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Ein Lob der Kritik. Was unterscheidet kritisches Denken von unkritischem Denken. Zum Unterschied zwischen Dogmatismus und Relativismus,
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Als ihr 19 Monate alter Sohn schwer krank war, wollte ein kanadisches Paar ihn mit Alternativmedizin kurieren, statt zum Arzt zu gehen. Der Sohn starb. Die Elten mussten wegen Verletzung der Fürsogepflicht vor Gericht.
Der Fall zeigt exemplarisch, wo das Hauptrisiko der Alternativmedizin liegt. Gefährlich wird es immer dann, wenn Allmachtsvorstellungen und Fundamentalismus ins Spiel kommen und Menschen deswegen bei schweren Krankheiten auf wirksame Medizin verzichten. Oder wenn sie eine solche Entscheidung für ihre Kinder treffen.
Der Sohn Namens Ezekiel war im März 2012 infolge einer Hirnhautentzündung gestorben. David und Collet Stephan hatten bis zuletzt keinen Arzt konsultiert. Stattdessen versuchten sie das Kind zweieinhalb Wochen lang mit alternativmedizinischen Mitteln zu behandeln. Erst als die Atmung des Kindes aussetzte, riefen die Eltern einen Rettungswagen.
Die Rechtsmedizin kam zum Schluss, dass Ezekiel an einer von Bakterien ausgelösten Meningitis starb, also einer Hirnhautentzündung. Diese gefährliche Erkrankung lässt sich mit Antibiotika behandeln. Gegen einen häufigen auftretenden Meningitis-Auslöser bei Kindern, Haemophilus influenzae b, gibt es eine Schutzimpfung. Das Kind war allerdings nicht geimpft. Eine andere Expertin erklärte, Ezekiel sei an einer viralen Meningitis gestorben und dass er noch leben könnte, wenn der damals eingesetzte Notarztwagen über die Ausstattung verfügt hätte, ein Kleinkind mit aussetzender Atmung zu versorgen. Allerdings befindet sie sich diese Expertin selbst in einem Rechtsstreit mit dem Staat.
Laut Berichten von Medien sagten David und Collet Stephan aus, dass sie dachten, ihr Sohn habe die Grippe oder Pseudokrupp. Sie hätten ihm unter anderen Smoothies und Mittel wie scharfem Pfeffer, Meerrettich, Knoblauch sowie Olivenölextrakt verabreicht.
Das Kind habe am 27. Februar 2012 erste Symptome gezeigt, am 5. März verbesserte sich sein Zustand leicht. Am Tag darauf sei es aber ungewöhnlich lethargisch gewesen, habe nichts getrunken oder gegessen, nur gestöhnt. Die Eltern beschreiben daraufhin wieder eine gewisse Besserung, dann wieder eine Verschlechterung des Gesundheitszustands.
Am 12. März sei der Körper des Kindes so steif gewesen, dass sich sein Rücken durchgebogen habe und die Eltern flößten ihrem Sohn Flüssigkeit mithilfe einer Pipette ein, weil er von allein nicht mehr aß oder trank. Am 13. März suchten die Eltern einen Heilpraktiker auf, von dem sie ein Echinacea-Präparat bekamen, ein pflanzliches Präparat aus dem Sonnenhut, das die Immunabwehr stärken soll. Laut verschiedenen Berichten wurde das Kind in der Heilpraktikerpraxis nicht untersucht. Das Kind soll so steif gewesen sein, dass es im Auto nicht habe sitzen können, sondern hingelegt werden musste.
Als am Abend die Atmung des Kindes aussetzte, rief David Stephan zuerst seinen Vater an, bevor er die Ambulanz alarmierte. Da hatte sich Ezekiels Gesicht schon blau verfärbt. Im Spital stellten die Mediziner fest, dass bei Ezekiel kaum noch Hirnaktivität vorhanden war. Am 16. März starb das Kind.
David Stephan ist Vizepräsident in der Firma seines Vaters in der Provinz Alberta, die Nahrungsergänzungsmittel vertreibt und erklärt, diese seien unter anderem gegen ADHS, Depressionen oder Autismus wirksam.
Vor Gericht wurde das Paar schuldig gesprochen. Ezekiels Vater wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, die Mutter zu drei Monaten Hausarrest.
Sie zeigten aber keinerlei Einsicht.
Auf einer eigens zu diesem zweck eingerichteten Facebook-Seite
«Prayers for Ezekiel» (Gebete für Ezekiel) erinnern sie nicht nur an den Tod ihres Sohnes. Die Stephans kämpfen mit Polemik gegen den kanadischen Richter Rodney Jerke, der die beiden wegen unterlassener Hilfe für ihr an bakterieller Hirnhautentzündung erkranktes Kind verurteilte. Über die sozialen Medien unterstellen die Eltern eine angebliche Verschwörung der Behörden gegen die Anhänger alternativer Medizin und gegen Impfungsverweigerer. Der Richter hat deshalb bei der Urteilsverkündung angeordnet, dass die Stephans auf derselben Facebook-Seite das Urteil gegen sie und die Begründung des Richters in voller Länge veröffentlichen müssen.
Dieser Schritt hat Juristen und andere Experten in Nordamerika überrascht, weil es sich hier um einen Strafprozess und nicht ein Zivilverfahren handelte, wo Täter in Verleumdungsfällen manchmal gezwungen werden, ihre falschen Behauptungen öffentlich zu widerrufen. Der Fall zeige aber, in welchem Zeitalter wir leben, sagte die Rechtsprofessorin Carissima Mathen von der Universität Ottawa. «Viele Leute beziehen ihre Informationen aus den sozialen Medien. Sie glauben, was sie dort lesen.»
Die Zeitung «National Post» sieht die Anordnung zur Publikation des Ureils auf der Facebook-Seite als «klares Zeichen, dass die Gerichte auf die zunehmende Macht der sozialen Medien reagieren und auf die Weise, wie dort Kriminelle Unterstützung und Publizität gewinnen können, die den Glauben an das Rechtssystem unterhöhlen».
Quellen:
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kanada-eltern-nach-tod-ihres-kindes-verurteilt-a-1089934.html
Tages-Anzeiger, 2016-07-01
Kommentar & Ergänzung:
Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber leider kein Einzelfall. Es ist erschütternd, wie lange diese Eltern ihren Sohn leiden liessen, im Irrglauben, das beste für ihn zu tun.
Es gibt verblendeten Extremismus nicht nur in der Politik. Auch in der Alternativmedizin sind Menschen anzutreffen, die sich komplett in ihrer eigenen Welt abgeschottet haben.
Dem liegt oft eine radikale Spaltung der Welt in Schwarz und Weiss zugrunde. Hier die heile Alternativmedizin, dort die böse „Schulmedizin“. Dann füllt es sehr schwer, im Notfall oder generell bei schweren Erkrankungen Hilfe aus dem feindlichen Lager anzunehmen.
Schwarz-Weiss-Denken aber ist immer riskant, egal ob es um Politik geht oder um unsere Gesundheit.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
In einer Diskussion in den Kommentarspalten der Seite „DocCheck“ bin ich auf folgendes Statement gestossen:
„Ich finde es sehr schade und traurig und auch arm, dass man nicht beide Ansätze (Schulmedizin und Alternative Medizin) nebeneinander stehen lassen kann und dass diese nicht endlich mal zusammenarbeiten können zum Wohle des Patienten. Jedes hat was Gutes und auch was negatives – nehmen wir doch von beiden Ansätzen das Gute! :-)“
Quelle:
http://news.doccheck.com/de/blog/post/6569-als-globuli-gegner-wird-man-nicht-reich/
Kommentar & Ergänzung:
Im ersten Moment hat mich dieses Statement angesprochen. Sympathisch, oder nicht? Kurz danach hat es mich aber eher irritiert und ich habe mich gefragt, was diese Sätze eigentlich aussagen.
Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin zum Wohle des Patienten – das ist auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Forderung. „Zusammenarbeit“ und „Wohl des Patienten“ – wer könnte da schon ernsthaft etwas dagegen einwenden.
Schaut man genauer hin, stellen sich allerdings eine ganze Reihe von Fragen.
Das fängt schon damit an, dass der Begriff „Schulmedizin“ ausgesprochen problematisch ist.
Siehe dazu:
Mit dem Ausdruck „Alternative Medizin“ steht es aber auch nicht besser. Wer möchte nicht Alternativen haben, vor allem, wenn es um die eigene Gesundheit geht.
Aber was ist denn genau gemeint mit „Alternativer Medizin“?
Darunter kann man sich alles und jedes vorstellen. Da es hier keinerlei Einschränkungen gibt, kann jede Methode und jedes Präparat, das Heilung verspricht und nicht der „Schulmedizin“ entstammt, als „Alternative Medizin“ etikettiert werden.
Pauschal eine Zusammenarbeit zwischen „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ zu fordern, läuft daher ziemlich ins Leere.
Der Begriff „Alternative Medizin“ ist eine inhaltslose Worthülse. Reden wir doch stattdessen von konkreten Methoden. Nur dann lässt sich fundiert darüber diskutieren, ob eine bestimmte Methode für die geforderte Zusammenarbeit geeignet ist oder nicht.
Zu klären wäre dann aber ausserdem noch, was mit „zusammenarbeiten“ genau gemeint ist. Auch „zusammenarbeiten“ tönt ja immer gut und erstrebenswert.
Wie die Zusammenarbeit konkret aussehen soll, müsste auf den Tisch gelegt und diskutiert werden. Während es ganz einfach ist, pauschal und vage Zusammenarbeit zu fordern, zeigen sich die Tücken erst im Detail. Ein Widerspruch taucht bereits im erwähnten Kommentar auf, wenn gleichzeitig gefordert wird, dass die beiden Ansätze „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ nebeneinander stehen gelassen werden sollten. Neben einander stehen lassen – das ist jedoch weit entfernt von Zusammenarbeiten.
.Auch wenn von „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ gesagt wird, jedes habe „was Gutes und auch was Negatives“, und man solle doch von beiden Ansätzen das Gute nehmen, dann ist das für sich genommen nur ein wohlfeiler Spruch.
Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir genau benennen, was wir jeweils als das Gute und das Negative betrachten auf beiden Seiten. Nur auf der Basis konkreter Aussagen kann eine produktive Diskussions- und Kritikkultur entwickelt werden. Hier hat die „Alternative Medizin“ allerdings noch viel zu lernen. Aus dieser „Szene“ ist viel pauschale Diffamierung der Medizin zu hören, während präzise Kritik auf der Basis von Argumenten kaum vorkommt. Präzise Kritik an Missständen in der Medizin ist durchaus nötig. Sie muss allfällige Missstände aber genau benennen (wer, was, wo, wie, wann?) und nicht einfach pauschale Feindbilder kultivieren.
Zudem fehlt der „Alternativen Medizin“ weitgehend die präzise Kritik im eigenen Lager, die genauso nötig wäre.
Siehe dazu:
Auch die Forderung nach Zusammenarbeit zum „Wohl des Patienten“ klingt gut, sagt aber noch kaum etwas aus. Was ist gemeint mit dem „Wohl des Patienten“?
Umfasst das „Wohl des Patienten“ mehr als „Gesundheit“? Schon der Begriff „Gesundheit“ ist komplex und alles andere als einfach zu erfassen. Und das „Wohl des Patienten“? Ist damit gemeint, dass alle Bedürfnisse des Patienten erfüllt werden? Können und sollen „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ das zusammen leisten?
Meiner Ansicht nach bringen uns wohlklingende, aber vage bis inhaltsleere Begriffe nicht weiter. Solchen Reden fehlt der Realitätsbezug. Die Arbeit, Begriffe zu klären so gut es geht und nach präziser Ausdrucksweise zu streben, lohnt sich auf jeden Fall.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
Wegen des Verdachts überhöhter Preise für fünf lebenswichtige Krebsmedikamente hat die EU-Kommission eine offizielle Untersuchung gegen den südafrikanischen Hersteller Aspen Pharma eröffnet. Man habe Hinweise auf plötzliche Preissteigerungen von zum Teil mehreren 100 Prozent, teilte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager mit. Um die Aufschläge durchzusetzen, soll Aspen in einigen EU-Ländern gedroht haben, die Medikamente vom Markt zu nehmen. In bestimmten Fällen habe die Aspen Pharma dies sogar getan.
