Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/3861

Der Gesang der Nachtigall ist besonders wohlklingend. Einzel- und Doppeltöne reihen sich aneinander, wenn die Nachtigall-Männchen ab elf Uhr nachts eine Partnerin bezirzen. Während der Brutzeit machen sie das auch tagsüber.
Ihr Repertoire an Melodien ist gross. Sie singen, schlagen, flöten, schmettern, trillern, girren, wirbeln, glucken, schluchzen, rollen, pfeifen, dichten, knarren.
327 Verben für 80 Arten des Gezwitschers
«Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?» So heisst das «Handwörterbuch der Vogellaute» von Peter Krauss. Der Germanist und pensionierte Lehrer – er ist kein Naturwissenschaftler – hat lautmalerische Beschreibungen von Vogelrufen gesammelt.
Für 80 Vögel hat er 327 Verben gefunden. Dafür konsultierte er nicht nur das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, «Brehms Tierleben», ornithologische Werke oder alte Lexika. Er hat auch in Gedichtbänden und in der Belletristik gesucht. All diese Begriffe sind nun in einem Wörterbuch alphabetisch geordnet. Von Adler bis Zwergschnepfe.
Der Spatz tschirpt
Der Spatz zwitschert, steht bei Grimm. Junge Spatzen gicken oder gixen. Spatzen gigitzen, zwirken, girren, tschirpen, tschilpen. Sie schirpen, schilpen und schimpfen. «Schimpfen wie ein Rohrspatz» ist ja eine gängige Redewendung.
Sie schelten und zetern (Peter Krauss fand diese Beschreibung in «Brehms Tierleben»). Sie deddern, schilken, zirpen, schwatzen, schwirren. Schwirren, das ist wahrscheinlich eher das Geräusch beim Fliegen.
Ein schöngeistiger Schreiberling
«Das Handwörterbuch der Vogellaute» versammelt einen zum Teil vergessenen Wortschatz: Verben, die die Stimme der Vögel in die Sprache der Menschen übersetzen. Verben der Mundart sind leider keine dabei, das hätte wohl den Rahmen gesprengt.
Krauss schreibt in seinem Vorwort, dass der deutsche Naturforscher A.E. Brehm, «der in seinem Schaffen gelegentlich seiner schlechten Laune freien Lauf liess», seine Arbeit wahrscheinlich als die «eines schöngeistigen Schreiberlings» bezeichnen würde.
Das Handwörterbuch ist auch schön zum Anschauen. Auf der linken Seite findet man farbige Abbildungen aus ornithologischen Fachbüchern aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Auf der rechten Seite sind die Verben aufgelistet, mit den dazugehörigen Quellen, schönen Anekdoten oder Notenbildern der kunstvollsten Gesänge, etwa einer Amsel-Melodie.
Schackern und orgeln
Was macht die Amsel? Sie pfeift, flötet, schnirpt, schackert, zetert,orgelt. Das steht bei Eduard Mörike: « … die Amsel dazwischen orgelt von früh bis zum Abend ihr Lied, die zufriedene Weise». Sie schlägt, schirkt (wenn sie schlecht singt).
Die Amsel kann dacken, tixen, quirlen, rollen, hassen. Hassen? Das ist der Alarmruf, um einen Eindringling zu verscheuchen. Wenn etwa eine Katze in der Nähe ist.
Vom Tschirpen zum Beatles-Hit
Was in diesem hübschen Büchlein auch noch steht – und viele Leute sicher schon festgestellt haben: Amseln kennen den Konter-Gesang. Das wechselseitige Antworten auf die Strophen eines benachbarten Amsel-Männchens.
Der wunderschöne Gesang der Amsel war auch Inspiration für den Beatles-Song «Black Bird». Paul McCartney komponierte ihn auf seiner Farm in Schottland. Den Song findet man auch in diesem Buch, das nicht nur Vogelkundler und Sprachliebhaberinnen gefallen wird.
Buchhinweis
Peter Krauss: «Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute». Naturkunden von Matthes & Seitz, 2017.