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Eine kurze Geschichte der Jugendkulturen
Rocker in Zürich, November 1970. (Keystone)
Gertrude Stein, die Ikone der jungen amerikanischen Literaturszene, die sich in den zwanziger Jahren in Paris aufhält, hat sich beim Besitzer einer Werkstatt über einen Autoschlosser beschwert, woraufhin der Patron seinem jungen Angestellten bescheinigt: «Ihr seid alle eine génération perdue» (verlorene Generation). Stein wendet den Begriff gegenüber Hemingway rückblickend auf alle am Ersten Weltkrieg Teilnehmenden an: «You are all a lost generation». 1991 verwenden die amerikanischen Historiker William Strauss und Neil Howe in ihrem massgebenden Buch «Generations» Steins geflügeltes Wort von der «Lost Generation» als Sammelbegriff für die 1883 bis 1900 geborenen Amerikaner.
Hurrapatrioten und Dadaisten
Deren europäischen Altersgenossen werden 1914 vom Hurrapatriotismus mitgerissen und begrüssen den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Menschenleben in zuvor nie dagewesenem Ausmass fordert. Einige allerdings wollen sich nicht beteiligen und emigrieren in die Schweiz. In Zürich bildet sich 1916 eine junge internationale Kunstszene, die gegen Nationalismus, traditionelle Werte und natürlich gegen den Krieg protestiert: Derek Lister erzählt in seinem Hörspiel «Dada & Co.» (Sa., 6. 11., 21. Uhr, DRS 2) davon.
Die nächste Generation ist vom Zweiten Weltkrieg betroffen. 1944 schreibt der grosse walisische Dichter Dylan Thomas sein Hörspiel «Rückreise» (Sa., 13. 11., 21. Uhr, DRS 2), in dem er den Besuch seiner von den Deutschen im Februar 1941 bombardierten Geburtsstadt Swansea Revue passieren lässt. Swansea sieht jetzt anders aus. Das Zentrum liegt in Ruinen. Aber auch er hat sich verändert und wird nicht wiedererkannt. Er fragt die Leute nach dem Jugendlichen, der er in den späten 20er Jahren war. Er beschreibt seinen Kleidungsstil von damals, seine Vorlieben und Marotten.
Von der GI- zu der Beat-Generation
Am 6. Juni desselben Jahres landen seine amerikanischen Generationsgenossen als «GIs», Angehörige der US-Armee, in der Normandie, um Europa von Nationalsozialismus und Faschismus zu befreien. Während Helmut Schelsky, der bedeutendste Soziologe im Nachkriegsdeutschland, von der in den 20er Jahren geborenen «skeptischen Generation» spricht, die als Jugendliche noch an die Front musste, sprechen die Amerikaner von der GI-Generation. Der amerikanische Journalist Tom Brokaw veröffentlicht über diese 1998 ein Buch mit dem Titel «The Greatest Generation» und verleiht damit den zwischen 1901 und 1924 geborenen US-Bürgern einen Ehrennamen.
Zu ihnen gehören nicht nur so verschiedene Politiker wie John F. Kennedy und Ronald Reagan, sondern auch so exemplarische Neinsager wir Jack Kerouac, der jeglicher Stabilität und konstruktiven Mitarbeit in der Gesellschaft eine Absage erteilt und das Vagabundieren als Lebensideal besingt. Sein Kultroman von 1957 heisst denn auch «On the Road». Er erklärt die kleine Gruppe gleichgesinnter, junger Schriftsteller um sich herum zur «Beat Generation». Das Wort «Beat» kommt aus dem Slang und bedeutet ursprünglich «müde», «heruntergekommen», erhält dann aber die gegenteilige Bedeutung von «euphorisch».
Auch J. D. Salinger ist von der Gesellschaft des starken Amerika nicht überzeugt. Sein Roman «Der Fänger im Roggen» von 1951 beschreibt das amerikanische Leben aus der Warte eines jugendlichen Versagers, der zu sensibel ist, um mit seiner leistungsorientierten Umwelt klarzukommt.
Nach dem Krieg die Lust am Leben
Auch der französische Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips Boris Vian provoziert die Nachkriegsgesellschaft mit seinen Romanen und mit seinem von ihm 1956 selbst gesungene Chanson «Le déserteur», in dem er angesichts der französischen Teilmobilisierung für den Algerienkrieg zur Fahnenflucht aufruft. Bereits mit seinem Roman «Der Schaum der Tage» von 1946 (Mi., 17. 11., 20.00 Uhr, DRS 2) hat er dem eben zu Ende gegangenen Kriegsgeschehen mit dessen Heroenkult eine surrealistische, ganz der Lust am Leben zugewandte Liebesgeschichte zweier junger Menschen entgegengesetzt. Erst viel später, in den 60er und 70er Jahren wird sie zum Kultbuch einer ganzen Generation junger Leser, die also zusammen mit ihrem Lieblingsroman auf die Welt gekommen sind.
Die stillen Kinder der Helden
Die «Silent Generation» wird zwischen 1925 und 1942 geboren. Auch in dieser Bezeichnung kommt die amerikanische Sichtweise stark zum Ausdruck: Mit ihr werden die Jahrgänge von Amerikanern bezeichnet, die nicht mehr am Zweiten Weltkrieg teilnehmen müssen. Für Europa sind hier ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen zusammengenommen: Die ältesten unter Ihnen verbringen die ganze Kindheit im Krieg, die jüngsten haben kaum eine Erinnerung daran. Aber alle haben die 50er Jahre als Kinder, Jugendliche oder junger Erwachsener erlebt.
