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Infobriefe
Kennst du den Satz «Geh auf dein Zimmer, bis du weisst, wie man sich hier benimmt»? Hast du dieses oder ein ähnliches Ultimatum auch schon benutzt und festgestellt, dass es sogar funktioniert? Es ist so, solche und andere Ultimaten, also angedrohte Trennung, funktionieren ganz oft. Wenn das gleiche Kind dann abends nicht alleine im Zimmer schlafen möchte, weil es einen Drachen unter dem Bett vermutet, kommen wir kaum auf die Idee, dass dieser vermutete Drache einen Zusammenhang mit der Situation des Ultimatums bzw. der Trennung haben könnte.
Und doch ist es so: Mit solchen Sätzen alarmieren wir unser Kind. Wir senden ihm die Botschaft «ich lasse dich alleine» oder «ich schicke dich von mir weg» mit. Unterschwellig sagen wir damit auch, dass das Kind nur in meiner Nähe willkommen ist, wenn es sich entsprechend benimmt. Natürlich tut das Kind in dem Moment alles, um die angedrohte Trennung zu verhindern und um die Nähe wieder herzustellen. Deshalb funktioniert es ja auch und das Kind ist plötzlich ganz brav. Der (Trennungs-)Alarm aber bleibt… Meistens ist das Kind gar nicht in der Lage, sich dessen bewusst zu sein oder gar darüber zu sprechen. Das Gehirn sucht sich dann einen anderen Grund für den Alarm, einen, über den man sprechen kann, und schon sind wir beim Monster unter dem Bett…
Wenn wir unserem Kind diesen Stress ersparen wollen, tun wir gut daran, es und seine Bedürfnisse zu verstehen und es mit klarer Kommunikation zu führen, statt mit Ultimaten unter Druck zu setzen.
Talk über das Monatsthema
Livesendung vom 27. Mai 2019
Die grösste Sorge der Kinder - nein, aller Menschen - ist jene um die Bindungen. Die Frage nämlich: "Gehöre ich dazu? Liebt man mich? Schiebt man mich zur Seite?"
Diese grosse Sorge der Menschen kann man dazu nützen, sie zu steuern: “Wenn du das und das tust bzw. nicht tust, gehörst du dazu, liebt und bewundert man dich usw., andernfalls...” Schon immer lassen und liessen Kinder sich auf diese Weise führen. Wichtig ist und war, dass sie ständig ein bisschen im Zweifel sind, ob sie denn nun wirklich angenommen sind, ob sie wirklich okay sind. Diese Art der Führung gibt es auch in der Wirtschaft. Es ist hilfreich, Menschen dauernd ein bisschen in Sorge um ihren Job zu halten, um Schlendrian vorzubeugen. Man kann auch im Ehepartner den Zweifel säen, ob da nicht eine andere Beziehung sei, um ein wohltuendes Werbeverhalten auszulösen.
Das Risiko dieser Art der Führung ist indes beträchtlich.
Zum einen kippt das “Sich-Mühe-Geben” plötzlich ins Gegenteil. Dem Kind ist es scheinbar egal, wenn sich die Beziehung zu den Eltern verschlechtert oder wenn der Lehrer unzufrieden ist. Der Arbeiter kündigt die Stelle, weil der Druck ihm zu gross wurde.
Zum anderen, und das ist die grosse Unbekannte: Kinder können ihr Potenzial nur entfalten, wenn sie ganz sicher gebunden sind. Wenn sie sich geborgen fühlen und unangefochten in ihrer Stellung. Menschen sind nur dann wirklich kreativ, wenn sie darauf vertrauen, dass sie es sich leisten können zu scheitern. Je unsicherer sie sind, desto mehr gilt ihre Aufmerksamkeit dem Überwinden eben dieser Unsicherheit. Das Vermeiden von Fehlern wird wichtiger als das Erforschen neuer Lernfelder.
Einem Kind das Bewusstsein der bedingungslosen Annahme zu vermitteln, setzt jene wichtige Energie frei, die es braucht zum Reifen und zum Entwickeln eigener Ideen und Pläne.
Heute möchte ich uns gerne an einen wichtigen Grundsatz erinnern, der ganz am Anfang stand: Was macht es aus, dass ein Kind sich gerne führen lässt? Erinnere dich an jene Leute, denen du gerne gefolgt bist. Was hat sie ausgezeichnet? Dass sie besonders klug, schön oder jung waren? Nein, es war wahrscheinlich ihre “natürliche Autorität”.
