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Schweizer Geschichte
Sächsilüüte
Sächsilüüte anno dazumal ….
Die Bezeichnung des Frühlingsfestes als „Sechseläuten“ leitet sich von der mittelalterlichen Gewerbeordnung ab. Während den Wintermonaten musste der Arbeitstag gezwungenermassen auf die Zeit begrenzt werden, in der das Tageslicht zur Verfügung stand. Mit dem Wechsel vom Winterhalbjahr zum Sommerhalbjahr wurden die Tage wieder länger. Ein Arbeitstag dauerte im Sommerhalbjahr von Sonnenaufgang zwischen 4 Uhr und 5 Uhr bis zum Läuten der Feierabendglocke ums sechs Uhr. Das erste Sechs-Uhr-Läuten – zum Frühlingsbeginn am 21. März – war ein Freudentag für die Handwerker, das in ihren Trinkstuben als „Sechseläuten“ ausgiebig gefeiert wurde. Später feierten die Zünftler diesen Tag mit einem festlichen Essen in ihren Zunftstuben, mit gegenseitigen Besuchen und Ansprachen. Das Sechseläuten mit einem Umzug zu feiern hat seinen Ursprung erst viel später, nämlich 1818 mit der Neugründung der Zünfte.
Das festliche Verbrennen des Sechseläuten-Bööggs ist in ihrer heutigen Form nichts anderes als eine Weiterführung uraltem Brauchtum und ältester Überlieferung. Im 17. Jahrhundert, wahrscheinlich schon früher, wurden an der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche verschiedene Strohpuppen an verschiedenen Orten der Stadt von mehrheitlich Jugendlichen verbrannt.
Am Sechseläuten 1861 schleiften Jugendliche aus dem Chratzquartier (das Chratzquartier lag zwischen dem Fraumünster und dem heutigen Bürkliplatz) ihren Böögg aus Stroh wie einen zum Tode verurteilten Verbrecher durch die Stadt, bevor sie ihn am Abend unter den Augen vieler Schaulustiger und Zünfter verbrannten. Das brachte die Zünfter offensichtlich auf die Idee, einen Kinderumzug zu organisieren. Der erste Kinderumzug fand dann auch bereits 1862 statt.
Die Chrätzler-Buben waren es übrigens auch, welche anfingen, den Böögg mit verschiedensten Feuerwerkskörpern zu bestücken. Damals war der Böögg noch nicht jedes Jahr ein Schneemann, der den Winter personifizierte. 1869 zum Beispiel, war der Böögg in Gestalt eines Drachens zu bewundern. Im Jahr darauf stellte der Böögg einen bärtigen Wintermann mit Fellmütze dar. Ab und zu wurden auch verschiedene Figuren aus Märchen oder Sagen als Böögg auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1872, der Deutsch-Französische Krieg war soeben zu Ende gegangen, wurde der Kriegsgott Mars als Böögg verbrannt. Erst ab 1902 bekam der Böögg definitiv die uns heute bekannte Gestalt des Schneemanns.
… und heute
Normalerweise fällt das Sechseläuten auf das dritte Wochenende im April (Verschiebungen wegen Ostern möglich). Punkt 18.00 Uhr, mit dem letzten Schlag der Glocke vom St.Peter, wird der Holzstoss mit dem Böögg entzündet. Während nun der Böögg mit ohrenbetäubendem Krachen den Inhalt seines schönen Wattekörpers dem Feuer preisgeben und sein Leben aushauchen muss, warten auf der Wiese Tausende auf das baldige Ende. Gemäss einer Überlieferung prophezeit sein möglichst früher Tod nämlich einen besonders schönen Sommer.
Gebaut wird der Böögg nach uralten Plänen. Basis jedes Bööggs ist das 3,4 Meter lange Holzgerüst mit einer Spanplatte für Füsse, Hüfte und Schultern. Es wird mit Karton eingekleidet, mit Jute überzogen mit Papier eingekleistert, damit das flauschige Kleid aus Watte gut hält. Gefüllt wird der Böögg mit Holzwolle und 120 Knallkörpern.
Kleine Episoden zum Thema Böögg
Im Jahr 1900 dauerte es Sage und Schreibe dreiviertel Stunden, bis der Böögg endlich explodierte.
1921 brannte der Böögg bereits um halb zwei Uhr. Eine Gruppe von Kommunisten hatte einen Knaben angestiftet, das Feuer zu legen. Sie wollten damit gegen die hohe Zahl von Arbeitslosen protestieren. In windeseile wurde der Ersatzböögg auf der Brandstätte aufgerichtet. Und Punkt sechs Uhr brannte der Böögg ein zweites Mal. Als Zeichen des zünftischen Protestes war ihm eine rote Fahne mitgegeben worden, die mit in den Flammen unterging.
In den Kriesenjahren 1943 und 1944 wurde der Böögg wegen der Anbauschlacht auf der Sechseläutenwiese im Hafendamm Enge verbrannt.
Wegen einer Pferdegrippe mussten die Zunftherren 1965 ihre Pferde im Stall lassen und mit Holzpferdchen um den Böögg reiten.
1968 bastelte Heinz Wahrenberger den Böögg zu Hause, weil die Polizei nach den Globus-Krawallen einen Anschlag auf den Böögg befürchteten. Wahrenberger fuhr den 3,4 Meter langen Böögg schliesslich auf dem Autodach und mit Begleitschutz am Montagmorgen nach Zürich.
1986, nach dem Amoklauf von Günther Tschanun, hat der Stadtrat auf eine Teilnahme am Sechseläuten verzichtet.
1994 stülpte Heinz Wahrenberger dem Schneemann einen Sturzhelm über und 1995 wollte er ihn mit einem Fallschirm ausrüsten; eine Intervention des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte verhinderte dies jedoch. Wahrenbergers Kreativität hatte ihren guten Grund, denn der Böögg leidet unter Fallsucht. Gleich zweimal hintereinander war er 1993 und 1994 vom Holzstoss gestürzt, ohne vorher zu explodieren. Solche Stürze gab es auch 1950 und 1960. Und 1944, als die Sechseläutenwiese durch die Anbauschlacht besetzt war und der Böögg deshalb am Seeufer zur Richtstätte geführt wurde, fiel der Winter gar ins Wasser.
1999 gelang dem Gastkanton Waadt mit etwa 380 kostümierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Umzug um 600 Meter zu verlängern.
Im Jahr 2000 trug der Böögg – zu Ehren des Gastkantons Uri – eine Armbrust und sein Sujet zierte anlässlich der 150jährigen Geschichte der Schweizer Briefmarke eine Sondermarke.
Zweimal schon trug der Böögg weiss-blaue Hosen – zu Ehren der Schneiderzunft, die ihn in diesen Jahren zum Sechseläuten eingeladen hatte.
Einmal legte Heinz Wahrenberger dem Böögg eine Fotokamera in den Bauch. Leider war aber das angeblich feuerfeste Gehäuse doch nicht hitzebeständig.