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Im Unterschied zu gängigen Theoriedarstellungen, die, wenn überhaupt, einige wenige Begriffe der Literatur entnehmen, sie in kritischer Auseinandersetzung mit vorgefundenen Sinngebungen definieren, um dann damit im Kontext der Begriffstraditionen zu arbeiten, soll im folgenden versucht werden, die Zahl der benutzten Begriffe zu erhöhen und sie mit Bezug aufeinander zu bestimmen. luhmann_sozsystem11
Das geschieht mit Begriffen wie: Sinn, Zeit, Ereignis, Element, Relation, Komplexität, Kontingenz, Handlung, Kommunikation, System, Umwelt, Welt, Erwartung, Struktur, Prozeß, Selbstreferenz, Geschlossenheit, Selbstorganisation, Autopoiesis, Individualität, Beobachtung, Selbstbeobachtung, Beschreibung, Selbstbeschreibung, Einheit, Reflexion, Differenz, Information, Interpenetration, Interaktion, Gesellschaft, Widerspruch, Konflikt.
Autopoiesis - Selbstorganisation:
Es handelt sich um zwei verschiedene Begriffe, die ich bewusst auseinander halte. Beide bauen auf dem Theorem operativer Geschlossenheit auf, das heißt, beide haben nicht nur einen differenzialistischen, sondern auch einen prinzipiell operativen Systembegriff als Grundlage. Das heißt immer wieder, dass dem System nur eigene Operationen zur Verfügung stehen. Es gibt im System nichts anderes als eigene Operationen, und zwar für zwei verschiedene Dinge, nämlich zum einen für die Bildung eigener Strukturen: Die Strukturen eines operational geschlossenen Systems müssen durch die eigenen Operationen aufgebaut werden. Anders ausgedrückt, es gibt keinen Strukturimport. Das heißt "Selbstorganisation". Und zum anderen: Das System hat nur eigene Operationen zur Verfügung, um den historischen Zustand zu determinieren, wenn man so will, die Gegenwart, von der alles Weitere ausgehen muss. Gegenwart ist, was das System betrifft, durch die eigenen Operationen bestimmt. Was ich jetzt gerade gesagt habe, ist der Punkt, von dem ich ausgehen muss, wenn ich mir überlege, was ich weiterhin sagen kann. Was ich jetzt gerade denke, was im Moment in meinem Bewusstsein passiert, was ich wahrnehme, ist das, was Ausgangspunkt für die Verständlichkeit weiterer Wahrnehmungen ist. Ich weiß, dass ich in diesem Raum hier an dieser Stelle bin, und wenn ich erratische Sprünge machen würde, müsste ich mir überlegen, ob ich irgendwelche Drogen genommen habe und deswegen die normale Kontinuität der Wahrnehmung zur Unterstützung der Interpretation überraschender Ereignissen nicht mehr realisieren kann. Wir haben es mit zwei Sachverhalten zu tun: erstens mit "Selbstorganisation" im Sinne einer Erzeugung einer Struktur durch eigenen Operationen und zweitens mit "Autopoiesis" im Sinne einer Determiniation des Zustandes, von dem aus weitere Operationen möglich sind, durch die Operationen desselben Systems. luhmann_system100
Beobachten:
Begriff des Beobachtens - Beobachten als Bezeichnen im Kontext einer Unterscheidung
Peter Fuchs Der Sinn der Beobachtung Velbrück Wissenschaft 2004 pg 11
Beobachter: luhmann_ges60
...jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art, wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss.Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt. Wenn man den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt", sagt Maturana.luhmann_system138
Beobachtung erster und zweiter Ordnung:
0.8.4. Auf der Beobachtungsebene erster Ordnung steht die Welt, die durch Beobachtungen inszeniert wird, außer Frage. Wie komplex Beobachtung auch immer werden mag, sie ist Beobachtung von Etwas, das im Moment der Bezeichnung als nicht fraglich behandelt wird. Wenn beobachtet wird, fällt unausweichlich diese Art von Realität an, der niemand entkommen kann, wie revidierbar sie schon im nächsten Moment erscheinen mag. In jeder Aktualität findet sich für die Operation der Beobachtung keine Revisionsmöglichkeit. Es geschieht, was geschieht. Und: Was geschieht, geschieht unaustauschbar.
0.8.5. Die Fraglichkeit der Welt wird instituiert auf der Beobachtungsebene der zweiten Ordnung. Sie ist ein Effekt des Umstandes, daß man Beobachtungen daraufhin beobachten kann, welchen Unterscheidungen sie sich verdanken.
0.8.6. In der Beobachtung zweiter Ordnung wird ein Beobachter konstruiert, der etwas auf Grund von Unterscheidungen sieht, und: Diese Unterscheidungen werden beobachtet. Peter Fuchs Der Sinn der Beobachtung Velbrück Wissenschaft 2004 pg 11
Bewußtsein: luhmann_sozsystem354
...das Bewußtsein ist auf Repression aller Informationen über Operationen im neurophysiologischen Bereich angewiesen, aber zugleich abhängig von strukturellen Kopplungen zu diesem Bereich, das heißt: abhängig davon, daß der Organismus lebt. Nur unter dieser Bedingung der Repression neurophysiologischer Information kann das Bewußtsein sich vorstellen, es könne etwas wahrnehmen, was außerhalb des Bewußtseins stattfindet, während faktisch alle Errechnung von Kognition im operativ geschlossenen System des Gehirns stattfindet. Die physischen, chemischen, biologischen und sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis lassen sich nicht durch eine Selbstanalyse des Bewußtseins aufklären, sondern im Gegenteil: das Bewußtsein darf von diesen Bedingungen der Möglichkeit von Kognition nichts erfahren, weil es anderenfalls mit Information überschwemmt und in seiner Operationsweise bis zum Stillstand gebremst werden würde. luhmann_wissen19
<ip-pii>. Das Bewußtsein (als System genommen, das uns so nahe liegt wie sonst nichts) ist nicht sichtbar, nicht greifbar, nicht lokalisierbar, es ist aber auch nicht unsichtbar. Es hat keine Eigenschaft oder Qualität, die wir mit Wahrnehmungsbegriffen fassen könnten. Wenn es System ist, ist es Differenz. Sobald wir ihm Eigenschaften zusprechen, beobachten wir forciert, also differenzvergessen und ontologisierend. Das verhält sich nicht anders mit Sozialsystemen.
Peter Fuchs Der Sinn der Beobachtung Velbrück Wissenschaft 2004 pg 17
Differenztheorie:
Auch die Informationstheorie wird heute oft als Differenztheorie angelegt. Das geht in der inzwischen klassischen Formulierung mit dem Satz, Information sei "a difference that makes a difference", auf Gregory Bateson zurück. Eine Information ist eine Information, wenn sie nicht nur ein vorhandener Unterschied ist, sondern wenn ein System darauflhin den eigenen Zustand ändert, wenn also die Wahrnehmung - oder wie immer man den Input denken will -eines Unterschieds einen Unterschied im System erzeugt. Man wusste etwas nicht; dann bekommt man die Information, die Mitteilung, etwas sei so und nicht anders; dann weiß man es; und dann kommt man nicht mehr umhin, seine eigenen nächsten Operationen an diesem Wissen zu orientieren. A difference that makes a difference! Auch dies ist ein Fall, in dem die Frage offen bleibt, wie die Theorie zu ihrer ersten Differenz kommt. Man geht von einer Differenz aus und landet interessanterweise bei einer Differenz. Das ganze Geschehen der Informationsverarbeitung ist zwischen eine Ausgangsdifferenz und eine Differenz, die dadurch entsteht, aufgehängt. Die entstandene Differenz kann wiederum eine Differenz sein, die weitere Informationen in Gang setzt. Der Prozess verläuft nicht von einer unbestimmten Einheit zu einer bestimmten Einheit, wenn man Hegel so paraphrasieren darf, sondern von einer Differenz zu einer Differenz.
Auf dieser Ebene ist der differenzialistische Ansatz bereits lehrbuchfähig. Es gibt Berichte über die Lage der Philosophie in Frankreich und Ahnliches, in denen dies als bekannt vorausgesetzt und nochmals dargestellt wird. Es ist kein Geheimwissen, und es wird auch unter der Marke „Differenztheorie" in der Literatur zu finden sein. Und es gibt viele andere Dinge, die ich nennen könnte. Aber ich möchte auf die nach meiner Einschätzung radikalste Form eines solchen differenzialistischen Denkens: George Spencer Brown Laws of Form. Der Text ist die Darstellung eines Kalküls. Spencer Brown sagt ausdrücklich, dass es sich nicht um eine Logik handelt, vermutlich weil er bei Logik an wahrheitsfähige Sätze denkt. Es ist ein operativer Kalkül, also ein Kalkül, der in der Transformation der Zeichen, die genutzt werden - oder des Zeichens - Zeit voraussetzt. luhmann_system58
Epistemologie:
...die Welt ist ein unermessliches Potenzial für Überraschungen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Informationen zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten Irritationen den Sinn von Information zu geben. Folglich muss jegliche Identität als Resultat von Informationsverarbeitung oder, wenn zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden. Identitäten " bestehen" nicht, sie haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, sodass man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgreifen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas, was im Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann. Dass sinnhafte Identitäten (empirische Objekte, Symbole, Zeichen, Zahlen, Sätze usw.) nur rekursiv erzeugt werden können, hat weitreichende epistemologische Konsequenzen. (Jean Clam: Was heisst sich an Differenz statt an Identität orientieren? UKV Konstanz 2002) Einerseits wird dadurch klar, dass der Sinn solcher Entitäten weit über das hinaus reicht was im Moment einer Beobachtungsoperation erfasst werden kann.Andererseits heißt dies gerade nicht, dass es solche Gegenstände immer schon und auch dann "gibt", wenn sie nicht beobachtet werden. Unterhalb der Prämissen der traditionellen logisch-ontologischen Realitätsauffassung (Ontologie) wird eine weitere Ebene, ein weiteres operatives Geschehen sichtbar, dass Gegenstände und Möglichkeiten, sie zu bezeichnen überhaupt erst konstituiert. Sinn ist demnach eine durch und durch historische Operationsform, und nur ihr Gebrauch bündelt kontingente Entstehung und Unbestimmtheit künftiger Verwendungen. Alle Festlegungen müssen dieses Medium benutzen, und alle Einschreibungen in dieses Medium haben keinen andern Grund als ihrer durch Rekursionen abgesicherte Faktizität. In der kommunikativen Erzeugung von Sinn wird diese Rekursivität vor allem durch die Worte der Sprache geleistet, die in einer Vielzahl von Situationen als dieselben verwendet werden können. (So versteht man auch den „linguisic turn“der Philosophie als Korrelat einer gesellschaftlichen Entwicklung, die der Substanzontologie und ihrem transzendentalen Refugium die Plausibilität entzieht. Das impliziert zugleich einen Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen, die Problematisierung der Übersetzung von Sprachen und allgemeinen die seit Saussure gesehene Notwendigkeit, Identitäten durch Differenzen zu ersetzen.) Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerlässlich, Operationen an Unterscheidungen zu orientieren. Nur so lässt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen. Sinn besagt, dass an allem was an Aktuellem bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfasst sind. Jeder bestimmter Sinn meint also sich selbst und anderes.
Sinn ist in allem, was aktualisiert wird, als Weltverweisungen co-präsent, und zwar aktuell apräsentiert. Das ist auch die Verweisung auf die Bedingungen eigenen Könnens, eigenen Erreichen-Könnens und deren Grenzen in der Welt ein. luhmann_ges45
Form:
luhmann_semantik159
luhmann_erziehung97
luhmann_system72
Gedächtnis:
Die Struktur ist jeweils nur aktuell wirksam; und was an vergangenen Daten im Moment benutzt wird, hängt damit zusammen, was an Zukunftsprojektionen aktualisiert wird. Es gibt in der Gegenwart und nur in der Gegenwart die Kopplung von etwas, was man üblicherweise Gedächtnis nennt, und etwas, was man normalerweise Erwartung oder Projektion nennt - oder auch Zwecke; wenn man an Handlungen denkt. Das Gedächtnis ist keine gespeicherte Vergangenheit. Das Vergangene ist vergangen und kann nie wieder aktuell werden. Das Gedächtnis ist eher eine Art von Konsistenzprüfung, wobei es typisch nicht notwendig ist, sich zu erinnern, wann man etwas Bestimmtes gelernt oder nicht gelernt hat. Wenn ich jetzt deutsch spreche, brauche ich nicht zu wissen, wann ich diese Sprache gelernt habe und wie es überhaupt dazu gekommen ist oder wann ich bestimmte Worte wie „Autopoiesis" zum ersten Mal benutzt habe oder zum ersten Mal gelesen habe. Entscheidend für das, was man in der Zukunft im Kontext von Erwartungen, von Antizipationen, von Zielsetzungen und dergleichen erreichen will, ist die aktuelle Abrufbarkeit, die aktuelle Prüfung der Verwendungsbreite.
luhmann_system100
Information:
Begriff der Information Dabei stoßen wir wieder auf Aspekte, die Maturana herausgearbeitet hat, um die übliche, auch biologische Informationstheorie, etwa wenn man von "genetischer Information" spricht, zu kritisieren. Information ist immer Moment einer Kommunikation, wenn wir sie in diesem Kontext behandeln. Sie ist nur etwas, was innerhalb des Systems als Information fungiert, auch innerhalb der Autopoiesis so funktioniert, dass die Information den Anlass bieten kann oder immer dazugehört; wenn es darum geht, eine nächste Operation ausfindig zu machen. Das kann man relativ gut einsehen, wenn man sich überlegt, was mit Informationen gemeint ist. Umgangssprachlich spricht man manchmal von "Daten", manchmal von "Informationen", so als ob das dasselbe sei, und denkt dabei automatisch an Zettel, an kleine Notizen, an Stückchen, kleine Einheiten, die hin und her geschoben werden. Man bekommt Informationen von irgendwoher und gibt sie weiter, nachdem man das Eigene hinzugetan hat, nachdem man deformiert, verfälscht oder was immer hat, aber es ist eine Art Handelsware, die von Hand zu Hand geht. Das passt natürlich zu einer Übertragungstheorie. Wenn man sich aber genauer ansieht, wie Information definiert ist, dann hat man es immer mit einer Uberraschung zu tun oder mit einer Auswahl aus mehreren Möglichkeiten. Wenn man einen bestimmten Satz spricht, ist dieser eine Auswahl aus der Menge der sprechbaren Sätze, die eingeschränkt ist durch das, was man vorher gesagt hat. Wenn man eine Nachricht bekommt, zum Beispiel in der Zeitung liest, etwa eine Sportnachricht, dass jemand gewonnen oder verloren hat oder so krank war, dass er gar nicht mitwirken konnte, hat man es von vornherein mit einem Kontext zu tun, in dem so etwas passieren kann. Man weiß im Voraus nicht, wann, man weiß nicht, wer gewinnt und wer verliert, aber ein Tennisspieler kann nicht beim Fußball gewinnen, sodass die Selektionshorizonte von Information immer irgendwie und normalerweise eng definiert sind und man nicht immer die gesamte Breite des Möglichen abtasten muss, bevor man die Nachricht verstanden hat. Es geht immer um eine zweiteilige Sache, um ein Woraus von Möglichkeiten und dann um die Selektion, der gemäß dies und nichts anderes der Fall ist. luhmann_system288
Kognition:
Begriff der Kognition. Hierfür gehen wir vom Begriff des Beobachtens aus, begreifen Beobachten als Bezeichnen im Kontext einer Unterscheidung und verlangen zusätzlich Gedächtnis als Fähigkeit, Vergessen und Erinnern zu diskriminieren. Sinnhafte Kognition ist dann nur noch ein Sonderfall, allerdings der Fall, der für die Gesellschaftstheorie allein in Betracht kommt. Kognition ist anders gesagt, die Fähigkeit, neue Operationen an erinnerte anzuschliessen. Sie setzt voraus, daß Kapazitäten des Systems durch Vergessen freigemacht werden; aber zugleich auch, daß neue Situationen zu hochselektiven Rückgriffen auf Kondensate vergangener Operationen führen können.luhmann_ges120
