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Eidgenössisches Schützenfest in Zürich 1834 (Ausschnitt).
Schweizerisches Nationalmuseum
Studenten, Sänger, Schützen, Turner
Wo blieb 1815 der gemeinsame Nenner? Die Kantone waren wieder unabhängige Staaten. Als einigende Kraft über die Grenzen hinweg erwiesen sich die Vereine. Ihre Festhütten wurden zu Kathedralen der Idee Schweiz.
Aus der Eidgenossenschaft austreten? Geht das? Versuchsweise schon. Sowohl Nidwalden als auch Schwyz, ausgerechnet zwei «Gründungsmitglieder», traten 1815 aus. Sie mochten von ihrer Eigenstaatlichkeit nichts hergeben zugunsten eines übergeordneten Bundes. Tja. Während sich die sezessionistische Anwandlung in Schwyz bald wieder legte, brauchte es in Nidwalden einen Einsatz von Bundestruppen, um die dortigen Väter von 1291 bei der eidgenössischen Stange zu halten. Leicht vorzustellen, wie schwer es war, in den folgenden Jahren das einigende Band zu stärken.
Die Vereine wurden zum kraftvollen Motor dieser Bewegung. Ihr historisches Fundament waren die Gesellschaften des 18. Jahrhunderts: ökonomische, gelehrte, patriotische, militärische. Zur bedeutendsten Schweizer Sozietät wurde die 1761 gegründete Helvetische Gesellschaft, die sich jährlich zunächst in Schinznach versammelte. Ihr Programm umfasste die gesamte Reformdiskussion der aufgeklärten Kräfte in der damaligen Eidgenossenschaft.
Mit dem Schiff auf dem Weg zur Schweizerischen Harmonie
Was beim Blick in den historischen Rückspiegel eher zu den Ausnahmen gehört, stellt sich bei den drei folgenden Darstellungen von selber ein. Diese Bildquellen erwärmen das Herz. Vorerst meint man, mit dabei zu sein auf der «Festfahrt» von Zürich nach Basel im Jahre 1820. Was sind schon die zweihundert Jahre, die dazwischen liegen?
Ankunft der Zürcher Sektion der Schweizerischen Musikgesellschaft in Basel, 1820, eine bewusste Erinnerung an die berühmten Hirsebreifahrten von 1456 und 1576, als die Zürcher zum Zeichen tatkräftiger Hilfe einen Brei ins Elsass brachten, der in Strassburg noch so heiss gewesen sein soll, dass man «die Lefzen» daran verbrannte… – Darstellung vermutlich 1823.
Schweizerisches Nationalmuseum
Das Schiff aus Zürich erreicht soeben das Rheinknie, derart beladen, dass man fast um die festlich gestimmte Gesellschaft fürchten muss. Dessen ungeachtet schmettern am Bug hinter einer bekränzten Leier (klicken, um zu vergrössern) zwei Trompeter ihre Fanfaren als Begrüssung rheinabwärts, denn oben auf der Münsterterrasse werden die Zürcher von den Baslern bereits freudig erwartet. Als ehrwürdige Kulisse gesellt sich hinten der Turm der älteren Martinskirche zu den Doppeltürmen des Münsters. Bekränzt ist der Kahn gleich mit einer zweifachen Blumengirlande. Da wird musiziert, was das Zeug hält. Conradin Kreutzer (1780–1849) hat eigens für diese Reise das Orchesterstück «Die Schiffahrt» komponiert. Becher da und dort, am Heck behält einer der Schiffsleute in historischem Kostüm die Flasche gleich in der Hand. Die schönen, aber seltsamen weissen Wolken zwischen Schiff und Ufer scheinen die heiter aufgeräumte Stimmung der Zürcher Gesellschaft förmlich zu den wartenden Basler Musikfreunden hinaufzutragen. Böllerschüsse ad libitum, darf man annehmen, denn laut Quellen wurden gleich vier Kanonen mitgeführt. Und selbstverständlich überall Standesfarben, Wappen, flatternde Fahnen, die zum politischen Programm werden: links und rechts, freundeidgenössisch, die Zürcher und die Basler Fahne, in der Mitte, die beiden Kantonsfahnen deutlich überragend, das Schweizer Kreuz. Wenn wir hier nicht der Entstehung der Schweiz beiwohnen, fliesst der Rhein aufwärts.
