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Einleitung
Der Sommer 2023 war der heisseste Sommer, der bisher je gemessen wurde. (Systematische Messungen werden seit 1864 gemacht)
Die Landwirtschaft ist in doppelter Hinsicht betroffen. Einerseits als Hauptverursacher- weltweit werden etwa 70% des verbrauchten Süsswassers für die landwirtschaftliche Produktion verwendet und mehr als ein Drittel aller menschengemachten Treibhausgasemissionen stammen aus Agrar- und Ernährungsindustrie – und andererseits als Opfer der extremen und langen Hitzewellen, Dürreperioden und Überschwemmungen, die in kürzester Zeit riesige Flächen zerstören (wie in Ruanda am 2. und 3. Mai, in Griechenland Anfang September und in Südafrika zwei Wochen später). Diese Extremwetterereignisse führen zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, zu Preissteigerungen, Hunger und Tod.
Wir sind auf halbem Weg zu den 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Und die Vereinten Nationen geben an, dass es noch möglich sei, sie zu erreichen. Aber um allen Menschen Zugang zu gesunden, nahrhaften und ausreichenden Lebensmitteln zu verschaffen und gleichzeitig den Klimawandel zu verlangsamen, „müssen Massnahmen ergriffen werden, um nicht nachhaltige Praktiken zu destabilisieren, zu demontieren und schrittweise zu beseitigen.↵„
Die Ziele
Wenn wir die Ziele für nachhaltige Entwicklung erreichen wollen, ist die Abschaffung des nicht-nachhaltigen Systems der erste Schritt. Dann muss ein nachhaltiges System aufgebaut werden! Hierbei sollten uns in der Schweiz der „Leitfaden der wichtigsten politischen Hebel und Achsen zur Etablierung eines nachhaltigen Ernährungssystems“ des wissenschaftlichen Komitees von Avenir Alimentaire Suisse sowie die „Klimastrategie für Landwirtschaft und Ernährung 2050“ helfen können. Die Strategie nennt 3 Ziele, die die Schweiz bis 2050 erreichen müsste, um nachhaltige Ernährungssysteme zu etablieren:
→ Die Landwirtschaft produziert klima- und standortangepasst und erreicht so einen Selbstversorgungsrad von mindestens 50 Prozent.
→ Die Bevölkerung ernährt sich gesund und ausgewogen. So verringert sie den Treibhausgas-Fussabdruck der Ernährung pro Kopf um zwei Drittel gegenüber 2020.
→ Die Treibhausgasemissionen der landwirtschaftlichen Produktion im Inland werden gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent reduziert.
Eine enorme Herausforderung in und ausserhalb der Verwaltung.
« Auf Kosten anderer Profit zu machen, ist nicht nachhaltig. »
Unsere Thesen
Bei agrarinfo.ch haben wir drei Thesen zum Erreichen der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und der „Schweizerischen“ der Klimastrategie 2050 :
1. Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Klimaziel und dem Ziel „Null Hunger“.
2. Eine bäuerliche, lokale Landwirtschaft ist am widerstandsfähigsten gegenüber den klimatischen Herausforderungen.
3. Wir brauchen einen Systemwechsel. Wir brauchen einen Kulturwandel.
1. Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Pariser Klimaabkommen und dem nachhaltigen Entwicklungsziel Nummer 2, „Zero Hunger“. Aber es gibt einen Interessenkonflikt bei ihrer Umsetzung.
- Die Menschenrechtserklärung darf nicht ignoriert werden. Ich erinnere an die erste Präambel dieser 75 Jahre alten Erklärung: „Die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräusserlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen bildet die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.“
Und ich erinnere an UNDROP, die Erklärung der Vereinten Nationen zu den Rechten von Bauern und Bäuerinnen und anderen in ländlichen Gebieten tätigen Personen, die auf ein nachhaltiges, widerstandsfähiges und soziales Ernährungssystem abzielt. Um ihre Umsetzung zu fördern, hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen vor kurzem eine Resolution verabschiedet, die den Weg für die Bildung einer Arbeitsgruppe ebnet.
