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Für mich ist es ein besonderes Gefühl, mich inmitten dieser perfekt geformten, schneeweissen Kokons zu bewegen. Die Metamorphose von der Raupe bis zur Puppe im Kokon lässt mich immer wieder staunen. Mich fasziniert dieser überblickbare Prozess, der einem natürlichen und immer gleichen, nachvollziehbaren Kreislauf folgt. Meine Frau und ich ziehen die Seidenraupen in der Garage unseres Bauernhauses im Kanton Bern auf. Die Garage befindet sich im unteren Teil des Hauses halb in der Erde, so dass die Temperatur darin kaum schwankt: Für die Seidenraupenzucht ist dies eine ideale Voraussetzung. Ausserdem verfügt der Raum über Fenster, so dass die Raupen dem natürlichen Tag- und Nachtzyklus ausgesetzt sind. Theoretisch könnte man diesen mit künstlicher Beleuchtung simulieren. Alle Seidenproduzenten, die unserer Vereinigung Swiss Silk angeschlossen sind, haben sich allerdings mit dem Öko-Label IP Suisse zur Einhaltung gewisser Standards verpflichtet. Wir verzichten unter anderem auf künstliches Licht sowie auf die Abgabe von Hormonen oder Antibiotika. Eine Seidenraupenzucht ist ausserordentlich sensibel; Krankheiten breiten sich darin unheimlich schnell aus. Deshalb darf ausser meiner Frau und mir niemand den Raum betreten, solange sich die Raupen in den Larvenstadien befinden.
Ein einzelner Maulbeerspinner-Falter legt rund 500 Eier, die so gross wie Mohnsamen sind. Die Eier beziehen wir bei einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Padua, die uns die Lieferung per Post zustellt. Pro Zyklus züchten wir bis zu 60 000 Eier an. Einen grossen Teil davon geben wir in der Regel an andere Seidenproduzenten weiter; etwa 15 000 behalten wir pro Zyklus für uns. Die Inkubation der Eier in einem feuchten, etwa 27 Grad warmen Milieu dauert eine Woche. In dieser Woche entwickelt sich eine kleine Raupe, die insgesamt fünf Larvenstadien durchläuft. Während dieser Zeit füttern wir die Raupen mit den Blättern des Maulbeerbaumes. Für unsere Seidenproduktion haben wir vor zehn Jahren auf einem Hügel ganz in der Nähe unseres Bauernhauses eigens eine Plantage mit 650 Maulbeerbäumen angebaut. Einmal im Tag fahren wir mit dem Traktor hinauf und ernten die Blätter. Wenn die Raupen noch klein sind, zerkleinern wir das Grünfutter mit einem Messer. Je grösser sie werden, desto mehr und desto grössere Stücke fressen sie. Gegen Ende des fünften Larvenstadiums verfüttern wir pro Tag etwa 70 Kilo Maulbeerblätter. Das Geräusch ist wunderschön, wenn die Raupen alle gleichzeitig am Fressen sind; es klingt, als würde es ganz leicht regnen. Manchmal stehe ich im Raupenraum und höre einfach zu, wie sie fressen. Bis die Raupen einspinnbereit sind, dauert es ungefähr 26 Tage. Dann beginnen sie, feinste Seidenfäden zu spinnen und sich in ihren Kokons einzuschliessen. Mit den Kartonrahmen, die ursprünglich aus Japan stammen, geben wir ihnen eine Hilfestellung, um sich zu verpuppen. Die Raupen nisten sich von sich aus in der Struktur der Kartonkonstruktion ein. Auch das Einspinnen verursacht ein feines Geräusch, das gut zu hören ist, wenn man die Ohren spitzt. Bevor in den Kokons die Metamorphose der Puppen zu Faltern beginnt, ernten wir die Kokons. Das bedeutet, dass wir die Puppen in einem Heissluftofen abtöten. Die Temperatur beträgt ungefähr 140 Grad und ist damit so hoch, dass das Tier im Kokon stirbt, ohne dass die Seide beschädigt wird. Danach werden die Kokons getrocknet, und die Seide wird in einer spezialisierten Werkstatt abgewickelt. Das Resultat sind Stränge glänzend weicher Rohseide, die zu edlen Stoffen verarbeitet werden. Meine persönliche Passion für Seide wurde vor mehr als zwanzig Jahren geweckt, als ich mehrere Monate lang mit Bus, Bahn und zu Fuss entlang der Seidenstrasse gereist bin. In dieser Zeit besuchte ich mehrere Seidenproduktionen. Jahre später bin ich selbst ins Metier eingestiegen.
Text: Rebekka Haefeli
Foto: Gaëtan Bally
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 8/17
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