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Vom bekannten Seebacher Primarlehrer und Hobbyfotografen August Muggler ist überliefert, dass er nach etwa 1930 ein Zehnderli fuhr. Dabei war er in Seebach nicht der einzige, sondern einer unter mehreren. Darum wird das Zehnderli in der OGS als Beitrag aufgeführt. Das Zehnderli war ein Produkt des Aargauer Mechanikers und Konstrukteurs Jakob Zehnder und seinen Söhnen aus Gränichen bei Aarau, welche im Herbst 1923 auf der Basis eines deutschen Leichtkraftrades einen eigenen, kleinen Töff entwickelten, der etwa 50 kg wog. Das Normalzehnderli war sozusagen ein relativ schweres Leichtmotorrad, welches von der Konstruktion her die Entwicklung des Mofas in den 1960er Jahren um mehrere Jahrzehnte vorweg nahm. Vom Zehnderli findet man unter "Google Bilder" eine grosse Anzahl Fotos, welche einen guten Eindruck vermitteln, wie das Töffli des Seebacher Lehrers August Muggler ausgesehen hat.
J. Zehnder & Söhne AG und das Zehnderli
Seit 1895 stellte Jakob Zehnder verschiedene Produkte her, reparierte und handelte mit Velos, Nähmaschinen usw. Ab 1912 nannte sich die Firma dann J. Zehnder & Söhne und noch später wandelte er seine Firma in eine AG um. Der Handel erfolgte mit Adler-Velos. Der Bau von Leichtmotorrädern kam erst gegen Ende 1923 in Fahrt, war dann aber so erfolgreich, dass Zehnder seinen kleinen Töff in Serie bauen konnte. Zehnderli siegten an den damals sehr beliebten Bergrennen fast immer oder waren doch in den ganz vorderen Rängen platziert und zwar gegen harte deutsche und schweizerische Konkurrenz. Ein Zehnderli gewann die 6-Tagefahrt Paris-Nizza von 1926 und 1927. Beim Staufbergrennen 1926 gewannen in der Klasse bis 125 ccm gleich drei Zehnderli. Die Fahrer hiessen 1. Otto Graf, 2. C. Sager, 3. Walter Widmer. Vom Seriensieger Otto Graf aus Gränichen gibt es noch einen Foto, welche demnächst nebenan publiziert wird. Otto Graf meinte einmal, dass das Zehnderli seine Erfolge vor allem wegen seiner Leistung an Steigungen errungen hat. Weitere erfolgreiche Fahrer waren Ernst Zehnder, Jean Jenny und Otto Zehnder. Jakob Zehnder zog sich ab 1921 schrittweise aus dem Geschäft zurück und starb 1939.
Woher stammte der Motor des Zehnderli?
Der von Zehnder für sein Kleinmotorrad gebaute 112 cm³-Motor war ein verbesserter Nachbau eines Motors der Firma Friedrich Gockerell in Nürnberg, von welchem die Zehnders bei einem Aufenthalt in Deutschland im Jahre 1923 ein Motorrad erwarben.
Die technischen Daten
Auch das Zehnderli selbst basierte auf diesem Motorrad, erfuhr aber so erhebliche Verbesserungen, dass es nicht mehr ein Nachbau, sondern eher ein Neubau war. Der Motor war ein luftgekühlter Zweitakter mit 112 cm³ Hubraum und einer Leistung von 2.25 PS. Manche Publikationen sprechen auch von 110 ccm oder gar von 115 ccm. Von diesem Motor wie auch vom Benzintank konnte ich kürzlich Fotos machen, welche ebenfalls demnächst nebenan gezeigt werden. Der Verbrauch lag bei ruhiger Fahrt bei 2 Litern/100 km. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 55 bis 65 km/h. Es hatte eine Bosch-Magnetzündung, 2 Gänge und schaffte Steigungen von bis gegen 20%. Die Kraftübertragung vom Motor zum Hinterrad erfolgte mit einem Keilriemen. Gebremst wurde mit einer Klotzbremse. Die Beleuchtung erfolgte mit einer Karbidlampe und es gab keine Fussrasten, sondern grosse Trittbretter. Die braune Ledertasche auf dem Packträger scheint ein Zubehörteil gewesen zu sein, das aber von einem anderen Hersteller stammte. Immerhin habe ich bereits drei solche Taschen bei verschiedenen Besitzern ausmachen können.
