doch zwischen 1980 und 2014 wurden fast 40 Prozent aller Aktienunternehmen mehr oder weniger wertlos. Zur Liste jener Konzerne, die einmal zu den zehn größten Unternehmen Amerikas gezählt hatten und später bankrottgingen, gehören General Motors, Chrysler, Kodak – und Sears. Nur wenig besser erging es General Electric, Time Warner, AIG und Motorola, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind.
Selbst Nationen droht dieses Schicksal. Im Lauf der Geschichte befand sich das Zentrum des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts schon in Asien, in Europa und im Nahen Osten.
Wenn einst mächtige Organisationen ihren Vorteil verlieren, machen wir uns gern über die Fehler ihrer Anführer lustig. Doch wir übersehen zu leicht, wie viele Kräfte am Wettbewerbsvorteil nagen, sobald man ihn errungen hat – ausdrücklich: weil man ihn errungen hat. Erfolg hat seine ganz eigene Dynamik. Der Ölmagnat Boone Pickens pflegte zu sagen:
»Je höher ein Affe den Baum hochklettert, desto besser sieht man seinen Hintern.«
Warum Starke schwach werden
Fünf wichtige Faktoren tragen zur Erosion von Wettbewerbsvorteilen bei: Erstens beginnt man, sich unfehlbar zu fühlen, da man bisher ja offenbar alles richtig gemacht hat. Selbstgefälligkeit ist aber tödlich in einer Welt, in der Erfolgreiche geradezu ein Hemd mit aufgemalter Zielscheibe zu tragen scheinen. Die Konkurrenz schläft nie. Größe wird mit Erfolg assoziiert, Erfolg mit Größenwahn, und Größenwahn steht am Anfang vom Ende.
Zweitens führt Erfolg zu Wachstum, was in der Regel gewollt ist. Doch eine große Organisation ist eine ganz andere Nummer als eine kleine, und Strategien, die bei kleinen Unternehmen zum Erfolg führen, funktionieren auf anderem Niveau vielleicht nicht. So ist die Schar von Star-Investmentfondsmanagern groß, die in einem Jahrzehnt richtig abräumen, im nächsten aber unterdurchschnittlich performen. Zum Teil mag das an nachlassendem Glück liegen. Aber im Investmentbereich ziehen Erfolge weiteres Kapital an, und große Fonds sind weniger wendig als kleine. Im Berufsleben droht eine ähnliche Gefahr. Sie hat sogar einen Namen: das Peter-Prinzip. Ihm zufolge werden erfolgreiche Mitarbeiter so lange befördert, bis sie überfordert sind und keinen Erfolg mehr haben.
Drittens streben Menschen ironischerweise oft so verbissen nach einem Wettbewerbsvorteil, damit sie es in Zukunft langsamer angehen lassen können. Man schuftet sich ab, um ein Ziel zu erreichen, und glaubt dann, man dürfe sich erst einmal zurücklehnen und entspannen. Damit verschafft man aber Wettbewerbern und Veränderungen die Gelegenheit, sich unbemerkt anzuschleichen.
Viertens gibt es Fähigkeiten, die in einer Epoche wertvoll, in der nächsten aber vielleicht nicht mehr gefragt sind. Dann mag man noch so hart arbeiten und so wachsam sein, wie man es immer gewesen ist, und trotzdem geht alles den Bach runter, weil die Welt die eigenen Fähigkeiten nicht mehr schätzt. Viele Unternehmen spezialisieren sich auf eine Sache, denn zu Boomzeiten schneiden Firmen und Menschen, die sich auf eine einzige Sache konzentrieren, tendenziell am besten ab.
Und fünftens hat man mitunter allein deswegen Erfolg, weil man zur rechten Zeit am rechten Ort war – was sich aber oft erst hinterher herausstellt, wenn das Glück nachlässt. Das ist eine ernüchternde Erfahrung, weshalb wir dazu neigen, die Rolle des Glücks zu verleugnen.
Zum Wachstum gehört fundamental, dass kein Wettbewerbsvorteil ewig währt. Wobei das keine tragischen Folgen haben muss – es muss nicht enden wie bei Sears. So hat Großbritannien die wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung verloren, die es im 19. Jahrhundert noch innehatte, dennoch lässt es sich im 21. Jahrhundert dort noch gut leben.
Insgesamt sind Wettbewerbsvorteile tendenziell kurzlebig, auch weil im Erfolg schon die Saat für den Abstieg keimt.
Evolution ist kein Fußballspiel
Leigh Van Valen war ein verrückt aussehender Evolutionsbiologe, der in den 1970er-Jahren eine so wilde Theorie aufstellte, dass keine wissenschaftliche Zeitschrift sie drucken wollte. Also gründete er kurzerhand ein eigenes Journal. (Heute gehört seine Theorie übrigens zur anerkannten Lehre.) Ideen wie diese – kontraintuitiv, aber zutreffend – verdienen die größte Beachtung, denn sie übersieht man am leichtesten.
