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Man wird sie dereinst möglicherweise im selben Atemzug nennen: Ronald Biggs, Julian Assange und Boris Becker.
Den berühmtesten Räuber der Geschichte, Gott hab ihn selig, der 1963 bei einem spektakulären Überfall auf den Postzug bei Mentmore (Buckinghamshire) 2,63 Millionen Pfund (nach heutigem Wert etwa 67 Millionen Euro) erbeutete.
Den aus Australien stammenden Investigativ-Journalisten, Politaktivisten, Computerhacker und Gründer der Enthüllungsplattform «WikiLeaks».
Und den im Alter von zarten 17 Lenzen jüngsten Sieger des Tennis Grand Slam Turniers von Wimbledon, den 6-fachen Grand Slam Champion und 49-maligen Sieger eines Wettbewerbs der ATP-Tour.
Die völlig unterschiedliche Provenienz der Drei würde nun nicht gerade auf offensichtliche Gemeinsamkeiten schliessen lassen. Bei näherem Hinschauen allerdings wird man da schon fündig. Und auf den ersten Blick befindet sich B.B. erst noch in «guter Gesellschaft».
Alle sassen oder sitzen sie aktuell nämlich in «Her Majesty´s Prison Wandsworth»… in diesem Gefängnis im Südlondoner Stadtbezirk «London Borough of Wandsworth», das mit einer Kapazität von knapp 1500 Strafgefangenen nach der Liverpooler Strafanstalt das zweitgrösste Gefängnis Grossbritanniens ist, und in dem zwischen 1878 und 1961 135 zum Tode Verurteilte hingerichtet worden sind. Unter anderen George Chapman, geboren als Seweryn Antonowicz Klosowski, ein polnisch-britischer Giftmörder, der auch für den berüchtigten «Jack the Ripper» gehalten wurde.
Nun, den Tod hat «Bobele» Becker in Wandsworth nicht zu fürchten. Zwar würde es sich in Luxus-Etablissements rund um die Welt in den kommenden zweieinhalb Jahren sicher komfortabler leben als in einer 6,5-Quadratmeter-Zelle im Flügel E des königlichen Knasts, die Aussicht auf eine bedingte Entlassung nach der Halbstrafe dürfte das Leiden des in der Promi-Szene noch immer Gefeierten allerdings etwas erträglicher machen. An ideeller Unterstützung wird es ihm bestimmt nicht fehlen.
Seine Freundin Lilian de Carvalho Monteiro, die Tochter des früheren Verteidigungsministers von São Tomé and Principe, will – so verlautete nach der Strafmass-Verkündung – die starke Frau an seiner Seite bleiben. Es kommen einem die Tränen. Wie gut doch, dass es dem «Stehaufmännchen» aus dem deutschen Leimen gelungen ist, einen Teil seiner Schäfchen vor den Häschern des Insolvenzverwalters bei seinen Ex-Frauen ins Trockene zu bringen. Das hat ihm zwar – neben anderen Kunstgriffen – den Schuldspruch erst eingebracht, aber, was soll´s. Wenn alle die «Becker-Frauen» zu ihrem Wort stehen, dürfte der bedauerliche Blondschopf zumindest nach verbüsster Strafe einigermassen weich fallen.
Und die von Boris getrennt lebende Ehefrau Lilly gab schon mal ein Statement ab, als sie sich vom Schock des – in ihren Augen – allzu scharfen Urteils erholt hatte: «Es ist wichtig, dass jede Person weiss, dass wir, Amadeus, Noah, Elias (seine Söhne, Anm. der Redaktion), Barbara, seine Freundin Lilian, wir stehen alle hinter Boris.» Das mag syntaktisch nicht vollends korrekt sein, aber man erahnt, wie sie es gemeint hat…
Einen ähnlichen Treueschwur sandte Anna Ermakova, Beckers Tochter aus der Besenkammer, in Richtung «HM Prison Wandsworth». «Ich bin wirklich in einem Schock, dass mein Vater zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden ist», diktierte sie dem Boulevard-Journalisten in den Laptop. «Ich werde ihn unterstützen, und ich werde ihn besuchen, wann immer ich kann. Ich hoffe, das wird dann ein bisschen helfen, die Zeit zu überstehen.»
Noch bleiben Becker und seinen Anwälten ein paar Tage (bis zum 28.Mai), um in einer Revision um die Höhe des Strafmasses zu kämpfen. Der Schuldspruch indessen kann nicht angefochten werden. Sollten die Appellationsrichter tatsächlich Gnade vor Recht walten lassen, läge im – wenig wahrscheinlichen – Idealfall noch eine bedingte Strafe drin. Diesbezüglich sollte sich der derzeit berühmteste Insasse von Wandsworth jedoch nicht grosse Hoffnungen machen. Wer den Prosekutoren in einem Insolvenzverfahren Immobilien «unterschlägt», unrechtmässig Vermögenswerte verschiebt und ebensolche verschweigt, der wird im vereinigten Königreich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wenn´s ums Geld geht, ist die britische Krone unerbittlich. Wimbledon-Sieger hin oder her…
Kurzum, Titel und Trophäen helfen dem Erfinder der «Becker-Rolle», dem, der dem Deutschen Tennis in den 80er- und 90er-Jahren neues Leben einzuhauchen vermochte, im Augenblick nicht wirklich weiter. Von einer Aktion, wie Ronald Arthur – genannt «Ronnie» – Biggs – sie am 8. Juli 1965 abzog, ist ihm abzuraten. Wohl gelang diesem zusammen mit drei anderen Gefangenen damals die Flucht aus Wandsworth, indem sie mit einer Strickleiter über die Aussenmauer kletterten und in einen präparierten Möbelwagen sprangen.Was jedoch folgte, war eine 35 Jahre lange Flucht über Paris, Melbourne und Rio de Janeiro. Das sollte man sich im reifen Alter von 54 Jahren nun definitiv nicht mehr antun…