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Autor L.G. - Die ersten Lebensjahre und der Ausbruch des 1. Weltkrieges
Es war im Jahr 1932, da wurde ich als erste Tochter in eine glückliche Familie geboren. Mein Vater war Baumeister und meine Mutter Verkäuferin.
Vater ging mal in den Laden, wo meine Mutter arbeitete, und kaufte dort ein Halstuch. Von da an verbrachte er fast jeden Sonntag in Oberschan (1), wo wir wohnten.
In meiner Familie gab es fünf heiratsfähige Töchter. Eine davon war meine Mutter. Wenn Vater mal nicht wusste was sagen, habe er an der Kommode in der Stube immer die „Knöpfe“ gezählt.
Oberschan bedeutete mir in meiner Kindheit sehr viel. Niemand hat so gutes Eierbrot gebacken als die Schaner-Oma. Meine Gotte Babeli hat mich immer sehr verwöhnt. Sie war Schneiderin und schneiderte die schönsten Sachen. Bei einem Besuch mussten jeweils sämtliche Schnittmuster versteckt werden.
Als Vater in die Lehre kam, wurde er das erste Mal auf den christlichen Glauben angesprochen. Es bedeutete ihm nicht viel. Wichtiger waren für ihn die Ausbildung, der Beruf und das Theater. Er erzählte: „Als gesuchter Laientheaterspieler kam ich auf Berufsbühnen und später zu einem Schweizer Film. Meine liebe Frau war viel allein, denn Abend für Abend war bei mir etwas los. Als ich eines Tages im Spital lag, sagten mir die Ärzte, dass sie für mich nichts mehr tun könnten. Da sagte ein Pfleger, dass zwar die Menschen mir nicht mehr helfen könnten, aber Gott schon. Ich schrie zu Gott und durfte einen blauen Streifen am Himmel über meinem Leben aufleuchten sehen.“ Vater war ein interessanter Man. Uns wurde es nie langweilig. Wir hörten oft, wie er vom Theater schwärmte. Damals gab es kein Radio, kein Fernsehen und auch der Kassettenrecorder war erst später erfunden worden.
Im Jahr 1937 kam mein Bruder zur Welt. Es freute mich. Ich fragte, wie lange es gehen würde, bis er auf ein Velo sitzen könne. Mein Bruder war ein Sonnenschwein. Auf dem Birnbaum vor dem Haus sangen wir zusammen. Nach der Sonntagsschule fragten uns die Leute auf dem Heimweg etwas vorzusingen und gaben uns einen Zwanziger. Das war damals schon etwas.
Im Jahr 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Für uns gab es einige Veränderungen. Geographisch wohnten wir im Festungsgebiet und waren somit in besonderer Gefahr im Fall eines Angriffs. Nach der grossen Krise in den 30er-Jahren bekam Vater wieder Arbeit. Es galt die Festung auszubauen. Da im Konkurrenz-Baugeschäft „Deutsche“ an der Spitze waren, durften diese nicht in die Festung hineingehen. Dann kam die „Anbauschlacht“ (2), wie man es nannte. Kartoffeln, Mais und Weizen wurden gepflanzt, natürlich von Hand. Man setzte sich ein, denn es war ja für das Vaterland. Für uns gab es oft schulfrei, da unsere Schulzimmer vom Militär belegt waren.
Im Jahr 1942 war es einmal sehr kritisch. In Erinnerung blieb mir eine Nacht, in der wir in den Skikleidern übernachtet hatten, mitten im Gepäck, um für eine eventuelle Evakuierung bereit zu sein.
In dieser Zeit kam immer mehr das Radio auf den Markt. Vater hatte sich sofort eines gekauft, um am Abend die Nachrichten zu hören. Die ganze Nacht durch konnte man die nationalistischen Propagandarufe hören. Mein Zimmer war nebenan und der Lichtschalter gerade neben dem Radio. Während der Nacht musste ich aufs WC und habe versehentlich das Radio eingeschaltet. Und da tönte es in voller Lautstärke. Vater schreckte auf und rief: „Jetzt kommt dieser Gauner auch noch zu uns rüber.“
(1) Oberschan liegt auf 668 Meter über Meereshöhe und ist der höchst gelegene Ort in der politischen Gemeinde Wartau, die südlichste Gemeinde der Region Werdenberg im Kanton St. Gallen. Über die Bergstrasse ist Oberschan von zwei Seiten erreichbar. Oberschan liegt unterhalb der Alpengipfel Alvier und Gauschla.
(2) Die „Anbauschlacht“ war ein Programm zur Förderung des innerschweizerischen Lebensmittelanbaus seit 1940. Vor dem 2. Weltkrieg importierte die Schweiz rund die Hälfte ihrer Nahrungsmittel aus dem Ausland. Um eine Lebensmittelknappheit abzuwenden, verfügte der damalige Landwirtschaftsspezialist und spätere Bundesrat Friedrich T. Wahlen eine Anbaupflicht.
Episode 15 - L.G. Die ersten Lebensjahre und der Ausbruch des 1. Weltkrieges