Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/3372

Der Name Polgar ist den meisten Schachspielern ein Begriff. Man verbindet ihn sofort mit den drei Frauen, die das Frauenschach nach Belieben dominierten. Judit ist bis heute die einzige Frau, die es in die Top Ten der Weltrangliste schaffte. Dass die Polgar Schwestern ein Teil eines leistungsorientierten Experiments waren, ist seltsamerweise vielen Schachspielern nicht bekannt.
Laszlo Polgar, der Vater von Zsuzsa, Sophia und Judit, behauptete in den Siebzigerjahren, dass Begabungen nicht angeboren seien, sondern anerzogen würden, weshalb er seine drei Töchter zu Weltklasseschachspielerinnen erziehen könne. Laszlo startete dabei ein aussergewöhnliches Experiment zusammen mit seiner Frau Klara. So beschlossen die beiden, ihre Kinder nicht in die öffentliche Schule zu schicken und unterrichteten sie stattdessen von zu Hause aus. Dies erlaubte es ihnen die drei Töchter sehr gezielt im Schach zu fördern.
Laszlos Idee wie man ein Weltklasse Schachspieler wird, kann man leicht zusammenfassen: Training, Training und nochmals Training. Der Tagesplan war strikt durchgeplant. So stand man jeweils um 6 Uhr morgens auf und der Tag beinhaltete sechs bis acht Stunden Schachtraining. Zum körperlichen Ausgleich wurde Tischtennis gespielt. Weder Laszlo noch Klara waren herausragende Schachspieler, dennoch begannen sie ausgeklügelte Trainingsmethoden zu entwickeln. Mittlerweile wurden viele Bücher mit Trainingsaufgaben veröffentlicht. Es scheint als hätte die Familie grossen Wert auf taktische Fähigkeiten gelegt. Selbstverständlich war man nicht illusorisch und so sorgten die Eltern dafür, dass die Kinder auch von Spitzenschachspielern unterrichtet wurden. Darunter klingende Namen Pal Benkö, Laszlo Szabo, Peter Lucas und Josef Pinter. Vor kurzem wurde bekannt, dass man selbst Kontakte zu Bobby Fischer pflegte.
Das Niveau der Schachspielerinnen ist bei weitem schwächer als das der Männer. Wenn ich will, dass sich die Leistungen unserer Kinder auf einem Männerniveau bewegen, muss ich dementsprechende psychologische und schachspezifische Voraussetzungen und Wirkungssysteme sichern. Wenn ich meinem Kind statt heißem Wasser lauwarmes Wasser gebe, wird es nicht wissen, wie es mit heissem Wasser umgehen soll. … Wenn Portisch, Fischer oder Kasparow Frauenturniere hätten spielen müssen, hätten sie nie dieses Niveau erreicht. Es ist aus psychologischen Gründen wichtig, dass man Erfolge und Niederlagen nicht mit schwächeren Spielern erlebt. Ausserdem ist es nicht gleichgültig, ob man an einem Training für schwächere oder für Stärkere teilnimmt.Laszlo Polgar
Zsuzsa, die älteste der drei Schwestern, wurde die erste Frau die den Titel des Grossmeisters erlangte. Von 1996 bis 1999 war sie Schachweltmeisterin. Sie verteidigte ihren Titel nicht, weil sie gerade Mutter geworden war und eine Terminverlegung beantragt hatte. Der Weltschachbund FIDE akzeptierte diese Forderung nicht und erkannte ihr den Titel ab. Heute betreibt sie eine Schachschule (Polgar Chess Center) in New York und gründete 2002 die Susan Polgar Foundation, die sich der Förderung des Jugendschachs widmet. An der Texas Tech University leitet sie seit 2007 das Susan Polgar Institute for Chess Excellence.
Sophia hat sich praktisch ganz aus dem Schachspiel zurückgezogen. Als Kind war sie ähnlich erfolgreich wie Zsuzsa. So wurde sie z.B. 1986 U14 Weltmeisterin. Den Grossmeistertitel konnte sie knapp nicht erlangen, durchbrach aber ebenfalls die 2500er Marke.
Judit stellt die glänzenden Resultate von Zsuzsa und Sophia sogar noch in den Schatten. So hatte sie nie viel mit dem Frauenschach am Hut. Sie gewann den Weltmeistertitel U12 und U14 in der Kategorie der Jungen. Mit 15 Jahren und 4 Monaten erzielte sie ihre letzte Grossmeisternorm und unterbot dadurch den Rekord von Bobby Fischer. Es folgten etliche Turniersiege und Erfolge mit der ungarischen Nationalmannschaft. 2003 gelang ihr zum ersten Mal der Durchbruch über die 2700er Elogrenze.
Zusammen gewannen sie mit der Frauennationalmannschaft zwei Mal Olympiagold vor der Sowjetunion - in Thessaloniki 1988 und in Novi Sad 1990. 1988 war Judit 12 Jahre alt. Am zweiten Brett spielend, holte sie 12.5/13.0 Punkte!
Man kann sich darüber streiten wie sinnvoll es ist, seine Töchter im Stile von Laszlo und Klara zu erziehen. Fakt ist aber, dass die beiden ihre Vermutungen, dass Talent keine so grosse Rolle spielt, bekräftigen konnten. Laszlo wollte das Experiment sogar noch mit adoptierten Kindern wiederholen, seine Frau legte allerdings das Veto ein. Dass Judit die Beste wurde, ist laut den Polgars relativ einfach zu erklären. Sie profitierte davon, dass man mit Zsusza und Sophia bereits wertvolle Erfahrungen sammeln konnte und damit die Trainingsmethoden verfeinerte. Zudem wurde sie natürlich durch ihre älteren Schwestern angespornt. Zu guter Letzt wohl das Wichtigste: Judit soll noch härter trainiert haben, als Zsuzsa und Sophia.
Zsuzsa fasste das Experiment wohl ziemlich passend zusammen:
Meine Schwestern und ich reisten in 40 Länder und hatten die Möglichkeit Dingen zu sehen und zu erleben, von denen andere Kinder nur in Büchern lesen. Auf der anderen Seite vermissten wir typische Dinge, die andere junge Leute so machen – wie herumhängen mit Freunden oder ins Kino gehen.Zsuzsa Polgar
Folgende Dokumentation (4 Teile) widmet sich zu einem grossen Teil dem Polgar Experiment:
Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Zsuzsa_Polg%C3%A1r
http://de.wikipedia.org/wiki/Judit_Polg%C3%A1r
http://de.wikipedia.org/wiki/Sofia_Polgar
http://www.psychologytoday.com/articles/200506/the-grandmaster-experiment
Das Polgar – Experiment (Wien 2007) - Harald Schneider-Zinner
Foto 1: http://de.wikipedia.org/wiki/Judit_Polg%C3%A1r
Foto 2: http://susanpolgar.blogspot.ch/2008/09/polgar-sisters-reunite-for-special.html
Foto 3: http://www.chess.com/article/view/review-of-how-i-beat-fischers-record---by-polgar