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Interview: Sarah Kohler
Fotos: Stefan Bienz
Beim Abschied kramt Sébastien Le Page ein Kettchen aus dem Hemdkragen. «Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich ein Massai bin», sagt er, den Schmuck zum Beweis vorgestreckt, nur um hinterherzuschieben: «Aber das ist eine lange Geschichte; eine fürs nächste Mal.» Der 43-Jährige lacht. Es ist ein einnehmendes Lachen, das zur weichen Stimme passt und in Widerspruch zu jenem Hardliner steht, den man in einem Typen nach 18 Jahren als Kupferhändler für Glencore vermuten mag. Das ist aber eben nur eine Seite des Ex-Traders. Zurzeit tritt der Franzose, der seine Kindheit zeitweise in den USA verbrachte und seit 13 Jahren in Zug lebt, als Teilhaber des schicken Asia-Restaurants und Clubs Alice Choo in Zürich in Erscheinung. Er ist aber auch Vater eines Teenagers, besitzt eine Importfirma für Burgunderweine und eine Bar in den französischen Alpen, betreibt Mikrofinanzierung in Entwicklungsländern, baute eine schottische Whisky-Destillerie auf, liebt gutes Essen, raucht gern Zigarre, unterhält bei Winterthur einen Polo- und präsidiert den Zuger Rugby-Club, spielt historische Schlachten nach sowie Schlagzeug und Gitarre. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Sie sind, gelinde gesagt, vielfältig interessiert. Gibt es eigentlich etwas, das Sie nicht tun würden?
Sébastien Le Page: Etwas Illegales. (lacht)
Das müssen Sie jetzt sagen.
Hey, ich hab ein gutes Leben – das setz ich nicht aufs Spiel.
Fällt Ihnen denn auch etwas ein, das Sie sich nicht zutrauen?
Ich habe heftige Höhenangst. Aber Sie haben schon Recht, ich bin ein selbstbewusster Mensch. In jungen Jahren war ich allerdings wirklich schüchtern, und ich kann Ihnen genau sagen, wann sich das änderte.
Ich bitte drum.
Ich war 18 und las «Also sprach Zarathustra» von Friedrich Nietzsche. «Was soll ich tun, um glücklich zu sein?», wird darin gefragt. Und Zarathustra sagt: «Sei glücklich!» Die Erkenntnis, dass Glück das Prisma ist, durch das man das Leben sieht, dass Glück mit dem Glücklichsein einhergeht, veränderte mein Leben schlagartig. Wie auch ein zweites Erlebnis vor zehn Jahren. Da starb meine erste Frau, die Mutter meines Sohns, mit 33 an Krebs. Ich verstand: Jede Minute zählt.
Später schrieben Sie ein Buch über Nietzsche.
Es gab im Internet ein Projekt, bei dem jemand in die Rolle einer Berühmtheit schlüpft und in deren Namen Fragen beantwortet, die von der Netzgemeinde gestellt werden. Ich verkörperte ein paar Jahre lang Nietzsche. Für ein Buch mit solchen «Dialogen» stellte mir der Gründer der Internetseite dann richtig schwierige Fragen – nicht nur über die Philosophie, sondern auch über alltägliche Dinge. Was «Nietzsche» am gestrigen Abend gemacht habe, zum Beispiel. Sich da reinzudenken, war knifflig.
Worin liegt der Reiz, jemand anderes zu sein?
Ich versetze mich gern in andere Menschen, würde am liebsten das Leben von jedem leben, verschiedene Lebensweisen ausprobieren und immer lernen. Sicher: Ich führe mein eigenes Leben, aber wenn man zählt, was ich alles tue, kommen einige Facetten zusammen – diverse Aspekte meiner Persönlichkeit eben. Ob ich jetzt Investor bin, Vater, Polospieler …
… oder Philosoph?
Nein, Nietzsche war klar eine Rolle, kein Teil meiner selbst. Aber ich interessierte mich schon als Kind für Philosophie und wählte diese an der Business School, die ich in Frankreich besuchte, als Nebenfach.
Zur dieser Zeit spielten Sie nebenbei in sechs Bands.
Ich war halt der einzige Schlagzeuger an der Schule. Also machte ich überall mit und spielte alles: von Jazz bis Heavy Metal.
Bei den Metallen landeten Sie dann am Ende — als Trader im Kupfergeschäft. War immer klar, dass Sie diesen Weg einschlagen würden?
Absolut nicht. Als Kind wollte ich Geschichtslehrer werden, dann Philosoph. Nach der Matura schwebte mir ein Studium in Philosophie oder Mathematik vor. Aber mein Vater fand, mit meinen Englischkenntnissen sollte ich die Business-Richtung einschlagen. Also tat ich das – und landete eher zufällig im Trading.
Zufällig?
Ich hatte mich bei diversen Unternehmen beworben, aber genau von zwei Tradingfirmen eine Antwort erhalten. Das wars. Ich startete im Innendienst und arbeitete mich klassisch zum Händler hoch. Wenn man seinen Job gut macht, läuft es so.
Und das ist es schon, das gut gehütete Erfolgsrezept?
Nun ja, es braucht schon einen gewissen Charakter für diesen Beruf – zumal ich nicht jene Art von Händler war, die vor dem Bildschirm sitzt. Ich reiste um die Welt, traf Menschen und schloss Geschäfte von Angesicht zu Angesicht ab. Wichtig dabei sind Netzwerk und Vertrauen.
Und wie gewinnt man Vertrauen?
Ha! Jetzt wollen Sie, dass ich meine Tricks verrate. (lacht) Es ist simpel: Ich interessiere mich für die Leute. Ehrlich. Ich möchte wissen, was sie denken, was sie mögen.
Spielten Sie je mit dem Gedanken, Journalist zu werden? Der Job würde ganz gut zu Ihnen passen.
Vielleicht, ja. Aber ich vermute fast, bei Glencore kriegt man mehr Geld. (lacht) Scherz beiseite: Als Trader traf ich auf viele spannende Lebensweisen, aber das ist in jedem Beruf möglich. Oft führt der Büronachbar nämlich ein viel aufregenderes, schrägeres Leben, als man a) vermuten würde oder b) am anderen Ende der Welt findet. Man muss nur zuhören.
Viele Menschen trifft man ja in der Gastronomie. Mit der Teilhaberschaft am «Alice Choo» stecken Sie da nun mittendrin.
Das ist aber nicht der hauptsächliche Reiz für mich: In erster Linie esse und trinke ich gern. Und im Laufe meiner Karriere wurde mein Gaumen zunehmend verwöhnt. Wenn man sich mit Kunden auf der ganzen Welt trifft, schleppen diese einen in tolle Restaurants.
Mit dem «Alice Choo» setzen Sie auf gehobene Asian-Fusion-Küche. Warum?
Die Idee zum Club stammt von meinen Partnern Francesco Nucera und Frank Ebinger. Ich stiess etwas später dazu. Mein guter Freund und Berater Wolf Wagschal half uns, das ganze Konzept von «Alice Choo» – speziell in Verbindung mit dem Restaurant – zu entwickeln. Die Überlegung ist schlicht: Ein gutes Asian-Fusion-Lokal fehlte in Zürich bis dato.
Und wie kommt das Konzept an?
Das Restaurant ist ständig voll. Und unsere Gäste bestätigen uns, indem sie sagen, es sei an der Zeit gewesen, dass esin Zürich so etwas gebe.
Mit dem Einstieg in die Gastronomie haben Sie sich einen Traum erfüllt.
Ja. Und nein.
Wie bitte?
Ja, es wurde ein lang gehegter Traum wahr. Und nein, ich dachte niemals, dass das eines Tages klappen würde. Ich stellte mir vor, mich für einen Job zu entscheiden und diesen bis zum Ende meines Lebens zu behalten, wie meine Eltern und Grosseltern. Ich muss auch gestehen, dass ich recht romantische Vorstellungen von der Gastronomie hatte. Die Realität entpuppt sich als komplex, ich muss vieles lernen. Aber ich lerne ja gern.
Ein Tag im Leben von Sébastien Le Page: Wie sieht der aus?
Ich habe viele Investments in vielen Ländern: Entsprechend schreibe und lese ich viele E-Mails. Da das «Alice Choo» ein junges Projekt ist, widme ich diesem täglich Zeit. Ich weiss, was läuft, und stehe mit dem General Manager in Kontakt. Kürzlich begleitete ich unseren Küchen- und unseren Barchef ans Finale eines Wettbewerbs in Moskau. Das war lustig, auch wenn sie leider den zweiten Platz belegten.
Der zweite Platz reicht Ihnen nicht?
Er ist ein Anfang. (lacht)
Beim Thema Ehrgeiz müssen wir über Polo sprechen.
Unbedingt: Der Polosport ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich spiele täglich, wenns nicht regnet, und besitze einen Club in der Nähe von Winterthur. Dort habe ich 30 Pferde und entsprechend viele Mitarbeiter. Zurzeit beschäftige ich vier Profis. Meine zweite Frau spielt auch, mein Sohn hat gerade angefangen.
Was ist an diesem Sport so besonders?
Mich fasziniert die Beziehung zwischen Pferd und Reiter. 80 bis 90 Prozent des Erfolgs hängen vom Tier ab, der Einfluss des Spielers ist auf fortgeschrittenem Niveau minim. Man erreicht beim Polo bis zu 60 Stundenkilometer; da müssen sich Pferd und Reiter ihr Leben anvertrauen. Ein Zusammenstoss kann fatale Folgen haben.
Das klingt nach Adrenalin und Aufregung. Brauchen Sie das?
Wenn man sich meine Sportarten – Polo, Rugby, Kung-Fu – anschaut sowie den Job, den ich 18 Jahre lang machte: Ich denke schon.
Action erleben Sie auch beim Reenactment: Sie stellen historische Ereignisse nach.
Ich liebe ja Geschichte. Als ich einmal bei meinen Grosseltern an der Côte d’Azur zu Besuch war, begegnete ich am Strand einer Reenactment-Gruppe, die Napoleons Rückkehr von Elba spielte. Leute, die Geschichte nicht nur lesen, sondern leben: so cool! Heute bin ich Teil eines «französischen Regiments»; einer bunt durchmischten Truppe von 120 Leuten, von denen nur drei Franzosen sind. Wir stellen Napoleons Schlachten an Originalschauplätzen nach.
Womit Sie zumindest ein bisschen zum Geschichtslehrer geworden sind.
Stimmt. Es schauen uns oft Schulklassen zu. Statt aus Büchern auswendig zu lernen, erleben sie, wie es damals zugegangen ist. Wir sind da detailgetreu: mit den Kleidern, den Zelten, dem Essen. Ehrlich: Zur Hälfte tue ich das, weil es Spass macht, und zur Hälfte, weil ich es für andere Leute gut finde.
Sie engagieren sich auch finanziell für fremde Menschen.
Ich beteilige mich an Mikrofinanzprojekten. Konfuzius sagte: Wenn jemand vor Hunger zu sterben droht, soll man ihm keinen Fisch geben, sondern ihn zu fischen lehren. Davon bin ich tief überzeugt. Ich will Arbeitsplätze schaffen – oder jemandem ermöglichen, das mit einem eigenen Unternehmen zu tun. Ich spende auch, aber ich bevorzuge den Weg der Hilfe zur Selbsthilfe. Zusätzlich unterstütze ich Start-ups – wenn mich eine Idee überzeugt.
Fühlen Sie sich verpflichtet, Ihr Geld zu teilen?
Durchaus. Vielmehr aber finde ich, dass schlafendes Geld nutzlos ist. Es ist nur etwas wert, wenn es etwas erschafft.
Welche Bedingungen muss ich erfüllen, um Geld von Ihnen zu bekommen?
Erstens: Ich muss Ihnen vertrauen. Zweitens: Das Investment muss aufregend sein. Drittens: Das Projekt muss Jobs schaffen. Viertens: Es hilft, wenn Sie auf Ihrem Gebiet eine führende Kapazität sind.
Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Ich weiss wirklich nicht, wie ich diese Frage beantworten soll.
Nein?
Als Kind hatte ich kein Geld und im Studium konnte ich mir kaum ein Bier leisten. Bevor ich bei Glencore anheuerte, arbeitete ich zwar bei einem Rohstoffkonzern – allerdings als Zivildienstleistender mit kleinem Sold. Damit in London zu überleben, war schwer. Dann, bei Glencore, hatte ich einen guten Lohn.
Hat Sie das verändert?
Geld? Nein. Aber es veränderte, wie andere Leute mich sehen.
Und stört Sie das?
Nein, weil es auf meine Freunde nicht zutrifft. Mich ärgert aber, wenn mich jemand um ein zinsloses Darlehen bittet, um ein Haus zu bauen. Ich bin ein Investor, keine Bank: Ich stecke mein Geld in Projekte oder Ideen – wenn sie spannend sind und/oder Jobs generieren.
Das tun Sie nun auch in Schottland — mit einer eigenen Whisky-Destillerie.
Mit mehreren Partnern, ja. Wir eröffneten gerade. Aufgrund der strengen schottischen Regeln dürfen wir aber erst nach drei Jahren Whisky verkaufen, Single Malt sogar erst in sieben… Zwischenzeitlich werden wir darum zusätzlich Gin produzieren. Auch in diesem Bereich durfte ich dazulernen.
Das freut mich. Was meinen Sie: Beneiden die Leute Sie wohl oft?
Wenn sie das tun, sollen sie halt das Gleiche machen wie ich. (lacht) Im Ernst: Ich habe viel Glück, ja. Aber wie Nietzsche sagt: Sei einfach glücklich! Da kommt mir übrigens auch die Geschichte eines bekannten Golfers in den Sinn, dessen Name mir entfallen ist. Nach einem sehr unwahrscheinlichen Schlag sagte ein Journalist: «Was für ein Glücksschuss!» Und der Golfer entgegnete: «Es ist witzig: Je mehr ich trainiere, desto mehr Glück habe ich.»