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Seit zwanzig Jahren ist Ellen North glücklich verheiratet mit ihrem Mann Avery, sie haben zwei Kinder und leben in der idyllischen Peripherie Londons. Doch dann tritt Louise in ihr Leben, eine junge Französin, die eingestellt wurde, um der ungeliebten Schwiegermutter Gesellschaft zu leisten. Mit frisch gekränktem Stolz, weil sie kurz zuvor von ihrem Freund verlassen wurde, und einer gehörigen Portion Je ne sais quoi fängt Louise an, sich bei der Schwiegermutter unverzichtbar zu machen und nebenbei Avery zu umgarnen. Mit Erfolg. Die alte Welt, wie Ellen sie kannte, ist bedroht: Wie kann sie sie selbst bleiben und sich trotzdem neu erfinden?
Aus dem Englischen (UK) von
Silvia Morawetz
Hardcover
Format: 11,6 x 18,5 cm , 448 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5842-2
11. Mai 2021
26,00 EUR
Aus dem Englischen (UK) von
Silvia Morawetz
Taschenbuch
448 Seiten
ISBN: 978-3-0369-6143-9
13. September 2022
16,00 EUR
Aus dem Englischen (UK) von
Silvia Morawetz
Ebook
448 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9462-8
14,99 EUR
EINS
I
Eines Tages gab die alte Mrs North ihrem lange gehegten Wunsch nach, jemand würde ihr wieder Gesellschaft leisten, und antwortete auf ein Inserat in der Times. Sie lebte als Witwe in dem Haus, das ihr Mann gebaut hatte, samt Spiel- und Schlafzimmer und einem Musikzimmer für die Kinder, als blieben die für immer bei ihnen, statt so früh wie möglich zu heiraten und fortzugehen.
Mrs North war von ihrem Ehemann verwöhnt worden, doch nun, da er tot war und ihre drei Kinder verheiratet, verwöhnte sie niemand mehr. Sie kam bei niemandem mehr an erster Stelle, und das missfiel ihr. Einer Frau, die drei Kinder zur Welt gebracht hatte, stand es ihrer Meinung nach zu, im Alter von ihnen umsorgt zu werden. Wozu hatte man Kinder, wenn man sie kaum zu Gesicht bekam? Cecily, ihre Tochter, die ihr eine Stütze hätte sein können, hatte es sich einfallen lassen, einen Amerikaner zu heiraten, und lebte in Washington. Während des Kriegs schickte sie zwar großzügige Pakete, das schon, und kam auch selbst, kaum dass er vorbei war. Natürlich fuhr sie aber wieder hinüber und ließ ihre Mutter so einsam zurück wie zuvor.
Der verstorbene George North hatte eine Strumpfwarenfabrik gegründet und zum Erfolg geführt, und auch wenn seine Söhne noch substanzielle Einnahmen daraus bezogen, war keiner von ihnen in die Firma eingestiegen. Howard, der ältere, arbeitete im Außenamt. Es hatte nach einer hervorragenden Stellung ausgesehen, als sein Vater ihm dazu verhalf, führte aber dazu, dass Howard sein Leben mit seiner Frau im Osten verbrachte, dem Nahen wie dem Fernen, und seine Mutter ihn bloß selten sah. Nur Avery, der Jüngste der Familie, war in ihrer Nähe geblieben.
Avery hatte eine Beteiligung an einem Verlagshaus erworben, dessen Büroräume unweit der Strand Street in London lagen und das seit nun fünfzehn Jahren unter dem Namen Bennett und North firmierte. Drei Meilen außerhalb der Kleinstadt Newington, in der seine Mutter lebte, besaß er ein Haus auf dem Land und fuhr von dort aus jeden Tag nach London, das eine Stunde entfernt war.
Die alte Mrs North klagte unablässig darüber, dass sie Avery, seine Frau Ellen und seine beiden Kinder so gut wie nie zu sehen bekam. Von den Kindern hatte Hugh, der Sohn, gerade seinen Wehrdienst angetreten, und Anne, die Tochter, ging ins Internat. Avery war dauernd in London, und Ellen war dauernd beschäftigt, weil sie keine Hausmädchen hatte. Niemand hatte heute noch Hausmädchen, schon gar nicht, wenn man auf dem Land lebte.
»Warum zieht ihr nicht alle zu mir? Das Haus ist so groß und so leer …«, sagte Mrs North von Zeit zu Zeit.
Doch ihre Einladung wurde nicht angenommen, und es war ihr eigentlich auch recht. So konnte sie einen beständigen Groll gegen die Schwiegertochter hegen, weil die sie nicht öfter besuchen kam. Außerdem wären die Kinder ihr zu viel. Die jungen Leute strapazierten ihre Nerven.
Mrs North beschäftigte eine Haushälterin, eine Miss Daley, die, von Zugehfrauen unterstützt, alles penibel in Ordnung hielt, bedauerlicherweise jedoch im Kirchenchor sang. Bedauerlich zumindest für Mrs North, denn zum einen war sie der Meinung, Miss Daleys Stimme sollte überhaupt niemand hören müssen, sie war viel zu kräftig, und zum anderen führte ihre Leidenschaft Miss Daley mittwochs zum Proben und sonntags für die Auftritte außer Haus. Dem Kirchenchor galt Miss Daleys brennendes Interesse, und die Interessen anderer waren Mrs North ein Ärgernis. Der Gesang ihrer Haushälterin und die Gartenarbeit ihrer Schwiegertochter beanspruchten Zeit, die, wie sie fand, mit ihr verbracht werden sollte. Sie hatte schließlich ein Recht darauf; auf Miss Daleys Zeit, da Miss Daley
dafür bezahlt wurde, und auf Ellens Zeit, da sie als Averys Frau Pflichten gegenüber dessen Mutter hatte.
»Ich bin eben alt«, sagte Mrs North zu ihrem Sohn. Sie sagte es verbittert, denn es gefiel ihr nicht, alt zu sein. »Ich kann wohl nicht erwarten, dass Ellen mehr Zeit mit mir verbringt als unbedingt nötig.«
»Ellen hat immer zu tun, Mutter«, verteidigte Avery sie. »Du weißt doch, wie schwierig Zugehfrauen heutzutage sind. Wir finden einfach niemanden, der am Nachmittag noch den weiten Weg aus der Stadt auf sich nimmt. Ellen muss das Abendessen deshalb immer selbst zubereiten. Und sie arbeitet so viel im Garten. William Parkes ist alt. Er hat alle Hände voll zu tun mit dem Küchengarten und mit Annes Stute.«
»Dann solltest du Parkes aus dem Cottage herauswerfen und jemanden einstellen, der tüchtiger ist. Ich verstehe auch nicht, Avery, warum du ein Pferd hältst, wenn Anne es nur drei oder vier Monate im Jahr reiten kann. Es wäre doch viel besser, ihr mietet …« Sie war vom Thema abgekommen und hatte darüber ihre Klage vergessen, dass Ellen keine Zeit mit ihr verbrachte, weil sie alt war.
Es lag nicht an ihrem Alter. In Somerton Manor, einem Landhotel, in dem Ellen und die Kinder in den Kriegsjahren einige Wochen gewohnt hatten, gab es eine Mrs Brockington, die ebenfalls alt war und mit der Ellen liebend gern Zeit verbrachte.
Eigentlich wollte Mrs North Ellens Art der Gesellschaft auch gar nicht. Sie wollte etwas, was Ellen ihr nicht bieten konnte, und Ellen hatte keine Ahnung, was das war. Sie merkte nur, dass sie nicht gut miteinander auskamen, was schade war, schließlich liebten sie beide Avery. Ellen gab sich selbst große Schuld daran, denn manchmal vergaß sie ihre Schwiegermutter sträflich lange, drei volle Tage, ehe sie erschrocken wieder an sie dachte.
Ach, du liebe Zeit, ich bin nicht … ich habe nicht angerufen … Das letzte Mal, wann war das? Dann ließ sie das Gartengerät fallen, zog die Gummistiefel aus, wusch sich die Hände, streifte ein Kostüm über, holte das Auto heraus, fuhr zu ihrer Schwiegermutter und konnte abends dann erleichtert zu Bett gehen, da sie erst in ein, zwei Tagen wieder hinmusste. Trotzdem schämte sie sich.
Eines Abends im Juni fiel ihr plötzlich die alte Mrs North ein, als sie Avery mit ihrem Auto vom Bahnhof abholte, weil seines in Reparatur war.
»Deine Mutter!«, rief Ellen aus.
»Was ist mit ihr?«, fragte Avery.
»Fahren wir für fünf Minuten bei ihr vorbei. Ich hab sie diese Woche nur einmal besucht und du gar nicht.«
Avery murrte, es sei heiß gewesen in London, und er wolle nach Hause.
»Ich weiß, Liebling. Und ich habe etwas auf dem Herd – nur auf einen Sprung«, redete sie ihm zu.
Sie fuhr durch das Tor, hinter dem das spätviktorianische Backsteinhaus aufragte, mit seinen Türmchen und Zinnen und den speziellen Tafelglasfenstern, auf die George North seinerzeit bestanden hatte.
Mrs North saß auf dem Sofa im Salon, neben sich ein paar abgegriffene Schulbücher, hinter sich an der Wand eine Sammlung von Miniaturen, die ihren Ehemann, sie selbst und ihre Kinder in frühen Jahren zeigten. Die Rahmen aus Elfenbein ließen die ganze Familie chronisch krank aussehen.
»Guten Tag, Fremdlinge«, sagte die alte Dame bissig.
