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Ein neues Kapitel im Buch ihres Lebens schlug Tamara Zhelezniak am 11. März auf. Sie war mit einer Freundin aus der Ukraine in die Schweiz eingereist. Zunächst fand die damals 29-jährige Frau eine Unterkunft in Goldach und ihr wurde der Aufenthaltsstatus S zugestanden. Heute lebt sie in Wohngemeinschaft mit Esther Beyeler in deren Haus in Rebstein.
Anfangs ohne Sprachkenntnisse
«Ich wusste, dass ich unten neu beginnen musste», sagt Tamara Zhelezniak. Sie ist gut ausgebildet, absolvierte ein Masterstudium und arbeitete zuletzt als Managerin bei einer Lebensmittelgrosshandelskette in Kiew. In der Schweiz kann sie aber nicht an ihre Erfahrung und einstigen Erfolg anknüpfen.
«Ich spreche nicht gut Deutsch, am Anfang gar nicht», sagt sie. Diese Einschätzung ihrer Sprachkenntnisse ist überholt. Im Gespräch mit dieser Zeitung springt Esther Beyeler nur hier und da als Dolmetscherin ein.
A1-Zertifikat mit «Sehr gut» erworben
«Sie ist mein Schutzengel», sagt Tamara Zhelezniak und blickt Esther Beyeler dankbar an. «Sie hat mir alles gezeigt und einen grossen Anteil daran, dass ich mich hier wohlfühle.» Erst als sie Ende April bei Beyeler eingezogen war, begann sie, sich zurechtzufinden.
Die Ukrainerin besuchte einen Deutschkurs und erwarb im Juni das A1-Zertifikat mit «Sehr gut». Als sie Deutsch lesen und schreiben konnte, schwand die Angst, sich in der Fremde nicht zurechtzufinden. Tamara Zhelezniak baute sich aus dem Kurs heraus einen Freundeskreis auf. Nun erobern sich die Gleichgesinnten die Umgebung.
Wenn ich Enkel habe, erzähle ich ihnen, dass ich an meinem 30. Geburtstag Erdbeeren gepflückt habe.
Die Beschäftigung als Erntehelferin war ihre erste bezahlte Arbeit in der Schweiz. Heute verdient sie ihren Lohn als Reinigungskraft im Spital Altstätten. Mit Arbeit verbringt Tamara Zhelezniak viel Zeit. Alles Geld, das sie entbehren kann, schickt sie ihren Eltern nach Luhansk (Donbass) und ihrem Bruder nach Kiew. Sie ist traurig, ihre Familie im Krisengebiet zu wissen und von ihr getrennt zu sein.
Ihr Geld ist viel wert
Allerdings ist ihr die Arbeit keine Last, sondern eine Chance, Familie und Freunden zu helfen. «Mein Geld ist dort viel wert», sagt sie. Der Bruder braucht es fürs Wohnen und Essen. «In Kiew klappt die Versorgung noch», sagt sie.
Im Rheintal traf die Ukrainerin schnell auf Mitstreitende. Zum Beispiel organisierte die Aktion «Rebstein hilft» im März einen Hilfstransport. «Jetzt läuft die Unterstützung noch auf kleiner Flamme», sagt Esther Beyeler. Tamara Zhelezniak hat sich darauf eingestellt, dass die Krise noch lange dauern wird. Sie sagt:
Ich habe schon einmal gedacht,
dass es nur drei Monate
dauern würde.
Es wurden acht Jahre, die sie in Kiew lebte. Tamara Zhelezniak war im Jahr 2014, wegen des Kriegs um die Krim, in die Hauptstadt der Ukraine übergesiedelt.
«Eine unmögliche Situation»
Zur Angst um nahestehende Menschen kommt die Sehnsucht. «Mein Bruder Alexej ist mein bester Freund und darf nicht weg», sagt Tamara Zhelezniak ein paar Tage vor der Abreise nach Lemberg. Dort will sie ihn jetzt treffen. «Meine Eltern zu besuchen, wäre kritisch. Dorthin rückt die Ukraine vor.»
Die 30-Jährige sieht sich in einem Dilemma: «Es ist eine unmögliche Situation.» Sie möchte, dass die Ukraine die Region ihrer Heimat zurückerobert. Das hiesse aber auch, dass die Eltern in Luhansk im Krieg sässen. «Deshalb wünsche ich es mir auch wieder nicht.»
Die Schweiz schätzen gelernt
Trotz dieser Misere ist Tamara Zhelezniak zuversichtlich. «Ich habe die Schweiz und die Menschen hier schätzen gelernt», sagt sie. Sie möchte hierbleiben, ihre Ausbildung auffrischen und anerkennen lassen. Dann könnte sie genug Geld verdienen, um Menschen und Tieren zu helfen.
Sie sehe keine Probleme, sie suche nach Lösungen. «Ich träume davon, Alexej frei treffen zu können, ohne eine Grenze zu überqueren, mit dem Zug von Kiew nach Luhansk zu fahren und meine Eltern zu besuchen.»