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Leise summte Anezka den melancholischen Songtext von Wish you where here mit, während das Gewitter über London tobte und fette Regentropfen gegen ihr grosszügiges Badezimmerfenster rasten. Die Tropfen klatschten knall hart gegen die zerbrechlich wirkende Scheibe, dass diese drohte zu zerspringen. Die Farbe des Himmels über der Grossstadt die allmählich zu erwachen schien, war ein deprimierendes Gemisch aus verschiedenen Schwarz- und Grautönen, die nicht gerade dazu einlud, raus zu gehen.
Dennoch setzte Anezka ihre holzige Haarbürste an ihrem Scheitel an und zog sie mühsam durch ihre braunen Locken bis nach unten, denn sie wusste genau , sie musste raus. Das Geld wurde ihr schliesslich nicht in die Wiege gelegt. Mit einem heftigen Ruck öffnete Anezka das Badezimmer Fenster, um ihre Kakteen-Sammlung auf dem empfindlichen Fenstersims vor den kalten Tropfen des tobenden Unwetters zu bewahren. Das Krachen der Scheibe als sie es wieder verschloss, brachte einige Pflanzentöpfchen ins Wanken, und die Sparlampe an der Decke setzte für einen kurzen Moment aus. Aber es blieb Anezka keine Zeit sich wieder darüber aufzuregen. Sie hatte schon drei Warnungen, weil ihr netter Mitarbeiter sie doch so gerne bei der Chefin verpetzte, wenn sie zu spät kam, denn sie hatte (wieder einmal) verschlafen und stürmte aus dem Bad.
Sie bemühte sich so schnell wie möglich fertig zu machen und packte in Eile ihre Sachen zusammen. Ihre Wasserflasche im Kühlschrank, den Schreibblock auf ihrer Couch und die Ohrringe auf ihrem Nachttisch, liessen sie noch einmal durch die ganze Wohnung hetzen.
Die Musik die immer noch aus dem zerschlissenen Handy Schall, verstummte im Raum, als Anezka auf ihre Kopfhörer umstieg, (Something, The Beatles) Gierig lehrte sie noch die Tasse mit lauwarmem Kaffe und war mit einem letzten Griff zum Regenschirm aus der Wohnung.
Zusammengekauert standen diese Leute, welche vom Gewitter überrascht wurden und kein Schutz dabei hatten, unter allem Möglichen Unterständen die ihnen, für die kurze Zeit in der sie sich überlegten, wie sie ihren intoleranten Chefs und Chefinnen ihre Abwesenheit erklären konnten, Trockenheit boten, während Anezka mit ihren Turnschuhen, Momjeans, einem alten Faserpeltz und dem Regenschirm, auf den sicher zwei drittel der starrenden Leute neidisch waren, vorbei stolzierte und sich ganz darauf konzentrierte in keine Pfütze zu stehen.
An der U-Bahn Station angekommen, bahnte sie sich einen weg durch die nasse, drängende Menge und rannte zu ihrer Bahn Richtung Oxford Circus, in die sie gleich noch rein kam. -Mind the gap – Der Zug setzte sich in Bewegung. Erst als ein älterer Mann sie aufdringlich anschaute, merkte sie, dass ihr keuchen, welches vom stressen durch die endlosen unterirdischen Gängen erfolgte, möglicherweise das müde Bahnabteil ein bisschen störte. Also versuchte sie es zu unterdrücken und sank gegen die Wand neben einen jungen Mann, der sie überraschender Weise an grinste. Sie versuchte alles rund um aus zu blenden ausser die Klänge die durch die Kopfhörer ihr Kopf entspannten. (Revolution , The Beatles) „Was hörst du da?“ Etwas verwirrt zog Anezka einen Hörer aus ihrem Ohr und blickte in das freundliche Gesicht des Mannes. „Wie bitte?“, kam es etwas müde von ihr. „Hört sich nach den Beatles an“, grinste er, „du hast ein guten Geschmack“ Als Anezka endlich realisierte, was er meinte lächelte sie erfreut zurück und zog den zweiten Hörer raus. „Jaaah!“, rutschte es ihr versehentlich etwas laut heraus. „Revolution“, fügte sie schüchtern hinzu. „Den Song mag ich sehr“, meinte er. „Na logisch“ sagte Anezka, als wäre es eine Schande wenn man dies nicht tat und steckte sich selbstgefällig den rechte Kopfhörer wieder ins Ohr. Der Mann der sich offenbar am Morgen gern mit Leuten unterhielt, lehnte ebenfalls gegen die Wand und hielt sich an der gleichen Stange wie Anezka, die zwischen ihnen war, fest. Sein Afro sass verstrubbelt und unbändig auf seinem Kopf. Sein Nasenring auf der linken Seite fiel ihr sofort auf. Er stand ihm gut. Und als sie seine Augen bewunderte merkte sie, dass diese sie erwartungsvoll anschauten. Nach dem sie ausgiebig gegähnt hatte, fragte sie ihn welches denn seine Lieblingslieder der Beatles waren und wie sehr er die 60er Band mochte. Nach ein paar Wortwechseln, stellten sie fest, dass ihr Musikgeschmack in eine ziemlich ähnliche Richtung ging.
„Oh!“, Anezka schien entzückt und suchte eilig den zweiten Kopfhörer, der irgendwo an ihr herunter baumelte. „Gefunden!“ freute sie sich und steckte ihn ohne zu fragen ins Ohr des eigentlich immer noch fremden Mannes. Sie hatten sich schliesslich noch nicht vorgestellt. Etwas erschrocken, jedoch erfreut, begann er zu lauschen und konzentrierte sich nun auf das Lied.
Ziemlich schnell breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus und er begann dramatisch passende Bewegungen dazu zu machen. Anezka machte mit, als würden die allmählichen Blicke der anderen im Zug nicht existieren. Und dann brach es aus ihnen.
„MAMAAAAA UUHHHHHH!“
Sangen sie, nicht so laut dass der ganze Wagon es mit bekam, aber es reichte, um einige verstörte Blicke zu kassieren. Doch bevor irgendjemand, wie diese sehr wütend wirkende alte Frau gegenüber etwas sagen konnte, ertönte es von einem anderen Abteil:
„I DON’T WANNA DIEEEE!“
Anezka und der Mann schauten sich gleichzeitig und gleich verstohlen an.
„I SOMETIMES WISH I’VE NEVER BEEN BORN AT ALL!!!!!!!!“
Mindestens fünf andere in diesem Wagon haben den Satz noch mit gesungen und es war ein wunderbares Gefühl. Wieder grinsten sie sich ungehalten an, dann lehnten sie sich an die wand und hörten Bohemian Rhapsody fertig. ..any way the wind blows.. „Die nächste muss ich raus“, sagte er plötzlich und zog sich den Kopfhörer aus dem Ohr. „Ich bin übrigens Charlie“, stellte er sich nun vor. „Freut mich, Charlie“, sie reichte ihm die Hand. „Darf ich dir noch ein Lied mit geben?“ Anezka entsperrt ihr Handy und drückte in die Suchleiste auf Spotify. Während Charlie das Lied suchte, überlegte sie sich, von wo sie eigentlich so ein Vertrauen zu dieser „fremden“ Person hatte. „Na dann……. „, „Anezka!