Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/151

Vorgeschichte
George Platt Lynes, der berühmte US Fotograf und seine Beziehung zum KREIS
1952 erschien der erste Fotoband des KREIS. Eine Anregung dazu ging wohl auf George Platt Lynes zurück, der eine Möglichkeit suchte, um seine Aktstudien und sonstigen Aufnahmen von jungen Männern zu publizieren. In den USA der McCarthy-Ära war das undenkbar. Später entstand das zusätzliche Projekt einer vom KREIS herausgegebenen Gesamtschau seines diesbezüglichen Werkes in Buchform.
Konkreteres erwähnte der 1993 erschienene Bildband "George Platt Lynes - Photographien aus der Sammlung des Kinsey Institute" mit einem Aufsatz von James Crump, "Ikonographie des Begehrens: George Platt Lynes und visuelle Schwulenkultur im New York der Nachkriegszeit". Daraus unter anderem1:
"Wenn auch die Belege spärlich sind, so gibt es doch Gründe für die Annahme, dass das Wüten von Joseph McCarthy in den fünfziger Jahren Lynes' Karriere empfindlich beeinträchtigt hat. [...] Es erübrigt sich zu sagen, dass die Darstellung männlicher Akte nicht gerade von der Allgemeinheit gewürdigt wurde. Und wenn auch McCarthy die Künstlergemeinde nicht direkt bedrohte, so wurde von seinen Attacken gegen Schwule [...] doch die visuelle Kunst bedroht, an der auch Lynes aktiv teilhatte.
Glenway Wescott notierte 1954 in sein Tagebuch: 'Das McCarthy Getue brennt nach wie vor allen auf den Nägeln und bringt unausweichlich eine gewisse Anti-Homosexualität mit sich.' [...] Zumindest muss sich Lynes über die politischen Konsequenzen seiner reichen homoerotischen Bilderproduktion im klaren gewesen sein.
Jack Woody hat als erster auf die Tatsache hingewiesen, dass Lynes seine männlichen Akte dem in der Schweiz erscheinenden Magazin Der Kreis unter dem Pseudonym Roberto Rolf anbot. Dieser Vorgang zeigt ebenfalls, wie weit Lynes zu gehen bereit war, um seine Arbeiten zu veröffentlichen. Die Tatsache, dass die ersten Bilder, die Lynes dem Magazin Der Kreis überliess, ohne Verwendung des Pseudonyms veröffentlicht wurden, ist jedoch recht seltsam.
[...] Was diesen Sachverhalt kompliziert, ist die Tatsache, dass Lynes [...] nach einer Möglichkeit suchte, seine männlichen Akte in Buchform zu publizieren. Gegen Ende seines Lebens war Lynes mit Karl Meier und dem Magazin Der Kreis in Gespräche eingetreten, um [...] einen solchen Band zu produzieren.
Das Projekt mit dem Titel American Beauty wurde niemals realisiert. Im letzten Jahr seines Lebens schrieb Lynes an den Verleger: 'Ich bin mir darüber im klaren, dass es ursprünglich meine Idee gewesen ist, dass DER KREIS einen Fotoband mit meinen Akten herausbringt, und ich habe meine Meinung darüber auch nicht geändert, dass es sich als interessantes und einträgliches Unternehmen erweisen würde. Gegenwärtig muss das Projekt jedoch aus persönlichen Gründen aufgegeben werden.'
In der Folgezeit wurde bei Lynes die Diagnose Krebs gestellt und sein Zustand verschlimmerte sich. [...]"
Das Pseudonym Roberto Rolf erscheint im Kreis erst im Dezember 1951; es könnte sein, dass Lynes die Gefahr, die von McCarthy ausging, erst 1951 zu erkennen begann. Senator McCarthy, der seit 1950 den Vorsitz des berüchtigten Untersuchungsausschusses (Komitee für unamerikanische Umtriebe) inne hatte, musste diesen 1954 abgeben, er starb 1957. Lynes starb am 12. Dezember 1955.
Ernst Ostertag, Mai 2005
Quellenverweise
- 1
Der Hinweis auf dieses Buch und den zitierten Artikel stammt von Beat Frischknecht. Der Fotoband erschien bei Schirmer/Mosel, 1993, München/Paris/London.