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Die afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison hat ein politisch brisantes und zugleich vieldeutiges Werk hinterlassen, das die Lesenden zur Mitbestimmung aufruft.
«The Pieces I Am» heisst ein eben erst fertiggestellter Dokumentarfilm über Toni Morrison. Das Zitat stammt aus «Beloved», dem wohl meistgelesenen Buch der Autorin, das 1989 unter dem Titel «Menschenkind» auf Deutsch erschien. Ein Mann beschreibt darin die Kraft der Liebe so: «Die Stücke, aus denen ich bestehe, sie sammelt sie zusammen und gibt sie mir in der richtigen Reihenfolge zurück.»
Schon der Name von Toni Morrison ist Stückwerk. Die Geburtsurkunde vom 18. Februar 1931 lautet auf Chloe Ardelia Wofford. Toni ist die Kurzform des Namensheiligen der als Kind konvertierten Katholikin. Morrison erinnert an eine kurze Ehe Anfang der sechziger Jahre, der zwei Söhne entstammten. In der Industriestadt Lorain, im US-Bundesstaat Ohio, teilte die schwarze Arbeiterfamilie Wofford die Härten der Wirtschaftskrise mit ImmigrantInnen aus Polen und Italien. Als Chloe zwei Jahre alt war, steckte der Hausbesitzer ihre Wohnung in Brand, weil die Eltern mit der Miete in Verzug waren. Die Erwachsenen hätten damals über die absurde Boshaftigkeit gelacht, weil man nur so überleben könne, erzählte die frisch gekrönte Literaturnobelpreisträgerin 1993 in einem Interview.
Morrison sprach nur selten so direkt aus ihrem Leben. Weitaus häufiger verarbeitete sie persönliche Erinnerungen in ihren Romanen. In ihrem ersten Buch, «Sehr blaue Augen», schildert sie etwa, wie zwei Schwestern am Morgen manchmal ein fremdes Kind im Bett vorfinden, weil eine Nachbarsfamilie in Not geraten ist. Und weil die Frauen der afroamerikanischen Gemeinde verlässlich füreinander sorgen.
Die Scherben gesammelt
Toni Morrison machte sich als neugierige Leserin schon früh mit der «grossen Literatur» vertraut. Sie las Jane Austen, Leo Tolstoi und Gustave Flaubert und bewunderte, wie diese AutorInnen das Familiäre und Vertraute neu sehen und sichtbar machen konnten. Mitte der sechziger Jahre entdeckte die Anglistin mit Masterabschluss in New York die erst spärlich publizierte afrikanische Literatur – und schon bald betreute sie als Lektorin beim Verlag Random House selber schwarze AutorInnen aus Afrika und den USA, darunter so bekannte Namen wie Wole Soyinka, Muhammad Ali oder Angela Davis. Morrison förderte aber immer auch junge Talente.
In ihrem letzten, im Februar 2019 erschienenen Buch, «The Source of Self-Regard» (Die Quelle der Selbstachtung, noch nicht ins Deutsche übersetzt), beschreibt Toni Morrison, wie wichtig die afrikanische Literatur für ihr eigenes Schaffen war. Insbesondere der nigerianische Autor Chinua Achebe habe ihre künstlerische Intelligenz vom «klassischen» eurozentrischen Blick befreit, sodass sie ihre eigene Vorstellungskraft ausloten und ausweiten konnte. «Alles zerfällt» hiess der bereits 1958 publizierte Roman von Achebe über das Zerbrechen der alten Ordnung.
Toni Morrison las nun gewissermassen die Scherben dieses Zerfalls auf und schuf daraus neue, schöne Gefässe voller Risse und Sprünge. Ob sie es nicht leid sei, ständig als «schwarze Autorin» abgestempelt zu werden, wurde Toni Morrison auf dem Höhepunkt ihres Schaffens gefragt. Nein, gab sie jeweils zurück, sie sehe das als Ehrentitel. Lediglich die Frage sei lästig, ja geradezu rassistisch. 1998 stellte die Afroamerikanerin im Gespräch mit einer besonders unbedarften weissen Journalistin klar: «Ich stand ganz am Rand und machte diesen Rand zum Zentrum. Es ist dem Rest der Welt überlassen, sich dahin zu bewegen, wo ich bin.»
Mit unsichtbarer Tinte
Dass Toni Morrison die Vergangenheit und Gegenwart der US-Gesellschaft vorab aus der Perspektive schwarzer Frauen und Mädchen zeichnet, ist eine politisch und ästhetisch durchdachte Entscheidung. «Ich wollte wissen, wie etwas so Groteskes wie die Dämonisierung einer ganzen Rasse im empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Gesellschaft, in einem Kind, einem Mädchen, Wurzeln schlagen konnte», schrieb die Autorin im Nachwort zu ihrem ersten Roman, «Sehr blaue Augen». Konsequent gibt sie allen ihren Figuren, auch unterdrückten und versklavten Menschen, ein komplexes, widersprüchliches und feinfühliges Innenleben. Denn sie will als Schriftstellerin keine neue, diesmal «schwarze», Meistererzählung liefern, sondern der Grösse und Vielschichtigkeit unseres Lebens gerecht werden. Als Schriftstellerin zeige sie Probleme auf, sie müsse sie nicht lösen, schrieb Morrison in einem frühen Essay. Literatur sei schliesslich keine empirische Fallstudie und auch kein Kochrezept.
