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Kuba zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In der abgelegenen Stadt Baracoa im Osten der Insel arbeitet der Schweizer Enrique Faber als Arzt. Hautnah erlebt er die Brutalität und Heuchelei der Herrscher. Er engagiert sich gegen die Sklaverei und heiratet eine von der Gesellschaft ausgestossene Mulattin – was vor allem bei den örtlichen Sklavenhändlern für Unmut sorgt. Als der Arzt eines Nachts überfallen wird, kommt dessen wahre Identität ans Licht: Enrique Faber ist eine Frau.
Der Spielfilm «Insoumises» von Fernando Pérez und Laura Cazador beruht auf wahren Begebenheiten. Er erzählt die Geschichte der ersten Frau, die auf der grössten Karibikinsel als Ärztin wirkte: Henriette Favez, geboren wahrscheinlich 1791 in Lausanne, möglicherweise aber auch 1786 in Yverdon, genau weiss man es nicht. Was verbürgt ist: Unter dem Namen Enrique Faber und als Mann verkleidet, hatte die Schweizerin in Paris Medizin studiert und erfolgreich in Chirurgie promoviert – Frauen waren damals nicht zum Studium zugelassen. Nach Kuba war sie gekommen, um ihren Sohn zu suchen, von dem sie hörte, dass es ihn möglicherweise in die spanische Kolonie verschlagen habe.
Die Geschichte von Henriette Favez ist in Kuba bekannt, vor allem unter Leuten, die im medizinischen Bereich tätig sind – in der Schweiz dagegen kennt sie kaum jemand. Der kubanische Altmeister Pérez und die Schweizer Regisseurin Cazador erzählen die kubanischen Jahre dieses ungewöhnlichen Menschen bildgewaltig als Drama einer Frau, die ihrer Zeit in dreifacher Hinsicht voraus war: als Ärztin, als Kämpferin gegen die Sklaverei und als Frau, die sich herkömmlichen Zuschreibungen von Geschlecht verweigert. Gespielt wird sie von der französischen Schauspielerin Sylvie Testud, die bei uns zuletzt als Gattin von Alberto Giacometti zu sehen war in Stanley Tuccis Biopic «Final Portrait» (2017).
Familiär vorbelastet
Es hätten schon mehrere Regisseure, kubanische und ausländische, die Absicht gehabt, diese Geschichte auf die Leinwand zu bringen, erzählt Fernando Pérez. Aber für ihn war klar: «Es musste eine Frau sein, die das mit ihrem weiblichen Blick filmisch umsetzt.» Deshalb habe er auch Laura Cazador ermuntert, dieses Projekt zu realisieren: «Es ist ihr Film.» Aber wie kommt nun eine junge Schweizerin aus Genf dazu, sich in ihrem ersten langen Spielfilm dieser Geschichte anzunehmen und damit zu reüssieren, in Koregie mit Kubas bekanntestem und international erfolgreichstem Filmemacher?
Laura Cazador sitzt an einem kalten Dezembertag in einer Genfer Szenekneipe, die sie als Treffpunkt vorgeschlagen hat, und beginnt zu erzählen. Sie sei familiär vorbelastet, sagt sie: mit Kuba, mit dem kubanischen Kino und mit Fernando Pérez. Ihr Vater arbeitete in den achtziger und neunziger Jahren als Romandie-Verantwortlicher für Trigon-Film, so kam sie schon im Kindesalter mit den Filmen in Kontakt, die zu jener Zeit die Hits des Verleihs waren: «Warum Bodhi-Dharma in den Orient aufbrach» (1989) oder die Filme des Argentiniers Eliseo Subiela. Sie sei zwar fasziniert gewesen, doch noch etwas zu jung, um sie zu verstehen. Bei einem Film sei das dann anders gewesen: «La vida es silbar» (1998) von Fernando Pérez. Sie war sechzehn damals – und hingerissen von diesem Kinomärchen um drei verlorene Seelen und eine gute Fee im Havanna der Notzeit der Neunziger.
