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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch I.
8.
Auf Anaximenes folgt Anaxagoras aus Klazomenä, des Hegesibulos Sohn. Er bezeichnete als Prinzip des Alls Geist und Stoff, den Geist als aktives, den Stoff als passives Prinzip. Der Geist hat die vorhandene Masse geordnet. Die Urstoffe sind unendlich zahlreich und unendlich klein1. Alles wird vom Geist bewegt und Gleiches kommt zu Gleichem. Auch die Himmelskörper bewegen sich in geordneter, kreisförmiger Bewegung. Das Feste, das Flüssige, das Dunkle, das Kalte und alles Schwere sammelt sich in der Mitte und bildet einen festen Körper, die Erde. Was diesen entgegengesetzt ist, das Warme, das Lichte, das Trockene und das Weite, strebt in die Ätherferne. Die Erde hat eine platte Form und bleibt in der Schwebe infolge ihrer Größe und weil es keinen leeren Raum gibt. Und so erhält die Luft mit ihrer starken Tragfähigkeit die Erde in der Schwebe. Aus der Feuchtigkeit und aus dem Wasser auf der Erde ist das Meer entstanden; durch dessen Ausdünstungen und durch die niederströmenden Flüsse hat die Erdoberfläche ihre Gestalt erhalten2. Die Flüsse haben sich durch die Regengüsse und durch das Erdwasser gebildet; die Erde [S. 26] ist nämlich hohl und enthält in den Höhlungen Wasser. Der Nil schwillt zur Sommerzeit an, wenn die Wasser aus dem antiarktischen Schneegebiet herabfließen. Sonne, Mond und Sterne sind feurige Steine, die die Umdrehung des Äthers mitmachen. Unterhalb der Sterne sind für uns unsichtbare Himmelskörper, die sich mit Mond und Sonne bewegen. Die Wärme der Sterne empfindet man wegen ihrer großen Entfernung von der Erde nicht, auch sind sie nicht ebenso heiß wie die Sonne, weil sie sich in einer kälteren Region befinden; der Mond befindet sich unterhalb der Sonne, in geringerem Abstand von uns. Die Sonne übertrifft den Peloponnes an Größe. Der Mond hat kein eigenes Licht, sondern er erhält es von der Sonne. Die Umdrehung der Gestirne erfolgt unter der Erde. Der Mond verfinstert sich, wenn sich die Erde oder ein anderer unter ihm befindlicher Himmelskörper (zwischen Sonne und Mond) stellt, die Sonne aber beim Neumond, wenn der Mond sich zwischen Sonne und Erde stellt. Die Sonnen- und Mondwenden treten dadurch ein, daß diese Gestirne durch die Luft zurückgestoßen werden. Der Mond wende sich oft, weil er der Kälte nicht Herr werden könne. Anaxagoras setzte zuerst die Lehre von den Verfinsterungen und der Helle fest. Er sagte, der Mond bestehe aus Erde und habe Täler und Schluchten. Die Milchstraße ist nach ihm eine Brechung des Lichtes der Sterne, die von der Sonne nicht belichtet werden3. Die Wandelsterne bilden sich wie abspringende Funken infolge der Bewegung des Pols. Die Winde entstehen, wenn sich die Luft unter dem Einfluß der Sonne verdünnt und die erhitzten Teile zum Pole ziehen und in entgegengesetzter Richtung zurückströmen. Donner und Blitz entsteht durch die Wärme, die in die Wolken eindringt. Erdbeben entstehen, wenn die Luft oben auf die Luft unter der Erde stößt; denn wenn die Luft unter der Erde in Bewegung kommt, wankt auch die auf ihr schwebende Erde. Die Lebewesen sind aus der Feuchtigkeit, später durch Zeugung entstanden; männliche Individuen bilden sich, wenn sich der aus den [S. 27] rechtsliegenden Teilen abgesonderte Same mit dem rechten Teil des Muterschoßes verbindet, im anderen Fall weibliche. Dieser blühte.... [und starb]4 im Jahre 1 der 88. Olympiade, in welche Zeit auch die Geburt Platos fallen soll. Anaxagoras soll auch die Zukunft vorausgewußt haben.
1: Diels.
2: Verderbte, schwer heilbare Überlieferung, hier Lesart Diels.
3: Cruice.
4: Diels.