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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
60. An Heliodor: Nachruf auf Nepotian
10.
Immerhin sind diese Einzelheiten als kleine Anfänge des beginnenden Glaubens nicht bedeutungslos. Denn wer unter fremden Fahnen ein treuer Soldat war, wird sich sicherlich den Lorbeer verdienen, 1 wenn er für seinen eigenen König zu kämpfen beginnt. Sobald er die Uniform mit dem bürgerlichen Kleide vertauscht hatte, verteilte er die Ersparnisse aus seinem Solde unter die Armen. Denn er hatte in der Schrift gelesen: „Wer vollkommen sein will, verkaufe alles, was er hat, gebe es den Armen und folge mir dann nach. 2 Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon.“ 3 Außer einer schlichten Tunika und einem um nichts besseren Obergewande, mit dem er sich nur bedeckte, um sich gegen die Kälte zu schützen, hielt er nichts für sich zurück. Seine Kleidung war die bei den Landbewohnern allgemein übliche, und er vermied es ebenso, durch Putzsucht wie durch Unordentlichkeit aufzufallen. Täglich wurde bei ihm der Wunsch lebendiger, in eine ägyptische Klostergemeinde einzutreten oder in Mesopotamien Mönch zu werden oder auf einer der dalmatinischen Inseln, die ja nur durch die altinische Meerenge von ihm getrennt waren, als Einsiedler zu leben. Aber er wagte es nicht, seinen bischöflichen Oheim zu verlassen, an dem er ein so herrliches Tugendbeispiel vor Augen hatte, daß er in der Heimat hinlänglich Gelegenheit fand, sich in der christlichen Vollkommenheit zu schulen. 4 Als Mönch warst Du ihm Vorbild, als Bischof Gegenstand der Verehrung. Hier führte das ständige Zusammensein nicht, wie es so häufig vorkommt, zur Vertraulichkeit und die Vertraulichkeit zur Geringschätzung. Er ehrte Dich wie einen Vater und bewanderte Dich, gleich als ob er Dich jeden Tag zum ersten Male sähe. Wie ging es weiter? Er trat in den geistlichen Stand ein, [S. 41] dessen Stufen er im regelrechten Gang bis zur Priesterweihe durchlief. O gütiger Jesu! Wie jammerte und seufzte er damals, wie bereitete er sich durch Fasten auf diesen Beruf vor, wie entzog er sich den Blicken aller! Es war das erste und einzige Mal, daß er seinem Oheim zürnte. Er fürchtete, die schwere Bürde nicht tragen zu können, und schützte sein jugendliches Alter als unvereinbar mit der priesterlichen Würde vor. Doch je heftiger sein Sträuben wurde, desto mehr lenkte er aller Aufmerksamkeit auf sich. Gerade, weil er sich weigerte, verdiente er das Amt, das er nicht erstrebte, und je mehr er sich dessen unwürdig bekannte, um so würdiger wurde er. Er ist der Timotheus unserer Zeit, bei ihm war die Klugheit ein Ersatz für das Alter. 5 Wir erlebten erneut, wie Moses den zum Priester erhob, von dem er wußte, daß er ein wahrer Priester sein werde. 6 Nepotian sah im Priesterstand weniger eine Ehrung als eine Bürde. Deshalb war seine erste Sorge, durch Demut den Neid zu entwaffnen und alles zu vermeiden, was den Ruf seiner Keuschheit gefährden könnte. Wer sich an seiner Jugend stieß, der sollte seine Enthaltsamkeit bewundern. Er setzte sich die Aufgabe, den Armen zu helfen, die Kranken zu besuchen, die Fremden zu beherbergen, mit freundlichen Worten Trost zu spenden, sich mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen. 7 Er wurde zum Stab für die Blinden, zur Speise für die Hungernden, zur Hoffnung für die Armen, ein Trost für die Trauernden. Die einzelnen Tugenden übte er in so hohem Grade, daß ihm die anderen abzugehen schienen. Unter den Priestern und Altersgenossen war er in der Arbeit der erste, ohne mehr als den letzten Platz zu beanspruchen. Was er Gutes tat, das setzte er auf Rechnung des Onkels. Nahm eine Sache einen unerwünschten Ausgang, [S. 42] dann schaltete er den Oheim aus und übernahm selbst die Verantwortung für den Irrtum. In der Öffentlichkeit verehrte er ihn stets als Bischof, zu Hause als Vater. Den Ernst der Lebensauffassung milderte ein heiteres Wesen. Nicht lautes Lachen, sondern stille Freude war seine Art. Die Christus geweihten Jungfrauen und Witwen ehrte er in aller Keuschheit wie Mütter und mahnte sie wie Schwestern. Sobald er zu Hause war, ließ er den Weltgeistlichen draußen und lebte in klösterlicher Strenge. Fleißig übte er das Gebet, das er durch Nachtwachen in die Länge zog; seine Bußtränen, die er vor den Leuten verbarg, sah nur Gott allein. Das Fasten machte er, einem Wagenlenker gleichend, abhängig von der Erschlaffung oder der Kräftigung des Körpers. 8 Er aß am Tisch des Onkels und nahm von den vorgesetzten Speisen eine kleine Portion, so daß er Enthaltsamkeit übte, ohne hierbei in abergläubisches Wesen zu verfallen. 9 Seine Unterhaltung bei Tisch behandelte mit Vorliebe Fragen aus der Heiligen Schrift. Er hörte gern zu, gab bescheiden Auskunft, nahm das Richtige freudig an, widersprach unrichtigen Ansichten, ohne dabei schroff zu werden. Er ging mehr darauf aus, seinen Gegner zu belehren, als einen Triumph über ihn zu ernten. Mit angeborener Bescheidenheit, die seiner Jugend gut stand, bekannte er offen, auf wen seine Auffassung sich stützte. Während er so dem Ruf großer Gelehrsamkeit auswich, erreichte er das gerade Gegenteil. Bald führte er die Meinung Tertullians, bald die Cyprians an; bald zitierte er Laktanz, bald Hilarius. Er wußte Bescheid bei Minucius Felix, bei Viktorinus und bei Arnobius. Auch auf meine Schriften wies er zuweilen hin, schätzte er mich doch wegen meiner Freundschaft mit seinem Oheim. Durch fleißige Lesung und tägliche Betrachtung [S. 43] machte er aus seinem Herzen eine Bibliothek Christi.
1: Horaz, Carm. IV 2, 9.
2: Matth. 19, 21.
3: Ebd. 6, 24.
4: Vgl. Terentius, Adelphoi 413.
5: 1 Tim. 4, 12; Weish. 4, 8. Timotheus war im jugendlichen Alter Bischof geworden.
6: Num. 11, 16.
7: Röm. 12, 15.
8: Vgl. ep. 107, 10 ad Laetam (BKV II. Reihe XVI 398 f.).
9: Er vermied den Anschein, Manichäer zu sein.