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Die Zukunft der Nationenpreise, dem Herzstück der CSIOs, war – neben dem guten Sport und dem schönen Wetter – das Hauptthema der Diskussionen während des kürzlichen CSIO St. Gallen.
Dass darüber diskutiert wurde, hatte gleichermassen mit den zahlreichen Veröffentlichungen, die in den letzten Wochen in der Schweizer Presse erschienen sind, zu tun, wie mit der doch bescheidenen internationalen Beteiligung in St. Gallen.
Von den acht Nationen, die seit über 40 Jahren den Pferdesport in Europa dominieren, waren nur drei mit einer Equipe am Start, und von ihnen trat nur die Schweiz mit der bestmöglichen Equipe an. Frankreich und Grossbritannien kamen mit einer A/B- oder B-Auswahl. Irland, die Niederlande, Belgien, Schweden und Deutschland waren nur mit je einem Einzelreiter vertreten. Dafür erlebten wir Equipen aus Dänemark, Norwegen und Österreich, die klar zu einer tieferen Stärkeklasse gehören. Italien, einst die erfolgreichste Springnation der Welt, dann nach dem Rücktritt der d’Inzeos und von Mancinelli in der Obskurität verschwunden, ist heute wieder nahe an den «grossen acht», allerdings nicht immer konstant. In St. Gallen fehlten auch die USA.
Nie gelöster Konflikt
Versucht man, die Gründe für die offensichtliche Krise der Nationenpreise zu ergründen, so erkennt man einen nie gelösten Grundkonflikt des internationalen Pferdesports, einen Konflikt, den die FEI für den Sport auf allerhöchstem Niveau – was die westeuropäischen CSIOs ja sind – nie angepackt hat. Es geht um die Frage: Dient der Nationenpreis der Förderung und Weiterentwicklung des Pferdesports? Oder ist der Nationenpreis ein Spitzenprodukt, um den Pferdesport einer breiten Öffentlichkeit zu «verkaufen»?
Bei der Einführung des Dressurweltcups stand die FEI vor einer gleichen Frage: Die Dressurgemeinde sah mehrheitlich im Weltcup eine Möglichkeit der Weiterentwicklung und der Förderung der klassischen Dressur. Reiner Klimke zum Beispiel schlug einen Weltcup unter Einbezug von Jungen Reitern und Junioren vor, basierend auf dem Grand Prix. Die Initianten – aus dem Lager der Organisatoren und Medien – wollten einen Weltcup basierend auf der Musikkür. Der neue Weltcup sollte nicht die Dressur fördern, sondern verkaufen. Beim Aufeinandertreffen der beiden Lager, im Dezember 1994 in Brüssel, kam es dann zum historischen Kompromiss: Qualifikation für den Weltcup durch den Grand Prix, Weltcuppunkte und Entscheidung im Final durch die Musikkür.
So einfach ist eine Lösung für den Nationenpreis nicht, das zeigen, unter anderem, die Diskussionen um den vierten Reiter einer Equipe mit Streichresultat, die Abschaffung vor einigen Jahren der Superliga weil zu restriktiv, und die mächtige Stellung der Global Champions Tour ohne grosse Einflussnahme der FEI. Eine Auflistung der Probleme der Nationenpreise zeigt Folgendes:
Problem 1: Der latente Interessenkonflikt eines Reiters zwischen einem lukrativen Einzelstart und dem Antreten bei einem CSIO.
Bemerkungen: Es ist offensichtlich, dass bei den Mannschaftssportarten wie Fussball kein Interessenkonflikt besteht. Will ein Fussballer international weiterkommen, muss er (neben den Klubspielen) in die Nationalmannschaft. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass die FIFA, im Sinne einer «Gewinnoptimierung», nicht auf die Idee kommt, individuelle Meisterschaften einzuführen wie 100 Meter dribbeln (nach Fehler und Zeit) oder Goalie-Paraden (mit Stilnoten). Andere Sportarten mit Mannschafts- und Einzelwettbewerben haben ähnliche Probleme wie der Pferdesport. Man denke an Tennis, wo Roger Federer die Schweizer Davis-Cup-Equipe mehrmals im Stich gelassen hat, um Einzelziele zu verfolgen.
Problem 2: Die Tatsache, dass die CSIO-Orte vom Nationalverband bestimmt werden und nicht – wie im Weltcup – durch die FEI (früher durch das relativ autonome Weltcupkomitee).
Bemerkungen: Dass die Nationalverbände und nicht die FEI die CSIO-Orte bestimmen können, hat sich in der Vergangenheit vor allem bei der Verpflichtung eines Seriensponsors als massiver Nachteil erwiesen. Anders als im Weltcup, wo die FEI einen Veranstalter, der die Sponsorenbedingung nicht erfüllt, in Zukunft ausschliessen kann, weiss der fehlbare CSIO-Veranstalter, dass er den Schutz seiner NF geniesst. Oder er verzichtet auf die Gelder des von der FEI verpflichteten Serien-Sponsors und tritt aus der Serie aus. So fehlen heute solche CSIO-Giganten wie Aachen, Calgary oder Rom in der FEI-Nationenpreisserie.
Problem 3: Die Probleme mit dem Überangebot an internationalen Turnieren und die Passivität der FEI bei der Lösung von Datenkonflikten.
Bemerkungen: Das Überangebot an lukrativen Turnieren besteht nicht erst seit der Einführung der Global Tour, obwohl die übersteigerten, dort zu gewinnenden Preisgelder das Problem vervielfacht haben. Schon in den 70er-Jahren zitterte der damalige CSIO Luzern alle zwei Jahre, ob er eine repräsentative Beteiligung erhalten würde bei der Konkurrenz all der gutdotierten CSIs.
Datenkonflikte gab es schon immer. Als vor Jahren im Weltcup Bordeaux aufs Genfer Datum wollte und ein Jahr später Paris auf das Datum von Antwerpen, wurden die betreffenden Organisatoren zu Sitzungen eingeladen, um den Konflikt zu lösen. Dass vor einiger Zeit ein damaliger FEI-Vizepräsident erklärte, ein Schutz der CSIO und Weltcupdaten sei nicht nötig – Konkurrenz sei gut und schön, zeigte damals aufs Absurdeste, wie abgeneigt man bei der FEI war, die eigenen Produkte zu schützen.
Problem 4: Das Hin- und Her in der Festlegung der Formel für die Jahreswertung und den wechselnden Bedingungen beim Final.
Bemerkungen: Die Nationenpreisserie wurde 1965 vom damaligen FEI-Präsidenten, Prinz Philip, ins Leben gerufen, bis 1984 hiess die Serie «President‘s Cup». Die Schweizer wurden einmal, 1973, Dritte und zweimal, 1980 und 1983, Zweite in der Jahreswertung. 1985 wurde die Serie in «Prince Philip Trophy» umgetauft, 1987 kam mit Gucci erstmals ein Serien-Sponsor. Als der Modegigant nach drei Jahren ausstieg, kam für ein Jahr der niederländische Technologiekonzern HCS. Dann blieb die «Nations Cup»-Serie ohne Sponsor, bis 1997 Samsung einstieg. In den sponsorlosen Jahren 1992 bis 1996, also fünfmal hintereinander, belegte die Schweiz Platz zwei in der Jahreswertung – zum Sieg reichte es nie. Seit dem Einstieg von Samsung endet die CSIO-Saison im September mit einem Final. Bereits hier erlebte man die erste Inkonsequenz. Bei den beiden ersten Finals von 1997 und 1998 in Calgary und Donaueschingen wurden die Punkte in den Final mitgenommen und dort doppelte Punkte vergeben. Ab 1999 begann man im Final mit null.
