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Als Geschichte bezeichne ich eine Beschreibung eines einmaligen und irreversiblen Prozesses, von welchem gesagt wird, dass er stattgefunden habe.
Geschichte haben einen Autor (der nichts dafür kann), ein Ereignis (das aus vielen Ereignissen bestehen kann), einen Anfang und ein Ende. Jede Geschichte erzählt ein Auf-die-Welt-Kommen, eine Entwickeln und ein Verschwinden (falls sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch), wobei viele Geschichten noch nicht zu Ende erzählt sind. Das Universum begann mit dem Urknall und endet .. ganz sicher, nur ist es noch nicht geschehen.
Umgangssprachlich wird oft auch - oder sogar vor allem - der Gegenstand, von welchem die Geschichte erzählt wird, als Geschichte bezeichnet. Aus der Geschichte über den sogenannten Weltkrieg, wird dann dieser Krieg zur Geschichte im Sinne eines - geschichtlichen - Erreignis, welches so stattgefunden habe, wie es die Geschichte erzählt.
Differenztheoretisch beobachte ich Geschichte durch die Differenz zwischen Geschichte und Geschichten. Wenn ich eine Geschichte als Novelle wahrnehme, glaube ich sie, weil es keine Rolle spielt, ob ich sie glaube, wenn ich eine Geschichte im Sinne der Disziplin Geschichtswissenschaft höre, glaube ich sie nicht, weil mir dann gesagt wird, dass sie wahr sei, was zu einem Motivverdacht führt, weil Aufrichtigkeit nicht kommuniziert werden kann.

Die Differenz, die wahre Geschichte begründet, begründet ebenso unwahre Geschichte (Lüge, fake news, Verschwörungstheorie). Die Definitionen, die Geschichte quasi durch Geschichte definiert, lese ich operativ: "Mache eine Unterscheidung zwischen Geschichte und Nicht-Geschichte. Dann schaue nur noch die Geschichte-Seite der Unterscheidung an und mache die dieselbe Unterscheidung noch einmal (re-entry).
Bestimmte Geschichten sind in dem Sinne Geschichte, als sie innerhalb der Sozietät, die sie konstituieren, nicht ohne Machtposition bestritten werden können. In unserer Gesellschaft gibt es Institutionen für wahre Geschichte, vorab die Universität und die sogenannte Wissenschaft.
In unserer Gesellschaft erscheint die Geschichte - nicht wie etwa in der Bibel, die die Weltgeschichte als Ganzes erzählt - funktional ausdifferenziert, sie hat nicht mehr einen Gegenstand, sondern besteht aus einer beliebigen Menge von Geschichts-Geschichten, die unter verschiedenen Gesichtspunkten angeordnet und verküpft werden und mittels des Primärschlüssels Zeit miteinander lose verknüpft sind, so dass eine Art "Welt"geschichte entsteht.
Als Zeittafel bezeichne ich eine nach Datum sortierte Tabelle, in welcher Ereignisse und Phänomene wie Erfindungen, Personen, Technologien, Kriege zusammengetragen worden sind. Zeittafeln wurden in der "Encyclopedia Britannica" (1. Auflage 1768) als alternative Darstellungen zur bis dahin üblichen Prosa-Chronik populär gemacht, das heisst, sie ersetzen ein narratives Element der Prosa, die über gleiche Ereignisse berichtet (siehe dazu die Zeittafel im Projekt diasynchron).
Das Thema aller Geschichten ist der Mensch, weil kein Autor umhinkommt, über seine Herkunft (Vergangenheit) und seine Verhältnisse zu erzählen. Ich unterscheide die Naturgeschichte und die Kulturgeschichte, erstere wird von Naturwissenschaften, letztere von Geisteswissenschaft erzählt. Der Homo sapiens ist Gegenstand der Evolutionsgeschichte bis zu dem Zeitpunkt, an dem er angefangen hat, sich seine Geschichte zu erzählen, und so Gegenstand der Revolutionsgeschichte geworden ist. Die Geschichte des Tier-Mensch-Übergangsfeld wird von Archäologen und Naturrechtlern erzählt und gilt den Kulturwissenschaftler, die an der ganzen Kulturgeschichte interessiert sind, als Vorgeschichte bezeichnet, weil weil sie für ihre Wahrheitsansprüche keine noch so dürftige Quellen haben.
Die funktional ausdifferenzierte Weltgeschichte erscheint so als zeitliche Abfolge von
Naturgeschichte
Tier-Mensch-Übergangsfeld
Kulturgeschichte
Evolutionstheorie Vorgeschichte Frühgeschichte Antike Mittelalter Neuzeit
Als Schulgeschichte (im Sinne der Geschichtswissenschaft) wird Herschaftsgeschichte erzählt. Tautologischerweise kann ich aber zu jedem Gegenstand eine Geschichte schreiben.
Beispiele:
Geschichte des Geldes, Geschichte der Technik, Geschichte der Demokratie, der Philosophie, des Handwerkes, der Kunst.
Umgekehrt begründet jede Geschichte ihren Gegenstand, indem sie Ereignisse verknüpft. Ich gebe dazu ein Beispiel:
Wenn ich die Geschichte der Physik erzähle, kann ich mich auf die Entwicklung der physikalischen Gesetze beschränken. Ich kann aber auch erzählen, wie die Entwicklung der Technik die Physik verändert hat.
Im ersten Fall erzähle ich, wann die thermodynamischen Gesetz von wem geschrieben wurden, und allenfalls, was sie besagen. Im zweiten Fall beschreibe ich beispielsweise wie die Erfindung der Kraftmaschine die Physik verändert hat.
Literatur
„Das Besondere an der Sinngeschichte ist vielmehr, das sie wahlfreien Zugriff auf den Sinn von vergangenen bzw. künftigen Ereignissen ermöglicht, also ein Überspringen der Sequenz. Geschichte entsteht durch Entbindung von Sequenzen. Ein Sinnsystem hat in dem Maße Geschichte, als es sich durch freigestellte Zugriffe limitiert - sei es durch bestimmte vergangene Ereignisse (die Zerstörung des Tempels, die Krönung des Kaisers durch den Papst, die Niederlage von Sedan; oder im kleineren: die Hochzeit, der Abbruch des Studiums, die erste Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe, das ‚coming out' des Homosexuellen), oder sei es durch Finalisierung der Zukunft. Geschichte ist demnach immer: gegenwärtige Vergangenheit bzw. gegenwärtige Zukunft; immer: Abstandnahme von der reinen Sequenz; und immer: Reduktion der dadurch gewonnenen Freiheit des sprunghaften Zugriffs auf alles Vergangene und alles Künftige.” (Luhmann, SoSy, 118)
"Zum Begriff einer sinnhaften Geschichte gehört eine (je gegenwärtig konstituierte, in die Vergangenheit projizierte) Differenz von Möglichem und Wirklichem. Das "Geschichtsbild" einer Gesellschaft variiert deshalb nicht nur infolge der je gegenwärtigen Selektion und Aufmachung von Fakten, die man aus erkenntnismäßigen oder anderen Gründen für berichtenswert hält; sondern es variiert in den Konstitutionsbedingungen der Selektivität, vor allem in der Unaufhebbarkeit der Möglichkeit anderer Möglichkeiten, die heute möglich sind. Um nur ein Beispiel zu geben: Es ist nahezu unvermeidbar, daß wir Gesellschaften ohne politisch organisierte Möglichkeit einer bindenden Entscheidung von Rechtskonflikten unter dem Gesichtspunkt des "Fehlens'' dieser Möglichkeiten betrachten und Übergangslagen so analysieren, als ob es beide Möglichkeiten "gäbe" und erst die eine, dann allmählich die andere verwirklicht würde." (Luhmann, N. (1972) Weltzeit und Systemgeschichte, S.131, in: Luhmann, N. (2005) Soziologische Aufklärung, Band2, S. 128-166)
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