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| , Einleitung zu den sieben Büchern über die Menschwerdung Christi. In: Sämtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus : zweiter Band / aus d. Urtexte übers. von Karl Kohlhund. (Bibliothek der Kirchenväter, 1 Serie, Band 68), Kempten 1879.

Einleitung zu den sieben Büchern über die Menschwerdung Christi
Einleitung
[S. 431] Im Jahre 428 n. Chr. war der bisherige Presbyter von Antiochien, Nestorius, gebildet in der antiochenischen Schule unter Theodor von Mopsuestia, Patriarch von Konstantinopel geworden und mißbrauchte alsbald seine Talente und seine Stellung zum großen Schaden der Kirche durch die hartnäckig festgehaltene Irrlehre von zwei Personen in Christo. Schnell war diese gottlose Neuerung im Oriente besonders durch die Anhänger des Theodor von Mopsuestia verbreitet und auch im Abendlande schon im Jahre 430 ganz bekannt. Bereits waren Athanasius, Augustinus, Cyrillus gegen sie aufgetreten, als der damalige römische Archidiakon und nachherige Papst Leo sich an den Verfasser der Collationen wandte mit dem Auftrage, eine Schrift gegen Nestorius zu verfassen. Verschiedene Gründe mochten ihn bewegen, gerade durch Cassian thun zu lassen, was er selbst gut hätte leisten können. Es bestand nämlich, wie Cassian wiederholt hervorhebt, eine innere Verwandtschaft zwischen der Irrlehre des Pelagius, und der des Nestorius, da diese, um es allgemein auszudrücken, in der Lehre von der Inkarnation dem Menschlichen ebenso eine ungebührliche Selbständigkeit zuschrieb, wie jene in der Lehre von der Gnade. Nun war also zu fürchten, daß die nestorianischen Orientalen sich in der Hoffnung auf Unterstützung alsbald an die pelagianisierenden Abendländer wenden würden und insbesondere an den berühmten [S. 432] Cassian, der durch seine dreizehnte Unterredung in den traurigen Ruf eines Gesinnungsverwandten des Pelagius gekommen war. Ferner war zu befürchten, daß diese unzuverlässigen Elemente des Abendlandes auch ohne eine solche Aufforderung der Orientalen schon wegen der Verwandtschaft der beiden Irrlehren sich den Nestorianern anschließen würden. Was konnte nun die Hoffnungen der erstern mehr zerstören, was den erneuten Irrtum der letztern mehr verhüten, als gerade eine Schrift Cassians gegen Nestorius? Überdies war Cassian selbst Diakon der Kirche von Konstantinopel gewesen, stand dort als Vertrauensmann des hl. Chrysostomus sehr in Ansehen und konnte so auch durch sein Auftreten selbst bis in den Heerd der neuen Ketzerei günstig einwirken. Es war deßhalb eine große Klugheit Leo’s, gerade den Collator, gegen den damals Prosper noch nicht aufgetreten war, schon im Jahre 430 zu der Abfassung einer solchen Schrift zu bewegen, und es war für die Kirche gewiss sehr segensreich, daß Cassian sich sofort herbeiließ, dem neuen Feinde des Glaubens entschieden den Fehdehandschuh hinzuwerfen; obwohl andererseits nicht verkannt werden darf, daß wegen des nicht bestimmten und direkten Widerrufes seiner Irrthümer dieses Buch Cassians Ansehen in bedenklicher Weise vermehren und die „Unterredungen der Väter" noch gefährlicher, weit unverfänglicher machen konnte. Prosper ließ sich denn auch in seinem Kampfe gegen Cassian durch diese Schrift nicht abhalten, obwohl er sie offenbar gekannt haben mußte; denn er schrieb seine Gegenschrift gegen die „Unterredungen" im Jahre 433, und Cassian hatte seine Bücher „über die Menschwerdung" sicher noch im Jahr 430 verfaßt, da er des Konzils von Ephesus (431) keine Erwähnung tut und den dort abgesetzten Nestorius noch als Patriarchen von Konstantinopel behandelt. Die „Unterredungen" hatte er ein oder zwei Jahre vorher vollendet und schloß nun mit der trefflichen Schrift gegen Nestorius seine schriftstellerische Thätigkeit und bald auch sein Leben.