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Chiodera in Ragaz u. a. Die neben dem vielbesuchten Kloster sich entwickelnde Ortschaft St. Gallen gestaltete sich natürlich schon früh zum Marktflecken.
Die Anfänge der Leinwandfabrikation u. des -handels gehen bis ins Mittelalter zurück, während die Entfaltung zum wirklichen Grosshandel ins 15. Jahrhundert gesetzt werden kann. Im 18. Jahrhundert wurde die Fabrikation von Barchent und Baumwolltüchern an die Hand genommen, aus welcher alsbald die Mousselinweberei und später die weltbekannt gewordene st. gallisch-appenzellische Stickerei hervorgingen. In neuerer Zeit hat sich die von St. Gallen ausgegangene Maschinenstickerei über die ganze Ostschweiz, Vorarlberg und das südl. Schwabenland ausgebreitet.
Von grosser Bedeutung ist auch die toggenburgische Buntweberei geworden. Hier war der Fabrikant vorherrschend, der auf eigene Rechnung eine grössere Anzahl von Spinnern und Webern beschäftigte und seine Garne und Tücher nach Lichtensteig oder auch direkt nach St. Gallen, Herisau und Winterthur zu Markte brachte. In den Bezirken am obern Zürichsee hat in neuerer Zeit die Seidenweberei Fuss gefasst. Wollwebstühle finden sich vereinzelt im Werdenbergischen.
Erwähnung verdient die Töpferei in Bernang (Berneck), sowie als vorübergehende Erscheinung der Betrieb des Eisenbergwerks am Gonzen bei Sargans und die Glashütte in Mels. Vom Zürchergebiet und Toggenburg aus verpflanzte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Verarbeitung der Baumwolle zu groben Garnen in fast jedes Bauernhaus im Linthgebiet. Gegen Ende des Jahrhunderts leitete sich mit dem Eindringen der englischen Maschinengarne die Einführung der mechanischen Spinnerei ein, und vor hundert Jahren wurde als erstes schweizerisches Aktienunternehmen in den St. Galler Klostergebäuden und im ehemaligen städtischen Tuchhaus die erste mechanische Baumwollspinnerei eingerichtet.
Neben den rasch sich entwickelnden grossen mechanischen Spinnereien tauchten bald auch kleinere auf, wodurch die vordem allgemein betriebene Handspinnerei nach und nach zurücktrat. Die Weberei erhielt fast gleichzeitig eine wesentliche Förderung durch den vom Fabrikanten Egli in Flawil erfundenen «Schnellschützen», der die Leistungsfähigkeit des Webstuhles aufs doppelte und dreifache des bisherigen steigerte und zugleich erlaubte, dem Gewebe eine grössere Breite zu geben. Für die Ausrüstung der Erzeugnisse der Textilindustrie wurde in der Ersetzung der Naturbleiche durch die chemische Schnellbleiche ein bedeutender Fortschritt erzielt.
Die Seele des ganzen Industrie- und Handelslebens bildet auch heute noch die Stadt St. Gallen, ohne dass ihr die lästigen Attribute einer modernen Fabrik- und Industriestadt anhaften. Die Industrie St. Gallens war nämlich von jeher und ist heute noch von feiner Art: Erzeugung von Leinwand in früherer Zeit und Erstellung feinster Stickereien und Spitzen in der Gegenwart. St. Gallen ist der Zentralpunkt des ganzen Stickereigebietes der Kantone St. Gallen, Appenzell, Thurgau und Zürich, sowie von Vorarlberg.
Jeden Mittwoch und Samstag spielt sich ein grosser Teil des Geschäftsverkehres auf der Stickereibörse am (ehemaligen) Multertor ab. In der Stadt selbst werden sozusagen keine Stickereien angefertigt, sondern es wird hier nur rohe Ware ausgerüstet und fertig gestellt. In den vielen Exportgeschäften sind hunderte von Händen damit beschäftigt, die Waren zu kontrolieren, zu sortieren und für den Export vorzubereiten. Einige dieser Geschäfte sind in wahren Palästen untergebracht.
