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Die Goldbüste des Mark Aurel aus Avenches: Das Material ist echt. Aber hergestellt wurde das Kunstwerk kurz vor 1939.
DER MARCUS AURELIUS VON AVENCHES VD
Die Fälschung der Goldbüste von Avenches - Aventicum, die angeblich den Kaiser Mark Aurel darstellt.
Mit einigen Bemerkungen über die Goldbüste des Septimius Severus (oder Marcus Aurelius) in Komotene (Komotini), Griechenland.
Startseite: www.dillum.ch
Vergleiche auch den Artikel über die Fälschung der Goldenen Ringe von Erstfeld.
Marc Aurel: Die unglaubliche Entdeckung der Goldbüste in Avenches
Avenches: Pro Aventico 2006
Die Publikation von 2006 beschreibt und beleuchtet alle Aspekte der 1939 entdeckten Goldbüste. Sie geht auch ausführlich auf den Vorwurf der Fälschung ein. Fazit ist aber doch - was zum vornherein klar ist - dass das Gold-Porträt echt und zufällig bei den Ausgrabungen zu Tage gekommen sei.
Das Studium der reich illustrierten Broschüre ist jedoch unbedingt zu empfehlen.
Anmerkung: Der vorliegende Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Efodon-Synesis, Heft 6, 2001 erschienen und für die Online-Publikation mehmals aktualisiert und überarbeitet worden.
Die Goldbüste aus Avenches, angeblich Mark Aurel darstellend
aus: Hans Bögli, Aventicum, Avenches 1991; Cover-Bild
Der goldene Mark Aurel aus Avenches hat seit 50 Jahren einen Spießgesellen!
Links: Septimius Severus-Büste - Mitte: Der goldene Marcus Aurelius aus Avenches - Rechts: Der goldene Septimius Severus aus Didimotiho (Griechenland)
Neu: Die Goldbüste aus Griechenland wird neuerdings auch als Porträt von Mark Aurel ausgegeben!
Ebenso neu: Gewisse Publikationen halten die Goldbüste aus Avenches neuerdings für ein Porträt von Konstantin dem Grossen!
Die besondere Römerstadt Avenches
Im Rahmen meiner Forschungen über die Verläßlichkeit der Inhalte und der Chronologie der älteren Geschichte habe ich mich auch mit der Römerstadt Avenches (Aventicum) in der Westschweiz beschäftigt Avenches – Aventicum – Wiflisburg – Neapolis. Das liegt zum ersten daran, daß diese Stadt in der Nähe meines Wohnortes liegt; zum andern, weil sich am Beispiel von Avenches sehr gut die Problematik der Chronologie der Vorzeit, der Verwerfungen der antiken und mittelalterlichen Baugeschichte und des Verhältnisses zwischen Kelten und Römern studieren läßt.
In dem Artikel Zur langen Baugeschichte des Mittelalters widmete ich Avenches ein eigenes Kapitel (Pfister, 1999, 153 ff.). Dort wies ich nach, daß das keltische Oppidum von Aventicum, das man bisher außerhalb der Römerstadt suchte, unzweifelhaft auf dem Hügel zu sehen ist, auf dem heute das mittelalterliche Städtchen mit seinem Schloß steht. – Die Ruinen der Römerstadt aber wurden am Fuße des Stadthügels am Rande der Broye-Ebene gefunden. Die schachbrettförmig angelegte Struktur der antiken Stadt steht in einem vollkommenen Gegensatz zum Stadthügel. Da kann man sich fragen, weshalb der Platz des Oppidums eine Fortsetzung fand, die weitaus komfortablere Römerstadt am Fuße des Hügels jedoch zerstört und verlassen wurde. – Waren die Kelten und die Römer identisch, wie es der Ausdruck gallorömische Kultur besagt? – Und das römische Aventicum wirkt trotz seiner Größe und Pracht wie ein Fremdkörper im kulturgeschichtlichen Kontext.
Im Rahmen meiner Analysen von antiken Orts- und Personennamen beschäftigte ich mich ebenfalls schon am Anfang mit Avenches und machte dabei eine erstaunliche Entdeckung: Avenches, das antike Aventicum hatte auch einen abgegangenen deutschen Namen Wiflisburg. Das letztere Toponym aber läßt sich aufschlüsseln; und heraus springt ein griechischer Name: Neapolis, also Neustadt. – Das beweist unter anderem, was schon Gernot Geise (Geise, 2002) erkannt hat, daß nämlich die sogenannte „römische" Baukultur in Wirklichkeit eine griechische war. Der ursprünglich griechische Name der Stadt Aventicum würde somit auch im kulturgeschichtlichen Kontext einsichtig.
Sogar der Name Aventicum erweist sich als von NEAPOLIS abgeleitet, wie ich in dem besagten Artikel nachweise.
Das Buch von Uwe Topper über Fälschungen der Geschichte (2001) schließlich hat mich angespornt, den berühmtesten Fund zu untersuchen, der mit dem Namen Avenches verbunden ist: die Goldbüste des Kaisers Mark Aurel. – Schon lange nämlich hegte ich Vorbehalte gegen diesen Kunstgegenstand, auch wenn ich zuerst nicht an Fälschung dachte.
Der endlos lange Niedergang von Aventicum
Die „römische" Kolonie Aventicum in der heutigen Westschweiz muß eine prachtvolle Stadt gewesen sein. Nur ein Teil des von einer 5,5 km langen Stadtmauer umschlossenen Perimeters war überbaut. Aber die Stadt besaß alle Dinge, die man auch in sonstigen Römerstädten fand: Tempel, mehrere Thermen, einen Palast, ein Theater und ein Amphitheater. Vor der Stadt gab es mehrere Nekropolen und Grabmonumente.
Die Geschichte der Stadt aber ist absurd und klar eine Erfindung der Renaissance oder Barockzeit.
Aventicum soll von den „Flaviern" gegründet und „um 260 AD" bei dem sagenhaften „Alamannensturm" zerstört worden sein. – Aber die Historiker waren offenbar nicht glücklich, die Stadt so früh in Schutt und Asche sinken zu lassen. Jedenfalls soll die Römerstadt noch „bis weit ins 6. Jahrhundert AD" eine schattenhafte Existenz zwischen Ruinen geführt haben. – Die unmögliche Chronologie der Vorzeit tritt schon bei dieser Behauptung klar zu Tage.
