Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/848

In einem etwa 99 Millionen Jahre alten Bernstein aus Myanmar entdeckten Forschende eine neue Landschnecken-Art. Das Gehäuse der Schnecke weist kurze, borstige Haare auf, die aus mehreren Gründen einem evolutionären Selektionsvorteil gedient haben könnten – womöglich profitierten die behaarten Arten beispielsweise bei der sexuellen Selektion.
Nur 150 bis 200 Mikrometer lang sind die feinen Härchen, die auf der Schale der neu entdeckten Art Archaeocyclotus brevivillosus sp. nov. mittels klassischer Mikroskopie und 3D-Röntgen-Mikro-Computertomographie gefunden wurden. «Es ist bereits die sechste Art aus der Familie der Cyclophoridae, der ‚‹Turmdeckelschnecken›, die behaart ist», erläutert Dr. Adrienne Jochum vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und dem Naturhistorischen Museum in Bern und fährt fort: «Die Verzierung von fossilen und heutigen Landschneckengehäusen mit Rippen, Haaren, Noppen oder Falten ist nicht ungewöhnlich – die Ausbildung solch einer ‹Dekoration› ist dennoch ein komplexer Prozess, der in der Regel nicht ohne Zweck geschieht.»
Die Behaarung von Schneckenhäusern wird von der obersten proteinhaltigen Schalenschicht (Periostracum) gebildet. Bei mehreren Familien von Landschnecken, wie beispielsweise den Laub-, Schnirkel- oder Polygyridaeschnecken sind behaarte Schalen bekannt, was darauf hindeutet, dass die Behaarung im Laufe der Evolution der Landschnecken mehrmals unabhängig voneinander auch bei nur entfernt verwandten Gruppen aufgetreten ist.
«Die von uns neu beschriebene Art, Archaeocyclotus brevivillosus, stammt aus einer kreidezeitlichen Bernstein-Mine aus dem Hukawng-Tal in Birma und wurde dort bereits vor 2017 gesammelt. Die fossile Schnecke ist 26,5 Millimeter lang, 21 Millimeter breit und 9 Millimeter hoch. Sie trägt kurze Haare, die den äußeren Rand der Schale säumen und sich an der Schalenöffnung bündeln. Ihr folgerichtiger Name leitet sich vom Lateinischen brevis – kurz, klein – und villōsus – haarig, zottelig – ab», beschreibt Jochum das Tier.
Insgesamt acht Arten der Familie Cyclophoridae wurden aus dem birmanischen Bernstein geborgen – sechs davon tragen borstige Schalen. Kein Zufall, glauben die Wissenschaftler:innen: Sie gehen davon aus, dass die Behaarung den Schnecken einen evolutionären Vorteil bot. «Die Haare könnten den Tieren beispielsweise – das wurde schon bei heute lebenden Schnecken beobachtet – helfen, sich an einem Pflanzenstamm oder an Blättern besser zu verankern. Möglicherweise sorgten sie auch für die Wärmeregulierung der Schnecke, indem sie das Anhaften von winzigen Wassertropfen an der Schale ermöglichten und so als ‹Klimaanlage› dienten. Oder sie schützten das Schneckenhaus vor dem Zerfall in der stark sauren Erde und dem Blattstreu des alten tropischen Waldbodens. Die Borsten könnten auch der Tarnung gedient haben oder die Schnecke vor einem direkten Angriff geschützt haben. Und letztlich ist es auch nicht auszuschließen, dass die Haare als Vorteil bei der sexuellen Selektion dienten», fasst Jochum die möglichen Vorzüge der haarigen Schnecken zusammen.
Die Studie erschien im Fachjournal «Cretaceous Research». Die Originalpublikation finden Sie hier.