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Wasser gibt nach, aber erobert alles. Wasser löscht Feuer aus oder, wenn es geschlagen zu werden droht, flieht es als Dampf und formt sich neu. Wasser spült weiche Erde fort oder, wenn es auf Felsen trifft, sucht es einen Weg, sie zu umgehen. Es befeuchtet die Atmosphäre, so dass der Wind zur Ruhe kommt. Wasser gibt Hindernissen nach, doch seine Demut täuscht, denn keine Macht kann verhindern, dass es seinem vorbestimmten Lauf zum Meer folgt. Wasser erobert durch Nachgeben; es greift nie an, aber gewinnt immer die letzte Schlacht.
Unbekannter Autor aus dem 11. Jahrhundert
Wir stehen auf dem Münsterhügel, direkt am Rheinknie. Der Rhein zieht majestätisch vorbei, wälzt seine Wassermassen dem Meer entgegen: Es scheint einem manchmal, als nähmen sie alle Sorgen der Stadt mit sich fort. Hier, wo die Krümmung des Stroms am stärksten ist, siedelten bereits die Kelten, Römer, Alemannen und Franken. Wie mag es hier wohl vor hundert, tausend, hunderttausend Jahren ausgesehen haben? In Gedanken folgen wir dem blauen Band stromaufwärts, dorthin, wo es beginnt: zum Vorder- und Hinterrhein. Beide weisen eine Vielzahl von Zuflüssen von kleinen und grösseren Gletscherbächen auf, so dass sie schon bald zu einer stattlichen Grösse anwachsen. Die Quelle des Vorderrheins liegt im Gotthardmassiv. Von den verschiedenen Bächen, die bei Tschamut zum Vorderrhein zusammenfliessen, entspringt der Rein da Tuma im 2344 Meter hoch gelegenen, 400 m langen und 10 m tiefen Tomasee (Lag da Toma, Lai da Tuma, dt. «Hügelsee»), der oft als der eigentliche Ursprung des Rheins angegeben wird. Die Quelle des Hinterrheins liegt nur etwa 35 km davon entfernt, auf 2216 Meter über Meer am Fusse des Zapportgletschers am Rheinwaldhorn, das zum Adulamassiv gehört.
Die Flussabschnitte bis zum Rheinknie werden in Alpenrhein, Bodensee und Hochrhein unterteilt. Bei Reichenau fliessen also Vorderrhein und Hinterrhein zum Alpenrhein zusammen. Seine wichtigsten Zuflüsse sind die Landquart, die bei der gleichnamigen Ortschaft einmündet, und die Ill, die vor dem Bodensee von österreichischer Seite her hinzustösst. Anfänglich bewegt sich der Fluss durch das Bündner Unterland und danach in kanalisiertem und eingedämmtem Flussbett durchs St. Galler Rheintal. 102 Kilometer nach Reichenau erreicht er beim österreichischen Hard (bzw., der Alte Rhein bei Rheineck) den Bodensee, wo sich das Flussdelta des Rheins durch Ablagerungen stetig ausweitet. Der Bodensee, der mit einer Fläche von 536 km² nur geringfügig kleiner ist als der Genfersee, ist gegliedert in zwei Seebecken, den grössern Ober- und den beinahe zehnmal kleinern Untersee, die durch den Seerhein miteinander verbunden sind – einen 4 Kilometer langen natürlichen Kanal über eine Höhendifferenz von 30 cm.
Bei Stein am Rhein, am Abfluss des Untersees, fliesst der breite Fluss nun als Hochrhein nach Westen an Schaffhausen vorbei und bildet bei Neuhausen den mächtigsten Wasserfall Europas, indem er auf einer Breite von 150 Metern über ein Gefälle von 23 Metern stürzt. Bei mittlerer Wasserführung des Rheins ergiessen sich 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde über die Felsen. Danach, bei Koblenz, nimmt der Rhein die Aare in sich auf. Die Aare ist der grösste Nebenfluss des Rheins. Damit müsste der Rhein eigentlich Aare heissen, denn sie führt beim Zusammenfluss mit dem Rhein eine um etwa einen Drittel grössere Wassermenge! Von daher liesse sich also sagen, dass der Rhein ein Nebenfluss der Aare ist; allerdings hat der Rhein bis dahin schon einen deutlich längeren Weg zurückgelegt. In Basel schliesslich wendet sich der Rhein, die Schweiz verlassend, nach Norden und bildet hier das Rheinknie, wo wir unsere Reise begonnen haben. Jetzt sehen wir vom Münsterhügel, wie sich das blaue Band in eine Art grosse «Wanne» ergiesst.
