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Kultur
"Meine Spezialität, das ist mein Geist."
Es gibt Bücher und Bücher und die ganz schön gemachten erscheinen in der von Hans Magnus Enzensberger begründeten anderen Bibliothek. Ein ganz besonders schönes Exemplar ist "Ich grase meine Gehirnwiese ab: Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers" (wie und von wem es hergestellt worden ist, lässt einen der Verlag übrigens auch wissen); ausgewählt und mit einem gut geschriebenen, sehr informativen Essay von Thomas Stölzel.
Worauf es Valéry ankam, so Stölzel, sei "Überlegungen, Gedanken, Einfälle, Annäherungen und Antwortversuche zu einer einfachen Frage anzustellen: 'Que peut un homme? - Was kann ein Mensch?'" Anders gesagt: Paul Valéry war einer, der sich eigene Gedanken machte, er war ein Selbstdenker. Am besten führt man das vor, indem man zeigt, wie Valéry denkt beziehungsweise was für Gedanken er aufnotiert hat:
"Es sind keineswegs die 'Bösen', die das grösste Unheil in dieser Welt anrichten.
Es sind die Unbeholfenen und die Leichtgläubigen. Die Bösen wären machtlos ohne viele Gute."
"Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht."
"Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt."
"Die lange Zeit ist spürbar, während sie vergeht.
Die kurze Zeit ist erst nachher spürbar."
Wer nun denkt, hier handle es sich ganz einfach um treffende Bonmots, irrt. Nicht, weil sie keine treffenden Bonmots wären, sondern weil sie in einem Zusammenhang stehen. So folgt der gerade zitierten Äusserung zur langen und kurzen Zeit, diese Überlegung:
"Die Zeit vergeht zwar, zieht aber nicht alle Dinge gleichermassen mit sich, sonst bliebe sie unerkannt und wäre nicht wahrnehmbar.
Wir nehmen nur diese Unterschiede wahr und wir stellen uns bald auf die Seite des Objektes, das entflieht, bald auf die Seite desjenigen, das bleibt und bald scheinen unsere Gedanken, bald die Dinge um uns herum sich an die Spitze der Veränderung zu stellen."
Nicht nur das Bücherschreiben ist eine sehr persönliche Sache, das Bücherlesen ist es ebenso. Was mich ganz unbedingt für dieses Buch eingenommen hat, war, dass es sich bei Paul Valéry um einen Menschen handelt, der, so Herausgeber Stölzel, versuchte, "Spezialist für sich selbst zu werden." Damit bildet er ein Gegengewicht zu den unsere moderne Welt bevölkernden "Experten", deren "Expertise" sich oft darin erschöpft, irgend ein Detail kompliziert benannt zu haben.
Spezialist für sich selbst meint nicht, dass Valéry ein Tagebuchschreiber gewesen wäre, der vor allem Autobiografisches zum besten gegeben hätte. Er ist im Gegenteil ein Anti-Autobiografiker, der einmal in einem Brief meinte: "Ich habe keine Kindheitserinnerungen. Mit einem Wort. Die Vergangenheit ist für mich in ihrer chronologischen und erzählbaren Struktur zerstört. Ich habe das unüberwindliche Gefühl, dass ich meine Zeit verlöre, wenn ich nach der 'verlorenen Zeit' suchte ...".
Doch wozu soll Valérys persönliches Philosophieren für andere gut sein? Als Anregung, selber zu denken, und das sapere aude der Aufklärung (endlich) Wirklichkeit werden zu lassen, "ohne sich durch das Bescheidwissergebaren vermeintlicher Spezialisten beeindrucken zu lassen" (Stölzel). In den Worten von Valéry:
"Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen?
Ach ja, - ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. - Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist."
Ein wertvolles und notwendiges Buch.