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Ein Gastbeitrag von Hans-Jürg Rickenbacher, der als Evangelist im Rahmen der Johannespassion zu hören ist:
Ein Erzähler hat viele gestalterischen Möglichkeiten, eine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen, wenn seine Zuhörinnen und Zuhörer ihren Inhalt noch nicht kennen und neugierig auf den Plot sind. Wie erzähle ich nun als Evangelist eine Geschichte, die alle bereits kennen, niemand deswegen ins Konzert gekommen ist sondern eher wegen der Musik, dem Chor, dem Ensemble, dem Orchester, den Chören und Arien und sicher nicht wegen dem sattsam bekannten Bericht einer römischen Hinrichtung vor 2017 Jahren? Diese Aufgabe könnte leichter sein und ich beginne zuerst im Tierreich:
„Der Gesang der Buckelwale ist eine geordnete Sequenz von vielen Lauten, die im Hörbereich des Menschen liegt. Ein Lied besteht aus Serien von bis zu 15 Minuten langen Phrasen. Der männliche Buckelwal singt nur während der Reproduktionszeit. Der Gesang signalisiert den anderen Walen seine Gesundheit und seinen Zeugungswillen. Die Gesänge der Buckelwale werden unter Wasser von den anderen Walen auf eine Distanz von 50 bis 100 km gehört.
Ausser den Gesängen der Männchen können alle Wale „soziale Geräusche“ von sich geben wie: Schnarchen, Husten, Quieken, Poltern und Trompeten. Wale haben keine eigentlichen Stimmbänder. Sie produzieren Geräusche indem sie Luft mit Druck durch kleine Säcke des Atemapparates pressen. Buckelwale benützen visuelle Signale für die Kommunikation auf kurze Distanz und akustische für grosse Entfernungen.“
Diese gesangtechnischen Superlative beeindrucken nebst vielen anderen Informationen die Besucher des Freiluft-Walmuseums in Puerto Lopez an Ecuadors Pazifikküste. Obschon etliche Opernarien durchaus von „Gesundheit und Zeugungswillen“ berichten, verneigt sich der menschliche Sänger angesichts fünfzehnminütiger Phrasen und einem bis zu 100 km weiten Hörbereich bescheiden vor dem männlichen Buckelwal. Auch wir überbrücken heute grössere Distanzen „akustisch“ mittels Telefon und für ein Konzert fliegen wir ab und an auch mal interkontinental doch die Wale schaffen dies alles ohne Hilfsmittel, sogar ohne Stimmbänder (!) und schwimmen dabei alljährlich von den Polarmeeren bis in aequatoriale Gewässer in ihre Reproduktionsgebiete und wieder zurück – einfach so.
Vor 50 Millionen Jahren entwickeln sich die Wale aus den Mesonychia, einer Gruppe fleischfressender Paarhufer, denen das heutige Flusspferd am nächsten verwandt ist, und werden zu Meeresbewohnern.
Mit einigem zeitlichen Abstand fängt der Homo sapiens vor rund 200 000 Jahren an, Musik und Sprache zu entwickeln. Letztere bringt ihm durch ihre Informationsmöglichkeit entscheidende Vorteile gegenüber den körperlich in fast Allem überlegenen Tieren.
Und die Musik, was bringt die Musik eigentlich? Hätte Sprache nicht bereits ausgereicht zum Überleben und zur Überlegenheit ? War Musik nicht von Anfang an eigentlich überflüssig?
Steven Mithen schreibt in seinem Buch „The singing Neanderthals – the origin of Music, Language, Mind and Body“, dass Gesang per se nichts Weiteres sei als ein Bewegungsprodukt der verschiedenen Teile des Atemapparats vom Zwerchfell bis zu den Lippen. Ein „Organ-Tanz“ also und weiter hätten Sprache und Musik drei Ausdrucksarten gemeinsam: die Vokalisierung in Sprache und Gesang, die Gestik in Gebärde und Tanz sowie die Schrift in Wort und Musiknotation. Beide Bereiche entwickelten eine differenzierte Symbolik, wobei die Sprache all ihre Zeichen in Sinn und konkrete Information ausprägte und die Musik eine eigentliche Gegenwelt dazu schuf, indem sie gerade nicht konkrete Information verschlüsselt sondern „abstrakt“ alles transportiert, was wir in sie hineinlegen.
Die einfache Tatsache, dass verschiedene Sprachen ineinander „übersetzbar“ sind, bei Musik hingegen weder Übersetzungen in verschiedene Stile nötig noch sinnvoll sind, weil ja gerade der Stil, die Epoche, die Gattung etc. jeweils ihr Wesen ausmacht, zeigt, dass Sprache sehr wohl „Musik“ braucht, um transportiert werden zu können, die Musik aber ganz gut ohne Sprache zurecht kommt. Das bedeutet auch, dass Musik älter und ursprünglicher ist, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass zuerst Begriffe entstanden sind und anschliessend Emotionen hinzukamen.
Ich möchte sogar soweit gehen und behaupten, dass die Musik unsere verloren gegangene Körperlichkeit sublimiert und bewahrt hat. Wenn die Sprache unsere Kommunikation in ein geniales System von Symbolen hineingiessen konnte, dann machte die Musik Vokalisierung, Gestik und Schrift „ohne Sinn“ transportfähig; eine „Metakommunikation“, die ohne Wortlast und Sinnbalast tanzen, fliegen und singen kann.
Und nun wieder zurück zu Bach, zur Johannespassion und zum Evangelisten mit seinem allseits bekannten Thema: Johann Sebastian Bach komponiert in alle Rezitative einen Subtext hinein, interpretiert den nicht als dramaturgisch durchdachtes Libretto verfasstenText auf sehr persönliche Weise: hochbarock-kontrastreich, expressiv und subtil ausgewogen. In diese „fertige Inszenierung“ begebe ich mich als Evangelist mit dem Continuo zusammen hinein und kann nun wieder frei gestalten, wie ein Schauspieler, der einen bekannten Monolog zum erneuten Male und immer wieder neu darstellen kann.
Mit dem Bach Ensemble Luzern ist dies ein besonderes Vergnügen, denn hier wird hochprofessionell geprobt, effizient gearbeitet und subtil musiziert. Mit diesem Hintergrund bekommt ein Evangelist in einer Aufführung mit Franz Schaffners Bach Ensemble wiederum viele gestalterischen Möglichkeiten, seine Geschichte spannend, überraschend und packend darzustellen – lassen Sie sich überraschen!