Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03512.jsonl.gz/2202

Polen in der Schweizadmin
Abriss der Geschichte
Erste Kontakte zwischen der Bevölkerung der gegenwärtigen Territorien Polens und der Schweiz gab es bereits in der Zeit der Völkerwanderung. Davon zeugt z.B. das slawische Wort „rosa“ (der Tau) im Namen der Ortschaft Arosa. Im Mittelalter durchquerten Polen die Schweiz auf Pilgerfahrten (nach Rom oder Compostela), oder zogen als Ritter in die Kreuzzügen.
In der Renaissance lebten die Kontakte besonders auf. Damals kamen die Polen in die Eidgenossenschaft aus wissenschaftlichen Gründen (um Erasmus von Rotterdam sammelte sich ein ganzer Kreis polnischer Schüler und … Mäzene, wie z.B. Jan Łaski, der die Bibliothek des Gelehrten kaufte, oder Marcin Chmielecki, Rektor der Basler Hochschule), aus religiösen Gründen (wovon die umfangreiche Korrespondenz polnischer Protestanten an Bullinger, Calvin oder auch Zwingli zeugt) und wegen der Handelsbeziehungen (die zwischen Krakau und St. Gallen besonders intensiv waren).
In der Zeit der Aufklärung pilgerten viele Polen nach Genf wegen des Kultes von Rousseau und Voltaire; zahlreiche Schweizer traten hingegen wichtige Ämter am Hof von König Stanisław August Poniatowski an.
Tadeusz Kościuszko, Held zweier Kontinente, verbrachte seine letzten zwei Lebensjahre (1815-1817) in Solothurn.
Die Zeit der Romantik gibt den polnisch-schweizerischen kulturellen Beziehungen Aufschwung. Das Poem von Juliusz Słowacki „In der Schweiz“ und die „Lausanner Lyrik“ von Adam Mickiewicz (Professor der Lausanner Akademie im Jahre 1839) sind davon ein beständiges Zeugnis. Auch Zygmunt Krasiński wohnte in Genf und schrieb über die Schweiz. Ein anderer Poet, Antoni Malczewski, verließ Genf und bestieg den Mont Blanc als einer der ersten europäischen Alpinisten (1818).
Die zweite Hälfte des XIX. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen der Technik und des Fortschritts. In der Schweiz waren polnische Ingenieure und Architekten tätig. Leopold Błotnicki entwarf das Projekt für die noch heute stehende Eisenbahnbrücke Grandfey bei Fribourg über dem Fluss, der die Romandie von der Deutschschweiz trennt. Davor wurde Jan Paweł Lelewel Kantonhauptingenieur in Bern. Ludwig von Tetmajer (Vetter des Poeten und Malers) war ein Pionier der Werkstoffkunde und Professor der Technischen Hochschule in Zürich. Zahlreiche Gebäude wurden von Franciszek Stempkowski in Bern und Umgebung errichtet. In Genf eröffnete Professor Zygmunt Laskowski das Anatomische Museum.
Die Polen trugen auch zum schweizer Uhrmachergewerbe bei. Gründer der noch heute Weltbekannten Uhrmacherfirma, Antoni Norbert Patek, war Teilnehmer des Novemberaufstandes. Im XIX. Jahrhundert waren die Uhren von Patek mit Bildern polnischer Berühmtheiten und anderen patriotischen Motiven verziert.
1870 wurde dank Władysław Graf Broel-Plater das Polnische Museum im Schloss in Rapperswil eröffnet – eine Einrichtung, die während der Teilung Polens Ersatz des Nationalmuseums war, wo Werke polnischer Kunst, historische Andenken, Landkarten und Handschriften gesammelt wurden. Das heute erneuerte Polnische Museum ist außerdem ein beliebter Treffpunkt und Vorführungsort polnischer Kultur.
Zahlreiche Polen studierten um die Wende des XIX. und XX. Jahrhunderts an schweizer Hochschulen. Ende des XIX. Jahrhunderts war die Schweiz Standort zahlreicher polnischer politischer Parteien. Die Polnische Liga wurde 1887 im Schloss Hilfikon gegründet, und in Genf und in Zürich sammelten sich die Sozialisten. Die Polen spielten auch eine wichtige Rolle in der von Bakunin (der auf dem Friedhof in Bern ruht) geführten anarchistischen Bewegung; in Genf war der Theoretiker, Jan Wacław Machajski, tätig.
1914 reiste Józef Piłsudski, Gründer der Legionen; durch zahlreiche schweizer Städte und führte unter den Emigranten Militärschulungen durch (Gedenktafel in Zürich).
Während des I. Weltkrieges war Henryk Sienkiewicz in Vevey tätig (wo er 1916 starb). Der Schriftsteller stand an der Spitze des Komitees für die Hilfe für Kriegsopfer in Polen.
Das Schicksal schloss auch zwei Präsidenten des wiederentstandenen Polens mit der Schweiz zusammen. Ignacy Mościcki war Assistent in Fribourg. Basierend auf der von ihm entwickelten Technologie wurde eine Düngerfabrik (der heutige Konzern Lonza) in Visp gegründet. Mościcki kehrte vor Ende seines Lebens in die Schweiz zurück, wo er 1946 in Versoix starb. Gabriel Narutowicz entwarf viele Projekte heute noch tätiger Elektrizitätswerke. Er war auch Professor der Technischen Hochschule in Zürich (ETH, wo sich eine ihm gewidmete Gedenktafel befindet).
Mehr als vierzig Jahre gehörte das Anwesen Riond-Bosson bei Morges dem berühmten Flügelvirtuosen, Komponisten und Politiker Ignacy Jan Paderewski. Von hieraus zog er auf Tournee. Als Politiker hingegen bemühte er sich sowohl den Lauf der Dinge in Polen („Front Morges“), als auch die Position Polens in der Welt zu beeinflussen. In Morges befindet sich gegenwärtig die Société Paderewski und das Paderewski Museum.
Die größte Gruppe Polen, die jemals den schweizer Boden betrat, waren ungefähr 12 Tsd. Offiziere und Soldaten, die nach der Niederlage Frankreichs 1940 in Reih und Glied die Grenze überschritten und in speziell errichteten Lagern im ganzen Land interniert wurden. Tausende Kilometer Straßen, zahlreiche Brücken, viele Hektar Ackerland und geregelte Flussläufe sind ihr Werk. Einige von ihnen erhielten an speziell organisierten Universitätslagern einen Hochschulabschluss oder den Doktortitel. Die Beziehungen zur lokalen Bevölkerung waren meistens sehr gut und viele Bekanntschaften verwandelten sich in polnisch – schweizerische Ehen. Nach dem Krieg kehrten die meisten nach Polen zurück oder emigrierten weiter.
In Basel war der Schöpfer der synthetischen Gewinnung von Vitamin C, Nobelpreisträger, Tadeusz Reichstein aus Włocławek tätig.
Der Komponist Karol Szymanowski war in ärztlicher Behandlung in Lausanne und starb auch dort (1937, Gedenktafel).
Während des II. Weltkrieges führte die Gesandtschaft der Republik Polen in Bern, unter der Leitung von Aleksander Ładoś, eine Aktion der Betreuung polnischer Staatsbürger, und dank des Einsatzes von Julius Kühl, wurde sie zum Zufluchtsort zahlreicher polnischer Juden. Einer der besten polnischen Essayisten, ein Mitarbeiter der Pariser „Kultura“, Jerzy Stempowski (Paweł Hostowiec), wohnte in den Jahren 1940 – 1969 in Muri bei Bern und auch in Bern (wo er starb).
Von 1964-68 stand an der Spitze des Berner Symphonie Orchesters der Pianist und Komponist Paweł Klecki.
In der Ortschaft La Rossiniere wohnte und starb (2001) der weltbekannte Maler polnischer Herkunft Balthus (Baltazar Kłossowski), Doktor h. c. der Universität Wrocław.
Eine so deutliche Anwesenheit der Polen in der Schweiz, insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten, steht mit der traditionellen schweizer Gastfreundlichkeit und der gleichermaßen traditionellen Sympathie mit den um ihre Freiheit kämpfenden Völkern in direkter Verbindung. Die Schweizer nahmen die aufeinander folgenden Flüchtlingsströme aus Polen freundlich auf. Angefangen von den Konföderierten aus Bar, die 1773 nach der ersten Teilung Polens nach Schaffhausen kamen, über die Teilnehmer der November- (1831) und Januaraufstände (1863), bis hin zu der Solidarność – Emigration (1981). Neben der politischen Emigration gibt es auch eine Erwerbsmigration, die, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Deutschland, überwiegend von gebildeten, hochqualifizierten Fachleuten vorgenommen wird: Ärzte, Zahnärzte, Ingenieure, Wissenschaftler, Künstler.
Das politische Leben der in die Schweiz ausgewanderten Polen, das insbesondere in der Zeit des Ausnahmezustands lebhaft war, als Proteste und Hilfstransporte nach Polen organisiert wurden, ließ entschieden nach. Verbände und Vereine haben derzeit eine eher gesellschaftliche Funktion. Sie dienen der Erhaltung von Traditionen und zum Feiern von Nationalfeiertagen und wichtigen Jubiläen.
Das kulturelle Leben der in der Deutschschweiz lebenden Polen konzentriert sich hauptsächlich in Baden (Klub der Freunde des Lebenden Wortes mit Sitz in Reinach bei Basel, Inez-Keller), der Polen im französischen Sprachraum in Genf (Polnischer Literarischer und Künstlerischer Club, Polnischer Verein); darüber hinaus gibt es drei Chopin – Verbände (in Bern, Basel und Genf), so wie die Volksmusikgruppe „Piast“ (Winterthur). In vielen schweizer Orchestern spielen polnische Musiker. In einigen Zentren wird Ergänzungsunterricht in polnischer Sprache, Literatur und der Geschichte Polens geführt.
Das religiöse Leben veranstalten polnische katholische Missionen in Marly bei Fribourg (das Zentrum wurde von Vater Innocenty Maria Bocheński errichtet, Logiker und Sovietologe, Professor und Rektor der Universität in Fribourg) und in Zürich.
In Montricher hat der Verlag Noir sur Blanc seinen Sitz, der u.a. den kulturellen polnisch-französisch-
Die Polen in der Schweiz haben derzeit zwei Monatszeitschriften zur Verfügung: „Nasza Gazetka“ (Zürich) und „Wiadomości“ (Marly).