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In der Schweiz feiern die reformierten Kirchen am ersten Sonntag im November den Reformationssonntag.
Laut der Überlieferung soll der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther am Abend vor Allerheiligen 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg 95 Thesen in lateinischer Sprache zu Ablass und Busse angeschlagen haben, um eine akademische Disputation herbeizuführen. Damit leitete er die Reformation der Kirche ein. Im Kern bestritt er die herrschende Ansicht, dass eine Erlösung von der Sünde durch einen Ablass in Form einer Geldzahlung möglich sei. Dies sei schon durch das Opfer Jesu Christi am Kreuz geschehen.
Die Reformation in der Eidgenossenschaft nahm mit Ulrich Zwingli in Zürich ihren Ausgang. Die Erste Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523, zu der Zwingli seine 67 Artikel oder Schlussreden verfasste, gilt mit dem Beschluss der Regierung, seine Tätigkeit zu unterstützen, als Start-Ereignis des Reformations-Prozesses der folgenden Jahre.
Mit dem Aufkommen von Jubiläumsfeiern beginnt auch hier die Geschichte dieses Gedenktages. Nach der grossen Zürcher Feier von 1819 (400 Jahre) wurde der Ruf laut, gesamtschweizerisch einen Reformationssonntag zu begehen. 1843 wurde er in Zürich eingeführt, landesweit gelang es erst 1896 durch Beschluss der Vorläuferorganisation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.
Der Reformationstag war ein Kind seiner Zeit. Das 19. Jahrhundert war zum einen das Zeitalter des Historismus, das Gedenken wird Mode: Man wird sich der Geschichtlichkeit der Institutionen und Traditionen und damit auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst. So war bestimmt die reformierte Eigenständigkeit gegenüber dem Ausland und gleichzeitig identitätsstiftende Abgrenzung gegenüber den Katholiken gefragt. Die Schweiz hat bekanntlich mehr als einen Reformator im Gedenkportfolio. Für evangelisch-reformiertes Zusammengehörigkeitsgefühl mussten also Kantönligeist überwunden und die reformierten Diasporagemeinden in den katholischen Orten einbezogen werden. So kreierte man in diesem Gedenktag wohl ganz bewusst einen gemeinsamen Nenner. Und das in einer 1848 frisch gegründeten Schweiz, die eben erst mühsam zur Einigkeit gefunden hat und gleichzeitig konfessionelle Spannungen zu überwinden suchte.
Der Wunsch, in der Reformationserinnerung noch stärker eine gemeinsame evangelische Identität zu pflegen, mag wohl der Grund dafür gewesen sein, dass man sich hinsichtlich der Wahl des Datums für die Reformationserinnerung am 31. Oktober zu orientieren begann. An diesem Tag wird Jahr für Jahr in der Lutherstadt Wittenberg der Reformation gedacht. Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte die Vorläuferorganisation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK den ersten Sonntag im November zum Gedenktag an die Reformation.
Der reformierte Protestantismus hat die politische Mentalität und die Kultur der Schweiz stark mitgeprägt. Die im Glauben erfahrene Rechtfertigung stellt den Menschen in die Freiheit, seine Entscheide dem persönlichen Gewissen folgend zu fällen. Diese evangelische Freiheit ruft den Menschen als Bürgerin oder Bürger in die mitverantwortliche Gestaltung in Kirche, Gesellschaft und Staat. Gottes Geist wirkt in den Menschen. Und indem er in den Menschen wirkt, wirkt er indirekt auch in den Institutionen.
Deshalb ist reformierte Kirche „Kirche von unten“.