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„Die bemerkenswerteste Revolution der Geschichte“
Es war ein ganz normaler Arbeitstag an der größten Baustelle der Welt und eine Ironie der Geschichte, als am 7. Januar 1914 der altertümliche „Alexandre La Valley“, ein schwimmender Kran, auf seinem Weg von Colón nach Balboa ganz ohne Pomp die Miraflores-Schleusen verließ. Ausgerechnet ein französisches Schiff hatte als erstes die 81,6 Kilometer des soeben fertiggestellten Panamakanals passiert. Erst am 15. August – seit zwei Wochen tobte auf den europäischen Feldern der Erste Weltkrieg, und bei Kämpfen um die strategisch bedeutsame Brücke im belgischen Dinant wurde an diesem Tag ein Leutnant Charles de Gaulle verwundet – wurde mit der Passage der „Ancon“ die „Große Eröffnung“ des Kanals gefeiert.
Der Bau hatte Amerika 352 Millionen Dollar gekostet, 23 Millionen weniger als 1907 veranschlagt worden waren. 178 Millionen Kubikmeter Erde, Schlamm und Fels hatten die Arbeiter der US-Kanalbaugesellschaft ausgebaggert und gesprengt und dabei 30 000 Tonnen Dynamit verbraucht. Zwischen 45 000 und 50 000 Menschen waren im Einsatz gewesen, um das Projekt fertigzustellen, darunter 6000 Weiße, von denen rund 2500 Frauen und Kinder waren. Die Andern waren in der ganzen Karibik angeheuert worden, sie kamen aus Barbados, aus Jamaica, Grenada, St. Lucia, Martinique.
"Nicht nützlicher als Moskitos"
5609 Menschen waren im Verlauf der Arbeiten an Lungenentzündung (Auf den meisten Karibikinseln war diese Krankheit bis dahin unbekannt.), Malaria, Gelbfieber, Tuberkulose, Ruhr, Syphilis, Alkoholismus, durch Selbstmord oder bei Arbeitsunfällen gestorben. Tausende Ansässige in der Region wurden zwangsumgesiedelt und nur geringfügig entschädigt. „Diese Leute sind nicht nützlicher als Moskitos oder Geier; sie sollten alle zusammen ausgerottet werden“, mahnte ein Mitglied eines US-Kongressausschusses, der die Fortschritte beim Bau des Kanals prüfte, die Gesundheitsausgaben in Grenzen zu halten. Heute passieren jährlich rund 15 000 Schiffe mit einer Transittonnage von mehr als 130 Millionen Tonnen den Panamakanal.
Lange schon vor seinem mühevollen Bau bestimmte die Vision eines zukünftigen Kanals die Geschicke der sumpfigen Landenge, die sich von Nicaragua nach Costa Rica bis Panama und Kolumbien erstreckt. Am 29. September 1513 erreichte der spanische Abenteurer Vasco Nuñez de Balboa auf seiner Suche nach dem „großen Wasser und viel Gold“, von dem ihm Indianer erzählt hatten, als erster Weißer den Pazifik, den er natürlich sofort für seinen König in Besitz nahm. Fortan gingen die Schiffe der spanischen Silberflotten an Panamas Pazifikküste vor Anker, von wo die wertvolle Fracht auf Maultieren mühselig über den „Camino Real“, ein verschlammter Pfad durch den tropischen Dschungel, an die Atlantikküste gebracht wurde, um dort für die Reise nach Spanien verschifft zu werden.
Erstes Projekt im Jahr 1529
Schon 14 Jahre nach Balboas Entdeckung suchte Hernando de la Serna im Auftrag Karls V. nach einem geeigneten Weg für den Bau eines Kanals. 1529 wurde tatsächlich das erste Kanalbauprojekt von dem Spanier Alvarado de Saavedra Colón ausgearbeitet. Und 1552 gab der Priester Francisco López de Gómara in einem Buch neben Nicaragua, dem Daríen (im kolumbianisch-panamaischen Grenzgebiet) und dem Isthmus von Tehuantepec (Mexiko) auch Panama als geeigneten Ort für einen möglichen Kanal an.
Anfang des 19. Jahrhunderts urteilte Thomas Oliver Selfridge, der das Gelände für die US-Navy explorierte: „So vorteilhaft ein interozeanischer Kanal für das kommerzielle Wohlergehen der ganzen Welt auch wäre, er wäre doppelt vorteilhaft für die Bedürfnisse der amerikanischen Interessen. Der Pazifik ist natürlich unsere Domäne.“ Doch nicht Amerikaner begannen 1879 mit den Arbeiten an diesem gewaltigen Projekt. Die französische Société Civile du Canal Interocéanique de Daríen hatte von der Republik Kolumbien die Baugenehmigung erhalten.
Der grösste Korruptionsskandal des 19. Jahrhunderts
Ferdinand Vicomte de Lesseps, der erfolgreiche Planer des Suezkanals, stieß allerdings auf immense Schwierigkeiten: Seuchen rafften seine Arbeiter dahin, Baustellen wurden überschwemmt, Fehlplanungen und technische Pannen ließen sein Vorhaben nach über einer Dekade scheitern. Über 20 000 Menschen waren vor allem der Malaria erlegen. (Der Arbeiter Paul Gauguin hatte sich rechtzeitig auf die „Glücklichen Inseln Ozeaniens“ abgesetzt, um dort fortan als Maler glücklich zu werden.) Als Lesseps Aktiengesellschaft 1893 in Konkurs ging, hatten 600 000 französische Kleinaktionäre insgesamt 1,435 Milliarden Francs (etwa eine Milliarde mehr als der Bau des doppelt so langen Suezkanals gekostet hatte) verloren. Über hundert Abgeordnete aller Parteien waren von den Kanalschwindlern bestochen worden, es war der größte Korruptionsskandal des 19. Jahrhunderts.
Die Notwendigkeit eines Kanals hatte sich für die USA 1898 während des amerikanisch-spanischen Krieges besonders deutlich gezeigt, als US-Kriegsschiffe 13 000 Seemeilen rund um Kap Horn dampfen mussten, um Kuba zu erreichen. Ein Kanal hätte die Strecke auf 4600 Meilen verkürzt. US-Präsident Theodore Roosevelt war „der Spinner“, wie Rudyard Kipling ihn nannte, der das Jahrhundertprojekt schließlich durchzuführen gedachte. Dazu waren allerdings ein paar höchst sensible Probleme in etlichen wenig sensiblen Manövern zu beseitigen, denn Panama gehörte seit seiner Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1821 zu Kolumbien. Nach langen und zähen Verhandlungen, in deren Verlauf Washington die kolumbianische Regierung massiv unter Druck setzte, unterzeichneten beide Seiten einen Vertrag, der den USA unter anderem erlaubte, „die Rechte, Privilegien, Konzessionen und den Besitz“ der französischen Kanalbaugesellschaft zu erwerben. Im Gegenzug sollten die USA Kolumbien zehn Millionen Dollar in Gold sowie eine jährliche Pachtgebühr von 250 000 Dollar bezahlen.
"Verächtliche Kreaturen in Bogotá"
Als der kolumbianische Kongress zögerte, den Vertrag zu ratifizieren, wies Roosevelt seinen Außenminister an, Druck zu machen: „Diese verächtlichen Kreaturen in Bogotá müssen kapieren, wie weit sie den Gang der Dinge beeinträchtigen und unsere Zukunft stören können. Vielleicht müssen wir diesen Banditen bald eine Lektion erteilen.“ Trotz oder gerade wegen dieser Drohungen lehnte der Kongress in Bogotá den Vertrag in seiner vorliegenden Form einstimmig ab. Unterstützt von einer Armada der US-Navy organisierten daraufhin die amerikanische Panama-Railroad sowie einige unzufriedene Einheimische, meist Angestellte amerikanischer Firmen, „die bemerkenswerteste Revolution der Geschichte“, wie ein Senator in Washington später urteilte.
Sie dauerte ganze drei Tage. Die meiste Zeit verging mit Verhandlungen über die Höhe der Bestechungsgelder, die den in Panama stationierten kolumbianischen Truppen und ihrem General für ihre Loyalität zu der neuen Regierung zu bezahlen waren. (General Huertas erhielt 33 000 Dollar in Silber und später dazu noch 50 000 Dollar in Gold, die anderen Offiziere wurden mit je 10 000 Dollar abgefunden, die Soldaten mussten sich mit jeweils 50 Dollar begnügen.) Die Besoldung teilten sich die US-Regierung und einige amerikanische Firmen, darunter die Panama-Railroad, die am 28. Januar 1855 nach fünfjähriger Bauzeit unter nahezu unmenschlichen Bedingungen mit der Fahrt des ersten Fracht- und Passierzugs eingeweiht worden war.
"Auf ewig"
Um eine mögliche Landung kolumbianischer Truppen „gleich wo in der Provinz Panama“ zu verhindern, hielten sich 5000 US-Soldaten bereit. Nicht weniger als neun amerikanische Kriegsschiffe patrouillierten vor den Küsten der neuen Republik, Truppentransporter brachten zusätzliche Verbände aus den USA. Am Morgen des 6. November 1903 wurde die Unabhängigkeitserklärung verlesen: „Wir trennen uns von unseren kolumbianischen Brüdern ohne Hass und ohne Freude.“ Schon um die Mittagszeit, um 12.51 Uhr, übermittelte die US-Regierung per Telegramm die formelle Anerkennung der Republik von Panama.
Nur zwölf Tage nach der Unabhängigkeit schlossen die US-Regierung und Panamas provisorischer Gesandter in Washington, der französische Ingenieur und Aktionär der Kanalbaugesellschaft Philippe Buneau-Varilla, ohne dass auch nur ein Panamaer anwesend gewesen wäre, einen neuen Vertrag, der „auf ewig“ gelten sollte. Er sah eine auf 16 km Breite angelegte Kanalzone vor sowie das Recht der Vereinigten Staaten zusätzliche Land- und Wassergebiete zu erwerben. Im Gegenzug garantierten die USA die Unabhängigkeit Restpanamas, die sich jahrelang im Wesentlichen darauf beschränkte, Präsidenten wählen zu dürfen, die Washington genehm waren.
Wahlen waren nur fair, wenn sie den USA gefielen
Schon 1908, als während des ersten Wahlkampfes seit der Trennung Panamas von Kolumbien Unruhen ausbrachen, intervenierten die USA. Kriegsminister William Howard Taft und der Gouverneur der Kanalzone forderten den Präsidenten Panamas auf, einer US-Kommission zu erlauben, die bevorstehenden Wahlen zu überwachen. Diese Kommission zwang den aussichtsreichen, in Washington aber unerwünschten Präsidentschaftskandidaten, Ricardo Arias, zur Aufgabe seiner Kandidatur. Es kam zu Unruhen. Die Arias-Anhänger blieben schließlich den Wahlen fern, was den Sieg des von den USA favorisierten Kandidaten, José Domingo de Obaldía, ermöglichte.
Taft hatte angedeutet, die USA sähen „jeden Versuch, einen Nachfolger durch gefälschte Wahlen ins Amt zu bringen… als Störung der öffentlichen Ordnung an, die laut Verfassung (Panamas) eine Intervention notwendig“ mache. Washington werde es nicht zulassen, dass Panama unter die Kontrolle irgendjemandes komme, der auf diese Weise gewählt worden sei. „Mit anderen Worten, wenn ein Kandidat gewählt wurde, den die USA ablehnten, waren die Wahlen gefälscht und erforderten Intervention. Die Wahlen wären nur fair und demokratisch, wenn Washingtons Favorit gewann“, urteilte der North American Congress on Latin America, eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die ausgezeichnete Informationen über Entwicklungen in und die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Lateinamerika liefert. Politische und wirtschaftliche Unruhen führten 1912, 1918, 1925, bis in die siebziger Jahre beinahe regelmäßig zu weiteren amerikanischen Militäroperationen in Panama.
Bei Lobster und geröstetem Kalbsrücken
Erst 1977 kam ein neuer „Panamakanalvertrag“ und ein „Vertrag über die ständige Neutralität und den Betrieb des Panamakanals“ zwischen den USA und Panama zustande, der die absoluten Rechte der USA sukzessive abbaute, bis der Kanal am 1. Januar 2000 vollständig panamaischer Kontrolle unterstellt wurde. Allerdings „werden wir das Recht behalten, einseitig darüber zu entscheiden, was von unserer Seite notwendig ist, um die Neutralität des Kanals zu garantieren, damit er dem internationalen Schiffsverkehr geöffnet bleibt“, erklärte US-Präsident Jimmy Carter vor dem Kongress die weiterhin bestehenden Befugnisse Washingtons.
Die Unterzeichnung des Vertragswerks in Washington wurde ein rauschendes Fest. Zu einem Bankett, bei dem Lobster, gerösteter Kalbsrücken, Wasserkresse- und Pilzsalat sowie erlesene Weine aufgetragen wurden, und bei dem die Sopranistin Martina Arroyo aus Verdi- und Puccini-Opern sang, Isaac Stern und André Prévin Stücke von Cesar Franck und Aaron Copland spielten, waren sämtliche Staatsoberhäupter Lateinamerikas geladen, darunter Diktatoren wie Alfredo Stroessner aus Paraguay, Jorge Videla aus Argentinien, Hugo Banzer aus Bolivien oder Chiles Augusto Pinochet.
Zur anschließenden Party hatte Präsident Jimmy Carter halb Hollywood und Muhammad Ali eingeladen, während sich Panamas Regierungschef, General Omar Torrijos, diebisch freute, dass es ihm gelungen war, mit dem kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez in seinem diplomatischen Team einen Mann bis ins Herz der Weltmacht zu bringen, der vom FBI auf einer Liste unerwünschter Personen geführt wurde und somit einem Einreiseverbot in die USA unterlag.
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