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Topographische Notizen über die Berge von Boltigen aus dem Jahre 1652
In der Stadtbibliothek zu Thun unter den Kollektaneen des Herrn Landammann Lohner befindet sich eine Kopie des bernischen Mobilisa-tionsplanes von 1652, der, für den Fall eines Krieges zwischen den evangelischen und katholischen Ständen der Eidgenossenschaft, in eingehender Weise die zum Schütze des bernischen Gebietes notwendigen militärischen Operationen vorschreibt. Besonders ausführlich sind die zur Verteidigung der Landesgrenze auf der Gemmi und in der Gegend des heutigen Bruchpasses bei Boltigen zu ergreifenden Maßnahmen dargestellt, wobei Angaben topographischer Natur gemacht werden, die nicht ohne Interesse sind. Da die Angaben die Gemmi und den Lötschenpaß betreffend bereits im Drucke* ) erschienen sind, beschränken wir uns auf die Wiedergabe des Abschnittes, welcher die Berge von Boltigen im Simmental betrifft.
„ Es ist allein dahin zu trachten, daß di Paß im Obersibenthal gegen Wallis und Frejburggepiet noch verwaret, und die Wachten der Enden bestmöglich bestellt werdind, zu welchem End dann die übrige Mannschaft des gantzen oberen Sibenthals in drey Companeyen abgetheilt und jeder Companey nachfolgende Porten und Paß zu verwachten übergeben werden sollen: Erstlich soll die Companey übriger Mannschafft der Kilchhöri Boltigen ( besteht in 153 Mann ) zu verwachten haben, den Paß ins Fryburggepiet, durch den Waldried-Bychersalp- und Walapberg uff Plaffeym zu; also daß die Wachten druff an gelegensten Orten, und daß sy mit einanderen durch Feuer- und Zeichengeben corre-spondieren könnend, gestellt, und die vorteilhafftigsten Ort, ob sy schon änet der March werind, bestmüglich yngenommen, und zur Defension mit Herdauffwerffen oder anderer erforderlicher kumlicher Massen accom-modiert werdind, wofern der Find sich erklärt hette. Widrigenfalls, und so man nur in Mißtruwen gegen einanderen stünde, were von Nöhten sunst allzyt heimliche Schiltwachten, jedoch ohne Gewehr zu minderem Gemerk, hin und wider uff den Märchen gehen zu lassen, zum reco-gnoscieren. Gleichermaßen hettind dise auch zu versechen den Paß gegen Rollten Zahn uff Beidigen durch Lofang gegen Ablentschen, und sunderlich underhalb der wyßen Fluh, da der Fußweg eng ist, wie zugleich der Paß über den Äschipürtbcrg gênent Mohrmoos. Die Companey übriger Mannschafft der Kilchhöri Zweysimmen, so bestaht in 115 Mann, wurde zu verwachten haben den Paß ins Freyburgische über den Bäderberg, da man hievor allzyt pflegt eine Wacht von etwan 5 Mann dahin zu ordnen. Es kann diselbe Wacht von diesem Ort wyt in das Land hinyn uff Fryburg zu sechen, vili entdecken und alle Schütz, so man zu Jaun thut, hören. Item den Paß, so von Zioeysimmen hinyn in Adelboden, Frutigen Castlaney gaht, alles ob beschriebener Form nach. Die Companey übriger Mannschafft beider Kilchhörinen St. Steffan und in der Lengli, besteht in 172 Mann, wurde in Form, wie sie obstaht zu verwachten haben den Paß in der Lengk durch Ober~ und Puschenried über den Berg Iffigen in das Walliserland. "
Es ist weniger einfach, als es auf den ersten Blick scheinen mag, sich von den in diesem Mobilisationsplan genannten Örtlichkeiten und ihrer strategischen Bedeutung einen Begriff zu machen. Der erste der genannten zu besetzenden Pässe ist der von Waldried über die Vorder Richisalp ( zirka 1760 m ) und die 1792 m. hohe Einsenkung zwischen Mähre und Schafharnisch nach der freiburgischen Alp Gantrisch im Tale der Muscherensense führende Bergweg, der die bequemste und kürzeste Verbindung zwischen Oberwil im Simmental und Plaffeyen bildet. Auffallend mag es aber erscheinen, daß die Walopalp in dem Felskessel zwischen Kaiseregg und Rothekasten mit Waldried durch einen Weg verbunden erscheint. Nun führt aber in der Tat ein Weg von Waldried durch das Tälchen des Wüstenbaches nach der im Hintergrund desselben gelegenen Äbialp ( 1548 m ), überschreitet einen Einschnitt ( 1777 m ) nördlich vom Trimmelhorn ( 1975 m ) und mündet in den Kessel der Walopalp, von welcher Plaffeyen in 5 Stunden über den Schloßboden ( 1959 m ) etwas westlich vom höchsten Gipfel der Kaiseregg erreicht werden kann.
