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Alles beginnt mit einer Halluzination. Eines Tages im Jahr 1974 nimmt der kalifornische Pianist, Komponist und Software-Entwickler Stephen Malinowski die Droge LSD und hört sich dann die «Siciliana» aus Bachs g-Moll Violinpartita an. Er liest in der Partitur mit, und plötzlich beginnen in seiner Vorstellung die Noten zu tanzen. So erlebt Malinowski das Fähnchen der Achtelnote in seinem halluzinogenen Zustand als Armbewegung eines Balletttänzers. Die Formen der Notation und die Gestik der Musik verschmelzen.
Vom LSD-Trip zur konkreten Vision
Aus der LSD-Halluzination wird eine Idee: Der heute 61-jährige Malinowski, alias «Smalin», stellt sowohl übersichtliche als auch komplexe, vielstimmige Musik mit Animationen visuell dar. Mit Liebe zum Detail, aber trotzdem so, dass auch der Musik-Laie ohne Notenkenntnisse die Klangbilder mitverfolgen kann. Die Visualisierungen haben neben ästhetischen vor allem auch musikanalytische Ziele: Sie sollen als grafische Partitur das Musikverständnis fördern und den Höreindruck intensivieren. Das Auge soll das Ohr leiten.
Music Animation Machine
Die ersten Visualisierungen zeichnet Malinowski vor über 40 Jahren auf Papier. Später programmiert er auf den ersten Personal-Computern eine Software, die Musik sichtbar macht. Die sogenannte «Music Animation Machine» (MAM) ist eine Pioniertat. Malinowski kreiert damit Animationen, die differenzierter und aufschlussreicher sind als andere Audiovisualisierungen dieser Zeit, z.B. das «Atari Video Music System C-240 Mint», Link öffnet in einem neuen Fenster von 1976.
Bilder wie aus einem psychedelischen Traum
Viele Audiovisualisierungs-Plug-ins (z.B. der Media Player, Link öffnet in einem neuen Fenster) zeigen mal mehr, mal weniger überzeugend die Stimmungen von Musik und insbesondere deren Rhythmus. Smalin bildet demgegenüber schon in den frühen Prototypen, Link öffnet in einem neuen Fenster die Struktur von Musik ab: Er verdeutlicht die einzelnen Stimmen durch verschiedene Farben oder Formen wie Kreise, Balken, Rauten , Link öffnet in einem neuen Fensteroder animierte Linien. Der genaue Verlauf der Tonhöhen ist wie in einem Midi-Editor dargestellt und die ganze Visualisierung zieht schliesslich linear vorbei. So lassen sich auch mehrstimmige Strukturen ziemlich leicht durchschauen.
Malinowski experimentiert mit verschiedenen Arten der Visualisierung. Er verfeinert über die Jahrzehnte seine Arbeiten und berücksichtigte darin etwa auch die Klangfarben. Seine grafischen Partituren sind bunt und verspielt, bisweilen gar poetisch.
Nahe am Notentext
Vor allem aber sind sie aufschlussreich und meist sehr übersichtlich. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche und bleiben nahe am Notentext. Als Grundlage verwendet Malinowski Musik verschiedenster Stilrichtungen. Er arbeitet auch mit Klassik- und Popstars wie John Adams, Link öffnet in einem neuen Fenster oder Björk (Biophilia, Vulnicura) zusammen.
Smalins Videos sind auf YouTube sehr beliebt, seit 2012 sind sie auch live in Konzerten zu erleben. Zusätzlich zu den Musikern steuert hier eine weitere Person die Animation synchron zur Musik. Das dafür nötige Gerät entwickelte Malinowski ebenfalls selber: Es besteht unter anderem aus einer Autofenster-Kurbel.