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Für Laien unverständliche Fachwörter bleiben in der Regel dem Wortschatz von Spezialistinnen und Spezialisten vorbehalten. Was ein ‹Tritonus› ist, interessiert Musikerinnen, um die ‹Splenektomie› kümmern sich Chirurgen, mit ‹Epistemologie› schlagen sich Philosophinnen herum und mit ‹Lepidoptera› die Insektenforscher.
Nur selten schwappt ein Spritzer des hermetischen, geheimnisvollen linguistischen Safts von den Eingeweihten in die Alltagsrede. Selten, aber es kommt vor. So fanden vor einiger Zeit Fußballtrainer, Politikerinnen, Betriebsdisponenten und Katechismus-Lehrerinnen plötzlich Gefallen am Wort ‹Quantensprung›. Und weil sie nicht wussten, dass ein Quantensprung die theoretisch kleinstmögliche Veränderung von irgendetwas ist, bedeutet es nunmehr in der Alltagssprache — zum Ärger von Physikerinnen, Physikern und eines still leidenden Linguisten — das Gegenteil, nämlich eine gewaltige, epochale Veränderung. Wobei der Quantensprung in der Alltagssprache seltsamerweise ausschließlich für positive Veränderungen, für Verbesserungen verwendet wird.
Ähnlich erging es dem Adjektiv ‹homöopathisch›, was aus dem Griechischen ‹ὁμοῖος› [homóios] (gleich) und ‹πάθος› [páthos] (Leid) gebildet ist, also ‹auf gleiche Weise leidend› bedeutet. Gemeint ist damit, dass ein Leiden durch einen Wirkstoff geheilt werden könne, der von einem gesunden Organismus eingenommen Vergiftungssymptome hervorrufen würde, die dem klinischen Bild der Krankheit ähnlich sind, die man bekämpfen möchte. Da aber in homöopathischen Präparaten der «Wirkstoff», um die zu behandelnden Kranken nicht zu vergiften, so stark verdünnt ist, dass oft nicht in jedem Fläschchen überhaupt ein Molekül davon vorhanden ist, bedeutet in der Umgangssprache ‹homöopathisch› manchmal und fälschlicherweise ‹stark verdünnt›, manchmal aber auch (und noch falscher) ‹pflanzlich› oder (etwas weniger, aber immer noch falsch) ‹unschädlich›.
In den letzten Wochen ist in den täglichen erschütternden Berichterstattungen über den Krieg (vornehmlich über die traurigen Verhandlungen und Scheinverhandlungen), zunächst in der englischsprachigen Presse, ein alter linguistischer und kommunikationstheoretischer Fachausdruck wiederholt verwendet worden: ‹phatic communication›. Inzwischen hat auch der deutschsprachige Journalismus den Begriff ‹phatische Kommunikation› übernommen; und als sich gestern sogar Salvini in einem Interview verstieg, von ‹negoziato fatico› (phatische Verhandlung) zu babbeln, dachte ich, dass es ratsam und nötig sein könnte, klarzustellen, dass der Begriff bereits besetzt und definiert ist, bevor er verhunzt wird!
In der Linguistik werden jene Teile einer Kommunikation als ‹phatisch› bezeichnet, die nicht der Übermittlung von Information dienen, sondern der Aufrechterhaltung oder der Begünstigung der Kommunikation — zum Beispiel: ‹Hallo, hörst du mich?› oder ‹Guten Tag!›, ‹Wie geht’s?› oder ‹Ich verbitte mir diesen Ton!›, ‹Ach nein! Ihr Deutsch ist vorzüglich!› oder ‹Welch eine freudige Überraschung!› — Der Terminus ist eine wissenschaftliche Neubildung, die aus dem Griechischen ‹ϕατικός› [phatikós] (Zustimmung, Bestätigung), seinerseits aus dem Verb ‹ϕημί› [phemí] (sagen, reden) gebildet ist.
Den Journalistinnen und Journalisten der CNN traue ich zu, dass wenigstens einige von ihnen den Ausdruck mit Bedacht gewählt haben. Bei Politikern, die sich bislang nicht durch sprachliche Präzision und Sorgfalt hervorgetan haben, bin ich skeptisch.