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Schon zum zweiten Mal brilliert Regisseur Robert Eggers mit einem historischen Horrorfilm: Wie in «The Witch» gelingt es dem gelernten Set-Designer auch in «The Lighthouse», in einer authentischen Rekonstruktion einer Alltagsszene aus der amerikanischen Geschichte existenziellen Schrecken zu finden.
Es bedarf nicht mehr als eines kurzen Blickes ins studentische Frühwerk von Robert Eggers, um festzustellen, dass man es mit einem Freund klassischer Schauergeschichten zu tun hat. «Hansel and Gretel» (2007) heisst einer seiner frühen Gehversuche als Regisseur – eine expressionistische Adaption des berühmten Grimm-Märchens, das als Urtext der deutschen Horrorliteratur gilt. Ein Jahr später drehte er mit «The Tell-Tale Heart» (2008) einen Kurzfilm nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe, dem Grossmeister des amerikanischen Gothic-Horrors, aus dem Jahr 1843.
Und diese Faszination zog sich in Eggers’ Langspielfilmdebüt «The Witch» (2015) weiter. Obwohl der auf Frühneuenglisch gedrehte Sundance-Hit im Puritaner-Milieu von New England spielt – rund 200 Jahre vor Poe und der Blütezeit des «American Gothic»-Genres –, werden darin die zentralen Themen der US-Schauerliteratur verhandelt: von Aberglauben und religiösem Fanatismus über unterdrückte Sexualität bis hin zum quälenden Gedanken, eine «neue Welt» auf Rassismus und Genozid erbaut zu haben.
Im Vergleich dazu mag «The Lighthouse» weniger politisch daherkommen; dafür haben Eggers und sein Bruder und Co-Autor Max Eggers die Gothic-Elemente drastisch zugespitzt. Zwar beruft sich auch dieser Film auf Primärquellen; doch anders als bei «The Witch», dem vor allem zeitgenössische Tagebucheinträge von Puritanern Pate standen, bedienen sich Eggers und Eggers hier direkt bei ihren literarischen Bezügen. Denn neben den Logbüchern von sogenannten «Wickies» (Leuchtturmwärtern) aus dem späten 19. Jahrhundert und den Schriften des «Moby-Dick»-Autors Herman Melville, die in einer Abspannnotiz als Inspirationen genannt werden, spukt auch Poe höchstselbst durch dieses Projekt: Es war die Lektüre seines letzten Werks, der unvollendeten Kurzgeschichte «The Light-House» (1849), die Max Eggers dazu animierte, ein Drehbuch über die unheimliche Einsamkeit der Wickies zu schreiben.
Diese Erfahrung muss der einsilbige Ephraim Winslow (Robert Pattinson) machen, der um 1890 auf einer einsamen Insel vor der Küste New Englands als Assistent des erfahrenen Leuchtturmwärters Thomas Wake (Willem Dafoe) anheuert. Vier lange Wochen muss Ephraim den Wind, den Dauerregen, die aggressiven Möwen, das markerschütternde Nebelhorn und die langweilige Maloche ertragen – ganz zu schweigen vom Seemannsgarn und der Dauerfurzerei seines ungehobelten Vorgesetzten, dessen archaischen Seebären-Jargon Willem Dafoe mit Hochgenuss durch seinen Rauschebart brummt («Yer fond o’ me lobster!»).
«Anders als in ‹The Witch›, wo die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche auf einen schwarzen Ziegenbock und eine mysteriöse Hexe im finsteren Wald projiziert wurden, sind die paranormalen Ansätze von ‹The Lighthouse› weitaus weniger handfest.»
Anders als in «The Witch», wo die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche auf einen schwarzen Ziegenbock und eine mysteriöse Hexe im finsteren Wald projiziert wurden, sind die paranormalen Ansätze von «The Lighthouse» weitaus weniger handfest. Vielmehr sucht Eggers den Horror in der Unsicherheit, ob seine Protagonisten bereits den Verstand verloren haben: Je länger Ephraim und Thomas auf ihrer Leuchtturminsel festsitzen, desto mehr geht auch das Zeitgefühl des Publikums verloren. Nach und nach kommen Zweifel auf, ob man überhaupt darauf vertrauen kann, dass das Geschehen auf der Leinwand aus einem objektivem Blickwinkel erzählt wird. Gerade die grandiose Schlusssequenz schreit förmlich danach, unter diversen Gesichtspunkten betrachtet zu werden.
«Dieser Fokus auf den Tücken der Subjektivität verbindet den Film nicht nur mit Virginia Woolfs Roman ‹To the Lighthouse› – er macht ‹The Lighthouse› auch zu einer atemberaubenden, und überraschend witzigen, Grenzerfahrung.»
Dieser Fokus auf den Tücken der Subjektivität verbindet den Film nicht nur mit Virginia Woolfs Roman «To the Lighthouse» (1927) – er macht «The Lighthouse» auch zu einer atemberaubenden, und überraschend witzigen, Grenzerfahrung. Trotz aller (wunderschöner) Stilisierung – angefangen beim körnigen 35-Millimeter-Schwarzweissfilmmaterial im beinahe quadratischen Bildformat – gelingt es dem Film nämlich hervorragend, die prekäre physische und psychische Situation der beiden Wickies unmittelbar nachvollziehbar zu machen. Sei es das eindringliche Tondesign mit seinen repetitiven, unheilvollen Klängen, der geistreich-unflätige Dialog oder Jarin Blaschkes Kamera, die den Protagonisten richtiggehend zu Leibe rückt – man ist den durchnässten, erschöpften, spuckenden, furzenden, saufenden, masturbierenden Männern so unbehaglich nahe, dass man am Ende eine Vorstellung davon zu haben glaubt, wie sich Leuchtturmdienst damals angefühlt haben muss. So immersiv ist Kino selten.
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Kinostart Deutschschweiz: 28.11.2019
Filmfakten: «The Lighthouse» / Regie: Robert Eggers / Mit: Robert Pattinson, Willem Dafoe / USA / 110 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Universal Pictures International Switzerland
Mit tatkräftiger Unterstützung von Robert Pattinson und Willem Dafoe präsentiert Robert Eggers mit «The Lighthouse» grossartig realisiertes historisches Gruselkino, das unter die Haut geht.