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Bereits mit den Landschulverordnungen des 17. und 18. Jahrhunderts wurde in verschiedenen Kantonen erstmals die Unterrichtspflicht eingeführt. Die Schulpflicht wurde bewusst als Instrument gegen die Kinderarbeit durchgesetzt. Der in der Folge ständige Ausbau der Volksschule führte zur Entwicklung ihrer bewährten tragenden Säulen:
Schule für alle
Die junge Direkte Demokratie verlangte eine Schule für alle. Seit den 1830er Jahren garantieren die Kantone die Volksschule als Schule, die von Anfang an alle Kinder einschloss: reich und arm, Knaben und Mädchen.
Organisationsform zur Förderung des sozialen Zusammenhalts
Die heutige Organisationsform mit der Unterscheidung von Primarstufe und Sekundarstufe, mit öffentlicher Aufsicht, Trägerschaft und Finanzierung über Steuergelder entwickelte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die Volksschule umfasste zunächst nur die Primar- oder Elementarschule und die daran anschliessende Primaroberstufe (auch Ergänzungs-, Repetierschule, Wiederholungs- oder Realschule genannt), deren Besuch obligatorisch war. In der Primarschule werden alle Schüler bis heute in nicht selektionierten Klassen unterrichtet, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern.
Der Besuch der Sekundar- oder Bezirksschulen, die in allen Kantonen im mittleren Drittel des 19. Jahrhunderts etabliert wurden, war zunächst nicht obligatorisch und auch kostenpflichtig. Er war vor allem auf die Ausbildung des allmählich entstehenden Mittelstandes ausgerichtet und sollte mit ihren dezentralen Standorten einen Beitrag dazu leisten, die Benachteiligung der Landbevölkerung hinsichtlich Bildung zu vermindern.
In der Primarschule werden alle Schüler bis heute in nicht selektionierten Klassen unterrichtet, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern.
Ganzheitliche Erziehung zur Freiheit und Praxisbezug
Die Volksschule verfolgte einen ganzheitlichen, naturrechtlichen Ansatz nach dem Vorbild von Pestalozzis „Kopf, Herz und Hand“. Im Sinne der „Arbeitsschule“ sollte die Volksschule die Kinder zu tüchtigen Berufsleuten und Staatsbürgern heranbilden, um sie aus der Armut zu befreien. Auch die Lehrerausbildung hatte einen starken Praxisbezug, die Akademisierung der Lehrer war nicht erwünscht. Ein Lehrerausbilder ohne Schulpraxis war undenkbar. Die Lehrmittel wurden von erfahrenen Lehrern und Lehrerausbildern verfasst.
Homogene Jahrgangsklassen
Das Ziel des wirkmächtigen Klassenunterrichts war, dass alle Schüler im Sinne der Chancengleichheit den ganzen Stoff beherrschen mussten und die Jahrgangsziele erreichten. Damit der Klassenunterricht effizient gestaltet und alle Schüler mitgenommen werden konnten, wurde auf grösstmögliche Homogenität im Klassenverband geachtet. Bei ungenügender Promotion am Ende des Schuljahres musste repetiert werden, was allerdings nur wenige Schüler betraf. Jeder Lehrer war darauf bedacht, dass er dem Kollegen keine Klasse mit Stofflücken übergab. Auch innerhalb der ländlichen Gemeinschaftsschulen wurde nach Jahrgangsklassen unterrichtet.
Anerkannte fachliche und erzieherische Autorität
Mit der Gründung praxisorientierter Lehrerseminare wurde die Lehrerausbildung professionalisiert (Zürcher Seminar Küsnacht 1832, Berner Seminar Hofwil/Münchenbuchsee 1832). Die Lehrer wurden von den Eltern und in der Gemeinde als fachliche und erzieherische Autoritäten hoch geachtet und waren oft auch in den lokalen Milizbehörden und Vereinen aktiv.
Demokratische Schulaufsicht und Lehrerwahl
Mit der demokratischen Schulaufsicht und der Lehrer- und Schulbehördenwahl war die Volksschule stark im Volk verankert. Die Schulaufsicht garantierte das hohe Niveau der Volksschule und war bei deren Weiterentwicklung an vorderster Front tätig. Bekannte Persönlichkeiten wie Jeremias Gotthelf stellten sich als Schulinspektoren zur Verfügung, beteiligten sich an der öffentlichen, direktdemokratischen Schuldebatte und machten in der Öffentlichkeit auf Fehlentwicklungen aufmerksam.
