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Werner Schnieper
Mit dem Herzen ein Pöstler geblieben
Von Hanns Fuchs
Vom Balkon der Attikawohnung an der oberen Hirtenhofstrasse hat Werner Schnieper fast die ganze Stadt im Blick, «seine» Stadt. 29 Jahre lang, von 1971 bis 1986 als SP Grossstadtrat und von 1987-2000 als Stadtrat und Baudirektor, prägte er ihre Entwicklung mit.
In Schniepers Amtszeit als Baudirektor wurden massgebliche Weichen gestellt. So führte er die „Offene Quartierplanung“ in einem mehrjährigen Mitwirkungsverfahren, an dem über 1000 Personen aus allen Quartieren beteiligt waren, 1994 in der Volksabstimmung über den Zonenplan mit der Überschrift „Stadt im Gleichgewicht“ zu einem erfolgreichen Abschluss. Reste dieses demokratischen Ansatzes in der Stadtplanung haben bis heute überlebt. Das Jahr 1994 blieb Werner Schnieper auch in besonders guter Erinnerung, weil die Kapellbrücke wiedereröffnet werden konnte, der Spatenstich für die neue Seebrücke erfolgte und die Hauptabstimmung über das Kultur- und Kongresszentrum (KKL) eine klare Ja-Mehrheit brachte.
Dass Werner Schnieper dereinst Exekutiv-Politiker an einer zentralen Schaltstelle in der Stadt Luzern würde, stand nicht in seinem Lebensplan. Vor 80 Jahren wurde er in eine klassische Arbeiterfamilie in der damals noch selbständigen Gemeine Littau geboren. «Der Vater machte bei der kleinen SP-Sektion Littau mit und war SMUV-Mitglied. Die Mutter engagierte sich bei der SP-Frauengruppe. Beide gehörten auch zum Touristenverein ‘Die Naturfreunde’», berichtet Werner Schnieper aus seiner Jugend. Die Kinder turnten in den Jugendriegen des Arbeiterturnvereins Luzern (ATV). Das Bekenntnis zur Arbeiterbewegung habe die Kinder im katholisch-konservativen Milieu der Gemeinde Littau «etwas zu Aussenseitern gemacht», die Eltern seien aber bedacht gewesen, dass die Kinder sich so benehmen, «dass es mit der vom Pfarrer präsidierten Schulpflege keine Schwierigkeiten gab». Wichtig sei es den Eltern auch gewesen, dass die Kinder «etwas Rechtes» lernten und eine sichere Stelle anstrebten. Werner besuchte nach der obligatorischen Schulzeit die Zentralschweizerische Verkehrsschule in Luzern, danach absolvierte er in Zürich die Postlehre. Das waren damals die besten Voraussetzungen für eine «Lebensstelle». Es folgten «postalische Wanderjahre» in der Ostschweiz, im Tessin und in Genf. 1961 zog es Schnieper zurück in die Innerschweiz, um seine heutige Frau zu heiraten. Hier machte Werner Schnieper Karriere: bei der Post führte sie ihn bis zum Personalchef bei der Kreispostdirektion. Im Militär wurde er Offizier. Er betrieb auch Wettkampfsport (Orientierungslauf und Handball) und präsidierte den ATV Luzern. Für die SP wurde er in der Stadt zum «sicheren Wert» auf der städtischen Liste. Im Jahre 2000 ging der politische Weg für Werner Schnieper zu Ende.
Was vielen erfolgreichen Politikern zu schaffen macht – der Rückzug aus dem Scheinwerferlicht der Politik – der Entzug öffentlicher Aufmerksamkeit, sei für ihn nie ein Problem gewesen, blickt Schnieper auf «die Zeit danach» zurück. Kurz vor seinem Rücktritt als Stadtrat und Baudirektor übernahm er das Präsidium der Wohnbaugenossenschaft ABL. «Die Genossenschaft war damals in einer finanziell schwierigen Situation», erinnert sich Schnieper. Es musste für alle Genossenschaftswohnungen die Kostenmiete eingeführt werden, was zum Teil zu erheblichen Mietzinserhöhungen führte. Zur aktuellen Politik ging der alt-Baudirektor bewusst auf Distanz. Einzig in der Kontroverse um die Hochhaus-Wohntürme beim Fussballstadion auf der Allmend meldete sich Schnieper mit einer kritischen Einlassung zu Wort. Als ehemaliger Baudirektor, in dessen Amtszeit die Stadtplanung eine zentrale Rolle spielte, fand er den Standort für die Hochhäuser «stadtplanerisch falsch».
Kameradschaftlich fühlt sich Werner Schnieper heute noch mit den Kollegen aus der Post-Zeit verbunden. «Es gab damals einen richtigen Pöstler-Teamgeist, das ist heute unter Ehemaligen noch spürbar», sagt er. Im Herzen ist er ein Pöstler geblieben. Aber in Nostalgie verfällt er nicht. Er nimmt auch zur Kenntnis, wie sich «seine» Partei verändert hat. Es ist nicht mehr die klassische Arbeiterpartei, in die er über sein Elternhaus hineingewachsen ist. Schnieper erinnert sich an die 68er-Zeit, als sich auch die Luzerner SP zu verändern begann. «Wolkenschieber» waren für ihn die Jungspunde, die von den Unis kamen und sich anschickten, die Partei zu übernehmen. Der in der Diaspora politisch sozialisierte Sozialdemokrat blieb der SP treu - er engagiert sich auch heute noch bei den Partei-Senioren. Aber Werner Schnieper ist genauso engagiert bei «urliberalen» städtischen Vereinigungen dabei wie der Gemeinnützigen Gesellschaft und dem von ihr getragenen Alters- und Pflegeheim Landgut Unterlöchli, wo er im Vorstand mitwirkt. Aktiv ist er auch im Quartier - auch wenn er zur Kenntnis nehmen muss, dass es die Verbundenheit, die er seinerzeit in jungen Jahren im heimischen Rönnimoos erlebte, heute nicht mehr gibt. «Die Veränderungen in der Arbeitswelt», sagt Werner Schnieper, machten es heute vielen Bewohnerinnen und Bewohnern unmöglich, sich in der Freizeit auch noch im und fürs Quartier zu engagieren. Immerhin, in der Hausgemeinschaft funktioniere die Genossenschaftskultur noch, freut er sich.
31. August 2018