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Wer war Willy Burmester?
Der Widmungsträger von Sibelius' Violinkonzert hat in Zürich einst einen Eklat ausgelöst.
Die Musiklexika kennen nur ein paar dürre Fakten über den deutschen Geiger und Komponisten Willy Burmester (1869-1933). Er war Schüler des legendären Joseph Joachim, Träger eines Ritterkreuzes I. Klasse des grossherzoglich hessischen Verdienstordens Philipps des Grossmütigen, eine Zeitlang ziemlich gefragt als Solist und Bearbeiter älterer Werke. Den grossen Ruhm hat er verpasst, unter anderem, weil er das ihm gewidmete Sibelius-Violinkonzert – das in dieser Woche als absoluter Hit des Geigenrepertoires mit Hilary Hahn auf unserem Programm steht – wegen anderweitiger Verpflichtungen dann eben doch nicht uraufgeführt hat.
Mit einer wirklich hübschen Episode hat sich dieser Willy Burmester aber zumindest in die Geschichte des Tonhalle-Orchesters eingeschrieben. Sie ereignete sich am 26. Januar 1914; Burmester spielte in einer öffentlichen Generalprobe Mendelssohns Violinkonzert und ein paar kleine eigene Bearbeitungen – eine «Verballhornung fünf kleiner Schnuckelsächelchen» von Haydn, Hummel, Gossec, Dussek und Weber, die beim Publikum allerdings gut ankamen: So höhnte die NZZ.
Zum Skandal wurde Burmesters Auftritt allerdings erst nach diesen «Schnuckelsächelchen»: Er gab nämlich zwei Zugaben, was auf Geheiss des damaligen Tonhalle-Kapellmeisters Volkmar Andreae in den Abokonzerten seit 1906 strikt verboten war.
Sturer Dirigent, sturer Solist
Es war ein umstrittenes Verbot. Das Publikum liebte Zugaben, die Solisten liebten sie ebenfalls, und der Tonhalle-Vorstand hätte die absehbaren Konflikte gerne vermieden. Aber Andreae legte nun mal Wert auf «Stilreinheit» und darauf, dass seine Programme sich «in der vorgeschriebenen Art und ohne jede Ergänzung» abwickelten: So steht es in den damaligen Protokollen. Er drohte mit Kündigung, wenn man seinem Wunsch nicht nachkam. Das wollte niemand riskieren, denn Andreae war «äusserst talentiert und von einer aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit», wie der Vorstand festhielt.
Er war aber auch aussergewöhnlich stur. Weder die Publikumsproteste noch die Bitten des Vorstands konnten ihn umstimmen. Und als Burmester es in der Generalprobe wagte, sein Verbot zu brechen, weigerte sich Andreae kurzerhand, das Konzert vom Folgetag zu dirigieren. An seiner Stelle übernahm der zweite Konzertmeister Peter Sandner die Leitung der Aufführung – in der Burmester, auch er von bemerkenswerter Sturheit, erneut die zwei Zugaben spielte.
Die NZZ kommentierte die Angelegenheit mit einem Zitat von Liszt: «Mundus vult – Schundus!», die Welt will nun mal Schund. Auch Andreaes Vorgänger Friedrich Hegar, der Burmester schon 1895 als Solist in die Tonhalle geholt hatte, äusserte sich; Burmester sei «ein unwürdiger Clown und kein Künstler», befand er.
«Demonstration gegen die Konzertdirektion»
Die Gegenseite wählte ebenso deutliche Worte. Die NZZ publizierte wenige Tage nach dem Verriss eine «Mitteilung aus dem Publikum», in der sich die Verfasser beklagten, dass sie von der Konzertdirektion «in zu starker Weise geschulmeistert» würden. Der grosse Applaus bei den Burmester-Konzerten sei «zu einem nicht geringen Teil als Demonstration gegen die Konzertdirektion aufzufassen, die in einseitiger Weise glaubt, ihren Willen betr. Zugaben, Programmzusammenstellung den Künstlern und dem Publikum aufdrängen zu können».
Auch der Tonhalle-Vorstand kritisierte Andreae, der dem Orchester mit seinem «Streik» ein ungutes Beispiel gegeben habe. Man zog in Betracht, eine schriftliche Erklärung von ihm zu verlangen, «in welcher Herr Andreae seine Inkorrektheit zugibt». Immerhin habe man mit Burmester «eine grosse Einnahme erzielt».
Die Folge der Diskussionen war ein Kompromiss, der dann im Jahresbericht 1913/14 in gewundenen Worten mitgeteilt wurde: Man wolle den Solisten künftig «schon im Programm einen grössern Spielraum vorbehalten» und damit dem Publikum so weit entgegenkommen, «dass wir ihm zumuten können, auf weitere Zugaben zu verzichten». Konkret: Man programmierte die Zugaben von vornherein ein. So bekam das Publikum seine Virtuosenstückchen, ohne dass Andreae sein Verbot hätte aufheben müssen.
Willy Burmester hatte allerdings nichts mehr von dieser Lösung des Problems. Er wurde nach dem Eklat 1914 nicht mehr in die Tonhalle eingeladen.