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900 Jahre Latein an der Klosterschule: Bleibt Latein relevant?
Seit bald 900 Jahren wird Latein an der Klosterschule des Benediktinerklosters Engelberg unterrichtet. In 900 Jahren – das ist wohl unvermeidlich – wird an unserer Klosterschule kein Latein mehr gelehrt werden: Kultursprachen bleiben zwar manchmal noch lange nachdem sie nicht mehr gesprochen werden, als tote Sprachen in Wissenschaft und Bildung relevant. So wurden z. B. die Schriften der Sumerer noch für mehr als zwei Jahrtausende, ohne dass man Sumerisch noch sprach, von akkadischen Schreibern gelesen und kopiert. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde die Tradition schliesslich aufgegeben. Im Falle des Lateins sehen wir spätestens seit dem 19. Jahrhundert, wie seine Bedeutung in Wissenschaft und Bildung schwindet. Ist es in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts noch relevant, das Fach an der Stiftsschule Engelberg zu unterrichten?
Die Frage wird beantwortet, indem ich zunächst der Geschichte des Lateins an der Klosterschule nachgehe, um dann die aktuelle Situation des Lateins an der Stiftsschule darzustellen und schliesslich einige Argumente für seine aktuelle Relevanz vorzubringen.
Die Bedeutung von Latein an der Stiftsschule Engelberg
Über unsere Klosterschule wissen wir für die Zeit von der Gründung des Klosters bis in die Aufklärung nur wenig. Allgemein spielten an Klosterschulen die besonderen Interessen der Mönche für die Ausgestaltung des Schullebens und der Unterrichtsinhalte eine wesentliche Rolle. Sie gaben den Klosterschulen ihren besonderen Charakter und unterschieden sie von den sogenannten Lateinschulen, die von anderen kirchlichen Institutionen oder Städten getragen wurden. Für unsere Schule erlauben die Quellen folgende drei Feststellungen zum Latein während der letzten 900 Jahre:
(1) Der Bücherkatalog im Kodex 1007 (Folio 114r) der Stiftsbibliothek ist das wichtige Indiz aus der Gründungszeit für die Existenz der Schule und zeigt, was die Mönche damals für den Unterricht relevant hielten. Schon immer war im Mittelalter der Unterricht in den Sieben Freien Künsten selbstverständlich und damit auch (Immersions)-Unterricht in lateinischer Sprache. Konkret zeigt die Nennung z. B. der Metamorphosen des heidnisch-römischen Dichters Ovid im erwähnten Kodex, dass sich die Engelberger Mönche bei der Wahl der Lektüre an die Üblichkeiten des 12. Jahrhunderts hielten: Die Metamorphosen waren gerade damals eine populäre Lektüre an den Schulen. Sicher wurden die Metamorphosen in Engelberg auf die zu der Zeit gängige Art gelesen, indem die heidnischen Mythen allegorisch auf einen christlichen Sinn hin ausgelegt wurden.
(2) 1735 bei der Wiedereröffnung der Klosterschule nach dem Klosterbrand von 1729 wurden höchstens 2 ½ Stunden pro Tag unterrichtet, weil die Schüler – passend zu katholischer Reform und Barock – den grösseren Teil des Tages mit Gottesdiensten, Gesangs-, Instrumentalunterricht und Proben verbrachten, um die Mönche darin zu unterstützen, dem Glauben sinnlichen Ausdruck zu verleihen. Auch wenn ein beträchtlicher Teil des Unterrichts bestimmt dem Latein gewidmet war, nahm doch das Musizieren mehr Zeit der Schüler in Anspruch als das Lateinlernen.
(3) Seit dem 18. Jahrhundert erhöhte sich nach und nach neben der Pflege des benediktinschen Lebens das Gewicht des Unterrichts an der Klosterschule. Darin kommt der Entscheid der damaligen Mönche zum Ausdruck, mit der Klosterschule ein weiteres Ziel zu verfolgen: Neben dem eigenen Nachwuchs sollte in Zeiten der Aufklärung, des Kulturkampfes und des liberalen Bundesstaats die katholische Elite des Landes ausgebildet und auf ein Studium und eine Wirksamkeit ausserhalb des Klosters vorbereitet werden. Der Lateinunterricht nahm dabei an Bedeutung zu, weil sich die Klosterschule, was Unterrichtszeit und -inhalte anging, den Anforderungen der Zeit an ein Gymnasium anpassen musste. So wurden 1804 von 29 ½ Stunden Schule pro Woche 12 Stunden Latein unterrichtet und noch 7 Stunden Musik. In den 1830er Jahren wurde Griechisch als Unterrichtsfach eingeführt. Die Alten Sprachen und die Musik haben seither im Zuge veränderter Anforderungen sukzessive ihre hohe Dotation und Bedeutung eingebüsst.
