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Schonungslos wirft die Corona-Pandemie ein Schlaglicht auf die extrem ungleichen Lebensverhältnisse in den USA. Anfang Mai 2020 waren im Bundesstaat New Mexiko über 50 Prozent der an Covid-19 erkrankten Personen Native Americans, obwohl sie nur etwas mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Besonders hart schlug das Virus in der Navajo Nation zu, dem grössten Reservat in den USA. Gleich nach New York und New Jersey wies es die dritthöchste Ansteckungsrate pro Kopf auf. Im verarmten Reservat leben zahlreiche Menschen in Mehrgenerationenhäusern und verfügen 30 Prozent der Haushalte über keinen Zugang zu fliessendem Wasser, was Distanz- und Hygienemassnahmen illusorisch macht.
Die staatliche Vernachlässigung besitzt hier Tradition, wie ein krasser Fall von Umweltrassismus aufzeigt, der sich vor 41 Jahren unweit der Navajo Nation zutrug. 1979 ereigneten sich in den USA innerhalb von bloss 14 Wochen zwei schwere Nuklearunfälle: der von Three Mile Island nahe der Stadt Harrisburg im Bundesstaat Pennsylvania und der von Church Rock, New Mexico. Während der erste international für Schlagzeilen sorgte und der jungen Antiatomkraft-Bewegung in Nordamerika und Europa weiteren Auftrieb verlieh, blieb der zweite Vorfall ein regionales Ereignis, das bald in Vergessenheit geriet. Mit der Menge der freigesetzten Radioaktivität lässt sich nicht erklären, weshalb die partielle Kernschmelze von Harrisburg zu einem globalen Medienereignis wurde und der Unfall von Church Rock kaum Beachtung fand. Obwohl die fernsehschauende Welt erstmals in der privaten Wohnstube auf die ausser Kontrolle zu geratenden Vorgänge im Reaktorgebäude von Three Mile Island blickte, gelangte hier weit weniger Radioaktivität in die Umwelt als dreieinhalb Monate später in Church Rock. Dort, weitab der grossen Bevölkerungszentren und der TV-Kameras, trug sich der bislang grösste zivile Atomunfall in den Vereinigten Staaten zu.
Der Uranboom in New Mexico
Church Rock liegt in der Nordwestecke des Gliedstaats New Mexico, am südlichen Rand des Navajo-Reservats. Die kleine, 1979 von etwa 1600 Navajo bewohnte Siedlung wurde im Zweiten Weltkrieg gegründet, als Schlafdorf für indianische Angestellte, die in Fort Wingate, einem riesigen Munitionsdepot der US-Armee, arbeiteten.
Rund um das Navajo-Dorf, östlich der Stadt Gallup und unweit der Zuni-Reservation gelegen, entwickelte sich während des Kalten Krieges eines der wichtigsten Zentren des Uranabbaus in den USA. In der abgelegenen Region des ländlichen Südwestens konnten von 1948 an Bergbaufirmen (wie Kerr-McGee, Anaconda oder United Nuclear) fast ohne Rücksicht auf die Umwelt und die hier lebenden Menschen uranhaltiges Erzgestein aus der Erde sprengen. Für ihr Atombombenprogramm in der Systemkonfrontation mit der Sowjetunion, aber auch um den unersättlichen Energiebedarf ihrer Massenkonsumgesellschaft zu stillen, benötigte die Supermacht Unmengen an Uran. Diesen Rohstoff in ausreichenden Mengen zu fördern, war die entscheidende Voraussetzung dafür, um Atombomben herzustellen und Reaktoren in Kernkraftwerken zu betreiben.
Allein um Church Rock waren über die Jahre 20 Uranminen in Betrieb. Wie auf dem Territorium der Navajo Nation, dem mit mehr als 67.000 Quadratkilometern grössten Indianerreservat in den USA, schuf der Uranboom unzählige schlecht bezahlte Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Gegend. Die von den Betreibern beschäftigen Navajo schufteten in den Minen durchwegs unter prekären Bedingungen, anfänglich meist ohne Schutzkleidung, Masken und Handschuhe sowie ohne jede Aufklärung über die beträchtlichen Gesundheitsgefahren. Viele der Arbeiter waren des Englischen nicht mächtig, wodurch ihnen der Zugang zu unabhängiger Information verwehrt war.
