Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03350.jsonl.gz/2275

«System change, not climate change», diese Forderung ist auf so manchen Schildern der Klimastreikenden zu lesen. Selten dürfte damit nur unser System zur Energieversorgung gemeint sein. Viel eher wird damit der Kapitalismus als Ganzes angesprochen. Er und der ihm zugrundeliegende Wachstumszwang und Konkurrenzdruck müssten überwunden werde, lautet der Subtext. Nur so sei es möglich, den Klimawandel zu bezwingen und soziale Gerechtigkeit herzustellen. Müssen wir also auf den Reset-Knopf drücken?
Beginnen wir mit einem Rückblick. Vor der Industrialisierung war das Leben von sehr einfachen Verhältnissen und Armut geprägt. Es existierte weltweit kein konstantes Wirtschaftswachstum und entsprechend keine nachhaltige Einkommenssteigerung. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts startete die Industrialisierung in England und danach in ganz Europa durch. Es war der Beginn des wirtschaftlichen Wachstums. Damit stieg der Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen, zuerst in Europa und schliesslich auf der ganzen Welt. Die Zahlen sprechen Bände: Waren anfangs des 18. Jahrhunderts über 90 Prozent der Menschen weltweit von extremer Armut betroffen, sind es heutzutage nur noch knapp 10 Prozent. Dank der Industrialisierung konnten Existenzen gesichert werden und die Lebensqualität stieg deutlich.
Junge Schweizerinnen und Schweizer profitieren heute vom erarbeiteten Wohlstand. Ihre Existenzen sind gesichert, sie geniessen eine hervorragende Bildung und haben grosse Freiheiten bezüglich der Berufswahl. Die Kehrseite der Medaille: Mit der Industrialisierung und dem weltweiten Wirtschaftswachstum nahm der Ausstoss von CO2-Emissionen ebenfalls zu. Der weltweite CO2-Ausstoss war nie höher als heute. Kann der Klimawandel in Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung überhaupt wirkungsvoll bekämpft werden?
Mit der Industrialisierung stiegen die C02-Emissionen, Quelle: Owid (2021a)
Definitiv, kein Wirtschaftssystem besitzt das Potenzial, die Klimakrise so effizient zu lösen wie unser Jetziges. Ein Instrument ist dabei besonders wirkungsvoll: der Preis. Ist ein Gut oder eine Ressource knapp, so steigen die Preise. Die Folge davon ist, dass Unternehmen Wege suchen, den Verbrauch von knappen (also teureren) Ressourcen im Produktionsprozess möglichst zu vermeiden, indem sie beispielsweise auf andere Technologien umsteigen.
Im Falle der Treibhausgasausstosse liegt allerdings ein Marktversagen vor: Ein Akteur – sei es ein Individuum oder ein Unternehmen – verursacht mit seinem Verhalten Emissionen, deren Kosten er nicht selbst trägt. Das vorliegende Marktversagen muss also behoben werden. Werden die Kosten internalisiert, damit also der Verursacher die Konsequenzen selbst trägt, kann unser jetziges System ideale Anreize schaffen, um Innovationen voranzutreiben. Insbesondere der Wettbewerb fördert ressourcenschonende Produktion.
Dass die tatsächlichen gesellschaftlichen (künftigen) Kosten des CO2-Ausstosses unmöglich exakt berechnet werden können, ist nicht per se ein grosses Hindernis. Das Pariser Klimaziel lautet, die Erderwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit nach Möglichkeit auf 1,5°C, sicher aber deutlich unter 2°C zu beschränken. Basierend darauf wird ein Reduktionspfad für den CO2-Ausstoss geschätzt, mit dem dieses Ziel mit grosser Wahrscheinlichkeit eingehalten wird. Um diesen Reduktionspfad zu erreichen, wäre nun wiederum die Bepreisung des CO2 nötig.
Die Politik soll nur ein Reduktionsziel definieren. Die Wahl der Technologie, mit der dieses erreicht wird, soll den Akteuren überlassen werden. Dadurch entsteht ein ergebnisoffener Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Lösungsansätzen. Nebst der Innovationsförderung kann über den Preis das Konsumverhalten beeinflusst werden. Steigt der Preis für ein CO2-intensives Gut, sinkt Konsum.
Unser Wirtschaftssystem hat viele hartnäckige Probleme gelöst und unseren jetzigen Wohlstand ermöglicht. Dieser erfolgreiche Weg muss weiterhin verfolgt werden. In der Klimafrage sind deshalb effiziente und effektive Lösungen gefragt statt Symbolpolitik. Die Zeit für einen griffigen Klimaschutz drängt. Die Frage, ob eine Papiertüte klimafreundlicher ist als die typischen Einweg-Plastiksäckchen ist zweitrangig. Vielmehr muss das vorliegende Marktversagen behoben und Kostenwahrheit hergestellt werden. Über den Preis soll das Innovationsgeschehen angekurbelt und das Konsumverhalten beeinflusst werden. Dadurch ist dem Klima auf die effizienteste Art und Weise geholfen.
Weiterführende Informationen sind zu finden in der Avenir-Suisse-Studie «Wirkungsvolle Klimapolitik».