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Turku und Tallinn
Dass die EU pro Jahr 400 Millionen Euro für Kultur bereitstellt, ist eine Sache, das Entstehen von kulturellen Schwerpunkten aber eine völlig andere. Und es ist nicht einzusehen, warum die Kulturminister der EU Kulturhauptstädte küren.
Mit der Schnellfähre aus Helsinki erreicht man Tallinn in anderthalb Stunden. Die 80 Kilometer über den finnischen Meerbusen befährt das Schiff im Winter durch eine schmale Rinne, die von Eisbrechern freigehalten wird. Wenn man sich Estland nähert, erhebt sich über der weissen Eisfläche eine mittelalterliche Burganlage wie aus dem Bilderbuch. Das ist Tallinns Domberg, mit der orthodoxen Kirche und den festungsartigen Gebäuden, in denen heute das estnische Parlament tagt. Einige bevorzugte Botschafter residieren zudem auf der Burganlage, die umgeben ist von der Altstadt mit ihren hohen Mauern und Wehrtürmen. Die Begegnung ist so unwirklich, dass man sich in einen Film versetzt fühlt.
Erst verboten, dann ausgezeichnet
Sieht das nicht aus wie die Stadt Nowgorod und die Bilder vom zugefrorenen Peipussee aus dem Film „Alexander Newski“ von Sergej Eisenstein? Der Film thematisiert die Schlacht von 1242 auf dem zugefrorenen See, der per Autobus nur zwei Stunden von Tallinn entfernt ist. Damals soll der Fürst von Nowgorod mit seinen Bojaren auf dem zugefrorenen See das Heer der Deutschritter besiegt und damit das deutsche Vordringen nach Osten gestoppt haben. Der Peipussee blieb tatsächlich über Jahrhunderte eine Schranke zwischen West und Ost. Er trennt auch heute Estland von Russland.
Der 1938 entstandene Film von Eisenstein feiert nicht zufällig den russischen Sieg. Die Deutschritter haben Hakenkreuze auf ihren Kostümen und verkörpern Gefahr und Fremdherrschaft. Pikanterweise wurde Eisensteins Werk 1939 schon nach den ersten Aufführungen verboten, weil die Sowjetunion inzwischen mit dem Deutschen Reich den Molotow-Ribbentrop-Vertrag über die Aufteilung Polens und des Baltikums geschlossen hatte, der neben den baltischen Staaten auch Finnland zum Interessengebiet Stalins erklärte. Der Film wurde 1941 nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wieder freigegeben und mit dem Stalinpreis ausgezeichnet.
Gönnerhaftigkeit reicher Vettern
Der Domberg soll den Esten schon vor 1000 Jahren als Befestigungsanlage gedient haben. Der Stützpunkt an der Ostsee wurde 1219 von dänischen Kreuzrittern eingenommen. Der Name Tallinn soll von Tanalinn (Burg der Dänen) abgeleitet sein. Später ging die Burg am südlichen Ufer des finnischen Meerbusens für Jahrhunderte an die Deutschritter, dann an Schweden und später an das zaristische Russland. Nach kurzer Unabhängigkeit zwischen den Weltkriegen fiel Estland 1940 an die Rote Armee, dann an die deutsche Wehrmacht und 1944 erneut an Stalin, der daraus eine Sowjetrepublik machte.
Als die Sowjetunion sich 1989 auflöste, griffen die Finnen dem sprachverwandten Estland unter die Arme, um es mit Rat und Investitionen in eine Marktwirtschaft zu verwandeln. Die Gönnerhaftigkeit der reichen Vettern vom nördlichen Ufer der Ostsee ist für die Esten heute oftmals verletzend. Und den trinkfreudigen finnischen Besucherscharen von Domberg und Altstadt ist kaum bewusst, dass hier eine blühende Stadt mit wichtigem Handelsplatz existierte als man in der Gegend von Helsinki noch Bären jagte.
Warum nicht Tartu oder Narva?
Für den Tourismus ist Tallinn eine Sommerattraktion. Leider, denn ab Mai beeinträchtigen die Kreuzfahrtschiffe als schwimmende Hotels den Blick auf Domberg und Altstadt. Die Touristen fluten zu Tausenden durch den historischen Teil, wo sie tagsüber Restaurants und Souvenirgeschäfte und nachts die Bars und anschliessende Rotlichtquartiere beleben. Wer das Gespräch mit kulturell interessierten Esten sucht, kann in zweistündiger Fahrt per Autobus die alte Universitätsstadt Tartu im Süden erreichen.
