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«Ich heisse Jaquelin […]. Getauft wurde ich auf ‘Guillermo Antonio‘.» Mit diesen beiden Sätzen ist das Dilemma umrissen, das das Leben der venezolanischen Transsexuellen Jaquelin G. bestimmt hat. Die heute 51.jährige lebt mit einem 25 Jahre jüngeren Mann im Kreis 4 in Zürich. Ihr Geld verdient sie seit einiger Zeit damit, dass sie Studios an junge Prostituierte vermietet. Sie sagt: «So hart das Leben hier auch ist, ich werde vermutlich in der Schweiz bleiben.»
Das ist das vorläufige Ende einer Odyssee, die Jaquelin G. durch drei Kontinente geführt hat. Geboren in einem venezolanischen Bergdorf, flieht sie als Jugendlicher nach Caracas, nachdem ihr Leben als diskriminierter Schwuler unerträglich geworden ist. In Caracas wird aus dem Homosexuellen ein Transvestit, der durch Injektionen von Paraffinöl zwar zu weiblichen Brüsten kommt, aber sich damit chronische gesundheitliche Probleme einhandelt, die später mehrmals zu lebensbedrohlichen Krisen führen werden. Als Jaquelin G. arbeitet sie in Caracas und in Barcelona erfolgreich als Tänzerin. In Spanien spart sie 20’000 Dollar, reist nach Casablanca und lässt sich in einer Privatklinik die männlichen Geschlechtsteile in weibliche umwandeln. Komplikationen machen über Jahre weitere Eingriffe nötig, zu denen später schönheitschirurgisch motivierte kommen: In Florenz lässt sie sich zum Beispiel ihre Nase verkleinern. Seit Mitte der Siebzigerjahre arbeitet Jaquelin G. als Tänzerin in Cabarets oder auf dem Strassenstrich – in Barcelona, Mailand und Florenz, später in der Schweiz: in Rohrschach, St. Gallen, Chur, Lugano und in Zürich.
Narrative Plausibilität
Unterstützt bei der Aufarbeitung ihrer Lebensgeschichte hat Jaquelin G. die WoZ-Journalistin Verena Mühlberger – als spanisch sprechende Ethnologin, die einige Zeit in Lateinamerika gelebt hat, prädestiniert für diese Arbeit. Als Form wählte sie das Testimonio, das heisst die Ich-Erzählung der porträtierten Person. Testimonios haben einen grossen Vorteil: Sie sind spannend zu lesen. In den auf Tonband aufgezeichneten Gesprächen verdichten sich solche Lebensberichte zu starker narrativer Plausibilität, weil erzählende Personen ihren Lebensweg gewöhnlich so darstellen, dass er im chronologischen Fortgang sinnvoll erscheint. Diese Plausibilität wird von der aufzeichnenden Person während der Montage noch verstärkt, wenn sie beim Straffen des Materials verständlicherweise zuerst das «Unlogische» wegstreicht.
Die Testimonio-Form hat aber auch Nachteile: Die starke narrative Plausibilität wird von der erzählenden Person rückblickend konstruiert. Grundsätzlich offen bleibt, wieviel sie mit der ursprünglichen Wirklichkeit zu tun hat. Dies ist vermutlich ein wichtiger Grund, weshalb sich der kritische Journalismus hierzulande mit der in Lateinamerika gebräuchlicheren Form des Testimonios schwer tut: Der rote Faden ergibt sich nicht aus der kritischen Recherche, sondern aus der unmöglich bis ins Letzte überprüfbaren Erzählung der porträtierten Person. Ein weiteres kommt dazu: Testimonios wirken häufig uneinheitlich, weil ältere Ereignisse konsistenter, farbiger und dadurch überzeugender dargestellt scheinen als kürzlich zurückliegende. Vermutlich hat das mit der Funktionsweise des Gedächtnisses zu tun: Bei weiter zurückliegenden Ereignissen scheint man sich nicht mehr in erster Linie an die Ereignisse, sondern nur noch an die immer gleichen, eingeschliffenen Wörter zu erinnern, mit denen man diese zu schildern gewohnt ist.
Verena Mühlberger demonstriert mit dem Testimonio von Jaquelin G.’s Lebensgeschichte, wie die Konsistenz des Erzählten kritisch gespiegelt werden kann, ohne dass der Erzählfaden unterbrochen wird. Sie hat entscheidende Elemente der Geschichte nachrecherchiert und in Fussnoten am Schluss des Textes aus ihrer Sicht dargestellt – etwa die Person des Chirurgen Georges Burou, der in den siebziger Jahren in Casablanca mehrere hundert Männer in Frauen umoperiert hat. Oder die Übergriffe gegen lateinamerikanische Transsexuelle in Mailand 1987. Neben der Vermittlung von Zusatzinformationen haben solche Pars-pro-toto-Nachrecherchen im Testimonio auch die Funktion, die Glaubwürdigkeit der erzählenden Person und damit des Erzählten zu stärken.
Neuer Begriff «Transidentität»
Noch eine andere Ebene wäre nicht in den Text einzufügen, ohne seinen Testimoniocharakter zu zerstören: die Ebene der Deutung des Erzählten. «Wie kommt es, dass sich ein Mensch so eindeutig und unwiderruflich im falschen Körper fühlt?» Diese Frage stellt im Buch eben nicht Jaquelin G. – sie fühlte sich im falschen Körper und versuchte, etwas dagegen zu tun –, diese Frage stellt Mühlberger im Nachwort, in dem sie nicht nur Hinweise zur Entstehung, sondern auch zur Deutung des Testimonios gibt. Sie neigt der in neuerer Fachliteratur vorgetragenen Meinung zu, dass Transsexualität als ein «Gender-Syndrom» zu verstehen sei, das nicht mit Sexualität, sondern mit Identität zu tun habe, weshalb in Selbsthilfegruppen der Begriff der «Transsexualität» zunehmend durch jenen der «Transidentität» ersetzt werde. Über diese Umdeutung des Phänomens findet Mühlberger die emanzipative Konstante im Lebensweg von Jaquelin G., deren körperliche Integrität durch innere Notwendigkeit und äusseren Zwang immer wieder hochgradig gefährdet gewesen ist: Das biologische Geschlecht muss nicht Schicksal sein. Seit dem Augenblick, in dem Guillermo Antonio für sich den Namen Jaquelin wählte, wurde das Geschlecht wählbar. So gesehen ist Jaquelin G.’s Odyssee ein opferreicher Weg zur eigenen Haut.
Das nun vorliegende Buch lässt sich mit Gewinn auf drei ganz verschiedene Arten lesen: als packende Erzählung eines exemplarischen Lebens-, Liebes- und Leidenswegs; als Darstellung, wie schwierig im Einzelfall die Konstruktion des Geschlechts und der Identität sein kann – und als Testimonio, das im Journalismus der Narration gegenüber der Recherche zu ihrem Recht verhilft. Zu überzeugen vermag diese Form vor allem dann, wenn sie, wie im vorliegenden Beispiel, sorgfältig und klug gehandhabt wird.
Verena Mühlberger [Hrsg.]: Jaquelin G.: Ich habe viel geliebt – Das rastlose Leben einer transsexuellen Tänzerin. Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1999.