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Wie sich der Apfel in der Welt verbreitete und unsere Kultur bis heute prägt, lesen wir in der neu erschienenen «Geschichte des Apfels. Von der Wildfrucht zum Kulturgut».
Der Apfel, genauer der Apfelbaum, ist ein anpassungsfähiger und offensichtlich überall willkommener Wirtschaftsmigrant, der über das persische Reich, das mazedonische und hellenistische Griechenland und das kaiserliche Rom nach Westeuropa gelangte, das schreiben die beiden Autoren Barrie E. Juniper und David J. Mabberley mit einer Prise Schalk in ihrem umfangreichen, schön illustrierten Werk. Den Apfel betrachten sie aus naturwissenschaftlicher und kulturgeschichtlicher Sicht, auch die Kulinarik und die Folklore gehen nicht vergessen.
Es mag uns erstaunen, dass der Apfel im Gegensatz zu anderen Nahrungsmitteln – der Kartoffel z.B. – in allen Regionen, in die er gelangte, offenbar schnell von der Bevölkerung akzeptiert wurde. Denn nur so lässt sich erklären, dass der Apfel schon früh in Ortsnamen oder Bezeichnungen von Landsitzen verwendet wurde. Die erwähnte Kartoffel wurde nicht nur im Schweizerdeutschen und im Holländischen (aardappel) nach dem Apfel benannt, sondern auch in Frankreich (pomme de terre), auch die Tomate ist im Italienischen ein Apfel (pomodoro); oder denken Sie an den Granatapfel, der natürlich nicht an einem Apfelbaum wächst. Dass der Apfel als Symbol in allerlei erotischen Erzählungen auftaucht, sei hier nur nebenbei erwähnt. Auch heilende Wirkung wird ihm im Nahen und Mittleren Osten zuweilen zugeschrieben.
Peter Paul Rubens (1577-1640): Das Urteil des Paris. /commons.wikimedia.org
«Der Kultur-Apfel scheint, anders als fast alle anderen fremdländischen Früchte, im Westen einen Grad der Bewunderung erhalten zu haben, der beispiellos ist», lesen wir. Die Autoren fügen hinzu, dass nur die Rose diese Verehrung übertrifft. Juniper und Mabberley erwähnen den vielleicht berühmtesten Apfel: den verbotenen im Paradies. Sie vermuten allerdings, dass es sich dabei nicht um einen Kultur-Apfel, wie wir ihn kennen, gehandelt haben könnte, sondern um Brechnuss (strychnus nux-vomica), eine giftige Beerenfrucht, die zum Erbrechen führt und heute nur homöopathisch verwendet wird. Leider erklären die Autoren nicht, aus welchen Gründe sie diesen Schluss ziehen. Andernorts erfährt man, dass Evas Apfel ein Granatapfel gewesen sei.
Wildapfel, Holzapfel und Kulturapfel
Wie der Apfel zu seiner hochgeschätzten Qualität und Grösse gelangt ist, wie er überhaupt nach Europa kam, ist eine spannende Geschichte. Die beiden Autoren, Wissenschaftler mit langjähriger Erfahrung, zeigen in einer Tabelle auf, dass die Familie der Apfelbäume und verwandte Gewächse im frühen Tertiär entstanden sind. Ca. 10 Millionen Jahre später hinterlassen Apfelgewächse fossile Spuren in Nordamerika. Noch etwas später bildete sich der Tian Shan aus. Dieser mittelasiatische Gebirgszug zwischen Kasachstan, Kirgisien, Xinjiang und etwas weiter im Süden Tibet, dieser auch heute noch faszinierende Gebirgszug wurde gleichsam zum Beschützer der Apfelkultur.
Adam und Eva. Zwei Gemälde aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ält. (1472-1553). Im Besitz des Herzog Anton Ulrich-Museums /commons.wikimedia.org
An seinen wettergeschützten Flanken und in den Tälern wuchs der Wildapfel, eine ziemlich kleine, fast kirschengrosse Frucht. Vögel trugen dazu bei, dass sich diese Gattung verbreitete. Die Menschen lernten, die Frucht zu veredeln, wie sie ja auch die anderen Zweige der Landwirtschaft entwickelten.
Besonders faszinierend ist die Beobachtung, wie der Apfel von seinem zentralasiatischen «Geburtsort» seine Wanderungen aufnahm, nicht nur in den Westen, sondern auch sehr früh schon über die Brücke zwischen Kamtschatka und Alaska nach Nordamerika. – Es handelt sich dabei noch nicht um den Kulturapfel, wie wir ihn kennen, sondern um wilde Formen. Faszinierend auch zu lesen, wie mit modernen Methoden diese Entwicklung erforscht werden konnte. Auch die Geschichte der Veredelung des Apfels erfahren wir in diesem Buch.
Als essbare Frucht wurde der Apfel durch die Migration von Völkern und durch den Handel weitergetragen. Die als «Seidenstrasse» bekannte Route war nur einer der Wege, die von Asien nach Europa führten, auch die «Lapislazuli-Strasse» war für die Verbreitung des Apfels wichtig. Diese Karawanenwege führten durch Fruchtwälder, wie die Autoren schreiben, wo eben auch Äpfel in Hülle und Fülle reiften. Wir lernen viel über historische Geografie und über das Aufblühen des Handels und seinen Niedergang. – Da waren die Äpfel schon bei uns angekommen.
Holzapfel (malus sylvestris). Foto: Sten Porse /commons.wikimedia.org
Den Holzapfel kennen wir auch als Zierstrauch «Japanischer Holzapfel bzw. Quitte». Übrigens wurden die kleinen bitteren Holzäpfel früher auch genutzt: Wenn man sie in Scheiben schnitt und trocknete, verloren sie den bitteren Geschmack.
Der Apfel für Körper und Geist
Zahllose Sorten wurden im Laufe der Jahrhunderte gezüchtet, manche gingen zu unserem Bedauern verloren, manche wurden gefördert, um den Apfelbauern Gewinn zu bringen. So wurde der Golden Delicious in Frankreich zum meist angebauten Apfel Frankreichs – vielleicht sogar weltweit -, denn er sollte 1945 im Rahmen des Marshall-Planes zur Förderung der europäischen Landwirtschaft beitragen.
Dem Apfelwein, dem englischen Cider oder dem französischen Cidre widmen die Autoren ein aufschlussreiches Kapitel. In gewissen Regionen Englands war Cider Teil des täglichen Lohnes der Landarbeiter. In früheren Zeiten war Cider wichtig, denn leicht alkoholische Getränke waren damals Ersatz für Wasser, das oft keine Trinkwasserqualität besass. Zudem enthält Cider wie der Apfel die Vitamine C und B12, dazu Gerbstoffe, die der Verdauung dienen.
Der Humor kommt in diesem reichhaltigen Werk nicht zu kurz. Deshalb hier noch die kleine Anekdote, die Juniper und Mabberley zitieren: Bekanntlich entdeckte Isaac Newton die Schwerkraft, als er, guter Naturbeobachter, der er war, sah, wie in seinem Garten eines Tages ein Apfel vom Baum fiel. Der dies so kolportierte, war niemand Geringerer als Voltaire, der erzählte, Newton sei aufs Land zurückgekehrt, um der Pest zu entgehen, die gerade in der Stadt wütete. Ob es sich so zugetragen hat, darauf wollen sich die Autoren nicht festlegen.
Barrie E. Juniper ist emeritierter Dozent für Pflanzenwissenschaften an der Universität Oxford sowie des St. Catherine’s College, Universität Oxford. David J. Mabberley ist ehemaliger Leiter des Herbariums, der Bibliothek und der Archive der Royal Botanic Gardens, Kew, außerordentlicher Professor an der Macquarie Universität, Sydney, sowie emeritierter Professor an der Universität Leiden.
Juniper, Barrie E. / Mabberley, David J. / Huber, Claudia (Übersetzung):
Die Geschichte des Apfels. Von der Wildfrucht zum Kulturgut. Haupt Verlag Bern; 2022;
288 Seiten, zahlreiche Illustrationen; ISBN: 978-3-258-08264-6
Titelbild: Herbstäpfel Foto mp