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Fram-Blog
15. September 2023
Als der Benziger Verlag im Jahr 1974 die Geschichten von den Wombels von Käthe Recheis (1928-2015) zum ersten Mal aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen liess, ahnte er wohl noch nicht, dass die Umweltbotschaft dieser Kinderfiguren auch heute noch aktuell sein würde. Vor allem im Hinblick auf das Littering und die damit verbundenen Probleme für die Umwelt. Denn Wombels sind lustige, spitznasige, teddybärenähnliche Wesen, die in Höhlen leben und täglich den Abfall einsammeln, den die Menschen hinterlassen. Aus allem, was sie finden, machen sie etwas Neues. Ihr Ziel ist es, die Natur zu schützen.
Die Autorin Elisabeth Beresford (1926-2010) erfand die Wombels, als sie bei einem Weihnachtsspaziergang im Londoner Wimbledon Common Park auf viel Müll stiess. Zu Hause bastelte sie mit ihren Kindern aus den Weihnachtsverpackungen die Figuren und schrieb die Geschichten dazu. Der Name «Womble» soll aus einem Versprecher eines ihrer Kinder entstanden sein, das «Wimbledon» fälschlicherweise als «Wombledon» aussprach. Das erste Buch über die Wombels erschien im Jahr 1968. Der Erfolg war so gross, dass die Wombels mehrere Male verfilmt wurden und heute sogar über eine eigene Website verfügen, mit der sie die verschiedenen Umweltkampagnen in Grossbritannien unterstützen.
In diesem Frühjahr hat sich Herr Marc Buchtmann bei uns gemeldet, um zu erfahren, ob wir in unserem Archiv Unterlagen über die Entstehung der Bücher haben, denn er hat aus seiner kindlichen Liebe zu den Wombels heraus zusammen mit einer Freundin Hörbücher zu diesen Geschichten produziert. Wie er dazu gekommen ist, hat er uns in einem persönlichen Bericht erzählt:
«Ehrlich gesagt – eigentlich kann ich mich gar nicht wirklich erinnern, wieso oder wodurch ich auf die Wombels aufmerksam wurde. Ich stand als Schüler einfach in der Schulbücherei vor einem der unzähligen Regale und zog das Buch heraus. Das Buch mit Grossonkel Bulgarien, Tobermory, Tomsk, Madame Cholet, Orinoco und natürlich Bungo. Von denen ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Ich ahnte ganz und gar nicht, eine lange Geschichte mit nach Hause zu nehmen.
Die Wombels sind da fesselte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Die Autorin Elisabeth Beresford versteht es, Kinder mit ihren Geschichten in eine Art reale Traumwelt zu entführen. Dabei vermittelt sie wichtige Themen wie Umweltbewusstsein, Gemeinschaft und Ehrlichkeit auf so nette und lustige Weise, dass sich Jugendliche und Erwachsene sicher ebenfalls angesprochen fühlen. Auch wenn sie es nicht zugeben – wollen.
Mehrfach entlieh ich mir das Buch. Bis die Bücherei es eines Tages auf dem «Ramschtisch» für 50 Pfennig Kaufpreis aussortierte. Entschlossen kaufte ich meine alte Kinderliebe und wollte mich zudem – inzwischen als junger Erwachsener – mehr mit der Geschichte der Wombels beschäftigen. Damals – es gab ja noch kein Internet – fand ich nur heraus, dass es ein zweites Buch mit dem Titel Geschichten von den Wombels gab. Und dieses Buch enttäuschte mich sehr. Viele der bekannten Charaktere aus dem ersten Buch hatten plötzlich andere Namen. So heisst Tobermory zum Beispiel Trinidad und Madame Cholet nun Madame Paris. Das geht gar nicht! Und machte das Buch und eventuelle weitere für mich uninteressant. So kramte ich von Zeit zu Zeit das erste Buch aus dem Schrank, um in Erinnerungen zu schwelgen.
