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Modefirmen lassen Textil-arbeiter*innen in der Pandemie erneut im Stich
Textilarbeiter*innen in Kambodscha, die Kleider für Unternehmen wie Adidas, VF, Target, Nike und Gap herstellen, wurden im April und Mai 2021 um Löhne in der Höhe von geschätzt 109 Millionen US-Dollar betrogen. Seit Beginn der Pandemie waren es sogar knapp 400 Millionen. Gewerkschaften und Aktivist*innen fordern die Modefirmen auf, während der gesamten Dauer der Pandemie die vollen Löhne zu zahlen und mit einer verbindlichen Vereinbarung künftigen Lohndiebstahl zu verhindern.
Während des zweiten Corona-Lockdowns im April und Mai 2021 wurden den 784‘000 Textilarbeiter*innen in Kambodscha Löhne in der Höhe von schätzungsweise 109 Millionen US-Dollar vorenthalten. Dies hat die Clean Clothes Campaign (CCC) – mit der Solidar Suisse zusammenarbeitet – aufgrund einer umfassenden Bestandsaufnahme durch Gewerkschaftsverbände in 114 Fabriken hochgerechnet.. Die untersuchten Fabriken haben 204‘000 Arbeiter*innen allein in den Monaten April und Mai 28,4 Millionen US-Dollar an Löhnen nicht ausbezahlt.
Der Gesamtbetrag an ausstehenden Löhnen und Abfindungszahlungen, den die Fabriken den Textilarbeiter*innen schulden, wurde im Juni auf etwa 393 Millionen US-Dollar geschätzt.
Adidas & Co: Pandemiegewinne auf Kosten der ArbeiteR*INNEN
Die grösste Lohnlücke in der Fabrikstichprobe wurde bei Adidas-Zulieferern gefunden: Von März 2020 bis Mai 2021 belaufen sich die Verluste von 30‘190 Arbeiter*innen in acht Adidas-Zulieferfabriken auf 11,7 Millionen US-Dollar, das sind 387 Dollar pro Kopf. Für die Arbeiter*innen und ihre Familien bedeutet dies eine existenzielle Krise. Adidas dagegen erzielte im ersten Quartal dieses Jahres 650 Millionen US-Dollar Gewinn. Der Sportartikelriese könnte also ohne Probleme sicherstellen, dass alle Arbeiter*innen in der Lieferkette während der Pandemie ihre regulären Löhne erhalten.
Weitere Modefirmen mit massiven Lohnlücken in der untersuchten Stichprobe sind VF Corporation (7,7 Millionen US-Dollar), Target (7,6 Millionen US-Dollar), Nike (7,5 Millionen US-Dollar) und Gap (6,7 Millionen US-Dollar). Zum Vergleich: Die Nettogewinne der zehn Unternehmen mit den meisten Lieferant*innen beliefen sich im ersten Quartal 2021 auf über 4,7 Milliarden (d.h. 4700 Millionen) US-Dollar.
Ausreden und leere Versprechen
Kambodschanische Gewerkschaften haben Hersteller und Modeunternehmen wiederholt aufgefordert, die Lohnlücke zu schliessen. Im Februar 2021 schrieben sie grossen internationalen Modeunternehmen einen Brief, der die prekäre Situation aufzeigte und Unterstützung verlangte. Die Antworten fielen ernüchternd aus: Die Firmen spielen ihre Verantwortung für die angemessene Bezahlung aller Arbeiter*innen in ihrer Lieferkette herunter. Stattdessen verweisen sie auf internationale Multi-Stakeholder-Initiativen wie den «Call to Action in the global garment industry», die bisher offenkundig bei der Sicherstellung der Lohnzahlungen versagt haben.
erste Erfolge Gewerkschaftlicher Kämpfe
Die Bestandsaufnahme in den Fabriken zeigt auch bemerkenswerte Unterschiede bei den Lohnzahlungen während des letzten Lockdowns. Die Mehrheit der Hersteller zahlte den Arbeiter*innen ihren regulären Lohn lediglich für die Tage aus, in denen die Fabriken in Betrieb waren. Für die Zeit der Schliessungen gab es – wenn überhaupt – nur eine geringe Entschädigung. Nur zwölf Fabriken (11% der Stichprobe) stellten sicher, dass die Löhne der Arbeiter*innen auch nicht unter den Mindestlohn fielen, wenn nicht produziert werden konnte. Dies ist auf erste Erfolge der gewerkschaftlichen Kämpfe um Lohnsicherung zurückzuführen und zeigt, dass Massnahmen bei einzelnen Zulieferern direkte positive Auswirkungen für die Arbeiter*innen haben können.
Kambodschanische Gewerkschaften fordern zusammen mit der PayYourWorkers-Kampagne von CCC und mehr als 220 Organisationen, darunter Solidar Suisse, Modefirmen auf, den Näher*innen in ihrer Lieferkette während der gesamten Dauer der Pandemie den vollen Lohn zu gewährleisten und bei Fabrikkonkursen Abfindungen sicherzustellen. Dafür sollen sie eine verbindliche Vereinbarung über Löhne und Abfindungen aushandeln und unterzeichnen.