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NZZ
Klimawandel: Warum sprechen wir immer von 1,5 Grad?
Eine Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius, darum geht es bei Klimakonferenzen oft – doch dieses Ziel lässt sich nicht klar wissenschaftlich ableiten. Die Geschichte hinter dem Wert im Video.
- Jasmine Jacot-Descombes und Isabelle Pfister, «Neue Zürcher Zeitung»
Von einer Erderwärmung von 1,5 Grad hören wir immer öfter – doch diese Zahl ist nicht wissenschaftlich motiviert, dient aber der Politik.
2015: Über 190 Staaten unterzeichnen das Pariser Klimaabkommen. Es soll verhindert werden, dass sich die Erde um mehr als 2 Grad erwärmt – mit zusätzlichen Bemühungen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch woher kommen diese Werte?
Sven Titz: Als der Klimawandel zum Thema wurde, baten Politiker die Wissenschaft um einen Grenzwert für die Erderwärmung. In den neunziger Jahren nannten Klimaforscher daraufhin den Wert von 2 Grad.
Später bekundeten Inselstaaten grosse Sorgen wegen des 2-Grad-Werts. Sie sagten, diese Erwärmung könnte schon zu viel für sie sein, weil der Meeresspiegel dann zu stark steigen würde. Daraufhin wurde der Wert 1,5 Grad in das Pariser Klimaabkommen aufgenommen.*
Laut dem Pariser Abkommen sollen die heutigen Temperaturen mit vorindustriellen Werten verglichen werden, welche im Dokument nicht weiter erläutert werden.
Das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, versucht diese Angaben zu präzisieren. Für den Ausgangswert stützt es sich in seinen Studien auf die ersten verlässlichen Temperaturaufzeichnungen zwischen 1850 und 1900. Aus weltweiten Messwerten wird die globale Mitteltemperatur berechnet.
Sven Titz: Für viele Menschen ist die globale Mitteltemperatur nicht besonders aussagekräftig. Das liegt daran, dass die Ozeane, die 70 Prozent der Erde bedecken, sich viel langsamer erwärmen als die Atmosphäre im Mittel. Die Kontinente aber erwärmen sich viel schneller. Besonders rasch steigt die Temperatur in der Arktis – nämlich ungefähr 3-mal so schnell wie im Durchschnitt.*
Doch wann sind diese 1,5 Grad erreicht? Der Zeitpunkt variiert je nach Bericht. Den Berechnungen des Temperaturdurchschnitts liegen jeweils unterschiedliche Messperioden zugrunde. Trotz diesen unterschiedlichen Berechnungen sind Richtwerte im Dialog über den Klimawandel wichtig. Die Gradangaben dienen als Orientierung in der aktuellen Lage und helfen, verschiedene Szenarien des Klimawandels zu veranschaulichen.
Laut Berechnungen des IPCC liegen wir derzeit bei etwa 1 Grad globaler Erwärmung – und schon jetzt erleben wir weltweit mehr Dürren, mehr Überschwemmungen, und extreme Wetterkonditionen. Der Meeresspiegel steigt bereits, mehrere Inselstaaten fürchten um ihre Existenz.
Nach den Prognosen des IPCC werden bei 1,5 Grad Erwärmung drei Viertel aller tropischen Korallenriffe verschwunden sein – bei 2 Grad sind es 99 Prozent. Ebenso wird die Arktis alle 10 Jahre im Sommer eisfrei sein – zehnmal häufiger als bei 1,5 Grad. Über ein Drittel der Menschen wird regelmässig extremer Hitze ausgesetzt sein, wenn wir die 2-Grad-Grenze überschreiten.
Sven Titz: Die Staaten der Erde haben nationale Verpflichtungen zum Klimaschutz abgegeben. Halten sie diese Versprechen, steigt die Temperatur der Erde bis 2100 ungefähr um 2,7 Grad Celsius über vorindustrielles Niveau. Im Pariser Klimaabkommen ist allerdings festgelegt, dass die Staaten ihre Verpflichtungen regelmässig verschärfen. Ob sich aber die Erderwärmung unter 1,5 Grad halten lässt, daran zweifeln die meisten Wissenschafter.*
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