Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/422

Ob wir Aktien kaufen oder verkaufen, in Immobilien, Rohstoffe oder Fremdwährungen investieren, ob wir politische Wahlentscheidungen treffen, unseren Beruf wechseln oder die Zukunft unserer Familie planen, stets spielen Prognosen eine zentrale Rolle bei unseren Überlegungen.
Trotz der grossen Nachfrage nach Prognosen herrscht kein Angebotsmangel. Die modernen Medien überfluten uns geradezu mit Prognosen. Zu jedem Lebensbereich finden wir eine Vielzahl selbsternannter Experten, die versprechen, verlässliche Prognosen abgeben zu können. Die Fakten sind jedoch ernüchternd. Die meisten Prognosen erweisen sich als falsch.
Philip Tetlock, Psychologieprofessor an der University of Pennsylvania, kommt auf der Basis einer wissenschaftlichen Langzeitstudie über die Genauigkeit von Expertenprognosen zur Erkenntnis, dass die Prognosen eines Durchschnittsexperten ungefähr so akkurat sind wie Dartpfeile werfende Schimpansen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, sich auf Prognosen zu verlassen?
Prognoseturniere
Um dies herauszufinden veranstaltete Tetlock unter der Führung seiner Lebenspartnerin Barbara Mellers, die ebenfalls Psychologieprofessorin an der University of Pennsylvania ist, gemeinsam mit anderen Forschern drei gross angelegte Prognoseturniere. Jedes dieser Turniere erstreckte sich über neun Monate, wobei die Teilnehmer jeweils zwischen 100 und 150 Prognosen abgeben mussten. Am Ende jedes Turniers wurde überprüft, welche Personen die präzisesten Prognosen abgegeben hatten.
Die Ergebnisse waren ermutigend. Unter der Vielzahl selbsternannter Experten gab es eine kleine Gruppe, die systematisch genauere Prognosen erstellt hatte. Diese Personen wurden von den Wissenschaftern als Superprognostiker bezeichnet und hinsichtlich ihrer Eigenschaften untersucht. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Erstens sind Superprognostiker intelligenter und motivierter. Sie schneiden in Intelligenztests deutlich über dem Durchschnitt ab, haben Spass am Problemlösen und möchten bessere Prognosen erstellen.
Zweitens sind Superprognostiker skeptisch, haben ein säkulares bzw. atheistisches Weltbild und zögern nicht, ihre Ansichten neuen Erkenntnissen anzupassen.
Drittens können Superprognostiker qualitative Eindrücke präziser in quantitative Wahrscheinlichkeiten übersetzen.
Viertens lernen Superprognostiker schneller und sind in der Lage, auch unter Zeitdruck verlässlichere Prognosen als ein Durchschnittsexperte abzugeben.
Fünftens liegt eine weitere Besonderheit von Superprognostikern darin, dass sie innerhalb einer Gruppe mit anderen Superprognostikern enorme Prognosefortschritte machen und sich mit ihrer Prognosequalität immer weiter vom Durchschnitt abheben.
Angesichts der Vielzahl von Fehlprognosen, die in den letzten Jahren zu katastrophalen Fehlentscheidungen wie etwa den Irakkrieg geführt haben, überrascht es nicht, dass die Geheimdienste grösstes Interesse an diesen Forschungsergebnissen zeigten. Aber auch für Investoren kann die Identifikation von Superprognostikern Gold wert sein.