Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/1644

Definition eines “klassischen” Ordonnanzgewehres
Ein klassiches Ordonnanzgewehr in unserem Sinne ist eine militärisch genutzte Repetierbüchse oder ein früher Selbstlader, die in Ihrer Form erhalten geblieben sind. Wir grenzen dieses Gebiet beginnend mit ungefähr dem Jahre 1895 ab und enden mit der Ablösung der Repetiergewehren durch Sturmgewehre in den 1950er Jahren. Diese Abgrenzungen sind nicht in Stein gemeisselt und können variieren, wenn zum Beispiel in modernere Kaliber konvertiert worden sind.
Generelles
Spielt man mit dem Gedanken ein solches Gewehr zu erwerben sind einige Punkte zu bedenken:
- Es ist zu bedenken, dass diese Gewehre teils über 120 Jahre alt sind. In den meisten Fällen haben die Gewehre ein Alter von 70 – 100 Jahren.
- Die Gewehre haben ein ereignisreiches Leben gehabt und sahen teils viele verschiedene Erdteile. Nicht wenige sahen effektive Kampfeinsätze. Die Gewehre haben in 100 Jahren zigmal die Hände gewechselt und daher kann der Zustand und die Sicherheit nach Ihrem Arbeitsleben sehr stark variieren.
- Die Gewehre werden für verschiedenste Zwecke erworben, doch fallen die meisten Käufe in eine der nachfolgenden Kategorien: Erwerb für die Sammlung, Erwerb aufgrund des teils günstigen Preises, aus Sentimentalität, für Wettkämpfe oder einfach nur aus Freude.
- Mit Ausnahme von sehr teuren und spezialisierten Sammlungen kaufen die meisten Schützen ein Ordonnanzgewehr, weil es eine einfach zu beschaffende, zuverlässige und präzise Waffe zum günstigen Preis ist. Diese Gewehre verschiessen üblicherweise gut verfügbare Patronen. Wenn die Lieferketten dieser Patronen austrocknen, so verschieben sich diese Gewehre eher in spezialisierte Sammlungen und werden vielleicht noch wenig – wenn überhaupt – geschossen.
Für nachfolgende Punkte konzentrieren wir uns auf die Systeme mit gut verfügbaren Munitionsvorräten und betrachten die Spezialitäten nicht weiter.
Sicherheit
Wie bei allen Feuerwaffen gelten die bekannten Sicherheitsregeln, insbesondere dass jede Waffe als geladen zu betrachten ist. Solange bis man sich selbst vom Gegeteil überzeugt hat. Man glaubt nicht, wieviele Waffen wir aus Unwissenheit der Besitzer geladen vorfinden.
Lauf
Der Zustand des Laufes ist beim Kauf eines klassischen Gewehres von grösster Bedeutung. Läufe reichen von neu bis hin zu völlig abgenutzt, wobei Letzteres natürlich nicht erwünscht ist, aber wenn der Lieferant den Lauf nicht gereinigt hat, wie können Sie dann zuverlässig feststellen, in welchem Zustand sich die Läufe tatsächlich befinden? Ein Lauf muss nicht neu sein, aber er muss in vernünftigem Zustand sein, sonst wird das Gewehr ungenau und die Lebensdauer des Gewehrs wird stark verkürzt. Wenn der Lauf verschmutzt ist, bitten Sie den Veräusserer, ihn zu reinigen. Wenn er sich weigert oder sich entschuldigt, es nicht zu tun, suchen Sie einen anderen Veräusserer.
Man kann die Lebensdauer von Läufen ungefähr in vier Phasen einteilen. Diese Phasen sind nicht fix, aber geben eine ungefähre Idee vom Zustand.
- Erste Phase: Der Lauf ist nicht mehr neu, hat aber klare, scharfe Züge mit rechtwinkligen Ecken. Die gilt insbesondere für die Region kurz hinter dem Patronenlager, wo der Verschleiss am ehesten beginnt und meist am grössten ist.
- Zweite Phase: Die Züge und Felder sind immer noch klar und einigermassen scharf, man sieht allerdings den Beginn des Verschleisses anhand der Schärfe der Züge. Die meisten Schweizer Ordonnanzrepetierer finden sich in diesem Zustand.
- Dritte Phase: Die Kanten der Züge zeigen klare VErschleissspuren auf. Die Freifluglänge beim Übergang vom Patronenlager in den Lauf ist soweit vergrössert, dass die Geschosse nicht mehr garantiert gerade in die Züge geschoben werden und dadurch die Fluchtigkeit von Geschossachse zu Laufseele nicht mehr gegeben ist. Der Abgangswinkel wird varieren und dadurch die erzielbare Garbengrösse leiden. Läufe von Schweizer Ordonnenzrepetierer findet man sehr selten in diesem Zustand.
