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3.1 Gesundheitliche Aspekte gentechnisch veränderter Pflanzen mit Relevanz für die Schweiz
Die Diskussion um die Frage, ob gentechnisch veränderte Pflanzen (GVP) ein Gesundheitsrisiko im Allgemeinen und für den menschlichen Organismus im Speziellen darstellen, ist seit Beginn der Freisetzung und Kommerzialisierung von GVP ein heftig diskutiertes Thema. Wenngleich die theoretischen Möglichkeiten einer Gesundheitsgefährdung durch GVP bestehen, konnte eine solche bisher nicht nachgewiesen werden.
KAROLINE DORSCH-HÄSLER, KARIN HOFFMANN-SOMMERGRUBER
Dieses Kapitel basiert auf einer umfangreichen Literaturstudie, die im Rahmen des NFP 59 durchgeführt und als Literaturstudie Gesundheit publiziert wurde.
NEUE GENERATIONEN GENTECHNISCH VERÄNDERTER PFLANZEN
Die gentechnisch veränderten Pflanzen der ersten Generation wurden entwickelt, um mit ihrer genetischen Modifikation Herbizidresistenz und Resistenzen gegenüber Krankheits- und Schädlingsbefall zu vermitteln. Hingegen werden GVP der zweiten Generation hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe verändert. Hier soll entweder Nährwert verbessert (z. B. höherer Anteil an ungesättigten Fettsäuren oder Vitaminen) oder es sollen unerwünschte Inhaltsstoffe (z. B. Allergene, Pflanzentoxine) entfernt werden. Die GVP der dritten Generation hingegen werden als Produzenten von pharmazeutischen Stoffen und von industriell verwendeten (nachwachsenden) Rohstoffen eingesetzt. Während es für die GVP der ersten Generation nur eine begrenzte Anzahl von eingesetzten Fremdgenen gibt und deren Konstrukte vergleichsweise schon lange bekannt sind, sind Vielfalt und Anzahl der neuen Konstrukte für die zweite und dritte Generation in der jüngeren Vergangenheit erheblich gestiegen. Daher ist die Datenlage zur Untersuchung möglicher Gesundheitsrisiken der ersten Generation GVP auch sehr umfangreich, jene der Untersuchungen gesundheitlicher Aspekte der zweiten und dritten Generation hingegen deutlich geringer. In die heute kommerziell eingesetzten GVP der ersten Generation wurden Gene bakteriellen, viralen oder pflanzlichen Ursprungs eingeführt, welche die Resistenz gegenüber Herbiziden, Schädlingsbefall oder Viruserkrankungen erhöhen. In den letzten 20 Jahren wurde parallel zur Entwicklung dieser GVP auch die Entwicklung der nationalen und internationalen Sicherheitsbewertung inklusive möglicher toxischer Risiken für Mensch und Tier entwickelt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bis heute keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier nachgewiesen werden konnten. Hingegen sind einige positive Effekte belegt.
Der Aspekt Gesundheit im NFP 59
Aufgrund der enormen Datenmenge, die in der wissenschaftlichen Literatur zu den gesundheitlichen Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen mit kommerzieller Nutzung vorliegt, ist es nicht verwunderlich, dass im Rahmen des NFP 59 keine geeigneten Projekte, die neue Aspekte entsprechend bearbeitet hätten, eingereicht worden sind. Um für diesen Bereich dennoch relevante Informationen zur Verfügung zu stellen, wurde das aktuelle Wissen in einer breit angelegten Literaturstudie zusammengetragen. Darin wurden mehr als 1000 Quellen vorrangig aus den letzten 20 Jahren zusammengefasst und kritisch bewertet.[1]
Herbizidtoleranz
Der Einsatz der herbizidtoleranten GVP ermöglicht in einem integrierten System ein reduziertes und gezieltes Anwenden von Spritzmitteln und damit eine potenziell geringere Umweltbelastung als beim konventionellen Anbau (siehe Kapitel 1.1). Tatsächlich ging als Folge der reduzierten Pestizidanwendung bei den Bauern in Indien und China die Zahl der Pestizidvergiftungen zurück.[2]
Schädlingsresistenz
Für eine erhöhte Resistenz gegenüber Schädlingen wird meist ein Gen eingesetzt, das aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis stammt und für ein Protein aus der Familie der Cry-Proteine kodiert. Diese Proteine sind seit langem als Toxine bekannt, die spezifisch auf Frassschädlinge von Nutzpflanzen wirken. Deshalb wurden diese Toxine in der Landwirtschaft (auch im Biolandbau) grossflächig gesprüht. Bei gentechnisch veränderten Pflanzen werden diese Bt-Proteine in der Pflanze selbst produziert, wodurch sie eine deutliche Reduktion des Schädlingsbefalls erzielen. Die Toxizität dieser Proteingruppe ist beschränkt auf bestimmte Zielarthropoden (Käfer, Zweiflügler, Schmetterlinge). Für den Menschen und andere Säugetiere hingegen ist keine toxische Wirkung nachgewiesen.[3]
Hingegen wurde gezeigt, dass Bt produzierende Pflanzen einen indirekten positiven Effekt für die tierische und menschliche Gesundheit haben. Denn gleichzeitig mit dem Befall durch den Frassschädling tritt oft auch eine Kontamination mit bestimmten Pilzgiften (Mykotoxine) auf, die auf Tier und Mensch neurotoxische Wirkung haben. So wurden nach Exposition mit verunreinigten Futtermitteln Fälle schwerer Erkrankungen bei Tieren beschrieben.
