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Heimatlos in der Heimat
Das Schwarzenburgerland war bis zum Bau der Bahn von Bern nach Schwarzenburg und der Brücke über den Schwarzwassergraben eines der ärmsten Gebiete des Kantons. Über die Lebensbedingungen und die Menschen dieses weitläufige Gebiets gibt es nur sehr wenige schriftliche Zeugnisse. Vor allem fehlt immer noch eine fundierte historisch wissenschaftliche Forschung zur Sozialgeschichte dieser Region. Mit dem Buch «Heimatlos in der Heimat» hat die Autorin, Frau Susanna Grogg, unzählige Akten gesichtet und über die Magd Magdalena Hirschi ein würdiges Porträt eines Einzelschicksals einer Dienstbotin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffen.
Kurzinhalt: Die junge Magd Magdalena Rolli, Tochter eines Zimmermanns aus Oberbalm, trifft 1805 in Bümpliz den Sohn des Albliger Schulmeisters, Hans Hirschi. Sie verlieben sich, Magdalena wird schwanger, und weil der Beischlaf ausserhalb der Ehe geschah, werden beide vor das Chorgericht zitiert, von den Sittenrichtern gebüsst und zu je 2 ½ Tagen Gefängnis verurteilt. Das Kind, die Tochter Anna, ein uneheliches Kind in Schande gezeugt, schon bald fremdplatziert. Hans und Magdalena heiraten etwas später doch noch, bekommen den Sohn Hans und eine weitere Tochter Elisabeth. Der Vater jedoch lässt sich als Soldat bei der napoleonische Armee für den Russlandfeldzug anwerben. Nach einer letzten Nachricht aus Strassburg gilt er lange als verschollen. Die beiden Kinder Elisabeth und Hans sind ebenfalls schon längst verdingt. Magdalena zieht von Dienststelle zu Dienststelle. Bis zu ihrem Lebensende sind es deren acht in verschiedenen Gemeinden.
Lange zahlt sie für die verkostgeldeten Kinder den Obolus von ihrem kleinen Mägdelohn. Erst 1818 wird der Tod des verschollenen Mannes Hans Hirschi bestätigt. Magdalena will sich scheiden lassen und einen Wittwer heiraten, der sie geschwängert hat. Das Chorgericht tagt wieder; Verdikt: Busse und Haft wegen des erneuten ausserehelichen Beischlafs. Die Eheschliessung wird ihr verweigert. Das gemeinsame Kind Daniel kommt 1819 auf die Welt. Böse Zungen lästern inzwischen über die sittenlose Magdalena. Sie muss wiederum eine neue Stelle suchen. Später lernt sie den ledigen Gipser Jacob Gerlach kennen.
In der Nacht nach einer Sichlete wird sie von einem Unbekannten geschwängert. Sie empfängt 1824 Zwillinge, die jedoch nach der Geburt sterben. Die Suche nach dem Kindsvater bleibt erfolglos. 1825 finden Jacob Gerlach und Magdalena wieder zueinander. Die geplante Heirat der Beiden wird ebenfalls vereitelt, da die Heimatgemeinde des Bräutigams die Bewilligung verweigert, denn Jacob müsse seine verarmten Brüder im Thurgau unterstützen. 1828 ist wird sie auch von Jacob schwanger und steht deshalb erneut vor Gericht. Die Verurteilung lässt nicht auf sich warten. Ihre Tochter bekommt den Namen Maria. 1830 gibt es ein zweites Kind, das aber ungetauft wenige Stunden nach der Geburt stirbt. Der Buchtitel «Heimatlos in der Heimat» kennzeichnet treffend das traurige Los der damaligen armen Bevölkerung, welche in einer widrigen Zeit oft vor unüberwindbaren Schranken durch Gesetz und Moral von Staat und Kirche stand. Hoffnung auf ein besseres Leben hatten alle, doch nur den Wenigsten war dies beschieden.
Heimatlos in der Heimat
Magdalena Hirschi, geborene Rolli, 1784-1846 - Eine Lebens- und Dorfgeschichte
von Susanna Grogg, Blaukreuz-Verlag Bern, ISBN 978-3-85580-504-4
Projekt: Der Verein netzwerk-verdingt plant ein Pilotprojekt zur Geschichte des Verdingwesens im Schwarzenburgerland, das er 2017 umsetzen möchte. Er hat bereits ein Budget erstellt, Fachleute und Amtsstellen kontaktiert.