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Grabung: Juli 2003
Die Kirche St. Peter und Paul zu Oberwil war bereits 1964/65 anlässlich der letzten Renovation Ziel archäologischer Ausgrabungen. Kein geringerer als der Alt-Kantonsarchäologe Jürg Ewald verdiente sich damals seine ersten Sporen ab. Die Entdeckungen, die er machte, waren so spektakulär, dass man beschloss, grosse Teile der Grabung zu konservieren und unter dem Kirchenboden zugänglich zu lassen – eine archäologische Krypta sozusagen.
Die Fundstelle ist für die ganze Region ausserordentlich bedeutend. Man konnte damals nachweisen, dass bereits im Laufe des 7. Jahrhunderts eine erste Kirche an der Stelle errichtet worden war, und dass die Kulttradition seit damals nie mehr abgebrochen war. Funde wiesen darüber hinaus darauf hin, dass sogar schon die Römer am Ort gesiedelt hatten. Für die vor wenigen Jahren abgeschlossene Dissertation des Schreibenden, in der es um Fragen des Übergangs von der Römerzeit ins frühe Mittelalter ging, nahm die Kirche von Oberwil deshalb eine Schlüsselstellung ein.
1964/65 existierte die Kantonsarchäologie noch nicht. Dies bedeutete, dass der Ausgräber Jürg Ewald die meisten Arbeiten – vom Graben übers Freipräparieren bis zum Zeichnen, Vermessen und Dokumentieren – in Personalunion erledigen musste. Kein Wunder, dass die Dokumentation nicht in allen Bereichen heutigen Standards entsprach und einigen sich bietenden Fragen nicht mit letzter Konsequenz nachgegangen werden konnte. Wichtige Fragen konnten nun in einer einwöchigen Lehrgrabung, die mit Studierenden des Kunsthistorischen Seminars der Universität Zürich durchgeführt wurde, geklärt werden.
Eine grosse Erkenntnis der Nachuntersuchung ist, dass aus der Römerzeit mehr vorhanden ist als bisher angenommen. Es konnten römische Mauerzüge nachgewiesen werden und – wichtigstes Resultat – der Kernbau der ältesten, früher ins 7. Jahrhundert datierten Kirche entstand mit grösster Wahrscheinlichkeit bereits im ausgehenden 4. Jahrhundert, also noch in spätrömischer Zeit! Vermutlich stand auf dem Sporn der nachmaligen Kirche ein kleiner, heidnischer Vierecktempel, der erst rund 250 Jahre später – dem Zeitpunkt der ältesten Bestattungen – zur christlichen Kirche umgenutzt wurde. Der neue Verwendungszweck des Baus offenbarte sich auch in einem kleinen Altarhaus, das bald darauf im Osten angefügt wurde. Etwa um 700 oder im früheren 8. Jahrhundert wurde das Kirchlein – vielleicht nach einem Brand – nach Westen etwas vergrössert. Dieses Kirchenschiff hatte Bestand bis zum grundlegenden Neubau von 1696! Der Chor hingegen wurde noch mehrmals um- und neugebaut, bis er schliesslich ebenfalls 1696 seine heutige Form erhielt.
Es ist geplant, die Anlage unter der Oberwiler Kirche neu zu konservieren und zu beschriften – auf dass sie ihre spannende Geschichte noch lange einem interessierten Publikum offenbaren möge!
Dr. Reto Marti, stellvertretender Kantonsarchäologe
August 2003