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In einer «treulosen Treue» zu Sigmund Freud dachte der französische Psychoanalytiker Jean Laplanche die Psychoanalyse weiter. Seine allgemeine Verführungstheorie erlaubt ein neues Verständnis des Unbewussten. Ein Nachruf.
Man mag es als Ironie des Schicksals betrachten: Am 6. Mai, dem Geburtstag Sigmund Freuds, ist Jean Laplanche mit 87 Jahren in Beaune gestorben. Er selbst bezeichnete sein Verhältnis zu Sigmund Freud gerne als «infidèle fidélité» (treulose Treue), und in der Tat zeichnet sich sein Werk durch einen ständigen Bezug auf Freud aus, den er kritisch las und übersetzte, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Aus dieser Arbeit entstanden «Neue Grundlagen für die Psychoanalyse», so der Titel eines 2011 auf Deutsch erschienenen Buchs.
Analyse bei Lacan
Jean Laplanche, 1924 geboren und im Burgund aufgewachsen, stammte aus einer Familie, die dem Weinbau verpflichtet war. Mit 42 Jahren, schon längst Psychoanalytiker in Paris, übernahm er das elterliche Weingut Château de Pommard, eignete sich in kürzester Zeit die notwendigen Kenntnisse an und führte mit seiner Frau bis 2003 das Weingut neben seiner psychoanalytischen Praxis. Laplanche nahm während des Kriegs an der Résistance teil und engagierte sich später eine Zeit lang in der antistalinistischen Linken, die die Zeitschrift «Socialisme ou Barbarie» herausgab. Er besuchte die École normale supérieure und studierte Philosophie, vom Hegelianer Jean Hippolyte geprägt. 1947 begann er eine Analyse bei Jacques Lacan, der Vaterfigur der französischen Psychoanalyse. Auf dessen Rat studierte Laplanche zusätzlich Medizin. Von Lacan trennte er sich zu Beginn der sechziger Jahre und gründete mit anderen die Association psychanalytique de France. Der Name von Laplanche bleibt untrennbar mit dem Standardwerk verbunden, das er 1967 mit Jean-Bertrand Pontalis verfasste: «Das Vokabular der Psychoanalyse». Oft als Wörterbuch verkannt, stellt es den gelungenen Versuch dar, die expliziten, aber auch impliziten Konzepte der Psychoanalyse zu fassen und miteinander in Beziehung zu bringen.
Das Innovative der Theoriebildung von Laplanche wird in seinem Begriff der «allgemeinen Verführungstheorie» deutlich. Dazu muss man wissen, dass Freud zuerst dachte, die (hysterische) Neurose werde immer durch ein reales sexuelles Trauma verursacht. Diese (nach Laplanche eingeschränkte) Verführungstheorie verwarf Freud aber in der Folge. Laplanche zeigt, dass Freud hier das Kind mit dem Bad ausgeschüttet hat, und beschreibt das, was er Urverführung nennt: Zu Beginn des Lebens steht das Menschenkind den Erwachsenen gegenüber, von denen es in jeder Hinsicht abhängig ist. Die Erwachsenen kommunizieren verbal und ebenso nonverbal mit dem Kind.
Diese Situation ist asymmetrisch, sowohl durch die einseitige Abhängigkeit des Kindes als auch dadurch, dass das Kind die Botschaften der Erwachsenen nicht auf Anhieb versteht. Es versucht also, diese Botschaften zu übersetzen und zu deuten. Nun beinhaltet aber menschliche Kommunikation namhafte unbewusste Anteile. Diese Anteile der Botschaften – dem Sender selbst nicht zugänglich – kommen beim Empfänger Kind als rätselhafte Botschaften an. Es hat keine andere Wahl, als die Entzifferung dieser Rätsel zu versuchen, und dieses Unausweichliche stellt nach Laplanche die Urverführung dar. Die Übersetzung der rätselhaften Botschaften kann naturgemäss nur teilweise, meist gar nicht gelingen. Es bleiben unübersetzbare Reste zurück, die verdrängt werden, und auf diesem Weg bilden sich die Kerne des Unbewussten.
Freud mit Freud deuten
Das hat für die Theorie und Praxis der Psychoanalyse weitreichende Konsequenzen. Es bedeutet, dass das Unbewusste bei jedem Menschen neu entsteht. In dieser Theorie bleibt somit kein Raum für ein ererbtes Unbewusstes. Hingegen erklärt sie eine menschliche Grunderfahrung: Wenn der Kern unserer Person aus unübersetzbaren Elementen entsteht, welche von aussen, vom anderen stammen, verstehen wir, warum wir uns selbst im tieferen Sinn fremd sein können und fremd bleiben müssen. Für die psychotherapeutische Praxis bedeutet das, dass der Analytiker nicht aus der Position eines Wissenden Deutungen gibt, sondern in der gemeinsamen Arbeit auf etwas hindeutet, etwas zur Frage werden lässt, problematisiert.
Laplanche wollte Freud mit Freud deuten oder «Freud arbeiten lassen»: Er untersuchte Freuds Werk (nicht Freud als Person) psychoanalytisch und spürte darin Auffälligkeiten, Ungereimtheiten, Marotten auf, so wie es eine Analytikerin in der Therapie tut. Über Jahrzehnte hinweg trieb er seine theoretische Arbeit voran und setzte sich auch dafür ein, dass Psychoanalyse an der Universität gelehrt werden konnte.
Im direkten Kontakt war Jean Laplanche unkompliziert, ohne Allüren, aber auch frei von falscher Bescheidenheit. Mehr noch als Laplanches Wissen beeindruckte seine herausragende Denkfähigkeit, die sich in der Klarheit und Einfachheit seiner Stellungnahmen äusserte.
Jean Laplanche hat in Übereinstimmung mit seiner Theorie keine «Schule» begründet. Wer sich von seinem Werk inspirieren lässt, kann aber einen Leitsatz von Laplanche aufnehmen: sich vom Anspruch leiten zu lassen, der aus dem Objekt der Psychoanalyse selbst, dem Unbewussten, hervorgeht.
Jean-Daniel Sauvant ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Psychoanalytiker in Bern.
Weiterführende Literatur:
Jean Laplanche: «Neue Grundlagen für die Psychoanalyse». Psychosozial-Verlag. Giessen 2011. 190 Seiten. Fr. 36.90.