Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03474.jsonl.gz/1272

Im Rahmen meiner Sommerlektüre las ich in der Zürcher Kulturgeschichte des Historikers und Alt-Stadtrats Sigmund Widmer (1919-2003) über den Einfluss der Zünfte in Zürich (Bd. 4, S. 30-37), der im Unterschied zu anderen Schweizer Städten wie Bern sehr bedeutend war und erst im 19. Jahrhundert mit dem Verlust der letzten politischen Privilegien endete. Als Christ beschäftige ich mich regelmässig mit den Wurzeln meiner Heimat und staune über Gottes Vorsehung.
(Man sammelte sich) seit dem 14. Jahrhundert immer bewusster in Berufsorganisationen, die ihren Mitgliedern nicht Seelenheil und materiellen Verzicht, sondern Wohlstand und Anteil an der Macht zu verschaffen versprachen. Der Kampf um Geld und Einfluss wurde zum beherrschenden Lebensinhalt. … Die Zürcher Zünfte wurden … Träger der politischen Willensbildung und der Macht im Zürcher Stadtstaat. … Es ging dabei namentlich um die personelle Zusammensetzung der Kleinen Räte und der ‘Zweihundert’. Es wurde Gewohnheitsrecht, dass die Zünfte je 12, also 144, und die Konstaffel noch 18 in dieses Parlament abordneten. Einen solchen Abgeordneten einer Zunft in den Rat der Zweihundert nannte man deshalb ‘Zwölfer’. Das war in der Regel der Beginn einer politischen Karriere in Alten Zürich.
… (Die Handwerkerorganisationen übernahmen) im Spätmittelalter zu einem guten Teil die schwierige Aufgabe, den Einzelnen in die Gemeinschaft zu integrieren. Das Wort Zunft drückte ursprünglich aus, was sich ‘ziemt’. Der Einfluss der Zunft beschränkte sich deshalb nicht nur auf die berufliche Tätigkeit. Die Zunft war eine Lebensgemeinschaft. Der Meister war verpflichtet, für seine Gesellen und Lehrlinge zu sorgen. Selbst das Gesinde wurde zu den Schutzgenossen eines Meisters gezählt. Aber auch die Zunft als Ganzes hatte auf das ‘ehrbare’ Verhalten aller Zunftgenossen zu achten und den in Not geratenen Zunftgenossen beizustehen. Deshalb erhob man auch Gebühren verschiedener Art, die in eine gemeinsame ‘Büchse’ zu entrichten waren. Eine Zunft konnte auch als Ganzes gebüsst werden. Es bestand als eine deutliche Kollektivverantwortung für korrektes Verhalten. Dazu gehörte der Respekt vor den bestehenden Gesetzen der Stadt. Die Zünfte dienten als organisatorische Basis für Wacht- und Kriegsdienst. Die Lebensgrundsätze einer Zunft hatten nicht nur für den Meister, sondern auch für seine Gesellen, seine Frau und seine Kinder Gültigkeit.