Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/911

Operation am Herzen von Paris
Jede grosse Stadt hat ein Herz, mindestens eines. Und nicht selten ist die Verortung des Herzens eine subjektive Sache, eine Herzensangelegenheit eben. Touristen würden das Pariser Herz wohl am Arc de Triomphe vermuten, oben an den Champs-Elysées, oder unten, an der Place de la Concorde. Oder im hübschen Quartier Latin, drüben, auf der Rive Gauche. Oder vielleicht noch auf der Île Saint-Louis und der Île de la Cité, den beiden Inseln der Seine. Doch das Herz von Paris, vom Paris der Pariser, schlägt unter dem Boden, da, wo früher der Zentralmarkt für Frischwaren aus Zeiten von Louis VI. stand: «Les Halles», wie sie heute noch heissen, sind der Pariser Maschinenraum im 1. Arrondissement, laut und chaotisch, ein Ort der totalen und geballten Metropolität. Da pumpt die Stadt ihr Leben durch, da kommt alles zusammen, aus allen Richtungen.
Auf der untersten Etage, weit unter dem Boden, passieren drei Linien des regionalen Schnellbahnnetzes RER: A, B und D. Sie kommen aus den Banlieues, im Minutentakt, und gehen in die Banlieues. Darüber die Metrolinien 1, 4, 7, 11, 14, alle «intra muros», kreuz und quer durchs Stadtzentrum. An manchen Tagen pumpt das Herz so schnell, dass es zu kollabieren droht. Hunderttausende Menschen steigen dann in «Les Halles» aus, drängen sich vorbei an den vielen Boutiquen des Forum, vorbei an Bäckereien, die den «Croque-Monsieur», das Schinken-Käse-Sandwich, so lange toasten, dass es in allen Couloirs nach verbranntem Käse riecht, vorbei an der FNAC, diesem wunderbar ausgestatteten Buch- und Elektronikladen, über lange Rolltreppen rauf zum Tageslicht, rauf zur Luft, rauf nach Paris. Nirgendwo in der Stadt mischt sich das Volk so spontan wie am Hauptausgang der «Halles», Porte Lescot. Da spiegelt sich die gesamte Geschichte der Republik in den Gesichtern der Passanten, auch die Kolonialgeschichte.
Nun wird das überlastete Herz seit einigen Jahren schon operiert. Es gibt neue Zu- und Ausgänge zur U-Bahn, Bypässe wenn man so will, einen Garten für alle an der Oberfläche, eine neue und aufwendige Dachkonstruktion aus Glas, die der Krone eines Waldes nachempfunden ist und möglichst viel Licht durchlassen soll auf kulturelle Einrichtungen, die in ihren Seitenflügeln untergebracht sein werden: ein Konservatorium, eine Bibliothek und ein Zentrum für Hip-Hop. Man wagte keinen kühnen Abbruch und Neubau der gesamtem Anlage aus den 1970er-Jahren, das wäre gar nicht möglich gewesen. Man hätte das Herz sonst einige Jahre abstellen müssen. Es ist mehr eine grosse Auffrischung mit allen ihren episodischen Unannehmlichkeiten, mit ausgeschalteten Rolltreppen und Lüftungen, mit viel Staub und Presslufthammerlärm. Die Bauherrin, die Pariser Stadtverwaltung, bittet um Geduld, eine kleine Weile nur noch, man baue an der Zukunft.
Die Mairie wird auch um Vergebung bitten müssen. Wie «Le Parisien» unlängst berichtete, hat sie sich nämlich arg verrechnet bei den Baukosten. 2006 schien 238 Millionen Euro eine vernünftige Zahl zu sein, 2008 veranschlagte man schon 650 Millionen, 2010 waren es dann 800 Millionen. Mittlerweile ist die Milliarde überschritten. Man hatte den Parisern einst versprochen, der Umbau koste sie «keinen Euro», da er von privaten Investoren finanziert sei, die im Gegenzug das Einkaufszentrum mit allen seinen Boutiquen und käsig riechenden Bäckereien bewirtschaften dürften. Heute rechnet man damit, dass die Pariser am Ende über ihre Steuern 600 Millionen Euro beitragen müssen. Herzoperationen sind nun mal teuer, gerade solche am offenen Organ, am heftig pochenden.
Video über die Geschichte von «Les Halles» 1969–1979, Teil einer Diplomarbeit an der École nationale supérieure des beaux-arts, Lyon