Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03377.jsonl.gz/846

Sprachlos
An einem schönen Dienstag im März 1989 landete ich mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder am Flughafen Kloten. Ich war fünf, konnte kein Wort Deutsch und wusste nicht, was mich in diesem Land erwartete. Mein Vater, der hier schon eine Weile als Saisonnier arbeitete, hatte mir gesagt, dass man in der Schweiz nicht dieselbe Sprache spreche wie in Sarajevo. Aber ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete – bis ich am nächsten Tag in den Kindergarten kam. Es war ein totaler Schock. Ich verstand nicht, was man von mir wollte und konnte mich nicht verständlich machen.
Von einem Moment zum anderen bin ich sprachlos geworden.
Auch mein Name Ognjen war eine Herausforderung. Die Aneinanderreihung der zweieinhalb Konsonanten G, N und J schien unaussprechbar, obwohl niemand Schwierigkeiten mit den Namen Ignaz oder Ignatius hat, die dieselbe Wurzel haben und dasselbe bedeuten. Der Familienname Višnjić machte das Ganze nicht einfacher. Mir wurde klar, dass sich auch mein Name an die neue Umgebung anpassen musste.
Ein Alt-Bundesrat war meine Inspiration – so wurde «Ognjen» zu «Ogi».
Mit der Zeit lernte ich natürlich, mich auf Deutsch zu verständigen. Und doch war ich in diesem Fach während der Primar- und Sekundarschule nie gut. Im Französisch gehörte ich hingegen zu den Besten der Klasse. Vielleicht, weil ich mir schon eine Fremdsprache aneignen musste? Ich machte dann eine Lehre als Konstrukteur, weil ich mich für Technik interessierte und «etwas Kreatives» machen wollte.
Die Liebe zur Sprache
Den Schritt in einen Sprachberuf wagte ich da noch nicht. Parallel dazu besuchte ich die BMS, nachdem es fürs Gymnasium knapp nicht gereicht hatte. Eine bessere Entscheidung hätte ich nicht treffen können. Das Schicksal wollte es, dass ich im Deutsch zu Frau Sorba kam. Durch sie entdeckte ich Schiller und Süskind, Rilke und Kafka.
Ich entdeckte die deutsche Literatur und meine Liebe zur Sprache.
Plötzlich las ich in meiner Freizeit freiwillig Bücher! Das Lesen erschloss mir neue Welten. Ob während den zehn Monaten in der Schweizer Armee oder in den Jobs, die folgten: In jeder freien Minute tauchte ich in die Literatur ein. Begleitet von Brecht und Tišma, von Dürrenmatt und Kundera arbeitete ich zuerst als Kurier. Danach landete ich bei der Post, wie Charles Bukowskis Held in «Der Mann mit der Ledertasche», der natürlich eher ein Verlierer ist. Genau so fühlte ich mich auch.
Ich war 23 und wollte die Welt erobern, nicht Pakete sortieren!
Die Sprache als Beruf
Doch dann bot sich mir erstmals die Chance, mit meiner Leidenschaft für die Sprache Geld zu verdienen. Das gesprochene Wort führte mich zum geschriebenen – und von da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Ausbildung als Redakteur. Im Journalismusstudium erlernte ich das Handwerk des Schreibens von Grund auf. Ich konnte ein Praktikum beim SRF absolvieren und wuchs dort in Social Media, Videoschnitt und Storytelling hinein.
Während den acht Jahren beim Fernsehen erlebte ich hautnah, dass Kreativität im Berufsalltag mit harter Arbeit verbunden ist.
Ich entdeckte auch das Medium Film und begann selbst Drehbücher zu schreiben und zu filmen. Zugleich faszinierte mich die digitale Welt immer mehr. Um meine praktischen Erfahrungen theoretisch zu fundieren, studierte ich an der HWZ Digital Business. Dadurch öffneten sich mir weitere Türen, zum Beispiel ins Silicon Valley. In meiner Masterarbeit über digitale Transformation befasste ich mich intensiv mit den Chancen und Herausforderungen, die dieser tiefgreifende Wandel mit sich bringt. Die vielen Gespräche mit Experten zeigten mir, dass dabei nicht die Technik, sondern der Mensch im Fokus steht.
Kein noch so effizienter Prozess kann ein direktes und offenes Gespräch ersetzen.
Kommunikation ist der Schlüssel zur digitalen Transformation. Bei Swiss Life erhielt ich die Gelegenheit, selbst etwas zu bewegen und den digitalen Wandel des Unternehmens mitzugestalten. Wieder begann ein neues Kapitel in meinem Leben.
Sprache: allgegenwärtig und unumgänglich
Aus der Welt der Medien und der Belletristik kam ich in die Versicherungsbranche, statt über Teaser-Texte und Storyboards, dachte ich nun über Content-Strategien und Sales Funnels nach. Wieder ging es um die Sprache – und ich lernte inspirierende Persönlichkeiten kennen. Nach drei Jahren war es Zeit für eine Veränderung. So konnte ich, reich an Erfahrungen und Knowhow, bei bob Finance AG, einem kreativen Start-up im Fin-Tech-Bereich, einsteigen. Seit August 2019 leite ich nun das Marketing des zwanzigköpfigen Unternehmens.
Vor dreissig Jahren ragte die deutsche Sprache als undurchdringbare Mauer vor mir auf. Heute ist sie für mich ein Spielfeld unendlich vieler Möglichkeiten, um Geschichten zu erzählen, Inhalte zu vermitteln, Menschen zu erreichen oder etwas zu bewegen.
In der Literatur, auf einer Unternehmenswebsite, im Film oder auf Social Media: Sprache ist allgegenwärtig und unumgänglich, in der gesamten digitalen und analogen Welt, bei jeder menschlichen Interaktion und in jedem Kapitel meines Lebens.