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In diesen Tagen vor 30 Jahren waren einige Schülerinnen und Schüler aus Itingen (BL) ziemlich nervös – wir kamen zum ersten Mal am Fernsehen!
Das mag heute, in einer Zeit der Tausenden Kanäle, etwas nicht sehr Aussergewöhnliches sein. 1985 hingegen gab es erst eine handvoll Sender, und TV DRS hatte eben erst das Wolken-Signet eingeführt (man sieht es im Video weiter unten).
In den frühen 1980ern entwickelte das Schweizer Fernsehen ein Format, das es Kindern und Jugendlichen ermöglichte, eigene Super-8-Filme zu zeigen (und später dann, als entsprechende Kameras auf dem Markt kamen, Videos). Das konnten Dokus, aber auch Spielfilme sein. Mein alter Kumpel Patrick (aka „Tanner“) und ich wollten da natürlich unbedingt hin. Wir gaben ja schliesslich schon eine Zeitung heraus, mit der sagenhaften Auflage von etwa 40 Stück – der Schritt ins nationale TV schien da nicht mehr weit. (Bescheidenheit war schon immer unsere Stärke.)
Es muss Anfang 1984 gewesen sein, als in der Zeitschrift „TR7“ dieser Artikel zur Sendung erschien (klicken für grosse Fassung):
Das Fieber hatte uns gepackt – wir setzten uns an die Schreibmaschine und schrieben eine Geschichte auf, die wir sogleich an die Redaktion sandten. (Links im oberen Bild ist die Antwort sichtbar. Das Fernsehen hatte angebissen!)
Natürlich war „Der Ausgeschlossene“ (später umbenannt zu „Der Ausgestossene“ und in der Handlung leicht modifiziert) ein wilder Mix aus Trick- und Spielfilmen, die wir als Kids toll fanden: Captain Future, Die Zeitmaschine (in der Verfilmung von 1960), Buck Rogers in the 25th Century, Raumpatrouille, Star Trek.
So kam beispielsweise das „Beamen“ vor, und Tanner und ich reisten versehentlich ins Jahr 3458, wo die Leute nach einem Atomkrieg relativ seltsam aussahen (und sich auch so benahmen). Zudem benannten wir zwei Figuren (recht phantasielos!) nach dem Roboter und dem Androiden in „Captain Future“, die Morloks hiessen gleich wie bei H.G. Wells und die Bügeleisen und Badezimmer-Armaturen des Raumschiffs Orion inspirierten uns bei der Einrichtung unseres Raumschiffs.
Am Ende hatten wir ein ganzes Heft voller Unterlagen, Storyboards, Drehbücher, Finanzlisten, Verträge usw. zusammen:
Am Anfang Stand eine Überischt, dann kam das Drehbuch (klicken für grosse Fassung):
Kurz nach unserem 12. Geburtstag war dann klar: Es klappte! Sendungsleiter Dani Bodmer fand unsere Idee gut, mein Onkel lieh uns seine brandneue Panasonic-A1-Videokamera mit tragbarem VHS-Recorder aus, und wir machten uns auf die Suche nach Schauspielerinnen und Schauspielern. Es war die Zeit des Schulwechsels von der Primar Itingen an die Sek Sissach – bei uns spielte noch voll der alte Dörfligeist: Fast unsere gesamte frühere Primarschulklasse war dabei. (Interessanterweise treffe ich viele dieser Leute heute noch – schön!)
Alle bekamen einen Plan, auf dem sie ihre Verfügbarkeiten nach den Sommerferien 1984 eintragen sollten (klicken für grosse Fassung – meine Anleitungen waren schon damals absolut legendär):
Erstaunlicherweise bekamen wir in einer komplett smartphonefreien Zeit immer alle probelmlos an den richtigen Ort – die Dreharbeiten fanden zwischen August und Oktober 1984 in und um Itingen statt.
Als „Zukunft nach dem Atomkrieg“ (sowas von 80er!) musste eine Lehmgrube hinten im Tal her halten (heute mit Biotop), für die Raumschiff-Kommandokapsel räumten wir das Schlafzimmer von Tanners Schwester kurzerhand aus, und besonders stolz waren wir auf den „Verschwindibus-Trick“ (zwei Leute stehen da und verschwinden plötzlich: Kamera stoppen, Leute rennen weg, leeren Raum weiterfilmen).
Einige Impressionen aus dem Spätsommer 1984:
Ich erkläre Kamermann Hanspeter die Panasonic-Videokamera
Co-Autor Tanner guckt sich die aktuelle Szene durch den Sucher an
Keinen Aufwand gescheut: Hanspi hat auch seinen Papagei „Agro“ als lebendige Requisite mit in die Lehmgrube gebracht
Schminke, Perücken, Papagei – und schon ist die Herrscherin des Jahres 3458 (aka Lisi) bereit zum Regieren!
