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Christian Krachts Schreckhorn
«Den Balkon betretend, sah ich das erhabene Bild Dutzender deutscher Luftschiffe, die den Himmel über meinem Kopf füllten. Und während vor den runden, gläsernen Scheiben der Gasmasken die Sonne orangerot und wundervoll glühend hinter den Alpen versank und unsere Scheinwerfer wie weiße Nadeln den Abendhimmel durchstachen, begann erneut das infernalische, monströse Bombardement des Réduit.»
Wir schreiben ein Jahr zu Beginn des 21. Jahrhunderts, aber die letzten hundert Jahre der Weltgeschichte haben sich vollkommen anders entwickelt, als wir sie kennen. Eine winzige Abweichung hat dazu geführt: 1917 hat Lenin die Schweiz nicht in einem plombierten Zug in Richtung Russland verlassen, er ist in der Schweiz geblieben und hat hier eine Schweizerische Sowjetrepublik (SSR) ausgerufen. Das hat einiges nach sich gezogen, zum Beispiel, dass die SSR Kolonien in Afrika hat und einen Teil der männlichen Bevölkerung zur militärischen Elite der Schweiz ausbildet.
Im Mittelpunkt steht ein namenloser, ranghoher «Kommissär», der in geheimer Mission unterwegs ist zum Schreckhorn, einem der Eintrittsportale zum Réduit. Er soll einen Oberst Brashinzky verhaften, der gegen Befehle immun geworden ist. Unten mutet das Réduit organisch an («Ich sah dampfende Röhren, die wie das Wurzelwerk eines endlosen unterirdischen Baumes aus den Wänden wuchsen»), doch je höher man im Bergesinnern steigt, desto steriler wird alles: «Die Arbeit am Réduit war vor hundert Jahren begonnen worden. (...) es entstand ein Netz an Bohrungen und Nebenschächten, die im Nichts endeten. Schließlich waren, je mehr Menschen und Material Platz finden mussten, die Kavernen derart vergrößert worden, dass man Schienen und betonierte Wege legen konnte, Hallenfluchten und Räume wurden angelegt, die so groß waren wie die höchsten Kathedralen der Engländer, und so ging es immer tiefer und gleichzeitig höher in das Massiv hinein.»
Als der Kommissär Brashinzky endlich findet, trifft er auf einen Wahnsinnigen, der sich wenig später selber eine Kugel in den Kopf jagt. Alles ist ausser Kontrolle geraten: Draussen ist eine gewaltige Luftschlacht im Gange, der Krieg gegen Deutschland dauert schon seit über hundert Jahren, keiner kann sich an den Beginn und die Ursache erinnern. Und irgendwann entflieht der Kommissär durch den Südausgang des Réduit, nach Italien, nach Genua. Er will dorthin zurück, wo er herkommt: nach Afrika.
Christian Kracht, der als schwer fassbarer und provokativer Dandy-Autor immer wieder mal zum Objekt von Feuilleton-Debatten und Spekulationen um seine politische Ausrichtung wird, hat eine Réduit-Groteske geschrieben, die ihresgleichen sucht. Die Kritik war – gelinde gesagt – durchzogen: Von grenzenloser Albernheit bis zur Geburt eines neuen Dichtergenius, vom Schwanken zwischen Faszination, Abneigung und Ratlosigkeit war die Rede. Ein grosses Lesevergnügen ist das Gedankenspiel allemal. (BP)
Das Schreckhorn ist der nördlichste Viertausender der Alpenkette und mit einer Höhe von 4078 m ü. d. M. der höchste ganz im Kanton Bern stehende Berg. Sportlich gilt er als sehr anspruchsvoll. Seine Erstbesteigung erfolgte am 16. August 1861. Wanderer können von Grindelwald aus zur Schreckhornhütte (2530 m ü. d. M) steigen. Das Schreckhorn ist einer der wenigen Berge, die bereits vor dem Zeitalter des Alpinismus europaweit bekannt waren und auch Eingang in die klassische Literatur fanden: bei Albrecht Haller, in Briefen Heinrich von Kleists und in Friedrich Schillers Wilhelm Tell.