Wer Russisch kann und drei Stunden im Autobus sitzen mag, gelangt in die östlichste Stadt Narva, wo sich der mittelalterliche Hermannsturm und die massive Festung Iwangorod so trotzig gegenüberstehen, als müssten sie für einen Film den Kontrast zwischen West und Ost symbolisieren. Tallinn als Hauptstadt ist heute ein aus den Nähten platzendes Geschäftszentrum. Domberg und Altstadt sind als Touristenattraktion geduldet. Stolz ist man aber auf Hochhäuser aus Stahl und Glas, die Banken, Hotels und Geschäftssitze beherbergen und zur wirtschaftlichen Dynamik gehören. Diese bestimmen immer mehr die Skyline und beeinträchtigen damit die mittelalterliche Fassade. Trotzdem - oder vielleicht auch wegen der bedrohlichen Einkreisung – wurden Domberg und Altstadt 1997 von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt.
Familiendrama als Bestseller
Jetzt haben die Kulturminister der EU Estlands Hauptstadt für 2011 zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt. Bei Literatur und Theater bildet die von kaum einer Million Menschen beherrschte Sprache eine Barriere. Jaan Kross mit seinen meist historischen Romanen war bisher der einzige übersetzte und im Ausland bekannte Autor. In jüngster Zeit machten Bestseller der zum Teil in Estland aufgewachsenen Finnin Sofi Oksanen Furore. Das finnische Fernsehen brachte ein Theaterstück über Estland als Sowjetrepublik und es erschien ein Buch mit Essays über die unterdrückte estnische Geschichte.
2008 wurde ein Familiendrama zum Bestseller, das die Not von gestern mit den Problemen einer zerstörten Gesellschaft nach der Wende verbindet. Das Buch erschien 2010 unter dem Titel „Fegefeuer“ auf Deutsch. Im Westen bekannt wurde auch der vom deutschen Musikverlag ECM lancierte estnische Komponist Arvo Pärt. Der Musiker befasste sich mit der religiösen Musik in Kaukasien, Russland und Zentralasien und ging 1979 in den Westen, wo er auf John Cage und dem amerikanischen Minimalismus begegnete. Der Komponist gilt als Vermittler zwischen Ost und West. Man hört in Estland aber auch Konzerte, die den Zuhörer weit in den unbekannten Osten versetzen.
Tallinns modernes Kunstmuseum ist eine architektonische Sehenswürdigkeit, kann aber beim Inhalt nicht mit den reichen Museen im Westen konkurrieren. Dafür verfügt es über eine beachtliche Sammlung von Werken des sozialistischen Realismus, die Besucher aus dem Westen interessieren, während die 1989 wieder westlich gewordenen Esten sie lieber im Keller versorgen würden. Das Motto der Kulturhauptstadt 2011 heisst „Geschichten von der Meeresküste“. Da Estland berühmt ist für seine alle fünf Jahre stattfindenden Liederfeste, soll 2011 eine speziell auf junge Leute ausgerichtete Veranstaltung stattfinden. Die estnische Hauptstadt hat also einiges zu bieten. Vilnius, das ebenfalls Kulturhauptstadt werden wollte, unterlag laut der Zeitschrift „The Baltic Times“, weil in der litauischen Hauptstadt weniger Flugzeuge landen und keine Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Auszeichnung oder Trostpflaster?
Ist die Kulturhauptstadt überhaupt eine Auszeichnung? Wer die Auswahl von jährlich mindestens zwei Kulturhauptstädten durch die EU-Kulturminister verfolgt, stösst auf eine Mischung von Kulturförderung und Gönnerlaune. Nach den Bestimmungen sollten die Mitgliederländer der EU in alphabetischer Reihenfolge berücksichtigt werden und müssen ihrerseits immer wieder andere Städte vorschlagen. 2010 war Istanbul eine europäische Kulturhauptstadt. Man wählte die kulturell bedeutsame Stadt vielleicht aus, um zu betonen, dass die EU-Mitgliedschaft keine Vorbedingung sei. Vielleicht sollte die Auswahl auch einen Trost darstellen für eine Türkei, die als EU-Kandidat seit Jahrzehnten auf der Wartebank sitzt. Für Deutschland wurde Essen als Hauptstadt des kulturell experimentierfreudigen Ruhrgebiets berücksichtigt. Als Aschenbrödel erscheint die kleine südungarische Stadt Pecs, die organisatorisch so in Bedrängnis geriet, dass die speziell für den Anlass erstellte Konzerthalle auch im Dezember 2010 noch nicht bereit stand.
