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Literatur
Nur nebenbei bemerkt?
Im Jahr 1965 publizierte Hermann Peter Piwitt, geboren 1935, studierter Soziologe, Philosoph und Literaturwissenschaftler, den ersten Band mit Erzählungen. Zuvor hatte er in Frankfurt am Main aufmerksam Vorlesungen von Theodor W. Adorno und Walter Höllerer gehört. Der gesellschaftskritische Autor, tätig auch seit 1968 für das linke Magazin "konkret", verfasste Romane und Novellen, Essays, aber auch glossierende Randbemerkungen zur geistigen und politischen Situation der Zeit. 2015 erschien die Novelle "Sommer mit Waschbär", im Jahr 2017 folgte der Erzählungsband "Drei Freunde". Nun veröffentlichte Piwitt einen Band mit "Miniaturen", der einen paradox anmutenden Titel trägt – ob es wirklich "ein unversöhnlich sanftes Ende" geben mag?
Inmitten des Buches spricht Piwitt über die "Geschlossene Gesellschaft". Förmlich abgeschottet feiert ein Abgeordneter, ein Sozialist, seinen Geburtstag. Das kämpferische Bemühen der Partei, das "seit über hundert Jahren" währt, schrumpft zur Gedächtnisstunde und spiegelt die triste Gegenwart. Übrig bleiben Jammer, Romantik und leere Festfreude. Der Sozialist feiert mit Genossen und Freunden, verheiratet, mit einer nach außen hin professionell lächelnden, von innen her frustrierten Gattin und "drei erwachsenen, ebenfalls schon erfolgreichen, wohlgestalteten Töchtern". Grußworte folgen, die Stützen der Gesellschaft sind auch zugegen. Auch Gäste aus der "Vergnügungsindustrie" nehmen teil, an "tiefe Gespräche mit Persönlichkeiten völlig konträrer politischer Interessen" erinnert sich der Jubilar. Die Rede endet emphatisch: "Toleranz!, ruft er, und vermeldet den Auftritt einer frisch entfachten Blondine." Diese singt dann vom Surabaya-Johnny. Am Ende erklingt ein Partisanenlied. Der Jubilar und die Gästeschar, die "unter der roten Fahne" sich versammelt haben, singen kräftig. Das Lied wird "so vergrölt, dass am Tresen im Parterre, an den der Reisende sich nun schon geflüchtet hat, die Schankmädchen kopfschüttelnd und betreten einander ansehen wegen der Herrschaften, da oben …" Piwitt kommentiert: "So viel zum Zustand der Partei." Es ist wirklich alles gesagt: Diese Roten halten sich vielleicht noch für links und frei, aber sie wirken so, als ob eine sozialistische Operette aufgeführt würde, mit ganz viel inszenierter Dankbarkeit. Unversöhnlich sanft endet diese Veranstaltung sicher nicht, höchstens in larmoyanter, auch geräuschvoller Trunkenheit.
Über die Endlichkeit sinniert der Autor häufig. Wie schön es wäre, "die Welt noch einmal wie als Kind in der Bildern" zu sehen, "unversehrt". Wenn es gelingen könnte, nur da zu sein, noch ein wenig zu bleiben, die "getrocknete Wäsche von der Leine" zu nehmen. Wehmut ist in seine Notizen eingezeichnet. Gar nicht schlecht sei es doch, "nichts zu verstehen von dem, was die Leute in ihrer Sprache miteinander verhandelten". Die Fantasien, die Tagträume verschwinden. Die bleibende Einsicht lautet: "Das hattest du dir so gedacht: dass es ewig so weitergehen könnte. Und vielleicht am Ende doch die totale Gedankenleere im Kopf sich herstellen ließe, will sagen: Freiheit von Schmerz." Und Piwitt weiß auch: Das wäre viel zu schön, um wahr zu sein. Er zeigt, welche Ahnungen sich einstellen, wenn die medialen Nachrichtenströme nicht versiegen und die Welt buchstäblich immer kleiner wird, näher rückt. Nur mancher alte Mensch kommt nicht mehr vor die Tür. Alles wird berichtet, so viel, dass alles belanglos zu sein scheint, "und umfassend sieht sich der Reisende unterrichtet". Mancher Leser mag sich selbst so oft fragen: Warum muss ich das alles wissen? Der Trübsinn wächst doch, "wenn die Amsel draußen zu singen aufgehört hat". Das Ende naht, so sieht es auch "der Bankier". Was bleibt? "Für ihn, sagt er, ende nun alles ganz wie in einer amerikanischen Kloschüssel: dass sich alles noch einmal in gewaltigen Wirbeln immer enger dreht, bevor es für immer wegschlürft."