..Forschungen der Biologie der Kognition in Betracht zieht unter Einschluß der Neurophysiologie bis hin zur Erschließung der in lebenden Makromolekülen ablaufenden quantitativen Rechnungen, die aller Kognition zugrundeliegen und sie überhaupt erst ermöglichen. Die hier aufgedeckten Bedingungen der Kognition sind so komplex, daß sie keinen Eingang ins Bewußtsein finden können. Das System muß, um Kognition auf der Grundlage selbstorganisierter Komplexität zu erzeugen, operativ geschlossen sein. Es bleibt in den Umweltkontakten auf strukturelle Kopplungen (zum Beispiel photochemischer Art) angewiesen; aber es kann keine Information aus der Umwelt in das System übernehmen. Es muß vielmehr die wenigen, für Außenreizung zur Verfügung stehenden Zellen so rasch wieder freimachen, daß hier keine Formen festgelegt werden können. Kognition ist nur möglich, wenn und weil der operative Kontakt zur Umwelt unterbrochen ist. luhmann_semantik159
Kommunikation:
luhmann_system72
Medium und Form:
luhmann_erziehung82
Medium:
luhmann_system223
Ontologie:
Wenn man den Beobachter einführt, den Sprecher oder den, dem etwas zuzurechnen ist, relativiert man die Ontologie. Tatsächlich muss man den Gedanken an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht.
Im Vergleich zur Tradition, wenn ich mich für einen Moment auf das philosophische Terrain begeben darf, ist die Ontologie nicht mehr eine Realitätsannahme, die geteilt wird und von der man unterstellen darf, dass alle, wenn sie nur genügend nachdenken, dieselben Sachverhalte sehen, sondern die Ontologie wird selbst zu einem Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand der Differenz: Es ist oder es ist nicht der Fall, also anhand der Differenz von Sein und Nichtsein. luhmann_system138
Operation:
Während Organismen zunächst einmal metabolische Prozesse der Reproduktion des Lebens sicherstellen und auf dieser Ebene angepaßt sein müssen, bevor sie, daran anschließend und dadurch bedingt, spezifische kognitive Fähigkeiten entwickeln können, steht für die Bildung sozialer Systeme nur Kommunikation als basale Operation zur Verfügung. Und während Organismen nur auf Irritationen ihrer Außenflächen reagieren können, wie immer sie diese Irritationen dann intern interpretieren, steigern Kommunikationssysteme ihre Irritierbarkeit, indem sie räumliche Grenzen durch sinnhafte Unterscheidungen ersetzen. Kommunikation erfordert als Teil der operativen Notwendigkeiten immer auch Selbstbeobachtung der Operation, nämlich die Möglichkeit, zwischen Information und Mitteilung zu unterscheiden; und sie sondert mit genau dieser Unterscheidung einen Bereich, nämlich Information, ab, an den sie Kognition anschließen kann. luhmann_ges120
Ich denke, dass das möglich ist, wenn man einen prinzipiell operativen oder operationalistischen Ansatz verfolgt, das heißt sich die Vorstellung zurechtlegt, dass es eigentlich ein Typ von Operation ist, der das System unter der Voraussetzung erzeugt, dass man Zeit hat. Es bleibt nicht bei einem einmaligen Ereignis. Wenn eine Operation eines bestimmten Typus anläuft und, wie ich gerne sage, anschlussfähig ist, das heißt Nachfolge findet, mit derselben Typik von Operation Konsequenzen hat, entsteht ein System. Denn wenn man Operation an Operation anschließt, geschieht das selektiv. Etwas anderes als dies geschieht nicht; der unmarked space oder die Umwelt bleiben draußen vor; das System bildet sich als eine Verkettung von Operationen. Die Differenz von System und Umwelt entsteht allein aus der Tatsache, dass eine Operation eine weitere Operation gleichen Typs erzeugt. luhmann_system72
Operative Schließung:
