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Die Weltfrauenkonferenz vom September 1995 war der bislang grösste Frauenkongress der Weltgeschichte. Neben den 6’000 Delegierten aus 189 Ländern, die in der chinesischen Kapitale an der vierten Frauenkonferenz der Vereinten Nationen teilnahmen, trafen sich in Huairou über 30’000 Vertreterinnen von sozialen Bewegungen aus der ganzen Welt zum NGO-Forum. In der in Peking verabschiedeten Aktionsplattform verpflichteten sich die Staaten, die Gleichstellung der Geschlechter in allen Gesellschaftsbereichen voranzutreiben, die Rechte der Frauen zu schützen, Frauenarmut zu bekämpfen, geschlechtsspezifische Diskriminierungen in den Gesundheits- und Bildungssystemen abzubauen und Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung zu verfolgen. Die Ausstrahlung der Konferenz widerspiegelt sich auch in den Spuren, die sie in den Akten verschiedener schweizerischer Organisationen hinterlassen hat, deren Archive sich heute im Sozialarchiv befinden.
Die Pekinger Konferenz war die vierte ihrer Art. Die erste Frauenkonferenz der Vereinten Nationen hatte 1975 in Mexico City stattgefunden. Zuvor hatte die UNO das Jahr 1975 zum internationalen "Jahr der Frau" ausgerufen. In dessen Rahmen kam es in Island zu einem viel beachteten ganztägigen Frauenstreik, der zum Vorbild für denjenigen in der Schweiz sechzehn Jahre später werden sollte. In Zürich fanden 1975 gleich zwei Ausstellungen zum Thema statt: "Frauen in der Schweiz", die vom Schweizerischen Sozialarchiv mitorganisiert wurde, im Stadthaus und "Frauen sehen Frauen" im Strauhof. Die Akten der letzteren, damals durchaus kontrovers diskutierten Ausstellung sind kürzlich ins Sozialarchiv gelangt und werden demnächst der Benutzung zugänglich gemacht. Die Frauenkonferenz von Mexiko verabschiedete einen Welt-Aktionsplan und die Generalversammlung der Vereinten Nationen rief im Anschluss daran die Jahre 1976 bis 1985 zur UN-Dekade der Frau aus. Die Konferenz von Mexico City gab auch den Anstoss zur Einrichtung des UN-Entwicklungsfonds für Frauen UNIFEM (1976) und zur Verabschiedung der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (1979).
Im Jahr 1980, zur Mitte der Dekade der Frau, fand in Kopenhagen die zweite UNO-Weltfrauenkonferenz statt. Parallel dazu versammelten sich verschiedene Frauenorganisationen zum ersten NGO-Forum. Dieses widerspiegelte nicht zuletzt das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen und den Wandel der politischen Kultur in der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung nach 1968. Fünf Jahre nach Kopenhagen verabschiedete die dritte Weltfrauenkonferenz von Nairobi die "Forward-Looking Strategies", einen Aktionsplan für die Umsetzung der Beschlüsse der vergangenen Weltfrauenkonferenzen bis zum Jahr 2000. Seit 1995 hat keine Weltfrauenkonferenz mehr stattgefunden. Verschiedentlich wird befürchtet, das in der Pekinger Aktionsplattform Erreichte könnte an einer neuen Konferenz nicht verbessert, sondern womöglich gar in Frage gestellt werden.
