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| Tertullian († um 220) - Das Zeugnis der Seele (De testimonio animae)

5. Kap. Diese Zeugnisse sind als Stimme der Natur und ihres Urhebers, Gottes, anzusehen und nicht als Folge literarischer Bildung; wenn aber dieses, so wären sie eine Folge der heiligen Literatur, nicht der profanen.
Diese Zeugnisse der Seele sind ebenso wahr als einfach, ebenso einfach als alltäglich, ebenso alltäglich als allgemein, ebenso allgemein als natürlich, ebenso natürlich als göttlich. Ich möchte nicht glauben, daß es jemandem wertlos und frostig vorkommen wird, wenn er die Erhabenheit der Natur erwägt, wonach ja die Autorität der Seele abzuschätzen ist. Gerade soviel als du der Lehrerin gibst, wirst du der Schülerin zuerkennen; Lehrerin ist die Natur, Schülerin die Seele. Alles, was jene gelehrt und diese gelernt hat, ist von Gott gekommen als dem Lehrmeister auch der Lehrerin. Was die Seele in betreff ihres höchsten Lehrers zu ahnen imstande sei, das zu beurteilen ist an dir nach Maßgabe derjenigen, die in dir ist. Lerne sie wahrnehmen, sie, die bewirkt, daß du wahrnimmst; beobachte sie, die in Vorempfindungen eine Seherin, bei Vorzeichen eine Prophetin ist und bei Ereignissen eine Vorahnung hat. Ist es ein Wunder, wenn sie, von Gott dem Menschen gegeben, göttlicher Ahnungen fähig ist? Ist es wirklich ein so großes Wunder, wenn sie den, von welchem sie gegeben ist, kennt? Sogar vom Widersacher betrogen, [S. 212] bewahrt sie ja noch die Erinnerung an ihren Urheber, seine Güte, seinen Ratschluß, ihren Ausgang und ihren Widersacher, So wenig wunderbar ist es, wenn sie, von Gott gegeben, das kundtut, was Gott den Seinigen zu wissen gegeben hat!
Jedoch wer solche Kundgebungen der Seele nicht für die Lehre der Natur und die geheime Hinterlage des mitgeborenen und angeborenen Wissens hält, der wird dann wohl lieber behaupten wollen, daß diese Gewohnheit, oder dann richtiger gesprochen diese Unsitte, durch in das Volk gedrungene Ideen solcher Schriften, die Gemeingut geworden, an Stärke zugenommen habe, - Jedenfalls war die Seele vor der Schrift da, die Sprache vor dem Buche, der Gedanke vor dem Griffel, der Mensch an sich vor dem Philosophen und Dichter. Ist also etwa zu glauben, daß die Menschen vor dem Entstehen der Büchergelehrsamkeit und deren Verbreitung unter das Volk stumm ohne derartige Ausdrücke gelebt hätten? Sollte damals niemand von Gott und seiner Güte, niemand vom Tode, niemand von der Unterwelt geredet haben? Die Sprache wäre dann schier bettelhaft arm gewesen, oder konnte richtiger gar keine sein, indem ihr das noch fehlte, ohne welches sie heute, obwohl schon vollkommener, reicher und gebildeter, nicht zu existieren vermag, wenn nämlich das, was heute so einfach, so regelmäßig, so naheliegend ist und gleichsam auf den Lippen selbst entsteht, nicht früher vorhanden war, bevor die Wissenschaften in der Welt aufgesproßt, bevor Merkur, meine ich, geboren war. Und wodurch kamen die Wissenschaften selbst in die glückliche Lage, das zu kennen und als allgemeinen Sprachgebrauch zu verbreiten, was noch kein Geist jemals empfangen, keine Zunge ausgesprochen und kein Ohr vernommen hatte? Aber freilich, da die heiligen Bücher, die bei uns oder bei den Juden zu finden sind, auf die wie auf ein wildes Reis wir eingepfropft sind1, um vieles und nicht bloß um einen geringen Zeitraum älter sind als die profanen Schriften, - wie wir seines Ortes2, um ihre [S. 213] Glaubhaftigkeit nachzuweisen, gelehrt haben, - wenn also die Seele jene Ausdrücke sich aus Büchern angeeignet hat, - dann vermutlicherweise jedenfalls aus unseren, nicht aus den Eurigen, Denn das Frühere ist doch wohl geeigneter für die Unterweisung der Seele als das Spätere, welches sich ja selbst erst den Unterricht durch das Frühere gefallen lassen mußte. Auch wenn wir zugeben wollten, daß die Seele ihre Belehrung aus Euern Schriften geschöpft habe, so würde die Überlieferung doch noch zu ihrem eigentlichen Ursprung hinanreichen und was Ihr vom Unserigen zu entlehnen und weiter zu überliefern so glücklich gewesen seid, uns ganz angehören. Demzufolge macht es keinen großen Unterschied, ob das Wissen der Seele durch Gott formiert ist oder durch die göttlichen Schriften. Warum, o Mensch, verlangst du, daß dieseDinge erst von den menschlichen Meinungen deiner Schriften ihren Ausgang zum feststehenden allgemeinen Sprachgebrauch genommen haben sollen?
1: Vgl. Röm. 11,24.
2: Nämlich im Apologeticum Kap. 18 u. 19.