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boundary objects
Sabine Maasen schreibt in ihrem Essay “Collaborating In and Beyond Science — Obstacles and (Somewhat Surprising) Opportunities” über boundary objects: “A boundary object is both a product and a mediator of multiple interaction needed enable productive cooperation among various social worlds without taking away their differences in perspective.” Bei dieser Beschreibung musste ich an einen anderen Theoretiker denken, den Dichter und Philosophen Édouard Glissant. Er will in seinen Schriften, die westliche Idee einer Binarität (“the same, the other”) überkommen und ein Denken in Beziehungen etablieren. Dieses Unterfangen rührt von seinem Aufwachsen in Martinique, einem Inselstaat, der Teil eines Archipels (einer Inselgruppe) ist, in dem sich die Idee von europäischen (oder durch die Europäer gezogenen) Nationalgrenzen und -identitäten nicht durchsetzen lässt. Bei einem Archipel gibt es kein Zentrum, keine gefestigte Identität: Die Menschen der unterschiedlichen Inseln tauschen sich aus und verändern sich dadurch, jedoch, so drückt sich Glissant aus, verlieren die Menschen in diesen Beziehungen zueinander ihr Selbstgefühl nie.
Er sieht die Differenz nicht als eine Gefahr, die es zu eliminieren gilt, sondern, so möchte ich es nennen, als ein Geschenk. (Ist es nicht gerade, die Differenz, die wir so sehr an unserer Partner_innen lieben, erinnere ich André Vladimir Heiz in meinem Kopf.) Die Differenz wird zum Geschenk in einer Beziehung, sie ist das Moment, die Einzigartigkeit. Auf eine etwas beliebigere Beziehung appliziert, lässt sich vielleicht sagen, das wir einander ausgesetzt sind (Lévinas), woraus eine Verantwortung wächst. So ist die Differenz das, was uns eint, nicht das, was uns teilt. In Poetik der Beziehung schreibt Glissant: “Es ist für mich nicht notwendig, dass er [der Andere] mich versteht, um mich mit ihm solidarisch zu fühlen, mit ihm etwas aufzubauen oder wertzuschätzen, was er macht. Ich muss nicht so werden wollen wie er (ein Anderer werden), ebenso wenig wie ich ihn nach meinem Bild formen muss.” Dieser Gedanke lässt sich mit seinem Begriff der “Opazität” zusammenfassen, “etwas in seinem nicht reduzierbaren eigenen Dasein zu belassen.” Damit will uns Glissant sagen, dass die Dinge opak bleiben sollen, um der Komplexität der Welt gerecht zu werden, mehr noch um Verheerendes zu verhindern. In einer rührenden Geschichte erzählt Manthia Diawara, der einen Film über Glissant drehte, warum die Opazität für Glissant so wichtig war. Mit einigen Freunden setzte sich Glissant für das Bleiberecht von Personen ein, die sans-papier in Frankreich lebten. Unter ihnen ein älterer malischer Mann, Mamadou Soumare war sein Name. Dieser Mann verlangte von Glissant ein Treffen mit einer Person, die seine Muttersprache sprach, denn sein Französisch war lückenhaft. Die Person, die Glissant organisierte, war Manthia Diawara, es stellte sich heraus, dass der ältere Mann Diawara nur treffen wollte, damit dieser des älteren Herrens ganzer Dank an Glissant weiterleiten konnte. Über Diawara bezogen sich Soumare und Glissant zueinander, Diawara wurde zum Vermittler. Es war der einzige Moment, der explizit gemacht werden musste, ansonsten wusste der ältere Mann, dass Glissants Gedichte von jenen handelten, die in der Undurchsichtigkeit des Meeres verloren gingen. Er erzählte seinen Freunden die Gedichte nach, obwohl er die Sprache nicht sprach. Das musste er aber auch gar nicht, denn er wusste, wie es sich anfühlte. Eine Gemeinschaft der Ungleichen.
Können wir (weitere) Beispiele aus der Praxis finden? Mir dämmert das Theater Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.In den folgenden Zitaten sprechen Mitarbeitende der Castorf-Intendanz, die diese Analogie veranschaulichen:
Bert Neumann, Bühnenbildner
“Es gibt in letzter Zeit den Trend, dass Regisseure auch die Bühnenbilder machen oder Bühnenbildner Regie führen, aber ich finde vor allem die Begegnung verschiedener Identitäten auf einer Bühne interessant, weil dann etwas anderes passiert als das, was man sich als Einzelner vorgestellt hat. Das ist der eigentlich interessante Vorgang. Wenn man Dienstleister nimmt, passiert genau das, was man sich vorstellt. Da gibt es keine Reibung mehr. Man muss so souverän sein, das Widerstrebende nicht als Angriff zu interpretieren, sondern als Möglichkeit, mit dem, was da ist, was machen zu können oder zu müssen.”
Kathrin Angerer, Schauspielerin
“Frank Castorf arbeitet im Probenprozess offensiv mit dem, was er am Einzelnen sieht oder erkennt. Der Schauspieler wird als Person nicht ignoriert oder muss sich eine Rolle überstülpen oder sich komplett verwandeln, sonder er bleibt im Spiel der Mensch, der er ist. Mit diesen realen Personen und ihren Biographien, die Frank an der Volksbühne meistens gut kennt, wird auf der Bühne gearbeitet bzw. gespielt. Er sieht genau, wo die Qualität von jemandem liegt und versucht, die zu verstärken. Dabei werden Qualitäten und Dinge, die man gut kann oder die einen als Person ausmachen, genauso verstärkt wie zum Beispiel das Schwere eines Menschen, der zur Depression neigt, oder bei einem leichten Menschen das Leichtfüssige. Dadurch entsteht die Kraft dieser Expressivität, die darauf beruht, dass im Spieler vorhandene Anlagen vergrössert und intensiv zum Ausdruck gebracht werden. Da bereits im Spieler vorhandene Eigenschaften verfestigt werden, bekommt das Spiel eine Natürlichkeit.
[…] Sophie Rois ist komplett anders als ich, und Henry Hübchen ganz anders als Herbert Fritsch. Das sind alles ganz eigene Wesen, ganz eigene Charaktere. Von daher gab es auch keine besonders grosse Konkurrenz, denn alle hatten etwas ganz Eigenes.”
Hendrik Arnst, Schauspieler
“Wenn man auf diese Bühne geht, wird man zu hundert Prozent gefordert – durch die Räume, aber vor allem durch die Mitspieler. Henry Hübchen, Sophie Rois, Walfriede Schmitt, wie sie alle heissen, sind alle wundervolle Edelsteine, aber sie funkeln an der Volksbühne immer mit den anderen zusammen.”
Bernhard Schütz, Schauspieler
“Das Humanistische an der Volksbühne besteht darin, dass man tatsächlich die Differenz schätzt. Es existiert eine Akzeptanz und niemand sagt dir, dass du anders sein sollst. Natürlich gibt’s welche, die dir auf den Sack gehen. Aber selbst wenn Kurt Naumann im Drogenwahn über die Bühne stolperte, war das zwar eine Störung, aber es konnte auch sehr produktiv sein und dich zu einer neuen Sicht anregen. Jedes störende Verhalten war immer beides: Störung, aber auch immer eine Chance für etwas anderes. Die Unterschiedlichkeit ist gewünscht und durfte nicht nur, sondern sollte sein.”
Frank Castorf lässt sich einiges vorwerfen, und das weiss er auch, hingegen empfinde die Arbeitsweise, die in diesem Haus praktiziert wurde, als eine produktive Spielform der Glissantschen Denkweise der Differenz und der Beziehung. Wird in unserem Beispiel die Bühne zu einem boundary object, worauf die Opazität, die Differenz, die Intuition und die Beziehung eine Antwort gibt?
Oder um mit Glissant zu schliessen: “Es trifft auch zu, dass jede Gemeinschaft aus ihrer Opazität heraus lebt: Sie ist das, was uns für immer verbindet, indem sie uns für immer einzigartig sein lässt. Die allgemeine Zustimmung zu den einzelnen Opazitäten ist der einfachste Garant für die Vermeidung von Barbarei.”