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Der junge Italiener Lorenzo Fabrizi traute seinen Augen nicht, als er vor einigen Jahren in einer Fabrik ausserhalb Roms mehr als 10'000 Aufnahmen mit Musik entdeckte. Alles Schallplatten mit Musik aus den 1960er- bis 1980er-Jahren. Von Komponisten, von denen Fabrizi bis auf ganz wenige Ausnahmen noch nie etwas gehört hatte.
Es handelt sich um sogenannte «Library music», Gebrauchsmusik: Komponiert zur musikalischen Untermalung von Filmen, Fernsehserien und Dokumentationen. Aber auch Musik für Werbespots und jede andere Form von begleitendem Soundtrack.
Als die Gebrauchsmusik nicht mehr gebraucht wurde
Bis auf den berühmten Filmkomponisten Ennio Morricone sind fast alle der Musiker, von denen Fabrizi zahllose Aufnahmen entdeckte, heute unbekannt. Was aber Künstler wie Stefano Torossi, Amadeo Tomassi und viele andere eint: Sie alle wurden Anfang des vergangenen Jahrhunderts geboren und studierten an Musikhochschulen.
Anstatt «ernste» Komponistinnen zu werden, profitierten sie von der grossen Nachfrage des öffentlichen Fernsehens und Rundfunks RAI nach Gebrauchsmusik. Diese Nachfrage endete jedoch abrupt Anfang der 1980er Jahre. Die RAI entschied, keine neue Gebrauchsmusik mehr in Auftrag zu geben. Rund 60 Komponisten, die ausschliesslich davon lebten, verloren ihre Arbeit. Nur Stars wie Morricone konnten auch weiterhin gut von Aufträgen der Kinobranche leben.
Musik aus dem Vatikan
Die von Lorenzo Fabrizi wiederentdeckten Aufnahmen waren nicht für den Verkauf bestimmt. Wie sie in die Fabrikhalle gelangten, ist ein Rätsel. Klar ist nur, dass sie aus dem Musikarchiv von Radio Vatikan stammten. Aber warum sich der Papstsender tausender musikalischer Aufnahmen entledigt hatte, ist unklar.
Und so wurden die zu einem grossen Teil faszinierenden Kompositionen, die in der Regel zwischen zwei bis fünf Minuten dauern, vergessen. Musik, die je nach dem Gebrauch, für den sie bestimmt war, anders ist: von Orchesterwerken für Liebes- und Polizeifilme, Jazz, Beat, Funk, Underground, Easy Listening bis zu psychedelische Musik.
Durch die Vielfältigkeit der Sammlung kam Fabrizi auf die Idee, diesen musikalischen Fund mit einer eigens dafür gegründeten Plattenfirma, Sonor Music Editions, herauszugeben. Mit poppigen und der Entstehungszeit der Musik entsprechenden Plattencovern. Die Platten finden ein begeistertes Hörerpublikum – nicht nur in Italien. Die Musik kommt so gut an, dass vor kurzem auch die US-Zeitung New York Times Fabrizis Musikschatz einen Artikel widmete.
Italien: das Land der unentdeckten Musikschätze
Experten zufolge ist Italien immer noch ein Land zu entdeckender Musikschätze. Vor allem alter Musik. Viele der seit Jahrhunderten existierenden Archive und Bibliotheken, wie etwa in Neapel, enthalten wahrscheinlich noch zahllose unbekannte Kompositionen vom Mittelalter bis zum Barock.
Ein guter Teil der Bestände italienischer Bibliotheken ist immer noch nicht wissenschaftlich komplett erfasst. Und so ist nicht ausgeschlossen, dass noch unbekannte oder verschollene Kompositionen auch von so berühmten Meistern wie Vivaldi und Monteverdi irgendwann entdeckt werden könnten.