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Das Stifter-Ehepaar
Stifter-Ehepaar Walter und Lotti Reist (1927 bis 2022)
Von Christoph Vollenweider, Leiter Programm & Publikationen
An einem strahlend schönen Tag, am 21. April 1985 besuchte das Hinwiler Ehepaar Walter und Lotti Reist-Gerber die Familie Klara und Paul Bigliardi auf deren Landsitz Lilienberg in Ermatingen. Die Reists hatten vernommen, dass die Bigliardis das Anwesen verkaufen wollten und zwar an eine Immobilienfirma, welche das ganze Areal zu überbauen gedachte. Walter Reist selber war auf der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft für die Verwirklichung seines Traumes, ein Zentrum für das Unternehmertum zu gründen und zu betreiben. Nach einem kurzen Gespräch wurde man sich per Handschlag einig, und der Lilienberg wechselte die Eigentümerin. Kurz darauf wurde die Stiftung Lilienberg Unternehmerforum gegründet, welche rasch die Planung für den Bau des Unternehmerforums an die Hand nahm. Am 7. April 1989 wurde die erste Etappe unter Beisein des damaligen Bundesrates Kaspar Villiger eingeweiht. In zwei weiteren Etappen wurde das Forum erweitert (Rundbau Zentrum und das Lindenguet auf der anderen Strassenseite): Der Lilienberg bekam somit das heutige Gesicht.
Doch wer war das Ehepaar Walter und Lotti-Reist Gerber, und was bewog sie, dieses Unternehmerforum zu bauen und zu betreiben?
Walter Reist
Am 19. Februar 1927 wurde Walter Albert Reist in Schaffhausen geboren. Sein Vater arbeitete als Obergiessermeister bei der Georg Fischer Schaffhausen (GF). Als Walter vier Jahre alt war, verlor er seine Mutter. Nach der Wiederverheiratung des Vaters zog die Familie nach Schlatt im benachbarten Thurgau, wo die Eltern der Stiefmutter einen Bauernhof betrieben und sein Vater eine Pouletfarm einrichtete. Für Walter begann eine schwierige und strenge Zeit, musste er doch überall auf dem Feld und dem Hof hart anpacken, vor allem nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als alle Männer in den Aktivdienst einrücken mussten. Sein Vater verschaffte ihm eine Lehrstelle als Maschinenschlosser bei GF. Walter absolvierte seine Ausbildung mit grosser Freude und wachem Interesse. Nach der Lehre wurde er sogleich in die Konstruktionsabteilung eingeteilt und wurde Zeichner-Konstrukteur: Die erste Weiche für sein späteres Berufsleben war gestellt.
Nach dem Krieg widmete er sich seinem beruflichen Werdegang. 1948 begann der junge Konstrukteur ein berufsbegleitendes, aber kräftezehrendes Studium am Abendtechnikum, das er 1953 abschloss. Inzwischen arbeitete er bei der Firma Daverio in Zürich als Chefkonstrukteur, wo er den schmierfreien Zeitungstransporteur für die NZZ erfand. Da diese Erfindung seinen Arbeitgeber nicht sonderlich interessierte, hingegen den Auftraggeber begeisterte, beschloss er, selbstverständig zu werden und gründete 1957 die Firma Fehr&Reist AG in Dietlikon, die Ferag. Seine Erfindungen revolutionierten die Zeitungsproduktion so sehr, dass die Ferag rasch namhafte Verlage als Kunden gewann und sich vergrössern musste. Das Unternehmen siedelte dann 1963 nach Hinwil um, wo es in einem Neubau seine Produktion aufnahm. Mit wachsendem Erfolg rund um den Globus dehnten dehnte sich die Anlage der Ferag stetig aus. Innert weniger Jahre gewann Walter Reist mit seinen einzigartigen Systemlösungen, die er immer wieder mit neuen Erfindungen weiterentwickelte, einen sehr grossen internationalen Kundenstamm, zu dem die weltweit führenden Zeitungsverlage gehörten. Die Ferag wurde zum grössten und wohl attraktivsten Arbeitgeber des Zürcher Oberlandes und zu einem begehrten Ausbildungsplatz für junge Menschen.
