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Wenige Wochen vor ihrem 90. Geburtstag am 22. Februar 2010 rief ich Stephanie Glaser an. Es klingelte lange, bevor sie sich meldete. «Hallo?» Ich nannte meinen Namen und fragte, ob mein Anruf ungelegen komme. «Ja.» Ich entschuldigte mich und schlug vor, später anzurufen. «Nei, nei, säged Sie, was Sie wänd.» Jeder Anruf verlief so. Dieses Mal wollte ich sie daheim besuchen und über ihren 90. Geburtstag sprechen. Ich musste mehrmals anrufen, bis sie zusagte.
Als ich vor ihrer Maisonettewohnung in Zürich Witikon stand, klebte ein Postit an der Tür: «Herein und die Treppe hinunter». Im Gang klebten weitere handgeschriebene Nachrichten – für jede Situation die passende: «Bin am Einkaufen», «Bitte nicht stören», «Bin unterwegs». In ihrer Vierzimmerwohnung fühlte sich Stephanie Glaser auf ihrem TV-Sessel am wohlsten. Umgeben von Büchern, Zeitschriften, Brillen. Vor allem Brillen: grosse, kleine, mittlere. Überall lagen sie herum. Früher seien es Zigaretten gewesen, erzählte mir Stephanie Glaser. Bevor sie vor über zehn Jahren aufhörte, rauchte sie drei Schachteln am Tag. «Wenn schon, denn schon», sagte sie. Und lachte ihr markantes Lachen, in das man einfach einstimmen musste.
Stephanie Glaser litt an Asthma und starker Arthrose. Vor ein paar Tagen liess sie sich im Spital Zollikerberg bei Zürich am Herzen untersuchen. Sie klagte über Probleme, doch die Ärzte fanden nichts aussergewöhnliches. Am Sonntag wäre sie entlassen worden, doch in der Nacht auf Samstag schlief sie friedlich ein – allein und ganz leise. Ihre Freunde vermuten, sie habe die Vollnarkose nicht vertragen.
Noch im November drehte die Schauspielerin im Steinbruch Auenstein AG die Krimikomödie «Mord hinterm Vorhang». Darin mimt sie eine schrullige Krimi-Autorin und Hobby-Ermittlerin. Zum ersten Mal brauchte sie am Set einen Rollstuhl, um sich zwischen den anstrengenden Dreharbeiten auszuruhen. Sie spielte nicht nur im Film, sondern auch am Drehort die Hauptrolle – alle umsorgten sie. «Ich will auf keinen Fall bemuttert werden. Und überhaupt, zu viel Pipäle mag ich nicht», sagte sie.
Zur Welt kam Stephanie Glaser 1920 in Neuenburg als Tochter eines Hotelier-Paars. Sie wuchs in Bern auf und ging dort zur Schule. Mit 14 Jahren beschliesst sie, zum Theater zu gehen. Zuerst muss sie in die «Löffelschlyffi», in die Haushaltschule in Lucens VD. «Davon blieb nicht viel haften.» Dann verreist sie als Au-pair nach England. Mit 17 fängt sie ihre Schauspielausbildung am Reinhardt-Seminar in Wien an.
Hitlers Einmarsch zwingt sie zur Rückkehr in die Schweiz. Obwohl sie viel lieber nach England wäre. «Aber da legte mein Vater sein Veto ein.» In Bern mietet sie ein Zimmer und spielt kleine Rollen im Stadttheater. Nach dem Krieg hält sie sich mit schlecht bezahlten Engagements über Wasser. «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich sämtliche kleinere Rollen, die es im Theaterbereich gibt, gespielt habe.»
Später landet sie beim Cabaret Fédéral in Zürich und spielt in Gotthelf-Verfilmungen von Franz Schnyder mit. Bekannt wird sie als Tante Elise mit Goldfisch «Traugottli» in der TV-Show «Teleboy» von Kurt Felix, wo sie von 1974 bis 1981 auftritt. Regisseur Max Sieber erinnert sich, dass sie im Studio stets fragte, wie es «Traugottli» gehe und ob es noch immer derselbe Fisch sei. «Wir sagten selbstverständlich Ja. Auch wenn dies nicht der Fall war.»
2006 spielt Stephanie Glaser im Alter von 86 Jahren ihre erste Hauptrolle in Bettina Oberlis Kinofilm «Die Herbstzeitlosen». Sie verkörpert eine gelernte Schneiderin, die nach dem Tod ihres Mannes eine Lingerie-Boutique eröffnet. Und damit die engstirnigen Bewohner in einem Emmentaler Dorf verärgert. «Die Herbstzeitlosen» wird der beliebteste Kinofilm und nach «Die Schweizermacher» der erfolgreichste Schweizer Film. Stephanie Glaser wird mit dem Swiss-Award in der Kategorie Kultur, dem Spezial-Leoparden des Filmfestivals Locarno und dem Prix Walo ausgezeichnet. Bettina Oberli und sie reisen nach Japan und Kalifornien, um «Die Herbstzeitlosen» zu promoten – es ist sogar von einer möglichen Oscar-Nomination die Rede. Stephanie Glaser geniesst die Reisen. Vor allem in Japan gefällt es ihr. «Als mein Mann noch lebte, besuchten wir dieses Land gemeinsam. Diese Erinnerungen habe ich vor Ort aufleben lassen.»
Die junge Schauspielerin lernt den Filmproduzenten Oscar Düby 1954 kennen. Es funkt bei einem Drink nach Drehschluss. Die Heirat folgt viele Jahre später, Düby ist noch vergeben. Die beiden leben fast 30 Jahre zusammen, 1982 stirbt er. Die Ehe bleibt kinderlos, was sie bedauert. Im Buch «Das volle Leben» von Susanna Schwager schreibt Stephanie Glaser: «In meinem Leben gab es mehrere Lieben. Nicht viele, aber mehr als eine. Die letzte war mein Mann, absolut.»
Nach «Die Herbstzeitlosen» steht Stephanie Glaser weiterhin vor der Kamera und dreht pro Jahr ein bis zwei Filme. Bis 2009 spielt sie auch Theater, danach hört sie auf – es strengt sie zu sehr an. Wenn sie nicht arbeitet, kauft sie ein, kocht, wäscht. Liest Bücher, schaut den Vögeln zu, schläft viel. Guckt Serien auf ihrem Lieblingssender BBC. Einsam fühle sie sich nicht, vielmehr nervt es sie, dass sie «lamaaschig» geworden sei. Ihr rechtes Knie wolle nicht mehr richtig, sie ist oft müde und braucht mehr Erholung als früher.
Auf den Tod, sagte Stephanie Glaser vor einem Jahr, sei sie neugierig. Sie möchte erfahren, ob sie als Geist in Schlössern herumspuken wird. Noch lieber möchte sie ein Wind sein. Aber kein Sommerlüftchen. «Das wäre mir zu fad.» Stephanie Glaser wollte als Sturmwind über den Strand fegen und den Menschen durch Kleider und durchs Haar fahren, sie wollte aufs Meer hinaus und wieder zurücksausen. «Das wäre ein Spass!»