Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/2603

Zum Panorama der Misoxeralpen
Der Standort, von welchem aus das Panorama gezeichnet ist, befindet sich an der südlichen Abdachung des St. Bernhardinberges ( Monte di San Bernardino ), 4 km. unterhalb der Paßhöhe, und ist ein zirka 1680 Meter hoch gelegener Vorsprung der Alp Gareda, die unmittelbar im Norden des Bergdörfchens St. Bernhardin aufsteigt.
Der St. L' ernhardinpa/S verbindet bekanntlich das Rheinwaldtal mit dem Misoxertal. Die Fahrstraße, die, von Thusis und dem Schamsertale kommend, über Splügen in westlicher Richtung durchs Rheinwaldtal hinaufführt, schwenkt drei Stunden oberhalb Splügen bei dem winterlich einsamen Dorf«! Hinterrhein, zu welchem der blendendweiße Zapportgletscher und das majestätische Firnhaupt des Rheinwaldhorns herunter-grüßen, plötzlich in rechtem Winkel nach Süden ab und erklimmt in zahlreichen Windungen den St. Bernhardin, welcher die Wasserscheide zwischen dem Hinterrhein und der Moësa oder, was gleichbedeutend ist, zwischen dem Stromgebiete des Rheins und demjenigen des Po bildet. Früher hieß er der Vogelberg, weil sich hier die Zugvögel zu sammeln pflegten; später wurde ihm sein Name nach einer Kapelle, die dem Buß-prediger Bernhardin von Siena ( f 1444 ) zu Ehren am Paßweg errichtet wurde. Die Straße erreicht ihren Höhepunkt beim Berghaus oder Hospiz {2067 m ), führt eine Viertelstunde dem idyllischen Marschölsee ( Lago Moësola ) entlang und steigt alsdann, beständig gegen Süden gerichtet, zunächst zu dem waldumkränzten Dorfe St. Bernhardin ( 1626 m ), einem um seines Stahlsäuerlings willen viel besuchten, reizenden Kurort, und von da steil in das tiefeingeschnittene, von der Moësa durchflossene Misoxertal, die Mesolcina, hinab.
Auf der ganzen Strecke von der Paßhöhe bis ins Tal hat man beständig rechts und links die zwei Bergketten vor Augen, die das 40 km. lange Misoxertal einschließen. Eben diese bringt unser Panorama zur Anschauung.
Es sind parallele, in direkt südlicher Richtung verlaufende, langgestreckte Gebirgszüge, die sich vom Adula- oder Rheinwaldgebirge abzweigen. Die westliche, auf dem Panorama rechtsseitige Kette ist das Grenzgebirge zwischen dem Misoxertale und dem in dessen untersten Teil einmündenden Calancatal, beziehungsweise zwischen dem Tal der Moësa und dem ihres Nebenflusses Calancasca, während die östliche, auf dem Panorama linksseitige Kette das Misoxertal von dem einst zu Graubünden, jetzt zu Italien gehörigen, von der Splügenstraße durchzogenen St. Jakobstal ( Valle San Giacomo ) trennt, beziehungsweise das Tal der Moësa, die sich oberhalb Bellinzona in den Tessin ergießt, von dem Tal des Liro scheidet, welcher sich bei Chiavenna mit der dem Bergell entströmenden Mera oder Maira vereinigt.
Der westliche Gebirgszug geht vom Zapporthorn aus, erstreckt sich 26 km. weit direkt gegen Süden, bildet aber mit seinem Hauptkamme wunderliche Zickzacklinien. Er hält sich durchschnittlich auf einer Höhe von 2500 bis 2900 Metern. Die niedrigste Einsattlung, der Passettipaß, erreicht noch 2075 Meter, und die höchsten Gipfel steigen bis 2900 und 3000 Meter empor: Pizzo Rotondo ( 2829 m ), Breitstock und Marschöl-horn ( Pizzo Moësola ) 2950 m, Pizzo di Muccia 2963 m. Alle überragt aber das Zapporthorn mit 3149 Metern, das die Verbindung der Kette mit der dem Zapport- und Rheinwaldgletscher südlich vorgelagerten Gruppe Rheinquellhorn, Vogelberg und Rheinwaldhorn herstellt.
Der östliche Gebirgszug, das Grenzgebirge zwischen dem Misoxer-und dem St. Jakobstal, ist bedeutend länger und mächtiger als der westliche. Wie das Misoxertal bei Grono und Roveredo, beziehungsweise bei der Einmündung der Calancasca in die Moësa, in einem rechten Winkel gegen Westen umbiegt, so wendet sich auch die Bergkette, welche das Tal im Osten begleitet, in derselben Breite bei dem Pizzo Campanile erst gegen Südwesten, dann gegen Westen. Für uns kommt nur der von Nord nach Süd bis zum Pizzo Campanile sich erstreckende Teil in Betracht. Dieser hat aber allein eine Länge von 31 km. und weist eine Menge von Gipfeln mit über 3000 Metern Höhe auf, von denen das Tambohorn mit 3276 Metern das höchste ist. Diese Kette wird durch den bekannten Schmugglerpaß La Forcola ( 2217 m ), der vom Misox nach Chiavenna führt, in zwei ungleiche Hälften geteilt: in eine kleinere südliche mit Gipfeln von 2400 bis 2700 Metern, wie Pizzo di Settaggio und di Settaggiolo ( 2682 und 2587 m ), Pizzo di Padion ( 2633 m ), und eine größere nördliche mit ansehnlichen Gletscherrevieren.
Die Talsohle liegt tief und sinkt bei Roveredo unter 300 Meter herab. Es ergeben sich deshalb ganz bedeutende Höhenunterschiede zwischen Gipfel und Tal, 2000 bis 2300 Meter. Die Berge erscheinen infolgedessen imponierend hoch, bieten dem Wanderer überdies die Annehmlichkeit, daß sie sich mit einem Blick vom Fuß bis zum Scheitel überschauen lassen, weil sie nicht, wie dies in so vielen andern Gegenden der Fall ist, durch niedrigere Vorberge teilweise verdeckt sind. Es ist deshalb ein hoher Genuß, das rings von Bergen umkränzte und außerdem mit üppiger Vegetation gesegnete, von Kastanienwäldern, Reben, Feigen- und Maulbeerbäumen besetzte und im Schmuck malerischer Dörfer und stattlicher Burgruinen prangende Misoxertal zu durchwandern.
Doch wenden wir uns nun dem Panorama zu.
Ein Blick über das Ganze läßt sofort eine außerordentliche Mannigfaltigkeit von Gipfelformen und einen herrlichen Rhythmus der Linien erkennen. Das Gebirge besteht aus Gneiß und Glimmerschiefer. Die Schichten sind meist nicht horizontal gelagert, sondern in einem Winkel von 40 bis 50 Grad aufgerichtet oder eingesunken. Es bildeten sich infolgedessen sowohl scharfe Einrisse als kühne Zacken und Spitzen, deren Profile sich überaus malerisch am Horizonte abzeichnen. Das Bild zeigt im wesentlichen zwei Hauptlinien, die zusammenhängend von rechts und links nach der Mitte zu, beziehungsweise von Nord über Ost und West nach Süd, gegeneinander laufen. Der östliche, linksseitige Höhenzug bildet eine Kette von unter sich vielfach parallel laufenden gebrochenen Linien nach dem Schema:
Br. Ernst Buss.
Die Fußgestelle der Berge sind ziemlich gleichförmig und fallen steil, in einer Neigung von 45 Grad, geradlinig zur Talsohle ab; die Gipfel zeigen teils gerundete Kuppen, teils stumpfe Spitzen oder dachförmige Aufsätze und sind vielfach mit Firn gekrönt. Der westliche, rechtsseitige Höhenzug dagegen bildet eine Folge von breiten, rundlichen, nach hinten gefurchten Rücken und verläuft nach dem Schema:
Darauf sitzt da und dort ein einzelner Felsenkegel oder eine Gruppe von Kämmen und Gräten. Mit verblüffender Keckheit erhebt speziell ein mächtiger zahnförmiger Turm sein altersgraues Gemäuer über die gewöhnliche Höhe des Hauptgebirgswalles: der auffällige „ Zuckerstock " ( Pane di Zucchero ) oder Pizzo di Vigone, der durch einen vom Standort des Panoramas aus nicht sichtbaren Verbindungsgrat mit dem dahinter hervortretenden weit höhern Pizzo di Muccia zusammenhängt.
