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Zentralschweiz
Das Gebiet der Kantone Uri, Schwyz, Nid- und Obwalden wird zusammen mit Luzern und Zug als Zentralschweiz bezeichnet. Es bildet eine Tourismusregion und wird von knapp einem Zehntel der Schweizer Bevölkerung, von rund 790’000 Menschen, bewohnt. Die katholisch geprägte Alpenregion behauptete sich über Jahrhunderte ebenso mit der Zucht und dem Handel von Vieh und Milchprodukten wie mit dem Export ihrer Söhne als Söldner. Die Forstwirtschaft bildet bis heute eine wirtschaftliche Ressource. Dazu wurden im 19. Jahrhundert der Fremden- und der Transitverkehr bedeutend. Die Industrie konzentrierte sich vor allem in den städtischen Agglomerationen von Luzern und Zug, ferner entlang der Gotthardachse und in etlichen Tälern.
Die untersuchten Kantone werden alphabetisch kurz vorgestellt.
Kanton Luzern
Durch Eroberungen, Kauf und Bündnisse schuf sich Luzern im 14. Jahrhundert einen Stadtstaat von schliesslich 1493 m2 Fläche. Das Gebiet reicht vom Brienzer Rothorn über den nördlichen Teil des Vierwaldstättersees bis ins See-, Suhren- und Wiggertal und umfasst im Südwesten die waldreichen Gebiete des Napfs und des Entlebuchs. Das republikanische Staatswesen entwickelte eine aristokratische Herrschaft, welche 1798 zusammenbrach. Luzern blieb jedoch der Hauptort der katholischen Zentralschweiz und stand 1847 an der Spitze des Sonderbundkrieges gegen die liberalen Kantone. In der Luzerner Landschaft existiert bis heute eine Vielfalt von Kleinunternehmen, auch im produzierenden Sektor. Die Grossindustrie etablierte sich spät und konzentrierte sich in den Gemeinden ausserhalb der Stadt vor allem in den Vorortgemeinden Emmen, Kriens und Ebikon, ferner in Sursee und Hochdorf. 2016 überschritt die Bevölkerungszahl des Kantons die Grenze von 400‘000 Einwohnern.
Industriekulturell bedeutende Stätten in der Stadt Luzern sind die Mühlenachse mit dem Nadelwehr im Stadtzentrum, die Hafen- und Bahnanlagen und das Verkehrshaus als bestbesuchtes Museum der Schweiz. In Kriens bauten zwei Generationen der Familie Bell ein Textil- und Maschinenindustrie-Unternehmen von Weltbedeutung auf. Emmen hat sich zum grössten Industrieort der Zentralschweiz entwickelt. Das Stahlwerk, die ehemalige Kunstseidenfabrik und die Rüstungsbetriebe, insbesondere die Flugzeugwerke und der Militärflugplatz, dominieren bis heute das Bild und die Wirtschaft der Gemeinde. Am Kanal, der durch das Stahlwerk führt, entstand 1885-86 das erste schweizerische Elektrizitätswerk für die öffentliche Stromversorgung. Aus dem 1891 gegründeten Kraftwerk Rathausen entwickelte sich die Centralschweizerische Kraftwerke AG, die vom Zürcher Energiekonzern Axpo dominiert werden.
