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Er soll alle, die nicht «cis» sind, repräsentieren. Doch wie würde der Genderstern im Alltag funktionieren? Am ehesten als eine Art Disclaimer, als ein abwehrendes «Mitgemeint».
Unversehens ist der Asterisk – ursprünglich ein Zeichen für Fussnote, Falschschreibung, nicht belegte Wortform, aber auch für Geburtsdatum, Pflichtfeld und vieles mehr – in den Strudel heftiger Debatten geraten. Als Genderstern soll er der Diskriminierung von Homo- und Anderssexuellen Einhalt gebieten, indem er notorisch Übersehene und Missachtete typographisch repräsentiert. Mit der Schreibung «Sterngucker*innen» sollen demnach nicht nur cis-männliche und cis-weibliche Sternguckende, sondern auch alle anderen Geschlechter benannt werden. – Soweit können wir die mit dem Genderstern verfolgte Absicht mittlerweile wohl alle richtig deuten.
Ob diese Schreibweise ihren Zweck erfülle, ob das generische Maskulinum generell zu verwerfen sei, ob Sprachregelungen gegen gesellschaftliche Diskriminierungen überhaupt wirksam seien: diese (wichtigen!) Fragen seien für einmal nicht beachtet. Mir geht es hier bloss darum, die neue Verwendung des Asterisk von den typographischen Konventionen her zu lesen.
Im Text ist das Sternchen primär Verweiszeichen. Es sagt: Hier ist etwas anzumerken, das im Text weggelassen, anderswo aber ausgeführt ist. Der Preis mit Sternchen bei der Autowerbung weist auf die kleingedruckte Information, das abgebildete Modell habe Extras und sei teurer. Im Fall der Fussnote weist das Zeichen auf Belege oder zusätzliche Informationen, die nicht unbedingt zum Verstehen, aber sehr wohl zur vertieften Auseinandersetzung sowie zur fundierten Würdigung notwendig sind.
Eine solche Verweisfunktion hat auch der Genderstern. Sie hat allerdings paradoxen Charakter. Die Schreibung «Sterngucker*innen» benennt explizit Personen, die sich als «Sterngucker» oder als «Sternguckerin» ansprechen lassen – und sie verweist implizit auf die Existenz von Personen, die das nicht tun. Während cis-männliche und cis-weibliche Personen sprachlich direkt repräsentiert sind, haben alle andern sich zu begnügen mit einem Verweiszeichen. Dieses unterstreicht ungewollt das Fehlen einer sprachlichen Repräsentation dieser Gruppe von Personen. Es ist eine Defizitanzeige.
Konsequente Verwendung des Gendersterns, wie sie von manchen Gruppierungen eingefordert wird, führt zu einem komplexen Sprachgebrauch. Die Komplikation besteht darin, zusätzlich zur gewohnten Funktion des Benennens und Artikulierens immer zu signalisieren, was die Sprache auch noch ausdrücken sollte, aber mit Wortschatz und Grammatik des heutigen Deutsch nicht ausdrücken kann. Nun ist zwar Komplexität eine allgemeine Qualität von Sprache und als solche kein Problem. Aber die Zweigleisigkeit von intuitivem oder reflektiertem Benennen hier und sprachkritischem Einwurf dort weist den Sprechenden und Schreibenden zugleich einen Platz innerhalb und einen weiteren ausserhalb der Sprache an. Das ist in einer Haltung der Reflexivität gewiss zu leisten; einem natürlichen Umgang mit Sprache dürfte es jedoch eher im Wege stehen.
Es gibt selbstverständlich einen Ausweg: den der Gewöhnung. Dann haut man eben mit [Umschalt] [3] den Asterisk in die Tasten und übt ein bisschen mit dem Glottisschlag, bis man ihn so drauf hat wie Anne Will. Man ist dann korrekt und denkt sich früher oder später nichts mehr dabei. Der Genderstern erlangt so den Status eines Disclaimers: Man hält sich mit einer juristischen Zauberformel alle denkbaren Anschuldigungen vorsorglich vom Leib. Die von der feministischen Bewegung in Misskredit gebrachte Klausel «… sind mitgemeint» bekommt so faktisch ein zweites Leben, denn mehr als das sagt der Stern ja auch nicht.