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thk. Die Schweizer Münzprägestätte «Swissmint» hat im Januar dieses Jahres zum 100jährigen Gedenken an den ersten Alpenüberflug durch den Schweizer Flugpionier Oskar Bider eine Sondermünze herausgegeben. Grund genug, sich mit dieser Persönlichkeit zu beschäftigen, die der Entwicklung der Schweizer Luftfahrt wichtige Impulse gab und sich für den Aufbau einer einsatzfähigen Luftwaffe während des Ersten Weltkriegs einsetzte.
Kaum jemand, der von Zürich-Kloten aus Richtung Süden fliegt, ist sich bewusst, dass es gerade erst 100 Jahre her ist, als das erste Flugzeug – von Bern aus gestartet –, die Alpen überquert hatte und auf der südlichen Seite dieser imposanten Bergkette wieder gelandet war. Hundert Jahre sind eine kleine Zeitspanne, in der es im technischen Bereich eine ungeheure Entwicklung gegeben hat und man sich der Anfänge dieser Entwicklung kaum mehr bewusst ist. Heute erinnern wir uns dieser Heldentat von 1913.
Am 13. Juli 1913 früh morgens um vier Uhr startete der 22jährige Schweizer Flugpionier Oskar Bider zu seinem waghalsigen Unternehmen, das ihn sozusagen über Nacht weltberühmt machte. Wer war dieser Oskar Bider, und was hatte er für Beweggründe, dieses riskante Unterfangen zu planen und durchzuführen, dessen Gelingen ein Stück Schweizer Erfolgsgeschichte schrieb?
Geboren und aufgewachsen ist Oskar Bider im idyllischen Örtchen Langenbruck am Rande des Basler Juras. Oskars Vater, Jakob Bider, war Tuchhändler in Langenbruck und hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Seine Mutter, Frieda Marie, war die Tochter des Dorfschullehrers Albert Glur in Langenbruck. Oskars Mutter, so steht es in der Chronik von Langenbruck, war eine «liebevolle Frau, im christlichen Glauben fest verankert». Dieser Glaube hatte auch Oskar geprägt. Noch im Jünglingsalter verlor er seine Eltern, die Mutter starb 1907, der Vater, der nach dem Tod der Frau Langenbruck verlassen hatte, bereits 4 Jahre später. Der frühe Tod der Eltern stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Oskar und seiner jüngeren Schwester Helene.
Obwohl niemand in der Familie das bäuerliche Gewerbe ergriffen hatte, wollte Oskar unbedingt Bauer werden und besuchte zu diesem Zweck ab 1910 die landwirtschaftliche Schule in Rütti bei Bern. Ein Beruf, der in der Schweiz seit jeher grosses Ansehen genoss, weil er die Lebensgrundlage für alle übrigen Berufe bot. Auch war es gerade die ländliche Bevölkerung, die einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des modernen demokratischen Staatswesens geleistet hat und wie Oskar Bider für technischen und sozialen Fortschritt offen gewesen ist.
Wie jeder wehrfähige Schweizer absolvierte Oskar Bider im April 1911 die Rekrutenschule, und zwar bei der Kavallerie in Zürich.
Nach dem Tod des Vaters verlässt Oskar die Schweiz und wandert vorübergehend nach Argentinien aus. Dort findet er eine Anstellung auf der Farm einer bekannten Schweizer Familie. Das Leben dort scheint ihm zu gefallen, denn er schwärmt in Briefen an seine Schwester Leni von den Weiten des Landes, die man zu Pferde durchqueren könne. Doch fern der Heimat vergisst er seine familiären Wurzeln nicht. Er steht in brieflichem Kontakt mit der übrigen Familie und erwähnt verschiedentlich die verstorbene Mutter und deren tiefes Glaubensfundament, das bei ihm grossen Nachhall gefunden hat.
Obwohl er die Arbeit in der Landwirtschaft sehr geschätzt hat, wächst in ihm der Wunsch, sich vom erdverbundenen Leben eines Bauern in die Lüfte zu schwingen. Zufällig stösst er in Argentinien auf das Schicksal des peruanischen Flugpioniers Leo Chaves, der beim Versuch, die Alpen zu überqueren, bei Domodossola abstürzte und zu Tode kam. Dieses Schicksal berührt Oskar Bider sehr und lässt in ihm den Wunsch heranreifen, sich der Fliegerei zuzuwenden. In einem Brief an seine Schwester teilte er im August 1911 mit, «dass ich im Sinne habe, die Fliegerschule durchzumachen».
