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Die Ehefrau
Meg Wolitzer
DuMont Buchverlag
Taschenbuch, 270 Seiten
«In dem Augenblick, in dem ich beschloss, ihn zu verlassen, in dem Augenblick, in dem ich dachte: Es reicht, befanden wir uns zehntausend Meter über dem Meer …» So beginnt der Roman. Joan, die Erzählerin, und ihr Ehemann Joe Castleman reisen nach Helsinki, um Joes wohl grössten beruflichen Erfolg, den kleinen Bruder des Literaturnobelpreises, in Helsinki in Empfang zu nehmen. Joan nutzt diese Reise, um ihre 40jährige Ehe mit Joe Revue passieren zu lassen. Das Fazit ist ernüchternd.
Eine gefühlte Ewigkeit sind Joan und Joe verheiratet und gelten im Literaturbetrieb als Vorzeigeehepaar; er der erfolgreiche Schriftsteller und sie die treue und fürsorgliche Ehefrau, die dem Erfolg des Mannes, wie von ihr erwartet, immer die erste Stelle einräumt. Für Joe scheint die Verleihung des Helsinki-Preises der Höhepunkt seines Glücks. Für Joan wird die Reise zu einer Reise durch die Zeit mit Joe. Einmal damit angefangen, in die Vergangenheit zu blicken, zerbröckelt die Ehe schnell und hält ihrer Prüfung nicht stand. Es ist eine Ehe, in der er auf seine männlichen Freiräume und Bedürfnisse besteht und sie sich selbst erniedrigt. Sie wahrt den Schein, organisiert sich um ihn und die Familie herum und vergisst die eigenen Wünsche und Bedürfnisse.
Die Verleihung des Helsinki-Preises stellt die Rahmenhandlung des Romans dar. In Rückblenden lernen wir den gutaussehenden und ehrgeizigen College-Professor Joe kennen und die introvertierte, literarisch aber sehr begabte Studentin Joan, die sich gleich bei der ersten Vorlesung in Joe verliebt. Nach einer stürmischen Affäre und der Trennung von Joes Ehefrau mit Kind ziehen die beiden nach New York und widmen sich ganz Joes Schriftsteller-Karriere. Schon damals zeichnet sich ab, was später als Selbstverständlichkeit in der Ehe gilt: Joan steckt zurück, lässt dem Mann den Vortritt und unterstützt ihn dabei, seine Lebenslügen von der eigenen Grossartigkeit aufrecht zu erhalten. Erfrischend dabei ist, dass die Erzählerin nie in Selbstmitleid versinkt. Vielmehr ist sie eine kluge Frau mit differenzierter Persönlichkeit, die in ein Leben gerutscht ist, das sie nicht gewählt hat und sich jahrelang nicht daraus befreien kann. Auch gibt die Erzählerin dem Leser die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von Joe zu machen, indem sie den Verlauf ihrer Ehe auf nüchterne Weise und mit viel Witz und Wortgewandtheit aufzeichnet. Sie ist eine aufmerksame, ironische Beobachterin, die auch vor sich selbst nicht haltmacht. Man muss schon zwischen den Zeilen lesen um zu erkennen, wie es in ihrem Inneren aussieht. Denn die eigentliche Demütigung kommt nicht von Joes Seitensprüngen und der Selbstverständlichkeit, mit der er sie an seiner Seite erwartet. Sie ist ganz anderer Art und beschleicht den Leser langsam als Vorahnung, die sich zu einem Verdacht auswächst. Mehr sei hier nicht verraten. Doch der Leser sieht Joan nun nochmals mit anderen Augen.
Fazit: Mit einem meisterhaften Gespür für die Abgründe, die sich in alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen auftun, skizziert die Autorin ihre Figuren messerscharf und überrascht mit einem klug aufgebauten Plot und einer umwerfenden Sprache. Mit «Die Ehefrau» ist ihr eine psychologisch anspruchsvolle, aufrüttelnde und gleichzeitig sehr unterhaltsame Geschichte gelungenen. Ein absoluter Lesegenuss und sicher nicht mein letztes Buch dieser Autorin.