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Der griechische Philosoph Platon wünschte sich Philosophen als Herrscher im Staat. Die hätten zu seiner Zeit allerdings eine Ausbildung zu durchlaufen gehabt, an der heutige schweizerische Mittel- und Hochschulen kläglich gescheitert wären. Das wäre – zumindest wenn es um Platons Pädagogisches Programm für Regierende ginge – auch nicht weiter tragisch; es hätte die künftigen Denker und Lenker im Staate zu ziemlich blasierten Besserwissern verzogen. Aber immerhin: Platons Politiker hätten zunächst einmal Musikunterricht genossen und sich neben Mathematik und Astronomie auch der Harmonielehre gewidmet. Platons Herrscher wären also schon fast so etwas wie Staatskünstler gewesen. Allerdings eher solche vom Schlage Paul Klees oder Donna Leons als Calixto Bieitos oder Piero Manzonis.
Manzoni hat seine eigenen Ausscheidungen als «Künstlerscheisse» in klingende Münze umgesetzt. Nach Sigmund Freud wäre das bloss ein Tausch von gleichem, nach Platon eher ein Ersetzen einer Idee durch eine andere.
Nicht diese Töne, o Freunde! Platon wollte die Nation von kunstsinnigen Philosophen regieren lassen, weil’s die seiner Ansicht nach am besten könnten. Und weshalb könnten sie’s am besten? Weil sie mit den Fragen rund um Gerechtigkeit am besten klarkämen ... so Platon. Gerechtigkeit sei nämlich eine Frage der richtigen Proportionen, und darin sind so Typen wie Mario Botta, Heinz Holliger oder Pipilotti Rist eben gut. It’s all in the mix.
Platon wusste, dass das «Volk» inkonsequent, unberechenbar und eigenwillig ist und immer auch mal wieder scheinbar gegen seine eigenen Interessen oder gegen sogenannte «richtige Lösungen» entscheidet, wenn man’s denn lässt. Platons Philosophenpolitiker (oder «Philosophenkönige», wie sie gerne auch genannt werden) wären sozusagen die Garanten einer Good Governance, wie das heute neudeutsch heisst.
Platons Fehlschluss liegt in der stillschweigend als Selbstverständlichkeit betrachteten Annahme, dass die, die’s besser wissen, auch besser können. Das lässt sich leicht widerlegen: Wär's so, hätte etwa die Schweizer Fussballnati die Auswahl aus mehreren Millionen Alternativen fürs Traineramt. Oder die Eurokrise wäre schon lange gelöst, dank hunderter Millionen möglicher Zentralbankenchefs oder deutscher Bundeskanzler.
Es geht dabei um die Frage der Verantwortung. Politiker müssen Verantwortung übernehmen können, wollen sie ihr Amt seriös ausüben. Künstler hingegen müssen sich der Verantwortung für die Folgen ihres Wirkens verweigern, wollen sie authentische Kunst schaffen. Politiker können abgewählt werden, wenn sich herausstellt, dass sie Nieten sind. Künstler kann man mundtot machen, indem man ihnen die Verantwortung für die Wirkung ihres Tuns aufbürdet.
Es ist ein beliebtes Mittel totalitärer oder autoritärer Systeme, sie darauf zu verpflichten. Es tönt gut und gegenüber dem Volk scheinbar verantwortungsvoll, wenn man das anarchische Potential der Künstler als gefährlich, staatsschädigend oder beleidigend brandmarkt und von ihnen «wie von allen andern auch» erwartet, dass sie «für das geradestehen, was sie anrichten».
Sorry, Platon. Die Gesundheit einer Demokratie misst sich auch daran, wieviel Narren- und Zweckfreiheit sie ihren Künstlern zugesteht.
(cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.