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Zwei Erdbeben haben im Leben von Talal Waheed eine entscheidende Rolle gespielt. Beide ereigneten sich in Pakistan. Das zweite war vor vier Jahren. Kurz vor diesem Beben sass Talal Waheed in seinem Büro. Wenige Meter von ihm entfernt ein Kollege, beide über ihre Tische gebeugt und in die Arbeit vertieft.
Er habe gespürt, wie der Tisch sich bewegte, und habe seinen Kollegen darauf hingewiesen, sagt Waheed. Dieser habe sich umgeschaut. Der Ventilator an der Decke drehte gleichmässig vor sich hin, die Lampen zitterten nicht und der Kollege entwarnte ihn und arbeitete weiter.
Doch dann habe plötzlich alles sehr stark gewackelt. Zum Glück habe er gewusst, wo sich die Notausgänge befänden, erzählt Waheed. Er hatte den Plan des Gebäudes genau im Kopf. Das war in diesem Moment entscheidend, denn Talal Waheed ist blind.
Notausgänge für Behinderte
Neben dem eigenen Orientierungsvermögen seien blinde Person in einem solchen Moment vor allem auf gut markierte Notausgänge angewiesen, sagt Waheed, etwa in Braille-Schrift oder mit Audio-Signalen. Und auch die Unterstützung von Sehenden sei hilfreich. Sein Kollege habe ihm damals geholfen, das Gebäude sicher zu verlassen.
Seit letztem Herbst arbeitet Waheed als Berater für die Christoffel Blinden-Mission, einer christlichen Entwicklungsorganisation mit Sitz in der Schweiz. Sie setzt sich weltweit für Menschen mit Behinderungen ein. Davor war er bereits für zahlreiche andere Organisationen tätig, unter anderem auch für die Vereinten Nationen.
In Pakistan, aber auch in Ländern wie Kenia oder der Ukraine leitet Waheed Ausbildungen, in denen Menschen mit Behinderungen lernen, wie sie sich im Falle einer Naturkatastrophe besser schützen können und wie sie sich auf den Ernstfall vorbereiten. Er berät auch Angehörige und Betreuungspersonen, sowie Arbeitgeber und Regierungen. Es geht darum, was sie tun können, tun müssen, um behinderte Menschen im Katastrophenfall zu unterstützen.
Grosses Erdbeben in Pakistan
Waheed studierte in Pakistan Betriebswirtschaft, begann im Personalwesen zu arbeiten. Dass er mittlerweile ein international gefragter Katastrophenspezialist ist, hat mit jenem ersten Erdbeben zu tun, das er 2005 in der Region Kaschmir erlebte. Rund 80’000 Menschen kamen damals ums Leben. Und viele Menschen hätten so schwere Verletzungen davongetragen, dass sie seither behindert seien.
Waheed selbst hat sein Augenlicht als Kind verloren, bei einem Unfall. Das Schicksal dieser tausenden Verletzten habe ihn so sehr berührt, dass er beschlossen habe, sich für den Schutz und die Rechte von Behinderten zu engagieren.
In den letzten zehn, zwölf Jahren habe sich viel getan, sagt der Spezialist. Doch fehle vielen Menschen ohne Behinderung und gerade auch vielen Regierungsvertretern immer noch das Bewusstsein für diese Problematik und auch das Mitgefühl. Und es fehle auch an Fachwissen.
Waheed fordert, dass Regierungen und internationale Organisationen mehr Expertinnen und Experten anstellen, die gleichzeitig auch Betroffene seien. Denn egal, wie empathisch jemand sei: Was Menschen mit Behinderungen in einer Notsituation brauchen, wissen vor allem Menschen mit Behinderungen.