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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.
15. Daß Jenes, was durch seine Natur gut ist, nicht wegen Dessen geübt werden dürfe, was in der Mitte liegt, sondern vielmehr umgekehrt das Mittlere unternommen werden muß zur Erlangung des Urguten.
Denn die Barmherzigkeit, die Geduld, die Liebe oder die Gebote der obengenannten Tugenden, in welchen aller- [S. 300] dings ein Urgutes ist, sind nicht wegen des Fastens zu bewahren, sondern vielmehr das Fasten um ihretwillen. Denn man muß sich Mühe geben, daß jene Tugenden, welche wahrhaft gut sind, durch Fasten erworben werden, nicht daß die Übung jener Tugenden zum Fasten, als ihrem Ziele, strebe. Dazu also ist die Peinigung des Leibes nützlich und dazu muß das Mittel des Hungers angewendet werden, daß wir durch Dasselbe zur Liebe kommen können, in welcher unbeweglich und ohne jede Zeitausnahme das ewige Gut liegt. Denn weder in der Arzneikunde noch in der Goldschmiedung noch in irgend einer andern Kunst, die es auf dieser Welt gibt, wird die Fertigkeit wegen der Instrumente, die zum Arbeiten gehören, ausgeübt; sondern vielmehr werden die Werkzeuge wegen Ausübung der Kunst hergerichtet, und wie diese den Geübten nützlich sind, so sind sie für Jene, welche die Gesetze der Kunst nicht kennen, überflüssig. Und wie sie denen sehr nützlich sind, welche sich zur Herstellung ihrer Werke auf den Dienst derselben verlassen, so können sie denen, welche nicht wissen, wozu sie hergerichtet sind, und die sich nur mit ihrem Besitze begnügen, durchaus nicht nützen, weil sie den Hauptnutzen derselben nur in ihre Aufbewahrung setzen und nicht in die Verfertigung irgend eines Werkes. Das also ist das ursprünglich Beste, um dessen willen jene Mitteldinge da sind; das höchste Gute aber wird nicht wegen einer andern Ursache, sondern nur um seiner eigenen Güte willen gethan.