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Ein Buch, ein Kunstwerk, eine Stofftasche – alles in einem: Der Shop des New Yorker Whitney Museums vertreibt dieses Produkt seit 2017 für 28 Dollar. Die Tasche nimmt Bezug auf einen Werkzyklus der Malerin und Konzeptkünstlerin Frances Stark, die für grossformatige, fotorealistische Gemälde Doppelseiten eines 2015 publizierten Buchs abgemalt hat, zusammen mit ihren eigenen Unterstreichungen.
Auf der einen Seite der Tasche ist eines von Starks Gemälden reproduziert, auf der anderen Seite steht der Buchtitel «Censorship now!!». Sein Autor Ian F.Svenonius ruft dazu auf, zu bekämpfen, was man als zynisch und verletzend empfinde. Er will also nicht den Staat als zensierende Instanz, sondern wünscht sich eine Aktivistenbewegung. Die Passage, in der er eine guerrillaartige Zensur fordert, kann man auf dem auf die Tasche gedruckten Gemälde Starks nachlesen.
Manche kaufen die Tasche, weil sie das Buch gelesen haben, als Ausdruck von Identifikation, die leichtfällt – der in einem grünen Kreis placierte Titel ist gleich gestaltet wie auf dem Buchcover. Andere kaufen die Tasche, weil sie die Künstlerin schätzen oder Kunst an sich cool finden. Manche kaufen die Tasche wegen des provokanten Slogans. Sie wissen, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen, zugleich aber gehen sie kein Risiko ein, denn auf einem Produkt aus dem Museumsshop ist die harte Forderung schöngeistig veredelt.
Einige dürften die Tasche jedoch auch kaufen, weil sie – ohne das zu reflektieren – der Suggestion erliegen, sie könnten sich die Lektüre des 200seitigen Buches und damit viel Zeit sparen – aber kein Geld: Die Tasche kostet doppelt so viel wie das Buch. Für diese Käufer ist die Tasche die Speed-Version des Buches, mit der man über eine Abkürzung an dessen intellektuelle Substanz gelangt.
Der alte Aberglaube, man brauche ein Buch nur über Nacht unters Kopfkissen zu legen, um seinen Inhalt zu kennen, kehrt hier also variiert zurück. Gab es vor einigen Jahren noch Bücher mit Titeln wie «Kant in 60 Minuten», die die Lektüre von viel dickeren und schwierigeren Büchern zu ersetzen versprachen, darf man inzwischen von Objekten wie Taschen erhoffen, die Ideen programmatischer Schriften komprimiert vermittelt zu bekommen. 2016 machte Dior es vor und brachte T-Shirts mit dem Slogan «We should all be feminists» auf den Markt – dies ist der Titel eines 2012 erschienenen Buchs der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Dass das Motto-Shirt stolze 710 Dollar kostete, begünstigte die Vorstellung, mit dem blossen Kauf mehr feministisches Bewusstsein erlangen zu können; zugleich bedeutete die hohe Summe ein Opfer, was das Shirt umso mehr zu einem Bekenntnis werden liess.
Die Stofftasche aus dem Whitney Museum ist dafür vielleicht noch zu billig. Aber sie zeugt davon, wie üblich es bereits geworden ist, lieber Dinge als Bücher zu kaufen, um sich mit einem Thema zu beschäftigen und ein Statement abzugeben. Das dürfte daran liegen, dass Dinge höflicher sind als Bücher. Zwar kann man diese auch wie blosse Dinge begreifen und sich allein dadurch profilieren, dass man sie kauft, doch solange man sie nicht gelesen hat, bleibt das Gefühl eines Defizits. Ein Shirt, eine Tasche hingegen belästigen nicht weiter, zudem erfüllen sie einen nützlichen Zweck. Sie befreien nicht nur von zeitraubender Lektüre, sondern entlasten ebenso vom schlechten Gewissen, diese noch nicht geleistet zu haben.