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Literatur
Der Fall "Nizon"
Paul Nizons Journal "Die Erstausgaben der Gefühle" sammelt Notizen, Skizzen und Briefe aus den Jahren zwischen 1961 und 1972. In diesen Jahren erscheint auch Nizons erster Erzählband "Die gleitenden Plätze" und sein Roman "Canto". "Canto" wurde, im Gegensatz zu dem Erzählband "Die gleitenden Plätze", von der Kritik vernichtend aufgenommen. In einer Zeit der politischen Durchdringung der Lebensbereiche stieß ein Roman wie "Canto", der "keine Meinung, kein Programm, kein Engagement" zu bieten hatte, auf Unverständnis. Vieles in dem Journal ist eine Reaktion auf das Unverständnis und eine Art der schriftstellerischen Rechtfertigung.
Im Eintrag vom 28. Dezember 1963 heißt es: "Gestern Frisch getroffen: Hatte den Eindruck, dass er zu meinem Begräbnis gekommen war. Er hatte sich einige Tage in Zürich über den "Fall Nizon" informieren lassen, hatte festgestellt, dass ich es fertiggebracht habe, sehr viel Missgunst, Hohn, Unwillen auf mich zu ziehen. Ich fragte ihn, wie er die jetzige Situation des "Canto" beurteile. Er meinte, das Buch sei nicht untergegangen, nicht begraben, aber sehr mit Fragezeichen belastet, mit Infragestellung."
Das Journal ist der Versuch, sich entgegen der Infragestellung eine schriftstellerische Existenz zu ermöglichen. Skizzenhaft und auf einer sehr persönlichen Ebene kreisen die Einträge um die Problematik, welche Nizon später in seiner Essaysammlung "Diskurs in der Enge" vorbringen wird: Das Verhältnis der Schweiz zu seinen Künstlern. Im Eintrag vom 6. Juni 1969 heißt es zu dieser Schweiz: "Die Schweiz kann man als Avantgarde auffassen, insofern sie etwas vorwegnimmt, was dem ganzen westlichen Europa blüht: die Einübung in den Tod. Hier ist das Licht des Lebens schon lange erloschen, hier hat man schon lange Übung darin, lebend tot, das heißt ohne Zukunft zu sein, das heißt nur im eigenen Materialismus zu zersetzen und zu verwesen. Das heißt ohne Hoffnung und doch dick zu sein und hoffärtig und dünkelhaft."
Wer sich in Nizons Werk etwas auskennt, wird in diesem Journal viele Anspielungen und Verweise zu seinen Romanen und Erzählbänden finden. Auch gewährt das Journal Einblicke in die Arbeitsweise des Schriftstellers. Nizon selbst nennt das Journal ein Laboratorium: "Ich möchte darauf bestehen, dass ich ein Laboratorium unterhalte, eigentlich ein "Untersuchungslaboratorium", wie es mein Vater hatte. Es ist dasselbe, wenn er auch Chemiker war. Ich untersuche. Wie er." Das "Untersuchungslabor" bringt mit sich, dass das Journal sehr direkt und unvermittelt aus dem schriftstellerischen Alltag Nizons berichtet (dazu tragen auch die verschiedenen Briefe bei). Andererseits ist in einem Laboratorium der eine oder andere Versuch zum Scheitern verurteilt zudem wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass der Text etwas gar schnell durch das Lektorat gegangen ist.