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Eine die Entwicklung auf Landesebene dokumentierende amtliche Fremdenverkehrsstatistik gibt es in der Schweiz erst seit dem Jahr 1934. Aus früheren Jahrzehnten sind nur auf kantonaler und lokaler Ebene Daten überliefert, deren Qualität unterschiedlich zu beurteilen ist. Aufgrund ihres repräsentativen Charakters liessen sich diese Statistiken immerhin als Basismaterial für Hochrechnungen verwenden, die teils den Zeitraum 1851–1913 und teils die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts abdecken.
Wertschöpfungsreihen für die Jahre 1851–1913
Die Schätzung des Bruttoproduktionswertes und der Wertschöpfung in der schweizerischen Tourismusbranche ist Gegenstand der Lizentiatsarbeit von Peter Püntener, die als Beitrag zum Nationalfondsprojekt «Geldmenge und Wirtschaftswachstum in der Schweiz 1851–1913» verfasst wurde. Pünteners Schätzung bezieht sich ausschliesslich auf Betriebe, die gewerbsmässig Fremde beherbergt und verpflegt haben; die private Zimmervermietung musste aus methodischen Gründen ausgeklammert werden.
Um die Wertschöpfung der Tourismusbranche schätzen zu können, hat Püntener zunächst die Ergebnisse der in einigen Fremdenzentren durchgeführten Zählungen herangezogen. Doch liess sich auf diese Weise nur die Zahl der Gäste, nicht aber diejenige der Übernachtungen rekonstruieren, deren Kenntnis eine unabdingbare Voraussetzung für die Berechnung der Wertschöpfung des Gastgewerbes darstellt. Es galt daher, ein der Quellenlage Rechnung tragendes Alternativkonzept zu erarbeiten. Um seine Zielgrösse schätzen zu können, hat Püntener ein dreistufiges Verfahren angewandt. In einem ersten Schritt durchstöberte er eine Vielzahl unterschiedlichster Quellen – Reiseführer wie den Baedeker, Ortsgeschichten, architekturgeschichtliche Bestandesaufnahmen usw. – nach Mitteilungen zum Bettenangebot einzelner Hotelbetriebe. Was sich an brauchbaren Daten fand, wurde inventarisiert und zu einer Statistik verarbeitet, die Püntener als Grundlage für eine Schätzung des gesamtschweizerischen Bettenangebots diente. Der zweite Teil des Verfahrens bestand darin, die Auslastung der Betten zu ermitteln. Da sich aus den Angaben in den von Püntener eingesehenen zeitgenössischen Quellen für den Zeitraum 1850–1893 keine Langzeitreihen bilden liessen, musste er sich mit Ersatzindikatoren behelfen. Er regressierte die seit 1894 für die Betriebe, deren Inhaber Mitglieder des Schweizerischen Hoteliervereins waren, ausgewiesene prozentuale Bettenbelegung gegen die Fahrgastfrequenzen von Touristenbahnen und die Zahl der auf den Postämtern aufgegebenen Telegramme und übertrug die Koeffizienten der Analyse auf die vorangegangenen Jahrzehnte. Nachdem er so die Bettenauslastung im Zeitraum 1851–1913 geschätzt hatte, konsultierte Püntener ein weiteres Mal seine Quellen, um die Komponenten des Bruttoproduktionswertes – Einnahmen aus dem eigentlichen Beherbergungsgewerbe (Übernachtungen mal Durchschnittspreis für eine Übernachtung), Trinkgelder, Kost und Logis – zu bestimmen. Eine letzte Durchsicht der Quellen erwies sich als notwendig, um vom Bruttoproduktionswert zur Wertschöpfung zu gelangen: Einzig aus der qualitativen Literatur liess sich eine Vorstellung davon gewinnen, in welcher Grössenordnung sich Vorleistungen wie Unterhaltskosten, Versicherungsgebühren, Reparaturen und Wirtepatente bewegt haben müssen.
Ankünfte, Übernachtungen und Gastbettenbestand im Zeitraum 1894–1933
Für den Zeitraum 1851–1979 verfügen wir auf Landesebene lediglich über die von Püntener generierten Schätzreihen. In den Jahren 1880, 1894 und 1912 hat der Schweizerische Hotelierverein erstmals grössere Enqueten veranstaltet, die Aufschluss über die Struktur der schweizerischen Tourismusbranche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geben. Unter anderem ist auf der Ebene der Kantone die Zahl der Hotelbetriebe und der Gastbetten festgestellt worden, wobei in der Zählung von 1912 bei den Hotelbetrieben noch zusätzlich verschiedene Grössenklassen auseinandergehalten wurden. Die Hauptergebnisse dieser Enqueten wie auch derjenigen der gewerblichen Betriebszählungen von 1905 und 1929 sind im Statistischen Jahrbuch der Schweiz abgedruckt worden. In die gleiche Publikationsreihe wurden auch Angaben zur Hotelfrequentierung in einzelnen Städten und Fremdenorten zwischen 1910 und 1933 aufgenommen. Eine andere Quelle, die vom Vorort des schweizerischen Handels- und Industrievereins verfassten «Berichte über Handel und Industrie der Schweiz», orientiert zwischen 1894 und 1922 über die Nationalität der Hotelgäste. Diese Statistik berücksichtigt allerdings analog zu der von Püntener verwerteten Statistik der Bettenauslastung nur solche Betriebe, deren Inhaber während der Berichtszeit dem Schweizerischen Hotelierverein angehört haben. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass der Vorort die Hotelfrequenz im Zeitraum 1894–1922 nur in Prozentzahlen ausgewiesen hat. Doch hat uns dies bereits genügt, um die Ankünfte aus den wichtigsten Herkunftsländern in absoluten Zahlen zu rekonstruieren. Anhand der Schätzungen des Hoteliervereins und unter Berücksichtigung der ein halbes Jahrhundert später von Püntener vorgenommenen Korrekturen haben wir die Gesamtzahl der in den Jahren 1894–1933 in den schweizerischen Hotel- und Kurbetrieben eingetroffenen Gäste geschätzt. Anschliessend haben wir diese Schätzreihe mit den bis 1922 in den «Berichten über Handel und Industrie der Schweiz», für die Jahre 1926–1929 im Statistischen Jahrbuch der Schweiz und für 1925 und 1930 bei Gölden angegebenen Prozentanteilen einzelner Herkunftsländer am Total der Ankünfte multipliziert.
Auch die Gesamtzahl der Übernachtungen in den Jahren 1920–1933 ist von uns neu geschätzt worden. Unsere Vorgehensweise bestand darin, dass wir die bei Gölden bzw. Koller ausgewiesene Reihe um einen Korrekturfaktor erhöhten, der aus einer Gegenüberstellung der Schätzungen Göldens und Pünteners für die Jahre 1910–1913 resultierte. Eine dritte Grösse von Relevanz, die Gesamtzahl der vorhandenen Gastbetten, haben weder Koller noch Gölden oder Gurtner in ihren Untersuchungen über den Fremdenverkehr in der Schweiz als Jahresreihe abzubilden für notwendig befunden. Da die «Berichte über Handel und Industrie der Schweiz» ab 1923 über das Bettenangebot der grösseren Fremdenorte und Städte informieren, war es uns aber gleichwohl möglich, eine sich über die Jahre 1923–1933 erstreckende Schätzung vorzunehmen. Freilich konnten wir für diese Schätzung nicht das gesamte zur Verfügung stehende Zahlenmaterial verwerten; vielmehr musste streng darauf geachtet werden, dass die Angaben aus den Jahren 1923–1933 mit denjenigen aus dem Jahr 1934 einigermassen kompatibel waren. Dies konnte durchaus nicht bei allen Reihen vorausgesetzt werden, beziehen sich die Angaben über den Gastbettenbestand in den Jahren 1923–1933 doch mehrheitlich auf die Sommersaison, während von 1934 an eine Kalenderjahrstatistik vorliegt. Wir sind nun so vorgegangen, dass wir zunächst für 14 bedeutende Fremdenorte und Städte, nämlich für Bern, Gstaad, Interlaken, Luzern, Vitznau, Basel, Bad Ragaz, Arosa, Davos, St. Moritz, Schuls-Tarasp-Vulpera, Baden, Rheinfelden und Lugano, bei denen uns die Angaben zu den Jahren 1933 und 1934 miteinander vergleichbar erschienen, den Gastbettenbestand im Jahr 1934 recherchierten und aus den 14 Einzelwerten die Summe bildeten. Sodann setzten wir diese Grösse in Relation zu der in der amtlichen Fremdenverkehrsstatistik ausgewiesenen Gesamtzahl der Gastbetten im Jahr 1934. Den Quotienten, der sich auf ungefähr einen Fünftel belief, übertrugen wir auf die vorangehenden elf Jahre und gelangten so zu einer – zweifellos noch verbesserbaren – Schätzung des gesamtschweizerischen Gastbettenbestandes in den Jahren 1923–1933.
