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Wer ist reich und wie kann der Wohlstand bewahrt werden? Das ist die Schlüsselfrage, die sich heute den 99% der Bevölkerung stellt, die nicht zu den Multimillionären gehören, seien es Anwälte, Ärzte, Professoren oder Topmanager.
Wer superreich ist, hat andere Probleme. Es war der bekannte Investor Dipl. Ing. ETH Branco Weiss, der sich, mit einem Vermögen von rund 800 Millionen Franken am Zürichberg lebend, stets als „armen Reichen“ bezeichnete, der mir auf eine Frage hin 1980 antworte: „Mit fünf Millionen Franken kann man seine Familie ernähren.“
Als ich die Frage 1995 wiederholte, meinte er: „Zehn Millionen müssen es schon sein.“ Heute reichen bei Nullzinsen auch zehn Millionen Franken nicht mehr aus, um von Zinsen des Vermögens lebend, seine Familie zu ernähren. Derlei nennt man Inflation der Werte.
Wie aber ist es um die berühmte Anlageberatung und Vermögensverwaltung für Privatpersonen bestellt, die man bei uns Private Banking nennt? Es ist ein hoch rentabler Geschäftszweig, der auch unseren beiden Grossbanken Stabilität vermittelt und der Raiffeisenbank neue Gewinne bringen soll. Sogar die Kantonalbanken sind seit der in den USA ausgelösten Bankenkrise vor acht Jahren zu Fluchtburgen privaten Kapitals geworden.
Die einst berühmten Schweizer Privatbanken sind umgewandelt, die legendären Auftritte und Leistungen für die Schweizer Zivilgesellschaft deren einstiger Chefs Alfred Sarasin, Hans J. Bär und Hans Vontobel Geschichte. Sarasin heisst heute J. Safra Sarasin, Bär hat ohne die Familie den Namen beibehalten, und Vontobel erlebt unter dem Deutschen Herbert Scheidt eine neue Blüte.
Scheidt ist jüngst auch Präsident der Schweizer Bankiervereinigung geworden; ein Urschweizer mit politischem Talent war für diese Aufgabe nicht mehr zu finden. Die Genfer Privatbankiers sind mit der Bereinigung ihrer Portefeuilles beschäftigt.
Was bedeuten diese Veränderungen für den Privatkunden der Banken, der wohlhabend bis reich ist, aber nicht zur Finanzelite gehört?
In der Anlageberatung und in der Vermögensverwaltung ist, vor allem bei den grössten Banken des Landes, der einzelne Privatkunde von immer geringerer Bedeutung; es sei denn, er bringe mindestens 30 Millionen Franken, besser aber 50 Millionen als Cash mit, damit die oberen Bankmanager ihn überhaupt bemerken. Oswald Grübel sagte mir einmal bei einem Lunch mit seiner bekannt tiefen Brummstimme lachend: „Eigentlich kann ich mich nur um Kunden kümmern, die 50 Millionen oder mehr bringen.“
Das überrascht nicht, war es doch sein Vorgänger an der Spitze der Credit Suisse, Lukas Mühlemann, der mir in der Bar seiner Bank im Zürcher Hotel Savoy Baur en Ville die Welt der Grossbankiers wie folgt erklärte: „Eine Milliarde Franken liegen im Bereich der täglichen Schwankungen.“ Und das in ruhigen Zeiten.
Wir leben heute in unruhigen Zeiten, wo Kurse angesehener Bluechips täglich um bis zu fünf Prozent und mehr schwanken können. Das war vor dem Jahr 2000 nur in Krisen der Fall. Es ist offensichtlich: Es herrscht eine Dauerkrise, die eher die Tendenz hat, sich laufend zu verschärfen.
Diesen Beitrag schreibe ich für Normalschweizer mit einem anzulegenden Cash-Vermögen von unter zehn Millionen Franken. Wer früher einmal als reich galt, mit einer Million Franken auf dem Konto, ist es heute nicht mehr. Die Erträge auf ein solches Kleinvermögen sind derart gering, dass es rasch dahinschmelzen wird.
Wo steht der Privatkunde in der „food chain“ der Banken heute? An der Spitze der Nahrungskette stehen die meist global denkenden Aktionäre und andere „asset owners“. Nach ihnen, aber in enger Koordination, dürfen sich Verwaltungsräte und Topmanager mit Salären, Boni und anderen Luxus-Vergünstigungen bedienen. An dritter Stelle folgen die internen „top producers“, die sichere Gewinne versprechen, wie es lange Zeit Anju Jain für „Joe“ Ackermann bei der Deutschen Bank war.
Gleichberechtigt mit den „top producers“ sind die Söldnertruppen – Anwälte, Juristen und Berater jeglicher Couleur. Erst im vierten Rang folgen alle anderen Bankmitarbeiter; sie gehören zum industriellen Bereich der Bank, der zunehmend automatisiert wird.
Die Kundenberater der Bank, sofern sie nicht zu jenen Stars gehören, die alle Widersprüche in einer Cloud aufzulösen vermögen, sind die eigentlichen Verlierer. Sie stehen zwischen Bank und Kunde. Erreichen sie die eng gefassten und ambitiösen Ziele ihrer Vorgesetzten nicht, drohen Versetzung oder Entlassung. Enttäuschen sie ihre Klienten, wandern diese schneller als früher zu einem anderen Institut ab. Mit ausgezeichneten psychologischen Trainings werden die Berater für diese kritischen Situationen geschult.
Der normale Privatkunde wird seit einigen Jahren in mehrstufige Risiko-Schemata gepresst, die er nur widerwillig unterschreibt. Es sind juristische Vorgaben einerseits und der Versuch andererseits, aus Individuen berechenbare Grössen zu machen. Heute, wo vielerorts die individuelle Risikobeurteilung sich laufend verändert, ist das Protokoll von gestern oft schon nach wenigen Monaten Makulatur. Die Bank schert dies nicht, denn sie hat die Unterschrift des Kunden – für den juristischen Ernstfall.
Gefangen in IT-Netzen und Algorithmen, werden dem Kunden Bankprodukte angeboten, die in erster Linie ein Ziel haben: die Gewinne der verantwortlichen Abteilung wie der Gesamtbank zu steigern. Das Geld fliesst, manchmal in Form von Erträgen, immer seltener hin zum Kunden, sondern hinauf in die Bankhierarchie.
Die Produkte sind für den Normalkunden – ich denke an eine bestimmte Professorenwitwe aus Küsnacht ZH – nicht verständlich. Vor wenigen Monaten fragte sie mich im Fitnesstraining verschämt: „Was soll ich machen? Als mein Mann starb, hatte ich neun Millionen auf der Bank; jetzt sind es noch fünf.“ Sie hatte Angst um ihre Zukunft.
Hinter diesen modernen Produkten verstecken sich Kosten und meist hohe Margen; andernfalls kämen sie nicht auf den Markt. Als mir einmal ein HSG-geprüfter talentierter Bankberater weit über eine Million Franken mit ETFs verjubelte, ging ich zum Chef und sagte: „So funktioniert das nicht.“ Wir wurden uns einig. Heute müsste ich in einem solchen Fall möglicherweise mit juristischer Abwehr meiner Ansprüche rechnen.
Der Privatkunde in der Business Class der Banken – die Economy-Kunden werden mehr denn je wegen mangelnder Rentabilität abgestossen – ist heute funktional passiver Teil einer Plattform der Banken, zurückgestuft zur Transfermasse, mit der die eigentlichen Deals abgewickelt werden sollen. Asset Management zum Beispiel.
Die Flucht in die Aktien ist waghalsig geworden, wo auch die Banken oft nur empfehlen: Beste Entwicklung plus 20%, schlechteste Entwicklung (die wir erwarten) minus 15%. Was soll ein Kunde damit anfangen?
Die Flucht in ETFs, wie seit Jahren dauerhaft beschrieben und beschworen wird, haben bisher nur sieben Prozent der Deutschschweizer Privatanleger angetreten. Ich nehme an, es sind Börsen-Halbprofis oder Menschen, die ihr Vermögen einfach verwalten lassen. Mit vielen weiss ich nur, diese Produkte sind hoch riskant und bringen weniger oft die erwarteten Erträge als erwartet. Über die Total Expense Ratio – die Gesamtkosten der Anlagen – reden die Kundenberater nicht gerne. Mit Tracking Difference und Tracking Error lenken sie von der Hauptsache ab. Der Hinweis auf das „implizite Risiko“ verdirbt den besten Business Lunch.
Alfred Isler, der legendäre Gründer der „Finanz und Wirtschaft“, die heute zum Reich von Tamedia gehört, lehrte mich vor vierzig Jahren: „Denke selber nach und lerne, wie man Geld anlegt.“ Natürlich habe ich seither jede Menge Fehler gemacht, aber keiner hat mich umgebracht. Dies mag an einer anderen Legende liegen: Dr. Hans J. Mast, Chefökonom der nicht mehr existierenden Schweizerischen Kreditanstalt, die heute unter dem Pseudonym Credit Suisse auftritt.
Acht Jahre durfte ich ihn als junger Consultant beraten. Trat ich morgens gegen halb acht in sein sehr enges, von Büchern und Studien überfülltes Büro und sagte: „Dr. Mast, Ihre gestrige Goldprognose ging daneben“, antwortete er: „Jetzt machen wir einfach eine neue.“ Dort lernte ich, die Bank gewinnt immer. Meistens.
Genauso wie die anderen Zehntausenden von Privatkunden Schweizer Banken hätte ich jetzt gerne meine Ruhe und liesse das Geld arbeiten – wie versprochen. Doch kaum habe ich aus Russland alles abgezogen, wie die Bank mir empfahl, steigen dort die Kurse. Als mir ein Genfer Bankier dringend Anlagen in Indien empfahl, weil dies über Mauritius günstig abzuwickeln sei, verzichtete ich darauf, was kein Schaden war.
„Geld geht immer aus schwachen in starke Hände“, lehrte mich Alfred Sarasin auf einem Crossair-Flug nach Venedig. Wie Recht er hatte.
Und was tun wir, wenn die nächste Fed-, Währungs- oder Finanzkrise uns wieder ein Loch in die Kasse reisst? Mein jüngster Berater, der jetzt von einem Desk aus operiert, hat den finalen Trost bereit: „Wissen Sie, eine Scheidung kostet immer 50%.“