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Yalla, Habibi! Jordaniens verhüllte Schönheit
Ich bin noch klein und klebe vor der Mattscheibe — gefesselt von in Stein gehauenen Fassaden an einem verwunschenen Ort, nur durch eine enge Schlucht erreichbar. Jahre später kenne ich den Namen dazu: Petra. Weitere Jahre verstreichen, bis ich mich endlich dazu entscheide hinzureisen.
Meine erste Reise in ein arabisches Land beginnt im Flugzeug. Wieder sitze ich gebannt vor einem Bildschirm: Vor dem Flug wird das Reisegebet in arabischer Schrift eingeblendet, während des Flugs sieht man ständig, in welcher Richtung Mekka liegt. Wie werde ich als junge Frau in diesem muslimischen Land wohl aufgenommen?
Ich habe mich entschlossen, privat mit einem eigenen Fahrer Land und Leute zu entdecken. Dieser offenbart mir beim Abholen am Flughafen, dass ich ein unverfängliches Gesprächsthema im Gepäck habe: Meinen Namen. Und tatsächlich: Immer, wenn ich mich vorstelle, erhalte ich ein Lächeln und man erzählt mir, wer in der Bekannt- und Verwandtschaft alles Sarah heisst. Bei Ra’ed, meinem Fahrer, ist es die Schwester.
Ankunft in Amman
Als ich mich im arabischen Hotel einquartiere, ist es spät, aber ich schlafe schlecht. Die Männer im Zimmer nebenan diskutieren bis weit in die Nacht hinein — bis der Muezzin seinen Singsang und die Sonne ihre ersten Strahlen über Amman, diese fremde Stadt, legt. Um sich in Amman zu orientieren hält man sich an die Circles (Verkehrskreisel). Mein Hotel liegt in der Nähe des 3. Circle, ich möchte zum 1. Circle, doch kein Taxifahrer scheint mich zu verstehen. Kurz bevor ich aufgebe, versteht mich doch einer und korrigiert: «Ah, one sörkül!» Und mitten auf dem «One Sörkül» lässt er mich dann auch raus.
Länge Ärmel und Hosenbeine, kein Ausschnitt — ich habe mich der muslimischen Kleiderordnung angepasst, soweit ich es für vertretbar halte. Trotzdem fühle ich mich wie der sprichwörtliche bunte Hund, denn die meisten anderen weiblichen Gestalten tragen mindestens Kopftuch oder sind ganz verhüllt. Ob ich wohl negativ auffalle? Die Verkäufer in den Souvenirläden scheinen sich an mir nicht zu stören. Ich werde zum Kaffee gebeten (der primär aus Zucker besteht), lerne nur dann auszutrinken, wenn ich Nachschub will (und nein, ich wollte definitiv keinen Nachschub!) und plaudere mit einem freundlichen, ob meinem fehlenden Ehering sichtlich irritierten, älteren Herren über Nahostpolitik. Wir diskutieren Israel, Saddam Hussein, die USA, den Irak und ich bin überrascht über das offene Gespräch. Auf meine Frage, wo denn das Parlamentsgebäude sei, lacht er schallend. Ach, ich vergass: Jordanien hat ja einen König. Als ich nach seinen Töchtern frage, spricht er nach langem Schweigen lieber über seine Söhne. Da bist du also, Fettnäpfchen. Seine Frau, übrigens, heisst Sarah.
Und dann verhülle ich mich doch: für den Besuch der König-Abdullah-Moschee. Ganz in Schwarz lasse ich mich ablichten, um Ra’ed am nächsten Tag das Bild zu zeigen. Er findet, ich würde eine gute Muslimin abgeben. Ob er das am Faltenwurf des Tschadors erkennt?
Tagesausflüge in die Vergangenheit
Die nächsten Tage bringt mich Ra’ed von Amman aus zu Sehenswürdigkeiten in der Umgebung: die alten Römerstädte Jaresh und Umm Quais, von der aus ich auf den See Genezareth und die Golanhöhen blicke. Und wir fahren zu den alten Lustschlössern in die Wüste im Osten, Richtung Irak, was auch in lateinischen Buchstaben für mich zu lesen ist – ich bin hier sonst ja eine Analphabetin. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, doch Ra’ed lenkt mich mit «arabic music» ab: Seine Leidenschaft sind von ihren Geliebten «Habibis» singende Schönheiten — der Sound meiner Reise. Ich lerne also Darine, Nancy, Elissa und andere von Schönheits-OPs gezeichnete, mit dickem Make-up verzierte Popsternchen kennen. In den Musikvideos geben sich die Damen als das starke Geschlecht, die zu knackigen Beats reihenweise Männer um den Verstand bringen. Eine Vorstellung, die so gar nicht zum Bild von Amman passen will. Dann verlassen wir die Stadt, deren Hügel, Häuser und Frauen für mich alle gleich aussehen und wo ich mich nur dank der überdimensionierten Jordanien-Flagge an der höchsten Flaggen-Stange der Welt orientieren kann.
