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Brauchen wir einen Bischof?
Lukas Kundert, in Ihrem Buch fordern Sie ein Bischofsamt für die evangelischen Kirchen der Schweiz. Warum brauchen die Reformierten einen Bischof?
Im Unterschied zur herrschenden Meinung wurde das Bischofsamt in den evangelischen Kirchen der Schweiz nie abgeschafft. In der Reformationszeit rechnete man damit, dass der Bischof evangelisch werde. Als dies nicht geschah, übernahm der Rat der Städte quasi vorübergehend die Funktion des Bischofs. Seit dem 19. Jahrhundert gaben die Stadtregierungen diese Funktion im Zuge der Trennung von Kirche und Staat ab. Es entstand damit ein Vakuum.
Widerspricht die reformierte Tradition nicht dem Bischofsamt?
Die reformierte Tradition widerspricht dem römisch-katholischen Verständnis des Bischofsamts, aber nicht dem Bischofsamt selbst: Es ist unserer Meinung nach ein Amt, das demokratisch von einer aus Theologinnen und Nichttheologen zusammengesetzten Synode gewählt werden muss. Wir teilen mit der römisch-katholischen Tradition, dass es eine personale Leitungsaufgabe in der Kirche gibt. Aber wir lehnen dezidiert die in der römisch-katholischen Tradition damit verbundenen Machtansprüche ab.
Historisch gesehen gibt es in den reformierten Kirchen der Schweiz jedoch keine Bischöfe.
Richtig. In den reformierten Orten haben nach der Reformation die Räte faktisch das verwaiste Bischofsamt ausgefüllt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zog sich der liberale Staat aus der Bischofsaufgabe zurück. Er verfolgte bei der schrittweisen Verselbstständigung der Kirche dann das Interesse, dass das Kirchenwesen möglichst schwach ist. Man befürchtete, starke Konfessionen könnten die Eidgenossenschaft spalten. Darum liess er die Kirche lieber in Kirchgemeinden zerfallen. Heute sind die Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen quasi die Bischöfe unserer Kirche jede Gemeinde ist sozusagen ein eigenes Bistum. Dieser heutige Zustand widerspricht der reformierten Tradition. Und er bedeutet eine eklatante Schwächung und hat keine Zukunft.
Wie würde das reformierte Bistum aussehen?
Man braucht die Schweiz nicht in verschiedene Bistümer aufzuteilen. Eine Bischöfin oder ein Bischof präsidiert den Kirchenbund genauso wie heute schon. Aber mit dem Bischofstitel machen wir deutlich, dass dieses Amt nicht nur ein Verwaltungsamt ist, sondern ein kirchliches und geistliches Amt. Ein solches Amt hätte nicht mehr Befugnisse, als es ein Präsidium heute hat. Aber weil ein Bischof unsere geistliche Anerkennung geniesst, ist es nicht mehr egal, was er sagt. Wir werden anders und sorgfältiger hören lernen.
Ist die heutige Leitung des Kirchenbundes zu wenig geistlich?
Unser jetziger Kirchenbundspräsident leitet bereits geistlich. Er versteht sich als Pfarrer in einem Spezialpfarramt. Doch man verweigert ihm weitgehend, dass seine geistliche Leitung auch Wirkung entfalten darf. Das ist eine verheerende Verschleuderung von Gottesgaben. Das hat man nun erkannt. Deswegen betont der Kirchenbund seit diesem Herbst, dass es auf nationaler Ebene mit dem Rat des SEK als kollegialem Leitungsgremium auch ein personales Leitungsamt braucht. Denn das Amt des Ratspräsidenten ist eben etwas anderes als zum Beispiel das Amt des Gewerkschaftsbundpräsidenten oder der Arbeitgeberpräsidentin. Es ist eben viel mehr als Verwaltungskram oder politische Meinungsmache.
Mit diesem Vorstoss werden Sie auf Widerstand stossen.
Der Diskussion muss man sich stellen. Vielleicht wird man sich nicht dazu durchringen können, dieses personale Leitungsamt mit dem Bischofstitel zu verbinden. Denn im Moment wird dieser Titel von der römisch-katholischen Kirche auf eine Art und Weise besetzt, die unserem Verständnis eines Bischofsamtes widerspricht. Diese römische Interpretation des Bischofsamts ist in reformierten Menschen der Schweiz so sehr dominant, dass sie sich ein Bischofs-amt, wie es die Reformatoren gedacht haben, einfach nur wegen der Bezeichnung «Bischof» kaum denken können. Sie verbinden damit Ängste von einem absolutistisch interpretierten Amt. Sie können sich das, was die Reformatoren dachten, nämlich ein machtloses und dafür geistlich kraftvolles Amt, schlichtweg noch nicht vorstellen. Das braucht wohl noch Zeit. Vielleicht lautet der Titel dann Superintendent oder Präses wie in einigen reformierten Kirchen Deutschlands. Man wird sich über den Namen streiten, nicht aber über das Amt. Da wird man Konsens erreichen.
Der künftige Bischof oder die Bischöfin der Schweiz müsste ein Pfarrer oder eine Pfarrerin sein?
Ja.
Erhalten damit Pfarrerinnen und Pfarrer eine besondere Stellung?
Die Pfarrerschaft steht hierarchisch nicht höher als Nichtordinierte, sondern sie ist lediglich zur öffentlichen Wortauslegung und zur Verwaltung der Sakramente bevollmächtigt.
Bedeutet diese Forderung des Bischofsamts nicht auch einen grossen Schritt hin zur katholischen Kirche?
Wenn die Schweizer Reformierten diesen Schritt tun, haben sie viele Probleme weniger, die sie von anderen evangelischen wie auch der katholischen Kirche trennt. Die ökumenischen Gespräche wären dadurch massiv einfacher.
Kommen eines Tages die reformierte und katholische Kirche zusammen?
Die reformierte Kirche ist katholische Kirche im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie ist aber nicht römisch-katholisch. Eine Fusion mit der römisch-katholischen Kirche halte ich aufgrund der gegenseitigen Leidens- und Verfolgungsgeschichte sowie aufgrund des unterschiedlichen Amtsverständnisses für unmöglich. Die beiden Kirchen stellen zwei unterschiedliche Wege in der Westkirche dar, an Gott zu glauben und das Leben nach dem Glauben auszurichten. Sie haben je ihre Berechtigung. Aber ich hoffe, bete und arbeite dafür, dass wir einander mit Respekt und Achtung begegnen. Und ich träume von einer gegenseitigen Anerkennung des Kircheseins des anderen. Früher war das nicht möglich, weil eine solche Anerkennung mit Abgabe von weltlicher und kirchlicher Macht verbunden gewesen wäre. Heute ist das anders, und das lässt mich hoffen.
Lukas Kundert: Die evangelisch-reformierte Kirche, Grundlagen für eine Schweizer Ekklesiologie, Theologischer Verlag Zürich, 28 Franken
Zum Bild: Kirchenratspräsident Lukas Kundert hoch oben im Münster.
Tilmann Zuber Interview
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