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Bündner Passtal und Kreis im Bez. Maloja, südwestl. des Malojapasses gelegen, mit südländ. Klima und Vegetation unterhalb von Castelmur (Unterporta), von hochalpinem Charakter zwischen Castelmur und Maloja (Obporta). Das B. liegt an der Septimer- und Julierroute, dem wohl ältesten und bis ins 19. Jh. wichtigsten Übergang über die Zentralalpen. Nebenpässe führen ins Avers (Duana-, Bergalgapass) und durch das Valmalenco ins Veltlin (Murettopass). Von der Mera/Maira durchflossen, öffnet sich das B. geografisch und kulturell nach Süden, ist aber seit jeher auch nach Norden ausgerichtet. Das B. (ital. Val Bregaglia) gehört zum italienischsprachigen Teil (1990 76% ital.) Graubündens und ist als einziges Gebiet dieses Teils reformiert (1990 71% ref.). Die polit. Grenze zum Kreis Oberengadin verläuft jenseits der Wasserscheide quer durch den Silsersee. Der Loverobach bei Castasegna bildet die Landesgrenze zu Italien. Zentrum des Tals ist seit alters Vicosoprano.
Eine ur- und frühgeschichtl. Höhensiedlung und ein spätröm. Wachtturm befanden sich auf dem Crep da Caslac oberhalb von Vicosoprano. Merkur-Altärchen vom Crep da Caslac und von der röm. Station Murus im Areal von Castelmur, Münzen, Strassenfragmente und eine Strassenrampe (Malögin) am Weg über den Septimerpass sowie kleinere Streufunde sind Zeugen aus röm. Zeit. Das B. geriet schon im 2./1. Jh. v.Chr. unter röm. Herrschaft und ist 46 n.Chr. als Bergale überliefert. Es war zunächst der Präfektur Como, nach 350 der Provinz Raetia Prima eingegliedert. Im 4. Jh. erfolgte die Christianisierung durch Gaudentius ( 348), der im B. Schutz vor den Arianern fand. Ihm wurde die Kirche S. Gaudenzio in Casaccia geweiht. 488 kam das B. unter ostgot. Herrschaft, 568 unter jene der Langobarden, 803 zur Grafschaft Como. In der Zeit der karoling. Reichsteilung bildete das B. um 840 das churrät. Ministerium Bregallia, der Loverobach die Südgrenze Churrätiens. 960 schenkte Ks. Otto I. das B. dem Bf. von Chur, der dadurch die Kontrolle über die Septimer- und Julierroute gewann. Das B. bildete im HochMA eine Talgemeinde mit weitgehenden Freiheitsrechten. Der Landesausbau war um 1100 bereits sehr fortgeschritten. Von erheblicher ökonom. Bedeutung waren traditionell das Transportgewerbe und die Kastanienwirtschaft. Die Eröffnung der Gotthardroute traf das Transportgewerbe schwer und brachte im SpätMA eine Verlagerung auf die Landwirtschaft, damit verbunden die Erschliessung der Hochebene um Maloja, der Alpweiden im Avers und im Val Madris. Im SpätMA zählten die Ministerialenfamilien von Salis, Planta, Prevost, Castelmur und Stampa sowie der Bf. von Chur zu den grössten Grundbesitzern. Die Feste Castelmur war gegen Como errichtet worden, das um 1219 die Unterporta besetzt hatte. 1367 schloss sich das B. als Hochgericht dem Gotteshausbund an. Der Bf. von Chur behielt den Zoll und die Heersteuer und wählte den Podestà aus einem Dreiervorschlag. 1387 liess er eine gepflästerte Strasse von Tinizong über den Septimer nach Plurs errichten. 1474 erhielt Unterporta ein eigenes Bussengericht, 1489 ein beschränktes Zivilgericht. In Obporta bildeten sich im SpätMA die vier Squadren S. Cassiano, Piazza/Vicosoprano, Coltura und Borgonovo sowie die halbautonome sog. settima Casaccia, in Unterporta die terzieri Castasegna, Soglio und Bondo. Von 1496 an wurde der Podestà von je acht Wahlmännern und einem Amtsnotar aus Unter- und Obporta gewählt. Nach dem Zusammenschluss der drei Bünde zum Freistaat (1524) und der Befreiung des B.s von allen bischöfl. Feudalrechten (1526) regelte 1535 eine Ordnung das Gerichtswesen neu: Das Kriminalgericht für das ganze Tal tagte in Vicosoprano, das Zivilgericht für Unterporta in Soglio. Der Bf. von Chur verlor durch die Reformation um die Mitte des 16. Jh. auch seine kirchl. Rechte. Gegenreformatorische Versuche durch Dominikaner und Jesuiten unter Schutz der Salis blieben erfolglos, ebenso solche der Kapuziner 1622 unter dem Schutz päpstl. Truppen. Die Erhebung des Italienischen zur Amtssprache 1546 förderte die polit. Selbstständigkeit. Notzeiten erlebte die Talbevölkerung z.Z. der Bündner Wirren, u.a. 1621 durch Verwüstungen span. Truppen. Mit dem Verlust des Veltlins 1797/98 wurde das B. für Graubünden zur auch ökonom. Randregion, das Italienische zur Sprache einer kleinen Minderheit. Nach dem Bau der Strasse über den Malojapass 1827-28 und 1834-40 wurde der Septimer aufgegeben. Das Strassenprojekt Chiavenna-Nauders 1771-74 und eine Bahnlinie St. Moritz-Chiavenna um 1910 wurden nicht realisiert.
Der Bergeller Dialekt vereinigt rätorom. und lombard. Sprachelemente. Wichtigste literar. Werke sind "La Stria" (1875) von Giovanni Andrea Maurizio sowie Übersetzungen von Schillers "Wilhelm Tell" und Conrad Ferdinand Meyers "Jürg Jenatsch" durch Giacomo Maurizio. Weltruhm erlangte die Künstlerfamilie Giacometti von Stampa.
Das ehemalige Hochgericht B. ist seit 1851 ein Kreis des Bez. Maloja. In den letzten 150 Jahren erlitt das Tal eine starke Abwanderung (1803 2'170 Einw., 1990 1'434), und die einst dominierende Landwirtschaft verlor an Bedeutung. Die Nutzung der Wasserkraft und der Tourismus brachten neue Arbeitsplätze und Finanzmittel.
Literatur
– A. Planta, Verkehrswege im alten Rätien 2, 1986
– R. Stampa, R. Maurizio, Das B., 41994
– S. Bianconi, Plurilinguismo in Val Bregaglia, 1998
Autorin/Autor: Adolf Collenberg