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Nicht zu fliegen, macht die Liebe kompliziert. Maja Rosén musste zuerst einen passenden Ehemann finden, einen, der am Boden bleibt. Rosén, 38, eine sanfte Frau mit langem blondem Haar und hellblauen Augen, sitzt auf dem Sofa in ihrer Stube. «Ich habe zum Glück Jakob getroffen, er fliegt nicht und ist erst noch Veganer.» Als sie ihn im Sommer 2014 kennenlernte, waren beide im Einsatz für Organisationen, die zum Ziel haben, den Fleischkonsum zu reduzieren.
Rosén hätte sich nicht vorstellen können, mit einem Mann zusammenzuleben, der regelmässig abhebt. Sie verzichtet seit zehn Jahren darauf, aus Sorge um das Klima. Jakob, ein Arzt, ist nur einmal in ein Flugzeug gestiegen, seit die beiden zusammen sind. Sie haben sich auf einen Lebensstil geeinigt und darauf, dass Maja sich ihren Idealen auch beruflich widmet.
Rosén möchte 100000 Schweden überzeugen, nicht mehr zu fliegen, zumindest für ein Jahr. «Flygfritt 2020» heisst ihre Kampagne, «Flugfrei», auf englisch «We stay on the ground». Dafür geht Rosén auf die Strasse, sammelt Unterschriften, betreibt eine Website und eine Facebook-Seite, gibt Interviews und hat ihr Medizinstudium aufgegeben.
Seit Rosén nicht mehr fliegt, bin ich so oft geflogen, dass ich mich kaum an alle Flüge erinnern kann. Zähle ich richtig nach, waren es 31. Damit habe ich nach meinen Berechnungen auf der Website der Stiftung Myclimate 21 Tonnen CO2 ausgestossen. Um mich klimaneutral zu verhalten, dürfte ich höchstens 0,6 Tonnen CO2 im Jahr verursachen – bei allem, was ich tue: arbeiten, wohnen, reisen, einkaufen, essen. Alleine mit dem Fliegen habe ich in den letzten 10 Jahren also mein CO2-Budget für 35 Jahre aufgebraucht.
Ich bin dreissig Jahre alt und habe keinen der Flüge kompensiert. Warum eigentlich? Weil mir die Möglichkeit zu wenig offensiv angeboten wurde? Weil mich die paar Franken pro Flug reuten? Weil ich die Auswirkungen nicht wahrhaben wollte? Oder weil ich einfach komplett ignorant bin?
Für jede meiner Reisen hatte ich einen guten Grund oder eine gute Ausrede. Ich war in Barcelona, Berlin und Wien, weil es so günstig war und ich Freunde treffen wollte. Ich habe einen alten Grossonkel in Australien besucht, weil ich dachte, es sei die letzte Chance (und die war es auch), habe Malaysia und Thailand bereist, weil ich mich für Südostasien interessierte, ein paar Wochen in Schweden und Dänemark verbracht, weil ich mich nach kühlem Wind und kurzen Nächten sehnte. Ich bin mehrmals nach Hamburg geflogen, geschäftlich und freudig.
Ich würde keine dieser Reisen missen wollen. Nie werde ich vergessen, wie ich an Australiens Ostküste zum ersten Mal eine Auster schlürfte und sofort entschied, dass das auch meine letzte sei. Ich erinnere mich an die stinkenden Durianfrüchte und die süssliche Hitze in den Strassenschluchten Kuala Lumpurs. Und an die frischen, langen Sommertage in Strandkörben an der Nordsee.
Mein nächstes Ziel ist China. Eine Freundin hat mir eine Route empfohlen, von Schanghai nach Hongkong. Ich würde mich gern für den Kochkurs anmelden, den sie gemacht hat: Dim Sum, Fujian-Style-Nudeln, Mapo-Tofu. Am liebsten wäre ich schon dort.
Es ist ein Sonntagabend Ende März, kurz vor 20 Uhr. Ich gehe im Zürcher Hauptbahnhof dem Perron entlang und suche Wagen 312. Am Montagabend bin ich mit Maja Rosén verabredet. Ich fahre mit dem Nachtzug nach Hamburg, von dort nach Kopenhagen und dann nach Göteborg. Am Hafen werde ich die Fähre auf die kleine Insel nehmen, auf der Rosén wohnt. Sie will mich nur empfangen, wenn ich nicht zu ihr fliege.
Wenn ich von meinem Vorhaben erzählte, fragten meine Freunde leicht besorgt: «Oh, wie lange sitzt du da im Zug?», «Wie oft musst du umsteigen?», «Wie teuer war das Ticket?» Hätte ich gesagt, ich fliege für zwei Tage nach Schweden, niemand wäre überrascht gewesen. Die Zugreise machte mich zur Exotin.
Mein Ticket habe ich vor einem Monat in Zürich am Bahnhof gekauft. Online konnte ich es nicht buchen. Die Frau am SBB-Schalter war etwas überrascht über meinen Wunsch. Sie schaute lange und konzentriert auf den Bildschirm und drückte ihre Maustaste, obwohl mir meine App längst eine Verbindung anzeigte. Nach einer halben Stunde hatte sie sich mehrfach dafür entschuldigt, dass ich so lange warten musste. «Ich zeige Ihnen die Möglichkeiten, und dann können Sie ja entscheiden, ob Sie wirklich den Zug nehmen wollen», sagte sie.
Ich nickte und bezahlte 390 Franken. Ein Flugticket nach Göteborg hätte 156 Franken gekostet. Im Gegensatz zum Bahnticket wird darauf keine Mehrwertsteuer erhoben, und es ist befreit von einer Kerosin-Abgabe. Ausserdem sind Flughäfen am Stadtrand billiger als Bahnhöfe und Schienen durch ganz Europa.
Nun sitze ich alleine in meinem Zweierschlafabteil und kreuze an, was ich morgen zum Frühstück möchte: 1 Tasse Kaffee, 2 Stück Gebäck, 1 Portion Becel-Margarine, 1 Portion Gartenland-Honig. Dann suche ich nach den Unterlagen in meiner Tasche und lasse mich damit ins Bett sinken.
Ich blättere durch den neusten Bericht des Klimarats der Vereinten Nationen. Zwinge mich, von der Versauerung der Ozeane zu lesen, von der Gefährdung verschiedener Tierarten, vom Eis, das schmilzt, vom Anstieg der Meeresspiegel und davon, wie bald Menschen am anderen Ende der Welt ihr Zuhause verlieren könnten, weil es ihnen davonschwimmt. Es ist zähe Lektüre, so repetitiv wie eindeutig: Sollte es uns nicht gelingen, den Temperaturanstieg zu beschränken, birgt der Klimawandel das Risiko «schwerwiegender, weitverbreiteter und irreversibler Folgen für Menschen und Ökosysteme».
Grund dafür sind die Treibhausgase, die wir in die Atmosphäre abgeben. Zu diesen Gasen gehört das CO2, von dem Flugzeuge besonders viel verursachen – und trotzdem wenig, vergleicht man die Emissionen mit allen anderen weltweit: Das Fliegen ist für zwei bis drei Prozent verantwortlich, hinter der Strom- und Wärmeproduktion, der Industrie und anderen Verkehrsmitteln.
Ich denke an das Gespräch mit Klimaforscher Reto Knutti, den ich in der Woche zuvor getroffen habe. «Bringt es wirklich etwas, wenn ich auf den Zug umsteige?» fragte ich Knutti. Er sagte, um diese Frage zu beantworten, sei es wichtig, die Auswirkungen des Fliegens in der Schweiz anzuschauen: Hier würden die Emissionen schon 15 bis 20 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses ausmachen. Knutti berechnet diese Zahl anhand des offiziellen Treibhausgasinventars. Der Flugverkehr macht 10 Prozent der Emissionen aus, hinzu kommen weitere umweltschädliche Effekte, die Flugzeuge in grosser Höhe verursachen. Diese wirken sich besonders stark auf das Klima aus, weshalb die meisten Experten sie mit dem Faktor 2 multiplizieren.