- Vierte Phase: Züge und Felder sind verschlissen. Das ist der Punkt wo man von ausgeschossenen Läufen spricht. Das Geschoss kann das das Zug-/Feldprofil nicht mehr abdichten und verliert seine Rotationsstabilität. Die wird an Quereinschlägern auf der Scheibe deutlich sichtbar. Für Läufe von Maschinengewehren ist dies der häufigst angetroffene Zustand.
Wer sich einen Karabiner 31 zum Schiesssport zulegen möchte, sollte darauf achten, dass der Lauf in der ersten oder zweiten Phase seiner Lebensdauer ist.
Lochfrass / Pitting
Der Lauf erwärmt sich beim Abschuss. Nach dem Abschuss, wenn der Lauf abkühlt, bildet sich Kondensfeuchtigkeit in den Poren des Metalls wie kleine Tröpfchen. Wenn der Lauf nach dem Feuern nicht gereinigt und geölt wird, starten diese Tröpfchen den Rostprozess und verursacht die Lochfrassbildung. Zwar können alle Teile des Laufs von Lochfrass betroffen sein und kleine Stellen können akzeptabel sein, solange sie die Genauigkeit nicht beeinträchtigen.
Krumme Läufe
Wir haben noch nie einen verbogenen Lauf eines klassischen Gewehrs im zivilen Leben gesehen, der verursacht Missbrauch verursacht wurde. Wir haben allerdings schon Läufe von neuen Feuerwaffen gesehen, die verdreht oder krumm sind. Das heisst nicht, dass krumme Läufe nicht gibt. Es sind alte klassische Militärgewehre. die ein aggressives Leben gesehen haben können.
Freifluglänge
Die Führung oder Freifluglänge ist dort, wo das Geschoss aus der Hülse tritt und sich in die Züge drückt. Die ideale Distanz für diesen Vorgang beträgt ca. 0.4-0.6mm. Erwarten Sie das nicht bei klassischen Ordonnanzgewehren. Die Masse variieren von Hersteller zu Hersteller und denken Sie daran, dass dies Kampfwaffen waren und keine Sportgewehre. In Kriegszeiten sinken die Fertigungsstandards. Ein gutes Beispiel dafür ist das Mosin-Nagant-Gewehr, wo viele Gewehre hergestellt und direkt aus der Fabrik in die Hände des Infanteristen gegeben wurden. Erwarten Sie dementsprechend grosszügige Toleranzen.
Geblähte Läufe
Laufblähungen erkennt man als dunklen Ring im Laufprofil. Die ist nur im gut gereinigten Lauf sichtbar. Normalerweise wird eine Laufblähung durch Reste von Wasser, Öl oder Fett im Lauf verursacht. Wenn das Geschoss durch den Lauf läuft, schiebt es diese Flüssigkeitsreste wie in einer Bugwelle vor sich hin. Diese Bugwelle kann nicht fliehen und irgendwann gibt das schwächste Teil nach. Dieses Teil ist der Lauf. Dabei schiebt sich die Flüssigkeit wie ein Keil zwischen Geschoss und Lauf und weitet so den Lauf an dieser Stelle aus.
Laufblähungen beeinträchtigen nicht immer die Präzision, letztendlich ist es aber trotzdem ein Fehler im Lauf. Gasschlupf kann entstehen, was wiederum stärkere Korrosion begünstigt.
Mündungskrone
Der Zustand der Mündungskrone ist fast am wichtigsten. Die meisten klassischen Ordonnanzgewehre haben eine runde Krone und diese sollte in einwandfreiem Zustand sein. Jegliche Beschädigung der Mündungskrone führt dazu, dass die Treibgase ungleichmässig aus dem Lauf austreten, was wiederum die Stabilität des Geschosses beeinträchtigt und eine schlechtere Treffsicherheit zur Folge hat.
Verschlussgehäuse
Das Verschlussgehäuse leidet nicht unter der gleichen Abnutzung wie der Lauf, trotzdem trägt das Verschlussgehäuse beim Repetiergewehr grosse Teile des Drucks mit. Gewisse Konstruktionen verriegeln den Verschluss im Verschlussgehäuse, andere direkt im Lauf. Daher kommt dem Zustand der Verriegelungsflächen im Verschlussgehäuse Bedeutung zu.
Verdrehte Verschlussgehäuse
Ein verdrehtes Verschlussgehäuse kommt meistens vom unsachgemässen Herausschrauben des Laufes durch selbsternannte “Spezialisten”. Es ist fast unmöglich, diesen Fehler allein auf Sicht zu erkennen. Wenn das Gewehr schiesst und akzeptabel funktioniert, sollte man es in Ruhe lassen.
Verschlissene Verschlussgehäuse
Bei einem verschlissenen Verschlussgehäuse wurde der Verschluss so übermässig oft betätigt, dass er lose im Empfänger liegt. In den Schmidt-Rubin-Systemen der Waffenfabrik Bern haben wir dieses Problem noch nie gesehen, ein paar mal bei Enfield-Systemen und häufig bei Mauser-Systemen. Im schlimmsten Fall fährt der Verschluss über die oberste Patrone im Magazin und nimmt sie nicht mit. Dieses Problem kann nicht durch den Austausch des Verschlusses gelöst werden, da das Verschlussgehäuse verschlissen ist.
