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Die Balintgruppe
Die Idee der Balintgruppen geht zurück auf Michael Balint (1896 – 1970), einen ungarischen Arzt und Psychoanalytiker, der bereits in den Dreissigerjahren in Ungarn, und später nach seiner Emigration in London am Tavistock Institute of Human Relations in Gesprächsgruppen mit Hausärzten* die Beziehungsgestaltung zwischen Ärzten und Patienten nach psychoanalytischen Grundsätzen erforschte. Die kommentierten Protokolle dieser Sitzungen ab 1950 finden sich in der Publikation „ Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“ (erschienen 1957 in Englisch, 1966 in deutscher Übersetzung). 1
Sigmund Freud hatte erkannt, dass in jeder zwischenmenschlichen Begegnung nicht nur bewusst intendierte Interaktionen ablaufen, sondern auch vielschichtige unbewusste emotional bedeutsame Vorstellungen, Erwartungen, Befürchtungen mitschwingen, die aus früheren lebensgeschichtlichen Erfahrungen stammen, und in die aktuelle Begegnung übertragen werden. Die Psychoanalyse erforschte diese Phänomene von Übertragung (vom Patienten auf den Therapeuten) und Gegenübertragung (als Reaktion des Therapeuten auf den Patienten) systematisch und erkannte deren therapeutischen Nutzen. Voraussetzung für das Erkennen dieser Phänomene ist, dass der Therapeut in der Begegnung mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ sowohl darauf achtet, was er vom Patienten wahrnimmt, als auch darauf, was in ihm selbst an Empfindungen, Bildern, Fantasien aufsteigt.
Michael Balint und seine Forschungsgruppe wandten diese Erkenntnisse auf die Vorgänge in der ärztlichen Konsultation in der Hausarztmedizin an mit dem Ziel, zu einer Gesamtdiagnostik zu gelangen, die nicht nur die medizinische Diagnose, sondern auch ein Verständnis des Patienten in seiner psychosozialen Situation und mit seinen impliziten (Übertragungs-) Erwartungen umfassen sollte. Dadurch erarbeiteten sie ein tieferes Verständnis für das Geschehen zwischen Patient und Arzt und zwischen Arzt und Patient während der Konsultationen und ein präziseres Gespür für „Wirkungen und Nebenwirkungen der Droge Arzt“.
Es zeigte sich, dass die Arbeit in der Gruppe, die mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ der Erzählung eines Kollegen aus ihrer Mitte über einen Patienten aus seiner Praxis zuhört und dann zusammenträgt, welche (Gegenübertragungs-) Phänomene bei jedem einzelnen während des Zuhörens geschehen sind, ein sehr dichtes und facettenreiches Bild der geschilderten Beziehung entstehen lässt, welches gerade auch die Aspekte einschliesst, die dem Referenten nicht bewusst waren. Die Gruppe erwies sich so als ein Instrument, welches das vielschichtige Geschehen in der referierten Beziehungsgeschichte äusserst fein und nuancenreich spiegelt. Es zeigte sich ferner, dass die regelmässige Teilnahme an dieser Gruppenarbeit das „dritte Ohr“, weiter entwickeln kann, mit dem der Arzt die vielfältigen Phänomene in den Begegnungen mit seinen Patienten wahrnimmt; damit schult er letztlich auch seine Fähigkeit zur Empathie und entwickelt sich persönlich weiter (Balint: „... begrenzte, aber entscheidende Veränderung der Persönlichkeit des Arztes“). Die Gruppe zeigte, wie es dadurch für den Hausarzt möglich wird, dem Patienten sein umfassenderes Verständnis für ihn und seine Situation im normalen Ablauf der Konsultation so mitzuteilen, dass für den Patienten daraus eine tiefere Einsicht von psychotherapeutischem Wert erwächst. 2
In der Folge hat sich die Balintgruppe als Methode der Beziehungsdiagnostik, der Supervision und der persönlichen Fortbildung nicht nur in Medizin- und Pflegeberufen etabliert und bewährt, sondern auch bei andern Fachleuten, die professionell mit Menschen arbeiten (Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer, Seelsorger). Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Teilnahme an einer Balintgruppe zur Verbesserung der Introspektions- und Kommunikationsfähigkeiten führt, insbesondere zur Zunahme des Einfühlungsvermögens in die Patienten und zur Verbesserung der diagnostischen Fähigkeiten. 3 4
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Arbeit in der Balintgruppe anhand einer theoretischen Beschreibung nicht nachzuvollziehen ist. Gelegenheit, eine Vorstellung davon durch das eigene Miterleben zu gewinnen, bietet sich in Sils, wo Michael Balint 1961 seine Methode erstmals vorgestellt hatte, und wo seither alljährlich die Balint-Studienwochen stattfinden.
* Wenn hier der besseren Lesbarkeit halber die männliche Form verwendet wird, so ist immer auch die weibliche zu denken.
1 Michael Balint „ Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“ 10.Aufl. Klett-Cotta Verlag Stuttgart (2001)
2 Balint, Enid & Norell, J.S. : „Fünf Minuten pro Patient“ Suhrkamp-Verlag, Stuttgart (1975)
3 Sammlung der Resultate bis 2002 in Egli, Heinrich: „Wieso sind Ärzte mit geschulter Introspektionsfähigkeit die besseren Ärzte?“, (2002) als pdf-Datei unter http://www.balint.ch/seiten_de/literatur.html
4 Lichtenstein, A. and Lustig, M: „ Integrating Intuition and Reasoning. How Balint groups can help medical decision making“ Aus Fam Physician 35: 987 (2006)
5 Kjeldmand, D. and Holmström, I: Balint Groups as a Means to Increase Job Satifsaction and Prevent Burnout Among General Practitioners“ Ann.Fam.Med. 6(2): 138 (2008)
6 Ghetti Chiara et al.: „Burnout, Psychological Skills, and Empathy: Balint Training in Obstetric and Gynecology Residents“ J Grad Med Educ. 1(2): 231-235 (2009)