Die derzeitige Situation
Aktuell gehört die Stiftsschule Engelberg zu den Deutschschweizer Langzeitgymnasien mit relativ viel Lateinunterricht. Im Kanton Zürich ist Latein wie an der Stiftsschule am Untergymnasium obligatorisch. Die meisten Kantone bieten wie die Stiftsschule Latein als Schwerpunktfach am Obergymnasium an, die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die das Fach belegen, nimmt schweizweit ab. An der Stiftsschule schwankt die Zahl in den letzten Jahren stark, von nur einer Schülerin in der Abschlussklasse 2019 bis zu zehn in der Abschlussklasse 2018. Vereinzelt belegen Schülerinnen und Schüler bei uns das Schwerpunktfach Griechisch oder sogar beide Sprachen Latein und Griechisch.
2017 erschien das Latein-Lehrwerk Aurea Bulla, das die beiden Basel für den Lateinunterricht auf ihrer Sekundarstufe I in Auftrag gegeben hatten und nun auch am Untergymnasium der Stiftsschule Verwendung findet. Es geht neue Wege im Lateinunterricht. Sein Untertitel Latein – Mehrsprachigkeit – Kulturgeschichte deutet die Schwerpunkte an und bietet zugleich die Schlagworte für Argumente zur aktuellen Relevanz von Latein sowohl am Unter- wie auch Obergymnasium:
Latein: Lateinkenntnisse sind eine grosse Hilfe beim Aufbau des Fremdwortschatzes und der Aneignung von wissenschaftlichen Fachterminologien. Immer wieder bestätigen ehemalige Stiftsschülerinnen und -schüler, die z. B. Medizin studierten, diesen unmittelbaren Nutzen ihrer Kenntnisse der Alten Sprachen. – Der Lateinunterricht bietet Raum, mit den Schülerinnen und Schülern das Phänomen Sprache in einem linguistischen Ansatz zu betrachten.
Mehrsprachigkeit: Die Bezüge des Lateins zum Englischen, zum Französischen und weiteren romanischen Sprachen werden erarbeitet. Lateinkenntnisse erlauben es, Texte in romanischen Sprachen, die man nicht gelernt hat, ansatzweise zu verstehen. Die "hard Words" im Englischen gehen auf das Lateinische und Griechische zurück. Sie werden selbst im gymnasialen Englischunterricht nicht unbedingt vermittelt. Der Lateinunterricht stellt in diesem Sinn eine sinnvolle Ergänzung der bilingualen Matura Deutsch-Englisch dar, welche das Ziel hat, die Schülerinnen und Schüler auf das heute teilweise englischsprachige Studium vorzubreiten.
Kulturgeschichte: Hier liegt der Hauptgewinn der Beschäfigung mit Latein (oder Griechisch). Drei Beispiele sollen zur Illustration dienen: Im Kulturvergleich lassen sich Institutionen wie Strafen und Ehe reflektieren. Er bietet Anlass, Verständnis für andere Kulturen zu entwickeln, Unterschiede in kritischer Diskussion zur Kenntnis zu nehmen und zu einer eigenständige Bewertung zu gelangen. – Die Antike brachte grosse Werke der Weltliteratur hervor. Ihre Lektüre konfrontiert mit zeitlosen Themen wie etwa mit der Thematik von Leben und Tod in der Tragödie Alkestis des Euripides, die wir kürzlich im Schwerpunktfach in der Inszenierung des Theaters Luzern angeschaut haben. – Die grossen philosophischen Fragen wurden in der Antike gestellt und die antiken Philosophen haben grundlegend mögliche Antworten entworfen und diskutiert. Die Beschäftigung mit der antiken Philosophie fördert so die Reflexion der eigenen weltanschaulichen Haltung.
Latein (und Griechisch) sind also auch heute noch relevant und lohnen den Aufwand der Beschäftigung an einer Mittelschule. Das Kloster hat vor etwa zehn Jahren eine Neuorientierung der Stiftsschule beschlossen: Neben christlicher Bildungsarbeit angesichts einer zunehmend säkularen Umwelt setzt sich das Kloster zum Ziel, den Schülerinnen und Schülern über die zweisprachige Matura Deutsch-Englisch mit integrierten IB-Diplom eine zeitgemässe gymnasiale Ausbildung mit einer internationalen Dimension zu vermitteln. Sowohl der sprachliche wie auch der kulturelle Beitrag der Alten Sprachen fügen sich ausgezeichnet in diese Zielsetzung.
Hansueli Flückiger
Fachlehrperson Alte Sprachen