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Seit den frühen 1960er Jahren sammeln sich im erdnahen Weltraum allerhand Überreste der Raumfahrt an. Explodierende Trägerraketen, gefrorene Treibstoffpartikel, Kollisionstrümmer und tausende Satelliten, zu denen schlicht die Verbindung abgebrochen ist. Heute gehen die Raumfahrtbehörden von 128 Millionen kleineren (<1cm), 900'000 mittleren (1cm – 10cm) und 34'000 grösseren (>10cm) Trümmerteilen aus, die zwischen 500 und 1500 Kilometern Höhe noch bis zu mehreren hundert Jahren um die Erde kreisen werden. Und da sich diese Teile mit sehr hohen Geschwindigkeiten (bis zu 10 km/s) fortbewegen, stellen selbst die kleinsten Partikel eine ernsthafte Gefahr für gegenwärtige Satellitendienste, bewohnte Raumstationen und geplante Missionen dar. Diese Ansammlung langlebiger Überreste der Raumfahrt hat dazu geführt, dass sich der erdnahe Weltraum von einer endlosen und vielversprechenden Leere hin zu einer knappen Ressource für satellitengestützte Technologien gewandelt hat.
Interessanterweise wurde die Vermutung, dass es durch die Verschmutzung der Raumfahrt zu einer Verknappung des erdnahen Weltraums kommen muss, innerhalb der Raumfahrtbehörden bereits Mitte der 1970er Jahre erstmals ausgesprochen. Schon kurze Zeit später konnte diese Verknappung mit ersten Messdaten erhärtet werden, im Verlauf der 1980er wurde das Problem in und zwischen den verschiedenen nationalen Raumfahrtbehörden erstmals institutionalisiert, Mitte der 1990er Jahre durch erste beobachtete Kollisionen im All bestätigt und im weiteren Verlauf der 2000er Jahren manifestierte sich die Verknappung endgültig als eine unmittelbare Gefahr für satellitengestützte Technologien.
Die Verknappung des erdnahen Weltraums durch die Raumfahrt und deren wissenschaftliche Reflexion durch die Raumfahrtbehörden sind also seit nunmehr fünfzig Jahren eng miteinander verflochten. Brauchbare Lösungen für das Knappheitsproblem sind bis anhin aber keine gefunden worden. Diese jahrzehntealte Verflechtung von räumlicher Verknappung und deren folgenloser wissenschaftlichen Reflexion wirft Fragen auf: Sollte die tatsächliche Verknappung allein durch immer systematischere und zunehmend institutionalisierte Beobachtung zum Verschwinden gebracht werden? Ist das Schwinden des Raums eine unausweichliche Folge auseinanderfallender Zeitdauern (Service Life, Ausbau von Beobachtungsstationen, Verbleib in der Umlaufbahn)? Und wurde die Raumverknappung um die Erde durch die allmähliche Institutionalisierung von individuellen «Kollisionsrisiken» (immer wieder) einer entschärfenden Umdeutung unterzogen? Das Dissertationsprojekt sucht Antworten auf derartige Fragen und möchte damit auch einen Beitrag an eine historisch fundierte Bewertung gegenwärtiger Raumfahrtsvisionen leisten.