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Ähnlich wie der Veda nicht dieselbe Ethik und Moral für alle Menschen vorsieht, sondern Pflichten und Verantwortlichkeiten entsprechend der Individualität des Einzelnen unterscheidet, unterteilt er auch die Nahrung. Nicht jede Nahrung ist für jeden dienlich. Dies trifft sowohl auf die Dosha-Lehre des Ayur Veda zu (des medzinischen Teil des Veda) als auch in Bezug zum Vegetarismus.
In der vedischen Kultur war ein Krieger (kshatriya) beispielsweise nicht dem Vegetarismus verpflichtet. Der Begriff kshatriya leitet sich aus den Wurzeln kshat (Verletzung) und trayate (Schutz gewähren) ab. Der Kshatriya steht daher für das Prinzip, Schwächeren und Hilfesuchenden Schutz vor Verletzung zu gewähren. Um dieses Prinzip erfüllen zu können, durfte und musste er wenn nötig Gewalt anwenden, um noch mehr Gewalt verhindern zu können. Er musste mit anderen Worten auch töten können, wenn es erforderlich sein sollte. Im Kampf mit den wilden Tieren des Dschungels übte der Krieger deshalb die Fähigkeit zu töten, seinen Mut und seine Geschicklichkeit. Dies erinnert an eine Praxis, wie sie auch von afrikanischen Ureinwohnern bekannt ist. In manchen Stämmen musste ein Jüngling, der in den Stand der Männer aufgenommen werden wollte - der Krieger und Jäger, welche für die Sicherheit und Erhaltung des ganzen Dorfes verantwortlich waren -, sich allein dem Kampf mit einem Löwen stellen und diesen erlegen. Ein Unterfangen, das sehr leicht tödlich für den jungen Mann enden konnte.
Dem Kshatriya war es auch gestattet, das Fleisch der erlegten Tiere zu verzehren, da dadurch Instinkte in ihm angesprochen wurden, die für seine Gefährlichkeit als Krieger förderlich waren. Dem Krieger jedoch, dem es zugleich um Yoga ging, wurde der völlige Fleischverzicht empfohlen. Im Mahabharata (Anusana-parva, 114.11) belehrt der grosse Krieger Bhishmadeva den ältesten der Pandava Brüder, Yudhisthira, nur ein Mensch mit üblem Wesen esse das Fleisch der Tiere, das wie das Fleisch eines Sohnes sei. Der Veda lehrt, dass in den Zugeständnissen (Fleisch essen, Wein trinken, mit mehreren Frauen verheiratet zu sein, Glücksspiel), die einem Kshatriya hinsichtlich seiner spezifischen Aufgabe in der Gesellschaft gemacht wurden, zugleich die grösste Gefahr für ihn lag. Ein Kshatriya der dem Bann dieser Tätigkeiten verfiel, würde in seiner inneren Entwicklung zurückfallen.
Ebenfalls nicht dem Vegetarismus verpflichtet waren Menschen, bei denen die Umstände oder ihre charakterlichen Eigenschaften ein fast unüberwindliches Hindernis bildeten. Ihnen war es gestattet, Fleisch zu sich zu nehmen, wobei sie gleichzeitig bestimmte Regeln und Riten einzuhalten hatten. Beispielsweise musste das Tier an festgelegten Tagen einer bestimmten Gottheit mit ausgewählten Mantren geopfert werden. Diese Einschränkungen sollten dazu dienen, dem Menschen sein Tun und seine Verantwortlichkeit bewusst werden zu lassen - ihn nicht einfach gedankenlos und blind gegenüber dem Leben und Tod des Tieres zu machen, dessen Fleisch er verzehrte. So lautet einer der Sanskritverse, die dem Opfertier ins Ohr geflüstert werden musste, wenn man es tötete: ”Dieses Geschöpf, das ich hier und jetzt esse, wird im nächsten Leben mein Fleisch verzehren. Deshalb sprechen die Gelehrten von diesem Fleisch als mamsa: ich bin er.“ (vgl. Shrimad-Bhagavatam, Erl. zu 11.5.14, BBT 1988).
