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Als Gerson Govea Rodriguez die Liebe seines Lebens traf, hatte er sich gerade dem Tod geweiht. Vorher, sagt Gerson, habe er nie Glück gehabt mit den Frauen. Sie hätten ihn gemieden. Wegen der langen Haare und der Tätowierungen, weil er mit den Leuten aus dem Aids-Sanatorium rumhing. Die müsse man nur anfassen, um sich anzustecken, hiess es.
Und nun war da diese Frau. Yohandra Cardoso Casas. Sein Kumpel hatte gesagt: «Yohandra hört Rock, wie du. Sie ist verrückt, wie du. Und sie hat Aids, wie du jetzt.» Was er nicht gesagt hatte: wie schön sie war. AC/DC dröhnte aus den Boxen. Gersons und Yohandras erster gemeinsamer Tanz.
15 Jahre ist das her. Wenn Gerson heute mit Yohandra tanzen will, muss er sich zu ihrem Rollstuhl hinunterbeugen. Es ist elf Uhr morgens, Gerson hat eine Kassette in den Rekorder gesteckt, Punkrock dröhnt aus den selbstgebauten Boxen. Mit nacktem Oberkörper steht er vor Yohandra. Seine Rippenknochen verformen die Tätowierungen auf seiner Brust. Er bückt sich, Yohandra umfasst seine Hände, dann tanzen sie. «Asquerosa canción de amor» heisst das Lied, das Gerson aufgelegt hat: «Ekelhaftes Liebeslied». Wäre die Musik nicht so laut, man würde Yohandras Rollstuhl quietschen hören.
«Viele wussten nicht, dass Aids tödlich ist. Und viele haben gehofft, dass es bald ein Medikament gibt.»
Pinar del Río ist eine Provinz im Westen Kubas. Hügelige Tabakfelder, bunte Kolonialhäuschen, davor Oldtimer. Das ehemalige Aids-Sanatorium steht ein paar Kilometer ausserhalb der Provinzhauptstadt, die ebenfalls Pinar del Río heisst. Ein Feldweg geht von der Landstrasse ab, er endet vor einem zweistöckigen Flachbau. Rund um das Hauptgebäude stehen einstöckige Häuschen. Hier wohnten früher die Patienten. Yohandra und Gerson sind die Letzten, die übrig sind. Sie wollen nicht weg, um keinen Preis. «Wer soll sonst unsere Geschichte erzählen?»
Gerson ist in Pinar del Río aufgewachsen. Seine Eltern waren Zeugen Jehovas. Sie erzogen ihren Sohn dazu, an Gott zu glauben, nicht an die Partei. Im Kuba der frühen achtziger Jahre war das ein Problem. In der Schule sangen Gersons Kameraden die Hymne, sie schworen den Eid auf die Fahne, doch Gerson blieb stumm. Jedes Mal, allen Blicken und Fragen zum Trotz. Gab es eine Geburtstagsfeier, wurde er nicht eingeladen. Wurde ein Ausflug geplant, sagte man ihm nichts. «Natürlich litt ich darunter», sagt Gerson. «Alle waren bei den Pionieren und im Zeltlager. Ich hatte eine Bibel unterm Arm und musste mit meinem Vater in der Nachbarschaft predigen.»
Gefahr für die Gesellschaft
Dann entdeckte Gerson Los Frikis, «die Freaks». Jugendliche mit langen Haaren und engen Jeans, die Black Sabbath, AC/DC oder Judas Priest hörten, Hardrockbands vom Klassenfeind. Die Lieder wurden im Radio nicht gespielt, die Alben konnte man nicht kaufen. Doch wenn man an die Küste im Norden fuhr und lange genug am Frequenzrad drehte, hörte man die Songs auf US-Sendern. Dann musste man nur noch auf «Record» drücken.
Auch in Pinar del Río gab es Frikis, fünfzig allein in Gersons Viertel. Zum ersten Mal sah er sie im Park. Sie tanzten, tranken und lachten und wirkten so frei, als ob keine Regeln für sie gälten. Und ihre Musik! Gerson erinnert sich an den ersten Song, «The Final Countdown» von Europe. Bald kannte er die Namen der Bands, er besorgte sich enge Hosen und schwarze T-Shirts, und immer öfter sass er im Park bei den Frikis.
Die Polizei nannte sie «eine Gefahr für die Gesellschaft», sie wurden regelmässig kontrolliert. Wenn man Glück hatte, wollten die Polizisten nur die Ausweise sehen. Meist musste man aber mit auf die Wache, eine Nacht, ein paar Tage. Dann fragten die Polizisten, warum man nicht arbeitete, wieso man so komisch aussehe und so lange Haare habe. Wenn man richtig Pech hatte, holten sie einen Rasierer und schickten einen zur Armee. Bald lernte Gerson wegzulaufen, sobald er einen Streifenwagen sah. Aber er war glücklich. Er war nicht mehr allein.
Metallica statt Salsa
Warum sie sich damals nie begegnet sind, fragt Yohandra sich bis heute. Schicksal vielleicht. Sie war 14, als ihr zum ersten Mal auf der Strasse die Frikis auffielen. Sie mochte die Musik und die langen Haare der Jungs, die engen Hosen, die Armreife und Ohrringe. «Häng nicht mit uns rum», sagten sie zu ihr. «Du bist zu jung, und unser Leben ist schwer.» Für Yohandra machte das die Sache nur interessanter.
Yohandra ging in den Park zu den Frikis, auf Partys, Musik hören, tanzen. «Ich habe mich damals gefühlt, als wäre ich endlich in meiner eigenen Welt. Da, wo ich immer sein wollte.» Sie trug nur noch Schwarz und enge Jeans statt Röcke und bunte Hemden. Und sie hörte Metallica statt Salsa. Der Name der Band ist auf ihren Oberarm tätowiert. Der Name ihrer Mutter dagegen direkt über ihrem Herzen: «Nieves» steht dort. Yohandras Mutter war damals schon krank, immer wieder musste sie in die Psychiatrie. Yohandra wusste, dass die Mutter sich Sorgen um sie machte. Mit 17 hatte Yohandra ihren ersten Freund, einen Friki. Dass er das Virus in sich trug, wusste sie nicht.
Mitte der achtziger Jahre brachten kubanische Soldaten von Auslandseinsätzen in Afrika erstmals HIV auf die Insel. Im Fernsehen war von einer seltsamen Seuche die Rede. Regierung und Ärzte wussten nicht, wie sie mit der Krankheit umgehen sollten. Um eine Ausbreitung zu verhindern, wurden die Infizierten in spezielle Sanatorien gezwungen. Sie durften die Einrichtungen in der Regel nicht verlassen, aber sie bekamen ärztliche Hilfe, warmes Essen und frische Kleidung, und sie mussten nicht arbeiten. Vor allem aber konnten sie ungestraft tun, was sie wollten.
Für viele Frikis klang das wie die Erfüllung ihrer Träume. Aids erschien ihnen nicht als Krankheit, sondern als Heilmittel gegen die Leiden, die ihnen die Gesellschaft zufügte. Das Virus, glaubten sie, war ihre Eintrittskarte in eine bessere Welt, in der niemand bestimmt, was man zu tun hat, und in der die Gesellschaft für einen sorgt, ohne dass man Teil von ihr sein muss.
«Am Ende hat der Arzt gesagt, dass ich diesen Typen ruhig schon früher hätte kennenlernen können.»
So fingen die ersten Frikis an, sich gezielt zu infizieren. «Viele wussten nicht, dass Aids tödlich ist», sagt Yohandra. «Und vielen war das auch egal. Die haben gehofft, dass es sowieso bald ein Medikament gibt.» Die Infizierten reichten ihr Blut an Freunde und deren Freundinnen weiter, manche steckten sich mit Spritzen an, manche beim Sex, viele mit Absicht, manche unwissentlich.
Nach zwei Jahren trennte sich Yohandra von ihrem Freund. Ihrer Mutter ging es schlecht, und Yohandra wollte ihr keine Sorgen bereiten. Sie ging nicht mehr auf Partys und in den Park, sie blieb zu Hause und lernte einen Nachbarsjungen kennen. Er war kein Friki, seine Haare waren Yohandra zu kurz, aber er behandelte sie gut. Sie heirateten, und bald war Yohandra schwanger.
