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In jenem Sommer hatte Aleksandr, ein Studienabbrecher, der auf einen Einfall für ein Drehbuch und etwas Glück hoffte, eine Mansarde draussen in Dnipro gemietet, das heisst: die Ecke der Mansarde. In der anderen Ecke hielt die Vermieterfamilie ein paar Schachteln Gerümpel, und in einer dritten Ecke hauste ein Wellensittich mit Namen Shevchenko im silbrigen Käfig. Manchmal in der Nacht machte der Wellensittich Radau, und Aleksandr klingelte bei den Vermietern unten, damit sie nachsähen, was mit Shevchenko los sei. Herr Fedak meinte dann, der Mond treibe sein Unwesen.
In seiner Ecke der Mansarde stellte Aleksandr seinen Computer auf den Tisch und legte eine 90-Zentimeter-Matratze auf den Bastteppich. Und zu dieser Matratze kehrte er nachts aus der Stadt zurück, im Laufschritt von der U-Bahn zum dreistöckigen Häuschen zwischen Hochhäusern und Plattensiedlungen, in dem die Fedaks, die Vakhovskas und die Grigorenkos wohnten und die Data Aktiengesellschaft ein Materialbüro unterhielt. In dieser Gegend lauerten durchaus Gefahren auf einen unbewaffneten Menschen, jede fünfte Laterne brannte nicht. Später ist dann ja auch seine Vermieterin, Frau Fedak, hier umgekommen.
Aleksandr gefiel das Mansardenleben. Auch wenn Herr Fedak unangemeldet und angesäuselt in die Mansarde zu stolpern pflegte, um Shevchenko zu füttern oder in einer der Kisten nach der Sowjetunion zu suchen. Er rumpelte und lärmte, um dem Untermieter zu zeigen, dass er der Boss war. Herr Fedak hatte oft genug gehört, dass junge Männer keinen Respekt vor fremdem Besitz hätten, und er wollte der Gefahr ins Auge sehen. Aleksandr störte sich nicht daran, im Gegenteil, Herrn Fedaks Verhalten beflügelte seine Ideen für ein wehmütig-romantisches Drehbuch. Herr Fedak, frühpensioniert, hatte sein Leben lang für den Staat einen Gabelstapler gefahren. Die sanfte Frau Fedak bekam ständig zu hören: «Gib mir dies!», «hol mir das!» und «schau mal zu dem!». Wenn Herr Fedak bei Mascha w zakone einschlief, lag sein Kopf an Frau Fedaks Schulter.
So idyllisch verlief das Leben. Manchmal drangen die Vermieter zu zweit in sein Dasein ein, zum Beispiel als Herr Fedak, den ein künstliches Kniegelenk plagte, Frau Fedak unter das Lavabo Aleksandrs schickte – sie sollte den verstopften Abfluss entstopfen. Der protestierende Aleksandr – der Abfluss war nicht verstopft – guckte gemeinsam mit Herrn Fedak zu, wie Frau Fedak einen Plastikeimer unter das Lavabo stellte, sich hinkniete und den Siphon aufschraubte. Er sieht noch heute vor sich, wie Frau Fedak mit den Händen ein paar lächerliche Haare herausklaubte und wie Herr Fedak hinter seiner Frau stand und sich Sorgen um sein Heim machte.
Mit Frau Fedak hatte er in diesem Sommer nur ein einziges Mal in persönlicher Sache gesprochen, als er sie bat, sie in den Hidropark begleiten zu dürfen. Herr Fedak hatte ihm auf einem seiner Kontrollgänge erzählt, dass seine Frau Kiev in Miniatur anschauen wolle, und Aleksandr fand die Vorstellung reizvoll, an einem ansonsten wenig versprechenden Sonntag mit der stillen Frau Fedak gemeinsam die Perspektive auf die Stadt zu wechseln. Aber er ging nicht in den Park, und schuld daran war Frau Fedak. Er hatte sie gebeten, ihn früh um neun zu wecken. Das tat sie auch, sie klopfte an die Tür der Mansarde, er rief: «Einen Moment, Frau Fedak!», zog sich an und trank ein Glas Orangensaft, änderte ein paar Worte in einem Skript, bevor er den Computer herunterfuhr, und als er rauskam, war Frau Fedak nicht mehr da, nicht vor der Tür und auch nicht in ihrer Wohnung. Herr Fedak, der auf sein Klingeln an der Tür erschien, meinte, seine Frau sei längst auf dem Bus. Wenn sie zurückkomme, würde er ihr ins Gewissen reden, versprach er. Warum sie nicht gewartet habe, der Untermieter habe bei ihm geklingelt.
Aleksandr empfand selten Mitleid. Weder Drogensüchtige noch zahnlose Strassengeiger noch alte Krüppel vor einer Rolltreppe konnten sein Mitleid wecken. Ihm kam es immer so vor, als zögen diese Leute sich, nachdem sie kurz in der Öffentlichkeit aufgetaucht waren, wieder in ihr eigenes Leben zurück, setzten sich in irgendeinem Loch vor den Fernseher und kühlten sich mit einer Dose Bier ab, lebten also genauso wie alle anderen Leute, mit kleinen Abweichungen. Nein, ihm tat so gut wie niemand leid. Doch den Gedanken an Frau Fedak wurde er bis heute nicht los. Nicht weil man ihr ein Messer ins Ohr gestossen hatte – auch er würde noch genug Hässliches erleben, da war sich Aleksandr sicher, wir alle müssen Hässliches erleben, verkabelt im Spital oder nach Luft schnappend im Schwimmerbecken oder vom Stuhl kippend beim Fensterputzen oder schreiend im brennenden Auto, und das ist unser Schicksal. Aber er muss immer dran denken, wie Frau Fedak vor der Mansarde auf und ab gegangen war, wie sie resignierend in den Lift gestiegen und zum Bus gehastet war, um einen einsamen Ausflug in den Hidropark zu unternehmen.
Frau Fedak wurde im Herbst tot aufgefunden. Aleksandr war im Dezember kurz zurückgekommen, um ein Buch der Bibliothek zu suchen, das er in seiner neuen Wohnung nicht finden konnte und vielleicht in der Mansarde zurückgelassen hatte. Die Jüngste der Grigorenkos erzählte ihm gleich, dass Frau Fedak erstochen worden sei. Im Haus hatte man sich immer vor Einbrechern gefürchtet (im Keller waren schon Schlösser aufgebrochen, eingelegtes Gemüse und Vakhovskas Snowboards gestohlen worden), trotzdem hatte niemand einen Hund. Das hatte verhängnisvolle Folgen, denn Frau Fedak wurde direkt hinter dem Haus in den Himbeersträuchern ermordet, und hätten die Fedaks oder die Grigorenkos einen Hund gehabt, dann wäre das vielleicht nicht so leicht passiert.
Die Monate in der Mansarde waren Aleksandrs Chance gewesen, und er hatte sie nicht genutzt. Herr Fedak zog in ein betreutes Heim in der Nähe der Tochter in Charkiv. Shevchenko fand eine neue Heimat bei Data im Erdgeschoss, wo er noch ein bisschen Radau machte, bevor er kurze Zeit später die Federn verlor und starb.
Christoph Simon
Die Kritik von Albrecht Füller findest du hier: https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/25/nichts-neues-im-osten-sprach-der-westler/