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Die FDP Graubünden ehrt heute Abend an der GV in Malans ihren Medienverantwortlichen Silvio Zuccolini für sein mittlerweile 30-jähriges Engagement als Pressechef. Das Interview mit dem ehemaligen Spitaldirektor von Thusis zu drei Dekaden Bündner Politik führte Regierungsrat Christian Rathgeb.
Christian Rathgeb: Wann bist Du der FDP beigetreten?
Silvio Zuccolini: Das weiss ich nicht mehr genau, es dürfte in den 70er Jahren gewesen sein. Meine Vorbilder waren Nationalrat Josias Grass sel. aus Chur und Nationalrat und Landammann Christian Jost sel. aus Davos, mein militärischer Vorgesetzter. Auf jeden Fall war ich im damaligen FDP-Zentralvorstand als frei gewähltes Mitglied mit Spezialgebiet Gesundheitswesen, dann wurde ich im März 1987 in die Parteileitung gewählt, wo ich am 27. April 1987 zum ersten Pressechef der Bündner FDP gewählt wurde und dies immer noch bin….
Wie kam es zu Deiner Wahl als Pressechef?
In meiner militärischen Funktion in einem Stab meinte der Kommandant, es war Prof. Hugo Tschirky, dass ich, nebst meiner Funktion als Quartiermeister, noch «freie Kapazitäten» hätte, um die Medienarbeit zusätzlich aufzubauen und zu betreuen. Damals wurde die Öffentlichkeitsarbeit bei der Armee eher stiefmütterlich behandelt. Da ich schon in der FDP Parteileitung war, habe ich beanstandet, dass die Öffentlichkeitsarbeit auch in unserer Partei nicht gerade optimal sei. Das heisst mit anderen Worten, es wurde praktisch nichts gemacht. Also, wie es kommen musste, man wählte, bzw. man bestimmte mich am 27. April 1987 anlässlich einer Parteileitungssitzung zum (ersten) Pressechef der Bündner FDP. Somit habe ich die Öffentlichkeitsarbeit der FDP auf- und ausgebaut und professionalisiert, bis zum heutigen Stand.
Wie hast Du dieses neu geschaffene Amt aufgebaut?
Als erstes habe ich unmittelbar am folgenden Tag nach der Wahl, am 28. April 1987, meine erste Presseinfo verfasst und verschickt. Thema war unter an- derem eine Stellungnahme zum neuen Gesetz über die Abfallbewirtschaftung und das Gesetz über politische Rechte. Von da an ging es los, ich hatte keine Vorlagen und musste alles selber erarbeiten. Allerdings hatte ich meine Erfahrungen als Medienverantwortlicher beim Militär mitgebracht. Der Versand ging per Post oder per Fax, e-Mails waren noch nicht bekannt. Mit den Jahren habe ich dann den dreisprachigen Versand aufgebaut.
Wie kannst Du die damalige Parteiarbeit beschreiben?
Ja, das war etwas einfacher. Wir trafen uns in der Parteileitung alle zwei bis drei Monate zu einer Sitzung. Dann waren gemäss Statuten auch noch die Zentralvorstandsitzungen, die meistens vor den ordentlichen Parteitagen stattgefunden haben. Im Prinzip aber war der Ablauf in groben Zügen analog wie heute, obwohl immer wieder marginale Statutenänderungen vorgenommen wurden. Es wurden nur schnörkellose Beschlussprotokolle erstellt im Umfang von einer knappen A4 Seite.
Wie wurde in der Geschäftsleitung der Partei gearbeitet?
Im Prinzip wurde ähnlich gearbeitet wie heute, wobei natürlich jeder Präsident seinen eigenen Stil hatte, zu arbeiten oder arbeiten zu lassen. Meine Tätigkeit hat sich kaum verändert. Man hat mich arbeiten lassen, was ich sehr schätzte. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich sehr viel Eigeninitiative und Medienerfahrung an den Tag legen konnte, also auch weitgehend Taktgeber für die Öf- fentlichkeitsarbeit war und immer noch bin. Die übrigen Ressorts innerhalb der GL sind gleich oder ähnlich unverändert zugeordnet.
