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Der KonfliktBei Hermosa [2] gab es keine geregelten Arbeitszeiten; die Arbeiterinnen mussten permanent Überstunden leisten. Oft arbeiteten sie bis zu 14 Stunden, manchmal sogar bis zu 20 Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche, bei unbezahlten Überstunden. Wer sich weigerte, dies zu leisten, wurde entweder entlassen oder für einen Monat von der Arbeit suspendiert. Eine harte Strafe, denn ihr Monatseinkommen von ca. 100 Euro reichte sowieso schon kaum zum Unterhalt ihrer Familien. Schwangere Frauen, die die Stückvorgaben nicht mehr erfüllen konnten, wurden nach Angaben der Arbeiterinnen "zur Strafe" in die Cafeteria gesperrt. Jegliche Ansätze von Gewerkschaftsgründungen wurden sofort unterdrückt, die Arbeiterinnen entlassen. Hinzu kam die bakterielle Verschmutzung des Trinkwassers, die den offiziellen Grenzwert um 117 Prozent überstieg. Genäht wurde für Markenkonzerne wie Adidas, Nike, Russel und Reebok.
Schöner ScheinAdidas und Nike haben längst Verhaltenskodexe, "Codes of Conduct", festgeschrieben, in denen sie u.a. erklären, die sozialen Rechte der ArbeiterInnen zu sichern. Die Einhaltung des Codes lassen sie regelmässig von der Fair Labor Association (FLA) überprüfen. Allerdings haben sie lediglich den Charakter unverbindlicher Absichtserklärungen. In der Praxis werden sie regelmässig gebrochen [3]; zum Beispiel werden sie in den Maquilas, den Zulieferfabriken grosser Konzerne in den lateinamerikanischen Sonderwirtschaftszonen, regelmässig dadurch umgangen, dass Kontrollen im Vorfeld angekündigt werden. Den Beschäftigten wird vorgeschrieben, was sie bei Nachfragen zu antworten haben, so wie es etwa bei Hermosa der Fall war. Den ArbeiterInnen sind die "Codes of Conduct" in der Regel unbekannt.
OrganisierungAls den Hermosa-Frauen schliesslich noch der mickrige Lohn vorenthalten wurde, begannen sich einige von ihnen zu organisieren, denn ihre Unzufriedenheit war gross. Im April 2005 wurden sie beim Arbeitsministerium als Gewerkschaft registriert, seitdem stieg die Zahl der Organisierten stetig an.
Im Mai wurde die komplette Belegschaft vor die Tür gesetzt, ohne die ausstehenden Löhne und die gesetzlich vorgeschriebenen Abfindungen auszuzahlen.
Schon bald stellte sich heraus, dass Montalvo, der Geschäftsführer der Hermosa-Maquila, den Arbeiterinnen zwar jahrelang die Sozialabgaben vom Lohn abgezogen hatte, sie aber seit 1996 nicht abführte, sondern in die eigene Tasche fliessen liess. Das gleiche gilt für die Anteile, die er als Arbeitgeber hätte tragen müssen. Mehrere hunderttausend US-Dollar wurden auf diese Weise veruntreut. Die Arbeiterinnen standen damit ohne Rentenanspruch und ohne Anspruch auf gesundheitliche Versorgung da.
KampfansageDie Hermosa-Arbeiterinnen, die sich organisiert hatten, wurden auf "schwarze Listen" gesetzt. Seitdem finden sie auch in anderen Fabriken keine Anstellung mehr, werden beschattet und verfolgt. Trotzdem gaben sie aber nicht klein bei, sondern harrten seit ihrer Entlassung vor den Fabriktoren aus, um den Abtransport der Maschinen zu verhindern.
Immer wieder machten sie mit Strassenaktionen auf ihre Situation aufmerksam. Daraufhin kam es im Dezember 2005 zu einem Treffen mit Vertretern von Adidas und Nike, bei dem Gregg Nebel von Adidas behauptete, dass sein Unternehmen seit Jahren nicht mehr bei Hermosa produzieren liesse.
Jedoch widersprechen die Angaben der Arbeiterinnen dieser Aussage, laut denen bis 2005 Adidas-Artikel in der Fabrik hergestellt wurden.
Seit Ende 2003 fungierte Hermosa als Subunternehmen von Chi-Fung, einem direkten Adidas-Vertragspartner. Als Nebel auf die Verletzung des Verhaltenskodexes hingewiesen wurde, verweigerte er weitere Gespräche. Bei seinem nächsten Besuch in El Salvador blockierten die Gewerkschafterinnen deshalb den Eingang zum Hilton Princess Hotel in San Salvador, in dem Nebelabgestiegen war, und verliehen über Lautsprecher ihrer Wut lautstark Ausdruck.
Erneut formulierten sie ihre Forderungen und erregten viel Aufsehen in der Öffentlichkeit.
In den MühlenDie Chancen, allein auf dem Rechtsweg etwas zu erreichen, schätzten die Hermosa-Arbeiterinnen als sehr gering ein, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Fabrikbesitzer über einflussreiche Kontakte zur rechtskonservativen Regierungspartei ARENA [4] verfügt. Dennoch hatten sie gegen Montalvo Strafanzeige wegen Unterschlagens von Sozialabgaben gestellt.
Beim Arbeitsministerium machten sie immer wieder Druck, damit es sich für die Einhaltung ihrer gesetzlich verbrieften Rechte, Vereinigungsfreiheit sowie die Auszahlung ausstehender Löhne und Abfindungen einsetzt. Ausserdem sollte es feststellen, dass die Schliessung der Fabrik wegen der Gewerkschaftsgründung klar gegen die Landesgesetze verstösst. Da dies kaum Erfolg hatte, setzten die Arbeiterinnen von Anfang an auf direkte Aktionen und die Unterstützung von Gruppen der Clean Clothes Campaign (CCC), um die Konzernzentralen und die salvadorianische Regierung international unter Druck zu setzen. Unterstützung im Land erhielten die Hermosa-Arbeiterinnen v.a. von der Frauenorganisation Las Mélidas [5], die ihnen auch eine Anwältin für den Prozess stellte. Darüber hinaus hatten sie Kontakte zur Gewerkschaftsföderation FENASTRAS [6] aufgenommen, diese aber wieder verlassen, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie für den Unternehmer arbeitet.
Sie schlossen sich darauf dem noch jungen Gewerkschaftsbund CSTS [7] an, und diverse Nichtregierungsorganisationen stellten sich ebenfalls hinter die Arbeiterinnen. Enorm wichtig blieb allerdings der internationale Druck.
Internationale SolidaritätAdidas, nach Nike die Nr. 2 unter den Sportartikelherstellern, kaufte sich für satte 45 Millionen Euro den Titel "Hauptsponsor der Fussball-WM 2006". CCC-Gruppen nutzten das öffentliche Interesse, das dieses Ereignis nach sich zog, und initiierten zahlreiche Aktionen gegen Adidas, um auf die Hermosa-ArbeiterInnen aufmerksam zu machen und darauf hinzuweisen, wie der Konzern versucht, sich aus seiner Mitverantwortung für deren Situation zu stehlen. Insbesondere die Christliche Initiative Romero (CIR) [8] unterstützte die Frauen in ihrem Kampf, half ihnen auch finanziell, damit sie ihren Prozess führen konnten. Proteste gab es in diesem Zusammenhang bereits im Vorfeld der WM, während der Adidas-Aktionärsversammlung im bayerischen Fürth.
In Köln fand ein bundesweiter Aktionstag statt; u.a. in Hamburg, Berlin, Leipzig, Gelsenkirchen, Weilheim, Hannover, Frankfurt/Oder und Main sowie Bielefeld, Rostock und Dresden liefen weitere Aktionen während der WM. Durch den erzeugten Druck wurde beispielsweise erreicht, dass sich nicht nur lokale Medien des Problems annahmen, sondern auch überregionale Zeitungen, Radio- und Fernsehsender das Thema aufgriffen. Die CIR rief dazu auf, Protestkarten und -Faxe an die Konzernzentralen von Adidas und Puma sowie die salvadorianische Regierung zu schicken.
Ein Novum in El SalvadorAm 1. September 2006 wurde schliesslich doch noch der Prozess gegen den Fabrikbesitzer Montalvo eröffnet - ein Novum in El Salvador. Spätestens jetzt wurde klar, dass auch auf dieser Ebene auf Zeit gespielt wurde. Die Termine wurden verschleppt, ZeugInnen eingeschüchtert, Beweismittel zurückgehalten. Montalvo selbst liess sich wiederholt wegen gesundheitlicher Probleme entschuldigen. Dafür bedrohten seine Anwälte immer wieder die Hermosa-Arbeiterinnen. Am 15. November 2006 wurde Montalvo schliesslich zu zwei Jahren Knast wegen Veruntreuung der Sozialbeiträge verurteilt. Damit hatten die Arbeiterinnen allerdings nichts erreicht, auch wenn ihre Freude und die ihrer direkten UnterstützerInnen über die Symbolik dieses Urteils gross gewesen sein mag. Eine Entschädigung haben sie nicht in der Tasche.
Einen Teilerfolg konnten sie hingegen kurz darauf verbuchen: Nach zeitgleichen Verhandlungen mit der FLA, bei denen sie wiederum von der CIR unterstützt wurden, liess die FLA am 22. Dezember verlauten, dass sie einen Nothilfefonds - der erste in ihrer Geschichte - für die entlassenen Gewerkschafterinnen eingerichtet hat, in den die Markenfirmen einzahlen sollen. Die Anfangssumme betrug 36.000 US-Dollar, die den Arbeiterinnen, wie vereinbart, über die salvadorianische Organisation FESPAD ausgezahlt werden sollte. Am 29. Dezember bestätigte FESPAD, dass an 57 der 63 entlassenen Gewerkschafterinnen die ihnen jeweils zustehende Summe übergeben werden konnte.
Noch nicht am EndeDas Geld reicht allerdings bei weitem nicht aus, um ihrem Anspruch auf umfassende Entschädigung Genüge zu leisten. Nach einer FLA-Berechnung wurden die Hermosa-ArbeiterInnen über die Jahre hinweg um über 800.000 US-Dollar betrogen.
Zudem stehen die Arbeiterinnen noch immer auf "schwarzen Listen", wodurch sie weiterhin keine Anstellung finden. Auf die Sportartikelhersteller und die salvadorianische Regierung muss deshalb weiterhin Druck ausgeübt werden, damit die Rechte der ArbeiterInnen endlich anerkannt und ihre Forderungen restlos erfüllt werden. Das gilt nicht nur für die Hermosa-ArbeiterInnen, sondern auch für alle anderen Zulieferbetriebe im Trikont. Denn die Situation der TextilarbeiterInnen in den Sweatshops bzw. Maquilas ist anderswo nicht besser als bei Hermosa in El Salvador.
Die Hermosa-Arbeiterinnen haben während ihres Kampfes viele Entbehrungen in Kauf genommen. Sie standen über den gesamten Zeitraum ohne Geldbezüge da, konnten ihre Mieten nicht aufbringen und mussten von der Hand in den Mund leben [9].
Dass sie solange durchgehalten haben, zeugt von der Kraft und Entschlossenheit, die sie nur in ihrem organisierten Zusammenhang und durch gelebte Solidarität entwickeln konnten.