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| Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden

Lob- und Trauerreden
Rede über das Leben des heiligen Gregor des Wunderthäters.
7.
Welche Entscheidung des großen Gregor werden also wir erzählen? Zwei Brüder im jugendlichen Alter, die soeben die väterliche Erbschaft unter sich getheilt hatten, stritten sich um einen See, den jeder ganz besitzen wollte, ohne den andern am Besitze Theil nehmen zu lassen. Der Lehrmeister wurde nun zum Schiedsrichter gewählt, und als er an Ort und Stelle war, bediente er sich zur Schlichtung seiner eigenen Gesetze, indem er die Jünglinge zu versöhnen suchte und aufmunterte, sich auf gütlichem Wege zu vergleichen und den Frieden für einen höheren Gewinn zu achten als große Einkünfte, denn der erste bleibe ihnen ewig im Leben und im Tode, die letzteren aber gewährten einen vorübergehenden Genuß und zögen wegen Ungerechtigkeit ewige Verdammniß nach sich, und was er sonst zu sagen für geeignet hielt, um den Ungestüm der Jugend zu beschwichtigen. Als aber seine Ermahnung erfolglos war und das jugendliche Feuer tobte und durch die wachsende Hoffnung auf Gewinn angefacht in hellen Zornesflammen ausschlug und auf beiden Seiten sich aus den Untergebenen ein Heer bildete, ein großer Haufen, von jugendlichem Grolle geführt, und schon die Zeit des Zusammenstoßes festgesetzt war, und am folgenden Tage die Schlacht auf beiden Seiten entbrennen sollte, da blieb der Mann Gottes an den Ufern des See's und wirkte, indem er die Nacht schlaflos zubrachte, am Wasser ein Wunder, wie Moses, nicht, indem er durch einen Schlag mit dem Stabe die Tiefe in zwei Hälften theilte, sondern indem er ihn durch Gebet ganz in festes Land verwandelte, so daß bei Tagesanbruch sich statt des See's trockenes Land zeigte, ohne Naß und Feuchtigkeit, und in den Vertiefungen auch nicht ein Tröpflein Wasser sich vorfand, wo vor seinem Gebete die Fluthen sich ergoßen.
Er nun, nachdem er auf diese Weise sein Richteramt geübt hatte, kehrte wieder nach Hause zurück. Die Jünglinge aber gaben ihren Zwist auf, da er durch die That geschlichtet war. Denn da der Gegenstand, wegen dessen sie sich gegenseitig befeindet hatten, nicht mehr vorhanden war, kehrte Friede in ihre Herzen ein, und es machte sich bei den Brüdern die natürliche Zuneigung wieder geltend. Und jetzt noch kann man die deutlichen Zeichen jener göttlichen Entscheidung sehen. Denn rings um den ehemaligen See haben sich bis jetzt noch einige Spuren der Wasserfluthen erhalten. Alles aber, was damals tief unter Wasser stand, verwandelte sich in Waldung, bewohnte Plätze, Wiesen und angebautes Land. Dieser richterlichen Entscheidung würde, wie ich glaube, nicht einmal jener berühmte Salomo den Vorrang streitig machen. Denn trug es etwa so viel zur Tugend bei, den Säugling der rechten Mutter zu [S. 531] erhalten, für den es in Bezug auf das Seelenheil durchaus einerlei war, ob ihm von seiner Mutter oder einem andern Weibe der Lebensunterhalt verschafft wurde, als zwei Jünglinge zum Heile zu führen, die soeben in das Leben eingetreten, in jugendlicher Kraft, in der schönsten Blüthe des Alters, als ihr Groll sie zur gegenseitigen Ermordung anspornte, ein bedauernswerthes Schauspiel ihren Zeitgenossen zu geben im Begriffe standen, indem sie gegen einander die Waffen ergriffen, bei Denen zu befürchten stand, daß sie entweder beide sich gegenseitig mordeten, oder daß wenigstens Einer sich mit Brudermord befleckte, um von Denen nicht zu reden, die auf beiden Seiten mit gleichem Grolle sich gegenüberstanden, und die ein und dasselbe Ziel bei ihrem gegenseitigen Angriffe hatten, die Ermordung der Gegner? Der also das gegen sie vom bösen Richter bereits erlassene Todesurtheil durch sein Gebet wieder umstürzte und