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Für ihre Rolle in der Serie «The Bear» gewinnt sie einen Preis nach dem anderen. Das Internet vergöttert sie. Und jetzt?
Wenn Anfang Jahr in Hollywood die wichtigsten Auszeichnungen der Unterhaltungsindustrie verliehen werden, nennt man das «award season». In diesem Jahr, so schreibt das New Yorker Magazin «The Cut», könne man sagen: «Ayo season».
Ayo?
Gestatten, Ayo Edebiri, Schauspiel-Phänomen des Jahres 2023.
Seit ihrer Rolle in der Fernsehserie «The Bear» interessiert sich ganz Hollywood für Edebiri. «The Bear» handelt vom Spitzenkoch Carmen «Carmy» Berzatto, gespielt von Jeremy Allen White, der einen heruntergekommenen Sandwichladen in Chicago übernimmt und zum schicken Restaurant ummodeln will.
Ayo Edebiri spielt Sydney, eine junge Köchin, die als Souschefin in Carmys Restaurant einsteigt. Zwei Staffeln der Serie wurden veröffentlicht, eine dritte ist angekündigt. «The Bear» wurde von Zuschauerinnen und Zuschauern gefeiert, von Kritikern gepriesen, mit Auszeichnungen überhäuft. Die Gastrobranche fühlte sich, vielleicht zum ersten Mal, im Fernsehen richtig repräsentiert.
Für ihr Schauspiel in «The Bear» hat Ayo Edebiri in den vergangenen Wochen einen Golden Globe Award, einen Emmy und den Critics Choice Award in der Kategorie «Beste Schauspielerin» gewonnen. Not that bad.
Ebebiri hätte untergehen können mit der Figur von Sydney. Neben dem sehr, sehr lauten und charismatischen Carmy ist eigentlich wenig Raum. Doch Ayo Edebiri spielt die Rolle so, dass man sich noch lange nach der letzten Folge an sie erinnert.
Mit ihrer Mimik kann Sydney innerhalb weniger Sekunden die verschiedensten Gefühle transportieren: wie sie sich freut, wie sie beflügelt, überfordert, fassungslos ist. Fast immer spricht sie mit sarkastischem Unterton. Sydney ist ehrgeizig. Und sie ist eigenwillig. Hat sie eine Idee für ein Rezept, setzt sie es ohne Erlaubnis um, widerspricht Carmy beim Menuplan, beim Konzept fürs Restaurant. Am Ende der zweiten Staffel ist Carmy nicht mehr ihr Chef, er ist ihr Partner.
Einmal macht Sydney ein Omelett, macht es so gut, dass die Szene später auf Tiktok und Instagram viral geht und das Omelett tausendfach nachgekocht wird. 90 Sekunden schlägt Sydney Eier auf, lässt Butter in der Pfanne schmelzen, brät das Omelett. Sie macht das hochkonzentriert, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.
Karrierestart in der Comedy
Ayo Edebiri, heute 28 Jahre alt, wuchs in einem südlichen Stadtteil von Boston auf. Die Mutter kommt aus Barbados, der Vater aus Nigeria. In ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit in der Kirche, ihre Familie ist Mitglied der Pfingstgemeinde. Sie hörte die Geschichten der Bibel, und die weckten ihre Lust, selber Geschichten zu erzählen. Mit acht Jahren verfasste sie einen Entwurf für einen Fantasy-Roman.
Ayo Edebiri sagt, sie habe schon als Kind davon geträumt, Drehbücher zu schreiben, auf einer Bühne zu stehen, zu schauspielern. Aber sie zweifelte, ob sie damit Geld verdienen kann. Im Sommer sagte sie dem «New Yorker», sie habe lange Zeit gedacht, sie hätte nicht das Charisma oder das Aussehen für eine solche Karriere. Ihr fehlten die Vorbilder.
Nach dem Schulabschluss zog Edebiri nach New York und studierte Lehramt. Doch nach wenigen Semestern entschied sie sich um. Zu gross war der Drang nach einer Karriere in Hollywood. Sie schrieb sich für Dramaturgie an der New York University ein.
Während des Studiums schrieb sie Texte für Comedy-Shows. Von Freunden wurde sie dazu gedrängt, Stand-up auszuprobieren. Sie trat in der Nachwuchs-Show «Up Next» des amerikanischen Fernsehsenders Comedy Central auf und schrieb gemeinsam mit der Schauspielerin Rachel Sennott die komödiantische Miniserie «Ayo and Rachel are Single», in der sie selbst spielte. Daneben textete sie fürs Fernsehen, schrieb im Autorenteam der amerikanischen Coming-of-Age-Sitcom «Big Mouth».
Und dann der Durchbruch. 2022 erschien die erste Staffel von «The Bear», und das war gross. Edebiris Karriere verlief steil nach oben. Sie wurde berühmt – als schwarze Souschefin in der Spitzenküche, einer Branche, dominiert von weissen Männern.
Neben ihrer Rolle bei «The Bear» schrieb sie im vergangenen Jahr für bekannte amerikanische Comedy-Serien wie «Mulligan» oder «What We Do in the Shadows». Und machte die amerikanische Comedy-Szene ein Stück diverser.
Unangestrengt cool
Edebiri ist jung, vif, intellektuell, vielseitig, und vielleicht ist all dies der Grund, dass sie so gefeiert wird. Vielleicht ist es aber auch ihr Gefühl für den Zeitgeist. Wenn sie an den Award-Shows vor die Kameras tritt, ist sie super humble, bedankt sie sich bei den Assistentinnen und Assistenten, die ihre Mails beantworten. Gleichzeitig wendet sie sich spielerisch an ihre Fans auf Social Media.
Dort wird gerade wie wild Ayo Edebiris vermeintlich irische Herkunft diskutiert. Der Witz entstand, als sie bei einem Interview sagte, sie habe vier Monate lang in Irland gelebt. Und was macht Edebiri? Sie schickt an jeder Preisverleihung Grüsse nach Irland. Und das Publikum tobt, off- und online.
Wenn Ayo Edebiri Interviews gibt, kann man ihr beim Denken zuschauen. Manchmal korrigiert sie sich mitten im Satz. Und doch wirkt sie unangestrengt cool. Man nimmt ihr alles ab: die Witze, das Lachen – und die totale Überforderung, als sie Anfang Januar in Los Angeles völlig entgeistert ihren Golden Globe Award entgegennahm. Ihr Gesichtsausdruck sagte dann: Das ist doch alles völlig verrückt.