Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/452

Zusätzlich arbeitet sie – sie spricht fliessend Französisch, Englisch und Italienisch – in einer ortsansässigen Firma als Telefonistin, nicht nur, um das Einkommen aufzubessern, sondern auch, weil sie fürchtet, depressiv zu werden, wenn sie nie aus dem Haus und unter die Leute kommt.
Der 40-Prozent-Job, dreieinhalb Stunden täglich, bringt 1500 Franken im Monat. Mit den 810 Franken Alimenten einschliesslich Kinderzulage und den Einkünften aus der Schneiderei, die zeitlich mehr als 60 Prozent in Anspruch nimmt, kommt Frau Glasner auf ein Monatseinkommen von durchschnittlich netto 3200 Franken. Davon gehen 1190 Franken weg für die Miete, rund 60 für die Betriebs- und die private Haftpflichtversicherung, 56 für die Zusatzversicherung der subventionierten Krankenkasse und 129 für Steuer und Versicherung des Autos, das sie sich von den 15 000 Franken gekauft hat, die ihr der Vater von seinem Pensionskassengeld schenkte.
Monatlich legt Frau Glasner 120 Franken für Ferien auf die Seite, die sie sich aber erst seit letztem Jahr leisten kann – eine Woche mit der Tochter in Italien, wo sie den halben Tag nichts gemacht hat, als im Liegestuhl zu liegen und zu lesen.
Sich nie zurücklehnen zu können und niemanden zu haben, dem sie abends sagen kann, dass sie einen schweren Tag gehabt hat, war für sie vor allem nach der Scheidung genauso belastend wie der finanzielle Druck. Sie war verheiratet gewesen mit einem Sizilianer, der als Hilfsmagaziner 3300 Franken verdiente, fast alles seinem Autofimmel opferte und ihr 500 Franken Haushaltsgeld für Essen, Kleider und sonstige Ausgaben überliess. In den ersten Jahren nach der Trennung – die Tochter war gerade halbjährig – war sie kaum über die Runden gekommen, sass bis nachts um drei an der Nähmaschine, arbeitete bei Denner als Kassiererin und ging putzen. Dreimal hatte sie von der Behörde Sozialhilfe beantragt und die je 500 Franken auch anstandslos bekommen.
Im Vergleich zu damals, sagt Frau Glasner, hätten sich ihre Verhältnisse deutlich gebessert. Die Eltern wohnen im selben Haus einen Stock tiefer und helfen Angelica zu betreuen. Das Geschäft läuft so gut, dass sie keine neuen Kunden mehr annimmt und die Werbeausgaben für Anzeigen im Telefonbuch gestrichen hat. Frau Glasner ist froh, einen Beruf zu haben, den sie liebt und den sie zu Hause ausüben kann, selbst wenn das heisst, jeden Tag um 6 Uhr aufzustehen und oft nicht vor 23 Uhr mit der Arbeit fertig zu sein. Andere alleinerziehende Frauen, die sie kennt, mussten ihren Beruf aufgeben oder sehen ihre Kinder kaum noch.
Schwierig wird es, wenn zusätzliche Ausgaben anstehen. Für die Overlock-Maschine, die 900 Franken gekostet hat, musste sie ein halbes Jahr sparen, die Zahnspange, die Angelica braucht, will bezahlt werden, und sie selbst sollte sich einer Arthrose wegen operieren lassen, was heisst, dass sie eine Weile nicht wird arbeiten können und weniger verdient. Ihrer früheren Gesundheitsprobleme wegen, sagt sie, sei keine Versicherung bereit gewesen, für sie als Selbständigerwerbende eine Krankentaggeldpolice abzuschliessen.
Frau Glasner redet kaum über das, worauf sie verzichten muss und was für die meisten Leute zu den selbstverständlichen Annehmlichkeiten des Lebens gehört – Vergnügungen wie auswärts essen gehen, shoppen oder reisen. Am Wochenende fährt sie mit der Tochter manchmal nach Bern ins Dählhölzli, wo es einen Spielplatz und einen kleinen Zoo gibt, für den man keinen Eintritt bezahlen muss. Sie kennt die Museen, die nichts kosten, geht morgens um acht in den Coop, um nach verbilligtem Fleisch oder Käse zu sehen, profitiert von Aktionen, näht Kleider selber oder kauft sie im Ausverkauf – eine Freundin, die bei C & A arbeitet, ruft sie jeweils an, wenn etwas Passendes heruntergesetzt ist. «Halbpreisjägerin» nennt sie der Vater scherzhaft. Alle paar Monate leistet sie sich einen Kinobesuch, doch meistens schaut sie Filme im Fernsehen, wozu sie gerne Freunde und Freundinnen einlädt. Dann sitzt man mit einer Schüssel Popcorn im Sessel und plaudert hernach über das Gesehene.
Frau Glasner, die selber nur die Abschlussklasse absolvieren konnte, setzt alles daran, dass es ihre Tochter einmal besser hat – nicht, was materiellen Reichtum, sondern, was Bildung betrifft. Sie möchte, dass die Kleine, die jetzt in der dritten Klasse ist und gute Zeugnisse heimbringt, studiert, und sie versucht ihr jetzt schon nahezubringen, welche Möglichkeiten das eröffnet – Pilotin, Chirurgin, ein Beruf jedenfalls, in dem sie selber über ihr Leben bestimmen kann. Auch lehrt sie sie, sich durchzusetzen – manchmal mit dem Effekt, dass sich der Erfolg gegen sie selber wendet.
Taschengeld bekommt Angelica keines, jedoch das Trinkgeld, das die Mutter für ihre Schneiderarbeiten erhält – in einem Monat nichts, im anderen 25 Franken. Beide besprechen sie dann, was damit anzufangen wäre – Verzichten, Einteilen und Sparenlernen sind Werte, die Frau Glasner in der Erziehung wichtig sind. Man soll schätzen, was man hat, meint sie, und sich nicht fixieren auf das, was man nicht hat.
Frau Glasner weiss genau, was sie für sich und ihre Tochter will – und reagiert ratlos, fragt man sie nach dem Luxus, von dem sie träumt, den Wünschen, die sie sich mit einer Lottomillion erfüllen würde. «Ich würde es für Angelica auf die Seite tun», sagt sie schliesslich und bedauert, als man nachfragt: «Nein, sonst kommt mir nichts in den Sinn.»
Jeder elfte Schweizer ist arm», verkünden derzeit grosse Plakate des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks. Man muss nicht nach Afrika oder Indien reisen, um zu sehen, wie relativ der Begriff der Armut ist. Auch ein Abstecher in den Süden oder Osten Europas reicht – arme Schweizer sind, was Besitz, finanzielle Mittel und Möglichkeiten angeht, in dem Vergleich reich.
So besteht denn über den Begriff der Armut weder ein Konsens, noch ist er objektiv definierbar. Um das bloss physische Existenzminimum geht es hierzulande jedenfalls nicht. Nicht arm zu sein, bedeute, ein «menschenwürdiges Dasein innerhalb der Gesellschaft» führen zu können, umreisst es etwa das «soziokulturelle» Konzept, während, noch weiter gehend, das «relative» Konzept Armut «direkt in Relation zur Wohlstandsverteilung in der gesamten Bevölkerung» setzt. Es bleibt eine Ermessensfrage – ist schon arm, wer sich keinen Platz in der Oper leisten kann, oder erst, wer kein Kinobillett vermag?
Gemäss der in der Schweiz gebräuchlichen Definition von Armut, wie sie in den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe festgesetzt ist, lebt Frau Glasner etwas über der Armutsgrenze. Als arm und somit unterstützungsbedürftig gelten Haushalte, in denen das monatliche Einkommen nicht ausreicht, die Kosten für die materielle Grundsicherung zu decken. Diese werden von den Fürsorgeämtern veranschlagt und betragen im Kanton Freiburg für einen Erwachsenen mit einem Kind (Wohnungskosten eingerechnet) rund 2860 Franken pro Monat. Zeitweilig hatte Frau Glasner weniger und zählte damit zu den sogenannten Working Poor – das sind Personen, die trotz einer Erwerbstätigkeit von mindestens 35 Stunden pro Woche unter der Armutsgrenze leben.
Herr und Frau Jacquet (Name auf Wunsch geändert) brauchten nicht lange zu überlegen, was sie mit einer Lottomillion anfangen würden. Ein neues Auto, eine Woche Hotelferien, sich nur noch bedienen lassen – und dann ab nach Spanien, wo sie mit dem Rest des Geldes ein kleines Haus kaufen würden, um da den Winter zu verbringen. An die Costa del Sol reisen sie jetzt jeweils in die Ferien mit ihrem zwölfjährigen Opel Kadett, das Zelt im Kofferraum und die Kinder – zwei Söhne im Alter von 18 und 16 Jahren und eine 13-jährige Tochter – auf dem Rücksitz. Eine Woche auf dem Zeltplatz, das liegt gerade noch drin im Budget.
Schweizer sein heisst für Herrn Jacquet arbeiten, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen, und das, meint er, wäre in Spanien nicht so. Hätte er die Wahl, wäre ihm anderswo zu leben wichtiger als hier mehr Geld zu haben. Der Ort, in dem die Jacquets wohnen, ist Schweizer Allerweltsprovinz: Gemeindehaus, Schulhaus, ein paar Läden und ein Einkaufszentrum beim Bahnhof, an dem der Regionalzug hält, der einen in einer halben Stunde in die Grossstadt bringt.
Herr Jacquet ist Bauschreiner und arbeitet seit siebenundzwanzig Jahren in der Firma, in der er schon seine Lehre gemacht hat – im Stundenlohn, 26 Franken pro Stunde plus 7,6 Prozent Feriengeld, 42,5 Stunden in der Woche. Der Kleinbetrieb für Fensterbau ist ein Traditionsunternehmen; Herr Jacquet, der gewissermassen zum Inventar gehört, ist als sogenannter Chefanschläger auf Montage, eine Arbeit, die ihm gefällt, da er ein bisschen herumkommt. In der Hochkonjunktur hat sie ihm sehr viel mehr eingebracht. Damals hat er im Akkord gearbeitet, wurde nach Quadratmetern bezahlt und konnte in den Neubauten, die aus dem Boden schossen, Fenster am laufenden Band montieren. Ein Wochenlohn von 2500 bis 3000 Franken war keine Seltenheit; Herr Jacquet hatte sich zum Mittelstand gezählt.
80 Prozent Neubau, 20 Prozent Renovation – dieses Verhältnis von einst ist heute genau umgekehrt, und da bei Altbauten die Montage nicht so fix vorangeht, käme er, würde er jetzt im Akkord arbeiten, auf einen noch schlechteren Lohn, als er ohnehin schon hat. Und Überstunden zu leisten, lohnt sich nicht, weil er dann in eine höhere Steuerklasse geriete. Die Schwarzarbeit, die er macht, damit sich die Familie Extras wie Ferien leisten kann, ist mit dem Chef abgesprochen – wenn Bekannte von Herrn Jacquet Fenster brauchen, beziehen sie sie von der Firma; für die Montage darf er deren Auto und Werkzeug benützen.
Wenn Herr Jacquet krank ist, beisst er auf die Zähne und wartet mit dem Arztbesuch bis Freitag, weil dann die beiden Karenztage, die nicht bezahlt werden, auf das Wochenende fallen und er ab Montag den vollen Lohn bekommt. Als er einmal zweieinhalb Monate krankgeschrieben war, erzählt er, sei der Chef morgens um acht ins Spital gekommen, um zu kontrollieren, ob er nicht simuliere. Er habe dann, sagt Herr Jacquet, den Arzt kommen und den Chef hinauswerfen lassen. Als Gewerkschafter, sechs Jahre war er Sektionspräsident des Syndicat Industrie & Bâtiment, wollte er sich das nicht bieten lassen.
Mit dem Lohn, den Frau Jacquet als Putzfrau verdient – sechs Wochenstunden à 20 Franken – sind netto rund 4800 Franken in der Haushaltskasse. Die Viereinhalbzimmerwohnung mit dem separaten Kellerstudio für den älteren Sohn kostet nur 1000 Franken, weil Herr Jacquet im Block, der fünfundzwanzig Wohnungen zählt, als Abwart tätig ist. Den Platz wischen, Rasen mähen, Laub rechen, Treppenhäuser reinigen und Reparaturarbeiten erledigen nimmt wöchentlich sieben bis zehn Stunden in Anspruch. Auch diese Arbeit macht er gerne, zumal sie das Budget – die frühere Wohnung kostete 1800 Franken – spürbar entlastet.
An zusätzlichen Fixkosten fallen monatlich rund 1140 Franken an: 700 für Steuern, 200 für die subventionierte Krankenkasse, 115 Steuer und Versicherung für das Auto, 40 für Benzin, 42 für Hausratsversicherung und Haftpflicht, rund 40 fürs Telefon. Erspartes haben die Jacquets nicht; wenn es gutgeht, sind sie Ende Monat auf null. Die 400 Franken für das Skiwochenende der beiden Buben gelten da schon als Luxusausgabe.
Der ältere Sohn ist jetzt als Lastwagenmonteur im zweiten Lehrjahr, er will Chauffeur werden. Über den Lehrlingslohn von 560 Franken kann er verfügen, muss aber die Autofahrstunden und die auswärtigen Mittagessen selber bezahlen. Taschengeld für den jüngeren Sohn und die Tochter gibt es nicht; wenn sie etwas haben wollen, müssen sie fragen. Hie und da geht man in die Beiz, auf einen Kaffee oder ein Bier, und wenn das für alle zusammen 30 Franken kostet, ist das eine Grossausgabe.
Herr Jacquet, der früher selber als Trainer tätig war, ist Fussballfan und so oft wie möglich auf dem Platz, wohin ihn seine Frau begleitet. Das ist ein billiges Vergnügen, und im Sport sind alle gleich. Im Club, in dem er Mitglied sei, sagt Herr Jacquet, gebe es einen, der wohne in einer Hundehütte, und einen, der habe sein Büro im zehnten Stock.
Einmal war die Lottomillion ganz nahe. Bloss eine Zahl hat nicht gestimmt. Und im «Sonntags-Blick»-Bingo gab es einmal 2300 Franken. Damit sind sie alle fein Nachtessen gegangen – ohne die «Blick»-Reporter, die gerne eine Story daraus gemacht hätten.
Und dann zurück in den Alltag: Kleider im Ausverkauf, wenig Fleisch, Lebensmittel in Aktionen. Bloss die Katze, dreizehnjährig und eigensinnig, weigert sich strikt, Aktionsdosen zu futtern.
Bis heute verfügt die Schweiz über keine regelmässige Sozialberichterstattung. Als wichtigste zentrale Statistik gilt die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, die seit 1991 jährlich durchgeführt wird. Im Weiteren bildet das Datenmaterial der 1997 publizierten Studie von Leu, Burri und Priester über «Lebensqualität und Armut in der Schweiz» die Basis für Armutsuntersuchungen. Die Autoren kamen – je nach verwendeter Armutsdefinition – auf eine Armutsquote zwischen 5,6 und 10,3 Prozent, was 390 000 bis 710 000 Armen in der Schweiz entspricht. Dass darin auch «unechte» oder sogenannte steuerstatistische Arme enthalten sind wie manche Selbständigerwerbende, Landwirte oder Personen in Ausbildung, ist zu berücksichtigen.
Eine Studie, die das Bundesamt für Statistik kürzlich in Auftrag gegeben hat, zählt 7,5 Prozent der 20- bis 59-jährigen Erwerbstätigen in der Schweiz zu den Working Poor – das sind 250 000, die von ihrem Lohn nicht leben können. Die rund 170 000 Haushalte, zu denen sie gehören, zählen insgesamt 530 000 Haushaltsmitglieder. Betroffen sind vor allem Frauen, Ausländer, Alleinerziehende und Paare mit mehr als drei Kindern. Niedriges Bildungsniveau, selbständige Erwerbstätigkeit oder Erwerbstätigkeit in Tieflohnbranchen wie Landwirtschaft, Gastgewerbe und Verkauf sind charakteristisch. Zwischen 1995 und 1996, so die Studie, ist die Working-Poor-Quote sprunghaft um 2 Prozent angestiegen, was die Autoren Elisa Streuli und Tobias Bauer der Erhöhung der Krankenkassenprämien, vermehrter Selbständigkeit und nicht dauerhaften Arbeitsverträgen sowie der generellen Lohnentwicklung zuschreiben.
Wie viel Johannes Randegger heute auf seinem Konto hat, bleibt Privatsache, doch sicher ist, dass es nicht aus einem Lottogewinn stammt. Der frisch pensionierte Novartis-Manager ist Nationalrat der Freisinnig-Demokratischen Partei und sitzt in einer ganzen Reihe von Gremien und Kommissionen in Wirtschaft und Politik – ein Mann, der Einfluss hat, eine Stütze der Gesellschaft.
Doch angefangen hat Johannes Randegger ganz unten, und was Armut ist, weiss er vielleicht noch besser als Frau Glasner oder die Jacquets. Sein Vater, Friedhof- und Hotelgärtner in Davos, war sechzig, als Johannes auf die Welt kam, so dass das Einkommen – AHV gab es erst seit 1948 – bald ganz von der Mutter abhing, die als Wäscherin und Glätterin arbeitete. Die Erinnerungen an die Demütigungen, die die Armut mit sich brachte, sind nicht verblasst – die Unterwürfigkeit, die man dem Hausbesitzer gegenüber an den Tag legen musste, wenn er die schuldig gebliebene Miete einforderte, die Drohung des Bäckers, kein Brot mehr zu liefern, wenn man nicht endlich bezahle, die Angst, von den Kollegen gesehen zu werden, wenn er abends mit Rucksack und Kesseli seinen Gang zur Alpinen Mittelschule antrat, um die Essensreste zu holen, die die Köchin, eine Freundin der Mutter, für die Randeggers auf die Seite getan hatte.
Holz auflesen, Pilze, Beeren und Kräuter sammeln gehörte zu den ersten Arbeiten, mit denen der Bub zur Versorgung der Familie beitrug. Als Drittklässler leistete er Ausläuferdienste beim Schuhmacher, Blumenhändler und Pferdemetzger, pflückte Alpenrosen und Farnkräuter und verkaufte sie im Sanatorium – das wenige Geld, das er damit verdiente, musste er zu Hause abgeben. Es war, sagt er, nicht einfach «nice to have» – es wurde gebraucht.
Einmal, er war sechs und es war vor Weihnachten, brannte er durch und ging nach Davos Platz, wo er sich vor das Schaufenster des Spielwarenladens stellte, um den ausgestellten US-Army-Jeep zu bestaunen – so gebannt, dass einer sein Auto anhielt, ausstieg, ihn fragte, ob ihm dieser Jeep so gut gefalle, und ihn für ihn kaufte. Den Duft der Gummiräder, sagt Johannes Randegger, habe er noch heute in der Nase.
Dass sie von Hilfe abhängig waren, allein es nicht schafften, musste dem Buben auffallen unter Schulkollegen, deren Väter im Kurort in achtbarer Stellung waren, Geschäfte besassen, Hotels führten. An Geburtstagsparties wurde er nie eingeladen, und die Mädchen, die an ihm Gefallen fanden, sagt er, hätten nicht zu ihm stehen können. Die anderen hatten Spielzeug, Sportgeräte und schöne Kleider; seinen ersten Kittel bekam Johannes Randegger von der Winterhilfe.
Dass er dennoch nicht unterging, schreibt er seiner Begabung zu, Leute zu beeinflussen, und den drei «Schutzräumen», in denen andere Kriterien für das Ansehen galten: Pfadfinder, Schulsport und Kirche, wo er Ministrant war. Dazu kam das Glück, dass ein pensionierter Lehrer, der gespürt haben musste, was in dem Buben steckte, sich seiner annahm, ihm bei den Aufgaben half und ihm zeigte, dass es eine Welt gab jenseits der Grenzen, in denen er lebte, und aus denen er umso mehr herauswollte, als er mit zwölf erfuhr – die Mutter hatte den Arm gebrochen, und er musste die ganze Wäsche besorgen -, was es heisst, so viel für nichts zu schuften. Der Lehrer, der einen Studienfreund bei der Ciba hatte, brachte ihn auf den Geschmack – Johannes Randegger wurde Chemielaborant.
Der Rest ist die Geschichte einer beispiellosen Karriere, eine Geschichte von Ehrgeiz, Arbeitswillen und Talent in einer Branche, die in ebendiesen sechziger Jahren einen nicht minder rasanten Aufschwung nahm. Die Bereitschaft, morgens um vier aufzustehen, um zu lernen, war das eine, die Tatsache, dass es sich auch lohnte und man gefördert wurde, das andere. Die Ciba, sagt Randegger, sei für ihn eine neue Welt gewesen, eine Schule des Lebens, deren Lehrlinge etwa auch im comment unterrichtet wurden, lernten, wie man sich benimmt, wenn man mit einem Mädchen ausgeht.