ist gleichbedeutend mit autopoietischer Reproduktion. Systeme, die sich auf diesem Evolutionsniveau etablieren, können sich nur aus eigenen Produkten reproduzieren. Sie können keine Elemente, keine unverarbeiteten Partikel aus der Umwelt importieren. Alles, was für sie im rekursiven Prozeß ihrer eigenen Reproduktion die Funktion eines (nicht weiter auflösbaren) Elements erfüllt und rekursiv bezugsfähig ist, ist ein Produkt des Systems selbst. Das gilt für die biochemische Reproduktion von Zellen (und dies war der Ausgangspunkt für Maturanas Definition von Leben als Autopoiesis), aber auch für komplexere Systeme wie zentralgesteuerte Nervensysteme oder Immunsysteme. luhmann_erziehung22
Paradox: Barbier von Sevilla
Die moderne Gesellschaft ist ein polyzentrisches, polykontexturales System. Sie verwendet ganz verschiedene Codes, ganz verschiedene »frames«, ganz verschiedene Leitunterscheidungen je nach dem, ob sie die Welt und sich selbst vom Standpunkt einer Religion oder vom Standpunkt der Wissenschaft, vom Standpunkt des Rechts oder vom Standpunkt der Politik, vom Standpunkt der Erziehung oder vom Standpunkt der Wirtschaft aus beschreibt. Es muß also, mit Begriffen von Gotthard Günther formuliert, transjunktionale Operationen geben, die es ermöglichen, von einer Kontextur (einer positiv/negativ Unterscheidung) in eine andere überzuwechseln und jeweils zu markieren, welche Unterscheidung man für bestimmte Operationen akzeptiert bzw. rejiziert. Würde man dabei an einer zweiwertigen Logik und an einer Methodologie der Irrtumsprüfung festhalten, würde das die Unterscheidung einer kognitionsfesten Realität ruinieren. Man würde mit Heisenberg nur feststellen können, daß die Realität an sich als ein von Erkenntnis völlig isolierter Gegenstand keine beschreibbaren Eigenschaften hat. Man braucht Realitätsunterstellungen aber nur, um eine Mehrheit von inkommensurablen Konstruktionen akzeptieren und bei Bedarf von einer zu einer anderen übergehen zu können. Genau das kann der Radikale Konstruktivismus akzeptieren. Denn Realität ist dann nichts weiter als das Korrelat der Paradoxie der selbstreferentiellen Einheit von Selbstreferenz und Fremdreferenz (oder: von Subjekt und Objekt, oder: von Bewußtsein und Phänomen). Und damit ist zugleich gesagt, daß man bei Realität an sich nicht verweilen kann. Sie ist wie ein Paradox auf »Entfaltung« angewiesen. Sie ist nur ein Hilfsmittel, um von einer Konstruktion zu einer anderen zu kommen. Die als Paradox gegebene Realität ist demnach das einzige Wissen, das unbedingt gegeben ist, das im System nicht konditioniert werden kann - und deshalb unfruchtbar bleibt.
luhmann_phänomen40
Re-entry:
luhmann_system72
luhmann_ges45
Selbstreferenz:
Psychische und soziale Systeme bilden ihrer Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.
Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein "re-entry" einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachteter Unterschied. Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Ausseneinwirkungen zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine"memory function", die eben die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen. Es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiver negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. luhmann_ges45
Selbstbeobachtung:
Während Organismen zunächst einmal metabolische Prozesse der Reproduktion des Lebens sicherstellen und auf dieser Ebene angepaßt sein müssen, bevor sie, daran anschließend und dadurch bedingt, spezifische kognitive Fähigkeiten entwickeln können, steht für die Bildung sozialer Systeme nur Kommunikation als basale Operation zur Verfügung. Und während Organismen nur auf Irritationen ihrer Außenflächen reagieren können, wie immer sie diese Irritationen dann intern interpretieren, steigern Kommunikationssysteme ihre Irritierbarkeit, indem sie räumliche Grenzen durch sinnhafte Unterscheidungen ersetzen. Kommunikation erfordert als Teil der operativen Notwendigkeiten immer auch Selbstbeobachtung der Operation, nämlich die Möglichkeit, zwischen Information und Mitteilung zu unterscheiden; und sie sondert mit genau dieser Unterscheidung einen Bereich, nämlich Information, ab, an den sie Kognition anschließen kann. luhmann_ges120
selbsterzeugte strukturelle Unbestimmtheit.
