Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03579.jsonl.gz/1302

Nachdem am 20. April 1914 die Feierlichkeiten zur Universitätseinweihung zu Ende gegangen waren, wurde im Lichthof die Gipsabguss-Sammlung des Archäologischen Instituts eingerichtet. Betrat man 1914 den Lichthof durch seinen nordwestlichen Eingang, so stach aus dem sogenannten Göttergarten die kolossale Nike von Samothrake heraus, die – ein wenig unsicher in der einzuschlagenden Richtung – einem entgegenzustürmen schien. Im Hintergrund, an der südlichen Lichthofwand, waren zuvor schon – wie jetzt noch vorhanden – Abgüsse der Metopen vom Parthenonfries aus dem British Museum und dem Louvre angebracht, rechter Hand die Zeus- und Athena-Gruppe des Berliner Pergamonaltars.
Bevor die Gipsabguss-Sammlung in den Universitätslichthof kam, war sie ab 1865 in der zentralen Durchgangshalle von Gottfried Sempers Eidgenössischem Polytechnikum untergebracht – zusammengesetzt aus Beständen teils der ETH, teils der Universität, die damals im ETH-Südflügel beherbergt war. Die Nike, deren Original 1863 vielfach zerbrochen ausgegraben worden war und sich seit 1879 im Louvre befindet, steht nun gleichsam für die seither wiederholt neu geordnete Abguss-Sammlung. Die Sammlungspräsentation hatte wie das sie überwölbende Glasdach im Palais des Études der Pariser École des Beaux-arts ein Vorbild. Auch dorthin gelangte ein Abguss der Nike.
Nachdem die Nike sich ab 1914 den von der Stadtseite in den Lichthof eintretenden Besuchern zugewandt hatte, steht sie seit der Jahrhundertfeier der Universität 1933 an ihrem jetzigen Platz vor dem Halbrund des Treppenhauses. Ziel war damals, ihre Platzierung der monumentalen Inszenierung des Originals im Louvre anzugleichen: Der Sockel wurde erhöht, die Basis der Statue zugeschnitten und übereck gestellt, die Nike so nach vorn gerichtet. Auch die anderen Abgüsse wurden neu geordnet. Nun empfing einen beim nordwestlichen Lichthofeingang als erstes Apollon, gefolgt von der sogenannten Lemnischen Athena.
1954 zogen das Archäologische Institut und das Kunsthistorische Seminar in die ehemalige Augenklinik an der Rämistrasse 73. Das hatte zur Folge, dass die meisten Statuenabgüsse aus dem Lichthof ausgelagert und teils im neuen Institut verteilt wurden. Übrig blieben ausser der Nike einige an die Lichthofwände verschobene Abgüsse. 1951 wurde der Lichthof erstmals als Festsaal für den Dies academicus genutzt – die Aula war wegen der gestiegenen Teilnehmerzahl zu klein geworden. Seither wurde der Lichthof auch, wie heute, als zusätzliche Mensa oder für Ausstellungen und Demonstrationen genutzt – so bei der (bewilligten) «Antikapitalistischen und antifaschistischen Informationswoche» vom Juli 1971. 1972 gelangten bis auf die Nike – heute auf neuem Sockel – auch die restlichen Statuen in die jetzige Archäologische Sammlung der UZH.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur
Zum Thema Universitätsschliessung vgl. den Bildkommentar 55 von Silvia Bolliger. In: Kunst Bau Zeit 1914 2014: Das Zürcher Universitätsgebäude von Karl Moser, hrsg. von Stanislaus von Moos und Sonja Hildebrand, Zürich 2014, S. 132.