Überdies gab es in der Navajo-Sprache kein Wort für Radioaktivität und keine Denkfigur, um die Wirkung von Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung zu beschreiben. Nach wenigen Jahren bildeten Hunderte von indianischen Minenarbeitern schwere Nieren- und Leberschäden aus, litten an Atemwegserkrankungen oder starben an Lungen-, Knochen-, Magen- und Blutkrebs. Schon in den frühen Boomjahren war das Wissen um die Schädlichkeit des Uranabbaus in der Wissenschaft weit verbreitet. Doch Politiker und Konzernchefs gingen mit grosser Fahrlässigkeit mit diesen Erkenntnissen um – so wie die Gesellschaft. In Las Vegas gehörte es bis 1962 zu den touristischen Attraktionen, von Hotelbalkonen aus mit einem Cocktail in der Hand die Pilzwolken voller Atomstaub zu bestaunen, die nach überirdischen Kernwaffentests auf der Nevada Test Site nach Südosten zogen. Und die Bürgerschaft von Grants, New Mexiko nannte ihre Stadt stolz die „Urankapitale der Welt“.
Der Dammbruch
Im verkehrstechnisch günstig gelegenen Church Rock betrieb die United Nuclear Corporation seit 1976 auch eine Uranmühle. In einem Gebäude zermalmten Maschinen das auf Lastern in riesigen Mengen herantransportierte Erzgestein zuerst zu kleinen Brocken und dann zu Sand, bevor Säuren und Laugen zum Einsatz kamen, die schliesslich das begehrte gelbe Pulver, „yellow cake“ genannt, aus dem Sand herauslösten. Bei dieser Tätigkeit fielen enorme Menge an zerkleinertem und immer noch strahlendem Schutt an, welche die United Nuclear – wie alle anderen Firmen in der Four Corner-Region auch – auf riesigen Schutthalden deponierte und dann unmarkiert sich selbst überliess.
Da das Uranpulver nur mit aggressiven Lösemitteln und viel Wasser extrahiert werden kann, blieben im Gewinnungsprozess beträchtliche Mengen an toxischen Abwässern mit radioaktiv strahlenden Partikeln („tailings“) zurück. In Church Rock leitete die United Nuclear diese in drei Rückhaltebecken unter freiem Himmel, in der Hoffnung, dass ein Teil dieser Abwässer unter der brütenden Sonne New Mexicos verdunsten würde. Die Rückhaltebecken wurden durch einen aufgeschütteten Erddamm gesichert, der auf geologisch instabilem Grund erbaut war. Der massive Damm hielt viele Millionen Liter von hochtoxischen und radioaktiven Abwässern zurück.
Die Katastrophe kündigte sich über Monate an. Schon 1977 entdeckten Mitarbeiter des Army Corps of Engineers kleine Risse im Erddamm und warnten in einem Bericht vor ihnen. Entgegen den Empfehlungen unterliess es United Nuclear, diesen fachgerecht zu verstärken, so dass die Risse im Frühsommer 1979 so gross waren, dass eine menschliche Faust in sie passte. Selbst auf diese Meldung eines besorgten Mitarbeiters hin reagierte das Management nicht. Am frühen Morgen des 16. Juli 1979, um 5.30 Uhr, brach der Damm mit einem ohrenbetäubenden Krach, wie sich der Navajo Robinson Kelly später erinnerte. Kelly meinte zunächst einen Donnerschlag vernommen zu haben und schaute reflexartig zum Himmel, ob irgendwo Regenwolken aufzogen. Als er kein Gewitter bemerken konnte, machte er sich zum Puerco River auf, von wo der Höllenlärm gekommen war. Dort sah er, wie sich Fluten rauschenden „Wassers“ ihren Weg durch das Flussbett bahnten und da und dort sogar über die Ufer traten, wo sich Pfützen und kleinere Teiche bildeten. Das Gebräu war von gelblicher Farbe und roch schrecklich faulig. „Ich wusste nicht, was da vor sich ging, aber es war ein hässliches Gefühl.“
Die verseuchte Lebensader
Normalerweise führt der Puerco River während des Sommers nur wenig Wasser und quält sich träge durch die wüstenhaften Täler in New Mexico und durch die in Arizona gelegene Painted Desert, bevor er in den Little Colorado mündet, den wichtigsten Zufluss des Colorado River. In dieser regenarmen Region bildet der Puerco für viele Tausende von Menschen und ihre Viehherden ihre Hauptwasserquelle. Die meisten von ihnen gehören den Diné („dem Volk“) an, wie sich die Navajo selbst nennen. Durch den Dammbruch von Church Rock gelangten schätzungsweise 360 Millionen Liter hochtoxische Abwässer und 1100 Tonnen feste radioaktive Rückstände in den Fluss. Diese unglaubliche Menge an Schadstoffen verseuchte diesen bis mindestens 125 Kilometer unterhalb der Unfallstelle. Bei keinem anderen zivilen Einzelereignis wurde in den USA jemals so viel Radioaktivität in so kurzer Zeit freigesetzt wie bei der Umweltkatastrophe von Church Rock.
