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Zürich-Seebach
Studienauftrag, 2017
Stadtraum und Quartier
Das Quartier Seebach wurde Mitte des 20. Jahrhunderts nach gartenstädtischen Prinzipien bebaut. Zwei- und dreigeschossige Reihenhäuser und Zeilenbauten prägen das Verständnis eines bodennahen Wohnens. Die geringen Dichten erlaubten eine offene, stark durchgrünte Siedlungsstruktur. Rispenartige Erschliessungsstrukturen und an Blattwerk erinnernde, im Landschaftsraum voneinander getrennte Baufelder zeugen von gartenstädtischen Idealplänen aus dem angelsächsischen Raum und sind im Bereich des Schönaurings und der Buchwiesen deutlich ablesbar.
Neben der Schaffhauser- und Glattalstrasse sollte das Quartier über den „Birchbogen“, eine Ringstrasse, die sich in einem grossen Bogen vom Bahnhof Oerlikon über den Katzenbach bis zur Schaffhauserstrasse erstreckt, erschlossen werden. Die Birch- und die Stiglenstrasse zeichnen diesen verbindenden Grünraum heute noch deutlich aus. Leider wurde beim Bau der Autobahnausfahrt das städtebauliche Potential des Birchbogens gestört. Das vorliegende Projekt möchte diesen wieder stärken und die Betonung der Autobahneinfahrt in der Verlängerung der Birchstrasse als stadträumlich irrelevanten Zubringerraum abwerten.
Durch den spätmodernen Städtebau der 1960er Jahre zwischen Glattal- und Schaffhauserstrasse sowie Gebiete mit kleinparzellierten Punktbauten kann keine einheitliche Morphologie mehr ausgemacht werden. Vielmehr prägen unterschiedliche Siedlungsmuster und Bautypen die unmittelbare Nachbarschaft des Projektperimeters.
Zusammenhängende Grünzungen wie jene entlang des Katzenbachs oder nördlich des Schulhauses Buchwiesen prägen Seebach als ein Quartier mit einem stark durchgrünten Stadtkörper. Diese quartierstypische Identität soll durch das vorliegende Projekt trotz höherer Baumasse gegenüber der heutigen Situation noch gestärkt werden.
Baukörper und Aussenraum
Der Entwurf knüpft an inhaltlichen und formalen Qualitäten des gartenstädtischen Ideals an. Eine Verkettung von kleineren Volumen mit rhomboider Grundform zu grösseren Figuren erzeugt fliessende Aussenräume. Diese verbinden über die Birchstrasse hinweg das nördliche Areal mit dem südlichen und schaffen einen nahtlosen Übergang zu den nördlich und südlich gelegen Grünräumen der angrenzenden Quartiere.
Anders als in den benachbarten Zeilenbauquartieren erfahren die Aussenräume als Reaktion auf die erhöhte Dichte eine differenzierte Modulation – enge Stellen wechseln mit weiten, Räume öffnen und schliessen sich usw.
Die Volumen der Neubauten schliessen mit vier- und fünfgeschossigen, kurzen Fassadenstücken an die umliegende Bebauung an und entwickeln sich gegen die Arealmitte zu höheren Bauten. Die beiden zehngeschossigen Hochhausbauten im südlichen Areal leiten zu den drei Hochhäusern östlich der Glattalstrasse über und betonen dadurch den Birchbogen. Das bodennahe Wohnen wird, wie bei den umliegenden Bauten, durch kleinteilige Aussenräume geprägt. Einzelne Bauten entwickeln sich in die Höhe und eröffnen eine ganz andere, für Seebach ebenso prägende Wohnqualität – den Blick in die Ferne bis zu den Alpen. Die einzelnen Baukörper werden jeweils mittels Scharnierstücken in Form von Loggien zu grösseren Figuren verkettet. Dadurch erhalten auch die privaten Aussenräume, dem Thema des Entwurfs entsprechend, eine besondere Bedeutung und Qualität. Zudem werden über die beidseitig belichteten Loggien ganz unterschiedliche Durchblicke ermöglicht. Durch die organische, rispenartige Form der städtebaulichen Setzung wird in subtiler Art auf die erwähnten, gartenstädtischen Idealpläne angespielt.
Landschaftsarchitektonisches Konzept
Das landschaftsarchitektonische Konzept knüpft an die bestehenden Qualitäten des durchgrünten und offenen Stadtkörpers an und schafft differenzierte Aussenräume mit hoher Nutzungs- und Aufenthaltsqualität. Durch die ungerichtete, jedoch präzise Setzung der Gebäude mit abgewinkelten Fassaden entsteht ein vielfältiges Freiraumnetz, das sich durch das Wechselspiel von räumlicher Offenheit und Geschlossenheit sowie unterschiedlichen Ein- und Ausblicken auszeichnet. So entsteht eine Sequenz von Grünräumen, die teilweise Gartenhöfe bilden, teilweise an die umliegenden Quartierstrassen anschliessen, in ihrer Gesamtstruktur aber eine verbindende Funktion einnehmen und die Gebäude in den durchgrünten, stellenweise heterogenen Kontext einbetten. Ein einfaches und funktionales Wegenetz führt durch die zusammenhängenden Rasenflächen und stellt die nötigen Direkt- und Querverbindungen sicher. Die Zufahrt zu den Tiefgaragen erfolgt über die Rümlangstrasse auf der Nordparzelle und über die Hertensteinstrasse auf der Südparzelle. Die Einfahrten sind in die Gebäudekörper integriert.
