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Eine der berühmtesten musikalischen Begegnungen des letzten Jahrhunderts beginnt eigenwillig. Auf der einen Seite steht George Martin, Absolvent der Guildhall School of Music and Drama, Hausproduzent der Plattenfirma EMI, ein gestandener Mann von 36 Jahren; auf der andern Seite vier junge Beatmusiker aus der Provinz, die sich «The Beatles» nennen und bei diesem Label vorspielen möchten.
Die Band ist angespannt, sie wurde schon ein paar Mal von andern Firmen abgelehnt. Um die vier zu beruhigen sagt Martin: «Gibt es irgendetwas, was Euch nicht gefällt?». Der 19-jährige Gitarrist George Harrison antwortet britisch trocken: «Zum Beispiel Ihre Krawatte!».
Grosser Einfluss auf die vier Musiker
George Martin lässt sich von diesem frechen Witz nicht abschrecken, im Gegenteil. Er mag ihren Humor, er mag die Stimmen der beiden Leadsänger John Lennon und Paul McCartney, vor allem aber hört er deren Potential als Songschreiber – ein Potential, das sie bis zu diesem Moment noch nicht ausgeschöpft haben.
Ab diesem 6. Juni 1962 wird George Martin für die vier jungen Liverpooler zum steten Begleiter, eine Mischung aus väterlichem Freund und solidem musikalischen Berater.
George Martins Einfluss auf die Musik der Beatles ist nicht zu unterschätzen. Schon bei der ersten Single mischt er sich ein: «Love me do» ist eine Komposition von Paul McCartney, wird aber von John Lennon gesungen. Martin ändert das, weil er Lennons Mundharmonika auf der Aufnahme möchte – diese wird zum Markenzeichen des Songs.
Klanggemälde verstehen – und umsetzen
Die vier Musiker entwickeln sich rasch weiter. 1965 kommt Paul McCartney mit einem Lied, von dem er nicht weiss, ob er es irgendwo abgeschrieben oder nur geträumt hatte. George Martin schreibt zu «Yesterday» das kongeniale Arrangement für ein Streichquartett. Die Musiker beginnen, zu experimentieren, auch unter dem Einfluss von Drogen, die Studioausrüstung wird von Jahr zu Jahr verfeinert.
Gefragt ist ein Produzent, der die Ideen seiner Schützlinge umzusetzen vermag, seien sie noch so vage formuliert. Paul McCartney hat musikalische Bildung. John Lennon dagegen setzt auf Gefühle und Bilder. Er möchte, dass eines seiner Stück «orange» klingt, dass ein anderes nach Sägemehl riecht.
George Martin versteht diese Bilder, und er versteht es, sie musikalisch und technisch umzusetzen. Wie kann man zwei Teile desselben Songs aneinanderfügen, die sich in Tempo und Tonart unterscheiden? George Martin findet auch für dieses Problem bei «Strawberry Fields Forever» von John Lennon eine Lösung.
Die alten Bande halten
Bis zu ihrem letzten gemeinsam aufgenommenen Album «Abbey Road» arbeitet Martin mit den Beatles zuammen. Dann trennen sich die Wege der fünf.
Martin produziert für andere Künstler, die sich die rockigen Klanggemälde der Beatles zum Vorbild nahmen. Die alten Bande gehen dabei nicht vergessen. 1982 nimmt Paul McCartney ein eigentliches Liebeslied auf für seinen Weggefährten, den ermordeten John Lennon. George Martin schreibt für «Here Today» wiederum ein Streicherarrangement, das den eindringlichen Song vertieft.
Nun ist George Martin 90-jährig verstorben: jener Mann, den man «fünften Beatle» nannte – ein Übername, der nur andeutungsweise etwas über den Einfluss des Mannes sagt, der die Geschicke der kreativsten Rockband aller Zeiten lenkte und dieser Band ein musikalisch vielfältiges Gesicht gab.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Nachrichten, 9.3.2016, 08:00 Uhr.