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Einst ein untergeordnetes öffentl. Amt mit wenig profiliertem Aufgabenbereich, hat sich das Anwaltsmetier mit der Kodifizierung der Rechtsnormen im modernen Ordnungs- und Verfassungsstaat zu einem sog. freien Beruf entwickelt. Seine Aufgaben innerhalb des Rechtssystems nimmt der Rechtsanwalt in funktionaler Abgrenzung zu anderen im Gerichtswesen, dem Notariat oder in den Rechtswissenschaften tätigen Juristen wahr.
Im Gebiet der heutigen Schweiz kannte das Prozesswesen des MA und der frühen Neuzeit weniger den aus dem röm. Recht hervorgegangenen Advokaten, einen wissenschaftlich gebildeten Juristen im engeren Sinn, sondern vielmehr den im dt. Recht verankerten Fürsprecher. Dieser sog. Vorsprecher konnte vom Gerichtsvorsitzenden aus dem Kreis der Gerichtsmitglieder erbeten werden, um die Parteien vor Gericht formal zu unterstützen. Ihm kam die bemerkenswerte Doppelaufgabe der Fürsprache und der Urteilsfindung zu. Mit seiner prakt. Verfahrens-, aber auch Rechtskenntnis wurde er bald zum unentbehrl. Begleiter der Prozessparteien. Seine Stellung und Aufgaben waren z.B. im Schwabenspiegel geregelt. Die beginnende Neuzeit brachte eine Institutionalisierung der Prozessvertretung und somit die allmähl. Professionalisierung der Rechtsprechung. So fanden sich nun auch frei gewählte und entgeltlich tätige Fürsprecher in freiberufl. Konkurrenz mit den Prokuratoren, d.h. den eigentl. Parteivertretern, und den Advokaten, die ihre Klientel bei der Prozessführung unterstützten. Ein inhaltl. Aufgabenbereich gesellte sich zum formalen. Es kam zu einer funktionalen Annäherung der drei Berufsbilder, die der spätere Rechtsanwalt je nach Kanton auch weiterhin als Fürsprecher oder Advokat in sich vereinigen sollte.
In der Helvetik wurden zwar die Grundlagen für die moderne Rechtspflege gelegt, die spärl. Ansätze zur Regelung des jurist. Berufsstands, z.B. in der Form eines Fähigkeitsausweises im Kt. Léman, vermochten das Prinzip der freien Berufsausübung jedoch nicht umzustossen. Ab 1803 gestalteten einige deutschschweiz. sowie die süd- und westschweiz. Kantone die Advokatur grundlegend neu, um sie wegen ihrer Bedeutung für Eigentum und bürgerl. Rechte, Freiheit, Sicherheit und öffentl. Ordnung kontrollierbar zu machen. Der Erwerb einer rechtl. Bildung, die an einer Rechtsschule, Universität oder in der Praxis als Schreiber oder Richter erworben werden konnte, wurde über Prüfungen und die Vergabe kant. Patente sichergestellt. Weitere Voraussetzungen für die Berufsausübung waren moral. Integrität, ein Mindestalter und das Aktivbürgerrecht. In kleineren und ländl. Kantonen erfolgte die Normierung des Berufs erst zwischen 1890 und 1930.
Liberale und demokrat. Vorstellungen von Gewerbefreiheit, bürgerl. Gleichheit, Freiheit und Allgemeinverständlichkeit des Rechts sowie die Abneigung gegen berufsständ. Privilegien und Experten waren dafür verantwortlich, dass der Rechtsanwalt in der Schweiz insgesamt spät als wissenschaftl. Beruf normiert wurde. Trotzdem war das Bildungsniveau keineswegs tief, denn seit den 1830er Jahren bewirkte der vom Markt und der Rechtsentwicklung ausgehende Qualifikationsdruck, dass die meisten Advokaten Rechtswiss. studierten, entweder an den neu gegründeten schweiz. oder an den dt. Universitäten.
Ihren Aufstieg in die gesellschaftl. Eliten im 19. Jh. verdankten die R. der Kodifikation und Verwissenschaftlichung des Rechts, der Systematisierung der Rechtsprechung, der gesellschaftl. und polit. Liberalisierung, der Bürokratisierung, dem wirtschaftl. Fortschritt und nicht zuletzt der von ihnen selbst aus berufl. Interesse geförderten Verrechtlichung der gesellschaftl. Beziehungen. In vielen Gebieten wurde "Advokat" zum dominanten Rechtsberuf, fast gleichbedeutend mit "Jurist". Die Aufgabe der R. im engeren Sinne bestand aus der Verteidigung und Vertretung im Prozess und der Rechtsberatung privater Klienten. Der Anwalt wurde aber auch zu einem eigentl. Ausgangsberuf. Viele R. übernahmen nebenamtl., zuweilen auch vollamtl., öffentl. Funktionen und Ämter (Richter, Gerichtsschreiber, Rechtsprofessoren, Verwaltungsbeamte, Politiker) oder betätigten sich als Verwaltungsräte, Verbandsfunktionäre oder Publizisten. So festigten die R. ihre Position als professionelle Vermittler von Interessen und als Universalexperten für Recht, Freiheit und Ordnung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die schweiz. R. hatten in der Regel eine offensive Einstellung zum Markt. Selbst im Zuge der berufsständ. Entwicklung konnten sich protektionist. Tendenzen und ein allzu enges Sonderbewusstsein nie stärker entfalten. Die Angehörigen dieses bürgerl. Eliteberufs rekrutierten sich aus dem Bürgertum und gehobenen Kleinbürgertum, aus den Kreisen von Besitz und Bildung. Frauen wurden erstmals 1898 in Zürich zum Beruf zugelassen, ab 1923 in der ganzen Schweiz.
Obwohl es nie zu einer gesamtschweiz. Regelung der Advokatur gekommen ist, zeichnete sich ab dem späten 19. Jh. eine gewisse Homogenisierung der kant. Ausbildungs-, Berufs- und Verhaltensnormen ab. Über Standesregeln geordnete Kammern und Verbände sollten eine gewisse Selbstkontrolle des Anwaltsstandes sicherstellen, der sich in seinem Selbstverständnis stets in einem Spannungsfeld zwischen der allgemein gültigen Rechtsordnung und den Interessen von Mandat und Anwalt bewegt. Die Zielsetzungen des 1898 gegr. Schweiz. Anwaltsverbands (1898 rund 200, 2010 ca. 8'400 Mitglieder) haben sich im Verlauf der Zeit kaum verändert. Neben Bestrebungen für eine Verbesserung des Rechts und der Rechtspflege im kant., ab Mitte der 1950er Jahre vermehrt im eidg. Rahmen, standen die Wahrung der Rechte und des Ansehens des Anwaltsstandes, die Förderung der Kollegialität sowie die Pflege internat. Kontakte im Zentrum der Verbandsarbeit. Aufgrund der Tendenzen zur Verfestigung anderer Berufe und der Spezialisierung in der Anwaltschaft, oft im Rahmen von Bürogemeinschaften, hat die Bedeutung der R. als bürgerl. Universalexperten insbesondere seit den 1960er Jahren abgenommen.
Literatur
– C. Gorgerat, Le barreau vaudois, 1937
– H. Siegrist, Advokat, Bürger und Staat, 1996, (mit Bibl.)
– NZZ, 4.6.1998
– Schweiz. Anwaltsrecht, hg. von W. Fellmann et al., 1998, 3-53
– R. Pahud de Mortanges, A. Prêtre, Anwaltsgesch. der Schweiz, 1998
Autorin/Autor: Hannes Siegrist