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Mit einem Tritt gegen die Rechenmaschine bricht der Mann im grauen Anzug – genannt Arthur – aus dem Alltag aus. Die ungewöhnliche Eingabe veranlasst den Computer, die Bauanleitung für den perfekten Ski zu drucken. Da Arthur in einer Skifabrik arbeitet, hat er schnell zwei Paar hergestellt. Nach diesem Prolog kommt der Film The Incredible Skis (USA, 1968) zur Sache. Arthur und sein Freund Roger tänzeln über die Piste, kurven durch Couloirs und ziehen einsame Spuren in Tiefschneehänge. Nachdem Diebe ihnen die perfekten Skier geklaut haben, verlagert sich das Geschehen vom Schnee in die Luft: Die Fahrer heben ab, drehen ihre Körper in der Luft, fliegen.
Diese Ski-Bilder waren 1968 genauso spektakulär wie aufrührerisch. Sie brachen mit den Regeln der etablierten Skitechnik, zeigten, dass Skifahren auch ohne Belastung des Talskis und anstrengenden Tief-Entlastungen funktioniert. Die Darsteller hinter den Filmfiguren Arthur und Roger, die beiden Schweizer Skisportler Arthur „Art“ Furrer und Roger Staub, gehörten deshalb zu den ersten Helden einer rebellischen Bewegung im Schnee, die das Skifahren als lustvolles Spiel mit Gleichgewicht und Schwerkraft neu interpretierte. Beim „Freestyle“ oder „Hot Dog“-Skifahren ging es darum, die Fahrt zum Ballett zu machen, Buckelpisten zu meistern und vom Schnee abzuheben.
Diese Neuerfindung des Skifahrens betrieben nicht nur Fahrerinnen und Fahrer wie Furrer und Staub, sondern auch nordamerikanische Firmen. Sie nahmen die originellen Sportlerinnen und Sportler unter Vertrag und verkauften mit ihren Kunststücken den Skisport als Möglichkeit, um von square zu hip überzulaufen. Damit wurde auch der Schneesport zu einem Feld gesellschaftlichen Wandels. Die Geschichte des Freestyle-Skifahrens liefert so Anschauungsmaterial für die kommerzielle Vermittlung von Jugend- und Gegenkultur in den 1960er und 1970er Jahren.
Gesponserte Skifilm-Klassiker
The Incredible Skis ist einer von drei Skifilmen, die Furrer und Staub Ende der 1960er Jahre mit den US-Filmemachern Roger Brown und Barry Corbet drehten. Furrer verdiente sich damals in den USA mit Skishows und als Skilehrer gerade jene Dollars, mit denen er später auf der Riederalp ein Hotelimperium aufbauen wird. Er war in die USA gegangen, nachdem ihn die Expertenkommission des damaligen Schweizer Interverbands für Skilauf wegen seines Fahrstils ausgeschlossen hatte. Staub war ehemaliger Skirennfahrer und führte in Vail, Colorado, eine Skischule. 1974 verunfallte er in Verbier bei einem Testflug mit einem Deltasegler tödlich.
Die Skifilme mit dem Duo wurden zu Klassikern des Genres. Wie John Fry, in den 1970er-Jahren Chefredaktor des US-Magazins Ski, in seinem Buch The Story of Modern Skiing (2006) schreibt, seien die Filme das Schneesport-Pendant des Surf-Kultfilms The Endless Summer (1966) von Bruce Brown. Bemerkenswert ist dabei, dass es sich eigentlich um Werbefilme handelt. Die Produktionskosten der rund halbstündigen Streifen trugen die Hart Ski Manufacturing Company und weitere Sponsoren. Die Entstehung der Filme ist deshalb vor dem Hintergrund eines weitreichenden Umbruchs in der US-Werbebranche zu sehen.
Werbung gestaltet Nonkonformität
Der Historiker Thomas Frank hat im Buch The Conquest of Cool (1997) gezeigt, wie in den 1960-Jahren in US-Werbeagenturen eine Managementkultur Einzug hielt, in der Individualität und Kreativität zu zentralen Werten avancierten. Sie führte zu flachen Hierarchien in den Agenturen und zu Werbekonzepten, die die in der nordamerikanischen Öffentlichkeit zirkulierende Kritik an der Massengesellschaft aufgriffen. Konformität, wie sie Sloan Wilson im Roman The Man in the Gray Flannel Suit (1955) öffentlichkeitswirksam beschrieben hatte, wurde zum Albtraum.
