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Im Januar 1902 berichtete der Schweizer Konsul Emil Sprüngli von Manila nach Bern: Die US-amerikanische Armee habe noch keine «Ruhe» hergestellt. Das hiess, die revolutionären Truppen der philippinischen Republik waren nicht besiegt.
Sprüngli machte Beobachtungen, die an einem 1. Mai von Interesse sind: Die weissen Amerikaner, die man für den Eisenbahnbau eingesetzt habe, würden innert fünf bis sechs Monaten krank. Das sei auf die Hitze zurückzuführen. Die philippinischen Arbeiter:innen gaben Sprüngli grössere Rätsel auf. Sie reagierten eigenartig auf steigende Löhne. Verdoppelte sich der Taglohn, arbeiteten sie nicht mehr sechs, sondern nur noch drei oder vier Tage pro Woche. Sprüngli bezeichnete das als «Faulheit», Vergnügen sei den Einheimischen wichtiger als ein höheres Einkommen. Er berichtete auch über veränderte Zölle, Steuern und Aussichten für den Import von Schweizer Gütern, zum Beispiel nehme die Nachfrage nach Textilien aus dem Toggenburg ab.
Und ausgerechnet im Toggenburg, an der diesjährigen 1.-Mai-Feier in Lichtensteig, scheint ein Redner der Juso die Logik der philippinischen Arbeiter:innen von 1902 aufzunehmen. Er heisst Ramon Kühne, ist aus dem Neckertal und benutzt das Pronomen «er». «Ein schönes Leben für alle», fordert er, und das heisst auch: ein Leben, das diesen Planeten nicht zerstört. Weniger sinnloser Stress, weniger Zerstörung, mehr Zeit, mehr Glück.
Auf den Philippinen hatten die amerikanischen Truppen zwischen 1899 und 1910 durch gezielte Aushungerungspolitik dafür gesorgt, dass sich aufständische Regionen ergaben. Sie siedelten ganze Dörfer in Lager um. In dieser Zeit kamen zwischen 200 000 und eine Million Menschen gewaltsam zu Tode. Der Fortschritt, den die USA nach Asien bringen wollten, erschien nicht allen erstrebenswert.
Während heute im Toggenburg die Wälder nachgewachsen sind und kaum zu erahnen ist, wie es hier aussah, als im grossen Stil für den Weltmarkt produziert wurde, sind über neunzig Prozent des philippinischen Urwalds zerstört. Abrutschende Hänge und Flutwellen verschärfen die Auswirkungen der Tropenstürme. In Lichtensteig erinnert stattdessen ein UBS-Logo an die Frühzeit als Billiglohngebiet. 1863 wurde hier die Bank Toggenburg gegründet. Sie war bald nicht nur Sparkasse, sondern auch Noten- und Handelsbank. 1912 fusionierte sie mit der «Bank in Winterthur» zur Schweizerischen Bankgesellschaft, die 1998 in der Fusion mit dem Schweizerischen Bankverein zur UBS wurde. Die hat heute in Lichtensteig keine Filiale mehr, im ehemaligen Banksitz arbeitet die Stadtverwaltung, aber weil der Bankomat noch in der Eingangshalle steht, ist auch das Logo geblieben.
Als ich am 1. Mai die Schlusskundgebung in Zürich verliess, um an die Feier nach Lichtensteig zu fahren, dachte ich fälschlicherweise, ich fahre von der Stadt aufs Land. Da bin ich der SVP-Propaganda auf den Leim gegangen. Die zelebriert das Toggenburg gern als Bauernland. Dabei fällt darauf nicht einmal der Heimatschutz herein. Lichtensteig hat dieses Jahr den Wakkerpreis erhalten. Nicht für traditionelle Schindelhäuser, sondern für die immer neue und gelungene Umnutzung von Gebäuden wie der Post, die keine mehr ist, dem Feuerwehrdepot und den leer stehenden Fabriken an der Thur.
Annette Hug ist Autorin und hat kürzlich das Portal dodis.ch entdeckt, auf dem digitalisierte Dokumente der Schweizer Diplomatie öffentlich zugänglich sind. Eine Fundgrube.
Ergänzend empfiehlt sie die historischen «Städtliführungen» durch Lichtensteig SG.