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Eher zufällig entdeckten wir die beeindruckende Villa Patumbah nach unserem letzten Besuch im Botanischen Garten bei einem anschliessenden Bummel. Diese steht ganz in der Nähe des Botanischen Gartens. Wie dieser ist auch ihre Gartenanlage öffentlich zugänglich. Um auch die oberen Stockwerke der Villa besichtigen zu können, melden wir uns für eine öffentliche Führung an. In der Villa Patumbah sind derzeit auch zwei Ausstellungen des Heimatschutzes zu sehen.
Ein Besuch der Villa Patumbah ist eine Reise durch Zürichs koloniale Vergangenheit
Wahrscheinlich überlegt ihr gerade, welche Kolonien die Schweiz hatte, wenn ich von kolonialer Vergangenheit spreche. Die Schweiz hatte tatsächlich keine eigenen Kolonien. Dennoch wurden Schweizer durch Tabak-, Kaffee- und Zuckerplantagen und den Handel mit sogenannten Kolonialwaren wie Tee, Kaffee, Tabak, Gewürzen und exotischen Früchten reich. Aber nicht nur der Import machte Schweizer reich, auch die Erschliessung neuer Absatzmärkte beispielsweise für die damals wichtige Textilindustrie. Dieser Pioniergeist und die Unternehmerlust der Schweizer führte zu vielfältigen kolonialen Verflechtungen. Bestes Beispiel ist der Erbauer der Villa Patumbah – Karl Fürchtegott Grob.
Auf dem Weg zu einem Vermögen
Karl Fürchtegott Grob kommt als Sohn einer Bäckersfamilie aus dem Niederdorf 1830 auf die Welt. Als gelernter Kaufmann arbeitete er bereits in jungen Jahren auf Sizilien in einer Handelsvertretung (Messina). Dort lernte er auch seinen späteren Teilhaber, Hermann Näher, kennen.
1865 vergibt der Sultan von Deli (Sumatra) drei Landkonzessionen an Tabakpflanzer. Einer davon ist der Schweizer Albert Breker. 1869 folgt dann die Eröffnung des Suezkanals. Es ist ein wichtiges Ereignis für den Handel mit Südostasien, denn der Kanal verkürzt den Seeweg dorthin beträchtlich. Dies ist auch das Jahr, in dem Grob und Näher dem Ruf des Schweizer Pflanzers Albert Breker folgen und auf dessen Plantage reisen.
Bereits 1871 pachten die beiden dann selber Land und bewirtschaften eine eigene Plantage. Nach zehn Jahren auf Sumatra kehren Näher und Grob schliesslich reich nach Zürich bzw. an den Bodensee zurück. Allerdings behalten sie die Plantage noch und verkaufen diese erst 1889 an ein niederländisches Unternehmen. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Zollbarrieren der USA 1990/91 zur sogenannten Tabakkrise mit grossem Wertverfall führen. Zum Zeitpunkt des Verkaufs ist die Plantage übrigens auf eine Fläche von 25’500 Hektar angewachsen.
Die Ausstellung «Patumbah liegt auf Sumatra»
Schon der Titel der Ausstellung «Patumbah lieg auf Sumatra» spielt mit dem Namen der Villa Patumbah und dem Ort, dem der Erbauer sein Vermögen verdankt. Sie befindet sich in den Räumlichkeiten auf Gartenebene. Durch alte Fotos und Briefe gibt sie dem Besucher eine Vorstellung vom Leben der wenigen weissen Auswanderer. Deren Leben in der Ferne bedeutet nicht nur die Chance auf Reichtum, es birgt auch jede Menge Gefahren. Etliche der Plantagenbesitzer verlieren bei Aufständen ihr Leben. Auch Tropenkrankheiten fordern ihren Tribut.
Trotz der Gefahren begleiten aber auch Ehefrauen ihre Männer in die Ferne. In der Eintönigkeit und Abgeschiedenheit des Plantagenlebens langweilen sie sich zu Tode. Jeder Besucher, jede Neuigkeit, jeder Brief sind daher willkommene Abwechslungen. Auch deshalb halten sie engen brieflichen Kontakt mit der Heimat. Um den Status zu wahren, müssen sie übrigens im Haus Angestellte beschäftigen.
Auf der anderen Seite wirft die Ausstellung ein Schlaglicht auf die Lebensbedinungen der Arbeiter. Tausende von Kontraktarbeitern (Kulis) werden aus China, Java und anderen Regionen der Welt nach Sumatra verpflichtet. Dort arbeiten sie unter prekären Bedingungen. Viele verlieren ihr Leben. Dabei bekommen die einzelnen Ethnien verschiedene Aufgaben zugewiesen. So werden die auf Sumatra heimischen Batak und Malaien für die Rodung des Urwaldes eingesetzt. Demgegenüber sind Javaner für die Tabakpflanzen zuständig, während Inder und Afghanen als Sicherheitskräfte arbeiten. Tamilen schliesslich erledigen den Strassenbau und Chinesen werden für Akkordarbeiten eingesetzt.
