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Ist etwas Geschichte zur Thematik fällig?
Edmund Stadler schreibt im Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur von 1967 von einer "mehr oder weniger bewegten (Schultheater-) Geschichte von über tausend Jahren", und nennt als erstes, europäisches (!) Dokument "mimischen Schulbrauchtums" ein Dokument aus dem Kloster St. Gallen, das "Triduum" mit dem Auftritt des "Abbas scholasticus", dem Schülerabt und seinen zwei Schülerkaplänen. Für die Zentralschweiz erwähnt er das älteste Heiligenspiel der Schweiz aus dem 12. Jahrhundert, ein lateinisches Schülerlegendenspiel über den Heiligen Nikolaus von Myra, den Schutzpatron der Schüler, welches für das Schultheater der Benediktiner in Einsiedeln bestimmt war. Religiöse Themen waren also bestimmend. Die früheste Quelle für eine szenische Aufführung der Engelberger Studentenbühne ist das 1372 entstandene "Jüngere Engelberger Osterspiel". Interessanterweise waren es dann vor allem die reformierten Kantone, die zur Zeit des europäischen Humanismus für "eine erste Hochblüte" des Schultheaters sorgten; die katholischen folgten im Zuge der Gegenreformation und setzten dafür mit dem sogenannten "Jesuitentheater" starke Akzente. Mit der Errichtung ihres ersten Kollegiums in Luzern um 1579 begann sogleich die jesuitische Schultheater-Tradition. "Ohne Theater friert die Poesie" war ihre Devise, und so sorgten sie über 200 Jahre hinweg mit "alljährlichen, lateinischen Dramen moralpädagogischer und gegenreformatorischer Richtung" für eine Hochblüte des barocken Schultheaters. Natürlich waren diese Aufführungen für "höhere Kreise" bestimmt und waren laut Stadler "ein Ersatz für das in der Schweiz fehlende barocke Hoftheater". Dominierend waren Heiligenspiele, Bibel- und Ordensspiele, christliche und heidnische Heldenspiele. Kurz vor der Auflösung des Ordens (1773) ging man auch zu deutschsprachigen Aufführungen über. Mit den Jesuiten wetteiferten die Benediktiner in Einsiedeln, Schwyz und Engelberg. Die Aufklärung ihrerseits sorgte für schweizerisch-nationale Themen. In Stans beispielsweise, liessen die Kapuziner ihre Schüler 1780 ein Stück mit dem Titel "Die wegen der burgundischen Beute entzweite, durch Einraten des vielseitigen Bruder Nicolaus von Flüe vereinbarten Eidgenossen" von P. Venantius von Matt aufführen. Und in Luzern begründeten "die ehemaligen Patres Josef Ignaz Zimmermann und Franz Regis Krauer ein national-schweizerisches Schultheater". Während die Schulen in den reformierten Kantonen vielerorts bereits im 17. Jahrhundert ihre Theaterarbeit wieder einstellen mussten – entsprechende Sittengesetze sorgten dafür –, führten die katholischen Kollegibühnen in Altdorf, Einsiedeln, Immensee, Sarnen, Schwyz, Stans und Engelberg ihre Spieltradition bis heute weiter. In welchen Formen und Ausprägungen sich dieses "Schultheater" über Jahrhunderte präsentiert hat, ist heute kaum nachvollziehbar. Aber im Sinne einer "Biblia pauperum", also einer "Armenbibel", dürfte es dafür gesorgt haben, Stoffe und Geschichten anschaulich zu vermitteln, respektive sich anzueignen.
Es ist zu hoffen, dass die Zusammenarbeit zwischen dem "Magister ludi" und der (männlichen!) Schülerschaft schon damals lust- und humorvoll war und für magische Momente sorgte, wie ich sie eingangs erwähnte, und wie sie sich heute noch zeigen, wenn beispielsweise Kinder und Jugendliche, die im Alltag unter Stress anfangen zu stottern, auf der Bühne, vor Publikum frank und frei sprechen und agieren.
Und heute?
Heute ist es eigentlich so, dass – wie in Engelberg - jedes Zentralschweizer Gymnasium im Rahmen eines Wahl- oder Freifaches ein jährliches Theaterangebot anbietet. Es findet sich also eine Gruppe Theaterbegeisterter aus verschiedenen Klassen und Jahrgängen zusammen, die gemeinsam ein Stück auf die Bühne bringen will. Das Theater am Gymnasium orientiert sich am professionellen Theater und geht meistens von Texten und Stücken der grossen Theaterliteratur aus. Da gibt es dann mehr oder weniger klassische Inszenierungen, im besten Fall aber reibt man sich am Text und bringt ihn jugendtauglich auf die Bühne.
Meistens geht es nicht ohne zusätzliche Abend- und Wochenendproben, in denen dann doch ruhiger und konzentrierter gearbeitet werden kann, als in den Randstunden, nach einem anstrengenden Schultag. Da die begeisterten Schülerinnen und Schüler ja aber freiwillig dabei sind, ist das oft kein Problem. Und ja, weil Theaterspielen eben Spass macht
Franziska Bachmann Pfister
Leiterin des Freifachs Theater an der Stiftsschule Engelberg
Literaturhinweise: Mein Beitrag zum Thema "Schultheater" im Buch "Bühnenlandschaften – Theater in der Zentralschweiz", Luzern, 2015 und das Buch von Vera Paulus, "Oper in der Klosterschule – Musik und Theater im Kloster Engelberg", Zürich, 2010