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Die Kirche im Lauf der Geschichte
Die einst dem frühchristlichen Märtyrer Laurentius (Jahrestag 10. August) geweihte Kirche bildete das Zentrum einer 1101 erstmals genannten Grosspfarrei, zu der neben der heutigen Kirchgemeinde Staufen-Schafisheim auch Niederlenz, bis zur Reformation Vorderdottikon und bis 1565 Hendschiken, Möriken, Othmarsingen «nid der strass» und sogar die Stadt Lenzburg gehörten. Dies bedeutete nicht, dass alle Kirchgenossen sonntäglich auf den Staufberg emporkommen mussten. Die Stadt Lenzburg etwa besass schon lange ein eigenes Gotteshaus, das aber als Kapelle oder Filialkirche nicht mit allen Rechten wie etwa demjenigen zur Taufe, zum Begräbnis oder zum Einzug des Kirchenzehnten ausgestattet war. Den Gottesdienst und die Seelsorge versah in diesen Kapellen ein Kaplan (Capellanus).
Man darf davon ausgehen, dass der Staufberg wie Suhr oder Kirchberg (Küttigen) eine der Urpfarreien der Gegend war und als sogenannte Eigenkirche von den alten Aargaugrafen gestiftet wurde, die um das Jahr 1000 mit Bero, dem Gründer von (Bero-)Münster ausstarben. Die Stifter besassen unter anderem das Recht, den Pfarrer in ihren Kirchen einzusetzen, was später zu Konflikten zwischen weltlicher und geistlicher Macht führte, bis die Ortsbischöfe dieses Recht an sich zu ziehen vermochten. Die Erben der Aargaugrafen stammten aus dem Gasterland (Kanton SZ) und begründeten ihre eigentliche Macht erst mit dem Besitz der Lenzburg, nach der sie sich 1036 erstmals nachweislich nannten. Bei ihrem Aussterben 1173 bestätigte der Staufenkaiser Friedrich I. (Barbarossa) als testamentarischer Erbe dem Stift Beromünster drei Viertel des Kirchensatzes (Mitwirkungsrecht bei der Besetzung der Pfarrstelle) von Staufen. Das weltliche Erbe der Lenzburger gelangte an die Kiburger (benannt nach der Kyburg, südlich von Winterthur), die die dörfliche Siedlung am Fuss der Lenzburg zur Stadt erhoben. Sie vermochten 1218 nach dem Aussterben der Zähringer (Gründer u.a. von Rheinfelden, Bern, Freiburg, Thun) weite Teile von deren Besitz an sich zu bringen und ihren Machtbereich vom Bodensee bis ins Saanenland auszudehnen. Beim Erlöschen ihres Geschlechts fiel das Erbe an die Habsburger, die damit Besitz und Macht in der deutschen Schweiz gewaltig ausdehnen konnten. Die Habsburger inkorporierten 1315 die Kirche Staufen ihrem 1308 gegründeten Kloster Königsfelden; die noch immer bestehenden Rechte des Stifts Beromünster und des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen wurden Jahrzehnte später abgegolten.
1413 überliess Österreich das Vorschlagsrecht bei der Pfarrwahl der Stadt Lenzburg. Mit der Eroberung des Aargaus 1415 gelangte die Landeshoheit an Bern, das dem Kloster Königsfelden das Vorschlagsrecht wieder zurückgab. Mit der Reformation 1528 zog Bern die Kollatur (Verleihung eines kirchlichen Amtes) an sich. Nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft 1798 und der Gründung des Kantons Aargau 1803 bildete die Pfarrei Staufberg bis 1906 eine Staatspfründe des Kantons.
Eine Baugeschichte in vielen Etappen
Im «Buech» (Buchenwald) südwestlich von Staufen wurde 1944 ein römischer Gutshof ergraben. Bei Sondierungen der Kantonsarchäologie kamen 1949 (Dr. Reinhold Bosch) auch im Schiff der Kirche Staufberg und 1995 (Peter Frey) im Chor Keramikfunde, bemalte Verputzfragmente und Dachziegel aus römischer Zeit zum Vorschein. Wohl gibt es Belege für die «Umwandlung» heidnischer Kultstätten in christliche Kirchen, weshalb es nicht abwegig ist, ein spätantikes Heiligtum auf dem Staufberg zu vermuten. Bei der Hypothese muss es indes bleiben, da später beim nachweislichen Abtragen des (Kirchen-)Baugrunds bis auf den Fels alle baulichen Zeugnisse beseitigt wurden.
