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In der Coronakrise beschwerten sich einige Ältere über die Klagen der Jüngeren: Sie selbst hätten ja noch viel mehr aushalten müssen und hätten dies auch überstanden: den zweiten Weltkrieg zum Beispiel.
Jedoch jede Krise gilt es zu bestehen – egal, wie gross oder wie klein sie erscheinen mag. Dies bedeutet, Resilienz lernen zu müssen. Und es bedeutet nicht, auf den Versuch verzichten zu müssen, die mit der Krise verbundenen Rahmenbedingungen zu verändern, welche diese hervorgerufen haben oder sie aufrechterhalten.
Eine, dies dies vorbildlich praktizierte, war Rosa Luxemburg.
Als Lebenskünstlerin sieht sie der Philosoph Volker Caysa: „Immer sorgt sie sich darum, ihr Leben nicht nur politisch nützlich, sondern es auch ästhetisch zu gestalten. Immer geht es ihr um ein bejahenswertes, politisch sinnvolles und sinnlich-schönes Leben." (Caysa 2017, S. 39–40).
Dabei war dies Leben Luxemburgs trotz aller Erfolge – oder wegen dieser – keineswegs einfach.
Zum einen im privaten: Ihr Studienkollege, politischer Mitstreiter und Lebensgefährte Leo Jogiches wollte oder konnte mit ihrem Kinderwunsch nicht adäquat umgehen. Später, nach der Trennung, konnte er diese nicht respektieren, wollte bei ihr wohnen und bedrohte er sie sogar mit geladenem Revolver.
In Luxemburgs politischen Leben gab es von Beginn Gefährdungen und polizeiliche Verfolgungen. Als 17jährige Abiturientin musste sie im Dezember 1888 aus ihrer Heimat Polen, in einem Strohkarren versteckt, über die Grenze ins Ausland fliehen.
Doch sie machte daraus eine Zukunfts-Perspektive und somit aus der Not eine Tugend: Sie floh in die ebenfalls freiheitsliebende Schweiz, nach Zürich, an deren Hochschule damals, als einziger in ganz Europa, das Universitäts-Studium für Frauen erlaubt war (seit 1867).
Nach dem in Zürich erfolgreich abgeschlossenen Studium der Staatswissenschaften ging Luxemburg 1898 nach Deutschland, um sich in der ArbeiterInnenbewegung zu engagieren. Und hier wurde sie mehrfach als politischeR Häftling inhaftiert. Wieder aus dem Gefängnis heraus wurde sie von rechtsradikalen Kreisen mit Mordaufrufen bedroht und musste zuletzt schließlich laufend ihre Wohnung wechseln.
Wie hat sie diese Herausforderungen bewältigt? WIE hat sie das alles geistig-mental seelisch, bis zu ihrer dann doch erfolgten Ermordung, im Januar 1919, überlebt?
Sie las sehr viel, botanisierte, zeichnete, malte, und in besonders kritischen Lebenslagen holte sie aus ihrem Gedächtnis eine Art „innere Bilder“ hervor, insbesondere aus den Studien- und Ferien-Zeiten in der Schweiz. So schrieb sie zum Beispiel am 8. März 1917 an den von ihr sehr verehrten und geliebten Arzt Hans Diefenbach mitten im Ersten Weltkrieg, und aus dem Gefängnis heraus, über den Genfer See: „Jetzt habe ich ihn drei Jahre nicht gesehen. O dieser blaue, traumhaft schöne Genfer See. Wissen Sie noch, welche Überraschung man erlebt, wenn man nach der öden Strecke Bern–Lausanne und nach einem furchtbar langen Tunnel plötzlich über der großen blauen Tafel des Sees schwebt? Jedes Mal flattert mir das Herz auf wie ein Falter. Und dann die herrliche Strecke von Lausanne nach Clarens, mit den winzigen Statiönchen alle 20 Minuten, tief unten am Wasser ein Häuflein kleiner Häuser um ein weißes Kirchlein gruppiert. ... Und der blaue Wasserspiegel ändert immerzu seine Fläche zum Bahngeleise, bald steht er aufwärts schräg, bald abfallend, und darauf kriechen unten wie ins Wasser gefallene Maikäfer die kleinen Dampfer, eine lange Schleppe weißen Schaums nach sich ziehend. Und das jenseitige Ufer – die weiße schroffe Bergwand unten meist in blauem Dunst verhüllt, so dass nur die oberen Schneepartien so unwirklich im Himmel schweben. Und über allem der blendende, mächtige Dent du Midi. Herrgott, wann werde ich wieder den April dort verleben! Wie Balsam gießt sich dort die Luft und Ruhe und Heiterkeit jedesmal in meine Seele.“1
Caysa analysiert dies so (2017, S. 43–44): "Das Existenzial der Heiterkeit ist für Rosa Luxemburg Bedingung der Möglichkeit, um mit den existentiellen Sorgen fertig zu werden, um sich zu beruhigen, um die Angst vor den Bedrohungen des Lebens bewältigen zu können, um handeln zu können in einer lebensdrohlichen Situation, um von der Lähmung zum Handeln übergehen zu können. Es hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit Souveränität gegenüber dem Schicksal [...]. Gerade durch gelassene Heiterkeit liefert sie sich nicht dem Schicksal aus, sondern versucht es in den Griff zu bekommen – aber nicht mit blinder Gewalt und Hektik, sondern mit Ruhe, Überblick, Geduld und Entschiedenheit im rechten Augenblick.“
Aber wie, wenn das Handeln nicht zum Erfolg führt? Wie entging oder meisterte Rosa Luxemburg Phasen der Depression, zum Beispiel, als die Sozialdemokraten im Deutschen Reichstag 1914 den Kriegskrediten zustimmte? Sie hatte vehement gegen diese Zustimmung gekämpft. Sie hatte den Krieg verhindern wollen. In dieser aus ihrer Sicht verzweiflungsvollen Welt-Lage mussten FreundInnen und MitstreiterInnen Luxemburg sogar von Selbstmordgedanken abhalten.
Ihre resiliente Lebensphilosophie half ihr ebenfalls. In einem Brief an ihre Mitarbeiterin Mathilde Wurm, vom 28. Dezember 1916, wird diese so ausgedrückt: „Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein heißt, sein ganzes Leben <auf des Schicksals große Waage> freudig hinwerfen, wenn’s sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen ... Die Welt ist so schön bei allem Graus.“2
So heroisch, dass wir freudig „unser Leben dem Schicksal hinwerfen“, sind wir heute eventuell nicht mehr, aber die Akzeptanz dessen, was ist, stellt einen wichtigen Faktor resilienten Verhaltens dar. „Heulen“, weniger abwertend als „Weinen“ aufgefasst, sehen wir heute allerdings eher als Stärke, wenn es zum Durchleben der Lage und dann zum Handeln führt.
Was also können wir aus der Lebenspraxis Luxemburgs entnehmen, wenn wir Krisenzeiten durchstehen wollen?
Sie habe keine "Rezepte", sagt Luxemburg, aber Anregungen gibt sie allemal. Besinnung auf sich selbst, und bezogen auf die Rahmenbedingungen, die „Welt“, ist gefordert: Um was geht es mir eigentlich? Welche Beziehungen stärken mich? Und wer braucht meine Hilfe? An was habe ich mich früher gefreut: lässt sich dies re-aktivieren?
Und wie kann ich meine Rahmenbedingungen so beeinflussen, dass auch nach der Krise Lebenssinn realisiert wird, Freude möglich ist, und neuerlicher Aufbruch gegen grausliche Umstände?
Dass Luxemburg von den einen vorrangig als die politische „rote“ Rosa wahrgenommen wird, von den anderen als die sensible Briefeschreiberin und romantische Naturliebhaberin, dies erscheint als gegensätzlich vor allem in der Wahrnehmung der anderen. Für Luxemburg selbst gab es da keinen Widerspruch, nur manchmal die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben („zum Gänsehüten geboren“). In allen Feldern war sie ein leidenschaftlicher, ganz der Sache hingegebener Mensch. Sie war, lässt sich sagen, eine große Liebende – der Natur, der Welt, der Menschen. Und der Veränderung.
Aus der modernen Hirnforschung wissen wir: Denken geht nicht ohne Emotion, ich sage: Leidenschaft. Was heute als „Präsenz“ bezeichnet wird und zu Resilienz gehört, das hat Luxemburg jedenfalls gelebt. Sie nahm die Herausforderungen an und begegnete ihnen mit geballter Kreativität auf allen Ebenen.
Literatur:
Charlotte Beradt (Hg.): Rosa Luxemburg im Gefängnis. Briefe und Dokumente aus den Jahren 1915–1918, S. Fischer Verlag 1973.
Volker Caysa: Rosa Luxemburg – die Philosophin. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 13, Leipzig 2017.
Ernst Piper: Rosa Luxemburg. Ein Leben, Blessing Verlag 2018.
Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Band 5, Berlin 1984, zitiert nach Caysa 2017 und Piper 2018, a.a.O.
Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, 5 Bände, Berlin (Dietz Verlag) 1972ff.
Werner Stangl: Resilienz, in: Ders.: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, 2019. https://lexikon.stangl.eu/593/resilienz/ [2020-07-10].
1 Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Band 5, Berlin 1984, S. 188, zitiert nach Ernst Piper 2018, S. 139.
2 Rosa Luxemburg, in: Gesammelte Briefe, Band 5, Berlin 1984, S. 151, zitiert nach Caysa 2017, S. 42–43, Hervorh. M.M.
Dank
Ich danke Arnim Regenbogen für die kritische Durchsicht der ersten Fassung dieses Blog-Beitrages.