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Hauptpersonen
- Der Rastlose:
François-Henri Lavanchy-Clarke
- Der Patron:
Achilles Lotz
- Der Kinomissionar:
Abbé Joseph A. Joye
- Der Operateur auf der Brücke:
Constant Girel
- Der Stellvertreter:
Eduard Hagenbach jr
Der Rastlose: François-Henri Lavanchy-Clarke
Der erfindungsreiche Philanthrop und Selfmade-Man aus dem Laveaux war in ganz Europa unterwegs, Grossbankiers und führenden Industriellen begegnete er auf Augenhöhe und in seinem Engagement für das Seh- und Hörbehindertenwesen hat er sogar Ägypten bereist. Dank guten Kontakten zu den Frères Lumiere konnte er in den Jahren 1896 bis 1899 zahlreiche Schauplätze in der Schweiz filmen – und als erster kontinentaleuropäischer Importeur von Sunlight Seife hat er mit dem Kinematografen auch kräftig die Werbetrommel für das Markenprodukt gerührt.
Typisch für Lavanchy ist sein prominentes und mitunter hyperaktives Auftreten in vielen seiner Filme. In Bâle – Le pont sur le Rhin steigt er auf Höhe des Käppelijochs in eine fahrende Mietdroschke, um anschliessend aus der Kutsche energische Kommandi an die versammelten Akteure auf der Brücke zu erteilen.
Der Patron: Achilles Lotz VI
Der in Lyon und England ausgebildete Seidenfärber der mindestens siebten Generation hat das Familienunternehmen in der Basler Rheingasse zum Zenit geführt. Gewiss ist es kein Zufall, dass genau diese Nachbarschaft den Hintergrund von Bâle – Le pont sur le Rhin bildet. Als exzentrisches Stadtoriginal und streitbarer Querulant musste Lotz um die Jahrhundertwende schliesslich den Niedergang seines Geschäftsimperiums miterleben. Sein jäher Fall als Oberstmeister der Kleinbasler Ehrengesellschaften 1897 mit Rausschmiss und jahrelangen Prozessen ging als „Affäre Lotz“ in die Geschichtsbücher und Gerichtsakten ein.
Lotz posiert im Film – ein Jahr vor seinem skandalösen Abgang – genau vor dem Café Spitz, dem repräsentativen Gesellschaftshaus der Drei Ehrengesellschaften, denen er zu diesem Zeitpunkt noch vorsitzt.
Der Kinomissionar: Joseph Alexis „Abbé“ Joye, SJ
In ganz Basel bekannt und trotz seiner Zugehörigkeit zum damals verbotenen Jesuitenorden verehrt, nutzte der Seelsorger vielleicht als erster diakonischer Filmpionier überhaupt die Kinematografie für Sonntagsschule und Erwachsenenbildung. Als bedeutender Fotoamateur führte er abertausende seiner meist selbstgefertigten Lichtbilder vor und bald schon verwandelte er den Theatersaal des von ihm begründeten Knabenheims Borromäum in den frühesten Vorläufer der Basler Kinos. Als er 1919 starb, machten 20'000 Trauernde seine Beerdigung zu einer Grossdemonstration für die Emanzipation der Basler Katholiken.
Joye absolviert zwei geplante Auftritte im Film und durchquert dabei jeweils diagonal das ganze Bild. Dazwischen steht er wartend am linken Bildrand – wohl im Glauben, er befände sich ausserhalb des sichtbaren Bereichs. Der Operateur kann dieses Missverständnis nicht aufklären, weil sein Apparat noch über keinen Sucher verfügt.
Der Unsichtbare: Constant Girel
Der 22jähriger Pharmaziestudent aus Lyon heuert bei den Lumière als Operateur an, dreht Stadtansichten von Köln und nimmt das Zarenpaar auf Staatsbesuch bei Wilhelm II auf. Nach einem weiteren Köln-Aufenthalt ist er für eine gute Woche mit Lavanchy in der Schweiz unterwegs, wo Basel seine erste Station vor Schaffhausen, Bern, Lausanne und Genf ist. Kurz nach diesem Einsatz schifft sich Girel für die Lumière nach Japan ein, wo er die Kinematografie einführt. Trotz diesem Erfolg wird Girel von seinen Patrons kurz nach seiner Rückkehr nach Frankreich fallen gelassen.
Girel steht als Operateur hinter der Kamera und macht sich im Film nur mittelbar bemerkbar durch das Wegweisen eines Zeitungsjungen, der von links ins Bild tritt und die Sicht auf Lotz verdeckt. Es ist denkbar, dass der Zeitungsjunge für die Aufnahme spontan rekrutiert, jedoch schlecht instruiert wurde und schliesslich vor allem Störung auffällt, die uns heute viel über die Inszenierung verrät.
Der Stellvertreter: Eduard Hagenbach jun.
Der leutselige Amateurfotograf und Sohn des damals bekanntesten Schweizer Naturwissenschaftlers Eduard Hagenbach-Bischoff vertritt in Bâle – Le pont sur le rhin seinen Freund, den Maler und Schriftstellerkollegen Emil Beurmann. Dieser weilt zum Zeitpunkt der Aufnahme an der zweiten Schweizerischen Landesausstellung in Genf, wo er Lavanchys Kino- und Seifenpavillon betreut. Neben Lavanchy ist Hagenbach die einzige Gestalt des Films, die bereits auf einigen der vier Monate zuvor entstandenen Filmen der Landesausstellung entdeckt werden kann.
Gegen Ende des Films flaniert Hagenbach mit einem Schirm als Spazierstock und légère aufgesetztem Hut hinter Lavanchys Kutsche nach. Der Vordergrund hat sich zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend geleert, was ihm einen prominenten Auftritt neben Hauptdarsteller Lotz verschafft.
50 Sekunden zwischen Belle époque und Moderne:
Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum ersten Basler Lumière-Film Bâle – Le pont sur le Rhin
Im September 1896 entsteht eine der frühesten Filmaufnahmen der Schweiz – und vermutlich die erste in Basel: Auf der Alten Rheinbrücke nimmt der Lumière-Kameramann Constant Girel eine "lebende Postkartenansicht" von Kleinbasel auf.
120 Jahre später geht eine Arbeitsgruppe am Seminar für Medienwissenschaft und der HGK der Frage nach, was alles an Stadt- und Mediengeschichte in der knapp 50-sekündigen Aufnahme steckt. In einer Verbindung von klassischer Archivarbeit und digitalen Analysemethoden werden die Entstehungsumstände von Bâle – Le pont sur le Rhin umfassend rekonstruiert.
Die scheinbar spontane Momentaufnahme erweist sich als pedantische Inszenierung, in der Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kirche die Schweizer Industriemetropole an der Schwelle zur Moderne repräsentieren. In exemplarischer Detail-Analyse zeigt das Forschungsprojekt, was der Kinematograf in 50 Sekunden alles sichtbar macht.