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Nachträge und Vergessenes…
Stefan Bachmann und die Weltliteratur
In beiden Interviews, denen ich beigewohnt habe (und auch in andern, früheren, die ich mittlerweile im Internet gefunden habe), legte Bachmann grossen Wert darauf, dass er zur Zeit der Abfassung von Die Seltsamen und Die Wedernoch nicht nur sehr viel Fantasy und Steam Punk gelesen habe, sondern dass damals wie heute tatsächlich Dickens zu seinen Lieblingsautoren zählt(e) – und die Russen. Bei letzteren allerdings führt er keineswegs Dostojewskij an, wie Frau Carpenter von der Los Angeles Time, sondern er nennt immer wieder Tolstoi. (Was in sich schlüssiger und stimmiger ist, denn die Arroganz des Feen-Lords, der Kinder für seine Zwecke missbraucht und tötet, ist – neben der Figur des Lord Asriel von Pullman – eher den Beschreibungen des russischen Hochadels entnommen, die Tolstoi liefert, als den Beschreibungen von Häftlingen und Sündern à la Dostojewskij. Die gibt’s auch bei Bachmann, aber man merkt ihnen an, dass da ein junger, vom Schicksal noch keineswegs gebeutelter Mann in der Theorie über etwas schreibt, was er in der Praxis wohl nie kennen lernen wird.) Bachmann gibt offen zu, dass er natürlich in jenem Alter, in dem er Die Seltsamen schrieb, sehr vieles bewusst oder unbewusst aus andern Büchern kopiert habe.
Im übrigen gibt es im Netz Interviews, z.B. jenes, das Bachmann 2013 bei Kurt Aeschbach im Schweizer Fernsehen1) gab, die bedeutend besser geraten sind als beide, denen ich an der Buchmesse beiwohnte. Das mag bei Aeschbach auch daran liegen, dass Bachmann Schweizerdeutsch reden durfte (was er besser beherrscht als die Standard-Hochsprache). Das liegt aber ganz sicher daran, dass der Journalist Aeschbach sich ausgezeichnet auf sein Gegenüber einzustellen und die richtigen Fragen zu stellen weiss – was Literaturkritikern, die normalerweise nur mit toten Buchstaben kämpfen, eindeutig abgeht.
Körperpflege an der Buchmesse
Auch Blogger müssen manchmal, und das ist weiter nicht erwähnenswert, aber einen kleinen Schreck hat mir jener Mann eingejagt, der sich, nur mit einer schlecht sitzenden Unterhose bekleidet, im Eingangsbereich einer WC-Anlage aufhielt, wo sich die Waschbecken fürs Hände-Waschen befinden. Zuerst dachte ich ein einen geistig Verwirrten (hätte ja sein können – ob all der Literatur), als er dann in einer WC-Zelle verschwand, realisierte ich, dass der Mann hier offenbar seiner Körperpflege oblag, vulgo sich gerade von Kopf bis Fuss gewaschen hatte. Ich frage mich bis heute: War das ein Aussteller, der, um weitere Kosten zu sparen, gleich in seiner Ausstellungs-Box übernachtete?
Finnische Buchhändlerinnen: blond und tätowiert?
Am letzten Tag hatte ich mich noch zu den entfernter liegenden Partien der Messe durchgekämpft und kam so auch in jenen Teil, in dem hochoffiziell Bücher von Autoren des Ehrengasts Finnland verkauft werden durften. Ich habe dort weiter nichts gekauft; das altfinnische Epos Kalewala, das mich eventuell interessiert hätte, war nur in einer Bearbeitung (sprich: Transposition in die Gegenwart) erhältlich. Beim Betrachten der beiden jungen Damen hinter dem Tresen fragte ich mich allerdings zuerst, ob alle finnischen Buchhändlerinnen blond und grosszügig tätowiert sind. Bis ich dann realisierte, dass der Bücherverkauf von einer lokalen Buchhandlung gemanagt wurde…
Weitere Podiumsdiskussionen / Lesungen
Ich habe neben Stefan Bachmann und der finnisch-deutschen Slam-Poetry noch anderen Podiumsdiskussionen bzw. Lesungen beigewohnt. Da war Karin Köhler auf dem Blauen Sofa, die mit Wir haben Raketen geangelt den literarischen Shooting Star des Jahres 2014 darstellt. Sie wurde noch bekannter dadurch, dass sie dieses Jahr zum Lesen beim Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen war und das Pech hatte, nicht anreisen zu dürfen, weil sie sich mit Windpocken angesteckt hatte. Vorher hörte ich noch dem Wiener Professor der Philosophie Konrad Paul Liessmann zu, der sich über die Bologna-Reformen ebenso ausliess, wie einen Tag später der Münchner Professor der Philosophie und Ex-Staatsminister Julian Nida-Rümelin. Beide scheinen „Bologna“ nicht zu mögen, aber alternative Rezepte zur Bildungspolitik gehen auch ihnen ab, wenn man davon absieht, dass beiden wohl eine Rückkehr zum Status quo ante am liebsten wäre.
Der Tod von Siegfried Lenz
… war eines der beiden Gross-Ereignisse, das die Buchmesse 2014 überschattete. Aber auch im Buchhandel und Verlagswesen gilt: „The Show must go on“, und so fanden sich wohl bei seinem Verlag Hinweise auf diesen Schriftsteller, aber im übrigen hielt sich die offizielle Trauer in Grenzen.
Der Literaturnobelpreis 2015
Ich hätte die Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers life (bzw. via You Tube) verfolgen können. Leider war der You Tube-Server ein bisschen überlastet; das Bild blieb schwarz – jedenfalls, so lange ich vor dem grossen Bildschirm im Pressezenter stand. Ich ging dann weiter, in der Gewissheit, den Namen des Preisträgers ja doch irgendwann zu erfahren, in der Gewissheit auch, dass es einer sein würde, den ich sowieso nicht kannte. Ich hatte schliesslich die Bekanntgabe sogar völlig vergessen, erst im Laufe des Nachmittags erfuhr ich via Spiegel Online, dass er dieses Jahr Patrick Modiano heisst und Franzose ist. Auch nur via Spiegel Online erfuhr ich, dass sein deutscher Verlag, Hanser, von der Verleihung offenbar selbst überrascht worden war und kein einziges Werk von Modiano an der Messe parat hatte. Einen Tag später, wie ich am Stand des Verlags war, hatte Hanser dieses Versehen allerdings bereits korrigiert; auch ein überlebensgrosses Bild des neuesten Preisträgers hing nun dort.
Auch wenn ich noch verschiedene Veranstaltungen verpasst habe (und noch verpassen werde: Die Messe schliesst erst heute endgültig ihre Tore – die allerdings eher dem Einlass eines U-Bahn-Bahnhofs gleichen), so haben mich drei Tage doch genügend ‚abgefüllt‘ mit mehr oder weniger relevanten Informationen. Das war’s für dieses Jahr, ob ich nächstes Jahr wieder hingehe, und wenn ja, ob ich dann Samstag und Sonntag auch ‚mitnehme‘, weiss ich noch nicht. Die Frankfurter Buchmesse ist vor allem ein Event fürs Fachpublikum, fürs, wie man so schön auf Neudeutsch sagt, „Socialising“ und „Networking“. Ich bin halt kein „Networker“.
1) Ich hoffe, der Link funktioniert noch. Gestern ging er auf jeden Fall, heute scheint er – temporär? – ausser Betrieb zu sein.