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Vor
rund 650 Jahre wurde die Basel (Erdbeben von
Basel)von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Am 18. Oktober
1356 wurden grosse Teile der damaligen Stadt Basel von einem Erdbeben der
Stärke 6,5 (Richterskala) zerstört.
Nach heutigem Wissensstand ist ein Erdbeben dieser Stärke auch heute
jederzeit in der Schweiz wieder möglich. Gemäss dem Schweizerischen
Erdbebendienst hat in den letzten 800 Jahren in der Schweiz die Erde mehr
als 10'000 Mal gebebt. Rund ein halbes Dutzend Beben waren stärker
als 6,0 auf der Richterskala.
Die Rheintal 06 ist eine drei Tage dauernde Übung die von der Schweiz, Österreich und Liechtenstein gemeinsam durchgeführt wird.
Unter dem fiktiven Szenario, dass ein Erdbeben mit der Stärke 6,0 der Richterskala den Osten der Schweiz um 5 Uhr am Dienstag erschüttert hätte, mussten die drei Länder Katastrophenhilfe-Teams mobilisieren, um den 420'000 vom Beben betroffenen Menschen zu helfen. Weiter musste man sich mit den beschädigten Gebäuden und der zerstörten Infrastruktur auseinandersetzen.
Am Dienstag, 17. Oktober 2006, hat gemäss Übungsszenario in den Morgenstunden die Erde gebebt! Das Epizentrum befand sich im St.Galler RHEINTAL. Die Richterskala zeigte ein Beben der Stärke 6. Also ein starkes, aber nicht unwahrscheinliches Erdbeben, mit zahlreichen Verschütteten und Verletzten sowie mit unzähligen Obdachlosen - So gestaltet sich das "Startszenario" der Erdbebenübung RHEINTAL 06, die vom 16. bis zum 19. Oktober 2006 mit Über 1200 Beteiligten aus Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Sanität, Technische Betriebe und dem Militär aus Vorarlberg (Österreich), dem Fürstentum Liechtenstein und der Schweiz stattfand. Das Motto der Übung hiess "Hilfe kennt keine Grenzen". nach oben
Dieses
Szenario hat eine trinationale Übungsleitung mit diversen Experten
während der letzten drei Jahre ausgearbeitet. Dabei stand sie unter
der Projektaufsicht von Regierungsvertretern aus dem Fürstentum
Liechtenstein (Regierungsrat Dr. Martin Meyer), dem Bundesland Vorarlberg (Landessicherheitsrat Ing. Erich Schwärzler) und dem Kanton St.Gallen (Regierungsrat Willi Haag) sowie der Kommandanten der Territorialregion
4 (Divisionär Peter Stutz) und des Militärkommandos Vorarlberg (Brigadier Gottfried Schröckenfuchs). Die Übungsleitung hat ein
Szenario definiert, das in keinster Weise alltäglich ist, als Extremfall
aber möglich wäre.
Morgens um fünf Uhr bebte die Erde
Kurz nachdem das Ereignis festgestellt wurde, traten die Alarmzentralen in Aktion. Sie nahmen sofort Kontakt mit den betroffenen Regionen und verschiedenen Fachstellen auf, um ein umfassendes Lagebild zu erstellen. Noch vor Morgengrauen lag ein erster Lagerapport vor, der einen Überblick Über die Katastrophe und deren Auswirkungen gab.
Menschen kamen zu Schaden
Anhand der aussergewöhnlichen Stärke des Erdbebens ist davon auszugehen, dass es Tote und Verletzte gegeben hat. Kurz vor Mittag ist in einem Bulletin von fast 100 Todesopfern und 700 Verletzten die Rede. Zudem ist mit einer grossen Anzahl von Obdachlosen zu rechnen. Unter der Bevölkerung ist teilweise Panik ausgebrochen. Die Notrufnummern der Kantone St. Gallen, Graubünden und der beiden Appenzell sind völlig Überlastet. Die Empfehlung des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED), die Häuser im Schadensgebiet wegen drohender Nachbeben zu verlassen, trägt zusätzlich zur allgemeinen Verunsicherung bei.
