Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/1434

Reinart, Sylvia (2014). Lost in Translation (Criticism)? Auf dem Weg zu einer konstruktiven Übersetzungskritik. Berlin: Frank & Timme
Compte rendu par Kjetil Berg Henjum
-
-
Version HTML du compte rendu [Deutsch] :
Schon an dieser Stelle sei vorweggesagt, dass dieses Buch so ziemlich alle Aspekte der Übersetzung im weitesten Sinn abdeckt, von der literarischen Übersetzung zum Voice over. Die Autorin zeigt eine beeindruckende Kenntnis über die übersetzungswissenschaftliche Forschungsliteratur und über die Probleme, denen Übersetzer aller Textsorten gegenüberstehen. Schließlich wird im Buch auch eine beeindruckende Menge von übersetzungskritischen Faktoren aufgelistet, die nur mit mühseliger Arbeit ergänzt werden könnte.
Das Buch enthält ein Vorwort, elf Textkapitel sowie ein Literaturverzeichnis (Kap. 12) wie auch ein Stichwortverzeichnis (Kap. 13). Das Literaturverzeichnis und das Stichwortverzeichnis lassen nichts zu wünschen übrig, aber ein Personenregister wäre von Vorteil gewesen.
Die Arbeit ist gründlich ausgearbeitet und hat eine ansprechende Aufmachung. Sie enthält wenig Flüchtigkeitsfehler für eine Arbeit diesen Umfangs. Es wirkt allerdings störend, dass eingerückte Zitate durchgehend Anführungszeichen haben und außerdem den Punkt erst nach dem Quellenverweis haben.
Um mit den Kritikpunkten der Rezension anzufangen: Es ist schwierig zu durchdringen, welches Ziel sich die Autorin mit diesem Buch eigentlich gesetzt hat. Der Untertitel lautet „Auf dem Weg zu einer konstruktiven Übersetzungskritik“, aber weder im Vorwort noch im Kapitel 1 wird eine Zielsetzung explizit genannt.
Es scheint auch unklar, was sich die Autorin wünscht, wenn sie Beispiele aus Rezensionen anführt, um zu zeigen, wie schlecht es um die Übersetzungskritik steht. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sie sich in den Zeitungen eine „wissenschaftliche Übersetzungskritik“ wünscht, aber das dürfte wohl nicht stimmen.
Wenn ein „Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis“ (S. 388) wirklich das Ziel des Bandes ist, dürfte die Frage gestellt werden, ob Form und Umfang richtig sind. Im Vorwort schneidet die Autorin die Frage der „Zielgruppe der Arbeit“ (S. 13) an, und sie stellt fest, dass „neben Übersetzungswissenschaftlern auch professionelle und semi-professionelle Übersetzer (Studierende höherer Semester) angesprochen werden [sollen]“. An dieser Stelle erwähnt sie also nicht die Rolle derer, die wahrscheinlich für die Translatqualität die wichtigsten sind – und sonst im Buch häufig angesprochen werden –, und zwar die Auftraggeber (Kunden) mit ihrer oft fehlenden Bereitschaft, für ein gutes Produkt angemessen zu bezahlen. Wie das Buch jetzt vorliegt, wird es leider vor allem von Akademikern, d.h. Übersetzungswissenschaftlern, gelesen werden, möglicherweise auch von Studierenden. Insofern kann man die Kritik vorlegen, dass es sich vor allem um eine akademische Übung – ein Zeugnis von einer Akademikerin, die auch praktische Übersetzung lehrt – handelt, die für Übersetzungspraktiker kaum eine Rolle spielen wird. Und die Auftraggeber, denen die Autorin große Teile der Verantwortung für schlechte Translatqualität gibt, werden es bestimmt nicht lesen.
Das Buch hätte auch weniger umfangreich sein können (es zählt stolze 435 Seiten), und es seien ein paar offensichtliche Beispiele erwähnt: In Abschnitt 8.9.4 schreibt die Autorin fast acht Seiten über die Vorteile und Nachteile der Synchronisation und der Untertitelung (S. 282 289), und in 8.9.5 geht es über sechs Seiten um Voice over an sich (S. 303 309). Darum darf es m.E. in einem Buch über Übersetzung nicht gehen. (Kritisch möchte ich auch die Frage stellen, ob Voice over wirklich zum Thema gehört. Müsste man dann auch nicht Zusammenfassungen und Paraphrasen in einer anderen Sprache mit einbeziehen?) Auf S. 85 87 werden zum dritten Mal die „ermittelten Kritikpunkte […] bisheriger Modelle“ dargestellt.
Ein größeres Vorkommen metakommunikativer und lesesteuernder (und strukturerklärender) Hinweise durch die Autorin wäre wünschenswert. Sozusagen ein schreibtechnischer Mangel ist es m.E., dass kaum an einer Stelle die Struktur der Arbeit oder die Elemente der in den jeweiligen Kapiteln aufgegriffenen Themen versprachlicht oder erläutert werden. Ein Beispiel: Kapitel 8 ist das umfangreichste Kapitel des Buches (S.85 346) und heißt „Ausdifferenzierung des übersetzungskritischen Analysesystems“. Es besteht aus elf Unterkapiteln, in denen das Analysesystem ausdifferenziert wird, aber an keiner Stelle findet eine metakommunikative Erläuterung der Themen statt, die in diesen elf Unterkapiteln dargelegt werden, etwa darüber, wie sie sich auf die neun schon erwähnten Kritikpunkte bisheriger Modelle in der Einleitung zum Kapitel (S. 85-87) beziehen. Vielleicht könnte man dies einen Mangel an Eigenreflexion nennen, der dazu führt, dass der Leser wenig Orientierungshilfe bekommt und sich fragt, wie die Autorin nun zu gerade diesem Aufbau der Arbeit gekommen ist.
In Abschnitt 10.3.5 wird die Frage gestellt, ob Theorie- und Praxismodelle vereinbar oder unvereinbar sind. Die Autorin spricht dabei die unterschiedliche „Interessenlage“ (S. 384) an, was positiv einzuschätzen ist, denn es geht ja gerade darum, dass es unterschiedliche Zielsetzungen gibt. Wo die (deskriptiven) Übersetzungswissenschaftler vor allem ein Erkenntnisinteresse haben und Systematisches aufzudecken versuchen, sind die Praktiker an der perfekten Übersetzung interessiert. Und die Übersetzungslehrer teilen wahrscheinlich vor allem das Interesse der Praktiker. Allerdings: Hiermit hängt das Problematische mit einigen der eher normativen Modalverbformulierungen, die es im Buch gibt (selbstverständlich in den Desiderata in Unterkapitel 10.4, aber auch sonst), zusammen. Manchmal scheint die Autorin zu vergessen, dass Translatkritik und Normativität (die vor allem Aufgabe des „Kritikers“ sind) nicht mit Übersetzungswissenschaft und Deskriptivität (die vor allem Aufgabe des Übersetzungswissenschaftlers sind) gleichgesetzt werden kann. Es kann ja einem Übersetzungswissenschaftler nicht darum gehen, Übersetzungen zu kritisieren (wenn ich das Wort richtig verstehe, siehe hierzu z.B. die Stelle von Seite 362 über das „kritisiert werden Dürfen“, die unten zitiert wird). Der Vergleich hinkt vielleicht, aber „Literaturkritik“ in Rezensionen muss ja auch etwas anderes sein als die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Literatur? Außerdem sollte es m.E. immer noch einen Unterschied geben zwischen der (angewandten) Übersetzungswissenschaft, deren Hauptanliegen es ist, bessere Übersetzungen zu fördern, und der (deskriptiven) Übersetzungswissenschaft, deren Hauptanliegen es ist, systematisch Bezüge zwischen Original und Übersetzung zu beschreiben (die allenfalls in einem zweiten Schritt für die Praxis umgesetzt werden können).
Manchmal scheinen dargestellte Gegensätze an den Haaren herbeigezogen (und der Strohmann-Argumentation ähnlich): Auf S. 324 schreibt die Autorin z.B.: „Schließlich ist es nicht unproblematisch, dieselbe Dolmetschleistung einmal als ,befriedigend‘ einzustufen (weil sie nur wenigen Rezipienten zu Ohren kommt) und einmal als ,mangelhaft‘, weil sie ein Massenpublikum erreicht – und genau das müsste man ja tun, wenn das Maß an Öffentlichkeit, das beim Dolmetschen hergestellt wird, ein Gradmesser für die Beurteilung der Dolmetschqualität sein sollte.“ Dabei werden allerdings keine konkreten Beispiele genannt, und es wird auf keine Literatur hingewiesen.
Im Abschnitt 9.3 kann man lesen: „Wenn eine Dolmetsch- oder Übersetzungsleistung nicht kritisiert werden darf, weil die Umstände, unter denen sie erbracht wurde, suboptimal waren, entziehen sich gerade diejenigen Translate der Kritik, die sie am nötigsten hätten“ (S. 362). Im Abschnitt 9.4 („Fazit zu den ,Grenzen‘ der Translatkritik“) wird festgestellt, dass die „Diskussion um die Grenzen der Übersetzungskritik von Missverständnissen gekennzeichnet [ist]“ (S. 364). Daraufhin werden in fünf Aufzählungspunkten (S. 364 366) diese Missverständnisse aufgelistet, ohne dass ein einziger Vertreter dieser Missverständnisse erwähnt wird. Dies mag im Namen der friedlichen Kollegialität vernünftig sein, aber im Hinblick auf die Überprüfbarkeit scheint es nicht ausreichend zu sein.
Aber: Wie eingangs betont, werden sehr viele Aspekte des Übersetzens beleuchtet, und das Buch ist ein reiches Reservoire an Elementen und Faktoren, die die Übersetzung beeinflussen und auch die Übersetzungskritik (und nicht zuletzt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Übersetzungen) beeinflussen sollten.
Zum Schluss: Auch wenn es wahrscheinlich witzig-ironisch gemeint ist, stört es, wenn ein deutschsprachiges Buch einen englischen Titel hat.20 avril 2016
28(1) - 2016