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»Das war die schönste Zeit meines Lebens. Ich war begeistert und hellwach und habe zu verstehen versucht, wie die Suruí-Indianer lebten, wie ihre Wirtschaft funktionierte, ihre Verwandtschaftsverhältnisse, ihre Geistheiler, die pajés. Ich bin oft zu ihnen zurückgekehrt, habe die Sprache erlernt und eng mit ihnen zusammengearbeitet. Ich habe meine Doktorarbeit über sie geschrieben, anschließend ein Buch mit ihren Mythen herausgegeben, wobei sie die Autoren sind und ich nur die Vermittlerin bin. Danach haben wir ein Ausbildungsprojekt für indigene Lehrer angefangen und ein Ausbildungsprogramm für Gesundheitsberater. All diese Erfahrungen bei den Suruí waren grundlegend, um mit den indianischen Volksgruppen zusammen zu arbeiten, deren Mythen und Legenden ich in der Anthologie ›Der gegrillte Mann‹ zusammengestellt habe.
Manche Geschichten wurden in Sprachen erzählt, die vom Aussterben bedroht sind. Von den Aruá-Indianern, die in dieser Anthologie vorkommen, gibt es gerade noch eine Hand voll und bei den Ajuru spricht von der jungen Generation kaum noch jemand Ajuru; dasselbe gilt für die Arikapu. Aufgeschrieben habe ich all dies in einer Mischung aus Schrecken und Faszination.
Als ich diese Erzählungen zum ersten Mal hörte, war ich beeindruckt von der brutalen Konfrontation zwischen Männern und Frauen! Dabei wollen sie alle heiraten und lieben und Singles sind ausgesprochen rar! Doch urplötzlich kann dieser archaische Hass zwischen Männern und Frauen aufkommen. Ich habe bei diesen sechs indianischen Volksgruppen Geschichten gehört, die ich gern als die von Amazonen bezeichnen würde, d. h. Geschichten über Frauen, die von ihren Männern so enttäuscht sind, dass sie lieber ohne Mann leben, nachdem sie entdeckt haben, dass die Männer den Kuchen, den sie für sie gebacken haben, mit dem eigenen Kot verzehren. Das missfällt den Frauen derart, dass sie lieber zu Geistheilern, zu pajés, werden, ihren Körper mit Asche bestreichen, anfangen zu singen und zu fasten, das Dach des Hauses besteigen und für immer verschwinden.
Nehmen wir nur mal diese schreckliche Szene, in der die Frauen die Männer verzehren wollen. Da kamen die Frauen zusammen und sangen für uns die Melodie zu der Legende ›Der gegrillte Mann‹. Bei den Macurap heißt es nämlich, so lange wir die singen können – es singen die Frauen –, werden wir ein Volk sein. Sterben werden wir nur, wenn wir diese Melodie vergessen. Sie erzählen die Geschichte, singen mittendrin, und das ist bei allen Mythen so. Jede Volksgruppe hat ihre eigene Musik. Die Musik der Nambikwara – diese indianische Volksgruppe hat Lévi-Strauss erforscht – sucht ihresgleichen. Sie wird die ganze Nacht über gesungen, dabei fällt man in eine Art Trance, und bei Tagesanbruch hat man das Gefühl, auf einer anderen Ebene zu sein.«
Aus einem Interview von Margrit Klinger-Clavijo mit Betty Mindlin, Bayerischer Rundfunk, 3.6.2006