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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (27.02.2007)
«La Traviata» von Giuseppe Verdi im Stadttheater Bern
Bei ihrer Uraufführung 1853 war «La Traviata» noch ein Zeitstück: Nur ein Jahr nach dem Tod seiner schwindsüchtigen früheren Geliebten Marie Duplessis hatte Alexandre Dumas 1848 den Roman «La Dame aux Camélias» veröffentlicht, auf dem Giuseppe Verdis Oper beruht. Wer diese als heutiges Zeitstück aufführen will, muss sich vor allem einer Frage stellen: Was ist das moderne Gegenstück einer gefeierten Pariser Kokotte der 1840er Jahre? Mariame Clément (Regie) und Julia Hansen (Ausstattung), die 2005/06 in Bern mit einer witzigen Aktualisierung von Rossinis «Viaggio a Reims» Furore gemacht haben, sind für «La Traviata» in der Unterhaltungsindustrie fündig geworden.
Violettas Fest findet als freizügige Partyshow in einem Fernsehstudio statt, vorn, zwischen den Kameras um rote Sessel gruppiert, die Gäste, hinten auf der Tribüne die Zuschauer. Weshalb der scheue Alfredo bei diesem exhibitionistischen Spiel mitmacht, wird so wenig plausibel wie der Ablauf der «Sendung». Aber dass am Schluss der Karnevalschor als Show von Violettas einstiger Kollegin Flora über den Bildschirm des tristen, doch gut ausgestatteten Spitalzimmers flimmert, ist nur allzu vorhersehbar. Dazwischen blicken wir in ein orientalisch möbliertes Schlafzimmer (das Landhaus, in welchem Violetta und Alfredo ihr kurzes, von Alfredos Vater jäh zerstörtes Glück erleben) und in eine gestylte Disco.
Gemeinsam ist diesen Bildern die unterkühlte Atmosphäre und die Leere, die daraus resultiert, dass Mariame Clément die Figuren nicht zum Leben bringt. Der im Koloraturfach versierten Corinna Mologni fehlt es für die Titelpartie sowohl stimmlich wie darstellerisch an dramatischem Potenzial. Marco Chingari gibt den Vater Germont als abgebrühten Geschäftsmann mit solidem, neutralem Bariton. Einzig Juan Carlos Valls vermag als Alfredo seine Emotionen auszuleben. Der Tenor des jungen Uruguayers ist zwar noch nicht gleichmässig durchgebildet, aber er hat ein erlesenes Timbre, Schmelz und viel Ausdruckskraft. Der Dirigent Srboljub Dinic erweist sich als feinhöriger Begleiter, vermag jedoch mit seinem wenig differenzierten Musizieren die fehlende szenische Spannung nicht zu kompensieren.