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Alle Frauen kommen um das 50. Lebensjahr herum in die Wechseljahre, und diese sind definitiv stärker ausgeprägt als der Testosteronmangel bei Männern. Aber auch Männer sind davon betroffen und verlieren Muskeln, haben weniger Antrieb, nehmen an Gewicht zu und vieles mehr. Im Gegensatz zu Frauen sind nicht alle Männer davon betroffen. Nur etwa 15 % bis 20 % der Männer leiden unter der Andropause“ oder dem altersbedingten Testosteronmangelsyndrom. Testosteronmangel ist schwer zu diagnostizieren, aber es gibt Hormonbehandlungen, die hier helfen können. Derzeit sind zwei Behandlungen verfügbar: Testosteron-Gel und injizierbare Darreichungsformen.
Möchten Sie mehr darüber erfahren? Lesen Sie weiter im Artikel von Dr. Catherine Waeber Stephan.
Der Schock ist weniger heftig als für Frauen, die um die 50 alle in der Menopause sind (90% zwischen 48 und 52 Jahren), aber Männer spüren auch die Auswirkungen der Hormonschwankungen: weniger Muskeln, weniger Schwung, mehr Bauch, …
Die Aufgabe des Mannes bei der Fortpflanzung besteht darin, Spermien (zwischen 300 und 500 Millionen/Tag), während der Empfängniszeit seine Frau zu befruchten und ausserdem Testosteron zu produzieren, damit er «fit und in Form» für die Jagd ist und Nahrung für seine Familie beschaffen kann (zur Zeit der Höhlenmenschen).
Testosteron und Spermien werden unabhängig voneinander hergestellt, während Frauen ihre Sexualhormones (Östrogene und Progesteron) im Laufe ihres Zyklus’ und parallel zur Reifung der Eizellen produzieren. Bei der Frau (die in den vorherigen Jahrhunderten jung starb), verringert sich der Vorrat in den Eierstöcken ab 35 Jahren und die Menopause (Stillstand der Regelblutungen) tritt unvermeidlich um die 50 ein (siehe Broschüren «Menopause und alle Zustände: vor, in, nach und anders»). Das ist beim Mann nicht der Fall, der also nicht zwingend eine «Andropause» hat.
Nur 15 à 20% der Männer sind vom «altersbedingten Testosterondefizit-Syndrom» oder A.D.A.M. (Androgendefizit des alternden Mannes) betroffen.
ALTERSBEDINGTES TESTOSTERONDEFIZIT-SYNDROM: KEINE EINFACHE DIAGNOSE
Die Regulierung der Hormonproduktion funktioniert nach dem Prinzip des Thermostats, während die Wirkung des Hormons auf das Zielorgan wie ein Schlüssel funktioniert, mit dem man eine Tür aufschliesst, oder einen Tankverschluss. Das Hormon ist der Schlüssel, das Schloss der Hormonrezeptor, und das Öffnen des Verschlusses ist die Wirkung des Hormons.
Ein Beispiel: Testosteron dockt an die Androgenrezeptoren in der Gesichtshaut an und stimuliert so den Bartwuchs. Die Dichte des Barts hängt also vom Testosteron-Gehalt und von der Anzahl der Rezeptoren in der Haut ab, was von der Ethnie beeinflusst wird (der Bart eines Mittelmeeranrainers ist dicker als der eines Asiaten, bei gleichem Testosteronspiegel). Die Aktivität des Testosterons ist direkt an die Anzahl der Rezeptoren im Zielorgan gebunden. Das Testosteron, das auf die Zielorgane (Muskeln, Knochen, Bart, Gehirn etc.) einwirkt, hängt auch vom «Thermostat» im Gehirn ab (Hypothalamus und Hypophyse), durch die Gonadotropine LH und FSH und die Hodenfunktion (Testosteronproduktion).
Um die Sache noch komplizierter zu machen, zirkuliert das von den Hoden hergestellte Testosteron nicht so im Blut, sondern wird zu 50% an ein von der Leber produziertes Transportprotein gebunden, das SHBG (Sexualhormonbindendes Globulin). Die Menge des Testosterons hängt also auch vom SHBG-Wert ab.
AUS WELCHEM GRUND NIMMT DIE TESTOSTERONPRODUKTION MIT DEM ALTER AB?
Mit dem Alter lässt die Funktion der testosteronbildenden Zellen in den Hoden nach und der «Thermostat» des Hypothalamus wird weniger feinfühlig für den abnehmenden Hormonwert im Blut. Ab 40 verringert sich der Testosterongehalt um 1% pro Jahr, was bedeutet, dass der Testosteronmangel ab 65 symptomatisch werden kann: nachlassendes sexuelles Verlangen, Ausbleiben der nächtlichen und morgendlichen Erektionen, Schlaflosigkeit sind die Anzeichen, während Erektionsstörungen, Antriebslosigkeit und Gewichtszunahme weniger spezifisch sind und nur schwer von den gewöhnlich Veränderungen, die durch das Alter und die Lebensweise bedingt sind, zu unterscheiden sind.
Impotenz ist im Gegensatz zu der Überzeugung der meisten Männer, die wegen Erektionsstörungen zum Arzt gehen, nicht auf Testosteronmangel zurückzuführen. Das «Wunder» der Erektion, seine Qualität und seine Dauer ist die Folge von komplexen neurovaskulären Vorgängen. Sie gehen vom Gehirn aus (Libido, sexuelle Erregung), und führen über das autonome Nervensystem (Parasympathikus) zum Öffnen der arteriellen Gefässe, die den Schwamm füllen (Schwellung), zur gleichzeitigen Schliessung der venösen Blutgefässe (Anti-Rückfluss) und zuletzt zur Peniserektion. Ejakulation und Orgasmus finden statt, wenn der Sympathikus übernimmt! Auf jedem Niveau kann es dann zu Störungen kommen, aber bei Erektionsstörungen sind es oft die neurovaskulären Beeinträchtigungen, die für Pannen verantwortlich sind. An dieser Stelle greift das Viagra und vergleichbare Medikamente ein, die keine Aphrodisiaka sind!
Nichtsdestoweniger kann man(n) die Leistungsangst nachvollziehen, die Furcht vor dem «Versagen», die zu seltenerem Geschlechtsverkehr führt, was dann – unrichtigerweise! – als Libidoverlust interpretiert wird, dabei hängt die Libido eben vom Testosteron ab.
WARUM LEIDEN HEUTZUTAGE SOVIELE MÄNNER UNTER EREKTIONSSTÖRUNGEN? DIE SACHE MIT DEM BIERBAUCH
Mit dem Alter dauert es länger, bis es zur Erektion kommt, trotz intensiverer Stimulierung. Das Abschwellen (Weichwerden) geht schneller und die refraktäre Phase (Zeitraum nach dem Orgasmus, während dem die sexuelle Erregung sinkt). Die Qualität des Orgasmus ist durch die geringere Menge und die reduzierte Ausstossgeschwindigkeit des Spermas beeinträchtigt. Mit dem Alter verändert sich auch der Metabolismus, insbesondere dann, wenn die Lebensweise nicht angepasst wird. Die Sesshaftigkeit führt zu geringerer Muskel- und erhöhter Fettmasse, vor allem wenn die Ernährung reich an Kohlehydraten (und Fetten) ist. Das ist heutzutage häufig der Fall: Brot, Pizza, Nudeln, Aufschnitt, Bier, Soda-Getränke usw.!
Weniger Muskeln, mehr Bauch … Warum? Weil man mit dem Zucker in der gleichen Weise Fett herstellt, wie man Gänsestopfleber («foie gras») «fabriziert», indem man die Gans mit Mais und Weizen (Zucker) mästet, und am Fliegen hindert (Sesshaftigkeit). Eine etwas vereinfachte, aber gute bildliche Darstellung, um die rasante Zunahme dicker Bäuche bei den Männern zu erklären, aber auch bei Frauen und selbst Kindern! Insulin ist das unentbehrliche Hormon für den Zuckerstoffwechsel. Der Mangel an sportlicher Betätigung (die Zucker verbrennt) in Verbindung mit einer zuckerreichen Ernährung (Mästen) verursacht eine Insulin-Überproduktion der Bauchspeicheldrüse, die nach einigen Jahren schädliche Folgen für den Stoffwechsel hat: abdominale Adipositas (Bauch), Steatosis hepatis, die nicht Alkohol-bedingte Leberverfettung («foie gras»), Dyslipidämie (Senkung des guten Cholesterins, Erhöhung der Triglyzeride), arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) und Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung (Infarkt, Schlaganfall), aber eben auch Erektionsstörungen, die ein Symptom des Stoffwechsel-Syndroms oder des Bierbauch-Syndroms sind.
Nach Jahren mit Hyperinsulinismus wird die Zuckerverwertung unmöglich, daher das Risiko, eine Typ 2 Diabetes zu entwickeln.
Für Männer mit diesem Problem wird Abnehmen, Muskelaktivität und die Mittelmeer-Diät mit viel Fisch, Obst und Gemüse die Testosteron-Werte im Blut wieder auf ein normales Niveau bringen.
WIE BEHANDELT MAN MANGELNDE TESTOSTERONPRODUKTION?
Wie schon oben erwähnt, ist der Testosteronmangel beim Mann schwer zu diagnostizieren, insbesondere bei Grenzwerten des Hormongehalts. Dagegen ist eine Hormonersatztherapie durchaus indiziert, wenn in 2 Proben, im Abstand von einem Monat, ein Testosteronmangel festgestellt wird und der Patient Hypogonadismus-Symptome zeigt. Wie bei der Frau ist die Hormonbehandlung sinnvoll, da sie mehr Nutzen als Risiko bringt (cf Broschüren zum Thema Menopause).
In der Schweiz stehen zurzeit zwei Behandlungen zur Verfügung:
• Testosterongel, das jeden Morgen nach der Dusche auf die Haut aufgetragen wird.
• Injizierbare Darreichungsformen (einmal pro Monat oder alle 3 Monate), die gewöhnlich für Langzeittherapien vorgeschlagen werden.
Es gibt derzeit keine testosteronhaltigen Tabletten in der Schweiz. Bei jeder Behandlungsform wird die Dosis angepasst: gemäss dem Empfinden des Patienten, und auf der Basis der Messergebnisse des bioaktiven Testosterons nach 3, 6 und 12 Monaten.
WELCHE KONTROLLEN SIND VOR UND WÄHREND DER BEHANDLUNG ANGEMESSEN?
Bevor eine Testosteronbehandlung angesetzt wird, muss der Zustand der Prostata-Drüse durch eine klinische Untersuchung festgestellt werden (Abtasten der Prostata, eventuell Echographie), in Verbindung mit der Bestimmung des PSA-Werts (prostataspezifisches Antigen). Durch Abtasten der Prostata wird ihr Volumen und ihre Beschaffenheit bestimmt, eine Hyperplasie (diffus vergrösserte Prostata), ein Adenom (gutartiger Tumor), eine Prostatitis (meist schmerzhafte Entzündung der Prostata) oder ein möglicher Krebs kann so entdeckt werden.
Die Untersuchung der Prostata wird im Rahmen einer allgemeinen klinischen Untersuchung durchgeführt, die auch Gewicht, Grösse, Bauchumfang, Bluthochdruck, Behaarung, Abtasten der Hoden usw. mit einschliesst. Wenn eine Ersatztherapie vorgesehen ist, werden die klinischen Untersuchungen durch Labortests ergänzt: Blutbild für den Hämatokrit-Wert (der während der Behandlung steigt), Glukose, eventuell C-Peptid, In- sulin und den HOMA Index, was der Insulinresistenz entspricht, HbA1c (> 7 bei Diabetes), totaler Cholesterin Wert, HDL-Cholesterin (das gute Cholesterin) was bei Bierbauch-Syndrom niedrig ist, LDL-Cholesterin (das schlechte Cholesterin), die Triglyzeride, die beim Stoffwechsel-Syndrom häufig erhöht sind, Lebertests (um Leberverfettung festzustellen), Ferritin zur Abklärung einer Hämochromatose (überhöhter Eisengehalt im Blut), usw.
Bei Personen mit erwiesenem Androgendefizit ist eine Messung der mineralischen Knochendichte (Osteodensitometrie) notwendig, um eine eventuelle Osteopenie oder Osteoporose auszuschliessen, das Knochenbruchrisiko abzuschätzen und wenn nötig, eine vorbeugende Behandlung vorzuschlagen. Ein Untersuch des Herz-Kreislaufsystems ist bei Männern mit erhöhtem Risiko zu empfehlen.
ZUM ABSCHLUSS
Bevor man eine Hormonersatztherapie mit Testosteron beim Mann einsetzt, muss durch eine präzise Diagnose abgeklärt werden, ob er an Hypogonadismus leidet. Sonst ist es, als würde man ein Zimmer mit einer Zusatzheizung heizen, der Thermostat wird gebremst und die körpereigene Produktion von Testosteron damit auch. Wenn der Patient mehr Testosteron erhält als nötig, ist es Doping! Bis 2050 werden 16% der Männer älter als 65 sein und 15-20% ein altersbedingtes Androgendefizit haben. Das sind ganz schön viele!
Für weitere Informationen:
• Testosteronmangel beim Mann (von Bayer 2015 herausgegebene Broschüre)
• La ménopause dans tous ses états (von Vifor Pharma 2016 herausgegebene Broschüre), die Sie auf der Webseite www.catherinewaeberstephan.ch finden
• La ménopause, avant, pendant et après (auf französisch) www.catherinewaeberstephan.ch
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