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Zusammenfassung
Kaum eine andere politische Zielvorstellung weckte nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Hoffnungen und Erwartungen wie die von einem vereinigten Europa. Die Idee, supranational stabile Sicherheitsstrukturen sowie ausbaufähige wirtschaftliche und politische Rahmenbedingen zu entwickeln, liess bereits in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre zahlreiche Vereinigungen unter ihnen die Union européenne des Fédéralistes und der Mouvement socialiste pour les Etats unis de l¹Europe die Bildung eines «Koordinationsausschusses der Bewegungen für die Einheit Europas» in Angriff nehmen. Dieser verabschiedete im Mai 1948 in Den Haag eine Resolution, in der für die Staaten Europas die Notwendigkeit betont wurde, «einen Teil ihrer Souveränitätsrechte zu übertragen und zu verschmelzen, um gemeinsames politisches und wirtschaftliches Handeln zur Ergänzung und geeigneten Entwicklung ihrer gemeinsamen Hilfsquellen sicherzustellen» (Europa-Archiv 1948, 1443f). Diese Einmütigkeit konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich nicht darauf einigte, wie dies konkret zu bewerkstelligen sei. Die Debatte zwischen den Befürwortern einer europäischen Bundesregierung und den Verfechtern einer dauerhaften und engen Zusammenarbeit ohne eigenständige europäische Autorität führte lediglich zur Kompromissformel «Schaffung einer Föderation oder Union».
Diese schon zu Beginn des europäischen Einigungsprozesses sich abzeichnenden Differenzen prägten die Europakonzeptionen und Diskussionen bis heute. In jeder Phase standen den Bemühungen, die Integration auf der Grundlage einer möglichst intensiven zwischenstaatlichen Zusammenarbeit in allen gesellschaftlichen Teilbereichen voranzutreiben (Funktionalismus), Bestrebungen gegenüber, den Einigungsprozess durch die Schaffung überstaatlicher Einrichtungen vor allem im politischen und militärischen Bereich zu beschleunigen (Konstitutionalismus).
In der Schweiz wertete man diese Auseinandersetzungen nur in den wenigsten Fällen als Beleg dafür, dass gerade auch die permanente Wechselwirkung zwischen funktionalistisch und konstitutionalistisch orientierten Zielvorstellungen den Einigungsprozess entscheidend vorangetrieben hatten. Vielmehr sah man in ihnen ein Indiz für die Unfähigkeit supranationaler Gemeinschaften, nationalstaatliche Interessen angemessen zu berücksichtigen. Gleichzeitig nahm man diese Einschätzung zum (willkommenen) Anlass, sich einmal mehr als Sonderfall zu definieren. Die Auseinandersetzungen erlaubten es nicht nur, die Qualitäten «schweizerischer» Konsensfindung zu betonen, sondern auch deren «Einzigartigkeit»: «Die EG wird von Bürokraten regiert, die Schweiz vom Volk; dort haben die Grössten das Sagen, hierzulande alle; Brüssel ist ein Moloch, die Schweiz eine Demokratie, und zwar die älteste und beste!»
Diese Art, Selbstbewusstsein zu bilden, erweist sich in doppelter Hinsicht als attraktiv: Zum einen lässt sie in einer Zeit, in der auch «schweizerische», bislang bewährte Konfliktlösungsstrategien zunehmend versagen, die mangelnde Übereinstimmung auf nationalstaatlicher Ebene in den Hintergrund treten. Zum andern verspricht sie neue (trügerische) Möglichkeiten der Konsensbildung. «Wir sind so, wie die andern nicht sind» mit einer solchen Einschätzung wird Selbstbestimmung ausschliesslich zum Ergebnis einer Negativdefinition, Identität zum Produkt von Ablehnung und Abgrenzung.
Das Beschwören «eigener» Qualitäten vor dem Hintergrund der Defizite «anderer» ist gleichermassen bemerkenswert wie zumindest längerfristig wenig erfolgversprechend: bemerkenswert, weil Gemeinsamkeiten zwischen den Auseinandersetzungen auf supranationaler und nationaler Ebene ausser acht gelassen werden; wenig erfolgversprechend, weil verhindert wird, «schweizerische» Entwicklungen als Teil «europäischer» Entwicklungen zu begreifen und «nationale» Identität in einem wechselseitigen Prozess zu definieren.
Es waren solche Überlegungen, die uns veranlasst haben, einen Schwerpunkt «Die Schweiz und ihr Europa Nation, Region, Identität» zu wählen. Ausgehend von der Überzeugung, dass man in den aktuellen Diskussionen Fragen aufgreift, die auch in andern historischen Zusammenhängen von Bedeutung waren, sollen die einzelnen Aspekte aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet werden:
In seinem Übersichtsartikel thematisiert der Historiker Hans Ulrich Jost (Lausanne) in welchem Masse die europäische Dimension den entscheidenden Kontext der schweizerischen Geschichte gebildet hat und bildet. Er geht davon aus, dass nationale Geschichte den Einzelfall und das Besondere in unzulässiger Weise auf Kosten übergreifender Räume und Strukturen bevorzugt und plädiert «Pour une histoire européenne de la Suisse».
Der Politologe Martin Zbinden (Lausanne) stellt die «Unterschiede in der Perzeption der europäischen Integration zwischen der Deutschschweiz und der Romandie» in den Mittelpunkt und geht der Frage nach, welche europapolitischen Erfahrungen und kulturellen Bezüge für die Erklärung der verschiedenen Einstellungen herangezogen werden können. Der Politologe Alexander Kreher und der Völkerrechtler Philippe Weber-Panariello (beide Zürich) skizzieren in ihrem Artikel «Gedanken zum Demokratiedefizit der Europäischen Union» die Problembereiche der europäischen Demokratiediskussion aus schweizerischer Sicht und analysieren die darin zum Ausdruck kommenden Modellvorstellungen. Beide Beiträge widmen sich also Fragen, die in den letzten Jahren ausgesprochen kontrovers diskutiert worden sind. Der Politologe Ruedi Epple-Gass (Liestal) thematisiert in seinem Beitrag «ÐDreyecklandð oder ÐZukunftsraum Regioð: Zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Region Basel» die wirtschaftliche und politische Verflechtung in der Region Basel und stellt vier Beispiele grenzüberschreitender Zusammenarbeit der neuen sozialen Bewegungen dar. Er greift damit die Kritik am Modell vom grossräumigen «Supranationalismus» auf und stellt diesem ein Modell des kleinräumigen «Supraregionalismus» entgegen.
Der Historiker Hansjörg Siegenthaler (Zürich) geht in seinem Artikel «Supranationalität, Nationalismus und regionale Autonomie: Erfahrungen des schweizerischen Bundesstaates Perspektiven der Europäischen Gemeinschaft» der Frage nach, inwiefern der schweizerische Bundesstaat im Prozess seiner Entstehung die historisch gewachsenen Gliedstaaten als kleine «Nationen» supranational überdacht oder auf neuer Ebene zur schweizerischen «Nation» verschmolzen hat. Gleichzeitig thematisiert er, auf welche Weise schweizerischer «Nationalismus» zur Konstitution und Kohärenz des Gesamtstaates beigetragen sowie den Charakter regionaler Autonomie beeinflusst hat. Seine Ausführungen machen deutlich, dass die «nationalen» Problemstellungen des 19. Jahrhunderts und die «supranationalen» des 20. Jahrhunderts in verschiedener Hinsicht ähnlich sind. Der Historiker Sandro Guzzi (Bern) stellt Integrationsprozesse aus der Geschichte des Südalpenraumes im 18. Jahrhundert in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Unter dem Titel «Kleine Heimat, grosser Raum Überlegungen zu politischer Integration und lokalem Widerstand aus historischer Sicht» schält er strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Entwicklungen von damals und heute heraus und macht darauf aufmerksam, dass die Einbindung in einen grösseren Raum bereits zur Zeit der Helvetik auf Widerstand stiess.
Der Historiker Martin Leuenberger (Basel) fragt in seinen Ausführungen «Ehrenbürger oder ÐFremde Hündð?», wie Fremde im Kanton Basel-Landschaft während des 19. Jahrhunderts wahrgenommen und beurteilt wurden. Anhand zweier ungleicher Personengruppen der 1848er Emigranten und der französischen Juden zeigt er, dass «Fremdsein» und «Fremdheit» letztlich soziokulturelle Konstrukte sind. Der Historiker Claudius Sieber-Lehmann (Basel) greift in seinem Vergleich «Die Eidgenossenschaft 1479 und Europa am Ende des 20. Jahrhunderts» zwei höchst unterschiedliche Europabilder auf und geht dabei der Frage nach, an welchen visuellen Repräsentationen und geometrischen Formen sich Vorstellungen von Ländern und Erdteilen orientieren. Beide Beiträge illustrieren, dass Abgrenzung nicht nur ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist.
Den Abschluss bilden die Ausführungen der Philologin Renate Müller (Basel). Sie thematisiert in ihrem Beitrag «Europa in der Antike: Mythos und Toponym» anhand frühester Belege aus der griechischen und römischen Antike, woher der Begriff «Europa» stammt bzw. welche möglichen Bedeutungen dieser damals hatte.
Simone Chiquet, Albert Schnyder