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Aktien- und Anleiheinvestoren fürchten sich vor einer Insolvenz des Immobilienkonzerns Evergrande, der bis vor wenigen Wochen ausserhalb Chinas weitgehend unbekannt war. Was steckt hinter Evergrande und warum könnte ein Zusammenbruch für Banken und andere Branchen gefährlich werden?
Der Konzern
Evergrande Group wurde 1996 in Guangzhou vom Unternehmer Hui Ya Kan gegründet, der laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes zu den reichsten Menschen Chinas gehört. Der 62-Jährige gelernte Stahltechniker ist mittlerweile Verwaltungsratschef. Er brachte Evergrande vor zwölf Jahren an die Börse und baute den Konzern zum zweitgrössten chinesischen Immobilienentwickler aus. 2020 erzielte Evergrande einen Umsatz von 108 Milliarden Dollar.
Über das ganze Land verteilt betreibt und entwickelt Evergrande 1300 Immobilienprojekte. Für den Konzern arbeiten insgesamt 200'000 Menschen. Jährlich werden rund 3,8 Millionen Menschen angeheuert für Immobilienprojekte.
Um die Umsätze zu steigern, investierte Evergrande in andere Geschäftsfelder wie Elektroautos, Versicherungen, Mineralwasser und Fussball. Seit Mitte 2019 betreiben die Chinesen mit dem deutschen Antriebsspezialisten Hofer Powertrain ein Joint Venture für Elektromobilität. Auch in Schweden, Grossbritannien und den Niederlanden ist Evergrande aktiv.
Die Sorgen
Evergrande hat seine Expansion mit Krediten und Anleihen finanziert. Insgesamt summieren sich die Schulden auf 1,97 Billionen Yuan - umgerechnet gut 300 Milliarden Dollar. Das entspricht zwei Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts oder dem gesamten Bruttoinlandsprodukt von Finnland.
Die ersten Befürchtungen über Schwierigkeiten bei Evergrande kamen vor etwa einem Jahr hoch. Im September 2020 zirkulierte ein Brief, in dem das Management die Regierung um Staatshilfe bat bei seiner Restrukturierung. Evergrande wies den Brief als Fälschung zurück, die Spekulationen rissen aber nicht wieder ab.
Im Juni 2021 geriet Evergrande mit Zinszahlungen in Verzug und warnte wenig später vor Liquiditäts- und Ausfallrisiken, falls es nicht möglich sei, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, Beteiligungen zu verkaufen und Kredite zu erneuern. Erste Banken verweigerten Evergrande Kreditverlängerungen. Ratingagenturen stuften Bonitätsnoten in mehreren Schritten drastisch zurück.
Evergrande versuchte den Schuldenberg mit mehreren Massnahmen zu reduzieren und das Geschäft anzukurbeln. Die Firma bot bei Immobilienentwicklungen teils massive Vergünstigungen an, nahm 1,8 Milliarden Dollar frisches Kapital auf durch den Börsengang einer Tochter und verkaufte Teile der Elektromobilitäts-Sparte für 3,4 Milliarden Dollar. Mitte September räumte Evergrande ein, dass man keinen Fortschritt mache mit weiteren Verkäufen.
Das Risiko
Die chinesische Zentralbank äusserte bereits 2018 Bedenken über die Grösse von Evergrande. Der Konzern stelle ein mögliches systemisches Risiko für die Finanzbranche dar. Im August forderte sie Evergrande auf, dringend ihr Schuldenrisiko zu reduzieren. Die Ratingagentur Fitch hält eine schwere Krise für das ganze chinesische Bankensystem für unwahrscheinlich, sieht allerdings kleinere Geldhäuser in Gefahr bei einer möglichen Insolvenz. Manche Experten gehen davon aus, dass die Regierung eingreifen wird, um Verwerfungen bei Banken und an den Immobilienmärkten zu verhindern. Die Behörden in Peking hielten sich aber bislang weitgehend bedeckt.
Laut Angaben vom vergangenen Jahr steht Evergrande bei 128 Banken und mehr als 120 Gesellschaften, die nicht aus der Finanzbranche kommen, in der Kreide. JP Morgan schätzt, dass die Bank China Minsheng am stärksten engagiert ist.
Im Anleihemarkt stehen die Evergrande-Bonds für vier Prozent des chinesischen Immobilien-Hochzinsanleihen-Markts.
Die Evergrande-Aktien sind seit Anfang des Jahres um rund 85 Prozent eingebrochen. Die Marktkapitalisierung beläuft sich auf vier Milliarden Dollar.
(Reuters)