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Wo die Liebe hinfällt
Michael Cunningham: “In die Nacht hinein” (Roman)
In seinem neusten Roman führt der amerikanische Star-Autor Michael Cunningham seine Leser in die Welt der New Yorker Upper-Middleclass und in die Welt des Kunstbetriebs. Anhand des in eine tiefe Sinnkrise fallenden Kunsthändlers Peter Harris zeigt er, dass jeder Mensch seine ganz eigenen Probleme hat, und dass keine Facette des Lebens nur schwarz oder weiss ist.
Von Lisa Letnansky.
Spätestens seit der Veröffentlichung von „Die Stunden“ ist Michael Cunningham ein Star des amerikanischen Literaturbetriebs. Für diesen Roman, in dem er Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ in die Gegenwart transportiert, erhielt er sowohl den Pulitzer-Preis als auch den Faulkner-Award; die Verfilmung mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore wurde unter anderem mit einem Oscar ausgezeichnet. Mit diesem Werk scheint Cunningham auch sein Erfolgsrezept gefunden zu haben: die Überführung grosser literarischer Vorbilder ins heute. Nach Walt Whitmans „Grasblätter“ im Roman „Helle Tage“ spielt nun Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ über den Schriftsteller Aschenbach, der sich in den jungen Knaben Tadzio verliebt, eine wichtige Rolle, auch wenn das Werk im Roman „In die Nacht hinein“ nur noch zart hindurchschimmert.
Zweifel und Sinnkrise
Peter Harris führt ein angenehmes Leben in New York. Seine Galerie für Gegenwartskunst läuft gut und er führt eine grösstenteils glückliche Ehe mit Rebecca, mit der er ein schickes Loft in SoHo bewohnt. Wie wohl bei jedem Mann in den mittleren Jahren nagen natürlich ab und zu Zweifel an ihm, ob er die Existenz führt, die er führen möchte und die ihn erfüllt. Er macht sich auch Sorgen um seine Tochter Bea, die das College geschmissen hat, in einer Cocktail-Bar in Boston kellnert und eine nicht näher definierbare Beziehung mit einer zwielichtigen Frau führt. Aber dies sind nicht die Ausschlagspunkte, die ihn schlussendlich aus der Bahn werfen könnten.
Vielmehr ist es das plötzliche Auftauchen von Rebeccas wesentlich jüngerem Bruder Ethan, das Peter in seine Sinnkrise stürzt. Ethan, der von allen nur „Missy“ genannt wird, eine Anlehnung an das „Missgeschick“, das seine Zeugung für seine Eltern darstellte, ist bildschön und hochtalentiert, war drogenabhängig (oder ist es immer noch), verbrachte seine letzten Jahre damit, in Europa und Asien nach sich selbst zu suchen, und hat sich jetzt vorgenommen „etwas mit Kunst“ zu machen, wofür er natürlich Peters Hilfe gebrauchen könnte.
Besitzansprüche eines Kunstmenschen
Missy wird für einige Zeit bei Peter und Bea wohnen. Nach einer für Peter zutiefst verstörenden Szene, in welcher er Missy kurzzeitig für seine verjüngte Ehefrau hält, verbringt er etwas Zeit mit ihm und entwickelt befremdende Gefühle, er beginnt „Missy zu lieben, kurz und himmelhoch, so wie er sich vorstellt, dass Männer ihre Kameraden in der Schlacht lieben“. Diese Liebe zu dem erheblich jüngeren Bruder seiner Frau wird zu Peters Stolperschwelle. Einerseits erinnert Missy ihn an seinen an Aids verstorbenen Bruder Matthew, andererseits verkörpert er für ihn die jüngere Reinkarnation Rebeccas. Er wird von Missy angezogen, jedoch nicht wirklich sexuell; vielmehr möchte er den jungen Mann, der betörend schön ist „wie Rodins perfektes Mann-Kind aus Bronze“, besitzen, „so wie er Kunst besitzen will“.
All dies erfahren wir ausschliesslich aus Peters Perspektive. In einem Wechsel aus inneren Monologen und Gesprächen mit seinen Mitmenschen werden alle Personen dieses Romans aus seiner eigenen Sicht charakterisiert. So bringt Cunningham auf geistvolle Weise rüber, was Peters grösste Schwäche ist. Er ist ein Egoist, ein Egomane, der sich selbst am nächsten ist und sich keine ernsthaften Gedanken darüber macht, dass auch seine Frau oder seine Freunde Zweifel an ihrer Beziehung zu ihm haben könnten. Wer glücklich wirkt, muss doch auch glücklich sein, denkt er sich, obwohl er das beste Beispiel dafür ist, dass es auch anders sein kann.
Probleme privilegierter Menschen
Cunningham schildert in „In die Nacht hinein“ die inneren Nöte eines privilegierten Menschen, äussere Nöte kann es in diesen Kreisen keine ernsthaften geben. Während einer seiner zahlreichen schlaflosen Nächte fragt sich Peter nach dem Grund seiner Unruhe: „Wie könnte er, wie könnte irgend jemand aus den 0,00001 Prozent der wohlhabenden Bevölkerung es wagen, Probleme zu haben?“
So spielt dieser Roman zwar in der Welt der Kunst, erzählt aber keineswegs von der Krise eines genialen Künstlers. Es ist die Krise eines ganz normalen Mannes, der sich in seinem Leben langweilt und das Abenteuer vermisst. Die Kunst selbst wird hier aber sehr wohl thematisiert und vor allem die Gegenwartskunst kriegt dabei einiges ab. Keiner der aufstrebenden jungen Künstler, mit denen Peter in Kontakt kommt, scheint das Zeug zu einem „grossen Künstler“ zu haben, es handelt sich um solide Handwerker, um berechnende Scharlatane, oder bestenfalls um halbwegs interessante Kunstschaffende. „Bitte, lieber Gott, schicke mir etwas zum Bewundern“, lautet dann auch das Stossgebet, das Peter eines Abends in seiner Galerie zum Himmel schickt.
Cunninghams eigene Biographie scheint in diesem Roman eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Nicht nur hat er als junger Mann Kunst studiert, um Künstler zu werden; als homosexueller Schriftsteller möchte er auch für seine Erfahrungen einstehen, wie er oft in Interviews betont. Dies gelingt ihm hier ausserordentlich gut, die Frage danach, wie ein Mann, der mit festen Beinen auf dem Boden steht, reagiert, wenn er sich in einen schönen jungen Mann verliebt, wird äusserst glaubwürdig erörtert.
Titel: In die Nacht hinein
Autor: Michael Cunningham
Übersetzer: Georg Schmidt
Verlag: Luchterhand
Seiten: 320
Richtpreis: CHF 30.90