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14 Jahre Ordnung schaffen
Interview Erich Offermann
Nach 14 Jahren wird Erich Offermann an der SIA-Delegiertenversammlung Ende April 2023 sein Amt als Präsident der Zentralkommission für Ordnungen (ZO) niederlegen. Im Gespräch erzählt er von seinem Werdegang und von seinem Amt.
Erich Offermann und zwei Kellnerinnen blicken staunend aus dem Fenster des Zürcher Volkshauses. Dicke Schneeflocken fallen an diesem Abend Ende März auf den Helvetiaplatz. Es ist 22:30 Uhr, das Personal möchte in den verdienten Feierabend. Offermann aber zieht einen Minenbleistift aus seiner Jacketttasche und skizziert auf die papierene Tischtuchauflage: Ein Diagramm, das die Kosten und den Fortschritt eines Bauprojekts mittels Kurven ins Verhältnis setzt. «Es stimmt eben nicht, dass man ohne anfängliche Investition Entscheidungsgrundlagen hat», erklärt er zeichnend. Es ist einfach, sich mit ihm in langen Gesprächen zu verlieren. Fünf Minuten später, beim Verlassen des Lokals, geht es um denkmalpflegerische Aspekte bei Kraftwerkbauten und im Tram um die Fotografien von Jakob Tuggener.
Erstes Wort: Kran
Geboren wird Offermann 1951, aufgewachsen ist er in Riehen BS. Seine Mutter war medizinische Laborantin, sein Vater Jurist mit ausgeprägtem naturwissenschaftlichem Interesse, insbesondere an der Mineralogie. Offermanns erstes Wort war «Kran». Er begeisterte sich früh für Brücken und Staumauern. Als seine schulische Laufbahn jedoch in die Berufswahl mündete, waren seine Interessen anderweitig gelagert. Anstatt nach der Matura zu studieren, plante und baute er Bühnenbilder am Theater Basel. Es folgten insgesamt 15 Jahre Praxis als Bühnen- und Kostümbildner an verschiedenen Bühnen des deutschsprachigen Raums, aus denen er viele Anekdoten dramaturgisch ansprechend zu erzählen vermag.
Ein kleiner Beuys
Als Offermann dreissig wurde, sehnte er sich nach einem – wie er heute sagt – «bürgerlichen Leben». Das Studium der Architektur an der ETH Zürich war dabei eine naheliegende Wahl: «Planen und zeichnen konnte ich ja.» Damals, in den 1980er-Jahren, trug er lange Haare, Lederhosen und stets eine Fischerweste. «Schau, ein kleiner Beuys», hätten die Leute gesagt. Das Diplom konnte er nach verkürzter Studiendauer entgegennehmen, bevor er für verschiedene namhafte Architekturbüros tätig war. Sein Anspruch blieb dabei stets, sich als Generalist zu verstehen, sämtliche Aspekte des Planens und Bauens zu verinnerlichen und in der Einfachheit und Direktheit der Lösungen Ästhetik zu finden.
Zirkulär statt linear
Um die Jahrtausendwende machte sich Offermann selbstständig. Zunächst war er vorwiegend als Subplaner tätig. Bald folgten eigene, grössere Projekte. Dann, Mitte der Nullerjahre, wird er angefragt, in einer SIA-Kommission mitzuwirken. Weil er die wirtschaftliche Realität gespürt habe, sei er motiviert gewesen, sich mit dieser ehrenamtlichen Tätigkeit für den Berufsstand einzusetzen. Als der SIA 2009 schliesslich eine neue Besetzung für das Präsidium der ZO suchte, zögerte Offermann nicht, bewarb sich und wurde von der Delegiertenversammlung des SIA einstimmig gewählt. Die darauffolgende Epoche reflektiert er in unserem Gespräch.
SIA: Erich Offermann, was waren in den letzten 14 Jahren die grössten Entwicklungen im SIA-Ordnungswerk?
Erich Offermann: Wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wuchs das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in allen Dimensionen gewaltig. Für uns heisst das: Bauen ist kein linearer Prozess, sondern ein zirkulärer. Das Ende des Lebenszyklus eines Bauwerks muss bei der Planung bereits berücksichtigt werden. Dies in die Logik des Ordnungswerks zu übertragen und so das Verständnis dafür zu schaffen, war und ist mir ein grosses Anliegen. Die Revision des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) und der kantonalen Vorlage (IVöB) verlieh diesem Prozess Flügel. Die Revision der SIA 144 Ordnung für Planerwahlverfahren ist ein zentraler Baustein. Die Ordnung fordert nun deutlich einen Qualitätswettbewerb auch bei herkömmlichen Beschaffungen. Genauso wichtig ist auch die laufende Revision der Ordnungen SIA 142 Ordnung für Architektur- und Ingenieurwettbewerbe und SIA 143 Ordnung für Architektur- und Ingenieurstudienaufträge. Diese komplettieren das rechtskonforme und nachhaltige Set an Vergabeordnungen des SIA. Ein entscheidender Höhepunkt war die Schaffung und erfolgreiche Publikation der Ordnung 101 Leistungen der Bauherren, in der die Verantwortung der Bauherrschaft als Entscheidungsinstanz betont wird. Nur wenn die Bauherrschaft nämlich ihrer nicht delegierbaren Verantwortung – gerade auch in Fragen, die Rahmenbedingungen betreffen – nachkommt, kann Gutes entstehen.
Und welches sind gegenwärtig die grössten Herausforderungen für das Ordnungswerk des SIA und das künftige Präsidium der ZO?
Etwas ganz Grundsätzliches liegt mir zunächst am Herzen: Aus der Gesamtheit der Kommissionen, die für die einzelnen Normen und Ordnungen zuständig sind, bezieht der SIA über die Jahrzehnte seiner Existenz seine hervorragende Stellung in der Planungs- und Baubranche der Schweiz. Die jeweiligen Kommissionenmitglieder bringen eine einzigartige Ballung an Kompetenz, Expertise und Erfahrung in der Praxis zusammen. Dieses wertvolle Gut gilt es zu bewahren und zu pflegen. So – und nur so – kann der SIA auch die Anforderungen der Zukunft praxistauglich und zum Wohle aller Beteiligten meistern.
Anknüpfend daran ist hier die Revision der Leistungs- und Honorarordnungen (LHO) zu nennen. Die Leistungen sind gut und präzise beschreibbar und weniger das Problem. Die Frage, wie diese Planungsleistungen «quantifiziert» und angemessen honoriert werden sollen, bleibt jedoch. Hier müssen verschiedene Modelle geprüft werden. Die alte Logik «mehr bauen, mehr verdienen» passt nicht zur oben genannten Vision. Planungsleistungen sind intellektuelle Dienstleistungen. Innovative Ideen, die zu weniger Ressourcenverbrauch führen, sollen nicht durch eine geringere Honorierung «bestraft» werden. Wir müssen vermitteln, dass eine gute Planung die beste Investition ist, auch zum Sparen. Dazu, aber auch in anderen Fragen braucht es bessere wissenschaftliche Grundlagen. Ich setze mich stark gegen die Romantik der Beliebigkeit ein!
Und wofür werden Sie die gewonnene Zeit verwenden?
Einerseits betreibe ich gemeinsam mit meiner Büropartnerin weiterhin eine Firma. Wir haben viele spannende Projekte und ich freue mich stets aufs nächste. Zudem werde ich weiterhin die Kommissionen SIA 101 Ordnung für Leistungen der Bauherren und SIA 111 Modell Planung präsidieren. Mein Ziel bleibt dabei, die komplexen Inhalte auch für Laien verständlich zu machen. Weiter habe ich einfach Freude am Denken und an Neuem.
Das letzte Projekt war die Gesamtleitung für die Sanierung des Kongresshauses und der Tonhalle Zürich. Gerne erinnere ich mich an den magischen Moment, als das Tonhalle-Orchester mit dem Chefdirigenten Paavo Järvi das erste Mal den frisch renovierten grossen Tonhallesaal in Besitz nahm.
In einer Ansprache bedankte sich die Intendantin Ilona Schmiel bei den Akustikern und der Gesamtleitung. Die Worte «Offermann fängt da an, wo die anderen aufhören» waren sehr schmeichelhaft, trafen aber auch irgendwie den Nagel auf den Kopf. Wir lieben die kniffligen, grenz- und disziplinüberschreitenden Projekte, die wir mit diversen Fachspezialistinnen entwickeln, um ein harmonisches Ganzes zu schaffen.