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Das Stück beginnt, als die erste Hirnzelle eines zerfledderten Hundes auftaut. Dann die nächste und so weiter. Bald trennt sich der Theatertext in drei Spalten: Während der Hund erste Gedanken formuliert, versinkt in Sibirien langsam ein Haus im tauenden Permafrost-Boden und auch in Brandenburg kann die 13-jährige, nonbinäre Figur Jo die Klimakatastrophe nicht mehr ignorieren: «Eine Sekunde hab ich nicht hingesehen und der See hat beschlossen zu gehen.» Aus dem Muschelfeld, welches vom See übriggeblieben ist, entsteigt ebendieser 13'000 Jahre alte Hund, der gleichzeitig auch in Jakutsk in Sibirien gefunden wird, wo Archäologen und Mammutdealer den tauenden, schlammigen Boden nach Kadavern absuchen.
Sibirien und das Matterhorn
«Im Laufe des Stücks taut der ZERFLEDDERTE HUND immer weiter auf, bis er auseinanderfällt», so die Regieanweisung. Während in Sibirien das Eis schmilzt und neben dem Wolfshund auch Mammuts auftauen, bricht in der Schweiz dem Matterhorn ein Felsbrocken ab.
Jo und der Wolfshund werden im Lauf des Stücks unter anderem zum Baumarkt fahren, wo sie tonnenweise Kies kaufen, um das Matterhorn zu kitten. Das alles, während der gleiche Hund im Naturhistorischen Museum in Sibirien präpariert wird.
Soweit die Prämisse von «Grelle Tage». Das Stück wurde im letzten Januar am Schauspielhaus Wien uraufgeführt. Nun ist es auch als Buch erhältlich in der Reihe Suhrkamp Theater. Seit 2021 publiziert der Suhrkamp Verlag in dieser Reihe jedes Jahr zwei bis vier ausgewählte Stücke, um sie einem Lesepublikum zugänglich zu machen.
Theatertexte sind kurzlebig
«Heutzutage ist das ja gar nicht mehr so üblich, dass Nicht-Theaterschaffende direkten Zugang zu den geschriebenen Stücken erhalten», sagt Selma Kay Matter gegenüber Keystone-SDA. Theaterschaffende können sich Stücke im Internet beschaffen oder bei den Verlagen als PDFs bestellen. Für alle anderen seien zeitgenössische Stücke fast ausschliesslich als Inszenierungen zu sehen, so Matter. Tatsächlich haben Theatertexte häufig ein sehr kurzlebiges Dasein; sie verschwinden selbst nach erfolgreicher Uraufführung sehr schnell.
Das Buch «Grelle Tage» zeigt indes eindrücklich, wie die dramatische Form komplexe Zusammenhänge konkret greifbar machen kann. Dabei stellt Selma Kay Matter mehr Fragen, als dass Antworten vorgegeben werden: «Was hat der austrocknende See in Brandenburg mit auftauenden Mammutkadavern im sibirischen Permafrost zu tun? Wo sind Parallelen, wo gibt es kausale Verkettungen?»
Auf dem Papier wird diese Gleichzeitigkeit nun konsequent umgesetzt durch ein graphisches Nebeneinander in bis zu drei Spalten, beispielsweise von der gleichen Figur an zwei verschiedenen Orten, von parallelen Handlungen oder durch die Gegenüberstellung der Gedanken verschiedener Figuren.
So überlagert Matter Raum und Zeit: «Ich habe versucht, eine literarische und grafische Form zu finden für die Gleichzeitigkeit und das Nebeneinander unterschiedlicher Ereignisse an verschiedenen Orten auf der Welt», sagt Matter. So würden der gedruckten Version die Lesenden einbezogen in die Gestaltung der Landschaft des Stückes. «Sie können sich entscheiden, wie sie die Seite lesen, in welcher Reihenfolge.»
«Faitrade-Elfenbein»
Dabei collagiert Matter um die omnipräsente Klimakatastophe auch weitere zeitgenössische Fragen – und das immer wieder mit zuweilen schwarzem Humor: In Sibirien jagen ein Team von Wissenschaftlern und geldgierige Dealer nach den Mammuts. Während die Wissenschaft die Mammuts klonen will, freuen sich die Dealer über «Fairtrade-Elfenbein». «Das heisst so, weil kein Elefant dafür sterben muss.»
Zusätzlich zu den textlichen Assoziationen und Verknüpfungen haben Matter und Suhrkamp eine bildliche Ebene sowie QR-Codes zu den Videos und Soundscapes beigefügt.
Im Gegensatz zu einer Inszenierung, die ja immer eine von der Regie vor-interpretierte Version sei, freut sich Matter, nun mit dem Buch ausnahmsweise ganz direkt mit dem Publikum kommunizieren und einen Einblick in das Schreiben und Denken geben zu können.*
*Dieser Text von Philine Erni, Keystone-SDA wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.