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VON URS BITTERLI
«Depuis cinquante ans on ne cesse de répéter aux habitants des Etats-Unis qu'ils forment le seul peuple religieux,éclairé et libre. Ils voient que chez eux jusqu'à présent les institutions démocratiques prospèrent, tandis qu'elleséchouent dans le reste du monde; ils ont donc une opinion immense d'eux-mêmes, et ils ne sont paséloignés de croire qu'ils forment une espèce à part dans le genre humain.»
(Alexis de Tocqueville, De la démocratie en Amérique)
Im Jahre 1908 gelangte in New York ein Theaterstück mit dem Titel «The Melting Pot» zur Aufführung, das einiges zu reden gab - nicht sosehr durch den Widerspruch, den es provozierte, als vielmehr durch die Zustimmung, die es fand. Das Stück, verfasst von einem Juden russischer Herkunft namens Israel Zangwill, pries die Vereinigten Staaten als Einwanderungsland, als «Schmelztiegel», in dem das vielfältige nationale Erbe des alten Europas sich sammelte und eingeschmolzen wurde zum geläuterten Produkt einer neuen amerikanischen Kultur.
Das Wort vom «Melting Pot» ist seit jener Theateraufführung aus der amerikanischen Diskussion um die nationale Identität nicht mehr wegzudenken, und es ist zur Wegmarke geworden, an der die Geister sich scheiden: Den einen erscheint der Begriff als Metapher für einen Vorzug, der die USA vor andern Ländern auszeichnet, den andern als Lebenslüge, die von der gesellschaftlichen Realität andauernd entlarvt wird.
Das Wort, das Zangwill um die Jahrhundertwende prägte, war zwar neu, die Idee aber war es nicht. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte der französischstämmige Siedler Michel-Guillaume de Crèvecur in seinen «Letters from an American Farmer» denselben Gedanken geäussert. «Was ist er denn, der Amerikaner, dieser neue Mensch?» hatte Crèvecur gefragt. Und er hatte sich selbst die Antwort gegeben: «Derjenige ist ein Amerikaner, der hinter sich alle früheren Vorurteile und Verhaltensweisen zurücklässt und der zu neuem vorstösst, dank dem neuen Lebensstil, den erübernimmt, der neuen Regierung, der er gehorcht, der neuen Stellung, die er einnimmt. Er wird zum Amerikaner, weil ihn der breite Schoss unserer grossen Alma mater empfängt. Hier wird der Einzelne eingeschmolzen in eine neue Rasse von Menschen, deren Schaffen und deren Nachkommenschaft dereinst in der Welt grossen Wandel bewirken werden.»
Die «Amerikanisierung», die Crèvecur beobachtete, lag in spezifischen geschichtlichen und staatsrechtlichen Voraussetzungen begründet. Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts war das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten ein Siedlungsland gewesen, das Menschen von sehr unterschiedlicher Nationalität, Konfession und sozialer Herkunft eine Zuflucht anbot. Aus der gemeinsamen Pioniererfahrung, die darin bestand, dass man, Subjekt der Krone, aber nicht willenloser Untertan, sesshaft wurde, seinen Unterhalt erwirtschaftete und die Beziehungen in der Gemeinschaft selbständig regelte, waren die Texte der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung herangewachsen, die dem Bürger den Rechtsanspruch auf Freiheit, Gleichheit und Selbstverwaltung zusicherten.
Über die kulturelle Identität machten sich die Gründungsväter der Republik, Franklin, Adams und Jefferson, die stolz den Wahlspruch «E pluribus unum» auf das Staatssiegel schrieben, wenig Sorgen: Kein anderes Land der Erde gewährte seinen Bürgern vergleichbaren Rechtsschutz und vergleichbare Möglichkeiten, zu materiellem Wohlstand und persönlichem Glück zu gelangen - das übrige, die gesellschaftliche Integration, mochte sich dann von selbst ergeben. Mit den Leitprinzipien von Freiheit, Gleichheit und Selbstverwaltung bot das junge amerikanische Staatswesen ein zukunftsweisendes demokratisches Modell an, das universal konsensfähig war und die hergebrachten ethnischen und kulturellen Unterschiede zwar nicht aufhob, aber gleichsamüberwölbte und in ihrem Konfliktpotential entschärfte.
