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Wieviele HIV-Patienten nehmen nicht nur die HIV-Medikamente, sondern auch andere Präparate ein? Kann das zu Wechselwirkungen führen? Und welchen Einfluss haben diese Ko-Medikationen auf die Wirksamkeit der HIV-Therapie? Diesen Fragen ging eine im März 2010 publizierte prospektive Studie unter den Teilnehmenden der Schweizer HIV-Kohortenstudie (SHCS) nach.
Im Management einer HIV-Infektion sind Wechselwirkungen zwischen Wirkstoffen der antiretroviralen Therapie (ART) und anderen Medikamenten zunehmend ein wichtiges Thema. Medikamentöse Wechselwirkungen können zu Toxizität (Giftigkeit) führen oder aber die Wirksamkeit von antiretroviralen Medikamenten mindern und damit Resistenzen hervorrufen. Das Thema wird nicht zuletzt wegen des grossen Erfolgs der ART immer wichtiger. Diese verlängert die Lebenserwartung HIV-positiver Menschen in hohem Masse, was dazu führt, dass immer mehr altersbedingte Erkrankungen auftreten – genau wie bei der Allgemeinbevölkerung.
Bei HIV-Patienten und Patientinnen muss die Behandlung dieser Krankheiten immer mit der ART abgestimmt werden. Dasselbe gilt im Falle von Ko-Infektionen (z.B. mit Hepatits B oder C), die bei HIV-positiven Menschen relativ häufig vorkommen. Aber auch alternative Heilmittel, die von PatientInnen selbst gekauft werden, können zu Wechselwirkungen führen.
Als Grundlage der Studie dienten die klinischen Daten aller Kohorten-Teilnehmenden, die von April 2008 bis Januar 2009 eine ärztliche Sprechstunde besuchten. Zudem wurden Patienten über selbst gekaufte und eingenommene Heilmittel befragt. Die Analyse von möglichen (nicht realen und eingetroffenen!) Wechselwirkungen wurde mithilfe von Medikamenten-Datenbanken sowie pharmazeutischen Experten durchgeführt. Daraus formulierte die Forschungsgruppe um Catia Marzolini vom Universitätsspital Basel Empfehlungen für die Absetzung oder Neuanpassung von Therapien. Ein Fragebogen an die behandelnden Ärzte und Ärztinnen erhob danach die getroffenen Massnahmen.
Ko-Medikationen sind häufig
68% der Patienten und Patientinnen (1‘013 von 1‘497) nahmen neben den antiretroviralen Medikamenten noch andere ärztlich verschriebene Präparate ein. 59% dieser Ko-Medikationen (597 von 1‘013) wiesen potentielle Wechselwirkungen auf, die eine Neudosierung und/oder genaue Beobachtung erfordern. Bei rund der Hälfte davon handelte es sich um Medikamente zur Behandlung des zentralen Nervensystems (dazu gehören einige Antidepressiva), über ein Drittel waren Mittel gegen Herz- und Kreislaufkrankheiten und bei fast einem Fünftel handelte es sich um Methadon.
Um gefährliche oder schädliche Wechselwirkungen handelte es sich aber „nur“ in 2% (21 von 1‘013) resp. 4 % (42). In 2% der Fälle waren die zusätzlich verabreichten Medikamente kontraindiziert, d.h. ihre Anwendung ist bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten HIV-Medikamenten verboten oder nur in absoluten Ausnahmefällen zugelassen. Bei 4% bestand die Möglichkeit, dass die Ko-Medikationen die Wirksamkeit der antiretroviralen Therapie mindern könnten.
Erfreulich: die Ärzte wissen, was sie tun
Ko-Medikationen waren zwar häufig, solche mit potentiell schädlichen und gefährlichen Wechselwirkungen hingegen selten. Das erfreuliche Fazit: Die potentiellen Wechselwirkungen beeinflussten weder die Nachweisbarkeit der Viruslast noch die Anzahl der CD4-Zellen. Diese unterschieden sich nämlich nicht bei Patienten mit Ko-Medikationen und solchen mit und ohne potentielle Wechselwirkungen. Dass die Anzahl der potentiell gefährlichen oder schädlichen Wechselwirkungen so klein war, führen die Forscher und Forscherinnen auf die Professionalität und die Spezialisierung der Ärzte und Ärztinnen in den der Kohorte angeschlossenen HIV-Behandlungszentren zurück. Denn die überwiegende Mehrheit der potentiellen Wechselwirkungen sind gut handhabbar, wenn bei Ko-Medikationen die Therapie genau beobachtet wird und nötige Anpassungen der Dosierung oder Kombination vorgenommen werden. Die Autoren der Studie weisen jedoch darauf hin, dass in anderen Settings, wo Fachpersonen nicht auf HIV spezialisiert sind, eventuell mehr potentiell schädliche Ko-Medikationen verabreicht würden.
Text: Shelley Berlowitz
C. Marzolini et al: Prevalence of comedications and effect of potential drug-drug interactions in the Swiss HIV Cohort Study, in: Antiviral Therapy 2010;15(3):413-2
POSITIV 2/2011 © Aids-Hilfe Schweiz