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Lesestoff für alle Fälle
Das «Du»-Heft nehme ich prinzipiell nicht mehr in die Hand, wenn ich beim Arzt warte. Dort finden sich immer viel zu gute Artikel, und wenn man mitten in der Lektüre ist, erscheint die Schwester und sagt: «Herr Schweizer, bitte.»
So habe ich denn ein Heft entdeckt, das den Namen «Gala» und dem Untertitel «Die Leute der Woche» trägt. Darin erfährt man innert weniger Minuten alles über die neuen Schuhe und Socken von Hugh Grant, Nicole Kidmans Kopftücher, Boris Beckers Besuche bei seinen Söhnen in Florida und die Alkoholfreuden von Schorsch Dabbeljus Tochter.
Als ich vier Wochen im Kantonsspital lag und am Tropf hing, hatte ich nur eine limitierte Bewegungsmöglichkeit und konnte weder ins Café noch an den Kiosk. Ein guter Freund besuchte mich alle paar Tage, und nach etwas mehr als einer Woche sagte ich zu ihm: «Schau bitte mal am Kiosk unten, ob die das &Mac220;Gala&Mac221; haben.» «Was ist das?» fragte er. «Ein Heftli.» «Sex?» «Nein, Klatsch, Tratsch und Kitsch aus aller Welt.» Er grinste, ging runter und brachte tatsächlich die neueste Nummer mit. Ich hatte an diesem Tag schon die BaZ, den Baslerstab und die NZZ gelesen. Mein Kopf rauchte.
Nachdem der gute Freund gegangen war, öffnete ich das Heft. Ich erfuhr, wer von wem ein Baby erwartete, wer wem den Laufpass gegeben hatte und wer in welchem Film für welche Gage welche Rolle spielen würde. Dann las ich das Horoskop und löste das Kreuzworträtsel. Erst als das Essen kam, erinnerte ich mich wieder an meinen Tropf. In der Nacht las ich dann Friedrich Glausers Roman Gourrama. Das war dann wieder Literatur. Man muss abwechseln, sonst schnappt man über.
Kolumne im Baslerstab vom 17.09.2002