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Nicht etwa, dass man sich gleich darüber im Klaren gewesen wäre. Sicher, Herr und Frau Alves – ihn nannten sie “Seu Julião“ und sie “Dona Neuza“ – hatten ab und zu mal was bemerkt, einen kleinen Zufall hier und ein bisschen Glück da, aber dass Julinho tatsächlich eine besondere Gabe hatte, das entdeckten sie erst im Sommer 1984, in Caraguatatuba, als nämlich das Bürschchen sein fünftes Eis am Stil lutschte – mit Mango-Geschmack.
Noch fünfzehn Minuten vorher, als er sein erstes Eis fertig hatte – Creme mit Schokoladenüberzug – da hüpfte Julinho vor Freude: der “Stiel“ war nämlich prämiert und berechtigte seinen Besitzer zu einem weiteren Eis! Nun, bis zu diesem Moment, gut und schön . . . Aber dann passierte es, dass das zweite Eis – ein “Esquimó“ – ebenfalls zu einem nächsten berechtigte, so wie das dritte (mit Kokos), das vierte (Tangerina) und wahrscheinlich alle weiteren, die er noch lutschen würde, wenn nicht beim fünften Eis – der Bauch des Jungen sah jetzt schon aus wie eine Leinwand von Pollock, soviele Tropfen in den verschiedensten Farben rannen an ihm herunter in Richtung seiner limonengrünen Badehose – ja wenn nicht der Eisverkäufer dem ein Ende gemacht hätte, indem er Julinho den Steropordeckel seines Eiskastens auf den Kopf gehauen hätte, um sich anschliessend unter wilden Flüchen und Verwünschungen von dannen zu schleichen.
In diesen Ferien im Juli nahm Julinho drei Kilo zu und gewann den Respekt aller Kinder von Caraguá, mit denen er seine prämierten Eisstiele gegen Flugdrachen, Sandförmchen und –eimer, Dienstleistungen und sogar ein Fahrrad mit Hupe, Körbchen und Lampe, eintauschte. (Unglücklicherweise musste er dann das Fahrrad zurückgeben, als nämlich eine Mutter unter dem Sonnenschirm seiner Familie auftauchte, die einen bläkenden Jungen an der einen Hand mitzerrte und 45 prämierte Eisstiele in der anderen hielt. Und sie verlangte, dass der Tausch rückgängig gemacht würde).
Obwohl man nun schon wusste, dass irgendetwas mit Julinho nicht stimmte, wurde seinen Eltern das wirtschaftliche Potential der Gabe ihres Sohnes erst richtig bewusst, als der sich schon in der fünften Klasse befand – es war die Zeit, als überall die “Raspadinhas“ eingeführt wurden, jene kleinen, bunt bedruckten Lose der Staatslotterie, mit denen man kleinere Beträge durch Abreiben der Oberfläche sichtbar machen und gewinnen konnte. Während die Mehrheit aller Sterblichen ganze Rollen von Kleingeld opferte, um vielleicht mal fünfzig Centavos zu gewinnen, zog Julinho von Anfang an stets ein Gewinnlos: Er brauchte nur die oberste silberne Schicht mit dem Daumennagel abzureiben, und schon umarmten ihn Mama und Papa.
Nach ein paar Monaten kaufte sich die Familie ein Penthouse, ein Häuschen am Strand, einen importierten Wagen und Jetskies. Und wenn nicht jener Prozess der “Associação Brasileira dos Donos de Casas Lotéricas“ (Verein der Lotterie-Geschäftsstellen-Besitzer) gewesen wäre – die bei der Polizei Anzeige wegen Geschäftsschädigung durch jenen kleinen Dicken erstatteten, der stets ein Eis lutschend bei ihnen erschien, ein einziges Los kaufte und die Kassen der Geschäfte leerte – ja, dann wäre die Familie wohl bald in die Liste der reichsten Brasilianer aufgenommen worden.
Anlässlich eines Interviews des TV-Kanals SBT – gleich nachdem die Familie im Prozess freigesprochen worden war, unter der Bedingung, das Julinho niemals mehr eine Lotterie-Geschäftsstelle betreten dürfe – sagte Julião, der Vater, aus, dass an der ganzen Sache keinerlei Trick sei: “Der Junge ist eben so seit er klein war: ein Glückspilz. Sagt er “gleich“, kommt eine Vier – sagt er “ungleich“, kommt eine Fünf und, bei der Geschenkeverlosung an Weihnachten zieht er immer den Onkel Leôncio, meinen Schwager, der hat immer die besten Geschenke.“ Dona Neuza, die Mutter, ergänzte stolz: “Hum-hum . . .“
Seit der Einführung der “Raspadinhas“ arbeiteten “Seu Julião“ und “Dona Neuza“ nicht mehr: als Eltern eines solchen Talents widmeten sie sich fortan ausschliesslich der Förderung desselben. Sie verbrachten ihre Tage damit, Deckel von Margarinen und Verpackungen von Schokoladen in Couverts zu stecken, zusammen mit solchen Antworten wie “welche Seife macht den Körper rein“? – “welche Batterie währt am längsten“? – “welcher Drink macht Splash“? oder “welches ist die Slipeinlage der modernen Exekutiven“? Jeden Morgen, bevor er zur Schule ging, brachte Julinho diese Briefe zur Post: und es wurden Häuser daraus, Kajaks, Home-Theatres, Ferien in Spas, Wochenenden in Hotel-Fazendas, ein Jahr Einkauf im Supermarkt gratis und viele andere Prämien, die kein Ende nehmen wollten.
