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Zur historischen Ausgangslage
Die Tragödie "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) erfreut sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Die Vielfalt von Aufführungen und Aufführungsarten macht deutlich, dass es nicht nur eine stimmige oder verbindliche Art geben kann, dieses Werk aufzuführen. Es gibt nicht einmal nur eine verbindliche Art, Goethes Faust zu interpretieren oder zu verstehen, auch am Goetheanum nicht.
Rudolf Steiner hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten mit Inhalten und Charakteren aus der Faust-Dichtung von Goethe befasst. Für ihn selber war die Zugangsart seines Lehrers und Freunds, dem Universitätsprofessor Karl Julius Schröer (1825-1900), eine wichtige Grundlage seiner Beschäftigung. Karl Julius Schröer hatte damals selbst eine Ausgabe von Goethes Faust mit Einleitung und fortlaufendem Kommentar veröffentlicht. Diese ist immer noch interessant. Durch die Vermittlung von Schröer hatte der junge Rudolf Steiner eine Anstellung als Herausgeber der Naturwissenschaftlichen Schriften von Goethe erhalten. Um diese Arbeit zu leisten, zog Steiner von Wien nach Weimar zum Goethe-Archiv und beschäftigte sich dort intensiv mit Goethes Werk, inkl. Skizzen und Notizen.
Aus diesen Studien entstanden nicht nur die "Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften" sondern - neben anderem - auch der Vortrag "Goethe als Vater einer neuen Ästhetik" und die Schrift "Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen 'Faust'". Rudolf Steiner beschäftigte sich intensiv mit der Bedeutung des Theaters sowie mit dramaturgischen Themen. Er veröffentlichte von 1889-1900 verschiedene Aufsätze zur Dramaturgie. Das Theaterwirken um die Jahrhundertwende von 1900 ist ganz anders einzuschätzen als heute. Das Theater hatte noch keine Konkurrenz durch den Film (Kino oder Fernsehen) und sorgte nicht nur für Unterhaltung, sondern vermittelte auch Allgemeinbildung. Zudem war es ein Medium der Reflexion und der kritischen Beleuchtung von Lebens- und Gesellschaftsfragen. Nur wenige bekannt gewordene Theaterschaffende suchten auch Formen der Vergegenwärtigung von spirituellen oder religiösen Inhalten. Für Rudolf Steiner war unter anderem der Belgier Maurice Maeterlinck wichtig geworden. Steiner inszenierte selber in Berlin das Stück "L'Intruse" (Der Eindringling). Maeterlinck erhielt 1911 den Nobelpreis für Literatur, war also eine herausragende Gestalt der damaligen Zeit.
Die Neuinszenierung von Goethes Faust am Goetheanum nimmt die Themen und Fragen von Rudolf Steiner ernst. Sie kann dazu - zum Glück - auf kein Schema zurückgreifen. Rudolf Steiners eigene Auseinandersetzung bleibt stets lebendig und ist von wechselnden Schwerpunkten sowie dem Einbeziehen aktueller Erkenntnisse und Bezüge gekennzeichnet. Er selber hat sich nie einfach nur wiederholt. Er arbeitete und sprach stets aus dem aktuellen authentischen Stand seiner Forschung und Entwicklung. Eine Neuinszenierung anzupacken, bedeutet daher auch, aus den vorhandenen Kräften und Mitteln das Beste herauszuholen, um authentisch zu arbeiten und zu wirken.
(ah)