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Darf es lieber schnell oder langsam sein? Am 1. Februar feiert die Schweiz 30 Jahre A- und B-Post
Wir erinnern uns: 1991 war das Jahr, in dem die Schweizerische Eidgenossenschaft 700 Jahre alt wurde, sich hunderttausende Frauen zum Streik mobilisierten und die Radios Songs wie «Dangerous» von Michael Jackson, «Joyride» von Roxette oder «Smells Like Teen Spirit» von Nirvana rauf und runter spielten. 1991 war aber auch das Jahr, in dem am 1. Februar die PTT die A- und B-Post einführte. Trotz medialem Aufschrei und allen Unkenrufen zum Trotz, feiert die A- und B-Post nun ihren 30. Geburtstag. Die beiden Tarife waren die Antwort der PTT auf die rasant wachsenden Briefmengen.
1991 verarbeitete die PTT rund zehn Millionen Briefe pro Tag und stiess an ihre Kapazitätsgrenze
Vor über 30 Jahren florierte der Briefmarkt in der Schweiz. Ende der 80er-Jahre beförderte die PTT jährlich rund 2’500 Millionen Briefe; rund 800 Mio. mehr, als die Schweizerische Post es heute tut (2020: 1’706 Millionen adressierte Inlandbriefe). Die Direktion war dazumal überzeugt, dass diese Zahl weiter ansteigen würde. Jean Clivaz, der damalige Generaldirektor der PTT, erwartete einen jährlichen Anstieg von 120 Mio. Briefen in den 90ern. Die rasanten Entwicklungen im Postmarkt führten die PTT an ihre Kapazitätsgrenze und gleichzeitig war die Organisation mit einem beträchtlichen Spardruck konfrontiert.
Der jahrzehntealte Grundsatz «heute eingeworfen, morgen zugestellt» war in Gefahr
Bis zur Einführung der A- und B-Post stellte die PTT Briefsendungen standardmässig am nächsten Tag zu. Die PTT konnte die wachsenden Briefmengen nicht mehr bewältigen. Aufgrund dessen sah sich die PTT gezwungen zu handeln und eine Lösung zu suchen. Abhilfe schuf die Einführung zweier Beförderungsgeschwindigkeiten: Ab 1. Februar 1991 konnten die Postkundinnen und Postkunden wählen, mit welchem Tempo ihre Briefpost befördert werden soll. – Es war der Startschuss für die Epoche der A- und B-Post.
Die A- und B-Post führte in der Verarbeitung zu Änderungen und entlastete die Sortierzentren
«Mit der Einführung der A- und B-Post schuf die PTT eine bessere Auslastung der Sortierzentren und des entsprechenden Personals während des Tages», sagt Barbara Schmutz vom PTT-Archiv. «Bis dahin mussten die eingegangenen Briefsendungen primär nach Schalterschluss und in der Nacht sortiert werden, was teure Nachtdienste erforderte», erläutert sie. Die PTT konnte nun die B-Post tagsüber sortieren und nur die eilige A-Post rund um die Uhr und auch samstags verarbeiten.
Was der PTT diente, sorgte für einen Aufschrei in der Bevölkerung und in den Medien
Ganz so reibungslos wie es sich die Generaldirektion der PTT vorstellte, verlief die Einführung der A- und B-Post jedoch nicht: Laut dem Museum für Kommunikation hätten lediglich 93% aller A-Post Briefe im Frühjahr 1991 rechtzeitig ihren Empfänger erreicht. Die Bevölkerung empfand somit die Einführung der A- und B-Post nicht nur als verkappte Tariferhöhung, sondern die Post kam nun auch noch zu spät an [Quelle: Archivköniginnen – PTT-Archiv (mfk.ch)]. «Nachdem sich aber die ersten Stimmen etwas beruhigt hatten, waren durchaus auch positive Rückmeldungen und die Akzeptanz der Neuerung stieg», sagt Barbara Schmutz dazu.
Entwicklung der A- und B-Post in Zahlen
Die PTT erwartete Anfang 90er Jahre ein Wachstum des Briefvolumens von 120 Mio. Briefen in den kommenden Jahren, davon ¼ A-Post und ¾ B-Post. Das Verhältnis der A- und B-Post hat sich in den Jahren bei ca. einem Drittel A-Post und zwei Drittel B-Post eingependelt. Das ist heute noch so, wenn man die Zahlen der adressierten Inlandbriefen anschaut. Allerdings haben sich die damaligen Erwartungen der PTT bezüglich Volumenentwicklung bei den Briefen nicht bewahrheitet. Vor allem durch die vermehrte Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln ist das Briefvolumen seit 2002 insgesamt um rund einen Drittel zurückgegangen.
A- und B-Post in anderen Ländern
Ein Blick über die Grenzen zeigt, auch in anderen Ländern gibt es gemäss dem gesetzlichem Grundversorgungsauftrag Briefprodukte mit verschiedenen Laufzeiten. Eine Zustellung am Folgetag wird in der Mehrheit der westlichen Länder ebenfalls angeboten. Die PTT war mit der Einführung der B-Post im internationalen Vergleich eher früh dran.
- In Deutschland und Österreich wurden bis mind. 2015 alle Briefe am nächsten Arbeitstag zugestellt. In Österreich gibt es inzwischen auch ein langsameres Briefprodukt. In Deutschland ist die Zustellung am Folgetag weiterhin Standard.
- In Frankreich existiert ein langsameres Briefprodukt (D+2) seit 2011.
- In folgenden Ländern wurde die Zustellung am Folgetag (A-Post) in den letzten Jahren gestrichen: Dänemark, Finnland, Norwegen, Rumänien.
- In Dänemark werden Standardbriefe nur noch 1x pro Woche zugestellt.
- In Island und Norwegen wurde in den letzten Jahren die alternierende Zustellung eingeführt (die eine Hälfte der Haushalte kriegt die Post an den Zustelltagen 1, 3, 5 etc., die andere Hälfte an den Tagen 2, 4, 6 etc.)
- In Italien gibt es zwei Laufzeiten (D+1 sowie D+4), wobei viele ländliche Gebiete nur jeden zweiten Tag bedient werden.
- Im Vereinigten Königreich gibt es seit 1968 ebenfalls zwei Laufzeiten (D+1 sowie D+3).