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Kultur
That Da Da Strain
"Music has a marvelois faculty of recording a picture in someone else’s mind", soll George Gershwin einmal gesagt haben und mit diesen Worten wird eine Reise ins Herz des Jazz eröffnet, die nicht nur auditiv oder visuell, sondern sogar haptisch möglich ist. "Two Steps Ahead of The Future: Jazz and Art" widmet sich deskriptiv den Ursprüngen des Jazz (Ragtime and Popular Entertainment), dem eigentlichen Jazz Age in America und Europa (1920-1930) und in einem weiteren Kapitel dem Nachkriegsjazz von 1940-1990. Im Anhang befindet sich eine Bibliographie, Foto Credits, Fußnoten und die Tracklist der drei dem Buch angehängten CDs, die die drei Ären des Jazz auch auditiv wieder auferstehen lassen. So entsteht ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das im Format einer Langspielplatte in Leinen gebunden eine beeindruckende Publikation ergibt, die dazu noch zweisprachig ist und durch viele Reproduktionen von Kunstwerken jener Zeit glänzt.
Jazz vs. Blues
Der Beziehung zwischen Jazz und moderner Kunst wird gleich zu Beginn anhand des Gemäldes "The Banjo Lesson" (1893) von Henry Ossawa Tanner erläutert. Der afroamerikanische Maler zeigt einen Vater, der seinem Sohn das Spielen eines Banjos lernt und versinnbildlicht damit auch die Weitergabe der Tradition von einer Generation an die nächste. Denn Jazz und Blues waren anfangs vor allem schwarze Kulturgüter, die einem bestimmten geheimen Code folgten, den die Weißen nicht verstehen sollten oder verstanden. Der Unterschied zwischen den beiden Musikrichtungen wird von der Autorin und Kunsthistorikerin Sharon Jordan so erklärt: Jazz sei durch eine Kombination von Blues und Ragtime durchzogen von volksmusikalischen Elementen aus Call-and-Response-Worksongs, Gospelsongs, Spirituals sowie der Musik der Marching Bands (Blaskapellen) entstanden, während der Blues aus der mündlichen Erzähltradition und den Worksongs entstand, die den Arbeitsrhythmus von Feld- und Hafenarbeitern synchronisierten.
Tanz am Congo Square
Schon seit 1817 gab es in New Orleans/Louisiana für Sklaven die Möglichkeit, sich an Sonntagnachmittagen am Congo Square (heute: Louis Armstrong Park) zu versammeln und Musik zu machen. Dazu wurde dann aber auch getanzt und gesungen. Als die Kreolen (Mischlinge aus Franzosen/Spaniern und Afrikanern) aber ab 1890 zu Schwarzen umklassifizierte wurden, wurde ihnen die Grundlage ihrer Existenz entzogen, denn sie verloren Freiheit, die Möglichkeit zu Bildung und Lebensunterhalt. Um der südlichen - rassistischen - "Reconstruction" zu entgehen, gründeten sie Social Clubs und Marching Bands, die ihnen die Möglichkeit zu öffentlichen Auftritten wieder verschaffte. Als Reconstruction wird gemeinhin die Periode nach dem Bürgerkrieg der 1960er-Jahre beschrieben, die sich zwar an die Sklavenbefreiung hielt, aber in der eigene Gesetze zur Unterdrückung der Schwarzen im Süden erlassen wurden und damit den Apartheidszustand quasi wiederhergestellt oder eben "rekonstruiert" wurde.
"That Da Da Strain"
Neben diesen Einblicken in die Entstehungsgeschichte des Jazz widmet sich die vorliegende Publikation aber auch der Entstehung des Impressionismus und bespricht etwa Werke von Eduard Manet, Georges Seurat oder Edgar Degas, die quasi die Pariser Jazzszene in Gemälden "ablichteten". Eine beschwingte Lektüre ermöglichen aber nicht nur die drei mitgelieferten CDs, sondern auch die Texte der einzelnen oben schon erwähnten Kapitel. Im zweiten Teil zum eigentlichen Jazz Age heißt es u. a., dass die amerikanische Sängerin Mamie Smith mit ihrem Song "That Da Da Strain", in dem es hieß "Have you heard it, have you heard it/That Da Da Strain/(...) It will shake you, it will make you/Really Go Insane" dem Zürcher Dadaismus von Hugo Ball & Co Tribut zollte. So vernetzt waren die Künstlerinnen und Künstler also schon damals, 1922. Auch von Erik Satie gab es einen "Rag-Time-Dada". Oder nehmen wir das Buch von dem ungarischen Fotografen "Paris bei Nacht" zur Hand: dort findet sich das Foto einer Tänzerin namens Giselle, die ausgelassen tanzt. Das Foto "reflektiert die freigesetzte Energie und die authentische instinktive Handlungsweise", nach der auch die Dadaisten und Surrealisten suchten. Es gab sie also schon damals, die Internationale der Künstlerinnen und Künstler. Schön, dass ein so umfassendes Buch auch heute, 100 Jahre später, wieder daran erinnert und dabei nicht die neuen Trends des Jazz vergisst. Ein tolles, gelungenes Gesamtkunstwerk!