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AUF DER SPUR ODER NEBEN DER SPUR
Der Unbekannte war ziemlich ausser Atem, als er das Ende des Fischerhölzli-Tunnels erreichte. Er schleppte sich so lange den Bahngeleisen entlang, bis er den vereinbarten Treffpunkt auf deutschem Gebiet erreichte. Er zückte sein Handy, wählte die letzte gewählte Nummer und legte wieder auf. Ein paar Sekunden verstrichen als in der stockdunklen, vernebelten Nacht zwei Autoscheinwerfer aufblinkten. Er huschte zum schwarzen Van, öffnete die Beifahrertüre und kletterte ins Auto. «Alles ok?», fragte der Fahrer, ohne den Kopf zum Unbekannten umzudrehen. «Alles ok», erwiderte dieser und nickte in die Dunkelheit. «Dann maile es. Jetzt!» Der Fahrer sprach in einem Befehlston und der Unbekannte zückte ein Notebook, verband mit einer Nachtsichtkamera, welche er aus seiner Jackentasche zückte, ein USB-Kabel und lud die Dateien von der Kamera auf das Notebook. Der Fahrer sprach weiter im Kommandoton auf ihn ein: «Nächste Phase eingeleitet?» Etwas entnervt zischte der Unbekannte zurück: «Ja, was denkst du denn. Pakete abgeschickt. Wie geplant.» Die Dateien waren zwischenzeitlich auf dem Laptop und er öffnete ein eine neue Mailnachricht. In die Empfängerzeile fügte er ein: <email-pii> und <email-pii>! In das Betreff Feld schrieb er: «Das ist erst der Beginn – wir entfernen!» Er fügte eine Film-Datei in den Anhang der Mailnachricht und versendete diese über das verschlüsselte Mailprogramm. Er klappte sein Notebook zu. «Auftrag ausgeführt», sprach er mit ruhiger Stimme. Er griff zum Sicherheitsgurt und schnallte sich an. Der Fahrer drehte den Zündschlüssel im Schloss und startete den Motor. Der Diesel sprang klopfend an. Er legte die Automatik in die «D» Position und fuhr ohne Licht langsam dem Feldweg zurück auf die Hauptstrasse. Dort schaltete er das Abblendlicht ein und fuhr in Richtung Altenburg und dann weiter nach Jestetten ehe der Van über Nebenstrassen in Richtung Klettgau der Nacht entschwand.
Es war bitterkalt und die Feuchtigkeit kroch durch Reto Hein’s Wachsjacke. Er hatte sich aus seinem Land Rover die Gummistiefel geschnappt und diese mit seinen Timberlands getauscht. Fabienne Pfammatter trug immer noch ihre schwarz-weiss gestreiften Gummistiefel. Der Nebel hatte sich gelichtet und der gefallene Schneematsch hatte sich in eine rutschige Masse verwandelt. Hein taumelte vom Rheinfallquai die Böschung hinunter durch die Hecke. «Vorsicht», rief her Fabienne zu und streckte ihr hilfsbereit die Hand entgegen. Pfammatter ergriff Retos Hand. Ihre knallrot lackierten Fingernägel glänzten als sie galant die Hand wieder losliess. Hein kniff die Augen zusammen und musterte sie von der Seite. «Was ist?», grinste sie ihn an. «Nix», entgegnete Hein und biss sich dabei auf die Backenzähne und verkniff sich ein schelmisches Grinsen. «Was suchen wir hier eigentlich noch Reto?» fragte sie fordernd. Just in diesem Moment vibrierten und klingelten ihrer beiden Handys gleichzeitig. Instinktiv griffen beide sofort in ihre Jackentaschen und zückten die Mobiltelefone. «NEUE MAIL-NACHRICHT» stand auf den Displays. Verdutzt kreuzten sich ihre Blicke und sie hielten sich gegenseitig ihr Telefon unter die Nase. Pfammatter öffnete ihr iPhone X mit einem Fingerwisch nach oben. Die Gesichtserkennung gab ihr Handy frei. Hein tat dasselbe und sie öffneten das Mailprogramm und tippten auf die neue Nachricht mit dem Absender «FLYING ANGEL». In der Betreffzeile stand: «Das war erst der Beginn – wir entfernen!» Fabienne Pfammatters und Reto Heins Blick kreuzte sich kurz, ehe sie ihre Köpfe wieder senkten. Kein weiterer Text nur eine Filmdatei im Anhang. «Nicht öffnen», schrie Hein. Doch es war schon zu spät. «Uups», sagte sie mit zuckenden Schultern und hielt Hein den Bildschirm hin. Sie hatte bereits draufgeklickt. Es öffnete sich das Filmprogramm und die beiden schauten gebannt auf das Display. Eine gespenstische Szenerie in grün präsentierte sich und sie brauchten einen Moment um zu begreifen, dass die Aufnahme nur ein paar Stunden alt war. Es zeigte die Szenerie am Rheinfallbecken in den frühen Morgenstunden. Gefilmt mit einem Nachtsichtgerät, weshalb alles in grün-schwarz zu sehen war. Man sieht im Hintergrund den Rheinfall. Dann wird das Bild wie von Blitzen immer wieder unterbrochen. Das Blaulicht der Polizei und der Rettungswagen störte die Aufnahme und beruhigte sich erst wieder, als diese abgeschaltet wurden. Die heraneilenden Polizisten waren ebenso zu erkennen wie auch das Rettungsteam. Immer wieder schwenkte die Kamera vom eigentlichen Schauplatz weg nach links und man sah das menschenleere Quai. Zwischendurch zoomte der Filmer auch nahe zum Rheinfall und dem Mittelfelsen um dann gleich wieder auf die arbeitenden