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Zyprischer Mufflon
Ovis gmelini ophion
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Hätte der Mensch nicht schon vor langer Zeit wildlebende Tiere «domestiziert», das heisst gezähmt und durch gezielte Zucht zu Haustieren für verschiedenartige Nutzungszwecke umgeformt, so würde die menschliche Zivilisation wohl kaum so sein, wie sie heute ist. Wann und wo dieser Prozess anfänglich stattfand, werden wir wohl nie genau erfahren. Die Auswertung zahlloser archäologischer Fundgegenstände deutet aber darauf hin, dass der Hund, hervorgegangen aus dem Wolf (Canis lupus), das erste wirkliche Haustier des Menschen war. Schon vor rund 40 000 Jahren scheint er unseren Vorfahren als Jagdhelfer und Wächter gedient zu haben.
Lange Zeit blieb es dabei. Erst vor ungefähr 10 000 Jahren, als der Mensch lernte, wildes Getreide anzupflanzen, und von da an nicht mehr als Sammler und Jäger durch die Wildnis zog, sondern sesshaft wurde und Landwirtschaft betrieb, kamen weitere Nutztiere hinzu. Die beiden ersten waren das Schaf, hervorgegangen aus dem Wildschaf (Ovis gmelini)
, und die Ziege, hervorgegangen aus der Bezoarziege (Capra aegagrus)
. Sie dienten beide hauptsächlich als Fleisch-, daneben aber auch als Milch-, Leder- und Haarlieferanten. Soweit wir wissen, fand die Domestikation dieser beiden - bis heute höchst bedeutsamen - Nutztiere im Nahen Osten statt, im Bereich der Flüsse Euphrat und Tigris, wo auch die frühe Landwirtschaft entstand.
Von dieser Region namens Mesopotamien aus gelangten die Hausschafe und Hausziegen zunächst in die umliegenden Regionen und von da allmählich auch in entferntere Gebiete. Im Laufe der Zeit gelang es natürlich immer wieder einzelnen oder auch kleineren Gruppen dieser urtümlichen Nutztiere, auszureissen und sich am jeweiligen Ort in freier Wildbahn wieder anzusiedeln. Hier und dort wurden sie wohl auch absichtlich - zwecks späterer Nutzung als Jagdwild - ausgewildert. Sie schlossen sich entweder den ansässigen Wildschafen bzw. Wildziegen an und kreuzten sich mit ihnen. Oder sie bauten, wo sie keine Artgenossen vorfanden, neue Bestände auf.
Acht bis zehn Jahrtausende lang fand dieser Vorgang der Vermischung mehr oder weniger regelmässig statt - und hat zur heutigen Situation geführt, dass im ganzen südwestasiatischen Raum Populationen freilebender Schafe und Ziegen leben, deren Abstammung alles andere als klar ist und über deren verwandtschaftliche Beziehungen untereinander sehr unterschiedliche Meinungen seitens der Fachleute herrschen. Ihre wissenschaftlichen Namen behielten deshalb selten während längerer Zeit Gültigkeit.
Dies gilt auch für die Bestände wildlebender Schafe auf den Mittelmeerinseln Korsika, Sardinien und Zypern. In jüngerer Zeit wurden sie im allgemeinen mit den verschiedenen Wildschafen auf dem Festland - welche im Volksmund je nach Region als «Wildschafe», «Mufflons» oder «Urials» bezeichnet werden - zu einer einzigen Art namens Orientalisches Wildschaf (Ovis orientalis)
zusammengefasst. Die Wildschafe von Korsika und Sardinien wurden dabei in ein und dieselbe Rasse namens Europäischer Mufflon (Ovis orientalis musimon)
gestellt, während die Wildschafe von Zypern als separate Rasse namens Zyprischer Mufflon (Ovis orientalis ophion)
betrachtet wurden.
Kürzlich haben die Fachleute allerdings herausgefunden, dass der Name «orientalis»
gemäss den Regeln der zoologischen Namensgebung durch den älteren Namen «gmelini»
zu ersetzen ist. So heisst der Zyprische Mufflon im Augenblick also Ovis gmelini ophion
. Wie lange es hierbei bleiben wird, ist allerdings schwer vorherzusagen...
Die kleinste Wildschafrasse
Der Zyprische Mufflon wurde archäologischen Untersuchungen zufolge schon in der Jungsteinzeit, vor 8000 bis 10 000 Jahren, vom Menschen nach Zypern gebracht. In seiner Erscheinung ähnelt er stark dem Armenischen Mufflon (Ovis gmelini gmelini)
, der im östlichen Kleinasien heimisch ist, weshalb man annimmt, dass er verhältnismässig eng mit diesem verwandt ist.
Mit einer Schulterhöhe von durchschnittlich 66 Zentimetern ist der Zyprische Mufflon die kleinste Wildschafrasse. Die sardischen und korsischen Mufflons sind im Durchschnitt etwa 5 Zentimeter höher, der Armenische Mufflon misst ungefähr 15 Zentimeter mehr, und Wildschafe weiter östlich sind sogar noch grösser.
Das Fell des Zyprischen Mufflons ist oberseits rotbraun, unterseits weisslich gefärbt, wobei die männlichen Tiere während der Paarungszeit im Spätherbst anhand ihres auffällig hellen Sattelflecks gut von den «tarnfarbenen» Weibchen unterschieden werden können. Auch anhand ihrer Körpergrösse und ihrer Stirnwaffen sind die Widder leicht von den deutlich kleineren und stets hornlosen Schafen zu unterscheiden. Bei älteren Männchen messen die Hörner - entlang der Krümmung gemessen - bis über 70 Zentimeter. Interessanterweise krümmen sie sich kreisförmig hinter dem Hals, während sie dies bei den meisten anderen Wildschafen seitlich des Kopfs tun. Dieselbe Hornstellung findet sich allerdings auch beim Armenischen Mufflon sowie vereinzelt beim Europäischen Mufflon.
Letztes Rückzugsgebiet: der Paphos-Wald
Der Zyprische Mufflon war noch vor wenigen Jahrhunderten über die meisten Bereiche Zyperns verbreitet gewesen. Da die Insel eine Fläche von über 9000 Quadratkilometern aufweist, dürfte der Gesamtbestand seinerzeit recht gross gewesen sein und die traditionelle Bejagung seitens des Menschen gut verkraftet haben. Nachdem die Briten jedoch Zypern im Jahr 1878 besetzt hatten und in der Folge mit ihren weitreichenden, zielgenauen Schusswaffen übermässig Jagd auf die Mufflons machten, da brachen die Bestände innerhalb kurzer Zeit massiv ein. Zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es schliesslich nur noch einen kläglichen Rest von vielleicht 25 Tieren im Bereich der Troödos-Berge, eines 2300 Quadratkilometer grossen, bis auf 1951 Meter aufragenden Berggebiets im Südwesten Zyperns.
Um die vollständige Ausrottung des Zyprischen Mufflons zu verhindern, erliess die britische Kolonialregierung im allerletzten Augenblick ein vollständiges Jagdverbot für die kleinen Wildschafe. Tatsächlich vermochten diese sich in der Folge etwas zu erholen: Im Jahr 1930 gab es wieder zwei Bestände mit je ungefähr dreissig Tieren, von denen die eine im zentralen Troödos-Wald lebte, die andere im Paphos-Wald ganz im Westen des Bergmassivs. Leider wurde dann aber der Mufflonbestand im Troödos-Wald während des Zweiten Weltkriegs durch anhaltende Wilddieberei vollständig ausgemerzt. Nach 1945 überlebte der Zyprische Mufflon also nur noch im Paphos-Wald - und an dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert.
