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(Alle Fotos stammen von Philip Frowein/Neumarkt)
Chekhov’s Gun ist ein Konzept, das umschreibt, dass jedes Element einer Geschichte zum Ganzen beitragen muss. Es entstammt einem Zitat des Schriftstellers Anton Chekhov (Tschechow, Čechov??), in dem er sagt, dass wenn im ersten Akt eine Pistole an der Wand hängt, sie im folgenden abgefeuert werden sollte – sonst hat sie dort nichts zu suchen.
Der Roman They Shoot Horses, Don’t They? von Horace McCoy (1935) trägt seine Pistole schon im Titel. Er wurde während der Weltwirtschaftskrise der USA in den 1930er Jahren veröffentlicht (wie auch die Romanvorlage von Früchte des Zorns, das zurzeit im Zürcher Schauspielhaus läuft) und dreht sich um die brutalen Tanzmarathons, die damals Mode waren. Leute tanzten dort stunden-, tage- und wochenlang um die Wette, um als Gewinnerpaar das Preisgeld einzustreichen und der wirtschaftlichen Misere kurz zu entkommen. McCoys Klassiker ist eine haarsträubende Geschichte, in der die Verzweiflung im Kampf ums Überleben im Land der unendlichen Möglichkeiten beklemmend spürbar wird.
Im Neumarkt feierte die freie theatrale Bearbeitung des Romans Mitte September Premiere und kehrt nun im Dezember in den Spielplan zurück. Das Gesamtprojekt They Shoot Horses, Don’t They? nimmt die quälerische Komponente der Tanzmarathons sehr ernst und veranstaltete kurzerhand selbst einen. Die Darsteller des Stücks performten bereits den Sommer über durch zwei Kapitel zum Thema, die jeweils zu verschiedenen Zeitpunkten und in verschiedenen Rahmen in Zürich stattfanden. Immer in Bewegung mit nur kurzen Pausen, wer stehenbleibt, fliegt raus.
Ende August gab es so eine Tanzeinlage am Zürcher Theaterspektakel, sogar mit einem echten Preis für the last (wo)man standing – wer am längsten durchhielt, ertanzte sich einen Platz im Ensemble für das Stück – und durfte noch mehr tanzen. Kapitel II führte die Schauspieler_innen in die Halle des Zürcher HBs, wo sie in einem grossen transparenten Kubus ausgestellt wurden und den ganzen Tag auf Laufbändern ihre Show lieferten.
Lustig, bis einer weint
Jeder, der schon mal im Club am Rand der Tanzfläche stand und dabei zugesehen hat, was die Leute da eigentlich machen, kennt den Unterhaltungswert rhythmisch zappelnder Menschen. Es läuft Musik, man darf unverhohlen Schauen und dazu machen die das schliesslich, damit wir Zuschauer unterhalten werden (jetzt sind wir wieder beim Theaterstück), wie der Herr auf Rollschuhen immer wieder betont. Wie schon bei den beiden Teilen zuvor gibt auch am Abend von Kapitel III im Neumarkt dieser schnauzbärtige, behütete Mann im gelben Dreiteiler den Ton an. Der Master of Ceremony, Mike Bonanno, weist Plätze zu, fährt durch die Reihen, dankt den Sponsoren, animiert zum Klatschen, treibt die Tänzer_innen zu Höchstleistungen an und stellt ihnen Tanz-Challenges.
Beim ersten Durchgang, bei dem sich alle Figuren mit ihren überzogenen Signature Moves vorstellen, wird gelacht, die Aufregung und Begeisterung schwappt von der Bühne/Tanzfläche über. Doch nach der ersten kurzen Verschnaufpause, in der fast alle Tänzer_innen kurz vom Parkett verschwinden und völlig erledigt die gleichen Posen durchexerzieren, bleibt das Lachen schon im Hals stecken. Plötzlich kriegt das ganze Gladiatorenkampf-Charakter, vorne wird erbittert um den Sieg gekämpft, während man als Zuschauer belustigt Kaltgetränke schlürft. Dass man von jedem Platz im Saal den anderen beim Gaffen zuschauen kann, hilft, um schnell die glasklare Erkenntnis durchdringen zu lassen, dass die Menschheit durchaus ein gnadenloses Konzept ist.
Das war sie während der Great Depression und das ist sie auch heute noch. Im Gegensatz zu den Tanzmarathons der 30er Jahre findet hier kein Paartanz statt, jeder kämpft bzw. danced für sich allein. Abgesehen vom Master of Ceremony wird kaum gesprochen, unter den Tänzer_innen bauen sich – im Gegensatz zum Roman – keine Bindungen auf, statt Namen tragen sie Nummern, mit denen sie der Dompteur auf Rollschuhen anspricht. Wenn doch Namen fallen, dann sind es die der Schauspieler_innen selbst, die sich da Stunde um Stunde abkämpfen, um uns zu unterhalten. Er gehöre hier gar nicht hin, sondern in ein echtes Theater, ruft der Gewinner, der den Wettbewerb am Theaterspektakel gewonnen hat. Er steht als Künstler auch sonst auf der Bühne, im echten Leben. Doch das echte Leben gibt es bei They Shoot Horses, Don’t They? nicht mehr, die Grenzen sind aufgeweicht und mischen Gesellschaftskritik in diese leuchtende Show, die Schauspieler_innen in ihre Rollen, die Spielstätte des Theaters in das Alltagsleben der Stadt.
Hoppla, plöztlich sickert die Kunst von der Bühne in die reale Welt, wo sie dann nicht mehr die klare Funktion erfüllt, die man ihr für die 70 Minuten, die das Stück dauert, bereit war zuzugestehen. Wie auch im Unterkapitel von Kapitel II des Projekts, als Anfang September am Hauptbahnhof die sogenannte «Medien Performance ‘Aus RUAG wird RUAG GREEN‘» stattfand. In einer Fake Pressekonferenz wurde verkündet, dass der Konzern die Waffenherstellung zukünftig sein lasse. Alles Wunschdenken. Die ersten medialen Reaktionen drehten sich um die Frage, ob diese Aktion Kunst sei oder einfach die Leute verarsche und die Presse blöd dastehen lasse.
Ja, ist das noch Theater? Würde man herumfragen, würden die meisten vermutlich verneinen. Doch sich an der Erwartungshaltung der meisten zu orientieren, hat sich bisher selten als Weg zu irgendeiner Art von Relevanz erwiesen. Und wenn das nicht die Hauptintention des Theaters ist, was dann? Komplex ist die Welt, die sich unter dem Aktenzeichen They Shoot Horses, Don’t They? auftut und zu Zeiten einer Kulturkonsumhaltung, in der Leute ernsthaft um Trigger-Warnungen bei Theaterbesuchen bitten, sollte man der Frage am besten entgegnen: Wenn das kein Theater ist, dann sollte es das aber verdammt noch Mal sein.
Kein Knall, kein Entrinnen
Lässt sich diese komplexe Produktion nur durch den Besuch des Theaterabends im Saal des Neumarkt erfassen? Hmhmhmmjaaaaber, es ist schon so, dass sich die wahre Stärke des Projekts aus der Vogelperspektive auf seine vielen verschiedenen Bestandteile zeigt. Die ausbeuterische Übertreibung des Tanzmaranthons wird erst über die drei Kapitel in seiner Extreme deutlich.
Obwohl die einzelnen Kapitel auch am Theaterabend aufgegriffen werden, indem sie der Master of Ceremony immer wieder Revue passieren lässt, empfiehlt es sich, im Vorfeld (oder Nachhinein) seine Gedanken dazu zu machen was die Puzzlestücke für eine Funktion haben. Vom Theaterspektakel (noch im System Theater verankert) über die Halle im Zürcher HB (mitten in der Allgemeinheit, die unbehelligt auf ihren Arbeitswegen oder knappen Freizeitressourcen an den Glaskäfigen vorbeieilt) bis zum Neumarkt selbst, wo sich am klassischen Theaterabend im Saal die Formen verdichten, die Tänzer verausgaben und die Zuschauer die Fäden verknüpfen, spitzt sich der Wettbewerb immer weiter zu und ordnet alles seiner Logik unter. Der Abend zeigt den Endspurt des Marathons der Verausgabung, eines Hochschaukelns von Konkurrenz, Leistungsdruck, verzweifelter Anpassung und unerbittlichem Tanzen am Abgrund, der – laut Titel mit Chekhov’s Gun im Hinterkopf und entsprechend der Romanvorlage – in einem grossen Knall enden müsste.
Das tut er im Neumarkt allerdings nicht. Und zeigt so, dass es keinen Gnadenschuss, keinen Schlusspunkt, in diesem Loop des Elends gibt, sondern das System immer weiter besteht, ohne Entrinnen und mit austauschbaren Nummern von Akteuren, auf der Bühne und auch sonst in der Welt.
Termine They Shoot Horses, Don’t They?
Freitag, 13. Dezember 2019, 20.00 Uhr (mit Einführung auf Englisch um 19.30 Uhr)
Sonntag, 15. Dezember 2019, 18.00 Uhr
Montag, 16. Dezember 2019, 19.30 Uhr (mit Einführung auf Englisch um 19.30 Uhr)
Freitag, 20. Dezember 2019, 20.00 Uhr (mit Einführung auf Englisch um 19.30 Uhr)
Samstag, 21. Dezember 2019, 18.00 Uhr
Sonntag, 22. Dezember 2019, 18.00 Uhr