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Die Sechzigerjahre – eine Phase des Umbruchs
Ende der Fünfzigerjahre geriet die Filmindustrie in vielen Ländern der westlichen Welt in eine Krise. Neue Generationen von Filmschaffenden machten sich bemerkbar und eroberten, ausgehend von Frankreich in «neuen Wellen» die Kinos. Mit Erklärungen und Manifesten sagten sie sich vom bisherigen Filmschaffen los.
In der deutschen Schweiz lässt sich in den Sechzigerjahren ebenfalls ein Generationen- und Paradigmenwechsel beobachten, der jedoch – im Gegensatz etwa zu Deutschland und Frankreich – eher von Desinteresse am alten Filmschaffen als von dessen konfrontativer Ablehnung geprägt war. Die neue Generation von Filmschaffenden trat so zögerlich auf die Bildfläche, wie die alte abtrat. Dieses Phänomen ist vor allem in der Deutschschweiz zu beobachten. In der Westschweiz existierte in den Fünfziger- und Sechziger Jahre ausserhalb des Gebrauchsfilms und des aufkommenden Fernsehens keine nennenswerte professionelle Filmproduktion.
Seit Ende der Fünfzigerjahre sind wiederholte Anläufe zur Erneuerung auszumachen, oft unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, aber erst Ende der Sechzigerjahre wurde aus zahlreichen Einzelkämpfern eine Art Bewegung, etablierten sich eine Generation und ein neuer Zugang zum Film. Thomas Christen bemerkte zu Recht, dass diese Übergangszeit «schlecht dokumentiert und kaum systematisch untersucht ist» (Thomas Christen, Der Neue Schweizer Film, in: Einführung in die Filmgeschichte New Hollywood bis Dogma 95, Thomas Christen, Robert Blanchet, Marburg 2008, S. 95).
Diese Lücke versucht Cinémémoire.ch zu füllen, indem das Projekt die Perspektive auf die Praxis der an der Produktion und Verbreitung von Filmen Beteiligten in den Sechziger- und Siebzigerjahren öffnet. Neben Brüchen und Kontinuitäten werden so Überschneidungen und länger dauernde Ablösungen sichtbar, die bisher kaum beachtet wurden. Ein Schattendasein in der autorenfixierten Schweizer Filmgeschichtsschreibung fristete etwa bislang die Filmtechnik (Kamera, Licht, Ton, Postproduktion), deren jeweiliger Entwicklungstand Ästhetik und Erscheinungsform der Filme massgeblich beeinflusste. Schweizer Filmtechniker genossen und geniessen international einen hervorragenden Ruf und entwickelten in einem Spannungsfeld von limitierten finanziellen Mitteln, hohem technischem Sachverstand und überdurchschnittlichem Qualitätsanspruch immer wieder innovative Lösungen.
Das Sterben des alten Films setzte Ende der Fünfzigerjahre ein und zog sich, bestimmt von verschiedenen Reanimationsversuchen und Rückzugsgefechten, bis in die Siebzigerjahre hin. Die lange Übergangsperiode war geprägt von der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Diese Parallelen der Entwicklungen erschweren eine klare Periodisierung ebenso wie die Rekonstruktion von Kausalitäten. Dennoch, oder gerade deswegen, wurde der Übergang vom alten zum neuen Schweizer Film in der Filmgeschichtsschreibung meist im Sinne eines radikalen Bruches interpretiert. Die oft zitierte Metapher vom «Jahr null» markiert den Zeitpunkt, an dem Betrachtungen abbrechen oder beginnen. So enden die beiden Standardwerke von Aeppli/Wider und Dumont zur Schweizer Filmgeschichte 1964 respektive 1965. Hervé Dumonts und Maria Tortajadas Folgeband Histoire du Cinéma Suisse setzt 1966 ein.