Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/1557

Selbstmordserie» des chinesischen Elektronikherstellers Foxconn hat, nach kurzer Aufruhr, wieder abgeebbt. Die Behandlung dieser Vorfälle (Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3) zeigt zwei Dinge auf:
- Wäre Apple nicht eine der von Foxconn belieferten Firmen, wäre die Berichterstattung wohl geringer ausgefallen. Dass Unternehmen wie Dell oder Nintendo einen Teil ihrer Produkte bei Foxconn herstellen lassen, wurde weniger betont.
- Die Zehn Selbstmorde (die berechtigte Diskussion, ob der Begriff «Freitod» zu bevorzugen ist, wird hier ausgelassen) werden als aussergewöhnliche Häufung interpretiert.
Ob der zweite Punkt zutreffend ist, die Anzahl Selbstmorde also tatsächlich eine Aussergewöhnlichkeit bedeutet, lässt sich vielleicht mit einem Blick in verfügbare Zahlen klären.
Die Firma Foxconn beschäftigt schätzungsweise 486'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, geschätzte 420'000 davon in dem Hauptwerk in Shenzhen. Die 10 Foxconn-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche sich das Leben genommen haben, waren in diesem Werk angestellt. Shenzhen ist eine unmittelbar nördlich von Hong Kong gelegene Stadt mit dem Status einer «Sonderwirtschaftszone»:
Zunächst interessiert, in welchem Verhältnis die zehn Selbstmorde zu der allgemeinen Selbstmordrate in China stehen - und hier fangen die Schwierigkeiten an. Ohne Chinesisch-Kenntnisse ist eine der verlässicherene Quellen für derartige Statistik die Weltgesundheitsorganisation WHO. Folgende Angaben zu China sind auf der WHO-Seite zu finden (die jeweils letzte Zahl in der Zeile steht für den Anteil an Frauen, die vorletzte für den Anteil an Männern bei den Selbstmorden pro 100'000 Menschen pro Jahr):
Sind die älteren Zahlen für China oder die jüngeren nur für Hong Kong zu beachten? Die geografische Nähe Shenzhens zu Hong Kong, deren Vernetztheit und ähnliche Wirtschaftsausrichtungen sprechen für Hong Kong. Ich beachte dennoch die Werte für China ohne Hong Kong, obwohl die Zahlen veraltet sind. Damit ergibt ein Vergleich zwischen den allgemeinen Selbstmordraten in China und der Situation bei Foxconn eher zu geringe als zu grosse Werte.
UPDATE: Nach genauerer Suche bin ich auf detailliertere Zahlen für China gestossen: In PDF-Form sind Angaben für das ländliche sowie das städtische China separat vorhanden, sowie nochmals die Angaben für Gesamtchina.
Für städtische Gebiete Chinas ergibt sich also die angenommene Selbstmordrate von jährlich 6.7 pro 100'000 Menschen. Ein Vergleich mit den 10 Selbstmorden bei Foxconn während fünf Monaten ergibt Folgendes (mit einer konservativen Schätzung von 200'000 Foxconn-Fabrikarbeiterinnen und -arbeitern in Shenzhen):
China: 6.7/100'000
Foxconn: 12/100'000
Ist damit die Sache geklärt? Gerechtfertigte mediale Empörung? Nicht ganz: Ein Vergleich mit der Selbstmordrate für ganz China (bzw. wie in diesem Beispiel für das städtische China) ist zwar interessant, sagt letztlich aber nichts über die konkrete Situation bei Foxconn aus. Es liegen keine Zahlen zu Selbstmorden bei Foxconn für zurückliegende Jahre vor, ebenso wäre ein Vergleich mit dem Verlauf der Selbstmordrate bei anderen, ähnlichen Unternehmen nötig.
Was also lässt sich mit Sicherheit sagen? Vorläufig nur, dass eine bestimmte Anzahl an Selbstmorden während eines bestimmten Zeitraumes stattgefunden hat. Was mit Bestimmtheit nicht gesagt werden kann, ist, dass die Selbstmorde auf schlechte Arbeitsbedingungen zurückzuführen seien, wie in diesem Beitrag der SF-Tagesschau erklärt wird (hier fällt auf, dass der Foxconn-Sprecher die Anzahl Mitarbeiter mit 450'000 angibt, wobei unklar ist, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in nur in Shenzhen oder weltweit gemeint sind):
Weder möchte ich die Trauer und den Schmerz der Hinterbliebenen geringschätzen, noch die Arbeitsbedingungen bei Foxconn als ideal beschreiben. Es fehlen aber schlicht zu viele Teile des Puzzles, um den Kontext der Selbstmorde beurteilen zu können: Ob diese Rate aussergewöhnlich hoch oder gar unüblich tief ist, was die individuellen Beweggründe der Verstorbenen waren - darüber lassen sich keine Aussagen treffen, welche über Spekulation hinausgehen.