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Regisseur Darren Aronofsky hat mit seinen Filmen (u. a. The Fountain, The Wrestler, Black Swan) schon Filmgeschichte geschrieben. Aber mit der Adaptierung des gleichnamigen Theaterstücks von Samuel D. Hunter legt er noch ein Scherflein nach. Oder sollte ich sagen noch einen Pizzakarton?
"Wer nach dem Fleisch lebt, wird nach dem Fleisch sterben. Wer aber nach dem Geist lebt, der wird unsterblich werden, denn er wird zum Teil des Göttlichen." So oder so ähnlich steht es in der Bibel, aber auch der Literaturprofessor Charlie erfährt durch diese Worte einen erhebenden Segen am Ende des Films. Aber wir werden hier nicht spoilern. Charlie (Oscar-Gewinner Brendan Fraser) leidet seit dem Tod seines Partners an Fresssucht. Inzwischen bringt der ehemalige Literaturprofessor 300 Kilo auf die Waage und bedarf der Pflege, da er sich alleine kaum mehr bewegen kann. Dennoch unterrichtet er über das Internet eine Literaturklasse und versucht seinem unmittelbar bevorstehenden Tod mutig ins Auge zu sehen. Vor seinem Tod will er aber noch das Verhältnis zu seiner Tochter Ellie, die er wegen der Beziehung zu seinem Freund vor acht Jahren verlassen hatte, in Ordnung bringen. Seine Pflegerin Liz (Hong Chau) gibt ihm aufgrund seines erhöhten Blutdrucks nur mehr ein paar Tage, bis zum Wochenende, zu leben. Charlie wird bis dahin von Thomas, einem Sektenbekehrten, seiner Ex-Frau Mary, Ellie und einem Pizzaboten besucht. Letzterer legt ihm immer mehrere Kartons Pizza vor seine Türe und ist sehr freundlich, da ihn ein gutes Trinkgeld im Postkasten erwartet. Charlie tut nämlich alles, damit dieser ihn nicht zu sehen bekommt, doch als es einmal dennoch passiert, flüchtet er sich in seine Fresssucht, was von Aronofsky anschaulich und detailliert in Szene gesetzt wird. Nichts für Weichlinge, denn diese Szenen und auch der Film an sich bedarf einigen Mutes, da man quasi gezwungen wird, sich auch mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Wie ein "Jüngstes Gericht" wirken da diese letzten Tage des Professors, der auch nichts anderes als ein armer Sünder ist. Wie wir alle. Wir alle? Oder nur die, "die nach dem Fleisch leben"?
Beeindruckend an "The Whale" ist nicht nur die nuancierte Darstellung Frasers, sondern auch das ganze Ensemble und einfache Setting der Handlung. Angelehnt an ein klassisches Kammerspiel - wie im Theater eben - ist die Ausstattung außer vielleicht dem Fatsuit eher bescheiden. Man bekommt eigentlich nur die Wohnung und die Veranda Charlies zu sehen. Aber dennoch entsteht eine Atmosphäre, die eine derartige Dichte aufweist, dass man sich keinen Augenblick allein wähnt, so nahe kommen einem die von Aronofsky gezeichneten Charaktere. Die zickige Teenagerin Ellie, seine Tochter, ist so nahe an der Realität, dass man glaubt, sie würde einen selbst besuchen kommen, wenn sie voller Wut und Teenage-Angst seine Türe aufstößt. Auch Liz wirkt wie die eigene Nachbarin, die gerade mal zum Eier ausborgen anklopft und dann noch Thomas, der sein Heil bei einer christlichen Sekte sucht und schließlich ebenso eine Entwicklung durchmacht, wie alle anderen Charaktere. So etwa Mary, die ihm zwar nicht verzeihen kann, ihn aber dennoch liebt. Aber auch Liz, die Thomas ihr Geständnis macht. Die Dialoge tun dann ihr Übriges, echtes Gänsehautfeeling rüberzubringen und The Whale zu einem der besten Filme des Jahres zu machen. Ganz ohne Pomp und Special Effects wird The Whale zu ganz großem Kino und zeigt, was das Genre eigentlich ausmacht: die Menschen, die sich darin befinden und echte Gefühle zeigen. Kurz und gut: ein Film der einem richtig unter die Haut geht. Übrigens hat nicht nur der erwähnte Fisch im Titel des Films Tiefgang. Hunter/Aronofsky haben auch ein Stück englische Literaturgeschichte mit "Moby Dick" auf kongeniale Weise miteingebaut. "Dieses Buch hat mein Leben beeinflusst", schrieb Charlies Tochter in ihrem (vielleicht) lebensrettenden Aufsatz. Vielleicht hat sie also doch auch etwas gutes von ihrem Vater geerbt? Die Liebe zur Literatur?