Werber vermarkteten Massenprodukte nun – paradoxerweise – mit Nonkonformität. Ein frühes Beispiel für den neuen Stil ist die Volkswagen-Werbekampagne der Agentur Dayle Dane Bernbach. 1959 gestartet, verwandelte die Kampagne den VW-Käfer vom verpönten Nazi-Produkt in das Anti-Auto, das im Fahrzeugbereich für den Aufstand „gegen das Establishment“ stand. Mit den Hart-Skifilmen hielt diese Werbestrategie im Wintersportgeschäft Einzug. Sie führten vor, wie Individualität auf der Skipiste zu erreichen war.
Die Hart-Werbeträger und ihre Nachahmerinnen und Nachahmer auf beiden Seiten des Atlantiks hatten den Ruf von „Skihippies“, wie sich Kaspar Wolf, Direktor der damaligen Eidgenössischen Turn- und Sportschule in Magglingen, 1970 ausdrückte. Sie wendeten sich gegen zwei Entwicklungen, die den Skisport seit seinem Transfer aus Skandinavien in die Alpenländer Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt hatten: den Geschwindigkeitsrausch und die Standardisierung der Fahrtechnik.
Wie der Historiker Andrew Denning im Buch Skiing into Modernity (2015) schreibt, hatten die Ski-Pioniere im Skifahren einen Ausgleich zu den Belastungen der modernen Zivilisation gesehen. In den Steilhängen der Alpen erfasste dann aber die moderne Lust an der Geschwindigkeit das Skifahren. Aus dem Ausgleichs- wurde ein Rennsport. Um diesen leicht erlernbar zu machen, trieben Akteure aus dem Tourismusgeschäft die Standardisierung der Fahrtechnik voran. In der Schweiz wachte ab 1934 der Skischulverband darüber, dass überall dieselben Grundlagen vermittelten wurden. Die Skibilder mit Furrer und Staub inspirierten den Aufstand gegen diese „Einheitstechnik“ – nicht aber gegen die ökonomischen Interessen im Schneesport.
Rebellin aus Tschiertschen
Mehr über den Beitrag von Firmen zur Revolte im Schnee weiss Mia Engi, die als erste Schweizerin in die nordamerikanische Profi-Freestyle-Szene einstieg. Als die Hart-Ski-Filme erschienen, bestand Engi in der Schweiz gerade den Skilehrerkurs – mit dem weitesten Geländesprung von allen, Frauen wie Männern. Sie war dann als Skilehrerin in Arosa tätig. Dort hingen Bilder von Staub, der in Arosa aufgewachsen war. Sie animierten Engi, selber Kunststücke einzuüben. „Wenn es geschneit hatte und Tiefschnee lag, ging ich springen – und steckte häufig mit dem Kopf im Schnee“, wie Mia Engi mir erzählte.
In Tschiertschen, Engis Wohnort, sprach sich herum, dass eine Einheimische in Arosa eine neue Art des Skifahrens praktiziere. 1972/73 gründete Engi mit Gleichgesinnten das Tschiertschen-Team, das die Schweizer Freestyle-Szene der 1970er-Jahre dominieren sollte. Dass Engi als Frau einem Verein vorstand, gab im Dorf zu reden. Sie sei zwar nicht politisch gewesen, aber eine Rebellin, sagt Engi. Anzuecken war auf Dauer dennoch anstrengend. Längst hegte Engi den Wunsch, in die USA – in das viel gepriesene Land der unbegrenzten Möglichkeiten – zu gehen. Das Skifahren war ihre Chance.
Engi erzählt die Kurzversion ihres Nordamerikaabenteuers. Zunächst bei einer Schwester in Vancouver untergekommen, schaffte sie es, von Bob Smith, dem Skibrillenunternehmer, als Babysitterin angestellt zu werden. Bald war sie die Skilehrerin der Familie Smith und schliesslich auch für die Tour der Professional Freestyle Associates (PFA) qualifiziert. Anstatt auf dem Podest landete sie aber im Spital. 1975 hat sie dennoch einen Sponsoringvertrag des Skiherstellers K2 in der Tasche und wird Weltmeisterin im Buckelpistenfahren.
Hoher Lohn für den wildesten Sprung
Engi bestätigt die Bedeutung der Werbegelder für die Anfänge des Freestyle-Skifahrens. Es habe sich genau umgekehrt entwickelt, als man sich die Entstehung einer Sportart vorstellen würde. Es gab keinen Ort, wo alles begann, zunächst auch noch keine lokalen Vereine, die sich dann zu nationalen und internationalen Verbänden zusammengeschlossen und Kriterien für die Bewertung der in den Wettkämpfen gezeigten Tricks entworfen hätten. Stattdessen sagt Engi: „Zuerst war vor allem Geld da.“ Und dieses kassierte, wer den wildesten Sprung stand.
Ein Sieg auf der PFA-Tour konnte Preisgeld in der Höhe von etwa 4000 US-Dollar pro Wettkampftag und -disziplin einbringen – damals über 10’000 Schweizerfranken. Engis Sponsoring-Vertag mit K2 sah vor, dass der Ski-Hersteller das Preisgeld verdoppelt – wenn sie nicht gewann, floss aber gar kein Geld. Ein PFA-Tour-Organisator rechnete 1976 in einer Fachzeitschrift vor, dass Freestyle-Skifahrerinnen und -fahrer um Preisgelder in der Höhe von rund einer halben Million US-Dollar konkurrieren würden. Freestyle-Ski sei zudem die einzige Sportart, in der das Preisgeld für Frauen und Männer gleich hoch sei.
Zu den Sponsoren zählten nicht nur Hersteller von Ski-Ausrüstung. Beispielsweise stellte der Colgate-Palmolive-Konzern die Preisgelder der PFA-Frauen-Tour bereit. „Freestyle-Skifahren war völlig Showtime, eine riesen Attraktion, darauf standen die Amerikaner“, erklärt Engi das Interesse der Firmen. In den USA hätten dann aber Versicherungsfragen den Sport für Sponsoren weniger attraktiv gemacht. Nun gewannen die Alpenländer für das Freestyle-Skifahren an Bedeutung.
Die US-Sponsoren waren Anfang der 1970er Jahre bemüht, den Sport in Europa bekannter zu machen. Im Winter 1972/73 bezahlte der Zigarettenhersteller Marlboro vier nordamerikanischen Freestyle-Profis eine Show-Tour durch die französischen Alpen. Ab Frühling 1975 flog die nordamerikanische Freestyle-Szene dann regelmässig zur „Camel Hot-Dog World Trophy“ in Breuil-Cervinia im Aostatal über den Atlantik. Daneben arbeiteten aber auch die Nachahmerinnen und Nachahmer von Furrer und Staub an der Verbreitung des Freestyles. Beispielsweise organisierte das Tschiertschen-Team Camps, wo Fahrtechniken und Tricks geübt wurden.
Jugendliche und junge Erwachsene aus sehr unterschiedlichen Milieus wurden auf das Freestyle-Skifahren aufmerksam. Zu ihnen gehörten Henri Rohner und Jürg Krauer. Sie waren ab 1976 im neu gegründeten Akrobatik Ski Club Bern dabei und entwickelten mit Freunden eine transportable Musikanlage, die sich in jedem Skigebiet aufbauen liess, die „Monschter Musig“. Bald kam die Anlage europaweit an Freestyle-Anlässen zum Einsatz. Denn wer das Skifahren zum Ballett im Schnee machen will, braucht Musik, laute Musik.
Auflehnung und Kommerzialisierung
Krauer und Rohner relativieren das in Nordamerika entworfene Bild der Freestyler. Es seien bei weitem nicht alles kiffende Rebellen gewesen, die auch im Alltag den Aufstand geprobt hätten. Alle hätten aber sehr gut Skifahren können und gesehen, dass mehr möglich war, als den Geschwindigkeitsrausch des Rennsports nachzuahmen. Insbesondere junge Kunstturnerinnen und Kunstturner entdeckten das Freestyle-Skifahren. Mit ihnen kamen neue Bewertungskriterien, die Skiakrobatik entstand. Für Mia Engi verlor der Sport damit den Reiz: „Als man mir an einer Sitzung erklärte, dass bei einem Sprung für eine hohe Punktzahl alle Finger gestreckt sein müssen, streckte ich nur noch einen Finger und ging zur Tür.“ Die Winter der „Skihippies“ neigten sich ihrem Ende zu.
Durch ihren Aufstand gegen vorgeschriebene Bewegungsabläufe auf den Skipisten hatten die Freestyle-Skifahrerinnen und -fahrer die Palette dessen, was im Schnee möglich war, erweitert. Von Anfang an mitgestaltet wurde diese Entwicklung durch eine Industrie, die neuen Impulse aufzugreifen und in neue Konsumangebote zu übersetzten verstand. Mit dem Historiker Detlef Siegfried (Time is on my Side, 2006) können solche Wechselverhältnisse von Auflehnung und Kommerzialisierung als Antrieb der Ausdifferenzierung von Jugend- und Gegenkulturen seit den 1960er Jahren betrachtet werden. Auch im Wintersport ging dieser Prozess bekanntlich weiter. In den 1980er Jahren pflegten Snowboardfirmen das Image von den Rebellen im Schnee – mit neuen Bildern von Menschen auf Brettern in verschneiten Bergen.