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Firmung ist das Sakrament, das «seine Theologie sucht», wie hinlänglich bekannt ist. Die Theologie kämpft mit Widersprüchen, weil Firmung ursprünglich Teil der Taufe ist. Nicola Ottiger umschreibt, was sich ändern könnte, wenn Firmung stärker vom Vollzug her gedacht würde.
Pastorale Firmkonzepte sehen ihre Chance vor allem darin, im Sinne eines nachgeholten Taufkatechumenats Kinder und Jugendliche in ihrer Glaubensbildung zu unterstützen. Während dabei viel in den sogenannten Firmkurs investiert wird, wirkt die Firmfeier selbst oft wie «angehängt». Was könnte sich ändern, wenn Firmung stärker vom Vollzug her gedacht würde?
Geschichte und neue Ansätze
Taufe und Firmung werden in der frühen Kirche zusammen gefeiert. Nach dem Ritus der Wassertaufe und der anschliessenden Handauflegung und Stirnsalbung als Confirmatio der Taufe durch den Bischof nehmen die Getauften erstmals an der Eucharistie teil, wie die Traditio Apostolica berichtet. Die Teilhabe am eucharistischen Mahl bedeutet die vollständige Zugehörigkeit zu Christus. Dieser eine Initiationsritus, in der Osternacht begangen, entwickelt sich bald zu verschiedenen Feiern. Nachdem der christliche Glaube zur Staatsreligion geworden ist, kann der Bischof nicht mehr an allen Taufen anwesend sein. Für die nunmehr von der Wassertaufe getrennte Firmfeier muss eine theologische Deutung gefunden werden; erst recht, nachdem die Firmung als eigenes Sakrament verstanden wird.
Im Mittelalter wird die Geistgabe der Firmung vor allem als «Stärkung» für innere wie äussere Glaubenskämpfe gesehen. Folgenschwer ist die veränderte Reihenfolge der Sakramente, als Papst Pius X. zu Beginn des 20. Jh. die Erstkommunion im frühen Alter ansetzt. Die römisch-katholische Kirche spendet als einzige die Erste Kommunion, die den eigentlichen Abschluss der Initiation darstellt, vor der Firmung bzw. der Konfirmation. Theologische Neuansätze im 20. Jh. nehmen auch die Firmung in den Fokus. Das II. Vatikanische Konzil betont die enge Verbindung von Taufe, Firmung und Eucharistie. Firmung wird als «vollkommenere» Verbindung mit der Kirche beschrieben, was eine grössere Verpflichtung zum Zeugnis bzw. zum Apostolat beinhaltet (LG 11).
Firmtheologische Ansätze heute versuchen, das Sakrament der Firmung zu beschreiben, ohne dabei die Bedeutung der Taufe zu schmälern. Der Heilige Geist wird nicht erst mit der Firmung gegeben – denn Taufe ohne Wirken des Geistes ist biblisch nicht denkbar. Die Frage, wodurch sich Firmung von der Taufe abhebt, wird überwiegend mit Blick auf die Kindertaufe beantwortet: Da der Täufling seinen Glauben nicht selbst bekundet habe, könne er dies nun nachholen. Damit werde die Taufe gewissermassen ratifiziert. Die von Pastoraltheologie bzw. Religionspädagogik stark gemachte Subjektorientierung lenkt den Blick zu Recht auf die Firmlinge und deren gegenüber früher veränderte Lebenswelt. Als «Sakrament der Mündigkeit» wird Firmung als religiöse Parallele zum gesellschaftlichen Übergang ins Erwachsenenalter verstanden. Demgegenüber wird aus liturgiewissenschaftlicher Perspektive wiederholt für ein Verständnis von Firmung als liturgischem Vollzug geworben, der als zur Taufe gehörig tatsächlich vor der Erstkommunion, allenfalls sogar zusammen mit der Kindertaufe selbst, gefeiert werden sollte.1 Widerspruchsfrei ist keiner der Ansätze, wie bei näherem Hinsehen deutlich wird.
