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Aufgeben war nie eine Option. Auch wenn Françoise Stahel-Archambault schon mehrmals daran gedacht hat, das Kapitel Engadin-Skimarathon abzuschliessen. Die zierliche 80-Jährige aus Klosters GR wirkt zwar vital, leidet aber unter den üblichen Altersbeschwerden. Auf Medikamente verzichtet sie. «Die machen nur kränker, als man ist. Meine Rettung heisst Yoga», sagt sie, «zweimal pro Woche.»
Und eigentlich habe sie in Sachen «Engadiner» gar keine Wahl: «Ich muss wieder starten, weil ich die einzige Frau bin, die sämtliche Austragungen geschafft hat.» Bei der Premiere des Engadin-Skimarathons zwischen Maloja und S-chanf, im Jahr 1969, klassierten sich nur gerade 41 Frauen unter den rund 800 Teilnehmern; Françoise Stahel erreichte den dritten Rang.Am 11. März starten rund 2000 Frauen – unter insgesamt 14'200 Teilnehmern.
Damals, in den Anfängen waren die Frauen Exotinnen und Pionierinnen zugleich – und von vielen Männern nicht akzeptiert. «Sie versperrten uns zum Beispiel den Weg auf der Loipe», sagt die im Loiretal geborene Französin. «Und es fielen Sprüche wie ‹Wenn mich eine Frau überholt, höre ich mit dem Sport auf›.» 1969 mussten sich die Frauen sogar medizinisch untersuchen lassen. «Ich musste Kniebeugen vorführen», sagt sie.
Aber Françoise Stahel, die durch ihren damaligen Ehemann die Liebe zum Langlaufen entdeckt hatte, liess sich nicht beirren. Sie sei streng erzogen worden und vom täglichen Kampf ums Überleben im Zweiten Weltkrieg geprägt. «Als ältestes von fünf Kindern musste ich immer auf die jüngeren Schwestern aufpassen. Richtig gespielt habe ich als Kind nie.»
So sei ihr Durchhaltewillen gewachsen, der ihr bei manchen Marathons geholfen habe. Auch als einmal ein Sportler sie rammte und daraufhin ein Holzski brach. Nach einer Viertelstunde Wartezeit hatte sie einen Ersatzski, auch wenn der viel zu hart und für ein Leichtgewicht wie sie nicht geeignet war.
120 Prozent für Job, Kinder und Haushalt
Beruflich erwies sich Françoise Stahel ebenfalls als Pionierin: Mit 18 war sie die Jüngste im Hotelfach; für die Ausbildung erhielt sie nie einen Franc von den Eltern. Auch das habe ihre Härte und ihre Ausdauer gefördert. 1959 fiel der jungen Frau in einer Zeitung ein Inserat auf, in dem eine Sekretärin im Hotel Chesa Grischuna in Klosters gesucht wurde. Sie bekam die Stelle, lernte Deutsch und traf ihren späteren Mann, der damals Treuhänder war.
1965 läuteten die Hochzeitsglocken, im selben Jahr kam Sohn Hubert, zwei Jahre später Tochter Isabelle auf die Welt. Dieser Lebensabschnitt war besonders intensiv. «Ich arbeitete 120 Prozent im Treuhandbüro, hatte zwei kleine Kinder zu betreuen und musste die Hausarbeiten erledigen», sagt sie. «Mein Langlauftraining war für mich die Flucht, dadurch konnte ich das alles bewältigen.» Zweimal reiste sie an die Langlauf-Schweizermeisterschaften und kam so zu kurzen Auszeiten.
Doch das reichte nicht. 1975, als noch keiner von Work-Life-Balance sprach, erlitt die junge Mutter einen Nervenzusammenbruch. Aber sie rappelte sich schnell wieder auf. Zwei Jahre später liess Françoise Stahel sich scheiden, nachdem sie sich in all den Jahren alleingelassen gefühlt hatte.
Ausländerin, alleinerziehende Mutter, geschieden und katholisch: Im Prättigau damals eine ungünstige Konstellation. Das lastet schwer. Doch Stahel gibt nicht auf, bildet sich weiter und wird die erste Frau im Schweizerischen Treuhänderverband der Sektion Graubünden. Und auch hier stösst sie auf Widerstand. So erhält sie etwa Briefe, die bewusst an «Herrn Stahel» adressiert sind.
Als die Kinder erwachsen sind, reist sie zum Trekking in den Himalaya, nach Indien und Südamerika. Seit 1999 ist sie stolze Bürgerin von Klosters. Noch immer betreut sie hier mehrere Ferienwohnungen; besonders zur WEF-Zeit erhält sie regelmässig Anrufe von Touristen, die ihre Mehrsprachigkeit schätzen. «Ich möchte selbständig und beweglich bleiben. Ins Altersheim gehe ich nicht.»
Sie putze selbst und fühle sich nach dem Teppichklopfen zufrieden. Mehrmals täglich geht sie mit ihrer Hündin Bonita spazieren – und sie nimmt Langlauflektionen, um ihre Technik zu verbessern.
Am 11. März will Françoise Stahel es wieder wissen: Dann fällt der Startschuss zum 50. Engadin-Skimarathon. Auch Tochter Isabelle Hodel (50) und Enkelin Chantal (23) werden dabei sein, Stahel wird «nur» den Halbmarathon bestreiten. «Ich würde die gesamte Strecke schaffen, bräuchte dafür aber zu viel Zeit.» 2019 möchte sie nochmals in Maloja starten. «Und wenn ich morgen sterbe, ist es mir egal. Ich habe mein Leben gelebt.»