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Editorial 13 (2007) H. 1+2
„Es muß versucht werden, die Methoden und Begriffe so klar als irgend möglich zu explizieren, damit ihre Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit deutlich wird.“
(Niklas Luhmann, Zettelkasten, Zettel 1.1.1, ca. 1949)
„Einheit ist das Problem der als absurd (in sich widerspruchsvoll) erfahrenen Welt, die sich nicht mehr schließt.“ (Zettel 1.1a)
Die Aufsätze dieses Bandes sind aus der Tagung „Niklas Luhmann’s Die Gesellschaft der Gesellschaft: Ten Years After“ hervorgegangen, die am 7. und 8. Dezember 2007 im Hotel Radisson SAS, Lakefront Center, in Luzern stattfand. Die Organisatoren der Tagung, Dirk Baecker (Universität Witten/Herdecke, jetzt: Zeppelin University, Friedrichshafen), Michael Hutter (Universität Witten/Herdecke, jetzt: Wissenschaftszentrum Berlin), Gaetano Romano und Rudolf Stichweh (beide Universität Luzern) hatten den 80. Geburtstag Niklas Luhmanns am 8. Dezember 2007 und die zehn Jahre, die seit dem Erscheinen von Niklas Luhmanns Die Gesellschaft der Gesellschaft (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1997) vergangen sind, als eine Gelegenheit gesehen, in einer internationalen Tagung den Stand der Diskussion über dieses für Niklas Luhmann zentrale Buch zu vergegenwärtigen.
Wir haben als Organisatoren der Tagung im Herbst 2006 einen „Call for Papers“ publiziert. Auf diesen hin erhielten wir ca. 130 Abstracts, aus denen wir 56 für einen Vortrag während der Tagung im Dezember 2007 ausgewählt haben; 44 dieser Vorträge liegen in diesem Band als Aufsätze vor. Die Teilnehmer an der Tagung waren von uns von vornherein gebeten worden, mit der Gesellschaft der Gesellschaft, die den äußeren Zusammenhalt aller hier vorgestellten Themen bieten soll, konstruktiv und nicht rekonstruktiv umzugehen. Das Buch sollte nicht ausgelegt und nicht in seinen Argumentationslinien nachgezeichnet werden. Es ging uns vielmehr darum, dass jeder einen Wissensausschnitt aus einer anderen Disziplin, einer anderen Theorie, einem sachlichen Forschungszusammenhang, in welchem der jeweilige Autor involviert ist, einbringt und im Licht dieses hinzukommenden Wissens mit den Begriffen und Hypothesen in Luhmanns Gesellschaftstheorie arbeitet. Niklas Luhmanns Werk sollte hier wie an anderen Orten nicht als ein sachlicher Aussagenzusammenhang maßstabgebend sein. Vielmehr schien uns der Typus des wissenschaftlichen Arbeitens Niklas Luhmanns vorbildlich: Die Prüfung des Standes der Forschung in einem Sachbereich, die interdisziplinäre Neugierde im Blick auf andere Fächer, die Beobachtung der Theoriearbeit in anderen scientific communities. Dies alles gilt es, wie es Niklas Luhmann über Jahrzehnte getan hat, in die Weiterentwicklung der Systemtheorie einfließen zu lassen, deren Reproduktion nur als unablässige Produktion vorstellbar ist.
Ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen der Gesellschaft der Gesellschaft liegt Niklas Luhmanns Werk umfassender vor als dies zum Zeitpunkt seines Todes am 6. November 1998 der Fall war. Es sind inzwischen eine Reihe von Büchern erschienen, die er zu Lebzeiten nahezu abgeschlossen hatte, aber selbst nicht mehr publizieren konnte. Außerdem liegen immer neue Bücher vor, die durch die Zusammenstellung der einem bestimmten Thema gewidmeten Texte Luhmanns einen wichtigen Aspekt des Werks darstellen. Da kurz vor der hier dokumentierten Tagung der jahrelange Rechtsstreit über Niklas Luhmanns Nachlass beendet wurde und in nächster Zeit die Errichtung eines Niklas Luhmann-Archivs zu erwarten ist, dürfen wir in naher Zukunft auf eine weitere Vervollständigung des Bildes hoffen. Es ist eine Transkription des Zettelkastens anzustreben, damit dieser in einer geeigneten Form der Forschung zur Verfügung gestellt werden kann. Zudem ist der Nachlass auf weiteres publizierbares Material zu prüfen. Gerade das auf der Tagung und in diesem Band zur Diskussion stehende Buch könnte sich noch einmal dadurch verändern, dass im Nachlass vermutlich alle Versionen dieses Buches, an dem Niklas Luhmann dreißig Jahre gearbeitet hat, vorhanden sind. Vieles spricht dafür, zwei weitere Versionen der Gesellschaftstheorie (eine aus der Mitte der siebziger Jahre; eine vom Ende der achtziger Jahre), die gegenüber der Fassung von 1997 eigenständig sind, im Druck vorzulegen. Damit würde Die Gesellschaft der Gesellschaft deutlicher in die Entwicklungsgeschichte von Luhmanns Denken eingeschrieben, und es würde auch denjenigen, die zu sehr Luhmanns Werk als aus unverrückbaren, wenn auch schwierig zu verstehenden Aussagen bestehend betrachten, die ungeheure Beweglichkeit und Revidierbarkeit dieses Denkens vor Augen treten. Für den vorliegenden Band ist zu hoffen, dass er ein wenig von diesem Geist verrät.
Es ist abschliessend allen zu danken, die die Tagung und dieses Buch ermöglicht haben. Dies sind zunächst unsere Sponsoren: der Schweizerische Nationalfonds (SNF), die Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und die Universitätsstiftung der Universität Luzern. An der über ein Jahr dauernden Kleinarbeit für das organisatorische Gelingen der Tagung haben viele Mitarbeiter des Soziologischen Seminars der Universität Luzern mitgewirkt, insbesondere aber ist Alexandra Kratzer und Marta Waser im Sekretariat des Soziologischen Seminars zu danken, die jeden Schritt minutiös vorbereitet und die Organisation zum Erfolg geführt haben. Schliesslich möchte ich, da die Sache nun auch gedruckt vorliegt, den Redakteur der Sozialen Systeme, Johannes Schmidt, nicht auslassen, der auch diese 44 Aufsätze wie bereits 11 Bände zuvor, sorgfältig und umsichtig redigiert hat.
Rudolf Stichweh, Soziologisches Seminar, Universität Luzern