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Eine Kritik an «Die Besserwisser» von Fabian Schwitter und Albrecht Füller. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/15/die-besserwisser/
Die Frage, die sich uns stellt, wenn wir einen Text wie Besserwisser lesen, ist eine einfache: Für wen wird hier geschrieben? Wer gelesen werden will, sollte so schreiben, dass er auch gelesen werden kann. Sonst zeigt er damit nur, dass ihn die Meinung anderer nicht interessiert. Wer umständlich schreibt, damit das Geschriebene irgendwie wichtig klingt, kann nicht erwarten, dass sich jemand freiwillig durch dieses Gefasel kämpft. Wir haben gekämpft. Das Fazit ist ernüchternd.
Es wird hüstelnd lamentiert, dass «das Publikum schon lange den Raum verlassen [habe]». Dies ist ein unfreiwillig komischer Selbstwiderspruch, weil es in einem einzigen Selbstinszenierungsgesülze geschieht. Neben der verwendeten Sprache sprechen wir uns auch gegen die herablassende Haltung dieses Textes aus. Die zeigt sich am eindrücklichsten an folgender Stelle: «Wenn der Prolet versteht, dass er selber auch Gedichte schreiben kann, kommt er vielleicht auf die Idee, dass er und seinesgleichen auch im Betrieb übernehmen können. Ist der Prolet nicht mehr Zuschauer der Kunst, hört er vielleicht auch auf, bloss Zuschauer seines eigenen Lebens zu sein.» Der «Prolet» ist also zu dumm, um zu verstehen, dass er selber Gedichte schreiben kann. Vermutlich meint der Verfasser dies exemplarisch für eine kreative Tätigkeit. Der «Prolet» ist anscheinend unausweichlich Zuschauer seines eigenen Lebens, was nur durch kreative Tätigkeit zu durchbrechen sei. Der Verfasser geht nicht davon aus, dass es Formen der kreativen Tätigkeit geben könnte, die zwar der «Prolet» ausübt, aber die der Verfasser nicht kennt. Er bestimmt, was eine mündige, selbstbestimmte und was eine unmündige, fremdbestimmte Alltagspraxis ist. Durch seine Definitionsmacht über diese Richtlinien stellt er «Unmündigkeit» selbst her.
Stellen wir uns die Automechanikerin Livia vor. Livia würde wohl durch ihre Berufstätigkeit als «Proletin» bezeichnet. Nehmen wir an, Livias Reifendruckmessgerät geht immer nach einem Jahr kaputt. Anstatt ein neues zu kaufen, beschliesst sie einmal, es aufzuschrauben. Vielleicht befindet sich darin ein getimter Trigger, der das Gerät jeweils nach einem Jahr funktionsuntüchtig macht. Wenn Livia nun einmal im Jahr diesen Timer zurückstellt, hat sie sich nicht kreativ betätigt, unterwandert damit nicht das Konsumsystem und hat sich nicht aus dem Zuschauerdasein ihres Lebens befreit. Einzig aus dem Grund, weil sie eine Proletin ist. Wir wissen nicht, wie realistisch dieses Beispiel ist. Gerade weil wir nicht wissen, wie Livias Berufsalltag aussieht, massen wir uns auch nicht an zu sagen, dass in ihrem Berufsalltag nicht «gegenüber der Ausbeutung tätig» wird.
Das Belehren scheint offenbar ein wiederkehrender Topos im Denken des Verfassers zu sein: «Der Autor, der nicht belehren möchte, ist wie der Arbeitgeber, der auf gut Freund mit seinen Untergebenen machen möchte. Beide verschleiern ihre Position und belügen sich selber.» Woher kommt die Auffassung, dass jeder Autor belehren möchte? (Eventuell aus dem bürgerlichen Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts. Wir sehen hier die Überwindung der Kunst als bürgerliche Kategorie, die es anzustreben gelte, nicht wirklich.) Auch kennen wir die Arbeitgeber des Verfassers nicht, aber aus unserer Erfahrung ist ein freundschaftlicher Umgang zwischen Arbeitgeber und -nehmer durchaus möglich, ohne dass die Positionen verschleiert werden.
Was uns darüber hinaus merkwürdig erscheint, ist die Kritik am Bürgertum. Denn diese Kritik geschieht in einer Sprache, die das bildungsbürgerliche Schwafeln geradezu sklavisch imitiert. Formal ist somit keine Distanzierung von der bürgerlichen Praxis geschehen. Es sei denn, beide Verfasser dieses Texts wollen mit ihrem Sprachgestus aufzeigen, dass diese Form von «kritischer Auseinandersetzung» zu nichts führt. Dann haben sie das mit bewundernswerter Effizienz bewerkstelligt.
Wir wollen uns mit Literatur und ihrer Aufgabe befassen. Für das Sprechen über Literatur scheint fast krankhaft sprachliche Komplexität als Massstab für die Qualität des Inhalts zu gelten. Dagegen gilt es anzuschreiben. Es ist ein höchst undemokratischer Zugang. Wir treten für einen anderen Qualitätsmassstab ein: weg von unnötig komplexen akademischen Überschraubungen hin zur Zugänglichkeit.
Laura Basso, Dominik Holzer