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Zum Auftakt der neuen Spielsaison am Schauspielhaus Zürich gibt es Bertolt Brechts «Leben des Galilei, inszeniert von Intendant Nicolas Stemann und gespielt von hochklassigen Schauspielern.
Italien im 17. Jahrhundert: Der Astronom Galileo Galilei verfolgt jahrelang seine Überzeugung von einem anderen Weltbild. Ganz nach seinem Vorbild Nikolaus Kopernikus, möchte er der Menschheit beweisen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist. Da diese Behauptung aber dem Vatikan und der Kirche im Allgemeinen ganz und gar nicht gefällt, wird er für seinen Versuch, das ptolemäische in ein kopernikanisches Weltbild umzuwandeln, verhöhnt und schliesslich verbannt.
Das epische Drama «Leben des Galilei» verfasste Bertolt Brecht 1938/39 im Exil in Dänemark. Die Uraufführung der ersten Fassung erfolgte 1943 am Schauspielhaus Zürich, die der zweiten Fassung 1947 auf Englisch in Beverly Hills. Nunmehr präsentiert Intendant Nicolas Stemann das Stück zum Auftakt seiner letzten Saison am Pfauen als geschwätzigen Diskurs mit vielen Wiederholungen. Es ist vorab das Verdienst der sieben Akteure, die flottierend die verschiedenen Rollen mit Bravour meistern und die dreistündige Inszenierung mit ihren Längen ertragbar machen.
Galilei widerruft seine Lehren
Ganz humoristisch beginnt das Spiel: Galileo Galilei erklärt Andrea , dem Sohn seiner Haushälterin, mit einfachen Experimenten das heliozentrische Weltbild, wonach nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Planetensystems steht. Er erfährt von seinem künftigen Schüler Ludovico aus reichem Haus von einer neuen Erfindung in den Niederlanden, dem Fernrohr, verkauft dieses als seine eigene Erfindung. Als sein Betrug aufgedeckt wird, rechtfertigt er den Schwindel damit, dass er das Fernrohr wesentlich verbessert habe. Dank dem Fernrohr sieht Galilei sein heliozentrisches Weltbild bestätigt, reist, gelockt von besseren Bedingungen, nach Florenz an den Hof der skurrilen Familie Medici, wird von der geballt konservativen klerikalen Macht mehrfach gewarnt und von den Gelehrten ignoriert und schliesslich der Inquisition übergeben. Aus Angst vor der Folter und dem guten Essen zuliebe widerruft Galilei seine Lehren, was seine Schüler verärgert. Andrea gelingt es, eine heimliche Abschrift der Manuskripte Galileis über die Grenze nach Holland zu schmuggeln. «Die Erde dreht sich doch».
Aus für das ptolemäische Weltallmodell (von links: Musikerin Andrea Bollinger, Gtottfried Breitfuss, Steven Sowah, Matthias Neukirch, Maxillian Reichert, Alicia Aumüller, Sebastian Rudolph, Karin Pfammatter.
Regisseur Stemann macht aus Brechts Lehrstück eine Inszenierung teils ausgestellter Groteske. Statt der typischen Brechtschen Songs lässt er subtile Gitarren- und Klaviermusik (Livemusik: Andrina Bollinger) mit Anklängen an Hanns Eisler erklingen, erweitert den Originaltext mit Anspielungen auf heutige Probleme (Klimawandel, Zerstörung des Planeten, Hochkonjunktur der Spalter und Lügner), öffnet sich der Bühnenboden eruptiv und «schleudert» einem Vulkanausbruch gleich quadratische Bodenplatten himmelwärts, derweil das veraltete ptolemäische Weltallmodell zu Boden donnert und in seine Einzelteile zerfällt. Und zum Schluss leuchtet in der Bühnenmitte ein Sternschnuppe als Brechts Botschaft auf. Dem Volksglauben nach darf man sich etwas wünschen. Mehr Vernunft?
Eindeutige Rollenzuweisung erschwert
Die schwarz gehaltene Bühne ist nur mit wenigen Requisiten bestückt (Fernrohr, Clipchart und ptolemäisches Weltallmodell). Auf der Rückwand werden die wichtigsten Daten aus Galileis Leben eingeblendet (Bühnenbild: Jelena Nagorni). Die Schauspielenden agieren gewohnt hochklassig in schwarzer Kleidung und weissen Turnschuhen. Matthias Neukirch und Steven Sowah teilen sich weitestgehend die Rolle des Galilei, spielen je nach Situation mal selbstbewusst und kämpferisch, mal opportunistisch und kleinmütig. Gottfried Breitfuss verkörpert die Rolle der mürrischen Haushälterin Frau Sarti ausgeprägt unterhaltsam, Maximilian Reichert zeichnet deren Sohn Andrea auffallend wissbegierig und zukunftsgerichtet, ebenso Alicia Aumüller als emanzipierte Tochter Virginia. Dagegen vertreten die übrigen Spieler (Karin Pfammatter, Sebastian Rudolph) überwiegend die kirchliche Autorität. Die vielen Wechsel erlauben nicht immer eine eindeutige Rollenzuweisung.
Über den Spielenden die schwebenden Bodenplatten als Zeichen dafür, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Bleibt als Fazit ein diskutabler Versuch, den etwas monotonen und verstaubten Bilderbogen mit slapstickartigen Einlagen aufzulockern, das 80-jährige Lehrstück mit heutigen Bezügen zu modernisieren. Trotz der Längen und ständigen Rollenwechsel kommt die Handlung erstaunlich gut und packend über die Rampe. Dafür gabs am Premierenabend viel Applaus.
Titelbild: Das ptolemäische Weltallmodell, kritisch beäugt von den Spielenden (von links: Maximilian Reichert, Karin Pfammatter, Steven Sowah, Matthias Neukirch, Sebastian Rudolph, Alicia Aumüller). Fotos: Philip Frowein
Weitere Spieldaten: 15., 17., 20., 21-, 26., 27. September, 8., 12., 19., 27., 31. Oktober, 1. November