Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03535.jsonl.gz/1717

Wie sind Sie – als Schweizer Journalist – auf dieses Thema gestoßen?
Vor zehn Jahren befasste ich mich mit der Geschichte des Finanzplatzes Schweiz im Zweiten Weltkrieg, worüber ich ein Buch und zahlreiche Presseartikel schrieb. Damals meldete sich der Düsseldorfer Journalist Hersch Fischler bei mir, weil er eine Plattform zur Publikation seiner Forschungen über Bertelsmann im Dritten Reich suchte. Fischler hatte herausgefunden, dass die vom Unternehmen verbreitete Legende vom evangelischen Widerstandsverlag nicht den historischen Tatsachen entsprach, doch es war ihm nicht gelungen, seine neuen Erkenntnisse und Befunde in Deutschland zu publizieren. Ich konnte ihm den Zugang zur Zürcher Wochenzeitung Weltwoche erleichtern. Sein dort erschienener Artikel setzte eine Dynamik in Gang, die Bertelsmann schließlich dazu zwang, eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Rolle des Unternehmens im Dritten Reich einzusetzen. Seither habe ich Bertelsmann von Zürich aus beobachtet.
Sie haben kaum primäre Quellen zur Recherche benutzt. Wie haben Sie sich das Material erschlossen und es verifiziert?
Das Buch hat viele Quellen, die ich, wie bei Sachbüchern üblich, im Anhang notierte. Eine wichtige wissenschaftliche Quelle ist der Bericht der Unabhängigen Historischen Kommission von 2002, ganz besonders die vielen Fußnoten, die oftmals relevante Informationen enthalten, die wenig oder gar nicht in den Lauftext der einzelnen Beiträge eingeflossen sind. Dazu auch die Studien des Historikers Dirk Bavendamm zur Frühzeit des Unternehmens. Eine andere Quelle sind Selbstdarstellungen des Unternehmens: Firmenchroniken, Reden und Berichte in den Bertelsmann-Briefen, Bücher und Broschüren Reinhard Mohns und das Buch des einstigen PR-Chefs Roland Gööck. Auch das im Aufbau begriffene Firmenarchiv habe ich konsultiert. Zur Darstellung des Ganges der Ereignisse in jüngster Zeit stützte ich mich auf diverse Zeitungsarchive und Gespräche mit Gewährsleuten.
Haben Sie bei der Recherche mit Bertelsmann zusammengearbeitet oder war das von vornherein für Sie »tabu«?
2001, nachdem mir klar geworden war, dass Bertelsmann, ganz abgesehen von seinem Verhalten im Dritten Reich, ein Sonderfall in der von neoliberalen Shareholder-Value-Konzepten geprägten Welt der globalen Konzerne ist, habe ich beschlossen, über diesen Sonderfall ein Buch zu schreiben. Ich verschickte dann einige Briefe an damalige Unternehmensvertreter, darunter auch Reinhard Mohn, und bat um die Beantwortung von Fragen. Diese Bitte ist mir jedoch mit der Begründung »keine Zeit« abgeschlagen worden. Ferner habe ich den damaligen Pressechef Manfred Harnischfeger auf einer Bilanzpressekonferenz in Berlin gefragt, ob ich ihn in Gütersloh besuchen dürfe. »Wir haben kein Interesse an einem kritischen Buch«, war seine Antwort. In der Folge zeigte mir dann auch der damalige Stiftungssprecher Tim Arnold die kalte Schulter, den ich zuvor auf einem von Bertelsmann gesponserten wissenschaftlichen Kongress an der Universität Cambridge zum Thema Unternehmensgeschichte persönlich als offenen Menschen kennengelernt hatte.
So musste ich feststellen, dass mein Buchprojekt in Gütersloh auf Ablehnung stieß. Das war einerseits bedauerlich, weil mir interne Quellen verschlossen blieben. Zum anderen hatte es aber auch den Vorteil, dass ich unabhängig bleiben konnte. Bertelsmann will kontrollieren, was über das Unternehmen geschrieben wird. Das bestätigt auch der Fall des Autors Michael Jungblut, der von Bertelsmann den Auftrag bekam, eine Unternehmensgeschichte zu schreiben, mit freiem Zugang zum Unternehmensarchiv und Interviewterminen bei Reinhard Mohn. Die Publikation des bereits angekündigten Buches wurde dann abgesagt, weil der Auftraggeber mit dem abgelieferten Manuskript nicht zufrieden war.
Weshalb der Untertitel »Eine deutsche Geschichte«? Bertelsmann ist doch schon seit einigen Jahrzehnten ein internationaler Konzern.
Zeitlich umfasst das Buch die Periode von der Geburt des Firmengründers Carl Bertelsmanns 1791 bis heute. Das Gründungsdatum des Unternehmens ist 1835, wobei Bertelsmann bereits 1819 seine erste Werkstatt eröffnete. In den seither vergangenen fast zweihundert Jahren durchschritt das Unternehmen die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte. Das korporatistische Element in der heutigen Unternehmenskultur des internationalen Konzerns, welche die Interessen von Kapitalgesellschaftern, Arbeitskräften und Führungskräften auszugleichen sucht, ist ein Erbe deutscher Geschichte.
Als zentrales Element des Konzernwachstums beschreiben Sie Reinhard Mohns Modell der Unternehmensführung. Können Sie es kurz zusammenfassen?
Die von Reinhard Mohn in den Fünfzigerjahren entwickelte dezentrale Führungstechnik ist ein wichtiger Teil der Bertelsmann-Unternehmenskultur. Aber nur ein Teil. Ebenso wichtig sind zwei weitere Grundsätze Reinhard Mohns, nämlich das Prinzip des unternehmensinternen Interessenausgleichs von Arbeit, Kapital und Führung und das Prinzip des Wettbewerbes als unternehmerische Triebkraft.
Was sind die Schwächen, was sind die Stärken dieser Art der Unternehmensführung? Wie wird sie real umgesetzt beim Management bis hin zu den Mitarbeitern?
Die Mohn’sche Unternehmenskultur ist ein dynamisches Konzept. In meinem Buch beschreibe ich die Stufen der Entwicklung der Unternehmenskultur bis zu den heutigen »Bertelsmann Essentials«, also der aktuellen Fassung der von Reinhard Mohn etablierten drei Grundsätze des Unternehmens. Dementsprechend muss festgehalten werden, von welcher Phase der Firmengeschichte wir bei der realen Umsetzung sprechen. Die war in den Fünfzigern anders als in den Achtzigern und ist heute wieder anders. Wenn man beispielsweise die Situation im deutschen Privatfernsehgeschäft anschaut, stechen die Unterschiede zwischen den Stationen Sat1 und dem Bertelsmann-Sender RTL ins Auge: Sat1 baut gegenwärtig zwecks Gewinnsteigerung für die Aktionäre dramatisch Kosten ab, was ja bekanntlich im Klartext Entlassungen heißt, während RTL bislang auf Massenentlassungen verzichtete.
Ist der Bertelsmann-Konzern eine »Medienmacht«?
Sicher. Die Frage ist nur inwieweit Bertelsmann diese Macht tatsächlich ausnützt. Im Vergleich mit anderen globalen Medienkonzernen wie Rupert Murdochs News Corp. oder Time Warner hält sich Bertelsmann in der redaktionellen Einflussnahme eher zurück. Publizistisch sind Gruner + Jahr-Produkte, RTL-Kanäle und Random-House-Verlage dem Prinzip des Binnenpluralismus verpflicht. Die TV-Kanäle, Zeitschriften und Zeitungen Murdochs oder von Time Warner hingegen agieren weltweit koordiniert, so beispielsweise in der Propagierung der US-amerikanischen Außenpolitik.