Die Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf die Kehrseite des märchenhaften Reichtums der Glücksritter. Der Reichtum der Plantagenbesitzer beruht auf der Ausbeutung von Mensch und Natur. Schliesslich bedeutet der Ausbau der Plantagen einen massiven Rückgang des Regenwaldes. Der Besuch der Ausstellung macht daher nachdenklich in vielerlei Hinsicht. Kolonialismus erscheint als eine andere Form der heutigen Globalisierung.
Die Villa Patumbah
Grob benennt seine Villa Patumbah in Anlehnung an seine Plantage auf Sumatra. Das Wort stammt aus dem altmalaiischen und bedeutet eigentlich offenes Haus. Damit bezeichnet man einen Ort, an dem man gerne lebt.
Zwischen 1883 und 1885 wurde die Villa von den berühmten Architekten Chiodera und Tschudy im Stil des Historismus erbaut. Im Inneren der Villa vermischen sich Stilelemente der Gotik, der Renaissance und des Rokokos. Dabei fanden edle Materialien wie Marmor aus Carrara und Kalkstein aus Verona beim Bau Verwendung.
Neuland betreten sie aber bei der Fassadenbemalung. Es kommen nämlich Mineralfarben von Keim zum Einsatz. Diese haltbaren Mineralfarben wurden von Adolf Wilhelm Keim für König Ludwig I. von Bayern entwickelt. Dieser gab den Auftrag dazu, da er die farbenfrohen Kalkfresken Norditaliens auch in Bayern haben wollte. Leider hielten die Kunstwerke in Bayern jedoch nicht lange. So erteilte er den Auftrag, eine Farbe zu entwickeln, die wie Kalk aussieht, aber über einen längeren Zeitraum haltbar ist. An der Villa Patumbah sind sowohl dekorative Elemente als auch Illusionsmalereien in diesen Mineralfarben angebracht.
Die Villa betritt man durch eine seitlich zuführende Galerie. Diese Galerie ist eine reich ornamentierte Gusseisenkonstruktion.
Das Erdgeschoss der Villa Patumbah
Im Innern der Villa liegen im Erdgeschoss die Repräsentationsräume, die zum Park ausgerichtet sind. Davon sind das Esszimmer und das Herrenzimmer im Stil der Renaissance ausgeführt. Beide weisen eine bemalte, kassettierte Decke auf.
Eine wunderschöne Tür verbindet beide Räume.
Die Wände des Esszimmers sind mit einem halb hohen Täfer und einer Tapete mit Blumenmuster verkleidet. Hier steht auch noch der grüne Kachelofen.
Das Damenzimmer dagegen ist im Stil des Rokoko gestaltet. Die Fläche vor der der Kachelofen stand, ist farbig hervorgehoben. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie dieser Raum früher eingerichtet war. Eine Durchreiche zur Küche, Fenster, zwei Türen und ein Kachelofen lassen nicht viel Raum für Gestaltung.
Im Vestibül sollte man sich unter das Drachenauge stellen und nach oben schauen. Ein rundes Fenster ermöglicht dort nämlich den Blick auf die Glaskuppel des Gebäudes. In den vier Dreiecken kann man dann die Drachen sehen.
Bei der Führung erfahren wir viel über die Schwierigkeiten bei der Renovation durch die Stiftung. Viele Jahre war die Villa Patumbah nämlich ein Altersheim und die Diakonie war nicht zimperlich mit dem Überstreichen von Wänden und Decken. Sie hatte auch sonst keinen Sinn für die Erhaltung des Geschenks.
Die asiatische Galerie
Im ersten und zweiten Obergeschoss lagen die Privaträume der Familie sowie Kammern für die Dienstboten. Heute werden diese Räume als Büros des Heimatschutzes genutzt.
Das Treppenhaus hat eine ovale Form. Oben angekommen, fällt wieder die Bemalung der Decke und Wände ins Auge.
Die beiden oberen Geschosse gruppieren sich um eine Halle, die von einer farbigen Glaskuppel gekrönt wird. Die umlaufende Galerie ist mit fernöstlichen Schnitzereien und Malereien geschmückt. Sogar die Zimmertüren sind mit chinesischen Tuschezeichnungen bemalt. Allerdings ergeben die Schriftzeichen keinen Sinn, denn sie wurden von lokalen Malern gestaltet.
Der Garten der Villa Patumbah
Ein prachtvoller Park mit altem Baumbestand umgibt die Villa Patumbah heute. In Anlehnung an den englischen Landschaftsgarten wurde diese Parkanlage vom Landschaftsgärtner Evariste Mertens entworfen.
In unmittelbarer Umgebung der Villa dominieren farbenfroh bepflanzte Rabatten und der Muschelbrunnen. Dessen Riesenmuscheln soll Grob auf seiner Rückreise von Sumatra mitgebracht haben.
Ein geschwungenes Wegnetz verbindet die verschiedenen Gartenräume miteinander. Gehölzkulissen gliedern den Park. Immer wieder taucht die Tabakpflanze als Gestaltungselement und Reminiszens an den Erbauer der Villa auf.
Auch Inseln mit exotischen Bäumen finden sich im Garten.
Anfänglich wurde nur der Garten im villennahen Bereich realisiert. Das Gleis der Nordostbahn verlief nämlich unterhalb des Grundstücks. Da dies störend war, liess Grob das Gleis auf eigene Kosten mit einem Tunnel überdecken. Dafür durfte er über das so gewonnene Land verfügen.
Auch einen grossen Nutzgarten gab es im nördlichen Teil des Parks. Dieser Teil des Gartens wurde aber von der Diakonie 1929 verkauft. Der schöne Landschaftsgarten wurde dadurch brutal in zwei Hälften zerteilt.
Bevor die Diakonie die Villa Patumbah zugunsten eines Neubaus abreissen konnte, erwarb die Stadt Zürich die Villa und die noch vorhandene Gartenhälfte. In der Folge wurde die Parkhälfte originalgetreu rekonstruiert.
Eine Stiftung wird mit dem Ziel gegründet, die nördliche Parkhälfte von Überbauungen freizuhalten. Allerdings konnte dieses Ziel nicht aufrechterhalten werden. Entlang der Strassen, die das Grundstück eingrenzen, wurden Randbebauungen realisiert. Immerhin bleibt der mittlere Teil des Grundstücks frei von Bauten. So konnten das Wegsystem restauriert und wesentliche Teile des ursprünglichen Gartens erhalten werden. 2013 wird der restaurierte Park der Öffentlichkeit übergeben.
Kutschenhaus und Pferdestall
Bereits wenn man auf den Haupteingang der Villa Patumbah zugeht, fällt einem linker Hand ein prächtiges Haus auf. Es ist mit der Villa verbunden, denn der Gusseiserne Zaun umschliesst auch dieses Gebäude. Auch die seitliche Galerie, durch welche der Zugang zur Villa Patumbah erfolgt, ist durch ein schmiedeeisernes Tor mit Schmetterling und Lampe mit diesem Gebäude optisch verbunden.
Es handelt sich um das ehemalige Kutschenhaus und den Pferdestall. Heute beherbergt dieses Haus ein Architekturbüro.
Die Villa Patumbah, das Kutschenhaus und der Park zeugen vom unglaublichen Reichtum, welchen Karl Fürchtegott Grob mit seiner Plantage verdient hat. Allerdings hat der Reichtum weder ihm noch seinem Teilhaber Hermann Näher wirklich lange Glück gebracht. Karl Fürchtegott Grob stirbt bereits 1892, wenige Jahre nach der Fertigstellung der Villa.
Auch Hermann Näher lässt sich eine schlossähnliche Villa (Schloss Holdereggen) am Bodensee bauen. Allerdings führten wenig erfolgreiche Aktienspekulationen und sein luxuriöses Leben schlussendlich zu seinem Konkurs. Die Stadt Lindau hat übrigens zum Thema Lindauer Kolonialgeschichte einen 30-seitigen, spannenden historischen Abriss mit einigen Bildern auch aus Sumatra veröffentlicht.
Ausstellung «Baukultur erleben – hautnah»
In den drei Repräsentationsräumen des Erdgeschosses der Villa Patumbah befindet sich eine weitere Ausstellung. Der Heimatschutz möchte mit der Ausstellung «Baukultur erleben – hautnah» den Blick für die gebaute Umwelt schärfen.
Die interaktive Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf die Landschaftsveränderung durch Bauten. Dazu gibt es unter anderem ein sehr eindrückliches interaktives Puzzle. Dieses zeigt Luftaufnahmen von damals und heute, die passend zugeordnet werden müssen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Bebauung ist mancher Landstrich nur noch durch den Uferverlauf des Sees oder andere charakteristische landschaftliche Merkmale erkennbar.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Baudenkmälern. Dazu gibt es noch ein lustiges Orakel. Sucht man sich ein Baudenkmal aus und legt die Karte auf die Orakelmaschine und beantwortet ein paar Fragen richtig, wird eine witzige Orakel-Botschaft ausgedruckt.
Im Damenzimmer kann man die Entwicklung der Türklinken und dazugehörigen Verschliessmechanismen bewundern.
Gut zu wissen
Villa Patumbah, Zollikerstrasse 128, 8008 Zürich
Öffnungszeiten der Ausstellungen in der Villa Patumbah:
Mi, Fr, Sa: 14 – 17 Uhr
Do und So: 12 – 17 Uhr
Eintrittspreis:
Erwachsene: 10 Sfr
Kinder, Studenten: 5 Sfr
Öffentliche Führungen durch die Villa Patumbah:
jeden Donnerstag, 12.30 Uhr
jeweils am letzten Sonntag des Monats, 14 Uhr
Die Führung ist im Eintrittspreis enthalten.
Weitere Workshops und Führungen wie beispielsweise die Dschungeltour findet ihr auf der Website.
Der Park ist täglich öffentlich zugänglich, die Öffnungszeiten können je nach Jahreszeit variieren.
Im kleinen Museumsshop kann man die Schoggitaler erwerben, die seit 1946 von Pro Natura und Heimatschutz jährlich zur Förderung oder dem Schutz eines Projektes herausgegeben werden. Im Jahr 2020 profitiert das Bavonatal von den Einnahmen.