Der nächste Teil der Geschichte entstand genauso zufällig wie der Anfang. Im Zeitalter von Hörbüchern spukte mir die Idee im Kopf herum, auch aus dem Buch der Wombels ein solches zu machen. Irgendwann sprach ich mit einer Freundin darüber. «Machen wir! Ich lese, und du, Tobermory» grinste sie, «machst die Technik.» Wir trafen uns nachmittags, um das Buch einzulesen und das Hörbuch zu erstellen. Das Ergebnis begeisterte uns so sehr, dass wir gleich mit dem zweiten Buch weiter machten. «Und die falschen Namen», sagte meine Freundin, «die tauschen wir einfach gegen die richtigen aus. So, wie sie im englischen Original sind.»
Inzwischen haben wir alle vier Bücher der deutschen Übersetzung als Hörbuch gelesen und hübsch zurecht gemacht. Technisch sicherlich überholt, aber von der Thematik mindestens noch genau so aktuell wie zum Erscheinungszeitpunkt, könnten wir uns eine Neuauflage der knuffigen Wombels sehr gut vorstellen. Vielleicht findet sich ein Verlag, der Interesse an unseren Hörbüchern hat? Bis dahin freuen wir uns über jeden, der an den Hörbüchern Gefallen findet.»
Die Hörbücher kann man als CDs bei Herrn Marc Buchtmann bestellen: <email-pii>
Dani Meienberg
Die Stiftung Kulturerbe Einsiedeln hat im September 2020 den Nachlass des Verkehrsvereins Einsiedeln (VVE) erhalten. Unterdessen konnte dieser aufgearbeitet und katalogisiert werden. Dani Meienberg hat einen roten Faden in die Fülle der unterschiedlichen Archivalien gebracht.
Zum 125-jährigen Bestehen des VVE (1881–2006) verfasste Gerhard Oswald, damals Chefredaktor des Einsiedler Anzeigers, eine Festschrift mit dem etwas kryptischen Titel «Die Vergangenheit der Zukunft», in der er viele Themen rund um den VVE aus der Tiefe des Archivs ans Tageslicht brachte.
Als ich mit meiner Arbeit begann, bestand der Nachlass des VVE aus drei grösseren Kartonschachteln, gefüllt mit Schnellheftern, Ordnern, Plastikmäppchen, daneben gebundenen Protokoll-Büchern und anderen Archivalien, in denen die Geschichte des VVE lagerte, sowie einigen Schachteln mit Restexemplaren von Oswalds Festschrift. Mit dem Buch hatte ich einen ersten Ansatzpunkt, einen roten Faden, mit dem ich eine vorläufige Ordnung in den Nachlass bringen konnte. Diese konnte ich in verschiedenen Durchgängen immer weiter verfeinern, sodass am Schluss folgende Archivordnung vorhanden war: Administratives, Archivalien mit Bezugspunkt Einsiedeln, solche zur Lokalgeschichte Einsiedeln, weitere zur Standortförderung Einsiedeln und schliesslich Archivalien mit Bezügen zur Wallfahrt und zum Kloster.
«Einsiedler sind Krämer und Händler»: Linus Birchler (1893-1967) über Einsiedeln
Krämer und Händler seien die Einsiedler, mit einem ganz eigenen Gemüt, meinte Linus Birchler. Von ihm, der im Nachlass des VVE stark vertreten ist, erscheint das Bild eines sehr umtriebigen Menschen, der stets mit seiner Heimat verbunden war. Sein grosses Netzwerk und seine vielfältigen Interessen zeigen sich in ganz vielen Projekten, die er entweder selber initiierte oder als Mitstreiter begleitete: Seien es der Bau der Jugendkirche Einsiedeln in den 1920er bis 1940er-Jahren, die 400-Jahr-Todesfeier von Paracelsus 1941 oder 1942 die Gründung der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft, die mit so illustren Mitgliedern wie C.G. Jung auftrumpfen konnte.
Einsiedeln strahlt in die Welt hinaus
Auffallend bei vielen Dokumenten im Nachlass ist die Ausstrahlung, die Einsiedeln im 20. Jahrhundert weit über die Schweiz hinaus hatte. Es befinden sich Zeitungsauschnitte aus verschiedenen Emigranten-Zeitungen aus Amerika, die über den Bau des Sihlsees berichten oder über die Aufführungen des Welttheaters vor der imposanten Kulisse des Klosters.
Man liest von Spannungen in Einsiedeln in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, über die sogenannte «Gnädinger-Affäre», bei der der deutsche Hotelier des Freihofs seine Begeisterung für den Nationalsozialismus offen auslebte und dabei eine Menge Zwietracht säte, daneben beste Beziehungen nach Deutschland pflegte, wodurch er erfolgreich die Werbetrommel für Einsiedeln und das entstehende Etzelwerk rühren konnte. In der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden die Hilfeleistungen für befreundete Wallfahrts-Organisatoren in Süddeutschland beschrieben.
Ab den 1950er-Jahren wurden die grossen Pilgerzüge schleichend vom Individualverkehr abgelöst, was wiederum neue Probleme mit sich brachte: Die Pilger waren nun zunehmend Tagestouristen und blieben nicht mehr so lange in Einsiedeln wie ehedem, was folglich auch die Hotels und Restaurants zu spüren bekamen.
Mekka des Langlaufsports
Ein grosser wirtschaftlicher Faktor wurde dafür der Wintersport. Im Schlepptau grosser Erfolge von sportlichen Aushängeschildern – man denke an die Langlauf-Silbermedaille von Wisel Kälin an den olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble – nahmen grössere Projekte ihren Anfang: Die Langlauf-Loipe «Schwedentritt» beispielsweise besteht seit Anfang der 1970er-Jahre. Einsiedeln war auch Teil der Zürcher Bewerbung für die olympischen Winterspiele 1976, die schliesslich an Innsbruck vergeben wurden. Das Skigebiet im Hoch-Ybrig war damals im Aufbau begriffen, und wäre Stätte für die nordischen Disziplinen gewesen.
Der Besuch des Papstes glückt im zweiten Anlauf
Einen grossen Raum in den Unterlagen nimmt der Besuch von Johannes Paul II. ein, der für 1981 geplant gewesen war, aufgrund des Attentats auf den Papst am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom aber erst 1984 zustande kam. Akribisch lässt sich die gesamte Organisation des Besuchs nachvollziehen – und im Gästebuch die Originalunterschrift des Papstes bewundern.
In der Nachberichterstattung des Besuchs erfährt man einiges über die erfolgreiche Organisation des Anlasses. Abgesehen von der Aussage eines Journalisten, der sich über seine Beherbergung im «weit entfernten» Euthal beschwert hatte und von «Korruption» bei der Zimmerverteilung sprach, ist nichts Negatives über den Besuch in den Archivalien zu finden.
Eine japanische Delegation in Willerzell und ein Samurai-Helm
Dieser Samurai-Helm ist wahrscheinlich das auffälligste Stück im Nachlass. Er ist mit ziemlicher Sicherheit ein Replikat und wohl das Geschenk einer japanischen Delegation, die im Mai 1987 in Einsiedeln weilte. Zumindest führte das Verkehrsbüro am 14. Mai 1987 unzählige Telefonate, um gemäss Auskunft von Landschreiber Patrick Schönbächler einer japanischen Versicherungsgesellschaft die Bewilligung für einen Filmdreh auf dem Willerzeller Viadukt zu beschaffen.
Wo sind die Protokoll-Bücher der Jahre 1945–1960?
Diese Frage stellte sich auch schon Max Fuchs, ehemaliger Präsident des VVE, im Juli 2008. Bei der Aufarbeitung des Nachlasses konnte ich diese Frage nicht lösen. Vielleicht liegen sie unerkannt irgendwo in einer Schublade?
Am Ende werden immer mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet werden können. Dies liegt in der Natur der Sache und macht die Aufarbeitung eines Nachlasses spannend. So gibt es auch im Nachlass des Verkehrsvereins Einsiedeln noch viele lose Enden, die aufgenommen werden könnten.
Dani Meienberg aus Einsiedeln studierte Germanistik und Geschichte in Zürich und arbeitet heute als Online Manager an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Einsiedeln und seiner Geschichte blieb er auf vielfältige Weise stets verbunden. Für das Museum Fram bearbeitete er den Nachlass des Verkehrsvereins.
Evelyne Marty
Im Juni 2020 durfte ich im Museum Fram eine Stelle als wissenschaftliche Projekt-Mitarbeiterin antreten. Meine Aufgabe besteht darin, einen Teil des Bildarchivs des Benziger Verlags zu inventarisieren.*
Das Material war zumeist bereits in Archivschachteln fachgerecht gelagert und vorsortiert; viele Schachteln wurden jedoch seit ihrer Ankunft im Archiv des Museums Fram vor über zehn Jahren nicht mehr geöffnet und bargen spannende Überraschungen. In ihnen verstecken sich unglaublich viele hochwertige Druckerzeugnisse des Einsiedler Verlags aus der Zeit zwischen etwa 1870 und 1920.
Mehrere Tausend Bilder
Zur Einordnung des Umfangs: Mich erwarteten nicht weniger als 183 Archivschachteln mit jeweils bis zu zehn Mappen (oder sogenannten «Farbheften») zu einem oder mehreren Bildmotiven, die wiederum mehrere Originale und Drucke in verschiedenen Stufen der Produktion bis zur finalen Version enthalten. Insgesamt handelt es sich also um mehrere Tausend Bilder, die es zu scannen und zu inventarisieren gilt.
Meist ist das Endprodukt in den einzelnen Mappen eine Chromolithografie. Die Firma Benziger übernahm die Technik der Chromolithografie, die es erstmals ermöglichte, farbige Bilder industriell und in grossen Auflagen herzustellen um 1870. In der Schweiz war sie die erste Druckerei, die mit lithografischen Schnellpressen arbeitete.
Nackter Engel über Maria
Ich war ganz überrascht, wie akribisch der Benziger Verlag sein Bildarchiv führte. Schön sortiert findet man die einzelnen Arbeitsschritte und Variationen eines einzelnen Bildmotivs: Bleistiftzeichnungen, Stahlstiche, Aquarelle und Collagen, Lichtdrucke, Klatsche und ein- und mehrfarbige Lithografien (siehe Galerie Beispiel 1). Selbst Probedrucke mit den Notizen zu gewünschten Korrekturen wurden aufbewahrt. Auf einer ersten Version des Bildes «La Madre Santisima de la Luz», das für den lateinamerikanischen Markt produziert wurde, sehen wir über einem schwebenden Engel die feine Bleistift-Notiz «verboten» – Man kann hierzu die Vermutung anstellen, dass der sichtbare Po des Engels vielleicht zu freizügig war und man daher eine zweite Version anfertigte (siehe Galerie Beispiel 2).
Transkribus: Handschriften lesen leicht gemacht
Immer wieder finden sich auch interessante Korrespondenzen mit Künstlern. Da mir die Handschriften des 19. Jahrhunderts zu Beginn nicht geläufig waren, probierte ich ein neues Tool aus: Es heisst Transkribus, erkennt alte Handschriften automatisch und setzt sie direkt in digitale Texte um. Am Beispiel eines Briefs des Einsiedler Mönchs und Kunsthistorikers Albert Kuhn, der mit Benziger eng zusammenarbeitete, sieht man, wie gut das Programm Texte bereits beim ersten Versuch transkribiert (siehe Galerie Beispiele 3 und 4). So kann man ohne grosse Entzifferungs-Arbeit schnell lesen, was Albert Kuhn an den Bildern, die ihm zur Beurteilung geschickt wurden, auszusetzen hatte…
Motive: Blumenkränze neben Fegefeuer und Weinetiketten
Inhaltlich finden sich in den Farbheften neben den typischen Andachtsbildern, Blumenkränzen und Sinnsprüchen auch ungewöhnliche, seltene Motive: Sie zeigen das Fegefeuer, wilde Tiere, feurige Monster oder brennende Schwerter – das inhaltliche Spektrum des Benziger Verlags war weit grösser, als man auf den ersten Blick erwarten würde! (siehe Galerie Beispiele 2 sowie 5–10) Neben religiösen Motiven gibt es immer wieder auch ganz profane Bilder zu entdecken: Entwürfe zu Wappen, zu einer Weinetikette oder eine aufwändig gestaltete Einladungskarte zu einer Hochzeit (siehe Galerie Beispiele 11–12).
