Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/2288

Internationale Forschungsergebnisse - Symposium 31. 5. 01 in Bern
(vgl. auch "Psychische Folgen?")
An einem wissenschaftlichen Symposium, zu
welchem sechs schweizerische Fachorganisationen der Medizin und der
Psychologie eingeladen hatten, wurden Ende Mai in Bern von in- und
ausländischen Expertinnen und Experten die besten Studien zu diesem Thema
vorgestellt.
Referate und Diskussion sind im Wortlaut publiziert worden (Referate in der Originalsprache deutsch, englisch, französisch, mit Zusammenfassungen in den andern Sprachen). Bestellung des Berichts / Download des Berichts (PDF)
Die englische Soziologin Dr. Ellie Lee von der Universität Southampton, beschrieb, wie das sogenannte Post Abortion Syndrom (PAS) in den 80er Jahren von der Antiabortion-Bewegung in den USA kreiert wurde, weil sie auf der Suche nach neuen Argumenten war. Das PAS hat nirgends Eingang in die wissenschaftliche Literatur gefunden und entspricht keiner medizinischen Definition.
Die Gynäkologin und Psychotherapeutin Dr. Angelika Schwendke von der Universitätsfrauenklinik Basel berichtete über ihre Studie an Frauen vor und nach einem Schwangerschaftsabbruch. Die Frauen wurden bei der Beratung, 14 Tage nach dem Abbruch und 6 Monate später nach ihrem Befinden befragt. Eine gewisse Trauer nach dem Abbruch ist normal, wird aber ohne Probleme verarbeitet. Die stärkste Belastung besteht in der Zeit bis zur Entscheidung oder bis zum Abbruch. Danach überwiegt die Erleichterung. Die meisten Frauen hatten keine belastenden Erinnerungen oder Schuldgefühle. Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft eine psychische Erkrankung hatten und Frauen mit geringer sozialer Unterstützung haben ein grösseres Risiko für schlechte Verarbeitung. Sie weiss von zwei Patientinnen, die sich noch nach Jahren belastet fühlen, ihren damaligen Entscheid für den Abbruch aber immer noch richtig finden.
Dr. Eliane Perrin und Dr. Francesco Bianchi-Demicheli vom Universitätsspital Genf untersuchten die Paarbeziehung und das Sexualleben von 103 Frauen vor und 6 Monate nach einem Schwangerschaftsabbruch. Sie stellten fest, dass die Qualität der Paarbeziehung vor und nach dem Abbruch gleich blieb. War die Beziehung vorher gut, blieb sie es auch nachher. Hatte das Paar vorher Schwierigkeiten, wurden diese durch den Abbruch nicht gelöst. Die Stabilität einer Paarbeziehung spielt beim Entscheid für einen Abbruch eine Rolle. 11 Frauen (11%) fühlten sich nach 6 Monaten noch psychisch belastet. Das entspricht dem Vorkommen psychischer Belastungen in der Gesamtbevölkerung und ist somit nichts Aussergewöhnliches. Diese Frauen hatten häufig gleichzeitig einen anderen emotionalen Schock erlebt (z.B. Scheidung, Arbeitslosigkeit), sodass ihre Probleme nicht eindeutig dem Abbruch zugewiesen werden konnten.
Nancy Russo, Professorin für Psychologie an der Universität Arizona, hat zwei grosse Studien durchgeführt, um die Risikofaktoren für seelische Störungen nach einem Schwangerschaftsabbruch herauszufinden. Die eine basierte auf einer nationalen Stichprobe von 5300 Frauen, die von 1979 bis 1992 jährlich befragt wurden. Im ganzen Teilnehmerinnenkollektiv war das psychische Wohlbefinden 1980 der wichtigste Voraussagefaktor für das Wohlbefinden 1987 und für Depressionen im Jahr 1992, unabhängig davon, ob die Frauen in dieser Zeitspanne einen Abbruch hatten oder nicht. Zudem fühlten sich Frauen in niedriger sozialer Stellung, mit geringer Bildung und hoher Kinderzahl 1987 psychisch weniger gut und zeigten 1992 häufiger depressive Symptome als besser gestellte Frauen und solche mit weniger Kindern. Wenn diese Einflussfaktoren berücksichtigt wurden, hatte ein Schwangerschaftsabbruch keinen Einfluss auf die Häufigkeit von Depressionen. (Dieses Ergebnis wurde durch eine spätere Studie bestätigt. Anm. A.M.Rey)
Die zweite Studie analysierte die Antworten von 2500 Frauen aus einer nationalen Gesundheitsbefragung. Frauen, die einen Abbruch hinter sich hatten, berichteten öfter über Symptome einer Depression, Selbstmordgedanken und geringere Zufriedenheit mit ihrem Leben als die anderen Frauen. Gleichzeitig berichteten sie aber auch häufiger über Vergewaltigung, gewalttätige Partner und körperliche oder sexuelle Gewalterlebnisse in der Kindheit. Nach Berücksichtigung dieser Erlebnisse und des sozialen Umfeldes gab es wiederum keinen Zusammenhang mehr zwischen Abbrüchen und schlechtem seelischem Befinden. "Korrelation (eine statistische Wechselbeziehung) darf nicht verwechselt werden mit einem ursächlichen Zusammenhang", warnte Russo* (s. Fussnote). (vgl. auch "Schwangerschaftsabbruch und Selbstmordtendenz")
Dr. Anne Gilchrist, Psychiaterin aus Aberdeen, hat eine Langzeitstudie an 13'000 ungewollt schwangeren Frauen durchgeführt. Das Risiko psychologischer Folgen von denjenigen 6410, welche die Schwangerschaft abbrechen liessen, wurde während 10 Jahren mit dem Risiko der 6841 Frauen verglichen, welche die Schwangerschaft austrugen. Dabei wurden Alter, Zivilstand, soziale Schicht und das Vorhandensein früherer psychischer Probleme berücksichtigt. Frauen mit Schwangerschaftsabbruch wiesen kein höheres Risiko für spätere psychische Probleme auf als Frauen, die die Schwangerschaft austrugen.
