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Diesen Sommer absolvierte ich eine Weiterbildung rund um das Thema “Kieferbeschwerden” (auch CMD oder craniomandibuläre Dysfunktion genannt). Es war sehr spannend, zu lernen, welche Probleme es hier geben kann und was man dagegen mit den Mitteln der Med. Massage tun kann.
Bezug zur Muskulatur:
Als Erstes ist mir aufegfallen, dass in fast allen Fällen, die wir besprochen haben, ein Bezug zur Muskulatur gemacht werden kann - was natürlich bedeutet, dass man mit den Methoden der Med. Massage fast immer einen positiven Einfluss nehmen kann. Am Beispiel der verschiedenen Fehlhaltungen kann man das erläutern. Egal, welches Problem vorliegt, der Bezug zur Muskulatur ist immer gegeben:
- Mandibularetrusion (nach hinten verschobener Kiefer)
- Mandibulaprotrusion (nach vorne verschobener Kiefer)
- Hyoidrestriktion (Zungenbein verursacht eine Fehlstellung von Schulterblatt und Kieferelenk)
- Ilium posterior (Hüftknochen ist nach hinter verschoben; dies führt zu einer Fehlstellung des gleichseitigen Kiefergelenks)
- Ilium anterior (Hüftknochen ist nach vorne verschoben; dies führt zu einer Kompression des gleichseitigen Kiefergelenks)
Bei all diesen möglichen Fehlhaltungen entstehen muskuläre Fehlspannungen, aus denen sich aktive Triggerpunkte entwickeln können. Diese können wiederum mit Triggerpunkt-Therapie gelöst werden. Erfolgt dazu eine Haltungsschulung, ist es möglich, die Beschwerden nachhaltig zu lindern.
Stressreduktion:
Vielen Problemen mit dem Kiefer liegt nicht primär eine Fehlhaltung zugrunde, sondern Dauerstress. Hier muss kurz unterschieden werden zwischen Eustress und Distress: Eustress ist ein angenehmes Gefühl der Geschäftigkeit, der adequaten Belastung (physisch und psychisch) und schliesslich des Ausgefülltseins und des Wohlbefindens, während Distress eine Überforderung bedeutet, ein Zuviel an Belastung (wiederum physisch oder psychisch) und zu einer Reduktion der Lebensqualität führt. Mit Dauerstress soll hier der Distress über Monate oder Jahre gemeint sein. Dieser macht sich früher oder später bemerkbar - und relativ häufig in Form von Beschwerden oder Schmerzen in der Kiefergegend. Der Bruxismus (das nächtliche Zähneknirschen) ist nur ein Beispiel für solche Beschwerden.
Dass Massagebehandlungen Stresshormone wie Cortisol im Körper reduzieren und Wohlfühlhormone wie Oxytocin steigern, ist wissenschaftlich belegt (siehe dazu eine Beispielstudie in den Quellen unten). So erscheint es sinnvoll, bei Dauerstress eine Massagetherapie in Betracht zu ziehen. Ein Beispiel dazu aus meiner Praxis: Ich behandle eine Ärztin, die auf der Notfallstation eines Kinderspitals jede Woche 60-80 Stunden arbeitet. Für sie ist es sehr hilfreich, sich in die Massagetherapie zu begeben, wenn sie spürt, dass der Stress anfängt, ihre Lebensqualität und auch ihre Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Da sie neben ihrer Arbeit sehr wenig Freizeit hat, ist es für sie sinnvoll, eine sogennant passive Thearpie zu machen, denn was sie braucht, sind nicht zusätzliche Herausforderungen, sondern ein schneller, wirksamer Weg zu einer tiefen Entspannung.
Aber natürlich gibt es neben der Massagetherapie noch weitere Möglichkeiten, Stress zu reduzieren. Wer mehr Zeit zur Verfügung hat, kann auch mit einer Achtsamkeitspraxis beginnen. Aus eigener Erfahrung kann ich MBSR empfehlen. Diese Praxis erfordert jedoch einiges an Zeit und Selbstdisziplin. So dauert der Einführungskurs acht Wochen lang und während dieser Zeit ist man angehalten, mindestens eine Stunde pro Tag zu üben. Danach wird eine tägliche Meditation von 20 Minuten pro Tag empfohlen. Ich habe den Kurs vor dreieinhalb Jahren gemacht, praktiziere seither sechs Mal pro Woche 20 Minuten MBSR und profitiere sehr davon. Dazu ein Beispiel: den Anfang der COVID-Krise im März 2020 hätte ich wahrscheinlich nicht so gut wegstecken können, wenn ich nicht bereits einiges an Meditationserfahrung gehabt hätte (ich hatte im Februar 2020 meine Massagepraxis eröffnet und sie bereits im März 2020 wieder schliessen müssen…). Die Meditation kann, wenn sie regelmässig und auch in “guten” Zeiten praktiziert wird, wie ein Auffangnetz wirken, wenn die Zeiten etwas turbulenter werden.
Fazit:
Sei es, dass Kieferprobleme durch Fehlhaltungen ausgelöst werden und so zu Triggerpunkten führen oder sei es, dass ein Dauerstress vorliegt, der die Ursache für die Kieferprobleme darstellt: die Methoden der Med. Massage können auf jeden Fall einen wertvollen Beitrag zur Besserung der Beschwerden leisten.
Werden dazu auch noch Eigenübungen instruiert (Dehnungen, Selbstbehandlungen, Haltungsschulung), wie es in meiner Praxis der Fall ist, so können auch schwerwiegende Beschwerden verringert werden. Ist das Problem eher stressbedingt, kann neben der Massagetherapie auch eine Achtsamkeitsschulung wie MBSR einen unschätzbaren Beitrag Linderung der Beschwerden leisten.
Quellen:
- Der von mir besuchte Kurs “Craniomandibuläre Dysfunktion” wurde von unserem Berufsverband organisiert und fand vom 07.-08. August 2021 statt.
- Morhenn V, Beavin LE, Zak PJ. Massage increases oxytocin and reduces adrenocorticotropin hormone in humans. Altern Ther Health Med. 2012 Nov-Dec;18(6):11-8. PMID: 23251939.
- Gautschi, Roland: Manuelle Triggerpunkt-Therapie. Myofasziale Schmerzen und Funktionsstörungen erkennen, verstehen und behandeln, 2., aktualisierte Auflage, Georg Thieme Verlag: 2010
- Info zu MBSR
- Bildnachweis