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Abbrüche in der stationären Jugendhilfe
Über das Erleben der Jugendlichen im Kontext von Macht- und Herrschaftsverhältnissen
In der stationären Jugendhilfe kommt es regelmässig zu Abbrüchen. Unter einem Abbruch wird die ungeplante Beendigung eines Aufenthaltes im Dissens der Beteiligten verstanden, ohne dass die davor gesetzten Ziele erreicht werden (Sewing, 2010: 268). Eine schweizerische Stichprobe geht dabei von über einem Drittel abgebrochener Aufenthalte aus (EQUALS, 2017: 1). Obwohl umfassende Daten zu Abbruchsprävalenzen fehlen, herrscht im Fachdiskurs Einigkeit darüber, dass Abbrüche zu oft vorkommen und dies als problematisch einzuschätzen ist. Problematisch sind Abbrüche insbesondere für die weitere Entwicklung und Hilfeverläufe betroffener Jugendlicher. Daraus folgend wird eine Beschäftigung mit Abbruchsituationen in Praxis und Forschung gefordert, um solche besser verstehen und damit reduzieren zu können. Die Masterthesis möchte zu einem erweiterten Verständnis beitragen. Erstens, in dem sie Abbrüche in ihrer Verwobenheit mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen analysiert. Sie stellt sich dazu die untersuchungsleitende Frage, inwiefern sich macht- und herrschaftsbezogene Aspekte in Abbruchsdynamiken der stationären Jugendhilfe aus Sicht der betroffenen Jugendlichen zeigen. Die Thesis geht zu Beginn kurz auf soziologische und sozialarbeitswissenschaftliche Theorien um Macht und Herrschaft ein. Im Fokus stehen anschliessend die Konzeptionen von Regierung und Gouvernementalität nach Michel Foucault. Diese erlauben es, einen umfassenden Blick auf subjektive Handlungs- und Denkweisen in ihren Wechselwirkungen mit gesellschaftlich-ökonomischen Vorstellungen einzunehmen. Zweitens steht in der Untersuchung das Erleben betroffener Jugendlicher im Mittelpunkt. Denn nebst der theoretischen Abbruchsdefinition erscheint es ebenso relevant, wie Betroffene selbst das Ereignis erleben, bewerten und begründen. Dazu werden vier problemzentrierte Interviews mit Jugendlichen geführt. Das Datenmaterial wird im Anschluss in einem Kodierprozess anhand der Grounded Theory bearbeitet. Als Synthese stellt die Masterthesis Erkenntnisse dar, welche durch die macht- und herrschaftsbewusste Analyseperspektive auf Abbruchsdynamiken gewonnen werden konnten. Es zeigt sich, dass Jugendliche Abbrüche meist individualisierend, also durch ihr eigenes Verhalten bedingt, beschreiben und wenige Bezüge zu strukturellen Bedingungen oder vorherrschenden Denkweisen machen. Ihre Erzählungen sind stark im Alltagserleben verankert. Drogenkonsum, «auf Kurve gehen» und das Nichteinhalten (wollen) von Regeln werden durchgehend als Abbruchsgründe genannt. Nebst dieser dominanten Stellung der Selbstverantwortung, werden als Themenkomplexe auch der Umgang mit Gefährdung-Risiko-Schutz-Sicherheit, die Orientierung an Normalitätsvorstellungen oder die problematisierende Sichtweise auf jugendliches Verhalten in Abbruchsdynamiken als bedeutungsvoll erkannt. Diese Erkenntnisse, wie auch die schlussfolgernden Praxisanregungen, sind als theoretische Perspektivenerweiterungen und Reflexionsanstösse konzipiert. Denn es ist nicht möglich, eine simple Antwort darauf zu geben, wie Abbrüche reduziert werden können. Vielmehr stellt sich der Praxis erstens die stetige Aufgabe Denk- und Handlungsweisen zusammenhängend mit vorherrschenden Strukturen und Vorstellungen zu reflektieren, um begründet Entscheidungen zu treffen und diese zu verantworten. Zweitens lässt sich aus der Untersuchung die zentrale Bedeutung des Verstehens ableiten. Gelingt es, mit Jugendlichen gemeinsam einen Verstehensprozess zu gestalten, welcher Verhalten nicht nur problematisiert, sondern dessen Sinnhaftigkeit annimmt, kann dies Abbruchsdynamiken verändern und ein Da-Bleiben ermöglichen.