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Jedes Kind mit einer Behinderung oder Lernstörung hat in der Schweiz grundsätzlich Anspruch auf Unterricht in einer Regelschule. Auch die 13-jährige Sophie. Wie gelingt Inklusion? Und warum profitieren alle vom gemeinsamen Unterricht?
Wenn Sophie in die Schule kommt, kümmern sich gleich mehrere Betreuungspersonen um sie. Da ist natürlich die Lehrperson, der sie Fragen stellen kann. Zusätzlich sitzt aber meist auch ein Heilpädagoge oder eine Heilpädagogin neben Sophie. Er oder sie erinnert sie daran, bei der Sache zu bleiben, oder erklärt ihr Sachen noch einmal, die sie nicht verstanden hat (siehe in der Reportage «Ich will dranbleiben»
).
Diese spezielle Betreuung steht Sophie zu. Sie hat einen ausgewiesenen «besonderen Bildungsbedarf».
Weil Sophie ein Downsyndrom hat, fällt es ihr schwerer als den meisten anderen Schülerinnen und Schülern, Inhalte zu verstehen und sich über längere Zeit zu konzentrieren.
In integrativen Schulklassen werden Schüler mit bestimmten «funktionellen Störungen» gemeinsam mit normalbegabten Regelschülern unterrichtet. Das sind beispielsweise Kinder mit einer Behinderung, mit einer Lernschwäche, einem niedrigen IQ, mit Autismus, ADHS oder einer Verhaltensstörung. Bis vor einigen Jahren wurden diese Schüler in der Schweiz vor allem in Sonderschulen oder in speziellen Kleinklassen in der Regelschule unterrichtet.
Gemeinsam Lernen mit unterschiedlichen Lernzielen
Während Sonderschulen weiterbestehen, sind die Kleinklassen inzwischen in fast allen Kantonen abgeschafft worden. Das ist ein Schritt weg vom separierten hin zu einem integrierten Schulmodell. Ein Grund dafür sind die rechtlichen Bestimmungen in der Schweiz. Zwar können Eltern noch keinen Platz in einer Regelschule einklagen, aber mehrere Gesetzestexte belegen, dass der Integration, wann immer möglich, Vorrang zu geben ist. Seit 2004 sind die Kantone durch das Behindertengleichstellungsgesetz verpflichtet, die Integration von Schülern mit «besonderem Bildungsbedarf» zu fördern.
Auch die Volksschulgesetze der Kantone, die jeweils vom Stimmvolk verabschiedet wurden, sehen Integration vor. Im vergangenen Mai ratifizierte die Schweiz als 144. von 193 UNO-Staaten die Behindertenrechtskonvention. Diese besagt, dass Behinderte einen gleichberechtigten Zugang zu einem inklusiven hochwertigen Schulsystem haben müssen. Das Lernen soll gemeinsam erfolgen, wenn auch zum Teil mit unterschiedlichen Lernzielen.
Wie gut die UN-Konvention bisher umgesetzt wurde, soll dieses Jahr untersucht werden. «Die Beweislast hat sich umgekehrt», fasst Professor Peter Lienhard von der Interkantonalen Hochschule fur Heilpädagogik Zürich die Lage in der Schweiz zusammen. «Haben früher die Eltern nachweisen müssen, dass ihr Kind für den Unterricht in einer Regelschule in Frage kommt, so muss heute die Schule nachweisen, dass dies nicht möglich ist.»
Die Vielfalt als Stärke
Hinter der UN-Konvention steht die Ideologie der Inklusion: Demnach sollen nicht mehr die Kinder dahingehend geprüft werden, ob sie für das normierte Schulsystem geeignet sind, sondern es sind die Schulen, die sich auf die Vielfalt der Kinder einstellen müssen.
Inklusion sieht alle Schüler als Wesen mit eigenen Lernbedürfnissen und Stärken an. Der Schüler mit Einschränkung sticht nicht mehr heraus, er hat lediglich ein anderes Stärkenprofil. Inklusion geht damit einen ganzen Schritt weiter als Integration. Bei der Integration ist noch klar festgelegt – meist durch die Diagnose einer Funktionsstörung –, wer die Norm ist und wer der zu Integrierende. Für die Inklusion ist also ein anderes Denken nötig, das Vielfalt als Stärke, nicht als Problem ansieht.
Inklusion heisst: Nicht das Kind
muss sich der Schule anpassen,
sondern die Schule den
Bedürfnissen der Kinder.
Nur ändert sich ein Schulsystem, ja eine ganze Gesellschaft nicht von heute auf morgen. Daher wird in der Schweizer Schulpraxis heutzutage hauptsächlich die Integration geübt – sozusagen als Vorstufe für die Inklusion. Das heisst, Kinder mit einer bestimmten Diagnose vom schulpsychologischen Dienst erhalten Massnahmen, die ihren Nachteil ausgleichen sollen. Zum Beispiel technische Hilfsmittel, Förderstunden, leichtere Aufgabenstellungen, die Möglichkeit, eine Prüfung mündlich abzulegen, oder eben die Unterstützung durch einen Heil- oder Sonderpädagogen. In den meisten Kantonen haben alle Klassen Anspruch auf einen Grundstock an heilpädagogischer Betreuung – und dieser wird grösser, je mehr Integrationskinder die jeweilige Klasse besuchen.
Integration in der Schule heisst: Weg vom Stigma Kleinklasse
Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass die Lernfortschritte bei den lern- und leistungsschwachen Kindern in integrativen Klassen grösser sind als in separativen Settings. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum es heute in den meisten Kantonen keine Kleinklassen mehr gibt. Es hat auch mit dem mit ihnen verbundenen Stigma zu tun.
Urs Haeberlin, ehemaliger Direktor des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg und Leiter vieler Integrations-Forschungsprojekte, hat beobachtet, dass in den Kleinklassen seit 1990 immer weniger Schweizer Kinder geschult wurden. Sie wurden vielerorts zum Auffangbecken für Kinder aus bildungsfernen Migrantenhaushalten sowie Schüler mit Verhaltensproblemen und Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Daraus entstanden auch die Probleme, mit denen viele Kinder nach dem Schulabschluss zu kämpfen hatten.
Eine Schweizer Längsschnittstudie aus dem Jahr 2011 zeigte: Viele schwache Schüler besuchen nach dem Schulabschluss Brückenangebote. Im zweiten und im dritten Jahr nach dem Abschluss finden allerdings viel mehr schwache Schüler aus integrativen Regelklassen einen Zugang zu einer Ausbildung. Die Schüler aus den Kleinklassen bleiben hingegen häufiger auf der Strecke – ihr Ruf in den Ausbildungsbetrieben ist schlecht.