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Mawenzi
IM EWIGEN EIS UNTER DER TROPENSONNE VON FRITZ LÖRTSCHER, BERN
Mit 4 Bildern ( 129-132 ) Aufstieg zum zweiten Gipfelmassiv des Kilimandscharos, dem Mawenzi, über den NW-Rücken und zum South Peak, 5060 m.
Geheimnisvoller Berg Der Mawenzi ist neben dem Kibo einer der beiden Hauptgipfel des Kilimandscharomassivs. Beide stehen auf dem Territorium von Tanganjika, sind rund 250 km vom Indischen Ozean und ungefähr 300 km südlich vom Äquator entfernt. Die Geologen sind sich einig, dass die ursprüngliche Höhe den heutigen, höchsten Punkt des Kibo ( 6010 ) noch weit übertroffen haben muss. Im Grundstock des Vulkans wurden Trachydoleritlaven festgestellt. Über die Entstehungsgeschichte ist zu erwähnen, dass vorerst ein monogener Aufschüttungskegel aus Nephalin und Feldspatbasalten entstand. Als die Tätigkeit geringer wurde und nach der späteren Abkühlung erfolgte eine Sackung mit Einbruch und Explosion, wodurch eine gewaltige Gipfelcaldera entstand. Eine Gipfelmauer, die entsprechend der tieferen Lage der Gipfelcaldera im Osten niedriger war, umgrenzt den mächtigen Kessel. Die weitere Abkühlung des Berges bewirkte einen neuern, mächtigeren Einbruch, der ein Einsinken der ganzen Osthälfte des Gipfels zur Folge hatte.
Der Mawenzi bildet heute ein imposantes, zackengekröntes Massiv, dessen höchste Erhebungen: Hans-Meyer-Spitze ( 5355 m ), Purtscheller-Spitzen oder Twin-Peaks ( 5320 m ), mit Zwillingsgipfel, der viereckige Latham ( 5115 m ), South Peak ( 5060 m ) und die Wissmann-Spitze in der Richtung des von Nordwest nach Südost ziehenden Hauptkammes verlaufen. Der Kulminationspunkt, die 5355 m hohe Hans-Meyer-Spitze, liegt im Nordwesten; die übrigen Spitzen verlieren an Höhe gegen den südöstlichen South-Peak. Dieser tritt aus dem Hauptmassiv mehr hervor, während die übrigen Gipfel nicht sehr beträchtlich über dasselbe aufragen.
An dem so schon stark veränderten Mawenzigipfel haben nachfolgend die Erosion und die hier besonders wirkungsvollen atmosphärischen Kräfte weiter zerstörend und umgestaltend gearbeitet, vereinigen sich doch die Extreme des Wüstenklimas ( Windwirkung ) mit denen der Arktis ( Spaltenfrost ).
Was von der Gipfelpyramide heute noch vorhanden ist, sind zackige, steilwandige Felsmauern mit karartigen Einschnitten, einer Unzahl von Spitzen, Nadeln und Türmen oder isolierte Steilgipfel von wildromantischer Form, deren Schuttmassen am Fusse der Wände zu gewaltigen Geröllhalden aufgeschichtet sind.
Auf der dem Sattelplateau zugewandten Westseite, fast in der Mitte der steil abstürzenden, ausgezackten Gipfelmauer, reicht eine gewaltige Geröllhalde bis nahe zur Kammscheide hinauf.
Die Abstürze des Mawenzi gegen Nordosten sind imposant und dürften wenigstens 2500 m betragen.
Der Mawenzi ist seiner Form nach zu vergleichen mit mehrfach vergrösserten Dolomiten Osttirols oder mit der wild drohenden Lanzenreihe der Aiguilles Rouges, auch mit den Dames Anglaises im Mont Blanc-Massiv.
Aus der Besteigungsgeschichte des Mawenzis ist erwähnenswert, dass er zusammen mit dem Kibo im Jahre 1848 erstmals von einem Europäer, dem deutschen Missionar Johannes Rebmann, gesehen wurde. Nach verschiedenen Versuchen am Kibo haben die beiden Erstbegeher desKilimandscharos, der Deutsche Dr. Hans Meyer und der österreichische Turnlehrer und bekannte Alpinist Ludwig Purtscheller, im Oktober 1889 drei verschiedene Aufstiege erfolgreich erschlossen. Das Massiv wurde indessen bis heute sehr wenig erforscht und der Hauptgipfel nur von wenigen Partien erreicht. Über den Berg existieren weder genaue Karten noch ausführliche Beschreibungen. Viele Wege sind noch offen, und einige Gipfel tragen noch keine Namen, sie sind bezeichnet mit Peak A und B oder Unna-med I und II. Einzig in dem vom Mountain Club of Kenya Ende 1959 herausgegebenen « Guidebook » ist ersichtlich, dass die Deutschen E. Oehler und F. Klute am 29. Juli 1912 von der Nordwestseite her den Hauptgipfel erstmals erstiegen haben. Diese Route wurde zur klassischen, denn Furtwängler und König folgten im Dezember 1912 dem gleichen Weg. Am 16. Januar 1937 wurde die Hans-Meyer-Spitze auch von unserem Landsmann Dr. E. Wyss-Dunant mit dem inzwischen verstorbenen Italiener M. P. Ghiglione als sechste Partie erreicht.
Nach den Angaben der Erstbegeher hatten diese mit ganz erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sahen sie doch in diesen weltabgeschiedenen Gegenden noch Pythonschlangen im Urwald, Elefanten kreuzten ihren Weg, und des Nachts konnten sie unterhalb des Berges wegen des Lärms der Colobusaffen nicht schlafen.
Nachdem ich seit dem 20. Januar 1961 im schwarzen Erdteil weilte und in den letzten Tagen in Intervallen den Kibo dreimal erreicht hatte, glaubte ich genügend akklimatisiert und vorbereitet zu sein, um auch eine schwierigere Tour, wie sie die Begehung des Mawenzis darstellt, bestehen zu können.
Am 7. Februar 1961 weilte ich noch mit einer Gruppe welscher SAC-Kameraden auf der Kaiser-Wilhelm-Spitze.
Mit ihren zwanzig Trägern stieg diese Equipe nach Marangu hinunter, während ich mit dem Native guide Syara wieder auf das Sattelplateau zwischen Kibo und Mawenzi hinaufstieg.
Es war eine eiskalte, windüberbrauste und nebelumwallte Höhe. Für das Wico-Zelt fanden wir hinter einem schwarzen Lavarücken eine windgeschützte Stelle. Der Boden war frisch verschneit, zum Teil felsig, und daneben wuchsen noch viele einzelne Grasbüschel und ganze Kissen und Polster von silberglänzenden Strohblumen ( Helichrysum ). Als wir das Doppeldach überzogen, war der Himmel eine lichtgraue Nebelmasse und die Abhänge unter uns und die Weiten des Flachlandes ein ödes, graues wühlendes Meer von Wolken. Das war alles, was sich hier auf viertausendvier-hundertzwanzig Meter Höhe an Aussicht bot!
Am Abend klarte es auf. Der Nachtwind sauste und rüttelte unablässig am Zelt. Er wurde stärker und kühler, und die Luft schien mir immer dünner. Am östlichen Himmel glänzte die Venus in seltsamer Pracht, und besonders die Pyramide des Zodiakallichtes leuchtete auf. Über uns erstrahlte der Orion, etwas entfernter Sirius und die bedeutungsvollen Sterne des südlichen Kreuzes.
Besteigung des Mawenzis, 5355 m, über den NW-Rücken Noch ehe der Morgen graute, befanden wir uns, ein Weisser und ein Schwarzer, bereits unterwegs in nordöstlicher Richtung über schwarzen Lavaschutt und verwitterte Moränen und folgten dem unteren Rande der grossen NW-Geröllhalde, die sich in der Mitte der Westflanke hoch hinaufzieht.
Ganz in der Nähe sahen wir drei gestreifte Tiere, und Syara erklärte, dass es sich um Elandsanti-lopen handle. Sie zogen dann in tiefere Regionen zum Nordabhang des Kilimandscharos, wo noch Elefanten und Leoparden hausen; wir haben sie nicht mehr gesehen.
Der Einstieg bei der West-Rippe war vielversprechend, führte er uns doch gleich durch einen schmalen Riss in einer glatten Wand zu einem NW-verlaufenden Grat, der steil und vielfach unterbrochen direkt vom Hauptgipfel herunterkommt. Es war bitterkalt, und mit klammen Fingern die verschneiten Griffe zu suchen, war nicht aufmunternd. Anschliessend galt es, den West-Strebe-pfeiler zu übersteigen und von hier in abwechslungsreicher, mittelschwerer Kletterei über manche Felsstufen und terrassenähnliche Balkone Höhe zu gewinnen. Mit einigen Varianten befolgten wir ungefähr die Route der Erstbegeher Oehler und Klute.
Als die Sonne um 6.25 Uhr die ersten Strahlen zum Kibo sandte und die gewaltigen Eiskuppeln in Flammen aufgehen liess, feierte ich ein stilles Gedenken an jene Stunde vor fast genau einem Jahr, als ich erstmals den Hauptgipfel betrat. Es war ein erhabenes Landschaftsbild von fast unirdischem Aussehen.
Bereits waren wir eine Stunde im Aufstieg, passierten einen Einschnitt im NW-Rücken und folgten einer Linie von verwitterten Steilstufen und schmalen Felsbändern, dann wechselten wir nach rechts zum Fusse einer langen Klippe. Eine weitere Traverse südwärts brachte uns zu einem Engpass, durch den wir uns nacheinander in kurzen Abständen durchzwängten. Hier sollten uns, nach den bisherigen Erfahrungen, die grössten Schwierigkeiten erwarten, beim sogenannten Unteren Eisfall, durch welchen normalerweise hinaufgehackt werden muss. Es ist der Einstieg in das Couloir, welches dann zum « Oehler-Gully » hinaufführt. Weil aber die kleine Regenzeit Ende 1960 vollständig ausblieb, waren die beiden Eisfälle in diesem Felstrichter stark zurückgegangen. Zu unserer Freude war der Fels hier ausnahmsweise relativ gesund, und wir machten eine kleine Variante über einen ausgesetzten Gendarm.
Schon weitete sich der Horizont. In der Ferne zeigten sich der Meru, 4420 m hoch, und das Ugu-enogebirge; rechts erblickten wir ein weites Stück der Nikaebene.
Die Temperatur war immer noch -4 Grad, und ein eisiger Wind wehte von den Felskämmen herab.
Mein Begleiter Syara Kisaka war für eine Stärkung und einen Halt, ein Schluck warmer Ovo aus der Thermosflasche und einige Nuxo-Stängeli wirkten Wunder! Mit Eifer und Elan gingen wir an das nächste Hindernis heran, das sich in Form einer steilen Wandstufe im oberen Drittel dieses Couloirs zeigte. Hier mussten wir eine Zeitlang in der Fallinie klettern. Schnee und Eis befanden sich überall in Spalten und Nischen. Nach einer winzigen Firnmulde zog es mich hinauf zu einem schroffen und luftigen Turm im Grat. Bald war dieser Gendarm überwunden, und schon ging es rittlings auf einer Gratschneide, einem richtigen « rasoir », zu einer ausgesetzten Terrasse. Aber wie schwer wurde uns das Klettern in dieser immer Sauerstoff ärmeren Luft! Öfters mussten wir anhalten, um uns von den Anstrengungen zu erholen und das Herz sich wieder beruhigen zu lassen.
