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Die F. umfasst alle Tierarten einer definierten geogr. Einheit. In der Schweiz wurden um 2000 ca. 40'000 versch. Tierarten gezählt, von denen rund 30'000 Insekten- und nur 89 Säugetierarten waren. Die hist. Erforschung der F. beschränkt sich bis heute auf die Wirbeltiere (1994 376 Arten in der Schweiz). Die Analyse von Knochen, Zähnen und Geweihen aus prähist. und hist. Siedlungen liefert Kenntnisse über die gehaltenen Haustiere und ermöglicht auch einzelne Rückschlüsse auf die Bestandsentwicklung der grösseren Wildtiere, weil ein gewisser Zusammenhang zwischen Populationsdichte einer Tierart und der Chance, dass Individuen dieser Art erlegt werden, besteht. Schlecht ist die quellenmässige Grundlage besonders für Fische, Amphibien, Reptilien und kleine Vögel. Reste von Individuen dieser Arten sind allenfalls dann quantitativ korrekt zu fassen, wenn die Grabungssedimente mindestens stichprobenartig geschlämmt werden. Deshalb kann die Archäozoologie die Bestände dieser Tiergruppen nur sehr ungenau schätzen. Ab der röm. Epoche werden die archäolog. Zeugnisse zunehmend durch schriftl. Quellen wie Mandate, Markt- und Kochbücher, Strafregister, Zahlungsbelege für Abschussprämien, Erzählungen usw. ergänzt. Gezielte faunistische Untersuchungen, Fallwild- und Abschussstatistiken liegen aber erst aus der Neuzeit vor.
Die ersten Mitbewohner des Menschen im Gebiet der heutigen Schweiz waren teils Arten der eiszeitl. F. wie Mammut, Wollhaarnashorn, Moschusochse, Wildpferd, Rentier, Schneehase, Schneehuhn sowie Höhlenbär und teils solche der warmzeitl. Phasen wie Waldelelefant, Wildschwein oder Rothirsch. Mit dem Ende der letzten Eiszeit und der einsetzenden Bewaldung verschwanden die typ. Vertreter der Eiszeitfauna allmählich: Mammut und Wollhaarnashorn vollständig, Murmeltier, Schneehase und Schneehuhn aus dem Mittelland, das Ren nach einem Hoch um 17'000 v.Chr. gegen 9000 v.Chr., das Wildpferd wurde selten.
Rothirsch, Elch, Reh, Wildschwein, Ur (Auerochse), Braunbär, Wolf, Fuchs, Baummarder und Waldkatze dominierten die Beutelisten der mittelsteinzeitl. Menschen. Der Rothirsch, der sich in den Waldgebieten rasch verbreitete, wurde zum wichtigsten Jagdwild der nacheiszeitl. Epochen und blieb es mit kontinuierlich abnehmenden Anteilen bis ins MA. Die F. der durch beginnenden Ackerbau und Viehhaltung charakterisierten Jungsteinzeit (rund 5500-2200 v.Chr.) entsprach weitgehend der heutigen, aber mit räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich hohen Beständen. Neben dem Rothirsch spielte das Wildschwein eine wichtige Rolle. Wisent, Ur, Reh und Gemse besiedelten das Mittelland, Steinbock, Gemse, Schneehase und Schneehuhn die Alpen und z.T. den Jura. Durch Rodungstätigkeit wurde der Lebensraum im Umfeld menschl. Siedlungen stark umgestaltet. Die Siedlungstätigkeit an Seeufern und die Rodungen im Hinterland führten ab 3600 v.Chr. durch den Eintrag organ. Materials und wegerodierter Humusschichten zu Mineralstoff- und Stickstoffeintrag und damit zur Eutrophierung von Gewässern. Damit wurde das Schilfwachstum begünstigt, was sich für Röhrichtbewohner u.a. unter den Vögeln und Fischen auswirkte (z.B. Rückgang der Edel- bei Zunahme der Weissfische). Auch die wachsende Stetigkeit, mit welcher der Feldhase belegt ist, weist auf die Öffnung der Landschaft hin. Wild verlor als Nahrungsmittel an Bedeutung. In Notzeiten allerdings wurde es in der Jungsteinzeit wie auch später intensiv genutzt, z.T. überbejagt. In der Bronze-, Eisen- und der Römerzeit veränderte sich die F. wenig. Die zunehmende Landnutzung stellte einzelne Arten wie Wisent, Ur und Elch vor grosse Probleme. Die zusätzliche Bejagung führte allmählich zur gänzl. Ausrottung der Bestände. Überhaupt dürften in allen prähist. Epochen primär klimat. und landschaftl. Veränderungen für das Verschwinden zahlreicher Arten verantwortlich gewesen sein, und nicht ausschliesslich die Jagd. In der Römerzeit wanderte wohl der Steinmarder ein. Amphibien und Schnecken bildeten zeitweise einen wichtigen Teil der menschl. Proteinversorgung (Ernährung).
Autorin/Autor: Jörg Schibler, Peter Lüps
Qualitativ haben sich die Verhältnisse gegenüber denjenigen in der Jungsteinzeit und den frühgeschichtl. Epochen nur unwesentlich verändert, sieht man vom Fehlen von Elch und Wisent sowie dem Verschwinden des Urs ab. In quantitativer Hinsicht verzeichneten dagegen zahlreiche Arten einen deutl. Rückgang. Das Aufkommen leistungsfähiger Schusswaffen führte zum Ausdünnen oder lokalen Verschwinden der Rothirsch-, Reh-, Steinbock- und Gemsbestände. Bär und Luchs wurden vollständig aus dem Mitteland vertrieben. Wolf und Waldkatze, Biber und Otter litten unter starker Bejagung. Intensiv genutzt wurden auch zahlreiche Vogelarten, was sich auf Zugvögel weniger stark auswirkte als auf Standvögel, z.B. auf die alpinen Wildhühner.
Autorin/Autor: Jörg Schibler, Peter Lüps
Das 19. Jh. war gekennzeichnet durch die Ausrottung von Luchs, Steinbock, Biber, Bartgeier und Rothirsch. Letzterer wanderte um die Jahrhundertwende wieder ein. Anfangs des 20. Jh. wurde letztmals ein Bär erlegt.
1911 begann die erfolgreiche Wiedereinbürgerung des Steinbocks. Weitere Vorhaben zur Wiederansiedlung ausgerotteter Arten folgten, so 1956 ein Biber-, 1971 ein Luchs- und 1991 ein Bartgeierprojekt. Von 1995 an überquerten mehrmals Wölfe die südl. Landesgrenze, von denen die meisten wegen Schäden an den Kleinviehbeständen legal oder illegal erlegt wurden. Die Emotionen der Schafhalter, Jäger und Naturschützer erschweren eine sachl. Diskussion über die Zukunft dieser geschützten Art. Das Reh wurde in den 1920er Jahren durch Hegemassnahmen stark gefördert und war schon vor 1940 wichtigstes Schalenwild. Auch Steinbock, Rothirsch und Wildschwein erholten sich und gerieten in Konflikt mit Forst- und Landwirtschaft. Die Gemse besiedelte das Mittelland und den Jura. Gleichzeitig verschwanden wegen der Zerstörung ihres Lebensraums Rotschenkel, Sumpfohreule, Raubwürger und Haubenlerche als Brutvögel; rapide ab nahmen auch Feldhase, Feldlerche, Rebhuhn und Bekassine. Umweltgifte liessen den Wanderfalken fast, den Otter ganz verschwinden. Die Zerstörung von rund 80% der Feuchtgebiete führte zu einem massiven Rückgang der Amphibien; 2001 galten 19 der 20 autochthonen Arten als gefährdet. Bis 1988 waren 7 Fischtaxa ausgestorben. Von ursprünglich 54 autochthonen Taxa waren nur 12 nicht gefährdet.
