Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/1544

Magst du Schlösser, Burgen und historische Dörfer? Dann solltest du die Region rund um Jincheng besuchen. Die Region weit im Süden der Provinz Shanxi wird zu Unrecht von Touristen kaum beachtet. In diesem Beitrag verrate ich dir, wieso sich der Besuch lohnt.
Der neue Wohlstand Chinas ist nicht grundsätzlich schlecht, hat aber Folgen für uns Reisende: Die Eintrittspreise schiessen ins Unerhörte und überall stehen sich Touristen auf die Füsse. War es vor zehn Jahren noch die mangelnde Infrastruktur, die das Reisen in China erschwerte, besteht heute die grösste Herausforderung darin, Orte zu finden, welche noch nicht von Touristen überlaufen sind.
Eine Region, in der dies noch immer gut klappt, ist der Süden der Provinz Shanxi, den ich vor einigen Tagen besucht habe und der vor allem mit seinen zahlreichen Burgen und umwehrten Dörfern einen spannenden Einblick in die chinesische Geschichte vor 300 Jahren erlaubt. In diesem Artikel möchte ich dir 1.) ein paar allgemeine Informationen zu den historischen Besonderheiten der Region geben, 2.) dir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorstellen, die du besuchen kannst und 3.) dir die nötigen praktischen Tipps mitgeben, damit du diese etwas herausforderndere Gegend selber besuchen kannst.
1.) Historischer Hintergrund zu den Burgen
Die letzte Phase der Ming-Dynastie war keine gute Zeit. Peking verzettelte sich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Mandschu im Norden, die Staatskassen waren wegen einer verfehlten Steuerpolitik leer und krasse Missernten führten in den Jahren 1627/28 zu Hungersnöten und insbesondere in den heutigen Provinzen Shanxi und Shaanxi zu Bauernaufständen. Um sich vor den plündernden Räuberbanden zu schützen, begannen sich immer mehr Dörfer in kleine Festungen zu verwandeln.
Diese Siedlungen bestehen noch heute und wurden – anders als in vielen Teilen Chinas – nicht durch die Modernisierung zerstört. Zumindest bisher nicht. Denn wie überall in China leiden auch hier die stukturschwachen Dörfer unter einer hohen Abwanderung. Junge Leute ziehen in nahe Städte, um Arbeit zu finden. Zurück bleiben die Alten. Es ist nicht schwer abzusehen, dass viele der Dörfer in den kommenden Jahren aussterben werden.
Bereits jetzt sind viele Ortschaften schwer geschädigt: Sowohl in Gouyu wie auch in Xiangyu war ein beträchtlicher Teil der Häuser in einem so fortgeschrittenen Zerfallsstadium, dass sie nicht mehr bewohnbar und womöglich auch nicht mehr reparierbar waren. So tragisch das für das jeweilige Dorf sein mag: Für Besucher trägt dies zur bedrohlich-gespenstischen Stimmung bei, die mich hier so fasziniert hat.
2.) Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten
Tipp 1: Das Schloss von Premierminister Chen
Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Region ist das hervorragend erhaltene und liebevoll restaurierte Schloss von Premierminister Chen (Huancheng Xiangfu, 皇城相府). Chen Tingjing war Ende des 17. Jahrhunderts unter Kaiser Kangxi als Premierminister tätig und widmete sich nebenbei der Sprache. So schrieb er an Chinas berühmtesten Wörterbuch mit. Um dies zu ehren, beherbergt das Schloss heute ein Museum für Wörterbücher, das jedoch bei meinem Besuch leider geschlossen war.
Obwohl das Schloss mit jeder Menge Touristen-Klimbim einherkommt und mit einem Eintrittspreis von 120 Yuan alles andere als ein Schnäppchen ist, lohnt sich der Besuch: Das Schloss ist das grösste derartige Gebäude in der Region, ein beträchtlicher Teil der Räume ist für Besucher offen, einschliesslich des Aussichtsturms. In den Gärten, Tempeln und Wohnhäusern des Palasts kann man locker einen halben Tag verbringen.
Leider erfährt man wenig zur Geschichte des Schlosses. Soweit ich das überblicken kann, wurde der Ort gegen Ende der Ming-Dynastie zum Schutz vor Banditen mit einer Mauer umgeben. Auch der Heshan-Turm diente ursprünglich dem Schutz der Bevölkerung: Angeblich konnten in ihm bis zu 800 Personen Zuflucht finden. Später in der anschliessenden Qing-Dynastie wurde das Schloss vom Premierminister erweitert.
Praktisches: Die Anreise erfolgt entweder mit dem direkten Bus vom Fernbusbahnhof von Jincheng (ca. 1h) oder über das nahe gelegene Beiliu, von wo aus du das Taxi nehmen kannst.