Rammkämpfe der Widder im Spätherbst
Der Paphos-Wald ist ein lichter, unterholzreicher Wald, der sich mehrheitlich aus Zypernkiefern (Pinus brutia)
und Goldeichen (Quercus alnifolia)
zusammensetzt. Er weist eine Fläche von 620 Quadratkilometern auf und befindet sich in einem recht schroffen Berggebiet, welches eine Vielzahl steiler Felshänge, ausgedehnter Geröllfelder und enger Schluchten aufweist. Solches Gelände ist für den Menschen schwer begehbar, und deshalb stellt der Paphos-Wald ein günstiges Rückzugsgebiet für ein bedrängtes Wildtier wie den Zyprischen Mufflon dar.
Allerdings ist steiles, felsiges und waldbedecktes Gelände ein für Wildschafe eher unüblicher Lebensraum. Im allgemeinen bevorzugen diese kleinen Huftiere offene, hügelige Grasländer, während Felsgebiete hauptsächlich von Wildziegen und Wälder vor allem von Hirschen bewohnt werden. In Fachkreisen ist man denn auch der Ansicht, dass sich der Zyprische Mufflon nur wegen der steten Verfolgung durch den Menschen in den Paphos-Wald zurückgezogen hat und dass dieser Lebensraum keineswegs optimal für ihn ist. Diese Vermutung wird gestützt durch die Beobachtung, dass die Nachzuchtrate der Mufflons im Inneren des Paphos-Walds geringer ist als an dessen Peripherie - und erheblich geringer als bei anderen Mufflonrassen, welche in offenen Landstrichen leben.
Dies hängt unter anderem mit den Ernährungsgewohnheiten der Mufflons zusammen. Wie alle Wildschafe (und auch unser Hausschaf) ist der Zyprische Mufflon ein typisches «Weidetier», das sich vorzugsweise von Gräsern und niedrigwüchsigen Kräutern ernährt. Auf Zypern ist der Waldboden jedoch nur während des feuchten mediterranen Winters und Frühlings von einem «grünen Teppich» bedeckt, liefert also nur dann typische Mufflonnahrung. Während der trockenheissen Jahreszeit von Mai bis Oktober sind die Tiere deshalb gezwungen, mit dürren Gräsern sowie Blättern und Zweigen tiefwurzelnder Sträucher nebst Eicheln und anderen Baumfrüchten Vorlieb zu nehmen und vermögen sich dann wohl nur knapp zu sättigen.
Die meiste Zeit des Jahres leben die Zyprischen Mufflons im Paphos-Wald verstreut in kleinen Gruppen von zumeist nur zwei oder drei Individuen, wobei einerseits die Mutterschafe mit ihren Lämmern und andererseits die Widder unter sich bleiben. Sie streifen auf der Suche nach geeignetem Futter weit umher und führen ein recht unauffälliges Leben.
Dies ändert sich, wenn im Spätherbst die Brunftzeit beginnt. Dann treten die Widder aus der Verborgenheit hervor, steigen den Weibchengruppen nach und sondern die brünftigen Schafe von den übrigen Artgenossen ab, um sich mit ihnen zu paaren.
Kämpfe zwischen den Männchen sind in dieser Zeit nicht selten und erfolgen jeweils dann, wenn ein suchender Widder auf einen ernsthaften Nebenbuhler stösst. Die beiden Rivalen stürmen dann so lange gegeneinander und schlagen mit den Hörnern dröhnend zusammen, bis schliesslich einer der beiden aufgibt und sich zurückzieht. Obschon diese Rammkämpfe mit ungeheurer Wucht ausgetragen werden, führen sie kaum je zu schweren Verletzungen wie Gehirnerschütterungen oder Schädelbrüchen. Das einzige Unglück, das bei diesen Turnieren hin und wieder geschieht, ist, dass einer der Gegner durch die Wucht des Zusammenpralls den Halt verliert und über einen Fels in den Abgrund stürzt.
Die Tragzeit dauert bei den Zyprischen Mufflons ungefähr fünf Monate. Kurz vor der Setzzeit, ungefähr Mitte April, vertreiben die trächtigen Schafe ihre vorjährigen Lämmer. Sie bringen in der Folge zumeist ein Einzelkind zur Welt, welches bei der Geburt etwa zwei Kilogramm wiegt. Bereits nach etwa einer halben Stunde vermag sich das Junge auf seinen Beinchen aufzurichten, und sogleich beginnt es mit Saugversuchen, die im allgemeinen rasch zum Erfolg führen. Nach einem Jahr wiegt das Mufflonlamm ungefähr zehnmal so viel wie bei der Geburt. Die Geschlechtsreife tritt im Alter von etwa anderthalb Jahren ein. Die höchste beobachtete Lebensdauer in Menschenobhut liegt bei 16 Jahren, in freier Wildbahn dürfte sie ungefähr zehn bis zwölf Jahre betragen.
Gründung einer Zweitpopulation wünschenswert
1939 wurde der Paphos-Wald zum Wildschutzgebiet erklärt, in welchem zum einen das Tragen von Waffen untersagt war und zum anderen weder Hausschaf- noch Hausziegenherden mehr geweidet werden durften. Zuvor hatten die Hirten mit ihren Herden das gesamte Gebiet durchstreift, Gewehre bei sich getragen, um sich zu verpflegen, und des öfteren Brände gelegt, um den Neuwuchs von Gräsern und Kräutern zu fördern. Der Nahrungswettstreit mit den Haustieren, illegale Abschüsse, ausser Kontrolle geratene Brände und von Haustieren eingeschleppte Parasiten und Krankheiten hatten den Zyprischen Mufflons damals schwer zu schaffen gemacht. Entsprechend erfolgreich erwies sich dieser hegerische Schritt. Kaum waren nämlich die Hirten aus dem Paphos-Wald verbannt, begann sich der Mufflonrestbestand zu erholen: Mitte der sechziger Jahre wurde er auf gut 200 Individuen geschätzt, Anfang der achtziger Jahre auf 500 bis 600. 1992 wurde eine aufwendige Bestandserhebung unter Einsatz eines Helikopters durchgeführt; sie ergab eine Gesamtpopulation von zwischen 900 bis 1500 Tieren.
Besonders im Bereich der Peripherie des Paphos-Walds sind die Mufflonbestände inzwischen ziemlich dicht - was nicht unproblematisch ist. Da der Vollzug der Gesetzesbestimmungen strikt gehandhabt wird und die Bussen bzw. Gefängnisstrafen für Wilddieberei sehr massiv sind, ist die illegale Mufflonjagd praktisch vollständig zum Erliegen gekommen. Dies führt dazu, dass die Mufflons in den peripheren Waldbereichen ihre Scheu vor dem Menschen immer mehr ablegen. Bereits streifen sie nachts durch die Felder und Wiesen in Waldnähe und tun sich an den Kulturpflanzen gütlich, womit sie sich bei der ansässigen Bevölkerung natürlich keine Freunde schaffen. Die Naturschutzbehörde versucht nun, diesen Konflikt zu entschärfen, indem sie entlang der Waldränder Gerste und Weizen anpflanzt, um die Mufflons so vor dem Besuch weiter entfernter Pflanzungen abzuhalten.
Nationaltier Zyperns
Der Zyprische Mufflon ist das Nationaltier Zyperns, und die Zyprioten sind zu Recht stolz darauf, dieses erfolgreich vor dem Aussterben bewahrt zu haben. Damit die Erfolgsgeschichte auch zukünftig anhält, ist 1996 ein umfassendes Artenschutzprogramm in die Wege geleitet worden. Im Rahmen dieses Programms sollen unter anderem die Chancen für die Gründung einer zweiten Mufflonpopulation in einem vom Paphos-Wald getrennten Schutzgebiet abgeklärt werden. Bereits seit 1950 besteht eine Mufflon-Zuchtgruppe in der Stavrostis-Psokas-Station im Paphos-Wald, die sich gut vermehrt und deren Nachwuchs regelmässig zur Aufstockung des freilebenden Bestands beiträgt. Mit diesen Tieren liesse sich verhältnismässig einfach eine Zweitpopulation gründen und so die Überlebensbasis des Zyprischen Mufflons entscheidend verbreitern.
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