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Thomas Manns Kommentar
Thomas Manns «Der Zauberberg» müsste im umtriebigen Kulturvorhaben des Zurückschauens auf die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg eine Rolle spielen. Zwar spricht der Roman nicht von Geschehnissen, die zum Krieg geführt haben. Aber er verschlüsselt sie in den Metaphern der schleichenden Tuberkulose, welche die Menschen, wie Thomas Mann das nennt, «wurmstichig» macht. Das Sanatorium Berghof in Davos, Schauplatz des Romans, wird zum Modell einer morbiden Gesellschaft.
Zeitbild und Gleichnis
Als Mann 1913 nach dem Davos-Besuch anlässlich eines Kuraufenthalts seiner Frau mit der Arbeit an dem Stoff begann, plante er eine Kurzform mit dem Charakter eines satirischen Gegenstücks zur 1912 erschienenen Novelle «Tod in Venedig». Nach mehreren langen Unterbrüchen legte er 1924 schliesslich einen zweibändigen Roman von über tausend Seiten vor, der in jeder Beziehung weit über das ursprüngliche Vorhaben hinausging. «Der Zauberberg» ist ein vielschichtiges Zeitbild – aber welche Zeit ist nun gemeint? Spiegelt er die Erzählzeit des Romans, also die Jahre von 1907 bis 1914? Oder spricht er von jener Vorkriegszeit als einem Gleichnis für die schwierigen und orientierungslosen Zwanzigerjahre, in denen das Buch hauptsächlich entstand?
Es trifft wahrscheinlich beides zu. Allerdings nicht in der vordergründigen Weise, dass «Der Zauberberg» durch Beobachtung eines prekären sozialen Mikrokosmos, als den man ein Sanatorium ja immer verstehen kann, nun Erklärungen für die grossen Katastrophen der Zeit liefern würde. Die Zusammenhänge sind viel untergründiger, und sie durchtränken den Stoff in einer Weise, dass in dem Roman aus fast jeder Zeile eine irritierende Unsicherheit spricht.
Irritation und Skepsis
Da rutscht zum einen immer wieder der beflissene, altbacken angehauchte Erzählton aus und stört mit vehementen Strichen die oberflächliche Harmonie. Manche Personenzeichnungen sind bösartige Karikaturen und wirken wie Fusstritte gegen die obwaltende Gediegenheit. Jedes Essen im Berghof ufert aus zur Henkersmahlzeit, bei der die todgeweihten Pensionäre eine obszöne Fresslust an den Tag legen. Ohnehin wabert bei aller Förmlichkeit des akkurat organisierten Gesellschaftslebens immer wieder die Atmosphäre einer schwülen, mühsam unterdrückten Erotik. Alles dreht sich um den Körper, seine Temperatur, seine Befunde. Therapien und ärztliche Sprechstunden haben die Dignität religiöser Zeremonien. Der Tod ist allgegenwärtig und wird energisch verdrängt.
Von seinem erzählerischen Programm her ist «Der Zauberberg» ein Bildungsroman. Der junge Hans Castorp, der statt der geplanten drei Wochen schliesslich sieben Jahre im Sanatorium verbringt, macht wohl eine Art von Reifung durch. Er bleibt aber der «mittelmässige» Charakter, und die Personen, die ihn beeinflussen, sind allesamt schillernde Figuren. Der Erzählverlauf wie auch zahllose sprechende Einzelheiten parodieren das klassische Genre und geben einer abgrundtiefen Skepsis Ausdruck, die sich nicht nur auf Gesellschaft und Zeitumstände bezieht, sondern auf den Menschen an sich. Humanität als Wert und Lebenshaltung steht im «Zauberberg» auf unsicherem Grund.
Dem Abgrund entgegen
Ob dieser existenzielle Pessimismus des Autors persönliche Haltung sei, kann man gewiss fragen, und beim eingehenden Studium seines Lebens und Werks wären wohl Antworten zu finden. Unabhängig von solchen Recherchen steht der Leser vor der Tatsache, dass Thomas Mann den künstlerischen Entscheid getroffen hat, seinen Roman auf diesen tiefdunklen Grundton zu stimmen. «Der Zauberberg» ist zeitlich, örtlich und gesellschaftlich genau verortet, indem er (vermögende und verarmte, gebildete und strohdumme) Exponenten eines europäischen Bürgertums am Vorabend des grossen Kriegs in einem Davoser Lungensanatorium versammelt. Diese genaue Schilderung eines Modells der damaligen bürgerlichen Gesellschaft ist untrennbar verbunden mit derjenigen des endemischen Ennuis der Vorkriegszeit und des heimlichen Misstrauens gegen die von einer hohl gewordenen Kultur zelebrierten Werte.
Mit dem «Zauberberg» setzt Thomas Mann sich und seine Leser einer Irritation aus, die kaum zu ertragen ist. Da gibt es nichts, woran sich die Romanfiguren halten können. Zwar befinden sie sich in einer wohlgeordneten Welt. Das Leben im Berghof verläuft geregelt, und zwar in medizinischer wie gesellschaftlicher Hinsicht. Wenn auch selten geheilt, wird die Krankheit doch irgendwie behandelt. Mag das Können der Ärzte auch fraglich sein, ihre Autorität ist es nicht. Und immer ahnt man, dass dieses ganze Setting von Personen, Abläufen, Einrichtungen, ja sogar von Landschaft und Witterung sich auf schiefer Ebene befindet und mit zunehmender Geschwindigkeit einem Abgrund entgegen rutscht. Der Sturz ist der Weltkrieg. Er löscht den ganzen Erzählkosmos am Ende aus.
Leere und Vanitas
Mit diesem Werk hat Thomas Mann die Frage nach den Gründen der Katastrophe Europas radikalisiert. In seinem Roman geht es nicht um Mechanismen der Politik, historische Zusammenhäng und soziokulturelle Wirkkräfte. «Der Zauberberg» handelt vom Innersten der Gesellschaft und deckt deren Leere auf. Wie in den mittelalterlichen Vanitas-Darstellungen sind die Gestalten seines Epos’ von Tod und Nichtigkeit affiziert. Manns Schilderungen etwa des «Vereins halbe Lunge» oder der mit ihrem Pneumothorax pfeifenden Patienten sind nicht weniger drastisch als die Statuen an gotischen Kirchen, die vorne lieblich aussehen und hinten grausig zerfressen sind.
Die Vanitas-Skulpturen dienten eindeutig der Mahnung: Man solle sich nicht dem hingeben, was «eitel» – also unwesentlich, blosser Schein – ist. Eine solche pädagogische Eindeutigkeit hat «Der Zauberberg» nicht. So etwas wie ein Anliegen ist dem karikierten Bildungsroman zwar nicht gänzlich fremd. Es taucht in Gesprächen der Figuren manchmal wie eine flüchtige Vision auf, und im berühmten Schnee-Kapitel, in dem die Hauptperson knapp dem Erfrierungstod entrinnt, erscheint es als Traum und (vorübergehender) Entschluss Hans Castorps, endlich eine klar humane Haltung einzunehmen.
Moral ausserhalb des Werks
Die moralische Message wird im «Zauberberg» immer nur gestreift. Sie findet keinen Eingang in die Erzählung: nicht in Eigenschaften von Figuren, nicht in einer Wendung des Geschehens, und auch nicht als definierte Haltung des Autors. In diesem Sinn ist der «Zauberberg» eine moderne, aus festen Welt- und Wertordnungen herausgefallene Erzählung. Moralisch indifferent ist sie indessen nicht. Eine Aufforderung, sich dem Abgleiten in den Abgrund entgegenzustellen, liegt schon in der komplexen Machart dieses Erzählens. Sie fordert eine Lektüre mit gegenläufigen Bewegungen, die sich zum einen in die Geschichte hereinziehen lässt, zum anderen aber Abstand nimmt und einen Überblick sucht.
Mit dem «Zauberberg» ist Thomas Mann das Wagnis einer existenziellen Auseinandersetzung mit dem im grossen Massstab Abgründigen eingegangen. Wer sich mit Ereignissen wie dem Ersten Weltkrieg befasst, hat – willentlich oder nicht – auch damit zu tun. Manns Roman erklärt bezüglich dieser Konfrontation nichts. Aber er schärft und erweitert die Wahrnehmung einer Zeit, von der sich die unsrige im Tiefsten wohl nicht ganz und gar unterscheidet.