Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03501.jsonl.gz/2710

| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

1. Buch
6. und 7. Kapitel: Gott ist unaussprechlich; alle Religionen stellen sich Gott als das höchste und beste Wesen vor
6. Habe ich nun etwas gesagt oder verlauten lassen, was Gottes würdig wäre? Nein, im Gegenteil: ich fühle recht wohl, daß ich den guten Willen hatte, nur etwas solches zu sagen: habe ich aber einmal etwas gesagt, so ist es nicht das, was ich eigentlich hätte sagen wollen. Woher weiß ich das anders, als weil Gott unaussprechlich ist? Sollte aber nicht dadurch, daß ich sage, Gott sei unaussprechlich, das Unaussprechliche schon ausgesprochen sein? Und daher darf Gott nicht einmal der Unaussprechliche genannt werden, weil ja doch schon dadurch, daß er nur so genannt wird, etwas von ihm ausgesagt wird. Es entsteht dadurch wirklich ein gewisser Widerspruch der Worte, weil es, wenn das unaussprechlich ist, was nicht genannt werden kann, nichts Unaussprechliches geben kann, das auch nur unaussprechlich genannt werden könnte. Diesen Widerspruch soll man lieber gleich mit Stillschweigen verhüllen, als mit Worten auszugleichen suchen. Obgleich sich über Gott nichts in angemessener Weise aussagen läßt, so hat er dennoch den Dienst des menschlichen Wortes zugelassen und gewollt, daß wir uns an unsern Worten zu seiner Ehre erfreuen. Daher kommt es auch, daß man ihm überhaupt den Namen „Gott“ gab. Ganz gewiß wird beim Klang dieser Silbe nicht Gott selbst (in seinem wirklichen) Wesen erkannt; gleichwohl aber regt dieser Ton, sobald er nur die Ohren berührt, jeden, der das Wort sprachlich überhaupt versteht, dazu an, sich darunter eine vollkommenste und unsterbliche Natur zu denken. (7.) Denn sogar wenn jener eine höchste Gott von jenen Menschen gedacht wird, die noch andere Götter im Himmel oder auf Erden annehmen, nennen und verehren, so denken sie sich ihn in der Weise, daß sie sich das denkbar Beste und Erhabenste vorzustellen suchen.
Von verschiedenen Gütern fühlt sich der Mensch angezogen, teils von solchen, die sich auf das sinnliche Gefühl beziehen, teils von solchen, die mit dem Erkenntnisvermögen der Seele in Berührung stehen. Solche Menschen nun, die es mehr mit dem halten, was man mit den Sinnen sieht, neigen zu der Ansicht, der höchste Gott sei entweder die Sonne selbst oder sonst das glänzendste Gestirn am Himmel oder gleich gar die Welt selbst. Suchen diese Leute aber die irdischen Schranken zu durchbrechen, so stellen sie sich Gott als ein Lichtwesen vor, dem sie in ihrer nichtigen Voraussetzung entweder unendliche Ausdehnung und die scheinbar beste Gestalt zuschreiben oder sie denken sich Gott in menschlicher Gestalt, wenn sie diese für die vorzüglichste (unter allen Gestalten) halten. Wenn sie aber nicht an das Dasein eines höchsten Gottes glauben, sondern vielmehr viele oder gleich unzählige Götter von gleichem Rang annehmen, so stellen sie sich deren Bild im Geiste entsprechend ihrer jeweiligen Ansicht von körperlichen Vorzügen vor1. Wer aber das Wesen Gottes durch die Arbeit des Denkens zu erkennen trachtet, der zieht ihn sowohl allen sichtbaren und körperlichen Wesen, sowie auch allen veränderlichen Wesen mit Verstand und Geist vor. Wie im Wettstreit kämpfen aber alle für Gottes Erhabenheit, und keiner läßt sich finden, der Gott für ein Wesen hielte, mit dem verglichen irgendein anderes besser wäre. Alle also halten das einstimmig für Gott, was sie allen übrigen Dingen vorziehen.
1: Solche sinnliche Ansichten vom Wesen des höchsten Gottes bietet z. B. der so verschiedenartige Glaube der einzelnen Völker von den Bekennern der Astralreligion bis herab zu den Fettischdienern; auch die Epikureer stellten sich Gott in Menschengestalt vor, während die Stoiker Gott als Weltseele, Welt, Äther, Lichtwesen dachten.