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Beitrag von Morgan Kavanagh
Seit 2008 fördere ich innovative Didaktik, anfänglich an einer Universität in Australien. Dort bestand meine Aufgabe darin, Unterrichtende zu ermutigen, technologische Hilfsmittel zur Unterstützung ihres Unterrichts einzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Universität bereits seit mehreren Jahren ein Learning Management System im Einsatz, das in meiner Abteilung jedoch praktisch unbekannt und ungenutzt blieb. Also bereitete ich eine Intervention vor. Ich dachte: «Kein Problem! Ich werde einfach einen monatlichen Kurs anbieten, in dem ich die Leute über verschiedene Themen, die mir wichtig erscheinen, unterrichte». Ich setzte einen Termin und erwartete, dass viele Leute kommen würden, weil sie offensichtlich das Training brauchten. Aber dann tauchte niemand auf! Wie konnte das sein? Wussten sie nicht, wie nötig sie den Kurs hatten? Ich machte mich schlau und verstand, dass ich zwei Fehler gemacht hatte. Der erste war, dass ich davon ausging, dass die Unterrichtenden Zeit hatten, an meinem Kurs teilzunehmen. Der zweite, dass sie auch der Meinung waren, dass diese Fähigkeiten ein notwendiger Bestandteil ihres Berufsbildes seien, direkt auf ihr Arbeitsleben angewendet werden konnten und Vorteile mit sich bringen würden.
Heute, im Jahr 2018, haben wir eine veränderte Situation. Es gibt eine viel grössere Vielfalt an digitalen Werkzeugen zur Unterstützung des Lehrens und Lernens. Die Erwartungen an den Einsatz von Technologie im Unterricht sind viel höher und die digitalen Kompetenzen der Studierenden sind wesentlich besser. Allerdings stehen wir immer noch oft vor den gleichen Herausforderungen wie im Jahr 2008: Es bleibt nicht genügend Zeit, um alles zu tun, was wir als Lehrpersonen tun müssen, und digitale Fähigkeiten stehen oft am Ende einer langen Liste von Prioritäten, wie zum Beispiel die Vorbereitung der morgigen Vorlesung oder das Schreiben eines Blogbeitrags. Es bleibt meist keine Zeit für die Entwicklung digitaler Fähigkeiten, und wir haben oft das Gefühl, dass dies auch nicht wirklich Teil unseres Jobs ist.
So stellte ich mir nun folgende Fragen: Wie kann die Entwicklung digitaler Kompetenzen in unsere anderen, dringenderen Aktivitäten integriert werden? Wie kann Fachwissen über digital unterstützten Unterricht in die berufliche Identität der Lehrenden integriert werden? In der Tat: Wie kann die Entwicklung digitaler Kompetenzen auf der Prioritätenliste der Lehrenden weiter nach oben rücken?
Die grösste Hürde
Die grösste Hürde bei der Bewältigung dieser Herausforderungen ist die Vielzahl der verfügbaren Informationen und Möglichkeiten im Bereich Lehren und Lernen mit digitalen Medien. Diese Informationsüberflutung bedeutet, dass es unmöglich scheint, einen Anfang zu finden. Sie kann eine Krise der beruflichen Identität verursachen, da die Lehrpersonen (zu Recht) denken, dass sie nicht in der Lage sind, alle diese Informationen in den Griff zu bekommen. Eine nicht seltene Reaktion darauf ist zu leugnen, dass digitale Fähigkeiten tatsächlich wichtig sind. Es ist ein Weg, die eigene berufliche Identität zu schützen: Man hat das Gefühl, etwas nicht zu beherrschen, also verlagert man es auf die Ebene des Irrelevanten! Manche Unterrichtenden gehen in dieser Abwehrreaktion so weit, dass sie überzeugt sagen: «Es ist nur eine Phase – denken Sie an meine Worte, wir werden in ein paar Jahren wieder mit Stift und Papier arbeiten».
Ich bin davon überzeugt, dass dies nicht geschehen wird. Um als Fachleute relevant zu bleiben, müssen wir uns als Lehrende digitale Fähigkeiten zu eigen machen, sodass sie zu einem Teil unserer Identität als Fachleute werden.
Digitales Bastelzimmer – endlich erfolgreich!