Wie gestaltete sich die Arbeit mit den Medien?
Ich amte als Pressechef/Pressesprecher der Kantonalpartei und der Grossratsfraktion und bin für deren Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sämtliche Verlautbarungen der FDP gehen über meinen Tisch. Vielfach bin ich auch der Taktgeber für das Besetzen von wichtigen politischen Themen. Das heisst, dass ich unter ande- rem an jeder Fraktionssitzung teilnehme und danach die Berichterstattung und Bild- dokumentation übernehme. Ausserdem bin ich für die Nachrichtenbeschaffung, die Medienbeobachtung und das Mediencontrolling zuständig und zwar für «Freund und Feind».
Im Weiteren führe ich für die Partei selber und die Mandatsträger während ihrer Amtszeit einen ausführlichen Pressespiegel. So habe ich in den vielen Jahren eine grosse Anzahl solcher Bücher erstellt für die Partei und die verschiedenen Regierungsräte, Standespräsidentinnen und -präsidenten, Nationalräte usw. Je ein Exemplar dieser Sammlungen wird der Bündner Kantonsbibliothek und der eidgenössischen Landesbibliothek in Bern übergeben, falls sich mal ein Historiker dafür interessieren sollte. Das Interesse an diesen Pressespiegeln ist gross. All diese Arbeiten sind in einem unterirdischen Archiv an meinem ehemaligen Arbeitsort geordnet aufbewahrt.
Eine wichtige Aufgabe ist es auch, periodisch in den jeweiligen Wahlkommissionen von Regierungsrats-, Ständerats- und Nationalratswahlen Einsitz zu nehmen, wo ich dann für die Medien- und Nachrichtenbereiche zuständig bin. Die letzte Aufgabe, für die man mich gebeten hat mitzumachen, waren die Churer Stadt- und Gemeinderatswahlen 2016, wo ich unter anderem auch für den Medienbereich vom inzwischen zum zweiten Mal erfolgreich gewählten Churer Stadtpräsidenten Urs Marti zuständig war.
Welches war die schwierigste Zeit in diesen 30 Jahren?
Da kann man wohl die vor 16 Jahren abgelaufene „Affäre Aliesch“ erwähnen. Es ging um eine private Angelegenheit unseres damaligen Regierungsrates Peter Aliesch. Während drei Wochen intensiver Medienarbeit tags und nachts, angefangen an einem Sonntag frühmorgens beim Lesen des Sonntagsblicks. Eine Angelegenheit, die so nicht hätte sein müssen. Damals spielten vor allem die nationalen Medien eine für mich traurige Rolle. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichte ich auf weitere Ausführungen dazu.
Dennoch habe ich daraus viel gelernt. Wichtig auch, dass aus dieser leidigen Geschichte keine Nachteile und Nachwirkungen für unsere Partei entstanden sind. So wurde als Nachfolger von Peter Aliesch, der damals dann aus der Partei ausgetreten ist, Martin Schmid glanzvoll in die Regierung gewählt. Die Bevölkerung hatte offensichtlich schon gemerkt, was da abgelaufen ist und die ganze Geschichte nichts mit der FDP Graubünden zu tun hatte.
Wie gestaltete sich Deine Arbeit in der Geschäftsleitung und mit dem Präsidium?
Wir haben innerhalb der Geschäftsleitung ein Kernteam, bestehend aus Präsident, Regierungsrat, Fraktionschef und Ständerat, mit dem ich fast täglich zu jeder Tages- und falls notwendig Nachtzeit in Verbindung stehe. Bei diesen Kontakten geht es darum, als Medientaktgeber Themen Vorschläge von Medienmitteilungen zu unterbreiten und «abzusegnen». Auch erhalte ich von den Genannten allenfalls Ideen für eine Verlautbarung der Partei.
Wie sieht der Alltag des Pressechefs Silvio Zuccolini aus?
Frühmorgens um ca. 06.00 Uhr Lesen der beiden Tageszeitungen SO und BT und kennzeichnen allfälliger Parteiartikel. Herauskopieren und dann scannen allfälliger Artikel. Versand an die Geschäftsleitung und zum Teil an die Fraktion. Anschliessend Rückmeldungen abwarten. Falls keine Rückmeldungen erfolgen, dann mache ich Themenvorschläge für eine Medienmitteilung. Dann geht es ab auf den täglichen Spaziergang im Wald. Anschliessend, falls nicht schon vorher, neuerdings auf den Golfplatz zu einer Runde Golf oder nachmittags zum Tennisspiel. Nach der Rückkehr Mediencontrolling und Sichtung weiterer Zeitungen, Medienmitteilungen und News. Sämtliche eigenen Artikel werden dann nach Erscheinen aus den Zeitungen herausgeschnitten, eingeklebt und als Pressespiegel der Geschäftsleitung, wo ich ebenfalls Mitglied bin, übermittelt und abgelegt.
Welches war Dein Höhepunkt als Pressechef?
Für mich sind immer wieder Höhepunkte, wenn die Wahlen, bei denen ich immer an vorderster Front als Medienverantwortlicher dabei bin, von Mandatsträgern erfolgreich verlaufen sind.
Was motiviert Dich noch nach drei Jahrzehnten zur aktiven Parteiarbeit?
Meine Arbeit macht mir nach wie vor viel Freude, und ich bin tagtäglich mit Elan an meiner Medienarbeit. Besonders stolz macht mich die Tatsache, dass ich viele ehemalige und aktive FDP-Mandatsträger auf ihrer politischen und beruflichen Karriere medienmässig begleiten und unterstützen durfte. Dabei erwähnen möchte ich speziell die Präsidenten Martin Röthlisberger, Christian Walther, Hans Joos, Christian Rathgeb und Michael Pfäffli und aktuell Bruno Claus. Dann die Regierungsräte: Reto Mengiardi, Peter Aliesch, Martin Schmid und Christian Rathgeb. Weiter die Nationalräte Peter Aliesch, Duri Bezzola, Jürg Michel und Tarzisi Caviezel und auch Ständerat Martin Schmid. Ebenso die Fraktionspräsidenten, Hans Telli, Urs Vogt, Hans Joos, Thomas Casanova, Rolf Hanimann, Reto Nick und aktuell Ruedi Kunz. Eingeschlossen sind auch folgende Standespräsidenten und -innen: Marx Heinz, Arturo Reich, Urs Vogt, Erwin Roffler, Sina Stiffler, Hans Telli, Agathe Bühler, Christian Rathgeb und aktuell Michael Pfäffli. Ebenfalls dabei ist auch, wie bereits erwähnt, der Churer Stadtpräsident Urs Marti.
Motivation ist für mich auch die mehrheitlich angenehme Zusammenarbeit mit den Medien, die von gegenseitigem Verständnis geprägt ist, früher viel ausgeprägter als heute. Motivierend für mich ist auch die Tatsache, dass meine recht intensive und aufwendige und engagierte Medienarbeit bei der Partei und den Mitgliedern sehr geschätzt wird, was sich in fast täglichen Dankes- und Kompliments-E-Mails manifestiert. Das macht Freude, wenn ich merke, dass meine Arbeit geschätzt und anerkannt wird.
Wie entwickelt sich in Bezug auf Kommunikation/Medien die Parteiarbeit in nächster Zukunft?
