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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

46. Vortrag
3.
Ich werde also betreffs dieser tiefgründigen Frage sagen, was mir richtig scheint; wähle jeder, was ihm gefällt, er möge jedoch ehrerbietig urteilen, wie geschrieben steht: „Denket von Gott in Güte, und in der Einfalt des Herzens suchet ihn“1. Vielleicht müssen wir unter dem Türhüter den Herrn selbst verstehen. Es besteht nämlich in den menschlichen Verhältnissen ein größerer Unterschied zwischen dem Hirten und der Türe als zwischen dem Türhüter und der Türe, und doch hat [S. 676] sich der Herr sowohl Hirt wie Türe genannt. Warum sollen wir ihn also nicht auch als Türhüter verstehen? In der eigentlichen Bedeutung ist nämlich Christus der Herr weder ein Hirt, wie wir gewöhnlich Hirten kennen und sehen, noch auch eine Türe, denn es hat ihn kein Handwerker gemacht; im bildlichen Sinne aber ist er sowohl Türe wie Hirt; ja ich wage zu sagen, auch Schaf ist er; das Schaf ist nämlich sonst unter dem Hirten, dennoch ist er sowohl Hirt wie Schaf. Wo ist er Hirt? Siehe, hier die Stelle, lies das Evangelium: „Ich bin der gute Hirt“. Wo ist er Schaf? Frage den Propheten. „Wie ein Schaf ist er zur Schlachtung geführt worden“2. Frage den Freund des Bräutigams: „Siehe das Lamm Gottes, siehe, das da hinwegnimmt die Sünde der Welt“3. Noch etwas Wunderbareres möchte ich hinsichtlich des bildlichen Sinnes sagen. Das Lamm nämlich, das Schaf und der Hirt sind unter sich befreundet, gegen die Löwen aber pflegen die Hirten die Schafe zu schützen, und doch lesen wir, wie von Christus, obgleich er Schaf und Hirt ist, gesagt wird: „Der Löwe aus dem Stamme Juda hat gesiegt“4. Dies alles, Brüder, verstehet im bildlichen, nicht im eigentlichen Sinne. Wir sehen häufig die Hirten auf einem Felsen sitzen und von da die ihnen anvertrauten Herden bewachen; gewiß ist der Hirt mehr als der Fels, auf welchem der Hirt sitzt, und doch ist Christus sowohl Hirt wie Fels. Dies alles im bildlichen Sinne. Wenn du mich aber nach dem eigentlichen Sinne fragst: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“5. Wenn du mich nach dem eigentlichen Sinne fragst, so ist der eingeborene Sohn, vom Vater in Ewigkeit von Ewigkeit erzeugt, gleich dem Erzeuger, durch den alles gemacht ist, zugleich mit dem Vater unveränderlich und durch die Annahme der menschlichen Gestalt nicht verändert, infolge der Menschwerdung Mensch, Sohn des Menschen und Sohn Gottes. All dies, was ich gesagt habe, ist nicht Bild, sondern Wirklichkeit.
1: Weish. 1, 1.
2: Is. 53, 7.
3: Joh. 1, 29.
4: Off. 5, 5.
5: Joh. 1, 1.