Wie sehen Sie die Rolle der »Bertelsmann Stiftung«, die immer wieder als Vehikel versteckter politischer Einflussnahme kritisiert wird?
Versteckt ist die politische Einflussnahme der Stiftung gewiss nicht. Ganz im Gegenteil. Mohn nennt seine Stiftung »Reformmotor Deutschlands« und ihre Arbeit gilt als Bertelsmanns »Leistungsbeitrag an die Gesellschaft«. Während die Firma Bertelsmann ihre Medienmacht nicht voll ausspielt, geschieht mit der Stiftungsmacht gerade das Gegenteil. Die Bertelsmann Stiftung hat mit ihren Projekten großen Einfluss in Deutschland, und es erstaunt nicht, dass deswegen in jüngster Zeit vermehrt Kritik laut wurde und Bestrebungen im Gang sind, der Stiftung den Status der steuerbefreiten Gemeinnützigkeit abzuerkennen.
Wie unterscheidet sich dieses Stiftungsmodell von Duttweiler, VW-Stiftung, Robert Bosch Stiftung oder Microsoft?
Die Bertelsmann Stiftung unterscheidet sich als operative Stiftung von den anderen vier. Das heißt, sie verteilt kein Geld, sondern führt mit ihren über 300 Beschäftigten eigene Projekte nach eigenen Kriterien durch. Die anderen Stiftungen verteilen Geld zur Förderung von Projekten Dritter. So finanzieren die Stifter Bill Gates und Warren Buffett beispielsweite weltweite Bestrebungen zur Bekämpfung von Krankheiten. Das sogenannte Kulturprozent der von Gottlieb Duttweiler gegründeten Genossenschaft Migros, dem größten Detailhändler der Schweiz, verteilt mit fast 120 Millionen Schweizer Franken jährlich mehr Geld, als das Budget der Bertelsmann Stiftung mit jährlich rund 60 Millionen Euro ausmacht.
Wie geht Reinhard Mohn bzw. der Bertelsmann-Konzern mit seinen Kritikern intern und extern um?
Alles in allem stieß Mohn als Unternehmer im deutschen Medienmainstream bis heute vergleichsweise auf wenige Kritik. Neben dem, was gegen den gescheiterte Film- und TV-Unternehmer Leo Kirch oder den unvergessenen Zeitungskönig Axel Springer gesagt und geschrieben wurde, blieb die Mohn-Kritik an einem kleinen Ort. Von den Bertelsmann-Mitarbeitern verlangt Mohn Loyalität und Zustimmung zu den Grundsätzen seiner Unternehmenskultur. Gehen diese Erfordernisse verloren, geht auch der Job verloren. Das zeigt sich ganz besonders in der obersten Etage, wo in den letzten Jahren Mark Wössner, Thomas Middelhoff, Gerd Schulte-Hillen und weitere Top-Führungsleute kurzfristig gehen mussten. Öffentliche Abrechnungen von entlassenen Führungskräften sind bislang ausgeblieben, was auf hohe Abgangsentschädigungen schließen lässt.
Reinhard Mohn übt weiterhin großen Einfluss aus. Was von seinem Modell wird ihn überleben? Wer ist sein »Thronfolger«?
Einen Thronfolger gibt es nicht. Wohl aber die Familiensprecherin Liz Mohn und den in der Organisationsstruktur festgeschriebene Einfluss der Familie Mohn. Die Stimmrechte von 100 Prozent des Kapitals liegen bei der Verwaltungsgesellschaft, einem Gremium aus Mitgliedern der Familie Mohn, Bertelsmann-Managern und von außen Zugewählten; wobei ein Arbeitnehmervertreter zurzeit fehlt, der gemäß Satzung im obersten Entscheidungsgremium sitzen müsste. Ob die Mohn’sche Unternehmenskultur überlebt, oder abstirbt, wie dies mit der der Bertelsmann-Unternehmenskultur verwandten Idee des »Sozialen Kapitals« des erwähnten Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler geschah, kann nur die Zukunft zeigen.