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M&T: Nikolai Lugansky, wie erleben Sie die Corona-Krise?
Nikolai Lugansky: Es ist eine merkwürdige Zeit. Sehr viele Menschen werden für eine lange Zeit sehr leiden – allein ökonomisch. Das ist schlimm. Ich werde überleben, aber für diejenigen, die Konzerte organisieren und veranstalten, ist das eine harte Zeit. Hoffentlich wird diese idiotische Situation nicht allzu lange dauern.
M&T: Nikolai Lugansky, wie erleben Sie die Corona-Krise?
Nikolai Lugansky: Es ist eine merkwürdige Zeit. Sehr viele Menschen werden für eine lange Zeit sehr leiden – allein ökonomisch. Das ist schlimm. Ich werde überleben, aber für diejenigen, die Konzerte organisieren und veranstalten, ist das eine harte Zeit. Hoffentlich wird diese idiotische Situation nicht allzu lange dauern.
M&T: Beim Zaubersee-Festival spielen Sie Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2. Für den amerikanischen Musikkritiker Harold Schonberg war das Klavierspiel von Prokofjew «funktionell, absolut frei von artistischem Beiwerk, nüchtern und kraftvoll, ohne Phrasen, ungeduldig über Taktstriche hinweggehend». Können Sie damit etwas anfangen?
Nikolai Lugansky: Natürlich war Prokofjew fraglos ein hervorragender Pianist, und seine Aufnahme seines Klavierkonzerts Nr. 3 ist wunderbar. Ich sehe es aber etwas anders als Schonberg. Es gibt durchaus Momente von Expressivität bei Prokofjew, aber man braucht es nicht extra zu betonen. Ich denke, dass dies ein Konzertpianist während seines Auftritts etwas deutlicher zeigen kann.
M&T: Gleichzeitig geht das Klavierspiel von Sergej Rachmaninow, den Sie in Luzern ebenfalls interpretieren, in eine ähnliche Richtung. Jedenfalls wirkt Rachmaninows Spiel seiner eigenen Werke unsentimental, sehr schlank und klassisch – ganz anders als es bis heute oftmals gemacht wird.
Nikolai Lugansky: Das ist nur zum Teil richtig. Ja, Rachmaninow spielt absolut unsentimental, aber dennoch emotional und sehr kräftig. Wie er seine Klavierkonzerte Nr. 1 und 4 interpretiert, das ist unglaublich expressiv und sehr warm. Ihre Charakterisierung trifft mehr auf die Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 zu. Beide spielt er schneller und strenger als viele andere Pianisten. Es gab wahrscheinlich nur einen, der es mit ungefähr demselben Tempo versuchte: Zoltán Kocsis.
M&T: Der Ungar ist 2016 verstorben…
Nikolai Lugansky: …ein wunderbarer Pianist! Ich denke aber, dass nur Rachmaninow in diesem schnellen Tempo schwer und espressivo spielen konnte. Wenn andere Pianisten Rachmaninow schneller spielen, klingt es stilistisch auch ganz anders: wie Felix Mendelssohn. Wenn hingegen Rachmaninow schneller ist, klingt es eben nicht leggero, und die Expressivität bleibt erhalten. Dazu braucht er keine Ritardandi und nicht zu viel Atmung, trotzdem wirken seine Interpretationen sehr emotionell. Gleichzeitig war Rachmaninow als Persönlichkeit sehr introvertiert, mit trockenem Humor. Dieser Charakter wirkt ganz anders als seine populärsten Werke. Die Kombination zwischen der melodischen, emotionalen Expressivität seiner Musik und seiner strengen, introvertierten Natur hat diese ganz besondere pianistische Art zum Ergebnis.
M&T: Ist Rachmaninow für Sie ein Vorbild?
Nikolai Lugansky: Rachmaninow hatte unglaubliche pianistische Möglichkeiten. Für mich ist er vielleicht der grösste Pianist des 20. Jahrhunderts. Wir haben leider keine Aufnahme von Franz Liszt oder Anton Rubinstein, aber: Für mich gibt es das Spiel von Rachmaninow und jenes der anderen. Alle Aufnahmen von Rachmaninow sind unglaublich. Es ist eine grosse Freude, sie immer wieder anzuhören. Als Lehrbuch jedoch sind sie für mich nicht vorstellbar. Es ist ein Glück, dass wir diese Dokumente haben, das eigentliche Lehrbuch hingegen sind seine Noten.
M&T: Inwieweit zeigt allein der Vergleich zwischen dem Klavierspiel von Prokofjew und Rachmaninow, dass die westliche Vorstellung einer vollgriffigen, breiten, schweren russisch-sowjetischen Schule ein Klischee ist?