Es geht um die Wirkstoffe Chlorambucil, Melphalan, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die zur Therapie bestimmter Krebsarten wie Blutkrebs zur Anwendung kommen.
Verschwänden diese Arzneimittel tatsächlich zeitweise vom Markt, hätten Mediziner weniger Therapieoptionen für die häufig tödlichen Krankheiten.
Die Firma Aspen hat ihren Sitz in Südafrika, verfügt jedoch über Tochterfirmen in mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland. Die EU-Kommission hat den Verdacht, dass eine marktbeherrschende Stellung missbraucht worden sein könnte und prüft den Fall auf der Grundlage des EU-Kartellrechts.
Es handelt sich hier um das erste derartige EU-Verfahren wegen möglicherweise zu hoher Preise in der Pharmaindustrie. Preisvorschriften und Erstattungsvorgaben für die Krankenversicherung unterstehen normalerweise den Regelungen der Mitgliedstaaten. Italien hatte schon im September 2016 kartellrechtliche Sanktionen in dieser Angelegenheit verhängt.
Quelle:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=69335
Kommentar & Ergänzung:
Es gibt Praktiken in der Pharmaindustrie, die ausgesprochen kritikwürdig sind.
Kritik ist wichtig. Sie muss aber konkret sein. Sie benennt Handlungen, Vorgänge, beteiligte Personen und Gründe, weshalb etwas nach Ansicht des Kritikers falsch läuft. Eine Untersuchung, wie sie die EU-Kommission nun aufgleist, kann genau das leisten, wenn sie gut gemacht wird.
Etwas völlig anderes als Kritik sind die Verschwörungstheorien, die zum Thema Pharmaindustrie herumgeistern. Sie sind pauschal, nennen kaum je konkrete Fakten. Die Pharmaindustrie ist in diesen Hirngespinsten einfach das Böse an sich.
Das ist bequem. Es braucht dazu kein Nachdenken, keine Recherche, keine Argumentation, keine Differenzierung. Wie alle Verschwörungstheorien bietet auch die pauschale „Pharma-Mafia-Phantasie“ scheinbare Gewissheit darüber, wo das Böse hockt und damit auch, dass man selber auf der guten Seite steht.
Kritik ist Voraussetzung für die Verbesserung von Zuständen. Verschwörungstheorien dienen dagegen nur der eigenen Stabilisierung und der Lagerbildung.
Ein Anzeichen für Lagerbildung ist zum Beispiel, wenn Kritik nur am Gegenlager geäussert wird, während den eigenen Lager gegenüber völlige Kritiklosigkeit herrscht.
Im „Biotop“ Alternativmedizin ist mehr oder weniger fundierte Kritik an „Pharmaindustrie“ und „Schulmedizin“ beispielsweise fast flächendeckend verbreitet, Kritik an fragwürdigen Praktiken im eigenen Lager aber äusserst selten.
Siehe dazu:
Fundierte, differenzierte Kritik formulieren zu können ist eine Fähigkeit, die gelernt und geübt werden muss.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
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Für die Ausbildung zum Heilpraktiker oder zur Heilpraktikerin gibt es weder Qualitätsstandards noch gesetzliche Regelungen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz, wo anstelle von „Heilpraktiker“ eher von „Naturheilpraktiker“ oder „Naturarzt“ die Rede ist. Entsprechend wird dann auch eher von „Naturheilkunde-Ausbildungen“ gesprochen. In der Schweiz gibt es aufgrund der Volksabstimmung 2009 inzwischen eine Höhere Fachprüfung Komplementärtherapie, die zwar gesetzlich geregelt ist, aber ebenfalls ohne auch nur annähernd fundierte Qualitätsstandards auskommt, und daher eine Qualitätssicherung vorspiegelt.
Wir haben es jedenfalls hier mit einem veritabler Begriffssalat und einem intransparenten Wirrwar zu tun.
Die Zeitschrift „Annabelle“ hat ein Interview veröffentlicht mit der deutschen Autorin Anousch Mueller. Sie wollte Heilpraktikerin werden, doch während der Ausbildung an der Berliner Paracelsus-Schule beschlichen sie immer grössere Zweifel. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben („Unheilpraktiker“, Riemann Verlag 2016)
Zum Interview geht’s hier.
Auch wenn die Kritik hart klingen mag. Sie trifft in einer ganzen Reihe von Punkten glasklar zu.
Zu Recht kritisiert wird meiner Erfahrung nach zum Beispiel:
– Die weit verbreitete, völlig unkritische Glorifizierung von allem, was als traditionelle Naturheilkunde gilt. Tradition hat dann einen Wert, wenn man sich sorgfältig, offen, aber auch kritisch mit ihr auseinandersetzt. Tradition hat jedoch nicht immer Recht. Siehe dazu:
– Das weitgehende Fehlen einer auch nur einigermassen ernstzunehmenden Qualitätssicherung in Ausbildung und Praxis.
– Die nicht selten völlig überzogenen Versprechungen.
– Die Verwendung von Begriffen wie „Energie“, „Schwingungen“, „Ausleitung“ in völlig undefinierter Form, so dass sie willkürlich quasi als „Dienstmagd für alles“ zur Erklärung von x-Beliebigem eingesetzt werden können. Zu Recht sagt Anousch Mueller im Interview: „Wenn etwas nach Geschwurbel klingt, sollte man es kritisch hinterfragen. Das ist meine Botschaft.“
– Verbreitete Indoktrination mit irrationalen Theorien in der Ausbildung.
– Verbreitete pauschale Verteufelung von medizinischen Massnahmen, die in manchen Fällen richtig, wichtig oder gar lebensnotwendig sind (Kortison! Impfen! Chemotherapie!).
Ich will nicht generalisieren. Es gibt auch in diesem Bereich Leute, die ihre Arbeit sorgfältig machen, keine pauschalen Feindbilder gegen die böse „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ kultivieren und ihre Grenzen kennen. Aber das sind nach meiner Erfahrung eher die Ausnahmen als die Regel. Und das muss man klar benennen – vor allem, weil diese „Heilerszene“ meistens so sanft, ganzheitlich und menschenfreundlich daher kommt, was leider oft irreführend ist.
