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Dass grosse Schweizer Medienhäuser einem Konkurrenten Unternehmensteile abzukaufen versuchen, ist nichts Aussergewöhnliches. Das Kaufangebot, das dem Unternehmen Ringier kürzlich unterbreitet wurde, schlug am Firmensitz an der Zürcher Dufourstrasse aber ein wie eine Bombe. Da wollte jemand die ganze Blick-Gruppe übernehmen und bot dafür sehr viel Geld.
Zwei Mitglieder des oberen Kaders von Ringier berichten übereinstimmend: Vorgesprochen habe der bekannte Basler Anwalt Martin Wagner. Er ist unter anderem der Rechtsvertreter der Basler Zeitung Medien, an denen Christoph Blocher beteiligt ist.
Martin Wagner unterbreitete der Ringier-Konzernspitze ein schriftliches Kaufangebot. Gesichert sind folgende Eckpunkte: Der angebotene Preis für die Blick-Gruppe beläuft sich auf 230 Millionen Franken. Wagner nannte Walter Frey als den «bei weitem grössten Investor». Und er legte ein Projekt für die Entwicklung der Gruppe vor; dabei erwähnte er Personen, die eine wichtige Rolle übernehmen sollen. So sieht Martin Wagner als neuen Sportchef Walter de Gregorio vor, der diese Funktion schon einmal ausgeübt hatte und danach als Sprecher zur Fifa wechselte.
Freys sanfte Hand
Zur Blick-Gruppe gehören der «Sonntags-Blick», «Blick», «Blick am Abend» sowie die Onlineportale letzterer beider Titel; 250 Personen arbeiten für die Gruppe. Die Kaufofferte von 230 Millionen Franken ist als ausserordentlich hoch zu werten, sind die Boulevardmedien von der strukturellen Krise der Branche doch noch härter getroffen als andere Publikationen. Ringier legt weder Umsatz- noch Gewinnzahlen zur Blick-Gruppe vor; es ist aber ein offenes Geheimnis, dass sie nicht auf eine hohe Rendite kommt.
Der vorgesehene Hauptinvestor, Walter Frey, ist einer der erfolgreichsten Autohändler des Landes und sass von 1987 bis 2001 für die SVP im Nationalrat. Er hat eine Affinität zu den Medien. In den achtziger und neunziger Jahren gab er die Gratiszeitung «Züri-Woche» heraus. Mehrere kleine Zürcher Lokalblätter erscheinen in der Lokalinfo-Gruppe, die Frey gehört. 2010 kaufte Frey den «Stadt-Anzeiger» von Opfikon; er bot zudem mit, als im gleichen Jahr die «Zürichsee-Zeitung» verkauft wurde; der Zuschlag ging aber an Tamedia.
Walter Frey ist zurückhaltend im politischen Einfluss, den er auf seine Lokalblätter ausübt. Trotzdem war die Ringier-Spitze nicht angetan, als sein Name fiel. Dazu trugen drei Umstände bei: Ringier ist ein Medienhaus mit linksliberaler Ausrichtung; Hofpublizist Frank A. Meyer schreibt ohne Unterlass gegen die SVP an. Zweitens ist es nicht klar, wer neben Frey die weiteren Investoren sind. Dass er für die gesamte hohe Kaufsumme alleine aufkäme, ist unwahrscheinlich.
Der dritte Umstand sorgte bei Ringier endgültig für Verstimmung: Martin Wagner sagte im Verkaufsgespräch mit der Konzernspitze, das Projekt einer Gratis-Sonntagszeitung werde prioritär vorangetrieben, falls es nicht zu einem Verkaufsabschluss komme. Von der Lancierung einer Gratis-Sonntagszeitung spricht Christoph Blocher seit Sommer 2016. Rolf Bollmann, Chef und Präsident der Basler Zeitung Medien, arbeitet am Projekt - und schiebt den Entscheid über den Start immer weiter hinaus.
Blochers Plan erscheint nun in einem neuen Licht: Er könnte als Drohkulisse dienen. Ringiers «Sonntags-Blick» würde empfindlich getroffen, wenn Blocher am Sonntag ein Gratisblatt herausgäbe. Besser ein Verkauf als ein Untergang der eigenen Zeitung - mit diesem Argument sollte Ringier offenbar zur Einwilligung gebracht werden.
SVP-Stratege Blocher drängt nach grösserem medialem Einfluss. Die beiden SVP-nahen Blätter «Weltwoche» und «Basler Zeitung» haben seit ihrer Annäherung an die SVP sehr viele Leser verloren. Wenn Blochers Macht wachsen soll, müssen neue Medientitel hinzukommen. Die Umsetzung des Plans stockt. Auf «Tele Blocher» äusserte sich der Altbundesrat negativ über die Vinkulierung der NZZ-Aktie; diese Bestimmung verhindert, dass ein Grossaktionär die Kontrolle über die NZZ übernehmen kann. Verhandlungen zwischen Blocher und Tamedia wurden abgebrochen; auch mit den AZ Medien kam er nicht ins Ziel. Hier lautete die Idee, die «Basler Zeitung» gegen die «Schweiz am Sonntag» abzutauschen. Er scheiterte.
Zurück zur Ära Übersax?
Nun hat man bei Ringier den Verdacht, dass Blocher hinter der Offerte für die Blick-Gruppe stehen oder daran beteiligt sein könnte. In den achtziger Jahren trieb Chefredaktor Peter Übersax mit einem rechten Kurs und einem guten Gespür für Themen die Auflage des «Blicks» in die Höhe. Übersax wurde nicht wegen fehlenden Erfolgs abgesetzt, sondern weil seine Vorgesetzten nicht einverstanden waren mit der politischen Ausrichtung des Blattes. Verleger Michael Ringier will nicht, dass der «Blick» rechten Boulevard macht - auch wenn ein Verkauf einträglich wäre.
Nach kurzem Überlegen teilte Ringier dem Anwalt Martin Wagner mit, dass die Verkaufsgespräche nicht weitergeführt werden. Am Samstag nahm die Medienstelle von Ringier wie folgt Stellung zu Fragen nach Walter Freys Angebot für die Blick-Gruppe: «Es gibt und gab immer wieder Anfragen bezüglich Firmen von Ringier, auch für die Blick-Gruppe. Der Verkauf der Blick-Gruppe steht aber ausser Diskussion.» Walter Frey reagierte nicht auf Fragen, die ihm die «NZZ am Sonntag» am Samstagmorgen per E-Mail zustellte. Martin Wagner teilte mit, dass er auf solche Gerüchte konsequent nicht eingehe. Christoph Blocher erklärte, er habe noch nie etwas von einem solchen Kaufangebot gehört und habe damit nichts zu tun.
Wirbliger Basler Anwalt
Der Wirtschaftsanwalt Martin Wagner war involviert in zwei Übernahmen, welche die Medienbranche bewegten: den Verkauf des Jean-Frey-Verlags und somit der «Weltwoche» von den Basler Zeitung Medien an die Swissfirst Bank, welche die Aktien 2002 an rechtsstehende Zürcher und an den Tessiner Financier Tito Tettamanti weitergaben. Wagner fungierte als Anwalt des Basler Medienhauses. Ringier wollte den Jean-Frey-Verlag übernehmen, wurde aber auf der Ziellinie abgefangen. 2010 machten sich Tamedia und die NZZ Hoffnungen auf die «Basler Zeitung» - sie ging aber an Christoph Blocher. Das gab dieser freilich nicht zu. Als Käufer wurden Tito Tettamanti und Martin Wagner genannt. Wagner gab den Verleger und überwarf sich mit Blocher, der aus dem Hintergrund operierte. Der Anwalt verliess die Basler Zeitung Medien - und wurde wegen seines guten Kontaktnetzes im Raum Basel wenig später zurückgeholt. Wagner ist befreundet mit Bernhard Burgener, dem künftigen Präsidenten des FC Basel. Die beiden kontrollieren den Unterhaltungs- und Kasinokonzern Escor und vermarkten die Rechte der Champions League. (be.)