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Drei Vorläufer der Bestrebungen des Alpenclub vor 100 Jahren
( Karl Ulysses von Salis in Marschlins, Johann Rudolf Steinmüller und Hans Konrad Escher. )
Von
G. Meyer von Knonau ( Sektion Uto ).
Als im Jahre 18G3 unser Alpenclub seine erste Hauptversammlung hielt, eröffnete der damalige Zentralpräsident Dr. Simler die Verhandlungen mit einer Rede, in der er einen Rückblick auf frühere Bestrebungen, die lange Zeit unentdeckt gebliebenen Regionen der Hochalpen in das Licht zu ziehen, zu werfen suchte. Er sprach da von der ersten großen Tat von Saussure's, und danach gedachte er der beiden Rudolf Meyer von Aarau, des Vaters, dem die Schweiz die Anregung zu dem ersten großen Kartenwerke, des Topographen Weiß, verdankt, der aber ganz besonders auch in Engelberg den schlichten Zimmermann Müller entdeckte und danach durch ihn die meisterhaften Reliefs des Hochgebirges ausführen ließ, und des Sohnes, der durch seine Besteigung der Jungfrau sich seinen Namen schuf. Und weiter zeichnete er in großen Zügen die Leistungen der folgenden Jahrzehnte, eben bis zu dem Zeitpunkt, wo unsere Vereinigung in das Leben trat. Schon gleich in diesen Anfängen unserer Vereinigung wurde aber auch — die Anregung ging von Basel aus — dafür gesorgt, daß, wie in der erstmaligen Vereinschronik gesagt wurde, durch den Alpenclub weiteren Kreisen „ ein Bild seiner Bestre- Anm. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Sektion Uto am 15. und vor der Sektion Bachtel ( in Rapperswil ) am 17. Januar 1909.
bungen und Leistungen " geboten werde. Das ist nun seither in der langen Reihe unserer „ Jahrbücher1'geschehen.
AHein es ist wohl angebracht, darauf hinzuweisen, daß schon vor 100 Jahren in ähnlicher Weise ein gelungener Versuch in dieser Richtung gemacht worden ist.
Das geschah in der Veröffentlichung der Zeitschrift Alpina, die sich als „ Eine Schrift, der genauem Kenntniß der Alpen gewiedmet " bezeichnet. Sie erschien in vier Bänden in den Jahren 1806 bis 1809.
Wenn man die „ Vorerinnerung " vor dem ersten Bande vornimmt, in der die Herausgeber in elf aufgezählten Gegenständen ihre Absicht darlegen, so ergibt sich eine sehr vielseitige Beleuchtung dessen, was als wünschenswert für die Erlangung jener genaueren Kenntnis genannt wird. Erstlich richtet sich das Programm auf das eigentlich Geographische, Lauf und Lage der Hauptketten nebst ihren Verzweigungen. Weiter werden Beschreibungen noch wenig oder nicht bekannter Täler und Gegenden, ferner solche von erstmaligen Bergbesteigungen gewünscht, nebst Berichtigungen der bisherigen Höhenmessungen und Feststellung der geographischen Ortsbestimmung. „ Gemälde der Sitten, des Charakters und der Lebensart der verschiedenen Alpenbewohner " sind ein ferneres Postulat. Dann sind Beiträge zur Geologie, zur Mineralogie, zur Kenntnis des Tierreiches und der Botanik aufgeführt. Unter Hinweis auf in Genf von dortigen Gelehrten betriebene Studien sind Beobachtungen in der Physik für die Alpen hervorgehoben, und in allen diesen Bereichen möchte die „ Alpina " auffallende Irrtümer in den bisherigen Beschreibungen der Alpen berichtigen. Endlich können Anzeigen neu erschienener Schriften und Karten die Leser interessieren, und für kleine Nachrichten soll eine Rubrik der „ Miszellen " aufgeschlossen werden.
