Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03170.jsonl.gz/873

Ein gutes Leben statt eines hohen Gehalts
Es ist unbestritten, dass die Mehrheit der Angestellten arbeitet, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und nach Möglichkeit ein gutes Salär zu verdienen. Aber nicht nur… Angestellte wollen mehr als ein Gehalt. Sie wollen eine sinnvolle Arbeit, Anerkennung ihres Engagements und auch Raum für ihr Privatleben. Diese Erwartungen sind legitim, denn sie gehören in der Regel zu Menschen, die sich in ihrem Leben und in ihrer Haut wohl fühlen und auf die wir zählen können. Anders verhält es sich bei Arbeitnehmenden, deren Hauptmotivation nur das Gehalt ist und die somit Söldner in den Diensten derjenigen sind, die am meisten bezahlen. Ihre Handlungen werden von einem Denken dominiert, das sich vor allem an kurzfristiger Rentabilität orientiert und in einigen Fällen sogar Straftaten nach sich zieht.
Der Bonus: vor allem eine Quelle der Frustration und des ungesunden Wettbewerbs
Wenn die Boni hoch sind, bieten sie die Möglichkeit, teuren Champagner zu trinken und weitere Extras zu geniessen. Die Euphorie dauert eine Weile an, bis der Arbeitsdruck die Erinnerung an das Vergnügen, das man sich so erkauft hat, verblassen lässt. Sobald der Bonus eingelöst und ausgegeben wurde, muss erneut geschuftet werden, um den gleichen oder einen höheren Bonus zu erhalten. Und wenn der Bonus nicht dem vorherigen Niveau entspricht, ist er eine Enttäuschung. Oder erzeugt Neid, da man annehmen muss, weniger gut wegzukommen als gewisse ArbeitskollegInnen. Noch schlimmer ist es, wenn Arbeitslosigkeit oder Krankheit auftreten und das Wegfallen des Bonus zu anderen Lohnkürzungen hinzukommt.
Die SBPV-Lohnumfrage zeigt seit Jahren, dass die Zufriedenheit aufgrund des Bonus viel geringer ist als die Gehaltszufriedenheit.1 Boni fördern den Wettbewerb unter Kollegen auf Kosten der Teamarbeit. Tatsächlich erhält derjenige mit den besten Ergebnissen den Jackpot, oder derjenige, der es verstanden hat, sich am besten zu profilieren. Da ein grosser Teil der Boni intransparent verteilt wird, ist dies eine zusätzliche Quelle der Unzufriedenheit und Unsicherheit für die Mitarbeiter.
Bonus- und Lohnunterschiede
Das immer größer werdende Lohngefälle zwischen den höchsten Positionen in den Banken und den einfachen Mitarbeitenden führt zu Missverständnissen in der Öffentlichkeit und Frustration bei den Angestellten. Die schwindelerregenden Gehälter, die viele Manager multinationaler Konzerne an sich selbst zahlen, sind von jeder wirtschaftlichen Realität abgekoppelt. Dies in den meisten Fällen unter dem Vorwand, dass es notwendig sei, diese exorbitanten Gehälter zu gewähren, um die besten Leute anzuziehen. Wenn der entscheidende Faktor das Gehalt ist, das für die Talentfindung verwendet werden soll, sind entweder das Unternehmen und die Position nicht sehr attraktiv oder es werde nicht die besten, sondern die gierigsten Leute gesucht.
Sind folglich diese Führer, denen Macht- und Einflusspositionen angeboten werden, nur Söldner, die durch niedrige materielle Überlegungen stimuliert werden? Was wäre das für eine Gefahr für die Gesellschaft! Sollten denn die Bereitschaft, dem Gemeinwohl zu dienen und die mit der Funktion verbundene Macht mit Verantwortung wahrzunehmen, nicht die Hauptantriebskraft dieser Männer (und wenigen Frauen) sein? Doch wenn die Wirtschaftsführer im Wesentlichen von Gier getrieben werden, muss man sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft unseres Planeten machen, der heute vor so vielen Herausforderungen steht.
Boni – eine Möglichkeit, die Entwicklung des neuen Homo oeconomicus zu fördern?
Aber vielleicht haben wir nichts verstanden. Und vielleicht ist genau dies das Ziel. Wenn wir immer noch glauben, dass die unsichtbare Hand des Marktes, bestehend aus einer Bevölkerung egoistischer Menschen, die einzig ihren Vorteil suchen, die Entwicklung der bestmöglichen Gesellschaft begünstigt, würde die aktuelle Bonuspolitik Sinn machen. Zum Glück wird dieser längst widerlegte Irrglauben immer wie lautstarker angezweifelt: von jungen Menschen, die eine Zukunft wollen, von Frauen, die ein qualitativ hochwertiges Leben wollen, und von all denen, die wissen, dass die Suche nach dem Glück komplexer und spannender ist und nicht (oder nicht nur) an einem gut gefüllten Bankkonto gemessen werden kann.
Eine gute Lohnpolitik ist transparent und vorhersehbar
Aus all den genannten Gründen setzt sich der SBPV mit Vehemenz für eine Lohnpolitik ein, die den Mitarbeitern auf allen Hierarchieebenen einen vorhersehbaren Lohn nach transparenten und fairen Kriterien bietet. Boni und andere Belohnungen sollten als Anerkennung für das Engagement konzipiert sein und nicht zu einem Mittel zur Steigerung der Motivation und des Engagements verkommen. Die Vergütung muss auf einem vorhersehbaren Fixgehalt basieren, variable Bestandteile können höchstens einen Bruchteil davon ausmachen. Nur so können wir dem Ziel näherkommen, dass Angestellte nicht nur ihren eigenen individuellen Vorteil suchen, sondern auch die nachhaltige Entwicklung ihres Unternehmens vor Augen haben, was wiederum im Interesse der ganzen Gesellschaft ist.