Im Vergleich zu konventionellen Pflanzenprodukten zeigen Produkte von Bt produzierenden GVP eine deutlich geringere Mykotoxinbelastung, sind potenziell also weniger gesundheitsschädlich.
Antibiotikaresistenz
Bis heute konnte unter natürlichen Bedingungen keine Übertragung von Antibiotikaresistenzen von GVP auf Bakterien nachgewiesen werden.
Für die Herstellung von gentechnisch veränderten Zellen oder Organismen werden mit den tatsächlichen Zielgenen zusätzlich auch Markergene mit eingebracht – typischerweise sind dies Antibiotikaresistenzmarkergene (ARMG). Damit können jene Zellen und Organismen selektioniert werden, bei denen der Gentransfer erfolgreich verlaufen ist. Diese Selektion findet im Labor statt und diese ARMG oder alternative Markergene können anschliessend wieder entfernt werden. Während diese Vorgehensweise bei neuen GVP angewandt wird, sind die Antibiotikaresistenzgene in einigen bis heute kommerziell genutzten GVP aber noch immer vorhanden.
Resistenzgene kommen unabhängig von gentechnischen Methoden natürlicherweise in der Umwelt vor. Doch sie breiten sich zurzeit rapide aus. Der Grund dafür ist die übermässige oder falsche Anwendung von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin. Dennoch bleibt zu klären, ob der vermehrte Einsatz von Antibiotikaresistenzgenen als Markergenen (vor allem für Neomycin-, Kanamycin- und Streptomycin-Antibiotika, die in der Medizin ein schmales Indikationsspektrum haben) im Zusammenhang mit GVP via horizontalen Gentransfer zu einem Anstieg der Resistenzen führt. Wäre dies der Fall, würde das zu einem vermehrten Auftreten von resistenten Krankheitserregern führen und somit ein Gesundheitsrisiko vor allem bei schwerkranken Patienten darstellen.
Um die Möglichkeit eines solchen Gentransfers zu überprüfen, hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) eine Studie durchgeführt. Bis dato konnte die Übertragung von Antibiotikaresistenzen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf Bakterien unter natürlichen Bedingungen nicht nachgewiesen werden. Auch rein theoretisch ist ein Gentransfer kaum möglich, denn zwischen Pflanzen und Bakterien besteht keine genügend hohe Übereinstimmung der DNA-Sequenzen. Aufgrund der vorhandenen Datenlage beurteilt die EFSA das Risiko einer erhöhten Antibiotikaresistenz, verursacht durch GVP, daher als nicht relevant.[4]
Allergien
Die neuen GVP werden hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe so verändert, dass sie zum Beispiel für Nahrungsmittelallergiker eine verträglichere Alternative darstellen.
Die neuen GVP werden hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe so verändert, dass sie eine verträglichere Alternative zur herkömmlichen Sorte darstellen oder Konsumenten mit speziellen Bedürfnissen entgegenkommen, zum Beispiel Nahrungsmittelallergikern. Für sie können allergenarme gentechnisch veränderte Nahrungsmittel eine sinnvolle Ergänzung ihrer Ernährung sein; denn zurzeit gibt es keine kausale Immuntherapie für Nahrungsmittelallergien. Daher ist die Vermeidung des auslösenden Nahrungsmittels die gegenwärtig einzige Möglichkeit, dem Leiden zu begegnen.
