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Gekurvtes Zwischenstück
FLUGT – Refugee Museum of Denmark
Mit einer einladenden architektonischen Geste verbinden BIG Architekten zwei Häuser zu einem Museum. Auf dem Gelände des ehemaligen Flüchtlingslagers für heimatvertriebene Deutsche in Oksbøl dient es nun der lokalen und der allgemeinen Wissensvermittlung zu Flüchtlingsströmen. Das eigentliche Exponat bleibt das Territorium.
Zwei eingeschossige Ziegelbauten mit Walmdach, dazwischen ein Verbindungsgebäude, das sich – mit Cortenstahlplatten verkleidet – schleifenartig nach aussen wölbt: «Flugt» heisst eines der jüngsten Museen Dänemarks. Am 25. Juni 2022 wurde es im Beisein von Königin Margrethe II. und dem deutschen Vizekanzler Robert Habeck eingeweiht. Wir befinden uns in Südwestjütland, knapp 100 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze. BIG waren für die architektonische Gestaltung verantwortlich, für die Szenografie Tinker Imagineers aus Utrecht.
Nur wenig erinnert in der waldreichen Umgebung von Oksbøl daran, dass sich hier in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein vier Quadratkilometer umfassendes Flüchtlingslager befand. Historisch bedeutsam wurde das Lager Oksbøl im Zuge der Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs im Frühjahr 1945. Obwohl sich die Situation in Ostpreussen schon lange abzeichnete, nämlich indem der Vorstoss der Roten Armee unaufhörlich voranging und die deutschen Gebiete im Osten mehr und mehr eingekesselt wurden, unternahm die Reichsregierung in Berlin lange nichts, um ihre Bevölkerung zu schützen.
Eine Evakuierung wurde dann erst hektisch im Frühjahr 1945 eingeleitet. Ab Februar des Jahres begann eine dramatische und chaotisch organisierte Rettungsaktion der in Pommern und Ostpreussen eingekesselten Menschen über die Ostsee. Zwei Millionen Personen traten auf diese Weise die Flucht an, 350 000 – so war es noch im Februar mit dem zuständigen Reichsbevollmächtigten vereinbart worden – langten in den Ostseehäfen des besetzten Dänemark an, so in Kopenhagen oder Apenrade. Von hier aus wurden sie in Flüchtlingslager verbracht, von denen Oksbøl das grösste war. Wenig später galt das Lager mit einer Belegung von bis zu 35 000 Personen als fünftgrösste Stadt Dänemarks. An diese Zeit soll Flugt gemahnen, doch die Ambition ist grösser: Flugt trägt den Untertitel «Refugee Museum of Denmark». Das verdeutlicht den Anspruch, hier auch Problematiken der aktuellen Fluchtgeschichten Raum zu geben.
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Zu den wenigen baulichen Relikten, die vor Ort erhalten blieben, zählen zwei gemauerte Lazarettbauten aus dem Jahr 1941. Die im rechten Winkel zueinander stehenden Volumina, einst an der Nordostecke des Lagers gelegen, dienten zunächst als Unterkunft für dänische Kriegsdienstverweigerer, dann lange Jahre als Jugendherberge. Nun sind sie zu den beiden Ausstellungstrakten des Museums Flugt geworden.
Zugang in eine neue Welt
Ursprünglich besassen die beiden Bauten separate Eingänge und waren nur mittels eines winkelförmigen Vordachs miteinander verbunden. An dessen Stelle ist nun das Verbindungsgebäude von BIG getreten, das die etwa 1000 Quadratmeter Nutzfläche der Bestandsgebäude um 540 Quadratmeter erweitert und damit Platz für eine Reihe von Zusatzfunktionen schafft. Die Firstlinie des nördlichen Lazarettgebäudes aufgreifend, wölbt sich der Neubau nach vorne, um dann zurückschwindend an das westliche Gebäude anzudocken. Die der versetzten Anordnung der Bestandsbauten geschuldete leichte Asymmetrie ist von aussen kaum wahrzunehmen.
Die schuppig-streifige Aussenhaut aus Cortenstahl, mit der Wände wie Dachflächen verkleidet sind, wirkt zunächst fast festungsartig, als handele es sich um ein kleines fensterloses und turmartiges Bollwerk; doch gelingt BIG ein überzeugendes Zusammenspiel auf der Ebene von Textur (Ziegelstein und Stahlschuppen) sowie Materialität und Farbigkeit. Mittig vertikal gelagert, gewährleistet das drehbare Tor während der Öffnungszeiten des Museums den Zugang – und schon steht man in einem lichten, überaus fein detaillierten Innenraum, der nicht nur Empfang und Kassenbereiche aufnimmt, sondern auch Museumsshop, Garderobe und Toiletten. Da der Dachstuhl offen ist, erstaunt die Höhe, und ebenso überraschend ist nach der geschlossenen Aussenfront der rückwärtige Ausblick in die Landschaft über einen komplett verglasten, tropfenartig eingeschnürten und nur von aussen zugänglichen und mit einem kleinen Reflexionspool versehenen Innenhof.
