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«Glaubt man den zeitgenössischen Quellen, machte sich bei manchem gebildeten Schweizer, der sein Hochdeutsch wenig eloquent und eher papieren sprach, gar ein eigentliches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den agil Hochdeutsch sprechenden Deutschen breit.» Für seine Zürcher Doktorarbeit hat Emanuel Ruoss die genannten Quellen aus dem frühen 19. Jahrhundert ausgegraben. Er zitiert sie auch im neuen Buch «Schweizerdeutsch – Sprache und Identität von 1800 bis heute», das er zusammen mit Juliane Schröter (Uni Genf) im Verlag Schwabe herausgegeben hat. Als Gegenstück zur Stellung der Mundart (vgl. Rezension im «Bund» vom 31. August) prägt das Verhältnis zum Hochdeutsch ebenfalls jede der behandelten Epochen.
Selten waren auch vor 200 Jahren radikale Stimmen wie jene des Arztes und Politikers Albrecht Rengger, über den Ruoss schreibt: «Die Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft sieht er darin, (…) ‹jede Gelegenheit› zu ergreifen, um sich der ‹Knechtschaft› der Dialekte zu entziehen und sich durch das Hochdeutsche auf ‹eine Stufe gesellschaftlicher Cultur zu heben, die wir rings um uns her verbreitet sehen!›. Gerade die schweizerische Jugend solle dazu ermutigt werden, nach ihren Lehr- und Wanderjahren in Deutschland fortzufahren, ‹die Sprache zu sprechen, welche sie dort gelernt hat›.»
Unpatriotische Ziererei
Wer das tat, lief Gefahr, ausgelacht zu werden. Ruoss hat verschiedene Belege dafür gefunden, «dass sich Deutschschweizerinnen und ‑schweizer, die im Alltag Hochdeutsch sprechen wollten, bei ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern schnell unbeliebt machten. Sie wurden der Ziererei bezichtigt, und ihnen wurde gar fehlender Patriotismus vorgeworfen.» Trotz patriotischer und demokratischer Wertschätzung der Mundart verbreitete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das mündliche Hochdeutsch im amtlichen Gebrauch sowie in Schule und Kirche. Im Alltag blieben die Mundarten vorherrschend; gegenseitige und hochdeutsche Einflüsse aber führten zu Alarmrufen, die Dialekte verlören ihre «Reinheit», ihnen drohe gar der Untergang.
Der Erste Weltkrieg und mehr noch der Zweite banden den Vormarsch des Hochdeutschen zurück, wie Beiträge von Juliane Schröter und Helen Christen (Uni Freiburg) schildern. Es gab in den Dreissigerjahren sogar Bestrebungen, als Schriftsprache ein neues «Hochalemannisch» einzuführen, samt «šwizer folchsšrift». So weit ging die Abgrenzung dann nicht, doch bis heute gehen die Diskussionen darüber weiter, wo Hochdeutsch angebracht sei – und wie viel davon. Die Gewichtung verschiebt sich bald in der einen, bald der andern Richtung.
Verkopfte Mundart
Radio und Fernsehen folgten anfänglich der verbreiteten Ansicht, die Mundart sei die Sprache des Herzens und die Schriftsprache jene des Kopfes, und man unterschied je nach Art der Sendung. Mit der Zeit entdeckte man, dass sich auch der Kopf auf Schweizerdeutsch äussern kann. Also erweiterte man den Mundartgebrauch, um näher «bi de Lüt» zu sein – auf die Gefahr hin, dass hochdeutsch geschriebene Entwürfe auf den Dialekt durchschlagen. Bei Politikern ist das besonders oft zu hören. Doch Mundart, auch hochdeutsch angehauchte, ist für viele Leute aus anderen Landesteilen oder dem Ausland schwer zu verstehen. Bei SRF muss, wer Informationen auf Hochdeutsch will, statt TV eher Radio hören. Die schweizerisch-gepflegte Aussprache, wie sie interne Richtlinien fordern, weicht aber oft einer nördlicheren.
Beim alltäglichen Schreiben bieten neue Medien eine Plattform für ungeregelte Mundart; in den Schulen dagegen wird Hochdeutsch wieder stärker gepflegt, vielleicht auch als Reaktion. In der Sprachenstrategie der Erziehungsdirektoren (2004) erkennt Raphael Berthele (Uni Freiburg) gar eine Herabstufung der Dialekte zu «Lokalsprachen» hinter den «lokalen Landessprachen» wie Schriftdeutsch. Ein Blick in die Strategie zeigt aber: Mit beidem ist Hochdeutsch gemeint. Mundart kommt gar nicht vor.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»