Autorin/Autor: Jörg Schibler, Peter Lüps
Der Wandel der F. beruht in erster Linie auf Veränderungen des Klimas, die sich teils direkt, z.B. infolge fehlender Anpassung an neue Temperaturverhältnisse, und teils indirekt, z.B. über den entsprechenden Wandel der Flora, auswirken. Seit seinem Auftreten greift der Mensch zusätzlich ein. Lange Zeit geschah dies nur durch Entnahme aus den Tierbeständen zur Nahrungs- und Rohstoffbeschaffung. Die Waldrodung zur Gewinnung von Weide- und Ackerfläche förderte die Bewohner offener Landschaften. Damit stieg die Artendiversität. Dieses Niveau blieb bis ins 20. Jh. recht konstant. In neuester Zeit beschleunigen sich die Veränderungen der F. infolge der menschl. Einflüsse auf das Klima.
Gründe für das Auftreten von neuen Arten oder Artengruppen bzw. für das Anwachsen von Beständen schon vorkommender Arten waren u.a. die Schaffung günstiger Ernährungs- und Brutbedingungen (Wildschwein und Dachs profitierten vom Maisanbau; ursprüngliche Felsbrüter nutzten Gebäude im Mittelland), die Ausrottung von Konkurrenten oder Fressfeinden, ein verbessertes Nahrungsangebot (der Fuchs nährt sich von Abfällen in den Städten), eine aktive Fütterung (Schwäne im Winter, Rehe für die Jagd), die Wiedereinbürgerung ausgerotteter Arten, die Aussetzung (z.B. 13 Fischarten im 19. und 20. Jh.), das Entweichen aus Gehegehaltung (Waschbär, zahlreiche Entenarten), die Einschleppung faunenfremder Elemente (z.B. der Wandermuschel, die für die starke Zunahme der Reiherente verantwortlich war).
Als Ursache für einen Artenverlust bzw. Bestandsrückgang erwiesen sich dagegen die Verschlechterung der Ernährungs- und Brutbedingungen (z.B. wurden infolge der Umwandlung artenreicher Magerwiesen in artenarme Fettwiesen oder Maisäcker Grossinsekten seltener, was die Population der Insektenfresser wie z.B. des Steinkauzes beeinflusste; die Vorverschiebung der Heuernte reduzierte den Bruterfolg von Wiesenbrütern wie Feldlerche und Braunkehlchen). Grosse Folgen hatten auch die Förderung von Feinden oder Konkurrenten (Steinböcke verdrängten lokal die Gemsen; Hauskatzen wirkten negativ u.a. auf Eidechsen), direkte Eingriffe durch den Menschen (Verkehrsopfer), die Umstrukturierung des Lebensraumes durch Zersiedelung und Ausräumung der Landschaft und direkter oder indirekter Eintrag von Umweltgiften (z.B. chlorierte Kohlenwasserstoffe beim Wanderfalken, polychlorierte Biphenyle beim Otter). Kaum ein Eingriff blieb ohne Wirkung auf das Artengefüge.
Autorin/Autor: Jörg Schibler, Peter Lüps
Erste Bestimmungen zum Schutz einzelner Arten auf eidg. Ebene enthielt das Bundesgesetz über die Jagd von 1875. Diese bezweckten vornehmlich - im Wesentlichen aus wirtschaftl. Gründen - die Erhaltung und Förderung der Schalenwildbestände und der als nützlich erachteten Vogelarten. Erst die Annahme des Art. 24sexies aBV 1962 (Art. 78 Absatz 4 BV 1999) und das auf diesem basierende Natur- und Heimatschutzgesetz von 1966 verpflichteten den Bund, der Ausrottung bedrohter Arten entgegenzuwirken (Naturschutz). Massnahmen dazu sind die Erstellung von Inventaren, die Führung von Roten Listen gefährdeter Arten sowie eine breite Palette raumplanerischer Massnahmen, die von Bestimmungen zum Schutz kleinräumiger Biotope und ökolog. Ausgleichsflächen bis zur Einrichtung von grossräumigen Naturschutzgebieten und Nationalpärken reichen.
Autorin/Autor: Jörg Schibler, Peter Lüps