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Eine Dimension, die ich immer wieder in meinem Coaching erlebe, ist der Unterschied zwischen introvertierten und extravertierten Menschen.
Was bedeuten diese Begriffe?
„Vertere“ ist lateinisch und bedeutet „sich hinwenden“. Introvertierte wenden sich also nach innen, Extravertierte nach aussen.
Diese Definition, basierend auf der direkten Wortübersetzung, stammt von der Person, der die Begriffe geprägt hat, dem Schweizer Psychotherapeuten Carl Gustav Jung. Eigentlich umgekehrt: er benannte die beiden Persönlichkeitstypen mit diesen Begriffen, weil sie die Definition genau wiedergeben.
Diese Definitionen sind vielleicht etwas schwammig und haben dazu geführt, dass Introversion und Extraversion zu Sammelbecken für viele Persönlichkeitsaspekte wurden, die besser durch andere Begriffe oder Dimensionen ausgedrückt werden können.
Jung selbst hat seine Typologie um zwei weitere Dimensionen erweitert: Sensorisch versus Intuitiv und Denken versus Fühlen.
Damit wird klar, dass nicht nur Introvertierte ihrer Intuition vertrauen können oder nur Extravertierte mit ihren Sinnen auf die Umwelt reagieren. Auch sind Introvertierte nicht die Denker und Extravertierte die emotionalen Typen.
Hans Jürgen Eysenck hat Introvertiertheit und Extravertiertheit mit der sogenannten Erregungsschwelle einer Person in Verbindung gebracht. Extravertierte haben eine höhere Schwelle für Dopamin, brauchen also mehr externe Stimulation. Introvertierte haben schneller genug Dopamin und empfinden bei hohen Dopaminwerten Reizüberflutung. Sie verwenden eher Acetylcholin, welches z.B. im Schlaf den Link zwischen Hirn und Motorik unterbindet, damit Träume nicht ausagiert werden. Acetylcholin hat also mit Ruhe und Entspannung zu tun.
Eine weitere mögliche Definition ist davon abgeleitet:
Introvertierte Personen schöpfen Energie aus der Ruhe, Extravertierte aus der Action.
Mir gefällt diese einfache Definition sehr gut. Sie ist mit den beiden anderen Definitionen kompatibel, setzt sich aber von anderen Dimensionen gezielt ab.
Während die Jung’sche Definition von Introversion durchaus scheue und sozial herausgeforderte Menschen zu umschliessen scheint, tut dies diese Definition nicht. Auch eine scheue Person kann ihre Energie aus dopamingeladenen Situationen ziehen, und eine kontaktsichere Person braucht gegebenenfalls die Ruhe einer acetylcholinschwangeren Situation.
Es ist also nicht so, dass Introvertierte nicht mit Menschen können und Extravertierte oberflächlich sind. Introvertierte können sich an Parties amüsieren, brauchen danach aber eine Pause, während ihre extravertierten Freunde aufgedreht und energiegeladen die nächste Bar vorschlagen. Extravertierte können – und sollen dies gelegentlich auch – an einer Schweigewoche teilnehmen, verlassen diese aber mit dem Wunsch, Party zu machen, und sind bei weitem nicht so erholt danach wie ihre introvertierten Freunde.
Heute wird eine weitere Dimension häufig mit Introversion vermischt: Hochsensibilität oder HSP (Hochsensible Persönlichkeit). HSP korreliert mit Introversion insofern, als geschätzt 70% der HSP introvertiert sind. Aber 30% sind es eben nicht.
Die hohe Sensibilität für sensorische und emotionale Reize können zu Reizüberflutungen führen. Und hier sehen wir die Überlappung: nach Eysenck kann eine zu hohe Dopamindosis in Introvertierten Reizüberflutung auslösen. Dasselbe kann für HSP der Fall sein. Allerdings sind nicht alle Introvertierten sensibel für Emotionen oder Reize, welche nichts mit Dopamin zu tun haben, also z.B. Licht oder Gerüche.
Das zeigt uns ein Prinzip der Persönlichkeitsforschung: wir können nicht von Verhalten auf Persönlichkeit schliessen. Es ist immer wichtig, die Motivation oder die physiologischen Auslöser für das Verhalten zu kennen, und selbst diese lassen sich oft nicht eindeutig einem Persönlichkeitscharakteristikum zuordnen.
Leider fragen die meisten Persönlichkeitstests das Verhalten einer Person ab. Die besseren fragen nach der Vorliebe oder der Motivation für ein bestimmtes Verhalten und versuchen so, die zu Grunde liegenden Faktoren zu bestimmen, die aus der Persönlichkeit kommen.
Bist Du also gerne unter Leuten, weil das in einem energetischen Hoch endet für Dich? Liest Du gerne in Ruhe ein Buch, weil Du so auftanken kannst?
Für mich ist es wichtig, diese Dimension in meinen Kunden zu erkennen. Einer introvertierten Person werde ich im Coaching anders begegnen, andere Aufgaben stellen, andere Übungen vorschlagen, als einem Extravertierten.