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Komfortables Eisenbahnfahren
Das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht
Die Eisenbahn ist das grosse Abenteuer des 19. Jahrhunderts – ein Abenteuer, mit dem sich nichts in der Geschichte der Menschheit vergleichen lässt.
Die Eisenbahn ist das grosse Abenteuer des 19. Jahrhunderts – ein Abenteuer, mit dem sich nichts in der Geschichte der Menschheit vergleichen lässt. Bevor es sie gab, wagte sich der Mensch bloss auf befristete Wanderungen, auf Kreuzfahrten, auf bewaffnete Eroberungszüge. Der Mensch, der sich fortbewegte, war Infanterist, Reiter oder Seefahrer. Mit der Eisenbahn begann ein neues Zeitalter - dasjenige der Kommunikation; eine Reise wird zur vorbereiteten, geordneten und bald auch für Gruppen organisierten Angelegenheiten. Aber von Beginn an ist klar: Die Eisenbahn wird die Erde in eine Vielzahl von Nachbarschaften verwandeln; sie wird menschenfeindliche Zonen urban machen, sie wird die Wälder erschliessen und die Steppen durchqueren; sie wird Berge durchbohren und die Ströme überbrücken. Mit dem Fortschritt ihrer rollenden Räder schrumpft die Erde zusammen.
Aber das erste Eisenbahnfieber mag die Bürger der Biedermeierzeit noch so sehr blenden und die Finanzmänner, Spekulanten und Ingenieure mit noch so grosser Zuversicht erfüllen - erst gilt es ein Handikap zu besiegen, das mit jedem Tag unverzeihlicher scheint: den Mangel an Komfort. Die Eisenbahn wird sich erst dann einen Platz in der Kulturgeschichte erkämpft haben, wenn sie die Überwindung grosser Distanzen mit dem Komfort vereinigt. Denn der Komfort wird mit ebenso grosser Verbissenheit angestrebt wie die Geschwindigkeit. Diese Verfeinerung, diese Errungenschaft, dieses auf der Welt einzigartiges Abenteuer: es heisst Orient-Express.
Eine Nacht im Jahr 1853. Eine ganze Nacht um 90 Kilometer zurückzulegen. Ein erschöpfter Reisender, wütend über die Unbequemlichkeit des engen Zuges, in dem er eine schlaflose Nacht verbracht hat, schwört sich etwas zu unternehmen, um die Bedingungen der Bahnreisen zu verbessern. Sein Name: George Mortimer Pullman. Ideen hat er genug, um die Reisen im Zug angenehmer zu machen.
Die erste menschliche Verkörperung des Komforts auf Schienen heisst Jonathan Barnes, und hat seinen diskreten Auftritt in der Nacht vom 1. zum 2. September 1859. Zwischen Chicago und Bloomington (Illinois) rollt der erste je erbaute Schlafwagen. Jonathan Barnes hat grosse Schwierigkeiten, seine drei Reisende davon zu überzeugen, die Stiefel auszuziehen, bevor sie zwischen die Leintücher schlüpfen. Denn für Pullman bedeutet den sleeping car beleibe keinen schmuddeligen, ordinären Saloon. Der erste Wagen dieses Typs, den er vollständig selbst entworfen und konstruiert hat, blendet den Gast mit seiner Pracht. Nussbaumtäfer, Spiegel aus geschliffenem Kristall, Kupferbeschläge: Man wähnt sich auf einem Luxusdampfer des Mississippi. Mit dem Pioneer erobert sich der Luxus seinen Platz auf Schienen.
1868 fuhr in Amerika der erste Speisewagen von G.M. Pullman «Delmonico», benannt nach dem damals besten Restaurant New Yorks.
An einem Aprilabend des Jahre 1865 wurde Abraham Lincoln ermordet. Um die sterbliche Hülle des Präsidenten von Washington nach Kentucky zu bringen, wählt man Pullmans Pioneer. Aber der Wagen überschreitet das Lichtraumprofil.
«Was, der Pioneer passt sich der Strecke nicht an? Dann muss sich die Strecke dem Pioneer anpassen!» In Rekordzeit bewerkstelligen die Mannschaften alles Nötige: Kurven werden begradigt, Perrons angepasst. Der Pioneer kann fahren. Den Verstorbenen zu überführen, ist eine Ehre, den Wagen bestaunen zu lassen eine Investition.
