Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03488.jsonl.gz/339

Olga Titus
«Rosy Hues (Zoetrop – ein Objekt in Bewegung)», 2015
Für die «Video Arte Palazzo Castelmur» hat Olga Titus ein Zoetrop realisiert, ein um die eigene Achse drehendes Objekt, das mittels mechanischer Bewegung einen Bildverlauf erzeugt. Während das klassische Zoetrop als geschlossene Trommel mit schlitzförmigen Öffnungen, die den Blick auf Bilder an der Innenwand freigeben, aufgebaut ist, kreierte Titus ein Objekt in Form einer freistehenden mehrstöckigen Torte mit dreidimensionalen Tortenfiguren. Die Illusion eines kontinuierlichen Bewegungsverlaufs wird durch den Stroboskop-Effekt unterstützt. Der Vorläufer des Kinematografen wurde 1834 vom englischen Mathematiker William George Horner (1786–1837) erfunden. Rund 40 Jahre später sollte es Eadweard Muybridge (1830–1904) mittels der Chronofotografie – der schnellen Folge von Einzelaufnahmen – gelingen, Bewegungsabläufe sichtbar zu machen. Damit bewies er, dass beim Galoppieren eines Pferdes für kurze Zeit alle vier Beine inder Luft sind.
In Titus’ Zoetrop mit dem Titel «Rosy Hues» (deutsch: Rosa-Töne) sind es die Wunderwesen Einhörner, die als Tortenfiguren auf der untersten Ebene in einem schwebenden Trab vor unseren Augen vorbeiziehen. Auf fünf weiteren Ebenen tanzen Figurinen in entsprechenden Kostümen verschiedene Tänze: Samba, Flamenco, Ballett, Charleston, Derwisch-Tanz, einen volkstümlichen Trachtentanz und Kombinationen aus unterschiedlichen Kulturen. Die Figuren – 3D-Drucke und Foto-Cut-Outs – schuf die Künstlerin nach Standbildern von eigenen Videoaufnahmen oder auf Youtube gefundenen Filmen. Damit zerlegt die Künstlerin Videos des 21. Jahrhunderts in Einzelteile und bettet diese gewissermassen wieder in den Ursprung der Filmkunst ein. Ohne Umschweife werden im Palazzo mit der Torte Verknüpfungen zu den Bündner Zuckerbäckern möglich. Ebenso erweitern die optischen Illusionen von Bewegung auch die Trompe-l’Oeuil-Malereien, insbesondere den von südländischen Kulturen inspirierten, von Laubkränzen umgebenen Himmel im Turmsaal, und die künstliche Aura des Scheinschlosses.
Mit ihren Arbeiten verführt Olga Titus in kuriose Welten. Hinter den kitschig-fröhlichen und reichhaltigen Ansammlungen von kulturellen Insignien verbergen sich kulturpolitische und elementare Kontroversen zur eigenen Identität und zur Wahrnehmung von Heimat. Inspiration schöpft die Künstlerin mit Bündner und malaysischindischen Wurzeln aus der eigenen kulturellen Vernetzung sowie aus der Bilderflut des Internets. Für Inszenierungen schlüpft sie selbst in verschiedene Rollen, wobei auch die Verwandlungsfähigkeit zum Sinnbild ihrer Fragestellungen wird.
Céline Gaillard
Olga Titus · «Rosy Hues (Zoetrop – ein Objekt in Bewegung)», 2015
Drehmotor, Stroboskop, Foto-Cut-Outs (Videostills), Metall, 3D-Print, Farbe auf Holz, Dimensionen variabel
Dank: Valentin Altdorfer, Rolf Künzler, Jonas Meier, Mike Raths
© Ralph Feiner
· Courtesy the artist and Studio Sandra Recio, Genf
www.olgatitus.com