Rettungskräfte zu halten. Zuerst in der Totale. Und plötzlich zoomte der unbekannte Kameramann auf den Torso und hielt drauf. Ein Untertitel erschien: «FLYING ANGEL – wir entfernen». «Hüereschissdräck», entfuhr es Fabienne Pfammatter. Hein legte beruhigend die Hand auf ihre Schulter. Sie liess es zu. Zwischenzeitlich zoomte die Szenerie wieder auf und man sah wie der Gerichtsmediziner sich an der Leiche zu schaffen machte. Wieder ein Kameraschwenk. Dieses Mal auf die rechte Seite. Man überblickte den Rheinfallplatz mit dem Pavillon von Schaffhauserland Tourismus und sah im Hintergrund die markanten Umrisse vom Schlössli Wörth. «Kannst Du mir sagen was das soll», fragte Pfammatter ohne vom Handy aufzuschauen und Hein antwortete: «Keine Ahnung, aber schauen wir weiter». Sie bemerkten nicht einmal, dass sie mit ihren Gummistiefeln im eiskalten Rheinwasser standen. Zwischenzeitlich schielte Reto Hein immer wieder in Richtung der Feuerstelle oberhalb vom Rheinfallquai und versuchte einen Standort zu suchen wo der unbekannte Filmer gestanden haben könnte. Später, dachte er und senkte wieder den Blick auf das Handy. Man sah jetzt wie kurz nacheinander zuerst ein Tesla und einige Sekunden später ein Land Rover auf den Rheinfallplatz fuhren und Fabienne Pfammatter und Reto Hein ausstiegen. «Scroll mal vor», sagte Hein zu Pfammatter. «Das kennen wir ja schon. Ich will sehen wie lange der Hurensohn den Arsch hatte mit der Kamera draufzuhalten.» Sie scrollte im Schnelllauf weiter das Video ab, bis ans Ende. Hob den Kopf und sagte: «Noch satte vier Minuten.» Hein wechselte auf seinem Handy vom Mailprogramm auf den Telefonmodus und tippte in der Favoritenliste auf «SPUSI». «Hier ist Reto. Kommt bitte sofort nochmals ans Rheinfallquai. Mit den Hunden.» Ohne eine Antwort abzuwarten legte er auf und liess seinen Blick schweifen, während Fabienne Pfammatter die E-Mail Nachricht an den technischen Dienst weiterleitete. Mit dem Hinweis das Videomaterial genauestens zu analysieren.
Der dunkle Van mit den zwei unbekannten fuhr nördlich von Jestetten auf Nebenstrassen durch den Frankengraben und überquerte die grüne Grenze zwischen dem Lauffer- und dem Rossberg. Durch den Wald fuhren sie durch das Ergoltingertal und kamen auf die Hauptstrasse, bogen links ab in Richtung Neunkirch und bogen dann dort rechts ab nach Löhningen. In Beringen bog der schwarze Van links ab und verschwand im Lieblosentaal. Auf dem Bauernhof «Chäsergass» sass Bauer Franz Müller mit seiner Frau gerade am Frühstückstisch, als der Van mit hoher Geschwindigkeit an seinem Hof vorbeirauschte. «So ein Idiot», schimpfte Müller und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Frühstücksgeschirr klirrte und der Kaffee aus seiner Tasse überschwappte. Seine Frau schüttelte nur den Kopf. Er stand auf , rannte ans Fenster und beobachtete wie der Van nach ungefähr 200 Metern links in einen Feldweg einbog. Der Fahrer gab wieder Gas und wirbelte den frischen Neuschnee stiebend auf. Danach verschwand er im Wald des Staufferberges. Müller murmelte vor sich hin: «Schade konnte ich das Kennzeichen nicht sehen. Den hätte ich angezeigt.» Seine Frau schüttelte den Kopf und verliess die Küche in Richtung Wohnzimmer. Franz Müller setzte sich wieder und ass weiter sein Frühstück.
Es dauerte keine zehn Minuten stand der Einsatzwagen der Spurensicherung wieder am Rheinfallbecken. Keine zwei Minuten später kam die Hundestaffel. Hein rief sie alle zu sich, schilderte den Vorfall mit der Mail-Nachricht, erklärte dem Führer der Hundestaffel ungefähr wo sie zu suchen hätten und packte Pfammatter am Arm. «Doch was grösseres, hä?» sprach er auf sie ein. «Hast ja recht Reto», gab sie nickend zu. «Ich habe übrigens ein Boot bestellt. Wir sollten auch mal aufs Wasser.» Hein nickte anerkennend und zückte seine Pfeife aus der Tasche. «Sehr schön, jetzt geht was.» Seine Augen leuchteten und er grinste Fabienne zufrieden an. Der Leiter der Spurensicherung kam zu ihnen rüber und drückte beiden ein Funkgerät in die Hand. «Geht einfacher», sagte er und machte umgehend wieder auf dem Absatz kehrt. Zurück zu seinem Einsatzwagen. Es war mittlerweile acht Uhr morgens. Und es war noch immer bitterkalt. «Kaffee?», fragte er Pfammatter. Sie nickte. Er schob sie in Richtung Schlössli. Sie überquerten die Brücke und bestellten im Inseli Bistro einen Kaffee und Croissant. Sie setzten sich an eines der grossen Panoramafenster und genossen schweigend ihr minimalistisches Frühstück. «Hauptsache warm», lächelte Fabienne Pfammatter. Zog ihre Gummistiefel aus und hielt ihr kalten Füsse an den warmen Heizkörper. Hein grinste und tat dasselbe. Das tat gut. Plötzlich rauschte das Funkgerät und eine Frauenstimme war zu hören: «Wir haben was. Die Hunde haben eine Spur.»