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100 Jahre Grenchenbergtunnel
Inhaltsverzeichnis
1. Oktober 1915: Der fahrplanmässige Betrieb wird aufgenommen
Am 1. Oktober 1915 wurde der fahrplanmässige Bahn-Betrieb durch den 8.578 km langen Grenchenbergtunnel aufgenommen. Die MLB (Moutier – Lengnau – Bahn) wurde vom ersten Tag an von der BLS betrieben. Den Löwenanteil der Gestehungskosten für diese Linie brachte Frankreich auf.
Die Idee zum Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Grenchen und Moutier war Ende des 19. Jahrhunderts ein hochpolitisches Thema. Bern wollte mit einer Verbindung durch den Jura seine jurassischen Gebiete verkehrstechnisch besser an den deutschsprachigen Kantonsteil anbinden. Ein grosses Interesse am Projekt zeigte aber auch Frankreich, das eine Eisenbahnverbindung vom Osten des Landes durch den Jura und die Alpen in den Süden wünschte. Dabei suchte die französische Politik einen Weg, der nicht durch die damals deutschen Regionen Elsass und Lothringen führte. Frankreich setzte sich deshalb für das Projekt Grechenberg ein, verlangte jedoch, dass die Verbindung von Lengnau über den Lötschberg zum Simplon sichergestellt werde. Damit diese Vorgabe erfüllt werden konnte, wurde der Betrieb der MLB der BLS übertragen. In der Vorbereitungszeit musste für das ehrgeizige Projekt viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. So war man in der Region Solothurn nicht begeistert, dass der 3,7 km lange Weissensteintunnel, der seit 1908 Oberdorf SO mit Gänsbrunnen verband, Konkurrenz erhalten sollte. Frankreich setzte sich in Bern mit guten Trümpfen für die Verbindung Grenchen – Moutier ein. – In der Folge unterstützte Paris das Vorhaben mit erheblichen Mitteln. Die Anlagekosten für die MLB wurden auf 25 Mio. Franken geschätzt. Die französische Ostbahn kaufte zur Finanzierung des Vorhabens für sechs Millionen Franken neue Stammaktien der BLS und für weitere vier Millionen Franken Prioritäten der BLS. Schliesslich beschaffte die Crédit français Paris die letzten 15 Millionen Franken mittels einer 4 % - Anleihe.
Ein Wort zu „Grenchen Nord“
Die MLB ist 12.979 km lang und reicht von der Mitte der Station Moutier bis zur Mitte der Station Lengnau. Sie verfügte nur über einen einzigen Bahnhof „Grenchen Nord“. „Grenchen Nord“ kommt auch in der jüngeren Schweizer Literatur vor. Der Walliser Schriftsteller Maurice Zermatten veröffentlichte 1976 seinen Roman „Un amour à Grenchen Nord“, eine liebenswürdige und wohl stark autobiographisch gefärbte Geschichte. - Friedrich Dürrenmatt erzählte dem Verfasser, dass er auf seinen Zugfahrten von der Bielerseegegend ans Theater in Basel oft in der Nacht beim Nordbahnhof warten musste. Er habe unter dem Eindruck der nächtlichen Stimmung eine Geschichte über „Grenchen Nord“ zu schreiben begonnen. Diese habe etwa 120 Seiten umfasst. Leider wurde dieses literarische Zeugnis für Grenchen Nord nie veröffentlicht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Dürrenmatt einzelne Teile in anderen Arbeiten, zum Beispiel in „Justiz“ verarbeitet hat. Die Direktion der BLS kannte die Regel, dass in ihrem Unternehmen Lehrlinge ausschliesslich aus dem Einzugsgebiet der Bahn ausgebildet würden. Diese Regel hatte den Vorteil, dass somit auch Grenchner Jugendliche in diese Kategorie gehörten und Zugang zu BLS-Lehrstellen fanden. Weil sehr oft Angestellte aus dem Wallis im Nordbahnhof arbeiteten, waren diese eine sichere Stütze des Grenchner Walliservereins.
