Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/1632

aus dem Kunstmuseum Hamburg
Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Als am Morgen des 1. Juni die Sonne aufging, stand die deutsche Flotte auf der Höhe von Hornsriff, also auf dem selben Breitengrad, auf dem die dänische Stadt Esbjerg liegt. Als wir damals weit und breit vom Feinde nichts entdecken konnten, fiel mir in diesem Moment, ich gestehe es offen, ein Stein vom Herzen, denn mit unserem zerschossenen Schiff, besonders mit der dezimierten Artillerie, hätten wir keinen siegreichen Kampf mit einem an seiner Artillerie unbeschädigten Großkampfschiff bestehen können. Ich hatte auch schon fast die gesamte Munition der Türme „Anna“ und „Bertha“ verschossen, und an den Rest der Munition in den Türmen „Cäsar“ und „Dora“ war nicht heranzukommen, da die Türme noch ganz mit giftigen Gasen erfüllt und die Munitionskammern geflutet waren.
Für unsere Flotte und für unser Vaterland bedauere ich es aber aus tiefstem Herzen, daß es damals nicht zum Endkampfe gekommen ist. Und sicher ist diese Tatsache ein großer Schmerz und eine getäuschte Hoffnung auch für unseren Flottenchef, den Admiral Scheer, gewesen. Dem Engländer wäre es ein leichtes gewesen, uns frühmorgens zur Schlacht zu stellen. Er hatte ja die ganze Nacht über durch seine Kreuzer und Torpedoboote Fühlung mit uns gehalten. Der englische Flottenchef war also dauernd funkentelegraphisch über jede unserer Bewegungen unterrichtet worden. Es wäre das größte Glück für unser Vaterland gewesen, wenn es damals bei Hornsriff, also nicht sehr weit von Helgoland entfernt, zur Schlacht gekommen wäre. Nach den Erfahrungen des 31. Mai zu schließen, wäre noch manch englisches Schiff restlos vernichtet worden, und es hätte eines ungeheuren Munitionsaufwandes bedurft, deutsche Großkampfschiffe völlig kampfunfähig zu machen. Hätte Jellicoe am 1. Juni bei Hornsriff die Entscheidung gesucht, so hätte Englands Flotte zweifellos ihren Platz als stärkste Flotte der Welt an Amerika abtreten müssen. Ich gebe gern zu, daß an eine völlige Vernichtung von Jellicoes Flotte am 1. Juni nicht zu denken war. Aber als genauer Kenner unserer Schiffe und unserer Schiffsartillerie sowie als guter Kenner der englischen Schiffe und ihrer Schiffsartillerie und auf Grund meiner artilleristischen Erfahrungen in der Skagerrak-Schlacht glaube ich mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß eine restlos durchgekämpfte Seeschlacht zwischen dem englischen und dem deutschen Linienschiffsgros dem Gegner eine sehr große Anzahl Großkampfschiffe gekostet hätte. Am 31. Mai war es Admiral Scheer nach seiner Rückwärtsbewegung aus den „Klauen des Löwen“ nicht möglich, noch vor Anbruch der Dämmerung die Flotte in eine neue, taktisch günstige Aufstellung zur Schlacht zu bringen. Und eine Nachtschlacht zwischen zwei so starken Flotten war ein Ding der Unmöglichkeit. Trotz aller für Nachtgefechte vorgesehenen Erkennungszeichen wäre eine wüste Melee, eine Zerfleischung von Schiff gegen Schiff, ohne Kenntnis ob Feind oder Freund, unvermeidlich gewesen. Aber selbst wenn wir als „kühne Hasardeure“ eine Nachtschlacht angestrebt hätten, — die englische Flotte mußte sie vermeiden! Sie hätte sich in der Nachtschlacht all der Vorteile ihrer zahlenmäßigen Übermacht, ihrer überlegenen Geschwindigkeit, ihrer weit-tragenden Geschütze begeben und alles dem blinden Zufall überlassen. Jellicoe handelte vollkommen richtig, daß er sich abends loslöste und seine Geschwader während der Nacht so geschickt irgendwohin führte, daß sie von unseren, die Umgebung des Schlachtfeldes planmäßig absuchenden Torpedobootsflottillen nicht gefunden wurden. Und Jellicoe handelte auch strategisch völlig richtig, indem er sich am 1. Juni überhaupt nicht wieder zur Schlacht stellte. Mit der Verwendung der englischen Flotte als „fleet in being“, also allein durch ihr Vorhandensein, hatte sie bisher die ihr gestellte Aufgabe restlos gelöst. Die Skagerrak-Schlacht unterbrach den von ihr als „fleet in being“ ausgeübten Druck nicht eine Minute. Hätte Jellicoe am 31. Mai die Skagerrak-Schlacht nicht angenommen und wäre, um seine Flotte unbeschädigt zu erhalten, statt dessen in seinen Ausfallhafen Scapa Flow zurückgegangen, so hätten wir die uns gestellte Aufgabe, Handelskrieg im Skagerrak und Kattegatt, durchführen können und hätten damit die Seeherrschaft in der Nordsee für eine Zeitlang besessen. Die Durchführung unserer Aufgabe wurde uns aber durch die Skagerrak-Schlacht vereitelt. Dadurch aber, daß Jellicoe am 1. Juni unsere den deutschen Minenfeldern und heimatlichen Häfen zusteuernde Flotte nicht angriff, gab er die Seeherrschaft keinen Augenblick preis. Wozu sollte er in diesem strategischen Schachspiel noch einen Figurenaustausch vornehmen, wo doch seine Stellung so war, daß ein Mattsetzen des Gegners auch so erfolgen mußte? Jellicoe ging zurück nach Scapa Flow. Er ließ sich, als er später Beatty als Flottenchef Platz machte und sein König ihn zum Lord machte, den Namen eines „Viscount of Scapa“ geben! Damals spöttelte manch einer in Deutschland und wohl auch in England, daß sich ein Admiral seinen Namen nach einem öden Platz geben ließ, an dem seine Flotte vier Jahre fast dauernd zu Anker gelegen hatte. Und doch hat dieses vierjährige Ankern der englischen Flotte entscheidend dazu beigetragen, daß jetzt unsere gesamte Kriegsflotte nach eben diesem Scapa Flow geführt werden mußte und daß sie jetzt auf dem Meeresgrund der Bucht von Scapa Flow liegt. Welcher Triumph für den „Viscount of Scapa“! Als nach der Skagerrak-Schlacht der englische Glaube an den Sieg schwer erschüttert war, veröffentlichte Churchill im Oktoberheft der Zeitschrift „London Magazine“ eine Reihe, von Aufsätzen über den Land- und Seekrieg. Das, was er darin über den Seekrieg und die Skagerrak-Schlacht gesagt hat, ist meiner Meinung nach richtig. Leider! Wir hätten damals daraus folgende Lehre ziehen müssen: Die englische Flotte stellt sich nur zur Schlacht außerhalb unserer Minenfelder und in gewisser respektvoller Entfernung von unseren U-Bootsbasen und Küstenbefestigungen. Eine Seeschlacht muß aber von uns trotzdem unbedingt angestrebt werden, wollen wir überhaupt nur den Versuch machen, uns dem eisernen Griff zu entziehen, mit dem England uns würgt. Also müssen wir die englische Flotte an ihrer eigenen Küste aufsuchen und dort bekämpfen.
Hiergegen ist angeführt worden, daß der U-Bootskrieg nur mit einer intakten Hochseeflotte durchzuführen gewesen sei, daß unsere Kriegshäfen hoffnungslos verblockt worden wären, wenn wir unsere Flotte verloren hätten. Dagegen ist zu sagen: Erstensmal war der Kampf mit der feindlichen Flotte nicht von vornherein gleichbedeutend mit dem Verlust unserer ganzen Flotte. Skagerrak dürfte dies bewiesen haben. Und zweitens hätten die uns auf jeden Fall verbleibenden Seestreitkräfte an Kreuzern, älteren Linienschiffen und Torpedobooten in Verbindung mit unseren U-Booten, Minenlegern, Minensuchern, Luftschiffen, Flugzeugen und den Küstenbefestigungen genügt, um den U-Bootskrieg durchzuführen. Auch stand uns ja immer noch das Kattegatt als Ausfallpforte für unsere U-Boote zur Verfügung. In Flandern ist der U-Bootskrieg unter viel schwierigeren Umständen ohne Flotte durchgeführt worden, als wir sie in der Nordsee hatten. Und eine entscheidende Hochseeschlacht sollte ja auch gerade den U-Bootskrieg unnötig machen, sollte den Krieg einem raschen Ende entgegenführen.
Ich will uns durch diese Betrachtungen nicht die Freude an unserem Teilsieg über die englische Flotte vor dem Skagerrak verderben. Aber diesem Sieg ist es ergangen, wie letzten Endes jedem einzelnen unserer Siege zu Wasser und zu Lande: Den Endsieg hat er dem deutschen Volke nicht erzwingen können. Aber er wirkte damals auf die Flotte wie ein Stahlbad, gab dem deutschen Volke neue Kraft und Vertrauen auf die Zukunft und hat viel zum Ansehen des deutschen Volkes beigetragen. Für England war es ein böser Tag, als wir 10000 englische Seeleute zusammen mit den stolzesten englischen Schiffen auf den Grund des Meeres sandten, während nur wenig mehr als 2000 deutsche Seeleute ihr Leben unter der siegreichen Flagge hinzugeben brauchten.
Der in einem Sonderabdruck der „Fremden Presse“ des Nachrichtenbureaus des Reichsmarineamtes abgedruckte Auszug aus den Aufsätzen Churchills im „London Magazine“ (Herbst 1916) ist im Anhang beigefügt. Ebenso ein Gedicht „Derfflinger am Skagerrak“ von Conrad Müller, das unmittelbar nach der Schlacht unter dem Eindruck persönlicher Schilderung von „Derfflinger“-Mannschaften entstanden ist.
Ich schließe meine Erzählungen von dem größten Tag zur See, den wir Deutsche erlebt haben, mit dem Wunsche, daß mein Büchlein und der Aufsatz Churchills für manchen Deutschen die Veranlassung sein möge, sich weiter Klarheit darüber zu verschaffen, welchen ungeheuren Einfluß die Seeherrschaft auf die Weltgeschichte gehabt hat und auch in Zukunft stets haben wird. Und ich spreche die Hoffnung aus, daß sich in kommenden Jahren noch mancher Deutsche, stolz darauf Deutscher und Seemann zu sein, wird Seewind um die Nase pfeifen lassen!
Wohl sind wir ein armes Volk geworden. Wohl sind wir in unserer nationalen Ehre schwer gedemütigt worden. Aber den Mut zu neuen Taten wollen wir uns deswegen nicht nehmen lassen. Denken wir an das Wort:
Geld verloren — Nichts verloren!
Ehre verloren — Viel verloren!
Mut verloren — Alles verloren!
Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.