Hoch oben, schon fast am Grat des Hauptkammes, konnten wir durch einen Spalt in die Ostflanke, welche hier rund 2500 m abfällt, hinunterschauen; es war ein Blick in die finstere Arena dieses erloschenen Feuerschlundes.
Um 9.30 waren wir auf einer Höhe von 5240 m. Über uns schien eine unüberwindliche Mauer die sich weitende Rinne abzuschliessen, aber Syara hisste sich kurzentschlossen durch ein Loch hinauf. Schon fegten einzelne Nebel um die Flanken des Berges. In kürzester Zeit konnte uns jeder Ausblick versperrt sein; denn mehr noch als der Kibo ist der Mawenzi die Geburtsstätte dieser dem Bergsteiger so gefährlichen Gebilde.
Gewaltig ist die durch die noch vorstehenden Gipfel kaum beeinträchtigte Rundschau. Grossartig ist der Blick auf die Abstürze der Nordostseite des Mawenzis. Das Berggerüst erscheint in Hunderte von Nadeln, Türmen und Zacken zerspalten, in welches sich tief eingerissene Erosionsschluchten einfügen. Die rotbraune und manchmal dunkle Färbung des Felsens erhöht die Fremdartigkeit dieses Anblickes. In grosser Entfernung, in einer Tiefe von 4500 m, dehnt sich die unendliche Ebene bis zur Masaisteppe aus, der einzelne Nebel entstiegen.
Das gewaltigste im Ausblick aber bildete der im Westen aufragende Dom des Kibos, dessen felsige Hauptspitze und der Auswurfskegel im Krater deutlich erkenntlich waren.
Die grössten Schwierigkeiten lagen hinter uns. Da war noch eine kleine Senke, flankiert linkerhand von zwei Felsspitzen, die eine wie eine Pyramide, die andere mehr von der Form einer Festung, und gleich anschliessend rechts befand sich der Hauptgipfel, den wir um 10.15 glücklich erreichten.
Leider war es nichts mit der erträumten ausgiebigen Gipfelrast; denn ein alles durchdringender kalter Nordwind pfiff uns um die Ohren, und um die Wände herum wirbelten weisse Nebelschleier. Jäh begann es zu graupeln, und wir drückten uns, so gut es ging, in eine Felsnische. Den Übergang zu den Purtscheller-Spitzen, 5320 m, welche sich dem Gipfel anschliessen, konnten wir mehr ahnen als sehen, so dicht war plötzlich der Nebel.
Ohne langen Aufenthalt machten wir uns deshalb wieder an den Abstieg. Mit nur kleinen Abweichungen gingen wir auf der Anstiegsroute zurück. Ständig waren wir in den Couloirs dem Stein-und Eisschlag ausgesetzt, und einmal fiel mir ein pfundiger Brocken gerade auf den Rucksack! Müde und hungrig langten wir um 12.30 Uhr wieder bei unserem Zelt oberhalb des Sattelplateaus an.
Und da lag sie wieder vor uns, diese weite, so entmutigend weite Sattelebene, von rotbraun, violett und schwarzblau schimmerndem Sand und feinem Geröll bedeckt. Der Wind fegt hier oben mit ungehemmter Wucht einher und wirbelt tanzende Staubsäulchen über die öde Fläche, und jenseits dieser Ebene wölben sich die blinkenden Eisrippen der Kibo-Gletscher hoch, hoch hinauf, ein Landschaftsbild von überwältigender Grossartigkeit.
Im Nachmittag stellte sich heftiger Schneefall ein. Der Sturm heulte über die weite Fläche, und unser Aufenthalt war einige Zeit sehr unbehaglich.