Die Weltfrauenkonferenz von Peking gab, wie das Zeitungsausschnitt-Sonderdossier des Sozialarchivs zeigt, bereits im Vorfeld viel zu reden. Die chinesische Regierung, die der Welt eine perfekt organisierte Veranstaltung präsentieren wollte, entfaltete eine Repressionswelle gegen Kriminelle und Prostituierte. Zudem scheute sie, nur sechs Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratie-Bewegung, die Massenversammlungen des NGO-Forums in der Kapitale und verlegte dieses kurzerhand in die Provinzstadt Huairou. Für internationale Kritik sorgten auch Visumsverweigerungen für Delegierte mit tibetischen Wurzeln. Die von den Gastgebern beabsichtigte Marginalisierung des NGO-Forums gelang indessen nicht – verschiedene Spitzenpolitikerinnen wie Hillary Clinton und Ruth Dreifuss reisten demonstrativ zu Auftritten nach Huairou. Differenzen manifestierten sich an der Konferenz aber etwa zwischen Delegationen aus dem Süden mit ihren Schwerpunkten auf Armutsbekämpfung und Entwicklung und dem Norden mit einer stärkeren Betonung der Menschenrechte, zwischen Vertretungen säkularisierter und stark religiös geprägter Staaten sowie am NGO-Forum zwischen Vertreterinnen sozialer Bewegungen und regierungsnahen Frauenorganisationen aus autoritären Ländern. Der Verabschiedung der Aktionsplattform ging denn auch ein zähes Ringen um Schwerpunkte, Akzentsetzungen und einzelne Formulierungen voraus, was die schliesslich konsensuale Beschlussfassung umso bemerkenswerter macht.
Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der vierten Weltfrauenkonferenz durfte das Sozialarchiv im vergangenen Mai an einer gemeinsam mit Terre des Femmes Schweiz organisierten Veranstaltung drei Zeitzeuginnen begrüssen: Die philippinische Frauen-, Friedens- und Menschenrechtsaktivistin Irene M. Santiago, die als Generalsekretärin das NGO-Forum von 1995 organisiert hat, sowie zwei Schweizer Teilnehmerinnen, die Bäuerin Lisbeth Ulrich und die Historikerin Elisabeth Joris. In ihren spannenden Ausführungen zur Weltfrauenkonferenz ergänzten sie das präsentierte Quellenmaterial des Sozialarchivs um zahlreiche Zusatzinformationen und auch Anekdoten. Die Frage nach dem Erfolg der Konferenz von 1995, die bereits unmittelbar nach dem Ereignis kontrovers diskutiert wurde, wollten sie nicht auf die konkreten politischen Impulse und ihre Umsetzung in den einzelnen Ländern reduziert sehen. Vielmehr müsse auch die prägende Wirkung veranschlagt werden, die die Erfahrung der Konferenz auf Tausende von Delegierten aus der ganzen Welt gehabt habe.
Bestände zum Thema im Sozialarchiv
Archiv
- Ar 201.235 Dokumentation 4. UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking
- Ar 437.42.3 Frauen/Lesben-Archiv: 4. UN-Weltfrauenkonferenz Peking 1995
- Ar 45.55.3 Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF): Akten III: Mappe 2: Unterlagen betr. Weltfrauenkonferenz Beijing 1995
- Ar 55.45.6 OFRA: NGO-Koordination Beijing 1995
- Ar 98.20.7 cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit: Aktionen: 4. UNO-Weltfrauen-Konferenz in Peking
- Ar 410.35.9 Gewerkschaft Druck und Papier (GDP): Frauen in den Medien (I) ab ca. 1994
- Ar 410.35.17 Gewerkschaft Druck und Papier (GDP): SJU Frauenrat ca. 1990-1998
- Ar 588 Frauen sehen Frauen / Frauen-Rakete Zürich
Dokumentation
- ZA 04.5 *W Frauen: Welt-Frauenkonferenzen: 1975-2000
- QS 04.5 Frauen: Allg. & Ausland: 1988-1995
Bibliothek
- Gr 8713 NGO-Dokumentation: Huairou/Peking, 30.8.-10.9.95: Mit französischen und deutschen Texten und Beiträgen der Forums- und Konferenzteilnehmerinnen der 4. Weltfrauenkonferenz in China. Zusammengestellt von Anne-Christine Kasser-Sauvin, Susanne Bertschi und Anni Lanz. Basel 1995
- Gr 8714 Bericht der vierten Weltfrauenkonferenz (auszugsweise Übersetzung des Dokuments A/CONF.177/20 vom 17. Oktober 1995). New York 1995
- 130444 Kristina Schulz, Leena Schmitter, Sarah Kiani: Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968: Analysen, Dokumente, Archive. Baden 2014