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«Laurence Anyways»: Wann ist ein Mann eine Frau?
- Donnerstag, 14. März 2013, 13:06 Uhr
Der Kanadier Xavier Dolan gilt als Filmwunder. Mit 23 Jahren hat er bereits 3 Spielfilme ins Kino gebracht und eine Festivalkarriere am Laufen. In «Laurence Anyways» erzählt er die Geschichte eines Mannes, der als längst Erwachsener beschliesst, als Frau weiterzuleben.
Laurence Emmanuel James Alia (gespielt von Melvil Poupaud) ist ein arrivierter Romanautor und Lehrer für Literaturgeschichte. Bereits seit mehreren Jahren ist er in einer glücklichen Liebesbeziehung mit der quirligen Fred (Suzanne Clément, die in Cannes für diese Rolle ausgezeichnet wurde). Bis er eines Abends seiner Geliebten gesteht: «Je veux être une femme.» Er wolle eine Frau sein.
Aus dem Leben gegriffen
Die Idee zu dieser Geschichte sei ihm schon im Herbst 2008 begegnet, sagt Xavier Dolan. Im Auto auf der Rückfahrt vom Dreh seines ersten Filmes «J'ai tué ma mère» habe eine Mitarbeiterin plötzlich ziemlich emotional von einem Abendessen mit ihrem Freund erzählt – genau die geschilderte Szene.
Die Geschichte vom Mann, welcher der Freundin erklärt, er sei eine Frau, ist typisch für Xavier Dolan, der sich von seinem ersten Film an mit der persönlichen und sexuellen Entwicklung junger Menschen beschäftigt hat. Sein erster Film, «J'ai tué ma mère» erzählte von der komplizierten Beziehung eines Teenagers zu seiner alleinerziehenden Mutter im vorstädtischen Montreal. Da war Dolan eben 20 Jahre alt geworden und hatte schon ein ganzes Leben als Kinderdarsteller in Filmen und Werbung hinter sich.
Die eingebildete Liebe
Ein Jahr darauf folgten «Les amours imaginaires». Xavier Dolan verkörperte darin selber einen Teil jenes Freundestrios, in welchem der Junge und das Mädchen sich jeweils unsterblich in den schönen, unzuverlässigen, flatterhaften bisexuellen Dritten zu verlieben glaubten. Ein wunderliches und wunderbares Spiel mit dem Liebes-Spiel.
Und nun eben «Laurence Anyways», ein Film über Erwachsene, die sich bemühen, erwachsen mit sich selbst und ihren Erkenntnissen umzugehen. Dies, sagte Xavier Dolan im Mai nach der Premiere in Cannes, sei nicht nur eine logische Abfolge im Hinblick auf seine eigenes Älterwerden, sondern auch Ausdruck seines Wunsches, sich als Filmemacher weiter zu entwickeln.
Retro-Stil
Dass und wie sehr er daran arbeitet, zeigt sich nicht zuletzt an seinem ziemlich ausgeprägten Stilwillen. «Laurence Anyways» ist nicht nur in der Farbgestaltung ordentlich Retro, sondern auch bei der Ausstattung, welche einen sehr allgemein gehaltenen 80er Jahre Eindruck vermittelt. Das Bildformat ist mit 4:3 sehr ungewöhnlich, verweist vielleicht darauf, dass Dolan die 80er Jahre wenn überhaupt, dann nur übers Fernsehen und retroaktiv miterlebt haben mag.
Wirklich schön aber ist an dem mit fast drei Stunden doch ziemlich langen Film, dass er seine zentrale Prämisse, das Dilemma des Mannes und der Frau, die sich plötzlich als quasi gleichgeschlechtliches Paar wieder finden, weder psychologisch noch soziologisch auswalzt.
Einfache Wandlung
Die Wandlung von Laurence vollzieht sich zunächst einfach dadurch, dass er sich schminkt und ungelenk auf hohen Absätzen in die Schule stöckelt. Wie seine erste Klasse darauf reagiert – oder, nach der ersten Verblüffung, eben nicht, ist einer der vielen kleinen Höhepunkte.
Natürlich kämpft Laurence nicht nur gegen die versteckte Intoleranz, die ihn schliesslich die Stelle kosten wird, sondern auch gegen offenen Sexismus. Ein erfahrener Schicksalsgenosse nimmt sich seiner an, nachdem er verprügelt worden ist. Aber die meisten dieser Szenen schildern Mechanismen des Alltags.
Und dem gegenüber steht der Beziehungsstress zwischen Laurence und Fred, einem Paar, das sich heftig darum bemüht, ein Paar zu bleiben. Wie tausende andere auch. Darin besteht die eigentliche Stärke von «Laurence Anyways»: Die Situation der Hauptfiguren mag zugespitzt erscheinen, «larger than life», aber die meisten Kinogängerinnen werden sich in der Alltäglichkeit der beziehungstechnischen Spitzen und Fussfallen wieder erkennen.