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| Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)

9. Kapitel: Die Fürstentümer, Erzengel und Engel
und die letzte von ihnen gebildete Hierarchie.
§ 2.
1) Der gleichen Ordnung wie die Fürstentümer gehören die Erzengel (ἀράγγελοι) an. Gemäß der [S. 51] Gliederung jeder Hierarchie in erste, mittlere und letzte Stufen bilden die Erzengel durch ihre Mittelstellung die Verbindung der äußeren Glieder. Mit den Fürstentümern haben sie gemeinsam die Hinwendung zum Urquell der Herrschaft und die Einigung der Engel vermittels einer wohlgeordneten Leitung. Mit den Engeln haben sie Teil an der Stellung von Dolmetschern, sofern sie die die göttlichen Erleuchtungen durch die ersten Engel empfangen, den Engeln mitteilen und durch diese uns offenbaren.
2) Die Engel schließen die himmlischen Ordnungen ab. Sie werden mit größerem Rechte als die andern „Engel“ genannt, weil sie der irdischen Welt am nächsten stehen. Es ist nämlich zu glauben, daß die oberste, Gott am nächsten stehende Triade auf die zweite hierarchisch einwirke, daß dann die zweite hinwieder Führerin der dritten sei, weil sie mehr als die erste, weniger aber als die dritte in die Erscheinung tritt, daß endlich die dritte Triade das Vorsteheramt über die Hierarchien unter den Menschen inne hat, damit so einerseits der stufenweise Aufstieg zu Gott und die Vereinigung mit ihm, andrerseits der auf der Güte Gottes beruhende harmonische Abstieg seiner Mitteilungen sich vollziehe.
3) Deshalb finden wir in der Schrift unsere Hierarchie den Engeln zugewiesen, Michael als Herrscher des jüdischen Volkes und andere Engel als Herrscher anderer Völker bezeichnet.
Der Chor der heiligen Erzengel steht mit den himmlischen Fürstentümern auf gleicher Stufe. Denn sie und die Engel bilden, wie ich sagte, eine Hierarchie und Ordnung. Da es nun aber keine Hierarchie gibt, welche nicht erste, mittlere und letzte Mächte besäße, so hält der heilige Chor der Erzengel durch seine Mittelstellung in der Hierarchie die (beiden) Endglieder gemeinschaftlich zusammen; denn er steht in Gemeinschaft mit den heiligsten Fürstentümern und mit den heiligen Engeln, mit den einen, weil er zur überwesentlichen Fürstenhoheit in fürstlicher Weise hingewendet ist und ihr soweit als möglich sich nachbildet und gemäß seinen wohlgeordneten, festbestimmten und unsichtbaren Führungen die Engel ins Eine vereinigt. Mit [S. 52] den andern hat er Gemeinschaft, weil auch er die Stellung von Dolmetschern einnimmt, insofern er die urgöttlichen Erleuchtungen durch Vermittlung der ersten Mächte in sich hierarchisch aufnimmt und sie dann den Engeln gütig offenbart und vermittels der Engel auch uns kund tut, wie es dem heiligen Grade eines jeden der göttlich Erleuchteten entspricht.
Denn die Engel schließen, wie wir schon gesagt haben, die sämtlichen Ordnungen der himmlischen Geister ergänzend ab, weil sie unter den himmlischen Wesen das Eigentümliche der Engelnatur im untersten Grade besitzen. Und sie werden von uns mit um so größerem Rechte gegenüber den höheren Geistern „Engel“ genannt, weil ihre Hierarchie auch mehr im Gebiet des mehr Sichtbaren ist und der irdischen Welt näher steht. Denn man muß annehmen, daß die höchste Ordnung, wie gesagt, weil sie dem Verborgenen in erster Rangstufe zunächst steht, auf verborgene Art die zweite Ordnung hierarchisch leite, diese zweite aber, welche von den heiligen Herrschaften, Mächten und Gewalten gebildet wird, der Hierarchie der Fürstentümer, Erzengel und Engel vorstehe, mehr in die Sichtbarkeit tretend als die erste Hierarchie, verborgener aber als die nach ihr folgende Hierarchie. Endlich (muß man dafür halten), daß die offenbarende Ordnung der Fürstentümer, Erzengel und Engel durch ihre gegenseitige Einwirkung den Hierarchien unter den Menschen vorstehe, damit nach einer abgestuften Ordnung die Emporführung und Hinwendung zu Gott, Gemeinschaft und Vereinigung mit ihm und desgleichen die Ausstrahlung aus Gott, welche allen Hierarchien in Güte zuerteilt wird und gemeinschaftlich mit Wahrung der heiligsten Ordnungsschönheit zufließt, bestehen bleibe. Deshalb hat die Gottesoffenbarung unsere Hierarchie den Engeln zugewiesen, da sie Michael den Fürsten des Judenvolkes 1 und andere (Engel) (die Fürsten) anderer Völker nennt. Denn es hat der Höchste die Grenzen der Völker nach der Zahl der Engel festgestellt 2.
[S. 53]
1: Dan. 10, 21.
2: Deuter. 32, 8 (nach der Septuag.).