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Gewiss duften die meisten Orchideen in meisten Nase nicht.
Seit letzten Februar blühen die Orchideen in meinem Zimmer ununterbrochen. Irgendwie fühlen sie sich wohl, dass sie eine faule Nachbarin gefunden haben. Ab und zu bekommen sie Wasser, wenn die Nachbarin nicht vergisst. Eine Blume, süß in ihrer Unschuld, duftend in ihrer Stille. Wie klingt denn eigentlich die Sprache, durch die Blume zu sprechen?
Ich bewundere diese Pflanzen und sprach manchmal zu ihr, wie schön sie sind. Wenn eine Blüte verwelkt, fällt sie irgendwann auf dem Boden. Anscheinend vergessen sie nicht, ihr Beste für die Welt hinterzulassen. Ich schmecke in dieser verwelkten sterbenden Blüte stets eine konzentrierte Süsse, trocken und intensiv. Ihr letzter Klang. Okakura schrieb, dass ein Mensch erst ein Mensch wurde, nachdem er mehr als nur die eigentlichen Lebensnotwendigkeiten von der Natur forderte. Ein Mensch wurde erst ein Mensch, als er ins Reich der Kunst eintrat, indem er den feinen Nutzen des Nutzlosen erkannte.
Der Mensch in Urzeit unterschied sich vom Tier, als er seinem Mädchen eine Blume brachte, in der Blume die Sprache der Liebe erkannte und durch die Blume sprach.
Wozu sollte man einen Tee rösten? Warum wird überhaupt ein Tee geröstet. Ist es nicht schön, die Teeblätter so zu belassen, wie sie unbehandelt schmecken? Ist es nicht immer besser, wenn die Natur natürlich bleibt? Weshalb kam der Mensch auf die Idee, die Teeblätter aufs Feuer zu legen, Energie und Zeit zu investieren?
Sicher war früher in China der Transportweg lang und aufwendig. Klar war die Konservierungsmethode rückständig und unpraktisch. Um die Aromen des Tees besser zu schützen und zu stabilisieren wurde diese Methode erfunden – für die Gegenden, die sich leisten konnten, den Tee übers Feuer zu behandelt. Für anderen Gegenden oder in einer anderen Zeit, wo mandas Wissen nicht hatte, wußte man nur, dass man den Tee vor der Zubereitung kurz übers Feuer rösten sollte. Dieser Vorgang hilft, dem Fremdgeruch zu beseitigen – dies standen in allen Teebücher in der Tang- und Sungzeit.
Die Rolle der Röstung beim Oolong wurde es mir zum ersten Mal richtig klar, als der Shuixian Milanxiang mir erklärte.
Milanxiang ist eine beliebte Art von Dancong Shuixian, der nicht nur leicht Note von Pfirsich oder Longgan hat, sondern auch intensive Nuance von Honig und Orchideen.
Zwei Milanxiang Shuixian aus dem gleichen Tee, der gleichen Partie. Der einzige Unterschied ist die Röstung.
Der ungeröstete Milanxiang schmeckt in den ersten 5 Minuten leichter, eleganter und blumiger als der geröstete. Nach zehn Minuten als die Aufgüsse kalt wurden, wurden die Sprache plötzlich anders. Der geröstete gewinnt immer mehr Tiefe, Intensivität und Geschmeidigkeit. Süss wie Honig, wie sterbende Orchideen und wie eine reife platzende Frucht!
Selten bekommt man solche Intensivität im Aufguss. Die Flüssigkeit fliesst wie ein guter Rotwein, ölig in der Tasse. Selbst nach 15 Minuten merkt man kaum die Herbe, nur leicht spritzige Pickel an der Zunge. Der ungeröstete Shuixiang schmeckt nach 15 Minuten bereits sehr herb und diese Herbheit ist so dominant, dass sie kaum zu überwinden erscheint.
Kaum zu glauben, dass sie der gleiche Tee ist! Kaum zu glauben, dass Tee für sich spricht.
Nun wurde es mir auf einmal bewußt, was Okakura in seinem Buch trauert. Der Mensch vergißt immer mehr, was einen Menschen ausmacht – die Kunst aus dem Nutzlosen das Nutzliche zu erkennen, der Versuch, etwas Mögliches aus dem Unmöglichen zu ermöglichen. Röstung ist eine Kunst, einen Tee zu verfeinen, ohne etwas hinzufügen. Eine Kunst, die aus einem Tee das Beste zu ermöglichen. Eine Kunst, die das Maximal von einem Tee fördert.
Foto: links – ungerösteter Milanxiang; rechts – gerösteter Milanxiang.