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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Viele Menschen verbinden den Gedanken an das Meer mit Sandstrand und bei sommerlichen Temperaturen mit Wassersportarten aller Art. In Deutschlands Norden ist das vor allem an der Ostsee (Baltic Sea) und auch bei den Nordseeinseln an der dem Meer zugewandten Seite der Fall. An den Rändern der Nordsee finden wir aber etwas anderes: das Wattenmeer.
Es erstreckt sich über eine Länge von ungefähr 450 Kilometern von der niederländischen Stadt Den Helder im Westen über das deutsche Küstengebiet bis zum nördlich gelegenen Esbjerg in Dänemark. Das Wattenmeer erreicht vom Festland aus eine Ausdehnung von bis zu 40 Kilometern in die offene See hinaus. Bei Niedrigwasser fällt im deutschen Einzugsgebiet an der Nordsee eine Fläche von etwa 3500 Quadratkilometern trocken.
Als Wattenmeer, das „watend begehbare Meer“, bezeichnet man einen weitläufigen Küstenstreifen, der unter starkem Einfluss der Gezeiten steht. Das Watt ist der Meeresboden des Küstenraums, der im Wandel von Ebbe und Flut täglich zweimal vom Meer überspült wird und wieder trocken fällt. Während der Deichgürtel die künstlich gezogene Grenze zwischen flutfreiem Festland und offener Nordsee bestimmt, beginnt hinter dem Deich der komplexe Küstensaum des Wattenmeeres. Es gibt 3 verschiedene Sedimentzonen: das Sandwatt, das Mischwatt und das Schlickwatt.
Für Touristen werden regelmässig Wattwanderungen angeboten. Sie finden zu Zeiten des Niedrigwassers statt. Unter Leitung einer fachkundigen Wattführerin, in diesem Fall eine promovierte Geologin, die es hierhin, also in den Mündungsbereich der Elbe nach Brunsbüttel verschlagen hat, läuft die Gruppe ein Stück über die Wiesen ins Watt hinein.
Hinter dem Deich sind Wiesen zu sehen, auf denen Schafe weiden. Sie bevorzugen die jungen Triebe auf der Salzwiese, denn diese sind noch nicht so salzig durch die Überflutungen durch Salzwasser und durch den ständigen Salzspray des Winds, den man auf den Lippen schmecken kann.
Auf einige Pflanzenarten werden wir besonders hingewiesen. Da gibt es das Englische Schlickgras, das noch bis 1 m unter der Hochwasserlinie gedeiht. Die Pflanze verfügt über Salzdrüsen, die das überflüssige Salz ausscheiden. Auf dem Vorland wächst es dicht, breit und trägt zum Einfangen der Schlickmassen bei. Pro Jahr steigt der Boden um 1‒2 mm an. Allerdings bildet das Gras im Watt selbst grosse runde Horste, um die das Wasser herumkreist und Auskolkungen verursacht.
Wir lernen den Gewöhnlichen Queller kennen, etwa 20 cm hoch. Er hat fleischige, grüne Stängel und Äste und erinnert an Kakteen. Auch diese Pflanze ist ein Pionier der Landgewinnung. Lichtgrüne, unregelmässig eingerissene Blätter fallen auf. Sie gehören zum Meersalat und sollen sogar als junge Triebe essbar sein. Meersalat wächst nicht auf dem Boden, sondern klammert sich an kleinen Steinen, Muschelschalen und Panzern von Strandkrabben, wird bei Strömung losgerissen und treibt umher. Zu den Grünalgen gehört der Blasentang, Muschelbänke bieten ihm Halt für die Haftscheiben. In den grünen, erbsenförmigen Blasen befindet sich Luft für den Auftrieb der Pflanzen und die männlichen und weiblichen Fortpflanzungszellen.
An einer Dusche machen wir Rast und ziehen uns unsere Schuhe und Strümpfe aus. Ich rolle mir noch die Hosenbeine bis zu den Knien hoch. Langsam sinken wir immer tiefer in den Schlick ein. Bei dem Versuch, die Füsse wieder aus dem Schlick zu ziehen, entsteht ein Geräusch, das einem Furz ähnelt. Der Wattfurz entsteht dadurch, dass sich der Schlick mit Wasser an die Fusssohlen klebt und beim Schreiten wieder abgerissen wird.
Es gibt aber noch andere Geräusche im Watt. Wenn man ganz still steht, hört man den Wind und das Rauschen des Meeres, aber auch den Schlickkrebs. Er hat eine Besiedlungsdichte von einigen Zehntausend Exemplaren pro Quadratmeter. Auf der Nahrungssuche gräbt er sich in den Boden und das Krabbeln und Grabbeln der ungezählten kleinen nur bis 15 mm langen Tierchen ist als Knistern gut hörbar.
Der Heimatdichter Theodor Storm erwähnte dieses Geräusch in seinem Gedicht Meeresstrand in den Versen:
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
Überhaupt ist das Watt die Kinderstube unzähliger Meeresbewohner, denn bis dorthin wagen sich nur wenige Fressfeinde vor. Winzige Krabbenbabys laufen über den Zeigefinger, Strandflöhe und Sandhüpfer sind zu finden, auch kleine Würmer. Wussten Sie, dass die Strandkrabbe nach der Verpaarung bis zu 200 Tausend und der Taschenkrebs sogar bis zu 30 Millionen Eier legen kann?
Natürlich sind auch Muschelschalen zu finden, manchmal auch noch geschlossene. Die daumennagelgrosse Plattmuschel ist davon eine der häufigsten.
Watttwürmer sind hier, im Mündungsbereich der Elbe, selten. Wir entdecken einen toten Heuler. Später wird unsere Wattführerin telefonisch Bescheid geben, damit der Kadaver entsorgt wird.
Wir schreiten über die kleinen Priele, Wasserläufe, die zur Entwässerung des eingedeichten Landes dienen. Im Schlick wandern sie. An einer Seite wird Schlick aufgeworfen, der nachrutscht und die schmale Rinne verschiebt. Ab hier sinken wir immer tiefer in den Schlick ein. In den Prielen findet man Nordseegarnelen und andere kleine Fischarten.
Das Watt ist auch ein wichtiges Vogelbrutgebiet. Ich entdecke eine kleine Feder, weiss mit einem braunen Rand von einer Brandgans. Sie hat ein buntes Gefieder und gehört zu den auffälligsten Vogelgestalten an der Küste. Hier, im Kreis Dithmarschen, halten sich in den Sommermonaten 75 % und mehr der gesamten europäischen und 50 % der Weltpopulation der Brandgänse zur Mauser an der Küste auf, das sind mehr als 160 000 Tiere. Die Fischer und Wassersportler haben sich hier freiwillig dazu bereit erklärt, während der Mauserzeit die entsprechenden Priele nicht zu befahren. Die Tiere werden nämlich durch das Abwerfen ihrer Federn über mehrere Wochen flugunfähig, verlieren bis zu einem Drittel ihres Gewichts und sind sehr scheu. Sie brauchen jetzt vor allem Ruhe.
Wir laufen langsam wieder zurück. Der Schlick klebt an den Füssen, Waden und Beinen und muss gut abgewaschen werden. Neben einem Wasserhahn gibt es auch eine Brause, die manchmal nicht nur die „befallenden“ Körperteile nass macht, sehr zur Freude der Kinder.
Quellen
Quedens, Georg: „Strand & Wattenmeer“, BLV München 2008.
Hinweis auf ein Blog mit Bezug zum Wattenmeer
22.11.2010: Wohlenschwil und Mägenwil: Bauernkrieg beim Muschelkalk