»Selbsterzeugt« meint ein Doppeltes, nämlich (1) daß keine Operation des Systems etwas bestimmen kann, ohne im gleichen Zuge einen Horizont des Unbestimmten, vor allem: eine Zukunft, mitzuerzeugen; und (2) daß die Unbestimmtheit nicht darauf reduziert werden kann, daß das System selbst die Umwelt nicht ausreichend kennt und auf Überraschungen gefasst sein muß. (Technisch gesprochen: es geht nicht um die Abhängigkeit von unabhängigen Variablen.) Das System versetzt sich selbst in den Zustand der Intransparenz und der Unbestimmtheit, um sich selbst Entscheidungsmöglichkeiten zu schaffen und Vergangenheit und Zukunft unterscheiden zu können.luhmann_erziehung22
Selbstreferenz und Fremdreferenz:
Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beobachten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst unter anderem unterscheiden können... Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdereferenz unterscheiden; und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdereferenz und mit der Aktualisierung von Fremdereferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist. luhmann_ges45
Sinn:
luhmann_ges45
luhmann_sozsystem92
luhmann_system223
Sinnverarbeitende Systeme:
Systeme, die im Medium Sinn operieren. Diese Systeme sind überhaupt nicht im Raum begrenzt, sondern haben eine völlig andere, nämlich rein interne Form von Grenze. Das gilt schon für das Bewusstsein, dass sich eben dadurch vom Gehirn unterscheidet und nur so den neurophysiologische Selbstbeobachtung des Organismus "externalisiren" kann. Es gilt erst recht für das Kommunikationssystem Gesellschaft, wie seit der Erfindung der Schrift evident ist. Die Grenze dieses Systems wird in jeder einzelnen Kommunikation produziert und reproduziert, in dem die Kommunikation sich als Kommunikation im Netzwerk Systemen eigener Operationen bestimmt und dabei keinerlei physische, chemische, neurophysiologische Komponenten aufnimmt. Jede Operation trägt, anders gesagt, zur laufenden Ausdifferenzierung des Systems bei und kann anders die eigene Einheit nicht gewinnen. Die Grenze des Systems ist nichts anderes als die Art seiner Operationen, die das System individualisieren. Sie ist die Form des Systems, deren andere Seite damit zu Umwelt wird. luhmann_ges45
Sprache:
Versuche, mit Differenzbegriffen radikaler als zuvor zu arbeiten. Es gab auch schon immer die Vorstellung von Differenz, von Unterscheidungen, von diapherein etwa im Griechischen, aber das war eine begrenzte Sphäre, das war etwas, was es unter anderem auch gab. Sowohl die Theologie als auch die Ontologie hatte mit einem Seinsbegriff gearbeitet. Das beginnt um 1900 fragwürdig zu werden. Einer der Vorläufer ist Ferdinand de Saussure, ein Sprachwissenschaftler, der Vorlesungen gehalten hat, die erst später publiziert wurden, und dabei die These vertreten hat, dass die Sprache als Differenz zwischen verschiedenen Wörtern oder zwischen verschiedenen Aussagen, wenn man es unter Bezug auf Sätze formuliert, gegeben ist und nicht ohne weiteres auch als Differenz zwischen den Wörtern und den Dingen, wie es in der klassischen Semiologie oder Semiotik (je nachdem, ob man das französische oder englischamerikanische Wort nimmt) vorgestellt war. Die Sprache funktioniert, weil sie als Sprache zum Beispiel zwischen dem Wort „Professor" und dem Wort „Student" unterscheiden kann. Ob es zwischen diesen beiden Exemplaren, die so bezeichnet werden, wirklich Unterschiede gibt, spielt dabei keine Rolle. Wir müssen, wenn wir die Sprache verwenden, Professor und Student unterscheiden. Ob es noch Altersdifferenzen gibt, Differenzen in der Kleidung, Differenzen im Mut zu ungewöhnlichem Betragen und so weiter, ist eine andere Frage. Die Sprache kann zunächst einmal so unterscheiden, und die Differenz der Wörter ist das, was die Sprache in Betrieb hält und womit man steuert, was man als Nächstes sagen kann; ob in der Realität solche Differenzen vorhanden sind, kann offen bleiben. Natürlich würde man gar nicht anfangen zu sprechen, wenn man nicht annähme, es gäbe etwas, was man so bezeichnen könnte, aber für den Verlauf einer sprachlichen Aktion, eines Sprachprozesses oder, wie wir dann auch sagen können, einer Kommunikation ist die Differenz innerhalb der Sprache selbst entscheidend. Diese Differenz ist abgekoppelt von dem Problem der Referenz, das heißt von dem, worüber man sprechen will.
