Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03607.jsonl.gz/817

Im holländischen Breskens, unserem vormaligen Winterlager, kursiert die Legende einer Motorjacht, die einst in sattem Tempo in die Marina rauschte. Kein Mensch war an Bord, der Eigner war irgendwo im Englischen Kanal über Bord gefallen. Sein schwimmendes Wohnzimmer hatte sich brav von digitalem Wegpunkt zu Wegpunkt gehangelt, bis es am heimischen Liegeplatz ungebremst in den Steg krachte.
Dank moderner Elektronik ist das einstige Kunsthandwerk der Navigation so verführerisch einfach geworden, dass es zur Nachlässigkeit verleitet. Die meisten Jachten sind mit an GPS gekoppelten Autopiloten ausgerüstet, die es dem Schiff ermöglicht, selbstständig einer vorprogrammierten Route zu folgen.
Bis ins 15. Jahrhundert orientierten sich die europäischen Seefahrer am Polarstern. Der Gnade des Zufalls verdanken wir es, dass dieser in der gedachten Verlängerung der Erdachse liegt. Der Polarstern gibt Auskunft über die geografische Breite, sagt dem Seemann also, wie weit südlich oder nördlich er sich befindet. Der Navigator braucht dazu bloss mit dem Sextanten den Winkel zwischen Stern und Horizont zu messen.
Die Breitenbestimmung via Polarstern funktionierte allerdings nur in nördlichen Gefilden. Je weiter die europäischen Seefahrer gen Süden vorstiessen, desto tiefer stand der Polarstern am Firmament. Und spätestens bei den Kanarischen war er ohnehin nicht mehr zu sehen, weil der Dunst sein Flimmern verschluckte.
Die arabischen Seefahrer waren den Europäern weit voraus. Sie orientierten sich schon seit frühster Zeit an der Sonne. Sie massen den mittäglichen Winkel zwischen Sonne und Horizont und kalkulierten daraus die Breite. Zu diesem Zweck benutzten sie komplexe astronomische Tabellen.
Nach der Reconquista im 15 Jahrhundert gelangten diese Tabellen in die Hände der Europäer. Dies war vielleicht der entscheidendste Technologietransfer in der Geschichte des Westens. Denn danach erkundeten Vasco da Gama, Magellan und Kolumbus mithilfe arabischen Know-Hows die ganze Welt und legten so den Grundstein zur westlichen Dominanz.
Warum die arabischen Seefahrer ihre uralte navigatorische Überlegenheit nicht schon viel früher ausschöpften, warum sie zuhause blieben und nicht ins Unbekannte vorstiessen – das zählt für mich zu einem der grossen Rätsel der Kulturgeschichte.
Till Linke