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Unterstützung von KMU in Lateinamerika durch Sifem
Trotz der entscheidenden Rolle von KMU als Treiber des Wirtschaftswachstums sind diese in ihrer Entwicklung mit zahlreichen Hindernissen konfrontiert – allen voran dem mangelnden Zugang zu langfristigem Kapital. Die lokalen und internationalen Finanzierungskanäle in Schwellen- und Entwicklungsländern sind üblicherweise den grossen Gesellschaften und multinationalen Konzernen vorbehalten und somit für KMU verschlossen. Die blühende Mikrofinanzindustrie ist ihrerseits auf viel kleinere, informelle Geschäfte und Einzelpersonen ausgerichtet. Die KMU bilden somit eine Art «fehlende Mitte», da sie punkto Finanzierung viel höheren Einschränkungen ausgesetzt sind als Unternehmen der beiden anderen Kategorien. Hier springt Sifem in die Lücke.
Ein gesunder Privatsektor ist ein Schlüssel für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Das gilt für Schwellen- und Entwicklungsländer ebenso wie für hoch entwickelte Länder. Der Grossteil der Privatwirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern lässt sich der Kategorie kleiner und mittelgrosser Unternehmen (KMU) zuordnen. Gegenwärtig kursiert eine Vielzahl unterschiedlicher und umstrittener Definitionen von KMU. Generell können sie als jene Gruppe von Unternehmen definiert werden, die zu gross sind, um in die Kategorie der informellen Mikrofinanz zu fallen, aber zu klein, um als Gesellschaften zu gelten. KMU sind die treibende Kraft zur Schaffung regulärer Stellen sowie für den Transfer und die Einführung neuer Technologien. Sie erweitern die Steuerbasis, spielen eine wichtige Rolle bei der regionalen und globalen Wirtschaftsintegration und tragen mit ihrem Angebot an Gütern und Dienstleistungen zur Steigerung des Lebensstandards der Bevölkerung bei.
Rolle des Seco bei der KMU-Finanzierung
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat die Bedeutung der KMU in Schwellen- und Entwicklungsländern erkannt und fördert die langfristige KMU-Finanzierung durch den Swiss Investment Fund for Emerging Markets (Sifem AG). Konzipiert in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre innerhalb des Ressorts Privatsektorförderung, wuchs die KMU-Förderung des Seco bis 2005 zu einem Portfolio von 179 Mio. US-Dollar. Mit dem raschen Wachstum dieser Projekte wurde es zunehmend schwierig, das Management innerhalb des Seco sicherzustellen. Der steigende Bedarf an Ressourcen und Infrastruktur führte schliesslich zur Gründung von Sifem, die heute als Investment Advisor für das KMU-Finanzierungsportfolio des Seco fungiert. Sifem ist in Bern ansässig und verfügt über eine schlanke Organisationsstruktur mit zehn Mitarbeitenden, angeführt von Managing Director Claude Barras. 2009 umfasste das Seco-Investitionsportfolio Engagements von über 400 Mio. US-Dollar in mehr als 30 Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas sowie Ost- und Südosteuropas. Davon profitieren über 360 KMU verschiedener Branchen.
Effiziente Lösungen mit dem Geschäftsmodell des Dachfonds
Eine Vielzahl von Studien identifizieren den Zugang zu Kapital – insbesondere Wachstumskapital – als wichtige Hürde der Finanzierung von KMU. Gleichzeitig bergen direkte Kapitalinvestitionen in aufstrebenden Märkten bedeutend höhere Risiken als solche in hoch entwickelten Volkswirtschaften. Sie benötigen oft eine permanente Präsenz vor Ort und Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten. Um der Nachfrage der KMU nach langfristigem Wachstumskapital effizient nachkommen zu können, hat Sifem das Modell der indirekten Investition über einen Private-Equity-Dachfonds gewählt. Sifem beaufsichtigt die lokalen Private-Equity-Manager und investiert Kapital in deren Fonds, die ihrerseits Gelder von Sifem zur Bereitstellung von langfristigem Wachstumskapital verwenden. Diese Fonds haben normalerweise eine Lebensdauer von 10–12 Jahren, wobei Neuinvestitionen in den ersten 4–6 Jahren getätigt werden. Die restliche Zeit wird dafür verwendet, die Unternehmen wachsen zu lassen und für den Ausstieg zu positionieren. Die Optionen sind dabei der Verkauf an einen anderen Investor oder an die Eigentümer und – bei genügend starkem Wachstum für eine Notierung – der Börsengang. In den meisten Fällen erhält Sifem beim Ausstieg zusätzlich zu ihrem investierten Kapital einen Gewinnanteil, sofern ein solcher nach Abzug des Honorars für den Fonds-Manager des laufenden Geschäfts erzielt werden kann. Auf diese Weise kann Sifem KMU in Schwellenländern nachhaltig und effizient unterstützen, ihre schlanke Organisationsstruktur in Bern beibehalten und das lokale Know-how ihrer Fonds-Manager vor Ort nutzen.
