Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/1405

Andrée Stössel über die Kraft der Bilder in Bangladesch
Wenn Jamil gerade keinen Auftrag der Redaktion hat, fährt er mit dem Motorrad durch die Stadt. „Ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort, schiesst man vielleicht das Titelbild”, sagt er. Heute hat er mich auf dem Rücksitz.
Jamil arbeitet beim „Daily Star”, der grössten englischsprachigen Tageszeitung in Bangladesch, als Fotograf. Zwei Aufträge hat der 55-Jährige bereits erledigt, nachdem er seinen Sohn zur Schule gefahren hat. Jetzt wartet er auf neue Anweisungen. Wir genehmigen uns eine Tasse Tee im Press Club, wo sich Dhakas Medienmenschen treffen. Der Club, der zahlenden Mitgliedern vorbehalten ist, entstand Anfang der 50er-Jahre, nach dem Ende von Britisch-Indien. Ein paar Journalisten hätten sich zusammengesetzt und entschieden, dass Dhaka einen Treffpunkt brauche, erklärt Jamil. Nach einer weiteren Tasse brechen wir auf.
Vor der Ausfahrt haben sich Demonstranten versammelt. Polizisten und ein paar Schaulustige stehen herum, Kameras halten die Szenen fest. Der Protest gilt den Auswirkungen des Klimawandels; Flut und Erosion zerstören das Land der Bauern. Und diese Tage gibt Ban Ki-moon Dhaka für eine Klimakonferenz die Ehre. Es ist nur eine von mehreren Demos, die hier heute stattfinden werden. Der Press Club ist ein beliebter Ort dafür. Mindestens eine der über 70 Zeitungen, die täglich allein in Dhaka erscheinen, und bestimmt auch einer der vielen Radio- und TV-Sender werden darüber berichten.
Jamil zeigt mir den riesigen Campus der Dhaka University, wo er Ende der 70er-Jahre Ökonomie studierte, und das Zentralgefängnis am Rande der Altstadt. Dann fahren wir zum Bahnhof Kamlapur. Dhaka leidet unter argen Verstopfungen. Mit dem Motorrad kann man sich noch am ehesten zwischen den kreuz und quer stehenden Fahrradrikschas, hupenden Minitaxis, verbeulten Bussen und Menschenmassen hindurchwursteln.
Bilderbogen. Böse Zungen schimpfen Dhaka einen schmutzigen Moloch; die 13-Millionen-Stadt ist aber auch ein einzigartiger Bilderbogen: Menschen in Saris, Anzügen, Uniformen oder in Lumpen, Müllsortierer, Prediger und Popcorn-Verkäufer tummeln sich zwischen Wohnblocks, Slums, Bürogebäuden, Moscheen, Märkten und Müllkippen. Jederzeit kann es krachen, brennen oder sonst ein Tumult losbrechen. „Bangladesch ist zwar reich an Sujets”, meint Jamil, „dafür sind wir arm, was die Technik anbelangt.” Erst seit ein paar Jahren könne man in Bangladesch eine vernünftige Kameraausrüstung kaufen. Die meisten Fotografen bekommen sie von ihren Zeitungen geliehen. Auch Jamils Kamera ist geborgt, obwohl er mit einem Lohn von rund 700 Dollar monatlich zu den Mittelklasseverdienern gehört und sich ein Haus zur Miete leisten kann.
Am Bahnhof will Jamil die Rückkehr der Menschen aus den Dörfern nach dem Opferfest fotografieren. Durch die Bahnhofshalle und einen vergitterten Eingang gelangen wir auf die Perrons. Mit einem mächtigen Hupen fährt ein erster Zug ein. Aus den Fenstern quellen Passagiere und auf den Wagendächern sitzen Hunderte von Menschen mit ihrem Hab und Gut. Reisebündel fliegen auf den Bahnsteig, Männer springen von den Dächern, kaum hat der Zug angehalten. Ältere Frauen kraxeln zwischen den Waggons herunter. Ein Kind wird durchs Fenster auf den Bahnsteig gestellt. Und mitten drin steht Jamil mit seiner Kamera. Der Fotograf ist nicht zufrieden. Er will auf einen weiteren Zug warten, der kurz nach Mittag eintreffen soll. Wir trinken wieder Tee. Jamil wirkt nervös. Wir sehen kurz nach seinem Motorrad. Es wurde ihm schon einmal gestohlen. Er fragt immer wieder Leute, wann der Zug denn nun komme. „Bald”, lautet die Antwort.
Schlüsselerlebnis. Jamil hat 1981, also zehn Jahre nach dem Befreiungskrieg um die Unabhängigkeit von Pakistan, als Journalist angefangen und arbeitete zunächst als Sportreporter für diverse bengalischsprachige Zeitungen. Das war nur halbwegs befriedigend. „Viele Menschen konnten zu der Zeit nicht lesen.” Englisch war und ist der gebildeten Bevölkerung vorbehalten.
1983 fotografierte Jamil ein paar Schuhputzer und das Bild schaffte es in die Zeitung. Zwei Tage später wurde er von einem kleinen Strassenjungen angesprochen. „Er sagte, er habe ein Bild von sich gesehen. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich realisierte, dass ich mit Fotografie viel mehr Menschen erreichen konnte als mit geschriebenen Worten.”
Der Anteil der Analphabeten in Bangladesch ist zwar rückläufig, doch bis heute kann rund die Hälfte der 160 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. „Viele Leute kennen nicht einmal ihre Rechte”, sagt Jamil. Den elektronischen Medien fällt eine bedeutende Rolle zu. Information ist essenziell. Der „Daily Star” wirbt mit dem Slogan „Your right to know”.
Jamil ist gerne Fotograf. Obwohl das Renommee der Presse gelitten hat. „Als ich anfing, begegnete man Journalisten mit Respekt. Heute ist das anders.” Politiker und Geschäftsleute würden Journalisten für ihre Zwecke einspannen. Und obwohl es viele ehrenhafte Medienschaffende gebe, würden manche den Verlockungen des Bestechungsgeldes erliegen.
Seit sieben Jahren arbeitet Jamil für den „Daily Star”. Er will die „echte Welt” zeigen, auch Randgruppen, Kinder, Menschen von der Strasse. Aber er hält sich an seinen Kodex: „Ich will Gefühle und Privatsphäre respektieren.” Er überlegt es sich zweimal, eine Mutter zu zeigen, die um ihr Kind weint. Tote fotografiert er nur im Notfall. Andere Zeitungen zeigen Leichen mit weniger Skrupel. „Solche Bilder sind für mich nur vertretbar, wenn man mit ihnen etwas erreichen, den Menschen helfen kann. Oder wenn man damit auf Unregelmässigkeiten aufmerksam macht.” Sich als Journalist gegen den Staat zu stellen, kann gefährlich sein: 1986 fotografierte Jamil bei einer Demo gegen die Regierung Polizisten, die auf die Leute einschlugen. „Plötzlich prasselten Hunderte von Schlägen auf mich ein.” Sein Status als Fotoreporter war aber auch schon hilfreich. „Einmal fotografierte ich im Spital eine hochschwangere Frau, um die sich niemand kümmerte. Als ein Arzt mich bemerkte, bekam die Frau Hilfe.”
Als der Zug kurz vor 16 Uhr immer noch nicht da ist, beschliesst Jamil, zurück zum Press Club zu fahren, um endlich etwas zu Mittag zu essen. „So ist das halt als Fotoreporter”, sagt Jamil. „Ich werde es morgen noch mal versuchen.”
Andrée Stössel ist Kulturredaktorin bei der „Neuen Zuger Zeitung”. Bis Mitte Dezember war sie als MAZ/DEZA-Stagiaire bei der englischsprachigen Tageszeitung „The Daily Star” in Dhaka tätig.
© EDITO+KLARTEXT 2011