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In der «Weltwoche» wurde das Buch von Joseph Jung über Lydia Welti-Escher abgehandelt, als wäre die tödliche Affäre der schwerreichen Zürcherin mit dem Künstler Karl Stauffer ein frisch entdeckter Stoff. Und nicht so oft schon erzählt worden, zuletzt in «Die Millionärin und der Maler» von Willi Wottreng und im Katalog zur Stauffer-Retrospektive im Berner Kunstmuseum. Joseph Jung, Haushistoriker der Credit Suisse, hat seinem Buch zwar ein Kapitel zur Rezeption des tragischen Liebespaars beigesteuert, Wottreng aber nur nebenbei erwähnt und als unwissenschaftlich abgekanzelt.
Selbiges ist Jung nicht vorzuwerfen. Minutiös rekonstruiert er die Geschichte(n): 5 Millionen Franken - nach heutiger Kaufkraft gar 73 Millionen - besass die junge Lydia, inklusive die Villa Belvoir mit weitläufigem Park und Seeanstoss, alles geerbt von Vater Alfred Escher, dem freisinnigen Politturbo, Eisenbahnbaron und Gründer der CS. Kurz nach dessen Tod, 1882, heiratete die Tochter den Bundesratssohn Friedrich Emil Welti, einen farblosen Juristen. Für ihn empfand sie keine Leidenschaft, wohl aber Respekt; seelenverwandt fühlte sie sich mit Stauffer. Auf ausdrücklichen Wunsch ihres Ehemanns verbrachte sie einige Zeit mit dem Künstler in Florenz. Sie wollte keine geheime Liaison, sondern sich scheiden lassen. Damit war der Bogen überspannt. Die Weltis veranlassten Stauffers Verhaftung mit der Begründung, er habe die psychisch labile Ehefrau vergewaltigt. Stauffer starb an Erschöpfung, Lydia war monatelang in Florenz psychiatrisch interniert. Sie zahlte ihrem nunmehr geschiedenen Ehemann 1,4 Millionen Franken und zog nach Genf. Dort nahm sie sich 1891 das Leben.
Obwohl Jung zum ersten Mal die psychiatrischen Gutachten auswerten kann, kommt er zum selben Schluss wie seine Vorgänger: Weltis waren hinter dem Escher-Vermögen her, Lydia zerbrach an ihrer feministischen Einstellung. Während Wottreng mitunter etwas salopp formuliert, neigt Jung zur Pedanterie. Das geht bis in die Illustrationen, allein der Belvoirpark ist über zwanzigmal abgebildet. Eine entschiedene Hand hätte dem Buch gut getan.