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Proletarische Kunst
Clément Moreau hatte es immer abgelehnt hatte, als Künstler bezeichnet zu werden. Er wollte nur ein «menschlicher Gebrauchsgrafiker» sein: «Jedermann, der meine Arbeit gebrauchen kann, dem gehört sie.» Während seines langen Lebens – er starb 1988 im Alter von 85 Jahren – hat er sich mit der harten Wirklichkeit auseinandergesetzt, die ihn seit seiner Jugend begleitete und die er bildnerisch gestaltete. Er wollte die Menschen aufklären, sie erschüttern und betroffen machen und ihnen zeigen, unter welchen Umständen sie leben und wie sie die Zustände verändern können. Gewalt, Unterdrückung und Verelendung waren das beherrschende Thema seiner Arbeiten. Unermüdlich kämpfte er für Menschlichkeit und gegen den Faschismus in all seinen Erscheinungsformen. Oft stand er an vorderster Front der Auseinandersetzungen.
In einem Interview 1977 formulierte er das Wesen seiner Arbeit: «Das, was ich zu sagen habe, will ich auf die einfachste Art sagen, so einfach wie eine Schrift. Dazu brauche ich eine absolut konzentrierte Form. Eine Form, die alles Überflüssige weglässt und nur das Essentielle sagt, damit es unmissverständlich wird. Ich versuche, einen Inhalt zu illustrieren, den ich erfahren oder erlebt habe, den ich wirklich kenne … Der erste Schritt ist der: Kann ich Verständnis wecken, so kann es gelingen, Kontakt herzustellen. Das ist die Voraussetzung. Ich möchte den Menschen zum Denken anregen; wenn mir das gelingt, habe ich Glück.»
Ungeschönte Realität
Seine Themen verarbeitete Moreau zu Bilderserien, von denen «Nacht über Deutschland», entstanden im argentinischen Exil 1937/1938, als eines der wichtigsten Werke der antifaschistischen Exilkunst gilt. Er schuf Buchumschläge und Illustrationen zu Büchern, die in der Büchergilde Gutenberg, im Verlag Oprecht & Helbling in Zürich, bei Rowohlt in Hamburg usw. erschienen, darunter mehrere Werke von Ignazio Silone. Zudem war er Mitarbeiter in zahlreichen argentinischen Zeitungen sowie beim «Basler Vorwärts», dem Organ der KPS, beim «Öffentlichen Dienst», der Zeitung des VPOD, und vielen anderen Blättern der Arbeiterpresse. Seine Arbeiten signierte er mit dem Monogramm «cm», das sowohl für seinen ursprünglichen Namen Carl Meffert als auch für das nach der Emigration in die Schweiz 1933 gewählte Pseudonym Clément Moreau steht.
Als Medium für seine Arbeiten bevorzugte er den Linolschnitt, der es ihm erlaubte, ein Geschehen rasch und prägnant festzuhalten, denn im Gegensatz zum harten Holz lässt sich das weichere Linol mit dem Messer leicht und einfach bearbeiten. Die Druckform, die ohne Mühe hergestellt ist, ermöglicht viele Abzüge und eignet sich für die maschinelle Weiterverarbeitung. Der Linolschnitt lebt von den harten Kontrasten zwischen Licht und Schatten, was Moreau erlaubte, die Realität ungeschönt und massenwirksam darzustellen. Die Virtuosität, mit der er das Material bearbeitete, ist erstaunlich.
Moreau war während seines ganzen Lebens Emigrant. Er wuchs in Deutschland auf, kämpfte sich durch eine brutale Jugend und wurde in Berlin Schüler von Emil Orlik und Käthe Kollwitz, die ihm eine «ungewöhnliche Begabung» bescheinigte. Nach der Machtübernahme durch die NationalsozialistInnen entkam er bei der Flucht in die Schweiz nur knapp der Gestapo. Hier lebte er bis 1935 in der politischen Illegalität, ständig von der Fremdenpolizei bedrängt, bis ihn die drohende Verhaftung zwang, ins argentinische Exil weiterzureisen, das ihm während 27 Jahren zur neuen Bleibe wurde. Doch auch in Argentinien mit seiner grossen deutschen Kolonie blieb für ihn die faschistische Gefahr präsent. Die deutsche Botschaft versuchte, seine Veröffentlichungen durch die argentinische Zensurbehörde verbieten zu lassen. Nachdem eine nationalistische Junta unter General Perón an die Macht gelangt war, wurde er nach Patagonien in den Süden des Kontinents verbannt, wo er als Gefangener Werbegrafik für die Regierung machen musste. 1950 gelang ihm die Flucht nach Uruguay. Wieder in Argentinien erlebte er die politischen Wirren nach dem Sturz Peróns, konnte sich aber an sozialen Projekten zur Entwicklung des Landes beteiligen. Während einer Europareise wurde er von einem neuen Umsturz in Argentinien überrascht, der ihm den Rückweg abschnitt. Er musste in die Schweiz zurückkehren, wo ihm das durch den «Arbeitsfrieden» gelähmte politische Klima den Boden für seine bisherige Arbeit entzog. In all den schwierigen Jahren seines Lebens war er unentwegt als politischer Grafiker tätig. Seinen Kampf gegen den Faschismus hatte er nie aufgegeben. «Man könnte eigentlich sagen, von Beruf bin ich ein Emigrant», sagte er später. «Wo ich auch hinkam, musste ich als Emigrant wieder weg. Man wird als Emigrant durch die Welt gehetzt.»
Zeitlose Bedeutung
In der Schweiz wurde er erst in den zwei letzten Jahrzehnten seines Lebens als Künstler anerkannt, zu einer Zeit, in der seine Kunst ihre direkte Wirkung nicht mehr entfalten konnte. Jetzt begannen sich die Galerien, wo seine Kunst ihrer Bestimmung nach eigentlich gar nicht hingehörte, für ihn zu interessieren. Es folgten Ausstellungen und Ehrungen. So ist der Weg der Schweiz, dem sich auch die proletarische Kunst nicht entziehen kann.
Wer Moreau in Zürich in seiner kleinen Wohnung an den Oberen Zäunen besuchte, traf einen bescheidenen und hilfsbereiten Menschen, die Pfeife als Ausdruck seiner Gelassenheit stets in Reichweite. BesucherInnen waren ihm immer willkommen, und bereitwillig signierte er mitgebrachte Drucke. So bleibt er uns in Erinnerung, ungebeugt trotz aller Schwierigkeiten, die sein Leben begleiteten. Wäre es nicht an der Zeit, seine Werke, die im Schweizerischen Sozialarchiv aufbewahrt werden, der Öffentlichkeit in einer Ausstellung wieder vor Augen zu führen? Die politischen Zustände, gegen die er gekämpft hatte, haben sich nicht grundlegend geändert. Unrecht, Unterdrückung, Folter und Mord sind noch immer allgegenwärtig. Moreaus Gesamtwerk, das aus der Auseinandersetzung mit den Problemen seiner Zeit entstanden ist, bleibt aktuell und wird seine zeitlose Bedeutung behalten.