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Jetzt, da die Tage kurz sind, fällt sie mir öfter ein: die alte Frau, die ich dank dieser Kolumne kennengelernt hatte. Seit Jahren schrieb sie mir in zunehmend zittriger Handschrift, und ich schrieb zurück. 317-mal hätte ich ihr geschrieben, meinte sie bei einer unserer letzten Begegnungen. Sie tauchte auf, wann immer ich irgendwo zwischen Täuffelen und Schönenwerd eine Vorstellung gab, und liess es sich hinterher nicht nehmen, mich in ihrem klapprigen Toyota zum Bahnhof zu chauffieren. Wobei sie nie in den fünften Gang schaltete; vor dem graute ihr, seit sie mal statt des fünften den Rückwärtsgang erwischt hatte. Mit röhrendem Motor fuhr sie mich zum nächsten, lieber noch zum übernächsten Bahnhof. So blieb länger Zeit zum Plaudern.
Immer wieder schickte sie mir Couverts voller Zeitungsausschnitte, von denen sie dachte, sie könnten mich interessieren. Erwähnte ich mal beiläufig die Skirennfahrerin «Maite» Nadig und deren Triumph in Sapporo, lag garantiert zwei Tage später die originale Titelseite einer Zeitung von 1972 im Briefkasten. Weiss der Himmel, wo sie die aufbewahrt hatte … Von den vielen, über deren Post ich mich stets freue, war sie die eifrigste, und mich dünkte, ihre Briefe würden desto häufiger, je schwerer ihr das Schreiben offenbar fiel. Sie besass weder Handy noch Computer und ärgerte sich, als ihr das alte schwarze Wandtelefon im Flur mit dem spiralförmigen Kabel abgestellt wurde – sie muss dort stundenlang gestanden und telefoniert haben.
Anfang Jahr schenkte sie mir ein Tulpen-Bild ihres Lieblingsmalers, sie mochte die Tulpen genauso wie ich. Meinen Einwand, ich hätte doch noch gar nicht Geburtstag, überging sie. Statt an den Bahnhof fuhr sie mich in jener Nacht kreuz und quer über den Bucheggberg; sie wollte mir unbedingt zeigen, wo sie damals ihrem Hans zum ersten Mal begegnet sei und wo sie sich vor über sechzig Jahren zum ersten Mal geküsst hätten. Ihn, die Liebe ihres Lebens, vermisste sie jeden Tag. Man sah nicht viel, im Dunkeln, und konnte dafür umso mehr erahnen.
Was ich nicht ahnte: dass es ein Abschied war. Wenige Wochen später starb Heidi, so hiess sie – an ihrem 57. Hochzeitstag. Und als ihre Urne zu der seinen ins Grab gelegt und mit Pfingstrosenblättern zugedeckt wurde, wusste ich, dass alles gut war. Heidi hatte heimkehren wollen zu ihrem geliebten Mann, sie ergriff dazu die erstbeste Lungenentzündung. Ich darf das schreiben, sie würde schmunzeln darob, auch wenn sie laut gedroht hätte: «I schloh di ab, we d das i d Zytig tuesch!» Ein sturmes Huhn konnte sie sein. Doch sie wird mir noch oft fehlen, wenn die Tage kürzer werden.