Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03475.jsonl.gz/1331

Das Devon House in der Via dei Palazzi ist die erste Station auf unserem Rundgang. Erbaut 1863 nach den Plänen des italienischen Architekten Giovanni Sottovia (1827-1892) für Pietro Pozzi, einem Emigranten, der als Zuckerbäcker in Porto zu grossem Reichtum gelangte, kam das Haus 1908 in Besitz der Familie Semadeni, einer weiteren Emigrantenfamilie, die in Ilfracombe in der südwestenglischen Grafschaft Devon ein erfolgreiches Kaffeehaus betrieben hat.
Der schmucke Palazzo hat es Wolfgang Hildesheimer und seiner Frau sofort angetan:
“Natürlich haben wir uns noch nicht ganz dazu entschlossen, aber wir nehmen jetzt mit dem Besitzer Verhandlungen auf. Schliesslich riskieren wir ja nichts, wenn wir sie [i.e. die Wohnung] - wenn auch zunächst nur für einige Monate - ausprobieren. .... Jedenfalls stehen wir jetzt im Kontakt, nicht nur mit dem Hausbesitzer (ein sehr angenehmer junger Mann, der in England geboren ist), sondern auch mit dem Drogeriebesitzer, der der Vorsitzende des Verkehrsvereins ist und sich unseren Plänen gegenüber sehr aufgeschlossen zeigte.” (1)
Wolfgang Hildesheimer und seine Frau lebten von 1957 bis 1961 im Hochparterre des Devon House. Das Haus spielt eine wichtige Rolle in Wolfgang Hildesheimers Prosawerk Tynset, für das er mit dem Büchnerpreis und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Bei dem Buch handelt es sich um die monologisierenden Betrachtungen eines Ich-Erzählers in einer schlaflosen Nacht. Nicht nur die Lebensumstände des Erzählers erinnern stark an Hildesheimer, auch das Haus, in dem sich der Ich-Erzähler bewegt, ist klar vom Devon House inspiriert. Wer das Vorbild für seine sehr fromme aber trunksüchtige Haushälterin Celestina ist, verraten wir hier nicht.
“Für den Gang durch das Haus ist es noch zu früh, das kommt später wenn ich später noch immer nicht schlafen kann. Ich spare, ich schiebe meine nächtlichen Handlungen vor mir her. Später also werde ich aufstehen und durch das Haus gehen.
Ich steh nachts mehrmals auf und gehe mindestens einmal durch das Haus, ich durchquere das grosse hölzerne Zimmer nebenan, in dem nichts ist als eine grosse angespeicherte Pause und ab und zu das hölzerne Geräusch und das Plätschern eines Brunnens, gehe durch die Bibliothek, bei deren Bücherwänden ich mich aufhalte oder nicht, betrete das steinerne Treppenhaus ...
... und in den hinteren Schuppen, den zyklopischen Raum, wo im Sommer und im Herbst die Gewürzkräuter zum Trocknen hängen, Hier riecht es gut. Ich steige hinauf zum Fernrohr oder nicht, verlasse den Schuppen, betrete die Küche oder nicht, gehe die Treppe hinauf, ich sehe in die vier Zimmer im ersten Stock, in deren einem mein ungeheuerliches Sommerbett steht.
Hier schlafe ich im Sommer, erhöht, erhaben und luftig, in einer von Holz eingefassten, vor Stille rauschenden Leere, hier also ist der Ausgangspunkt meiner sommernächtlichen Gänge, im Winter verweile ich hier selten, meist suche ich mir ein anderes Zimmer aus, eines das voller Gegenstände steckt, und steige die Treppe wieder hinab. Höher hinauf gehe ich niemals, nicht nachts.... weil es ganz oben nur noch ein einziges Zimmer gibt, das ist Celestinas Kammer, die betrete ich nicht. Von unten höre ich darinnen ihr Schnarchen, oder ich höre nichts, das bedeutet, dass sie vor einer Flasche Rotwein sitzt oder mit ihr im Bett liegt und trinkt. Oder ich höre sie murmeln, das bedeutet, dass sie betet.”
Quellen:
(1) Brief an die Mutter, August 1956.
(2) Tynset, Frankfurt am Main, 1965, S. 19ff.
Devon House (Station 1 Rundgang Hildesheimer)