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Die Dissertation befasst sich mit Fragen der sozialen Mobilität und sozialen Ungleichheit im Zuge der Entstehung und weiteren Entwicklung der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule HWV sowie deren Aufwertung zur Hochschule für Wirtschaft in der Schweiz im Zeitraum von 1950 bis in die Gegenwart. Damit beschäftigt sich das Projekt mit einem Forschungsbereich, der bisher in der Schweiz nur wenig Beachtung fand, obwohl er von grosser Bedeutung für die heutige Wissensgesellschaft ist, in welcher soziale Ungleichheit ein Thema darstellt, das immer stärker ins öffentliche Interesse rückt. Geschichtliche Untersuchungen fehlen sogar ganz. Gerade diese können aber - indem sie auch den historischen Kontext angemessen berücksichtigen - sichtbar machen, inwiefern standes- sowie sozialpolitische Mobilitätserwartungen der Berufsverbände und staatlichen Akteure erfüllt werden, die mit institutionellen Ausdifferenzierungen im ausseruniversitären Hochschulbereich verbunden worden sind. Sie können zeigen, inwiefern die Fachhochschulen tatsächlich einen Beitrag zur Chancengleichheit leisten oder ob sich im Laufe der Jahrzehnte lediglich die ungleiche Chancenstruktur auf ein höheres Bildungsniveau verschoben hat. Damit verbunden ist die Frage, ob Fachhochschulen im Vergleich zu den universitären Hochschulen tatsächlich "gleichwertig aber andersartig" sind oder eher "gleichartig aber ungleichwertig", indem sich durch die Expansion des Hochschulbereichs auf der Ebene des älteren Elitebildungssystems (universitäre Hochschulen) ein Massenbildungssystem etablierte, in welchem die Fachhochschulen eine Ventilfunktion übernehmen, indem Bildungswillige aus tieferen sozialen Schichten davon abgelenkt werden, ein Studium auf universitärem Hochschulniveau zu ergreifen und damit Eliten weiter privilegiert werden.
Die Dissertation geht diesen Fragen in der Analyse der ausseruniversitären Hochschulentwicklung im Bereich Wirtschaft in der Schweiz nach. Dabei sollen Ursachen und Mechanismen sichtbar gemacht werden, welche die Chancengleichheit und damit die soziale Mobilität fördern oder zur Aufrechterhaltung der Sozialstruktur beitragen. Ein besonderes Augenmerk soll hierbei geschlechtsspezifischen Aspekten zukommen.
Der theoretische Schwerpunkt liegt auf zwei zentralen Konzepten der Soziologie Pierre Bourdieus: dem Feld- und dem Habituskonzept. Während das Habituskonzept bei den Akteuren ansetzt und deren Dispositionen erklärt, bezieht sich das Feldkonzept auf die sozialen Strukturen und soll die Positionierung von Akteuren und Akteursgruppen im sozialen Raum erklären. Als Scharnier zwischen den beiden Seiten sozialer Realität - Feldern und Habitus - fungieren die Kapitalien (ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital). Zur Analyse wird der Untersuchungszeitraum in drei Entwicklungsphasen der HWV resp. Hochschulen für Wirtschaft aufgeteilt. Für jede dieser drei Entwicklungsphasen werden folgende drei Untersuchungsschritte vorgenommen: Zunächst werden die hier bedeutsamen historischen Prozesse beschrieben. Sodann werden im Subfeld der kaufmännisch- betriebswirtschaftlichen Bildung die feldspezifischen Spielregeln sowie die massgebenden Akteursgruppen mit ihren spezifischen Kapitalien und Interessen in Bezug auf die jeweilige Entwicklungsphase der HWV resp. Hochschulen für Wirtschaft analysiert. In einem dritten Schritt wird der Habitus von Absolventinnen und Absolventen der HWV resp. Hochschule für Wirtschaft beschrieben. Danach werden die Ergebnisse der drei Entwicklungsphasen zusammengeführt und Wandel sowie Konstanz über die Jahrzehnte aufgezeigt.
Da bezüglich sozialer Mobilität die "klassischen" Quellen dünn gesät sind, werden diese durch forschungsproduzierte Quellen ergänzt. Dazu wurde eine schriftliche Befragungbei zwei der ältesten Gesellschaften von Absolventen der HWV und Hochschule für Wirtschaft durchgeführt. Hinzu kommen narrative Interviews, die mit Absolventen und Absolventinnen geführt werden, welche bereits an der schriftlichen Befragung teilgenommen haben sowie Experteninterviews. Die Erschliessung des komplexen Datenmaterials erfordert einen Methodenmix. Die schriftlichen Quellen und die Interviews werden mit hermeneutischen Verfahren ausgewertet und interpretiert und mit empirisch erhobenen und statistisch ausgewerteten Daten ergänzt.
Die jüngst etablierten Hochschulen für Wirtschaft stellen eine Systemdifferenzierung im Bereich des nachobligatorischen Bildungswesens dar. Die Universitäten, aber auch die Berufs- und Höheren Fachprüfungen erhalten durch den Neuling Konkurrenz. Etablierte Zuordnungsverhältnisse zwischen formaler Qualifikation und Berufsposition werden herausgefordert.
Der wissenschaftliche Gewinn der Dissertation ist, das Verständnis von Mobilitätseffekten formaler Qualifikationsmöglichkeiten zu vertiefen, indem es die Institutionenbildung und die Positionierung eines neuen Qualifikationstypus im bereits bestehenden Bildungswesen rekonstruiert. Das bessere Verständnis bezieht sich zum einen auf das Konkurrenzverhältnis im Rahmen der Tertiärausbildungen, zum andern auf die schicht- und geschlechtsspezifischen Mobilitätseffekte.
Zudem wird durch das Projekt das Verhältnis von bildungspolitischer Absicht und Effekten thematisierbar: Stehen die Fachhochschulen tatsächlich ebenbürtig an der Seite der universitären Hochschulen oder haben sie kürzere Spiesse? Leisten die Fachhochschulen einen Beitrag zu einer chancengleicheren Bildungsbeteiligung? Damit liefert die Dissertation Entscheidungsgrundlagen hinsichtlich Steuerungsmassnahmen für mehr Chancengleichheit im Schweizerischen Bildungssystem.