Doch es gibt auch handfeste Einwände gegen die Existenz der Römerstadt vor fast zweitausend Jahren.
Die Ruinen des antiken Aventicums wurden später als Steinbruch für umliegende Kirchen und Klöster benutzt. Sowohl das Kloster Münchenwiler als auch die Abteikirche Payerne (Peterlingen) wurden mit Baumaterial aus Aventicum erbaut. – Wie aber ist zu erklären, daß die Trümmer der Römerstadt über tausend Jahre herumlagen, bevor sich Bauherren dieses Baumaterials entsannen? – Die Zerstörung Aventicums muß irgendwo am Ende der „Römerzeit" zu suchen sein. – Diese aber sehe ich im 18. Jahrhundert. - Der lange Niedergang von Aventicum ist nur das Ergebnis von falschen Zeitstellungen.
Bekannt wurde das römische Avenches auch erst in der Renaissance. Der im Umkreis des Meisterfälschers Poggio Bracciolini aufgetauchte Text des „spätrömischen" Geschichtsschreibers Ammianus Marcellinus erwähnt Aventicum als Stadt mit halbzerstörten Gebäuden (vgl. das Eingangszitat in: Pfister: Avenches, usw.). – Und der Humanist Aegidius Tschudi fand dort angeblich 1536 eine bedeutende Inschrift, welche den vollständigen Namen der alten Stadt überlieferte: Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata. – Der Name tönt aber reichlich barock, und die Fundumstände sind mehr als verdächtig. Dieses epigraphische Zeugnis stellt eine Fälschung des 18. Jahrhunderts dar.
Die Erforschung der antiken Stadt begann im ausgehenden 18. Jahrhundert und wurde durch das ganze 19. Jahrhundert fortgesetzt. Nach einem Abflauen der Ausgräbertätigkeit zu Beginn des letzten Jahrhunderts läuft die Erforschung seit dem Ende der 1950er Jahre wieder in großem Maßstab und hat bis heute eine fast lückenlose Kenntnis der Baugeschichte vermittelt.
Die Entdeckung vom 19. April 1939
1938 wurde in Avenches eine Grabungskampagne gestartet, die wegen der Ungunst der Zeit Ende 1940 eingestellt werden mußte. Diese Grabungen waren durch wirtschaftliche Umstände motiviert, boten sie doch Gelegenheit, Arbeitslose – und seit Kriegsbeginn 1939 auch internierte ausländische Soldaten - zu beschäftigen.
Besonders drei wichtige Bauwerke wurden um 1939 untersucht: das Theater, das Amphitheater und das sogenannte Cigognier-Heiligtum (vgl. das Foto).
Die Tempelanlage Cigognier in Avenches von Süden
Aufnahme: Autor, 17.6.2004
Auf dem Areal des letztgenannten Tempels wurde auch der berühmte Fund gemacht, der uns hier beschäftigen soll.
Avenches – Aventicum: Theater (A), Zentral-Heiligtum mit Hof (B), neuere Ausgrabungen (C – F).
Die Fundstelle der Mark Aurel-Büste im Hof vor dem Cigognier-Tempel ist mit einem Kreis markiert.
aus: Bulletin de l’association Pro Aventico, 40 (1998), S. 214
Am 18. April 1939 begann eine Arbeiter-Equipe einen der Abwasserkanäle auszuräumen, welche den ehemals von Säulenhallen umschlossenen Hof des Zentral-Tempels gegenüber dem Theater entwässerten. Die Kanäle waren bereits freigelegt – Schon am folgenden Tag fiel den Beschäftigten ein glänzender Gegenstand in der Erde am Boden des Kanals auf. Sorgfältig wurde der Fund geborgen: eine goldene, vollständig intakte Büste eines Mannes. Die Bergung des Porträtkopfes wurde photographisch dokumentiert und am nächsten Tag auch notariell beglaubigt (Bronze et or, 117 ff.). Nach wenigen Tagen kam der Fund ins Schweizerische Landesmuseum nach Zürich, wo die unterdessen schon dem römischen Kaiser Mark Aurel zugeschriebene Büste vermessen, gereinigt und restauriert wurde.
Der goldene Porträtkopf von Avenches ist etwa 2/3 natürlicher Größe, 33, 5 cm hoch, aus einem Stück Edelmetall in Repoussé-Technik gearbeitet, was einen Hohlraum im Innern ergibt. Die Büste wiegt fast 1, 6 kg 22-karätiges Gold.
Eine erste kritische Zwischenbemerkung: Ich erinnere mich noch, daß vor Jahrzehnten in der Literatur behauptet wurde, die Büste sei aus 24-karätigem Gold gefertigt.
Hier muß vermerkt werden, daß man in den Museen von Avenches und in Zürich nur vergoldete Repliken sieht. Das Original liegt seit jeher im Safe einer Kantonalbank. – Und bis heute haben wohl nur wenige den kostbaren Gegenstand mit eigenen Augen betrachten dürfen.
Die Büste stellt einen bärtigen Mann mit kurzem, dichtem Haar dar. Daß es ein römischer Kaiser sein muß, erkennt man an dem Schuppenpanzer. Die Vorderseite des Panzers ziert eine Meduse. An der linken Schulter ist ein Zipfel des Prunkmantels (paludamentum) sehen. Als Besonderheiten des Porträts fallen auf: „die streng frontale Ausrichtung, der starre Blick, die niedrige Stirn, die ornamentale Haarbehandlung" (Gold der Helvetier, 163). - Zu erwähnen sind auch die großen Augen – ungewöhnlich für heidnisch-römische Bildnisse.
Paul Schatzmann, der erste Kunsthistoriker, der den Fund beschrieb, war absolut sicher, daß die goldene Büste von Avenches als Porträt des römischen Kaisers Mark Aurel zu identifizieren sei, was er in einer langen Abhandlung an Hand des damals vorhandenen Vergleichsmaterials zu begründen suchte (Schatzmann, 1939).
Was den Brustpanzer anbelangt, so ist die Ähnlichkeit mit der silbernen Büste des Lucius Verus aus Marengo verblüffend: Der Panzer und die Meduse auf der Brust sind fast gleichartig.
Silberbüste des Lucius Verus von Marengo
Torino, Museo Archeologico
aus: Bulletin de l’association Pro Aventico, 26 (1981), S. 26
Andersartig hingegen ist der Gesichtsausdruck und die Haartracht der Büste von Avenches gegenüber den anderen Porträtdarstellungen von Mark Aurel: Der Philosophenkaiser hat ein schmales Gesicht, seine Augen sind eher klein, die gekräuselte Haar- und Barttracht fehlt nirgends. Der Kopf von Avenches hingegen zeigt eine deutlich andere Nasenform und läßt in seiner allgemeinen Physiognomie eher an einen Gallier als an einen Römer denken.
Fragen an die Goldbüste
Schon Schatzmann anerkennt, daß das angebliche Porträt Mark Aurels nicht nach der Natur geschaffen wurde (Schatzmann, 70). Und weil sich der von der Norm abweichende Charakter des Bildnisses nicht leugnen läßt, erklärt er die Büste für ein Meisterwerk des gallischen Kunsthandwerks (Schatzmann, 86).
Am Ende seines Artikels muß Schatzmann jedoch eingestehen, daß der kostbare Fund von Avenches keinem einzigen Mark Aurel-Porträts in irgendeinem Museum gleicht (Schatzmann, 90). Die Zuschreibung an den obigen Kaiser ist also arbiträr. – Darin hat die Kritik anzusetzen, die sicher schon damals mancher in petto, aber nicht öffentlich äußerte. Daß soviel Zeit verstrich, bis man öffentlich diesen Mark Aurel zu bezweifeln begann, war zeitbedingt. Der Krieg und die Nachkriegszeit ließen andere Probleme wichtiger erscheinen. – Und last but not least fehlten lange Zeit griffige Vergleichsmomente und sonstige Kriterien zur Widerlegung.
In einem außerordentlich gut dokumentierten Artikel legte Jean-Chr. Balty 1980 die Gründe dar, weshalb das Kaiserporträt von Avenches unmöglich Mark Aurel darstellen konnte. Er betont den Umstand, daß römische Kaiserbüsten nach einem festen Prototyp geschaffen wurden, der überall im Reich befolgt wurde. Aus diesem Grund sei ein „gallischer" Kaiserkopf gar nicht möglich, wenigstens nicht zur Zeit der Antoninen.
Balty allerdings glaubt positive Kritik üben zu müssen und will die Büste von Avenches nur zeitlich verschieben, nämlich in die spätrömische Zeit. Dort sieht er Entsprechungen in Porträts von Kaiser Julianus Apostata. Anders als Mark Aurel war der Apostat nämlich in Gallien und sogar in Helvetien, so daß eine Datierung „kurz nach 360 nach Christus" plausibel sei – auch unter Berufung auf den bereits genannten „spätrömischen" Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus. Als Julianus von Avenches sei also doch ein ungewöhnliches Kaiserporträt gefunden worden: Diese Augen von einer seltenen Intensität des Ausdrucks erheben sich zur Ferne in undurchdringliche Sphären. Und das Ganze sei ein staunenswertes und bewunderungswürdiges Bild des Philosophenkaisers und heidnischen Heiligen, dessen glühende Mystik nichts gemeinsam hat mit der blassen Figur von Mark Aurel (Balty, 63; Übersetzung: Autor).
Baltys Aufsatz ist in der Festschrift für den Berner Kunsthistoriker Hans Jucker erschienen. Dieser allerdings wollte von den Gedanken eines seiner Gratulanten nichts wissen.
Bereits im nächsten Jahr schrieb Jucker auf den Vorstoß eine Entgegnung: Mark Aurel bleibt Mark Aurel. – Der Titel besagt alles: Die Büste habe keine Ähnlichkeit mit Julianus Apostata, sondern stelle wirklich Mark Aurel in seinen späten Lebensjahren dar. Man müsse das Porträt für ein transportables, im nahegelegenen Tempel aufbewahrtes Kaiserbildnis halten, das von den Priestern aus unbekanntem Anlaß in dem Abwasserkanal im Hofe des Heiligtums versteckt worden sei.
Interessant an dem sonst wenig ergiebigen Artikel Juckers ist der Hinweis, daß in ganz Helvetien und in deren näherer Umgebung bisher keine Kaiserbüste gefunden worden sei (Jucker, 9).
Als erster Einwand ist festhalten, daß alle drei Autoren – Schatzmann, Balty und Jucker – vollkommen an die Authentizität der Quellen und der Chronologie glauben. – Aber man muß gleich am Anfang sagen: Ein Streit um eine angebliche Büste von Mark Aurel kann nur entstehen, wenn man die Geschichte des angeblichen „Römerreiches" und seiner Akteure für wahr hält. Aber aus geschichtsanalytischer und geschichtskritischer Sicht halte ich das ganze angebliche Altertum für erfundene Geschichte, was eine völlig andere Ausgangslage für die Kritik ergibt.
Vor allem haben die genannten Forscher und überhaupt niemand bisher die Möglichkeit einer Fälschung des goldenen Mark Aurel erwogen. Doch gerade die Fälschungsgeschichte ist in den letzten sechzig Jahren viel weiter gekommen.
Mark Aurel – der Lieblingskaiser der Renaissance
Um die Büste von Avenches zu widerlegen, ist es zuerst nötig, auf die Bedeutung hinzuweisen, die der angebliche Kaiser Mark Aurel im Verlaufe der Grossen Aktion der Geschichtserfindung in der Renaissance gewann. Uwe Topper hat deshalb in seinem gleichnamigen Buch diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet: Marc Aurel, der christliche Kaiser (Topper, 1998, 62 ff.). Die Wertschätzung des Philosophenkaisers ergab sich durch die Gattung der Fürstenspiegel; das sind Ermahnungen, welche erfundenen Herrschern zugeschrieben wurden und sittliche Vorbilder für eine Fürstenherrschaft darstellten. Diese Literaturgattung idealisierte auch vergangene Epochen – wie eben das neu entdeckte „Altertum" - im Sinne der Renaissance. Das bekannteste Produkt dieser Gattung war die Sonnenuhr der Fürsten des Spaniers Antonio de Guevara, geschrieben „1518 bis 1524". Dieses Buch nannte der Verfasser auch Das goldene Buch von Marcus Aurelius und wurde ungemein erfolgreich, ein Bestseller der Renaissance (Topper, 1998, a.a.O.).