Nach Basel durchfliesst der Rhein die Oberrheinische Tiefebene auf einer Länge von rund 300 Kilometern bis Frankfurt; den Abschnitt Oberrhein. Die malerische Strecke durch ein enges, steiles Tal von Bingen bis Bonn/Köln wird Mittelrhein genannt. Dieses Gebiet, von Weinbergen und Burgen gesäumt, ist seit der Romantik ein klassisches Reiseziel in Deutschland, vielfach besungen im Loreleylied von Heinrich Heine.
Nördlich von Bonn schlängelt sich der Rhein in vielen Windungen bis zur niederländischen Bucht. Und ebenso wie es im Quellgebiet des Alpenrheins keinen eindeutigen Anfang gibt, ist hier angesichts der zahllosen Einflüsse in die Nordsee auch kein klares Ende des Rheins auszumachen.
Rheinabschnitte
Vorder- und Hinterrhein
Von den Quellen bis zum Zusammenfluss zum Rhein in Reichenau suchen sich der Vorder- und Hinterrhein ihren Weg eigenständig. Der Vorderrhein wird gespiesen vom Rein da Tuma, Rein da Maighels, Rein da Curnera, Rein da Nalps, Rein da Cristallina, Rein da Medel, Rein da Sumvitg, Rein da Vigliuts, Valser Rhein und dem Rein Pign. Oft wird der Tomasee, aus dem der Rein da Tuma fliesst, als eigentliche Quelle des Rheins angegeben. Im Hinterrhein sammelt sich das Wasser vom Reno di Lei, vom Ragn da Ferrera, dem Madrischen Rhein und dem Jufer Rhein.
Alpenrhein
Der Alpenrhein erstreckt sich von Reichenau, dem Anfang des Rheins im engeren Sinne, bis zum Einfluss in den Bodensee.
Bodensee
Der Bodensee ist in Obersee, Seerhein und Untersee gegliedert. Anrainerstaaten sind die Schweiz, Österreich und Deutschland. Der Rhein mündet zwischen Fussach und Hard in den Obersee, durchfliesst diesen und passiert nach rund 40 km die Rheinbrücke in Konstanz. Hier beginnt die Rheinkilometrierung mit 0. Den vier Kilometern Seerhein folgen rund zwanzig Kilometer Untersee.
Hochrhein
Ab Ausfluss Untersee. Bodensee bis Basel. Rhein-km 0-170.
Oberrhein
Von Basel bis Mainz mit dem Rheingau (Mainz-Bingen). Rhein-km 170-529.
Mittelrhein
Von Bingen bis Bonn. Rhein-km 529-642.
Niederrhein
Von Bonn bis zur deutsch-niederländischen Grenze (Lobith). Rhein-km 642-857.
Niederländischer Rhein/Rheindelta
Von der deutsch-niederländischen Grenze bis zur Nordsee/Wattenmeer. Lobith bis Rotterdam. Rhein-km 857-1030.
Mehr zur Geschichte des Rheins in dieser Leseprobe aus dem Buch “Der Ur-Rhein” von Ernst Probst.
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Die Anfänge des Rheins
Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Rheins in Deutschland spielte die Kontinentalverschiebung. Die so genannte Theorie der Plattentektonik wurde am 6. Januar 1912 von dem genialen deutschen Geophysiker Alfred Wegener (1880–1930) bei einer Tagung der Geologischen Vereinigung im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main erstmals erklärt.
Jene Theorie, die man später immer mehr verfeinert hat, besagt, dass sich die Kontinente unseres „blauen Planeten“ auf Platten der äußeren Erdkruste wie auf einem Förderband über den Erdball bewegen. Angetrieben wird dieses gigantische Förderband durch Konvektionsströmungen, welche die Hitze aus dem glutflüssigen Erdinneren nach außen und somit letztlich ins Weltall ableiten.
Wie andere Südkontinente bewegt sich auch die Afrikanische Platte unaufhaltsam nordwärts und schiebt dabei das Mittelmeer allmählich zusammen. Das bewirkt, dass sich der Meeresboden vor der ehemaligen Südküste Europas wie ein Tischtuch zum Falten- und Deckengebirge der Alpen staucht. Zudem treibt die Afrikanische Platte den Sporn des italienischen Stiefels samt Adriaboden vor sich her und rammt ihn in die Südflanke.
Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen beschrieb diese geologischen Vorgänge 2002 sehr anschaulich in seinem Aufsatz „Versuch einer Rekonstruktion der Entwicklung des rheinischen Flusssystems“. Sein lesenswerter Beitrag erschien in der Zeitschrift „Natur und Museum“, die vom Naturmuseum und Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main herausgegeben wird.
Unvorstellbare Kräfte wölbten das Gebiet im nördlichen Vorland der gestauchten Alpen schildartig auf und dehnten die oberen Schichten. Dabei brach im Scheitel der Aufwölbung der Oberrheingraben ein. Der Grabenbruch machte sich erstmals im Eozän vor etwa 50 Millionen Jahren äußerlich bemerkbar: Von da ab sank die Erdoberfläche in einer rund 30 bis 50 Kilometer breiten Spalte millimeterweise allmählich bis zu fünf Kilometer tief ein. Die Absenkungsbewegungen lösten starke Erdbeben und Meeresvorstöße aus.
Vielleicht existierte bereits an der Wende vom Eozän zum Oligozän vor etwa 34 Millionen Jahren im Rheinischen Schiefergebirge ein Vorläufer des Rheins oder sogar ein erster Rhein. Dabei handelt es sich um das Vallendarer Flusssystem, das 1908 von dem Geologen Carl Mordziol (1886–1958) nach dem Koblenzer Stadtteil Vallendar benannt wurde. Als seine Hinterlassenschaften gelten hellweiße Schotter in Senkungszonen des Rheinischen Schiefergebirges. Zum Beispiel im Moseltrog, Lahntrog, Rheintrog oder im Goldenen Grund, jener Senke, die entlang der Autobahn Limburg-Wiesbaden eine Fortsetzung des Oberrheingrabens ins Schiefergebirge bildet.
Nach seinen fast nur aus Quarz und verkieselten Gesteinen bestehenden Schottern zu schließen, lag das Quellgebiet des Vallendarer Flusssystems in den Vogesen. Dagegen kamen einige kleinere Flüsse aus dem Rheinischen Schiefergebirge. Der genaue Verlauf des Vallendarer Flusssystems und seine Abflussrichtung aus dem Rheinischen Schiefergebirge sind umstritten. Wenn der Vallendarer Hauptstrom ab dem Mittelrheinischen Becken in Richtung Bonn entwässert hätte, wäre er tatsächlich ein erster Rhein, ein früher Lothringischer Rhein. In jedem Fall aber ist er der Wegbereiter für den späteren Lothringischen Rhein und seinen Nachfolger, die Mosel, schrieb 2003 der Düsseldorfer Geologe Wolfgang Schirmer.
Zu Beginn des Unteroligozäns vor etwa 34 Millionen Jahren ereignete sich ein erster und kurzer Meeresvorstoß von Süden her aus dem Alpenraum in den Oberrheingraben und in das Mainzer Becken. Dabei wurden im Mainzer Becken teilweise die nach einem Ort im Elsass benannten mittleren Pechelbronn- Schichten abgelagert. Bald darauf zog sich das Meer nach Süden zurück.
