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| Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)

2. Dialog
1.
Noch in der ersten Zeit, da ich meine Studien aufgegeben und mich dem heiligen Manne angeschlossen hatte, es war erst wenige Tage her, begleiteten wir ihn auf seinem Gange zur Kirche. Da begegnete ihm ein Armer, halbnackt — es war Winter —, und bat, man möge ihm ein Kleidungsstück geben. Martinus rief den Erzdiakon herbei und befahl, den frierenden Mann sofort zu bekleiden. Hierauf ging er in den Anbau1 der Kirche. Dort verweilte er allein, wie er es gewohnt war. Auf diese Weise machte er es sich möglich, auch im Gotteshaus allein zu sein, während er den Klerikern Freiheit ließ. Diese saßen in einem anderen Räume beisammen, empfingen dort Besuche oder schlichteten Streitsachen; Martinus indes blieb in seiner Einsamkeit bis zur Stunde, da der übliche Gottesdienst für das Volk gehalten werden mußte. Ich möchte hierbei nicht übergehen, daß er in der Sakristei sich niemals des Bischofsstuhles zum Sitzen bediente — in der Kirche sah ihn ja überhaupt niemand sitzen. Neulich allerdings mußte ich — Gott ist mein Zeuge —, die Schamröte stieg mir dabei ins Gesicht, sehen, daß einer auf prunkendem Hochsitz wie auf einem königlichen Gerichtsstuhl erhaben thronte; Martinus dagegen saß2 auf einem ganz gewöhnlichen Stuhle, so wie ihn das Gesinde benützt, und wie er bei uns ungebildeten Galliern Tripezzia, bei euch Schulgelehrten oder wenigstens bei dir, der du aus Griechenland kommst, Tripus heißt. In diese stille Zelle des heiligen Mannes drang jetzt jener Arme ein; er glaubte sich hintergangen. Da der Archidiakon ihn auf das Gewand so lange warten ließ, beschwerte er sich, der Kleriker habe ihn vernachlässigt, und klagte unter Tränen, daß es ihn friere. Da zog der Heilige alsbald, ohne daß es der Arme bemerkte, heimlich unter dem Mantel sein Untergewand aus, legte es dem Armen um und hieß ihn gehen. Bald darauf trat der Archidiakon herein und mahnte, wie üblich, das Volk warte in der Kirche, er müsse zur Feier der heiligen Geheimnisse aufbrechen. Martinus antwortete, zuerst müsse der Arme — er meinte damit sich selbst — bekleidet werden. Er könne nicht zur Kirche kommen, solange der Arme das Gewand nicht erhalten habe. Dem Diakon war die Antwort rätselhaft, da er Martinus doch äußerlich mit dem Mantel bekleidet sah, aber nicht bemerkte, daß er ohne Untergewand war. Schließlich entschuldigte er sich, der Arme sei nicht mehr da. Da sagte Martinus: "Man soll mir das bereitgehaltene Gewand bringen; denn der Arme ist schon da, um sich bekleiden zu lassen". Jetzt endlich im Drange der Not, die Galle lief ihm schon über, holte der Kleriker eiligst aus einem nahen Laden ein bigerrisches3 , kurzes, rauhhaariges Gewand für fünf Silberlinge und warf es zornig Martinus vor die Füße mit den Worten: "Hier ist das Kleid, der Arme ist aber nicht da". Ohne jede Erregung hieß ihn Martinus kurze Zeit draußen warten. So gelang es ihm, allein zu bleiben, während er das Gewand anzog. Er gab sich zwar alle Mühe, daß sein Tun nicht offenbar werde, aber wann bleibt bei heiligen Männern, trotz ihres Versuches, derlei geheim? Ob sie es wollen oder nicht, man bringt doch alles ans Licht.
1: Secretarium eigentlich Ort zum Rechtsprechen; da es auch Sache der Bischöfe und Priester war, Streitigkeiten zu schlichten, befand sieh neben der Kirche ein secretarium.
2: Die Hds. von Dublin hat: sedebat vero Martinus" [RELK 3 [1912] 127].
3: Die Bigerrionen wohnten in den Abhängen der Pyrrhenäen.