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L'Enfant: Das Interview mit Déborah François
Déborah François ist eine dieser Frauen, die zu vier Fünftel aus Beinen zu bestehen scheinen. Das merkt man freilich erst, wenn man sie stehend sieht. Im Sitzen gibt die noch junge Belgierin sehr überlegte Antworten. Sie scheint reifer als andere 20-Jährige und schnell ist klar, was die Jean-Pierre und Luc Dardenne an ihr fasziniert haben muss. Obwohl sie sanft wie ein Püppchen wirkt, steckt hinter der feinen Fassade eine starke Persönlichkeit, die ihren Weg auch nach dem Schauspieldebüt in L'Enfant gehen wird.
Mit OutNow.CH sprach die Blondine über die Arbeitsmethoden der Dardennes, den Unterschied zwischen Gymi und Cannes und die 21 Babies am Set von L'Enfant.
OutNow.CH (ON): Du kommst gerade zurück vom Filmfestival in Dubai. Wir war's?
Deborah François (DF): Stimmt. Die allerletzte Reise brachte mich aber nach Argentinien.
ON: Cannes im Mai war dein erster Besuch eines Filmfestivals. Wie fällt der Vergleich aus?
DF: Im Dezember habe ich sogar drei Festivals besucht. In Marokko, Argentinien und eben Dubai. Dubai war aber schon das grösste. Ich fühlte mich gut, es ist aber eine etwas andere Welt. Der grösste Unterschied zu Cannes ist, dass bei den Festivals, die ich danach besucht habe, weniger Filme gezeigt werden und das Medieninteresse weniger gross ist. Es ist einfacher, Journalisten zu treffen. Man hat Zeit und kann eine halbe Stunde miteinander reden, und auch mal etwas erklären. Während in Cannes alles sehr industrialisiert ist. Die Journalisten machen 25 Interviews am selben Tag. Die Schauspieler sind auch sehr beschäftigt. Es hat immer Presse-Attachés, die erstens schauen, dass nicht die falschen Fragen gestellt werden und zweitens der Zeitplan eingehalten wird. Die Journalisten haben Zeit für drei, vier Fragen und hopp werden sie schon wieder weggeschickt.
ON: Vor und nach dem Festival von Cannes warst du noch am Gymnasium.
DF: Ja. Ich habe etwa die Hälfte meines letzten Schuljahres verpasst wegen L'Enfant. Ich musste für mein Bac viel nachholen. Cannes war Ende Mai also zu der Zeit, als auch die letzten Prüfungen stattfanden. Es war nicht einfach, von den Dreharbeiten wieder ins normale Leben zu wechseln, wieder in die Schule zu gehen und keine grosse Verantwortung mehr zu tragen.
ON: War der Kontrast so gross?
DF: Gezwungenermassen. Es bedrückte mich auch ein bisschen, dass ich nicht mehr drehen konnte. Während den Dreharbeiten war ich ausserdem in einem Hotel untergebracht. Zurück in der Schule lebte ich wieder bei den Eltern und hatte zu bestimmten Zeiten zu Hause zu sein. Es war nicht einfach. Cannes war halt sehr speziell und die Schule "courant normal".
ON: Haben dir die Gebrüder Dardenne jemals verraten, warum sie dich gewählt haben für die Rolle der Sonia?
DF: Gemäss Jean-Pierre Dardenne darf man einem Schauspieler nie verraten, warum man ihn gecastet hat.
ON: Für die Gebrüder Dardenne ist die Kamera unerbittlich. Sie wollen, dass ihre Schauspieler nicht schauspielern, sondern den Kopf komplett frei haben. Wie haben sie diese Neutralität bei dir erreicht?
DF: Sie sind sehr streng in ihrer Arbeit. Es ist ermüdend. Sie brüskieren einen auch. Sie können sehr brutal sein beim Aufrechterhalten der Spannung im Film. Die Dreharbeiten sind sehr gespannt. Sie kreieren eine Ambiance voller Konzentration. Sie sagen nie, wenn etwas gut läuft. So weiss man weiss nie, ob etwas gut oder schlecht war. Das heisst, wenn es schlecht war, weiss man es sofort. Wenn's gut war gibt's keinen Kommentar. Sie sagen immer, du wirst es nach Drehschluss erfahren, oder am Ende des Tages etc. Damit musst du klar kommen.
ON: Hat dich dein Schauspielpartner Jérémie Rénier auch ein bisschen geneckt während den Dreharbeiten?
DF: Natürlich. An den Drehtagen, an denen ich traurig oder wütend auf ihn sein sollte, hat er mir zum Beispiel am Morgen gar nicht erst "Hallo" gesagt. Das war klar geregelt. Und wenn ich mit ihm reden wollte, reagierte er schnippisch. Er versuchte auch mich zu brüskieren. Ich hasse es zum Beispiel, wenn man mir auf die Schulter haut. Das hassen alle. Aber ich bin mir das überhaupt nicht gewohnt. Es destabilisiert mich. Es kam aber vor, dass Jean-Pierre am Set erschien und mich mit einem kräftigen Klapps auf den Rücken begrüsste. "Bonjour Déborah!" *klatsch*. Mit Jérémie war es ähnlich. Er zupfte mich an den Haaren und solche Sachen. Das war ziemlich hart. Aber erst wenn du komplett hinüber bist, dann macht man die besten Szenen. Wenn man kaputt ist, wenn man keine Lust hat, wenn man Jérémie das Gesicht zerschlagen möchte. In diesem Moment gibt es keine Barrieren mehr. Der Schauspieler kann sich nicht mehr schützen. Und es kommt einfach. Man kann sich nicht mehr zurückhalten, die Emotionen quellen hervor.
