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Jacobus van Daalen
Sigrist
Bei Gottesdiensten und Veranstaltungen der evang.-ref. Kirche Fluntern ist er stets präsent, meist im Hintergrund, ruhig, bedächtig, immer ansprechbar und hilfsbereit, der Mann mit dem sympathischen Dialekt, einer Mischung aus Holländisch und Züritüütsch: Jacobus van Daalen, viele Jahre der Sigrist der evang.-ref. Kirche Fluntern.
Jacobus van Daalen stammt aus dem «Nordwesten Europas» aus Hilversum. Er besuchte dort neun Jahre eine christliche Schule. «Jeden Morgen haben wir ein Stück von der Bibel gelernt.» In Holland lernt er seine Frau, eine Schweizerin, kennen. «Dann hat meine Frau gefunden, ein paar Jahre in der Schweiz wären gut.» Er lächelt. «Ich hatte keine Wahl.» Geplant waren zwei Jahre Aufenthalt in der Schweiz, geworden sind es inzwischen über 40. In Zürich findet der gelernte Elektrotechniker eine interessante Tätigkeit bei der IBM, die Familie eine Wohnung in Fluntern. Die vier Kinder wachsen auf. Im September 1993 trifft die Familie van Daalen ein Schicksalsschlag. Der Sohn Leonard wird umgebracht. «Das hat unser ganzes Familiengefüge durcheinander gebracht.»
Heute kann Jacobus van Daalen darüber sprechen. Vor 19 Jahren war die Familie auf Hilfe von anderen angewiesen. Kollegen von der IBM, Freunde und Bekannte standen der Familie zur Seite. In erster Linie nennt Jacobus van Daalen aber ganz nachdrücklich Thomas Grossenbacher, den Pfarrer der Kirche Fluntern. «Er hat uns damals sehr geholfen, betreut und unterstützt.»
Zu der Zeit wird die Stelle des Sigristen der Kirche Fluntern frei. Jacobus van Daalen bewirbt sich und erhält die Stelle. Zwölf Jahre übte Jacobus van Daalen diese Tätigkeit aus. Heute, lange übers Pensionierungsalter hinaus, ist er noch «Hilfssigrist» und unterstützt seinen Nachfolger Bruno Schibli bei der Arbeit.
Abschleichen gilt nicht
Eine Berufsausbildung als «Sigrist» gibt es nicht. Aber was muss er können? Zuerst beschreibt Jacobus van Daalen die notwendigen Fähigkeiten; «Er muss handwerklich geschickt sein und organisieren können, viel lupfen, überall nach dem Rechten schauen.» Schon aus dieser Beschreibung wird es deutlich: Das Tätigkeitsfeld eines Sigrists ist vielfältig und im Einzelnen schwer fassbar. Spezielle theologische Fachkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Eines aber, und das lässt sich in keiner Stellenbeschreibung formulieren und festlegen, ist unabdingbar und für Jacobus van Daalen das Kernstück seiner Arbeit. Ein guter Sigrist muss, so betont er immer wieder, «auf die Menschen zugehen können.»
Manchmal auch mit ihnen umgehen, wie eine Episode zeigt, die van Daalen kürzlich erlebt hat: Eine feierliche Taufe findet in der Alten Kirche statt. Plötzlich erscheint im Eingang ein gekrümmter, stark hinkender Mann. Von seinem Outfit her sicher nicht zur Taufgemeinde gehörend. Van Daalen erkennt die Situation und drückt ihm zehn Franken für einen Kaffee und ein Gipfeli in die Hand. Der Mann verschwindet und kehrt wenig später mit drei Kollegen zurück…
Mitunter braucht es bei aller Diskretion im Umgang mit Menschen etwas Nachdruck. Etwa, wenn Jugendliche im Gottesdienst schwatzen und stören. Oder wie van Daalen es nennt «Theater machen». Dann klopft er ihnen auf die Schulter und sagt: «Wir reden noch darüber …» Das macht er dann aber auch. Er geht auf sie zu. Nach dem Gottesdienst. Ein «Abschleichen» gibt es nicht bei ihm.
Ist der Sigrist eine Respektsperson bei den Jugendlichen? «Respekt ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber sie akzeptieren mich. Das ist wichtiger.» Es trifft sicher zu, wenn van Daalen von sich sagt: «Ich gehörte immer zu den ganz Ruhigen», aber auf dem Kopf herum tanzen lässt er sich nicht.
Glauben als Lebenshaltung
Jacobus van Daalen stammt aus einer gläubigen reformierten Familie und der Besuch der christlichen Schule hat ihn als Kind zusätzlich beeindruckt. Seine Frau gehört der Baptistengemeinde an. Selbstverständlich geht van Daalen auch zu den Gottesdiensten der Baptistengemeinde. «Das Leben in einer Gemeinschaft ist dort sehr ausgeprägt.» Der Glaube mag noch so stark sein, aber bei so einem Schicksalsschlag, wie ihn seine Familie 1993 traf, wird er auf eine harte Probe gestellt. Nicht so bei Jacobus van Daalen. Im Gegenteil: «Der Glaube ist durch den Tod von Leonard viel stärker geworden.»
