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Aktualisiert: vor 6 Stunden
Häufig wird aktuell noch unterschätzt, wie groß die potenzielle Einflussnahme von Investoren auf Geschäftspraktiken von Firmen ist, wenn es um die dringend notwendigen Verbesserungen in Umwelt- und Sozialfragen geht. Während innerbetriebliche Anstrengungen von Unternehmen und der Druck, den Zivilgesellschaft oder Regulatoren auf sie ausüben, bisher ungenügende Auswirkungen auf dem Weg hin zu mehr sozialer und ökologischer Gerechtigkeit bewirkt haben, dürfte der Einfluss von Investoren zukünftig eine entscheidende Rolle in dieser Hinsicht spielen. Grundvoraussetzung hierfür ist, dass Investoren ihre Aktionärsrechte systematischer wahrnehmen.
Wie bereits in einem früheren Blogartikel erläutert, verfügen Investoren über verschiedene Mittel, um mit Firmen in den Dialog zu treten und sich für ökologische sowie soziale Anliegen Gehör zu verschaffen: Ein konstruktiver Dialog mit dem Unternehmen kann beispielsweise über eine direkte Kontaktaufnahme erfolgen, oder über ein öffentliches Schreiben in Form eines Engagement Letters. Weiter sind die Wahrnehmung des Fragerechts und des Stimmrechts an Hauptversammlungen oder das Einreichen sowie das Unterstützen von Aktionärsanträgen entscheidende Methoden, um solchen Anliegen Nachdruck zu verleihen.
“Eigentum verpflichtet”
– Das Abstimmungsverhalten von Asset-Managern auf dem Prüfstand
Dass die Wahrnehmung der Aktionärsrechte noch keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt der Bericht von ShareAction [1], einer britischen gemeinnützigen Organisation, die sich für Responsible Investment einsetzt. Der Bericht hat das Abstimmungsverhalten von 60 der weltgrößten Asset-Manager in Bezug auf 102 Aktionärsanträge über Klimawandel, klimabezogene Lobbyarbeit und soziale Themen im Zeitraum von September 2019 bis August 2020 untersucht und die Begründungen für die jeweiligen Wahlentscheidungen geprüft. Der Bericht zeigt auf, dass einer von sechs Vermögensverwaltern sein Stimmrecht bei mehr als zehn Prozent der Anträge nicht genutzt hat. Dies, obwohl die Wahrnehmung des Stimmrechts als Grundlage des Engagementprozesses gilt.
Eine der alarmierendsten Erkenntnisse ist jedoch, dass eine Reihe von Mitgliedern der Climate Action 100+ nicht für den Klimaschutz abstimmen. Die Analyse der von den Vermögensverwaltern angegebenen Abstimmungsbegründungen zeigt, dass einzelne Vermögensverwalter sich weiterhin der Stimme enthalten oder gegen klimakritische Anträge stimmen, weil sie sich beispielsweise bereits in einem laufenden Engagement Prozess mit den Unternehmen befinden und diese Zusammenarbeit nicht untergraben möchten.
ShareAction betont, dass Besitzer von Anlagen in der Verantwortung sind, das Engagement und die Stimmrechtsausübung ihrer Asset-Manager zu überwachen. Asset-Owner sollen demnach die Abstimmungsentscheidungen Ihrer Vermögensverwalter zu ESG-Anträgen überprüfen. Auch sollten sie sicherstellen, dass soziale Themen bei den Abstimmungsentscheidungen ihrer Asset-Manager die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie Umweltthemen.
