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Implizit gibt Mauthner in diesem Band zu, dass er das Wörterbuch nicht nach Stichworten verfasst hat, sondern linear, von vorne nach hinten. Unter dem Stichwort Uhrengleichnis vermerkt er nämlich, dass er, was er ursprünglich hierhin setzen wollte, unterdessen bereits unter dem Stichwort Okkasionalismus im zweiten Band abgehandelt habe und hier das Stichwort Uhrengleichnis nur noch verwende, weil er in einem andern Artikel auf eben Uhrengleichnis verwiesen habe. (Es geht beim Uhrengleichnis um jenen Vergleich, den Leibniz angestellt hat: Wenn Leib und Seele als zwei verschiedene Substanzen existieren, wie Descartes angenommen hat, dann stellt sich die Frage, ob und wie die beiden interagieren. Descartes ist der Frage ausgewichen, hat sie vielleicht nicht einmal bemerkt. Denn wenn die beiden interagieren, können sie nicht aus völlig verschiedenen Substanzen bestehen; wenn sie aus völlig verschiedenen Substanzen bestehen, können sie nicht miteinander agieren. Leibniz sah die Lösung bekanntlich darin, zwei unterschiedliche Substanzen anzunehmen, aber gleichzeitig auch ein prästabilierte Harmonie, die macht, dass Leib und Seele immer schön parallel agieren – eben zwei Uhren, die von einem genialen Uhrmacher so hergestellt worden sind, dass sie zu 100% im Gleichtakt marschieren.) Erst unter dem Stichwort Unsterblichkeit der Seele wird Mauthner den eigenen Standpunkt, dass nämlich der Begriff ‘Seele’ aus dem Irrtum entsteht, dass der Mensch seine Erinnerungen personifiziert, darlegen.
Ansonsten stellt Mauthner nochmals so ziemlich alle philosophischen Gebiete dar und gleichzeitig in Frage. Rationalismus ist für ihn gleichbedeutend mit der Aufklärung, die den Deismus hervorgebracht habe. Der Raum substantiviert, was eigentlich verbal ist – Einstein wird konsequent ignoriert. Unter Realismus versteht er einerseits den scholastischen Wortrealismus (jedem existierenden Wort entspricht ein raum-zeitlich existierendes Ding), für seine eigene Position nimmt er auf (Mach und) Helmholtz Bezug:
Die mit dem Charakter der Wahrnehmung auftretenden Bewußtseinsakte verlaufen so, als ob die von der realistischen Hypothese angenommene Welt der stofflichen Dinge wirklich bestände. (Helmholtz: „Vorträge und Reden“ II. S. 243) S. 22
Unter Recht zeigt es sich, dass Mauthner eher Thomas Hobbes als das Mass der rechtsphilosophischen Dinge sieht, als etwa Rousseaus Contrat social. (Unter Strafe wird er zunächst eher pädagogisch argumentieren; er scheint selber als Kind ziemlich oft und ziemlich hart bestraft worden zu sein (man vergleiche auch das Stichwort Schule!) und verwünscht die damals gängige Prügelpädagogik von Herzen. Dann prügelt er allerdings zumindest verbal seinerseits auf Hegel herum, dessen Definition von Strafe (Verbrechen ist die Negation des Rechts, die Strafe die Negation dieser Negation) tatsächlich … sagen wir … gewöhnungsbedürftig ist. Oder, wie Mauthner meint: Hegel spielt doch wohl nur virtuos mit den Begriffen.
Es ist bezeichnend für Mauthner, dass er die klassischen Stichworte der Philosophie nicht immer akzeptiert und verwendet. Seine Auslassungen zur Ästhetik finden wir so im Artikel schön. Zunächst kanzelt er Baumgarten ab, dessen Gleichsetzung von Ästhetik mit der Fakultät der niederen Sinnesvermögen (und also Unterordnung der Ästhetik unter die Erkenntnistheorie) dem guten Mauthner so gar nicht einleuchten will, weshalb er an Baumgarten kein gutes Haar lässt. Kants Kritik der Urteilskraft rutsch so halbwegs durch, nicht aber Schillers Emendationen derselben. Eigenes hat Mauthner wenig anzubieten.