Kanton Schwyz
Schwyz ist ein Kanton der landschaftlichen, ökonomischen und sozialen Gegensätze. 1291 war Schwyz mit Uri und Unterwalden einer der drei Gründerkantone der Eidgenossenschaft. Heute leben auf 908 m2 154‘000 Einwohner. Das Kantonsgebiet reicht vom oberen Zürichsee über den südlichen Teil des Zugersees bis an den Vierwaldstättersee. Mit dem Muotatal, dem Wägital und dem aufgestauten Sihlsee umfasst es grosse Bergtäler. Die aussichtsreichen, bis gegen 1800 m hohen Rigi-Gipfel wuchsen ab 1871 zum internationalen Tourismus-Magnet, nachdem die erste Bergbahn hinauf gebaut worden war. Die Industrie förderte die „Bergbahnisierung“ der Schweiz. Auch im Luft- und Standseilbahnmarkt war die Schweiz lange Zeit führend. Die Vielfalt der Konstruktionsfirmen überlebte nur Garaventa in Goldau. 2002 schloss sie sich mit Doppelmayr zum grössten Seilbahnhersteller der Welt mit 2000 Mitarbeitenden zusammen, der Geschäftssitz bleibt steuergünstig im Kanton Schwyz. Der grösste, industrielle Arbeitgeber ist die Messerfabrik Victorinox in Ibach-Schwyz. Industriegeschichtlich bedeutend ist auch Gersau als alter Seidenverlagsort im Rahmen der einst 10’000 zentralschweizerischen Arbeitsstätten, die für die Seidenherren arbeiteten.
Wichtig ist ebenfalls die Energiewirtschaft: 1926 nahm die AG Kraftwerk Wägital die Anlagen von Inner- und Vorderthal bis Siebnen mit dem gestauten Wägitalersee in Betrieb. Der 1932-37 gestaute Sihlsee ist der flächengrösste, künstliche See der Schweiz. Im Muotathal entstand 1953-70 eine Wasserkraftachse mit 7 Kraftwerken, aufwändigen Tiefbauten und eigenen Transportanlagen.
Den Bau der Gotthardbahn begleitete ein Boom des Baugewerbes. In Brunnen produzierte Holcim bis 2008 Zement. Der Niedergang der Hotellerie verschärfte die Krise bereits ab den 1910er Jahren. Im Kanton Schwyz verlagerte sich der Goldrausch hin zu Finanzdienstleistungen an die Zürichseeküste. Der dort konzentrierte Reichtum hat einen nationalen Steuerausgleich zur Folge, der dem Kanton kaum Mittel für seine Aufgaben lässt.
Kantone Ob- und Nidwalden
Unterwalden hiess das Gebiet ob und nid dem Kernwald, das 1291 den Bund der Eidgenossen schloss. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden daraus zwei Halbkantone, wobei Engelberg zu Obwalden kam. Seit 1999 sind Nid- und Obwalden als Vollkantone anerkannt. In Obwalden leben auf 492 m2 37‘000 Einwohner, in Nidwalden auf 276 m2 42‘400. Im Norden haben die Kantone ihre Grenze am Vierwaldstätter- und am Alpnachersee. Gegen Süden enden das Melch- und das Engelbergertal an Gebirgsketten, dessen höchster Punkt der Titlis mit 3238 Höhenmetern ist. Eine wichtige Nord- Südverbindung ermöglicht der nur 1008 m hohe Brünig-Sattel. Der Fremdenverkehr und seine Verkehrsinfrastruktur prägten die Wirtschaft in den vergangenen 180 Jahren stark. Der Tourismus ist kantonsübergreifend, er setzte auf den Seen und in den Tälern ein. Es folgte die Erschliessung der Aussichtslagen als naturgegebene Möglichkeit für eine gute Wertschöpfung, Höhepunkte sind hierbei das Stanserhorn und der Pilatus. Das Industriekulturprojekt berücksichtigt die zu den Hotels und Gewerbebetrieben führenden Adhäsions- und Zahnradbahnen, die Standseil- und Luftseilbahnen. Und in diesem Bereich haben Nid- und Obwalden Hervorragendes zu bieten. Zudem förderte die frühe Elektrifizierung den Bau von Kraftwerken, zu denen seit 1905 das Grosskraftwerk Obermatt gehört. Die Verkehrsachsen zum Gotthard, zum Brünig und nach Engelberg machten den Lopper für die Bahn- und Autobahnbauten gesamtschweizerisch zu einem der am dichtesten durchlöcherten Berge. Der produzierende Sektor ist von vielen KMU geprägt, auch in der Steinindustrie. Der grösste Betrieb ist das Pilatus-Flugzeugwerk Stans, ein wichtiger Arbeitgeber ist auch die Armee geblieben, unter anderem mit der Helikopter-Basis Alpnachstad.
Kanton Uri
Die zentrale Gotthardachse bildet von Nord nach Süd die Mitte des Kantons, von ihr gehen durch die Seitentäler die Passstrassen über den Klausen und den Susten und die Zahnradbahnen über den Oberalp und die Furka ab. 1291 war Uri mit Schwyz und Unterwalden einer der drei Gründerkantone der Eidgenossenschaft. Heute leben auf 1077 m2 36‘000 Einwohner. Der am 11. Dezember 2016 eröffnete, 57 km lange Gotthard-Basistunnel unterfährt die meisten Orte an der 1882 eröffneten Gotthardbahn. 17 Jahre früher, 1865, ermöglichte die Axenstrasse den durchgehenden Fahrverkehr über den Gotthard. Zuvor war der wenig begangene Gotthard mit den Talstufen und der Schöllenenschlucht nicht prädestiniert, eine der verkehrsreichsten Nord-Süd-Achsen Europas zu werden. Es bedurfte des Mythos und Abermilliarden von Steuergeldern, welche den Gotthard zum durchlöchertsten Gebirge machten – für Bahnen und Autos, für Festungen und Kraftwerke. Fast die ganze Industrie profitierte, als in der Schweiz das leistungsfähigste Kraftwerk, die stärkste Lokomotive oder später die höchste Staumauer entstanden. In der Urner Kantonshauptstadt entwickelte sich das Kabelwerk Dätwyler zum grössten, an einem Ort konzentrierten Arbeitgeber. Das für die Gotthardbahn-Elektrifizierung gebaute Kraftwerk Amsteg bot mit 82’000 PS einen neuen Leistungsrekord. Zu ihm gehörte ein umfangreiches Stollen- und Druckleitungssystem, mit dem das Wasser von der Göscheneralp und von Andermatt bis zum Vierwaldstättersee für die Kraftgewinnung genutzt wird.
Kanton Zug
1352 kam zur Eidgenossenschaft, blieb katholisch und stellte sich 1848 auf die Seite des Sonderbundes gegen die reformierten Kantone. Im Bundesstaat entwickelte sich der einst arme Kanton zum vermögensreichsten Kanton der Schweiz. Auf einer Fläche von 240 m2 leben heute 122‘000 Menschen. Topografisch ist der kompakte Voralpenkanton gegen Süden vom Zuger- und vom Ägerisee begrenzt. Zwischen den Seen und von Cham zur Reuss fliesst die Lorze. Wie kein anderer Fluss in der Zentralschweiz wurde die Lorze für die Gewinnung von Wasserkraft ausgebaut. Einzelne Unternehmen im Umfeld dieses Flusses wuchsen zu Weltgeltung, so Landis&Gyr/Siemens, die Haushaltgerätefabrik V-Zug oder die Anglo Swiss als Gründungsunternehmen von Nestlé in Cham, aber auch Glencore. Nestlé beschäftigt in Landwirtschfts-, Produktions- und Distributionsbetrieben über 1,2 Millionen Menschen; Glencore und andere in Zug und in der Zentralschweiz steuerbegünstigte Rohstoffhändler dominieren einen Viertel der globalen Industrieressourcenwerte.
Der einst industriellste Kanton der Zentralschweiz würdigt sein technisches Erbe unter anderem im Zuger Depot für Technikgeschichte. Nebst einer gut dotierten, amtlichen Denkmalpflege, dem engagierten Staatsarchiv und dem Museum Burg Zug besteht im ganzen Kanton eine grosse Zahl von privaten Sammlungen und Archiven. Der Hauptverdienst bei der Förderung des Bewusstseins für die Erhaltung von Industriekulturgütern gebührt den Vereinsleuten vom Industriepfad Lorze: Seit 1995 besteht der hervorragend ausgeschilderte Pfad mit 62 Standorten zwischen Ägeri, Menzingen, Baar, Zug und Cham.