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Im äussersten Nordwesten Englands erstreckt sich auf mehr als 2200?Quadratkilometer der 1951 gegründete Lake District National Park??– einer von insgesamt 15?Nationalparks auf den Britischen Inseln. Seinen Namen verdankt dieser Landstrich im Herzen der Grafschaft Cumbria rund 1000?Seen, die sich hier am Fusse der Cumbrian Mountains oder Lakeland Fells erstrecken. Darunter mit dem Windermere auch Englands grösste natürliche Wasserfläche. Der Nomenklatur nach gibt es im Lake District tatsächlich aber nur einen einzigen echten «Lake» – den Bassenthwaite, denn grössere Gewässer werden hier in der Regel als «-mere» oder «-water» bezeichnet, die kleineren als «Tarn». Gesäumt von einsamen Hochmooren, gelegen inmitten dichter Eichen- und Kiefernwälder und umgeben von goldenem Stechginster, Riesenadlerfarn oder violett blühender Besenheide, dazwischen immer wieder jahrhundertealte, von Glyzinien umrankte Cottages oder stattliche Herrenhäuser, entsteht so das Bild einer Ideallandschaft, das der Phantasie eines Genre-malers aus dem 19.?Jahrhundert entsprungen scheint. Kein Wunder, dass der Lake District, der sein heutiges Gesicht der letzten grossen Eiszeit vor rund 20’000?Jahren verdankt, heute zu Englands beliebtesten Ferienregionen mit jährlich mehr als zwölf Millionen Besuchern zählt – darunter viele Aktivurlauber.
Künstlerischer Inspirationshort
Aber auch Kunst- und Literaturliebhaber zieht es scharenweise in Englands rauen Norden, denn die dramatische Naturkulisse inspirierte nicht nur Maler und Komponisten, sondern auch zahlreiche Schriftsteller und Philosophen zu ihren Werken. Darunter Poeten vom Rang eines Hartley Coleridge, Thomas de Quincey, Sir Walter Scott, Nathaniel Hawthorne, Hugh Walpole, John Ruskin oder John Keats. Bereits 1778 veröffentlichte der Landpfarrer Thomas West den ersten offiziellen Reiseführer für die abgelegene Region. Und noch heute finden sich am Westufer des Windermere Ruinen der Claife Station, einer von mehreren Aussichtspunkten, die nach Erscheinen von Wests Titel als Raststation für Besucher errichtet wurden. Aber erst William Wordsworth 1810 publizierter «Guide to the Lakes» verwandelte den Landstrich quasi über Nacht in einen Sehnsuchtsort für grossbürgerliche Zivilisationsflüchtlinge. Neben Coleridge und Robert Southey gilt Wordsworth als Hauptvertreter der sogenannten «Lake Poets» – ein von der kontinentaleuropäischen Romantik beeinflusster Schriftstellerzirkel, in dessen Werken die Naturschönheit des Lake District oft eine zentrale Rolle spielt. So z.?B.?auch in Wordsworth Gedicht «I wandered Lonely as a Cloud» – eine der schönsten und bekanntesten Versdichtungen in englischer Sprache.
Englands bekannteste Kinderbuchautorin
Die neben Wordsworth und den Lake Poets bis heute aber am engsten mit dem Lake District verbundene Schriftstellerin war die 1866 in London geborene Beatrix Potter, Englands bekannteste Kinderbuchautorin und -illustratorin, die am 28.?Juli 2016 ihren 150.?Geburtstag feiert. Ihr im Oktober 1902 bei Frederick Warne?&?Co veröffentlichtes «Tale of Peter Rabbit» (dt.?«Die Geschichte von Peter Hase»), dessen gleichnamiger Held es pünktlich zum Jubiläum auf eine Sonderprägung der britischen 50-Pence-Münze geschafft hat, wurde bis heute in fast 40 Sprachen übersetzt und gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Weltliteratur, ja avancierte schon zu Lebzeiten der Autorin zum Klassiker. Noch während die Druckerpressen liefen, erhöhte der Verlag die Erstauflage aufgrund der Flut eingehender Vorbestellungen von 5000 auf 8000?Exemplare. Aber selbst diese waren bereits vergriffen, bevor es das schmale Bändchen mit 26?Illustrationen der Autorin in die Auslagen der Buchhändler schaffte. Bis heute wurde «Peter Rabbit» weltweit mehr als 40?Millionen Mal verkauft – die Gesamtauflage aller 23?Teile der Reihe summiert sich auf über 150?Millionen Exemplare!