Zur Birchstrasse hin erhält die Freiraumgestaltung einen städtischeren Charakter. Der grosszügige Strassenraum wird in seiner Rolle als öffentlicher Raum und zentrale Erschliessungsachse gestärkt, fungiert aber gleichzeitig als verbindendes Element zwischen Nord- und Südparzelle. Das Trottoir weitet sich vor den Gebäuden zu platzartigen Situationen auf und schafft so Orte mit urbaner Qualität. Grosszügige Baumdächer überspannen die verschiedenen Vorplätze und stellen gleichzeitig wichtige Querbezüge und die Verbindung zwischen der Nord- und Südparzelle her. Die Kombination von Hartbelägen, Grünsteifen und übergreifenden Baumgruppen schafft eine räumliche und atmosphärische Dichte, die dem öffentlichen Charakter der Situation entspricht, und stellt das nötige Raumangebot für die Siedlung und das gesamte Quartier bereit.
Im Innern der beiden Perimeter sorgen dichte Baumgruppen für unterschiedliche Aufenthalts- und Spielflächen, jedoch in einer viel landschaftlicheren und ruhigeren Gestaltung. Einzelne grosse Solitärbäume sorgen für wichtige Akzente und die nötige Beschattung der offenen Rasenflächen. Bestehende Bäume sollen so weit möglich erhalten bleiben und einbezogen werden. In der Gesamtheit entsteht ein breites und flexibles Angebot an Aufenthalts- und Spielflächen sowie Begegnungsorten für alle Altersgruppen, das sich durch eine subtile Gliederung in private, gemeinschaftliche und öffentliche Freiräume auszeichnet.
Häuser und Wohnungen
Die Häuser mit rhomboider Grundform sind als Dreispänner organisiert. Jede Aussenecke wird durch einen wichtigen Raum mit entsprechenden Öffnungen betont. Die mehrheitlich nördlich gelegenen oder dem Lärm zugewandten Ecken werden durch das polygonale Treppenhaus ausgezeichnet. Von dort spannen rechteckig zur Aussenfassade verlaufende Wohnungstrennwände drei Wohnungen auf. Die Wohnungen werden geprägt durch ein Raumkontinuum, dem ein Wegthema hinterlegt ist: Die Bewohner bewegen sich von einem innenliegenden Entreebereich über die zentrale Essküche zum Wohnzimmer, das mit der Loggia oder einem grossen Fenster an den charakteristischen Gebäudeecken seinen Abschluss findet. Die Eigenschaften eines fliessenden Raumes mit unterschiedlichen Blickbezügen, welcher die Aussenräume wesentlich prägt, findet im Innenraum eine Entsprechung. Um eine gute und zweckmässige Möblierbarkeit sicherzustellen sind die Zimmer rechteckig gehalten. Optional kann das Wohnzimmer mittels einer Doppelflügeltüre einfach vom Bereich der Essküche abgetrennt werden.
Indem in einem Grossteil der Gebäude in den ersten beiden Geschossen grosse Maisonettewohnungen (5.5- und 6.5-Zimmer-Wohnungen) untergebracht sind, kann die Problematik der Einblicke in private Schlafzimmer gelöst werden. Das Wohngeschoss befindet sich auf einem Hochparterre. Zugleich wird, ausgehend von dieser innenräumlichen Disposition im architektonischen Ausdruck ein zweigeschossiger Sockel formuliert.
Durch die Ausbildung eines Vordaches an jeweils einer Gebäudeseite erhält jedes Haus einen öffentlichen Vorbereich mit Hauseingang und Zugang zum Veloraum. Die Betonung des gemeinschaftlichen Aussenraums mit der vielfältigen Platz- und Gartengestaltung wird ergänzt durch Waschräume auf den Dachterrassen, so dass der Blick in die Weite für alle Bewohner zum alltäglichen Erleben gehört. Der Doppelkindergarten und die Kindertagesstätte sind auf die Erdgeschosse von drei Gebäuden auf der Südparzelle verteilt und spannen so einen Spielhof am Ende der wenig befahrenen Honigstrasse auf. Durch die Anbindung ans Wegenetz ist der Spielhof auch ausserhalb der Betriebszeiten für die Bewohner nutzbar. In den Erdgeschossen entlang der Glatttalstrasse, Ecke Birchstrasse befinden sich Gemeinschaftsräume, Ateliers und Büroräumlichkeiten.
Architektonischer Ausdruck
Der architektonische Ausdruck ist stark durch die räumlich-strukturellen Merkmale des Inneren geprägt. So definieren scheibenartige Seitenfassaden und offene Eckausbildungen das Wesen des Grundrisses. Die Betonung landschaftlicher Themen in der städtebaulichen Setzung wird durch eine städtischere Ausformulierung der vorgeschlagenen architektonischen Elemente in der Fassadengestaltung erweitert.
Die matten, tonfarbenen Keramikplatten sowie das Regelfenster mit den beidseitigen schmalen Lüftungsfenstern sind Ausdruck dieser Absicht. Durch eine farblose Lasur der Keramikplatten in den ersten beiden Geschossen wird auf subtile Weise ein dunklerer und zugleich glänzender Sockel ausgezeichnet.
Mitarbeiter Wettbewerb
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Phillip Türich, Kevin Dröscher, Arno Bruderer
Zusammenarbeit
Baumberger & Stegmeier Architekten (BS+EMI Architektenpartner AG)
Bauherrschaft
Baugenossenschaft Linth-Escher, Zürich
Landschaftsarchitekt: S2L Landschaftsarchitekten BSLA SIA, Zürich