Folgen wir nun dem Panorama im einzelnen von links nach rechts, so tritt uns zunächst ein Berg entgegen, der durch seine kräftig geschnittene, zierliche, elegante Silhouette und seine scharfe Zuspitzung unwillkürlich besticht, der Pizzo Uccello, d.h. Vogelspitze ( 2716 m ), die Zierde der Gegend. Seine fast senkrechte linke Seite schaut auf das Rheintal und zur Paßhöhe hinunter, und der rechts sich anschließende Grat mit den spitzigen Felsennadeln des Pizzo Cavriolo ( Bockhorn, 2874 m ) verbindet ihn mit dem dahinter versteckten kühnen Einshorn, das die Rheinebene von Medels bis Nufenen beherrscht. Die Einsattlung rechts davon ist der Passo Vignone ( 2381 m ), der Übergang ins Vignone- und weiter ins Areuetal, das sich vom Tambohorn gegen Norden ins Rheintal hinabsenkt und bei Nufenen ausmündet. Es folgen der wildzerrissene Pizzo della Lumbreda ( 2977 m ), der auf seiner gegen das Vignonetal gerichteten Seite einen blanken Gletscher trägt — hinter ihm verbirgt sich das prächtige weiße Haupt des Tambohorns — und der auf der Nordostseite ebenfalls vergletscherte Pizzo Mutun ( 2853 m ). Die Gehänge dieser beiden Berge sind von mächtigen Lawinenzügen durchfurcht. Sie liegen dem Standort der Panoramaaufnahme am nächsten und erscheinen deshalb als die höchsten, obwohl die nachfolgenden, südlich sich anreihenden Berge sie überragen. Ruhigere Formen zeigt der mit dem Piz Mutun zusammenhängende Pizzo di Curciusa ( 2872 m ). Links hinter ihm tritt der östlich sich daran anlehnende Pizzo Bianco ( Weißhorn, 3038 m ) hervor mit dem mächtigen, 5 km. breiten, bis zum Tambohorn sich hinziehenden Curciusagletscher, dessen blendend weißer Firn sich gegen das Areuetal hinabsenkt und dem Rhein einen kräftigen Bach zusendet. Ein Paß, die Bocca di Curciusa ( 2429 m ), führt ins Areuetal hinüber. Wie eine zweite verkleinerte Form des Pizzo di Curciusa schließt sich rechts ( südlich ) an denselben die Cima di Barna oder der Monte Balniscio ( 2861 in ) an. Der letztere Name gilt speziell dem östlichen, der erstere dem westlichen Gipfel. Rechts und links von diesem Berge stellen Übergänge, der Passo di Balniscio ( 2358 m ) und der Passo Barna ( 2588 m ), die Verbindung mit dem St. Jakobstal her; jener führt von St. Bernhardin nach Isola und Pianazzo, dieser von Misox nach Campodolcino.
Nun folgt eine wundervoll geformte, harmonisch gegliederte, mit Gletscher überzogene Gipfelgruppe, das Gebirgsmassiv, das sich östlich direkt über dem Flecken Misox erhebt und auf seiner breitem linken Hälfte mit den blinkenden Firnfeldern den Namen Cima di Pian Guarnei ( 3014 m ), auf der schmälern, pyramidenförmig zugespitzten rechten Hälfte den Namen Pizzo Corbet ( 3025 m ) trägt. Im St. Jakobstal heißt der erstere Pizzo del Quadro. Daran schließt sich das Dreieck des Nebbione ( 2852 in ) und der schöne, dachförmige Pizzo Pombi ( 2971 m ), der sich unmittelbar über der großartigen Burg Misox erhebt. Der tiefe Einschnitt rechts vom gewaltigen Piz Pombi bezeichnet den Paß della Forcola ( 2217 m ), den bequemsten und besuchtesten Übergang ins St. Jakobstal, speziell nach dem eine Stunde südlich von Chiavenna gelegenen Dorf Gordona und dem Comersee. Die nachfolgenden Berge liegen nun schon 20 bis 22 km. weit entfernt und gehören zum untern Misoxertal, bilden aber mit ihren schönen Linien und ihren weithin leuchtenden Firnbändern einen herrlichen Abschluß des ganzen reichen Gipfelkranzes. Es sind: der Pizzo del Padion ( 2633 m ), der Pizzo di Settaggio ( 2682 m ) und der Pizzo di Settaggiolo ( 2587 m ) und davor der Pizzo di Campello ( 2379 m ) und der Pizzo di Stabiucca ( 2180 m ). Der weitere Blick in die Tiefe des Tales ist durch Wald und Hügel verdeckt.
Die nun folgenden Berge liegen alle nahe, der entfernteste, der Pizzo d' Arbiola ( 2594 m ), der die nördlich von Misox gelegene Talstufe Pian di San Giacomo beherrscht, kaum 5 km. weit. Sie sind alle nicht hoch, und die Schaf- und Rinderalpen, die sich daran emporziehen, nähern sich an manchen Stellen dem Gipfelgrat. Prächtig klar tritt überall die Schichtenlagerung zutage. Man beachte am Pizzo d' Arbiola den interessanten Lawinenzug, der, den Falten des Terrains folgend, einen völligen Halbkreis in die sonst geraden, rechtwinklig sich schneidenden Linien hineinzeichnet. Zwischen den nachfolgenden, meist namenlosen Bergrücken zieht sich der schon erwähnte Passo di Passetti ( „ Trittli2075 m ) nach der Alp Alogna im Calancatal hinüber. Hinter einem weitern Rücken des Höhenzuges ( 2160 m ) taucht ein entfernterer, rauherer Gebirgsgrat auf, der links im Pizzo Rotondo ( 2829 m ) kulminiert und in seiner Mitte eine Scharte zeigt, die ebenfalls den Übergang ins Calancatal ermöglicht. Es ist der Passo dei Tre Uomini ( Dreimännerpaß, 2653 m ), der zur Alp Stabbio, der obersten des Calancatales, führt. Dieser Grat setzt, sich bis zum Zapporthorn fort und hat seinen höchsten Gipfel im Pizzo di Muccia ( 2963 m ), welcher hinter dem bereits erwähnten kühnen, in seiner Form dem Matterhorn ähnlichen Felsenzahn hervorschaut, welchen der Volksmund mit dem Namen Zuckerhut ( Pane di Zucchero, auch Pizzo di Vigone, zirka 2800 m ) belegt hat. Der Nordwestflanke des Pizzo di Muccia und dem daran anschließenden Stabbiograt ist ein ansehnlicher Gletscher, der Mucciagletscher, vorgelagert, der auf dem Panorama nicht sichtbar ist. Der vom Pizzo di Muccia gegen Nordwesten sich absenkende Grat verdeckt auch das auf höhern Punkten so schön hervortretende Zapporthorn. Breit und gewaltig dagegen entwickelt sich vor den Augen des Beschauers der nordöstliche Teil des mächtigen Gebirgsmassivs, das den Zapportgletscher und die Rheinquellen von Süden und Südosten umschließt, der Breitstock und das Marschölhorn ( Pizzo Moësola ), jener 2903, dieses 2950 Meter hoch.
Über den Fuß des Marschölhorns schaut die Bergkette herüber, welche, vom Rheinwaldhorn ausstrahlend, sich im Norden um den Rhein-wald- und Zapportgletscher herumzieht und alsdann das Hinterrheintal als Nordwand begleitet: zunächst das spitzige St. Lorenzhorn ( 3047 m ) und alsdann das breitschultrige Kirchalphorn ( 3039 m ), die während sie gegen Süden fast senkrecht abfallen, sich gegen Norden nur allmählich niedersenken und den großen Fanellagletscher, die oberste Stufe des Valsertales, auf ihren mächtigen Schultern tragen. Vor dem Lorenzhorn sieht man unten die St. Bernhardinstraße sich in vielen „ Kehren " den Abhang emporwinden. Ein Häuschen an ihrem Rande, das den Namen Cantoniera trägt, diente einst als Zollstätte. Das Hospiz auf der Paßhöhe ist nicht sichtbar; doch läßt sich vor dem Kirchalporn unschwer die Linie des Hügelzuges verfolgen, welchem die Poststraße sich anschmiegt.
Anfang und Ende des Panoramas schließen zusammen. Es bietet also die vollständige Bundsicht, welche sich von dem Punkt der Aufnahme aus genießen läßt, und man sollte, um sich eine richtige Vorstellung von dem dargestellten in der Tat herrlichen Gipfelkranz der Misoxeralpen machen zu können, die beiden Enden des Panoramas zu-sammenheften, es sich in Form einer Ellipse in die Höhe halten lassen, den Kopf an die Stelle des einen Brennpunktes bringen und es von da aus betrachten. Die Linie, in welcher die beiden Enden sich treffen, bezeichnet genau die Richtung auf Norden. Möge der Blick auf diesen ebenso interessanten als formschönen Ausschnitt aus unserm schweizerischen Hochgebirge recht viele veranlassen, sich ihn in der Nähe anzusehen.
Nachtrag. Im Panorama, bei dessen Korrektur mir weder das Manuskript zu obigen Zeilen, noch die betreffenden Blätter des topographischen Atlas, mit dessen Angaben übrigens die Dufourkarte nicht überall übereinstimmt, zur Hand waren, sind folgende Höhenangaben zu berichtigen: 1. Passo di Vignone, 2381 m statt 2230 m; 2. Pizzo delia Lumbreda ( nicht Lumpreda ), 2977 m statt 2878 m, welch letztere Zahl vielmehr für den rechts unmittelbar dahinter liegenden Gipfel gilt; 3. Passo di Passetti, 2075™ statt 2073 ». Beim Pizzo Settaggio ist die Höhe 2682 m, beim Pizzo Settaggiolo 2587 m beizufügen.Dr. Ernst Buss in Glarus.