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Von Stephan Lang, Los Angeles
Es war ein nasskalter Wintertag im Dezember 1998, als ich in’s Buero von Prof. Schneider ging und mich genau um das Leica Stipendium erkundigte. Eigentlich hatte ich meinen Traum von einem Master Studium in den USA schon aufgegeben. Das Aufbringen der finanziellen Mitteln schien fuer mich nicht machbar. Als ich dann spaeter das Leica-Stipendium und auch dass ABB-Weiterbildungs-Stipendium zugesprochen erhielt, sah ich wieder etwas Licht und beschloss ein Master Studium in den USA in Angriff zu nehmen.
Nun bin ich seit mehr als einem Jahr an der University of California, Los Angeles (UCLA, www.ucla.edu) im Electrical Engineering Department an der Henry Samueli School of Engineering and Applied Sciences. Zuerst einmal ein paar Zahlen und Fakten zur UCLA:
Die UCLA liegt eingebetet zwischen Bel Air, Beverly Hills, Hollywood und Santa Monica mit den Mountains und dem Pacific Ocean. Gegruendet im Jahre 1919, zaehlt die UCLA heute fast 37'000 Studenten (25'000 undergraduates und 12'000 graduates) und ueber 22'000 Angestellte. Aufgeteilt in ueber 80 Departemente, bietet UCLA jedes Quarter mehr als 2000 verschiedene Kurse an. Die UCLA ist eine staatliche Universitaet (public University) und hatte im Jahre 2000 ein Jahresbudget von $2.7 Milliarden. Neben einer eigenen Campus Police und eines Elektrizitaetswerkes hat es auch ein Bus um sich auf dem Campus zu bewegen. Der Campus besteht aus ueber 235 Gebaeuden mit Bank, Post, Shopping, Restaurants, Entertainment... einfach alles was man zum Leben braucht. Die Studenten kommen von ueberall auf der Welt; die multikulturelle Vielfalt von L.A. und UCLA ist wohl nicht zu ueberbieten.
Der „Briun Bear“: Das Maskottchen der UCLA Die Henry Samueli School of Engineering and Applied Sciences
Bevor man in den USA studieren kann, muss man aber einen steinigen Weg beschreiten und einige Huerden meistern. Vor allem HTL-Abgaengern wird es nicht einfach gemacht, da der HTL-Titel oft nicht als Bachelor of Science anerkannt wird. Das wird sich in Zukunft sicher aendern und hat sich sicher auch bereits mit der neuen Fachhochschul-Struktur verbessert. Und natuerlich muss man zuerst Tests wie den TOEFL (Test of English as a Foreign Language, www.TOEFL.org) und den GRE (Graduate Record Examination, www.GRE.org) machen und mit den erforderlichen Punktzahlen bestehen. Das sind eigentlich die einzigen zwei relevanten Leistungs-Ausweise, mit denen ein Professor zukuenftige internationale Bewerber untereinander vergleichen kann. In den USA gibt es jedes Jahr Ranglisten (rankings) der 50 besten Universitaeten in einem Fachgebiet. Je besser die Schule in den rankings bewertet wird, desto hoeher sind die erforderlichen Punktzahlen aus TOEFL und GRE um sich an dieser Universitaet zu bewerben. Eine grosse Hilfe ist, wenn man sich bereits in der Schweiz einen guten Leistungsausweis erarbeitet hat. Die Konkurrenz, vor allem aus dem asiatischen Raum, ist gross und auesserst arbeitsfreudig. Aber mit einer soliden Ausbildung, die eine Hochschule wie die HSR anbietet und dem entsprechenden Einsatz stehen wir Schweizer der internationalen Konkurrenz ueberhaupt nichts nach.
