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Ein Papablog von Maurice Thiriet.
Gülsüm mag mich nicht: Sie spricht nicht mit mir, sie meidet mich und sie hört nur dann kurz auf, mich zu ignorieren, wenn sie mich aus einer Unsicherheit heraus mit der flachen Hand auf die Wade haut.
Aufgewachsen bin ich im Basler Matthäus-Quartier, wo der Ausländeranteil immer um die 50 Prozent beträgt. Wenn man in die Migros ging, dann trug die Hälfte der Frauen Kopftuch. Die andere Hälfte sprach Elsässisch. Der beste Kindergarten-Freund von meinem Bruder und mir war Fatih. Seine Mutter sprach kein Deutsch, aber sie hatte mit 25 schon vier Kinder und servierte süssen Tee in hohen dünnen Gläsern.
Eines Tages holte sie mein Fahrrad ab, auf dem fortan eine der kleinen Schwestern von Fatih auf dem Trottoir der Feldbergstrasse rauf- und runterdüste. Noch ziemlich lange nach der Kindergartenzeit hielt ich ab und zu bei der Parterre-Wohnung Fatihs und erhielt von seiner Mutter wortlos aber mit einem Lächeln einen süssen Tee im hohen dünnen Glas durchs Fenster gereicht. Und der PKK-Chef in Basel war der einzige, der in seiner Metzgerei den Kebap-Preis nie gemeinsam mit allen anderen erhöhen musste. Wahrscheinlich kostet er immer noch fünf Franken.
Kopftuch, Kebap, Türkentee – das war die Welt meiner Kindheit und die war in Ordnung. Warum die Väter aus den nobleren Vororten später ihre Töchter mit dem Auto zu mir brachten und ohne auszusteigen wieder abholten, sollte ich erst später verstehen. Dann nämlich, als ich in besagten Migros zurückkehrte, nachdem ich acht Jahre lang im Zürcher Seefeld gewohnt hatte. Die vielen Kopftücher und das Elsässisch befremdeten mich plötzlich und wie ein Zwangsgedanke sagte mein Stammhirn immer wieder: «Mein Gott. Schlüers! Mörgelis! Sie haben doch Recht!» Die prägenden Erinnerungen an meine angstlose Kindheit mit Kopftuch, Kebap und Türkentee bewahrten mich davor, auf diese instinktive Fremdenangst hineinzufallen.
Nach zehn Jahren Zürcher Seefeld wohnen wir nun in Zürich-Seebach. Anfangs habe ich mich dagegen gewehrt, hatte Heimweh, wollte die Familie zurücksiedeln. Doch wenn ich jetzt zurückkehre ins Seefeld, dann geht es mir gleich wie damals im Migros. Alles befremdet mich. Die jüngste Seefeld-Schwangere, eine 40-Jährige auf Highheels trotz Wasser in den Beinen. Der Hipster, ein Bubi mit rasierten Beinen in goldener Badehose und Jane-Birkin-Tasche. Der SVP-Gemeinderat, der im Weissen Kreuz vom Stuhl fällt.
Deswegen geht mein Sohn in Seebach in die Krippe, in den Kindergarten und auch in die Schule. Zusammen mit seiner besten Freundin Gülsüm, deren Mutter Kopftuch trägt, kein Deutsch spricht und süssen Tee in hohen dünnen Gläsern serviert. Die Zeit mit Gülsüm wird meinen Sohn immer daran erinnern, dass die Schlüers und Mörgelis nie recht haben.
Auch wenn sie mich manchmal haut: Ich mag Gülsüm.
Maurice Thiriet ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.