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Die Marxsche Theorie und die Freudsche Psychoanalyse sind zwei Seiten einer Medaille, die die Praxis als sie je aufhebende Mitte haben.
Diese Entfremdungen (oder, wie Marx es später nennt: Verdinglichungen) sind mit den von Freud analysierten latent vorhandenen klassischen Pathologien identisch:
das erstere mit der Psychose, das zweite mit der Neurose, das dritte mit der Schizophrenie (die vierte mit den heute vorherrschenden psychosomatischen Erkrankungen).
Idealtypisch gesehen entsprechen diese Formen dem psychisch-emotionalen Zustand des arbeitenden Menschen in Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus respektive dem heutigen Endkapitalismus, bzw. der Enteignung, Unterdrückung und Zerstörung (bzw. Manipulation) menschlicher Natur.
Was nur als Analogie erscheinen könnte, ist eine Identität von Identischem und Nicht-Identischem entsprechend der Hegelschen Philosophie:
Wenn das moderne Kapital das unbewusste Bewusstsein des Menschen allererst produziert, also die (heute herrschend gewordenen) Produktivkräfte das Es hervorrufen, und das sich selbst vermehrende Geld das Über-Ich, dann ist das Kapital unbewusstes Bewusstsein, wie Krahl sagt, und vice versa. Die Entscheidung über Kapitalismus und "Kommunismus" oder menschliche Gesellschaft fällt insofern in der Seele des Menschen, in dem also, was nach Hegel und Freud gleichermassen innere Erfahrung oder Erfahrung des Bewusstseins heisst; was in der Praxis Denken, Sprechen und Handeln heisst (statt Vorstellen, Meinen und Tun) (und Geniessen statt Konsumieren).
Die Identität von Subjekt und Objekt der Gesellschaftsanalyse zeigt sich exemplarisch an ihren wesentlichen Begriffen. Die Ware (oder Warenform) ist das Resultat einer Projektion des an der Basis der anarchischen Gesellschaft in seiner Ich-Identität bedrohten Individuums, d.h. die Ware ist eine blosse Vorstellung menschlicher Arbeit, die auf Triebverzicht beruht. Die Unterdrückung der Sexualität ist überhaupt der Grund allen Übels. So sind die Tauschwerte die Allgemein- oder Gattungsbegriffe wie Tier, Obst, Baum, Gott, die es in Wirklichkeit nicht gibt, denn es gibt, sagt Marx, immer nur konkrete Tiger, Löwen und Hasen; Birnen, Äpfel und Pflaumen; Pappeln, Eschen und Buchen; Mann und Frau (und Kind) usw.
Der Wert, vorn Tauschwert als Wesen von seiner Erscheinung unterscheiden, ist das, was wir Gefühl nennen, und es ist Marx' Entdeckung (des Zivilisationsprozesses), wie sich Gefühle in Begriffen und Zahlen (Arbeitszeit, Preisen) ausdrücken lassen, d.h. wie die Kultur des modernen Menschen entstanden und wie sie nach Freud aufhebbar ist, indem sich der Mensch seiner Gefühle bewusst wird. Verdinglichung heisst bei Marx, dass sich der Wert (d.h. die Gefühle) im Geld, dem Ding an sich, das nach Kant aller unserer Erfahrung vorgängig sein soll, darstellt.
Wir betrachten deshalb nicht nur die Lebensmittel, die wir konsumieren, unter dem Aspekt des Geldes, sondern auch die Begriffe, mit denen wir uns verständigen (und auch Männer Frauen und Frauen Männer, wenn sie geschlechtlich miteinander verkehren wollen). So arbeiten wir im Bewusstsein des Geldes, das wir dabei verdienen, weshalb den Arbeitenden der Inhalt ihrer Arbeit (und der anderer Menschen) gleichgültig ist. Gott ist z.B. der blosse ideelle Reflex des Geldes, das zur selben Zeit entstanden ist, wie die Vorstellung eines einzigen Gottes.
Die bürgerliche Ideologie der Liebe bedeutet, dass Liebe das Bewusstsein des Geldes ist, das es sonst nicht gibt oder nur eine religiöse Illusion darstellt, wie heute der Schlager (wie die Romantik die Gebrauchswerte) als etwas längst verlorengegangenes beschwört. Praktisch gesehen käme es Marx und Freud gleichermassen auf die sinnliche Tätigkeit des Liebens (Lust) an. Ihr Bewusstsein wäre, die Ökonomiekritik psychoanalytisch reflektiert, das was Klassenbewusstsein heissen könnte, gerade heute, wo es Klassen als solche nicht mehr gibt, sondern ein gesamtgesellschaftliches an die herrschenden Begriffe angepasstes Kleinbürgertum.
Der Kleinbürger par excellence ist die in der Ödipus-Situation doppelt unterdrückte Frau, deren Emanzipation, wie es '68 formuliert wurde, heisst, dass sic sich ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse bewusst wird und sie aktiv in das Verhältnis zu Männern (und Frauen) einbringt. Aus dem Verdinglichungszusammenhang entkommt nur der/die, wer als Mensch nicht nur in einem Verhältnis zur Natur steht, im Gegensatz dazu, dass das Tier nur in der Natur operiert, sondern auch zur Kultur, d.h. zur Wissenschaft und Politik, Gesellschaft und Kunst, sich also davon distanziert, um als Objekt die Dinge allererst so zu erfahren, wie sie in Wahrheit sind, oder an sich sind, womit der/die einzelne erst mit der Natur eins würde, bevor die zweite Natur vollends zur Faktizität ersterer erstarrt ist.
Notwendig wäre es also, eine arbeitsfreie Gesellschaft ohne Geld innerhalb der alten zu schaffen, weil sonst, wie Marx sagt, alle Sprengversuche Donquichotterie wären. Sogenannt linke Parteien wären dazu kontraproduktiv. Und auf der Couch des Psychoanalytikers wird Revolution auch nicht ausgetragen. Gleichwohl: im Grunde sind Ware, Gebrauchswert, Tauschwert, Wert usw., wenn auch reale, Einbildungen, die, vom Menschen bewusstlos selbst erzeugt, eine repressive Macht über den Menschen ausüben. D.h., der Mensch wird nicht nur von den Produkten seiner Hand, sondern auch seines Kopfes beherrscht.
Und sie werden es bleiben, so lange er/sie jener als solche anerkennt und sein Leben (und Lieben) von ihnen, z.B. den Gesetzen der Waren- und Geldzirkulation, bestimmt wird. Nicht ist das Wesen zu leben, wie es die sogenannte linke Subkultur macht, sondern selbst noch praktisch aufzuheben. So müssen aus den Gebrauchswerten Gebrauchsgegenstände werden, damit der Tauschwert abgeschafft werden kann usw. Die Abschaffung des Kapitalismus ist nicht die des Kapitals, sondern die des Geldes und die Veränderung der Produktivkräfte.
Sie erheischt auch die Abschaffung der Familie als patriarchalische Form des Lebens und Liebens und des Staates als der Form der Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft, dass von Kapital und Staat, Arbeit und Geld unabhängige, selbständige Individuen ihre gesellschaftlichen Angelegenheiten selbst regeln.
Literatur:
Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main 1971
Walter G. Neumann, Marx. Freud. Die Frau und das Geld. Ökonomie und Liebe, Verlag für die Gesellschaft, Hannover 1996