Sie beruht auf zwei grundsätzlichen Faktoren:
1. Du hast das Wohlwollen dieser Person gespürt. Du nahmst sie “auf deiner Seite” wahr.
2. Sie hat geführt. Will heissen, sie war sich ihrer Rolle als Leitungsperson bewusst und hat gesagt, wo es langgeht, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Das ist es, was wir wohl als “natürlich” wahrnehmen. Die Leiterschaft war nicht aufgesetzt, sondern entsprach einer Berufung.
Nun, Eltern sind berufen zu führen. Du brauchst dich also nicht irgendwie komisch zu fühlen, wenn du führst. Deine Kinder sind designed, dir zu folgen.
Wie aber bleibst du auf der Seite des Kindes, wenn du spürst, dass es dem Kind schwerfällt zu folgen? Oder wenn es sich gar offen widersetzt? Wenn du dann in Gegnerschaft oder gar in Feindlichkeit gerätst, wenn du Druck machst, laut wirst, ist das zwar normal, weil es frustrierend ist, wenn Kinder nicht tun, was wir sagen. Gleichzeitig ist es aber genau das, was die Beziehung abbaut.
Überlege, ob dein Kind grundsätzlich im Join-up ist, sonst arbeite an der Beziehung. Wenn du das Gefühl hast, dass die Beziehung eigentlich stimmt, das Kind aber dennoch oft nicht kooperiert, dann wäre vielleicht der folgende Vorschlag für dich hilfreich.
Versuche deinem Kind bewusst zu machen, dass Führung und Gefolgschaft auch in seinem Interesse ist. Beispiel: “Ich lese aus dem Buch vor. In fünf Minuten fange ich an.” Versichere dich, dass deine Kinder das auch gehört haben und keinen Aufschub wünschen. Fange fünf Minuten später wirklich an, auch wenn noch niemand da ist. “So, ich bin bereits auf der letzten Seite des heutigen Abschnitts. Schade, dass du nicht dabei warst.” - “Aber jetzt komme ich ja nicht mehr nach!? Warum habt ihr nicht gewartet? Das ist gemein!” - “Ich fasse es für dich morgen kurz zusammen, wenn du ein bisschen vor der Zeit kommst.” Je liebevoller und fürsorglicher dieser Satz ist, desto mehr wird ein Kind fühlen, dass das unverdiente Gnade ist. Und desto mehr wird das Kind sich wohl vornehmen, nächstes Mal zur Zeit zu sein.
Ein Kind zu führen, dient dem Kind, nicht in erster Linie den Eltern. Je mehr das Kindern bewusst ist, desto besser wird sich für sie der Gehorsam anfühlen.
Kennst du jenen Werbeclip, der beschreibt, wie schwierig es heute sein kann, einen Kaffee zu bestellen? Nein? Dann schau dir vielleicht dieses Video auf YouTube an. Jetzt ahnst du, wie es meinem dreieinhalbjährigen Enkel letzte Woche ging. Wir waren im Spieleland bei Ravensburg und er auf jenem Karussell, wo Kinder die Gelegenheit haben, auf ein Dutzend verschiedener Tiere zu klettern, die dann im Kreis herumfahren. Er stand also da und konnte sich nicht entscheiden. Alle warteten ungeduldig, bis er soweit war. Es war nicht schwer, seine Gedanken zu lesen: “Wenn ich jetzt auf eine Gans klettere, dann verpasse ich alle andern Tiere!” Er konnte ja nicht wissen, dass wir bereit waren zu warten, bis er wirklich satt war vom Karussell Fahren. Du kennst diese Situation sicher aus eigener Erfahrung: Die moderne Multioptionalität ist auch für uns Erwachsene keine Bereicherung mehr, sondern oft ein Energiefresser. Die Produkte sind so vielfältig, dass sie kaum noch vergleichbar sind.
Muss das schon für Kinder so sein? Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Diskussion anstossen. Ich vermute, dass Kinder schneller und besser lernen würden, unabänderliche Dinge hinzunehmen und sich in elterliche Entscheide zu schicken, wenn man ihnen generell weniger Optionen anbieten würde. Also weniger Auswahl an Spielsachen, Speisen und Getränken oder möglichen Unternehmungen. Und wenn eine Auswahl, dann nur zwei Dinge.
