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Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert war eine Auseinandersetzung zwischen Militarismus und Pazifismus - und der Pazifismus hat gewonnen, nachdem Europaaus den Schrecken der zwei Weltkriege gelernt hat.
Das Buch «Kontinent der Gewalt» (im Original «Where have all the soldiers gone?») des US-amerikanischen Historikers James J. Sheehanist schon 2008 erschienen, zum Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ist es jedoch aktueller denn je. Sheehan, Geschichtsprofessor an der Stanford University und ehemaliger Präsident der American Historical Association ,erzählt die Geschichte Europas in den vergangenen hundert Jahren aus einer neuen Perspektive: Als Auseinandersetzung zwischen Militarismus und Pazifismus, bei welcher der Pazifismus schlussendlich obsiegte. Während Jahrhunderten war der Krieg der prägende Faktor, der jeden Aspekt des politischen und sozialen Lebens bestimmte. Auch wenn es vor und während dem Ersten Weltkrieg eine starke Friedensbewegung gab -der Mainstream der Öffentlichkeit sah den Krieg wenn nicht als heroischen Akt, dann zumindest als unausweichliche Notwendigkeit. Führende Köpfe wie der französische Sozialpsychologe Gustave LeBon, der deutsche Korpskommandant und Schriftsteller Friedrich von Bernhardi oder der englische General und Schriftsteller George Tomkyns Chesney sahen Krieg und militärische Disziplin als einziges Mittel gegen die Verderbnis der Moderne, gegen die moralische Schwäche der Nation, gegen den kulturellen Verfall der Gesellschaft.
Radikaler Wandel
Nach dem Schrecken der zwei Weltkriege begann Europa jedoch neu zu definieren, was einen Staat ausmacht. Nicht mehr die Fähigkeit, Krieg zu führen, war die zentrale Aufgabe des Staates, sondern das Wohlergehen der BürgerInnen. Militärbudgets schrumpften, ein Land nach dem andern schaffte die Wehr-pflicht ab. Der Beruf des Soldaten ist in den Köpfen der Menschen nicht mehr mit männlichem Heldentum und Prestige verknüpft, statt-dessen kämpfen die Armeen auch während Wirtschaftskrisen mit Rekrutierungsschwierigkeiten. Liest man heute die Pamphlete von LeBon, von Bernhardi oder Tomkyns Chesney, erscheinen sie als Artefakte aus längst vergangenen Zeiten, mit denen sich heute niemand mehr identifizieren kann. Selbst Zeiten raschen Wandels, wie während den Jugendunruhen um 1968, den demokratischen Transitionen in Portugal, Spanien und Griechenland in den 70er-Jahren oder dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts, verliefen erstaunlich friedlich. Diese radikale Transformation Westeuropas vom blutdurchtränkten Schlachtfeld zu einem Kontinent, in dem es völlig undenkbar geworden ist, dass die grossen Nationen gegeneinander Krieg führen, ist ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit kaum gewürdigt wird. Angesichts der Krise in der Ukraine schreibt Sheehan fast ein wenig prophetisch, dass sich an den Rändern Europas entscheiden wird, ob die heutige Generation das pazifistische Erbe der vergangenen 60 Jahre weiterführen wird, oder ob sie sich wieder von den Kriegstrommeln des militärisch-industriellen Komplexes verführen lassen wird.
Abgekoppelte Schweiz
Als Leser aus der Schweiz fällt einem bei der Lektüre von Sheehans Buch auf, wie abgekoppelt sich die Schweizer Sicherheitspolitik von der Realität im restlichen Europa entwickelt hat. Zwar hatte sich in der Schweiz nie ein solch militanter und aggressiver Militarismus wie im Rest des Kontinents durchgesetzt. Gleichzeitig blieb der blutige Lernprozess, durch den Europa sich vom Militarismus verabschiedet hat, der Schweiz -glücklicherweise - erspart. Auch wenn die Bedeutung der Armee in der Gesellschaft seit der Armeeabschaffungsinitiative 1989 massiv gesunken ist, blieb die Armee für viele Menschen hierzulande ein Bestandteil der nationalen Identität, wie die Abstimmung über die Wehr-pflicht letzten Herbst deutlich gezeigt hat. Vielleicht war die Gripenabstimmung ein Zeichen dafür, dass sich die SchweizerInnen wieder Rest Europas irgendwann von der militaristischen Folklore verabschieden könnten.