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Mikrokredit
Die Idee: Kleinkreditempfänger sorgen sich dank der Finanzierung selbständig um ihr Geschäft, ihre Familie und sich selbst und befreien sich auf diese Weise aus der Armut.
Mikrokredit - Entstehung
Mikrokredite wurden der breiten Öffentlichkeit erstmals in den 1980er Jahren als Mittel der Entwicklungspolitik bekannt. Damals gründete Professor Muhammad Yunus ein Programm für die Ärmsten der Armen in Bangladesch.
Dieses vergab Kleinkredite zu einem tragbaren Zinssatz an Menschen in Entwicklungsländern, welche vom klassischen Bankensystem ausgeschlossen waren. Durch solche Kleinkredite werden bis heute regionale Kleinunternehmen gefördert und eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht.
Die Idee: Die Kleinkreditempfänger können sich dank der Finanzierung selbstständig um ihr Geschäft, ihre Familie und sich selber sorgen und befreien sich auf diese Weise aus der tiefsten Armutsgrenze.
Aus der ursprünglichen Initiative Yunus’ heraus wurde später die Grameen Bank gegründet. 2006 wurde diese für die Entwicklungsidee mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Abbildung: Das erste Mikorfinanz Institut wurde in Bangladesh gegründet
Seit den Neunzigerjahren werden Mikrokredite auch in Industrieländern angeboten:
- in amerikanischen Grossstadt-Slums wird das Mittel zur Armutsbekämpfung angewendet.
- in Frankreich gründete Maria Novak die Organisation Association pour le droit à l'initiative économique (Adie) mit dem Ziel, Arbeitslose in die Selbstständigkeit zu begleiten.
- In den Niederlanden wurde das Tante Agathe Programm zur Aktivierung von Privatkapital für Existenzgründer vorgestellt.
Mikrokredite in Europa
Das im Juli 2019 publizierte European Microcredit Whitepaper zum Thema Mikrofinanzen in Europa zeigt:
Eine stetige Entwicklung der Selbstständigkeit mit Unterstützung von Mikrokrediten hat den Menschen in Europa ermöglicht, zu Vermögensschöpfern zu werden und so gegen Armut und soziale Brüche vorzugehen. Die Wirtschaft wurde gefördert und ein Beitrag zur Erreichung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung in Europa erbracht.
Bisher wurden in Europa 635'000 Mikrokredite im Wert von 2.1 Milliarden EUR gewährt
Mikrokredit Schweiz
Auch in der Schweiz gibt es Mikrokredite. Die Erfolgsquote dieser kleinen Kredite in unserem Land ist gross und die Nachfrage steigt.
Die Plattform Microcédit Solidaire Suisse hat beispielsweise in den letzten 20 Jahren über 375 Kredite zu einem Gesamtbetrag von CHF 7.1 Millionen erteilt. Davon wurden bis zum heutigen Datum über CHF 5.1 Millionen zurückbezahlt.
Obwohl die Schweiz ein reiches Land ist, haben zukünftige Selbstständige kaum gute Aussichten auf einen bezahlbaren, klassischen Bankkredit – speziell, wenn sie noch dazu unregelmässig arbeiten.
Mikrokredite in der Schweiz sprechen daher Personen mit einer greifbaren Vision und einem realistischen Konzept zur Umsetzung ihrer Geschäftsidee an. Dies können Angestellte, Arbeitslose oder bereits Selbstständige sein. Die Zinsen für den Geschäftskredit liegen auch hier möglichst nahe an der Realität, um für die jungen Unternehmen tragbar zu sein. Anbieter solcher Dienstleistungen in der Schweiz sind unter anderem
Mikrokredite in Zürich: CHF 7 Millionen an 300 Unternehmer/Innen
Der Verein GO! ist ein erfolgreiches Beispiel für Mikrokredit-Anbieter in Zürich. Seit 2009 unterstützt die Non-Profit-Organisation Selbstständige und solche, die es werden wollen mit maximal CHF 40'000 und kostenlosem Mentoring.
Unterstützt wird der Verein durch die Stadt Zürich, den Kanton, die Zürcher Kantonalbank und den Lotteriefonds.
Mittlerweile hat GO! über 300 Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmer im Raum Zürich mit über 7 Millionen Franken unterstützt.
Die Rückzahlungsquote liegt bei rund 96 Prozent. «Unser Ziel ist nun, das Angebot auf die ganze Schweiz auszuweiten», sagte Beni von Allmen, Co-Geschäftsführer von GO!, kürzlich in einem SRF Radio Interview.
Mikrokredit Westschweiz: CHF 7.1 Mio. an 375 Unternehmer/Innen
Ein weiteres Schweizer Beispiel ist die Stiftung Microcédit Solidaire Suisse (MSS) in Lausanne. Die Stiftung für Mikrokredite hat es zu ihrer Mission gemacht, Jungunternehmer ohne Zugang zu Bankkrediten in der Gründung oder Entwicklung ihres Unternehmens durch eine Finanzierung, beziehungsweise einen Mikrokredit von maximal CHF 30'000 zu unterstützen.
Der Gründer der Stiftung, George Aegier, war in den 1990er-Jahre inspiriert durch das Wirken Professor Mohammad Yunus’ und der Grameen Bank. Auch Maria Novak, die sogenannte «Bänkerin der Armen» in Frankreich, nahm er sich zum Vorbild.
Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz war damals dabei, zu steigen. Dem wollte George Aegier etwas entgegensetzen. Und so lag das Potenzial auf der Hand, Menschen mit aussichtsreichen Geschäftsvisionen mittels Beratung und Mikrokrediten in die Selbstständigkeit zu begleiten.
Heute, 20 Jahre später, hat die MSS bereits über CHF 7.1 Millionen an Krediten für 375 Jungunternehmen gewährt. Über 50 Prozent der Begünstigten waren Frauen und wiederum über 40 Prozent zur Zeit der Mikrokreditaufnahme arbeitslos.
Mikrokredit Erfolge und Kritik: Kernidee verdrängt?
Viele Berichte bestätigen den Erfolg von Kleinkrediten in Entwicklungsländern. Ein gutes Beispiel ist u.a. die erfolgreiche Arbeit des Impact Investors BlueOrchard.
Gleichzeitig wird jedoch das Konzept von Mikrokrediten für die Ärmsten der Armen immer häufiger auch infrage gestellt. Zu sehr hat sich die Möglichkeit, Kleinkredite an Menschen in Drittweltländern zu vergeben, zu einem lohnenden Finanzgeschäft entwickelt. Vielfach steht nicht mehr die Bekämpfung der Armut im Mittelpunkt, sondern die gewinnbringende Einbindung der Armen in den Kapitalmarkt.
Geschichten über den sozialen und finanziellen Aufstieg von Frauen in Armenviertel sind starke Verkaufsschlager und beeindrucken westliche Investoren.
Unterschiedliche Recherchen von Universitäten und Journalisten vor Ort haben allerdings längst gezeigt: Das Angebot von Mikrokrediten in Drittweltländer reduziert nicht zwingend die Armut. Unter Umständen kann es sogar schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. An vielen Orten wurde die eigentliche Kernidee durch das rasant wachsende Geschäft verdrängt. Ein kritische Behandlung des Themas findet sich in diesem Artikel von Ende 2019:Mikrokredite: Kein Allheilmittel gegen Armut
In Europa, wo Mikrokredite vorwiegend für den Eintritt in die Selbstständigkeit genutzt werden, zeichnet sich ein anderes Bild ab.
Abbildung: Micorfinance Report der International Labor Organisation
Im Jahr 2013 führte die internationale Arbeitsorganisation (ILO – International Labour Organisation) eine Studie unter 4204 Unternehmern durch, die ihre Tätigkeit seit 2010 aufnahmen und in irgendeiner Form von Mikrofinanzierung profitierten. Drei Jahre nach Aufnahme ihrer Tätigkeit überstiegen die positiven Ergebnisse den nationalen Durchschnitt:
- 77 % der Mikrounternehmen waren zum damaligen Zeitpunkt noch im Geschäft (der nationale Durchschnitt lag bei 66 Prozent).
- 75 % der von Arbeitslosen gegründeten Unternehmen hatten sich durchgesetzt.
Darüber hinaus waren 9 von 10 Gründern dauerhaft Teil des Arbeitsmarktes geworden und die gesamte Schaffung von Arbeitsplätzen belief sich auf 0,9 Arbeitsplätze pro Unternehmen (ein Ergebnis, das mit dem nationalen Durchschnitt identisch ist, jedoch den Erfolg in Bezug auf ursprünglich ausgegrenzte Menschen verdeutlicht).
Als Fazit lässt sich sagen: Der Markt für Kleinkredite in Europa ist noch ein «Rising-Star». Mit einer steigenden Nachfrage in Zeiten der Tief- oder sogar Negativzinsumfeld ist zu rechnen.
