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Ein Anliegen des gerade in Genf stattfindenden World Summit on the Information Society ist, alle Menschen an den Errungenschaften der Informationsgesellschaft teilhaben zu lassen. Ist das realistisch?
Dieses Wunschbild verkennt den ungleichen Zugang zu den modernen Kommunikationstechnologien - nicht nur zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb der Entwicklungsländer. Es gibt sogar eine doppelte Marginalisierung bestimmter Länder: Die urbane Mittelschicht inIndien, Indonesien, Argentinien oder Brasilien konsumiert diese Technologien sehr stark, während weite Teile ihrer restlichen Bevölkerung davon ausgeschlossen sind.
Beim Schlagwort «Globale Informationsgesellschaft» denkt man zuerst an das World Wide Web. Welches sind denn die wichtigsten Kommunikationsmittel in Entwicklungsländern?
Vor zwanzig Jahren, als ich meine erste Feldforschung in Westindien durchführte, gab es sehr viele Dörfer mit nur einem Telefon. Und das gehörte zumeist einem Händler. Die Leute telefonierten vorwiegend aus geschäftlichen, weniger aus privaten Gründen. Inzwischen hat sich das gewandelt. Viel mehr Leute haben private Anschlüsse, die sie auch für die Kommunikation mit der Familie nutzen. In der städtischen Mittelschicht sind Handies beliebt, nicht zuletzt als Statussymbol. Zudem gibt es viele nichtstaatliche öffentliche Telefone - nicht etwa in Telefonkabinen, sondern in Läden. Im Gegensatz zu früher haben diese Telefone alle auch Zugang zum internationalen Netz, was besonders für Kontakte mit Verwandten im Ausland wichtig ist.
Kann die Verbreitung eines bestimmten Kommunikationsmittels zur Modernisierung einer Gesellschaft beitragen?
Da bin ich ein wenig skeptisch. Zwar kann man beispielsweise in vielen Entwicklungsländern sowie in den Ländern Ost- und Mitteleuropas einen Modernisierungsschritt beobachten, wo das staatliche Telefonmonopol durch die Verbreitung von Mobiltelefonen beseitigt wurde.Handies können aber zu allen möglichen Zwecken benutzt werden. In jüngster Zeit ermöglichten sie die rasche Mobilisierung von Gewaltpotenzial. Beispielsweise im vergangenen Jahr in Gujarat (Westindien), als die hindunationalistische Regierungspartei ein Pogrom gegen die muslimische Minderheit mitorganisierte. Dabei wurde das Handy als wichtigstes Mittel zum Austausch der Information unter den Tätern eingesetzt. In dieser Geschwindigkeit und Effizienz wäre das anders nicht möglich gewesen. Die Technologie selbst bringt also nicht zwangsläufig eine Modernisierung, es kommt darauf an, zu welchen Zwecken man sie verwendet.
Es gibt aber auch Beispiele, wo Modernisierung ohne eine bestimmte Technologie vielleicht nicht möglich gewesen wäre…
Ein Beispiel wäre der Beitrag des Kopiergerätes zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Ost und Mitteleuropa. Mit seiner Hilfe wurden dort seit der Mitte der Achtzigerjahre viele Informationen in den Bürgerbewegungen, an den Universitäten und Forschungsinstitutionen verbreitet. Der Milliardär George Soros erkannte das subversive Potenzial von Faxgeräten und Kopierern in diesen Ländern und unterstützte finanziell mit seiner Open Society Foundation deren Verbreitung. So wurde das staatliche Informationsmonopol umgangen. Das Internet birgt ebenfalls ein subversives Potenzial. Das sieht man zum Beispiel an den Versuchen der chinesischen Regierung, den Zugang zu Websites und zum Internet zu regulieren.
Gibt es auch von staatlicher Seite Versuche, moderne Kommunikationstechnologien in Entwicklungsländern zu implementieren?
Die Regierung in Indien zum Beispiel versucht, den Schritt ins 21. Jahrhundert an den Zugang zum Internet zu koppeln, indem man in einigen Regionen Anschlüsse in die Dörfer legt. Meiner Meinung nach wäre es jedoch besser, dieses Geld in Primarschulbildung, sauberes Trinkwasser oder ins Gesundheitswesen zu investieren. Immerhin können fünfzig Prozent der Frauen in Indien nicht lesen. Analphabeten sind per se vom Gebrauch des Internets ausgeschlossen.
Welche Bedeutung haben denn Informationen für die Menschen in Entwicklungsländern überhaupt?
Die Weltbank führt immer wieder ein Beispiel an: Wenn die indischen oder die afrikanischen Bauern in ihren Dörfern Zugang zum Internet hätten, dann könnten sie die Weltmarktpreise für ihre Agrarprodukte sofort ermitteln und grössere Gewinne erzielen. Nur nützt ihnen die Information allein wenig, wenn die protektionistischen Barrieren gegen ihre Produkte beim Export nach Europa oder in die USA aufrechterhalten werden. Ein grosses Problem stellt die schlechte Infrastruktur dar, die den Zugang zu den nationalen und internationalen Märkten überhaupt erst ermöglicht. Information allein gibt keine Handhabe, Strukturen zu ändern.
Weshalb unterstützen dann die NGOs den Weltgipfel zur Informationsgesellschaft?
NGOs haben ein ähnlich grosses Interesse an der Verbreitung der Informationstechnologien wie wirtschaftliche Unternehmen. Die modernen Kommunikationsmittel haben zur Herausbildung einer transnationalen Zivilgesellschaft wesentlich beigetragen. Denn über das Internet können in kürzester Zeit transnationale Kampagnen organisiert werden oder andere Nachrichten als die der grossen Presseagenturen verbreitet werden. Der Widerstand gegen die Weltbank, das IWF-Treffen oder gegen die Milleniumsrunde der WTO in Seattle wären ohne Internet nicht denkbar.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass religiöse - christliche wie islamische - fundamentalistische Bewegungen die Informationstechnologien nutzen, besonders Video und Internet, um ihre Botschaften zu verbreiten. Es gibt also keinen einfachen Zusammenhang zwischen modernen Technologien und Modernisierung.
Wie wirken sich die modernen Medien auf die sozialen Verhältnisse aus?
In den Städten Indiens habe ich erlebt, dass Grosseltern glücklich sind, wenn sie über E-Mail Kontakt mit ihren Enkeln in denUSA haben können. Gleichzeitig wird dieses Medium benutzt, um in Indien Ehepartner für Nichten, Neffen oder Enkelkinder im Ausland zu suchen in der Tradition der Kastenendogamie. Vor der Eheschliessung werden von den Astrologen mit Hilfe eines Computerprogrammes die Horoskope der beiden Auserwählten verglichen. Die Technologie ermöglicht hier also, mit neuen Mitteln alten Werten treu zu bleiben.
Zur Person Shalini Randeria ist seit Oktober 2003 Ordentliche Professorin für Ethnologie an der Universität Zürich. Sie hat Soziologie und Sozialanthropologie an den Universitäten Delhi und Oxford studiert. Ihre Promotion an der FU Berlin schloss sie auf der Grundlage umfangreicher Feldforschungen mit einer Arbeit über «Unberührbare Kasten» im westlichen Indien ab. Vor ihrer Berufung nach Zürich war sie Professorin für Soziologie und Sozialanthropologie an der Central European University, Budapest. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Rechtsethnologieund Wandel der Staatlichkeit, Zivilgesellschaft, Prozesse der Globalisierung, Bevölkerungs- und Entwicklungspolitik sowie postkoloniale Theorie.