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Von 1921 bis 1929 lebte Robert Walser in Bern. Werner Morlang materialreicher Band über Walsers letzte Jahre in Freiheit vor seiner Psychiatrisierung korrespondiert in schöner Weise mit Walter Gafners schriftstellerischer Suche nach Walsers Berner Jahren.
In Bern, wo über ihn damals gesagt worden sei, er gehöre in eine Irrenanstalt, und wo ihn «die literarischen Zustände» immer mehr zwangen, «so langsam wie möglich zu arbeiten», verbrachte der Schriftsteller Robert Walser seine letzten Jahre in Freiheit. Von Biel war er als 42jähriger im Januar 1921 nach Bern gezogen, um im Berner Staatsarchiv die Stelle des zweiten Bibliothekars anzutreten. Bis 1929 lebte er an insgesamt fünfzehn verschiedenen Adressen – danach für vier Jahre in der Heil- und Pflegeanstalt Waldau.
Im Frühsommer 1993 hat der Verein «StattLand» in Bern unter Leitung von Werner Morlang, dem damaligen Leiter des Robert-Walser-Archivs in Zürich, einen Walser-Stadtrundgang organisiert. Die Suche nach Walsers Spuren in Bern hat Morlang nun unter dem Titel «Ich begnüge mich, innerhalb der Grenzen unserer Stadt zu nomadisieren…» in Buchform dokumentiert: Eine Montage von Bilddokumenten, Walser-Zitaten, Erinnerungen von ZeitgenossInnen skizziert Walsers damalige Lebensumstände, mit einem einleitenden Essay schafft Morlang den Zusammenhang zu Walsers bisherigem, unstetem Leben.
Als der Berner Schriftstellerverein 1949 unter dem Titel «Berner Schrifttum 1925-1950» in Kurzporträts über hundert Mitglieder vorstellte, wurde die Berner Zeit des Kollegen Walser schamvoll in einem einzigen Satz abgehandelt: Er sei nach Bern übergesiedelt, «wo ihn in den zwanziger Jahren eine schwere Krankheit befiel, die seinen dichterischen Quell zum Versiegen brachte». Morlangs Buch zeigt, welche Wirklichkeit dieser Satz zudeckt: In regelmässiger Schreibarbeit entwarf Walser damals in einer winzigen Bleistiftschrift Gedichte, Prosastücke und Romane. Die so entstandenen «Mikrogramme» haben langezeit als unentzifferbar gegolten. Morlang hat sie, zusammen mit Bernhard Echte, entziffert und seit Mitte der achtziger Jahre unter dem Titel «Aus dem Bleistiftgebiet» in bisher vier Bänden veröffentlicht (vorgesehen [und unterdessen erschienen, fl.] sind insgesamt sechs).
In seiner Freizeit ging Walser gern unter die Leute, nahm an öffentlichen Festen, Umzügen oder dem Zibelemärit teil; besuchte Theater, Konzerte, Oper und Kino; im Sommer schwamm er gern in der Aare, und zu jeder Jahreszeit unternahm er seine ausgedehnten Wanderungen durchs Bernbiet und darüber hinaus.
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre stockte die Abnahme seiner Arbeiten durch die Zeitungsfeuilletons im In- und Ausland immer mehr. Walser war nicht mehr gefragt und damit als Heimarbeiter der Kulturindustrie erledigt. Die Hoffnung, auf dem Buchmarkt noch einmal Fuss zu fassen, musste er in dieser Zeit endgültig begraben. Im Winter 1928/29 litt er zunehmend unter depressiven Zuständen und Verfolgungsängsten, das Schreiben fiel ihm immer schwerer. Er wurde in die «Waldau» eingewiesen, wo ihm der Aufnahmearzt nach kurzer Befragung die «definitive Diagnose Schizophrenie» verpasst hat. Am 19. Juni 1933 überführte man ihn gegen seinen Willen in den Heimatkanton Appenzell-Ausserrhoden (Heil- und Pflegeanstalt Herisau), wo er Ende 1956 gestorben ist.
Neben Morlangs Arbeit, die zusammen mit den Bänden «Aus dem Bleistiftgebiet», Carl Seeligs «Wanderungen mit Robert Walser» (1957) und dem Bern-Kapitel in Robert Mächlers dokumentarischer Biografie von Robert Walser (1966, alle suhrkamp) einen vielfältigen Einblick in Walsers Berner Jahre geben, ist auf den Essay «Robert Walser in Bern» hinzuweisen. Verfasst hat ihn 1991 der heute gut achtzigjährige ehemalige Pfarrer des Inselspitals, Walter Gafner. Veröffentlicht worden sind von diesem Text leider bisher nur zwei grössere Ausschnitte in der «ZeitSchrift». Legitimiert durch das Studium aller erreichbaren Quellen und die Tatsache, dass Walsers Bern auch dasjenige seiner eigenen Jugendjahre war, ist Gafner auf die schriftstellerische Suche nach Walsers zwanziger Jahren gegangen. Entstanden ist ein Text, der literarisch plausibel, ohne naive Identifikation oder Vereinnahmung, mit feinen, in den Details ausserordentlich präzisen Strichen Robert Walser «von innen» zeichnet und sich deshalb als Gegenstück von Morlangs dokumentarischem Walser «von aussen» lesen lässt.
Werner Morlang: «Ich begnüge mich, innerhalb der Grenzen unserer Stadt zu nomadisieren…». Robert Walser in Bern. Bern (Haupt Verlag) 1995.
Walter Gafner: Robert Walser in Bern. Ausschnitte siehe «ZeitSchrift», Nummern 6/1994 + 3/1995.
Walter Gafner hat mir damals eine Kopie des Typoskripts seines Essays geschenkt. Es umfasst 63 in enger Zeilenschaltung beschriebene A4-Seiten und steht neben Walsers Büchern auf meinem Büchergestell. Als Motivation für den Essay nannte Gafner im Geleitwort sein Staunen über diesen Schriftsteller: «Ist es nicht stets wieder das Staunen, wie aus dem durch mancherlei Umstände Eingeengten seines Daseins unter uns der eingesammelte Reichtum aus freischwebender Aufmerksamkeit, Erlebenskraft und einsamer Verarbeitung in dieser ureigenen verhaltenen Wortkunst sich zu verströmen vermag?» Vielleicht gab es damals die Hoffnung, dass durch die Erwähnung der Schrift in der WoZ ein Verlagsinteresse geweckt werden könnte. Sie hat sich nicht erfüllt. Der Essay ist ungedruckt geblieben.