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Liebe Freunde,
es ist schon seit langem Zeit, dass ich einmal wieder von mir hören lasse und euch von Okinawa berichte. Tut
mir lei, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Übrigens, hege ich die Befürchtung, dass überhaupt niemand meinen letzten Bericht gelesen hat, denn es ist das erste Mal, dass ich überhaupt keine Reaktionen
auf einen Bericht bekommen habe. Nun gut, mit den falschen Umlauten hätte ich das auch nicht lesen wollen. Das Problem war damals, dass ich den Text auf dem eigenen Computer geschrieben hatte, dann auf der Kamera
(die ich auch als großer USB-Stick verwende) zwischen speicherte und von dort aus weitermailen wollte. Leider hatte aber der Computer im Internetcafe kein Word installiert und so kam es, dass...
Aber vielleicht sollte ich besser spannendere Dinge erzählen. Zunächst bin ich also nach Ishigaki geflogen.
Das ist so ziemlich das südwestlichste Ende von Japan. Es gibt noch eine handvoll kleine Inseln, die weiter weg sind, aber Ishigaki ist die letzte Insel mit einer richtigen Stadt drauf. Von hier sind es nur 270
Kilometer nach Taipeh, aber fast 2000 Kilometer nach Tokyo. Entsprechend ist auch eigenes anders als in der Hauptstadt. Nicht nur das Wetter, das so warm und sonnig war, dass ich mir gleich einmal einen Sonnenbrand
holte. Sondern auch die Leute. Dazu muss man wissen, dass das Südwestende und der Norden (also Okinawa und Hokkaido) beides Gegenden sind, die sehr spät Japan angegliedert wurden. Während Hokkaido nur spärlich von
Ainu besiedelt war, die kaum widerstand leisten konnten, war Okinawa das vormals mächtige Ryukyukönigreich, das gut funktionierende Handelsbeziehungen in ganz Ostasien hatte. Die Annexion erfolgte irgendwann um 1870
durch die Entführung des Königs und war Teil der japanischen Modernisierung zur Zeit des Kaisers Meiji. Damals war Japan sehr auf "Lebensraum" aus - eine gerade Linie lässt sich von hier bis zu den
japanischen Kriegsgräueln im Zweiten Weltkrieg ziehen.
Anders als Naha, das im Zweiten Weltkrieg stark umkämpft wurde (ich habe dort die unterirdischen
Bunkeranlagen der Marine besucht. Das ist sehr eindrücklich. In den klaustrophobisch engen Gängen kann man noch die Granatensplitter sehen, als die japanische Armee beim Verlust der Insel kollektiven Selbstmord
beging. Auch eindrücklich die letzten Worte, die der Kommandant in die Wand ritzte), ist Ishigaki für ein anderes Ereignis bekannt. Die kleine Insel soll vom höchsten Tsunami der Welt überspült worden sein. Im
Internet sind sich die Angaben einig, dass die Wellenwand 85m hoch war und der Tsunami im April kam, allerdings konnten sich die verschiedenen deutsch- und englischsprachigen Autoren nicht einigen, ob das ganze 1771
oder 1971 geschah. Zusätzliche Verwirrung stiftet, dass dieser Tsunami Meiji-otsunami genannt wurde – also eine Zeit, die irgendwann zwischen den beiden genannten Daten lag. Gut, macht nichts, dachte ich. Ich bin ja
auf der Insel und wenn das ganze wirklich erst vor rund 30 Jahre war, müssten die Leute sich ja noch daran erinnern können, zumal auch fast 10000 Menschen ums Leben kamen. Doch niemand wusste von einem Tsunami in
den letzten Jahren. Schließlich stieß ich in meinem Hotel auf Herrn Aoyama, der Hobbytsunamologe ist und mir schließlich meine Vermutung bestätigte, dass die Jahreszahl 1771 hätte lauten müssen. Er erzählte mir
auch, dass gerade am Vortag eine Sendung im japanischen Fernsehen kam, die von genau diesem Tsunami berichtete. Quintessenz dieser Sendung war, dass offenbar genau das nicht stimmte, worin sich die Internetautoren
einig waren: die Höhe! Obwohl Ishigaki mit seinen steilen Stränden, die ziemlich schnell in eine Tiefseegraben fallen für riesige Tsunamis prädestiniert sei, habe die damalige Flutwelle nur eine Höhe von 35m
erreicht. Der Rest sei von der Bauindustrie dazugedichtet worden. Die will nämlich im Wasser Wellenbrecher konstruieren.
Herr Aoyama ist übrigens ein interessanter Mensch. Er hat in meinem Guesthouse gerade neben mir das Zimmer
bewohnt - und noch mehr Kakerlaken als ich und bei mir waren es schon einmal 6 Stück zur gleichen Zeit. Aoyama San war in Tokyo Sportlehrer und hat seine Stelle verloren. Er ist aber schon über fünfzig und hat kaum
Chancen, etwas Neues zu finden. Arbeitslosengeld gibt’s in Japan nur ganz kurz und auch nur 50%, Sozialhilfe und ähnliches ist weitgehend unbenannt. Pension gibt es frühestens mit 60. Herr Aoyama muss nun also
überlegen, wie er mit seinen Ersparnissen über die Runde kommt, denn wenn seine Ersparnisse aufgebraucht sind, dann kann er nur noch auf die Strasse gehen - ein Schicksal, dass ihn sehr beängstigt, aber vielleicht
unausweichlich ist und das er mit vielen tausend anderen Leuten teilen würde. Nun ist der Mann mit grauen Haaren daran, dieses Schicksal zu verzögern. Als erstes hat er seine Wohnung in Tokyo aufgegeben und sich für
einen Bruchteil des Geldes in Ishigaki im Guesthouse einen Langzeitdiscount erhandelt. Seine Ersparnisse reichen gerade, um die sieben Jahre Miete bis zu einer frühzeitigen Auszahlung der Pension zu überbrücken,
rechnet er mir vor. Doch Geld zum Essen habe er dann noch keines. Doch ganz so auswegslos ist die Situation nicht, denn Aoyama ist gesund und kann Gelegenheitsjobs als Tauchlehrer annehmen - und Tauchlehrer sind auf
der Insel mit dem smaragdgrünen Meer und seinen ausgedehnten Korallenriffen gefragt. Hoffen wir also, dass es Aoyama San erspart bleibt, irgendwann das japanische "Surprise" in Tokyo oder Osaka anzupreisen.
Von Ishigaki fuhr ich mit der Fähre nach Naha. Die Fahrt auf dem offenen Meer beim schlechten Wetter war
nicht gerade das, was ich am besten vertragen habe. Ich musste deswegen sogar einmal kurz die Kloschüssel küssen, aber das ist ein anderes Thema. Mit im Zimmer waren eine ganze Reihe von Hippies, die bei allem, was
sie nicht gut fanden, meinten, dass es Babylon sei... ich vermute, das bezieht sich auf ein Zitat von Bob Marley, aber weiß auch nicht genau, was gemeint ist. Hat jemand von Euch eine Idee, und kann mich aufklären?
Wie auch immer, in meinem Zimmer waren 5 Rastafari mit Jamaicahüten, einigen Djembes und einem Dijeridoo (wie schreibt man das eigentlich?). Als ich schlafen wollte, begann das Trommelfeuer. Gut spielen konnten sie
aber. Das ist allerdings auch nicht erstaunlich, denn die fünfzehn Leute (mittlerweile waren alle Rastafaris des ganzen Schiffes in meinem Zimmer versammelt) haben zusammen vier Monate in der Wildnis von Iriomote
gelebt. Dort waren sie am Strand, haben Fische gefangen und gejagt. Eigentlich eindrücklich - das Problem ist höchstens, dass Iriomote ein Park ist, der Natur und Tiere schützen sollte. Aber da habe ich nicht
nachgefragt...
In Naha besuchte ich das Moonlight Guesthouse - der ultimative Tipp für Nahabesucher. Billig und angenehme
Atmosphäre. Allerdings fast nur Japaner, also habe auch ich mich kurzerhand in einem Japaner verwandelt und behauptet, dass ich Japaner sei. Die Reaktionen waren sehr lustig - von einem lachenden "muri -
unmöglich" bis zu einem höflich-zweifelnden "Ah, sou nan no?" gab es alle möglichen Reaktionen. Auch wenn die Leute nicht wussten, woher ich komme, fanden sie mich doch einen lustigen Gesellen und
nahmen mich auf ihre Trinkgelage mit.
Okinawa ist ein Ort, der irgendwie schräge Vögel anzieht. Vor allem in dem Guesthouse oben wohnte eine Menge
davon, von den Hippies habe ich schon erzählt. Den eigenartigsten Freak habe ich aber noch nicht erwähnt. Seinen Namen weiß ich leider nicht mehr. Er ist schon seit Jahren in Südjapan unterwegs und lebt von seiner
Musik - und vielleicht mehr noch von seiner abenteuerlichen Erscheinung. Eine akustische Gitarre hat er immer umgehängt, egal wo man in gerade trifft. Dazu trägt er einen blauen Samuraikimono und Dreadlocks. Das
Spezielle an seinen Konzerten ist, dass alle Zuhörer sich Lieder wünschen dürfen und er dann eine 20 Sekundenversion von dem Stück zum Besten gibt. Wenn er das Lied nicht kennt - und das ist gar nicht so selten der
Fall - hat er ein paar gute Sprüche parat, die fast unterhaltender sind, als seine Musik selber.
Doch ich habe mir auch die Insel ein bisschen angeschaut. Zusammen mit einem Deutschen bin ich auf der Insel
mit den schlechten Busverbindungen in der Norden gestöppelt. Es ist lustig, wie unterschiedlich die Leute sind, die einen mitnehmen. Zuerst hielt ein 75-jähriger Opa, der immerhin so bescheiden war, dass er es nicht
so wichtig fand, dass alle wissen, wie wichtig er ist. Immerhin ist er Präsident einer Plastik- und Ölentsorgungsfirma von Okinawa und ohne ihn läuft das Geschäft nicht wirklich... Er hat sich auf jedenfall sehr
gefreut, dass er jemanden mitnehmen konnte und viel geplaudert - und uns ein Mittagessen spendiert. Weiter ging’s mit dem Pizzaman, der von einem Botengang zurück kam. Schließlich trafen wir einen jungen Mann, der
selber nicht wusste, wohin er wollte. Er hatte einen Tag frei und wollte sein neues Auto ausführen. Gut, das war genau das, was wir brauchten. Den Rest des Tages erzählten wir ihm, wo es schön ist, und er konnte aus
seinem neuen Wagen auf den Landstrassen alles rausholen. Übrigens ein bemerkenswertes Auto: die Höchstgeschwindigkeit war etwa 120 und gut beschleunigt hat es auch nicht -aber beim Ton wäre selbst ein Ferrarifahrer
neidisch geworden. Vielleicht digital? In Japan wär’s möglich...
Von Naha ging’s dann zurück nach Tokyo für ein paar Tage und von dort zu EXPO, die ich gestern noch einmal
ausgiebig besucht habe. Aber davon im nächsten Mail.
Liebe Grüsse,
Oliver