Wir Schweizer fliegen viel, auch im europäischen Vergleich. 9000 Kilometer legt eine Person nach Berechnungen des Bundesamtes für Statistik im Jahr mit dem Flugzeug zurück. «Wollen wir den Ausstoss von CO2 reduzieren, müssen wir unser Verhalten ändern», sagte Knutti. Tun wir das, ist es, zumindest auf individueller Ebene, effektiv: Wer auf einen Langstreckenflug verzichtet, spart so viel CO2, wie wenn er ein halbes Jahr nicht Auto fährt, eine kleine Wohnung ein Jahr nicht beheizt oder zwei Jahre lang kein Fleisch isst.
Die ETH berechnete, dass mehr als die Hälfte ihrer eigenen Treibhausgasemissionen durch das Fliegen verursacht werden. Die Leitung der Hochschule hat deshalb vor zwei Jahren ihre Professorinnen, Forscher und Doktoranden gefragt, ob sie bereit seien, weniger zu fliegen. Reto Knutti, der Delegierter für Nachhaltigkeit ist, begleitet das Projekt. «Es waren harte Auseinandersetzungen», sagte er. Manche Kollegen hätten eingewendet, würden sie weniger oft fliegen, leide ihre Forschung. Sie hätten gefragt: «Warum gerade ich? Mein Projekt ist sehr wichtig.» Andere hätten den Eindruck gehabt, sie würden für ihren Erfolg bestraft. «Ihr Ego war angekratzt», sagte Knutti.
Geschäftsflüge sind Prestigeflüge. Wer sie bucht, fühlt sich wichtig, ist seinem Arbeitgeber etwas wert, hat Einfluss und Verantwortung. Knutti ist ein renommierter Forscher, er kennt das Gefühl. Er hat seinen Kollegen zugehört, Fragen beantwortet, informiert. Manche Argumente konnte er gut verstehen, gleichzeitig wunderte er sich, wie emotional gewisse Kollegen reagierten. «Klar, wir müssen uns vernetzen, um exzellent zu sein, aber wir können doch fragen: Wie oft muss ich an Konferenzen? Muss ein ganzes Team hin? Können wir eine Videoschaltung machen? Oder mit dem Zug hinfahren?» Schliesslich einigten sich die Departemente und die Verwaltung der ETH darauf, ihren CO2-Ausstoss durch das Fliegen in den nächsten fünf Jahren um 11 Prozent pro Kopf zu reduzieren.
Als ich morgens kurz vor sechs aufwache, verfluche ich den Zug. Ich fühle mich zerknittert wie der Bericht des Weltklimarats neben mir, und ich mag mich nicht in die enge Duschkabine schleichen, vorbei an den anderen verschlafenen Reisenden. Ich schiebe die Rollos hoch und entscheide mich, statt zu duschen, nach meiner Ankunft einen Spaziergang durch den Hamburger Sprühregen zu machen.
Kurz vor 9 Uhr 30 steige ich in den Zug nach Kopenhagen. Bald sehe ich Windräder und Wiesen, die Lokomotive zieht ihre Wagen durch die Weiten Schleswig-Holsteins, mir gegenüber sitzt ein Paar, das sich gegenseitig die Zeitung vorliest.
Die Fahrt endet in Puttgarden auf der deutschen Ostseeinsel Fehmarn. Der Zug hat technische Probleme. Wir müssen aussteigen und die Fähre nehmen, die uns nach Dänemark bringt. Auf der «Prinsesse Benedikte» gibt es billigen Alkohol und das Versprechen, ein Bus würde uns nach Nyköping fahren und von dort ein Regionalzug nach Kopenhagen. Meinen Anschluss sollte ich noch erwischen.
Schliesslich komme ich gegen 22 Uhr, mit einer Stunde Verspätung, bei Maja Rosén an. Hinter mir liegen 26 Stunden Reise. Ich bin acht Mal umgestiegen, sass in vier Zügen, zwei Bussen, zwei Strassenbahnen und zwei Fähren. Weil in Göteborg mein Tram steckenblieb, benutzte ich einmal ein Taxi, um rechtzeitig das Schiff zu erreichen.
Maja Rosén möchte die Welt von einer Schäreninsel aus retten. Styrsö, 1,8 Quadratkilometer, 1400 Einwohner, liegt vor Göteborg; die rauhen Felsen und heimeligen Holzhäuser schieben sich am Dienstagmorgen nach meiner Ankunft zwischen den azurblauen Himmel und das petrolblaue Meer. Auf der Strasse vor Roséns Haus fährt hin und wieder ein elektrisch angetriebener Golfwagen vorbei. Manchmal stört ein Jugendlicher auf einem Motorrad die Ruhe. Autos sind verboten.
