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«Weisses Pulver schien von den Wänden zu rieseln»: Die Droge ist überall, jeder hat sie. Jederzeit ist sie verfügbar in der geschlossenen Welt des Aufnahmestudios. Für Fleetwood Mac ist das neu. Die Band lebt seit kurzem in Los Angeles, als sie im «Sound City» mit Kokain in Berührung kommt.
Sie hat sich in Kalifornien gerade zum zweiten Mal gegründet: Die Briten Mick Fleetwood (Drummer), John McVie (Bassist) und seine Ehefrau, die Pianistin Christine McVie, hatten sich zwei US-Amerikaner in die Band geholt: Sängerin Stevie Nicks und Gitarrist Lindsey Buckingham. Aus einer englischen Band wurde eine amerikanische, die Arbeit an ihrem nächsten Projekt konnte beginnen.
Das Album der desolaten Liebesbeziehungen
«Tagebuch unseres Schmerzes» nennt Mick Fleetwood das damals entstandene Album «Rumours» im Rückblick. Denn es handelt von Affären und insgesamt desolaten Liebesbeziehungen der Bandmitglieder untereinander. Die turbulente Sex-Beziehung zu Stevie Nicks sieht Fleetwood selbst auf Hollywood-Niveau, «auf einer Stufe mit Richard Burton und Elizabeth Taylor».
Eine «Hippie-Idee vom gemeinsamen Leben und Arbeiten», sollte es sein, ein Dokument des grossen privaten Desasters ist es geworden. «Rumours» erscheint 1977 und wird zum Superseller der Popgeschichte mit über 40 Millionen Verkäufen bis heute. «Go your own way», ein Song daraus, wird das Image der Band prägen – für immer.
Geburtsort: Swinging London
Begonnen hatte alles zehn Jahre zuvor, im Swinging London der 1960er-Jahre. Mick Fleetwood flog als Legastheniker von mehreren Schulen und beschloss, Musiker zu werden. Er gründete mit Gitarrist und Sänger Peter Green und John McVie die Band Fleetwood Mac. Im Bluesrock-Klima Londons und der Bohème des Stadtteils Notting Hill hatte Fleetwood Mac schnell Erfolg.
Partys mit schrillen Aristokraten und Mitgliedern anderer, später berühmter Bands prägten das libertäre Milieu. George Harrison und Stones-Gitarrist Brian Jones waren dabei. «Erfüllt vom Gefühl, Akteur eines Umbruchs zu sein», erinnert Fleetwood jene Jahre. Peter Green schrieb die Hits der Band: «Black Magic Woman», «Albatross» und ein paar andere. Zeitweilig verkauften sie mehr als die Beatles und die Stones.
Die Kosten der Freiheit
Drogenexperimente werden Alltag, LSD und Meskalin setzen der Band ein Ende. Peter Green verlässt die Gruppe im Februar 1970 nach einem Konzert in Deutschland und wird danach Jahre in Kliniken und Therapie verbringen. Ein anderes Bandmitglied verschwindet beim Gastspiel in Los Angeles in den Fängen einer Psychosekte.
«Wie habe ich das alles überlebt?», fragt Mick Fleetwood, und es klingt nicht kokett. Nüchtern und empathisch listet er die Gefährdungen auf, die das Leben in der Rock-Boheme bereitet. Es sind die Kosten der Freiheit, wie Fleetwood bilanziert. Aber er bekennt sich auch zu ihren Gewinnen. Hier spricht kein Renegat, der etwa gerührt auf die Turbulenzen seiner Jugend blickt, sondern einer, der mit seinem Leben als Rockstar im Reinen ist. Mehrere Kinder aus mehreren gescheiterten Ehen eingeschlossen.
Mick Fleetwood lebt heute auf der Hawaii-Insel Maui. Die amerikanischen Fleetwood Mac sind seit letztem Herbst wieder weltweit auf Tournee: Play On.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 9.2.2014, 8.10 Uhr
Buchhinweis
Mick Fleetwood: «Play On. Fleetwood Mac und Ich. Die Autobiographie.» Heyne Verlag, 2014.