Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03559.jsonl.gz/2156

Stell dir vor, du sitzt gerade in einem Zimmer mit hellblauen Wänden. Nach ein paar Minuten gehst du dann ins Wohnzimmer. Dort sind die Wände in einem Orangeton gestrichen. Du hast das Gefühl, dass es im Wohnzimmer viel wärmer ist als im anderen Raum. Das Thermometer zeigt aber die gleiche Temperatur an. Was du gerade erlebt hast, ist ein typisches Phänomen der Farbpsychologie: der Kalt-Warm-Kontrast.
Wie diese Wirkung genutzt werden kann
Kalte Farben sind Farben, die unter anderem mit Blau gemischt worden sind. Sie verleihen vor allem im hellen Farbtonbereich eine gewisse Tiefe, die man nutzt, um Räume grösser oder höher wirken zu lassen. Der Kunde wird den mit kalten Farben gestrichenen Raum auch ein bisschen kälter empfinden, als dieser eigentlich ist.
Andersherum verhält es sich mit warmen, sehr bunten Farben. Ein starkes Orange lässt den Raum kleiner wirken und gibt dem Betrachter das Gefühl, dass die Umgebungstemperatur etwas höher ist.
Durch die unterschiedliche Tiefenwirkung der Farben können Maler zweidimensionale Bilder dreidimensional wirken lassen. Zudem lässt sich mit unterschiedlichen Farbumgebungen eine ganz individuelle Wirkung des Bildes erzeugen.
Warum Farben unterschiedlich warm wirken
Einer der Gründe, warum wir Farben in unterschiedlichen Temperaturen wahrnehmen, liegt in der menschlichen Evolution. Wir verbinden die Farbe Blau oft mit Wasser oder Eis, rötliche Töne dagegen zum Beispiel mit Glut oder Feuer. Zudem wirken warme Farben näher und kalte Farben entfernter zu dem Betrachter. Auch das hat mit der eigenen Erfahrung zu tun. In der Ferne liegende farbige Oberflächen werden durch die Atmosphäre leicht bläulich. Ob eine Farbe kalt oder warm wirkt, hängt auch immer sehr stark von den Umgebungsfarben ab. Nur Rotorange und Blaugrün werden eindeutig als warm beziehungsweise kalt empfunden.
Was der Kalt-Warm-Kontrast eigentlich ist
Zwei Farben, die verschiedene Merkmale aufweisen, stehen im Kontrast zueinander. Kontrast bedeutet also Unterschied und um diesen feststellen zu können, braucht es mindestens zwei vergleichbare Oberflächen. Um die unterschiedliche Wirkung von Farben zu beschreiben, entwickelte der Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten sieben Farbkontraste. Neben dem Simultan- oder dem Qualitäts- und Quantitätskontrast definierte Itten auch den Kalt-Warm-Kontrast. Dieser bedient sich der menschlichen Empfindungen und Erfahrungen mit Farbtemperaturen. Nach Ittens Farbtheorie ist der Kalt-Warm-Kontrast einer der stärksten Kontraste. Nicht nur die Farben an sich sind unterschiedlich, sondern auch deren Tiefenwirkung unterscheidet sich stark voneinander. Ein Kalt-Warm-Kontrast lässt sich nicht erst erzeugen, indem man eine kalte und eine warme Farbe nebeneinanderstellt, es reichen bereits wärmere oder kältere Farbtöne, die zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Wie der Kalt-Warm-Kontrast im Berufsalltag eingesetzt werden kann
Kontrast bedeutet also Unterschied, und Unterschiede ziehen sich an und verstärken sich in ihrer Wirkung. Werden absolut warme und absolut kalte Farben direkt nebeneinander eingesetzt, können die farbigen Abgrenzungen durch die starke Konkurrenz jedoch zum Beispiel zu flimmern beginnen. Daher sollten Kontraste in der Farbgestaltung mit Bedacht eingesetzt werden.
In deiner Ausbildung im Malerhandwerk sollte der Kalt-Warm-Kontrast deswegen nur mit Fingerspitzengefühl und eher zur Akzentsetzung genutzt werden. Kommen intensive Farben dabei zum Einsatz, dienen diese eher als Statement und als Wegweiser: Alle Haupttüren, Aufzüge und Treppenaufgänge werden etwa rot gekennzeichnet, die restlichen die Türen werden blau lackiert. Hier liegt der Fokus durch den Kontrast darauf, bestimmte Funktionen zu markieren und sichtbar zu machen.
Mit Hilfe des Kalt-Warm-Kontrastes lässt sich aber auch an der Gebäudefront eine Tiefenwirkung erzeugen, die einer bewegungslosen, flachen Wand viel Dynamik verleiht.