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Das rotgrüne Zürich wird zu einer Stadt für die Besserverdienenden. Die mittleren und unteren Bevölkerungsschichten werden verdrängt. Eine wesentliche Rolle spielen die hohen Mieten.
Wer in den frühen 1990er Jahren mit dem Zug in den Hauptbahnhof Zürich einfuhr, konnte die Aufschrift auf der linken Seite nicht übersehen. ZUREICH stand im Stile eines SBB-Stationsschilds auf einer Mauer. Die Besetzer des Wohlgroth-Areals protestierten mit dieser Verballhornung des Stadtnamens gegen die Spekulation und den Mangel an Freiräumen.
«Alles wird gut», lautet eine weitere auf die Hauswand gemalte Parole. Wurde es aber nicht. Die Wohlgroth-Besetzung endete im November 1993 mit der gewaltsamen Räumung. Das Areal in Bahnhofsnähe wurde abgerissen und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt. «Zureich» aber blieb unvergessen, auch wenn man damals über diesen Begriff schmunzeln musste.
Die 90er Jahre waren eine Zeit, in der Zürich der Abstieg zur so genannten A-Stadt drohte, in der sich «Problemfälle» konzentrieren: Arme, Alte, Arbeitslose, Ausländer, Ausgegrenzte. Die Stadt kämpfte mit hohen Defiziten aufgrund der hartnäckigen Wirtschaftsflaute. Wer gut verdiente, «flüchtete» aufs Land. Die Bevölkerung erreichte mit rund 350'000 Einwohnern einen Tiefpunkt.
25 Jahre danach sind das nur noch böse Erinnerungen. Um das Jahr 2000 hat eine radikale Trendwende eingesetzt. Das Wohnen in der Stadt wurde wieder hip. Immer mehr vorab jüngere, gut ausgebildete und progressive Menschen zogen und ziehen nach Zürich. Das hat deutliche Auswirkungen auf das Bevölkerungsgefüge: Aus der A- wurde eine Z-Stadt. Wie Zureich.
Diese Entwicklung lässt sich belegen anhand der Bevölkerungsbefragung, die die Stadt alle zwei Jahre durchführt. Der «Tages-Anzeiger» hat sie in einer Grafik dargestellt. Vor 15 Jahren machten der Menschen mit hohem, mittlerem und tiefem Status je rund ein Drittel aus. Heute bilden die gut ausgebildeten und gut-situierten Einwohner mit knapp 50 Prozent die grösste Gruppe.
Unter den Augen eines seit 28 Jahren mehrheitlich rotgrünen Stadtrats findet in Zürich eine Umschichtung der Bevölkerung statt. Und ein Ende ist nicht in Sicht, denn Zürich ist eine attraktive Stadt mit einer anerkannt hohen Lebensqualität. Die «kleinen Leute», für die sich die Linke eigentlich einsetzt, können sich das Leben in der teuren «Little Big City» immer weniger leisten.
Ein Haupttreiber dieser Entwicklung sind die hohen Mieten. Obwohl laufend neue Wohnungen gebaut werden, kann das Angebot mit der Nachfrage kaum mithalten. Verschärft wird das Problem durch den Abbruch oder die Sanierung von Altbauten. Durch diese «Aufwertungen» verschwindet günstiger Wohnraum, was die Entmischung der Bevölkerung zusätzlich beschleunigt.
Fachleute schlagen Alarm: «Die schwächeren Einkommensschichten und sogar das mittlere Bürgertum werden aus den Städten vertrieben», sagte der Architekt und ehemalige ETH-Professor Vittorio Magnago Lampugnani in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Er macht vor allem die immensen Wertsteigerungen von Grundstücken für diese Entwicklung verantwortlich.
Für den Mieterinnen- und Mieterverband Zürich sind es in erster Linie institutionelle Investoren, die «mit ihrer auf Renditeoptimierung fokussierten Bewirtschaftungsstrategien soziale Aspekte völlig ausklammern», wie Kommunikationschef Walter Angst erklärt. In Zürich sind die Auswirkungen überall zu erkennen, sogar in stark belasteten Lagen am Stadtrand wie der Überlandstrasse in Schwamendingen.
«Die Seefeldisierung hat die ganze Stadt erfasst», sagt Angst, der für die Alternative Liste (AL) im Gemeinderat sitzt. Ein gutes Beispiel ist Altstetten, ein traditionelles Arbeiter- und Kleinbürgerquartier, in das die «Mehrbesseren» früher kaum freiwillig gezogen wären. Nun sind sie innerhalb weniger Jahre von der kleinsten zur grössten Gruppe geworden.
Möglich geworden sei dieses «Immo-Bonanza», weil die Politik den Fokus auf eine Stadtentwicklung gelegt habe, die gut ausgebildete und ressourcenstarke Leute anzieht, sagt Angst. Das sei auch der Grund dafür, dass der Kreis 4 «nicht mehr das Ambiente eines Arbeiterquartiers hat, in dem sich alle wohlfühlen».
Die Folgen der Gentrifizierung sieht man gut an der Weststrasse. Als Zubringer zur A3 war sie ein regelrechter Unort. Seit der Eröffnung der Westumfahrung hat sich das radikal geändert. Wer sich heute an der Weststrasse umsieht, kann nur staunen. Alles ist verkehrsberuhigt und renoviert. Nur wenige der früheren Anwohner konnten bleiben.
Zwar bietet Zürich viele Arbeitsplätze für hochqualifizierte und «ressourcenstarke» Menschen, wie Walter Angst sie nennt. Aber eben auch sehr viele Dienstleistungsjobs in Gastgewerbe, Detailhandel oder im Gesundheitswesen. Für diese Beschäftigten gibt es in der Stadt immer weniger Wohnraum, sie müssen wegziehen und in die «2000-Watt-Stadt» pendeln.
Überspitzt gesagt kann in Zürich nur günstig leben, wer sich mit Glück oder Vitamin B eine gemeinnützige Wohnung angeln kann. Oder wer Immissionen wie Verkehrslärm in Kauf nimmt. Manchmal hilft nicht einmal das, wie das Beispiel der Überlandstrasse zeigt, wo der Aufwertungsprozess mit Leerkündigungen und Sanierungen bereits begonnen hat.
Die Stadtregierung um SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch betont bei jeder Gelegenheit, dass ihr die soziale Durchmischung am Herzen liegt. Das Stimmvolk hat 2011 beschlossen, den Anteil an gemeinnützigen Wohnungen – er beträgt heute je nach Zählweise zwischen 25 und 30 Prozent – bis 2050 auf ein Drittel erhöhen. Ein weiteres Zauberwort heisst Verdichtung.
Sie findet in Zürich kaum durch den Umbau bestehender Wohnbauten statt, sondern meistens durch Abbruch und Neubau. Ohne flankierende Massnahmen in der Wohnpolitik werde damit automatisch eine Umschichtung der Stadtbevölkerung vorangetrieben, meint der Mieterverband. Die Immobilienwirtschaft richte ihr Angebot auf diese zahlungskräftige Gruppen aus – und verdränge die anderen.
Gewinner sei das progressiv-urbane Milieu. «Der Urban Farmer ist kein Schrebergärtner», bringt es Walter Angst auf den Punkt. Auch in den Wohnbaugenossenschaften sei dieses Milieu inzwischen stark vertreten. Die Genossenschaften müssten sich mit diesem Trend auseinandersetzen und Gegensteuer geben. «Einige machen das heute schon, es gibt aber noch Luft nach oben», meint der Sprecher des Mieterverbands.
«Bei Grossprojekten muss von Anfang an darauf geachtet werden, dass für einen breiten Mix von Bewohnerinnen und Bewohnern gebaut wird. Besonders wichtig ist, dass man nicht alles abreisst, sondern auch Bauten stehen lässt.» Zudem müsse man bei der Vermietung jene Gruppen bevorzugen, die heute aus der Stadt verdrängt werden, so Angst.
Luft nach oben gebe es auch in der Stadtverwaltung. Zwar habe ein Umdenken eingesetzt, «aber wir wären froh, wenn es etwas schneller ginge». Der kommunale Richtplan, an dem zurzeit gearbeitet werde, müsse das Ziel verfolgen, «den Graben zwischen Stadt und Agglomeration nicht noch weiter zu vergrössern». Durchmischung dürfe nicht mehr heissen, dass man ressourcenstarke Gruppen in angebliche «Problem»-Quartiere ansiedle. «Jetzt muss alles daran gesetzt werden, dass auch an den ‹guten Lagen› Wohnraum für Haushalte geschaffen wird, die in der Stadt zurzeit keine Bleibe mehr finden.»
Das aber ist eine langfristige Perspektive. So lange die Sogwirkung Zürichs anhält und auch der private Wohnungsbau floriert, werden die Mieten hoch bleiben und die soziale Entmischung voranschreiten. Mit einer schmerzhaften Abstrafung bei den Wahlen am 4. März muss die Linke trotzdem nicht rechnen. Die Bürgerlichen, die regelmässig Vorhaben im gemeinnützigen Wohnungsbau bekämpfen, sind für die Stadtbevölkerung keine Alternative.
Was in Zürich geschieht, findet auch in «echten» Weltmetropolen wie London oder Parist statt. Erfreulich ist diese Entwicklung trotzdem nicht. Sie hat mit einer authentischen Urbanität kaum mehr etwas gemeinsam. «Alles, was wir an der europäischen Stadt lieben und was sie zu einem globalen Erfolgsmodell macht, geht verloren», meint Architekt Vittorio Magnago Lampugnani.
Zürich mag immer mehr Zureich werden, aber die Stadt wird damit auch ärmer.
Eigentlich hat die Schweiz ihn ja schon seit 34 Jahren, aber bisher hat Lukas Linder ausschliesslich fürs Theater geschrieben. Nun endlich ist sein Erstlingsroman erschienen – ein Anlass für uns, ihm 37 höchst existentielle Fragen zu stellen.
Die NZZ hat ihn einen «aufstrebenden Erzähler» genannt, ich nenne ihn ein Phänomen. Das wage ich zu sagen, weil ich Lukas Linder kenne. Nur, dass ihr gleich Bescheid wisst und hinterher nicht klagt, ich hätte hier schamlos Schleichwerbung für einen guten Freund betrieben.
Überdies hat Reich-Ranicki einmal gesagt: «Es gibt Menschen, die auf eine hinreissende Weise Blödes von sich geben.»
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er damit Linder gemeint hat. Jedenfalls ist Reich-Ranicki …