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In einem historischen Buch über die Sklaverei in den USA habe ich
folgende Begebenheit gelesen, die mich sehr berührt hat: Eine Negersklavin
auf einer Farm hatte ein Kind geboren. Das Baby wurde ihr nach der Geburt
weggenommen und einer Amme auf einer anderen Farm zur "Aufzucht"
übergeben, damit die junge Mutter sofort wieder zur Arbeit auf den Feldern
eingesetzt werden konnte. Die Farm, wo der Säugling nun war, lag mehrere
Wegstunden entfernt. Nacht für Nacht machte sich die Mutter heimlich auf
den Weg dorthin, um ihr Kind zu besuchen. Sie konnte es nur kurz besuchen,
denn im Morgengrauen, wenn die harte Feldarbeit begann, musste sie wieder
zurück sein.
Die weissen Farmer sprachen den Neger-Sklaven menschliche Gefühle ab.
Wer behauptete, Schwarze hätten ähnliche Empfindungen wie Weisse und ihre
Versklavung sei ein Unrecht, war ein Extremist und Staatsfeind - genau so
wie ich heute, wenn ich behaupte, Säugetiere würden Freude, Trauer,
Angst und Schmerz ähnlich empfinden wie das Säugetier Mensch, und müssten
deshalb vor Misshandlung ähnlich geschützt werden wie wehrlose kleine
Kinder.
Die Farmer in den Südstaaten der USA behaupteten, ohne die Negersklaven
könnten sie wirtschaftlich nicht überleben. Heute behaupten unsere
"Farmer" sinngemäss ähnliches: ohne die rücksichtslose, unmenschliche
Ausbeutung der Nutztiere könnten sie wirtschaftlich nicht überleben.
Natürlich sagen unsere Bauern das nicht mit diesen Worten. Die
Bauernlobby indoktriniert die Öffentlichkeit systematisch mit der
Behauptung, wir hätten ein gutes Tierschutzgesetz, die Tierhalter würden
ihre Tiere lieben und die Tiere würden nur bei guter Haltung und Pflege
eine optimale Leistung erbringen. Das sind nichts als Propaganda-Lügen.
Eine optimale Pflege und Haltung könnte sich darin zeigen, dass die
Tiere gesund alt würden. Unsere Nutztiere werden aber nicht alt, im
Gegenteil werden sie schon in jungen Jahren geschlachtet. Legehennen zum
Beispiel können bei artgerechter Haltung 10 und mehr Jahre alt werden. In
unseren Hühnerfabriken werden sie im jungen Alter von 15 Monaten brutal
abgeschlachtet und "entsorgt". In diesem jungen Alter sind sie physisch
und psychisch bereits erledigt, erschöpft, ausgebeutet, in einem
grässlichen Zustand. Auf www.vgt.ch finden Sie diese in der Öffentlichkeit
wenig bekannte Tatsache ausführlich dokumentiert.
Masthühner werden nicht einmal zwei Monate alt, Mastschweine ein
knappes halbes Jahr. Auch Mutterschweine und Milchkühe werden in der Regel
schon in jugendlichem Alter getötet und ersetzt, da ihre Leistung unter
den ausbeuterischen Verhältnissen nachlässt.
Ich hoffe, niemand wagt zu behaupten, den Negersklaven sei ein
glückliches Leben gegönnt gewesen, weil sie nur so eine optimale Leistung
erbracht hätten. Und es wird hoffentlich niemand behaupten wollen, die
Zwangsarbeiter in den Nazi-KZs hätten unter optimalen Verhältnissen
glücklich leben können, damit sie opitmale Leitstungen erbracht hätten. -
Sobald sie verbraucht waren, wurden sie einfach ersetzt - so wie heute
Schweine und Hühner in den Tier-KZs.
Bei der gegenwärtigen Revision des Tierschutzgesetzes besteht unter den
schweizerischen Tierschutzorganisationen ein Konsens über die notwendigen
Verbesserungen. Bundesrat und Parlament wurde ein sorgfältig
ausgearbeiteter Entwurf der dringend nötigen Verbesserungen vorgelegt.
Unsere Bauern lieben ihre Tiere so sehr, dass ihre Vertreter im Parlament
diese Forderungen vehement bekämpft und einen nennenswerten Fortschritt
verhindert haben. Den wenigen Verbesserungen stehen ebenso viele
Verschlechterungen gegenüber.
Netto sind wir im Tierschutz so weit wie vor 20 Jahren. Die im
Parlament übervertretene Agro-Lobby hat erreicht, dass zB Schweine
weiterhin lebenslänglich auf einem halben Quadratmeter Vollspaltenboden
pro Tier ohne Einstreu und ohne Auslauf ins Freie gehalten werden dürfen
(Bild 1 und 2), und dass Mastrinder weiterhin lebenslänglich in dichtem
Gedränge, Tier an Tier, auf Vollspaltenböden gehalten werden dürfen, ohne
Auslauf ins Freie (Bild 5):
Kühe dürfen weiterhin mit Elektroschocks, dem sog elektrischen
Kuhtrainer, zum Strammstehen an der Kette gezwungen werden, obwohl die
Tierärzte festgestellt haben, dass diese Elektroschockvorrichtung die Kühe
derart verkrampft, dass gehäuft Fruchtbarkeitsstörungen auftreten.
Bild 1: Typische Schweizer Schweinemast - genau gleich wie in Ländern ohne
Tierschutzgesetz
Bild 2: Typische Schweizer Schweinemast - genau gleich wie in
Ländern ohne Tierschutzgesetz
Bild 3: Legehennen in "Bodnehaltung"
Bild 4: Bio-Hühner
Bild 5: Rindermast auf Vollspaltenboden
Von den wenigen, schwachen Tierschutzvorschriften, welche bei der
Verwässerung des Tierschutzgesestzes übriggeblieben sind, merken
insbesondere die Schweine kaum etwas, da der Tierschutzvollzug in den
meisten Kantonen nur zum Schein stattfindet. Die Landwirtschaftsämter sind
fest im Griff in der Agrolobby, und die Tierschutzorganisationen haben
kein Klage- und Beschwerderecht.
Und wenn mal ein Kantonstierarzt seine Aufgabe ernst nimmt, wird er
unter Druck gesetzt: Als der St Galler Kantonstierarzt in einer
Arena-Sendung des Schweizer Fernsehens darauf hinwies, dass
Tierschutzmissstände nicht nur bei ein paar schwarzen Schafen vorkommen -
wie die Bauernvertreter stets behaupten -, sondern weit verbreitet sind,
fiel ihm Herr Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, ins
Wort und drohte mit Konsequenzen. Hier wurde einmal öffentlich sichtbar,
was sonst hinter den Kulissen abläuft, wie die Agrolobby den Vollzug sogar
der minimalen, verwässerten Tierschutzvorschriften mit Druck und Drohungen
verhindert.