«Du wirst noch Direktor», habe ein Arbeiter einmal zu ihm gesagt, und er habe gewusst, dass er nicht Laborant bleiben würde. Mit einem Stipendium der Gadient-Stiftung und des Kantons Basel-Stadt trat er nach Bestehen der Abendmatur als Werkstudent sein Chemiestudium an, arbeitete als Nachtlaborant im Kantonsspital, heiratete eine Frau aus dem oberen Mittelstand, deren Familie ihn nie akzeptierte, stellte zwei Kinder auf die Welt und stand schliesslich, als er seinen Doktortitel hatte, vor dem Scherbenhaufen seiner Ehe. Seine jetzige Frau, vierzehn Jahre jünger als er, kommt aus bescheidenen Verhältnissen, was bedeutete, dass man sich über das, was man im Leben wollte, einig wusste – sie kennenzulernen, sagt er, sei der «break point» seines Lebens gewesen.
Projektleiter in drei Konzernwerken in den USA, Werkleiter der Farbstoffproduktion im Stammhaus Basel, Managing Director der Konzerngesellschaft Clayton Aniline in Manchester – ein Weg von Erfolg zu Erfolg, Beförderung im Zweijahresrhythmus, Handelsbevollmächtigter, Prokurist, Vizedirektor, stellvertretender Direktor, Direktor. Der Lohn stieg, die Aktienoptionen der Firma auch. Zu den Reichen, meint Johannes Randegger, zähle er sich aber nicht.
Den Sitten und Gebräuchen der Schicht, zu der er nun gehört, hat er sich dennoch nicht ganz anpassen wollen. Bis vor kurzem fuhr er immer noch denselben Toyota Station, den er als Occasion kaufte, als er vor vierzehn Jahren aus England zurückkam. Dort hatte er, um dem gesellschaftlichen Code Genüge zu tun, einen Jaguar haben müssen; man hatte ihm einen Prospekt in die Hand gedrückt und ihn gebeten, sich ein Modell auszusuchen. Was er dann seiner Frau überliess, die einen weissen Wagen mit grauen Sitzen wählte und ganz rot im Gesicht wurde, als sie ihn zum ersten Mal fuhr. Den A-Klasse-Mercedes, den Johannes Randegger heute sein eigen nennt, hat er gekauft, weil ihn der Sohn dazu ermunterte. Aber natürlich hat er auch Freude daran.
Die beiden Söhne aus zweiter Ehe, fünfzehn- und dreizehnjährig, bekommen kein Taschengeld, sondern Lohn für Jobs, die sie erledigen. Man pflege die «Tugend des Neins» in der Erziehung, und wenn der Kleine im Restaurant mit grösster Selbstverständlichkeit grillierte Scampi bestellt, macht man ihm schon klar, dass er, will er das einmal seinen Kindern bieten, sich noch gehörig ins Zeug legen muss.
Doch dass Hilfe braucht, wer von den Abhängigkeiten der Armut loskommen will, hat Johannes Randegger selber erfahren – als Präsident der Gadient-Stiftung, die ihn einst unterstützte, und als Präsident des Lehrlingsausbildungsverbandes Aprentas will er nun an andere weitergeben, was einst ihm zugute kam. Existenzsichernde Einkommen, eine gute Pensionskassenregelung für Niedriglöhne, Stärkung der Familie – das sind Postulate, für die der Politiker Randegger eintritt. Der Rest sei Sache des Einzelnen.
«Es geht darum, sich selber in die Hand zu nehmen», meint er, der noch immer jeden Tag um halb fünf aufsteht. Und klappt den A4-Block zu, auf dem er sich über mehreren Seiten notiert hat, was es aus seinem Leben zu erzählen gibt – gut vorbereitet auch da, wie es sich für einen Spitzensportler gehört.
Unnötig zu sagen, dass er auch in der Branche – als Fussballer, Eishockeyspieler und Skifahrer – zu brillieren wusste.