Dieses Referenzproblem wurde in einer längeren, speziell französischen Entwicklung immer deutlicher gesehen. Man hat immer deutlicher gesehen, dass man das Bezeichnete als das, was die Sprache meint, nicht kennen, ohne Sprache nicht verfügbar machen und in der Sprachtheorie nicht vernachlässigen kann. Das führte zu eher strukturalistischen Theorien über den Zeichengebrauch und über die Sprache.
luhmann_system58
So ist denn auch die psychische Funktion von Sprache, die bis in den Wahrnehmungsprozeß hineinreicht, etwas völlig anderes als ihre kommunikative Funktion. Auch wenn es dieselben Worte sind, lösen sie im psychischen System ganz andere Rekursionen aus als im sozialen System. Und dies gilt erst recht bei normativen Regeln, kausalen Schemata oder anderen »frames« oder »scripts«, die für die strukturelle Kopplung benutzt werden können. luhmann_erziehung52
Beispiel für den gesellschaftlichen Gebrauch der Unterscheidung von Medium und Form ist die Sprache. Sie besteht aus einer ziemlich großen Menge von Worten und einigen Kombinationsregeln, also einer Grammatik. Die Worte sind aber nicht die Formen des Mediums, sondern sind seine Elemente, die im Gebrauch des Mediums als nicht weiter auflöshare Komponenten vorausgesetzt werden. Zur Formbildung kommt es erst, wenn Sätze gebildet werden, denn nur Sätze artikulieren Kommunikation. Sprachlernen vollzieht sich daher nicht in der Weise, daß zuerst die Worte gelernt werden, dann die Kombinationsregeln und schließlich Sätze gebildet werden. Vielmehr wird Sprache unmittelbar als Einheit der Differenz von Medium und Form gelernt. Man versucht die Bildung von Formen (Sätzen, satzäquivalenten Ausrufen) und erweitert, wenn kommunikativ erfolgreich, allmählich das verfügbare Repertoire. Auf diese Weise entsteht Sprachkompetenz als Fähigkeit des selektiven, situationsangepassten Umgangs mit dem Medium. Das Beispiel Sprache zeigt auch, daß das Medium bei allem Sprechen vorausgesetzt und zugleich reproduziert wird. Das Medium wird also nicht »konsumiert«. Es wird durch Gebrauch nicht verbraucht, sondern im Gegenteil erneuert und wieder verfügbar gemacht. Auch ist die Sprache, begriffen als Medium, keine unabhängig vom Sprechen bestehende strukturelle Ebene, die ihre eigenen Bestandsgarantien in sich trägt, sondern sie existiert nur in der Produktion und Reproduktion ihrer Formen und entwickelt sich daher in einem Prozeß des Erinnerns und Vergessens, der darüber entscheidet, was für Wiederholung in Betracht gezogen wird und was nicht. Man kann die Unterscheidung Medium/ Form bzw. Sprache/Sätze daher nicht nach dem Muster von Struktur/Prozeß oder Struktur/Ereignis interpretieren. Die Unterscheidung Medium/Form gehört zu einer Theorie dynamischer Systeme, die von den Operationen ausgeht, die das System in seiner Operationsfähigkeit reproduzieren.
Bedeutende Differenzierungsschübe in der soziokulturellen Evolution scheinen mit der Einführung neuer Medien für neue Formbildungen zusammenzuhängen. Das gilt zu allererst für die evolutionäre Errungenschaft der Sprache als Bedingung für das Entstehen eines autopoietisch-rekursiven Gesellschaftssystems.
luhmann_erziehung82
Struktur:
..dass Strukturen bei einer operationalistischen, operativen Theorie nur in dem Moment wirksam sind, in dem das System operiert. Hier sehen Sie wieder eine Distanz zu klassischen Vorstellungen, denn dies widerspricht der Vorstellung, dass Strukturen das Beständige sind und Prozesse oder Operationen das Vergehende. Die Strukturen sind in dieser Theorie nur in der Gegenwart relevant. Sie können nur benutzt werden, wenn man so sagen darf, wenn das System operiert, und alles, was irgendwann einmal geschehen ist oder irgendwann einmal geschehen wird, ist entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber nicht aktuell. Alle zeitübergreifenden Strukturbeschreibungen, also alles, was man sieht, wenn man sieht, dass wir diese Vorlesung immer zur selben Stunde im selben Raum mit vielleicht nicht immer denselben Anwesenden, aber jedenfalls immer mit demselben Vortragenden durchführen, ist eine Struktur, die wiederum einen Beobachter erfordert, für den dasselbe gilt, der dies auch nur beobachtet, wenn er es beobachtet, das heißt, wenn er in Tätigkeit, in Operation ist. Gleichgültig, ob man das System in Operation bedenkt oder die Operation auf die Beobachtung anderer Operationen bezieht, alles ist relativiert auf ein Thema der Gleichzeitigkeit, der Gegenwart, der Aktualität. Das System muss in Operation sein, um Strukturen benutzen zu können.
