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Wie der Kongo zum Überraschungsteam des Afrika Cups wurde
Die Demokratische Republik Kongo strebt nach dem dritten Titel am Afrika Cup. Der Erfolg des Teams mit Meschack Elia und Charles Pickel kommt überraschend – selbst für die Spieler.
Die Demokratische Republik Kongo strebt nach dem dritten Titel am Afrika Cup. Der Erfolg des Teams mit Meschack Elia und Charles Pickel kommt überraschend – selbst für die Spieler.
Ob Cristiano Ronaldo in seinem Luxusapartment in Saudi Arabien jeweils vor dem Fernseher sitzt und die Spiele des Afrika Cups verfolgt, ist nicht überliefert. Aber dennoch ist der portugiesische Superstar in den letzten Wochen so etwas wie eine Symbolfigur der Hoffnung geworden. Der Hoffnung der Bevölkerung der Demokratischen Republik Kongo, dass die Nationalmannschaft am afrikanischen Kontinentalturnier mit dem Sieg einen ähnlichen Exploit landen kann, wie er Ronaldo und der portugiesischen Auswahl an der EM 2016 in Frankreich gelungen ist.
Parallelen zu Europameister Portugal
Dass dieser Tage überhaupt Parallelen gezogen werden zwischen der Seleçao 2016 und den jetzigen «Leoparden», wie die kongolesische Auswahl genannt wird, liegt daran, dass die Wege, wie sich die beiden durch das Turnier spielen, durchaus vergleichbar sind.
Portugal spielte in der Gruppenphase gegen Island, Österreich und Ungarn dreimal Unentschieden und qualifizierte sich als Dritter der Gruppe F für die Achtelfinals, wo die Portugiesen in der Verlängerung gegen Kroatien reüssierten, ehe sie Polen in den Viertelfinals im Penaltyschiessen ausschalteten. Mit dem ersten Sieg nach 90 Minuten sicherte sich das Team von Fernando Santos nach einem 2:0 gegen Wales schon den Platz im Final in Paris gegen Gastgeber Frankreich (1:0 n.V), in dem sich Ronaldo früh verletzte und als Motivator an der Seitenlinie lange engagiert Anweisungen gab.
Auch die Demokratische Republik Kongo überstand die Gruppenphase beim Turnier an der Elfenbeinküste, ohne einmal gewonnen zu haben. Gegen Sambia und Turnierfavorit Marokko gab es je ein 1:1, zum Abschluss gegen Tansania reichte ein 0:0, um sich Platz 2 in der Gruppe F und damit ein Ticket in den Achtelfinals zu sichern. Dort wartete dann mit Ägypten trotz Abwesenheit von Mohamed Salah ein nächstes Schwergewicht, doch im Penaltyschiessen war den Kongolesen das Glück hold.
Goalie Lionel Mpasi-Nzau, der sein Geld in der zweiten französischen Liga bei Rodez verdient, sorgte mit dem neunten Versuch für die Entscheidung. Im Viertelfinal folgte dann mit dem 3:1 gegen Guinea der erste Sieg in der regulären Spielzeit, der gleichbedeutend war mit der erstmaligen Halbfinalqualifikation seit 2015, als es schliesslich für Rang 3 reichen sollte.
Der Florist an der Linie
Trainer Sébastien Desabre nahm nach diesem Premierensieg denn auch viel Positives mit, hob vor allem hervor, dass sein Team ungeschlagen in den Halbfinals stehe, und der 47-Jährige wagte die Behauptung, dass seine Mannschaft im Laufe des Wettbewerbs immer stärker werde. Seit anderthalb Jahren ist der Franzose im Amt für das Nationalteam des zweitgrössten afrikanischen Landes. Zuvor coachte er auch schon ein Klubteam aus Abidjan, und die ugandische Nationalmannschaft führte er 2019 am Afrika Cup bis in die Achtelfinals. «The Florist», der Blumenhändler, nannten sie ihn zu dieser Zeit.
Desabre steht für eine stabile Defensive und gute Organisation. Dass die aktuelle Nummer 67 der FIFA-Weltrangliste aber durchaus in der Lage ist, auch offensiv Akzente zu setzen, zeigte sich im Viertelfinal gegen Guinea. Yoane Wissa, der bei Brentford in der englischen Premier League spielt, ist mit zwei Treffern der beste Skorer für die Kongolesen in diesem Turnier, und Chancel Mbemba orchestriert die Defensive. Dem Innenverteidiger von Olympique Marseille gelang im Viertelfinal der wegweisende Treffer zum 1:1.
«Wir haben vorher selbst nicht daran geglaubt, dass wir es so weit schaffen würden», sagte Wissa nach dem Einzug in die Halbfinals. «Aber wir wussten, dass wir eine gute Mannschaft haben.» Es ist eine Mannschaft, der auch zwei Spieler mit Bezug zur Schweiz angehören: Meschack Elia von den Young Boys und Charles Pickel, der in Solothurn aufgewachsen ist und bei Cremonese in der italienischen Serie B engagiert ist.
Elia kam in jeder Partie zumindest zu einem Teileinsatz und konnte seine Qualitäten vorab gegen die grossen Nationen in Zählbares ummünzen: Gegen Marokko bereitete der 26-Jährige den einzigen Treffer vor, gegen Ägypten in den Achtelfinals besorgte er, der lediglich 1.73m misst, die Führung per Kopf. Mit seiner Schnelligkeit und Torgefahr, welche ihm im Januar die Auszeichnung zum Super-League-Spieler des Jahres einbrachten, wird er auch am Mittwoch gegen die Elfenbeinküste (21 Uhr) brillieren wollen.
Die Bedeutung für das Volk
Pickel wiederum debütierte erst im September 2023 für die Demokratische Republik Kongo. Mittlerweile ist er zwölffacher Nationalspieler für die «Leoparden» und im defensiven Mittelfeld gesetzt. Vor dem Turnier sprach der 26-Jährige davon, wie viel es ihm emotional bedeute, für das Heimatland seiner Mutter aufzulaufen. Der frühere Schweizer U-Nationalspieler, der im SFV alle Nachwuchsstufen durchlief, erzählte vom Krieg um Land, Ressourcen und Rohstoffe, der im Kongo schon seit Jahren herrscht und Millionen von Menschen das Leben gekostet oder zur Flucht gezwungen hat.
Pickel weiss, wie viel den Menschen ein Erfolg der Nationalmannschaft am Afrika Cup bedeuten würde. Vor dem Turnier stufte ein deutscher Wettanbieter die Chancen der Demokratischen Republik Kongo auf einen dritten Triumph nach 1968 und 1974 mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:35 ein. Gastgeber Elfenbeinküste ist von den verbliebenen Teams diesbezüglich der Favorit auf den Turniersieg (7,6) vor Nigeria (10). Südafrika (45) wird ein Coup noch weniger zugetraut als den Kongolesen.
Aber bei Trainer Sébastien Desabre ist der Glaube ungebrochen. Er sagt: «Es wäre dumm, wenn wir nicht an die endgültige Krönung glauben würden.» Vielleicht lässt sich Cristiano Ronaldo als Motivator einfliegen.