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Editorial
Es ist für «Il Paese» nicht üblich, sich um das internationale Geschehen zu kümmern, solange sich dieses nicht direkt auf die Politik unseres Landes auswirkt. Aber der Tod der englischen Königin Elizabeth II. bedarf meines Erachtens besonderer Beachtung. Dies natürlich wegen ihres enormen internationalen Prestiges, aber auch wegen dem Respekt und den Sympathien, die ihre Persönlichkeit im In- und Ausland genossen haben.
Eine Rollenübernahme ohne Zaudern und Zögern
Elizabeth II. hat 70 Jahre lang ihre Rolle als Staatsoberhaupt des Vereinigten Königsreichs ohne Zaudern und Zögern und ohne grosse Pannen wahrgenommen – was auch immer die üblichen heutigen Verleumder sagen mögen, die sie für alles verantwortlich erklären möchten; für all das Schädliche, das der britische (und nicht nur dieser) Kolonialismus angerichtet hat. Dies geschieht als Folge des absurden «Mainstreams» der politschen Korrektheit, der seinen schlimmsten Ausdruck in der heute ach so sehr in Mode stehenden «Cancel Culture» oder «Woke» findet. Absurd ist diese Tendenz, erstens, weil der britische Kolonialismus in Epochen entstanden ist, die weit vor der Thronbesteigung von Elizabeth zurück liegen; in Epochen, in welchen der Kolonialismus nicht nur als absolut ethisch und korrekt betrachtet wurde, sondern geradezu Quelle des nationalen Stolzes war. Zweitens war es gerade diese Königin, die in ein modernes Zeitalter hinein geriet, in welchem man sich davon loslösen wollte, indem sie das Unausweichliche akzeptierte und versuchte, die eiserne britische Tradition mit dem Fortschritt (oder Rückschritt?) der neuen Lage in Einklang zu bringen.
Diese Rolle veranlasste sie – höchstwahrscheinlich, weil darüber die offiziellen Quellen wenig öffentlich bekannt gegeben haben – zu Verzichten in familiären Angelegenheiten, und bereitete ihr Enttäuschungen wegen dem nicht dem königlichen Etikett entsprechenden Verhalten seitens gewisser ihrer Familienmitglieder, die nicht bereit waren, sich an die Regeln zu halten, die der «Royal family» auferlegt waren. Sie überstand schadlos die Ehegeschichten ihrer Schwester Margaret, ihres Sohnes Charles und heute des Enkels Harry. Letztere waren eher das Opfer von Partnern, die – statt zu begreifen, dass eine königliche Prinzenhochzeit zu einem radikalen Wechsel in der Lebensführung führen musste – versucht haben, Jahrhunderte alte Sitten und Traditionen nach eigenem Gusto zu gestalten. Das war ein schlimmer Fehler, denn soweit es natürlich auch unter den britischen Untertanen republikanische Strömungen geben mag, ist die Mehrheit von ihnen nicht bereit, auf die Monarchie zu verzichten, wie das die Hunderttausenden von Leuten beweisen, die bereit sind, 30 Stunden Schlange zu stehen, um Königin Elizabeth die letzte Ehre zu erweisen.
Sie hat geherrscht, aber nicht regiert
Wie der bekannte italienische Historiker Professor Alessandro Barbero in einem Interview zu Recht feststellte, hat Elizabeth II. nicht 70 Jahre lang regiert, vielmehr eher geherrscht; was auch immer man darunter verstehen mag, bedeutet es nicht die politische Leitung eines Landes. Denn im Regime der britischen konstitutionellen Monarchie obliegt es nicht dem Monarchen, zu regieren, sondern dieser ist im Gegenteil gehalten, absolut neutral zu bleiben, sich nicht in Regierungsangelegenheiten einzumischen und sich jeglicher offizieller Stellungnahme über politische Themen zu enthalten. So hat Elizabeth II. während ihrer langjährigen Herrschaft mit nicht weniger als 15 Premierministern «auskommen» müssen (ganz zu schweigen von den zahlreichen Regenten der Commonwealth-Staaten), die abwechslungsweise der Konservativen oder der Labour-Partei angehörten.
Sie spielte eine rein symbolische und referenzielle Rolle als Katalysator für Einheit und nationalen Zusammenhalt, vor allem in schwierigen Zeiten wie in den Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts, aber auch beim Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren oder, wie bereits erwähnt, der Auflösung des britischen Imperiums. Nebst dieser Rolle hat es Elizabeth verstanden, sich beim britischen Volk ein so quasi mütterliches Image zu schaffen, im Verlaufe der Jahre wurde daraus eine Art von Image als «Grosi Lisbeth» für alle, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, und ihre Langlebigkeit wurde oft liebevoll-humoristisch kommentiert – mit einem sicherlich britisch-respektlosen, aber irgendwie doch liebevollen Humor. Ich bin davon überzeugt, dass sie die Allererste war, die jeweils über die Sketches lachte.
Und Charles?
Ich sage es offen, mir ist er irgendwie sympathisch, vielleicht nicht so sehr wie Elizabeth, aber mindestens ebenso sympathisch wie sein verstorbener Vater, dieser Prinz Philipp, von dem von Zeit zu Zeit der eine oder andere monumentale Fauxpas bekannt wurde.
Charles musste lange darauf warten, auf diesen Thron zu steigen, auf den man ihn ein Leben lang vorbereitet hatte. Auch wenn die Windsors als eher langlebige Familie bekannt sind, ist es klar, dass seine Regentschaft kürzer ausfallen wird als jene seiner Mutter. Trotzdem glaube ich, dass er ein guter König sein wird, und dass er die Zuneigung seines Volkes gewinnen wird. Denn dieses hat – zwar erst nach einiger Zeit und auch dank Mithilfe von «Grosi Lisbeth» – seine Ehegeschichten geschluckt und hat Camilla als Königsgemahlin akzeptiert. Diese scheint mir, muss man sagen, im Gegensatz zu Diana oder heutzutage von Megan Markle, die Konsequenzen eher akzeptiert zu haben, welche ihr ihre neue Rolle vorschreiben, was ihr sicherlich den Goodwill des Volkes eingebracht hat. Ich habe übrigens das eine oder andere Interview von ihr mitverfolgt und muss sagen, dass ich sie als äusserst sympathische Person betrachte.
Ein Ehepaar, dem ich – als Fan Grossbritanniens und seiner Traditionen – eine möglichst lange und glückliche Regentschaft wünsche. Die Welt der «Socials» hat bereits begonnen, humoristische Karikaturen über si zu verbreiten. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.