Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/1996

Kognitive Aspekte im Projektmanagement
Wenn Projekte Termin und Budget überziehen und Ärger und Verluste verursachen, dann hat das meist seine Gründe in fehlerbehafteten Organisations- oder Entscheidungsstrukturen. Wir scheuen uns nicht, hier den negativ besetzten Begriff "Fehler" zu benutzen. Menschliches Versagen beruht auf ursprünglich sinnvollem Verhalten, das jedoch in heutiger Umgebung unangebracht ist. Unsere Verhaltensweisen sind seit tausenden oder gar millionen Jahre konditioniert worden, und niemand kann dieses Erbe einfach abschütteln. Ein Pilot macht z.B. auf jedem Flug zahlreiche Fehler, ohne dass etwas passiert. Die meisten Fehler bleiben bei der Bedienung eines technischen Systems ohne Auswirkung. Die seltenen unfallverursachenden Fehler werden durch Abwehrsysteme abgefangen. Aus zehlreichen Unteruchungen von Unfällen weiss man, dass erst das gleichzeitige Versagen mehrerer Abwehrsysteme zu einer Katastrophe führt.
Fehlerforschung ist eine anerkannte Disziplin der kognitiven Psychologie. Bereits 1820 veröffentlichte Goethe eine Arbeit über "Hör-, Schreib- und Druckfehler". Als erster Psychologe versuchte James Sully 1881 menschliche Fehler zu klassifizieren und Erklärungsprinzipien zu finden. Bekannt sind Freuds Untersuchungen über Fehlleistungen Ende des 19. Jahrhunderts. Aber erst 1986, vor allem unter dem Eindruck von Tschernobyl, bekam die Fehlerforschung breite Beachtung. Seither untersuchen zahlreiche Forscher das Phänomen menschlicher Fehler bei der Bedienung komplexer technischer Systeme.
Ein Projekt ist zwar auch ein komplexes System, verhält sich aber ein wenig anders als ein technisches System, wie z.B. ein Kernkraftwerk, ein Flugzeugträger, ein einzelnes Flugzeug, ein chirurgisches Instrumentarium oder eine chemische Fabrikationsanlage. Eine grosse Anzahl von Fehlern haben in technischen Systemen gar keine Auswirkungen, während katastrophale Fehler von Fehlerentdeckungs- und Abwehrmechanismen entdeckt und korrigiert werden. In Projekten können alle Fehler zu Instabilitäten führen. Bis heute gibt es keine Fehlerentdeckungsmechanismen für soziale Systeme, vor allem auch deshalb nicht, weil man noch viel zu wenig darüber weiss, welche Fehler unter welchen Umständen gemacht werden können und welche Auswirkungen sie für das Projekt haben. So kann man im PMBOK auf 16 Seiten etwas über "Fehler" und "Fehlerbehebung" lesen, aber meist bezieht es sich bloss auf Produktefehler und niemals auf Entscheidungsfehler.
Natürlich wäre es am besten, wenn niemand Fehler machen würde. Aber es ist töricht zu fordern, dass man keine Fehler machen darf, denn das ist unmöglich. Die Forderung muss vielmehr lauten: Fehler müssen erkannt, klassifiziert und ihr Sinn verstanden worden sein, damit das umgebende Handlungs- und Entscheidungssystem angepasst werden kann. Das nennt man Lessons Learned.