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Sucht man nach Aphorismen über „Denken“, stösst man unter anderem auf das Bergson-Zitat, welches den Titel dieses Artikels ergab(1), aber ausschliesslich auf denk- und bewusstseinsskeptische Aussagen. Denken, Schlussfolgern und Bewusstsein wird der Materie zugeteilt und abgewertet.
Das Bewusstsein, das ich mit dem Denken identifiziere, ist ein wesentlicher Unterschied, der uns Hominiden von anderen Säugetieren abhebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gebrauch dieses wunderbaren Instruments so schlecht sein soll.
Hypothesenbildung
In „Hypothetical reasoning and failures of disjunctive inference“ beschreibt Joshua Harris das „Heiratsproblem“ von Toplak und Stanovich (Quellenangabe bei Harris).
Harris schreibt sinngemäss: „Menschen scheinen enorme Schwierigkeiten zu haben, wenn sie über die gestellte Frage nachdenken, weil der Zivilstand von Anna unbekannt ist. …. Um die richtige Antwort zu finden, müssen Sie hypothetische Schlüsse ziehen. Das bedeutet, dass Sie merken müssen, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder ist Anna verheiratet oder sie ist nicht verheiratet. Dann müssen Sie die ursprüngliche Frage in Abhängigkeit der beiden logischen Möglichkeiten betreffend Annas Zivilstand beantworten“(2).
Toplak und Stanovich glauben aus ihren Untersuchungen, dass Menschen Mühe haben, eine Situation hypothetisch einzuschätzen. Stattdessen suchen sie eine rasche intuitive Antwort, die vielleicht gar nichts mit dem Problem zu tun hat und handeln danach. Das kann in Projekten oder Politik ziemlich fatal sein. Auch Daniel Kahneman hat die Heuristik beschrieben, ein einfacheres oder gar anderes Problem, als das ursprünglich gestellte, zu lösen(2).
Was mich hier stutzig macht ist Harris‘ Bemerkung, dass Anna entweder verheiratet ist oder nicht. Ich denke, der Zustand „verheiratet“ ist viel zu kompliziert, als dass es ein klares Komplement dazu gäbe.
Wahrscheinlichkeiten
Stellen Sie sich vor, Sie wären in einem politischen Amt zuständig für Gegenmassnahmen einer drohenden Epidemie. Ohne Gegenmassnahmen wird mit 600 Toten gerechnet. Es stehen aber zwei alternative Massnahmen zur Verfügung: Mit Massnahme A können 200 Menschenleben gerettet werden. Massnahme B ist etwas unsicher. Mit der Wahrscheinlichkeit von einem Drittel können alle 600 gerettet werden, aber mit der Gegenwahrscheinlichkeit von zwei Drittel ist diese Massnahme wirkungslos. Für welche Massnahme entscheiden Sie sich?
Nach dem Motto „Eine Taube auf dem Dach ist besser als ein Spatz in der Hand“ entscheiden sich die meisten Menschen für Massnahme A, weil Wahrscheinlichkeiten uns zu abstrakt sind. Beide Massnahmen sind aber völlig äquivalent.
Für mich interessant ist, dass im ersten Fall die klassische Logik unserem Denken zuwiderläuft und im zweiten die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Beide Theorien haben wir ersonnen. Warum machen sie uns denn trotzdem Mühe? Sind solche Theorien wenig hilfreich, weil sie nicht Teil der Wirklichkeit sind? Kürzlich meinte ein Kommentator, dass mathematische Formeln den Menschen so wenig erlösen, wie religiöse Riten.
Ist Denken unnötig?
Wenn wir die Theorien erdacht haben, sind sie sehr wohl Teil der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit konstruieren wir uns, unter anderem aus Wahrscheinlichkeiten, logischen Gesetzen und mathematischen Objekten (z.B. eine kreisrunde Insel in einer Strassenkreuzung). Ich glaube nicht, dass es um eine Entscheidung „Denken vs. Gefühl“ oder „Artefakte vs. Natur“ geht. Das Fühlen ist Grundlage jeder Entscheidung. Dem Denken wird vor der Umsetzung der gefühlsmässig entschiedenen Handlung gnädigerweise ein Veto eingeräumt. Da aber Nachdenken derart energieintensiv und mühsam ist, winkt das Denken die Entscheidungen meisten durch.
Mit den von uns ersonnenen Theorien können wir die Entscheidungen, die das Fühlen getroffen hat, aus einem anderen Sichtwinkel anschauen. Oder umgekehrt: wir können das Fühlen proaktiv durch neue Sichtweisen unterstützen.
Henri Bergson meint in „Denken und schöpferisches Werden“, dass Denken bloss ein Notbehelf sei, wenn die Wahrnehmung versagt. Was er wohl mit „Wahrnehmung“ meint? Die Wahrnehmung versagt grundsätzlich immer. Bergson schreibt:
„Wenn die Sinne und das Bewußtsein eine unbegrenzte Reichweite hätten, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit sowohl in Richtung auf die Materie als auch in Richtung auf das Geistige unbegrenzt wäre, dann hätte man nicht nötig zu denken, noch irgendwelche Schlußfolgerungen zu ziehen“
Mal abgesehen davon, dass die Prämisse dieser Aussage halt eben nie zutrifft, bin ich bass erstaunt, über seine Schlussfolgerung. Das Denken und Schliessen scheint mir gerade die zentrale Aufgabe des Menschen zu sein.
(1) Henri Bergson, Denken und schöpferisches Werden
(2) Joshua Harris, Hypothetical reasoning and failures of disjunctive inference