Weitere Artikel zu Museumsbauten finden Sie in unserem digitalen Dossier.
110 beidseitig in Dachsparren mündende helle Holzpfeilerstrukturen bilden das radial orientierte Tragwerk; in den Zwischenräumen wird die Konstruktion dekorativ in schmalere Holzleisten übersetzt, die farblich mit der dahinter befindlichen schwarzen Innendecke kontrastieren. Links vom Vestibül sind Sanitärräume und Garderobe, rechts davon Kasse und Museumsshop angeordnet. Schleifenartig organisiert, in seiner Materialisierung mit hellem Holz und gelbem Ziegelboden typisch skandinavisch anmutend, weitet sich der Foyerbereich zu den beiden historischen Bauten. Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist deutlich sichtbar, nicht zuletzt durch eine Lichtfuge, die die Dächer voneinander trennt. Doch das Gegenüber erscheint hier nicht zwanghaft überinstrumentiert; wie auch am Äusseren bleiben die unterschiedlichen Zeitschichten erkennbar, verbinden sich aber zugleich.
Erkenntnisgewinn mittels Architektur
Im Inneren haben BIG die kleinteilige Kammerstruktur zu einem grossen Teil entfernt, um Platz für grössere Räume zu schaffen, wobei sie aber nach Möglichkeit bestehende Wandelemente für die Raumgliederung beibehielten und damit Substanz weiternutzten. Auch die historischen Dachstühle blieben erhalten – zumindest im Nordflügel, in dem das Thema Flucht und Vertreibung in einer Abfolge von sieben Ausstellungsbereichen auf globaler Ebene thematisiert wird. Im Westflügel hingegen ist das historische Lager Oksbøl das eigentliche Thema.
Leider kommt die in Endlosschleife laufende Filmprojektion über einige Allgemeinplätze kaum hinaus. Tinker Imagineers setzen – wie schon bei Tirpitz – auf eine rein akustische Vermittlung der Inhalte via Audioguide. Die Information, dass es im Lager auch Schulunterricht, Kino und Theater gab, lässt die Lagerrealität kaum anschaulich werden. Wer substantielle Informationen sucht, wird lediglich im Museumsshop fündig.
Bedauerlicherweise erfährt man vor Ort gar nichts – lediglich bei einem Rundgang mit dem Audioguide durch das heute von Wald überwachsene ehemalige Lagergelände, von dem nur noch die Wegstruktur erhalten geblieben ist, erhält man die eine oder andere Information. Auch im Nordflügel, der der Aktualität der Fluchtthematik gewidmet ist, setzten Tinker Engineers eher auf Emotionalisierung denn auf Wissensvermittlung. Bewegt man sich durch die Ausstellung, so blenden sich immer wieder Stimmen von Geflüchteten aus verschiedenen Zeiten und Regionen ein. Doch wie lässt sich eine Fluchtbiografie in vorgegebenen maximal 90 Sekunden erzählen? Mehr als ein paar Anekdoten oder Allgemeinplätze bleiben nicht übrig, und das wird den jeweiligen Schicksalen nicht gerecht. Die Ausstellungsinszenierung wirkt oberflächlich, weil mit den Narrativen unterkomplex umgegangen wird.
Regionale Verbindungen
Wer ohnehin mit einer rein akustischen Vermittlung hadert und ganz altmodisch zu lesen bereit wäre, wird mit der Szenografie von Flugt kaum glücklich werden. Architektonisch hingegen ist das neue Museum rundum gelungen. BIG haben ein überzeugendes Gegenüber und Miteinander von Alt und Neu gefunden, und auch das Café, das sich an den Projektionsraum zur Geschichte des Lagers anschliesst, wirkt mit seiner Innenausstattung und den Möbeln des Herstellers Hay aus dem nahen Horsens einladend und überzeugend. Wer Richtung deutsche Grenze zurückfährt, kann übrigens in der Region noch ein weiteres Projekt von BIG besuchen: den 2021 eingeweihten und als Doppelhelix aus Cortenstahl konzipierten Marsk Tower, von dem aus sich ein phantastischer Ausblick auf das dänische Wattenmeer bietet.
Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 10/2023 «Vom Trennen und Fügen».
Flugtmuseum Oksbøl, DK
Umnutzung/Sanierung Bestand und Neubau
Bauherrschaft
Vardemuseerne, DK
Architektur
BIG, Kopenhagen DK
Szenografie
Tinker imagineers, Utrecht NL
Tragwerksplanung
ingeniør’ne, Kolding DK
Akustik
Gade & Mortensen, Charlottenlund DK
Landschaftsplanung
BIG landscape, Kopenhagen, DK
Auftragsart
direkt
Fertigstellung
06/22
Volumen
1600 m³, davon 540 m³ Neubau