Nikolai Lugansky: Schon der Begriff an sich ist ein Klischee, so wie es die Vorstellung einer europäischen Schule ist. Russland ist sehr gross, als Raum viel grösser als Europa. Es gab ganz verschiedene Schulen – oder besser: verschiedene Persönlichkeiten. Selbst innerhalb des Moskauer Konservatoriums war das so. Es gab Alexander Goldenweiser…
M&T: …der Lehrer Ihrer Lehrmeisterin Tatjana Nikolajewa…
Nikolai Lugansky: Richtig, und es gab Heinrich Neuhaus. Er war Lehrer von Swjatoslaw Richter und Emil Gilels. Sie waren so verschieden und haben sich eigentlich nicht gemocht – eine russisch-sowjetische Schule? Da bleibt ein grosses Fragzeichen. Man kann von einem sowjetischen System der professionellen Musikerausbildung reden, samt Spezialmusikschulen. Kinder ab sieben Jahren konnten eine unglaubliche Ausbildung geniessen, umsonst. Das ist eine Besonderheit. Aber ist das russisch-sowjetische Spiel laut, breit, vollgriffig, sagen wir, wettbewerbsmässig? Oder bedeutet es eine Art Singen des Klaviers, ein Zusammenbringen von Sprache und Emotion, die Schärfung des Rhetorischen und Kantablen? Das sind alles nur Worte.
M&T: Dennoch gilt Ihre 1993 verstorbene Lehrerin Nikolajewa mit ihrem vollgriffigen Profil gemeinhin als typische Vertreterin der «russisch-sowjetischen Schule». Wie würden Sie ihren Klang und die Haltung bezeichnen?
Nikolai Lugansky: Das ist interessant. Ich kannte sie sehr gut, seit Mitte der 1980er- Jahre. Weil ich sie erst ziemlich spät kennenlernte, kenne ich sie daher von ihrer späten Periode. Da war ihr Spiel sehr warm, mit einem singenden Ton. Sie benutzte viel Pedal, selbst für uns Russen (lacht). Vielleicht am meisten von allen russischen Pianisten hat sie Bach gespielt. In der letzten Periode aber im – nennen wir es «russisch-romantischen Ton». Sehr singend. Sie konnte bei Bach auch Rubati benutzen, wenn sie das so fühlte, oder eben Pedal. Das hatte nichts zu tun mit einem authentischen Spiel aus dem Cembalo-Geist. Erst nach ihrem Tod habe ich ihre früheren Aufnahmen gehört – und die waren ganz anders.
M&T: Nämlich?
Nikolai Lugansky: Dort spielt sie wie eine typische Schülerin von Goldenweiser. Er hatte ein klassisch-strenges Verständnis von Form und Stil. Im Grunde ähnelt das dem, was wir in Russland über die sogenannte deutsche Schule denken. Das ist natürlich auch wieder nur ein Klischee. Aber so klang die frühe Nikolajewa. Ihr Spiel war zwar auch später sehr polyphon, aber zugleich sehr melodiös, niemals formal.
M&T: Gilt das auch für ihre Interpretation der «24 Präludien und Fugen» op. 87 von Dmitri Schostakowitsch, die sie uraufgeführt hat? Es gibt ja mehrere Aufnahmen: eine frühe bei «Melodiya» und eine späte bei «Hyperion».
Nikolai Lugansky: Ja, absolut. Für mich sind die beiden Aufnahmen sehr verschieden. Sie sind unvergleichlich und wunderbar, aber: Wenn ich wählen müsste, würde ich vielleicht die frühere bevorzugen. Sie ist klassischer und klarer. Diese Aufnahmen zeigen ganz gut, was ich meine.
M&T: Sie haben einmal gesagt, dass Sie von Nikolajewa vor allem gelernt hätten, sich schnell auf jeweils andere Musiken einzustellen: offen und flexibel zu sein. Stimmt das?
Nikolai Lugansky: Das stimmt auch. Es gibt vieles, was ich sagen müsste. Ihr Spiel und ihr Leben mit der Musik, das war ein grosses Vorbild. Sie war eine positive Person, sehr offen für Neues und neue Menschen, neue Interpretationen und neue Musik. Das ist nicht sehr typisch, besonders für Pädagogen. Je älter sie werden, desto mehr sind sie sich sicher, dass sie Recht haben. Bei ihr gab es das nicht. Alles war ein lebendiger Prozess. So hat sie von allen möglichen Konzertreisen immer Aufnahmen mitgenommen, etwa von Glenn Gould. Noch Mitte der 1980er-Jahre war vieles in der UdSSR nicht bekannt. Das war total anders als ihr eigenes Spiel, aber: Sie war glücklich, es zu kennen und wollte, dass es alle hören. Eine solche Haltung ist sehr selten. Normalerweise sind Musiker sehr egozentrisch und sagen: «Es gibt meinen Standpunkt und es gibt falsche Standpunkte.»
M&T: Wird es auch von Ihnen eine Einspielung des Schostakowitsch-Zyklus op. 87 geben?
Nikolai Lugansky: Ich kann nicht sagen, was meine Wünsche in der Zukunft sein werden. Heute würde ich es wahrscheinlich verneinen. Es gibt einige Präludien und Fugen, die ich liebe. Aber Nikolajewa hat fast alles, was Schostakowitsch komponierte, wirklich geliebt. Bei mir ist das etwas anders. Ich persönlich mag sehr viele Werke von Prokofjew. Das ist für mich wirklich geniale Musik. Einige von Schostakowitschs Präludien und Fugen sind wunderbar, aber im Ganzen empfinde ich den Zyklus wie eine Obsession.
M&T: Wie meinen Sie das?
Nikolai Lugansky: In Europa kursiert die Vorstellung, dass Schostakowitsch Probleme mit der sowjetischen Macht hatte: vor allem mit dem Stalin-Regime. Ich finde das sehr primitiv. Das sowjetische Regime hat natürlich genauso sehr viel gemacht für Schostakowitsch, trotz einiger Anfeindungen. Er wurde stets als ein sowjetischer Komponist wahrgenommen, als «unser Schostakowitsch». Prokofjew war ein russischer Komponist. Er hat viel geschaffen vor der Oktoberrevolution. Schostakowitsch war der erste rein sowjetische Komponist überhaupt. Die Obsession Schostakowitschs war nicht so sehr, dass er nicht mit allem einverstanden war in der Sowjetunion. Seine Obsession war die Vorstellung seines Todes. Seit dem Zweiten Weltkrieg wirkt fast seine ganze Musik wie der späte Mahler, aber viel stärker.
M&T: Ist Ihnen Schostakowitsch suspekt, weil er so populär ist?
Nikolai Lugansky: Es gibt natürlich geniale Werke. Aber ich bin etwas müde von den Werken, die nur um den Tod kreisen. In den späten Streichquartetten scheint ihm nichts mehr wichtiger als das eigene Lebensende. Die «24 Präludien und Fugen» op. 87 sind eine Ausnahme, dort gibt es diese Obsession weniger. Ich habe bis jetzt in meinem Leben vier oder fünf gespielt. Es gibt so viel fantastische Musik, und man kann nicht alles machen.
M&T: Zum Beispiel die Klaviersonate Nr. 2 von Alexander Glasunow, die Sie am Luzerner «Zaubersee» ebenfalls spielen?
Nikolai Lugansky: Der Vorschlag, dieses Werk zu spielen, kam von dem Intendanten Numa Bischof Ullmann. Ich war darüber sehr glücklich, zumal ich das Werk eigentlich nie gespielt habe. Die Musik Glasunows ist unglaublich. Es ist schade, dass sie in Europa kaum bekannt ist. Sie ist konservativ: wie Tschaikowsky, aber ohne dessen Dramen und Konflikte. Schostakowitsch ist leichter zu verstehen, weil er stets voller Dramen und Konflikte ist: ganz anders als Glasunow. Seine Zweite Klaviersonate ist allerdings pianistisch extrem schwierig.
M&T: Im Juni 2019 wurden Sie von Vladimir Putin mit dem Staatspreis der Russischen Föderation für Literatur und Kunst ausgezeichnet. Bei der Verleihung im Kreml sorgte ein T-Shirt Ihrer Tochter mit dem kritischen Journalisten Iwan Golunow für Wirbel. Gab es Ärger?
Nikolai Lugansky: Von wem? Von Putin? (lacht) Nein, überhaupt nicht. Er hat wirklich anderes zu tun, als sich mit dem T-Shirt meiner Tochter zu beschäftigen. Golunow war für zwei Tage verhaftet und zum Zeitpunkt der Preis-Verleihung bereits frei. Gegen die Verantwortlichen seiner Verhaftung laufen Prozesse. Beim T-Shirt meiner Tochter habe ich gemischte Gefühle. Sie ist mutig und tapfer, aber: Es wäre heroischer gewesen, wenn Golunow noch in Haft gewesen wäre. So war es etwas kindisch.
M&T: Haben Sie mit Ihrer Tochter geredet?
Nikolai Lugansky: Ja, aber ich bin kein Despot. Sie hat ihre Meinung und ich meine. Man kann darüber endlos diskutieren. Bei der Preisverleihung hatte ich nichts davon bemerkt. Ein Presseassistent Putins wurde am nächsten Tag zu dem T-Shirt befragt. Er sagte, dass alle alles anziehen könnten und es nichts zu diskutieren gäbe. ■