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Aya Domenig, Ihre Familie kommt aus der Gegend von Hiroshima, ihre Grosseltern waren mit der Katastrophe konfrontiert. Lag es für Sie auf der Hand, dieses Thema in einem Film aufzugreifen?
Als Kind war die Atombomben-Katastrophe für mich ein grosses Mysterium. Ich wusste, mein Grossvater war dabei gewesen. Doch er sprach nie darüber. Nach seinem Tod – da war ich 19 – wurde mir klar: Eines Tages will ich mehr über Hiroshima erfahren. Als ich merkte, dass meine Grossmutter immer älter wurde, war die Zeit reif.
Mitten in Ihre Recherchen platzte 2011 das Atomunglück in Fukushima. Bekam Ihr Film dadurch einen anderen Dreh?
Ja, weil zwei meiner Protagonisten sehr aktiv wurden nach Fukushima – dadurch konnte ich einen Bogen schlagen zur heutigen Zeit. Zuvor hatte ich mich gefragt: Interessiert sich das Schweizer Publikum wirklich dafür, was vor 70 Jahren in Hiroshima passierte? Fukushima hat gezeigt: Das Thema ist immer noch relevant.
Wie fanden Sie die Protagonisten für Ihren Film?
Zuerst suchte ich Menschen, die meinen Grossvater gekannt hatten. Meine Grossmutter kannte von früher eine Krankenschwester. Danach kam es zu einer Kettenreaktion – von einer Person stiess ich auf die nächste.
Ihr Grossvater kam aus der Gegend von Hiroshima, war aber nicht direkt betroffen von der Katastrophe – warum nicht?
Man hatte damals geahnt, dass Hiroshima Ziel einer Bombardierung werden könnte, weil die meisten anderen japanische Städte schon völlig zerstört waren. Darum zog mein Grossvater in sein Elternhaus, 70 Kilometer von Hiroshima entfernt. Als Arzt des Rotkreuz-Spitals pendelte er jeweils mit dem Zug in die Stadt. Die Atombombe detonierte an einem Montagmorgen. Mein Grossvater war auf dem Weg zu Arbeit. Da sah er den Atompilz und den Lichtblitz. Der Zug hielt an, sieben Kilometer von der Stadt entfernt. Grossvater stieg aus und ging zu Fuss zum Spital. Zehn Tage kam er nicht mehr nach Hause. Er musste erste Hilfe leisten.
Die Tage nach Hiroshima gelten als die schlimmsten Tage der Menschheit. Ihr Grossvater sprach nie darüber. Wissen Sie warum?
Ich hatte ihn einmal gefragt. Er sagte, es sei zu grausam gewesen, als dass man darüber sprechen könnte. Das Trauma sass tief – und ich realisierte, warum die Katastrophe für ihn als Arzt so heftig war: Er wollte helfen, aber konnte nicht.
Ihr Film bringt sehr stark die Hoffnungslosigkeit der Ärzte zum Ausdruck: Sie wussten nicht, was mit den Patienten passierte.
Nach der Atombombe herrschte eine absolute Ohnmacht. Zuerst starben zahlreiche Menschen an Verbrennungen, danach tauchten die Verstrahlungssymptome auf: akute Symptome, die direkt auf die Radioaktivität zurückzuführen waren, aber auch Symptome als Langzeitfolge der Strahlung, zum Beispiel eine extreme Erschöpfung. Viele Symptome wurden kleingeredet, man sagte, sie kämen von anderen Krankheiten. Dr. Hida sah das anders. Nach dreissig Jahren Forschung fand er heraus, dass die innere Verstrahlung der Grund für diese Symptome war.
Ihr Grossvater schrieb Gedichte an Ihre Grossmutter, in denen er eine heile Welt abbildete. War das für ihn eine Alternative zur brutalen Realität?
Ich glaube schon. Er war ein grosser Ästhet, liebte die Natur. Nach der Atombombe hielt er sich gerne in der heilen Welt auf, klammerte sich richtig daran.
Er starb 1991, Ihre Grossmutter einen Monat nach den Dreharbeiten. Wie war das für Sie?
Meine Grosmutter hatte Krebs, ich ahnte ihren Tod. Darum wollte ich den Film unbedingt noch machen. Für meine Grossmutter waren meine Recherchen eine Bereicherung. Durch die vielen Gespräche realisierte sie Dinge, die ihr zuvor nicht klar gewesen waren.
Was erwarten Sie vom Publikum?
Ich wünsche mir, dass es einen Bezug zum Film herstellen kann. Der Film handelt nicht nur von der Atombombe. Vielmehr will ich zeigen, wie die Betroffenen danach durchs Leben gingen und viel Kraft ausstrahlen – und die kann ansteckend sein.
Kinostart: 07.01.2016
«Als die Sonne vom Himmel fiel» zeigen wir im Rahmen unseres Dokumentarfilmsommers 2017.
Zur Person
Aya Domenig wurde 1972 in Japan geboren und wuchs in der Schweiz auf. Sie studierte Ethnologie, Filmwissenschaft und Japanologie an der Universität Zürich, danach Regie an der Zürcher Hochschule der Künste. «Als die Sonne vom Himmel fiel» feierte 2015 am Filmfestival Locarno Premiere.