Auch hierfür finden wir in anderen Kulturen Parallelen. So war es bei einigen nordischen Nomaden üblich, dass ein Fest veranstaltet wurde, wenn ein Jäger einen Bären erlegen konnte. In diesem Fest wurde auch das Tier geehrt und der Jäger dankte dem Bären für sein Leben und sein Fleisch, das seiner Sippe Nahrung und Überleben sicherte. Gleichzeitig versprach er, dem getöteten Bären und dessen Sippe in einem nächsten Leben seinen Körper zu geben.
Der Fleischverzehr, so wie er heute praktiziert wird, hat ganz andere Formen angenommen. Blind gegenüber dem Tod und den Leiden der Tiere und ohne dass äusserlich an den eigenen Händen Blut kleben bleiben würde, wird Fleisch heute vakuumverpackt und steril in den überfüllten Auslagen der Grossmärkte angeboten. Es lässt die Massentierhaltungen und Massenschlachtungen vergessen, und wirkt sich deshalb auf das Bewusstsein des Normalverbrauchers abstumpfend aus, ohne dass der Einzelne sich darüber gross Gedanken machen würde.
Der vedische Vegetarismus strebt genau eine entgegengesetzte Wirkung an. Er soll den Menschen bei seinem Streben nach Verwirklichung, innerer Reife und Harmonie unterstützen. In diesem System der Entwicklung eingebettet sind entsprechend der individuellen Reifestufen der unterschiedlichen Menschen Zugeständnisse für den Fleischverzehr, wie sie oben angesprochen wurden. Der vedische Vegetarismus ist deshalb nicht bloss eine bestimmte moralische Stufe, die es zu erreichen gilt, sondern als Hilfe im persönlichen Reifeprozess gedacht. Nebst den Auswirkungen auf die physische Ausgeglichenheit des Menschen wird das Augenmerk vor allem auf seine Entwicklung hin zur Erkenntnis der eigenen Spiritualität gerichtet, denn es gilt auch hier: Tätigkeiten werden zu Gewohnheiten und Gewohnheiten wirken sich auf die Charakterbildung aus. Die Erkenntnis der spirituellen Wesensgleichheit aller Geschöpfe und der sich daraus ableitenden Ehrfurcht und Verantwortung vor dem Leben des Einzelnen, zieht eine Milde und Rücksichtnahme nach sich, die im krassen Gegensatz dazu steht, einem Tier ohne eigene Not Leiden zu bereiten oder ihm das Leben zu nehmen.
Die Manusmriti (5.49) fordert den Menschen deshalb auf, sich darüber bewusst zu werden, wovon er sich ernährt und daraus die Konsequenz zu ziehen: "Nachdem er gründlich über die Herkunft von Fleischspeisen und die Grausamkeit des Fesselns und Tötens körperlicher Wesen nachgedacht hat, sollte der Mensch keinerlei Fleisch mehr essen."
Fast ausnahmslos jeder Mensch wird die Anteilnahme, das Mitgefühl und die Zuneigung anderer als sehr positiv und angenehm für sich erfahren. Wer sich darüber hinaus einem Yogapfad zuwendet, sucht im allgemeinen nach innerer Harmonie, nach einem inneren Frieden. Ernährungsgewohnheiten, welche diesem Mitgefühl und der Harmonie entbehren, da sie ohne Zwangslage auf dem Leid und Blut anderer Geschöpfe beruhen, wirken sich jedoch nicht förderlich aus: weder auf die eigene Entwicklung eines universalen Lebensverständnisses und Mitfühlens, noch im Hinblick darauf, selber etwas erfahren zu dürfen, das man anderen verweigert. Im Hinblick auf den Vegetarismus Kompromisse einzugehen, kann den Tod für ein Tier bedeuten.
Der Atharva Veda (19.48.5) kommt daher zu einer unmissverständlichen Feststellung: "Jene edlen Seelen, die Meditation und andere Arten von Yoga üben, die Rücksicht gegenüber allen Wesen walten lassen, die alle Tiere schützen - sie sind es, die geistige Übungen wirklich ernst nehmen."