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Dominic Thiem, 27-jähriger Niederösterreicher aus Wiener Neustadt, reist als Gewinner des US Open nach Paris ans French Open. Ein Rück- und Ausblick.
Als Dominic Thiem lange nach dem packenden Final gegen Freund Alexander (genannt Sascha) Zverev fürs Interview Platz genommen hatte, hätte er seine Gefühle in einem Satz zusammenfassen sollen. Thiem begann mit einem simplen «Yeah!«, hängte aber sofort eine längere Erklärung an.
Ganz sicher habe er ein Lebensziel erreicht, so Thiem. «Ich verwirklichte mir einen Traum, den ich viele Jahre lang geträumt hatte. Als Kind war die Erfüllung dieses Traums noch ganz weit weg. Dann näherte ich mich an. Und irgendwann realisierte ich: Vielleicht kannst du wirklich eines dieser vier Turniere gewinnen. Ich steckte viel Arbeit in diesen Traum. Im Prinzip drehte sich alles in meinem Leben darum, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Dass ich dieses Lebensziel jetzt erreicht habe, ist für mich eine riesige Errungenschaft. Ich habe heute all jenen, die viel für mich gemacht haben und mich immer unterstützten, viel zurückgegeben.»
Wie Agassi, Lendl oder Murray
Thiem hofft jetzt, dass es ihm ähnlich ergeht wie Andre Agassi, Ivan Lendl oder Andy Murray. Diese drei Ikonen verloren ebenfalls (mindestens) ihre ersten drei Major-Finals und starteten nach dem ersten Titelgewinn durch.
Ab jetzt kann sich Dominic Thiem sein Leben lang «Grand-Slam-Turniersieger» nennen – «und das tönt doch gut, oder?» Thiem hofft, dass er mit dem Erfolg im Rücken nie mehr so nervös beginnt wie am Sonntag: «Ich begann den Final mit den schlechtesten zwei Sätzen des Turniers. Ich war zu nervös und viel zu angespannt. Erst als mir im dritten Satz das Re-Break gelang, tankte ich neue Hoffnung. Denn mir war klar, dass es auf der anderen Seite Sascha (Zverev) mental nicht besser geht.»
Zwar fehlten Rafael Nadal und Roger Federer in Flushing Meadows, und Novak Djokovic nahm sich mit einer Dummheit selber aus dem Turnier. Aber Thiem erachtet es für sich als wichtig, dass er den Major-Titel jetzt schon gewonnen hat. «Es war noch nie in irgendeiner Tennis-Ära so schwer, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Mir war wichtig, diesen Titel zu holen, solang Djokovic, Federer und Nadal noch da sind. Ich geniesse es, zur selben Zeit wie diese Ikonen zu spielen, auch wenn mich das Titel kostet. Hätte ich erst nach dem Abgang der grossen drei einen Major-Titel geholt, wäre das ein Makel gewesen.»
Die Beziehung zu den «Big 3»
Seine Beziehung zu den grossen Drei erachtet Thiem als speziell. Vor dem US Open stand er sechsmal an Grand-Slam-Turnieren in den Viertelfinals: viermal verlor er gegen Nadal, zweimal gegen Djokovic. «Das ist eine lange Geschichte mit diesen dreien», erzählt Thiem, «eigentlich eine Story in drei Akten.»
Als Federer 2003 in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann, war Thiem neun Jahr alt. Zwei Jahre später sah er bei der ersten Bataille des Schweizers in Roland-Garros gegen Rafael Nadal vor Ort zu. Und Thiem war 14, als Djokovic den ersten seiner bislang acht Australian-Open-Titel holte. «Im ersten Akt meiner Geschichte sah ich ihnen einfach nur zu. Ich vergötterte sie. Im zweiten Akt, als ich grösser und älter wurde, sah ich ihnen immer noch zu. Aber ich versuchte, von ihnen zu lernen. Ich wollte die besten Sachen von ihnen in mein Spiel einfliessen lassen. Und der dritte Akt begann, als ich selber gegen sie zu spielen begann.»
Thiem schlug sich gegen seine einstigen Idole sehr gut. Aus 32 Duellen resultierten bloss 18 Niederlagen. In den letzten zwei Jahren führt Thiem gegen die «Big 3» mit 7:4 Siegen. Und gegen Roger Federer weist er sogar eine positive Gesamtbilanz von 5:2 Siegen auf.
In Thiem ist viel von den Big 3
«Jeder einzelne Match gegen diese drei – egal ob Sieg oder Niederlage – stellte für mich eine riesige Erfahrung dar. Ich lernte nie in meiner Karriere so viel in so kurzer Zeit wie in diesen Spielen. Und alle Siege gegen Djokovic, Federer und Nadal stärkten mein Selbstvertrauen. Es waren für mich die grössten Siege. In meinem Tennis ist viel von Djokovic, Federer und Nadal drin.»
Im US-Open-Final war das gut zu sehen: Wie Rafael Nadal wartete Thiem am Netz stets auf den Gegner und gewährte ihm beim Seitenwechsel den Vortritt. Wie Nadal achtete er darauf, zwischen den Ballwechseln ja keine Linie zu betreten.
Nächstes Ziel: Paris
Schon in zwei Wochen kann Thiem Nadal in Roland-Garros begegnen. Zweimal hintereinander verlor Thiem am French Open gegen Nadal den Final. Die meisten Experten gingen davon aus, dass Thiem auf Sand und nicht auf Hartplatz den ersten Major-Titel holen würde. Wie geht der Österreicher die Titel-Mission in Paris an? Thiem: «Ich werde sicher 100-prozentig fit antreten. Erholungszeit bleibt mir genug. Als grosse Frage bleibt: Was verändert sich für mich? Ich habe ein riesiges Ziel erreicht. Ich habe keine Ahnung, was das für mich in den nächsten Tagen bewirken wird.»
Thiem denkt aber nicht, dass der US-Open-Erfolg sich für ihn nachteilig auswirkt – im Gegenteil: «Ich hoffe, ich kann es ruhiger angehen. Ich gehe davon aus, dass ich nie mehr in einem wichtigen Spiel so nervös bin wie am Sonntag.»