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Klimakiller und Strahler
Der Atomausstieg in der Schweiz ist beschlossen, und wir debattieren darüber, welche Energieträger in Zukunft zu fördern und zu nutzen seien. Es besteht das Risiko, dass die Schweiz Kohlenstrom aus dem Ausland bezieht. Kohlekraftwerke sind als luftverschmutzende CO2-Schleudern bekannt. Aber sie bringen noch einen anderen gefährlichen Effekt mit: Studien weisen darauf hin, dass auch die Kohlekraft radioaktive Stoffe freisetzt. Diese Erkenntnis findet in der Energiedebatte keine Erwähnung. Die Weltnuklearorganisation (World Nuclear Association, WNA) schreibt dazu: „Über die Jahre wurde wiederholt festgestellt, dass Kohlekraftwerke mehr Radioaktivität in die Umwelt emittiert haben, als irgendwo in der Atomstromindustrie.“ Der Verdacht liegt nahe, dass die Atomlobby diese Aussage verwendet, um andere Energieformen schlecht zu machen und die Atomenergie für ungefährlich zu erklären. Aber auch der Bund für Naturschutz Deutschland (BUND) schreibt in einer Publikation zum Thema: „Weltweit gelten Braun- und Steinkohlekraftwerke neben Atomkraftwerken als die grösste Quelle radioaktiver Kontamination der Umwelt.“ Die Kohleförderung erzeugt radioaktives Aushubmaterial, Grubenwasser und radioaktiven Feinstaub, die in die Umwelt gelangen. Ebenso trägt der Kohletransport mit ungedeckten Bahnwagen zur weiteren Verteilung bei. Wird die Kohle verbrannt, so gelangen die radioaktiven Substanzen mit der Asche in die Umwelt. Filter in Grossanlagen halten zwar die radioaktive Asche zu 99,5 Prozent zurück, doch gewisse radioaktive Isotope – zum Beispiel von Radon, Blei und Polonium – gelangen trotzdem in die Umwelt. Sie werden bei der Verbrennung gasförmig und können daher kaum aus der Abluft entfernt werden. Die Filterstäube müssen als hochgefährlicher Abfall sicher gelagert werden; zum Beispiel in einem Tiefenlager. Das liegt daran, dass sich beim Verbrennen die radioaktiven Stoffe in der Asche anhäufen: Enthält die verbrannte Kohle einen Aschegehalt von fünf Prozent, so ist am Ende der Verbrennung die Konzentration der radioaktiven Stoffe massiv erhöht: Bei einer Urankonzentration von 20 ppm (parts per million) kann durch das Verbrennen eine Anreicherung auf über 200 ppm stattfinden. Atomforscher schlagen deshalb vor, Uran aus Kraftwerksasche zu gewinnen.
„Weltweit gelten Braun- und Steinkohlekraftwerke neben Atomkraftwerken als die grösste Quelle radioaktiver Kontamination der Umwelt.“
Bund für Naturschutz Deutschland (BUND)
Menschgemachte Radioaktivität
Radioaktivität tritt natürlich auf unserer Erde auf: In der Erdkruste und der Atmosphäre kommen radioaktive Elemente wie Uran, Thorium, Kalium, Radium, Radon und ihre radioaktiven Zerfallsprodukte vor. Der Mensch hat mit der Verbreitung der Atomkraft zu einer erhöhten menschgemachten Radioaktivität in der Umwelt beigetragen. Atomenergie verbinden wir alle mit der Gefahr austretender Radioaktivität, aber auch andere Energieträger belasten die Umwelt durch radioaktive Stoffe. Die WNA listet zahlreiche weitere menschgemachte Quellen von Radioaktivität auf: Auch die Herstellung von Öl und Gas, der Bergbau und die Verhüttung von Metallen, sowie die Düngerindustrie erzeugen radioaktive Stoffe. Auch in der Radiologie, einem Fachbereich der Medizin, wird mit radioaktiver Strahlung gearbeitet, um beispielsweise Krebs zu behandeln oder zu röntgen.

Exkurs: Radioaktivität als Eigenschaft
Unter Radioaktivität versteht man die Eigenschaft von chemischen Elementen, ihren Atomkern zu verändern und in andere Elemente umzuwandeln. Dabei tritt radioaktive Strahlung aus. Die Anzahl Protonen in einem Element ist immer gleich, die Neutronenzahl kann jedoch variieren; in diesem Fall spricht man von Isotopen. Je nach Verhältnis der Protonen zu Neutronen ist ein Atomkern mehr oder weniger stabil. Ein Atom strebt einen möglichst stabilen Zustand an und gibt daher Protonen und/oder Neutronen ab, um diesen zu erreichen. Es gibt verschiedene Mechanismen, wie ein Atom diesen erreichen kann. Bei der Alpha-Strahlung zum Beispiel gibt der Atomkern von Uran-238 zwei Protonen und zwei Neutronen ab und es entsteht Thorium-234. Diese sogenannten Kernumwandlungen gehen so lange weiter, bis ein stabiles Isotop entstanden ist. Findet eine Kernumwandlung pro Sekunde statt, so wird auf einem Dosimeter, das die Radioaktivität messbar macht, ein Becquerel angezeigt. Je höher die Becquerel-Zahl, desto stärker strahlt ein Element. Die Gefahr der Radioaktivität enthüllt sich in den Zellen: Werden radioaktive Substanzen eingeatmet oder verschluckt, dann werden die umgebenden Zellen bestrahlt. Dabei werden die Informationen im Zellkern geschädigt und verändern sich. Der Körper kann diese Schäden nicht reparieren und Zellen können dabei entarten, was zu Krebs führen kann.
Endliche Ressourcen
Bei der Planung der Energiestrategie 2050 sollte die Tatsache, dass Kohlekraftwerke radioaktive Asche erzeugen, berücksichtigt werden. Wie Chemie-Professor Günter Henze gegenüber dem BUND bestätigt, sind die radioaktiven Emissionen von Kohlekraftwerken um ein bis zwei Grössenordnungen höher als diejenigen von Atomkraftwerken. Aber nicht nur die Radioaktivität stellt für die Kohlekraft ein Problem dar – Kohle ist wie Erdöl, Erdgas und Uran eine endliche Ressource.
Weitere Informationen:
Radioaktivität aus Tagebauen (BUND Nordrhein-Westfalen)
Klimaschutz braucht die Energiewende (Greenpeace Schweiz)
Klimaschutz heisst Kohleausstieg (Greenpeace Deutschland)
Gesundheitsschäden durch Kohlekraftwerke: Neue Studie befeuert Debatte (aerzteblatt.de)
Experten diskutieren gesundheitliche Risiken neuer Energiequellen (aerzteblatt.de)
Silent Killers: Why Europe must replace coal power with green energy (Greenpeace International, Englisch)