Dona Neuza liess sich Botox und Silikon applizieren, hellte ihre Haarfarbe auf und machte ein paar Fenh-Shui mit – Seu Julião liess sich neue Haare einpflanzen, baute eine verspiegelte Bar im Salon des Penthouse ein und grillte fortan an jedem Sonntag Churrasco – Julinho bekam einen Mini-Buggy, war im Fan-Club, besass sämtliche Figuren des “Action Command“, einen Spass-Pass im lokalen Playcenter und die “Tilibra“ (grösster Hersteller von Schulheften) war im Begriff, eine Heftreihe mit seinem Foto auf dem Titel herauszubringen.
Trotz allem Erfolg fand Julinho sein Leben langweilig. Es gab nichts mehr, was er sich wünschte und nicht bekommen konnte: wenn er Fussball spielte – egal in welche Richtung er den Ball auch schoss – stets landete er im Tor. An jedem beliebigen Tag stolperte er über Brieftaschen voller Geld und, wenn er mal krank wurde und so eine Prüfung an seiner Schule verpasste, dann war bestimmt auch der Lehrer krank und sie fiel aus. Alles war viel zu leicht. Und er mochte auch kein Eis am Stiel mehr. Ohne die geringsten Schwierigkeiten, und sei sie auch noch so klein, verloren die Dinge ihren Wert. Wenn er so von einer zur anderen Strasse wechselte in seinem Wohnbezirk, dann blickte er meistens traurig vor sich hin: “Wenn ich wenigstens irgendein Formular ausfüllen müsste oder einen Beitrag bezahlen, oder zweihundert Liegestützen jeden Morgen – dann vielleicht würde ich fühlen, dass ich etwas erarbeiten muss – aber so, mit nichts, macht’s keinen Spass“. Alles, was er sich wirklich wünschte war – so wie das immer in diesen Geschichten ist – ein normaler Junge sein zu können, wie andere Kinder auch. Aber wie?
Dann kam ihm der Zufall zuhilfe, als er durch die Innenstadt von São Paulo schlenderte, an einem Tag, an dem der graue Himmel aussah wie die Metapher eines prepotenten Schriftstellers, der in ihr unsere bewölkte innere Konfiguration spiegelt – Julinho stand plötzlich vor einem der eindrucksvollsten Orte, die er bisher in seinem jungen Leben gesehen hatte, ein riesiger Markt, in dem man Eier von vietnamesischen Dinosauriern finden konnte, chinesische Video-Kassetten, Mumien der Mayas, pornografische DVDs aus Ungarn, entfernte Verwandte, russische Fernlenkwaffen und sogar die wahre Liebe – die Galerie “Pajé“. Und dort entdeckte er dann, zwischen einer gefälschten Rolex und einem Hündchen mit Kunstfell (das gleichzeitig als elektronisches Lexikon, Mixer und Handtasche benutzt werden konnte), die arabische Lampe. Haddad, der Verkäufer, garantierte ihm, dass dieses Prachtstück aus dem 18. Jahrhundert stamme und einen persönlichen Diebstahl aus dem Museum von Bagdad während der amerikanischen Invasion darstelle. Julinho, der wie immer auf sein eigenes Glück vertraute, zögerte keinen Moment.
Sowie er zuhause war, polierte er die Lampe mit seinem Hemdsärmel – der Raum füllte sich mit Rauch, man hörte eine Explosion, und danach folgte ein Regen von Konfetti und Papierkugeln – und da schwebte er über ihm, in respektabler Leibesfülle und transparent, etwa einen Meter über dem Boden: der Geist aus der Lampe!
“Verehrter Meister, du hast mich aus dem schrecklichen Gefängnis befreit! Als Gegenleistung hast du drei Wünsche frei. Sage mir, was du dir wünschst, und ich werde alles sofort erfüllen“!
Julinho zögerte nicht einen Augenblick:
“Zuerst einmal möchte ich so sein wie alle anderen, nicht immer nur Glück haben: vielleicht das eine oder andere Mal – aber ich möchte mich anstrengen müssen, um das zu bekommen, was ich mir wünsche! Zweitens – wenn nun das Glück weniger wird – möchte ich mir nur einen Vorzug erbitten: Das alle Frauen, die für den Playboy posieren, mit mir ins Bett gehen wollen bis an mein Lebensende. Drittens – schon seit ich noch klein war, denke ich daran: warum nennen sie dieses goldene Ding hier eine Lampe, wo es doch eher aussieht wie eine Tee- oder Kaffeekanne“?
