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Hat Gott den Menschen von Anfang an zur Freiheit, zu freier Wahl zwischen Gutem und Bösem geschaffen? So höre ich dies immer wieder. Böhl setzt dieser Ansicht folgende Argumente entgegen:
Diese freie Selbstentscheidung wäre aber ein independenter (unabhängiger) Akt, wobei der Mensch völlig sich selber bestimmte und Gott das Zusehen hätte. Hier hätte Gott also die Kreaturen zum Kreator gemacht; eine ewige Freizügigkeit wäre den Menschen beschieden worden, die beständig freie Wahl, bei Gott zu bleiben oder nicht. Gott und Mensch fallen hier dualistisch auseinander; Gott findet seine Grenze am Willen des Menschen und muss, da er sich einmal mit ihm auf eine Linie gestellt, schliesslich nicht alles so genau nehmen; er muss nachgeben mit Verletzung seiner Heiligkeit. Er kann seinen Weltplan nicht nach seinem Willen durchführen, sondern muss ihn ändern. Gott hätt Wesen sich gegenübergestellt, welche im Grunde ebenso selbstherrlich wären, wie er selber. Ja, im Grunde hätte er Wesen geschaffen, die grössere Dinge als Gott vollbringen. Denn Gott ist schon gut; er braucht nicht etwa erst mit Mühe gut zu werden, was doch vom Menschen verlangt würde. Er hätte bei ihnen sich zu bedanken, dass sie mitgewirkt zur Förderung und Erreichung seines Weltplanes. Ja, was noch schlimmer ist, Gott der Absolute müsste auch den seltsamen Ausgang der Weltentwicklung sich haben gefallen lassen: dass alle seine Kreaturen ihn möglicherweise im Stiche liessen, durch Abwendung von ihm, und so seinen Plan mit der Welt vereitelten. (211)
Die nächste Frage, die sich stellt, ist diese: Warum hat den Gott den Menschen nicht derart geschaffen, dass er nicht abfiel?
Der Mensch ist wandelbar gut geschaffen; ihm ist diese Güte bedingungsweise verliehen – unter der Bedingung, dass er sich unter Gott beuge, sein Gebot bewahre und damit seine Stellung als Untertan einhalte. … Das Gebot ist nicht etwa eine Zumutung an des Menschen freien Willen; es ist nicht gegeben, um seiner Freiheit ein Übungsfeld zu eröffnen. Nein, es stellt den Menschen hin als das, was er ist – als Untertan, als geschaffen, als wandelbar gut. (203)
Es konnte Gott nicht zum Gesetz gemacht werden, dass er den Menschen so mache, dass er durchaus nicht abfiel. Es liegt eben im Wesen der Kreatur, veränderlich zu sein, während Gott allein von Anbeginn gut ist. (204)
Ich glaube, dass wir weder den Ursprung der Sünde noch den Fall des Menschen restlos auszuleuchten vermögen. Manches bleibt ein Geheimnis.
Indem also Gott dergestalt den Fall nicht verhinderte, so ist er damit noch nicht Urheber der Sünde, sondern nur dies kann man sagen: dass Gott vom höheren Standpunkt aus urteilend, das sündigen wollend zuliess, auf dass es ausschlage zu seiner um so grösseren Verherrlichung. (207)
Aus: Eduard Böhl. Dogmatik. RVB/VKW: Hamburg/Bonn 2004.