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Keine grosse Überraschung: Mit „Ai no yokan“ (The Rebirth – Die Wiedergeburt) vom Japaner Masahiro Kobayashi hat eindeutig der radikalste Film im Wettbewerb von Locarno gewonnen, der konsequenteste. Kobayashi zeigt
die junge Noriko, deren Tochter eine Schulkollegin umgebracht hat, und Junichi, den verwitweten Vater des ermordeten Mädchens (gespielt vom Regisseur) in einem endlosen, repetitiven, einsamen pas-de-deux. Beide haben sich nach dem Mord zurückgezogen, seltsamerweise an den gleichen Ort. Noriko arbeitet in der Küche der Pension, in der Junichi lebt. Der Film zeigt in stets nur minim variierten Sequenzen immer und immer wieder die gleichen Ausschnitte aus dem stummen, eintönigen Tagesablauf der beiden. Zunächst sucht er einen Weg, mit ihr zu kommunizieren, und sie verweigert alles. Dann bemüht sie sich immer und immer wieder, bleibt dabei aber sprach- und hilflos. Immer wieder sieht man sie beim Braten von Eiern, ihn nach Schichtwechsel, beim Eintritt in die Produktionshalle der Giesserei, in der er arbeitet. Bald mutet der Film wie ein endloser, banaler Albtraum an. Sie sucht sein Verzeihen, eben so wie er, der längst so weit ist, dass er ohne ihre Gegenwart nicht mehr leben kann, sie aber auch nicht erträgt, eigentlich schon längst ihre Vergebung für sein Nichtvergeben herbeiwünscht.
Kobayashi ist mit seinen 53 Jahren kein Nachwuchsregisseur und seit etwa zwei Jahren hat er den Status eines interessanten Avantgardisten. Insofern versteht man Jury-Präsidentin Irène Jacob, wenn sie vor den Medien erklärte, es sei fast nicht möglich gewesen, die 19 Filme im Wettbewerb auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dass ein offensichtlich noch von etlichen Mängeln behafteter Film eines Nachwuchsregisseurs wie Fulvio Bernasconi keinen Stand hat gegenüber der radikalen Reduktion des Siegerfilms, ist ja einleuchtend. Dass die Jury beim Darstellerpreis unter ähnlichen Nöten gelitten hat, ebenfalls. Nur so lässt sich jedenfalls erklären, dass sie den Preis für den besten Darsteller „ex aequo“ dem grossartigen Michel Piccoli und dem noch weitgehend unbekannten Michele Venitucci für die Hauptrolle in Fuori dalle corde von Bernasconi gegeben hat.
Ich bin sicher zufriedener heute als die Jury, die einige knallharte Diskussionen hinter sich haben dürfte. Mir haben sie nämlich die Freude gemacht und meinen Lieblingsfilm Capitaine Achab mit dem Regiepreis für Philippe Ramos ausgezeichnet.