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Fr, 28. Mai 2021, Ralf Hersel
In der Philosophie bezeichnet Abstraktion ein gedankliches Verfahren, durch das von bestimmten gegebenen, jedoch als unwesentlich erachteten Merkmalen eines Gegenstandes abgesehen wird. Auf diese Weise soll sich das Augenmerk auf das Wesentliche konzentrieren. In der IT-Welt beobachten wir seit Beginn Abstraktion auf verschiedenen Ebenen: bei der Hardware, bei den Protokollen, bei der Software und bei Bedienkonzepten.
Bevor wir zur IT-Welt kommen, möchte ich ein praktisches Beispiel aus dem normalen Leben nennen, um Abstraktion zu verdeutlichen:
Um ein Auto fahren zu können, muss ich nichts vom Motor verstehen!
Unter normalen Umständen, und mit gesundem Menschenverstand betrachtet, ist diese Aussage sinnvoll. Die Details sind für mich nicht relevant (Motor), stattdessen konzentriere ich mich auf das Wesentliche (Fahren). Dabei handelt es sich um eine Optimierungsstrategie; lässt man die Details ausser Acht, kann man sich mit viel mehr Wesentlichem beschäftigen. In einer immer komplizierter werdenden Welt erscheint das als stimmiges Vorgehen.
Kommen wir nun zur IT-Welt. Wer programmiert noch in Assembler, wenn es doch Python gibt? Wer interessiert sich für Transistoren, wenn es doch Systems-on-a-Chip gibt? Wer interessiert sich für Dateien, wenn es doch Smartphone-Apps gibt? Vermutlich ist euch bei der letzten Frage ein Licht aufgegangen.
Den Segen der Abstraktion habe ich oben bereits beschrieben. Durch Abstraktion wird mein Leben einfacher und ich kann mich mit mehr Dingen beschäftigen; ich werde zum Universal-Gelehrten (quasi) und muss nicht im dunklen Spezialisten-Verliess verharren.
Wie kann dann Abstraktion ein Fluch sein? Nun, Abstraktion führt dich in eine Abhängigkeit, bzw. Abstraktion kostet dich Geld. Bleibst du auf der Autobahn liegen, musst du warten und zahlen, weil du den Reifen nicht mehr selbst wechseln kannst. Wenn dein Betriebssystem rumzickt, musst du deine Töchter und Bekannte belästigen, damit sie dir helfen. Wenn dein MS Office eine Word-Datei aus dem Jahr 2001 nicht mehr öffnen kann, hast du keine Ahnung, dass LibreOffice dies sehr wohl kann.
Als Beweis, habe ich noch ein Beispiel: Fragt doch mal in eurer Familie oder bei euren Freunden, wer in der Lage ist, auf seinem Android- oder Apple-Smartphone, eine Datei zu öffnen, bzw. diese zu löschen. Ich wette darauf, dass 95 % der Anwender dies nicht können. Oder noch einfacher; fragt mal, wer in eurer Schule oder im Büro in der Lage ist eine einfache Text-Datei zu öffnen und zu bearbeiten. Auch hier wette ich, dass mehr als 80 % das nicht können.
Dieser Trend ist steigend. Ich sage voraus, dass in 10 Jahren die unter 20-Jährigen einen Computer nicht mehr als solchen erkennen, z.B. wenn dieser in ein Textilstück eingewoben ist. Diese Gruppe wird auch nicht mehr wissen, was eine Datei oder eine Anwendung ist. Sie wird nur noch eine Dienstleistung oder eine Selbstverständlichkeit erkennen. An dieser Stelle wird Abstraktion zum Fluch, weil das Wesen des Gegenstands nicht mehr im Bewusstsein ist.
Dabei macht es viel Spass und schafft Befriedigung, wenn man sich in ein Thema kniet und sein Wissen vertieft. Das Gefühl des Verständnisses ist ein Hochgefühl und nützt nicht nur einem selbst, sondern auch der Gesellschaft. Irgendjemand muss schliesslich an Weihnachten die PCs der Eltern reparieren.
Das menschliche Gehirn hat ein grosses Potenzial. Die verbreitete Meinung, dass nur 10 % davon genutzt werden, ist zwar Unsinn; dennoch gibt es keinen Grund unseren Kopf nicht nur der Breite, sondern auch der Tiefe zu widmen. Detailwissen ist eben doch wesentlich.