Dann wären vielleicht weniger verschiedene Speisen auf dem Tisch und viele Spielsachen müssten warten, bis wieder ihre Woche dran ist. Es würde vielleicht heissen: “Wir gehen einkaufen. Kommst du mit oder ohne Freude mit?” - "Ohne!” - "Oh, das tut mir leid für dich.” Jetzt braucht es meist ein bisschen Zeit - kein gut gemeintes Zureden - bis das Kind den Anpassungsprozess durchlaufen hat und dann meist frohen Mutes dabei ist.
“Genau so ist es!", sagte eben eine Probeleserin. "Wir haben in den Ferien mit einem einzigen Säcklein Lego mehr Spass gehabt als mit der grossen Legokiste zu Hause!” Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.
"Wann thematisierst du wieder einmal etwas für ältere Kinder?", fragte mich kürzlich eine Frau. "Unsere Kinder sind Teenies!" Hier also ein Thema, das für uns alle ist, Erwachsene inklusive - und es geht an den eigentlichen Kern von VP heran: Wenn wir Menschen führen wollen, dann müssen wir in die Beziehung investieren. Unser Ziel darf es also nicht länger sein, das Verhalten unseres Kindes zu beeinflussen, sondern die Beziehung zum Kind zu vertiefen.
Heute Morgen hat mich Tabea Lüthi angesprochen und mir von einer faszinierenden Erfahrung berichtet. Und zwar hat ihre VP Gruppe - inspiriert durch die Lektüre des Buches von Gordon Neufeld - versucht, den Tag auf eine neue Weise zu starten. Anstatt die Kinder zu wecken, sie gleich anzuleiten, anzuspornen oder gar anzutreiben, sich einfach einmal Zeit nehmen für das Kind, so quasi bevor noch der Tag mit seinen Anforderungen beginnt. Dies, um die Beziehung statt die Anweisungen in den Vordergrund zu stellen. Wie genau das zu und her ging, erzählt uns Tabea in unserem aktuellen Vidocast, den ihr unten anklicken könnt.
Bei älteren Kindern ist das vielleicht nicht eins zu eins zu übernehmen, aber auch hier gilt: Es ist viel besser, die Energie in die Beziehungspflege zu investieren, als in die Steuerung der Kinder. Wenn sie im Join-up sind mit uns, wird Gehorsam sich für sie gut anfühlen, ja und sie werden auch mal etwas tun, wozu sie gar keine Lust haben, einfach "weil du es bist". Das gleiche gilt auch in der Ehe. Was investieren Eheleute doch manchmal in lange Auseinandersetzungen, wo jedes die eigenen Bedürfnisse kommuniziert und den Frust darüber, dass der Partner oder die Partnerin diese meine Bedürfnisse zu ignorieren scheint. Wie wäre es mit einer unerwarteten Einladung zu einem Nachtessen zu zweit? Wie wäre es mit dem Erfüllen eines längst weggesteckten Wunsches? Kleine Zeichen wirken manchmal Wunder. Auch eine gute Gebetszeit miteinander. Es reicht ja nicht, die gegenseitigen Bedürnisse zu kennen, es braucht auch den tiefen Wunsch, diese über die eigenen zu stellen, und den kann man nicht herbeidiskutieren. Er ist immer ein Geschenk.
Die Erziehung ohne Zuckerbrot und Peitsche ist nicht immer einfach. Was machen wir denn, wenn ein Kind uns nicht gehorcht? Es einfach lassen? Hat das keine Konsequenzen? Die skeptischen Blicke von anderen Eltern, Freunden und Verwandten sind uns gewiss. Der Vorwurf, wir würden unsere Kinder verwöhnen, wird bald laut. Tatsache ist, dass wahrer Gehorsam aus dem tiefen Herzen heraus eine Frage der Beziehung und der Reifung ist. Ein Kind wächst in den Gehorsam hinein, wenn es eine tiefe Beziehung zu den Eltern hat (oder einfach: wenn es im möglichst dauerhaften Join-up ist) und wenn es verständiger geworden ist und gelernt hat, wie bedeutsam Gehorsam ist. Von deiner Seite her sind zwei Dinge notwendig:
- Liebe und - als besondere Form davon - Geduld
- Gespräche mit dem Kind über den Gehorsam, bei denen du das Kind coachst darüber, wie wichtig Gehorsam ist. Besprich auch Situationen, in denen es mit dem Gehorchen nicht so geklappt oder eben geklappt hat.Bedenke dabei aber, dass möglichst viel Freiraum für das Kind hilfreich ist, um selbständig zu werden. Gib also keine Anweisungen, die nicht zwingend nötig sind.
Bis dein Kind so reif ist, dass du es über Gehorsam unterrichten kannst, lass es möglichst gar nicht zum Ungehorsam kommen. Dabei reicht es meist aus, dass du sicher führst und dass die Frage, wer wen braucht, geklärt ist.In Fällen, in denen das nicht ausreicht, ist es schön, wenn du so kreativ bist, dass es gar nicht zur Auseinandersetzung kommt. Das Kind lässt die teure Vase nicht in Ruhe? Stell sie auf einen Schrank. Dein kleiner Schatz kommt nicht, wenn du zum Essen rufst? Schau, was er gerade macht, bestimmt ist er total ins Spiel vertieft und sieht die Notwendigkeit zum Essen nicht. "Bis du den Legoturm fertig gebaut hast, können wir schon noch warten." Es ist nicht nötig, nun ernst und streng zu werden. Im Gegenteil: Je seltener du für dein Kind als "Gegnerin oder Gegner" auftrittst, desto früher wird reifer, echter und freiwilliger Gehorsam die Frucht davon sein.
"Jeden Abend streiten sie. Wenn ich nicht eingreife, kommt es zu Gewalt. Was kann ich tun?" Solche und ähnliche Anfragen häufen sich in letzter Zeit. Deshalb möchte ich es hier thematisieren.
Oft gibt es in solchen Situationen das "liebe Kind" und das "böse Kind". Fast immer intervenieren Eltern dann zugunsten des lieben Kindes. Allermeist wohl zu Recht, denn rein äusserlich gesehen, sind die Umstände meist so. Das Problem ist, dass diese Haltung die Situation zementiert. Das "böse Kind" ist frustriert und sucht, sich zu rächen, das liebe Kind fühlt sich bestätigt und hat letztlich auch kein Interesse an einer Lösung. Oft ist es hilfreich, und das hat sich an einigen Orten bewährt, wenn man als Eltern den Schiedsrichterdienst nur sehr sparsam leistet. "Wenn ihr es schafft, ohne zu streiten, lese ich euch eine Geschichte vor, sonst müsst ihr alleine zurecht kommen." Sobald beide Kinder ein Interesse haben am friedlichen Beisammensein, kann sich etwas verändern.
Tiefer geht das folgende Vorgehen: Sprecht darüber, was Hierarchien sind. Ermutigt die jüngeren Kinder, sich unterzuordnen, und coacht die älteren darin, wie sie Führung wahrnehmen.
Letzthin sprachen wir an der FARO-Schule über Hierarchien und wer sich denn wem gerne unterordnet. Die Kinder konnten erstaunlich offen darüber sprechen. Nun waren da zwei Mädchen, die sich bewusst geworden waren, wie die Hierarchie zwischen ihnen ist. Und es ergab sich folgendes Gespräch bei einer Partnerarbeit:
T (untergeordnet): Sollen wir den Text nochmals durchlesen? Ich bin noch nicht ganz drausgekommen.
N: (übergeordnet): Nein, ich habe es begriffen.
Wie erwartet fügte sich T in die Sache, und die beiden gingen an ihre Plätze. Gelegenheit für mich, auf N zuzugehen. Ich fragte sie: "Hast du jetzt eher in deinem Interesse oder im Interesse von T entschieden?" Anstelle einer Antwort ging sie zu T, und sie lasen den Text nochmals durch. Ich denke, es ist zentral, dass wir den Kindern diese Art von Leiterschaft vermitteln: Wenn ich übergeordnet bin, bin ich nicht Herrscher über andere, sondern dann trage ich Verantwortung für andere. Deren Wohl ist mir mindestens so wichtig wie meines. Diese Haltung ist wohl die beste Voraussetzung, dass sich soziale Gefüge entwickeln, die eben nicht Hackordnungen sind, sondern gleichwürdige Hierarchien.
Es kommt dir das ein bisschen utopisch vor? Wir waren auch überrascht. Vor allem wurde uns bewusst, wie schwierig es für Kinder ist, wenn Erwachsene ihnen laufend vermitteln, dass das Bilden von Hierarchien unerwünscht sei. Fragt uns an der Konferenz nach unseren Erfahrungen.