Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03593.jsonl.gz/450

CH 1975 122'
Regie: Thomas Koerfer
Drehbuch: Dieter Feldhausen, Thomas Koerfer, Robert Walser
Kamera: Renato Berta
Ton: Pierre Gamet
Schnitt: Georg Janett
Produktion: Thomas Koerfer
Mit: Paul Burian, Ingold Wildenauer, Verena Buss, Tobi Mettler, Nicole Heri, Nikola Weisse, Wolfram Berger, Lucie Avenay, Jürgen Cziesla, Hannelore Hoger, Rosalinde Renn, Janet Haufler, Norbert Schwientek, Klaus-Henner Russius
Der 24-jährige Joseph Marti wird nach längerer Stellenlosigkeit als kaufmännischer Angestellter in das technische Büro des Ingenieurs und Erfinders C. Tobler nach Bärenswil vermittelt. Tobler hat sein gesamtes Vermögen in Erfindungen investiert, für die sich niemand interessiert. Neben den zu führenden Korrespondenzen, in der Regel diktierte hochtrabende Bittschreiben, erstrecken sich Martis Pflichten auch auf häusliche und familiäre Dienste. Dafür bewohnt er das Turmzimmer, wo er seine Freizeit mit Selbstanklagen und geistigen Übungen in Trotz und Rebellion totschlägt und an die scheuen, gefühlsverwirrten Momente mit der jungen Frau Tobler denkt.
Man wird hineingezogen in den langsamen Zerfall des Hauses Tobler, in die prächtigen Feste, die zum Trotz gefeiert werden; leidet mit bei den brutalen Abreaktionsspielchen, die sich Tobler mit seinem psychisch ihm über den Kopf wachsenden Untergebenen leistet, bei jenem Anflug einer erotischen Beziehung, die Joseph dazu benutzt, um der Rabenmutter Vorhaltungen zu machen.
...ich will nur versuchen, ob ich mir klar darüber werden kann, was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen.
Robert Walser
von Martin Schaub
Viele, und vor allem solche, die die Bücher Robert Walsers lieben, haben schon gefragt: «Kann man Walser überhaupt verfilmen?» Eine Verfilmung macht nur einen Sinn, wenn der Filmemacher seine (persönliche, zeitgemässe) Lektüre seines Textes darstellt: also das Buch und sich selber. 'Werktreue' kann kaum das Ziel eines solchen Unternehmens sein; 'Werktreue' kann ein Mittel sein. Verfilmungen sind dann uninteressant, wenn sich der Regisseur unsichtbar und unhörbar macht. Über Thomas Koerfers DER GEHÜLFE wäre wenig zu sagen, hätte Koerfer versucht, Walser zu spielen.
Koerfer und Feldhausen haben in Robert Walser nicht den weltfremden Fantasten gesehen, als der er bei vielen Lesern und Interpreten zu Unrecht gilt. Sie haben ihn beim Wort genommen, und zwar nicht nur bei dem Wort, das in dem 1907 entstandenen Roman steht. Das Drehbuch hält sich zwar an dieses Buch, hat aber das Gesamtwerk im Auge. Wo der Gehülfe nicht deutlich genug schien, wurden Stellen aus 'Geschwister Tanner' und den kleineren Schriften beigezogen, ja der Horizont wurde dann stellenweise weiter, als derjenige von Walser hat sein können.
Joseph Marti's Geschichte spielt sich ab zwischen Stellenlosigkeit und erneuter Stellenlosigkeit; zwischen diesen beiden Stillständen vollzieht sich der Untergang des kleinen Unternehmens Ingenieur Tobler. Tobler, der nach Selbständigkeit strebende kleine Techniker, will ein schweizerischer Edison werden. Er hat kein Glück; die Zeit braucht seine Erfindungen nicht. Auch die Hochstapelei nützt nichts. Wenn Joseph, der erfolglos mitgeholfen hat, einen Unternehmer über Wasser zu halten, die 'Villa Abendstern' verlässt und sich zu den anderen Stellenlosen gesellt, weiss Frau Tobler bereits, dass sie mit ihrem Mann und ihren Kindern 'dann irgendwo in der Stadt wohnen wird, wahrscheinlich in einem billigen Quartier'.
Was ist denn der Ingenieur Tobler anderes als ein Angestellter, der einen grossen Traum geträumt hat, den Traum vom amerikanischen Aufstieg? Die Gründerjahre wimmelten von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht fanden, sich 'selbständig' zu machen versuchten und untergingen.
Unter den verschiedenen Erfindungen des Ingenieur Tobler gibt es eine 'Fantasiemaschine'. Das ist ein bunter Kasten, in welchen man einen Batzen werfen muss, um durch ein Okkular schöne Heimatsbilder, vermischt mit Reklame, zu sehen. Ein erhoffter 'Kapitalist' (also jemand, der die Maschine finanzieren soll) meint zu Joseph, der die Vorzüge des 'Esel-streck-dich' zu rühmen versucht: «Ich muss sagen, ich habe etwas anderes erwartet, etwas in der Art des Kinematographen; Sie wissen was ich meine. Was sie kennen den Kinematographen nicht? Dann fahren Sie aber schleunigst in die Stadt und gehen hinein. Das ist doch das neueste Gehülfen- Vergnügen!»
Koerfers Joseph Marti hat keine Selbständigkeitsträume. Er ist eine Art Symbolfigur des lohnabhängigen Idealisten des 20. Jahrhunderts. Die Freundin Klara, deren streitbares und stolzes Bild ihm ungerufen einfällt, und die er zweimal in der Stadt besucht, kann er im Grunde nicht begreifen. «Aber ihr Angestellten», sagt Klara, die Sozialistin, «unterscheidet euch eben von den Arbeitern darin, dass ihr geistig obdachlos seid. Zu den Genossen könnt ihr vorläufig nicht hinfinden, und das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das ihr bewohnt habt, ist eingestürzt, weil ihm durch die wirtschaftliche Entwicklung die Fundamente entzogen worden sind. Ihr lebt gegenwärtig ohne eine Lehre, zu der ihr aufblicken, ohne ein Ziel, das ihr erfragen könnt...»
Sie schaut mit klareren Augen in die Welt als er, und sie träumt nicht. Klara ist Fotografin; sie hält dokumentarisch realistisch fest, was sie umgibt, und sie hat ein Ziel.
Joseph Marti hingegen schreibt Gedichte, die nur die heimlich und still leidende Frau Tobler versteht. Bevor die ganze Pracht der Toblerschen Aussenwelt in sich zusammenkracht, 'das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle', ernennt Frau Tobler den Commis zu ihrem 'Minister des Innern'.
Der Preis der Unschuld ist die Einsamkeit. Joseph bezahlt ihn still; nur ab und zu überfallen ihn Träume und Sehnsüchte. Er träumt von menschlicher Güte, die alle Probleme löst, von der Gleichheit aller Menschen; er sehnt sich nach der Entschlossenheit Klaras und der Geborgenheit in Mutters Armen. Aber real, real steht nichts zwischen ihm und den Sternen, die er nachts von seinem Kämmerlein aus betrachtet. Marti sucht keine Lösung seiner Lebensart; er hofft irgendwie auf eine Erlösung. Und im Warten spinnt er sich immer dichter ein; er betrachtet sich selber und die schönen Buchstaben, die er vor sich hinschreibt. Ich glaube nicht so recht an die Bewusstwerdung, die sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen scheint, wenn er wieder stellenlos ist. Marti bleibt ein Kalligraph. Er kratzt mit spitzer Feder auf weisses Papier, während sich draussen vor dem Fenster Geschichte abspielt.
Joseph Marti ist 'unschuldig'. Aber wie unschuldig waren die Joseph Martis in unserem Jahrhundert? Sie, die in der Geschichte keinen rechten Platz finden konnten, weil sie meinten, man könne zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer stehen. Marti hat es gehabt wie Millionen von Angestellten; er hat es nur nicht gemerkt, weil er zu sehr in sich selbst hineinschaute. In Martis Lebensangst und Versponnenheit wird nicht nur seine soziale Situation sichtbar, sondern ein Stück Schweiz. Die Verinnerlichung des Klassengegensatzes ist vielleicht nirgends so weit getrieben worden wie in der Schweiz. Und das Bedürfnis, sich draussen zu halten, geschichtslos zu werden, sich die Hände in Unschuld zu waschen, gehört unverwechselbar zur Schweiz des 20. Jahrhunderts.
Robert Walser hat sich in der Figur des Joseph Marti selbst porträtiert. Thomas Koerfer betrachtet beide, Schöpfer und Geschöpf, aus freundlicher Nähe. Er versucht sie zu verstehen, und er versucht sie zu beurteilen. Er entwirft die Walsersche Welt und führt seinen Zuschauer sanft an ihre brüchigen Stellen. An diesen Stellen setzen die Fantasie, die Spekulation und die Erinnerungen des Zuschauers ein.
Das Hauptmerkmal von Thomas Koerfers GEHÜLFEN - Film ist die ausserordentliche, ruhige Schönheit seiner Bilder. Diese Schönheit allerdings hat mit Joseph Martis Kalligraphie nichts zu schaffen. Da Koerfer Robert Walsers Roman ganz deutlich und ausdrücklich auf ein präzisesThema hin befragt, wird die Schönheit problematisch. Koerfer, kongenial unterstützt von seinem Kameramann Renato Berta, lässt seinen Zuschauer nicht schwelgen in den schönen Bildern; er will kein 'Minister des Innern' des Zuschauers werden. Dann schon eher Informationsminister, wenn überhaupt Minister. Der Zuschauer betrachtet die Schönheit, sieht aber auch ihre Funktion und ihre Brüchigkeit. Die Schönheit, mit der sich der träumende Unternehmer Tobler umgibt, ist eine Art Maske. «So lange noch ein solches Weinlein im Hause ist, da...», sagt Tobler zu seinen Freunden in der elektrisch illuminierten Gartengrotte, doch bald wird ihm der Strom abgestellt werden, und das proletarische Petrollicht wird auch in seinem Haus brennen. Frau Tobler bekommt ein neues Kleid, bevor sie auf ihren letzten Bettelgang geht. «Ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts» ist die Szene betitelt, in der Frau Tobler das Haus verlässt, um irgendwo auf der Welt draussen einen rettenden 'Kapitalisten' zu suchen. [...]