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Taxi
von Cedric Weidmann
Wieder kurvte er irgendwelche Leute um die Gegend, ohne zu wissen, warum und wohin.
Seit er als erster seines Freundeskreises achtzehn geworden war und die Fahrprüfung gemacht hat, musste er alle seine Freunde herumfahren.
Das ging nun schon zehn Jahre so.
Manchmal fand er kaum mehr Zeit, auszusteigen.
Häufig sah man ihn kauend im McDonald’s stehen, nur um ihn dann zwanzig Sekunden später hinter dem Steuer zu entdecken, wie er Leute herumkutschierte.
Tatsächlich transportierte er mittlerweile nicht einmal mehr seine Freunde, sondern Freunde seiner Freunde, Verwandte von Bekannten, ehemalige Lehrer von Onkeln, Schwestern vom Nachbarn, alle stiegen bei ihm auf und liessen sich irgendwohin bringen.
Er hatte keine Ahnung, wer die Frau, die neben ihm im Auto sass, war und wer sie kannte.
Sie hatte ihre blonden Haare locker und im Cabriolet wehten sie.
Beide schwiegen sie, denn er hatte ihren Namen vergessen und auch vergessen, wohin er fuhr. Er hatte vergessen, ob sie schon miteinander gesprochen und wo er die Frau aufgeladen hatte.
Sie kamen zu einer Kreuzung, es war ausserhalb der Stadt, ein paar Jugendliche überquerten den Fussgängerstreifen.
Nachdem sie vorüber waren, fuhr er wieder los.
Die Frau auf dem Beifahrersitz starrte nach rechts.
„Oh Gott“, sagte sie.
Er sah zurück, doch da fuhr nur ein ganz normaler Motorradfahrer, nichts, von dem er sich hätte vorstellen können, dass es sie beunruhigen würde.
Nach einigen Sekunden, in denen er überlegte, beschloss er, nicht nachzufragen. Und das schien sie auch nicht zu stören.
Dann kamen Häuser, die vorbeirauschten, ein paar Fahrradfahrer, es gab ein paar Hupgeräusche.
„Ich finde das seltsam“, sagte die Frau.
Er antwortete nicht.
„Schau dir diese Welt an. Schau, da links, schau dir diese Wiesen an. Oh Gott!“
Er schaute nach links.
Er sah die Wiesen.
Ihm fiel nichts auf.
Er wartete, dass sie weiterspräche, doch sie schwieg.
„Mir fällt nichts auf“, brachte er schliesslich hervor.
„Mir auch nicht“, bestätigte sie, „mir fällt überhaupt nichts Besonderes auf. Und wie die Weiden im Wind wehen und wie die Büsche rascheln. Als ob sie lebendig wären? Und wie die Kinder auf der Strasse spielen. Als ob es ihnen Spass machte? Nein. Mir fällt nichts dergleichen auf.“
Er sah wieder auf die Strassen.
Ihm fiel auf, dass sie Recht hatte.
Die Farben waren klar, die Menschen waren leer, die Sachen belanglos.
Die Kinder sahen nicht auf, als das Auto an ihnen vorbeirauschte, doch sie waren nicht in ein Spiel vertieft, das sie hätte ablenken können.
Die Wiesen bewegten sich im Wind, doch es machte den Eindruck, dass sie sich auch bewegt hätten, wenn kein Wind da gewesen wäre, wie Requisiten mit eingebautem Wedelmechanismus. Die Bergkulisse bröckelte.
Nichts an alledem war auffällig oder besonders, es war so wie man es jeden Tag sah, wenn es einem nicht besonders auffiel, wenn man sich ihm nicht widmete.
Er war sehr schockiert über diese Erkenntnis, doch er liess es sich nicht anmerken.
„Wieso?“, fragte er nur.
Die Frau sah ihn an.
Sie hatte sehr durchdringende Augen.
Sie sahen aus wie kalte Bergseen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Das ist ganz einfach“, antwortete sie, „Du hast dir den Verstand weggefahren.“
Er schaute zu der Sonne, die langsam unterging, plötzlich schneller, ganz schnell, bis es dunkel war, nur ganz schnell dunkel wurde, bis sie wieder auftauchte auf der anderen Seite, rasend schnell und dann stehen blieb oben am Himmel, mitten am hellichten 11-Uhr-Vormittag.
„Du bist der Zeit davongefahren. Ständig befindest du dich in Vielfachen von Geschwindigkeiten, die deine Mitmenschen erleben. Du fährst ein schnelleres Leben, für dich gibt es nicht mehr die gleichen Sachen, für dich sind Autos Hindernisse und Menschen Gepäckstücke. Weil du dich immer bewegst, weißt du nicht mehr, wie es ist, stehen zu bleiben. Deshalb weißt du auch nichts von der Welt. Deshalb bist du auch immer so jung geblieben während deine Freunde gealtert sind. Dass ich deine Tochter bin, spielt dabei auch keine spektakuläre Rolle. Du hast den Boden unter den Füssen verloren.“
Er sah sie nicht an, sie wäre nicht auffällig gewesen.
„Und was soll ich jetzt machen?“
Sie schwieg.
Dann zog er die Handbremse.
Nach einigen hundert Metern kamen sie zum Stehen.
Es war ruhig, fiel ihm auf, die Büsche um ihn herum raschelten und er bemerkte, wie die Sonne hinunterbrannte, die Frau auf seinem Beifahrersitz war eingeschlafen.
Und sein Tank war leer.