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Warum ist die Aare so grün? 4. Teil
Der Zeitfaktor spielt für die Farbe der Aare eine weitere wichtige Rolle. Dabei ist ein Blick in die Geschichte des Flusses hilfreich. Die Erde ist 4.6 Milliarden Jahre alt, schätzen die Wissenschaftler. Im Vergleich dazu ist die Aare mit ihren 30 Millionen Jahren ein Frischling. Der erste Homo sapiens sah die Aare vor etwa 40’000 Jahren und nur vor 25’000 Jahren hatte die letzte Eiszeit ihren Höhepunkt und da lag über dem Standort der Fähre eine etwa 500 Meter dicke Eisschicht. Unglaublich. Vergleiche ich das Alter der Erde mit einem Menschenleben von 84 Jahren, liegt der Zeitpunkt der letzten Eiszeit ziemlich genau 4 Stunden nach seiner Geburt. Ich stelle fest, dass ich von Zeit keine Ahnung habe.
Klar ist mir nur, dass diese unvorstellbar lange Geschichte in den Farben der Aare gespeichert ist und seinen Ausdruck findet. Wie zum Beispiel diese kurze Episode aus der letzten Eiszeit:
An einem klaren Julimorgen vor 25’000 Jahren sitzt der Eiskönig bei Sonnenaufgang auf einem Felsen unterhalb eines spitzen Berggipfels in den Alpen. Es ist vermutlich der heutige Niesen. Unter ihm breitet sich das endlose Eismeer aus, so weit das Auge reicht. In dieser völligen Abgeschiedenheit verliert sich gegen Westen die Schneewüste noch dunkelblau in der Dämmerung, während sie gegen Osten in der ersten Sonnenrötung zu glimmen beginnt. Nichts weist darauf hin, dass hier die Hügel der Voralpen und des Emmentals und das ganze Mittelland bis hin zum Jura unter einem einzigen, gigantischen Gletscher verborgen liegen, tiefgefroren, in absoluter Dunkelheit und Stille, scheinbar tot, scheinbar für immer.
Die Sonne steigt höher, das Rot weicht einem Blassrosa, einem leichten Weissblau und auf der Eiswüste beginnen mehrere Flächen zu schimmern und zu glitzern. Der Eiskönig kneift die Augen zusammen. Die Schmelzwasserseen entstanden erst in den letzten paar Jahrzehnten, verschwanden im Winter wieder und kehrten in den Sommermonaten zurück. Von Jahr zu Jahr grösser und weiter. Nun steigt jene Ahnung in ihm wieder hoch, dass dieses scheinbar endlose Reich aus Schnee und Eis nicht ewig währen wird. Er steht auf und atmet tief durch. Zurück im Eispalast, gibt er den Gletschergnomen Anweisungen den Eisschlitten mit den Rentieren zu rüsten. Er packt seinen Koffer, verabschiedet sich von der Eiskönigin und begibt sich auf eine Reise. Er will sich Klarheit darüber verschaffen wie es um sein Reich steht. Ohne einen Blick zurückzuwerfen steuert er den Schlitten nordwärts.
Am dritten Morgen erreicht der Eiskönig die Grenze seines Landes. Das Eis wird zu Schneematsch, geht über in einen Sumpf, und dahinter beginnt eine weite Tundra. Mit dem Schlitten gibt es kein Weiterkommen. Weit entfernt entdeckt er eine Mammutherde. Sie zieht äsend über die Ebene. Der Eiskönig zählt leise. Zwölf erwachsene, drei Jungtiere. Noch weiter in der Ferne stehen zwei Wollnashörner wie Statuen auf einer Anhöhe. Der Eiskönig lässt die Peitsche sausen und folgt mit dem Schlitten der Grenze westwärts. Am Abend bei Sonnenuntergang findet er eine Eishöhle für die Nacht. Er löst die Halfter der Rentiere und rollt in der Höhle eine Decke aus. Er isst getrocknetes Alpenhuhn, steht auf und geht im Abendlicht an den Rand des Eises, stapft durch Schneematsch, erreicht den weichen Gras- und Moosboden und fährt mit den Händen über die rauhe Rinde einer einzelnen, krummen Föhre. Auf einmal hört er ein Rascheln, ein Wiehern und in diesem Moment schiessen zwei Urpferde aus dem Dickicht, gejagt von einem Höhlenlöwen. Der Höhlenlöwe setzt zum Sprung an, packt eines der Pferde mit seinen Krallen, beisst sich in den Nacken fest und reisst das brüllende Tier zu Boden. Kurz darauf ist es still. Der Eiskönig geht mit pochendem Herzen zurück zur Eishöhle und rollt sich in seine Decke.
Auf den Anhöhen des Juras führt die Grenze tagelang an endlosen, dunklen Tannenwälder entlang. Weit im Westen von Savoyen quert der Eiskönig über ein grosses Gletschertor die Rhone. Er folgt den Ausläufern des Eisplateaus südwärts bis er am Horizont das Meer erblickt. Die Grenze führt nun Richtung Osten, stösst an die Po-Ebene, zieht sich am südlichen Alpenrand bis zur Adria, die noch trocken da liegt. Erst in weiteren 10 bis 15’000 Jahren wird der Meeresspiegel um knapp hundert Meter steigen und das flache Becken fluten. Der Eiskönig reist um den ganzen Alpenraum, weiter und weiter, wieder nordwärts und am Ende wieder Richtung Westen, bis er kurz vor seinem Ausgangspunkt einen wilden Fluss erreicht – die Aare.
Der Eiskönig ist fasziniert, denn der Fluss hat die Farbe vieler seiner Träume. Er steigt vom Schlitten, folgt dem Fluss in die Tundra hinein und setzt sich an sein Ufer. Das Gurgeln und Glucksen des Wassers verwandelt sich in Stimmen. Der Eiskönig legt sich ins Gras und lauscht und der Fluss beginnt seine Geschichte zu erzählen. Von seiner Entstehung, seiner Quelle, wie er die Landschaft formt, sich ins Meer ergiesst, dem Kreislauf des Wassers, dem vorbeiziehenden Leben, vom Wald, den Vögeln, den Fischen, den Tieren, den Jahreszeiten, dem Wind und den Wolken – und dem ewigen Eis. Die Nacht bricht herein und die Erzählung wird zu einem Geflüster, Gesumme und zuletzt zu einer tiefen Stille.
Als der Eiskönig am nächsten Morgen im Gras erwacht, hängen dunkle Wolken über der Tundra. Weit und breit ist kein Tier mehr zu sehen und auf einmal beginnt es leise an zu schneien. Schneeflocken bleiben im Haar und den Kleidern des Eiskönigs hängen. Er geht zurück zum Schlitten und macht sich auf den Heimweg. Am übernächsten Tag erreicht er den Eispalast in einem Schneesturm. Er umarmt lange seine Königin, dann erzählt er ihr im Schein des Kerzenlichts von seiner Reise, von den Grenzen des Eisreiches und wie er den blaugrünen Fluss erreicht hat, der ihm seine Geschichte erzählt hat. Bis zum Morgengrauen dauert seine Erzählung und die Eiskönigin sieht in den Augen ihres Liebsten, dass er einem Ursprung des Seins begegnet ist.