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Als R. werden die Vorgänge des 16. Jh. bezeichnet, die das christl. Abendland in Alt- und Neugläubige - modern gesprochen: Katholiken und Protestanten - teilten. Die reformatio (wörtlich: Umgestaltung) bezweckte eine Verbesserung von Religion und Kirche; sie entfaltete im vormodernen Europa eine grosse Sprengkraft und hatte weitreichende polit., gesellschaftl. und kulturelle Folgen. Die Schweiz war während mehrerer Jahrzehnte ein Zentrum dieses Wandels: Mit Martin Luther im kursächs. Wittenberg haben v.a. Huldrych Zwingli von Zürich und Johannes Calvin von Genf aus die R. und den Protestantismus geprägt. Die Reformatoren der Schweiz waren stärker als die Wittenberger vom Humanismus beeinflusst und wollten die diesseitige Welt verändern. Polit. sowie soziale Anliegen verbanden sich mit religiösen Forderungen. In der R. der Schweiz sind die Frauen im Vergleich zu anderen Gebieten auffallend abwesend.
Es ist unter Historikern umstritten, ob die abendländ. Kirche am Vorabend der R. in einer Krise war. Während die einen von kirchl. und religiösen Missständen oder von einem latenten Antiklerikalismus sprechen, betonen andere die ungebrochene Spiritualität und Macht der Kirche. Jedenfalls finden sich um 1500 auch in der Schweiz zahlreiche Hinweise auf eine lebhafte Nachfrage nach Seelsorge und Heilsangeboten (Volksfrömmigkeit). Mit dem Humanismus hatten sich versch. Formen von literater Frömmigkeit (Devotio moderna, Mystik) entwickelt. Basel, die einzige Universitätsstadt der damaligen Schweiz (Scholastik), zog Buchdrucker (Buchdruck) und Gelehrte an (u.a. Erasmus von Rotterdam).
Reformen waren im Jahrhundert vor der R. auch in der Schweiz immer wieder gefordert worden. Mehrere Bischöfe hatten nach dem Konzil von Konstanz und dem Konzil von Basel Mandate zur Verbesserung der Seelsorge erlassen, Synoden einberufen und die Kompetenzen der Dekane gestärkt. Erfolgreicher als diese Massnahmen waren die Anstrengungen der städt. und ländl. Gemeinden, die Kirche unter ihre Kontrolle zu bringen: Ende des 15. Jh. wurden bereits zahlreiche geistl. Stellen durch weltl. Behörden besetzt, und die Autorität bischöfl. Gerichte (Offizialat) war vielerorts zurückgedrängt worden. Viele Gem. der Innerschweiz hatten sich Mitspracherechte bei der Pfarrerwahl und Güterverwaltung gesichert (Patronatsrecht).
Diese Konkurrenz zwischen weltl. und geistl. Institutionen spielte für die Entfaltung der R. eine wichtige Rolle. Entscheidend waren ferner namentlich die landesherrl. Interessen Berns und Zürichs, die Differenzen zwischen Länder- und Städteorten sowie die sozialen, wirtschaftl. und polit. Abhängigkeiten von Untertanen und Unfreien auf lokaler Ebene.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Als Auftakt zur R. gilt die Veröffentlichung von Martin Luthers Thesen über das Ablasswesen vom 31.10.1517. Die Thesen des Wittenberger Professors wurden spätestens Anfang 1518 in Nürnberg, Leipzig und Basel gedruckt. Nach der Verhängung des Kirchenbanns gegen Luther Anfang 1521 verlangten die päpstl. Behörden die Durchsetzung des Banns bzw. das Verbot "lutherischer" Ideen. Die eidg. Orte reagierten zögerlich; im Dez. 1522 verurteilte die Tagsatzung allerdings die Unruhen in Zürich, wo die erste grosse Stadtreformation ihren Anfang genommen hatte.
Ende 1518 war Huldrych Zwingli dort zum Leutpriester am Grossmünster gewählt worden. Zwischen 1520 und 1522 gelangte Zwingli zur Anerkennung zentraler evang. Grundsätze, der Rechtfertigung des Menschen allein aus dem Glauben (sola fide) und der alleinigen Autorität der Hl. Schrift in Glaubensdingen (sola scriptura). Der demonstrative Bruch des Fastengebots durch ein Wurstessen führte 1522 zum Eklat. In den Wochen danach griff Zwingli in Predigten und Druckschriften eine Reihe von kirchl. Einrichtungen an, so den Priesterzölibat (Ehelosigkeit), die Heiligenverehrung, die Bettelorden und noch im selben Jahr die Autorität der Kirche überhaupt. 1523 häuften sich ikonoklast. Aktionen (Bildersturm), Predigten wurden gestört, Mönche und Ordensfrauen verliessen schliesslich die Klöster.
Wichtig für den Erfolg der Zürcher R. war der Umstand, dass sich der Rat hinter Zwingli und gegen den Bf. von Konstanz stellte. Er berief Disputationen ein, nach denen er jeweils über das weitere Vorgehen entschied. In der Zusammenarbeit zwischen ihm und den drei Zürcher Leutpriestern gewannen die neuen Ideen Gestalt. Im Juni 1524 liess der Rat die Bilder aus den Zürcher Kirchen entfernen, im Dezember die religiösen Einrichtungen säkularisieren (Säkularisation). Im April 1525 wurde in Zürich die Messe abgeschafft und erstmals das Abendmahl nach Zwinglis neuer Ordnung begangen. Musik gab es im ref. Gottesdienst nicht mehr. Im selben Jahr richtete Zwingli regelmässige Bibelauslegungen ein, die sog. Prophezey: Aus diesen Übungen ging die Zürcher Bibelübersetzung hervor (Bibel). Aus der Prophezey entwickelte sich zudem die erste reformierte theol. Hochschule (Akademien). Als Ersatz für das bischöfl.-geistl. Gericht setzte der Rat 1525 ein städt.-kirchl. Ehegericht ein (Sittengerichte).
Besonders die Mitglieder der Handwerkerzünfte unterstützten diese Veränderungen. Zwingli konnte auch auf einflussreiche Fam. zählen. Als vehementer Gegner des Solddiensts fürchtete er den Widerstand der sog. Pensionenherren. Einige von Zwinglis frühen Mitstreitern (u.a. Konrad Grebel, Felix Manz und Simon Stumpf) drangen zudem auf radikalere Veränderungen. In ländl. Gebieten vermischten sich reformator., polit. und soziale Anliegen (Bauernkrieg 1525).
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Die Ideen der R. verbreiteten sich in der Schweiz zunächst über Zwinglis Freundeskreis. Zu diesem gehörte z.B. Vadian (Joachim von Watt) in St. Gallen, Johannes Dörig, Walter Klarer und Johannes Hess im Land Appenzell, Valentin Tschudi und Fridolin Brunner in Glarus, Johannes Comander und Jakob Salzmann in Graubünden, der 1522 aus Luzern vertriebene Sebastian Hofmeister in Schaffhausen, Berchtold Haller und Niklaus Manuel in Bern sowie Konrad Pellikan, Wilhelm Reublin und Johannes Oekolampad in Basel. Viele der Reformer und Reformatoren waren Priester, hatten in Basel studiert und fühlten sich den Ideen des Erasmus verpflichtet, der sich selbst aber nicht der reformator. Bewegung anschloss.
Entscheidend für den Erfolg der R. in der Schweiz war die Überzeugungskraft der jeweiligen Prediger (Predigt) sowie der Druck, den die Befürworter der neuen Ideen auf die Obrigkeit auszuüben vermochten. Bereits 1523 wurden in Bern, Basel, St. Gallen und Appenzell Predigtmandate erlassen: Die Geistlichen sollten allein der Hl. Schrift gemäss predigen, aber keine luth. oder zwingl. Lehren verbreiten. Fortschritte machte die R. zunächst v.a. in der Ostschweiz. In Graubünden und in St. Gallen verbanden sich kirchl. Reformanliegen mit polit. Unabhängigkeitsstreben. In den Ilanzer Artikeln von 1524 und 1526 wurde die Macht des Bf. von Chur und der geistl. Gerichte gebrochen, die Gem. sollten ihren Pfarrer frei wählen können. In St. Gallen organisierten Johannes Kessler und Vadian bibl. Lesezirkel (Lesinen). Nachdem Vadian Ende 1525 zum Bürgermeister gewählt worden war, wurden 1526 in den Stadtkirchen evang. Gottesdienste gefeiert; 1527 floh der Abt und 1528 wurden auch in der Abteikirche keine Messen mehr gelesen.