Ein ähnliches Vorgehen wählt Mauthner dann beim Stichwort Schopenhauer (Wille), dem er auch auf Umwegen beizukommen versucht, indem er zuerst sich äusserst negativ den Philosophiehistoriker Kuno Fischer äussert, dessen Sezierung des Schopenhauer’schen Denkens letztlich nur aus Jonglieren mit Worten bestehe – wie alles von Fischer. Ansonsten beschränkt sich Mauthner dann darauf Schopenhauer dahingehend zu interpretieren, dass er der Meinung gewesen sei, mit seinem Willen das Kant’sche Ding an sich erkannt zu haben.
Spinozas Pantheismus wird nochmals als der Versuch eines Nominalismus (und Atheismus!) dargestellt; unter Stoff wird die Materie abgehandelt, die Hobbes, Locke und Hume als Abstraktum gefasst hätten, und für Berkeley nur im Bewusstsein existierte.
Dann geschieht etwas Seltsames. Unter dem Buchstaben T schleicht sich plötzlich der Begriff Tao ein. Mauthner hat nämlich vor kurzem, wie er zugibt, ein Büchlein namens Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse, übersetzt von (ausgerechnet!) Martin Buber gelesen, das ihm offenbar grossen Eindruck gemacht hat, auch wenn er selber zugeben muss, dass er vom Taoismus so wenig versteht wie der Rest Europas.
Je mehr er sich dem Ende von Band III nähert, um so mehr beschleicht den Leser das Gefühl, Mauthner sei froh, das Wörterbuch beenden zu können. Mit Genuss gelesen habe ich noch den Artikel Theosophie, der einerseits eine Art Abrechnung mit Rudolf Steiner darstellt (Mauthner mag dessen Ungenauigkeit so wenig wie dessen Metaphysik, ob die sich nun Theosophie nenne oder Anthroposophie), dann aber auf Swedenborg eingeht, den bekanntlich weder Kant noch Hamann mochten (sie betrachteten ihn als Geisteskranken), mit dem aber Mauthner glimpflicher umgeht als mit Steiner. Mauthner mochte Mystiker, sofern sie denn von ihren Gedankengebäuden wirklich überzeugt waren.
So wird es auch nicht verwundern, dass er unter dem Stichwort transzendental zurückgeht auf den skeptischen Mystiker Nikolaus Cusanus. Erst unter Kant, so Mauthers These, hat sich die Gotteserkenntnis, die mit ‘transzendental’ bezeichnet wurde, zur Welterkenntnis verwandelt – die Erkenntnistheorie war geboren. Kant habe sich damit auch, ungeachtet der Kritik Herders und Hamanns, durchgesetzt – ungeachtet der Tatsache auch, dass die unmittelbar auf ihn folgenden Idealisten die Erkenntnistheorie wieder vernachlässigt hätten. Hier schlägt Mauthner auch einen Haken zur Romantik, da Novalis und Fr. Schlegel von einer transzendentalen Poesie gesprochen haben. (Was sie darunter verstanden, lässt Mauthner freilich auch offen…)
Ich habe viele, aber bei weitem nicht alle Stichworte besprochen, die Band III trotz seines relativ geringen Umfangs noch umfasst. Einige sind enttäuschend (so, wenn er unter Utilitarismus ein taoistisches Märchen erzählt), einige wären durchaus noch interessant. Aber, wie Mauthner selber so schön sagt (unter dem Stichwort Vollkommenheit):
Vollkommenheit ist eine Wortleiche. Sie braucht nicht mehr totgeschlagen zu werden. Nur die Sinne wollte ich dafür schärfen, daß sie übel zu riechen anfängt.
Das gilt für Mauthners Verhältnis zur Philosophie als Ganzes: Ohne Sprachkritik kann seiner Meinung nach nicht philosophiert werden. Das gilt nicht für mein Verhältnis zu Mauthner. Er ist ein Amateur und mäandert oft abenteuerlich in der Philosophie und der Philosophiegeschichte. Aber eine spannende und anregende Lektüre ist das Wörterbuch dennoch.