Vergleicht man nun dieses Programm mit den Abschnitten, die unser „ Jahrbuch " aufweist, so zeigt sich eine erfreuliche Übereinstimmung dessen, was vor einem Jahrhundert als wissenswert erachtet wurde, und was heute unsern Lesern geboten wird. Allerdings fällt, was heute den Hauptraum einnimmt, damals noch auf einen schmäleren Bereich; denn von den zahlreichen Besteigungen und „ Fahrten " der Gegenwart war zu jener Zeit noch lange keine Rede. Aber doch schon in jenem ersten, durch Abraham Roth ausgezeichnet redigierten „ Jahrbuch ", das durch die genannte Präsidialrede eröffnet wurde, behandelten die zumeist von den sachkundigsten Verfassern — Rütimeyer, Denzler, Desor, Friedrich von Tschudi, Coaz, Sczadrowsky — gespendeten „ Aufsätze " mehrfach gerade die von der „ Alpina " gewünschten Themata, Bevölkerung der Alpen und topographische Vermessungen, erratische Blöcke und Alpwirtschaft, die Alpenwälder und den nationalen Gesang der Alpenbewohner, und zuletzt kam noch, von Hans AVieland, die köstliche Ausführung:
„ Aufgaben für die kleineren Leute unter den Alpenclubisten ". Ebenso fehlte es schon da nicht an zahlreichen Belehrungen in den angehängten „ kleineren Mitteilungen ".
Als die Unternehmer und Herausgeber der Alpina nennen sich ein Angehöriger der Herrengeschlechter von Graubünden und ein Pfarrer im Kanton St. Gallen.
Der erste ist Karl Ulysses von Salis, der 1760 auf dem Schloß Marschlins geboren war. Sein Vater hatte als ein angesehener Politiker in den letzten Jahren des XVIII. Jahrhunderts in den damaligen Wirren schwere Schicksale zu erleiden. Aus seinem Heimatlande verbannt, wurde er von den Anhängern der französischen Revolution auch an seinen. Zufluchtsorten verfolgt, und 1800 starb er in Wien, als er die Auswechslung der nach Österreich deportierten Patrioten, also von Persönlichkeiten der ihm gegnerischen Partei, bei dem Kaiser befürworten wollte. Der Sohn hatte an jenem Philanthropin, das in seinem väterlichen Schlosse eine Zeit der Blüte erlebt hatte, seine Bildung empfangen und nachher neben dem Rechtsstudium mit Eifer den Naturwissenschaften sich zugewandt. Als Frucht eines Aufenthaltes im Königreich beider Sizilien ließ Salis inhaltsreiche Schriften, die eine gute vielseitige Beobachtungsgabe verrieten, erscheinen, „ Beiträge zur natürlichen und öconomischeni Kenntniß ", mit einer interessanten Beschreibung des großen Erdbebens, das wenige Jahre zuvor Sizilien und Kalabrien heimgesucht hatte, und weiter „ Reisen in verschiedene Provinzen des Königreichs Neapel ". In eigentümlicher Weise kam er nachher dazu, auch „ Streifereien durch den französischen Jura während den Jahren 1799 und 1800 " zu verfassen. Er war nämlich im Frühjahr 1799 auf den Befehl Massenas nach Frankreich deportiert und hier bis in die zweite Hälfte des Jahres 1800 festgehalten worden. Es war ihm erlaubt, von seinem Haftorte Salins aus Ausflüge zu unternehmen, und so erlangte er eine gute Kenntnis der Naturgeschichte, der Landwirtschaft, besonders auch der ertragreichen Salzwerke, aber auch historischer Vorgänge im Jura-Departement. Nach der Herstellung der Ruhe in Graubünden diente Salis dem Staate, betätigte sich aber weiter als praktischer Landwirt und trat literarisch in den von ihm beherrschten Gebieten vielfach hervor. Eben aus seiner Anknüpfung mit dem auf ähnlichen Gebieten fleißig arbeitenden Pfarrer erwuchs der Plan der „ Alpina ", und mit diesem und mit weiteren Mitarbeitern gab er die erwähnten vier Bände heraus. Als dann die Zeitschrift sich nicht mehr weiter fortsetzen ließ, gab er seine Abhandlungen an andere Orte, so besonders in den von der graubündnerischen ökonomischen Gesellschaft herausgegebenen „ Neuen Sammler ". Noch bis in seine letzten Lebenswochen — Salis starb im Jahre 1818 — setzte er seine fleißige Arbeit fort und widmete sich da noch besonders historischen Studien.
Der Geistliche, der sich mit Salis verbunden hatte, Johann Rudolf Steinmüller, war 13 Jahre jünger als der Schloßherr von Marschlins. Der Sohn eines sehr geachteten und tüchtigen Lehrers in Glarus, trat der junge Theologe schon sehr frühe in die Besorgung von Gemeinden, zuerst in Mühlehorn und darauf in Kerenzen. Da blieb er bis in das Jahr 1799, wo er einem Rufe nach Gais folgte; 1805 aber nahm er die Pfarrstelle in Eheinegg an, wo er dann bis zu seinem Tode, 1835, in angesehener Stellung blieb. In den letzten Jahren seines Lebens stand er als Antistes an der Spitze der reformierten Geistlichkeit des Kantons St. Gallen. Neben seiner Wirksamkeit als Theologe war er auf zwei Gebieten vorzüglich tätig. Das eine war das Erziehungswesen, wie er denn schon in jungen Jahren ein methodisches Lehrbuch herausgab. In seiner ausgezeichnet praktischen Weise richtete er zuerst in Gais und nachher in Rheinegg für angehende Landschullehrer Schulmeisterkurse ein und gab da zahlreichen jungen Männern in der Zeit weniger Monate eine vortreffliche und dankbar anerkannte Anleitung für ihr ganzes Leben. So war er in dem neu gebildeten Kanton St. Gallen eine hauptsächliche Autorität im Erziehungswesen und arbeitete auch mit ähnlich gearteten katholischen Amtsgenossen gut zusammen. Einmal freilich kam Steinmüller auf diesem Felde in eine heftige literarische Fehde, da er den Mut hatte, gegen Pestalozzi, als dieser ein berühmter Mann zu werden anfing, und gegen dessen Experimente sich zu erklären, nicht zum geringsten deswegen, weil ihn die Unfehlbarkeit, die die neue Richtung für sich in Anspruch nahm, ärgerte. In ganz vorzüglicher Weise sind die beiden Pädagogen einander entgegengestellt worden: „ Pestalozzi ungeregelt, schwärmerisch, idealistisch, von unendlicher Tiefe und Reinheit des Gemüts; Steinmüller ein Mann der Ordnung, praktisch, verständig, berechnend — jener erfüllt von der weltbewegenden Bedeutung seiner genialen Erziehungs- und Unterrichtsideen, ohne doch mit seinen Gehülfen zu wahrhaft freier und harmonischer Verwertung derselben durchzudringen; dieser ein durchaus nüchterner Kenner des alltäglichen Lebens und ein erklärter Feind der Phrase, dabei nicht völlig gefeit vor jener menschlichen Regung, die bisweilen auch einen wackeren Mann angesichts der größeren äußeren Erfolge eines auf gleichem Gebiete Arbeitenden beschleichen kann1 ). " Doch neben diesen pädagogischen Fragen war Steinmüller ein großer Freund der Natur und ein aufmerk- samer Beobachter der Erscheinungen, die ihn, besonders in seiner Bergheimat, umgaben. Er kannte insbesondere in ausgezeichneter Weise die Vogelwelt; ebenso sammelte er Mineralien; er war ein erfahrener Kenner der Alpen- und der Landwirtschaft. Eben auf diese Weise war er auch mit Salis in Verbindung gekommen. Dieser lud ihn 1803 nach Marschlins ein, wo nun Steinmüller aus alten Manuskripten naturgeschichtlichen Inhaltes Auszüge machen wollte. Da erwuchs dann aus der Berührung der beiden Männer der Plan der „ Alpina ".
