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Eine alte Frau putzt sich die Zähne. Aus dem Off die Frage: «Wieso machen wir diesen Film? Was denkst du?» Während die alte Frau langsam zu ihrem Bett geht und sich vorsichtig hinbettet, formuliert sie bedächtig: «Ich denke, es geht darum, zu zeigen, was einem passiert, in diesem Stadium der Krankheit. Und wie es ist, obwohl man Kinder und Verwandte hat, im Abseits zu leben, allein zu sein nur wegen dieser Krankheit. Und ich denke, es wird dir helfen» – Schnitt auf eine jüngere Frau im Profil, nachdenklich auf den Boden schauend, und die alte Frau in Frontalansicht, auf dem Bett sitzend und den Blick in eine unbestimmte Ferne gewendet – «zur Ruhe zu kommen.» «Mir?» «Dir, mir und deinem Vater.» Es folgt der Titel-Insert.
Diese erste Sequenz ist wohl die einzige Passage von El tiempo nublado, die dem, was man Erklärung nennen könnte, nahekommt. El tiempo nublado ist ein Film, der zeigt und nicht erklärt. Er erzählt elliptisch, im Vertrauen darauf, dass sich Zuschauer gerne aktiv auf eine Geschichte einlassen. Exemplarisch dafür etwa die auf den Vorspann folgende Sequenz: Eine Brücke über einen Fluss in einer Stadt, die Silhouette dominiert von Industriegebäuden und Hochhäusern. (Wer die Ansicht kennt, weiss, dass man sich in Basel befindet.) Ein Fotostreifen auf einer Wand in einem Zimmer, daneben «te quiero» hingekritztelt. Ein Paar liegt auf einem Bett. Die junge Frau aus dem Vorspann (man “weiss” sehr schnell, dass dies Arami Ullón ist, was man streng genommen eigentlich erst aus dem Nachspann wissen kann) telefoniert mit ihrer Mutter. Ein Gespräch am Frühstückstisch zwischen der Frau und ihrem Freund über Verantwortung gegenüber der pflegebedürftigen Mutter (sie leidet schon immer an Epilepsie und jetzt im Alter an Parkinson). Die Frau joggt dem Rhein entlang. Sie sitzt am Boden und packt etwas ein. Eine Umarmung (wir “wissen”, dass es auf einem Flughafen sein muss). Weisse Wolken. Ein Uniformierter hilft der Frau mit dem Reisegepäck. Eine Gruppe von Leuten kommt auf sie zu. Allgemeines herzliches Umarmen. (Viel später erfährt man, weil im Radio in einer Sendung das Land genannt wird, dass sie in Paraguay gelandet ist.)
Der Alltag von Mutter und Tochter, die Familienverhältnisse – finanzielle Sorgen und Verletzungen von früher, die Situation der Altenpflege in Paraguay, all dies entfaltet sich dem Zuschauer puzzleartig aus Gesprächen und Episoden, fragmentarisch, voller Lücken, so intensiv wie banal, und setzt sich zu einem fast spielfilmartigen Handlungsbogen zusammen, dessen Espisoden von atmosphärischen Detailaufnahmen wie Fensterdurchsichten, Sonnenflecken auf einer Mauer, leicht wehenden Vorhängen zusammengehalten werden. Der Film hat einen schönen Atem. Sein Rhythmus wird nicht zuletzt durch die Travellings von der joggenden Ullón, die in ihrer Intensität Zorn oder Hilflosigkeit gegenüber zu treffenden Entscheidungen oder Trauer über unhintergehbare Beschlüsse verraten mögen, und durch die diskrete Musik von Marcel Vaid akzentuiert.
El tiempo nublado ist von grosser Intimität, doch nie voyeuristisch. Nicht zuletzt dank der Arbeit von Ramòn Giger und dem Vertrauen, das Ullón ihrem Kameramann entgegenbrachte. Die Gespräche zwischen Tocher und Mutter auf dem Bett etwa sind halbnah bis nah gefasst, aber bewahren im besonderen Licht des Raums Diskretion; ein verzweifelter Wutausbruch der Tochter bleibt dem Halbdunkel vorbehalten. Einmal folgt die Kamera Ullón bei einem Joggingausflug, beobachtet sie von weitem und fährt gar, als sie sich in einem ausgetrockneten Wasserbecken der Länge nach hinstreckt, zurück: ein schönes Bild für die Nähe und die Distanz, die diesen Film prägen.