Schon in frühen Jahren kam Walter mit dem ehemaligen Lehrer und Russlandschweizer Ernst Jucker in Kontakt, der in ihm das Bedürfnis weckte, sich dem Wesen des Unternehmertums zu widmen. Die Frage, was Unternehmertum eigentlich ist und was einen Unternehmer letztlich umtreibt, beschäftigten Walter Reist sein ganzes Leben lang. Ihm war vor allem das ganzheitliche Unternehmertum sehr wichtig, in welchem der Mensch, aber auch die Gesellschaft und die Politik wichtig sind. Für ihn war der Unternehmer immer Teil der Gesellschaft, für ihn lebt das Unternehmertum nur, wenn es in Land und Gesellschaft integriert ist und sich für den Staat und seine Sicherheit einsetzt. Um diese Gedanken unter die Unternehmerschaft zu bringen und Gespräche darüber anzuregen, gründete er 1985 die Stiftung Lilienberg Unternehmerforum, welche 1989 ihre Räumlichkeiten auf dem Lilienberg beziehen konnte. Seit dieser Zeit lebt der Lilienberg als Plattform für Begegnungen zwischen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur, aber auch als Ort unzähliger Gespräche und fruchtbarer Auseinandersetzungen von Menschen, die am Unternehmertum, aber auch an Staat und Gesellschaft interessiert sind. Walter Reist engagierte sich während vieler Jahre persönlich an vielen Veranstaltungen des Lilienberg, der weit über die Ostschweiz hinaus strahlt.
Für sein Wirken als erfolgreicher Unternehmer, Erfinder und Entwickler sowie für die Führung des Lilienberg erhielt Walter Reist 1993 die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich als einer der ganz wenigen Personen, die aus der gelebten Praxis und nicht aus dem Hochschulmilieu stammen.
Walter Reist heiratete nach Abschluss seiner Ausbildung am Abendtechnikum, am 6. Juni 1953, seine Jugendliebe aus Schlatt, Lotti Gerber, und gründete eine Familie mit den zwei Kindern Susanne und Andreas.
Lotti Reist-Gerber
Lotti Gerber wurde am 26. April 1927 in Schlatt, als Tochter von Jakob und Marie Gerber geboren. Sie erlebte eine glückliche Kindheit, obwohl sie neben der Schule im Betrieb ihres Vaters, der eine Käserei und Molkerei betrieb, viel arbeiten musste. Die Familie hatte auch noch einige Schweine, zu denen sie ebenfalls immer wieder zu schauen hatte. Auch ihre Jugendzeit war geprägt vom Zweiten Weltkrieg, als viele Männer im Aktivdienst waren. Da musste Lotti erst recht im Betrieb ihres Vaters mitanpacken und Männerarbeit übernehmen. So war sie mit 17 Jahren die erste Frau, die einen Peugot-Lieferwagen in Schlatt gefahren hatte, um täglich die frische Milch von der Molkerei ihres Vaters zum Bahnhof zu bringen. Da sie noch minderjährig war, bedurfte es dafür einer besonderen Bewilligung der Thurgauer Regierung. In dieser Zeit war sie auch immer wieder als Ambulanz-Fahrerin im Einsatz. Diese Zeit während des Krieges mit der grossen Unsicherheit und Angst prägte Lotti Reist: Besonnenheit ohne Ängstlichkeit, der Wille zu Dienen und zu Improvisieren sowie ihre kraftvolle Würde und Ruhe zeichneten sie während ihres ganzen Lebens aus.
