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«Amor als Sieger» oder «Omnia vincit amor» heisst ein 1601 oder 1602 von Caravaggio geschaffenes Bild, das heute in der Berliner Gemäldegalerie hängt. Und «Amor als Sieger» heisst auch die titelgebende Erzählung des neuen Buches von Gianni Kuhn, des 1955 in Niederbüren geborenen, in Frauenfeld lebenden Künstlers, dessen Gedichte und Prosasplitter in den «Schweizer Monatsheften» ebenso vorgestellt wurden wie sein erster Roman (August/September 2003, Mai 2005). Da wird ein nicht unnötig ausführlich charakterisierter Geschäftsmann namens Klaus Malinke mit Caravaggios Gemälde konfrontiert und verliert sich darin. «Bilder sind nicht wie ein Flirt oder eine Liebschaft, die nach ein paar Tagen vorbei ist», erklärt er der Frau an der Museumskasse, «Das hält länger an.» Und so kommt Malinke mehrere Wochen lang täglich zu exakt diesem Gemälde, in dem sich unendlich viele weitere Bilder zu verbergen scheinen. Das hatten die Angestellten noch nie erlebt: einen Mann, der keine Minute der Öffnungszeiten versäumt und sich immer nur ein- und dasselbe Werk anschaut, der süchtig ist nach diesem einen Bild und bald alles andere, vor allem sein eigenes Äusseres, vollkommen vernachlässigt. «Amor als Sieger» ist daran schuld, dass Malinke Arbeit und Wohnung verliert und sich am Ende in eine «wüste Keilerei» mit dem Museumsdirektor und dem Aufsichtspersonal verstrickt. «Und als sie einer nach dem anderen abgeführt wurden, war es der siegreiche Amor, der ihnen verführerisch nachlächelte.»
Die eindrucksvolle Titelgeschichte führt exemplarisch vor, was für alle Erzählungen dieses Bandes gilt: ein Mensch wirft einen vollkommen neuen Blick auf seine Existenz und wagt den Ausbruch aus seinem bisherigen Leben. Mit ungewissem Ausgang. Ob die scheinbar ganz locker erzählten, oft ironisch mit Krimi-Elementen spielenden, von Filmen oder Werken der bildenden Kunst beeinflussten, manchmal geradezu existentialistisch angehauchten Geschichten in London, Wien, Paris, Berlin oder in den Schweizer Bergen spielen: immer steht jemand an einem Wendepunkt seines Lebens. «Ein kurzer Besuch», «Zug nach Pankow» und «Das Ende der Reise» heissen die Geschichten, die neben der Titelerzählung den stärksten Eindruck hinterlassen. Doch nicht in jedem der leider ein wenig ungeschickt angeordneten Texte, bei denen es qualitativ eine ungewöhnlich grosse Bandbreite zwischen begeisternd und belanglos gibt, siegt die Liebe. Nehmen wir die anspielungsreiche Geschichte «Das Fenster zum Hof» – der letzte Satz dieser mit einer Erinnerung an Alfred Hitchcocks Film «Rear Window» beginnenden Erzählung lautet: «Sie kam sich vor wie eine ausgehöhlte und auf den Kompost geworfene Frucht.» Nach «Amor als Sieger» klingt das nicht. Aber es ergreift.
besprochen von Klaus Hübner, München
Gianni Kuhn: «Amor als Sieger». Eggingen: Edition Isele, 2006.