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Dr. Michael Zurkinden ist Gast an der Mitgliederversammlung 2010 von ACTARES (siehe Seite 12). Zurkinden, 1978 geboren, ist Kundenberater bei Wegelin & Co. Privatbankiers. Er publizierte zusammen mit Prof. Reiner Eichenberger in der NZZ vom 10. März 2010 einen gewagten Artikel über die Mängel der «Aktionärsdemokratie».
ACTARES: Herr Zurkinden, einer Ihrer Vorschläge in der NZZ sieht vor, bei den Verwaltungsratswahlen mehr Kandidaturen zu ermöglichen, als es Sitze gibt. Riskiert man dadurch nicht Kompetenzlücken und somit eine Qualitätsminderung dieses Organs?
Michael Zurkinden: Wer ist am besten dazu geeignet, kompetente Verwaltungsratsmitglieder auszuwählen? Diese Aufgabe soll den Aktionären zukommen. Heute werden die Verwaltungsratsmitglieder faktisch vom Nominationsausschuss (und vom CEO) ausgewählt. Unzufriedene Aktionäre müssten viel leichter mit eigenen Vertretern in den Wahlkampf steigen können. So entstünde zwischen den «offiziellen» Kandidaten des bestehenden Verwaltungsrats und Managements und den «Oppositionskandidaten» ein fruchtbarer Wettbewerb, der die Anreize des Nominationsausschusses stärkt, nicht gute Bekannte, sondern fachlich möglichst qualifizierte Kandidaten aufzustellen.
ACTARES hat dem Parlament vorgeschlagen, einer bestimmten Anzahl von Aktionärinnen und Aktionären – beispielsweise 100 – unabhängig vom vertretenen Kapital die Möglichkeit zu geben, Anträge auf die Tagesordnung von Generalversammlungen zu bringen. Ist dies realistisch oder geht das zu weit?
Wie hoch diese Hürde im Detail sein müsste, ist schwierig zu beurteilen. Im Zentrum steht, dass Verwaltungsräte vermehrt in Kampfwahlen ermittelt werden, d.h. es muss mehr Kandidaturen als Sitze geben. Eine Regelung, die immer Kampfwahlen verlangt, wäre aber unnötig einschränkend. Deshalb müssen die Hürden gegen das Aufstellen von Kampfkandidaten gesenkt werden.
Sie befürworten die Schaffung von «wirtschaftlichen Parteien», welche das Aktionariat von einer detaillierten Analyse der zur Diskussion stehenden Traktanden entlasten. Viele Bürgerinnen und Bürger haben jedoch kein Vertrauen in politische Parteien. Findet diese Idee Unterstützung?
Politischen Parteien wird zwar oft misstraut, dennoch sind sie unverzichtbar, da sie Interessen bündeln und Informationskosten senken. Auch für das Funktionieren der Aktionärsdemokratie wären solche Organisationen wichtig. Sie könnten sich aus den Reihen der Pensionskassen oder aus Organisationen wie ACTARES entwickeln. Ein grundlegendes Problem der Aktionärsdemokratie ist nämlich der hohe Informationsaufwand, welcher das Wählen und Abstimmen mit sich bringt. Anleger müssten die Möglichkeit erhalten, ihre Stimme nicht nur selbst auszuüben, sondern anonym an konkurrierende Stellvertreter – die erwähnten «wirtschaftlichen Parteien» – delegieren zu können. Solche Stellvertreter hätten bessere Anreize als im heutigen System, im Interesse der Aktionäre zu handeln.
Niemand ist gezwungen, Aktien zu kaufen, und jene die nicht zufrieden sind, können ihre Anteile verkaufen. Wieso sollte man sich trotzdem für die «Aktionärsdemokratie» engagieren?
«Exit» ist oftmals eben gerade keine Option. Die heute weit verbreiteten passiven Indexing-Strategien verunmöglichen den Verkauf der Aktien eines Unternehmens. Als passiver Anleger bleibt man Aktionär eines Unternehmens, egal, wie schlecht das Management arbeitet. Aber auch ein rationaler aktiver Anleger verkauft nicht systematisch die Titel schlecht gemanagter Unternehmen. Denn bis der merkt, dass eine Unternehmung schlecht geführt ist, sind die Kurse längst gefallen. Was bleibt, ist «voice», die aktive Nutzung von Mitspracherechten.