Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/859

Vor einem Jahr wurde dieses Projekt bewilligt (siehe Projekte 2010). Es ist ein Musterbeispiel der Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften. Es geht darum, die verschiedenen relativen und zum Teil "schwebenden" Chronologien in Ägypten und Mesopotamien im 1. und 2. vorchristlichen Jahrtausend mittels astronomischer Ereignisse, welche in zeitgenössischen Aufzeichnungen dokumentiert sind, zu synchronisieren.
Die hohen Erwartungen wurden mehr als erfüllt. In den dreiviertel Jahren wurden bereits beachtliche Ergebnisse erzielt. Die Programme, welche zur Rekonstruktion der astronomischen Situation zu einem gegebenen Zeitpunkt benötigt werden, wurden fertig geschrieben resp. ergänzt. Die Grundlagenarbeit zur Bestimmung der durch die Änderung der Tageslänge entstehenden Zeitabweichung ist weit fortgeschritten. Dazu wurden gegen 100 - in neubabylonischen Quellen dokumentierte - Mond- und Sonnenfinsternisse analysiert. Aus denjenigen, die in der neubabylonischen Chronologie datiert sind, konnten mehrere zur Abschätzung der Zeitabweichung benutzt werden. Es wurden aber auch Diskrepanzen aufgedeckt, die auf Fehler in der Aufzeichnung oder auf einer Falschinterpretation der Datierung beruhen. Um diese zu korrigieren, muss der ganze Text neu analysiert und interpretiert werden, eine Art Hermeneutik, die Frau Gautschy beherrscht. Das Beispiel zeigt sehr schön, wie sich völlig unterschiedliche Disziplinen gegenseitig befruchten können: Die Astronomie kann auf Fehlinterpretationen von neubabylonischen Texten hinweisen und neubabylonische Texte können mithelfen, die Schwankungen der Tageslänge im Laufe der Jahrtausende zu bestimmen.