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Seraina: Wie sind Menschen auf die Idee gekommen, Eigentum zu haben? Wie ist Eigentum überhaupt zustande gekommen?
Werner: Das Thema hat mich immer interessiert. Ich habe deshalb darüber nachgeforscht. Man geht von drei Arten der Eigentumsbildung aus:
Die ursprünglichste Art ist die einfache Besitznahme. Wenn Eroberer im neu entdeckten Amerika ankamen, nahm jeder in Beschlag, was ihm gefiel. Er steckte das Gebiet ab, und es gehörte ihm. Wir kennen es noch im Kino: Wer zuerst ein Ticket kauft, hat den besten Platz auf sicher.
Später, als dann fast alles verteilt war, entstand Eigentum aufgrund von Arbeit. Ein Künstler nahm sich einen Stein, der ja als wertlos galt, und gestaltete daraus eine Statue. Sie war wertvoll, weil er daran gearbeitet hatte, sie gehörte ihm. Eigentumsbildung durch Erwerbsarbeit kennen wir gut. Es geht heute aber auch mit Aktienhandel.
Heute ist das Eigentum weitgehend verteilt. Der Staat begnügt sich, Regeln aufzustellen, wie Eigentum vor Raub oder Diebstahl gesichert werden kann und wie es bei Tausch, Kauf, Erblassung und ähnlichen Vorgängen zu und her gehen soll.
Unterschiede:
Bevor über Besitz und Eigentum diskutiert werden kann, müssen die beiden Begriffe geklärt sein. EinE BesitzerIn einer dinglichen Sache muss nicht unbedingt auch EigentümerIn sein. Eine beliebige Person leiht sich für eine Woche das Fahrrad einer Freundin aus. Diese ist also für eine Woche lang BesitzerIn des Fahrrades. Eigentümerin bleibt aber die Freundin, auch wenn sich ihr Gefährt zu dieser Zeit nicht in ihrem Besitz befindet.
Seraina: Was meinst du genau mit: «Heute ist das Eigentum weitgehend verteilt»?
Werner: Es gibt heute nichts mehr zu verteilen, alles gehört schon jemandem. Doch wart mal, das stimmt gar nicht. Da sind ja noch die öffentlichen Güter wie Boden, Luft, Wasser und so weiter.
Seraina: Das stimmt. Und da stellt sich wirklich die Frage: Wem gehören öffentliche Güter wie beispielsweise das Trinkwasser? Seit 2002 gehört die bündnerische Mineralquelle in Vals dem amerikanischen Konzern Coca-Cola. Wie kann das sein?
Werner: Ja, das frage ich mich auch. Wenn schon, gäbe es ja auch Schweizer Konzerne, denen man es verkaufen könnte.
Seraina: Aber ist das besser? Natürliche Ressourcen sollten meiner Ansicht nach grundsätzlich nicht privatisiert werden. Doch die Schweizer Bevölkerung hat bezüglich Trinkwasserknappheit nichts – oder noch nichts – zu befürchten. Schliesslich wird das Land öfters als «Wasserschloss» bezeichnet. In anderen Weltregionen stellt die Wasserversorgung allerdings ein riesiges Problem dar, das in den vergangenen Jahren wegen starker Hitzewellen und Dürrezeiten sogar in den Nachbarländern der Schweiz für alarmierende Situationen sorgte.
Werner: Ja, und in den Entwicklungsländern ist es noch viel schlimmer.
Seraina: In Entwicklungsländern soll beispielsweise der Grosskonzern Nestlé Wasserreservoirs aufgekauft haben, um dann das Trinkwasser abzufüllen und an die Menschen zu verkaufen, die dort leben. Menschen, die ohnehin bereits von Armut betroffen sind und keine genügende Trinkwasserversorgung haben. Wie kann es sein, dass Menschen, die in Land A zur Welt kommen, nicht die gleichen Anrechte haben auf die Welt und ihre Ressourcen wie Leute aus Land B? Leider gibt es kein Menschenrecht, welches jedem Menschen den Zugang zu Trinkwasser sichert – und das, obwohl es ein absolut lebensnotwendiges Gut ist.
Werner: Mir scheint, wenn es ein Recht auf Leben gibt, gibt es indirekt auch ein Recht auf Wasser. Man kann ja nicht leben ohne Wasser.
