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|Mit freundlicher Genehmigung von Rittiner&Gomez, Spiez, CH|
Damaskus. Von dort stammte Tarik ab. Jedenfalls fand sich dort der Garten seines Großvaters, von dem Tarik geschwärmt hatte. Stellte die Erinnerung an diesen Garten doch ein Stück unzerstörbare Heimat dar, das dem kleinen Jungen nicht zu nehmen war. Erinnerung, die ihn hier, tausende Kilometer entfernt, glücklich stimmte und wehmütig zugleich. Aufgerufen durch den Geschmack der Pflaumen des Kuchens, den Milla gespendet hatte.
Damaskus. Wie sollte ein Gebäck diese Stadt und einen Garten beschreiben. Gewiss, die Zwetschge stammte aus Damaskus, fand in historischer Zeit von dort ihren Weg nach Europa. Die Stadt Damaskus und ihre Historie bildeten jedoch lediglich den Rahmen. Auch galt es nicht, ein orientalisches Gebäck herzustellen. Das konnten Tariks Eltern sicherlich besser als sie, Milla Cremeso. Milla brauchte ein Gebäck, das eine Reminiszenz an Damaskus darstellen konnte, eine Allegorie.
Wenn Milla über ihre Hochzeitstorten hinaus für etwas bekannt war, das ihr besonders gut gelang, so waren das ihre Sahnecrèmeschnitten, Mille feuilles. Und deren Blätterteig, ging es Milla durch den Sinn, wurde, ähnlich wie der Stahl der berühmten Damaszenerklingen, immer wieder gefaltet und, wo der Stahl geschmiedet wurde, wurde Millas Blätterteig touriert, mindestens sechs Mal. In ihrer Kühlkammer bewahrte Milla immer einen Vorrat selbst zubereiteten Blätterteigs für die laufende Produktion der Woche. Von diesem Blätterteig holte sie nun ein Stück, genügend groß für ein Blech ihres Backofens, und schnitt es zu. Achtete dabei darauf, dass die Seiten hierbei nicht verklebten. Und doch, kaum dass der Teig, in passende Rechtecke geschnitten, auf dem Backblech lang, bedeckte sie ihn mit Backpapier und legte ein zweites Backblech leer darüber. Milla wollte, dass der Teig unterm Backen nicht zu sehr aufging und für ihre Cremeschnitten flache Scheiben mit der typischen blättrigen Struktur erbrachte.
Die Sahne verrührte sie mit Gelatinepulver und vermengte einen Teil mit gekochten und durch ein Sieb passierten Pflaumen, gab Zimt hinzu, ein wenig Rosenwasser. Dem anderen Teil fügte sie pürierte Datteln und Dörrpflaumen hinzu sowie Feigenmarmelade und etwas Arrak-Aroma. Als die Blätterteigschnitten fertig gebacken waren, füllte sie die Masse in je einen Spritzbeutel und kreierte ihre Mille feuilles. Den Abschluss bildete eine Decke aus Zuckerguss, in die Milla mit Pflaumenmus-Paste und einem Zahnstocher das für Mille-feuilles typische Muster zeichnete.
Milla spürte, dass die Müdigkeit ihr zu schaffen machte. Sie drapierte einige Mille feuilles auf einen Teller und gab den Rest in die Kühlkammer. Den Teller stellte sie mit einem Kärtchen „Großvaters Garten“ auf den Küchentisch. Dann machte sie sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer, das ohne Tür an ihr Wohnzimmer mit dem auf dem Sofa schlafenden Tarik anschloss. Tarik schlief tief und fest. Der schwarz-weiße Kater hatte sich neben seinem Kopf zum Schlafen eingerollt und blinzelte, als Milla auf Zehenspitzen an dem Paar vorüberschlich.
„Schlaft gut!“, flüsterte sie.
Der Kater blinzelte, Tarik schmiegte sich tiefer ins Kopfkissen und vom Fenster her flutete schweigend die Nacht das Haus, als eine müde Milla Cremeso vom Bett her das Licht löschte.