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Collage, Montage und Bricolage, Verschränkung, Verlinkung und Verschachtelung, Überlappung, Überlagerung und Überblendung. Der vierte Workshop des ZHM zum Thema ›Raum – Medialität – Zeit‹ (5. Oktober 2018) stand im Zeichen medialer Praktiken der Amalgamierung und Hybridisierung von Heterogenem. Dabei wurden Zusammenführungsleistungen in den Blick genommen, die vom geordneten Nebeneinander von medial Gleichformatiertem, bis zum multimedialen Über- und Gegeneinander reichten.
Ein Beispiel, in dem die beiden Pole dieses Spektrums aufeinandertreffen, ist Éric Rohmers erste Auseinandersetzung mit dem arturischen Stoff Perceval ou le Conte du Graal (FR 1964). Mit dem erklärten Ziel, Schulkindern Chrétiens de Troye Fragment gebliebene Verserzählung näherzubringen, zirkulierte der für den Rundfunk produzierte, 25-minütige Schwarzweißfilm in erster Linie in den Klassenzimmern Frankreichs. Diesem didaktischen Auftrag zum Trotz präsentiert sich der Film als irritierende Kombination von abgefilmten Miniaturmalereien, Textblöcken, Voiceover, Musikeinspielungen und Vokabelübungen. Auch innerhalb dieser Elemente scheint die Verhältnisbestimmung von Heterogenem zum vorherrschenden Prinzip erklärt.
Voici les douze compagnons du roi Arthur…
Begleitet werden die einleitenden Worte aus dem Off von einer Reihe Miniaturen, die verschiedenen Handschriften des 13., 14. und 15. Jahrhunderts entnommen wurden und unterschiedliche Ausformungen der arturischen Tafelrunde darstellen. Zu sehen sind mal zwanzig, mal zwölf Ritter, die sich mal um den heiligen Gral, mal um gewöhnliches Geschirr scharen. Die Einzelheiten der Beschreibung des Kommentars werden dabei erst nach und nach in der Abfolge der verschiedenen Miniaturen eingelöst. Indem der Film die Illuminationen aus ihren Überlieferungszusammenhängen löst, sie fragmentiert und subsequent rekombiniert, imaginiert er seine eigene, auf die spezifische Medialität des Films zugeschnittene Handschrift, die es ihm ermöglicht den ‚Perceval‘-Stoff nach Belieben auszugestalten. Die dabei entstehenden temporalen Brüche werden nicht kaschiert, vielmehr wird das Aufeinanderprallen verschiedener Zeiten selbst zum Thema und in seinen mannigfaltigen Schattierungen verhandelt.
So wird zum einen eine Gegenwärtigkeit des Mittelalters behauptet, indem die 800 Jahre zwischen den historischen Textzeugnissen des 12. Jahrhunderts und den Texteditionen der Gegenwart per Matchcut auf den vierundzwanzigsten Teil einer Sekunde zusammengezogen werden. Zum andern wird das Mittelalter in die Ferne gerückt, indem im direkten Anschluss an diesen Zeitsprung dieselbe Entwicklung als mehrstufiger Prozess von der gotischen Minuskel der Pergamentseite zur serifenlosen, dezidiert modernen Schrift der neufranzösischen Übersetzung ausbuchstabiert wird. Dieses Oszillieren zwischen Nähe und Distanz ist geradezu charakteristisch für Rohmers Film und erfährt eine Vielzahl von Ausformulierungen, in denen sich Mittelalterliches und Modernes begegnen: Der sich im Schriftwandel manifestierenden Vorwärtsbewegung in der Zeit wird die mediävalisierende Darstellungsform der Rolltitelsequenz gegenübergestellt und die identische Wiedergabe alt- und neufranzösischer Texte auf der Tonspur trifft auf den semantischen Wandel zwischen den Sprachstufen, der im Bild grafisch hervorgehoben wird. In diesen eigentümlichen Verschränkungen von mittelalterlichem Stoff und seiner bis in die Gegenwart reichenden Bearbeitung gibt sich Rohmers Film als Reflexion über die Entwicklung des Erzählens selbst zu erkennen.
Nirgends wird dies deutlicher als im Wechselspiel von Zoom-out und Zoom-in, das einen höfischen Sänger erst in die Ferne weist, um anschließend einen schreibenden Mönch in die Nähe zu rücken: Damit wird der höfische Roman als zentraler Umschlagspunkt in der Entwicklung des Erzählens inszeniert. Mittels Zoom und Schwenk (Ken-Burns-Effekt) werden die mittelalterlichen Bildinhalte in Bewegung versetzt und so in die filmische Erzähllogik überführt. Diese durch die mediale Konstellation von Film und Miniaturmalerei ermöglichten Bildeindrücke werden oftmals im Sinne einer konkreten Ausführung von virtuell Angedachtem eingesetzt. So wird die Abfolge einer horizontalen, dann vertikalen Kamerabewegung über ein und dieselbe Miniatur als kinetische Ausführung von Lancelots Überquerung der Schwertbrücke und der anschließenden Besteigung des Burgturms lesbar. Andernorts schreiben sich auf diese Weise Entscheidungen Rohmers ins Bild, wenn etwa die plötzliche Zuwendung zur Lancelot-Handlung in Form eines Schwenks seine Ausgestaltung erfährt.
Als weiteres filmisches Verfahren wirkt die Überblendung, mit der die mittelalterlichen Bildzeugnisse verschiedenartig potenziert werden können. So entsteht beispielsweise bei der Überlagerung zweier Darstellungen von kämpfenden Rittern die Illusion einer hektischen Schlacht. Des Weiteren können verschiedene Räume, Zeiten und Erzählstränge verbunden werden, etwa wenn Perceval vom Bild seiner sterbenden Mutter regelrecht eingeholt wird, das in Form einer Überblendung in die Erzählung seiner Reise einbricht.
Schliesslich verweist die Überblendung auch auf die Funktionsweise und Entstehungszeit des Mediums Film: Indem verschiedene Bilder galoppierender Pferde überblendet werden, entsteht ein sequentieller Bildeindruck, der an die frühen Bewegungsstudien Eadweard Muybridges und Étienne-Jules Mareys aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Durch Verlinkungen und Verschränkungen, sei es durch (Re)kombination, Matchcuts, Zooms oder Überblendungen, geraten in Perceval ou le Conte du Graal nicht nur disparate Bildinhalte in ein relationales Gefüge; auch werden die sie konstituierenden Medien, Miniaturmalerei und Film sowie die ihnen zugrundeliegenden Zeiten, nämlich Mittelalter und Moderne, im Spiegel des jeweils anderen ausgehandelt.
Raoul DuBois ist Doktorand im SNF-Forschungsprojekt „Hybride Zeiten“ an der Universität Zürich.
Carla Gabriela Engler ist Doktorandin im SNF-Forschungsprojekt „Exhibiting Film: Challenges of Format“ an der Universität Zürich.