Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03438.jsonl.gz/647

Eine Handlung ist nicht rein ontologisch aufzufassen, sondern meist nur als ein gemischtes Konstrukt aus Bewegung und Deutung. Sie ist als eine semantisch gedeutete „Entität“ zu verstehen, zu erklären, zu gestalten und zu beschreiben: Handlungen sind schematisiert und gedeutet. Sie können sind ähnlich wie theoretische Begriffe, indem sie sich auf Interpretationen, Perspektiven, Konzepte beziehen. Sie sind zumeist schematisierte (an Muster oder Schemata gebundene) Interpretationskonstrukte, Deutungen über von beobachtbare(n) Bewegungen, ausgenommen bloße Unterlassungen sowie rein mentale „Handlungen“ wie Versprechungen, Bitten usw. Erst die Interpretation oder die Beschreibung lässt aus einer einfachen physischen Bewegung eine Handlung gleichsam „werden“. Interpretieren ist m. E. Schema-Aktivierung und- reaktivierung. Die rein physisch (beobachtbare) Bewegungsform verschiedener Handlungen könnte dieselbe sein (etwa ein Speerwurf als Kriegs- oder Jagd- oder Kult- oder Sporthandlung). Unterschiede und Möglichkeiten, solche Handlung einem Handlungsbereich zuzuordnen, hängen ab von den sozialen sog. „Definitionen der Situation“, vom Kontext und der Umgebung, auch der sozialen mit all ihren Normen, Regeln, Traditionen, Werten, Bezugsrahmen und Bezugsgruppen: Sie erfordern Schematisierungen – schon physiologisch und bei Wahrnehmungen zumal beim aktiven Sich-Orientieren, Reagieren und Handeln.
Sozialwissenschaftliche Begriffe der Handlung, des Handelns, des Handelnden sind somit von Beschreibungen, Zuschreibungen und Deutungen abhängig, weisen „semantischen" Charakter auf, sind sozusagen interpretatorische Phänomene, die erst auf einer metasprachlichen, oberhalb der bloßen Verhaltensebene gebildet werden: Handlungsbegriffe selber sind semantisch „geladen“. Das gilt erst recht für mögliche Rückwirkungen wissenschaftlicher Handlungskonzepte auf die sog. „naiven" Handlungstheorien. Man erhält so einen fruchtbaren Ansatz für dringend benötigte (sozial)wissenschaftliche Handlungstheorien. Ob daraus dereinst eine wirklich integrierte interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Handlungs- und Verhaltenstheorie erwachsen kann, steht offen.
Alle Handlungen sind also nur perspektivisch, kontext- und begriffsabhängig zu erfassen bzw. durch Schemas geformt bzw. geprägt und erfasst.
Handlungsbegriffe müssen aus Gründen der Alltagsadäquatheit, der Zuordenbarkeit zu beobachtbaren Feldphänomenen und aus wissenschaftstheoretischen Gründen somit als schematisierte situations-, kontext- und institutionsabhängige, regelbezogene, normen-wert- und/oder zielorientierte, systemhaft eingebettete Formierungen oder z. T. vorsprachliche „Begriffe“ eines Verhaltens aufgefasst werden, das zumindest partiell ablaufkontrolliert und/oder teilbewusst oder motiviert ist und einem personalen oder kollektiven Akteur zugeschrieben wird - eben als ein von diesem durchgeführtes Handeln. Dieses wird v. a. sprachlich abgegrenzt und variiert.
Besonders kollektive Handlungen werden auf noch höherer Stufe von den Beteiligten und Beobachtern erst als solche interpretiert - durch Aktivierung erlernter Schemata. Sozialwissenschaftliche Handlungsbegriffe müssen in ihrer Phänomen-angepassten Detailliertheit solchen notwendigen Bedingungen genügen. Die vorstehenden Eigenschaften stellen nicht eine eigene Definition „des Handelns" dar (dies würde einen hier nicht eingenommenen essentialistischen Standpunkt voraussetzen), sondern sie umreißen Kriterien für die Adäquatheitsbeurteilung bzw. notwendige Bedingungen für Konstruktionen gleichsam „quasi theoretischer“ Begriffe von Handlungen im Alltag wie auch für sozialwissenschaftliche Theorien und für Begriffe einer jeden Handlungsphilosophie. Wichtig ist all das zumal für das symbolische kreativ-innovative Schaffen in Wissenschaft, Technik, Künsten und Literatur. Selbst alles Privat-Persönliche ist zutiefst sozial verankert (Wittgenstein).
Dies gilt auch für alle Motivationen, Wünsche, seelisch-psychischen Zustände, Beziehungen, gemeinsamen Handlungen, formellere Gemeinschaftsaktionen, ja, auch für institutionelle Akte und „Handlungen“ höherer Stufen (z.B. des Staates).
Dabei ist z. B. nicht ausdrücklich zwischen „Lieben“ als Empfindung, Gefühl, persönlichem Zustand, Ausdruck liebevoller Beziehungen und (wechselseitigen) Handlungen und Bewertungen und Adressierungen „gehobener“ Art („Heimatliebe“) so scharf zu trennen, wie analytische Philosophen es tun müssen. Wir verstehen und deuten solche Beziehungsbegriffe und deren Ausdrücke in Worten, Gesten, Handlungen, Wertungen, Emotionen ohne weiteres - auch auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen - stets in/durch Schema-Interpretationen.
In höherem Maße als bei den persönlich-privaten Handlungen, Wertungen, Beziehungen trifft der Deutungscharakter auf solche von öffentlicher Provenienz oder Relevanz zu: Hier gewinnen die (eigentlich „fiktiven“) Interpretationskonstrukte eine „soziale Realität“, verbindlich, normiert und kontrolliert oder gar sanktioniert: eine quasi künstliche, sekundäre, aber umso wirksamere, „mächtigere“ Wirklichkeit. Man denke nur an die „Macht“ des Staates, Geldes, Rechts, Computers oder - nur früher? - der Kirchen oder Religionen.
Kurz und gut: Wir leben durch Deutungen und in Soziales eingebettete Schemata: „Wir können nicht nicht interpretieren“! Schon biologisch können wir nicht nicht schematisieren: „schema-interpretieren“. Formen, Strukturen, Schemata: überall Schemas in Aktion.