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NU PAGADI
"Nu Pagadi!" "Wart's ab!", ruft der Wolf dem Hasen wütend hinterher, wenn dieser wieder einmal entkommen ist in einer der vielen Episoden von "Wolf und Hase". Eine niemals endende Jagd, eine ewig währende Flucht. Fortdauernder Hunger nach dem unerreichbaren Objekt einer nie zu stillenden Sehnsucht. Fallen und Ausweichmanöver. Das Format eines Unterhaltungsprodukts wird übersetzt in die Realität seines kulturellen Gegenstücks: "Wolf und Hase" ist die sovjetische Travestie der US-Amerikanischen Trickfilmserie "Tom und Jerry".
Ein Zerrbild sind auch die Trickfilmfiguren. Der gutmütige Tom tritt in der sovjetischen Version als verkommener Landstreicher auf, Jerry als naiver Hase. Wie in den Fabeln Aeso verkörpern namenlose Tiere hier Rollen und stehen für soziale Stände und gesellschaftliche Phänomene. Diese Anverwandlung des westlichen Produkts wirft ein Blick auf die Rivalität zweier Länder, Systeme und Kulturen, die nicht nur politisch, sondern auch moralisch und ästhetisch ausgetragen wird. Die Verschiebung der Motive und Themen von einer Realität zur anderen und die Manipulation gegebener Rollenvorbilder sind auch Thema der Ausstellung von Piotr Jaros und Pawel Ferus. Filmkameras - sonst distanzierte Beobachter - werden in den Skulpturen von Piotr Jaros für die Betrachtung inszeniert als abstrakte fotogene Objekte. Ihr Stil und Titel ruft die Klassiker der Filmgeschichte auf: "A Space Odyssey" von Stanley Kubrick, "Alphaville" von Godard und "Vom Winde verweht" oder die Filmschulen von Cinecittà und Bollywood.
Dieses Moment des Verschwindens und wieder Auftauchens - als ein entschiedenes Merkmal - lässt sich in der seriell angefertigten Werkgruppe der "Filmkameras" von Piotr Jaros festmachen. Die Aufnahmegeräte sind nutzlos, es sind eher Geister oder Müllspielzeuge. Ihr ursprüngliche Bestimmung, die intakte Aufnahmefunktion, fehlt. Obwohl ohnmächtig, fordern sie dennoch unsere Aufmerksamkeit und laden ein, sie zu bedienen. Indem wir selbst zur Linse eines Objektivs werden, konfrontieren sie uns mit der Unmöglichkeit dieses Aufnehmens und auch mit einer Kapitulation, um mit dem Verfolgungsspiel aufs Neue zu beginnen.
Banale Gegenstände werden Instrumente der Fiktion, der Erinnerung und Fantasie. Piotr Jaros baut eine Art privates Filmarchiv, eine Hommage an die Traummaschine, an cineastische Künstlichkeit, die er mit seinen abstrusen Objekten verdoppelt und loopt. Die Ausstellung kommentiert dabei nicht unkritisch die Geschichte verschiedener Filmgenres und -industrien, ihre Mittel der Verführung, die Wahl ihrer Themen, ihre Produktionszusammenhänge und -abhängigkeiten. Ein Beispiel dafür ist der absurd mit seiner Hinterseite aus der Wand ragende Löwe, der sozusagen das Verborgene der Film Credits von MGM Film Studios vorführt: ein Werk von Pawel Ferus.
Dieses Interesse an Travestie und Paraphrase als Stil und Gegenstand ihrer Arbeit teilen sich die zwei Künstler, die beide mit den Trickfilmen vom Wolf und vom Hasen aufgewachsen sind - Jaros in Polen, Ferus zunächst in Polen, mit 15 Jahren dann mit seiner polnischen Familie in Bern und Basel. Das Absurde einer Filmwirklichkeit, die Realitätsverschiebungen eines Filmsets sind ihnen Impuls zur Analyse und Erforschung der sozialen Aspekte des Filmemachens, vorgetragen mit den Mitteln von Karton, Schaumstoff und Gips.
Die Ausstellung wird in einer neuen Version gezeigt während des Warsaw Film Festival. Datum: 12. bis 21. Oktober 2012, im Palast für Kultur und Wissenschaft, Warsaw, kuratiert von Gawel Kownacki, organisiert durch F.A.I.T (Foundation Artists-Innovation-Theory), www.fait.pl
Für den Ausstellungsraum Klingental organisiert von Annina Zimmermann.