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Pellegrino Vignali war 75 Jahre alt, als ich ihn kennenlernte. Er war von kleiner, beweglicher Gestalt. Aus seinem hageren Gesicht sahen mich zwei wache Augen an, die seinen lebendigen Geist verrieten. Er war gewitzt, hatte Humor, lachte gern. Es war ihm nicht anzumerken, daß er Analphabet war, wenngleich er dies nicht zu verbergen suchte.
Vignali wurde in Bergogno di Paullo, einem abgelegenen Dorf hoch in den Bergen des Appenin, geboren. Sein Vater war ein geschäftiger Mann, der mit Pferd und Esel oft wochenlang unterwegs war. Dabei nahm er seinen Sohn mit und erzählte ihm Märchen und Sagen, die er selber von seinem Vater gehört hatte. Sie schliefen unter freiem Himmel und erlebten die Stimmen der Nacht.
Vignali wurde Fuhrmann, Reiter wilder Pferde, Reisender in allen Geschäften, Grundstücks-, Arbeits- und Heiratsvermittler. Als er alt genug war, heiratete er, zog in ein Haus im Tal bei Salvarano und wurde Gemüsebauer, Weingärtner, Heilkundiger, Kosmologe und Philosoph.
Mit 72 Jahren hatte er seine Felder den Kindern überlassen. Jetzt hatte er Zeit, sich zu erinnern. Einst war er mit dem Vater auch nach Canossa gekommen und hatte von König Heinrich IV, Papst Gregor und der Gräfin Mathilde gehört.
Als er in der Nähe seines Hauses einen besonders schönen Stein fand, begann er ihn mit Hammer und Meißel zu bearbeiten und es entstand ein Kopf. Vignali erkannte in ihm Heinrich IV. Dem folgten Gregor und Mathilde und viele weitere Köpfe.
Eines Tages wurde Vignali krank und mußte im Bett liegen bleiben. Es befiel ihn mächtige Unruhe und er suchte nach Ausdruck. Von einem der Enkelkinder ließ er sich einen Bleistift geben, riß aus einem Schulheft eine Seite heraus und begann zu zeichnen.
Die Krankheit ging vorüber. Vignali suchte nach Farben und fand einen Pinsel, er fand Abfälle von Sperrholz, verstaubt und gebogen, die im Stall herumgelegen hatten. Sie wurden die Malgründe, auf denen seine ersten Bilder entstanden. Jetzt malte er Heinrich IV und Mathilde und alles, was in seinem Geist lebendig war.
Voller Geheimnisse war das Leben des Pellegrino Vignali Mandarein, der fernab von unseren naturwissenschaftlichen Erklärungen der Neuzeit sich sein eigenes Bild von der Welt machte. Ganz allein erforschte er für sich selbst die Rätsel des Lebens. Er hatte Menschen, Tiere und Pflanzen beobachtet, hatte auf die Stimmen gelauscht, die er im Wald, auf dem Acker und im Haus vernommen hatte. Daraus entstanden seine Bilder. - Nachts malte er sie, wenn er heimgesucht wurde von Ängsten, von Erscheinungen, die das Licht der Gestirne und die Schatten der Wolken ihm brachten.
Egon Hassbecker