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Inklusion von Personen mit Behinderungen in der humanitären Hilfe: Der Fall Syrien
Myroslava Tataryn, Inklusionsberaterin für die syrische Krise bei Handicap International, hat am 4. März 2016 an der 31. Sitzung des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen in Genf teilgenommen. Sie betont, wie wichtig es ist, Personen mit Behinderungen in der humanitären Hilfe zu berücksichtigen. Und sie beschreibt die Situation von Verletzten und Personen mit Behinderungen, die in die Nachbarländer Syriens geflüchtet sind.
Mohammed, Azraq Camp | (c) C. Fohlen Handicap / International
Was sind die Kernbotschaften über die Inklusion von Personen mit Behinderungen?
Myroslava Tataryn: Wir hoffen, dass die 31. Sitzung in Genf zu Überlegungen und vielleicht sogar Zusagen der UNO-Mitgliedstaaten in Fragen der Inklusion führt. Dann geht es darum, diese am 1. World Humanitarian Summit vom 23. und 24. Mai in Istanbul weiterzuverfolgen.
Für Handicap International ist es sehr wichtig, auf die Bedürfnisse der Personen mit Behinderungen hinzuweisen und uns für internationale Normen und Standards einzusetzen. Wir müssen sicherstellen, dass die humanitären Dienste allen zugänglich sind.
Handicap International will auch eine bessere Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Personen mit Behinderungen erreichen. Nach unseren neusten Erhebungen sind fast 30 % der nach Jordanien und in den Libanon geflüchteten Personen verletzt oder von einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit betroffen. Diese Zahlen belegen das Ausmass der Inklusionsbedürfnisse in Krisen- und Notsituationen.
Wie ist die Situation der syrischen Flüchtlinge mit Verletzungen oder Behinderungen?
Von den Personen, die in die angrenzenden Länder flüchten, haben viele eine Behinderung. Es können Kriegsverletzte sein oder Personen, die schon eine Behinderung hatten. Sie haben spezifische Gesundheitsbedürfnisse und brauchen vor allem Physiotherapien, Ergotherapien und psychosoziale Unterstützung.
Durch ihre Flucht haben sie den Zugang zur Betreuung und zu den spezifischen Diensten verloren, die in Syrien für sie erreichbar waren. Zugleich wurden sie von den Netzwerken getrennt, dank denen sie ihre täglichen Bedürfnisse decken konnten und Teil einer Gemeinschaft waren. Es ist wichtig, die Kontinuität der Dienstleistungen zu gewährleisten, um eine Verschlechterung ihrer physischen und sozialen Verfassung zu verhindern.
Warum ist eine rasche Versorgung wichtig?
Eine rasche medizinische und paramedizinische Versorgung der Verletzten erhöht ihre Chancen auf Genesung und eine bessere Rehabilitation.
Für Personen, die seit einiger Zeit mit einer Behinderung leben, bedeutet eine rasche Versorgung bei ihrer Ankunft die Aufrechterhaltung ihres Gesundheitszustandes. Vor allem können sie sich mithilfe von Krücken oder Rollstühlen, die viele auf der Flucht zurücklassen mussten, ihre Mobilität erhalten.
Welches sind die grössten Schwierigkeiten, mit denen Flüchtlinge mit Behinderungen zu kämpfen haben?
Ihre Bedürfnisse sind denen anderer Flüchtlinge sehr ähnlich. Sie müssen jedoch weit mehr Hindernisse überwinden, um Zugang zur Versorgung mit dem Lebensnotwendigen, mit Unterkunft und Nahrung zu erhalten.
Oft müssen sie auf unwegsamem Gelände grosse Distanzen überwinden. Gut zugängliche Unterkünfte im Erdgeschoss sind schwer zu finden. Sie geraten deshalb oft in eine Isolation, in der ihnen andere Gefahren wie Missbrauch und Ausbeutung drohen und sie kaum Möglichkeiten haben, sich zu wehren.
Eine grosse Verletzbarkeit ist generell bei allen Flüchtlingen zu beobachten. Doch die spezifischen Bedürfnisse von Personen mit Behinderungen und Verletzungen, medizinische und andere, erhöhen ihre Schutzbedürftigkeit und die Schwierigkeiten, mit denen sie täglich zu kämpfen haben.
Als humanitäre Helfer müssen wir uns der Komplexität und Vielfalt dieser Schwierigkeiten bewusst bleiben. Mit ihren vielfältigen Dienstleistungen kann Handicap International diese Personen ausfindig machen und ihnen direkt helfen oder sie an geeignete Einrichtungen weitervermitteln.
Warum sind Inklusionsprojekte wichtig?
Wir vergessen manchmal, dass wir alle jederzeit krank werden oder von einer Behinderung betroffen sein können. Die Inklusion und die Erreichbarkeit von Diensten und Infrastrukturen nützen aber bei weitem nicht nur den Personen mit Behinderungen. Dies gilt ganz besonders für ältere Menschen. Sie werden nicht als Personen mit Behinderungen angesehen, erfahren aber im Alltag vielfach eine zunehmende Einschränkung ihrer Mobilität.
Die Erreichbarkeit der Dienste erleichtert einer sehr vielfältigen Bevölkerung die Interaktion und die Beteiligung an der Gemeinschaft. Deshalb ist die Förderung von Inklusionsprojekten wichtig.