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Wie der schweizerisch-brasilianische Doppelbürger Jorge Paulo Lemann zum Milliardär und weltgrössten Bierverkäufer aufstieg. Eine Biografie gibt Einblicke.
Die Nachricht erreichte ihn in der Wüste Gobi in der südlichen Mongolei, wo Jorge Paulo Lemann mit seiner Frau auf touristischer Erkundung weilte. August Busch IV, Erbe des US-Brauhauses Anheuser-Busch, hatte der «Financial Times» entnommen, dass Konkurrent InBev eine Übernahme von Anheuser-Busch plante – ein Deal über 46 Milliarden Dollar. Der aufgeschreckte Busch verlangte eine Erklärung von Lemann, dominierender Aktionär bei InBev, der sich offenbar an die US-Bier-Ikone (Budweiser) heranschlich. Gobi war nicht der Ort für Verhandlungen. Schliesslich einigten sich die beiden Milliardäre auf eine Klärung im Juli in Tampa, Florida. Das war im März 2008. Noch blieben ein paar Wochen bis zum Showdown.
Busch alarmierte umgehend seine Investmentbanker von Goldman Sachs, um einen Verteidigungswall gegen die Ausländer aufzuziehen, Lemann bot die Investmentbanker von Lazard auf, um den Angriff auszulösen.
Am 13. Juli, bevor man sich zur Friedenspfeife in Tampa traf, war der Sieger bestimmt: Lemann. Für die Aktionäre von Anheuser-Busch war sein Angebot über 52 Milliarden Dollar zu verlockend. Nun war er mit der amerikanischen Traditionsmarke auch noch der Herr über 60 Prozent Marktanteil in den USA. Mit dem Kauf der brasilianischen Brauerei Brahma 1989 hatte es begonnen, nun, Ende 2008, war Lemann der weltgrösste Bierbrauer mit 300 Marken im Portfolio und einem Gesamtumsatz von 43,2 Milliarden Dollar.
Vater wanderte aus
Mit der Anheuser-Busch-Übernahme rückte Lemann vor sechs Jahren erstmals ins globale Rampenlicht, aber nur für kurze Zeit. Heute agiert der Mann, den «Forbes» als den «spannendsten Milliardär» beschrieb, wieder im Hintergrund. Einen Einblick in sein Leben und seine Geschäftserfolge bietet die brasilianische Autorin Cristiane Correa mit einer ersten Biografie über den Schweiz-Brasilianer.
Lemann stammt aus dem Emmental, sein Vater, ein Käsehändler, wanderte in den 1920er-Jahren nach Brasilien aus. Er wuchs in Leblon, einem schicken Stadtteil von Rio de Janeiro, auf, besuchte die American School und begann 7-jährig mit Tennis. Als Teenager stand er auf dem Court, auf dem Surfbrett oder war an Partys. «Er war einer der besten Surfer in Rio», sagt sein Cousin Alex Haegler, ein Schweizer, dessen Eltern ebenfalls nach Brasilien auswanderten. Als Jorge keine zwanzig war, geriet sein Vater in Botafogo, einem Stadtteil Rios, unters Tram.
Es war nicht mehr die Zeit für Partys, sondern für Ausbildung. Er ging in die USA und studierte an der Harvard-Universität Ökonomie. «Dort lernte ich, dass man grosse Träume haben muss, Dinge aufs Wesentliche reduzieren muss – und voll aufs Personal setzen muss.»
Nach dem Studium ging er nach Genf, wo er einen Praktikumsplatz bei der Credit Suisse erhielt. Doch er blieb nur ein paar Monate. Die Firmenkultur war ihm zu hierarchisch, die Arbeitsabläufe zu starr. Viel lieber tummelte er sich auf dem Tennisplatz; er wurde Schweizer Meister und schaffte es 1962 ins Davis-Cup-Team, spielte in Wimbledon und in Paris am Roland Garros Grand Slam.
Doch auf das Podest brachte er es nicht. «Als ich realisierte, dass ich es nicht unter die zehn Besten schaffe, gab ich meine Tenniskarriere auf.» Er kehrte nach Brasilien zurück, heuerte bei der Kommerzbank Invesco an und war schon bald einer der «Rainmaker» im Börsenhandel. Nach ein paar Jahren schaffte Invesco mit Starhändler Lemann bereits die Hälfte des Umsatzes der Börse von Rio. Der Jungstar schrieb eine Börsenkolumne in der Sonntagsausgabe des «Jornal do Brasil» und verdiente Millionen. Mit 27 Jahren stürzte der Highflyer ab. 1966 kaufte die Familie Lutterbach, ebenfalls ausgewandert aus der Schweiz, die Banco Ipiranga. Lemann verlor viel Geld.
Kidnapper lauerte Kindern auf
Ein nächster Wendepunkt brachte der 9. März 1999. Kidnapper lauerten drei seiner Kinder auf dem Weg zur Schule auf und wollten sie entführen. Sie schossen 15 Mal auf den gepanzerten VW Passat, doch dem Fahrer gelang die Flucht. Anderntags flog der Investmentbanker mit Kind und Kegel in die Schweiz. Über all die Jahre hatte er seinen Schweizer Pass behalten, zudem ist er in zweiter Ehe mit Susanna, einer Zürcherin, verheiratet. Die Familie zog in ein modernes Anwesen am Zürichsee bei Rapperswil-Jona. Zur Hand geht ihm in juristischen Fragen seit Jahrzehnten Peter Nobel, Wirtschaftsanwalt in Zürich.
2013 sorgte Lemann ein weiteres Mal für internationale Schlagzeilen. Mit seiner Beteiligungsgesellschaft 3G Capital schnappte er sich den Ketchup-Hersteller Heinz. Beraten wurde er beim Megadeal von Warren Buffett, einem alten Bekannten. «Viele Geschäftsleute sehen sich im Zentrum und lechzen nach Anerkennung. Jorge Paulo ist das Gegenteil.»
Doch gewinnen will er schon, auch im Tennis. 2011 wurde er in der Senioren-Interclub-Meisterschaft Schweizer Meister mit GC, bei den 70plus schaffte es der 74-jährige letztes Jahr immerhin noch auf den zehnten Schlussrang.
Literatur: Cristiane Correa, «Dream Big», Verlag GMT Editores, Rio 2014.