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von Dr. Jana Nikitin
Dank elektronischen Medien und dem Internet gibt es immer mehr zu lesen. Wie können wir diese Informationsflut bewältigen? Die Antwort ist einfach: Indem wir schneller lesen. Aber kann man schneller lesen lernen? Und leidet nicht das Verständnis des Textes darunter?
Die Weltmeister im schnellen Lesen können das dickste Harry Potter Buch in einer Dreiviertelstunde lesen. Das entspricht etwa 4'200 gelesenen Wörtern pro Minute und ist weit über dem Lesevermögen eines gebildeten Lesers, der auf durchschnittlich 200 bis 400 Wörter pro Minute kommt. Schnelles Lesen ist also möglich. Ist es aber für jedermann erreichbar?
Es gibt viele Trainings des schnellen Lesens. Die Hauptidee dabei ist, den Text als Ganzes zu verarbeiten oder das innere Sprechen beim Lesen zu unterdrücken. Eine andere Möglichkeit ist, neue Technologien zu nutzen. Manche Apps präsentieren Texte in einer seriellen Abfolge von Wörtern, so dass die Augen gar nicht bewegt werden müssen. Das sollte beim Lesen Zeit sparen. Andere Apps verändern fortlaufend die Farbe des Textes, sodass man beim Lesen immer weiss, wo man gerade ist.
Aber wie steht es mit der Wissenschaftlichkeit dieser Methoden?
Unser visuelles System ist gar nicht dafür geeignet, einen Text als Ganzes zu erfassen. Wenn wir unsere Augen auf etwas richten, können wir nur in einem Bereich von ca. 1° scharf sehen. Das entspricht etwa der Fläche Ihres Daumens, wenn Sie den Arm gestreckt halten, oder einem Wort in einem Text. Einen ganzen Abschnitt oder gar eine Seite auf einmal scharf zu sehen, ist unmöglich. Dass wir überhaupt einen Text lesen können, verdanken wir den Sakkaden, also schnellen Sprüngen, die unsere Augen von einem Wort zum nächsten machen.
Wie steht es um die serielle Abfolge von Wörtern als Methode für schnelleres Lesen? Um ein Wort zu erkennen, braucht ein geübter Leser etwa 250 ms. Während dieser Zeit geschieht auch die Sakkade, d.h., die Augen springen zum nächsten Wort. Sakkaden vergeuden also keine Zeit. Diese Zeit brauchen wir, um das Wort zu verstehen. Die Augen beim Lesen nicht zu bewegen, um damit Zeit zu sparen, gründet daher auf einer falschen Annahme. Es wird keine Zeit gespart, wenn Wörter wie in den oben erwähnten Apps seriell präsentiert werden.
Ausserdem wird beim Lesen in etwa 10% der Fälle ein bestimmtes Wort nicht sofort begriffen und braucht eine „Rückwärts-Sakkade“. Eine serielle Abfolge von Wörtern verunmöglicht solche Rückwärts-Sakkaden und erschwert damit das Verständnis des Textes. Das gilt auch für farbliche Veränderungen des Textes, die nur ein vorwärts gerichtetes Lesen ohne Sprünge voraussetzen.
Das nächste Problem der seriellen Darbietung von Wörtern ist, dass sie das Sehen des nächst gelegenen Wortes verunmöglicht. Obwohl wir nur in einem Bereich von 1° scharf sehen können, können wir im Umkreis von etwa 5° auch andere Wörter erkennen (etwa ein bis zwei weitere Wörter). Beim Lesen verarbeiten wir also nebst dem Wort, auf das wir gerade schauen, schon auch das nächste Wort. Das wird bei einer seriellen Abfolge von Wörtern verunmöglicht und hindert daher den Lesefluss.
Und was ist mit der Hemmung der inneren Rede als Methode zum schnelleren Lesen? Die gesprochene Sprache kommt in allen Kulturen vor der gelesenen Sprache. Kinder lernen zuerst sprechen, bevor sie lesen lernen. Entsprechend ist die primäre Form der Sprache vokal und auditorisch, nicht visuell. Das führt auch dazu, dass wir beim Lesen automatisch mit einer inneren Stimme den Text nachsprechen. Studien, in denen diese innere Rede gehemmt oder gehindert wird (indem zum Beispiel die Muskelbewegungen im Gesicht reduziert werden), zeigen, dass das Lesen damit massiv erschwert, nicht erleichtert, wird.
Was machen also schnelle Leser anders als langsame Leser? Schnelle Leser fixieren die Wörter kürzer, machen längere Sakkaden und springen seltener zurück im Text. Das liegt vor allem an ihrer besseren Worterkennungsfähigkeit. Schnelle Leser beherrschen also die Sprache besser als langsame Leser. Sie lesen nicht schneller, weil sie die Augen schneller bewegen oder den Text als Ganzes lesen können, sondern weil sie ihn schneller verstehen.
Eine Methode, die zwar kein vollumfängliches Verständnis des Textes, dafür aber ein schnelles Finden der relevantesten Information ermöglicht, ist „skimming“, also schnelles Überfliegen des Textes. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Seiten in möglichst kurzer Zeit durchzukämmen, sondern die relevanten Passagen zu finden. Relevante Passagen findet man am besten, wenn man nach Schlüsselwörtern sucht oder sich an der Struktur des Textes orientiert (Überschriften, erster Abschnitt in jedem Kapitel, erster Satz in jedem Abschnitt).
Die Schlussfolgerung der wissenschaftlichen Forschung zum schnellen Lesen ist also ernüchternd. Es gibt keine Technologie und auch kein schnelles, einfaches Training, das das schnelle Lesen ohne Verständniseinbussen ermöglichen würde. Wir können lernen, den Text zu überfliegen und nach relevanten Informationen zu suchen. Dabei wird uns aber auch viel Information entgehen. Wenn wir schneller lesen und trotzdem viel verstehen wollen, müssen wir das jahrelang durch häufiges Lesen üben. Denn nur so erhöhen wir unser Sprachverständnis und dadurch die schnelle Worterkennung. In diesem Sinne: Viel Spass beim Lesen!
Quellen:
Rayner, K., Schotter, E. R., Masson, M. E. J., Potter, M. C., & Treiman, R. (2016). So much to read, so little time: How do we read, and can speed reading help? Psychological Science in the Public Interest, 17, 4-34. doi:10.1177/1529100615623267
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