Dann stand der Gesundheitsdirektor des Bezirks vor der Tür. Ihr Name sei auf einer Liste, sagte er. Potenzielle Ansteckung mit HIV. Yohandra verstand nicht, sie sah ihre Mutter an. Aids, erklärte der Gesundheitsdirektor, eine neue Krankheit, Lebenserwartung maximal fünf Jahre. Ihr Ex-Freund habe sich infiziert, er habe ihren Namen genannt, sie müsse einen Test machen. Yohandras Mutter brach zusammen.
Am 5. Dezember 1990 kam das Ergebnis. Positiv. Sie machte einen zweiten Test, positiv. Die Polizei nahm sie mit auf die Wache. Man verhörte sie, immer wieder. Die Polizisten sagten, sie müsse sich scheiden lassen. Die Ärzte sagten, ihr Kind dürfe nicht geboren werden. Sie zwangen Yohandra zur Abtreibung. Sie war im fünften Monat. Noch heute fällt es ihr schwer, darüber zu reden.
Und dann, an einem Montag im Januar 1991, brachte man sie ins Sanatorium. «Damals haben hier etwa dreissig Leute gewohnt», sagt Yohandra. «Und alle waren Frikis.» In den kleinen Bungalows, in denen die Patienten wohnten, hingen Poster, die Wände waren mit Graffiti besprüht. «Die hörten den ganzen Tag Musik, hingen rum, ohne dass sich jemand beschwert hat. Es war komisch, aber ich habe mich wie zu Hause gefühlt.»
Wie ein Ferienlager
Yohandra freundete sich mit ihrer Mitbewohnerin an, auch sie infiziert von ihrem Freund. Sie vermisste ihre Mutter, doch sie genoss das Leben. Viel würde ihr ohnehin nicht mehr davon bleiben, dachte Yohandra. Sie wohnte sechs Monate im Sanatorium, dann musste sie vor Gericht. Der Vorwurf: «Verbreitung einer Seuche», weil sie mit einem gesunden Mann verheiratet war, als sie bereits HIV-positiv war. Yohandras Anwalt forderte Freispruch, der Staatsanwalt zwölf Jahre, am Ende wurden es drei, ohne Bewährung.
Die Polizisten hätten ein bisschen später kommen können. Oder Gerson ein bisschen früher. Aber so besuchte Gerson das Sanatorium zum ersten Mal, als Yohandra schon ins Gefängnis verlegt worden war. Ein Freund hatte Gerson zum Besuch eingeladen, Quintana, und als Gerson im Sanatorium ankam, konnte er kaum glauben, was er sah. «Das hier», sagt Gerson heute, «war wie ein Ferienlager für Frikis!» Sein Freund Quintana spielte in einer Band mit ein paar Patienten. Metamorfosis nannten sie sich, ihr Chef hiess Papo, und Quintana war am Bass. Nur einen Sänger hatte die Band noch nicht. Und weil es im Sanatorium keinen gab, fragten sie Gerson. Er sagte sofort zu.
«Die, die nicht am Virus starben, flohen in die USA.»
Während Yohandra in Haft war, kam Gerson zweimal pro Woche ins Sanatorium. Die Band durfte in einem kleinen Raum proben. Ihre Verstärker waren selbstgebaut, Papo war Elektriker, er hatte sie aus Musikanlagen zusammengelötet. Die USA hatten ihr Handelsembargo gegen Kuba verschärft, alles war knapp, doch Gerson und die anderen schafften es, ein paar russische E-Gitarren zu organisieren, Marke Ural. Wenn ein Schlagzeugfell riss, flickten sie es mit den Folien von Röntgenbildern. Die gab es im Sanatorium genug.
Papo schrieb die Texte von Metamorfosis, «ziemlich krasses Zeug», sagt Gerson heute, Texte gegen die Regierung. Gerson sang die Lieder trotzdem. Er stellte sich vor, wie er auf einer grossen Bühne steht, vor ihm ein Publikum, das nur für ihn gekommen ist.
Dann starb Quintana. Sie stellten einen Kassettenspieler auf seinen Sarg und schütteten Rum ins Grab. Die Band fand einen neuen Bassisten, nach ein paar Monaten konnte er alle Songs, dann starben der Schlagzeuger und auch Papo, der Chef der Band. Es war das Ende der Band und das Ende von Gersons Traum. Immer mehr Freunde verlor Gerson. Und die, die nicht am Virus starben, flohen in die USA.
Gerson versuchte, der Einsamkeit zu entkommen, er ging zum Militär, drei Jahre, und nachdem er entlassen worden war, versuchte er es mit Drogen. Er prügelte sich, randalierte. Im Sommer 2000 griff die Polizei ihn auf. In seinen Hosentaschen fanden sie Amphetamin. Genug Tabletten, um ihn für mehrere Jahre in den Knast zu bringen. Gerson bekam Angst. Das Gefängnis war eine Welt, in der er sich anpassen und an die Regeln halten müsste. Und so begann er zu überlegen, wer ihm infiziertes Blut geben könnte.
In ein paar Wochen tot
Gerson hatte einen letzten Freund, der Friki war und dazu HIV-positiv. Er war mit Gerson in der Schule gewesen, jetzt lebte er im Sanatorium. An den Wochenenden durfte er raus, wegen guter Führung, dann besuchte Gerson mit ihm die Rockoteca. Die Rockoteca war die erste Disco von Pinar del Río, die auch Rock spielen durfte, zweimal in der Woche, donnerstags und freitags.
«Ich will nicht mehr allein sein», sagte Gerson zu seinem Freund. «Und die Polizei ist hinter mir her. Es ist Zeit, dass ich zu euch komme.» Es dauerte ein paar Wochen, dann willigte Gersons Freund ein. Am 20. November 2000 gingen die beiden auf das Klo der Rockoteca. Sie sperrten die Tür hinter sich zu. Gerson holte eine Spritze heraus und stach in die Armvene seines Freundes. Er zog den Kolben zurück, bis die Spritze voll war. «Mein Kumpel meinte, das sei viel zu viel. Dass ich bei der Menge Blut in ein paar Wochen tot wäre. Also habe ich alles wieder rausgedrückt. Nur in der Nadel waren noch ein paar Tropfen.»
Gerson weinte, als er sich die Spritze setzte. Es war nicht der Schmerz, den spürte er nicht, dafür war er viel zu betrunken. Er schmiss die Spritze weg, sie gingen raus und tranken weiter. Irgendwann sagte Gersons Freund, es gebe da diese Frau im Sanatorium. Dass er sie kennenlernen müsse, jetzt, wo auch er reinkomme. «Okay», sagte Gerson, «wieso stellst du sie mir nicht vor?»
Zu dieser Zeit hatte Yohandra ihren Lebenswillen aufgegeben. Nach drei Jahren in Haft hatte man sie wieder ins Sanatorium gebracht. Doch dort hatte sich vieles verändert. Die Freunde tot oder in den USA, in den Bungalows hörte niemand mehr Metallica oder AC/DC. Auch Yohandra durfte das Sanatorium bald an den Wochenenden verlassen. Draussen suchte sie das Leben von früher, vor dem Knast und vor Aids. Sie fand es nicht. Sie rauchte Kette, trank zu viel, schlief zu wenig und ass kaum.
Die Ärzte waren besorgt, Yohandras Immunwerte waren schlecht, ab 1996 bekam sie Tabletten verschrieben. Sie sollten Yohandras Leben verlängern, doch sie warf die Pillen in einen Plasticsack. «Es ist nicht so, dass ich damals sterben wollte», sagt sie. «Es war mir nur einfach egal, was mit mir passiert.»
Keine Lust, bald Witwer zu sein
Yohandra hatte einen letzten Freund im Sanatorium. Es war derselbe Friki, dessen Blut sich Gerson gespritzt hatte. «Ich kenne da einen Typen», sagte er irgendwann zu Yohandra, «ein bisschen verrückt, mit langen Haaren und Tätowierungen. Der kommt bald hierher.» – «Bist du sicher, dass er positiv ist?», fragte Yohandra. «Ganz sicher», sagte der Freund, «ihm fehlt nur noch das Testergebnis.» – «Okay», sagte Yohandra, «wieso stellst du ihn mir dann nicht vor?»
Als Yohandra Gerson zum ersten Mal auf der Tanzfläche der Rockoteca sah, wusste sie, dass er der war, den sie gesucht hatte. Ein Friki mit engen Jeans und Armreifen, einer, der aussah wie die Jungen damals, als nicht alles gut, aber das meiste besser gewesen war. Sie tranken zusammen, sie tanzten, und irgendwann fragte Yohandra, ob Gerson sie nach Hause bringen könne. Kurz darauf waren sie ein Paar.
«Gerson hat mir damals das Leben gerettet», sagt Yohandra. «Ohne Yohandra wäre ich schon lange tot», sagt Gerson. Im Frühjahr 2001 erfuhr er das Ergebnis seines HIV-Tests. Positiv. Die Polizei fuhr ihn ins Sanatorium. «Komm zu mir», sagte Yohandra, «ich habe Platz, ich wohne allein.» Und so trug Gerson ein paar Kisten in Yohandras kleinen Bungalow.
Zu Beginn stritten sie viel, sie schrien einander an, wegen allem und nichts. Doch mit der Zeit wurden sie ruhiger, vor allem Gerson, sagt Yohandra. Früher sei ihm alles egal gewesen, sagt Gerson. Er habe nichts zu verlieren gehabt. Doch jetzt habe er Yohandra. «Immer wenn es Probleme gibt, denke ich an Yohandra», sagt Gerson. «Dass sie allein wäre ohne mich. Dass ich mich nicht mehr um sie kümmern könnte.»
Kurz nach seinem Einzug fand Gerson die Tüte, in die Yohandra ihre Medikamente warf. Er brüllte sie an. Er sagte, dass er keine Lust habe, bald Witwer zu sein. Dass sie die Pillen nehmen müsse. «Ich habe dann wieder angefangen, die Tabletten zu schlucken», sagt Yohandra. «Ihm zuliebe.» Sie ass auch wieder regelmässig, sie trank weniger und schlief mehr. Nach ein paar Monaten stellten die Ärzte fest, dass sich ihre Immunwerte verbessert hatten. Zum ersten Mal überhaupt. «Am Ende der Untersuchung hat der Arzt zu mir gesagt, dass ich diesen Typen ruhig schon ein bisschen früher hätte kennenlernen können.»
Anarchie-Zeichen
Vor kurzem, sagt Yohandra, seien sie beim Arzt gewesen. Er habe ihnen gesagt, sie seien die gesündesten Patienten, die er habe. «Stimmt», sagt Gerson. «Uns geht es gut. Wir haben nur Aids.» Dass Yohandra heute im Rollstuhl sitzt, liegt nicht am HI-Virus, sondern an den Zigaretten. 2004 nahmen die Ärzte ihr deswegen beide Beine ab, ihr sind nur zwei Stümpfe geblieben, kurz unterhalb der Oberschenkel. Manchmal spürt sie in der Nacht noch Schmerzen, sagt sie, ein Ziehen in den Beinen, obwohl die ja gar nicht mehr da sind. Dann drückt sie sich eng an Gerson, das hilft.
Vom kubanischen Staat erhalten sie ein bisschen Geld, Lebensmittel und Medikamente. Jeden Morgen und jeden Abend um zehn Uhr bringt Gerson die Dose mit den Pillen und schüttet sie auf den Küchentisch. Grosse braune, kleine orangefarbene und dünne weisse. Sie rollen über das Anarchie-Zeichen, das Gerson in den Tisch geritzt hat. Als das Sanatorium 2010 geschlossen werden sollte, wollten die Ärzte Gerson und Yohandra nach Havanna verlegen.
Doch die beiden besetzten einen der Bungalows, fünf Jahre ging das so, dann kam im November ein Mann vom Ministerium. Er sagte: «Ihr müsst raus aus eurem Haus. Wir machen ein Gefängnis aus dem Sanatorium, in den Bungalows werden die Wärter wohnen. Einer aber ist für euch. Ihr könnt euch aussuchen, welchen ihr wollt.» Gerson wählte den letzten in der Reihe. So weit abseits von allen anderen wie möglich.
Vor ein paar Tagen sind sie eingezogen, am Fensterrahmen klebt noch der Staub von den Bauarbeiten, die Wände sind frisch gestrichen. Im alten Haus hatten sie die Wände vollgeschrieben und besprüht, mit Anarchie-Zeichen und Songzitaten. Im neuen Haus wollten sie nicht einmal ein Poster aufhängen, sagt Yohandra. Schliesslich sei das hier nicht wie bei dem alten Haus, sagt Gerson, das gehörte ihnen nicht, es war immer eine Leihgabe vom Gesundheitsministerium. Jetzt aber zahlen sie jeden Monat einen Beitrag. Bald wird das Haus ihres sein. Für den Rest ihres Lebens.