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Für Rosa Luxemburg war Karl Marx’ «Kapital» eine «grosse Unvollendete». Die Ökonomie verstand sie als hochpolitische Wissenschaft.
Heute fast eine Heilige der Linken weltweit, war Rosa Luxemburg zu Lebzeiten heftig umstritten. Eine Studierte, Theoretikerin, blitzgescheit, gebildet, charismatisch, polemisch, witzig und furchtlos, eine klein gewachsene Jüdin polnischer Herkunft, eine emanzipierte, selbstbestimmte Frau, ein Graus für viele in der deutschen Sozialdemokratie, wo sie dennoch Karriere machte. Berühmt wurde Luxemburg, weil sie als junge, freche Ausländerin auch Veteranen des Marxismus heftig zu attackieren wagte – und sich sogar eine fulminante Marx-Kritik erlaubte.
Luxemburg scheute sich ebenfalls nicht, Lenin und die Politik der Bolschewiki in Russland gnadenlos zu kritisieren. Für eine linke Politik nach der Logik des Bürgerkriegs hatte sie nichts übrig. Ihr oft zitiertes Wort von der politischen Freiheit, die immer die «Freiheit des Andersdenkenden» sein müsse, stammt aus einer Polemik zu dieser Frage.
Geliebt und verehrt
Schon als Schülerin wollte Luxemburg, 1871 im ostpolnischen Zamosz geboren, die Welt verändern. Um studieren zu können, musste sie nach Zürich gehen, wo Frauen zum Studium zugelassen wurden. Von 1889 bis 1897 studierte sie dort – als eine der ersten Frauen überhaupt – Nationalökonomie und schloss ihr Studium mit einer Dissertation über die industrielle Entwicklung Polens ab, was damals noch einiges Aufsehen erregte.
Luxemburg hatte das Glück, 1906 als Lehrerin für Nationalökonomie an die frisch gegründete Parteischule der SPD berufen zu werden, von August Bebel persönlich. Dieser schätzte sie ihres scharfen Intellekts und ihres heiligen Ernstes wegen. Ihre SchülerInnen liebten und verehrten sie. In dieser Zeit entstand ihre «Akkumulation des Kapitals» – das Buch, in dem sie über Karl Marx hinauszudenken versuchte.
Der moderne Kapitalismus, so der Grundgedanke, kann – entgegen Marx’ Annahme – nicht als geschlossenes kapitalistisches System existieren. Ohne nichtkapitalistische Räume, eine fortwährende Landnahme und koloniale Expansion in diese Räume hinein kann er nicht gedeihen. Daraus folgt, dass sich die Grenze der kapitalistischen Entwicklung genau bestimmen lässt: Der Kapitalismus kommt dann an sein unvermeidliches Ende, wenn er sich die ganze Welt per Landnahme unterworfen hat und es keine nichtkapitalistischen Räume mehr gibt. Dieser «Luxemburg-Moment» der Weltgeschichte war noch weit entfernt, als sie ihr Buch schrieb; heute haben wir ihn fast erreicht.
Luxemburg hielt Marx’ «Kapital» für eine «grosse Unvollendete». Vor allem der zweite und dritte Band waren in ihren Augen voller offener Probleme und Anregungen, ein «work in progress», das es fortzusetzen galt. Das versuchte sie auch: in ihrer ebenso unvollendeten «Einführung in die Nationalökonomie». Die nach ihrem Tod veröffentlichten Fragmente sowie die Vorlesungsmitschriften zeigen, wie sie politische Ökonomie verstand: als historische Sozialwissenschaft, eher Welt- als Nationalökonomie.
Geschichte der Krisen
Was wir heute als das Neue und Bedeutende an der marxschen kritischen Ökonomie sehen – die Kritik des Fetischismus, der Alltagsreligion des Kapitalismus, die Analyse der kapitalistischen Entwicklung und ihrer globalen Dynamik – war, was Luxemburg an Marx faszinierte. Obwohl sie von der viel gerühmten «dialektischen» Darstellung im «Kapital» nicht viel hielt, so wie sie auch keine Freundin des ökonomischen Modellbaus war.
Luxemburg verstand Ökonomie als eine hochpolitische Wissenschaft. Die Geschichte des modernen Kapitalismus seit der ersten industriellen Revolution konnte sie sich nur als Geschichte seiner Krisen vorstellen: Weltmarktkrisen wie jene von 1873 bis 1879, die den Beginn der ersten grossen Depression markierte, oder die Weltfinanzkrise von 1907, die der internationalen Konkurrenz unter der Herrschaft des Finanzkapitals entsprang.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 überraschte die Ökonomin Luxemburg nicht, die eine Kriegsgegnerin ohne Kompromisse war. Wenn sich rivalisierende industrielle Grossmächte bei der Landnahme ins Gehege kamen, war der Konflikt unvermeidlich. Mit dem Krieg sah sie den Horizont der kapitalistischen Entwicklung überschritten. Von nun an stellte sich die welthistorische Alternative: Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.
In der deutschen Novemberrevolution sah sie schliesslich die historische Chance einer demokratischen Republik, die der ArbeiterInnenbewegung endlich vollen Spielraum für sozialistische Politik eröffnen würde. Im Dezember 1918 gründete sie die KPD mit und erlitt sofort eine schwere Niederlage: Die Parteitagsmehrheit wollte von Wahlen zur Nationalversammlung nichts wissen.
Den spontanen Aufstand im Januar 1919 in Berlin hielt sie für eine kolossale Dummheit. Auch empörte Massen auf der Strasse können gewaltig irren. Vor ihnen nahm Luxemburg ebenso wenig ein Blatt vor den Mund wie vor Parteivorständen oder -kongressen.
Michael R. Krätke (69) ist Professor für politische Ökonomie an der Universität Amsterdam und Mitherausgeber von «spw – Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft».