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Zweite Chance für junge Straffällige in Jordanien
Sahar Almakhamreh untersucht mit ihrem Forschungsteam alternative Sanktionsmöglichkeiten für Jugendliche. Mit den Ergebnissen ihrer Studie revolutionieren sie das Jugendstrafgesetz.
Von Sahar Almakhamreh
Das jordanische Jugendstrafgesetz durchläuft seit einigen Jahren eine Reform. Bisher wurde bei jugendlichen Straffälligen auf Bussen und Haftstrafen gesetzt. Nun soll ein System entwickelt werden, das auf Wiedergutmachung und Resozialisierung aufbaut. Ich bin überzeugt, dass es Aufgabe der Sozialen Arbeit ist, dabei mitzuhelfen, andere Sanktionsmöglichkeiten als Haftstrafen zu finden.
Eine Alternative sind Sozialeinsätze. Gemeinsam mit einem Team der Al-Balqa Applied University, wo ich damals unterrichtete, untersuchte ich deshalb, ob und unter welchen Umständen Sozialeinsätze wirkungsvoll sein könnten. Wir führten die Studie 2014 mit Studierenden der Al-Balqa Applied University durch. Alle Teilnehmenden hatten die Hochschulregeln verletzt. Die einen, weil sie Fenster kaputtschlugen oder Messer auf sich trugen, andere waren aggressiv oder an Prügeleien beteiligt.
Bei Regelverstössen dieser Art bekommen Studierende an hiesigen Universitäten eine Verwarnung. Bei der dritten Verwarnung fliegen sie von der Hochschule. Es gibt weder eine Alternative zum Ausschluss, noch eine Beratungsstelle, die niederschwellig Präventionsarbeit leistet.
Wir untersuchten eine zweistufige Alternative zu den bisherigen Sanktionen. Unsere Erkenntnisse mit den delinquenten Studierenden der Al-Balqa Applied University sollten das jordanische Justizministerium bei der Strafrechtsreform unterstützen und aufzeigen, inwie fern Soziale Arbeit die Politik und die Praxis der jordanischen Rechtsordnung beeinflussen kann. Unsere zweistufige Alternative beginnt mit einem Aggression Replacement Training (ART): eine in den USA entwickelte Methode, die eine kognitive Verhaltenstherapie beinhaltet.
Die zweite Stufe sind Sozialeinsätze. Die finden entweder an der Hochschule statt, in landwirtschaftlichen Betrieben, der Strassenreinigung oder sozialen Einrichtungen. Zwei Dinge sind zentral: Die Verwandtschaft des Studierenden muss den Ort des Sozialeinsatzes akzeptieren, da in Jordanien die Gemeinschaftskultur viel ausgeprägter ist als der Individualismus. Und bei Frauen muss der Sozialeinsatz drinnen stattfinden, da solche Arbeit für Frauen schambehafteter ist als für Männer. 44 Studierende im Alter von 19 und 20 Jahren nahmen an der Studie teil. Jede:r leistete einen Sozialeinsatz zwischen 15 und 20 Stunden.
Nach diesen Einsätzen führten wir leitfadengestützte Interviews mit Studierenden und Institutionen durch. Die Rückmeldungen waren positiv. Ein Student sagte uns: «Die Sozialeinsätze gaben mir die Möglichkeit, mein Verständnis der Dinge zu verbessern. Es war wie eine zweite Chance. Ich bin froh, zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich um mich kümmern.» Er war mit dieser Aussage nicht allein. Die meisten Studierenden empfanden die Strafalternative als eine zweite Chance, die ihr Verantwortungsgefühl stärkte.
Das jordanische Parlament hat Sozialeinsätze für junge Straftäter:innen gutgeheissen und 2016 ins Jugendstrafgesetz implementiert. Das Parlament folgte bei seinem Entscheid dem Vorschlag des Justizministeriums, das sich auf unsere Studie bezogen hatte. Das hat mich persönlich sehr darin bestärkt, diese Art der Forschung weiterzutreiben. Zurzeit arbeiten wir daran, ein Beratungssystem für mentale Gesundheit an den Universitäten einzurichten. Wir Sozialarbeitende wissen: Kümmern wir uns nicht um die psychische Gesundheit der Studierenden, wird es niemand tun.