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In der Schweiz leiden neun Prozent der Menschen unter einer mittleren oder schweren Depression. Es gibt zwar verschiedene Methoden zur Behandlung, doch bei schwerer Depression bringen sie einem Drittel der Betroffenen keine Besserung.
Neue Formen der Therapie sind also gefragt. Nun deuten immer mehr Studien darauf hin, dass Psilocybin hilft, Symptome bei Depression zu lindern. Der halluzinogene Wirkstoff steckt auch in Magic Mushrooms, psychoaktiven Pilzen, und löst psychedelische Rauschzustände aus.
Im letzten Jahr veröffentlichte das Centre for Psychedelic Research am Imperial College London einen Bericht, in dem es Psilocybin mit dem Antidepressivum Escitalopram verglich. Die Studie, publiziert im renommierten «New England Journal of Medicine», zeigt, dass der Wirkstoff bei der Behandlung mittelschwerer oder schwerer Erkrankungen genauso gut wirkt wie das Depressionsmittel Escitalopram.
Das ist aus mehreren Gründen vielversprechend. Antidepressiva wirken nur gerade bei rund der Hälfte der Betroffenen. Und selbst wenn sie wirken, gibt es häufig starke Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme , Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, innere Unruhe und Störungen der Libido. Zudem müssen Antidepressiva normalerweise täglich und über Monate eingenommen werden.
Die Nebenwirkungen der einmaligen Einnahme von Psychedelika beschränken sich meist auf eine leichte Übelkeit zu Beginn und vorübergehende Kopfschmerzen nach der Einnahme. Psilocybin macht zudem körperlich nicht abhängig. Auch das Risiko einer psychischen Abhängigkeit ist insbesondere in einem streng kontrollierten medizinischen Rahmen gering.
Mit 59 Teilnehmenden ist es zwar eine eher kleine Studie – doch die Londoner Forschenden konnten zeigen, dass Psilocybin schneller wirkte als das Antidepressivum und beide Behandlungen etwa gleich effektiv waren.
Pilze, die Psilocybin enthalten, wurden von indigenen Völkern schon seit Jahrhunderten in religiösen Ritualen benutzt. Der Westen entdeckte den Wirkstoff erst in den späten Fünfzigerjahren. So gelang es dem Basler Albert Hofmann, dem Entdecker von LSD, den psychoaktiven Stoff aus den Pilzen zu isolieren. Weil die Untersuchung psychedelischer Substanzen im Ausland lange nahezu verboten war, hat man dort erst in den letzten Jahren begonnen, ihre Effekte an Menschen zu testen.
Die Schweiz ist bei der Erforschung ganz vorn mit dabei. Denn hier ist sie erlaubt – unter Einhaltung strenger Auflagen und wenn das Bundesamt für Gesundheit, Swissmedic sowie die kantonale Ethikkommission zustimmen.
Auch das Forschungsteam der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) möchte herausfinden, wie halluzinogene Stoffe wie LSD oder Psilocybin bei Depressionen helfen. Dazu nehmen Probandinnen und Probanden den Wirkstoff unter Beobachtung ein.
Während des mehrstündigen, von Fachleuten begleiteten Trips lösen sich die Grenzen des Selbst allmählich auf, und ein Gefühl des Glücks und der Verbundenheit mit anderen und der Welt breitet sich aus. Das Gehirn wird dabei auf eine Weise aktiviert, die es ermöglicht, Informationen anders zu verarbeiten und so eher aus der negativen Gedankenschleife herauszufinden.
«Der aussergewöhnliche Zustand kann dabei helfen, ein festgefahrenes Muster aufzubrechen.»Oliver G. Bosch, Psychiater und Oberarzt an der PUK
Wieso es depressiv Erkrankten nach einem professionell geführten Trip anhaltend besser geht, können die Forschenden noch nicht vollständig erklären. Klar ist aber, dass es neben der einmaligen Verabreichung des Wirkstoffs eine intensive Psychotherapie braucht.
Darin besteht ein wichtiger Teil dieses Therapieansatzes, sagt Oliver G. Bosch, Psychiater und Oberarzt an der PUK. «Die Einnahme löst einen aussergewöhnlichen Zustand aus. Er kann dabei helfen, ein festgefahrenes Muster aufzubrechen. Damit die Behandlung aber tatsächlich Wirkung zeigt, muss das Erlebte anschliessend in einer klassischen Psychotherapie verarbeitet werden.» Wichtig sei deshalb auch, diese Substanzen nicht zu idealisieren. «Psychedelika sind keine Wunderpillen, sie können eine ergänzende Behandlungsmethode für jene darstellen, die auf konservative Therapieformen nicht ausreichend ansprechen.» Es gehe bei der ganzen Forschung also keineswegs darum, eine Alternative zu Antidepressiva herzustellen, sondern die Behandlungsoptionen zu erweitern.
Psychedelika zeigen aber nicht nur im Zusammenhang mit Depressionen vielversprechende Resultate. Auch bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) haben Forschende an der University of California in San Francisco letztes Jahr eine wichtige Hürde in der Medikamentenforschung genommen. In einer klinischen Studie mit 90 Teilnehmenden, die unter einer schweren und chronischen PTBS leiden, wurden verblüffende Resultate mit dem Wirkstoff MDMA erzielt, dem bekanntesten Bestandteil von Ecstasy .
Im Verlauf der 18-wöchigen Studie stellte man fest, dass die PTBS-Symptome signifikant und anhaltend schwächer wurden – bei jenen Patientinnen und Patienten, die eine MDMA-unterstützte Traumatherapie durchliefen, deutlich stärker als bei der Vergleichsgruppe, die ein Placebo erhielt. Zwei Monate nach der Behandlung erfüllten 67 Prozent der Teilnehmenden aus der MDMA-Gruppe die Diagnosekriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung nicht mehr, verglichen mit 32 Prozent in der Placebogruppe.
Das könne unter anderem daran liegen, dass MDMA in Kombination mit einer Gesprächstherapie ein «Fenster der Toleranz» schaffe, schreiben die Forschenden in der Zeitschrift «Nature Medicine». Darin könnten Betroffene traumatische Erlebnisse aufarbeiten, ohne von Schmerz oder Angst überwältigt zu werden.
Woher die therapeutische Wirkung von MDMA kommt, ist nicht ganz geklärt. Die Vermutung liegt nahe, dass MDMA unter anderem den Spiegel verschiedener chemischer Botenstoffe hebt und so Empfindungen wie Empathie, Vertrauen und Mitgefühl hervorruft. Ähnlich wie Psilocybin bringt auch MDMA kaum ernsthafte unerwünschte Nebenwirkungen mit sich. Einige Studienteilnehmende hätten über vorübergehende Übelkeit und Appetitlosigkeit geklagt.
Interessant dürfte vor allem sein, dass MDMA, anders als herkömmliche Arzneimittel, wohl nicht nur die Symptome der PTBS bekämpft. In Kombination mit einer Therapie ermögliche MDMA dem Gehirn von PTBS-Betroffenen, sich selbst zu heilen, erklärt die Neurologin Jennifer Mitchell, Hauptautorin der Studie.
Wie Oliver G. Bosch von der Zürcher PUK betonen die Forschenden auch bei der Behandlung mit MDMA: Es ist nicht die Droge selbst, die die Heilung bringt, sondern die Therapie, die durch die Droge verstärkt wird.