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Biografie
von Christian Wiedmer
Dienstag, 5. Juli 2022
Einleitung
Hans Kempf, der eigentlich Johannes Georg Kempf hiess, war ein Berner Bergsteiger, Schriftsteller und Fotograf aber nicht zuletzt auch ein Skifahrer der ersten Stunde. Auf diesen Gebieten erlangte er vor allem im Raum Bern eine gewisse Bekanntheit.
Im Jahr 1914 ging Hans Kempf in die Annalen der Aviatik-Geschichte ein als erster Passagier, der in einem motorisierten Flugzeug die Alpen überquerte.
Heute sind seine Werke als Schriftsteller und Fotograf praktisch vergessen. Sein Name ist bestenfalls noch einigen wenigen historisch interessierten Spezialisten auf den Gebieten des Berner Alpinismus oder der Schweizer Aviatik ein Begriff.
Eltern und Kindheit
Hans wurde in Bern im Jahr 1869 in die Familie eines armen Schuhmachers geboren. Sein Vater, Karl Kempf, stammte aus Seedorf im Kanton Uri und zog um etwa 1860 in die bernischen Lande. In der Stadt Bern liess er sich schliesslich nieder und heiratete 1862 Adele Herzig, die er zuvor geschwängert hatte. Adele starb noch im Kindbett, und das neugeborene Knäblein überlebte die Mutter nur für wenige Wochen.
1867 heiratete Karl Kempf zum zweiten Mal, dies vermutlich widerwillig, nachdem er auch Elisabeth Erb geschwängert hatte, und sie die Tochter Agnes vorehelich zur Welt brachte. Fast jährlich wurden weitere Kempf-Kinder geboren, von denen aber nur Hans, die drei Schwestern Agnes, Ida und Emmanuela sowie der jüngere Bruder Karl das Erwachsenenalter erreichten. Hans Kempfs Mutter starb 1877 bei der Geburt des jüngsten Sohnes, der nur einen Monat lang lebte. Hans war erst achtjährig als er zum Halbwaisen wurde.
Neben diesen Schicksalsschlägen prägten prekäre Wohnverhältnisse die Kindheit von Hans. Die Kempfs zogen meist jährlich von einer Stadtberner Wohnung in die nächste um, womöglich sogar häufiger. Über mehrere Jahre wohnten die Kempfs im Mattenquartier aber an häufig wechselnden Adressen.
Allzu viele Informationen über die Kindheit von Hans sind heute nicht mehr überliefert. Bekannt ist aber, dass er schon als Kind die meisten in jener Zeit üblichen Sportarten beherrschte und als Heranwachsender zum leidenschaftlichen Bergsteiger wurde, so machte er sich beispielsweise als Jüngling allein zu Fuss von Bern aus auf, um das Stockhorn zu besteigen.
Bergsteiger und Skifahrer
Hans Kempf habe fast jeden Berg im Kanton Bern bestiegen, wusste jemand ihn einem Nachruf zu berichten. Beinahe wäre ihm sogar eine Erstbesteigung gelungen; doch eine andere Gruppe kam ihm und seinem Begleiter zuvor, als sich die beiden anschickten, den Simelistock in den Engelhörnern zu erklimmen.
Natürlich war Kempf auch ein aktives Mitglied des Schweizerischen Alpenclubs (zuerst Sektion Bern, später Grindelwald) sowohl als Tourengänger wie als Verfasser von zahlreichen Berichten, die über etliche Jahre in verschiedenen SAC-Publikationen erschienen. Als Nicht-Akademiker machte er auch beim Akademischen Alpenclub Bern mit, sobald dieser gegründet war. Als bereits langjährig erfahrener Bergsteiger wurde er von diesem Studentenverein gerne aufgenommen. Über seine alpinistischen Erlebnisse hielt er an Clubabenden verschiedentlich mit Lichtbildern illustrierte Vorträge.
Als einer der ersten Berner legte er sich früh schon die exotischen Schneeschuhe aus Norwegen zu, die als Ski heute besser bekannt sind. Wenngleich kein Pionier der allerersten Stunde, so half Kempf doch massgeblich mit, den Bernern und Bernerinnen seiner Generation diese neue Sportart schmackhaft zu machen. So war er im Jahr 1900 Mitbegründer des Skiclubs Bern. Noch in den 1890er Jahren, ja selbst nach der Jahrhundertwende war das Skifahren in Bern etwas für Sonderlinge und Wagemutige. Selbst gestandene Alpinisten beobachteten diesen Sport anfangs argwöhnisch.