Fremdenverkehrsstatistik im Zeitraum 1934–1992
Die amtliche Fremdenverkehrsstatistik der Schweiz orientiert im wesentlichen über die jährlichen Veränderungen auf der Angebots- und Nachfrageseite des Hotelgewerbes und der Kurbetriebe. Die bis 1966 im Statistischen Jahrbuch der Schweiz und in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» und seit 1967 in einer separaten Publikationsreihe des Eidgenössischen Statistischen Amtes bzw. des Bundesamtes für Statistik (1967–1973: «Fremdenverkehr in der Schweiz»; 1974–1992: «Tourismus in der Schweiz») abgedruckten Übersichten sind von uns relativ gründlich ausgewertet worden. Die beiden wohl wichtigsten Indikatoren, die Besetzung der Betten in Prozent der verfügbaren Gastbetten und die Zahl der Übernachtungen, weisen wir gleich dreifach aus, indem wir nach der Präsentation der Gesamtergebnisse für die Schweiz die Ebene der Regionen und Kantone beschreiten und zum Schluss noch mit Tabellen aufwarten, die Zahlen zur Situation in einzelnen Fremdenorten und Städten enthalten. Unseres Erachtens handelt es sich bei allen diesen Statistiken um qualitativ hochwertiges Datenmaterial, bei dessen Interpretation man sich allerdings bewusst sein sollte, dass verschiedene Bereiche der Parahotellerie nicht bzw. erst von den fortgeschrittenen 1960er Jahren an abgedeckt sind. Bei den Hotelbetrieben, d. h. bei über 99 Prozent der nicht der Parahotellerie zugehörigen Betriebe des Gastgewerbes, lassen sich die Angaben zu den Ankünften und Übernachtungen der Hotelgäste nach Herkunftsländern aufschlüsseln. Auf Landesebene haben wir von dieser Möglichkeit extensiven Gebrauch gemacht; die in den Übersichten des Eidgenössischen Statistischen Amtes erscheinenden Länder und Ländergruppen sind von uns praktisch ausnahmslos berücksichtigt worden. Auf der Ebene der Regionen und Kantone haben wir uns damit begnügt, bei den Hotelübernachtungen zwischen in- und ausländischen Gästen zu unterscheiden. Bei der Orts- und Städtestatistik schliesslich haben wir überhaupt darauf verzichtet, die Nationalität der Gäste zu erkunden; wichtiger erschienen uns hier die Informationen zum Bestand der insgesamt vorhandenen Gastbetten, zur Belegung der Betten in Prozent der verfügbaren Betten und zur Gesamtzahl der Ankünfte und Übernachtungen.
Bereits im Jahr 1934 übersteigt die Palette der in der amtlichen schweizerischen Tourismusstatistik aufgelisteten Fremdenorte und Städte das Fassungsvermögen der «Historischen Statistik der Schweiz» bei weitem. Wir machen daher nur Angaben über diejenigen Orte und Städte, die sich mindestens einige Jahrzehnte lang in der Spitzengruppe halten konnten. Um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass einzelne Fremdenzentren im Lauf der Zeit an Bedeutung verloren, während andere ihre Attraktivität zu steigern vermochten, haben wir eine Einteilung in vier Zeitabschnitte vorgenommen.
In einer ersten Tabelle präsentieren wir Zahlenmaterial aus den Jahren 1910–1933, das dem Statistischen Jahrbuch der Schweiz, den «Berichten über Handel und Industrie der Schweiz» und – soweit es den Bestand der Gastbetten in bündnerischen Fremdenorten betrifft – einem Aufsatz Gurtners über den Reiseverkehr und die Volkswirtschaft Graubündens entstammt. Weil die in diese Übersicht aufgenommenen Reihen grösstenteils keine Jahreswerte enthalten, sondern aus Saisonwerten zusammengesetzt sind, ist die Vergleichbarkeit mit den ab 1934 für dieselben Orte ausgewiesenen Zahlen in der Regel nicht oder nur sehr bedingt gegeben. Hingegen ist es möglich, mit Hilfe dieser Tabelle die Auf- und Abschwünge, von denen wichtige Fremdenzentren der Schweiz zwischen 1910 und 1933 betroffen waren, zu verfolgen.
Der Zeitraum 1934–1992 ist von uns in drei Abschnitte eingeteilt worden. Um die Übersichtlichkeit zu verbessern, haben wir die Schnittstellen zwischen dem ersten und dem zweiten und zwischen dem zweiten und dem dritten Abschnitt etwas verbreitert, so dass sich die Tabellen um jeweils zwei Jahre überlappen. Ausserdem haben wir die Zahl der Fremdenorte in jeder Tabelle um zwei erhöht, so dass der Umstand, dass die schweizerische Fremdenverkehrsindustrie in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts insgesamt von einem starken Wachstum profitiert hat, in unserer Darstellung wenigstens ansatzweise zur Geltung kommt. Unterschiedlich haben wir auf inhaltliche Änderungen in der amtlichen Statistik reagiert. Gemeinden, die in einigen Jahren einzeln, in anderen dagegen nur zusammen ausgewiesen sind (Villars- Chesières und Schuls-Tarasp-Vulpera) sind von uns als einheitliche Grössen behandelt worden. Wo die amtliche Statistik vorübergehend nur für zwei von drei Gemeinden, die sonst immer zusammen ausgewiesen sind, Angaben macht, haben wir die entsprechende Reihe unterbrochen (Saastal, bestehend aus Saas Almagell, Saas Fee und Saas Grund). Dieselbe Massnahme musste in zwei Fällen ergriffen werden, in denen die amtliche Statistik während dreier Jahre statt für eine einzelne Stadtgemeinde Werte für eine ganze Agglomeration angibt (Luzern und Lausanne). Zwei andere Reihen mussten an einem bestimmten Punkt sogar abgebrochen werden, weil die Statistik der nachfolgenden Jahre über die Ergebnisse der Kurbetriebe dieser Fremdenzentren keine Auskunft mehr gibt (Baden und Rheinfelden).
Indessen sind wir der Überzeugung, dass solche Schönheitsfehler die Aussagekraft der Gesamtstatistik nur marginal beeinträchtigen.
QUELLE: «Gastgewerbe» in Ritzmann/Siegenthaler, Historische Statistik der Schweiz, Zürich: Chronos, 1996, 735-739