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Der Kreis hat sich geschlossen. Was 1997 in Pittsburgh mit Michel Riesen begonnen hat, wird am Montagabend mit dem ersten Finalspiel um den Stanley Cup in Pittsburgh gekrönt. Die Schweizer sind nach 20 Jahren endlich in der NHL angekommen.
Vor 20 Jahren haben die NHL-Generäle zum ersten Mal von der Hockey-Schweiz Notiz genommen. In Pittsburgh ziehen die Edmonton Oilers am 21. Juni 1997 den Bieler Michel Riesen im NHL-Draft in der ersten Runde als Nummer 14. In der gleichen Stadt, in der nun das Stanley Cup-Finale 2017 eröffnet wird.
1997 ist das entscheidende Jahr in unserer neueren Hockeygeschichte. Ohne 1997 kein 2017. Ohne 1997 kein WM-Final 2013. Im Frühjahr 1997 sind die Schweizer zweitklassig und für die WM 1998 nur zugelassen, weil sie WM-Gastgeber sind. Den sportlichen Aufstieg hatten sie bei der B-WM 1997 nicht geschafft.
Mit Ralph Krueger übernimmt im Herbst 1997 ein weitgehend unbekannter, charismatischer Deutschkanadier unsere Nationalmannschaft. Er wird es weit bringen. Bis zum NHL-Cheftrainer in Edmonton.
Die NHL ist für die Schweizer 1997 ein fernes, unerreichbares Land. Im Januar 1997 schaue ich mir in Anaheim ein Training der Mighty Ducks an. General Manager Jack Ferreira fragt mich lange über einen jungen Schweizer aus. Er sagt, Michel Riesen werde 1997 ein Erstrunden-Draft.
Ein Schweizer als Erstrunden-Draft? Bricht eine neue Zeit an? Bis dahin hatten meine Erzählungen über das helvetische Hockey bei den NHL-Generälen mehr Belustigung als tatsächliches Interesse ausgelöst. Meine Behauptung, unsere Hockeykultur sei so alt wie die kanadische und bringe Junioren hervor, die sich in den grossen Junioren-Ligen behaupten könnten, nahm niemand ernst. Oder doch? Michel Riesen ein Erstrundendraft?
Michel Riesen wird am 21. Juni 1997 nicht der erste Schweizer im NHL-Draft. In den vorangegangenen 30 Jahren waren bereits fünf Schweizer berücksichtigt worden: Jacques Soguel (1976, Nr. 121, St.Louis), Pauli Jaks (1991, Nr. 108, Los Angeles), Patrick Howald (1993, Nr. 276, Los Angeles), Lars Weibel (1994, Nr. 248, Chicago) und Mattia Baldi (1996, Nr. 207, Montreal).
Aber diese Drafts hatten den Lauf der Geschichte nicht beeinflusst. Nur Pauli Jaks bekam einen Vertrag, spielte zwei Jahre lang im Farmteam und kam am 29. Januar 1995 bei den Los Angeles Kings (mit Wayne Gretzky) zu einem Teileinsatz in der NHL.
Erst Michel Riesens Erstrundendraft hat im Sommer 1997 alles verändert. Er ist der erste Schweizer Junior, der mit seinem Talent die NHL-Scouts beeindruckt. Viele NHL-Scouts sehen in ihm den nächsten Jari Kurri.
Die NHL-Generäle horchen noch aus einem anderen Grund auf. Edmontons General Manager Glen Sather gilt als smartester der Branche. Er hatte in den 1980er Jahren bereits mit Hilfe der Finnen (Kurri, Tikkanen) um Wayne Gretzky herum eine Dynastie aufgebaut. Wenn Glen Sather auf einen Schweizer setzt, dann muss was dran sein. Die Schweizer wie die Finnen?
Nach dem 21. Juni 1997 ist klar: die wichtigste Liga der Welt beobachtet auch die Schweizer. Die Tür nach Nordamerika, früher durch die Vorurteile der konservativen NHL-Macher fest verriegelt, ist offen. Die Schweizer können nun aus eigener Kraft in die NHL kommen. Inzwischen haben sich die NHL Klubs beim Draft die Rechte an mehr als 50 Schweizern erworben. 33 sind bis heute in der NHL eingesetzt worden, 17 davon diese Saison.
Auch wenn Michel Riesen letztlich keine NHL-Karriere macht (12 Spiele/1 Assist) – eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Zuerst schaffen es die Torhüter. David Aebischer (auch 1997 im Draft) und Martin Gerber werden die ersten helvetischen NHL-Millionäre und Stanley Cup-Sieger. Sie spielen zwar im Finale keine Rolle. Aber ihr Name steht auf der berühmtesten Hockey-Trophäe der Welt.
Erst jetzt, 20 Jahre nach dem Draft von Michel Riesen, diesem beinahe vergessenen Hockey-Pionier, sind die Schweizer ganz oben angekommen. Erstmals spielt mit Roman Josi ein Schweizer in einem Stanley Cup Finale eine zentrale Rolle.
Ausgerechnet Roman Josi (26), Yannick Weber (28) und Mark Streit (39) im Finale um den Stanley Cup. Besser hätten die Hockey-Götter nicht Regie führen können. Denn die drei sind unterschiedliche Wege gegangen und nun am Ziel angekommen.
Mark Streit ist der Pionier. Er ist kein Supertalent. Er erreicht bereits die NLA erst auf Umwegen. In Bern stuft ihn Sportchef Bill Gilligan als untauglich für die NLA ein. Ich erinnere mich noch, wie sich in Bern ein Funktionär, dessen Name mir gerade entfallen ist, über Gottéron lustig machte: die hätten doch tatsächlich für einen unbrauchbaren Junior eine Transfersumme bezahlt.
Und so macht Mark Streit sein NLA-Debüt bei Gottéron. Von dort holt ihn Manager Erich Wüthrich auf Antraten von Arno Del Curto zum HCD. In Davos wird Mark Streit ein Nationalverteidiger, von Davos aus macht er den ersten Versuch in Nordamerika, der scheitert (1999/00). Anschliessend wird er bei den ZSC Lions Meister, Captain der Nationalmannschaft und erregt die Aufmerksamkeit von Pierre Gauthier, damals Chefscout der Montreal Canadiens.
Pierre Gauthier beobachtet den Schweizer über mehrere Jahre. Lange bevor der Nationalmannschafts-Captain etwas davon ahnt, entscheidet sich Pierre Gauthier, das Experiment zu wagen: Er erwirbt 2004 im Draft in der 9. Runde die Rechte an Mark Streit (Nr. 262), holt ihn 2005 nach Montreal und verbietet eine Verbannung ins Farmteam. Weil er weiss, dass dieser talentierte Spieler in der AHL nichts mehr lernen kann. Mark Streit rechtfertigt das Vertrauen. Er wird der erste Schweizer Feldspieler, der sich in der NHL durchsetzt, der erste Schweizer Captain in der NHL (bei den Islanders).
Mark Streit hat inzwischen in der NHL mehr Spiele bestritten (über 800) und mehr Geld verdient als jeder andere Schweizer. Seine Karriere beginnt er in Montreal mit dem Minimallohn von 550'000 Dollar (2005/06), diese Saison bekommt er 4 Millionen und er hat bis heute inklusive «Signing Bonus» etwas mehr als 50 Millionen Dollar verdient.
Er muss nichts mehr beweisen. Das Stanley Cup-Finale ist die verdiente Krönung einer der grössten Karrieren im Schweizer Eishockey. Wenn er will, wird ihm sein Agent Pat Brisson für nächste Saison noch einmal einen Vertrag in der NHL vermitteln.
Yannick Weber ist einen ganz anderen Weg gegangen. Er gehört zu den Pionieren: zu den ersten Schweizern, die bereits im Juniorenalter nach Nordamerika zügeln. 2006 wechselt er als Elite-Junior vom SC Bern zu den Kitchener Rangers in der Ontario Hockey League (OHL), eine der drei grossen nordamerikanischen Junioren-Ligen. 2007 wird er von den Montreal Canadiens im Draft gezogen (3. Runde/Nr. 73). So kommt es, dass er seine erste WM (2009) und seine erste NHL-Partie längst hinter sich hat, als er im «Lockout-Jahr» 2012 bei Servette sein NLA-Debüt gibt.