Die Stickmaschinen finden sich im ganzen Industriegebiet, d. h. in der nähern und fernern Umgebung der Stadt zerstreut vor; nach der Statistik von 1900 zählte man deren im Ganzen rund 23000, wovon 19500 sog. Handmaschinen und 3500 Schifflimaschinen mit mechanischem Antrieb. Der jährliche Produktionswert der Stickerei beträgt heute weit über 100 Millionen Fr., welche Summe etwa den siebenten Teil des Gesamtexportes der Schweiz ausmacht. Man unterscheidet die Maschinenstickerei (Handmaschine und Schifflimaschine; Herstellung von Bändern, Entredeux, Roben, Taschentüchern, Halstüchern etc.) und die Kettenstich- oder Grobstickerei (Vorhänge, Storen, Vitragen etc.). Kettenstichstickerei ist vorwiegend Hausindustrie, Handmaschinenstickerei zugleich Haus- und Fabrikindustrie und die erst in neuerer Zeit eingeführte Schifflistickerei durchweg Fabrikindustrie.
Die Maschinenstickerei zählt im ostschweizerischen Stickereigebiet rund 280, z. T. sehr bedeutende Fabriken, die etwa 10000 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigen. Die feine Handstickerei ist seit der Einführung der Stickmaschinen zurückgegangen, doch wird in diesem Genre auch heute noch, meist von der kunstfertigen Hand der Appenzellerinnen, manch' wertvolles Stück angefertigt. Durch seine Stickereien verkehrt St. Gallen mit der ganzen Welt. Die wichtigsten Absatzgebiete sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika (1900: 47,3 Mill. Fr.) und England mit seinen Kolonien (32,9 Mill. Fr.). Deutschland und Frankreich stehen mit 6,9 bezw. 8,9 Mill. Fr. weit zurück. Nach Geering und Holz bildet der Stickereiexport nach der Union den wichtigsten Posten, in der Regel etwa 40%, 1899 bis 1901 aber nahezu 50% der gesamten schweizerischen Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten. Der Stickerei dienen auch noch verschiedene Hilfsindustrien, wie Sengereien, Bleichereien, Appreturen etc.
Als weitere industrielle Etablissemente von Bedeutung ¶
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sind noch Spinnereien, Zwirnereien, Maschinenfabriken, grössere Elektrizitätswerke, eine Anzahl mechanischer Werkstätten, Bierbrauereien etc. zu nennen. 1900 zählte der Kanton 10 Baumwollspinnereien mit 283898 Spindeln, etwa 4500 mechanische und 2500 Handwebstühle für Baumwollenfabrikate, sowie 10000 Stickmaschinen. In den Bezirken See, Gaster und z. T. in Sargans und Werdenberg ist auch die Seidenweberei eingeführt. Ausser Zeugwaren versendet der Kanton viele Felle, die roh aus Graubünden und Appenzell kommen und hier verarbeitet werden. Es bestehen im Kanton St. Gallen 5 Gaswerke, 660 Wasserwerke mit einer Gesamtkraft von 15000 PS (die drei bedeutendsten dieser Werke liefern zusammen 8000 PS), 21 Elektrizitätswerke mit einer Minimalkraftleistung von 5000 PS. 382 Dampfmaschinen und 15 Gasmotoren. 73 Finanzinstitute, wovon 66 Bankgeschäfte, Spar- oder Leihkassen.
Nur wenige Privatbanken. Zahlreiche Unfalls-, Kranken- und Sterbekassen. In jeder grösseren Ortschaft besteht ferner ein Konsumverein. Unter dem eidgenössischen Fabrikgesetz stehen im Kanton 749 Fabrikbetriebe, nämlich 429 Stickereien, 28 Baumwollwebereien, 19 Zwirnereien, 10 Baumwollspinnereien, 9 Baumwollfärbereien, 21 Sengereien, Bleichereien und Appreturen, 8 Seidenwebereien, 22 Giessereien und Maschinenfabriken, 14 Ziegeleien, 29 Sägen und Zimmergeschäfte, 21 Mühlen, 14 Buchdruckereien, 10 Elektrizitätswerke, 12 Buchbindereien und Kartonnagegeschäfte, 14 Bierbrauereien, 5 chemische Wäschereien, 4 Gerbereien, 4 Lithographiegeschäfte, 3 Teigwarenfabriken, 3 Mühlenbauwerkstätten, 6 Schlossereien, 3 Rahmen- und Vergoldergeschäfte, 3 Fabriken elektrischer Maschinen und Apparate, 3 Schiefer- und Marmorgeschäfte etc. Die Gesamtzahl der in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiter beträgt 24252, wovon 11936 Männer, 11318 Frauen und 998 Kinder unter 10 Jahren.
