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Einführung
Flachgewebe, die "armen kleinen Verwandten" in der Teppichwissenschaft, stossen heute mehr und mehr auf Interesse bei Forschern und Sammlern, während sie im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast völlig unbeachtet blieben. Kelim, Cicim, Sileh, auch Sumach und Verneh und viele andere Formen, wurden im wesentlichen für den Eigengebrauch hergestellt und, vielleicht mit Ausnahme der Sehne und Bidjar-Kelims, weder auf grossen Märkten angeboten noch kommerziell für den Export produziert. Heute aber erregen flachgewebte Teppiche, verschiedenste Typen von Säcken und Taschen unser Interesse und unsere Bewunderung durch den Reichtum ihrer Formen und ihre ausserordentlich variationsreichen Techniken. Mehr vielleicht als geknüpfte Erzeug-nisse haben sie noch Ursprünglichkeit bewahrt und werden bis heute in traditioneller oder doch nur wenig veränderter Weise hergestellt.
Leinwand- und Repsbindung (plain weave tabby, rib weave)
Leinwandbindung (vgl. Fig.2) hat die einfachste Bindungsform eines Gewebes: Der erste Schuss-faden verläuft über und unter einem Kettfaden, der zweite umgekehrt. Auch die Grundbindung von geknüpften Geweben (siehe Knüpfgewebe) beruht auf dem Prinzip der Leinwandbindung. Reps-bindung ist im Prinzip gleich aufgebaut wie Leinwandbindung, doch erscheint "auf der Ober-fläche nur der Schuss (Schussreps, vgl. Fig.3) oder nur die Kette (Kettreps) deutlich, während das andere Fadensystem kaum sichtbar ist. Bei Schussreps ist der Schuss feiner und dichter angeschlagen, bei Kettreps ist die Kette feiner und dichter ausgespannt.
Wirkerei (Kelim-Technik, tapestry)
Beim Wirken werden mehrere verschiedenfarbige Schüsse dem Muster entsprechend durch die Kette hin- und hergeführt. In der Grundbindung, Schuss-reps oder schussrepsartige Leinwandbindung, herrschen die farbigen Musterschüsse vor, wäh-rend die Kettfäden fast völlig oder ganz ver-schwinden. Vorder- und Rückseite eines gewirkten Gewebes weisen genau das gleiche Bild auf.
Je nachdem, wie die Stellen, an denen zwei ver-schiedenfarbige Schüsse aufeinandertreffen und umkehren, ausgearbeitet sind, lassen sich ver-schiedene Wirkerei-Techniken unterscheiden. Für die verschiedenen Wirkerei-Arten hat sich bei vielen Teppichwissenschaftern und Sammlern der Begriff "Kelim-Wirkerei" eingebürgert. Einige verstehen allerdings unter dieser Bezeichnung nur Schlitz-wirkerei (vgl. Fig. 4), während andere den Begriff "Kelim" für Flachgewebe allgemein oder für flach-gewebte Randborten an Knüpfteppichen anwen-den. Es ist deshalb von Vorteil, die folgenden rein technologischen Definitionen zu benutzen.
Schlitzwirkerei (slit or Kelim tapestry)
Bei der Technik der Schlitzwirkerei (vgl. Fig. 4) kehren zwei verschiedenfarbige Schüsse mehrmals um die beiden gleichen, benachbarten Kettfaden um und verbinden sich nicht miteinander. Zwischen den Umkehrstellen entsteht eine kleine Schlitz-öffnung.
Verhängte Wirkerei (interlocking tapestry)
Bei der Technik der verhängten Wirkerei werden zwei verschiedenfarbige Schüsse beim Umkehren zwischen zwei Kettfaden einfach (vgl. Fig. 5a) oder doppelt (vgl. Fig. 5 b) ineinander Verhängt. In beiden Fällen entsteht keine Schlitzöffnung.
Verzahnte Wirkerei (dovetailed tapestry)
Bei der Technik der verzahnten Wirkerei (vgl. Fig. 6) werden zwei verschiedenfarbige Schüsse beim Umkehren um einen gemeinsamen Kettfaden geführt. Auch hier lässt sich so die Schlitzbildung vermeiden.
Normalerweise ergeben sich bei den erwähnten Wirkerei-Techniken durch das stufenweise Ver-setzen der verschiedenfarbigen Schüsse treppen-artige Musterformen. Um schräge oder abgerun-dete Formen zu erreichen, legt man die ver-schiedenfarbigen Schüsse manchmal nicht recht-winklig zu den Kettfaden ein, sondern schräg oder bogenförmig, indem man sie an verschiedenen Stellen mehr oder weniger stark zusammenpresst.
Diese Technik mit teilweise schräglaufenden Schussfäden «Sehne-Wirkerei» bringt eine stellen-weise Verschiebung der Kettfäden mit sich (vgl. Fig. 7).
Um ein Muster deutlicher hervorzuheben und Schlitze zu vermeiden, können die Konturen eines Motivs mit schrägen Fäden umfahren werden (vgl. Fig. 8).
Sumach oder umschlingendes Wickeln (weft wrapping)
Bei der allgemein als "Sumach" bezeichneten Technik (vgl. Fig. 9 und 10) umfassen verschie-denfarbige Schüsse in umschlingender Form die Kettfaden in einer Vorwärtsbewegung über meist zwei oder vier und in einer Rückwärtsbewegung unter entsprechend einem oder zwei. Auf jeden Musterschuss folgt in der Regel ein dünnerer Zwischenschuss über und unter, nach der nächsten Reihe entsprechend unter und über einem Kettfaden (Prinzip der Leinwandbindung) zur Verfestigung des Gewebes. Der Zwischenschuss kann aber auch fehlen. Die beiden Seiten eines Sumach-Gewebes sind nicht identisch: Auf der Vorderseite entstehen Reihen kurzer, leicht schräger, versetzter, auf der Rückseite kurzer, gerader Linien. Die schrägen Linien der Sumach-Reihen laufen alle in gleicher Richtung (gleich-laufender Sumach, plain weft wrapping, vgl. Fig. 9) oder wechseln die Richtung nach jeder Reihe (gegeneinanderlaufender Sumach, countered weft wrapping, vgl. Fig. 10), so dass sich Reihenpaare von liegenden V-Formen ergeben. Auf der Rück-seite sind die Fäden entweder flottant weitergeführt oder abgeschnitten, wobei man manchmal lange Fadenenden hängen lässt.
In Sumach-Technik lassen sich ganze Gewebe-flächen oder einzelne Musterbänder verzieren oder aber nur einzelne Mustermotive auf meist leinwand- oder repsbindigem Grund hervorheben. Sumach-Technik wird häufig verwechselt mit Stielstich-Stickerei, die im fertigen Stoff eine ähnliche Struktur hervorbringt. Im ersten Fall werden jedoch die Muster während des Webvorgangs eingeschlun-gen, im zweiten hingegen nachträglich auf einen Stoffgrund aufgestickt.
Musterbildende Zierschuss- Techniken (extra weft patterning)
Zur Musterbildung werden in ein Grundgewebe in Leinwand- oder Schussrepsbindung zusätzliche verschiedenfarbige und meist etwas dickere Schüsse eingelegt, die dem Muster entsprechend nur stellenweise auf der Vorderseite erscheinen.
Bei der Lancier-Technik (vgl. Fig. 11) laufen diese Zierschüsse von Webkante zu Webkante und werden auf der Rückseite oft über längere Stellen flottant geführt.
Laufen hingegen die Zierschüsse nur an den einzelnen Musterstellen hin und her und werden auf der Rückseite meist abgeschnitten, so handelt es sich um Broschier-Technik (vgl. Fig. 12).
Schliesslich bleibt eine öfters besonders bei Belutschen vorkommende Technik zu beschreiben, die in Schussrepsbindung mit mehreren verschie-denfarbigen, gleich dicken Musterschüssen ohne Grundschuss gearbeitet wird (vgl. Fig. 13). Ent-sprechend dem Muster erscheinen die verschie-denen Schüsse abwechselnd auf der Vorderseite in Schussrepsbindung und werden bis zur nächsten Musterpartie gleicher Farbe auf der Rückseite flottant weitergeführt. Diese Technik ergibt auf der Vorderseite ein ähnliches Bild wie Wirkerei, zeigt aber auf der Rückseite im Gegensatz zu dieser flottante Fäden. Die Schüsse werden ganz dicht angeschlagen, und das fertige Gewebe erscheint an den so gearbeiteten Musterstellen sehr dick.