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Anton Hansen Tammsaare (1878–1940) nimmt in »Das Leben und die Liebe« ebendieses Leben und ebendiese Liebe so tiefenscharf unter die Lupe, dass beides sich aufzulösen scheint. Irma, ein junges, unbedarftes Mädchen, zieht vom Land in die Stadt. Dort möchte sie ihre diffusen Sehnsüchte und namenlosen Träume verwirklichen. Sie nimmt eine Stelle als Hausmädchen bei dem alleinstehenden Herrn Ikka an, und ein vertracktes Spiel um Liebe und Geliebtwerden beginnt. Liebt Herr Ikka Irma? Oder schwärmt umgekehrt Irma heimlich für Herrn Ikka? Will er sie verführen? Oder wünscht sie sich nichts sehnlicher, als von ihm geliebt zu werden?
Die Liebe muss immer wieder ausgehandelt, bestätigt, infrage gestellt oder ein- und ausgeredet werden in diesem tänzelnden Roman, der zugleich federleicht und zentnerschwer, gewitzt und tragisch, mitfühlend und schonungslos ist. Sobald man denkt, Gewissheit über die Gefühle der Figuren erlangt zu haben, werden die Vorzeichen im nächsten Kapitel verschoben. Und plötzlich ist alles anders, als es gerade noch schien. Es kommt auf die Perspektive an und darauf, wessen Gefühlen oder wessen Behauptungen man Glauben schenkt. Anton Hansen Tammsaare, der grosse Klassiker der estnischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, behält immer alle Fäden in der Hand, seine grosse Kunst besteht in einer vermeintlich harmlosen, aber glasklaren Sprache, die in ihrer Präzision auf einen tieferen Kern abzielt. »Das Leben und die Liebe« zeigt: Über das ewige Thema der Liebe ist noch längst nicht alles gesagt und geschrieben!
Portrait
Tammsaare, Anton Hansen
Anton Hansen Tammsaare (1878-1940) wuchs als viertes von zwölf Geschwistern in Albu, im Landkreis Järvamaa, auf. Seine Eltern hatten sich auf einem heruntergewirtschafteten Vorwerk niedergelassen und den Kampf gegen die Moorlandschaft aufgenommen. Das Leben auf dem Hof Tammsaare prägte den als Anton Hansen Geborenen, später wird er Tammsaare in den Autornamen aufnehmen. Nach dem Besuch von Dorf- und Pfarrschule wird Tammsaare Gymnasiast in Estlands zweitgrösster Stadt Tartu (Dorpat), lernt Russisch und Deutsch und schreibt erste Novellen. 1903 arbeitet Tammsaare in der Redaktion der grössten estnischen Zeitung »Teataja«. Ab 1908 studiert er an der juristischen Fakultät der Universität Tartu, lernt Englisch und Französisch. Aufgrund einer verschleppten Tuberkulose zieht er zu seinem Bruder, dem Förster Jüri Hansen, in ein Dorf im Nordosten Estlands. Im Herbst 1912 verschlimmert sich die Krankheit, Tammsaare fährt zur Kur in den Kaukasus. Diese Reise wird die einzige bleiben, die ihn je aus Estland herausführt. 1919 heiratet er die zwanzig Jahre jüngere Käthe-Amalie Weltmann und zieht nach Tallinn (Reval). Zwischen 1926 und 1933 erscheint sein fünfbändiges Hauptwerk »Recht und Wahrheit«, dem noch weitere Romane folgen, so auch »Das Leben und die Liebe«. Am 1. März 1940 stirbt Tammsaare an seinem Schreibtisch.
Hasselblatt, Cornelius
Cornelius Hasselblatt, geboren 1960 in Hildesheim, war von 1998 bis 2014 Professor für Finnougristik an der Reichsuniversität Groningen. Er war Mitbegründer der Zeitschrift »estonia«, deren letztes Heft zum estnischen EU-Beitritt 2004 erschien. Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen, u.a. »Lehrbuch des Estnischen« und »Geschichte der estnischen Literatur«. Er übersetzte Werke von Jaan Kross und Mari Unt ins Deutsche.
Grönholm, Irja
Irja Grönholm wurde 1951 in Eberswalde geboren, studierte in Greifswald Biologie und arbeitete von 1974 bis 1984 an der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Seit 1984 übersetzt sie aus dem Estnischen und wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet. Zu den von ihr übersetzten Autoren zählen Jaan Kross, Maimu Berg, Eeva Park, Mari Saat und Jaan Tätte.