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Der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche», Philipp Gut, wirft der Zürcher Historikerin Svenja Goltermann vor, ihre Position durch Sex erworben zu haben. Beweise dafür legt er nicht vor.
Die «Weltwoche» wirft dem Zürcher Historiker Philipp Sarasin vor, seiner heutigen Lebenspartnerin Svenja Goltermann zu einer Professur an der Universität Zürich verholfen zu haben. Die beiden hätten während des Berufungsverfahrens eine Liebesbeziehung unterhalten, Sarasin hätte seine Stellung missbraucht. Das Paar bestreitet die Vorwürfe und hat eine Klage wegen Ehr- und Persönlichkeitsklage eingereicht. Auch Jakob Tanner, ebenfalls Professor an der Uni Zürich, hat gegen die «Weltwoche» geklagt, weil ihm Mitwisserschaft unterstellt wird. Der Reihe nach:
Im Jahr 2009/2010 setzte die Universität Zürich eine mehr als zehnköpfige Berufungskommission ein, um die Nachfolge von Professor Carlo Moos zu regeln. Auch der Historiker Philipp Sarasin war Mitglied dieser Kommission. Berufen wurde schliesslich Svenja Goltermann. Sie trat ihren Posten im Februar 2012 an.
Die «Weltwoche» hat in drei aufeinanderfolgenden Artikeln – einmal gar in Form einer Titelgeschichte – die Behauptung aufgestellt, die Berufung Goltermanns sei ein Beziehungsdelikt. Die beiden Historiker hätten schon vor der Berufung eine Liebesbeziehung unterhalten. Im Klartext: Frau Goltermann, die gemäss «Weltwoche» «zuvor noch keine Professur bekleidet hatte und ausserhalb sozialhistorischer Fachzirkel weitgehend unbekannt war», habe sich ihre Zürcher Professur mit Sex erkauft. Deshalb sei das ganze Verfahren korrupt gewesen. Sarasin hätte seine Beziehung zu Goltermann offenlegen müssen. Weil er dies nicht getan hätte, müsse der Regierungsrat nun eingreifen, den Vorfall abklären und allenfalls Massnahmen ergreifen.
Das einzige Indiz, das die «Weltwoche» nennt, ist die Tatsache, dass Philipp Sarasin in der Einleitung zu Goltermanns Dissertation erwähnt wird – als einer unter vielen, wohlgemerkt. Ansonsten spricht das Blatt nur von «mehreren, voneinander unabhängigen Quellen», welche die angebliche Liebesbeziehung bezeugen würden. Die Geschichten der «Weltwoche» sind gespickt mit Unterstellungen und Andeutungen von angeblichen Freunden Sarasins.
Da der vermeintliche Tatbestand auch höchst banal und entsprechend schnell erzählt ist, musste vor allem die Titelgeschichte gewaltig aufgeblasen werden. So wird beispielsweise eine längliche und völlig überflüssige Duden-Definition von Korruption zitiert.
Professor Sarasin hat in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» ausführlich Stellung zu den Vorwürfen genommen. Darin hält er fest, dass er heute tatsächlich eine Liebesbeziehung zu Frau Goltermann unterhält, dass diese Beziehung jedoch ihren Anfang im Sommer 2013 genommen habe – mehr als ein Jahr nach Beendigung des Berufungsverfahrens. Während dieses Verfahrens hat er Frau Goltermann zwar gekannt, wie man sich in der Historiker-Szene kenne, mehr nicht. Was die Erwähnung in der Einleitung betrifft: «Das ist üblich, und dies als Beweis einer Liebesbeziehung zu werten, ist lächerlich», betont Anwalt Andreas Meili, der die Interessen der beiden vertritt.
Die Universität Zürich hat sich bisher hinter Sarasin gestellt und sieht keinen Handlungsbedarf. Warum haben die beiden nun geklagt? «Die «Weltwoche» wirft den beiden moralisch und rechtlich verwerfliche Handlungen vor», erklärt Meili. «Zudem wurden sie mit Bild auf der Titelseite des Magazins abgebildet. Das können sie so nicht im Raum stehen lassen.»
Gut hat es im Übrigen bisher nicht für nötig befunden, auch Svenja Goltermann zu befragen. Trotzdem ist er von seiner Sache überzeugt. Auf Anfrage erklärt er: «Selbstverständlich sind die Informationen wasserdicht. Wer unsere Quellen sind, verraten wir nicht.»
Die Universität steht seit langem in der Schusslinie der «Weltwoche». 2012 hat das Blatt 15 Professoren der akademischen Inkompetenz beschuldigt, Philipp Sarasin gehörte dazu. Seit der Mörgeli-Affäre – deren Details wir uns hier ersparen dürfen – herrscht offener Krieg.
Die «Weltwoche» lässt keine Gelegenheit offen, darüber zu klagen, dass die Universität Zürich links unterwandert sei. Claudio Zanetti, ein der «Weltwoche» nahestehender Zürcher SVP-Kantonsrat, hat bereits eine diesbezügliche Interpellation eingereicht.
Der Journalist Philipp Gut ist heute stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche». In der Branche hat er sich einen Namen als der «Mann fürs Grobe» geschaffen. Sein Name erscheint regelmässig über Artikeln, die selbst für «Weltwoche»-Verhältnisse hart geschrieben und politisch weit rechts situiert sind.
Gut war einst Assistent am Historischen Seminar der Uni Zürich. Daneben arbeitete er als freier Journalist für den «Tages-Anzeiger». Wie die Zürcher Studierendenzeitung in einem Artikel vom November 2012 schreibt, hatte er offenbar Mühe, die beiden Funktionen auseinanderzuhalten. Im Oktober 2005 veröffentlichte er im «Tages-Anzeiger» einen Artikel unter dem Titel: «Schweizer Geschichte gibt es an der Uni nur noch als Nebenfach». Dabei stützte er sich gemäss «Zürcher Studierendenzeitung» auf Insiderwissen. Gut selbst bestreitet das entschieden. «Dieser Vorwurf ist absurd», sagt er.
Eine mögliche akademische Karriere Guts war damit gemäss «Zürcher Studierendenzeitung» jedoch unmöglich geworden. Er sei zwar nicht entlassen, aber sein Vertrag sei nach Ablauf nicht mehr erneuert worden, hält die Studentenzeitung fest. Und weiter: «Gut habe nicht nur seine Stelle als Assistent ausgenutzt und interne Informationen veröffentlicht, sondern die Abläufe auch noch falsch dargestellt, lautete der Vorwurf des damaligen Seminarvorstehers Moos.»
Der Fall «‹Weltwoche› gegen Sarasin/Goltermann» ist ein journalistisches Schmierenstück, das an Infamität kaum zu überbieten ist. Was gibt es Niederträchtigeres, als einer Frau vorzuwerfen, sie hätte ihre Karriere mit Sex erkauft? Wie kann sie sich gegen Gerüchte und Unterstellungen wehren, die mit inquisitorischer Stimme erhoben werden? Es ist das gute Recht der «Weltwoche» gegen eine linke Unterwanderung der Universität zu kämpfen, auch wenn sie nur in der Phantasie existiert. Selbst in diesem Fall dürfen die elementarsten Regeln journalistischer Fairness nicht in den Wind geschlagen werden.