Ein ganzheitlicher und umfassender Investitionsansatz
Sifem unterzieht alle potenziellen Investitionen vor der endgültigen Auswahl einer eingehenden Überprüfung und übernimmt nach der Verpflichtung der Fonds eine aktive Rolle in ihrem Management. Für Private-Equity-Funds intergriert Sifem typischerweise die Erfüllung ökologischer, sozialer und Corporate-Governance-Anforderungen (so genannte ESG
Environmental, social and corporate governance compliance.) in rechtliche Übereinkünfte und nimmt – als Teil der Corporate-Governance-Kriterien – Einsitz in den Aufsichts- und Verwaltungsräten der Fonds. Das Sifem-Investment-Team reist regelmässig in die Regionen, um die Fonds und die begünstigten Unternehmen zu besuchen. Zusätzlich zum Jahresbericht sowie den viertel- oder halbjährlichen Finanzberichten verlangt Sifem von den Fonds einen jährlichen ESG-Compliance-Bericht. Bei Krediten an KMU- oder Mikrofinanzbanken sowie andere Finanzinstitute baut Sifem Best-Practice-Kreditklauseln in ihre rechtlichen Übereinkünfte ein und verpflichtet die Institute, über die Einhaltung dieser Klauseln vierteljährlich Bericht zu erstatten. Alle zwei Jahre überprüft Sifem die Entwicklungseffekte ihrer Projekte mit Hilfe des GPR, eines Instruments der Deutschen Investitions-und Entwicklungsgesellschaft (DEG). GPR kann entweder vor der Investition zur Abschätzung der zu erwartenden Entwicklungswirkungen angewendet werden oder nach der Investition, um die erzielten Resultate festzustellen. Es misst Entwicklungen in Gebieten wie Arbeitsmarkt, Ausbildung, industrielle Durchdringung oder Unternehmensentwicklung bezüglich Strategie, Corporate Governance, Buchführung und Reporting.
Sifem in Lateinamerika
Das Portfolio des Seco in Lateinamerika geht zurück auf die Investition in Profund, dem weltweit ersten Mikrofinanz-Private-Equity-Fund im Jahr 1995. Seither ist der Anteil in Südamerika auf rund 16% des Gesamtportfolios angewachsen (ca. 64 Mio. US-Dollar im Jahr 2009). Die Schwerpunktländer von Sifem in Lateinamerika sind Bolivien, Kolumbien, Peru und die Länder Mittelamerikas ausser Mexiko. Investiert wurde in sechs Private-Equity-Funds, die auf KMU spezialisiert sind, drei Mikrofinanz-Institute, die eine breite Palette von Kreditprodukten für lateinamerikanische Mikrofinanzinstitutionen (MFI) anbieten, sowie zwei Finanzinstitutionen (eine Bank und eine Leasinggesellschaft).In den Andenstaaten Peru und Kolumbien hat Sifem den Aufbau eines der ersten Private-Equity-Funds unterstützt und damit zum Aufbau der Private-Equity-Industrie beigetragen, welche den Weg für lokale und internationale Investoren geebnet hat. So gehörte der Seaf Trans Andean Fund 2002 zu den ersten Private-Equity-Funds in Peru. Dieser Fonds war der Testfall des von den Behörden entwickelten Private-Equity-Rahmens, der lokalen Pensionskassen erstmals erlaubte, in diese Anlageklasse zu investieren. Lokale Pensionskassen gehören neben Sifem zu den Investoren von TAF-Peru und dessen Nachfolge-Fonds. Heute ist Private Equity eine florierende Industrie in Peru geworden, zumal andere Private-Equity-Funds institutionelle Anleger gewinnen konnten und so die Abhängigkeit des Landes von volatilem ausländischem Kapital zu reduzieren vermochten.
