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Diskussionsrunde am deutschen Fernsehen
Vermutlich sind bei der Schweizer Erstaufführung am 12. März 1972 Kontakte entstanden, die es den Aktiven der HAZ ermöglichten, den Film am 23. Juni 1972 im Theater am Neumarkt noch einmal zu zeigen.
Am 15. Februar 1973 strahlte das Erste Deutsche Fernsehen ARD (wiederum ohne Bayern) den Praunheim-Film aus. Das Echo auf den Film und die anschliessende Diskussion im Studio war gross. Auch bei uns.
Die Zeitschrift hey der SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) legte daraufhin ihren Lesern auf fünf Seiten eine Auswahl von Pressekommentaren vor.1 Sie sind aufschlussreich für die damalige Haltung in der (deutschsprachigen) Schweiz:
"Man wird am Ziel vorbeischiessen, wenn man dem Film anlastet, dass er vorhandene Vorurteile nur bestätigt, denn in Praunheims Optik spielt dies keine Rolle, weil die Selbstbefreiung des Homosexuellen bei sich selber und unter seinesgleichen beginnen soll. [...]
Es kam sowohl im Film wie in der anschliessenden spannenden und hart geführten Diskussion zum Vorschein, [...] dass dies der einzig richtige erste Schritt ist. [...]
Mit Recht wurde in der Diskussion immer wieder darauf hingewiesen, dass es im Grunde genommen weniger um das Problem der Homosexualität geht, sondern um die Stellung der Sexualität im christlichen Abendland. Es ist sinnlos, über Sexualität zu diskutieren, ohne gleichzeitig die Rolle der Frau, des Mannes oder der Familie in unserer Gesellschaft in Betracht zu ziehen. Denn diese gesellschaftliche/politische Sichtweise verdeutlicht, in welchem Sinne die ganze Sexualität seit Jahrhunderten unterdrückt und in welche Bahnen (Fortpflanzung) sie kanalisiert wurde. [...]
Man mag sich [...] zum Film stellen wie man will, zu leugnen, dass er unnötig wäre und nicht hätte ausgestrahlt werden dürfen, wäre Vermessenheit. Der homosexuelle Zuschauer vernahm eine Stimme, die ihm einen Weg aus seiner Isolation zeigen konnte, der Heterosexuelle wurde in einem bestürzenden Mass mit der Einsamkeit einer unterdrückten Minderheit konfrontiert."
Badener Tagblatt, Baden (AG)
"Ein Satz wie 'Die Tunte ist ehrlicher als der angepasste Schwule' [...] gibt die Zielrichtung des Films an. Praunheim macht dieses Problem der Anpassung, der [...] negativen Identität des Homosexuellen sichtbar, indem er die Geschichte eines jungen Homosexuellen an den Klichees mieser Groschenhefte misst, indem er sein Leben als Kopie bürgerlicher Verhaltensmuster wie Ehe und Familie, seine Träume als Illustriertenträume, seinen Hang zu Kitsch und Romantik als Sehnsucht nach Integration entlarvt. Das Scheitern dieser Mimikry führt ins innere oder äussere Exil: zur Vereinsamung oder Ghettobildung.
Fast unmerklich gibt der Film die Sprache der Courts-Mahler auf und wechselt hinüber in die gezierte Sprechweise, wie sie in einschlägigen Lokalen üblich ist. Der Ausschluss ist vollzogen. Praunheim begnügt sich jedoch nicht mit dieser Darstellung [...] homosexuellen Daseins - vom Versuch einer pseudobürgerlichen Ehe bis zum Strichgang - [...] er stellt dieser [...] Randexistenz die Vision einer freien, die Homosexualität bejahenden Gemeinschaft entgegen, er wird plakativ und agitatorisch. [...]
Die Diskussion kam in Gang, schlug Wellen, verebbte zeitweise im Leerlauf und löste bei den Teilnehmern [...] wie vermutlich auch bei den Zuschauern all jene Emotionen und Aggressionen aus, die am besten geeignet sind, die Berechtigung, ja Notwendigkeit dieses Themas zu beweisen."
NZZ, Neue Zürcher Zeitung
"An der anschliessenden Diskussion kamen nicht nur so genannte Experten zum Wort, sondern ganz besonders auch eine grosse Anzahl Betroffener, die von ihrer Freiheit zu reden praktisch unbeschränkt Gebrauch machten. Selbst als sie die Damen und Herren am 'Experten-Tisch' und die Sendung ganz allgemein recht unverblümt kritisierten, trat keine 'technische Störung' ein. [...] Aus medienpolitischer Sicht war dieser Abend ein echtes Erlebnis."
Die TAT, Zürich
Natürlich gab es auch negative Kommentare. Da sie aber nur die sattsam bekannten religiösen und anderen "Argumente" wiederholten, brauchen sie nicht zitiert zu werden.
Ernst Ostertag, Juli 2006
Quellenverweise
- 1
hey, Nr. 2/1973, Seite 4 ff