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Emmas Vermächtnis
Der Lebensweg von Emma Ochs (1788–1871) war gezeichnet von Fremdbestimmung. Nur noch wenige Spuren im Archiv zeugen von den Hoffnungen einer jungen Frau im Schatten ihrer Eltern.
Diplomat, Geschichtsschreiber, Revolutionär, Kaufmann, Schulgründer – Peter Ochs (1752–1821) war vieles. Er hinterliess der Nachwelt zahlreiche Verfassungs- und Gesetzestexte, Bühnenstücke, Briefe und Reden. Als Teil des gesamten Nachlasses der Familie Ochs werden sie im Staatsarchiv aufbewahrt. Bei der Lektüre lernt man den Denker und Schriftsteller kennen, den Familienvater aber kaum. Fünf Kinder zeugten Salome Vischer (1760–1804) und Peter Ochs in ihrer Ehe. Von ihnen finden sich im Nachlass nur einzelne Dokumente. Umso bewegender ist die abgebildete Brieftasche von Emma Ochs.
Der abgegriffene, verblasste Beutel birgt unter anderem ein Miniaturbild von Mutter Salome und einen Rechnungsbeleg für Malunterricht. Vermutlich stammen sie aus der Zeit unmittelbar nach 1800. Damals, im Alter von 12 Jahren, musste Emma Ochs Basel verlassen. Ihr Vater hatte sein Vermögen verloren und wurde als Franzosenfreund verachtet. In Paris kümmerte sich die Mutter alleine um die Bildung ihrer Kinder. Sie hegte den Wunsch, aus ihnen Künstler zu formen. Emma Ochs erhielt Malunterricht, galt aber laut Familienchronik als wenig begabt. Wenige Jahre später starb die Mutter, Emma blieb vorerst in Paris.
Alle fünf Ochs-Kinder litten unter Depressionen. Zwei von Emmas Brüdern nahmen sich das Leben. Emma Ochs erkrankte mit 22 Jahren so schwer, dass sie anhaltender Pflege bedurfte. Fortan lebte sie unter wechselnder Obhut, beim Vater in Basel, bei dessen Bekannten oder in Pfarrfamilien. 1821 entschloss sich die Familie schliesslich, Emma in eine geschlossene Anstalt in Besançon zu geben. Dort verbrachte sie die folgenden Jahrzehnte bis zu ihrem Tod.
Wie stark belasteten wohl die politischen und gesellschaftlichen Wirren, denen Peter Ochs um 1800 ausgesetzt war, seine Kinder? Wieviel Raum zur Selbstbestimmung und Entwicklung besass eine junge Frau um 1800? «Emmas Vermächtnis» gibt darauf keine schlüssigen Antworten. Bezeichnend ist, wie wenig Spuren das Ochs’sche Familienleben im Nachlass hinterliess. Von Emma Ochs selbst sind gerade mal diese Brieftasche, ein Zeichen- und ein Religionsunterrichtsheft erhalten geblieben.
Institutionenporträt
Das Staatsarchiv Basel-Stadt ist das historische Gedächtnis von Staat und Stadt. Es sichert fast tausend Jahre Geschichte, macht das Handeln von Politik und Behörden sowie das Leben der Stadtbevölkerung nachvollziehbar. Zu den über 24 Kilometern archivierter Unterlagen gehören auch mehr als zwei Millionen historischer Fotografien.
Quellen
Literatur
Labouvie, Eva; Myrrhe, Ramona (Hg.): Familienbande – Familienschande. Geschlechterverhältnisse in Familie und Verwandtschaft, Köln 2007.
Abbildungen
Abb. 1: Brieftasche von Emma Ochs. Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 633c C 1, fasc. 06. Foto: Nora Martin.
Autor*in
Daniel Hagmann ist Leiter der Abteilung Kommunikation und Vermittlung im Staatsarchiv Basel-Stadt.