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US-Präsident Joe Biden wählte diese Woche in einem Interview deutliche Worte. Auf die Frage des ABC-Moderators, ob Biden Putin für einen «Mörder» halte, antwortete der Präsident mit Ja. Weiter drohte er Putin mit Konsequenzen, da sich Russland in die letzten US-Wahlen eingemischt haben soll.
Wie sind diese Äusserungen Bidens zu deuten? Einschätzungen aus den USA und Russland durch die beiden SRF-Korrespondenten.
Die Einschätzung aus Washington
SRF News: Sind die Äusserungen Bidens so etwas wie eine Rückkehr zur «Kalten-Krieg-Rhetorik»?
Isabelle Jacobi: Ja, es ist eine harte Ouvertüre und eine ganz andere Tonlage als die seines Vorgängers. Man erinnere sich, wie Donald Trump ans Treffen mit Wladimir Putin nach Helsinki gereist war. Diese Reise wurde von vielen Beobachtern als Kniefall angesehen. Biden geht verbal ganz anders an die Sache. Gleichzeitig hat er aber kürzlich das «New Start»-Abrüstungsabkommen erneuert, das unter der Trump-Regierung auf der Kippe stand.
Joe Biden selber beschreibt seine Strategie als «Kaugummi kauen», während dem man geht. Er markiert also Nulltoleranz und kooperiert trotzdem, wo gemeinsame Interessen zu finden sind. Biden hat lange Erfahrung in Sachen Russland. Er nahm als junger Senator an den Abrüstungsverhandlungen in den Siebzigerjahren teil. Er traf auch auf den damaligen Generalsekretär der Sowjetunion, Leonid Breschnew. Biden hat tiefe Kenntnisse in Sachen Russland, wie schon lange kein US-Präsident mehr zuvor.
Biden hat Russland auch mit Konsequenzen gedroht. Was meint er damit?
Biden hält sich bedeckt. Man kann aber davon ausgehen, dass die Sanktionen wahrscheinlich nochmals verschärft werden. Es könnte auch sein, dass eine neue, verstärkte Kooperation mit der Ukraine ansteht.
Isabelle Jacobi
USA-Korrespondentin, SRF
Nach dem Studium in den USA und in Bern arbeitete Jacobi von 1999 bis 2005 bei Radio SRF. Danach war sie in New York als freie Journalistin tätig. 2008 kehrte sie zu SRF zurück, als Produzentin beim Echo der Zeit, und wurde 2012 Redaktionsleiterin. Seit Sommer 2017 ist Jacobi USA-Korrespondentin in Washington.
Die Einschätzung aus Moskau
SRF News: Wie kommt die Rhetorik Bidens in Russland an?
David Nauer: Nicht gut. Vor allem die Sache mit Putin als «Killer» hat in den Moskauer Politikerkreisen für grosse Aufregung gesorgt. Das wird als Beleidigung gewertet, als Angriff auf Putin, aber eben auch auf ganz Russland. Und auch als Beweis, dass die USA nicht mal mehr halbwegs vernünftige Beziehungen mit Russland wollen. Am entspanntesten von allen hat Putin selber reagiert. Er wünsche Biden gute Gesundheit, so Putin. Bei dieser Bemerkung weiss man nicht genau, ob Putin das drohend oder ironisch gemeint hat, oder ob er sich einfach lustig machte über den nicht mehr ganz jungen US-Präsidenten.
Was bedeutet diese konfrontative Strategie der USA für die Beziehungen Russlands zu den USA?
Generell kann man sagen, dass die Erwartungen an Biden bereits sehr tief waren. Nach diesen Äusserungen Bidens ist der Kreml erst recht nicht mehr bereit, auf die Amerikaner zuzugehen. Die Russen sind ohnehin überzeugt, dass sie vom Westen stets mit Herablassung behandelt werden, und da liefert Biden nun einen weiteren Beweis. Mein Eindruck ist auch, dass die Russen generell viel Wert auf Formen legen, auf demonstrative Freundlichkeit in politischen Beziehungen. Von aussen betrachtet wirkt das oft verlogen.
Aber der Kreml sieht das anders. Er sagt, man könne mit einem Land ernsthafte Konflikte haben, aber die Russen würden gerne mit der nötigen Ehrerbietung, mit dem nötigen Respekt behandelt werden. So würden sie auch mit sich reden lassen. Deshalb glauben viele in Russland, dass Biden mit seinen Äusserungen eine Tür zugeschlagen hat.
David Nauer
Russland-Korrespondent, SRF
David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.
Beide Gespräche führte Simone Hulliger.