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Das Sanctuarium Artis Elisarion in Minusio
Die Aufbruchstimmung verschiedener neureligiöser Gruppierungen kulminierte um 1900 in meist utopischen Architektur-Entwürfen, welche nicht nur eine Ablösung von der institutionalisierten Kirche bildhaft darstellen sollten, sondern auch die Funktion hatten neue Andachtsrituale kollektiv erlebbar zu machen.
Zahlreiche Tempel-Entwürfe entstanden – umgesetzt und erhalten sind jedoch lediglich vier davon: So befindet sich in Dornach das Goetheanum Rudolf Steiners, in der Nähe Jeesteburgs die Kunststätte Bossard, in Minusio das Sanctuarium Artis Elisarion und auf dem Walenstadtberg das Paxmal, zu dem aber keine neureligiösen Theorien bekannt sind.
Nachdem die Pläne eine «Heilige Burg» des Klarismus in Eisenach zu errichten, 1926 gescheitert waren, wurde das Sanctuarium d’Arte in Minusio, das zur gleichen Zeit errichtet wurde, zur zentralen Kultstätte. Diese wurde 1939 mit dem Rundbau erweitert.
Die Fassade des Gebäudes spielt geschickt mit damals aktuellen Tempel-Entwürfen, mit italienischer Baptisterien-Architektur der Renaissance, jedoch auch mit palermitanischer Palastarchitektur. Somit ist bereits das Äussere ein äusserst schützenswertes Dokument europäischer Kulturgeschichte.
Vom Bahnhof aus kommend, war der Besuch des Sanctuariums als Wallfahrt geplant. Erst im Inneren öffnete sich im Eingangsbereich eine kultische Begehungsstruktur. Diese spiegelte weitestgehend Inhalte des klaristischen Glaubens wieder, führte dann im Sinne zeitgemässer Parzival-Inszenierungen durch eine beengte «Gruftbrücke», um daraufhin im lichtdurchfluteten Endbau, dem Ausstellungsort der «Klarwelt der Seligen» zu enden.
Das Elisarion nach dem Tod von Eduard von Mayer
In seinem Testament (1960) hinterliess Eduard von Mayer das Sanctuarium Artis Elisarion samt Inhalt dem Kanton Tessin und das Grundstück der Gemeinde Minusio, unter der Auflage, den Garten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erst 1968, nachdem der Kanton die Schenkung ausgeschlagen hatte, entschloss sich die Gemeinde zur Akzeptanz der Schenkung.
Rita Fenacci, die seit 1960 die Vize-Direktorin der Associazione Santuario d'Arte Elisarion war und die Aufgabe hatte, sowohl das Gebäude als auch das gesamte Inventar in den Besitz der öffentlichen Hand zu überführen, wurde 1970 ein modifizierter Schenkungsvertrag unterbreitet. In diesem verpflichtete sich die Gemeinde zu notwendigen Renovierungen des Gebäudes, das öffentlich zugänglich gehalten werden sollte und darüber hinaus für «kulturelle Zwecke» genutzt werden musste. Das Gebäude sollte weiterhin den Namen Elisarion behalten und die «Klarwelt der Seligen» sollte über einen eigenen Eingang zu besichtigen sein.
Im Erdgeschoss sollte das Material, das zum Verständnis des malerischen und philosophischen Werkes notwendig ist, in einem Schrank aufbewahrt werden, während die Gemälde, die Urnen mit der Asche Elisàr von Kupffers und Eduard von Mayers und die Gartenanlage, sowie Andenken an die Familien im Gebäude verbleiben mussten.
Nach einer Phase der Unentschlossenheit und des Zerfalls, wurde das Gebäude trotz heftiger Proteste verschiedener Kulturhistoriker in den späten Siebziger Jahren durch Umbaumassnahmen weitgehend zerstört. Die Fremdheit des verschlüsselten Werkes und eine latente Homophobie im Umgang mit dem Nachlass zweier Männer mögen die Motivation gewesen sein.
Der Nachlass befindet sich heute an verschiedenen Orten der Gemeinde. Die meisten der heute noch existierenden Gemälde, Fragmente der ehemaligen Bibliothek, der literarische Nachlass befinden sich in einem Raum des ehemaligen Weihebaus. Eine vollständige Inventarisierung steht aus.
Dank Harald Szeemann konnte das monumentale Rundgemälde «Die Klarwelt der Seligen» vor der Zerstörung bewahrt werden. Seit zwei Jahrzehnten wird es unter provisorischen Bedingungen auf dem Monte Verità ausgestellt.
1981 wurde nach benannten Umbauten das Centro Culturale Elisarion eröffnet. Sein Programm hat sich kulturellen Aufgaben der Gemeinde Minusio verpflichtet.
Im Gegensatz zum Goetheanum und der Kunststätte Bossard wird im Elisarion nur periphär seiner ursprünglichen Bestimmung und seiner Gründer gedacht.