Zürich und St. Gallen förderten die Verbreitung reformator. Ideen in Appenzell und Glarus sowie in der gemeinen Herrschaft Thurgau, wo es 1524 zum Ittingersturm kam. Die Appenzeller Landsgemeinde entschied 1525, jede Kirchhöre solle selbst über ihren Glauben entscheiden. Die äusseren Rhoden (ohne Herisau) schlossen sich dem neuen Glauben an, die Bewohner der inneren Rhoden (ohne Gais) verblieben mehrheitlich beim alten Glauben.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
In der Stadt Freiburg unterdrückte der Rat die R. energisch. 1524 bekräftigten die fünf Innerschweizer Orte in Beckenried, beim alten Glauben zu bleiben, und verurteilten Zwinglis und Luthers Lehren zusammen mit denjenigen von Jan Hus (Hussiten). Als Erklärung für das Festhalten am alten Glauben haben ältere Historiker u.a. die Bedeutung des Solddiensts hervorgehoben. Neuere Studien haben für die Innerschweiz eine bereits hohe Selbstständigkeit in kirchl. Belangen geltend gemacht.
1526 luden die Innerschweizer Orte zu einer Disputation nach Baden ein. Ihr Ziel, die Zürcher zu isolieren, verfehlten sie; vielmehr distanzierten sich Bern und Basel nun von den Innerschweizern, und 1527 brachten die Ratswahlen in den beiden Städten eine Mehrheit von Befürwortern der neuen Ideen in den Rat. Der Berner Rat lud im Jan. 1528 nun seinerseits zu einer Disputation nach Bern ein. Wenige Tage später beschloss er die Einführung der R., ein entscheidender Schritt für den Erfolg der R. in der Schweiz, zumal nun weitere Gebiete und Orte dem Beispiel des mächtigen Stadtstaats folgten, wie noch gleichenjahrs die Stadt Biel. 1529 traten auch die Städte Basel und Schaffhausen endgültig zur R. über, in Glarus beschloss im Mai 1529 die Landsgemeinde, jede Gem. solle selbst über die Form ihres Gottesdiensts bestimmen. Unter dem Einfluss der R. in den Städten Bern, Biel und Basel schloss sich der Süden des Fürstbistums Basel der R. an.
Sowohl die neu- wie auch die altgläubigen Orte schlossen in dieser Situation Bündnisse, welche den Zusammenhalt der Eidgenossenschaft strapazierten (Christliche Vereinigung, Christliches Burgrecht). Ein militär. Konflikt konnte 1529 noch verhindert werden (Kappelerkriege). Der 1. Kappeler Landfrieden anerkannte die Koexistenz kath. und ref. Territorien und liess die reformator. Predigt in den gemeinsam verwalteten Untertanengebieten zu (Landfriedensbünde).
Während die Einigungsversuche zwischen Zwingli und Luther scheiterten (Augsburger Bekenntnis), machte die R. in der Eidgenossenschaft weitere Fortschritte: Zürich förderte nach wie vor die R. im Thurgau, im Toggenburg, unter den St. Galler Untertanen, im aarg. Bremgarten und in den Freien Ämtern; in der Westschweiz führte Neuenburg mit Berner Unterstützung 1530 die R. ein. Solche Initiativen gingen den Innerschweizern zu weit. Die Spannungen eskalierten 1531 im 2. Kappelerkrieg. Zürich erlitt mit seinen Verbündeten eine Niederlage, unter den rund 500 Toten war auch Zwingli. Der 2. Kappeler Landfrieden hielt fest, dass jeder Ort bei seinem Glauben bleiben solle. In den gemeinen Herrschaften konnten die ref. Gemeinden beim neuen Glauben bleiben oder aber zum alten zurückkehren; ein umgekehrter Wechsel war dagegen nicht vorgesehen.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Der Sieg der Altgläubigen bei Kappel, der dem kath. Lager für längere Zeit ein gewisses Übergewicht verschaffte, bedeutete in der Ostschweiz das Ende der raschen Erfolge für den neuen Glauben. Der Abt von St. Gallen zwang einen Teil seiner Untertanen zurück zum kath. Bekenntnis, die gemeinen Herrschaften Sargans und Rheintal wurden rekatholisiert. In Appenzell und Glarus wurde die Ausbreitung der R. beendet. Solothurn blieb katholisch, der Thurgau dagegen weitgehend reformiert. Grosse Zugewinne machte die R. dagegen nach 1531 in der Westschweiz, wo sich 1536 die Stadt Genf zu ihr bekannte bzw. Bern sie in der 1536 eroberten Waadt durchsetzte.
Bis weit ins 16. Jh. hinein versuchten ref. Gemeinschaften, sich als Kirche zu konstituieren. So sorgte in Graubünden das Gemeindeprinzip für Verschiebungen auf der konfessionellen Landkarte. Die Gem. des Engadins entschieden sich z.B. erst in der 2. Hälfte des 16. Jh. für den neuen Glauben. In Locarno entstand um 1540 eine ref. Gemeinde; 1555 wurden die Locarneser Reformierten gezwungen, ihren Glauben aufzugeben oder ihre Heimat zu verlassen. In den Walliser Gem. Leuk und Sitten bildeten sich im letzten Viertel des 16. Jh. ref. Gemeinden, die sich im 17. Jh. wieder auflösten.
In Zürich warf die Stadt- und v.a. die Landbevölkerung den Geistlichen nach dem Desaster von Kappel vor, Zürich in den Krieg gepredigt zu haben. Der Rat ernannte deshalb Heinrich Bullinger zum Antistes (Vorsteher) der Zürcher Kirche, der als Mann des Friedens präsentiert werden konnte. Bullinger verankerte, was Zwingli in Zürich begonnen hatte. Die übrigen ref. Kirchen der Eidgenossenschaft modellierten Institutionen nach Zürcher Vorbild, die sich unterschiedlich entwickelten (Evangelisch-reformierte Kirchen). Erst um die Mitte des 16. Jh. schwenkte z.B. Bern auf die Zürcher Linie ein. In Basel war die konfessionelle Identität noch länger umstritten, luth. Tendenzen blieben ausgeprägt. Zudem bot die Universitätsstadt auch einzelnen Vertretern nicht anerkannter Strömungen Zuflucht.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Der franz. Jurist und Humanist Johannes Calvin, ein Reformator der zweiten Generation, gab der R. neue Energie. Aus Frankreich geflüchtet, gelangte Calvin über Basel im Juni 1536 nach Genf, wo ihn Guillaume Farel zum Bleiben überredete. Genf hatte kurz zuvor eine prekäre polit. Unabhängigkeit von Savoyen erkämpft, den Bischof aus der Stadt vertrieben und schliesslich, unterstützt von Bern, die Messe abgeschafft. Farel und Calvin fühlten sich jedoch vom Rat nicht unterstützt, im Frühjahr 1538 mussten die beiden Genf verlassen.
Im Sept. 1541 kehrte Calvin auf Bitte des Rats nach Genf zurück. Noch im November genehmigte der Rat die hauptsächlich von Calvin ausgearbeiteten "Ordonnances ecclésiastiques", die Genfer Kirchenordnung. In den folgenden Jahren festigte Calvin diese auch institutionell. Durch Predigt, Katechese und sittengerichtl. Kontrolle versuchte er zusammen mit der Compagnie des pasteurs, die Stadtbewohner zur christl. Lebensführung zu erziehen. Bis 1555 kam es immer wieder zu Protesten gegen die allesamt aus Frankreich stammenden Pfarrer und gegen das Konsistorium. Prozesse um Calvins Theologie erregten europaweit Aufsehen. Erst nach einem polit. Umsturz legte sich der Widerstand gegen die franz. Pastoren. 1559 wurde eine Akademie gegründet, die Ausbildungsstätte zahlreicher Pfarrer und Lehrer des calvinist. Europas wurde (Calvinismus). In den 1550er Jahren produzierten in Genf rund 30 Druckereien antikath. Propaganda und ref. Schriften, besonders für den franz. Markt. Auch der franz. Psalter, eines der eindrucksvollsten Publikationsunternehmen des 16. Jh., hatte dort enormen Erfolg (Kirchenlied).
Nach anfängl. Zurückhaltung unterstützte Calvin auch die Gründung von Kirchen im Untergrund. In ganz Europa entstanden sog. calvinist. Gemeinschaften, die allerdings nicht nur von Calvin, sondern auch von anderen Theologen wie Zwingli, Bullinger und Martin Bucer geprägt waren. Da sie sich stark voneinander unterschieden, kann kaum von einer "calvinist. Mentalität" gesprochen werden.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Neben den etablierten Reformatoren forderten schon ab den frühen 1520er Jahren auch als "radikal" bezeichnete Stimmen eine R., die nie die Unterstützung der Obrigkeiten erlangten, z.B. die Spiritualisten (Spiritualismus), die Antitrinitarier und die Gruppen der bekanntesten "radikalen" Strömung, die Täufer. Die Forschung spricht aber auch in Zusammenhang mit Individuen wie Bernardino Ochino oder Lelio Sozzini von "radikaler R.".