die Natur mit sich wieder aussöhnte und die Mordlust in die Freuden des Friedens verwandelte, wird er wegen seiner Entscheidung nicht etwa mit Recht mehr bewundert, als Der, welcher den Betrug der Buhlerin entdeckte? Denn was das Wunder mit dem Wasser betrifft, wie das schiffbare Element plötzlich in Festland sich umgestaltete, und der See sich in Flachland und Thalgrund verwandelte, und wie der Ort, wo früher ein Meer war, jetzt Früchte hervorbringt, so halte ich es für besser, darüber zu schweigen, als es in der Rede darzustellen, die sich zur Höhe des Gegenstandes nicht erheben kann. Denn wo haben wir von einem Wunder gelesen, das mit diesem den Vergleich aushalten kann? Josue, der Sohn des Nave, brachte den Jordanfluß zum Stehen, aber nur so lange sich die Bundeslade im Wasser befand. Als aber das Volk hinübergesetzt war, und man die Bundeslade hinübergebracht hatte, überließ er den Fluß wieder seinem gewöhnlichen Zustande. Im rothen Meere wird der Abgrund von Wasser frei, indem das Wasser vom Winde auf beide Seiten gedrängt wurde; aber das Wunder dauerte nur so lange, als das Heer durch den trockenen Abgrund marschirte, hierauf zeigte das Meer wieder [S. 532] eine zusammenhängende Oberfläche, und was auf kurze Zeit getrennt war, floß wieder zusammen. Hier aber dauert der einmal eingetretene Zustand fort, so daß nicht einmal durch die Zeit der Glaube an das Wunder geschwächt werden kann, da es fortwährend durch den Anblick bezeugt wird.
Was man also vom See erzählt und sieht, verhält sich auf die angegebene Weise. Es wird aber von ihm noch ein zweites Wunder ausser diesem gezeigt und erwähnt. Es fließt ein Strom durch ihr Land, der schon durch seinen Namen seine rauhe und unsanfte Strömung andeutet. Denn er wird wegen seiner Verheerungen von den Einwohnern Lykos (Wolf) genannt. Dieser strömt schon wasserreich aus Armenien, wo er seine Quellen hat, indem das Land von den hohen Bergen ihm reichliche Gewässer zuführt. Und während er mit tiefem Rinnsal überall am Fuß der Felsenberge vorüberfließt, wird er durch die in der Winterszeit sich bildenden Gießbäche viel reißender, indem er alle Zuflüsse aus den Bergen in sich aufnimmt. Im Flachlande aber, durch welches er fließt, wird er oft auf beiden Seiten durch ein hohes Ufer eingeengt und ergießt sich an einigen Stellen über die Ufer, indem er alles anliegende niedrige Land mit seinem Gewässer überschwemmt, so daß die Bewohner der Gegend in beständiger, unberechenbarer Gefahr schweben, da der Fluß oft mitten in der Nacht oder auch bei Tag sich über die Gefilde ergießt, so daß nicht nur die Bäume, Saaten und das Vieh vom reissenden Gewässer zu Grunde gerichtet wurden, sondern die Gefahr auch die Einwohner selbst erfaßte, da sie bei der Überschwemmung in ihren Häusern unerwartet Schiffbruch litten. Da nun die vom großen Manne früher gewirkten Wunder unter dem ganzen Volke bekannt geworden waren, erhoben sich jene Uferbewohner alle mit einander, Männer, Frauen und Kinder, und flehten den großen Mann an und baten ihn, er möchte ihnen in ihrer hoffnungslosen Lage irgend eine Befreiung von ihren Leiden verschaffen. Denn Gott [S. 533] vermöge Alles durch ihn, was menschlicher Geist und Verstand nicht zu Stande bringen könne. Denn Nichts von Dem, was menschliche Einsicht und Kraft vermöge, hätten sie unversucht gelassen, indem sie Steinbauten, Dämme und was sonst gewöhnlich gegen dergleichen Mißstände ersonnen wird, in Anwendung gebracht, und doch hätten sie dem hereinbrechenden Unglück nicht steuern können. Um ihn desto mehr zum Mitleid zu bewegen, baten sie ihn, ihre schlimme Lage selbst in Augenschein zu nehmen und sich zu überzeugen, daß sie nicht im Stande wären, ihren Wohnsitz zu verlegen, und daß der Andrang des Gewässers sie stets mit dem Tod bedrohe.