“ viel sie ihm ins Wort. Er nickte ihr zu, „Einen schönen Tag, Anezka“, und stieg aus. Als Anezka nach ein paar Minuten die Stimme des Zuges Piccadilly Circus sagen hörte, machte sie sich auf den Weg zur nächsten Türe. Sie hielten an in ihrer alt bekannten Station, in der es wie jeden Morgen nur so von Menschen wimmelte und sie stieg mit mindestens zehn anderen Personen aus. Sie hasste diese Menschenmenge und schlängelte sich so schnell wie es ging durch sie hin durch, an die Oberfläche der Stadt. Es hatte aufgehört in strömen zu regnen und der Himmel hatte sich etwas auf getan. Nur noch vereinzelt vielen ein paar dicke Tropfen von nassen Bäumen oder Strassenlaternen auf die sich langsam füllenden Strassen. Ein paar Sonnenstrahlen kämpften sich durch die grauen tristen Wolken und man hörte ein Strassen Musiker leidenschaftlich Gitarre spielen. Weil sie sich ohne Musik besser konzentrieren konnte, hatte Anezka sie kurz aus gemacht, um das Labyrinth der Metrostation möglichst rasch zu verlassen. Aber jetzt war es definitiv Zeit sie wieder ein zu schalten. Sultans of swing – Charlie hatte wirklich perfekt getroffen. Das war jetzt genau das Lied, welches sie brauchte, während sie sich durch die überfüllten Strassen Londons kämpfte, auf denen trotz des Wetters unzählige sight-seeing Busse sich ihren Weg durch den Verkehr bahnten. Mit ihren Selfie-sticks, Stadt-Plänen und den mit I Love London beschrifteten Handtäschchen drückten sich die Touristen auf den Trottoirs aneinander vorbei und fotografierten alles, was sie möglicherweise für schön oder interessant hielten, also eifach alles. Nur selten warf einer etwas Münz in den offenen Gitarrenkoffer des Strassenmusiker, den Anezka sehr oft in der Stadt sah. Er hiess Jordan und machte echt gute Musik. Aber meistens hatte sie gar keine Zeit um ihm etwas zu zu hören.
Auch heute musste ein Lächeln von ihr genügen, denn wenn sie sich wirklich die Mühe machen würde und nach Kleingeld in ihrem Sack suchte, der wahrscheinlich voll davon war, Anezka wusste es nur nicht, käme sie noch später und das konnte sie sich noch weniger leisten als eine Musik-Spende.
(Rebell Rebell, David Bowie)
Weiter durchs Gedränge und Fussgängerstreifen mit Ampeln, die vielleicht einmal in der Stunde grün wurden. Kaffee.
Das war ihr nächster Gedanke, den sie noch schneller vorwärts trieb, zu ihrem Lieblings Kaffee: The hung, the drowned, the quartered Jedes Mal bevor sie diese Lokal betrat, schmunzelte sie kurz rauf zu dem edlen Schriftzug in Grün und Gold der protzig über der Tür hing. Ein leises Glöckchen ertönte, als sie die schwere Tür auf stiess und auf den knarzenden Holzboden betrat. Zielstrebig ging sie dann zur Theke und bestellte einen take-away Cappuccino und nahm sich eine Birne aus einer edlen Fruchtschale die mit Free Vitamins beschriftet war. Mit dem bezahlten Kaffe und der Frucht verliess sie das Lokal wieder und machte sich nun endgültig Richtung Arbeit.
(Here comes the sun, The Beatles)
Auch dieses Lied passte super zur Stimmung die gerade herrschte. Auch wenn sich hie und da einmal eine kleine Wolke vor die Sonne schob, machte diese sich immer breiter. Und die Strahlen die sich über ganz London ausbreiteten,
„Mit Musik“ – eine Geschichte von Zora Landolt
Stories
29. Oktober 2020
Did you exchange, a walk o part in the war for a lead roll in a cage…..
Leise summte Anezka den melancholischen Songtext von Wish you where here mit, während das Gewitter über London tobte und fette Regentropfen gegen ihr grosszügiges Badezimmerfenster rasten. Die Tropfen klatschten knall hart gegen die zerbrechlich wirkende Scheibe, dass diese drohte zu zerspringen. Die Farbe des Himmels über der Grossstadt die allmählich zu erwachen schien, war ein deprimierendes Gemisch aus verschiedenen Schwarz- und Grautönen, die nicht gerade dazu einlud, raus zu gehen.