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Für Rolf Zoellig
Am Anfang eines Haikus, am Anfang allen Schreibens steht nicht das Wort, sondern der Eindruck. Und die vom Eindruck ausgelöste Empfindung, die einen Ausdruck finden will in uns und durch uns.
Es ist uns aber ganz natürlich, der Beschäftigung mit dieser Empfindung, ihrer Verarbeitung, Nachahmung-Schöpfung auszuweichen; krabbenhaft zur Seite zu rücken, um sie nur, wortlos und mühelos, zu geniessen und - vorübergehen zu lassen.
Aber die Gewissenspflicht, die mir diese Eindrücke von Form, Duft und Farbe auferlegten, war so schwierig, - das, was sich hinter ihnen versteckte, zu erkennen versuchen, dass ich nicht zögerte, mir selbst Entschuldigungen zu suchen, die es mir erlaubten, mich diesen Anstrengungen zu entziehen und mir diese Strapazen zu ersparen. (Marcel Proust)
Ein Haiku entsteht genau auf dieser Schnittstelle zwischen Eindruck und Empfindung. Es ist Ausdruck, der so nahe am Eindruck liegt, dass er fast selbst wieder Eindruck sein kann; Eindruck, der im Leser eine Empfindung auslöst, die derjenigen des Haijin (Haiku-Dichters) ähnlich oder verwandt ist.
Ein Ausdruck, der Eindruck ist.
Ich möchte diesen Prozess einmal an einem Beispiel darzustellen versuchen. Ich benutze dabei eine Form, die von Bashô in seinem Oku no Hosomichi (1689) erstmals angewandt wurde: die halb träumerische, halb beschreibende Darstellung einer Stimmung, die in einen Haiku verdichtet wird. Diese Form wird als Haibun bezeichnet.
„
Ich hatte mich in den kühlen Spätnachmittag hinaus gesetzt. Die Metallstühle und –tische waren kalt, und der weite Hof lag bereits im Schatten; in einem hellen Schatten. Vielleicht waren die Dächer der Fabrikgebäude noch von der Sonne erleuchtet... Mein Blick fiel auf die mehrstämmige Birke, deren Rinde selbst dem Schatten glich, der sich im Hof ausbreitete. Sie stand an der hinteren Ecke des länglichen Gebäudes, der untere Teil des Stamms war davon verdeckt. Sie ragte in den wasserblauen Himmel, der von einigen Schleierwolken gezeichnet war – lenkte meinen Blick in den Himmel. Dort flog ein Flugzeug, dessen Unterseite von der untergehenden Sonne orange leuchtete, zog seinen Kondensstreifen über den Himmel des Hofs... Ich hatte mir einen Zigarillo angezündet, schmeckte den bitteren und leichten Rauch in meinem Gaumen, stiess ihn aus. In meinem Rücken, durch die offene Türe, drang die Geräuschkulisse des Apéros heraus auf den Hof. Ich wandte meinen Blick wieder der Krone der Birke zu, die noch ganz ohne Blätter stand, aber eine Mistel oder ein Nest trug. Das Flugzeug war schon über dem Gebäude. Wie die Spitze eines weissen Farbstiftes auf einem nachdunkelnden Blatt zog es seine Linie Richtung Westen. Nein, es würde die Linie nicht durch die Mistel der Birkenkrone ziehen. Ja, ich hatte beschlossen, es handele sich nicht um ein Krähennest, sondern um eine Mistel... Der Gedanke daran, dass das Flugzeug sich in der Mistel... verlieren oder... verfangen könnte, weckte in mir einen Satz:
Es zieht seinen Streif
Dieser Satz war schon vorher, in meinen Gedanken konkret geworden, als ich bewusst den Kopf in den Nacken gelegt, das Flugzeug gesehen und mich über seinen Bauch, seinen Streif, seine Richtung gefreut hatte... Den Kopf in den Nacken legen... Ich lächelte für mich, neben mir traten Leute aus der Türe, sprachen miteinander, ich hörte nicht hin. Wie selten tun wir das, den Kopf in den Nacken legen; wie oft halten wir ihn gesenkt, auf den Boden gerichtet, unsere Füsse beim Gehen betrachtend, obwohl sie das selbst können, automatisch, heben den Kopf vielleicht in die Waagrechte, um die umliegende Landschaft nach Hindernissen, Merkmalen, Menschen abzusuchen – aber selten zum Himmel. Der Hans-Guck-in-die-Luft ist ein schlechtes Vorbild... Wie anders lebte es sich, dachte ich, wäre unser Gesicht dem Himmel zugewandt, sozusagen auf dem Scheitel unseres Kopfs, in der Waagrechten und nicht in der Horizontalen wachsend.
