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Wissen gehört allen. Jeder kann es verwenden und wer es nutzt, nimmt niemandem etwas weg. Eine Lehrmeisterin, die ihren Lehrlingen das Schweissen beibringt, behält ihr Wissen genauso wie die Professorin, die der Welt einen neuen mathematischen Beweis zugänglich macht.
Diese Eigenschaften des Wissens erlauben, dass es alle konsumieren können, ohne dafür bezahlen zu müssen. In einem kompetitiven Umfeld gibt es deswegen erhebliche Anreize, sein Wissen für sich zu behalten, um daraus einen Wettbewerbsvorteil zu ziehen – vor allem dann, wenn das entsprechende Wissen wirtschaftlich lukrativ ist.
Patente und Urheberrechte versuchen dem entgegenzutreten, indem sie für das Bereitstellen von Wissen im Gegenzug einen rechtlichen Schutz für die Verwendung dieses Wissens anbieten und damit dessen exklusive Vermarktung ermöglichen. Die Aussicht auf ein Patent dient aber nur dann als Anreiz, wenn die zu schützende Entdeckung einen wirtschaftlichen Nutzen verspricht, zum Beispiel in Form eines neuen Medikaments.
Wer hingegen die Entstehung unseres Universums untersucht oder theoretische Statistik betreibt, dem werden Patente kaum als Anreiz dienen. Die Gefahr ist deshalb gross, dass nur erforscht wird, was sich geschützt vermarkten lässt. Wie belohnt man also jene Forschenden, die sich ökonomisch uninteressanten, aber gesellschaftlich und wissenschaftlich relevanten Fragen widmen?
Mit Anerkennung Anreize setzen
Die Wissenschaften belohnen das Schaffen von Wissen nicht finanziell, sondern in erster Linie ideell,wie die Wissenschaftsökonomin Paula Stephan aufzeigen konnte. Die ersten Forschenden, die eine neue Entdeckung machen und diese kommunizieren, werden von ihren Kolleginnen und Kollegen dafür gewürdigt. Der alleinige Besitz von Wissen wird damit eingetauscht gegen den alleinigen Besitz der Anerkennung für dieses Wissen. Und diese Anerkennung lässt sich wiederum ummünzen in Karrierechancen, berufliche Sicherheit und wissenschaftlichen Einfluss.
Dieses «Prioritätssystem» funktioniert freilich nicht immer perfekt. So müssen Forschende bisweilen Jahre oder sogar Jahrzehnte warten, bis ihre Entdeckung von der Fachwelt anerkannt wird. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Fall von Gregor Mendel. Der Augustinermönch gilt als einer der Begründer der Genetik, weil er Mitte des 19. Jahrhunderts wesentliche Prinzipien der Vererbungslehre entschlüsselte. Von der wissenschaftlichen Gemeinschaft gewürdigt wurde seine Arbeit aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Mendel längst tot war.
Wer hat’s erfunden?
Oft ist ohnehin schwierig, die Erstentdecker klar zu bestimmen. Denn unabhängige Mehrfachentdeckungen sind in den Wissenschaften eher die Regel als die Ausnahme. Der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton wies bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts darauf hin, dass es zahlreiche Fälle gibt, in denen die Original-Entdecker leer ausgingen, während deren Konkurrenten oder Nachfolger die wissenschaftlichen Lorbeeren einstreichen konnten.
So hat Pythagoras seinen geometrischen Satz genauso wenig erfunden wie Carl Friedrich Gauss seine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Der Statistiker Stephen Stigler nannte das Phänomen der Falschzuschreibung wissenschaftlicher Entdeckungen scherzhaft «Stiglers Gesetz» – im Wissen darum, dass nicht er diese «Gesetzmässigkeit» entdeckt hatte, sondern der eben erwähnte Robert K. Merton.
Heute, da die Anzahl der Forschenden in allen Bereichen der Wissenschaften kontinuierlich steigt, nimmt auch die Bedeutung von «Stiglers Gesetz» zu. Dennoch funktioniert das Prioritätsprinzip nach wie vor als mächtiger Anreiz für wissenschaftliches Schaffen, weil die Aussicht auf fachliche Anerkennung winkt.