Vielfalt der Firmkonzepte
Theologische Ansätze der letzten Jahre versuchen, in verantwortlicher Weise Kindern und Jugendlichen einen Zugang zum Sakrament der Firmung zu ermöglichen. Dabei zeigt sich eine grosse Vielfalt an Vorgehensweisen. Gründe für verschiedene Firmalter werden vorgebracht, welche Firmung je nachdem als Angelegenheit der Katechese oder der Jugendpastoral verstehen. Unterschiedliche Einschätzungen finden sich hinsichtlich der Frage, ob die Firmvorbereitung eher eine längere Sache oder aber kurz gestaltet sein soll – also längerer Firmkurs mit abschliessender Firmung oder möglichst baldige Firmspendung mit anschliessendem Vertiefungsweg, der dann eine Brücke zur Erwachsenenpastoral bilden kann. Während in der Deutschschweiz an vielen Orten, im Bistum St. Gallen sogar flächendeckend, «Firmung ab 17» grossen Zuspruch findet, kehrt man andernorts inzwischen zu einem tieferen Firmalter zurück. Auch neuere religionspädagogische Fragestellungen tun sich auf: Wie lässt sich der zunehmenden Heterogenität der Firmandinnen und Firmanden gerecht werden? Macht die bisherige Jahrgangsfirmung noch Sinn?
Auch mit Blick auf die Inhalte der Firmkurse gibt es eine bestimmte Vielfalt. Aus sakramententheologischer Sicht ist klar, dass Firmung nicht wie eine irgendwie geartete «Seelen-Arznei» gespendet bzw. empfangen werden kann, wie dies einer weitverbreiteten mittelalterlichen Auffassung entsprach.
Theologische Ansätze des 20. Jh. betonen demgegenüber die personale Dimension des Sakraments. Gnade ist nichts Dingliches, sondern Gott selbst in seiner personalen Selbstmitteilung an den Menschen. Das Sakrament ist Ausdruck einer Beziehung von Gott und Mensch.
Publikationen von Firmkursen im deutschen Sprachraum zeigen insgesamt eine starke Auseinandersetzung mit dem Glauben. Leitend sind oft die Beschäftigung mit dem Glaubensbekenntnis und Themenkreise wie «Identität», «Entscheidung» und «Initiation». Der Glaubensentscheid der jungen Menschen wird entsprechend stark betont. Auffallend ist, dass die Firmfeier selbst kaum eine Rolle spielt. Wohl sind «Handauflegung» und «Salbung» manchmal explizit Inhalt der Firmvorbereitung. Darüber hinaus wird der «Gottesdienst» wie etwas Eigenes angesehen, für das in den letzten Stunden noch Texte und Aktionen, Musik und Dekoration vorbereitet werden.
Firmung als Ritual ernst nehmen
Hier zeigt sich ein eklatanter Bruch: Der Firmkurs kommt den Interessen der Jugendlichen entgegen, ist erlebnishaft und partizipativ. Demgegenüber scheint der Gottesdienst den Bedürfnissen der Jugendlichen diametral zu widersprechen. In der Firmvorbereitung Engagierte haben tatsächlich oft mit entsprechenden Reaktionen zu kämpfen: «Warum können wir nicht einen Gottesdienst so machen, wie wir ihn uns wünschen?» Die Eucharistiefeier erscheint als notwendiges Übel, soll aber sein, «weil der Bischof kommt». Kompromisse werden aufgezeigt, die etwa bei der musikalischen Gestaltung möglich sind, oder Beiträge der Firmlinge vorgesehen, die im Eröffnungsteil Platz finden können. Der Gottesdienst wirkt wie ein unliebsamer «Anhang». Die Gründe dafür sind bekannt. Die Kirchenbindung ist schwächer geworden, Gottesdienst wird von vielen als etwas Fremdes erlebt. Kirchliche Feiern übernehmen die Funktion eines «heiligen Überbaus» des Familienlebens2 und werden kaum als Feiern der kirchlichen Gemeinschaft verstanden. Dennoch: Es muss möglich sein, unter diesen Voraussetzungen zu feiern, auch in einer heterogenen Feiergemeinschaft.
