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Am Samstagmorgen, 27. Januar 2024, erteilte Thomas Schmid, Vorstandsmitglied des OVBL, in der Muttenzer Kirche St. Arbogast einen anschaulichen, vergnüglichen und lehrreichen Weiterbildungskurs über den Musiker und Komponisten Friedrich Wilhelm Komponisten Zachow (1663-1712). Wer daran teilnahm, bekam einen nuancenreichen Überblick über das Oeuvre dieses bedeutenden Lehrers von Georg Friedrich Händel. Händel selbst bezeugte Zachow zeitlebens grosse Wertschätzung und liess dessen Witwe mehrmals eine finanzielle Unterstützung zukommen.
Thomas Schmid begann sein Komponistenporträt mit einem Lied aus dem Freylinghausen’schen Gesangbuch aus Halle, das wegweisend wurde für Generationen von evangelischen Kirchengesangbüchern. Friedrich Wilhelm Zachow wurde 1684 – als Einundzwanzigjähriger – zum Organisten der Marienkirche von Halle gewählt. Zu diesem Amt gehörte auch die Leitung der Stadtmusikanten sowie mehrere Chöre der Stadt. Dabei kam Zachow in Berührung mit dem Pietismus, denn in Halle wirkte der gleichaltrige einflussreiche Aufklärer und Pietist August Hermann Francke (1663-1727), dessen philanthropische Stiftungen heute noch bestehen. Francke gewann in Deutschland als Kritiker der Lutherischen Orthodoxie grosse Ausstrahlungskraft. In Halle kam Zachow aber nicht nur mit den neuesten Tendenzen der evangelischen Lehre in Kontakt, sondern auch mit musikalischen Werken des Mystikers, Dichters und Komponisten Johannes Scheffler, der 1653 zum Katholizismus konvertierte, den Namen Angelus Silesius annahm, unter dem er heute bekannt ist, und die Gegenreformation in Schlesien hinfort mit kämpferischen Schriften unterstütze. So erlebte Zachow in Halle eine Verschmelzung katholischer und pietistisch-evangelischer Konzepte und Klangvorlieben, was seine Kompositionsweise beeinflusste.
Mit Musikbeispielen, Liedzitaten sowie erhellenden eigenen Kommentaren illustrierte Thomas Schmid F.W. Zachows Verbundenheit mit der pietistischen Geisteswelt Halles im Zeitalter der Aufklärung. Der Grundtenor der Lieder ist tröstlich, vollzieht sich das Göttliche doch nach pietistischer Auffassung (auch) im eigenen Herzen bzw. in der eigenen Seele. In Zachows Pfingstkantate (mit Oboe, Violinen und Gesang) wird dies ganz deutlich. Hörbar sind aber auch Gestaltungsvorlieben des Barocks: so etwa die Kombination krasser verbaler und ideologischer Gegensätze (wenn beispielsweise die Erhängung eines Protagonisten – des neapolitanischen Aufrührers und Volkshelden Masaniello – erwähnt wird und gleich danach der Verkauf eines Daumens des Hingerichteten durch ein Kind…). Bei Zachow dominieren musikalisch aber nicht Gegensatzstrukturen, sondern liebliche Klangfolgen und versöhnlich klingende Melodien, wobei häufig Halbtonschritte (aufwärts und abwärts) wie Perlenschnüre eingebaut werden. Bitteres wird lieblich dargeboten; bei diesem Komponisten dominiert nicht das Grauen, sondern die tröstliche Verheissung. Dabei erweist sich Zachow auch als ein Meister des «stile antico», der von der Renaissance übernommenen älteren Kompositionspräferenzen. So bevorzugt er beispielsweise unter Verzicht auf Dissonanzen eine harmonische Melodik.
Anhand der Choralbearbeitung «Quoniam tu solus sanctus» illustrierte Thomas Schmid, dass es bei Zachow häufig Taktverschiebungen gibt. Auch beim jungen Händel konnte er solche Verschiebungen feststellen. Einige solche Verschiebungen sind irritierend, wenn man von einem exakt gleichbleibenden Rhythmus und den damals sonst respektierten Regeln ausgeht. Wie ist konstruktiv damit umzugehen? Schmid plädiert bei solchen metrisch irregulären Passagen für ein fliessend-leichtes Spiel, wobei nicht stur im Takt zu akzentuieren sei. So klingen auch solche Passagen lieblich und mild. Dass bei Zachow die klangliche Lieblichkeit ein Hauptcharakteristikum ist, zeigt sich auch beim Vergleich seiner Choralbearbeitung von «Christ, unser Herr, zum Jordan kam» mit der von Johann Sebastian Bach (BWV 685): Bei Bach wirkt die Kompositionsweise strenger und wie abgezirkelt, bei Zachow melodiös fliessend.
Auf der grossen Kirchenorgel von Neidhart-Lhôte (1975) bot Thomas Schmid eines der grösseren Orgelwerke Zachows dar: Präludium und Fuge in G-Dur (LV 58). Dieses Werk würde sich gut als festliches Ausgangsspiel eignen, evoziert es doch durch die vielfache Wiederholung aufgelöster Akkorde Klangfontänen und -kaskaden, die Freude ausstrahlen und wachrufen können.
Zum Abschluss des Intensivkurses über Zachow lud Thomas Schmid zu einem Konzert an seinem Cembalo, das im Beinhaus neben der Kirche von St. Arbogast untergebracht ist. Dort herrscht eine freundliche Atmosphäre wie im Interieur eines Bürgerhauses auf niederländischen Gemälden des «Goldenen [17.] Jahrhunderts». Auf dem prachtvoll dekorierten Cembalo bot Schmid eine der Suiten Zachows dar. Zur Zeit des Pietismus sah man ein Problem darin, dass Suiten, die ja aus einer Folge von Tanzsätzen bestehen, allzu weltlich klingen könnten. Zachow umschiffte diese Gefahr, indem er seinen Kompositionen Nuancenreichtum und Tiefe verlieh. Thomas Schmid spielte die Sätze so, als wären Johann Jakob Froberger und Georg Böhm – süddeutsche wie auch norddeutsche Impulse – vorbildhaft für diese Komposition gewesen: kunstvoll, beziehungsreich, voll diskreter Noblesse und dabei zutiefst berührend. Den denkwürdigen Weiterbildungskurs beendete er, indem er eine längere Reihe reich verzierter Variationen Zachows über «Alle (Menschen) müssen sterben» darbot. Hier wurde hörbar, in welch hohem Masse der (in der barocken Kunst allgegenwärtige) Gedanke an den Tod auch die Kompositionen Zachows mitgeprägt hat.
Heidy Margrit Müller