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Ein Beitrag von Stéphanie C. Schai-Braun
Universität für Bodenkultur Wien (A)
5. September 2023
Die Daten von Feld- und Schneehasen aus dem Unterengadin leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Verdrängungsvorgänge. Dazu werten wir die Jagdstatistik und genetische Analysen von Kotproben aus.
Titelbild:
Schneehase im Sommerfell im Schweizerischen Nationalpark
Feld- und Schneehase stehen in starker Konkurrenz zueinander, da beide auf ähnliche ökologische Ressourcen angewiesen sind. Der stärkere Feldhase scheint den schwächeren Schneehasen zu verdrängen. Überdies paaren sich (hybridisieren) Schnee- und Feldhasen miteinander. In der Regel paart sich ein Feldhasenmännchen mit einem Schneehasenweibchen. Bei jeder Hybridisierung verliert die lokale Schneehasenpopulation einen artspezifischen Wurf. Folglich könnte der beobachtete Rückgang der Schneehasen (auch) eine Konsequenz dieser Kreuzungen sein.
Abb. 1: Alpenschneehasen und Feldhasen leben in gemeinsamen Gebieten in den Alpen. (Quelle: Jagdstatistik des Kantons Graubünden)
Auswertung von Schweizer Jagdstatistiken
In den Alpen bieten die klimatischen Unterschiede entlang des Höhengradienten geeignete Bedingungen für die Koexistenz von Feldhasen und Alpenschneehasen (Abb. 1). Eine Auswertung der Jagdstatistik des Kantons Graubünden über 30 Jahre zeigt, dass beide Hasenarten ihre Mindesthöhen in höhere Lagen verlagern. Dabei steigt der Feldhase rascher in die Höhe als der Alpenschneehase. Dies könnte auf eine mögliche Verdrängung des Alpenschneehasen durch den Feldhasen in höher gelegene Gebiete hinweisen.
Mit zunehmender Höhe nimmt die für den Alpenschneehasen verfügbare Fläche ab, was seine Situation verschlechtert.
Abb. 2: Schneehase im Winterfell im Schweizerischen Nationalpark
Spurensuche: Kot als Informationsquelle
Seit dem Jahr 2019 sammeln wir Kot in 5 ausgewählten Untersuchungsgebieten entlang einem Höhengradienten in den Alpen zwischen Susch und Ramosch. Das Schneehasen-Feldhasen-Projekt wird gemeinsam von der Universität für Bodenkultur Wien, dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden und dem Schweizerischen Nationalpark durchgeführt. In den 4 Jahren konnten wir 1257 frische Kotproben sammeln. Die genetische Analyse der Proben identifiziert die 2 Hasenarten und bestimmt den Grad der Hybridisierung. Dazu wird sowohl die Kern-DNA (nDNA) als auch die mitochondriale DNA (mtDNA) jeder Kotprobe untersucht. Wird in der nDNA und in der mtDNA Erbgut von beiden Hasenarten nachgewiesen, stammt die Kotprobe von einem Hybriden. Das Erbgut der mtDNA sagt zusätzlich aus, ob die Mutter eine Feldhäsin oder eine Alpenschneehäsin war, da mtDNA nur über die Eizelle weitergegeben wird. Wir konnten 165 Feldhasen, 149 Alpenschneehasen und 109 Hy-briden bestimmen. 137 Hasen konnten wir individuell identifizieren.
Von den 109 Hybriden wurden 107 von Schneehäsinnen geboren und nur 2 von Feldhäsinnen. Dies bestätigt, dass die Hybridisierung vor allem für die Schneehasenpopulationen ein Problem sein könnte. Die Verteilung von Alpenschneehasen, Feldhasen und deren Hybriden im Tal scheint viel komplexer zu sein als ursprünglich angenommen (Abb. 3). Bei Guarda waren Feldhasen in hoher Höhenlage vertreten und die Überlappung zwischen der Höhenverteilung der beiden Arten gross. Hybriden fanden wir jedoch nur in den 4 anderen Untersuchungsgebieten bei Ardez, Ftan, Sent und Ramosch, wo die Hasenarten höhenmässig deutlich getrennt anzutreffen waren.
Abb. 3: Feldhasen bewohnen hohe Lagen in Guarda, wogegen Hybriden mehrheitlich in niedriger Höhe nachgewiesen wurden.
Blick in die Zukunft
Alpine Ökosysteme sind speziell durch die globale Erwärmung bedroht. Der Klimawandel dürfte vor allem an kalte Lebensräume angepasste Spezialisten gefährden. Deshalb werden wir im Tal während
4 weiteren Jahren Kot sammeln. Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie der aufgrund der Klimaerwärmung in den Alpen nach oben vordringende Feldhase den Alpenschneehasen verdrängt. Konkret möchten wir untersuchen, ob die von beiden Hasenarten bewohnten Gebiete in den Alpen instabil sind und wie genau die beiden Arten in Konkurrenz zueinander stehen. Die Resultate aus dem Tal dienen schliesslich zur Modellierung der Verteilung von Alpenschneehasen, Feldhasen und deren Hybriden im gesamten Alpenraum. Aus diesen Erkenntnissen sollen konkrete Vorschläge resultieren, um den Alpenschneehasen zu schützen und zu erhalten.