Rosén lebte eine Weile in der Stadt, aber hier gefällt es ihr besser. Sie ist ein naturverbundener Mensch. Als sie beschloss, nicht mehr zu fliegen, stand sie mit ihrer Schwester in Norwegen auf einem Berggipfel. Sie war überwältigt und dachte: «Mein Flug hierher zerstört die Natur, für die ich angereist bin, das mache ich nicht mehr.» Rosén war damals Ende zwanzig und noch am Studieren. Sie sagt: «Ich musste mein Leben nicht gross umstellen.» Und doch war es ein radikaler Schritt. Die Klimaaktivistin hat Schweden seither nicht mehr verlassen, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen – obwohl sie sagt, sie reise eigentlich sehr gerne und wolle das auch wieder tun.
Ein Grund für Roséns Entscheid ist auch ihr Sohn Olle, neunjährig, der im Zimmer nebenan einen Film schaut. «Natürlich reist man mit einem Kind weniger, aber vor allem kann ich das Fliegen auch ihm und meiner Tochter gegenüber nicht verantworten», sagt Rosén. Eila ist zwei Jahre alt, und in den Monaten nach ihrer Geburt verbrachte ihre Mutter viel Zeit in der Nachbarschaft mit anderen Müttern. Diese hätten oft über Reisepläne gesprochen, über Sommerferien in Spanien. Rosén aber schwieg. Sie sagt: «Ich wollte nicht für schlechte Stimmung sorgen.»
Nachdem sie sich gegen das Fliegen entschieden hatte, habe sie auch alle anderen bekehren wollen und sei rasch frustriert gewesen, sagt Rosén. «Deshalb habe ich irgendwann gar nicht mehr darüber geredet.» Erst im Januar 2018 rief sie eine Radiostation an, die eine Sendung ausstrahlt, in der Leute von ihren Anliegen berichten können. Ihre Nachbarin Lotta Hammar hörte die Sendung und schrieb ihr: «Toll, Maja, ich unterstütze dich.» Rosén fragte Lotta, ob sie mithelfen möchte bei einer Kampagne, um andere Leute zu überzeugen, ein Jahr lang nicht zu fliegen. Hammar, die Grafikerin ist, entwarf ein Logo mit Pinguinen, Rosén schaltete eine Website auf und begann noch einmal, nach fast zehn Jahren, darüber zu sprechen, warum sie nicht mehr fliege.
Mittwochvormittag in Göteborg, Maja Rosén steht an einer Tramhaltestelle, mit Flyern und einer Kamera in der Hand. Zusammen mit Henrik, 39, einem Softwareentwickler, der gerade ein Jahr eine Auszeit nimmt, um etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, und Klara, 27, einer angehenden Lehrerin, versucht Rosén, Leute auf ihre Kampagne aufmerksam zu machen. Sie spricht Passanten an, erklärt, erzählt, lächelt. Viele hören ihr zu, einige versprechen, später online zu unterschreiben. Rosén drückt ihnen ein Schild mit den Pinguinen in die Hand und fotografiert sie als Werbeträger für ihre Facebook-Seite.
Der Zeitpunkt für die Kampagne ist günstig. Schweden hat im April 2018 eine Flugsteuer eingeführt. Die Schülerin Greta Thunberg ist zu einem Star avanciert; sie reist mit dem Zug durch Europa, um das Klima zu retten. Die Inlandflüge gingen zurück, die Nachfrage nach internationalen Flügen steigt weniger stark, es gibt Pläne für neue Nachtzugsverbindungen in europäische Länder. Das Fliegen ist zunehmend verpönt. Dafür gibt es ein Wort, das auch ausserhalb von Schweden berühmt geworden ist: Flygskam, Flugscham.
Trotzdem ist Maja Rosén noch weit davon entfernt, 100000 Mitbürger von ihrer Idee überzeugt zu haben. 3200 Unterschriften hat sie in vier Monaten gesammelt. «Mir ist im Moment wichtig, dass die Leute darüber sprechen», sagt Rosén. Von Flugscham hält sie nichts. «Es geht nicht um Scham, sondern darum, wie wir den Klimawandel aufhalten können.» Sie finde niemanden egoistisch oder blöd, der fliege. Die Leute sollten vielmehr verstehen, welche Konsequenzen ihr Handeln habe. «Deshalb mache ich niemandem Vorwürfe, sondern stelle Fragen.»
So ging Rosén auch bei ihrem Nachbarn Magnus Lagström vor, als dieser sie im vergangenen Jahr bat, während seiner Ferien in Vietnam die Katzen zu füttern. «Sorgst du dich nicht um das Klima?» fragte sie ihn. Lagström dachte und rechnete nach. Er diskutierte mit seiner Frau Annica, was sie nach ihrer Pensionierung tun sollten, statt wie geplant durch Europa und Südamerika zu reisen. Der Flug nach Asien wurde ihr letzter. Diesen Sommer fahren die beiden mit dem Zug nach Tromsö in Nordnorwegen. Regelmässig laden sie nun Freunde und Bekannte zu einer Klimasuppe ein. Sie sprechen dann über die Erderwärmung, und Maja erzählt von ihrer Kampagne. Eine Tupperware-Party zur Rettung des Planeten.
An diesem Mittwochabend sitzen fast zwanzig Leute, alle um die sechzig, im Wohnzimmer der Lagströms um einen langen Tisch. Sie essen Gemüsesuppe und Brot, trinken Norrlands-Bier aus Dosen und stellen Maja Fragen. Ein sportlicher Mann mit braungebranntem Gesicht meldet sich: «Gab es nicht immer schon Temperaturschwankungen?» Ein anderer findet: «Es ist doch ein Unterschied, ob man geschäftlich oder privat fliegt.» Eine Frau denkt laut nach: «Beim Rauchen hat es auch funktioniert, niemand konnte sich am Anfang ein Verbot vorstellen.» Annica, die Gastgeberin, sagt: «Das Fliegen aufzugeben war für mich wie eine schlechte Beziehung zu beenden.»
Als ich nach zwei Tagen von der Insel abreise, grüssen mich auf der Fähre ein paar Fahrgäste. Ich winke zurück. Styrsö ist sehr klein und sehr schön und sehr weit weg vom Rest der Welt, an den ich gerade denke. Was bringt es, wenn ein paar umweltbewusste Schweden das Fliegen aufgeben, während in den nächsten zwanzig Jahren nach Prognosen der internationalen Luftfahrtvereinigung eine Milliarde Chinesen damit beginnen werden? Und sich die Zahl der Fluggäste weltweit auf acht Milliarden verdoppelt?
Der Zug zurück hat keine Verspätung, ich komme pünktlich in Zürich an. Hier diskutiere ich in den Wochen nach meiner Rückkehr mit meinen Kollegen im Büro, mit Verwandten am Familientisch und Freunden auf einer Geburtstagsfeier über das Fliegen. Sie sagen: «Meine ehemalige Mitbewohnerin lebt in Berlin.» Oder: «Meinen Job kann ich nicht in Zürich erledigen.» Oder: «Ich freue mich auf die Ferien auf Mallorca und fahre sonst mit dem Fahrrad zur Arbeit.» Oder: «Ich kann nicht dreimal so viel für ein Ticket bezahlen.» Sie hoffen auf eine neue Technologie und vertrauen darauf, dass die Welt nicht untergehe.
Ich kann sie gut verstehen. Und doch gehen mir die Hitzetage vom vergangenen Sommer, die sauren Ozeane und steigenden Meeresspiegel nicht mehr aus dem Kopf. Die Welt, denke ich, geht vielleicht nicht zuerst in Zürich oder in Berlin unter, aber ist Moçambique nicht gerade fast versunken? Ich werde wütend, wenn ich sehe, wie jemand Bilder von seinen Bali-Ferien auf Instagram postet. Und träume gleichzeitig vom Kochkurs in Schanghai. Ich denke an Maja Rosén, die sagte: «Für mich ist das Fliegen einfach keine Option mehr.»
An einem Abend scrolle ich am Küchentisch durch die Website von Interrail. Dort entdecke ich Verbindungen, von denen ich gar nicht gewusst habe, dass es sie gibt. Weil Reisen für mich Fliegen bedeutet hat. So vergass ich, wie schön es wäre, im Zug von Zürich nach Zagreb, von Paris nach Moskau oder von Helsinki nach Lappland zu fahren.
