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Es gibt ja die verschiedensten Definitionen von Introversion, die sich in meinen Augen sogar widersprechen.
Von einer möchte ich mich speziell abgrenzen: die des OCEAN oder Big 5 Assessments. Diese kennt Introversion eigentlich gar nicht, sondern nur niedrige Extraversion. Die Definition von Extraversion ist da Folgende:
„Extraversion, die wichtigste Dimension der positiven Emotionen im wissenschaftlichen Modell der Big Five Persönlichkeitseigenschaften. Extraversion ist ein Mass für die allgemeine Sensibilität für positive Emotionen wie Hoffnung, Freude, Vorfreude und Annäherung, insbesondere in sozialen Situationen. Die beiden Aspekte der Extraversion sind Enthusiasmus und Durchsetzungsvermögen.“
Dies impliziert, dass niedrige Extraversion (welche die meisten mit Introversion gleichsetzen würden) Schwierigkeiten hat, positive Emotionen zu empfinden.
Da möchte ich mich gleich davon absetzen: niedrige Werte in Extraversion gemäss OCEAN oder Big 5 umfassen zu viel anderes, als dass ich dies mit Introversion gleichsetzen würde, obwohl Introvertierte meist niedrige Werte erzielen. Wahrscheinlich misst das Assessment tatsächlich Introversion, erklärt sie aber meines Erachtens falsch.
Wie würde ich denn Introversion erklären?
C.G. Jungs Definition von nach innen schauend (für Extraversion nach aussen schauend) sind mir dann doch zu allgemein.
Für mich geht es um Energiemanagement. Introvertierte laden ihre Batterien auf, wenn sie allein oder in kleiner Gesellschaft sind. Extravertierte schöpfen Energie aus dem Abenteuer und der Menge.
Dies hat für mich damit zu tun, wie unser Hirn funktioniert, primär den Botenstoffen, die wir verwenden.
Introvertierte haben eine niedrige Toleranz für Dopamin (und Adrenalin), was bedeutet, dass sie hier schnell befriedigt und ebenso schnell überfordert sind, während Extravertierte hier eine grössere Dosis benötigen. Achterbahnen überfordern die meisten Introvertierten, bieten Extravertierten aber meist den notwendigen Kick.
Introvertierte speichern und rufen Informationen auch anders ab im Gedächtnis. Sie verwenden den Botenstoff Acetylcholin dafür. Dieser Speicherweg ist länger, dauert dadurch auch im Normalfall etwas länger, verknüpft die Information aber mit mehr Assoziationen.
(Acetylcholin ist der Botenstoff, der im Schlaf verhindert, dass wir unsere Träume in die Tat umsetzen. Könnte es sein, dass es Introvertierten einfacher fällt, in Ruhestellung oder langsamer Bewegung zu kommunizieren und zu denken?)
Hier lässt sich die Definition vereinfachen. Introvertierte haben mehr Rezeptoren für Acetylcholin, während Extravertierte mehr Dopaminrezeptoren besitzen. Beide schöpfen Energie in Situationen, in denen der jeweilige Botenstoff ausgeschüttet wird. Acetylcholin wird in ruhigen Situationen wie Alleinsein ausgeschüttet, Dopamin bei entsprechender Action.
Introversion ist somit kein Verhalten, sondern beruht auf der Biologie eines Menschen. Sie zeigt sich oft in eher typischen Verhalten. Dies muss allerdings nicht so sein, gibt es doch Introvertierte, die in gewissen Bereichen typisch extravertiertes Verhalten an den Tag legen, aber daraus keine Energie ziehen, sondern danach eine Auszeit benötigen.
Leider messen die meisten Persönlichkeitstests aber unser Verhalten und nicht unsere Persönlichkeit. So bleiben z. B. viele MBTI-Tests auf einer oberflächlichen Ebene. Verhalten können wir ändern. Daher gibt es statistisch auch viele Menschen, welche von Ixxx nach Exxx wechseln im MBTI. Wir nennen diese Menschen dann oft ambivertiert. (Ambi kommt von ambivalent, doppeldeutig.) Versteht mich nicht falsch: Das kann richtig sein. Meist ist es aber wohl doch nur eine Verhaltensänderung.
Aus all dem ergibt sich auch die Abgrenzung gegenüber Schüchternheit.
Schüchternheit ist Verhalten und hat weniger mit Neurochemie und Energiemanagement zu tun. Daher ist Schüchternheit auch überwindbar, während Introversion das nicht ist.
Autismus scheint mehr mit der Architektur des Hirns, statt dem Hormonhaushalt zu tun zu haben. Vor allem scheint es Hinweise auf eine ungewöhnliche Balance zwischen den beiden Hemisphären zu geben (oft mit einer starken Bevorzugung einer Hemisphäre). Hier bin ich allerdings nicht auf dem Laufenden.
Ängste können mit einer Neurochemie zu tun haben, die ausserhalb der Norm liegt. Hier können korrigierende Medikamente helfen. Bei Ängsten sind allerdings Prägungen und Traumata oft die Ursache und entsprechende Therapien können Abhilfe schaffen.
Warum aber werden Menschen mit den Jahren oft introvertierter auf der Skala? Die Botenstoffe nehmen mit zunehmendem Alter ab. Dies gilt hauptsächlich für Acetylcholin. Jeder von uns wird sich in späteren Jahren mehr davon wünschen, und das rein biologisch.