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Fischen ist für rund 150'000 Personen in der Schweiz ein Hobby. Berufsfischer gibt es nur noch ein paar Hundert. Komplexe Umweltbedingungen und andere Herausforderungen bedrohen die Existenz der Übriggebliebenen.
Es ist halb fünf in der Früh, als Henry Daniel Champier auf seiner Fischerei in Clarens am Genfersee auftaucht. Am Himmel funkeln noch die Sterne. Nur das sanfte Rasseln der Masten bricht die Stille. Champier wirft den Motor seines Boots an und steuert auf die fünf Kilometer vom Ufer entfernte Zone zu, wo er am Abend zuvor seine Netze ausgelegt hat. Er sucht den See mit seinem Fernglas ab, bis er das Licht entdeckt, das ihm den Standort seines Netzes anzeigt.
Champier ist einer von 284 Berufsfischern – 1970 waren es noch drei Mal so viel – und einer von 181, die vollzeitlich als Fischer arbeiten.
Der Rückgang erstaunt nicht besonders angesichts der immer kleiner werdenden Fischbestände in den Schweizer Seen. Laut Maxime Prevedello, Sprecher des Schweizerischen Fischereiverbands (SFV) in der Westschweiz, sind die Fische in vielen Seen spärlicher geworden, weil sie weniger Futter finden.
Phosphor – gut oder schlecht?
"Das trifft vor allem auf den Vierwaldstätter-, den Brienzer- und Walensee zu, wo die Anzahl Fische signifikant gesunken und das Fischen nicht mehr rentabel ist", sagt er.
Mit dem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten immer grösser werdende Mengen Phosphor, die insbesondere in Waschmitteln und Dünger eingesetzt wurden, auch ins Gewässer.
Hohe Phosphor-Konzentrationen führen zu starker Algenentwicklung, die schwimmende Matten auf der Wasseroberfläche bilden. Wenn die Algen absterben, sinken und verwesen sie und reduzieren den Sauerstoff-Gehalt des Wassers, wodurch Fische und andere Organismen sterben.
Aber Phosphor begünstigt auch die Produktion von Phytoplankton, das ausreichend Nahrung für Fische wie den Barsch (in der Deutschschweiz Egli genannt) liefert, der resistenter als viele andere Wasserlebewesen ist.
Die Errichtung zahlreicher Abwasser-Reinigungsanlagen in den 1970er-Jahren, das Phosphor-Verbot in Waschmitteln von 1986 sowie die Einführung weniger umweltbelastender landwirtschaftlicher Produktionsmethoden in den 1990er-Jahren führten zu einer Reduktion des Phosphorgehalts in den meisten Schweizer Seen.
Darüber freuten sich nicht alle.
Sinkende Fangmengen
Die Fangmengen schweizerischer, österreichischer und deutscher Fischer auf dem Bodensee sanken zwischen 2012 und 2013 um 16%. Die Phosphor-Konzentration betrug 2013 nur sieben Mikrogramm pro Liter, eine beträchtliche Abnahme gegenüber dem Spitzenwert von 86 Mikrogramm im Jahr 1986.
Die vom SFV unterstützten Berufsfischer haben vorgeschlagen, den Phosphor-Gehalt im Bodensee über die Abwasser-Reinigungsanlagen zu erhöhen. Der Vorschlag wurde vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) zurückgewiesen.
Die durchschnittliche Phosphor-Konzentration in europäischen Gewässern beträgt 100 Mikrogramm pro Liter. Im Genfersee sank der Anteil von einem Allzeithoch im Jahr 1979 von 90 auf 20 Mikrogramm. Die internationale Kommission zum Schutz des Genfersees (CIPELexterner Link), eine französisch-schweizerische Körperschaft, die für die Beobachtung der Wasserqualität verantwortlich ist, möchte den Phosphorgehalt bis 2020 sogar noch weiter senken – auf 10 bis 15 Mikrogramm pro Liter.
Laut Audrey Klein, Generalsekretärin von CIPEL, waren es die Fischer, die den Phosphorgehalt als erste bemängelt hatten, weil dieser die Algenentwicklung förderte.
"Vor der Verunreinigung waren ihre Fangmengen gut", sagt sie. "Würden wir unser Ziel erreichen, wäre die Reduktion der Fische nicht dramatisch. Aber die Artenvielfalt würde zunehmen, zum Nachteil von Arten wie dem Barsch, der Wasser mit Phosphor bevorzugt."
Noble Arten
Die Bedingungen wären günstiger für eine Rückkehr der "noblen Arten", sogenannte Salmoniden wie die Forelle oder der Seesaibling, wie sie sagt.
Die Berufsfischer fingen Barsche im verschmutzten See in den Jahren 1950 bis 1975 in Rekordmengen. Egli-Filets sind ein populäres Gericht. Aber laut Prevedello vom Fischereiverband sei der Genfersee kaum in der Lage, mehr als 15% der Eglis zu liefern, die in den Restaurants serviert würden.
Berufsfischer Champier hat an diesem Morgen bereits zwei Boxen mit Weissfischen gefüllt. Die Sonne erhebt sich langsam über den Bergen, und über dem See erscheint eine Gruppe hungriger Kormorane. Champier verwünscht die Vögel über seinen Netzen. Er klopft mit einem Stecken gegen sein Boot, um sie zu verscheuchen.
Kormorane
2001 wurden Kormorane zum ersten Mal seit dem Mittelalter beim Brüten in der Schweiz beobachtet. Inzwischen gibt es rund 1000 Brutpaare, meistens in Vogelschutzgebieten an Seeufern, sowie 5000 bis 6000 Kormorane als Wintergäste.
Ein Kormoran frisst täglich 500 Gramm Fisch. Die Vögel bringen Fischer in Rage, weil sie aus deren Netzen und Boxen fischen, die Netze beschädigen und die Fische verletzen, so dass sich diese nicht mehr verkaufen lassen.
Aber Kormorane sind nicht das einzige Problem, mit dem die Fischer zu kämpfen haben. Laut Angaben des Umweltamts sind 58% der einheimischen Fische in Gefahr.
"Was erwarten Sie?", fragt Champier. "Nur 3 Prozent der Ufer sind natürlich. Die Fische haben zu wenig Lebensraum, um sich fortzupflanzen."
Das Gewässerschutz-Gesetz verpflichtet die Kantone, Massnahmen zu planen und umzusetzen, um Flüsse, Bäche und Seen in den nächsten 80 Jahren in einen natürlicheren Zustand zu bringen. Der Bund hat 40 Mio. Franken jährlich gebunden, um ihnen dabei zu helfen. Das Gesetz verlangt auch, dass Wasserkraftwerke ihre umweltschädigenden Auswirkungen bis 2030 reduzieren müssen.
"An 90% der Schweizer Gewässer befinden sich Wasserkraftwerke", sagt Prevedello. "Auch kleine Anlagen haben grosse Schäden verursacht, indem sie Wasserwege versperren und verhindern, dass die Fische flussauf- und abwärts wandern können."
Wasserkraft
Wasserkraftwerke und Staudämme verursachen auch starke Schwankungen des Wasserstands und der Fliessgeschwindigkeit. Dadurch beeinträchtigen sie die natürlichen Strömungsschwankungen, die für den Reproduktionszyklus vieler Arten lebenswichtig ist.
Die Schweiz hat nach der Atomkatastrophe in Fukushima beschlossen, bis 2034 aus der Atomstromproduktion auszusteigen. Stattdessen soll die Anzahl Wasserkraftwerke bis 2035 um 6% erhöht werden.
Mikroverschmutzungen aus Pestiziden, Kunstdüngern und Waschmitteln, Kosmetika und Medikamenten belasten die Gewässer ebenfalls. Selbst kleinste Verunreinigungen können Wasserlebewesen und -pflanzen grossen Schaden zufügen und das Trinkwasser verschmutzen.
Um Mikroverunreinigungen um die Hälfte zu reduzieren, sieht die Regierung vor, in den nächsten 80 Jahren 100 der insgesamt 700 Abwasserreinigungsanlagen mit einem zusätzlichen Verfahren auszurüsten.
Fische auf Eis
Champier ist auf seine Fischerei zurückgekehrt. Er hat 42 kg Weissfisch und zwei Forellen gefangen, die er nun waschen, ausnehmen, entschuppen, filetieren und auf Eis legen muss. Früher hatte er in einem Büro gearbeitet, bevor es ihn vor 37 Jahren auf den See hinaus zog. Wenn er die Uhren zurückdrehen könnte, sagt er, würde er trotz der Herausforderungen wieder Berufsfischer werden.
Nationaler Tag der Fischerei
Der zweite Nationale Tag der Fischerei in der Schweiz findet am 29. August statt. 2013 konnte das Publikum an mehr als 50 Aktivitäten teilnehmen, die von kantonalen Fischereiverbänden und Amateurvereinen organisiert wurden.
"Für uns ist es wichtig, dass die Bevölkerung ein positives Bild von der Fischerei hat und wir über die verschiedenen Möglichkeiten informieren können", sagt SFV-Sprecher Maxime Prevedello.
Ausbildung für Berufsfischer
Es gibt zwar keine offizielle Ausbildung, aber alle kommerziellen Fischer benötigen ein Berufspatent. Die Vergabe der Patente, die von den kantonalen Behörden für jeden See vergeben werden, ist limitiert.
Die Bewerber benötigen einen Bootsführerschein und müssen eine Prüfung ablegen, die praktische und theoretische Aspekte des Fischens sowie Vorschriften in Bezug auf Fischerei, Naturschutz und Hygiene beinhalten. Wenn die Lizenz von mehr als einer Person beansprucht wird, geht sie an diejenige mit den besten Prüfungsresultaten.
Ausbildung für Amateurfischer
Fischen ist ohne Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahrespatent nicht erlaubt. Seit Inkrafttreten des neuen Tierschutzgesetzes von 2009 muss jede Person, die ein Patent von mehr als 30 Tagen erhalten möchte, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten an einer Prüfung (Sachkundenachweis SaNa) unter Beweis stellen.
Die Kurse werden vom Netzwerk Anglerausbildungexterner Link organisiert und während zwei Halbtagen durchgeführt. Die Preise werden bestimmt von den Kantonen, welche die Patente für bestimmte Seen oder Flüsse vergeben. Jeder Kanton publiziert bewährte Richtlinien für vorbildliche Praktiken.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler)