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Nein, die First Cow ist keine Präsidenten-Gattin, sondern ganz wörtlich die erste Kuh, welche im Frontier-Gebiet einer Pelzjäger-Kolonie in Oregon gesichtet wird. Hergeholt hat sie der Chief Factor (Toby Jones), der Mann, der die Handels-Aufsicht hat vor Ort.
Heimlich gemolken aber wird die Kuh Nacht für Nacht von Otis «Cookie» Figowitz, während dessen Freund King Lu (Orion Lee) von einem Baum herab Schmiere steht. Am nächsten Tag verkaufen die beiden dann Cookies frisch gebackene Krapfen an die hungrigen Pelzjäger vor dem Fort, denen das eben für die Felle erhaltene Geld locker in der Tasche sitzt, nach Wochen in der Wildnis.
King Lu und Cookie sind ein eigenwilliges Duo. Kennengelernt haben sie sich in der Wildnis, als Cookie beim Pilze sammeln auf den nackt im Gebüsch kauernden King traf. Cookie hält den Mann zunächst für einen «Indianer», King Lu erklärt allerdings, er sei Chinese und auf der Flucht vor ein paar Russen. Cookie gibt ihm eine Decke und etwas zu essen und versteckt ihn im Camp.
Als sich die beiden dann beim Fort wieder treffen, lädt King Cookie zu einem Schnaps in seine Hütte ein, und Cookie bleibt dort. Er wischt gleich mal die Hütte sauber und stellt ein paar Blumen auf, während King Lu Feuer macht.
Den Bechdel-Test würde Kelly Reichardts Film nur darum bestehen, weil sie – offensichtlich zu genau dem Zweck – zwei Nebenrollenfrauen eingebaut hat, die sich in einem Indianer-Dialekt (hoffentlich) nicht über einen Mann unterhalten. Ansonsten ist das, dem Trapper- und Jäger-Milieu entsprechend, ein reiner Männerfilm.
Dies allerdings auch nur wieder rein formal betrachtet. Denn wie Sally Potter mit ihrem Gender-Shift-Klassiker Orlando (der den Bechdel-Test absurderweise auch nicht bestehen würde, danke für den Hinweis, Marcy Goldberg!), lässt Kelly Reichardt die traditionellen Kategorien ungerührt hinter sich.
Nicht deutet darauf hin, dass King und Cookie mehr verbindet, als eine Männerfreundschaft. Aber eben so wenig deutet darauf hin, dass die beiden tatsächlich Männerrollen leben. Im Gegenteil: Cookie, der gelernte Bäcker/Konditor, der seine glänzenden Stiefel liebt, mit der Kuh beim Melken freundlich redet und Blumen in die Hütte stellt, ergänzt seinen geschäftstüchtigen, visionären und ausgesprochen realistischen Freund perfekt und genderneutral, um nicht zu sagen: sexlos.
Der Film fängt im Übrigen in unserer Gegenwart an. Eine Frau stösst beim Waldspaziergang mit ihrem Hund auf zwei Skelette, die sich an der Hand halten. Ein Kameraschwenk später sind wir mit Cookie im Wald.
Über zwei Stunden hinweg baut Kelly Reichardt den Film nach dem Roman «The Half-Life» von Jonathan Raymond sorgfältig und gemächlich zu seinem dramatischen Finale auf, als Realwestern mit viel Schlamm und Witz und seltsamen Figuren.
Sie spielt dabei nicht nur mit den Stereotypen des Genres, sondern überhaupt mit den meisten Erwartungen. Immer wieder unterläuft First Cow irgendetwas, verblüfft, erstaunt, reizt zum Lachen oder Lächeln.
Schon die schiere Friedfertigkeit dieses Otis Figowitz ist ein kleines Wunder, Cookie und King sind zwei unglaublich menschliche Figuren in einer harten Welt.
Und First Cow ein wunderbares, leises, lächelndes Vergnügen.