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Nur eine Kuh, die kalbt, gibt Milch
Die einzige Aufgabe einer Milchkuh ist es, viel Milch zu produzieren. Doch Milch gibt sie nur, wenn sie ein Kalb zur Welt bringt. So wird die Kuh mit Eintreten der Geschlechtsreife im Alter von 16 bis 18 Monaten erstmals künstlich besamt. Kurz nach der Geburt ihres ersten Kalbes gibt die Kuh Milch, die der Mensch für sich beansprucht. Deshalb werden Kuh und Kalb nur wenige Stunden oder Tage nach der Geburt voneinander getrennt – eine erhebliche psychische Belastung für beide.
Das Kalb erhält zumeist Milchersatz, ein Gemisch aus Magermilchpulver und Wasser. In der Folge wird das Kalb oftkrankheitsanfällig.Auch entwickeln sich Verhaltensstörungen, da das Kalb sein natürliches Bedürfnis, am Euter der Mutter zu saugen, nicht befriedigen kann. Die Fürsorge und Pflege ihrer Mutter erfahren diese Kälber nie – das Leid der Kälber ist schwer vorstellbar.
Einzelne Höfe zeigen, dass es auch anders geht – sie betreiben alternative Milchkuhhaltung. Bei dieser sogenannten muttergebundenen Kälberaufzucht darf das Kalb längere Zeit bei der Mutter bleiben. Lesen Sie dazu auch unser Interview über tierfreundliche Milch mit Hans Möller, Betriebsleiter eines Biolandhofs nahe Hamburg.
Nach der Geburt des letzten Kalbes wird eine Milchkuh so schnell wie möglich wieder besamt, damit sie möglichst viel Milch gibt. Die Milchleistung pro Kuh - das ist die Milchmenge, die eine Kuh pro Jahr abgibt - ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Hochleistungsmilchkühe geben bis zu 12'000 Liter Milch pro Jahr - über 30 Liter pro Tag. Diese Tiere erhalten enorme Mengen an Kraftfutter wie Getreide und Soja, um eine so hohe Milchleistung zu erzielen. Normalerweise müssen Wiederkäuer wie Kühe mit einem Futter gefüttert werden, das reich an Ballaststoffen und Raufutter wie Gras und Heu ist - Futtermittel mit hohem Kraftfutteranteil führen zu Veränderungen in ihrer Darmflora und zu Verdauungs- und Stoffwechselstörungen.
Kühe müssen immer mehr Milch geben
Die Milchleistung pro Kuh, d.h. die Milchmenge, die eine Kuh pro Jahr abgibt, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.
In vielen europäischen Ländern hat sich die Milchleistung pro Kuh in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt. Der dramatische Anstieg der Milchleistung pro Kuh ist auf den raschen Fortschritt in Genetik und Management zurückzuführen. Bis Mitte der 1980er Jahre war der grösste Teil des Anstiegs der Milchleistung das Ergebnis eines verbesserten Managements, insbesondere einer besseren Anwendung von Ernährungsstandards und einer verbesserten Qualität des Raufutters. Seitdem wurden Genetik und hochintensive Fütterung zum wichtigsten Faktor als direkte Folge des Einsatzes der künstlichen Besamung, der intensiven Selektion auf der Grundlage von Nachkommenschaftstests bei Bullen und der weltweiten Verbreitung von Samen von Bullen mit hohem genetischen Wert für die Produktion.
Eine durchschnittliche Produktion von über 10'000 kg Milch pro Kuh ist in den USA nicht ungewöhnlich und in Europa zunehmend üblich. Einzelne Kühe können doppelt so viel produzieren1. Derzeit liegt der EU-Durchschnitt bei mehr als 7'000 Litern pro Kuh2 und er steigt weiter an.
Krank auf Grund der hohen Milchleistung
Die Art, wie Milchkühe gefüttert werden, ist eigentlich nicht geeignet, da Rinder Wiederkäuer sind, deren Futterbasis in der Regel aus Gras oder Heu besteht. Die enorme Milchleistung bringt die Kühe an ihre körperlichen Grenzen: Sie leiden unter lebensbedrohlichen Stoffwechselstörungen und schmerzhaften Euterentzündungen. Durch die hochkonzentrierte Fütterung kommt es bei vielen Tieren auch zu einer starken Übersäuerung des Pansen.
Milchkühe werden meist schon nach kurzer Zeit in der Melkperiode abgemagert, da zu dieser Zeit die Milchproduktion am höchsten ist und sie nicht so viel fressen können, da sie für den Milchverlust Kalorien verbrennen. Ausserdem können sie in dieser Zeit wegen des übergrossen Euters kaum noch richtig laufen. Auch die Klauen bleiben nicht gesund: Aufgrund der enormen Kraftfuttermengen sind ihr Wachstum, ihre Gesundheit und die Erholung der Klauen im Vergleich zu Kühen, die in Mutterkuhherden Raufutter mit Gras und Heu erhalten, gestört.
Im Durchschnitt wird jährlich ein Drittel der Rinderherden geschlachtet und durch neue Tiere ersetzt. Das sind über 8.9 Millionen Tiere in der Europäischen Union3. Eine durchschnittliche Milchkuh wird nicht älter als fünf Jahre - auch wenn Rinder erst mit fünf Jahren reif sind und die natürliche Lebenserwartung von Rindern sogar 20 Jahre beträgt.
