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Eine tolle Version von Dvořáks amerikanisches Streichquartett und einen virtuosen Klarinettisten servierte die Zuger Sinfonietta ihren Gästen im Chamer Lorzensaal als weihnachtliche Bescherung. Doch es gab noch mehr Geschenke.
Zum 20-jährigen Bestehen setzt die Zuger Sinfonietta in der laufenden Spielzeit verschiedene hervorragende Musiker in Szene, deren Wurzeln im Kanton Zug liegen. Nach der Geigerin Esther Hoppe im ersten Abo-Konzert folgte am Sonntag der Auftritt des Klarinettisten Reto Bieri.
Reto Bieri (43) ist mit Volksmusik aufgewachsen und hat neben seiner Tätigkeit als Solokünstler auch eine Professur in Würzburg inne. Ausserdem versah er mehrere Jahre die Intendanz des Davos Festival. Er spielte den Solopart im 1948 entstandenen Konzerts für Klarinette und Streichorchester mit Harfe und Klavier des amerikanischen Komponisten Aaron Copland (1900–1990). Davon leitete sich das Programm des Abends ab, das unter dem Titel «American Connection» stand und eine musikalische Reise von Europa nach Übersee darstellte.
Romantischer Einstieg
Den Anfang machte die Sinfonietta mit einem Frühwerk des Tschechen Leoš Janáček (1854–1924), eines Organisten und Komponisten, der sich in seiner Jugend mit Antonín Dvořák (1841–1904) angefreundet hatte. Dvořák setzte später zum Sprung über den grossen Teich an, Janáček selber blieb zeitlebens in Tschechien. Beide waren tschechische Nationalisten und griffen in ihrem Bemühen, eine eigenständige tschechische Musik hervorzubringen, gerne auf folkloristische Motive zurück.
Janáček entwickelte im Verlauf seiner kompositorischen Tätigkeit einen sehr eigenen Stil, der nicht ohne Härten auskommt. Die Suite für Streichorchester (1877) aber, welche im Chamer Lorzensaal erklang, war ein wunderbar leichter und bekömmlicher Einstieg in den vorweihnachtlichen Konzertabend.
Bieris Spiel reisst mit
Darauf folgte das Coplandsche Klarinettenkonzert, das Benny Goodman auf den Leib komponiert worden war. Auch Copland machte Anleihen bei der Volksmusik und versuchte seine Musik für die Hörer eingängiger zu gestalten. Aber insgesamt ist die jazzige Komposition sehr viel sperriger. Wer solches mag, war gut bedient, der Rest der Besucher erfreute sich an Reto Bieris Spiel.
Er ging voll in der Musik auf, stampfte mit den Füssen den Rhythmus auf die Bühne und begeisterte das Publikum mit seiner Virtuosität.
Vollkommen hinreissen liess es sich anschliessend mit einer Zugabe aus der Welt der Klezmer-Musik, die auf die jüdisch-litauischen Wurzeln Coplands Bezug nahm, die instrumentalen Vorzüge der Klarinette zur Geltung brachte und das Publikum angenehm beschwingt in die Pause entliess.
Schöpfer von amerikanischer Musik
Antonín Dvořák (1841–1904) war per 1892 zum Direktor des New Yorker Nationalkonservatoriums berufen worden. Dessen Präsidentin Jeannette Thurber wollte, dass Dvořák als berühmte Grösse und Entwickler einer spezifisch böhmischen Musik nun auch eine eigenständig amerikanische Tondichtung schaffen sollte, die sich vom europäischen Kunstschaffen abhebt.
Dies tat er wiederum durch Anleihen bei der Volksmusik und durch Lautmalerei, indem er den Vogelgesang und das Stampfen der Eisenbahn in Klänge goss. Neben der Sinfonie «Aus der Neuen Welt» (op. 95) spiegelt vorab das «amerikanische Streichquartett» (op. 96) dieses Bemühen.
So etwas wünscht man sich als Konserve
Ebendieses «amerikanische Streichquartett», das Dvořák im Sommer 1893 bei böhmischen Auswanderern in der ländlichen Umgebung von Iowa geschrieben hatte, brachte die Zuger Sinfonietta unter Dirigent Daniel Huppert in einer Orchesterfassung zur Aufführung.
Um es vorwegzunehmen: Das Stück – ein eigentliches Weihnachtsgeschenk an die Zuhörer – würde man sich gern in einer Aufnahme der Zuger Sinfonietta anhören. Die Komposition verbindet folkloristische Leichtigkeit mit spätromantischer Komplexität, durch die Orchesterfassung gelangt zusätzliche Tiefe hinein, die Interpretation war äusserst gefühlvoll, das Spiel sorgfältig.
Begleitmusik für Western
Aus der Volksmusik bedient sich Dvořák der Pentatonik, erniedrigt den Leitton und benutzt Gestaltungsmittel wie Scotch Snap und die Synkopierung. Das heisst in der Konsequenz nichts anderes, als dass die Musik manchmal ungeheuer amerikanisch klingt. Besonders den stark motivisch geprägten ersten Satz kann man sich mühelos als Soundtrack für jedes Westernepos vorstellen.
Dennoch werden die Themata gelehrt variiert und verschiedene Musiker der Sinfonietta erhalten in der Folge Gelegenheit, zu solieren: Jonas Iten am Violoncello zeichente sich ebenso aus wie Konzertmeisterin Myrtha Spahr an der Violine und machten das an sich schon gewinnende Werk zum Genuss.
Barocker Abschluss
Der Applaus hielt denn auch minutenlang an und wurde durch Bravo-Rufe begleitet. Chefdirigent Daniel Huppart bedankte sich anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Klangkörpers beim Publikum, versprach den Abonnenten ein Weihnachtsgeschenk, das den landestypischen Kirsch enthielt, und lud anschliessend alle Anwesenden zum Jubiläumsapéro der Zuger Sinfonietta.
Zuvor allerdings stimmte die Zuger Sinfonietta mit dem Largo aus Arcangelo Corellis Concerto grosso in g-Moll «fatto per la Notte di Natale» auf die kommende Weihnachtszeit ein. Eine getragenene und feierlichen barocken Komposition, welche die Zuhörer ein weiteres Mal ergriff – und die musikalische Amerikareise gewissermassen zum abgerundeten Feiertagsmenü machte.