Mawenzi South-Peak, 5060 m ( Aufstieg von Süden, Abstieg über den Südwestgrat, Besteigung der beiden namenlosen Spitzen, östlich des South-Peaks, Peak A und B. ) Mehr im Sinne einer Rekognoszierung wollten wir am nächsten Tag nach dem südlichen Teil des riesigen Massivs aufsteigen. Nach dem « Guidebook » des Mountain Club of Kenya, herausgegeben im Oktober 1959, ist der South-Peak erst einmal, und zwar von der Westseite durch G. Londt mit Native guide Oforo am 6. Dezember 1924, erreicht worden.
Schon vor 6 Uhr morgens befanden wir uns wieder unterwegs, diesmal in der entgegengesetzten Richtung, nach Süden. Zuerst leuchtete uns die Mondsichel noch etwas, dann die Laterne durch das rauhe, blockübersäte Terrain. Schon nach dem nächsten Lavahügel blies uns ein eisiger Wind entgegen. Der Boden war frisch überschneit. War es der Mangel an Kalorien oder die sauerstoffarme Luft, die uns die Kälte derart fühlen liess? Denn während Stunden hatte ich an diesem Tage unter kalten Füssen zu leiden.
Wir gingen vorerst durch loses Geröll und über Sand in leichter Steigung auf eine Art Rampe zu, die sich von links her über den Westgrat herabneigte. Unter der letzten steilabfallenden Wand der Westrippe schalteten wir einen Halt ein, deponierten die Lampen und das nicht mehr benötigte Material in einer Felsnische. Weil wir nur mit einer kürzeren Exkursion rechneten, liessen wir auch den grössten Teil unserer Lebensmittel hier zurück. Dies sollte sich dann später bitter rächen.
Nun begann der Aufstieg über die grosse Geröllhalde. Diese mühsame Arbeit gleicht jener in einer Tretmühle, denn wie in dieser, so sanken auch wir mit jedem Schritt wieder ein Stück zurück.
Um 07.45, als wir eine Höhe von 4850 erreicht hatten, wandten wir uns nach links, wo wir in einer langen, rund 15 Meter hohen gelben Wand einen Aufstieg suchen mussten. Nach zwei erfolglosen Versuchen, die uns viel Mühe und Zeit kosteten, kamen wir auf eine kleine Terrasse.Vorausschauend suchte ich bereits nach einem günstigen Einstieg in der nächst oberen Felspartie, von welcher wir aber noch durch eine lange und steile Schutthalde mit einem Neigungswinkel von rund 40 Grad getrennt waren.
Die Kletterei die nun folgte, kann ich nur mit jener auf den Südgrat des Bietschhornes vergleichen. Besondere Schwierigkeiten bereiteten die glatten, nach Süden einfallenden, abwärtsgeneigten Schichtplatten. Da geeignete Griffe fehlen, war es den erstarrten Händen - die Temperatur stieg nie über Null - kaum möglich, Halt zu gewinnen. Auf schmalen Bändern und Absätzen, durch fast senkrechte Risse und Kamine arbeiteten wir uns langsam empor. Die Felswand, über die wir zuletzt hinankletterten, schien halb in der Luft zu schweben. Durch Spalten und Löcher konnten wir zehn Meter unter dem Kamm den blauen Himmel erblicken. Endlich erreichten wir kurz nach 9 Uhr einen grossen Zacken in der Gratschneide.
Da zog mit einer unfassbaren Plötzlichkeit eine aus dem Nichts gekommene Nebelwolke über uns hin und schüttelte einen Schauer von Eisnadeln auf unsere an den Fels geduckten Gestalten. Syara zeigte mit frostbebender Hand auf neue dunkle Wolkenmassen, die pfeilgeschwind heranflogen.
Bana, barafu! Herr, Schnee! Einen Moment war ich unschlüssig, weiterzugehen. Nein, das Wetter konnte ebenso plötzlich wieder schön werden. Der Wind schnitt uns bis ins Mark der Knochen. Von der Welt des Flachlandes war nichts zu sehen. Sie war überflutet von einem Meer von Wolken, das keine Küsten hatte.
Weit im Westen standen ganz in lichtem Silbergrau die wilden Formen des Meru, Longido und Oldonje Erok vor dem Horizont. Hinter einem Felszahn stiegen die gewaltigen Massen des Kibo empor. Steil wie ein Turm stand eine ungeheure Gewitterwolke vor dem Gletschergipfel.
.. I Jäh und unvermittelt glitt eine mehrere Kubikmeter messende Felspartie, auf der ich eben stand, nach links über eine abschüssige Platte. Im letzten Moment konnte ich abspringen und mich an einem schroffen Zacken anklammern, während der grosse Brocken auf einem unter uns liegenden Band in tausend Stücke zersprang; polternd folgten noch einige grosskalibrige Steintrümmer nach. Jetzt war mir der Rückweg abgeschnitten, und ich war von meinem schwarzen Bergkameraden getrennt, denn der nun zwischen uns liegende Spalt war mehr als drei Meter breit. Wie gelähmt und erstarrt hatte ich diesem grausigen Schauspiel zugeschaut. Rote und braune Staubmassen rieselten noch lange in diese toten Schrunde hinunter.
« Ninakataa, bass », versuchte mir Syara über die uns trennende Kluft zu erklären: er mache nicht mehr mit punktum! Für mich war die Lage keineswegs gemütlich, es war mir nicht mehr zum Klettern. Ich war noch einmal davongekommen Ich musste eine Lösung finden, ein Zurück gab es nicht, der Weg war mir abgeschnitten, und seitwärts ging es auf beiden Seiten in die abschüssige Wand hinaus. So blieb nur der Weg nach oben offen.
Nach einer kurzen Erholungspause ging ich allein und ohne Sicherung auf dem vielfach von Kanzeln und Quadertürmen unterbrochenen Grat weiter. Mit Syara vereinbarte ich ein Zusammentreffen bei unserem Depot oder dann beim Biwakplatz. Der Höhenmesser « Everest » zeigte beim nächsten Gendarm, den ich nach rechts umgehen konnte, 4960 m, und der Gipfel konnte nicht mehr weit sein. Die weitere Orientierung ergab, dass ich mich noch nicht auf dem Hauptkamme, sondern nur auf einem Grat einer nach Ost auslaufenden Querrippe befand. Jenseits eines Schuttkessels ragte die grosse Wand, welche den höchsten Zacken des South Peaks trägt, in abschreckender Steilheit empor. Links der Schlucht, wo der Absturz weniger steil ist, schien mir ein Hinaufkommen möglich, und nach vielen Bemühungen und etlichen Atempausen konnte ich den äusserst bröckeligen, mit Felstrümmern besäten Südgipfel von 5060 m betreten. Eine Zackenarchitektur eigentümlichster Art trat dem Auge entgegen. Vor mir standen die beiden etwas weniger hohen, isolierten Gipfel, die noch keinen Namen tragen ( Peak A und B ), dann verliert sich der unendliche Grat zum Neumann-Turm und zu der Liebert-Spitze weit unten im Dunst. Vom Chyulu-Gebirge im Osten bis zu den Paré-Bergen im Südosten liess sich einen kurzen Moment die ganze, unabsehbare Ebene überschauen. Drei Seen fesselten das Auge: rechts der Djipesee, in der Mitte der Kratersee Djala, dessen Gewässer nach Südost zum Lumi abfliessen, und links das sumpfige Becken des Tsavosees.
In dem Gewirre kleinerer und grösserer Erhebungen, die in unendlicher Zahl dem Hauptkamme und auch den Seitengraten entragten, war es schwer, sich sofort zurechtzufinden. Die Zwillingstürme der Purtscheller-Spitzen und der etwas zurückversetzte Kulminationspunkt, die Hans-Meyer-Spitze, 5355 m, waren aber deutlich zu erkennen.
