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Der majestätische Jequitibá-Baum bietet 20.000 Lebewesen eine Heimstatt.
Eine der Regeln für journalistische Texte besagt, dass man den Gebrauch von Adjektiven nicht übertreiben sollte. Das wird aber schwierig zu befolgen, wenn es sich um eines der ältesten Lebewesen Brasiliens handelt – einen “Jequitibá-rosa“ (Cariniana legalis) mit hunderten, oder wer weiss, tausenden von Jahren auf dem Buckel.
Und wenn er, als eine Ausnahme der fortschreitenden Entwicklung, welche die meisten grossen Bäume des Hinterlandes von São Paulo dahingerafft hat, immer noch steht – dann werde ich mir erlauben, jene journalistische Regel des sparsamen Gebrauchs von Adjektiven ausnahmsweise zu umgehen.
Nun gut – “majestätisch“ ist das erste Adjektiv meines Versuchs, diesen Jequitibá-Baum zu beschreiben. “Gigantisch“ wäre das zweite, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich finde einfach kein ideales Adjektiv, um das Gefühl zu beschreiben, das mich beim Betrachten des Jequitibá-Riesen ergreift, der innerhalb eines kleinen Wäldchens im “Parque Estadual de Vassununga“, im Munizip von Santa Rita do Passa Quatro, zum Himmel aufstrebt.
Wer von São Paulo auf der Überlandstrasse “Rodovia Anhanguera” ins Hinterland unterwegs ist, kann ihn auf der Höhe des Kilometers 245 bereits erblicken – rechter Hand, am Eingang des Parks – und linker Hand weitere Dutzende von Jaquitibá-Baumkronen. Von der Strasse aus kann man die ungeheure Grösse dieser Bäume nicht einschätzen – viel weniger noch die des gewaltigsten unter ihnen.
Aber wenn sie mal mit ein bisschen Zeit in diese Gegend kommen sollten, dann lohnt es sich, den Park und jenen Baum zu besuchen, der wahrscheinlich der grösste ist, den man je in Brasilien gesehen hat.
Ich habe diesen Baumriesen schon mehrere Male besucht und jedes Mal das gleiche sensationelle Gefühl verspürt. Zuerst einmal fühlt man sich klein unter seiner Krone in zirka 50 Metern Höhe und seines Stammdurchmessers von 7 Metern. Dann fühlt man sich als Kind gegenüber seines vom Forscher Manoel Pereira Godoy geschätzten Alters von 3.020 Jahren!
Und schliesslich verfällt man in ein Stadium der Verehrung, und die Gedanken beginnen zu kreisen: Wie war wohl diese Region beschaffen, als der Baum einst keimte? Was hat er wohl alles “gesehen“, während er hier stand? Hat wahrscheinlich Vögeln und anderen Tieren als Unterschlupf gedient, die längst nicht mehr existieren…
Die Gedanken, die sich in Gegenwart seiner Grossartigkeit zu regen beginnen, kann man kaum unter Kontrolle halten. Seine geschätzten 264 Tonnen Gewicht machen aus ihm eine Festung – die bereits einem Blitzeinschlag standgehalten hat, eine Narbe dieser Wunde ist geblieben. Hoffentlich stimmt das Sprichwort “ein Blitz fällt nicht zweimal auf dieselbe Stelle“, denn einen solchen Baum zu verlieren, ist eine schreckliche Vorstellung.
Ich fühle mich bewegt vor diesem “Senhor aller Bäume“, der Milliarden von Samen verstreut hat, Milliarden anderer Lebensformen beherbergte und noch immer beherbergt – hier an dieser Stelle, ohne sich je fortzubewegen.
Die Äste, die eher aussehen wie die Stämme kleinerer Bäume, münden in eine Krone von 40 Metern Durchmesser. Die Höhe entspricht einem Gebäude von 15 Stockwerken – nur sehr viel bewohnter. Zirka 20.000 Individuen leben in ihr und sind von ihr abhängig – darunter Moose, Orchideen, Bromelien, Säugetiere, Vögel und Insekten.
Noch in Gedanken erblicke ich plötzlich eine der gegenwärtigen Bewohnerinnen, die aus der Spalte eines dicken Astes hervorkommt: ein Weibchen des Toco-Tukans (Ramphastus toco), die dort ein sicheres Versteck für ein Nest gefunden hat. Gleich darauf erscheint auch das Männchen, das seiner Partnerin ein Insekt präsentiert. Dann schnäbeln sie ein bisschen miteinander, bis das Weibchen schliesslich wieder im Nest verschwindet. Scheint sich um das Bebrüten der Eier zu kümmern.
Einige neuere Studien bezweifeln das enorme Alter des alten Herrn. Sie schätzen ihn auf nicht älter als 700 Jahre, und nicht drei Jahrtausende. Wie dem auch sei, nach meinem letzten Besuch begriff ich, dass die Grossartigkeit dieses Baumes nicht in seiner Höhe und noch viel weniger an seinem Alter liegt, sondern an dem, was er symbolisch darstellt. Denn in ihm widersteht das Leben dem Verfall, und es wird noch schöner und grossartiger durch sein vielfältiges Miteinander.
Ich hatte Lust, ihn zu umarmen, aber dafür hätte ich weitere neun Personen gebraucht. Es blieb mir nur, ihn zu verehren. Ich senkte nicht den Kopf, sondern schaute hinauf in die Höhe seiner Krone. Ein neues Gefühl breitete sich in mir aus: So klein ich auch bin, bin ich doch auch ein Beispiel für die Grossartigkeit des Lebens!!