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Nach Manifestation mit sieben Jahren empfand ich Diabetes als äusserst spannend. Ich fühlte mich als etwas Besonderes und mochte die Aufmerksamkeit, welche ich dank dem Diabetes auf mich zog. Schon mit acht Jahren begann ich, mir selbstständig Insulin zu injizieren und mit elf Jahren übernahm ich die komplette Kontrolle der Behandlungsmassnahmen, was laut Ärzten etwas zu früh stattfand. Bis anhin nahm ich den Diabetes wortlos an.
Für meinen Perfektionismus war diese Situation Gift. Ich trug Schuld an meiner ständigen Müdigkeit und mangelnder Konzentration, da ich meinen Zucker nur etwa einmal am Tag kontrollierte und das Essen nur grob schätzte. Gleichzeitig lachte ich mich aus, wie lächerlich es doch sei, an einer so gut behandelbaren Krankheit zu verzweifeln. Diabetes regierte mich. Ich wollte meine Freunde mit diesem Thema nicht belasten und auf keinen Fall Mitleid suchen, auch wenn ich wusste, dass sie immer ein offenes Ohr für mich hatten und mich keinesfalls verurteilt hätten. Meine sorgenden Eltern empfand ich als störend und einmischend, weshalb sich die meisten Meinungsdifferenzen mit meinen Eltern um das Thema «Diabetes» gedreht haben.
Ich vermied es, über Diabetes zu sprechen und verdrängte die Krankheit immer mehr. Ich fühlte mich alleine und unverstanden. So viele negative Emotionen wurden mit der Krankheit verknüpft, so dass ich mit 16 Jahren eine Psychologin aufsuchte. Es war mir egal, dass ich eine Diabetikerin bin, aber es war mir nicht egal, eine so schlecht eingestellte Diabetikerin zu sein. Ich befand mich in einem Teufelskreis. Die sich immer wieder wiederholenden schlechten Werte, die ständige Müdigkeit, das schlechte Gewissen mir selbst gegenüber, die warnenden Blicke der Ärzte und Eltern waren nicht mehr auszuhalten. Es schien keinen Ausweg zu geben, ich konnte meine Krankheit nicht handhaben.
Ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Mit 17 Jahren musste ich mich mit der Wahl eines Themas für meine Maturaarbeit auseinandersetzen. Es war mir sofort klar, dass ich über ein Motiv schreiben wolle, das mich persönlich betrifft. Ich wollte keine «sinnlose» Arbeit schreiben, ich wollte die Zeit nutzen, um mich mit meiner Krankheit zu befassen. Ärzte empfahlen mir seit längerer Zeit das CGM (Continuos Glucose Monitoring) zur besseren Beobachtung meiner Blutzuckerwerte. Ziel meiner Maturaarbeit war, die Krankheit, die mich seit 11 Jahren beherrschte, besser unter Kontrolle zu bringen. Ich wollte meinen HbA1c-Wert von 9,9% verbessern. Dadurch sollte sich mein Wohlbefinden bessern und sich meine Zukunft möglichst ohne Spätschäden gestalten. Ich nutzte die Arbeit als Neuanlauf, meine Krankheit zu handhaben, mehr Sicherheit im Umgang mit meinem Diabetes zu gewinnen und die neue Methode mit dem CGM zu analysieren.
Meinem Versuch lagen vier verschiedene Phasen zugrunde. Die Ergebnisse sollten die Effektivität des CGM aufzeigen. Zusätzlich versuchte ich, meine eigene Wahrnehmung durch Schätzungen und anschliessende Kontrollen der Blutzuckerkonzentrationen zu sensibilisieren. Obwohl Diabetes schon zu den Volkskrankheiten gezählt wird, besteht oft ein falsches Bild darüber. Ein weiteres, nicht egozentrisches Ziel meiner Maturaarbeit war es, den Alltag als Diabetes mellitus-Patientin den Menschen etwas näher zu bringen. Um eine gewisse Objektivität zu erlangen, schrieb ich in dieser Arbeit über eine Probandin, obwohl es sich um ein Selbstexperiment handelte.
In der ersten Phase wurde nichts an meiner Handhabung verändert und das CGM zur blossen Aufzeichnung der Glukosekurven benützt. Diese Kontrollwerte dienten später zum Vergleich.
In der zweiten Phase erkrankte ich an einer Grippe, welche meine Werte zusätzlich verschlechterten.
Danach folgte die disziplinierteste Phase; das kontrollierte Essen. Ich wog alle Kohlenhydrate meiner Mahlzeiten exakt ab und beachtete alle Alarme des CGM. Durch diese perfekte Handhabung verbesserten sich meine Werte sichtbar, gleichzeitig aber rückte Diabetes in den Mittelpunkt meines Lebens. Das Abwägen schien mir nicht alltagstauglich, weshalb ich in der nächsten Phase die Kohlenhydrate nicht mehr abwog und bloss das CGM anwendete. Die Werte verschlechterten sich wieder, was auf die ungenauen Schätzungen zurückzuführen war. Um diesen Mangel zu beheben, verbesserte ich meine Präzision im Schätzen mithilfe einer Ernährungsberaterin.
Diese Handhabung stellt meine aktuelle Situation dar. Mit der Benützung des CGM und den präzisen Schätzungen konnte ich einen HbA1c-Wert von 7,5% erreichen.
Das CGM bringt mir dank den Hypo- und Hyperglykämie-Alarmen grosse Sicherheit im Alltag. Obwohl ich trotz dem CGM den Blutzucker nicht seltener messe, da das CGM alle 12 Stunden mit dem manuell gemessenen Blutzucker kalibriert werden muss und ich gleichzeitig vor jeder Injektion den BZ noch messe, bringen die aufgezeichneten Glukosekurven einen guten Überblick des eigenen Glukosemusters.
Es wäre aber gelogen, wenn ich behaupten würde, das CGM sei der einzige Faktor, welcher dieses grandiose Ergebnis verursacht hat. Vielmehr half mir auch das Schreiben darüber. Bei der anfänglichen Wahl eines Sachverhaltes für meine Maturaarbeit war mir nicht bewusst, was es bedeutet, eine so intime und gleichzeitig so wichtige Angelegenheit zu behandeln. Neben zahlreichen Stunden, in welchen ich auf unangenehme Themen wie Spätfolgen gestossen bin, fiel es mir schwer, mich erneut hinzusetzten und die Arbeit als neutrale, nicht beteiligte Person zu betrachten und zu verfassen. Ich begab mich auf eine emotionale Achterbahn und liess mich von meiner Familie und meinen Freunden stützen.
Ich konnte während des Experiments spüren, wie sich meine Akzeptanz und Motivation bezüglich Diabetes zu den besseren Werten proportional steigerten. Ich musste nicht mehr gegen den Diabetes kämpfen. Die absolute Verbesserung meines HbA1c-Wertes stellt den anfänglichen Gedanken «von einem Gerät abhängig zu sein» total in den Schatten. Denn die neue Lebensqualität, welche ich nun spüre, ist völlig unbekannt und gleichzeitig wunderschön.