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Stiefel, Ernst, Dr. med. 1893-1977
Das Ärzte-Ehepaar Ernst und Gertud Stiefel-Waser führten in Winterthur über fünfzig Jahre lang eine Internisten- und Neurologenpraxis. Selbst Notfallbesuche in Vertretung abwesender Kollegen hat Ernst Stiefel, weit über siebzig Jahre alt, noch übernommen.
Ernst Stiefel wurde am 15. Mai 1893 als zweites von drei Kindern im Restaurant Gotthard in Winterthur am Untertor geboren. Trotz dem frühen Tod des Vaters konnte der 19-jährige sein Medizinstudium in Zürich beginnen und, unterbrochen von Semestern in Lausanne, München und Berlin, 1918 beenden. Er war lange Zeit nicht sicher, ob er nicht lieber Musiker geworden wäre. Als Kliniker lernte er seine Mitstudentin und spätere Frau Trudi Waser kennen. Nach gemeinsam erlebter Ausbildung in Zürich, Berlin und St. Gallen eröffneten die beiden 1924 ihre Praxis an der Paulstrasse. Es war für Ernst Stiefel selbstverständlich sein breites Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.
Sein Sohn G. Ernst Stiefel trat in seine Fussstapfen, studierte ebenfalls Medizin und führte die Arztpraxis an der Paulstrasse weiter.
An der Abdankungsfeier im Krematorium Winerthur am 21. März 1977 sprach Dr. med. Peter Dubs, Präsident der kantonalen Ärztegesellschaft Zürich:
"Liebe Familie Stiefel, geehrte Trauerversammlung,
Die Ärzte unseres Bezirkes, des Kantons, der deutschsprechenden Schweiz haben mit dem Hinschied von Ernst Stiefel einen ihrer profiliertesten Kollegen verloren. Der Verstorbene, der in Winterthur über fünfzig Jahre lang seine Internisten- und Neurologenpraxis führte, hat seinen Beruf ernstgenommen. Er hat seine Patienten wirklich betreut, sich ihnen gewidmet. Noch bis vor wenigen Jahren sah man ihn auf seinem geliebten Velo zu seinen Patienten fahren; selbst Notfallbesuche in Vertretung abwesender Kollegen hat er, weit über siebzig Jahre alt, noch gemacht.
Ernst Stiefel erkannte schon früh, dass über das rein Fachtechnische hinaus die Ärzteschaft Mitglieder braucht, die sich standespolitischen Fragen widmen. Mit dem ihm eigenen Impetus hat er diese Erkenntnis in die Tat umgesetzt. Er präsidierte achtzehn Jahre die Ärztegesellschaft der Bezirke Winterthur und Andelfingen, war als solcher auch Mitglied im Vorstand der Kantonalen Ärztegesellschaft, bekleidete neun Jahre das Amt des Vizepräsidenten und achtzehn Jahre dasjenige des Präsidenten der Winterthurer Genossenschaft für Krankenpflege; vor allem aber stand er neunzehn Jahre lang dem Verband Deutschschweizerischer Ärztegesellschaften vor, der ihn zum Dank für seine grossen Verdienste danach zum Ehrenpräsidenten ernannte.
Soweit die nackten Daten. Dahinter versteckt sich eine Unsumme von Kleinarbeit, von Alltagspflichten, die irgendjemand ja tun muss, damit hängige Probleme gelöst werden können. Ernst Stiefel war sich nie zu gut, diesen Anforderungen zu genügen und hat in unablässigem Einsatz die Arbeit geleistet, die das Amt von ihm forderte. Eine robuste Gesundheit und der Mut, eine persönliche Meinung zu haben, halfen ihm dabei. Dass er beim Verfechten seiner Ansicht manches Mal auf Widerstand stiess, verwundert nicht, jedoch haben ihm auch seine Widersacher die Anerkennung dafür, dass er stets mit offenem Visier focht, nie versagt. Selbst Kollegen, die ihm nach einer auf gut zürichdeutsch geführten Auseinandersetzung grollten, fühlten sich wieder versöhnt, wenn sie Ernst Stiefel an einem geselligen Ärzteanlass mit einer seiner legendären launigen Reden beglückte oder sich — als Höhepunkt solcher Abende — zu Liedern am Klavier selbst begleitete. Sein stets wacher Sinn für echten Humor war etwas vom Schönsten, was man bei einem Zusammensein mit ihm erleben durfte; und dies darf auch und gerade an einem Anlass wie dem heutigen gesagt werden: Ernst Stiefel hat uns mit seinem ganzen Wesen so viel Freudiges und Freundliches geschenkt, dass wir über seinen Tod hinaus noch lange davon zehren können. Ich werde seine letzte Tischrede an der VEDAG-Tagung vom vergangenen Herbst nie vergessen: Nur vierundzwanzig Stunden nach einem Herzanfall erhob sich der nach Interlaken gereiste Ehrenpräsident und sprach in einem geistsprühenden viertelstündigen Essay so spontan herzlich und frohgesinnt, dass wir um viele Jahrzehnte Spätergeborenen uns beugten vor so viel Wachheit und Junggebliebensein.
Dass wir alle den Frohsinn Ernst Stiefels mitnehmen können in unseren eigenen Alltag, das ist für mich der schönste Dank an ihn, die kostbarste Erinnerung, die wir an ihn behalten dürfen."
Die Aufzeichnung über das Leben und Wirken von Ernst Stiefel wäre unvollständig, wenn nicht auch seine Frau Gertrud mit eingeschlossen ist. Ihr Gatte hat das Leben seiner Frau zuhanden der Beerdigung am 29. Dezember 1975 wie folgt zusammengefasst:
Gertrud Daniza Stiefel-Waser wurde am 7. Dezember 1893 in Zürich am Limmatquai geboren als das drittälteste von fünf Kindern ihrer Eltern. Nach der Sekundarschule bestand die Absicht, sie im väterlichen grossen Papeterie-Geschäft nachzunehmen. Doch lagen ihre Interessen und Fähigkeiten seit frühester Kindheit viel mehr auf geistigem Gebiet. Schon in der Primarschule schrieb sie auf einen weihnächtlichen Wunschzettel: Nichts als zwanzig Bücher! Die Bekanntschaft, ja sogar Freundschaft mit dem psychoanalytisch tätigen Pfarrer Pfister gab ihr früh grosse Anregungen und half ihr bei ihren Eltern, dass ihrem Wunsche, zu studieren, entsprochen wurde. So schloss sie 1913 ihre Gymnasialzeit mit der eidgenössischen Maturität ab und begann sofort mit grossem Eifer das Medizinstudium in Zürich und Genf. Nebenbei machte sie mit Begeisterung Musik. Just die Freude an allem Künstlerischen, namentlich an der Musik, und das lebhafte Interesse für alle psychischen Fragen, brachten sie unter den vielen studentischen Bewerbern ihrem späteren Gatten, mit dem sie quasi auf der gleichen Schulbank das Studium erlebte, so nahe, dass sie vorzeitig gleichentags mit ihm das medizinische Staatsexamen im Jahre 1918 abschloss. Sie war notabene ein reizendes und viel begehrtes Mädchen. Als sie ihr Bräutigam erstmals seiner Mutter in Winterthur vorgestellt hatte, flüsterte diese ihm im Vorbeigehen ins Ohr: «Nimm das Fräulein nu, es isch ja wie vo Tuube zsämme treit». Sie verbrachten gemeinsame Assistentenjahre am Kantonsspital St. Gallen, wo auch der Sohn Ernst zur Welt kam. 1924 wurde an der Paulstrasse die Praxis eröffnet, bald nachher folgte als kleines «Negerlein» die Tochter Trudi. Weil der Beruf ihres Mannes jahrzehntelang auf hohen Touren lief, konnte er diese Arbeit nur bewältigen dank der tüchtigen Mithilfe der lieben Verstorbenen. Besonders wertvoll war es für ihn, dass er immer wieder spezielle, mehr im Psychischen verankerte Fälle seiner psychoanalytisch geschulten Frau zur Behandlung übergeben konnte. Viele Jahre war sie im Nebenamt auch Schulärztin an der hiesigen Kantonsschule. Sie musste sogar während des viele Monate dauernden Aktivdienstes ihres Mannes dessen Praxis bewältigen.
Trotz dem lebhaften Geschäftsbetrieb im Arzthaus kam aber das Familienleben nicht zu kurz. Der dort herrschende berufliche Ernst und Eifer half vermutlich besser als viele Worte in der Erziehung der Kinder. Dass sich die Tochter schliesslich mit Leidenschaft als Violinistin ganz der Musik hingab, hat der Mutter viele glückliche Stunden gebracht. Im Übrigen galt als harmonischer Ausgleich das Wort: «Tages Arbeit — abends Gäste, saure Wochen — frohe Feste». Obschon die liebe Verstorbene nicht von robuster Art war, hat sie sich immer bemüht, mit ihrem aktiven Mann und ihren Kindern Schritt zu halten, so auf zahlreichen Berg- und Passwanderungen durch die ganze Schweiz. Besonders beglückend empfand sie dann die vielen Auslandreisen, wo sie in den grossartigen Museen in Paris, Brüssel, Amsterdam, London, in Spanien und Italien, den Fundgruben künstlerischen Erlebens, sich immer wieder mit ihrem Manne geistig erholt und aufgefrischt hat. Zuhause brachten ihr zahlreiche Frauenfreundschaften und die Zugehörigkeit zu einem Lesekranz auserwählter Damen viel Abwechslung.
Im Weltkrieg, als das Benzin rar wurde, entschloss sie sich sogar, als alte Stadt-Zürcherin, sich dem Radsport hinzugeben. Mit ihrem Gatten — das war vielleicht eine Marotte von ihm — ist sie seit 1942 unentwegt bis fast ins 80. Lebensjahr auf dem Tamdem seine treue Begleiterin gewesen und fühlte sich, wie sie ihm bei zeitweisem Zweifel immer wieder beteuerte, in dieser Rolle sogar besonders glücklich.
Vor allem in den letzten Jahren war sie, dank der jahrzehntelangen Mithilfe ihrer vorzüglichen Angestellten Fräulein Berti Fritschi und Fräulein Margrit Spiller, in Haushalt und Praxis wesentlich entlastet. Vor zwei Jahren erlitt sie einen leichten Hirnschlag, von dem sie sich zwar ordentlich erholte, ohne allerdings die frühere geistige Frische und Lebendigkeit wieder zu erreichen. Auslandreisen kamen jetzt nicht mehr in Betracht. Die Ferien verbrachte sie seither regelmässig im Bad Schmerikon am Zürcher Obersee. Sie hat dort mit ihrem Gatten noch manch glückliche und frohe Stunde genossen.
Von nun an war sie fast ganz ans Haus gebunden und war äusserst dankbar für die aufmunternde Hilfe ihres Mannes und für die Liebesdienste ihrer Kinder und Enkel und vieler Menschen, welche die liebe Verstorbene gern gehabt haben.
Vor drei Wochen wurde sie von einer zweiten Hirnstreife überrascht und blieb trotz aller medizinischen Bemühungen ihres Sohnes erschöpft, bis sie am 23. Dezember sanft einschlief.