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Eine Prophetin, die im eigenen Land etwas gilt
Die polnische Komponistin Grażyna Bacewicz ist nicht so bekannt wie etwa Clara Schumann oder Fanny Hensel. Dank einer ganzen Reihe von bemerkenswerten Aufnahmen ihrer Werke könnte sich das ändern.
Daniel Lienhard — «Schon mal was von Grazina Bacewicz gehört? Nein? Dann geht es Ihnen wie den meisten Besuchern des Grossen Festspielhauses, die beim Klavierabend von Krystian Zimerman das erste Mal mit einem Werk der polnischen Komponistin konfrontiert wurden. Die Skepsis (unbekannt, Frau, 20. Jahrhundert, Kommunismus) schlug schnell in Euphorie um». Mit diesen Worten leitete die WienerPresse ihre Kritik von Zimermans Rezital mit Bacewiczs 2. Klaviersonate von 1952/1953 an den Salzburger Festspielen 2008 ein, um in der Folge von «kaum zu bremsenden Begeisterungsstürmen des Publikums» zu berichten. Die Deutsche Grammophon veröffentlichte 2011 eine CD, die allein Klavier- und Kammermusikwerken von Bacewicz gewidmet ist (DG 00289 477 8332). Mit von der Partie waren Krystian Zimerman sowie vier weitere polnische InterpretInnen. Diese Einspielung wurde von der internationalen Presse als die Wiederentdeckung einer bedeutenden Komponistin gefeiert. Der Preis der deutschen Schallplattenkritik lobte in seiner Vierteljahres-Bestenliste die CD wie folgt: «Ausserordentlich sensibel spüren die Interpreten dem raffinierten Klangfarbenspiel nach, betonen das Spannungsfeld zwischen den motorisch pulsierenden Rhythmen und expressiven Kantilenen und verdeutlichen den gelungenen Versuch Bacewiczs, klassische Formverläufe und Kompositionstechniken in eine moderne Musiksprache zu integrieren».
Die Komponistin wurde am 5. Februar 1909 im polnischen Łódź als Tochter einer polnischen Mutter und eines litauischen Vaters geboren. Auch zwei Geschwister wurden bedeutende Musiker, ihr Bruder Vytautas Bacevičius (1905–1970) sogar einer der namhaftesten litauischen Komponisten. Nach ihrer Ausbildung in Geige und Komposition in Warschau und Paris war sie von 1936–1938 Konzertmeisterin des Polnischen Radio-Orchesters und bis 1954 als Geigensolistin aktiv. Seit Beginn der 1930er Jahre trat Bacewicz mit Erfolg als Komponistin an die Öffentlichkeit. Bis zu ihrem Tod am 17. Januar 1969 komponierte sie ein grosses Œuvre von ungefähr 200 Werken aller Gattungen.
Hervorragende, in den letzten Jahren erschienene CDs ermöglichen eine eingehende Beschäftigung mit ihrer Musik: Fast einmalig für eine Komponistin ist es, dass gleich zwei sehr gute polnische Ensembles, das Lutosławski-Quartett und das Schlesische Quartett, Gesamtaufnahmen ihrer 7 Streichquartette für grosse Labels eingespielt haben (NAXOS 8.572806/8.572807; CHANDOS 10904(2)).
Lutosławski schrieb zwar schon 1969, dass es «seit den Zeiten von Bartók [...] nur wenigen Komponisten vergönnt gewesen sei, in einem Ausmass in die Geheimnisse der Streichquartett-Textur einzudringen wie Grażyna Bacewicz». Aber dass diese Werke der Jahre 1938–1965 ein so grosses Hörvergnügen bereiten könnten, hätte man kaum geglaubt. Die Quartette sind formal perfekt und mit einer Klangphantasie sondergleichen komponiert. Stilistisch umfassen sie die ganze Bandbreite zwischen Neoklassizismus und Avantgarde.
Man kann nur staunen darüber, mit welcher Meisterschaft die polnisch-amerikanische Geigerin Joanna Kurkowicz auf zwei weiteren CDs die sechs veröffentlichten Violinkonzerte interpretiert (CHANDOS 10533, 10673). Gleichzeitig ist man fasziniert von Bacewiczs Ausdruckspalette und ihrer Fähigkeit, jeder Komposition ein eigenes Gesicht zu geben. Allen Konzerten eigen ist aber die Brillanz des Soloparts, dessen Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten von rasender Motorik bis zu betörender Lyrik reicht. Eine Entdeckung!
Last but not least sei auf eine hörenswerte Neueinspielung von Bacewiczs Radio-Oper Przygoda Króla Artura (Die Abenteuer des Königs Arthur, 1959) von 1959 hingewiesen (SA PRCD 1189): Ein Drache entführt ein Mädchen, König Arthur will es befreien, scheitert dabei und darf sein Leben nur behalten, wenn er das Rätsel des Drachen – «Was begehren alle Frauen?» – richtig lösen kann. Liebe, Reichtum, das Wohl der Kinder, ein Ehemann, Gesundheit und Seelenheil werden vom Drachen als Lösungen abgelehnt. Eine Hexe verrät, des Rätsels Lösung sei, dass eine Frau «ihren eigenen Weg gehen» kann. Diesen «eigenen Weg» ist auch Grażyna Bacewicz gegangen, und sie hat gut daran getan.