Der Einwanderer trat in seine neue Heimstätte ein im Bewusstsein, einen Neuanfang zu wagen; nach kurzer Frist zum Mitbürger geworden, erwiderte er die Offenheit, mit der jene ihm begegneten, die vor ihm angekommen waren, dadurch, dass er die Hausordnung respektierte. Allerdings wurde der Zugang zum «Asylum of Liberty» nicht allen gewährt, und als Makel blieb bestehen, dass die Gründungsväter ausgerechnet an die Rechte der frühesten Siedler, der Indianer und der Schwarzen, nicht gedacht hatten. So erwies sich schon bald die Fragwürdigkeit der Idee des «Melting Pot».
Immigranten kurz vor ihrer Ankunft in Amerika auf einem Atlantikschiff im Jahre 1906.
Zwischen 1820 und 1960 wandertenüber 40 Millionen Menschen, vorwiegend Europäer, nach den USA aus; um 1900 war rund ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung neu eingewandert oder stammte von eingewanderten Eltern ab. Man unterscheidet zwischen «push factors» und «pull factors», welche diesen gewaltigen Migrationsprozess bewirkten: Während wirtschaftliche Notlage und Einschränkung bürgerlicher und konfessioneller Freiheiten die wichtigsten Auswanderungsgründe darstellten, erklärte sich die Sogwirkung des Zielorts USA durch die voranschreitende Nutzbarkeit des Hinterlandes im Mittleren und Fernen Westen, durch die Goldfunde in Kalifornien, durch die Industrialisierung und den gesteigerten Bedarf an Arbeitskräften. Eine grosse Zahl von Nationen wurde in mehreren zeitlich gestaffelten Wellen von der Auswanderung erfasst: zuerst vornehmlich Engländer und Iren, darauf Deutsche, Schweizer und Skandinavier, schliesslich Italiener, Osteuropäer, Chinesen und Japaner, Kubaner und Mexikaner.
Das Ausmass der Einwanderung führte dazu, dass man die integrative Wirkung des demokratischen Modells nicht mehr als selbstverständlich voraussetzte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu versuchen begann, das Phänomen der «Amerikanisierung» genauer zu erklären. Zu den ersten Historikern, die sich mit dem Thema befassten, gehörte Frederick Jackson Turner, der 1893 die These aufstellte, der Typus des Amerikaners habe seinen eigentümlichen Charakter im Bereich der westwärts voranschreitenden Siedlungsgrenze, zwischen «Zivilisation und Natur», ausgebildet. Zu den herausragenden Merkmalen amerikanischer Mentalität zählte Turner Derbheit und Kraft in Verbindung mit Scharfsinn und Neugierde, geringe künstlerische, aber grosse praktische Begabung, rastlos tätige Energie und den Drang zur Selbstverwirklichung - dies alles gespeist» durch die Spannkraft und den Überschwang, welche die Freiheit verleiht».
Diese Illustration aus dem 19. Jahrhundert vermittelt die «Go west»-Vision der Amerikane und den ungebrochenen Glauben an den «American progress».
Durch diese «frontier hypothesis», die den normativen Überbau des demokratischen Modells durch die Vorstellung eines inähnlicher Richtung fortwirkenden Sozialisierungsprozesses ergänzte, ist das Selbstbewusstsein des Amerikaners, bewusst und unbewusst, bis in die Gegenwart massgeblich geprägt worden. Zwar gibt es die Siedlungsgrenze nicht mehr, aber der Optimismus, der in jedem Widerstand eine Grenze sieht, die es zurückzuschieben oder zuüberwinden gilt, erscheint sowohl in der europäischen Fremd- als auch in der amerikanischen Selbstbeurteilung als typisch amerikanisch - «New Frontier» lautete nicht zufällig der Slogan, mit dem 1960 John F. Kennedy zum nationalen Aufbruch aufrief.
In der wissenschaftlichen Forschung ist Turners These immer wieder diskutiert und modifiziert worden. Zahlreiche Studien, vor allem von Ethnologen und Soziologen, haben sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem, was man den» American character» nannte, befasst. In Erziehungswesen und Kulturpolitik neigte man dazu, sich am Idealbild eines Muster-Amerikaners zu orientieren, in dem sich möglichst viele Mitbürger selbstbewusst erkennen konnten - eine Tendenz, die durch den vom Zweiten Weltkrieg ausgelösten Patriotismus innenpolitisch verstärkt und durch das globale Selbstbewusstsein während des Kalten Krieges aussenpolitisch erweitert wurde.
Eine Veränderung in diesem amerikanischen Selbstverständnis zeichnete sich in den sechziger und siebziger Jahren ab. Ausgelöst wurde der Wandel durch die militant vorgetragenen Forderungen schwarzer und indianischer Bevölkerungsgruppen im Umfeld der Black-Power-Bewegung und des «American Indian Movement» nach rechtlicher und sozialer Gleichstellung. Mit dieser Auflehnung rassischer Minderheiten, die im Zusammenhang mit der ernüchternden Erfahrung des Vietnamkrieges ein staatsgefährdendes Potential entfaltete, ging eine Neubesinnung auf ethische Werte, ein «ethnic revival», einher.
Soziologen und Historiker begannen nun, den Vorgang der «Amerikanisierung» kritischer und differenzierter zu sehen. Am Beispiel einzelner ethnischer Gruppen wurde herausgearbeitet, wie dieser Prozess je nach dem Zeitpunkt der Immigration, je nach Herkunft und Vorbildung der Einwanderer sowie dem neuen Niederlassungsort ein breites und vielschichtiges Spektrum von Assimilationsformen erkennen liess, das von einer zur Überkompensation neigenden Integrationsbereitschaft zu radikalen Formen ethnisch bedingter Anpassungsverweigerung reichte. So sehr trat in solchen Untersuchungen die ethnische Vielfalt, der «kulturelle Pluralismus» als konstituierendes und bereichenderes Element der amerikanischen Gesellschaft hervor, dass manchen Forschern das Konzept vom «Melting Pot» endgültig widerlegt undüberholt schien. Was wiederum nicht hinderte, dass dieser Begriff in der offiziellen Selbstdarstellung der Nation seinen Stellenwert fast unangefochten beibehielt.
Schmelztiegel oder multikulturelles Mosaik? Zu eng scheint beides in den USA ineinander verschlungen, als dass man sich für das eine oder das andere entscheiden könnte. Wie unauflösbar die Verflechtung von Gegensätzlichem ist, liegt schon in der Doppelfunktion der amerikanischen Verfassung begründet: Einerseits stärkt sie die nationale Einheit und untersagt jede ethnische Eigenstaatlichkeit; anderseits ist gerade sie es, die den Bürgern jene Freiräume offenhält, die es gestatten, ethnische Eigenart zu bewahren und zu pflegen.
Dass die Balance zwischen kultureller Einheit und kultureller Vielfalt in einer Nation, die sich täglich umüber mehr als 6000 Einwohner, darunter 2000 Einwanderer, vermehrt, immer wieder Turbulenzen und Belastungen ausgesetzt sein wird, ist gewiss. Gewiss ist auch, dass die Amerikaner nicht daran zweifeln, solche Herausforderungen meistern zu können.
Dr. Urs Bitterli(<email-pii>) ist ordentlicher Professor für allgemeine Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Zürich.
unipressedienst Pressestelle der Universität Zürich
Felix Mäder (<email-pii>)
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Last update: 25.6.1996