Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/1377

Die gewaltigen Anstrengungen, mit denen dem Wasser fruchtbare Äcker abgerungen wurden, schlagen sich in einer hohen Identifikation mit der Landwirtschaft nieder. Die Bevölkerung im Grossen Moos wehrte sich erfolgreich dagegen, wertvolles Kulturland einem Flughafen zu opfern.
In der Schweiz wird nur auf einem Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Gemüse angebaut; die Einnahmen aus dem Gemüsebau machen aber fast 14 Prozent des gesamten landwirtschaftlichen Produktionswertes aus. Über ein Viertel des in der Schweiz angebauten Gemüses kommt heute aus dem Grossen Moos, mithin einer der wertschöpfungsintensivsten landwirtschaftlichen Regionen unseres Landes.
Der Ruf des Seelands als «Gemüsegarten der Nation» ist vergleichsweise jung und festigte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg. Tatsächlich gestaltete sich die Umwandlung der früheren Moorböden in Ackerland zunächst schwierig. Die betroffenen Landwirte murrten über die hohen Abgaben, die sie für das neu gewonnene «Kulturland» zu entrichten hatten, das indes bei weitem noch nicht den erhofften Ertrag abwarf. Die «Innenkolonisation» – so wurde seinerzeit die Umwandlung naturnaher Flächen in Ackerland genannt – im Gebiet der Jurarandseen zog in der ganzen Schweiz beträchtliche Aufmerksamkeit auf sich. Dies nicht zuletzt, weil sich sogar ein ehemaliger Bundesrat der Sache verschrieben hatte: Jakob Stämpfli (1820 – 1879, im Bundesrat 1854 – 1863) investierte sein gesamtes Vermögen in den landwirtschaftlichen Musterbetrieb von Witzwil.
Ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit
Ganz der vorherrschenden Fortschrittseuphorie verpflichtet, hatten sich im Jahr 1870 die Geldgeber des geplanten Musterbetriebs dem Ziel verschrieben, «durch die That zu beweisen, was aus den entsumpften Ländereien im Seeland und speziell dem Grossen Moose gemacht werden kann». So jedenfalls äusserten sich verschiedene Schweizer Zeitungen im Juni 1874, die bei der Gelegenheit auch gleich darüber berichteten, der «erste Dampfpflug in der Schweiz» sei soeben «in Witzwyl installiert» worden.
Jakob Stämpfli war als Investor kein Glück beschieden: In seinem Todesjahr meldete die Landwirtschaftliche Gesellschaft Witzwil Konkurs an. Weil zu diesem Zeitpunkt gerade das Zuchthaus in der Stadt Bern geräumt werden musste, beschlossen die kantonalen Behörden, das landwirtschaftliche Gut zu erwerben und in eine Haftanstalt umzuwandeln. Nach einigen defizitären Jahren begann der grosse Landwirtschaftsbetrieb beträchtliche Überschüsse zu erwirtschaften, die dem Kanton Steuern einbrachten. Zudem wirkten die Strafgefangenen an der «Urbarmachung von Oedland» mit, wie ein Bericht aus dem Jahr 1925 festhält, sodass der Betrieb gleichsam eine landesweite Vorreiterrolle einnahm. Denn er zeigte, dass sich «die damals von vielen Fachleuten als undurchführbare Idee» des landwirtschaftlichen Strafvollzugs bewährte.
Erfolgreicher Widerstand gegen Flughafen
Das ebene Gelände, das für Schweizer Verhältnisse abseits grösserer Städte liegt, bietet sich nicht nur für die landwirtschaftliche Nutzung an. So befanden Ingenieure Ende der 1960er-Jahre, die vom Berner Regierungsrat beauftragt worden waren, einen passenden Standort für einen kontinentalen Städte- und Charterflughafen zu suchen, die Gegend rund um Kallnach eigne sich für eine solche Anlage am besten: Weitgehende Hindernisfreiheit, günstige Windverhältnisse und völlig flaches Terrain fielen als Trümpfe am stärksten ins Gewicht – nebst des Umstandes, dass keine grösseren Siedlungen unter dem Fluglärm zu leiden haben würden. Zahlreiche Gutachten bestärkten die Berner Regierung in ihrem Vorhaben, insbesondere angesichts der unterdurchschnittlichen Wirtschaftskraft des Kantons.
Die Experten hatten indes nicht mit dem Widerstand der betroffenen Bevölkerung gerechnet. Die Gegner argumentierten ausdrücklich, dass das mit hohen Investitionen gewonnene Kulturland nicht betonierten Pisten zum Opfer fallen dürfe: «Das in Frage kommende Gebiet ist vor Jahren mit dem Einsatz sehr grosser finanzieller Mittel urbar gemacht worden; das gute Land im Moos ist für die landwirtschaftliche Urproduktion sehr geeignet. Dessen Zweckentfremdung würde vielen Landwirtschaftsbetrieben die Existenzgrundlage entziehen», hielt die Einwohnergemeinde Kallnach bereits 1969 in einem Brief an den Verkehrsdirektor des Kantons Bern fest, als sie von den Flughafenplänen erfuhr. Im gesamten Seeland formierte sich eine geschlossene Abwehrfront gegen das Vorhaben; einzelne Stimmen drohten sogar, die Seeländer würden sich den jurassischen Separatisten anschliessen, sollte die Anlage gebaut werden. Im Sommer 1972 demonstrierten 3000 Flughafengegner vor dem Bundeshaus, worauf im Sommer des gleichen Jahres die Verkehrskommission des Grossen Rates zum Schluss kam, das Vorhaben sei aus staatspolitischen Gründen fallenzulassen.
Letzte Änderung 08.09.2017