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Bemühungen in der Schweiz zur Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln könnten nach Ansicht der indischen Umweltaktivistin Vandana Shiva einen alternativen Weg für die Landwirtschaft aufzeigen.
Zwischen 1990 und 2009 sank die Zahl der kleinen Bauernhöfe in der Schweiz um die Hälfte, die Zahl der mittleren Betriebe verdoppelte sich. Angesichts der Tatsache, dass die UNO 2014 zum Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe erklärt hat, ruft Vandana Shiva zu mehr Unterstützung für Kleinbauern auf.
Shiva ist eine "Erddemokratie"-Aktivistin und Gründerin der Nichtregierungs-Organisation Navdanya mit Sitz in Indien, die sich für den Schutz der Biodiversität einsetzt, Rechte der Bauern verteidigt und biologische Landwirtschaft fördert.
swissinfo.ch: In der Schweiz gibt es immer weniger, aber grössere Bauernhöfe. Wie kann die Schweiz eigenständiger werden und dabei doch das Modell des Familienbauernhofs beibehalten, das ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität des Landes ist?
Vandana Shiva: Die Gründe dafür, dass es immer weniger, dafür aber grössere Bauernhöfe gibt, liegen in der stark verzerrten Wirtschaft, die kleine Betriebe bestraft und industrielle Landwirtschaft belohnt. Eine Belohnung sind die weltweit 400 Milliarden Dollar Subventionen für landwirtschaftliche Grossbetriebe. Eine andere Belohnung ist, dass jeder Schritt der Gesetzgebung wie Regulierungen zur Standardisierung von Nahrungsmitteln, über Detailhandelsketten oder Gesetze zum geistigen Eigentum eine enorme Belastung für Kleinbauern sind.
10'000 Jahre lang haben Kleinbauern die Arbeit erledigt. Wieso wurden kleine Bauernbetriebe erst in diesem Jahrhundert unrentabel? Weil das von Handel und Grosskonzernen angetriebene wirtschaftliche Modell für die Landwirtschaft für Agro-Grossbetriebe ausgelegt ist. Es wurde so konzipiert, dass kleine Bauernhöfe vernichtet werden. Etwa 70% der Nahrung, die heute weltweit konsumiert wird, wird von kleinen Betrieben produziert. Kleine Betriebe produzieren mehr, und doch gibt es diesen Mythos, dass Landwirtschafts-Grossbetriebe die Antwort auf den Hunger sind.
Wir müssen die Subventions-Frage, die den Planeten und die Nahrungsmittel-Wirtschaften anderer Menschen zerstört, neu überdenken. Sobald die kleinbäuerliche Landwirtschaft in die Politik internalisiert wird, werden Kleinbauern florieren.
swissinfo.ch: Industriestaaten wie die Schweiz zahlen Subventionen in Form von Direktzahlungen an Landwirte; die Zahlungen sind an Aktivitäten wie Schutz der Umwelt und Erhalt der Landschaft gebunden. Was ist Ihre Meinung dazu?
V.S.: Ich unterscheide zwischen Subventionen und Unterstützung. Ein Land sollte Erhalt und Pflege seiner Wasserwege, Wasserscheiden, Böden, Biodiversität und Gemeinschaften unterstützen. In Europa schlugen kleine Staaten wie Norwegen und die Schweiz diesen Weg ein. Wenn die Schweiz ihre Bergbauern unterstützt, fügt sie damit keinem Milchbauern in Indien Schaden zu. Die Subventionen, die Schaden verursachen, sind jene, die mit Agrobusiness und Exporten verbunden sind, denn dort nimmt das Preisdumping seinen Anfang.
Ich würde daher sagen, dass ökologische Zahlungen an Bauern notwendig sind, weil es bei der Landwirtschaft nicht nur um Produktion von Gütern für den globalen Markt geht. Es geht auch um die Pflege von Land und Boden, Biodiversität und Wasser. Ein guter Bauer, der seinen Betrieb ökologisch und biologisch führt, ist wie ein Arzt, der sich um die Gesundheit der Leute kümmert, was die national Gesundheitskosten senkt.
Ich würde daher Subventionen an das Agrobusiness, das sich damit Marktanteile schnappt, völlig trennen von der Unterstützung für Kleinbauern, um eine Gesellschaft, ihre Ökosysteme und Kultur zu erhalten. Ich bin aber dennoch froh über diese Diskussion über einen Subventionsabbau, weil dies eine Verbindung schaffen kann zu Themen wie Übergang zu einer ökologischen Landwirtschaft oder der Frage von lokalisierten Nahrungsmittel-Systemen. Und weil dann auch Fragen wie grössere Eigenständigkeit und Ernährungssouveränität ins Bild rücken.
swissinfo.ch: Der Schweizerische Bauernverband hat eine Initiative eingereicht, die mehr Selbstversorgung bei der Nahrungsmittel-Produktion fordert. Die Stimmbürger werden an der Urne über den Vorstoss entscheiden. Denken Sie, dass diese Forderung für ein kleines Land realistisch oder idealistisch ist?
V.S.: Wenn es ein Land gibt, das einen anderen Weg für die Landwirtschaft aufzeigen könnte, dann die Schweiz. Obwohl Syngenta seinen Sitz in der Schweiz hat, war sie das erste Land, in dem in einer nationalen Abstimmung entschieden wurde, ein Moratorium für Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu erlassen. Dies zeigt auch, dass die Macht von Konzernen in der Schweiz aufgrund der Volksrechte die Macht der Bevölkerung nicht einfach ausschalten kann. Konzerne können sich zwar bei der Regierung für Gesetzesänderungen einsetzen, aber wie kommen sie an jeden Stimmberechtigten in jedem Kanten heran?
Im Gegensatz zum Mittleren Westen in den USA ist die Schweiz eine gebirgige Region. Industrielle Landwirtschaft funktioniert hier schlicht nicht. Die Vorzüge einer dezentralisierten Demokratie und ein gebirgiges Ökosystem machen es in der Schweiz möglich, eine Initiative für mehr Selbstversorgung überhaupt in Betracht zu ziehen. Gebirgs-Ökosysteme und Gemeinschaften sollten in gesunden Wirtschaften die Basis sein für die Ernährungssicherheit.
Ich wäre sehr glücklich, wenn diese Initiative spriessen könnte und wünsche der Schweizer Bevölkerung und den Schweizer Bauern viel Kraft.
swissinfo.ch: Die indische Landwirtschaft wird oft als ineffizient und rückständig betrachtet. Was kann die Welt von den indischen Kleinbauern lernen?
V.S.: Indien muss sich immerhin um 1,2 Milliarden Menschen kümmern. Wir haben vor kurzem einen Bericht mit dem Titel "Health per acre" (Gesundheit pro Morgen, gemeint in das Flächenmass) veröffentlicht. Zuerst berechneten wir die biologische Produktivität kleiner, unterschiedlicher Bauernbetriebe und rechneten diese Angaben dann um in Ernährung pro Morgen (acre). Ein kleiner, biologisch vielfältiger Betrieb ist so produktiv, dass – wenn man das auf die vorliegende, landwirtschaftlich nutzbare Fläche im ganzen Land hochrechnet – wir die Bevölkerung Indiens zweimal ernähren könnten. Kleine, biologisch vielfältige Bauernbetriebe generieren auch ein höheres Nettoeinkommen.
Die Welt sollte auch anfangen zu sehen, dass die gigantischen Monokultur-Betriebe Güter produzieren, die nicht Menschen ernähren, sondern in Biobrennstoff und Tiernahrung umgewandelt werden. Mehr Land für Monokulturen würde den Hunger auf der Welt verschärfen und nicht reduzieren. Was immer davon als Nahrung für Menschen genutzt wird, ist ernährungsphysiologisch leer oder toxisch.
Brasilien schlug diesen Weg der gross angelegten kommerziellen Produktion ein, sei es bei Sojabohnen oder Zuckerrohr, und zerstört damit grundsätzliche seine Kleinbauern. Deshalb gibt es dort die Bewegung der Landlosen (Movimento dos Trabalhadores Sem Terra, MST), die jetzt in Brasilien diese grossen Farmen besetzen.
Die Unantastbarkeit eines kleinen Bauernbetriebs und die damit verbundene Würde sind etwas, gegen das keine Regierung wirklich vorgehen kann.
swissinfo.ch