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Die Geschlechtsspezifität psychischer Erkrankungen zeigte sich bereits im Altertum, denn die Hysterie wird als die älteste aller beobachteten psychischen Erkrankungen beschrieben und galt als typische Frauenkrankheit. Später konzentrierte sich die Psychiatrie vorwiegend auf den Reproduktionszyklus der Frau: Postnatale Psychosen und Depressionen, prämenstruelles Syndrom und klimakterische Depressionen sind Paradigmen dafür.
Im angelsächsischen und deutschsprachigen Raum begann sich die feministische und soziologische Literatur vor fünfzig Jahren mit der psychosozialen Asymmetrie der Mann-Frau-Beziehung mit allen psychischen und sozialen Konsequenzen zu beschäftigen. Sexueller Missbrauch und die daraus resultierenden Folgen für die Opfer rückten, ebenso wie Aggression, Gewalt und Stalking, in den Mittelpunkt der geschlechtsspezifischen Betrachtung.
Dabei wurde zunehmend sowohl das biologische Geschlecht (engl. sex) mit seinen biologischen und hormonellen Einflüssen als auch das soziale Geschlecht (engl. gender) mit seinen Rollenzuweisungen durch die Umwelt, in das Verständnis der Entstehung, Ausprägung und Aufrechterhaltung von Erkrankungen mit einbezogen.
In der Wissenschaft hielten ab den 1980er Jahren vorerst vor allem frauenspezifische Aspekte langsam Einzug. Ausdruck dieser Aktivität war 1999 die Gründung der «Gesellschaft für die psychische Gesundheit von Frauen», die seither im Zwei-Jahres-Rhythmus einen wissenschaftlichen Kongress zum Thema veranstaltet und abwechslungsweise nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz einlädt. Analog zur Entwicklung der begrifflichen Unterscheidung von «sex» und «gender» hat auch ein Perspektivenwechsel von der Frauenforschung, erweitert durch die Männerforschung, hin zur Geschlechtsforschung stattgefunden. Diese betrachtet nicht nur ein Geschlecht, sondern beschäftigt sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten beider Geschlechter, um daraus Handlungsbedarf abzuleiten. Das Potenzial, das in der eschlechtersensiblen Betrachtung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegt, ist erkannt. Die konzeptuelle Umsetzung ist jedoch erst in Ansätzen verwirklicht.
Die erste konkrete Umsetzung frauenspezifischer Behandlungskonzepte in der Psychiatrie erfolgte mit der Etablierung von Mutter-Kind-Einrichtungen in der stationären psychiatrischen Versorgung. 1998 erfolgte die Eröffnung der Frauenstation an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich mit zwei Betten für Mutter-Kind-Behandlungen. Im ambulanten Bereich wurden Spezial- sprechstunden aufgebaut, so auch in der ipw ab 2003 die Spezialsprechstunde für frauenspezifische psychiatrische Erkrankungen an der Psychiatrischen Poliklinik am KSW.
Ein Schwerpunkt der frauenspezifischen Sprechstunde bildet die Abklärung und Behandlung psychischer Erkrankungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Es gilt als umstritten, ob eine Schwangerschaft – wie früher angenommen – einen positiven Einfluss auf eine psychische Erkrankung und sogar eine protektive Wirkung hat. Man kann aber davon ausgehen, dass es kein erhöhtes Risiko einer Erkrankung in der Schwangerschaft gibt im Vergleich zu anderen Zeiten im Leben einer Frau. Nach der Entbindung gibt es dagegen ein relevantes Erkrankungsrisiko, sowohl für gesunde Frauen im Sinne einer erhöhten Vulnerabilität nach einem bedeutenden Lebensereignis im Zusammenwirken mit den ausgeprägten hormonellen Veränderungen als auch im Sinne eines Rezidivrisikos für alle vorbestehenden psychischen Störungen.
Synapse, Integrierte Psychiatrie Winterthur
M.B. Abelovsky