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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (24.11.2009)
Erstaufführung von Giuseppe Verdis «Corsaro» im Zürcher Opernhaus
Das gibt es tatsächlich noch, eine Verdi-Oper, die während der nun schon 18-jährigen Intendanz Alexander Pereiras in Zürich noch nie gespielt worden ist und die nun gar als schweizerische Erstaufführung angekündigt werden konnte. Dabei hat es an Verdi-Raritäten im Opernhaus in jüngster Zeit beileibe nicht gefehlt, und zumeist haben sich diese zumindest musikalisch als lohnend erwiesen. Für den 1848 uraufgeführten, von Verdi selbst wenig geschätzten «Corsaro» gilt dies nur bedingt. Zwar lässt das tobende Meer der Eröffnungstakte bereits die Sturmszene von «Otello» erahnen, die Odalisken-Chöre erinnern ein wenig an die Hexen des ein Jahr älteren «Macbeth», und der Titelheld vereint in sich Charakterzüge sowohl Ernanis wie Alvaros. Dies alles aber fügt sich nicht zum Ganzen, den Melodien fehlt die Weite, nach geradezu reisserischen Aufschwüngen bricht die Spannung schnell wieder ein.
Ein Mann, zwei Frauen
Einen Vorzug allerdings weist «Il Corsaro» gegenüber den meisten anderen Frühwerken Giuseppe Verdis auf: Seine Dramaturgie ist klar. Da steht ein Mann, der Pirat Corrado, zwischen zwei Frauen, die ihn auf unterschiedliche Art lieben. Von der passiv leidenden Medora nimmt er im ersten Akt Abschied, um seine Gefolgsleute gegen den Pascha Seid anzuführen; der zweiten, Gulnara, begegnet er, als er sich im zweiten Akt als Derwisch verkleidet in Seids Palast einschleicht und Feuer legt, aber beim Versuch, die Frauen aus dem Harem zu retten, überwältigt wird. Um ihn zu befreien, tötet Gulnara den Pascha und flieht mit Corrado.
So kommt es im dritten Akt zur Begegnung der drei: Medora hat sich vergiftet und liegt im Sterben, Gulnara verzichtet, und Corrado stürzt sich ins Meer. Die Dreieckskonstellation lässt an Aida, Radamès und Amneris denken, wird jedoch psychologisch nicht ausgeschöpft, vielmehr stehen die Figuren beziehungslos nebeneinander. Und eben daraus hat Damiano Michieletto den Leitgedanken seiner Inszenierung entwickelt.
Die Bühne ein Bassin
Im Titelhelden sieht er ein Spiegelbild Lord Byrons, auf dessen Verserzählung «The Corsair» Verdis Oper basiert, und im Meer eine Metapher von dessen ruheloser Existenz und Verlorenheit. So hat Paolo Fantin die Opernhaus-Bühne in ein Bassin verwandelt, dessen Wasserfläche von einer riesigen Spiegelwand reflektiert wird. Das Pult, auf dem Corrado/Byron sein Werk niederschreibt, und das Bett, auf dem Medora den Geliebten erwartet, sind schwimmende Inseln, während in Seids Palast lange Tische immerhin für eine gewisse Bodenhaftung sorgen. Die Lichtspiele der gespiegelten Wellen, die Farbakzente, welche Carla Tetis opulente Kostüme setzen, machen diese Aufführung zur Augenweide, sie sind jedoch weit mehr als blosse Dekoration. Michieletto und seinem Team gelingt es, aus einer undankbaren Vorlage spannendes Theater zu machen. Und wenn manches – die im Wasser watenden, musikalisch von Jürg Hämmerli bestens vorbereiteten Chöre, der schwimmende Leichnam Seids, die in ihren glänzenden Plastic-Roben marionettenhaft gestikulierenden Haremsdamen, die Annäherung der manövrierenden Inseln Medoras und Corrados – sich nahe an der Grenze zum Peinlichen bewegt, so ist es doch allemal besser als das bei solchen Ausgrabungen meist praktizierte Rampensingen und Stehtheater. Die Bühnentechnik des Opernhauses lässt mit einer Parforce-Leistung vergessen, wie beschränkt die Möglichkeiten des Hauses sind.
Ungeachtet aller szenischen Impulse gehört der – ungewöhnlich kurze – Abend aber vor allem den Sängern, und im Mittelpunkt steht naturgemäss Corrado, der von Hass und Weltschmerz zerfressene Rebell, der aus der Gesellschaft verstossene Antiheld. Vittorio Grigolo stürzt sich förmlich in diese Partie hinein und treibt seinen Tenor vom ersten Einsatz an in eine Ekstase, die zunächst überwältigt, aber auf die Dauer Ermüdungsgefahr nicht nur für den Sänger, sondern auch für die Hörer birgt, denn Grigolos phänomenal leuchtkräftige und höhensichere Stimme bewegt sich fast ausschliesslich im Forte- und Fortissimo-Bereich und steht permanent unter Hochspannung, ohne den Ausdruck zu variieren. Der Kontrast zu Elena Moşucs Medora könnte nicht grösser sein. Sie führt ihren entspannt und warm klingenden Sopran virtuos durch die kunstvoll ziselierten Läufe und über die heiklen Intervallsprünge hinweg.
Wenig «Italianità», viel Konsequenz
Fein herausgearbeitet wird auch der Gegensatz zwischen den zwei Frauen, denn Carmen Giannattasio weist sich als Gulnara sowohl darstellerisch wie durch ihren etwas schwereren, dunkleren Sopran als die Aktivere, Stärkere aus. Gegen dieses Trio hat Juan Pons als Seid mit seinem in der Tongebung sehr schwankenden, auf die immer noch klangvolle und kompakte Höhe fokussierten Bariton einen schweren Stand, zumal sich das Orchester unter der Leitung von Eivind Gullberg Jensen keinerlei Zurückhaltung auferlegt. Der junge norwegische Dirigent entwickelt hörbar eine eigene Sicht auf das Werk, orientiert sich primär an der Tektonik, an den Kontrasten, was einige Abstriche bei der Elastizität seiner Begleitung zur Folge hat. «Italianità», wie man sie am Opernhaus gewohnt ist, wird da zwar nicht geboten, aber Konsequenz kann man dieser Lesart und der Produktion insgesamt nicht absprechen.