So sehen Verstrahlte Kriegsopfer aus, im Fall: Wundi und Fränzi erklimmen den Drehort
Genau so muss die Szene sein. ACTION!
Wie war denn Filmen anno 1984? Gute Videocassetten (SHG!) waren schon einmal sackteuer. Besonders schwierig war der Ton – das eingebaute Mikrofon der A1 war lausig: Damit man überhaupt etwas hörte, mussten wir richtiggehend schreien. Und die Bildqualität…? Na ja.
Heute kann man Filme auf dem Smartphone erstellen, schneiden, vertonen und auch gleich veröffentlichen. Damals mussten wir durch die halbe Schweiz reisen, um bei der Verwandtschaft für den Schnitt (ein VHS-Gerät spielt ab, das andere nimmt das auf, was man übernehmen will – eine nicht ganz präzise Plackerei) ein zweites Videogerät zu finden.
Inzwischen hatten wir auch unser eigenes Label erfunden „Metro Goldwyn Hansi“ (Wellensittich statt Löwe ganz am Anfang), mit einer selbst gepfiffenen Fanfare.
Anfang Dezember 1984 fand auf der Rega-Basis Untervaz (sichtbar im Hintergrund) die Postproduction statt – die Executive Producers waren mit der Arbeit zufrieden:
(Heute würden Eltern wohl in Ohnmacht fallen, wenn ihre Kids ohne Geländer auf der Zinne einer Burgruine posieren. Ohne Helm, boah!)
Das Fernsehen DRS hat uns sodann für die Sendung vom Juni 1985 eingeplant. Da waren aber noch Formalitäten zu regeln – wir waren angenehm überrascht, als wir 450 Franken (für uns Knapp-Teenies natürlich ein Vermögen) für den Streifen bekamen und sogar noch Verträge unterschreiben mussten… bzw. unsere Eltern (klicken für grosse Fassung):
Die 450 Franken verteilten wir möglichst gerecht – nach Anzahl Sekunden im Film oder „Mithilfegrad“ – an alle. Auch die Grossmutter erhielt 10 Franken für die Verpflegung der Filmcrew. Natürlich musste jede und jeder den Empfang quittieren (klicken für grosse Fassung):
Dank des Fernsehens kamen wir auch zu einem der beliebten offiziellen Schuldispense…
… und am 15. Mai 1985 fuhren wir – damals eine halbe Weltreise – ins Leutschenbach zur Aufzeichnung der Sendung:
Tanner und ich waren natürlich die Landeier vom Dienst und sowas von scheu: Schliesslich waren wir hier plötzlich ausserhalb des geschützten Oberbaselbiets! Auch noch in der Sendung waren einerseits das fesche junge Mädel aus Zürich (heute Gemeindepräsidentin von Brunegg) und andererseits drei peppige Radiomacher aus Biel, die ihre Jugendsendung auf „Canal 3“ vorstellten.
Mediengewandten sagen die Namen Jan Brönnimann und Claude Jaggi natürlich etwas – die beiden sind auf diesen Bildern von der Sendungsvisionierung zu sehen:
Dass Claude dereinst Sportkommentator in diesen Räumlichkeiten würde, dachte er sich damals vermutlich nicht – aber vielleicht hoffte er es insgeheim. Tanner und ich fanden jedenfalls nach diesem Tag, dass wir auch mal Radiomachen müssen – zwei Jahre später war’s dann soweit.
Und wie sah die fertige Sendung aus, die im Juni 1985 ausgestrahlt wurde?
Etwas ernüchternd für uns war: TV DRS hatte keine Freude an der Qualität unseres Videobandes (jeder Schnitt- und somit Kopiervorgang verschlechterte die Qualität, werte verwöhnte Digitalkids von heute!). Die Fernsehleute verlangten also die Originalaufnahmen und versprachen, sie gemäss unseres Schnittes aneinander zu reihen. Leider missriet da einiges – und die Story wurde noch unverständlicher als sie eh schon war.
Das war für mich die erste Lebenserfahrung des Typs „gib nie ein Projekt aus der Hand, das dir extrem wichtig ist“. Der Film, wie wir ihn eigentlich wollten, ist hier zu sehen (YouTube erlaubte zum Zeitpunkt des Uploads keine langen Videos, daher zwei Teile:
Auch wenn diese kleine Schnitt-Episode enttäuschend war: Wir waren natürlich mächtig stolz. Und arbeiteten hart an unserem Auftreten. Und am nächsten Projekt: Ein Jahr später sassen wir wieder im „Sälber gmacht“, mit dem ungemein spannenden und actiongeladenen Western „Die Schatzsuche“.
Doch mehr dazu anno 2016 zum 30-jährigen Jubiläum.