- Profit auf Kosten anderer ist nicht nachhaltig. Es muss Schluss sein mit Landgrabbing, ultraverarbeiteten Lebensmitteln, der Produktion in Billigländern, dem Export unserer Industrieabfälle in den globalen Süden und den „nachhaltigen Innovationen“, die einzig dazu dienen, neue Technologien zu verkaufen, die erlauben, das bisherige System statt zu erneuern zu erhalten.
2. Die bäuerliche, lokale Landwirtschaft mit ihren kurzen Kreisläufen, ist die am widerstandsfähigste gegenüber dem Klimawandel.
- Bei der Agrarökologie ist nur der Name „neu“. Der Begriff wurde erstmals gegen Ende des letzten Jahrhunderts in Kuba verwendet, das unter Blockade stand und daher keine Betriebsmittel importieren konnte. In dieser schwierigen Zeit wurde eine Reihe von Massnahmen staatlich, aber auch von Bauern und der Wissenschaft, mit dem Ziel gefördert, die landwirtschaftliche Produktion ohne importierte Chemikalien und Maschinenteile aufrechtzuerhalten. Traditionelle landwirtschaftliche Praktiken mit geringen Mengen an externen Inputs wurden wieder eingeführt, ebenso wie die Anwendung ökologischer Methoden, die von kubanischen Forschern entwickelt worden waren. Der Begriff Agrarökologie umfasst sowohl die bäuerlichen Arbeitsmethoden als auch die Politik. Obwohl letztere immer häufiger „vergessen“ wird, sind wir sehr froh, dass es diese Bewegung gibt, da sie die unterschiedlichsten Akteure zusammenbringt, die auf das gleiche Ziel hinarbeiten: das Wohlergehen der Gemeinschaft.
- Die industrielle und globalisierte Landwirtschaft ist nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit hat drei Säulen: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Die globalisierte Agrar- und Lebensmittelindustrie basiert auf der Ausbeutung und Überbeanspruchung dieser drei Faktoren und ist somit das Gegenteil von nachhaltig.
3. Wir brauchen einen Systemwechsel.
Zur Veranschaulichung nehmen wir die Ziele der Klimastrategie 2050 wieder auf:
- Eine an das Klima und die lokalen Bedingungen angepasste Produktion =
– Keine Verschwendung von Ressourcen,
– Keine Verschmutzung von Wasser und Boden,
– Ein würdiges Leben für alle Akteure des Sektors.
- Die Bevölkerung ernährt sich gesund und ausgewogen =
– Wahrnehmen ihres Rechts auf gesunde, frische und wenig verarbeitete Lebensmittel,
– Kenntnis über ihre Ernährungsbedürfnisse und der Zubereitung gesunder und ausgewogener Gerichte (siehe auch den Artikel „Städte des Geschmacks: Sprungbrett für die Ernährungserziehung„).
– Gemeinschaftsverpflegung dient als Vorbild und Kommunikationsvektor.
- Die Treibhausgasemissionen der Ernährungsindustrie müssen sinken =
– Mehr Sparsamkeit und damit Flexibilität der KonsumentInnen. Schluss mit Verschwendung, „Erdbeeren zu Weihnachten“ und falschen technologischen Lösungen. Um nachhaltig zu Wirtschaften müssen sich die ProduzentInnen dem Klima anpassen dürfen und wir KonsumentInnen das, was hier und jetzt produziert werden kann, konsumieren. Nicht mehr umgekehrt.
– Mehr Biodiversität dank einer Landwirtschaft, die die natürlichen Ökosysteme respektiert.
Wir müssen die Wirtschaft dekarbonisieren, aber selbst wenn sie vollständig dekarbonisiert ist und wir eine Schrumpfung erreichen, löst das nicht die Probleme der vergifteten Böden, des Verlusts der Artenvielfalt und so weiter. Um die angehäuften Probleme zu beheben und gleichzeitig Nahrungsmittel zu produzieren, brauchen wir eine nachhaltige Landwirtschaft. Ökonomisch, ökologisch und sozial. Kurz: Wir brauchen einen Kulturwandel.
Wenn man bedenkt, wie viele Veränderungen wir vornehmen müssen, um bis 2030 die Nachhaltigkeitsziele und bis 2050 die Klimaziele zu erreichen, heisst das, dass wir selber uns ebenfalls verändern müssen. Die Agrarökologie ist eine praktikable und nachhaltige Lösung. Kein Wunder ist der Slogan agroecologyworks!
