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Libertäre Planer und Unternehmer sind dabei, mit autonomen Zonen eine angeblich totale Freiheit – natürlich für Reiche – zu schaffen. Doch das geht nur mit totaler Kontrolle.
Im Online-Feuilleton «Geschichte der Gegenwart» findet sich ein lesenswerter Artikel des Architekturtheoretikers Stephan Trüby über libertäre Tendenzen in Architektur und Stadtplanung (https://geschichtedergegenwart.ch/das-faustrecht-der-freiheit-anarchokapitalistische-fantasien-in-der-zeitgenoessischen-architektur/). Trüby verweist auf den deutsch-britischen Stararchitekten Patrik Schumacher, der seit Zaha Hadids Tod 2016 alleiniger Chef von Zaha Hadid Architects ist. Schumacher hat etwa die Beendigung des sozialen Wohnungsbaus, die Privatisierung öffentlicher Plätze und eine Aufhebung des Mieterschutzes propagiert, um für Investoren und Planer jene Freiheiten zu schaffen, die fortschrittliches Bauen ermöglichen würden. Solch marktradikal-libertäre Thesen sind in der Liga der tonangebenden Architekten zwar umstritten, aber sie scheinen laut Trüby eher an Boden zu gewinnen.
Visionäre vom Schlage eines Patrik Schumacher werden sich zumindest in europäischen Demokratien nicht auf breiter Front durchsetzen können. Doch sie finden andere Betätigungsfelder. So hat Schumacher zusammen mit dem Gründer von Free Private Cities Inc. , Titus Gebel, sich der Schaffung freier Privatstädte verschrieben. Diese Idee geht einen entscheidenden Schritt über das in vielen Ländern längst gängige Konzept der Gated Communities hinaus, indem sie nicht bloss abgeschlossene Siedlungen, sondern Zonen eigenen Rechts vorsieht im Sinne quasi-souveräner privater Territorien. Gebel denkt gross. Ihm schwebt eine Vielzahl unterschiedlicher Privatstädte vor, in denen sich jeweils vermögende Menschen mit gleichen Präferenzen zusammentäten. Die Gemeinsamkeiten der Bewohner könnten je nachdem religiöser, politischer oder auch sexueller Art sein.
Utopien dieser Art gibt es schon länger, beispielsweise in der Form künstlicher Städte, die in internationalen Gewässern schwimmen. Reiche Leute könnten sich hier als Miteigentümer und Quasi-Bürger einkaufen. Befreit von sämtlichen Solidarleistungen, würden sie dort ihren Reichtum ungeschmälert geniessen. Offenbar ist es Schumacher und Gebel gelungen, in Honduras ein dieser radikalen Abschottung sehr nahekommendes Projekt aufzubauen. Mit einer entsprechenden Gesetzgebung hat die honduranische Regierung die Schaffung von Zonas de empleo y desarrollo económico (ZEDE) ermöglicht, die offenbar weitgehend autonom funktionieren können. Auf der honduranischen Karibikinsel Roatán entsteht auf dieser Basis die Siedlung Roatán Próspera, gebaut von Zaha Hadid Architects: eine erste Free Private City (Bild oben).
Wunschvorstellungen von «staatsfreien» Habitaten haben die Entstehung der modernen Nationalstaaten immer begleitet. Oft ging es dabei um den Versuch einer ungestörten Verwirklichung eines religiösen oder ideologischen Konzepts, manchmal um anarchistische Freiheitsideale. Die Idee der Free Private Cities führt diese Tradition weiter, verändert sie aber in einem wesentlichen Punkt. Mit ihrem Hauptzweck, keine Steuern bezahlen, unterscheidet sie sich von früheren Autonomiekonzepten dadurch, dass es nicht primär darum geht, etwas vom Staat Verbotenes endlich ungestört tun zu können. Ziel ist es vielmehr, etwas vom Staat Verlangtes endlich radikal verweigern zu können.
Die Privatstädte-Idee ist genau deswegen als Gedankenexperiment reizvoll. Aufschlussreich ist die Beantwortung der Frage, wie denn ein solches Gemeinwesen funktionieren würde.
Ein erster Punkt: Damit der Vorteil des freiwilligen Zusammenschlusses in einer freien Privatstadt zum Tragen kommt, müssen die Bewohnerinnen und Bewohner sorgfältig ausgewählt werden. Sie müssen zusammenpassen. Gleiche Eigenschaften, vereinbare Interessen, verbindende Ziele – die Community muss entsprechende Anforderungen definieren und sie als Selektionskriterien konsequent anwenden. Ausserdem müssen Regeln des Verhaltens und Zusammenlebens formuliert und von allen akzeptiert werden.
