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Auch für diese Wirkungen tragen wir die Verantwortung. Anhand der oben erwähnten Beispiele dürfte klar werden, dass «die Verantwortung tragen» oder «verantwortlich sein» à priori weder positiv noch negativ ist. Es handelt sich um eine wertfreie Aussage.
Bei der Abklärung der Verantwortlichkeit betrachten wir jeweils eine bereits eingetroffene Wirkung, eine Folge oder ein Ergebnis und wir fragen, wer mit seinen Entscheidungen dazu beigetragen hat, dass dieses Ergebnis entstanden ist. Diejenigen Personen, welche mit ihren - bewusst oder unbewusst getroffenen - Entscheidungen dazu beigetragen haben, dass das vorliegende Ergebnis zustande gekommen ist, sind verantwortlich für dieses Ergebnis. Wir gehen also von einer Wirkung aus und fragen uns, welche Personen diese Wirkung direkt oder indirekt verursacht haben.
Betrachten wir drei weitere Beispiele:
- Das Geschirr vom Mittagessen steht am Abend immer noch auf dem Tisch. Wer trägt die Verantwortung dafür? Wer hat gegessen, hätte jemand abräumen sollen und falls ja, wer?
- Der Säugling im Kinderwagen trägt Handschuhe. Wer ist verantwortlich dafür, d.h. wer hat sie ihm angezogen oder nicht ausgezogen?
- Ein Mann isst heute Mittag Spaghetti in der Kantine. Wer ist verantwortlich dafür, dass er Spaghetti isst?
Wir haben bewusst drei nicht sehr spektakuläre Beispiele gewählt, um zu verdeutlichen, dass wir wirklich für alles, was wir tun oder lassen verantwortlich sind. Wir müssen dabei ganz klar unterscheiden zwischen Haftung und Verantwortung: Das Wort Haftung verwenden wir in der Regel im Zusammenhang mit negativen Ereignissen zur Abklärung der Schuldfrage. Verantwortung ist aber viel umfassender, es geht nicht um eine Schuld, sondern um die Frage, wer mit seinen Entscheidungen zu einem bestimmten Ereignis beigetragen hat.
Es ist zudem unmöglich, sich der Verantwortung auf irgend eine Art und Weise zu entziehen oder eine Verantwortungsversicherung analog der Haftpflichtversicherung dafür abzuschliessen. Sobald eine Entscheidung von uns zum Ergebnis beigetragen hat, sind wir persönlich verantwortlich dafür (siehe unten). Ob andere Personen ebenfalls zum Ergebnis beigetragen haben, spielt für die Betrachtung unserer Verantwortung keine Rolle. Dazu ein weiteres Beispiel:
Eine Person stürzt auf dem Gehsteig und bleibt liegen. Die ersten 3 Passanten sehen die am Boden liegende Person und gehen ohne etwas zu unternehmen weiter. Die vierte Person, welche zufällig vorbei kommt, hilft der gestürzten Person wieder auf die Beine.
Die ersten drei Passanten haben nicht gehandelt, sie sind verantwortlich für ihr Nicht-Handeln. Die vierte Person hat entschieden etwas zu unternehmen, sie ist verantwortlich für die Art und Weise wie sie gehandelt hat. Damit ist nicht etwa gesagt, die ersten drei Personen hätten falsch und die vierte Person hätte richtig gehandelt. Bei der Frage nach der Verantwortung geht es nicht um richtig oder falsch, sondern lediglich um die Frage, wer mit seinen Entscheidungen zu einem Ergebnis beigetragen hat. Man sucht nach den Personen, welche eine bestimmte Wirkung, ein bestimmtes Ereignis oder ein bestimmtes Ergebnis (mit-)verursacht haben. Dies ist völlig unabhängig davon, ob die betrachtete Wirkung aus unserer Sicht positiv oder negativ war. Es geht nur darum, wer mit seinen Entscheidungen zu dieser Wirkung beigetragen hat.
Zwischen der Entwicklung einer Person und den Entscheidungen, für welche diese Person verantwortlich ist, besteht ein enger Zusammenhang: Wir haben in den vorhergehenden Kapiteln die persönliche Entwicklung zu Harmonie und Ruhe mit dem Bau einer Pyramide verglichen. Stein für Stein setzen wir an seinen Platz und bauen dadurch die Pyramide auf. Die Bausteine dieser Pyramide sind die Handlungen und Entscheidungen, für welche wir persönlich verantwortlich sind. Respektieren wir die Grundrechte des Seins bei unseren Handlungen und Entscheidungen, so entstehen zusätzliche Bausteine, welche wir einsetzen können. Verletzen wir die Grundrechte des Seins, so geschieht genau das Gegenteil: Bereits eingesetzte Bausteine fallen heraus, wir müssen uns die entsprechenden Eigenschaften und Fähigkeiten zum Leben der Grundrechte des Seins in jenen Situationen noch aneignen, damit die Pyramide repariert bzw. weiter gebaut werden kann.
Wir müssen aber nochmals betonen, dass Bausteine für unsere Pyramide nur entstehen können aus Entscheidungen, für welche wir persönlich verantwortlich sind. Diese Betrachtung über die Verantwortung soll deshalb keinesfalls zur Passivität animieren nach dem Leitsatz «ich will für möglichst wenig verantwortlich sein». Eine solche Passivität würde die persönliche Entwicklung bremsen und keinesfalls fördern. Nur unsere eigene Aktivität kann uns bei gleichzeitiger Einhaltung der Grundrechte des Seins weiterentwickeln. Für je mehr Entscheidungen wir verantwortlich sind, desto grösser sind grundsätzlich unsere Entwicklungschancen! Wir werden in den kommenden Abschnitten deshalb diskutieren, unter welchen Bedingungen es sinnvoll ist, eine Aktivität auszuführen bzw. wann man diese unterlassen sollte. Im wesentlichen geht es darum, unsere Entwicklungschancen den Entwicklungsrisiken gegenüberzustellen.
Die Abklärung der Verantwortung kann uns helfen im nachhinein herauszufinden, ob wir die Grundrechte des Seins in einer gegebenen Situation respektiert oder verletzt haben. Als wesentlich wichtigerer Aspekt soll es uns aber die Abklärung erlauben, wie weit wir für unser Verhalten und dessen direkte und indirekte Folgen verantwortlich sind. Wie wir weiter oben gesehen haben, wird unsere Zukunft beeinflusst durch alles, wofür wir verantwortlich sind. Wie weit sollten wir deshalb bei unseren Entscheidungen vorausdenken? Durch die starke Verknüpfung auf der Erde könnte wohl jedes der bisher verwendeten Beispiele beliebig weiter entwickelt werden, so dass die auslösende Person nach einer gewissen Zeit für alles, was auf der Erde geschieht verantwortlich wäre!
Nehmen wir als Beispiel nochmals den Mann, welcher am Mittag in der Kantine Spaghetti isst: Er spritzt Sauce auf sein Hemd, das Hemd wird mit Waschmittel gewaschen, welches die Gewässer belastet, das belastete Wasser gelangt ins Meer und dadurch in die Nahrungskette. Vom Meer verdunstet das Wasser und fällt später in Form von Niederschlägen irgendwo auf der Erde wieder aus. Nach einer gewissen Zeit wird praktisch die ganze Erde in irgend einer Form davon betroffen bzw. beeinflusst sein. Und alles nur, weil dieser Mann an einem bestimmten Tag Spaghetti gegessen hat!
So schlimm kann es aber auch nicht sein, irgendwo müssen unserer Verantwortung Grenzen gesetzt sein. Wo diese Grenzen sind und wie wir unsere eigenen Grenzen der Verantwortung finden und verändern können, wollen wir auf den nächsten Seiten diskutieren.