Mangelhafte Branchenstandards und individuelle Richtlinien
Abstimmungen an Hauptversammlungen setzen eine intensive Auseinandersetzung mit den Geschäftspraktiken eines Portfoliounternehmens voraus. Hierzu sollen Stimmrechtsrichtlinien von Branchenverbänden wie diejenige des Deutschen Fondsverbands BVI helfen. Eine genauere Betrachtung solcher Richtlinien verrät jedoch, dass diese oft nicht spezifisch und zu ungenau formuliert sind, um für die Abstimmungen in ESG-Fragen ausreichende Anhaltspunkte zu geben.[2] Vielmehr sind hier individuelle Stimmrechtsrichtlinien vorzuziehen, wie die von Ethos [3], einer schweizerischen Stiftung, die nachhaltige Anlagetätigkeiten fördert. Ihre Guidelines sind pointierter in Bezug auf ESG-Fragen und stellen somit klare Leitlinien im Umgang mit Fragen zur Materie dar. So rät die Stiftung davon ab, den Verwaltungsrat zu entlasten, wenn zum Beispiel “das Unternehmen auf fundierte Weise schwerwiegender Verletzungen der international anerkannten Menschenrechte von Mitarbeitenden oder von lokalen Gemeinschaften beschuldigt wird oder sich solchen schwerwiegenden Verletzungen in seiner gesamten Beschaffungskette mitschuldig macht.” Auch ShareAction fordert Vermögensverwalter auf, die Transparenz bei der Stimmrechtsvertretung durch eine zeitnahe und benutzerfreundliche Veröffentlichung von Abstimmungsrichtlinien und -begründungen zu gewährleisten. Dies sei nämlich der einzige wirkliche Nachweis für Asset-Owner, dass sich ihre Vermögensverwalter für ESG-Fragen engagieren.[4]
Auch Ethius Invest hat vor der Lancierung seines Global Impact Fonds im März 2021 Forderungen im ESG-Bereich an die Fondsunternehmen festgelegt, die von Kriterien wie der Förderung der Biodiversität über die Führung eines konstruktiven Dialogs mit allen Stakeholders bis hin zur Einsetzung eines diversen und kompetenten Aufsichtsrats reichen. Diese Forderungen macht der Fonds in einem fünfstufigen Engagementprozess geltend, der mit einer Kontaktaufnahme mit seinen Fondsunternehmen beginnt und bis hin zur Aktionärscourage eskaliert werden kann: Wenn die versuchte Einflussnahme durch einen Engagement Letter oder die aktive Wahrnehmung der Aktionärsrechte sich als wirkungslos erweisen, ist die Kontaktaufnahme zu Großaktionären und institutionellen Investoren vorgesehen, um die Themen gemeinsam anzugehen.
Millennials – die nachhaltigen Investoren der Zukunft
Die Wirkung der wahrgenommenen Aktionärsrechte zeigt ebenfalls der Report von ShareAction: Unternehmen haben begonnen, auf das gestiegene Interesse und die Unterstützung von Anträgen zu klimabezogenem Lobbying durch Investoren zu reagieren. Auch Aktionärsanträge, die bei einer Hauptversammlung nicht angenommen werden, haben gemäss der NGO einen großen Einfluss auf die Denkweise von Unternehmen. Die NGO betont jedoch ebenfalls, dass Anträge selbst ehrgeiziger werden müssen, wenn sie eine Wirkung haben sollen. Obwohl es in der Hauptversammlungssaison 2020 eine Zunahme handlungsorientierter Anträge gab, dominieren Forderungen nach mehr Offenlegung. Auch wenn dieser Aspekt ein Schwerpunkt von Engagement sein soll, muss er mit Anträgen kombiniert werden, die positive Auswirkungen auf die reale Welt fördern.
Vermögensverwalter sollten sich bewusst machen, dass Millennials, deren Anforderungen an soziale und umweltliche Gerechtigkeit nachweislich hoch sind [5] und die ihre Visionen bisher “lediglich” auf der Strasse kundtaten, zunehmend in den Kreis der Investoren gelangen und auf ihre Ansprüche bestehen. Ein nächster Schritt für Vermögensverwalter zur Erfüllung dieser Erwartungen liegt darin, Anträge nicht nur zu unterstützen, sondern sie auch einzureichen. Demnach könnten die Asset-Manager, die heute nicht handeln, morgen schnell ins Hintertreffen geraten.
[2]https://www.bvi.de/fileadmin/user_upload/Regulierung/Branchenstandards/ALHV/ALHV__2021.pdf [3]https://www.ethosfund.ch/de/news/ethos-veroeffentlicht-die-stimmrechtslinien-fuer-das-jahr-2020 [4]Nachhaltige Finanzen- Durch aktives Aktionärstum und Engagement Wandel bewirken- Springer Verlag; 2021 [5]https://www2.deloitte.com/global/en/pages/about-deloitte/articles/millennialsurvey.html