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Die Tochter und der Sohn eines Landarztes und Alpinisten unternehmen im August 1938 eine wilde Tour in den Berner Alpen. Die Schwester stirbt im Steinschlag. Die Tragödie hinterlässt Spuren in der Familie und in Büchern.
«Ueber das Bergunglück am kleinen Finsteraarhorn vom vergangenen Samstag, bei welchem die Tochter des Arztes Frl. Therese Baumgartner in Lützelflüh ihren Tod fand, wird geschrieben, daß der Absturz an einer ganz ungefährlichen Stelle stattfand. Die Verunglückte, die an Nase und Ohren blutete, soll noch zwei Stunden gelebt haben. Der sie begleitende Bruder blieb bis zum Verscheiden stets an ihrer Seite. Dann seilte er die Leiche an; sie soll um mehr als einen Meter unter Neuschnee liegen; an eine Bergung der Toten ist vorläufig nicht zu denken. Bis zum Grimselhospiz, allwo dann der Bruder das Unglück telephonisch seinen Eltern melden konnte, waren aber immerhin noch acht Bergstunden.»
Meldete das „Bieler Tagblatt“ am 18. August 1938 auf seiner dritten Seite unter „Bergunglück am Finsteraarhorn“. Am gleichen Donnerstag – das Unglück passierte also am Samstag, 13. August, – war im „Oberländer Tagblatt“ zu lesen: „Ueber ein weiteres Bergunglück wird uns von Planalp berichtet. Zwei Geschwister, die 16jährige Therese Baumgartner, Tochter des Arztes Baumgartner in Lützelflüh, und ihr Bruder unternahmen am Samstag zum Abschluß ihrer Ferien eine Tour auf das Kleine Finsteraarhorn. Beim Abstieg gegen den Studerfirn stürzte Frl. Baumgartner zu Tode. Ihre Leiche konnte geborgen werden und ist bereits nach Lützelflüh übergeführt.“
In der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ von 1939 listete Rudolf Wyss in „Die alpinen Unglücksfälle der Jahre 1935–1938“ unter der Nummer 52 auf: „Finsteraarhorn, Südostgrat; Therese Baumgartner, 18j., Lützelflüh; Absturz aus Übermüdung nach Biwak“. Die gleiche Zeitschrift publizierte im April-Heft 2023 diese von mir verfasste Meldung: „Der ‚Historische Moment‘ in der Ausgabe der Zeitschrift ‚Die Alpen‘ vom November 2022 berichtete über Therese Baumgartner als mögliche Erstdurchsteigerin der Südostwand des Finsteraarhorns. Nun stellte sich heraus, dass die 18-Jährige aus Lützelflüh beim Abstieg durch diese Wand am 13. August 1938 tödlich verunglückt ist. Ihr Begleiter war Bruder Albert (1918–2012); er überlebte den Erstabstieg.“
Im erwähnten „historischen Moment“ berichtete ich unter dem Titel „Therese oder Patrick?“ von einem alpinistischen Rätsel zur Südostwand des Finsteraarhorns, die laut dem SAC-Alpinführer „Jungfrau Region“ am 27. Mai 1982 von Patrick Gabarrou und Wilfried Colonna erstmals durchstiegen wurde. Doch in meinem vor langer Zeit antiquarisch erstandenem Exemplar von Charles Gos‘ Bergsteigerroman „Die Nacht am Fels“ aus dem Jahre 1937 (Originalausgabe „La nuit des Drus“, 1929) ist auf dem rechten Vorsatz querformatig ein schwarzweisses Foto eingeklebt. Darauf ist eine gepünktelte Linie durch die Südostwand eingezeichnet, fast identisch mit dem Routenverlauf von 1982 und mit einem Kreuzchen für das Biwak in dreifünftel Wandhöhe – bei besserem Hinschauen hätte ich gemerkt, dass es kein Kreuzchen, sondern ein Totenkreuz ist! Auf dem linken Vorsatz befindet sich das Ex Libris „Therese Baumgartner“, auf Seite 1 ist sie auf einem Porträtfoto zu sehen, lachend in Bergsteigerkleidung aus den 1940er Jahren. Da stellte sich für mich und die LeserInnen der „Alpen“ im November 2022 die Frage: Hat Therese Baumgartner erstmals die knapp 700 Meter hohe Wand durchstiegen, wann und mit wem?
Die Frage hat sich geklärt. Vor allem dank der Ärztin Annemarie Baumgartner, Tochter von Albert und Nichte von Therese. Zusammen versuchten wir herauszufinden, wie genau das Unglück passiert ist. Ich konnte auch Fotoalben anschauen, zum Beispiel dieses: „Sammlung meiner schönsten Fotos, 1937 – . Therese Baumgartner, Lützelflüh“. Darin ist sechsmal das Finsteraarhorn eingeklebt, einmal vom Oberaarjoch aus mit der SAC-Hütte und der Südostwand. Annemarie Baumgartner schenkte mir das Buch „Noch sieben Tage“, das ihr Vater kurz vor der Pensionierung als Hausarzt in Lützelflüh schrieb und das er unter seinem Couleurnamen „Firn“ 1991 als Jahrring im Berner Haupt Verlag veröffentlichte. Im ersten Kapitel erinnert er sich unter dem Stichwort „Schicksal“ an die Tragödie von 1938. Ausschnitt:
«Das Biwak auf dem Finsteraarhorn ist traumhaft schön (wie oft waren wir schon hier oben?). Dann kommt Nebel auf und klebt am Morgen, zeitweilig von grellen Sonnenstrahlen aufgerissen, in den Felsen.
Zum Ostgrat – wie haben ja Zeit. Dann verspüren wir Hunger und setzen uns in eine sonnendurchwärmte Granitnische – dann ein teuflisches Knirschen und Krachen – und nachher das Nichts…
Wie lange hing ich am Seil, eingeklemmt in der Wand? Warum traf mich im Pfeifen und Poltern der Steinlawinen nur ein einziger Brocken? Wer jagte mich über den mächtigen Bergschrund, durch das Spaltenlabyrinth des Gletschers in die von der Abendsonne grell beleuchtete Hütte, in diese Welt zurück. Warum gerade mich – und nur mich?»
Der Steinschlag hat Theres und Albert nicht oben auf dem Grat überrascht, sondern unterhalb davon, eben in der Südostwand. Warum sie dort abgestiegen sind, weiss man nicht. Die gepünktelte Linie durch diese Wand, das Totenkreuz und die Bildlegende „Finsteraarhorn von Südosten“ stammen laut Annemarie Baumgartner von ihrem Grossvater Walter Baumgartner (1887–1978), ebenfalls Landarzt in Lützelflüh und sehr versierter Alpinist mit einigen Ersttouren, Mitglied des Akademischen Alpen-Clubs Bern. Klar wäre es einfacher gewesen, vom Gipfel des Finsteraarhorns über den Normalweg zur Finsteraarhornhütte abzusteigen; bei der Hütte, die Albert erwähnt, muss es sich um die Oberaarjochhütte handeln. Das Biwak auf dem höchsten Gipfel der Berner Alpen war der krönende Abschluss einer mehrtägigen Tour, die sich Therese zum 18. Geburtstag gewünscht hatte. „Kaum eine Wand zu steil, ein Grat zu scharf, eine Bergfahrt zu lang“, lese ich im Buch von Albert Baumgartner: „War es Übermut, Freude am Wagnis, war es Opposition?“
Leider hat Albert kein Tourenbuch gehalten, deshalb gibt es nur einen ungefähren Verlauf: Am Donnerstag, 11. August 1938, Besteigung des Schreckhorns wohl von der Schwarzegghütte aus, Abstieg zur Strahlegghütte. Anderntags ins Finsteraarjoch und sehr steil hinauf ins Agassizjoch – „Stein- und Eisschlag ersticken im weichen Schnee des steilen Couloirs, langsam gleiten kleine Schneerutsche in die Tiefe“. Vom Agassizjoch Aufstieg über den Nordwestgrat aufs Finsteraarhorn; Biwak. Am Samstag dann das Unglück. Wie die Leiche von Therese hoch oben in der Südostwand geholt wurde, weiss ich nicht. Die Recherchen bei Bergführerverein und Rettungsstation Oberhasli blieben im weichen Schnee stecken.
Nicht allein der Bruder hat sich in einem Buch zum Tod von Therese geäussert, sondern auch der Vater. 1980 kam Walter Baumgartners Gedichtband „Hof mit Brunnen und Kastanienbaum“ heraus. Im Klappentext heisst es, wohl zum Verständnis, warum ein Kapitel mit „Theres“ betitelt ist: „Von seinen drei Kindern erlitt Theres im Alter von 18 Jahren den Bergtod.“ Das im August 1938 entstandene Gedicht „Totenwache“ beginnt so:
Ich höre deiner Stimme Klang,
ein Jauchzen ist’s, vom Schnee zerstäubt:
So mir ein treuer Freund verbleibt,
wird nimmermehr mir bang.
Dein Haupt bett‘ ich in meinem Schoss
an harter, steiler Felsenwand
und spreche dich von Erden los
mit meiner warmen Führerhand.
„Wir haben gespielt, zu hoch gespielt – und verloren!“ Dieses Fazit zieht Albert Baumgartner in seinem Rückblick. „Mir ist ja praktisch nichts passiert, mit durchgescheuerten, abgefrorenen Fingern und einem mächtigen Kopfschwartenriss wurde ich ins weitere Leben ausgespuckt, aber mit dem Makel der uneingestehbaren Schuld des Überlebenden gezeichnet. 50 Jahre später steht mein 92jähriger Vater plötzlich unter unserer Stubentür: ‚Gäll, du dänksch de dra, a Todestag – morn!“