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«Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich:
im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens.» (Psalm 27,4)
Liebe Angehörige und Freunde von Igo, liebe Mitbrüder,
Jemand sagte mir, dass Igo immer ein Suchender geblieben sei. Hier möchte ich versuchen, mit Euch diesem suchenden Weg nachzugehen.
Igo wurde 1937, als zweites von fünf Kindern, in Sorengo, im Tessin geboren und lebte in Chiasso, bis er als Fünfjähriger mit seiner Familie in die Heimat seiner Eltern nach Flums zog, wo er zuerst Schwyzerdütsch lernen musste. Dort besuchte er die Primarschule. Sein Onkel Ernst Manhart war Missionar, zuerst in der Mandschurei, in Beijing und dann in Taiwan. Sein älterer Bruder Ernst war schon am Gymnasium der Missionsgesellschaft, wohin er ihm folgte.
Wenn sein Bruder Ernst und er für die Sommerferien heimkamen, arbeiteten sie den ganzen Sommer als billige Helfer auf dem Hof ihres zweiten Onkels. Im Internat erzählten Mitschüler, sie würden anderswo viel mehr Geld bekommen. Da bewarb sich Igo, auf ein Inserat hin, bei einem Bauunternehmer; er erzählt in seinem Lebenslauf: «Bis zur Matura – und darauf war ich besonders stolz – konnte ich die gesamten Internats- und Studienkosten selber verdienen.»
Nach Igos Seminarzeit und der Priesterweihe studierte er Soziologie an der Missionsschule der Katholischen Aktion in Lille, Frankreich, wo er auch in einer Pfarrei der Arbeiterpriester mitarbeitete. Anschliessend war er ein Jahr lang Religions- und Sportlehrer, Spiritual und Vize-Präfekt im Torry, Fribourg.
Im Herbst 1966 wurde er nach Taiwan ausgesandt. Unsere ersten Taiwan-Missionare waren, vor der Machtübernahme der Kommunisten, alle in der Mandschurei oder in Peking tätig gewesen, sprachen also Mandarin-Chinesisch. Siebzig Prozent der Bevölkerung Taiwans spricht aber den südchinesischen Minnan-Dialekt. Igo gehörte nun zu der jüngeren Gruppe, die an der Sprachschule der Jesuiten, Taiwanesisch studierte. Da die Studierenden an der Schule fast nur Englisch redeten, zog er aus in ein Arbeiterzentrum der Jesuiten, wo alle nur Taiwanesisch sprachen.
Nach dem einjährigen Sprachstudium wurde er nach Luye zugeteilt, wo er mit seinem Bruder Ernst zusammen missionierte. Luye ist eine Gegend in der es Weiler mit je Amis-, Bunun- und Taiwanesen-Bevölkerung gab. 1968 vertrat er Franz Senn während seines Heimaturlaubs, in den weitläufigen Pfarreien Guanshan und Chishang, um dann wieder nach Luye zurückzukehren.
Igo hat anfangs das Taiwanesisch ohne die chinesischen Zeichen gelernt. Jetzt kehrt er an die Sprachschule zurück, um Mandarin-Chinesisch zu lernen, inklusive Schriftzeichen.
Das Regionalkapitel 1969 in Taidong forderte, «dass die Taiwanesen-Mission konsequent an die Hand zu nehmen sei, weil die Zukunft der Kirche bei jenem Volksteil liege, der sich als Kultureinheit durchsetzt». Daher bat die Gesellschaftsleitung Wolfgang Grichting, in Taidong eine pastoralsoziologische Studie durchzuführen, über «Das Wertesystem in Taiwan 1970». Da Igo jetzt sowohl chinesisch wie taiwanesisch sprach, blieb ein grosser Teil der Feldarbeit an ihm hängen. Die Studie wurde auf ganz Taiwan ausgeweitet. Grichting veröffentlichte die Studie auf Englisch und Igo auf Deutsch.
1972 wurde das Konzept für eine Task-Force von jungen SMB-Missionaren erarbeitet, in dem Igo zusammen mit Roland Twerenbold, Josef Eugster und Ueli Scherer, die Taiwanesen-Mission auf überpfarreilicher Ebene hätte anpacken sollen. Leider verlief das Projekt aufgrund veränderter Personalplanung im Sand. Igo war dann Studienpräfekt der Region Taiwan.
1974 wurde er vom Generalobern Amstutz, als Chef des Missionsressorts nach Immensee zurückgerufen. Er musste vor allem mögliche Einsätze von Fachkräften abklären, z.B. in Kalimantan (Indonesien) und Haiti.
