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Das Klima wandelt sich immer stärker, die Folgen sind Naturkatastrophen, Dürren und Hunger. Die kanadische Aktivistin Naomi Klein erklärt, warum das Kapital keine Hilfe ist beim Kampf gegen den Klimawandel und warum es eine antikapitalistische Antwort braucht.
Wir gehen möglicherweise direkt auf eine Klimakatastrophe zu. Wir wissen, was geschehen wird, wenn wir nichts dagegen tun, aber es wird kaum etwas unternommen. Warum ist das so?
Naomi Klein: Es ist nicht so, dass gar nichts getan wird – aber wir tun genau das Falsche. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das Erfolg und Fortschritt als endlose wirtschaftliche Expansion begreift. Jede Expansion wird als gut erachtet. Unser Schadstoffausstoss steigt sehr viel schneller als in den 1990er Jahren. Im vergangenen Jahrzehnt hatten wir sehr hohe Ölpreise, weshalb es grosse wirtschaftliche Anreize für Konzerne, die Energie aus fossilen Energiequellen herstellen, gab, in noch mehr Schadstoffe emittierende Bereiche vorzustossen wie die Ausbeutung von Ölsanden oder Fracking. Wir haben auch ein System, das es multinationalen Konzernen erlaubt, ihre Produkte auf billigste Weise zu erzeugen: mit schlecht bezahlten Arbeitskräften und billiger Energie, was zur deregulierten Verbrennung von Kohle geführt hat. Deshalb hat sich das Problem noch deutlich verschärft.
Du sagst, die transnationalen Konzerne wie ExxonMobil, BP und Shell haben dem Planeten den Krieg erklärt …
Das Geschäftsmodell dieser Konzerne besteht darin, neue Reserven fossiler Energiequellen zu finden, was das genaue Gegenteil von dem ist, was wir brauchen, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Laut einer Studie der Initiative «Carbon Tracker» von vor drei Jahren hat die Industrie für fossile Energieträger fünfmal mehr Kohlenstoff in ihren nachgewiesenen Reserven, als mit dem Ziel vereinbar ist, die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen – das jedenfalls wurde auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 vereinbart, und schon dieses Ziel bedeutet für viele Gemeinschaften eine grosse Gefahr. Aber es gibt uns eine Grössenordnung für den Kohlenstoffausstoss. Wir wissen, wie viel Kohlenstoff verbrannt werden kann, um nach wie vor eine 50-prozentige oder sogar höhere Chance zu haben, dieses Ziel zu erreichen, und diese Konzerne haben fünfmal mehr Kohlenstoff in ihren Reserven. Das ist auch die Erklärung dafür, dass diese Konzerne so aktiv gegen die Verbreitung der Erkenntnisse echter Klimawissenschaft kämpfen, warum sie PolitikerInnen und Organisationen finanzieren, die den Klimawandel leugnen, und weshalb sie jeden ernsthaften Versuch bekämpfen, gegen den Klimawandel vorzugehen.
Warum bleibt das straflos?
Ölkonzerne gehören zu den mächtigsten Unternehmen der Welt. Kriege wurden von unseren Regierungen geführt, um ihre Interessen zu schützen. Fossile Energiequellen kommen natürlicherweise konzentriert in bestimmten Regionen vor. Förderung, Transport und Verarbeitung sind sehr teuer. Es ist also kein Wunder, dass sie Gegenstand der Konzentration von Reichtum und Macht mit einer sehr kleinen Zahl von SpielerInnen auf dem Gebiet sind. Diese Art der Machtkonzentration lädt geradezu zur politischen Korruption der legalen wie der illegalen Art ein. Deshalb bleibt das straflos.
Wie könnte der Dialog mit den Beschäftigten dieser die Umwelt vergiftenden Konzerne aussehen? Kann es ein Bündnis mit ihnen geben?
Wir brauchen eine Antwort auf den Klimawandel, die auf Gerechtigkeit basiert. Das muss zunächst der Politik eingeschrieben werden: Wir müssen definieren, wie ein gerechter Übergang aussieht, und wir müssen dafür kämpfen. Konkret heisst das, dass die ArbeiterInnen, die ihren Job in diesen Industrien verlieren würden, umgeschult werden und eine andere Arbeit bekommen. Es würde mehr Arbeitsplätze im Sektor erneuerbarer Energien geben, weil erneuerbare Energien, Energieeffizienz, alternative Technologien für den öffentlichen Transport und so weiter sechs- bis achtmal mehr Arbeitsplätze als die fossile Industrie schaffen. In den vergangenen Jahren wurden riesige Summen in die fossile Industrie investiert, was ein grosser Antrieb für das Fracking von Gas und für Bohrungen im Meer war. Gleichzeitig sind die Regierungen weniger bereit, in den Energiewandel zu investieren. Überall in Europa haben Regierungen ihre Subventionen für erneuerbare Energien gesenkt. Wenn es nur Arbeitsplätze in der fossilen Industrie gibt, verteidigen die Gewerkschaften natürlich diese Jobs.
In deinem Buch schreibst du, die Proteste hätten bisher gezeigt, dass Neinsagen nicht genug ist, dass wir ein umfassendes Verständnis davon brauchen, was an die Stelle dieses Systems treten könnte. Wer wird diese Vision entwerfen?
Dazu benötigen wir einen demokratischen Prozess. Ich glaube nicht, dass es eine Vision gibt, die in Frankreich funktioniert, oder auch nur in einem Teil Frankreichs, und dass dieselbe Vision auch in Kanada oder Indien funktioniert. Wir müssen Beispiele schaffen, die auf jeder Ebene funktionieren, sei es in der Stadt, in der Region oder landesweit, indem Leute zusammenkommen und definieren, was ein gerechter Übergang für sie bedeutet. Entscheidend wird sein, diese Gespräche, diesen Austausch in Gang zu bringen, denn ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie wenig wir die Verbindung zum Beispiel zwischen einem Kampf für erschwinglichen öffentlichen Verkehr und Klimawandel ziehen. Oder es gibt einen Streik von EisenbahnarbeiterInnen gegen Privatisierung, aber sie reden niemals über den Klimawandel. Der grosse Fehler ist also, dass wir nicht zusammenkommen und die Macht dieser Argumente benutzen, um dem Druck der Sparpolitik etwas entgegenzusetzen.
Was können wir von internationalen Verhandlungen erwarten?
Wir müssen realistisch bleiben: Sie werden die Welt nicht retten, es wird kein Abkommen geben, das dem entspricht, was WissenschaftlerInnen uns als notwendig vorschlagen. Die WissenschaftlerInnen sagen uns, dass wir den Schadstoffausstoss um 8 bis 10 Prozent im Jahr senken müssen, ab sofort. Unsere Regierungen sprechen über eine Senkung des Schadstoffausstosses um 2 bis 3 Prozent ab dem nächsten Jahrzehnt.
Was würdest du Leuten sagen, die in ihrem Alltagsleben etwas tun wollen, um etwas zu verändern?
Wir wissen, was wir im Alltag tun können, um unseren Kohlendioxid-Fussabdruck zu senken. Viele tun das bereits. Und wir sollten das auch tun, weil es uns vernünftiger und gesünder macht, und wir unser Handeln und unsere Überzeugungen in Übereinstimmung bringen. Ich glaube aber auch, dass sich viele entmutigt fühlen, weil sie zwar individuell etwas verändern, sich aber strukturell nichts ändert.
Denkst du, dass die Abkehr von der Politik des Wirtschaftswachstums eine Lösung ist?
Als diagnostisches Mittel ist das hilfreich: Wir brauchen die Abkehr von einem Wirtschaftssystem, das Wachstum als einzigen Massstab für Erfolg und Fortschritt ansieht. Insgesamt brauchen wir ein Wirtschaftssystem, das den Verbrauch unserer Ressourcen mindert, insbesondere den Verbrauch fossiler Energiequellen. Aber sich die Abkehr vom Wachstum als Ziel auf die Fahnen zu schreiben, ist ein Fehler. Nur weil Wachstum Kern des Problems ist, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass Abkehr vom Wachstum die Lösung bedeutet. Wenn das Problem darin liegt, Erfolg an Wachstum zu messen, dann besteht die Lösung darin, einen anderen Massstab für Erfolg zu entwickeln, würde ich sagen. Es kommt immer auf die Umstände an, aber den Begriff der Wachstumsentschleunigung zu benutzen, insbesondere wenn Leute unter erbarmungslosem Spardruck leiden müssen, ist keine besonders kluge Kommunikationsstrategie.