Im Interview wird Anousch Mueller gefragt:
„Sie halten die Naturheilkunde für rückständig?“
Antwort:
„Allerdings. Paradoxerweise wird der Schulmedizin ja immer vorgehalten, sie sei rückständig und orthodox. In Wahrheit ist es genau umgekehrt.“
Diese Aussage scheint mir zu pauschal. Sie mag ja vielleicht auf die Erfahrungen der Autorin mit der Paracelsus-Schule zutreffen….
Vor allem liegt dieser Aussage aber meinem Eindruck nach ein unklarer Begriff von „Naturheilkunde“ zugrunde, wie er heute leider weit verbreitet ist. Viele der Methoden, von denen Anousch Mueller im Interview spricht – zum Beispiel Bioresonanz, Kinesiologie, Homöopathie, Bachblüten, Schüsslersalze – gehören nicht zur Naturheilkunde, wenn man den Begriff genau verwendet.
Die Naturheilkunde hat, so wie dieser Begriff entstanden ist, ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Die Idee der Naturheilkunde-Begründer war, Faktoren für die Gesundwerdung direkt aus der Natur zu nehmen. Im Kern bestand diese klassische Naturheilkunde aus dem, was später mit den 5-Säulen der Kneipptherapie umschrieben wurde:
Hydrotherapie (Wasseranwendungen)
Ernährungstherapie
Heilpflanzen-Anwendungen
Bewegung, Luft, Licht
Lebensordnung
Grundsätzlich sind diese fünf Verfahren kompatibel mit Medizin und Wissenschaft. Sie sind wissenschaftlicher Forschung zugänglich, lassen sich mit wissenschaftlichen Begriffen und Theorien beschreiben und allfällige Effekte im menschlichen Organismus sind messbar.
Wenn man nun diese Verfahren genau so anwendet, wie das vor allem im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, dann sind sie tatsächlich veraltet. Zu diesem Blödsinn wird aber niemand gezwungen:
Hydrotherapie lässt sich auf neueren Erkenntnissen begründen und wird dann anschlussfähig an Physiotherapie.
Ernährungstherapie kann sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen (auch wenn Ernährungsstudien oft wenig fundiert sind, siehe dazu: Viele Ernährungsstudien mit wenig Aussagekraft.
Heilpflanzen-Anwendungen sind ein Spezialbereich der Pharmakologie. Pflanzliche Wirkstoffe lassen sich im Labor testen. Effekte von Heilpflanzen-Präparaten können in klinischen Studien an Patienten überprüft werden
Altes Wissen kann so durch neue Forschung bestätigt oder als Irrtum verworfen werden. Diese erneuerte Form der Heilpflanzen-Anwendung nennt sich dann Phytotherapie.
Die hohe Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien dokumentiert worden.
Lebensordnung als angejahrter Begriff kann mit neuen Inhalten gefüllt werden, nennt sich dann vielleicht psychosomatische Medizin oder „Lifestyle-Modifikation“ und gehört zur Psychologie.
Voilà. Wir kommen so vom Methodischen her schon ziemlich nah an eine keineswegs veraltete, sondern zeitgemässe Naturheilkunde.
Was es dann noch braucht für eine seriöse Anwendung sind vor allem Elemente, die mit einer bestimmten Grundhaltung verbunden sind. Zum Beispiel:
– Erkennen von Grenzen der eigenen Methoden.
– Vermeiden von pauschalen Feindbildern und Verschwörungstheorien gegen „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ (was nicht Kritiklosigkeit heisst, aber Kritik muss auf Argumenten basieren und konkrete Punkte in Frage stellen).
Siehe dazu auch:
Naturheilkunde-Ausbildung – was Sie wissen sollten (…wenn Sie sich für eine Naturheilkunde-Ausbildung interessieren)
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/10/18/naturheilkunde-ausbildung-was-sie-wissen-sollten.html
…….huch, das ist ja ein ganz schöner Marathon, aber er zeigt, dass mir das Thema ernst und wichtig ist.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
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Ein selbsternannter „Heiler“ aus dem Wallis soll eine Patientin gefährdet haben. Nun wurde der Mann zu einer Strafe in Höhe von 1000 Franken verurteilt.
Im Unterwallis soll ein selbsternannter „Heiler“ einer seiner Patientinnen Lavendelöl und Salbeiöl verschrieben haben. Die Frau litt an einer HIV-Infektion. Gemäss einem Bericht in der Zeitung «Nouvelliste» gab der „Heiler“ seiner Patientin den Rat, die HIV-Medikamente abzusetzen. Nun wurde er deswegen verurteilt. Der „Heiler“ hat gemäss Strafbefehl gegen das kantonale Gesundheitsrecht verstossen, weil die Frau «auf seine Aufforderung hin ihre Anti-HIV-Behandlung Ende 2014 abgebrochen hatte».
Der Mann gab bei der Befragung durch die Polizei an, dass er seiner Patientin lediglich empfohlen habe, die Medikamente abzusetzen. Wie dem Strafbefehl jedoch zu entnehmen ist, hat er die Therapie mit herkömmlichen HIV-Medikamenten als nutzlos abgestempelt, was auf seiner Homepage zu sehen gewesen sei.
Durch seine Empfehlungen habe er die Frau in Gefahr gebracht, weil eine HIV-Infektion unheilbar sei und nur eine korrekte Behandlung eine Verzögerung des Ausbruchs von Aids ermöglicht.
Quelle:
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Walliser-Schamane-wollte-Aids-mit-Lavendel-heilen-15426304
http://www.lenouvelliste.ch/articles/valais/martigny-region/il-propose-de-la-lavande-a-une-malade–562381
Kommentar & Ergänzung:
Solche Fälle kommen selten zur Anzeige. Oft sind betroffene Patientinnen oder Patienten kritiklos von ihrem „Heiler“ überzeugt oder es ist ihnen peinlich, auf einen Scharlatan hereingefallen zu sein.