Es ist die Zeit der Kommunistenhatz in Amerika unter Senator Joseph McCarthy, die Zeit, in der unter anderem existentialistische Philosophinnen und Philosophen für Opposition in De Gaulles Grande Nation sorgen. Und es ist die Zeit des deutsche Wirtschaftswunders, das aus den politischen Verlierern des Zweiten Weltkrieges die ökonomischen Gewinner macht. Stars wie James Dean oder Elvis Presley sind international Idole der Jugend. Julius Tinzmanns Hörspiel «Neonlicht» von 1959 (Sa., 20. 11., 21.00 Uhr, DRS 2) beschreibt die Gefühlswelt der deutschen Jugendlichen. Authentisch ist hauptsächlich der Stil der Hörspielproduktion, der uns die Stimmung von damals - gewissermassen unfreiwillig - zurückholt.
Aufstand, Revolte und Krawalle
Zwischen 1940 und 1950 wird eine Generation geboren, die ihren Namen nach dem Zeitpunkt ihrer Revolte in Schule und Universität erhält: Die 68er-Generation. Sie hat in Deutschland zwei grundverschiedene Voraussetzungen. In der DDR protokolliert der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf die Diktion und das Unbehagen an der sozialistischen Kultur eines jungen Mannes in Anlehnung an Goethes Briefoman von 1774 unter dem Titel «Die neuen Leiden des jungen W.» (Sa., 27. 11., 21.00 Uhr, DRS 2). Und Peter O. Chotjewitz, Schriftsteller, Rechtsanwalt und Wahlverteidiger des RAF-Mitglieds Andreas Baader vermittelt in seinem Hörspiel «Supermenschen in Paranoia» (Mi., 1. 12., 20.00 Uhr, DRS 2) - nicht ohne Selbstironie - die Ansichten der jungen Linken von damals zur Gesellschaft der BRD.
«Leben und leben lassen»
Zum ersten Mal seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gibt es einen Anstieg der Geburtenrate in den USA zwischen 1943 und 1960, weshalb dort die Babyboomer-Generation mit den 68ern identifiziert wird. Der Geburtenanstieg in Europe erfolgt zeitverschoben zwischen 1955 und 1965 und bringt eine ganz andere Jugendkultur hervor: Der politische Aktivismus wird von einer eher indifferenten Haltung abgelöst. Ein verbreitetes Motto lautet: «Leben und leben lassen.» Es entsteht eine No-Future- und Punkszene, allerdings auch eine Friedens- und eine Umweltbewegung und 1980 die anarchistisch ausgerichtete Zürcher Jugendrevolte, die international Schlagzeilen macht. Der Basler Autor Georges Winter hat den Übergang von den ermüdeten Kämpfern für eine bessere Welt zu einer ganz anderen Jugend in seinem Dialekthörspiel «Pilztramper» (Sa., 4. 12., 21.00 Uhr, DRS 2) festgehalten.
Büssen für die Sünden der Eltern
1991 beschreibt der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland in seinem Roman «Generation X - Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur» die Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen und verpasst ihr mit seinem Buchtitel gleich einen Namen. Nach seiner Einschätzung ist für die Menschen dieser Jahrgänge charakteristisch, dass sie sich erstmals ohne Kriegseinwirkung mit weniger Wohlstand und ökonomischer Sicherheit begnügen müssen als die Elterngeneration, aber andererseits für deren ökonomische und ökologische Sünden büssen. Florian Illies schliesslich veröffentlicht 2000 ein Buch mit dem Titel «Generation Golf» über die in den 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland Aufgewachsenen.
Die 80er-Jahre: MTV und Computer
Immer vielfältiger und klein räumiger werden Etikettierung und Einteilung der Generationen. So ist auch die Rede von der Generation C64, die ab 1983 mit dem ersten allgemein erschwinglichen Computer, dem Commodore 64 aufwächst. Sie befindet sich an der Schwelle von den «Digital Immigrants» zu den «Digital Natives», welche die neuen Technologien schon von klein auf um sich haben. Eine weitere Bezeichnung geht vom Medienkonsum aus und nennt die 80er Jahrgänge die MTV-Generation. Michael Esser hat in seinem Hörspiel «PartyZone» ( Mi., 8. 12., 20.00 Uhr, DRS 2) deren nächtlichen Touren und Abenteuer miterlebbar gemacht.
Nicht zu vergessen ist der Begriff der «Generation Praktikum», den der Autor Matthias Stolz Anfang 2005 in einen «ZEIT»-Artikel prägte. Stolz charakterisiert die Jungen am Anfang des neuen Jahrtausends von ihren mageren Berufschancen her. Gesine Danckwart lässt in ihrem Hörspiel «Random oder Warum immer das falsche Lied gespielt wird» (Mi. 15. 12., 20.00 Uhr, DRS 2) junge Leute ziemlich ratlos in einer Lounge rumhängen, und Darja Stocker in «Nachblind» (Mi., 22. 12., 20.00 Uhr, DRS 2) ein Mädchen verunsichert zwischen einem maroden Familienleben, der Sprayerszene und einer scheuen Liebesbeziehung herumirren.
Claude Pierre Salmony