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Dieser Beitrag entstand aus einer Zusammenarbeit des HLS mit infoclio.ch und als Reaktion auf eine Twitter-Debatte vom Mai 2021.1
Die Forderung ist nicht neu, dass auch Frauen und ihre Geschichte(n) durch die historische Forschung und in der Geschichtsvermittlung sichtbarer gemacht werden sollen – gerade auch, wenn diese durch öffentliche Beiträge finanziert werden. Während zwar entsprechende Forschungsprojekte gefördert werden und just in jüngster Zeit mehrere Publikationen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte erschienen sind,2 bleiben Frauen und ihre Biografien in den grossen Lexika und Nachschlagewerken weiterhin untervertreten.3 Auch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) ist sich dieser Problematik bewusst: «Nichts illustriert die Untervertretung der Frauen in der Geschichtsschreibung eindrücklicher als ein Zahlenvergleich zwischen Biografien über Männer (24'025) und Frauen (1190) im HLS», konstatierte die Redaktion 2019 anlässlich des Frauenstreiks und stellte in Aussicht, ihre Anstrengungen zu verstärken, die Resultate der lange marginalisierten Frauen- und Geschlechtergeschichte sichtbarer zu machen.4 Gleichzeitig publizierte das HLS 24 neue Artikel, die auf Pionierinnen der Schweizer Politik sowie Ereignisse wie den Frauenstreik 1991 und Organisationen fokussierten, zu denen sich Frauen während ihres langen Kampfes um politische Rechte und gesellschaftliche Gleichstellung zusammenschlossen.5
Die Gründe für die massive Untervertretung von Frauenbiografien liegen in der Anfangszeit des HLS, als ein Grossteil der Artikel geplant und realisiert wurde: Das gedruckte HLS wurde in den 1980er Jahren konzipiert, als die Frauengeschichte in der historischen Forschung noch weit weniger Aufmerksamkeit erhielt, was sich in den Inhalten spiegelt.6 In der Frauengeschichte wurden damals zwar methodische Ansätze ausgearbeitet, um dem Problem entgegenzutreten, dass Frauen während Jahrhunderten aufgrund eingeschränkter Handlungsspielräume und der ihnen verwehrten Rechte weniger Spuren in den historischen Quellen hinterlassen hatten. In der institutionalisierten Geschichtswissenschaft hatten sich diese Ansätze aber noch nicht etabliert. So erklärt sich, dass gerade für die Zeit vor 1800 der grossen Zahl von Adeligen, Politikern, Künstlern, Forschern etc. nur wenige Äbtissinnen, Nonnen und Herrscherinnen gegenüberstehen – konkret stehen in diesem Zeitraum von 277 Frauenbiografien 176 in einem religiösen Kontext. Zudem gab eine intern als «Alters-Guillotine» bezeichnete Regelung vor, dass Personen nur dann ins Lexikon aufgenommen werden, wenn sie bereits verstorben oder vor 1935 geboren waren, was viele prominente und engagierte Frauen des 20. Jahrhunderts ausschloss. Da ist es auch nur ein winzig kleiner Trost7, dass die Namen der Mütter und Ehefrauen in den Artikeln der Männerbiografien zu den obligatorischen Informationen gehörten und so – im Gegensatz zu früheren Nachschlagewerken – immerhin Erwähnung fanden.
Seither ist viel passiert, auch beim HLS: 1998 ging es in einer ersten Version online, wurde in den folgenden Jahren im digitalen Format weiterentwickelt und inzwischen sind viele Artikel mit multimedialen Quellen angereichert. Aber auch inhaltlich hat das Nachschlagewerk eine Modernisierung erfahren, insbesondere bezüglich der Integration der Frauen- und Geschlechtergeschichte: Die «Alters-Guillotine» wurde aufgehoben, 2019 das erwähnte Pilotprojekt Pionierinnen der Schweizer Politik realisiert und im laufenden Jahr – zum Jubiläum des Frauenstimm- und -wahlrechts – die Übersetzung von 180 Porträts des Projekts Hommage 2021 übernommen, knapp 70 Frauenbiografien und Sachartikel mit Bezug zur Gleichstellung aktualisiert und 65 neue Biografien aufgegleist, die bis 2022 publiziert sein sollen.