Gleich der erste Band der Zeitschrift zeigt das erfreuliche Zusammenwirken der beiden Herausgeber. Salis stellt hier in einem „ Versuch " eine Übersicht der besten literarischen Hülfsmittel zur bisherigen Kenntnis der Alpen voran und verzeichnet in sehr fleißiger Weise die in Betracht fallende Literatur, und danach läßt er eine kurze Schilderung der Landschaft Davos folgen. Bemerkenswert ist auch, was er am Ende des Bandes in einer Anmerkung zu einem aus Tirol empfangenen Briefe über eine Reise aussagt: es ist da vom Ortler die Rede, und aus der Aussage des Bündners geht hervor, daß dieser „ so auffallende Gigant unter den Bergen ", in dessen Umgebung nicht weniger Entdeckungen als um den Mont Blanc zu machen seien, noch erstaunlich wenig bekannt war. Steinmüller dagegen gab, als Proben eines beabsichtigten vollständigen Werkes, Beschreibungen einiger Säugetiere und Vögel, die ebensosehr eine gründliche Kenntnis der Literatur, als eigene genaue Umsicht, ganz vorzüglich auch in der Alpenviehwirtschaft, beweisen.
So ging es in den folgenden Bänden weiter.
Von Salis kommen „ Fragmente zur Entomologie der Alpen ", dann eine gedrängte Beschreibung der rätischen Gebirge, mit angehängten 129 Pässen, Wegen und Bergpfaden, weiterhin „ Beiträge zur Untersuchung der Überbleibsel erloschener Vulkane innert dem Gebiete der Alpen " zum Abdruck. Besonders aber wendet er sich auch italienischen Veröffentlichungen zu und sucht durch Übersetzungen und Auszüge deren Inhalt seinen Lesern näher zu bringen. So ist aus einer Untersuchung eines Professors in Pavia ein Versuch über den Winterschlaf der Tiere mitgeteilt; aus der Schrift eines Welschtirolers Maffei werden historische und topographische Notizen über dortige Gegenden geboten. Außerdem gehen jedenfalls zahlreiche literarische Notizen und Miszellen, die aber keine Unterschrift zeigen, auf Salis zurück, weil sie sich zumeist auf rätische Gegenden beziehen. Von Steinmüller steht im zweiten Bande eine sehr instruktive Studie über die Gemsenjagd in der Schweiz, wobei besonders auch die Gefahren und Widerwärtigkeiten, die bei der „ leidenschaftlichen Hitze der Jäger " eintreten müssen, zur Darstellung gebracht werden; in einem Anhang sind noch die ergreifenden Schicksale dreier berühmter Glarner Gemsjäger, die bei der Jagd ihren Tod fanden, vor- geführt. Später noch folgt die Schilderung des naturgeschichtlichen Museums in Bern, nach der vom dortigen Professor Meisner herausgegebenen Beschreibung, und dabei tritt Steinmüller besonders auf die Steinböcke und zwei Gattungen von in den Alpen hausenden Krähen ein. Aber die Herausgeber bemühten sich, auch von andern Seiten Beiträge zu gewinnen. Ein bei Salis als Hauslehrer wirkender Magister, Rösch, ist mehrfach vertreten, mit geologischen, entomologischen Arbeiten. Der St. Galler Hartmann, der Waadtländer Gaudin, der Berner Grüner beteiligten sich. Aus Baiern kamen Briefe mineralogischen Inhaltes von einem Bergkundigen. Auch eine in Deutschland schon gedruckte Abhandlung von Leopold von Buch glaubte die Redaktion abdrucken zu dürfen.
Außerdem ist jedoch ein hervorragender Zeitgenosse aus der Schweiz, dadurch daß er mit Steinmüller einen lebhaften Briefwechsel begonnen hatte, ein höchst schätzenswerter Mitarbeiter an der „ Alpina " geworden.
