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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Vierundzwanzigste und letzte Unterredung, welche die des Abtes Abraham ist über die Abtödtung.
11. Antwort, genommen aus einem Ausspruche des hl. Antonius:
Abraham: Ich will euch hierauf nicht meine, sondern die Lehre des hl. Antonius vortragen, welcher mit derselben die Unthätigteit eines Bruders, der an der gleichen von euch genannten Gemächlichkeit litt, so zu Schanden machte, daß er zugleich auch den Knoten eurer Frage durchschnitten hat. Als nemlich wie gesagt zu dem genannten Manne Einer kam und sagte, das Einsiedlerleben sei gar nicht zu [S. 399] bewundern, sondern es verrathe eine größere Tugend, wenn man Das, was zur Vollkommenheit gehöre, unter den Menschen übe, als wenn man es in der Wüste thue, da fragte ihn der hl. Antonius, wo er sich denn aufhalte. Als dieser nun gesagt hatte, daß er in der Nähe seiner Eltern wohne und sich rühmte, wie er durch deren Darreichungen von aller Sorge und Beunruhigung täglicher Arbeit frei stets (nur, ohne jene Zerstreuung des Geistes) der Lesung und dem Gebete obliege: da fragte ihn der hl. Antonius wieder: „Sage, mein Sohn, ob du bei deren Verlusten und Unglücksfällen mitbetrübt wirst und in gleicher Weise bei ihrem Glücke dich mitfreuest?“ Jener bekannte, daß er in beiden Fällen Antheil nehme. Da sprach der Greis zu ihm: „So wisse denn, daß du auch im künftigen Leben zu dem Loose Derjenigen wirst verurtheilt werden, mit welchen du in diesem über den gemeinschaftlichen Gewinn oder Schaden von Freude oder Schmerz erschüttert wurdest.“ Und nicht zufrieden mit diesem Ausspruche betrat der Greis noch ein größeres Feld der Unterredung und sprach: „Dieser Umgang und dieser Zustand arger Lauigkeit schlagen dich nicht nur mit dem genannten Nachtheil, obwohl du selbst es nicht fühlst und gewissermaßen wie in jenem Gleichniß der Sprüchwörter sagst: 1 „Sie schlugen mich, und ich empfand nicht Schmerz, sie verspotteten mich, und ich wußte es nicht.“ Oder wie es im Propheten heißt: 2 „Es verzehrten Fremde seine Städte, und er wußte es nicht.“ Also nicht nur, daß sie jeden Tag deinen Geist nach der Verschiedenheit der Zufalle ändern und dadurch unaufhörlich zum Irdischen ziehen, sondern sie bringen dich auch um die Frucht deiner Hände und den gerechten Lohn der eigenen Arbeit. Sie gestatten nicht, da du dich auf die Leistungen Jener stützest, daß du nach der Regel des hl. Apostels, dir den täglichen Unterhalt mit deinen Händen erwerbest, wovon Jener bei Gelegenheit seiner letzten Er- [S. 400] mahnungen an die Obern der Epheser Kirche erwähnt, daß er ihn auch im Drang der heiligen Mühen für die Predigt des Evangeliums nicht nur für sich verschafft habe, sondern auch für Jene, welche in seinem Dienste mit nothwendigen Geschäften beladen waren. Er sagt: 3 „Ihr selbst wisset, daß diese meine Hände erarbeiteten, was mir nothwendig war und Jenen, die mit mir sind.“ Um nun zu zeigen, daß er Dieses uns zum nützlichen Vorbilde gethan habe, sagt er anderswo: 4 „Wir waren nicht unthätig unter euch, noch haben wir unser Brod von Jemanden umsonst gegessen, sondern arbeitend waren wir mit Mühe und Erschöpfung Tag und Nacht, damit wir Keinem von euch lästig fielen; nicht weil wir keine Befugniß gehabt hätten, sondern um euch an uns selbst ein Vorbild zur Nachahmung zu geben.“
1: Sprüchw. 23, 35.
2: Ose. 7, 9.
3: Apostelg. 20, 34.
4: II. Thess. 3, 7 ff.