Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03271.jsonl.gz/517

Wenn mir eine gute Fee einen journalistischen Wunsch erfüllen würde, ich hätte diesen: Einmal Clint Eastwood interviewen zu dürfen. Er ist mein Lieblingsregisseur, seit ich 1993 im Kino Talgarten in Winterthur «A Perfect World» gesehen habe. Er erzählt gute Geschichten gut, nämlich geradlinig und ohne inszenatorischen Schnickschnack. Nichts ist so schwer, wie einfach sein.
Als ich hörte, dass er in Cannes eine Masterclass gibt, fing ich insgeheim an zu träumen: Und was, wenn er mir die DVD-Hülle von «Gran Torino» signieren würde? Ich nehme zu Interviews oft DVD oder Bücher mit, weil ich signierte Werke sammle.
Um nichts anbrennen zu lassen, stand ich schon 90 Minuten vor Beginn der Masterclass vor der Salle Buñuel an, wo ich zuvor den Dokumentarfilm «Napalm » (3/10) des Egomanen Claude Lanzmann gesehen hatte. Ich war etwa am Ende des ersten Drittels der Schlange und hoffte, dehydriert (man darf ins Palais keine Getränkeflaschen mitnehmen) und hungrig, auf einen Platz nahe der Bühne.
Dann endlich der Einlass - und die Enttäuschung. Die ersten fünf Reihen waren für das Establishment aus Hollywood und Paris reserviert. In der ersten Reihe sassen zum Beispiel Kevin Tsujihara, der Studioboss von Warner Bros., und - im Rollstuhl - Pierre Rissient.
Der Franzose war 40 Jahre lang die graue Eminenz von Cannes. Er hat in den siebziger Jahren mitgeholfen, den als reaktionären Haudegen aus B-Movies bekannten Eastwood als Autorenfilmer salonfähig zu machen.
Als ich 2012 für eine Oscar-Reportage nach Los Angeles flog, hat mir Rissient versprochen, ein Interview mit Eastwood einzufädeln. Leider wurde er selber dann krank, und es klappte nicht. Immerhin: Als wir Eastwood 2015 aufs Cover unserer Filmzeitschrift «Frame» setzten, hat Rissient seinem Freund Eastwood eine Kopie des Heftes ausgehändigt.
Die Masterclass wurde von Kenneth Turan von der «Los Angeles Times» moderiert. Turan ist ein begnadeter Filmkritiker, aber leider nicht der geborene Interviewer. Wie ein Schulbub fragte er Eastwood ab - meist wie es zu diesem oder jenem Film gekommen sei. Der Star begann Antworten oft mit «Ich habe das Drehbuch gelesen . . .».
Immerhin, spannend wurde es, als Eastwood erzählte, wie er Mühe bekundete, einen Produzenten für «Dirty Harry» (1971) zu finden: «Die meisten Leute hielten die Geschichte für politisch unkorrekt. Es war der Beginn jenes Zeitalters, in dem wir heute leben. Die politische Korrektheit bringt uns noch um, wir haben unseren Sinn für Humor verloren.»
Schliesslich habe er das Skript Don Siegel gezeigt, der den Cop-Thriller mit ihm in der Titelrolle verfilmte. Siegel sei neben Sergio Leone sein zweiter Mentor gewesen. Von ihm habe er gelernt, jede Szene möglichst nur einmal zu drehen. «Wenn man nämlich mit dem Schauspielern zu lange probt, verlieren sie den genuinen Ausdruck, die erste Reaktion ist am schönsten.»
Eastwood erntete für viele Antworten Applaus. Offenkundig war ich nicht der einzige Fan im Saal. Am Ende der Veranstaltung stürmten gestandene Journalisten wie wild gewordene Teenies an den Bodyguards vorbei auf die Bühne und begannen, Selfies mit dem Star zu machen. Und für einige Sekunden offenbarte Eastwood einen Ausdruck, den man von ihm auf der Grossleinwand nie sieht: Angst.
Angst haben auch die Organisatoren - und zwar vor einem Terroranschlag. So liessen sie kurz vor der Pressevorstellung von «Le redoutable» die Salle Debussy räumen und riefen Anti-Terror-Spezialisten herbei. Der Grund: Ein ganz normaler Zuschauer hatte seine ganz normale Tasche vergessen. Die Vorstellung begann mit 45 Minuten Verspätung. Filmfestival in Zeiten des Terrors.
Und der Film? Michel Hazanavicius («The Artist») erzählt, wie Jean-Luc Godard (Louis Garrel) um 1968 vom populären Autorenfilmer zum experimentellen Politaktivisten wurde. Er brach nicht nur mit befreundeten Filmemachern wie Bernardo Bertolucci, sondern auch mit seiner jungen Frau Anne Wiazemsky (Stacy Martin).
«Le redoutable» (5/10) ist amüsantes Postkartenkino, das unbedingt gefallen will - so unterlegt Hazanavicius Szenen gerne mit aufdringlich eingespielten Ohrwürmern wie «Azzurro». Die Schauspieler - allen voran Louis Garrel, der sogar wie Godard lispelt - sind stark.
Aber letztlich fehlt dem Film eine innere Kraft oder so etwas wie ein Anliegen. Er zeigt viele Facetten von JLG, etwa seinen Antisemitismus oder seine Selbstbezogenheit, ohne ihren Ursachen nachzugehen.
Godard selber hat aus Rolle (VD) am Genfersee, wo er lebt, schon vorab verkündet, was er von Hazanavicius' biografischem Drama hält: «eine dumme Idee».
Ein Höhepunkt des Tages war dann das Interview mit Al Gore zum Film «An Inconvenient Sequel: Truth to the Power» (6/10) den ich im Januar schon am Filmfestival Sundance gesehen hatte. Als ich mich vorstellte, sagte Gore zum gestrigen Abstimmungsergebnis in der Schweiz: «Das ist ein grossartiges Resultat, über das ich mich sehr freue.»
Beim Gespräch sagte Gore, erneuerbare Energien erhielten immer mehr Unterstützung aus konservativen Kreisen, weil sie wirtschaftlicher seien als Kernenergie und Öl. Er sei sogar zuversichtlich, dass auch Donald Trump, mit dem er selber Gespräche führe, dies einsehe.
Nach dem Termin mit Al Gore traf ich im Hotel Carlton auch noch Jim Gianopulos, der mir vor fünf Jahren, als er noch Studioboss bei Fox war, ein langes Interview in seinem Büro gewährte.
Nun ist er der frisch gebackene Boss von Paramount, jenem Studio also, das zuletzt fast nur noch Sequels von Filmen wie «Mission: Impossible», «Transformers» oder «Star Trek» machte. Dies will Big Jim nun ändern. Seine Mission: «Kreativität zurückbringen.»