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Gibt es «gerechte» Grenzen?
Text: Irène Dietschi
Die willkürlich und achtlos gezogenen Grenzen der früheren Kolonialmächte seien schuld an der heutigen Misere, heisst es. Diese Behauptung wird in der Forschung bezweifelt.
Die Idee erinnert etwas an Sandkastenspiele: Im Nahen Osten müsse man nur die Grenzen neu denken und die Identität der jeweiligen Bevölkerung besser berücksichtigen – dann gäbe es weniger Konflikte. Für Alexander Balistreri ist dies ein typisches Huhn-Ei-Problem. Der Assistent am Fachbereich Nahoststudien der Universität Basel untersucht derzeit die Geschichte des polyethnischen Grenzgebiets zwischen dem Kaukasus und Anatolien. Er sagt: Die wenigsten Konflikte im Nahen Osten hätten sich an den Grenzen entzündet. Meistens gehe es dabei um die Staatsmacht – wobei die Grenzen nur vorgeschoben würden.
«Zum Beispiel Syrien», erläutert Balistreri: «Im Syrienkrieg spielten Grenzen ursprünglich eine Nebenrolle. Auslöser des Konflikts war der Arabische Frühling von 2011 und die Proteste gegen das Regime von Präsident Assad.» Erst später seien Akteure auf den Plan getreten, welche die Grenzen zum Thema machten. So erklärte der sogenannte Islamische Staat die Grenze zwischen dem Irak und Syrien für ungültig – wie die Terrormiliz auch die übrigen Staatsgrenzen des Nahen Ostens auflösen will, um stattdessen ein dschihadistisches «Staatsbildungsprojekt» zu errichten.
Britisch-französische Aufteilung
Drehen wir das Rad um 100 Jahre zurück: Das Ende des Ersten Weltkriegs markierte gleichzeitig den Untergang der Osmanen- Dynastie, die seit 1299 regiert hatte. Es entstand ein neuer Naher Osten – ungefähr mit den heutigen Grenzen. Im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 teilten Grossbritannien und Frankreich ihre kolonialen Interessengebiete unter sich auf. Die Briten erhielten die Kontrolle über ein Territorium, das dem heutigen Jordanien, dem Irak und Gebieten um Haifa entspricht. Die Franzosen beanspruchten die Vorherrschaft über die Südosttürkei, den Nordirak, den Libanon und Syrien. Gemäss dem Abkommen konnten die französische und die britische Regierung frei bestimmen, wie sie die Staatsgrenzen innerhalb ihres jeweiligen Einflussgebietes ziehen wollten.
Allerdings ist diese Erzählung zu simpel, sagt Balistreri: «Keines der Länder in dieser Region ist aus dem Nichts entstanden.» Natürlich seien die Franzosen und die Briten bei der Grenzziehung die Hauptakteure gewesen. «Doch die Vorstellung, die neuen Scheidelinien im Nahen Osten seien am Ende des Osmanischen Reichs sozusagen mit dem Lineal auf dem Reissbrett gezogen worden, ist falsch. Jede dieser Grenzen ist verhandelt worden. Es gab viel Streit, aber auch nachträgliche Veränderungen.»
So habe beispielsweise die Türkei – ein historischer Zufall – 1920 zwar die Waffenstillstandsgrenzen als neue Staatsgrenzen akzeptiert. Aber später wandelten sich diese Grenzen mehrfach: Teile des Kaukasus etwa, die von jeher zum Osmanischen Reich gehört hatten und nicht besetzt waren, gab die Türkei an die Sowjetunion ab, um dieser einen Freundschaftsdienst zu erweisen. An der südlichen Grenze wiederum schanzte Frankreich der Türkei 1938 das damalige Alexandretta (heute Iskendrun, Provinz Hatay) zu. «Die Gründe dafür waren diplomatischer Natur», erklärt Balistreri: «Die Franzosen brachten die Türkei so dazu, im Zweiten Weltkrieg an ihrer Seite aufzutreten.» In ähnlicher Weise seien im Lauf der Zeit praktisch alle Grenzen zum Spielball verschiedenster lokaler Interessen und Akteure gemacht worden. Jede Grenze habe somit ihre eigene Ursprungsgeschichte.
US-Pläne zur Neugestaltung
Nach den Golfkriegen wurden in US-Medien diverse Pläne und Vorschläge verbreitet, wie der Nahe Osten mit neuen Grenzen zu retten sei. Wie sich hier gewisse Kreise einen neu gestalteten Nahen Osten vorstellten, konnte man 2006 im «Armed Forces Journal» nachlesen, einer Publikation von Führungskräften in Regierung und Industrie: «Die schreiendste Ungerechtigkeit in den notorisch ungerechten Ländern zwischen Balkan und Himalaya ist das Fehlen eines unabhängigen kurdischen Staates.» Die USA und ihre Koalitionspartner hätten nach dem Fall von Bagdad eine «glorreiche Chance verpasst, diese Ungerechtigkeit zu korrigieren», hiess es darin.
Gemäss der US-Publikation sollte die Landkarte im Nahen Osten so aussehen:
• Die Türkei, Syrien, Iran und Irak verlieren alle Gebiete zugunsten eines «Freien Kurdistan».
• Libanon gewinnt auf Kosten von Syrien ebenfalls Territorium und wird als «Phönizien» wiedergeboren.
• Der Irak wird nach Religionsgemeinschaften aufgeteilt, und zwar in einen «sunnitischen Irak» und – zusammen mit Gebieten des Irans – in einen «arabischen Schiiten-Staat».
• Das Volk der Belutschen wird in einem «Freien Belutschistan» vereint, das aus Pakistan und dem Iran herausgelöst wird.
«Manche Amerikaner fühlten sich tatsächlich dazu erkoren, den Nahen Osten neu zu gestalten», sagt Balistreri, der selbst in den USA aufgewachsen ist. «Als hätten die Franzosen und Briten nicht schon früher die Erfahrung gemacht, dass man mit Grenzen nichts Konkretes lösen kann.» Solche «Pläne» wurden in den USA damals zwar diskutiert, aber nie auf Ebene der Regierung als Programm artikuliert. Entsprechende Karten wurden auch im Nahen Osten verbreitet und sorgten für einige Aufregung, aber die Vorstellung eines «Nahost-Grossplans» der USA ging eher in Richtung Verschwörungstheorie. «Bis heute ist nichts davon verwirklicht worden», sagt Balistreri.
Bedeutung neu definieren
Trotzdem bleibt die Frage: Macht es Sinn, die Grenzen im Nahen Osten neu zu denken? Wären zum Beispiel ethnische und/ oder religiöse Grenzen nicht nur gerechter, sondern auch «natürlicher» als politische Scheidelinien? Balistreri hält dies für eine Illusion. Die Vorstellung, was eine «gute» Grenze sei, habe sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert. Und: «Der Ursprung einer Grenze sagt sehr wenig über ihr Konfliktpotenzial aus.»
Der Historiker verweist auf das Beispiel Jordanien: Dieser Staat mit Grenzen zu Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten, Syrien, dem Irak, Saudi- Arabien und dem Roten Meer sei im Nahen Osten «das künstliche Land schlechthin». Trotzdem sei Jordanien stabil, «wenn nicht gar das stabilste Land überhaupt in der Region». Ganz anders der Libanon: Dessen Grenzen basieren auf den administrativen Grenzen aus dem 19. Jahrhundert. Trotzdem gab es hier immer wieder Bürgerkriege. Dass die Grenzen des Libanon «historisch verbürgt» seien, sagt der Forscher, habe diese Kriege nicht verhindert.
«‹Natürliche› Grenzen sind keine Garantie für ein friedliches Beisammensein», bilanziert Balistreri. «Grenzen werden nach ganz unterschiedlichen Kriterien gezogen, nicht nach einem einzigen.» Menschen seien auch nicht einfach «Kurden» oder «Sunniten» oder «Aleviten», sondern sie hätten eben viele Facetten, die ihre Identität ausmachten. Grenzen seien eine menschliche Institution, die laufend neu gedeutet werden soll.
Dass eine alternative Grenzziehung die Konflikte im Nahen Osten lösen könnte, beurteilt der Historiker sehr skeptisch. Sein Fazit ist ein anderes: «Anstatt die Grenzen neu zu ziehen, könnte man ihre Bedeutung neu definieren.» Ähnlich wie in Europa sollten Grenzen frei überschreitbar sein und die Mobilität fördern. Im Idealfall seien sie also nicht Symbole für Konflikte und Trennung, sondern hätten eine organisierende, ordnende Funktion – eine Funktion, die Menschen verbindet.
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