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Mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester besuchten wir ein älteres Ehepaar in Uerkheim (AG). Wir nannten diese Leute "Tante Amalia und Onkel Emil".
Sie waren nicht mit uns verwandt, aber sie waren in der frühen Kindheit meines Vaters seine Pflegeeltern für 3 Monate gewesen.
Mein Vater und seine Geschwister bekamen als Auslandschweizerkinder via Pro Juventute die Möglichkeit, sich in der Schweiz von den Kriegswirren in den Niederlanden ein bisschen zu erholen.
So fuhr er von 1946 bis 1952 jedes Jahr für einige Monate oder Wochen in die Schweiz. Im Jahr 1946 verbrachte er also 3 Monate in Uerkheim - 28 Jahre später traf er seine ehemaligen Pflegeeltern wieder.
Amalia und Emil waren freundliche, liebevolle Menschen, Wir fühlten uns in ihrer Wohnung sofort wohl. Neben ihrem Wohnhaus stand ein Bauernhof und meine Schwester und ich freundeten uns schon am ersten Tag mit den Kindern an, die dort wohnten. Beim Verstecken lernten wir die Zahlen von 1-30 in Schweizerdeutsch- und auch sonst kamen jeden Tag Wörter zum neuen Wortschatz hinzu.
Wenn wir mit unserem grünen Simca mit NL-Kennzeichen durch die kleinen Dörfer in der Umgebung von Uerkheim fuhren, liefen immer Kinderscharen hinter uns her. Sie riefen laut: "Johan Cruijff, Johan Cruijff!"
Mein Vater sah dem niederländischen Fussballstar tatsächlich sehr ähnlich.
Auch zuhause nannten ihn einige Arbeitskollegen Johan.
Immer wieder hat mein Vater den Kindern zu erklären versucht, dass er NICHT Johan Cruijff ist - vergeblich.
Am zweiten Abend in Uerkheim standen einige Kinder vor der Wohnungstüre. Sie fragten, ob Johan mit ihnen Fussball spielen würde.
Egal wie oft mein Vater ihnen sagte, dass er nicht Johan sei - sie blieben draussen vor dem Haus stehen und johlten weiter: "Johan Cruijff! Johan Cruijff!"
Mein Vater war ein guter Fussballspieler, er war Torhüter bei DIVO (3. Liga) und auch Trainer der Damenmannschaft dieses Vereins. Fussball war immer sein grosses Hobby gewesen und nach dem Abendessen ging er tatsächlich samt Fussball aus dem Haus.
Auf dem (damals ziemlich improvisierten) Fussballplatz von Uerkheim ging jeden Abend die Post ab. Es kamen immer mehr Kinder dazu, es wurde Fussball gespielt was das Zeug hielt und nach einigen Abenden kamen auch immer mehr Eltern dazu.
Mein Vater erklärte immer und immer wieder, dass er nicht Johan sei, sondern "Rocco" heisst. Die herumstehenden Eltern lachten laut. Welcher Holländer heisst denn schon "Rocco"?
Die Dorfjugend war fest davon überzeugt, zwei Wochen lang mit dem grossen Fussballstar verbracht zu haben.
Wenn ich heute in den Medien etwas über Johan Cruijff lese, muss ich wieder daran denken und schmunzeln.
Auf diesem Familienfoto steht mein Vater links von der Mitte fast hinten - mit Jeansjacke und weissem Hemd.
Johan Cruijff hatte wirklich einen Doppelgänger.