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Den 24. März 2023 wird Gion Fadri Chande wohl nie mehr vergessen. An diesem Tag bestritt der 24-jährige Torhüter aus Thusis sein erstes A-Länderspiel. Mit Mosambik verlor er beim WM-Teilnehmer Senegal 1:5. Nun ist er zurück bei seinem Klub, dem FC Vaduz, und schildert seine Eindrücke vom Nationalmannschafts-Trip.
Herr Chande, wie kommt es, dass ein Bündner mit den typischen Bündner Vornamen Gion und Fadri im Tor von Mosambik steht?
Gion Fadri Chande: Meine Mutter ist eine Schweizerin aus dem Kanton Graubünden und mein Vater wanderte in den 1980er-Jahren aus Mosambik ein. Dadurch habe ich beide Staatsbürgerschaften.
Geboren und aufgewachsen sind Sie in Thusis. Welchen Bezug haben Sie zur Heimat Ihres Vaters?
Ich war nicht besonders oft in Mosambik, das Land war auch zuhause nie ein sehr grosses Thema. Seit knapp zwei Jahren lebt mein Vater nun wieder in Mosambik, die Grossmutter habe ich auch noch dort. Eine längere Zeit verbrachte ich nie da, ich kenne das Land nur von Ferien. Immerhin reichte mein Portugiesisch, um mich mit den Teamkollegen gut verständigen zu können.
Ohne despektierlich zu sein: Sie sind Torhüter Nummer 2 beim FC Vaduz, dem Zweitletzten der Challenge League. Wie kommt man da darauf, diesen Goalie fürs Nationalteam aufzubieten?
Wir hatten vor einer Weile einmal Kontakt mit dem Verband, ich weiss gar nicht mehr, wie er damals zustande kam. Wahrscheinlich hat jemand in Mosambik gesehen, dass ich einen mosambikanischen Pass habe und professionell Fussball spiele. Im letzten Herbst konnten wir uns mit Vaduz für die Conference League qualifizieren, wo wir für etwas Furore sorgten und wo ich selber zwei Partien absolvieren durfte. Das wird bestimmt einen Einfluss darauf gehabt haben, dass ich nun dieses Nati-Aufgebot erhalten habe.
Nach dem Aufgebot kam auch gleich der erste Einsatz, in der Afrika-Cup-Qualifikation auswärts gegen Senegal. Wie war dieses Erlebnis?
Abgesehen vom Ergebnis war es super, wirklich mega toll. Schon die lange Anreise war speziell, da es nicht wirklich gute Flugverbindungen gibt. Ich absolvierte dann etwa eineinhalb Trainings mit der Mannschaft, kannte meine Mitspieler also noch kaum, durfte dann aber gleich von Beginn an ran. Es war genial, vor so einer Kulisse spielen zu können. Es war extrem laut, es wurde gesungen und getanzt, Vuvuzuelas und Trommeln kamen zum Einsatz, die Stimmung war fantastisch, ein riesiges Fest. Auch fussballerisch war es ein Highlight für mich, gegen ein Team, das mit Weltstars wie Sadio Mané gespickt ist, zu spielen.
Dass man als Aussenseiter gegen diese Mannschaft verliert, kam wohl nicht ganz überraschend. Wie verlief das Spiel?
Wir hatten natürlich darauf gehofft, mit einem Exploit vielleicht einen Punkt mitnehmen zu können. Das ging leider nicht auf. In der ersten Halbzeit konnten wir überhaupt nicht das zeigen, was wir uns vorgenommen hatten. Dazu kam, dass Senegal in meinen Augen auch ein sehr gutes Spiel machte. So gab es dann leider doch eine deutliche Niederlage.
Keines der Gegentore geht auf Ihre Kappe. Wie beurteilen Sie die eigene Leistung?
Es mag komisch klingen nach einem 1:5, aber ich zeigte kein schlechtes Spiel. Auch die Trainer waren zufrieden mit mir. Bei den Toren kann ich wirklich nicht viel machen, gerade beim herrlich kombinierten 0:1 sah man die ganze Qualität, die der Senegal hat. Nach der Pause konnte ich einen Freistoss von Mané halten, das ist ein persönliches Highlight. Ich nehme auch aus dem Spiel mit, dass ich vor einer grossen Kulisse bestehen kann und wenn mir Stars gegenüberstehen. Am Ball gelang es mir, Ruhe auszustrahlen, was von den Coaches geschätzt wurde.
Das Trikot dieses Spiels bekommt bestimmt einen Ehrenplatz.
Leider durfte ich es nicht behalten. Der Verband gibt die Trikots nicht heraus, es sind auch keine Namen aufgedruckt. Es ist das Tenü des Verbands und nach dem Spiel geht es zurück. Aber ich konnte ein anderes Trikot als Erinnerungsstück nach Hause mitnehmen.
Sie sprachen von den Reaktionen der Trainer. Dürfen Sie mit weiteren Aufgeboten rechnen?
Ich hoffe es. Beim Abschied nach zehn gemeinsamen Tagen sagten jedenfalls alle: Okay, bis zum nächsten Mal. Es klang so, dass sie für die Zukunft mit mir planen. Aber wir wissen, dass im Fussball viel passieren kann.
Mosambik ist trotz seiner 32 Millionen Einwohnern eine eher kleine Fussballnation, war noch nie an einer WM und auch bloss vier Mal am Afrika-Cup, zuletzt 2010. Welchen Stellenwert besitzt der Fussball dort?
Da war ich überrascht. Die Leute in Mosambik sind extrem fussballbegeistert und sie kennen jeden Spieler. Selbst ich, der erstmals im Nationalteam dabei war, wurde überall erkannt, im Restaurant, im Hotel, sogar im Flugzeug wurde ich angesprochen. Das machte mich natürlich schon ein wenig stolz. Besonders die portugiesische Liga ist im Fokus, viele Nationalspieler verdienen dort ihr Geld. (Anm.d.Red.: Mosambik im Südosten Afrikas war eine Kolonie Portugals und erlangte erst 1975 die Unabhängigkeit.)
Das Spielen für ein Land kannten Sie bereits, bis zur U20-Nationalmannschaft liefen sie in jeder Nachwuchsstufe für die Schweiz auf. Sie waren bei St.Gallen, GC und Basel, sind nun aber bald 25-jährig und Ersatz in der Challenge League. Wie beurteilen Sie Ihre Laufbahn?
Ich bin mit mir selber im Reinen. Klar hatte ich mir etwas anderes vorgestellt und erhofft. Als ich im Nachwuchs des FC Basel war, war das das Nonplusultra in der Schweiz. Nun kam es etwas anders heraus. Aber ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass ich die Qualitäten dazu habe, mindestens in der Super League spielen zu können und auch, dass ich noch dort spielen werde.
Sie erwähnten selber, wie schnell es manchmal im Fussball geht, gerade auch auf der Goalieposition.
Die kann sowohl ein Vorteil wie ein Nachteil sein. Wenn man einmal als Nummer 1 gesetzt ist, erhält man viele Gelegenheiten, sich zu beweisen. Die Position als Nummer 2 ist vielleicht etwas undankbar. Aber dann geht es darum, im Training Vollgas zu geben und dem Trainer zu zeigen, dass er auf dich zählen kann. Und wenn sich die Möglichkeit ergibt, dass dein Konkurrent einen Platzverweis erhält oder sich verletzt, muss man versuchen, seine Chance zu nutzen. Das ist mir zuletzt gelungen: Jedes Mal, wenn ich spielen durfte, konnte ich liefern. Trotzdem absolviere ich neben der Karriere ein Fernstudium in Psychologie, für den Fall, dass es im Fussball tatsächlich nicht mehr weiter gehen sollte. Aber auch deshalb, weil das Leben nach der Profilaufbahn ja weitergeht.
Das nächste Spiel für Gion Fadri Chande steht am Sonntagnachmittag an. Dann trifft er mit Vaduz auswärts auf den FC Aarau. Voraussichtlich wird er wieder auf der Ersatzbank sitzen. Zwischen den Pfosten steht ein anderer Nationaltorhüter: jener des Fürstentums Liechtenstein, Benjamin Büchel.
Das Jahr 1993 haben viele Menschen in Aarau und im deutschen Freiburg heute noch in guter Erinnerung. Der FCA wird sensationell und bis heute zum letzten Mal Schweizer Meister. Und der SC Freiburg steigt zum ersten Mal in seiner Geschichte in die 1. Bundesliga auf.