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Wie findet sich jemand im Leben zurecht, dessen einziger Kontakt zur Aussenwelt jahrelang nur in Form von Spielfilmen stattfand? Was wie die Prämisse einer satirischen Komödie klingen mag, ist die wahre Geschichte der Angulo-Geschwister, die ihre ganze Kindheit über von der Welt ausserhalb ihrer Wohnung abgeschnitten waren und sich deshalb einen eigenen Kosmos zusammenbasteln, und zwar aus Hollywoodversatzstücken.
Die Brüder haben nicht nur unzählige Filme gesehen, sondern stellen mit grossem Aufwand ihre Lieblingsszenen nach. Sie lernen Dialoge auswendig, werfen sich in Kostüme und basteln Requisiten. Besonders beliebt sind die Filme Quentin Tarantinos – vor allem Reservoir Dogs, da hier für alle interessante Sprechrollen abfallen –, aber auch Christopher Nolans Batman-Trilogie steht hoch im Kurs sowie allgemein Klassiker des amerikanischen Horrorfilms.
Freilich sind die sechs Brüder – die einzige Schwester erhält im Film kaum Kontur – keine gewöhnlichen Aficionados. Vielmehr erscheinen Filme für die jungen Männer als geradezu lebensnotwendiger Fluchtort, als einzige Möglichkeit, das Gefängnis zu verlassen, in das sie von ihren Eltern eingesperrt wurden. Der Vater, ein gebürtiger Peruaner, der absurderweise Oscar heisst, war der Ansicht, dass Manhattan ein zu gefährlicher Ort für seine Kinder sei, und schloss sie deshalb konsequent in der Wohnung im 14. Stockwerk einer Sozialsiedlung ein. Nur selten gab es Ausgang; in einem guten Jahr neunmal, in einem schlechten gar nie. Obwohl Oscar als treibende Kraft hinter der Isolationshaft erscheint und anscheinend nichts bereut, hätte sich dieser Zustand ohne die Unterstützung seiner Frau, die die Kinder in Heimunterricht aufzog, kaum aufrechterhalten lassen. Der selbstgerechte Oscar, der wie der Guru seiner eigenen Privatsekte wirkt, und die aus dem mittleren Westen stammende Susanne, die dem Leben in der Grossstadt ohnehin skeptisch gegenübersteht, ergänzten sich auf fatale Weise – Leidtragende waren ihre Kinder.
So klischiert es klingen mag: Am glücklichsten und lebendigsten scheinen die Brüder immer dann, wenn sie in ihre Scheinwelten eintauchen, wenn sie die Rollen John Travoltas und Samuel L. Jacksons in Pulp Fiction spielen oder zu Batman werden. Die Szene, in der einer der Brüder in Batman-Montur am Fenster steht und versonnen die Skyline von Manhattan betrachtet, gehört zu den anrührendsten des Films und ist ein Sinnbild für die Kraft filmischer Mythen. Ein ikonisches Filmbild – der dunkle Ritter über den Dächern seiner Stadt – wird hier ins Gegenteil verkehrt. Mag das Kostüm auch aus Yoga-Matten und Corn-Flakes-Packungen zusammengeleimt sein, seinem Träger scheint es doch tatsächlich Kraft zu verleihen.
Obwohl Oscar seine Söhne gerne noch länger unter Kontrolle gehabt hätte, konnte er nicht verhindern, dass sie sich selbständig machten. Den ersten Versuch unternahm einer der Brüder maskiert wie Halloween-Killer Michael Myers. Die Verkleidung sollte eigentlich verhindern, dass sein Vater ihn erkennt, führte aber dazu, dass die Polizei aufkreuzte und den Teenager festnahm. Damit war der Bann gebrochen, die Brüder waren von nun an regelmässig unterwegs.
Zufällig sah die NYU-Absolventin Crystal Moselle eines Tages, wie die Sechsergruppe im Reservoir Dogs-Outfit erste Erkundungen in den Strassen New Yorks unternahm. Das Potenzial für einen Dokumentarfilm dürfte sie schnell erkannt haben. Und wahrscheinlich liegt hier auch das Problem von The Wolfpack: Die Geschichte der Angulos ist eines jener Schicksale, bei denen man nur ungläubig glotzen kann. Für die Filmemacherin Glücksfall und Herausforderung zugleich, denn sie muss diesen unglaublichen Stoff auch gestalterisch bewältigen.
Moselle wird diesem Anspruch nicht völlig gerecht. Zwischen den vielen szenischen Highlights vermisst man eine klare Struktur. The Wolfpack rollt einerseits die Geschichte seiner Protagonisten auf und zeigt gleichzeitig, wie sie erste ungelenke Schritte in Freiheit unternehmen. Und insbesondere bei Letzterem fehlt es teilweise nicht nur am Kontext, sondern auch an dramaturgischer Geschlossenheit. Szenen wie ein Ausflug nach Coney Island oder zu einem Kürbisfeld ausserhalb von New York lassen sich nicht klar situieren und wirken mitunter etwas beliebig. Das mag Kritik auf hohem Niveau sein, aber gerade bei einem solchen in jedem Sinn des Wortes filmreifen Sujet sollte eben auch die Form stimmen.