Die tollen Motive und die Qualität der angefertigten Zeichnungen beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Ich freue mich schon auf weitere Entdeckungen!
Evelyne Marty aus Einsiedeln ist Masterstudentin der Ägyptologie und Archäologie an der Universität Basel und seit 2020 wissenschaftliche Projekt-Mitarbeiterin im Museum Fram.
* Die Inventarisierungsarbeiten finden im Projekt «Bildarchiv Benziger+» (2020–2021) statt, in dessen Rahmen unter anderem ein Teil des Bildarchivs digitalisiert wird und die bestehenden Sammlungs-Kataloge in der webbasierte Software Artplus zusammengeführt und im Frühling 2021 online publiziert werden. Das Projekt wird vom Lotteriefonds des Kantons Schwyz mit 80 000 Franken unterstützt.
Der am 6. April 2021 im Alter von 93 Jahren verstorbene Schweizer Theologe bringt es im Katalog des Benziger Verlags auf nicht weniger als 172 Einträge. Seit Mitte der 60er Jahre war er Herausgeber oder Mitherausgeber von drei Zeitschriften. Und 1970 provozierte er die Kirche mit dem Buch «Unfehlbar? Eine Anfrage».
Hans Küng wurde 1928 in Sursee geboren, 1954 zum Priester geweiht und wirkte ab 1960 als Professor an der Universität Tübingen. Er schrieb zahlreiche Bücher, in denen er sich nicht nur mit Gott und dem Christsein auseinandersetzte, sondern auch mit der Kirche. Oder ganz gezielt mit dem Papsttum. Den Ausgangspunkt für «Unfehlbar? Eine Anfrage» beschreibt Küng in seiner «Kleinen Geschichte der katholischen Kirche» so:
«1870 verkündet Pius IX. gegen zahlreiche Proteste das Dogma der Unfehlbarkeit bei seinen eigenen feierlichen lehramtlichen Entscheidungen. Diese feierlichen (‚ex cathedra’) Entscheide sind auf Grund eines besonderen Beistands des Heiligen Geistes unfehlbar und aus sich selber, nicht aber kraft der Zustimmung der Kirche, unabänderlich.»
Schon 1854, im gleichen Jahrzehnt, in dem Charles Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, habe Pius IX. «jenes seltsame Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens» verkündet, «worüber man in der Bibel und in der katholischen Tradition des erstens Jahrtausends kein Wort findet und das im Lichte der Evolutionstheorie auch kaum einen Sinn hat.» Als berühmtes Beispiel für ein Dogma auf dem Hintergrund der Unfehlbarkeit erwähnt Küng dann Papst Pius XII., der 1950 die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel verkündet hat. Das Fass zum Überlaufen bringt bei ihm aber die Enzyklika «Humanae vitae» von Papst Paul VI., «die nicht nur Pille und mechanische Mittel, sondern auch die Unterbrechung des Geschlechtsverkehrs zur Empfängnisverhütung als schwere Sünde verbieten will.» Diese Enzyklika ist für Hans Küng der Anlass, 1970 das Buch «Unfehlbar? Eine Anfrage» zu schreiben. Im Vorwort dazu beruft er sich auf das Konzil:
«Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewollte Erneuerung der katholischen Kirche ist ins Stocken geraten. Dies ist fünf Jahre nach Abschluss des Vatikanum II nicht mehr zu übersehen. Und es wäre unklug und schädlich, es in Kirche und Theologie zu verschweigen. Vielmehr dürfte nach langen nachkonziliaren Jahren des geduldigen, aber vergeblichen Wartens heute eine offenere und deutlichere Sprache angebracht sein, damit der Ernst der Lage sichtbar wird und die Verantwortlichen vielleicht aufhorchen.»
