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Anbei findet ihr die Kolumne von unserem Museumsleiter Hans-Dieter Gerber,
die einmal im Monat in der Volksstimme erscheint. Die letzte Woche schrieb er über die schwierige Frage der Chancengleichheit – ein spannendes Thema…
Chancengleichheit
Zu Beginn eines sportlichen Wettkampfes herrscht Chancengleichheit. Dies bezieht sich auf die Umstände des Wettkampfs. Die Regeln und äusseren Bedingungen sind für alle gleich. Gibt es darüber hinaus auch Chancengleichheit?
Der schwedische Hochspringer Stefan Holm war mit 1,81 Meter Körpergrösse einer der kleinsten Hochspringer. Inspiriert von den Leistungen des Schweden Patrick Sjöberg im Jahr 1984 begann Holm als 11-jähriger, ernsthaft zu trainieren. Mit vierzehn Jahren übersprang er 183cm und wurde als 15-jähriger schwedischer Jugendmeister. Er galt bereits als Nachfolger von Sjöberg.
Holm hatte jedoch eine Art Lampenfieber, sobald er höher als seine Körpergrösse springen musste. Manchmal tauchte er bei allen drei Versuchen einfach unter der Latte durch ohne abzuspringen. Anstatt aufzugeben, intensivierte Holm sein Training. Als 19-jähriger startete er ein besonderes Krafttraining, bis er mit 145 kg auf den Schultern in die Hocke gehen konnte und mit seinem Hintern beinahe den Boden berührte, bevor er wieder aufstand. Als Kompensation für seine Körpergrösse entwickelte er zudem eine Technik, mit der er vor dem Absprung schneller anlaufen konnte. Er erreichte dabei eine Spitzengeschwindigkeit von 30 km pro Stunde. 1998 gewann er die schwedischen Hochsprungmeisterschaften. An den Olympischen Spielen in Sydney (2000) wurde er vierter. Er gab darauf die Schule auf und steigerte sein Training nochmals. Pro Woche absolvierte er zwölf Trainingseinheiten und täglich 30 Sprünge mit voller Wettkampfgeschwindigkeit. 2004 gewann er die olympische Goldmedaille und 2005 übersprang er eine Höhe, die 59cm über seiner Körpergrösse lag – ein inoffizieller Weltrekord.
Donald Thomas aus den Bahamas begann 2006 mit Hochsprung. Am College in Missouri (USA) spielte der 1,91 cm grosse Athlet Basketball, bis die Leichtathleten ihn zum Hochsprung herausforderten. Ohne Training übersprang Thomas 213 cm. Zwei Tage später nahm er am Eastern Illinois University Mega Meet teil und qualifizierte sich mit einer Höhe von 204 cm für die nationalen Meisterschaften. Bei seinem erst siebten Versuch seiner Wettkampfkarriere meisterte er 224 cm, worauf sein Coach ihn am Weitermachen stoppte, aus Angst er würde sich verletzen. Darauf begann Thomas an der Auburn University (Alabama, USA) mit dem Hochsprungtraining. Nach acht Monaten reiste er nach Osaka zu den Hochsprungweltmeisterschaften. Im Finale traf er auf den Schweden Stefan Holm, der seit 20 Jahren systematisch seinen Sport trainierte. Donald Thomas bezwang den Schweden mit einer Höhe von 235 cm und gewann die Goldmedaille.
Von Hans-Dieter Gerber, Co-Leiter Sportmuseum Schweiz