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Annette Hug besichtigt einen Autobahnstummel
Am vergangenen Sonntag hatte ich kein Bedürfnis nach Idylle. Im Gegenteil. Der Spaziergang sollte an einen Ort der Wahrheit führen. Die Sihlhochstrasse war perfekt. Durch einen Staudamm weiter oben gezähmt, fliesst die Sihl hier überdacht in die Stadt Zürich ein. Allerdings bricht die Autobahn, die auf Stelzen dem Wasserlauf folgt, plötzlich ab. Auf zwei Tentakeln wird der Verkehr direkt in ein Wohnviertel abgeleitet beziehungsweise von ihm aufgesogen. Der Stummel lässt sich auf einer Fahrstuhlrampe bei der ehemaligen Hürlimann-Brauerei besonders gut betrachten. Auf Höhe der Fahrbahn blickt man auf Betonelemente, auf dunkelgrau gefärbte Fassaden von Wohnhäusern, und erstaunlich jäh erhebt sich dahinter der Üetliberg.
Da möchte ich Gäste aus Korea hinführen, wenn sie endlich wieder herkommen können. Der Stummel sei ein Denkmal der direkten Demokratie, würde ich erzählen. «Sigi Widmer Highway» heisse er im Volksmund. Widmer war Stadtpräsident von 1966 bis 1986. Als Stadtrat schon seit 1954 Vorsteher des Hochbaudepartements. Er träumte von einer U-Bahn für Zürich und unterstützte das «Ypsilon»: Die Stadt hätte zum Autobahnknotenpunkt werden sollen. Nicht nur die Sihl, auch die Limmat wäre überdacht worden, ein Viadukt hätte die Bahnhofshalle überquert, damit sich der Verkehr von Süden mit jenem von Osten und dem von Westen in einem riesigen Kreisel neben dem Landesmuseum hätte verbinden können.
Wer in Seoul wohnt, kann sich gut vorstellen, wie das geht. Der Autokrat Park Chung-hee hat seine vom Koreakrieg zerstörte Hauptstadt in einer Fortführung militärischer Strategie in eine moderne Metropole verwandelt. In den siebziger Jahren sprach er von einer «Blitzkriegtaktik der beschleunigten Entwicklung». Lange schien es selbstverständlich, dass für Autobahnschneisen ganze Quartiere weichen mussten. Bis die BewohnerInnen wohlhabender wurden und sich demokratische Rechte erstritten. Eine der alten Hochstrassen führt von der 1925 im byzantinischen Stil gebauten Halle des Hauptbahnhofs zu den Parks der alten Königspaläste. Sie ist heute für FussgängerInnen reserviert. Also flaniert man auf etwa zwanzig Metern Höhe zwischen Hochhäusern durch, blickt in Bürofenster, geniesst die Aussicht auf die steilen Hänge der nahen Stadtberge.
So weit ist es in Zürich nicht gekommen. Gerne würde ich Gästen erzählen, dass der Bau des Ypsilons von einem Volksentscheid ausgebremst worden sei. Die Geschichte ist aber komplizierter. Ich müsste von parallelen Projekten auf Bundesebene berichten: Ypsilon und/oder Umfahrungsring? Von kantonalen Volksinitiativen gegen das Ypsilon, bei denen die Landbevölkerung die Stadt überstimmte. Die wollten freie Fahrt in die Innenstadt. Aber der Hauptbahnhof stand inzwischen unter Denkmalschutz, eine neue Variante hätte das Ypsilon unterirdisch verwirklicht. Technische Probleme traten auf, und der Umfahrungsring nahm bereits Gestalt an. Wahrscheinlich hat Benedikt Loderer recht, der das unvollendete Ypsilon in der Architekturzeitschrift «Hochparterre» als «Denkmal für das Zerbrechen der Wachstumskoalition» bezeichnet hat.
Mein Rundgang mit Gästen würde vom Autobahnstummel ins angrenzende Thermalbad führen, wo wir im dampfenden Dachbecken die Aussicht auf den pittoresken Teil der Stadt bewundern könnten.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und vermisst richtige Hochhäuser.