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ACTARES erkundigte sich im Frühjahr 2004 bei Lindt & Sprüngli, welche Massnahmen getroffen werden, um die Transparenz bezüglich ethisch-ökologischer Aspekte zu verbessern. Das Unternehmen hatte in der Untersuchung der Fachhochschule Nordwestschweiz Aargau über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Schweizer Unternehmen mässig abgeschnitten. Darauf wurde ACTARES zu einem Gespräch eingeladen. Lindt & Sprüngli pflegt ein solides Umweltmanagement. Hingegen ist im komplexen und sensiblen Thema der Rohstoffbeschaffung vieles erst angedacht; der Weg zu einer kontrollierten Zulieferkette und zu garantiert menschengerecht produzierten Pralinés muss noch beschritten werden.
Kakao: Kinderhandel und Sklavenarbeit in der Elfenbeinküste
Der wichtigste Rohstoff zur Herstellung von Schokolade, Kakao, stammt ursprünglich aus Lateinamerika. Grösstes Exportland mit rund 43% der weltweiten Kakaoproduktion ist heute die Elfenbeinküste. Von dort sind Berichte über Kinder- und Zwangsarbeit im Kakaoanbau bekannt. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO berichtete 2001, dass in der Kakaoproduktion in Westafrika Kinderhandel und Sklavenarbeit vorkommen. Das International Institute of Tropical Agriculture hat diese Berichte 2002 überprüft und ist zum Schluss gekommen, dass Kindersklavenarbeit selten, Kinderarbeit aber weit verbreitet ist. 85 % des Kakaos wird von Kleinbauern produziert, der Rest in Plantagen.
Zutaten von Schokolade
Die wichtigsten Zutaten von Schokolade sind Kakaobohnen und Kakaobutter. Bezogen auf deren Herkunft ist Lindt & Sprüngli von den gravierenden Menschenrechtsproblemen in Westafrika nur teilweise betroffen. Als “Premiumanbieter” hat Lindt & Sprüngli die Rezepturen stark auf die teureren lateinamerikanischen/karibischen Provenienzen ausgerichtet. Die afrikanischen Hybridsorten sind qualitativ für die edlen Produkte nicht ausreichend. Bei der Kakaobutter hingegen spielt die Herkunft eine kleine Rolle. Kakaobutter ist ein geschmacksneutrales Zwischenprodukt, das bei der Verarbeitung der Bohnen anfällt. Lindt & Sprüngli kauft sie bei grossen internationalen Kakaoverarbeitern ein. Ihre Herkunft kann nicht zurückverfolgt werden. Ein Teil der Kakaobutter stammt aber mit grosser Wahrscheinlichkeit aus Westafrika.
Die Kakaopreise
Bis Ende der Achtzigerjahre existierte ein internationales Kakao- und Kaffeeabkommen mit Preisdämpfungsmechanismen. Dann begann Malaysia auf gerodetem Urwaldboden massiv Kakao anzubauen. Dies führte zu einem grossen Überangebot und brachte das Kakaoabkommen Ende der Achtzigerjahre zu Fall, worauf der Kakaopreis einen absoluten Tiefstand erreichte. Kakao wird heute hauptsächlich an den Warenterminbörsen in London und New York gehandelt, wo der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Diese werden vom Wetter, aber auch von politischen Entwicklungen in den Anbauländern sowie durch Spekulation beeinflusst.
Nach einer Erholung in den Neunzigerjahren fiel der Kakaopreis im April 2001 auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren und deckte die Produktionskosten nicht mehr. Im Laufe des Jahres 2002 haben sich die Kakaokurse als Folge des Bürgerkrieges in der Elfenbeinküste jedoch rasch nach oben entwickelt. Auch die Unruhen im November 2004 führten zu einem Preisanstieg.
Beschaffung der Rohstoffe
Lindt & Sprüngli bezieht keine Bohnen von der Londoner Terminbörse, da Qualität und Herkunft nicht kontrolliert werden können. Deshalb kauft das Unternehmen die Bohnen bei spezialisierten Händlern. Diese decken sich je nach Herkunftsland über staatliche Verkaufgesellschaften oder lokale Exporteure ein. In Ländern mit staatlichen monopolistischen Einkaufsgesellschaften ist Korruption häufig. Problematisch ist auch, dass der Handel in manchen Ländern über viele Zwischenstufen läuft. Die Kakaobauern profitieren aus diesen Gründen nur selten von Preisanstiegen am Weltmarkt.
Lindt & Sprüngli hat bisher wenig direkten Kontakt zu den Kakaobauern. Das liege daran, dass nur der Grosshandel in der gewünschten Qualität, Menge, Konstanz und Zuverlässigkeit liefern könne. Somit kann kein direkter Einfluss auf Erzeugerpreise und Arbeitsbedingungen genommen werden. Möglichkeiten, um die Produktionsstandards zu sichern, wären eigene Plantagen oder die Zusammenarbeit mit gut organisierten Kooperativen. Lindt & Sprüngli bemüht sich in Lateinamerika aktiv um Direktkontakte mit Produzenten, dies sei aber nicht einfach. Vor einigen Jahren scheiterte ein Versuch, mit Vermittlung der Weltbank feste Abnahmeverträge auf 10 Jahre mit fixen Preisen abzuschliessen. Einen konkreten Vorgehensplan zu direkteren Produzentenbeziehungen und zur verbesserten Kontrolle der Zulieferkette weist Lindt & Sprüngli noch nicht vor.
