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(Mit dem Wechsel dieser Werkausgabe von Heimeran zu Hanser hat auch die Bandnummerierung von Römisch auf Arabisch gewechselt. Ansonsten ist der Aufbau des Inhalts identisch gehalten: zuerst die Briefe, dann weitere Texte Baudelaires, am Schluss Anmerkungen, Inhalts- und Personenregister.)
Dieser Band umfasst die Periode von 1847 bis 1857. Allerdings hat man sich nicht strikt an die Chronologie gehalten und zum Beispiel alles, was Baudelaire über Poe gesagt hat, in diesem Band zusammengefasst.
Nachdem die Revolution von 1848 in Frankreich gescheitert ist, im Gefolge dieses Scheiterns gar der konservative Napoleon III. durch einen Staatsstreich an die Macht kommen kann, wendet sich Baudelaire von der Politik ab. Die von ihm gegründete links gerichtete Zeitschrift war sowieso sehr rasch eingegangen. Mit der Hinwendung zu einer Laufbahn als unpolitischer Literat geht einher die Abkehr von der reinen Romantik eines Maturin oder eines Hoffmann. Diese seine frühen Leitsterne werden ersetzt durch andere – zuerst Lavater und Swedenborg, dann und vor allem durch Poe.
Zuerst aber die Briefe. Die meisten hier publizierten gehen an seine Mutter und/oder an seinen amtlich bestellten Vormund. Es zeigt sich ganz klar, dass Baudelaire nach wie vor nicht mit Geld umgehen kann. Praktisch jeder Brief enthielt eine Bettelei um einen (natürlich ausserordentlichen, einmaligen und nie wieder zu leistenden!) zusätzlichen Betrag oder Vorschuss. Nie fehlen darf auch der Hinweis auf dieses oder jenes bald zu veröffentlichende Werk, das Baudelaire zumindest vorläufig von weiteren finanziellen Sorgen befreien würde. (Die meisten brieflich erwähnten Werke kamen über das Stadium eines vagen gedanklichen Projekts nicht heraus; was tatsächlich veröffentlicht wurde, brachte nie den Ertrag, den Baudelaire sich erträumt hatte.) In seine Briefen trat Baudelaire durchaus nicht bescheiden und zurückhaltend auf, sondern gab sich rechthaberisch und arrogant. Kein Wunder, mochte seine Mutter nichts mit ihm zu tun haben und verbat sich jeden persönlichen Kontakt! Daraus zog Charles offenbar die Konsequenz, dass er nun sowieso berechtigt war, verletzt und beleidigt zu sein. (Wenn er in seinen Essays zu Poe die aufopfernde Fürsorge von dessen Schwiegermutter in den höchsten Tönen lobt, kann der heutige Leser nicht anders, als darin einen Vorwurf Baudelaires an seine leibliche Mutter zu sehen: „Sieh mal, was diese Frau getan hat, und vergleiche es mit dem, was du tust!“)
Interessanter aber sind Baudelaires Essays, die neben Kunstkritik (er schreibt noch zur Weltausstellung von 1855) nun vor allem Theater- und Literaturkritik umfassen. Und wenn Baudelaire über Literatur schreibt, dann immer auch mit dem Ziel, sich und andern seine eigene literarische Position klar zu machen. Wie schon angetönt, sagte er sich los von der Romantik, die er in Frankreich v.a. durch Victor Hugo vertreten sah. Das Deklamatorische von Hugos Gedichten (Victor Hugo war zu jener Zeit v.a. als Lyriker präsent!) stiess Baudelaire ab. Er suchte zu seiner Orientierung erneut Zuflucht im deutschen Sprachraum und fand zuerst Lavaters Predigten interessant, dann aber auch und vor allem Emanuel Swedenborgs Geistersehereien. Bei Swedenborg paarte sich für ihn der Realismus, den er suchte, mit dem Übernatürlichen, das er so liebte. (Baudelaire spricht vom Sur- oder Supranaturalimus – was mit dem Surrealismus des 20. Jahrhunderts keineswegs identisch ist.)
Doch die perfekte Einheit von Realismus und Übernatürlichem war für Baudelaire erst in Edgar Allan Poe gegeben. Baudelaire nannte Poe wiederholt einen „Philosophen“ und schätzte ihn, weil der Amerikaner logisch-wissenschaftlich vorging, was Gestaltung und Inhalt seiner Texte betraf. Baudelaire schrieb mehrere Essays zu Poe, übersetzte auch mehrere Werke des Amerikaners (u.a. natürlich auch The Raven oder Ligeia).
Nicht durch diese materiellen Wunder, obwohl sie ihm zu seinem Ruf verholfen haben, wird Poe die Bewunderung der denkenden Menschen zuteil werden, sondern durch seine Liebe zum Schönen, durch seine Kenntnis der harmonischen Bedingungen der Schönheit, durch seine tiefe, klagende Poesie, die nichtsdestoweniger ausgearbeitet, transparent und korrekt ist wie ein kristallenes Schmuckstück, – durch seinen wunderbaren Stil, seine reine und bizarre Schreibart, – so dicht wie die Maschen eines Panzerhemdes, – gefällig und minutiös, – deren leiseste Absicht dazu dient, den Leser unmerklich einem vorbestimmten Ziel näherzubringen, – und vor allem schließlich durch dieses sehr besondere Genie, dieses einzigartige Temperament, das ihn befähigte, auf eine untadelige, packende und furchterregende Weise die Ausnahme in der sittlichen Weltordnung zu schildern und zu erklären. (S. 337)
Man sieht: Baudelaire war der Meinung, in Poe einen Artverwandten, einen künstlerischen Zwillingsbruder gefunden zu haben. Immerhin stehen wir mit 1857 in dem Jahr, in dem Baudelaire seine Fleurs du mal veröffentlichen wird. Allerdings will dem Leser scheinen, dass es eher persönliche Projektionen sind, die Baudelaire hier vornimmt. Ein bisschen zu oft betont der Franzose das traurige Leben und Sterben Poes, dessen Alkoholabhängigkeit. Immerhin war auch Baudelaire Alkohol und andern Drogen nicht abgeneigt, und wie Poe führte er die Existenz eines völlig verarmten und verkommenen Poeten. (Jedenfalls kam er sich offenbar so vor.)
Doch die Blumen des Bösen werden uns erst im nächsten Band beschäftigen.