Mit Anerkennung allein lassen sich jedoch keine Rechnungen bezahlen und um forschen zu können, brauchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zugang zu öffentlichen oder privaten Finanzierungsquellen. Damit das Prioritätsprinzip überhaupt gewinnbringend zum Einsatz kommen kann, ist also eine solide Forschungsfinanzierung nötig.
Wissenschaftliche Verlage: Höhere Gewinnmargen als im IT-Sektor
Doch um an Geld zu gelangen, müssen Forschende eine gewisse wissenschaftliche Reputation aufbauen. Dafür braucht es wiederum möglichst viele bahnbrechende Entdeckungen und die dazugehörigen Publikationen in Fachmagazinen. Der gestiegene Konkurrenzdruck verbunden mit einer verstärkten quantitativen Vermessung wissenschaftlicher Leistungen in Form von Publikationen und Zitierungen verstärken den Anreiz, möglichst viel und schnell zu publizieren – nicht selten auf Kosten von wissenschaftlicher Qualität und Redlichkeit.
Die Bedeutung wissenschaftlicher Publikationen hat überdies dafür gesorgt, dass gewisse akademische Verlage einen regelrechten Reibach machen. Die Forschenden müssen nicht nur zahlen, um einen Artikel zu veröffentlichen, sondern auch, um ihn zu lesen. Damit wird das Prioritätsprinzip zur Augenwischerei: Der exklusive Anspruch ans eigene Wissen wird zwar abgetreten, aber nicht etwa an die Allgemeinheit, sondern an einen privaten Anbieter, der seinerseits den Zugang dazu kostenpflichtig vermarktet. Und das Geschäft brummt so gut, dass einige wissenschaftliche Verlage eine höhere Gewinnmarge vorweisen als erfolgsverwöhnte IT-Unternehmen wie Amazon oder Google.
Hinzu kommt, das Forschende auch fast die ganze redaktionelle Arbeit leisten: Sie schreiben ihre eigenen Artikel, redigieren diejenigen ihrer Kollegen und dienen auch als fachliche Rezensenten – eine enorme zeitliche Verpflichtung, die nur selten finanziell entschädigt wird.
Die Wissenschaften brauchen mehr als Neuigkeiten
Dass Forschende dieses Spiel mitspielen, ist bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Ihr berufliches Überleben ist in vielen Gebieten abhängig von wissenschaftlichen Publikationen in prestigeträchtigen Journalen. Universitäten und Geldgeber wollen nur die Besten – und die Besten müssen sich immer noch messen lassen an Publikationen und Zitierungen.
Aus gesellschaftlicher Sicht sind die hohen Kosten hingegen höchst fragwürdig. Denn die Steuerzahler werden zweifach zur Kasse gebeten, ohne dass das Wissen danach der Allgemeinheit zur Verfügung stünde.
Viele europäische und nationale Forschungsförderer wollen deshalb bis 2020 mit mehreren Massnahmen dafür sorgen, dass wissenschaftliche Publikationen öffentlich zugänglich sind. Doch um die bestehenden Fehlanreize in der Forschung zu beseitigen, braucht es mehr.
Das Prioritätsprinzip belohnt in erster Linie bahnbrechende Entdeckungen und neues Wissen. Das Bereitstellen und Aufbereiten von Rohdaten, die Überprüfung und Reproduktion von Publikationen oder das Zusammenfassen und Aufbereiten von Wissen für Fachfremde werden hingegen kaum anerkannt, obwohl diese Arbeiten ebenso wichtig sind für die Produktion von neuem Wissen.
Umso entscheidender ist es, auch hier gezielt Anreize zu setzen und jene Mitglieder der Forschungsgemeinschaft verstärkt zu würdigen, die nicht nur neue Entdeckungen produzieren, sondern auch bestehendes Wissen reproduzieren und verfestigen.
Servan Grüninger ist Geförderter der Schweizerischen Studienstiftung sowie Mitgründer und Präsident der wissenschaftlichen Ideenschmiede reatch. Er hat einen Bachelorabschluss in Biologie mit Nebenfächern Neuroinformatik, Recht und Politikwissenschaften sowie einen Master in Biostatistik von der Universität Zürich. Zurzeit belegt er den Masterstudiengang in Computational Science & Engineering an der EPFL in Lausanne.
Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Science Behind The Scenes» im Sommer 2018 und wurde redaktionell begleitet von reatch. Der Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen der Schweizerischen Studienstiftung.