2003 wurde die «Samsung Superliga» geboren, mit einem festen Finalort in Barcelona, und wieder mit doppelten Punkten addiert zu den in den Qualifikations-CSIOs gewonnenen Punkten. Die acht besten Nationen waren für die Superliga qualifiziert, Punkte gab es auf nur acht CSIO-Plätzen. Die letztplatzierte Equipe stieg ab in eine Promotionsliga, deren Sieger aufstieg. Dank der Promotionsliga mit immer mehr CSIOs, nicht zuletzt in Osteuropa, stieg die Zahl der jährlichen Nationenpreise radikal. Statt der 14 oder 15 in all den Jahrzehnten zuvor waren es nun um die 30. Für Europa und Amerika war dieses Zweistufensystem ideal. Mit der Superliga konnte man den Nationenpreis als Topevent verkaufen, mit der Promotionsliga den Pferdesport in vielen Ländern fördern.
2007 ging das Samsung-Sponsoring zu Ende. Neu als Sponsor kam vorerst für zwei Jahre Meydan, dann mit dem Namen Furusiyya der Saudi Equestrian Fund. Seit 2018 ist Longines der Sponsor der Nationenpreisserie. Radikal geändert wurde das Reglement. Die Superliga wurde abgeschafft: Sie galt als elitär, als «closed shop». Dass zum Beispiel die Formel 1 seit Jahrzehnten ein «closed shop» ist und damit weltweit Erfolg hat, wurde damals wohl nicht bemerkt.
Die FEI wollte die Nationenpreisserie global machen. Dies war, mit Sponsoren aus einer Gegend ohne bisherigen Zugang zur Nationenpreisserie, eigentlich verständlich. Aber kaum praktisch. Zwar haben Länder ausserhalb Europas und Amerikas immer wieder Equipen zu OS und FEI-Championaten entsandt. Japan und Korea, Australien und Neuseeland und, mit dem grössten Erfolg, die Saudi. Aber die internationale Stärke der Nationen ausserhalb Europas und Nordamerikas lag immer bei Einzelreitern, sehr oft mit Domizil in Europa oder Amerika. In diesem Sinne funktioniert das Ligasystem im Weltcup, wo neben den Siegesanwärtern aus Europa und Nordamerika auch Einzelreiter aus den andern Teilen der Welt dem Weltcupfinal Farbe geben.
Problem 5: Der ewige Streit um das Streichresultat.
Bemerkungen: Die jahrzehntelange Beharrung auf vier Reitern pro Equipe mit einem Streichresultat ist zweifellos das extremste Beispiel des Status, dass der Nationenpreis der Förderung des Pferdesports dient und nicht dem «Verkauf». Vier Reiter ermöglichen Experimente bei der Nominierung der Equipe und erlauben den Einbau eines jungen Reiters. Ein verunglückter Parcours kann korrigiert werden.
Aber das Streichresultat ist eine Erschwernis beim Verfolgen der Prüfung. Auch eine perfekte Anzeigetafel oder verbesserte Grafiken im Fernsehen können nicht verhindern, dass der Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernsehschirm Mühe hat, den Überblick zu behalten. Drei Reiter pro Equipe, ohne Streichresultat, ist ein Mittel, den Nationenpreis und damit den Pferdesport einer breiten Öffentlichkeit verständlicher zu machen.
Quintessenz
Weder die Nationenpreisprüfung auf dem Platz noch die heutige Serie mit komischer Punktewertung und läppischen Startrestriktionen sind Produkte, die in der Lage sind, dem Pferdesport neue Kreise zuzuführen. Die Abschaffung der Superliga war ein Fehler. Für die westeuropäischen Nationenpreise sollte das Streichresultat abgeschafft werden. Bei CSIOs ausserhalb Europas, ohne das hier gewohnte Zuschauerinteresse, könnte es beibehalten werden.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 23/19)
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