Zu beachten ist, dass nur zwei Prozent aller bekannten Proteinfamilien Nahrungsmittelallergene enthalten (siehe Box).[5] Jedoch ist es möglich, die Produktion von allergenen Proteinen in einer Pflanze herunterzuregulieren oder ganz zu unterdrücken. Mithilfe der sogenannten dsRNAi-Technologie (siehe Kapitel 4.3) wurden die Hauptallergene im Apfel, in der Erdnuss, im Reis, in der Tomate und in der Sojabohne erfolgreich reduziert.
Erbsen und Bohnen sind verschieden
Ein spezielles Eiweiss, der Alpha-Amylase-Inhibitor (aAI), kann Pflanzen vor Schädlingsfrass schützen. Eine Forschergruppe in Australien hat das Gen für dieses Eiweiss aus der gemeinen Bohne (Phaseolus vulgaris) einer Erbse (Pisum sativum) eingesetzt.[6] Anschliessend wurde in einem Experiment mit Mäusen untersucht, ob der Verzehr des Proteins aus der gentechnisch veränderten Erbse pathogene oder immunogene Wirkungen hat – zu denken wäre allenfalls an Asthma oder Ähnliches. Zwar fand man eine erhöhte immunogene Wirkung, aber keine erhöhte Allergenität der transgenen aAI-Erbse. Die Ursache wurde kleinen chemischen Unterschieden, sogenannten Glykosylierungsmustern zugeschrieben, die zwischen den aAI-Proteinen von Erbse und Bohne bestehen. Jedoch hätte man auf das Mausexperiment auch verzichten können, wenn die Sicherheitsbewertung nach den gültigen Empfehlungen der EFSA und des Codex Alimentarius durchgeführt worden wäre. Hätte man vor der Verfütterung einen Vergleich der Aminosäurenseqenz des gentechnisch veränderten Proteins mit den bekannten Allergensequenzen durchgeführt, wäre sehr schnell die Ähnlichkeit des aAI mit einem bekannten Allergen aus der Erdnuss sichtbar geworden (41 Prozent Sequenzhomologie bei einem cut-off von 35 Prozent). Ebenso wurden keine Tests mit Patientenseren von Allergikern durchgeführt. Diese Mäusestudie wurde in Fachkreisen hinsichtlich der Resultate und der Interpretation der Daten sehr kontrovers diskutiert. Die Vermarktung dieser transgenen Erbsensorte wurde vorsichtshalber nicht weiter verfolgt. Jedoch konnte eine internationale Forschungsgruppe in einer 2011 veröffentlichten Folgestudie zeigen, dass die aAI-Proteine aus Bohne und Erbse vergleichbare immunogene und allergene Wirkungen haben.[7] Zwar wurden die beim Verfütterungsversuch mit Mäusen entdeckten chemischen Unterschiede der beiden Proteine bestätigt, aber sie waren vergleichbar mit der Variabilität von verschiedenen Bohnensorten. Fazit: Bei der gentechnisch veränderten Erbse sind keine gentechnikspezifischen Risiken zu erkennen. Dieses Beispiel zeigt erstens, wie die Anwendung international anerkannter Empfehlungen (Codex Alimentarius, EFSA) wichtige Informationen für die Risikobewertung liefern kann. Und zweitens, dass widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse sorgfältig und unabhängig nachgeprüft werden müssen, zum Beispiel hinsichtlich ihrer Reproduzierbarkeit und Übertragbarkeit. Publizierte Daten sollten mithilfe international anerkannter Empfehlungen bewertet und im Zweifelsfall einer umfangreicheren und vergleichenden Risikoprüfung nach Stand des Wissens unterzogen werden.
Zöliakie
Die Zöliakie oder Glutensensitive Enteropathie ist eine andere allergische Erkrankung, die etwa ein Prozent der Europäer betrifft und von bestimmten in Weizen und anderen Getreidearten vorhandenen Proteinen verursacht wird. Die Aufnahme der sogenannten Gliadinfraktion führt zu chronischen Darmentzündungen, die bei Kleinkindern zu Malabsorption und Entwicklungsverzögerungen führen. Heilung gibt es für die Zöliakie nicht, es bleibt lediglich die konsequente und lebenslange Vermeidung dieser Getreidearten und ihrer Produkte. Auch hier konnte bei Weizen mithilfe der dsRNAi- Technologie die Expression der Gliadine herunterreguliert werden. Da es sich aber um ein Nischenprodukt handelt, ist es fraglich, ob dieser Weizen je auf den Markt kommen wird.
