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Arbeitskraft
Im Güterbahnhof in Bern arbeitete einst ein treuer Hilfsarbeiter, dessen Hauptaufgabe es war, die leeren Paletten zu stapeln. Die Arbeit war nicht kompliziert, aber sie musste sorgfältig erledigt werden. Der Hilfsarbeiter machte immer Beigen zu je dreizehn Paletten, weil dreizehn die Anzahl ist, die in einem Lastwagen übereinander Platz hat. Wichtig war ihm ausserdem die Unterscheidung zwischen neuen, alten und defekten Paletten. Fiel es einem anderen Arbeiter ein, eine Palette zur falschen Beige zu tragen, wurde er vom Paletten-Chef unverzüglich belehrt. Die neuen Paletten waren für den Transport von Lebensmitteln vorgesehen. Die alten, aber noch brauchbaren Paletten waren für alle andern Waren bestimmt. Und war ein Stapel mit defekten Paletten erstellt, wurde er von den Staplerfahrern zur Reparaturwerkstatt gebracht.
Nie stand er nutzlos herum
Jede Paletten-Kategorie hatte ihren eigenen Standort, so dass den Hallenarbeitern immer klar war, wo welche Paletten zu finden waren. Gab es für den Hilfsarbeiter zwischendurch keine Paletten aufzuschichten, nahm er einen Besen zur Hand und kehrte den Platz. War auch diese Arbeit erledigt, half er beim Beladen der Lastwagen an der Rampe, bis wieder so viele Paletten herumlagen, dass er sich um seine Stapel kümmern konnte. Niemand musste diesem Mann sagen, was zu tun war, immer sah er selbst, wie und wo er sich gerade nützlich machen konnte, und nie stand er nutzlos herum.
«Är gseet d Büez»
In jener Zeit kannte man in Fabrikhallen und auf Baustellen den vielsagenden schweizerdeutschen Ausspruch «Är gseet d Büez». Das war ein sehr populärer und oft benutzter Satz, der in letzter Zeit ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein scheint. Ein Arbeiter konnte vielleicht klein oder schmächtig oder nicht mehr ganz jung sein. Möglich war auch, dass der Arbeiter äusserlich einen wenig seriösen Eindruck machte, lange Haare oder ungepflegte Arbeitskleidung trug. Er konnte verschiedene Eigenschaften haben, die ihn auf den ersten Blick als nicht besonders lobenswerten Arbeiter erscheinen liessen. Doch mit dem einfachen Satz «Är gseet d Büez» war seine Reputation gleich wieder hergestellt. Sagte ein Vorgesetzter oder ein Kollege von einem Arbeiter, er sehe die Arbeit, dann drückte er damit aus, dass der Betreffende eine Eigenschaft besass, die alle oberflächlichen Beurteilungen bedeutungslos machte. Wer im Ruf stand, die anstehende Arbeit zu sehen, von dem wurde selbstredend angenommen, dass er die Arbeit, die er sieht, auch diskussionslos ausführt. Das anerkennend ausgesprochene «Är gseet d Büez» galt also gewissermassen als Ritterschlag.
Im handwerklichen oder industriellen Sektor kann ein Vorarbeiter oder ein Meister nicht ständig jeden Mitarbeiter anleiten und beaufsichtigen. Gerade deswegen ist eine der wichtigsten Qualitäten der einzelnen Arbeitskraft, dass sie in möglichst jeder Situation selbständig ist und von sich aus beurteilen kann, was es zu tun gibt. Folglich wurde ein klarer Blick für auszuführende Arbeiten in der Arbeitswelt immer höher geschätzt als reine Muskelkraft oder blinder Gehorsam.
Arbeitsroboter
Bis heute war es unter anderem diese Qualität, die den guten Arbeiter von der Maschine unterschied. Aber damit dürfte es bald endgültig vorbei sein. Vor einigen Tagen sprach nämlich ein Experte in einer Wissenschaftssendung am Radio über die neuste Generation von Arbeitsrobotern. Roboter nähmen in der Industriearbeit und selbst in privaten Haushalten eine immer wichtigere Rolle ein, erklärte der Fachmann in besagter Sendung. Hierauf erläuterte er anhand vieler Beispiele, wozu moderne Roboter in der Lage seien. Er redete von selbstfahrenden Rasenmähern und Staubsaugern und von ähnlichen Errungenschaften der Technik. Die Aufzählung enthielt noch keine besonders überraschenden Erkenntnisse. Bereits schien sich die Wissenschaftssendung einem unspektakulären Ende anzunähern. Doch gerade als man sich damit abgefunden hatte, einmal mehr eine Radioreportage angehört zu haben, die man bald darauf vergessen haben würde, sprach der Experte den Satz aus, der einen aufhorchen liess. Es war der Satz, der früher der Bewertung guter Arbeiter vorbehalten war. «Gegenwärtig werden Roboter entwickelt», sagte die Stimme aus dem Radio, «die in der Lage sind, die anfallende Arbeit selbständig zu erkennen.»
Da hatten wir es wieder, das lange nicht mehr gehörte Lob «Är gseet d Büez»! So weit sind wir also schon, wollte es einem durch den Kopf gehen. Bald ist das letzte Unterscheidungsmerkmal Mensch -Maschine aufgehoben. Am Tag, an dem der Roboter die «Büez» tatsächlich selber sieht, braucht es den vorbildlichen Arbeiter nicht mehr.
«Si gseet d Büez»
Den Hallenarbeiter im Güterbahnhof wird es nicht mehr betreffen, er ist seit einigen Jahren pensioniert. Und wenn er abends gedankenverloren am Wirtshaustisch vor einem leeren Becher sitzt und von der Kellnerin gefragt wird, ob er noch ein Bier haben möchte, freut er sich, über ihre Aufmerksamkeit. «Si gseet d Büez!», sagt er dann zu seinen Tischgenossen und lächelt anerkennend.