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von Dr. Christian Kurz
Mentale Buchführung
Die Heuristik der mentalen Buchführung, im Englischen auch Mental Accounting genannt, ist eine Form der Komplexitätsreduzierung während der Informationsverarbeitung. Der Begriff der mentalen Buchführung steht für das bewusste Nichtberücksichtigen und Vernachlässigen von wechselseitiger Abhängigkeit zwischen einzelnen Projekten, Kaufentscheidungen oder Ergebnissen. Menschen neigen dazu, die Gesamtheit von Projekten oder Entscheidungen nicht im Aggregat mental zu speichern. Stattdessen werden diese mental in eigenständigen und isolierten Konten abgelegt und verwaltet. Allfällige Abhängigkeiten werden nicht betrachtet. Im Kontext von Anlageentscheidungen hat dies zur Folge, dass Anlagen häufig isoliert und nicht im Portfoliokontext betrachtet werden.
Kahneman und Tversky haben ein Experiment durchgeführt, dass den Vorgang der mentalen Buchführung sehr anschaulich verdeutlicht. Probanden wurden in zwei unterschiedliche Gruppen eingeteilt und mussten die folgenden Problemstellungen unabhängig voneinander beantworten.
In Gruppe 1 entschieden sich 88 % der Probanden für den Kauf des Theatertickets, in Gruppe 2 lediglich 46 %. Dieses Ergebnis ist recht verwunderlich, da beide Sachverhalte ökonomisch betrachtet komplett identisch sind und in beiden Fällen der finanzielle Schaden gleich gross ist. Sie unterscheiden sich lediglich in der Tatsache, dass Gruppe 1 einen Bargeldverlust und Gruppe 2 einen Ticketverlust verzeichnet und letztlich die Darstellung des Sachverhalts eine andere ist.
Erklären lassen sich die unterschiedlichen Präferenzen der Gruppen durch die Verfügbarkeit und die Zuordnung zu verschiedenen mentalen Konten. In Gruppe 2 werden der Verlust der Karte und der mögliche erneute Kauf ein und demselben Konto zugerechnet (möglicherweise einer Art „Ausgehkonto“). Der Theaterbesuch verursacht in der Folge Gesamtkosten von 200 €, womit sie wohl über dem individuellen Nutzen liegt, den der Theaterbesuch für die Probanden mit sich bringen würde. In Gruppe 1 hingegen scheint der Verlust des Geldscheins von den Probanden isoliert vom Kauf des Theatertickets betrachtet zu werden. Der Verlust wird einem anderen mentalen Konto zugerechnet (vermutlich eher einer Art „Unglückskonto“). Beim späteren Kauf spielt der Verlust des Geldscheins keine oder nur eine untergeordnete Rolle, sodass mental lediglich Kosten von 100 € entstehen. Wie aus diesem Beispiel deutlich wird, kann die mentale Buchführung Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung haben. Zudem hat die unterschiedliche Darstellung, das Bilden der mentalen Konten unterstützt.
Das beschriebene Beispiel macht zudem deutlich, dass es innerhalb des Mental Accountings neben der isolierten Betrachtung auch zu einer zusammengefassten Betrachtung kommen kann. Im Theaterbeispiel in Form des „Spasskontos“. Es kommt zur Trennung (Segregation) oder zur Zusammenfassung (Integration) von Konsequenzen und Optionen innerhalb des Problembereichs der mentalen Buchführung.
Auch bei der Beurteilung von Gewinnen und Verlusten kann es zu Integration und Segregation kommen. Studien belegen, dass neu erzielte Gewinne in der Regel segregiert und auf unterschiedlichen Konten verbucht werden. Bei Verlusten verhält sich dies allerdings anders: Wenn neue Verluste auf bereits bestehende treffen, so werden sie jeweils segregiert betrachtet und auf separaten Konten mental verwaltet. Wurden allerdings zuvor Gewinne erzielt, so werden die neuen Verluste, sofern diese die früheren Gewinne nicht übersteigen, jedoch integriert betrachtet und mit den Gewinnen verrechnet. In einer Gewinnsituation werden die neuen Verluste letztlich nicht als Verluste betrachtet, sondern lediglich als ein Ereignis, das die bereits erzielten vorhergehenden Gewinne reduziert. Dieser Vorgang führt zu risikosuchendem Verhalten der Entscheidungsträger im Gewinnbereich, da dort die Verluste nicht als Verluste interpretiert werden. Es kommt zum sogenannten House-Money-Effekt.
Auch beim Verkaufsverhalten von Finanzmarktteilnehmern konnte gezeigt werden, dass es zu einem Integrations- und Segregationsprozess kommt. Lim zeigt, dass sich im Verlustbereich befindliche Anlage in der Regel häufig am selben Tag verkauft werden; es erfolgt eine Integration aller Verlustpositionen. Im Gegensatz hierzu werden Anlagen, die sich im Gewinnbereich befinden, meistens an unterschiedlichen Tagen verkauft, wodurch es zu einer Segregation kommt.
