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Bis 1916 war in Basel fast täglich der Gefechtslärm aus dem Elsass zu hören. Die Grenzlage der Stadt und die Nähe zu den Kampfhandlungen liessen die Bevölkerung unter ständiger Bedrohung leben. Der Stadtkanton und seine Regierung seien deshalb in ihren Parteinahmen gegenüber den kriegführenden Mächten «relativ zurückhaltend» gewesen und hätten «viel Mitgefühl für das zwischen den Fronten geschundene Elsass» gezeigt, schreibt der Historiker Robert Labhardt in der Einleitung zu seinem Buch «Krieg und Krise. Basel 1914-1918».
Plötzlich abgeschnitten
Auf die Industriestadt Basel habe sich der Krieg besonders ausgewirkt, weil er den internationalen Handel stark behinderte – und somit den Absatz der hier erzeugten Produkte. Zudem hätten sich in der zweiten Kriegshälfte die sozialen Gegensätze extrem verschärft, und Basel sei «als Stadtkanton ohne landwirtschaftliches Hinterland Versorgungskrisen extremer ausgeliefert» gewesen. Es habe sich von der Bundespolitik vernachlässigt gefühlt.
Das sind Kernpunkte von Robert Labhardts gründlicher Forschungsarbeit. Seine Erkenntnisse überführt der Historiker in einen gut lesbaren, lebendigen Text, durch den sich die Aufzeichnungen der Bürgerstochter Getrud Preiswerk (1898-1989) wie ein roter Faden ziehen. 16 bei Kriegsbeginn, schildert Preiswerk fast täglich ihre Beobachtungen und ermöglicht damit einen Einblick in die Stimmungslage der oberen Mittelschicht.
Öder Dienst, stumpfsinniger Drill
Ein Kapitel von Robert Labhardts Buch gilt dem militärischen Dienstbetrieb, dieser «öden Mischung von Strapazen und Ereignislosigkeit», wie er festhält. Die Basler Soldaten leisteten in den Kriegsjahren in sechs Dienstperioden insgesamt je 600 Tage Militärdienst. General Wille hatte der Truppe preussischen Drill verordnet mit dem Ziel, die Individualität der Wehrmänner auszulöschen. Labhardt schreibt: «Der freie Bürger hatte sich in die Strukturen einer Institution einzuordnen, die auf blindem Gehorsam, Tötungsbereitschaft und kollektiver Verfügbarkeit beruhte.» Ein deutlicher Gegensatz zum steigenden Selbstbewusstsein der Arbeiter und zum Status der Wehrmänner als mündige Bürger eines demokratischen Staates.
Verarmung der Bevölkerung
Da steckt viel sozialpolitischer Sprengstoff drin. Auch in der sozialen Frage, die in Robert Labhardts Arbeit einen hohen Stellenwert einnimmt: die Verarmung der Bevölkerung wegen des Militärdiensts und der kriegsbedingten Arbeitslosigkeit. Denn die Sozialmassnahmen des Staates reichten nicht aus. In den Städten hungerten nicht wenige. Die eidgenössische Notunterstützung blieb während der ganzen Kriegsjahre unverändert, obwohl die Inflation von 1914 bis 1918 insgesamt über 100 Prozent betrug.
Von einem «sozialpolitischen Skandal» schreibt deshalb Labhardt. Wer in seinem Buch die Schilderungen der existenziellen Not liest, muss ihm beipflichten.
Interne Spannungen
Das gesellschaftliche Klima der Kriegsjahre 1914-1918 fasst der Basler Historiker so zusammen: «Eine gesellschaftliche Solidarität unter den Bedingungen des Kriegs gab es nicht. Das Wirtschaftsbürgertum, dessen Wortführer Vertreter der Exportindustrie waren, war auf den eigenen Geschäftsgang und die Kriegsentwicklungen im Ausland fixiert. Dort fand es sich bereit zu humanitärem Engagement. Es schaute aber weg von der Not der eigenen Bevölkerung und wollte im Landesstreik weniger die Folge eigener Reformversäumnisse als das Werk ausländisch-bolschewistischer Subversion erkennen.»
Der Generalstreik von November 1918 war vor dem Hintergrund der sozialen Spannungen nur logisch. Dass die Schweizer Sozialdemokratie gestärkt aus der «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» hervorging, ebenso. Und deswegen ist Robert Labhardts Buch «Krieg und Krise» ein wichtiger Baustein der Schweizer Sozialgeschichtsschreibung.
Buchhinweis
Robert Labhardt: «Krieg und Krise. Basel 1914-1918», Christoph Merian Verlag, 2014.