Auf eine erste frühmittelalterliche Kirche kann deshalb nur noch auf Grund einer bestattungsfreien Zone geschlossen werden, die von den zugehörigen Gräbern ausgespart blieb. Die vor- oder frühromanische Kirche von der Breite des heutigen Chors und weniger als der halben Länge des jetzigen Schiffs besass einen eingezogenen Chor und einen Nebenraum an der Nordseite. Von diesem Bau des 10. Jahrhunderts, den man sich als flachgedeckten Saal vorstellen darf, hat sich aufgehendes Mauerwerk im vorderen Teil der südlichen Schiffswand erhalten. Im 11./12. Jahrhundert wurde das Schiff um die Hälfte nach Westen verlängert, der Altarraum durch eine Chorschranke (niedere Wand) abgetrennt und der Nordseite des Chors ein Turm beigestellt. Von dieser Bauphase zeugen die steinernen Turmgeschosse und das Mauerwerk an der Südseite des Schiffs. Vom Neubau eines gerade geschlossenen Chors im 13. Jahrhundert geben nur noch die Fundamente der östlichen Abschlusswand Kenntnis. Im 14. Jahrhundert verbreiterte man das Kirchenschiff nach Norden auf die Aussenflucht des Turmes. Der Chor ist daher aus der Mittelachse an die Südseite verschoben. Dieses für das Spätmittelalter nicht ungewöhnliche pragmatische Vorgehen lässt sich auch bei der Kirche in Auenstein beobachten. Kurz vor oder nach 1400 wurde das Schiff ein letztes Mal um einen Drittel nach Westen auf die heutige Ausdehnung vergrössert.
Die Kirche in der Zeit der Gotik
Als 1419 der Blitz einschlug, einen Brand auslöste und «unser gotzhus und pfarr zů Stouffen von dem wetter ietz leyder schedlichen verbrunnen und verwuest [statt ue u mit kleinem e darüber] ist», wurde für den Wiederaufbau entschieden, man wolle «den kor meren und wytren, die kilchen und kilchturm bessren, alles in ziegel tekken und die gloggen wider machen». Daraus lässt sich schliessen, dass die Kirche bis dahin mit Schindeln gedeckt war und bis auf die Aussenmauern vollständig ausbrannte. Die Glocken wurden beim Brand teilweise geschmolzen, zersprangen oder erhielten Risse beim Herunterstürzen. Beispiele finden sich vielerorts, wo solchermassen beschädigte Glocken als Erinnerungsmale bei Kirchen aufgestellt sind.
Zusätzliche Mittel zum Wiederaufbau kamen auch «von sunder gnaden und fruntschaft wegen» vom Kloster Königsfelden als Kollator (=Inhaber des Kirchenzehnten mit Recht der Priesterwahl, dafür pflichtig am Bau und Unterhalt des Chor und der Pfarrgebäude und an der Entlöhnung des Priesters). Das Schiff wurde in den bestehenden Mauern wiederhergestellt, der Chor jedoch als Neubau nach Osten verlängert und in der heutigen Form über fünf Seiten eines Achtecks gestaltet und knapp zwanzig Jahre später mit einem Glasgemäldezyklus ausgestattet. Im Winkel zwischen Chor und Turm errichtete man 1464 ein Marienkapelle, die nach der Reformation –auf die Hälfte reduziert – zum Archiv wurde und heute als Sakristei dient. Auf nicht näher bekannte Bauarbeiten weist ein 1473 vom Konstanzer Bischof bewilligter Bettelbrief hin (zum Abtragen der Bauschuld von 1464 oder für die Errichtung des Sakramentshäuschens?) und 1483 stiftete Heinrich Truchsess von Wolhusen eine neue Kanzel.
Renovationen und Restaurierungen von der Barockzeit bis heute
Um 1720 erhielt die Kirche (erstmals?) ein Vordach. Von der damals und einige Zeit später ebenfalls erneuerten Ausstattung zeugen Kanzel, Taufstein, Herrengestühl, Wandtäfer und die bemalte Holzdecke. 1762 erhielt die Kirche laut einer Eintragung in der Sandmeyerschen Familienbibel in Staufen eine Kirchturmuhr, die der Uhrmacher Trayer von Wohlen um 100 Gulden lieferte. Die bemalte Holzdecke wurde 1893 bis auf Reste zerstört und durch eine neugotische Bretterdecke ersetzt, die mit flachschnittverzierten Friesen mittelalterlichen Vorbildern nachempfunden war. Gleichzeitig erhielt der Chor einen Plattenboden und ein neues Chorgestühl. Von 1949 datieren die jetzigen Kirchenbänke im Schiff. Im gleichen Jahr bekamen die hölzernen Glockengeschosse einen weiss gestrichenen Schindelschirm und banale, an Bahnhofsuhren erinnernde Zeitanzeiger sowie ein etwas steileres Zeltdach mit der Absicht, den gedrungenen Turm bedeutender erscheinen zu lassen. Die erste, 1824 aufgestellte Orgel wurde 1967/68 durch das heutige Instrument ersetzt. 1984 restaurierte Konrad Vetter, Bern, die Glasgemälde im Chor, die bei dieser Gelegenheit eine äussere Schutzverglasung erhielten.
Architekt Castor Huser, Baden, führte, begleitet von der Denkmalpflege, in zwei Etappen 1995/96 die Restaurierung des Innern (Bundesexperte: Dr. Peter Felder, Kanton: Alexander Schlatter / Jürg Andrea Bossardt) und 2001-2003 des Äussern (Jürg Andrea Bossardt) durch. Im Innern konnte an Hand der spärlichen Überreste die barocke Felderdecke mit ihrer dekorativen Bemalung rekonstruiert werden. Plattenboden und Chorgestühl von 1893 wurden entfernt und der Tonplattenboden gemäss Befund auf dem ursprünglichen Niveau wiederhergestellt. An der Nordwand des Chors wurde die vermauerte Läutertüre wieder sichtbar gemacht. Neben der Neufassung der Kanzel erhielt auch das Orgelgehäuse eine Fassung in farblichem Einklang mit der Decke. Beim Plattenboden aus Muschelsandstein im Schiff wurden lediglich die Fehlstellen ergänzt und das Übrige mit den Abnützungsspuren konserviert. Täfer und Gestühl wurden restauriert und die Kirche mit einer zurückhaltenden neuen Beleuchtung ausgestattet.
Die Aussenrestaurierung betraf im Wesentlichen den Turm. Bei der Entfernung der abgewitterten Verschindelung zeigte sich, dass die hölzernen Glockengeschosse ursprünglich offen waren und in barocker Zeit – vermutlich 1762 – eine Verschalung aus stehenden Brettern mit aufgemalten Zifferblättern erhielten, ein bis heute einmaliger Befund für den Kanton Aargau. Da die englischrot gestrichene Brettschalung nur teilweise erhalten war und man die aufgemalten Zifferblätter nicht der weiteren Verwitterung aussetzen wollte, entschied man sich wieder für einen Schindelschirm, dem Kopien der aufgemalten Zifferblätter auf Kupfertafeln aufgesetzt wurden. Die traditionelle englischrote Fassung der Schindeln wurde von Teilen der Bevölkerung allerdings nur widerwillig akzeptiert. Das zimmermännisch unfachlich gefertigte Zeltdach von 1949 wurde ebenfalls korrigiert. Die Blattsassen (seitliche Aussparungen) im Rähm (abschliessende horizontale Balken) der Glockengeschosse erlaubten die Rekonstruktion des ursprünglichen, etwas schwächer geneigten Zeltdachs, dessen Gratbalken wieder korrekt an die Blattsassen angeblattet wurden. Der Glockenstuhl wurde für die Aufnahme einer weiteren Glocke vorbereitet. Im Übrigen beschränkte sich die Aussenrestaurierung auf kleinere Reparaturen, Fassadenanstrich und befundgestützte Neufassung der hölzernen Dachgesimse an Kirche und Vorhalle.