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Die Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865
VON GEORGES GROSJEAN, BERN
Blick zurück Am 14. Juli 1965 jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an dem zum ersten Male ein Mensch seinen Fuss auf den Gipfel des Matterhorns gesetzt hat, dessen Höhe heute mit 4477,5 m angegeben wird. Über dieses Ereignis ist viel geschrieben worden, und es wird in diesem Jahre viel geschrieben werden. Der Berg wird wieder einmal mehr als « der Berg der Berge » und der « Löwe von Zermatt » bezeichnet werden, und in den Schilderungen wird - wie früher, wie schon vor hundert Jahren - mit dem ganzen Vokabular des Kriegsberichterstatters das Matterhorn belagert, umkämpft, bestürmt, erobert, bezwungen oder gar von einem jungen Engländer namens Edward Whymper als Beute mit nach Hause getragen werden.
Bis zum Erstdurchstieg der Eigernordwand war die Erstbesteigung des Matterhorns das spektakulärste Ereignis in der Geschichte der Besteigung der Schweizer Alpen. Wie später die Eigernordwand, hielt damals das Matterhorn die ganze Welt in Spannung. Wie später die Bemühungen um die Eigernordwand, zeitigte auch das Bemühen um das Matterhorn Begleiterscheinungen, die zum Unerfreulichen solchen Tuns gehören: Persönlichen Ehrgeiz, Rivalitäten, nationales Prestige, Polemik, Pressesensation, Gerichtsverhandlungen. Die Auseinandersetzungen begleiteten Whymper sein ganzes Leben lang und sogar noch über den Tod hinaus.
Das Matterhorn ist einer der schönsten und erhabensten Berge der Schweizer Alpen. Über einem weich modulierten Sockel von Bündnerschiefern und Grüngesteinen, welche verschiedene Decken voneinander trennen, wächst die fast völlig freistehende vierkantige Pyramide mehr als 1000 m jäh empor, herausziseliert aus dem Kristallin der über dem schiefrigen Deckenscheider lagernden Dent Blanche-Decke. Es sind vorwiegend Gneise der Arolla-Serie. Zuoberst - deutlich ist das etwas abgesetzte Haupt des Berges zu erkennen - lagern wieder etwas stärker verwitterbare Gesteine der Valpellina-Serie.
Die Schichten sind im Westen stärker, im Osten schwächer gegen Nordosten geneigt, und da die Gneise mit Vorliebe an mehr oder weniger rechtwinklig zur Schichtlagerung stehenden Kluftflächen abbrechen, zeigt das Horn vorwiegend auf der Nord- und auf der Ostseite sehr steil abfallende, an einigen Stellen sogar überhängende Wände. Dies ist der Grund, warum man die Hauptanstrengun-gen der Besteigung auf den Südwestgrat, die Arête du Lion, vom italienischen Breuil im Valtournanche aus konzentrierte. Die Südwestecke der Pyramide ist in den Schichten am stärksten gehoben, so dass der Südwestgrat in seinem Gesamtverlauf am wenigsten steil erscheint. Tatsächlich aber sollte sich der Nordostgrat, der von Zermatt her ansteigende Hörnligrat, mit meist gutem Fels, als leichter erweisen. Die Arête du Lion ist heute nur durch fixe Seile, wie übrigens auch der Hörnligrat, zu einer relativ leichten Route geworden.
Da der Schnee an den steilen Wänden wenig haftet, bietet das Matterhorn vorwiegend Felskletterei, was man heute eher schätzt, während dieser Umstand in der « grossen Zeit » des schweizerischen Alpinismus ausgesprochen prohibitiv wirkte und dem Matterhorn den Ruf der Unbesteigbarkeit einbrachte. Engländer wie Schweizer waren damals vorwiegend an das Gehen in Schnee und Eis gewöhnt; die Felstechnik war noch sehr wenig entwickelt. Die Unbesteigbarkeit des Matterhorns wurde 1843 durch Prof. James D. Forbes ausdrücklich mit der ganzen Autorität des Wissenschafters festgestellt, und die Feststellung wurde auch noch 1863 von John Ball, dem Begründer des Alpine Club, in seinen « Alpine Guide » aufgenommen. Dies - nicht einmal die tatsächliche Schwie-rigkeit- rückte die Erstbesteigung des Matterhorns so sehr ins Licht der Sensation. Demgegenüber hatte bereits 1858/59 nach gründlicher Rekognoszierung S. Kennedy das Matterhorn von der italienischen Seite als besteigbar bezeichnet. 1859 kamen Vaughan Hawkins und der Führer Johann-Joseph Bennen zum selben Schluss. Seitdem lag die Erstbesteigung in der Luft und gab keine Ruhe mehr.
Wie es sich bald zeigen sollte, lag die Schwierigkeit der Matterhornbesteigung nicht so sehr an den steilen Felspartien als an den unberechenbaren Witterungsverhältnissen. Als völlig freistehende, windexponierte Pyramide wird das Horn auch an schönen Sommertagen immer wieder jäh von Wolken eingehüllt, wenn die heissen, feuchtigkeitsgesättigten Winde aus den Tälern aufsteigen und an den Wänden des Berges emporgetrieben werden, bis sie um die Gipfelpartie kondensieren. Auch wenn die Föhnmauern von Süden ansteigen, ist das Matterhorn als weit nach Süden gerückter Pfeiler der Walliser Alpen bald völlig eingewickelt. Zu den Witterungsverhältnissen, Temperaturstürzen und Schneestürmen gesellt sich der Steinschlag, seinerseits eine Folge der starken Temperaturschwankungen und der Witterungsexponiertheit des Horns.
Wenn der Historiker den Auftrag erhält, das Ereignis der Erstbesteigung nach hundert Jahren nachzuzeichnen, ist die Aufgabe nicht eben dankbar. Das Geschehen auszuschmücken und mit der ganzen Dramatik, die ihm innewohnt, in beredtem Pathos zu schildern, verbietet die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit und die Ehrfurcht vor dem Berge. Die immer noch ungelösten Rätsel, die Frage nach Schuld und Verantwortung neu aufzurollen und aus der Klarheit späterer Zeit wägend und kritisch urteilend in neues Licht zu rücken, verbietet die Quellenlage. Letztlich gehen alle Berichte auf dieselbe einzige Quelle zurück - auf Whympers eigenen Bericht, und dieser kann und darf vom Historiker nicht als objektive Quelle gewertet werden.
Whympers Bericht liegt in drei nicht ganz identischen Versionen vor: Die erste ist am 25. und 26. Juli 1865 in Interlaken zuhanden der schweizerischen Bergsteigerkreise abgefasst worden und im Originalmanuskript mit französischer Übersetzung von der Hand des berühmten Hoteliers Peter Ober, Edmund von Fellenberg übergeben worden, durch den das Dokument in den Besitz der Sektion Bern des SAC kam. Der zweite Bericht ist von Haslemere, 7. August datiert, und war zur Veröffentlichung in der Londoner « Times » bestimmt. Es ist der Bericht, auf den seither alle Darstellungen, die von sensationeller Ausschmückung Abstand nehmen, zurückgehen. Der dritte Bericht Whympers, der sich auf den zweiten stützt, ist derjenige in seinen « Scrambles amongst the Alps », chapter XXI to XXII, pag. 377-398, London 1871. Whympers Darstellung der Ereignisse erhielt den amtlichen Attest der Glaubwürdigkeit durch die Untersuchung, die unmittelbar nach dem Unglück durch den Staatsrat des Kantons Wallis angeordnet und vom Untersuchungsrichter des Bezirks Visp, Joseph Anton Clemenz, vorgenommen wurde.Verhört wurden Edward Whymper und Peter Taugwalder Vater, ferner zwei Führer, die an der Aufsuchung und Bergung der Leichen der Abgestürzten mitgewirkt hatten, Franz Joseph Andenmatten und Alexander Lochmatter. Nach drei Sitzungen vom 21. bis 23. Juli wurde entschieden, dass kein Vergehen vorliege, dass Hadow das Unglück verursacht habe und dass niemand wegen eines Fehlers oder Vergehens in Anklagezustand versetzt werden könne. Die Protokolle dieser Untersuchung wurden erst 1920 für die Öffentlichkeit freigegeben und im « Alpine Journal », vol. XXXIII, No.221, veröffentlicht. In französischer Sprache wurde der Text von Charles Gos publiziert in « Alpinisme anecdotique » ( Neuchâtel et Paris, s.a. ) und « Le Cervin », tome I, p. 129 ss. ( Neuchâtel et Paris, 1948 ). Die Aussagen Peter Taugwalders vor dem Untersuchungsrichter stimmen bis auf gewisse Einzelheiten mit denen Edward Whympers überein.
Schon vor der Freigabe der amtlichen Protokolle ist im Jahrbuch des SAC, Band XL VII, 1911, S. 191-200, Heinrich Dübi mit seiner ganzen Autorität als Historiker und Alpinist für die Zuverlässigkeit der Darstellung Edward Whympers eingetreten. Als trotzdem andere, für Whymper ungünstige Versionen nie verstummen wollten, von keinem geringeren als W. A. B. Coolidge neu in Umlauf gesetzt ( 1921 ), nahm der über alle Zweifel erhabene Alpinist und Matterhornkenner Guido Rey noch einmal leidenschaftlich Stellung gegen jede Art der Darstellung, die das Andenken Edward Whympers trüben könnte ( vgl. Charles Gos, « Le Cervin », tome I, pp. 192-197 ).
So bleibt denn auch 100 Jahre nach dem Ereignis dem Historiker nichts anderes übrig, als seine Darstellung einmal mehr auf den Bericht Whympers abzustützen und dann vielleicht zu versuchen, mindestens in den Akzenten aus der Unvoreingenommenheit späterer Zeit, die keine persönlichen Bekanntschaften zu den Teilnehmern des Ereignisses mehr hat, das eine oder andere in etwas richtigeres Licht zu rücken.
Die Vorgeschichte der Erstbesteigung Edward Whymper war am 27. April 1840 in London geboren worden. Er unterschied sich von fast allen englischen Alpinisten der « grossen Zeit » dadurch, dass er keine Hochschulstudien hinter sich hatte. Seine Begegnung mit den Alpen war eine beinahe zufällige. Als Sohn des Inhabers eines bekannten Ateliers für Buchillustrationen, war Edward Whymper von Beruf Zeichner und Holzschneider und wurde in geschäftlichem Auftrag 1860 in die Alpen geschickt, um für ein in Entstehung begriffenes Werk noch einige fehlende Gipfel der Hochalpen des Dauphiné zu zeichnen.
Anlässlich dieser Reise wurde der Zwanzigjährige in eigentümlicher Weise von den Alpen in den Bann gezogen. Whympers Verhältnis zu den Alpen ist im Grunde sehr schwer zu fassen und kaum vergleichbar mit der Liebe oder Leidenschaft irgendeines andern Alpinisten. Whymper ist sein ganzes Leben unsteter Abenteurer und doch frei von jeder romantischen Regung. Er übt einen künstlerischen Beruf aus, aber nichts von begeisterndem Naturgefühl ist zu spüren. Nicht einmal das Matterhorn hat er als schön empfunden, höchstens als interessant. Alles ist kühl, sachlich, rational um diesen Menschen. Und trotzdem messen seltsame, fast abstrus-abergläubische Motive ein, wie etwa die Vision der grossen Kreuze auf der Wolkenwand am Abend nach dem Matterhorn- unglück, wobei es sich um ein « Brockengespenst » gehandelt haben dürfte, trotzdem Whymper ausdrücklich behauptet, die Bewegungen der drei Beschauer, die die Sonne im Rücken hatten, hätten auf die Erscheinung keinen Einfluss gehabt. Man erhält den Eindruck, dass sich Whymper gerne interessant macht und dass das letztlich die Triebfeder seiner alpinistischen Tätigkeit war, insbesondere auch das Motiv der Erstbesteigung des Matterhorns. Ausserdem war er kaufmännisch sehr tüchtig und wusste seine Bergerlebnisse gut zu verkaufen. Zu solchem Tun kamen ihm einige hervorragende Eigenschaften zustatten, körperliche Ausdauer, Beharrlichkeit* Zähigkeit und ein unbedingter Wille, um jeden Preis zu vollführen, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Widerwärtigkeit reizt ihn, stachelt ihn an fast bis zu Gewalttätigkeit. Dies gibt seinem Handeln oft etwas Sprunghaftes, Eigensinniges, dann und wann auch Überstürztes. Immer wieder vernehmen wir, dass Whymper sich verletzt, weil er nach irgendeiner Unternehmung allein einen harmlosen Hang hinunterstürmt, während er auf seinen grossen Unternehmungen nie einen schweren Unfall erleidet und schliesslich 1911, im 72. Altersjahre, eines natürlichen Todes in einem Hotelbett in Chamonix stirbt. Die gewalttätige Eigensinnigkeit Whympers hat dauernde enge Freundschaften und Bergkameradschaften verhindert, trotzdem er um seiner Leistungen willen hoch geschätzt war. Gerade in der Vorgeschichte der Matterhornerstbesteigung sucht Whymper immer wieder bei andern Anschluss und entzweit sich wieder mit ihnen, wenn der Erfolg ausbleibt. Und als er - ob dieser Eigenheiten - beinahe um den Erfolg geprellt wird, erzwingt er ihn trotzdem, indem er in letzter Stunde mit Menschen zusammenspannt, mit denen er bisher noch nie zusammengearbeitet hat, die er zum Teil überhaupt nicht kennt. Mit dem Scharfblick eines Feldherrn weiss Whymper schon in ganz jungen Jahren, da zu sein, wo die Entscheidungen fallen, er schaltet sich ein, wo andere vorbereitet haben und pflückt die Früchte. In späterer Zeit freilich hat er seine grossen Expeditionen in die Anden, nach Grönland und in die kanadischen Rocky Mountains selbst sehr gründlich vorbereitet.
Dieser Edward Whymper kam nun mit 20 Jahren auf der Reise ins Dauphiné durch die Schweiz, machte ausgiebig Passwanderungen und sah in Zermatt zum ersten Male das Matterhorn. Er hörte auch von den Bemühungen, die auf italienischer Seite schon seit drei Jahren eingesetzt hatten, und setzte sich in den Kopf, das Matterhorn als erster zu besteigen. Für dieses Jahr erfüllt er seinen zeichnerischen Auftrag im Dauphiné ohne grössere alpinistische Leistungen.
1861 erscheint Whymper wieder in den Alpen und vernimmt, dass der Franzose Jean Reynaud die Erstbesteigung des Mont Pelvoux vorhat. Whymper und Reginald J.S. Macdonald schliessen sich mit Reynaud zusammen, und so kommt Whymper zu seiner ersten Hochtour und Erstbesteigung. Sogleich wendet er sich dem Weisshorn und Matterhorn zu. In Châtillon vernimmt er, dass sein Landsmann, Prof. Tyndall, soeben das Weisshorn zum ersten Male bestiegen habe und sich nun in Breuil befinde mit Absichten auf das Matterhorn. Whymper eilt nach Breuil und vernimmt am 28. August, dass Tyndall unverrichteter Dinge wieder abgezogen sei. Whymper setzt seinerseits an, biwakiert im Zelt auf dem Col du Lion, gelangt aber am O. August nicht weiter als bis zum obern Ausgang des « Kamins ». Die Schuld für das Misslingen schreibt er der gänzlichen Unzulänglichkeit seines nicht genannten Berner Oberländer Führers zu. Warum nennt er ihn nicht? Warum engagiert er einen unzulänglichen Führer, um den Berg zu ersteigen, der als der schwierigste in den Alpen gilt?
Im Jahre 1862 geht Whymper systematischer zu Werke. Anfangs Juli erscheint er in Zermatt in Begleitung von Macdonald, nimmt dort Johann zum Taugwald und Johann Kronig als Führer in Dienst und überschreitet mit ihnen den Theodulpass. In Breuil zieht er noch den buckligen Luc Meynet als Träger an sich. Am 7. Juli biwakieren sie im Zelt auf dem Col zu Lion, werden aber durch Sturmwind wieder nach Breuil zurückgetrieben. Das war Whympers zweiter Versuch.
Whymper erkennt nun, dass er auf diese Weise nicht weiter kommt, und nimmt Fühlung mit dem Manne, der die Seele der seit einigen Jahren laufenden Bemühungen von Breuil aus ist: Jean-An-toine Carrel, dem Einheimischen aus dem Tal, dem Bersagliere, der bei Solferino gekämpft hat, einem einfachen Menschen, dem Edward Whymper das Zeugnis ausgestellt hat, dass er seine Unternehmungen nie um des Gewinnes willen machte, trotzdem er zeitlebens arm war. Ein glühender Patriotismus beseelte die Männer von Breuil - war es doch die Zeit, in der das Königreich Sardinien um die Einigung Italiens kämpfte und sie eben erst, 1860, erreicht hat. Der Cervino ist der Berg der Männer von Breuil, er gehört ihnen, sie wollen ihn zuerst besteigen, auf ihm soll die rot-weiss-grüne Trikolore wehen als Symbol des einigen nationalen Italien. Neben Jean-Antoine Carrel ist der Abbé Amé Gorret die treibende Kraft. Er empfiehlt den Führern von Valtournanche: « Ils doivent toujours avoir devant les yeux l' amour, l' honneur et la gloire de la patrie. » ( Guide de la Vallée d' Aoste, Chap. « Vallées latérales, IVe section: Vallée de Valtournanche. ) Nun erscheint der Engländer und spannt mit den Männern von Breuil zusammen. Gemeinsam steigen sie wieder auf, Edward Whymper und Macdonald als « Herren », J.A. Carrel und Pession als Führer. Es war der dritte Versuch Whympers, der elfte Versuch insgesamt von der Seite von Breuil. Sie biwakieren etwas unterhalb des « Kamins », treiben noch am selben Tag die Rekognoszierung bis zum Fuss des « Grossen Turms », kehren aber am folgenden Tage schon auf der Höhe des « Kamins » definitiv um. Wieder schiebt Whymper das Versagen den Führern zu, besonders Pession. Es mag sein, dass die nationalen Gefühle eine gewisse Rolle spielten und Carrel und Pession nicht sonderlichen Eifer hatten, den Engländern zu einem Prestigesieg zu verhelfen. Darauf hin weist die Tatsache, dass Whymper seinen nächsten Versuch nun - im Alleingangmachte. Man hatte sich offenbar entzweit. Macdonald kehrte nach England zurück, Whymper brachte eine Schlechtwetterperiode in Zermatt zu, von wo er unter anderem den Monte Rosa bestieg, und bei Einsetzen von schönem Wetter sofort wieder nach Breuil hinüberwechselte. Hier setzte er nun allein am 18./19. Juli zu seinem vierten Versuch an, der ihn bis zur « Cravate » brachte. Im wohl missmutigen Abstieg verletzte er sich bei einem leichten Sturz.
Nach diesem Misserfolg spannt Whymper wieder mit Carrel zusammen. Am 23. Juli bricht er mit Jean-Antoine Carrel und César Carrel als Führern und Meynet als Träger zu seinem fünften Versuch auf. Am 24. Juli kehrten sie wegen schlechten Wetters auf der Höhe der « Crête du Coq » wieder um. Wieder gibt Whymper die Schuld dem geringen Eifer der Leute von Breuil. Kaum zurückgekehrt, machte Whymper nur mit Meynet am 25./26. Juli seinen sechsten Versuch, der ihn wieder bis zur « Cravate » brachte. Am 27./28.Juli machte Tyndall seinen zweiten Versuch mit Johann Joseph Bennen, Anton Walter, Jean-Antoine Carrel und César Carrel als Führer und Träger. Sie gelangten bis zur « Schulter », die von da an « Pic Tyndall » hiess. Das war der Monat Juli 1862, der im ganzen 6 Besteigungsversuche des Matterhorns brachte, alle über die Arête du Lion, 5 dieser Versuche ausgeführt durch Edward Whymper. Der Versuch Tyndalls war im ganzen der 15. Versuch der Besteigung des Matterhorns.
Im Jahre 1863 eröffnete Whymper seinen Feldzug gegen das Matterhorn am 31. Juli, an welchem Tage er in Breuil ankam. Er führte zwei Leitern mit, um die Besteigung nun im Stile der Vergangenheit zu betreiben - dafür aber mit grösserer Systematik. Es ist aber nicht ersichtlich, dass diese Leitern tatsächlich verwendet wurden. Das schlechte Wetter verhinderte zunächst jeden Versuch am Matterhorn, und Whymper begnügte sich mit einigen Besteigungen in der Umgebung von Breuil in Gesellschaft von A. Carrel und Luc Meynet. Am 10. August setzten sie, Whymper, die beiden Carrel und Meynet, wieder am Matterhorn an, mussten aber tags darauf im Schneesturm auf der Höhe der « Crête du Coq » wieder umkehren. Es war für Whymper und für Carrel je der siebente erfolglose Versuch.
Man war nun allgemein enttäuscht. Das Jahr 1864 brachte nicht einen einzigen Versuch am Matterhorn. Whymper entfaltete in diesem Jahre eine bedeutende alpinistische Tätigkeit im Dauphiné mit seinen Landsleuten W. Moore und H. Walker, wobei die Erstbesteigungen der Pointe des Ecrins, des Mont Dolent, der Aiguille de Trélatête, der Aiguille d' Argentière nebst andern bedeutendem Leistungen zu verzeichnen waren. Edward Whymper, 1861 noch ein Anfänger, rückte durch diese Besteigungen nun zu den Erfahrenen auf.
Seine Taten des Jahres 1865 eröffnete Whymper durch einen grandiosen Anmarsch gegen das Matterhorn, offenbar um sich körperlich vorzubereiten. Der Marsch begann am 14Juni in Lauterbrunnen und führte über den Petersgrat nach Turtmann, am 15. Juni über Meiden und die For^ eletta nach Zinal, am 16. als Erstbesteigung auf den Grand Cornier mit Abstieg auf Bricola, am 17. auf die Dent Blanche, die 1862 erstmals von T. S. Kennedy bestiegen worden war. Nachdem sich die Partie am 18.Juni auf dem Glacier de Ferpècle verirrt und viel Zeit verloren hatte, überschritt sie am 19. den Col d' Hérens nach Zermatt und am 20. den Theodul nach Breuil. Begleiter Whympers waren ab Lauterbrunnen Christian Almer und ab Turtmann dazu noch Franz Biener und Michel Croz, der bedeutendste Führer aus Chamonix, dessen Bekanntschaft Whymper im Jahre zuvor anlässlich der grossen Besteigungen im Dauphiné gemacht hat. Whymper versucht nun mit neuen Männern eine neue Route und macht mit Almer, Biener, Croz und Meynet, den er in Breuil noch an sich gezogen hat, bereits am 21. Juni von Furggen durch das grosse Couloir gegen den Südostgrat auf. Zufolge des grossen Steinschlags wäre es schon hier beinahe zur Katastrophe gekommen, und die Führer hatten nun genug vom Matterhorn. Croz verliess Whymper, um ein anderes Engagement anzunehmen, und Almer verweigerte jeden weitern Versuch am Matterhorn. Es scheint, dass mindestens Croz nicht so sehr vom Matterhorn genug hatte, als von Whymper; denn mit dem erfahrenen und überlegenen Hudson wird er drei Wochen später zum Matterhorn zurückkehren... Mit Almer und Biener macht Whymper nun vom 24. Juni bis 7. Juli einen Abstecher ins Mont Blanc-Gebiet, wobei u.a. die Erstbesteigungen des Westgipfels der Grandes Jorasses, der Aiguille Verte und der Ruinette ausgeführt wurden.
Nach der Rückkehr nach Breuil mussten die Ereignisse nun zur Entscheidung heranreifen. Da Almer und Biener vor dem Matterhorn immer noch kategorisch refüsierten und Croz Whymper bereits im Dauphiné verlassen hatte, suchte Whymper wieder Fühlung mit den Männern von Breuil. Almer und Biener wurden ausbezahlt und entlassen. Was nun eigentlich abgemacht wurde, ist nicht mehr objektiv zu erkennen. Whymper behauptet, Jean-Antoine Carrel habe ihm Versprechungen gemacht, gemeinsam die weiteren Anstrengungen auf das Matterhorn zu unternehmen. Anderseits waren die beiden Carrel und Abbé Gorret vom Mailänder Ingenieur Felice Giordano zum entscheidenden Versuch engagiert worden. Bei diesem Versuch spielte nun tatsächlich italienisches nationales Prestige eine Rolle, und es scheint, dass Giordano nun die Männer von Breuil in italienischem Auftrage handeln lassen wollte.
Während Edward Whymper noch in seinem Bette schlief, brach die italienische Kolonne, Jean-Antoine Carrel, César Carrel, Abbé Arne Gorret und der Mineur Jean-Joseph Maquignaz, am 11. Juli früh auf, um mit grösster Sorgfalt nun zu Werke zu gehen. Der Mineur Maquignaz sollte eiserne Spitzen in den Fels schlagen, um 30 m Wand gangbar zu machen und eine Leiter zu befestigen. Man rechnete mit 10 Tagen Arbeit. Die Verwendung künstlicher Hilfsmittel war also schon der « grossen Zeit des Bergsteigens » nicht fremd. Wenn es sich vielleicht auch nicht um einen « Verrat » und « Wortbruch » handelte, wie Whymper das Verhalten der Männer von Breuil darstellt, so scheint es doch offensichtlich, dass sie den zudringlichen Engländer loswerden wollten, der vor drei Wochen mit grosser Besetzung auswärtiger Bergführer in Breuil aufgekreuzt war, um den Einheimischen den Erfolg wegzunehmen, der dann seinerseits Croz und Almer verloren hatte und nun im letzten Augenblick versuchte, wieder bei den Carrel Anschluss zu suchen.
So stand Whymper am Morgen des 11. Juli allein in Breuil, ohne Führer, ohne Träger, mit grossem Gepäck, Zeltmaterial und Decken und an die 600 Fuss Seil. Nun aber zeigte sich Whympers ganze Hartnäckigkeit - und das Glück war ihm hold. Zufällig erschien um Mittag sein junger Landsmann Lord Francis Douglas mit Peter Taugwalder Vater als Führer und dessen Sohn als Träger in Breuil, ihrerseits mit Absichten auf das Matterhorn. Whymper, der einsah, dass es sinnlos gewesen wäre, den Italienern auf der Arête du Lion nachzusteigen, entschloss sich unversehens, das Horn nun von der Seite von Zermatt anzugehen. Diese Variante war bisher sehr wenig studiertworden. 1860 hatten Alfred, Charles und Sandbach Parker sich ohne Führer erstmals am Hörnligrat versucht und waren bis auf eine Höhe von etwa 3600 m gekommen. Im Juli des folgenden Jahres machten dieselben einen zweiten Versuch und kamen etwa 100 m höher. Den dritten Versuch auf Schweizer Seite, zugleich den ersten Versuch im Winter, machte T. S. Kennedy im Januar 1862 mit Peter Perren und Peter Taugwalder Vater als Führern. Sie erreichten am Hörnligrat eine Höhe von etwa 3400 m. Nun stellte Peter Taugwalder für eine Besteigung über den Hörnligrat eine gute Prognose, und sie anerboten sich, Whymper das Material über den Theodul nach Zermatt zu bringen. So kehrten Douglas und seine beiden Führer, kaum waren sie in Breuil angekommen, mit Whymper wieder über den Theodul zurück, um über den Hörnligrat den Italienern wenn möglich noch zuvorzukommen. In der kleinen Kapelle am Schwarzsee deponierten sie das Material und stiegen ab nach Zermatt. Dort stellte sich ein zweiter Zufall ein: Vor dem Hotel Monte Rosa trafen sie Michel Croz, der Whymper vor drei Wochen verlassen hatte, und der nun mit zwei Engländern von Chamonix hergekommen war, um das Matterhorn von Zermatt aus zu besteigen. Der eine dieser Engländer war der treffliche Reverend Charles Hudson, der damals als der sicherste und erfahrenste Alpinist unter den Engländern galt. 1828 geboren, jetzt also 36j ährig, hatte Hudson wesentlich mehr Bergerfahrung als Whymper, der von ihm sagte, dass er an Sicherheit fast einem grossen Führer gleichgekommen sei. Auch charakterlich war Hudson, eine ruhige, starke, in sich selbst und in einem tief religiösen Glauben ruhende Persönlichkeit, dem stürmischen und sprunghaften jungen Whymper überlegen. In Begleitung von Hudson befand sich der junge Robert Douglas Hadow; ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt, für den aber Hudson einzustehen können glaubte. Die Engländer, Hudson mit Hadow, Douglas und Whymper, machten nun gemeinsame Sache, um sich nicht selbst noch in einen Wettlauf zu verheissen, und schlössen sich zu einer einzigen Partie zusammen mit ihren Führern Michel Croz, Peter Taugwalder Vater und Peter Taugwalder Sohn. Für den ersten Tag bis zum Biwak wurde der jüngere Sohn Peter Taugwalders als Träger mitgenommen.
Die Erstbesteigung am 14. Juli 1865 Die Kolonne verliess Zermatt am 13. Juli 5.30 Uhr und übernahm 8.20 Uhr das Material in der Kapelle am Schwarzsee. An Seil waren aus dem Besitze Edward Whympers vorhanden: 200 Fuss ( ca. 60 m ) des vom britischen Alpine Club entwickelten offiziellen Clubseils, 150 Fuss ( ca. 45 m ) einer von Whymper als noch stärker bezeichneten Sorte und 200 Fuss eines schwächern Seils, das Whymper benützt hatte, ehe das offizielle Clubseil eingeführt war. Man muss annehmen, dass die verschiedenen Seilarten jeweils nicht in einer Länge vorhanden waren. Um die Seile wird sich schliesslich die Frage der Verantwortlichkeit bei der Katastrophe drehen.
11.30 Uhr erreichte die Kolonne die Stelle, wo der Hörnlirücken bei ca. 3350 m in den eigentlichen Matterhornanstieg übergeht. Hier wurde Zeltbiwak bezogen. Am Nachmittag rekognoszierten Croz und der jüngere Taugwalder und kamen 15.00 Uhr mit zuversichtlichem Bericht zurück. Der jüngste Taugwalder stieg wieder nach Zermatt ab.
Am 14. Juli verliessen die sieben Mann bei Tagesanbruch das Biwak. Der Anstieg erfolgte ohne Schwierigkeiten, meist in der Flanke, gelegentlich über den Grat selbst. Das Seil wurde nicht gebraucht. Hudson und Whymper führten abwechselnd. 6.20 Uhr wurde in einer Höhe von rund 3900 m ein Halt von 30 Minuten, 9.55 Uhr in einer Höhe von 4200 m ein solcher von 50 Minuten eingeschaltet. Erst für die letzten knapp 300 m wurde angeseilt. Michel Croz übernahm nun die Führung; ihm folgten Whymper, Hudson, Douglas, Taugwalder Sohn, Hadow und am Schluss Taugwalder Vater. Der Anstieg erfolgte stark rechts ( westlich ) des heute durch Seile gesicherten Weges. Hadow erwies sich bereits hier als schwächer und brauchte ständig Hilfe. Als das schneebedeckte « Dach » des Horns erreicht war, entledigten sich Croz und Whymper des Seils und eilten den andern voraus. 13.40 Uhr erreichten die beiden den Schweizer Gipfel, bald darauf auch den italienischen. 10 Minuten später langten auch die übrigen auf dem Schweizer Gipfel an. Auf dem italienischen Gipfel wurde ein Steinmann errichtet und auf dem Schweizer Gipfel mit der blauen Savoyardenbluse von Michel Croz ein Fahnensignal improvisiert. Die Freude war überschwänglich. In Zermatt beobachtete man durch das Fernrohr die Partie auf dem Gipfel. Die Champagner-zapfen gingen hoch. Die Engländer hatten über die Italiener, Zermatt über Breuil gesiegt. Zermatt stand eine grosse Zukunft bevor.
Vom italienischen Gipfel gewahrten Croz und Whymper die italienische Kolonne unter Führung von J.A. Carrel im Abstieg, nachdem sie der vorgerückten Zeit wegen - in Unkenntnis, dass die Engländer von Zermatt aus im Aufstieg waren - rund 220 m unterhalb des italienischen Gipfels umgekehrt war. Durch Rufen und Hinunterrollen von Steinen zeigten Whymper und Croz den Italienern ihre Anwesenheit auf dem Gipfel an.
Abstieg und Katastrophe Die Partie blieb eine Stunde auf dem Gipfel bei gutem Wetter, in guter Verfassung. 14.40 Uhr begann der Abstieg. Nach Whympers Darstellung hat er selbst mit Hudson die Reihenfolge vereinbart. Croz als der Kräftigste sollte vorangehen, gefolgt vom Schwächsten, Hadow. Als Dritter sollte der sichere Hudson folgen, dann Douglas und Vater Taugwalder. Whymper selbst war beim Abmarsch nicht aufmerksam. Niemand kontrollierte das Anseilen und traf die endgültigen Anordnungen. Whymper zeichnete noch eine Skizze auf dem Gipfel, als es einem der übrigen einfiel, sie hätten ihre Namen in einer Flasche zurücklassen können. Whymper holte dies noch nach, während die andern schon im Abstieg waren.
Whymper band sich nun mit dem Jüngern Taugwalder an ein Seil und folgte den andern. Er holte sie ein, als sie eben die schwierige Stelle gegen das untere Ende auf der Nordseite des « Dachs » erreicht hatten. Die Stelle war nicht sehr steil, nur etwa 35° geneigt, aber durch Schnee und Eis glitschig und bot auf abschüssigen Platten nur wenig Halt. Whymper behauptet, man habe grösste Sorgfalt beobachtet. Nur ein Mann habe sich jeweils bewegt, während die andern im Stand sicherten. Merkwürdigerweise aber unterliess man es, das zu tun, was man auf dem Gipfel angeblich vor- gesehen hatte, nämlich ein Stück von dem überreich vorhandenen Seilvorrat an den Felsen zu befestigen, um sich zusätzlichen Halt zu geben. Die Entfernung von einem zum andern betrug nach Whymper durchschnittlich 20 Fuss, also etwa 6 m. Dem Straffen des Seils scheint man wenig Bedeutung beigemessen zu haben; aus dem Zusammenhang zu schliessen, war das Seil im Augenblick des Unglücks nirgends gestrafft. Da Hadow sehr unsicher war, scheint man ein Ausgleiten jeden Augenblick befürchtet zu haben. Whymper bezeugt, dass ihn Douglas nach dem Aufschliessen ausdrücklich aufgefordert habe, sich mit Taugwalder Sohn auch noch mit den übrigen zu verbinden, da der ältere Taugwalder allein kaum werde halten können, wenn einer der andern ausgleite. Die Verbindung aller zu einer einzigen Seilschaft mittels verschiedener Stücke von Seil erfolgte etwa 10 Minuten vor dem Unglück.
Der Hergang der Katastrophe wird nie völlig erhellt werden können. Sie spielte sich in zu kurzer Zeit ab, und unter dem Eindruck des Schreckens dürften die Überlebenden, Whymper und die beiden Taugwalder, die Einzelheiten des Geschehens nicht richtig aufgenommen haben. Die Ursache scheint wirklich bei Hadow gewesen zu sein, der nach Whymper so unsicher war, dass Croz seine Eisaxt beiseite legte, um Hadow bei den beiden Beinen zu fassen und diese Tritt für Tritt in die richtige Stellung zu bringen. Wahrscheinlich ereignete sich das Unglück, als Croz sich wenden wollte, um ein paar Schritte abwärts zu tun. Hadow verlor den Halt, stürzte vornüber auf Croz und warf ihn um. Hudson und Douglas, zu denen das Seil offenbar nicht gestrafft war, wurden aus ihrer Stellung gerissen. Whymper und der ältere Taugwalder hörten einen Schrei von Croz, stemmten sich augenblicklich gegen den Fels und hielten - aber das Seil zwischen Lord Douglas und Vater Taugwalder riss. Später sagte der ältere Taugwalder noch aus, dass Michel Croz, sich an die Felsen klammernd, eine Weile noch mit riesiger Kraft ausgehalten habe, dann aber sein letztes Wort « impossible » ausstiess, mit den unglücklichen Seilgefährten den Abhang hinunterglitt und mit furchtbarem Schrei über die Kante des « Dachs » in den Abgrund stürzte.
Die Geschichte vom Seilriss hat viel zu reden gegeben. Sofort nach dem Bekanntwerden bemächtigte sich die Sensationspresse des Unglücks und lancierte das Gerücht, Vater Taugwalder oder Whymper hätten das Seil zerschnitten, um sich das Leben zu retten. Der damals angesehene österreichische Bergschriftsteller Alfred Meissner machte in der Wiener « Neuen Freien Presse » seine « sensationellen Enthüllungen », indem er mit der Anschaulichkeit eines Augenzeugen schilderte, wie hinter dem zu Tode erschöpften Taugwalder hervor, der nicht länger hätte widerstehen können, eine rettende Hand erschienen sei, diejenige Whympers, und mit kaltem Stahl und sicherem Schnitt das Seil durchgehauen habe, an dem der junge Lord Douglas und die andern Freunde in Todesnot hingen. Dann sei Whymper etwas vorgetreten, um den Todeskampf der von Fels zu Fels rollenden Gefährten zu beobachten.
Die schweizerische Presse, speziell die von Abraham Roth, einem Mitbegründer des SAC, redigierte « Sonntagspost » und der « Anzeiger von Interlaken », in einem anonymen Artikel, der wahrscheinlich von der Hand Peter Obers stammt, nahm sofort vehement Stellung gegen die Version vom Seilschnitt, wobei sich die schweizerische Presse auf den ersten Originalbericht Whympers und auf die Aussagen der beiden Taugwalder stützte. Leider hat Whymper selbst der Bildung solcher Gerüchte Vorschub geleistet, einmal durch sein rücksichtslos-ichbezogenes Wesen und dann durch allerlei dunkle und verhüllte Verdächtigungen, die er selbst gegen die beiden Taugwalder in Umlauf setzte. Whymper selbst ist nicht frei von Lust zu sensationeller Ausschmückung - man denke an die Geschichte von der Erscheinung der Kreuze auf der Wolkenwand am Abend nach dem Unglück - aber er versteht es, seine Geschichten zum Verkauf an das Publikum geschickt in eine Hülle nüchternster Sachlichkeit einzupacken.
7Die Alpen - 1965 - Les Alpes97 Trotzdem kein geringerer als der streitbare Rev. B. Coolidge, selbst ein anglikanischer Kleriker, 1921 in hohem Alter, aus angeblich zuverlässiger Quelle eines Geistlichen, dem Whymper vertrauliche Aussagen gemacht haben soll, die Geschichte vom durchschnittenen Seil noch einmal auftischt, muss sie als abgetan gelten. Sie ist schon aus realkritischen Gründen nicht haltbar. Wenn Whymper und Taugwalder allein, an die Felsen angeklammert, die vier andern, die angeblich ohne Halt am Seil hingen, hätten halten müssen, wäre es ganz unmöglich gewesen, dass einer von beiden sich hätte aus seiner Stellung begeben oder auch nur eine Hand loslassen können, um das Seil zu durchschneiden.
Aber auch die Version vom Riss des Seils bietet noch genug Unklares. Es steht fest, dass zwischen Lord Douglas und Vater Taugwalder ein Stück des beschriebenen schwächere Seils war, das Whymper vor Einführung des offiziellen Clubseils verwendete. Sofort - wieder durch die Anspielungen Whympers genährt - bildete sich die Legende, Taugwalder habe absichtlich zwischen sich selbst und Douglas dieses Seil verwendet in der Erwartung, dass es bei einem Sturz der vier Vordermänner reisse. Auch dies ist absurd und wirkt zurechtkonstruiert - wie hätte auch der einfache Taugwalder mit einer gewissen Sicherheit berechnen oder schätzen können, dass dieses Seil unter bestimmten Umständen dann wirklich reisse... Vor Gericht hat Taugwalder bestimmt und klar ausgesagt, dass er dieses Seil im Augenblick, als er Douglas anseilte, für gut gehalten habe. Whymper und Taugwalder sagten übereinstimmend aus, dass das Seil nicht etwa an einer scharfen Felskante durchgescheuert wurde, sondern in freier Luft riss. Dann klingt aber die Aussage Whympers etwas unwahrscheinlich, wonach im Augenblick des Sturzes er und Taugwalder sich nur gegen die Felsen gestemmt und angeklammert hätten. Eine Zugkraft, die so gross gewesen wäre, dass sie ein gutes, wenn auch etwas dünnes Seil hätte zum Reissen bringen können, hätte wahrscheinlich Taugwalder und Whymper auch aus ihrer Stellung werfen müssen. Interessant ist die Aussage Whympers, dass vom Augenblicke des ersten Schreis von Croz bis zum Nachstürzen von Hudson und Douglas eine gewisse Spanne verstrich. Die Aussage von Vater Taugwalder, dass er Zeit gefunden habe, ein Stück des Seils, das zwischen ihm und Whymper auch nicht gestrafft war, um einen Felsen zu schlingen, klingt daher glaubwürdig, und es dürfte damit tatsächlich mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass es die Geistesgegenwart Taugwalders war, welche den drei übrigen das Leben rettete.
Whymper weiss wenig von Dank an die Taugwalder. Er beschuldigt sie völligen seelischen Zusammenbruchs nach dem Unglück und allerlei dunkler Absichten, während er selbst sich in die Rolle des Geistesgegenwärtigen hineinspielt. Sicher ist, dass die drei in völligem Zerwürfnis schliesslich abstiegen und in einer Höhe von noch rund 4100 m von der einbrechenden Nacht überrascht wurden. Whymper erklärt den langen Zeitverlust damit, dass sie noch nach ihren Gefährten gesucht hätten. Die Nacht verging, ohne dass zwischen Whymper einerseits und den beiden Taugwalder anderseits ein Wort gewechselt wurde - wobei zu sagen ist, dass dies schon aus sprachlichen Gründen nicht gut möglich war. Am Morgen brachen die drei Überlebenden von ihrem Biwakplatz auf und erreichten Zermatt um 10.30 Uhr.
Sonntag, den 16. Juli, 2 Uhr, brachen britische Bergfreunde, Rev. James Robertson, Rev. J. M'Cormick und J. Phillpotts mit Whymper und den Führern Joseph Maria Lochmatter, Alexander Lochmatter, Franz Andenmatten, Frédéric Payot und Jean Tairraz, die letzten beiden aus Chamonix, zur Suche der Opfer auf. Sie fanden um 8.30 Uhr auf dem Plateau des Matterhorngletschers, noch angeseilt, Croz, Hadow und Hudson und erwiesen ihnen in ergreifender Feier die Ehre.Von Lord Douglas fand man einige Gegenstände; sein toter Körper aber wurde nie aufgefunden. Vier Tage später wurden die Leichen durch 21 Bergführer geborgen und anschliessend auf dem Friedhof von Zermatt beigesetzt.
Die Erstbesteigung von italienischer Seite Am Morgen des 15. Juli kehrten die Männer von Breuil geschlagen in ihr Dorf zurück. Aber, aufgefordert durch ihren Auftraggeber, den patriotischen Ingenieur Felice Giordano, rafften sie sich zusammen und brachen tags darauf, am 16. Juli gegen 7 Uhr in etwas anderer Zusammensetzung wieder auf: Jean-Antoine Carrel, Jean-Baptiste Bich, Abbé Amé Gorret und Augustin Meynet. Gegen 13 Uhr erreichten sie die Biwakstelle am Fusse des « Grossen Turmes », wo man schon am 11. Juli biwakiert hatte.
Am 17. Juli, 5 Uhr, wurde das Biwak verlassen. Oberhalb des « Grossen Turmes »folgten die vier angeseilt zunächst dem Grat, stiegen dann durch ein gefährliches Couloir in die Flanke gegen Valtournanche, um über ein Eisfeld, genannt « Vallon des Glaçons » wieder auf den Grat zu gelangen. Diesem folgten sie bis zur Stelle, wo Tyndall am 28. Juli 1862 ein festes Seil angebracht hatte, um die Höhe der « Crête du Coq » zu erreichen. Das Seil war zwar noch gut, aber etwas zu kurz und wurde daher durch ein von Giordano geliefertes Doppelseil von 16 m ersetzt. Über die « Cravate » wurde um 10 Uhr das « Signal Tyndall » passiert, und nun begann Neuland. Der Übergang über das Gratstück, das die « Schulter » mit dem Gipfelstock verbindet, gestaltete sich sehr schwierig. Steinschlag und Sturz von Eisstücken gefährdeten die zunächst auf der Zmuttseite sich haltenden Bergsteiger und zwang sie, in gefährlicher und zeitraubender Kletterei auf die rechte Seite hinüberzuwechseln. Nach dem Passieren der « Galerie », eines stark geneigten Felsbandes, stand man vor einem senkrechten Absturz. Man hielt Rat und erkannte, dass man etwa 10 m weiter unten passieren konnte.Von Gorret gesichert, stiegen Carrel und Bich das Kamin hinunter und erkannten, dass von hier der Gipfel leicht zu erreichen war. Um nicht Zeit zu verlieren und um die Rückkehr zu erleichtern, wurde beschlossen, dass nur Carrel und Bich den Gipfel besteigen, die andern aber an der schwierigen Stelle zurückbleiben sollten, um den beiden bei der Rückkehr behilflich zu sein. So gelangten Carrel und Bich am 17. Juli, 14.30 Uhr, drei Tage nach Whymper, auch auf den Gipfel des Matterhorns, wo sie die italienische Trikolore aufpflanzten. Auch Breuil, auch Italien hatte seinen Sieg.
Der Rückweg war weniger beschwerlich, da man sich diesmal, nach den Erfahrungen des Aufstiegs, auf der Seite von Valtournanche hielt. Es war bereits Nacht, als man am « Grossen Turm » hinunterkletterte. 21 Uhr erreichte man die Biwakstelle. Nach stürmischer Biwaknacht - am Morgen lag fusshoch Riesel - stiegen die vier Männer ohne Zwischenfall weiter ab und wurden am 18. Juli in Breuil im Triumph empfangen. Die Erstbesteigung von italienischer Seite war schwerer und anstrengender gewesen als diejenige von schweizerischer Seite.
Schluss Es mag ziemend sein, des hundertsten Jahrestages der Erstbesteigung des Matterhorns zu gedenken. Es wäre aber unpassend, sich im Ruhme zu sonnen und aus diesem Tage ein Freuden- und Siegesfest zu machen. Allzuviel Trauer, allzuviel Menschliches, Unzulängliches und Fragwürdiges ist mit der Erstbesteigung des Matterhorns verbunden. Sinn hat das Gedächtnis, wenn wir in dem Ereignis eine teuer bezahlte Lektion alpiner Erfahrung erkennen.
Der Untersuchungsrichter hat Edward Whymper und Peter Taugwalder von Schuld und Verantwortung freigesprochen. Wir haben auch die Geschichte vom durchschnittenen Seil einmal mehr abgetan. Wenn die Durchführung und die Begleitumstände der Matterhornerstbesteigung unwahr- scheinlich dilettantisch und fahrlässig erscheinen, so mag auch bedacht sein, dass die damalige Zeit noch nicht über eine ausgefeilte alpine Technik verfügte und dass sich wichtigste elementare Grundsätze noch nicht herausgebildet hatten.
Es muss daher auch die Zeit Whympers an ihren eigenen Massstäben gemessen werden. Aber auch so bleibt Whymper der Vorwurf der Fahrlässigkeit und unsachgemässen Vorgehens nicht erspart. Whymper vorbehaltlos als den Helden des Matterhorns zu feiern, wäre vor allem ungerecht allen jenen gegenüber, welche systematischer als Whymper auf die Erstbesteigung hingearbeitet haben und denen Whymper den Erfolg schliesslich vorweggenommen hat.
Whympers Vorbereitung war nichts weniger als systematisch. Sein Verdienst bleibt indessen die fast unglaubliche Beharrlichkeit, mit der er sein Ziel verfolgte. Whympers Schuld liegt nicht in äussern groben Vergehen, sondern in der Art, wie er die Erstbesteigung erzwang, trotzdem wichtige Voraussetzungen nicht gegeben waren. Zu diesen Voraussetzungen hätte eine gut eingespielte, auf langer Bergkameradschaft und unbedingtem gegenseitigem Vertrauen beruhende Teilnehmerschaft gehört.
Die eigentliche Ursache des Matterhornunglücks lag in der völlig heterogenen Zusammensetzung der Partie, der es an jedem innern Halt fehlte. Whymper betrachtete Hudson und Douglas nicht als Kameraden, sondern als Rivalen, die er vor seinen Karren gespannt hatte. So kommt es, dass er sich schon im Aufstieg kurz vor dem Gipfel mit Croz vom Seil löst, um vor den andern als erster den Gipfel zu betreten.
Die vier Erstbesteiger von italienischer Seite gaben hierin ein anderes Beispiel. Wenn Abbé Gorret und Augustin Meynet kurz vor dem Gipfel zurückblieben, um den beiden andern ein rascheres Erreichen des Gipfels und einen rascheren Rückweg zu ermöglichen, so liegt darin echte kameradschaftliche Disziplin und bergsteigerische Grosse. Sie blieben nicht zurück, weil sie körperlich nicht mehr in der Lage gewesen wären, sondern um die andern beim Rückweg wieder durch das Couloir hinaufziehen zu können. Ehre gebührt den Männern von Breuil, denen der Erstbesteiger von Zermatter Seite so vieles verdankt.
Die zweite Ursache des Matterhornunglücks ist der Mangel an Führung. Whymper spielt sich zwar als der Führer der Partie auf, liess aber eine entsprechende Tätigkeit vermissen. Zum Leiter einer alpinen Expedition gehört, dass er aufgrund grösserer Kenntnis und Erfahrung alle Einzelheiten festlegt und die Durchführung seiner Anordnungen kontrolliert. Hier aber war die Verantwortung zwischen den Bergführern und dem Expeditionsleiter nicht ausgeschieden. Es war nicht festgelegt, ob Whymper oder Hudson, Croz oder Taugwalder letztlich die Verantwortung für die zu treffenden Massnahmen tragen sollten. So unterblieb eine ganze Reihe von Sicherheitsmassnahmen. Whymper selbst fühlte sich offenbar nicht verantwortlich. Er zeichnete auf dem Gipfel und kontrollierte Anseilen und Abmarsch nicht. Der Leiter einer alpinen Expedition hält seine Mannschaft straff am Zügel und gibt persönlich das Beispiel selbstloser Kameradschaft. Dazu gehört, dass er nicht unbedingt selbst als erster auf dem Gipfel steht. Solches Denken aber liess Whymper vermissen.
Eine Reihe weiterer Fehler geht eher auf Konto der Führer und der allgemeinen Unerfahrenheit der Zeit. Dazu gehört, dass man auf das Straffen der Seile keinen Wert legte. Dazu gehört auch die unzweckmässige Reihenfolge, in welcher man den besten Mann, Croz, im Abstieg an die Spitze gestellt hatte. Dies beruhte noch auf der Vorstellung, dass die wichtigste Aufgabe des Führers nicht im Sichern, sondern im Suchen des Weges bestehe. Auch das Fassen und Hinsetzen der Füsse Hadows durch Croz, ohne dass Hadow am Seil richtig gesichert wurde, war an dieser Stelle eine völlig verfehlte Massnahme.
Reverend Charles Hudson verdient am Gedenktag der Erstbesteigung des Matterhorns eine hervorragende Würdigung. Sein Verdienst ist grosser als dasjenige Whympers, der sich nie ernsthaft mit der Besteigung des Matterhorns von Zermatter Seite aus befasste, sondern dem allgemeinen Vorurteil erlag. Mit der Besteigung von Zermatt aus Ernst gemacht zu haben, ist das Verdienst Hudsons, der den Gedanken und die ersten Erfahrungen von Kennedy übernommen hatte. Auch Taugwalder kommt hier ein bedeutendes Verdienst zu, dass er die Besteigbarkeit des Matterhorns von Zermatt aus erkannte. Whymper schloss sich erst aus Trotz in letzter Stunde an, als ihm alle Felle auf der Seite von Breuil davongeschwommen waren. Hudsons Bergerfahrung und Sicherheit war auch grosser als diejenige Whympers, und es ist wahrscheinlich so, wie Coolidge und Lunn bezeugen, dass Hudson als der Erstbesteiger des Matterhorns gegolten hätte, wenn er am Leben geblieben wäre. Hudsons Charakter und Persönlichkeit wäre solcher Ruhm besser zugekommen. Doch wird auch dieser Ruhm durch einen grossen Anteil an der Schuld verdunkelt. Hudson hat den unfähigen Hadow mitgebracht und an der Partie teilhaben lassen, und wenn Hudson seinen Schützling im Abstieg an der schwierigen Stelle richtig am gestrafften Seil gehalten hätte, so hätte Hadow unmöglich in dieser Weise stürzen und Croz umwerfen können. So bleibt unsägliches Leid über der Erstbesteigung des Matterhorns.
Am schwersten traf das Leid Vater Taugwalder. Noch verhältnismässig jung, war sein Ruf als Bergführer zerstört, nicht zuletzt durch die Schuld Whympers, der alle Verdächtigungen geschickt Taugwalder zuzuspielen wusste. Taugwalder brachte viele Jahre in den Vereinigten Staaten zu und starb nach der Rückkehr am 11. Juli 1888, 68jährig, im Hotel Schwarzsee bei Zermatt. Erst die Nachwelt hat seine Ehre als Führer bei der Erstbesteigung des Matterhorns wiederhergestellt.
Edward Whymper selbst ist gross und strahlend aus der Matterhornkatastrophe hervorgegangen. Vom echten, geschichtlichen Bild, das wir von diesem Manne zu zeichnen bemüht waren, und das durch zahlreiche Zeugnisse aus seiner Umgebung erhärtet wird, hat sich, nicht zuletzt durch die Suggestivkraft von Whympers eigenen Schriften, ein neues, unreales Idealbild des grossen Bergsteigers Whymper abgespalten, das unzählige junge Bergsteiger zu begeistern vermochte und dem dadurch mehr reale Existenz zukam als der geschichtlichen Persönlichkeit Whympers selbst. Damit sind wir vor dem tiefsten Problem geschichtlicher Darstellung angelangt, dem Problem der Wahrheit, der Wirklichkeit menschlichen Daseins. Es gibt zwei geschichtliche Wirklichkeiten: die mit allen Fehlern behaftete, kleine Wirklichkeit dessen, was tatsächlich gelebt und gehandelt hat, und die Wirklichkeit, die die Menschen und ganze Völker um Geschehenes in ihrem Geiste aufbauen und zur Richtschnur ihres Handelns wählen.