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«Niemand will da hingehen»
Ukrainerin riskiert zur Rettung von Tieren ihr Leben
Der Ukraine-Krieg hat viele Opfer. Dazu zählen grosse Raubkatzen, die in Privathäusern gehalten wurden, bis ihre Besitzer flüchteten. Eine Ukrainerin wagt sich in die Nähe der Frontlinien, um sie zu retten - und alle möglichen anderen Tiere.
Natalja Popowa hat einen neuen Lebensinhalt gefunden: Sie rettet wilde und Haustiere vor der Zerstörung und dem Leid des Krieges in der Ukraine. «Sie sind mein Leben», sagt die 50-Jährige, während sie eine Löwin streichelt - als wäre diese ein kleines Kätzchen. Das Tier in einem Gehege geniesst die liebevolle Aufmerksamkeit sichtlich, liegt auf dem Rücken und streckt die Pfoten in Richtung seiner Pflegerin aus.
Popowa hat in Zusammenarbeit mit der Schutzgruppe UA Animals bereits mehr als 300 Tiere vor dem Krieg gerettet. 200 von ihnen wurden ins Ausland gebracht und 100 fanden in der sichereren westlichen Ukraine ein neues Zuhause. Viele sind wilde Tiere, die in Privathäusern als Haustier gehalten wurden, bevor ihre Eigentümer vor den russischen Geschützen flohen.
«Ich fürchte mich auch, aber ich gehe trotzdem»
Popowas Tierheim im Dorf Tschubynske bei Kiew beherbergt jetzt 133 Schützlinge, die demnächst nach Polen gebracht werden sollen. Es ist eine vielfältige Menagerie - darunter 13 Löwen, ein Leopard, ein Tiger, drei Hirsche, Wölfe, Füchse, Waschbären und Rehe sowie domestizierte Tiere wie Pferde, Esel, Ziegen, Hasen, Hunde, Katzen und Vögel.
Die Tiere wurden aus Hot Spots wie den ostukrainischen Regionen Charkiw und Donezk gerettet, die jeden Tag Bombardierungen und Kämpfe erleben. Die ukrainischen Soldaten, die Popowa informieren, wenn Tiere nahe den Frontlinien Hilfe benötigen, scherzen, dass sie viele Leben habe - wie man es über Katzen sagt. «Niemand will da hingehen. Jeder hat Angst. Ich fürchte mich auch, aber ich gehe trotzdem», sagt die Ukrainerin.
Nach eigenen Angaben zittert sie oft, wenn sie im Auto unterwegs ist, um ein weiteres Tier zu bergen. «Sie tun mir sehr leid. Ich kann mir den Stress vorstellen, den sie wegen des Krieges durchmachen», schildert sie ihre Gefühle. In den meisten Fällen weiss sie nichts über die Tiere, die sie rettet, kennt weder ihre Namen, ihr Alter oder ihre Besitzer. «Tiere stellen sich nicht vor, wenn sie zu uns kommen», ulkt sie.
Rekordevakuierung in 16 Minuten
In den ersten Kriegsmonaten fuhr sie allein in die Kriegszonen, aber jetzt hat sie ein paar Helfer von UA Animals an ihrer Seite. «Unser Rekord ist eine Evakuierung innerhalb von 16 Minuten, als wir zwischen Kramatorsk und Slowjansk einen Löwen gerettet haben», schildert Popowa. Die studierte Volkswirtschaftlerin hat zwar keine formale tierärztliche Erfahrung, aber in diesen Krisenzeiten weiss sie, was sie zu tun hat: So spritzte sie dem Löwen ein Betäubungsmittel ein - anders hätte man ihn nicht transportieren können.
Popowa war immer sehr tierlieb, wie sie erzählt. So baute sie im Kindergarten Häuser für Würmer und sprach mit Vögeln. 1999 eröffnete sie den ersten privaten Pferdeverein in der Ukraine. Ihr erstes grosses Raubtier rettete sie dann vor vier Jahren, also bereits vor dem Krieg - einen Löwen mit einer gebrochenen Wirbelsäule. Eine Organisation, die gegen Schlachthöfe kämpft, hatte bei ihr angefragt, ob sie helfen könne. Popowa wusste zwar nicht wie, weil sich ihre Erfahrung auf Pferde beschränkte, aber als sie ein Foto des Tieres sah, konnte sie einfach nicht Nein sagen.
Von der Pferde- zur Löwenflüsterin
Sie baute ein Gehege und holte den Löwen am nächsten Morgen ab. Später schuf sie eine Social-Media-Seite mit dem Titel «Helft der Löwin», und prompt begannen ihr Leute zu schreiben, die ebenfalls Hilfe zur Rettung eines Wildtieres benötigten. Jana, die erste Löwin, die sie unter ihre Fittiche nahm, wurde sozusagen ein Mitglied der Familie: Weil sie behindert war, liess sich kein neues Zuhause für sie finden, und so sorgte Popowa für sie - bis die Löwin vor zwei Wochen starb.
Das Tierasyl ist normalerweise nur eine vorübergehende Unterkunft für die Geretteten: Popowa hegt und pflegt sie, bis sie stabil sind, und sucht dann nach einer dauerhaften Bleibe. Sie verspürt eine spezielle Verbindung zu jeder grossen Katze, sagt sie, aber es schmerzt sie nicht, sie gehen zu lassen. «Ich liebe sie, aber ich sehe ein, dass ich nicht die Ressourcen habe, um ihnen das angenehme Leben zu bieten, das sie verdienen.».
Tierrettung als «Mission»
Anfangs hat sie das Asyl mit dem Erlös aus ihrem Pferdegeschäft finanziert. Aber seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar verdient sie nichts mehr daran, leiht sich jetzt Geld, um die umgerechnet etwa 14’000 Euro aufzubringen, die sie jeden Monat für die Pflege ihrer Schützlinge benötigt. Ihre Schulden sind mittlerweile auf 200’000 Euro gewachsen.
Popowa bekommt etwas Geld von UA Animals und Spendern, doch die Sorge, wie sie alles weiter am Laufen halten kann, hält sie nachts oft wach. «Aber ich werde weiter Geld borgen, zu Hot Spot gehen und Tiere retten. Ich kann nicht Nein zu ihnen sagen», erklärt sie.
Sie schickt alle ihre Tiere in den Posener Zoo in Polen, der hilft, eine neue Bleibe für sie zu finden. Einige sind bereits nach Spanien, Frankreich und Südafrika gebracht worden. Zurzeit bereitet Popowa die Reise von 12 Löwen nach Polen vor. Und da kein Ende des Krieges in Sicht ist, weiss sie, dass sie weiter gebraucht wird. Wilde Tiere zu retten, so sagt sie, sei ihre «Mission».