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Die grünen Begleiter von Kolumbus
Am 19. Oktober 1492 schrieb Kolumbus in sein Reisetagebuch: «Meine Augen werden nicht müde, eine solch herrliche Vegetation anzusehen, die so verschieden von der unsrigen ist. Ich glaube, dass diese vielerlei Gräser, Kräuter und Bäume erzeugt, welche in Spanien als Färbe- oder Arzneimittel grossen Wert haben würden.[…] Ich werde von den meisten Proben mit nach Hause nehmen.» Damit begann die «Verschleppung» von Organismen von einem Kontinent zum nächsten. In den Taschen, Säcken, Kisten und Fässern, in welchen der Entdecker viele Pflanzen und Gegenstände aus der Karibik nach Europa brachte, schlummerten zudem weitere Samen, die unbeabsichtigt in die alte Welt gelangten.
Pflanzenarten, die ab 1492 in irgendeiner Form durch das Handeln des Menschen von ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet in ganz andere Gegenden der Welt transportiert worden sind, werden als Neophyten bezeichnet. Invasiv werden sie, wenn sie einheimische Arten verdrängen.
Woher sie kamen – Pflanzen mit Migrationshintergrund
Um 1820, als sich Japan noch von der Aussenwelt abschottete, lebte der Arzt, Ethnograf und Botaniker Philipp Franz von Siebold als Angestellter der Holländischen Handelsgesellschaft mehrere Jahre in Nagasaki. Er lernte Japanisch, sammelte Pflanzen und träumte davon, die europäischen Gärten und Parks mit den faszinierenden Pflanzen und Gehölzen Japans zu bereichern. Seine Vision, insbesondere was den Staudenknöterich oder Japanischen Knöterich (Reynoutria japonica) anbelangt, wurde wahr. Zuerst war die neue Pflanze aus Japan sehr begehrt. Seine schlanken, an Bambus erinnernden Stängel, seine herzförmigen Blätter und sein imposanter Wuchs gefielen. Seibold begann den Staudenknöterich ab 1840 kommerziell zu vertreiben.
Weil er schnell und üppig wächst, glaubte man eine ausgezeichnete Futterpflanze für das Vieh gefunden zu haben. Förster pflanzten ihn gar als Äsungspflanze für das Rotwild. Aber weder die Rindviecher noch Rehe und Hirsche fanden ihn appetitlich. Die Imker freuten sich hingegen über eine gute Bienenweide und den daraus hergestellten Bienenhonig mit einem ähnlichen Geschmack wie der beliebte Buchweizenblütenhonig. Gartenbesitzer pflanzten die Knöterichstaude gerne als grünen Sichtschutz gegen Störendes, die Betriebsamkeit der Strasse oder neugierige Nachbarn.
Der Japanische Knöterich ist zweihäusig, was bedeutet, dass es getrennte männliche und weibliche Pflanzen gibt. Die Klone, welche der Freiherr von Seibold aus dem fernen Inselreich mitbrachte, waren anscheinend alle weiblich. Sie machten auch jahrelang keine Probleme. Erst 1872, ausgehend von einer Gärtnerei in Zwickau, begannen die pflanzlichen Amazonen ihren Eroberungszug. Entlang der Wiese im Schwarzwald, entlang der Birs oder Ergolz und entlang den Dinkelbergbächen Aubach und Bettingerbach aber auch entlang von Bahnlinien muss man heute nur wenige Schritte gehen, um auf den Gartenflüchtling aus Japan zu stossen.
Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) stammt ursprünglich aus Nepal im Himalaya und wurde bereits im 19. Jh. als Gartenpflanze in England eingeführt. Die Pflanze konnte sich von den Gärten aus über weite Teile Europas und Nordamerikas ausbreiten und ist seit 1904 in der Region Basel verwildert. Da die rosa-violett blühende Pflanze von Juli bis September Nektar bietet und für Bienen eine wertvolle Futterpflanze ist, wurde auch sie von Imkern gepflanzt. Aus den drei bis fünf Zentimeter grossen Blüten mit kurzem Sporn und intensiv süsslichem Geruch entstehen keulenartige Schleuderfrüchte. Eine einzelne Pflanze kann pro Vegetationsperiode bis zu 2500 Samen produzieren, die bis zu sieben Meter weit verstreut werden und sechs Jahre lang keimfähig bleiben.
Heute bildet das Drüsige Springkraut mit ihren bis zwei Meter hohen, purpurrot überlaufenen Stämmen dichte Massenbestände an Ufern, Bahndämmen und Waldrändern. Man trifft es in den Langen Erlen an, häufiger jedoch im Birstal und im badischen Wiesental. Entlang der Bäche des Laufentals steigt das Drüsige Springkraut langsam in den Seitentälern hoch und verdrängt im Unterwuchs die einheimischen Arten.
Wie weiter – Integration oder Bekämpfung?
Das milde Klima von Basel sowie die Rheinhäfen und Güterbahnanlage begünstigen die Einwanderung und Einschleppung von fremden Pflanzen, die sich dann entlang der Bahnlinien und Flussufer weiter ausbreiten. Zu glauben, dass alle pflanzlichen Neuankömmlinge Probleme machen und die einheimische Flora verdrängen würden, wäre falsch. Einige verschwinden wieder so heimlich, wie sie gekommen sind. Die grosse Mehrheit aber hat sich bei uns ganz unauffällig integriert, so etwa die verschiedenen Nachtkerzen-Arten (Oenothera sp.), die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea) oder das Zimbelkraut (Cymbalaria muralis).
Nur wenige Neophyten werden dominant und verursachen Schäden – sie werden invasiv. Neben dem Japanischen Knöterich und dem Drüsigen Springkraut gibt es noch weitere invasive Neophyten in der Region Basel. Der Götterbaum (Ailanthus altissima), der Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii) oder die Kanadische und die Spätblühende Goldrute (Solidago canadensis, Solidago gigantea) sind wohl die auffälligsten und bekanntesten. Sie alle stehen auf der «Schwarzen Liste», welche die «Schweizerische Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen» erstellt hat. Hierbei handelt sich um eine Liste der invasiven Neophyten der Schweiz, die in den Bereichen Biodiversität, Gesundheit und/oder Ökonomie Schäden verursachen und deren Vorkommen und Ausbreitung verhindert werden müssen. Diese invasiven Arten haben ein enormes Vermehrungs- und Ausbreitungspotenzial durch Samen, Rhizome, Ausläufer und leicht regenerierbare Pflanzenteile. Sie verdrängen einheimische Pflanzenarten und können wie der Staudenknöterich Uferböschungen destabilisieren. Dies sind alles bedeutende Aspekte, weshalb Handlungsbedarf besteht.
Grüne Invasion – Problemlösung
«Neobiota» – so heisst der Massnahmeplan für den Kanton Basel-Stadt, der im Mai 2010 vom Regierungsrat in Kraft gesetzt wurde. Dieses Paket von Massnahmen, basierend auf den vier Grundsätzen Prävention, Bekämpfung/Pflege, Koordination und Erfolgskontrolle, soll die Ausbreitung von invasiven Neobiota (Tiere und Pflanzen), die Schäden verursachen, verhindern. Seit Ende März 2013 sucht auch die Regierung des Kantons Basel-Landschaft einen gangbaren Weg, trotz Sparprogramm die nötigen Massnahmen, Koordination und Finanzierung der Neobiota-Bekämpfung umzusetzen. Im Kanton Solothurn fallen Überwachung und Monitoring der Neophytenbekämpfung in den Aufgabenbereich der Arbeitsgruppe «Neobioten». Die Vertreter der verschiedenen Kantone, der Rheinhäfen, der Deutschen Bahn und der SBB treffen sich jährlich mit den kantonalen Fachstellen, um Bilanz über die Bekämpfungs- und Pflegeeinsätze zu ziehen, Massnahmen zu optimieren und Kosten zu minimieren.
Dass Vorbeugen und frühzeitiges Handeln günstiger sind als Bekämpfen, ist inzwischen klar. Dabei ist Monitoring und Kontrolle das Eine. Wichtiger scheint aber eine zielgerichtete Information und Sensibilisierung von Bevölkerung, Gemeinden und betroffener Berufsgruppen, um das Problem der invasiven Neophyten in den Griff zu bekommen. Freiwillige Naturschützer, Schulklassen oder Asylanten in kantonalen Beschäftigungsprogrammen mähen die grünen Eindringlinge, reissen und stechen sie während mehrerer Jahre mehrmals jährlich aus und entsorgen sie in Verbrennungsanlagen. Durch solche gezielten Aktionen können die Bekämpfungskosten niedrig gehalten werden.
Die Umsetzung des ganzen Massnahmenkatalogs wird von verschiedenen kantonalen Fachstellen enthusiastisch und erfolgversprechend wahrgenommen. Dass gewisse invasive Neophyten wie der Japanische Staudenknöterich in unserer Region eliminiert werden können, kann bei der immensen Lebensenergie dieser Pflanzen nicht das vordringliche Ziel sein. Aber dass sie sich nicht mehr uneingeschränkt vermehren und in der Region ausdehnen, kann wohl realistisch angestrebt werden.
EB