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Kapitel 1
Paul Klees Künstlicher Fels ging 1981 als Schenkung des Künstler:innenpaars Victor Surbek und Marguerite Frey-Surbek in die Sammlung des Kunstmuseums Thun ein.
Im Nebeneinander der Werke Klees und Surbeks zeigen sich die künstlerisch entgegengesetzten Haltungen: Während Klees Gestein die Künstlichkeit bereits im Titel trägt, und den Anspruch der Naturnachahmung völlig hinter sich lässt, verbleibt Surbek in der abbildenden Maltradition. Sein felsiger Bergbach knüpft in Motiv, Malweise und Farbigkeit etwa an späte Werke Ferdinand Hodlers an. Trotzdem schätzten sich Klee und Surbek gegenseitig. In der Privatsammlung des Ehepaars Surbek befanden sich zudem einige Grafikarbeiten Klees, die mit dem Vermächtnis ins Kunstmuseum Thun kamen.
Als Schülerin Klees zwischen 1904 und 1906 war Marguerite Frey bereits in jungen Jahren mit dem um 7 Jahre älteren, damals noch völlig unbekannten späteren Bauhaus-Meister verbunden. Auf seinen Rat hin bildete sie sich in Paris weiter, wo vermutlich auch das Portrait H. Haefliger entstand, das uns 2022 aus dem Nachlass der Künstlerin geschenkt wurde. Mit lockerem, doch präzisem Pinselstrich und in hellem Kolorit wirft die junge Künstlerin das Bildnis einer Dame auf die Leinwand – ganz im Sinne ihrer Lehrer an der Académie Ranson: den Nabis-Künstlern Félix Vallotton, Maurice Denis und Edouard Vuillard.
Das Künstlerpaar Victor Surbek und Marguerite Frey-Surbek hatte eine besondere Beziehung zum Kunstmuseum Thun. Victor Surbek stellte mehrmals in Thun aus und wurde 1958/59 zu einer Fokusschau während der Weihnachtsausstellung eingeladen. Im Frühjahr 1963 zeigte er erstmals in einer umfassenden Präsentation mit 163 Blättern sein zeichnerisches Werk der letzten vier Jahrzehnte. Im Katalog erwähnt der damalige Konservator der Kunstsammlung Paul Leonhard Ganz, dass «Surbeks zeichnerische Produktion an sich schon ein erstaunliches Phänomen ist.»
Am 25. September 1972 setzten die beiden Kunstschaffenden einen Erbvertrag zugunsten der Kunstsammlung der Stadt Thun auf. Darin wurde folgendes Vermächtnis festgehalten: Eine Gruppe von jeweils mindestens drei Werken aus dem eigenen Schaffen sowie die Sammlung von Werken anderer Künstler:innen sollten nach ihrem Tod ans Kunstmuseum Thun gehen. Den ersten Teil der Schenkung – drei Bilder des 1975 verstorbenen Victor Surbek sowie drei von Marguerite Frey-Surbek – erhielt das Museum bereits 1977. Die übrigen 102 Kunstwerke wurden im Todesjahr von Marguerite Frey-Surbek 1981 übergeben.
Mit dem Vermächtnis kam eines der heute bekanntesten Werke in die Sammlung: Paul Klees Künstlicher Fels. Zusätzlich gingen acht weitere zeichnerische und grafische Werke von Klee in die Sammlung ein. Sie bilden bis heute den Gesamtbestand aller Klee-Werke im Kunstmuseum Thun.
Zu Klee hat das Künstlerpaar eine lange Beziehung, die bis zum Tod Klees bestehen blieb. Insbesondere Frey-Surbek war ihm als eine seiner ersten Schüler:innen nah. Ab 1904 erteilte er ihr für zwei Jahre Privatunterricht. Alle zwei Wochen besuchte er sie in ihrer Mansarde in Bern und lehrte sie malen und radieren. 1906 sah Klee Werke seiner Schülerin in einer Ausstellung im Kunstmuseum Bern und meinte dazu: «Sie lernt malen und das zwar bei mir! Es ist unerhört, weil ich‘s doch nicht kann. Aber ich verstehe doch sehr viel davon!!!»
Noch im selben Jahr gab er ihr den Rat: «Sie müssen nach Paris» – was die damals noch unverheiratete Marguerite Frey beherzigte. Sie studierte in der französischen Hauptstadt an der Académie Ranson unter anderem bei Félix Vallotton, Maurice Denis und Edouard Vuillard.
In der Seinestadt begegnete sie auch ihrem künftigen Ehemann, dem Berner Maler Victor Surbek. Im Jahr nach der Heirat 1914 eröffneten die beiden anfangs 1915 eine private Malschule an der Gerechtigkeitsgasse 55 in Bern. Hier unterrichteten sie gemeinsam während 16 Jahren zahlreiche Schüler:innen, darunter auch folgende Künstler:innen, die in der Sammlung des Kunstmuseum Thun vertreten sind: Serge Brignoni, Max Fueter, Alfred Henri König, Helene Pflugshaupt, Roman Tschabold und Max von Mühlenen.