Schriftsteller
Als Schriftsteller schrieb er Reportagen, Zeitungsartikel aber auch Gedichte und Sinnsprüche. Thematisch geht es in vielen seiner Texte meist um die Naturerlebnisse in der Bergwelt, welche ihm so viel bedeute und, wie er einmal eingestand, als eine Art Kompensation diente für die Härten des Lebens. Über seine zahlreichen Berg- und Skitourenerlebnisse schrieb regelmässig.
Ein starkes Interesse hatte er auch am Fliegen, dessen Pionierzeit er hautnah miterlebte, und auch darüber hatte er Gelegenheit, für verschiedene Zeitungen zu schreiben.
Träfe Verse über die Politik oder sozialen Verhältnisse seiner Zeit sind ebenfalls überliefert. Seine Texte erschienen hauptsächlich in Schweizer Fachblättern übers Bergsteigen und Skifahren; doch auch Berner Lokalblätter brachten gelegentlich Kempfs Berichte.
Für einen Berliner Verleger verfasste Hans Kempf einen handlichen Reiseführer über das Berner Oberland. Es ist dies seine vielleicht umfangreichste Arbeit als Autor.
Flugpioniere
Bekannt ist Hans Kempf heute wohl noch am ehesten in Aviatiker-Kreisen durch seine Freundschaft zum Fliegerass Oskar Bider (1891-1919). Das Potential des Flugzeugs muss Kempf schon recht früh klar gewesen sein.
Mit Bider als Pilot unternahm er im April 1914 den ersten Passagierflug über die Alpen in einem motorisierten Flugapparat. Bei dieser Pioniertat stellten sie gleichzeitig einen Höhenrekord auf. Dieses Alpenflug-Erlebnis verarbeitete Hans Kempf in einem seiner besten und sicherlich erfolgreichsten Texte, der zudem über die Jahre in verschiedenen, teils gekürzten Fassungen sowohl in Zeitschriften als auch in Büchern veröffentlicht wurde. Auch Walter Mittelholzer druckte Kempfs Alpenflugtext in einem seiner eigenen Bücher ab.
Fotograf
In seinen späteren Jahren wandte sich Kempf infolge gesundheitlicher Probleme verstärkt der künstlerischen Fotografie zu, nachdem er über 40 Jahre lang als Finanzbeamter in der Bundesverwaltung gearbeitet hatte.
Erst posthum wurden einige seiner Naturaufnahmen in zwei heimatkundlichen Heftchen veröffentlicht. Leider scheinen heute nur noch relativ wenige von Kempfs Fotografien erhalten zu sein.
Tod und Nachlass
Während der letzten Lebensjahre wurde Hans Kempf herzkrank und verlor zusehends seine ursprünglich grosse Vitalität, was seine Freunde mit Schrecken beobachteten. Im Dezember 1940 starb er einundsiebzigjährig in seiner Berner Wohnung. Er hatte weder geheiratet, noch hatte er Kinder. Nur seine Schwester Ida, die nach Australien ausgewandert war, und sein Bruder Karl überlebten ihn als nächste Verwandte.
Über den Verbleib seines gesamten Nachlasses als Schriftsteller und Fotograf, sofern es so etwas je gab, herrscht Ungewissheit. Vermutlich hat ein Grossteil davon die vergangenen acht Jahrzehnte seit Kempfs Tod nicht überdauert. Auf Umwegen gelangten aber Teile seines Schaffens in den Besitz öffentlicher Institutionen. Sie lagern heute im Alpinen Museum in Bern sowie in der Berner Universitätsbibliothek.
Die Suche nach Hans Kempfs übrigem Nachlass, wie Manuskripten, Typoskripten, Briefen, Fotos, Lichtbildern usw. bleibt weiterhin im Gange (s. dazu folgenden Aufruf). Ebenso ist die Sammlung seiner zu Lebzeiten publizierten Schriften ein fortlaufendes Projekt. Neben einer kleinen Zahl eigenständiger Veröffentlichungen erschienen Kempfs Texte vorwiegend in Berner Tageszeitungen und in Club-Zeitschriften verschiedener Organisationen, denen er aktiv wie passiv angehörte.