Schwere Schäden an der Infrastruktur - Versorgungswege unterbrochen
Gebäude im Rheintal vom Bodensee bis Sargans sowie östlich St. Gallen wurden erheblich, teilweise sogar völlig zerstört. Auch aus Feldkirch und Umgebung treffen zahlreiche Schadensmeldungen ein. In den angrenzenden Gebieten sind leichte Schäden festzustellen. Zwischen Buchs und Altstätten kam es zu einem Stromausfall, der immer noch andauert. In Widnau wurde Gasgeruch bemerkt und die Region St. Margrethen und Buriet ist von der Gasversorgung abgetrennt. Aufgrund diverser Netzausfälle im Telekommunikationsbereich sind Festnetz- und mobile Kommunikation wesentlich beeinträchtigt. Die A13 sowie einige Hauptstrassen sind nicht befahrbar. Ebenfalls in grösserem Ausmass ist die SBB betroffen: In Lustenau kommt es zu einem Bahnunfall, auch in Buchs SG ist ein Zug entgleist, zwischen Sargans und St. Margrethen ist die Linie unterbrochen, Ersatzbusse können keine zur Verfügung gestellt werden.
Anspruchsvolle Übungsanlage
Diese Schadenlage macht deutlich, dass ein Erdbeben stets zu massiven Folgeschäden führt. Das realistische Szenario stellt auf jeden Fall ein anspruchsvolles und lehrreiches Übungsfeld für die zivilen und militärischen Führungskräfte sowie Einsatzorganisationen dar.
Schutz und Rettung stehen im Vordergrund
Zuallererst galt es, die Führungsorganisationen vor Ort hochzufahren. Innert Kürze arbeiteten die Kantonalen Führungsstäbe unter Hochdruck. Dabei steht im engeren Schadensgebiet die Ortung und Rettung von Betroffenen im Vordergrund. Zudem wird der Fokus auf Einsätze zur Gefahrenabwehr von Sekundärereignissen (z.B. Brände, Chemieunfälle) gerichtet. Gleichzeitig muss die Zusammenarbeit mit den ebenfalls betroffenen Gebieten in Vorarlberg und Liechtenstein koordiniert werden. Entsprechend ist die grenzübergreifende Zusammenarbeit ein zentraler Übungsbestandteil.
Wie bei einem solchen Ereignis Üblich, finden Führungsorgane und Einsatzkräfte alles andere als ideale Arbeitsbedingungen vor. Zusätzlich zu den betroffenen Menschen im Schadensgebiet, die rasche und wirkungsvolle Hilfe erwarten, verlangen Medien aus der Schweiz und Ausland dauernd nach neuen Informationen und zudem reisen von Überall her Katastrophentouristen an, welche die Rettungs- und Aufräumarbeiten vor Ort beeinträchtigen. Schliesslich sieht die Übungsanlage auch noch kaltes und regnerisches Wetter vor.
Üben im Massstab 1:1
Im Verlauf des Tages konnten sich interessierte Besucher ein Bild von den Rettungs- und Aufräumarbeiten machen. Die Beseitigung von Trümmern, der Bau einer improvisierten Brücke, der Rettungseinsatz nach einem Eisenbahnunglück, die Löschaktion bei einem Grossbrand im Tanklager Sennwald sowie Evakuationen und Patientenversorgungen machen deutlich, dass man gewillt ist, den Umgang mit einer solchen Katastrophe möglichst 1:1 zu üben. Auffallend war dabei die sichtliche Motivation der Beteiligten sowie die modernen und leistungsfähigen Maschinen und Geräte.
Kurz nachdem das starke Erdbeben festgestellt wurde, nahmen die Führungsorgane ihre Arbeit auf. Bereits wenige Stunden später standen Rettungskräfte aus der Schweiz, aus Österreich und dem Fürstentum Liechtenstein im Einsatz. Koordiniert wurden die Aktionen von zivilen und militärischen Führungsstäben, und auf zahlreichen Schadenplätzen war man während der letzten Tage bestrebt, mit vereinten Kräften der Lage Herr zu werden.
Präzise Lagedarstellung
Dass in der Erdbebenübung RHEINTAL 06 überhaupt anhand eines realistischen Szenarios trainiert werden konnte, ist der Nationalen Alarmzentrale (NAZ) zu verdanken. Rund 120 Experten der NAZ leisteten die wissenschaftliche Grundlagenarbeit. Zudem lieferten sie den Teilnehmern regelmässig einen Überblick zur bevölkerungsschutzrelevanten Lage. Dies hiess beispielsweise, dass es am Mittwochmorgen noch zu einem Nachbeben kam. Obwohl mit einer Magnitude von 5,7 auf der Richterskala etwa fünfmal schwächer als am Dienstag, reichte dieses Ereignis aus, bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz zu bringen, Risse im Rheindamm zu erweitern und insgesamt die Verunsicherung unter der Bevölkerung zu verstärken.
