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Es geht weiter mit der Serie «Verrückte Grenzen»: Nachdem wir Beispiele aus der Schweiz, aus Europa und Afrika vorgestellt haben, befinden wir uns nun auf dem amerikanischen Kontinent.
Bei diesen sechs skurrilen Beispielen geht es um internationale Grenzen, aber auch um Scheidelinien zwischen US-Staaten.
Auch in der westlichen Hemisphäre haben europäische Kolonialmächte Grenzen gezogen, die heute noch bestehen – und die manchmal merkwürdig anmuten. Ein Beispiel dafür ist die Karibikinsel St.Martin, die zu den nördlichen Kleinen Antillen gehört. Das nur 87 km2 grosse Eiland ist die kleinste Insel der Welt, die zwischen zwei Staaten geteilt ist – sie besteht aus einem nördlichen französischen und einem südlichen niederländischen Teil.
St.Martin – auf Französisch heisst die Insel Saint-Martin, auf Niederländisch Sint Maarten – wechselte seit der Entdeckung durch Kolumbus 1493 mehrmals den Besitzer. Auch nachdem Frankreich und die Republik der Vereinigten Niederlande die Insel 1648 im Vertrag von Concordia unter sich aufgeteilt hatten, änderten sich die Besitzverhältnisse bis 1816 nicht weniger als zehn Mal – St.Martin war abwechselnd nur französisch, zwischendurch britisch, dann wieder nur niederländisch.
Die Tatsache, dass der französische Teil mit 61 Prozent der Gesamtfläche deutlich grösser als der niederländische ist, verdankt sich der Legende nach einer kreativen Methode, die Besitzverhältnisse zu klären: Franzosen wie Niederländer schickten je einen Matrosen ins Rennen. Die beiden Läufer starteten am selben Punkt an der Küste und umrundeten die Insel in entgegengesetzter Richtung – wo sie wieder aufeinandertrafen, sollte sich der Endpunkt der Scheidelinie befinden. Sicher ist, dass der Niederländer klar langsamer war. Über den Grund gehen die Ansichten indes auseinander: Gemäss französischer Auffassung war der Niederländer betrunken, die Niederländer hingegen behaupten, der Franzose habe eine Abkürzung genommen.
Heute gehört der nördliche Teil als französisches Überseegebiet zur EU – er ist deren westlichster Punkt – und zur Eurozone, nicht aber zum Schengenraum. Der niederländische Teil, dessen Währung der Antillen-Gulden ist, bildet ein autonomes Land innerhalb des Königreiches der Niederlande. Bezahlen kann man jedoch überall auch mit dem US-Dollar.
Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist die weltweit längste gemeinsame Grenze zwischen zwei Staaten. Über weite Strecken, namentlich im Westen, folgt sie schnurgerade dem 49. Breitengrad. Auch zwischen dem US-Bundesstaat Vermont und der kanadischen Provinz Québec verläuft die Grenze schnurgerade, allerdings entlang dem 45. Breitengrad. Dort liegt direkt an der Grenze der kleine Ort Derby Line, dem auf der kanadischen Seite Stanstead gegenüberliegt.
Die beiden Ortschaften teilen sich nicht nur eine gemeinsame Hauptstrasse, sondern auch eine gemeinsame Bibliothek mit Opernhaus: Die Haskell Free Library and Opera House wurde 1904 vom Amerikaner Carlos Haskell und seiner kanadischen Frau Martha Stewart direkt auf der Staatsgrenze erbaut; sie verfügt über eine kanadische und eine amerikanische Adresse. Eine schwarze Linie am Boden markiert im Inneren die Grenze – nicht nur als Gag, sondern auch aus versicherungstechnischen Gründen. Die kanadischen und amerikanischen Versicherungen kommen nur für Schäden auf, die auf «ihrer» Seite der Grenze vorliegen.
Der grösste Teil der Bibliothek und die Opernbühne befinden sich in Kanada, während der Eingang und der Grossteil der Opern-Sitzplätze in Derby Line liegen. Spötter nennen das Gebäude deshalb gern «die einzige Bibliothek in den USA ohne Bücher» und «das einzige Opernhaus in den USA ohne eine Bühne».
1867 machten die USA einen Deal, der sich in der Folge als äusserst vorteilhaft erweisen sollte: Sie kauften dem Russischen Reich Alaska ab. 1,6 Millionen km2 wechselten für 7,2 Millionen Dollar den Besitzer. Ein Nebeneffekt des Landkaufs war, dass sich die amerikanisch-kanadische Grenze beträchtlich verlängerte (heute sind es 2477 von insgesamt 8891 Kilometern). Da aber Kanada – ebenfalls seit 1867 – ein britisches Dominion war, wurden seine aussenpolitischen Belange vom Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland wahrgenommen. Die USA erbten nun die seit 1821 schwelenden Grenzstreitigkeiten zwischen Briten und Russen.
Diese hatten 1825 einen Vertrag unterzeichnet, in dem der Grenzverlauf beschrieben wurde, allerdings in teilweise vagen Begriffen. Während im äussersten Norden der 141. Längengrad klar definiert war, blieb die Situation im Südosten unklar. Im heutigen «Panhandle» von Alaska – eine Folge des russischen Vorstosses entlang der Küste nach Süden – , war die Rede davon, dass die Grenze den Gipfeln des Gebirgszugs folgen sollte, der parallel zur Küste verlief. Zudem sollte die Grenze nicht mehr als zehn «Marine Leagues» von der Küste entfernt verlaufen.
Da die Angaben im Vertrag vage und teilweise unrichtig waren, konnten sich Briten und Amerikaner nicht einigen; erst 1903 richteten sie ein sechsköpfiges Schiedsgericht ein, das die Frage endgültig klärte – und zwar mehrheitlich zugunsten der USA, denn die Briten waren mittlerweile mehr an guten Beziehungen zu Washington interessiert als an vorteilhaften Grenzen ihres Dominions. Dieser britische «Verrat» stärkte letztlich die kanadische Identität, denn er entfremdete Kanada weiter von London.
Mehr als 12 Millionen Immigranten kamen hier von 1812 bis 1954 an, bei rund 40 Prozent aller Amerikaner taucht die Insel in der Familiengeschichte auf: Ellis Island, einst die zentrale Sammelstelle für Immigranten in die USA. Die Insel im Hudson River gehört nach einem Schiedsspruch des Obersten Gerichtshofes zum Bundesstaat New Jersey – aber nicht vollständig. Ein kleiner, scheinbar völlig zufällig umgrenzter Teil gehört zu New York. Warum?
Die Grenze zwischen New York und New Jersey verlief in der Kolonialzeit entlang der Uferlinie von Hudson und New York Bay. Die Inseln in diesen Gewässern – darunter das spätere Liberty Island mit der Freiheitsstatue und Ellis Island – gehörten mithin zu New York. Damit fand sich New Jersey nicht ab. Der US-Staat versuchte erfolgreich, die Grenze in die Mitte des Flusses verlegen zu lassen, obwohl New York sich dagegen vor Gericht wehrte. Die Inseln verblieben indes, obwohl sie westlich der neuen Grenze lagen, bei New York.
Ellis Island war aber vor dem Gerichtsurteil mit Aushub vom Bau der New Yorker U-Bahn zwischen 1892 und 1934 beträchtlich vergrössert worden. Der gesamte aufgeschüttete Teil der Insel kam zu New Jersey; nur das ursprüngliche kleine Eiland blieb bei New York. Die Grenze zwischen den beiden US-Staaten verläuft nun mitten durch die Gebäude auf der Insel. Da Ellis Island aber ohnehin seit 1965 zusammen mit der Freiheitsstatue als Teil des Liberty Island National Monuments durch den National Park Service verwaltet wird, ist dies kaum von Bedeutung.
Drei vollkommen rechteckig geformte Countys, die in West-Ost-Richtung nebeneinander liegen, bilden den sogenannten Oklahoma-Panhandle («Pfannenstiel von Oklahoma»). Diese knapp 16'000 km2 grosse Ausstülpung des US-Staats Oklahoma, die sich zwischen Texas im Süden und Kansas sowie Colorado im Norden schiebt, ist eine Folge der Auseinandersetzungen über die Sklaverei in den USA.
Um 1820 war das Gleichgewicht zwischen Sklavenstaaten und freien Staaten im Senat gefährdet, weil Missouri als Sklavenstaat in die Union aufgenommen werden sollte. Die Lage wurde mit dem Missouri-Kompromiss entschärft; Missouri durfte sich der Union als Sklavenstaat anschliessen, dafür wurde Maine von Massachusetts abgetrennt und trat als freier Staat der Union bei. Zugleich kam man überein, dass jeder neue Staat nördlich der Compomise Line (36° 30‘ Breitengrad) sklavenfrei sein sollte.
Als nun Texas 1845 der Union als Sklavenstaat beitreten wollte, konnte es das nicht tun, solange es Territorium nördlich der Compromise Line besass. Im Kompromiss von 1850 verzichtete Texas daher auf alle territorialen Ansprüche nördlich dieser Linie.
Mit der Konstituierung des Kansas-Territoriums 1854 entstand dann die nördliche Grenze des heutigen Oklahoma, das vorläufig jedoch ein «Unorganized territory» blieb, für das sich der Name Indianer-Territorium einbürgerte. Erst 1907 wurde Oklahoma als Bundesstaat in die Union aufgenommen.
Die Grenzen mancher amerikanischer Bundesstaaten sehen aus, als habe man sie mit dem Lineal gezogen. Das extremste Beispiel dafür ist Wyoming – dieser US-Staat ist nahezu perfekt rechteckig. Ausgerechnet Wyoming stösst aber nicht an die Four Corners. Dies ist das einzige Vierländereck von US-Bundesstaaten; hier treffen Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinander. An der präzisen Stelle befindet sich ein Denkmal, das Four Corners Monument.
Das Gebiet, in dem sich heute das Vierländereck befindet, kam erst nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo unter amerikanische Herrschaft.
Das Vierländereck im Südwesten der USA war zuerst nur ein Dreiländereck. Erst als 1866 das Arizona-Territorium endgültig neu gebildet und vom New-Mexico-Territorium abgetrennt wurde, stiessen an dieser Stelle vier Territorien aneinander, da die neue Grenze exakt entlang desselben Längengrads verlief wie jene zwischen dem Colorado- und dem Utah-Territorium, die seit 1861 bestand. Zu Bundesstaaten wurden die Territorien erst danach, zwischen 1876 und 1912.
Der Grenzpunkt wurde 1868 von Landvermessern festgelegt und 1875 mit einer Sandsteinsäule markiert. Das Four Corners Monument wurde mehrmals umgestaltet, bis es 1992 in seiner heutigen Form entstand. Heute markiert eine im Boden eingelassene Granitplatte mit einer metallenen Grenzmarke das Vierländereck. Das Monument befindet sich auf dem Gebiet der Navajo Nation Reservation, kann aber ganzjährig gegen Eintritt besichtigt werden.