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Mehr Cannabis, weniger Opioide: statistische Tendenzen der Suchtberatung und Suchtbehandlung in der Schweiz
Die grösste Nachfrage nach Suchtbehandlung oder -beratung besteht in der Schweiz nach wie vor im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch. Seit Ende der 1990er Jahre ist überdies in ambulanten und stationären Einrichtungen ein Anstieg der Aufnahmen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum zu beobachten. Die mit Opioiden verbundene Nachfrage hingegen ist gesunken. Dies zeigt die auf Angaben der Einrichtungen der Suchthilfe basierende Schweizer Statistik act-info. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?
Die gegenläufige Entwicklung der anteilsmässigen Eintritte wegen Opioidkonsum, darunter vor allem Heroin, und derjenigen wegen Cannabiskonsum als Hauptproblem ist die wichtigste Tendenz der vergangenen fünfzehn Jahre. Zuvor war eine Zunahme der auf Kokain zurückgehenden Eintritte bis 2004 augenfällig. Aus den in den ambulanten (SAMBAD) und stationären (act-info-FOS) Bereichen erhobenen Daten «illegale Drogen» geht hervor, dass 1997 bei den teilnehmenden Institutionen 78 Prozent der Eintritte auf Opioide zurückgingen, während ihr Anteil 2013 nur noch 24 Prozent betrug. Im Kontrast dazu stehen die Eintritte aufgrund von Cannabis, die 1997 bloss 6 Prozent erreichten, 2013 hingegen die Hälfte (51 Prozent) ausmachten.
Cannabiskonsumierende am Anfang einer Suchtberatung: besonderes Profil
Mit einem 60-Prozent-Anteil von unter Zwanzigjährigen bilden Hilfesuchende mit Cannabis als Hauptproblem die weitaus jüngste Population derjenigen Personen, die eine Sucht-beratung oder -behandlung beginnen. 73 Prozent davon berichten ausserdem, dass es das erste Mal ist, dass sie fachliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Diese Klientel besteht hauptsächlich aus Männern, die acht von zehn Personen ausmachen, und weist mit einem Anteil von 85 Prozent auch am meisten Personen mit Schweizer Pass auf.
Rund ein Drittel der Personen, die eine Behandlung oder Beratung aufgrund von Cannabis antreten, konsumiert nach eigenen Aussagen täglich. Demgegenüber berichten 20 Prozent, die Substanz einmal pro Woche oder noch seltener zu gebrauchen, und 24 Prozent geben an, im Monat vor dem Eintritt kein Cannabis konsumiert zu haben. Mehr als die Hälfte haben nach eigenen Angaben ausschliesslich mit dieser Substanz ein Problem, und die Verbleibenden erwähnen vor allem Tabak und Alkohol als weitere problematische Substanzen. Im Vergleich zu den anderen Klienten und Klientinnen, die in eine Beratung oder Behandlung einsteigen, geben die Cannabiskonsumierenden öfter an, nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Zug von gerichtlichen oder administrativen Massnahmen (47 Prozent) eingetreten zu sein, oder aufgrund der Familie oder wegen Freunden (30 Prozent).
Internationaler Trend
Der Anstieg der Eintritte aufgrund von Cannabiskonsum entspricht der Zunahme der Konsumierenden dieser Substanz unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre (1). Dieses Phänomen liess sich in der Schweiz sowie anderswo in Europa beobachten (2). Der Anstieg der Eintritte aufgrund von Cannabis-konsum hat in den Einrichtungen der Suchthilfe zu einer jüngeren Population mit einem höheren Männeranteil und weniger Polykonsum geführt - verglichen mit derjenigen bei den anderen Substanzen.
Entwicklungen verstehen
Die Statistik der stationären und ambulanten Behandlung erlaubt einen differenzierten Blick auf die Entwicklung der Eintritte aufgrund von Opioiden und von Cannabis. Der Rückgang der ersten Gruppe geht insbesondere auf eine Abnahme der Neukonsumierenden (3) und auf eine Erweiterung des Hilfsangebots für langdauernde Substitutionsbehandlungen zurück. Die Zunahme der Eintritte aufgrund von Cannabiskonsum wurde bisher weniger beachtet. Die Daten weisen differenzierte Profile aus: ein bedeutender Teil der Betroffenen berichtet von hohen Konsumfrequenzen, welche mit den meisten gesundheitlichen und sozialen Problemen des Konsums einhergehen (4). Andererseits berichtet ein nicht unwesentlicher und wachsender Anteil von entschieden niedrigeren Konsumfrequenzen (5). Manche, vor allem bei den Minderjährigen, scheinen wegen Gelegenheitskonsum und aufgrund einer Intervention Dritter, insbesondere der Justiz, in eine Behandlung oder Beratung einzusteigen. Dies stellt die Einrichtungen der Suchthilfe sicherlich vor eine besondere Herausforderung, mag aber eine frühzeitige Erfassung aufkommender Probleme erlauben.
Monitoring-Netzwerk act-info
Die Schweizer Statistik der Suchtberatung und -behandlung act-info ist ein vom BAG finanziertes und von Sucht Schweiz in Lausanne und vom Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheits-forschung (ISGF) in Zürich umgesetztes Projekt. Sie bietet eine einzigartige Perspektive auf die Entwicklung der Suchtbehandlungsnachfrage in der Schweiz. 2013 wurden bei 8426 Personen, die bei den teilnehmenden Institutionen eine solche Behandlung begannen, und bei 7519 Personen, die sie beendeten, Informationen dazu erhoben.
Das Gesamtprojekt act-info steht für die fünf im Bereich der Suchtberatung und -therapie geführten Statistiken der Schweiz: SAMBAD (Statistik der ambulanten Behandlung und Betreuung im Alkohol- und Drogenbereich), act-info-Residalc (Statistik der stationären Behandlung der Alkoholabhängigkeit in der Schweiz), act-info-FOS (Forschungsverbund stationäre Suchttherapie), HeGeBe (heroingestützte Behandlung) und Substitution (nationale Methadonstatistik).
Link zum jüngsten Jahresbericht act-info