Das Ungleichgewicht in der Zahl der Biografien lässt sich dennoch kaum jemals austarieren. Und mit einer Erhöhung der Artikel über Frauen und zur Frauengeschichte allein ist das Problem auch nicht gelöst, vielmehr muss die frauen- und genderspezifische Perspektive auch in den übrigen Artikeln gestärkt werden. Um eine ausgewogenere Darstellung der Schweizer Geschichte zu erreichen, hat das HLS auch interne Strukturen und Mechanismen erneuert, indem bewusst und zunehmend mehr Autorinnen und Gutachterinnen zur Produktion neuer und Erweiterung älterer Artikel hinzugezogen werden.
Das Beispiel des HLS zeigt, wie vielschichtig und tiefgreifend die Stossrichtungen und die konkreten Massnahmen sein müssen, um ein Geschichtsbild erarbeiten, vermitteln und etablieren zu können, in dem Frauen nicht nur Ausnahmeerscheinungen sind oder Nebenrollen spielen. Hierzu gehören die Förderung von Forschungsprojekten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte und Initiativen zur Stärkung von Frauen bzw. gegen diskriminierende Strukturen im akademischen Berufsumfeld8 genauso wie eben auch eine sensibilisierte Vermittlung von historischen Inhalten.
1 Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Tweet, in dem thematisiert wurde, dass weniger als 5% aller Biografien des HLS, ein mit 106 Mio. Schweizer Franken durch die Öffentlichkeit finanziertes Projekt, Frauen betreffen. Chatelain, Olivier: Wer mit Wikipedia arbeitet…, Twitter, @oli_poli, 6.5.2021, https://twitter.com/oli_polit/status/1390334025840185350, Stand: 12.5.2021.
2 Zu den neusten Publikationen gehören u.a.: Studer Brigitte: La conquête d'un droit. Le suffrage féminin en Suisse, Neuchâtel 2020; Schmid, Denise u.a.: Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971-2021, Zürich 2020; Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben. Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900, Zürich 2020; Rogger, Franziska: «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten!». Die Ursprünge der Schweizer Frauenbewegung und ihre Pionierin Julie Ryff (1831–1908), Basel 2021.
3 Auf der deutschsprachigen Wikipedia z.B. handeln rund 16% der Biografien von Frauen, was u.a. Schweizer Medienschaffende seit 2018 dazu bewegt, regelmässig an sogenannten Edit-a-thons kollaborativ an Wikipedia-Einträgen über Frauen zu schreiben. Vgl. Edit-a-thon «Frauen für Wikipedia», https://editathon.events.srf.ch/#414A02, Stand: 17.5.2021.
4 Gleiches Recht auf Geschichte: 24 neue Artikel zur Frauen- und Gendergeschichte im HLS, in: infoclio.ch, 17.6.2019, https://www.infoclio.ch/de/gleiches-recht-auf-geschichte-24-neue-artikel-zur-frauen-und-gendergeschichte-im-hls, Stand: 12.5.2021.
5 «Sie war die erste …»: Pionierinnen der Schweizer Politik, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 13.6.2019, https://hls-dhs-dss.ch/de/dossiers/000012/2019-06-13/, Stand: 12.5.2021.
6 Einblick in den Stand der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den 1980er Jahren und ihre Einbindung in die institutionalisierte Forschung gibt u.a.: Wecker, Regina: Frauengeschichte – Geschlechtergeschichte, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 1991 (41/3), S. 308-319.
7 Dieser Trost mag zwar beschränkt sein, blieb die Rolle dieser Frauen dabei doch auf jene als Mutter bzw. Ehefrauen prominenter Männer reduziert, die Bemühungen zur Beschaffung dieser Informationen hingegen waren immens: Tausende Anfragen wurden an Zivilstandsämter geschickt und das HLS schloss mit mehreren Kantonen institutionelle Vereinbarungen, damit ihre Autorinnen und Autoren die entsprechenden Auskünfte erhielten.
8 Zu den neueren Initiativen gehören etwa die Bildung des Historikerinnennetzwerks oder das Akademische Manifest für den Frauen*streik 2019.