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Die heutigen Diskussionen über die Wehrpflicht erinnern frappant an die Zeit, als die Schweiz die Kavallerie abschaffte. Auch damals stand ein militärisches Relikt aus einer vergangenen Zeit zur Debatte.
Vor ziemlich genau vierzig Jahren stritt die Schweiz über den Fortbestand der Kavallerie. Die Schweiz war damals das letzte europäische Land, dessen Armee noch solche Einheiten besass. Wohlgemerkt, wir sprechen hier nicht von Train-Kolonnen für Transporte in unwegsamem Gelände. Die Rolle der Kavalleristen war tatsächlich noch, mit ihren Rössern auf dem Schlachtfeld zu kämpfen - eine absurde Vorstellung in einer Zeit, in der die Menschen sich vor dem Einsatz von Atomwaffen fürchten mussten.
Die Zukunft der Kavallerie bewegte das Volk: Vor der Debatte im Parlament hatten die Kavallerieverbände eine Petition mit mehr als 430‘000 Unterschriften eingereicht. Für die Anhänger der Kavallerie war diese Truppengattung ein «militärisch zentrales Glied im Bollwerk gegen die Bedrohung aus dem Osten, speziell geeignet für die Topographie unseres Landes». Den Kavalleristen sahen sie als Prototypen des Bürgers und Soldaten. Die Traditionen der Kavallerie seien ein unersetzliches Element des Vertrauens zwischen Armee und Volk, unverzichtbar für den Zusammenhalt des Landes.
Aus finanzpolitischen und aus militärischen Überlegungen entschied sich das Parlament am Ende dennoch, auf die Kavallerietruppen zu verzichten.
Ein Relikt der Vergangenheit
Niemand bereute schlussendlich die Abschaffung der Kavallerie. Sie war zu einem Relikt geworden, längst überholt von der sicherheitspolitischen und militärtechnischen Entwicklung in Europa.
Auch die Wehrpflicht ist in Europa zu einem Relikt geworden. Allein seit 2010 haben unter anderem Deutschland, Schweden und Serbien die Wehrpflicht aufgehoben. Die einzigen verbleibenden Wehrpflichtländer westlich von Weissrussland sind Griechenland, Österreich, Finnland, Norwegen - und die Schweiz.
Der Grund für das Ende der Wehrpflicht in Europa ist offensichtlich. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die Bedrohungslage in Europa in doppelter Hinsicht fundamental geändert. Es ist erstens aus politischen wie auch aus wirtschaftlichen Gründen auf absehbare Zeit undenkbar geworden, dass es in West- und Mitteleuropa zu einem militärischen Konflikt zwischen zwei Nationalstaaten kommt.
Bedrohungen des letzten Jahrhunderts
Noch wichtiger sind jedoch weitere Entwicklungen. Die Staaten in Europa haben in den letzten Jahren nicht nur ihren Willen aufgegeben, einen innereuropäischen Krieg zu führen, sondern auch die Fähigkeit dazu. Sowohl die Ausrüstung, die Ausbildung wie auch die Militärdoktrin der Staaten in unserem Umfeld würden es schlicht nicht mehr erlauben, eine klassische kriegerische Auseinandersetzung mit einem anderen Staat auszutragen. Stattdessen fokussieren die anderen europäischen Armeen sich auf die Möglichkeit, ihre Interessen in asymmetrischen Konflikten in der Ferne durchzusetzen. Die Schweiz beteiligt sich an diesen Abenteuern nicht - auch dank dem Druck der GSoA.
Die Anhänger der Kavallerie sind vor 40 Jahren der Versuchung erlegen, die Sicherheit der Schweiz mit Traditionen und den eigenen positiven Erinnerungen an die Dienstzeit zu verwechseln. Dieser Versuchung erliegen die Militärtraditionalisten auch heute wieder. Aber der Sicherheit der Schweiz ist nicht gedient mit einem Massenheer, das auf die Bedrohungen des letzten Jahrhunderts zugeschnitten ist. Denn das Massenheer liefert keine Antworten auf die Bedrohungen der Zukunft wie beispielsweise die Klimakatastrophe, Ressourcenengpässe und zunehmende Ungleichheit auf globaler Ebene wie auch innerhalb der Schweiz.