Nach dem Dammbruch lösten die verantwortlichen Politiker und Beamten im Bundesstaat New Mexico, dessen offizieller Spitzname „Land der Verzauberung“ („land of enchantment“) lautet, jedoch keinen Katastrophenalarm aus; sie erklärten keinen Notstand, organisierten keine Evakuationen und brachten auch kein umfassendes Hilfsprogramm auf den Weg. Auf Anordnung des Gouverneurs musste United Nuclear zwar die Produktion in der Uranmühle vorübergehend einstellen, verbunden mit dem Auftrag, den kontaminierten Fluss vollständig zu reinigen. Doch die Firma unternahm nur das Allernötigste. Sie beauftragte rund 200 Mann, die mit Schaufeln, Eimern und etwas schwerem Gerät höchstens 15 Kilometer „sanierten“, in dem sie kontaminierte Erde oberflächlich abtrugen und diese wegkarrten. Um Goodwill zu schaffen, versorgte United Nuclear einige Navajo-Familien eine Zeitlang auch mit Wasser. Schon nach wenigen Wochen durfte die Uranmühle ihren Betrieb wieder aufnehmen, ohne dass die anfänglichen Auflagen zur Umweltsanierung vollständig erfüllt waren.
Unmittelbar betroffen von der Katastrophe waren 1700 Navajo, die ihr Trinkwasser dem Fluss entnahmen, ihr Vieh dort tränkten und sich mit dessen Nass wuschen, weil viele ihrer Hogans und Häuser über kein fliessendes Wasser verfügten, aber flussabwärts auch viele Tausende weitere Indianer, Hispanics und weisse Amerikaner. Einige Navajo versengten sich die Füsse, als sie den Fluss kurz nach der Havarie durchwateten. In der ersten Zeit nach dem Desaster verendeten Hunderte ihrer Schafe und Rinder, die von dessen Wasser tranken. Viele weitere Tiere bekamen auch Jahre später noch überdurchschnittlich hohe Dosen an Radioaktivität ab. Fortan weigerten sich regionale Schlachtereien, den Navajo weiterhin Schafe, Rinder oder Schafe abzukaufen. Erst spät durch dreisprachige Schilder auf Englisch, Spanisch und Navajo vor dem Gebrauch des Flusswassers gewarnt, konnten die am Puerco lebenden Navajo diesem nicht grundsätzlich fernbleiben oder gar auf dessen Wasser verzichten. Denn Wegziehen war für viele Ältere und Arme keine Option. „Wo können wir denn sonst hin? Es gibt keinen anderen Platz für uns“, brachte eine alte Navajo-Frau das Dilemma 1987 auf den Punkt.
