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Das RKI veröffentlichte den Abschlussbericht «StopptCOVID» und kommt zum Schluss, dass die empfohlenen und verhängten Massnahmen «deutlich wirksam» gewesen seien und die Ausbreitung von Covid-19 reduziert hätten. Allerdings räumt das RKI ein, dass die Ausbreitung schon rückläufig war, bevor die Massnahmen in Kraft traten: «Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass Verhaltensanpassungen in der Bevölkerung bereits vor dem Inkrafttreten der Einschränkungen erfolgten.»
Das RKI evaluierte die nicht-pharmazeutischen Massnahmen (NPI) – also ohne Medikamente und Impfungen. Es geht also um die Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen u.a. im Einzelhandel, bei Dienstleistungen oder im Sport, Homeoffice sowie um Schliessungen von Schulen und Kindertagesstätten. Die RKI-Evaluation kommt zum Schluss: «Die in unserer Studie betrachteten NPI trugen wesentlich zur Bekämpfung der Pandemie bei und verhinderten in der Zeit bis zur Entwicklung wirksamer Impfstoffe eine starke Überlastung des Gesundheitssystems.» Die Wirkung einzelner Massnahmen könne allerdings nicht abgeschätzt werden, weil es zwischen den parallel eingeführten Massnahmen Wechselwirkungen gegeben habe.
Eine unbrauchbare Selbstevaluation
- Das RKI legt die verwendeten Daten und Modelle nicht offen. Unabhängige Gruppen können die RKI-Analyse deshalb weder reproduzieren noch replizieren. Dabei habe die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG die Offenlegung dieser Daten zum Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis erklärt.
- Weil Deutschland (und auch die Schweiz. Red.) während der Pandemie keine validen Daten erhoben hat, sind die vom RKI berücksichtigten Zahlen der Inzidenz (neu auftretende Erkrankungen innerhalb eines bestimmten Zeitpunkts) nicht zuverlässig.
- Als Ergebnispunkte (Endpunkte) wurden nicht schwere Erkrankungen oder die Auslastung der Spitäler und Intensivstationen berücksichtigt. Als Ersatz für den Nutzen der Massnahmen beobachtete das RKI, wie sich der sogenannte R-Wert aufgrund der Massnahmen entwickelte. Der R-Wert beziehungsweise die effektive Reproduktionszahl R (genau Re) gibt an, wie viele andere Personen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Es handelt sich um eine theoretische Berechnung mit einigen Annahmen. Doch dieser Ersatz-Endpunkt sagt wenig aus über den relevanten Ergebnisparameter, nämlich die Überlastung des Gesundheitswesens.
[Statistiker warnten schon im Mai 2020, für Lockerungen von Massnahmen sollten nicht die R-Werte entscheiden. Ende 2020 musste der sogenannte R-Wert in der Schweiz als Kriterium dafür herhalten, ob Restaurants in einzelnen Kantonen länger als bis 19.00 geöffnet haben dürfen. Siehe auch «Kleine Fehlerquellen mit grossen Folgen».]
- Ohne Berücksichtigung der Autokorrelation von Messungen zu verschiedenen Zeitpunkten können die Assoziationen zwischen Massnahmen und R-Werten fälschlicherweise als «signifikant» gesehen werden.
- Das RKI hat nicht berücksichtigt, welchen Einfluss das Aussetzen von Wahloperationen und die Reduzierung der nicht-akuten Versorgung hatte, um Kapazität für die Behandlung von Covid-19-Erkrankten zu schaffen.
- Auf erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen der Corona-Massnahmen ging das RKI nicht ein, obwohl diese «unbedingt zu berücksichtigen» wären.
- Dem Bericht mangelt es an einer kritischen Diskussion der gewählten Methodik und an der kritischen Würdigung der Ergebnisse. Das gewählte Vorgehen ist ungeeignet, einen Nachweis der Auswirkungen der Pandemiekontrollmassnahmen zu erbringen.
Die AutorInnen des kritischen Berichts zum RKI
Professorin Gabriele Meyer
Medizinische Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft.
Professorin Ingrid Mühlhauser
MIN-Fakultät der Universität Hamburg, Gesundheitswissenschaften
Professor Ralph Brinks
Fakultät für Gesundheit / Department für Humanmedizin an der Universität Witten/Herdecke. Medizinische Biometrie und Epidemiologie
Professor Bernhard Müller
Monash University (Clayton/Australien). School of Physics and Astronomy
Die Darstellung des RKI, dass die Corona-Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie und zum Vermeiden einer Spitalüberlastung wesentlich beitrugen, sei «nur eine Behauptung», welche die Analyse nicht stütze. «Es ist ebenfalls nur eine Mutmassung, dass freiwillige Verhaltensanpassungen bereits vor Inkrafttreten der Massnahmen das Pandemiegeschehen beeinflusst hätten.» Diese «Spekulation» zur Erklärung eines paradoxen Ereignisses sei auf Basis der analysierten Daten nicht empirisch fundiert.
Scharfe Kritik auch von Datenwissenschaftler und Statistikern
Unter dem Titel «Das Robert-Koch-Institut hat sich in seiner Corona-Studie eine gute Note ausgestellt – die Studie weist allerdings viele Fehler auf» veröffentlichte die NZZ am 19. August ein Interview mit zwei von fünf Autoren, welche die Methodik der «StopptCOVID»-Studie kritisch beurteilten. Die beiden Datenwissenschaftler und Statistiker kamen zum verheerenden Schluss:
«Die RKI-Studie überprüft die Wirkung der Massnahmen nicht, sondern setzt sie stillschweigend voraus.»
Ein Beispiel: «Dass das Infektionsgeschehen nachweislich auch unabhängig von Massnahmen über die Zeit an Geschwindigkeit verliert oder Menschen individuell ihr Infektionsrisiko senken – beispielsweise durch Lüften in Innenräumen, Outdoor-Treffen oder Verzicht auf Umarmungen – ist im Modell nicht vorgesehen.» Das RKI habe es unterlassen, die Effekte einzelner Massnahmen über Vergleichsgruppen nachzuweisen. Aus den unterschiedlichen Verläufen der Gruppen – beispielsweise einmal maskiert und einmal ohne Maske – lassen sich dann Schlussfolgerungen ableiten. Die Autoren wörtlich:
«Die Schlussfolgerung des RKI lautet, die Bevölkerung habe die Massnahmen schon kurz vor Inkrafttreten freiwillig umgesetzt. Deshalb sei der R-Wert schon vor dem Einführen der Massnahmen gesunken. Wir halten die Begründung für nicht schlüssig. Der R-Wert ist ein zeitlich nachlaufender Wert, der sich auf die vergangenen Tage bezieht. Zudem hat das RKI die Inkubationszeit in der Studie nicht einbezogen. Wenn man dies entsprechend angepasst hätte, dann hätte sich wohl gezeigt, dass der R-Wert schon sank, bevor die Massnahmen überhaupt angekündigt wurden. Die Aussage, dass die Menschen sich aufgrund der Ankündigung baldiger Massnahmen von selbst eingeschränkt haben, wird damit unplausibel.»
Das RKI habe das Sinken der R-Werte automatisch auf die Massnahmen zurückgeführt. So könne jede positive Entwicklung den Massnahmen zugerechnet werden, weil andere mögliche Erklärungen im Modell nicht enthalten sind.»
Gegenüber der NZZ wollte das RKI auf die einzelnen Argumente nicht eingehen, sondern behauptete einfach, es bestünden «keine Anhaltspunkte für einen fachlichen oder wissenschaftlichen Mangel oder einen Zweifel an der Aussagekraft der Ergebnisse».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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