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Carole Collaud in Bolivien
Carole Collaud vertritt die Schule während der Abwesenheit von Andreas Kolb.
Auf Wunsch der CGG kehrte ich Ende 2003 nach Riberalta im Norden von Bolivien zurück, um den Schuldirektor Andreas Kolb (gehörlos) zu ersetzen. Er fuhr mit seiner Familie über die Feiertage für sechs Wochen in wohl verdiente Ferien im Süden des Landes. Es sind tatsächlich schon drei volle Jahre, dass Andreas und seine Familie keine Ferien mehr nehmen konnten!
Ich zögerte keine Sekunde, das kurzfristige Angebot der CGG anzunehmen, denn ich reise immer mit grosser Begeisterung nach Südamerika, um dort mit den Gehörlosen zu arbeiten!
Rückblick
Während meines ersten Aufenthaltes im Jahr 2002 hatte ich Bolivien schon kennen gelernt mit seinen so netten Einwohnern, seiner reichen Kultur, aber auch mit seinen riesigen wirtschaftlichen Problemen. Bolivien ist wirklich schlecht dran. Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption (= Schmiergelder zahlen), eine Ölkrise, eine sehr schwierige Politik, das hilft nicht weiter. Letzten Oktober haben die Bolivianer nach blutigen Strassenschlachten ihren Präsidenten ‹Goni› (Gonzalo Sanchez de Lozada) kurzerhand aus dem Land verjagt.
In dieser schwierigen Situation schenkten Andreas und seine Familie mir grosses Vertrauen und überliessen mir folgendes:
- 1. Ihr Haus mit dem Innenhof zu bewachen
- 2. Die Schlüssel zur Schule
- 3. Einige Projekte zum Verwirklichen! Nichts weniger! Da würde ich mich bestimmt nicht langweilen!
Carole, bereit zur Arbeit
Regenzeit!
Ich kam zu einer eher schlechten Zeit nach Bolivien: von November bis Februar ist die grosse Regenzeit im Amazonas-Gebiet! Das bedeutet: die Naturstrassen aus roter Erde verwandeln sich in breite Flüsse, an Abhängen sogar in reissende Sturzbäche. Ihr hättet mich sehen sollen nach einem Sturz mit dem Motorrad in den Dreck. Man konnte mich nicht mehr erkennen! Fast alles ist gelähmt, die Leute bleiben zu Hause. In dieser Zeit ist kein Schulunterricht, da sind praktisch Zwangs-Ferien.
Vier Jugendliche trotz Unwetter in der Schule
Gemäss Direktor Andreas Kolb benötigten einige Schüler unbedingt Vorbereitung vor Beginn des neuen Schuljahres 2004. Das sind Kinder mit grossem Rückstand, die unbedingt Spezialhilfe brauchen, damit sie in ihrer Klasse weiterfahren können. Die wichtigsten Fächer, die ich ihnen unterrichten sollte, waren Mathematik und castellano (Spanisch).
Trotz des launischen Wetters waren vier Schüler bereit, jeden Vormittag von 9 bis 12 Uhr zur Schule zu kommen. So stand ich also vor vier Schülern im Alter vom 9 bis 18 Jahren. Alle vier hatten ein sehr unterschiedliches Niveau. Während meiner ersten Nächte träumte ich wach davon, wie ich morgen den Unterricht gestalten sollte. Denn ich musste sofort, schon zwei Tage nach meiner Ankunft, beginnen!
Carole und Kety
Am Anfang waren sie sehr unselbstständig. Wenn ich ihnen eine Übung gab, die sie nicht verstanden, blieben sie ganz einfach hocken und guckten in die Luft. Mit der Zeit lernten sie aber Verantwortung zu tragen. Es war von Anfang an klar, dass ich nicht allen das selbe Programm geben konnte. Ich musste vielmehr jeden separat betreuen. Langsam lernten sie auch, einander zu helfen. Am Schluss zeigten sie eine schöne Motivation, vor allem wenn man denkt, wie mühsam der Schulweg während der Regenzeit ist. Sie waren pünktlich und fehlten nur ganz wenig in der Schule.
Weihnachtsfeier in Riberalta
Pflegefamilie
Im Januar 2002 hatte Andreas Kolb eine Pflegefamilie zu suchen begonnen. Diese Familie sollte gehörlose Kinder aufnehmen, die zu Hause schlecht behandelt wurden, sehr arm waren oder zu weit weg wohnten und deshalb nicht jeden Tag zur Schule kommen und nach Hause fahren konnten.
Schliesslich entschlossen sich Jose und Berta Mamio mit ihren drei eigenen Kindern, diesen Versuch ab Februar 2004 zu wagen. Sie werden dafür sorgen, dass die aufgenommenen gehörlosen Kinder eine gute Erziehung, ein stabiles und positiv eingestelltes Zuhause bekommen, damit sie sich unter bestmöglichen Bedingungen entwickeln können.
José und Berta sind wirklich sehr nette und grosszügige Bolivianer. Sie empfangen jeden mit einem Lächeln bei sich, mit offenen Armen und mit Fruchtsaft und selbst gemachten Bananen-Chips (mmh...!).
José kümmert sich mehr um den Unterhalt des Grundstücks, Berta um Haushalt und Küche. Die ganze Familie freut sich sehr, bald neue Kinder aufzunehmen.
Das Haus der Pflegefamilie
Im Moment war da Haus in vollem Umbau und Vergrösserung. So wurde ich fast automatisch zum Baumeister...