Ich schüttelte abwehrend den Kopf. Der Streif des Flugzeugs – flog es in Richtung Kloten oder kam es von dort?... der Begriff der Luftstrassen... abstrakte und doch konkrete Linien im Himmel... – hatte sich schon aufgelöst im heller werdenden Blau des Abendhimmels.
Es zieht seinen Streif,
dachte ich erneut. Ja, es zieht seinen Streif! Eine natürliche 5-silbige Aussage, wie ich mit den Fingern nachzählte. Meinen Gedanken aufnehmend, zählte ich ab:
Verschwindet in der Krone der Birke...
Nein, es verschwand in der Mistel... Von Anfang dieses Versuchs war klar, dass das Subjekt des Haikus, der hier entstand, zuletzt genannt würde: das Flugzeug (zwei Silben). Würde ich das Enjambement, den Sprung der Aussage über zwei Zeilen, wagen? Nur, wenn dieser Sprung eine Überraschung bereit hielte.
Verschwindet in der Mistel / Der Birke...
Es klappte! Ich zählte nach, versuchte weitere Varianten, aber es war schon gut. Es war schon da.
Es zieht seinen Streif
Verschwindet in der Mistel
Der Birke – Flugzeug!
Das Weisse des Kondensstreifens, das Weisse der Birkenrinde, das Wolken- oder Nesthafte der Mistel, das Vogelhafte des Flugzeugs...
“
Der empfundene Eindruck, den ich in diesem Haiku wiedergeben will, lässt sich nicht in Worte fassen. Das Haiku entsteht hier genau aus dieser bewusst gesuchten, entspannt-entspannenden Kontemplation, der Absonderung von der Versammlung, dem Austreten aus dem Rein-Menschlichen. Einige Minuten des Daseins, die keinem anderen Zweck als dem Schauen (und Rauchen) gewidmet waren.
...
Die Wirklichkeit kann immer noch und jederzeit in dieses Gedicht hereinbrechen. Ein Leser wies mich dann darauf hin, dass es sich hier um ein Krähennest handele (er kennt den Hof und die Birke).
Das ist spannend, weil mich der Gedanke auch gestreift hatte (Streif!), dass es sich um ein Nest handeln könnte. Spannend deshalb, weil ich es kaum in Betracht gezogen habe, obwohl es sich eigentlich anbot: Flugzeug=Vogel, daher das Nest!
Die Mistel hat sich mir beim Schreiben unmittelbar angeboten. Die Mistel ist auch im Winter noch grün. Sie ist im Frühling und Sommer fast verborgen in den Blättern der Bäume, aber im Winter ist sie (für mich) eine Art Mahnmal für die Rückkehr der Begrünung (Beblätterung).
Es ging mir also eher darum, das kigo des Haikus einzufangen (Jahreszeitbezug). Die Ähnlichkeit der Mistel mit dem Nest lag von Anfang (und für den Leser erkennbar) unmittelbar auf der Hand. Die Mistel ist sichtbar, d.h., das Haiku wird entweder im Winter oder im Vorfrühling geschrieben.
Es handelt sich dabei um ein westliches, will heissen: unklares, - um ein mir spezifisches kigo. Der Leser kann sich die Situation des Haijin vorstellen: den Kopf im Nacken, dem Flugzeug mit den Augen und vielleicht auch mit dem Kopf folgend, das Verschwinden des Flugzeugs im Horizont der Mistel.
Was ungesagt bleibt – und das ist für einen westlichen Haijin immer eine grosse Schwierigkeit, weil der westliche Haijin immer bemüht ist, mehr als nur anzudeuten: die allgemeine Situation, die Gedanken in dieser Situation, die Beschreibung der Landschaft, etc. : In welche Richtung fliegt das Flugzeug; welche Tageszeit; welche Farbe hat der Himmel?
Es muss egal sein. Der Ausdruck muss für sich sprechen können. Die Andeutung muss genügen.
Ich weiss nicht, ob dies ein gutes Haiku ist oder nicht. Es ist auch unwesentlich. Es hat Freude gemacht, es hat den Tag im Schreiben verankert. Allein das zählt.
...
Das als Antwort auf die Bemerkung des Lesers (es handelt sich um ein Krähennest, und nicht um eine Mistel) geschriebene Haiku hat für mich dann auch weniger Kraft, ist künstlicher. (Apropos: auch das oben geschriebene Haiku ist künstlich, weil das Flugzeug „in Tat und Wirklichkeit“ nicht in der Mistel, bzw. im Krähennest verschwunden ist...)
Es zieht seinen Streif
Verschwindet im Krähennest
Der Birke – Flugzeug!