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In Europa ist das Impfen seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Als „Vater“ der aktiven Immunisierung (Impfung) gilt Edward Jenner (1749 – 1823), der Ende des 18. Jahrhunderts mit einem Pockenimpfstoff experimentierte. Weitere Entwicklungen sind Louis Pasteur (1822 – 1895) zu verdanken mit Impfungen gegen Milzbrand und Tollwut.
Emil von Behring (1854 – 1917) ist der Begründer der passiven Immunisierung, der Behandlung mit Heilseren gegen Diphtherie und Tetanus (Wundstarrkrampf).
Sobald ein Krankheitserreger, ein Antigen, in den Körper gelangt, erkennt das Abwehr- oder Immunsystem den „Eindringling“ anhand der Oberflächenstruktur als fremd. Das Immunsystem muss täglich auf den Kontakt mit Antigenen reagieren. In der Folge werden Serumeiweisse, so genannte Antikörper gebildet, die spezifisch gegen die identifizierten Bakterien, Viren, andere Erreger oder Toxine gerichtet sind. Bei der Antigen-Antikörper-Reaktion verbinden sich die Antikörper mit den Antigenen zu einem Komplex, der von Fresszellen (Makrophagen) neutralisiert oder vernichtet werden kann. Das Formatieren der spezifischen antibakteriellen, antiviralen oder antitoxischen Systeme benötigt einige Tage bis zwei Wochen. Wenn das Immunsystem auch zuverlässig reagiert, sehr schnell ist es nicht, sofern der Kontakt mit dem Antigen zum ersten Mal erfolgt.
Nach einer Infektion mit bestimmten (nicht allen) Erregern bleibt die Erinnerung, gegen welche Eindringlinge gekämpft wurde, über viele Jahre hinweg bestehen. Bei einer nochmaligen Infektion mit demselben Krankheitskeim kann der Körper dann fast ohne Zeitverzug reagieren und durch schnelles Neutralisieren der Erreger oder ihrer Toxine einen Krankheitsausbruch verhindern: Der Körper ist dann immun.
Impfung oder aktive Immunisierung hat den Zweck, absichtlich die Bildung von Antikörpern gegen definierte Krankheitserreger auszulösen. Für die passive Immunisierung (s. unten) werden Antikörper zugeführt, die dem Blut einer fremden, bereits immunen Person entnommen wurden. Beide Vorgänge dienen damit der Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Richtlinien und ein jährlich aktualisierter Impfplan werden vom BAG und von der Schweizerischen Kommission für Impffragen basierend auf den Empfehlungen der WHO erarbeitet. Der individuelle Schutz ist ein wichtiger Aspekt; von gesundheitspolitischer Bedeutung ist indessen das Impfen eines Grossteils der Bevölkerung. Mindestens 85 bis 95% der Bevölkerung (je nach Erreger) müssen geimpft sein, wenn Krankheiten ausgerottet oder markant eingedämmt werden sollen. Ein typisches Beispiel aus der Vergangenheit sind die Pocken.
Die WHO verfolgt das Ziel, nach den Pocken auch Poliomyelitis und Masern weltweit zu eliminieren. Gegen andere Krankheiten werden ebenfalls grosse Impfkampagnen durchgeführt, um möglichst viele Menschen zu schützen, auch wenn ein vollständiges Verschwinden mancher Krankheiten nicht erreichbar sein wird (Beispiele: Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten). Da weder das Durchmachen dieser letztgenannten Krankheiten noch die Impfung einen lebenslangen Schutz gewährleisten, wäre das regelmässige Auffrischen des Impfschutzes beim grössten Teil der Bevölkerung aller Länder nötig – ein unrealistisches Ziel.
Gegenwärtig gibt es bereits Impfungen gegen mehr als 20 verschiedene Krankheiten. Nach neuen Impfstoffen wird intensiv geforscht, alte werden weiter entwickelt und verbessert, teils gentechnisch hergestellt. Im Vordergrund stehen dabei die Reinheit der Substanzen und das Erreichen eines möglichst vollständigen Schutzes vor der Krankheit.
Die Impfungen gegen Keuchhusten und Kinderlähmung, die früher durch Komplikationen belastet waren, wurden inzwischen verbessert. Gegen Kinderlähmung gibt es heute einen Impfstoff, der gespritzt wird; die Schluckimpfung, welche in der Frühzeit vereinzelt zu echten Polioerkrankungen geführt hatte, wurde ersetzt.
