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Manche behaupten, es sei Dürrenmatt gewesen, der gesagt habe, Erinnerungen seien nichts als Bilanzfälschungen. Dabei war es Memoiren-Otto, und der hat auf dieser Erkenntnis folgende Poetologie aufgebaut: «Wenn ich es nicht selbst erfunden hätte, ich würd das selbst kaum für möglich halten.» Dies zum Beispiel erfährt man in Tinu Torrianis Tagebuch, das er exakt vom 27. März bis zum 4. Mai geführt hat.
Torriani lebt im Wohnwagen auf dem Platz am See, zusammen eben etwa mit Memoiren-Otto. Oder mit Beat Fidel S. Zurbuchen, der in zwei Wohnwagen lebt. Im einen hat er seine Bibliothek, im anderen ihre andere Hälfte. Dass Torriani in einem dieser Wagen dem Notker Balbulus in seinem St. Galler Scriptorium begegnet und auf dem Zeltplatz zeitweise auch Eurylochos – Odysseus’ Schwager lebt –, sei hier nur kurz bemerkt.
Torrianis Aufzeichnungen, das besagt die Vorbemerkung zur Ausgabe, sind in einer Bibliothek entdeckt worden; und zwar mysteriöserweise in einem im Lauf des 16. Jahrhunderts ausser Kurs gekommenen Beutelbuch, gefasst zwischen zwei Deckeln aus dem Holz der Nothofagus obliqua, der südamerikanischen «Pellin-Scheinbuche».
Aber wer ist dieser Torriani, der mit seinen Geschichten durch Räume, Zeiten und Bibliotheken wildert? Ist er ein postdadaistischer Poeta doctus? Ein philosophierender Geschichtendekonstrukteur? Einer, der mit übermütiger Melancholie die bunte Welt beschwört, die es, wie er weiss, hinter den Wörtern nicht gibt? Unnötig, hier zu weit zu suchen, denn das versierte Nachwort klärt auf: Eigentlich ist Tinu Torriani Martin Wegmüller, der allerdings verschollen ist.
Der zeichnende Herausgeber der Ausgabe wiederum heisst Elio Pellin. Er hat einem schon 2009 mit der Kriminal-Sport-Erzählung «Schranz» zu denken gegeben. Die ganze Wahrheit über Wegmüller wird er der Öffentlichkeit voraussichtlich anlässlich der Buchvernissage im Café Kairo in Bern anvertrauen.