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Vater und Sohn Theodor Seckinger als Fotografen
Michael Raith
Dank seiner Grenzlage fand Riehen schon früh - im 16. und 17. Jahrhundert - Aufnahme in Kartenwerke und Pläne. Wenige Generationen später zeichneten und malten Emanuel Büchel und Daniel Burckhardt-Wildt in und um das Dorf. Eine erste Darstellung von gewöhnlichen Personen aus der Gemeinde entstand zwar schon 1787, es bürgerte sich aber erst gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts ein, sich und seine Familie porträtieren zu lassen. Einen gewaltigen Fortschritt brachte die Erfindung und Verbreitung der Fotografie. Hochzeits- und andere Personenaufnahmen wurden in Basler Ateliers auf Glasplatten gebannt. Auf dem Lande erschienen um die letzte Jahrhundertwende reisende Fotografen und versuchten von Hauseigentümern Aufträge zu erhalten: Die Abbildung der eigenen Liegenschaft sollte Geld wert sein. Soweit bekannt, begannen erst nach 1900 Amateure Leute, Häuser und Natur aufzunehmen. Ein besonders wertvoller Schatz ist die durch jahrzehntelange und liebevolle Pflege gewachsene Bildersammlung von Paul Wenk-Löliger.
Er war aber nicht der einzige, der früh in Riehen fotografierte. Wer weiss, vielleicht gibt es da und dort noch Alben, von deren Existenz öffentlich nichts bekannt ist. Theodor Seckinger, seinerzeit Präsident der Bürgerkorporation, erzählte oft von der fotografischen Tätigkeit seines Vaters, Theodor Seckinger-Schmid (1875-1925). Dieser stammte aus der altbekannten Riehener Baumeisterfamilie und liess sich in München zum Bildhauer ausbilden. Er wirkte später in Riehen als Steinhauermeister und Lindenhofwirt (vergleiche RJ 1987, Seite 99f.). Er schuf viele kunstvolle Grabsteine, von denen zwei auf dem Riehener Gottesacker noch erhalten sind. Wahrscheinlich um 1903 begann er zu fotografieren. Vielleicht war er dieser Beschäftigung in der mondänen bayrischen Metropole begegnet. Die übernahme des Lindenhofs (1913) fiel fast mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges zusammen, einer Zeit, in der auch ganz normale Leute in Riehen erstmals Ausweise mit Passbildern brauchten. In einem Nebengebäude des Lindenhofs befand sich ein Schweinestall. Vor dessen Liir wurde als Hintergrund ein Brett hingestellt und vor diesem männliche und weibliche Schönheiten - oder wer sich dafür hielt - abgelichtet.
Schon Jahre vorher und an unterschiedlichsten Orten nahm Theodor Seckinger-Schmid Menschen und Bauten auf. Selbstverständlich kam oft vor, was ihm nahe stand: seine Braut, seine Verwandten, seine Grabsteine. Die Tochter Anna Hügi-Seckinger assistierte ihm bei dieser damals noch recht aufwendigen Tätigkeit. Nicht immer passten die würdevollen Konterfeiten zum ländlichen Hintergrund des Aufnahmefeldes. Mit besonderer Hingabe versuchte der Vater Kinder - nicht nur seine eigenen zu fotografieren. Leider ist es nach 80 und 90 Jahren nicht mehr möglich zu sagen, was aus den herzigen Buschis, Mädchen und Buben geworden ist.
Nach dem frühen Tod des Vaters, er starb als Fünfzigjähriger kurz vor Weihnachten 1925, übernahm der gleichnamige älteste Sohn die Kameras und ritt das Steckenpferd weiter. Die fotografischen Handschriften der Generationen sind verschieden, auch das Aufgenommene veränderte sich der Zeit entsprechend. Nach 1932 fand der Wechsel von den Glasplatten zu den für diesen Jahrbuchartikel nicht mehr berücksichtigten Filmen statt, was relativ spät ist. Der Sohn erweiterte das Spektrum: Vereine, Feste, Landschaften und Strassen wurden ins Repertoire aufgenommen. Doch pflegte er weiterhin das Genre der Porträtaufnahme. Die Stile von Vater und Sohn Seckinger unterscheiden sich deutlich von demjenigen Paul Wenks. Es sind meistens auch ganz verschiedene Menschen, die diesen Kameraleuten ins Visier geraten. Und das gibt der Sache den speziellen Reiz: Verschiedene sehen Verschiedenes. In der Sammlung Seckinger ist der Turnverein gut vertreten, ebenso einfache Leute aus dem Volk. Wir können sehen, wie sie sich kleideten: Wer einen besass, zog für den Gang zum Fotografen den Sonntagsstaat an. Urgrossväter und Grossväter von Zeitgenossen blicken uns an und entfachen die Diskussion, ob die verschiedenen Riehener Familien je einen eigenen Model besitzen. Neben den Einheimischen gab's aber schon damals verhältnismässig viele Zugezogene. Sie integrierten sich vor allem durch die Vereine.
Der Grenzladen an der Lörracherstrasse, die alte Steinsäge am Bachtelenweg und ein Kranz auf einem Grab des damals noch neuen Gottesackers führen in die beschauliche Zeit vor 1914 zurück, keine zwanzig Jahre später künden neue Strassen und moderne Bauten - inzwischen durch die Entwicklung längst wieder verändert - vom Aufbruch Riehens in die Gegenwart. Der Sprung von den jüngsten Bildern über sechzig Jahre hinweg ins Heute ist aber wohl mehr als doppelt so gross wie der, welcher die Bilder der Jahrhundertwende von jenen der dreissiger Jahre trennt.
Zu danken ist Jacques Seckinger, dem Sohn des jüngeren Theodors, dass er dem Jahrbuch die einige hundert Platten umfassende Sammlung seines Vaters und Grossvaters zur Verfügung stellte, dann besonders seiner Tante Anna Hügi-Seckinger für Vermittlung, Sichtung und Kommentar sowie weiteren Familienangehörigen für verschiedene Hilfestellungen. Marianne Prack-Karlin, Marie Strohbach-Tanner und Hans Schultheiss-Degen wirkten verdienstvollerweise bei der Identifizierung der Personen mit.