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Vor bald zwanzig Jahren ist das Leben der neuseeländischen Autorin Janet Frame verfilmt worden. «An Angel at My Table» der Regisseurin Jane Campion hielt sich an die dreibändige Autobiografie von
Janet Frame und behandelte chronologisch die verschiedenen Stationen einer Leidensgeschichte: Wie ein fantasiebegabtes Mädchen mit seiner Umgebung nicht mehr klarkommt, wie es als Teenager jahrelang in einer Nervenklinik interniert und am Hirn operiert werden sollte. Wie die junge Frau wohl für immer geblieben wäre, hätte sie nicht 1955 einen Literaturwettbewerb gewonnen. Da wurde sie, mit 33 Jahren, plötzlich als geheilt erklärt und, bald darauf nach Europa ausgewandert, zu einer renommierten Schriftstellerin.
Noch vor ihrer Autobiografie hatte Janet Frame ihre Kindheit auch in einem Roman beschrieben. Es ist die Geschichte einer heillosen Überforderung, nicht als Einzelschicksal, sondern als Spätfolge einer Kolonialisierung. Man stelle sich vor: Da sitzen kleine Mädchen bei dreissig Grad in der Schule unter einem Weihnachtsbaum und singen Lieder vom Schnee. Sie lernen, wie man auf Französisch bis dreissig zählt, wie man europäischen Blätterteig macht und mit einem Tropfen Jod die Stärke in Bananen nachweist. Und die Mütter dieser Mädchen versuchen, in neuseeländischen Kleinstädten das englische Mittelstandsleben fortzusetzen, indem sie einander mit Beethovens «Fünfter» imponieren. Was Wunder, dass dies im Kopf nicht auszuhalten ist!
Nicht nur Daphne, die Tochter der Eisenbahnerfamilie Withers, droht an solchen Verrücktheiten zugrunde zu gehen. Der Roman schildert auch, was aus ihrem Bruder Thoy und den Schwestern Francie und Chicks geworden ist: wie sie alle vier in eine eigene Welt flüchten.