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Beobachter: Altersarmut gibt es in der Schweiz kaum mehr, dafür Familienarmut. Ist es Aufgabe des Staates, hier ausgleichend zu wirken?
Regina Wecker: Ich finde schon, dass der Staat hier Chancengleichheit herstellen sollte. Zum Beispiel über Stipendien. Ich staune, wie selten Studierende Stipendien bekommen. Wahrscheinlich schaffen es jene, die aufgrund der niedrigen Einkommen der Eltern Unterstützung zugut hätten, heute gar nicht an die Universitäten.
Beobachter: Ist Kinderhaben denn nicht Privatsache?
Wecker: Nein. Der Staat greift ja nirgends so stark ein wie bei den Kindern: Er regelt die Schulpflicht, die Unterhaltspflicht und legt fest, was als «Kindswohl» zu verstehen ist. Zu Recht, weil sich Kinder nicht wehren können. Der Entscheid, Kinder zu haben, der sollte allerdings privat bleiben. Sonst rutschen wir wieder in jene Zeiten hinein, als der Dorfpfarrer vorbeischaute, wenn sich bei einem Ehepaar länger keine Kinder einstellten. Schon nach 1900 und noch mehr um 1940 hatten die Behörden Angst, die Schweiz sterbe aus. Man verglich ängstlich die Geburtenzahlen der Schweiz mit jenen von Deutschland und Frankreich. Der Schweizer Bundesrat, nicht nur die deutsche Naziregierung, propagierte das Kinderhaben als Bürgerpflicht: Kinderlose Frauen galten als egoistisch oder faul.
Beobachter: War Kinderhaben früher auch eine Frage des Geldes?
Wecker: Historisch gesehen war die Ehe immer auch eine ökonomische Gemeinschaft. Schon im 19. Jahrhundert, nicht erst heute, heiratete man in der Schweiz vergleichsweise spät: Man musste etwa warten, bis sich die Eltern aufs Altenteil zurückzogen oder der Hof eine zweite Familie ernähren konnte. Der englische Ökonom Malthus, der Angst vor Überbevölkerung hatte, lobte um 1800 die Schweiz als Vorbild, wegen des späten Heiratsalters und weil man Armen die Heirat – und damit die Kinder – verbot. Erst in den 1950er Jahren sank das Heiratsalter, Frauen bekamen früher Kinder. Warum? Weil sie es sich leisten konnten. Junge Ehen, junge Eltern gehörten auch zum neuen Lebensstil.
Beobachter: Der Mann verdiente Geld, die Frau besorgte gratis den Haushalt?
Wecker: Genau. Diese strikte Rollenteilung wurde in den 1950er Jahren nochmals verfestigt. Es gab psychologische Literatur und sogar Erziehungsfilme, die propagierten, wie wichtig es sei, dass die Mutter möglichst oft mit dem Kind zusammen ist. Sogar die Grossmutter galt plötzlich als ungeeignet für die Kindererziehung. Meistens gaben damals die Frauen mit der Heirat ihren Job auf. Die Männer waren stolz darauf, mit ihrem Lohn die Familie zu ernähren. Musste die Frau arbeiten, galt das als Makel. In den dreissiger Jahren hätten sehr viele Familien mit nur einem Lohn gar nicht überleben können.
Beobachter: Wir haben immer mehr Freizeit. Trotzdem klagen Eltern, wie schwierig es sei, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Warum?
Wecker: Die Reduktion der Arbeitszeit nützte zunächst dem Mann: Der hockte dann in der Freizeit in die Beiz, konnte Fussball spielen oder sich politisch engagieren. Die Frau blieb zu Hause. Wenn Frauen heute diesen Freiraum auch beanspruchen, dann müssen sie sich sehr genau überlegen, ob oder wie viele Kinder sie haben wollen.
Beobachter: Kinder sind für die Alterssicherung der Eltern nicht mehr nötig, seit es die AHV gibt. Wieso dann überhaupt noch Kinder haben?
Wecker: Gerade beim Geburtenrückgang wird wieder vermehrt mit der AHV argumentiert, dass wir mehr Nachwuchs brauchen, um die Renten zu finanzieren. Mich ärgert, dass Kinder in dieser Argumentation auf den AHV-Aspekt reduziert werden. Wenn es nur darum ginge, könnte man ja ausrechnen, ob und bis zu welchem Grad man die AHV anders finanzieren könnte. Es geht doch nicht nur um die Rentensicherung. Eine Gesellschaft ohne Kinder, die sich nur um sich selbst dreht, verliert die Lebendigkeit und die Zukunftsperspektiven. Das wäre eine grässlich erstarrte Welt.
Beobachter: Altersarmut gibt es in der Schweiz kaum mehr, dafür Familienarmut. Ist es Aufgabe des Staates, hier ausgleichend zu wirken?