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In unserem letzten Blogbeitrag haben wir das neue Modell der Zuchwertschätzung der Schlachtmerkmale vorgestellt. Eine Besonderheit der Zuchtwertschätzung für Schlachtmerkmale ist, dass die sechs Merkmale vom Typ her zwei generell unterschiedlichen Merkmalskategorien zuzuordnen sind.
Einerseits haben wir mit den Merkmalen Schlachtgewicht und Fleischigkeit Maximalmerkmale, in denen es darum geht die Populationen zu einem Maximum zu verschieben. Andererseits haben wir mit den Merkmalen Fettabdeckung Bankkälber und Banktiere Optimalmerkmale. Hier möchte man die Populationen zu einem Optimum hin zu bewegen. Die Situation in der Basispopulation sowie der genetische Trend liefern die Antwort auf die Frage über die rassenspezifische Gewichtung der einzelnen Merkmale.
Die Auswertung erfolgt rassenübergreifend. Im Rahmen des post-processings der Ergebnisse werden die Zuchtwerte auf die jeweilige Rassenbasis gestellt, da die praktische Zuchtarbeit immer innerhalb der Rassen organisiert ist.
Die rassenübergreifende Auswertung liefert jedoch weitere Ergebnisse die für den Tierzüchter interessant sind. Aus dem Vergleich der jeweiligen Basispopulationen können die Rassenkonstanten abgeleitet werden. Diese liefern Einblick in die relative Positionierung der Rassen und vergleicht damit das genetische Niveau der Rassen untereinander. Der Verlauf der durchschnittlichen Zuchtwerte nach Geburtsjahr innerhalb Rasse liefert die züchterische Entwicklung, den sogenannten genetischen Trend.
Resultierend aus den Rassenkonstanten des Merkmals Fettabdeckung Banktiere sind die relativen Unterschiede zwischen den Rassen im Vergleich zu Limousin dargestellt.
Diese Abbildung erlaubt lediglich eine Aussage über die relative Lage der jeweiligen Population, nicht aber über die absolute Lage einer Population. So kann gesagt werden, dass die Rassen innerhalb der grünen Box (CH18 = Charolais, AU18 = Aubrac, LM18 = Limousin) genetisch ein tieferes Vermögen haben Fett anzusetzen als diejenigen Rassen innerhalb der blauen Box (SI18 = Simmental, OB18 = Original Braunvieh, AN18 = Angus).
Rund 8 Mio. Records werden aktuell in der Zuchtwertschätzung berücksichtigt. So sind die Basisjahrgänge entsprechend gut besetzt. Dies erlaubt eine zuverlässige Analyse der phänotypischen Verteilung in der Basispopulation.
Mit Ausnahme der Fettabdeckung Banktiere Rasse Angus wurde festgestellt, dass das derzeitige phänotypische Mittel in der aktuellen Basispopualtion sowohl bei Aubrac, Original Braunvieh, Charolais, Limousin und Simmental unterhalb dem Optimum (Fettklasse 3) liegt. Optimal wäre ein Mittelwert von 3 bei einer möglichst geringen Streuung. Letzteres aber wird mit den heutigen Methoden sowieso züchterisch nicht bearbeitet. So haben mit Ausnahme von Angus alle Rassen Bedarf das Merkmal Fettabdeckung züchterisch zu erhöhen.
Der genetische Trend (Verlauf der durchschnittlichen Zuchtwerte in Abhängigkeit der Geburtsjahre) liefert einen weiteren wichtigen Hinweis in welche Richtung ein Optimalmerkmal verschoben werden sollte.
Praktisch alle Rassen haben aktuell einen negativen genetischen Trend im Merkmal Fettabdeckung, was mit der Rückmeldung aus der Praxis übereinstimmt. Unter Berücksichtigung der Lage der Basispopulation und der genetischen Trends ist es daher mit Ausnahme von der Rasse Angus Merkmal Banktiere empfehlenswert, die Fettabdeckung Gesamtzuchtwert bzw. Teilindex Fleisch zu berücksichtigen, um den negativen Trend umzukehren. Sonst werden kommende Generationen in der Fettabdeckung noch weniger dem Ansprüchen am Markt entsprechen, als dies heute schon der Fall ist.
Weniger einheitlich über die Rassen hinweg ist der Trend in den Merkmalen Fleischigkeit und Schlachtgewicht. So haben wir bei Limousin, Angus und Simmental heute positive Trends in beiden Merkmalen, Original Braunvieh dagegen hat im Merkmal Fleischigkeit ein Plateau ohne positiven Trend.
Da in der Zucht praktisch immer mehrer Merkmale gleichzeitig behandelt werden müssen, braucht es eine Strategie, welche eine gleichzeitige Verbesserung von mehreren Merkmalen ermöglicht. Das Instrument dafür ist die sogenannte Indextheorie, welche im Gesamtzuchtwert zur Anwendung kommt.
Bis heute ist diese leider noch nicht im Fleischrinderbereich der Schweiz etabliert. Sie ist jedoch Teil eines Folgeprojekts auf das an dieser Stelle bereits hingewiesen werden soll. Des weiteren arbeiten wir am Merkmal Frühreife. In einer Arbeit von Berry et al. (2017) wurde das Merkmal “differential age” (DAGE) definiert. Dieses Merkmal soll quantifizieren, ob bei konstantem Schlachtgewicht und konstanter Fettabdeckung genetische Unterschiede im Schlachtalter der Tiere vorhanden sind. Ziel ist es, bei optimalen Schlachtleistungsmerkmalen möglichst junge, das heisst, möglichst frühreife Tiere zu selektieren. Dies ist ebenso Teil eines Folgeprojekts.
Literatur
Berry, D. P., A. R. Cromie, and M. M. Judge. 2017. “Rapid Communication: Large Exploitable Genetic Variability Exists to Shorten Age at Slaughter in Cattle.” Journal of Animal Science 95 (10): 4526–32.