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In den Tiefen der Pont-de-Nant-Quelle
der Pont-de-Nant-Quelle
Michel Liberek, Lausanne
Das sehr schöne, als Naturschutzgebiet bekannte Tal von Pont de Nant weist in seinen Abhängen auch einige Höhlen auf. Eine davon, die bisher unerforscht geblieben war, ist von der Sektion Lausanne der Schweizerischen Vereinigung für Höhlenforschung aufgesucht worden.
Es handelt sich um die Quelle von Chambrette am Ufer des Avançon des Plans; an dieser Stelle haben die Kraftwerke von Joux ein Stauwehr gebaut, das sowohl das Wasser des Flusses als auch dasjenige der Quelle fasst und das Elektrizitätswerk von Peufaire speist. Die Quelle entspringt auf gleicher Höhe wie der Fluss, etwa 1150 Meter über Meer, aber bei sehr starker Schneeschmelze oder besonders heftigen Regenfällen schiesst ein wilder Wasserfall aus dem Kalkfelsen, der sich auf einer Höhe von 1300 Meter über der Quelle erhebt. Seit einiger Zeit fliesst kein Wasser mehr aus dieser Öffnung. In diesem regelrechten Adlerhorst über dem Tal von Nant ist es uns gelungen, den Siphon, der den Zugang unmöglich machte, zu bezwingen und 400 Meter einer neuen Höhle zu entdecken.
Erforschung Schon in den Jahren 1893-1894 war es Ortsansässigen gelungen, bis zur Öffnung der Höhle vorzudringen, doch stiessen sie 30 Meter nach dem Eingang auf eine unüberwindliche Wasserfläche. Nach mehreren Erkundungsgängen haben nun zwei Mitglieder der Sektion Lausanne, die Herren Michel Liberek und Georges Ohman, diese Höhle wieder entdeckt.
Nach einer schwierigen Kletterei ist es zehn Höhlenforschern gelungen, die Öffnung der Grotte zu erreichen. 30 Meter nach dem Eingang legen wir nun eine 60 Meter lange Röhre, um die Bedeutung dieses Siphons zu erkennen und ihn zu entleeren.
Sonntag, den 14. September i 969, ist es soweit -wir überqueren ihn ganz mühelos. Zu unserer Überraschung entdecken wir einen kleinen Saal mit einem Kamin. Der trotz starken Regens sehr wenig veränderte Wasserspiegel erklärt sich durch einen natürlichen Abfluss im Innern des Ganges. Tatsächlich beginnt 2,50 Meter oberhalb des Bassins ein Tunnel, eine richtige Wasserleitung von etwa 1,50 Meter Durchmesser, die 160 Meter vom Eingang entfernt mit leichtem Gefälle zu einem neuen Siphon hinunterführt. Diesen können wir ohne Tauchgeräte überqueren. Auf der anderen Seite gehen wir mehr als 200 Meter immer im gleichen, von einigen Kaminen unterbrochenen Stollen weiter.
350 Meter vom Eingang entfernt ändert sich der Querschnitt der Galerie und zwingt uns, einige Meter zu kriechen, und nach einer letzten Enge gelangen wir in einen sehr geräumigen, 7 X 8 Meter messenden Saal, der mit Sand und Schlamm gefüllt ist.
Unter seinem « Fussboden », den schwere, aus dem Gewölbe gestürzte Blöcke bilden, entdecken wir einen etwa i o Meter tiefen Schacht, der sich nach unten verbreitert, aber leider mit Wasser gefüllt ist. Da bei unserem letzten Besuch das Wasser bis zu i o Meter angestiegen ist, haben wir die Erforschungen dieses Jahres hier beenden müssen. Der Wasserspiegel dieses letzten Siphons ist also sehr veränderlich, da wir bei unserer ersten Expedition schon 250 Meter nach dem Eingang aufgehalten wurden, drei Wochen später aber bis zu 400 Meter vorgedrungen sind. Die beiden ersten Siphons, die wir beim Höhleneingang überquert haben, sind nur gewöhnliche Wassertümpel, in welche einige Kamine das Regenwasser leiten.
Wir haben also versucht, soweit als möglich in dieses Leitungsnetz einzudringen, das bestimmt mit der tiefer liegenden Quelle von Chambrette zusammenhängt, die sich 180 Meter weiter unten befindet. Wir sind durch mehr als 400 Meter neue Galerien gekommen und haben eine Tiefe von ioo Meter erreicht. Nur einige Kamine und der letzte Siphon müssen noch erforscht werden, was allerdings bedeutende Schwierigkeiten bieten wird, da es wenig wahrscheinlich ist, je wieder eine so günstige Trockenperiode anzutreffen wie dieses Jahr.
Die « Höhlenquelle », die für die unteren Quellen als Überlauf dient, ist vom hydrologischen Standpunkt aus höchst interessant. Man sieht hier wunderbar die mechanische Arbeit des Wassers, und der sehr stark korrodierte Hauptgang, der sich tief in den Schoss der Erde eingefressen hat, ist es wert, besucht zu werden. Aber es bleibt eine gefährliche Sache, denn nach starken Regenfällen kann der Hauptgang jeden Augenblick überschwemmt werden.