Niemand ist gezwungen, sich oder seine Kinder impfen zu lassen. Vor der Frage „Impfen oder nicht“ ist daher das Verhältnis
„wahrscheinlicher Nutzen versus wenig wahrscheinlicher Schaden“
abzuwägen, das heute fast immer zu Gunsten der Impfung ausfällt. Nicht zu unterschätzen ist der Nutzen für die Gesellschaft. Inzwischen gelang es, früher oft tödlich oder mit schwerwiegenden Folgeerscheinungen einhergehende Krankheiten entscheidend zu bekämpfen. In der Schweiz registrierte man die letzte Poliomyelitisepidemie (Kinderlähmung)1955. Massive Rückgänge in der Erkrankungshäufigkeit sind zu verzeichnen bei Diphtherie, Keuchhusten, Masern und Schädigungen bei Neugeborenen durch Rötelninfektion während der Schwangerschaft. Impfmüdigkeit ist jedoch ein Grund für immer wieder lokal auftretende Epidemien (Beispiel: Masern, auch in der Schweiz). Manche Krankheiten haben in der Wahrnehmung der Menschen an Bedeutung verloren, obwohl sie auch heute noch mit schweren Komplikationen einhergehen können.
Die vorbeugende, aktive Immunisierung eines Gesunden nennt man Impfung.
Ziel ist der Aufbau eines körpereigenen Schutzes. Dem menschlichen Körper wird ein abgeschwächter, unvollständiger oder ein abgetöteter, Krankheitserreger verabreicht. Dadurch kann es gelegentlich zu Allgemeinerscheinungen (Fieber, Unwohlsein, Müdigkeit, gelegentlich Ausschläge) kommen, zu einer „Impfreaktion“ also, über die Arzt und Packungsprospekt informieren. Ein Ausbruch jener Krankheit, die man mit dem Impfen verhindern wollte, ist sehr selten (Beispiel: „Impfmasern“). Das Abwehrsystem reagiert, als habe eine Infektion stattgefunden und beginnt mit der Produktion der erwünschten, spezifischen Antikörper. Zudem entstehen so genannte Erinnerungszellen (memory cells), die bei Bedarf sofort die passenden Antikörper bilden können. Dieser ganze Vorgang wird als Immunantwort bezeichnet.
Das Bereitstellen der Antikörper, also der aktive Immunisierungsvorgang, benötigt – wie beim Bewältigen einer Infektion – zwei oder sogar mehr Wochen, und bestimmte Impfungen müssen mehrmals nacheinander erfolgen, um komplettiert zu werden.
Impfschutz ist also nicht von heute auf morgen zu haben; daran sollte denken, wer sich vor Antritt einer Auslandreise impfen lassen möchte.
Nicht alle Impfungen gewähren einen lebenslangen Schutz, gegen manche Krankheiten ist eine Auffrischimpfung nötig, weil die Wirkung mit den Jahren nachlässt. Die Auffrischimpfung (injection de rappel, Booster) reaktiviert die Erinnerungszellen und führt zu einem schnellen Anstieg der Antikörpermenge im Organismus.
Bestimmte Krankheitserreger – unter anderem die Grippeviren – sind in der Lage, ihre Antigenstruktur derart zu verändern, dass weder eine früher durchgemachte Erkrankung noch eine frühere Impfung Schutz bietet. In diesem Fall muss das Immunsystem nach jedem Kontakt neue, passende Antikörper bilden. Bezogen auf die Grippe bedeutet dies, dass jeden Herbst neu angepasste Impfstoffe hergestellt werden müssen.
Wird der geimpfte Mensch mit dem „echten“ Krankheitserreger infiziert, trifft dieser auf ein vorbereitetes Immunsystem. Der Geimpfte erkrankt nicht, oder wenn doch, in einer deutlich abgeschwächten Form, da nur wenig Zeit verstreicht, bis die Antigen-Antikörper-Reaktion voll wirksam ist.
Gegen die folgenden und weitere Krankheiten gibt es Impfstoffe zur aktiven Immunisierung (Impfung): Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten, Influenza (Grippe), Windpocken, Kinderlähmung, Hepatitis A und B, Typhus, Cholera, Gelbfieber.
Es existieren Kombinationsprodukte, mit denen gegen zwei, drei oder vier Erreger gleichzeitig geimpft werden kann, wodurch sich die Anzahl Impfungen reduzieren und das Vorgehen vereinfachen lässt. Typisches Beispiel: MMR, Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln mit einer Spritze.
Passive Immunisierung ist sinnvoll nach Infektion einer immungeschwächten oder noch nicht immunen Person. Im ersten Fall kann eine Infektionskrankheit das Leben bedrohen, im zweiten dauert die Reaktion des eigenen Immunsystems unter Umständen zu lange, um den Krankheitsausbruch zu verhindern.