Wo ist aber der Paß „ gegen Rollten Zahn " zu suchen? Es finden sich in dieser Gegend zwei Örtlichkeiten dieses Namens. Diesen Namen trägt ein auf der topographischen Karte unbezeichneter Fels von rötlicher Färbung, ungefähr 1200 m. hoch gelegen, in der Nähe der Sennhütten der Klus hinter Schwarzenmatt, am Fuße des sogenannten Trimmlen-zuges, durch welchen ein steiler Fußweg nach der schon genannten Lücke ( 1777 m ) und von dort nach der Äbialp führt. Der andere „ Rohte Zahn " ist eine Felspartie am Südabsturz des Schafberges, nahe der Freiburgergrenze, nicht nur auf der topographischen Karte, sondern schon in dem Marchbuch des bernischen Stadtleutnants und Geometers Samuel Bodmer verzeichnet 1 ). Unzweifelhaft will das Generalmusterungsbuch von 1652 diese Örtlichkeit bezeichnen. Noch heute führt ein Bergpfad von der Walopalp über Lucheinalp und dem am Fuß des „ Rollten Zahn " gelegenen Münchenberg nach Jaun hinüber. Und etwas südlich von Münchenberg liegen Lofang ( 1629 m ) und Reidigenalp ( 1695 m ). Auffallend ist die Erwähnung eines Weges, der vom „ Rohten Zahn " über Lofang nach Ablentschen führe. Oder ist dieses „ Ablentschen " vielleicht durch Verschreibung aus „ Obfängli ", welchen Namen eine Alpweide ( 1471 m ) oberhalb Jaun trägt, an einem ehemaligen Paßwege, der dieses Dorf mit der Bäuert Eschi auf der linken Seite des Simmen-tals zwischen Weißenbach und Reichenbach verbindet? Nach der Volksüberlieferung sollen bei Lofang in Kriegszeiten Wachtposten aufgestellt gewesen sein, wie auch auf der etwas südlich gelegenen Leimerenalp ( 1447 m ), über welche noch ein Bergweg von Jaun nach der Alp Klus hinter Schwarzenmatt führt.
Wo ist aber die offenbar strategisch wichtige Örtlichkeit „ under -halb der wyßen Fluh, da der Fußweg eng ist " zu suchen? Nach den Mitteilungen eines ortskundigen Bürgers der Gemeinde Boltigen, dessen freundlichst erteilte Auskunft wir nochmals, auch an dieser Stelle, verdanken, liegt die auf der topographischen Karte nicht benannte Weiße Fluh auf der Bern-Freiburggrenze, unweit der auf der Karte bezeichneten Örtlichkeiten Ritzwald und Plagersfluh. Der schon genannte Pfad vom Obfängli bei Jaun nach dem Rohrmoos in der Bäuert Eschi führte seinerzeit in der Nähe der Weißen Fluh vorbei, über Felsköpfe und zwischen solchen hindurch. Er wurde, zwar nur ausnahmsweise, noch vor 30 bis 40 Jahren benutzt, ist aber seit der Erstellung der Straße Bulle—Boltigen dermaßen in Abgang gekommen und verschüttet, daß kaum jemand es wagen würde, ihn zu passieren. Früher scheint er dem Saumverkehr gedient zu haben. Noch vor dreißig Jahren war in der Nähe dieses Weges ein Stein zu sehen, an welchem Spuren von eingeritzten Personennamen wahrzunehmen waren. Es hieß, Krieger hätten ihre Namen daselbst angebracht. Noch jetzt lebt im Volksmund die Sage, Grenzhüter hätten eine Muttergemse zutraulich gemacht, so daß sie sich willig melken ließ. Unweit der Weißen Fluh, etwas höher und am Südfuß des Bäderhorns gelegen, befindet sich die Alp Bäderberg ( 166.4 m ), die laut dem Mobilisationsplan von 1652 seltsamerweise nicht von den Boltigern, sondern von den bedeutend weiter entfernt wohnenden Soldaten von Zweisimmen besetzt werden mußte. Auch auf dieser Alp wird noch heute die Stelle gezeigt, wo die Grenzwächter ihr Wachtfeuer anzündeten und aus Steinen eine Schutzhütte errichtet hatten. Überhaupt bestehen noch andere Sagen, die dieses Bergrevier zum Schauplatz haben, und auf kriegerische Vorgänge, die sich daselbst abgespielt haben sollen, sich beziehen.
Zum Schlüsse möchten wir noch darauf hinweisen, daß das im Verlaufe obiger Ausführungen erwähnte Marschbuch Bodmers aus den Jahren 1701 —1711, das sich im bernischen Staatsarchive befindet, als Fundgrube zur Geschichte der alpinen Topographie mehr Beachtung verdient, als ihm bis jetzt zuteil geworden ist. Eine ganze Anzahl von naturgetreu ausgeführten Gebirgsprospekten wäre einer Reproduktion wohl wert. Wir erwähnen nur, aus dem oben besprochenen Gebiet, die Kette der Gastlosen, die Bodmer von Westen her aufnahm, wohl der Erste, der diese Berggestalten, wie noch so viele andere, im Bilde kenntlich dargestellt hat.Pfarrer E. Bähler ( Sektion Blümlisalp ).