Von Felsstädten und Wadis
Auf dem Weg nach Süden machen wir an Ruinen der Römer und Kreuzritter halt. Allesamt strafen sie mich für meine Unwissenheit und die Unkenntnis über die reiche Geschichte des Landes. Vom Berg Nebo, wo Moses auf das gelobte Land blickte, schaue auch ich über das Westjordanland und denke an mein politisches Gespräch mit dem Souvenirverkäufer in Amman. Wir durchfahren den äusserst beeindruckenden Wadi Mujib, den «Grand Canyon von Jordanien», von dem ich nie zuvor gehört hatte. Dann endlich: Petra. Und, natürlich, viele Touristen. Nach ein paar Tagen in Jordanien fühle ich mich plötzlich wieder fremd.
Als ich mich am frühen Morgen vom Vorort in die Felsenstadt aufmache, ist es bitterkalt. Graupel fällt, meine Finger sind so klamm, dass ich kaum meine Kamera bedienen kann, ein bissiger Wind dringt in jede Ritze — und wieder verschleiere ich mich, gegen die Kälte. Nach einem eisigen Spaziergang durch das enge Tal, zwischen hohen geschwungenen Felswänden, erreiche ich sie: die Stadt in Stein, Sehnsuchtsort meiner Kindheit — Petra.
Mit eiszapfenkalten Fingern jongliere ich Kamera und Reiseführer, gebe dann aber auf und mache mich auf den Weg abseits des touristischen Trampelpfads und hinein in die Berge. Ich begegne niemandem mehr, es wird immer unheimlicher zwischen den in Stein gehauenen Höhlen und verschlungenen Wegen. Der Wind pfeift — und plötzlich höre ich Babygeschrei. Oder doch nicht? Da ist es wieder... Hat der Wind mich verrückt gemacht?
Das Wimmern wird deutlicher – und plötzlich stehe ich vor einer Beduinenfamilie, die mich freundlich grüsst, sichtlich amüsiert über mein verdutztes Gesicht. Offensichtlich wohnen sie hier in einer der Höhlen. Durchgefroren, windzerzaust und müde kehre ich ins Hotel zurück. Am nächsten Tag liegt etwas Schnee — worüber sogar in den Zeitungen in der Schweiz berichtet wird. Und ich war da!
Die Reise führt weiter ins Wadi Rum, in den dramatisch-malerischen Teil der Wüste, in dem der Film «Lawrence von Arabien» gedreht wurde. Eiskalt ist es immer noch, aber wunderschön. Ich wärme mich im Beduinenzelt mit heissem Tee. Eine Herde freilaufender Kamele zieht gemächlich vorbei, später eine uralte, zerfurchte, bucklige Frau mit ihrer Ziegenherde. Mitten im Niemandsland, zwischen ewigen Felsen auf in allen Rotschattierungen schimmerndem Sand. Eigentlich hätte ich die Nacht in der Wüste verbringen wollen, doch es ist zu kalt. Ra’ed bringt mich stattdessen in den Badeort Aqaba, wo es mild, chic und westlich ist. Wieder fühle ich mich fehl am Platz: nach Tagen in der Wüste in diesem Badeort, der irgendwo auf der Welt sein könnte. Auf dem Markt erstehe ich zu Ra’eds grosser Freude die aktuellen Platten von Darine, Nancy und Elissa, deren Hits ich mittlerweile mitschmettern kann: den Text zwischen den «Habibis» fülle ich ungeniert in meinem selbsterfundenen, lautmalerischen Arabisch.
«Schweben» im Toten Meer
Bevor ich nach Hause zurückkehre, möchte ich etwas nicht auslassen — Baden im Toten Meer. Auch das ein von kindlicher Phantasie angeregter Wunsch: In der Schule sah ich einst ein Bild, auf dem ein Mann auf dem Wasser liegend Zeitung las. Der israelischen Grenze entlang fahren wir also wieder nach Norden. Die Gegend ist unwirtlich, eine Steinwüste. Ein paar Hotels tauchen aus dem Nichts auf, eines für jedes Budget, aber natürlich alle direkt am Wasser. Ich mache mich auf zum Strand, wo ich komplett eingeschlammten Touristen begegne — der Schlamm soll heilende Wirkung haben und sich besonders bei Hautkrankheiten bewähren. Nichts Lebendiges tummelt sich im Wasser oder an Land, eine eher trostlose Angelegenheit. Ich wage mich in die Salzlake und werde sogleich für meine Naivität bestraft: Es zieht mir die Füsse hinten hinauf und den Kopf vorne hinunter, sodass mir das salzige Wasser in die Augen läuft, brennt, in den Mund gerät und ich Mühe habe, meinen Kopf über Wasser zu halten. Auf dem Rücken schwebe ich dann ohne Anstrengung dahin. Das ist es also: ein paar Minuten Schweben in einer lebensfeindlichen Brühe, während am Strand in Schlamm gehüllte Touristen-Zombies wandeln. Ich verstehe nun, warum Ra’ed die Augen verdreht hatte, als ich ans Tote Meer wollte.
Unglaublich dankbar dafür, dass ich nicht nur die grossen Attraktionen gesehen, sondern auch einen kurzen Blick hinter den Schleier dieses Landes werfen durfte, rufe ich Ra’ed zu: «Yalla, Habibi!» Los, mein Schatz — ganz so, wie ich es gelernt habe. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Das muslimische Land und seine Leute haben einen grossen Platz in meinem Herzen bekommen. Und ich weiss nun, dass zumindest manche Kindheitsträume, wie baden im Toten Meer, Träume bleiben sollten.
Fotos: iStock, Sarah Pally
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