»Ich weiß, Mutter«, sagte Ellen und gab ihr einen Kuss. »Aber die Tage fliegen nur so an mir vorbei. Mein Leben kommt mir vor wie eine einzige Hetzerei …«
»Ja, meine Liebe, das habe ich aus deinem Munde schon gehört. Wollt ihr euch setzen? Nein? Das hatte ich auch nicht erwartet. Ich nehme an, ihr wollt nach Hause. Nun ja, das ist nur natürlich. Dann lasst euch nicht aufhalten, ihr beiden. Mir geht es gut, es ist alles in Ordnung. Danke fürs Kommen. Auf Wiedersehen.«
Avery lachte. Für Ellen war es damit aber nicht getan. Außerdem war ihr nicht nach Lachen zumute; sie war zerknirscht. Jetzt, wo sie einmal da waren, meinte sie, müssten sie auch ein Weilchen bleiben. Sie wollte sich gerade auf einem Stuhl niederlassen, da fasste Avery sie fest am Arm und lotste sie zur Wohnzimmertür. Als sie dort angekommen waren, veranlasste Mrs North sie zum Innehalten.
»Ich habe auf eine Anzeige geantwortet«, sagte sie.
Sie wandten sich um.
»In der Times von gestern.« Sie hielt ihrem Sohn die zusammengefaltete Zeitung hin. Über seine Schulter hinweg las Ellen die markierte Stelle.
»Junge Französin möchte den Juli und August in einem englischen Haus verbringen. Französische Konversation. Leichte häusliche Tätigkeiten …«
»Aber warum willst du eine Französin?«, fragte Avery.
»Wenn du mal in meinem Alter bist, Avery«, sagte seine Mutter, »wirst du feststellen, dass du auch gelegentlich Gesellschaft benötigst.«
»Aber du könntest doch jederzeit eine englische Gesellschafterin haben, Mutter.« »Ich hätte gern eine Französin«, erwiderte Mrs North bestimmt.
»Deshalb liegen da die französischen Grammatiken?«, sagte Ellen, die sich über die Schulbücher gewundert hatte. »Ich konnte mir gar nicht denken –«
»Du hättest fragen können, meine Liebe«, unterbrach sie Mrs North. »Um genau zu sein, ich poliere mein Französisch auf.«
Ellen fand irgendetwas an dieser Ankündigung so rührend und hilflos, dass sie nach der Hand von Mrs North griff. Avery lachte vergnügt. »Du bist ein tapferes altes Mädchen. «
»Ich halte das für eine sehr gute Idee«, meinte Ellen. »Das macht bestimmt Spaß.« »In meinem Alter erwarte ich keinen Spaß«, gab Mrs North zurück. »Aber ich hoffe, es wird interessant. Ich bin 11 zu alt, draußen nach Abwechslung zu suchen, also schau ich, ob ich mir Abwechslung ins Haus holen kann. Mir ist es hier zu still.«
»Ja«, sagte Ellen kleinlaut.
Mrs North entzog Ellen ihre Hand mit einer gewissen Ungeduld.
»Das ist mein altes Exemplar der französischen Redewendungen «, sagte Avery, der keine Ahnung hatte, was zwischen den Frauen vor sich ging. »Wie ich die Schwarte gehasst habe! Heute gibt es bessere Bücher, Mutter. Soll ich dir welche aus der Stadt mitbringen?«
»Nein, vielen Dank. Wenn die junge Frau kommt, werde ich keine Zeit haben, viel zu lernen. Und wenn sie nicht kommt, lerne ich eben nichts. Ihr beiden könnt jetzt gehen. Ich bin sicher, Ellen hat etwas auf dem Herd, worum sie sich kümmern muss.«
»Oh, ja, hab ich«, rief Ellen und eilte mit fliegender Jacke aus dem Zimmer. »Das habe ich ganz vergessen. Avery, komm … Auf Wiedersehen, Mutter … Auf Wiedersehen …«
Flaneurin
»[M]an vergisst, dass diese Geschichte aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts stammt.«
Literaturkritik.de
»[E]cht britischer Sinn für eine feine Ironie in der Beschreibung von Charakteren und Situationen.«
Donaukurier
»[E]ine spannende, klug konstruierte Story mit exakt gesetzten Kipp-Punkten.«
Aachener Nachrichten
»Was beinahe nach einer Krimihandlung klingt, gleicht in Wahrheit einem Kammerstück mit sehr fein ausgearbeiteten Charakteren, einem enormen Spannungsbogen und einer wunderbar ironischen, fein beobachtenden Erzählweise.«
Psychologie heute
»Großartige Wiederentdeckung aus dem Jahr 1953.«
Wiener Zeitung
»Dorothy Whipples Roman Der französische Gast ist eine faszinierende Wiederentdeckung.«
SRF Buchzeichen
»Ganz in der Tradition von Jane Austen.«
Myself
»Ein herrlich altmodischer Gesellschaftsroman.«