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Wissen
History Points auf dem Areal
Text: Michael van Orsouw, Bilder: Archiv für Zeitgeschichte ETHZ und weitere (s. Bildlegenden)
Die Landis & Gyr produzierte ihre Elektrizitätszähler für die ganze Welt. Dabei setzte sie zu Beginn auf eine Technologie, die sich noch nicht durchgesetzt hatte. Es ist die Geschichte einer risikoreichen Fokussierung, die letztlich sehr erfolgreich war – und was das Ganze mit Tesla zu tun hat.
Wenn wir heute vom LG-Areal in Zug sprechen, geht das auf die Landis & Gyr zurück. Und deren Geschichte hängt mit ihrem Paradeprodukt, dem Elektrizitätszähler, zusammen. Diese Zähler wiederum haben mit drei Männern zu tun, die später im Firmennamen nicht mehr auftauchen: mit Galileo Ferraris, Nikola Tesla und mit Richard Theiler. Blenden wir etwas zurück.
Galileo Ferraris (1847–1897) war ein italienischer Physiker und Ingenieur. Als Professor in Turin entdeckte er 1885 das elektrische Drehfeld, sein Hauptinteresse galt aber den Asynchronmotoren für Wechselstromnetze. Im gleichen Jahr reklamierte Nikola Tesla (1856–1943) die gleiche Erfindung für sich. Beim Ferraris-Prinzip rotiert aufgrund des Energieverbrauchs eine horizontale Aluminiumscheibe in entsprechender Geschwindigkeit, der sogenannte Ferrarisläufer. Die Umdrehungen werden in einem Zählwerk aufsummiert und sind ein Mass für die bezogene Energie. Auf diese Weise konnte der damals so wertvolle Strom genau gezählt und bedarfsgerecht abgerechnet werden. Doch weder Ferraris noch Tesla haben je Elektrizitätszähler hergestellt.
Damit kommen wir zum dritten Herrn, zu Richard Theiler (1841–1923). Dieser in England grossgewordene Auslandschweizer übernahm die Vertretung der amerikanischen Firma Westinghouse für den Shallenberger-Zähler, um in der Schweiz Elektrizitätszähler zu verkaufen. Die Qualität und Zuverlässigkeit überzeugte Theiler nicht. Er entwickelte einen eigenen Zähler mit wesentlichen Verbesserungen und setzte mit Aluminium auch neue Werkstoffe ein. Schliesslich kündigte Theiler seinen Vertreterjob, baute eigene Wechselstromzähler und liess diese am 13. Juni 1896 als «präzisen Wechselstromzähler» patentieren. In der Folge stellte er diese in seinem neu gegründeten «Electrotechnischen Institut Theiler» an der Zuger Hofstrasse her. Doch begnügte sich Theiler nicht mit der Produktion seiner Erfindung: Zur Abrundung seiner Produktepalette stellte Theiler weitere elektrotechnische Spezialartikel wie Telefoninduktoren und Grammophonwalzen her. Die meisten seiner Angestellten waren übrigens Lehrlinge; damit bekam er das Know-how der Jungen und konnte die Personalkosten tief halten.
Nur – wozu dienen überhaupt diese Elektrizitätszähler? Sie zählen die Elektrizität, würde man aufgrund ihres Namens vermuten. Das stimmt, ist aber etwas ungenau. Denn eigentlich zählen sie den Bezug der Energie. Wer sich mit der Geschichte der Elektrizitätszähler befasst, dem kann schnell schwindlig werden. In den Anfängen gab es über 80 verschiedene Erfinder und Prinzipien wie Zinksulfat-Elektrolytzähler, Induktions-
motorzähler, Quecksilber-Elektrolytzähler, dynamometrische Gleichstromzähler, Ein- und Zweipendelzähler, Magnetmotorzähler, oszillierende Gleichstromzähler und so weiter.
Den ersten brauchbaren Gleichstrom-Zähler skizzierte Thomas Edison 1881. Weil aufgrund der fulminanten Entwicklung der Industrie der Gleichstrom an physikalische Grenzen stiess, stellte man auf Wechselstrom um, was wiederum neue Anforderungen an die Elektrizitätszähler stellte.
Einer der Pioniere für Wechselstromzähler war der Schweizer François Borel (1842–1924), er entwickelte einen genial einfachen Wechselstrom-Zähler. Ab 1887 lieferte er über 500 Zähler für die erste elektrische Tramlinie der Schweiz von Vevey nach Montreux. Weltweit war dies eine der ersten praktischen Anwendungen von Wechselstromzählern.
Auch der Zuger Pionier Richard Theiler nahm ein paar Umwege, bis er seine Zähler optimiert hatte. Zunächst gab er die bezogene Energie in Ampere an. Als seine Kundschaft das nicht schätzte, schwenkte er auf die bezogenen Kilowattstunden um, die neue, noch heute gebräuchliche Einheit für die Energiemessung. Auch entwickelte Theiler, aber auch seine Konkurrenz die Geräte weiter: technisch, aber auch in der Erscheinung und der Materialisierung.
Aus dem «Electrotechnischen Institut Theiler» entwickelte sich die «Landis & Gyr» – weil Richard Theiler zuerst Kompagnon Adelrich Gyr beizog und dann die Firma an Heinrich Landis und Karl Heinz Gyr weitergab. Da die Elektrizität so kostbar war, musste der Verbrauch exakt gemessen werden. Der Absatzmarkt für die Elektrizitätszähler aus der Zuger Fabrik war damit auf Jahrzehnte hinaus gesichert. Der Betrieb expandierte rasch: 1901 beschäftigte die LG insgesamt 24 Mitarbeitende, 1908 waren es schon 100, 1910 200, 1912 400 und 1914 800. 1970 waren es weltweit 14’000 Beschäftigte, davon arbeiteten 4800 im Werk Zug und 400 im Werk Einsiedeln.
Diese gewaltige Entwicklung war auch deshalb möglich, weil die Landis & Gyr schon früh mit der geschickten Diversifikation anfing. Bereits in den 1930er-Jahren begann die LG, quasi als strategische Massnahme gegen die Wirtschaftskrise, in verwandte Geschäftsbereiche zu expandieren. Sie wirkte in den Bereichen Fernwirktechnik, Wärmetechnik und Rundsteuerung. Dabei ging es beispielsweise um die Ablösung der dezentralen Schaltuhren. Diese steuerten bei den Endverbrauchern das Umschalten auf die verschiedenen Tarifarten sowie das Ein- und Ausschalten von Stromfressern wie etwa Warmwasserboilern. Die neuen Rundsteuerungen sorgten für einen Belastungsausgleich. Die LG erweiterte diese Bereiche um intelligente Steuerungen der Klima- und Lüftungstechnik. Damals, in den 1930er-Jahren, begann, was heute unter Gebäudeautomation und «smart home» subsummiert werden kann. Aber allen Innovationen und Diversifikationen zum Trotz: Der Elektrizitätszähler blieb bis in die 1980er-Jahre das Kerngeschäft und auch die Cash Cow des Betriebs. Er machte die LG gross.
Der Autor dankt Daniel Weber und Jakob Widmer für die freundliche Nachhilfe in Sachen Elektrotechnik.