Aber man muss klar festhalten: Das grösste Risiko der „Alternativmedizin“ und „Komplementärmedizin“ liegt darin, dass „Heilerinnen“ oder „Heiler“ für sich und ihre Methoden keine Grenzen sehen.
Allmachtsvorstellungen, Grössenphantasien und Schwarz-Weiss-Denken sind in dieser „Szene“ leider nicht selten. Sie können dazu führen, dass Patienten von notwendigen medizinischen Abklärungen und Therapien abgehalten werden.
Dadurch werden Patientinnen und Patienten gefährdet.
Im vorliegenden Fall hat der Kanton Wallis Anzeige erhoben. Und mit Sicherheit wird nun zu wehleidigen Klagen kommen über die Verfolgung und Unterdrückung der „Alternativmedizin“ durch die böse „Schulmedizin“ oder die „Pharmaindustrie“.
Dabei sind hier weder verschwörungstheoretische Konstrukte noch blinde Solidarisierung am Platz.
Wer so fahrlässig „therapiert“ und falsche Versprechungen macht, handelt verantwortungslos und nutzt die Hoffnungen und Ängste von kranken Menschen schamlos aus. Dem sollte wo immer möglich ein Riegel geschoben werden.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Eine Pressemeldung zum 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) kommentiert die Möglichkeiten und Grenzen der Alternativmedizin bei Rheuma und kommt zum Schluss, die Wirksamkeit mehrerer komplementärer Methoden sei inzwischen wissenschaftlich belegt. Im Text wird jedoch für eine kritische Gewichtung plädiert, da es auch einige «schwarze Schafe» auf dem Markt gebe.
Eine Fastendauer von sieben bis zehn Tagen einmal pro Jahr unterstütze nachweislich die medikamentöse Therapie entzündlicher Prozesse, sagt Professor Dr. Andreas Michalsen. Er arbeitet als Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin und wendet derzeit vor allem eine Fastentherapie bei rheumatoider Arthritis an.
Schmerzlindernd wirken gemäss Michalsen auch die Kneipp’sche Hydrotherapie sowie Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen. Allein, dass Betroffene sich mit ihrem Körper beschäftigen, führe oft zu einem gesünderen Lebensstil, sagt der Internist.
Die Homöopathie bewertet Michalsen wegen mangelnder Evidenz eher zurückhaltend. Er hält dazu fest, dass im Einzelfall der Placebo-Effekt die Schmerzen lindern könne und dass zumindest Nebenwirkungen in der Regel nicht zu befürchten seien.
Kritisch sieht der Fachmann in dieser Hinsicht – bezüglich Nebenwirkungen – den Einsatz verschiedener asiatischer Kräuter. Auch sei die Qualität von Arzneipflanzen aus Asien nicht immer gesichert.
Pflanzliche Mittel wie Ingwer, Grüner Tee, Granatapfel, Walnüssen oder Leinsamen zeigen laut Michalsen in Grundlagenstudien zwar entzündungshemmende Effekte. Er kommt aber zum Schluss, dass die Wirksamkeit dieser Mittel bei rheumatoider Arthritis bisher jedoch nicht belegt werden konnte.
Milde Effekte hätten sich gezeigt bei Borretschöl, Nachtkerzenöl und Katzenkralle. Die Nebenwirkungen dieser Mittel im Langzeitgebrauch seien aber noch nicht geprüft.
Quelle:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59151
Kommentar & Ergänzung:
Dass Fasten temporär Entzündungsprozesse abschwächen kann, scheint mir gut belegt.
Und auch mit Hydrotherapie lassen sich manchmal Schmerzen und Entzündungen lindern, wobei die Massnahmen individuell und stadiengerecht angepasst sein müssen.
Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen wirken zwar nicht direkt gegen die rheumatoide Arthritis, helfen den Patientinnen und Patienten aber oft in anspruchsvollen Umgang mit ihrer chronischen Erkrankung. Und das ist nicht wenig.
Asiatische Kräuter sind tatsächlich oft nur ungenügend auf mögliche Nebenwirkungen untersucht. Das fällt bei Thema Rheuma speziell ins Gewicht, weil in der Regel Langzeitanwendungen nötig sind. Und vor allem bei asiatischen Pflanzenpräparaten, die über das Internet bezogen werden. wurden bei Stichproben immer wieder nichtdeklarierte „chemische“ Arzneistoffe entdeckt (z. B. NSAR), die risikobehaftet sind.
Bei Ingwer, Grünem Tee, Granatapfel, Walnüssen und Leinsamen gibt es Hinweise auf günstige Wirkungen bei rheumatoider Arthritis, aber keine Gewissheit. Es fehlen grosse, einwandfreie Studien mit Patienten, die eine Wirksamkeit belegen könnten.
Bei Borretschsamenöl und Nachtkerzenöl bin ich eher skeptisch, ob das Anwendungsgebiet „rheumatoide Arthritis“ sinnvoll ist. Die Phytotherapie-Fachliteratur erwähnt bei Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl als Anwendungsbereich Neurodermitis (Atopische Dermatitis), insbesondere zur Juckreizlinderung. Zu dieser Indikation gibt es einige Studien mit positiven Ergebnissen, deren Aussagekraft allerdings auch kritisiert wird und die überwiegend sehr Hersteller-abhängig sind. gäbe es belastbare Daten aus klinischen Studien für den Anwendungsbereich rheumatoide Arthritis, würde die relevante Phytotherapie-Fachliteratur diesen Anwendungsbereich aufführen. Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl sind zudem nicht gerade billig und müssten sehr langfristig eingenommen werden. Eine allfällige Wirkung tritt erst nach 4 – 12 Wochen ein und ist schwierig zu beurteilen, da in der Regel die Gabe von Borretschsamenöl oder Nachtkerzenöl nicht die einzige therapeutische Massnahme ist.
Katzenkralle
Bei der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) ist die Lage komplex. Inhaltsstoffe der Katzenkrallenwurzel zeigen im Experiment Wirkungen auf das Immunsystem. Sie nehmen direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei rheumatoider Arthritis die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, während gleichzeitig die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt wird.
Verantwortlich für diese Effekte sind pentazyklische Oxindolalkaloide. Diese Wirkungen werden dosisabhängig durch tetrazyklische Oxindolalkaloide abgeschwächt.
Darum müssen Präparate aus Katzenkralle einen standardisierten Gehalt an pentazyklischen Oxindolalkaloiden aufweisen und frei sein von tetrazyklischen Oxindolalkaloiden. Das ist bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln aus Katzenkralle, die im Handel sind und vor allem über das Internet vermarktet werden, keineswegs garantiert. Als Arzneimittel zugelassen ist ein standardisiertes Katzenkrallen-Präparat gegenwärtig aber nur in Österreich und untersteht dort der Rezeptpflicht.
Von Teezubereitungen aus Katzenkralle ist aufgrund des aus genetischen Gründen schwankenden Alkaloidgehalts dringend abzuraten.
Genetisch bedingt bilden nämlich nicht alle Pflanzen der Art Uncaria tomentosa die für die Wirksamkeit relevanten pentazyklischen Oxindolalkaloide. Es existieren Chemotypen die andere Inhaltsstoffe, überwiegend tetrazyklische Oxindolalkaloide, bilden.
Das in Österreich als Arzneimittel zugelassene Katzenkrallen-Präparat ist offenbar an der Uniklinik Innsbruck in einer kleinen Studie an Patienten untersucht worden, die darüber hinaus mit einer antirheumatischen Basistherapie behandelt wurden:
„Die Studie wurde drei Jahre lang an 40 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren durchgeführt. Die Personen hatten bereits etwa sieben Jahre an der »aktiven chronischen Polyarthritis« gelitten. Durch diese Erkrankung kommt es zu einer schmerzhaften Schwellung mehrerer Gelenke. 20 Patienten wurden im Zuge der klinischen Untersuchung 24 Wochen lang mit Placebos behandelt, die andere Hälfte mit dem Verum. Während sich bei diesen bereits eine Besserung der Beschwerden einstellte, verspürte die erste Gruppe keine positiven Effekte, wie Muhr erläuterte. Anschließend erhielten alle Patienten für die Dauer von sieben Monaten die südamerikanische Heilpflanze Krallendorn – Uncaria tomentosa. Die Zahl der geschwollenen Gelenke sowie die Morgensteifigkeit habe dadurch bei allen Betroffenen nachweislich abgenommen.
Im Gegensatz zu den verbreiteten Rheumatherapien gibt es bei der Einnahme von Krallendorn kaum Nebenwirkungen. Der Wirkstoff nimmt direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei Rheumatismus die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, gleichzeitig wird die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt.“
Quelle:
http://web.archive.org/web/20070928015611/http://www.oeaz.at/zeitung/3aktuell/2003/01/info/info01_2003tiro.html
Diese placebokontrolliert geführte Studie wurde Original publiziert im Journal of Rheumatology (2002;29:678 – 681). Ihre Aussagekraft ist sehr eingeschränkt durch die kleine Probandenzahl. Darüber hinaus gibt es eine Anwendungsbeobachtung mit 112 Patienten, der aber die Placebokontrolle fehlt. Ein klinischer Wirkungseintritt bei der rheumatoiden Arthritis kann erst nach 3-4 Monaten erwartet werden. Eine kürzere Einnahmedauer von Krallendorn ist daher nicht sinnvoll.
Zentrale Werke der Phytotherapie-Fachliteratur zeigen sich von diesen klinischen Studien allerdings nicht sehr überzeugt und bewerten ihre Aussagekraft kritisch (z. B. Schilcher, Leitfaden Phytotherapie; Wyk / Wink / Wink, Handbuch der Arzneipflanzen).
Damit dürfte deutlich geworden sein, wie komplex die Geschichte mit der Katzenkralle ist.
Mir fehlt in der Pressemeldung ein Kommentar zum Thema „Weihrauch bei rheumatoider Arthritis“. Da gibt es ebenfalls einige Patientenstudien, die auf eine Wirksamkeit hinweisen, aber auch keine Gewissheit verschaffen.
Begriff klären: Alternativmedizin, Komplementärmedizin, Naturheilkunde
Darüber hinaus bietet die Pressemeldung eine Illustration dafür, wie vage und unklar Begriffe wie Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde oft verwendet werden.
Prof. Andreas Michalsen ist Chefarzt einer Abteilung für Naturheilkunde.
Klassische Naturheilkunde lässt sich etwa umreissen mit den 5 Säulen nach Kneipp:
Ernährung
Heilpflanzen-Anwendungen
Hydrotherapie
Bewegung, Luft, Licht
Lebensordnung
Das von Michalsen erwähnte Fasten gehört zweifellos zur Naturheilkunde.
Ebenso Achtsamkeitsübungen, Entspannungsübungen und Stressreduktion, die samt und sonders zur Lebensordnung gezählt werden können. Und dass die aufgeführten pflanzlichen Präparate zur Naturheilkunde gehören, steht ausser Frage.
Aufgeführt werden die erwähnten Verfahren aber unter den Begriffen Alternativmedizin und Komplementärmedizin, die ihrerseits auch nicht differenziert werden.
Meiner Ansicht nach gibt es aber keine plausiblen Argumente, um Verfahren der Naturheilkunde zu den Bereichen Alternativmedizin oder Komplementärmedizin zu zählen. Naturheilkunde ist meines Erachtens klar ein (randständiger) Bereich der Medizin. Alle „Säulen“ der Naturheilkunde sind grundsätzlich kompatibel mit wissenschaftlich-medizinischem Denken.
Siehe auch:
Naturheilkunde – was ist das?
Demgegenüber gehört Homöopathie nicht zur Naturheilkunde. Sie setzt keine „Wirkfaktoren“ aus der Natur ein, sondern – glaubt man Hahnemann – eine „geistartige Kraft“, die nicht in der Natur vorkommt und durch ein spezielles Ritual – schrittweise Verdünnung, Verschüttelung – ausgelöst wird. Und da Homöopathie den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie widerspricht und daher mit wissenschaftlich-medizinischem Denken nicht kompatibel ist, gehört sie in die Bereiche Komplementärmedizin oder Alternativmedizin – je nach dem, wie Alternativmedizin und Komplementärmedizin definiert werden und welche Vorstellungen von Homöopathie man vertritt.
Wenn Begriffe wie Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Alternativmedizin ungeklärt und ohne klare Definition wild durcheinander gemixt verwendet werden, dann redet man aneinander vorbei, weil jede und jeder sich etwas anderes darunter vorstellt.
Darum bin ich immer vorsichtiger geworden mit ihrer Verwendung.
Das gibt auch für den unsäglichen Begriff „Schulmedizin“.
Siehe dazu:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Sucht man im Internet Hinweise und Tipps zur alternativen Krebsbehandlung, stösst man auf eine Welle von Empfehlungen, die in den allermeisten Fällen ohne jede fundierte Basis sind.
Uta Melle, Brustkrebspatientin, hat dieses Phänomen in ihrem Blog im Magazin „Stern“ sehr zu Recht kritisiert:
„Als großer Freund der Komplementärmedizin suche ich immer nach neuen Möglichkeiten, die Schulmedizin bei der Therapie zu unterstützen. Neulich war ich deshalb wieder in einem Forum unterwegs und musste mir die Hände anbinden, um mich nicht einzumischen. Links, die suggerieren, dass man Krebs allein mit Beeren, gefrorenen Zitronen, Curcumin, Tropfen oder Cannabis heilen könnte.
Liest man sich das durch, ist außer vagen Andeutungen und leeren Behauptungen überhaupt nichts dahinter. Schlimmer noch: wenn man hinterfragt, wird man von ganz vielen Seiten aggressiv angegangen. Alles Menschen, die zwar keinen Krebs haben, mir aber Ratschläge erteilen….“
Ich kann das nur dreimal unterstreichen. Mich befremdet immer wieder, wie blind und zum Teil fanatisch offenbar viele Menschen an simpelste Lösungen für sehr komplexe Probleme glauben. Im Internet irrlichtern Tausende von Mitteln und Methoden herum, mit denen angeblich jeder Krebs sicher geheilt werden kann. Todsicher…
Und ja, es gibt fast immer aggressive Reaktionen, wenn man solche simplen Heilslösungen in Frage stellt.
Dieses Phänomen hat auch gesellschaftspolitische Konsequenzen. Wo kommen wir hin, wenn Bürgerinnen und Bürger auch als Wählerinnen und Wähler derart simplen Heilsversprechungen nachlaufen? – Wo bleibt die Kunst, Behauptungen mit kritischen Fragen auf ihre Substanz hin zu prüfen?
Ute Melle schreibt weiter zu ihren Erfahrungen im Internet:
„Hier schießen einem die Halbwahrheiten nur so entgegen. Die Labilität wird ausgenutzt: erst wird vor der Chemo gewarnt (teilweise mit verschwörungstheoretischen Ansätzen), dann werden ‚Alternativen’ aufgezeigt – im Endeffekt sehr teure ‚Behandlungen’ die keinen Effekt auf den Krebs haben und am Ende wird einem noch gesagt, man müsse nur eine Schuld begleichen, man müsse in sich horchen, dann geht der Krebs.“
Da zeigt sich die Verblendung, Arroganz und Anmassung, von denen die „alternativen“ Ratschläge an Krebspatienten oft geprägt sind.
Ratschläge sind eben manchmal nur eine besonders fiese Art von Schlägen.
Quelle der Zitate:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
Eckart von Hirschhausen ist Arzt und Kabarettist. Dem Tagesspiegel gab er kürzlich ein Interview.
Zitat:
„Dieses Rumhacken auf der ‚doofen Schulmedizin’ mache ich nicht mit. Wir sind extrem undankbar für die medizinischen Erfolge der letzten 100 Jahre, weil die uns so selbstverständlich erscheinen. Was verloren ging: der Wert von Zuwendung und Gespräch. Deshalb erzähle ich viel aus der Placebo-Forschung. Und selbst Operationen haben einen Voodoo-Effekt. Eine der spannendsten Studien der letzten Jahre betrifft tatsächlich Schein-Operationen am Knie. Die Erwartung ist immer ein großer Teil der Behandlung. Und in Amerika kam ein Unfallchirurg auf den genialen Gedanken, Knieoperationen zu testen, in dem er die Leute in zwei Gruppen einteilt. Natürlich, ohne dass sie es wussten. Die eine Gruppe wurde richtig operiert, bei der anderen nur ein Hautschnitt gemacht und etwas am Knie rumgeruckelt. Die Pointe ist, dass es auch zwei Jahre später keinen Unterschied beim Heilungserfolg beider Gruppen gab.“
Quelle:
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/dr-eckart-von-hirschhausen-verglichen-mit-van-gogh-geht-es-mir-blendend/10370898.html
Kommentar & Ergänzung:
Eckart von Hirschhausen ist immer wieder erfrischend, wenn er sich zu Themen wie „Schulmedizin“, „Komplementärmedizin“ oder „Alternativmedizin“ äussert.
Er zeigt darin oft eine Fähigkeit, alle diese Bereiche zugleich kritisch, neugierig und mit einer Prise Humor zu betrachten. Es braucht kritische Fragen in alle Richtungen und je mehr Leute nicht einfach blindlings in einem „Lager“ stehen, desto besser.
Und ja, ich finde auch, dass die Erfolge der „Schulmedizin“ heute oft nicht mehr geschätzt werden, weil sie für uns selbstverständlich geworden sind.
Insbesondere aus manchen „Szenen“ der „Alternativmedizin“ bzw. „Komplementärmedizin“ kommt ein fortwährendes, pauschales Diffamieren der „Schulmedizin“, was mir oft sehr anmassend erscheint.
Dieses pauschale und oft auch einfach denkfaule Verteufeln ist nicht zu verwechseln mit präziser Kritik auf der Basis von Argumenten an konkreten Punkten, die sehr wohl nötig ist.
Die auch immer wieder zu hörenden Beteuerungen, dass man ja nicht gegen die „Schulmedizin“ sei und dass man „ergänzende“ Methoden und Produkte anbiete, sind meiner Erfahrung nach oft Anbiederungen und nur zum Teil ernst zu nehmen. Zu oft höre ich von den selben Leuten dann wieder anmassende Aussagen wie: „Die ‚Schulmedizin’ behandelt nur Symptome, wir dagegen die Ursachen.“
Und ja, es gibt eine ganze Reihe von Operationen, die nicht wirksamer sind als Placebo-Operationen. Das wirft viele ethische Fragen auf.
Zum Thema Placebo / Nocebo:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch
Das Magazin „Stern“ stellte die Beratung durch Vertreterinnen und Vertreter der Alternativmedizin beim Thema „Brustkrebs“ auf den Prüfstand.
Zitat:
„Was raten Alternativmediziner Krebs-Patienten, deren Krankheit durch eine einfache Operation heilbar wäre? Der stern hat 20 Heilpraktiker und Ärzte besucht – mit erschütterndem Ergebnis.“
Der Stern schickte eine Schauspielerin und einen Journalisten, als Paar „getarnt“, in die Praxen von alternativmedizinisch tätigen, auf Krebs spezialisierten Heilpraktikinnen und Heilpraktikern, Medizinerinnen und Medizinern.
Die Schauspielerin brachte den Befund einer Brustkrebspatientin mit, den sie als eigenen Befund ausgab. Aus dem Befund ging hervor, dass der Brustkrebs aggressiv war, aber noch klein, und daher mit hoher Heilungschance operabel.
Zitat:
„Unser Befund bedeutet: Nach einer OP wäre unsere Patientin mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch nach zehn Jahren krebsfrei.“
Die zentrale Frage, mit der das „Paar“ in den Praxen auftauchte, war:
Operieren oder nicht?
Zitat:
„Das erschütternde Resultat: Zwölf der zwanzig Testkandidaten, Ärzte und Heilpraktiker gemischt, hielten eine Operation für verzichtbar.“
Sechs von diesen zwölf hielten ihre Methoden gar für besser oder gar für unvereinbar mit der Schulmedizin.
Bei der Beurteilung des Befundes schnitten nach Einschätzung des „Stern-Teams“ die Ärzte schlechter abgeschnitten als die Heilpraktiker.
Zitat:
„Erschreckend: Die Ärzte fällten häufiger Fehlurteile als die Heilpraktiker. Fünf der zehn beurteilten den Krebs harmloser, als er war. Manche lasen wahrscheinlich schlicht nicht zu Ende und fanden nicht alle Schlüsselbegriffe, andere verstanden Grundwörter der Krebsmedizin wie ‚G3’ nicht, sondern werteten es als ‚günstiges Zeichen’ – G3 steht für Zelleigenschaften und bedeutet, dass der Krebs aggressiv ist und schnell wächst. Besser schlugen sich die Heilpraktiker: Nur einer der sechs, die eine Bewertung wagten, lag so grob daneben. Die anderen fünf übersetzten zwar teilweise Fachbegriffe falsch, zogen aber die richtige Schlussfolgerung: Dieser Tumor ist gefährlich.
Fatal ist das deshalb, weil die meisten Patienten zunächst neben Heilpraktikern auch Fachärzte konsultieren werden, sodass das Fehlurteil eines Heilpraktikers weniger gravierende Konsequenzen hätte. Die sechs Ärzte aber, die im Test versagten, boten ein Rundumsorglos-Paket: Ich kann Ihren Krebs mit den Augen der Schulmedizin sehen und plane danach meine alternativen Heilmethoden.“
Als positives Beispiel beschreibt der Stern-Autor die Stellungnahme einer Schweizer Geistheilerin, welche die Gefährlichkeit des Tumors aus dem Befund erkannt, mit Nachdruck zur Operation rät und der „Patientin“ mit einer Handauflegen-Sitzung zur Entspannung verhilft. Einziger Schwachpunkt: Die Heilerin hat den Tumor genau dort mit ihren Händen gespürt, wo der Befund ihn lokalisiert hat, obwohl der Befund von einer anderen Frau stammt. Fazit: Auch Heilerinnen sind nicht gegen Suggestion gefeit.
Quelle der Zitate:
Stern (Print), 3. 7. 2014
http://www.stern.de/gesundheit/das-geschaeft-mit-der-alternativmedizin-im-dschungel-der-wunderheiler-2118037.htm
Kommentar & Ergänzung:
Man kann natürlich einwenden, dass hier nur 20 Alternativmediziner getestet wurden. 10 Heilpraktiker, 10 Mediziner. Aber immerhin waren das Personen, die sich für die Behandlung von Krebs speziell anbieten. Und ich kann mir gut vorstellen, dass der entstandene Eindruck ziemlich repräsentativ ist und nicht einfach die absolut negative Auswahl darstellt.
So erschreckend das Ergebnis dieser Recherchen ist: Wirklich überrascht bin ich nicht.
Seit mehr als 30 Jahren bewege ich mich in diesem schillernden Terrain von Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde. In diesem Zeitraum bin ich zunehmend skeptischer und kritischer geworden.
Ein Hauptgrund dafür:
Die Grössen- und Allmachtsphantasien, welche die Alternativmedizin der „Schulmedizin“ oft vorwirft, sind in der Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin selber verbreitet zu finden, wenn man nur schon etwas genauer hinschaut.
Grenzen werden selten ernsthaft diskutiert. Eine fundierte Qualitätssicherung ist so gut wie inexistent. Der Stern-Artikel bestätigt diese Einschätzung voll und ganz.
Es wäre wünschenswert, wenn jeder Mensch mit Krebsdiagnose diesen Artikel kennen würde. Krebspatientinnen und -patienten sind in einer schwierigen Lage. Sie werden leicht zur Beute von verantwortungslosen Scharlatanen, die sich masslos selbst überschätzen. Das kann nicht nur Geld, Zeit und Kraft kosten, sondern auch das Leben.
Kritisches Nachfragen ist deshalb zentral, nicht nur für Krebspatientinnen und –patienten. Doch wo lernt man das?
Hier dazu ein paar unterstützende Anregungen:
Und im Übrigen: In meinen Lehrgängen wird neben viel Heilpflanzenwissen auch vermittelt, wie man Versprechungen, Aussagen etc. prüft und sich eine eigene, fundierte Meinung bildet.
Phytotherapie setzt nicht blinde Gläubigkeit voraus. Sie verträgt sich durchaus mit einer kritisch-prüfenden Haltung.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch