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Hérens,
deutsch Ering. Bezirk des Kantons Wallis, 1815 vom ehemaligen Zehnten Sitten abgetrennt und nach der Verfassungsänderung von 1839 durch Abtrennung der Gemeinden Arbaz und Savièse und deren Zuteilung zum jetzigen Bezirk Sitten wieder verkleinert. Besteht aus zwei durch die ganze Breite des Rhonethales von einander getrennten Abschnitten, einem grösseren südlichen mit dem Thal der Borgne und seinen Verzweigungen und einem kleineren nördlichen, der einzig die Gemeinde Ayent umfasst, sich von den Rebbergen w. über dem Dorf Saint Léonard bis zum Wildhorn und Rawilpass hinauf zieht und das ganze rechtsseitige Thalgehänge der Liène umfasst.
Gesamtfläche 45540 ha. Bevölkerungsziffer 1850: 5862;
1870: 6267;
1888: 6521;
1900: 6943 Ew. Umfasst 9 Gemeinden:
Ayent
(nördl. vom
Rhonethal) und
Les Agettes, Evolena,
Hérémence,
Mage oder
Mase,
Nax,
Saint Martin,
Vernamiège
und
Vex (am Eingang und im Innern des
Val d'
Hérens und
Val d'Hérémence).
Der Bezirk grenzt im N. an den Kanton Bern, im O. an die Bezirke Siders und Visp, im S. an den Bezirk Entremont und an Italien und im W. an die Bezirke Entremont, Conthey und Sitten. Der Bezirk Sitten schneidet ihn in seine eben genannten zwei räumlich getrennten Abschnitte. Nomineller Hauptort des Bezirkes ist Vex; doch zwingen seine geographischen Verhältnisse und die politische Teilung in zwei Abschnitte die Geschäftsleute, Behörden und Richter, ihren Wohnsitz in Sitten zu nehmen, welche Stadt als natürlicher und geschäftlicher Mittel- und Brennpunkt der ganzen Gegend und ihrer Bewohner somit den eigentlichen Bezirkshauptort bildet.
Das anbaufähige Land reicht auf der Seite von Ayent hinauf bis zum sog. Bisse Neuf (1350 m), der von der Liène abzweigt, durch Wald und Felsen zieht und vor seinem Uebertritt auf den Bezirk Sitten hier den Boden der Gemeinde Ayent bewässert. An den untern Gehängen zwischen 600 und 1000 m finden sich Rebberge, besonders um den fast ganz von Weinbauern bewohnten Weiler Signèse. Darüber folgen das Dorf Ayent und zahlreiche weitere Weiler mit Aeckern und fetten Wiesen und zahlreichen Obstbäumen (Nuss-, Apfel-, Birn- und Pflaumenbäumen). Der Kastanienbaum gedeiht nur an geschützten Lagen der tiefern Gehänge, wo diese von der Wasserleitung von Clavoz durchzogen sind, die das Wasser der Liène den Weinbergen von Sitten zuführt.
Auf die in etwa 1400 m einsetzenden und einen weiten Steilhang bekleidenden grossen und schönen Waldungen folgt eine zweite Terrasse, die mit Alpweiden bestanden ist und wo die Bewohner von Ayent eine ausgedehnte Schafzucht betreiben. Diese Hochweiden werden oben umrahmt von den Berggruppen und Gletschergebieten des Wildhorns und Rawilhorns, die auf der Grenze gegen den Berner Amtsbezirk Ober Simmenthal stehen. Der Verkehr zwischen dem Wallis und Bern geht hier über den schon seit sehr langer Zeit benutzten Rawilpass, über den auf Maultieren besonders Walliser Wein nach N. hinüber gesäumt wird.
Dieser nördl. Abschnitt des Bezirkes
Hérens bildet eine einzige Kirchgemeinde, deren Grenzen mit derjenigen des Bezirkes
zusammenfallen und deren Pfarrkirche in
Saint Romain steht. Auf dem
Felsen über der Kirche sieht man noch die
Ruinen einer
alten Burg, die von dem gegen Antoine de
La Tour, den Mörder des
Bischofes Tavelli, in Waffen stehenden
Walliser
Volk 1375 belagert, genommen und zerstört worden ist. Zwei Jahre später (1377) schlugen und töteten die
Walliser zwischen
Ayent und
Arbaz auch den dem Herrn von
La Tour mit einer kleinen Truppe von Simmenthalern über den Rawil
zu Hilfe eilenden Freiherrn Thüring von
Brandis.
Das Gebiet von Ayent bildete im Mittelalter eine eigene Gerichtsherrschaft (sénéchalie), die der Bischof Aimon de Savoie teils durch Erbschaft und teils durch Kauf in seinen persönlichen Besitz gebracht hatte und die er zugleich mit anderen Ländereien im Ober und Unter Wallis 1052 dem Chorherrenstift zu Sitten vergabte. Diese Herrschaft ward um 1180 als Lehen des Bistums von dem Edelgeschlecht d'Ayent verwaltet. Dazu bestand aber in Ayent 1107 auch noch ein Priorat, das der Kirche von Ainay in Lyon gehörte. Es herrschten überhaupt hier bis zum Ende des 14. Jahrhunderts ziemlich verworrene Besitzverhältnisse zwischen dem Bistum, dem Geschlecht der Herren von La Tour und dem Haus Savoyen. Der jeweilige Gerichtsherr konnte jedes von einer Neuvermählten dieses Ortes an ihrem Hochzeitstage gerittene Pferd als sein Eigentum beanspruchen, d. h. er hatte das Recht (wie es in den Urkunden heisst) «à tout cheval ou palefroi monté par une épousée du lieu au jour de ses noces».
Der südliche Abschnitt des Bezirkes
Hérens beginnt an den beiden Thalgehängen s. über dem Dorf
Brämis
(Bramois). Der linksseitige
Hang steigt gegen den
Kamm von
Thyon (2299 m) und bis zum
Mont Blanc de Seillon (3871 m) auf, während der
rechtsseitige sich zum Mont
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Gautier (2706 m), Col d'Hérens und bis zur Tête Blanche (3750 m) hinaufzieht, die den Ferpèclegletscher vom italienischen
Gletscher von Zâ de Zan trennt. Hauptbeschäftigung der Bewohner dieses Gebietes sind Viehzucht und Milchwirtschaft. Das Val
d'
Hérens und seine Nachbarthäler (Entremont, Eifischthal) besitzen eine eigene Rindviehrasse (race d'
Hérens oder Eringerrasse
genannt), die autochthon sein soll. Die Frage, ob diese dem Leben auf den steil geneigten Alpweiden angepassten kleinen und
ausserordentlich lebhaft veranlagten Kühe wirklich die von einer rationellen Viehzucht geforderten wirtschaftlich günstigen
Eigenschaften besitzen, ist noch oft Gegenstand von lebhaften Meinungsverschiedenheiten unter den Züchtern.
Seit 1869 haben die Walliser Viehzuchtgenossenschaften oft Versuche gemacht, hier ertragreichere Viehrassen einzuführen, sind aber dabei immer auf den hartnäckigen Widerstand der an ihren Kühen und besonders der sog. Ringkuh oder «reine» leidenschaftlich hängenden Bergleute gestossen. Das hauptsächlich mit Roggen und Kartoffeln bebaute kulturfähige Land reicht über die Dörfer Lanna, Evolena und Hérémence bis in etwa 1450 m hinauf. An den tiefern Gehängen über der untern Borgne (besonders unterhalb des Dorfes Vex) stehen bis in 900 m Höhe einige Rebberge.
Nussbäume gedeihen bis Useigne, und in Vex findet man noch einige Feigenbäume. Gemüse wird nur zum eigenen, schwachen Bedarf gebaut. Die Gemeinde Mage bringt den Ertrag ihrer vielen Obstbäume in Sitten auf den Markt, während die Gemeinden Hérémence, Vex und Nax mit ihrem vorzüglichen Kirschwasser Handel treiben. Die Mehrzahl der Bewohner dieser Gegenden besitzt in der Nähe von Sitten kleine Rebberge mit darauf stehenden Rebhäuschen oder Mazots, welch' letztere meist gemeinsames Eigentum von bis zu 30 und mehr Rebbesitzern sind.
Die Viehstatistik ergibt folgende Zahlen:
|1886||1896||1901|
|Rindvieh||7044||6846||7781|
|Pferde||46||21||24|
|Maultiere||?||?||611|
|Esel||?||?||12|
|Schweine||1348||2177||1771|
|Schafe||7339||6399||6299|
|Ziegen||2301||2690||2364|
|Bienenstöcke||291||403||267|
Hauptverkehrswege des Bezirkes sind: 1. Der Saumweg über den Rawilpass, der von Sitten ausgeht und die Gemeinde Ayent durchzieht. Er soll zu einer interkantonalen Strasse umgebaut werden und ist heute schon bis zum Dorf Ayent fahrbar. 2. Die Fahrstrasse am linken Ufer der Borgne (seit 1852), die in Schlingen bis Vex aufsteigt und von da in verschiedenen Zeitabschnitten bis Evolena und neuestens bis Les Haudères geführt worden ist. Im Sommer zweimal täglich Postverbindung hin und zurück. 3. Der Saumweg am rechten Ufer der Borgne, der von Brämis in Schlingen zur Terrasse von Nax hinaufführt und sich dann vor dem Weiler Praz Jean mit der Fahrstrasse am andern Ufer vereinigt.
Evolena liefert Ofen- oder Lavezsteine und hatte auch eine bis 1570 betriebene Kupfermine. Zu nennen sind auch die Salzquellen
von La Combiolaz. Im südl. Bezirksabschnitt blüht ferner die Fremdenindustrie, die ihren Sitz besonders auf dem Mayenberg
oder den Mayens de Sion (Gemeinden Les Agettes und Vex), in Pralong (Gemeinde Hérémence) und auf Boden
der Gemeinde Evolena in Les Haudères, Salay (Ferpècle), Arolla und im Dorf Evolena selbst hat. Bis 1799 zerfiel das Val d'
Hérens
in mehrere kleine Herrschaften, die wie Ayent dem Bistum Sitten gehörten und von bischöflichen Burgvögten verwaltet wurden.
Diese gemeinschaftlichen Schicksale haben denn auch ¶
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mit dazu beigetragen, dass Ayent 1839 nicht vom Bezirk abgetrennt worden ist. Nachdem sich die Bischöfe von Sitten den Besitz der den Edeln von Ayent und denen von Bex bis zum 13. Jahrhundert im Eringerthal eigenen zwei Herrschaften gesichert, errichteten sie hier die zwei Majorate von Nax mit Vernamiège und von Suen (in der heutigen Gemeinde Saint Martin), wo der dem Vitztum als Wohnung dienende Burgturm Eyson stand. Um 1560 ging die Oberhoheit dieses Thales an den Burgherrn von Ayent über.
Daneben besass aber das Stift Sitten von 1532 an bis zur Revolution hier noch ein besonders abgegrenztes Gebiet, das aus dem ehemaligen Eigentum der Herren von La Tour bestand. Der oberste Thalabschnitt bildete das Lehen von Montville, das zuerst den mächtigen Grafen von Raron gehörte, nach deren Untergang aber vom Bistum ebenfalls an sich genommen wurde. Ueber die Herkunft der Bewohner des Eringerthales ist viel gestritten und noch neuerdings die Hypothese aufgestellt worden, das sie Nachkommen von Serben seien, die mit dem Longobardenkönig Albuin nach Rom ziehen wollten, dann aber ins Thal der Dora Baltea eingefallen und von da über das Val Tournanche und das Hochgebirge bis ins Eringerthal gekommen seien, wo sie sich angesiedelt hätten.
Die heutigen Bewohner des Thales sind «schlicht und bieder, gastfreundlich und äusserst tätig. Sie sprechen einen schwer verständlichen französischen Dialekt, der eben so sehr von Ort zu Ort ändert, als deren Typus und Trachten. Die wohlgestalteten schwarzäugigen Bewohner von Vex sind gedrungenen Baues und äusserst aufgeweckt, und die Tracht der Frauen ist in Schnitt und Farbe ernst, der von Savièse ziemlich ähnlich; sie tragen aber den ächten, hohen Walliserhut ohne Häubchen. Die riesigen Männer von Hérémence sind vor Allen erkenntlich; sie haben die Gewohnheit, wie eine alte Chronik schon erzählt, „Bärter zu tragen, wie Schlachtschwerter“. Die blonden Evolener hingegen sind bartlos, aber doch kräftige, durchschnittlich hohe Gestalten. Die Tracht der Männer ist überall im Thale dieselbe... Sie hat sich jedoch in Evolena selbst am besten erhalten; alte Männer mit Kniehosen, weissen Wollstrümpfen, Schnallschuhen und dem braunen Wolltuchfrack trifft man noch häufig. Am auffallendsten aber ist die Tracht der Frauen von Evolena. Sie lieben die rote Farbe und selbst das kokette Hütchen, welches auf einer weissen Haube schalkhaft sitzt, ziert ein farbiges, von Goldfarben durchwobenes Band». (Wolf, F. O., Sitten und Umgegend in Europ. Wanderbilder. 138-140. Zürich 1888). In anthropologischer Hinsicht kennt man die Bewohner des Eringerthales noch wenig.
Einzig Prof. Eugen Pittard hat hier einige Detailstudien durchgeführt, aus denen hervorgeht, dass hier ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen, wie sie beinahe überall sonst im Wallis (besonders im Rhonethal und den meisten seiner Nebenthäler) sich finden, die Brachycephalen verhältnismässig wenig stark vertreten sind (etwa 53%), während das dolichocephale Element einen breiten Raum (etwa 34%) beansprucht. Dieser ausserordentlich starke Prozentsatz der Dolichocephalen (im Rhonethal z. B. beträgt er blos etwa 3-4%) macht es auch wissenschaftlich wahrscheinlich, dass die Eringer anderen Ursprunges sind als die übrigen Walliser. Die Frage aber, woher sie denn nun gekommen, bleibt immer noch offen. 1100: Éroens;
1195: Éruens;
1211: Heruens;
1256: Éroins;
seit 1260:
Hérens.