Das sehenswerte, 2006 vom australischen Regisseur Chris Noonan gedrehte Biopic «Miss Potter», mit Renée Zellweger in der Titelrolle, beleuchtet eindrucksvoll??– wenn auch reichlich idealisiert – Kindheit und Jugend der Schriftstellerin, vor allem aber die Entstehungsgeschichte von Potters grösstem Erfolg. Die Autorin selbst hatte in zähen Verhandlungen mit dem Verlag u.?a.?durchgesetzt, dass ihr Erstling – wie alle folgenden Bücher, die Potter bis zum Jahr 1930 veröffentlichte, als ihr Augenlicht spürbar nachzulassen begann – im Kleinformat von 10 mal 14?Zentimetern gedruckt wurde. So konnten auch kleine Kinder das Buch gut in den Händen halten. Ausserdem gab sie sich zunächst mit einem vergleichsweise bescheidenen Honorar zufrieden, damit der Verlag das Buch trotz der liebevoll kolorierten Illustrationen relativ preisgünstig anbieten konnte. Damit wollte Potter nicht zuletzt sicherstellen, dass auch Kinder aus weniger privilegierten Kreisen ihre Bücher lesen konnten. Allerdings konnte sich die Autorin, die aus einem sehr wohlhabenden Elternhaus stammte, diese Form der Grosszügigkeit auch leisten. Heute dagegen wacht der weltumspannende Penguin-Verlag, zu dem Frederick Warne?&?Co mittlerweile gehört, mit Argusaugen über die Autoren- und Bildrechte. Schliesslich geht es um ein Millionen-Business.
«Pu der Bär», «Der Wind in den Weiden» und «Bambi»
Tatsächlich waren Kinderbücher in Prosaform, verfasst in kindgerechter Sprache, ob mit oder ohne Abbildungen, bis Ende des 19.?Jahrhunderts die absolute Ausnahme. So war auch Potter mit ihrem Manuskript zunächst bei sechs verschiedenen Verlagen abgeblitzt – auch bei ihrem späteren Verleger Frederick Warne selbst. Dass der Verlag «Peter Rabbit» am Ende doch noch herausbrachte, nachdem Potter das Buch bereits in mehreren Hundert Exemplaren hatte privat drucken lassen, war eine unmittelbare Folge des unerwarteten wirtschaftlichen Erfolges, den das neue Genre seit den 1890er Jahren in Grossbritannien, Kontinentaleuropa und den USA hatte. So erschienen in der Zeit zwischen 1895 und 1925 einige der bis heute bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten Kinderbücher – viele davon, wie in Beatrix Potters Werken, mit tierischen Protagonisten. So u.?a.?«Pu der Bär» von A.?A.?Milne, «Der Wind in den Weiden» von Kenneth Graham, «Bambi» von Felix Salten, die «Biene Maja» von Waldemar Bonsels oder «Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen» von Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf.
Zu Gast bei Peter Rabbit
In «Peter Rabbit» erzählt Potter von den Abenteuern des kleinen Kaninchens Peter – in der deutschen Erstübersetzung fälschlicherweise «Peter Hase» –, der es trotz eindringlicher Warnungen seiner Mutter nicht lassen kann, im Gemüsegarten des grimmigen Mr?McGregor herumzutollen. Dabei schreckt die Autorin auch vor drastischen Bildern nicht zurück. So heisst es an einer Stelle: «Euer Vater hatte dort einen schlimmen Unfall! Er wurde von Mrs McGregor in eine Pastete verwandelt!» Nur mit viel Glück und nach zahlreichen Abenteuern gelingt es Peter, dessen Vorbild Potters eigenes Kaninchen war, schliesslich zu entkommen. Am Ende der Geschichte wird der Held schliesslich von seiner Mutter mit einer Tasse Kamillentee und ohne Abendbrot ins Bett gesteckt, während seine Schwestern Flopsy, Mopsy und Cottontail sich an Brot, Milch und Brombeeren laben dürfen. Einfache pädagogische Botschaften in zuckersüsser Verpackung. Doch Beatrix Potter war nicht nur eine der wirtschaftlich erfolgreichsten britischen Autorinnen der ersten Hälfte des 20.?Jahrhunderts. Mit den Einnahmen aus ihren Büchern, vor allem aber aus unzähligen Lizenzprodukten rund um die Helden ihrer kleinen Fabeln wie Handpuppen, Kuscheltiere, Brettspiele oder Porzellan, das mit Charakteren ihrer Erzählungen dekoriert war, erwarb sie im Lake District, wo sie während ihrer Jugend ausgedehnte Ferienaufenthalte verbracht hatte, zahlreiche Landgüter. Darunter auch die Hill Top Farm und das nahe gelegene Castle Cottage im kleinen Dörfchen Sawrey, wo Potter nach dem Tod ihrer Eltern und einer späten Heirat mit dem Anwalt William Dickenden Heelis im Jahre 1913 – da war Potter bereits 47?Jahre alt – einen Grossteil ihrer zweiten Lebenshälfte verbrachte.
