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Was sie verdienten, war immer ein Geheimnis. Gerade deshalb wurden die über 80 regierenden Familienmitglieder des Tiroler Swarovski-Konzerns früh die Rockefellers von Österreich genannt.
Ihr Erfolg war noch sensationeller als jener der Schweizer Banken. Für das Bankgeheimnis brauchte es mindestens eine Reihe von Gesetzen.
Für Swarovski brauchte es nur den Glauben von Millionen Menschen in aller Welt, dass es Zwerge in den Bergen über dem Tiroler Dorf Wattens waren, die jene Kristalle schufen, die von den Mitgliedern der Familie kunstvoll geschliffen und bearbeitet wurden.
Den Produktionsprozess hielten die Swarovskis so geheim wie ihre Einkommen oder Coca-Cola sein Rezept.
Daniel II. Swarovski, Enkel des böhmischen Gründers Daniel I., liess sich in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einem einfachen Glasschleifer seiner Firma überzeugen, dass man die Folgen der Erdölkrise überwinden könne, wenn man kleine Glasfiguren produziere und verkaufe.
Kein Gesetz, nur Kunstfertigkeit.
Daraus wurde ein Weltkonzern mit 30’000 Mitarbeitern und einem Umsatz von nahezu vier Milliarden Franken.
Als ich „Chef Dani“ Ende der Achtziger Jahre in seinem Landsitz über Wattens besuchte, hielt er mir einen handgrossen Adlerkopf aus Kristall vor die Nase, der heute noch zwischen meinen Büchern steht, und sagte: „Denken Sie daran, es muss leuchten.“
„Chef Dani“, ein Mystiker, der an Engel und Geister glaubte, hatte für seine Familie und Freunde auch einen eigenen Friedhof unter Tannen bauen lassen.
Der Familiennachwuchs hatte andere Vorstellungen vom Leben: Ein Ferrari wurde für eine glatte Million umgebaut und dann vergessen. Die Yacht in Monaco wurde samt Besatzung nur selten benutzt.
Man flog mit dem Heli vom Berg herab nach Wattens, wenn es eilte. Die Luftflotte der Swarovskis, einschliesslich einer Boing 737, war legendär.
Jetzt funkelt Swarovski weniger, denn die Corona-Pandemie hat die Nr. 24 der globalen Luxuskonzerne frontal erwischt: 600 Arbeitsplätze sollen abgebaut, der Konzern gestrafft werden.
Das ist ungewöhnlich für den Tiroler Familienkonzern. Daniel II., Urenkel des Gründers, hatte sich als sozialer Arbeitgeber hervorgetan.
„Jedem Mitarbeiter sein eigenes Haus“, wünschte er. Ein Projekt, das ganz Österreich faszinierte und ihm hohe Auszeichnungen einbrachte.
Andere Belohnungen gab es für Frauen, die eine intime Beziehung zu männlichen Mitgliedern der wachsenden Grossfamilie aufbauten.
Sie erhielten in Wattens zur Belohnung ein Restaurant, das sie „Schwan“ nennen mussten, dem Symbol der Firma. In Wattens gibt es viele Restaurants, die „Schwan“ heissen.
Nicht erst seit heute dreht der Wind in Wattens. Die grössten Erfolge erzielte das Unternehmen bis Ende des letzten Jahrhunderts. Die letzten 20 Jahre waren durchwachsen; die Firma stagnierte.
Im 2019 setzte der Konzern noch rund 2,5 Milliarden um; im laufenden Jahr dürften es bedeutend weniger sein.
Das ist auch für die Schweiz von Bedeutung. Die Swarovski International Holding hat ihren Sitz in Männedorf im Kanton Zürich, auch dort verschwinden nun viele gute Jobs.
Rund um Zug hatte sich zeitweise ein ganzes Nest von Swarovskis angesiedelt, Gernot Langes-Swarovski allen voran. Er ist heute noch mit 20 Prozent der Aktien der grösste Teilhaber.
Seine Schwester Marina mit 17 Prozent der Aktien lebt in Oberägeri ZG. Sie hatte immer schon enge Beziehungen zur Schweiz, war ihr erster Mann doch ein Philipp Winter aus Basel.
Ihre gemeinsame Tochter Fiona, bekannt geworden als „Society lady“ und Frau des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl Heinz Grasser, hiess eigentlich Fiona Winter, legte aber immer Wert auf den vollen Namen Winter-Swarovski.
Nicht alle Familienmitglieder waren darüber glücklich.
Schon der Gründer wollte sich, auf der Flucht aus Böhmen vor seinen Konkurrenten, die ihn nachahmen wollten, als 33jähriger im Thurgau niederlassen. Dort hatte es genügend Wasser, um die Energie für die Produktion zu erzeugen.
Die Thurgauer zeigten an dem jungen Mann kein Interesse, weshalb er sich in Wattens/Tirol niederliess. Die Schweiz verlor damit die „Success story“ eines Wachstumskonzerns.
Erstmals hat nun mit Robert Buchbauer ein externer Topmanager als CEO die Regie bei Swarovski übernommen. Er muss den Marketingwildwuchs der letzten 20 Jahre auf jene Sektoren beschränken, die Wachstum und Gewinn versprechen.
Was bleiben wird, ist der Zugang zu den Tiroler Zwergen. Sie leben in einer 30 Millionen Franken-Höhle, die vom österreichischen Ausstellungsmanager André Heller unweit Wattens geschaffen wurden.
Ohne Mythos sind die Swarovski-Kristalle nur Glas. Mit Mythos wurden sie zum Milliardengeschäft. Wie lange noch?