Der Film avancierte in der Schweiz zu einem der erfolgreichsten lateinamerikanischen Filme überhaupt – und Cazador lernte Pérez kennen, als dieser während seiner Promotionstour für den Kinostart in der Romandie bei ihren Eltern wohnte. Pérez wiederum lud ihren Vater nach Kuba ein. Bis die Reise zustande kam, dauerte es noch ein paar Jahre. Cazador stand kurz vor der Matura, als sie mit ihrem Vater nach Kuba reiste. In Havanna trafen sie Pérez, als dieser an einem Projekt mit der italienischen Dokumentarfilmerin Anna Assenza arbeitete, die ihrerseits zusammen mit zwei jungen kubanischen Filmstudenten in einer Mietwohnung im Vedado-Viertel lebte.
Cazador gerät nun ins Schwärmen, ihre Augen leuchten, als sie von diesen ersten Begegnungen in Havanna erzählt. Gleich dreifach habe sie sich verliebt: in Kuba, in die Projekte dieser Filmstudenten, die damals eine eigene Produktionsgesellschaft gründeten – und in den Kameramann Anlly Sardiñas, einen der Filmstudenten. Das Leben in dieser WG habe sie an die besetzten Häuser in Genf erinnert. Die kubanischen Institutionen hätten allerdings nicht so recht gewusst, wie umgehen mit diesen Leuten. Und sie klingt beinahe wie eine kubanische Funktionärin, als sie sich beeilt zu erklären, diese Leute seien keinesfalls Konterrevolutionäre gewesen, sondern junge Menschen, die durchaus loyal zu Kubas politischem System gestanden seien.
Nach einigen Wochen in Havanna kehrte sie zwar nach Genf zurück, die Matura rief. Doch es war der Beginn eines Lebens zwischen Genf und Havanna. Schon bald reiste sie wieder nach Kuba, lernte Spanisch und studierte Schauspiel und Dramaturgie an der Kunstschule, wo Pérez einer der Lehrer war. An der internationalen Filmschule in San Antonio de los Baños ausserhalb von Havanna belegte sie Drehbuch- und Regiekurse, und dort hörte sie auch erstmals von Enrique Faber, als ein kubanischer Produzent zu ihr sagte: «Aha, du bist aus der Schweiz, so wie Enrique Faber.» Ihre Neugier war geweckt, doch niemals hätte sie damals geglaubt, je einen Film über diese Persönlichkeit zu machen: «Es ist nicht meine Epoche, es ist nicht mein Land.»
Kuba–Schweiz–Kuba
Ihr erstes Kind wollte Cazador dann in der Schweiz zur Welt bringen, in der Hoffnung, Sardiñas würde bald nachkommen können. Das erwies sich als Illusion, die Behörden in Kuba machten Probleme. Sie musste mit dem Baby zurück nach Havanna, damit ihr Partner schliesslich mit ihr zusammen in die Schweiz ausreisen konnte. «Mein Leben war schon immer ziemlich kompliziert», kommentiert Cazador diese Episode. Die nächsten Jahre blieb das Paar in Genf, wo 2009 ein weiteres Kind zur Welt kam. Als zwei Jahre später das dritte Kind geboren wurde, lebte Cazador wieder für einige Zeit in Kuba. Dort hat sie, im Sommer 2017, dann auch «Insoumises» gedreht.
Der Film beginnt mit der Ankunft von Enrique Faber im Osten der Insel. Ihren Sohn wird die Schweizerin unter falschem Namen nicht finden, vermutlich ist er in den Wirren eines von den spanischen Kolonialherren niedergeschlagenen Sklavenaufstands umgekommen. Als Henriette Favez bei dem Überfall enttarnt wird, wird sie denunziert und verhaftet. Sie wird verurteilt und später in die USA deportiert, wo sie weiter als Ärztin arbeitet. 1845 stirbt sie in New Orleans.
In: Solothurn, Konzertsaal, So, 26. Januar 2020, 20.30 Uhr, und Reithalle, Mi, 29. Januar 2020, 18.30 Uhr. Ab 31. Januar 2020 im Kino.