Das menschliche Bestreben nach der Reduzierung kognitiver Dissonanz (Informationen zur kognitiven Dissonanz finden Sie in Teil 1 dieser Artikelserie) kann als einen der Hauptgründe gesehen werden, weshalb es in gewissen Momenten zur Integration von Verlusten oder zur Segregation von Gewinnen kommen kann. Verluste oder Verlustpositionen in Bezug auf Wertpapieranlagen lösen bei Menschen ein Unwohlsein aus. In der Folge ist der Mensch bestrebt, dieses Gefühl schnellstmöglich zu beseitigen, und sucht nach Wegen, dies zu tun. Durch das virtuelle Verrechnen mit vorhergehenden Gewinnen kann das Gefühl der kognitiven Dissonanz reduziert oder sogar komplett beseitigt werden. Bei Gewinnen ist dieses Vorgehen nicht notwendig, wodurch es zu der bereits beschriebenen Segregation kommt.
Die mentale Buchführung kann auch Auswirkungen auf das Diversifikationsverhalten von Anlegern in Bezug auf die Asset Allokation haben. So kann es passieren, dass Anleger die im Portfolio befindlichen Assets in einzelnen „mentalen Konten“ verbuchen und die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Anlagen nicht adäquat berücksichtigen; das Risiko der Anlagen letztlich nicht korrekt behandelt wird. Dies steht dem Gedanken der Diversifikation grundsätzlich entgegen, der besagt, dass verschiedene Anlagen im Zusammenhangbetrachtet und nicht isoliert bzw. in spezielle kleine Gruppen zerlegt werden sollten.
Verankerungsheuristik
Gemäss der Verankerungsheuristik (Anchorching and Adjustment Heuristic) neigen Menschen dazu, bei der Informationsverarbeitung neue Informationen ausgehend von einem Richtwert (Anker – Anchorching) zu beurteilen und von diesem schrittweise Anpassungen in Richtung des wahren Werts vorzunehmen (Adjustierung – Adjustment). Hierbei fungiert der Anker als subjektiver Magnet für die Beurteilung neuer Informationen. An dem Prozess der schrittweisen Anpassung ist im Grunde nichts auszusetzen; allerdings belegen zahlreiche empirische Studien, dass dieser Anpassungsprozess in der Regel zu knapp ausfällt, da der verwendete Anker ein zu hohes Gewicht erhält, wodurch es zu einer Verzerrung der Erwartungsbildung kommen kann.
Ein Experiment, das von ebenfalls von Kahneman und Tversky durchgeführt wurde, kann die Verankerungsheuristik sehr gut veranschaulichen. Die am Experiment teilnehmenden Probanden wurden in zwei unterschiedliche Gruppen eingeteilt, wobei jeder Gruppe eine Zufallszahl zwischen 0 und 100 zugeteilt wurde. Gruppe 1 erhielt den Wert 10 und Gruppe 2 den Wert 65, Anschliessend mussten die Gruppen unabhängig voneinander die Frage beantworten, ob sie den prozentualen Anteil afrikanischer Staaten in der UNO grösser oder kleiner als ihre jeweiligen Zufallszahlen schätzen. Konkret bedeutet dies, dass Gruppe 1 (Gruppe 2) beurteilen musste, ob der Anteil afrikanischer Staaten in der UNO grösser oder kleiner 10 % (65 %) ist. Darauf aufbauend wurde die Frage, nach der genauen Schätzung gestellt. Bei Gruppe 1 lag die durchschnittliche Schätzung bei 25 % und bei Gruppe 2 bei 45 %. Wie aus den Ergebnissen deutlich wird, fungierten die zufällig ermittelten Zahlen (10 und 65) als Ankerwert für die Beurteilung der Fragen. Der tatsächliche Wert lag bei 35 %.
Diese Beobachtungen wurden in einem weiteren Beispiel von Kahneman und Tversky) ebenso gut deutlich. Wiederum wurden die Probanden in zwei unterschiedliche Gruppen eingeteilt, und beide Gruppen hatten 5 Sekunden Zeit, um eine komplett identische Rechenaufgabe zu lösen. Die Rechenaufgabe für Gruppe 1 lautete 1 x 2 x 3 x 4 x 5 x 6 x 7 x 8. Für Gruppe 2 lautete die zu lösende Aufgabe 8 x 7 x 6 x 5 x 4 x 3 x 2 x 1.Wie aus der Anordnung der Rechenaufgabe ersichtlich wird, handelt es sich hierbei inhaltlich um dieselbe Aufgabe, einzig die Anordnung ist in der umkehrten Reihenfolge. Die Schätzungen des Ergebnisses sollten in der Folge identisch sein. Dem widersprechen allerdings die Ergebnisse des Experiments. Für Gruppe 1 betrug der durchschnittliche Schätzwert 512 und für Gruppe 2 wurde ein durchschnittlicher Schätzwert von 2.250 beobachtet. Das richtige Ergebnis beträgt allerdings 40.320, In beiden Fällen scheinen die ersten Zahlen als Anker für die Ermittlung des Ergebnisses zu fungieren, wobei die Anpassung zu langsam verläuft und nicht in ausreichendem Maße. In der Folge führt der Anker mit den höheren Zahlen (Gruppe 2) zu durchschnittlich höheren Schätzung, als dies für den Anker mit den niedrigeren Zahlen (Gruppe 1) der Fall ist.

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