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Gregory und Vera P. sitzen in einer Zürcher Anwaltskanzlei und blicken verlegen auf den grossen Tisch. Die Geschichte ist ihnen unangenehm. Man sieht dem 78- und der 79-Jährigen nicht an, dass sie steinreich sind. Sie haben so viele Millionen auf dem Konto, dass sie den Überblick verloren haben – und dadurch einen Teil ihres Vermögens.
«Das Wichtigste aber, das wir verloren haben», sagen sie, «ist das Vertrauen in das Finanzsystem.» Sie dachten immer, nichts sei so sicher wie eine Schweizer Bank. «Wir haben uns getäuscht.»
Das Paar ist seit mehr als 50 Jahren verheiratet und lernte sich in Charkiw kennen, wo Gregory als Ingenieur arbeitete. Damals gehörte die Stadt noch zur Sowjetunion, heute ist sie die zweitgrösste der Ukraine. Als 1989 Reisen ins Ausland erlaubt wurden, überliessen sie ihre Wohnung dem Staat und reisten ohne Gepäck nach Israel.
Dort machte Gregory P. sein Vermögen in der Medizinaltechnik: Er revolutionierte mit einem Start-up die Stent-Technologie für Gefässerkrankungen und wurde mit Patenten und Aktien reich. In der israelischen Geschäftswelt wurde er aber nicht glücklich und auch das Klima war ihm zu heiss. Deshalb wählte das Paar vor mehr als 20 Jahren Zürich als neue Heimat. Inzwischen ist es eingebürgert.
Beim Umzug half ihnen ein Banker, der von 2001 bis 2009 als Kundenberater bei der Bank Julius Bär arbeitete. Ab 2007 hatte er den Rang eines Managing Directors. 2010 machte er sich selbstständig und führte die Zürcher Vermögensverwaltungsfirma Constanza Private Wealth Management AG. Er verwaltete weiterhin die Gelder des Paars; das Depot-Konto bei Julius Bär blieb dasselbe.
Als er noch bei Julius Bär arbeitete, hatte er keine Generalvollmacht oder ein Vermögensverwaltungsmandat seiner Kunden. Dennoch konnte er die Zahlungen in ihrem Namen im bankinternen System selbstständig erfassen und zur Ausführung weiterleiten. Sie wurden stets sofort freigegeben.
2009 gab der Julius-Bär-Banker eine Zahlung von 1.5 Millionen Euro zulasten des Ehepaars ein. Im Vermerk schrieb er «im Auftrag eines unserer Kunden», obwohl es keinen solchen gab. Mit dem Geld kaufte er sich eine dreissig Meter lange Jacht im Mittelmeer. In einer Einvernahme bei der Zürcher Staatsanwaltschaft gab er mehr als zehn Jahre später alles zu. Er sei zuerst durch die Internetkrise und später durch die Finanzkrise in ein «Schlamassel» geraten.
Er habe aber immer geglaubt, kurz vor dem nächsten grossen Ding zu stehen und lebte deshalb weiterhin in Saus und Braus. Sein Luxusleben finanzierte er, indem er das Vermögen des Ehepaars anzapfte. So kaufte er sich damit als externer Vermögensverwalter Wohnungen an der Zürcher Goldküste und im Tessin oder einen Range Rover. Er habe gehofft, er könne das Geld später zurückzahlen. Doch es kam nie dazu.
Das Ehepaar erhielt anfangs von Julius Bär für jede Transaktion einen Brief. Weil der Briefkasten deshalb überquoll, riet ihnen ihr Bankberater dazu, die Dokumente postlagernd auf der Bank zu behalten. Er informierte sie jeweils bei einem Nachtessen in einem Restaurant über die Entwicklung ihres Vermögens. Sie interessierten sich dabei vor allem für die Zahl hinter dem Total. Den Rest überliessen sie ihm.
Sie vertrauten ihm, da sie ein enges Verhältnis hatten. Sie betrachteten ihn «wie einen eigenen Sohn». Einmal lud er sie sogar zu einem Kindergeburtstag ein.
Erst 2019 schöpften sie Verdacht, als sie fragwürdige Immobiliendeals in ihren Unterlagen entdecken. Erst jetzt begannen sie, die Transaktionen auf ihrem Konto zu untersuchen. So merkten sie, dass 22 Millionen Franken verloren gegangen waren. Jetzt wurde ihnen auch klar, weshalb ihr Bankberater empfahl, die Dokumente zurückzubehalten.
Sie sagen: «Hätte die Bank ein funktionierendes Kontrollsystem gehabt, wäre die Veruntreuung nicht passiert. Jetzt fordern wir, dass die Bank zu ihrer Verantwortung steht.»
Doch die Bank dreht den Spiess um. Nicht sie habe ihre Sorgfaltspflichten verletzt, sondern ihre Kunden, argumentiert sie im Rechtsstreit. Auf jedem Bankauszug stehe, dass dieser geprüft werden solle und innert eines Monates beanstandet werden könne. Wer dies nicht tue, habe Jahrzehnte später keinen Schutz verdient. Auf Anfrage sagt die Bank mit Verweis auf das Bankkundengeheimnis nichts dazu.
Am Montag beginnt vor dem Zürcher Handelsgericht der Zivilprozess gegen Julius Bär. Das Gericht unternimmt dabei einen letzten Versuch, ob eine Einigung erzielt werden kann. Es ist unwahrscheinlich, dass dies gelingt, da die Positionen weit auseinanderliegen.
Im August ist zudem der Strafprozess gegen den Ex-Banker vor dem Zürcher Bezirksgericht angesetzt. Die Staatsanwaltschaft verlangt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, wovon der Vermögensverwalter die Hälfte im Gefängnis absitzen soll. Inzwischen hat dieser seine Aussagestrategie geändert und bestreitet alles.
Ausserdem hat das Ehepaar Strafanzeige gegen den Verwaltungsrat der Constanza Private Wealth Management AG eingereicht, in der prominente Zürcher Personen vertreten sind. Und es hat eine Anzeige gegen Julius Bär bei der Finanzmarktaufsicht deponiert. Der Verdacht: Die Firma soll Geldwäscherei betrieben haben.
Hinter ihr stand ein mutmasslich krimineller Russe namens Georgy Bedzhamov. Dieser war Präsident des russischen Bobverbands und kaufte sich hier in die High Society ein, indem er einen Drittel der Aktien des Nobelhotels Badrutt’s Palace in St. Moritz erwarb. Er wurde hofiert, obwohl bekannt war, dass er in krumme Geschäfte involviert war. Er steht im Verdacht, Gelder der russischen Vneshprombank veruntreut zu haben und lebt derzeit im Londoner Exil.
Bei der Zürcher Vermögensverwaltungsfirma war er Mehrheitsaktionär. Das Aktienkapital betrug 20 Millionen Franken und war bei Julius Bär hinterlegt. Vera und Gregory P. werfen der Bank vor, ihre Pflichten verletzt zu haben und den mutmasslich kriminellen Hintergrund der Firma nicht abgeklärt zu haben.
Hängig ist auch ein Zivilprozess gegen Julius Bär in einem anderen Fall: Die 69-jährige Anne Kearns hat ihr gesamtes Vermögen durch einen kriminellen Vermögensverwalter verloren. Die Bank fühlt sich dafür ebenfalls nicht verantwortlich. Es handle sich lediglich um ein Depotkonto. Wer einem externen Vermögensverwalter blind vertraue, sei selber schuld. (aargauerzeitung.ch)
Firefly
Thats it? Ohh aha, nein ich fühl mich halt jetzt nicht vernantwortlich!??
Aber in der Wirtschaft gehts doch nicht um Gefühle, dachte ich, und seid ihr nicht müde zu erwähnen. Also dann hier auch nicht. Eure Gefühle interessieren niemanden, nur eure Verantwortung! Tragt sie oder geht.
Überdimensionierte Riesenshrimps aka Reaper
Dachte Vermögensverwalter seien doch genau dafür da, Vermögen zu Verwalten und zu schauen, dass der Kunde sich eben nicht ausnehmen lässt wie eine Gans.
Ist das bei der Julius Bär genau andersrum?
Bauchgrinsler
Ach so.....