Igo schreibt von dieser Zeit: «Im Missionshaus entwickelten wir die Form von Equipen: etwa vier Personen, Priester und Laien, ein Team zum Einsatz in der Mission. Die Sorge um diese missionarischen Equipen, die ich von 1974 an als Verantwortlicher des Missionsresorts zusammenstellte und vor allem in Lateinamerika in Einsatz gebracht hatte, liessen mich 1978 zusammen mit meinem Mitbruder Louis Zimmermann auf die Suche gehen: Wo und wie können wir unseren Laienmitarbeitenden, zusätzlich zu ihrer Entwicklungshilfe-Motivation, tragende Glaubenserfahrungen vermitteln.» Soweit Igo.
Bei dieser Suche stiess Igo 1978 auf die Integrierte Gemeinde in München, und er war gleich fasziniert von ihrer Theologie, von der Art des Zusammenlebens, von der erfahrbaren Freude und Ausstrahlungskraft der jungen Leute, die sich ganz für die Kirche engagieren wollten. Er dachte damals noch nicht im Traum daran, sich einmal der Integrierten Gemeinde anzuschliessen, wie er sagt. Im Gegenteil, in ihrer Begeisterung begannen Luis Zimmermann und er den Versuch, in Immensee und zusammen mit Team-Rückkehrern eine gleichartige «Gemeinde» aufzubauen.
Bei einem, von der Gesellschaftsleitung genehmigten, dreimonatigen Aufenthalt in der Integrierten Gemeinde, arbeitete er einerseits auf Baustellen, wo er sein Wissen und Können als Elektriker erweiterte. Anderseits beeindruckte ihn die Fülle an Erfahrung und Theologie, die er in der Gemeinde vorfand. Er wollte diesen Enthusiasmus ins Missionshaus einbringen, erlebte aber viel Zweifel und Ablehnung. In diese Zeit fiel seine Visitationsreise nach Lateinamerika, wo gerade versucht wurde, sogenannte Basisgemeinden der dortigen Bewohner aufzubauen. Es gab Rückschläge im Aufbau der missionarischen Equipen. Equipen waren gar nicht mehr überall erwünscht, wie ein Bischof ihm direkt sagte: «Ihr helft Lateinamerika am meisten, wenn ihr dafür sorgt, dass es in Europa echte christliche Gemeinden gibt».
Schliesslich erbat sich Igo von der Gesellschaftsleitung die Erlaubnis, zur Integrierten Gemeinde in München umzusiedeln, gleichsam als neuer «missionarischer Einsatz». Dort wurde er Pfarrer, Gästehausverwalter, lernte noch Buchhaltung, war auf dem Bau als Elektriker tätig. 1985 übernahm er, als Mitglied der Priestergemeinschaft der Integrierten Gemeinde, die Pfarrei Hergensweiler, später eine Pfarrei in München.
Als Bischof Mwoleka aus Tansania eine Gruppe zur Ausbildung nach Deutschland schickte, wurde Igo als Priester und Deutschlehrer deren Begleiter. Dann wurde er Missionsprokurator für Tansania. Später ging er selbst nach Tansania; eigentlich nur für kurze Zeit, um einem Kollegen einen Urlaub in der Heimat zu ermöglichen, aber wie er sah, dass die Aufgaben dort anwuchsen, wurden daraus vier Jahre.
Dann entstand in Rom eine Niederlassung der Integrierten Gemeinde, die später an der Päpstlichen Lateran-Universität die «Theologie des Volkes Gottes» anbietet. Igo begleitete diesen Anfang als Hausmeister, im Garten und in der Rezeption.
Und so ging es weiter: Er begleitet den Anfang einer kleinen Schule in Urfeld, arbeitet mit in der Pfarrei Urfeld und wird schliesslich dort Pfarrer «in solidum», d.h. mit andern zusammen.
Mit 72 Jahren kehrte er dann nach Hergensweiler zurück, eigentlich pensioniert, aber immer noch aktiv, für weitere zehn Jahre. Erst vor knapp zwei Jahren, als er sich ins Altenheim zurückzog, erlebte er so etwas wie Pension.
Für viele SMB-Mitbrüder war sein Einsatz in der Integrierten Gemeinde unverständlich, was Igo sehr bedauerte. Weil er die SMB und die Integrierte Gemeinde nicht als unvereinbar erlebte, sagt er in seinem Testament: «Deshalb bin ich stolz auf die Missionsgesellschaft Bethlehem, der ich so viel verdanke, und danke Gott gleichzeitig für das Geschenk der Integrierten Gemeinde, weil sich mir in ihr nochmals ganz neue Horizonte eröffneten.»
Wie gesagt, Igo war seiner Lebtag ein Suchender. Wir wollen uns mit Igo freuen, dass er so viel Erfreuliches finden durfte.
Laurenz Schelbert