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gegen sie die größte Artigkeit und behandelte sie nie mit Herbigkeit oder Beschimpfung."
„Die Fürstin überlebte ihren Liebhaber um mehr als zehn Jahre, hatte aber weder vor ncch nach seinem Tode Kinder. Es scheint ungewiß, was eigentlich die Beschaffenheit der Krankheit war, die für sie tödlich wurde; sehr verschiedene Gerüchte gehen darüber in Umlauf. Daß sie Gliederlähmung hatte, für welche Einreibungen verordnet worden waren, ist unzweifelhaft, aber ich wage nicht zu behaupten, ob es wahr sei, wie man behauptet, daß die Anwendung dieser Einreibungen ihr Ende beschleunigt habe. Brambilla, der kaiserliche Leibarzt, der zuletzt sie behandelte, sagte mir: „Als ich die Fürstin besuchte, hatte sie schon eine Lähmung in einem Arm, Hüfte und Vein, für die Einreibungen verordnet wurden. Sie brauchte ras Mittel und es schien anzuschlagen, sie befand stch wieder so weit besser, daß sie einigermaßen die Kraft wieder erhielt, ihre Glieder zu bewegen. Wir begannen sanguinische Hoffnungen wegen ihrer Wiederher» stellung zu fassen, als eine heftige Lungenentzündun,' alle ärztliche Kunst unwirksam und ihrem Leben ei» Ende machte." Was auch die Ursache ihres Tele« gewesen sein mag," schließt Wrarall, ,,sie starb in October 1775, noch nicht achtunddreißig Jahr alt."
9, Wiener Hof- und Adelizustänte unter Maria Theresia,
Es war in den beiden vorletzten Wintern der N« gierungszeit Maria Theresia's, wo sich der englisch 5<mist William Wraiall am Wiener Hofe be» fmb^ er giebt von dem damaligen Leben und Sitten <in nicht minder anschauliches Bild, wie seine Vorgingen» Lady Montague eö vom Hofe Carls VI. Wt« hatte.
„Ein Aufenthalt von zwei Wintern in Wien und i« persönliche Bekanntschaft mit den bei weitem größten Theil der Leute, die hier die erste Gesellschaft aus« nochen, befähigen mich mit einiger Zuverlässigkeit von dm Innern der Hauptstadt, ihren Vergnügungen, Ve« 'Wligungen und ihren Bewohnern zu sprechen. We» mg europäische Hauptstädte bieten einem Fremden mehr Hülfequellen an, der nicht sein Glück iu die Zerstreuung se^l. Er wird hier freilich nicht die Kunstschätze und Wmlincme des Altenhumö finden, die er in Florenz llhen und in Rom studiren kann. Auch ist der Kreis -ln Vergnügungen, die Paris darbietet und die höhere Mischung von theils wissenschaftlicher, theils praktischer, Wo Eigöhlichkeits-Anregung, wie London sie gewährt, n>bl gerade das, was Wien eigenthümlich ist. Aber lie östnichische Hauptstadt besitzt alle Mittel, um einen »ttmoen sowohl nützlich als angenehm festzuhalten." „In Wien ist es nicht wie bei uns, wo ein Fran» H oder Deutscher, obgleich von guter Herkunft oder ^lung, nicht einen, sondern viele Winter zubringen l«n> mit vergeblichen Bemühungen sich einen Weg in ^ gioße Gesellschaft zu bahnen. Er wird hier nicht, "« in London oder in Paris, in die Theater oder auf l>e »ffentlichen Vergnügungsplätze getrieben, um sich bn langen Weile zu enlziehen. Der allgemeine San«» melplatz für Vergnügen und Erholung wir» hur in den höchsten Zirkeln gefunden, in die man sofon eingeführt wird. Die des Fürsten Kaunitz und lt« Reichsuicekanzler Fürsten Colloredo sind die ersten, in die jeder Fremde von Stand nach seiner Ankuich Einlaß erhält. Ihre Häuser, die gewissermaßen eine» Theil des kaiserlichen Palafts bilden, geben, da fi« jeden Abend für den Empfang von Gesellschaft geöff« net find, eine Hauptquelle für die Unterhaltung i« Wien. Ich bemerke hierbei, daß es eine Aufmerksam' keit ist, die man von den Personen, welche diesen M niftern vorgestellt sind, erwartet, daß sie sich often Abends in ihren Empfangszimmern sehen lassen. Di Gegenwart des Fürsten Kaunitz legt nicht den ge lingsten Grad von Zwang auf; er spielt