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Der Bauer und Garnelenzüchter Tong Viet Tien öffnet eine kleine Schleuse und lässt frisches Mekong-Wasser in einen seiner Teiche fliessen, die am Ufer des Südchinesischen Meeres liegen. Kürzlich geschah hier Schlimmes. «Meine gesamte Zucht verendete, 30 000 Garnelen starben», erzählt der Landwirt. Die Flut steigt hier wegen der Erderwärmung immer höher und bringt zu viel Wasser. Am Ende setzt sich auf dem Teichboden zu viel Salz ab. Ein zu hoher Salzgehalt tötet Garnelen und Fische. Tong Viet Tien ist einer jener Bauern, die zu den jährlich zweieinhalb Millionen Tonnen Crevetten beitragen, die im Land gezüchtet werden. Vietnam gehört zu den weltweit grössten Exporteuren dieser Krustentiere.
Abholzungen bedrohen Land und Leute
Umwelt- und Agrarwissenschaftler Duong Van Ni von der Universität in Can Tho kennt die Problematik. «An der Südspitze Vietnams, in der Provinz Ca Mau, wuchs früher das Land jedes Jahr um 15 bis 20 Meter in Richtung Meer, jetzt aber geschieht das Umgekehrte: Das Festland wird wegen fehlenden Mangroven durch Erosionen zerstört», sagt der Professor.
Und im oberen Teil des Mekong sind in den vergangenen 20 Jahren fast zwei Drittel der Wälder abgeholzt worden für die Landwirtschaft, für Gummiplantagen und zum Bau von Industrie- und Infrastrukturanlagen. Die Folgen: Wasser, das zuvor in den Wäldern versickerte, fliesst nun in das Mekong-System und vergrössert die Wassermassen, was die Erosion fördert. Zudem werden so die Böden ausgewaschen, dies führt zu mehr Ablagerungen, die das Flussbett erhöhen. Die Folgen sind auch hier Überflutungen.
Umsiedlung in Angriff genommen
Duong Van Ni schaut besorgt in die Zukunft: «In etwa 50 Jahren könnte die Hälfte des Mekong-Deltas wegen der Erderwärmung 70 Zentimeter unter Wasser stehen.» Sollte dies eintreffen, würden rund 20 000 Quadratkilometer des Deltas mit Salzwasser bedeckt sein, dies entspricht fast der halben Fläche der Schweiz. Das Delta würde unbewohnbar.
Wegen zunehmendem Landverlust aufgrund der Erosionen und des Wasseranstiegs, siedelte der Staat in den letzten zwei Jahrzehnten bereits über eine Million Menschen um. Auch die Schweiz half mit. So haben unter anderem das Schweizerische Rote Kreuz, die Glückskette und der Kanton Genf im Mekong-Delta etwa 1300 einfache, flut- und sturmresistente Häuser finanziert.
Für die Nahrungsmittelsicherheit zentral
Das Mekong-Delta ist aber auch die Reiskammer Vietnams. In 50 Jahren wird das Land über 100 Millionen Einwohner haben, heute sind es bereits 90 Millionen. Das Mündungsgebiet ist daher für die Nahrungsmittelversorgung des Landes zentral. Jährlich werden hier um die 42 Millionen Tonnen Reis produziert. Mancherorts werden heute jährlich bis zu sieben Ernten eingefahren.
Auch 40 weitere Länder rund um den Globus essen Reis aus dem Mekong-Delta. «Und vergessen Sie nicht: der Wasserspiegels steigt nicht nur hier an», sagt Duong Van Ni. «Auch im Irrawaddy-Fluss-Delta von Myanmar, im Chao-Phraya-Delta in Thailand, im Ganges-Delta Indiens und Bangladeschs und im Mississippi-Delta steigt das Wasser.» Diese fünf Deltas machen schätzungsweise 80 Prozent der weltweiten Reisproduktion aus.
Der Anstieg des Meeresspiegels wegen der Klimaveränderung beeinflusst also direkt die globale Nahrungsmittelsicherheit.
Das Mekong-Delta
Der Mekong durchfliesst China, Tibet, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Vier Fünftel des gigantischen Mündungsgebietes des Deltas liegen in Südvietnam. Etwa 20 Prozent der 90 Millionen Menschen Vietnams leben im Mekong-Delta.
Chinas Wasser-Regime
Sorgen bereitet dem Umweltwissenschaftler Professor Duong Van Ni Chinas Stromproduktion. Im Mekong-Oberlauf haben die Chinesen sechs Staudämme gebaut, zwei weitere sind geplant. Während der Trockenzeit staut China zu viel Wasser und gräbt Vietnam das kostbare Nass ab. Während der Regenzeit wird zu viel abgelassen, was zu Überschwemmungen führt.