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Bevor New York zu dem wurde, was es heute ist, war es ein Zuhause für diejenigen, die nirgendwo sonst ankommen und Wurzeln schlagen konnten, ein Zuhause für diejenigen, die nach Selbstverwirklichung strebten, auch wenn eine reale Chance, sich einen Namen zu machen, gering war. Eine Stadt, die pulsierte und lebte, die rau und authentisch war, stetig im Wandel und weit entfernt von Gentrifizierung. Ein Ort, an dem Konventionen keinen Platz hatten. Ein Ort, der alle mit ihren Eigenheiten willkommen hiess.
«Basquiat war es, der die Fusion zwischen Avantgarde und der HipHop-Kultur förderte und so die vorhandenen Grenzen ausdehnte.»
In den 70er-Jahren befand sich die City in einem besagten Wandel. Irgendwo zwischen dem Kriminalitäts-Peak, Korruption und neuer Hoffnung kündigte sich in der Stadt der Grenzenlosigkeit eine neue Subkultur an – mit der Entwicklung von HipHop entstanden auch seine vier Elemente, unter ihnen die Graffitis. Zunächst wurden die bunten Tags als Vandalismus deklariert, bis es sich im Verlauf der darauffolgenden Jahre als eine neue Kunstform etablierte und sich in der Stadt zunehmend verbreitete. Die Hotspots für die jungen Street Art-Künstler war auf den Strassen von East Village und Lower Manhattan. Sie waren überall, ob an den Wänden oder auf den Wagons der Subway – New York City war zum Ende des Jahrzehnts eine grosse Leinwand mit bunten Verewigungen der Graffiti-Künstler.
In der wachsenden und immer populärer werdenden Kultur etablierten sich bereits die ersten Namen mit ihren Kunstwerken. Die Merkmale der Künstler brannten sich in die Köpfe der Graffiti-Begeisterten. So erkannte man die Handschrift jedes einzelnen Beteiligten. Inmitten des bisher bekannten Erscheinungsbildes des Graffito erschienen aus dem Nichts neue, philosophische und oft zusammenhangslose Texte-Tags, unter dem Pseudonym «SAMO». Einer der Verantwortlichen für diese Tags ist den meisten wohl besser bekannt als Jean-Michel Basquiat.
Die Geschichte des Künstlers begann im Jahr 1960. Jean-Michel Basquiat kam am 22. Dezember in Boerum Hill, Brooklyn zur Welt. Der älteste der drei Geschwister hatte schon früh den Drang, sich kreativ auszuleben. Während der Vater seine Tage als Buchhalter in einem 9-to-5-Job verbrachte, besuchte der kleine Jean-Michel mit seiner Mutter die Museen der Stadt. Inspiriert von den häufigen Besuchen der städtischen Kunstinstitutionen, Kinder-Cartoons, Musik und der Wahrnehmung des Alltags durch seine Kinderaugen, widmete sich Basquiat schon im jungen Alter dem Malen. Er kritzelte ständig vor sich hin. Dabei entsprangen seiner Fantasie willkürliche und abstrakte Figuren.
«Basquiat war es immer wichtig, als grossartiger Künstler angesehen zu werden. Der Druck und das Streben nach der ultimativen Bestätigung wurden ihm am Schluss zum Verhängnis.»
Seine Eltern trennten sich früh. Die Mutter verkraftete die Trennung nur schwer und wurde später in eine Psychiatrie eingewiesen. Das Verhältnis zwischen Jean-Michel und seinem Vater, bei dem er folglich aufwuchs, war ein schwieriges. Das Schicksal seiner Mutter machte Jean-Michel ebenfalls zu schaffen, da sie diejenige war, die in für die Kunst begeistern konnte und ihn beim Ausleben seiner Kreativität stets unterstütze. Zu ihr pflegte er immer ein engeres Verhältnis. Angesichts der familiären Dynamik fing Jean-Michel an zu rebellieren und anzuecken.
Wegen seinem auffälligen und störenden Verhalten geriet er nicht nur mit seinem Vater aneinander, sondern wurde immer öfters der Schule verwiesen. Nach dem zigsten Schulwechsel, einem Wegzug nach Puerto Rico und der anschliessenden Rückkehr nach New York City, landete Basquiat 1971 auf der «City-as-School High School». In der kurzen Zeit an der High School lerne er Al Diaz kennen. In ihm fand Basquiat einen Freund und einen Verbündeten, von dem er sich ihn zum ersten Mal verstanden gefühlt hat. Aus einem gemeinsamen Gespräch entstand ein Insider Joke – «SAMO».
«SAMO», was als Abkürzung für «Same old shit» steht, bezog sich zuerst auf die wiederholenden Aktivitäten der beiden – das Kiffen. Joints rauchen und zusammen abhängen war der «same old shit» der beiden Jugendlichen. SAMO entwickelte sich weiter, als Jean-Michel für die Schülerzeitung einen philosophischen Artikel aufsetzte.
«Mit seiner Kunst gab er jenen eine Stimme, die nicht gehört wurden...»
Den Insider-Joke spinnten sie zu einer Geschichte über einen Mann auf der Suche nach einer passenden Religion. Auf seiner Suche stösst er auf einen Laden unter dem Namen «Religomat». Der Verkäufer zeigt dem Mann die Pros und Kontras der uns bekannten Religionen. Am Ende präsentiert er dem Suchenden «SAMO», eine schuldfreie Religion. Das Prinzip ist einfach: Jeder macht auf der Erde, was er möchte und wenn es an der Zeit ist, für seine Taten geradezustehen, sagt man Gott, dass man es nicht besser wusste. Konsequenzen gab es in dieser Religion entsprechend keine.
Der jugendliche Leichtsinn und die Kuriosität der Geschichte brachte die beiden dazu, die Wände von Lower Manhattan mit den geistreichen und konfrontierenden Statements zu bedecken. Diese waren mal belustigend, mal skurril, aber auch ein Seitenhieb gegen die Kunstszene, die zu dieser Zeit in SoHo entstand. Für Jean-Michel und Al war es ein Zeitvertreib. Sie waren schliesslich zwei Jugendliche, die ihrer Öde entfliehen wollten. Doch kurze Zeit später wurde ganz New York, insbesondere die Leute aus der Graffiti-Szene, auf «SAMO» aufmerksam.
«Jeder kannte die Graffitis von «SAMO», doch niemand wusste wer Jean-Michel war.»
Im Frühjahr 1978 hielten drei New Yorker Stan Peskett, Michael Holmann und Fab 5 Freddy die «Canal Zone Party» ab. Die Idee hinter der Veranstaltung war es, eine Party mit der Graffiti Crew «Fab Five» abzuhalten. Alle Teilnehmenden konnten ihre Skills zeigen und ihnen zugewiesene Wände besprühen. Jean-Michel tauchte an diesem Abend ebenfalls auf der Party in Downtown auf und bestand darauf bei der Spray-Aktion mitmachen zu dürfen. Jeder Anwesende kannte die Graffitis von «SAMO», doch niemand wusste wer Jean-Michel war. So ahnte niemand, dass im darauffolgendem Moment eine ganze Szene auf den Kopf gestellt wird.
Jean-Michel setzte an und schrieb in der gewohnten «SAMO»-Natur: «Which of the following is omniprznt? A. Lee Harvey Oswald, B. Coca-Cola Logo, C. General Melonry, D. SAMO ©.» Dieser Moment veränderte alles. Es folgten TV-Auftritte, Interviews und viele weitere publike Momente – alle wollten ein Teil der Sensation sein. Zeitgleich entschied sich Basquiat, im Alter von 18, das Elternhaus zu verlassen, um sich dem Künstlerdasein zu widmen. Er lernte über die Zeit namhafte Personen kennen, unter anderem auch den berühmt berüchtigten Andy Warhol.
Trotz seiner Berühmtheit war der junge Künstler nicht von gesellschaftlichen Diskriminierungen verschont. Seine Kunst gewann immer mehr an Ausdruck, auch hinsichtlich des soziopolitischen Zustandes seines Umfelds. Polizeigewalt, Rassismus, Armut und Kritik an der elitären - und mehrheitlich weissen – Kunstszene waren alles Komponenten und Erlebnisse, die er in seinen Arbeiten verarbeitete. Mit seiner Kunst gab er jenen eine Stimme, die nicht gehört wurden, seine Werke beinhalteten eine ehrliche und authentische Abbildung einer Gesellschaft, die gewaltvoll unterdrückte und missachtete.
Basquiat etablierte sich gleichzeitig immer wie mehr in die High Society der New Yorker Szene. Dank der neu gewonnenen Kontakte boten sich Jean-Michel immer wie grössere Möglichkeiten, um seine kreative Ader ausleben zu können – denn er wollte mehr als nur das Anhängsel von Andy Warhol oder das neue «Cool-Kid» sein. Basquiat war sich immer sehr sicher, dass er zu grösserem bestimmt ist. So beschränkte er seinen künstlerischen Drang nicht nur auf seiner Kunst, sondern erschuf aus sich selber einen Brand.
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In den Anfängen der 80er Jahren versuchte die Rock-Band «Blondie» die ersten experimentellen Versuche des Genre-Bendings in Zusammenhang mit Rap. Das Musikvideo zum Lied «Rapture», das sich sehr stark an den stereotypischen Elementen der damaligen HipHop-Kultur bediente, war auch das erste «Rap-Video» auf MTV überhaupt. Als der zunächst engagierte DJ nicht auftauchte, sprang Basquiat kurzerhand ein und präsentierte sich einem weiteren Publikum.
Das war jedoch nicht der einzige Move, der Jean-Michel und die Rap-Szene vereinte. Jean-Michel war zwar im Gegensatz zu seinen Freunden gar nicht so tief in den damaligen HipHop-Kreisen verankert. Dennoch war er es, der die Fusion zwischen der Avantgarde und der expandierenden HipHop-Kultur förderte und somit die vorhandenen Grenzen ausdehnte. Basquiat integrierte stets einzelne Elemente aus dem Freestyle-Rap, dem MCing im Allgemeinen und dem DJing in seine Kunst und kodierte diese auf seine eigene Art und Weise, um ein vielschichtiges Verständnis für seine Kunstwerke zu entwickeln.
«Like a roller coaster ride that can make you bump/ Just groovin’ with the rhythm as I shake your rump»
Anknüpfend an seine erste grosse Inspiration, das Buch «Gray’s Anatomy», entstand 1981 die vierköpfige Band «Gray». Der Sound war ein experimentelles Fundament mit Einflüssen aus verschiedenen Musikrichtungen, so auch Rap. In eigenen Worten beschrieb die Band das Soundbild als ignorant. Nachlässige und beiläufig geschaffene Musikwerke, die nicht funktionieren sollten, aber sich tatsächlich brillant ergänzten.
Irgendwann im Jahr 1983 entschied sich Jean-Michel dazu einen Rap-Track zu produzieren und lud kurzerhand den eher unbekannten Rapper, Rammellzee und den Lyriker K-Rob in ein Midtown Studio ein. Basquiat präsentierten den beiden einen Text, den er zuvor geschrieben hat, jedoch fanden beide, dass der Text «corny» war und der Rhyme nicht funktionieren würde. Anstelle des desaströsen Textes entschied sich beide einen neuen Inhalt zu kreieren und diesen aufzunehmen. Basquiat mochte das ehrliche Feedback. Er liess den beiden den Freiraum und agierte aus dem Hintergrund als Produzent.
«Manche behaupten, dass Jay-Z ein Abbild davon sei, was und wer Jean-Michel heute sein würde.»
Die neuen Lyrics handelten von einem Dealer, der einem kleinen Jungen, der sich gerade auf dem Nachhauseweg befindet, das schnelle Leben schmackhaft machen kann. K-Rob übernahm in der Aufnahme den Part des Jungen, der mit aller Mühe sich nicht von der erschaffenen Illusion einlullen lassen wollte. Rammellzee dagegen stellte sich in die Dealer-Rolle. Aus der wirren Mischung entstand schlussendlich «Beat Bop». Das Endprodukt war für seine Zeit unkonventionell und passte gar nicht in das damalige Verständnis und den Zeitgeist der gesamten Hip-Hop Kultur.
Mit jedem weiteren solchen Schritt und Experiment gewann der Name Jean-Michel Basquiat an Interesse, Berühmtheit und Ansehen. Doch jede Medaille hat eine Kehrseite. Mit dem Fame kam die Schattenseite des Ruhms. Vielleicht vertraute Jean-Michel den Leuten viel zu schnell. Vielleicht wurde der Drang nach Geltung zu gross. Jean-Michel stieg zur Sonne auf, wie es Ikarus auch tat. Der Hochmut kam auch bei ihm vor dem Fall. Basquiat war es immer wichtig, als grossartiger Künstler angesehen zu werden. Der Druck und das Streben nach der ultimativen Bestätigung wurden ihm am Schluss zum Verhängnis.
Der ersten Kontakt mit Heroin liess nicht lange auf sich warten. Er konsumierte die Droge vermehrt, konnte einen regelmässigen Konsum aber aufgrund der nicht vorhandenen Mittel nicht finanzieren. Dieses Verhalten änderte sich mit der zunehmenden Bekanntheit von Basquiat. Heroin wurde sein Alltag. Basquiats letztes Kunstwerk «Riding with Death» kündigte unterschwellig das tragische Ende des Ausnahmekünstlers an. Als hätte Jean-Michel bereits geahnt, was ihn erwartet. Er sollte Recht behalten. Jean-Michel Basquiat verstarb am 12. August 1988 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis Heroin.
32 Jahre später lebt das Vermächtnis von Jean-Michel Basquiat weiter – auch in der Hip-Hop Kultur.
In seinem Track «Picasso Baby» bezeichnet sich Jay-Z als der neue Basquiat und erwähnt das Ausnahmetalent in weiteren Tracks. Zudem ersteigerte der HipHop-Titan einige Werke von Basquiat, welche heute seine Lobby-Wände zieren. Generell bedient sich Jay-Z sehr oft und gerne bei Basquiat als Inspirations-Quelle. Manche behaupten sogar, dass die Parallelen der beiden Künstler sehr ähnlich seien und Jay-Z ein Abbild davon sei, was und wer Jean-Michel heute sein würde.
Und tatsächlich erkennt auch Jay-Z selber, viele Parallelen zwischen ihm und Basquiat. Als seine Rap-Karriere anfing, betitelte man ihn als einen «Picasso Baby». Dennoch hinderte die grosse Ablehnung ihn nie daran, seinen kreativen Prozess nachzugehen, ihn zu erweitern und immer wieder neu zu erfinden. Zudem sieht es Jay als seine Aufgabe die Kunst und die Musik wieder miteinander zu verknüpfen. So betitelte er sie als Cousins, die wieder zusammenfinden müssen. Zudem nutzen beide Männer die Offenlegung ihres Talents, um die rassistische Barriere innerhalb der Kunst- und Musikwelt zu verringern.
Auch Kanye West sah Basquiat als Inspiration für die visuelle Umsetzung seines Tracks «Love Lockdown» und ergänzte: «You just do a Basquiat painting over the whole test. And sure, every answer is wrong, but look, it makes a beautiful picture.» Gemäss Kanye lernte die Kunst von Basquiat ihn, wie er collagenartige Ästhetik in seine Kreationen integrieren konnte, um eine Geschichte zu erzählen.
Nicht nur Musiker bedienten sich am Erbe des jungen Jean-Michel, sondern auch Brands. Reebok lancierte im 2009 die «Reebok Classics Basquiat Product Line». Die Marke führte die Produktlinie ursprünglich als Hommage an den Künstler ein. Als Swizz Beatz als internationaler Kreativdirektor von Reebok Classics unterschrieb, legte er fest, dass er die volle Lizenz für die Linie hat und sie nach Belieben erweitern kann, um das Vermächtnis von Basquiat auch in neuen Märkten einzubinden.
Im August 2011 brachte die New York Times den Artikel «Hip-Hop finds an artist to believe in» heraus, in diesem wird bewusst, wie viele grosse Künstler der HipHop Szene Jean-Michel Basquiat verehren und was für einen anhaltenden Einfluss er bis heute noch pflegt. Ob Jay-Z, DMX, NAS, Lil Wayne, sie alle halten das Erbe und die Person Jean-Michel Basquiat lebendig. Basquiat wurde zu all dem, wonach er in seiner Lebenszeit strebte und weitaus mehr. Die Faszination um seine Person reisst nicht ab und wird wahrscheinlich für immer bestehen. Denn einmal mehr irrte Jean-Michel sich nicht, als er sagte: «I am not a real person. I am a legend».