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Nach einer Belagerung von 157 Tagen kapitulierte die russische Festung Port Arthur vor der überlegenen Waffentechnik der japanisch-kaiserlichen Truppen. Zar Nikolaus II. versuchte einen Volksaufstand blutig niederzuschlagen, aber der Petersburger Blutsonntag markierte bereits den Anfang der Russischen Revolution.
Auf der anderen Seite der Erdkugel vergass der amerikanische Limonadenhersteller Frank Epperson seine Limo auf dem Balkon. Am anderen Morgen war die Limonade gefroren. Der Löffel steckte noch im Glas. Er zog ihn heraus und hielt den ersten Glacestängel der Geschichte in der Hand. Kaum hatte er ihn patentieren lassen, meldete sein Landsmann Harry Bust ein weiteres Eis-am-Stiel-Patent an: gefrorenes Vanilleeis mit Schokoladenüberzug.
Ganz andere Sorgen hatte der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici, der im selben Jahr seine Studie über das Erhängen publizierte. Die Untersuchung von 172 Selbstmorden durch Erhängen beantwortete nicht die Frage, wie sich Erhängtwerden eigentlich anfühlt. Kurzerhand befahl Minovici seinen Mitarbeitern, ihn zu hängen. «Das Gesicht wurde rot, dann blau, die Sicht verschwommen, in den Ohren begann es zu pfeifen, die Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein sind fast unvermeidlich.» Minovicis Studie gehört heute zum Basiswissen der forensischen Medizin. Er bewies, dass der Tod nicht durch Ersticken eintritt, sondern durch die unterbrochene Blutzufuhr zum Gehirn.
Heinrich Mann schickte seinen Professor Unrat in den «Blauen Engel» und schrieb einen Gesellschaftsroman, den zuerst alle totschwiegen. Nach der Verfilmung mit Marlene Dietrich (1930) erlangte er Weltruhm.
Weltruhm erlangte auch Mata Hari, der frivole und geheimnisvolle Star der Belle Epoque, die als indische Tempeltänzerin mit ihrer Kunst der «erotischen Entkleidung» Europas Eliten begeisterte. Zwölf Jahre später wurde sie von einem französischen Militärgericht wegen angeblicher Doppelspionage hingerichtet.
Sigmund Freud publizierte Abhandlungen zur Sexualtheorie, während zwei deutsche Forscher den Spirochaeta pallida, den Syphilis-Erreger, entdeckten. Man nannte die Krankheit im Volksmund «den Franzosen», denn Mitte des 19. Jahrhunderts war tout Paris in den Orient gepilgert. Zurück brachten sie nicht nur erste fotografische Erinnerungen, sondern auch den Spirochaeta pallida. Die Milzbrand- und Tuberkuloseerreger hatte bereits Robert Koch Jahre zuvor beschrieben. Er erhielt dafür 1905 den Nobelpreis. Wenig Nobelpreiswürdiges geschah in der Wüste von Nevada. Spekulanten gründeten die spätere Mafiahochburg Las Vegas. Sie hatten die Parzelle für 265 000 Dollar einer Eisenbahngesellschaft abgekauft, die es wiederum zwei Jahre zuvor der Rancherwitwe Helen Stewart für 55 000 Dollar abgekauft hatte.
Nobelpreiswürdiger war hingegen der Bestseller «Die Waffen nieder!», geschrieben von der Pazifistin Bertha Sophia Felicita Freifrau von Suttner. Sie war die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt.
Einmaliges geschah auch in der Schweiz. Mit 19 770 Metern Länge wurde der damals längste Basistunnel der Welt durchstochen: der Simplontunnel.
Während Albert Einstein einen Aufsatz zur Relativitätstheorie publizierte, veröffentlichte Rainer Maria Rilke im Insel Verlag sein «Stundenbuch». Es verkaufte sich in wenigen Jahren über 60 000-mal. Der Poet behauptete, er würde die Worte wie Gebete empfangen und wie ein Medium niederschreiben:
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weisst, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.
Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.
www.cueni.ch
© Basler Zeitung; 08.05.2015