Durch den Erfolg kühn geworden, erfrechte sich Guevara, in zwei Bänden Familienbriefe von Mark Aurel herauszugeben, die trotz ihres unmöglichen geschichtlichen und chronologischen Hintergrundes ebenso erfolgreich wurden wie der Fürstenspiegel.
Solche Werke riefen Nachahmer auf den Platz. So bot „gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts" der Humanist und Abenteurer Michael Schütz alias Toxites (oder Toxita) den Zürcher Verlegern Gesner ein griechisches Manuskript an: die berühmten Selbstbetrachtungen des Mark Aurel. - Andreas Gesner druckte das Manuskript „1559", zusammen mit einer lateinischen Übersetzung. Daß der sagenhafte römische Kaiser - selbst wenn es ihn gegeben hätte - unmöglich dieses philosophische Buch geschrieben haben kann, ist noch das wenigste. Aber hier wurde Mark Aurel endgültig ein humanistisch neu formulierter Jesus, der außerhalb von Raum und Zeit den europäischen Gestaltungswillen verkörpert (Topper, 1998, 68).
Die Reiterstatue des Mark Aurel auf dem Kapitol in Rom
Die bildnerische Wertschätzung Mark Aurels hatte allerdings schon vorher eingesetzt. Dokumentiert wird diese Verehrung für den römischen Philosophenkaiser unter anderem durch etwa hundert Bildnisse, die noch heute erhalten sind. - Am bekanntesten ist das bronzene Reiterstandbild auf dem Kapitol in Rom.
Reiterstatue des Kaisers Mark Aurel auf dem Kapitol in Rom
aus: Leonhard von Matt: Die Kunst in Rom; Zürich 1950, Tafel 10
Hier ist die erfundene Geschichte zu erwähnen, die das Kunstwerk historisch begründen soll. Es ist mir beim Studium der Antiquitäten in Rom nämlich aufgefallen, daß die bedeutendsten, am besten erhaltenen und deswegen auch umstrittenen Bauwerke Roms eine Legende besitzen. Die Legende versucht, den Ursprung und das Schicksal eines Bauwerkes innerhalb des fingierten Geschichtsbildes zu erklären und liefert dabei oft erstaunlich detaillierte Einzelheiten (Pfister, 2001). Denn es ist nicht leicht, geschichtlich eine perfekte Erhaltung zu begründen, wenn zwischen Antike und Renaissance angeblich tausend wüste Jahre liegen. - Mit einer Legende werden aber auch berühmte Kunstwerke ausgestattet, um ihre Erhaltung zu begründen.
Beim Reiterstandbild des Mark Aurel auf dem Kapitol hört sich die Legende so an:
Die Reiterstatue sei anlässlich eines Triumphes gegen die Parther aufgestellt worden, wahrscheinlich am "12. Oktober 166 AD". - Von wo haben die Historiker diese überpräzisen Daten aus grauer Geschichtsferne?
Das metallene Kunstwerk sei deswegen im „Mittelalter" nicht eingeschmolzen worden, weil man es für eine Darstellung des Christenfreundes Konstantin des Grossen gehalten habe. - Die Leute im angeblichen "Mittelalter" müssen wirklich einfältig gewesen sein, dass sie den deutlichen Unterschied zwischen den Porträts der beiden Kaiser nicht erkannten. Denn besonders die Glotzaugen Konstantins sind nicht zu verwechseln und stehen in einem klaren Gegensatz zu den eher kleinen Augen Mark Aurels.
Also wurde die Reiterstatue des Philosophenkaisers vor der Lateran-Basilika aufgestellt und „1538" auf Wunsch Papst Pauls III. an den heutigen Standort auf dem Kapitol versetzt. - Wir hätten also, allen Zeitenläufen, Wirren, Kriegen, der Erosion und Korrosion zum Trotz, ein Reiterstandbild vor uns, das über 1800 Jahre alt ist. - Ist das glaubhaft?
Ferdinand Gregorovius erzählt, daß zu Beginn des 13. Jahrhunderts Otto IV., der Mitkönig oder Nebenbuhler des jungen Königs Friedrichs II. von Hohenstaufen, das bronzene Reiterstandbild aufgestellt habe. Dieser Otto ist ein hochmittelalterliches Analogon zu Marcus Aurelius (Fomenko II, 30; Fomenko: History, 379 ff.), er hat die gleich lange Regierungszeit von etwa 20 Jahren.
Erst der Humanist Bartolomeo Sacchi habe „1481" den Irrtum der Zuschreibung des Reiterstandbildes an Konstantin erkannt und es als Bildnis von Mark Aurel identifiziert. – Doch diese Angabe ist noch viel zu früh.
Die Reiterstatue des Marcus Aurelius auf dem Kapitol kann frühestens Anfangs um 1700 geschaffen worden sein.
Dabei ist noch die erste bildliche Darstellung der Statue zu erwähnen und zu kommentieren.
Reiterstatue des Marcus Aurelius vor dem alten Lateran
Zeichnung von Marten van Heemskerck, "um 1535". - Richtig etwa um 1760 anzusetzen.
aus: Elena Filippi: Maarten van Heemskerck. Inventio Urbis; Milano 1990, Tafel 20
Der flämische Künstler Marten van Heemskerck hat uns eine ganze Anzahl früher Zeichnungen der Stadt Rom überliefert. Darunter befindet sich auch eine Vedute des Laterans (Krautheimer, 354 f.). In der Mitte sieht man vor dem alten Palast die Reiterstatue des Mark Aurel auf einem Sockel, der vorne von zwei Löwen flankiert wird. - Stimmt also die Geschichte dennoch?
Dieser Marten van Heemskerck ist jedoch wie alle Künstler falsch- oder rückdatiert. Er bildet ein Rom vielleicht um die Mitte des 18. Jahrhunderts - zwischen Antike und Barock - ab. Der Mark Aurel stand also tatsächlich zuerst vor dem Lateran, bevor er auf das Kapitol gebracht wurde.
Was der erwähnte Richard Krautheimer über die Reiterstatue von Mark Aurel alles weiß, erstaunt übrigens sehr: Der Sockel des Bildnisses auf der Zeichnung von Heemskerck stamme aus dem "15. Jahrhundert", die liegenden Löwen davor sogar aus dem "12. Jahrhundert" (!). - Was soll man von einer solchen Wissenschaft halten?
Und überhaupt: Reiterstandbilder tauchen erst in der Renaissance auf. Die berühmtesten Kunstwerke sind der Gattamelata in Padua von Donatello und das Reiterstandbild des Colleoni von Verrocchio in Venedig. - Doch auch diese Monumente sind zu früh datiert und müssen ins 18. Jahrhundert verschoben werden.
Die unmögliche Goldbüste
Aus den bisherigen Darlegungen wird klar, daß erstens die römische Geschichte mit ihren Ereignissen, Akteuren und Zeitstellungen nicht stimmt. Und deutlich wird, daß die Figur Mark Aurels erst in der Renaissance - eine überragende Bedeutung als beinahe christlicher stoisch-philosophischer Herrscher bekam.
Ebenso wird ersichtlich, daß der detaillierte kunstgeschichtliche Vergleich nichts bringt, weil authentische Werke und Fälschungen kaum auseinanderzuhalten sind und auch die Zeitstellungen frei flottieren.
Die übertriebene vergleichende Analyse mutet teilweise auch wie ein Versuch an, die einfachen, handfesten und für jedermann nachvollziehbaren Einwände auszublenden.
Stellt man die Kritik auf neue Grundlagen, läßt sich der merkwürdige Mark Aurel aus Avenches richtig angehen.
Gleich am Anfang ist der merkwürdige Umstand festzuhalten, daß von allen römischen Kaisern - gleichgültig ob sie Jahre und Jahrzehnte oder nur ein paar Monate regierten - Porträts in Stein oder in Metall erhalten sind, manchmal sogar in großer Zahl. – Normalerweise wird angenommen, daß die meisten Kaiserbildnisse nach dem Tod des Herrschers zerstört wurden. Und metallene Kunstwerke wurden, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden eingeschmolzen, denn der Rohstoff war kostbar. – Die Sache mit den römischen Kaiserbildnissen ist sehr verdächtig.
Aber selbst wenn es eine „Römerzeit" gemäß dem noch heute gemeinhin geglaubten Geschichtsbild gegeben hätte, so mutet der goldene Fund von Avenches sonderbar an.
Erstens sind die meisten Kaiserbildnisse aus Stein gearbeitet; aus Bronze schon viel seltener. Büsten und Statuen aus Gold hat es kaum gegeben. Man behalf sich mit einer Vergoldung oder Versilberung. Eine Kaiserbüste aus purem Gold müßte bei aller Herrscherverehrung doch etwas Außerordentliches gewesen sein, besonders in der Provinz.
Und wie erklärt man sich das Faktum, daß anderthalb Kilo reines Edelmetall zu irgendeinem Zeitpunkt in einer fernen Vergangenheit in die städtische Kanalisation geworfen wurde? Waren die „Römer" etwa so märchenhaft wohlhabend oder goldverachtend, daß sie sich solche Gesten erlauben konnten? – Hier wird der gesunde Menschenverstand beleidigt.
Es wird behauptet, daß Aventicum bei dem sagenhaften Alamannensturm „260 AD" zerstört und die Goldbüste bei diesem Anlaß in der Kanalisation des Tempelhofes versteckt wurde. – Aber haben die Eroberer die Stadt etwa im Handstreich genommen, so daß nicht einmal mehr Zeit blieb, die wertvollsten Dinge gut zu verstecken oder wegzutragen?
Und die zerstörte Stadt wurde später auf der Suche nach Baumaterial und Metall durchwühlt. Daß bei diesen Tätigkeiten niemand je auf einen so großen Klumpen Gold gestoßen wäre, kann man kaum glauben.
Ein einzelner Gegenstand aus einer so großen Menge Gold gefertigt ist in alten Zeiten unvorstellbar. Das ergibt sich schon aus den Gewinnungsmethoden. Grundsätzlich deckten die alten Zeiten ihren Goldbedarf aus Flußgold. Dieses wurde stetig, aber nur in kleinen Mengen gewonnen. Das reichte für Münzen und für goldene und vergoldete Kleingegenstände, aber kaum für große massiv goldene Arbeiten.
Die Renaissance fälschte hemmungslos, weil schon damals die Nachfrage nach Antiquitäten das Angebot überstieg. Dann hätte dieses Zeitalter also die Goldbüste – ob es nun Mark Aurel darstellte oder einen Gallier – versteckt. – Aber in dieser Zeit vergrub man im Allgemeinen nur Gegenstände, die man später wieder bergen wollte. Bei einem so großen Objekt ist eine solche Absicht auszuschließen.
Dann macht die perfekte Erhaltung des goldenen Porträts stutzig. Der Bodendruck hätte das Objekt - das innen hohl ist - unweigerlich deformieren müssen. Aber außer einigen bestoßenen Stellen und einem Kalküberzug mußte an der Büste wenig restauriert werden.
Zuletzt soll ein erstes Mal die Büste von Avenches mit den vielen anderen erhaltenen Mark Aurel-Porträts verglichen werden. Jede Betrachtung ergibt, daß der Fund aus Aventicum unmöglich den Philosophen-Kaiser darstellen kann. Die Unterschiede sind einfach zu groß. Das zeigt schon der Vergleich mit einer anderen metallenen Büste, dem 1974 entdeckten bronzenen Mark Aurel-Porträt aus Pécs (Fünfkirchen) in Westungarn.
Bronzekopf des Mark Aurel aus Pécs (Ungarn)
Janus Pannonius Museum, Pécs (Fünfkirchen)
aus: Bronze et or; Genève 1996
Wir ahnten es und sind uns nunmehr gewiß: Die angeblich Mark Aurel darstellende Büste aus Avenches muß eine Fälschung sein.
