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Im April 1955 nimmt sich mitten in der Berner Altstadt, an der Kramgasse 52, ein exakt 50jähriger Kulturphilosoph eine Wohnung. Sofort ist er im illustren Künstlerkreis des Café de Commerce ein gern gesehener Gast, der mit überlegenem Wissen und Scharfsinn besticht und ein ansteckendes Lachen hat, das der Schriftsteller Kurt Marti im Gespräch später einmal als «dröhnend-sonor» bezeichnet hat.
Sicher haben beim Rotwein in der Commerce-Runde alle gewusst, dass dieser Mann Jean Gebser (1905-1973) war, der in den letzten Jahren in Burgdorf gelebt und dort ein zweibändiges philosophisches Werk mit dem Titel «Ursprung und Gegenwart» (1949/1953) geschrieben hatte. Aber ob man auch wusste, dass er eigentlich Hans Karl Rudolf Hermann Gebser hiess, in Posen geboren worden war, ab 1932 unter dem Namen Juan Gebser Clarisel in Madrid lebte, vor und während des Spanischen Bürgerkriegs auf der Seite der untergehenden Republik als Kulturpropagandist arbeitete und insbesondere die literarische Avantgarde Spaniens mit Übersetzungen ins Deutsche und mit Essays unterstützte? Oder dass er bis zu dessen Erschiessung im August 1936 ein Freund Federico García Lorcas war? Dass er in Paris bei Pablo Picasso ein- und ausging? Dass zwölf Stunden, nachdem er im Oktober 1936 aus Madrid geflohen war, seine dortige Wohnung zerbombt wurde? Dass er danach in Valencia nur dank der Intervention von Freunden einem anarchistischen Erschiessungskommando entging? Dass er es Ende August 1939 von Frankreich her nur knapp in die Schweiz schaffte, bevor der neue Weltkrieg ausbrach?
Wer weiss, vielleicht hat Gebser im Commerce ja von all dem erzählt – und bei seinen eigenen Pointen mitgelacht.
Wie ein Dichter zum Philosophen wird
2015 hat der Chronos-Verlag begonnen, eine «Jean-Gebser-Reihe» zu publizieren. Als Band 1 sind in zwei Büchern die beiden 400-seitigen Teile von «Ursprung und Gegenwart» erschienen. Nun folgt als Band 2 ein Buch mit zwei Teilen.
Der erste Teil bringt unter dem Titel «Über Sprache, Dichtung und Dichter» eine Sammlung von sprachkritischen Essays insbesondere aus den 1940er Jahren. In der Einleitung hält Gebser-Biograf Elmar Schübl fest: «Jean Gebser hat über die Dichtung und seine literarische Übersetzungstätigkeit zum Philosophieren gefunden. Sein philosophisches Werk zeichnet sich durch literarische Qualität aus, die im Dichterischen wurzelt. Und Gebser hat sich in seinem Philosophieren ganz von der Intuition leiten lassen, auch diese Besonderheit steht im Zusammenhang mit dem dichterischen Hintergrund.» Dieser Teil lässt sich demnach auch lesen als lyrisch-essayistische Vorarbeit eines Philosophen.
Der zweite Teil des Bandes versammelt Übersetzungen: Juan Gebser Clarisel hat einerseits Gedichte aus dem Deutschen ins Spanische übersetzt (insbesondere solche von Hölderlin), andererseits Gedichte der avantgardistischen Madrider Lyrikerszene – der so genannten «27er-Generation» – vom Spanischen ins Deutsche. Die Hispanistin Gina Maria Schneider schreibt in ihrer Einleitung, dass das Schaffen der «27er-Generation» in zwei Perioden zerfalle: in jene vor 1927, in der mit stark metaphorischer Sprache eine «absolute Poesie» gesucht worden sei, die «frei von Bezügen zur Realität existieren» könne – und in die Periode nach 1927, in der sich die Lyriker (alle waren Männer) unter dem Einfluss des Surrealismus vermehrt einer politisch verpflichteten Lyrik zugewandt hätten. Gebser hat sich als Übersetzer mit Texten aus beiden Perioden befasst.
Von der GGA zur JGR
Auch Mitherausgeber Rudolf Hämmerli betont im Geleitwort Gebsers poetisch inspirierten Zugang zur Philosophie und fährt fort: «Zu narrativer oder gar poetischer Philosophie hat die akademische Philosophie immer grosse Distanz gewahrt.» Damit ist auch gesagt, dass Gebser als Philosoph schlecht anschlussfähig ist an die akademischen Fachdiskurse (hätte er 1967 den Ruf zum Honorarprofessor an die Universität Salzburg nicht aus gesundheitlichen Gründen ablehnen müssen, wäre das vielleicht ein bisschen anders). Gebser gilt heute als Schriftsteller, der über zu viele Zäune gegrast hat, um nicht sein Profil als wissenschaftlich fassbares Phänomen zu beschädigen. Zudem ist er wegen seiner bewusstseinsphilosophischen Affinität zu ostasiatischen Weisheitslehren verschiedentlich zum Esoteriker erklärt worden – keine Referenz für einen zünftigen Philosophen.
Trotzdem ist die «Jean-Gebser-Reihe» (JGR) des Chronos Verlags nicht die erste Bemühung, Gebsers Werk zugänglich zu halten. Zwischen 1976 und 1981 erschien im Schaffhauser Novalis Verlag eine siebenbändige Gebser-Gesamtausgabe (GGA), die unterdessen vergriffen ist. Der Chronos-Reihe dient sie nun als Steinbruch. Die wesentlichsten Gebser-Schriften werden nachgedruckt und ergänzt um weiteres Material aus dem Nachlass, der im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern liegt.
Ziel der JGR ist laut Editionsplan, durch die Schwerpunktsetzung der einzelnen Bände und Einführungstexte der Herausgeber Hämmerli und Schübl «neue Zugänge zum vielschichtigen und pionierhaften Werk Gebsers» zu eröffnen. Der Band 3 sieht Essays und Abhandlungen vor, der Band 4 autobiografische Texte, Aphorismen und Gedichte, der Band 5 schliesslich den umfangreichen Briefwechsel zwischen Jean Gebser und Rudolf von Salis (von 1939-1973). Geplant ist, dass jährlich ein Band der JGR folgen soll.