Nach wie vor führt Lindt & Sprüngli keine Produkte mit einem Fairtrade- oder Umweltlabel im Sortiment. Als Grund nennt das Unternehmen die mangelnde Vielfalt im Bohnenangebot, welche der Qualität einer solchen Produktelinie Grenzen setzen würde. Zum Thema Kinder- und Sklavenarbeit in Westafrika engagiert sich Lindt & Sprüngli nur indirekt. Das Unternehmen ist nicht Mitglied der International Cocoa Initiative, unterstützt aber über den Verband der schweizerischen Schokoladefabrikanten Chocosuisse die Bemühungen, zusammen mit der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, Verbesserungen zu erreichen.
Beurteilung durch ACTARES
Lindt & Sprüngli ist generell sehr zurückhaltend mit der Veröffentlichung von Informationen. Das interne Umweltmanagementsystem scheint solide und die relevanten Umweltkennzahlen werden in allen acht Produktionsstätten systematisch erhoben. Zwei Werke sind nach ISO 14001 zertifiziert. Jeder Produktionsstandort erhält jährlich Verbesserungsvorgaben, die aber nicht näher beschrieben wurden. Lindt & Sprüngli scheut offensichtlich davor zurück, diese Zahlen zu publizieren, z.B. im Rahmen der regulären Jahresberichte. Auch andere wichtige Informationen werden vorerst vornehm verschwiegen, z.B. dass kein Palmöl verwendet wird und dass alle An-strengungen gemacht werden, keine genveränderten Rohstoffe zu verarbeiten. Man könne aufgrund der komplexen Beschaffungsstrukturen nicht garantieren, dass diese Prinzipien jederzeit zu 100% eingehalten würden. Wieso können solch interessante Informationen nicht mit dieser Einschränkung publiziert werden? ACTARES hofft, dass sich Lindt & Sprüngli in Zukunft zu einer angemessenen Nachhaltigkeitsberichterstattung entschliessen kann, die Probleme beim Namen nennt und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigt.
Die Beschaffungssituation ist bestimmt komplex. Lindt & Sprüngli ist über die ethischen Probleme im Kakaoanbau ausgezeichnet informiert. ACTARES hat aber den Eindruck, dass mehr getan werden könnte, um Verbesserungen in den beiden sensiblen Gebieten Kinderarbeit und faire Produzentenpreise zu erzielen. Die Unzufriedenheit von Lindt & Sprüngli mit der Qualität der Max-Havelaar-zertifizierten Kakaobohnen könnte gerade ein Ansporn sein, in dieser Hinsicht einen Beitrag zu leisten und eine “Havelaar Premium Schoggi” zu kreieren. Eine grössere Nachfrage würde zu einer Zunahme zertifizierter Produzenten und damit zu einer grösseren Angebotsvielfalt führen. Auch wenn die Garantie einer menschen- und umweltgerechten Zulieferkette nicht gleich aufs ganze Sortiment angewendet werden kann, so könnte das Unternehmen mit einer solchen Zusammenarbeit sicher wertvolle Erfahrungen gewinnen. Denn eins ist sicher: Auf lange Sicht vertragen sich Schokoladegenuss und Kinderelend schlecht.
Die Internationale Kakao-Initiative (ICI): 2002 wurde die International Cocoa Initiative (ICI) gegründet, eine gemeinnützige Stiftung, die zum Ziel hat, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit im Anbau und in der Verarbeitung von Kakaobohnen und Kakaoprodukten zu beseitigen. Sie will eine Zertifizierung einführen, mit einem System zur kontinuierlichen Überwachung der Massnahmen durch unabhängige Drittparteien sowie zur regelmässigen Berichterstattung. Im Stiftungsausschuss sind VertreterInnen der Kakaoindustrie sowie der wichtigsten Anspruchsgruppen (Gewerkschaften, Menschenrechts- und KonsumentInnengruppen) vertreten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wirkt als Beraterin des Stiftungsvorstands. In einem ersten Schritt wurde eine Reihe von Pilotprojekten in Westafrika gestartet. Diese sollen verantwortungsvolle Arbeitspraktiken fördern und Fälle von missbräuchlicher Kinderarbeit bekämpfen. Andere Projekte sollen zur Stärkung der bäuerlichen Gemein-schaften beitragen, zu einer Verbesserung des bäuerlichen Einkommens führen und den Kakaobauern und LandarbeiterInnen bessere Ernährung, medizinische Versorgung und Ausbildung ermöglichen.