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Am 3. Februar 1959 streikt Luciana Thordai-Schweizer gemeinsam mit 50 Kolleginnen. Die Lehrerinnen am Basler Mädchengymnasium legen ihre Arbeit nieder, um gegen den Ausgang einer eidgenössischen Abstimmung zu protestieren: Zwei Tage zuvor haben die Schweizer Männer das Stimm- und Wahlrecht für Frauen abgelehnt. Der Protest geht als «Basler Lehrerinnenstreik» in die Schweizer Geschichte ein.
Eigentlich will Luciana Schweizer nicht Lehrerin werden. Sie möchte Medizin studieren. Doch ihr Vater verbietet ihr das Medizinstudium – es sei gesundheitlich zu anstrengend für eine junge Frau. So arbeitet sie zunächst als Sekretärin bei einem Basler Transportunternehmen, anschliessend ein Jahr lang als «student employee» in Südengland bei der Ciba, der heutigen Novartis. Doch sie ist «todunglücklich» im Büroberuf und kehrt in die Schweiz zurück. Sie studiert in Basel und Paris Französisch, Englisch und Geschichte, besucht Psychiatrievorlesungen für NichtmedizinerInnen und ergreift den Lehrerinnenberuf.
1956 beginnt Luciana Schweizer am Basler Mädchengymnasium – umgangs-sprachlich «Affenkasten» – zu unterrichten. Eine Klasse umfasst knapp vierzig Schülerinnen. Viele der Lehrerinnen des Basler Mädchengymnasiums engagieren sich seit Jahren für die politischen Rechte der Frauen, zum Beispiel im Basler Frauenstimmrechtsverein. Den Lehrerinnen wird nicht nur die politische Gleichberechtigung vorenthalten, sie erleben auch in ihrem Berufsalltag erhebliche Diskriminie-rungen gegenüber den männlichen Kollegen. So verdienen die Lehrer mehr als die Lehrerinnen. Überdies gilt für Frauen die (nach dem Ersten Weltkrieg eingeführte) «Zölibatsklausel», die mit einem Überschuss an Lehrkräften begründet wird: Heiratet eine Lehrerin, verliert sie ihre feste Stelle, kann höchstens als schlechter bezahlte feste Vikarin mit einem Jahresvertrag weiterarbeiten und muss ihre Pensionskasse aufgeben.
Diese Diskriminierungen erklären zusätzlich die Empörung im Lehrerinnenzimmer am Montagmorgen nach der Abstimmung. Denn am Vortag, dem 1. Februar 1959, hatte die männliche Stimmbevölkerung die erste eidgenössische Vorlage zur Einführung des Frauenstimmund -wahlrechts mit einer Mehrheit von 66 Prozent verworfen. Die Lehrerinnen wollen diesen Entscheid nicht stillschweigend hinnehmen. Die spontane Idee des Streiks kommt von der Historikerin, Lehrerin und ehemaligen Konrektorin Dr. Rut Keiser. Für Luciana Schweizer ist sofort klar, dass sie sich dem Streik anschliesst, obwohl sie sich eigentlich nicht besonders für das Frauenstimmrecht interessiert. Denn sie erkennt, wie wichtig der Kampf für die politischen Rechte für ihre älteren Kolleginnen ist: «Diese Frauen waren gebildet, gescheit, politisch interessiert, aber durften nicht stimmen gehen. Sie haben mit Herzblut gekämpft. Ich habe mich aus Solidarität am Streik beteiligt.»
Am nächsten Morgen klingelt es um 10 Uhr an der Haustür der Lehrerin. Es ist die Schulklasse, die um diese Zeit eine Geschichtsstunde bei ihr hätte. Der Rektor hatte die Schülerinnen nach Hause geschickt, nachdem keine der Lehrerinnen zur Arbeit erschienen war. Luciana Schweizer ist erleichtert – der Streikaufruf ist also befolgt worden. Um 12 Uhr berichtet dann auch Radio Beromünster über den Lehrerinnen-streik. Am 3. Februar 1959 hätten 39 der ungefähr 50 Lehrerinnen unterrichten müssen. Bis auf zwei, die nicht fest angestellt sind, unterzeichnen alle Lehrerinnen die Solidaritätserklärung. Auch die beiden Schulsekretärinnen streiken.
Die Konsequenzen des Streiks sind zunächst ungewiss. Einige der Kollegen und auch der Rektor haben Verständnis für den Unmut der Lehrerinnen. Andere Lehrer reagieren missmutig. Die Zeitungen berichten – sogar die New York Times – und die Lehrerinnen erhalten viele Zuschriften, meist unterstützender Natur. Als sich der Erziehungsrat mit der Protestaktion befasst, spricht Luciana Schweizer als Teil einer Dreierdelegation vor der Inspektionsbehörde. Diese beschränkt sich auf einen schriftlichen Verweis und streicht den streikenden Lehrerinnen einen Tagessold.
Der Basler Lehrerinnenstreik ist Ausdruck der starken Frauenstimmrechtsbewegung im Kanton Basel-Stadt, der 1966 als erster deutschsprachiger Kanton das kantonale Stimm- und Wahlrecht für Frauen einführt.
Im selben Jahr heiratet Luciana Schweizer den ungarischen Arzt Stefan Thordai. Auch nach ihrer Zeit am Basler Mädchengymnasium beschäftigt sich die Lehrerin mit dem Streik. Sie gehörte 1959 zwar nicht zu den Initiantinnen der Protestaktion, wird aber zu einer wichtigen Mitstreiterin. Sie hält Reden, gibt Interviews und hält die Erinnerung wach, dass die politischen Rechte erkämpft werden mussten. Gleichzeitig sensibilisiert der Streik Luciana Thordai-Schweizer für Frauenrechte. Vor dem Streik politisch wenig interessiert, war sie seit 1971 nur zweimal nicht an der Urne. Und der Kampf für Gleichberechtigung ist für sie nicht abgeschlossen: «Es ist noch lange nicht alles erreicht.» (Quelle: EKF).
«Diese Frauen waren gebildet, gescheit, politisch interessiert, aber durften nicht stimmen gehen. Ich habe mich aus Solidarität am Streik beteiligt» Luciana Thordai-Schweizer, 2018