Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/335

Seit einiger Zeit erscheinen immer wieder Meldungen aus der Forschung über blutdrucksenkende Effekte von Kakao.
Am Anfang dieser Forschung stand die Beobachtung, dass die Kuna, ein Volk auf den Atlantikinseln vor Panama, auch im Alter nicht an einer Hypertonie erkranken, solange sie ihre Heimat nicht verlassen. Die Ursache wurde im hohen Kakao-Konsum vermutet. Die Inselbewohner, nicht jedoch ihre Verwandten auf dem Festland, trinken täglich mehrere Becher des bitteren Getränks, das speziell reichhaltig an Flavanolen wie Epicatechin, Catechin und Procyanidin ist. Flavanole sind auch in Bohnen, Aprikosen, Brombeeren, Äpfeln und Teeblättern enthalten, wenn auch in einer wesentlich tieferen Konzentration.
Dunkle Schokolade enthält ebenfalls Kakao, wenn auch in unterschiedlicher Konzentration. Am höchsten ist der Gehalt mit 50 bis 85 Prozent in Bitterschokolade, die jedoch nicht jedermanns Geschmack ist. Während die Indios ihren Kakao ungesüßt und kalt trinken, hat die europäische Küche, seit Columbus 1502 und Cortes 1519 das Getränk nach Europa einführten, alles unternommen, um den bitteren Geschmack zu eliminieren. Dazu zählt nicht nur der Zusatz von Zucker, auch die Röstung und das Dutching (eine in Holland erfundene Behandlung mit Alkalien) reduzieren den Gehalt an Flavanolen auf 2 bis 18 Prozent des frischen Kakaopulvers.
Unterschiedlichen Produktionsmethoden führen dazu, dass verschiedene Sorten von Bitterschokolade nicht unbedingt den gleichen Gehalt an Flavanolen enthalten.
Dass die Flavanole eine blutdrucksenkende Wirkung besitzen, kann nach der Meta-Analyse von Karin Ried vom National Institute of Integrative Medicine in Melbourne und Mitarbeitern jetzt als gesichert gelten, auch wenn die 20 Studien an 856 zumeist gesunden erwachsenen Hypertonikern starke Unterschiede aufwiesen. Die Wissenschaftler kamen zum Schluss:
Wer regelmäßig Schokolade und Kakao konsumiert, reduziert damit geringfügig seinen Blutdruck. Voraussetzung ist allerdings, dass der Kakao möglichst naturbelassen und dadurch reich an gewissen Pflanzeninhaltsstoffen ist. Die Blutdrucksenkung beruht auf Flavanolen wie Epicatechin, Catechin und Procyanidinen, an denen Kakao besonders reich ist. Der Genuss von Kakaoprodukten mit einem hohen Flavanolgehalt senkt den Blutdruck deshalb um 2 bis 3 mmHg. Das zeigte die aktuelle Metaanalyse der Cochrane-Collaboration aus Melbourne.
Bisherige Studien zum Einfluss von Kakao auf den Blutdruck hatten teilweise widersprüchliche Resultate ergeben.
Die Analyse der Daten gestaltete sich für die Cochrane-Wissenschaftler allerdings schwierig, da die in Form von Kakaoprodukten eingenommene Menge an Flavanolen mit 30 bis 1080 mg pro Tag stark schwankte. Ausserdem bekamen zum Teil auch Probanden in den Vergleichsgruppen geringe Mengen an Flavanolen. Dennoch war die von den Wissenschaftlern errechnete durchschnittliche Blutdrucksenkung um 2,77 mmHg systolisch und 2,2 mmHg diastolisch statistisch signifikant. Diese Wirkung war allerdings kurzfristig: Sie zeigte sich innerhalb von zwei Wochen, nicht aber in Studien von längerer Dauer.
Vor der Verarbeitung zu Schokolade wird Rohkakao in mehreren Schritten aufbereitet. Zu diesem sogenannten Prozessieren gehört unter anderem das Rösten und Alkalisieren der Kakaobohnen sowie den Zusatz von Zucker, Milch, Vanillin und Emulgatoren. Durch diese Verarbeitung wird nicht nur der Geschmack und die Konsistenz der Schokolade beeinflusst, sondern auch der Flavanol-Gehalt. Aus dem Resultat der vorliegenden Studie lässt sich deshalb keine Verzehrempfehlung ableiten. Allgemein sollten Gesundheitsbewusste jedoch dunkle Schokolade mit hohem Kakaogehalt und wenig Zuckerzusatz bevorzugen.
Quelle:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=43105&Nachricht_Title=Nachrichten_Kakao%3A+Naschen+gegen+hohen+Blutdruck&type=0
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD008893.pub2/abstract
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51285/Hypertonie-Cochrane-sieht-Kakao-als-effektiven-Blutdrucksenker
Kommentar & Ergänzung:
Den Hinweis, dass die Wirksamkeit des Kakaos als Blutdrucksenker in den Studien nur kurzfristig anhielt, lese ich hier zum ersten Mal. Das ist einschneidend, weil Bluthochdruck ein Langzeitthema ist. Hält die Wirkung nur ein paar Wochen an, ist damit nicht viel gewonnen. Zudem ist festzuhalten, dass die Wirkung – auch wenn sie statistisch signifikant war – insgesamt doch bescheiden ausfiel. Ein Wundermittel gegen Bluthochdruck ist Kakao also nicht.
Die intensive Forschung über potentielle gesundheitsfördernde Wirkungen von Kakao dient auch der Sicherung und Steigerung des Schokoladekonsums.
Schokolade wird oft mit schlechtem Gewissen konsumiert (viele Kalorien, hoher Zuckergehalt, hoher Fettanteil). Gelingt es, Schokolade als gesundes Nahrungsmittel zu positionieren, fällt das schlechte Gewissen weg und der Umsatz steigt.
Die Cochrane-Studie aus Melbourne stellt diese Marketingstrategie wohl eher in Frage.
Vielleicht sollte man Schokolade einfach wieder als Genussmittel betrachten und dementsprechend mit Mass konsumieren.
Zur Wirkung der Kakao-Flavanole siehe auch:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch