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Volker Hesse, SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger behauptet in einer Anfrage an den Bundesrat, die «tanzenden Derwische» in ihrem Gotthard-Spektakel hätten nichts mit den «Schweizerischen Grundwerten» zu tun. Was sagen Sie dazu?
Ich verstehe, dass man beim Eröffnungs-Spektakel im Süden des Gotthards an die Tänze von Derwischen oder Sufis denken kann. Entstanden ist das nun diskutierte Videobild, wo sich eine Figur mit Helm und weissem Rock dreht, aber zunächst aus formalen Gründen: Die Inszenierung beginnt mit der Projektion eines Bohrrads. Das Element des drehenden Rades geht dann später in die Dämonentänze über. Die Drehbewegung soll an dieser Stelle der Inszenierung eine Ekstase, ein Ausser-Sich-Geraten, aufzeigen. Jedes Kind weiss, dass man durch rasches oder langes Drehen in einen anderen Zustand gerät, als wenn man stillsitzt. Wenn jemand dabei auch an Sufitänze denkt, ist das nicht falsch.
Die Assoziation zu Tänzen von Derwischen liegt also nicht fern, sondern wird bei der Inszenierung auch bewusst zugelassen?
Ja, in dem Sinne, dass es gewisse archaische Formen in der Musik und im Tanz gibt, wo sich verschiedene Kulturen berühren. Sowohl in afrikanischen und südamerikanischen Tänzen, als auch im Alpengebiet oder im arabischen Raum gibt es bestimmte urmenschliche, musikalische und körpergestalterische Äusserungsformen, die sich ähnlich sind.
Ich habe mir bei der Inszenierung irgendwann auch gedacht: Das sieht jetzt aus wie ein Sufitanz. Aber es schien mir fruchtbar, dieses Bild mit den Heuhaufen-Tänzen aus dem Alpenraum, die wir zitieren, zu verknüpfen.
Inwiefern lassen sich tanzende Derwische mit Traditionen aus dem Schweizer Alpenraum zusammendenken?
Eine Quelle für den Teil des Theaters, der sich mit Dämonen, Teufeln und Berggeistern befasst, ist stark geprägt von Fastnachtsbräuchen, die es in verschiedenen Teilen der Schweiz und des gesamten Alpenraums gibt.
Um sich in eine Ekstase zu versetzen, sind schneller werdende Drehungen darin elementare Bewegungen, wie auch bei den Tänzen von Derwischen. Sie merken doch hoffentlich, dass ich weit entfernt davon bin, damit eine politische Provokation zu gestalten. Die Bilder sind entstanden, weil ich etwas über die Ängste der Menschen vor den Gefahren der Berge erzählen wollte und die Tänze, die erfunden wurden, um sie zu verarbeiten.
Die Antwort des Bundesrates fällt etwas knapper aus: Es handle sich nicht um Derwische, sondern um «tanzende Heuhaufen». Eine Antwort in Ihrem Sinn?
Sie ist, was das Schauspiel betrifft, richtig. Wir haben nie einen Sufitanz für sich abbilden wollen. Der Schwerpunkt der Szene liegt auf alpenländischen Volkstänzen - aber wenn diese an kulturelle Mustern aus dem arabischen Raum verbindet, sehe ich darin kein Problem. Ich sehe darin nur Reichtum der menschlichen Natur.
Das Schreckliche und für mich Verstörende ist, dass Sylvia Flückiger diese Bilder als etwas zu Bekämpfendes betrachtet. Wo kommen wir denn hin, wenn jede arabische Assoziation verteufelt wird? Unsere Kultur beruht elementar auf Erfindungen aus dem arabischen Raum. Oder dürfen wir bald keine arabischen Zahlen mehr verwenden? Ich finde es unerhört, dass sich daran eine gewisse Fremdenfeindlichkeit sofort wieder entfacht.
Anm. der Red.: Sylvia Flückiger war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Volker Hesses Theaterspektakel
«Ich möchte bei der Eröffnung zeigen, dass der Fortschritt auch eine erschreckende Seite hat», so Volker Hesse über sein Gotthard-Spektakel. Der deutsche Theaterregisseur und ehemalige Leiter des Zürcher Theaters am Neumarkt erhielt für seine monumentalen Produktionen 2010 den Hans Reinhart-Ring, die höchste Schweizer Theater-Auszeichnung.