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Körnerleguminosen werden zwar mehrheitlich in armen Ländern gegessen. Trotzdem wird ein Grossteil davon in reichen Staaten produziert, vor allem in Kanada. Kanada ist der weltgrösste Produzent und Exporteur von Trockenerbsen und Linsen. Ein Drittel der weltweit produzierten Erbsenmenge stammt von dort, bei Linsen ist der Anteil sogar noch grösser.
Fasst man die Produktion aller Körnerleguminosen weltweit zusammen, hält Kanada einen Anteil von acht Prozent und landet damit auf Platz zwei der Weltrangliste. Den ersten Platz hat Indien inne. Indien ist der grösste Produzent, der grösste Verbraucher und der grösste Importeur von Körnerleguminosen überhaupt. Die Anbaufläche in Indien beträgt rund 24 bis 26 Millionen Hektar. Die Produktion liegt bei 17 bis 19 Mio. Tonnen.
Damit stellt Indien mehr als ein Drittel der gesamten Anbaufläche und mehr als 20 Prozent der gesamten Weltproduktion bei Körnerleguminosen. Für die Mehrheit der vegetarischen Bevölkerung sind sie die wichtigste Proteinquelle. Trotz der hohen Inlandproduktion muss Indien noch 30% der Welternte zukaufen, mit steigender Tendenz, da die Bevölkerung wächst, die Inlandproduktion aber hinterherhinkt. Andere "Cash-Crops" wie Baumwolle, Mais und Soja (zur Ölproduktion) sind für die Bauern wirtschaftlich und von der Ertragssicherheit her attraktiver. Die Abhängigkeit vom Ausland ist folglich gross. Das hat dazu geführt, dass die indische Regierung Exportbeschränkungen eingeführt hat.
Während die Inder fast die gesamte kanadische Linsenernte aufkaufen, werden die kanadischen Erbsen überwiegend nach China geliefert. Damit sind auch gleich die beiden grössten Importeure von Körnerleguminosen der Welt genannt: Indien und China. Bei den Linsen spielen neben Indien auch noch Ägypten und die Türkei als Importeure eine wichtige Rolle. Bei den Erbsen stellt sich Bangladesch als grosser Importeur neben Indien und China. Auch Kichererbsen besorgt sich Bangladesch in grossen Mengen auf dem Weltmarkt.
Im Export übertrumpft Kanada alle Länder. Die USA spielen beim Export von Erbsen ebenfalls eine gewisse Rolle. Der Export von Kichererbsen wird von Australien dominiert, gefolgt von Russland. Auch Linsen werden in Australien für den Export angebaut, verglichen mit Kanada spielt Australien aber zusammen mit dem von den USA dabei eine eher bescheidene Rolle. 70% der weltweit gehandelten Linsen stammten 2014 aus Kanada.
Der weltweite Handel mit Körnerleguminosen ist etwa halb so bedeutend wie der weltweite Handel mit Reis. Im Jahr 2014 wurden weltweit rund 14 Mio. Tonnen Körnerleguminosen über Grenzen hinweg gehandelt. Bis 1980 lag die weltweite Produktion von Körnerleguminosen bei rund 48 Mio. Tonnen. Seither ist sie auf rund 80 Mio. Tonnen gestiegen. In Kanada stieg die Produktion in den letzten 35 Jahren von nahezu Null auf gut 6 Mio. Tonnen an (2015). Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen, denn die Preise sind gut und der Absatz ebenfalls.
Vergessene Kulturen
In Vergessenheit geratene, vernachlässigte oder wenig genützte Kulturpflanzen werden oft als "Neglected" oder "Orphan Crops" bezeichnet. Es sind meistens Kulturen, die zwar lokal eine Bedeutung haben, deren Früchte aber nicht international gehandelt werden. Bei Körnerleguminosen sind das z.B. Helmbohnen (Lablab purpureus), Erdbohnen (Kerstingiella geocarpa), Yambohnen (Pachyrhizus spp.), Ackerbohnen (Vicia fava), Mungbohnen (Vigna radiata), Bambara Erdnuss (Vigna subterrane) und andere mehr. Solange kein kommerzielles Interesse hinter diesen Kulturen steht, werden sie kaum erforscht und gezüchtet. Anpassungen an veränderte Umweltbedingungen sind deshalb schwierig bis unmöglich. Neue Schädlinge und Krankheiten, Klimaveränderungen, Bodendegradation etc. führen bei Orphan Crops in der Regel direkt zu verminderter Produktivität. Das ist vor allem dann problematisch, wenn diese Kulturen lokal eine wichtige Rolle in der Ernährung spielen. Es ist aber auch tragisch, weil mit jeder nicht mehr genutzten Kultur die genetische Vielfalt sinkt.
Weltweit gibt es mehr als 50'000 Arten essbare Pflanzenarten. Die Züchtung und Forschung hat sich in der Vergangenheit jedoch in erster Linie auf Weizen, Mais, Reis und Soja konzentriert. Es liegt also noch enormes Potential brach, vor allem bei Körnerleguminosen, die oftmals sowohl dürre- als auch frosttolerant sind, was in Zeiten des Klimawandels von Vorteil sein kann. Dass sich Investitionen in diesem Bereich durchaus lohnen können, zeigt das Beispiel Kanada. Dank gezielten Züchtungs- und Forschungsprogrammen ist das Land heute der zweitgrösste Produzent von Körnerleguminosen weltweit und generiert mit dem Export dieser Kulturen rund 3 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr.
Quelle: Factsheet Orphan Crops, iyp2016.org
Kanadische Analysten erwarten, dass 2016 für gelbe Erbsen und rote und grüne Linsen fast die doppelten Preise des Vorjahres bezahlt werden dürften. Die Nachfrage hängt in hohem Mass von der Inlandproduktion in Indien ab.
Diese wird sehr stark vom Monsun beeinflusst: Regnet es zur rechten Zeit in der idealen Menge, steigt der Selbstversorgungsgrad an und die Nachfrage nach den Importen sinkt. In den letzten Jahren war häufig das umgekehrte der Fall: Der Monsun blieb aus oder kam zu spät und Indien musste mehr importieren als vorgesehen. So wie es aussieht, reicht die letztjährige Ernte in Indien nicht aus und es müssen Lager abgebaut werden müssen. Statt den angestrebten 20 Mio. t soll Indien in der letzten Saison nur 16,76 Mio. t Körnerleguminosen geerntet haben.
Das treibt die Preise in die Höhe und freut die Körnerleguminosen-Produzenten in Kanada, USA und Australien, die ihre Flächen ausdehnen. Das ist nicht ganz ohne Risiko: Falls die Winterernten in Indien (wider Erwarten) gut ausfallen sollten, kämen die Weltmarktpreise massiv unter Druck.
Züchtung als Schlüssel zum Erfolg
Dass Kanada im Export von Körnerleguminosen so stark ist ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer klaren Fokussierung auf hohe Erträge. Während der weltweite Durchschnitt bei Linsen rund 820 kg Körnern pro Hektar Ertrag beträgt, werden in Kanada im Schnitt 1900 kg/ha gedroschen. In Indien werden dagegen nur 600 kg/ha geerntet, also ein Drittel der kanadischen Menge. In Frankreich liegen die Linsenerträge zum Vergleich bei 1600 kg/ha, in Italien bei 800 kg/ha und in China bei 2200 kg/ha. Auch bei Kicherbsen kommt Kanada auf 2300, Indien dagegen nur auf 900 kg/ha Durchschnittsertrag.
Seit den 1970er Jahren werden Erbsen und Linsen in Kanada intensiv züchterisch bearbeitet, seit ein paar Jahren gibt es auch Zuchtprogramme für trockene Bohnen, Kichererbsen und Ackerbohnen. Die Zuchtarbeit wird vielfach am staatlichen Crop Development Centre an der University of Saskatchewan durchgeführt. Dabei wird die Pflanzenschutzforschung von BASF unterstützt während Unternehmen wie Novozymes bei der Entwicklung von Rhizobienimpfung Hand bieten.
Die züchterisch verbesserte Trockenheits- und Frosttoleranz von Kichererbsen und Linsen machten den Anbau in den Prärieprovinzen Saskatchewan und Alberta überhaupt erst wirtschaftlich. Trockenerbsen wurden und werden dagegen auf fruchtbaren Standorten angebaut, wo sie mit Weizen konkurrieren. Dort dürfte die starke Ausdehnung des Körnerleguminosen-Anbaus auch mit der Abschaffung des Western Grain Transportation Act (WGTA) zusammenhängen.
Bis Mitte der 90er Jahre subventionierte Kanada mit dem WGTA den Transport auf dem kanadischen Eisenbahnnetz. Als diese Subvention wegfiel verdreifachten sich die Transportkosten. Damit wurden Körnerleguminosen attraktiver, weil die höheren Transportkosten bei ihnen relativ gesehen weniger ins Gewicht fallen. Der Wert pro Volumeneinheit ist viel höher als der Wert derselben Menge Weizen oder Raps.
Auch Australien hat stark in Züchtung investiert und sich auf die Verbesserung im Linsenanbau fokussiert. Das zahlt sich jetzt aus, denn die Linsenpreise befanden sich in den letzten Jahren, speziell 2014 und 2015 im Allzeithoch.
In Europa und der Schweiz werden Körnerleguminosen züchterisch kaum bearbeitet. Bis in die Nachkriegsjahrzehnte hatten Hülsenfrüchte noch einen festen Platz im Zuchtgarten des Versuchsguts Oberhof-Rossberg, das vom Institut für Pflanzenbau und Landtechnik betrieben wurde. Später wurden Hülsenfrüchte an der ETHZ im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe untersucht. Das 1993 an der ETH Zürich gegründete Zentrum für Internationale Landwirtschaft fördert zwar mehrere Forschungsprojekte über Hülsenfrüchte, aber nur in Entwicklungs- und Schwellenländern.
In Europa begrenzt sich der Anbau von Körnerleguminosen auf ein Nischendasein. Viel früheres Wissen ging verloren. Das Know-How für Ernte, Sortierung, Reinigung und Vermarktung fehlt weitgehend und muss erst wieder mühsam neu erarbeitet werden.