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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Dreiundzwanzigste Homilie.
I.
Kap. XI.
1. Möchtet ihr mich doch ein wenig ertragen ob des Unverstandes! Ja gewiß, ihr ertraget mich.
Indem der Apostel jetzt daran geht, von seinen eigenen Auszeichnungen zu sprechen, so laßt er sich sehr angelegen sein, der Gefahr einer falschen Auffassung zu begegnen. Und er begnügt sich nicht mit der einen oder andern Entschuldigung, obschon die Nothwendigkeit des Gegenstandes und seine sonstigen mehrfachen Äusserungen über sich selbst laut genug zu seiner Rechtfertigung sprachen. Denn wer noch der Sünde eingedenk ist; deren Gott nicht mehr gedenkt, und darum sich sogar des Namens eines Apostels für unwürdig erklärt, bei dem ist es doch auch dem Gedankenlosesten klar, daß ihn nicht Ehrsucht dazu treibt, Das zu sagen, was er jetzt sagen will. Ja, darf ich etwas Seltsames aussprechen, so mußte gerade dieses eigene Rühmen seinem Rufe nachtheilig sein, weil es die Meisten ungerne hören. Aber trotzdem nimmt er nicht davon Abstand; denn er sieht nur auf Eines, das Heil der Seinigen. Damit [S. 361] jedoch seine hohe Sprache Niemandem, auch nicht den verständigen, zum Anstoße gereiche, so sucht er zu wiederholten Malen durch entschuldigende Bemerkungen dieser Gefahr vorzubeugen; so hier, wenn er sagt: „Möchtet ihr mich doch ertragen, wenn ich ein wenig unverständig bin! Ja gewiß, ihr ertraget mich.“ Siehst du, wie klug er vorangeht? Wenn er nämlich sagt: „Möchtet ihr!“ so überläßt er ihnen selbst die Entscheidung; wenn er aber daran noch die sichere Erwartung knüpft, so drückt er damit ein unbedingtes Vertrauen auf ihre Liebe aus und läßt deutlich erkennen, daß er sie sowohl liebe als auch von ihnen geliebt werde; ja er erklärt, daß er nicht auf Grund einer bloß einfachen Zuneigung, sondern einer wahrhaft feurigen und begeisterten Liebe von ihnen erwarten dürfe, daß sie auch seinen Unverstand ertragen. Darum fährt er auch fort:
2. Denn ich eifere für euch mit Gottes Eifer.
Er sagt nicht: Denn ich liebe euch, sondern er gebraucht vielmehr ein Wort, das noch stärkere Gefühle ausdrückt. Denn eifersüchtig sind jene Seelen, die heftig für den geliebten Gegenstand glühen, und aus nichts Anderem entspringt die Eifersucht als aus der Heftigkeit der Liebe. Damit sie sodann nicht meinen, als wäre es ihm um Herrschaft, um Ehre oder Gut oder um etwas ähnliches zu thun, wenn er nach ihrer Liebe verlange, so fügt er bei: „Mit Gottes Eifer.“ Denn auch von Gott wird gesagt, er sei ein eifernder Gott, freilich nicht in dem Sinne, daß man dabei an ein Leiden denke; denn in Gott ist kein Leiden; vielmehr damit Alle erkennen, daß Gott rein nur um Derer selbst willen Alles thut, die er eifersüchtig liebt; nicht damit er Etwas gewinne, sondern damit er sie selig mache. Anders ist es mit der Eifersucht bei den Menschen; hier handelt es sich um das eigene Glück; denn sie erwächst nicht aus der üblen Behandlung, die etwa den Gelieb- [S. 362] ten widerfährt, sondern aus der Furcht vor den Wunden, die es den Liebenden selbst schlagen würden wenn sie bei den Geliebten in Unehre kommen und weniger gelten würden. Hier aber nicht so. Denn nicht darauf kommt es mir an, versichert Paulus, ob ich mehr oder weniger bei euch gelte, sondern daß ich nicht euer eigenes Verderben schaue. Solcher Art ist Gottes Eifersucht, solcher Art auch die meinige, sie ist glühend und lauter zugleich. Dann führt er auch den nothwendigen Grund an: „Denn verlobt habe ich euch einem Manne als keusche Jungfrau.“ So eifere ich denn nicht für mich, sondern für Den, welchem ich euch verlobt habe. Denn eine Zeit der Verlobung ist die gegenwärtige Zeit; dann kommt die Zeit der Vermählung, wenn es heißt: Es erhob sich der Bräutigam! Seltsame Erscheinungen! In der Welt bleiben sie Jungfrauen vor der Vermählung, aber nach der Vermählung nicht mehr. Hier aber nicht so; sondern wenn sie vor der Vermählung nicht Jungfrauen sind, so werden sie Jungfrauen nach der Vermählung. So ist die gesammte Kirche Jungfrau. Denn Alle umfaßt Paulus mit diesem Worte, auch die Vermählten, Männer wie Frauen.
