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22.12.2020 - Judith Stamm
22.12.2020
Judith Stamm
Ein Evergreen
«Der kleine Lord» von Frances Hodgson Burnett erzählt die Geschichte des siebenjährigen amerikanischen Buben Cedric Errol, der von seinem Grossvater nach England geholt wird. Dort soll er, als zukünftiger Erbe und Earl von Dorincourt standesgemäss erzogen werden.
Die Hintergründe sind folgende: Der Grossvater hatte drei Söhne, die in der Erbfolge vor Cedric gekommen wären. Aber sie sind, mit unterschiedlichen Schicksalen, verstorben. Nun ist es der Enkel Cedric, der Sohn des jüngsten Sohnes des Earl von Dorincourt, der zu gegebener Zeit das Erbe antreten und den Titel übernehmen soll.
Der Grossvater ist über 70 Jahre alt. Er tut also gut daran, sich Gedanken über seine Nachfolge zu machen. Das Buch beschreibt die Ereignisse eines Jahres, von der Ankunft von Cedric in England bis zum glanzvoll begangenen achten Geburtstag von Lord Fauntleroy, wie Cedric nun auch genannt wird.
Zwei Welten
In der Erzählung stossen zwei Welten aufeinander. Der alte Herr, der Earl von Dorincourt, wird beschrieben als alter, verbitterter, vom Schicksal enttäuschter, mit schmerzhafter Gicht geschlagener Mensch. Seine Beliebtheit ist auf dem Nullpunkt. Er macht es keinem Menschen in seiner Umgebung einfach. Das zeigt sich in den Begegnungen mit dem Pfarrer der Gemeinde, mit dem Verwalter seiner Güter, mit seinen Angestellten. Der Earl selber, von seinen zwei älteren Söhnen enttäuscht, schickte seinerzeit seinen dritten Sohn auf eine Reise nach Amerika. Dort verliebte sich dieser in eine Amerikanerin und heiratete sie. Das erzürnte den Vater, der voll von Vorurteilen gegen Amerika und die Amerikaner ist, dermassen, dass er den Sohn verstiess und jeden Kontakt mit ihm abbrach.
Philosophieren Mit Mr. Hobbs. Illustration aus einer rund 70-jährigen Ausgabe von „Der kleine Lord“.
Sein Enkel, Cedric, ist in einfachen Verhältnissen in Amerika aufgewachsen. Sein Vater, Captain Cedric Errol, ehemals Angehöriger der britischen Armee, starb früh. Cedric hat an ihn nur eine vage Erinnerung. So wächst Cedric in inniger Verbundenheit mit seiner Mutter auf. Er wird als liebenswerter kleiner Kerl geschildert, der alle Menschen durch sein offenes Wesen in Bann zieht. Wir lernen seine Freunde kennen, darunter Dick den Schuhputzer und Mr. Hobbs, den Gemischtwarenhändler, mit dem Cedric stundenlang interessante Gespräche führt. Diese beiden werden später in der Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.
Verwandlung
Cedric ist nicht nur ein «liebenswerter, kleiner Kerl», er ist auch für alles Neue zu haben, mutig, wissbegierig und gradlinig. Seinem Grossvater vertraut er grenzenlos. Dieser ist für ihn der beste Earl, den es je gab. Und er möchte einmal werden wie sein Grossvater. Das betont er an verschiedenen Stellen des Buches immer wieder. Es ist einer der spannenden Handlungsstränge, zu verfolgen, wie Cedric seinen Grossvater immer wieder dazu bringt, anderen Menschen Gutes zu tun, obschon das ursprünglich gar nicht in dessen Absicht lag.
Ob es das Schicksal eines Pächters ist, der kranke Kinder hat und deshalb mit seinen Zahlungen im Rückstand ist, oder der Zustand baufälliger Häuser in einer entlegenen Ecke der Ländereien, immer ist es für Cedric klar, dass sein Grossvater Abhilfe schaffen wird. Und dieser tut es auch. Cedric wächst ihm immer mehr ans Herz und es gefällt ihm, diesen als Urheber vieler seiner überraschenden Entscheidungen in Erscheinung treten zu lassen.
Der furchtloser Umgang mit dem grossen Hund Dougal, die Standfestigkeit, als er den Grossvater stützt, weil diesem das Gehen Mühe bereitet, die Unerschrockenheit beim Reiten, das er auf Dorincourt erlernt, das alles zeigt dem Grossvater, dass hier ein würdiger Nachfolger heranwächst.
Unerklärlich ist es für Cedric, dass seine Mutter ein angenehmes Haus in der Nähe bezieht, beziehen muss, und nicht eingeladen wird, im Schloss zu wohnen.
Cedric und sein Grossvater, der Earl.
Hier tritt der Wendepunkt erst ein, als plötzlich die angebliche Ehefrau des ältesten, verstorbenen Sohnes, ihren Sohn als rechtmässigen Erben präsentiert. Sie erfüllt in ihrer ordinären, ungebildeten Art, alle Vorurteile, die der alte Herr auch gegenüber Cedrics Mutter pflegte. Aber auch diese Bedrohung des Idylls kann abgewehrt werden. Hier bekommen der Schuhputzer Dick und der Gemischtwarenhändler Mr. Hobbs ihre schicksalsträchtige Rolle.
Die beiden sind auf Schloss Dorincourt dabei, als der achte Geburtstag des kleinen Lord mit grosser Pracht gefeiert wird. Und Cedric, vom Grossvater aufgefordert, seine erste kurze Dankesrede an die Gäste hält.
Die Autorin
Frances Hodgson Burnett kam 1849 in Manchester zur Welt. 1865 wanderte sie mit ihrer Familie, der Vater war verstorben, in die USA aus. Dort begann sie für amerikanische Zeitungen zu schreiben. Ihre Erzählung «Der kleine Lord» erschien 1886. Die Geschichte wurde verfilmt, unter anderem 1980 mit dem berühmten Schauspieler Alec Guinness als Earl of Dorincourt. Dieser Film ist immer wieder im Weihnachtsprogramm von ARD zu sehen.
Faszinierend finde ich, dass wir uns bei der Lektüre der Erzählung immer wieder daran zurückerinnern können und müssen, dass sie in einer Zeit spielt, in der das Kommunikationsmittel der Brief war. In der die Reise von Amerika nach England mit dem Schiff erfolgte. Und in der als Alternative zum Fussmarsch lediglich Kutsche und Pferde in Gebrauch waren. Bildung, Ausbildung war noch kein Allgemeingut. An den handelnden Figuren aber sehen wir, dass der Mensch durch die Jahrhunderte hindurch immer etwa derselbe bleibt!
Frances Hodgson Burnett: „Der kleine Lord“ marixverlag, Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2019, ISBN: 978-3-7374-1127-1