Jetzt arbeite ich am Institut für Übersetzung und Dolmetschen (IUED) im Fachbereich Angewandte Linguistik, als Leiter der Stabstelle Didaktische Innovation. Wir haben ein Konzept entwickelt, um die oben beschriebenen Herausforderungen zu bewältigen. Wir nennen es «Digitales Bastelzimmer». Das Ziel des Digitalen Bastelzimmers ist, digitale Kompetenztrainings gleichzeitig mit der Entwicklung von Kursen und Lehrplänen durchzuführen. Die Dozierenden bringen ihre aktuellen Projekte ein und arbeiten im selben Raum zusammen. Durch die parallele Arbeit und unter Betreuung unterstützen sie sich gegenseitig bei der Problemlösung, zeigen einander Entdeckungen und beraten sich bei der Konzeption ihrer Projekte. Das Format fördert auch die Integration digitaler Kompetenzen in die Berufsbilder der Lehrenden, da es ein Forum ist, in dem die Dozierenden in ihren vorhandenen digitalen Fähigkeiten bestätigt werden. Sie teilen mit anderen, anstatt sich über ihre Schwächen informieren zu lassen und gesagt zu bekommen, aufholen zu müssen.
Das Digitale Bastelzimmer ist ein Erfolg: Die Treffen finden alle zwei Wochen statt, und jede Sitzung ist mit acht bis zwölf Dozierenden gut besucht. Es hat auch einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Lehrenden: Wir sehen, dass viel mehr digitale Werkzeuge eingesetzt werden und dass die Lehrenden ihre neuen digitalisierten Kurselemente auch ausserhalb des Digitalen Bastelzimmers diskutieren. Dies verstärkt das Gefühl der Dozierenden, dass ihre neu entwickelte digitale Expertise Teil ihrer Identität als Lehrkraft ist.
Der Erfolg des Digitalen Bastelzimmers hängt von zwei kritischen Faktoren ab:
-> Institutionelle Unterstützung
Dass das Institut Ressourcen für innovatives Lehren und Lernen bereitgestellt hat, ist ein offensichtlicher, wenn auch nicht unbedingt selbstverständlicher, Erfolgsfaktor. In meiner Rolle habe ich den Auftrag, das grosse Potenzial für innovative Didaktik sichtbar zu machen, welches diese zweite Welle der Digitalisierung bietet. Ich habe, in Zusammenarbeit mit meiner Stellvertreterin Alice Delorme, nicht nur diese Reihe Digitales Bastelzimmer entwickeln dürfen. Wir stehen auch für individuelle Beratungen rund um die Didaktik zur Verfügung. Die Stabsstelle Didaktische Innovation soll als Katalysator wirken, um im Austausch aus den reichen didaktischen Kenntnissen und Erfahrungen im IUED-Kollegium neue Lehr- und Lernformate zu entwickeln.
-> Bottom-up, praktisches Format
Der zweite kritische Erfolgsfaktor des Digitalen Bastelzimmers ist dessen Bottom-up- und Praxischarakter. In einer Umfrage unter Institutslehrenden habe ich gefragt, warum sie das Digitale Bastelzimmer besuchten. Der häufigste angegebene Grund war der „praktische“ Charakter der Sitzungen. Durch die Arbeit an einem konkreten Kurselement haben die Teilnehmenden das Gefühl, immer etwas Neues zu lernen, das sie sofort anwenden können, um mit ihrer Arbeit effizienter zu werden.
In meiner Umfrage habe ich auch gefragt, warum Dozierende entscheiden, nicht ins Digitale Bastelzimmer zu kommen. Die häufigsten Antworten waren immer noch Zeit-/Energiemangel und Terminkonflikte. Dies deutet darauf hin, dass das Ziel, Unterrichtende dazu zu bringen, das Digitale Bastelzimmer als Mittel zur Zeitersparnis zu betrachten, noch nicht vollständig erreicht ist.
Haben wir uns verändert?
Seit der Gründung des Digitalen Bastelzimmers habe ich erhebliche Veränderungen im Verhalten der Dozierenden in Bezug auf Online-Tools beobachtet. Da die Teilnehmenden in den Sitzungen tatsächlich ein kleines Kurselement aufgebaut haben, wie z.B. die Benotung mit Rubriken in Moodle, ist es für sie einfach, in verschiedenen Modulen damit zu experimentieren. Die Anpassung an die digitalisierte Lehr- und Lernumgebung ist zwar nach wie vor eine grosse Herausforderung für uns. Das Digitale Bastelzimmer bietet uns jedoch einen soliden Schritt auf diesem Weg des Wandels.
Beitrag von Morgan Kavanagh