Caseif II – Beispiel einer Investition in Lateinamerika
Im Jahr 2007 hat Sifem 5 Mio. US-Dollar in den Central American Small Enterprise Investment Fund II (Caseif II) investiert, ein Private-Equity-Fund, der den wachsenden Bedarf an Kapital von zentralamerikanischen KMU bedient. Als einer der ersten Investoren war Sifem von Beginn an bei Caseif II engagiert und half mit, die Investment-Strategie zu verfeinern, das Management mit der Anstellung eines zusätzlichen Private-Equity-Spezialisten zu verstärken und die ESG-Einhaltung bei allen Operationen der Gesellschaft zu festigen. Mit den Mitteln von Sifem war Caseif II in der Lage, ihr operationelles Team zu erweitern: einerseits mit einem Accoutant Controller, der alle Partnergesellschaften bei ihren Finanzberichterstattung unterstützt, und andererseits einem ESG-Consultant, der aktiv mit den Partnern bezüglich der Implementierung und Verbesserung ihres ESG-Systems oder der entsprechenden Standards zusammenarbeitet. Zusätzlich zu seinem Engagement mobilisierte Sifem eine Fazilität für technische Unterstützung des Seco in der Höhe von 170 000 US-Dollar, das Begünstigten von Caseif II hilft, ihre Geschäfte in Bereichen wie Strategie, Corporate Governance und ESG zu formalisieren. Bis heute ist Sifem aktiv am Investment Committee und am Verwaltungsrat von Caseif II beteiligt.Caseif II investiert in nicht notierte KMU in den zentralamerikanischen Ländern Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua, Panama und der Dominikanischen Republik. Der Fonds investiert hauptsächlich in Unternehmen bis zu 100 Mitarbeitenden und 5 Mio. US-Dollar Umsatz; bis zu 30% des Bestandes können aber auch an mittelgrosse Unternehmen (100–300 Mitarbeitende, 5–10 Mio. US-Dollar Umsatz) fliessen. Er hält bedeutende Minderheitsanteile (mindestens 30%, 250 000 bis 3 Mio. US-Dollar) sowie wandelbare und nicht wandelbare Anleihen. Da Caseif II dringend benötigte Mittel für KMU zur Verfügung stellt, sind fast alle begünstigten Unternehmen Familienbetriebe mit grossem Bedarf an Institutionalisierung und weiterer Formalisierung. Der Fonds sucht deshalb die praktische und aktive Zusammenarbeit mit den begünstigten Unternehmen in Bereichen wie strategische Entwicklung, Corporate Governance und Unternehmensorganisation. Aufgrund der familiären Besitzstruktur vieler unterstützter Firmen setzt Caseif II seine technische Unterstützungsfazilität zur Verbesserung der Corporate Governance ein und führt jedes Jahr entsprechende Ausbildungsprogramme für alle begünstigten Unternehmen durch.
Tecnosol – ein Endbegünstigter von Sifem-Geldern
Eine der Investitionen, in der Caseif-II-Gelder von Sifem platziert hat, ist das in Nicaragua und El Salvador tätige Unternehmen Tecnosol. Das Unternehmen, von dem der Fonds 2009 einen Kapitalanteil von 35% erwarb, kann als gutes Beispiel eines Endbegünstigten der Sifem-Finanzierung herangezogen werden.Tecnosol wurde 1998 vom heutigen CEO Vladimir Delagneau, einem Elektroingenieur mit Fachbereich erneuerbare Energien, und seiner Frau gegründet. Es entwirft, verkauft und installiert erneuerbare Energiesysteme und Zubehör in ländlichen Gebieten und verkauft/installiert Solaranlagen in städtischen Zonen. In den 12 Jahren seiner Existenz hat Tecnosol über 40 000 Solaranlagen in Gegenden installiert, die von Versorgungsunternehmen nicht berücksichtigt werden. Seit 2005 ist das Unternehmen stark gewachsen und hat eine beeindruckende Durchdringung des Marktes für erneuerbare Energien in Nicaragua erreicht. Durch Tecnosol wird die lokale Bevölkerung über die Vorzüge und Potenziale der Solaranergie informiert. 2009 begann das Unternehmen mit der Expansion nach El Salvador. Caseif II stellte das dringend benötigte Kapital für ein Wachstum ausserhalb des Heimmarktes zur Verfügung. In El Salvador installierte Tecnosol mittlerweile bereits über 800 Solaranlagen in ländlichen Gebieten.Die Tätigkeit von Tecnosol hat einen deutlichen Entwicklungseffekt in den von ihr versorgten Gemeinden. Dieser Effekt besteht einerseits in der Anhebung der Lebensqualität, indem arme Familien ohne Anschluss ans Stromnetz eine Energieversorgung erhalten. Andererseits leistet das Unternehmen einen aktiven Beitrag zur Entwicklung der Gemeinschaft, indem es Sportanlässe unterstützt oder ländlichen Ortschaften mit Schulsachen, Lampen und Solarpanels versorgt. Im Jahr 2009 beschäftigte Tecnosol 87 Mitarbeitende; 57% davon waren Frauen und 55% junge Mitarbeitende im Alter von 18–30 Jahren. Das Unternehmen beteiligt sich ausserdem dauerhaft an lokalen Schulen, Universitäten und technischen Instituten, um das Know-how bezüglich alternativer Energielösungen zu verbreitern.Die von Tecnosol installierten erneuerbaren Energiesysteme ersetzen Anlagen, welche auf fossilen Energiequellen basieren. Das Unternehmen hat somit eine positive Wirkung auf die Umwelt, die in ersetzten Tonnen CO2-Äquivalenten quantifiziert werden kann (nicht produzierte Tonnen CO2). 2008 bis 2009 betrug dieser Wert rund 14 600 Tonnen CO2, 2010 noch 10 400. 2010 war Tecnosol Finalist der London Ashden Awards für innovative und erfolgreiche nachhaltige Energieinitiativen. Zudem wurde V. Delagneau beim World Economic Forum in Cartagena de Indias (Kolumbien) als lateinamerikanischer Social Entrepreneur of the Year ausgezeichnet.
Fazit
Die Investitionstätigkeit von Sifem stellt den KMU, der vernachlässigten «fehlenden Mitte», auf nachhaltige und operationell effiziente Art und Weise dringend benötigtes langfristiges Kapital zur Verfügung. Die damit erzielten Expansionen und Kapazitätserweiterungen generieren Wachstum. Sie stärken zudem die Beschäftigung, fördern die Formalisierung des Geschäftsablaufs in den Bereichen Corporate Governance, Accounting und Reporting, ermöglichen die Aus- und Weiterbildung lokaler Arbeitskräfte und begünstigen den Nord-Süd- sowie Süd-Süd-Technologietransfer. Das Wirtschaftswachstum, zu dem Sifem beiträgt, resultiert folglich aus zwei Aspekten: einerseits der Verbesserung des Lebensstandards mit der Stärkung der lokalen Produktion von Gütern und Dienstleistungen, und andererseits aus der stärkeren lokalen und globalen Integration, indem die Exportgüter auf den internationalen Märkten konkurrenzfähiger werden. Die Dachfonds-Struktur von Sifem mit dem Einbezug starker lokaler Partner, welche die Fonds verwalten, sorgt für eine effiziente Allokation der Ressourcen des Seco bei der Finanzierung von KMU in Entwicklungsländern.
Grafik 1: «Aktive Beteiligungen nach Region, Dezember 2002–März 2010»
Grafik 2: «Investitionsvolumen nach Sektor, 31.12.2009»
Kasten 1: Triple Bottom Line Investment: Die Raison-d’être von Sifem
Die Investment-Philosophie von Sifem ist vom Glauben geleitet, dass Investitionen in KMU aus Schwellen- und Entwicklungsländern nachhaltige, langfristige Entwicklungseffekte auf lokale Gesellschaften ausüben kann. Gleichzeitig ist es das Ziel, dem Risiko entsprechende Gewinne zu erzielen und damit privates Kapital anzuziehen, das an die Stelle der Sifem-Finanzierung tritt. Sifem sieht sich also als Triple-Bottom-Line-Investor, der in all seinen Projekten finanzielle, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit anstrebt.Das Mandat des Seco für Sifem besteht darin, ein umfassendes Portfolio mit Kapitalbeteiligungen an Pivate-Equity-Funds in Märkten der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit aufzubauen. Die Organisation kann auch als Co-Investor in den untergeordneten Portfolio-Gesellschaften ihrer Private-Equity-Funds fungieren und Direktinvestitionen in Finanzinstitutionen mit Fokus auf KMU- oder Mikrofinanzkredite tätigen. Alle Sifem-Investitionen mit Seco-Mandat sollen die Profitschwelle erreichen und müssen zusätzlich folgende Kriterien erfüllen:– Leverage: Risiko- und Gewinnbeteiligung von privaten Investoren bei Maximierung des privaten Investitionsflusses in Richtung der Zielländer;– Subsidiarität: Zielunternehmen ohne Zugang zu Kapitalmärkten zu vernünftigen Konditionen;– Additionalität: Steigerung der Investment-Performance durch aktives Bereitstellen von Managementwissen an die Portfolio-Unternehmen, Einführung geeigneter Managementpraktiken sowie Verbesserung von Buchführung, Corporate Governance, Reporting, Qualitätskontrolle, Marketing und Strategie;– Nachhaltigkeit: Festhalten an sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitsprinzipien.
Zitiervorschlag: Adele Tilebalieva (2010). Unterstützung von KMU in Lateinamerika durch Sifem. Die Volkswirtschaft, 01. Oktober.