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Neue Forschungsergebnisse
Bechterewler hören schlechter
Die häufigsten Begleiterkrankungen beim Morbus Bechterew ausserhalb des Skeletts betreffen die Augen, den Darm, die Nieren und die Lunge. Neue Studien ergaben, dass auch Hörprobleme beim Bechterew häufiger sind als in der Allgemeinbevölkerung. Allerdings ist deren Ursache unbekannt.
ORHAN KEMAL KAHVECI, ÜMIT SEÇIL DEMIRDAL ET AL.
Türkische Forscher verglichen 37 Bechterew-Patienten mit 20 gesunden Vergleichspersonen. Nicht in die Studie aufgenommen wurden Patienten, die gehörgefährdende Medikamente einnahmen (ausser wenn diese Medikamente gegen den Bechterew eingenommen wurden). Ebenso ausgeschlossen wurden Patienten, die beruflich dem Lärm ausgesetzt oder am Ohr operiert waren sowie Betroffene mit Menière-Krankheit (Erkrankung des Innenohrs) oder einer anderen Ohrenkrankheit. Patienten mit Kopfverletzungen, Stoffwechsel- oder Nervenkrankheiten oder einem Hörsturz in der Vergangenheit waren ebenso nicht zugelassen.
Die Bechterew-Patienten und Vergleichspersonen wurden in der Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten gründlich untersucht – auch auf Tinnitus und Schwindel – und wurden nach Hörverlusten in der nahen Verwandtschaft befragt. In einem schalldichten Raum wurde die Hörschwelle (=Lautstärke, bei der ein Ton gerade noch wahrgenommen wird) bei verschiedenen Tonfrequenzen sowie die Fähigkeit zum Sprachverständnis bestimmt.
Bei den Bechterew-Betroffenen wurde zudem in der Abteilung für Physikalische Medizin und Rehabilitation die Krankheitsaktivität (BASDAI), die Entzündungslaborwerte CRP und Blutsenkungsgeschwindigkeit protokolliert. Dies galt schliesslich auch für den Gebrauch der Medikamente.
Grössere Hörprobleme bei Bechterew-Betroffenen
Das Durchschnittsalter der Bechterew-Patienten und Vergleichspersonen lag bei 41 Jahren. 13 der 37 Bechterew-Betroffenen (35%) berichteten über Tinnitus-Probleme. Bei den Vergleichspersonen war es nur einer (5%). Bei den Schwindelanfällen und bei der Funktion der Hautnerven gab es dagegen keinen signifikanten Unterschied, ebenso wenig bei der Häufigkeit von Hörproblemen in der nahen Verwandtschaft.
Die mittlere Hörschwelle der Bechterew-Patienten lag bei allen untersuchten Frequenzen im Mittel signifikant höher als bei den Vergleichspersonen. Bei den Bechterew-Betroffenen gab es einen Hörverlust um mindestens 20 Dezibel im gesamten Frequenzbereich in 11 der 74 Ohren (15%) und einen Hochfrequenz-Hörverlust in weiteren neun Ohren (12%). Bei den Vergleichspersonen gab es nur ein Ohr (2,5%) mit Hörverlust im gesamten Frequenzbereich und kein Weiteres mit einem Hochfrequenz-Verlust. Bei der Untersuchung der Trommelfell-Beweglichkeit wurde hingegen kein Unterschied zwischen Bechterew-Patienten und Vergleichspersonen festgestellt.
Es gab keine Korrelation (statistischer Zusammenhang) zwischen den Hör-Befunden und der Krankheitsaktivität oder den Entzündungs-Laborwerten. Dass es besonders im Hochfrequenzbereich einen Zusammenhang mit dem Alter gab, war nicht anders zu erwarten. Einen solchen Zusammenhang im Hochfrequenzbereich gab es auch bei den Vergleichspersonen.
In Altersgruppen eingeteilt
Um den Alterseinfluss genauer zu untersuchen, wurden sowohl die Bechterew-Betroffenen als auch die Probanden in zwei Altersgruppen eingeteilt: In eine Gruppe der Unter-45-Jährigen und eine der Über-45-Jährigen. Der Hörverlust ist bei den älteren Bechterew-Patienten bei allen Frequenzen stärker ausgeprägt als bei Jüngeren. Doch auch in dieser Gruppe gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Bechterew-Betroffenen und Gesunden. Keine signifikanten Differenzen gibt es gibt es zwischen den Gruppen mit unterschiedlicher medikamentöser Behandlung (NSAR, TNF-Alpha-Hemmer oder Basismedikamente).
Ergebnisse können verschieden interpretiert werden
Die Ursache der Hörverluste beim Bechterew ist nicht bekannt. Diskutiert werden Gefässentzündungen im Innenohr, vom Immunsystem erzeugte Antikörper oder Nebenwirkungen antirheumatischer Medikamente. Die Autoren dieser Studie fanden jedoch keine Hinweise auf ein geschädigtes Innenohr. Vielleicht handelt es sich um ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren wie Alter, Medikamente, Krankheitsdauer, Mittel- oder Innenohr-Infektionen in der Vergangenheit usw. Auch könnte eine Amyloid-Ablagerung zu den Hörverlusten bei tiefen und hohen Frequenzen beitragen.
Prof. Dr. E. Lemmel vermutet, dass Fehlhaltungen der Halswirbelsäule und damit zusammenhängende Durchblutungsstörungen als Ursache. Er empfiehlt als therapeutische Massnahme eine konsequente krankengymnastische Behandlung unter Berücksichtigung der Halswirbelsäule.
Orhan Kemal Kahveci, Ümit Seçil Demirdal, Abidin Duran, Ali Altunas, Vural Kavuncu, Erdogan Okur, Afyon-Kocatepe-Universität in Afyonkarahisar, Türkei. Gekürzte Übersetzung eines in Clinical Rheumatology Band 31 (2012) S. 1103-1108 erschienenen Artikels.
Aus «Morbus Bechterew-Journal Nr. 136», Zeitschrift der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew.