Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/1823

Ein Buch mit bisher unveröffentlichten Dokumenten zu Meret Oppenheim und deren Beziehung zum Tessin
WORTE NICHT IN GIFTIGE BUCHSTABEN EINWICKELN, SONST WERDEN SIE DURCHSICHTIG
Le Déjeuner en fourrure oder die Pelztasse als Eselsbrücke
1936 sass die 23-jährige Meret Oppenheim zusammen mit Pablo Picasso und seiner damaligen Freundin Doris Maar im Café de Flore in Paris, wohin sie als 20-Jährige gezogen war, um Künstlerin zu werden. Sie trug ein selbst kreiertes Metallarmband mit Pelzbesatz. Picasso, dem das Armband gefiel, meinte, man könnte ja eigentlich alles mit Pelz überziehen und Meret Oppenheim antwortete: “Ja, auch die Tasse oder der Unterteller vor mir.” 78 Jahre ist es her, seit durch einen beiläufigen Zufall Le Dejeuner en fourrure, die Pelztasse, geboren wurde, ein Kunstwerk, das dank Witz, Absurdität und seiner Fähigkeit, die Betrachter überraschend und direkt zu treffen, zu einer Ikone der Kunst geworden ist, die sich neben der Mona Lisa von Leonardo da Vinci im allgemeinen Kunstgedächtnis festgesetzt hat.
Worte nicht in giftige Buchstaben einwickeln, sonst werden sie durchsichtig
1970 inspirierte ein Notizzettel mit dem beunruhigenden Satz Man muss aufpassen, dass man die Wörter nicht in giftige Buchstaben einwickelt, sonst werden sie durchsichtig Meret Oppenheim zum Objekt Wort, in giftige Buchstaben eingepackt (wird durchsichtig). Die zur steifen Skulptur gewordene Paketschnur bindet den durchsichtigen, unsichtbaren Inhalt zusammen, ein Objekt, das ebenso beunruhigend ist wie der inspirierende Satz und die Pelztasse.
Kein durchsichtiges, unsichtbares Paket war die grosse Schachtel, die Burkhard Wenger, der Bruder Meret Oppenheims, seiner Tochter Lisa Mitte der 1990-er Jahre übergab und diese begann, den schriftlichen Nachlass ihrer Tante als Grundlage für einen Text im Katalog der von Martina Corgnati kuratierten Retrospektive Meret Oppenheims in Mailand zu ordnen (Galleria del Credito Valtellinese, Refettorio delle Stelline, 26.11.1998 - 30.1.1999).
Die beiden Frauen waren sich bald einig, dass sie aus dem überreichen Material, das laut Weisung von Meret Oppenheim erst 20 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden durfte, ein Buch gestalten mussten . Und später, nach jahrelanger Arbeit am Buch, fiel Lisa Wenger der Titel des Buches im Traum zu: Worte nicht in giftige Buchstaben einwickeln. Das 2013 beim Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess erschienene Buch erhielt im Februar 2014 die Goldene Letter, die höchste internationale Auszeichnung als schönstes Buch der Welt, die Krönung geduldiger Arbeit und einfühlsamer, besonderer Gestaltung (Grafikatelier Bonbon, Zürich).
Herzstück des Buches ist ein Faksimile des 1958 von Meret Oppenheim aus ihrem aus bedeutsamen Zeichnungen, Fotos und Dokumenten von der Kindheit bis 1943 zusammengestellten und mit erklärenden Notizen versehenen Heft. Diese persönlichen Reliquien skizzieren mit feinen Strichen die frühen Jahre der surrealistischen Künstlerin, vermitteln sowohl Einblicke in ihr ganz Eigenes als auch ins Allgemeine jener Zeit, die sich je länger je mehr zum Schrecken entwickelte: 1940 war ein schöner Sommer. Ich arbeitete viel im Garten. Das lenkte meine Gedanken etwas ab von dem schrecklichen Krieg, der wütete.
Gerahmt wird das Album Von der Kindheit bis 1943 von Briefen Meret Oppenheims an die Familie sowie den entsprechenden Antwortbriefen und Briefen an und von Freundinnen, Freunden, Kunstschaffenden und Intellektuellen aus verschiedenen Sparten der Kunst- und Kulturwelt.
Jetzt ist Frühling und neben meinem Platz hängt das Caronahaus, als Symbol einer langen Vorfreude
Jetzt ist Frühling und neben meinem Platz hängt das Caronahaus, als Symbol einer langen Vorfreude , schrieb Meret Oppenheim ihrer Grossmutter Lisa Wenger in einem Brief vom 16. März 1930. 1917 kauften die Schriftstellerin Lisa Wenger und ihr Mann Theo Wenger die Casa Costanza in Carona (Casa Solari, das Papageienhaus). Das Haus war Zufluchtsort, Wohn- und Ferienort der Familie Wenger, man traf sich im Haus und feierte Feste; noch heute ist das Haus Eigentum der Familie Wenger (zum Haus siehe TZ Artikel vom 4. Juli 2014). Meret Oppenheim hing seit ihren Ferien als Kind bei den Grosseltern an der Casa Costanza, auch wenn sie oft fern von ihr lebte, sei es in Paris oder Bern oder anderswo. So sind auch die mit Carona verbundenen schriftlichen Zeugnisse im Buch nicht selten. Wir danken dem Verlag Scheidegger & Spiess für die Abdruckgenehmigung folgender Textausschnitte, die in ihrer intimen Direktheit etwas vom Wesen Meret Oppenheims weitergeben mögen. Die Schreibweise entspricht den originalen Texten.
