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Veröffentlicht am 08.06.2022 von Dr. Christa Uehlinger
Diese spannende, interkulturelle Situation erhielten wir von Karin Haltner – herzlichen Dank!
Karin arbeitete für einige Monate als Trainee für ein schweizerisches Unternehmen in Japan.
Die Situation
Als Karin nach dem Mittagessen zurück ins Büro kommt, merkt sie, dass etwas anders ist.
In diesem Grossraumbüro arbeiten acht Personen. Auf der Seite bestehen zusätzlich drei Einzelbüros, die mit Scheiben abgetrennt sind. Diese sind dem HR-Verantwortlichen, dem obersten Chef und dem CFO zugewiesen.
Hinter Karin sitzt ein philippinischer Arbeitskollege. Als dieser kurz das Büro verlässt, ziehen alle Mitarbeitenden wie auf Kommando eine Gesichtsmaske an. Eine japanische Arbeitskollegin von Karin steht auf und erkundigt sich, ob Karin eine Maske hat. Diese verneint und fragt, wieso sie eine Maske brauche. Die Antwort ist: «Dieser Mann hat die Schweinegrippe.» Nachdem die Kollegin Karin eine Maske überreicht hat, setzt sie sich wieder an den Platz und arbeitet ruhig weiter.
Der philippinische Arbeitskollege kommt zurück. Alle haben die Masken an und verhalten sich, als wäre nichts geschehen.
Karin schreibt ihrer Arbeitskollegin, welche ihr gegenübersitzt, eine E-Mail. Darin fragt sie, ob man den Mann nicht zum Arzt schicken sollte. Die beiden Frauen tauschen sich eine Weile per E-Mail darüber aus. Die japanische Arbeitskollegin verhält sich zögerlich, denn hierarchisch ist sie auf einer tiefen Stufe. Schliesslich überwindet sie sich und informiert den CFO. Dieser bittet den philippinischen Mitarbeiter in sein Büro und weist ihn an, zum Arzt zu gehen.
Kaum ist dieser weggegangen, setzen alle die Masken ab.
Am Abend teilt der philippinische Arbeitskollege telefonisch mit, dass er nur eine Erkältung hat.Was ist geschehen? Die kulturelle Erklärung
Japan ist tendenziell eine hierarchische und beziehungsorientierte Kultur. Zwischen Mitarbeitenden und den Vorgesetzten besteht eine grosse Abhängigkeit, in der Ungleichheiten akzeptiert sind. Jeder und jede hat seinen Platz. Mitarbeitende sprechen Vorgesetzte nur selten an und erwarten von diesen klare Anweisungen, was zu tun ist. Vorgesetzte verfügen über gewisse Privilegien – im Beispiel das Einzelbüro.
Deshalb zögert die japanische Arbeitskollegin zunächst, den CFO zu informieren. Auch die anderen sprechen den Arbeitskollegen deshalb nicht direkt an. Das liegt in ihrem Verständnis nicht an ihnen.
Indem die Mitarbeitenden die Gesichtsmaske aufsetzen, kommunizieren sie deutlich ihre Bedenken.
Das ist Ausdruck einer eher indirekten, impliziten und kontextuellen Kommunikation. Bei einem solchen Kommunikationsstil wird die gesamte Situation in den Kommunikationsverlauf miteinbezogen. Dazu braucht es kaum Worte. Der unmittelbare Kontext, das Hier und Jetzt, beeinflusst alle Aspekte von dem, was gesagt wird. Zum Kontext gehört die Atmosphäre der Situation, die jeweiligen Personen oder auch die Körpersprache. In Japan nennt man es «die Atmosphäre lesen.»
Hinzu kommt, dass Japan eine Beziehungsgesellschaft ist, d.h. die Beziehung im Vordergrund steht. Japaner sind Teil eines Beziehungsnetzes und weniger einzelne, unabhängige Individuum. Eigene Interessen werden denen der Gruppe untergeordnet. Etwas Negatives wie den Arbeitskollegen auf seine Krankheit anzusprechen, würde der Harmonie schaden, und zwar der der ganzen Gruppe.
Harmonie bedeutet für Japaner Ordnung, Übereinstimmung und Eintracht. Sie ist ein Zustand, in dem alles so ist, wie es sein soll, und schenkt Sicherheit und Halt. Daher machen die Mitarbeitenden weiter, als wäre nichts geschehen. Sie wahren das Gesicht bzw. vermeiden einen Gesichtsverlust. Die Praxis des Gesichtwahrens hat in Japan eine lange Tradition.
Ebenso ist es unüblich, im Büro zu sprechen. Japan ist eine «Listening-Kultur». Zuhören ist wichtiger als sprechen. Kommuniziert wird – wenn überhaupt - über E-Mail, auch wenn der Arbeitskollege oder die Arbeitskollegin gerade mal ein Pult entfernt ist.Einige Tipps zum Schluss
- Seien Sie sich den Hierarchien in Japan bewusst. Klären Sie vorgängig ab, wer welche Rolle und Hierarchie hat. Interagieren Sie auf gleicher hierarchischer Ebene.
- Hören Sie genau zu und achten Sie auf die nonverbalen Signale. Ziehen Sie den ganzen Kontext mit ein.
- Fragen Sie sich, was Ihnen jemand sagt. Versuchen Sie zwischen den Zeilen zu lesen und denken Sie in Optionen.
- Diskutieren Sie nicht alles aus. Das wird als unhöflich und respektlos angesehen.
- Versuchen Sie, das Gesicht zu wahren. Äussern Sie Kritik eher indirekt, wenn überhaupt. Drücken Sie nicht alles direkt aus.
- Bleiben Sie stets freundlich und gelassen, auch wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Gegenüber sei im Unrecht.
- Seien Sie geduldig und denken Sie langfristig.
Hätten Sie gerne eine Erklärung und Tipps zu einer Ihrer Arbeitssituationen? Melden Sie sich über <email-pii>
. Wir analysieren Ihre Situation gerne (selbstverständlich anonymisiert) in einem nächsten «Schau genau».