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Belvoir bei Zürich.
22. October 1854.
Mein hochverehrter Herr & Freund!
Schon lange hätte ich auf Ihr schätzbares Schreiben v. 19ten v. M. antworten sollen: aber ich war in der letzten Zeit dermaßen mit Geschäften aller Art überladen, daß ich, was nicht unmittelbar auf den folgenden Tag ausgeführt werden mußte, zu verschieben genöthigt war. So komme ich denn erst jetzt dazu, an Sie zu schreiben, & rechne wegen der Statt gehabten Verzögerung auf Ihre gewohnte Nachsicht.
Der Bericht, den Sie mir über die Aufnahme des Schreibens der Regierung von Zürich an die Ihrige betreffend Gründung eines Lehrstuhles für Tessin'sches Recht an unserer Hochschule erstatteten, ist nicht sehr ermunternd. Indessen nehme ich an, der Staatsrath von Tessin werde sich bei näherer Überlegung der, wie ich glaube, sehr wichtigen Frage mit einer bejahenden Lösung derselben wohl befreunden können, besonders da die Ausarbeitung des sachbezüglichen Gutachtens Ihnen, dem Urheber des schönen Gedankens übertragen worden ist & Sie mir neuerdings | zusichern, Sie werden für die Realisirung derselben alles in Ihren Kräften stehende thun. Ich weiß gar wohl, daß eine solche Erklärung von Ihrer Seite soviel heißen will als der Canton Tessin werde zu dem Projecte Hand bieten. Ich sehe also mit voller Zuversicht Ihren weitern Mittheilungen entgegen.
Ich habe in diesen Tagen in den Zeitungen gesehen, daß in Ihrem Wahlkreise H. Franscini auf die Candidatenliste für den Nationalrath genommen worden ist. In Folge dessen ist die Erledigung der Frage, welche Sie in Betreff seiner aufgeworfen, nicht dringlich & ich nehme daher an, wir werden, vorausgesetzt, daß wir heute über 8 Tage mit dem Vertrauen unserer Wähler beehrt werden, dann im Dezember in Bern Gelegenheit finden, uns über die heikle Materie mündlich zu unterhalten.
Mit dem größten Interesse verfolge ich die politische Entwicklung Ihres Cantons. So viel man nach den Zeitungen urtheilen kann, wollte es mir scheinen, die Partei des besonnenen Fortschrittes sei in der letzten Zeit von Woche zu Woche stärker geworden & es dürfe darum mit voller Berechtigung den Nationalrathswahlen entgegengesehen werden. |
In der That, die Vereinigung Ihrer Mazzinianer & Österreicher ist ein so verwerflicher, aller politischen Moral Hohn sprechender Act, daß nach meiner Ansicht Ihre beiden Oppositionen vor der öffentlichen Meinung gebrandmarkt dastehen. Durch dieses Gebahren könnte Ihre Politik nur gewinnen, sowohl im Ctn. Tessin als in der gesammten Eidgenossenschft. Bei uns blickt man mit der größten Achtung auf die Haltung der Regierungspartei im Ctn. Tessin & ist überzeugt, daß nur diese dem Canton zu innerm Glücke & zu einer ehrenvollen Stellung in der Eidgenossenschaft verhelfen kann. Man weiß auch bei uns gar wohl, wer Ihre Regierungspartei führt & wenn Ihnen, wie dieß ja nicht anders möglich ist, die Anerkennung Ihrer Mitbürger in der deutschen Schweiz zur Ermunterung gereicht, so kann es Ihnen an Freudigkeit, auf der bisher betretenen Bahn fortzuwandeln, nicht gebrechen.
Es war mir ungemein ärgerlich, daß ich Ihren Herrn Bruder, als er in Zürich war, nicht sehen konnte. Unglücklicher Weise war ich das erste Mal, als er nach unserm Landgute kam, in der Stadt, das zweite Mal eben auf der Abreise begriffen & nachdem | ich zurückgekehrt war, war Ihr Herr Bruder bereits abgereist. Bei der oft beinahe unerträglichen Last der verschiedenartigsten Geschäfte, mit der ich beladen bin, begegnen mir solche Fatalitäten leider öfters. Wollen Sie mich bei Ihrem Herrn Bruder entschuldigen & ihn bitten, mir bei einem nächsten Aufenthalte in Zürich Gelegenheit zu geben, was ich dießmal so gerne gethan hätte, aber nicht thun konnte, nachzuholen.
In Zürich herrscht bis zur Stunde mit Beziehung auf die bevorstehenden Nationalrathswahlen nicht die mindeste Bewegung. Die Theilnahme an den Wahlen wird wohl ziemlich gering sein. Das Volk ist eben zufrieden mit der Eidgenössischen Stellung Zürich' s, wünscht darum keine Veränderung in der Repräsentation & läßt darum den Wahlen so sehr den Gang, daß es wohl theilweise sich nicht einmal an denselben betheiligen wird. Das Ergebniß der Wahlen bei uns wird jedenfalls so beschaffen sein, daß Zürich eine feste Stütze der neuen Bundesverfassung bleibt.
Und nun leben Sie wohl & empfangen Sie mit den herzlichsten Wünschen für einen glücklichen Ausgang des 29sten in Ihrem Cantone die Versicherung meiner freundschaftlichen Hochachtung.
Ihr ergebene
Dr A Escher