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Kommentar
Die Funktion von Kommunikation liegt nicht in der Herstellung von Konsens, sondern von Offenheit. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas und der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann.
Die Offenheit von Kommunikation besteht darin, dass eine mitgeteilte Information immer Angenommen oder Abgelehnt werden kann. Man kann grundsätzlich entweder Ja oder Nein sagen. Aufgrund dieser Offenheit entwickelt erfolgreiche Kommunikation Techniken, um die Chance auf Annahme zu maximieren. Waren dies in den traditionellen Gesellschaften Religion und Moral, so treten in der modernen Gesellschaft an deren Stelle symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien wie Macht, Geld oder Wahrheit. Wie Luhmann in «Gesellschaft der Gesellschaft» erklärt, stellen diese Medien «die Kommunikation in jeweils ihrem Medienbereich, zum Beispiel in der Geldwirtschaft oder dem Machtgebrauch in politischen Ämtern, auf bestimmte Bedingungen ein, die die Chancen der Annahme auch im Falle von ‹unbequemen› Kommunikationen erhöhen» (2015: 203f). Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien werden deshalb auch Erfolgsmedien genannt. Die Evolution von Erfolgsmedien geht nach Luhmann Hand in Hand mit der Evolution gesellschaftlicher Strukturformen. In der modernen Gesellschaft sind das Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft.
Mit Blick auf die Medienepochen hält Luhmann in seiner im Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld gehaltenen Vorlesung «Einführung in die Systemtheorie» fest, dass sich mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums jeweils auch die Techniken für die Annahme von Kommunikation – in Form eines «Kulturrevolutionsprograms» – veränderten. Zum Zeitpunkt seiner Vorlesung stellte er sich jedoch auch die Frage, ob eine «reflektierte Verständigung» nicht auch auf Basis von Ablehnung möglich sei. Konkret: Ob es nicht die Möglichkeit gebe, «den anderen bei seiner Überzeugung zu belassen, ihn nicht zu bekehren, ihn nicht zu einem aufrichtigen Ja zu bringen, aber eine Verständigung zu erreichen, die genau diese Toleranz des Neins gleichsam für den Moment und auf Widerruf neutralisiert. Das Nein bleibt als Wahrscheinlichkeit vorhanden, aber man verständigt sich, wir machen es mal so, mal so. Mal bekommst du recht, mal bekomme ich recht. Wir steigern etwa die Unsicherheit in Bezug auf das Richtige so stark, dass man etwas ohnehin nur noch pragmatisch machen kann und dass es letztendlich egal ist, sofern die Positionen widerrufbar bleiben» (2020: 297f).
Luhmann stellte damals diese Überlegungen mit Blick auf die Forschung im Bereich von Risikotechnologien (z.B. Kernenergie) an. Diese Überlegungen scheinen unseres Erachtens aber auch einen guten Ausgangspunkt für die Erkundung einer neuen Kulturform der nächsten Gesellschaft zu sein. Vorausschauend skizzierte Luhmann: «Es könnte also sein, dass unser bisheriges Kulturprogramm, wenn man es einmal so nennen darf, der Rhetorik, Persuasivtechnik, Beweisführung, Herrschaft, Geld oder Liebe (als ein Kommunikationsphänomen) die Grenzen dieser Technik erreicht hat und dass wir auf harte Weise lernen müssen, mit Verständigungen zu arbeiten, die nicht als Durchgriff auf wirkliche Meinungen konzipiert sind. So ähnlich wie in der Zeit des mühsamen Lernens religiöser Toleranz» (2020: 298f).