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Es war Pater Pascal, Guardian der Franziskaner in Freiburg, der auf die Kanzel stieg. Doch es war Pater Girard, der gestern in der Franziskanerkirche zu den Gläubigen sprach: «Sollen wir unsere Nebenmenschen behandeln, so wie wir von ihnen behandelt zu werden verlangen, dann brauchen wir uns nur jeder an die Stelle anderer zu setzen, und so wird uns schon unser eigen Gefühl lehren, was wir mal zu tun oder zu lassen haben.»
Es ging um Nächstenliebe, als Pater Gregor Girard im Dezember 1800 in der Münsterkirche zur katholischen Gemeinde Berns sprach. Girard, der frühere Prediger der Freiburger Franziskanerkirche, war 1799 zum ersten katholischen Priester in Bern ernannt worden. Bern hatte den Status der Bundeshauptstadt erhalten, und so war es eine Pflicht, dass auch für die katholische Gemeinde in Bern eine Seelsorge gewährleistet war.
So stieg also vor 215 Jahren Pater Girard auf die Kanzel der Münsterkirche und richtete sich an eine katholische Gemeinschaft, die vorwiegend zur Oberschicht gehörte. Es war diplomatisches Korps ausländischer Gesandtschaften zugegen, Zuzügler aus katholischen Kantonen, und wohl auch der eine oder andere reformierte Geistliche, der sich anhören wollte, was der für seinen offenen Geist bekannte Girard predigte.
Er predigte Nächstenliebe. Ganz einfach Nächstenliebe, wie sie im Matthäusevangelium steht: «Was Ihr wollet, dass Euch die Leute tun, das tut ihnen auch.» Doch angesichts der Umstände enthielt Pater Girards Predigt in Bern Zündstoff. Da stieg einer auf die Kanzel und predigte den neu hinzugezogenen Besseren, wie sie mit den Armen und Schwachen umzugehen hatten und dass sie zur Versöhnung bereit sein sollten: «Versöhnung willst du, Versöhnung sollst du auch den anderen erteilen.»
Pater Pascal Marquard wählte diese Predigt, um gestern, ein paar Tage vor Girards 250. Geburtstag, zum Ende des Jubiläumsjahrs noch einmal an den grossen Freiburger Franziskaner und Pädagogen zu erinnern. Er steige jetzt auf die Kanzel, und die Predigt werde ungefähr 13 Minuten dauern, kündigte Pater Pascal an. Es war das erste Mal überhaupt, dass der Guardian eine Predigt von der Kanzel hielt, wie er anschliessend sagte. Oben von der Kanzel herab zu seinen Schäfchen zu sprechen, das ist mit der Liturgiereform als unangebrachter Brauch verschwunden.
Doch gestern war es angebracht. Denn nur so bekamen die Gläubigen die volle Wucht der Predigt zu spüren, als wären sie selber vor 215 Jahren in den Reihen der Münsterkirche gesessen und hätten zu hören bekommen, was Demut eigentlich ist.
Gewiss, einige Zugeständnisse an die heutige Zeit machte Pater Pascal gestern. Er verkürzte die Predigt um rund die Hälfte, um die Aufmerksamkeit der Gemeinde nicht zu fest zu strapazieren. Er beliess es bei den Grundsätzen aus Girards Predigt und liess all jene Passagen weg, wo Girard mit expliziten Beispielen direkt die Berner Katholiken von 1800 piesackte.
Aber ansonsten sollte gestern so wenig wie möglich aufdecken, dass Pater Girard einen Stellvertreter auf der Kanzel hatte. Pater Pascal sprach ungewohnt ohne Mikrofon und erbrachte dabei den Beweis, wie gut doch die Akustik der Franziskanerkirche den Prediger auf der Kanzel stützt. Pascal Marquard sprach langsam, klar und mit Pausen, genau in jenen Momenten, wo diese angebracht waren. Doch Pater Pascal konnte eigentlich nicht viel falsch machen. Zu gut funktioniert die Sprache Girards.
Selbst wer sich im Verlauf des Jubiläumsjahrs mit Leben und Werk Pater Girards auseinandergesetzt hatte, entdeckte gestern noch eine neue Facette: die des Wortgewaltigen. Rhetorisch gekonnt aufgebaut, ging Girard vom Matthäusevangelium aus, erklärte dann, warum man die Botschaft immer und immer wiederholen muss, zeigte auf, wie das eigene Wohlsein vom jenem der Mitmenschen abhängt, instruierte, wie man sich in den Mitmenschen hineinversetzen kann, und zeigte zum Schluss auf, wie schnell man doch in die Rolle des Bedürftigen, des Verspotteten und Schmachtenden geraten kann.
Wer hätte sich nicht angesprochen gefühlt, als Girard sagte: «Nicht wahr, meine Brüder, wir handeln alsdann, als wären wir die einzigen Geschöpfe auf Erden, welche Schmerz und Not fühlen, oder doch die einzigen, deren Leiden Erbarmen verdienten?» Es sei nicht nötig, Bücher aufzuschlagen und viel nachzuforschen: «Jeder Eurer Mitmenschen sei euch Mensch und Bruder. Und setzet Euch jedes Mal an seine Stelle hin, so werdet Ihr nie in Verlegenheit sein.»
Der Guardian Pater Pascal sagte, die Auseinandersetzung mit Gregor Girard über das letzte Jahr habe ihn neugierig gemacht. Noch vieles liege in Archiven verborgen, und er hoffe, dass das Erforschen des Lebens und des Werks von Pater Girard noch viele neue Erkenntnisse bringen möge. Er selber, so Pascal, hätte die gestrige Predigt Girards noch vor einem Jahr nie so halten können: «Es war für mich nun ein sehr intimer Moment.»
Nach der heiligen Messe waren die Gläubigen zum Umtrunk im Kreuzgang des Klosters eingeladen. Dabei schritten sie an der Gedenkplatte zu Girards Grab vorbei und über seine Gebeine hinweg: Pater Girard war anwesend, als seine Predigt gestern nach 215 Jahren wieder verlesen wurde.
Und es erfüllte ihn gewiss mit Befriedigung, dass seine Worte von damals noch heute Gehör finden.