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Geschichtsstunde: Alice Scheitlin – erste Absolventin der Handelsakademie In der 1899 eröffneten Handelsakademie, die sich im Westflügel der Kantonsschule St.Gallen (heute Kantonsschule am Burggraben) befand, schrieb sich Alice Scheitlin im Wintersemester 1900/01 als Hörerin ein. 28. Mai 2020. 1882 heiratete der St.Galler Kaufmann Bernhard Scheitlin Pauline Gmür von Murg (SG). Als erstes von zwei Kindern wurde Alice Sophie Scheitlin am 31. März 1883 in St.Gallen geboren. Über ihre Schulgeschichte ist nichts bekannt. Die Kantonsschule St.Gallen hat Alice Scheitlin nach den Akten zu urteilen nicht besucht und hatte somit keine abgeschlossene Handelsmatura vorzuweisen. Möglicherweise besuchte sie eine private Töchterschule, denn ihr Vater gehörte dem Besitzbürgertum an. Es ist auch gut möglich, dass sie, wie es für bürgerliche Töchter nicht unüblich war, einen Sprachaufenthalt im In- oder Ausland absolviert hat. Frauenstudium an der Handelsakademie St.Gallen Die Zulassung von Studentinnen zu den Universitäten führte noch im ausgehenden 19. Jahrhundert zu heftigen Debatten. Mit Beschluss vom 25. Mai 1898 regelte der st.gallische Regierungsrat in den Gründungsverhandlungen zur Handelsakademie St.Gallen, heute Universität St.Gallen (HSG), den Zugang für Studentinnen: «Der Besuch der Anstalt ist auch weiblichen Personen gestattet». «Voraussetzung der Aufnahme ist bei den Studierenden die erfolgreiche Absolvierung einer Handelsmittelschule oder der Nachweis einer entsprechenden auf anderen Schulen gewonnenen Vorbildung. Als Hörer wird jeder zugelassen, dessen Vorbildung die Annahme gestattet, dass er in den belegten Fächern dem Unterricht bzw. dem Vortrag mit Verständnis zu folgen vermag» (Prospekt-Auszug, 1904). Erste Frau mit kaufmännischem Diplom In der 1899 eröffneten Handelsakademie, die sich im Westflügel der Kantonsschule St.Gallen (heute Kantonsschule am Burggraben) befand, schrieb sich Alice Scheitlin im Wintersemester 1900/01 als Hörerin ein. Ab 1902 bot die unter der Leitung von Direktor Karl Emil Wild, einem Architekten, stehende Handelsakademie Vorkurse an. Diese sollten «die Lücken beseitigen, die sich etwa in den sprachlichen und besonders auch in den kaufmännischen Vorkenntnissen zeigen». Alice Scheitlin besuchte während eines Semesters den Vorkurs und immatrikulierte sich im Sommersemester 1903 an der Handelsakademie. Scheitlin belegte neben sprachlichen Fächern u. a. Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte sowie Buchhaltung und Verrechnungswesen. Im November 1905 legte sie als erste Frau an der Handelsakademie St.Gallen die kaufmännische Diplomprüfung ab. Bewertet wurde ihr Abschluss durchwegs mit den Noten 1 und 2 und dem Vermerk «Fleiss durchwegs sehr gut. Leistungen gut bis recht gut». Unauffälliges Akademikerinnenleben Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete Alice Scheitlin bis Juli 1913 in St.Gallen als Sprachlehrerin für Französisch und Englisch. Im Januar 1915 zog sie nach Bern um. 15 Jahre später, 1930, siedelte sie nach Newark, New Jersey (USA) über und arbeitete dort wiederum als Sprachlehrerin. Nachweislich war sie ab 1940 als Versicherungsangestellte in Orange, New Jersey angestellt. Alice Scheitlin starb am 9. September 1974 hochbetagt, ledig und ohne Nachkommen in St. Petersburg (Florida).