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Es ist gut, daß das Papier zu Ende geht, die letzte Seite enthält nichts als Humbug, wie der Engländer sagt,
schrieb die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff 1835 in einem Neujahrsbrief an ihren Freund Christoph Bernhard Schlüter. Das war zwar etwas kokett – die Droste war eine ebenso amüsante wie geistreiche Briefeschreiberin –, aber das Wort «Humbug» ist tatsächlich englisch. Ob es allerdings von to hum («summen») und bug («Käfer») abstammt, ist blosse Spekulation.
Humbug ist Unfug, und den hatten auch Studenten der Tuskegee University, Alabama, im Sinn. George Washington Carver, seit 1896 einer der ersten schwarzen Professoren der USA, war bekannt für sein enormes landwirtschaftliches und zoologisches Wissen. Heimlich bastelten seine Schüler aus verschiedenen Insektenteilen eine angeblich neue Art zusammen, um Carver dann zu fragen, was das denn sein könnte. Nach eingehender Betrachtung des eigenartigen Präparats brummte er: «Did it hum?» («Hat es gesummt?») Die Studenten bejahten. Worauf Carver zurückgab: «This is a humbug».
Wann immer etwas bedeutsam klingt, tatsächlich aber Unsinn, wenn nicht gar Schwindel ist, dann nennen wir es Humbug. Und auch wenn Humbug Quatsch ist, Kokolores, Larifari, Mumpitz, Nonsens oder Stuss, machte das Wort doch Wissenschaftsgeschichte. Als 1846 der amerikanische Chirurg John Collins Warren einem mit Äther narkotisierten Patienten erfolgreich einen Tumor aus dem Nacken operierte, sprach er den berühmten Satz:
Gentlemen, das ist kein Humbug!
Das war es tatsächlich nicht: Die Operation gilt als Geburtsstunde der wissenschaftlichen Anästhesie.
Die Kapuze, an den Pullover, die Jacke oder den Mantel genäht, ist jederzeit zur Hand, und sie schützt zuverlässig vor Regen und vor Kälte. Weil eine Kapuze aber nicht nur das Wetter abhält, sondern auch Blicke, hat sie immer etwas Unheimliches.
Wer dem Kloster geht vorbei
Mitternächtlich, sieht die Fenster
Hell erleuchtet. Ihren Umgang
Halten dorten die Gespenster.
Eine düstre Prozession
Toter Ursulinerinnen;
Junge, hübsche Angesichter
Lauschen aus Kapuz‘ und Linnen.
So dichtete 1851 Heinrich Heine. Bis heute wird der Tod meist mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze dargestellt.
Nüchtern betrachtet, kommt das Wort vom lateinischen caputium, wörtlich «das, was den Kopf bedeckt». Italienisch capuccio, französisch capuce, spanisch capucha – die Kapuze ist ziemlich universell. Mönche und Soldaten schätzten sie gleichermassen. Weil der dunkelbraune Habit des franziskanischen Bettelordens mit einer besonders markanten Kapuze geschmückt ist, nannte man die Brüder bald einfach «Kapuziner». Und der schwere Filzmantel der Schweizer Armee mit seiner ausladenden Kapuze war jahrzehntelang Teil der Militärausrüstung. Bei Kälte geschätzt, doch seines Gewichts wegen verwünscht, hiess er in der Soldatensprache ganz einfach «Kaputt».
Übrigens: Ein «Kapuziner» ist in Wien ein Mokka mit Schlagrahm, dessen Dunkelbraun an die Mönchskutte erinnert. Der cappuccino, ein mit geschäumter Milch aufgegossener Espresso, ist daher nichts anderes als ein Kaffee mit Kapuze.
Eine Pfeilspitze und ein hölzerner Schaft, ein Tonkrug in Scherben: Wann immer in der Steinzeit etwas haften sollte, musste Birkenpech her. Birkenpech war der Superkleber der Urzeit: Schon vor mehr als 200 000 Jahren, das zeigen Funde aus Norditalien, verleimten Neandertaler mit Birkenpech alles, was lange halten sollte. Auch die Ritzen von Kanus wurden damit abgedichtet, und selbst Ötzi, der als Gletschermumie aufgefundene Jäger aus der Kupferzeit, fixierte die Feuersteinspitzen seiner Pfeile in der Nut der Holzschäfte mit dem teerartigen, schwarzen Destillat.
Birkenpech herzustellen war alles andere als einfach. Für das «Pyrolyse» genannte Verfahren braucht es Birkenrinde und grosse Hitze. Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass sich Birkenpech nur in einer luftdicht versiegelten Brennkammer und bei Temperaturen von ziemlich genau 350 Grad herstellen lässt – was darauf schliessen liesse, dass Neandertaler und Steinzeitmenschen über ein erstaunliches Wissen verfügt haben; die Entwicklung eines solch komplexen Verfahrens allerdings blieb stets ein Rätsel. Nun aber haben aktuelle Versuche gezeigt, dass es auch viel einfacher geht: Ein Forscherteam der Uni Tübingen hat nachgewiesen, dass es ausreicht, Birkenrinde bei Temperaturen von mehr als 200 Grad unmittelbar am Fuss senkrecht aufgestellter, glatter Steinflächen zu verbrennen. Nach drei Stunden lässt sich dann eine brauchbare Menge an Birkenpech abschaben.
Das allerdings schmälert die Leistung der Urzeit-Ingenieure in keiner Weise: Birkenpech ist nicht nur ein natürlicher, bärenstarker Universalkleber, sondern auch der allererste Kunststoff der Menschheit.
RFID ist die Abkürzung für radio frequency identification, «Funkfrequenzerkennung». RFID besteht aus einem Lesegerät mit einem Sender und einem sogenannten Transponder, der ein Funksignal empfangen und automatisch beantworten kann. Dieser Transponder ist passiv: Er benötigt keine Stromversorgung, denn die Energie, die er zum Funken braucht, bezieht er aus dem elektromagnetischen Feld des Senders. Daher kann er geradezu winzig sein: In Fingernagelgrösse sitzt er auf Kreditkarten, klein wie ein Reiskorn lässt er sich implantieren, und flach wie eine Briefmarke wird er auf Produkte geklebt. Türschliessanlage, Wareninventar, Hundesteuer, Buchausleihe, Passkontrolle: Nichts, was sich mit RFID nicht eindeutig identifizieren liesse. Der Vater von RFID waren der Elektroingenieur Charles Walton und seine Firma im Silicon Valley. Walton war nicht der erste, aber wohl der geschäftstüchtigste Forscher auf diesem Gebiet, und 1983 wurde sein Funkprinzip patentiert.
RFID hat die Welt erobert. Kontaktlos zahlen wir heute im Supermarkt, an der Tankstelle, im Café. Wir halten unsere Bank– oder Kreditkarte, das Handy oder gar die Armbanduhr an den Leser – und die Rechnung ist beglichen. Weil das Funksignal verschlüsselt ist, weil der integrierte Transponder nur auf eine Entfernung von wenigen Zentimetern funktioniert und sich aus der Ferne nicht hacken lässt, gilt RFID als sehr sicher; bei kleineren Beträgen ist in der Regel nicht einmal mehr ein PIN notwendig.
Die RFID-Patente sind längst abgelaufen, und Erfinder Walton starb 2011. Seine Erfindung aber ist lebendig wie nie.
Biella ist eine kleine Stadt in der Lombardei. 1993 fand hier zum ersten Mal statt, was verwunderte Passanten in den Folgejahren auch Mailand, Siena, Venedig, Caserta, Cleveland und New York zu sehen bekamen: Urbane Installationen namens «Cracking Art». «Cracking Art», das sind knallbunte Riesentiere aus Plastik, auf öffentlichen Plätzen stehend, entlang von Shopping- und Flaniermeilen, selbst über Strassenzügen schwebend, nachts gar von innen beleuchtet. Ein meterlanges knallrotes Krokodil, ein mächtiger blauer Elefant, überlebensgrosse grüne Wölfe, mannshohe rosa Schnecken, ein Schwalbenschwarm in allen erdenklichen Farben. Der Plastik, aus dem die Tiere gemacht sind, ist Recyclingkunststoff, der sich seinerseits wiederverwerten lässt.
Dahinter steckt eine sechsköpfige italienisch-belgische Künstlergruppe. «Cracking Art» nennt sie ihre Installationen in Anspielung an das englische to crack, «zerbrechen» oder «sprengen». So heisst im Fachjargon jene chemische Reaktion, mit der Erdölprodukte in ihre Bestandteile aufgespalten werden, die sich später durch Hitze, Lösungen oder Druck in alle Arten von Kunststoffen verwandeln lassen, die wir gemeinhin als Plastik bezeichnen.
Dieser Prozess des «Cracking», so schreibt die Künstlergruppe, ist jener Augenblick, in dem das Organische ins Synthetische, das Natürliche ins Künstliche übergeht. Und so sollen ihre friedlichen, bunten Plastiktiere die urbane Landschaft besetzen, in eine Märchenwelt verwandeln und die Menschen zum Nachdenken bringen – über Kunst und Künstlichkeit, über den Bezug zur Natur, über unseren Umgang mit diesem Planeten.