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Es fiel mir sehr schwer die Zuweisung zu der Massnahme zu akzeptieren. Daniel und ich hatten lange Diskussionen. Ich habe Angst vor den Abklärungen. Bei der letztmaligen Revision fühlte ich mich von den Sachbearbeiterinnen über den Tisch gezogen. Ich hatte aber einen Geistesblitz, siehe weiter unten.
Diese Punkte machten mir zuerst Sorgen:
- Die Gebärdensprache und die deutsche Sprache sind zwei ganz verschiedene Sprachen. Auch das Dolmetschen kann die Unterschiede nicht vollständig überbrücken. Das Amtsdeutsch ist der Gebärdensprache sowieso völlig fremd.
- Die Kommunikation über die Drittperson, die Dolmetscherin, kann vermehrt zu Missverständnissen führen. Die Dolmetscherin könnte den Arzt falsch verstehen und ich zusätzlich auch die Dolmetscherin.
- Ich glaube nicht, dass es klappt, dass ich vier Wochen lang ununterbrochen eine Dolmetscherin bekomme. Das bedeutet, dass es vorkommen kann, dass der Arzt oder der Projektleiter mir direkt Anweisungen geben müssen, weil die Dolmetscherin schon nach Hause gegangen ist. Wegen meiner Körperbehinderung brauche ich etwas mehr Zeit in der deutschen Sprache. Ich befürchte, dass der Arzt oder der Projektleiter mit mir die Geduld verlieren.
- Es könnten manipulative Suggestivfragen gestellt werden. Ich wäre ständig am Überlegen und am Zweifeln, was denn eigentlich hinter der Frage steckt. Bei der Revision für die Hilflosenentschädigung habe ich erlebt, dass die Sachbearbeiterin höflich fragte, ob es mir besser ginge. Ich habe das als Konversationsfrage missverstanden und habe geantwortet, ja, danke für die Nachfrage, es geht mir gut. Die Sachbearbeiterin hat dann einfach irgendein Häkchen in ihrem Protokollblatt gesetzt.
- Es könnten komplizierte Fragen gestellt werden. Ich wüsste nicht genau, wie ich antworten soll oder würde die Frage falsch verstehen. Ich habe zum Beispiel Mühe mit der doppelten Verneinung oder mit juristischen oder medizinischen Fachausdrücken.
- Die Invalidenversicherung hat sich nicht mit Ruhm bekleckert betreffend medizinischer Abklärungen. Daniel hat mir gesagt, dass Ärzte nicht genügend selbständig abklären. Es sollen in manchen Abklärungszentralen (Medas) systematisch kranke Personen für gesund erklärt wurden. Diese Information hat meinen letzten Rest an Vertrauen in die Invalidenversicherung zerstört. Siehe auch Informationsplattform Human Rights.
- Ich kann nicht einfach schweigen. Die Mitwirkungspflicht bedeutet, dass ich aktiv mitmachen muss, und Fragen ausführlich und wahrheitsgetreu beantworten muss.
- Ich könnte einfach emotional zusammenbrechen.
Wegen dem Deutschkurs bekam ich eine Gnadenfrist von zwei Monaten. Aber das reichte mir nicht. Ich konnte und wollte überhaupt nicht akzeptieren, dass da Abklärungen stattfinden. Jedesmal wenn ich daran dachte, dass ich da untersucht und abgeklärt werden soll, hatte ich ganz starke Gefühle von Widerwillen und Frust, so stark, dass ich schon beim Gedanken Bauchweh bekam. Ich will nicht abgeklärt werden!
Anfang Januar hatte ich einen Geistesblitz. Kennt ihr die Serie «Wickie und die starken Männer»? Wickie reibt sich die Nase und plötzlich hat es ganz viele Sterne. So erging es mir auch.
Wie wäre es, meine Erfahrungen aufzuschreiben und zu veröffentlichen?!
Zuerst wollte ich bei Deafzone eine Diskussion einstellen, aber Daniel schlug mir vor, für mich eine Homepage zu erstellen. Der Vorteil einer eigenen Homepage ist, dass wir selber eine Struktur entwerfen und auch nachträgliche Anpassungen machen können (z. B. wenn ich versehentlich einen Namen verraten habe, kann ich immer noch korrigieren). Ich sagte sofort ja.
Es war eine sehr belastende Zeit. Ich überlegte sogar, ob ich aus der Invalidenversicherung «austreten» sollte. Aber man sagte mir, dass bei der Sozialhilfe ein noch grösserer Druck an Massnahmen herrsche. Also ist eine Verweigerung nicht wirklich eine Lösung. Mit der Idee, wie ein Tagebuch über die AMA zu berichten, fiel der Druck von meinen Schultern. Ich konnte wieder atmen.
Achtung! Ich habe nicht die gleichen Ziele wie z. B. der Beobachter. Ich möchte nicht einen Skandal auslösen oder Sachen aufdecken. Ich möchte auch nicht in erster Linie eine politische Meinung vertreten. Klar, wenn man über die Invalidenversicherung schreibt, ist es immer politisch, aber ich will versuchen, diesen Teil etwas zu bremsen.
Daniel hat auf seiner Seite «Vom Ehemann» schon ein bisschen erzählt, was unsere Ziele sind. Ein ganz persönliches Ziel für mich ist, durch das Schreiben hier Dampf abzulassen. Ohne dieses Berichten hier hätte ich äusserste Mühe, diese vier Wochen ab 30. Januar 2012 durchzustehen.