Die goldreichen Helvetier
Wie sehr unsere Vorstellung über die Vorzeit von erfundener Geschichte und Literatur geprägt ist, zeigt die überall kolportierte Bemerkung des „griechischen" Geographen Strabo, der die Helvetier – also die gallorömischen Bewohner des heutigen schweizerischen Mittellandes – als goldreiche, aber friedliche Leute charakterisiert.
Tatsache ist, daß mehrere Gewässer in der Schweiz als goldreich gelten: die Zuflüsse des Napfgebietes zwischen Emmental und Entlebuch, die Arve bei Genf, der Hochrhein unterhalb von Schaffhausen, die Emme, die Aare, ferner der Vorder- und Hinterrhein in Graubünden.
Archäologisch ist bis heute in der Schweiz allerdings nirgends eine Ausbeutung von Flußgold nachgewiesen. Auch die Durchwühlung von alten Flußterrassen zwecks Goldgewinnung wie sie in Bayern bei den sogenannten „Hochäckern" festgestellt wurde (Fischer, 1996), ist hier nicht zu belegen.
Die Funde von archäologischen Goldobjekten in der Schweiz sind bemerkenswert und rechtfertigten 1991 sogar eine Ausstellung in Zürich (Gold der Helvetier, 1991). Im Vergleich zu anderen mitteleuropäischen Gebieten - etwa Süddeutschland und Böhmen - ist die bisher bekanntgewordene Menge von goldenen und vergoldeten Objekten allerdings nicht besonders hoch. Das eingangs erwähnte Strabo-Zitat ist schwer zu belegen.
Römisches Gold in der Waadt der 1930er Jahre
Bedeutende Funde von Goldgegenständen, die der Vorzeit zugeordnet werden, wurden in der Schweiz im 20. Jahrhundert nur drei gemacht. - Die Goldbüste des Mark Aurel von Avenches befindet sich darunter. – Aber eben durch die Analyse der drei Funde kommen wir womöglich zu einer Lösung für das eine Objekt.
Der letzte bedeutende Fund von Goldgegenständen waren die sieben "keltischen" Hals- und Armringe von Erstfeld im Kanton Uri, entdeckt durch Zufall 1962 in einem Geröllhang anläßlich der Errichtung einer Lawinenverbauung. - Auf diese spektakulären Objekte kann hier nicht eingegangen werden (vgl. Gold der Helvetier, 124 f., Eluère, 168 f.).
Unterdessen bin ich mir sicher: Der Goldschatz von Erstfeld ist eine Fälschung. - Dahinter stand sicher das Landesmuseum Zürich.
Der Mark Aurel von Avenches ist nicht der einzige bedeutende Goldfund in der Waadt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. 1936 nämlich wurde bei den Ausgrabungen in dem römischen Vicus von Vidy unterhalb von Lausanne am Genfersee der bedeutendste Münz-Hortfund der Schweiz gemacht. In einer Hausruine - in zwei acht Meter voneinander entfernten Ecken - kamen je 35 römische Goldmünzen zum Vorschein. Die späteren Besitzer des Hauses sollen nichts von dem Schatz unter dem Fußboden gewußt haben, der zusammen etwa ein halbes Kilo Edelmetall ausmacht. – Die Münzen stammen von acht römischen Kaisern zwischen Vespasian und Antoninus Pius.
Die Fundumstände und die Art des Hortfundes stimmen verdächtig. Es wurde behauptet, die ältesten Münzen seien am meisten abgegriffen (Lousanna, 61); aber an anderer Stelle wird gesagt, alle Goldstücke seien stempelfrisch (Gold der Helvetier, 160). Ebenso wird die Zahl der Münzen einmal mit zweimal 35, das andere Mal mit zweimal 36 angegeben. – Und wie die symmetrische Anordnung des Goldhortes in dem Innenraum zu erklären ist, wird nicht erläutert.
Der Hortfund von Vidy ist sicher eine Fälschung; offenbar arrangiert, um dieser Ausgrabungsstätte bei Lausanne etwas goldenen Glanz zu verleihen.
Nun kann man annehmen, daß wenn man 1936 einen Fund von einem halben Kilo „römischem" Gold plausibel machen, es zweieinhalb Jahre später auch wagen konnte, die dreifache Menge des Edelmetalls in einer Ausgrabung im gleichen Kanton zur scheinbar zufälligen Entdeckung bereitzustellen.
Die zusammengesetzte Büste
Um zu der Mark Aurel-Büste zurückzukehren, so sind hier zwei verschiedene Kunststile auszumachen, die als Vorbild dienten:
Die Schulterpartie ist ganz sicher nach dem erwähnten Silberbildnis des Lucius Verus aus Marengo (Abb. 3) geformt. Die Ähnlichkeit ist frappant und wird auch von den anderen Autoren ausdrücklich anerkannt. Dieser Teil ist also wirklich „römisch".
Was den Kopf anbelangt, so muß angenommen werden, daß nicht ein Porträt des besagten römischen Kaisers als Vorbild gedient hat. Solche Bildnisse wurden nämlich, wie auch von den bisherigen Forschern eingeräumt, stets nach einer Vorlage geschaffen, die immer und überall streng eingehalten wurde. Die Abweichungen in den Gesichtszügen des Mark Aurel von Avenches mit lokalen gallorömischen Kunsteinflüssen erklären zu wollen, greift nicht.
Aber nicht ein anderer römischer Kaiser scheint als Modell für das rätselhafte Porträt gedient zu haben, sondern „mittelalterliches" Gold- und Silberschmiedehandwerk.
Die Verfasser des Kataloges Bronze et or sagen richtig, daß die angebliche Büste von Mark Aurel aus Avenches „unwiderstehlich" (irrésistiblement) den mittelalterlichen Reliquiarköpfen gleiche, besonders demjenigen des heiligen Candidus, der in der Abtei Saint-Maurice im Wallis aufbewahrt wird (Bronze et or, 122).
Silberner Reliquiarkopf des heiligen Candidus
Saint-Maurice, Wallis
aus: Daniel Thurre: L’atelier roman d’orfèvrerie de l’abbaye de Saint-Maurice; Sierre 1982; Tafel 16
Aber nicht nur der Reliquiarkopf des heiligen Candidus hat eine frappante Ähnlichkeit mit dem Mark Aurel-Porträt. Als Vergleichsobjekte gibt es noch den Kopf des heiligen Mauritius aus Rheinau (Kanton Zürich), der ebenfalls aus der Werkstätte des Klosters Saint-Maurice stammt und sich heute im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich befindet; ferner einen unbenannten Kopf aus Bourg-Saint-Pierre im Wallis, der im Museum auf der Valera in Sion – Sitten verwahrt wird.
Kopfreliquiar, den heiligen Mauritius darstellend
Aus dem Kloster Rheinau ZH. Aufbewahrt im Landesmuseum Zürich, Depot-Nummer 494.
aus: Daniel Thurre, 1992, p. 209
Die strengen, unbewegten Gesichtszüge der Goldbüste aus Avenches erklären sich also von diesen Reliquiarköpfen, desgleichen die großen Augen – welche immer eine Beziehung zum Christentum andeuten. – Und als wichtige Einzelheit ist zu unterstreichen, dass auch diese „mittelalterlichen" Büsten in Repoussé-Technik gefertigt wurden wie die von Aventicum.
Die goldene Mark Aurel-Büste aus Avenches ist also ein stilistischer Zwitter: „kaiserzeitlich-römisch" und „romanisch-mittelalterlich". – Und es muß wiederholt werden, daß sich aus alten Zeiten nirgends massiv goldene Porträts erhalten haben. – Vom Stil als auch vom Material her kann dieses angebliche Kaiserbildnis somit nicht aus der Epoche stammen, welcher es bis anhin zugesprochen wurde.
Nach der Drucklegung dieses Artikels für Efodon-Synesis legte ich Abbildungen der Mark Aurel-Büste meinem Kollegen Uwe Topper vor. Dieser antwortete mir mit folgenden hochinteressanten Bemerkungen zu diesem Porträtkopf:
Die Proportionen am Kopf stimmen nicht, die Stirn ist zu klein, die Haare setzen zu niedrig an; auch an den Seiten der Stirn. Die Ohren sind winzig und der Mund ebenso, im Vergleich zu den Nasenflügeln. So sah ein Kopf nie aus. Aber wenn man etwas Altertümliches produzieren wollte, einen „archaischen" Schädel, dann wird man genau diese Merkmale hervorgekehrt haben. Leider übertrieben. Und derartige Kenntnisse über Schädelentwicklung sind erst seit den Neanderthaler-Diskussionen möglich.
Außerdem ist der Fund im Abwasserkanal sehr klug plaziert, denn mit Funden im Erdreich hat man schon oft Pech gehabt. Es ist nämlich leicht festzustellen, wenn das Erdreich vorher durchgewühlt worden war. In Kanälen hingegen gibt es keine stratigraphischen Schichten.
Angesichts dieser klaren Worte eines Außenstehenden werden die Archäologen und Kunsthistoriker Mühe haben, weiter die Authentizität dieses Mark Aurel von Avenches zu stützen.
Heute scheint man von offizieller Seite schon eine Hintertür für einen allfälligen Rückzug vorbereitet zu haben. So schreibt Andres Furger in dem neuesten Werk über die Römer in der Schweiz, daß wenn die Büste tatsächlich echt sei, man die besonderen Gesichtszüge dem provinziellen Geschmack des Künstlers zuschreiben müsse (Furger, 282). – Heute werden auffällig viele Dinge als „provinzialrömisch" erklärt.
Bevor das endgültige Wort in stilistischer und historischer Hinsicht gesprochen wird, bliebe noch Zeit für eine erneute Materialprüfung der Büste von Avenches. – Bereits erwähnt wurde der ungewöhnlich hohe Reinheitsgrad des Goldes von 22 Karat. – Eine technologische Untersuchung könnte womöglich die Art des Edelmetalls bestimmen – Waschgold oder Berggold. Obwohl dies bei dem Porträt von Mark Aurel aus Avenches noch nicht geschehen ist, so sind diesbezügliche Hoffnungen zu dämpfen. Aus verschiedenen Gründen führt die naturwissenschaftliche Analyse ... nur selten zu einem beweiskräftigen Ergebnis (Guggisberg, 2000, 16). – Aber immerhin sind noch nicht alle Nachweismethoden erschöpft.
Da bliebe noch die Aufgabe, die Motive der beiden goldenen Fälschungen – derjenigen von Vidy 1936 und der von Avenches 1939 - zu enträtseln und deren Hintermänner aufzudecken. Nicht daß sich diese Umstände vielleicht doch erhellen ließen. Aber es ist immer mühsam und undankbar, eine Fälschung zu entlarven; wohingegen einfach, eine solche zu fabrizieren. - Regionaler Patriotismus in einer schwierigen politischen und wirtschaftlichen Zeit scheint jedenfalls den Hintergrund und die Grundlage für diese Aktion im Waadtland gebildet zu haben. – Man wisse auch, daß anfangs 1939 an den Vorbereitungen für die Landesausstellung in Zürich gearbeitet wurde, die dort im Spätsommer eröffnet wurde.
Sicher hat bei diesen Fälschungen das Schweizerische Landesmuseum mitgespielt. – Und 1939 ist im Wallis noch ein anderer sensationeller Bodenfund geborgen worden: eine 30 cm hohe Marmor-Kopie der Venus von Knidos (Sion, Kantonales archäologisches Museum).
Die Mark-Aurel-Büste von Avenches ist eindeutig eine Fälschung. Der Porträtkopf repräsentiert nicht antike Goldschmiedekunst, sondern das Kunsthandwerk der 1930er Jahre.
Der goldene Mark Aurel wurde übrigens zum erstenmal im Sommer 1939 an der schweizerischen Landesausstellung in Zürich gezeigt. - Wenn man weiss, wie stark die "Landi" das Selbstbewusstsein der Schweiz am Vorabend des Zweiten Weltkriegs geprägt hat, so kann man sich den Wert des angeblichen Fundes von Avenches noch besser vorstellen: Von den alten Helvetiern bis zu den Eidgenossen des 20. Jahrhunderts spannt sich offenbar ein goldener Bogen.
