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Abstract
Im ausgehenden 19. Jahrhundert lässt sich anhand der Lehrveranstaltungen für „Philosophie und Pädagogik“ – wie der entsprechende Abschnitt in den Vorlesungsverzeichnissen überschrieben ist – das Verhältnis der Disziplinen Philosophie, Pädagogik und Psychologie gut nachzeichnen. Dabei spielte die Ausbildung der Lehrpersonen an der Universität eine zentrale Rolle.
Im 19. Jahrhundert hatten sich die Disziplinen Pädagogik und Psychologie an der Universität Zürich noch nicht institutionell von der Philosophie differenziert: Die zwei Lehrstühle für Philosophie waren auch für die beiden anderen Bereiche zuständig. Das änderte sich mit der Institutionalisierung der universitären Ausbildung von Lehrpersonen in Zürich, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann. Ein erster Schritt dazu war die Gründung von Seminarien nach deutschem Vorbild, an denen nicht nur fachwissenschaftliches Wissen erworben, sondern – in geringem Ausmass – auch die Vermittlung des Unterrichtsstoffs an Gymnasien gelehrt wurde. Das 1857 von Hermann Köchly gegründete philologisch-pädagogische Seminar war das erste an der Universität Zürich; bis Ende des 19. Jahrhunderts folgten u.a. das historische, das romanisch-englische und das deutsche Seminar. An den Seminarien wurden Übungen zur Interpretation und Diskussion von Texten durchgeführt, Rhetorik gelehrt, und einzelne Seminarien führten Schulbesuche an Gymnasien durch. Ab 1861 konnten zukünftige Lehrpersonen das Diplom für das höhere Lehramt für historisch-philologische Fächer erwerben, ab 1886 auch für mathematisch-naturwissenschaftliche. Seit 1865 besuchten auch zukünftige Sekundarlehrpersonen die Universität. Die Lehramtsschule erlangte 1870 definitiven Status. 1881 wurde sie vollständig in die Universität integriert, für die Studierenden wurde der Besuch eines zweijährigen Studiengangs verpflichtend. Dazu gehörte auch der Besuch von Pädagogik- und Psychologievorlesungen, für die Ausbildung im Sekundarlehramt obligatorisch, für einen Teil der Fächer auf Gymnasialstufe empfohlen (UAZ BH.1 Criblez 2011; Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt vom 22. November 1899).
Weil die Lehrämter nicht in die bisherigen universitären Strukturen passten, hatte deren Etablierung eine Reihe von Neuerungen zur Folge: So mussten die Lehrangebote für die Studierenden der Sekundar- und Gymnasiallehrgänge permanent angeboten werden. Aber auch in der Ausrichtung der zwei Philosophielehrstühle zeichneten sich die veränderten Bedürfnisse ab. Zwar wurde kein zusätzliches Ordinariat für Pädagogik oder Psychologie geschaffen, aber mit der Berufung von Richard Avenarius wurde der Lehrstuhl 1876 auf systematische Philosophie, Pädagogik und Psychologie ausgerichtet. Avenarius las regelmässig die Vorlesungen zu Pädagogik und Psychologie. Allerdings grenzte er sich von der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Strömung der experimentellen Psychologie ab, was die Position der Psychologie an der Universität Zürich geschwächt haben dürfte. Insgesamt bleibt die Frage unbeantwortet, inwiefern sich Psychologie und Pädagogik durch ihre Konkurrenz um die zwei Philosophielehrstühle gegenseitig behinderten (Criblez 2011).
Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse zeigt folgendes Bild der Lehrveranstaltungen in Philosophie, Psychologie und Pädagogik:
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Anzahl der (angekündigten) Lehrveranstaltungen von Sommersemester 1885 bis Wintersemester 1899/1900 im Bereich „Philosophie und Pädagogik“ (Universität Zürich 1833–1900).
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Die Dominanz der Philosophie und die marginale Rolle der Psychologie zeichnen sich deutlich ab. Von den Lehrveranstaltungen in Psychologie sind in den Vorlesungsverzeichnissen die Titel überliefert, die Inhalte lassen sich daraus nur ansatzweise rekonstruieren. Es handelt sich vornehmlich um eine Vorlesung mit dem Titel „Psychologie“, welche Andreas Ludwig Kym und Avenarius (bzw. später sein Nachfolger Ernst Meumann) abwechselnd durchführten und die unter anderem für Lehramtsstudierende gedacht waren.
Die überwiegende Mehrzahl der abgebildeten Pädagogik-Veranstaltungen richtete sich an Studierende des Sekundarlehramts und wurde durch Otto Hunziker unterrichtet. Für nähere Angaben siehe den Artikel „Pädagogik-Vorlesungen an der Universität Zürich im 19. Jahrhundert“. Nicht abgebildet sind pädagogisch-didaktische Lehrveranstaltungen, welche den Seminarien oder der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät angegliedert waren (vgl. dazu den Artikel „Die Anfänge der Fachdidaktik“). So gab es beispielsweise am Deutschen Seminar ab 1886 jedes Semester „Deutsch-pädagogische Übungen“, und an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abteilung botanische Praktika „speziell für Lehramtskandidaten“ (Universität Zürich 1833–1900).
Die verhältnismässige Nähe von Philosophie, Pädagogik und Psychologie zeigte sich unter anderem darin, dass sich die Philosophie-Lehrstuhlinhaber in allen drei Disziplinen bewegten: Die Psychologie-Vorlesung bestritten die zwei ordentlichen Professoren im Wechsel, Avenarius hielt zudem jedes zweite Semester die Vorlesung „Allgemeine Pädagogik“ ab, und auch Meumann las zu pädagogischen Themen (Universität Zürich 1833–1900). Schliesslich gab es gelegentlich disziplinäre „Mischveranstaltungen“. So bot der Privatdozent Ludwig Stein ein „Philosophisch-pädagogisches Kränzchen, verbunden mit Vortragsübungen (gratis)“ an (Universität Zürich 1833–1900).
Quellen und Literatur
Criblez, L. (2011). Eine Disziplin für unterschiedliche Professionsansprüche (1857–1949). In R. Hofstetter & B. Schneuwly (Hrsg.), Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz : Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (S. 49–68). Bern: Hep.
Universität Zürich. (1833–1900). Historische Vorlesungsverzeichnisse der Universität Zürich 1833–1900 [Online-Quelle]. Abgerufen am 17.2.2018 unter http://www.histvv.uzh.ch/
Ungedruckte Quellen
UZH Archiv (UAZ), BH.1, Sammlung von Erlassen
Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt in Fächern der I. und II. Sektion der Philosophischen Fakultät. 22. November 1899.
Autorenschaft
Judith Mathez
Zeitmarke
1881