Der Geist – mit einem ernsten und aufmerksamen Gesichtsausdruck, den Geister in solchen Momenten zu machen pflegen – antwortete:
“Mein Meister, deine Wünsche sind mir Befehl“!
Noch mehr Rauch, noch mehr Konfetti-Regen, und als sich das Chaos wieder gelegt hatte, schwebte an der Stelle, wo vorher der Geist gewesen war, eine Mitteilung:
“Werter Meister, ich muss dir leider mitteilen, dass ein Lapsus bei der Erfüllung Deiner Wünsche passiert ist. Etwas, das nur alle tausend Jahre einmal passiert, und was wir Lampengeister als “Retroaktives Paradoxon“ bezeichnen. Dein erster Wunsch wurde sofort erfüllt und Dein Pech hat deshalb genau ab diesem Moment angefangen, was bedeutet, dass sämtliche Erfüllungen dieses Lampengeistes erfolglos sein werden. Mit anderen Worten: alles bleibt wie bisher – du bleibst ein Glückspilz. Falls du mit den Playmates ins Bett gehen wirst und herausfindest, warum diese Teekanne eine Lampe ist, dann geschieht dies, weil du als Glückskind geboren worden bist – (oder wie wir in Brasilien sagen: mit dem Bauch zum Mond gerichtet auf die Welt kamst) – nicht infolge meiner Dienste. Und jetzt muss ich mich sputen, es findet eine Versammlung der Lampengeister im Rotary Club in Riberão Preto statt, und die Möchte ich auf gar keinen Fall versäumen. Leb wohl und Dankeschön“!
Julinho war verzweifelt und entschloss sich, das Handtuch zu werfen. Und das Handtuch war er selbst in diesem Fall: er schaute sich zum letzten Male um in seinem Zimmer, zerdrückte eine Träne des Abschieds und sprang aus dem Fenster vom Penthouse. Während er fiel, dachte er an sein Unglück, keinerlei Unglück haben zu dürfen, an die Ungnade der ihm verliehenen Gabe und – wer weiss warum – an eine limonengrüne Badehose, die er so geliebt hatte, als er klein war.
Fünfundzwanzig Stockwerke und sieben Sekunden später – zum Erstaunen der Fussgänger – war er auf das Dach eines blauen VW-Kombi gekracht und noch am Leben. In diesem Moment rappelte er sich hoch, noch ein bisschen schwindelig von dem Fall und halb taub vom Gebrüll des Japaners, der sich über die Beule im Dach seines Autos mokierte und von ihm wissen wollte, womit er nun wohl seinen Salat von Moji das Cruzes hertransportieren sollte – Julinho kapierte das ganze Ausmass seines Schicksals: er war unsterblich, ein Glückspilz wie er konnte nicht sterben.
Einige behaupten, dass es der Sturz war, andere meinen, dass die Dinge sich schon seit langer Zeit entwickelt hätten – dass er schon immer nicht alle Tassen im Schrank gehabt hätte – Tatsache ist, dass Julinho seit seinem Fenstersprung vergeblich versucht, sich das Leben zu nehmen. Nachdem er Cianeto getrunken (Datum war abgelaufen), sich die Pulsadern aufgeschnitten (Messer brach ab), sich erhängen wollte (der Ast brach ab) und sämtliche andere ihm bekannten Selbstmordarten versucht hatte – unter anderem hatte er sich eine ganze Woche nur von Spülmittel (Apfelduft) ernährt – verlor er ganz plötzlich vollkommen den Verstand. Nun pendelt er verrückt durch die Welt, mager wie ein Skelett, barfüssig und mit langem Bart. Hin und wieder schluckt er Schwerter, läuft über glühende Kohlen, lässt Lastwagen über seinen Körper fahren und rennt über verminte Felder in Angola – immer vergebens. Und um das Mass voll zu machen, folgt ihm eine Schar Gläubiger wo immer er sich hinwendet, sie glauben, dass Jesus auf die Welt zurückgekehrt sei. Einige Rabiner diskutieren darüber, ob oder nicht er der Messias sei – die Playmates geben auch keine Ruhe und Produktionschefs vom Fernsehen rufen jeden Tag an, um ihn zu einem Dokumentarfilm im Discovery Channel zu bewegen.
Jetzt, zum Beispiel, ist Julinho gerade in Iguaçu, er weint und bereut jenen weit zurück liegenden Morgen in Caragatatuba, an dem er sich jenes verdammte zweite Eis am Stiel geholt hat. In wenigen Momenten wird er sich vom höchsten der zweihundert Wasserfälle hinunterstürzen – und dann werden ihn einige Minuten später die wackeren Männer von der brasilianischen Feuerwehr – lebend und wieder sauber – aus dem Wasser ziehen.
Eine Geschichte von Antonio Prata (24.08.1976)
Ist in São Paulo geboren und hat folgende Bücher geschrieben: “Cabras, Caderno de Viagem“ – “Douglas e outras historias“ – “As pernas da tia Corália“ – “Estive pensando“ und “O inferno atrás da pia” – die vorliegende Story ist aus dem zuletzt erwähnten Buch.