Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/1047

Schia
Die Bezeichnung Schia bedeutet „Partei“ und leitet sich ab von der Partei Ali ibn Abi Talib, einem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Muhammad.
Die Schiiten bilden die zweitgrösste Gruppe der Muslime nach den Sunniten. Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten geht bereits auf das 7. Jahrhundert zurück. Grund dafür waren Uneinigkeiten über die rechtmässige Nachfolgerschaft des Propheten Muhammad.
Der vierte Kalif Ali ist für die Schiiten der erste rechtmässige Nachfolger Muhammads, die ersten drei, nach sunnitischer Lehre, werden nicht anerkannt. Die auf Ali folgenden Kalifen müssen direkt von ihm abstammen. Im Jahre 656 wurde Ali zum Kalifen gewählt und bereits 661 wurde er im Zuge von Machtstreitigkeiten ermordet. Danach wurde Hasan, ein Enkel des Propheten, zum nächsten rechtmässigen Kalifen. Dieser verzichtete zugunsten seines sunnitischen Rivalen Muawiya ibn Abu Sufyan. Hasans Bruder Hussein wurde nicht als nächster Kalif anerkannt. Hussein wollte das nicht akzeptieren und starb in Folge davon 680 in einer Schlacht gegen den sunnitischen Umayyaden-Kalifen Jasid I. Nach dessen Tod übernahmen nach schiitischer Tradition Imame die Führung, die aus der Familie Alis stammten.
Im 20.Jh. gab es eine Umdeutung durch Ayatollah Ruhollah Khomeini (1902-1989) von einer Herrschaft der Imame zu einer Herrschaft der Rechtsgelehrten (velayat-e faqih). Muslime sollten nicht nur den Märtyrern gedenken, sie sollten selbst im politischen Kampf zu Märtyrern werden. Im Zuge dieser Neuerungen wurde 1979 die Islamische Republik Iran ausgerufen.
Der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten besteht im Wesentlichen im Verständnis der rechtschaffenen Herrschaft nach dem Propheten.
Die meisten Schiiten gehören zu der Gruppe der sogenannten Zwölfer-Schiiten oder auch Imamiten genannt. Sie zählen in der Geschichte zwölf rechtmässige Kalifen. Der letzte Imam Muhammad al-Mahdi ist nach schiitischem Glauben nicht gestorben, sondern hat sich in die Verborgenheit (Ghaiba) zurückgezogen. Er soll eines Tages auf göttlichen Befehl wiederkehren und der Welt den Frieden und die Gerechtigkeit bringen. Darauf warten die Schiiten seit dem 10. Jahrhundert. Neben den Zwölfer-Schiiten, die vor allem im Iran, Irak und im Libanon leben, gibt es auch Siebener-Schiiten in Syrien, Afghanistan, Pakistan und Indien, Fünfer-Schiiten im Jemen und Alaviten in Syrien, der Türkei und im Libanon.
Schiiten beten drei Mal am Tag (Namaz). Vor dem Gebet waschen sich die Gläubigen den Kopf, die Arme und die Füsse. Danach kann das Gebet gesprochen werden, am Morgen muss dieses vor Sonnenaufgang getan werden, zwei Mal am Mittag und am Abend noch zwei Mal. Gebetet wird auf den Knien gesprochen und die Stirn auf den Boden gelegt. Am Morgen wird die Stirn zwei Mal auf die Erde gelegt und am Mittag vier Mal und am Abend drei Mal. Den Kopf auf den Boden zu legen soll Respekt gegenüber Gott beweisen.
Zwei bedeutende Heiligtümer der Schiiten liegen im Irak und werden von vielen Wallfahrern besucht. Das Grabmal von Ali liegt in Nadschaf und das von Hussein in Kerbala.
Traditionell hängt in einem schiitischen Haushalt ein Bild mit der ersten Sure des Korans, mit dem Namen Gottes. Das sollte Glück bringen und die Menschen beschützen, die dort leben.
Einer der wichtigsten Feiertage im schiitischen Islam ist Aschura. An diesem Tag wird Hussein gedacht, der in einer Schlacht starb. Die Lage für Hussein im Jahre 680 war aussichtslos und so lieess er seinen Soldaten die Wahl zu kämpfen und für ihre Sache zu sterben oder zu fliehen. Nach der Überlieferung blieben lediglich 72 Soldaten an Husseins Seite, der Rest der Armee floh. Hussein bat seine Feinde um Gnade für seinen Sohn Ali al-Asghar, doch die Armee des Ummayaden Kalifen Jasid I. tötete den Jungen mit einem Pfeil durch seine Kehle. Hussein wurde also von Feinden und Freunden im Stich gelassen und für diese kollektive historische Schuld müssen die Gläubigen Wiedergutmachung leisten. Sie leisten Busse und gedenken dem Opfer der sündlosen Gerechten für die Muslime. Hussein fungiert als Mittler zwischen Menschen und Gott, was sowohl eine Heiligenverehrung als auch ein reges Wallfahrtswesen zur Folge hat. An Aschura wird die Geschichte von Hussein erzählt und was in Kerbala, im heutigen Irak, geschah. Die Gläubigen trauern um Hussein und seine Familie. Eine Träne, die für Hussein vergossen wird, bedeutet Vergebung der Sünden für den betreffenden Gläubigen. Es gibt Aschura-Passionen, bei denen die Menschen weinend durch die Strassen ziehen und sich dabei auf die Brust schlagen.
Aschura steht als Feiertag allerdings nicht allein da. Insgesamt trauern die Gläubigen zehn Tage lang. Während diesen zehn Tagen gibt es die Möglichkeit an Trauernde Gläubige Essen auszugeben (Nasri). Die Schiiten tun dies, um bei Hussein Fürbitte zu erlangen. Am ersten dieser zehn Tage der Trauer zünden die Gläubigen Kerzen an für alle verstorbenen, die ihr Leben für den Iran gegeben haben.
Eid ul-Fitr ist der letzte Tag im Ramadan, an dem des Todes von Ali gedacht wird. Gefastet wird, weil in diesem Monat nach schiitischer Tradition Gott Muhammad den Koran offenbarte. Dieser letzte Tag von Ramadan ist für alle Muslime einer der wichtigsten Tage im Jahr. An diesem Tag ist das Fasten verboten. Die Gläubigen gehen zur Moschee bzw. auf den Platz vor der Moschee und beten. Manche beten auch Zuhause. Alle Schiiten, die genug Geld besitzen, müssen an diesem Tag an die Armen spenden. Später treffen sich die Familien, gratulieren einander und veranstalten ein Festmahl.
Eid ul-Adha ist ein Opferfest. Die Gläubigen, die nach Mekka pilgern möchten, opfern Gott Schafe, die anderen Gläubigen Hühner. Dieses Opfer soll Glück bringen. Die geopferten Tiere werden an die Armen verschenkt.
Eid ul-Ghadir ist das Fest, an dem Muhammad Ali offenbarte, dass er sein Nachfolger werden würde. Ali sollte fortan die Menschen anführen, Muhammads Feinde sollten auch Alis sein und ebenso Muhammads Freunde.
Weitere Festtage gibt es an den jeweiligen Geburtstagen der Imame (Nachfolger Muhammads). Diese werden aber meist nicht gefeiert, nur wenige begehen diese Festtage. Ein Unterschied macht der letzte Imam. Sein Geburtstag wird überall gross gefeiert in der Erwartung auf seine Rückkehr am Ende der Welt.
Schiiten legen das Bilderverbot im Islam nicht ganz so streng aus. Vom Kalifen Ali gibt es viele Bilder, vor allem Halsanhänger erfreuen sich grosser Beliebtheit. An Prozessionen werden auch Bilder von Ali und Hussein durch die Strassen getragen.
Im Islam gibt es eine Zeremonie, die eine Zeitehe erlaubt. Vor allem im schiitischen Islam wird diese Form der Eheschliessung gerne genutzt. Sie erlaubt einem Mann und einer Frau für 30 Minuten bis zu 99 Jahren verheiratet zu sein, je nachdem was die beiden für einen Vertrag aushandeln. Diese Form der Eheschliessung auf Zeit wird unter anderem zur Legitimation von Prostitution benutzt. Auch Touristen schliessen solche Zeitehen, damit sie im Iran ungehindert zusammen reisen können.