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von Rainer Werner*
Auch in heterogenen Lerngruppen gibt es Schüler, die in bestimmten Fächern hinter dem Leistungsstand der Klasse zurückbleiben. Wenn sie mehrere solcher «Ausfälle» anhäufen, besteht die Gefahr, dass sie die Klasse wiederholen müssen. Die Wiederholung einer Klasse wegen nur weniger Leistungsausfälle ist eine Verschwendung von Ressourcen. Ausserdem reisst diese Massnahme die Schüler immer aus ihrem gewohnten sozialen Zusammenhang. Besser wäre es, wenn es gelingen könnte, die Leistungsschwächen der Schüler rechtzeitig zu erkennen und zu beheben.
Hier hat sich ein Patenschaftsmodell bewährt. Die Schüler tragen in die Klassenliste ein, in welchen Fächern sie besonders gut sind und in welchen sie Leistungsausfälle zu befürchten haben. Der Klassenlehrer bringt nun die Schüler zusammen, die sich gegenseitig unterstützen. Der Lernpate übt mit seinem leistungsschwachen Klassenkameraden den Lernstoff und bereitet Klassenarbeiten, Lernkontrollen und Tests vor. Reicht die Hilfe des Schülers nicht aus, gibt er dem Klassenlehrer einen Hinweis. Dieser vermittelt dann einen Nachhilfeschüler (eventuell aus der gymnasialen Oberstufe) oder bittet den jeweiligen Fachlehrer, mit dem hilfsbedürftigen Schüler noch einmal zu üben.
Dieses Modell hat mehrere Vorzüge. Es schweisst die Schüler enger zusammen, weil es aus Einzelkämpfern gemeinsam Lernende macht. Es zeigt auch, dass die Gegenüberstellung schwache – starke Schüler so nicht stimmt. Jeder Schüler hat ein oder mehrere Fächer, in denen er leistungsstark ist. Deshalb wechseln die Schüler in ihrer Rolle als Hilfsbedürftige und Lernhelfer ab. Dies stärkt das Selbstwertgefühl der schwachen Schüler, weil ihnen signalisiert wird, dass sie durchaus in der Lage sind, in ihren starken Fächern anderen Schülern zu helfen.
Dieses Modell führt, wenn es konsequent angewandt wird, dazu, dass vier Jahre lang (die ganze Sekundarstufe I hindurch) kein einziger Schüler die Klasse wiederholen muss. Dies beflügelt das Selbstbewusstsein der Klasse enorm, weil sie erlebt, wie erfolgreich Solidarität und gegenseitige Unterstützung in der Schule sein können.
Dieses Modell der individuellen Förderung hat nichts zu tun mit dem modisch gewordenen Unterrichtsprinzip des individualisierten Lernens. Letzteres isoliert die Schüler, indem es sie zwingt, einen für sie persönlich ausgearbeiteten Lernplan abzuarbeiten. Das Förderkonzept hingegen ergänzt den Klassenunterricht, indem die starken Schüler die schwachen dabei unterstützen, ihre Leistungsdefizite zu beheben. Das eine bewirkt Vereinzelung, das andere Solidarität.
Zwei Konzepte – zwei pädagogische Welten.
* Rainer Werner unterrichtete bis zu seiner Pensionierung am Berliner John-Lennon-Gymnasium die Fächer Deutsch und Geschichte. 2012 veröffentlichte er im Verlag AURIGA (Berlin) das Buch «Auf den Lehrer kommt es an».
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