Tipp 2: Das historische Dorf Guoyu
Nur gerade 500 Meter vom Schloss des Premierminister Chens entfernt liegt das Dorf Guoyu. Obwohl auch dieser Ort hauptsächlich aus historischen Gebäuden besteht, lassen ihn die meisten Tourgruppen links liegen. Im Ort wird schon lange darüber gestritten, ob man das Dorf ebenfalls renovieren und in eine Touristenfalle verwandeln soll. Noch haben die Skeptiker die Oberhand und der Ort ist wunderbar authentisch. Falls du das Schloss vom Premierminister Chen besuchst, solltest du dir auch eine Stunde für Guoyu Zeit nehmen.
Besonders sehenswert ist der Tempel, der dem Kaiser Teng gewidmet ist. Interessant fand ich, dass der Tempel eine riesige Bühne beheimatete. Wie ich später erfuhr, haben die meisten Tempel in dieser Region Bühnen, auf denen die Schauspieler nicht nur das Volk unterhielten, sondern auch die Götter milde stimmten. Vom Tempel aus führt eine Treppe auf einen Abschnitt der Stadtmauer, von wo aus du eine gute Aussicht hast.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit im Ort ist wohl der Yu-Turm, der dem Heshan gleicht und je nach Quelle dessen Vorbild oder Kopie ist. Leider ist der Turm nicht öffentlich zugänglich. Mit etwas Glück kannst du dich im Dorf zur Person durchfragen, welche den Schlüssel hat. Es lohnt sich: Die Aussicht auf dem Turm ist hervorragend, doch noch spannender ist es, den dunklen, etwa 300 Meter langen unterirdischen Fluchttunnel zu erkunden, der in den Innenhof eines Wohnhauses führt.
Das Dorf ist stark verfallen und viele Häuser sind nicht mehr bewohnt. Die vorwiegend alten Dorfbewohner freuen sich sehr über westliche Besucher, insbesondere solche, die ein paar Brocken Chinesisch sprechen. Ich wurde verschiedentlich in Häuser eingeladen.
Tipp 3: Das Geisterdorf Xiangyu
Am eindrücklichsten fand ich den Besuch von Xiangyu, einem kleinen, weitgehend menschenleeren Dorf, das von einer gewaltigen Stadtmauer umgeben ist. Als ich gegen zehn Uhr früh durch das Dorf spazierte, sah ich keine Menschenseele, obwohl Vorhänge und Kleider auf der Wäscheleine bewiesen, dass hier tatsächlich noch ein paar Menschen leben. Eine gespenstige Ruhe lag über dem Ort.
Ähnlich wie Guoyu ist auch Xiangyu zu grossen Teilen in einem desolaten Zustand. Bei einigen Gebäuden ist das Dach bereits eingestürzt. Viele Häuser stehen leer. Zur Stadtmauer, die offensichtlich vor nicht allzulanger Zeit renoviert worden war, bildet der innere Teil des Orts einen starken Kontrast. Ein Nudelverkäufer erzählt mir, dass der Ort derzeit erneuert werde, damit man ab Herbst Eintritt verlangen könnte. Ob das gelingen wird, ist indes fraglich. Bei meinem Besuch sah ich weniger als eine handvoll anderer Touristen.
Im Ort selber gibt es eher wenig zu besichtigen, da die meisten Häuser verschlossen sind. Ebenfalls war weder ein Laden noch ein Restaurant auffindbar. Der Zugang zur Stadtmauer und den Wachtürmen ist verschlossen, für grössere Gruppen ist es allerdings möglich, den Schlüssel zu finden. Der Reiz des Besuchs liegt im Abenteuer, einen derart abgelegenen Ort gefunden zu haben.
Anreise: Auf der Strasse vor Xiangyu verkehrt ungefähr jede Stunde ein Linienbus. Allerdings konnte ich die Route nicht herausfinden. Am besten erreichst du den Ort jedoch mit dem Taxi ab Beiliu. Du solltest für Hin- und Rückweg einschliesslich einer Wartezeit von zwei Stunden einen Fahrer für 100 bis 120 Yuan finden.
Tipp 4: Die bizarre Stadtmauer von Diji
In unmittelbarer Nähe von Beiliu befindet sich noch eine weiteres Dorf, das zu besuchen sich lohnt: Diji. Bekannt ist es vor allem wegen seiner aussergewöhnlichen Stadtmauern, die nicht aus massiven Steinen errichtet wurden, sondern aus nicht mehr benötigten Rohren. Trotz meiner Skepsis wurde mir von mehreren Stellen versichert, dass die Mauern tatsächlich einige hundert Jahre alt sind.
Anders als Guoyu und Xiangyu ist Diji kein eigenes Dorf mehr, sondern eher das historischer Zentrum einer chinesischen Kleinstadt. Offenbar sind die nötigen finanziellen Mittel vorhanden, um die Altstadt zu erhalten und das Städtchen insgesamt zu verschönern. Insofern bildet es einen interessanten Kontrast zu den anderen Orten. Interessant fand ich, dass es am See vor der Altstadt eine ziemlich grosse Moschee gibt.