Von Zürich aus fand die Idee der Bekenntnistaufe in der Mitte der 1520er Jahre v.a. in Schaffhausen, St. Gallen, Appenzell und Basel Anhänger, dann auch in Solothurn und v.a. in Bern, das die Gruppen im Emmental nicht zu kontrollieren vermochte. Für die R. stellt die Debatte um die Taufe insofern einen Wendepunkt dar, als dass sich nun erwies, dass die sich etablierende ref. Theologie zur Aufgabe bestimmter Traditionen nicht bereit war. Die Täufer wurden mit theol. und polit. Argumenten bekämpft und von Kirche und Obrigkeit bis ins 18. Jh. verfolgt. Für Zwinglis Nachfolger Bullinger waren nicht mehr die "Papisten", sondern die Täufer die schlimmsten Gegner der "wahren Kirche". Ähnlich wie Luther, Zwingli oder Bullinger bekämpfte auch Calvin das Täufertum in seinen Schriften.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Die R. wird oft mit Erscheinungen in Verbindung gebracht, die als Errungenschaften der Moderne gelten, so mit Religions- und Meinungsfreiheit, Pluralismus und Demokratie, Liberalismus und Individualismus. Fassbarer als diese umstrittenen "Fernwirkungen" sind die unmittelbaren Folgen des religiösen Wandels, der in der Schweiz v.a. den ref. Orten ein neues Gesicht verlieh: Die Obrigkeit übernahm die Aufsicht über die Kirche (Kirche und Staat), die Säkularisation der kirchl. Einrichtungen veränderte Lebensräume und Lebensrhythmen (Kirchenjahr), Klöster wurden in Einrichtungen für die Armen- und Krankenversorgung umgewandelt, die Geistlichen integrierten sich ins Bürgertum und bildeten mit ihrer Fam. eine neue soziale Gruppe. Da Laien, Geistliche und Beamte im neuen Glauben eingeübt werden sollten, entstanden neue Schulen. Die Bevölkerungsstruktur wandelte sich infolge der vielen Protestantischen Glaubensflüchtlinge v.a. in Genf, in minderem Masse auch in Zürich und Basel. Unklar ist, wie stark die R. die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sowie Eltern und Kindern verändert hat. Ältere Historiker sahen in der Aufhebung des Priesterzölibats und der Aufwertung der Ehe Vorzeichen der Moderne; neuere Forschungen betonen eher die Kontinuitäten und unterstreichen eine Stärkung der Rolle der Hausväter. So wurden z.B. nach prot. Verständnis Ehescheidungen zwar möglich, vollzogen wurden sie aber selten.
Die zahlreichen Bibelübersetzungen in die Volkssprachen gelten als das grosse Verdienst der R. Überhaupt stellte die reformator. Theologie das Wort ins Zentrum. Der Protestantismus wurde deshalb oft als entritualisierte, rationale oder verinnerlichte Religion beschrieben; Volksbräuche und mag. Vorstellungen wurden dem Katholizismus zugeordnet. Neuere kulturgeschichtl. Untersuchungen präsentieren jedoch für das 16. und 17. Jh. ein anderes Bild: Rituale wurden in den neuen Kirchen nicht einfach abgeschafft, sondern umgedeutet oder neu erfunden. Auch die Angst vor Magie und Hexerei liess im 16. Jh. nicht nach, was z.B. die in der ref. Waadt besonders zahlreichen Hexenprozesse belegen.
Bis in die Mitte des 16. Jh., mancherorts auch länger, blieben die konfessionellen Grenzen fliessend. In Glarus, Teilen Graubündens und im Thurgau teilten sich Katholiken und Evangelische an vielen Orten eine Kirche (Konfessionelle Parität). Formen der altgläubigen Frömmigkeit blieben bestehen, nicht nur auf dem Land. Ab der 2. Hälfte des 16. Jh. wurden die Unterschiede zwischen den Konfessionen deutlicher formuliert, Spannungen (nicht nur religiöser Art) begannen sich in konfessionellen Konflikten zu entladen. Während in Glarus beispielsweise die kath. Minderheit eigene behördl. Strukturen aufrichtete (Glarnerhandel1559-60), führten die Auseinandersetzungen in Appenzell 1597 zur Landesteilung.
Diese Entwicklungen betonten auf beiden Seiten das konfessionelle Moment (Konfessionalismus). In der Schweiz machten sich Katholische Reform und Gegenreformation bemerkbar; Jesuiten und Kapuziner liessen sich zunächst in der Innerschweiz, dann auch in anderen Orten nieder (Volksmissionen, Konversionen). 1586 schlossen sich die kath. Orte der Schweiz zu einer konfessionell geprägten Allianz zusammen, dem Goldenen Bund, und kurz darauf verbündeten sie sich mit Spanien.
Auch der Schweizer Protestantismus festigte sich, insbesondere durch das Zusammengehen der Kirchen Genfer und Zürcher Prägung. Ein wichtiger Schritt war diesbezüglich das im Consensus tigurinus (1549) formulierte gemeinsame Abendmahlsverständnis. Bullingers Helvetisches Bekenntnis von 1566 gilt als Markstein der ref. Konfessionsbildung.
Hervorzuheben ist schliesslich die Ausstrahlung der Schweizer Reformatoren. Die Schriften Zwinglis, Calvins, Bullingers und Theodor Bezas waren in ganz Europa verbreitet; Calvin und Bullinger unterhielten ein weitgespanntes Korrespondentennetz. Genf und Zürich, aber auch Basel waren im 16. Jh. wichtige Bildungszentren für den internat. Protestantismus. Während der internat. Charakter des Calvinismus schon lange unumstritten ist, haben unlängst versch. Studien auch die Bedeutung des von Bullinger vertretenen Zwinglianismus betont.
Die R. zählt zu den prägendsten und wirkungsvollsten Ereignissen der Schweizer Geschichte. Für die Eidgenossenschaft bedeutete sie eine Zerreissprobe: Sie spaltete die Orte und führte - wie in vielen Teilen West- und Mitteleuropas - zu Unruhen und Kriegen (z.B. Erster Villmergerkrieg, Zweiter Villmergerkrieg). Konfessionell aufgeladene Konflikte bestimmten bis ins 19. Jh. auch soziale und polit. Auseinandersetzungen (Sonderbund, Kulturkampf). Für die Geschichte und das Selbstverständnis der Schweiz war der Umstand entscheidend, dass die polit. Kooperation über die religiösen Grenzen hinweg auf Dauer möglich blieb (Religiöse Toleranz).
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Bis in die Mitte des 20. Jh. dominierten theol. und polit. Fragen die Geschichtsschreibung zur R. der Schweiz. Die meisten der Briefe und Schriften Zwinglis, Calvins und Oekolampads liegen dank der Initiativen des 19. und frühen 20. Jh. ediert vor - ein Umstand, der die Ausrichtung der Forschung stark geprägt hat. Ausserdem wurden reformationsgeschichtl. Aktensammlungen in einzelnen Kantonen herausgegeben. Editionsprojekte, die Zwinglis und Calvins Nachfolgern Bullinger und Beza gewidmet sind, nahmen die beiden Reformationsinstitute der Schweiz in Zürich und in Genf erst in jüngerer Zeit in Angriff. Für das Studium der Genfer R. sind die "Registres de la Compagnie des pasteurs de Genève" sowie die "Registres du Consistoire de Genève au temps de Calvin" (seit 1994) von grosser Bedeutung. In Genf ist auch das 2005 neu eröffnete Internat. Museum der R. angesiedelt.
Erst nach dem 2. Weltkrieg trat die Frage in den Vordergrund, warum die Reformatoren so breiten Anklang fanden. Die sozialgeschichtl. Forschung hat die R. zunächst als städt., dann auch als ländl. Ereignis erklärt: Bürger und Bauern gehörten in Mitteleuropa zu den aktivsten Unterstützern religiöser Reformen. Auch in der Schweiz reagierte die polit. Elite oft erst unter dem Druck der Landbevölkerung oder der Zünfte. Zudem wurden Fragen nach der Überzeugungskraft der evang. Botschaft (z.B. Rezeption, Medien) wie auch nach der Organisation einer neuen Kirche (z.B. Sittengerichte, Schulen) untersucht.
In jüngerer Zeit haben kulturgeschichtl. Ansätze die Annahme einer Entzauberung und Rationalisierung des Gottes- und Weltverständnisses durch die R. in Frage gestellt. Eine Reihe grundlegender Studien aus den letzten Jahren war den Täufern gewidmet. Schliesslich beschäftigen sich die Theologen und Historiker seit dem 16. Jh. mit der Frage, wie das Bündnissystem der Eidgenossenschaft die R. zu überdauern vermochte.
Autorin/Autor: Caroline Schnyder
Autorin/Autor: Caroline Schnyder