Triumph des Schweizerkreuzes
Vier Jahre später sind die Schützen dran. 1824 feiern die Söhne Tells in Aarau das erste «Eidgenössische Ehr und Freyschiessen». Zwar stammt das folgende Bild vom eidgenössischen Schützenfest in Zürich im Jahre 1834. Nach den erfolgreichen Volkstagen von 1830/31 mag der Anlass an der Limmat noch aufwändiger, glanzvoller inszeniert worden sein als zehn Jahre vorher in Aarau. Aber bestimmt waren 1824 auch an der Aare keine Kosten und Mühen gescheut worden für eine vaterländische Manifestation.
Erstaunlich: auf der Suche nach dem Schiessstand wird man zwar fündig. Der lang gestreckte Bau hat sogar den Ehrenplatz bekommen, hinten in der Mitte, im Schnittpunkt der Diagonalen des Bildes. Aber dieses Gebäude mit seiner zentralen Funktion wirkt, so weit entfernt, recht unscheinbar, fast nebensächlich. Viel dominanter sind die repräsentativen Gebäude im Mittelgrund, die den weiten Platz säumen.
Eidgenössisches Schützenfest in Zürich 1834.
Schweizerisches Nationalmuseum
Zu beiden Seiten des Platzes befinden sich «Gesellschaftshütten», wie sie der unbekannte Maler in der Bildlegende nennt. Die grösste der insgesamt drei Gesellschaftshütten dominiert das halbe Bild, den Vordergrund. An drei mehrteiligen Tischreihen führen die Besucher angeregte Gespräche, bald vertraulich, bald hitzig. Es kommt zu Verbrüderungen, vielleicht weinselig und lange herbeigesehnt. Förmlich demonstriert wird in der Mitte des unteren Bildrandes die damals aktuelle Mode. In der Biedermeierzeit bevorzugen die Frauen weit ausladende Schulterpartien. Gefordert werden von ihnen zudem schädliche Wespentaillen. Auch die Männer tragen eng taillierte Mäntel, dazu besonders hohe Zylinder. Derweil lassen sich die Besucher von Angestellten der Festwirtschaft Speis und Trank auftragen. Überall sind diese unentbehrlichen Helfer unterwegs, erkennbar an ihrem Arbeitskleid und ihrem einheitlich rot-weiss gestreiften Käppi. So viel heitere Festlichkeit veranlasst den Nationalheros persönlich zu erscheinen. Historisch gewandet, überreicht ihm sein Sohn Walter den Apfel, von Vaters Meisterschuss mitten durchbohrt.
Zu beiden Seiten wird der grosse Platz gefasst von zwei imposanten Kaffeehäusern, links das «Kaffe[e] zur Treu», rechts das «Kaffe[e] zur Eintracht». Gemessen an der Körpergrösse der Besucher, die hinter den Balustraden sichtbar sind, ist die Raumhöhe je enorm und wird zum schieren Symbol für Entfaltung, Enthusiasmus, Freiheit. Das passt vollendet zur staatpolitischen Botschaft dieses Bildes. In der Mitte des Platzes erhebt sich zwar eine Fahnenburg mit allerlei Wappen, aber eigentlich weht hier nur eine Fahne über dem ganzen Festgelände, das weisse Kreuz im roten Feld. Noch sind die Arme des Schweizer Kreuzes schmal und bis zum Rand durchgezogen, wie das seit etwa 1500 üblich war. Aber das tut nichts zur Sache. Hier geht es um die Schweiz, um die Einigung dieses Landes, aus dem die Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen herbeiströmen. Alle Dächer sind geschmückt mit Schweizerfahnen. Die Fahnenburg ist bekrönt mit diesem Zeichen, ebenso der Festbaum, der das Schweizerkreuz hoch über die Menschen erhebt, dem staubigen Alltag schon fast entrückt. Hat er nicht auffallende Ähnlichkeit mit den Freiheitsbäumen von 1798?
Die Kantone stehen Spalier
Aller guten Dinge sind drei. Es wäre leichtfertig, die dritte Bildquelle ausser Acht zu lassen, die Darstellung vom Fest auf der illuminierten Plattform-Promenade in Bern im Jahre 1827. Man wähnt sich in einer Kathedrale, einer dreischiffigen Basilika nach bester Manier. Dabei findet dieses Fest im Freien statt, auf dem Vorgelände des Berner Münsters. Ob dieser grandiose Bau als Vorlage für die Festeinrichtung diente? Jedenfalls bildet die prächtige Allee von Kastanienbäumen ein Hauptschiff, das über zwei Seitenschiffe verfügt. Im linken wird an Tischen gegessen und gefeiert, im rechten getanzt. Wer «lustwandeln» will, tut das nach Belieben. Sehen und gesehen werden. Wer bloss zuschauen will, setzt sich auf die Bänke, welche die Promenade säumen. Wiederum Biedermeiermode, wie sie im Büchlein steht, diesmal mit Blumenmotiven und Körbchenhüten.
