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Manche Sozial-und Geisteswissenschaftler verteidigen die Einzigartigkeit des Menschen und seiner Kultur umso vehementer, je mehr die Naturwissenschaften, die Genetik und die Hirnforschung den Menschen in einen grossen evolutionären Zusammenhang stellen. Forschern, die auch in unserer Zivilisation die Biologie am Werk sehen, werfen sie vor, den Menschen zu erniedrigen, gar Reduktionismus zu betreiben.
Am vergangen Wochenende, auf dem Darwin-Symposium, das an der Universität Zürich Irchel (UZH) stattfand, versuchte der UZH-Anthropologe Carel van Schaik, die unterschiedlichen Standpunkte zu verorten. «Der moderne Mensch ist ein Produkt der Evolution», meinte van Schaik, «in dem sich angeborene Reflexe, gelerntes Verhalten und rationales Handeln vereinen.»
Evolutionäre Psychologie einbeziehen
Psychologie oder Neurowissenschaften zu studieren, ohne die analytischen Werkzeuge der Evolutionstheorie zu benutzen, sei etwa so, wie Physik ohne Mathematik zu studieren, zitierte van Schaik den US-Anthropologen John Tooby, den Begründer der evolutionären Psychologie. Bei dieser Theorie spielen klassische psychologische Daten eine grosse Rolle, sie werden jedoch durch Erkenntnisse über die menschliche Evolution, Jäger und Sammler-Studien oder ökonomische Modelle ergänzt.
Es sei ihm unverständlich, so van Schaik, dass bestimmte menschliche Verhaltensweisen von Sozialwissenschaftlern untersucht würden, ohne naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einzubeziehen. Das sei so, wie einen Elefanten im Zimmer nicht zu sehen.
Kindsmord durch Stiefväter
Ein Beispiel: Laut einer kanadischen Studie, die in den 1980er Jahren durchgeführt wurde, ist das Risiko, dass Kleinkinder getötet oder misshandelt werden, 70x wahrscheinlicher, wenn sie bei Stiefvätern aufwachsen, als wenn sie beim leiblichen Vater bleiben. Töten, so van Schaik, war in der Menschheitsgeschichte schon immer eine effektive Fortpflanzungsstrategie.
Der lange Arm der Biologie
Die wissenschaftliche Untersuchung von Phänomenen, wie den Kindstötungen, müsse sozialwissenschaftlich und evolutionsbiologisch angegangen werden, denn zum einen sei die Reproduktion zentral für die evolutionäre Dynamik gewesen, zum anderen spielten die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenfalls eine tragende Rolle.
Das Verhalten der Stiefväter dürfe nicht nur – wie es manche Sozialwissenschaftler tun – ausschliesslich auf sozioökonomische Hintergründe zurückgeführt werden, wie zum Beispiel die wirtschaftliche Situation der Stiefväter oder deren Persönlichkeitsstruktur. Beide – die Ansätze der Natur- und der Sozialwissenschaften – sollten gesellschaftliche Phänomene wissenschaftlich angehen, so van Schaik. Nur so könne man dem Phänomen umfassend begegnen und letztlich, wie im Fall der Kindstötungen, auch das Risiko für die Kinder minimieren.
Kritik von Sozialwissenschaftlern, man würde etwa Unterschiede im geschlechtsspezifischen Verhalten auf vereinfachende Weise – reduktionistisch – auf angeborene, biologische Merkmale zurückführen, weist van Schaik von sich. Man müsse den Homo sapiens in das Kontinuum der Naturgeschichte stellen und aus ihr heraus seine Einzigartigkeit erklären.
Anreize zur Zusammenarbeit schaffen
Deshalb plädiere er auch für eine fächerübergreifende Kooperation der Disziplinen. Es gebe ja schon viele Ansätze einer fruchtbaren Zusammenarbeit, die Zeit unüberwindbarer Gegensätze sei vorbei.
Den Studierenden müssten auf Dauer mehr Anreize geboten werden, sowohl sozial- als auch naturwissenschaftlich zu arbeiten. In den Sozialwissenschaften seien die Zusammenhänge ja nicht weniger komplex als in den sogenannten exakten Naturwissenschaften.
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