Louis Bosset - Der Archäologe von Avenches der 1930er Jahre
Die Untersuchung über die Goldbüste von Avenches wäre unvollständig, wenn man nicht die treibende Kraft hinter den archäologischen Bemühungen der 1930er Jahre erwähnen würde.
Ab 1934 war Louis Bosset (1880 - 1950) Waadtländer Kantonsarchäologe und führender Kopf hinter den Ausgrabungen in Avenches.
Das Buch Aventicum - Ville en vues, p. 104 nennt Bosset un homme d'une énergie peu commune. - Und tatsächlich: Aus seiner Biographie zeichnet sich ein äußerst umtriebiger Mann ab, der alles tat, um die Erforschung von Avenches - Aventicum zu fördern.
Bosset war auch Präsident des Waadtländer Geschichtsvereins, Mitglied der Eidgenössischen Denkmalpflege-Kommission und Lokalpolitiker, unter anderem Bürgermeister von Payerne.
Dieser Bosset gehörte sicher zu den Initianten der Fälschung; ohne ihn gäbe es keinen goldenen Marc Aurel aus Avenches.
"Noch nicht vom Sockel gestoßen"
Das Thema der Fälschung des goldenen Mark Aurel habe ich auch der Presse angetragen. So berichtete der Tages-Anzeiger von Zürich in einem von ihrem Mitarbeiter Felix Maise verfaßten Artikel unter dem Titel Noch nicht vom Sockel gestoßen über meine Erkenntnisse zu diesem Kunstobjekt (8.11.2002). Obwohl die Zeitung natürlich auch die Gegenseite, in diesem Falle eine Archäologin aus Avenches zum Worte kommen ließ, nahmen sich deren Argumente naturgemäß dünn aus. – An der Echtheit des Mark Aurel wollen die „Fachleute" auf jeden Fall festhalten.
Reaktionen hat es auf diesen Artikel nicht gegeben. – Die Leute, die es angeht, werden die Reportage sicherlich registriert haben. Sie scheinen aber beschlossen zu haben, das Thema zu verschweigen. – Ich meine, das ist auch die beste Taktik dieser verschworenen Gemeinschaft von offiziellen Archäologen und Kunsthistorikern.
Die Goldbüste des Septimius Severus aus Komotene (Komotini), Griechenland
Der Zufall wollte es, daß just zur gleichen Zeit wie der Beitrag im Tages-Anzeiger in der Zeitschrift Helvetia archaeologica unter dem Titel Die goldene Büste des Kaisers Marc Aurel aus Avenches ein Aufsatz von einem Götz Lahusen erschienen ist (Lahusen, 2002).
Die Betrachtung ist jedoch absolut unergiebig. Lahusen erschöpft sich darin, das konventionelle Wissen über die römische Plastik wiederzugeben. Zum Mark Aurel von Avenches sagt er nichts Neues.
Immerhin erfährt man durch den genannten Artikel daß 1965 in dem antiken Plotinopolis in Griechisch-Thrakien, eine zweite antike Goldbüste gefunden wurde, welche Septimius Severus darstellen soll. Das 980 Gramm schwere Kunstobjekt aus 22-karätigem Gold wird heute im Lokalmuseum von Komotini (Komotene) aufbewahrt.
Die Ähnlichkeit der Goldbüste von Komotini mit derjenigen von Avenches ist frappant und kann nicht auf Zufall beruhen. Man fragt man sich hier, wer wen kopiert hat. - Ist das ein Schweizer Kunstexport nach Griechenland oder eine griechische Kopie des Schweizer "Originals"?
Doch zuerst muß unbedingt festgehalten werden: Die griechische Goldbüste hat keine Porträt-Ähnlichkeit mit Septimius Severus. Besonders die übergroßen Augen, aber auch die Haartracht, lassen einen Vergleich mit dem Severer-Kaiser als hanebüchen erscheinen.
Aber wenigstens steht der goldene Mark Aurel aus Avenches heute nicht mehr allein auf weiter Flur.
Ich habe das Bild der Büste von Komotini auch Uwe Topper in Berlin vorgelegt, der ein sehr gutes Gespür für kunstgeschichtliche Dinge hat. Er hat mir dazu geschrieben (freie Wiedergabe):
Der Septimius Severus aus Thrakien sieht in künstlerischer Hinsicht überzeugender aus als die Schweizer Schöpfung. Das ist typisch: Wenn man ein Kunstwerk nachahmt, verbessert man es ungewollt! - Der griechische Künstler sah die Schwächen seines Vorbildes und suchte sie zu verringern.
Doch auch das jüngere Pendant zum Mark Aurel hat seine Schwächen. Besonders die rechteckige Halskrause wirkt ausgesprochen stümperhaft.
Und das angebliche Porträt des Septimius Severus macht den Eindruck eines Renaissance-Menschen. Aber hier muß man ergänzen: Der Gesichtsausdruck sieht so aus, wie man sich heute die Antike vorstellt.
Ferner darf die Frage gestellt werden, wer Mitte der 1960er Jahre in Griechenland so viel finanzielle Mittel hatte, um eine solche Büste herstellen zu lassen. - Man darf die Kirche als Sponsorin vermuten.
Der Autor hat routinemäßig die Zuschreibung der Goldbüste aus Komotini überprüft und dabei eine kaum glaubliche Tatsache festgestellt:
Die Goldbüste aus Komotini wird neuerdings auch als Porträt von Marcus Aurelius bezeichnet!
Wenn dem so ist, so wird der Zusammenhang evident: Die Büste von Griechisch-Thrakien hat den Goldkopf aus Avenches zum Vorbild.
Die Büste des Septimius Severus, gefunden 1965 in dem antiken Plotinopolis, aufbewahrt im archäologischen Museum von Komotene (Komitini) in Griechisch-Thrakien
Quelle: www.culture.gr
Septimius Severus: Marmorbüste
Die Porträtähnlichkeit mit der Goldbüste aus Griechisch-Thrakien ist mehr als zweifelhaft.
Aureus von Marcus Aurelius
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Abb. 8: Denar von Mark Aurel IMP(ERATOR) M(ARCUS) AUREL(IUS) ANTONINUS AUG(USTUS))
Quelle: Internet