So wurde sie im Laufe der Jahre zu einer der einflussreichsten Grossgrundbesitzerinnen des Lake District. Dabei ging es ihr vor allem darum, die traditionelle Weidelandwirtschaft der Region, die einen wesentlichen Anteil am Erhalt des ursprünglichen Charakters dieser Landschaft hatte, zu erhalten. Sie wurde so zu einer der frühen, führenden Figuren des Mitte des 19.?Jahrhunderts entstehenden Conservation Movement. Inspiriert dazu hatte sie u.?a.?der Kontakt zu Canon Hardwicke Drummond Rawnsley, 1895 einer der Mitbegründer des National Trust und engagierter Kämpfer gegen die willkürliche Zersiedlung der Landschaft, der als Pfarrvikar bei Wray Castle arbeitete. Dort hatte Potter 1882 als 16-Jährige mit ihren Eltern die Sommerferien verbracht??– ihr erster Aufenthalt im Lake District.
Pilgerstätte für Potter-Fans
Gleichzeitig setzte sich Potter für eine Öffnung der Region für den Tourismus ein??– z.?B.?durch das Anlegen markierter Wege, auf denen noch heute Wanderer die Region erkunden. Und obwohl bekennende Gegnerin des Frauenwahlrechts war sie auch tagespolitisch engagiert und kämpfte u.?a.?für autorenfreundliche Copyright-Gesetzgebung und eine bessere Gesundheitsversorgung der Landbevölkerung. Ausserdem setzte sie sich erfolgreich gegen Pläne für die Aufnahme des Linienflugverkehrs mit Wasserflugzeugen auf dem Windermere sowie die geplante Errichtung einer Flugzeugfabrik in der Bowness Bay am Cockshott Point ein. Nach ihrem Tode im Jahre 1943 vermachte Potter dem britischen National Trust mehr als 1600??Hektar Land, 15??Farmen – inklusive Hill Top??– und mehrere Cottages. Eine der grössten Schenkungen, die die Stiftung in ihrer mehr als 120-jährigen Geschichte jemals erhalten hat. Verbunden war das Erbe allerdings u.?a.?mit der Auflage, auf den Farmen weiterhin Herdwicks zu züchten, eine charakteristische Schafsrasse des Lake District mit dunkler Wolle und hellem Kopf. Für deren Erhalt hatte sich Potter schon zu Lebzeiten erfolgreich als Züchterin engagiert.
Die Hill Top Farm, die Potter 1905 mit den Erlösen aus dem Verkauf von «Peter Rabbit» und dem Erbe einer Tante unmittelbar nach dem Tod ihres ersten Verlobten und Verlegers Norman Warne erworben hatte, ist heute Pilgerstätte für grosse wie kleine Potter-Fans und vollgestopft mit persönlichen Erinnerungsstücken der Autorin. Umgeben ist das Anwesen wie zu schon Lebzeiten Potters von einem herrlichen Bauerngarten voll von duftenden Teerosen, üppig blühenden Pfeifensträuchern, stolzen Lupinen, Geissblatt, rotem Fingerhut, Süssdolde und Lavendel im Wechsel mit buschigem Zierrhabarber, Erdbeerbeeten, Stachel-, Johannis- oder Himbeersträuchern, die in ihrer kunterbunten Vielfalt unwillkürlich an den Garten von Mr McGregor denken lassen, und man wäre nicht erstaunt, käme Peter Rabbit hier jede Sekunde um die Ecke gehoppelt. Gleich neben der Hill Top Farm liegt der «Tower Bank Arms»-Pub, den Potter-Kenner als einen der Schauplätze des Märchens «The Tale of Jemima Puddle Duck» (dt.?«Die Geschichte von Jemima Pratschel-Watschel») kennen. Im benachbarten Dörfchen Hawkshead, ebenfalls nur fünf Minuten von der Hill Top Farm entfernt, besuchte der oben erwähnte William Wordsworth einst die Schule. In der ebenfalls sehenswerten Beatrix Potter Gallery von Hawkshead sind dagegen Zeichnungen und Aquarelle der Schriftstellerin sowie Wechselausstellungen rund um ihr Leben und Werk zu sehen. In der aktuellen Jubiläumsausstellung zu Beatrix Potters 150.?Geburtstag stehen ihre tiefe Liebe zur Natur und ihr Kampf für den Erhalt dieser einmaligen Natur- und Kulturlandschaft im Fokus.