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In seinem Buch «Dummheit ist lernbar» gab Jürg Jegge 1976 einigen seiner Sonderschülern das Wort. Der Titel verkaufte sich über 200 000 Mal – ein durchschlagender Erfolg für ein deutschsprachiges pädagogisches Werk. Unter dem Titel «Dummheit ist lernbar» behauptete Jegge, dass Schüler aus der Unterschicht oder, wie er sich ausdrückte, «Lernbehinderte», in der Schule dumm gehalten würden, um später der kapitalistischen Gesellschaft als folgsame Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen. Der Hype um das Buch dauerte nicht sehr lange. Erst 2016 stand es wieder im Mittelpunkt des Interesses, anlässlich des vierzigsten Jubiläums seines Erscheinens. Viele Schweizer Medien begingen diesen Jahrestag, Jegge wurde erneut als «Lehrer der Nation» gefeiert. Wie eine Bombe schlug ein Jahr später das Buch von Markus Zangger ein, einem Zögling Jegges. Unter dem Titel «Jürg Jegges dunkle Seite» berichtete er von schwerem, wiederholtem sexuellen Missbrauch, der ihm Jegge zugefügt und der Zanggers Leben fast zerstört hatte.
Jegges Thesen werden zum ersten Mal wissenschaftlich beleuchtet
Wiederum ein Jahr später, 2018, veröffentlichten Damian Miller und Jürgen Oelkers im Zytglogge-Verlag eine Relektüre des pädagogischen Bestsellers von Jegge. Unter dem Titel «Ist Dummheit lernbar?» werden nach über vierzig Jahren die verschiedenen Facetten von «Dummheit ist lernbar» zum ersten Mal von wissenschaftlicher Seite beleuchtet. Es wird dabei auf die Wirkungsgeschichte, auf die verwendeten Metaphern sowie auf die juristischen und psychoanalytischen Begriffe eingegangen, die Jegge als Nicht-Fachmann verwendete. Es wird der verharmlosende Umgang führender Emanzipationspädagogen mit dem Thema sexuelle Gewalt besprochen, namentlich an der deutschen Odenwaldschule, neben einigen anderen Themen.
… ein überfälliges Buch
Damian Miller leitet den Fachbereich Bildungs-und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, Jürgen Oelkers war bis zu seiner Pensionierung Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Das Buch, das sie herausgegeben haben, war überfällig und empfiehlt sich allen, die sich beruflich oder aus anderem Interesse mit pädagogischen Inhalten beschäftigen; Pflichtlektüre ist es für jene, die Jegges Buch gelesen und verinnerlicht hatten. Die Frage, warum es so lange dauerte, bis diese Relektüre stattfand, lässt sich nur ansatzweise beantworten. Jegge selbst trug dazu bei, indem er mögliche Kritiker auf Vorrat diskreditierte. Bei den Schülern und Eltern sagte er «Widerstände» voraus, ohne zu verraten, wie er den von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, geprägten Begriff verwendet. Die bürgerliche Gesellschaft gibt laut Jegge der Schule den Auftrag, die Kinder dumm und gefügig zu halten, und den Lehrkräften (natürlich mit einer Ausnahme) kommt dabei die Rolle von Erfüllungsgehilfen zu. In diesem Setting hätte sich jeder Kritiker dem Verdacht ausgesetzt, Komplize des repressiven politischen und gesellschaftlichen Systems zu sein.
Wie war es möglich, dass sich der Lehrer Jegge ohne jede Qualifikation zum Therapeuten erklärt?
Was können wir aus dem vorliegenden Werk «Ist Dummheit lernbar?» lernen? Zum einen, dass es auch bei einer sorgfältigen zweiten Lektüre nicht möglich ist, die kriminelle Seite Jegges in seinem Buch zu erkennen. Es kann nur festgestellt werden, dass er das Thema Sexualität systematisch ausklammert, obwohl er sich auf Sigmund Freud und Wilhelm Reich beruft – beides Psychoanalytiker, die ihr eine wichtige Funktion zuschreiben. Andere Aspekte des Buchs hätten allerdings schon damals hellhörig machen müssen: Dass sich der ausgebildete Lehrer Jegge ohne jede Qualifikation zum Therapeuten erklärt und seine Aufgabe als Lehrer als zweitrangig bezeichnet, hätte eigentlich schon bei Erscheinen des Buchs auf Widerspruch stossen müssen. Einen solchen Mangel an Professionalität zur Tugend zu erheben, ist im besten Fall provokativ. Darüber hinaus zelebriert Jegge geradezu die Distanzlosigkeit seinen Schutzbefohlenen gegenüber. Er berichtet wiederholt davon, wie er Schüler zu sich nach Hause genommen hat. Dabei kritisiert er die «kleinkarierten» Schulbehörden, welche diese Besuche beanstandet haben. Dass es kein Verfahren gab, verdankte Jegge wohl einzig seinem Renommée.
Jegge zelebrierte geradezu die Distanzlosigkeit
Wir erhalten aus den unterdessen ans Tageslicht getretenen Verfehlungen die Bestätigung, dass eine professionelle Einstellung zum Beruf und, damit verbunden, eine gewisse Distanz zu den Schülern notwendig ist und dass auch der fortschrittlichste pädagogische Versuch kritisch hinterfragt werden muss. Schliesslich gilt es, der Wissenschaft den Rang zurückzugeben, den sie verdient. Das Buch «Ist Dummheit lernbar?» zeigt, wie korrektes wissenschaftliches Vorgehen auszusehen hat. Die Autoren gehen sorgfältig an den Text heran und jede Aussage wird belegt. Der Preis der Wissenschaftlichkeit ist, dass die Resultate nicht so spektakulär und widerspruchsfrei sind wie die Aussagen Jegges. Dessen Methodik ist unhaltbar, die Aufteilung der pädagogischen Welt in Gut und Böse, wie in einem Märchen, zu einfach. Inzwischen ist auch erwiesen, dass er die Berichte, in denen er seine Zöglinge sprechen liess, massiv verfälscht hat, um die Eltern schlechter und sich selbst besser dastehen zu lassen.
Was kümmert mich die Wissenschaft, wenn meine Gesinnung die richtige ist?
Wertvoll ist das Buch «Ist Dummheit lernbar?» aber nicht nur für die Vergangenheitsbewältigung. Jegges Haltung «Was kümmert mich die Wissenschaft, wenn meine Gesinnung die richtige ist?» geistert auch heute noch durch die pädagogische Landschaft. So liessen sich die Verantwortlichen bei der Einführung des Frühfranzösisch durch den Leitspruch «Je früher desto besser» leiten, ohne ihn in Frage zu stellen. Es wurden weder im Kanton Bern noch in Basel-Stadt Ziele festgelegt, entsprechend konnte keine Kontrolle stattfinden. Eine wissenschaftliche Studie, die belegte, dass der frühe Beginn des Sprachunterrichts keine langfristige Verbesserung der Sprachkenntnisse mit sich bringt, wurde von Verantwortlichen der involvierten Erziehungsdirektionen als unwissenschaftlich angeprangert.
Fazit: Pädagogik darf kein Tummelfeld für Ideologen sein!
«Ist Dummheit lernbar?» bringt uns wichtige Erkenntnisse über Jegges Elaborat, aber auch über die Zeit, in die es eingebettet ist. Es zeigt uns durch seinen Inhalt, aber auch durch die wissenschaftliche Vorgehensweise der Autoren, dass die Pädagogik kein Tummelfeld für Ideologen sein darf und dass es zu einem sorgfältigen, rationalen Vorgehen keine Alternative gibt.
Noch heute werden die Lehrer als Stundenerteiler diffamiert.
Ein persönliches Wort zum Schluss. Ein paar Jahre nach Erscheinen von Jegges Buch «Dummheit ist lernbar» drückte es mir der damalige Direktor der Kleinklassen Basel-Stadt in die Hand. Er gab zu verstehen, dass ich mich nicht mehr zu zeigen brauche, bevor ich es gelesen hätte. Ich schaffte es nicht, das ganze Buch zu lesen. Ich schämte mich, einfach nur als Lehrer mein Bestes zu geben. Jegge hatte dafür eine polemische Bezeichnung: «Stundenerteiler». Wie gering war der Wert meiner Tätigkeit als normaler Lehrer im Vergleich zum Wirken von Pädagogen, die sich nicht als blosse Wissensvermittler sahen. Diese Einstellung wirkt bis heute: Es gibt im Kanton Basel-Stadt praktisch keine Gesamtkonferenz der Lehrkräfte, in der nicht ein engagierter Leiter oder eine begeisterte Leiterin einer meist privaten Schule aus einem privilegierten Vorort auftreten und den Lehrkräften erklären, wie Schule eigentlich auszusehen hätte, jenseits von ihren popeligen Lektionen. Das Buch «Ist Dummheit lernbar?» bestätigt mich in meiner heutigen Meinung, dass sich Begeisterung und Professionalität, Nähe und Distanz sowie Integration und Separierung die Waage halten müssen.