« Es braucht politischen Mut »
Afrika kopieren!
Während des Welternährungstages 2023 schalteten wir live zu vier Rednern aus Afrika, dem Kontinent, auf dem der Klimawandel x-mal stärker ist als bei uns. Sie haben keine andere Wahl, als schnell und konkret zu reagieren, um sich den neuen Verhältnissen anzupassen: Sie werden mit voller Wucht getroffen und ihre klimabedingten Probleme sind existentiell. Wir können von ihnen lernen:
Wagen wir uns, es der westafrikanischen Karawane „Recht auf Land, Wasser und bäuerliche Agroökologie: ein gemeinsamer Kampf“ gleichzutun!“ und „das Food Policy Forum for Change“ von Biovision nachzuahmen: Beides sind mutige Initiativen, dank derer Menschen und Regierungen über wichtige Herausforderungen informieren und aufgeklärt werden.
Wagen wir es, das Projekt Crops4hd zu kopieren, das SWISSAID im Tschad gemeinsam mit dem FIBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) durchführt, und kehren wir zu Ackerkulturen zurück, die in Vergessenheit geraten sind, aber perfekt an unser heutiges und zukünftiges Klima angepasst wären! Für das Wohlergehen unseres Planeten und unserer selbst wäre es sinnvoll, in unseren Regionen wieder mehr Hirse, Hafer, Linsen und Buchweizen anzubauen und zu essen.
Fördern wir die Widerstandsfähigkeit gegen die Auswirkungen des Klimawandels, indem wir einfach, wie Olivier Ngardouel am Welternährungstag erklärte, die technischen und organisatorischen Fähigkeiten der landwirtschaftlichen Kleinproduzenten stärken!
Die Schweiz wachrütteln!
Die bäuerliche Landwirtschaft ist die einzige, die eine demokratische Ernährung ermöglichen kann. Aber sie zu unterstützen, braucht politischen Mut.
Was uns hier in der Schweiz fehlt, ist eine gemeinsame Stimme, als Gegenkraft zur Lebensmittelindustrie und ihrer Lobby, um den Wandel zu ermöglichen. KonsumentInnen, ProduzentInnen und VerarbeiterInnen können sich verbünden, wie es zum Beispiel beim MAPC, dem Mouvement pour une Agriculture Paysanne et Citoyenne in Genf geschieht, und vorangehen, ohne auf die politischen Behörden zu warten. Nichtsdestotrotz kann und muss „Bundesbern“ den Rahmen setzen, um nachhaltige Landwirtschaft und Pionierprojekte lebensfähig zu machen. Auch gilt es als völlig legitim, die Sorge um das Klima zu nutzen, um so die Botschaft der „bäuerlichen Landwirtschaft“ zu verbreiten und gemeinsam aktiv zu werden.
Es ist klar, dass die Bauern und Bäuerinnen wieder ihren rechtmässigen Platz einnehmen müssen, damit sie gesunde Lebensmittel produzieren und davon leben können. Wir alle haben das Recht auf ein Leben in Würde und auf die Achtung unserer Menschenrechte. Die Kampagne „Faire Preise jetzt!“ von Uniterre und ihren Verbündeten ist wichtig, denn die Bäuer-innen kommen unter die Walze der Grossverteiler. Trotzdem hat der Bundesrat noch in diesem Frühjahr in seiner Antwort auf die Interpellation 23.3098 von Isabelle Pasquier-Eichenberger, „Nachhaltig essen zu einem erschwinglichen Preis. Ist das denkbar?“, geschrieben, er habe „weder die Absicht noch die gesetzliche Grundlage, in die Preisgestaltung einzugreifen“. Wie kann der Bundesrat dennoch ankündigen, dass bis 2050 die Preise, die wir im Laden bezahlen, die tatsächlichen Kosten beinhalten müssen?
