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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
23. Gottes und Christi Ehre sind voneinander unabtrennbar.
Wenn sie aber deswegen Gottes Liebe nicht haben, weil sie denjenigen nicht aufgenommen haben, der im Namen des Vaters kam, und anderseits einen anderen aufnehmen, der in demselben Namen kommt, und weil sie Ehre wechselseitig von sich annehmen und die Ehre [S. 91] dessen nicht suchen, der allein Gott ist1 : wird man deswegen nicht meinen können, Christus trenne sich von der Ehre des einen Gottes, da man ja deswegen die Ehre des alleinigen Gottes nicht suche, weil man wegen der Aufnahme des Antichristen jenen nicht aufgenommen hat? Denn sein Verschmähtwerden ist die Unterlassung der Ehre des einen Gottes; die Ehre des einen Gottes besteht notwendig in der Ehre desjenigen, durch dessen dauernde Aufnahme sie die Ehre des einzigen Gottes gesucht hätten.
Eben dieses gleiche Wort ist uns dafür die Bestätigung, zu dessen Beginn es heißt: „damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt nicht den Vater, der jenen gesandt hat.”2 Nur was gleichen Wesens ist, wird in der Ehre gleichgestellt, noch auch trennt gleiche Ehre diejenigen, denen sie gebührt. Mit dem Geheimnis der Geburt wird aber die Gleichheit der Ehre gefordert. Da dem Sohn die gleiche Ehre gebührt wie dem Vater, und da man die Ehre dessen nicht sucht, der allein Gott ist,3 so ist derjenige nicht außerhalb der Ehrenstellung des einzigen Gottes, dessen Ehre die gleiche und die eine wie die (Ehre) Gottes ist, weil derjenige auch den Vater nicht ehrt, der den Sohn nicht ehrt, und so auch derjenige die Ehre Christi nicht sucht, der die Ehre des einzigen Gottes nicht sucht.
Untrennbar ist also Christi Ehre von Gottes Ehre. Und wie sehr sie eine und dieselbe für beide ist, lehrt er auch dadurch, daß er bei der Kunde von der Krankheit des Lazarus sagt: „Jene Krankheit ist nicht zum Tode, sondern für den Ruhm Gottes, damit durch ihn4 der Sohn Gottes verherrlicht werde.”5 Für die Herrlichkeit Gottes stirbt Lazarus, damit der Sohn Gottes durch Lazarus verherrlicht werde. Zweifelt man etwa daran, im Ruhm des Sohnes Gottes bestehe auch der Ruhm Gottes, da der [S. 92] Tod des Lazarus, der für Gott ruhmreich ist, Ruhm auch dem Sohne Gottes eintragen wird? So also wird die wesensmäßige, durch die Geburt vermittelte Einheit des Vaters in Christus gelehrt, da die Krankheit des Lazarus Gott zum Ruhm dient. Das Geheimnis des Glaubens wird festgehalten, da durch Lazarus der Sohn Gottes verherrlicht werden soll; als Gott soll man den Sohn Gottes erkennen, nicht aber in der Weise als Gott erkennen, daß man ihn nicht etwa auch als Sohn Gottes bekenne, da ja durch Lazarus Gott verherrlicht werden soll und eben dadurch auch der Sohn.
1: Joh. 5, 44.
2: Joh. 5, 23.
3: Joh. 5, 44.
4: Lazarus. Vulgata: per eam (scil. infirmitatem).
5: Joh. 11, 4.