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von Ch. D.
Im Sommer traf ich ihn jeden Morgen, wenn ich zum Dienst ging. Da hatte der alte Mann seinen Flocki an der Leine, stakte mit ihm bis zur Wiese und dann erst ließ er ihn los.
Im Herbst wurde die Wiese eingezäunt und ein Schild stand plötzlich da: „Wohnbaublock der Firma Sowieso“. Da ging der alte Mann weiter hinaus aus der Stadt mit seinem Flocki, blieb oft sinnend vor dem Bauplatz stehen und Flocki gab am Eingang mehrere Visitenkarten ab. Später sah ich den alten Mann dann nicht mehr. Es gab Schnee, wenige Sonnentage und jeder hatte mit sich selbst zu tun.
Kurz vor Weihnachten, an einem Sonntag, fuhr ich mit Bekannten zum Tierheim hinaus, um einen Hund auszusuchen. Sie hatten sich am Stadtrand ein kleines Eigenheim gebaut und brauchten nun einen Hausgenossen. Und da sah ich Flocki wieder. Er saß bei den anderen Hunden im Zwinger, etwas abseits, traurig, einsam und ungeliebt. Vielleicht spürte er, daß ich ihn kannte, er kam zum Gitter, roch an meiner Hand als ich ihn streichelte und wedelte mit seinem Stummelschwänzchen. Dann trottete er langsam auf seinen Platz zurück.
Meine Freunde hatten sich einen Schäferhund ausgesucht und durften ihn gleich mitnehmen. Ich stand noch immer vor Flocki und überlegte: Konnte ich ihn mitnehmen? Ich wohnte möbliert und war den ganzen Tag nicht zu Hause. Würde ich jemanden finden, bei dem ich ihn tagsüber lassen konnte? Ich tauschte einen langen Blick mit Flocki, und dann… nahm ich ihn mit. Ich machte ihn an einer improvisierten Leine fest und wir gingen mit unseren Hunden los.
Als ich kurz vor meiner Wohnung mit Flocki aus der Straßenbahn stieg, wurde er unruhig, er zerrte an seiner Schnur, begann zu winseln und dann entschlüpfte er mir. Aber er eilte nur voraus und blieb schließlich vor einer Haustür stehen. Hier also mußte der alte Mann gewohnt haben. ich wagte nicht zu klingeln, machte Flocki wieder fest und ging mit ihm nach Hause.
Natürlich war meine Wirtin entsetzt über den neuen Hausgenossen, drum schwindelte ich und sagte, daß er nur ein paar Tage bei mir bleiben sollte. Im Innern aber hoffte ich, daß er bald das Herz der Frau erobern und dann für immer bleiben würde. Dann machte ich Flocki Futter zurecht und sorgte für ein Lager. Er gehorchte aufs Wort, legte das Köpfchen schief, wenn ich mit ihm sprach und trippelte immer nur hinter mir her, um mich nicht zu verlieren.
Am nächsten Tag, es war ja Sonntag, ging ich morgens lange mit Flocki spazieren. Er rannte voraus zu seiner Wiese, gab seine Visitenkarte ab und trottete dann weiter. Immer drehte er sich nach mir um, Er wußte also, daß er zu mir gehörte. Auf dem Heimweg lief er an meiner Haustür vorbei und rannte zum Hause seines früheren Herrn. Dort setzte er sich vor die Tür, stellte das Köpfchen schief und schielte zur Mansarde hinauf. ich faßte mir ein Herz und klingelte. Der Türöffner schnurrte und ich drückte die Klinke nieder und Flocki stürzte nach oben. Aber da stand eine fremde alte Frau. Wo denn der alte Herr jetzt sei, der früher hier gewohnt habe, fragte ich. Doch die alte Frau wußte nur, daß er in ein Altersheim gebracht worden sei, mehr konnte sie nicht sagen. Ich dankte ihr, kehrte um und stieg langsam die Treppe hinab. Flocki lief vor mir her und zögerte an jedem Treppenabsatz. Ich sprach mit ihm und versprach ihm, sein Herrchen zu suchen und zu finden.
Klopfenden Herzens nahm ich Flocki am nächsten Tage mit zum Dienst. Was würde man sagen, wenn ich mit einem Hund kam? Aber der Chef war über Weihnachten verreist und der Prokurist hatte im Außendienst zu tun, alle anderen fanden Flocki „himmlisch“ und fütterten ihn so, daß er beim Gäßchengehen kaum noch laufen konnte. Am Vormittag hatte ich auf der Polizei Namen und neue Adresse von Flockis altem Herrchen ausgekundschaftet.
Am nächsten Tage, es war Heiligabend, der 24. Dezember, ich hatte dienstfrei, packte ich eine Tasche mit Wein, Kuchen, Süßigkeiten usw. und nahm Flocki an die Leine und stiefelte mit ihm zum Bahnhof. Es schneite. Flocki fand das herrlich und versuchte die Flocken zu fangen. Dann fuhren wir beide los.
In der kleinen Stadt angekommen, mußten wir ein großes Stück laufen, das Altersheim lag etwas außerhalb. Flocki sprang voraus, ich konnte ihm kaum folgen. Ich klingelte dann am Tor. Flocki stellte das Köpfchen schief, wedelte und lief als erster hinein. Wir gingen durch eine kleine Halle und standen plötzklich in einem großen Zimmer, in dem viele alte Menschen vor brennenden Kerzen saßen. Flocki blieb stehen, schnüffelte, gab einen Schrei von sich und stürzte sich auf seinen alten Herrn.
Was soll ich weiter erzählen? Sie freuten sich so sehr, die beiden, sie umarmten sich, ja, sie küßten sich, der alte Mann und der Hund, und all die anderen alten Leute ringsum nahmen teil an der großen Freude. Ich aber stand vergessen an der Tür, ich konnte nichts machen, als meinen Tränen freien Lauf zu lassen und ich schämte mich nicht. Und vergessen war ich auch nicht. Flocki stockte plötzlich mitten in einem neuen Freudensprung. Er drehte sich um, rannte zu mir hin, zerrte an meinem Mantel und riß mich mit sich fort, hin zu seinem Herrn und dann erst sah der mich und fragte, fragte, fragte. Und ich wußte keine Antwort, denn meine Tränen kullerten noch immer. Nur „Frohe Weihnachten!“ brachte ich stammelnd heraus und all die anderen ringsum sahen mich an und nickten, und ich glaube, sie sahen aus wie die Hirten auf dem Felde, als sie die Weihnachtsbotschaft hörten. Draußen wurde gebraut, Kuchen gegesssen und viel, viel erzählt. Und die Zeit verrann. Plötzlich mußte ich mich beeilen, um meinen Zug noch zu erreichen.
Also stand ich auf, zog meinen Mantel an und ging zur Tür. Flocki sah mir nach, er zögerte und wußte keine Entscheidung. Dann legte der alte Mann seine Hand auf Flockis Köpfchen und sagte: „Geh, mein liebes Kerlchen, geh nur mit!“ Und da hatte sich Flocki entschieden und kam zu mir. Wir stapften beide durch die Weihnachtsnacht und noch immer läuteten die Glocken.
Im verlassenen Bahnhofsgebäude brannte einsam ein Tannenbaum. Der Zug meldete Verspätung. Flocki saß dicht neben mir auf der harten Bank. Plötzlich stieg er leise über meinen Arm auf meinen Schoß hinüber, rollte sich aufseufzend zusammen und drückte sein Köpfchen an mich. Ich streichelte ihn und hörte sein kleines Herz in meiner Hand schlagen.
„Flocki“, sagte ich, „nun ist alles gut“. Sonntags fahren wir jetzt öfter hier heraus, na, und meine Wirtin, die kriege ich schon noch herum!“
***
Von einem Deutschen mit Kurzbezeichnung Ch. D., der nach Brasilien auswanderte und dessen Geschichte in der deutsch-sprachigen Brasil-Post, Sao Paulo vor einigen Jahren am 24. Dezember veröffentlicht wurde.