Carole packte überall zu und leistete grossartige, wenn auch nicht immer ungefährliche Arbeit...
Wir schwitzten jeden Tag bei 35 Grad und mehr, um die Mauern und den Fussboden zu erneuern und das ganze Innere zu reinigen!
Zuletzt wird es im Erdgeschoss vier Zimmer für die gehörlosen Pflegekinder, eine grosse Küche und ein Badezimmer haben. Jose, Berta und ihre drei Kinder werden im 1. Stock wohnen. Das Haus ist wirklich ein sehr schöner Ort. Der Eingang ist mit Blumen aller Farben verziert. Es hat eine grosse Veranda mit rundem Dach aus Bananenstauden, eine schöne Grünfläche, einen grossen Garten mit einem riesigen Bambus, Palmen und exotischen Fruchtbäumen wie Papaya, Mango, Tamarinen (nochmals mmh...!).
Das Haus der Pflegefamilie wird renoviert
Kommunikation
José gehört seit einem Jahr zur Gruppe der Dolmetscher von Riberalta. Er kann sich recht gut in ‹totaler Kommunikation› verständigen. Berta und die Kinder lernen gerade die LSB (lenguaje de señas de Bolivia, bolivianische Gebärdensprache). Zwei Gehörlose unterrichten sie. Sie treffen sich eine Stunde pro Tag. Mutter und Kinder sind sehr motivier und machen recht gute Fortschritte. Barbara erzählte: «Die zwei Gehörlosen, die uns unterrichten, verlangen sehr viel von uns. Sie dulden keine ungenauen Gebärden. Aber es ist sehr lustig, mit ihnen zu arbeiten. Sie drücken sich sehr gut aus, und wenn man einmal nicht sofort versteht, schneiden sie alle möglichen Grimassen, um zu erklären.»
LSB - bolivianische Gebärdensprache
Bolivien ist in einer schwierigen Zeit. Bis heute kommunizieren die Hörenden an vielen Orten noch mit der ‹totalen Kommunikation› mit Gehörlosen (d.h. man benützt alles, was man gerade kann. Grimassen, natürliche Gesten, Sprechen, Schreiben usw.). Das behindert die Kommunikation stark (weil jeder Hörende seine eigene Methode, seinen eigenen Stil ausprobiert statt die LSB mit fester Grammatik und Gebärden zu benützen). So ist es auch schwierig, gehörlose Kinder auf angepasste Art zu unterrichten.
Dank des CILS (Gebärdensprach-Lehrer), welches 1998 gegründet worden ist, gibt es heute im ganzen Land Gebärdensprachkurse, um die Hörenden und vor allem die Gehörlosenschulen für eine bilinguale Erziehung (Gebärden und Spanisch) zu sensibilisieren.
Dolmetscher
Es gibt immer noch keine Berufsdolmetscher im Land. Aber dank der LSB-Kurse, welche das CILS anbietet, gibt es mehrere Projektgruppen mit Leuten, welche als Dolmetscher für Gehörlose arbeiten wollen.
Noch heute benützen viele Dolmetscher die ‹totale Kommunikation›. Die Gehörlosen haben davon genug und probieren den Dolmetscher zu wechseln, um in der viel klareren LSB kommunizieren zu können. Das ist nicht so einfach! Es braucht Zeit, es ist für die Leute hier ganz neu. Die Hörenden haben noch viel Mühe zu verstehen, was Bilingualismus und Bikulturalismus bedeutet.
Die Gruppe der Dolmetscher-Kandidaten in Riberalta schlug mir vor, ihnen ein wenig zu helfen und sie sechs Wochen lang zu begleiten. Wir haben intensiv miteinander gearbeitet, drei Tage pro Woche. Ich gab ihnen praktische Übungen, aber auch Theorie z. B. über das Berufsgeheimnis, die Berufsethik und Berufsverantwortung. Ein junger Gehörloser von 19 Jahren begleitete mich, damit meine Erklärungen besser waren, wenn von Spanisch auf LSB gewechselt wurde.
Wünsche und Dank
Die Wünsche von Andreas Kolb nach der Rückkehr aus den Ferien.
Natürlich soll der Unterricht an seiner Schule für alle angepasst und besser werden!
Eine bessere Kommunikation mit den Gehörlosen der Stadt.
Und ein Traum: TV-Nachrichten in LSB.
Andreas Kolb möchte Carlos Michaud herzlich danken für seine Grosszügigkeit, mit welcher er die Bibliothek hat ausbauen können.
Andreas Kolb
Marcelo Quiroga
Nun noch zu Marcelo Quiroga. Carole Collaud hat auch ihn besucht. Wir haben ihn in der Gemeinschaft 3/2003 Carole Collaud 2. Teil bereits vorgestellt.
Marcelo Quiroga, Gehörlosenlehrer in der Nähe von Cochabamba, war durch Eure Gaben sehr berührt, ebenso durch die Unterstützung von Carlos Michaud. Mit all diesen Unterstützungen konnte er Schulmaterial, Pulte, Stühle, Bücher und didaktische Handbücher anschaffen.
Marcelo und seine Schüler
Er bekommt dauernd neue Schulkinder und macht sich Sorgen über sein wachsendes Budget. Denn vor Ort bekommt er keinerlei Hilfe. Mit andern Worten, Eure Spenden sind immer noch sehr willkommen.
Man kann für Marcelo wie folgt spenden:
PC-Konto von Carole Collaud, 17-104830-9, dort ‹Marcelo Bolivien› draufschreiben.
Carole Collaud
(Originaltext französisch, übersetzt von DH)