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Jedermann in allen Mitteleuropäischen Ländern, inklusive der Iberischen Halbinsel, England und Skandinavien, der reisen wollte, musste dies zu Pferd tun.
Zu dieser Zeit waren im Zweitakt trabende Pferde verpönt als „Knochendurchschüttler“ (boneshaker) und wurden nur von Dienern/Sklaven verwendet.
Gangpferde waren die Pferde der Wahl für Reiter!
Das Gangpferd war allgegenwärtig. In vielen Rassen des „alten Kontinentes“ und Asien war die Gangveranlagung angelegt.
- In Schottland nannte man die Gangpferde „Galloway“; diese waren von kleiner Statur, chocolat-farben (silver) mit blonder Mähne und Schwanz, bekannt waren sie für ihre Loyalität dem Mensch gegenüber und ihre Gelehrigkeit
- In Irland nannte man sie die „Hobbies“
- In Spanien waren es die „Jennets“, welche unter den erlesensten Pferden weltweit galten
- Unter den Arabern wurden Gangpferde gefunden
- In Asien, speziell im Ferganatal, vermutet man unter Anderem einer der Ursprünge der appaloosafarbenen Gangpferde
- Gangveranlagung kennt man auch unter den mongolischen Pferden
- Etc....
Im 16. Und 17. Jhdt., zur Kolonialzeit des amerikanischen Kontinentes, wurde von den Eroberern viele der besten Gangpferde aus der „alten Welt“ (Irland, Spanien, England…) in die „neue Welt“ mitgenommen; wohlgemerkt auch viele Pferde mit typischer „Leopard“-Zeichnung, die früher nicht nur bei asiatischen Rassen vorkamen, sondern auch bei einigen europäischen Rassen weit verbreitet waren, wie z.B. Lipizzaner.
Das Gangpferd galt als das bevorzugte Pferd der Eroberer!
Anmerkung: in den frühen Jahren des 18. Jhdt. ist bekannt, dass auch russische Handelsreisende zu Schiff mit Pferden aus dem asiatischen Raum an der Nord-Westküste Amerikas verkehrten (siehe „The legend of the Ghostwind-Stallions)
Da es zu Beginn der Kolonisation in der „Neuen Welt“ keine Pferde (mehr) gab, sind alle heutigen Amerikanischen Rassen in gewisser Hinsicht ein Gemisch aus gemeinsamen Blutlinien und teilen sich gemeinsame Gangpferde-Ahnen, auch die heute wild lebenden Herden.
Die „neue Welt“ Linie der von den Eroberern ursprünglich aus Europa mitgebrachten Gangpferde – Hobbies, Jennets, Galloways etc. – wurden „Colonial Stock“ oder „Colonial Saddlers“ genannt.
Man unterscheidet drei grosse, unterschiedliche Verbreitungsgebiete dieser ursprünglichen „Colonial Saddlers“:
- Das Westliche Gebiet (Western Area):
„Colonial Spanish Horses“ oder „Mustang“ – heute nur noch kleine Herden von Kiger, Sulfur…- haben sich mehrheitlich aus spanischen und iberischen Pferden entwickelt, die spanische Eroberer im frühen 16. Jhdt. nach Florida und Mexiko mitgebracht haben und die später durch Siedler und spanische Missionare verbreitet wurden.
Gemäss schriftlichen Überlieferungen brachten die Spanier auf ihren Schiffen verschieden Arten von Pferden mit, unter anderem die „Jennets“, Spanische Berber von denen einige die Gangveranlagung besassen und die Sorraia, das Original Spanische Wildpferd. Ironischerweise sind heute diese Rassen der Blütezeit Spaniens in ihrem Ursprungsland quasi ausgerottet…
Die „Colonial Spanish Horses“ entwickelten sich zu regionalen Untergruppen, wie die „Florida Cracker“, “Spanish Barb“, „Marsh Tackies“, „Bankers“, gewisse Linien der „Spanish Mustang“ und der „American Indian Horses"
- Das Naragansett Gebiet um Rhode Island:
Die Pferde wurden bekannt als die „Naragansett Pacer“, entstanden aus selektiver Zucht von Schottischen Galloways und Irischen Hobbies. Der „Naragansett Pacer“ war unter den Kolonisten ein äusserst populäres Pferd, verschwand um die 1820, spielte aber eine grosse Rolle für den Genpool der heute existierenden nachfolgenden Rassen:
- American Saddlebreed
- Tennessee Walking Horse
- Morgan
- Standardbreed (via einem Naragansett Pacer genannt Black Bess, unter anderen Vorfahren)
Der „Naragansett Pacer“ war sowohl bei den Grossgrundbesitzern der Karibik, wie auch bei den Kanadischen Farmern sehr gefragt. Schifffahrts-Akten bekunden, dass Tausende solcher Pferde aus Virginia und Rhode Island nach Kanada und in die Karibik verfrachtet wurden.
Der Kanadische Stamm wurde bekannt als „Canadian Pacer“, hervorgegangen aus „Naragansett Pacer“, Morgan und Canadian Trotters (ihrerseits entstanden aus Französischen Blutlinien – leichte Percherons – und Holländischen Linien – frühe Friesen).
Zu notieren, dass „Canadian Pacer“ Blut später wieder in die Amerikanischen Linien einfloss, um diesen die Gangpferde-Eigenschaft zurückzubringen, nachdem alle „Naragansett Pacer“ ausgestorben waren (Beispiel: COTTERBOTTOM, der eine wichtige Rolle bei den Rocky Mountain Horses spielte, geht auf eine Canadian Pacer Linie zurück).
Die Nachkommen in der Karibik kennt man als „Paso Fino“
- Die Siedler der Kolonialisierungszeit im 16. und 17. Jhdt. brachten eine Mixtur des Original „Colonial Saddler“ Stammes mit sich und formten ihre eigenen lokalen Linien von Gangpferden. Eine der frühesten Linie war der „Kentucky Saddler“, oder einfach das „Saddlehorse“
Original „Colonial Saddler“, „Narangasett Pacer“ und „Kentucky Saddler“ Linien waren in den frühen Linien des “American Saddle Horse” des 18. Jhdt. vorherrschend. Auch wenn später Englisches Vollblut (TB) eingekreuzt wurde um mehr Grösse und Veredelung zu erreichen, zeigten die frühen Linien des „American Saddle Horse“ die natürliche, bequeme Gangpferd-Eigenschaft (easy saddle gait) und die Ausdauer des „Naragansett Pacers“.
„American Saddle Horse“, seit 1891 eine registrierte Rasse und somit die erste Vereinigung von Gangpferden in Amerika.
Die Siedler brachten eine Mixtur des Original „Colonial Saddler“ Bestandes mit sich und formten ihre eigenen lokalen Linien von Gangpferden.
Pferde waren im 18. und 19. Jhdt. für die heimische, ländliche Bevölkerung des Landes, wie auch für die Urbevölkerung kein Luxusartikel, sondern eine Lebensnotwendigkeit!
Die Beziehung zueinander war eine der gegenseitigen Abhängigkeit.
Für die damaligen Siedler waren sie Pferde für „jede Jahreszeit“ und für alle Aktivitäten, wie es als trittsichere, angenehm zu sitzende Montur fürs Reisen, für die Ärzte, Postboten, reisende Priester, um ihre Felder zu bearbeiten, Rindvieh zu hüten und einzufangen, um die Sonntagskutsche zur Kirche zu ziehen, oder um sich in der rauen, steinigen Gegend fortzubewegen.
Für die ursprünglich heimische Bevölkerung waren sie Fortbewegungsmittel, Aufklärungspferde, Kriegspferde um neue Territorien zu erobern, Jagdgefährte etc.
Sowohl die Indianer im Westen der USA, woher z.B. die Foundation Appaloosa stammen, wie auch die Bewohner der Appalachen, Gebirgige Gegend in der sich die Rocky Mountain Horses entwickelt haben, waren auf ein bequem zu reitendes, ausdauerndes Vielseitigkeits-Pferd angewiesen.
In der Kolonialzeit war das Gangpferd das Pferd der Wahl - weiche, bequeme Gänge um grosse Distanzen schnell und komfortabel zurückzulegen. Sowohl in Europa, wie auch auf dem Amerikanischen Kontinent war das Gangpferd damals die bevorzugte Reitmontur. Zu dieser Zeit wurde ein Gangpferd auch Saddle-Horse, singlefooter, ambler, traveler, shuffler oder pacer genannt.
Schätzungen gehen davon aus, dass in der Kolonialzeit auf 1 Nicht-Gangpferd 14 Gangpferde gezählt wurden. Zu notieren: um 1900 z.B. hatten wohl 80% aller Morgan Pferde Gangpferde-Eigenschaft.
Eisenbahn und motorisierte Fahrzeuge lösen das Pferd als Alltag-Fortbewegungsmittel ab. Das Pferd ist nicht mehr vorwiegend Arbeits- und Fortbewegungsmittel, sondern wandelt sich zu einem Objekt des Vergnügens, vorwiegend der reichen Schicht vorbehalten.
Mit dem Aufkommen der Automobile und breiten Strassen, brauchte es das Gangpferd nicht mehr. Pferde wurden nur noch für die Freizeit und Entertainment gebraucht und somit in der Zucht andere Kriterien bevorzugt; so nahm die Popularität der Gangpferde stetig ab.
Nur einige Bevölkerungsgruppen, vorwiegend in isolierten, schwer zugänglichen Gebieten wie den Appalachen und den Rocky Mountains des Nordwesten der USA, waren weiterhin auf das Pferd als Arbeits- und Fortbewegungs-Tier angewiesen. Dort entwickelten sich eigenständige robuste Rassen wie z.B. das Rocky Mountain Horse, der Foundation Appaloosa und mehr...
Mit der Domestizierung des Pferdes haben sich dem Menschen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Auf einmal konnten weite Strecken zurückgelegt werden, das Pferd konnte zur Arbeits-Erleichterung eingesetzt werden, die Nahrungsbeschaffung konnte auf grösseren Strecken und leichter bewerkstelligt werden, Territorien konnten erobert werden…
Dafür wurde ein Pferd gezüchtet, das den jeweiligen Kriterien genügte, in allen Fällen aber ein bequemes, robustes, gesundes, genügsames Pferd!
Im Laufe des 19. Jhdt. wandelt sich das Reiten in weiten Teilen der Welt zu einer „Kunstform“. Das Reiten ist nicht mehr eine Lebensnotwendigkeit für Jedermann, sondern ist meist nur noch den Wohlhabenden vorbehalten und oft nur noch zum Vergnügen: Fuchsjagden in England, Shows, Turniere, Springreiten, Dressur, Rodeo…
Damit wandeln sich auch die Zuchtkriterien der einzelnen Rassen, Merkmale, die für das Alltag-Arbeitspferd wichtig waren, wie zum Beispiel die Gangpferde-Eigenschaft zum Überwinden weiter Strecken, waren nicht mehr notwendig und gingen über die Jahrzehnte in der Zucht verloren.
Heutzutage ist das Reiten, die Pferdehaltung einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich. Man besinnt sich wieder mehr zurück zur Natur und zum Tier als Ausgleich zum Alltagsstress.
Dafür braucht man auch ein geeignetes, von Jedermann, auch Anfänger und Kinder, zu reitendes Pferd, ohne, dass man sich unbedingt jahrelang in der „Kunst des Reitens“ ausbilden muss auf Rassen, die den Bedürfnissen des erholsamen Freizeitreitens nicht mehr entsprechen.
Was heute in den USA weit verbreitet ist, nämlich die Nachfrage nach Gangpferden, bequem zu reitende Freizeit-Pferde für Jedermann, kommt in Europa erst langsam auf. Man kennt zwar wohl einige Pferderassen mit Gang-Eigenschaften, die aber vielmals andere Nachteile, oft schmerzhaft fürs Pferd und kostspielig für den Besitzer, mit sich bringen, wie z.B. die Isländer, die an unser Klima nicht angepasst sind und deshalb signifikant vermehrt mit Sommerekzem zu kämpfen haben.
Viele Leute, vor Allem solche mit Rückenproblemen, tun sich schwer mit dem Erlernen und Reiten des sogenannten „Englisch Traben, oder Leichttraben“. Sie wollen keine Hochleistungs-Sportpferde, sondern ein Pferd mit bequeme Gängen, für Freizeit und Vergnügen.
Deshalb gewinnen heute Gangpferde auch in Europa wieder mehr und mehr an Beliebtheit.