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Der Schweizer Geologe Arnold Escher von der Linth kam 1841 im Zusammenhang mit seiner Forschung zu folgendem Schluss: «Kein Mensch würde es mir glauben, man hielte mich für einen Narren.» Er wusste, wovon er sprach, denn bereits sein Vater Hans Conrad hatte knapp 40 Jahre zuvor dieselbe Theorie aufgestellt – nämlich jene, dass in den Glarner Alpen älteres Gestein auf jüngerem liege. Das sei «Unsinn», widersprachen damals die Geologen, das «könne und dürfe schlicht nicht sein». Die Bestätigung ihrer Theorie gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebten die Eschers nicht mehr. Seitdem ist klar, dass es in der Region tatsächlich eine sogenannte Überschiebung gegeben hatte. Wie das Naturphänomen entstanden war, fand man aber erst in den 1960er-Jahren heraus.
Der Druck der afrikanischen auf die europäische Kontinentalplatte quetschte eine Masse aus altem Gestein heraus und schob diese mindestens 35 Kilometer weit über das jüngere Gestein. Dies spielte sich vor rund 20 bis 25 Millionen Jahren im Erdinnern ab und dauerte mehrere Millionen Jahre. Erst die Hebung der Alpen und die spätere Erosion machten sichtbar, dass hier die Berge faktisch Kopf stehen: Das 250 bis 300 Millionen Jahre alte rote oder grüne Verrucanogestein liegt über dem grau-braun-schwarzen Flysch, der nur zwischen 35 und 50 Millionen Jahre alt ist. Getrennt werden die beiden Schichten vielerorts von der «magischen Linie» – einem gelben Band, bestehend aus einer Kalkschicht, die damals wohl als eine Art Schmiermittel wirkte. Diese Linie ist das auffälligste Kennzeichen dieses Naturphänomens – bekannt als «Glarner Hauptüberschiebung».
Es ist zwar weltweit nicht die einzige Überschiebung, aber die am besten sichtbare – und deshalb gilt sie als einzigartig. Sie bildet ein Fenster in die erdgeschichtliche Vergangenheit und macht diese selbst für Laien erlebbar. Dies war mit ein Grund, warum die «Tektonikarena Sardona» 2008 in die Unesco-Liste der Weltnaturerbestätten aufgenommen wurde. Das Gebiet erstreckt sich über 300 Quadratkilometer und gehört zu den Kantonen Glarus, Graubünden und St. Gallen.
Die grösstenteils hochalpine Landschaft lädt ein, zu Fuss erkundet zu werden. Gerade die Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit machen den Reiz dieses Welterbes aus: beispielsweise der Segnesboden oberhalb von Flims mit Sicht auf die Tschingelhörner, das Martinsloch und die «magische Linie». Oder das einsame Calfeisental mit der alten Walsersiedlung St.Martin, das Murgtal mit den idyllischen Murgseen oder das Mürtschental mit den nördlichsten Arven Mitteleuropas. In der «Tektonikarena Sardona » haben die Besucher die Qual der Wahl.