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„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben nämlich seinen Stern im Aufgang gesehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“ (Mt 2, 2).
Mit dieser Frage versetzten die Weisen aus dem Osten Herodes und ganz Jerusalem in Schrecken. Was war das nun für ein Stern, der sie dazu gebracht hatte, die weite Reise nach Jerusalem zu unternehmen? Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Es kann ein wunderbares, unmittelbar von Gott gewirktes Zeichen am Himmel gewesen sein oder ein natürliches Phänomen, an das Gott mit seiner Gnade anknüpfte, um die ersten Heiden zur Krippe zu führen.
Die Kirchenväter sahen in dem Stern eher eine wunderbare Erscheinung als ein Naturphänomen. Leo der Große z. B. spricht vom „Aufgang eines neuen Sterns“.[1] Augustinus lehnte eine astronomische Deutung des Sterns sogar ab. Der Stern habe nicht zu denen gehört, die seit Beginn der Schöpfung gemäß den Gesetzen des Schöpfers am Himmel ziehen, sondern bei der neuartigen Geburt aus einer Jungfrau sei auch ein neuer Stern am Himmel erschienen.[2] Allerdings ging es Augustinus vor allem darum, dass die Geburt Christi nicht irgendwie unter einem schicksalhaften Einfluss der Sterne stand, wie die Astrologen meinen. Als Herr und Schöpfer habe eher Christus das Schicksal der Sterne bestimmt als die Sterne sein Schicksal. Ein weiterer Grund für die Väter, ein Wunderzeichen anzunehmen, bestand im Verhalten des Sterns, der den Weisen voran zog und über Bethlehem stehenblieb. Wir werden noch sehen, dass es dafür doch eine mögliche natürliche Erklärung gibt.
Origenes hielt dagegen ein Naturphänomen für möglich, dachte aber eher an einen Kometen oder Meteor, da er die Berichte glaubte, nach denen bei gewaltigen Veränderungen auf Erden (Wechsel von Dynastien, Kriege) solche Zeichen oft am Himmel erschienen sind.[3] Er wurde dazu möglicherweise durch den Halley’schen Kometen angeregt, der im April/Mai 218 n. Chr. zu sehen gewesen war.
In heutigen Krippendarstellungen wird der Stern oft als Komet mit dem für diesen typischen Schweif gezeigt. Dies geht wahrscheinlich auf das berühmte Gemälde von Giotto di Bondone in der Scrovegni-Kapelle der Arena zu Padua zurück. Auch Giotto ließ sich wahrscheinlich durch den Halley’schen Kometen dazu anregen, der 1301 in Erdnähe gewesen war, nicht aber zur Zeit der Geburt Christi, denn da er 12 v. Chr. zu sehen war, musste er sich zur Zeit der Geburt Christi bereits weit von der Erde entfernt haben. Kometen galten in der Antike zudem eher als Unglücksboten, wobei es allerdings Ausnahmen gab. Bei einer auffälligen Kometenerscheinung hätte Herodes die Weisen jedoch nicht fragen müssen, wann der Stern erschienen sei, da dies ja allgemein bekannt gewesen wäre.
Auch eine Supernova, d. h. die Explosion eines Sterns, kommt wohl nicht in Frage. In einem solchen Fall kann es zwar so aussehen, als wäre am Himmel ein neuer Stern erschienen, und dieses Phänomen kann einige Wochen oder sogar wenige Monate anhalten. Bei einer solchen Supernova bleiben aber Spuren zurück, die die moderne Astronomie feststellen kann, und diese hat keine Reste einer Supernova gefunden, die für die Zeit der Geburt Christi in Frage käme.
Die berühmteste These, die ein natürliches Phänomen zur Erklärung des Sterns heranzieht, bezieht sich auf die dreifache Begegnung von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische im Jahr 7 v. Chr. Dabei fand die erste Begegnung zwischen dem 29. Mai und 8. Juni statt, die zweite vom 26. September bis 6. Oktober und die dritte vom 5. bis 15. Dezember. Eine solche dreifache Begegnung ist ein äußerst seltenes Ereignis. Auch mit ihren unvollkommenen Berechnungen konnten die babylonischen Astronomen erkennen, dass es eine solche Konjunktion im Sternbild der Fische seit 854 Jahren nicht mehr gegeben hatte. Schon Kepler wies auf diese Konjunktion hin, wollte in ihr allerdings nur ein vorbereitendes Zeichen sehen, dem dann noch eine Supernova folgte. Er hatte nämlich am 10. Oktober 1604 eine Supernova beobachtet und meinte, diese sei die Folge der kurz vorher stattgefundenen Konjunktion von Jupiter und Saturn gewesen. Er vermutete darum, auch der Konjunktion im Jahr 7 v. Chr. sei eine Supernova gefolgt, was nach heutigen Erkenntnissen natürlich nicht stimmt, denn eine solche hat nichts mit einer Begegnung von Planeten in unserem Sonnensystem zu tun. In neuerer Zeit hat vor allem der Astronom Konradin Ferrari d’Occhieppo, der von 1955-1978 Vorstand des Wiener Instituts für Theoretische Astronomie war, sich für diese Planetenkonstellation als Stern von Bethlehem ausgesprochen.[4]
Wichtig ist, dass dieses außergewöhnliche Schauspiel am Himmel von den babylonischen Sterndeutern tatsächlich beobachtet wurde, wie wir seit der Entzifferung einiger babylonischer Keilschrifttafeln wissen.
Jupiter galt von jeher als Königsstern, und Saturn war bei den Babyloniern der Stern, der Syrien zugeordnet war. Die hellenistische Sterndeutung bezeichnete ihn als den Stern der Juden. Dafür gibt es auch einen biblischen Beleg. Im 8. Jh. v. Chr. beklagt nämlich der Prophet Amos das Eindringen heidnischer Kulte in Israel: „Ihr habt Sakkut als euren König umhergetragen und Kewan, euren Sterngott, eure Götzenbilder, die ihr euch angefertigt habt“ (5,26). Kewan ist dabei die aramäische Übertragung des babylonischen Namens Kajmanu, der für den Saturn steht. Auch der hl. Stephanus nimmt darauf Bezug, wenn er sagt: „Das Zelt des Moloch habt ihr mitgeführt und das Sternbild des Gottes Rompha“ (Apg 7, 43). Dabei ist Rompha nur eine andere Übertragung des Namens Kewan. Sogar Tacitus sieht eine Beziehung Juden zum Saturn, da er – natürlich irrtümlich – meint, die Juden leiteten sich von den kretischen Idäern her, die vertrieben wurden, als der Gott Saturn von Jupiter vertrieben wurde, und das jüdische Sabbatjahr sei zu Ehren des Saturn.[5]
Die Weisen könnten also aus dem Himmelsschauspiel geschlossen haben, dass im Land der Juden der verheißene große König geboren worden sei. Durch die babylonische Gefangenschaft der Juden war die Gegend im Babylon nämlich in Kontakt mit der Offenbarung gekommen, und sicher gab es auch zu dieser Zeit noch Verbindungen zwischen heidnischen Gelehrten und gelehrten Rabbinern der dortigen jüdischen Diaspora. Die Weisen konnten also von der jüdischen Erwartung nach der Ankunft eines großen Königs und Erlösers wissen. Ferrari d’Occhieppo meint, der glanzvolle Abendaufgang von Jupiter und Saturn am 15. September 7 v. Chr. könnte für die Magier der letzte Anstoß gewesen sein, nach Palästina aufzubrechen. In diesem Fall könnten sie in der ersten Novemberhälfte in Jerusalem angekommen sein. Auf den 12. bzw. 13. November fiel für Saturn und Jupiter eine Phase des scheinbaren Stillstands am Himmel, da sie in ihrer Bewegung für den irdischen Beobachter die Richtung wechselten. Wenn die Weisen um den 12. November Jerusalem in Richtung Bethlehem gegen Abend verließen, sahen sie zuerst den Jupiter und etwas später auch den Saturn über ihrem Weg stehen. Der Stern zog also scheinbar vor ihnen her oder „führte sie voran“, wie man auch übersetzen könnte. Man kann verstehen, dass sie das als Bestätigung ansahen, auf dem richtigen Weg zu sein, und sie sich „überaus freuten“, wie es im Evangelium heißt. Nach Einbruch der Dunkelheit, zeigte sich zudem noch ein schwacher Lichtkegel, der scheinbar vom Jupiter ausging und dessen Basis erst die Umrisse einer Hügelkette, beim Näherkommen auch die Dächer einzelner Häuser von Bethlehem beleuchtete, das Zodiakallicht. „Es entsteht durch Streuung und diffuse Reflexion des Sonnenlichts an zahllosen fein verteilten Staubpartikeln, die einen zur Hauptebene unseres Planetensystems ungefähr symmetrischen linsenförmigen Raum erfüllen.“[6] Da es bei uns in Europa wegen des Streulichts von zahllosen elektrischen Lampen fast nirgendwo richtig dunkel wird, ist das Zodiakallicht hier kaum jemals zu beobachten. Das war in der Antike natürlich anders. Vielleicht zeichnete das Zodiakallicht zum Schluss sogar ein einziges Haus vor den anderen aus. Es hatte also den Anschein, als sei der Stern über dem Haus, in dem das Kind war, stehengeblieben. Dieses Phänomen war in jeder sternklaren Nacht vom 12. bis 23. November zu sehen. Wahrscheinlich war Jesus damals schon ein knappes Jahr alt.