Taten
statt Worte!
Verglichen mit ähnlich starken Erdbeben und in Anbetracht der Besiedelung und Bausubstanz ergaben die Berechnungen ein gravierendes Bild: über 200 Schwerverletzte, mehrere Dutzend Tote und ca. 170'000 zumindest kurzfristig Obdachlose. Im Ernstfall müssten Rettungskräfte schon nur allein deshalb rasch in Einsatz treten, um das Vertrauen der Bevölkerung zu erlangen und zu signalisieren, dass etwas getan wird. Dieser Aspekt kam im Rahmen der Erdbebenübung RHEINTAL 06 nicht zu kurz. Auf zehn Plätzen konnte direkt vor Ort begutachtet werden, wie Sanität, Polizei, Feuerwehr sowie Katastrophenhilfe- und Rettungsformationen die Lage zu bewältigen versuchten. Zusätzlich wurde interessierten Besucherinnen und Besuchern aus Politik und Armee ein Einblick in die Arbeit der zivilen Führungsorgane geboten.
Realitätsnahe Darstellung
Der Tanklagerbrand in Sennwald, die zerstörte Stadt "Gross-Hiltern" oder das Bahnunglück im Bahnhof Lustenau wurden in den letzten Tagen und Stunden auf eindrückliche Weise dargestellt. Stellvertretend dafür sind die zahlreichen Figuranten zu nennen, die in Lustenau (A) sowie bei der Patientenevakuierungsübungen in Grabs (SG) und in Ruggell (FL), die Verletzten spielten.
Nicht nur waren täuschend echt wirkende Verletzungen angebracht oder aufgeschminkt, sondern die Verletzten hatten auch noch genaue Anweisungen, welche Verhaltensweisen sie zu zeigen hatten. Auf diese Weise war nicht nur die Fachkompetenz des zivilen und militärischen Sanitätspersonals sowie Rotkreuz- und Samariterorganisationen gefragt, sondern sie mussten auch noch beruhigend auf die Patienten einwirken. Somit wurde sowohl die physische wie psychische Widerstandfähigkeit der Helfer herausgefordert. Wie wichtig gerade letztgenannter Aspekt bei einem solchen Ereignis sein wird, kann man sich in Anbetracht des Schadenausmasses trotzdem nur ansatzweise vorstellen.
Die ersten vor Ort
Am Beispiel des Tanklagerbrandes in Sennwald konnte am Dienstagabend 1:1 mitverfolgt werden, dass die zivilen Rettungskräfte - in diesem Fall die Feuerwehr Sennwald - innert Minuten auf dem Schadenplatz waren. Kurze Zeit später traf Unterstützung seitens der Feuerwehr Buchs ein. Angesichts der Grösse des Ereignisses zeichnete sich allerdings nach einiger Zeit ab, dass der Wassernachschub nicht mehr sichergestellt war. Eine vergleichbare Erkenntnis liess sich aus den Erfahrungsberichten der regionalen oder gemeindlichen Führungsstäbe ableiten. Nach zwölf Stunden Stabsarbeit braucht es frischen "personellen Nachschub" und in Bezug auf die benötigten Mittel wurde über kurz oder lang auch hier der Ruf nach dem Militär laut.
Schwere Mittel
Was
die Armee im Rahmen ihrer subsidiären Unterstützung zu leisten
vermag, sah man beim Löschwassertransport in Sennwald. Zusätzlich
wurde dort seitens der Armee noch ein Wasserwerfer eingesetzt und auch
die Beleuchtung wurde von der Rettungskompanie sichergestellt. Bei der
Trümmerbeseitigung in Gross-Hiltern gelangten wiederum zivile und
militärische Katastrophenhilfe- und Rettungsformationen zum Einsatz.
In Ruggell bauten die Sanitätstruppen ein Notspital auf, wo die notwendige
Triage der Verletzten sowie erste medizinische Eingriffe vorgenommen werden
konnten.