Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/128

Die Rationalität der freien Form
«Plein comme un œuf» heisst es auf Französisch von einem vollgestopften Behälter. Tatsächlich eiförmig ist die Grundfläche eines Wohnhauses von Localarchitecture in Pully. Das Projekt wirkt verspielt, folgt aber auch einer nüchternen ökonomischen Logik: Es resultiert aus den Bauvorschriften und maximiert die Ausnützung des Grundstücks.
Das Haus mit drei Wohnungen, das das Lausanner Büro Localarchitecture 2020 in der Waadtländer Seegemeinde Pully fertiggestellt hat, ist so ungewöhnlich, dass es eine nähere Betrachtung verdient. Die Grundfläche ist parabolisch wie ein Ei, und der obere Teil ist so abgestuft, dass es aussieht, als sei das Gebäude auf einer Seite fünf Geschosse und auf der anderen drei Geschosse hoch. Das Volumen ist mit Holzpaneelen unterschiedlicher Proportionen verkleidet, die mit profilierten Betonelementen eingefasst sind.
Der Neubau scheint nichts gemein zu haben mit zeitgenössischen Praktiken und verweigert sich deren weisser, anonymer, leiser Handschrift. Er pflegt eine eigene Formensprache, die indes nichts Nostalgisches an sich hat: keinerlei regionalistische, klassizistische, modernistische oder brutalistische Anklänge. Zu ihren Referenzen befragt, erklären die Architekten, dass sie introspektive Formen bevorzugen, die gemäss Wassily Kandinsky die Innenwelt spiegeln. Bei den meisten ihrer Arbeiten würden sie organische Formen und deren Eigenschaften thematisieren.1 Ihre Inspiration seien Entwürfe der Expressionisten aus der Zeit der Weimarer Republik, die die bauliche Logik gern ihren Phantasmagorien unterordneten.2
Den Bewohnern auf den Leib geschneidert
Das Gebäude enthält drei Wohnungen: zuoberst eine dreigeschossige Maisonnette für die Eigentümer, die zugleich auch die Bauherrschaft sind, darunter zwei Mietwohnungen. Ausser dem umgebenden Aussenraum ist keine gemeinschaftliche Nutzung vorgesehen, wie bei jedem gewöhnlichen Renditeobjekt. Der Grundriss wirkt jedoch wie ein Gegenmodell zu heute üblichen Projekten, die sich meist durch Neutralität, Transformierbarkeit, diskrete Tragkonstruktionen, freie Flächen und grosse Verglasungen auszeichnen. Mit seinen umschmeichelnden geometrischen Formen und wohlproportionierten Räumen ist der Neubau darauf ausgelegt, die Bewohnerinnen und Bewohner mit einer schützenden Schale zu umgeben – womit auch die Anordnung der Möbel, die Nutzungen und vielleicht sogar die Alltagsgewohnheiten der Menschen festgelegt sind, denen das Haus sozusagen auf den Leib geschneidert wird.3
Mehr Artikel zum Thema Innenarchitektur finden Sie in unserem E-Dossier.
Ein wenig erinnert der Entwurf an das «Endless House», jenes unmögliche biomorphe Projekt, das der österreichisch-amerikanische Architekt Frederick Kiesler (1890–1965) dreissig Jahre lang erfolglos zu realisieren versuchte: Kiesler verstand seinen Entwurf als Gesamtkunstwerk und beschrieb ihn als Fortsetzung des Körpers, als zweite Haut und sogar als Ei, weil es eine in höchstem Masse sinnliche, intime Beziehung mit dem Körper des Bewohnenden herstellt. Lang vor den Bubble Houses der 2000er-Jahre zielte Kieslers Projekt darauf ab, von der rechtwinkligen, industriellen Starrheit des Modernismus Abstand zu nehmen, schuf jedoch ein mindestens ebenso starres Korsett.
Handwerk und digitale Vorfabrikation
Jeder industriellen Vernunft zum Trotz präsentiert der Neubau seine handwerkliche Fertigung, seinen sandgestrahlten Sichtbeton und seine Eichenfurnierplatten, die ihm die Anmutung eines kostbaren Möbelstücks verleihen. Um sich den nicht standardisierten Formen anzupassen, arbeitete der Schreiner – ganz im Geist der mittelalterlichen Bauhütte des frühen Bauhaus – sowohl mit 3-D-Modellierung als auch mit traditionellen Techniken wie dem Aufriss oder dem System der vor Ort genutzten Winkelhalbierenden, genau wie die Erbauer von Kathedralen.
Die Architekten selbst nennen nur eine Referenz: das 1927–1929 erbaute Atelierhaus von Constantin Melnikow (1890–1974) in Moskau, auch Villa Arbat genannt. Dieses merkwürdige Bauwerk aus zwei sich überschneidenden Zylindern war weniger eine formale Spielerei als ein Versuch, Baustoffe zu sparen, an denen es zu jener Zeit mangelte. Seine zylindrischen Wände sind in Wirklichkeit ein aus Backsteinen konstruiertes Wabengitter, das die sechseckige Form der Öffnungen definiert.
Das Haus in Pully ist von diesem Konzept nicht weit entfernt: Es ist als «Käfig» aus vorgefertigten Elementen (analog zu Backsteinen) gedacht. Hier endet die Analogie allerdings auch schon. Doch vielleicht kommt noch eine weitere Parallele zwischen der Villa Arbat und dem kleinen Neubau hinzu: 1937 wurde Melnikow von den arrivierten Architekten des stalinistischen Regimes mehr oder weniger offiziell exkommuniziert, weil sein Ansatz als zu «formalistisch» galt. Werden die heutigen Wächter des architektonischen Purismus mit diesem Projekt ebenso verfahren?
Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 13/2021 «Dichte in zwei Massstäben».
Dieser Artikel ist zuerst auf Französisch erschienen in: TRACÉS 4/2021 «Climat S, M, L, XL». Übersetzung aus dem Französischen: Zieltext.
Bauherrschaft: privat
Architektur: Localarchitecture, Lausanne
Bauleitung: Thinka Architecture studio, Onex GE
Tragwerksplanung: Gex & Dorthe, Bulle FR
Ingenieur Heizung, Lüftung, Sanitär: Effin’Art, Lausanne
Betonbau: Jaquet, Rennaz VD
Schreinerarbeiten: Woodconcept, Bussigny VD
Zimmermannsarbeiten: Amédée Berrut, Collombey VD
Storen: Kästli Stores, Lausanne
Planung: 2017–2018
Ausführung: 2019–2020
Volumen: 2666 m3
Nutzfläche: 834 m2
Anmerkungen
2 Ein Meisterwerk der expressionistischen Architektur, der 1921 errichtete Einsteinturm in Potsdam von Erich Mendelssohn, der eigentlich beweisen sollte, welche gestalterischen Freiheiten Stahlbeton bietet, wurde weitgehend aus Ziegelmauerwerk errichtet, weil sich die Schalung als unmöglich zu konstruieren erwies.
3 In einer amüsanten Satire warnte Adolf Loos seine Zeitgenossen vor dieser Planung bis ins kleinste Detail, die so weit geht, dass der Architekt die Kleider seiner Auftraggeber entwirft und sogar entscheidet, welche Hausschuhe in welchem Zimmer getragen werden dürfen. Adolf Loos, «Von einem armen, reichen Manne», 26. April 1900, in: Ins Leere gesprochen, gesammelte Schriften 1897–1900, Georg Prachner Verlag, Wien 1997.