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Einleitung: Simone de Beauvoir Wer ist sie?
Eines Tages im Jahr 1927 hatte Simone de Beauvoir eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater über die Bedeutung der Liebe. In einer Zeit, in der Frauen in erster Linie Ehe und Mutterschaft anstreben sollten, las die neunzehnjährige Simone philosophische Werke und träumte davon, eine Philosophie zu entdecken, nach der sie leben konnte. Für ihren Vater bedeutete »lieben« »Dienstleistungen erbringen, Zuneigung, Dankbarkeit«. Sie war anderer Ansicht und widersprach verwundert, dass Liebe mehr bedeutete als Dankbarkeit nichts, was wir einer Person schulden, weil sie etwas für uns getan hat. »So viele Menschen«, schrieb Beauvoir am folgenden Tag in ihr Tagebuch, »haben die Liebe nie gekannt!«[1]
Diese Neunzehnjährige wusste nicht, dass sie eine der berühmtesten intellektuellen Frauen des 20. Jahrhunderts werden würde, dass ihr Leben ausführlich beschrieben und gelesen werden würde. Allein ihre Briefe und ihre Autobiografie würden über eine Million Worte umfassen,[2] und sie würde philosophische Essays, preisgekrönte Romane, Kurzgeschichten, ein Theaterstück, Reiseberichte, politische Essays und journalistische Arbeiten veröffentlichen ganz zu schweigen von ihrem Opus magnum Das andere Geschlecht, das als »feministische Bibel« gepriesen wurde. Sie würde Mitbegründerin politischer Zeitschriften werden, erfolgreiche Kampagnen für neue Gesetze führen, gegen die unmenschliche Behandlung von Algerier*innen protestieren, in der ganzen Welt Vorträge halten und Regierungskommissionen leiten.
Simone de Beauvoir würde auch zu einer der berühmt-berüchtigtsten Frauen des 20. Jahrhunderts werden. Mit Jean-Paul Sartre bildete sie ein streitbares intellektuelles Powerpaar. Und leider bestand die öffentliche Wahrnehmung fast das gesamte 20. Jahrhundert über darin, dass er die intellektuelle Power lieferte und sie das Paar. Als Beauvoir 1986 in Paris starb, überschrieb Le Monde ihren Nachruf auf sie und ihre Arbeit mit den Worten »Mehr Popularisierung als Kreation«.[3] Angesichts der vorhandenen Biografien sei es »durchaus verständlich«, schrieb Toril Moi 1994, »wenn man bei deren Lektüre zu dem Schluss kommt, die Bedeutung von Simone de Beauvoir sei weitgehend auf ihre relativ unkonventionelle Beziehung zu Sartre und ihre anderen Geliebten zurückzuführen«.[4]
In den letzten Jahrzehnten ist eine Vielzahl von Enthüllungen über Beauvoir an die Öffentlichkeit gedrungen, zur Überraschung ihrer Leser*innen, die sie zu kennen meinten. Ironischerweise haben aber auch sie Beauvoir als Denkerin in den Hintergrund gerückt, indem sie die Illusion aufrechterhielten, ihr Liebesleben sei das Interessanteste an ihr gewesen. Dabei war es letztendlich ihre Philosophie, die sie dazu brachte, ihr Leben, so, wie sie es führte, zu leben und immer wieder zu überdenken und neu zu bewerte