Mit der Wahrung der industriellen und kommerziellen Interessen der Stadt befasst sich in umsichtigster und erfolgreichster Weise vorab das Kaufmännische Direktorium der Stadt St. Gallen. Näheres über dessen Tätigkeit s. im Art. Stadt St. Gallen.
Verkehrswesen.
Der Umstand, dass im Innern des Kantons die zwei dem freien Verkehr hinderlichen Gebirge des Säntis und der Churfirsten liegen und dass St. Gallen ferner zwei politisch selbständige Halbkantone vollständig umschliesst, stellte dem erst 1803 gegründeten Staatswesen grosse Aufgaben und legte ihm schwere Opfer auf, wenn es alle seine einzelnen Landesteile mit guten Verkehrsverbindungen versehen wollte. Gleich schon im ersten Jahrzehnt seines Bestehens setzte sich der junge Kanton ein ehrenvolles Denkmal durch den Bau der imposanten steinern Krätzerenbrücke (über die Sitter) an der von Abt Beda erstellten Strasse von Wil nach Rorschach. Um die Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts beteiligte er sich finanziell stark an dem Bau der zum Bedürfnis gewordenen Eisenbahnen, sodass sich bald ein langer Schienenweg längs seiner ganzen Peripherie spannte: Fortsetzung der Linie Zürich-Winterthur über Wil und St. Gallen nach Rorschach, Linien das Rheinthal hinauf bis Sargans und Ragaz (mit Fortsetzung nach Chur), sowie von Sargans zum Walensee und Linthgebiet bis Rapperswil (Anschluss an die Linie nach Zürich). Später beteiligte sich der Kanton auch an der in Wil von der Linie Zürich-Winterthur-St. Gallen abzweigenden Toggenburgerbahn, sowie an den Linien Rapperswil-Pfäffikon (-Zentralschweiz), Gossau-Sulgen und Wil-Frauenfeld.
Neuestens hat der Kanton endlich auch mit einem ganz beträchtlichen Beitrag die Erstellung der Verbindung Romanshorn-St. Gallen-Wattwil-Uznach-Rapperswil ermöglicht und der Linie Ebnat-Nesslau ebenfalls eine weitgehende Unterstützung zugesichert. Die Hafenanlage in Rorschach wird vom Kanton unterhalten, und es ist an ähnliche Arbeiten am Boden- und Walensee ebenfalls finanzielle Beihilfe geleistet worden. Bahnlinien verbinden auch Rorschach mit Romanshorn-Konstanz und St. Margrethen und Buchs mit dem Vorarlberg.
Zahnradbahn Rorschach-Heiden; Drahtseilbahnen Rheineck-Walzenhausen, St. Gallen-St. Georgen (Mühleck), Ragaz-Wartenstein; elektrische Strassenbahnen St. Gallen-Gais-Appenzell, St. Gallen-Speicher-Trogen, Altstätten-Herbrugg-Berneck, Wil-Frauenfeld und Strassenbahnnetz der Stadt St. Gallen; Schmalspurbahn Winkeln-Herisau-Appenzell. Automobilwagenkurse Rorschach-Thal-Rheineck, Flawil-Degersheim, Herisau-St. Peterzell und Rapperswil-St. Gallenkappel.
Die Hauptstrassen durch alle Bezirke und in der Richtung nach allen bedeutenden Verkehrspunkten sind als Staatsstrassen vom Kanton übernommen oder auf eigene Kosten erstellt worden. Das Staatsstrassennetz von im Ganzen 473 km Länge erfordert eine jährliche Unterhaltungsausgabe von etwa 600000 Fr. Im Verlauf der letzten 50 Jahre hat sich auch das Netz der Gemeindestrassen sehr stark ausgedehnt und verbessert. An diese Bauten leistet der Kanton ebenfalls bedeutende Beiträge und zwar je nach den Verhältnissen solche von 10-40% der Gesamtkosten. Aber auch die sog. Nebenstrassen erfreuen sich der finanziellen Mithilfe des Kantons. Es sind namentlich diese kantonalen Unterstützungen, die die erfreuliche Entwicklung des Strassenwesens ermöglichten und sowohl eine rationelle Anlage als auch solide Durchführung sicherten.
Verwaltungs- und Gerichtswesen.
Der Kanton zerfällt in 15 Bezirke (St. Gallen, Tablat, Rorschach, Ober und Unter Rheinthal, Werdenberg, Sargans, Gaster, See, Ober, Neu, Alt und Unter Toggenburg, Wil und Gossau) und umfasst 93 politische Gemeinden mit eigener Verwaltung und ¶