Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/419

An den sogenannten Sechstagekrieg mögen sich ältere Semester noch erinnern, jüngere haben davon mindestens schon gehört. Israel führte vom 5. bis 10. Juni 1967 einen Präventivschlag gegen die umliegenden arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien und besetzte dabei den Gazastreifen, die Halbinsel Sinai, das Westjordanland, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem. Der damalige Verteidigungsminister Mosche Dajan – sein Markenzeichen war das stets verbundene linke Auge, siehe Bild oben – trug mit seinem lockeren Auftreten viel dazu bei, dass Israel weltweit für seinen gewaltigen Erfolg seiner Armee bewundert wurde.
Vom Präventivschlag zur Dauerbesetzung
Was politisch allerdings klar war: Die mit einem Präventivschlag und anschliessenden Bodenkämpfen eroberten und besetzten Gebiete waren damit nicht einfach in den Besitz Israels übergegangen. Bereits im Herbst des gleichen Jahres waren dieser Krieg und dessen Folgen auch in der UNO ein Thema. Der Sicherheitsrat erliess am 22. November, also heute vor 50 Jahren, die Resolution 242, mit der Israel aufgefordert wurde, das besetzte Gebiet den Bewohnern zurückzugeben und für einen Frieden zu sorgen. Israel allerdings dachte nie und denkt bis heute nicht daran, das zu tun. Im Gegenteil. Bereits leben über 600’000 Israelis in Siedlungen, die in den besetzten Gebieten erstellt wurden, und täglich werden es mehr. Und gerade im letzten Frühling wieder hat Netanyahu den Bau einer völlig neuen Siedlung nördlich der Palästinenserstadt Ramallah angekündigt, obwohl er noch im Dezember 2016 vom UNO Sicherheitsrat – ohne ein Veto der USA! – dazu aufgefordert wurde, den Siedlungsbau endlich vollständig zu stoppen. Man kann aber auch die bald täglich erscheinenden Vorträge und Kommentare des BESA Center für Strategische Studien, einem Insititut der Bar-Ilan Universität in Ramat Gan in Israel, lesen, um zu sehen, wie die führenden Strategen in Israel heute denken und argumentieren.
Propaganda versus Geschichte
Georg Kreis, der bekannte emeritierte Basler Professor für Neuere Allgemeine Geschichte, hat vor Kurzem in der Basler TagesWoche einen lesenswerten Beitrag zum Sechstagekrieg und über seine Auswirkungen bis zum heutigen Tag geschrieben. Der Artikel kann hier nachgelesen werden. Ein anderer Basler Akademiker, der emeritierte Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Uni Basel, Ekkehard W. Stegemann, hat sich hingegen für einen ganz anderen Weg entschieden: Er gehört zu den Gründern der Audiatur-Stiftung und ist bis heute deren Stiftungspräsident. Die von dieser Stiftung betriebene Website Audiatur-online arbeitet eng mit dem US-amerikanischen, von jüdischer Seite finanzierten Think Tank Gatestone zusammen (Infosperber berichtete). Gatestone fördert in 17 verschiedenen Sprachen jede Art von Islamophobie – zu deutsch: Hass gegen Muslime. Und in dieser Woche, 50 Jahre nach der UNO Resolution 242, behauptet Gatestone – und mit Gatestone eben auch wieder Audiatur-online – dass die Palästinenser illegal israelischen Boden besetzen. Das ist dann allerdings nicht Geschichte, das ist reine und massive Propaganda einer finanzstarken Israel-Lobby.
Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichtswissenschaft die Propaganda überlebt – in Sachen Sechstagekrieg wie auch generell in Sachen Israel. Zu Optimismus besteht allerdings kein Anlass.
Die Geschichte Israels – auf die Landkarte projiziert.
Kleiner Nachtrag:
Die Argumentation von Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann in den heute, 22. November 2017, eingegangenen Kommentaren zum obenstehenden Artikel lässt es sinnvoll erscheinen, darauf hinzuweisen, dass es gerade auch in jüdischen Kreisen harte Kritik an der israelischen Siedlungspolitik gibt, in den USA, aber auch in Europa und anderswo. Wir erlauben uns, einige hier zu erwähnen:
In Israel selber die Tageszeitung Haaretz. Ihre englische Ausgabe kann als Epaper auch abonniert werden. Sehr informativ, auch zu anderen Themen.
In den USA gibt es den kostenlosen täglichen Newsletter Mondoweiss, der die Politik Netanyahus unaufhörlich sehr scharf kritisiert.
Eine andere kritische Stimme in den USA ist zum Beispiel die Organisation Jewish Voice for Peace, ebenfalls mit einem kostenlosen Newsletter.
In Deutschland gibt es zum Beispiel die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.
Auch in der Schweiz gibt es die «Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina», die ebenfalls in unregelmässigen Abständen informative Newsletters verschickt, zu abonnieren unter <email-pii>.
Bei dieser Gelegenheit sei auch darauf hingewiesen, dass die Organisation Café Palestine für Sonntag, 26. November 2017, zu einem Referat des jüdischen Verlegers Abraham Melzer einlädt. Melzer wird dort sein neues Buch «Die Antisemitenmacher: Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert» vorstellen.