Hermann Peter Piwitt denkt über Musik nach. Warum feiere der "Konzertbetrieb" einzelne Künstler, verehre sie in der Haltung der "Anbetung"? Ein Dirigent werde umjubelt, vor allem weil "berühmte Leute Stadt und Region mit ihrem Besuch beehrten". Grimmig fragt sich der Musikliebhaber, wer überhaupt eine Partitur erfassen könne. Müsse ein Künstler "souverän und schön wie die Musik" erscheinen, wie ein wandelndes Klischee, mit "flatternden weißen Haaren"? Piwitt schreibt: "Wen beklatschen sie?, habe ich mich immer wieder gefragt. Wenn sie wenigstens den Instrumentalisten applaudieren würden, so wie sie, namenlos, sich zu Präzision verstanden. Aber sie feierten den Mann am Pult; denn er gestaltete ihnen den Künstler, den sie im Leben, begegneten sie einem, nicht einmal gewahr würden. Er gab ihn wie eine Rolle auf dem Theater." Piwitt reflektiert, wie sein akademischer Lehrer Adorno, die Musik und ihre Gegenwart. Er denkt über das unübersehbar Konventionelle nach, an die etablierte Gesellschaft und ihre Idole – und erinnert an die einfachen Arbeiter, die sich nicht als Virtuosen feiern lassen wollen und müssen. Sie sind Künstler, ob erkannt oder nicht. Diese Musiker dienen der Kunst, nahezu unsichtbar, im Orchester oder im Chor verborgen vielleicht vor den Wahrnehmungen der Öffentlichkeit. Sie treten auch nicht auf – wie das Publikum jubelnd meint – als "gottbegnadete" Wesen, nein: sie arbeiten, sind handwerklich tätig. Auch zappeln sie nicht wie ein entrückter Dirigent, spielen aber unermüdlich und genau, singen, musizieren. Piwitts Erzähler sieht das alles und sagt: "Ich liebte die Musik. Und verstand mich auf nichts anderes."
Die grelle, auch verstörende Herrschaft des Subjektivismus wird philosophisch dargelegt, erst verrätselt, dann aufgedeckt: Das stolze Ich aus der besten Gesellschaft führt Pelze spazieren – zur Weihnachtszeit. Oder es bewegt sich in "scharfgebügelten Hosen". Wer ist dieses Ich? Lakonisch schreibt Piwitt: "Ich war ein Stein und blieb liegen. Ich war eine Betriebsanleitung und wurde für einen Stuhl angesehen. Der Stuhl sah aus, als hätte sich schon vor langer Zeit jemand darin niedergelassen und sei darüber zum Stuhl geworden." Dieses Ich ist ein Niemand inmitten der seelenlosen Moderne, geschwätzig, eitel, stumpf, ratlos tänzelnd, zugleich modisch unterwegs und eingezwängt in die Strukturen der verwalteten Welt wie in der Ökonomie.
Auch von Schwimmbädern berichtet Hermann Peter Piwitt, anekdotisch, von Spielereien unter Jugendlichen, von dem begehrten Mädchen, das umworben sein wollte und so gern die Verehrer abwies. Er erinnert sich, und es ist, als ob die Gegenwart sich im Fluss der Erzählung auflöste. Piwitt beschreibt auch die "schöne Drogistin". Zumindest "auf den ersten Blick" sei sie "eine Schönheit", "verpuppt in ihrem Make-up". Erotische Fantasien blühen auf. Aber den "süßen Schwindel" macht die Stimme der Drogistin zunichte. Piwitt kennt viele bittere Adjektive – "eine quäkende, fiepsende, flache, rundum grauenhaft banale, kurzum vernichtende Stimme". Mit diesem Urteil endet die Betrachtung, die mancher als schonungslose Kritik des narzisstischen Schönheitskultes und der Mechanismen der Konsumgesellschaft auffassen mag. Aber die eine Leserin oder der andere Leser vielleicht fragt sich, ob nicht eine Spur von Güte, nicht ein Gran Mitgefühl hätte übrig bleiben können, auch für die Drogistin und ihre markante Stimme?
Hermann Peter Piwitt, bar jeder Altersmilde, mag sich weder mit der modernen Welt arrangieren noch ihre Eigenheiten gelassen ertragen. Das Buch birgt einen großen Reichtum an hellsichtigen Beobachtungen, episodisch zueinander gefügten Geschichten, galligen, ironischen und auch scharfsinnigen, zuweilen launigen, ja grimmigen Bemerkungen. Doch ein Zyniker ist Piwitt nicht. Er beschreibt menschlich-allzumenschliche Besonderheiten und zugleich das vielleicht gar nicht so große Ganze, das auch als "Gesellschaft" bezeichnet wird, pointiert eigensinnig.