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Die Familienpolitik prägt die Menschen und die Kultur eines Landes. Wie unterschiedlich das ausfallen kann, möchte ich an nichtrepräsentativen, privaten Beispielen belegen. Ich wohne mit meinem Mann und meinen drei Kindern in Brüssel. Hier werde ich am Rande von Sitzungen oder Berufsmandaten nie gefragt, ob ich Kinder habe. In diesem Umfeld sind alle in erster Linie Berufsfrauen - es spielt absolut keine Rolle, ob kinderlos oder kinderreich. Ebenso fragt in Brüssel niemand, wie ich das manage, falls meine Kinder zur Sprache kommen. Hier kennen die Menschen die Schwierigkeiten einer berufstätigen Mutter oder eines berufstätigen Vaters, aber sie wissen auch, dass die in einem Land wie Belgien zu bewältigen sind.
In Deutschland und in der Schweiz hingegen werde ich - nach Vorträgen, politischen Beratungen und Sitzungen sowie normalen Unterrichtstagen - einem richtigen Tribunal unterzogen: «Was macht Ihr Mann?» - «Wo sind Ihre Kinder jetzt?» - «Sind sie gut in der Schule?» - «Wie lange haben Sie gestillt?» - «Wie viele Jahre sind die Kinder auseinander?» - «Planen Sie noch weitere Kinder?» - «Sind Sie mehr Karrierefrau oder Mutter?» - «Beherrschen Ihre Kinder überhaupt eine Muttersprache?» - und so weiter und so fort.
Eine andere Beobachtung, vor einigen Jahren passiert: Ich sitze mit meinen drei Kindern im Alter von null bis fünf Jahren während der Hauptverkehrszeit im Bus Richtung Tierpark. «Hätten zwei denn nicht auch gereicht?», murmeln zwei ältere, distinguierte Damen. «Ist es wirklich notwendig, dass Sie als Mutter mit Kindern ausgerechnet abends um halb sechs den Bus nehmen?», fragt mich ein Mann mit Aktenkoffer.
Kurz: Im Gegensatz zum Beobachter-Familienmonitor, demzufolge die Familie in der Schweiz eine hochangesehene, äusserst positiv besetzte Institution ist, stelle nicht nur ich fest, sondern viele meiner Freundinnen und Freunde, dass - vor allem in den Städten - Kinder hierzulande unwillkommen sind. Sie sind lärmig, brauchen Platz, stellen unbequeme Fragen, lachen zu laut, sind frech und direkt und müssen offenbar ständig diszipliniert werden. Auf dem Land sieht die Situation für Kinder und Familien besser aus. Zwar fehlen auch dort Krippenplätze und Mittagstische. Aber es gibt noch funktionierende gemeinnützige Organisationen, Nachbarhilfen und lokale Initiativen, die in grosser Parforceleistung Müttern und Vätern helfen und Kindern eine teilweise sogar idyllische Kindheit ermöglichen. Denn eines darf nicht vergessen werden: Mögen auch die Schulen völlig rückständig, die Dörfer steinkonservativ, die Eltern und Verwandten völlig altmodisch oder modern-neurotisch sein - Kinder in der Schweiz haben auf dem Land immer einen riesigen Vorteil. Sie dürfen raus. Sie rennen herum, spielen Fussball, streifen durch Wälder - sie erleben Bewegungs-, Ausdrucks- und Kommunikationsfreiheit.
Wohl auch deshalb sieht der Beobachter-Familienmonitor so positiv aus. Weil viele der Befragten noch immer in genau solchen kleinräumigen Strukturen leben und die Herausforderungen der modernen Massengesellschaften noch nicht in jener Härte spüren, wie es die Bewohner der urbanen Zentren tun. Auf dem Land ist die Welt - und die Schweiz ist immer noch viel Land - punkto Familie trotz allem Wenn und Aber tatsächlich ziemlich heil.
Genau diese Mentalität kommt im Familienmonitor voll zum Tragen. Obwohl die Misere in den Städten Basel, Bern oder Zürich bezüglich Familienpolitik bekannt ist (fehlende Krippenplätze, fehlende Teilzeitstellen, fehlende Tagesschulen; aber auch fehlende Karrierefrauen, die gleichzeitig Mütter sind, und fehlende Karrieremänner, die Väter sind; ein Überschuss an kinderreichen, vom Sozialamt abhängigen Familien und so weiter), halten viele kinderlose und kinderreiche Befragte an der Wunschvorstellung des schweizerischen Familienpolitik-Idylls fest. Verglichen mit internationalen Standards schneidet die Schweiz punkto Kinderfreundlichkeit schlecht ab, doch die meisten Befragten wollen das gar nicht sehen.
Weshalb? Dazu gäbe es Seiten zu schreiben. Hier möchte ich drei Punkte festhalten:
Erstens neigen Menschen dazu, den Stock, der sie schlägt, zu verschlucken. Das heisst, sie merken gar nicht, was Ursache und was Wirkung ist. Auf die Schweiz übersetzt heisst dies, dass in jeder öffentlichen Diskussion vergessen wird, dass das traditionelle Familienmodell mit dem Mann in der Ernährerrolle seit den dreissiger Jahren in der Schweiz politisch, gesetzlich und ökonomisch verordnet wurde. Frauen, Männer und Kinder, die aus diesem Modell rausfielen, waren wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell und politisch Aussenseiter oder wanderten aus.
Zweitens liegt das Problem in der Natur von Befragungen selbst. So stützen Fragen nach der Mentalität immer den gegenwärtigen Zustand, was eigentlich logisch ist. Wer gibt in einer Befragung etwa schon gerne zu, dass er seine Träume bezüglich Vereinbarkeit von Familie, Kindern und Karriere nicht erreicht hat? Verlierertypen sind nur in Filmen witzig. Aber bei einer Befragung will niemand ein Loser sein; also gibt man sich mit der aktuellen Situation zufrieden.
Drittens schlagen in der Befragung die qualitativen Veränderungen im Familiendiskurs in der Schweiz nicht durch. Denn dass sich etwas bewegt in Sachen Gleichstellungsforderungen und geteilter Familienarbeit, ist offensichtlich. Wenn allein in Liechtenstein - so geschehen Ende Februar in Vaduz - 500 Businessfrauen beim Satz von Bundesrätin Doris Leuthard, «Wir brauchen mehr Männer an Herd und Waschküche», aufstehen und wild klatschen, ist das ein deutliches Zeichen.
Dass im Beobachter-Familienmonitor eine Mehrheit trotzdem findet, punkto Kinder und Familie stünde in der Schweiz alles zum Besten, heisst nicht, dass dies stimmt. Im Gegenteil: Es heisst vor allem, dass die Widerstände gegen jegliche gesellschaftliche Veränderung in der Schweiz hoch sind - und solange dem so ist, ist die Wahlfreiheit für oder gegen Kinder in der Schweiz eingeschränkt.
Zur Autorin
Regula Stämpfli ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet als Dozentin, Beraterin und Autorin in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz (siehe www.regulastaempfli.ch). Sie lebt mit ihrer Familie in Brüssel.