Tipp 5: Der See der neun Feen
Für die Vollständigkeit sollte ich hier noch den See der Neun Feen erwähnen, der bei chinesischen Besuchern fest auf dem Programm steht, den ich jedoch auf Grund des unvernünftig hohen Eintrittspreis ausgelassen habe. Dabei handelt es sich um einen Stausee mit einer Insel, auf der sich etwas befindet, das wie eine sehr kleine alte Burg aussieht. Die Bilder, die sich gesehen habe, sind recht hübsch.
Praktische Tipps:
Anreise: Die Anreise erfolgt am besten nach Jincheng, das einen eigenen Bahnhof (keine Hochgeschwindigkeitszüge) hat. Derzeit gibt es einen täglichen Direktzug ab Peking (9 Std) sowie einige wenig attraktive Bummelzüge nach Taiyuan und in andere Richtungen. Zeit sparen kannst du, wenn du mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Zhengzhou oder Xinxiang fährst und von dort aus per Bus oder Bummelzug weiterfährst. Von hier aus empfiehlt es sich, ein Taxi zu mieten, da die Orte oft schwer erreichbar sind. Mit etwa 200 Yuan für einen halben Tag solltest rechnen. Beachte meine Tipps zu den chinesischen Eisenbahnen.
Unterkunft: Jinchengs xenophobe Stadtverwaltung erlaubt es nur wenigen überteuerten „Luxushotels“, Ausländer aufzunehmen. Wenn du unbedingt in dieser Stadt übernachte n möchtest, empfehle ich das brandneue Shengyu 365 an der Kreuzung Hongxing Dong Lu und der Lüjiang Lu, wo du ansehliche Zimmer schon ab 170 Yuan bekommst. Günstiger und näher kommst du in Beiliu unter. Für kostensensitive Gäste empfiehlt sich das etwas schmuddlige Xinglong Binguan, das bereits Zimmer ab 40 Yuan anbietet und zum Zeitpunkt meines Besuchs (April 2015) Ausländer aufnahm. In diesen Wochen soll ein neues Hotel für höhere Ansprüche Ort aufgehen Für die Hotelrecherche empfehle ich einen Blick auf meine 4,5 Tipps für die Suche nach Unterkünften in China.
Internet: Das chinesische Internet ist im ganzen Land stark zensiert, in diesem Teil jedoch deutlich stärker. Ich konnte nicht einmal unverfängliche Seiten öffnen wie wetter.com oder diesen Chinablog, der sonst problemlos funktioniert. Ebenfalls hatte ich Probleme mit dem Versenden von Mails. In älteren Reiseberichten las ich, dass Ausländer keine Internetcafés nutzen dürfen. Da ich selber meinen Laptop dabei hatte, probierte ich das jedoch nicht aus. Wenn du aufs Internet angewiesen bist, empfehle ich dringend den Kauf einer chinesischen SIM-Karte mit Datenverbindung und ein gutes VPN.
Reisezeit: Ich besuchte die Region Anfang April und hatte unglaubliches Glück mit dem Wetter: Obwohl die Kohleprovinz Shanxi allgemein als ziemlich stark verschmutzt gilt, hatte ich jeden Tag einen strahlend blauen Himmel mit sehr angenehmen Temperaturen.
Kommunikation: Obwohl die zivilen Schlösser im Süden von Shanxi echt der Hammer sind, gibt es in der Region nur sehr wenige Touristen. Wenige chinesische und praktisch keine ausländischen. In den Dörfern wird kaum Englisch gesprochen und selbst für Leute mit mittleren Chinesischkenntnissen ist die sprachliche Verständigung wegen des starken Dialekts nicht immer einfach. Entschädigt wird das durch eine unglaublich grosse Gastfreundschaft. Zur Vertiefung empfehle ich meine Tipps zur Kommunikation.
Weitere Sehenswürdigkeiten in der Umgebung: Ich habe Südshanxi vom Bergdorf Guoliang aus besucht, das für den „gefährlichsten Tunnel der Welt“ bekannt ist und das ich als ein sehr eindrückliches Ziel empfunden habe. Ein weiteres Mustsee im benachbarten Henan ist Luoyang mit seinen bekannten Buddhahöhlen und dem nahegelegenen Shaolin-Kloster.Willst du mehr von der Provinz Shanxi sehen, empfiehlt sich die Welterreise zur historischen Bankenstadt Pingyao (Unesco-Weltkulturerbe).
Bist du neu hier? Dann schau dir hier an, was Sinograph bezweckt? Wenn du auf der Suche nach Reiseinspiration bist, dann schau dich hier in der Rubrik Reiseziele um. Und vergiss nicht, Facebookfan von Sinograph zu werden. Praktische Reisetipps findest du im Chinareiseforum.