Einen gewaltigen Eindruck hinterliessen mir die tief eingeschnittenen Erosionsschluchten auf der Ostseite, wobei der « Great Baranco » den am meisten zerfurchten Schuttkessel besitzt. Von dieser schwindelerregenden Höhe aus ist das System der Kämme, Hügel, Täler und Flussläufe, Weide-blössen und Wälder überaus imposant. Weit unten kann man gleich in den überwachsenen Schlund des Kifinika-Kraters ( 3150 m ) hinabschauen.
Wieder legten sich die Nebel um die Flanken des Berges, und es galt, sich schleunigst nach der vorzunehmenden Abstiegsroute zu orientieren. Auf dem Gipfel fand ich keinerlei Spuren einer früheren Besteigung. Eine kleine Ovo-Büchse legte ich unter einen, rasch zusammengetragenen Steinmann, und schon liess ich mich über die abschüssigen Platten auf der Westseite hinunter. Ein besonderes Handicap sind die hier meistens stark verwitterten Felspartien, die schon bei der kleinsten Belastung abbrechen. So ergab sich eine recht mühsame und wenig erfreuliche Kletterei. Eine gut drei Meter 17 Die Alpen - 1961 - Les Alpes257 hohe Felsnadel, an der ich mich hielt, brach unvermittelt in der Mitte ab, und stürzte krachend in den Kessel, einen durchdringenden Schwefelgeruch zurücklassend.
Es war wahrlich manchmal wie ein Tanz auf dem Vulkan, jeder Tritt und Griff musste mehrfach geprüft werden, ehe man sich ihm anvertrauen konnte, und manch einer erwies sich als trügerisch. Bei dichtem Nebel und ständigem Schneegestöber suchte ich mir einen Abstieg nach Westen, um noch den beiden kleineren Felsspitzen, den namenlosen Peak A und B, von 4940 m und 4880 m Höhe, einen Besuch abzustatten.
Die Stille wurde jeden Moment unterbrochen, durch das herabfallende Gestein. Unendlich einsam war es hier oben, als wären die Feuergeister des Berges für immer in das Innere verbannt.
Den Querkamm verlassend, kletterte ich über steile, verschneite Platten zum Schuttkessel hinab und wandte mich vor dem Felsabfall nach rechts, bis ich nach einigem Suchen eine Passage entdeckte. Ein System sehr abschüssiger, teilweise auch vereister Spalten und Kamine nahm mich auf. Einzelne derselben befanden sich gerade im Flugbereich von Steinen und mussten, trotz ihrer Schwierigkeit, rasch durchklettert werden.
Stets nach rechts traversierend, gelangte ich allmählich, doch nicht ohne einige vergebliche Versuche, in eine tief eingeschnittene Rinne und von dort auf ein grosses Schuttfeld. Fast vier Stunden suchte ich dann in diesem trostlosen Fels- und Schuttgebiet - alles um mich war grau in grau - nach einem Durchgang zum Sattelplateau. Windgetriebener pulvriger Schnee peitschte in mein Gesicht. Der Sturm heulte und schrillte in den Felsklüften wie ein gemartertes Tier. Eine fürchterliche Gleichgültigkeit überkam mich und in einer Apathie sondergleichen stapfte ich durch den Schnee. Hunger und Müdigkeit machten sich bemerkbar. Jetzt wäre der in der Felsnische zurückgelassene Proviant willkommen gewesen. Da zeigte sich, was Ovo ist, denn bis ich beim Einnachten todmüde beim Zelt anlangte, war dies meine einzige Nahrung. Hier fand ich Syara wieder, der sich in der Zwischenzeit sehr um mich gesorgt hatte; seine Rufe verhallten aber ergebnislos in der Felswildnis - ich war viel zu weit weg.
NB. Vom Kilimanjaro Mountain Club Moshi/Tanganjika und Mountain Club of Kenya in Nairobi sind am 14. resp. 21. April 1961 schriftliche Berichte eingetroffen, wonach es sich beim oben geschilderten Aufstieg von Süden um eine Neutour handelt.