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Der Tag, an dem ich entschied, Bildschirmlimits zu installieren
Draussen schien die Sonne und auf meinem Schreibtisch türmte sich die noch zu erledigende Arbeit zu erschreckend grossen Papiertürmen. Doch ich begab mich weder an meinen Schreibtisch noch nach draussen. Stattdessen musste der Handybildschirm als Sonne herhalten und anstatt meines Bürostuhls war ein Kissenberg meine Unterlage. Während der Werbepause vor dem nächsten YouTube-Video rückte ich die Kissen zurecht und überlegte mir einen Moment lang, ob ich die Reissleine ziehen sollte. Mit diesem schwierigen Gedankengang beschäftigt, schaute ich nachdenklich auf. Mein Blick fiel auf den Papierstapel, der mich hämisch anzugrinsen schien. Bei diesem Anblick brachte ich meine Überlegungen zu einem schmerzlosen Ende: Ich zog mir die Kopfhörer schleunigst wieder über und vergass die unangenehme Realität (zumindest bis zur nächsten Werbepause). Jetzt aufzuhören schien schwieriger denn je. Während die morgige Prüfung mit jeder Sekunde näher kam, lag ich lediglich auf dem Bett und vergeudete meine Zeit. Gerade, als ich wieder in eine Parallelwelt einzutauchen begann, öffnete sich die Tür. Meine Mutter stand im Zimmer. Ungefähr seit ich begonnen hatte, YouTube zu schauen, hatte sie im Garten gearbeitet. Nun war sie sauer. Zornig schaute sie auf den Computer, den ich bei ihrem Eintreten schleunigst geschlossen hatte. Doch der hastig aufgelesene Socken, mit dem ich vortäuschen wollte, dass ich gerade aufräumte, täuschte sie nicht. Meine um den Hals hängenden Kopfhörer und der neben mir liegende Laptop verrieten mich.
Als meine Mutter ihren Gefühlen gehörig Raum gegeben hatte, verliess sie das Zimmer. Unangenehme Gedanken, die mich als Versager brandmarkten und mich mit Schimpfnamen belegten, lösten ein schlechtes Gefühl in mir aus, das ich in abermaligen YouTube-Konsum ertränken versuchte. Frustriert stand ich auf, schloss die von meiner Mutter offengelassene Tür und ging abermals die drei verhängnisvollen Schritte zu meinem Bett, um auf die Matratze zu plumpsen. Als ich den Computer wieder aufklappte, fühlte ich mich wie inmitten eines Haufens Schnee. Das YouTube-Schauen fühlte sich weich und angenehm an, aber meine Zeit starb den Kältetod. Ohne Hilfe kam ich nicht mehr heraus.
Gerade, als ich begann, wieder in eine Parallelwelt einzutauchen und meine Probleme vergessen hatte, öffnete sich abermals die Tür. Diesmal stand mein 10-jähriger Bruder im Zimmer. Schon wieder wurde ich gestört! Wütend schaute ich meinen Bruder an, der gerade Luft holte. Ich wusste genau, was folgen würde. Und meine böse Vorahnung bestätigte sich: «Immer, wenn ich reinkomme, bist du am Computer. Heute bin ich schon drei Mal reingekommen, und immer fand ich dich auf dem Bett und am Computer vor. Mama hat dir schon lange einen Auftrag gegeben. Du bist süchtig», quietschte er schadenfroh. Wütend stritt ich alle Vorwürfe ab. Mein Bruder beharrte auf seiner Meinung. «Ich werde das Mama sagen», unterbrach er mich. Bevor ich ihn daran hindern konnte, hörte ich ihn in die Küche stolzieren. Ich konnte ihm nur noch ein Schimpfwort nachrufen, doch es war zu spät. «Er ist immer noch am Computer. Er ist süchtig», hörte ich ihn zu Mama sagen. Sie stimmte ihm zu. Sollte ich in die Küche gehen und die Sache berichtigen? Gab es überhaupt etwas zu berichtigen? Ich entschied mich dazu, erstmal die Faust im Sack zu machen und meinem Bruder später seine verdiente Rache angedeihen zu lassen. Die Wut über das von meinem Bruder Gesagte und das Wissen, dass er eigentlich Recht hatte, trieb mich weiter den Fluss des Zeitvergeudens hinab. Spätestens an diesem Nachmittag wurde mir klar, dass ich etwas gegen das Zeitvergeuden unternehmen musste, um aus diesem Hamsterrad meiner Gewohnheit auszubrechen. Ich entschied mich, mittels Bildschirmzeitbegrenzungen meinem Unterhaltungs-Hunger den Garaus zu machen. Noch am gleichen Tag installierte ich strikte Bildschirmzeitlimits auf allen meinen Geräten.