Fest auf der illuminierten Plattform-Promenade des Berner Münsters, 1827.
Schweizerisches Nationalmuseum
Zu beiden Seiten des «Hauptschiffs» nicht Heiligenstatuen, sondern die 22 Kantonswappen, mit Bogen von Lampions verbunden. Diese festlichen Lichtergirlanden dienen der Beleuchtung, weisen jedoch weit über diese Funktion hinaus. Sie verbinden die Kantone untereinander, sozusagen «zu höherem Nutz und Frommen», als Reverenz für das grosse eidgenössische Kreuz. Dieses Symbol dominiert das Fest mit wuchtiger, ja suggestiver Kraft. Darum geht es, in diesem Zeichen steht alle Illumination und Festivität.
Die zwei Seiten ein und derselben Medaille
Ohne Blick auf die andere Seite der Medaille ist Geschichte nicht Geschichte. Deshalb sei hier wenigstens daran erinnert, dass es zur gleichen Zeit, als das führende Bürgertum im Zeichen des Schweizerkreuzes rauschende Feste feierte, ein heimatloses Landproletariat gab. «Kartoffelehen» nannte man die Ehen der Unterstützungsbedürftigen, weil sie nur dank Kartoffeln überlebten. Aus schierer Not zogen solche Familien auf eigentlichen Bettlerstrassen durch das Land, bettelnd und stehlend. Eine dieser Routen führte von Bern über Biel nach Neuenburg und wieder zurück. «Das sind die Kessel, in denen die Armut gebraut wird und aus denen immer grössere Ströme armer Menschen fluten», ist in den damaligen Quellen nachzulesen. Gleichzeitig, aber nicht gleich.
→ Lesen und hören Sie morgen, dass der «zweite Anlauf» eine entscheidende Etappe auf dem Weg zum Bundesstaat war. Kommen Sie vor allem mit nach Balsthal: Dort wird sogar gesungen!
1830 – Der zweite Anlauf
In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.
Das historische Thema dieser Woche: Der liberale Umschwung zwischen Wienerkongress und Bundesstaat, die Zeit der Regeneration um 1830.
Montag:
1819 Maulkörbe, doch «die Gedanken sind frei!»
Nach der Franzosenzeit gewannen ab 1813 wieder reaktionäre Kräfte die Oberhand in Europa und der Schweiz, doch die Liberalen hielten dagegen. In der Biedermeierzeit gab es neben Wohlstand bittere Armut, dazu eine drakonische Justiz.
Dienstag:
«Aufruf zur Freyheit ist Rebellion und Meüterey»
Wie viel Sprengkraft die liberalen Freiheitsrechte hatten, zeigt die Schärfe, mit der sie von den Konservativen bekämpft wurden. Karikaturen jener Zeit berichten von listigen Volksverführern und schauerlichen Ungeheuern.
Mittwoch:
Studenten, Sänger, Schützen, Turner
Nach 1815 waren die Kantone wieder unabhängige Staaten. Als einigende Kraft über die Grenzen hinweg erwiesen sich die Vereine. Die Festhütten von Studenten, Sängern, Schützen und Turnern wurden zu Kathedralen der Idee Schweiz.
Donnerstag:
«Die alte Herre müesse wäg! Mi nimmt se bi de Chräge.»
Die liberale Erneuerung der Schweiz nahm im Sommer 1830 Fahrt auf. Tausende strömten zu Volkstagen, die sich wie ein Lauffeuer entzündeten: von Weinfelden nach Wohlenschwil, Sursee und Uster, von Wattwil und Altstätten SG nach Balsthal und Münsingen.
Freitag:
«Stehet auf, Eidgenossen, rettet das Vaterland!»
Die Volkstage von 1830/31 brachten liberale Kantonsverfassungen hervor, aber noch keinen starken Bund. Das verlangte eine Volksversammlung 1836 in Flawil. – Das letzte Wort hat eine Frau, Katharina Morel, und wie!
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