Dr. Winfried Barnett aus Deutschland konnte krankheitshalber nicht an der Tagung teilnehmen. Seine Studie über 263 Kieler Frauen, die ein Jahr nach dem Abbruch untersucht wurden, lag jedoch schriftlich vor. Auch in dieser Gruppe zeigte sich, dass das Risiko von Bewältigungsschwierigkeiten vor allem bei Frauen besteht, die bereits vorher depressiv waren. In Bezug auf die Partnerbeziehung war kein signifikanter Unterschied zu finden zwischen Frauen mit und einer Kontrollgruppe ohne Schwangerschaftsabbruch.
Der österreichische Gynäkologe Dr. Christian Fiala berichtete über seine Erfahrungen mit der medikamentösen Methode des Schwangerschaftsabbruchs (Mifegyne). Diese wird sehr früh in der Schwangerschaft angewendet, zu einem Zeitpunkt, wenn die chirurgische Methode noch nicht in Frage kommt. Für Frauen, die ihren Entscheid rasch treffen, entfällt dadurch die psychisch und häufig auch körperlich belastende Wartezeit. Die Frauen empfinden es zudem als grosse Erleichterung, dass die Frucht so früh in der Schwangerschaft noch kaum feststellbar ist.
In der Diskussion wies Prof. Russo auf die Verwechslung von Ursache und Wirkung hin: Frauen mit psychischen Erkrankungen brechen die Schwangerschaft häufig genau aus diesem Grund ab, der Abbruch ist also nicht die Ursache der psychischen Probleme. Die Expertinnen warnten davor, einzelne Fallserien an speziellen Frauengruppen ohne Kontrollgruppen zu überwerten. Insgesamt ergibt sich aus der anerkannten Literatur kein erhöhtes Risiko für psychische Störungen.
Der wichtigste Einfluss auf die seelische Gesundheit nach einem Abbruch ist die seelische Gesundheit vor Beginn der Schwangerschaft. Frauen, welche bereits vorher psychische Störungen hatten, welche als Kind körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht wurden oder von ihren Partnern Gewalt erleiden, haben auch ein höheres Risiko für psychosomatische Störungen nach einem Abbruch. Traurigkeit über die verlorene Schwangerschaft nach dem Abbruch ist normal und nicht als psychische Störung zu werten. Die Erleichterung überwiegt. Der schwierigste Moment ist derjenige bis zum Abbruch. Schuldgefühle hängen wesentlich von der Umgebung ab. Wenn suggeriert wird, ein Abbruch führe zu psychischen Störungen, verängstigt das gerade die am meisten benachteiligten Frauen mit der schlechtesten Ausgangslage.
"Efforts to construct a postabortion syndrome are undermining women's health" (Prof. Nancy F. Russo).
Literatur:
Barnett W. et al. "Eine regionale Prospektivstudie psychischer Folgeerscheinungen der Notlagenabruptio", Fortschr.Neurol.Psychiat. 54:106-118, 1986
Bianchi-Demicheli F, Perrin E, Lüdicke F, Bianchi PG, Chatton D, Campana A. Sexuality, partner relations and contraceptive practice after termination of pregnancy. J Psychosom Obstet Gynecol 2001;22:83-90
Gilchrist AC. et al. "Termination of Pregnancy and Psychiatric Morbidity" Brit.J.Psych. 167:243-48, 1995
Lee E. "Abortion, Motherhood and Mental Health: Medicalizing Reproduction in the US and Britain", AldineTransaction, 2004
Russo NF. et al. "Abortion, Childbearing and Women's Wellbeing", Prof. Psychol: Research and Practice 23:269-80, 1992
Russo NF, Dabul AJ. "The Relationship of Abortion to Well-Being", Prof. Psychol: Research and Practice 28:23-31, 1997
Russo N.F. et al. "Violence in the lives of women having abortions". Professional Psychology: Research and Practice, 32:142-50, 2001
Safar P, Fiala Ch. "Schwangerschaftsabbruch mit Mifepriston (Mifegyne) und Misoprostol in Österreich - erste Erfahrungen" FRAUENARZT 41:325-330, 2000
Schmiege S., Russo NF. "Depression and unwanted first pregnancy: longitudinal cohort study", BMJ, doi:10.1136/bmj.38623.532384.55 (published 28 October 2005)
*Die Korrelation beschreibt nicht unbedingt eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. So kann es durchaus eine Korrelation zwischen dem Rückgang der Störche im Burgenland und einem Rückgang der Anzahl Neugeborener geben, aber diese Ereignisse hängen nicht unbedingt kausal zusammen.