Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03490.jsonl.gz/2424

Letzte Woche durfte ich an dieser Stelle mein Scherflein zur Sexismus- und Aufschrei-Debatte beitragen. Nun sind zwei Dinge geschehen, die nach einer Wiederaufnahme des Themas geradezu, hm, schreien:
Am einen Ende der Skala jammert Roger Köppel in der «Weltwoche» (wo denn auch sonst?) über seine schröhöckliche Zeit, die er als junger Spund in der Krippe verbringen musste. Er hätte sich ganz fest gewünscht stattdessen bei seinem Mami zu sein.
Kombiniere: Krippenplätze sind böse, schaden Kindern, erwerbstätige Mütter sind deshalb Rabenmütter... Im Englischen sagt oder schreibt man an solch einer Stelle «yada, yada, yada…», sinngemäss: Rhabarber, Rhabarber.
Nun blutet mein Herz aus eigener Erfahrung für jedes Kind, das von anderen Kindern «drunterkommt»: Ich war auch ein Krippenkind, und ich bin auch druntergekommen, gar eher noch später in der Primarschule. Zweierlei gibt es dazu zu sagen: Erstens kenne ich in meinem Umfeld, in welchem sich fast ausschliesslich Menschen mit einigermassen kreativen Berufen bewegen, kaum jemanden, der in der Schule nicht druntergekommen ist. Ein Mensch mit ausgeprägt gesundem Selbstbewusstsein könnte es also durchaus als Auszeichnung sehen, sich bereits damals von einer mehr oder minder stumpfen Masse abgehoben zu haben. Persönlich habe ich mir eine weniger elitäre Auslegung meines damaligen Leidens an und in der Kindheit zurechtgelegt: In den ersten vier Lebensjahren nahezu ausschliesslich von Erwachsenen umgeben, war ich ganz einfach ein unerträglich besserwisserischer Know-it-all, für den eine Korrektur in der Sozialisierung dringend notwendig war.
Es gibt nun auch eine dritte und vierte Coping-Strategie mit einer solch tiefen Kränkung im Kindesalter umzugehen: Man kann verschupft und schmollend in der Spielplatzecke stehen bleiben, verinnerlichen, dass alle anderen falsch liegen, und dies bei jeder Gelegenheit lauthals propagieren. Es werden sich so bestimmt einige andere Verschupfte zu einem gesellen, welche genauso laut schreien. Und man kann sich in den höheren Klassen Verbündeten andienen, welche einem helfen, zurückzuschlagen. Ich muss ja jetzt nicht noch einmal genaustens auf Herrn Köppel zurückkommen.
Am anderen Ende der Skala wurde Andrea Bleicher zur Chefredaktorin - hoffen wir, das «interim» falle bald weg - des «Blick» ernannt. Traurig, dass es bis ins Jahr 2013 dauern musste, bis die Chefredaktion eines der grössten Schweizer Blätter endlich weiblich besetzt ist. Noch trauriger die Kommentare auf ein Porträt im «Tagi» unter dem Titel: «Jung, hartnäckig, fordernd». Es ist vor allem ein Absatz, der Kommentare auslöst: Andrea Bleicher hat zwei Kinder im Alter von acht und zehn Jahren. Diese Kinder leben gemäss Artikel beim Vater in Deutschland, Frau Bleicher verbringt wöchentlich zwei Tage mit ihnen. Nun, die meisten Kommentatoren geben sich nicht mit so Belanglosigkeiten wie Leistungsausweis, kontinuierlichem Fleiss, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Intellekt und schierer Begabung ab, die unbestreitbar nötig sind, um sich solch einen Posten zu erobern. «Arme, abgeschobene Kinder», «Rabenmutter», «weshalb haben solche Leute Kinder...» ist der Tenor. Abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnern kann, über den abtretenden Herrn Grosse-Bley überhaupt je erfahren zu haben, ob er Kinder hat (hat der abtretende Stv. Chefredaktor des «Blick», Clemens Studer, Kinder? Haben Karsten Witzmann, Bernhard Weissberg, all die ehemaligen Chefredaktoren des «Blick», Kinder? Hat der Chefredaktor des «Tagi», Res Strehle, Kinder? Keine Ahnung, interessiert die Öffentlichkeit auch nicht.), schient es mir ganz einfach unglaublich, wie Fremde sich anmassen, über ein Familien- und Erziehungsmodell zu urteilen, über welches sie rein nichts wissen. Vielleicht war von vornehin ausgemacht, wem Karriere und wem Kinder wichtiger sind? Und wenn nein, wen geht das etwas an? Es ist doch einfach zum Schreien, Frauen, die etwas erreichen, im Jahr 2013 immer noch mit der Kinderkeule ungespitzt in den Boden zu nageln zu versuchen. Zieht doch nach Afghanistan!
Um nun die zwei Themen Köppel und Bleicher zu verschränken, einen kleinen Exkurs in meine Sozialisierung: Meine Mutter hat stets gearbeitet. Keine hundert Prozent, sie hat auch keine grossartige Karriere gemacht, aber sie hatte: Gesprächsthemen! Ihre Arbeit (und ihr persönliches Interesse) liess sie in politische Entscheidungen und Prozesse auf kommunaler Ebene Einblick nehmen, welche am Familientisch diskutiert wurden und die mir die Welt sowie mehr oder minder globale Zusammenhänge sozusagen aus der Froschperspektive eröffneten. Für dieses intellektuell stimulierende Umfeld, welches sie mir geboten hat - und immer noch bietet -, werde ich ihr neben diversen anderen Dingen ewig dankbar sein. Nichts gegen Frauen, die sich entscheiden, zu Hause zu bleiben (was man sich übrigens auch erst leisten können muss). Ich für meinen Teil möchte mir nie vom meinem Sohn in der Pubertät vorwerfen lassen, mein intellektueller Horizont reiche vom Nähkästchen bis zum Suppentopf! Und man kann sich überlegen, ob Roger Köppels und Andrea Bleichers Kinder in ein paar Jahren lieber sagen: «Mein Mami ist Chefredakteurin der grössten Schweizer Zeitung», oder im Falle Köppels: «Mein Mami ist Bankerin» - ah nein, scheints bleibt ja Frau Köppel seit Neustem zu Hause, drum wirds wohl eher: «Mein Mami ist super, sie kann prima Socken flicken und Brätkügeli mit Reis kochen!»