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Jürg Wüst
Lesung: Phil 4, 6-9
Evangelium: Mt 21, 33-44
Liebe Gläubige
In den Weinbergen gehen die Trauben der letzten Reife entgegen. Es ist dann immer die Frage nach der Süsse der Trauben und damit verbunden nach der Qualität des Weins. Der Weinkenner, die Weinkennerin fragt: wie viel Grad Oechsle hat der Saft? Gibt es einen guten Jahrgang? In der Bibel wird das Bild des Weinberges oft für Israel gebraucht. Das Land kann gute Früchte bringen und den Menschen ein frohes und glückliches Leben ermöglichen. Anders, wenn es schlechte Früchte trägt. In unserem Abschnitt wird nicht die Vision eines glücklichen und erfüllenden Lebens in den Vordergrund gerückt. Es geht um einen Konflikt, um den Weinberg selbst. Wer ist der rechtmässige Besitzer? In der Vergangenheit wurde unser Text so ausgelegt, dass die Winzer, also die Pächter, welche die Knechte des Gutsherrn und schliesslich auch den Sohn umbringen, die Juden sind. Die Folgen dieser ungerechten und falschen Pauschalisierung kennen wir leider und wir tun gut daran, die Fehler, die zum Holocaust, zur Shoah, dem Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg geführt haben nicht zu wiederholen. Das im Evangelium vorgebrachte Gleichnis muss differenziert gehört und gedeutet werden. Zunächst sind die Worte Jesu nicht an die Juden generell gerichtet. Es heisst im Matthäusevangelium einleitend: In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes. Das Gleichnis spricht also die Gegner Jesu im jüdischen Volk an. Interessant ist dabei der Vorwurf, den Jesus den religiösen Führern damals mit diesem Gleichnis macht. Im Gleichnis werden die Knechte und schliesslich der Sohn des Weinbergbesitzers umgebracht, weil die Pächter die Früchte und Erträge und dann auch den Weinberg selbst für sich in Anspruch nehmen wollen. Dieses Verhalten wird laut Gleichnis bestraft. Mit anderen Worten, man nimmt dem rechtmässigen Besitzer nicht ungestraft den Weinberg weg. Hat Jesus die Hohenpriester und die Ältesten als solche gesehen, die für sich etwas in Anspruch nahmen, das eigentlich Gott gehört? Haben sie sich mit all den religiösen Vorschriften von dem entfernt, was Gott wollte? Der Weinberg gehört seinem Besitzer und nicht seinen Pächtern. Die Pächter haben „nur“ dafür zu sorgen, dass der Weinberg Früchte trägt. Genauso müssen Religionsführer nach Jesus der Sache Gottes dienen und dabei den Blick nicht auf sich, sondern auf Gott selbst lenken. Und genau diesem Vorhaben, sollen auch religiöse Vorschriften dienen. Für die junge christliche Gemeinde war klar, auf wen es den Blick zu richten gilt. Matthäus hat daher zusammen mit dem Evangelisten Markus, das Psalmwort aus Psalm 117 überliefert: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“ Wenn sich die Kirche als Pächterin im Weinberg Gottes versteht, die die Früchte und Erträge und letztlich auch den Weinberg nicht für sich selbst in Anspruch nehmen will, muss sie den Blick auf Jesus Christus lenken. Das ist und bleibt eine grosse Herausforderung! Ich will nicht urteilen, wo das in der Kirche in der Vergangenheit gelang und gelingt und wo sie mehr den Pächtern im Evangelium glich und die Sache Gottes mit Vorschriften und engem Denken an sich riss. Sicher ist, dass dort, wo die Mitmenschlichkeit kirchlichem Stolz und kirchlicher Überheblichkeit geopfert wurde und wird, der Sache Gottes nicht gedient war und ist. Die Kirche darf sich nicht um sich selbst drehen, und so tun, als ob sie Besitzerin des Weinberges wäre. Besitzer ist und bleibt Gott.
Die Kirche muss der Sache Gottes dienen und damit den Menschen und nicht sich selbst. Sie ist nur Pächterin, Verwalterin. Wir können auch uns selbst fragen:
Wo gelingt es dem Eckstein am Glaubenshaus das nötige Gewicht zu geben. Wo lenke ich den Blick auf mich und wo gelingt es, den Blick auf den zu lenken,
- für den die Nächstenliebe nicht ein leeres Wort war,
- auf den, der sich der Schwachen annahm und ihnen hoffnungsvoll begegnete
- auf den, dem der Mensch wichtiger war als Vorschriften und religiöse Regeln
- auf den, der ganz aus der Liebe seines Vaters lebte und von dem darum das Evangelium sagt, wer auf ihn schaut,
sieht den Vater.
Wo es uns und so der Kirche gelingt, den Eckstein, hebräisch: die rosh pinnah, wörtlich den Kopf der Ecke, so einzubauen, dass das Glaubensgebäude zusammengehalten wird,
- da werden wir hingehen zum Einsamen, um den sich niemand kümmert und ihn durch unsere Gegenwart frohmachen.
- Da werden wir hingehen zum Kranken, der Nähe und Trost braucht und seine Hand halten, bis er oder sie wieder ruhig sein kann.
- Da werden wir hingehen zum Verzweifelten, für den das Leben nur aus Enttäuschungen besteht und ihn von seiner Hoffnungslosigkeit erlösen.
werden wir uns als diejenigen Pächter erweisen, „die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist“, wie es im Evangelium hiess. Dass das so gelingt, dafür lohnt es sich immer wieder neu zu beten. Amen.