Gibt es vielleicht technische Lösungen gegen den Klimawandel oder ist alles politisch?
Das ist eine Kombination: Bei erneuerbaren Energien geht es um Technik. Es hat hervorragende Entwicklungen bei all diesen Technologien gegeben. Bei agroökologischer Landwirtschaft handelt es sich nicht um die Rückkehr zu traditionellen Landwirtschaftsmethoden, sondern um überliefertes Wissen verbunden mit moderner Technologie. Aber wir müssen auch begreifen, dass wir unseren Konsum reduzieren und weniger Ressourcen verbrauchen müssen. Sich also allein auf die Technologie zu konzentrieren, vermittelt den falschen Eindruck, dass wir ausser der Verwendung anderer Energiequellen nichts ändern müssten. Wir brauchen jedoch auch eine Strategie, die Nachfrage zu senken, damit wir weniger Energie verbrauchen. Deshalb ist es gefährlich, nur die Technik im Blick zu haben. Das gilt umso mehr für andere technische Heilmittel wie Geoengineering, die eher was von Science-Fiction haben: diese Vorstellung, dass wir irgendwie das Sonnenlicht dimmen könnten, sodass der Planet sich nicht weiter erwärmt. Das ist nur ein weiterer Ausdruck ebendieses anmassenden Weltbilds, das uns dieses Problem überhaupt erst beschert hat.
Gibt es also keine Möglichkeit, gegen den Klimawandel zu kämpfen, ohne auch gegen den Kapitalismus zu kämpfen?
Nein, ich glaube nicht. Das haben wir schon eine ganze Weile versucht. Aber es gibt immer noch eine starke Strömung in der grünen Bewegung, die meint, sie könne weiterkommen, ohne die MachthaberInnen zu verärgern. Das ist offen gestanden eine sehr schlechte Strategie. Wenn der Kapitalismus, abgesehen vom Klimawandel, für die Mehrheit der Menschen funktionieren würde, bräuchten wir tatsächlich eine Strategie, die das kapitalistische System schützt. Falls es das überhaupt gibt, was ich nicht glaube. Aber so sind die Verhältnisse nicht. Inzwischen ist die Einsicht weit verbreitet, dass dieses Wirtschaftssystem selbst nach eigenen Massstäben scheitert. Diese Erkenntnis ist sogar viel weiter verbreitet, als ich es je zuvor erlebt habe. Es gibt eine breite Debatte über die grosse Ungleichheit, die der Neoliberalismus geschaffen hat. Die Menschen begreifen, dass eine Politik, die für mehr Effizienz sorgen sollte, am Ende weniger Effizienz brachte. Wir brauchen also umso dringender ein anderes Wirtschaftsmodell. Und wenn die Bewegung für Klimagerechtigkeit beweist, dass ihre Antwort auf den Klimawandel auch die beste Möglichkeit ist, ein gerechteres Wirtschaftssystem zu schaffen, in dem es mehr und bessere Arbeitsplätze gibt, mehr soziale Gleichheit, mehr und bessere soziale Dienste, alternative öffentliche Verkehrsmittel, all diese Dinge, die das alltägliche Leben verbessern, dann werden die Menschen auch bereit sein, dafür zu kämpfen.
Das Problem ist, dass wir FeindInnen haben: die Konzerne, die die fossilen Energiequellen ausbeuten und bis zum Letzten gehen, um ihre Interessen zu schützen. Sie meinen es ernst, sie kämpfen mit kreativen, mit schmutzigen Mitteln, sie werden alles tun, um zu gewinnen. Und auf der anderen Seite steht eine laue Mitte, die nicht wirklich kämpft, weil sie sich nicht sicher ist, was dabei herauskommen wird. Aber wenn es möglich ist, ein Programm für Wirtschaftsgerechtigkeit mit Umweltschutz zu verbinden, dann können wir eine Bewegung von Menschen schaffen, die für die Zukunft kämpfen, weil es unmittelbar von Nutzen für sie sein wird.