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welcher - allerdings nicht ganz aus eigener Kraft - auf eine höhere Stufe der Kultur gelangte. Sonst beharrten die Neger auf dem Standpunkte einfacher Naturvölker.
In der Zeit, für welche bereits beglaubigte geschichtliche Nachrichten vorliegen - um 2600 v. Chr. -
erscheinen die Aegypter als ein einheitliches Volk, das sich als ureingesessen betrachtete, stolz sich schlechtweg «Menschen» (rômet) nannte und alle Nicht-Aegypter somit als niedere Wesen ansah, von denen es sich abschloß. Es besaß ein festes staatliches und gesellschaftliches Gefüge, und seine Arbeitsfertigkeiten - was man im Deutschen «Technik» nennt - sowie seine sonstigen Kenntnisse waren hochentwickelt. Damit erscheinen auch die Grundlagen für eine Ausbildung der Kunst gegeben.
Eigenart der ägyptischen Kunstwerke. Der Rückschluß aus den auf uns gekommenen Kulturwerten auf die Eigenart des Volkes ergiebt, daß bei diesem die Verstandeskraft weit die Einbildungskraft (Phantasie) überwog. Da nun letztere für die Kunstentfaltung von ganz wesentlichem Einflüsse ist, so prägt sich in der ägyptischen Kunst jenes Verhältnis in der Weise aus, daß in den Werken mehr das Verstandesmäßige, auf Vollendung der Arbeitsfertigkeiten Beruhende zum Ausdruck gelangt, als das freie, aus dem inneren Empfinden heraus erfolgende Schaffen.
Dazu kam noch die starre Festigkeit der gesellschaftlichen Ordnung, welche dem Einzelnen nicht gestattete, völlig frei nach seinem Sinne zu schaffen und zu bilden, ihn vielmehr nötigte, die anerkannten Ueberlieferungen und zu einer Art Gesetz gewordenen Anschauungen stets zu beachten. Dies mußte natürlich zu einer Hemmung des Fortschrittes und zuletzt zum Stillstande führen, zumal die vorerwähnte hochmütige Abschließung von allem Fremden die Befruchtung des ägyptischen Geistes und der Kunstübung durch Aufnahme neuer, jugendfrischer Gedanken und Einflüsse verhinderte.
Einfluß der ägyptischen Kunst. Wenn daher die ägyptische Kultur überhaupt und die Kunst insbesondere sehr lange Zeit und für den größten Teil des Mittelmeergebietes vorbildlich bestimmend und beeinflussend war - wozu am meisten die Phöniker als Vermittler beitrugen - so verlor sie immer mehr an Geltung, je weiter andere Völker fort-
^[Abb.: Fig. 11. Eingang eines Felsengrabes bei Beni-Hassan. (Nach Perrot und Chipiez.)] ¶
schritten, insbesondere die Griechen, wurde diesen nur «merkwürdig», aber nicht mehr vorbildlich, und hatte daher zuletzt keinen Anteil mehr an der allgemeinen Entwicklung der Kunst. Immerhin war die ägyptische Kunst zu einer hohen Entfaltung gediehen, welche jene in Mittel- und Ostasien übertraf, auch unserem Empfinden näher kam und daher mit Recht bewundernde Anerkennung verdient.
Dichtkunst. Das Vorwiegen der Verstandesthätigkeit zeigt sich auch darin, daß die Wissenschaften in
Aegypten zu einer hohen
Vollkommenheit ausgebildet wurden, während die Dichtkunst zu keiner Bedeutung gelangte. In dem ägyptischen Schrifttum fand
sich bisher nur ein Heldengedicht vor, sonst sind uns nur Volkslieder und Märchen, sowie «Romane»
erhalten geblieben. Daß letztere aufkamen, ist gerade bezeichnend für die ägyptische Eigenart; der Roman nähert sich
ja am meisten der Geschichtsdarstellung, das Wirkliche dient ihm als Grundlage und wird nur ausgeschmückt und umgestaltet.
Die Volkslieder tragen die semitische Eigenart und zeigen viel Verwandtes mit den hebräischen Dichtungen. Die besondere
Vorliebe für Märchen ist vielleicht ein Erbteil des Negerblutes, denn diese Dichtungsart trifft man in überraschender
Weise bei allen Negerstämmen verbreitet.
Tonkunst. Ueber die Tonkunst weiß man natürlich so viel wie nichts; es liegt ja im Wesen dieser Kunstart, daß sich ihre Gebilde nur durch ein Hilfsmittel - die Notenschrift - erhalten lassen, das erst eine spätere Zeit erfand. Aus den Abbildungen von Tonwerkzeugen läßt sich nur schließen, daß eine immerhin ansehnliche Entwicklung stattgefunden haben dürfte.
Bauwesen. Um so reicher sind die Werke der bildenden Künste, welche erhalten geblieben sind. Am meisten bewundert wurde von jeher die Bauthätigkeit - ich sage absichtlich nicht «Kunst» - der Aegypter. Das Bewundernswerte liegt aber weniger in der Erfindungsgabe hinsichtlich Formen und Anordnung - also nach der künstlerischen Seite hin - sondern vielmehr in der Arbeitsfertigkeit und in der Bewältigung von Schwierigkeiten. Man denke nur daran, welche Aufgabe es war, eine 20-28 m lange Granitsäule - Obelisk - aus dem Felsen zu hauen, an ihren oft viele Tagereisen weit entfernten Ort zu schaffen und aufzurichten. Ueber den letzteren Punkt hat man in neuerer Zeit allerlei scharfsinnige Vermutungen ausgeheckt, ohne die Sache ergründen zu können.