Im Jahre 1796 schickte Steinmüller aus seiner Sammlung Mineralien nach Zürich und richtete an Dr. Paul Usteri die Bitte, er möchte sie seinem Freunde Hans Konrad Escher vorlegen, damit derselbe sie bestimme. Daraus erwuchs ein Austausch, der zur Kenntnis der Persönlichkeit Steinmüllers den besten Schlüssel darbietet, daneben aber auch in der erwünschtesten Weise den ausgezeichneten Mann hervortreten läßt, der seine Briefe an Steinmüller richtete. Die Vielseitigkeit Eschers stellt sich in einer Weise, die auch hier wieder für den edeln Mann warme Sympathie erwecken muß, deutlich heraus, und es ist ein Verdienst des historischen Vereins in St. Gallen gewesen, daß er 1889 diesen Briefwechsel durch Dr. Johannes Dierauer, der mit liebevoller Teilnahme an dem ihm übergebenen Stoff die Ausgabe besorgte, veröffentlichen ließ. Die Briefe reichen von 1796 bis 1821, also bis nahe an den Tod Eschers, und schon 1798 tritt in ihnen an die Stelle der höflichen Anrede das trauliche Du, das der um sechs Jahre ältere Zürcher Steinmüller angeboten hatte.
Der Anfang der Korrespondenz fiel in die wildbewegte Zeit am Übergang vom XVIII. in das XIX. Jahrhundert, und so ist es ganz begreiflich, daß die politischen Ereignisse jener Jahre der Revolution, der Hereinziehung der Schweiz in den Krieg von 1799, der noch weiter folgenden Verfassungswirren einen breiten Raum in den Briefen einnehmen. Escher selbst war ja mehrmals an den Ereignissen, wenn auch immer in der seiner ganzen Natur entsprechenden maßvollen Weise, beteiligt, und stets wieder sehnte er sich aus dem politischen Leben hinweg: „ All das Spectakel bestärkt mich nur in meinem Vorsatze, nie mehr zu ministemschrieb er einmal —: „ Also es leben die Steine !" Aber auch Steinmüller war aus nächster Nähe in diese Dinge hineingezogen. Die Stätte seines Wirkens Kerenzen — so, und niemals, wie heute die Bezeichnung lautet, Obstalden, nennt der Pfarrer immer sein Dorf — lag mitten im Kriegsschauplatz des Jahres 1799, und er pries sich glücklich, noch vor den schlimmsten Ereignissen nach Gais versetzt worden zu sein, obwohl doch schon vor seinem Weggang sechs, zehn bis auf achtzehn Offiziere bei ihm im Pfarrhaus verpflegt werden mußten. Als er dann 1800 sein Vaterland Glarus wieder besuchte, mußte er ein trauriges Bild der Verwüstung und Aussaugung dem Freunde entwerfen. Aber auch in dem durch die helvetische Verfassung neu gestalteten Kanton Säntis fand er als Pfarrer von Gais wilde Parteiung, so daß er einmal schrieb, es freue ihn immer mehr, daß ihn sein Studium der unvernünftigen Tiere den Unsinn der vernünftig sein sollenden Menschen vergessen mache. Ebenso war er als Pfarrer von Rheinegg nach dem Umsturz der Mediationseinrichtungen, aus denen heraus ein Kanton St. Gallen nach dem Willen des allmächtigen „ Vermittlers " erst entstanden war, wieder ein Zuschauer jener Wirren, die 1814 diesen neu geschaffenen Kanton St. Gallen zu zerreißen drohten; freilich war er da zeitweise nicht völlig mit seinem Zürcher Korrespondenten in Übereinstimmung, weil Escher vielmehr als außerordentlicher Bevollmächtigter der Tagsatzung dafür zu wirken hatte, daß die Ablösung der trennungslustigen Bezirke vom Gebiete des Kantons verhütet werde1 ).
