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Talkhon Hamzavi ist auf dem Weg, die Auszeichnung schlechthin zu gewinnen. Auf einen Schweizer Filmpreis hat sie momentan absurderweise aber keine Chancen.
Das Reisetagebuch von «Parvaneh» führt um die Welt. In Krakau, Sofia, Tel Aviv, Shanghai, Trondheim und Bergamo war er schon zu sehen. Viele internationale Preise hat er schon gewonnen, darunter die Silbermedaille bei den Student Academy Awards, den Studenten-Oscars, 2013. Und jetzt ist er für einen grossem Oscar in der Kategorie Best Short Film Live Action nominiert. Aber ist «Parvaneh», der ZHdK-Abschlussfilm der heute 39-jährigen Talkhon Hamzavi, nicht schon ein alter Film für einen Oscar? Ist er nicht vor drei Jahren erschienen?
«Um für den Oscar nominiert werden zu können, muss man sich zuerst qualifizieren», sagt der Produzent Stefan Eichenberger. «Dies tut man, in dem man ein sogenanntes Oscar-qualifying Festival gewinnt. Dies muss man innerhalb von zwei Jahren nach der Uraufführung des Films gewinnen. Wir haben dieses Festival Ende 2013 gewonnen und dies reichte knapp nicht mehr, um für die Oscars 2014 angemeldet werden zu können, weshalb wir nun ein Jahr warten mussten.»
Talkhon Hamzavi kommt, wie die meisten in Zürich, aus dem Aargau, ihre Eltern sind Künstler. Talkhon kam 1979, im Jahr der iranischen Revolution, in Teheran zur Welt, als sie sechs war, wanderte die Familie in die Schweiz aus. In «Parvaneh» macht sie die Geschichte einer Migration zum Thema: Das afghanische Mädchen Parvaneh lebt in den Schweizer Bergen in einem Durchgangszentrum und verdient mit Näharbeiten für böse Bauern etwas Geld. Das möchte sie den Eltern schicken, deshalb fährt sie nach Zürich, wo zuerst alles schief und dann alles gut geht. Eine wohlstandsverloste Punkerin hilft ihr, das Langstrassen-Quartier gibt alles, die Zürcher Clubszene auch.
Das ist – auf eine konventionell gradlinige Art – eine 24 Minuten knappe, äusserst runde Erzählung, gleichermassen spröd und rührend. In der Deutschschweiz interessiert sich allerdings nur Solothurn dafür, nach 2013 jetzt zum zweiten Mal, die Winterthurer Kurzfilmtage etwa, wo «Parvaneh» naturgemäss hingehört, zeigten den Film nie.
Schon einmal machte ein Schweizer Kurzfilm Oscar-Nominations-Karriere, nämlich «Auf der Strecke» von Reto Caffi. 2007 war das Caffis Abschlussfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien, 2009 hoffte er auf einen Oscar. Wenigstens gewann er einen Schweizer Filmpreis. Wenn in Solothurn am kommenden Mittwoch die Nominationen für den Schweizer Filmpreis verkündet werden, darf «Parvaneh» nicht dabei sein, Alter hin oder her. Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat spontan beschlossen, Filme von Aus- und Weiterbildungsstätten künftig vom Schweizer Filmpreis auszuschliessen. Der Protest ist nun gross, das BAK hat versprochen, seinen Entscheid zu überdenken. Oh Schweiz, du Hort der Kafka-Bürokraten.
«Der Ausschluss von Schulfilmen vom Schweizer Filmpreis ist für uns komplett unverständlich», sagt Eichenberger, «das Kriterium für eine Anmeldung zum Schweizer Filmpreis sollte einzig und allein die Qualität sein und nicht die Herkunft des Films! Unser Beispiel zeigt, dass ein Schulfilm sogar die Qualität haben kann, bis zu den Oscars zu kommen.»
Damit der Film in einem Monat beste Chancen auf die Trophäe schlechthin hat, braucht es noch viel Arbeit. Und gut 15'000 bis 25'000 Franken. Soviel kostet der Publicist, der dafür sorgen muss, dass der Film in Amerika von den Medien beachtet wird. Was wiederum dafür sorgt, dass «Parvaneh» im riesigen DVD-Stapel, den jedes der 6000 Academy-Mitglieder vor sich hat, nicht untergeht.
«Das ist nicht viel im Vergleich zu den PR-Budgets der Langfilme, die mindestens das zehnfache, vielfach sogar das zwanzigfache betragen», sagt Eichenberger. «In unserem Fall kommt dann nochmals etwa der selbe Betrag für Flüge, Hotel, Spesen etc. für das Einfliegen der Crew und des Cast dazu. Ein Teil von uns wird rund zwei Wochen vor Ort sein.»
Das Ganze, sagt er noch, sei ein «Riesending», schliesslich sei es 2012 nicht nur Talkhons Abschlussfilm gewesen, sondern auch der von ihm selbst, von Stefan Dux (Kamera) und Hannes Rüttimann (Montage). Und dieses «Riesending» scheint nun mitten aus dem Wortschatz der «Parvaneh»-Truppe zu kommen, denn das Wort, das die Regisseurin in Interviews auffallend oft benutzt, heisst «riesig». Wir wünschen an dieser Stelle dem Riesending riesig viel Glück.
Die Solothurner Filmtage zeigen «Parvaneh» am Sonntag um 19.30 Uhr im Kino Capitol. Eintritt frei.