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| Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

1. Kapitel (4—5). Abstammung des Fulgentius Seine geistige Ausbildung
Der heilige Fulgentius also, der mit Recht diesen Namen führt,1 entstammte dem Fleische nach einer vornehmen karthagischen Senatorenfamilie. Sein Großvater Gordianus nahm, als der König Geiserich bei seinem Einzug in die erwähnte Stadt Karthago die meisten oder vielmehr alle Senatoren nach dem Verlust ihrer Güter zur Abfahrt nach Italien zwang, mit den übrigen die über ihn verhängte Auswanderung gern auf sich, um nach dem Verlust seiner Güter wenigstens nicht die Freiheit zu verlieren.
Nach dessen Tod kehrten zwei seiner Söhne in die Provinz Afrika zurück in der Hoffnung, ihr Erbe wieder zu gewinnen, Sie konnten jedoch nicht in Karthago bleiben, da der väterliche Palast arianischen Priestern geschenkt worden war, sondern kamen, nachdem sie einen Teil ihrer Besitzungen durch eine königliche Entscheidung wieder erlangt hatten, in die Provinz Byzacium.2 Dort bekam der eine von ihnen, Claudius mit Namen, von seiner Gattin Mariana, einer angesehenen Christin, [S. 53] in der Stadt Telepte 3 einen Sohn, der zum höchsten Ruhm bestimmt war. Gleichsam in Vorahnung seiner künftigen Bedeutung gab ihm die Mutter den Namen Fulgentius. Nach dem frühen Tod des Vaters ließ ihn die fromme Mutter zunächst in der griechischen Wissenschaft unterrichten, im Lateinischen erst dann, als er den ganzen Homer aus dem Gedächtnis aufsagen konnte und auch einen großen Teil der Werke Menanders beherrschte. Sie wollte ihn nämlich schon in jungen Jahren mit der Fremdsprache vertraut machen, damit er, der bestimmt war, unter Afrikanern zu leben, das Griechische mit dem rechten Akzent aussprechen könne, als ob er in Griechenland selbst erzogen worden sei.
Diese kluge Vorsicht der Mutter erwies sich als berechtigt. Denn so oft Fulgentius Griechisch sprach, selbst wenn er schon lange im Sprechen und Lesen nicht mehr geübt war, sprach er stets die Worte so rein aus, daß man hätte glauben können, er halte sich ständig unter Griechen auf. Nachdem er sich also mit der griechischen Sprache vertraut gemacht hatte, erhielt er zu Hause den Unterricht im Lateinischen, den gewöhnlich die Elementarlehrer vermitteln; auch besuchte er eine Grammatikerschule. Mit seinen reichen Geistesanlagen erfaßte er den dargebotenen Stoff mit großer Klarheit und behielt ihn treu im Gedächtnis. [S. 54] Durch die Notwendigkeit jedoch, sich mit den häuslichen Angelegenheiten zu beschäftigen, mußte er schon bald den Studien entsagen; noch als Jüngling übernahm er die Verwaltung des väterlichen Hauses und unterwarf sich dabei so freudig den Befehlen seiner Mutter, daß er auch hierin ein Nachfolger Christi wurde, von dem die Evangelien bezeugen: „Er war ihnen, den Eltern, Untertan“4 Darüber freute sich seine ehrwürdige Mutter, und die herrlichen Geistesgaben ihres Sohnes trösteten sie in ihrem Schmerz über den Verlust des Gatten. So lag nun die Verwaltung der Familienangelegenheiten in den Händen eines Mannes, der es verstand, Freunden ihre Dienste mit Wohlwollen zu vergelten, Angriffe der Feinde bedachtsam abzuwehren, die Sklaven mit Milde und Strenge zu lenken und zurechtzuweisen, das väterliche Gut mit Sorgfalt zu verwalten und sich die Beliebtheit der Obrigkeit zu erwerben. So wurde er, da sein Ansehen von Tag zu Tag stieg, plötzlich zum Steuereinnehmer5 ernannt; in diesem Amt begann er seine Laufbahn, über viele zu gebieten, für sie zu sorgen und sie zu leiten.
1: Fulgentius bedeutet: der Glänzende.
2: Die Provinz Byzacena war im Jahre 297 durch den Kaiser Diokletian unter dem Namen Valeria Byzacena oder Byzacium errichtet worden.
3: Telepte, das heutige Medinet el Khedima auf der Strecke Feriana—Kasserine, war unter Trajan als römische Kolonie gegründet worden. Später war es die zweite Hauptstadt der Provinz Byzacena und zählte in seiner Blütezeit unter der Vandalenherrschaft schätzungsweise 60000 Einwohner. Von der einstigen Größe zeugen die Trümmer der Thermen, eines Theaters und Amphitheaters, des Capitols und mehrerer Triumphbögen; von christlichen Baudenkmälern hat man die Überreste von sieben Basiliken und vier Kapellen freigelegt, die fast alle aus vorvandalischer Zeit stammen.
4: Luk. 2, 51.
5: Geiserich hatte die römische Finanz Verwaltung beibehalten und meist durch Römer ausüben lassen.