Das größte Lebenswerk Eschers, das ihm den Ehrennamen eintrug, unter dem er in unserer Geschichte unvergeßlich bleibt, das Linthwerk, fesselte selbstverständlich gleichfalls ganz vorzüglich Steinmüllers Teilnahme, schon aus dem einfachen Grunde, da sich dasselbe in der Nähe der Stätte vollzog, an der er gewirkt hatte; auch er selbst hatte unter den furchtbaren Folgen der Versumpfung gelitten, da 1798 bis auf seinen Kerenzerberg hinauf ihn und mehr als 30 seiner Pfarrkinder das durch den ausgetretenen Walensee erzeugte Fieber ergriffen hatte. Als dann die Angelegenheit der Regelung des Flußlaufes und der Entsumpfung der so schwer heimgesuchten Gegenden eine bestimmtere Form annahm und Escher sich bereit erklärte, dem Rufe für das große Werk Folge zu leisten, da schrieb er an Steinmüller, er sei, wenn man ihn mit der Sache betraue, gerne bereit, die Mineralogie für einige Zeit der Hydrotechnik aufzuopfern, und 1808 meldet er in seinem Neujahrsgruß, daß er nun seine Stellen in Zürich abgegeben habe, die ihn hinsichtlich seiner Arbeit an der Linth hinderten: „ Denn diese geht mir allem vor ". Es ist zu bedauern, daß gerade in diesen späteren Jahren, wo Escher in hochherziger Weise sein ganzes Leben diesem Werke widmete und ihm seine Gesundheit opferte, die Briefe seltener werden. Bemerkenswert ist daneben, daß auch schon die Korrektion des Rheinlaufes als Thema zwischen den Freunden auftaucht, wie das ja für den Pfarrer von Rheinegg nahe genug lag. Escher schrieb ihm: „ Über den Rhein wird man sich wohl einige Jahre herumzanken; am Ende wird dann auch da der Verstand obsiegen und Sicherheit verschaffen. Aber auch da muß man aufs Ganze sehen und die einzelnen Gemeinden sich diesem anschließen ". Daß diese letzte Bemerkung nur allzu richtig war, konnte Steinmüller am allerbesten wissen; denn nach einer Überschwemmung hatte er im Rheintal beobachten können, daß durch Arbeiten ohne alle Sachkunde und höhere Leitung an den Dämmen geradezu die Katastrophe noch gefördert worden war. Er schloß da: „ Es wird sich zeigen, ob wiederholte Not verständiger macht. In ein- oder zweihundert Jahren kommt doch auch eine Rheinkorrektion zustande ".
Auch die pädagogischen Bestrebungen Steinmüllers interessierten Escher auf das lebhafteste. Er freute sich über die guten Erfolge des Freundes in seinen Lehrkursen, und das geschah noch um so mehr, da Escher dem zürcherischen Erziehungsrat angehörte. Freilich billigte er Steinmüllers allzu scharfen Angriff auf Pestalozzi, zumal, wo er gegen auffallende Sonderbarkeiten der Persönlichkeit Pestalozzis sich richtete, nicht, und mit Recht bezeichnet Dierauer den Brief Eschers vom 26. Oktober 1803 als eine „ klassische " Äußerung, da hier das Gute und An-erkennenswerte in Steinmüllers Schrift hervorgehoben, dagegen auch, was trotz äußerer Schlacken an Pestalozzi rein und groß war, gegen unfreundliche Verkleinerung in Schutz genommen worden sei. Mit Recht ist es als eine Hauptprobe der Freundschaft der beiden Männer anzusehen, daß diese offene Kritik Eschers ihre Berührungen nicht störte.
Allein einen Hauptraum in allen Briefen nehmen doch stets die auf die Naturforschung sich beziehenden Fragen ein. Hier bekannte sich Steinmüller fast durchaus als der Empfangende, der dann etwa durch Sendung eines Stücks fetter Gemse aus Glarus nach Zürich seine Dankbarkeit zu bezeugen suchte. Aber immer wieder werden auch gefundene Mineralien nach Zürich geschickt, wo sich dann Steinmüller „ die Taufzettel " von Escher erbittet. Doch zuweilen bereichert ebenso der Pfarrer Eschers Sammlung in nachhaltiger Weise, und dieser bezeichnete den ihm zugeschickten schönen Fischabdruck in Schiefer als „ ein wahres Kabinetstück ". Allerdings am meisten richtete Steinmüller sein Augenmerk stets auf die Vögel, und oft berichtete er, wie es ihm gelungen sei, ein rares Stück zu schießen. In Kerenzen freute er sich über „ das stolze Weibchen vom Lämmergeier ", das auf den Bergen von Amden gefunden worden war, und am Rhein ging er später sehr gerne den Zug- und Strichvögeln nach, die da ihren Weg nahmen. In seinem Pfarrhaus hatte er vollends eine kleine Menagerie: „ In meiner Studierstube habe ich eine Menge lebender Stubenvögel, im Stall zwei lebende Hasen, oben im Hause eine Kiste voll Meerschweinchen, und bei meinen Eltern in Glarus habe ich zwei lebende, nun eingeschlafene Murmeltiere ". Daß der Pfarrer endlich von seinen physikalischen Kenntnissen in seiner erfahrenen Weise sogar auf der Kanzel Gebrauch machte, beweist seine Mitteilung von einer „ Donner- und Blitzpredigt ": diese habe gewirkt, so daß Escher bei seinem nächsten Besuch in Gais auf der Kirche, dem Pfarrhaus und etwa acht andern Häusern im Dorfe Blitzableiter finden werde.
Ein sehr begreiflicher Wunsch der beiden Freunde war es nämlich, sich zu besuchen, und noch lieber, gemeinsame Reisen zu unternehmen, um da ihre Beobachtungen anstellen, ihre Sammlungen bereichern zu können, und immer wieder werden in den Briefen Vorschläge in dieser Richtung gemacht und Pläne entworfen. Aber nur die wenigsten Projekte konnten durchgeführt werden, da die geistlichen Verpflichtungen Steinmüllers, politische und anderweitige Abhaltungen Eschers oder Erkrankungen dazwischen traten. Einmal, 1803, gelang eine Reise auf den Napf, und da wurde der durch sein schweizerdeutsches Idiotikon verdiente Dialektforscher Pfarrer Stalder in Escholzmatt besucht, dem Steinmüller, der auch auf Idiotismen aufmerksam war, Beiträge schickte. Wenn nun Escher die meisten Reisen, die er gemeinsam antreten wollte, allein ausführen mußte, so sandte er darüber um so eingehendere Berichte. So urteilte er 1805 recht ungünstig über die Anlage der eben gebauten Straße über den Simplon, „ ein Meisterstück der Kunst ": „ Aber die Naturkenntniß der Alpen ist dabei unbenutzt geblieben; Schnee-lauwinen, Schuttkegel, Steinstürze, ein Gletscher und die Gebirgsbäche werden ihr so zusetzen, daß, wenn nicht jährlich 100,000 Franken auf ihre Herstellung verwendet werden, sie innert zehn Jahren unbrauchbar sein wird ". In den längsten Tagen des Jahres 1804 hatte dagegen Escher einen Besuch in Gais gemacht, und da ist es in unserer eisen-bahnverwöhnten Zeit bemerkenswert, daß er berichten konnte, er sei, sogar bei Wind und Wetter, an dem einen Tage von Gais über Schmerikon und Stäfa bis nach Küßnach „ spaziert ": „ Hätte ich mich nicht im Steinbruch versäumt, so wäre ich ganz behaglich noch auf Zürich vorgedrungen — ergo ist Gais nur eine Tagereise von Zürich entfernt ".
Daß nun Steinmüller mit dem Inslebentreten der „ Alpina " den Freund als Mitarbeiter alsbald zu gewinnen suchte, versteht sich von selbst.
Schon gleich im ersten Bande stehen mehrere sehr bemerkenswerte Beiträge Eschers. Er wendet sich gegen Bemerkungen von Humboldts über das Streichen und Fallen der Felsenschichten in den Alpen, und dabei bezieht er sich ganz besonders auf seine Beobachtungen am St. Gotthard, Fragen, die nachher im zweiten Bande, in „ Briefen aus Helvetien " über eine Profilreise von Zürich bis an den St. Gotthard, noch weiter ausgeführt wurden. Dann folgte eine geognostische Übersicht der Alpen in Helvetien, und auch in die Literaturübersichten wurde ein Beitrag gegeben. Im dritten Bande steht unter dem Titel: „ Auszüge aus den Bemerkungen eines schweitzerschen Wanderers über einige der weniger bekannten Gegenden der Alpen " eine anmutige Reisebeschreibung, über den von Wasen über den Sustenpaß gewählten Weg. Sehr bezeichnend für die wissenschaftliche Vorsicht, mit der Escher vorging, ist im vierten Bande seine Entgegnung gegen ein Werk des von ihm sonst sehr geschätzten Dr. Ebel, der nach seiner Ansicht allzu phantasiereich 1808 über den Bau der Erde im Alpengebirge sich ausgesprochen hatte. Diese Abhandlung wurde in Schännis geschrieben, wo Escher neben all seiner aufreibenden Arbeit für das Linthwerk auch noch hiefür Zeit fand. Er meldete damals an Steinmüller: „ Die Wissenschaften schlafen; doch schreibe ich eine lange lange Recension über Ebel's Erdbau für Deine „ Alpina ". Und Wissenschaft, gerade die wahre, erhalte ich bei meinem Herumtreiben mit Geschieben, Menschen, Wasserfluten, Faschinen-wuhren und Fröschteichen. So soll das Ding fortgehen, so lange das Lämpchen glüht ".
Längere Zeit, nachdem die erste „ Alpina " zu erscheinen aufgehört hatte, kam es, im Jahre 1821, zum Erscheinen einer „ Neuen Alpina ", der 1827 noch ein zweiter Band folgte. Salis war da schon längere Zeit tot, so daß also Steinmüller allein nunmehr die ganze Verantwortung trug. Er selbst hat auch hier wieder Beiträge geliefert, die er abermals gerne mitten aus dem Leben schöpfte, so über Tierärzte, über Viehkrankheiten und über Schlangenbisse, und ebenso interessierte er sich noch fortwährend für Fragen der Alpenwirtschaft. Seine fortgesetzten Studien auf dem Gebiete der Ornithologie und Zoologie finden sich ebenfalls vielfach bezeugt; dazu kommt noch ein Aufsatz über Fische und Fischerei im Walensee und in der Linth. Besonders jedoch sind sehr interessante Beobachtungen, selbstgemachte und in Erfahrung gebrachte, zur Geschichte des weißen Storchs hier aufgenommen. Steinmüller empfing für diese Fortsetzung vorzüglich aus St. Gallen, aber auch aus Graubünden Beiträge, und ein Schwiegersohn Eschers, Hirzel, gab das Tagebuch einer Reise über sechs Gebirgspässe in der Umgebung des Monte Rosa.
Aber ebenso kam von Escher selbst, der allerdings nur noch die Ausgabe des ersten Bandes erlebte, als Beitrag eine Vorlesung über freiliegende Felsblöcke in der Nähe der Alpen, gegründet auf Studien, die der Forscher schon längst den alpinen Findlingen zugewandt hatte. Doch auch sonst noch finden sich in der Korrespondenz Zeugnisse, daß Escher dieser Fortsetzung die gleiche Teilnahme schenkte, wie früher der ersten „ Alpina ". Zwar meinte er einmal, sich gegen zu starke Anforderungen des Freundes an seine Mitwirkung wehren zu müssen: „ Dieß ist der Nachtheil der Zeitschriften. Die Herren Herausgeber machen überall hin Jagd und schießen ausgewachsenes und unaus-gewachsenes Wild; daher dann die Tafeln nicht immer gut besetzt sind ". Aber auch eine Neckerei hatte Escher kurz vorher in einen Brief eingeschoben, um den Freund davor zu warnen, das Programm seiner Zeitschrift allzuweit auszudehnen: „ Schon hörte ich, daß eine Beschreibung des hier verreckten Kasuars auch in die „ Alpina " kommt. Nimm Dich in Acht, nicht universal und dadurch gemein zu werden; denn mit gleichem Recht kannst Du auch den in Genf durch die neue eidgenössische Artillerie todt geschossenen Elephanten aufnehmen ". Doch gleich nachher erteilt er wieder die besten Versprechungen. Im Augenblick vermag er den gewünschten Beitrag noch nicht zu liefern: „ In wenigen Jahren, so Gott Kraft dazu schenkt, hoffe ich ein nicht übles Bild liefern zu können ".
So ist uns in Escher von der Linth, dem ja auch unsere Festversammlung in Zürich 1871, in Oswald Heers Vortrag über Escher als Gebirgsforscher, das Haupttraktandum widmete, ein dritter Vorläufer unserer Bestrebungen entgegengetreten.