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|Der Zaun|

Als ich
ihn das erste mal sah, war ich geschockt. Ich wollte wieder einmal die
trostreichen Plätze auf dem Grenzstreifen besuchen. Doch ich prallte zurück. Seit
unserer Rückkehr nach Berlin im Juni, ist ein Stück des Grenzstreifens eingezäunt.
Eiserne Pfeiler wurden in den Boden getrieben, einbetoniert, daran grün bestrichene Metallgitter
festgeschraubt. Innerhalb der massiven und kostspieligen Abgrenzung wurde mein wichtigster
Brennesselstock ausgegraben, der Boden gepflügt. Das Grundstück gehört der
Versöhnungskirche. Innerhalb des Gitters stand einst deren Gotteshaus. In der Umzäunung
nochmals umzäunt standen auch die Glocken. Es war kein Provisorium. Der Zaun stand in
keinem Verhältnis zu dem, was er eigentlich schützen sollte. Immer war sein Innen noch
Ödland, oberflächlich etwas abgekratzt, aber immer noch Brache. Die Glocken mochte wohl
auch niemand klauen wollen. Sie waren mehrere Tonnen schwer. Also kann der Mauerbau nur
gegen die Menschen gerichtet sein, oder als Markierung eines ungenutzten Territoriums,
Anspruch auf Eigentum.

Für mich stellte der Zaun ein noch grösseres Hindernis und Ärgernis dar. Mitten im nun unzugänglichen Gebiet befand sich nämlich der Brennesselbusch, auf dem ich meine Raupen fand und von dem ich das Futter für meine Aufzucht entnahm. Der Zaun machte die Wege auf dem Mauerstsreifen unpassierbar. Rücksichtslos durchschnitt er diese, wie zuvor die Mauer die Brunnenstrasse in eine Sackgasse verwandelte. Eine Tafel war am Zaun befestigt, die den Spaziergänger aufklärte.
Jemand hatte das "s" im Wort "Versöhnungsgemeinde" durchgestrichen und ein "h" darübergeschrieben: Verhöhnungsgemeinde. Drei Wochen später waren die Tafeln alle weg, ein Gitter war aus den Verankerungen gerissen und fortgeworfen worden. Da spazierten wir dann zu dritt ins verbotene Gelände und legten uns in der Wiese an die Sonne. Schmetterlinge waren in diesem Jahr selten. Nur die Kohlweisslinge waren zu sehen. Wie kleine weisse Taschentücher zuckten sie über die Kräuter. Das Tagpfauenauge fehlte, der kleine Fuchs, der Distelfalter war auch nicht zu sehen. Der kühle, feuchte Sommer hatte sie vertrieben. Der Frühling hatte noch vielversprechend begonnen. An den ersten warmen Tagen des Jahres waren Dutzende von Gelegen des kleinen Fuchses zu sehen. Doch dann kam der Zaunbau, die nasskalten Winde.
Der Wermutbusch wurde überfahren oder zertreten. Lastwagen aus der nahen Baustelle hatten mit ihren Pneus die Erde aufgewühlt. Schon letztes Jahr wurde der bittere Beifuss mit weisser Farbe besprüht, vielleicht um zu verhindern, dass jemand von ihm irrtümlicherweise Blätter mitnimmt oder Absinth daraus braut. Die wilden Möhren waren erst im August zu sehen. Weit und breit aber kein Zeichen des Schwalbenschwanzes. Der Beifuss war mannshoch aufgeschossen. Es war kein Flugjahr.

Copyright: Daniel Ambühl Steintisch Verlag Zürich
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