Die Herkunft des Wassers der unteren Quelle konnte durch Farbversuche festgestellt werden, die man in den Versickerungstrichtern ( Dolinen ) der Weide von La Vare am Fusse des Argentine-Massivs, 2400 Meter von der Quelle entfernt, unternommen hat.
Herkunft des Wassers und Geologie Eine 1926 von Maurice Lugeon und Elie Gagnebin ausgearbeitete Studie über die Region von Pont de Nant aux Plans sur Bex in den Waadtländer Alpen, die sich mit der Quelle von Chambrette befasst, hat uns wertvolle Hinweise für unsere Entdeckung gegeben. Wir können hier das Ergebnis ihrer Untersuchung bringen und uns ziemlich genau den unterirdischen Verlauf des Wassers und der Dolinen des La-Vare-Beckens sowie die obere Chambrette-Quelle vorstellen, die wir auf einer Strecke von mehr als 400 Meter erforschen konnten.
Vom Restaurant Pont de Nant zum Essets-Pass hinauf erklimmen wir einen Hang, der uns zum Chalet Richard führt, wo sich auch eine sehr bekannte Grotte, genannt Grottes-aux-Fées Richard ( 1500 m über Meer ), befindet. Diese Höhle mit einem Ausmass von 140 Meter, die durch einen unüberwindlichen Siphon abgeschlossen wird, steht vielleicht mit dem weitläufigen Wassersystem der Chambrette-Quelle in Verbindung. Aber hier sind keine Farbversuche gemacht worden. Bei unserem letzten Erkundungsgang konnten wir feststellen, dass trotz zwei Monaten ausserordentlicher Trockenheit ein winziges Bächlein gleichmässig hindurchfliesst und unter einem feuchten Gewölbe versickert.
Nach dreiviertelstündigem Marsch vom Chalet Richard aus gelangen wir zu einer länglichen, flachen Mulde. Es ist die Weide von La Vare, umgeben von hohen Felswänden, die bis zum Pierre qu'Abotze ansteigen und deren Sturzbäche ihr Geröll auf dem Muldenboden ablagern. Durch eine Kalkbank aufgehalten, versickern diese Bäche in Dolinen, in die wir trotz aller Versuche, sie freizulegen ,'nicht eindringen konnten.
An dieser Stelle, auf 1750 Meter Höhe, haben 1926 die Geologen einen Farbversuch mit Fluo-reszein gemacht. Von den Trichtern zur Quelle betragen die Entfernungen in direkter Linie 2400 Meter und der Höhenunterschied 600 Meter. Es dauerte zwölf Stunden, bis das Wasser der unteren Chambrette-Quelle ( 1150 m ) gefärbt heraus-floss. Theoretisch betrug die Geschwindigkeit des Wassers 200 Meter in der Stunde. Diese Trichter befinden sich in dem der Synklinale von Sur Champ abgekehrten Hang, eingefressen in valanginischen und berriasischen Kalk.
Geologisch gesehen, befinden wir uns auf der Vorderseite der Ebene von Morcles, deren Kreideschichten weite, vom Jurakern gelöste Faltungen bilden, von dem sie die grosse Masse des Portland- und berriasischen Kalkes trennt. Die Faltungen zeichnen sich deutlich ab durch das helle Band des urgonischen Kalkes, der sich in senkrechten Platten im Argentine-Grat befindet.
Das ist das Merkmal einer ersten Antiklinale. Darunter gräbt sich tief die Synklinale von Sur Champ ein. Weiter hinten erstrecken sich die zwei bedeutendsten Antiklinalen von Nombrieu und The du Beriet, unter welch letzterer sich der Überlauf der Chambrette-Quelle öffnet.
Folgende Gesteinsarten werden von dem unterirdischen Wasserlauf von den Trichtern bis zur Quelle durchquert:
1.Valanginien-Kalk, kompakt und sehr durchlässig.
2. Hauterivien-Kieselkalke, widerstandsfähiger.
3. Marne-Kalk, schieferartig und undurchlässig, aus dem unteren Barrémien. Seine Dicke ist verschieden, beträgt aber im allgemeinen nicht mehr als 10 Meter.
4. Massiver Urgonien-Kalk, sehr durchlässig, der unser oben erwähntes Vordringen möglich gemacht hat.
Die Chambrette-Quelle entspringt auf der Gegenseite der Tete-du-Bertet-Antiklinale am oberen Rande des Urgonien-Kalkes, wo er an den Gault stösst, und die 400 Meter der oberen Quelle fliessen mitten durch das Urgonien-Massiv.
Übersetzung: E. Busenhart Literatur Lugeon et Gagnebin: « L' origine des sources de la Chambrette ». Lausanne 1928, BLGUL N° 42.
Pierre-Jean Baron: Höhlenforschung des Kantons Waadt. Editions Victor Attinger, Neuchâtel 1969.