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22. Juni 1980: Ihn hatte keiner auf dem Zettel. Der belgische Nationaltrainer zaubert vor der EM den Mittelfeldspieler Wilfried van Moer aus dem Hut. Nach mehr als vier Jahren ohne Länderspiel und als Teilzeit-Wirt spielt der 35-Jährige ein überragendes Turnier.
Karl-Heinz Rummenigge, Bernd Schuster, Michel Platini – die ersten drei Fussballer bei der Wahl zum Ballon d'Or 1980 sind heute noch jedem Fan ein Begriff. Aber der viertklassierte Wilfried van Moer? Ausserhalb seiner Heimat Belgien dürfte es nur wenige geben, die den «kleinen General» kennen. Dabei könnte seine Geschichte gut für einen Hollywood-Film herhalten.
Der spätere Mittelfeldspieler kommt 1945 kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs auf die Welt. Vielleicht will er später deshalb nicht in der Bundesliga spielen, weil die Deutschen seine Schwester getötet haben. An Angeboten aus dem Nachbarland soll es jedenfalls nicht gemangelt haben.
Van Moer arbeitet nach der Schule als Elektriker, als sein Talent den Spähern von Royal Antwerp auffällt. In Antwerpen spielt er nach seinem Wechsel so stark, dass er gleich in seiner ersten Saison in der höchsten Liga als 21-Jähriger zum Spieler des Jahres gekürt wird. Und es dauert nicht lange, bis Wilfried van Moer im Herbst 1966 beim 1:0-Sieg gegen die Schweiz zu seinem ersten Länderspiel kommt.
Der Regisseur wechselt zu Standard Lüttich, das er zwischen 1969 und 1971 zu drei Meistertiteln führt. Van Moer wird dabei zwei weitere Mal zu Belgiens Fussballer des Jahres gekürt. Doch sein Höhenflug wird am 13. Mai 1972 brutal gestoppt. In der EM-Qualifikation bricht ihm der Italiener Mario Bertini das Bein; die Teilnahme am Finalturnier im eigenen Land ist futsch.
Van Moer wird danach nie mehr der alte, bestreitet 1975 sein letztes Länderspiel. Er wird in der Provinz Limburg sesshaft, lässt dort beim kleinen KFC Beringen die Karriere ausklingen und betreibt nebenbei eine Kneipe, das «Wembley».
Doch als niemand mehr mit ihm rechnet, taucht Wilfried van Moer doch noch einmal auf der grossen Bühne auf – und wie! In der Qualifikation für die EM 1980 kommt Belgien nicht richtig auf Touren. Der TV-Moderator Rik de Saedeleer bringt Nationaltrainer Guy Thys auf die Idee, den alten Kämpen van Moer auszugraben. «Ihr Team braucht einen Leader. Sie brauchen einen wie Wilfried», sagt der Moderator und Thys fragt den 34-Jährigen tatsächlich an.
Van Moer überlegt sich das Comeback gut. «Wenn wir verlieren, sagen die Leute, ich sei alt und müde. Ich war mir nicht sicher, ob es clever war, zurückzukehren», erinnert er sich. «Aber ich hatte talentierte, junge Spieler um mich und wir starteten gut.»
In seinem ersten Länderspiel gelingen dem Rückkehrer beim 2:0 gegen Portugal ein Tor und ein Assist. Schliesslich schaffen die «Roten Teufel» die Qualifikation für die EM 1980. Und in Italien trumpft Wilfried van Moer gross auf. Belgien holt ein 1:1 gegen England und siegt dann gegen Spanien 2:1. Ein Unentschieden im letzten Gruppenspiel und Belgien stünde im EM-Final.
Und nun schlägt die grosse Stunde der Revanche. Denn der Gegner ist mit Italien der Gegner, der van Moer acht Jahre zuvor an einer noch grösseren Karriere gehindert hat. Die Rache gelingt. Van Moer – der allerdings kurz nach der Pause ausgewechselt wird – und seine Belgier holen gegen die Azzurri ein 0:0 und ziehen damit ins Endspiel ein. Dort verliert Belgien gegen Deutschland, weil Doppeltorschütze Horst Hrubesch in der 88. Minute der 2:1-Siegtreffer gelingt.
Wilfried van Moers überragende Leistungen in der Nationalmannschaft sorgen dafür, dass er auch nochmals bei einem Spitzenklub engagiert wird. Er wechselt zu Beveren, dem Meister von 1979, und bestreitet 1982 mit der WM in Spanien noch einmal ein grosses Turnier.
Als Trainer ist van Moers weniger erfolgreich. 1996 übernimmt der bisherige Co-Trainer die Nationalmannschaft, doch seine Regentschaft dauert bloss fünf Spiele. Trotz der Bilanz von je zwei Siegen und Unentschieden und nur einer Niederlage muss Wilfried van Moer bald wieder abtreten. Verband und Medien ärgern sich über kommunikative Mängel und letztere freuen sich deshalb über seine rasche Absetzung.
Die «Brasserie Wembley» in Hasselt existiert immer noch. Van Moer hat sich aber aus dem Betrieb zurückgezogen. Er geniesst das Leben als Pensionär auf dem Rasen: Nicht mehr beim Fussball, sondern auf dem Golfplatz und bei der Gartenpflege.