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Zuletzt hatte Giulia Steingruber der Oberschenkel zu schaffen gemacht. Der kurz vor der EM in Basel erlittene Muskelfaserriss störte auch die Olympia-Vorbereitung der Sprung-Europameisterin beträchtlich. Zwei Tage vor der Qualifikation gab die 27-Jährige aber Entwarnung. «Ich weiss, dass ich fit bin. Der Oberschenkel hält, ich kann mich auf meinen Körper verlassen.»
Das Abschlusstraining verlief gut, die zwei Sprünge - der Tschussowitina und der Jurtschenko mit einer Doppelschraube - sitzen, am Boden testete sie ihre schwierigere Übung. Ob sie diese abschwächen wird, um sauberer turnen zu können, wird sie kurzfristig entscheiden. Als Herausforderung stellen sich die Landungen dar. «Die Unterlage ist sehr hart. Man hat das Gefühl, man lande auf Beton.»
Viele Tiefschläge
Die Oberschenkelverletzung steht sinnbildlich für Steingrubers Weg nach Tokio. Kaum eine andere Athletin hatte im Olympia-Zyklus einen ähnlich beschwerlichen Parcours zu gehen wie die 27-Jährige aus dem sankt-gallischen Gossau. Eine Fussverletzung, herrührend von einem Sturz im Boden-Final in Rio, machte eine Operation unumgänglich. Die Rehabilitation fiel zusammen mit der Trauer um ihre seit der Geburt schwer behinderte ältere Schwester Desirée, die im Februar 2017 verstarb.
Steingruber kämpfte sich ein erstes Mal zurück, gewann im Herbst 2017 in Montreal überraschend WM-Bronze am Sprung und schloss in der Olympiastadt von 1976 die letzte Lücke in ihrem Palmarès, ehe im Sommer 2018 der nächste Schock folgte. An einem Testwettkampf im Hinblick auf die EM riss in Saint-Etienne das vordere Kreuzband im linken Knie. Zwei Jahre nach dem Erfolg in Rio lag Steingruber am Boden.
Als der erste Schock verdaut war, kehrte Steingruber nach Magglingen zurück. So wollte die inzwischen sechsfache Europameisterin ihre Karriere nicht beenden. Nach einem Jahr Reha schaffte Steingruber an den Weltmeisterschaften in Stuttgart wieder den Anschluss an die erweiterte Weltspitze, sie sicherte sich das Ticket für Tokio - ehe Corona ihre Geduld erneut auf die Probe stellte.
Olympia als grosses Ziel
Die Pandemie hatte ein mehrwöchiges Trainingsverbot zur Folge, die Olympischen Spiele wurden um ein Jahr verschoben, das ganze Wettkampfjahr 2020 fiel ins Wasser. Steingruber stellte sich die Sinnfrage. Doch die Faszination für das Kunstturnen liess trotz temporär fehlender Perspektive nicht nach. Tokio diente als Motivation. Noch einmal wollte Steingruber Olympische Spiele erleben, noch einmal wollte sie sich mit den Besten der Welt messen.
Die Magie der fünf Ringe hatte sie bei ihrer Premiere 2012 ergriffen. Das damalige Küken der Schweizer Delegation verfehlte in London zwar seine sportlichen Ziele - den Einzug in den Sprung-Final verpasste Steingruber hauchdünn -, doch das ganze Drumherum brannte sich in ihr Gedächtnis ein. «Ich wusste gar nicht wohin mit meinen Emotionen.»
Vier Jahre später in Rio war Steingruber gereift. Die Ehre, als Schweizer Fahnenträgerin bei der Eröffnungsfeier im Maracanã einzulaufen, beflügelte sie. Mit dem Gewinn von Bronze am Sprung, der ersten Olympia-Medaille einer Schweizer Kunstturnerin, krönte sie nicht nur ihre Karriere, sondern auch die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Trainer Zoltan Jordanov.
Ein Rückkehr nach Tokio
Nun, fünf Jahre später, kehrte Steingruber nach Tokio zurück, wo sie 2011 an der WM ihre Karriere mit dem Einzug in den Sprung-Final so richtig lanciert hatte. «Es ist mega schön, wieder hier zu sein», sagt Steingruber. Die japanische Metropole gehört zu ihren Lieblingsstädten, ausgerechnet hier noch einmal eine Medaille zu gewinnen, wäre ein Traum.
Steingruber ist aber realistisch genug. «Für eine Medaille müsste wohl der eine oder andere Sturz passieren», sagt sie. «Überhaupt in den Final zu kommen, ist schwieriger als auch schon.» Ihr primäres Ziel ist die Qualifikation für den Mehrkampf- und den Sprung-Final, im Idealfall reicht es auch am Boden für die Top 8. Schafft sie aber den Einzug in einen Gerätefinal, ist vieles möglich.