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Die Geschichte der Schweizer Garde sei von Helden-tum und menschlicher Schwäche geprägt. Dies sagte ein langjähriger Gardist im Gespräch mit swissinfo.
C.-R.M. Richard hat ein Buch über die Schweizer Garde publiziert. Er ist der erste Dienst tuende Gardist, der über die Geschichte der päpstlichen Armee schreibt.
Das Buch über die Schweizer Garde im Verlauf der Jahrhunderte erzählt, wie beim "Sacco di Roma" (Plünderung Roms) im Jahr 1527 im Versuch, den Papst zu schützen, 147 Gardisten getötet wurden.
Es beschreibt auch die schicksalhaften Ereignisse vom 4. Mai 1998, als ein Gardist den neuen Kommandanten Alois Estermann, dessen Frau und anschliessend sich selbst erschoss.
Laut Unteroffizier Richard musste sich die kleinste Armee der Welt zwar dem Wandel der Zeit und den verschiedenen Päpsten anpassen. Die grundlegenden Pflichten der Garde hätten sich aber kaum verändert.
Christian-Roland Marcel Richard kam 1970 auf die Welt und dient seit 1993 im Vatikan.
swissinfo: Wie konnten Sie die Arbeit eines Gardisten mit dem Schreiben des Buches verbinden?
Christian-Roland Marcel Richard: Als ich im März 1993 im Vatikan ankam, fing ich gleich damit an, Material über die Geschichte der Garde zu sammeln. Ich wollte verstehen, warum Schweizer Bürger damals in den Dienst des Papstes eintraten und warum das heute noch so ist.
Ich machte meine Recherchen neben den Tag- und Abenddiensten, der Bewachung während der päpstlichen Messen, Audienzen und Empfänge. Insgesamt steckte ich 2'962 Stunden in diese Arbeit.
swissinfo: Wie haben sich Leben und Arbeit der Schweizer Garde in diesen 500 Jahren verändert?
C-R.M.R.: Der erste Artikel der Vorschriften für die Schweizer Garde, die am 28. Juni 1976 in Kraft traten, definiert unsere Funktion klar:
Die päpstliche Schweizer Garde, die 1506 von Papst Julius II. gegründet wurde, ist ein militärisches Korps von Schweizer Bürgern, deren Hauptaufgabe es ist, laufend die Sicherheit des heiligen Nachfolgers von Sankt Petrus sowie seine Residenz zu schützen.
Weitere Pflichten sind die Begleitung des Heiligen Vaters auf seinen Reisen, die Bewachung des Zugangs zur Vatikanstadt und die Erfüllung anderer offizieller oder zeremonieller Pflichten, wie sie in den Vorschriften aufgelistet sind.
Die Grundlagen der Schweizer Garde haben sich im Verlauf der Jahrhunderte nicht verändert. Die Garde hat sich einfach an den Wandel der Zeit und die Wünsche der verschiedenen Päpste, denen sie diente, angepasst.
swissinfo: Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Gardisten heute aus?
C-R.M.R.: Das Korps ist in drei Sektionen unterteilt. Diese Sektionen wechseln sich alle 24 Stunden beim Wachdienst ab. Zwei Sektionen übernehmen die normalen täglichen Aufgaben. Während allgemeinen Audienzen, Feierlichkeiten, Staatsbesuchen usw. kann die Sektion, die gerade keinen Dienst hat, ganz oder teilweise aufgeboten werden.
Jeden Monat gibt es ein paar freie Vormittage für Sport, Theorie und Ausbildung. Wenn ein Gardist kein Italienisch spricht, muss er einen Sprachkurs besuchen und eine Prüfung ablegen.
swissinfo: Im Buch schreiben Sie auch vom Mord an Kommandant Alois Estermann und dessen Frau durch einen Gardisten im Jahr 1998. Hat sich die Schweizer Garde von diesem schwarzen Tag erholt?
C-R.M.R.: Dieses Ereignis ist heute Teil der Geschichte der Garde. In meinem Buch habe ich es nach dem Anschlag auf Papst Johannes Paul II. (1981) beschrieben. Grösse und Heldentum, aber auch Zerbrechlichkeit und menschliche Schwäche haben in den 500 Jahren unserer Geschichte unauslöschliche Spuren hinterlassen. Ich schrieb über die Tatsachen aufgrund der offiziellen Dokumente.
Ich war im Vatikan, als das geschah. Rund 90 Prozent der Gardisten verlassen das Korps nach der obligatorischen zweijährigen Dienstzeit. Nach fast acht Jahren sind nur noch wenige jener da, die 1998 dienten. Und die neuen, die das nicht direkt miterlebt haben, fühlen keine Notwendigkeit, darüber zu reden.
swissinfo: Können Sie sich vorstellen, dass jemals Frauen in der bisher nur aus Männern bestehenden Garde dienen?
C-R.M.R.: Die Schweizer Garde hat eine sehr alte militärische Tradition, und ihre Mitglieder haben die moralische Pflicht, die Erinnerung an ihre Vorgänger zu bewahren und hochzuhalten. Würde man die institutionellen Werte, auf denen die Garde basiert, einfach ändern, um sich einem Trend anzupassen, würde man ihr ihre Daseinsberechtigung nehmen.
swissinfo-interview: Morven McLean
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
Das Buch über die Schweizer Garde im Verlauf der Jahrhunderte wurde in italienischer Sprache von Leonardo International veröffentlicht.
Es wurde zum 500. Geburtstag der Garde im Jahr 2006 herausgebracht und im letzten November lanciert.
Die 256-seitige Geschichte ist mit Fotografien in schwarz-weiss und in Farbe illustriert und kostet €50 (77 Fr.).
Das Buch soll auch in Französisch, Deutsch und Englisch herausgebracht werden.
In Kürze
Christian-Roland Marcel Richard ist Bürger von Fully, im Kanton Wallis. Er wurde 1970 geboren.
Nach dem Militärdienst in der Schweiz trat Richard am 1. März 1993 in den Dienst des Vatikans ein.
Er wurde Unteroffizier und ist heute der dienstälteste französischsprachige Gardist.
Richard erhielt zwei Medaillen für seinen Dienst: Die päpstliche Auszeichnung Benemerenti und das Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pontifice.