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Der Chirbes-Sound ist sofort wieder da, die Lektüre deshalb eine grosse Freude. Doch Rafael Chirbes lässt in «Paris-Austerlitz» zwar den berückenden Ton seiner früheren Romane erklingen, beschränkt sich hier aber auf eine Liebesbeziehung in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Paris – während er sich bisher in grossartige Auseinandersetzungen mit der spanischen Geschichte und Gegenwart, dem Kapitalismus und den dazugehörigen Gesellschaften wagte. «Paris-Austerlitz» erschien auch im spanischen Original erst nach Chirbes’ Tod im letzten August; seit 1996 lag das angefangene Manuskript in seiner Schublade, im Mai 2015 stellte er es fertig.
Der junge Ich-Erzähler versucht zu ergründen, was in den letzten Monaten geschehen ist: Er hat Marcel, einen über fünfzigjährigen Arbeiter, kennengelernt, sie ziehen durch Bars und Beizen und liegen zusammen im schmalen Bett, das in Marcels kleiner Wohnung steht. Ein grossartiger sinnlicher Rausch nimmt seinen Anfang.
Doch allmählich langweilt sich der aus einer grossbürgerlichen Madrider Familie stammende Ich-Erzähler, er hat sich sein Leben (und die Liebe) dann doch etwas anders vorgestellt als in diesem ewig gleichen Trott von Arbeit, Alkohol und Sex; eigentlich möchte er Künstler werden. Gleichzeitig erkrankt Marcel, er hat das «Übel» (das Wort «Aids» meidet der Erzähler) und wird bald sterben. Marcel wirft seinem Freund vor, ihn nie richtig, das heisst bedingungslos, also auch ohne Kondom geliebt zu haben. Doch dieser weiss: «Ich ertrage es nicht, zum Opfer zu werden.»
Der kurze Bericht ist glänzend konstruiert und zeigt, wie zwei Menschen, die sich in Alter und sozialer Herkunft stark unterscheiden, aneinander scheitern. Der junge Mann, mit der Situation überfordert, steigt aus, schämt sich ein wenig dafür, sucht nach Ausflüchten und bleibt doch ehrlich. Das ist traurig – und auch etwas banal.
Chirbes’ Vermächtnis sind seine gnadenlosen Erkundungen der von politischen und ökonomischen Zeitläufen beschädigten Seelen; sein letztes Stücklein wirkt dagegen nicht nur aus der Zeit gefallen, sondern auch wie eine – durchaus gelungene – Stilübung.