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Von Mark van Huisseling
Wenn man ein Musterbeispiel für einen finanziell gut aufgestellten Menschen im Ruhestand sucht, ist Jean Baudat aus St. Gallenkappel eine prima Wahl. «Mir geht es gut, ich habe keine Geldsorgen. Und auch keine anderen», sagt der 74-Jährige.
Der Vater zweier erwachsener Töchter ist ein bescheidener Mensch. Darum findet er, das sei auch das Ergebnis der wirtschaftlich erfreulichen Zeit, die er erlebt und der erfolgreichen Entwicklung des Unternehmens, für das er gearbeitet habe. «Eine Laufbahn, wie ich sie absolviert habe, wäre heute so wohl nicht mehr möglich.»
Der gelernte Bäcker-Konditor trat 1974 eine Stelle bei Geberit an, dem Sanitärtechnik-Unternehmen mit Hauptsitz in Jona. In den folgenden 34 Jahren wechselte er den Arbeitgeber nicht mehr. Was sich dagegen änderte, waren seine Aufgaben – am Ende seiner Karriere war er Leiter der Abteilung für Auftragsabwicklung und Export sowie Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung des für die Schweiz zuständigen Unternehmensteils. «Die Firma hat sich entwickelt, und ich konnte mich mitentwickeln», sagt er.
Seit seiner vorzeitigen Pensionierung 2008 – «mit 62 Jahren und dem guten Angebot einer Überbrückungsrente» – leben Baudat und seine Frau von ihren Einkommen aus der AHV sowie seiner Rente aus der zweiten Säule, der Beruflichen Vorsorge BVG. Das Paar bewohnt die ihnen gehörende Hälfte eines Doppeleinfamilienhauses am Rand von St. Gallenkappel, wenige Kilometer entfernt von Rapperswil-Jona.
Schon verhältnismässig früh hatte sich Baudat für Wohneigentum entschieden. Ein nach seinen Vorstellungen und denen der damaligen Ehefrau, die er vor längerer Zeit verloren hat, gebautes Haus war ihr grosses Ziel. Das 6-Zimmer-Eigenheim mit grossem Garten war zur Hauptsache das Familien-Zuhause, der Ort, wo die Töchter behütet aufwachsen konnten. Aber es sollte auch eine sichere Anlage sein, schliesslich war es der wichtigste Vorsorgeentscheid, den Baudat fällte.
Als er 38 war, kauften er und seine Frau, zusammen mit zwei bekannten Familien, ein grosses Stück Land, um darauf drei Einfamilienhäuser mit Gärten erstellen zu lassen. Seine Frau und er mussten dafür bei der örtlichen Raiffeisen-Bank 400’000 Franken aufnehmen. «Das war finanziell eine rechte Belastung für uns, die Hypothekarzinsen lagen 1984 bei 7 Prozent», sagt er.
Mit seinem seinerzeitigen Lohn wäre die heutzutage angewendete Tragbarkeitsrechnung bei weitem nicht aufgegangen – zu kalkulatorischen Zinsen von aktuell 5 Prozent kommt ein weiteres Prozent für Unterhalt und Amortisation. Die so berechnete Belastung darf ein Drittel des Einkommens nicht übersteigen. Er hätte also wenigstens 96’000 Franken verdienen müssen. «Eine Zeit lang war das Geld knapp, doch es ging immer irgendwie», sagt er.
«Die Aktien meines Arbeitgebers haben sich gut entwickelt.»
Darüber hinaus zu investieren war ihm die längste Zeit nicht möglich. Was ihn allerdings kaum störte. «Anlagen in Aktien oder Obligationen haben mich wenig interessiert», sagt Baudat. Mit einer Ausnahme: Ab dem Börsengang von Geberit im Jahr 1999, nachdem die Besitzerfamilie zuvor das Unternehmen an einen britischen Finanzinvestor verkauft hatte, konnten Mitarbeiter einen Teil ihres Bonus in Aktien der Arbeitgeberin investieren, und zwar zu einem tieferen Kurs, die Firma kam für den Preisabschlag auf.
Baudat ergriff die Gelegenheit und hat es nicht bereut. «Die Aktien haben sich gut entwickelt», sagt er. Tatsächlich haben die Geberit-Beteiligungspapiere in vielen Jahren besser performt als der Gesamtmarkt, und dabei ist der Discount-Einstieg noch nicht berücksichtigt.
Die Frage, ob er sich sein Altersguthaben aus der zweiten Säule, oder mindestens einen Teil davon, als Kapital statt Rente auszahlen lassen soll, stellte sich für Baudat nicht. «Das war für mich kein Thema», sagt er. Was damit zusammenhing, dass seine Berufliche Vorsorge einerseits nicht besonders gut geäufnet sei – nach Einführung der Versicherungspflicht zahlten er und der Arbeitgeber eine Zeit lang bloss den obligatorischen Teil ein.
Andererseits traute er den Portfoliomanagern seiner Pensionskasse mehr Anlageerfolg zu als sich selbst respektive einem von ihm eingesetzten Vermögensverwalter. «Wenn ich die aktuelle Entwicklung an den Märkten anschaue, bin ich froh, dass ich kein Geld an der Börse investiert habe.»
«Meine Empfehlung: möglichst früh in Wohneigentum investieren.»
Kurz nach seiner Pensionierung verkaufte er sein Haus, dieses war zu gross geworden für ihn und die neue Partnerin. Und der für den Unterhalt des Gartens, den Baudat zwar immer gern bewirtschaftet und gepflegt hatte, nötige Aufwand war ihnen auch zu hoch.
Zudem hatte sich der Wert des Hauses in den vergangenen 27 Jahren fast verdoppelt, was eine komfortable finanzielle Lage im Ruhestand mitermöglicht. «Ich würde es jedem empfehlen, sich möglichst früh für Wohneigentum zu entscheiden», sagt er. Auch wenn man dafür eine Zeit lang auf anderes verzichten müsse: «Wir haben jahrelang bloss Ferien bei den Verwandten meiner Frau in Österreich gemacht.» Gelohnt habe es sich dennoch.
Nach 34 Jahren bleibt Jean Baudat dem ehemaligen Arbeitgeber auch nach der Pensionierung verbunden – als Wanderleiter der sogenannten Geberit Senioren. Er bezeichnet die Aufgabe als seine «Sozialkomponente». Während acht Jahren organisierte er einmal monatlich eine Wanderung, an der durchschnittlich 30 Kollegen teilnahmen.
Das Echo der Wandervögel auf die Ausflüge zum Beispiel durch die Riunaulta, Rheinschlucht, bis Ilanz oder über den Unterengadiner Höhenweg sei positiv gewesen. «Das hat sich rumgesprochen – es nahmen immer mehr Pensionäre an den Anlässen teil», sagt er nicht unzufrieden.
Ende vergangenen Jahres hat er die Leitungsaufgabe und die damit verbundenen Verpflichtungen abgegeben, an den Wanderungen nimmt er aber weiterhin teil. Was ihn darüber hinaus verbindet mit dem ehemaligen Arbeitgeber: Er hält noch einige Geberit-Aktien. Deren Kursentwicklung mache ihm immer, pardon, fast immer Freude.
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