ON: Wie war es für dich, neben ihm zu spielen? Er hatte ja schon mehr Erfahrung als du?
DF: Er hat sich um unsere professionellen Beziehung gekümmert. Sie war ähnlich wie die von Bruno und Sonia im Film. Auch sehr freundschaftlich. Ich hatte ja keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte. Er hat mir auch Tipps gegeben, wenn ich mich schlecht gefühlt habe. Zum Beispiel sollte ich die Emotionen immer hier behalten (Sie zeigt auf den Bauch) und nicht hier (Sie zeigt auf den Brustbereich). Auch wenn du sie im Hals hast, ist es nicht gut. Das mag jetzt vielleicht ein bisschen doof klingen, aber während den Dreharbeiten bringt dich das zum Nachdenken.
ON: Hast du dich im Vorfeld informiert über das soziale Milieu, in dem der Film spielt?
DF: Ich musste nicht recherchieren, weil es ein Quartier ist, dass nur fünf Kilometer von mir zuhause weg ist. Ich kannte den Zusammenhang. Es ist eine Industriestadt, wo die Arbeitslosigkeit immer höher wurde, als die Fabriken schlossen. Wenn man an die Drehorte geht, Kleider trägt von dem Mädchen, das ich spiele, und den Leuten zusieht, spürt man das schwere Leben, das sie haben.
ON: Kennst du ein Mädchen wie Sonia?
DF: Nein. Persönlich kenne ich niemanden, der ist wie sie.
ON: Wenn du den Film siehst, fühlst du dann mit, oder denkst du immer noch an die Dreharbeiten?
DF: Als ich ihn das erste Mal sah, war es etwas seltsam. Ich schien mir nicht natürlich in meiner Rolle. Ich sah mich wieder, wie ich zwanzig Mal dieselbe Szene spielte. Es war nicht spontan. Ich bin eine schlechte Zuschauerin, wenn es darum geht, die schauspielerische Leistung zu beurteilen. Die Geschichte selber war aber noch stärker als ich das im Gefühl hatte, als wir sie drehten. Ich hatte ja nie auch nur eine fertige Szene gesehen. Ich war geschockt, trotzdem ich die Geschichte ja schon kannte. Ich war erschlagen von der Härte des Films. Es ist ein Film, der wie ein Stein auf den Magen schlägt. Ein Film, den viele Leute zuerst verdauen müssen, meiner Meinung nach.
ON: Was haben deine Eltern gesagt, als sie den Film gesehen haben?
DF: Sie haben natürlich geweint. Meine ganze Familie hat geweint.
ON: Was, denkst du, passiert mit Bruno und Sonia am Schluss des Films?
DF: Das werde ich oft gefragt. Ich habe für die Figur der Sonia eine Vergangenheit erfunden. Was hingegen ihre Zukunft betrifft, weiss ich nichts. Idealerweise können sie es wohl nochmals miteinander versuchen unter den neuen Umständen. Mit einem Bruno, der nun ein bisschen reifer zu sein scheint.
ON: Wie war es mit 21 verschiedenen Babies auf dem Set zu arbeiten? Gab es da jeden Tag ein anderes?
DF: Ja. Das war seltsam. Es gab jeden Tag drei verschiedene Babies zur Auswahl. Ich habe aber immer versucht, die Mütter kennen zu lernen und die Babies mindestens einmal auf dem Arm gehabt zu haben. Im Film sieht man sie nie so genau. Ich sah aber immer, dass es verschiedene Gesichtchen waren. Ich hatte zwar nicht viel Zeit, wollte aber trotzdem immer die Eltern selber kurz treffen, und nicht die Assistentin schicken, um zum Beispiel nach dem Namen des Kindes zu fragen. Auch um sie etwas zu beruhigen, dass ich schon mit den Babies klar komme.
ON: Kannst du schon etwas verraten zu deinem nächsten Projekt La Tourneuse de Pages?
DF: Was soll ich dazu sagen. Um es kurz zu machen: Es ist eine Geschichte um Rache in musikalischer Form. Es geht um ein junges Mädchen, dessen Traum es ist, Konzertpianistin zu werden. Sie schafft es aber nicht ans Konservatorium und gibt die Schuld der Präsidentin der Jury, eine grosse Pianistin. Zehn Jahre später, trifft sie die Frau per Zufall auf der Strasse wieder. Die Frau erkennt das Mädchen aber nicht wieder und so kann es sich in die Welt der klassischen Musik einschleichen und Rache nehmen.
ON: Zum Schluss möchte ich dir gerne noch die Pop-Up-Fragen stellen.
DF: Ok.
ON: Filmpromotion
DF: Repetition
ON: Die Schweiz.
DF: Ewiger Schnee
ON: Schweizer Schoggi oder Belgische Schoggi?
DF: *huch* Darauf kann ich nicht antworten. Ich will niemanden beleidigen.
ON: Les Dardenne
DF: Anspruchsvoll. Aufmerksam.
ON: Ein Baby bekommen
DF: Ich habe mich noch nicht entschieden.
ON: Merci et bonne chance.
DF: Danke.
Quelle: OutNow.CH