Functional Food
Eine Sojabohne mit verbesserter Fettsäure-Zusammensetzung darf in den USA, Kanada und Mexiko angebaut werden und ist als Nahrungsmittel zugelassen.
Gentechnisch veränderte Pflanzen, die als sogenannte ‘Functional Foods’ entwickelt werden, sollen vermehrt bestimmte Inhaltsstoffe wie Vitamine oder Ballaststoffe produzieren, die als gesundheitsfördernd und krankheitsvermeidend angesehen werden. Eines der meistzitierten Beispiele hierfür ist der ‘Goldene Reis’, der von Ingo Potrykus und Mitarbeitern an der ETH Zürich entwickelt wurde. Dieser gentechnisch veränderte Reis produziert Provitamin A und soll den in weiten Teilen der asiatischen Bevölkerung vorherrschenden Vitamin-A-Mangel und die dadurch verursachten schweren Erkrankungen bekämpfen (siehe Kapitel 4, Meinung). Weitere Forschungsansätze zur Schaffung von ‘Functional Foods’ versuchen, bestimmte Stoffwechselvorgänge in Pflanzen zu verändern, um so Stoffe mit gesundheitsfördernder Wirkung herzustellen. Dazu gehören die Überexpression von Phytoöstrogenen, die Produktion von ungesättigten Fettsäuren und die modifizierte Stärkesynthese in Pflanzen. Derzeit werden diese Produkte, mit einer Ausnahme, noch nicht kommerziell genutzt. Sie müssen noch in weiterführenden Sicherheitsstudien evaluiert werden. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass durch die Änderung einzelner Stoffwechselwege keine gravierenden Änderungen bei anderen Stoffwechselvorgängen auftreten. Eine Sojabohnensorte mit verbesserter Fettsäure-Zusammensetzung darf seit 2010 in den USA, Kanada und Mexiko kommerziell angebaut werden und ist als Nahrungs- und Futtermittel zugelassen.
Pharmapflanzen
Pflanzen, Pflanzenzellkulturen oder Algen, welche aufgrund von gentechnischen Veränderungen medizinisch wirksame Proteine (z. B. Antikörper, Wachstumsfaktoren oder Impfstoffe) produzieren, sollen hier ebenfalls diskutiert werden, wenngleich sie einen anderen Bezug zur menschlichen Gesundheit haben als gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittelpflanzen.
Vor 22 Jahren wurde erstmals ein tierischer Antikörper in einer Tabakpflanze produziert.[8] Diese Art der Produktion bietet, verglichen mit der Produktion von Fremdproteinen in tierischen Zellkulturen, einerseits einen ökonomischen Vorteil, da Pflanzen oder Pflanzenzellen einfachere und weniger teure Wachstumsmedien beanspruchen und Sonnenlicht als Energiequelle nutzen können. Gleichzeitig fallen bei Pharmapflanzen gewisse Risiken weg: Sie sind nicht mit tierischen Viren kontaminiert, wie es tierische Zellkulturen sein können. Und sie können keine Krebsgene produzieren. Zudem sind in einigen Experimenten sehr hohe Konzentrationen des gewünschten Proteins erreicht worden.