Meret Oppenheim, Carona, an Erich Alfons Oppenheim, Steinen, 8. August 1927 Liebes Pipsli1!
Wie geht es dir? Und unserem Brüderchen? Schwesterchen Mineli? Jetzt kommen wir schon bald wieder heim. Ich freue mich jetzt doch. Wie sind die Engländer? Es ist gut, dass Du ein Abtrittli beim Hüsli hast machen lassen. Hoffentlich machen Sie's Hüsli nicht wüst. Jetzt habe ich ein Geschenk fürs Mipsli2. Gottseidank! Am Freitag haben wir gebadet im Agnosee. Jetzt kann ich ein bisschen schwimmen, ich bin nur noch nicht ganz sicher. Das Wasser war ganz lauwarm. Zufällig hatte ich eine Schnur mit, die band ich mir um den Leib. Dann zog mich jemand durchs Wasser. So lernte ich es ganz gut. Im Wald fanden wir einen alten, grossen Schiffsboden, den zogen wir aufs Wasser. Ruthi3 fuhr mit Herrn Kläber 4 ganz weit auf den See hinaus. Wir waren überhaupt sehr vergnügt.
Gestern war Grossmips- und – pipsens5 37. Hochzeitstag. Zum Mittagessen haben wir den Tisch mit Glücksklee, Epheu und kleinen weiss-und-roten Dahlien geschmückt. Es war schade, dass Mips und Ruthi nicht dabei waren. Sie wollten auf den “Generoso”, aber das es kein schönes Wetter, fuhren sie mit dem Dampfschiff nach Lugano und dann auf den Salvatore. Du musst nicht denken, dass ich auf den grossen Linien schreibe, damit es mehr aussieht, aber mit den kleinen wird es so wüst. Ade, auf Wiedersehn. Vieieieiele Grüsse vom Itscheli6.
Christoph Bernoulli, Basel, an Meret Oppenheim, Carona, 20. August 1943 Liebe Meret Briefe die Dich nicht erreichen sind unterwegs. Belanglose. Aber sag mir bleibst Du bis im Dezember in Carona.
Wir konnten Locarno nicht verlassen. Jede Reise wäre unmenschlich gewesen.
An Dich denke ich oft viel fast zu viel für einen poor old Buli. Wenn ich mich gräme oder familisch aegere fliehe zu Dir + alles Grau + aller Aeger geht vorüber zermalen wie in der Klingenthalmühle.
Habe eine Negerplastik gekauft in Locarno. Darf ich sie Dir trotz Nudismus abzeichnen? Natürliche Grösse.
Est-ce bien?
Lebwohl + schreib mir. pour toi Chr
Wolfgang La Roche, Basel an Meret Oppenheim, Carona (Poststempel 2.1.1946) Mittwoch Liebes liebes liebes Meretli – ich bin ein wenig traurig, dass es so schnell vorbeiging, wie es schön war. Und sehr glücklich, dass Du mich lieb hast.
Ich denke sehr viel an Dich, alle netten und wundervollen Sachen.
Dein Wolfgang.
Bild fällt aus wegen zu viel Arbeit.
Nach Caronien nach Caronien Wo die herzigen Kätzlein wohnigen Und das liebe Meret blüht -Wo es Tag ist, falls nicht Nächte Wo ich sicher immer möchte Und das Geissenauge glüht – Dahin, Alter, lass mich ziehn!
Erich Alfons Oppenheim, Carona, an Meret Oppenheim, Längenschachen/Oberhofen, 23. April 1958 Liebste Itsche Die Mama zeigte mir Dein Insekt auf einem Blatt. Es ist reizend gemacht. Nur stört mich die verführende Unterschrift oder Bezeichnung.
Blatt und Insekt sind klar definierbare Begriffe deren Bilder typisch sind und nicht Deinem Bild entsprechen. Deine Gebilde aber sind neu, sind aus Dir entsprungen. Nenne sie doch auch mit selbsterfundenen neuen Namen. Ich schlage vor: “Das Krikolu vor dem Einschlafen.” Oder wie Du es nennen willst. Das etapiert erst noch weit ungestörter als Deine bisherige Bezeichnung. Was meinst Du zu dieser Anregung die Dir in aller Bescheidenheit und grosser Liebe sendet Dein Papa
Legende : Doppelseite aus dem Album “Von der Kindheit bis 1943” mit erklärenden Notizen Meret Oppenheims, 1958: Das Haus meiner Grosseltern in Carona (Tessin) 1917 gekauft (Im damaligen Zustand) Meine Tante Ruth Wenger u Hermann Hesse 1920 (Foto fehlt) Tessin (Hier sieht man den Einfluss der Aquarelle von Hermann Hesse, die in unserem Hause hingen. Hesse war während kurzer Zeit mit meiner Tante Ruth verheiratet. Das “Ronco” oben rechts.
Das “Ronco” (wurde nach dem Krieg, ca. 1950, von den Eltern an Arch. Trueb verkauft, leider, der die Bemalung übermalte.
1
Spitzname für den Vater 2
Spitzname für die Mutter 3
Ruth Wenger, die Schwester der Mutter 4
alias Kurt Held 5
Spitznamen der Grosseltern 6
Spitzname Meret Oppenheims