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Bevor wir über deine schwere und lange Krankheitszeit zu sprechen kommen: Wie geht es dir?
Michael: Danke, es geht mir mit wenigen Einschränkungen sehr gut.
Dass du heute vor mir stehst, ist ein Wunder. Fangen wir von vorne an. Wie und woran bist du so schwer erkrankt?
Es begann mit einer Corona-Infektion im November 2021. Ich dachte, ich würde mich zu Hause auskurieren. Doch mein Zustand verschlechterte sich, sodass ich in der Nacht vom 14. auf den 15. November zur Abklärung auf den Notfall ins Krankenhaus Zofingen ging. Die Untersuchung ergab, dass meine Sauerstoffsättigung im Blut nicht so gut war. Zur weiteren Beobachtung musste ich im Krankenhaus bleiben und bekam etwas Sauerstoff. Doch schon bald verschlechterte sich mein Gesundheitszustand so sehr, dass ich innerhalb weniger Tage in Lebensgefahr schwebte. Wie sich später herausstellte, hatte ich mich im Krankenhaus zusätzlich mit einem bakteriellen Keim angesteckt.
Zuerst versuchte man, mit Antibiotika Abhilfe zu schaffen, dann gab man mir eine hohe Dosis Kortison. Das führte aber dazu, dass meine körpereigene Abwehr sozusagen ausgeschaltet wurde. So konnten sich die aggressiven Bakterien (Pneumokokken) stark ausbreiten, und es kam zu einer sogenannten Superinfektion. Das erfuhr ich erst viel später von einer Oberärztin. Da man mir in Zofingen nicht mehr helfen konnte, wurde ich auf die Intensivstation des Kantonsspitals Aarau verlegt. Doch mein Zustand verschlechterte sich weiter, sodass ich intubiert (künstlich beatmet) werden musste. Aber auch das reichte nicht mehr aus, um eine gute Sauerstoffsättigung zu erreichen. Nun entschieden die Fachkräfte, mich ins Universitätsspital Zürich zu verlegen und an die Herz-Lungen-Maschine anzuschliessen.
Bevor ich intubiert wurde, hatte ich den starken Wunsch, mit meiner Frau über meine mögliche Beerdigung zu sprechen. Es war mir wichtig zu sagen, wer die Predigt halten und über welchen Text er predigen sollte. Natürlich wollte ich gerne weiterleben und bei meiner Familie bleiben, aber ich hatte einen tiefen Frieden in mir, dass ich sagen konnte: «Wenn ich sterben muss, weiss ich, ich werde bei Jesus sein!»
Felicitas, du hattest auch Corona, warst in Quarantäne und durftest nicht zu deinem Mann. Wie war das für dich ...?
Felicitas: Es passierte alles so schnell. Eben noch hatte ich einen fitten, gesunden Ehemann an meiner Seite, wenige Tage später ging es um Leben und Tod. Anfangs war ich, allein mit den vier Kindern, einfach sehr beschäftigt. Wegen der Quarantäne durfte ich nicht aus dem Haus, geschweige denn ins Krankenhaus. Ich versuchte, den Alltag zu bewältigen. Alles, was ich von Michael hörte, war für mich schwer einzuordnen. Er wusste selbst nicht so recht, was sie mit ihm machten. Zuerst teilte er mir mit, dass er Antibiotika bekomme. Aber als ich ihn fragte, ob er eine Lungenentzündung habe, verneinte er. Am Anfang kommunizierten wir über das Handy, aber dann wurde Michael immer schwächer, konnte kaum noch sprechen.
Bevor sie ihn nach Zürich brachten, riefen sie mich aus Aarau an. Ich sollte – trotz Quarantäne – noch vorbeikommen, sie würden sich darum kümmern. Das war ein Schock für mich. Ich war noch nie auf einer Intensivstation gewesen. Nun musste ich mich komplett in den Schutzanzug hüllen und durfte meinen Mann, der bereits im künstlichen Koma lag, noch einmal sehen.
Als Michael dann in Zürich stationiert war, hatte ich die innere Gewissheit, dass er dort gut betreut wird und kam zur Ruhe. Vorher hatte ich keinen Kontakt zu den Ärzten, wusste überhaupt nicht, was los war – das war sehr belastend. Als er in Zürich war, riefen sie mich jeden Tag an, auch wenn sie mir wochenlang praktisch das Gleiche sagten. Es tat mir gut, dass sie sich auch nach meinem Befinden erkundigten.
Wie hast du den Alltag mit den vier kleinen Kindern gemeistert?
Am Anfang war ich alleine, weil wegen der Quarantäne niemand zu mir und den Kindern durfte. Aber dann kam die Erlaubnis vom BAG (Bundesamt für Gesundheit), dass eine gesunde Person mit den Kindern nach draussen gehen durfte. Das war eine Erleichterung. In dieser Zeit versuchte ich mich auszuruhen oder die wichtigsten Arbeiten zu erledigen. Eine besondere Hilfe war auch Michaels Hausarzt, ein gläubiger Christ. Solange Michael im Koma lag, rief er mich jeden Abend an. Er erklärte mir, was ich aus den Informationen der Ärzte in Zürich nicht verstand. So wurde er in dieser Zeit mein Seelsorger und wir beteten regelmässig zusammen. Als die Quarantäne vorbei war, hatte ich immer wieder Helferinnen, die mir die Kinder abnahmen, putzten oder auch mal Essen vorbeibrachten. Meine Mutter und meine Schwester übernachteten sogar regelmässig bei uns und unterstützten mich sehr. So war ich nicht auf mich allein gestellt.
Was hast du den Kindern über den Zustand ihres Papas erzählt?
Ich war von Anfang an ehrlich zu ihnen. Nach jedem Telefonat wollten sie natürlich wissen: «Geht es Papi besser?» – «Nein, es geht ihm nicht besser», musste ich stets antworten. Spätestens, als Michael auf die Intensivstation kam, sagte ich den Kindern, dass es sein kann, dass er nicht mehr zu uns nach Hause kommt.
Lesen Sie das ganze Interview in ethos 04/2023