Doch sehen wir, welches die Gaben, welches die Brautgeschenke sind, die uns der Apostel zur Verlobung bringt. Nicht Gold und Silber, sondern das Himmelreich. Darum sagt er auch: „Für Christus sind wir Gesandte;“1 daher sein Bitten und Mahnen, als er die Braut in Empfang nehmen sollte. Ein Vorbild davon finden wir bei Abraham. Denn auch Dieser sandte seinen treuen Knecht, daß er um eine heidnische Jungfrau werbe; und hier sendet Gott seine Diener, um für seinen Sohn um die Kirche zu werben; er sandte euch die Propheten, die schon längst also mahnten: „Höre, Tochter, und schaue und vergiß deines Vaters Haus, dann wird der König sich nach deiner [S. 363] Schönheit sehnen!“2 Siehst du, wie der Prophet um die Braut wirbt? Siehst du auch, mit welch freudiger Zuversicht der Apostel dieses Wort spricht und sagt: „Ich habe euch verlobt einem Manne, als keusche Jungfrau euch Christo darzustellen“? Siehst du endlich seine Einsicht? Denn zuerst sagt er: „Möchtet ihr mich doch ertragen!“ dann fährt er nicht fort: Euer Lehrer bin ich; auch nicht: Für mich selbst rede ich; er hebt vielmehr Das hervor, was ihnen am meisten Auszeichnung brachte, indem er für sich die Werbung in Anspruch nimmt, sie selbst aber in den Rang der Braut stellt; und er fährt fort:
3. Ich fürchte aber, daß nicht etwa, wie die Schlange Eva berückt hat durch ihre Arglist, so auch eure Gedanken bethört werden aus Arglosigkeit in Bezug auf Christus.
Wenn das Verderben auch euch allein trifft, so ist doch die Betrübniß gemeinsam. Und beachte die Einsicht! Denn er spricht nicht mit Bestimmtheit, obschon das Verderben bereits eingerissen hatte; Das sehen wir ja aus den Worten: „Sobald euer Gehorsam vollständig geworden ist;“ und wiederum: „Daß ich nicht Viele betrauern müsse, die vorher gesündigt haben.“3 Doch soll ihnen auch nicht alle Beschämung erspart bleiben; darum sagt er: „Daß nicht etwa.“ Er verurtheilt sie nicht, und er schweigt auch nicht; denn Beides hatte seine Bedenken, sowohl das offene Aussprechen wie das völlige Verschweigen. Darum wählt er die Mitte und sagt: „Daß nicht etwa.“ Das ist weder eine entschiedene Verurteilung noch der Ausdruck des unbedingten Vertrauens, es hält vielmehr zwischen Beiden die Mitte. So verliert die Rede ihre Härte, und der Hinweis auf die Geschichte flößt ihnen doch wieder ungemeine [S. 364] Furcht ein und benimmt ihnen alle Hoffnung auf Nachsicht. Denn war auch die Schlange arglistig und Eva einfältig, so konnte doch keines von Beiden sie vor Strafe schützen.
1: II. Kor. 5, 20.
2: Ps. 44, 11. 12.
3: II. Kor. 10, 6; 12, 21.