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Auch wenn Möhlin nur knapp über 10 000 Einwohner hat, so ist es doch weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Seine Bekanntheit verdankt die Gemeinde Meister Adebar, der sie zum Dorf der Störche machte.
Diese Berühmtheit kommt nicht von ungefähr, blättert man nämlich in den Annalen, wird die Präsenz von Störchen in Möhlin schon früh erwähnt. So finden sich bereits im Mittelalter Hinweise. Warum Meister Adebar sich so gerne in der Fricktaler Gemeinde niederliess, verriet ein genauerer Blick auf die Landschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der Möhlinbach und die durch ihn möglich gewordene Bewässerungslandwirtschaft auf der zwischen Dorf und Rhein liegenden Schwemmland-Ebene bot den Störchen mit ihren Kanälen, Wassergräben und ausgedehnten Naturwiesen ein perfektes Refugium.
Doch mit dem Fortschritt kam das vorübergehende Aus für die Störche. 1943 wurde die Landwirtschaft umgestellt, Grossflächigkeit und Mechanisierung waren nun Trumpf. Man deckte die Wassergräben zu, der Bach wurde in ein Betonbett gezwungen. Kaum verwunderlich, dass die Störche diese Entwicklung nicht goutierten und wegblieben. «1950 war der Storch in der Schweiz ausgestorben», sagt Ernst Diethalm, Leiter der Storchenstation Möhlin und seit Anfang der 50er-Jahre Mitglied des Vereins für Natur- und Vogelschutz Möhlin. Dass der engagierte Rentner diese Funktion heute innehat, verdankt er letztlich Max Bloesch, einem Turnlehrer und Ornithologen (Vogelkundler). Der leidenschaftliche Storchenliebhaber hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Storch in der Eidgenossenschaft wieder anzusiedeln. In Algerien fand Bloesch eine grosse Storchenpopulation, von der er einige Tiere auswählen und mitnehmen durfte. Zurück in der Schweiz, begann er die Storchenstation Altreu im solothurnischen Selzach aufzubauen. Nach einigen Fehlversuchen gelang es ihm, den Weissstorch wieder anzusiedeln, indem er Jungtiere drei Jahre in Gehegen hielt und sie erst dann freiliess. Derart geprägt, kehrten die Vögel jedes Jahr an ihren Geburtsort zurück.
Für sein Wirken erhielt Max Bloesch später diverse Ehrungen, darunter der Ehrendoktortitel der Universität Bern.
«Die Gründung der Storchenstation Möhlin wurde im Jahr 1970 durch Erich Kim und seine Schulklasse angeregt», erklärt Ernst Diethalm. «Die Idee wurde vom Natur- und Vogelschutzverein, dessen Präsident ich damals war, aufgenommen und umgesetzt. Storchenpionier Max Bloesch unterstützte uns dabei tatkräftig.» Die Idee, die stolzen Vögel in ehemaligen Storchengebieten wieder heimisch zu machen, fand zunehmend Anhänger. In der Blütezeit der Idee existierten 26 Storchenstationen in der Schweiz, inzwischen sind es noch 12. Möhlin ist dabei sicherlich eine der bedeutendsten.
11 Bruten gibt es in Möhlin, mit so klingenden Namen wie Ghana, Nigeria, Marokko, Togo, Kenia, Tschad, Guinea oder Algerien. Diethalm: «Die Horste sind nach Ländern benannt, in denen die Störche überwintern.»
Ende Februar kehren die ersten Adebare aus den warmen Gefilden zurück. Ernst Diethalm zückt dann jeweils das Fernrohr und wartet geduldig, bis das Tier so steht, dass man die Nummer seines Rings ablesen kann. So wissen die Männer von der Storchenstation immer, mit wem sie es zu tun haben. Sie erstatten dann der Vogelwarte in Sempach LU Meldung, wer in Möhlin brütet und wer nur auf der Durchreise war. Und weil man sich in Storchenfreundenkreisen untereinander kennt, greift Ernst Diethalm immer wieder auch zum Telefon und berichtet anderen Storchenstationen, welche «ihrer» Vögel im Fricktal gesichtet worden sind.
Störche sind horsttreu. Das bedeutet, sie kehren immer wieder in den Horst zurück, in dem sie aus dem Ei geschlüpft sind. Diethalm: «Auf dem Togo-Horst sitzt ein Storch, der schon zum zwölften Mal hier ist. Nur seine Frau fehlt noch. Mal schauen, ob sie noch kommt oder ob ihr unterwegs etwas zugestossen ist.» Die Reise nach Afrika und zurück ist für Meister Adebar ein gefährliches Unterfangen, viele kommen unterwegs um. Es kann also durchaus sein, dass das Männchen auf dem Togo-Horst vergeblich auf seine Liebste wartet.
Storchenpaare sind nur während der Brutzeit unzertrennlich, danach geht jeder seine eigenen Wege – bis zum nächsten Jahr.
Wie aber verhält es sich nun mit der Horsttreue? «Bis zur Geschlechtsreife im dritten Lebensjahr gaunert der Jungstorch herum, danach kehrt er zu seinem Geburtshorst zurück», erklärt der Storchenfan. Sind seine Eltern noch da, wird das Tier vertrieben und muss sich eine neue Bleibe suchen. Fehlt der Vater oder die Mutter, kann es zu einer Vater-Tocher- oder Mutter-Sohn-Beziehung kommen. «Allerdings nur, wenn sie sich sympathisch sind. Da verhält es sich nicht anders wie bei uns Menschen», erzählt der ehemalige Mechaniker lächelnd.
2004 habe es einen lustigen Fall gegeben, erinnert sich Ernst Diethalm. «Auf dem Togo-Horst war das Weibchen bereits angekommen, doch das Männchen blieb aus. Irgendwann war die Storchenfrau des Wartens überdrüssig und begann zu werben, worauf sich die Paarbildung mit einem französischen Storch ergab.» So weit, so gut. Doch dann kehrte der «Hausherr» doch noch heim und griff den Franzosen an. Es entwickelte sich ein Kampf, in dem sich der Rückkehrer blutende Wunden zuzog. Ernst Diethalm nahm ihn in die Pflegestation und versorgte die Verletzungen. Kaum geheilt und freigelassen, ging der Storchenmann jedoch erneut auf seinen Widersacher los – und zog ein zweites Mal den Kürzeren. Zwei Tage lang sass der Unterlegene in der Folge auf einem Haus in der Nachbarschaft, bevor er verschwand. «Wenig später erschien er in Begleitung einer jungen Storchenfrau aus dem Basler Zolli und baute mit ihr einen Horst auf dem Nachbarhaus. Dessen Besitzer rissen das Nest herunter, worauf der eigensinnige Vogel auf der Volière neben dem Togo-Horst ansässig wurde. Dort schliesslich – in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Verflossenen und deren neuem Partner – zog der Storch mit seiner Basler Frau fünf Junge auf. Das Erstaunliche: Die beiden Paare lebten friedlich nebeneinander, es gab nie wieder Streitigkeiten.»
Gefiederte Gäste aus dem Basler Zolli sind übrigens keine Seltenheit. Jeden Tag fliegen einige Störche in den Aargau, um einen Schnabel voll zu nehmen, wie Ernst Diethalm berichtet. Andere Tagesausflügler kommen aus dem Elsass oder dem Rheinland. Er weiss das so genau, weil er jedem Storch auf den Ring späht, ihn so identifizieren und seinen Herkunftsort ausfindig machen kann. Der passionierte Storchenvater ist der Herr der Statistiken der Storchenstation. Seit Jahrzehnten führt er genau Buch. Darum weiss man, dass in Möhlin nicht weniger als 663 Jungstörche geschlüpft sind, seit das Wiederansiedlungsprojekt gestartet wurde.
Und weil Möhlin nicht nur eine Storchen-, sondern auch eine kantonale Vogelpflegestation ist, gibt es noch mehr zu sehen als «nur» Meister Adebar. Aus Ernst Diethalms Statistiken geht hervor, dass ganz verschiedene Arten gepflegt wurden, wenn wie wegen einer Verletzung oder aus anderen Gründen in Not geraten sind: beispielsweise Amseln, Sperber, Turmfalken, Waldohreulen, Elstern, Buntspechte, Grünfinken, Krähen, Bussarde, Eisvögel, Tauben, Schwalben, Spiren, Buchfinken, Grünspechte, Graureiher, Wiesenpiper, Kirschkernbeisser oder Baumfalken. «Diesen Winter waren über 20 Bussarde, welche ermattet aufgefunden, hierher gebracht und von uns aufgepäppelt worden, damit man sie wieder in die Freiheit entlassen konnte.» Das geht ganz schön ins Geld, denn vom Kanton erhält die Vogelpflegestation lediglich 50 Rappen pro Pflegling und Tag. Eine Maus kostet jedoch 40 Rappen und ein Bussard verzehrt etwa sechs täglich. Kein Wunder, dass Ernst Diethalm und seine Mitstreiter hie und da in die eigene Tasche greifen, wenn das Spendenkässeli-Geld wieder einmal nicht reicht.
Manchmal kommt allerdings jede Hilfe zu spät. Zu schwer verletzte oder zu geschwächte Tiere müssen von ihren Qualen erlöst werden. Diethalm: «Das fällt natürlich schwer, aber in einigen Fällen ist es für den Vogel besser.»
Erfreulicher ist da schon die Tatsache, dass Jahr für Jahr Dutzende Schulklassen aus dem Dreiländereck und Vereine der Storchenstation einen Besuch abstatten. Privatpersonen, vor allem Familien mit Kindern, sind ebenfalls oft gesehene Gäste.Publikumsmagnet sind zweifellos die Störche. Doch selbst wenn die Ende April und im Mai geschlüpften Jungstörche sich um den 18. August herum auf den Weg in ihr afrikanisches Winterquartier machen und die Altvögel es ihnen Mitte September gleichtun, ist die Station nicht verwaist. «Einige bleiben durch den Winter hindurch hier», erklärt Ernst Diethalm. Und dann gibt es ja auch noch die Schneeeule und den Kakadu, welcher hier wohnt, seit seine Besitzerin ins Altersheim zog.