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Dankbar für ein neues Leben
Für mich war immer klar, dass ich meinen Mann überleben werde. Und ich wusste auch: Es gibt ein Leben für mich nach seinem Tod. Und es darf ein gutes Leben sein.
Mein Mann starb mit Mitte sechzig nach langer Krankheit. Ich war fünf Jahre jünger als er, wir waren seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet. Er hatte schon vor unserer Ehe eine schwere Herzoperation. Doch trotz fünffachem Bypass war seine Krankheit in unseren ersten Ehejahren nicht spürbar. Als hochqualifizierter Fachmann arbeitete er selbstständig für Banken und Versicherungen, während ich in der Beratung für alte Menschen und ihre Angehörigen tätig war.
Nachdem sich ein Bypass verschlossen hatte, verschlechterte sich der Gesundheitszustand meines Mannes drastisch. Er konnte keine Aufträge mehr annehmen, und ich erhöhte mein Arbeitspensum. Irgendwann wusste ich: Wenn das noch lange so weitergeht, werde ich selber krank.
Das Schlimmste für mich war jedoch, zuschauen zu müssen, wie ein so starker Mann immer schwächer und leidender wurde. In der Nacht litt er an Polyneuropathie und unter Schlafapnoe, also unter Atemaussetzern im Schlaf. Die Vorstellung, dass mein Mann nachts neben mir für immer aufhören könnte zu atmen, hat mir jedoch keine Angst gemacht. Während der langen Leidenszeit habe ich mich stark mit den Themen «Tod» und «Trauer» auseinandergesetzt. Das hat mir geholfen, den Tod als Erlösung zu akzeptieren, wenn er Qualen beendet.
Mein Mann und ich lebten eine sehr nahe Beziehung. Wir teilten die gleichen Werte und Interessen und verstanden uns oft auch ohne Worte. Harmonie und Gemeinsamkeiten wurden zusehends belastet. Mein Mann wollte noch nicht sterben. Leider gelang es mir auch nicht, mit ihm über das Sterben zu reden. Das wurde für mich zur wachsenden Belastung.
Ich habe ihn zu Hause gefunden, nachdem ich ihn von der Arbeit aus telefonisch nicht erreichen konnte. Als ich vor dem Haus ankam, war alles dunkel bis auf das flackernde Licht des Fernsehbildschirms im Wohnzimmer. Da wusste ich sofort Bescheid. Mein Mann lag tot zwischen dem Salon- und dem Fernsehtisch. Ich sagte zu ihm: «Jetzt bist du gegangen», habe mich umgedreht und gespürt, wie mir tonnenweise Steine von den Schultern fielen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: «Für immer in meinem Herzen.» Ich habe meinen Mann gehen lassen, und er besetzt mein Herz nicht mehr. Für mich ist er als Sternenstaub bei den Sternen. Ich habe ihn losgelassen und habe seine Nähe auch nie mehr gespürt. Ich bezeichne mich nicht als Witwe, sondern sage: «Mein Mann ist verstorben.»
Das bedeutet nicht, dass ich nicht getrauert hätte. Viele unserer gemeinsamen Orte konnte ich eine Zeit lang nicht besuchen, weil es zu schmerzvoll gewesen wäre. Ich habe meine Trauer sehr bewusst durchlebt, dabei haben mir auch Abschiedsrituale geholfen. Die Beileidskarten habe ich zum Beispiel bald nach seinem Tod nach einem letzten Durchlesen in einer Feuerschale verbrannt.
Ich habe mich schon bald wieder verliebt. Für mich ist es sehr schön, dieses Gefühl von Liebe für einen Mann wieder erleben zu dürfen. Es gibt mir viel Kraft. Heiraten ist für mich kein Thema mehr. Vor drei Jahren habe ich unser gemeinsames Haus verlassen und bin in eine Wohngemeinschaft gezogen. Ich bin mit meinem jetzigen Leben rundum zufrieden. Ich habe einen tollen Freundeskreis, nehme sehr aktiv an verschiedenen kulturellen Aktivitäten teil, bin gerne in der Natur und mache Musik.
Nach dem Tod meines Mannes vor sechs Jahren ist mir ein neues, reiches Leben geschenkt worden mit vielen neuen wertvollen Freundschaften. Dafür bin ich dankbar. Es liegt an mir, jeden Tag auszufüllen. Das Wichtigste dabei ist, das Vertrauen ins Leben nie zu verlieren. Für die Zukunft habe ich nur einen Wunsch: Ich möchte möglichst lange so gesund weiter-leben, dass ich mein Leben aktiv gestalten kann.
Aufgezeichnet von Adriana Di Cesare, 25.10.2021, Kirchenbote
* Name von der Redaktion geändert.