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Das Personenfreizügigkeitsabkommen (FZA) zwischen der Schweiz und der EU trat 2002 in Kraft. Seither durchliefen die Schweiz und Europa wirtschaftlich sehr unterschiedliche und zum Teil turbulente Phasen. Nach einer vorübergehenden Konjunkturflaute waren die ersten sechs Jahre des FZA von einem weltweit kräftigen Aufschwung geprägt. Doch die grosse Finanz- und Wirtschaftskrise beendete diese Boomphase Anfang 2009 abrupt.
In den Jahren danach stand die Wirtschaftsentwicklung Europas im Zeichen der Eurokrise. Sie zeichnete sich durch ein insgesamt schwaches und regional stark ungleiches Wirtschaftswachstum aus. Zu diesem schwierigen aussenwirtschaftlichen Umfeld kam in der Schweiz ab 2011 die starke Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro hinzu, welche den Wirtschaftsgang zusätzlich belastete.
Stütze in der Krise
Im internationalen Vergleich verzeichnete die Schweiz seit 2002 eine sehr starke Zuwanderung aus der EU und der Efta. Diese Zeitspanne war zunächst wesentlich durch eine überdurchschnittlich gute Wirtschaftsentwicklung geprägt. Sie löste die Zuwanderung in die Schweiz überhaupt erst aus. Ab 2009 kühlte sich die Wirtschaftslage mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab, worunter vor allem die Exportwirtschaft stark litt. In diesem Kontext wirkte die anhaltend hohe Zuwanderung über den Konsum als wichtige Konjunkturstütze und wurde so selbst zu einem wesentlichen Faktor der Schweizer Wirtschaftsentwicklung.
Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) wuchs in der Schweiz in den Jahren 2002–2015 um starke 1,8 Prozent pro Jahr. Im selben Zeitraum legte das BIP in Deutschland nur gerade um 1,1 Prozent und in den EU-15-Staaten um 1,0 Prozent zu. Auch das BIP pro Kopf wuchs in der Schweiz mit durchschnittlich 0,8 Prozent pro Jahr solide und stärker als im EU-Durchschnitt mit 0,6 Prozent. Jedoch fiel es niedriger aus als etwa in Deutschland, wo es 1,1 Prozent betrug. Dieser Wachstumsrückstand beim BIP pro Kopf gegenüber Deutschland entstand über die Jahre 2009–2015: Während die deutsche Wirtschaft im Zuge der Eurokrise durch die deutliche Abwertung des Euro an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewann, wurden die Unternehmen in der Schweiz durch eine starke Aufwertung des Schweizer Frankens gebremst. Die abgeschwächte BIP-Entwicklung ab 2009 und ein anhaltend hohes Bevölkerungswachstum von über 1 Prozent resultierten in einem schwachen Wachstum des BIP pro Kopf, das nur leicht über null lag.
Beschäftigung in binnenorientierten Sektoren steigt
Die unterschiedlichen makroökonomischen Bedingungen vor und nach der grossen Wirtschaftskrise wirkten sich deutlich auf die Struktur der Arbeitskräftenachfrage in der Schweiz aus. In den Jahren vor der Krise wiesen praktisch alle Wirtschaftszweige eine robuste, positive Beschäftigungsentwicklung auf. Dies galt insbesondere auch für die produzierende Industrie, das Bau- und das Gastgewerbe sowie diverse privatwirtschaftliche Dienstleistungsbranchen.
Nach der Krise und mit der Frankenstärke war das Beschäftigungswachstum in der Schweiz stärker auf binnenwirtschaftlich orientierte und staatsnahe Dienstleistungsbranchen wie das Gesundheits- und Sozialwesen oder das Bildungswesen konzentriert. Die Beschäftigung in der Industrie, im Detailhandel oder im Gastgewerbe wurde hingegen stark gebremst oder entwickelte sich sogar negativ.[1] Durch diese Verschiebungen in der Nachfrage stellt sich die Frage, wie sich die Zuwanderung von Arbeitskräften über die Zeit verändert hat und inwieweit sie der veränderten Nachfrage gefolgt ist.
Süd- und Osteuropäer lösen Nordeuropäer ab
Schaut man sich an, wie sich die Zuwanderung in die Schweiz zusammensetzt, fallen vor allem Verschiebungen bei den Herkunftsländern innerhalb der EU auf. Die Jahre 2002–2008 waren noch von einer starken Zuwanderung aus Nord- und Westeuropa – vor allem aus Deutschland – geprägt. Nach der Wirtschaftskrise gewann vor allem die Zuwanderung aus Süd- und Osteuropa an Bedeutung. Diese Entwicklung erkennt man in der Abbildung in Form von unterschiedlichen Zuwanderungswellen.
Wanderungssaldo der ausländischen Wohnbevölkerung aus EU-27/Efta-Staaten in die Schweiz nach Staatsangehörigkeit, 1998–2015
Quelle: SEM, Zemis / Die Volkswirtschaft
Die wachsende Zuwanderung aus Osteuropa hängt damit zusammen, dass die Personenfreizügigkeit gegenüber diesen Ländern ab 2006 schrittweise eingeführt wurde. Die Verschiebungen zwischen Nordwesteuropa und Südeuropa sind hingegen eher im Kontext der Eurokrise und den wirtschaftlich schwierigen Voraussetzungen in den Herkunftsländern Südeuropas zu verstehen: Deutschland konnte sich ab 2010 rasch von der Wirtschaftskrise erholen und wies über die letzten Jahre eine stetig sinkende Erwerbslosenquote auf. Demgegenüber litten die Staaten Südeuropas unter hoher und teilweise stark steigender Erwerbslosigkeit – besonders bei der jungen und migrationsbereiten Bevölkerung. Während also die Bedingungen zur Rekrutierung von ausländischen Fachkräften in Deutschland tendenziell schwieriger wurden, dürfte die Bereitschaft der Südeuropäer gestiegen sein, einen Job im Ausland zu suchen oder ein entsprechendes Angebot anzunehmen.
Weiterhin hoch qualifizierte Zuwanderung
Die über die Zeit veränderte Zusammensetzung der Zuwanderung und deren Bedeutung für den Arbeitsmarkt lassen sich gut anhand der beiden Zuwanderungskohorten 2006–2010 sowie 2011–2015 analysieren. Diese beiden Kohorten umfassen jeweils die Spitzenwerte der Zuwanderung aus Nord- und Westeuropa (2008) und jene aus Süd- und Osteuropa (2013).
In den folgenden Analysen wurden anhand der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebungen (Sake) 2010 und 2015 jene Personen genauer betrachtet, die jeweils fünf Jahre vor der Befragung aus einem EU- oder einem Efta-Staat in die Schweiz zugewandert sind. Wie die Tabelle zeigt, stammten in der Periode 2006–2010 von den zugewanderten EU/Efta-Staatsangehörigen 71 Prozent aus Nord- und Westeuropa. Zwischen 2011 und 2015 machte diese Nationalitätengruppe nur noch 50 Prozent aus. Umgekehrt gewannen Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa an Gewicht.
Auf das durchschnittliche formale Ausbildungsniveau hatte die Verschiebung nach Herkunftsregionen nur relativ geringfügige Auswirkungen. So stieg der Anteil Personen ohne nachobligatorische Ausbildung von 14 auf 17 Prozent. Es wanderten also etwas mehr unqualifizierte Personen ein. Gleichzeitig stieg jedoch der Anteil tertiär Ausgebildeter um 2 Prozentpunkte leicht auf 54 Prozent an.
Unterschiede im Arbeitsmarkterfolg
Mit Blick auf die Arbeitsmarktindikatoren für diese beiden Zuwanderungsgruppen ist das Bild gemischt. Zum einen erhöhte sich die Erwerbsquote von 86 auf 88 Prozent. Dies verdeutlicht, dass die Zuwanderung aus dem EU/Efta-Raum bei der jüngeren Zuwanderungskohorte stark auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet war und blieb. Hingegen deuten eine erhöhte Erwerbslosenquote von 7,3 Prozent bei der jüngeren Zuwanderungskohorte gegenüber 6,4 Prozent bei der früheren auf eine tendenziell schlechtere Übereinstimmung mit der Arbeitskräftenachfrage bei den jüngst Zugewanderten hin.
Zusammensetzung und Arbeitsmarkterfolg zweier Zuwanderungskohorten aus EU/Efta-Staaten, 2010 und 2015
|Zugewanderte 2006–2010||Zugewanderte 2011–2015||Differenz|
|Herkunftsregion|
|Nordwesteuropa||71%||50%||–21%|
|Südeuropa||24%||41%||+17%|
|Osteuropa||5%||9%||+4%|
|Ausbildungsniveau|
|Tertiär||52%||54%||+2%|
|Sekundarstufe II||33%||29%||–5%|
|Sekundarstufe I||14%||17%||+3%|
|Indikatoren des Arbeitsmarkterfolgs|
|Erwerbsquote (15- bis 64-Jährige)||86%||88%||+2%|
|Erwerbslosenquote gemäss ILO||6,4%||7,3%||+0,9%|
|Durchschnittslohn (in Franken pro Stunde)||42,6 Fr.||40,5 Fr.||–2,1 Fr.|
Quelle: Eigene Berechnungen auf der Grundlage von BFS, SAKE 2010 und 2015 / Die Volkswirtschaft
In die gleiche Richtung deutet der Umstand, dass der Stundenlohn bei der jüngeren gegenüber der früheren Zuwanderungskohorte rund 2 Franken tiefer liegt. Die Gruppe der zwischen 2006 und 2010 Zugewanderten verdiente mit 42.60 Franken pro Stunde im Schnitt rund 5 Prozent mehr als die bereits länger als fünf Jahre in der Schweiz wohnhafte Bevölkerung. Demgegenüber lag der Stundenlohn der 2011–2015 zugewanderten Erwerbstätigen 4 Prozent unter dem Durchschnittslohn der bereits ansässigen Bevölkerung. Das bedeutet, dass die jüngere Zuwanderung verstärkt in Bereichen mit etwas tieferem Lohnniveau erfolgte.