Es ist eine unbequem aktive Rolle, die Toni Morrison den LeserInnen zutraut und zumutet. «Die weisse Frau haben sie zuerst erschossen», beginnt sie den Roman «Paradies», und bis zum Schluss des umfangreichen Buches verrät sie nicht, wer in der porträtierten Frauengemeinschaft denn nun weiss ist. Für die ballernde Bürgerwehr ist die Hautfarbe des Opfers natürlich wichtig. Doch ist sie es auch für die Lesenden? Morrison erklärt: «Wie immer sie sich entscheiden, ich zwinge die Leserin, den Leser dazu, das Buch mitzuschreiben. Ich rufe sie mit unsichtbarer Tinte herbei, indem ich den Text destabilisiere und den Lesenden neue Möglichkeiten aufzeige.»
Sprache ist Gewalt
Toni Morrison war eine Intellektuelle mit grossem Einfluss. Sie sah diese öffentliche Rolle nicht als Last, sondern bis ganz zuletzt als wichtigen Teil ihres Lebens. Sie dozierte an Universitäten, um die nächste und übernächste Generation anzusprechen. Sie diskutierte mit der bekannten US-Talkmasterin Oprah Winfrey, um ein breites Publikum zu erreichen. Sie verfasste mehrere Essaybände, um ihren Denkprozess «von Daten zu Information, zu Wissen und schliesslich zu Weisheit» zu dokumentieren. Besonders aktuell, nicht nur für die USA unter Präsident Trump, sondern auch für das zunehmend rechtspopulistische Europa, ist das 2018 unter dem Titel «Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur» auf Deutsch erschienene Büchlein, in dem die Afroamerikanerin Globalisierung, Migration und die unendlich vielen Methoden der Ausgrenzung diskutiert.
Toni Morrisons Sprache war sinnlich und scharf. Ihre Nobelpreisrede 1993 begann sie mit der Fabel von einer alten blinden Frau und einem Vogel, von dem man nicht weiss, ob er lebendig ist oder tot. Und dann sagte sie laut, deutlich und prophetisch: «Eine Sprache der Unterdrückung stellt Gewalt nicht nur dar; sie ist Gewalt. Sie zeigt nicht nur die Grenzen des Wissens auf; sie begrenzt Wissen. Die verschleiernde Sprache des Staates und die gekünstelte Sprache gedankenloser Medien; die stolze, aber verkalkte Sprache der akademischen Welt und die auf Gebrauchswert fixierte Sprache der Naturwissenschaften; die zersetzende Sprache einer Justiz ohne Ethik und auch diejenige Sprache, die eigens für die Ausgrenzung von Minderheiten gemacht ist und ihren rassistischen Plunder mit literarischem Augenzwinkern präsentiert: All diese Sprachen müssen zurückgewiesen, verändert und blossgestellt werden.»
Erinnerungen
Der Tragik ins Gesicht lachen
«Heute, 2019, ist es schwer zu beschreiben, welch unstillbares Bedürfnis sie befriedigte.» In der «Zeit» erinnert sich die britische Autorin Zadie Smith, wie ihre Mutter Toni Morrisons Bücher gleich in mehrfacher Ausführung im Wohnzimmer aufreihte: Als wollte sie sich «selbst davon überzeugen», dass Morrison für immer «bei uns eingezogen war». Bereits als Zehnjährige begann Smith, Morrison zu lesen. Weil es damals «ausserhalb der Bereiche Gesang, Tanz und vielleicht Laufen» keine Identifikationsfiguren für ein schwarzes Mädchen gab. Ihrer heute in Berlin lebenden Londoner Kollegin Sharon Dodua Otoo ging es ähnlich: Erst Morrison «schrieb für Menschen wie mich».
Otoo erinnert in der «taz» auch an Morrisons bestechende Definition von Rassismus: «Die sehr ernste Funktion des Rassismus ist Ablenkung: Er hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun.» Und daran, dass Morrison klar deklariert habe, sie schreibe «an, über und für schwarze Menschen». Im «New Yorker» unterstreicht der US-Autor Hilton Als, dass es einen «blitzschnellen Intellekt und grosse technische Finesse», aber auch künstlerisches Selbstvertrauen braucht, um in dieser vielgestaltigen schwarzen Diaspora von allen verstanden zu werden. «Sie war nie ‹von-oben-herab›, weder zu ihren Lesern noch zu ihren Freundinnen», ergänzt die Bürgerrechtlerin Angela Davis in der «New York Times».
Vor zwei Jahren lud Toni Morrison den französischen Schriftsteller Édouard Louis in ihr New Yorker Haus ein. Sie tranken einen Nachmittag lang Wodka. Im «Guardian» erzählt er, wie sie ihn gefragt habe, warum so viele AutorInnen heute nur noch über sich selbst schrieben. Und wie sie oft in Gelächter ausgebrochen sei: «Sie lachte, als sie von der politischen Katastrophe in den USA sprach, sie lachte sogar angesichts der tragischsten Dinge, die sie erzählte» – als wollte sie «die Mächtigen wissen lassen, dass man sie nie kriegen würde». Es ist sicher kein Zufall, dass auch Angela Davis in ihrem Nachruf Morrisons «diabolisches Lachen» anklingen lässt, damit es weiter «durchs Universum halle».
Daniela Janser