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Erick Benitez ist ein Freund von mir, der seit mehr als 15 Jahren in Japan lebt. Aufgewachsen ist er in Mexiko, wo er IT-Wissenschaften studierte. Mit 25 erhielt er ein Stipendium, um ein Masterstudium in Japan zu absolvieren. Bei meinem Aufenthalt in Japan habe ich Erick in Tokio getroffen und mit ihm über seine Erfahrungen in einer anderen Kultur gesprochen.
Erick, was war dein grösster kultureller Schock, als du vor mehr als 15 Jahren in Japan ankamst?
Der grösste Unterschied zu anderen Kulturen ist die Demut, mit der die Gesellschaft hier lebt. Es war etwas vom wichtigsten, diese Demut in ihren vielen Aspekten zu verstehen. Das gleiche gilt für ein weiteres, sehr wichtiges Konzept hier: niemanden auf die Nerven zu fallen.
Kannst du dazu ein Beispiel machen?
Im Zug und in der U-Bahn ist es immer sehr ruhig. Niemand spricht, alle versuchen, keine Geräusche zu machen. Keiner will die anderen stören. Das ist zuerst eigenartig. Und mit der Zeit sehr wohltuend. Inzwischen regen mich Ausländer auf, die in der U-Bahn schwatzen.
Gibt es weitere kulturelle Unterschiede, die dir aufgefallen sind, als du nach Japan gekommen bist?
Dass es hier kein Trinkgeld gibt. Weder im Restaurant, noch im Taxi. Die Menschen verrichten ihre Dienstleistung mit Stolz und eben Demut. Für sie wäre es total eigenartig, dafür noch extra bezahlt zu werden. Im Westen erkaufen wir uns Freundlichkeit und guten Service, hier in Japan ist es den Angestellten ein ureigenes Bedürfnis, die Gäste zufrieden zu stellen.
Welche Hauptunterschiede bestehen zwischen den Arbeitsbedingungen in Mexiko und Japan?
Zuerst sind mir die Ähnlichkeiten aufgefallen, zum Beispiel die langen Arbeitszeiten oder die hierarchischen Strukturen in den Firmen. Der grösste Unterschied zeigt sich in der Sprache. Und ich meine nicht einfach, dass Japanisch anders ist als Spanisch. In der japanischen Sprache gibt es ein spezielles Element. Es heisst Keigo und kann mit "respektvolle Sprache" übersetzt werden. Es ist für Ausländer sehr schwierig, das Prinzip von Keigo zu verstehen, weil es eine "Hierarchiesprache" ist. Sie verändert sich, je nachdem, ob du mit jemandem sprichst, der in der Organisation über dir steht oder unter dir. Einige Firmen bieten Hochschulabsolventen Kurse an, um Keigo richtig anzuwenden.
Das tönt sehr kompliziert. Und die japanische Sprache ist ja ohnehin nicht einfach.
Das ist so. Die japanische Sprache hat ein enorm grosses Vokabular. Und trotzdem bleibt die Sprache häufig sehr vage. Darum ist es ganz wichtig, sich Dinge immer bestätigen zu lassen, weil sonst die mehrdeutigen Situationen zu Missverständnissen führen. In der japanischen Sprache gibt es den Ausdruck "Kuuki wo yomenai", was übersetzt "Lies die Situation" bedeutet. Auch eine Zustimmung in einem Gespräch wie "hai", eigentlich "Ja", bedeutet nicht zwingend "Ja", sondern eher "Ich höre dir zu". Das führt ebenfalls häufig zu Missverständnissen und es ist wichtig, am Schluss nachzufragen, wie das Gegenüber zu den diskutierten Punkten steht.
Abgesehen von der Sprache: was ist bei der Arbeit in Japan anders als in Mexiko?
In Japan dauert es sehr lange, bis Entscheide fallen. In der japanischen Kultur werden Entscheide erst gefällt, wenn alle einverstanden sind. Das kann die Entscheidfindung in einer Firma sehr langwierig und aufwändig machen.
Was ist für dich auch nach 15 Jahren in Japan noch seltsam?
Die starke, hierarchische Struktur in den Firmen. Damit hängen auch die langen Arbeitszeiten zusammen. Solange der Chef nicht Feierabend macht, bleiben auch seine Unterstellten im Büro. Und der Chef will nicht vor seinen Angestellten gehen. Die Angestellten wollen damit zeigen, wie fest sie sich für die Firma engagieren. Dabei ist die Produktivität dann allerdings sehr klein. Diese Arbeitskultur ist für mich das Schwierigste bei der Arbeit in Japan.