Die ProduzentInnen erhalten nicht genug für ihre Produktion, viele KonsumentInnen können keine fairen Preise bezahlen und es scheint keine gesetzlichen Mittel zu geben, um dies zu korrigieren. Um den Produzentinnen und Produzenten faire Preise und der gesamten Bevölkerung den Zugang zu lokalen, saisonalen und gesunden Lebensmitteln zu sichern, ist die Schlussfolgerung aus unseren bisherigen Thesen, dass es einen Kulturwandel braucht …
Als ersten Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel forderte der globale Nachhaltigkeitsbericht 2023, wie Eingangs erwähnt, „nicht-nachhaltige Praktiken zu destabilisieren, abzubauen und schrittweise zu beseitigen“. Knacken wir also das Geschäft mit der Überproduktion, reduzieren wir die Verschwendung, unterstützen wir die kurzen Wirtschaftskreisläufe, die die bäuerliche Landwirtschaft uns bietet und geben wir damit allen Menschen, ob in prekären Verhältnissen oder nicht, die Möglichkeit, angemessene und gesunde Lebensmittel zu konsumieren und ihr Recht auf eine ausgewogene Ernährung zu verwirklichen. Ein Projekt, um dies zu erreichen, ist die „Sozialversicherung für nachhaltige Lebensmittel“ SNL. In der Schweiz wäre dies die vierte Sozialversicherung und würde sicherstellen, dass die ProduzentInnen in Würde von ihrer Produktion leben können – vorausgesetzt, sie entspricht den von der SNL geforderten Qualitätskriterien – und die Konsumenten und Konsumentinnen regelmässig frische, regionale und qualitativ hochwertige Produkte essen können.
Ja, das ist noch ein Traum. Aber vor allem in Frankreich und Belgien gibt es bereits einige Projekte, und wir freuen uns, dass sich auch in der Schweiz etwas bewegt. Wenn Sie sich für das Thema interessieren, reservieren Sie sich schon mal den 22. Januar 24 für einen Workshop in Basel, informieren Sie sich weiter auf agrarinfo.ch und zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren!
Schlussfolgerungen
Die drei anfangs aufgestellten Thesen werden bestätigt:
– Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Klimaziel und dem Ziel „Null Hunger“,
– Eine lokale bäuerliche Landwirtschaft ist am widerstandsfähigsten gegenüber den klimatischen Herausforderungen,
– Wir brauchen einen Systemwechsel, wir brauchen einen Kulturwandel.
Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Klimaziel und dem Ziel „Null Hunger“. Wir weigern uns, zwischen „Treibhausgase reduzieren“ und „SDG 2 erreichen“ zu wählen, bei dem die prekäre Ernährungssituation dazu benutzt wird, die Klimaanforderungen aufzuweichen (z. B. chemischer Dünger, oder Pestizide erlauben, um eine ausreichende Produktion zu gewährleisten). Das ist eine schlechte Ausrede. Der bereits zitierte Nachhaltigkeitsbericht 2023 bringt es auf den Punkt: „Die Transformation stösst oft auf den Widerstand derjenigen, deren wirtschaftliche Interessen und Lebensstile mit den abgeschafften Systemen und der Aufrechterhaltung des Status quo verbunden sind.“
Laut Biovision werden auf 40% der gesamten landwirtschaftlichen „Nutzfläche“ Futtermittel produziert. Allerdings werden 10 % des Getreides zur Biogasgewinnung angebaut. Wie sinnvoll ist diese Praxis angesichts der klimatischen Herausforderungen und des Hungers in der Welt? Wir müssen endlich anfangen, langfristig und global zu denken. Die bäuerliche und konsumentInnennahe Landwirtschaft, die auf internationale Solidarität abzielt, scheint am widerstandsfähigsten gegenüber den klimatischen Herausforderungen zu sein, die gesündeste Ernährung zu gewährleisten und mitzuhelfen, den Hunger in der Welt zu verringern.
Dazu, wie in diesem Artikel dargelegt, müssen wir unseren Lebensstil und unsere Kultur ändern; sich anzupassen reicht nicht mehr aus. Wenn wir sparsam und verantwortungsvoll, aber immer mit Freude und Genuss konsumieren (SDG 12), beeinflussen wir automatisch unsere eigene körperliche und geistige Gesundheit (SDG 3), die Erderwärmung (SDG 13), und auch die globale Armut (SDG 1) sowie den Hunger (SDG 2).
Mit anderen Worten: Wir können unseren Lebensstil und unsere Ernährungssysteme sanieren, ohne unsere Lebensqualität einzuschränken, und sogar dazu beitragen, die Lebensqualität im Globalen Süden zu verbessern. Wagen wir es, in der Genügsamkeit den Luxus zu erkennen?