Früher gab es politisch klar positionierte Zeitungen, also eine freisinnige Zeitung, den «Freien Rätier», eine demokratische Zeitung, die «Bündner Zeitung» oder das Bündner Tagblatt, das der CVP zuzuordnen war. Das ist heute nicht mehr der Fall. Heute sind die Zeitungen unter einem Dach. Die Redaktionen sind politisch «durchmischt». Heutzutage ist eine Vielzahl an Medien zu bedienen und zwar nicht nur die Printmedien, sondern auch Radio- und TV-Sender, Internet-Online-Zeitungen usw. In der Regel bediene ich die Medien wenn immer möglich dreisprachig, d.h. deutsch, romanisch und italienisch, wobei mir freundlicherweise verdiente Parteimitglieder für die Übersetzungsarbeiten, ebenfalls seit vielen Jahren, ehrenamtlich zur Verfügung stehen. Das macht die Arbeit aufwendig, aber auch interessant und spannend. Und wenn man sich dann viel Mühe gibt, aber die Zeitung bringt eine Meldung trotzdem nicht, kommt kurzfristig etwas Frust auf. Aber ich habe da keine Berührungsängste und wehre mich, indem ich zuerst einmal nachfrage und dann den Pressebericht nochmals und nochmals schicke, bis ihn ein Redaktor in die Hand bekommt, der sich dafür interessiert. Die Printmedien müssen durchaus wissen, dass nicht nur sie uns, die Parteien, sondern auch wir sie beobachten. Deshalb mein bewährtes Medien-Controlling. So führe ich einen lückenlosen Pressespiegel über all das, was über und von der Bündner FDP publiziert wurde. Der Kampf um Aufmerksamkeit und Medienpräsenz ist härter und aufwendiger als früher, wobei es gewisse politische Gruppierungen viel einfacher haben, in die Medien zu kommen. Ich habe natürlich noch die Zeiten des Fax erlebt und wurde darum vor etwa 20 Jahren mal als «Mister Fax aus Thusis» tituliert. Heute, mit all den E-Mails hat sich das Tempo in den Medien natürlich generell nochmals enorm erhöht, was aber meinem Naturell genau entspricht. Mir kann es nicht schnell genug gehen, was für meine Kollegen in der Geschäftsleitung, vor allem für das Kernteam, hie und da wahrscheinlich als ‚lästig‘ empfunden werden könnte.
Die sozialen Medien kommen bei mir zu kurz, was ich persönlich nicht als besonderen Nachteil für unsere Partei empfinde. Trotzdem werde ich versuchen, hier aufzuholen.
Wieviel Medienmitteilungen hast du in etwa in den vergangenen 30 Jahren verschickt?
Ja, das dürften etwas über 20’000 Medienmitteilungen und anderweitige Presseartikel und Leserbriefe sein. Dazu kommen auch unzählige Radio- und TV- Interviews und Statements. Weiter kommen die unzähligen Sitzungen der Geschäftsleitung (früher Parteileitung), der Fraktion, Delegierten- und Generalversammlungen und anderweitige FDP Sitzungen. Insgesamt dürften das etwa 590 Sitzungen sein.
Was muss noch gesagt sein?
Zuccolini: Ich bin froh und etwas stolz, dass ich trotz meines langjährigen Engagements bei der FDP nie auf irgendwelche Posten/Funktionen, sei es privat oder politisch mit Vitamin B angewiesen war. Ich habe meine Arbeit nebst meiner verantwortungsvollen beruflichen Tätigkeit als langjähriger Spitaldirektor von Thusis ohne Absichten oder persönlichen Hintergedanken und politische Ambitionen verrichtet und mache dies immer noch. Mein enormer Zeitaufwand für die Medienarbeit erbrachte ich früher weitgehend in meiner Frei- und Ferienzeiten. Für mich gilt nach wie vor der Slogan: FdP = Freude an der Politik.
(Quelle/Bilder: FDP Graubünden. Titelbild: Silvio Zuccolini mit Churs Stadtpräsident Urs Marti)