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Der Begriff I. umschrieb zunächst die Geisteshaltung jener, die nach der Einigung Italiens 1861 die Befreiung (ital. redimere) der unter Österreich-Ungarn verbliebenen ital. Gebiete Trentino und Triest befürworteten. Ab Ende des 19. Jh. wurde die in ihrer Bedeutung erweiterte Bezeichnung Irredentist nicht nur auf die Befürworter eines Anschlusses der ital. Schweiz an Italien angewandt, sondern auch auf besonders überzeugte Verfechter der Italianità.
Im Tessin lässt sich, nachdem 1798 die cisalpin. Bewegung fehlgeschlagen war und sich 1814 das Territorium des Kantons gefestigt hatte, im 19. Jh. keine Spielart des I. nachweisen. Im 20. Jh. hingegen, als die Verteidigung der Italianità zu einem emotionalen Anliegen wurde und es zu Polemiken zwischen den entgegengesetzten Nationalismen und zu Parteinahmen während des 1. Weltkrieges kam, traten ausgeprägt italienfreundl. Minderheiten auf (z.B. in der Kulturzeitschrift L' Adula). Überdies mischten sich ital. Persönlichkeiten wie Giuseppe Prezzolini 1912 oder Gabriele D'Annunzio 1919 in die lebhafte Identitätsdebatte in der ital. Schweiz ein. Polit. Schweizertum und kulturelle Italianità fanden dabei in einer komplexen Mischung zusammen (Svizzera italiana). Während der Tessiner I. politisch ohne Relevanz blieb, fiel in den kulturellen und polit. Beziehungen des Tessins zur übrigen Schweiz eine andere, viel diskutierte und misstrauisch beobachtete Form des I. ins Gewicht. Im Mittelpunkt dieser Debatte stand die Befürchtung der Tessiner, der demograf. und wirtschaftl. Einfluss der anderen Sprachgruppen, v.a. der Deutschschweizer, bedrohe die italienischsprachige Kultur (Rivendicazioni ticinesi). Im Geist des Helvetismus betrachteten einige Publizisten den I. als ein starkes Gefühl von spezieller Identität und Unabhängigkeit, für welches sich Tessiner Politiker in den eidg. Räten einsetzten. In der Presse tauchte dieser I. insbesondere in spannungsgeladenen Zeiten auf, so 1909, als die Tessiner Sektion der Società Dante Alighieri in Lugano gegründet werden sollte. Nachdem die faschist. Partei in Italien an die Macht gelangt war, nutzte sie die irredentist. Propaganda als Druckmittel, um die Schweizer Behörden zu einer strengen Haltung gegenüber den antifaschist. Aktivitäten der polit. Flüchtlinge aus Italien zu bewegen. Mit Beginn des 2. Weltkrieges veröffentlichte die lombard. Provinzpresse Artikel über die Verteidigung der Italianità und Broschüren, in denen die Italianità des südl. Alpenbogens beschworen und gar die Verlagerung der polit. Grenze über die "Mittellinie der Alpen" hinaus gefordert wurde.
Auch Graubünden sah sich mit dem ital. I. konfrontiert, der die Eingliederung der südl. Alpentäler und der rätorom. Gebiete zusammen mit dem heutigen Südtirol in den ital. Staat verlangte. Solche Forderungen verstärkten jedoch nach 1920 das Bewusstsein der v.a. italienisch- und romanischsprachigen Bevölkerung, zur Schweiz zu gehören. Die irredentist. Anliegen fanden keinen Widerhall, auch wenn es in der romanisch- und italienischsprachigen Bündner Presse nicht an Sympathien für den Faschismus fehlte. Negativ wurden v.a. einige linguist. Studien aufgenommen, die das Recht des Rätoromanischen auf Eigenständigkeit anfochten. Die Gründung der Pro Grigioni Italiano 1918 und der Lia Rumantscha 1919, die sich die Erhaltung der ital. und rätorom. Kultur und Sprache zum Ziel setzten, wirkten auf der nationalen Ebene nach: Sie ebneten den Weg für die Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache im Jahr 1938.
Literatur
– S. Gilardoni, «Italianità ed elvetismo nel Canton Ticino negli anni precedenti la prima guerra mondiale (1909-1914)», in AST, Nr. 45/46, 1971, 3-84
– M. Cerutti, Fra Roma e Berna, 1986
– P. Codiroli, L'ombra del duce, 1988
– P. Codiroli, Tra fascio e balestra, 1992
– HbGR 3, 317
– F. Crespi, Ticino irredento, 2004
Autorin/Autor: Silvano Gilardoni / PTO