In den 1860er Jahren lernte ein junger belgischer Mineningenieur, George Nagelmacker, auf seiner Reise quer durch Amerika Pullman kennen und war äusserst beeindruckt von seinen Komfortvorstellungen auf Schienen.
Er beschloss, die Kultur des luxuriösen Eisenbahnreisens auch in Europa einzuführen. Er gründete die Cie. Internationale des Wagons-Lits et Grands Express Européens (CWIL). Nach Rückschlägen und langen Verhandlungen mit Dutzenden von Eisenbahngesellschaften, grösseren und kleineren Fürstentümer und Länder verkehrten endlich ab dem 14. Juni 1873 die ersten fahrplanmässigen Schlafwagen zwischen Ostende und Köln, Ostende-Berlin und Paris-Berlin. Im Jahre 1882 rollte versuchsweise der erste Speisewagen der Gesellschaft von Marseille nach Nizza. Im Frühjahr 1883 dann erste Zug mit ausschliesslich Schlaf- und Speisewagen, der erste Orient Express setzte neue Massstäbe im internationalen Verkehr.
Zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen 1926 führte die CIWL besonders komfortable Luxuszüge für Tagesreisen ein: «Les trains de Luxe Pullman».
Übernommen wurde die Idee – wie kann es anders sein – von England. Dort gab es schon lange Salon- und Pullmanwagen; wunderbare Eisenbahnwagen, rund 100 davon sind noch heute bei verschiedenen Museumsbahnen in Betrieb, praktisch alle werden von einer Dampflok gezogen.
Es hat zwar schon vor dem ersten Weltkrieg Salonwagen für Tagesreisen gegeben und auch ganze Luxuszüge, die nur aus Salons bestanden. Doch ab 1925 erscheint der neue Wagentyp, eben der «Pullman», der sich vom früheren «Salon» vor allem durch zwei Dingen unterscheidet: Es gibt ihn nicht nur in der I., sondern bald auch in der II. Klasse, und was noch wesentlicher ist: Der Pullman-Fahrgast wird an seinem Platz bedient und muss nicht mehr in den Speisewagen essen gehen. Grundsätzlich laufen die Pullman zu je zweien nebeneinander (Couplage), wobei der eine Wagen mit, der andere Wagen ohne Küche eingerichtet ist; der Küchenwagen versorgt den Nachbarwagen mit. (Ausser bei unseren Pullman, siehe weiter unten)
Eingerichtet wurden die Wagen von berühmten Designern der Art Déco Epoche wie René Prou (der Glaskünstler), von den Ebenisten René Prou, Paul Nelson etc.
Insgesamt gab es 23 der CIWL gehörende Pullmanzüge, teils fuhren sie nur wenige Jahre, teils auch nur saisonal. Eingesetzt waren sie auch in so entfernten Ländern wie Rumänien und Ägypten. Drei davon berührten auch die Schweiz: «Der Gotthard Pullman» Zürich/Basel-Mailand, der «Edelweiss» Amsterdam-Zürich/Luzern und der «Golden-Mountain-Pullman Express» Montreux-Zweisimmen-Interlaken. Am längsten hielt sich der «Edelweiss», der Name wird noch heute von einem EC Brüssel-Basel verwendet.
1931 baute die SIG in Neuhausen für den «Golden Mountain Pullman-Express» vier Pullmanwagen in Meterspur im Auftrage der CWIL. Die Intarsien stammen vom Art Décor Designer René Prou, der ua. einen Saal im Völkerbundgebäude (heute Sitz der UNO) baute und Speisesäle in Überseedampfern einrichtete. Aus Platzgründen konnten keine Tische eingebaut werden, so dass auch heute noch die Gäste den benachbarten Speisewagen aufsuchen müssen. Und diese «Gourmino» Speisewagen stammen ebenfalls aus dieser Epoche.
Die RhB hat den einzige Originalen-Luxuszug aus den 1920/30er Jahren der Schweiz und auf Meterspur in Europa.
Alby Glatt
Quellen
Jean des Cars,100 Jahre Orient-Express. Dr. Fritz Stöckl, Rollende Hotels