Zur passiven Immunisierung werden dem Menschen Antikörper injiziert, die ein anderer Mensch gebildet hat. Sie sind enthalten im Blutserum von Personen, welche die Krankheit durchgemacht haben oder die erfolgreich geimpft wurden („Heilserum“). Die fremden Antikörper bekämpfen den Erreger sofort, mildern den Krankheitsprozess oder kommen dem Ausbruch sogar zuvor. Im Verlauf einiger Wochen werden diese Antikörper – die fremd sind und keine körpereigene Immunität erzeugen – jedoch abgebaut und verschwinden wieder. Der „passive Schutz“ hält also nicht lange an, und er verhindert nicht, dass eine spätere Zweitinfektion zu einer Erkrankung führt.
Der passiven Immunisierung ähnlich ist die Übertragung von Antikörpern der Mutter auf das ungeborene Kind und während des Stillens. Auch hier hält der Schutz vor Krankheiten aber nur einige Wochen an.
Gegen die folgenden und weitere Krankheiten existieren Seren zur passiven Immunisierung: Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie, Hepatitis A und B, Windpocken.
Manchmal ist es möglich oder nötig, die passive Immunisierung durch eine gleichzeitige aktive Schutzimpfung zu ergänzen, so nach Infektion mit Tetanus-, Tollwut- oder Diphtherie-Erregern.
„Heilseren“ bergen eine gewisse Gefahr, denn sie enthalten körperfremde Eiweisse, die im Empfänger eine Abwehrreaktion hervorrufen können. Geschieht dies, kann der Organismus bei einer wiederholten Injektion des Serums allergisch (Allergie) reagieren – eventuell sehr massiv (Anaphylaxie). Gelegentlich kommen allergische Reaktionen auch bei der aktiven Immunisierung vor.
Aus dem Impfausweis ist ersichtlich
Impfungen werden sinnvollerweise eingesetzt gegen allgemein verbreitete Infektionskrankheiten, die ein hohes Gefährdungspotential für den Patienten, seine Umgebung oder ein ungeborenes Kind (Missbildungsrisiko) bergen.
In der Schweiz werden folgende Impfungen für alle Menschen empfohlen:
Die oben genannten Basisimpfungen können ergänzt werden, wenn Eltern ihre Kinder vor zwei weniger häufigen aber gelegentlich tödlich verlaufenden Krankheiten schützen möchten. Es handelt sich dabei um Pneumokokken (Erreger von Lungen-, Hirnhautentzündung und anderen) und Meningokokken der Gruppe C (Erreger der eitrigen Hirnhautentzündung). Diese beiden Impfungen sind seit 2006 Pflichtleistung der obligatorischen Krankenversicherung, die Kosten also gedeckt.
Sie sind geeignet, Personen mit erhöhten Risiken einen individuellen Schutz zu gewähren:
Die heute verwendeten Impfstoffe verursachen wenig Beschwerden. Nicht selten kommt es jedoch zu einer vorübergehenden Rötung und Schwellung im Bereich der Einstichstelle, gelegentlich zu Erkältungs- oder grippeähnlichen Symptomen (Impfreaktion). Bei Kindern werden namentlich Fieber und Reizbarkeit beobachtet, mit unterschiedlicher Häufigkeit, abhängig von der Art des Impfstoffs. Fieberkrämpfe können gelegentlich auch noch Tage nach der Injektion auftreten (vor allem nach der Masern-Mumps-Röteln-Impfung). Selten ist die eigentliche „Impfkrankheit“, eine meist milde Form jener Krankheit, gegen die geimpft wurde, und noch seltener sind wirklich gefährliche Komplikationen. In solchen Fällen sollte ein Arzt konsultiert werden.
Der Arzt informiert über
Vorerst ist abzuklären, ob gegenwärtig eine akute Infektion oder eine andere Krankheit vorliegt. In diesen Fällen ist bisweilen ein Aufschieben nötig, nur selten kann gar nicht geimpft werden. Letzteres gilt insbesondere, wenn früher eine schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie) auf den Impfstoff oder einen Bestandteil davon eingetreten ist. Vorsichtsmassnahmen sind ausserdem nötig bei Einnahme von gewissen Medikamenten. Bei Schwangerschaft ist auf die Gabe von Lebendimpfstoffen (abgeschwächter aber noch vermehrungsfähiger Krankheitserreger) zu verzichten. Der Arzt sollte entsprechend informiert werden.
Eine regelmässige Kontrolle des Impfausweises durch den Hausarzt ist ratsam. Erwachsene sollten Ihren Impfschutz periodisch überprüfen und gegebenenfalls erneuern lassen. Dies gilt insbesondere für Tetanus (Starrkrampf) und Diphtherie.