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Wenn sich die 25-jährige Cornelia Bienz für eine schwierige Aufgabe interessiert, arbeitet sie heute hochkonzentriert und leistet Erstaunliches. Sie ist 200 Prozent bei der Sache, reisst die anderen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit mit.
Doch noch vor einem Jahrzehnt sah ihr Leben ganz anders aus: Pro Schulstunde konnte sich Cornelia Bienz höchstens fünf bis zehn Minuten konzentrieren. In der restlichen Zeit liess sie sich von allem ablenken, sah tausend aufregende Dinge oder war mit den Gedanken bereits beim Wochenende. Mit ihrer rastlosen, nervösen Art eckte sie vielerorts an. Sie schwänzte immer öfter die Schule.
Mit 18 erhielt sie endlich eine Erklärung dafür, weshalb sie so chaotisch war: Sie litt an einer Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung, heute ADHS genannt und früher als POS bekannt. «Ich hatte Glück, dass man die Störung bei mir relativ früh diagnostizierte», sagt Cornelia Bienz. «Ich kenne viele Betroffene, die erst mit 30 oder 40 erfahren, dass sie an einer ADHS leiden. Dann ist ihr Selbstwertgefühl oft schon völlig im Keller, und es ist entsprechend schwieriger, das eigene Leben umzustellen.»
Oft als Modediagnose abgetan
Mit ihrer impulsiven, ungeduldigen, zuweilen rasch aufbrausenden Art stossen ADHS-Betroffene in ihrem Umfeld auf Ablehnung. Sie erleben immer wieder, dass sie anders sind. Viele trauen sich allmählich überhaupt nichts mehr zu, glauben, sowieso alles falsch zu machen. In der Regel sind ADHS-Betroffene hypersensibel; viele leiden unter ausgeprägten Stimmungsschwankungen.
Das «Zappelphilipp-Syndrom» entsteht nicht erst mit der Zeit. Wer unter einer ADHS leidet, ist von Geburt an betroffen. In den USA gilt ADHS als die am häufigsten vererbte Störung. Ungefähr fünf Prozent aller Kinder haben eine ADHS – drei Viertel davon sind Knaben. Doch im Gegensatz zu den betroffenen Knaben, die sich meist schon im Kindergarten oder in der Primarschule auffällig verhalten, sind viele betroffene Mädchen nicht hyperaktiv. Diese Mädchen träumen während des Schulunterrichts still vor sich hin, stören niemanden – und werden nicht erfasst.
Heute bekommen viele ADHS-Kinder vom Arzt das Medikament Ritalin verschrieben. Dieses Stimulans bewirkt unter anderem, dass sie sich länger konzentrieren können und motorisch ruhiger werden. Obwohl immer mehr Betroffene fachgerechte Hilfe bekommen, gibt es noch genügend Kritiker, die ADHS als Modediagnose abtun. Ihr Argument ist stets dasselbe: Früher seien die Zappelphilippe schliesslich auch ohne das Medikament Ritalin über die Runden gekommen.
Diese Auffassung teilt die Psychiaterin Doris Ryffel aus Bremgarten bei Bern nicht. Sie befasst sich seit Ende der siebziger Jahre mit ADHS. Bei einigen ihrer Patienten hatte die Störung dazu geführt, dass sie in einem Erziehungsheim landeten, andere brachen die Schule ab. Die Statistik zeigt eine traurige Bilanz auf: «70 Prozent der Patienten mit ADHS entwickeln früher oder später Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen», so Ryffel.
Als Cornelia Bienz mit 18 ihre Behandlung mit Ritalin begann, konnte sie sich bereits nach wenigen Monaten besser konzentrieren. «Ich machte einen enormen Wandel durch. Die Schulstunden interessierten mich plötzlich – auf einmal gehörte ich zu den Klassenbesten.» Cornelia Bienz warnt jedoch davor, das Medikament Ritalin als Wunderheilmittel zu betrachten. «Das Ritalin ist nur eine Krücke. Laufen lernen muss jeder selbst.»
Auch Corinne Schlösser, Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, betont, dass eine medikamentöse Behandlung stets von einem so genannten Coaching begleitet sein sollte. Im Einzelsetting arbeiten die Betroffenen ihr ADHS-bedingtes Fehlverhalten und ihre Fehlannahmen auf. Ausserdem lernen sie, Zeitpläne aufzustellen und mit Geld umzugehen. Ein weiteres wichtiges Element des Coachings ist die Achtsamkeit im Alltag.
Aussergewöhnliche Leistungen
Betroffene haben oft überdurchschnittlich viele Beziehungsabbrüche hinter sich, und das Berufsleben ist von häufigen Stellenwechseln gekennzeichnet. Bei Menschen mit ADHS entscheidet das persönliche Interesse weit unmittelbarer über beruflichen Erfolg und Misserfolg als bei Nichtbetroffenen. Jedoch bringt das Umfeld in der Regel wenig Verständnis auf, wenn es ein Betroffener trotz grosser Willensanstrengung nicht schafft, eine Inventarliste aufzustellen, er sich am selben Tag aber stundenlang mit komplexen mathematischen Formeln beschäftigen kann. Den Satz «Du könntest, wenn du bloss wolltest» kriegen Menschen mit ADHS von klein auf zu hören.
«Für ADHS-Betroffene ist es enorm wichtig, dass sie eine Tätigkeit ausüben können, die sie fasziniert», erläutert Corinne Schlösser, «dann können diese Menschen Aussergewöhnliches leisten.» Manche erlangten sogar Berühmtheit – so sollen beispielsweise Albert Einstein, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Agatha Christie, Winston Churchill und Heinrich Pestalozzi von ADHS betroffen gewesen sein.
Cornelia Bienz ist Mitgründerin der IG ADS, einer Interessengemeinschaft für Betroffene. Seit vier Jahren leitet sie die Gesprächs- und Selbsthilfegruppe der Region Bern und macht Betroffenen Mut. Dabei kommen ihr all die positiven Eigenschaften zugute, die Menschen mit ADHS auszeichnen – ihre Sensibilität, ihr Einfühlungsvermögen, ihr enormer Enthusiasmus, ihre Spontaneität und Kreativität.
- Leben Sie Ihre Begabungen im künstlerischen, sozialen oder sportlichen Bereich aus und nutzen Sie Ihre Ressourcen und Ihren Enthusiasmus.
- Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Ihr Umfeld mit Unverständnis auf Ihr Anderssein reagiert.
- Betonen Sie Ihre Stärken.
- Suchen Sie gegebenenfalls einen Coach, um Ihr Zeitmanagement und Ihr Aufmerksamkeitsproblem besser in den Griff zu bekommen.
- Je nach Leidensdruck sollten Sie einen Facharzt oder Psychologen aufsuchen, der mit der ADHS-Problematik vertraut ist.