Im späten Unteroligozän vor rund 30 Millionen Jahren erfolgte ein zweiter und starker Meeresvorstoß aus dem Norden. Davon zeugen küstennah abgelagerte Meeressande und küstenfern entstandene Tonmergelschichten (der nach einem belgischen Flüsschen bezeichnete Rupelton) sowie Haifisch-Zähne, Seekuh-Skelette, Meeresmuscheln und -schnecken sowie Austern. Norddeutschland war damals bis in die Gegend von Kassel vom Meer bedeckt. Eine lang gestreckte Meeresstraße verband zeitweise im Mitteloligozän das Nordmeer über die Wetterau- Senke und den ca. 300 Kilometer langen sowie etwa 30 bis 50 Kilometer breiten Oberrheingraben mit dem damaligen Meer im heutigen Alpenvorraum.
Danach kam es zu einem kurzfristigen Rückzug der Meere im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Auf eine Aussüßungsphase im Oberoligozän vor etwa 26 bis 25 Millionen Jahren, in der tonig-mergelige Süßwasserschichten abgelagert wurden, folgte ein dritter Meeresvorstoß aus dem Norden ins Mainzer Becken. Anders als bei früheren Meeresvorstößen wurden jetzt kalkige Schichten abgelagert, die man dem so genannten Kalktertiär zuordnet. In der Zeit vor etwa 25 bis 20 Millionen Jahren gab es offenbar wechselnde Verbindungen nach Norden oder Süden, aber wohl keine durchgehende Verbindung mehr zwischen den Meeren im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Gegen Ende des Oligozäns waren große Teile von Nordrhein- Westfalen und Norddeutschland weiterhin von der Nordsee bedeckt. Vor etwa 24 Millionen Jahren existierte zwischen Brohl und Bonn der so genannte Brohler Rhein. Er gilt als ältester bekannter Vorläufer des Rheins nördlich des Rheinischen Schiefergebirges. Der Brohler Rhein floss durch ein weites Becken, in dem sich Braunkohlensümpfe ausdehnten und das von aktiven Vulkanen des Westerwaldes und der Eifel eingerahmt wurde. Sein Quellgebiet lag nördlich von Andernach, sein Mündungsgebiet in die Nordsee bei Bonn. Den Namen Brohler Rhein hat Wolfgang Schirmer 1990 vorgeschlagen.
In der Übergangszeit vom Oligozän zum Miozän vor rund 23 Millionen Jahren existierten bereits drei Flussläufe, die später zusammen den Rhein bildeten. Einer davon war der Toggenburger Rhein, dessen Namen Schirmer 2003 geprägt hat. Andere Autoren sprechen vom Bündner Rhein oder Ur-Alpenrhein. Dieser Fluss kam vom Bündner Land, floss in Richtung Nordwesten und mündete in das so genannte Molassebecken in Süddeutschland. Als weiterer Flusslauf jener Zeit gilt der Straßburger Rhein, der 2003 von Schirmer so bezeichnet wurde. Jener Fluss strömte in Richtung Norden zum Restmeer im Mainzer Becken. Noch höher im Norden lag der bereits erwähnte Brohler Rhein.
Im Untermiozän vor mehr als 20 Millionen Jahren lag die Küstenlinie der Nordsee östlich von Schleswig-Holstein. Das heutige Ostseegebiet war Festland. Die Nordsee erstreckte sich über Hamburg hinaus bis in den Raum Hannover und zur Niederrheinischen Bucht bis den Raum Köln. An der Meeresküste im Niederrheingebiet entwickelten sich ausgedehnte Sumpfwälder, Busch- und Riedmoore. Aus dem Torf dieser miozänen Moore entstanden später die mächtigen Braunkohlenflöze der Ville sowie des Rur- und Erftgrabens zwischen Köln und Düren. Im Miozän stieß die Nordsee nur noch selten in das weitgehend abgeschnittene, brackisch-marine und teilweise Süßwasser führende Mainzer Becken vor. Es folgte ein mehrfacher Wechsel von Rückzügen und Ausweitungen des lagunenartigen Sees und dessen Zerfall in eine Seenplatte bis hin zum Austrocknen.
Während des Mittelmiozäns vor etwa 15 Millionen Jahren zog sich das Meer endgültig aus dem Mainzer Becken und aus dem Oberrheingraben zurück. Nun wurde das Mainzer Becken für immer Festland. Damit waren die geologischen Voraussetzungen für die Entstehung eines Flusssystems vorhanden.