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Eine kleine Tanzgeschichte des amerikanischen Modern Dance
Limòn Dance Company | Steps #12 | Dampfzentrale Bern
STEPS präsentierte in der ausverkauften Dampfzentrale Bern drei berühmte Kurzstücke der Limòn Dance Company. Die Tanzcompany wurde vom berühmten mexikanischen Tänzer und Choreograph José Limòn 1947 gegründet. Der tanzhistorische Hintergrund der Limòn Dance Company erschliesst sich aus vier Tanzgenerationen des amerikanischen Modern Dance. Ruth St. Denis entwickelt bereits um die Jahrhundertwende ihren eigenen religiös-spirituell geprägten Tanzstil. 1914 gründete Ruth St. Denis und Ted Shawn die legendäre Denishawn Company und wendeten sich mit dem “amerikanischen Modern Dance“ von den starren Sitten des klassischen Balletts ab. Zeitgleich entstanden in Deutschland erste Experimente im Ausdruckstanz. Geprägt von Mary Wigman, Isadora Duncan und Loïe Fuller, wurden innere seelische Zustände körperlich ausgedrückt und die Demokratisierung des Tanzes nahm in Deutschland ihren Lauf. So konnten sich auch Laien tänzerisch, wobei oft leicht esoterisch angehaucht, durch Bewegung frei ausdrücken.
In Amerika entwickelte sich die Denishawn Company zu einer angesehenen, erfolgreichen Tanzkompanie. Daraus sprossen grosse Persönlichkeiten wie Martha Graham, Doris Humphrey und Charles Weidmann. Sie bilden die zweite Generation des amerikanischen Modern Dance. Schon um 1923–1927 lösten sie sich aus der Denishawn Company und entwickelten ihre eigenen Tanzstile weiter. Besonders Martha Graham ist heute für ihr Tanzschaffen weltberühmt und gilt als grosses Vorbild und Inspiration für viele Tänzer und Choreographen weltweit. Sie prägte die Contraction-Release-Technik, die bis heute auf den Bühnen zu sehen ist. Doris Humphrey und Charles Weidmann gründeten gemeinsam eine Tanzkompanie und eine Tanzschule, obwohl sie sehr unterschiedliche Tanzstile vertraten. Die Tanzwissenschaftlerin Sabine Huschka schreibt in ihrem Buch “Moderner Tanz“ von 2002: “während Charles Weidman als hervorragender komischer Pantomime gilt […] liegt Humphreys Interesse auf formalistischen Gruppenchoreographien, die ihre zum Teil sozialkritischen Sujets […] in abstrahierter Weise zeigen.“
Der erfolglose Maler José Limòn trat mit zwanzig Jahren, ohne tänzerische Ausbildung, in Humphreys Kompanie ein. Seine expressive Ausdruckskraft und sein starker Bewegungsdrang, liessen in ihm ein schlummerndes Tänzertalent vermuten. Er wurde früh von Doris Humphrey gefördert und zum choreographieren ermuntert. Erst in der Nachkriegszeit entwickelte Limòn seine eigenständige Tanztechnik und schrieb damit Tanzgeschichte. Seine Handschrift zeichnet sich durch dramaturgisch geschlossene Nummernchoreographien aus. Der dreiteilige Abend zeigte eine Revue von Limòns Werk. Er bediente sich symbolischen Formen wie dem Kreis, ein „Circle of Life“, wobei die Tänzer in geschlossenen, kreisförmigen Reigen, stets im Fluss, ihre höchst anspruchsvollen Bewegungen ausführen. In “There is a time“ bezog sich Limòn auf menschliche Charakterzüge, die das Publikum durch den Einsatz starker gestischer und mimischer Emotionen regelrecht mitriss. So tanzte eine Tänzerin einen Freudentanz, fast prustend vor lachen, so dass das Publikum unwillkürlich mitlachte. Doch die Freuden wechselten sich mit Totentänzen sowie stark emotionalen Tanzeinlagen ab. Die expressive Ausdruckskraft der Tänzer vermag oft ihre disziplinierten Körper etwas aufzulockern. So endete selten eine Tanznummer gleichzeitig mit der Musik, sondern liess die Bewegung sich von der Musik kein Ende setzen und wippte im fliessend weiter und liess sich erst durch das Abdunkeln des Lichtes zähmen. Die fliessenden Übergänge hielten den Zuschauer stets wachsam. Sobald eine Tanzeinlage endete, befand man sich schon mitten in der nächsten Geschichte. Der doppelte Tanzreigen, der sich sowohl dramaturgisch durch die Nummernchoreographie zieht, als auch innerhalb der einzelnen Szenen erschliesst, bindet die Tänzer an eine harmonische Reproduktion von Limòns Werk. Aus heutiger Sicht muten die Choreographien immer noch an eine grosse Präsenz und Ausdruckskraft starker Emotionen, doch wie “echt“ die Limòn Dance Company die historische Tanztechnik zu Zeiten Limòns wiederzugeben weiss, ist schwer einzuschätzen. Denn mit der neuen Tänzergeneration entsteht stets ein neues Bewusstsein für die körperlichen Ausdrucksweisen, die wiederum dem zeitgenössischen Zeit- und Raumverständnis unterliegen. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto schwieriger wird es, Limòns Ausdruckskraft zu konservieren. Daher war es ein historischer Schatz, die Limòn Dance Company in Bern live geniessen zu können und damit ein kleines Stück Tanzgeschichte aufleben zu lassen.
STEPS #12, das Tanzfestival des Migros-Kulturprozent dauert noch bis zum 13. Mai 2010. Weitere Informationen: www.steps.ch
Weiterführende Literatur
Huschka, Sabine: Moderner Tanz, rowohlts enzyklopädie im Rowohlt Tanschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg: 2002
Lewis, Daniel: Illustrierte Tanztechnik von José Limòn, Florian Noetzel Heinrichshofen-Bücher, Wilhelmshaven: 1990