Das Ersetzen eines Verschlussgehäuses ist kostspielig und bedeutet meistens einen wirtschaftlichen Totalschaden.
Gebrochene Verschlussgehäuse
Selten gesehen, gibt es aber sicher auch. Ist ein Verschlussgehäuse gebrochen, muss es ersetzt werden. Das Ersetzen eines Verschlussgehäuses ist kostspielig und bedeutet meistens einen wirtschaftlichen Totalschaden.
Verschluss
Der Verschluss ist das Herzstück eines guten Gewehrs. Er führt die Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager, verriegelt dieses, unterstützt den Schlagbolzenmechanismus, zieht und wirft die Patrone aus.
Die Stirnseite des Verschlusses, der Stossboden, sollte ziemlich sauber und in gutem Zustand sein. Ein häufiger Fehler ist ringförmige Korrosion rings um den Zündstiftkanal. Verursacht wird dieser Ring meistens durch alte korrosive Munition.
Andere Fehler können vergrösserte Zündstiftbohrungen oder Dellen und Kratzer sein. Das lässt sich reparieren. Vergrösserte Zündstiftbohrungen erkennt man am Zündhütchen nach dem Schuss. Ist dieses aufgebläht und richtet sich in Richtung des Stossbodens auf, so weis man, dass man einen Fehler damit hat. Dieser Fehler allerdings wird erst zu einem Problem, wenn die Zündhütchen nach dem Abfeuern ausreisst. Zu diesem Zeitpunkt muss der Verschluss ausgewechselt werden.
Wenn etwas an einem solchen Gewehr reisst, dass meistens die Verriegelungswarzen. Dort treten beim Abfeuern die meisten Spannungen auf und konzentrieren sich an den innenliegenden Ecken. Dies ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem und muss behoben werden, bevor das Gewehr wieder abgefeuert wird.
Zündstift
Überprüfen Sie, ob der Schlagbolzen eine schöne abgerundete Fläche hat und ob er richtig funktioniert. Beim Zündstift sind eine Reihe von häufigen Fehlern, aber es ist nicht immer einfach, sie zum Zeitpunkt des Erwerbs zu erkennen.
Ein Problem sind zu leichte Einschläge auf das Zündhütchen, sie sind nicht katastrophal und werden durch eine beschädigte Feder/Schlagbolzen, schwache Feder oder die Schlagbolzenbaugruppe braucht dringend eine Wartung. Schlimmer ist ein festsitzender Zündstift, der das Zündhütchen bereits im Ladevorgang anschlägt. Bei Selbstladegewehren führt dies zur ungewollten Schussabgabe und Nachladen und weiteren ungewollten Schussabgaben. Man spricht auch von einer “Run-Away-Gun”, siehe auch den Beitrag hier.
Seriennummern
Wir können nicht mehr Zählen, wie manches mal wir folgendes gehört haben: “Wenn es nicht nummerngleich ist, interessiert es mich nicht.” Bei den allermeisten Ordonnanzgewehren wurden im Lauf Ihres langen Servicelebens einige Nummern ersetzt oder geändert. Selbst die meist nicht hart benutzten Schweizer Ordonnanzgewehre wurden und werden beim Übergang ins “Zivilleben” mit dem “P”-Stempel versehen.
Zum Beispiel würde ein Gewehr zu einer Reparatur kommen, bei der der Verschluss ersetzt werden müsste, Der neue Verschluss würde mit allen zugehörigen Teilen versehen, er würde geprüft und gemessen und dann gemäß der Hauptseriennummer nummeriert. Die Hauptseriennummer ist immer die Nummer auf dem Verschlussgehäuse. Dieser Vorgang wird von profesionellen Armeen in Friedenszeiten ständig durchgeführt, aber stellen Sie sich vor, was in Kriegszeiten oder in einem Land geschieht, das nur über einen schlecht ausgebildete oder nicht existierenden Wartungsdienst verfügt. Besonders häufig findet man diesen Effekt an deutschen Gewehren aus dem Zweiten Weltkrieg, die während den Abwehrkämpfen der Wehrmacht 1944-1945, repariert werden mussten.
Ein weiterer Faktor ist, dass die Gewehre irgendwann im Laufe ihres Lebens eine große Fabrikumrüstung durchlaufen werden. Läufe, Verschlüsse, alles wird ersetzt und die ursprüngliche Seriennummer wird entfernt und eine neue ausgestellt. Dies ist besonders häufig bei der britischen Enfield’s der Fall.
Die oberste Priorität beim Kauf eines klassischen Ordonnanzgewehrs ist sein Gesamtzustand, wenn es in einem tadellosen Zustand ist, aber eine Seriennummer nicht passt, ist das nicht das Ende der Welt.