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Herr Künzle, wann und in welcher Situation hatten Sie erstmals das Gefühl, dass «etwas nicht stimmt»?
Am Abend vom 16. März hatte ich plötzlich 38 Grad Fieber und fühlte mich unwohl. Kurz darauf kamen nicht erklärbare Muskel- (fast wie Muskelkater) und Gliederschmerzen sowie Müdigkeit und Kraftlosigkeit hinzu.
Dachten Sie dabei an Corona?
Im ersten Moment nicht, da ich nicht hustete. Den Verdacht auf Corona hatte ich, als der Zustand sich nach 2 - 3 Tagen nicht verbesserte. Mein Hausarzt sage mir, ich solle zuhause bleiben bis es besser wird. Es wurde nicht besser.
Rechneten Sie sich persönlich zur «Risikogruppe?»
Anfangs war ich mir da nicht sicher, da ich mich mit der damaligen Definition nicht zwingend dazuzählen musste. Es wurde mir dann aber schnell klar, dass mit Ocrevus, mit dem ich erst seit kurzem behandelt werde, mein Immunsystem geschwächt wird und ich somit zur Risikogruppe gehöre.
Wer stellte die Diagnose?
Die Diagnose wurde mir erst über zwei Wochen nach Ausbruch der Krankheit, als ich mit über 40 Grad Fieber im Spital Münsingen lag, gestellt.
Wie war das Verfahren?
Der erste Test nach 14 Tagen war negativ. Auch der anschliessende zweite Test war erst negativ, obwohl alle Indizien wie auch das CT der Lunge klar auf Covid-19 hindeuteten. Nach weiteren Analysen hat man dann doch Corona-Viren entdeckt.
Welche Befürchtungen hat die Diagnose bei Ihnen ausgelöst?
Eine grosse Ungewissheit, wegen den sehr unterschiedlichen Verläufen. Und natürlich Angst bei mir und der Familie, weil die TV-Bilder, die wir von Norditalien her kennen, hervorkamen. Auf der Intensivstation hatte ich über Stunden gar Todesangst. Ich musste auch mit dem Schlimmsten rechnen.
Was für gesundheitliche Beschwerden hatten Sie konkret?
Atemnot (Kurzatmigkeit), völlig schlapp und ohne Kraft, Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen.
Wie sah Ihre Behandlung/Therapie aus?
Erst wurde mir Antibiotika und Fiebersenkungsmittel verabreicht. Später auch Blutverdünner und Sauerstoff und nochmals Sauerstoff. Therapie (Physio, Atemtechnik, etc.) erst nachdem ich die Intensivstation verlassen konnte. Zweieinhalb Wochen Reha in der Bernerklinik Montana.
Wie gingen Ärzte und Pflegepersonal mit Ihnen um? Wie war das Leben mit Schutzkleidung, Klinik-Atmosphäre, ohne Besucher?
Ich habe über zwei Wochen ausschliesslich Menschen mit Schutzmaske oder gar Covid-Vollmontur mit zusätzlich Handschuhen und Plastikmänteln gesehen. Das war natürlich notwendig, jedoch sehr unpersönlich, wenn man nie ein ganzes Gesicht sieht und gar nicht weiss, wer einen überhaupt betreut. Auf der Intensivstation kam mir das Ganze sehr surreal vor. Dauerndes Piepsen der Maschinen und Überwachungsgeräte von 8 nebeneinander platzierten Covid-Patienten. Viele Ärzte- und Pflegepersonal, welche für mich aussahen wie Ausserirdische, die hin und her gingen. Ich hoffte, dass das nur ein schlechter Traum war.
Vom Pflegepersonal war ich schwer beeindruckt. Sie tragen grosse Verantwortung und die Anforderungen medizinisch, technisch und sozial sind hoch. Sie meisterten das mit Geduld und Einfühlungsvermögen sehr gut.
Wie lange mussten Sie insgesamt im Spital bleiben?
Ich bin am 1.4. ins Spital Münsingen eingetreten und am 3.4. ins Inselspital verlegt worden. Dort war ich 5 Tage auf der Intensivstation und davon 3 Tage intubiert. Am 16.4. dislozierte ich in die Bernerklinik Montana und blieb dort bis zum 2.5.2020.
Mussten Sie anschliessend in die Quarantäne?
Ich nicht. Ich war bereits seit langem negativ und gemäss einigen Ärzten auch immun. Meine Frau war nach meiner Diagnose zwei Wochen zuhause in der Quarantäne.
Verstärkten sich Ihre MS-Symptome durch Corona?
Nein. Während der Krankheit nicht. Auf der Intensivstation hatte ich erstmals seit Jahren gar keine Schmerzen.
Gab es bei der Behandlung Probleme aus der Konstellation MS vs Corona (zum Beispiel Medikamente, die nicht zum Einsatz gebracht werden konnten)?
Nein, die tangierten einander nicht. Ich habe die Dosis nie anpassen müssen.