Strahlengeschädigte Menschen
Der Unfall, aber auch der Uranbergbau zeitigte langanhaltende Auswirkungen auf das Leben aller am Puerco River lebenden Menschen. Er verseuchte ihre Lebensader und das um sie liegende Weideland, aber durch die strahlenden Schutthalden auch etliche andere Wasserquellen. Unter den betroffenen Navajo nahm die Zahl der Krebserkrankungen überdurchschnittlich stark zu. Überdies kamen immer mehr ihrer Babys mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen zur Welt. Bis heute sind die in der Gegend wohnenden Navajo einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. 1994 förderte eine Studie des US Geological Survey zu Tage, dass zwischen 1968 und 1986 auch Kerr McGee und andere Minenbetreiber radioaktiv belastetes Wasser in den Puerco River pumpten. Unterhalb der Unfallstelle ist der Uranpegel im Grundwasser jedenfalls um ein Vielfaches höher als in den frühen 1960er Jahren.
Der Staat von New Mexicos versagte darin, die Navajo vor den Langzeitfolgen des Uranbergbaus und des Nuklearunfalls von Church Rock zu schützen. Als die Opfer Klagen gegen United Nuclear einreichten, zogen sich die Voruntersuchungen endlos hin, bis die Navajo in einen Vergleich einwilligten. Der Konzern spies die einzelnen Kläger mit lumpigen 2’000 Dollar Schmerzensgeld ab, aber nur unter der Bedingung, dass sie bei künftig eintretenden Erkrankungen ganz auf weitere Ansprüche verzichteten. Ursprünglich hatten sie sich 25’000 Dollar pro Person erhofft. Etwas Hilfe kam lediglich aus Washington. Seit Aufgabe der Minen 1983 ist das Gebiet rund um Church Rock eine Stätte des sogenannten „Superfund“. Der Zweck dieses staatlich finanzierten Programms besteht darin, einige der durch industrielle oder militärische Tätigkeiten „am meisten kontaminierten Stätten der Nation“ zu sanieren, um dadurch die öffentliche Gesundheit und die Umwelt zu schützen. Verteilt über die 50 Bundesstaaten standen 2019 insgesamt 1344 Stätten auf der Superfund-Liste, was belegt, wie rücksichtslos Industriebetriebe, Bergbaufirmen, Kommunen und das Militär während des Anthropozäns mit den Ökosystemen umsprangen.
Umweltrassismus
Weshalb fand die Umweltkatastrophe von Church Rock, die Umweltorganisationen nach den Reaktorkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl als drittschwerstes ziviles Schadenereignis des ganzen Atomzeitalters einschätzen, nicht jene Beachtung, die sie eigentlich verdient? Im Systemwettstreit mit der Sowjetunion wären die USA mit Sicherheit nicht besonders gut dagestanden, wenn sie nur kurz nach Three Mile Island einen noch weit gravierenderen Nuklearunfall hätten einräumen müssen. Allerdings finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass die Administration von Präsident Jimmy Carter (1977-1981) eine kritische Berichterstattung in den nationalen Medien unterdrückt oder irgendwie behindert hätte. Die Antwort kann sich auch nicht im Argument erschöpfen, dass der Dammbruch keine spektakulären Bilder produzierte und keine unmittelbar sichtbaren Spuren hinterliess.
Zum „Non-lieux de mémoire“ entwickelte sich der Unfall von Church Rock insbesondere deshalb, weil er sich in einer abgeschiedenen, dünn besiedelten Region des ländlichen Südwestens ereignete und Native Americans seine Hauptbetroffenen waren. In der neueren „Environmental Justice“-Forschung gilt er als ein eindeutiger Fall von Umweltrassismus. Die in den USA verbreitete Ungleichbehandlung ethnischer Minderheiten zeigt sich nicht zuletzt darin, dass diese überdurchschnittlich oft in der Nähe von Fabriken, Mülldeponien, Testgeländen oder Minen, aber auch stärker mit verunreinigtem Grundwasser, verpesteter Luft und am Rand oder gar auf ökologisch verwüsteten Gelände leben müssen. Dass unter den Politikern beider grosser Parteien in den 1970er Jahren ein Denken in den Kategorien von „national sacrifice zones“ verbreitet war, spielte eine zusätzliche Rolle. Im Interesse der „nationalen Sicherheit“ und zur Deckung des immensen Energiebedarfs der brummenden Massenkonsumgesellschaft schien es vertretbar und ökonomisch sinnvoll zu sein, einige angeblich wertlose Landstriche dem Bergbau zu opfern – mit Auswirkungen bis heute.