Damit war seine Zukunft bestimmt. Er kehrte zurück in die Schweiz und begann, nachdem er noch ein paar Monate auf einem Bauernhof im thurgauischen Münsterlingen gearbeitet hatte, im November 1912 die Fliegerschule «Bléroit» in Pau in Südfrankreich. Dort erwies sich der bescheidene Schweizer Bauer aus dem Basler Jura als Fliegertalent. Bereits nach einem Monat war er im Besitz des Schweizer Flugbrevets und erwarb wenige Wochen später das französische Brevet. In Briefen an seine Verwandten nannte er sich nun «Aviatiker». Ende Dezember 1912 bestellte er bereits seinen eigenen «Apparat», eine Blériot XI. Louis Blériot, der Leiter der Schule in Pau, war gleichzeitig ein begnadeter Flugzeugkonstrukteur und Flieger. Von diesem erstand Oskar Bider seinen ersten «Apparat», einen Eindecker mit einem 7-Zylinder-Sternmotor mit 70 PS, der eine Höchstgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern erreichen konnte. Diesem «Vogel» malte er eigenhändig den Baselbieter Stab und den Namen «Langenbruck» auf das Seitenruder.
Seine erste grosse Heldentat war der Flug über die Pyrenäen. Von Pau aus wollte er als erster über den Gebirgszug zwischen Frankreich und Spanien bis nach Madrid gelangen. Für die damalige Zeit eine grossartige Leistung, die sich vielleicht mit dem ersten bemannten Raumflug vergleichen lässt.
Oskar Bider hat sich minutiös auf den Flug vorbereitet und fuhr die Strecke zuerst mit der Eisenbahn ab, um sich Orientierungspunkte und die Topografie, die Auswirkungen auf die Thermik hatten, einzuprägen. In den frühen Morgenstunden des 24. Januars 1913 machte er sich auf und erreichte nach einer kleinen Zwischenlandung nach fünfeinhalb Stunden Madrid. Dieser Erfolg machte ihn sozusagen über Nacht zum internationalen Helden, etwas, was er so nicht beabsichtigt hatte, sondern er wollte vor allem seiner geliebten Schweiz damit dienen.
Als er wenige Wochen später die Schweizergrenze überflog, wurde er mit grosser Freude und Begeisterung in seiner Heimat empfangen. Hier startete Oskar Bider im März 1913 zu dem ersten schweizerischen Postflug von Basel nach Liestal. Somit kann er als Begründer der schweizerischen Luftpost bezeichnet werden.
Für eine grosse Schar begeisterter Flugpassagiere bot er Rundflüge an, deren Erlös der «Schaffung einer schweizerischen Militäraviatik» zugute kam.
Den zweifellos grössten Erfolg konnte Oskar Bider mit seinem Flug über die Alpen, von Bern nach Mailand, feiern. Eine grossartige Leistung, die sich bei unserem heutigen Stand der Technik kaum ermessen lässt. Gezielt sammelte er im Vorfeld Erfahrungen in Höhen- und Dauerflügen, um den Öl- und Treibstoffverbrauch richtig planen zu können. Er stand vor verschiedenen Herausforderungen: Wie verhalten sich Öl- und Benzindruck, wenn der Luftdruck immer schwächer wird? Inwieweit schränkt das die Leistungsfähigkeit seines – für unsere Vorstellungen mit 70 PS sehr schwachen – Motors ein? Mit was für Luftturbulenzen ist seine Maschine in 3000–4000 Metern Höhe konfrontiert, und wie reagiert das Flugzeug darauf?
Bider bereitete sich minutiös darauf vor, um mit allen möglichen Eventualitäten in luftigen Höhen fertig zu werden. Auch unternahm er einen Probeflug über den Wildstrubel nach Sitten, den er erfolgreich abschloss, bevor er den Anlauf für die Alpenüberquerung via Jungfrau in Angriff nahm. Eine sehr grosse Herausforderung bestand darin, trotz der sauerstoffarmen Höhenluft, den Motor auf die nötige Drehzahl zu bringen, um die für den Überflug sichere Höhe zu erreichen. Oskar Bider versuchte es mit einer Verringerung des Gewichts. Aus diesem Grund tankte er seinen Flieger nicht voll auf und plante einen Zwischenstopp in Domodossola, um nachzutanken.
So hoffte er auch mit der höhenbedingten Minderleistung seines Motors die Überquerung zu einem erfolgreichen Ende führen zu können. Er wäre nicht Oskar Bider, wenn ihm dieses Unternehmen nicht gelungen wäre. Wie geplant führte er seinen Flug durch. In mehreren Schleifen, die er vor dem Jungfraujoch zog, schraubte er sein Flugzeug nach oben und überflog die Alpen zwischen Jungfrau und Mönch in einer Höhe von 3600 Metern. Nach einer kurzen Zwischenlandung in Domodossola, um nachzutanken, erreichte er Mailand in sage und schreibe viereinhalb Stunden. Mit diesem Erfolg bestätigte der bescheidene Bauer aus Langenbruck erneut sein Können, was ihm grosse Anerkennung zuteil werden liess. Selbst der Bundesrat zeichnete ihn für diese Pionierleistung mit einem goldenen Chronometer aus. Bei allen luftigen Erfolgen, die sicher etwas Aussergewöhnliches darstellten, verlor Oskar Bider weder seine Erdverbundenheit noch die Verbundenheit zu Land und Leuten. Er blieb trotz allen Erfolgen der bescheidene Schweizer aus Langenbruck.
Einen weiteren Rekord stellte er mit dem Direktflug Paris – Bern auf, für den er vier Stunden 20 Minuten in der Luft war.
Vom Kavalleristen zum Chefpiloten der neu gegründeten Schweizer Luftwaffe
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs bekam Oscar Bider eine neue Aufgabe. Ausgebildet als Kavallerist rief man ihn mit Beginn des Ersten Weltkriegs zur Luftwaffe. Die Armeeführung und die Politik hatten es damals versäumt, schon im Vorfeld der sich zuspitzenden Lage in Europa alle notwendigen militärischen Vorbereitungen zu treffen. So besass die Armee weder eigene Flugzeuge noch gab es ein Konzept für eine Luftwaffe. Hier war Oskar Bider massgeblich an deren Aufbau beteiligt und übernahm nach kurzer Zeit als frisch beförderter Leutnant und Chefpilot die Ausbildung der neuen Piloten. Sein privates Flugzeug, das er in die Luftwaffe einbrachte, wurde von der Armee übernommen. Noch weitere Piloten und Flugzeugbesitzer gehörten zu der neugebildeten Luftwaffe und übergaben ihre Maschinen dem Schweizer Staat, der sie dafür entschädigte. Der Flugkünstler Oskar Bider war ein wichtiger Impulsgeber für den eiligen Aufbau einer einsatzfähigen Luftwaffe. Die politisch Verantwortlichen in militärischen Fragen haben die Wichtigkeit einer schlagkräftigen Luftstreitmacht wohl erst erkannt, als deren Einsatz im Ersten Weltkrieg immer offensichtlicher wurde. Welche Bedeutung eine gut ausgerüstete und ausgebildete Luftwaffe für unsere Armee und unsere Landesverteidigung damals gehabt hat, lässt sich trotz aller Veränderungen und Entwicklungen im militärischen Bereich auf die heutige Zeit übertragen. Es wäre manchem unserer Politiker zu wünschen, dass er aus den Erfahrungen der Geschichte die richtigen Schlüsse zöge.
Das Ende des Krieges stellte alle Aviatiker vor eine neue berufliche Herausforderung. Oskar Bider wollte mit seinen Militärkameraden eine Fluggesellschaft gründen. Einen Tag bevor er in Italien ein Flugboot für diese Gesellschaft übernehmen wollte, stürzte Oskar Bider bei einem Akrobatik-Flug ab. Er kam ins Trudeln und konnte sich aus dem gefährlichen Vorgang, bei dem eine Tragfläche Luftstrom von hinten, die andere von vorne bekommt, nicht mehr befreien, weil das Querruder nicht mehr zu steuern war.
Der frühe Tod Oskar Biders (mit knapp 28 Jahren) schockierte die ganze Schweiz. Besonders verzweifelt war seine Schwester Leni, die den Kummer über den Tod ihres Bruders nicht überlebte und zwei Tage später aus dem Leben schied.
Auch wenn Oskar Bider zu früh sein Leben verlieren musste, hat er sich mit seinem Mut, mit seinen Fähigkeiten, seinen menschlichen Qualitäten, die nicht zuletzt in der Schweizer Tradition und einer tiefen christlichen Überzeugung wurzelten, zu einem unvergessenen Pionier der Schweizer Luftfahrttradition gemacht. Zu Recht finden er und seine Leistung auf einer Schweizer Gedenkmünze gebührende Anerkennung.
In einem Brief an seine «Tante Glur» in Liestal schrieb Oskar Bider am 31. Oktober 1918:
«Ich kann Dir sagen, ohne diesen Glauben hätte ich nicht fliegen können. Als ich 1913 meine grossen Flüge ausführte, habe ich wie die alten Eidgenossen gebetet. Ich habe dabei oft schlaflose Nächte verbracht. Als ich nach Mailand reiste, um den Landeplatz zu rekognoszieren, war ich im Dom und habe gebetet, dass mir der Flug gelingen möchte.» •
In einem Brief an seinen Onkel begründete der Flugpionier, warum er den Flug durchgeführt habe: «Warum habe ich den Flug über die Pyrenäen gewagt? Für die Schweiz. Was er mir kostet, weiss nur ich. Aber ich hoffe, der Schweiz mit meinem neuen Berufe gute Dienste leisten zu können.»
Im Brief an Onkel Glur vom 9. Februar 1913 aus Madrid
«Was an der Persönlichkeit Biders faszinierte, war seine gewinnende Natürlichkeit und Bescheidenheit. Die Wellen der Begeisterung, die ihm, dem Abgott des Volkes, entgegenschlugen, vermochten seine Schlichtheit nicht ins Wanken zu bringen. Dass er der einfache und treuherzige Bauer blieb, war das Geheimnis, warum ihn das Volk verehrte, liebte und ihm vertraute […] Er anerkannte rückhaltlos die Verdienste seines Mechanikers Saniez».
Ballonfahrer Eugen Dietschi, der Bider persönlich begegnet war, in der Nationalzeitung vom 6. Juli 1969
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