Für behinderte Kinder gab es spezialisierte private Einrichtungen, wie diejenige des Pfarrers und Taubstummenlehrers Heinrich Keller, der 1777 in seinem Pfarrhaus in Schlieren die erste kleine Taubstummenschule gründete, in der er die Lautsprache lehrte.
Differenzierung und Spezialisierung
Neue Erkenntnisse aus verwandten Disziplinen (Philosophie, Tiefenpsychologie, Heilpädagogik usw.) wurde in die pädagogische Arbeit einbezogen. Das führte zur Entwicklung neuer differenzierter Schulformen und zur Spezialisierung bei der Lehrerausbildung.
Für behinderte Kinder gab es spezialisierte private Einrichtungen, wie diejenige des Pfarrers und Taubstummenlehrers Heinrich Keller, der 1777 in seinem Pfarrhaus in Schlieren die erste kleine Taubstummenschule gründete, in der er die Lautsprache lehrte. Die Bildung „taubstummer“ Menschen und die Frage nach Möglichkeiten des Spracherwerbs wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (Theologie, Medizin, Philosophie, Pädagogik) diskutiert und trug daher neben der organisationalen, auch zur professionellen Institutionalisierung (Verbände, private Heime oder Hilfsklassen) der Heilpädagogik im 19. Jahrhundert bei. Mit der Beschulung von behinderten Kindern und Jugendlichen unter dem Dach der Volksschule erfuhr die Heilpädagogik zunehmende Relevanz.
Wenn einzelne in der Schule zurückgebliebene Kinder durch besondere unterrichtliche Bemühungen imstande waren, Stoff- und Klassenziele ihrer Altersstufe wieder restlos einzuholen, wurde ihr Rückstand nicht als Folge einer echten Entwicklungshemmung verstanden, die eine heilpädagogische Bildung erfordert hätte.
1931 wurde an der Universität Zürich der Lehrstuhl für Heilpädagogik geschaffen, der zugleich der erste in Europa war.
Qualitativ hochstehendes Bildungswesen
Das Zusammenspiel der verschiedenen bewährten Säulen der Volksschule führte zu einem weltweit anerkannten hohen Niveau der Schweizer Volksschule, die unter anderem bis nach Japan ausstrahlte. Diese breite Volksbildung auf hohem Niveau ermöglichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Transformation der agrarisch geprägten Schweizer Wirtschaft zu einer führenden Industrienation und bildete die Grundlage für unseren heutigen hohen Lebensstandard. Sie war gleichzeitig ein wichtiger Faktor beim Ausbau der direkten Demokratie und der Entwicklung des Milizsystems. Die Volksschule machte die Schweiz zum Land der Nobelpreisträger und zum Patentweltmeister.
Die Volksschule, ein Kind ihrer Zeit
Die Volksschule ist aus teilweise heftigen politischen und pädagogischen Auseinandersetzungen in der Schuldebatte hervorgegangen. Aus heutiger Sicht gäbe es vieles zu bemängeln, wie etwa die Prügelstrafe, autoritäre Wertvorstellungen, Lehrerinnenzölibat usw. Die Schule ist immer auch ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft, ihrer Vorstellungen von Erziehung, ihrer politischen Zustände, ihres Menschenbildes usw.
„Never change a winning horse“
Was in über hundert Jahren in engem Praxisbezug an humaner pädagogisch-psychologisch orientierter Bildung von unseren Vorfahren sorgfältig aufgebaut wurde, ist heute nur noch rudimentär vorhanden. Die tragenden Säulen wurden innert weniger Jahre mit vorwiegend ideologischen Begründungen scheibchenweise abgebaut. Die Reformer wollten die Volksschule „vom hohen pädagogischen Ross“ herunterholen.
Heute stehen wir vor einem Trümmerhaufen und sind dennoch fest überzeugt, unser zeitgemässes, modernes Bildungswesen sei fortschrittlich und allem bisherigen und allen anderen überlegen. Selbst die PISA-Resultate mit der von Mal zu Mal grösser werdenden Schar 15-jähriger funktionaler Analphabeten, die mittlerweile 25% der Schulabgänger ausmacht, kann uns offenbar nicht zur Einsicht und Umkehr bewegen.
Peter Aebersold
Quellen:
Lucien Criblez: Eine Schule für die Demokratie: Zur Entwicklung der Volksschule in der Schweiz im 19. Jahrhundert. Lang, Bern