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Europa – quo vadis?
Europa verliert den Anschluss. Wirtschaftlich und geopolitisch nimmt die Dominanz der USA und Chinas weiter zu. Dies manifestiert sich bei der Einheitswährung und den europäischen Aktienmärkten.
Europas Wirtschaft schwächelt. Nachdem sie im Schlussquartal 2022 gar leicht geschrumpft ist, betrug ihr Wachstum in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres jeweils magere 0.1%. Gleichzeitig steigen die Preise weiter an. Die Inflation liegt bei über 5% und dämpft die Konsumentenstimmung. Europa befindet sich somit in einer Stagflation und droht wirtschaftlich weiter marginalisiert zu werden. Denn obwohl die konjunkturellen Bremsspuren die globale Wirtschaft treffen, halten sich die USA aber auch China deutlich besser.
Europa blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Der flächenmässig zweitkleinste der sieben Kontinente war lange Zeit eine wirtschaftliche Supermacht. Mit den Entdeckerexpeditionen von Christoph Kolumbus, Vasco da Gama und Pedro Álvares Cabral im 15. Jahrhundert nahm der Seehandel an Fahrt auf und läutete das Zeitalter des Kolonialismus und Imperialismus ein. Einen weiteren wirtschaftlichen Schub brachte die Industrialisierung. Die Erfindung der Dampfmaschine um 1769 ebnete den Weg zur industriellen Revolution, welche von England ausgehend bald auch das europäische Festland erreichte. Europa war der erste Kontinent, der den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft schaffte und sich damit einen wirtschaftlichen Vorsprung sicherte.
Die beiden Weltkriege warfen den Kontinent hingegen wirtschaftlich zurück und in der Nachkriegsära stiegen die USA zur neuen Supermacht auf. Europa seinerseits rückte mit der Gründung des Europarats am 5. Mai 1949 politisch zusammen. In der Folge wurde insbesondere die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Form von verschiedenen Verträgen vertieft. 1992 folgte die Gründung der Europäischen Union (EU). Rund sieben Jahre später kam die europäische Einheitswährung, der Euro, hinzu. Wirtschaftlich betrachtet geriet Europa aber immer mehr zwischen Stuhl und Bank. Auf der einen Seite standen die USA und auf der anderen Seite kam mit dem rasanten Aufstieg Chinas eine weitere wirtschaftliche Weltmacht hinzu. Das Wirtschaftswachstum in Europa liegt denn auch seit Jahren deutlich hinter demjenigen der USA und von China zurück. Auch 2024 dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Für die Eurozone rechnen wir im kommenden Jahr gar mit einem leicht negativen Wachstum.
Die Heterogenität der europäischen Staaten führte immer wieder zu Konflikten und die Einheitswährung geriet von Beginn weg unter Druck. In der Finanzkrise 2008/2009 brauchte es ein bestimmtes «Whatever it takes» des damaligen Zentralbankchefs Mario Draghi, um ein Auseinanderbrechen des Euros zu verhindern. Die Entwicklung gegenüber dem Schweizer Franken spricht allerdings Bände und der Abwärtstrend hat sich im Zuge der Eurokrise akzentuiert. Auch aktuell ist die Europäische Zentralbank (EZB) gefordert, denn die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedsländern sind gross. So lag die Inflation in Deutschland im August bei 6.1%, während die Teuerung in Spanien bei 2.6% notierte. Während also die Leitzinsen für Deutschland weiterhin zu tief sind, wirken sie für Spanien stark bremsend. Eine gleichzeitig für alle Euro-Staaten passende Geldpolitik zu implementieren, ist für die EZB damit ein Ding der Unmöglichkeit.
Mit dem Brexit Anfang 2020 wurde die EU zusätzlich geschwächt. Zwar führte der Ukraine-Krieg zu einem politischen Zusammenrücken der europäischen Staaten, dennoch bleiben die Differenzen in vielen Bereichen gross. An Herausforderungen mangelt es nicht. Die Demografie ist in vielen Ländern gekippt. Gleichzeitig scheint die Migrationspolitik ausser Kontrolle zu geraten. Wirtschaftlich wird der Umbau zu einer grünen Wirtschaft die Produktionskosten zusätzlich verteuern und zu einer weiteren Deindustrialisierung führen. Wichtige Industriebereiche wie die Stahl- und Metallverarbeitung, die Chemiebranche sowie die Automobilindustrie büssen zunehmend an Konkurrenzfähigkeit ein. Es erstaunt deshalb nicht, dass die europäischen Aktienmärkte seit Jahren unterdurchschnittlich abschneiden. Eine Trendwende ist derzeit nicht absehbar.
Auch geopolitisch stellt sich die Frage, wie sich Europa positionieren soll. Der Kontinent kann sich immer weniger auf die Schutzmacht USA verlassen. Dies bedingt unter anderem höhere Rüstungsausgaben und eine dezidiertere europäische Aussenpolitik. Wie weit es gelingen kann, sowohl die guten Beziehungen zu China als auch zu den USA aufrechtzuerhalten, bleibt abzuwarten.
Die wirtschaftlichen, politischen und geostrategischen Herausforderungen bleiben hoch. Europa droht mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren. Allerdings hat die Geschichte gezeigt, dass sich der Kontinent kontinuierlich weiterentwickelt hat. Um zur alten Stärke zurückzufinden, muss sich Europa einmal mehr neu erfinden.
Seit der Jahrtausendwende haben Anlegerinnen und Anleger mit europäischen Aktien nicht viel verdient. Die Rendite des MSCI Euro Index lag annualisiert und in Schweizer Franken gerechnet bei knapp 1.7%. Nach Abzug der Inflation blieb damit unter dem Strich nichts übrig. Im Vergleich dazu brachte eine Investition in den Swiss Performance Index (SPI) immerhin 4.6% Wertsteigerung pro Jahr.
Ein Hauptgrund für die schwache Performance der europäischen Aktien liegt auf der Währungsseite. Während am 1. Januar 2000 ein Euro noch 1.60 Franken kostete, notiert die Einheitswährung aktuell bei 0.96 Franken. Dies entspricht einem satten Währungsverlust von 40%. Für das kommende Jahr rechnen wir mit einem Wachstumsrückgang in der Eurozone. Zyklisch, aber auch strukturell gibt es derzeit wenig Argumente für eine Outperformance der europäischen Aktien. Wir halten deshalb an unserem taktischen Untergewicht fest.
Publikation «Anlageguide»