Ein zweiter Punkt: Da es in einer solchen Community trotz Selektion und verbindlichen Regeln mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Konflikten kommt, braucht es Mechanismen und Verfahren zu deren Beilegung. Und da erfahrungsgemäss nicht alle Streitenden – dank gutem Zureden oder professioneller Mediation – zur Einsicht kommen und ihren Krach beendigen, braucht das Gemeinwesen so etwas wie eine polizeiliche und gerichtliche Autorität, die im Bedarfsfall Machtmittel anwenden kann.
An diesem Punkt wird es interessant. Für kleine abgeschlossene Sozialgebilde von allenfalls ein paar hundert oder tausend Personen sind schwerwiegende Konflikte rasch existenzbedrohend. Es muss also vorgesorgt werden, dass harte Auseinandersetzungen gar nicht erst aufkommen. Und das ist nur möglich mit enger Überwachung. Diese funktioniert primär gegenseitig, denn alle sind auf Konfliktvermeidung angewiesen. Um aber die Disziplinierung gemäss der gesetzten Regeln der Community dauerhaft auf Kurs zu halten, benötigt diese eine autorisierte Instanz, die das Kontrollsystem überwacht, stabilisiert, bei neuen Situationen aktualisiert.
Man kennt ähnliche Phänomene auch bei Gated Communities, etwa in Sun City in Florida. Die hier lebenden Rentnerinnen und Rentner werden nachdrücklich zu permanenter guter Laune angehalten. Alles, was ihr happy life stören könnte, wird zensiert: Schlechte Nachrichten aus der realen Welt, Konflikte in der Community, Krankheit und Tod dürfen nicht in Erscheinung treten. Deshalb hat Sun City sein eigenes Fernsehen, das Sterben wird aufwendig kaschiert, und wer nicht happy drauf ist, wird diskret aus dem Verkehr gezogen.
Sun City oder Free Private City: Der libertäre Traum von der totalen Freiheit führt über kurz oder lang in den Albtraum einer totalen Kontrolle. Ein solcher Mechanismus zeigt sich auch bei der identitätspolitischen Radikalisierung, die in manchen Gruppen um sich greift: Je strenger die Anforderungen für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Minderheit, desto rigider das Ausschliessen bei Abweichungen und Fehlverhalten.
Am Gedankenexperiment, Regeln für eine Private City zu konstituieren, lässt sich im Umkehrschluss ablesen, was es für die Entwicklung einer menschengemässen Gesellschaft braucht. Nur drei wichtige Kriterien seien erwähnt.
- Grossräumigkeit, beruhend einerseits auf Urbanität und andererseits auf durchlässigen ländlichen Regionen, verleiht der Gesellschaft jene Elastizität, die trotz stabilen Ordnungen den Individuen Raum lässt für Neues, für Versuche, aber auch für Rebellion, Widerstand und auch für Fehler.
- Durchmischung von Altersgruppen, sozialen Schichten, kulturellen Prägungen etc. sorgt einerseits für Überraschung und Bereicherung, andererseits aber auch für Reibung und Konflikt. Dies alles zusammen macht erst Prozesse möglich, die persönliche und gesellschaftliche Entwicklungen voranbringen und die Menschen in Lernprozesse verwickeln.
- Partizipation sowohl im Sinn der institutionalisierten politischen Demokratie wie auch eines dichten Gewebes zivilgesellschaftlicher Verhaltensweisen und Formationen: Sie sorgt für intensive Diskussionen und breit abgestützte Entscheidungen wie auch für deren gesellschaftliche Akzeptanz.
Kaum verwunderlich, dass Thilo Gebel und Patrik Schumacher von Grossräumigkeit, Durchmischung und Partizipation rein gar nichts halten. Sie setzen vielmehr in allen drei Punkten auf das Gegenteil. Gebel meint sogar explizit, echte Freiheit im Sinne von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sei auf demokratischem Weg nicht zu erreichen. Die angestrebten freien Privatstädte müssten daher «durch Übernahme der Regierung, Revolution oder Sezession» eingeführt werden. – Vielleicht klappt das ja in Honduras oder in anderen mehr oder weniger gescheiterten Staaten. Doch sollte es zur Schaffung echter Free Cities kommen, so werden dort die Probleme erst beginnen. Es könnte durchaus sein, dass einige ihrer Bewohner über kurz oder lang das Steuernzahlen als kleineres Übel erkennen und das Leben in einem gewachsenen konsolidierten Staat der «totalen Freiheit» vorziehen.