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Geschichtlich wurde die Psychologie der Frau in unterschiedlichen Perspektiven gesehen: Die Frau ist defizitär im Vergleich zum Mann - die Frau ist mit dem Mann gleich und gleichwertig, was ihre Ressourcen und Potentiale angeht – die Geschlechterdifferenz steht im Vordergrund – Weiblichkeit ist eine soziale Konstruktion.
Die Frau ist ein Mängelwesen
Mit psychologischen Theorien der Weiblichkeit trat in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zunächst die Psychoanalyse hervor, inspiriert von der Behandlung therapiebedürftiger Frauen. Freuds Theorie der Weiblichkeit sorgte – als Defizitmodell der Weiblichkeit verstanden – über viele Jahrzehnte für feministische Kontroversen. Ob Freud zu Recht unter Misogynieverdacht steht, das ist fraglich. Er geht aus von der Geschichte der Lust, der Eindrucksbildung, der Beziehungen und vom imaginativen Raum des Kleinkindes mit seinen unbewussten Auswirkungen auf die emotionale Welt der erwachsenen Frau, die sich unbewusst und unbegründet als „Mängelwesen“ erfährt. Kern der Sache ist die kindliche Vorstellung, nicht aber die biologische oder soziale Tatsache, im Vergleich zum kleinen Knaben genital defizitär, das heisst, ohne Penis zu sein. Es geht um eine Dynamik weiblicher Selbstabwertung und Selbstsabotage, mit pathologischen Risiken. Solche kindlichen Vorstellungen mag es geben, sagen bis heute zahlreiche kritische Stimmen, aber nur als Ausdruck der gesellschaftlichen Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen. Gesellschaftliche Misogynie schafft Frauen, die als defizitär behandelt werden und sich selbst entwerten.
Die Frau ist in ihren Ressourcen und Potentialen dem Mann gleichgestellt
Der genetisch, physiologisch und hormonell bestimmten Geschlechtsdifferenz („sex“) steht weitgehende Gleichheit der Geschlechter auf der Ebene der Fähigkeiten und Verhaltenspotentiale gegenüber. Empirisch breit belegt ist, dass Männer tendenziell über bessere räumliche Fähigkeiten als Frauen verfügen. Nach verbreiteter Auffassung hält man Frauen für überlegen, was ihre verbalen Fähigkeiten angeht. Nach empirischer Befundlage ist das nicht der Fall.
Schulkinder männlichen und weiblichen Geschlechts unterscheiden sich in mathematischen Leistungen nicht, auch wenn Mädchen häufig auf eine Vertiefung ihrer Fähigkeiten verzichten. Im sozialen Verhalten verfügen Frauen nicht über ein geringeres aggressives Potential als Jungen, vielmehr werden auch sie in häuslichen Konflikten handgreiflich, jedoch mit höherem Verletzungsrisiko als Männer. Offene physische und verbale Aggression ist tendenziell eher eine männliche Domäne, Mädchen und wahrscheinlich auch Frauen zeigen im vergleichbaren Umfang eher manipulativ destruktives Beziehungsverhalten. Im sexuellen Bereich präsentieren sich hetero- und homosexuelle Männer als aktiver, auch ohne emotionale Bindung, und expansiver als Frauen, doch gleichen sich die Frauen hier kontinuierlich an.
Die Frau ist anders
Frauen sind anders. So betont es die Differenzperspektive auf die Psychologie der Frau. Spezifisch weibliches Körpererleben, sexuelles Empfinden, Entfaltung eines inneren Raumes, Mütterlichkeit, Bindungssensibilität und „weibliche Moral“ (Gilligan 1982) waren in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts favorisierte Themen. Auch evolutionspsychologische Ansätze betonen die Differenzperspektive, hier aus biologischer Sicht.
Die kognitive Entwicklung der Geschlechtsidentität ist gut bekannt. Dreijährige Kinder können sich selbst und andere zuverlässig dem richtigen Geschlecht zuordnen. Als Vier- bis Fünfjährige gehen sie davon aus, dass die Geschlechtszugehörigkeit zeitlich stabil ist. Dass sie lebenslang gleich bleibt ist eine Einsicht des Grundschulalters. Was die Erscheinungsformen des Weiblichen und des Männlichen angeht, so haben die Kinder der Vorschul- und frühen Grundschulzeit drastisch rigide Stereotypen. Sodann erfolgt – letztlich lebenslang – eine Individualisierung und Flexibilisierung, vom Jugendalter an besonders im Blick auf erotische Werbung und Selbstprofilierung. Zur Genderintelligenz und Gendersensibilität gehört - wie seit Freud bekannt - der anatomische Vergleich, ebenso die Erkundung und Aneignung des eigenen körperlichen Potentials.
Weiblichkeit ist sozial konstrutiert
Das biologische Geschlecht (sex) determiniert nicht das kulturelle Geschlecht (gender). Weiblichkeit, Mütterlichkeit und weibliche Entwicklung sind historisch und kulturell variabel auf der Basis gesellschaftlicher Normierungsmacht. Nach Butler (2009) ist es möglich, auferlegten Normierungen subversiv und offensiv zu entkommen, um neue Lebensentwürfe geltend zu machen. Dabei kommt Genderkreativität zum Zuge, das ist besonders wichtig für Personen, deren Sexualanatomie physiologische Besonderheiten aufweist oder die transsexuell orientiert sind. Die Infragestellung gesellschaftlicher Normierungsmacht könnte auch für Frauen im Seniorenalter ermutigend sein: Alter ist keineswegs gleichzusetzen mit Verlust von Attraktivität, Verzicht auf Selbstgestaltung und Unscheinbarkeit im Abseits.
Ein eigener Raum, ein eigener Bezirk, eine persönliche Welt
Die psychische Konstitution von Frauen in der Lebensspanne wird als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung im 21. Jahrhundert multiperspektivisch aufgefasst, und zwar biologisch, ökologisch, historisch, beziehungs- und konfliktdynamisch. Frauen im Pensionsalter integrieren sich im Raum der persönlichen wie der professionellen Beziehungen, erwerben neu praktische, soziale und reflexive Kompetenzen. Biografische Entwicklung als lebenslanger Prozess ist variantenreiches Bildungsgeschehen. Nicht nur Integration, Beziehungspflege und Gebrauchtwerden gehören zur psychischen Lebensqualität im weiblichen Alter, sondern auch die Fähigkeit zum selbstgewählten Rückzug, zum einsamen Selbstgenügen. Man schafft und bewahrt einen eigenen Raum, einen eigenen Bezirk, eine persönliche Welt. Wer sich in „splendid isolation” einzurichten vermag, ist eine Ressourcenträgerin, die Selbstgenuss und Weltgenuss verbindet, ohne sich von Anerkennungszufuhr abhängig zu machen. Sie residiert (auch im Altersheim), mit Patricia Highsmith (Titel einer Erzählung) gesprochen, in der »stillen Mitte der Welt«.
Literatur:
[Quelle: „Impulse“ 2014. Feminisierung des Alters, S. 4-5. Mit einem Dank für die Genehmigung des Abdrucks an die Tertianum Gruppe.]
Weiterer Artikel von Brigitte Boothe
- Asendorpf, J. B. (2007). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer.
- Bischof-Köhler, D. (2006). Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer (3. Auflage).
- Boothe, B. & A. Heigl-Evers (1996). Die Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. München: Reinhardt.
- Butler, J. (2009). Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
- Freud, S. (1925). Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. Gesammelte Werke (Bd. 14).
- Freud, S. (1931). Über die weibliche Sexualität. Gesammelte Werke (Bd. 14).
- Gilligan, C. (1988). Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau, München & Zürich: Piper (Original 1982).
- Horney, K. (1977). Die Psychologie der Frau. München: Kindler. (Original: 1926).
- Mitchell, J.C. (1976). Psychoanalyse und Feminismus. Frankfurt: Suhrkamp. (Original: 1974).