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Nutzen und Wesen des Geldes können anhand seiner Funktionen beschrieben werden. Im Mittelpunkt steht die Funktion als Zahlungsmittel. Es ist offensichtlich, dass die Verwendung eines möglichst allgemein und vorbehaltlos akzeptierten Tauschmediums die Effizienz des Wirtschaftssystems massiv erhöht. Beim reinen Naturaltausch kommen wirtschaftliche Transaktionen nur unter engen Voraussetzungen zustande – oder in einer klassischen Metapher ausgedrückt: Der hungrige Schneider muss auf den frierenden Bäcker treffen.
Die Einführung eines allgemein gebräuchlichen Tauschmittels befreit die Volkswirtschaft von dieser Fessel und setzt ökonomische Potenziale frei. Die arbeitsteilige Wirtschaft, die wir heute kennen, wäre ohne sie nicht möglich. Mit der Verwendung als Zahlungsmittel geht fast immer auch die Rolle als systemweit verwendete Recheneinheit einher: Die Geldeinheit dient als einheitlicher Bewertungsmassstab für wirtschaftliche Güter und Aktivitäten. Ein solcher «Numéraire» ist für die Funktionsfähigkeit einer Volkswirtschaft von ähnlicher Bedeutung wie einheitliche Masse für Gewichte, Distanzen oder Temperaturen. Schliesslich sollte Geld auch als Wertaufbewahrungsmittel tauglich sein. Dazu muss es über eine möglichst hohe Kaufkraftstabilität für Güter und Dienstleistungen verfügen.
Wie und wann genau im Laufe der Geschichte der Übergang vom Naturaltausch zur Geldwirtschaft stattgefunden hat, ist umstritten. Sicher ist, dass bereits die griechischen Stadtstaaten und das Römische Reich voll entwickelte Geldwirtschaften waren und der Gebrauch von Geld seit mehr als 2000 Jahren allgegenwärtig ist.
Bis vor wenigen Jahrhunderten hatte das Geld in Europa fast ausschliesslich die Form geprägten Metalls. Münzen aus Silber, Gold und anderen Metallen waren in grosser Zahl im Umlauf. Papiergeld, in China bereits im 11. Jahrhundert eingesetzt, kam in Europa erst viel später auf. 1661 begann die Stockholms Banco, eine private Bank, mit der Ausgabe von Banknoten, zunächst mit sehr mässigem Erfolg. Bereits 1609 führte die Amsterdamer Wisselbank Buchgeld in der Form von Bankeinlagen und bargeldlosem Ausgleich von Forderungen zwischen Konten ein. Dieses entwickelte sich allerdings erst im Laufe der letzten 150 Jahren zum dominanten Zahlungsmedium. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein herrschte die Vorstellung vor, dass Banknoten und Buch- oder Giralgeld blosse Geldsurrogate sind und das Metallgeld das eigentliche, «wahre» Geld darstellt.
Durcheinander an Münzen und Währungen
Eng verbunden mit der Ausgabe von Geld war immer auch die Frage nach Monopol und Wettbewerb. Typischerweise stand das Recht zur Prägung von Münzen bestimmten Gebietsherren oder Gebietsherrschaften wie beispielsweise Städten zu und wurde üblicherweise vom Kaiser oder König verliehen. Mit diesem Privileg waren Einnahmen verbunden, die aus der Differenz zwischen dem Metallwert und der Kaufkraft des geprägten Metalls oder aus Gebühren für die Prägung des Metalls für Dritte entstanden (die sogenannte Seigniorage).
Aufgrund der Zersplitterung der politischen Herrschaftsbereiche waren in Europa eine Vielzahl von Währungen und Münzsorten im Umlauf, die häufig miteinander im Wettbewerb standen. Auch in der Eidgenossenschaft zirkulierten im 18. und 19. Jahrhundert unzählige Silber-, Gold- und Kupfermünzen inländischer wie auch ausländischer Herkunft.
Mit der Bildung der Nationalstaaten in Europa wurde die Münzhoheit dann praktisch überall dem Zentralstaat übertragen. In der Schweiz erfolgte dieser Schritt mit der Bundesverfassung von 1848 und der anschliessenden Einführung des Frankens durch die Münzreform von 1850.
Papiergeld war damals auf dem europäischen Festland noch kaum ein Thema: In der Schweiz dominierten die Münzen den Zahlungsverkehr vollständig. Bis 1906 reduzierte sich ihr Anteil an der Geldmenge M1 gemäss neueren Schätzungen dann aber massiv: Er sank sukzessive auf rund 7 Prozent. Heute beträgt der Münzanteil sogar weniger als 1 Prozent.[1]
Banknoten wurden anfänglich von Geschäftsbanken im Wettbewerb miteinander ausgegeben. Dies erlaubte es der ausgebenden Bank, ihre umlaufenden Banknoten nur zum Teil mit Metall zu unterlegen und den nicht gedeckten Teil in zinstragende Anlagen zu investieren und somit einen Gewinn zu erzielen. Dieser Gewinn wurde allerdings durch die Kosten der Banknotenausgabe beschränkt, die ursprünglich beträchtlich waren, vor allem in der Form vertrauensbildender Reservehaltung.
