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Bild des Monats Mai 2014: «Gerade noch das Müllern bleibt mir.»
Dem unbefangenen Blick werfen diese Bilder Rätsel auf. Was haben die seltsamen Posen des bizarr gekleideten Herrn zu bedeuten? Handelt es sich um pantomimische Darbietungen, um eine Tanzchoreographie oder gar um filmische Slapstick-Einlagen? Gewiss, eine hinreichende Vertiefung enthüllte manch historisch Zutreffendes, einen Namen jedoch wird sie nicht offenbaren: Franz Kafka. In einem Bildkommentar zu einer ganz ähnlichen Bilderserie aus der FAZ vom 26.2.2014 heißt es: «So wie 1906 der damalige Gymnastik-Guru Jörgen Peter Müller seine Übungen öffentlich in Berlin vorführte, muss man sich in den Folgejahren Franz Kafka am offenen Fenster seines Zimmers beim fanatischen ‹Müllern› vorstellen.» Diese Bildunterschrift enthält gleichsam die Anweisung zu einem Medienwechsel: vom Sichtbaren (Foto) zum Unsichtbaren (dem eingeschriebenen ‹literarischen Text›), vom Visuellen zum Mentalen (sich Kafka vorstellen). Und unsere Bildserie zeigt den müllernden Müllerssohn, es geht aber eigentlich um Kafka. Zwischen dem, was das Bild von sich aus sagt (was der Logik des Bildes eingeschrieben ist und zur Versprachlichung drängt) und dem Bildkommentar (der das Bild durch Einrücken in einen umfassenderen medialen Kontext erst verständlich macht) klafft ein Abgrund. In der Entfaltung des Bild-Textes, der Selbstinterpretation des Bildes, werden zwei konträre Bewegungen sichtbar: Erstens zeigt sich ein Moment der Unübersetzbarkeit von kulturell kodifizierten Zeichensystemen in Gestalt unterschiedlicher medialer Formate – der Logik des Bildes auf der einen und der Logik der Bildkommentierung auf der anderen Seite. Zweitens aber verschieben und verflüssigen sich durch den Prozess des bildlichen Selbstkommentars die Grenzen der medialen Formate, da sich der Ort des Bildes – dessen ‹An sich› – im Gegensatz zu dessen Beschreibung nicht mehr bestimmen lässt.
Zitat nach der Ausgabe Malcolm Pasley (Hg.): Franz Kafka, Max Brod: Eine Freundschaft (II). Briefwechsel. Frankfurt/M. 1989.