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Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie, der «Swiss Association for the Study of the Liver» und Hepatitis Schweiz.
Hintergrund
Seit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 bis Anfang Juli dieses Jahres sind über 58 000 Menschen aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Neben der humanitären Hilfe hat auch die medizinische Versorgung der Schutzsuchenden Priorität. Mit dem Schutzstatus S erhalten in der Schweiz registrierte ukrainische Staatsangehörige eine Krankenversicherung.
Aufgrund mangelnder Ressourcen ist die an sich kostenlose medizinische Versorgung in der Ukraine eingeschränkt [1]. Schon vor Kriegsbeginn hatte das Land im europäischen Vergleich – neben überdurchschnittlich vielen Fällen von multiresistenter Tuberkulose – hohe Prävalenzen von Hepatitis B und C sowie HIV-Infektionen. Die Schweizerischen Gesellschaften für Infektiologie (SGINF) und Hepatologie (SASL) haben deshalb zusammen mit Hepatitis Schweiz beschlossen, Empfehlungen zum Testen von Hepatitis B und C sowie HIV-Infektionen für Geflüchtete aus der Ukraine zu verfassen. Diese Empfehlungen zum Vorgehen bei Erwachsenen richten sich an alle Ärztinnen und Ärzte, die sich an der medizinischen Versorgung von Ukrainerinnen und Ukrainern beteiligen, sei es in der Grundversorgung oder in einer Spezialdisziplin, ambulant oder stationär. Für Kinder aus der Ukraine wird auf die spezifischen pädiatrischen Empfehlungen verwiesen [2].
Epidemiologische Situation in der Ukraine
Hepatitis C
Die Ukraine weist eine geschätzte HCV-RNA-Prävalenz von 3% auf [3]. Es wird angenommen, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer ihren Hepatitis-C-Status nicht kennen. Die Behandlungsrate ist tief [4]. Es existiert kein routinemässiges Screening von schwangeren Frauen [2].
Hepatitis B
Die Prävalenz von chronischer Hepatitis B, nachgewiesen durch das HBs-Antigen, wird für die Ukraine auf 1% geschätzt [3]. Mit einer Hepatitis-B-Impfrate bei Kleinkindern von 80,9% liegt die Ukraine im europäischen Vergleich im hinteren Bereich [5], allerdings noch vor der Schweiz.
HIV-Infektion
Die HIV-Inzidenz in der Ukraine ist mit 37,5/100 000/Jahr die zweithöchste in Europa [6]. Die HIV-Prävalenz in der ukrainischen Allgemeinbevölkerung wird auf 1% geschätzt, mit deutlich höheren Werten in gewissen Subpopulationen wie Menschen mit intravenösem Drogenkonsum (22,5%), Sexarbeiterinnen (5,2%) und Männer, die Sex mit Männern haben (7,5%) [7]. Im Jahr 2019 erhielten 80% der Personen, bei denen eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde, eine antiretrovirale Therapie [7].
Screening
Ein Screening bezieht sich auf ein allgemeines Testangebot für alle Mitglieder einer Population, unabhängig von Risikofaktoren. Dies steht im Gegensatz zu einem risikobasierten Screening. Für Virushepatitiden empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Anwendung einer Screening-Strategie in denjenigen Populationen, in denen die Prävalenz 2% oder mehr beträgt [8, 9].
Für HIV wird ein Screening bei Flüchtlingspopulationen aus Ländern empfohlen, in denen die Prävalenz 1% oder mehr beträgt [10].
Basierend auf diesen Vorgaben sowie den Empfehlungen des «European Centre for Disease Prevention and Control» (ECDC) [4, 10] soll allen Schutzsuchenden aus der Ukraine frei von Diskriminierung folgende Testung angeboten werden (sofern nicht bereits ein aktuelles Testresultat vorliegt):
Neu entdeckte respektive unbehandelte Infektionen
Schutzsuchenden mit neu entdeckter oder noch unbehandelter Hepatitis-B- oder -C- oder HIV-Infektion muss eine weiterführende Abklärung und Therapie angeboten werden.
Laufende Therapien
Werden Schutzsuchende wegen einer HIV-Infektion oder wegen Hepatitis B oder C behandelt, ist unbedingt darauf zu achten, dass die Therapie in der Schweiz lückenlos fortgesetzt wird. Es empfiehlt sich, diese Personen in eine infektiologische respektive hepatologische Sprechstunde in einem Spital oder in einer Praxis zuzuweisen oder dort Rücksprache zu halten.
Impfungen
Der Schweizerische Impfplan gilt generell auch für Schutzsuchende aus der Ukraine. Es sind insbesondere auch die Empfehlungen hinsichtlich einer Hepatitis-B-Impfung zu beachten. Eine Hepatitis-B-Impfung bei Erwachsenen ist indiziert, falls eine entsprechende Exposition vorhanden ist und keine Immunität nach durchgemachter Infektion oder bereits erfolgter Impfung dokumentiert ist.
Es ist der Autorenschaft ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass neben den Schutzsuchenden aus der Ukraine alle Menschen mit Migrationshintergrund aus entsprechenden Hochprävalenzländern auf die hier erwähnten Krankheiten sowie auf andere Infektionskrankheiten getestet werden und entsprechend weitergehende Abklärungen und Behandlungen eingeleitet werden sollen [9, 11, 12].
Die Artikel in der Rubrik «Richtlinien» geben nicht unbedingt die Ansicht der SMF-Redaktion wieder. Die Inhalte unterstehen der redaktionellen Verantwortung der unterzeichnenden Fachgesellschaft bzw. Arbeitsgruppe; die vorliegenden-Empfehlungen wurden von der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie (SGINF), der «Swiss Association for the Study of the Liver» (SASL) sowie Hepatitis Schweiz gutgeheissen, für welche die aufgeführten Autoren stellvertretend stehen und entscheidend zur Entstehung der Empfehlungen beigetragen haben.
Disclosure Statement
PB hat deklariert, Projekt- und Reisezuschüsse von Abbvie und Gilead erhalten zu haben. CS hat angegeben, projektbezogene Zuschüsse (an die Institution) von Abbvie, Gilead sowie dem Bundesamt für Gesundheit erhalten zu haben, ausserdem Vortragshonorare und Reiseunterstützung von Gilead sowie die Teilnahme an einem Advisory Board von Abbvie. DS hat deklariert, an Advisory Boards von Gilead, Roche und Bayer teilgenommen zu haben; zudem ist er Präsident der «Swiss Association for the Study of the Liver» und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gastroenterology.
Korrespondenz
PD Dr. med. Philip Bruggmann
Hepatitis Schweiz
Schützengasse 31
CH-8001 Zürich
Literatur
1 Loboda A, Smiyan O, Popov S, Petrashenko V, Zaitsev I, Redko O, et al. Child health care system in Ukraine. Turk Pediatri Ars. 2020;55 Suppl 1:98–104.
2 Jaeger FN, Berger C, Buettcher M, Depallens S, Heininger U, Heller Y, et al. Paediatric refugees from Ukraine: guidance for health care providers. Swiss Med Wkly. 2022;152(21–22).