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Warum es bessere Alternativen gibt, wir sie aber nicht nutzen.
Ein kleines Mädchen ist in der Küche und beobachtet die Mutter beim Kochen. Es gibt Sonntagsbraten, ihr Lieblingsessen. Sie sieht wie die Mutter den Anfang und das Ende des Bratens abschneidet, bevor sie diesen in die Auflaufform packt. Auf die Frage, warum sie dies tue, antwortet die Mutter, dass dies ein Rezept ihrer eigenen Mutter sei und sie dies immer so getan habe. Am nächsten Tag besuchen Tochter und Mutter die Grossmutter. Die kleine Tochter fragt nun ihre Oma, weshalb sie denn bei dem Braten den Anfang und das Ende abschneiden würde. Die Oma erklärt nun ihrer Enkeltochter, dass ihre Auflaufform zu klein sei und der Braten nur so in die Form passen würde. Die Mutter ist Opfer des Status-Quo Bias geworden.
Der Status-Quo Bias beschreibt ein Phänomen, bei welchem wir dazu tendieren, die gegebene Option gegenüber einer anderen Option zu bevorzugen, ohne dass wir einen rationalen Grund dafür haben. Oft hinterfragen wir den Ist-Zustand gar nicht, sondern nehmen diesen als gegeben hin: Er ist Teil unserer Identität. Wenn nun eine Option auftaucht, welche diesen Ist-Zustand als schlecht oder verbesserungsfähig aufzeigt, fallen wir in einen Verteidigungsmodus. Konsistenz ist uns sehr wichtig, wir wollen schliesslich glaubwürdig erscheinen. Würden wir nun unsere Meinung ändern, würde dies bedeuten, wir würden unsere eigene Identität ändern.
Besonders bei Politikern ist dies oft zu beobachten. Sie vertreten eine Meinung unabhängig der Argumente dafür oder dagegen. Politiker, welche ihre Meinung ändern, sind “Fahnen im Wind” oder “wissen nicht, was sie wollen”. Dabei sollte es jedem Menschen immer erlaubt sein, aufgrund neuer Fakten seine bisherige Meinung zu revidieren.
Dieses Phänomen lässt sich in ziemlich jedem Bereich unseres Lebens beobachten. Bei der Ernährung, bei Beziehungsformen, beim Elektronikkauf, bei unserer Religionszugehörigkeit und so weiter. Um dies zu erkennen, hilft der sogenannte Reversal Test. Beim Reversal Test wird die Situation umgedreht: Das Gegebene wird also neu als Option angesehen und die eigentlich neue Option als das Gegebene. Würden Sie sich dann noch immer für die aktuelle Situation entscheiden? Nicht? Dann unterliegen Sie dem Status-Quo Bias.
Ein kleines aber sehr kraftvolles Beispiel:
Sie befinden sich in einer Beziehung und sind nicht sehr glücklich. Sie fragen sich, ob Sie sich trennen sollten, entscheiden sich aber dafür, in der Beziehung zu bleiben. Wenn wir nun den Reversal Test anwenden und die Situation umdrehen, sollte die Frage, die Sie sich stellen, wie folgt lauten: Wenn ich jetzt alles über diesen Menschen wüsste, was ich jetzt weiss, würde ich mich dafür entscheiden, wieder mit ihm zusammen zu kommen oder sollte ich Single bleiben? Würden Sie sich gleich entscheiden?
Interessant wird dies ebenfalls, wenn es um Dinge geht, welche freiwillig sind und eine Option als Standard haben. Der sogenannte Default-Effekt bezeichnet etwas, das sehr ähnlich dem Status-Quo Bias ist, jedoch eine aktive Entscheidung optional macht.
In diversen Experimenten lässt sich dieser Effekt beobachten. So z.B. auch in diesem Video:
https://www.youtube.com/watch?v=V7TUFH6udHA
Da die Verteilung zufällig erfolgt, sollte man davon ausgehen, dass 50% der Leute nicht die Option erhalten, welche ihnen lieber ist und einen Wechsel bevorzugen würden. Dies ist jedoch nicht so.
Solange es sich um Schokolade dreht, ist dies nicht weiter schlimm. Wenn wir jedoch Systeme, wie die Organspende beobachten, kann der Default-Effekt riesige Auswirkungen haben. Vergleichen wir hier Österreich und Deutschland als kulturell sehr ähnliche Länder. In beiden Ländern ist die Organspende freiwillig. Deutschland hat ein sogenanntes Opt-In System – Organspender kann jeder werden, der dies möchte. Damit erreicht Deutschland, dass 12% der Bevölkerung Organspender sind. Vergleichen wir dies doch nun mit Österreich und ihrem Opt-Out System.Jeder hat das Recht zu entscheiden, dass er seine Organe nicht spenden möchte. Der Default jedoch ist, dass jeder Organspender ist. Dadurch sind in Österreich 99,98% der Bevölkerung Organspender.
Ein weiterer Grund, warum wir bisheriges Handeln weiterführen, obwohl es bessere Optionen gäbe, ist die sogenannte Sunk-Cost-Fallacy.
Nehmen wir an, Sie gehen ins Kino. Eine Stunde später sind Sie sich sicher: Dies ist mit Abstand der schlechteste Film, den sie je gesehen haben. Trotzdem bleiben Sie sitzen und schauen den Film weiter, schliesslich haben sie 25.- für die Karte bezahlt. Sie sind der Sunk-Cost-Fallacy auf den Leim gegangen. Das Geld ist eh schon weg, aber Sie entscheiden sich aktiv dafür, Ihre Zeit weiterhin mit diesem Film zu vergeuden und verlieren dadurch doppelt.
Man kann dies auch beim Aktien- oder Cryptowährungs-Handel beobachten. Werden Bitcoins zu einem Preis X gekauft, werden diese nicht wieder verkauft, auch wenn der Kurs fällt, schliesslich würde man sonst einen Verlust einfahren. Man klammert sich an den Coins fest, bis der Einstiegspreis wieder überschritten wurde. Auch hier sehen wir die Sunk-Cost-Fallacy sehr gut. Der Einstiegspreis sollte keine Rolle spielen. Alles was eine Rolle spielt, ist, wieviel der zu erwartende Gewinn ist und wieviel der Gewinn bei anderen Optionen sein könnte.
Diese sogenannten Sunk-Costs sind verlorenes Investment, ob dies nun Zeit, Emotionen oder Geld war. Auch wenn sie zehn Jahre in eine Ausbildung und Karriere oder Beziehung investiert haben. Wenn es sie nicht glücklich macht, sollten sie das Investierte ignorieren und einen Wechsel in Betracht ziehen.
Quellen
https://gbs-schweiz.org/blog/status-quo-bias-und-reversal-test/
https://en.wikipedia.org/wiki/Organ_donation#Opt-in_versus_opt-out
Rolf Dobelli – Klar Denken, Klug Handeln Kapitel 6
https://www.youtube.com/watch?v=WyGOG1VNcvM
https://www.youtube.com/watch?v=vpnxd31y0Fo&t=79s
https://www.youtube.com/watch?v=V7TUFH6udHA