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Nach ein paar Einführungsworten der Organisatoren betraten die Zuschauer einen bereits abgedunkelten Saal. Tonbandaufnahmen liefen, in denen geweint, geschrien und gelacht wurde. Zwei Gestalten machten es sich dann zur Aufgabe, die drei grossen Emotionen Trauer, Wut und Liebe nicht nur zu erklären, sondern auch zu demonstrieren. Während den Erklärungen bewegten sich die beiden Figuren dergestalt entrückt, dass sie eher überirdisch, denn menschlich wirkten. Auch ihre sachlich-nüchterne Vortragssprache und ihre weissen Gewänder verstärkten diesen Eindruck. Die Demonstrationen waren im Gegensatz dazu prächtig gefühlsvoll, voller Pathos. Mit Feuer und Flamme brausten sie beispielsweise quer durch die Zuschauerränge. Und so geschah, dass immer dann, wenn die Figuren Gefühle demonstrierten, ihre Unmenschlichkeit ablegten und so für den Zuschauer nachvollziehbar wurden. Im Zusammenspiel mit verschiedenen Gestaltungsmitteln, den Tonbandaufnahmen, einer lebensgrossen Gliederpuppe, Gemälden im Hintergrund (unter anderem Monets Seerosen), Raucheffekten, wirkte das erste Stück, «Motor – Wut, Trauer, Liebe», wie ein Traum, der einen vor purer Vernunft ohne Emotionen warnt.
War das erste Stück ein warnender Traum, dann war «Hausgemachte Innereien» ein Albtraum. In Interview-Videos, gespiegelt auf zwei Leinwänden, sprachen Frauen über ihre Meinungen zu Sexismus und Feminismus. Häufig wurden diese Aussagen gleichzeitig abgespielt, weshalb sie zu einem Stimmengewirr verschmolzen und man sich deshalb selten auf nur eine Aussage konzentrieren konnte. Zu dieser Überforderungen kam hinzu, dass die zwei Schauspielerinnen im Vordergrund auf die Interviews reagierten. So trugen sie Zitate vor, wühlten sich in Blatt Papier oder zeigten Turnübungen. Es war nie ganz erkenntlich, ob auf der Leinwand oder auf der Bühne das eigentliche Schauspiel stattfand.
Eine der beiden Figuren holte aus einer Tasche allerhand symbolische Objekte hervor, so beispielsweise ein blaues «Lernfahrer-L». Auch wenn der Zusammenhang beträchtlich nachhalf, wer dabei an eine schlecht autofahrende Frau dachte, fühlte sich ertappt. Nur einen Schirm konnte man von diesen Objekten mit keinem Vorurteil verknüpfen. Als dann gegen Schluss des Stücks beide Figuren unter eben diesem Schirm Zuflucht suchten, ergab alles einen Sinn: Als Person in einer Welt aufzuwachsen, in der alle anderen genau zu wissen glauben, welcher Lebensweg der richtige sei, muss zwingend überfordern. Darin seine eigene Persönlichkeit entfalten zu können, umso mehr. Zwar ist die These spannend, dass der so entstehende Druck auch von innen kommen könnte, also «hausgemacht» sei. Der Appell von «Hausgemachte Innereien» war aber ein viel persönlicher, was bereits die anfangs gestellte Frage an das Publikum: «Und welche Frau bist du?» verriet.
Eddy Angerer in «Heimkehricht» ist eine fiktive Figur, zurückgekehrt aus Berlin, um den Geburtstag des dementen Vaters zu feiern. Das Publikum sah ihn im letzten Stück auf dem Dachboden der Eltern sitzend und einen inneren Monolog sprechend. Der Schauspieler Urs Stämpfli durchbrach dabei immer wieder die «vierte Wand», sprach also direkt zum Publikum. Dadurch, dass er ausführte, was er in seinem Projekt alles zeigen möchte und dadurch, dass er seine eigene Person mit der des fiktiven Eddys häufig verwechselte, begannen die Grenzen zwischen der Realität eines Urs und der Fiktion eines Eddys zu verschwimmen. «Heimkehricht» ist ein ausgeklügeltes Stück, das einen von Beginn bis Schluss fesselte. Urs Stämpfli ist ein hervorragender Geschichtenerzähler. Schade nur, dass die Freiheiten, die die «Tankstelle Bühne» bot, nicht zu gewagteren, pointierteren Aussagen führten. Die «finsteren Aspekte» der Heimkehr und der Demenz fanden zwar ihren Platz, eckten aber zu wenig an.
Motor – Wut, Trauer, Liebe
Regie & Projekt: Marta Piras & Pia Schwarz
Spiel: Karolin Brägger, Tilde Von Overbeck
Hausgemachte Innereien
Projekt & Schauspiel: Noemi Wyrsch & Petra Schwarzbach
Eddy Angerer - Heimkehricht
Projekt & Schauspiel: Urs Stämpfli