Bis heute sind mittels gentechnischer Methoden eine ganze Reihe medizinisch wirksamer tierischer Proteine in Pharmapflanzen hergestellt worden, die in Bezug auf Proteinfaltung, Glykosylierung und andere Merkmale den Vorbildern aus tierischer Produktion entsprechen.[8] Einige dieser transgenen Produkte wurden auch in klinischen Versuchen getestet. Zugelassen wurden allerdings bisher nur wenige: ein Antikörper zur Kariesprophylaxe und einige Proteine, die für Forschung und Diagnostik verwendet werden (z. B. Laktoferrin aus Reis und Trypsin aus Mais). Am 1. Mai 2012 wurde ein Medikament gegen das Gaucher-Syndrom, einer seltenen Erbkrankheit, zugelassen. Ein Impfstoff gegen den Erreger einer ausserordentlich ansteckenden Krankheit bei Hühnern (das Newcastle- Disease-Virus) wurde zugelassen, ist aber noch nicht im Verkauf. Pharmapflanzen sind immer noch relativ neu und es könnte eine Weile dauern, bis sich solche Medikamente am Markt wirklich durchsetzen können. Auch im Rahmen des NFP 59 wurden zwei Ansätze für die Produktion medizinisch wirksamer Moleküle in pflanzlichen Zellen untersucht: Sogenannte transplastomische Tabakpflanzen, die Impfstoffe gegen das HI-Virus und das Hepatitis-C-Virus produzieren, und eine Grünalge, welche als Schluckimpfung bei Fischen eingesetzt werden kann. In beiden Fällen konnte das gewünschte Protein erzeugt werden, wenngleich noch in geringen Mengen. Im Falle der Schluckimpfung aus Grünalgen konnte gezeigt werden, dass die Forellen die gentechnisch veränderten Algen als Futter gut vertragen und keine negativen Effekte zu beobachten waren. Ein Impfschutz ist jedoch noch nicht erreicht worden (siehe Kapitel 1.3). Gesetzliche Regelungen für die Zulassung von Medikamenten aus Pharmapflanzen wurden in der EU im Jahr 2006 erlassen.1 In den USA existiert ein entsprechender Gesetzesentwurf, während es in der Schweiz noch keine spezifische Regelung gibt, was die Anmeldung eines derartigen Medikamentes erschwert.
Mögliche Risiken gentechnisch veränderter Nahrung
• Als mögliche Risiken gentechnisch veränderter Nahrung werden die Aufnahme von Fremd-DNA und deren Einbau in Säugerzellen diskutiert. Nachgewiesen ist, dass die DNA aus der Nahrung, sowohl arteigene als auch artfremde, durch die Verdauung zu kleinen Bruchstücken abgebaut wird. So wurden beispielsweise bei Fütterungsstudien mit Ziegen Fragmente des Bt-Gens sowohl im Blut als auch in der Milch der Tiere gefunden. Jedoch ist die Integration der DNA aus gentechnisch veränderten Pflanzen ins tierische Genom sehr unwahrscheinlich und experimentell nicht nachgewiesen.[1]
• In der gentechnisch veränderten Pflanze kann nicht nur das eingeführte Fremdgen, sondern auch die eigentliche gentechnische Modifikation unbeabsichtigte Nebeneffekte hervorrufen, was zu Risiken für die menschliche Gesundheit führen könnte. Weitere potenzielle Gefährdungen können durch veränderte Inhaltsstoffe eintreten, die durch stoffwechselbedingte Änderungen in der GVP entstehen.
• Spezielle Risiken gehen von im Freiland gezüchteten Pharmapflanzen aus, da sie Wirkstoffe produzieren, die auf Mensch und Tier wirken. Keinesfalls dürfen sie sich mit Pflanzen, welche für Lebensmittelzwecke angebaut werden, vermischen. Wenn Pharmapflanzen im Gewächshaus oder Pflanzenzellkulturen im Reaktor kultiviert werden, können diese Risiken vermieden werden.
RISIKOABSCHÄTZUNG
Eine transgene Pflanze muss so sicher sein wie die entsprechende, seit langem angebaute Kulturpflanze, deren Risiken für Umwelt, Mensch und Tier gut bekannt sind.
Gentechnisch veränderte Organismen werden – in der Schweiz und anderswo – nur zugelassen, wenn sie eine strenge Sicherheitsbewertung durchlaufen haben. Für die Risikoabschätzung haben der Codex Alimentarius, eine intergouvernementale Organisation, die auf internationaler Ebene Lebensmittelnormen harmonisiert und von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) finanziert wird und die EFSA (European Food Safety Authority) einen vergleichenden Ansatz festgelegt. Demzufolge sind erwartete und unerwartete Änderungen der GVP im Vergleich mit dem Wildtyp zu untersuchen. Gemäss diesem ‘Konzept der Familiarität’ muss die transgene Pflanze so sicher sein wie die entsprechende seit langem angebaute Kulturpflanze, deren Risiken für Umwelt, Mensch und Tier gut bekannt sind.
Die GVP sollte, mit Ausnahme des eingeführten Gens, in Bezug auf Inhaltsstoffe der konventionellen Kontrollpflanze entsprechen (Konzept der substantiellen Äquivalenz oder vergleichende Sicherheitsanalyse).[9][10]
Dabei darf auch der Aspekt der sogenannten ‘Novel Foods’ nicht ausser Betracht gelassen werden: Das bedeutet, dass die Erfahrung mit lange bekannten Kulturpflanzen wie Kartoffel oder Mais weitaus grösser ist als mit neu eingeführten Gemüse- und Obstarten wie zum Beispiel Wasserspinat oder Kiwi.
Das Schema der ebenfalls verlangten Umweltrisikoprüfung in der EU ist in Kapitel 1.1 vorgestellt und beinhaltet auch die Bewertung möglicher Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier. Hier sollen nur die Aspekte der menschlichen Gesundheit behandelt werden. Zusammenfassend kann eine gentechnisch veränderte Pflanze zugelassen werden,
• wenn die GVP so sicher ist wie die konventionelle Vergleichspflanze.
• wenn ausreichende und fundierte Daten vorliegen, damit die Sicherheit nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet werden kann.
Bei einem Antrag für die Bewilligung einer gentechnisch veränderten Pflanze muss der Antragsteller eine Reihe wissenschaftlicher Daten liefern. In Abbildung 3.1 ist der Anforderungskatalog schematisch zusammengefasst, der als Grundlage für die Sicherheitsanalyse bezüglich menschlicher Gesundheit und GVP dient.
Unerwartete Reaktionen von hochsensiblen Konsumenten könnten in einem ‘Post-market-Monitoring’ überwacht werden, ähnlich wie die Nebenwirkungen von Medikamenten.
Mithilfe wissenschaftlicher Methoden müssen die zur Zulassung angemeldeten Lebensmittel beispielsweise auf Allergenität und Toxizität untersucht und deren Nährstoffzusammensetzung mit jener der Kontrollpflanze verglichen werden. In den meisten Fällen werden auch Resultate von Fütterungsversuchen mitgeliefert.
In den letzten Jahren sind auch Technologien entwickelt worden, mit deren Hilfe beispielsweise die Gesamtheit der Proteine (Proteomics) oder der Stoffwechselprodukte (Metabolomics) erfasst wird und so GVP mit ihrem isogenen Gegenpart verglichen werden können.[11][12] Bevor diese Methoden angewendet werden dürfen, müssen sie standardisiert und international akzeptiert werden. Diese Methoden ergänzen die existierenden Analysemethoden, werden sie aber nicht ersetzen.
Während die oben genannten Methoden vor der Zulassung einer GVP zur Anwendung kommen, ist auch die Einführung eines sogenannten ‘Post-market- Monitoring-Programms’ denkbar. Es erfasst unerwünschte und unerwartete Reaktionen bei hochsensiblen Konsumenten. Die praktische Umsetzung und Machbarkeit dieser Methode ist jedoch im Detail noch nicht klar. Denkbar ist aber die Etablierung von zentralen Meldestellen, die ähnlich funktionieren wie Melderegister für Nebenwirkungen von Medikamenten. Vorab sind jedoch Methoden zur Rückverfolgbarkeit und Identifizierung des allergieauslösenden Nahrungsmittels zu entwickeln und valide Referenzmarker zu bestimmen.
In der Schweiz sind die Anforderungen für die Zulassung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in der Verordnung über gentechnisch veränderte Lebensmittel (SR 817.022.51) festgelegt. Der Fragekatalog ist gleichwertig mit denjenigen des Codex Alimentarius und der EFSA.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
1. In den letzten 20 Jahren wurde parallel zur Entwicklung der GVP der ersten Generation auch die Entwicklung der nationalen und internationalen Sicherheitsbewertung inklusive möglicher toxischer Risiken für Mensch und Tier durch GVP vorangetrieben. Bis zum derzeitigen Zeitpunkt sind keine gesundheitliche Schäden kommerziell genutzter GVP bekannt.
2. Für die GVP der zweiten und dritten Generation wird eine Vielzahl verschiedener Genprodukte eingesetzt. Hier gilt es, die geltende Sicherheitsbewertung (Konzept der Familiarität und Äquivalenz) anzupassen und eventuell, unter Einbezug der aktuellen analytischen State-of-the-Art-Methoden, zu erweitern, um das Genom/Transkriptom, das Proteom und das Metabolom zu evaluieren.
