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Was ist Identität und wie sehr ist diese mit der Realität verknüpft, ja was ist “Realität”? Seit ich “Stiller” in meiner Jugend das erste Mal gelesen habe, fasziniert mich diese Frage. Ganz abgesehen von Max Frischs souveränem Erzählstil, der mich von Beginn weg gefesselt hat, wollte ich dem Verwirrspiel rund um den Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller - oder ist er doch der Amerikaner James Larkin White? - auf den Grund gehen. “Ich bin nicht Stiller!”, verteidigt sich dieser empört, als er beim Übertreten der Schweizer Landesgrenze als genau dieser festgenommen wird. “Ich bin nicht Stiller!”, bekräftigt er gegenüber Freunden und Bekannten, die ihn später als ebensolchen identifizieren, ja sogar gegenüber seiner Ehefrau Julika. In der Schilderung ihrer Beziehung zeigt sich Frischs Können, auch die leisesten Finessen des Zwischenmenschlichen aufzudecken, so schmerzhaft die Erkenntnisse auch sein mögen, die daraus erwachsen. “Ich bin nicht Stiller!” - der einzige, der ihm glaubt und seine abenteuerlichen Geschichten geradezu in sich aufsaugt, ist sein Wärter Knobel. Und möglicherweise die Leserin?
Wer “Stiller” noch nicht gelesen hat, dem kann ich diesen Klassiker der Schweizer Literatur mit voller Überzeugung empfehlen. Und wer ihn gelesen hat und meine Begeisterung teilt, wird vielleicht auch Daniel Kehlmann’s Titel verschlingen (allen voran “F”, nicht jedoch sein bekanntestes Werk “Die Vermessung der Welt”, beziehungsweise dieses aus anderen Gründen).