Bei den Gottesdiensten in Fluntern ist er immer dabei. Das ist ihm wichtig. Meist sitzt er dann ganz hinten in der Kirche. Und sucht danach das Gespräch. Mit den Besuchern oder auch mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer. «Es ist mir ein persönliches Anliegen als gläubiger Mensch.»
Von tiefer Trauer, falschen Tönen und befreiendem Lachen
Der Sigrist einer Kirche ist in einer speziellen Situation: Er ist immer dabei, hält sich meist im Hintergrund, sieht aber gerade dadurch viel. Zum Beispiel das Verhalten der Menschen bei den Abdankungen. Für Jacobus van Daalen ist es sehr aufschlussreich. «Da gibt es grosse Unterschiede. Einmal die tiefe, echte Trauer, dann Abdankungen, wo Trauer gespielt, Theater aufgeführt wird, aber auch solche mit Fröhlichkeit. Plötzlich erzählt einer eine Geschichte vom Verstorbenen und alle müssen lachen. Eigentlich etwas Schönes.»
Zwangsläufig werden über die Jahre in der Tätigkeit als Sigrist Erfahrungen gesammelt, bleiben eigene Ideen zur Gestaltung des Gemeindelebens oder der Gottesdienste nicht aus. Sind diese Erfahrungen, seine Anregungen gefragt? Nimmt man den Sigrist als religiöse Instanz wahr? Oder gilt nur der Pfarrer? «Ja, Menschen mit so einer Einstellung gibt es. Aber, da staune ich immer wieder, die meisten sind sehr aufgeschlossen.» Nicht ohne hinzuzufügen: «Es gehören immer zwei dazu.» Und er meint damit wieder, dass man eben auch von sich aus auf die Menschen zugehen muss.
Ein offenes Ohr, ein offenes Herz und eine offene Tür
Wie die meisten Kirchen in Zürich steht auch die Kirchgemeinde Fluntern vor dem Problem, dass in den letzten Jahren die Zahl der Mitglieder abgenommen hat und die Kirchenbesucher/innen älter geworden sind. «Uns fehlt der Nachwuchs», konstatiert Jacobus van Daalen. Aber er relativiert das sofort wieder: «Besser gesagt, fehlte. Es gibt jetzt relativ viele deutsche Zuwanderer, die vermehrt in die Kirche kommen. Und es ist eine angenehme Sorte. Sie sind aktiv, sie reden, sie sagen, was sie denken und bringen sich ein. Ich habe Spass daran.»
Trotzdem: Eine grundsätzliche Lösung des Problems gibt es wohl auch durch die Neuzuzüger nicht. So sieht es auch Jacobus van Daalen: «Das ist eine echte Herausforderung, die da auf uns zukommt.»
Dabei hat Fluntern keine so schlechte Ausgangsposition. Hier gibt es nämlich gleich zwei reformierte Kirchen. Denn im Unterschied zu anderen Zürcher Kirchgemeinden, die ihre alten Kirchen abgerissen haben, verteidigten die Fluntermer ihr «Kirchlein» am Vorderberg hartnäckig gegen Abrisspläne. Für Jacobus van Daalen ist es ein «Riesenglück, dass wir die alte Kirche noch haben. Wenn ich mit zwölf Leuten, von denen zwei schlafen, in der Grossen Kirche sitze, dann macht mich das depressiv.» Insofern überrascht auch van Daalens Antwort auf die Frage, welche der beiden Fluntermer Kirchen ihm lieber sei, überhaupt nicht: «Die kleine Kirche». Könnte die wieder zu dem werden, was sie vor hundert Jahren schon einmal war – das Zentrum der Kirchgemeinde Fluntern? Van Daalen ist davon überzeugt: «Sicher. Es würde informeller, intimer, man begegnete sich mehr.» Und genau das ist für Jacobus van Daalen ja so wichtig. «Ein offenes Ohr, ein offenes Herz und eine offene Tür», das ist für ihn Kirche.
Dann packe ich dich am Bein
Der Vater von Jacobus war ein aufbrausender Mensch, aber begeisterter Grossvater. Für seine Enkel robbte er zu deren Vergnügen über den Teppich, um ihnen zu zeigen, wie er im zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Nazis kämpfte. Heute ist van Daalen selber zweifacher Grossvater. Sein Enkel Livio, sechs Jahre alt, führte letzthin ein Gespräch mit seinem Grossvater Jacobus: «Grosspapi, du bist schon sehr alt.» «Ja, sagen wir, nicht mehr ganz jung.» «Grosspapi, du wirst wohl bald sterben.» «Das hoffe ich nicht, aber eines Tages sterben wir alle.» «Grosspapi, du musst keine Angst haben. Wenn du nach oben fliegst, packe ich dich am Bein und fliege mit hinauf. Dann bist du nicht so allein.»
Martin Kreutzberg