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Während nun Leinen, Baumwolle und die gewöhnlichen gröberen Wollsorten eine grosse Dichtigkeit und Härte des Gewebes ergeben, bot sich die feine Wolle des südamerikanischen Lama zur Herstellung von Garnen für die zarteren Gewebe und Strickwaren. Sie wurde unter dem Namen „Vigogne“ versponnen und hatte ausserdem den Vorteil einer angenehmen bräunlichen, sanft melierten Naturfarbe, welche das künstliche Färben ersparte und eine grosse Dauerhaftigkeit gewährleistete.
Wie dies in so vielen modernen Industrien infolge der Massenproduktion der Fall gewesen ist, so reichte auch hier gar bald das Naturprodukt nicht mehr aus und man sah sich zur Herstellung eines künstlichen Ersatzes gezwungen. Im Falle der „Vigogne“ boten den äusseren Anlass dazu die Unruhen in Südamerika, wodurch die Zufuhren abgeschnitten oder doch erheblich vermindert wurden. So kam man durch die Not darauf, gröbere Wollsorten mit einer kräftigen Baumwolle zu mischen, zunächst mit der sich besonders dafür eignenden Peru-Baumwolle. Gar bald verschwand der ursprüngliche Grundstoff fast vollständig.
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Und schliesslich ist es sogar so weit gekommen, dass man vielfach auf Wollspinnmaschinen ein Garn aus reiner Baumwolle herstellte, welches den weichen, wolligen Charakter des ursprünglichen Vigognegarnes und dessen starkes Deckungsvermögen beibehielt und zu einem verhältnismässigen sehr billigen Preis unter dem Namen „Vigogne-Imitation“ in den Handel gebracht wurde.
…der wesentliche Vorteil der Vigognespinnerei besteht in der Färbung der ursprünglichen Faser:
die in den verschiedensten Farben schimmernde lose Flocke wird unter möglichster Schonung der Spinnfähigkeit, je nach Bedarf gemischt und wandert dann auf die sogenannten Wölfe, welche die Reinigung und erste innigere Verbindung bewirken. Die Carderie, der wichtigste Bestandteil des ganzen Verfahrens, verwandelt jene Flockenmasse mechanisch in einen weichen breiten Filz, der sodann zu dicken zarten Faden umgewandelt und auf Spulen aufgewickelt wird.
Die Heimat der Vigogne-Spinnerei ist das gewerbsreiche Sachsen, wo die beiden Städte Crimmitschau und Werdau mit ihrer Umgebung heute etwa 700 000 Spindeln beschäftigen und jährlich etwa 30 Millionen Kilo Garn auf den Markt werfen.
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Sogar in Ländern, wo ein hoher Zollschutz den Wettbewerb begünstigte, wie in Österreich, Russland und Schweden, ist die Vigogne-Spinnerei fast ausschliesslich in den Händen von Sachsen.
Einzig die thatkräftige schweizerische Initiative hat es verstanden, trotz niederen Zollschutzes und höherer Löhne den übermächtigen Sachsen Konkurrenz zu bieten und die Herstellung des nicht unbedeutenden heimischen Bedarfes auch hier für sich zu erobern. Leider wurden dabei anfänglich die den Sachsen zu Gebote stehenden langjährigen Erfahrungen unterschätzt, woraus technische Misserfolge und finanzielle Verluste hervorgingen. Die eine der beiden ersten grösseren Unternehmungen musste schon nach wenigen Betriebsjahren liquidieren, und so ist nur die Vigogne-Spinnerei Pfyn übrig geblieben, die nach ebenfalls wechselnden Erfolgen sich heute in der Bahn einer ruhigen und sicheren Entwicklung befindet und im erfolgreichen Wettbewerb mit der sächsischen Industrie einen ansehnlichen Teil des schweizerischen Bedarfes deckt.
– Das Anwesen liegt im Kanton Thurgau, in lieblicher Lage des Thurtales, das wegen seines Obstreichtums im Volksmunde den Namen „Mostindien“ trägt, unweit der Eisenbahnstation Felben, der ersten hinter der Hauptstadt Frauenfeld, nahe dem Dorfe Pfyn, dessen Namen von der hier gelegenen römischen Grenzstation „ad fines“ abgeleitet wird. Die Fabrik wurde im Jahre 1863 von Herrn Heinrich Bertschinger aus Wald, Kanton Zürich, gegründet und in derselben durch ein Vierteljahrhundert die Baumwollspinnerei betrieben.
…Als aber bald darauf Vater und Sohn rasch hintereinander starben, trat die Familie, des Hauptes und des technischen Leiters beraubt, im Jahre 1896 das Unternehmen an die jetzige Aktiengesellschaft ab. Dieser ist es nun mit Hilfe eines grösseren Kapitales durch Ausnützung der neuesten technischen Fortschritte und durch Heranziehung bewährter ausländischer Hilfskräfte gelungen, die Vigogne-Spinnerei auf eine Höhe zu bringen, welche keinem der sächsischen Betriebe mehr nachsteht, so dass vielfach den Erzeugnissen gegenüber denjenigen des Auslandes der Vorzug gegeben wird, und die Fabrik auch bei dem jetzigen allgemein schlechten Geschäftsgange so stark beschäftigt ist, dass Aufträge manchmal nur unter der Bedingung längerer Lieferfristen angenommen werden können.
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So wird derjenige, welcher an einem schönen Frühlings- oder Sommertage einen Ausflug in das liebliche Thurthal unternimmt, und es nicht scheut, sich ein wenig nur von der eintönigen Nachbarschaft des Eisenbahngeleises abseits ins Grüne zu verlieren, in jenem stillen Winkel Gelegenheit finden, einen Blick in den interessanten Werdeprozess eines nicht unwichtigen Teiles seiner eigenen täglichen Bekleidung zu werfen. Und er wird dabei noch die besodere Freude geniessen, einen angenehmen Eindruck von schweizerischer Betriebsamkeit zu gewinne, die einer zahlreichen Arbeiterschaft, meist weiblichen Geschlechtes, ein auskömmliches Brot gewährt.
(Die Industrielle und Kommerzielle Schweiz beim Eintritt ins XX. Jahrhundert, Polygrapisches Institut, Zürich)