Kein anderes Buch habe er in einem so rasanten Tempo verfasst wie «Unfehlbar? Eine Anfrage», rühmt sich der Theologe 2007 in seinen Erinnerungen unter dem Titel «Umstrittene Wahrheit»:
«Am 16. Mai 1970, unmittelbar vor Pfingsten, ist das Manuskript fertig. Pünktlich zum 100. Jahrestag der Unfehlbarkeitsdefinition des Ersten Vatikanischen Konzils am 18. Juli 1970 wird es vom katholischen Benziger Verlag auf den Markt gebracht und entwickelt sich sofort zum Bestseller. Buchstäblich einschlägig mein Titel: ‚Unfehlbar?‘ Wichtig aber auch der Untertitel, oft nicht mitbedacht: ‚Eine Anfrage‘. Dieser Terminus der Parlamentssprache (Interpellation) besagt ein Auskunftsersuchen an die Regierung. Das ist ehrlich gemeint: Ich will nicht eine feststehende, indiskutable dogmatische These präsentieren. Wohl aber will ich in Kirche und Gesellschaft eine ernsthafte Diskussion anstossen und die Kirchenleitung offen zu einer theologisch überzeugenden Antwort herausfordern.»
Dass dieses aufmüpfige Buch bei Benziger herauskam, ist einem Einsiedler zu verdanken, der damals den theologischen Bereich des Verlags leitete und so bedeutende Theologen wie Hans Urs von Balthasar, Magnus Löhrer (Kloster Einsiedeln), Karl Rahner, Herbert Haag oder Hans Küng verlegte. Noch Jahrzehnte später schwärmt der Autor von seinem Verleger und der Aufmachung des Buches:
«Auffällig gestaltet der Umschlag, eine Idee meines Schweizer Verlegers Dr. Oscar Bettschart, Chef des Benziger Verlags, eines tapferen konziliar denkenden Katholiken: auf schwarz glänzendem Grund oben gross in weiss das Wort ‚Unfehlbar‘ und unten klein mein Name, dazwischen mehr als viermal so gross wie ‚Unfehlbar‘ ein riesiges poppiges Fragezeichen in Pink. Dass dieses Fragezeichen schon überdeutlich sagt, worum es geht, liegt nicht an mir, sondern an der Problematik, die in der Luft liegt.»
Das Buch löst eine riesige Diskussion aus, die Küng in seinen Erinnerungen genau dokumentiert. Er hatte gehofft, damit etwas zu einer konstruktiven Entwicklung innerhalb der Kirche und einer breiteren Akzeptanz beitragen zu können. Das Werk kommt in immer wieder neuen Auflagen heraus. 20 Jahre später zum Beispiel als Taschenbuch mit einem abgeänderten Untertitel: «Unfehlbar? Eine unerledigte Anfrage». Die Anfrage war allerdings schon kurz nach der ersten Publikation unerledigt, die Interpellation blieb unbeantwortet, Küng hatte offensichtlich zu viel erwartet:
«Ob man also in Rom und im Episkopat, denke ich 1970, nach anfänglichem begreiflichem Schock angesichts eines so gut dokumentierten Buches nicht einsehen wird, wieviel die katholische Kirche an Glaubwürdigkeit gewänne, wenn sie ehrlich zu ihren Irrtümern stehen und sie korrigieren würde? Und da nun die Enzyklika ‘Humanae vitae’ selbst innerhalb der katholischen Kirche grösstenteils abgelehnt wird und unwiderlegbar gezeigt hat, in welche Schwierigkeiten sich eine ‘unfehlbare’ und daher korrekturunfähige Kirche bringt, könnte man doch eine selbstkritische Besinnung erwarten.»
Eine selbstkritische Besinnung ist in Rom aber nicht vorgesehen. Stattdessen verkündet im August 1971, ein Jahr nach der Publikation des Buches, der Osservatore Romano: «Untersuchung gegen Küng eingeleitet.»
Der Schweizer Theologe stand schon seit den 50er Jahren unter verschärfter Beobachtung der Glaubenskongregation. Die Verfahren, die in den 70er Jahren gegen ihn liefen, wurden aber eingestellt. Oder anders gesagt: Rom beschränkte sich auf Rügen und Erklärungen gegen sogenannte Irrtümer. Gerügt und kritisiert wird Küng auch von Theologen, die sich zum Teil von ihm distanzieren, wie überraschenderweise auch Karl Rahner. Dieser gibt 1971 ein Buch heraus mit dem Titel «Zum Problem Unfehlbarkeit. Antworten auf die Anfrage von Hans Küng.» Küng kontert zwei Jahre später mit einem Folgeband zu «Unfehlbar?»:
«Im Januar 1973 erscheint schliesslich, wieder im mutigen Benziger Verlag, das imposante Opus unter dem Titel: ‘Fehlbar? Eine Bilanz’. 525 Seiten umfasst es, 16 Beiträge hochqualifizierter Fachgelehrter zur biblischen, historischen, gesellschaftlichen und theologischen Problematik, davon auf rund 190 Seiten meine persönliche Bilanz, die auf alle wichtigen und auch auf weniger wichtige Fragen der Auseinandersetzung genauestens eingeht.»
Der Konflikt der Kirche mit Hans Küng schwelt weiter, und 1979 schlägt die Deutsche Bischofskonferenz zu: Sie entzieht ihm die kirchliche Lehrerlaubnis, die missio canonica. Küng sieht das als Reaktion auf seine Kritik am Dogma der Unfehlbarkeit. Im dritten Band seiner Erinnerungen «Erlebte Menschlichkeit» denkt er 2013 an diese Zeit zurück:
«Der Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis unmittelbar vor dem Weihnachtsfest 1979 war für mich eine zutiefst deprimierende Erfahrung. Doch bedeutete sie zugleich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Ich konnte eine ganze Reihe neuer Themen in den Blick nehmen, die nicht nur die Kirche, sondern die Menschheit bewegen: Frau und Christentum, Theologie und Literatur, Religion und Musik, Religion und Naturwissenschaft, den Dialog der Religionen und Kulturen, den Beitrag der Religionen für den Weltfrieden und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Menschheits- oder Weltethos.»
Trotz der «zutiefst deprimierenden Erfahrung» zieht Hans Küng im Rückblick eine positive Bilanz. An den Anfang des Buches setzt er diese Erinnerung:
«Das Leben geht weiter – aber wie!? So hatte ich mich vor drei Jahrzehnten nach den dunkelsten Wochen meines Lebens selber gefragt. Und kann es heute in einem Wort sagen: besser als damals vorauszusehen!»
Der Kulturverein SchwyzKulturPlus hat vor ein paar Wochen das Projekt «kulturON» lanciert. Es bietet den Kulturschaffenden im Kanton Schwyz die Möglichkeit, auf diesem Webportal ihre Werke zu präsentieren und sie bei Bedarf auch zum Kauf anzubieten. Die Arbeiten müssen allerdings ein vorgegebenes Thema gestalten. Die Projektgruppe hat sich für das «Dazwischen» entschieden.
Parallel zu dieser Aktion dreht Franz Kälin Videos mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Kunstgattungen. In diesem Rahmen ist auch ein kurzes Porträt des Museums Fram als Kulturinstitution entstanden:
Es gibt kaum etwas, das der Einsiedler Drogist Karl Hensler-Kälin, verstorben am 8. Januar 2021, nicht sammelte. Was sein Vater Karl Hensler-Ochsner (1887-1975) begonnen hatte, führte er ein Leben lang weiter. Seit 2007 befindet sich ein grosser Teil dieses Sammelguts im Museum Fram. Es ist eine Fundgrube von historischen Objekten und schriftlichen Zeugnissen des gesellschaftlichen und religiösen Lebens im Wallfahrtsort Einsiedeln.
