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Am 13. Mai 1896 um 19.05 Uhr Ortszeit erfand Buddy Bolden in New Orleans den Jazz.
So kalauerte das Fachmagazin Jazzthing. Das ist gehobener Unsinn. Zwar sagt man vom Kornettisten Charles Joseph alias «Buddy» Bolden, er sei der allererste Bandleader des Jazz gewesen. Und tatsächlich war seine Band in New Orleans sehr beliebt. Doch was immer sie an diesem Tag erfunden hat, es wird wohl kaum der Jazz gewesen sein.
Der Jazz hat nicht einen, er hat zahllose Väter. Da waren die schwarzen Sklaven mit ihren Gesängen auf den Baumwollplantagen der amerikanischen Südstaaten, da waren die Marching Bands und die Brass Bands, die mit der Improvisation das wohl wichtigste Stilmittel mitbrachten, und da waren die Solisten mit ihren synkopischen Melodien, die – leichtfüssig, spielerisch – den Akzent von den schweren Schlägen auf die unbetonten, den sogenannten off-beat, verschoben.
Das Wort jazz taucht gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf: in den Bordellen von New Orleans, die – neben käuflicher Liebe – auch Musik und Tanz anboten. To jazz around war schwarzer Slang, der nichts anderes hiess als Geschlechtsverkehr.
Woher das Wort Jazz kommt, ist unklar – man spekuliert über kongolesische oder kreolische Wörter für Anstrengung, Antrieb, Energie, aber Gewissheit hat man keine. In der Musik taucht das Wort «Jazz» erst 1913 auf, und spätestens 1917, mit dem Erfolg der «Original Dixieland Jazz Band» und deren Tiger Rag und Saint Louis Blues, trat der Jazz seinen Siegeszug an.
Die vulgäre Herkunft ging rasch vergessen. Wie schrieb doch 1924 ein Kritiker:
Wüssten wir die Wahrheit über den Ursprung, kein anständiger Mensch würde es wagen, das Wort jazz in den Mund zu nehmen.