Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03192.jsonl.gz/170

Wenn man heute von autonomen Systemen spricht, ist für die meisten Menschen die unmittelbare Assoziation Autos. Zu diesem Thema wird heute viel geforscht und geschrieben. Und viele Autoren schlagen vor, das Konzept der Autonomie auf andere Technologien, insbesondere auf industrielle Systeme, zu übertragen.
Um zu verstehen, was dies bedeuten könnte wollen wir ein kleines Gedankenexperiment machen. Sie erinnern sich sicher noch an das Märchen vom Dornröschen. Die dreizehnte Fee, die nicht eingeladen war, die Geburt der Prinzessin zu feiern, verfluchte den Hof und das Neugeborene zu sterben. Eine der andern eingeladenen Feen schwächte dann den Bann zu einem 100-jährigen Schlaf ab, wonach die Prinzessin von einem Prinzen geweckt werden sollte.
Nehmen wir nun an, dass die böse Fee in der heutigen globalisierten Welt lebt und die ganze Welt verflucht, d.h. alle Menschen auf der Erde. Vielleicht würden ihre Kräfte nicht ausreichen, um diese riesige Anzahl von Menschen 100 Jahre lang einzuschläfern, vielleicht nur ein Jahr. Aber um die Menschheit zu retten, muss eine Person wach bleiben: der Prinz, der die Prinzessin weckt und den Bann bricht.
So ist dieser arme Prinz von einer Minute auf die andere der einzige Mensch auf Erden, der wach und aktiv ist. Stellen wir uns für das Gedankenexperiment vor, wie sein Leben aussieht. Während einiger Zeit kann er aus dem Vorrat der Palastküche essen. Er kann sein Auto noch so weit fahren, wie ihn die aktuelle Tankfüllung trägt. Aber für viele Dinge, die er tun möchte, braucht er Energie, z.B. zum Kochen oder zum Betreiben der Zapfsäule. Wie lange hätte er Strom, wenn niemand das Energienetz betreibt? Seitdem mir dieses Gedankenexperiment in den Sinn gekommen ist, habe ich einige Kollegen aus der Energieindustrie gefragt: niemand konnte es mir sagen, und auch niemand, wie das Stromsystem ausfallen würde. Aufbauend auf der Tatsache, dass das Stromnetz hochautomatisiert ist und Strom vorhanden wäre, könnten hochautomatisierte Fabriken noch einige Zeit ohne menschliches Zutun weiterproduzieren. Aber solange die Lieferkette nicht auch autonom ist, geht der Nachschub schnell zur Neige, und sobald etwas ausfällt, werden selbst die fortschrittlichsten Fabriken stillstehen.
Das Jahr als einziger aktiver Mensch auf Erden zu überleben wäre für den Prinzen sehr hart.
Was können wir aus diesem Gedankenexperiment mitnehmen? Autonome Industrien sind noch weiter entfernt als autonome Autos. Nur wenige Produktionsstandorte sind heute so automatisiert, dass keine menschliche Intervention erforderlich ist. Und selbst wenn dies der Fall ist, ist die Behandlung von Ausnahmen niemals ohne menschliches Eingreifen möglich. Wenn wir ‹autonom› zudem nicht nur als unabhängig von menschlicher Interaktion, sondern unabhängig im weiteren Sinne interpretieren, sehen wir Abhängigkeiten rund um die Anlage: Sie ist abhängig von Energieversorgung, Materialversorgung, vielleicht Wasser, und sie benötigt auch die nachgelagerte Wertschöpfungskette , um Einnahmen zu generieren.
Aber da böse Feen und schlafende Prinzessinnen heute selten sind, ist eine gewisse menschliche Interaktion selbst in einer hochautomatisierten Produktionsumgebung akzeptabel. Der Schlüssel zum Erfolg besteht darin, herauszufinden, wo die menschlichen Fähigkeiten am besten eingesetzt werden können und wo die Kosten für die Abdeckung aller Eventualitäten zu hoch werden. Darüber hinaus ist es interessant zu untersuchen, in welcher Form die menschlichen Fähigkeiten eingesetzt werden können, ob es sich um Handarbeit und physische Präsenz handelt oder ob sich automatisch arbeitende Fabriken aus der Ferne überwachen und steuern lassen. Der Mensch würde dann das autonome System unterstützen und überwachen.
Dadurch werden Menschen aus gefährlichen, langweiligen und schmutzigen Umgebungen entfernt und können effizienter arbeiten. Und selbst wenn böse Feen selten sind, kann es Situationen geben, in denen die Arbeit aus der Ferne von einem Tag auf den anderen zur Notwendigkeit wird. Wir haben in den letzten Monaten gerade einen durchgemacht. Was für die Büroarbeit, das Arbeiten von zu Hause aus möglich war, wurde dann auch für Industriearbeiter möglich.
Autonome Industrien mögen eine weit entfernte Vision sein, aber eine fernüberwachte Produktion könnte früher wieder erforderlich sein, als wir denken.