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Wie wäre es, wenn ich flüchten müsste?
Wie «schön und gemütlich» haben es die Flüchtlinge?
Predigt zum Tag der Völker
Können Sie sich vorstellen können, wie es wäre, wenn Sie flüchten müssten? Und ich wage zu behaupten: Nur wer sich vorstellen kann, was Flucht ganz konkret bedeutet, kann sich wirklich in die Flüchtlinge hineindenken. Nur dann finden wir die richtige Einstellung zu ihnen.
Darum die Frage: Wie würden Sie sich fühlen, wenn sie auf einem Augenblick auf den andern ihre Heimat verlassen müssten, etwa weil sie auf einer Todesliste stehen. Sie wüssten, jemand hat den Auftrag, sie umzubringen, weil sie sich kritisch zur Regierung geäussert haben. Plötzlich müssten sie von all ihren Lieben Abschied nehmen, um das nackte Leben zu retten.
Oder aber: Sie müssten mit zwei, drei kleinen Kindern fliehen. Und sie wüssten, wie gefährlich eine wochen- und monatelange Flucht sein würde. Allein im Mittelmeer sind ja in den letzten Jahren 23’000 Flüchtende umgekommen; und weitere Tausende in den afrikanischen Wüsten.
Anhand von drei kurzen Szenen möchte ich Ihnen helfen, sich in die Situation von Asylsuchenden hinein zu denken.
Zuerst: Ein Cousin von mir war vor Jahren drei-vier Tage als Tourist in Italien. Und – er ist fast verhungert. Voller Entsetzen erzählte mir, wie schlimm es war, immer nur – entschuldigen Sie den Ausdruck – Tschingge-Choscht (Erklärung für die Ausländer: italienisches Essen) vorgesetzt zu bekommen.
Ich habe mit meinem Cousin noch nie über Flüchtlinge diskutiert. Aber ich vermute, er gehört auf Grund seinen politischen Einstellungen zu jenen, die behaupten: «Die Flüchtlinge kommen nur zu uns, um ein schönes, gemütliches Leben zu führen.»
Ein schönes Leben? Es ist ein Leben, in dem alles, alles anders ist: das Essen (es unterscheidet sich wohl in den meisten Fällen mehr als das italienische vom deutschschweizerischen). Anders ist die Sprache, das Klima, die Lebensweise usw.
Ich kenne Menschen, die äusserst Mühe haben, einmal auswärts übernachten zu müssen: «Ich kann nur in meinem eigenen Bett gut schlafen», sagen sie. Und gerade solch Menschen haben vielfach Mühe, sich vorzustellen, was die ganze Umstellung für Flüchtende bedeutet.
Eine zweite Szene: Vor genau 30 Jahren gestaltete die Caritas mit Laienspielern aus der Schweiz und mit Flüchtlingen das Stück «Das Volksfremden Theater». Eine Szene ist mir in bester Erinnerung: Wegen eines politischen Umsturzes muss ein gut bürgerlicher Mann, ein Metzgermeister, aus der Schweiz fliehen. In einer Szene sehen wir ihn im Sprachunterricht. Der dunkelhäutige Lehrer hat Mühe, sich an seinen Namen zu erinnern und spricht ihn dann völlig falsch aus: Aus Heinz wird «Eins». Und der Schweizer sitzt vor einer Wandtafel mit lauter unverständlichen Zeichen.
Wir sehen:
- Flüchtlinge verlieren vielfach ihre Namen und damit auch ihre Identität. Stellen Sie sich vor, wie das für sie wäre: Sie wären nicht mehr der Hans oder der Fritz; nicht mehr die Agnes oder die Elisabeth. Sie würden mit einem Namen genannt, der sogar für sie unverständlich ist.
- Und: Sie sehen sich in ihrem ganzen Umfeld mit einer Sprache, mit einer Schrift konfrontiert, von denen sie keine Ahnung haben. Ja, wie «schön und gemütlich» wäre Ihr Leben in einer solchen Situation?
Nun noch eine dritte Szene: Sie erinnern sich wohl noch an die Chemie-Katastrophe von Schweizer Halle bei Basel im Jahr 1986. Der Rhein wurde verschmutzt. Schädliches Gas geriet in die Luft.
Ich war damals auf einer Missionsstation in Tansania. Es war gerade eine ehemalige so genannte Laienhelferin aus Basel auf Besuch. Nicht ganz ernsthaft sagte ich ihr: «Wenn es noch schlimmer würde, kannst du ja hier in Tansania um Asyl nachsehen, als Umweltflüchtling.»
Im Ernst: Es kann niemand garantieren, dass es nicht auch in der Schweiz und ihrer Nähe Katastrophen gibt wie in den Atomkraftwerken von Tschernobyl oder Fukushima. Ich möchte niemandem Angst machen. Aber bleiben wir realistisch: Wer sagt uns, dass wir auch eines sehr unschönen Tages fliehen müssen. Wie wäre uns dann zumute?
Nun noch ganz wenige Sätze aus dem Schreiben von Papst Franziskus zum heutigen Tag mit dem Titel «Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren»:
- Der Papst erinnert daran, dass viele Flüchtlinge Qualifikationen aufweisen, die gefördert werden sollen, zum Beispiel indem man ihnen Arbeit verschafft.
- Er betont, dass Integration nicht bedeutet, dass die Ankommenden ihre ganze Eigenart aufgeben und vollständig unsere Kultur annehmen müssen.
- Schliesslich schreibt Franziskus deutlich: «Ich beharre nochmals auf der Notwenigkeit, die Kultur der Begegnung in jeder Weise zu begünstigen.»
Damit kommen wir zum Schluss: Jeder und jede hat die Möglichkeit Flüchtlingen zu begegnen – und sie dabei menschenwürdig zu behandeln. Selbst in einem Altersheim: Vor einigen arbeitete eine Afrikanerin in einem Luzerner Pflegeheim. Eine Bewohnerin rief hasserfüllt aus: «Wann gehen die Neger endlich heim?» Eine Kollegin der Afrikanerin wies liebevoll darauf hin: «Wenn die ›Neger’ und alle Ausländer heimgehen, müssen sie oft lange auf jemanden warten, der sie pflegt.»
Dies ist ein weiterer Aspekt: Wir sind als Schweizer Volk mit einem grossen Geburtenmangel auf Menschen von auswärts angewiesen. Sie abzuweisen, ist früher oder später mit grossen Nachteilen verbunden. Darum: Begegnungen, wie der Papst sie wünscht, ist in vieler Beziehung eine ausserordentliche Bereicherung für alle Beteiligten.
Elisabethenheim Luzern, Sa 16.30. Frauenkloster St. Klara, Stans, So 9.30. Pflegeheim Nägeligasse, 10.40