Das kleine Zehnderli wurde laufend verbessert, ab 1927 hatten die Zehnderli keinen Keilriemenantrieb mehr, sondern eine Kette mit Kettenschutz, eine elektrische Beleuchtung und auf Wunsch ein Dreiganggetriebe. Die Trittbretter wurden durch Fussrasten ersetzt. Es waren die gleichen oder sehr ähnliche Bauteile wie man sie auch am 250 ccm-Modell verwendete. Es bekam einen Dynamo, welcher das Rücklicht mit Strom versorgte. Die Jahresproduktion betrug meist mehrere hundert Exemplare. Im Spitzenjahr 1926 waren es gar 1500 Stück.
Die Modelle und Preise
Es gab sowohl Damen- wie Herrenmodelle, was darauf zurückzuführen war, dass sich die Konstruktion des Zehnderli noch stark am Velo orientierte. Das Damenmodell wurde gerne von Hebammen, Pfarrern usw. gefahren, welche wegen ihrer Kleidung auf das bequemere Aufsteigen angewiesen waren. Alle kleinen Zehnderli verliessen die Werkshallen in schwarzer Farbgebung. Erst die letzten Modelle hatten dann auch einen roten Rahmen. Vom 112 ccm-Modell gab es 1927 mehrere Varianten: Das Modell Paris-Nizza in Touren-Ausrüstung für 885 Franken, das Modell Paris-Nizza in Sport-Ausrüstung für 725 Franken, das Damen-Modell für 885 Franken und das Modell Export für 650 Franken.
Das grössere Zehnderli
Im Mai 1928 erschien erstmals ein grösseres Modell mit einem 250 ccm-Motor. Es litt anfänglich noch an einigen Kinderkrankheiten, sodass die Produktion noch nicht hochgefahren werden konnte. Als diese Mängel behoben waren sorgte dann die Weltwirtschaftskrise dafür, dass das Modell nur wenig nachgefragt wurde. So schlecht, wie man gelegentlich liest, war das grosse Zehnderli mit Sicherheit nicht, denn am Klausenpassrennen von 1929 erzielte Otto Zehnder damit den 2. Platz. Von diesem Zehnderli gibt es bei einem Sammler in Staufen bei Lenzburg noch ein Exemplar, welches sehr schön restauriert wurde. Eine Foto folgt in nächster Zeit nebenan. Der Zylinder des Zweitaktmotors war leicht nach vorne geneigt und luftgekühlt. Der Antrieb erfolgte über eine Kette zum Hinterrad. Es hatte ein Dreiganggetriebe von Hurth. Der Auspuff war verchromt, der Tank wanderte nach oben, so wie bei den meisten anderen Motorrädern. Die Lenkstange, der Sattel und der Packträger wurden vom kleinen Zehnderli übernommen. Der Rahmen glich nun demjenigen anderer Motorräder und hatte keine Merkmale mehr von einem Velo. Die Vorderradgabel wurde aus Pressstahl hergestellt und es bekam ab 1936 Trommelbremsen. Es hatte eine moderne elektrische und keine Oldtimerhupe mehr.
Das Ende der Produktion der beiden Zehnderli
Da ab 1929 wirtschaftlich harte Zeiten anbrachen, mussten die Gebrüder Zehnder 1930 die Firma ihren Gläubigern überlassen. Die Zehnderli wurden von einem Nachfolgeunternehmen namens Maschinenfabrik Gränichen AG unter der Führung von Alfred Gautschy noch 9 Jahre lang mit sinkenden Verkaufszahlen weiterproduziert, doch lief die Produktion beider Modelle um 1939 aus, da beide Zehnderli als veraltet galten. Die Maschinenfabrik Gränichen AG hat im März 1932 zwar noch die Betriebseinrichtungen und das Warenlager der A.G. für Motorfahrzeuge in Schleitheim AG , sowie die Marken- und Produktionsrechte für die Motorräder der deutschen Marke "Standard" in der Schweiz übernommen, doch auch diese Motorräder wurden nach 1939 nicht mehr produziert. Wie es scheint, hat man sich schlicht und einfach ganz vom Motorradbau verabschiedet, in weiser Voraussicht, dass während des Krieges das Benzin rationiert und der Verkauf von neuen Motorrädern fast auf null sinken würde.
Die Zehnderli als Oldtimer
Obwohl Zehnderli heute als Oldtimer eine grosse Rarität sind, sah man am Oldtimer Grand Prix Safenwil vom 3. September 2005 auf dem Areal der Emil Frey AG gleich zwei der seltenen Exemplare des kleinen Modells. Zwei weitere befanden sich 2021 im Besitze einer Mechanischen Werkstätte im Steinhausen ZG und eines bei einem Sammler in Staufen. Angeblich sollen etwa 80 kleine Zehnderli bis heute überlebt haben, davon soll auch die Firma Zehnder eine grössere Sammlung besitzen. Vom grossen Zehnderli sind mir bis jetzt erst zwei überlebende Exemplare bekannt.
Das Sternmotor-Zehnderli
Das Gerücht von einem Zehnderli mit Sternmotor ist ein Irrtum und dürfte wohl auf eine Verwechslung zurückzuführen sein. Inzwischen stiess ich auf ein Motorrad namens Pax, welches von 1916 bis um 1918 herum durch Friedrich Gockerell gebaut und im Hinterrad von einen Dreizylinder-Sternmotor angetrieben wurde. Es wurde später von Fritz Gockerell und dem Geldgeber Johann Meixner als Mego mit eben diesem Motor weiterentwickelt. Es dürfte daher viel eher so gewesen sein, dass allenfalls ein Bastler ein Serien-Zehnderli mit einem alten Pax- oder Mego-Motor ausgestattet hat, welches damit nur ein Einzelstück warund mit der Firma Zehnder nichts zu tun hatte.
Epilog
Die Maschinenfabrik Gränichen AG spezialisierte sich nun auf die Heiztechnik und existiert immer noch. Sie legte sich wieder den alten Namen zu, nennt sich heute Zehnder Group AG und ist weiterhin in Gränichen angesiedelt.
Quellen: - Werner Schönenberger jun. (Hinweis auf den Seebacher Fahrer Muggler) - Wikipedia (Kurzportrait der Firma + technische Details, Zehnderli + Megola) - Ruedi Fischer, Staufen (gab mir die Gelegenheit zum Fotografieren), - www.dream-cars.ch (Hinweis auf Damen- und Herrenmodell + Fotos) - Friedrich Gockerell, Nürnberg unter http://www.meisterdinger.de/kon/gockerell/index.htm - Wikipedia, unter Cockerell, Gockerell und Zehnder - http://www.cockerell.de/05%20PAX.htm - https://www.baulinks.de/webplugin/2020/1304.php4 (hier findet man eine sehr schöne, Farbaufnahme eines Zehnderlis) - Forum für Oldtimer: https://pantheonbasel.ch/de/carfinder.html?detailUUID=e85a0df2-07ad-4ef6-b14b-de761d418855 (hier findet man einen erstklassigen Bericht über das Töffli samt toller Foto) - Bericht in Finanz & Wirtschaft 19.6.2018 zum 125-Jahr Jubiläum von Zehnder - Pantheon, Basel