Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/1081

Ökonom Paul Donovan erklärt, wie sich ein Euro-Austritt von Frankreich auf Guthaben bei deutschen Banken auswirken würde.
Der Zerfall von Währungsunionen ist äusserst selten. Es ist ein wirtschaftlich, sozial und politisch traumatischer Prozess – schmerzhafter als der Zusammenbruch eines festen Wechselkursregimes.
Ich glaube daher nicht, dass der Euro auseinanderbrechen wird. Sollte dies aber doch geschehen, wären Euro-Barmittel oder Bankeinlagen in Deutschland wohl kein so sicherer Hafen, wie manche Anleger glauben.
Kapitalbewegungen lösen im Krisenfall ...
Bricht eine Währungsunion auseinander, liegt das in erster Linie an Bank-Runs, nicht an den Politikern. Wann immer im 20. Jahrhundert eine Währungsunion zerbrach, waren zuvor massive Kapitalbewegungen zu beobachten. Gelder flossen in diejenige Volkswirtschaft, die Anleger für die stärkste hielten.
So floss nach dem Scheitern der Währungsunion Österreich-Ungarn in den 1920er Jahren das Geld nach Ungarn. In der Krise in den Vereinigten Staaten im Jahr 1932 wurden Gelder nach New York transferiert. Nach der Teilung der Tschechoslowakei 1993 strömte Geld in die Tschechische Republik. Sollte der Euro auseinanderbrechen, würde das Kapital höchstwahrscheinlich in Richtung Deutschland fliessen.
Barmittel in ein Land mit starker Wirtschaft zu verschieben, scheint ein logischer Schritt zu sein. Wenn Personen in Frankreich befürchten, das Land könnte in der Zukunft aus dem Euro aussteigen und der französische Franc eine schwache Währung sein, dann ist es für diese Personen sinnvoll, bei ihren Banken ihr Geld in Euro abzuheben, solange sie dies noch tun können.
Sie könnten das Geld als physische Barmittel aufbewahren – in der Überzeugung, dass ein Euro in der Hand mehr Wert ist als ein Franc auf der Bank. Oder sie könnten ihre Gelder einer deutschen Bank anvertrauen, weil sie annehmen, dass sie – ungeachtet dessen, ob sie in der Zukunft Euro oder D-Mark erhalten – eine Währung bekommen, die mehr wert ist als der französische Franc.
... Inflation im Destinationsland aus ...
Bei einem «Frexit» würde also aller Wahrscheinlichkeit nach viel Geld nach Deutschland fliessen. Würden nach diesen Zuflüssen alle Euro-Bestände in Deutschland in D-Mark umgetauscht, würden sie Ansprüche auf deutsche Waren und Dienstleistungen darstellen (genau das ist die Funktion von Geld). Die Ansprüche auf die deutsche Produktion würden wachsen, die deutsche Produktion selbst bliebe aber unverändert.
Anders ausgedrückt: Die deutsche Geldmenge würde im Verhältnis zum deutschen BIP explodieren. Das Ungleichgewicht würde für eine spürbare Inflation sorgen. Es wäre dann, als hätten die Deutschen über Nacht enorme Geldmengen gedruckt. Im Jahr 1923 wurden in Deutschland tatsächlich Unmengen von Geld gedruckt. Es endete nicht gut.
Sollte Deutschland nicht bereit sein, die Inflation zu akzeptieren, müssten die Entscheidungsträger die Menge an D-Mark in der Wirtschaft reduzieren. Das haben die Entscheidungsträger fast immer getan, wenn in der Vergangenheit eine Währungsunion auseinanderbrach.
... was nach Gegenmassnahmen ruft
Die deutsche Regierung könnte etwa französische Besitzer von Euros in Deutschland zwingen, ihre Barmittel in Francs zu erhalten. Oder sie könnte beschliessen, nur eine begrenzte Anzahl Euro in D-Mark umzuwechseln (zum Beispiel zehntausend Euro pro Person). Jeder Betrag darüber könnte zwangsweise in Anleihen investiert oder zu einem unvorteilhaften Kurs umgewechselt werden. Beide Vorgehensweisen waren üblich, wenn in der Vergangenheit eine Währungsunion auseinanderbrach.
Eine möglicherweise beliebte Art und Weise, die D-Mark-Menge nach dem Zerfall einer Währungsunion zu reduzieren, wäre, zwischen in- und ausländischen Besitzern von Barmitteln zu unterscheiden. Inländische Euro-Besitzer könnten beispielsweise eine D-Mark für einen Euro erhalten, Ausländer hingegen eine D-Mark für drei Euro.
Genau dies geschah bei der deutschen Währungsvereinigung im Jahr 1990. Inländische Ostmark-Besitzer erhielten eine D-Mark je Ostmark (bis zu einer bestimmten Obergrenze). Ausländer hingegen bekamen eine D-Mark gegen drei Ostmark. Dadurch wurde der Inflationseffekt verringert, der durch den Umtausch von Ostmark in D-Mark resultierte.
Die Frage für ausländische Anleger ist also nicht, wie stark oder schwach die D-Mark wäre, falls der Euro auseinanderbricht. Sie müssen sich fragen, welche Art von Geld sie für ihre bei deutschen Banken gehaltenen Euros eigentlich bekommen würden.
Der Euro wird wahrscheinlich nicht auseinanderbrechen. Gleichwohl sind Barbestände in D-Mark keine sichere Wertanlage, sollte der Euro zerfallen.