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Würde er wieder in eine Richtung weisen? Oder würde er – wie letztes Jahr – eine gewisse Verwirrung spüren lassen? Der jährliche Aktionärsbrief von Warren Buffett wird in der Finanzwelt stets mit Spannung erwartet: Fans wie Kritiker erhoffen sich Hinweise auf die Entwicklung der Märkte.
Erstens: Warren Buffetts Glaube an die Aktie (und damit insbesondere an die amerikanische Aktie) ist ungebrochen.
Zweitens: Die Entwicklung, welche die Obligationen in den letzten Jahren hinlegten, ist eine fundamentale Warnung. «Bonds are not the place to be these days.»
«Trostlose Zukunft»
Das Orakel von Omaha rechnet vor, dass die Einnahmen aus der 10-Jährigen US-Bundesobligation – also dem Klassiker – seit 1981 um 94 Prozent gefallen sind: Damals erhielt man eine Rendite von 15,5 Prozent, heute liegt sie bei 0,93 Prozent. Und in anderen Staaten ist der Zins für Staatsobligationen sogar negativ – das Problem betrifft Billionen von Dollar.
Buffetts Fazit: «Fixed-Income-Investoren weltweit – ob Pensionskassen, Versicherungen, Unternehmen oder Pensionäre – stehen vor einer trostlosen Zukunft.»
«Riskante Anleihen sind nicht die Antwort auf unzureichende Zinssätze.»Warren Buffett
Warren Buffett warnt nun vor dem naheliegenden Ausweg: nämlich das Geld zu unsichereren Kreditnehmern zu verlagern (die dann etwas höhere Zinsen bezahlen). «Riskante Anleihen sind nicht die Antwort auf unzureichende Zinssätze.» Vor drei Jahrzehnten zerstörte sich die einst mächtige Spar- und Kredit-Branche selber, erinnert Buffett an die schwere Bankenkrise der 1980er – «teilweise, weil sie diese Maxime ignoriert hatte».
Der Besitz von Aktien sei eigentlich ein Positivsummen-Spiel, für das man nicht viel Verstand benötige. Ein geduldiger Affe, der mit dem Wurf von 50 Dart-Pfeilen auf ein Brett mit den Namen aller S&P-500-Aktien wirft, werde sich über die Zeit an Dividenden und Kapitalgewinnen freuen können. Und zwar «so lange, wie er nicht in die Versuchung gerät, seine ursprüngliche Auswahl zu verändern.»
Peanuts sind für Affen
Um sich derart ein Vermögen aufzubauen, benötige man Zeit, innere Ruhe, eine breite Streuung der Anlagen und eine Minimierung der Transaktionen beziehungsweise der entsprechenden Gebühren. «Weiterhin gilt, dass Anleger niemals vergessen sollten, dass ihre Ausgaben die Einnahmen der Wall Street sind. Und im Gegensatz zu meinem Affen arbeiten die Leute an der Wall Street nicht für Peanuts.»
Bezeichnend vielleicht, dass Warren Buffett in seinem Überblick mit keinem Wort auf Phänomene wie Bitcoin, Gamestop und die anderen Meme-Aktien oder den Boom bei Tesla & Co. eingeht (Vor wenigen Tagen hatte allerdings sein Vize und Compagnon Charlie Munger, 97, vor Kryptowährungen wie auch vor Spekulationsaktien gewarnt: Das sei wie bei Pferdewetten.)
Never bet against America!
Warren Buffett selber argumentiert und denkt grösser und grundsätzlicher. In seinem neuen Brief schildert er den Werdegang diverser Beteiligungen aus seinem Konzern – alles Unternehmen, die über 80 Jahre alt sind, die immer noch ihrer Grundidee nachfolgen und bei denen sich der Erfolg stark auf ein simples Prinzip zurückführen läst: dass es um den Kunden geht, nichts sonst.
Buffett wäre schliesslich nicht Buffett, wenn er nicht in derselben Adlerperspektive sein Land als Basis dieser Art von Unternehmen rühmen würde. «In seiner kurzen, 232-jährigen Existenz gab es keinen anderen Inkubator zur Entfesselung menschlichen Potentials wie Amerika.» Und weiter: «Trotz einiger schwerer Unterbrüche war der ökonomische Fortschritt unseres Landes atemberaubend. Unsere unerschütterliche Folgerung: Wette nie gegen Amerika.»
Mit diesem Satz hatte Buffett schon an der Berkshire-Generalversammlung im Mai 2020, inmitten der ärgsten Corona-Krise, an Zuversicht und den Fortschrittsglauben appelliert.
(rap)