In der Schweiz wurden die ersten Banknoten 1825 von der im gleichen Jahr gegründeten Deposito-Cassa der Stadt Bern ausgegeben. Eine Reihe zusätzlicher «Notenbanken» kamen in den Jahrzehnten danach dazu; bis 1881 stieg ihre Zahl auf 36.[2]
Skepsis gegenüber Noten
Das Banknotengeschäft entwickelte sich in der Schweiz zunächst nur zaghaft, da das Papiergeld lange an mangelnder Akzeptanz litt. Für die Bevölkerung war nach wie vor Münzgeld das «echte» Geld, die Banknote war blosses Substitut dafür. Ab 1870 stieg dann die Verwendung der Banknoten stark an und erreichte bis 1890 einen geschätzten Anteil von knapp 30 Prozent. Anschliessend ging ihre Bedeutung anteilsmässig allerdings wieder zurück – während jene des Buchgelds sukzessive stieg. Mit der Gründung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wurde 1907 die Banknotenemission nationalisiert und dem Wettbewerb im Banknotengeschäft ein Ende gesetzt.
Die schleppende Entwicklung des Notengeschäfts in der Schweiz widerspiegelt die damaligen Verhältnisse in ganz Kontinentaleuropa. Im Gegensatz dazu standen die Verhältnisse in Grossbritannien. Hier waren Banknoten und ihr Gebrauch seit Längerem verbreitet. Schon gegen 1800 machten Münzen dort weniger als die Hälfte des gesamten Geldumlaufs aus, und die Banknote wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihrerseits bereits von den Depositen- oder Sichtguthaben als Zahlungsmittel bedrängt.[3]
Der Aufstieg des Buchgeldes
Neben das Geld in der Form von Münzen und Banknoten haben die Banken im Laufe der Zeit mehr und mehr das Buch- oder Giralgeld in der Form der Sichteinlage gestellt: Sogenannte Sichtdepositenkontrakte erlauben jederzeit den sofortigen Abzug der Einlage zum vollen Wert und sind mit einem umfangreichen Angebot von Leistungen im Zahlungsverkehr verbunden. Das Buchgeld hat nur noch die Form eines Eintrags in einem Konto oder «Register», heute vielfach gar eines blossen elektronischen Zeichens.
In diesem Bereich ist die Schweiz, zusammen mit praktisch allen anderen Ländern, bis heute beim Wettbewerb zwischen den Banken geblieben – aus guten Gründen, meine ich, denn die Dienstleistungen des Zahlungsverkehrs, die ein zentrales Element dieser Kontrakte ausmachen, rufen nach Wettbewerb und nicht nach Zentralisierung und Monopol, wie dies derzeit beispielsweise die Initianten der Vollgeld-Initiative fordern.
Im Jahr 1850 noch unbedeutend, nahm der Anteil des Buchgelds am Gesamtbestand von Zahlungsmitteln in der Schweiz kontinuierlich zu und erreichte bis 1910 bereits einen geschätzten Wert von über 70 Prozent gemessen an der Geldmenge M1. Heute liegt er bei etwa 87 Prozent.
Bargeldlose Zukunft?
Die Meinung ist heute weit verbreitet, dass Banknote und Münze bald einmal ausgedient haben werden und unsere Zukunft bargeldlos sein wird. Ich bin davon nicht überzeugt. Denn wir sollten nicht vergessen: Münze, Banknote und Buchgeld sind zwar Substitute, aber keine homogenen Produkte. Je nach Verwendungszweck hat jede Geldform ihre Vor- und Nachteile. Effizienzvorteile bei Kleintransaktionen sowie ein stärkerer Schutz vor willkürlichen Zugriffen des Staates, vor Bankenrisiken und vor Verletzungen der finanziellen Privatsphäre werden auch in Zukunft für eine Nachfrage nach Bargeld sorgen.
Darüber, was effizient ist, sollten nicht Zukunftspropheten und Regulierer entscheiden, sondern die Nutzer des Geldes am Markt. Es stimmt zwar, dass das Buchgeld anteilsmässig quantitativ heute mit grossem Abstand dominiert. Aber die Nachfrage nach Bargeld ist zugleich entgegen früheren Prognosen keineswegs verschwunden und hat sogar wieder zugenommen. Wahrscheinlich wird es der bargeldlosen Wirtschaft ähnlich ergehen wie dem «papierlosen Büro». Auch dieses wurde vor Jahrzehnten ausgerufen – und heute schwimmen wir im Papier.
- Vgl. Baltensperger und Kugler (2017), Kap. 8.
- Vgl. Baltensperger (2012).
- Cameron (1967).