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Gespräch im Gebirg ist der Versuch Mattias Caduffs, sich über Celans gleichnamigen Prosatext, ein schwieriges Stück Literatur, als Leser klar zu werden. Celan hat die Geschichte 1959 verfasst, kurz nachdem in Sils-Maria das geplante Treffen mit Theodor W. Adorno gescheitert war, dessen Diktum «nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch» den Lyriker schon längere Zeit beschäftigt haben musste. Auf knapp fünf Seiten wird in Gespräch im Gebirg - es ist Celans einziger erzählender Text - von der Begegnung zweier jüdischer Wanderer in einer imaginären Berglandschaft berichtet.
Caduff liest den Text, in mehrere Abschnitte unterteilt, ganz vor. Daneben kommentiert er das Gelesene fortlaufend, indem er weitere Texte von Celan, Adorno, Brecht und Büchner beizieht, vor allem aber, indem er Celans Worte in Bilder zu übersetzen versucht. Letzteres erweist sich als besonders heikles Unterfangen. Celans eigenwillige Prosa lebt nämlich stärker von einem bestimmten Sprachgestus und ihrer akustischen Intensität als von visuellen Eindrücken.
Für seinen ersten längeren Film hat sich Caduff, der seine Laufbahn in den Achtzigerjahren als Bildhauer begonnen hat, in eine Altbauwohnung zurückgezogen und diese in eine Art lesetechnisches Versuchslabor umfunktioniert. Ausblicke aus dem abgcdunkelten Raum eröffnet eine Reihe von Videoaufnahmen, die in regelmässigen Abständen eingeschnitten werden und Alltagsszenen aus Czernowitz, Paris und dem Engadin zeigen. Gemeinsam mit dem Kommentar, den Caduff aus dem Off einspricht, liefern sie Hintergrundinformationen zur Entstehung des Textes und zum Leben von dessen Autor, der als rumänischer Jude den Holocaust nur mit knapper Not überlebt hat.
Je länger der Film freilich dauert, umso unverständlicher erscheint einem nicht die literarische Vorlage, sondern Caduffs fehlende Distanz zu ihr. Bevor er anfängt zu lesen, verwandelt sich Caduff nämlich vor einem Spiegel in einen Doppelgänger Celans und übernimmt mit dessen Aussehen auch gleich seine unverwechselbare Art zu sprechen. Wo ein Zitat aufhört und der Kommentar beginnt, ist so mitunter kaum mehr auszumachen. Caduff erklärt zwar am Ende, Celans Text zeige beispielhaft, wie ein «Gespräch mit dem Fremden» möglich sei, vergisst aber selbst, dass ein solcher Dialog nur dann zu Ergebnissen führt, wenn er sich nicht in der Mimikry erschöpft. Wenn Eigenes und Fremdes, in diesem Fall Lektüre und Text, sich nicht aneinander reiben, bleibt es bei inhaltsleeren Wiederholungen wie in der Szene, wo Caduff zum Satz «ich bin ein Lesegerät» Buchstabensuppe löffelt. Dass diese Art redundanter Bilder an den Text nicht heranreicht, wird mit einem Schlag klar, wenn Celan selbst zu Wort kommt. Caduff lässt ihn ab Band die zentrale Passage lesen, in der einer der beiden Juden von vergangenen, offenbar traumatischen Erlebnissen erzählt. Diese eine kurze Sequenz, in der die Leinwand schwarz bleibt, verrät mehr über den Text und die Verzweiflung, die sich in ihm ausspricht, als Caduffs aufwendig inszenierte Deutung.