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Auch die Schweizer Filmszene wird sich daran gewöhnen müssen, dass junge Filmemacher nicht mehr mit Kleinstfilmen beginnen und von Film zu Film grösser werden wollen. Othenin-Girard, Jahrgang 1958, hat die London Film School besucht, zwei Schulfilme gemacht, ein paarmal Regieassistenz, Sergio Guerraz desgleichen. In grösseren filmproduzierenden Ländern genügt das als Voraussetzung für einen Spielfilm mit ansehnlicher Besetzung. In der Schweiz ist es noch ungewöhnlich. Weder die Filmförderung, noch die Produzenten, und schliesslich auch das Publikum haben Erfahrung mit solchen Filmen.
After Darkness ist ein Vehikel für zwei monstres sacrès des englischen Films, John Hurt und Julian Sands. Ein unerfahrener Regisseur muss mit ihnen Mühe haben. Und obwohl sie im Fall After Darkness selbzweit waren, haben Othenin-Girard und Guerraz die beiden ungleichen Filmbrüder nicht immer unter Kontrolle. Auch das Drehbuch zügelt sie nicht, denn es ist zu locker (und manchmal geradezu naiv) gestrickt. (Da hätte ein französischer oder englischer Produzent ein- und durchgegriffen.)
Das Grundmuster der Story ist immer wieder interessant: Einer, in Schuld mit dem anderen verbunden, nimmt allmählich die Leiden des anderen auf sich. John Hurt ist der ältere, „schuldige“ Bruder: erfolgreicher Ethnologieprofessor, der sich nach Genf, wo sein jüngerer Bruder seit Jahren hospitalisiert ist, versetzen lässt und sich an die (Trauer-) Arbeit macht. Der Zuschauer erfährt (was die Psychiater sträflicherweise ignorieren), dass Peter allenfalls am Unfalltod des Zwillingsbruders von Laurence Schuld trägt. Nach einem weiteren Selbstmordversuch von Laurence nimmt er seine Verantwortung wahr. Doch die Schülerin und Geliebte des Professors stört den Uebertragungsvorgang. Sie gewinnt einen anderen Zugang zu dem kranken Laurence und löst damit die Katastrophe aus. Nun dreht Peter durch, beseitigt die Rivalin, und Laurence geht frei aus, „geheilt“.
Der Stoff bedürfte des Könnens eines Joseph Losey (in den besten Jahren) oder des entschieden melodramatischen (bis komischen) Zugriffs eines Fassbinder. Das Regiegespann Othenin-Girard und Guerraz bleibt unentschieden, abhängig von einem zweifelhaften Drehbuch. Einmal macht es Spannung, dann wieder interessiert es sich für den psychischen Vorgang.
Doch ganz fällt der Film nicht ab. Dafür sorgen William Lubtschansky mit intensiven Bildern und Luc Yersin mit einem atmosphärischen Direktton. Die beiden Techniker und die beiden Schauspieler mit ihrem irrlichternden Darstellungsstil halten das Interesse wach, selbst gegen die negativen Kräfte wie die fehlbesetzte und schlecht geführte Victoria Abril, die ungelöste Sprachenfrage (sogar der Genfer Concierge, gespielt vom deutschen Direktor des Zürcher Schauspielhauses, Gerd Heinz, radebrecht englisch) und die schwächste Filmmusik des in kleineren Filmen äusserst sicheren Ben Jeger.