3. Kritisch zu hinterfragen ist, wie zeitgemäss und aussagekräftig die empfohlenen Tiermodelle für relevante Fragen nach möglicher Toxizität und Immunogenität sind und welche alternativen Testmethoden einzusetzen sind.
4. Für die Identifizierung von möglichen negativen Langzeiteffekten von GVP und deren Produkten wäre die Einführung von ‘Post-market-Monitoring’ zu empfehlen.
5. Neben der Nutzung von GVP als Nahrungs- und Futtermittel hat auch deren Einsatz für die Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen an Bedeutung gewonnen. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, die Sicherheitsauflagen von Pharmapflanzen entsprechend den Auflagen der guten Herstellungspraxis für die Gewinnung von Pharmazeutika anzupassen.
6. In der Schweiz ist die wissenschaftliche Expertise zum Thema ‘Pharmapflanzen’ vorhanden. Zu hinterfragen ist, inwieweit es sich die Schweiz als Wissens-, Innovations- und Produktionsplatz leisten kann, in diesem Bereich die internationale Entwicklung nicht mitzumachen. Ob diese Forschungsrichtung auch in Zukunft adäquate Ressourcen erhalten wird, hängt nicht zuletzt von der politischen Entscheidung ab.
Endnoten
1
Doc. Ref.: EMEA/CHMP/BWP/48316/2006
LITERATUR
[1]
Hoffmann-Sommergruber, K., Dorsch-Häsler, K. (2011) Medical issues related to GM-plants of relevance for Switzerland. NFP 59 Module 4 report.
[2]
Kouser, S., Qaim, M. (2011) Impact of Bt cotton on pesticide poisoning in smallholder agriculture: A panel data analysis. Ecol Econ 70(11), 2105-2113.
[3]
US Environmental Protection Agency (EPA)(2001, Oct 15) Biopesticides Registration Action Document (BRAD) – Bacillus thuringiensis Plant-Incorporated Protectants.
[4]
EFSA (2009) Consolidated presentation of the joint Scientific Opinion of the GMO and BIOHAZ Panels on the .Use of Antibiotic Resistance Genes as Marker Genes in Genetically Modified Plants. and the Scientific Opinion of the GMO Panel on .Consequences of the Opinion on the Use of Antibiotic Resistance Genes as Marker Genes in Genetically Modified Plants on Previous EFSA Assessments of Individual GM Plants. EFSA J 1108, 1-8.
[5]
Radauer, C., Bublin, M., Wagner, S., Mari, A., Breiteneder, H. (2008) Allergens are distributed into few protein families and possess a restricted number of biochemical functions. J Allergy Clin Immun 121(4), 847-52.e7.
[6]
Prescott, V.E., Campbell, P.M., Moore, A., Mattes, J., Rothenberg, M.E., Foster, P.S., Higgins, T.J., Hogan, S.P. (2005) Transgenic expression of bean alpha-amylase inhibitor expression in peas results in altered structure and immunogenicity. J Agr Food Chem 53, 9023-9030.
[7]
Campbell, P.M., Reiner, D., Moore, A.E., Lee, R.-Y., Epstein, M.M., Higgins, T.J.V. (2011) Comparison of the α-amylase inhibitor-1 from common bean (Phaseolus vulgaris) varieties and transgenic expression in other legumes−post-translational modifications and immunogenicity. J Agr Food Chem 59, 6047-6054.
[8]
Paul, M., Ma, J.K.C. (2011) Plant-made pharmaceuticals: Leading products and production platforms. Biotechnol Appl Bioc 58(1), 58-67.
[9]
Codex Alimentarius (2009) Foods derived from modern biotechnology. Codex Alimentarius Commission, Joint FAO/WHO Food Standards Programme, Second Edition (Rome).
[10]
EFSA (2011) EFSA Panel on Genetically Modified Organisms. Guidance for risk assessment of food and feed from genetically modified plants. Scientific opinion. EFSA J 9(5), 2150.
[11]
Shewry, P.R., Baudo, M., Lovegrove, A., Powers, S., Napier, J.A., Ward, J.L., Baker, J.M., Beale, M.H. (2007) Are GM and conventionally bred cereals really different? Trends Food Sci Tech 18, 201-9.
[12]
EFSA (2010) EFSA Panel on Genetically Modified Organisms. Scientific Opinion on the assessment of allergenicity of GM plants and microorganisms and derived food and feed. EFSA J 8(7), 1700.