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Die einflussreichste Bank der Welt steht mitten in Basel. Das behauptet ein neues Buch über die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Eine Annäherung an eine abgeschottete Organisation, die keinem Staat Rechenschaft schuldig ist und sich konsequent der Öffentlichkeit entzieht.
Wer nicht zum «verschwiegensten Männerklub der Welt» («Der Spiegel») gehört, für den ist in der Empfangshalle Schluss. Höchstens zwei Meter kann der Nicht-Eingeweihte ins Hauptgebäude der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) am Centralbahnplatz 2 vordringen, in einen Raum mit dem Charme einer mittelgrossen U-Bahnstation. Danach versperren brusthohe, automatische Schiebetüren aus Glas den Weg.
Ob das der Haupteingang der BIZ sei, frage ich die Rezeptionistin im Kostüm, die hinter dem Panzerglas nur schlecht zu sehen ist. Sie bejaht. «Also der Eingang, durch den Ben Bernanke, Mario Draghi und die wichtigsten Zentralbanker dieser Welt alle zwei Monate eintreten?» Keine Miene. «Wie gesagt, das hier ist der Haupteingang.» Im Rücken höre ich ein Klicken: Die automatisch gesteuerte Türe springt auf und legt einen raschen Abgang nahe. Wer nicht zum Klub gehört, der macht sich lieber aus dem Staub.
Ein Firmenschild gibt es nicht
Es gibt sichtbare Anzeichen dafür, dass es sich beim kupferfarbenen Turm an bester Bahnhofslage nicht um die Administration eines Senfproduzenten oder Spielwarenvertriebs handelt: Ein Dutzend Kameras überwacht die nähere Umgebung, eingelassen in die Eingangsdecke oder auf Stangen vor dem Wareneingang. Alle paar Monate trifft man auf einen Übertragungswagen des amerikanischen Wirtschaftssenders CNBC und TV-Journalisten, die hinter dem Turm Interviews führen. Nicht, weil die düstere Ecke besonders schmuck wäre, sondern weil sie keinen Zugang zum Gebäude erhalten. Ein beleuchtetes Logo oder Firmenschild fehlt, einzig neben dem überdeckten und vom Trottoir leicht abgehobenen Eingang Richtung Nauenstrasse ist der ausgeschriebene Name in schlichten Lettern zu finden.
Viersprachig, goldfarben in eine Metallplatte graviert, so wie man das sonst nur von Anwaltskanzleien kennt. Wenn man älteren Zeitungsberichten glaubt, soll es im Turm mehrere Restaurants geben, eine hauseigene Krankenstation und einen bombensicheren Bunker. Von einem Auditorium mit weissen Ledersesseln und Tausenden von LED-Lämpchen wird berichtet, das ein wenig an die Kommandozentrale in «Stark Trek» erinnern soll. Man würde sich gerne selbst ein Bild machen, doch die Anfrage für einen Rundgang wird von der Pressestelle abgeschmettert. Sie verweist auf die öffentliche Ausstellung zum 75-jährigen Jubiläum, welche einst Zugang zum Turm bot. Das war vor acht Jahren.
Diners im Penthouse
«Economist»-Journalist und Autor Adam LeBor kommt in seinem soeben erschienenen investigativen Sachbuch zum Schluss: «Die BIZ ist die einflussreichste Bank der Welt, von der die meisten noch nie etwas gehört haben.» Geführt wird sie von einem 19-köpfigen Verwaltungsrat aus Zentralbankern, ausschliesslich Männern, dominiert von Deutschland, Frankreich, Italien, dem Vereinigten Königreich und den USA.
231 Milliarden Franken an Devisen werden hier verwaltet, das sind rund zwei Prozent der weltweiten Währungsreserven. Und 119 Tonnen Gold, mehr als auf den Nationalbanken Kanadas oder Dänemarks liegen. Doch wichtiger noch: Der Turm von Basel, zwischen 1972 bis 1976 vom Basler Architekten Martin Burckhardt gebaut, dient als exklusiver Klub für die Chefs der 60 weltweit wichtigsten Zentralbanken und Währungsbehörden. Ihren Zentralbanken gehört die BIZ; sie halten sämtliches Aktienkapital der Organisation. Alle zwei Monate kommt die exklusive Männerrunde nach Zürich oder Basel geflogen und wird mit Limousinen durch die Tiefgarage direkt in die Eingeweide des BIZ-Turms gefahren. Die meisten bleiben für zwei Tage.
Wer bei der BIZ im Finanzbereich arbeitet, geniesst Immunität.
In informellen Gesprächen wird diskutiert, wie die Zentralbanken die globale Finanzwirtschaft stabilisieren können. Zu welchen Leitzinsen sollen die Geschäftsbanken Kredite erhalten? Wie kann der Zerfall des Euro aufgehalten werden? Welches sind Massnahmen gegen Inflation und Arbeitslosigkeit? Genaueres weiss man nicht. Die BIZ veröffentlicht weder Protokolle noch Traktandenlisten, selbst wer an den Treffen teilnimmt, bleibt im Dunkeln.
Mindestens genauso wichtig wie die Gespräche tagsüber sind die Diners im Penthouse im 18. Stockwerk mit – so darf man mutmassen – erhabenem Ausblick auf die Basler Innenstadt. Dann werden die alten Mouton-Rothschilds und andere edle Tropfen aus dem hauseigenen Weinkeller geholt, während ausgewählte Köche sich ums kulinarische Wohl der Herren kümmern. «Der aufgeschlossene, offene und entspannte Umgang der Teilnehmerinnen und Teilnehmer untereinander ist entscheidend für den Erfolg der Sitzungen», heisst es im Organisationsporträt. Für den entspannten Umgang wurde der Esssaal eigens von Herzog & de Meuron umgebaut.
Gerne würde man sich davon ein Bild machen, doch leider sind weder bei den Architekten noch bei der BIZ Bilder des Raums verfügbar. Aus Sicherheitsgründen, wie es heisst. Die zweimonatlichen Treffen der Zentralbank-Chefs scheinen dermassen exklusiv zu sein, dass selbst das Interieur ihres Treffpunkts vor der Öffentlichkeit verborgen werden muss. Schon in den Dreissigerjahren äusserte ein Journalist der «New York Times» seine Verwunderung, dass er und seine Kollegen selbst dann keinen Blick in die Verhandlungsräume werfen konnten, als die Zentralbankchefs schon lange gegangen waren.
Betreten nur mit Bewilligung
Zur Veranstaltung dieses zweimonatlichen Brimboriums und für sämtliche Dienstleistungen, die damit geboten werden, beschäftigt die BIZ 647 Mitarbeiter aus 54 Ländern. Ein Teil ist im Botta-Rundbau am Aeschenplatz untergebracht, wohin die BIZ 1999 expandierte. Weitere Büros gibt es in Mexico City und in Hongkong. Neben Organisatoren für die zweimonatlichen Treffen arbeiten bei der BIZ und den dort ansässigen Ausschüssen Finanzanalysten, Statistiker, Volkswirtschaftler und Mathematiker. Sie verwalten überschüssige Gelder von Zentralbanken, legen diese sicher und gewinnbringend an. Sie vergeben bei Notlagen Kredite und organisieren internationale Finanztransaktionen in Millionenhöhe. Sie erarbeiten Empfehlungen für Finanzmarkt-Regulierungen, erstellen Statistiken und verfassen Prognosen – die besten überhaupt, wie Experten beteuern.
Es sind begehrte Jobs: Wer bei der BIZ im Finanzbereich arbeitet, hat Botschafterstatus und geniesst damit Immunität, kann also während der Amtsausführung gesetzlich nicht belangt werden. Für hohe Funktionäre gilt die Immunität selbst ausserhalb des Amts uneingeschränkt. BIZ-Mitarbeiter dürfen nicht durchsucht und ihre Post darf nicht geöffnet werden. Und die Mitarbeiter bezahlen keine Einkommenssteuern. Dies bei Managementlöhnen im oberen sechsstelligen Bereich. 763 930 Franken waren es 2011 für den «General Manager».
Die Sonderrechte der Mitarbeiter widerspiegeln den Sonderstatus der Organisation: Die BIZ gilt als internationale Organisation, genauso wie die UN, das IKRK oder der IWF. Das war nach der Gründung 1930 Bedingung für die Niederlassung in der Schweiz. In einer Vereinbarung von 1987 hat der Bund den Status bestätigt. Das BIZ-Gelände ist damit exterritorial, genauso wie eine Botschaft, und nationaler Rechtsprechung enthoben. Eine Art staatenlose Insel inmitten von Basel. Wollen Schweizer Behörden, zum Beispiel die Polizei, den kupferfarbenen Turm betreten, so brauchen sie dafür eine Genehmigung – vom BIZ-Präsidenten oder Generaldirektor.
Der Status als internationale Organisation bringt weitere Vorteile. Die BIZ ist steuerbefreit und bezahlt in Basel keinen Rappen, wie die kantonale Steuerverwaltung bestätigt. Dies bei einem Reingewinn von 1,25 Milliarden Franken, die die Organisation im letzten Geschäftsjahr für ihre Aktionäre erwirtschaftete. Die Steuerbefreiung führt im konkreten Fall auch mal zu absurden Szenen: Als die BIZ im Kaffee «Zum Kuss» einen Apéro organisierte, musste der Wirt von sämtlichen Konsumationen die Mehrwertsteuer abziehen, da die Organisation auch von dieser befreit ist. Natürlich hätte er den Abzug bei der Steuerverwaltung geltend machen können. Doch die Mühe war den Betrag nicht wert; er verzichtete darauf.
Verschwiegener Männerklub
Laut Autor Adam LeBor ist die BIZ heute weltweit die einzige kommerzielle Bank, die durch einen internationalen Vertrag geschützt ist. Das sei schlicht unverhältnismässig, so der Autor. Beim EDA verweist man hingegen auf die internationalen Verträge und betont, dass der Sonderstatus notwendig sei, damit die BIZ ihre Unabhängigkeit gewährleisten könne.
Im verschwiegenen Männerklub scheint man diese Ausnahmeposition zu geniessen; um einen Dialog mit der Öffentlichkeit kann man sich weitgehend foutieren. Anfragen für ein Gespräch mit leitenden Angestellten werden von der Pressestelle höflich, aber ablehnend beantwortet. Einer Organisation, die mit öffentlichen Geldern betrieben wird und deren Chefs primär Diener ihrer Staaten sind, würde etwas mehr Transparenz gut anstehen.
Adam LeBor: Tower of Basel – The Shadowy History of the Secret Bank that Runs the World. New York, PublicAffairs 2013, 323 Seiten.
Die BIZ und das Nazigold
Der Entscheid der BIZ, sich zur Erleichterung der deutschen Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg in der Schweiz niederzulassen, wurde 1930 in Bundesbern gefeiert. Genf war bereits Sitz des Völkerbundes, Zürich war manchen Gründungsländern «zu deutsch», so fiel die Wahl auf Basel. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann das dunkelste Kapitel der BIZ-Geschichte, wie der Schweizer Journalist und Autor Gian Trepp schon 1993 in einem Buch darlegte. Nachdem ihm die BIZ den Zugang zum eigenen Archiv verweigert hatte, fand er an der Baker Library in Boston Archivmaterialien von Thomas McKittrick, BIZ-Präsident im Zweiten Weltkrieg. Trepps Recherche zeigte, dass die BIZ Hitler-Deutschland zu dringend benötigten Devisen verhalf. Leitende Angestellte der BIZ-Bankabteilung waren NSDAP-Mitglieder.
Über die Finanzdrehscheibe Schweiz, so Trepp, wurde auch Raubgold der Deutschen Reichsbank gewaschen. Die BIZ habe bei solchen Transaktionen als verlängerter Arm der Reichsbank gedient. Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Bank of England Dokumente, die Trepps Befund bestätigen: Die BIZ hat 1939 nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 23 Tonnen Gold der dortigen Nationalbank über ein Depot der Bank of England auf die Reichsbank überschrieben. Dies nur wenige Monate, bevor England selber in den Krieg mit Deutschland eintrat. In der BIZ-Infobroschüre heisst es: «Die BIZ gewann dadurch an Glaubwürdigkeit, dass sie uneingeschränkt mit der Untersuchung über Raubgold kooperierte und das in ihren Besitz gelangte Raubgold vollständig zurückgab.» Trepp entgegnet: «Die BIZ ist heute noch genauso wenig transparent wie früher und hat ihre Geschichte nie wirklich aufgearbeitet.»
Wie die BIZ die Recherchen von Autor Samuel Schlaefli abzuwimmeln versuchte, lesen Sie in diesem Artikel.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 16.08.13