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Seit dem 1. Januar 2013 und analog den FEI-Richtlinien können Pferde auch an regionalen und nationalen Turnieren in der Schweiz mit einer Medikationserklärung starten. Hierbei müssen jedoch strenge Vorschriften respektiert werden und das Pferd muss am Tag des Wettkampfs gesund sein. Dr. med. vet. Marco Hermann, Tierarzt und Präsident der Veterinärkommission des Schweizerischen Verbands für Pferdesport, gibt Antworten zu diesem Thema.
Foto: Daniel Henzi
«Bulletin»: Marco Hermann, was ist eigentlich eine Medikationserklärung?
Marco Hermann: Eine Medikationserklärung erlaubt gesunden Pferden, die kürzlich eine Behandlung erhalten haben, trotzdem an einem Turnier teilnehmen zu können - dies nach Ablauf der Frist, in der die Substanz im Körper des Pferdes nachgewiesen werden kann und sicher keine Wirkung mehr hat.
Warum hat man sich entschieden, so eine Medikationserklärung zu verwenden und somit Starts von im Vorfeld behandelten Pferden zu ermöglichen?
Der Grund dafür ist, dass sich die analytischen Methoden in den Labors massiv entwickelt und deutlich verbessert haben. Heute kann man minimalste Spuren einer Substanz in einer Konzentration im Nanobereich nachweisen. Nanobereich bedeutet eine Zahl, die neun Stellen nach dem Komma steht.
Mit der Medikationserklärung will man ein gewisses Restrisiko eines möglichen Nachweises auffangen, auch wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Substanz bereits ausgeschieden ist. Trotzdem kann es bei einer Dopingkontrolle vorkommen, dass, je nach Stoffwechsel oder im Falle einer Rekontamination durch Fressen von mit Urin verunreinigtem Stroh, minimalste Rückstände (Nanobereich) gefunden werden.
Wie wird eine Medikationserklärung korrekt ausgefüllt?
Die Medikationserklärung ist selbsterklärend und muss einfach korrekt und vollständig ausgefüllt werden. Ab und zu werden leider nicht ganz vollständig ausgefüllte Medikationserklärungen eingereicht. Es fehlt ein Stempel, ein Name in Blockschrift, ein Datum, eine Unterschrift oder Weiteres. Die Veterinärkommission des Schweizerischen Verbands für Pferdesport SVPS kontrolliert diese Medikationserklärungen in fachlicher (Einhaltung der Absetzfristen) und formaler Hinsicht (komplett und korrekt ausgefüllt). Bis jetzt werden die seltenen fachlichen und häufigeren formellen Fehler mit dem Verantwortlichen direkt besprochen. Sanktionen gibt es keine!
Muss der Reiter oder der Fahrer sonst noch auf etwas achten?
Eigentlich nicht. Es ist grundsätzlich wichtig zu verstehen, dass die Medikationserklärung keinen Freipass darstellt, um behandelte Pferde an den Start zu bringen. Am Tag des Turnierstarts muss das Pferd gesund und fit sein. In aller Regel sind verabreichte Medikamente zu dem Zeitpunkt vollständig ausgeschieden, es können aber evtl. Rückstände in kleinsten Mengen bei einer allfälligen Dopingkontrolle nachgewiesen werden.
Zu erwähnen ist noch, dass nicht an jeder Veranstaltung ein Turniertierarzt vor Ort ist und deshalb etwas mehr Vorlaufzeit benötigt wird. Zum Beispiel an Dressurturnieren ist der Veterinär auf Pikett. In so einem Fall muss man die Medikationserklärung entweder bis zu vier Tage vor der Veranstaltung einem Mitglied der Veterinärkommission des SVPS senden oder mindestens 90 Minuten vor Prüfungsbeginn den Jurypräsidenten oder den Technischen Delegierten über einen bevorstehenden Antrag informieren, damit der Pikett-Turniertierarzt aufgeboten werden kann. Hierbei gehen die Kosten zulasten des Antragstellers.
