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1. Kapitel, 1. Szene
Noch vor einem halben Jahr hatte Reginas Herz gehüpft, wenn sie nach einem Arbeitstag den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Sargans umdrehte und sich auf Tom freute. Doch an diesem Abend, als sie mit schweren Einkaufstüten beladen, vor der Wohnungstür stand und den Schlüssel aus der Manteltasche klaubte, fühlte sie sich müde und ausgepowert.
Als Erstes stolperte sie im dunklen Eingang über Toms herumliegende Schuhe.
»Mist, verd…«
Wie oft hatte sie ihn schon darum gebeten, endlich die defekte Lampe zu ersetzen? Und seine Schuhe nicht herumliegen zu lassen!
Ächzend schleppte sie die Einkäufe in die Küche und schälte sich aus der gefütterten Jacke. Natürlich hing seine Jacke an ihrem Haken. Mit einer unwilligen Handbewegung strich sie ihre braunen Haare zurück und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen.
Gähnend schlurfte sie ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen, bedeckte das Gesicht mit einem Kissen und schrie ihren Frust hinein.
Tom, der Grund ihres Schreianfalls, streckte den Kopf aus dem Arbeitszimmer und rief: »Hallo Regi. Dacht ich’s doch, dass ich was gehört hab. Ich bin gleich so weit.«
In Zeitlupe zog sie das Kissen herunter und blickte missbilligend hoch. »Ich hatte gehofft, dass das Abendessen schon auf dem Tisch stünde …«
Verlegen fuhr er sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare. »Oh, ja. Das wollte ich eigentlich auch. Was hast du denn Gutes eingekauft?«
»Lenk jetzt nicht ab. Wir haben doch abgemacht, dass …«
»Ja, es tut mir ja leid. Ehrlich. Ich hab nur zuerst das Wetter für’s Wochenende abgefragt und die Wanderroute ange…«
»Na toll! Und ich sterbe vor Hunger.«
»Nun sei doch nicht so kratzbürstig.«
»Ach so, jetzt bin ich kratzbürstig?« Sie schnaubte erbost, setzte sich aufrecht hin und zählte mit den Fingern auf: »Ich hab neun Stunden in den Bildschirm gestarrt und eine todlangweilige Dissertation über postmenopausale Therapieoptionen korrigiert, rannte zum Bahnhof, musste dem Zug hinterherschauen, musste wieder rennen, um nicht vor dem geschlossenen Laden aufzulaufen, machte die Einkäufe, schleppte sie nach Hause, stolperte über deine Schuhe, fand meinen Kleiderhaken von deiner Jacke besetzt … und mein Freund surft im Internet, anstatt seine Hausarbeiten zu erledigen!«
Aufschluchzend schlug sie die Hände vors Gesicht. Ständig drehte er sich um die eigene Achse. Seine Arbeit, seine Freizeitplanung, seine Wanderungen … Den Computer hätte sie schon am liebsten auf den Müll geworfen. Ständig musste sie mit diesem Ding um Toms Aufmerksamkeit wetteifern.
Schniefend fragte sie: »Hast du wenigstens die Rechnungen bezahlt?«
Sein Gesicht sprach Bände.
»Natürlich nicht, du musstest die Wanderroute vorbereiten.«
»Unsere Ausflüge planen sich nicht von selbst. Oder willst du dich in Zukunft darum kümmern?«
»Dreh jetzt nicht den Spieß um, Freundchen. Auch wenn ich gerne mit dir wandern gehe, gibt es noch andere Dinge im Leben, die mir wichtig sind. Oder trauerst du immer noch Tanja nach, die ausser der Natur anscheinend keine anderen Bedürfnisse hatte?«
Toms Augen verdunkelten sich, als er hervorstieß: »Spinnst du? Ich trauere niemandem nach.«
Vor sich hin zischend kehrte er ins Arbeitszimmer zurück und knallte die Tür zu, schaltete den Computer aus und räumte seinen Arbeitstisch auf.
Ein wenig später schaute er vorsichtig ins Wohnzimmer. Regi blätterte in einer Zeitschrift. Er setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Taille.
»Es tut mir leid. Ich wusste ja nicht, wie schlimm dein Tag war. Ruh dich ein wenig aus, während ich das Abendessen auf den Tisch zaubere.«
Sie drehte schmollend den Kopf zu Seite, als er sie zu küssen versuchte. »Mach jetzt nicht auf lieb-lieb. Das vertrag ich gerade nicht.«
Seufzend stand er auf und streckte die Hände in die Hosentaschen. »Okay, okay. Also, was willst du essen? Spaghetti mit Tomatensoße? Oder mit Pesto? Oder lieber Brot mit kaltem Braten, Käse, Joghurt und Müsli?«
Regi rollte sich auf dem Sofa zusammen. »Mir ist gerade der Appetit vergangen. Zudem habe ich am Mittag schon was Warmes gegessen. Und du?«
Wie ferngesteuert kratzte er sich hinter dem Ohr.
»Hast du schon wieder vergessen, etwas zu essen?« Unter halb gesenkten Wimpern schaute sie zu ihm auf und langsam stahl sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel.
»Ja, ich … war in meine Arbeit vertieft und plötzlich schlug es fünf Uhr.«
»Dann mach doch Spaghetti. Im Kühlschrank hat’s noch vorbereiteten Salat. Ich ess dann auch ne kleine Portion mit. Welche Soße du machst, ist mir egal.«
Er befand sich auf halbem Weg zur Küche, als sie wisperte: »To-hom?«
Mit einer hochgezogenen Augenbraue schaute er zurück.
Sie wedelte ihn mit der Hand zu sich heran und bot ihm die zu einem Kuss geformten Lippen an. Lächelnd beugte er sich herunter, streichelte ihre Wange und küsste sie.
Aus der Küche brachte er ein Glas O-Saft, das sie in einem Zug austrank.
»Danke, du hast mir das Leben gerettet«, rief sie ihm nach und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Warum konnte es nicht immer so harmonisch sein, wie in diesem Moment, nach dem Sturm? Für die Harmonie waren doch beide zuständig, nicht nur sie. Oder verlangte sie zu viel von ihm? Er war doch so fürsorglich und liebevoll. So hatte sie ihn im Studium kennengelernt, so war er auch jetzt gerade, als er ihr den Saft gebracht hatte.
Nein, oft war er auch ein egoistisches Arschloch. War das zu hart? Ja, ein Arschloch war er nicht, aber ein selbstvergessener … Egoist. Sie hasste es, wenn er sich in seinen Projekten verlor und darüber das tägliche Leben vergaß. Dann drehte sich alles nur noch um ihn, um den nächsten Ausflug, ums Wetter und um Ausrüstungsgegenstände. Sie war dann bloß noch ein störendes Nebengeräusch.
Unbewusst schüttelte sie den Kopf. Was war nur los mit ihr? Ihre Gefühle schlugen Purzelbäume, wie schon lange nicht mehr. Was war es denn, das sie so irritierte? Dass er seine Kleider herumliegen ließ, die Hausarbeiten vergaß und am Computer Wurzeln schlug? Dabei sehnte sie sich danach, wieder einmal mit ihm auszugehen, zu tanzen, einander ein Buch vorzulesen oder einfach nur zu kuscheln. Auch wenn sie seine Liebe zur Natur teilte, war es für sie nicht das Wichtigste im Leben. Er, Tom, war ihr wichtiger.
»Essen ist in fünf Minuten fertig«, rief Tom aus der Küche.
»Okay! Ich mach mich noch kurz frisch.«
Kurz darauf setzten sie sich zu Tisch und hingen ihren Gedanken nach. Das Tropfen des Wasserhahns und das Klappern des Bestecks verstärkten noch die dunkle Wolke, die zwischen ihnen schwebte.
»Hör mal, es tut mir leid, wie ich reagiert habe, als ich nach Hause kam. Das mit Tanja hätte ich nicht sagen dürfen. Verzeihst du mir?«
Er nickte. »Du hattest einen schlimmen Tag.«
»Das ist nicht der Punkt. Ich rege mich zu Tode auf, dass du immer nur in deiner Welt versunken bist. Wir haben mal abgemacht, dass derjenige das Abendessen vorbereitet, der zuerst nach Hause kommt.«
Tom starrte in sein Glas und ließ den Inhalt kreisen, bis er fast über den Rand schwappte.
»Es ist mir ernst. Wir leben nun bald ein Jahr zusammen und immer muss ich den Motor spielen und dich antreiben. Denkst du, ich finde das lustig?«
Als er sie immer noch ignorierte, griff sie über den Tisch und streichelte seine kräftigen Finger. »Damit ich nicht immer den Buhmann spielen und dir deine Aufgaben vorhalten muss, sollten wir einen Haushaltungsplan aufschreiben und die Arbeiten zwischen uns aufteilen.«
»Ja, sollten wir.«
»Oh, du hast ja zugehört …«
»Natürlich. Es tut mir leid, Regi. Ich … vergesse mich so leicht.«
»Ist mir auch schon aufgefallen. Trotzdem sollten wir an unserer Beziehung arbeiten, wenn sie noch länger halten soll, weißt du? In Momenten, wie heute Abend, habe ich mich schon gefragt, ob das mit uns zwei wirklich funktioniert.«
Erschrocken schaute er auf und sie konnte sehen, wie sich in seinem Kopf die Räder drehten.
»Ich gehe wirklich gerne mit dir in die Berge. Aber ich möchte auch, dass wir dazwischen mal am Abend gemeinsam etwas unternehmen können. Kuscheln vor dem Fernseher, ins Kino gehen, ein Spiel spielen, Leute kennenlernen und Freundschaften aufbauen.« Sie strich sich eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr. »Hast du nicht bemerkt, dass wir immer noch völlig alleine sind? Freunde fliegen uns nicht einfach so zu, wir müssen uns darum bemühen.«
Reginas Handy trällerte irgendwo: »Du bist das Beste, das mir je passiert ist.«
Sie stand auf und suchte nach dem Gerät. »Du bist das Beste, das mir je passiert ist.«
»Ja, ja. Ich komm ja schon. Wo steckst du schon wieder?«
»Du bist das Beste, das mir je passiert ist.«
Regi fluchte lautlos, während sie hektisch suchte.
Sie fing Toms Blick auf, der ihr mit einer hochgezogenen Augenbraue zusah.
»Sag jetzt nichts, ich fahre gleich aus der Haut.« Schliesslich fand sie das Handy dort, wo es meistens war, in ihrer Jackeninnentasche. Sie blickte aufs Display und verdrehte die Augen. Ein Gespräch mit ihrer Mutter in Berlin hatte ihr gerade noch gefehlt. Dabei hatte sie schon gestern, vorgestern und am Tag zuvor angerufen.
»Hallo, Mama. – Ja. Spaghetti. – Naja, eigentlich nicht. Ich muss eine todlangweilige Dissertation lektorieren. Was die Leute nur für Zeug schreiben. Ich frag mich, wer sich das antut und so was liest.«
Sie blinzelte Tom zu und deutete mit dem Kinn aufs Schlafzimmer. Nickend räumte er den Tisch ab und begann mit dem Abwasch. Sie ließ die Türe angelehnt und warf sich aufs Bett.
»Ja. – Nein. – Also, das ist doch …«
Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
»Bitte, fang nicht damit an. Es gibt noch lange keine Enkelkinder, wirklich! Glaub’s mir doch endlich!«
Aufgeregt steigerte sie die Lautstärke beträchtlich und gestikulierte mit der freien Hand in der Luft herum.
»Du weißt doch, dass ich jetzt noch keine Kinder will. Und überhaupt … Tom hat mir noch nicht mal einen Heiratsantrag gemacht. Alles dreht sich nur um seine Arbeit und seine Bergtouren. Und Freunde haben wir auch noch keine gefunden.«
Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen, die über die Schläfen ins Kissen rannen. Mühsam atmete sie durch. »Ich will jetzt nicht weiter darüber reden. – Okay. Grüße Frank von mir. – Ja, hab dich auch lieb. – Tschüss, Mama.«
Sie drückte auf den roten Knopf, breitete die Arme aus und starrte zur Decke. Dann schlug sie sich entsetzt die Hand vor den Mund, als sie realisierte, dass die Tür bloß angelehnt war. Ob Tom mitgehört hatte? Sie putzte sich geräuschvoll die Nase, zog ihre grauen Schlabberhosen und das pinkfarbene Kapuzen-Sweatshirt an und schlurfte mit einem Buch in der Hand ins Wohnzimmer.
Tom lag auf dem Sofa und las in einer Outdoor-Zeitschrift. Täuschte sie sich, oder ignorierte er sie absichtlich?
»Alles okay?«
»Mhm.«
»Mama will ständig wissen, wann sie Enkelkinder bekommt …«
»So?«
Sie setzte sich im Schneidersitz auf die andere Seite des Sofas, zog eine weiche Decke über die Beine und blickte zum Schein ins Buch.
»Tom?«
»Hm?«
»Nerve ich dich?«
Er warf ihr einen fragenden Blick aus seinen tiefblauen Augen zu, der alle ihre Ängste schmelzen ließ.
»Nein, was ist denn?«
»Ach, nichts.«
Jetzt konnte sie sich ins Buch vertiefen.
(c) 2014-2015 by Martin Fischer
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