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04Prof. Dr. med. Dr. h.c. Max Aebi ist seit 2002 als Belegarzt und Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates am Salem-Spital tätig und blickt auf eine bewegte berufliche Vergangenheit zurück, u.a. auf zahlreiche medizinische Einsätze in Pakistan und Armenien. Als ihm das Salem-Spital vor kurzem chirurgische Instrumente für seine Auslandseinsätze übergab, berichtete er uns im Interview über seine Entwicklungsprojekte.
Herr Prof. Aebi, wann haben Sie damit begonnen, Ihre Dienste notleidender Bevölkerung zur Verfügung zu stellen?
Prof. Aebi: Eine Naturkatastrophe hatte im Jahr 2006 weite Teile Pakistans heimgesucht und über 100’000 Tote hinterlassen. Ein überraschender Anruf des damaligen Staatspräsidenten Muscharaf kann als Beginn meiner ehrenamtlichen Tätigkeit betrachtet werden. Zunächst wurde ich gebeten, als Staatsgast nach Pakistan zu reisen und als Berater zu fungieren. Ich reiste nach Rawalpindi und traf dort auf unterschiedliche Wohlstandsverhältnisse von teils zahlungskräftiger Bevölkerung und dem mehrheitlich mittellosen Bevölkerungsanteil, der weitaus grösser war. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurden mir von jungen Ärzten des militärischen Universitätsspitals Fälle vorgestellt, bei denen sie mich zur operativen Versorgung von Patienten mit traumatischen Paraplegien und Wirbelsäulen-Deformitäten um Rat fragten.
Wie ging es dann weiter?
Prof. Aebi: Gemeinsam mit einem anderen Chirurgen haben wir zusammen mit den engagierten jungen Ärzten in dem bestehenden Universitätsspital ein Zentrum der Wirbelsäulenmedizin aufgebaut, in welchem heute in drei von 42 Operationssälen 24 Stunden an sieben Tagen der Woche zum Teil hochkomplexe wirbelsäulenchirurgische Eingriffe vorgenommen werden.
Und wie kam Ihr Engagement in Armenien zustande?
Prof. Aebi: Im Jahr 2008 kam es im Rahmen einer Geburtstagsfeier zu einem Wiedersehen mit einem meiner Jugendfreunde, der mittlerweile in Armenien lebte. Wenig später wurde ich vom Gesundheitsminister Armeniens in das Arabkir Kinderspital in Yerevan eingeladen. Die Ärzte, auf die ich dort traf, waren hervorragend ausgebildet. Es mangelte jedoch an einfachsten Mitteln. Es blieb nicht lange bei der ausschliesslichen Versorgung von Kindern mit angeborenen oder traumatischen Gebrechen. Schon bald zählten auch Erwachsene zu den Patienten. Sie gelangten teilweise über unvorstellbar mühsame und teils gefährliche Umwege im Kaukasus nach Armenien, um sich dort operieren zu lassen.
Woran fehlt es der notleidenden Bevölkerung am meisten?
Prof. Aebi: Das fehlende Gesundheitssystem für die gesamte Bevölkerung sorgt dafür, dass Gesundheitswiederherstellung und Krankheitslinderung nur jenen zugänglich ist, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen. In Armenien kommt erschwerend hinzu, dass die Region politisch-religiös von den Nachbarländern sehr abgeschirmt ist, was die Entwicklung des Gesundheitswesens enorm hemmt.
Unter welchen Arbeitsbedingungen sind oder waren Sie vor Ort tätig?
Prof. Aebi: Die Arbeitsbedingungen waren recht unterschiedlich. Einerseits traf ich in Pakistan auf junge, immens engagierte Ärzte, denen schlicht Wissen und Erfahrung fehlte, um dem Ansturm von Patienten mit komplexen Wirbelsäulen-Problemen Herr zu werden. Andererseits begegneten mir sehr gute Mediziner in Armenien, welchen vor allem Mittel und daraus resultierend Erfahrung fehlte.
Wie können wir uns Ihre Arbeitswoche bei einem Auslandeinsatz vorstellen?
Prof. Aebi: Nach meiner Ankunft beginnt die Woche mit einer Sprechstunde von morgens bis abends. Die anderen vier Wochentage stehe ich von zirka 8 Uhr bis zum Programmende im OP. Zu Beginn hatte ich mir zugemutet, diese OP-Programme häufig bis Mitternacht durchzustehen. Heutzutage sind meine ärztlichen Kollegen gnädig mit mir und sorgen meist für ein Programmende um etwa 20 Uhr mit einem anschliessenden Abendessen.
Was treibt Sie persönlich an?