Wann ist aus Ihrer Sicht eine Medikationserklärung wirklich sinnvoll?
Die Medikationserklärung ist in erster Linie für Amateurreiter gedacht, die «nur» ein Pferd besitzen und mit diesem ab und zu an Turnieren teilnehmen. Profis oder Besitzer mehrerer Pferde werden bei einer allfällig notwendigen Behandlung eines Pferdes dieses (an diesem Turnier) durch ein anderes ersetzen.
Wie lässt sich das mit der Ethik im Pferdesport vereinbaren?
Die Möglichkeit der Medikationserklärung lässt sich aus meiner Sicht gut mit der Ethik im Pferdesport vereinbaren. Die Medikationserklärung ist ja kein Freipass, um mit behandelten Pferden an den Start zu gehen. Diese Pferde stehen nicht mehr unter dem Einfluss von Medikamenten. Es geht lediglich darum, ein gewisses Restrisiko von möglichen minimalsten Rückständen aufzufangen.
Wie sehen Sie das, wenn ein Pferd vor einem Turnier behandelt werden musste? Ist es dann in Ordnung, trotzdem zu starten?
Ja, denn es geht ja lediglich darum, das analytische Restrisiko zu minimieren. Das Pferd muss natürlich in jedem Fall gesund und fit sein!
Können Sie uns Beispiele von solchen konkreten Fällen nennen?
Zum Beispiel könnte das Pferd eines (Amateur-)Reiters am Dienstag Koliksymptome zeigen und deshalb wird ihm ein Medikament verabreicht, das eine Absetzfrist von zwei Tagen hat, wobei man am besten zur Sicherheit noch einen Tag dazu rechnet. Am Freitag wollte dieser Reiter an einem Turnier teilnehmen. Die Zeit ist also etwas knapp, vor allem, wenn man sicherheitshalber mit drei Tagen rechnet. Mit einer Medikationserklärung kann man nun das Restrisiko auffangen, falls in einer allfälligen Dopingkontrolle minimalste Rückstände des angewandten Medikamentes nachgewiesen werden könnten.
Was ist beispielsweise mit einem Pferd,
das an einer chronischen Krankheit leidet, zum Beispiel Mondblindheit? Das muss ja kontinuierlich behandelt werden. Kann ein solches Pferd starten bzw. mittel- und langfristig im Sport eingesetzt werden?
Wenn man ein Pferd hat, das an einer chronischen Krankheit leidet und somit immer medikamentös behandelt werden muss, ist es aus meiner Sicht fraglich, mit diesem Pferd Turniersport zu betreiben. Vielleicht gibt es (z. B. in unserem angenommenen Fall) die Möglichkeit, das Pferd zu operieren, ihm also z. B. ein Auge zu entfernen. Es leidet nicht mehr unter Schmerzen, und auch einäugige Pferde können im Sport eingesetzt werden. Des Weiteren muss beachtet werden, dass die durchgehende Verabreichung von Medikamenten, zum Beispiel Kortison, sich auch auf andere Organe auswirken könnte.
Neben der Medikationserklärung gibt es noch weitere wichtige Themen, die im Pferdesport beachtet werden müssen. Zum Beispiel die Problematik der Futtermittelkontamination. Welche konkreten Tipps geben Sie diesbezüglich den Pferdesportlern?
Das Benutzen fremder Boxen, fremder Futter- oder Tränkebehälter muss sorgfältig überlegt werden. Auch falls andere Pferde im gleichen Betrieb Medikamente über das Futter verabreicht erhalten, ist grösste Vorsicht geboten.
Es gilt aufmerksam zu sein, genau aufzupassen, zu kontrollieren und auch den Bezugsort sowie die Produktion der Futter und Futterzusätze zu prüfen und die Lieferanten in die Pflicht zu nehmen. Die Hersteller sollten die «Doping-Unbedenklichkeit» ihrer Produkte und der Futter- und Futterzusatzmittel garantieren können.
Nicole Basieux