Auch das für 2011 zur Kulturhauptstadt erhobene finnische Turku liegt hier eher auf der Schattenseite. Es ist die älteste Stadt Finnlands mit der ältesten mittelalterlichen Burg, einem Dom und weiteren alte Bauten. Aber die fünftgrösste finnische Stadt kann sich nicht messen mit der Hauptstadt Helsinki, die 2000 auf dem EU-Podium stand. Sie posierte als kleines St. Petersburg mit der Statue von Zar Alexander II auf dem Senatsplatz und den hier vom deutsch-finnischen Architekten Carl Ludwig Engel (1779-1840) errichteten klassizistischen Bauten wie Dom, Senatsgebäude und Universität. Die Hauptstadt betrieb auch im 20. Jahrhundert einen erstaunlichen Aufwand mit der Finlandia Halle des Finnen Alvar Aalto und der modernen Kunsthalle Kiasma des Amerikaners Steven Holl. Turku bleibt gegenüber solchem Glamour um Klassen zurück. Mit 10 Prozent Arbeitslosen steht die Hafenstadt an der Westküste in einer wirtschaftlichen Flaute und auch die Touristen bevorzugen Helsinki. Das Motto „Turku in Flammen“ verweist auf die 30 Grossbrände der Stadt und demonstriert ein wohl ironisch gemeintes Selbstmitleid.
Heikle Korrekturen am Geschichtsbild
Für mich hat die Universitätsstadt Turku eine herausragende kulturelle Bedeutung als geistiges Zentrum der schwedisch sprechenden Minderheit. Die Bewohner der finnischen Hafenstadt, die im Fährverkehr am nächsten bei Stockholm liegt, fühlen sich zwar nicht als Schweden. Da die Kultur aber oftmals der Sprache folgt und nicht der Nationalität, sind Minderheiten in er Regel weltoffener. In Turku ging man immer etwas lockerer um mit der Selbstzensur, die Helsinki gegenüber dem grossen Nachbar Russland verordnete.
Auch heikle Korrekturen am Geschichtsbild kamen mehrmals von der Universität Turku. Ein Beispiel ist die Einstufung des schweizstämmigen Generals Karl Lennart Oesch. Der Sohn einer aus dem Emmental eingewanderten Käserfamilie spielte als General im Sommer 1944 eine herausragende Rolle. Ihm wurde in einer verzweifelten militärischen Situation das Oberkommando übertragen. Dem in Paris ausgebildeten Berufsoffizier gelang bei Tali-Ihantala einen Abwehrerfolg gegen die Rote Armee, der Stalin zum Verzicht auf die Besetzung Finnlands bewegte. Diese militärische Bravourleistung wird offiziell noch immer nicht voll gewürdigt.
Erst 1998 erschien eine Biographie mit dem (hier übersetzten) Titel „Karl Lennart Oesch. Retter von Finnland“. Der General starb 1978 und wurde in Helsinki ohne jede offizielle Ehrung begraben. Amtspersonen reagieren auf Anfrage mit dem ausweichenden Kommentar, die oberste militärische Führung im Zweiten Weltkrieg sei eben noch nicht erforscht. In Wirklichkeit geht es darum, das Image von Feldmarschall Mannerheim zu schonen. Der weltweit bekannteste Finne ist zu Hause eine Ikone. Im Zentrum von Helsinki wurde 1960 ein Reiterdenkmal für den Feldherrn errichtet, unter dessen Führung das Land sich im Winterkrieg 1939/40 während 105 Tagen gegen die Rote Armee behauptete. Dass der Feldmarschall im Fortsetzungskrieg eng mit Hitler kooperierte, falsche strategische Entscheide fällte und beim sowjetischen Angriff 1944 kläglich versagte, wird unter den Teppich gewischt.
Die Leistung von Oesch kann man aber nicht beschreiben, ohne die Inkompetenz des damals 77jährigen Feldmarschalls zu berühren. Nur die Universität Turku ignorierte das Tabu. Während im Zentrum von Helsinki 1960 das Reiterdenkmal für Mannerheim eingeweiht wurde, setzte die Universität einen Kontrapunkt und verlieh Karl Lennart Oesch den Ehrendoktor für seine inzwischen auch von den Historikern anerkannte militärische Leistung.
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