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Der Konzertsommer hat begonnen, und Robbie Williams, der grösste aller Popstars, bleibt zu Hause. Aus Angst.
Robbie Williams hat Mitte dreissig schon die Höhen und Tiefen von mindestens drei Leben gelebt: Mit 16 war er das schrille Mitglied der britischen Boygroup Take That. Mit zwanzig liess er sich in einer Reha-Klinik wegen seiner Alkohol- und Drogensucht behandeln. Mit 24 begann er seine Solokarriere und wurde zum grössten Entertainer seit Frank Sinatra. Ein Entertainer in Seelennot. Er, der später sagen wird, er habe schon getanzt, bevor er ging, und gesungen, bevor er sprach, wurde vor Publikum zum herumwirbelnden, Faxen schneidenden Clown. Robbie Williams lebte ein Leben im Durchlauferhitzer. In Interviews sagte er, dass er unter extremem Lampenfieber leide, sich einsam und traurig fühle.
Er liess die Welt teilhaben an seinem emotionalen Seiltanz. Erzählte vor der Kamera eines Dokumentarfilmers, wie er sich nach einem Konzert mit Kokain belohnt habe, dass er die meisten seiner Lieder nicht mehr ertrage und sich frage, warum er auf der Bühne immer wieder pantomimische Bewegungen mache, als wäre er eine Mischung aus Iggy Pop und David Bowie. Robbie Williams schrieb sich seine Not in genialen Texten von der Seele. «Wenn ich alles nochmals tun würde, wäre ich eine Nonne. Der Regen war niemals kalt, als ich jung war» («Strong»). Er gab sich hoffnungsvoll: «Denkt ein Engel über mein Schicksal nach?» («Angel»). Er war ehrlich: «Meine Beine sind schwer wie Blei. Aber ich bin zwei Minuten clean, und das ist nicht sehr oft so» («Clean»). Er liess durchblicken, dass er nach der grossen Liebe suchte: «Der Song läuft eine Endlosrunde. Die Fremde im anderen Land muss ich erst noch treffen» («Love Somebody»).
In Frauen von 15 bis 50 erwachte der Beschützerinstinkt. Sie wollten ihn gleichzeitig retten und vernaschen. Auch Männer, vom Schreiner bis zum Makler, einigten sich auf die Grösse dieses Sängers mit Rohkraft, der sich auf dem Fussballplatz beim Balljonglieren fotografieren liess und Paparazzi den Stinkfinger zeigte. Robbie rockt! Mehr als 55 Millionen Alben verkaufte er in 13 Jahren. Als er 2005 seine «Close Encounters »-Tour ankündigte, waren in einem Tag 1.6 Millionen Tickets weg. Er schaffte, was vor ihm noch kein Popstar fertig gebracht hatte: Das Publikum kam nicht, um sich zu amüsieren. Es kam, um den haltlosen Seiltänzer für einen Moment glücklich zu erleben. Und auf der Bühne wirkte er glücklich, obwohl er immer wieder das Gegenteil behauptete.
Doch dann war fertig lustig: 2006 brach Robbie Williams seine Tour wegen Erschöpfung ab – nach knapp sechzig Konzerten. Und landete erneut in der Entzugsklinik. Die wenigen Fotos, die man von ihm noch in Magazinen sah, zeigten einen übergewichtigen Robbie Williams, der sich hinter einem Vollbart versteckte. Er sprach von seinem Interesse an UFOs. Als Ende letzten Jahres sein neues Album angekündigt wurde, trauten ihm viele ein Comeback nicht zu. Aber schon seine erste Single «Bodies» erklomm die Charts. Zu Recht. Im Video dazu rasiert sich Robbie den Bart weg und rast auf einem Motorrad durch die Wüste. Auf dem neuen Album «Reality Killed the Video Star» singt er über die Apokalypse, über Blasphemie, immer häufiger über die gelebte Liebe und immer weniger über das eigene Verlorensein. «Ich fühle mich noch immer wie 23», sagt er. «Nichts hat sich geändert – und doch hat sich alles geändert.»
Der 35-Jährige ist so gut aussehend und so charmant, wie man sich ihn aus der Ferne gewünscht hat. «Hallo, ich bin Rob», sagt er zur Begrüssung, als ob man das nicht wüsste. Robbie Williams ist höflich. «Man hat mir früh beigebracht, einer Dame die Tür aufzuhalten.» Leicht vornübergeneigt sitzt er vor einem Glas Wasser und macht grosse Augen, als er hört, dass man in der knappen Zeit mit ihm über Geschwindigkeit sprechen will. Weil ihm diese zum Verhängnis geworden ist. «Ehrlich? Ich bin überhaupt nicht mehr schnell unterwegs. Am liebsten liege ich auf dem Sofa und schaue mir Realityshows an.»
annabelle: Robbie Williams, wie schnell langweilen Sie Ihre Songs?
Robbie Williams: In den letzten drei Jahren habe ich mir die neuen Songs täglich angehört und sie geliebt. Nun, da das Album draussen ist, gehe ich zu Neuem über.
Sie gelten als einer der grössten Entertainer. Wünschen Sie sich auf der Bühne, dass die Zeit stehen bleibt?
Nein. Ich kann mich nicht länger als eineinviertel Stunden konzentrieren. Danach denke ich an alles Mögliche, nur nicht an meinen Auftritt. Ich erlebe grosse Momente auf der Bühne. Aber ich will diese Momente dort lassen.
Was ärgert Sie am schnellsten?
Die Unfähigkeit, mich zu konzentrieren.
Wie lange brauchen Sie, um Songs auswendig zu lernen?
Ich lerne sie nicht auswendig. Bei meinen ersten Auftritten mit den neuen Stücken am englischen Fernsehen habe ich die Worte von einem Teleprompter abgelesen. Beim nächsten Konzert gab es leider keinen.
Und: Was haben Sie gemacht?
Ich versuchte, mich an Passagen zu erinnern. Ich habe ein schockierend gutes Gedächtnis.
Welches sind Ihre ersten Erinnerungen?
Ich erinnere mich, wie ich am Fernsehen «Happy Days» geschaut habe.
Ich kenne die Sendung nicht.
Was! Entschuldigung, aber wie alt sind Sie?
37.
Oh. Ich dachte, Sie wären jünger und würden die Sendung deshalb nicht kennen. Sie lief in den Siebzigerjahren und war in England sehr erfolgreich. Wirklich, Sie kennen Fonzie nicht, den coolen Mechaniker in Lederjacke aus Milwaukee? (Er legt die Stirn in Falten, wie er das auf der Bühne tut, um theatralisch zu zeigen, dass er das alles nicht glauben kann.) Anyway: Ich erinnere mich ausserdem, wie ich einen Topf mit heissem Wasser vom Herd zog und mir den Arm verbrannte und ins Spital musste.
Wie alt waren Sie?
Zwei.
Respekt. Sie haben wirklich ein gutes Gedächtnis. Aber zurück zur Geschwindigkeit: Wie viele Chancen geben Sie anderen, bevor Sie enttäuscht sind?
Viel zu viele.
Und wie schnell sind Sie von sich selbst enttäuscht?
Viel zu schnell.
Welche Entscheidung haben Sie am längsten bereut?
(Er wiederholt die Frage, sagt dann:) Es gab viele peinliche Momente, die ich weder öffentlich machen noch wiederholen möchte. Aber bereuen? Nein. Mein Leben wird zu Musik, und ich glaube, die Leute mögen mich deswegen.
Er habe sich noch nie schnell verliebt, sagt Robbie Williams. Mit seiner Freundin Ayda Field, einer US-Schauspielerin, ist er seit langen drei Jahren glücklich. Um Mrs. Williams zu finden, sei er damals in die USA gezogen, sagt er. Nun habe er sie gefunden und sei wieder nach England zurückgekehrt. Er hat ein Schlösschen für sich und Ayda gekauft wie ein Prinz. Vielleicht liegt es tatsächlich an der Liebe, dass Robbie Williams heute stabil wirkt. Auf seiner Website hat der Fussballfan angekündigt, dass er vor der WM für einen guten Zweck kicken wird. Eine Tournee will er vorläufig nicht machen. Er werde wieder auf der Bühne stehen, sagt Robbie Williams. «Wenn die Zeit reif ist.» Im Moment sei die Angst zu gross, dort wieder das Gleichgewicht zu verlieren. Und abzustürzen. Der grösste Entertainer seit Frank Sinatra, der Popstar, der Elvis vor Konzerten um Hilfe bittet, möchte eine Weile auf festem Boden gehen. Seine Musik klingt deshalb nicht schlechter. Und vielleicht ist er in seinem entschleunigten Leben ja wirklich glücklich. Wobei: Vor seinem Schlösschen in England hat Robbie Williams eine Gokartbahn bauen lassen.
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