Lotti besuchte die Primarschule in Schlatt und die Sekundarschule in Feuerthalen. Nach dem Krieg absolvierte sie eine Ausbildung als Krankenpflegerin und arbeitete mehrere Jahre lang im Lungenzentrum Davos, behielt in dieser Zeit aber immer die Beziehung zu Walter Reist aufrecht, den sie in Schlatt an der Schule kennen gelernt hatte. Nach der Heirat 1953 bezog das junge Ehepaar ihre erste Wohnung in Thalwil und zog einige Jahre später mit ihren Kindern nach Wallisellen. Schliesslich übersiedelte die Familie im August 1963 in das neu erstellte Haus auf dem Schönenberg in Hinwil – praktisch gleichzeitig mit der Ferag. Ihr Vater, der die Käserei in Schlatt aufgegeben hatte und zuvor nach Hinwil umgezogen war, war massgeblich am Erwerb des Grundstückes für das Unternehmen in Hinwil beteiligt.
Walter und Lotti Reist fühlten sich im Zürcher Oberland sehr rasch zu Hause und engagierten sich in mehreren Bereichen. Walter amtete vier Jahre im Hinwiler Gemeinderat als Finanzvorsteher und verstand es, den Schuldenabbau in die Wege zu leiten. Er unterstützte aber auch viele verschiedene lokale Vereine und integrierte die Mitarbeitenden der Ferag ins öffentliche Leben der Umgebung, zum Beispiel durch den Hinwiler Marsch. Als Dank für seine Verdienste um die Gemeinde Hinwil, als attraktiver Arbeitgeber, als Sponsor und Gönner vieler öffentlicher Vorhaben und Ideen erhielten er und seine Gattin Lotti zu ihrem 80. Geburtstag das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde.
Lotti Reist-Gerber verstand sich «Vollblut-Familienfrau» und sorgte in allen Jahren des beruflichen Aufbaues und Erfolg dafür, dass Walter ein schönes Zuhause hatte, wohin er sich immer wieder in den Kreis seiner Familie zurückziehen und neue Kraft tanken konnte. Allerdings war Lotti bei den gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Mannes, so im Zusammenhang mit Rotary, eher zurückhaltend, lenkte aber im Hintergrund die Familie. So konzentrierte sie sich mit ihrer Besonnenheit und motivierenden Kraft auf ihre Arbeit mit den beiden Kindern Susanne und Andreas.
Eine tiefe Zufriedenheit bereiteten ihr Stickereiarbeiten sowie Bauernmalerei und später ganz besonders die Porzellanmalerei. Dazu besuchte sie viele Kurse und entwickelte sich immer weiter, so dass sie zur veritablen Künstlerin wurde. Die zahlreichen wunderschönen Porzellanstücke, die sich angefertigt hatte, verschenkte sie grosszügig an Familie, Verwandte und Freunde. Viele hat sie auch behalten. Darum engagierte sie sich auch persönlich und mit grossem Fachwissen bei der Innengestaltung und -ausstattung des Lilienberg Unternehmerforums, wo die Früchte ihres Wirkens noch überall zu sehen sind.
Eine tiefe Zuneigung galt auch den Enkelkindern Denise und Stefan, die in jungen Jahren jedes Wochenende mit ihren Grosseltern verbrachten, sowie auch ihren in den USA lebenden Enkelinnen Bianca und Alessandra, die sie weniger oft sehen konnte, aber nicht minder gerne hatte.
Sie unternahm mit ihrem Mann viele Reisen, oft in die USA, um die Familie ihres Sohnes Andreas zu besuchen. Auch Schiff- und Kreuzfahrten in alle Welt gehörten zum Reiseprogramm von Lotti und Walter.
Walter und Lotti Reist-Gerber waren ein Ehepaar, das sehr unterscheidlich war, sich aber auf gute und fruchtbare Weise ergänzte. Ohne das Mitwirken seiner Frau hätte Walter Reist den Lilienberg wohl kaum so schön gestalten können, wie er sich heute präsentiert.
Nachfolgend die Festschrift, die 2017 zum 90. Geburtstag von Walter und Lotti Reist erschienen ist: