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Sócrates: Kämpfer, nicht Fussballer
Das ganze Spektakel um die Fussball-WM in Brasilien hat gezeigt, dass der moderne Fussball zu einer Ware mutiert ist, bei der es in erster Linie um Geld und Profit geht. Ein Blick in die Geschichte des brasilianischen Fussballs zeigt aber, dass gerade in diesem populären Sport ein revolutionäres Potential liegt. Das Beispiel von Sócrates und der «corinthianischen Demokratie».
Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira (1954 – 2011) – kurz Sócrates – sah sich nicht als Fussballer. Zu seiner Karriere sagte er einmal: «Ich wurde Profi, um mir das Benzin, das Bier, die Uni zu bezahlen. Ich wollte nicht Fussballer, sondern Arzt werden.» Als er seinen ersten Profivertrag für Botafogo aus Rio de Janeiro unterzeichnete, schloss er eine Abmachungen mit den Managern: Keine Trainings, nur Spiele. Denn die Zeit benötigte er, um Medizin zu studieren. Tatsächlich schloss er sein Studium ab und wurde nach Karriereende in São Paulo Kinderarzt. «O Doutor» (der Arzt), wie er genannt wurde, hatte Prinzipien. Er verstand sich nur insofern als Fussballer, als dass er in dieser Position den einfachen Leuten eine Stimme geben konnte. Und so kämpfe er – als Fussballer – gegen das 1964 durch einen Staatsstreich eingeführte Militärregime.
Widerstand im Militärstaat
Die blutigsten Jahre des Militärstaates waren von 1968 bis 1970, denjenigen Jahre, während denen der Staat die repressivsten Instrumente anwandte (Folter, Entführungen, Infiltrationen). All dies wurde aber demagogisch vom Erfolg des brasilianischen Teams an der WM in Mexiko 1970 verschleiert. Das Fussball-Team bildete eine soziale Institution mit grossem Einfluss bei der Bevölkerung. Sócrates sagte Jahre später: «Wenn das Nationalteam von Pelé damals etwas gesagt hätte, sich positioniert hätte, wäre die Geschichte wohl anders ausgegangen.»
Während den 70er Jahren erlebte die brasilianische Wirtschaft einen massiven Rückgang. Der gesellschaftliche Druck stieg, das Militärregime war gezwungen, mit der Repression und der Zensur zurückzufahren. Und so verwandelten sich die Fussballplätze und die Stadien zu einem politischen Laboratorium. Der Fussball wurde einer der wenigen Bereiche des Landes, in dem gewählt wurde, in dem Opposition entstand, in dem ganze Tage damit verbracht wurden, demokratisch über das Schicksal einer beschränkten Anzahl von brasilianischen Menschen zu entscheiden: Die Spieler und die ArbeiterInnen des Sport Club Corinthians Paulista bauten die «corinthianische Demokratie» auf – eine Entwicklung, die aus der heutigen Sicht des modernen Fussballs kaum denkbar ist.
Selbstverwaltung als Kampfinstrument
«Alles, was das Team angeht, wird von heute an gemeinsam und demokratisch entschieden» schlug die Nummer 8 von Corinthians vor: «Ein Mitglied, eine Stimme». Alle entschieden mit, von den wichtigsten Spielern bis zum Lagerist oder dem Masseur des Clubs, und alle hatten die Möglichkeit, sich auszusprechen. Auch der Clubleiter hatte nur eine Stimme. Ihm kam sogar die Aufgabe zu, die getroffenen Entscheidungen dem Präsidenten und dem Verwaltungsrat mitzuteilen. Dieser Mechanismus begann langsam aber sicher alle Bereiche des Clublebens zu bestimmen: Die Spielertransfers, die Clubinvestitionen, die Verteilung der Clubeinnahmen, das Sponsoring, die Löhne, die Siegprämien bis hin zur Abschaffung der Team-Besammlungen am Vortag des Spieles. Dadurch wurde die Verantwortung für das Funktionieren des Clubs und des Fussballteams gleichwertig verteilt. Der von Corinthians eingeschlagene Weg der Selbstverwaltung wurde ein Laboratorium der wiederzuerlangenden Demokratie, ein kollektives Partizipationsmodell und ein politischer Prozess, der zum Vorbild für alle Unterdrückten des brasilianischen Militärregimes wurde – also ein Kampfinstrument, das weit über den Fussballclub hinaus reichte.
Durch den gesellschaftlichen und medialen Impact gelang es der «corinthianischen Demokratie», die Leidenschaft für einen populären Sport und die Notwendigkeit des Kampfes für ein anderes Brasilien zusammenzubringen. Sie wurde gleichzeitig Orientierungspunkt der Protestbewegungen, der gewerkschaftlichen Kämpfe und der Streiks auf den öffentlichen Plätzen sowie der progressiven Kultur des Landes.
Die Flucht
Das Datum des 31. März 1983 steht für die Tatsache, wie sich der Fussball und das Politische bei Sócrates durchkreuzten. Nach dem Staatsstreich von 1964 wurde die direkte Wahl des Präsidenten abgeschafft. Nun sollte ein landesweites Referendum die Wahl des Präsidenten durch die Bevölkerung wieder einführen – also faktisch ein Referendum gegen die Diktatur. Die «corinthianische Demokratie» und Sócrates stellen sich auf den öffentlichen Plätzen auf die Seite der Protestierenden und prägten die Bewegung «Diretas Jà» (direkte Wahlen – sofort). Die politische Unterstützung symbolisierte Sócrates auf dem Feld mit kurzen, gelben Socken – der Farbe der Protestbewegung – über den weissen, langen Stulpen, die vom Reglement vorgesehen sind. Als ihn die Journalisten fragten «organisiert ihr gerade die Revolution?» antwortet er: «Nein, wir stellen nur die Dinge wieder richtig.»
Am 25. April 1984 lehnte es das Parlament ab, die direkte Präsidentenwahl wiederherzustellen. Sócrates hatte angekündigt, das Land zu verlassen, falls die Motion für das Referendum im Parlament nicht durchkomme. Die Worte des Teamführers der brasilianischen Nationalmannschaft reichten aber nicht, um die ParlamentarierInnen zu überzeugen. Und so verliess Sócrates Brasilien in Richtung Italien.
Eine WM für wen?
Sócrates bezeichnete sich weder als Krieger noch als Botschafter des Kampfes, sondern als Brasilianer, der an der Seite anderer Leute kämpfte. Er sprach kaum über Fussball, liebte es aber, sich kollektiv über Politik auseinanderzusetzen. Wenn er dann mal über Fussball redete, implizierten seine Worte auch immer politische Werte: «Der Fussball ist ein kollektiver Sport. Je grösser die kollektive Kraft, die Freundschaft, die gegenseitige Hilfe und die kollektive Verbundenheit, desto grösser sind die Chancen zu gewinnen.»
2007, als Brasilien die Fussball WM 2014 zugewiesen wurde, schrieb «O Doutor» in der brasilianischen Tageszeitung «Folha de S. Paulo»: «Was sie absichtlich ignorieren – und sie wollen, dass wir es auch ignorieren – ist das Potential dieses mit den Füssen gespielten Phänomens: Ein Potential der gesellschaftlichen Transformation. Wenn dieser Aspekt des Fussballs in seiner Deutlichkeit aufblühen würde, würde er problemlos die aktuelle Realität verändern können: Kulturen und Menschen zusammenbringen, ein Bewusstsein bilden, und sogar als Mittel für die Entwicklung und die Gleichheit aller dienen. Die WM für wen? Für diejenigen, die ihre Stimmen erheben werden, für diejenigen, die die Strassen besetzen werden und anstelle des Opiums eines Balles Gesundheit, Bildung und Transport für alle fordern werden. Das, was ich hier schreibe, habe ich schon immer gesagt, mit der geballten Faust, mit dem Lächeln, ohne je einen Schritt rückwärts getan zu haben.»