Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03492.jsonl.gz/148

Alain Tanner ist gestern von uns gegangen. Mit ihm verliert der Schweizer Film eine seiner Leitfiguren. Die Solothurner Filmtage erweisen ihm die Ehre.
Ich habe Alain Tanner vor 35 Jahren anlässlich der Premiere einer seiner Filme in Fribourg kennengelernt. Nach der Vorführung sind wir uns an der Bar begegnet und ich habe ihm von meinem Entschluss erzählt, mich an einer Schule in Paris zur Filmemacherin ausbilden zu lassen. Er nahm mir sofort die Lust an dieser Idee, denn in seinen Augen ist jede Ausbildung letztlich der künstlerischen Schaffenskraft hinderlich. Das brachte mich natürlich ins Wanken, es waren schließlich die Worte des Meisters, doch es erlaubte mir auch, mich im Lauf der Jahre nicht zu sehr von Theorien abhängig zu machen und meine Autonomie und meine Kreativität zu bewahren. Unsere weiteren Begegnungen waren manchmal turbulent, doch immer spannend. Danke Alain, und gute Reise. Du hast uns so viele Fragen gestellt und wirst für uns noch lange eine Quelle der lnspiration bleiben.
Alain Tanner ist eng mit der Geschichte der Solothurner Filmtage verbunden. Zusammen mit einigen anderen Filmemacher*innen verleiht er der ersten Ausgabe der Solothurner Filmtage ihre Daseinberechtigung. Als sich die Mitglieder der Filmgilde Solothurn daran machen, eine Tagung über den neuen Schweizer Film vorzubereiten, ist Alain Tanner einer der ersten Filmemacher, mit denen die Organisatoren in Kontakt treten. Im Januar 1966 läuft sein Film «Les apprentis» bei den ersten Solothurner Filmtagen. Im Juli 1967 nimmt Alain Tanner an der Gründungsversammlung der Schweizerischen Gesellschaft der Solothurner Filmtage teil und wird Vorstandsmitglied. 1996 widmet ihm die Veranstaltung die erste Ausgabe ihres Programms «Rencontre». Die dem Filmemacher zugesandte Einladung beginnt mit den Worten: «Ausgehend von der Tatsache, dass Alain Tanner der für die Geschichte des Schweizer Films bedeutendste Filmemacher ist, und dass der Großteil des jungen Publikums nie die Gelegenheit hatte, seine Filme zu sehen, haben wir für die 31. Ausgabe unserer Filmtage eine Retrospektive von Alain Tanner vorgesehen.» Im Januar 2005, dem Jahr, in dem sein letztes Werk «Paul s’en va» am Festival gezeigt wurde, erhält er in Solothurn den Ehrenpreis des Schweizer Films. Ein von einem Schneesturm verursachter Stau hindert ihn daran, rechtzeitig zu der Preisverleihung zu erscheinen. Eine Anekdote, die den Verirrungen der Protagonisten von «Charles mort ou vif» oder «La salamandre» würdig ist und typisch für jene Schweiz, "die nicht existiert", die Alain Tanner jedoch so gut zu filmen verstand und von der die Solothurner Filmtage zusammen mit den Filmemacher*innen der Gegenwart und der Zukunft weiterhin erzählen werden.
In einem Interview provozierte Alain Tanner mit der Aussage: "Die Schweiz existiert nicht". Wenn wir heute behaupten können, dass die Schweiz durchaus existiert, wenn sie tabulos mit all ihren versteckten Konflikten gefilmt worden ist, jenseits ihrer offenbar unveränderlichen Traditionen und samt ihren Veränderungen, dann verdanken wir das in beträchtlichem Masse seiner Vision. Zwischen Utopie und Wirklichkeit existiert die Schweiz, von 1968 bis hin zu den Herausforderungen von heute, auch dank den Filmen von Alain Tanner. Ich, der im Jahr 2000 noch nicht (aber fast) 25 Jahre alt war, danke ihm dafür, uns den Elan für ein mutiges, welt- und gegenwartsoffenes Kino gegeben zu haben.