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Seit Monaten figuriert der Name E. T. A. Hoffmanns in der Liste der 49 meist verwendeten Schlagworte, ohne dass ein einziges seiner Werke besprochen worden wäre? Leider, ja. Aber das soll sich nun ändern.
Ich habe vor ein paar Tagen eine seiner kurzen Geschichten (Novellen?) wieder gelesen: Rat Krespel. Zum ersten Mal 1818 im Freimüthigen erschienen, wurde sie von Hoffmann im Folgejahr in seine Serapionsbrüder eingebaut. Dort figuriert sie ohne Titel im ersten Abschnitt des ersten Bands – in dem Teil, wo Hoffmann sein „Serapiontisches Prinzip“ gesprächsweise erläutern lässt. Programmatisch für das Serapiontische Prinzip, das nichts weiter heissen wollte, als daß die Serapionsbrüder übereingekommen waren , sich – frei nach Hoffmann – niemals mit schlechtem Machwerk zu quälen, ist die Absage an jede Art von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus. In diesen Zusammenhang gestellt, müsste der Rat Krespel demnach ein prototypisches Beispiel von „gutem Machwerk“ darstellen.
Was er meiner Meinung nach auch tut. Mir will zwar scheinen, dass diese kurze Geschichte im breiten Lesepublikum bedeutend weniger bekannt ist als andere kurze Geschichten des Berliner Romantikers, dass sie eher für die „Aficionados“ existiert.
Der Inhalt ist rasch erzählt: Der Ich-Erzähler lernt in einer kleinen Provinzstadt den Rat Krespel und dessen Tochter kennen. Über den Rat zirkulieren in der Stadt die wunderlichsten Geschichten, so z.B., dass er sein Haus nicht mit einem Architekten geplant hat, sondern ganz einfach zuerst das Fundament legte, dann Mauern so lange hochziehen liess, bis er zwei Stockwerk hoch war und erst zum Schluss Türen und Fenster in die Aussenmauern brechen liess. Krespel, von Haus aus Jurist, und kein schlechter, liebt die Musik und vor allem alte italienische Geigen. Die bewahrt er allerdings nicht pietätvoll auf, um sie von Zeit zu Zeit abzustauben, sondern er demontiert die eine oder andere, um durch ihre Konstruktion auf das Geheimnis ihres guten Klangs zu stossen. Nur eine Geige ist davon auf Bitte der Tochter ausgenommen. Sie weist sich schon durch ihr Äusseres als von hohem Alter und von unvergleichlichem Klang aus. Der Klang gleicht dem der Stimme von Antonie, der Tochter, verblüffend. Diese seine Tochter hütet Krespel wie seinen Augapfel. Sie ist hochmusikalisch, hat wie gesagt eine wunderbare Stimme, aber Krespel hat ihr das Singen verboten, weil es die in ihr wohnende Krankheit nur verschlimmert. Selbstverständlich verliebt sich ein junger Komponist (er wird nur als „B…“ bezeichnet) in die Tochter, selbstverständlich verführt er sie zum Singen. Der Gesang bringt diese Tochter tatsächlich an den Rand des Sterbens. Von diesen Ereignissen erfahren wir in einer Retrospektive. Der Ich-Erzähler hat eigentlich wenig mit der Handlung zu tun, selbst beim dann doch eintretenden Tod der Tochter ist er nicht vor Ort. Das Ende Antonies hat etwas Fürchterliches und etwas Mystisch-Beruhigendes an sich:
Kurz vor meiner Ankunft war es in einer Nacht dem Rat so, als höre er im Nebenzimmer auf seinem Pianoforte spielen, und bald unterschied er deutlich, daß B… nach gewöhlicher Art präludiere. Er wollte aufstehen, aber wie eine schwere Last lag es auf ihm, wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte er sich nicht zu regen und zu rühren. Nun fiel Antonie ein in leisen hingehauchten Tönen, die immer steigend und steigend zum schmetternden Fortissimo wurden, dann gestalteten sich die wunderbaren Laute zu dem tief ergreifenden Liede, welches B… einst ganz im frommen Stil der alten Meister für Antonie komponiert hatte. Krespel sagte, unbegreiflich sei der Zustand gewesen, in dem er sich befunden, denn eine entsetzliche Angst habe sich gepaart mit nie gefühlter Wonne. Plötzlich umgab ihn eine blendende Klarheit, und in derselben erblickte er B… und Antonien, die sich umschlungen hielten und sich voll seligem Entzücken anschauten. Die Töne des Liedes und des begleitenden Pianofortes dauerten fort, ohne daß Antonie sichtbar sang oder B… das Fortepiano berührte. Der Rat fiel nun in eine Art dumpfer Ohnmacht, in der das Bild mit den Tönen versank. Als er erwachte, war ihm noch jene fürchterliche Angst aus dem Traume geblieben. Er sprang in Antoniens Zimmer. Sie lag mit geschlossenen Augen, mit holdselig lächelndem Blick, die Hände fromm gefaltet, auf dem Sofa, als schliefe sie und träume von Himmelswonne und Freudigkeit. Sie war aber tot.
Finis opera. (Schon vorher hat der Leser erfahren, dass Krespel dann die alte Geige ins Grab seiner Tochter legen lässt.)
Es ist nicht der „Gespenster-Hoffmann“ im eigentlichen Sinne, der hier schreibt. Die Elexiere des Teufels liegen schon ein halbes Jahrzehnt zurück. Es ist auch nur ganz am Rand Hoffmanns Obsession mit dem Maschinenmenschen, die hier eine Rolle spielt, auch wenn die alte Geige in gewissem Sinn die mechanische Nachahmung zumindest eines menschlichen Organs zu sein scheint. Doppelgänger gibt es auch keinen. Das romantische Erzählprinzip der Verschachtelung von Erzählebenen und -zeiten wird zwar verwendet, aber gemässigt eingesetzt. Wichtig ist hier E. T. A. Hoffmanns Idee vom Künstler bzw. der Kunst. Denn die Kunst regiert den Künstler. Das Irrationale der Kunst sprengt alle Grenzen – selbst die des Todes. Selbst Kunstliebhaber wie Krespel sind der wahren Kunst gegenüber macht- und hilflos. Für den Künstler hingegen ist seine Kunst völlige Hingabe. Und auch die geschlechtliche Liebe wird in der Kunst aufgelöst. Dass für Hoffmann die Musik (einmal mehr) der Inbegriff der Kunst ist, sei hier nur am Rande erwähnt.
Man mag Hoffmanns Ansicht über Kunst und Künstler teilen oder nicht (persönlich halte ich sie für ein wenig überspannt). Aber sie hat sich mit dem nur wenig älteren Begriff des Genies vermischt, Kunst und Krankheit, Genie und Wahnsinn verknüpft, und ist so im Grunde genommen von ihm bis auf die heutige Zeit gekommen.