gewöhnt in einer Ecke des Salons Villard und jedermann ha vollkommne Freiheit, sich, wie er immer will, zu umn halten, entweder mit Spiel oder niit Conversation, m er aufgelegt ist. Fast dieselbe Freiheit herrscht bei dn Fürsten Eolloredo, der, umgeben von seiner;ah> »eichen Fainlie, Söhnen, Töchtern und deren Kinder oder Anverwandten, die grüßte Einfachheit in den Ma nieren mit den vollendetsten Formen eines Hof- »n Edelmannes verbindet. Alles trägt dazu bei, es eine. Fremden bequem und gemächlich zu machen und il> unvermerkt aus der Verlegenheit zu reißen, die natürlii ist, wenn er sich inmitten einer Gesellschaft befind mit deren Gebräuche» und Sitten er unbekannt ist." „Nichtsdestoweniger muß man sagen, daß > Manieren der Ocstreicher bei erster Vetanntscha kalt und zurückhaltend find. (5s charalterisirt sie eine INvisse indolente Indifferenz und Ruhe, die eben so wen «on unserer englischen Scheu und Schweigsamkeit emfemt ist, als uon der französischen Frivolität, Ge» Ipn'chigkeit und Leichtsinn. Zeit und eine ruhige, »ejr als conventionellc, geschäftliche Höflichkeit bewirkt «lllinälig, daß diese Scheidewand fällt."
„Den östreichischen Frauen fehlt es keineswegs an äußeren, sowohl geistigen als Persönlichen Vorzügen: < finl, im Allgemeinen elegant, anmuthsvoll und an» jenehm; aber sehr selten besitzen sie einen gebildeten seift. Die Hauptlektüre der Frauen uon Stande ist s« beschaffen, daß sie ihren Verstand eher verkehrt und «mengt, als ihn entwickelt und erweitert. Heiligen» legenden, Messen und Homilien machen ihren Haupt» »merricht aus. Sie wissen wenig uon >l»«l. <le 8e?ißnü, noch weniger von Na eine,, Voliere «n kunlenelle. Haben sie die Werke von der«nle«, <ürebillon und I^uzaze gelesen, so ha» lin sie viel gethan. Mit der heiligen The lese ml der heiligen Catharina von Siena find s« bekannt."
„Allgemein ist dieser Mangel an Bildung und mhwentige Folge ihrer eingeengten Erziehung. Junge Mchm von Stande weiden alle in ein Kloster gespickt, entweder nach Prag oder Presburg oder in Nm. Dort lernen sie Hymnen an die heilige Jung« lNll fingen und ihren Rosenkranz hcrbeten. Von Ge« sichle, Poesie und schönen Wissenschaften werden ihnen ««ch nicht die ersten Anfangsgründe beigebracht und der Geist, wenn nicht die Vorschriften ihrer Religion, setzt Grenzen aller freien Forschung, indem man »°r Ketzern und ketzerischen Werken Abscheu einstößt."
„Vornehme Damen gehen früh selten aus, au«» genommen in die Messe oder wegen besonderen Veranlassungen. Wenn sie aufstehen, nehmen sie Kaffee ober Chocolade und dann bleiben sie entweder in ihren Gemächcrn unsichtbar im allergrößten Neglige «der sie verbringen die Stunden bis zum Diner bei der Toilette. Wenige lassen Frühbesuche von Männern zu, der Vor» mittag ist dem Müßiggang geheiligt, für die Messe bestimmt oder vorbehalten für Privatangelegenheiten häuslicher Beschaffenheit. Gin Morgen in Wien ist in der That kurz, da die allgemeine Speisezeit '^2 Uhr ist, früher war sie es 1 Uhr; seit einigen Jahren ist sie nach und nach weiter hinausgerückt worden. Fürst Kaunitz macht die einzige Ausnahme. Die Nach» Mittage sind lang und es gilt für guten Ton, wo nun weiß, daß eine große Gesellschaft versammelt ist, ungefähr l/,4 Uhr Visite zu machen, eben wenn man von Tafel aufstehen will."
„Der Abend beginnt im Allgemeinen um «cht Uhr oder früher. Nächst den Häusern der Fürsten Kaunitz und Colloredo giebt es andere, in denen während des Winters einmal oder mehreremale die Woche Gesellschaft ist. Unter den vornehmsten muß man den französischen Gesandten nennen (Marquis vonVreteuil), das einzige Glied des diplomatischen Corps, dessen Stellung ihn befähigt, in prächtigem Style ein Hau« zu machen. In den Gesellschaften wird Eis und Li>