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Wer mit Pfeilen eine Wolke erlegen will, wird vergeblich
seine Pfeile verschiessen. Einer Wolke muss man
auf einer Trommel etwas vorgeigen oder auf einer Geige
etwas vortrommeln. Dann wird es nicht lange dauern,
bis sich die Wolke niederlässt, sich vor Glück am Boden
wälzt und schliesslich entgegenkommend versteinert.
Hans Arp
Musik der Andeutung
Daniel Erdmann und Samuel Rohrer spielen mit ihrem Quartett einen Jazz,
der bewusst Zurückhaltung übt.
Jazz war für den grössten Teil seiner Geschichte eine solistische Musik: Ein Melodieinstrument
(ob Saxofon, Klarinette, Trompete oder Posaune) improvisierte zur Begleitung einer
Rhythmusgruppe. Das Thema eines Stücks diente oft nur als Start- und Landebahn für die
Ausflüge der Solisten. Denn eigentlich zählte nur das einzelne Solo: Darin zeigten Musiker
ihre Meisterschaft und Souveränität, darin drückten sich Individualität und Fantasie aus
sowie das tiefere Verständnis der harmonischen Finessen des Jazz. Und dass das Publikum
jedes Solo beklatschte (in die Musik hinein und über das Thema hinweg), sagt einiges
über den unterschiedlichen Stellenwert der beiden Bauelemente aus.
In den Fünfzigerjahren wurde dieses Prinzip durchbrochen. Bandleader wie Charles
Mingus oder Chico Hamilton führten ihre Ensembles durch komplexere Kompositionen,
Arrangeure wie Gil Evans und George Russell werteten die Begleitung gegenüber den
Soli auf.
Eine Dekade später wandte sich der freie Jazz gegen die hierarchische Ordnung von Solisten
und Begleitern und befreite die Instrumente der Rhythmusgruppe aus ihrer Dienerfunktion.
Bass und Schlagzeug wurden den Melodieinstrumenten gleichgestellt, was
einer Verallgemeinerung des Solospiels gleichkam. In diesem nunmehr demokratischen
Jazz spielten alle Solo. «Bei uns spielt überhaupt niemand Soli oder alle spielen zugleich
Soli», lautete die berühmte Diktion von Joe Zawinul aus der Frühzeit von Weather Report,
einer der bahnbrechenden Formationen des Jazzrock.
In diesem (historischen) Spannungsfeld bewegen sich Daniel Erdmann und Samuel Rohrer.
Ihr Jazz stellt das Solo-Prinzip in Frage: In ihrer Musik steht kein Solist mehr im
Vordergrund, sondern Komposition und Form, die sich im Ensembleklang realisieren. Die
Gruppe praktiziert Jazz als Mannschaftsspiel. Konzeptionell (nicht musikalisch!) ist das
Ensemble eher einem klassischen Streichquartett verwandt als einer Hardbopcombo.
Selbstverständlich gibt es weiterhin Soli in dieser Musik, sogar in ihrer kollektiven freien
Form, doch erfüllen sie eine andere Funktion: Die Improvisationen stehen im Dienste der
Komposition, sind eingebettet in die Arrangements, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
zum Zweck, immer auf Atmosphäre, Konstruktion und Klanglichkeit des betreffenden
Stücks bezogen.
Raffinierte Arrangements bilden die Innenausstattung der Stücke. Da die Melodieinstrumente
des Ensembles (Tenorsaxofon, E-Gitarre und Cello) alle in der Mittellage angesiedelt
sind, kommt den Arrangements die Aufgabe zu, durch kluge Nutzung der Instrumente
Abwechslung in das Geschehen zu bringen. Originelle Instrumentenkombinationen
warten mit überraschenden Klangfarben auf.
Die Musiker schöpfen aus dem reichhaltigen Schatz ihrer musikalischen Erfahrungen:
Rocksounds, Jazzfeeling, populäre Musik, freie Improvisation sowie klassische Komposition
– alles verbindet sich, gründlich verdaut, auf organische Weise zu einer ganz eigenen
Stilsynthese.
Daniel Erdmann (Jahrgang 1973) spielt auf seinem Tenor in ganz unterschiedlicher Manier,
doch immer mit einer eigenen künstlerischen Identität. Manchmal bläst er mit dem
heissen Atem eines jungen Archie Shepp, dann wieder mit der Erfindungsgabe und
Gültigkeit eines Stan Getz oder so zärtlich gehaucht wie Ben Webster. Cellist Vincent Courtois
(geboren 1968) wechselt ebenso behände vom Pizzicato zum Bogen wie vom Basszum
Melodiespiel. Frank Möbus (Jahrgang 1966) schickt seine Gitarrentöne durch ein
Arsenal von Effektgeräten, lässt sie sphärisch klingen oder rockig aufheulen, während
für Co-Leader Samuel Rohrer (geboren 1977), der etliche hochoriginelle Kompositionen
zum Repertoire der Band beigesteuert hat, das Schlagzeug weit mehr als ein blosses
Rhythmusinstrument ist. Sein melodisches Trommelspiel schöpft die dynamischen Möglichkeiten
aus, fügt sich elastisch ein und ist immer genau auf dem Punkt.
Sucht man nach Referenzpunkten in der Jazzgeschichte, kommen einem die stilleren
Impressionisten der Töne in den Sinn, die früh mit Klangfarben malten und für Komposition
und Arrangement immer schon ein Faible besassen: Duke Ellington, Miles Davis
mit Gil Evans, auch Jimmy Giuffre, Musiker, die zeitweise einen Jazz spielten, der sich
bewusst in Zurückhaltung übte.
Daran knüpft das Erdmann-Rohrer Quartett an. Sein Jazz wirkt gedämpft, wie kontrolliert,
besitzt einen Sinn für Stimmungen, Schattierungen und Nuancen, was nicht bedeutet,
dass es nicht gelegentlich auch einmal richtig zur Sache geht. An Cooljazz erinnernde
Passagen verwandeln sich ein paar Takte später in ein veritables Rockriff, um kurz
darauf in eine freie Kollektivimprovisation überzugehen oder in eine verzwickte Unisonopassage
zu münden. Nichts ufert aus, alles wird in der richtigen Dosierung serviert.
Neben der Selbstbeschränkung ist ein Gefühl für Proportionen ein wesentliches Merkmal
dieses wundersamen Jazz. Zur Zurückhaltung passt die oft kurze Dauer der Stücke. Sie
werden nicht als epische Erzählungen entworfen (das längste ist 8 Minuten lang),
sondern eher als kleine kompakte Werke oder Miniaturen, die auch schon mal nach 50 Sekunden
wieder versiegen. Ideen werden nicht ausgewalzt, sondern oft nur subtil angedeutet.
Sie weiterzuspinnen, bleibt der Fantasie der Zuhörerinnen und Zuhörer überlassen.
Das Erdmann-Rohrer Quartett bietet dazu reichlich Anregung.
Christoph Wagner
How to Catc h a Cloud
Das Leben ist bewölkt. Musik, egal welcher Herkunft, Machart oder Couleur,
versucht uns oft extreme Wetterverhältnisse vorzugaukeln. Entweder wolkenlosen
Himmel und totalen Sonnenschein oder aber und wesentlich öfter
dramatische Unwetter, Gewitter, Sintfluten. Sicher, beide Zustände manifestieren
sich im Alltag wie in den großen Zusammenhängen der menschlichen
Existenz. Es gibt die Hochs, die von keinem Wölkchen getrübt werden und
uns in die Unendlichkeit entschweben lassen, bis wir den Boden völlig unter
den Füssen verlieren. Und da sind auch die Hurrikans des Lebens, in denen
sich alle Ungemach unseres Daseins über uns zusammenbraut und tödliche
Windgeschwindigkeiten uns aus unserer sicher geglaubten Verankerung
wegreissen. Wie gern wäre jeder von uns der Meteorologe seines eigenen
Lebens, um Zeitpunkt, Heftigkeit und Dauer dieser Zustände vorausbestimmen
und vielleicht sogar vermeiden zu können?
