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Neusilber ist weder neu, noch hat es mit echtem Silber irgendetwas zu tun. Die Komponenten dieser Legierung sind Kupfer, Nickel und Zink. Deren Proportionen können je nach Anwendung in weiten Grenzen schwanken. In China kannte man solche Legierungen Jahrhunderte bevor sie in Europa eingeführt wurden.
Neusilber kann man je nach Standpunkt als nickelhaltiges Messing oder als zinkhaltiges Cupronickel betrachten. Solche Legierungen erhielten chinesische Bergleute durch Reduktion relativ seltener Kupfer-Nickel-Zink-Mischerze viele Jahrhunderte bevor man sie nach Europa brachte. Dort wurden sie nicht nur nachgeahmt, sondern für die jeweiligen Anwendungen optimiert.
Die Metallurgen im Reich der Mitte hatten das Glück, über gerade das richtige Erz mit sulfidischen Mineralen aller drei Komponenten (Kupfer, Zink und Nickel) zu verfügen; auch erkannten und nutzten sie das unbekannte Neue. Die dabei erhaltene Legierung nannten sie Packfong, was „weisses Kupfer“ bedeutet. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die weltweite kulturelle Bedeutung des Kupfers als erstes nützliches Metall. Es ermöglichte den Sprung vom Neolithikum in die Bronzezeit. In diesem Sinn nannten die Ägypter der Antike das äusserst seltene meteoritische Eisen „Kupfer vom Himmel“.
Attraktive Eigenschaften
Dank der Beimengung von Nickel und Zink war das „weisse Kupfer“ wesentlich abriebfester und korrosionsresistenter als das echte, rötliche Kupfer. Proben der Legierung aus Fernost gelangten schon im 17. Jahrhundert nach Europa. Es fiel gleich auf, dass das Metall attraktive Eigenschaften aufwies und farblich dem Silber glich. Es vergingen aber noch etwa hundert Jahre, bis man die Zusammensetzung aus den drei Buntmetallen Kupfer, Zink und Nickel nachweisen konnte, sowie deren günstigste Proportionen herausgefunden hatte.
Die Metallwerke Suhl, eine deutsche Firma, begannen schon um 1770 mit der Produktion von sogenanntem Weisskupfer, doch Arsenverunreinigungen machten das Metall toxisch und darum ungeeignet für Besteck. Noch einmal fünfzig Jahre später schrieb der „Verein zur Förderung des Gewerbefleisses“ einen Wettbewerb aus. Es ging um die Entwicklung einer korrosionsfesten Metalllegierung, die zur Fertigung von Besteck geeignet war. Sie musste aber gesundheitlich unbedenklich und mindestens sechsmal billiger sein, als Feinsilber.
Silber- und goldfarbenes Neusilber
Den Wettbewerb gewannen praktisch ex aequo Ernst August Geitner in Auerhammer sowie die Gebrüder Henniger in Berlin mit ähnlichen Kupfer-Nickel-Zink-Legierungen. Sie fanden auch heraus, dass das silberfarbene Neusilber mindestens fünf Prozent Nickel enthalten musste, um die gewünschte Härte aufzuweisen. Zudem waren weniger als 65 Prozent Kupfer angebracht, sonst war das Metall goldfarben, was aber für gewisse Anwendungen durchaus erwünscht war, insbesondere für Münzen. Die goldfarbene Schweizer Fünfrappenmünze besteht allerdings aus einer Kupfer-Nickel-Aluminiumlegierung.
Die Neusilber-Legierungsgruppe erhielt eine ganze Reihe von Namen die man heute noch gelegentlich sieht, darunter Alpacca (kein Bezug zum südamerikanischen Kamel), Minargent und Argentan. Ebenfalls um 1820 patentierten die Franzosen Maillet und Chortier eine ähnliche Legierung, die man in ihrem Land maillechort oder cuivre blanc nennt. Im Englischen bezeichnet man Neusilber als German silver.
Vom Essbesteck bis zur Billionen-Münze
Die heute meistverwendeten, als Neusilber bezeichneten Legierungen entsprechen in etwa den Formeln Cu63Zn18,Ni9, Cu57Zn17Ni26, Cu55Zn27Ni18, Cu46Zn45Ni9. Sie können 47 bis 64 Prozent Kupfer, 10 bis 25 Prozent Nickel und 15 bis 42 Prozent Zink enthalten; dazu kommen je nach Andendung auch Blei, Eisen, Mangan oder Zinn. Generell sind die Neusilberlegierungen spanabhebend leicht zu bearbeiten, kalt verformbar, lötbar sowie durchwegs härter und darum abnützungsfester als Silber. Ihr Schmelzpunkt liegt je nach Zusammensetzung zwischen 980 und 1100 Grad Celsius, die Dichte zwischen 8,1 und 8,7 Gramm pro Kubikzentimeter.
Die wichtigsten heutigen Anwendungen von Neusilber sind der Kern von galvanisch versilbertem Besteck, Reisszeuge, Reissverschlüsse, optische und feinmechanische Instrumente, Warmhaltevorrichtungen für Spitalgeschirr, Blasinstrumente wie Flöten, Metallteile von Fagott und Oboe, preiswerter Schmuck unter Einschluss von Kruzifixen, verchromte Kühlerfiguren kostspieliger Automobile wie Rolls-Royce, Munition von Kleinkaliberwaffen sowie hochwertige Schlüssel und abriebfeste Schlosszylinder.
Auch Geldmünzen wurden und werden weiterhin häufig aus Neusilber geprägt, beispielsweise in Mexiko. Ein von Sammlern besonders geschätztes Kuriosum ist die 1 Billion Mark Neusilbermünze der Provinz Westfalen von 1923, aus der Zeit der Grossen Inflation. Die DDR prägte praktisch alle ihre Gedenkmünzen aus Neusilber. Jedermann bekannt ist die Ein-Euro-Münze mit einer Krone aus Neusilber; bei der Zwei-Euro-Münze besteht der Kern aus diesem Material.