Das Evangelium spricht allerdings nur von einem Stern. Der Bezugsstern wäre also Jupiter gewesen, denn die beiden Planeten kamen sich am Himmel nicht so nahe, dass sie wie ein Stern erschienen. Interessanterweise spricht eine außerbiblische Quelle, der Papyrus-Codex Bodmer V, die älteste Abschrift des apokryphen Proto-Evangeliums des Jakobus, an einer Stelle tatsächlich von „Sternen“: „Und sieh, sie sahen Sterne in dem Aufgang und die zogen ihnen voran …“ Hier könnte sich also tatsächlich eine alte Tradition erhalten haben.
Die Stärke dieser Theorie besteht einmal darin, dass sich das seltene Phänomen am Himmel über mehrere Monate erstreckte. Somit konnte es immer noch zu sehen sein, als die Weisen in Bethlehem ankamen. Zum anderen fällt die Konjunktion von Jupiter in Saturn in die Zeit, in der auch eine allgemeine Aufschreibung des römischen Reichs bezeugt ist. Bemerkenswert ist zudem, dass die Begegnung von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische stattfand, denn der Fisch wurde schon von den ersten Christen als Symbol für Christus genommen, da die Buchstaben des griechischen Wortes für Fisch, „ἰχθύς“, eine Abkürzung für „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter“ sind.
Man hat noch eine Reihe anderer Theorien aufgestellt, bei denen man meist versucht, das Geburtsdatum Jesu näher an das Jahr 1 heranzurücken. Dazu muss man aber zunächst den Tod des Herodes neu datieren, denn wenn dieser 4 v. Chr. starb, wie die meisten Historiker annehmen, kann Jesus nicht später geboren worden sein. Die Argumente für eine Verschiebung des Todes des Herodes sind aber nicht stark. Zudem gibt es in dem Zeitraum um 1 v. oder n. Chr. keine Hinweise auf eine Volkszählung. Einige irgendwie passende Planetenkonjunktionen kann man für diesen Zeitraum zwar schon finden, aber entweder waren sie nicht besonders außergewöhnlich oder sie passen aus anderen Gründen nicht. So fand am 17. Juni 2 v. Chr. eine Konjunktion von Jupiter und Venus statt. Beide Planeten standen an diesem Abend für etwa zwei Stunden so eng beieinander, dass sie wie ein Stern erschienen. Diese Begegnung fand im Sternbild Löwe statt, dessen hellster Stern Regulus ist, was etymologisch „kleiner König“ bedeutet. Die Begegnung von Jupiter und Venus war jedoch nicht beim Aufgang im Osten, sondern beim Untergang der Planeten im Westen zu sehen und passt somit nicht zum biblischen Bericht.
Die besseren Argumente scheinen also für die Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahr 7 v. Chr. zu sprechen, wenn der Stern von Bethlehem ein natürliches Phänomen war. Es ist aber natürlich auch möglich, eine wunderbare Sternerscheinung anzunehmen. Eine gewisse Parallele dazu hätten wir im Sonnenwunder von Fatima, wo am 13. Oktober 1917 vor mehreren 10.000 Zeugen die Sonne scheinbar ihre Bahn verließ, am Himmel Kreise zog und schließlich sogar auf die versammelte Menge zu stürzen schien.
Anmerkungen
[1] 3. Predigt auf Epiphanie 2.
[2] Contra Faustum II,5.
[3] Contra Celsum I,58-60.
[4] Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht: Legende oder Tatsache? 4. Aufl., Brunnen: Gießen 2003.
[5] Tacitus: Historiae V,2 und 4.
[6] Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht, S. 92.