Trotz dieser Heterogenität ist das kirchliche Ritual als solches ernst zu nehmen. «Wenn wir in der rituellen Praxis dauernd darauf replizieren, dass die Anwesenden den gefeierten Glauben vielleicht nicht (nicht mehr oder noch nicht) teilen, nehmen wir dem Ritual die Kraft, die im Vollzug wirken kann. Es wird von ‹Kirche› bzw. von ihren Repräsentantinnen und Repräsentanten erwartet, dass sie das Vorgesehene tun!»3
Die klaren Worte des Liturgiewissenschaftlers widersprechen nicht einer pastoraltheologischen Sichtweise, welche das Ritual sowohl als zum «Binnenraum» gehörig, als auch für den «Aussenraum» wirksam sieht. Ottmar Fuchs betont die Vor-Gegebenheit der Gnade Gottes, die Menschen im Ritual begegnet. «Das Ritual rettet die darin symbolisierte Wirklichkeit auch gegen die diesbezügliche Erfahrungslosigkeit und Erfahrungsmüdigkeit des Menschen.»4 Fuchs spricht von einer «Verobjektivierung des Kontrafaktischen im Wort und im Symbolhandeln» als einer Vor-Gegebenheit, welche die Vorgegebenheit der Liebe Gottes darstellt.5
Die Sakramente sind nicht am Reissbrett entstanden. Gerade die Initiationssakramente haben ihre Wurzeln im liturgischen Leben der Kirche. Nach ritualtheoretischen Kriterien sind Sakramente Rituale par excellence. Sie folgen bestimmten Gesetzmässigkeiten, was Aufbau, Durchführung und Teilhabe betrifft.6 Übertragen auf Firmung bedeutet dies zum Beispiel:
- Rituale werden mit persönlicher Zustimmung vollzogen. Fehlt diese, erscheint das Ritual hohl und sinnlos, vielleicht sogar magisch. Firmung soll deshalb als sakramentales Geschehen verstanden und gefeiert werden können.
- Rituale geben eine objektive Ordnung bzw. Sinndeutung vor. Im Falle des Sakraments ist dies der Glaube der Kirche. Firmung als Initiationssakrament feiert die Aufnahme in das Leben des dreifaltigen Gottes durch die Aufnahme in die Kirche.
- Rituale haben eine Deutungsoffenheit. Die objektive Deutung von Ritualen wird subjektiv angeeignet.7 Ein Ritual enthält einen Bedeutungsüberschuss, einen symbolischen Mehrwert. Die vorgegebene Form unterstützt eine aktive Teilnahme, die ihrerseits das Geschehen prägt.
- Religiöse Rituale haben einen Transzendenzbezug. Die sakramentale Gnade liegt nicht im Ritual selbst, sondern im Heilswirken Gottes, das sich dieses Zeichens bedient. Das Kernritual der Firmung besteht in der Geistgabe, was nichts «Dingliches» meint, sondern ein personales Geschehen zwischen Gott und Mensch.
Firmung feiern können
Menschen sollen sich als Subjekte eines rituellen Vollzugs erfahren können. Dafür muss das Ritual «deutlich sprechen». Die Handlungen und Symbole der Firmfeier sind verdichtete Erfahrungen einer Gemeinschaft, über welche sich auch heute Erfahrungen machen lassen. Fragen über Gott, Glaube und Kirche lassen sich daran diskutieren, in einer symboldidaktisch angemessenen Weise. In der Feier selbst trägt dann eine Wort- und Zeichensprache, die es vermag, Glauben und Leben zu verbinden. Welche Elemente der Firmfeier bieten sich an? Nur einige seien hier skizziert:
- Vom ursprünglichen Ritual – als Geschehen mit Dunkel und Licht in der Osternacht, mit Untertauchen im Wasser und anschliessender Besiegelung – ist eine stilisierte Kernhandlung mit Handauflegung und Salbung übriggeblieben. Das Ritual hat an Zeichenstärke eingebüsst. Dennoch sind die biblischen Motive von Salbung und Handauflegung so stark, dass zu vertiefen bzw. sie sinnvoll zu korrelieren sich lohnt.
- Das sakramentale Handeln bewirkt die Geistgabe. «Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.»8 Nochmals ist zu betonen, dass es sich bei dieser «Gabe» um ein personales Geschehen handelt. Der Heilige Geist ist Person. Es geht also nicht um eine anonyme Kraft, die gegeben wird. Dies ist auch zu bedenken mit Blick auf die im Firmritus erst seit dem 4. Jh. genannten sieben Geistesgaben. Es gilt, die personale Dimension der Gottesbeziehung deutlich zu machen.
- Wie bei der Taufe, welche die Neugeburt aus Wasser und Geist feiert, und der Eucharistie, die den Geist über die Gaben und die Glaubenden herabruft, handelt es sich auch bei der Firmung um ein Geistgeschehen. Die Frage ist nicht, «ob» oder «wie viel» Geist in welchen Riten erbeten werden, sondern zu welchem Zweck. Der Handritus der frühen Kirche stellt zweifellos die Geistgabe dar.9 Die Präsidialgebete der Messfeier bei der Firmspendung erhellen die Intention der Geistesgabe: Zeugenschaft für das Evangelium, tiefere Einprägung des Bildes des Gottessohnes, Überwindung des Bösen und Hilfe für Werke der Liebe bieten sich u. a. als Bilder zur Vertiefung an.10
- Im «Hochgebet» der Firmung spielt die Gemeinde eine wesentliche Rolle. Alle beten gemeinsam um die Verleihung der Geistgabe. Das Moment der Gemeinschaft wird hier und beim Vorstellen der Firmanden und Firmandinnen tragend. Sie sind Teil dieser Gemeinschaft. Ihre Geistesgaben und Charismen sind gefragt. Initiation ist ein gegenseitiger Prozess.
- Im Taufbekenntnis wird der Glaube nicht «zum ersten Mal» persönlich bekannt, dies geschieht schon bei der Erstkommunion. Taufe muss weder im liturgischen noch dogmatischen Sinn bekräftigt werden, um gültig zu sein. Das Bekennen des Glaubens dem Bischof und der Gemeinde gegenüber ist Zeichen der Initiation bzw. Zugehörigkeit.
- Die Kelchkommunion gehört zur Firmung. Sie ist Zeichen der vollständigen Initiation.11 Darauf verweist das Schlussgebet A der Messfeier zur Firmung: «Herr, du hast deine Gläubigen mit dem Heiligen Geist gesalbt und sie mit dem Leib und dem Blut deines Sohnes gestärkt.» Die eschatologische Dimension des Trinkens aus dem Kelch des Bundes knüpft auch an der eschatologischen Dimension der Firmung an.
- In der Wortverkündigung wird deutlich, wie sich das Geistgeschehen im Leben von Gefirmten zeigen kann.
- Der Bischof entbietet den Gefirmten den Friedensgruss. Wäre das stimmige Zeichen nicht, als Geistbegabte den Friedensgruss der Gottesdienstgemeinschaft weiterzureichen?
- Die Lebensnähe der Liturgie zeigt sich auch in den Fürbitten, mit welchen die Gemeinde ihren priesterlichen Dienst versieht. Gefirmte lassen sich auf die Welt und ihre Nöte ein. Die diakonische Dimension von Firmung findet u. a. in den Fürbitten ihren Ausdruck.
Zum Weiterdenken
Dem Grundsatz nach hat sich Sakramentenkatechese vom Sakrament selbst herzuleiten. Ob Firmung beispielsweise als eine Art «Glaubenskurs» konzipiert werden soll bzw. ob eine (Über-)Betonung von Firmung als «Glaubensentscheid» bei näherem Hinsehen besticht, muss an anderer Stelle weiter reflektiert werden.12 Die Firmung selbst legt den Akzent jedenfalls nicht auf Entscheidung. Diese wurde bei der Taufe bereits getroffen. Hier wie dort tritt der Glaubensentscheid auch hinter dem Gnadencharakter, d. h. dem Heilshandeln Gottes, zurück.
Vom Ritual her zu denken bedeutet, von den beteiligten Menschen her zu denken. Sie sind es, die das Sakrament feiern. Für welches Firmkonzept man sich auch entscheidet: Die gefeierte Liturgie ist der Ort der Firmung. Es spricht aus theologischen wie religionspädagogischen Gründen einiges dafür, Firmandinnen und Firmanden auf ihrem Weg zu begleiten, sich mit ihnen und ihren Fragen auseinanderzusetzen, und dies mit Blick auf das Ritual zu tun. Sie werden so zu Subjekten ihrer Firmung, und Liturgie kann zur Erfahrung werden.