Der Kunsttrieb in dem Sinne, etwas Besonderes zu schaffen, gab sich daher zuerst in dem Streben kund, besonders große Schwierigkeiten zu überwinden. Das Ungeheure, das Massenhafte ist daher bezeichnend für die ältesten Bauwerke. Die Größe ist ja das Sinnfälligste und macht den augenblicklich stärksten Eindruck, für Feinheit und zierliche Durchbildung der Formen wird der Mensch erst bei höherer Bildung empfänglich.
Denkmale. Sphinx. Pyramiden. Die ältesten Baudenkmale stammen aus der Zeit von 2800-2500 v. Chr., von denen am meisten genannt und bekannt sind: Sphinx von Giseh und die Pyramiden in der Umgebung von Memphis, welches die älteste Stadt ist, von welcher beglaubigte Nachrichten vorliegen.
^[Abb.: Fig. 12. Granitsarkophag des Königs Menkere.
Nachahmung eines Holzbaues.] ¶
Das Sphinx-Steinbild (Fig. 19) wurde aus einer vorhandenen Felsmasse ausgemeißelt, es hat 20 m Höhe und etwa 45 m Länge. Die Pyramiden sind Königsgräber; sie enthalten daher in ihrem Innern Kammern, zu welchen enge geneigte Gänge führen. Die Sicherung dieser Kammern und Gänge gegen den Druck der auflagernden Massen war eine schwierige Aufgabe und ihre sinnreiche Lösung - Verstemmung der riesigen Steinbalken und Anordnung von Hohlräumen, durch Ueberkragung der Schichten gebildet - zeugt von der damals erreichten Fertigkeit.
Gräber (Mastaba). Die Spitz-Pyramide war den Königen vorbehalten, die Gräber der Vornehmen hatten die Form von rechteckigen (nicht quadratischen) Pyramidenstümpfen und wurden rings um die Königsgräber angelegt. Sie hießen Mastaba (= Bank) und waren oft von bedeutender Größe (1000 m²). Die Mastaba enthält drei Räume: den mit Bildern und Inschriften geschmückten Vorraum (Kapelle), in welchem das Totenopfer gebracht wurde;
einen schmalen verschlossenen Raum - Serdab (= Keller) - für das Standbild, und eine unterirdische Kammer für den Steinsarg, in welchem der Leichnam (Mumie) lag.
Letztere Kammer war durch 20-30 m tiefe Schächte mit der Mastaba verbunden. Bisweilen fehlt der Vorraum, andererseits sind manchmal mehrere Nischen für Standbilder vorhanden. Der Baustoff bei den ältesten Gräbern waren Ziegel, später wurde die Verwendung behauener Steine allgemeiner.
Felsengräber. Neben den Grabbauten finden sich die Felsengräber, die aus den natürlichen Felsen ausgemeißelt wurden. Diese Art kam nach 2500 v. Chr. immer mehr auf, und seit 1800 v. Chr. wurden auch die Könige ausschließlich in Felsgrüften beigesetzt. Das Felsengrab enthielt gleichfalls eine Kapelle als Vorraum und eine Nische für das Standbild. Die Königsgrüfte bestanden aus einer Reihe von Gängen und Sälen, von welchen der letzte den Sarg enthielt.
Daß die Gräber eine solche, bedeutende Rolle in der Bauthätigkeit der Aegypter spielen, hängt mit dem Glauben an das Fortleben auch nach dem Tode zusammen. Die wahrscheinlich älteste Vorstellung war, daß dem Toten durch die Opfergaben ein weiteres Dasein gesichert werde; später dürfte sich dann die Annahme ausgebildet haben, der Mensch bestehe aus Körper, Seele und einem dritten Wesen, Ka genannt, welches nach dem Tode seine Wohnung in dem Standbilde des Verstorbenen nehme, und dessen Erhaltung nicht nur die wirklichen, sondern auch die an den Grabwänden abgebildeten Opfergaben - infolge geheimnisvoller Kräfte - ermöglichen.
Tempel-Bauten. In die Zeit der Pyramiden-Bauten und Felsgräber fällt aber auch schon die Errichtung von Tempeln, welche von etwa 2100 v. Chr. an einen gewaltigen Aufschwung nahm. Die ältesten Tempel bestanden aus einem Vorraum und dem Allerheiligsten, einem viereckigen lichtlosen Raum, in welchem das Heiligtum (aus bemaltem Holze) sowie das Standbild der Gottheit oder ihres heiligen Tieres aufbewahrt wurde. Nur die Priester und Könige hatten hier Zutritt. Schon frühzeitig schlossen sich aber an diesen Hauptteil verschiedene Kammern zur Aufbewahrung von Opfergeräten und sonstigen dem Tempel gewidmeten Gegenständen an. Weiterhin wurde die Tempelanlage immer mehr
^[Abb.: Fig. 13. Chonstempel zu Karnak. (Nach Perrot und Chipiez.)
Längsschnitt (schräg gestrichelt) und Querschnitt (schwarz). Als Beispiel einer kleineren Tempelanlage.] ¶