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Literatur
Verpasste Gelegenheiten
Was schreibt man über einen Roman, der einen zu Tränen gerührt hat? Vielleicht beginnt man mit dem Versuch, die Handlung zu beschreiben. Im Falle von "Die Unbehüteten" kann dies nur grob geschehen, da die Ungarin Agnes Gergely in ihrem Roman die Betonung auf das innere Erleben der Protagonisten legt und die Sätze, welche den Fortgang der Handlung an sich beschreiben, auf ein Minimum beschränkt sind. Die Handlungszeit dieses 192 Seiten Romans zieht sich über mehrere Jahre hinweg.
Karen, Übersetzerin und Schriftstellerin aus Budapest wird mit 40 Jahren Mutter. Drei Jahre später verliert sie ihren sieben Jahre älteren Mann Zoltán, und sieht sich ganz plötzlich durch den Unfalltod ihres Cousins und seiner Frau mit der Verantwortung für ein weiteres Kind, Detti, zwei Jahre älter als ihre Tochter Daniela, konfrontiert. Beide Kinder sind ungewöhnlich talentiert, Daniela schreibt Gedichte, Detti musiziert. Auf einer Reise nach Skandinavien lernt Karen den ebenfalls verwitweten Carlos kennen, er ist in der Filmbranche tätig. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, Carlos besucht sie in Ungarn. Eine Heirat wird geplant, doch plötzlich darf Carlos aus politischen Gründen nicht mehr einreisen. Karen bekommt nur alle paar Jahre eine Erlaubnis zur Ausreise, die auch jedesmal mit einem Forschungsvorhaben begründet werden muss.
Das große Thema dieses in Ungarn im Jahre 2000 erschienenen Romans, ist die Macht der Vergangenheit in der Gegenwart. Es geht darum, diese Macht zu überwinden, ohne zu vergessen und der Zukunft eine Chance zu geben. Die erwachsenen Protagonisten in "Die Unbehüteten" haben alle ihre persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen mit dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg. Carlos ist dänisch-deutscher Abstammung, mit dänischer Hilfe gelang es der Familie nach Südamerika zu flüchten und "aus Carl-Gustav wurde Carlos". Karen verdankt den Dänen die Rettung ihres Lebens. Carlos war im Lager Sachsenhausen, der Vetter Karens Antal in Birkenau. Die Männer haben gegensätzliche Strategien mit diesen Erfahrungen umzugehen. Antal vermeidet alles, was ihn an die Zeit erinnert, läßt die Vergangenheit nicht in die Gegenwart dringen. Zumindest glaubt er das. Der Unfall, bei dem er ums Leben kommt, läßt allerdings zweifeln, ob Antal mit seiner Strategie Erfolg hatte. Carlos dagegen will alles wissen, er nutzt seinen Beruf, die Geschehnisse von Besatzung und Widerstand nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und aufzuarbeiten. In diesem Sinn hat Zeit hat für ihn keine Bedeutung. Bei Karen und den Mädchen will er seinen Durst nach Familie, Leben und Liebe löschen, doch auch Verantwortung übernehmen, die Mädchen und Karen behüten.
Was aber ist es, das zu Tränen rührt? "Die Unbehüteten" ist nicht nur ein Text über die Vergangenheit, sondern auch über verpasste Gelegenheiten, über Hoffnungen und Sehnsüchte, die Liebe und den Tod. Karens Leben ist von unsäglichen Verlusten und unerfüllten Hoffnungen geprägt. Sie ist nicht "zum Weglaufen geboren", sie kehrt von den Auslandsreisen immer wieder nach Ungarn zurück, selbst dann, als sie gemeinsam mit den beiden Mädchen nach Skandinavien reist. Sie denkt nicht einmal daran, dass sie Carlos oder ihren schwedischen Verlag bitten könnte, ihr behilflich zu sein, außerhalb Ungarns ein neues Leben zu beginnen. Der Tod ist ihr ein allgegenwärtiger Begleiter, und es geht dabei nicht nur um die Toten der Vergangenheit. Sie muss so viele geliebte Menschen in so kurzen Zeitabständen verlieren, dass man sich fragt, wie kann sie das nur aushalten, wie kann das überhaupt jemand aushalten?
Wahrscheinlich nur, weil der Tod nicht als Endpunkt verstanden wird, denn "Du wirst sehen, sie kommen alle zurück. Gib nur Acht. Verpaß den Augenblick nicht wieder." Mit dieser Aufforderung des Steuermannes, der den Roman einrahmt, denn er spricht auf der ersten und der letzten Seite zu Karen, und gibt sich damit als Steuermann ihres Lebens zu erkennen, werden wir aus dem Text entlassen. Es bleibt die Erkenntnis, dass nichts wichtiger ist, als aufzupassen, den Augenblick zu erkennen und zu nutzen. Wie hieß es in der Antike? "Carpe diem".