Was können Sie tun, um eine tierfreundliche Milchkuhhaltung zu unterstützen?
- Sich gegen qualvolle Haltungsbedingungen einsetzen
- Informieren Sie sich beim Kauf von Milchprodukten über die Haltungsbedingungen der Tiere und verwenden Sie keine Produkte, aus Haltungen, die den Kühen schlechte Bedingungen bieten
- Bevorzugen Sie stattdessen Produkte, die tierfreundlich und/oder biologisch produziert wurden
- Versuchen Sie, Ihren Milchkonsum einzuschränken
- Kaufen Sie mehr pflanzliche Alternativen wie Hafer- oder Reismilch oder daraus hergestellte Produkte. Es gibt mittlerweile eine grosse Auswahl an pfalnzlicher «Milch», «Joghurt» oder «Käse».
- Fragen Sie in Restaurants und Cafés auch nach der Herkunft der verwendeten Milch oder nach pflanzlichen Alternativen. Viele Restaurants bieten zum Beispiel pflanzliche Milch anstelle von Kaffeesahne an - oder wären bereit, diese in das Angebot aufzunehmen, wenn eine ausreichende Nachfrage besteht.
Es geht auch anders
Die Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht findet bei Landwirten wachsendes Interesse. Immer mehr Milchviehhalterinnen und -halter möchten die Kälber länger bei ihren Müttern lassen und die Kühe trotzdem melken. Die Kuh und ihr Kalb sollen damit ihre natürliche Beziehung intensiver ausleben können. Einige Bäuerinnen und Bauern haben mit der Mutter- und der Ammengebundenen Kälberaufzucht Erfahrungen gesammelt und eigene Verfahren entwickelt. Im Merkblatt des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) werden diese Erfahrungen für andere Tierhalterinnen nutzbar gemacht. Die Broschüre vermittelt zahlreiche Ideen für die Organisation der muttergebundenen Kälberaufzucht und die passende Einrichtung des Stalls.
Zum Merkblatt: Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht
Probieren Sie es aus: Beim Verein Cowpassion können Sie Käse aus muttergebundener Kälberaufzucht bestellen.
Eine von sechs Milchkühen steht ihr ganzes Leben nie auf einer Weide
In der Schweiz leben rund 500'000 Milchkühe. Zwei Drittel von ihnen können sich nicht regelmässig frei in der Herde bewegen, sondern leben immer noch in einem Anbindestall, während eine von sechs Milchkühen ihr ganzes Leben nie auf einer Weide steht. Vielerorts werden auch noch die für den Bau neuer Ställer mittlerweile verbotenen, elektrischen Kuhtrainer eingesetzt. Dabei handelt es ich um eine Vorrichtung, die die Kuh mittels elektrischem Schlag dazu zwingt, beim Koten einen Schritt nach hinten zu gehen.
Die natürliche Lebensdauer einer Kuh beträgt 20, teilweise sogar 25 Jahre. In der Milchwirtschaft werden die auf Hochleistung gezüchten Rassen im Durchschnitt nur noch fünf bis sechs Jahre alt. Wenn eine Milchkuh nicht mehr ausreichend Milch produzieren kann oder nicht mehr fruchtbar genug ist, wird sie in der Regel geschlachtet. Weitere, häufige Todesursachen von Milchkühen sind Eutererkrankungen, Klauen/Gliedmassen-Krankheiten oder Unfälle.
Der frühe und ständige Abgang von Kühen aus ihrer vertrauten Herde ist für die zurückbleibenden Artgenossinnen äusserst belastend. Denn Kühe sind sehr soziale Tiere, die untereinander enge und lebenslange Freundschaften bilden.
bis zu 12'000 Liter Milch im Jahr
geben Hochleistungskühe. Vergleichbar ist diese körperliche Leistung mit einem Spitzensportler, der jeden Tag einen Marathon laufen muss.
VIER PFOTEN fordert...
...eine strukturelle Veränderung der gesamten Milchproduktion:
- Mutter- oder ammengebundene Kälberaufzucht - die Trennung eines Kalbes von seiner Mutter sollte verboten oder zumindest durch säugende Kühe ersetzt werden
- Verbot der schmerzhaften Behandlungsverfahren (Verbindung zur Verstümmelung)
- Vollständiges Verbot der Anbindehaltung der Tiere und Vollspaltenböden sowie eine geringere Anzahl Tiere in den Ställen
- Geringere Milchleistung und längere Abkalbeintervalle, da sich dies sehr positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere auswirkt
- Eine Verlagerung hin zu Doppelnutzungsrassen
- Bessere finanzielle Unterstützung von Landwirten, die auf tierschutzfreundliche Haltungssysteme umstellen - Tierschutz muss im Rahmen der EU-Gesetzgebung und der ausgegebenen Subventionen berücksichtigt werden
Darüber hinaus strebt VIER PFOTEN einen allgemeinen Strukturwandel in der Milchwirtschaft an. VIER PFOTEN spricht sich gegen die gängige Praxis aus, Kalb und Mutter unmittelbar nach der Geburt zu trennen, da dies im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Tiere steht. VIER PFOTEN unterstützt Landwirte, die ihr Managementsystem auf eine muttergebundene Aufzucht oder eine Kälberaufzucht in Pflegefamilien umstellen wollen. In grösserem Umfang werden jedoch Verbesserungen für die Tiere nur möglich sein, wenn der Verbrauch von Milchprodukten gesenkt wird.