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Der Prozess des Alterns wird von den Betroffenen sehr verschieden wahrgenommen – und er läuft interindividuell auch sehr unterschiedlich ab.
Prof. Forstmeier führte im State of the Art Seminar aus, dass mit dem Alter verschiedene Fähigkeiten nachlassen. Die Augen und Ohren werden schlechter, die Muskulatur wird schwächer und die Beweglichkeit der Gelenke nimmt ab. Häufig haben Ältere eine oder mehrere chronische Krankheiten. Auch der Verstand arbeitet nicht mehr so schnell und präzise wie früher, das Gedächtnis an kürzlich zurückliegende Ereignisse wird schlechter. Menschen, die einem wichtig sind, sterben. Alle diese Veränderungen ziehen Einschränkungen und Begrenzungen nach sich.
Wie kann man angesichts dieser Einschränkungen dennoch zufrieden altern? Der bekannte Pianist Arthur Rubinstein wurde oft gefragt, wie er es im Alter von 80 Jahren noch schaffe, sein hohes Niveau zu halten. Er verriet seine drei Strategien. Erstens verringerte er sein Repertoire. Die Strategie der Auswahl von Zielen bezeichnete der Altersforscher Prof. Baltes als Selektion. Zweitens übte er diese wenigen Stücke häufiger als früher, was einer Verbesserung (Optimierung) vorhandener Fähigkeiten entspricht. Drittens verlangsamte er vor besonderes schnellen Passagen, die er nicht mehr so schnell wie früher spielen konnte, das Tempo, womit er die verlorenen Fähigkeiten ausglich (Kompensation). Dadurch erschienen die schnelleren Passagen dann trotzdem schnell.
Arthur Rubinstein schaffte es, seinen Alltag an die Einschränkungen, die das Altern mit sich brachte, anzupassen. Wenn Sie es schaffen, diese drei Strategien auch auf Ihr Leben anzuwenden, werden Sie zufrieden altern.
Es gibt neben den negativen auch positive Veränderungen im Alter. Im Alter überwiegen positive Emotionen gegenüber negativen, wobei negative Emotionen in der Häufigkeit abnehmen und positive relativ stabil bleiben. Der emotionale Ausdruck negativer Gefühle wird mit dem Alter seltener, der Ausdruck positiver Gefühle dagegen nicht. Die Beziehung zwischen Lebenszufriedenheit bzw. Selbstwerterleben und Alter ist kurvenlinear: Anstieg bis etwa 65 bis 70 Jahre, dann wieder Abfall.
Die Motivation, emotionale Bedeutung im Leben zu finden, nimmt zu. Die Motivation neue Lebenserfahrungen zu machen, nimmt ab. Ältere Menschen haben besserer selbstregulatorische Fähigkeiten und eine bessere Emotionskontrolle.
Altruistisches Verhalten und soziale Verantwortung nehmen mit dem Alter zunächst zu und im hohen Lebensalter wieder ab. Die Vergebensbereitschaft wird bei Älteren grösser als bei Jüngeren.
Die Gesamtgrösse des sozialen Netzwerts nimmt im höheren Lebensalter ab. Ältere Menschen sind zufrieden mit diesem verkleinerten Netzwerk und haben, verglichen mit jüngeren, relativ mehr enge und befriedigende Beziehungen mit Verwandten oder Freunden. Ältere Paare haben geringeres Risiko für Konflikte, die Lösungen von Konflikten läuft weniger emotional negativ ab.
Angesichtes der zunehmenden körperlichen und kognitiven Abbauprozesse sowie der alterstypisch negativen Lebensereignisse stellt sich die Frage, warum das allgemeine subjektive Wohlbefinden bis ins Alter stabil bleibt und erst in sehr hohem Alter etwas abnimmt. Die Kummulation von Bewältigungs- und Lebenserfahrung im Alter wird „Wohlbefindensparadoxon“ genannt. Ein Grund könnte die Verwendung von temporalen („heute geht es mir trotz allem besser als damals“) und sozialen Abwärtsvergleichen („mir geht es immer noch besser als…“) sein. In verschiedenen Studien zeigt sich, dass reife Bewältigungsformen (z.B. aus Problemen Erfahrungen ableiten, Uminterpretation der Situation) mit dem Alter zunehmen, dagegen Unreife abnehmen (z.B. Projektion, andere beschuldigen). Dabei scheint das Zurückgreifen auf die Lebenserfahrung eine bedeutsame Rolle zu spielen.
Es gibt also auch positive Aspekte des Alters, vermehrte Zufriedenheit und Gelassenheit oder kurz die Weisheit des Alters.
Literatur:
Simon Forstmeier, Psychotherapie im Alter. State-of-the-Art Seminar, Klaus-Grawe-Institut.
Simon Forstmeier, Andreas Maercker. Probleme des Alterns. Fortschritte der Psychotherapie. Bern: Hogrefe.
Lic. phil. Uta Liechti Braune,
Eidgenössische Psychotherapeutin