Was danach geschah
Schlagartig sanken meine Bildschirmzeiten in den Keller der herbeigewünschten Zeitfülle. Von Tag zu Tag wurde ich optimistischer und der bittere Nachgeschmack jener vergeudeten Stunden schien in ein blauäugiges Vertrauen in jene Sanduhr überzugehen, die mein Online-Verhalten täglich in Schranken hielt und immer dann in einer sanften Animation in Erscheinung trat, wenn die Zeit aufgebraucht war. Gleichzeitig mag ich mich an keinen Tag erinnern, an dem ich die von mir knapp bemessene Zeiten für die einzelnen problematischen Apps nicht bis zur letzten Sekunde ausgenutzt hätte. Wie ein Bauer seine Kuh bis zum letzten Tropfen melkt, war es für mich klar, diese Zeit in geradezu geiziger Sparsamkeit bis zum letzten Tropfen auspressen zu müssen. Mir stand diese Zeit doch zu!
Die mir anfangs noch sanft vorkommende Animation der Sanduhr, die ankündigte, dass meine Zeit aufgebraucht war, verwandelte sich in einen Albtraum. Bald dankte ich ihr nicht mehr für ihre Regulation, sondern dachte mir wüste Schimpfnamen für sie aus. Denn sie unterbrach mich täglich, immer in der zwölften Minute, und jedes Mal mit einem peinigenden Cliffhanger. Diese brutale Unterbrechung vermittelte mir untergründig die Botschaft, dass ich stets etwas verpasste. Wie ging der Prank weiter? Was waren die anderen technischen Neuerungen der Smartwatch, die der YouTuber im weiteren Verlauf des Videos vorstellen würde? Und warum hatten sich diese Influencer getrennt? Unbefriedigt und frustriert blickte ich jeweils auf den herunterkullernden Sand der mahnenden Uhr, dessen Animation geradesogut für ein Bild meiner schwindenden Nerven hingehalten hätte.
Eine weitere Begleiterscheinung liess mich darauf schliessen, dass sich meine Sucht weiterhin begleitete, obwohl ich nur wenige Minuten für diese zeitinvasiven Apps zuliess. Ich begann nach Umwegen zu suchen, um die Zeitlimits zu umgehen. Mein Hunger nach dem Zeitvergeuden schien vielmehr zu wachsen, statt abzunehmen. Ich verbachte also schlussendlich mehr Zeit vor dem Bildschirm als vorher, wenn es mir gelang, einen Weg um das Limit zu finden oder ich mich dazu entschied, das Limit zu lockern oder gar aufzuheben.
Doch wieso drückte der Klammergriff der Sucht noch mehr zu, sobald ich wieder uneingeschränkten Zugriff auf diese Apps hatte? Ich glaube, dass das Problem in der mangelnden Selbstkontrolle zu finden ist. Ist Ihnen aufgefallen, dass ich mich wochenlang nicht in der Selbstkontrolle übte? Täglich setzte ich mir nicht selbst die Grenzen, sondern wurde immer von dieser lästigen Sanduhr unterbrochen, die mir anzeigte, wann die Zeit um war. Ohne Limit wartete ich in meiner angewöhnten passiven Haltung vergeblich auf diese Zeit-Polizei. Neben der fehlenden Selbstkontrolle wurde mein Unterhaltungs-Hunger während Wochen gesteigert, indem ich täglich das Gefühl verspürte, von jemanden etwas weggenommen zu bekommen, was mir eigentlich zustand. Nun wollte ich die Gelegenheit am Schopf packen und die Kuh bis zum letzten Tropfen ausmelken…
Dem Problem meiner Online-Sucht lediglich mit Bildschirmzeitlimits entgegenzutreten, greift also zu wenig weit. Um wirkliche Wurzelbekämpfung dieser Gewohnheit zu betätigen, muss der Sanduhr also erstmals gekündigt werden. Wer soll als nächstes angestellt werden?