Neben Stichen, Lithografien, Liederbüchern, Notenblättern oder Ansichtskarten umfasst die Sammlung «Einsiedlensia» sämtliche Ausgaben des Einsiedler Anzeigers von 1863 bis 2006, dann Zeitschriften und Jahresberichte, Behördenverzeichnisse und Grundbuchpläne. Vereinsschriften und Vereinsfotos erinnern an Organisationen, die es heute noch gibt, oder solche, die wir nicht einmal mehr vom Hörensagen her kennen. Die Pfadi gehört zur ersten Kategorie, der katholische Jünglingsverein zur zweiten.
Die Akten zur «Wädensweil-Einsiedeln-Bahn», die ihren Betrieb 1877 aufnahm, und die Schriften zum Etzelwerk dokumentieren den technischen Fortschritt. Aus dem Jahr 1873 stammt das Buch «Über die rationelle Benutzung der Wasserkräfte vermittelst eines neuen Apparates zur Transmission derselben». Erst gut 60 Jahre später lieferte der Sihlsee zum ersten Mal Strom.
Das Dorfleben wird in der Sammlung von Karl Hensler etwa mit Trachten und Uniformen illustriert, ferner mit einer Unzahl an Plakaten – von den Maskenbällen an der Fasnacht bis zu den Konzerten im Fismo. Einsiedler Persönlichkeiten und Mönche aus dem Kloster sind mit ihren Dissertationen vertreten, P. Rupert Ruhstaller zum Beispiel mit seinen «Methodologischen Untersuchungen über den Bau des griechischen Satzes», die er erst 1967 im Alter von 50 Jahren einreichte.
Zeugen des klösterlichen und kirchlichen Lebens sind in der Sammlung prominent vertreten. Ab 1905 erschien in der Verlagsanstalt Waldstatt das «Pilgerbüchlein. Wegweiser und Begleiter der Pilger nach Maria Einsiedeln.» Drucke aus der Klosterdruckerei gehen bis ins Jahr 1664 zurück. Wesentlich jünger sind die sogenannten Klosterarbeiten mit Reliquien, wie wir sie in unserer Ausstellung «Globale Lokalgeschichten» (2018/2019) zeigen konnten. In der Sammlung von Karl Hensler befindet sich eine reiche Auswahl an Devotionalien, darunter allein 250 Rosenkränze. Da nehmen sich die «2 Dachziegel des Klosterdachs, datiert 1728» zahlenmässig geradezu bescheiden aus.
Wie kam der Tellen-Kari, wie wir ihn nannten, zu kostbaren Gegenständen und seltenen Schriftstücken? Ein Inventar, in dem «Modells zur Fabrikation von Einsiedler Schafböcken im Gebrauch bei Hugo Kürzi-Knobel» erfasst sind, gibt eine mögliche Antwort: «Durch Tausch eines älteren Kinderautos gegen obige Modells gingen die Modells an Karl Hensler, zum Tell, über.» Natürlich war Kari auch auf Sammlerbörsen anzutreffen. Und wenn in Einsiedeln Häuser abgebrochen und Geschäfte oder Gastbetriebe aufgegeben oder umgebaut wurden, war er zur Stelle und rettete, was zu retten war. Etwa die historischen Schilder der Wirtshäuser «Storchen» oder «Zur Glocke».
All die Gegenstände und Dokumente seiner Sammlung wären nicht halb so interessant, wenn wir nichts über sie wüssten. Kari hat sie in langen Listen und auf ausführlichen Zetteln fein säuberlich dokumentiert, wobei er sich dabei auf sein immenses Wissen über die Geschichte, Kultur und Mentalität der von ihm geliebten Region Einsiedeln verlassen konnte. Noch bis vor Kurzem brachte er neue Trouvaillen persönlich im Museum Fram vorbei und lieferte als guter Erzähler die Anekdoten dazu gleich mit.