Jahrzehntelang glaubten Forscher, dass Arten sich umso wahrscheinlicher weiterhin halten würden, je länger es sie schon gegeben hatte. Diese Arten, so wurde angenommen, hatten ihre Widerstandskraft ja schon bewiesen, und würden wohl auch in Zukunft bestehen können. Ein langer Stammbaum galt als Erfolgsnachweis und als Prädiktor für die Zukunft. Anfang der 1970er-Jahre versuchte Van Valen, diese herrschende Meinung mit Daten zu belegen. Aber es gelang ihm nicht, die Daten wollten nicht passen. Van Valen grübelte. Waren die langlebigen Arten vielleicht aus schierem Glück der unerbittlichen und unnachgiebigen Kraft der Evolution entgangen? Zu dieser Theorie passten die Daten viel besser.
Nun möchte man meinen, dass neue Arten, die eine Nische entdeckt haben, anfällig und vom Aussterben bedroht sein könnten – sagen wir mal mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent in einem gewissen Zeitraum –, während eine ältere Art mit erwiesener Widerstandskraft im gleichen Zeitraum nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent ausstirbt. Doch als Van Valen in einem Graphen darstellte, in welchem Alter Arten ausstarben, ergab sich so etwas wie eine waagrechte Linie. Einige Arten überlebten sehr lange, aber innerhalb einer Gattung starben alle Arten mit etwa der gleichen Rate aus, ob es sie nun seit 10.000 oder seit 10 Millionen Jahren gab.
In seinem wissenschaftlichen Aufsatz »Ein neues Evolutionsgesetz« schrieb Van Valen 1973: »Die Aussterbewahrscheinlichkeit eines Taxons ist effektiv unabhängig von seinem Alter.« Wenn man von 1.000 Murmeln in einem Glas jedes Jahr 2 Prozent wegnimmt, sind manche der Murmeln auch nach 20 Jahren noch da. Aber die Wahrscheinlichkeit, entfernt zu werden, bleibt über die Jahre gleich, bei 2 Prozent. Murmeln werden nicht besser darin, im Glas zu bleiben.
Mit Arten verhält es sich genauso. Manche halten sich lange Zeit, aber ihre Überlebenswahrscheinlichkeit steigt im Zeitablauf nicht an. Van Valen argumentierte, das liege hauptsächlich daran, dass der evolutorische Wettbewerb nicht ablaufe wie ein Fußballspiel. Der Wettkampf endet nie, der Gewinner darf sich nie ausruhen. Eine Art, die einen Vorteil über einen Konkurrenten erringt, schafft damit sofort Anreize für den Konkurrenten, besser zu werden. Eine Rüstungsspirale läuft an.
In der Evolution geht es immer um Vorteile, und Van Valen erkannte schlicht, dass es keine dauerhaften Vorteile gibt. In der Natur herrscht ein ständiges Hauen und Stechen, aber niemand kann sich so weit absetzen, dass er vor dem Aussterben sicher wäre.
Manche Dinge entwickeln sich weiter, werden angesichts sich wandelnder Bedrohungen aber nie besser angepasst. Spitzmaulnashörner hielten sich 8 Millionen Jahre lang, dann kamen Wilderer und rotteten sie aus. 150 Jahre lang, über 33 Rezessionen hinweg, gedieh Lehman Brothers, bis es an hypothekarisch gesicherten Wertpapieren zerschellte. Puff, weg.
Niemand ist jemals unantastbar. Niemand darf sich jemals ausruhen. Van Valen nannte seine Idee die evolutionstheoretische Rote- Königin-Hypothese. In Alice hinter den Spiegeln begegnet Alice der Roten Königin. In ihrem Land muss man immerzu laufen, um auf der Stelle zu bleiben:
»Wie schnell sie auch rannten, liefen sie doch anscheinend nie an etwas vorbei ›Ob vielleicht alles mit uns mitläuft?‹, dachte die arme verwirrte Alice im Stillen. Und die Königin erriet anscheinend ihre Gedanken, denn sie rief: ›Schneller, jetzt ist keine Zeit zum Reden!‹«
Immerzu laufen müssen, nur um auf der Stelle zu bleiben – so funktioniert Evolution. Und gilt das nicht für die meisten Dinge des modernen Lebens?
Für das Geschäftsleben? Für Produkte? Für Karrieren? Für Länder? Für Beziehungen? Ja, für alles.
Die Evolution ist gnadenlos und duldet keine Fehler – sie lehrt uns nicht, indem sie zeigt, was funktioniert, sondern indem sie zerstört, was sich nicht bewährt.
Was wir daraus lernen? Wir sollten nie überrascht sein, wenn etwas, das eine Ära beherrscht hat, in der nächsten ausstirbt. Das ist eine der gängigsten Geschichten überhaupt. Nur wenige Unternehmen, Produkte, Musiker, Städte oder Schriftsteller bleiben länger relevant als maximal ein paar Jahrzehnte. Die wenigen Gegenbeispiele (Beatles, Levi’s, Snickers, New York) sind seltene Ausnahmen. Eine weitere Lehre lautet: immer weiter rennen. Wettbewerbsvorteile sind nie so groß, dass man sich auf seinen Lorbeeren aus ruhen dürfte – und genau die unerschütterlich Scheinenden tragen oft schon den Keim ihres eigenen Endes in sich.
Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem neuen Buch von Morgan Housel Same as Ever: 23 Geschichten über die Dinge, die sich niemals ändern, erschienen im November 2023 beim Finanzbuchverlag.