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Vor langer, langer Zeit lebte einmal in einem kleinen Dorf ein armer Bauer mit seiner Frau. Sie hatten sehr viele Kinder und hatten Mühe, sie jeden Tag satt zu bekommen.
Der älteste Sohn musste seinem Vater zur Hand gehen und jeden Tag schwere Arbeit tun, während seine kleinen Schwestern, kaum dass sie laufen konnten, der Mutter im Haus helfen mussten. Das jüngste Kind aber, ein kleiner Junge, war so schwach und zart, dass niemand daran glaubte, dass er einmal stark genug für die Feldarbeit sein würde. Was sollte nun aus dem Jungen werden? Zum Bauern war er nicht geboren, aber er war klug, klüger als seine Geschwister und so beschlossen seine Eltern, ihn zum Priester zu bringen. Eines Tages nahmen sie ihn mit, gingen mit ihm zum Tempel und baten den alten Priester, ihren Sohn als Schüler anzunehmen und aus ihm einen guten Priester zu machen.
Der Junge lernte sehr schnell und er gehorchte fast immer. Er hatte nur einen einzigen Fehler: Er zeichnete immer Katzen. Er zeichnete sie hierhin und dorthin, und auch dahin, wohin Katzen nun wirkich nicht gezeichnet werden sollten. War er allein, so zeichnete er die Katzen sogar auf die Seitenränder der Bücher des alten Priesters, er zeichnete sie auf die alten Wandschirme des Tempels, an die Mauer und sogar an die Säulen.
Eines Tages, als der Junge wieder einmal eine grosse Katze auf einen Wandschirm gemalt hatte, sagte der alte Priester traurig zu ihm: «Mein Junge, du kannst nicht länger bei mir im Tempel bleiben. Du wirst nie ein guter Priester werden. Vielleicht wirst du aber einmal ein berühmter Maler. Zum Abschied will ich dir noch einen guten Rat geben, den du nie vergessen solltest: Übernachte nicht unter einem grossen Dach, halte dich an ein kleines!»
Der Junge traute sich nicht den Priester zu fragen, was der Ratschlag bedeutete. Er schnürte traurig sein Bündel und zog in die Welt hinaus. Nach Hause konnte er nicht mehr, der Vater würde ihn bestimmt bestrafen wegen seines Ungehorsams. Also wanderte er lange und weit, bis er endlich hinter einem Dorf auf einem Hügel einen grossen Tempel sah. Der Junge freute sich und dachte: ‹Dort leben bestimmt viele Priester und ich kann fragen, ob sie mich als Schüler oder Gehilfen nehmen.›
Was er aber nicht wusste war, dass dieser Tempel schon vor längerer Zeit geschlossen werden musste, weil ein böser Geist dort sein Unwesen trieb. Alle Priester waren geflohen. Einige tapfere Ritter hatten schon versucht, den Geist zu vertreiben, aber sie wurden nie mehr wieder gesehen.
Als der Junge im Dorf ankam, war es bereits dunkel, und alle Leute waren schon ins Bett gegangen. Im grossen Tempel aber sah er ein kleines Licht. Der kleine Junge konnte nicht wissen, dass der Geist immer ein Licht anzündete, um einsame Wanderer anzulocken.
Der kleine Junge ging sogleich zum Tempel und klopfte an. Niemand antwortete ihm. Er klopfte wieder und wieder, alles blieb still. Zuletzt stiess er gegen die Tür und öffnete sie leise. Er ging hinein und sah eine Lampe brennen, aber er konnte nirgendwo einen Priester entdecken. Er setzte sich hin und wartete in der Hoffnung, das gleich jemand kommen würde. Da bemerkte er, dass alles voller Staub und Spinnweben war. Er wunderte sich, dass die Priester alles so verstauben liessen, und dachte bei sich: ‹ Hier können sie wirklich einen Gehilfen brauchen›. Doch dann sah er etwas, das sein Herz vor Freude hüpfen liess: Einige grosse Wandschirme standen in der Tempelhalle, so gross, dass man ganz wunderbar einige grosse Katzen darauf malen konnte.
Obwohl er müde war, suchte er nach einem Malkasten mit Tusche. Als er endlich einen fand, begann er sogleich, grosse, übermannsgrosse Katzen zu malen, so grosse, wie er sie noch nie hatte malen können. Als er fertig war wurde er müde. Er wollte sich gerade neben dem Wandschirm niederlegen, als ihm der Ratschlag des alten Priesters einfiel: «Übernachte nicht unter einem grossen Dach, halte dich an ein kleines!» Der Junge sah sich um. Der Tempel war wirklich sehr gross und er bekam nun doch ein klein wenig Angst in der dunklen Halle. So beschloss er, den Ratschlag seines Lehrers zu beherzigen und ein kleines Plätzchen zum Schlafen zu suchen. Tatsächlich fand er direkt neben der Tempelhalle einen kleinen Verschlag. Er schlüpfte hinein, schob den Riegel von innen vor und schlief sogleich ein.
Mitten in der Nacht erwachte er von einem fürchterlichen Lärm. Ein Schreien und Kreischen war zu höre. Es hörte sich an, wie ein verzweifelter Kampf. Der Lärm war so schrecklich, dass der kleine Junge sich nicht traute, sich zu bewegen. Er hielt den Atem an, als er sah, wie das Licht im Tempel erlosch. Der Lärm wurde noch schrecklicher, ein Pfeifen und Schnauben war zu hören, und schliesslich erzitterte der ganze Tempel.
Der kleine Junge wagte sich nicht zu bewegen, bis am Morgen die Sonne durch die Ritzen von seinem kleinen Verschlag schien. Er stand vorsichtig auf, schob den Riegel zurück machte die Tür ganz langsam auf und spähte hinüber in die Halle. Das erste, was er sah, war das rote Blut, das den Fussboden der Halle in grossen Lachen überall bedeckte. Und dann zuckte er zusammen, denn in der Mitte der Halle lag eine riesige Ratte tot in ihrem Blut, eine Geisterratte, grösser als eine Kuh! Wer konnte diese Ratte getötet haben? Kein lebendes Wesen war zu sehen. Alles war ganz still. Er schaute sich um und plötzlich sah der kleine Junge, dass die Schnauzen all der Katzen, die er am Abend vorher auf die Wandschirme gemalt hatte, rot waren. Nun erkannte er, dass die riesige Ratte von den Katzen getötet worden war, die er gestern überall gross an die Wandschirme gemalt hatte. Wie froh war er, dass er auf den Rat des alten Priesters gehört hatte – es hatte ihm das Leben gerettet.
Der kleine Junge wurde später ein berühmter Maler. Einige der Katzen, die er in jener Nacht gemalt hatte, zeigt man in dem Tempel noch heute den Pilgern und Wanderern.
Märchen aus Japan, aus: Kindermärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag