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Dr. med., Mitglied der Redaktion
In den letzten 100 Jahren wuchs der deutsche Wortschatz um einen Drittel auf rund 5,3 Millionen Wörter. Weniger in den Wissenschaften als in Gebrauchstexten und Zeitungen.
Seit Anfang Jahr müssen sich ausländische Mediziner in einem öffentlichen Register eintragen, in dem auch ihre Sprachkenntnisse vermerkt werden. Spitäler sollen sicherstellen, dass die bei ihnen beschäftigten Ärzte innerhalb von zwei Jahren einen Sprachnachweis liefern. Die Rede ist von einer selbständigen Sprachverwendung gemäss Niveau B2, auf einer Skala von A1 für Anfänger bis C2, was annähernd muttersprachlichen Kenntnissen entspricht. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen GER macht die verschiedenen Sprachzertifikate untereinander vergleichbar und soll einen Massstab für den Erwerb von Sprachkenntnissen schaffen.
Wer zu Beginn der 1970er Jahre in den USA, Kanada oder Neuseeland in einem Spital arbeiten wollte, musste eine Prüfung gemäss der Educational Commission for Foreign Medical Graduates ECFMG bestehen. Dazu gehörte ein kurzer Sprachtest, weit weniger anspruchsvoll als ein B2, das detaillierte Verständnis- und Ausdruckskompetenzen umschreibt. Ausländische Kollegen müssen hierzulande keine Prüfung ablegen. Der Nachweis einer Weiterbildung oder von mindestens drei Jahren Aufenthalt im Sprachgebiet genügen. Wer sich im Kanton Thurgau einbürgern möchte, tut gut daran «irreale Bedingungssätze in der Vergangenheit» zu beherrschen. Ohne Referenzniveau B2 kein Schweizer Pass, so beschloss es das Parlament im letzten Jahr mit einer Stimme Mehrheit. In Zürich reichen schriftliche Kenntnisse der Stufe A2. Sie oder er soll Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung, wie zum Beispiel zu Person, Familie, Einkaufen und Arbeit, zusammenhängen. Seit Januar 2018 verlangt der Bund für Einbürgerungswillige ein mündliches Referenzniveau von B1. Sprachbarrieren haben, je nach Angebot und Nachfrage, auch eine Schleusenfunktion. Expats und ihre Familien benötigen nur eine fachliche Qualifikation, während der Afghane in Ausbildung zur Kochassistenz sehr viel Deutsch büffeln muss.
Seit 2013 gibt es ein Büro der Pro Infirmis für «Leichte Sprache». Ein Konzept mit klaren Regeln für Menschen mit Lernschwierigkeiten, Ausländer oder ältere Menschen, die von Abstimmungsunterlagen oder Patientenbroschüren überfordert sind. Geschätzte 800 000 Einwohner können weder richtig lesen noch schreiben. Ein erster Versuch in Basel verwendet für Schuleinladungen zu Informationsabenden ein vereinfachtes Deutsch, das heisst nur einen Satz pro Zeile, Zwischenpunkte bei zusammengesetzten Wörtern, viele Abschnitte, Fettdruck, kein Komma, Wiederholung von schwierigen Begriffen. Manche dieser Regeln würden dem Schreibstil amtlicher Mitteilungen guttun. Doch selbst Muttersprachler haben es nicht leicht. Verunsichert vom Chaos der Rechtschreibereform, den abenteuerlichen Kürzeln der E-Mails und SMS-Nachrichten, verschiedenen Dialektformen und wuchernden Anglizismen, bräuchte es vielleicht ein Niveau D1 oder D2. Anders ist es nicht zu erklären, warum ein Sprachkritiker und Kolumnenschreiber wie Bastian Sick vor rund zehn Jahren Sporthallen und Theatersäle mit tausenden Zuhörern füllte. Millionenfach verkauften sich seine Bestseller «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod», und selbst Auslandtourneen haben vielen Menschen unsere Sprache auf humorvolle Art nähergebracht. Sein faktenreicher Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache hat in vielen Schulbüchern Spuren hinterlassen. Mit guter Unterhaltung wurde Bastian Sick zum Deutschlehrer der Nation. Ohne jeden Anflug von Kulturpessimismus hat er auf seine witzige und charmante Art das Lernen zum Vergnügen gemacht. Einer, der unsere eigenen Sprachbarrieren spielend überwinden half.
Bildnachweis
© Erhard Taverna
Adresse de correspondance
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Literatur
Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Kiepenheuer & Witsch, 28. Auflage 2006.
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