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Die Lesegruppe der Digitalen Allmend hat sich am 15. April in gebührender Distanz zum brennenden Böögg mit dem Thema Komplexität befasst. Der Text „Navigating Complexity: From cultural critique to cultural intelligence” (1) stammt aus dem Umfeld der Medienwissenschaften. Wir laden die geneigten Leserinnen dieses Beitrags ein, nicht zu verzagen: Nur ausnahmsweise navigieren wir in so dünner theoretischer Luft. Nächstes Mal geht es mit handfesten Medien weiter…
Ien Ang kritisiert einen allzu vereinfachenden Ansatz des Positivismus, mit dem sie in den 70er Jahren konfrontiert war. Der gehe davon aus, die komplexe Wirklichkeit durch ein Feststellen von Tatsachen auf einfache Gesetze zurückgeführt werden könne. Die Komplexitätstheorie habe einen grossen Fortschritt gebracht. Die entsprechenden Methoden betonen Nichtlinearität, Unvorhersagbarkeit und Selbstorganisation. Ang orientiert sich weniger an einem mathematischen als an einem ökologischen Komplexitätsbegriff, der auch die Chaostheorie umfasst – mit dem bekannten Schmetterlingseffekt.
Die Autorin möchte die Komplexitätstheorie als Leitmethodik für die Gesellschaftswissenschaften etablieren. Sie verweist auf Ansätze im Bereich der Studien von internationalen Beziehungen, wo etwa James Rosenau begonnen hat, die Betrachtung der Staaten im Sinne von innen/aussen abzulösen zugunsten eines Konzepts endloser interaktiver Polaritäten. Hier wurde in der Diskussion deutliche Kritik laut, dass die Autorin den Neuigkeitswert der Globalisierung überzeichne und ohne historische Tiefensicht agiere. Es gab eben nicht nur den Kalten Krieg und dann die Globalisierung. Die zwanziger Jahre waren voller globaler Netze und komplexer zwischenstaatlicher Verhältnisse.
Überzeugender wirkt ihre Betonung des medienwissenschaftlichen Ansatzes von Williams, der 1974 das Fernsehen als Technologie und als kulturelle Form analysierte.
Ang wendet sich gegen einen Kult der Komplexität, wie ihn postmoderne Theorien vorangetrieben haben. Die dogmatische Ablehnung von essentieller Verdichtung gehe mit einer rein beobachtenden Haltung einher, die einen handelnden Zugriff verunmögliche. In der Tat. Mit der Verabsolutierung der Feststellung, dass alles bedeutungstragende Menschenwerk einer ständigen Resemantisierung ausgesetzt ist, lässt sich nichts planen und nichts aufbauen. Mit Russell Jacoby kritisiert die Ang, der Komplexitätsdiskurs diene dazu, die Distanz des akademischen Wissens vom öffentlichen Leben zu rechtfertigen.
Die Autorin klebrige Probleme – messy problems – in direktem Zusammenhang mit Komplexität. Sie wendet sich dann der Frage nach übergrosser Komplexität zu, welche Gesellschaften in den Zusammenbruch treiben können. Sie erinnert an Rom oder die Mayas. Das ist irgendwie schon plausibel. In der Diskussion wurde eine kleine Kritik laut, dass der Begriff der Ausdifferenzierung etwas präziser wäre, als die sehr abstrakte Komplexität. Problematisch erscheint vor allem dieser hohe Grad an Abstraktion. Der Zusammenbruch einer hoch arbeitsteiligen und kulturell vielschichtigen Gesellschaft dürft kaum auf einen eindimensionalen Parameter reduzierbar sein.
Als Dritten Weg zwischen naivem Positivismus und distanzierter Postmoderne schlägt Ang vor, mit nicht simplistischen Vereinfachungen zu arbeiten und kulturelles Wissen (cultural intelligence) zu entwickeln. Das soll die Handlungsfähigkeit gegenüber klebrigen Problemen erlauben. Die Allgemeinheit der ganzen Argumentation traf in der Diskussion auf Skepsis.
Die Autorin versucht ein nach x Versuchen im 20. Jh ein weiteres Mal, naturwissenschaftliche Konzepte auf Gesellschaftswissenschaften zu transferieren. Gegenüber komplexen Ökosystemen weisen eben Gesellschaften jedoch noch eine weitere Dimension auf. Hier erscheinen Formen des Handelns, die an selbstreflexive Formen von Wissen und Kultur gebunden sind. Wer Froschteiche und Finanzkrisen mit dem gleichen Werkzeugkasten analysiert, droht im Allgemeinen stecken zu bleiben.
1) Continuum: Journal of Media and Cultural Studies – Special Issue: Navigating Complexities. Vol. 25, No. 6 (2011)