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In den Achtzigerjahren mischte in der Schweiz eine Handvoll junge Schwimmer die Szene auf. Mit ihren Erfolgen sorgten die "Suisse gagnante" dafür, dass "Switzerland" auf der Landkarte des internationalen Schwimmsports plötzlich wahrgenommen wurde. Etienne Dagon war als erfolgreicher Brustschwimmer das Zugpferd dieser glorreichen Generation, die einige EM- und WM-Medaillen einheimste. Sein Exploit bei Olympia blieb aber unerreicht.
Aufmunterungs-Telegramme aus der Heimat
"Das darf ja nicht wahr sein", hallte es in den frühen Morgenstunden im August vor 36 Jahren aus den Fernsehern in die Schweizer Stuben, als Dagon in Los Angeles sensationell zu Olympia-Bronze schwamm. Der 24 Jahre alte Bieler entzückte mit einer formidablen Leistung, die vor ihm noch kein helvetischer Schwimmsportler vollbracht hatte und die deswegen in den Tagen danach in fast allen Würdigungen mit dem Prädikat "historisch" oder "sensationell" versehen wurde.
Dabei hatten die Spiele in Los Angeles für Dagon mit einem 20. Rang über 100 m Brust mit einer grossen Enttäuschung begonnen. Doch dann folgte der nicht für möglich gehaltene Umschwung. Dagon legte über die von ihm bevorzugte lange Bruststrecke einen regelrechten Steigerungslauf hin und wuchs über sich hinaus.
Nach Rennhälfte belegte er noch den vorletzten Platz unter den acht Finalisten. Bei der 150-m-Marke stiess er bereits in den 4. Rang vor, und nach einem fulminanten Finish schlug er hinter dem kanadischen Topfavoriten Victor Davis und dem Australier Glenn Beringen als Dritter und mit Schweizer Rekord an.
Seine Erlebnisse schilderte Dagon damals folgendermassen: "Noch beim Einschwimmen hatte ich eigentlich eher ein ungutes Gefühl. Dies wegen dem enttäuschenden 20. Rang in der 100-m-Konkurrenz. Aber dann erinnerte ich mich an die erhaltenen aufmunternden Telegramme von Bieler Fans. Gestartet, hängte ich mich bei dem auf der Nebenbahn befindlichen Kanadier Victor Davis an. Nach der ersten Bahnlänge war ich quasi auf gleicher Höhe mit ihm. Aber ich ahnte nicht, welche hohe Kadenz er angeschlagen hatte. Bei 150 m wollte ich den Rhythmus noch erhöhen, aber das ging nicht mehr. Erst am Ziel merkte ich, was für ein Ding wir da gedreht hatten."
Mit Zielstrebigkeit zum Erfolg
Die erste Olympiamedaille für den Schweizer Schwimmsport war natürlich begünstigt durch den Olympiaboykott der Oststaaten, auch wenn die Schwimmwettkämpfe der Männer relativ wenig vom Boykott betroffen waren. Zumindest zwei sowjetische Finalanwärter fielen aber aus der Entscheidung.
Für die Strahlkraft des Schweizer Schwimmsports war der Bronze-Coup selbstredend von grosser Bedeutung. Schliesslich war fast ein halbes Jahrhundert vergangen, seit Edgar Siegrist an den Europameisterschaften 1934 in Magdeburg die bronzene Auszeichnung über 100 m Rücken gewonnen hatte.
Dagon wurde nach seinem Glanzauftritt in den USA in der Heimat als Held gefeiert. Als er mit Olympiamedaille im Gepäck aus Los Angeles heimkehrte, säumten tausende Zuschauer in Biel die Strassen. Auch die grosse Mehrheit der Schweizer Sportjournalisten wussten seine Leistung zu würdigen und wählten ihn 1984 zum Schweizer Sportler des Jahres - dies trotz dem Durchbruch von Pirmin Zurbriggen im Ski-Weltcup oder Olympia-Silber von Markus Ryffel in Los Angeles.
Der Gewinn einer olympischen Medaille war für Dagon der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere und der Lohn für all die Entbehrungen, die er auf dem Weg an die Weltspitze in Kauf nehmen musste. Der gelernte Mikro-Mechaniker, der durch seine jüngere Schwester im relativ späten Alter von 12 Jahren erst zum wettkampfmässigen Schwimmen gefunden hatte, ordnete ab 1982 sein ganzes Leben dem Schwimmsport unter. Dank der finanziellen Unterstützung seiner Eltern konnte er sich minutiös auf die Spiele von 1984 vorbereiten.
Was Dagon vor allem auszeichnete, war sein unglaublicher Wille, die Fähigkeit, seine Ziele, die er als persönliche Herausforderung verstand, mit letzter Konsequenz anzupeilen. Ein wichtiger Grundstein für seine späteren Erfolge war sein Vereinswechsel von den Swim Boys Biel zum Erfolgsklub Genève-Natation, der mit viel Getöse über die Bühne ging. In Genf konnte Dagon mit fünf weiteren Olympiateilnehmern unter der Aufsicht von Nationaltrainer Tony Ulrich in einem 50-m-Becken trainieren.
Zurück zu den Wurzeln
Trotz seiner Erfolge - 1985 doppelte er in Sofia mit EM-Bronze über 200 m Brust nach - war der 46-fache Schweizer Meister als Schwimmer finanziell nicht auf Rosen gebettet. Nach seiner dritten Olympia-Teilnahme 1988 in Seoul, die mit einem 13. und 27. Rang enttäuschend verlaufen war, trat Dagon vom Spitzensport zurück.
Danach engagierte er sich als Trainer im Schwimmsport und sammelte verschiedene Erfahrungen in der Privatwirtschaft, insbesondere in der Uhrenindustrie. Zwischen 1996 und 2008 war er in Neuenburg für die Weiterentwicklung der Sportinfrastruktur und Sportförderung zuständig. 2014 kehrte der dreifache Familienvater als Sportdelegierter der Stadt Biel beruflich in seine Heimat zurück. Damit schloss sich für Etienne Dagon ein Kreis. Denn sein heutiger Arbeitsplatz befindet sich im Bieler Kongresshaus, und damit an jenem Ort, wo er einst seine Schwimm-Karriere lanciert hatte.