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Aussichten für die Schweiz
Die Lage der schweizerischen Wirtschaft hat sich wie erwartet Anfang des Jahres weiterhin verschlechtert. Im ersten Quartal 2009 ging das reale BIP auf annualisierter Basis um 3,2 Prozent zurück. Diese Zahl verdeckt allerdings einen weit stärkeren Rückgang der Endnachfrage. Wie bereits im Vorquartal wurde ein Teil der Produktion durch eine Erhöhung der Lager absorbiert. Die Auslandnachfrage brach erneut ein, und der Kapazitätsauslastungsgrad im verarbeitenden Sektor bildete sich stark zurück. Im Inland stagnierte die von Privaten generierte Endnachfrage. Diese wird sich voraussichtlich in den kommenden Monaten abschwächen, da die Unternehmen ihre Ausrüstungsinvestitionen drosseln und die privaten Haushalte angesichts der wachsenden Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt mit ihren Ausgaben zurückhaltender sein werden. Die Zahl der Kurzarbeiter stieg Anfang Jahr stark an, und die Arbeitslosigkeit nimmt ständig zu. Die vorlaufenden Indikatoren zur Arbeitsnachfrage sind deutlich rückläufig, so dass sich diese Tendenz in den nächsten Monaten fortsetzen dürfte.
Trotzdem ist zu hoffen, dass sich die im Ausland erkennbaren Zeichen einer Besserung allmählich auf die schweizerische Wirtschaft übertragen werden. Ab dem zweiten Quartal dürfte sich die Rückgangsdynamik der Exporte verlangsamen. Aufgrund der schwächeren Inlandnachfrage und dem Abbau der Lagerbestände dürfte das Wirtschaftswachstum jedoch in den nächsten Quartalen negativ bleiben. Über das ganze Jahr gesehen rechnet die Nationalbank für 2009 weiterhin mit einem BIP-Rückgang um 2,5 bis 3 Prozent. Diese Zahlen sind im internationalen Vergleich noch ziemlich moderat. Die Schweiz zeichnet sich durch eine breit diversifizierte und relativ flexible Wirtschaft aus. Es sei allerdings betont, dass die mit der Prognose verbundenen Risiken eindeutig nach unten tendieren.
Rahmenbedingungen
Wie haben sich die monetären und finanziellen Bedingungen seit der letzten Lagebeurteilung im März entwickelt? Betrachten wir zuerst die Entwicklung der Zinsen an den Geld- und Kapitalmärkten sowie die Kursbewegungen an den Devisenmärkten. Am Geldmarkt fiel der Dreimonats-Libor, ohne jedoch das von der SNB anvisierte Niveau zu erreichen. Der Abwärtstrend wurde durch die Höhe der Risikoprämien gebremst, und der Libor liegt bei ungefähr 40 Basispunkten. Das Ziel bleibt, wie im März angekündigt, der untere Bereich des Zielbandes, also ein Stand von etwa 0,25 Prozent. Dieser Prozess wird langsam vor sich gehen, denn die Geldpolitik kann die Risikoprämien nur indirekt beeinflussen, zum Beispiel, indem sie ein Klima des Vertrauens in den Bankensektor fördert.
Der Kapitalmarkt stand unter dem Einfluss von zwei gegenläufigen Kräften. Einerseits stiegen die von internationalen Entwicklungen beeinflussten langfristigen Zinsen leicht an. Dieser Anstieg widerspiegelt sowohl eine wieder gewonnene Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung, Inflationsbefürchtungen und einen erhöhten Kapitalbedarf der öffentlichen Hand. Anderseits sind die Risikoprämien leicht gesunken, befinden sich aber noch immer auf hohem Niveau. Die verzeichneten Rückgänge sind zudem je nach Branche, Qualität der Schuldner und Laufzeit der Obligationen unterschiedlich.
Zwischen November 2007 und März 2009 verteuerte sich der Franken um 10 Prozent (handelsgewichteter Aussenwert) bzw. um 11 Prozent gegenüber dem Euro. Trotz der Zinssenkungen zwischen Oktober und Dezember 2008 hatten sich die monetären Bedingungen aufgrund der Frankenstärke unerwünscht verschärft. Angesichts dieser Entwicklung entschied die SNB an der Lagebeurteilung im März, eine weitere Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro zu verhindern, indem sie auf dem Devisenmarkt Fremdwährungen kaufte. Dieses Ziel wurde erreicht: Der Franken gegenüber dem Euro nicht weiter aufgewertet und seine Volatilität gegenüber der europäischen Währung hat deutlich nachgelassen.
Kein Credit Crunch
Kommen wir nun zur Analyse der monetären Bedingungen hinsichtlich Volumen, das heisst hinsichtlich der Kredite und Geldaggregate. Die jährliche Wachstumsrate des Gesamtkreditvolumens liegt weiterhin bei über 3 Prozent. Hinter dieser Zahl verbergen sich gegensätzliche Entwicklungen. Einerseits nehmen die Hypothekarkredite seit November verstärkt zu; die Zuwachsrate betrug 3,6 Prozent im Dezember und 4,2 Prozent im April. Zu diesem Anstieg beigetragen hat die Senkung des Libors. Andererseits begannen sich die übrigen Kredite in sämtlichen Währungen im April zurückzubilden (–0,8%), wie es in dieser Phase des Konjunkturzyklus zu erwarten war. Die übrigen, in Franken gewährten Kredite wuchsen jedoch weiter mit 1,2 Prozent, obschon sie bereits ein relativ hohes Niveau erreicht hatten. Die Kredite an private Unternehmen stiegen im ersten Quartal 2009 gegenüber dem selben Vorjahresquartal um 10,2 Prozent. Wir sehen deshalb keinerlei Anzeichen für eine Kreditverknappung (Credit Crunch) in der Schweiz. Da sich die Qualität bestimmter Schuldner in einer Rezessionsphase verschlechtert, ist eine zyklische Verschärfung der Kreditvergabebedingungen natürlich unvermeidbar; von einem Credit Crunch kann jedoch keine Rede sein.
Diese statistischen Angaben werden durch die Quartalsumfrage zu den Kreditvergabebedingungen gestützt, welche die Nationalbank seit 2008 bei den 20 wichtigsten Banken der Schweiz durchführt. Aus der Umfrage geht hervor, dass ein Drittel der befragten Banken ihre Bedingungen zur Kreditvergabe leicht verschärft hat. Dieser Anteil ist für die Kredite an Grossunternehmen etwas höher als für Kredite an kleine und mittlere Unternehmen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Lage am Markt für Bankkredite weiterhin relativ entspannt ist und sich deutlich besser präsentiert als in den USA oder im Euro-Raum. Eine Verschlechterung kann aber für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden.