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| Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

11.
Dieser Mann war der erste und einzige, der mich bewog mich auch mit der hellenischen Philosophie zu befassen, indem er mich durch seine eigene Lebensweise bestimmte auch seine Darstellung über die Lebensregeln anzuhören und aufmerksam zu verfolgen, während ich, was die übrigen Philosophen betrifft — ich hebe nochmal diese Tatsache hervor — mich wohl nicht dazu verstanden hätte, zwar nicht mit Recht, sondern nahezu zu meinem Unglück. Freilich kam ich anfangs auch nicht mit mehreren in Berührung, sondern nur mit einigen, die sich als Lehrer darin ankündigten, aber doch mit lauter solchen, die mit ihrer Philosophie nicht über die leeren Redensarten hinauskamen. Er aber war der erste, der mich auch mit Worten zur Beschäftigung mit der Weisheit anregte, dadurch daß er durch die Tat seiner mündlichen Anregung zuvorkam, indem er nicht bloß wohl einstudierte Redensarten vorbrachte, sondern es selbst unter seiner Würde fand etwas zu sagen, außer mit lauterer Gesinnung und mit dem Bestreben das Gesagte auch in die Tat umzusetzen, indem er ferner bemüht war sich so zu zeigen, wie es dem Bilde entspricht, das er von einem guten Lebenswandel entwirft, gern hätte ich auch gesagt, indem er das Muster eines Weisen bot. Da aber meine Rede von Anfang an Wahrheit und nicht Schönfärberei in Aussicht gestellt hat, so will ich ihn jetzt noch nicht als das Musterbild eines Weisen bezeichnen. Freilich würde ich die Wahrheit sagen, wenn ich behaupten wollte, daß er es sei; aber ich will für jetzt davon absehen. Also nicht ein Musterbild im [S. 243] buchstäblichen Sinne will ich ihn nennen, aber einen Mann, der demselben im höchsten Grade gleichzukommen trachtete, der sich mit allem Ernst und Eifer und zwar, wenn ich so sagen darf, über das Maß der menschlichen Kräfte hinaus mit Gewalt dazu anhielt und außerdem noch bestrebt war aus mir ein weiteres Ebenbild dieser Art zu gestalten, damit ich nicht bloß die Vorträge über die Gemütsbewegungen, sondern die Gemütsbewegungen selbst in meine Gewalt bekäme und verstünde. Er drang nämlich auf Taten und Worte zugleich und brachte mir bei der Veranschaulichung selbst einen nicht unbedeutenden Teil jeder einzelnen Tugend bei und hätte mir vielleicht das Ganze beigebracht, wenn ich es zu fassen vermocht hätte. Er nötigte mich sozusagen gerecht zu leben durch die tatsächliche Gerechtigkeit seiner eigenen Seele, der er mich in überzeugender Weise innerlich beizutreten bewog, indem er mich ablenkte von der Geschäftigkeit im Dienste des täglichen Lebens und von dem lästigen Auftreten in der Öffentlichkeit und mich dagegen aneiferte mich selbst zu erforschen und meine eigenen Angelegenheiten in Wahrheit zu betreiben. Darin aber besteht das Leben nach der Gerechtigkeit und darauf beruht die wahre Gerechtigkeit, wie auch einige von den alten Philosophen gesagt haben — sie dachten meines Erachtens dabei an das Verhalten zu sich selbst und erblickten darin ein wirksameres Mittel zur Erlangung der Glückseligkeit sowohl für sich als auch für ihre Anhänger —, wenn anders es die Eigentümlichkeit dieser Tugend ist nach Gebühr zuzuteilen und zwar jedem, was ihm eigen ist. Was könnte es nämlich für die Seele noch Eigentümlicheres und Angemesseneres geben als die Sorge für sich selbst, indem sie nicht nach außen blickt, sich nicht mit fremden Dingen befaßt und um es kurz zusammenzufassen sich selbst auch nicht das geringste Unrecht zufügt, sondern innerlich in sich gekehrt ihr eigenes Wesen an sich selber zurückgibt und so die Gerechtigkeit ausübt! So bildete er mich heran, indem er mich, wenn man so sagen darf, nötigte die Forderungen der [S. 244] Gerechtigkeit zu erfüllen und andererseits nicht minder die Forderungen der Klugheit, dadurch daß meine Seele in sich gekehrt war und den Willen und das tätige Streben nach Selbsterkenntnis in sich trug. Das ist offenbar die schönste Aufgabe der Weltweisheit, was bekanntlich auch dem vorzüglichsten Wahrsagergeiste1 als ein Gebot der tiefsten Weisheit in den Mund gelegt wird mit den Worten: „Erkenne dich selbst!“ Daß dies in der Tat die Aufgabe der Klugheit sei und daß darin die göttliche Klugheit bestehe, wird von den Alten treffend behauptet, da tatsächlich die göttliche und menschliche Tugend ein und dasselbe ist, insofern sich die Seele darin übt sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen und den göttlichen Geist, wenn sie dieser Gemeinschaft für würdig befunden werden sollte, in sich selbst widerspiegelt und so die Spuren eines geheimnisvollen Weges zu dieser Vergöttlichung entdeckt. Dasselbe findet dementsprechend auch Anwendung auf die Mäßigkeit und den Starkmut; auf die Mäßigkeit, insofern man, falls es der Seele je einmal gelingen sollte sich selbst zu erkennen, diese Klugheit der sich selbst erkennenden Seele unversehrt beibehalte — denn das mache hinwiederum das Wesen der Mäßigkeit2 aus, daß sie gewissermaßen eine unversehrt beibehaltene Klugheit sei — auf den Starkmut aber, insofern man bei den erwähnten Fertigkeiten verharre und nicht davon abgehe, weder freiwillig noch unter dem Drucke irgend einer Nötigung, sondern sie bewahre und die erwähnten Errungenschaften in seiner Gewalt behalte. Denn das Wesen dieser Tugend bestehe darin, daß man seine Überzeugung festhalte und bewahre.
1: nämlich dem Apollo, dessen Tempel zu Delphi die Inschrift trug: Erkenne dich selbst!
2: Die griechischen Wörter für Mäßigkeit und Klugheit sind von gleichem Stamme. Das hier vorliegende Wortspiel ließe sich im Deutschen zwar leidlich wiedergeben (Bescheidenheit, Gescheitheit oder Kunst sich zu bescheiden, Kunst zu unterscheiden), doch darf von den eingebürgerten Bezeichnungen für diese zwei Tugenden natürlich nicht abgegangen werden.