Ein besonderes Kapitel – das „Tripoli“
Am Bau des Grenchenbergtunnels waren vor allem italienische Arbeiter beteiligt, die vorher bereits auf anderen Grossbaustellen unseres Landes beschäftigt waren. Um diese Arbeiter und zum Teil auch ihre Familien unterbringen zu können, entstand unweit der Baustelle eine kleine Barackensiedlung, das „Tripoli“. Bei der Planung dieses Quartiers erwies sich der Grenchner Gemeinderat als sehr weitsichtig: Mit Vorschriften, welche unter anderem auch hygienische Belange regelten und vor allem verhinderten, dass die Tunnelarbeiter zum Spielball von Spekulanten wurden, schuf er ein einfaches, aber sehr wirkungsvolles Regelwerk Im „Tripoli“ wohnten zeitweise über 1000 Menschen. Nie sank die Einwohnerzahl im „Tripoli“ unter 600. In der kleinen Siedlung entstanden mit der Zeit „67 Häuser, 11 aus Stein, 56 aus Holz. 27 Wirtschaften und 11 Verkaufsläden boten ihre Dienstleistungen und Waren an“ berichtet Alfred Fasnacht in der Schrift „Tripoli“, die zur Ausstellung im Kulturhistorischen Museum erschien. – Das Land für die Siedlung erschloss die Gemeinde und investierte dafür 30‘000 Franken. – Durch Vermietung der einzelnen Parzellen erwirtschaftete die Gemeinde nach Abschluss der Bauarbeiten einen Überschuss von 12‘784 Franken. Im „Tripoli“ befanden sich verschiedene Spezialgebäude. Aus Kandersteg wurde das Schulhäuschen, welches beim Bau des Lötschbergtunnels verwendet worden war, nach Grenchen gebracht. Zwei Ordensschwestern, ausgebildete Lehrerinnen, erteilten den Unterricht für die Kinder der Tunnelarbeiter. Kinder, die genügend deutsch sprechen konnten, besuchten die Gemeindeschule und waren bald integriert. In der kleinen Siedlung befand sich auch ein Spital. Es hatte 35 Betten und ein Röntgenkabinett. Ein Wärter und drei Schwestern führten die Aufsicht. –Das „Spitäli“ wurde nach 1915 als Notfallspital verwendet, so auch 1918 bei der grossen Grippeepidemie. Abgerissen wurde das kleine Haus 1982. In der 2003 erschienen Schrift zur Ausstellung „Tripoli“ schildert Alfred Fasnacht das gesellschaftliche Leben im Dorf der Tunnelarbeiter an der Alpenstrasse. Für Grenchen war das „Tripoli“ eine wahre Attraktion und Ziel sonntäglicher Ausflüge. Etliche Italiener blieben in Grenchen, waren rasch integriert und führten verschiedene Geschäfte.
Der Wassereinbruch von 1913
Ingenieure hatten gewarnt. Sie sagten, es sei sehr wohl möglich, dass beim Tunnelbau die Wasserversorgung der Gemeinde Grenchen zum Versiegen gebracht werden könnte. Man wisse nicht, welche unterirdischen Wege das Wasser nehme, das aus der Dorfbachquelle am Grenchenberg fliesst. Diese Quelle versorgte seit 1903 alle Häuser und Betriebe der Gemeinde mit gutem Quellwasser. „Es wäre ein unglaublicher Zufall, wenn bei den Bauarbeiten die Quelle beschädigt würde“, sagte viele Menschen in Grenchen und wollten sich keine Sorgen machen. Am 15. Januar 1913 war die Welt noch in Ordnung. Die Dorfbachquelle lieferte zusammen mit der kleineren Limmersmattquelle wie in den Tagen zuvor 120 Sekundenliter bestes Trinkwasser. Doch dann wurde das im Berg gefangene Wasser an der unglücklichsten Stelle angebohrt. Jede Minute liefen nun 3000 bis 5000 Liter Wasser in den Tunnel. Am 1. März lieferten die Grenchner Trinkwasserquellen nur gerade noch 8,5 Liter pro Sekunde. Doch bereits am 4. März machte im Dorf die Meldung die Runde: „Die Wasserversorgung ist zerstört. Es fliesst kein Tropfen Wasser mehr in die Leitungen.“ - Oberingenieur Custer rechnete später aus, dass total 6 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Berg geflossen seien. Dadurch habe der Berg 6 Millionen Tonnen an Gewicht verloren. – Das wiederum führte dazu, dass sich die Verhältnisse im Bergesinnern veränderten und in Grenchen im Verlaufe des Jahres 1913 drei Erdbeben gespürt wurden. Man berichtete nachher, dass bei einem der Erdbeben am Hang spielende Kinder umgeworfen wurden und in den Häusern fielen Gegenstände von den Regalen. Die BLS wurde für den Schaden verantwortlich gemacht. Die Eisenbahngesellschaft musste im Tunnel 20 Quellen fassen und deren Wasser nach Grenchen führen. Zu diesem Zweck wurden sieben Kilometer neue Wasserleitungen erstellt. Heute noch bezieht die Stadt Grenchen einen grossen Teil des Trinkwassers aus 17 Quellen im Grenchenbergtunnel. Regelmässig werden die Wasserfassungen kontrolliert. 2014 wurden den nicht weniger als 1‘874‘530 Kubikmeter hervorragendes Wasser aus dem Grenchenbergtunnel in den Haushaltzungen und Betrieben Grenchens verbraucht.
Das Jubiläum als Chance nützen
Grenchen und Moutier sind bloss acht Bahnminuten von einander entfernt. Die Bahn durch den Grenchenbergtunnel brachte die Menschen distanzmässig zwar näher, nicht aber auch in persönlichen Beziehungen. Vielleicht bringt das Jubiläum im Herbst eine Annäherung zwischen den beiden Endpunkten des Eisenbahntunnels. Im Herbst finden im Kulturhistorischen Museum in Grenchen und im Museum Moutier Ausstellungen statt. In deren Umfeld werden verschiedene gemeinsame Aktivitäten vorbereitet. Unter anderem wird an einer zweisprachigen Broschüre mit zahlreichen Bastelvorschlägen und weiteren Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler gearbeitet. Zur Zeit wird noch abgeklärt, ob diese Arbeit im Internet angeboten werden kann. Mit dieser Broschüre wollen Moutier und Grenchen einen Beitrag für die Förderung des Frühfranzösischen resp. des Frühdeutschen leisten.
Quellen
- Text von Rainer W. Walter
(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)