Neben den Tests ist auch das Finanzielle ein Thema. Pro Jahr braucht man ca. $35’000 um an der UCLA studieren zu koennen. Eine Haelfte des Geldes wird fuer die Schulgebuehren und die andere Haelfte fuer die Lebenskosten wie Essen, Wohnung etc. gebraucht. Das ist vor allem eine Menge Schulgeld im Vergleich zu schweizerischen Verhaeltnissen. Aber Bildung ist in den USA sehr teuer. Meistens findet man aber einen Professor der einem die Last der Schulgebuehren abnimmt, wenn man als Gegenleistung fuer ihn arbeitet (research).
Royce Hall: Eines der 4 ersten Gebaeude Blick ueber den Campus mit Stadium und
auf dem Campus Soccer field im Hintergrund
Das Studium selbst besteht aus 2 Teilen: theoretischer Unterricht (classes) und eine praktische Arbeit (thesis). An der UCLA ist das Schuljahr in 4 Quarters unterteilt. Waehrend 3 Quarters wird unterrichtet, das 4. Quarter ist der „summer break“, bzw. die Zeit wo man an der thesis arbeitet. Der Unterricht selbst ist nicht vergleichbar mit dem Unterricht an der HSR. Pro Woche hat man maximal 12h Unterricht, wobei die meisten Studenten nur 4h oder 8h belegen. Der Unterricht beginnt fruehestens um 10 Uhr Morgens. Das sieht eigentlich alles vernuenftig und einfach aus. Doch der Unterricht ist so aufgebaut, dass in der verbleibenden „Frei“-zeit der Student selber vieles erarbeitet und natuerlich die homeworks loest. So kann es sein, dass man fuer eine Unterrichtstunde mehr als 10h braucht um nachzuvollziehen, was der Professor unterrichtet hat und man sich an einem homework ueber 20h die Zaehne rausbeissen kann. Das Unterrichts-Tempo ist gewaltig; ein Ausgehen der Bleistift-Mine waehrend des Unterrichts kann einem zum Verhaengnis werden. Der Stoff wird so rasant vermittelt, dass viele Studenten einen Kurs zweimal besuchen um mitzuhalten: Das erste Mal nur als Zuhoerer ohne Noten und dann im naechsten Jahr mit Noten. Andere wiederum zeichnen das gesprochene auf Tonband auf um es anschliessend zu Hause zu verarbeiten. Das Quarter-System macht es noch schlimmer da der Unterricht nur 10 Wochen pro Quarter dauert. Bereits in der 5. Woche sind die Zwischenpruefungen (midterms) und in der 11 Woche dann die Schlusspruefungen (finals). Jede Klasse beinhaltet meistens auch noch eine Projektarbeit. Dabei wird eine Projektaufgabe bearbeitet, Loesungen implementiert und mit einem Bericht beschrieben. Zum Beispiel entwickelten wir einen SC-Filter fuer Bluetooth-Anwendungen, einen Leistungsverstaerker fuer Power-Line Communications oder einen Empfaenger fuer ein 2.4GHz wireless System. Je nach Professor werden spezielle Einfuerungskurse am Wochenende durchgefuehrt und Pruefungen von 19.00 Uhr bis 22.00 Uhr angesetzt. Ueber solch ungewoehnliche Durchfuehrungszeiten wird aber nie disskutiert. Der Professor bestimmt und die Studenten nehmen das ohne jegliche Kritik zur Kenntnis.
Wenn man dann die erforderlichen credits von den classes hat, beginnt die praktische Arbeit. Unter der Anweisung des Professors arbeitet man sich in ein aktuelles Thema der Forschung ein und bearbeitet eine gegebene Aufgabenstellung. In unserem Fall sind wir ueber 15 Studenten die vom gleichen Professor betreut werden. Der Professor ist nur einmal pro Wochen fuer das woechentliche, 3 stuendige meeting mit seinen Studenten an der UCLA. Die restliche Zeit arbeitet er in seiner start-up company. In den meetings praesentiert jeder Student was er vergangene Woche erreicht hat, und dann werden die Ziele festgesetzt fuer die kommende Woche. Anschliessend kann man sich die Zeit selber einteilen und arbeitet groesstenteils selbststaendig, wobei es meistens gar nicht viel einzuteilen gibt: 7-Tage-Woche sind die Regel, 12-14 Stunden-Tage keine Ausnahme. Es wird sehr viel von einem gefordert, die Ziele muessen strikte eingehalten werden um weiterhin Geld (fundings) von den Sponsoren zu erhalten. Der Labor-Betrieb ist dann eigentlich mehr mit einer Firma zu vergleichen. Man ist sozusagen eine gut ausgebildete, unterbezahlte Arbeitskraft des Professors. Und alles laeuft auf das gleiche Ziel hinaus: sobald ein Erfolg errungen wurde, wird sofort ein wissenschaftlicher Bericht (research paper) erfasst, in einer angesehenen, wissenschaftlichen Zeitschrift veroeffentlicht und an internationalen Konferenzen praesentiert. Je mehr papers, desto besser. Will man mit dem Professor etwas persoenliches besprechen, so kann man mit seiner Sekretaerin einen Termin abmachen. Man bekommt dann einen 5-10min time slot nach dem meeting. Inzwischen konnten wir aber immerhin unseren Professor dazu ueberzeugen, die Ferientage pro Jahr von null auf zehn zu erhoehen.
Blick auf den Campus mit Royce Hall im Hintergrund
Powell Library: Bibliothek fuer undergraduate students
Trotz der vielen Arbeit macht das Studium unheimlich viel Spass. Man lernt in kuerzester Zeit unglaublich viel. Das Arbeiten mit Studenten von verschieden Laendern und Kulturen ist sehr interessant. Und natuerlich kennen wir auch andere Zeiten wo man zusammen an den Strand geht, den Sonnenuntergang geniesst oder zusammen ein Hollywood Movie im Kino anschaut oder einfach ein Bier trinken geht. Und auch in den 2 Wochen Ferien, wenn dann meine Freundin zu Besuch kommt, sind wir immer auf Achse und wollen auch etwas von Amerika ausserhalb der UCLA sehen. So haben wir bereits Las Vegas und die groessere Umgebung um den Yellowstone National Park besucht. Auch Kalifornien selber bietet neben sun, fun and beaches einiges zum Entdecken. Die UCLA hat auch ein riesiges Sportangebot wie z.B. klettern, scuba diving, surfen, segeln, gymnastik, tennis, rudern usw.
Und natuerlich macht es auch Spass an forderster Front der Forschung mitzuarbeiten. Viele Professoren an der UCLA machten sich international einen Namen durch ihre Arbeit auf ihrem Spezialgebiet. Und so ist ein kleiner chat mit einem Professor doch auch immer etwas interessantes und lernreiches. Auch kommen internationale Referenten an die UCLA um neue Ideen, Forschungsergebnisse etc. zu vermitteln. Und so ziehen die Professoren und Studenten am gleichen Strick gemeinsam, man unterstuetzt und ergaenzt sich gegenseitig.
Dieser Bericht, nach gut einem Jahr Aufenthalt in den USA, gibt einen kleinen Einblick in das Leben an der UCLA. Je nach Professor und Universitaet kann man alles ganz anders erleben. Gefordert wird allerdings an jeder Universitaet viel; die USA selbst ist doch sehr leistungsorientiert. Trotzdem moechte ich niemanden den Wind aus den Segeln nehmen. Jeder der ein Master Studium anpacken will und genuegend Motivation mitbringt, kann sich auch in den Staaten behaupten. Es ist streng aber machbar. Fuer weitere Fragen und Kommentare habe ich nachfolgend ein paar wichtige Adressen zusammengestellt.
Zum Autor: Stephan Lang hat von Nov. 1993 bis Jan. 1997 an der Abteilung Elektrotechnik an der HSR studiert. Unter der Anweisung von Prof. W. Hinn hat er im Fachgebiet Mikroelektronik seine Diplomarbeit geschrieben.