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Unter allen Pianisten des letzten Jahrhunderts nimmt György Cziffra eine Sonderstellung ein. Bis heute gilt er als ein Gemisch aus Hexenmeister und Scharlatan. Zweifellos hatte er die schnellsten Finger, welche die Welt bis heute je gesehen hatte. Sein musikalischer Geschmack hatte aber Höhen und Tiefen, obschon seine Klangfarbenpalette sehr reich war. Viele Fachkritiker sahen und sehen bei ihm eine bis zur Perversion fehlgeleitete Könnerschaft und wussten nie so recht, wie man seine extravaganten Interpretationen einordnen kann.
Den Schlüssel zu seiner Person und Musik findet sich in seiner Biographie.
Die ausgezeichnete Biographie bei Wikipedia erfinde ich nicht nochmals neu, sie ist nach Cziffras Autobiographie nacherzählt. Da es sich wirklich um einen sehr guten Artikel handelt, empfehle ich die Lektüre dringend.
Zu ergänzen wäre, dass der in den 50er Jahren professionelle Jazz- Barpianist Cziffra überraschend die Chance auf einen Karrierestart mit Bartoks 2. Klavierkonzert bekam und dies in 3 Monaten lernen musste. Zufällig habe ich das auch im Repertoire, es ist das schwerste Werk der gesamten Klavierliteratur. Wie er dies bewältigte – als eigentlich fast untrainierter Improvisateur – ist schlicht unglaublich. In seiner Autobiographie berichtet der Pianist von seinem verzweifelten Kampf: Plötzlich musste er ein klassischer Musiker werden; für den Stilwechsel hatte er nur ein halbes Jahr Zeit… Gleichzeitig erhielt er ein Angebot, mit einer Jazz-Gruppe eine Tournee zu unternehmen. Zu unserem Glück entschied er sich für den für ihn unbequemeren Weg.
Ist kaum zu glauben, oder?! Insbesondere wenn man bedenkt, dass Cziffra nahezu fünf Kriegsjahre an der Front pausieren musste. In der russischen Gefangenschaft kratzte er sich mit einem Stein eine Klaviatur an die Gefängniswand und übte darauf im Stehen…
Eines seiner zufälligen militärischen Musikengagements als Pianist während des Krieges (er konnte seine alten Fähigkeiten in wenigen Tagen wieder abrufen) zerstörte er peinlich durch einen Alkoholexzess. Dies hinterliess nach seiner eigenen Aussage ein Trauma, welches ihn noch jahrelang begleiten sollte.
Trotzdem soff sich Cziffra nach dem ungeklärten (Suizid?!) Todesfall seines Sohnes buchstäblich in den Tod. Dem Alkohol konnte er erst abschwören als es viel zu spät war.
Hier seine letzte Aufnahmesitzung. Er ist von der Krebserkrankung schwer gezeichnet, die Finger aber funktionieren immer noch tadellos.
Mozart, Beethoven und Chopin waren am Beginn seiner klassischen Karriere zunächst fast unlösbare Rätsel. Seine besonderen Fähigkeiten zeigten sich am besten in der Musik von Franz Liszt.
Liszt!
Die ungarischen Rhapsodien, die Etudes, der erste Mephistowalzer. Diese Musik war wie geschaffen für einen Freigeist, der über die schnellsten Finger und eine nie dagewesene Freiheit im Ausdruck verfügte. Im Laufe der Jahre eignete er sich auch die „strengen“ Kompositionen von Liszt an. Die h-moll Sonate, die Années, die Legenden konnte er später durchaus notengetreu mit der immer noch selben Leidenschaft präsentieren. Wenn es aber um typisch ungarische, Zigeunermusik-inspirierte Stücke handelte, so spielte er stets wild und frei – wie zu seiner besten Pianobar-Zeit.
Im Teil II werde ich das Repertoire von Cziffra – von Couperin bis Ravel – untersuchen.
JJS 23.02.2014