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Der Taxifahrer Kalasch, kurz für Kalaschnikow, scheint all das zu sein, was der junge Harvard-Student nicht ist. Und doch freunden sie sich an - denn sie beide sind auf der Suche, befinden sich in einem Schwebezustand, fühlen sich heimatlos. Doch während sie ihre Kaffees trinken, französischer Musik lauschen, mit dem Taxi die Stadt durchkreuzen und reihenweise Frauen verführen, vergessen sie fast, dass sich bedrohlich der Herbst nähert: Der Student wird sein Studium wieder aufnehmen, und Kalaschs Visum wird auslaufen. Welchen Weg wählen die beiden? Und was bedeutet das für ihre Freundschaft?
André Aciman
– Mein Sommer mit Kalaschnikow
Roman
Original: Harvard Square
Aus dem Amerikanischen von
Verena Kilchling
Hardcover
Format: 13,5 x 18,9 cm , 336 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5687-9
22,90 EUR
André Aciman
– Mein Sommer mit Kalaschnikow
Roman
Original: Harvard Square
Aus dem Amerikanischen von
Verena Kilchling
eBook
336 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9264-8
18,99 EUR
1
Cambridge war eine Wüste. Es war einer der heißesten Sommer, die ich je erlebt hatte. Tagsüber hielt man sich nur im Schatten auf, nachts konnte man nicht schlafen. Es war Ende Juli, und alle meine Freunde aus der Uni waren verreist. Mein ehemaliger Zimmergenosse Frank unterrichtete Italienisch in Florenz, Claude war in Frankreich, um im Beratungsunternehmen seines Vaters zu jobben, und Nora weilte in Österreich, um in einem Intensivkurs Deutsch zu lernen. Nora ließ sich in ihren Briefen über Frank aus, während Frank über Nora herzog. Er verliert schon jetzt alle seine Haare, dabei ist er noch nicht mal fünfundzwanzig. Sie sei eine zappelige, geschwätzige Nervensäge, schrieb er, die sich lieber einen Job in einer Imbissbude suchen sollte, statt zu studieren. Ich bemühte mich um eine unparteiische Haltung und ertappte mich dabei, dass ich die beiden um ihre Liebe beneidete und gleichzeitig Angst vor deren Ende hatte, manchmal mehr als Frank und Nora selbst. Er zitierte in seinen Briefen an mich Leopardi, sie Donna Summer; beide fingen im Ausland flüchtige Liebschaften an.
Selbst die Kommilitonen, die zunächst in Cambridge geblieben waren, um an der Summer School zu unterrichten, waren inzwischen aufgebrochen. Postkarten aus Paris, Berlin, Bologna, Sirmione und Taormina trudelten ein, sogar aus Prag und Budapest. Einer meiner Studienfreunde reiste auf der Petrarca-Route von Arquà in die Provence und schrieb, er wolle zusammen mit anderen Mediävisten den Mont Ventoux besteigen, genau wie Petrarca es einst getan habe. Für das nächste Jahr, fügte er auf der Postkarte in seiner knauserigen, winzigen Schrift hinzu, plane er eine Besteigung des Mount Snowdon in Wales; ich solle mitkommen, da ich doch Wordsworth so liebe. Ein weiterer Freund, ein frommer Katholik, hatte eine Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela angetreten. Die beiden wollten sich am Ende ihrer jeweiligen Touren in Paris treffen und im selben Flieger zurückreisen, bevor im Herbst das neue Semester anfing. Ich vermisste meine Freunde, selbst die, die ich eigentlich nicht besonders mochte. Aber ich schuldete fast allen Geld und war daher ganz froh über die verlängerte Gnadenfrist, die mir ihre Abwesenheit gewährte.
Die Schüler der Summer School waren wieder abgereist, genau wie die ausländischen Studenten, die jeden Sommer nach Harvard strömten, um hier Seminare zu besuchen. Lowell House stand leer, sein Tor war mit Vorhängeschloss und Kette gesichert. Manchmal genügte mir schon der Gedanke, dort vorbeizugehen und flankiert von Säulen im Haupthof zu stehen, um die Illusion von Europa zu erzeugen. Ich hätte am Fenster klopfen und Tony, den Pförtner, bitten können, das Tor für mich zu öffnen, unter dem Vorwand, in mein Büro zu müssen. Doch ich wusste, dass mein Aufenthalt dort nicht mehr als ein oder zwei Minuten gedauert hätte, und dafür wollte ich ihn nicht stören.
Es war ein völlig verändertes Cambridge.
Wie jedes Jahr im Hochsommer, wenn die Studenten und ein Großteil der Professoren und Dozenten weg waren, schlüpfte der Ort in eine andere Rolle, dann herrschte hier die gemächliche Atmosphäre einer kleinen Arbeiterstadt. Das Tempo ließ nach, der Herrenfriseur stand auch mal vor seinem Laden, um eine Zigarette zu rauchen, die Verkäufer des Coop hielten ein Schwätzchen, und die Kellnerin des Café Anjoschka war unschlüssig, ob sie die Glastür nach draußen offen lassen sollte oder ob es Zeit war, die ratternde Klimaanlage einzuschalten.
Ich blieb den ganzen Sommer über in der Stadt und jobbte sporadisch und zu einem kümmerlichen Stundenlohn in einer der Uni-Bibliotheken. Um finanziell über die Runden zu kommen, gab ich zusätzlich Nachhilfe in Französisch. Das meiste Geld ging für die Miete drauf. Weitere Prioritäten waren: Essen, Zigaretten und wann immer möglich ein Drink. Am Ende jeden Monats, wenn mir das Geld ausgegangen war, zog ich Hemd, Jackett und Krawatte an und ging zum Mittagessen in den Faculty Club, wo ich inmitten altehrwürdiger Professoren und Honoratioren auf Kredit aß. Wegen der nicht bestandenen Abschlussprüfungen im Januar blieb mir jetzt nur noch eine Chance, sie zu wiederholen. Um mich auf meinen zweiten Versuch, der für Anfang nächsten Jahres festgesetzt war, vorzubereiten, schleppte ich überall Bücher mit mir herum. Ich hatte das quälende Gefühl, dass mein Studium immer länger und länger andauern würde, ohne Ende in Sicht, bis ich unversehens dreißig, dann vierzig werden und schließlich sterben würde. Oder ich würde auch beim zweiten Mal durch die Prüfungen fallen, und die Uni würde Gewissheit über das erlangen, was sie vermutlich längst geahnt hatte: dass ich ein Betrüger war, dass ich nicht zum Lehrer geschaffen war und schon gar nicht zum Wissenschaftler, dass ich von Anfang an eine schlechte Investition gewesen war, das schwarze Schaf, der faule Apfel, der Taugenichts, dass ich Bekanntheit als Hochstapler erlangen würde, der sich in Harvard eingeschlichen hatte und dem man gerade noch rechtzeitig auf die Schliche gekommen war. In den vergangenen vier Jahren hatte ich nichts anderes getan, als mich hinter meinen Büchern zu verkriechen und mich vor der erbarmungslosen Welt zu verstecken, die vor den schützenden Mauern Harvards lauerte, während ich gleichzeitig eben jene Mauern hasste. Ich hasste beinahe jedes Mitglied meiner Fakultät, vom Dekan bis zur Sekretärin, meine Kommilitonen eingeschlossen. Ich hasste ihre Wohlerzogenheit und Frömmigkeit, ihre mönchische Hingabe an ihren zukünftigen Beruf, ihr anbiederndes, vornehmes Getue, ihr schickes Äußeres, das bewusst immer eine Spur verwahrlost wirkte. Ich verachtete sie, weil ich nicht so sein wollte wie sie, und ich wollte nicht sein wie sie, weil ich wusste, dass ich mir eigentlich nichts sehnlicher wünschte, es aber gar nicht konnte.
Wenn ich nicht in der Bibliothek arbeitete, stieg ich zum Sonnenbaden auf die Dachterrasse meines Wohngebäudes in der Concord Avenue, ausgerüstet mit Klappstuhl, Badehose, Zigaretten, Büchern und einem Tom Collins. Diesen Drink – ich verdünnte ihn ...
Deutschlandradio
»Ein beeindruckender gesellschafts- und kulturkritischer Roman über die Selbstsuche und Selbstfindung mit feiner Ironie.«
WDR1
»Sehr gut gemacht, kluges Buch, tiefgründig, mitreißend und dabei wirklich unterhaltsam.«