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strukturellen Kopplung:
Auf dieses Problem der relativen Unbestimmtheit des Verhältnisses von Autopoiesis und Strukturbildung bezieht sich der Begriff der strukturellen Kopplung und, langfristig gesehen, die Vorstellung eines »structural drift«, die erklärt, weshalb autopoietische Systeme, gleichsam blind und ohne operativen Kontakt mit der Umwelt, Strukturen ausbilden, die zu bestimmten Umwelten passen und sich auf diese Weise spezialisieren, also die Freiheitsgrade, die ihre Autopoiesis an sich bereithielte, einschränken. luhmann_erziehung22
Der Begriff der strukturellen Kopplung besagt außerdem, daß das System nur in wenigen Beziehungen durch seine Umwelt so gereizt werden kann, daß Irritationen entstehen, die die internen Informationserzeugungs- und -verarbeitungsprozesse in Gang setzen und in Gang halten. Das Bewußtsein zum Beispiel kann nur durch seinen eigenen Organismus irritiert werden, also nur durch einen extrem schmalen Weltausschnitt. Eine so scharfe Reduktion von Komplexität ist unerläßlich, wenn das System eigene Komplexität aufbauen, wenn es befähigt sein soll zu lernen.An die Stelle der Selbstreflexion, die ja immer nur wenige Operationen des Systems beschäftigen kann, tritt in der Kognitionswissenschaft die Einsicht, daß zunächst einmal die Autopoiesis des Systems, der Fortgang von Operation zu Operation gesichert sein muß, bevor Resultate dieses Operierens als Wissen erfahren und gespeichert werden können. luhmann_semantik159
System: luhmann_ges60
... dass man das "System" als eine Form bezeichnen kann mit der Massgabe, mit dem Formbegriff immer die Differenz von System und Umwelt zu bezeichnen. Das System ist eine Form mit zwei Seiten. luhmann_system72
Systemtheorie:
Systemtheorie ist heute ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Bedeutungen und sehr verschiedene Analyseebenen. Das Wort referiert keinen eindeutigen Sinn. Übernimmt man den Systembegriff ohne weitere Klärung in soziologische Analysen, entsteht eine scheinbare Präzision, die der Grundlage entbehrt.luhmann_system
Wissen:
Wissen erneuert sich selbst, indem es sich ins Gedächtnis einkerbt und für Wiederverwendung verfügbar hält; und auch dadurch, daß es regelt, welche Situationsmerkmale vergessen werden können, weil sie sich anscheinend für Kondensation und Generalisierung nicht eignen. Wissen führt mithin zu riesigen Informationsverlusten und kann nur so Kapazitäten für neue Situationen freimachen. Der Rahmen, der diese kontinuierliche Interferenz von Erinnern und Vergessen zusammenhält, ist der jeweils individuell geformte Lebenslauf.luhmann_erziehung97
...Bedingungen für das Auftreten von Kognition und Wissen definiert werden, und davon wird abhängen, ob man auch schon Makromolekülen Kognition zusprechen kann oder nicht. Das hat sicher mit dem Begriff des Gedächtnisses zu tun und berührt damit die Frage, ob und wie ein System einen Widerstand eigener Operationen gegen eigene Operationen und damit Realitätsgewißheit konstruieren kann. Man wird sich fragen, was all dies mit Wissenssoziologie zu tun haben könnte. Der Punkt ist, daß diese Kognitionstheorie mit der Vorstellung von Wissen als Repräsentation der Umwelt im System inkompatibel ist. Oder scharf gesagt: Repräsentationstheorien können nur wider besseres Wissen vertreten werden. luhmann_semantik159
Zeichen:
...die beiden Aspekte des einen Zeichens zurückkommend, hält Spencer Brown fest, dass eine Unterscheidung immer nur gebraucht wird, um eine Seite und nicht die andere zu bezeichnen. Die Terminologie ist: "distinction" und "indication". Ich übersetze das mit Unterscheidung und Bezeichnung.Wozu sonst soll man unterscheiden, wenn man nicht das eine statt des anderen bezeichnen will? Die Unterscheidung ist eine Grenze, das Markieren einer Differenz. - Grenzlinie, wenn sie markiert wird, auch als "form" bezeichnet, deswegen spricht er von den "laws of form". Eine "form" hat zwei Seiten.
Man könnte auch die Semiologie oder Semiotik mit diesem Instrumentarium "nachzeichnen" - könnte ich vielleicht sagen -, indem man sagt, dass auf der einen Seite der "form" ein Zeichen ist, also das, was man braucht, um etwas zu bezeichnen, und auf der anderen Seite das Bezeichnete. So käme man auf die Dreierfigur, die bei Peirce und bei anderen eine große Rolle spielt. Das Zeichen ist, genauer formuliert, die Differenz zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, im Deutschen etwas schwerfällig zu formulieren. Signifiant und signifié wären die französischen Ausdrücke, die Saussure verwendet. Etwas bezeichnet etwas anderes. Im Deutschen tendieren wir dazu, das Bezeichnende, das als Zeichen verwendet wird, bereits als das Zeichen zu bezeichnen. Mittels einer Formanalyse kann man sehen, dass das Zeichen eine Form mit zwei Seiten ist und dass man, wenn man es als Zeichen gebraucht, immer auf die innere Seite der Form, also auf die Seite des Bezeichnenden, des signifiant, gehen muss und dort operiert. So benutzt man Sprache in der Annahme, dass die Wörter etwas, was wir nicht so genau wissen, bezeichnen. luhmann_system72