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«The Revolution will not be televised – Die Revolution wird nicht im Fernsehen gezeigt werden», sang 1970 der amerikanische Dichter und Hip-Hop-Pionier Gil Scott-Heron. Für die Vertreter der Hippies und der Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er-Jahre und für die europäische 1968er-Bewegung war das Fernsehen ein Feindbild: Es galt als Symbol für das verhasste kapitalistische System und als Leitmedium einer Gehirnwäsche durch das Establishment. Die jugendlichen Rebellen, die gut zehn Jahre später auf Europas Strassen erneut für die Eroberung von kulturellen Freiräumen kämpften, sahen das ganz anders: Sie hatten im neuen Medium Video, das im Verlaufe der 1970er-Jahre aufkam, eine Waffe für ihren Kampf gegen die verkrustete Gesellschaft ihrer Eltern gefunden. Videorecorder waren im Vergleich zur herkömmlichen Filmtechnik vergleichsweise billig und ermöglichten eine grössere Mobilität als die bestehende Technik.
In ganz Europa entstand durch die neue Technik eine alternative Videobewegung, die sich das Medium künstlerisch aneignete und mit dessen Möglichkeiten experimentierte. Bald schon flimmerten in besetzten Häusern, Kommunen und Jugendzentren selbst gedrehte Videos über die Röhrenfernseher. Das neue Medium Video verschaffte den Aktivisten der Alternativkultur eine Gegenöffentlichkeit für ihren künstlerischen und politischen Ausdruck.
Dieser Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre widmet das Landesmuseum in Zürich seine aktuelle Ausstellung «Rebel Video». Unter der Leitung von Heinz Nigg (siehe Kasten) entstand eine Schau, welche die wichtigsten Vertreter der Bewegung in London, Bern, Lausanne, Basel und Zürich porträtiert und sie in Videointerviews selbst zu Wort kommen lässt. Die Interviews zeichnen ein detailliertes Bild der Videobewegung aus der Sicht ihrer Künstler. Zu den interviewten Protagonisten zählen etwa die Londoner Underground-Legende John Hopkins, die Basler Video- und Performancekünstlerin Sus Zwick oder der Zürcher Filmemacher Samir. Ergänzt werden die Interviewsequenzen mit den wichtigsten Werken der Videobewegung. Dazu entstand im Neubau des Museums eine kaleidoskopische Videoinstallation aus alten Fernsehapparaten.
Samtsofas und Röhrenfernseher
«Rebel Video» ist eine Ausstellung, die sich dem Besucher sitzend erschliesst, mit Kopfhörern auf den Ohren und mit einem schweifenden Blick über die nebeneinander laufenden Bildschirme. Alte Samtsofas lassen den Geist der 1970er-Jahre auferstehen und ausgebleichte Teppiche erinnern an die spartanische Einrichtung der Jugendzentren und besetzten Häuser, in denen die Videos einst im Rahmen von Videoabenden gezeigt wurden. Mit dem schlichten Ausstellungskonzept entgehen die Kuratoren der Gefahr, die Gegenkultur von damals in den Hallen des Landesmuseums zu musealisieren. Historische Einordnungen in Form von klassischen Texttafeln fehlen dafür nahezu vollständig. Für nicht vorinformierte Besucher gestaltet sich die Ausstellung daher als etwas schwer zugänglich, dafür werden auf diese Weise die Videos ins Zentrum gerückt.
«Macht aus dem Staat Gurkensalat»
Dreh- und Angelpunkt der Videobewegung waren die sogenannten Videokooperativen, die in den verschiedenen europäischen Grossstädten aus der Taufe gehoben wurden – Genossenschaften von Videokünstlern, die sich das technische Material für den Videodreh und die Bearbeitung des Materials teilten. In der Schweiz stach vor allem die Zürcher Kooperative «Videoladen» hervor, die 1976 gegründet wurde und vor allem in den ersten Jahren der 1980er von sich reden machte. Denn im Sommer 1980 brachen in Zürich die grössten Jugendunruhen der Schweizer Geschichte los und die Filmer des Videoladens waren mit ihren Kameras mittendrin. Der Streit um das alternative Jugendzentrum und die Opernhauskrawalle trieben Hunderte Jugendliche auf die Strasse und wurden zu einem Härtetest für die Behörden. Die jungen Rebellen forderten vor allem eines: kulturelle Freiräume. Neben Pflastersteinen flogen in jenem Sommer auch kreative Sprechgesänge durch die Luft. Denn anders als die oftmals kopflastige 1969er-Bewegung stellte die neu formierte 1980er-Bewegung den künstlerischen Ausdruck stärker ins Zentrum ihres Aktionismus. Nahezu legendär sind ihre dadaistischen Slogans wie «Macht aus dem Staat Gurkensalat» oder «Freie Sicht aufs Mittelmeer – sprengt die Alpen».
Eine Chronik der Jugendunruhen
Einen Höhepunkt dieser künstlerischen Agitation bildete der Video-Essay «Züri brännt» des Zürcher Videoladens. Der Film wurde am 1. November 1980 im Jugendzentrum Rote Fabrik uraufgeführt und ist eine Art Chronik der Jugendunruhen aus der Sicht ihrer Protagonisten. Den Videokünstlern von «Züri brännt» ging es nicht bloss um die objektive Wiedergabe der Ereignisse, sondern sie experimentierten mit assoziativen Schnitttechniken und Überblendungen und bauten Punkmusik und blumige Kommentare ein. Der ästhetisch innovative Film ist daher heute nicht nur als dokumentarisches Zeugnis der Unruhen des Sommers 1980 wertvoll, vielmehr verdichten sich in den schnellen Bildfolgen und der kreativen Machart des Films der Zeitgeist und die Weltanschauung der Jugendbewegung.
«Es dauerte lange, bis Zürich brannte, und als es endlich Feuer gefangen hatte, fand dieses keine Nahrung», bilanziert der Kommentator von «Züri brännt» resignierend. Die Jugendunruhen der 1980er-Jahre waren viel schneller zu Ende, als es ihren Vertretern lieb war. Ihre Forderung nach kulturellen Freiräumen blieb aus ihrer Sicht nahezu unerfüllt; was bleibt, sind die künstlerischen Werke der Videokünstler in Zürich und andernorts in Europa. Mit ihrer autonomen und partizipativen Art, Videokunst zu schaffen, öffneten sie eine Tür in die Gegenwart. Denn was damals Videokassetten und -recorder waren, sind heute Handykameras und das Internet. Insofern war die Videobewegung ein erster Schritt ins digitale Zeitalter.
Landesmuseum Zürich. Bis zum 15. Oktober. Di. bis So. 10 bis 17 Uhr; Do. 10 bis 19 Uhr. Weitere Informationen unter: www.nationalmuseum.ch
Buch
Archivar der Videobewegung führte Interviews mit alten Weggefährten
Die Ausstellung «Rebel Video» des Landesmuseums basiert auf dem gleichnamigen Buch vom Ethnologen und Videoschaffenden Heinz Nigg, der die Videobewegung als einer ihrer Protagonisten hautnah miterlebt hat. Der Band stellt eine Sammlung von Oral-History-Interviews dar, die Nigg in den vergangenen Jahren mit Vertretern der Videobewegung der 1970er- und 1980er Jahre führte. Die Interviews werden ergänzt durch Beiträge von Videokünstlern und Wissenschaftlern. Heinz Nigg setzte sich in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein anderer für die Erhaltung der Videokunst dieser Zeit ein. So ist er etwa Mitbegründer des Videoarchivs «Stadt in Bewegung», das die Videos aus der Zeit der Schweizer Jugendunruhen sammelt und vor dem Zerfall rettet. Viele der Videos, die in der Ausstellung des Landesmuseums gezeigt werden, stammen aus dieser Sammlung.
Heinz Nigg: Rebel Video. Die Videobewegung der 1970er- und 1980er Jahre: London – Bern – Lausanne – Basel – Zürich, 2017.