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"verschwindendes Moment" ist ein Konzept, das K. Holzkamp in seiner Grundlegung der Psychologie K. Marx zurechnet, ich habe aber die Textstellen bei Marx noch nicht gefunden.
K. Holzkamps Beispiel:
Der Zeichenkörper verschwindet aus der Aufmerksamkeit des Leser, wenn dieser am Inhalt des Gelesenen interessiert ist. Er wird nur wahrgenommen, wenn Störungen wie falsche Brille oder schlechtes Licht ihn unlesbar machen.
Das "Verschwinden" ist eine Medialisierung, die der Wahrnehmungs-Psychologie geschuldet ist. Natürlich darf der Zeichenkörper nicht verschwinden. Und wenn ich den Zeichenkörper im Kontext der Produktion beobachte, ist der mit ihm verbundene Inhalt das schwindende Moment. K. Holzkamp meint, die Schrift sei gleichgültig, wenn es um das Geschriebene gehe. Einem Hersteller von Kugelschreibern wird aber gleichgültig sein, was K. Holzkamp je damit schreiben mag.
Und hier die - differenziertere Textstelle aus der Grundlegung der Psychologie (S. 310ff)
"Mit der durch die wachsende Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftung immer weitergehenden Delegation der direkt-stofflichen Naturaneignung an das verselbständigte gesellschaftliche Regulationssystem (die durch die klassenspezifische Trennung von Hand- und Kopfarbeit lediglich überlagen ist) und den damit entstehenden vielfältig vermittelten, >symbolischen< Handlungsmöglichkeiten der Individuen wird (bei gesamtgesellschaftlicher Synthese) auch die >Unmittelbarkeit< des Verhältnisses zwischen individuellen Handlungen und Operationen in neuer Qualittit durchbrachen. Nicht nur, daß wie schon auf bloß >kooperativer< Ebertc:. (vgl. S. 279 ff) so auch hier das >operative< Modell individuell- antizipatorischer Aktivitätsregulation nicht zur Charakterisierung der Struktur individueller Handlungen taugt, vielmehr büßen nun bei allen Handlungen, die nicht mehr direkt auf die stoffliche Naturaneignung gerichtet sind, die in die individuellen Handlungen eingeschlossenen >operativen< Untereinheiten in je nach der Eigenart der umzusetzenden Bedeutungskonstellation verschiedenem Grade und verschiedener Art an spezieller Relevanz für die Erreichung des gesellschaftlichen Handlungsziels ein. So ist etwa beim Verjass en eines Gedichts die darin eingeschlossene antizipierend-regulatorische Operation des >Schreibens< (oder eine äquivalente Operation) zwar unerläßlich, aber vom Handlungsziel her gesehen (mit einem Ausdruck von MARX) >verschwindendes Moment<: In den gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhängen des Gedichts ist die stofflich-sinnliche Operation des Schreibens als sekundär-automatisiertesmHinterlassen von Schriftspuren mittels Bleistift oder Schreibmaschinemauf Papier als besondere Bestimmung nicht enthalten, da man mitmder gleichen Operation ja auch Küchenzettel anfertigen oder den Stromverbrauchmnotieren kann. Umgekehrt erfährt man aus der Analyse der Schreiboperation schlechterdings nichts über auf diese Weise entstandenem>Gedichte< im allgemeinen oder ein gerade vorliegendes Gedicht immbesonderen. Demgemäß ist die Schreiboperation hier im Handlungszusammenhang ersetzbar: Man muß das Gedicht ja nicht >aufschreiben<,mman kann es auch mündlich weitergeben, auf Tonband sprechen, odermeinfach für sich behalten.
Dies heißt natürlich nicht, daß man zur Kategorialanalyse des Psychischenm auf menschlichem Niveau die operative Ebene ausklammern oder vernachläissigen dürfte: Sie ist für die stoffliche und symbolische Realitätsaneignung und für jegliche Kommunikation der Individuen von universeller Relevanz; ein Mensch, der nicht über operative Fähigkeiten, etwa zum Schreiben, verfügt, entbehrt einer zentralen und universellen Voraussetzung seiner >menschlichen< Entwicklung. Deshalb ist die einzeltheoretisch-aktualempirische Erforschung der verschiedenen Operationen im Verhältnis zu den Handlungen, deren Untereinheit sie sind, ihrer Struktur und ihrer Entwicklung etc. auf der Grundlage unserer früheren kategorialen Bestimmungen eine wichtige Aufgabe marxistischer Individualwissenschaft.
Was an dieser Stelle nur in neuem Zusammenhang hervorgehoben werden sollte, ist die radikale Unzultinglichkeit aller >handlungstheoretischen< Auffassungen, in denen Handlungen mit >Operationen< in unserem Sinne gleichgesetzt werden und die Struktur und Funktion menschlichen Handeins nach dem Modell der individualantizipatorischen Aktivitätsregulation theoempirisch erforscht werden soll:
Indem hier so in konkretistischer Manier menschliches Handeln nach dem Muster der > Handarbeit< und soziale Verhältnisse nach dem Muster aktuellen Zusammenwirkens auf operativer Ebene gefaßt werden, bleiben mit der Ausklammerung der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheil individueller Existenz die dargelegten menschlichen Qualitäten der Möglichkeit/Notwendigkeit der Teilhabe an bewußter VerfUgung über den gesamtgesellschaftlichen Prozeß und produktiv-sinnlicher Daseinserfüllung samt deren historisch bestimmter Einschränkung, Unterdrückung und Mystifizierung in ihren subjektiven Konsequenzen unerfaßt und bleibt damit auch der Stellen wert der >operativen< Ebene unbegriffen. So verdeutlicht sich in speziellem Kontext die Relevanz der Differenzierung der Analyseebene des Psychischen und des Gesamtprozesses (wie sie im fünften Kapitel funktional-historisch hergeleitet wurde): Sofern man nach dem Dominanzwechsel die den gesamtgesellschaftlichen Prozeß in seiner Systemfunktion universell kennzeichnenden antizipatorischen Selbstregulationen etc. als universelle und spezifische Kennzeichen individueller Handlungen auf psychischer Ebene mißdeutet, kommt man - indem man den gesellschaftlichen Lebensprozeß aus individuell-antizipatorischen Regulationen und Sozialkonstellationen >von unten< aufzubauen versucht - zu einer bestimmten Spielart der >Psychologisierung< gesellschaftlicher Verhältnisse und büßt so mit der wissenschaftlichen Tragfähigkeit auch die kritische Potenz der Subjektwissenschaft im Kapitalismus ein.