Wolf Kampmann
Music That Hints
Daniel Erdmann, Samuel Rohrer, Vincent Courtois, Frank Möbus and their
jazz of restraint
For most of its history, jazz was a soloist’s music: one melody instrument improvising
(saxophone, clarinet, trumpet or trombone), accompanied by a rhythm section. The
composition’s theme was generally just a departure point for the soloists’ excursions.
What counted most was the solo – that was where musicians could show off their virtuosity
and aplomb, that’s where they displayed individuality and fantasy, as well as a
deeper understanding of the harmonic subtleties of jazz. The fact that the audience
applauded every solo (within the music and over the theme) told you how differently
these two elements were valued.
In the fifties this principle was shredded. Bandleaders like Charles Mingus or Chico Hamilton
led their ensembles through ever more complex compositions, while arrangers such
as Gil Evans and George Russell enhanced the value of accompaniment as against solos.
One decade later free jazz overthrew the hierarchic order of soloist and accompanist,
freeing the rhythm section from their servant’s role. Bass and drums were set on a par
with melody instruments. In this new democratic jazz everyone played solo. “Nobody
solos, everybody solos,” was Joe Zawinul’s famous adage from the early days of Weather
Report, as they laid the foundations for jazz-rock.
Daniel Erdmann and Samuel Rohrer stir fresh ingredients into this musical stew. Their
jazz questions the soloistic principle: in this music no soloist takes the focus,
everything is composition and form, expressed in the sound of the ensemble. This group practices
jazz as a team sport. In terms of their concept, this ensemble is more related to a classical
string quartet than a hard bop combo. Actually solos survive in this music, even in
their collective and free form, but they fulfill a different function: the improvisations
serve the composition, they are embedded into the arrangements. Not an end in themselves,
they are a means to an end, always referring to the atmosphere, construction and
tonality of the respective piece.
Refined arrangements constitute the interior of the pieces. The melodic instruments of the
ensemble (tenor saxophone, electric guitar and cello) all sound in the middle register.
Therefore it’s up to the arrangements to bring diversity into the playing by employing the
instruments wisely. Inventive combinations of instruments display surprising tone colours.
The musicians draw on the abundant treasure of their musical experience: rock sounds,
jazz feeling, popular music, free improvisation as well as classical composition – everything
brews together, soundly and organically fermenting into an idiosyncratic style
synthesis.
Daniel Erdmann (born 1973) plays his tenor saxophone in multifarious manners but always
with his singular artistic identity. Sometimes he’s blasting the hot breath of a
young Archie Shepp – then again with the invention and perfectly tailored phrasing of a
Stan Getz, or Ben Webster’s tender breathiness. Cellist Vincent Courtois (born 1968) is
as agile in changing from bow to pizzicato as he is in swapping bassline for melody.
Frank Möbus (born 1966) feeds his guitar through an arsenal of effects, generating
spherical tones or howling in rock style. Co-leader Samuel Rohrer (born 1977)
contributes several highly inventive compositions to the band repertoire. He treats his drums as far
more than a rhythm instrument. This melodic drum playing exploits the range of dynamic
possibilities, blends in elastically and is always exactly to the point.
Looking for reference points in jazz history, one is reminded of those impressionists of
sound who first began painting with tone colours, and had such a strong feel for composition
and arrangement: Duke Ellington, Miles Davis with Gil Evans, Jimmy Giuffre too –
musicians who for a time played jazz in a deliberately restrained way.
That’s where the Erdmann-Rohrer quartet ties in. Their jazz seems to be damped down,
held in check, all moods, shades and nuances – but every now and then revealing some
rippling muscle. A passage of cool jazz will snarl into a dirty rock riff a couple of bars
later, then tumble into a collective improvisation or an intricate unison passage. Nothing
gets out of hand, everything is dished out in correct portions.
Apart from self-restraint, a sense of proportion is an essential attribute of this mysterious
jazz. The short duration of the pieces suits the understated nature of the album
perfectly. Not designed as epics (the longest is 8 minutes), they are highly compact
oeuvres, or miniatures that might just evaporate after 50 seconds. Ideas are not spun
out at length but just subtly hinted at. Further elaboration is left to the listener’s fantasy.
And for this the Erdmann-Rohrer quartet offers abundant stimulation.
Christoph Wagner / Translation: Sigrun Andree