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Die alte Dame ist ebenso eigensinnig wie willensstark. Lange hat sie sich bemüht, auch vor sich selbst die ersten Anzeichen einer sich ankündigenden Demenz zu verbergen. Erst als ihre Enkelin sich dazu durchringt, in drastischen Worten auf die abnehmende Hygiene im Haushalt hinzuweisen, beschliesst sie, in ein Heim umzuziehen. Ihr Zustand verschlimmert sich. Bald schon darf sie nicht mehr allein nach draussen, denn beinahe wäre sie von einem Auto überfahren worden. Statt in Zürich, hatte sie sich offenbar in London gewähnt und vor dem Überqueren der Strasse in die falsche Richtung geblickt.
Bertas ereignisreiches Leben geht dem Ende zu. Die Bilder in ihrem Kopf sind durcheinandergeraten. Eine Frage hat sie allerdings noch, und die betrifft das Verhältnis zu ihrer vor zehn Jahren an Krebs gestorbenen Tochter. Diese hatte nämlich in ihren letzten Lebensmonaten den Kontakt zu ihr regelrecht verweigert. Die Antwort erwartet sie von der Enkelin, doch die mag ihr die Wahrheit nicht zumuten, nämlich dass die Sterbende die Gegenwart ihrer Mutter nicht ertrug. «Berta raube ihr die letzte Kraft, sagte sie, und bat mich, meine Grossmutter in die Cafeteria des Spitals zu führen, wenn sie kam.»
Annette Hugs kleiner, intensiver Roman «Lady Berta» erzählt von drei Frauen, deren Verhältnis zueinander, nicht zuletzt aufgrund der Zeitumstände, in hohem Masse problematisch ist. Im Mittelpunkt steht das Leben der Grossmutter Berta, die während ihres Praktikums in einem grossbürgerlichen Zürcher Haushalt ungewollt schwanger wird. Mutter und Kind finden Unterschlupf auf dem Hof einer Tante. 1947 geht Berta als Au-pair-Mädchen nach London und lässt ihre achtjährige Tochter Louise bei den kinderlosen Bauersleuten zurück. Sie habe es kaum erwarten können, fortzugehen, erzählt sie später ihrer Enkelin, als diese mit achtzehn von zu Hause auszieht. Denselben Drang nach Unabhängigkeit hatte sie Louise nicht zugebilligt. London sei viel zu gefährlich, entgegnet sie der Tochter, die von ihrer Mutter eigentlich Unterstützung für ihre Englandpläne erwartet hätte. Kein Wunder, dass die sterbende Louise wiederum ihre Tochter warnt «vor dieser alten Frau, die nach ihrem Tod in mein Leben einfallen und sich darin ausbreiten werde».
Die Vermutung liegt nahe, dass Annette Hug, 1970 geboren und in der Nähe von Zürich aufgewachsen, einiges mit der Enkelin gemeinsam hat, die sich für jede der kurzen Antworten, die sie von Berta bekommt, zehn weitere Sätze ausdenken muss, um zu einer Geschichte zu kommen. Beeindruckend ist die nahezu distanzierte Erzählweise, mit der diese Drei-Generationen-Geschichte präsentiert wird. Dass eine unemotionale Schilderung, die sich klugerweise jeden Urteils enthält, dieser Geschichte angemessen ist, ergibt sich aus dem Inhalt. Schliesslich geht es nicht zuletzt darum, die Illusion nachhaltig zu zerstören, dass eigene Erfahrungen in besonderem Masse für die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu sensibilisieren vermöchten – eine Absicht, der dieses bemerkenswerte Romandebüt seine Wirkung verdankt.
vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen
Annette Hug: «Lady Berta». Zürich: Rotpunktverlag, 2008.