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Gletscherschliffe in der Lütschinenschlucht
Mit 1 Bild.Von Raimund v. Klebeisberg.
( Unterer Grindelwaldgletscher. ) « Die Alpen » haben in letzter Zeit wiederholt wertvolle gletscherkundliche Beiträge gebracht. Deshalb sei hier auch eine Beobachtung aus dem Bereiche des Unteren Grindelwaldgletschers mitgeteilt, die bemerkenswert und meines Wissens neu ist.
Das Ende des Unteren Grindelwaldgletschers reicht heute gerade noch bis in den oberen Anfang der Schlucht der Wyss-Lütschine hinab, in die von unten, beim Restaurant an der Strasse ( 1022 m ), der Klammsteg herein-führt. Wo der Steg endigt und auf der Strecke von da bis zum Gletscher ist die Schlucht in der Tiefe grossenteils bis auf einen schiefen Spalt mit parallelen Wänden verengt, die nur wenige Meter, ja mehrmals kaum 1—2 m voneinander abstehen, stellenweise — z.B. nahe ausserhalb des Stegendes — in der Höhe auch ganz zusammenschliessen. Im Grunde des engen Spaltes schäumt mit Urkraft der besonders in den Nachmittagsstunden starke Gletscherbach. Kurz, es ist ein Muster jener Klammen, die mit Recht als Sehenswürdigkeiten dem Besuche erschlossen worden sind.
Noch vor zehn Jahren hatte der Gletscher mit einem äussersten Zipfel bis nahe innerhalb des Stegendes in die Schlucht hinabgereicht. Um 1850 und ganz besonders um 1820, als Joseph Anton Koch das schöne Bild Nr. 54 aufnahm, das sich im Breslauer Museum befindet, reichte der Gletscher über die Schlucht hinaus auf den breiten Talboden, wo sich heute die Schmelzwasser aus dem Obern und Untern Grindelwaldgletscher vereinigen1 ).
Bei diesen Vorstössen nun ist das Eis bis in den tiefsten Grund des Spaltes ein- und durch ihn hindurchgedrungen. Die Spuren davon findet man noch wenige Meter über dem Bache. Grossenteils sind die Flächen der Schluchtwände in ihrem heutigen Zustande zwar durch junge Nachbrüche entstanden oder durch Wasserschliff und -kalk geprägt, zum Teil auch lehmig überkrustet; stellenweise aber sind noch eindeutige Gletscherschliffe mit deutlichen Schrammen erhalten. Man muss nur genau genug hinsehen und, um sicherzugehen, sich an die Stellen halten, wo sich Schrammen und Gesteinsschieferung schneiden, dann bleibt kein Zweifel, dass es wirklich Gletscherschliffe und -schrammen sind. Der Steg ermöglicht die Beobachtung ohne jede Schwierigkeit. Etwa 10 m ausserhalb des derzeitigen Stegendes ( Sommer 1939 ) ist eine nahezu 1 m2 grosse Fläche der linken, leicht überhängenden Klammwand 1,5-2 m über dem Stegboden geschliffen und geschrammt. Die Schrammen verlaufen, zum Teil spitzwinklig konvergierend, steil von oben herab, nur mit einer schwachen Komponente talaus und schneiden schräg bis fast quer über die Gesteinsstrukturen hinweg. Man sieht sie nicht nur deutlich, sondern fühlt sie auch, wenn man mit den Fingern horizontal über die geglättete Wand hinwegfährt; an einer sanfter geneigten, besser beleuchteten Stelle würde sie kein Beobachter übersehen haben. Auch an der gegenüberliegenden rechten Wand, wenige Meter ausserhalb des Staubfalles, 3-5 m über dem Bach, sind an ein paar schöngeschliffenen glatten Wandstellen im tangentialen Schein der Mittagssonne deutlich sehr steil von oben innen nach unten aussen verlaufende, dicht beieinanderliegende Schrammen sichtbar.
Besonders bemerkenswert aber ist ein Vorkommen nahe ausserhalb der Stelle, wo die Spaltenwände in der Höhe zusammenschliessen. Da erscheinen unten im Niveau des Steges, 3-4 m über dem Bach, in einem 1,5 m breiten Streifen der glatten, ungefähr senkrechten linken Schluchtwand deutlich dicht nebeneinander verlaufende, sich spitzwinklig schneidende Gletscherschrammen, die 1,5-2 m weit in ihrem Verlaufe verfolgt werden können und dabei mit 30-40° talauswärts ansteigen. Dass es nicht ein umgekehrt gerichtetes Absteigen ist, geht aus dem Einsetzen und Auslaufen der Schrammen bzw. aus ihrem Verhältnis zu Luv und Lee der leichten Unebenheiten der Schliffläche hervor. Demgemäss hat sich das Eis, das wenig weiter innerhalb von oben steil in die Schluchttiefe herabgestiegen war, im Schluchtgrunde unter dem Zusammenschluss in der Höhe hindurchgezwängt und dann wieder an den Wänden aufwärts bewegt. Dass die Gletscher-schliffstellen, die an den Schluchtwänden bis auf wenige Meter über den Bach hinabreichen, sehr alt sind, ist nicht wahrscheinlich, sie wären sonst wohl der Auswaschung zum Opfer gefallen. Sie dürften von einem der letzten Gletschervorstösse um 1850 oder 1820 herrühren.
Nachdem schon Albert Heim x ) in Gletscherschliffen und Moränenresten eiszeitliches Eis bis in die Tiefe der Viamalaschlucht ( Hinterrhein ) hinab verfolgt hatte, allerdings nicht bis in den engsten, untersten Einschnitt der eigentlichen Klamm, zeigen die hier geschilderten Vorkommnisse erst recht, wie ausserordentlich schmiegsam und plastisch sich das Gletschereis auch bei nur massiger Überlagerung verhält, auf dass es in dieser geradezu erstaunlichen Weise bis in die tiefsten, engsten, gleichsam unzugänglichen Hohlräume eindringen, sie ausfüllen und unter Überhängen und Überdeckungen hindurchströmen konnte.