Seraina: Wasser kann im Gegensatz zur Luft nicht wirklich als öffentliches Gut betrachtet werden, weil es als bezahlbares Gut auf dem Markt gekauft werden kann. Die Luft andererseits ist ein rein öffentliches Gut – es ist kostenlos, unbezahlbar und ebenfalls absolut lebensnotwendig. Allgemein gesagt, wird die Luft durch CO2-Emissionen zunehmend schlechter. In vielen Städten in Indien, Pakistan und Bangladesch zum Beispiel ist die Luft sogar so schlecht, dass sie über längere Zeit lebensbedrohend sein kann.
Die grössten CO2-Verursacher sind Flugzeuge. Grosse Fluggesellschaften wie Lufthansa, Ryanair, Easy Jet, American Airlines sind nicht Eigentümer der Luft, die sie verschmutzen, können aber als eine Art «Besitzer» betrachtet werden. Natürlich sind es wir Menschen, die den Flugverkehr am Leben erhalten und gleichzeitig mit der Luft leben müssen, die uns umgibt.
Werner: Ja, und dann gibt es noch die Bodenschätze, zum Beispiel das Erdöl, das dauernd ein Zankapfel der Nationen ist.
Seraina: Dieses kostbare und begehrte Gut ist nicht gleichmässig auf der Welt verteilt. Das gilt auch für die andern Bodenschätze. Wenn ein Land Bodenschätze besitzt, heisst es noch lange nicht, dass die Bevölkerung davon profitiert und einen guten Lebensstandard geniessen kann. Für einen kleinen Bruchteil der Bevölkerung sind die Ölgeschäfte allerdings durchaus lukrativ. Häufig handelt es sich um Länder, die von starker Armut betroffen sind und in denen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.
Werner: Ja, die ungerechte Verteilung der Ressourcen ist eindrücklich. Es gibt Leute, die besitzen viele Milliarden. Ich habe einmal nachgerechnet, wie lange ein Mensch arbeiten müsste, um eine Milliarde zu verdienen. Nehmen wir an, er verdient jährlich 100‘000 Franken, ein rechter Lohn. Um die Milliarde zu bekommen, müsste er 10‘000 Jahre lang arbeiten. Kürzlich liess sich Amazon-Chef Jeff Bezos scheiden. Seine Frau bekam dabei 38 Milliarden Dollar ausbezahlt. Unser Büezer müsste dafür also 380‘000 Jahre lang arbeiten. Aber nicht genug – Jeff Bezos ist nach der Scheidung immer noch der reichste Mensch der Welt. Sein Reichtum ist immer noch 1‘070‘000 Jahre Büezer-Arbeit wert.
Seraina: Wie kann all dies möglich sein? Wir Menschen können uns nicht aussuchen, auf welchem Kontinent, in welchem Land, in welcher Region und in welcher Familie wir geboren werden und aufwachsen. Somit sollte doch jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Name, Hautfarbe und Grösse den gleichen Anspruch haben auf die Naturgüter.
Werner: Ja, es gibt kein Geburtsrecht auf Reichtum, es gibt keine Bestimmung zur Armut. Seit der Französischen Revolution gilt, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Wie kam es dazu, dass heute der eine Milliarden hamstern darf, während andere gar nichts haben? Und wie kommt es dazu, dass wir das akzeptieren? Wir könnten es ändern. Wollen wir es nicht?
Seraina: Für mich ist das weder verständlich noch irgendwie begründbar. Uns allen gehört die Welt zu einem gleichen Anteil – beziehungsweise gehört sie uns eigentlich überhaupt nicht. Wir sind nicht EigentümerInnen, sondern nur BewohnerInnen. Für die Erde ist unser Dasein aber ein unglaublich schlechter Deal. Anstatt Miete zu bezahlen im Sinne von einem guten und respektvollen Umgang mit Mutter Erde, brauchen wir ihre Ressourcen auf und verschmutzen sie. Dürfen wir das, wenn die Welt gar nicht uns gehört?
Rechtliche Grundlage
Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Art. 641
«1. Wer Eigentümer einer Sache ist, kann in den Schranken der Rechtsordnung über sie nach seinem Belieben verfügen.
2. Er hat das Recht, sie von jedem, der sie ihm vorenthält, herauszuverlangen und jede ungerechtfertigte Einwirkung abzuwehren.»
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 17
«1. Jeder hat das Recht, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit anderen Eigentum innezuhaben.
2. Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.»