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Glücklich trotz Streit Ja, manchmal streiten wir. Und hin und wieder bin ich launisch oder meine Frau ungeduldig. Zwischendurch mache ich ihr einen Vorwurf, der nicht nötig wäre oder sie hört mir nicht richtig zu, weil sie gestresst ist. Aber ich würde unsere Beziehung trotzdem als glücklich und gut bezeichnen. Vielleicht deshalb, weil trotz dieser Dinge unser Alltag von viel Positivität geprägt ist: Meine Frau macht mir ein Kompliment für das Abendessen, das ich gekocht habe, ich ihr für ihr neues Kleid. Bevor wir aus dem Haus gehen, gibt es einen langen Kuss und wenn wir von der Arbeit nachhause kommen, erzählen wir uns, wie der Tag war. Unser Beispiel zeigt, dass sich glückliche und unglückliche Paare nicht unbedingt dadurch unterscheiden, dass erstere immer nur liebevoll miteinander umgehen und letztere nur streiten und sich Vorwürfe machen. Wichtig scheint insbesondere, dass das Positive in der Beziehung überwiegt und wir die Beziehung somit trotz allem als bereichernd erleben. Vor 20 Jahren begann sich auch die Forschung für das Verhältnis von positiven und negativen Verhaltensweisen in Beziehungen zu interessieren. Der amerikanische Paarforscher John Gottman postulierte ein Verhältnis von 5:1 in glücklichen Beziehungen. Das heisst, dass es für jedes negative Interaktionsverhalten (beispielsweise einen Vorwurf oder eine unfreundliche Bemerkung) fünf positiver Verhaltensweisen (beispielsweise eines Kompliments, einer Umarmung, eines offenen Ohrs) bedarf. Einige Jahre später untersuchte Professor Bodenmann gemeinsam mit der italienischen Professorin und Forscherin Anna Bertoni, wie sich glückliche und unglückliche Paare hinsichtlich Positivität und Negativität unterscheiden. Darüber hinaus untersuchten sie auch den Konfliktstil der Paare sowie die Beziehung zu ihren Herkunftsfamilien.
Was macht den Unterschied? Für ihre Studie befragten sie 226 verheiratete Paare. Ein Teil der Paare (86) war in einer Paartherapie. Von den Paaren, die nicht in Therapie waren, wurden 85 als zufrieden und 55 als unzufrieden eingestuft. Auch die Paare in Therapie beschrieben sich als unzufrieden und hatten durchschnittlich die tiefsten Zufriedenheitswerte. Die Paare waren im Durchschnitt seit rund 13 Jahren verheiratet, wobei einige erst seit einem Jahr und das Paar mit der längsten Ehedauer bereits 38 Jahre verheiratet war. Um die Positivität zu erfassen, mussten die Partner angeben, inwiefern sie Aussagen wie „Mein*e Partner*in hört mir aufmerksam zu“ oder „Ich kann mich auf meine*n Partner*in verlassen, wenn ich etwas brauche“ zustimmten. Die Negativität in der Beziehung wurde mit Fragen zu Konflikten, mangelnder Intimität und Commitment oder dem Unvermögen, mit Veränderungen umzugehen, erfasst. Als negative Verhaltensweisen wurden Beleidigung, Kompromisse, Vermeidung und Gewalt untersucht. Weiter wurde erfragt, wie häufig die Personen zu ihrer Herkunftsfamilie respektive der Herkunftsfamilie der Partnerin oder des Partners Kontakt hatten und wie zufrieden sie mit diesen Beziehungen waren. Zufriedene Frauen waren tendenziell jünger als Frauen in Therapie und unzufriedene Männer älter als zufriedene Männer oder solche in Therapie. Ausserdem waren die zufriedenen Paare im Durchschnitt weniger lang verheiratet als die unzufriedenen Paare. Das zeigt, dass die meisten Paare glücklich in eine Ehe starten. Das Bildungsniveau war bei Personen in der Therapiegruppe tendenziell am niedrigsten.
Positivität und Negativität Die Ergebnisse zeigten, dass unzufriedene Paare (also Paare in Therapie wie auch unzufriedene Paare ohne Therapie) weniger Positivität und mehr Negativität in ihren Beziehungen erlebten. In jeder Gruppe fand sich zudem ein anderes Verhältnis von Positivität und Negativität: Bei den zufriedenen Paaren betrug das Verhältnis bei Frauen 4.0 zu 1.7 und bei Männern 4.1 zu 1.6. Bei den unzufriedenen Paaren war das Verhältnis 3.5 zu 2.2 (Frauen) respektive 3.5 zu 2.1 (Männer). Bei Paaren in Therapie 3.0 zu 2.9 (Frauen) respektive 3.1 zu 2.8 (Männer). Zufriedene wie auch unzufriedene Paare berichteten also sowohl über positive als auch negative Verhaltensweisen, das Verhältnis von Positivität und Negativität war allerdings in jeder Gruppe unterschiedlich und im Durchschnitt tiefer als bei der ursprünglichen Untersuchung von John Gottman.
Konfliktstile Auch bei den Konfliktstilen fanden sich Unterschiede: Unzufriedene Paare schlossen weniger Kompromisse als zufriedene Paare. Ausserdem zeigte sich, dass ältere Ehemänner kompromissbereiter waren. Bei Konflikten waren unzufriedene Paare zudem öfters beleidigend. Auch schienen diese Paare häufiger (konstruktive) Konflikte zu vermeiden als zufriedene Paare. Hier zeigte sich ausserdem, dass ältere Frauen öfters einen vermeidenden Konfliktstil zeigten. Auch fand sich bei unzufriedenen Paaren eine stärkere Tendenz zu Gewalt. Jedoch war Gewalt in allen Gruppen nicht sonderlich verbreitet.
Beziehung zur Herkunftsfamilie Unzufriedene Paare gaben an, eine schlechtere Beziehung zur eigenen Herkunftsfamilie zu haben. Auch bei der Beziehung zur Herkunftsfamilie der Partnerin* oder des Partners* fanden sich tiefere Werte bei unzufriedenen Paaren. Die zufriedenen Paare hatten also eine bessere Beziehung zu ihren Herkunftsfamilien mit häufigerem Kontakt. Einerseits führt eine gute Beziehung zur Herkunftsfamilie natürlich zu mehr Unterstützung und weniger Konflikten und Belastungen. Andererseits hat die Beziehungsqualität oft auch eine intergenerationale Dimension: Wenn bereits die Eltern eine schwierige Ehe und schwierige Familienbeziehungen hatten, ist es für die Kinder schwieriger (aber nicht unmöglich) selbst eine gute Ehe zu führen.
In Kürze Die Studie zeigte, dass unzufriedene Paare und insbesondere Paare in Therapie schlechtere Konfliktstile hatten und weniger gute Beziehungen zu ihren Herkunftsfamilien. Glückliche wie auch unglückliche Paare zeigten in ihren Beziehungen sowohl Negativität als auch Positivität, aber das Verhältnis unterschied sich ganz klar: Während Paare in Therapie etwa gleichviel negative wie positive Verhaltensweisen zeigten, fand sich bei zufriedenen Paaren etwa doppelt so viel Positivität wie Negativität. Vermutlich suchen sich Paare oft erst dann Hilfe in einer Therapie, wenn das Positive in der Beziehung nicht mehr überwiegt und mehr psychologische Kosten als emotionaler Nutzen entstehen.
Ein glückliches Paar werden oder bleiben... Auch wenn es also normal ist, dass wir in unserer Beziehung auch manchmal launisch sind oder nicht richtig zuhören, ist es doch zentral, dass das Positive im Alltag überwiegt. Wenn wir uns in Konflikten zu oft beleidigen, aggressiv werden und keine Kompromisse eingehen, ist es schwierig, Intimität und Nähe aufzubauen. Die Konflikte jedoch einfach zu vermeiden ist auch keine Lösung. Eine gute Konfliktkommunikation lässt sich zum Glück lernen. Eine Möglichkeit dazu bietet das Paarlife-Training oder auch eine Paartherapie, falls man sich als Paar bereits in einer Krise befindet. Aber auch wenn ich in meiner Beziehung glücklich bin, ist es wichtig, dass ich das Positive im Alltag bewusst pflege und versuche, Konflikte in einem guten Rahmen und mit fairen Mitteln auszutragen. Dieser Eintrag basiert auf der Studie Satisfied and dissatisfied couples, positive and negative dimensions, conflict styles, and relationships with family of origin von Prof. Dr. Anna Bertoni und Prof. Dr. Guy Bodenmann. (Die Beispiele im Text sind fiktiv) geschrieben von Noëmi Ruther