Yannick Weber hat weniger Talent als Roman Josi und Mark Streit. Er ist in der NHL ein «Mitläufer». Aber es gibt nur wenige Schweizer Spieler mit seinem Willen und seiner Leidenschaft. Klaglos nimmt er lange Verbannungen in die Farmteams oder auf die Tribune hin. Der Traum NHL ist ihm wichtiger als das Geld.
Er ist nach wie vor nicht NHL-Millionär und würde in der Schweiz mehr verdienen als in Nashville. Er verdient diese Saison mit 575'000 Dollar das NHL-Minimal-Salär. Weniger verdienen ist nicht erlaubt. Davon geht rund die Hälfte durch Steuern weg. Aber sein Traum ist in Erfüllung gegangen: er steht im Stanley Cup Finale und hat nun gute Chancen, auf einen neuen, besseren Vertrag. Sein Agent Pat Brisson wird ihn nun erstmals zum Dollar-Millionär machen.
Roman Josis Talent stand nie in Frage. Er ist noch ein Junior, als mir John van Boxmeer, damals Trainer beim SC Bern, ausführlich begründet, warum dieser Roman Josi in der NHL ein Grosser werden wird. Tatsächlich ist Roman Josi der beste Schweizer Spieler der Neuzeit, besser als Mark Streit in den besten Jahren. Spielerischer Leitwolf des SCB-Meisterteams von 2010 und des Schweizer WM-Finalteams von 2013, bester Einzelspieler der WM 2013 und nun beim Stanley Cup-Finalisten von zentraler Bedeutung.
Er ist der erste Schweizer, der einem Stanley-Cup-Finalisten eine wichtige Rolle spielt. Er ist den klassischen Weg in die NHL gegangen: Nach dem Wechsel in die Organisation von Nashville verteidigte er eine Saison im Farmteam (2010/11).
Mark Streit verdient diese Saison mit 4 Millionen Dollar fast gleich viel wie als Roman Josi (4.25 Mio.). Tatsächlich ist Roman Josi unterbezahlt. Er ist der bessere Verteidiger als beispielsweise sein Mitspieler P.K. Subban, der diese Saison sage und schreibe 11 Millionen kassiert. Aber das hat seinen Grund: Roman Josis Agent Georges Müller hatte im Sommer 2013 zwei Möglichkeiten. Er konnte für seinen Klienten mit einem Ein- oder Zweijahres-Vertrag ein höheres Salär herausholen und dann bei der erneuten Verlängerung noch einmal zulegen.
Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Roman Josi bereits mehrere Gehirnerschütterungen hinter sich. Die nächste hätte das Karriereende bedeuten können. Richtigerweise setzte er deshalb auf Sicherheit und einen langfristigen, bis 2020 laufenden Vertrag. Die Lohnzahlungen in den nächsten Jahren: 5 (2017/18), 5.25 (2018/19) und 4 Millionen Dollar (2019/20).
20 Jahre haben die Schweizer gebraucht, um die NHL zu erobern. Dass alle drei, die jetzt im Stanley Cup-Finale stehen, ehemalige SCB-Junioren sind, Roman Josi und Yannick Weber sogar Kumpel aus der SCB-Juniorenzeit, und die drei im Sommer in Bern eine Trainingsgemeinschaft bilden, ist kein Zufall. Bern ist ja die Eishockey-Hauptstadt der Schweiz. Einen Umzug durch die Stadt wie für den meisterlichen SC Bern wird es im Falle eines Falles für die (oder den) Stanley Cup-Sieger allerdings nicht geben. Das sagt SCB-General Marc Lüthi unmissverständlich: «Mit dem Stanley Cup hat der SCB nichts zu tun.»
Für einmal ist Lüthi unnötig bescheiden. In Tat und Wahrheit hat der SCB 2017 als erster Schweizer Club etwas mit dem Stanley Cup-Finale zu tun. Die Berner haben drei Finalteilnehmer ausgebildet.