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| Athanasius (295-373) - Gegen die Heiden (Contra Gentes)

29.
Doch auch noch auf einem anderen Wege könnte man ihnen ihre Gottlosigkeit beweisen, wenn man die Wahrheit gelten läßt. Wenn nämlich Gott unkörperlich ist, unsichtbar und unberührbar von Natur, wie können sie sich da Gott körperlich denken und göttliche Ehre zollen Dingen, die man mit dem Auge sieht, mit der Hand berührt? Wenn man sodann recht behält mit der Behauptung, daß Gott allmächtig ist und nichts ihn in Gewalt hat, vielmehr er alles in Gewalt hat und Herr ist, warum sehen die Vergötterer der Schöpfung nicht ein, daß sie mit einer solchen Definition von Gott nichts zu tun hat? Ist nämlich die Sonne unterhalb der Erde, so tritt die Erde als dunkler Punkt vor das Licht, so daß man es nicht sieht; den Mond aber [S. 574] verbirgt bei Tag die Sonne mit ihrer Lichtflut. Die Früchte der Erde schädigt oft der Hagel; das Feuer seinerseits erlischt, wenn eine Wasserflut darüber kommt. Den Winter verdrängt der Frühling, dem Frühling aber gebietet der Sommer Halt, und ihm steckt wieder der Herbst seine feste Grenzlinie ab. Wären sie nun Götter, dann dürften sie sich nicht gegenseitig besiegen und verdrängen lassen, sondern müßten immer untereinander zusammen sich vertragen und gleichzeitig die gemeinsamen Energien entfalten. Es müßte bei Tag und Nacht die Sonne zugleich mit dem Mond und dem übrigen Chor der Gestirne das gleiche Licht haben, und dieses müßte allen leuchten, und alles müßte von ihnen erhellt werden. Es müßten gleichzeitig Sommer, Winter, Frühling, Herbst ohne Wechsel und zu derselben Zeit bestehen. Es müßte das Meer mit den Quellen sich vermengen und den Menschen einen gemeinsamen Trank reichen. Im gleichen Moment müßte Windstille und Sturmesbrausen herrschen. Feuer und Wasser müßten den Menschen zu einem und demselben Gebrauch dienlich sein. Auch hätte niemand von ihnen etwas zu fürchten, da sie ja nach Ansicht jener Götter sind und darum nichts zum Schaden, vielmehr alles zu Nutz und Frommen tun. Da aber dies wegen ihres inneren Gegensatzes nicht möglich ist, wie kann man dann diese Dinge, die zueinander im Gegensatze und Kampfe stehen und nicht miteinander bestehen können, noch Götter nennen oder mit göttlicher Verehrung ihnen huldigen? Wie könnten Wesen, die mit sich selbst von Natur in Disharmonie stehen, anderen auf ihre Bitten hin den Frieden verleihen und ihnen Wächter der Eintracht werden? Demnach ist natürlich weder die Sonne noch der Mond noch irgendein anderer Teil der Schöpfung, und noch viel weniger sind die aus Steinen und Gold und anderen Stoffen gefertigten Bildwerke, noch auch die von den Dichtern in Mythen gepriesenen Götter, Zeus und Apollo und die anderen, in Wirklichkeit Götter, wie die Erörterung ergab. Vielmehr sind die einen von ihnen Teile der Schöpfung, die anderen sind leblose Gegenstände, und wieder andere sind nur sterbliche Menschen gewesen. Daher ist auch ihre Verehrung und [S. 575] Vergötterung nicht ein Weg zur wahren Gottesverehrung, sondern ein Weg zum Atheismus und jeglicher Gottlosigkeit und ein Beweis einer großen Abirrung von der Erkenntnis des einzigen und allein wahren Gottes, nämlich des Vaters Christi. Nachdem nun auf diesem Weg bewiesen und gezeigt worden, daß der Götzendienst der Heiden aller Gottlosigkeit voll und nicht zu Frommen, sondern zum Untergang des menschlichen Lebens eingeführt worden ist, wohlan, so wollen wir nach der Widerlegung des Irrtums, wie wir versprochen haben1, den Weg der Wahrheit weisen und betrachten den Lenker und Schöpfer des Weltalls, den Logos des Vaters, damit wir durch ihn auch Gott seinen Vater erkennen und die Heiden zur Einsicht kommen, wie weit sie selbst von der Wahrheit abgerückt sind.
1: In c. 1 gegen Schluß.