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Ein Arbeitsmarkt-Experiment der Extra-Klasse: Spanien hat die Mindestlöhne erhöht. Ökonomen sind gespannt, welche Wirkung das hat.
Spanien beginnt mit einem wirtschaftlichen Experiment, für das es keinen Präzedenzfall gibt. Die Erhöhung des Mindestlohnes um 22 Prozent per Anfang 2019 hat eine Debatte darüber ausgelöst, wie sich die Massnahme auf die Wirtschaft auswirken wird.
Die sozialistische Regierung Spaniens argumentiert, dass die Erhöhung die Konsumausgaben stärken wird und zu mehr Einstellungen führen werde. Die Regierung will so das Wachstum des Landes befeuern. Die Opposition und Unternehmer dagegen befürchten, dass der Zusatzauftrieb durch den erhöhten Konsum nicht ausreichen werde, um den Verlust der Arbeitsplätze zu kompensieren, deren Abbau sie erwarten, weil sich Unternehmen den Anstieg der Lohnkosten nicht leisten können.
900 statt 736 Euro pro Monat
Der Anstieg des Mindestlohnes auf 900 von 736 Euro pro Monat trat zu Beginn des Jahres in Kraft und betrifft direkt rund 8 Prozent der spanischen Belegschaft oder 1,2 Millionen Mitarbeiter. Seine Auswirkungen ziehen sich bereits durch die spanische Wirtschaft und zwingen die Unternehmen, zu reagieren.
Jorge Montes, der in Madrid eine chemische Reinigung leitet, ist dabei, seine Preise zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt zu erhöhen, um die 164 Euro mehr pro Monat an Gehalt zu decken, die er an einen seiner beiden Vollzeitmitarbeiter zahlen wird. «Ich werde versuchen, das an den Konsumenten weiterzugeben», sagte Montes. «Ich habe es vorher nicht gewagt, es zu tun, weil ich keine Marktanteile verlieren wollte.»
Madrid schliesst sich anderen Regierungen auf der ganzen Welt an, darunter Frankreich, Griechenland, eine kanadische Provinz und einige US-Bundesstaaten, die kürzlich die Mindestlohnsätze angehoben haben, um ein breiteres Gehaltswachstum zu erzielen, das trotz der wirtschaftlichen Erholung nur langsam voranschreitet. Für Politiker ist es eine Möglichkeit, sich bei den Wählern beliebt zu machen und die Attraktivität von Anti-Establishment-Parteien zu mindern.
160'000 Jobs in Gefahr?
Die spanische Zentralbank schätzt, dass der Lohnsprung in diesem Jahr rund 125'000 Arbeitsplätze vernichten könnte. Aber sie sagt auch, dass sie angesichts der «Unsicherheit, die mit einer nationalen Mindestlohnerhöhung in einem beispiellosen Ausmass verbunden ist», keine sichere Basis für ihre Schätzung hat. Die Schätzungen über einen Job-Abbau durch den höheren Mindestlohn reichen von 40'000 bis zu 160'000 Arbeitsplätzen.
Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist bereits aktuell die zweithöchste in der Eurozone. Ende August 2018 lag sie bei über 15 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass Spanien gleichzeitig mit dem erhöhten Mindestlohn auf eine Abschwächung des Wirtschaftswachstum zusteuert.
Unbekannte Gewässer
«Wir befinden uns in unbekannten Gewässern, niemand weiss genau, welche Auswirkungen das haben wird», sagte Moody's Analystin Kathrin Muehlbronner. Sicher sei: Die Massnahme komme «zu einem unglücklichen Zeitpunkt».
Jose Miguel Rosell, Manager eines Cybersicherheits-Unternehmens in Valencia, sagt, dass seine Mitarbeiter mehr verdienen würden als der Mindestlohn und nicht direkt betroffen seien. Er ist jedoch besorgt, dass der plötzliche Anstieg die Kunden betreffen könnte, was seinen Verkäufen schaden könnte. Aber er ist überzeugt: «Es ist eine notwendige Massnahme.» Doch die Regierung hätte sie «nicht so plötzlich und mit so wenig Planung» umsetzen sollen.
(Bloomberg/spm)