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«Als ich ein Kind war, nannte meine Mutter mich dumm bei allem was ich tat oder sagte. Sie gab mir die Schuld für vieles, was schief lief, obwohl oft meine jüngere Schwester dafür verantwortlich war. Später mischte sie sich in meine Familie ein und versuchte, mein Vertrauen in meinen Mann zu zerstören. Ich bin bald 80, und meine Mutter liegt seit zehn Jahren auf dem Friedhof, aber die Wunden schmerzen immer noch. Das Verhalten meiner Mutter gab mir das Gefühl, eine unmögliche Person zu sein. War meine Mutter einfach ungeschickt, oder war sie selber unglücklich?»
Rosa B.
Koni Rohner, Psychologe FSP:
Der Grund für das verletzende Erziehungsverhalten Ihrer Mutter lässt sich nicht mehr herausfinden, weil sie tot ist. Aber selbst wenn Sie ihn wüssten, würde das nichts daran ändern, dass Sie als Kind gelitten haben und dass diese Erfahrung Ihr Erwachsenenleben belastet hat.
Meiner Ansicht nach sind Sie aber auf dem richtigen Weg. Sie müssen allerdings noch einige Schritte tun, um sich zu befreien. Sie sehen bereits deutlich, in welchen Bereichen Ihre Mutter nicht perfekt war und Ihnen Schmerzen zugefügt hat. Auch wenn sich daran nichts mehr ändern lässt, können Sie dennoch die alte Geschichte abschliessen. Möglich wird das, wenn es Ihnen gelingt, Ihrer Mutter zu verzeihen.
Es ist wichtig, dass Sie dabei die Tatsache würdigen, dass Ihre Mutter Ihnen das Leben geschenkt und ihr Bestes versucht hat. Versuchen Sie aber nicht, die Fehler Ihrer Mutter zu bagatellisieren. Versuchen Sie auch nicht, ihr krampfhaft vergeben zu wollen. Das wird nie klappen, denn verzeihen können ist ein Geschenk, keine Leistung. Bitten Sie darum, dass es Ihnen gelingt.
Kritik äussern und Abschied nehmen
Vielleicht versuchen Sie auch einmal, in Gedanken ein Gespräch mit Ihrer verstorbenen Mutter zu führen: Sagen Sie ihr in ganz knapper Form das, was noch gesagt werden muss damit Sie sich seelisch in Liebe von ihr trennen können. Sollte Ihnen dies schwer fallen, empfehle ich, in einer Psychotherapie Unterstützung zu holen.
Als Sigmund Freud vor hundert Jahren damit begann, seelische Störungen ernst zu nehmen, entdeckte er, dass die Ursachen meistens in der Kindheit liegen. Heute weiss das fast jedermann. Das hat zu einem weit verbreiteten Fehlverhalten geführt. Viele glauben jetzt, es wäre wichtig, als erwachsene Person den alternden Eltern Vorwürfe zu machen, sie für ihre Fehler zu strafen oder sich von ihnen abzuwenden. Es gibt leider sogar Psychotherapeuten, die dazu raten, den Kontakt zu den Eltern abzubrechen. Das ist falsch, denn negative Gefühle binden genauso wie positive. Der Sinn solcher Konflikte liegt in der Ablösung. Um frei und im Gleichgewicht zu sein, muss man sich aus den Verstrickungen der Herkunftsfamilie lösen können.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen sich noch in der Lebensmitte mit einer ungesunden Beziehung zu ihren Eltern herumschlagen. Und nicht selten ist das Thema wie bei Rosa B. auch nach dem Tod von Vater und Mutter nicht abgeschlossen.
Verzeihen bringt wirkliche Freiheit
Eine grosse Hilfe beim Ablösen ist die Erkenntnis, dass wir mehr sind als die Kinder unserer Eltern. Wir haben zwar unseren Körper von ihnen geerbt, wir wurden durch ihre Erziehung geprägt, aber wir sind eigenständige Wesen, die lediglich zehn bis zwanzig intensive Jahre mit diesen zwei Personen verbracht haben.
Ablösung geschieht also einerseits dadurch, dass wir mit zunehmendem Alter immer deutlicher sehen, wer wir wirklich sind und wie sehr wir uns von unseren Eltern unterscheiden. Anderseits erkennen wir auch, dass ihr Bild von uns in vielen Bereichen falsch war. In manchen Punkten konnten die Eltern nicht erkennen, wer wir wirklich sind.
Alle Eltern wollen gute Eltern sein. Den einen gelingt es besser, den andern schlechter; alle machen Fehler. Ausserdem waren wir als Kinder besonders verletzlich. Ablösung geschieht deshalb vor allem durch Dankbarkeit und Verzeihen. Was schmerzhaft war, soll nicht zugedeckt oder bagatellisiert werden, aber wir sollen auch daran denken, was gut war. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir den Eltern unser Leben verdanken.
Verzeihen bedeutet, ihnen ihre Fehler und Schwächen zuzugestehen und allfällige Strafen oder Konsequenzen Gott, dem Schicksal oder dem Karma zu überlassen. Auf diese Art kann eine Versöhnung stattfinden, die uns wirkliche Freiheit und Selbstständigkeit schenkt. Es ist nie zu spät und für die meisten höchste Zeit.