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Was charakterisiert den Tessiner Arbeitsmarkt, verglichen mit der übrigen Schweiz?
Durch seine Nähe zu Italien, wo nach wie vor Wirtschaftskrise herrscht, weist der Tessiner Arbeitsmarkt eine viel höhere Zahl an Grenzgängern und ein leicht tieferes Lohnniveau auf als die übrige Schweiz. Zudem ist die Arbeitslosenquote im Tessin höher, sie hat sich aber in letzter Zeit dem Schweizer Durchschnitt angenähert. Dank der Grenzgänger wächst die Tessiner Wirtschaft, was auch neue Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung mit sich bringt. Im Vergleich zu anderen Grenzregionen des Landes ist im Tessin der Lohnunterschied zwischen ausländischen und einheimischen Arbeitskräften besonders gross zugunsten der Inländer. Damit lässt sich auch die diffuse Angst in der Bevölkerung erklären, durch günstige ausländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu werden.
Für einen solchen Verdrängungseffekt fanden Sie in Ihrer Studie jedoch keine Hinweise. Wie interpretieren Sie dieses Ergebnis?
Es zeigt, dass die Tessiner Wirtschaft stark auf Grenzgänger angewiesen ist. Immerhin stehen den über 60’000 Grenzgängern gerade einmal 6000 Arbeitslose gegenüber. Und in der übrigen Schweiz arbeiten nicht annähernd so viele Tessiner, dass sie die Grenzgänger ersetzen könnten. Auch andere Kantone haben selber nicht genügend geeignete Arbeitskräfte, weshalb sie aus angrenzenden Gebieten rekrutieren müssen. Für den Kanton Zug beispielsweise ist das der Kanton Luzern, für das Tessin ist es die Lombardei. In der Studie weisen wir auch nach, dass die Tessiner Unternehmen hauptsächlich deshalb ausländische Arbeitskräfte anstellen, weil sie den gesuchten Qualifikationen besser entsprechen beziehungsweise weil diese Qualifikationen im Tessin nicht verfügbar sind. Mit anderen Worten: Erwerbstätige müssen nicht befürchten, von Grenzgängern aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu werden.
Was entgegnen Sie den gewerkschaftlichen Stimmen, die gerne eine angebliche Verdrängung der einheimischen Erwerbsbevölkerung bemühen, um den Ausbau der flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit zu fordern?
Der Kanton Tessin ist schon sehr aktiv, was den Arbeitnehmerschutz betrifft: Unser Institut ermittelt mit einem Modell, in welchen Branchen tiefe Löhne zu vermuten sind. Der Staat geht diesen Hinweisen zusammen mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern nach und hat bereits 18 Normalarbeitsverträge erlassen. Dadurch sind beispielsweise die Mindestlöhne gestiegen. Der Tessiner Arbeitsmarkt ist schon stark geschützt, und es gibt weder Lohndumping noch eine Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte im grossen Stil. Insofern berauben sich die Gewerkschaften mit ihren Erfolgen zunehmend ihres eigenen Arguments für den Ausbau der flankierenden Massnahmen.
Wie erklären Sie die im gesamtschweizerischen Vergleich deutlich tiefere Erwerbstätigkeit im Tessin?
Die Erwerbstätigkeit war im Tessin historisch gesehen immer tiefer als in der Gesamtschweiz – auch in Zeiten, als es noch deutlich weniger Grenzgänger gab. Sie ist in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen. Unsere Studie hat die Gründe dafür nicht untersucht; vermutlich sind sie auch kultureller Art. So ist bei den Frauen das traditionelle Rollenverständnis nach wie vor verbreitet, zudem ist die Krippensituation im Tessin nicht besonders gut. Ein anderer möglicher Grund ist, dass im Tessin Probleme beim Eintritt in den Arbeitsmarkt bestehen. Dies können wir mit unseren Daten jedoch nicht überprüfen.
Wie beurteilen Sie die Kritik aus dem Tessiner Grossen Rat, Ihre Studie sei unvollständig und nicht geeignet, Rückschlüsse auf die Tessiner Arbeitsmarktsituation zu ziehen?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Ergebnis klar: Wie schon andere Studien sind wir ebenfalls zum Schluss gekommen, dass inländische Arbeitnehmende nicht systematisch durch ausländische ersetzt werden. Das heisst natürlich nicht, dass es keine Fälle von Verdrängung gibt. Solche Fälle werden in der Öffentlichkeit stark wahrgenommen, während die wirtschaftliche Realität gerne verkannt wird. Auch grosse Teile des Tessiner Parlaments, zusammen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft Auftraggeber der Studie, verschliessen die Augen vor dieser Realität. Obwohl sie also lieber an der öffentlichen Wahrnehmung festhalten, haben sie paradoxerweise kritisiert, dass wir nicht untersucht haben, weshalb sich die emotionale Wahrnehmung in der Bevölkerung von der faktenbasierten Realität auf dem Arbeitsmarkt unterscheidet.