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Text: Auszug aus der Mediaplanet-Themenbeilage «Soziales Engagement», u.a. im Tagesanzeigers vom 1.6.2019
Was hat Sie dazu bewegt, eine Kinderpatenschaft – mittlerweile für mehrere Patenkinder – zu übernehmen?
Ich bin seit vielen Jahren beruflich im Sozialbereich engagiert. Sozial benachteiligten Menschen zu helfen, war für mich schon immer ein grosses Anliegen. Über eine familiäre Verbindung zum asiatischen Raum und durch das Bereisen der Region habe ich viele Eindrücke über die Sozialsysteme vor Ort sammeln können. Meine ersten Reisen gehen auf die Zeit kurz nach dem Kambodscha-Krieg zurück. Die Kluft zwischen den Privilegien, die wir hier im Westen geniessen, und dem Wenigen, mit dem andere Leute auskommen müssen, hat mich sehr erschüttert.
Ihre Patenkinder leben in Vietnam und Georgien. Haben Sie einen besonderen Bezug zu diesen Ländern?
Ein Bereich meiner früheren Arbeit befasste sich mit dem Flüchtlingswesen. Ich hatte damals viel mit vietnamesischen Bootsflüchtlingen – sogenannten Boatpeople – zu tun. Mein Interesse für die Region und ihre Leute wuchs nochmals, als ich den Schweizer Kinderarzt Beat Richner kennenlernte. Er hatte in Kambodscha mehrere Kinderspitäler aufgebaut. Nach Georgien brachten mich ebenfalls berufliche Kontakte.
Können Sie sich noch gut an Ihr erstes Patenkind erinnern?
Als meine Familie sich für eine Kinderpatenschaft entschieden hatte, war die Vorfreude ähnlich gross wie bei einer Schwangerschaft. Unser erstes Patenkind war ein achtjähriger Junge aus Vietnam. Das war im Jahr 2000. Leider haben wir keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Patenschaftsregelung sieht vor, dass mit dem Ende einer Patenschaft auch der Kontakt endet.
Wer bestimmt, wer als Patenkind in Frage kommt?
Die Hilfsorganisation wählt die Patenkinder zusammen mit einem lokalen Komitee aus. Es gibt dafür zwei Voraussetzungen: Die Kinder müssen in einer Region wohnen, wo die Hilfsorganisation Entwicklungsprojekte betreibt. Das sind in der Regel sehr arme Regionen mit grossem Entwicklungsbedarf. Das zweite Kriterium ist die persönliche Lebenssituation. Kinder aus prekären Verhältnissen werden bei der Auswahl favorisiert.
Haben Ihre Patenkinder eine Familie?
Alle unsere Patenkinder haben eine Kernfamilie. Bei einigen ist zwar der Vater abwesend oder verstorben. Die Kinder sind jedoch in einem vertrauten Umfeld eingebettet. Bei der Patenschaft handelt es s ich also um keine Adoption.
Wie profitieren die Kinder und ihre Familien von der Patenschaft?
Die Mittel fliessen in unsere Projekte in der Region. Die Patenkinder profitieren wie alle anderen Kinder und Familien von den verschiedenen Programmen. Bei einem unserer Besuche vor Ort konnten wir den Aufbau von Imkereien mitverfolgen. Ein anderes Mal haben wir mit Kuhdünger betriebene Kleinbiogasanlagen besichtigt. Das Gas verwenden drei Familienhaushalte zum Kochen. Es ist genial, was man in diesen Regionen mit sehr kleinen aber nachhaltigen Projekten bewirken kann.
Wollten Sie sich mit ihren Besuchen vergewissern, dass die Spenden auch sinnvoll eingesetzt werden?
Ja, aber nicht nur. Die Motivation unserer Projektbesuche war in erster Linie menschlicher Natur. Über den Briefkontakt hatten wir eine Beziehung zu den Kindern aufgebaut. Die Besuche der Patenkinder laufen übrigens sehr kontrolliert ab und erfordern einen tadellosen Leumund.
Welche positiven Erfahrungen konnten Sie von Ihren Projektbesuchen mitnehmen?
Wir hatten immer das Gefühl, willkommen zu sein. Neben den eindrücklichen Projekten waren es vor allem positive Grunderfahrungen, die mich berührt haben: Die offene und tiefe Bescheidenheit der Leute, die gleichzeitig mit einer gewissen Zufriedenheit verbunden ist. Aber auch die gegenseitige Wertschätzung, die meine Familie, unsere Patenkinder und ihr Umfeld für einander hatten.
Was hat Sie besonders betrübt?
Es kam vor, dass unsere Patenkinder wegen schlechten Reisernten im Winter hungern mussten. Da sie sich jedoch nicht wirklich beklagten, erfuhren die Projektverantwortlichen relativ spät davon. Erschüttert haben uns aber auch die Spuren des Vietnamkriegs. Noch heute sieht man Menschen mit angeborenen Fehlbildungen aufgrund der militärisch eingesetzten Entlaubungsmittel. Andere sind wegen der Kontamination an Krebs erkrankt. Die Opfer erhielten nie eine Entschädigung, weil entschieden wurde, dass es sich bei den Entlaubungsmitteln um keine chemischen Kampfstoffe handelte.
KURT JENNI UND SEIN ENKEL (R.) IM PROJEKTBÜRO VON WORLD VISION VIETNAM IN LANG CHAHN.
Hat Sie das Erlebte als Mensch verändert?
Nicht nur mich, sondern auch meine Söhne und Enkel, die mich jeweils auf den Reisen begleiteten. Aufgrund der Erfahrungen hat meine Familie gelernt, bescheidener zu leben. Bei uns werden keine Lebensmittel weggeworfen. Wir kaufen bewusster ein und versuchen, möglichst sparsam mit dem Wasser umzugehen. Ich betrachte die Begriffe «Menschenwürde» und «Wertschätzung » heute anders als früher.
Sind ihre Kinderpatenschaften ein Familienprojekt?
Das kann man so sagen. Meine Kinder kamen durch meine berufliche Tätigkeit schon früh mit sozialen Themen in Berührung. Einige meiner Kinder sind heute selbst im Sozialbereich tätig. Zusammen haben wir auch den Entschluss gefasst, nach Möglichkeit fünf Prozent unserer Nettoeinnahmen für sozial Benachteiligte einzusetzen.
Auf den Punkt gebracht: Weshalb sind Kinderpatenschaften wichtig?
Kinderpatenschaften sind eine nachhaltige und persönliche Form der Unterstützung. Man investiert dabei nicht nur in lokale, nachhaltige Projekte, die den Leuten erlauben, ihren Lebensunterhalt irgendwann selbst zu bestreiten. Man baut gleichzeitig Beziehungen auf, die keinen Dank erfordern, sondern auf gegenseitiger Wertschätzung beruhen. Einer Wertschätzung, die wir hier in dieser hohen Form gar nicht kennen.
Sie möchten auch eine Patenschaft abschliessen? Informieren Sie sich hier über die 3fach-Wirkung einer Kinderpatenschaft.