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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

9. Buch
7. Nach der Ansicht der Platoniker werden die Götter lediglich von der dichterischen Phantasie eines aus entgegengesetzter Parteinahme entspringenden Kampfes bezichtigt, während dies doch Sache der Dämonen und nicht der Götter ist.
Will man einwenden, die Götter, von denen die dichterische Erfindung, in der Hauptsache das Richtige treffend, zu erzählen weiß, daß sie die einen Menschen lieben, andere hassen [diese nämlich sind es, von denen Apuleius sagt, daß sie durch Aufwallung des Geistes im Strudel und Brodel der Gedanken herumgetrieben werden], gehörten nicht der Gesamtheit der Dämonen, sondern der Klasse der bösen Dämonen an, so ist das doch eine willkürliche Auslegung, da ja Apuleius an jener Stelle die Mittelstellung der Gesamtheit und nicht einer Klasse der Dämonen zwischen den Göttern und den Menschen unter Bezugnahme auf ihre Luftkörper schildert. Denn die Erfindung der Dichter, von der er spricht, bezieht sich lediglich darauf, daß die Dichter aus solchen Dämonen Götter machen und ihnen die Namen von Göttern beilegen und aus der Zahl dieser Götter beliebigen Menschen die einen als Freunde, die andern als Feinde zuteilen mit der der Dichtung gestatteten Freiheit, während nach ihm die Götter über solches Gebahren der Dämonen sowohl durch ihren Wohnsitz im Himmel als auch durch die Fülle ihrer Glückseligkeit erhaben sind. Die Erfindung der Dichter liegt also darin, daß sie die, die gar keine Götter sind, als Götter bezeichnen und daß diese Wesen unter dem Namen von Göttern miteinander streiten um der Menschen willen, die sie je nach ihrer Parteinahme lieben oder hassen. Von dieser Fiktion sagt er, sie treffe in der Hauptsache das Richtige, weil die Dämonen, wenn auch unter dem Namen von Göttern, was sie nicht sind, doch so geschildert werden, wie sie wirklich sind. Dahin gehören z. B. die Minerva des Homer, „die sich mitten in den Versammlungen der Griechen einfand, um besänftigend auf Achilles einzuwirken“. Er will also sagen, es sei lediglich dichterische Erfindung, daß es sich hier um die wirkliche Minerva handle; denn diese hält er für eine Göttin und weist ihr den Platz an unter den Göttern, die er alle für gut und glückselig erachtet, an erhabener, ätherischer Stätte, wo sie dem Umgang mit Sterblichen entrückt ist; dagegen läßt er die Dichter darin in der Hauptsache das Richtige treffen, daß es irgend ein Dämon gewesen sei, der gegen die Griechen wohlwollend und gegen die Trojaner feindselig gesinnt war, wie ein anderer wieder, den derselbe Dichter als Venus oder Mars einführt — Götter, die Apuleius solchem Treiben ferne und in himmlischen Regionen wohnend denkt —, den Trojanern gegen die Griechen beistand, und daß diese Dämonen zugunsten ihrer Lieblinge gegen die, denen ihr Haß galt, miteinander kämpften. Hatten ja die Dichter hierbei Wesen im Auge, die nach Art der Menschen mit Teilnahme des Herzens und unter Aufwallung des Geistes in dem Strudel und Brodel der Gedanken herumgetrieben werden, wie Apuleius bezeugt, Wesen also, denen man recht wohl zutrauen kann, daß sie ihre Liebe und ihren Haß nicht nach Maßgabe der Gerechtigkeit für die einen wider die andern betätigen, sondern je nach ihrer Parteinahme, ähnlich wie das Volk den Tierfechtern und Wagenlenkern gegenüber. Daran nämlich war, wie es scheint, diesem Platoniker gelegen, daß man nicht etwa glaube, derlei Vorkommnisse, wie sie die Dichter besangen, seien nicht auf die dämonischen Mittelwesen, sondern auf die Götter selbst zu beziehen, deren Namen damit lediglich von der dichterischen Phantasie in Zusammenhang gebracht werden.