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Finnland präsentiert sich an der Frankfurter Buchmesse als das belesenste Land der Welt. Doch was bedeutet Lesen überhaupt? Eine Auseinandersetzung mit finnischer Literatur, mit Marktproblemen kleiner Sprachgruppen und der Kultur des Lesens.
Frankfurt: Stadt der Buchmesse, Stadt des europäischen Finanzkapitals. Managerinnen, Banker und andere Figuren in grauem Flanell rauschen durch die Strassen, während über ihnen Flaggen des diesjährigen Gastlandes der Messe wehen. «Finnland. Cool», so knapp und bemüht international ist der Slogan des nordeuropäischen Staats mit der eigentümlichen Sprache. Finnland präsentiert sich im Rahmen der Buchmesse als Kultur, in der «Bücher und Büchereien Teil des Alltags sind, das ganze Leben lang», und veranstaltet sogar eine Podiumsdiskussion mit dem Titel «The Finns. The World’s Most Literary People». Buchmenschen also. Woher stammt dieses Bild?
Lesen ist in Finnland eng mit der nationalen Identität verknüpft. Literatur gewann etwa zeitgleich an Bedeutung wie die finnische Unabhängigkeitsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und diente als Existenzbeweis einer eigenständigen finnischen Kultur.
Ein Akt nationaler Konstitution
Beispielsweise das «Kalevala», bekannt als finnisches Nationalepos: eine Gedichtsammlung, die Elias Lönnrot zwischen 1820 und 1835 sammelte und zusammenstellte. Lönnrot, hauptberuflich Arzt, war sehr interessiert an der finnischen Sprache und Gründungsmitglied der Finnischen Gesellschaft für Literatur. Die Zusammenstellung des «Kalevala» war in doppelter Hinsicht ein zentraler Akt zur Schaffung eines eigenen Selbstverständnisses der FinnInnen. Dies einerseits im kulturellen Sinn, indem erstmals mündliche Überlieferungen aus der Region Karelien vorgelegt wurden, andererseits national: Das «Kalevala» präsentierte ein finnisches Epos, eine Geschichte von Menschen, die weder als SchwedInnen noch als RussInnen gelten konnten.
Wie zahlreiche Gelehrte im 19. Jahrhundert war auch Lönnrot auf der Suche nach einer grossen, kohärenten Erzählung, die sich in die Weltgeschichte einbetten liess. Er wollte die gesammelten Gedichte und Lieder deshalb als Fragmente einer Geschichte verstanden wissen, änderte zu diesem Zweck hier und da ein paar Namen und legte die Reihenfolge so fest, dass ein loser dramaturgischer Bogen entstand. Das «Kalevala» war also von Anfang an auf die Geburt einer Nation ausgerichtet: Die FinnInnen existieren.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich ein weiterer Fall literarischer Identitätskonstruktion beobachten. Als 1870 «Die sieben Brüder» von Aleksis Kivi erschien, war dies eines der ersten Werke in finnischer Sprache – zu einer Zeit, in der die meisten AutorInnen ihre Bücher auf Schwedisch verfassten, der Sprache der gebildeten Oberschicht. Auch inhaltlich brach der Roman mit dieser Tradition und widmete sich dem gemeinen Volk: Die Geschichte handelt von sieben Waisen und ihrer Jugend auf dem Land.
Anfänglich wurde Kivi für sein Werk mit Spott und Hohn überschüttet, sein Werk wurde gar als Schandfleck bezeichnet. Doch im Spiel der finnischen Unabhängigkeit musste unbedingt die Rolle eines Nationalautors besetzt werden, und Kivi kam hier wie gerufen. So avancierte er zum Vater der modernen finnischen Literatur.
Der Aufschwung der Identitätsbewegung, die ihren Höhepunkt mit der Gründung von Finnland im Jahr 1917 fand, war also eng an die Etablierung der eigenständigen Sprache und somit auch der Literatur geknüpft. Das finnische Selbstverständnis und die finnische Geschichte haben sich um Literatur herum etabliert. Die Lektüre dieser beiden Werke galt lange Zeit als direktes Zugreifen auf den ursprünglich finnischen Charakter.
Doch wie überlebt der finnische Buchmarkt heute, wo auch hier in Frankfurt wieder gejammert wird über die Beschränktheit des deutschen Buchmarkts, der doch immerhin rund hundert Millionen potenzielle LeserInnen zählt? Die finnische Sprachgruppe umfasst demgegenüber lediglich eine Nation mit knapp fünfeinhalb Millionen EinwohnerInnen.
Das finnische Selbstverständnis ist ein europäisches und fordert somit eine Nation mit starker Kultur und Literatur. Doch dieses Bild ist sehr zerbrechlich, gerade das Aufrechterhalten einer lebendigen Lyrikszene wird mit Blick auf den Kreis möglicher LeserInnen zu einer Herausforderung. Die sechziger Jahre, in denen finnische LyrikerInnen noch wie Rockstars behandelt wurden, sind eindeutig vorbei. Obwohl die Lyrik weiterhin gefördert wird, ist sie aus dem aktuellen kulturellen Dialog praktisch verschwunden. Das liegt nicht so sehr an den DichterInnen als an der möglichen Maximalgrösse einer solchen Szene.
Das weitverzweigte finnische Bibliothekssystem war lange Zeit eine ausgezeichnete Art, die finnische Lyrik und Literatur lebendig zu halten. Obwohl Finnland immer noch Weltmeister der Bibliotheksbenutzung ist, verliert dieses System zunehmend an Bedeutung – aus denselben Gründen wie überall: wegen der konkurrierenden Medien, allen voran das Internet.
Umso stärker konzentriert sich die Literaturszene auf den Markt und den Verkauf. Aufgrund der beschränkten Grösse vermochten die Prinzipien des Markts in Finnland besonders ausgeprägt zu greifen. Die Autorin, der Autor ist im Zuge dieser Entwicklung weltweit zum Produkt verkommen: Es gibt Schreibakademien und Schreibwettbewerbe, SchriftstellerInnen müssen eine wiedererkennbare Sprache finden, müssen fotogen, redegewandt und an eine Zielgruppe vermarktbar sein. Denn nur solche AutorInnen sind potenzielle Exportprodukte. Wenn wir uns zum Beispiel Sofi Oksanen anschauen – nicht nur ihre Bücher, sondern auch Bilder von ihr und ihre offizielle Facebook-Seite –, erkennen wir schnell, dass sie ein durch und durch designtes Produkt ist.
Neue Wortkünste – neue Spiele
Und da sind wir nun also an der Frankfurter Buchmesse, der «Welthauptstadt der Ideen», einem Exportmarkt. Nicht nur für Fili (Finnish Literature Exchange), den Ehrengast, der uns eingeladen hat, mit unserer Mission Metatext an der Buchmesse teilzunehmen (vgl. «Social Space Agency» im Anschluss an diesen Text). Sondern auch für die Nationen, die in der internationalen Halle präsent sind. Unter ihnen ist auch die Schweiz, die ihre Präsenz mit Flagge und «Grüezi» markiert.
Hier werden die Produkte gewählt und in einen möglichst gut vermarktbaren Kontext gesetzt, einen Kontext, der mehrheitlich aus exotisierenden Bildern und Klischees besteht. So ist der finnische Pavillon komplett weiss, eine eisige Dorfatmosphäre suggerierend. Cool eben. Und mysteriös. Dazu passt Sofi Oksanen als Speerspitze, als «Premium Export», um den Fuss in den Markt zu kriegen.
Also doch nicht alles so cool in Finnland? Pekko, der Finne in unserer Mitte, sieht trotzdem Strahlen der Hoffnung – Strahlen, die nicht an die literarische Industrie geknüpft sind. «Wenn ich einige aktuelle Entwicklungen anschaue, dann sehe ich Wachstumspotenzial für die Lesekultur. Wachstum nicht dahin gehend, mehr LeserInnen zu erhalten, sondern Wachstum im Sinn einer Bedeutungserweiterung des Lesens.»
Die Zahlen der traditionellen LeserInnenschaft schrumpfen zwar, doch die Textkultur erschliesst immer neue Formen. Das heisst aber auch, dass wir uns vom Buch als Hauptmedium für den Text verabschieden müssen, um diese Entwicklungen nicht weiter auszubremsen. Denn Textformen können, ja müssen sich entwickeln, verändern, und mit ihnen das Lesen. Da in Finnland sowohl Lesen als auch neue Technologien einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben, ist dieser Wandel dort sehr präsent.
Finnland versucht zurzeit, ein neues kulturelles Paradigma für sich zu definieren – als Land, das eine spielerische Kultur entwickelt. Das zeigt sich nicht nur daran, wie viel in Gameentwicklung und Gamedesign investiert wird. Diese Lust am Spiel ist in die experimentellen Felder der finnischen Bildung geschwappt. So wird zum Beispiel an manchen Schreibschulen, die sich mit «sanataide», einer spezifischen Art Wortkunst auseinandersetzen, bereits mit neuen Lesepraktiken gespielt.
Hier schlummert ein Potenzial, das Finnland jenseits der Kommerzialisierung in die Kultur des Lesens einbringen kann. Die Buchmesse könnte als Anlass genutzt werden, um zu diesem Paradigmenwechsel beizutragen – Lesen soll aktiv und kreativ werden. Es ist eine Kultur, die LeserInnen nicht als Konsumierende versteht, sondern in der der Text zum Material wird, aus dem sich Neues erschaffen lässt. Eine Emanzipation der LeserInnen.
Gemeinsam den Rahmen sprengen
Genau das haben wir von der Social Space Agency vor: Wir werden uns mit den Gewohnheiten und Bräuchen rund um die Kultur des Lesens, der Bücher und der Texte auseinandersetzen und nach neuen Arten des Lesens forschen, neue Konventionen um den Akt des Lesens ausprobieren – und zwar gemeinsam mit den MessebesucherInnen.
Normalerweise baut Lesen einen Raum ohne soziale Kontrolle um einen herum auf – man tut es meist völlig allein. Trotzdem sind wir voller Angst, die intendierte Bedeutung zu verpassen, und weichen selten vom vorgegebenen Pfad ab, lesen von vorne nach hinten, bleiben passiv und versuchen vor allem zu verstehen. Wenn wir aber Text als Material begreifen und Lesen als aktive Tätigkeit, erhalten wir neue und teils sehr verschiedene Bedeutungen, die über den Rahmen eines Texts oder eines Buchs hinausgehen können.
Ein einfaches Beispiel: Es gibt keinen Grund dafür, mit dem ersten Satz anzufangen. Wenn wir mittendrin mit Lesen beginnen, erleben wir eine Geschichte ganz anders, kryptischer, weil uns viele Beschreibungen oder Erklärungen fehlen. Diese Art des Lesens aktiviert unsere eigene Kreativität viel stärker.
Sehen wir uns an der Buchmesse?