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Wo Helden geboren werden
Vom 17. bis 19. Januar feiern die Lauberhornrennen ihr 90-jähriges Jubiläum. Sie entwickelten sich zum populärsten Sportevent der Schweiz mit weltweiter Resonanz. Die Sieger erlangen Heldenstatus.
Der Berg strahlt eine einzigartige Magie aus, obwohl die gegenüberliegenden Gipfel Eiger, Mönch und Jungfrau alpinistisch klingendere Namen tragen. Das Geheimnis seines Zaubers liegt nicht darin, ihn kühn und geschickt zu besteigen, sondern so schnell wie möglich runterzubrettern –das Lauberhorn ist die skisportliche Herausforderung schlechthin.
Als Ernst Gertsch in den Urzeiten des Skifahrens die kühne Idee lancierte, wurde er ausgelacht. Gleichwohl trommelte er ein Budget von 500 Franken (heute: 8,7 Millionen) zusammen. Am 1. und 2. Februar 1930 fanden am «Hore», wie es die Wengener nennen, die ersten Rennen statt, zuerst die Abfahrt, dann der Slalom, den die besten 40 der Abfahrt bestreiten durften. Diesen gewann er gleich selbst, trotz fünf Sekunden Zeitzuschlag wegen eines Torfehlers!
Die Piste führte über die Wengernalpbahn, über die eine Holzpritsche gelegt wurde. Wenn ein Zug nahte, nahm man diese weg und unterbrach das Rennen. Fünf Nationen nahmen teil, auch Frauen. Eine als «Miss Carole» im Klassement aufgeführte Rennfahrerin liess 20 Männer hinter sich. In der Fachzeitung «Sport» schrieb der Chefredaktor: «Wir machen keinen Hehl daraus, dass Skifahren nicht der Sport der Frau ist.»
In den ersten 20 Jahren gaben die Einheimischen den Ton an. Karl Molitor gewann elfmal, davon sechsmal die Abfahrt. Er prägte den Satz: «Das Lauberhorn ist ein Meisterwerk des Herrgotts.» Auch Bernhard Russi, Pistenarchitekt und Skilegende ohne Verfalldatum, ist tief beeindruckt von diesem Wunderwerk der Natur: «Wenn du im Starttor stehst und die atemberaubende Kulisse siehst, wirst du demütig.» Trotzdem wollte er bei seinem ersten Lauberhorn-Start vor lauter Bammel das Starthäuschen am liebsten durch die Hintertür wieder verlassen.
Die Lauberhorn-Abfahrt ist 4,5 km lang, länger als jede andere, und gnadenlos. Triumph und Tragödie liegen nahe beeinander. Die Streckennamen zeugen von schweren Stürzen. An der Minschkante brach sich Jos Minsch die Hüfte. Im Canadien-Corner landete fast das komplette Team Kanadas im Netz. Im Kernen-S warf es Bruno Kernen ab. Und im Österreicher Loch gingen einst sieben Österreicher zu Boden, darunter Toni Sailer. Später siegte er viermal, wurde Schauspieler und ging als erster «Popstar» in die Skigeschichte ein.
Im Hanegg-Schuss erreichen die verwegenen Ski-Piloten Tempi von über 160 km/h. Den Rekord hält der Franzose Johann Clarey mit 161,9 km/h. «Das war für mich immer die heikelste Passage», sagt der fünffache Weltcup-Gesamtsieger Marc Girardelli. «Da hatte ich richtig Angst. Du fährtst mit unglaublichem Tempo auf eine Kompression zu, die meist im Schatten liegt.» Girardelli ist neben Jean-Claude Killy der einzige, der am Lauberhorn Abfahrt, Slalom und Kombination gewann.
Kein anderer Veranstalter pflegt diese drei traditionellen Disziplinen wie Wengen. Sie sind die einzigen, die – trotz gegensätzlichem Trend beim Internationalen Skiverband (FIS) – an der klassischen Kombination Abfahrt/Slalom festhalten. Seit Beginn der Weltcup-Ära 1967 figuriert die Kombination immer im Programm, jetzt sogar mit ähnlichem Modus wie vor 90 Jahren. Ein Pionier wie der «Lauberhorn-Vater» Ernst Gertsch war in der Tat seiner Zeit voraus.
Mit dem Weltcup wurden die Lauberhornrennen noch bedeutender und wuchsen zu einem Monument heran, das jedes Jahr gut 70'000 Zuschauer an die Piste und allein in der Schweiz eine Million vor den Bildschirm lockt. Keiner kann die magische Anziehungskraft besser beschreiben als der zweifache Abfahrtssieger Beat Feuz: «Wer das Lauberhorn nicht liebt, ist selber schuld. Die Stimmung, die Atmosphäre sind einmalig. Das fängt schon mit der Anreise an, der Bahnfahrt von Lauterbrunnen nach Wengen. Man sitzt dichtgedrängt im Zug mitten im Publikum und fühlt sich 50 Jahre zurückversetzt. Das macht die Faszination aus.»