Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/2701

E-Mail-Adresse für den Newsletter
Im Frühling 1940 werden im Zürcher Schauspielhaus die Stunden gezählt. Jene bis zur Premiere von Goethes Faust II und jene bis zu einem wahrscheinlichen Angriff Deutschlands. In "Schon geht der Wald in Flammen auf" (in der deutschen Übersetzung erschienen im Bilgerverlag) versetzt Anne Cuneo ihre Leser mitten in die Handlung und macht so die Anspannung der Betroffenen fühl-, ja nahezu greifbar. Dabei lebt nicht nur eine Episode der Schweizer (Theater-)Geschichte auf, sondern wird parallel dazu eine neue Betrachtungsebene geschaffen, die einen anderen Blick auf die Deutschschweiz zur Zeit des Zweiten Weltkrieges ermöglicht.
Abgesehen von der Protagonistin Aurelia Frohberg, alias Ella Berg, einer jungen jüdischen Frau, die am Schauspielhaus Zuflucht sucht und findet, und dem Regieassistenten Nathan Burkhard, haben die Personen, die im Roman vorkommen, tatsächlich existiert, unter ihnen beispielsweise der in Wien geborene Regisseur Leopold Lindtberg, der von 1933 bis 1948 am Zürcher Schauspielhaus tätig war. Ebenso die beiden Schauspieler Anne-Marie Blanc und Ettore Cela, mit denen Anne Cuneo bereits für vorangehende Buch- und Filmprojekte zahlreiche Gespräche geführt hatte, auf die sie im Hinblick auf ihren jüngsten Roman zurückgreifen konnte. Was die einzelnen Personen im Buch sagen, haben und hätten sie tatsächlich so gesagt haben können, vielfach handelt es sich um Zitate und Erinnerungen aus den früheren Aufzeichnungen, auch wurden den Personen jene Rollen zugeteilt, die sie in den damaligen Inszenierungen für Faust I und Faust II auch wirklich innehatten.
Die Strassenbahn führt uns direkt ins Schauspielhaus, wo sich die Theaterschaffenden - unter ihnen auch zahlreiche Schauspieler jüdischer Abstammung, die im Schauspielhaus Asyl gefunden haben - in hektischer Manier und unter schwierigen Bedingungen auf die bevorstehenden, in Deutschland längst verbotenen, Inszenierungen vorbereiten.
"Schon geht der Wald in Flammen auf" erzählt die Frühjahrsmonate 1940, als Norwegen und Dänemark von deutschen Truppen eingenommen werden und der Angriff Deutschlands auf Frankreich bevorsteht. Auch in Zürich rüstet man sich für den passiven Widerstand - man hat sich längst an die nächtlichen Strassenkontrollen und "an den Stacheldraht, der das Stadtbild prägt’, gewöhnt.
Die stärksten Szenen des Buches sind jene, die nah an der Realität erzählt sind, beispielsweise im übervollen Café Ost, wo die Menschen dicht aneinander gedrängt den neusten Berichterstattungen des Radios lauschen, wenn aus dem "Gemurmel ein allgemeines Stimmengewirr wird, wenn einige aufstehen, andere gestikulieren" - wenn "naive Blicke zärtlich werden" und man sich im Stillen darüber unterhält, wie im Falle des Falles das todbringende Zyankali einzunehmen sei.
Obwohl wir aus heutiger Sicht den Ausgang der Geschichte kennen und wissen, dass es nicht dazu gekommen ist, fragt man sich inmitten der Lektüre tatsächlich, ob Deutschland die Schweiz auf dem Weg nach Frankreich angreifen wird, und ist zurückversetzt in eine Zeit, in der man die Antwort auf diese alles entscheidende Frage noch nicht kannte. Dabei erschüttern die original zitierten Passagen aus Goethes Faust II, die erschreckend genau das damalige Zeitgeschehen prophezeien ("Goethe ist unter uns").
"Der Horizont hat sich verdunkelt,
Nur hie und da bedeutend funkelt
Ein rother ahnungsvoller Schein;
Schon blutig blinken die Gewehre,
Der Fels, der Wald, die Atmosphäre,
Der ganze Himmel mischt sich ein."
Einzig über die Notwendigkeit der fiktiven Romanfiguren liesse sich allenfalls diskutieren. Einerseits funktioniert Ella Berg innerhalb der Handlung natürlich als Knotenpunkt, ist insofern eine geschickt eingefügte, erzählende Instanz, andererseits sind Ella und Nathan mitsamt der Liebesgeschichte, die sich zwischen den beiden abspielt und an manchen Stellen doch etwas peinlich anrührt, nicht durchwegs glaubwürdig.
Das Schaffen der 1936 in Paris geborenen Anne Cuneo ist reich und vielfältig. Neben ihren Büchern - inzwischen sind es über dreißig an der Zahl - hat sie mehrere Theaterstücke geschrieben und Dokumentarfilme gedreht. Soeben ist ihr von Frankreich für ihr Gesamtwerk der Titel "Commandeur de l'ordre de Mérite" (nationaler Verdienstorden) verliehen worden.