Mikrokredit vergeben – Die Sichtweise des Investors
Die Nachfrage nach Investitionsmöglichkeiten durch Mikrokredite ist weltweit gestiegen. Gerade das Tiefzinsumfeld und der Wunsch, nachhaltigere Lösungen zu finden, lassen Institutionen wie Pensionskassen, aber auch Privatinvestoren nach neuen, verantwortungsvollen Anlagemöglichkeiten suchen.
Investieren in Mikrokredit Fonds
Einige der weltgrössten Vermögensverwalter, die mit ihren Fonds in Mikrofinanzinstitute investieren, sind in der Schweiz ansässig.
Darunter ResponsAbility in Zürich. Der Vermögensverwalter bietet Privatpersonen wie auch institutionellen Investoren und dem öffentlichen Sektor Anlagemöglichkeiten in professionell geführten Impact Fonds. Die Vermögensverwalter investieren in weltweit tätige Mikrofinanzinstitute, wie beispielsweise die Grameen Bank in Bangladesch.
Das bedeutet, das investierte Geld fliesst nicht direkt zum Kleinstunternehmer, sondern zunächst zum Mikrofinanzinstitut. Dieses entscheidet schlussendlich, an wen die Mikrokredit vergeben werden. Der Kunde oder der Fonds kann nicht direkt beeinflussen, in wen investiert wird.Mikrokredit Fonds in der Schweiz:
- ResponsAbility: RESPONSABILITY GLOBAL MICRO AND SME FINANCE FUND
- BlueOrchard: Blue Orchard Microfinance Fund I CHF
- Symbiotics: Symbiotics Sicav (Lux) – Seb Microfinance Life A/D NH Sek
Selber Mikrokredite vergeben via Crowdlending (Direct Lending)
Das Wort «Crowdlending» bedeutet: Eine Gruppe gibt Kredit. Die Grundidee hinter Crowdlending ist ähnlich wie beim Mikrokredit. Privatpersonen oder Investoren vergeben Kapital an Personen oder Unternehmen, die geringe Chancen haben, einen klassischen Bankkredit zu erhalten. Die Kreditgeber erhalten einen Zins für ihre Investition und die Kreditnehmer das Kapital, um ihre jeweilige Geschäftsidee umzusetzen. Eine Crowdlending Plattform ist hier der Marktplatz für das Angebot und die Nachfrage und koordiniert die Kredit- und Zinsabwicklung zwischen den Kreditgebern und Kreditnehmern.
In der Schweiz gibt es einige Direct Lending (Crowdlending )Anbieter, wie zum Beispiel
- den Schweizer Pionier cashare mit einem Angebot an Darlehen im Privatkreditbereich
- swisspeers für KMU mit Finanzierungs- und Investoren mit Anlagebedarf.
Crowdlending und Crowdfunding können unseres Erachtens zu einem gewissen Teil ebenfalls zu Microfinance gezählt werden.
Immer wieder schaffen sie für Jungunternehmer oder andere innovative Personen die Möglichkeit Projekte oder Unternehmungen zu finanzieren, die auf traditionellen Kanälen nicht an finanzielle Mittel gelangen würden.
Weiter Informationen zu diesen Finanzierungsformen werden jährlich zusammengetragen im Crowdfunding Monitor der Hochschule Luzern:
Mikrokredit für Selbstständige
Besitzen Sie Ihr eigenes Geschäft und möchten dieses ausbauen und entwickeln? Kleinunternehmen haben vielfach kaum gute Aussichten auf einen bezahlbaren, klassischen Bankkredit.
Crowdlending bietet Unternehmern eine attraktive Alternative, um einen erschwinglichen Firmenkredit zu bekommen. Wie der Mikroredit für Selbständige funktioniert wird hier beschrieben: Kredit für Selbständige.
Buchempfehlung: Umfassende Informationen zum Thema Mikrokredit
Umfasssende Informationen zum Thema Mikrokredit und Mikrofinance hat der Gründer von Blue Orchard in einem Buch niedergeschrieben: Small Money Big Impact.
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Abbildung: Buch von Peter Fanconi zum Thema Microfinance und Mikrokrediten
Die kürzere Variante zum Buch findet sich im Ted Talk von Peter Fanconi am Tedx Event in Zürich: Er berichtet über seine Erfahrungen bei der Förderung der finanziellen Inklusion. Mit der Frage „Wie können wir die Ausgeschlossenen einbeziehen?“ Führt er durch die Funktionsweise und die Ergebnisse der Mikrofinanzierung.

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