Prof. Aebi: Für mich sind die Auslandeinsätze ein «Fenster in eine andere Welt». Ausserdem empfängt mich jedes Mal ungeheures Interesse und ein Wissensdurst, den ich in Europa mittlerweile vermisse. Die jungen Ärzte schauen mir nicht nur gelangweilt über die Schulter, sondern verfolgen stundenlange Operationen live, stellen interaktiv Fragen und pochen darauf, mit mir zu arbeiten.
Weiter sind es die gesundheitlichen Erfolge der Patienten, die ich oftmals persönlich verfolgen kann. Auch befriedigt mich die Entwicklung der Zentren, für die ich einen erheblichen Teil meiner Arbeitszeit und persönlichen Ressourcen eingesetzt habe. Vergleiche ich damals und heute, sind die Unterschiede enorm.
Wie viele Operationen haben Sie im Ausland bereits durchgeführt?
Prof. Aebi: Man kann von etwa 25 komplexen Operationen pro Einsatzwoche ausgehen. Ich verbringe je Einsatzort zwei bis drei Wochen pro Jahr im Ausland und dies seit 2006 in Pakistan sowie seit 2008 in Armenien. Aber wie erwähnt sind es nicht die Operationen alleine. Es geht mir hauptsächlich um den Wissens- und Erfahrungstransfer auf die jungen, engagierten Ärzte, die gegenwärtig und künftig von den dort lebenden Patienten konsultiert werden.
Welche Situation hat Sie persönlich besonders stark berührt?
Prof. Aebi: Es gibt nicht die EINE bewegende Situation. Eindrücklich für mich ist immer wieder die tief empfundene Dankbarkeit der Patienten, die unter normalen Umständen nicht in den Genuss einer Therapie gelangt wären. Ich erlebte Dankes-Rituale, die man hier in Europa längst nicht mehr kennt.
Selbstverständlich sind es auch die gesundheitlichen Fortschritte, die sehr eindrücklich sind. Gerade die in diesen Ländern noch weit verbreitete Tuberkulose fordert zahlreiche langsam entstehende Paraplegien, welche sich durch operative Dekompressionen innerhalb von Wochen wieder zurückbilden können und aus Pflegefällen mobile Menschen entstehen lassen.
Gibt es weitere Unterschiede zu den westlichen Patienten?
Prof. Aebi: Eindrücklich ist in diesen Ländern der Umgang mit dem Tod. Der gesunde Menschenverstand sagt uns eigentlich, dass nicht jeder Patient jedes Leiden und jede operative und perioperative Therapie überstehen kann. Die Akzeptanz dessen scheint in den sogenannt entwickelten Ländern der Welt völlig verloren und überrascht mich an meinen Einsatzorten immer wieder. Die Bevölkerung scheint sich eine Dankbarkeit auch für Situationen medizinischen Misserfolgs erhalten zu haben.
Ist Ihnen Ihre gesammelte Auslanderfahrung auch im Berufsalltag in der Schweiz zu Gute gekommen?
Prof. Aebi: Während meiner Auslandstätigkeit sind mir medizinische Fälle begegnet, wie ich sie hier wahrscheinlich niemals antreffen werde. Die anspruchsvollen und hochkomplexen Eingriffe lehren mich immer aufs Neue den Respekt vor meiner Tätigkeit. Dadurch bleibe ich stets in Bewegung, forsche weiter nach wirksamen Operationsmethoden und verfalle nicht in berufliche Eintönigkeit.
Was raten Sie anderen Medizinern oder Freiwilligen, die ebenfalls notleidender Bevölkerung im Ausland helfen möchten?
Prof. Aebi: Zunächst ist es eine Sache der Einstellung. Pünktlicher Arbeitsbeginn und zeitiges Arbeitsende, Luxus und finanzielle Erfolge dürfen nicht Ziele von Auslandseinsätzen sein. Auch sollte es ein Bedürfnis sein, eigenes Wissen gern und vorbehaltlos weiterzugeben, denn Teamarbeit und nicht Erfolge Einzelner nützen nachhaltig breiten Massen notleidender Bevölkerung.
Meine frühzeitigen beruflichen Aktivitäten in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika und ein dadurch resultierendes riesiges Netzwerk kamen und kommen mir noch heute zu Gute.
Übrigens können Sie sich auf www.oot-esj.com einen Eindruck über meine Bemühungen um weltweiten Zugang zu Wissen verschaffen. Nur wer seinen Beruf als Berufung und Passion empfindet, sollte sich für solche Projekte engagieren.
Herzlichen Dank für das spannende Interview und weiterhin viel Erfolg und Freude bei Ihren Einsätzen im Ausland!
Autor: Hirslanden Bern