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«Solche Menschen verursachen mir immer ein schlechtes Gewissen», raunt die in einen kuscheligen Mantel gepackte Frau ihrer nicht minder warm angezogenen Freundin zu. Dabei lenkt sie den Blick ihrer Begleiterin unauffällig in die Richtung einer Parkbank, auf der ein Mann trüb vor sich hin starrt. Seine Arme liegen ineinander verschränkt auf seinem Bauch und mit seinem Oberkörper wippt er fast unmerklich vor und zurück. Ein dicker, brauner Schal verbirgt das Kinn des Mannes und sein Kopf schützt ein Béret nur mässig vom bissigen Wind, der den Passanten um die Ohren zieht.
«Ob er wohl niemanden mehr hat, der sich um ihn kümmert? Wie und wo mag er die Festtage verbracht haben? Hoffentlich hat er wenigstens in einer Notschlafstelle Unterschlupf gefunden...», überlegen die beiden Frauen, welche nun schnellen Schrittes an ihrem einsam auf der Bank sitzenden Mitmenschen vorbeigehen und ihm einen mitleidigen Blick zuwerfen.
Eine Weile später stupst ein niedlicher Hund seine Schnauze ans rechte Bein des in Brauntönen gekleideten Herrn und schnuppert daran herum. Ein sanftes Lächeln umspielt die Lippen des älteren Menschen und seine rechte, nicht in Handschuhen steckende Hand beginnt den Kopf des Westies zu kraulen. Beide Lebewesen scheinen die Streicheleinheit zu geniessen, bis das Tier von seinem Herrchen zurückgepfiffen und wieder an die Leine genommen wird.
Eine jüngere Frau aus dem gegenüberliegenden Café nähert sich nun dem immer noch alleine auf der Bank Sitzenden. In ihrer Hand trägt sie vorsichtig einen Becher, dem Dampfwölkchen entweichen. «Der ist für Sie», streckt sie das heisse Getränk dem Mann entgegen, «hoffentlich mögen Sie Punsch.» Überrascht blickt er auf, bedankt sich, nimmt der Service-Angestellten den Pappbehälter aus der Hand und steckt seine linke Hand in die Hosentasche um nach ein paar Münzen zu kramen. Doch sie winkt ab und meint: «Nein, nein, der Punsch geht aufs Haus. Wir haben Sie ..., ich meine, Sie sitzen ja mittlerweile schon mehr als eine Stunde in dieser Saukälte und können etwas Warmes sicher vertragen.» Sie macht einen Schritt rückwärts, vergräbt ihre Hände tief in die Taschen ihres Mantels und zieht die Schultern hoch. «Falls Sie irgendetwas brauchen, dürfen Sie gerne bei uns reinschauen. Ich muss wieder ins Café zurück», verabschiedet sie sich und eilt davon.
Bedächtig nippt der Mann an seinem Becher, den er mit seinen beiden blossen Händen umfasst. Fast verschluckt er sich am warmen Getränk, weil ihn eine heisere, alkoholgetränkte Stimme aus seinen Gedanken reisst. «Hee, bist du neu in der Szene? Hab dich noch nie zuvor gesehen!» Ein paar schmutzige Finger packen ihn an seiner Schulter und rütteln ihn eher unsanft. Ruckartig erhebt sich der ältere Herr von seinem Platz auf der Bank, verschüttet dabei ein paar Tropfen des Punschs, rückt sein Béret zurecht und marschiert los – weg von dem verwahrlost aussehenden Geschlechtsgenossen.
Seine Schritte muten sicherer und selbstbewusster an, als es in ihm drinnen aussieht. Er weiss nämlich gar nicht, wohin er genau gehen soll. Nach Hause? Oder sollte er doch noch einen Spaziergang machen – er, der sich lieber bequem wohin setzt? Er hasst es, dass er sich nun neu orientieren und eine Entscheidung treffen muss.
Eigentlich hatte er sich ja nur auf diese Parkbank gesetzt, weil er sich für eine Weile Ruhe vor seiner Frau gönnen wollte.