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Als wir anfingen, die Veranstaltungsreihe zu Frauenbewegungen in Ländern am Mittelmeer vorzubereiten, die im November/Dezember 2021 im mille et deux feuilles stattfand, war Francesca aus Genua und mir bald klar, dass wir als Autorin Carla Lonzi ins Zentrum unseres Abends zur italienischen Frauenbewegung stellen wollten. Ihre subversiven und kompromisslosen Aufsätze Wir spucken auf Hegel und Die klitorale und die vaginale Frau hatten einen entscheidenden Einfluss auf den italienischen feministischen Aufbruch der 1970er Jahre, der einer der kraftvollsten und vielfältigsten Europas war. Auch Frauen, die ihre anspruchsvollen Texte nicht selber gelesen hatten, war Carla Lonzi ein Begriff. Ihre radikale Forderung nach der Absage an die von Männern geprägten Strukturen, Denkmuster und Gesellschaftsvorstellungen war zentral für den Befreiungsprozess der Frauen. Ein wichtiges Element waren die gruppi di autocoscienza, wo es um Selbstbewusstwerdung ging, wo Frauen unter sich über ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Probleme sprachen. Und sahen, dass sie damit nicht alleine waren, sondern, dass sie alle unter denselben patriarchalen Strukturen litten.
Nur: Vor einem Jahr war es fast unmöglich, Texte von Carla Lonzi zu finden, vor allem auf Deutsch. Gut, in der Zentralbibliothek gibt es eine englische Übersetzung des Autoritratto, ihrer letzten grossen Publikation als Kunstkritikerin, aber die feministischen Texte liessen sich nur noch in einer Tessiner Bibliothek aufstöbern. Eigentlich erstaunlich, denn Carla Lonzi war eine beeindruckende Intellektuelle und Persönlichkeit. 1931 geboren, war sie Ende der 1960er Jahre bekannt und erfolgreich als Kunstkritikerin. Sie schrieb Monographien über junge Kunstschaffende, die sie durch ihre Glaubwürdigkeit überzeugten und die später bekannte Künstler werden sollten wie Cy Twombly, Giorgio Fontana oder Jannis Kounellis. Sie publizierte Bücher, betreute den Bereich bildende Kunst in der kulturkritischen Radiosendung Aprodo des nationalen Senders RAI.
Sie dekonstruierte die gängige Kunstkritik, wo der Kritiker Kunst analysiert, interpretiert, beurteilt und gewissen Strömungen zuordnet und erfand einen eigenen Stil, geprägt von Subjektivität und Austausch. Ihre Künstlerporträts beruhten auf langen, sehr persönlichen Gesprächen, einem Dialog, der sich nicht auf Fragen und Antworten beschränkte. Doch 1970 brach Carla Lonzi radikal mit der Kunstkritik und generell mit der Kultur als patriarchaler Konstruktion und wandte sich mit ganzer Energie ihren feministischen Aktivitäten zu. Zusammen mit Carla Accardi und Elvira Banotti gründete sie das Kollektiv Rivolta Femminile, das im Juli 1970 sein Manifest auf die Mauern Roms und Mailands klebte. Es gab für sie keinen Kompromiss zwischen dem Feminismus und ihrer Tätigkeit als Kunstkritikerin.
Doch Carla Lonzi schien, insbesondere im Ausland, weitgehend vergessen zu sein. Umso erstaunlicher war, dass im Frühjahr 2021 das aufwändig gestaltete Buch Feminism and Art in Postwar Italy. The legacy of Carla Lonzi erschien. Und Ende November, wenige Tage vor unserer Veranstaltung, ein Band mit Texten von Carla Lonzi Selbstbewusstwerdung. Schriften zu Kunst und Feminismus. Eine Wiederentdeckung, ein richtiges Revival – zeitgleich mit meiner Entdeckung dieser bedeutenden italienischen Feministin, die leider schon 1982 verstarb.
In dem kleinen, feinen Buch Selbstbewusstwerdung sind – zusammen mit einer informativen Einleitung von Giovanna Zapperi – ein gutes Dutzend Texte von Carla Lonzi versammelt. Sie umfassen den Zeitraum von 1959 bis 1981 und damit sowohl Aufsätze über Kunst als auch feministische Texte. So machen sie auch den Weg dieser aussergewöhnlichen Frau und originellen Denkerin nachvollziehbar. 1971 bringt sie ihre Abkehr vom Kunstbetrieb mit dem Text Die Abwesenheit der Frau bei der Verherrlichung männlicher Kreativität auf den Punkt. Die Texte sind viel mehr als historische Dokumente der kunstkritischen Diskussion und des Feminismus. Es gelingt ihnen auch heute noch, zu faszinieren, zu desorientieren, zum Nachdenken herauszufordern. Elisa FuchsKlappentext:
"Selbstbewusstwerdung" versammelt ausgewählte Rezensionen, Manifeste, Gespräche und theoretische Texte der italienischen Kunstkritikerin, feministischen Autorin und Aktivistin Carla Lonzi (1931-1982). Diese bislang im Deutschen nicht zugänglichen Kunstkritiken und Schriften beleuchten nicht nur Lonzis Beitrag zum italienischen und internationalen Kunstdiskurs der späten 1950er und 1960er Jahre, sondern weisen darüber hinaus eine spezifischen Versuch der Verknüpfung von Kunst mit Institutions- und Gesellschaftskritik auf. Nachdem sich Lonzi 1969 mit ihrer experimentellen Interview-Montage Autoritratto/ Selbstbildnis - Zur italienischen Kunst um 1967 (dt. Gachnang & Springer 2000) von der Kunstkritik verabschiedet hat, avanciert sie mit der 1970 von ihr mitgegründeten Gruppe Rivolta Femminile zu einer emblematischen Figur der italienischen Frauenbewegung. Das Buch zeichnet anhand ausgewählter Texte diesen Weg Lonzis von der Kunstkritikerin zur feministischen Theoretikerin nach. Das Buch enthält ebenso sezierende Analysen des Kunstbetriebs und der Frauenbewegung wie dezidierte Vorstellungen, wie eine Emanzipation der Frau möglich ist. Vor dem Hintergrund (stets) aktueller Genderdebatten sind Lonzis Texte und Analysen in ihrer Verbindung von Marxismus und Feminismus unausgesetzt relevant.
Herausgegeben wird das Buch von Giovanna Zapperi, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Genf. In ihrer Einleitung zeigt sie Lonzis Weg der "Selbstbewusstwerdung" auf. In einem Nachwort gehen Isabel Mehl und Oona Lochner anhand relevanter Stichworte der Frage nach, was es heisst Lonzi heute zu lesen.
Das Buch ist im Rahmen des DFG-Projektes "Kulturen der Kritik" an der Leuphana Universität Lüneburg entstanden. Es ist erscheint in der b_books-Verlagsreihe "PoLYpeN. Kritik der Kunstkritik", hrsg. von Sabeth Buchmann, Helmut Draxler, Clemens Krümmel, Susanne Leeb.
Italienischen Kunstkritikerin, feministischen Autorin und Aktivistin Carla Lonzi (1931-1982).Preis: CHF 20.50