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Fremdartige Musik dringt aus dem schmalen Raum im Keller eines Fitnesszentrums in Bern. Drei Frauen und vier Männer stehen im Kreis, spielen auf ihren Berimbaus. Einige geben mit dem Pandeiro den Takt an, andere Klatschen. Dazu singen sie portugiesische Lieder. So gestaltet sich die erste halbe Stunde eines zweistündigen Trainings.
Vom Aluno Formado zum Professor
Einer der sieben Anwesenden ist der Lehrer. Als er 13 Jahre alt war, begann er mit Capoeira. Heute nennt er sich Aluno Formado Jacaré, sein Künstlername, wie ihn alle hier haben. Aluno Formado ist eine Graduierung, bei der man noch Schüler ist. „Ich habe aber so viel Erfahrung, dass ich überall unterrichten kann.“ Mario dos anjos Satos, wie er mit vollem Namen heisst, trägt ein weisses T-Shirt und weisse Hosen. Um die Hüften bindet er sich eine blaue Kordel, die Farbe des Aluno Formados. Bei der nächsten „Batizado“, dem jährlichen Ostertreffen, wird er die Kordel des Professors erhalten. Vom Aluno Formado zum Professor ist es jedoch kein so grosser Unterschied mehr.
Je nach Fortschritt steigt man jedes Jahr eine Stufe höher. Um den nächst höheren Grad zu erreichen, muss aber keine Prüfung abgelegt werden, es steht schon im Voraus fest, welche Kordel man bekommt. Lediglich um die eigenen Fähigkeiten zu demonstrieren, wird dies bei Spielen in der Roda nochmals überprüft.
„Capoeira kam zu mir“
Dos anjos Satos wuchs in Brasilien auf und kam so schon früh mit Capoeira in Berührung. Er war fasziniert von den Bewegungen und interessierte sich auch für die verwobene Gründungsgeschichte.
Mit der Bedingung, dass sein Sohn mittrainieren durfte, stellte dos anjos Satos Stiefvater einem Capoeira-Meister sein Lokal zur Verfügung. „Nicht ich fand Capoeira, Capoeira kam zu mir“, sagt der junge Mann heute.
Eine neuer Kampfsport entsteht
Die Entstehung Capoeiras ist nicht eindeutig nachzuweisen. Anfang des 16. Jahrhunderts wurden mehrere Millionen afrikanische Sklaven nach Brasilien eingeschifft. Aufstände und Fluchtversuche der Sklaven waren an der Tagesordnung. Aus den Tänzen, die sie aus Afrika mitbrachten, entwickelte sich mehr und mehr ein Kampfstil. Zusammengeschmolzen mit den Bewegungen von Tieren wurde Capoeira zum Schlüssel der Freiheit, zur Verteidigung gegen die Sklavenhalter.
Als das Ende der Sklaverei vor 300 Jahren schliesslich eintrat, wurde Capoeira verboten und die Capoeiristas wurden von der Polizei gnadenlos verfolgt. Trotzdem kämpfte Mestre Bimba für eine Legalisierung von Capoeira. Er wurde aber während eines Kampfes verhaftet und zeigte dem Gouvernanten sein Können. Dieser fand Gefallen an dem Kampfsport und von nun an war Capoeira wieder genehmigt. Die erste offizielle „Academia“ wurde eröffnet. Zuerst unterrichtete man nur die ursprüngliche Capoeira Angola, doch immer mehr bildete sich eine zweite Richtung, die Capoeira Regional, ein Zusammenfliessen von verschiedenen Kampfsportarten, wie zum Beispiel Kickboxen, Karate und Ringen. Während sich Mestre Bimba dem Capoeira Regional verschrieb, wurde die Capoeira Angola von Mestre Pastinha weitergeführt. Die beiden Arten unterscheiden sich lediglich in der Anzahl der Instrumente und dem Tempo des Kampfes.
Ungeschriebene Regeln
Regeln gibt es im Capoeira keine. Trotzdem wird von der Seele der Capoeira gesprochen, der Malíca. Eine klare Bedeutung gibt es auch dafür nicht. Die Malíca beschreibt wie man ist und die Malíca ist der Plan, den man haben muss, um den Gegner zu täuschen. „Man plant das Spiel während dem Spiel“, erklärt dos anjos Satos. „Während einem Kampf muss man flexibel sein, man muss für Alles bereit sein.“
Das einzig bleibende bei Capoeira ist die Ginga, auch Grundschritt genannt. Sie ist ein schlichtes am Platz Vor- und Zurückgehen. Auf diesem einfachen Grundschritt sind sämtliche Bewegungen aufgebaut.
Capoeira ist für kein bestimmtes Alter gedacht. Alle können es betreiben. Dos anjos Satos ist überzeugt: „Sobald man gehen kann, macht man schon Capoeira – ohne es zu wissen.“
Berimbau, Pandeiro und Roda
Beim Berimbau handelt es sich um einen Musikbogen, der aus einem Holzstab, einer Metallseite und einem Klangkörper besteht. In der Hand hält der Musiker zusätzlich eine Holzrassel, einen Schlagstock und einen Stein.
Das Pandeiro ist ein Schellentamburin.
Jeder Kampf findet in der Roda statt, ein Kreis, der sich um die Kämpfenden bildet und aus Zuschauern, Teilnehmern und Musikern besteht.