Ich öffne meine Mails und lese eine Nachricht von Easy Jet: Venedig, 22.90 Franken, Bordeaux 27.90 Franken, Split 27.90 Franken.
Ich möchte wissen, ob es nicht doch bald eine technische Lösung geben wird, die das Fliegen weniger umweltschädlich macht. Deshalb schreibe ich Konstantinos Boulouchos eine E-Mail. Er ist Ingenieur, befasst sich mit der Mobilität der Zukunft und arbeitet, wie Reto Knutti, als Professor an der ETH in Zürich. Soeben hat er für ein wissenschaftliches Beratungsgremium der EU einen Bericht über die Dekarbonisierung des Verkehrs verfasst. Als ich mich an den Tisch in seinem leicht verdunkelten Büro setze, auf dem sich Türme von Dokumenten stapeln, sagt Boulouchos: «Nächstes Wochenende feiern wir in Griechenland Ostern. Ich werde meine 90jährige Mutter in Athen besuchen. Ich fliege hin, das ist nicht vorbildlich, aber anders nicht machbar.»
Boulouchos sagt, er sei kein Alarmist. Dennoch hält sein Bericht fest, dass drastische gesellschaftliche Veränderungen notwendig seien, um die Klimaziele des Pariser Übereinkommens zu erreichen. 2015 haben sich zweihundert Länder geeinigt, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken.
Wird es bald effiziente, klimafreundliche Flugzeuge geben, Herr Boulouchos? «Es gibt vielleicht bald leichtere Flugzeuge, oder Hybridmaschinen. Aber damit werden wir im besten Fall die Kilometer kompensieren, für die eine zusätzliche Nachfrage besteht.»
Und synthetische Treibstoffe? «Das ist die technologische Option. Aber es braucht auch Investoren. Und die müssen eine gewisse Sicherheit haben, dass sich die Investitionen auszahlen werden. Auch deshalb kann es hilfreich sein, wenn wir das Kerosin besteuern: um gleiche Chancen zu ermöglichen.» Es werde allerdings ohnehin mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis eine neue Technologie auf dem Markt eingeführt werden könne.
Und bis dahin? «Das Fliegen wird bis in zehn, zwanzig Jahren ein riesiges Problem werden», sagt Boulouchos. «Wir müssen rasch an einer technischen Lösung arbeiten.» Auch deshalb, weil die südlichen Länder auf Touristen aus dem Norden angewiesen seien. Weil es in Europa nur wenige Hochgeschwindigkeitszüge gebe. Und weil das Fliegen, marktwirtschaftlich gesehen, eine hochkompetitive Form der Mobilität sei: schnell, sicher, flexibel – und, verglichen mit der Bahn, mit bescheidenen Ansprüchen an die Infrastruktur. «Andererseits müssen wir unser Verhalten ändern. Ich kann es nicht anders sagen, aber ich finde es total besoffen, wenn eine Familie dreimal im Jahr mit ihren Kindern auf einen anderen Kontinent fliegt.» Er hofft auf eine sachliche Diskussion und darauf, dass so viele Leute wie möglich freiwillig vernünftig im Sinne der ganzen Gesellschaft entscheiden werden. Als er sich verabschiedet, sagt Boulouchos: «Wenn ich in den vergangenen Jahren eine neue Erkenntnis hatte, dann die: Uns bleibt leider wirklich wenig Zeit, um zu handeln.» In seiner Stimme liegt ein bisschen Bedauern. Ich teile sein Gefühl.
Es ist Anfang Mai, ich bestelle Dim Sum an einem Takeaway beim Hauptbahnhof. Bald beginnen meine Sommerferien. Die Asien-Reisepläne habe ich verschoben. Anstatt nach China zu fliegen, fahre ich nach Italien, mit dem Zug. Ich werde Adriano Celentano hören und mich auf die ligurische Küste freuen, auf das Leben am Strand, auf Antipastiplatten und trofie con pesto. Auch die Vernunft kann sehr verlockend sein.
Aline Wanner ist NZZ-Folio-Redaktorin.