Höhere Erwerbsbeteiligung und Erwerbslosigkeit
Die Erwerbsquote der Zuwandererkohorte 2006–2010 übertraf jene der Ansässigen um 3 Prozentpunkte. Bei der jüngeren Zuwanderungskohorte waren es 4 Prozentpunkte. Beide Zuwanderungskohorten aus dem EU/Efta-Raum waren somit sehr stark auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet.
Die Erwerbslosenquoten gemäss der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) waren bei beiden Kohorten allerdings deutlich höher als bei der länger ansässigen Erwerbsbevölkerung. Während sie bei den früher Zugewanderten 6,4 und bei den jüngst Zugewanderten 7,3 Prozent ausmachte, beträgt sie bei der ansässigen Erwerbsbevölkerung nur rund 3,9 Prozent. Dazu tragen mehrere Faktoren bei: So kommen einige Personen im Familiennachzug (z. B. als Ehepartner) in die Schweiz. Sie finden möglicherweise erst nach einer Phase der Erwerbslosigkeit eine Arbeitsstelle. Ein weiterer Grund ist unter dem Begriff «last-in, first-out» bekannt, welcher besagt, dass kürzlich zugewanderte Personen wegen der relativ kurzen Betriebszugehörigkeit bei Personalabbau stärker betroffen sind. Zudem erhalten nicht wenige Zugewanderte ihre erste Stelle in der Schweiz, beispielsweise weil sie über einen privaten Personalverleiher rekrutiert werden oder weil sie befristete Stellen in Saisonbranchen antreten. Diese Personen sind einem deutlich erhöhten Erwerbslosenrisiko ausgesetzt. Denkbar ist auch, dass Zugewanderte nach einem Stellenverlust generell mehr Mühe haben, eine neue Stelle zu finden, weil sie in der Schweiz ein kleineres berufliches und persönliches Netzwerk haben als länger anwesende Erwerbspersonen. Der leichte Anstieg der Erwerbslosenquote bei der jüngeren Zuwanderungskohorte deutet auf eine tendenziell schlechtere Übereinstimmung der jüngeren Zuwanderung mit der Arbeitskräftenachfrage hin.
Zuwanderung nimmt leicht ab
Das Jahr 2015 stand in der Schweiz gleich zu Jahresbeginn wirtschaftlich im Zeichen einer erneuten, starken Aufwertung des Schweizer Frankens. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich, und auch der Wanderungssaldo reagierte mit einer gewissen Verzögerung darauf. Im Jahr 2015 fiel der Wanderungssaldo von EU/Efta-Staatsangehörigen gegenüber dem Vorjahr mit rund 3000 Personen um 5 Prozent tiefer aus. Die Tendenz zu einer schwächeren Zuwanderung zeichnete sich Anfang 2016 noch etwas stärker ab. In den ersten fünf Monaten 2016 lag der Wanderungssaldo der ständigen Wohnbevölkerung aus EU/Efta-Staaten mit 4600 Personen rund 23 Prozent tiefer als noch ein Jahr zuvor.
Aus Sicht des Arbeitsmarktes war dieser Rückgang eine willkommene Reaktion auf die schwächere Arbeitskräftenachfrage, welche sich seit Anfang 2015 in einem Anstieg der Erwerbslosenquote niedergeschlagen hatte. Angesichts der für 2016 gedämpften konjunkturellen Aussichten kommt der weiteren Entwicklung der Zuwanderung aus arbeitsmarktlicher Sicht eine hohe Bedeutung zu. Auch im Lichte der Verschiebungen in der Zusammensetzung der Zuwanderung über die letzten zehn Jahre gilt es die weitere Entwicklung besonders aufmerksam zu verfolgen.[2]
- Siehe dazu auch den Artikel von Ursina Jud Huwiler und Thomas Ragni (beide Seco), der am 26. Juli 2016 in der Ausgabe 8/9 erscheint.
- Dieser Artikel stützt sich mehrheitlich auf den 12. Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz-EU von Seco, SEM, BFS und BSV (2016). Den vollständigen Bericht findet man auf Seco.admin.ch