Sind Sie hier und heute wieder vollständig gesund?
Ich denke, ich bin wieder so bei 80% - 90% des Gesundheitszustands vor Covid.
Befürchten Sie Langzeitfolgen?
Möglicherweise verbessert sich der aktuelle Zustand nicht mehr oder nur noch sehr langsam. Ich komme immer noch schnell ausser Atem, mein Puls ist seit der Erkrankung erhöht. Die Lunge sollte keinen grösseren Schaden erlitten haben. Das wird demnächst noch genauer untersucht.
Wurden Sie in der Krankheitsphase unterstützt? Was hat Ihnen geholfen?
Meine Familie, Verwandte und Nachbarn haben in der schlimmsten Phase für mich gebetet und per WhatsApp Glückwünsche und Durchhalteparolen durchgegeben. Die Skype-Sessions mit meiner Frau haben mir immer wieder Mut gegeben und mich in der Reha motiviert an mir zu arbeiten.
Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben könnten? Oder haben Sie eine Vermutung?
Mit Gewissheit kann ich das noch nicht sagen. Ich vermute, dass ich mich bei meiner Frau angesteckt habe. Sie hatte sich die zwei Wochen zuvor schlecht gefühlt. Sie war «kränkelig» und müde, hatte aber kein Fieber und weitere Symptome. Möglicherweise war das ein leichter Covid-Verlauf. Sobald es mal einen zuverlässigen Test gibt, wollen wir prüfen, ob meine Frau die Krankheit hatte und Antikörper produziert hat.
Wie haben Angehörige/Freunde auf Ihre Corona Diagnose reagiert?
Anfangs geschockt. Dann mit viel Mitgefühl. Sie haben mit mir gelitten als es bergab ging und haben sich mit mir gefreut als es wieder aufwärts ging. An meinem Geburtstag, am 8.4. bin ich aus dem Koma erwacht. Von da an gings bergauf. Es konnte nur bergauf gehen, da ich quasi bei null wieder gestartet bin. Ich konnte anfangs weder schlucken, noch sprechen, noch selbständig sitzen, geschweige denn gehen! Das ganze Ärzte- und Pflegeteam hat mir auf der Intensivstation «Happy Birthday» gesungen! Wer hat sowas schon erlebt?
Am meisten gelitten hat meine Frau, welche zuhause in der Quarantäne sass, mich nicht besuchen konnte, mir nicht helfen konnte und anfangs jeden Tag noch schlechtere Nachrichten über mich von den Pflegepersonen erhalten hat... Dies bis zur Mitteilung, dass sie mich in der Intensivstation ins Koma versetzen müssen und keiner wusste, wie die Geschichte ausgeht.
Haben Sie für Gesunde und MS-Betroffene einen Ratschlag, was Corona angeht?
Ja, seid vorsichtig und habt Geduld! Und befolgt natürlich die Covid-Massnahmen des BAG.
Wie ist das Leben jetzt nach Ihrer Corona-Infektion? Hat sich etwas verändert zu vorher, im Denken oder Verhalten?
Ich relativiere nun vieles. War etwas in der Vergangenheit ein grosses Problem, so erscheint mir das heute viel weniger schwerwiegend. Dies ist bereits seit meiner MS-Erkrankung so und nach überstandener Covid-Erkrankung erst recht. Das Leben kann so schnell ein Ende haben. Ich nehme mir vor, mich weniger aufzuregen und das Leben mehr zu geniessen. Ich habe an meinem 53. Geburtstag quasi ein zweites Leben geschenkt bekommen! Ich bin sehr zufrieden und dankbar, dass ich mich so gut erholt habe, auch wieder arbeiten kann und hoffentlich noch vieles erleben darf.
Herr Künzle, wir bedanken uns sehr für dieses Interview und dafür, dass Sie Ihre Erfahrungen teilen. Wir wünschen Ihnen alles Gute und rasche, vollständige Genesung.
Zur Person: Daniel Künzle, heute 53 Jahre alt, ist im Toggenburg (Kanton SG) aufgewachsen, seit 2009 wohnt er mit seiner Frau Bettina (51) in Konolfingen. Beruflich war er zunächst Betriebsdisponent bei der SBB, später Finanzcontroller bei verschiedenen bundesnahen Betrieben. Im Mai 2014 wurde Daniel Künzle im Alter von 47 Jahren die Diagnose «PPMS» gestellt, die später auf schubförmige MS korrigiert wurde. Der Diagnose gingen neun Monate umfassende Untersuchungen voraus. Durch die Symptome der MS ist er kognitiv (Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Belastbarkeit) und physisch (neuropathische, elektrisierende Schmerzen, Gefühls- und Bewegungsstörungen, Kraft und Ausdauer Verlust, Fatigue) eingeschränkt. Dennoch arbeitet Daniel Künzle noch immer in Teilzeit als Sachbearbeiter beim Bund (BBL).