Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/170

H.R., was macht die Kunst?
Zurzeit findet die Kunst bei mir vor allem auf Facebook (Abb. 21) statt. Im Vergleich zu meiner analogen Netzwerkertätigkeit in den 80er Jahren kann ich mich nun weltweit in Realzeit und mit meiner eigenen deutschen Sprache austauschen und muss nicht mehr zeitverzögert über englische Slogans kommunizieren.
Das müssen wir unseren Lesern kurz erklären: Du bist ein Mailartist und Networker der ersten Stunde, man kann deine Kunst in der Nachfolge der zweiten Avantgardebewegung der 70er Jahre verorten. Du und deine Mitstreiter, ihr habt damals noch völlig analog erste Social Networks aufgebaut. Wie muss man sich diese Gründerzeit vorstellen?
In den frühen 1970er Jahren gab es mit der Xeroxkopie erstmals die Möglichkeit, schnell und billig Print-Vervielfältigungen zu produzieren, ohne von einem Drucker abhängig zu sein. Das war entscheidend für das Mail Art Network. Die Ursprünge der Mail Art liegen in den 1960er und 70er Jahren bei der New Yorker Correspondence School um Ray Johnson. Die Wurzeln reichen aber auch in den Fluxus und prägten die Pop Art mit.
Was macht ein Mailartist?
Man beteiligt sich mit per Post versandten Materialien am weltweiten Mail Art Network. Mir gefiel bei diesem Austausch insbesondere das Briefcouvert (Abb. 2, 3). Es ist öffentlich, wird von Post- und Zustellbeamten «gelesen», landet auf dem Tisch des Empfängers, wird geöffnet und dann entsorgt. Es ist doch klar: Wenn die Couverts speziell gestaltet sind, werden sie seltener weggeworfen! Ganz gemäss Marshall McLuhans Dictum: «Das Medium ist die Botschaft.» In die Szene eingestiegen bin ich 1981 mit einer von mir in Trogen kuratierten Mail Art Show.
Wie hast du all die Avantgardisten ins beschauliche Appenzellerland gelockt?
Über Inserate in den einschlägigen Magazinen habe ich weltweit dazu aufgerufen, mir Mail-Art-Arbeiten zu schicken. Die Regeln: no fee, es kostet nichts, no jury, alles wird gezeigt, und no return, kein Rückversand. Als Belohnung kriegten sie dafür die komplette Adressliste aller rund 160 Teilnehmer, die sie ihrerseits für Projekte verwenden konnten. Das funktioniert heute bei Facebook ja ganz ähnlich. Nur ist man schon mit einem Klick verbunden.
Was waren in den 80er Jahren deine Hoffnungen für ein solches Vernetztsein?
Man hoffte, die Post bringe Peace on Earth (lacht). Einige haben von einem offenen System gesprochen, an dem sich jeder beteiligen könne. Ich persönlich habe die Mail Art als ein Austauschsystem verstanden, vor allem unter Künstlern. Ich wollte, dass man darüber diskutieren kann, wohin sich die Kunst weiterentwickelt.
Wie bist du dabei vorgegangen?
Ich korrespondierte etwa über ein selbstgeschriebenes Manifest, das dazu aufforderte, direkte Kontakte zu generieren und nicht nur ein bisschen Kunst herumzuschicken. Oft operierte ich auch mit vereinfachten Slogans wie «Mail Art is not Fine Art, it’s the Artist who is Fine» (Abb. 2) oder «After Dadaism, Fluxism, Mailism comes Tourism». Slogans als Verkürzung oder Verknappung einer Idee, auch weil sprachliche Barrieren bestanden. Es gab nur ein paar wenige Mailartisten im deutschsprachigen Raum, mit denen ich komplexer debattieren konnte, schon damals war Englisch die globale Kunstsprache.
Hast du die Mailartisten, mit denen du dich per Post ausgetauscht hast, auch physisch getroffen?
Klar, ich sah die Networker-Tätigkeit sogar als die Möglichkeit zum Reisen. Man hatte ja an jedem neuen Ort bereits eine Adresse. 1984 war ich in New York und habe viele Künstler getroffen, auch welche aus der Fluxus-Bewegung wie beispielsweise Dick Higgins. Die waren aber meistens an Galerien gebunden und im Kunstsystem drin. Das hat mich weniger interessiert. Ich gehörte zu einer Generation von Künstlern, die sich bewusst vom ganzen Kunstbetrieb abgelöst hatten. Wir sagten: «Wir sind autonom und selbständig. Wir versuchen die Kunst auf dieser Schiene weiterzutreiben.»
Mail Art als eine Art Parallelsystem zum Kunstbetrieb? Das klingt…