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1913
Jeremias Gotthelf, ein literaturgeschichtliches Rätsel?
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Seit meiner Jugendzeit bin ich ein eifriger und begeisterter Leser und Bewunderer Jeremias Gotthelfs gewesen und seit reichlich neun Jahren habe ich mich mit diesem Schriftsteller in einer Weise befasst, welche über die übliche Anteilnahme, die ein Mensch unter gewöhnlichen Umständen an einem ihm lieb gewordenen Schriftsteller nehmen kann, hinausgeht.Je mehr ich mich jedoch in seine Werke vertiefte, je eingehender ich das Land, auf welchem sie wuchsen erkannt und erforscht habe, je gründlicher ich ihrem Ursprung auf emmenthalischem Boden kritischen Sinnes nachgegangen bin, je zahlreicher wurden die Rätsel, vor welche mich Jeremias Gotthelf stellte, je grösser meine Unsicherheit über seine schriftstellerische Identität. Zwar bin ich weder der erste noch der einzige, der rat-und verständnislos wenigstens einigen dieser Rätsel gegenüber steht, und es hat seit Manuel nicht an Versuchen gefehlt, sie, wenn auch oberflächlich genug, zu lösen und zu erklären. Man suchte die Erklärung auf psychologischem Boden, indem man Albert Bitzius als einen Menschen darstellte, der seinesgleichen in der ganzen Literaturgeschichte nicht findet. Indem man ihn mit einem jahrzehntelang angestauten Wildwasser verglich, das plötzlich alle Dämme bricht und mit verheerender Schaffenskraft alles überschwemmt und mit sich fortreisst, was ihm in den Weg kommt. Eine Erklärung, welche dem oberflächlichen Leser wohl genügen mag, die jedoch zu wenig solid aufgebaut ist, um wissenschaftlich überzeugend zu wirken und genauer Forschung und Abwägung auf die Dauer Stand zu halten.
Nun liegt mir ferne zu behaupten, dass mir eine endgültige Erklärung gelungen sei, denn philologische Forschungsarbeit ist weder mein Fach, noch meine Leidenschaft, und was ich hier zu sagen habe, ist nicht mehr als eine, an Überzeugung grenzende Vermutung, welcher immerhin der Wert eines Hinweises auf den Weg, auf welchem man der Erscheinung Jeremias Gotthelfs wissenschaftlich beikommen kann, zugebilligt werden dürfte.
Also, ich gebe hier lediglich Anhaltspunkte, Werte einer Wahrscheinlichkeitsbesprechung, deren letztes Resultat zu finden ich mir nicht anmasse, preis, in der Annahme, dass gewiegtere Leute vom Fache, vielleicht eines Tages dazu gelangen werden.
Meine Zweifel an der alleinigen Urheberschaft Albert Bitzius an den Werken Jeremias Gotthelfs kleide ich in folgende Kernfragen:
Wie erklärt es sich, dass ein Mann von der vielseitigen Bildung, dem ungestümen Temperament, dem umfassenden Wissen und reichen Gefühlsleben, ein Dichter von so hervorragender epischer Gestaltungskraft und so hoher poetischer Bedeutung, 39 Jahre alt wird, bevor er auf den Gedanken verfällt, den Reichtum seiner grossen Seele seiner Mitwelt schriftstellerisch zu offenbaren?
Wie erklärt es sich, dass vom Jahre 1836 an, dem Erscheinungsjahre des „Bauernspiegels“, nun in eigentlicher Hast, Jahr für Jahr, sich fast überstürzend, bis zu seinem Todesjahr 1854, eine solche Fülle ausgereifter Werke erscheinen konnten, die hingereicht hätten, ein langes Menschenleben mit ernster Arbeit auszufüllen ?
Woher hatte Albert Bitzius, wenn er mit Jeremias Gotthelf identisch ist, all die umfassenden Kenntnisse aller land- und volkswirtschaftlichen Fragen, wie sie sich nur ein Praktiker im Laufe jahrelanger Arbeit auf der Scholle erwirbt ?
Woher kommt ihm, dem Pfarrer, das bewunderungswürdige Wissen auch auf den entlegensten agrartechnischen Gebieten, welches seine Werke derart illustriert, dass es heute an Hand derselben möglich wäre, die ganze Agronomie des Emmentales zur Zeit Gotthelfs wissenschaftlich getreu aufzubauen?
Wie kommt der damals seit erst fünf Jahren am Orte sesshafte Pfarrer dazu, nicht bloss die intimsten Familienverhältnisse der Gemeinde Lützelflüh, sondern auch die der Nachbargemeinden in einer Weise zu kennen, als hätte er ein ganzes Menschenalter mit diesen, an sich eher verschlossenen, und besonders gegenüber Vertretern anderer Stände durchaus von Vertraulichkeiten abgeneigten Bauern gelebt?
Warum trat Albert Bitzius, wenn er der alleinige Verfasser der Gotthelf’schen Werke war, nie aus seiner Pseudonymität heraus, auch dann nicht, als der Grund, welcher ihn veranlasst haben möchte, sein erstes Werk pseudonym herauszugeben, längst verschwunden war ?
Woher kommt es ferner, dass sich in dem schriftlichen Nachlasse Albert Bitzius nichts Nennenswertes mehr befand, mit Ausnahme einer Novelle, „Die Rotthalerherren“, welche übrigens nur der letzten Redaktion harrte, um ebenfalls gedruckt zu werden? Warum kein Entwurf, nicht das geringste Konzept zu ferneren Werken?
Wie erklärt sich, gerade in seinen Hauptwerken, die eigentümliche Mischung bäuerlich-epischen und pastoral-abhandelnden Stils und wie will man erklären, dass der erstere in den von ihm bekannten Briefen aus seiner Jugend auch nicht einmal andeutungsweise zum Durchbruche kommt?
Ist es ferner nicht höchst merkwürdig, dass ein Dichter von der Gestaltungskraft und dem plastischen sprachlichen Reichtum, der Gotthelf zu Gebote stand, sich nie damit befasst hat, auch nur einen einzigen Satz in gebundener Sprache zu schreiben ? Sich wenigstens nicht einmal bloss versuchsweise meinetwegen mit der Dichtkunst im engeren Sinne, der Metrik und der Versifikation zu befassen ?
Wie erklärt es sich ferner, dass die Nachkommen Bitzius’ sich je und je, ohne eigentliche stichhaltige Gründe für ihr Verhalten in’s Feld führen zu können, gegen eine wissenschaftliche Bearbeitung der Gotthelf’schen Werke sträubten und dass sie, als alles Sträuben am Widerstande der Tatsachen scheiterte, sich wenigstens das weitgehendste Mitspracherecht und die eingehendste Aufsicht, über die nun in Bearbeitung befindliche Ausgabe der Gesamtwerke Gotthelfs sicherten, und wie erklärt es sich, dass sie sich der unbefangensten Mitarbeiter an der Ausgabe unter merkwürdig fadenscheinigen und einer ernsthaften Prüfung nicht Stand haltenden Vorwänden zu entledigen suchten?
Wie erklärt es sich endlich, dass die Manuscripte einer ganzen Reihe von Hauptwerken, welche im Jahre 1898 noch vorhanden und in der bernischen Stadtbibliothek deponiert waren, und die auf ihre Urheberschaft wertvolle Hinweise hätten bieten können, spurlos verschwunden und nicht wieder aufzufinden sind, trotzdem die Nachkommen Gotthelfs beabsichtigten, eine Gesamtausgabe nach diesen Manuscripten zu veranstalten und trotzdem sie die eifersüchtigsten Hüter dieser Manuscripte waren ?
Alle diese Fragen lassen sich nicht erklären, wenn wir Albert Bitzius und Jeremias Gotthelf schlechthin identifizieren, sind jedoch ohne weiteres einer vernünftigen Lösung nahe gebracht, wenn wir annehmen, dass der Name Jeremias Gotthelfs zwei Urheber deckt, welche gemeinsam an dem grossen Werke des bernischen Bauernromanes mitgearbeitet haben.
Und wenn man mich nun frägt, wer denn der anonyme Mitarbeiter Bitzius’ wohl gewesen sein möge, so stehe ich nicht an, meiner Überzeugung gemäss zu behaupten, dass dies wohl kein anderer als Johann Ulrich Geissbühler, Landwirt auf der Bleiche bei Lützelflüh war. Und, dass ich das eine gleich vorausschicke, – diese Behauptung vermindert das Ansehen Albert Bitzius’ in keiner Weise, denn auch wenn meine Annahme richtig ist, so bleibt ihm dennoch das Verdienst, der Literatur die Werke Jeremias Gotthelfs geschenkt zu haben.Wenn ich nun, mit diesem Schlüssel ausgerüstet, meine Fragen rekapituliere, so ergibt sich ungefähr folgendes Ergebnis:
Als Bitzius im Jahre 1831 nach Lützelflüh kam, verfügte er über eine umfassende Bildung, eine rasche und klare Auffassungsgabe und viele Reminiszenzen aus seiner Jugend, die ihn befähigten, sich als Eklektiker rasch in seinen neuen Wirkungskreis einzuleben und sich heimisch zu fühlen. Die fünf ersten Jahre mögen ihm vergangen sein, ohne dass er je daran gedacht hätte, schriftstellerisch hervorzutreten, obwohl der Wunsch dazu in ihm rege genug gewesen sein mag, denn sein prächtiges Temperament nötigte ihn gerade dazu, sich mit der Politik und Volkswirtschaft seines damals in voller Gärung befindlichen Landes zu befassen. In dieser Zeit lernte er den klugen und erfahrenen Geissbühler kennen, ein überlegen gescheiter Bauer, Eigenbrödler und Gesinnungsgenosse, der, wie viele seines Standes, sich mit Wissenschaft und Literatur befasst haben mag, ohne es je das Wort haben zu wollen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der Bauer seine Mussestunden mit Schreibereien ausgefüllt hatte, nicht in der Absicht sie je zu veröffentlichen, denn das zu unterfangen verbot ihm seine Selbstkritik. Mit Bitzius befreundet mag er ihm dieses oder jenes zu lesen gegeben haben und Bitzius in ihn gedrungen sein, die Arbeiten zu drucken.
Geissbühler widerstrebte und mag ihn weidlich ausgelacht haben. Ja, – wenn er ein geübter Schriftsteller wäre, aber er wisse sehr wohl, dass ihm da eigentlich das Wesentliche abgehe, – die akademische Bildung, die für schriftstellerische Tätigkeit bedingend sei. Und dann, er lebe hier als Bauer unter Bauern, inmitten einer grossen Verwandtschaft und eines noch grösseren Bekanntenkreises. Seine Urheberschaft würde ihm das Leben hier unmöglich machen, denn was er da geschrieben hätte, seien lauter, allerdings mit weitgehender dichterischer Lizenz behandelte Vorgänge aus seinem Bekannten- und Verwandtenkreise.
Ungefähr so mag die Situation gewesen sein, als einer der beiden Freunde auf die Idee verfiel, Bitzius solle die Werke pseudonym herausgeben. Und das geschah. Unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf ! Man merke, dass die Initialen des Pseudonymes mit denjenigen J.Geissbühlers übereinstimmen. Das mag ein blosser Zufall sein, der mir aber doch fast den Wert eines Hinweises zu bedeuten hat.
Der Bauernspiegel erschien und machte ein Aufsehen, das die Freunde in Lützelflüh nie erwartet hatten. Es galt noch mehr zu veröffentlichen, den Erfolg auszunützen und auf ihr Volk einzuwirken und nun konnte es nur noch geschehen, wenn Gotthelf Gotthelf blieb und keiner der beiden Freunde des andern Geheimnis verriet. Wäre es verraten worden, dann wären sie alle beide in eine recht unerquickliche Situation gekommen.
Und nun redigiert Bitzius in fieberhafter Eile, alles was Geissbühler all die langen Jahre hindurch geschrieben hatte und noch schrieb. Kein Bogen ging mehr in die Presse, der nicht das placet Geissbühler trug. Dafür bürgt mir das Zeugnis der heute noch in Lützelflüh lebenden Frau Bärtschi, welche als kleines Mädchen den intensiven Manuscript- und Korrekturenverkehr zwischen Bleiche und Pfarrhaus vermittelte.
Damit ist erklärt, warum Bitzius neununddreissig Jahre alt wurde bevor er schrieb, warum von diesem Augenblicke an seine Produktion eine so ungewöhnlich grosse und vielseitige war, woher die intimen Kenntnisse, um die wir Gotthelf bewundern, stammten, wieso er mit den verborgensten Familienverhältnissen Lützelflühs, Hasle’s, Sumiswalds etc. so vertraut war und warum er nie aus seiner Pseudonymität heraustrat.
Damit ist für mich auch die merkwürdige Mischung epischen und predigenden Stils erklärt, – der Herausgeber war zu sehr Pfarrer und Theologe um nicht die Nutzanwendungen, die sich aus Geissbühlers Gestaltungen ergaben, recht sinnenfällig und polemisch belehrend herauszuarbeiten.
Das erklärt auch, warum Gotthelf uns keine Gedichte hinterlassen hat, denn Geissbühler verstand das Handwerk nicht und Bitzius war kein Dichter. Es erklärt endlich den Unstern, der über Gotthelfs Werken gewaltet hat und lässt wenigstens ahnen, warum die Nachkommen des Dichters nicht sorgsamer über die Erhaltung des Archivs gewacht haben. Auch, dass gerade die Hauptwerke im Manuskript erst seit 1898, dem Beginne der Ausgabe der Gesamtwerke Gotthelfs, von Vetter verloren gegangen sind.Damit glaube ich der Wahrheit über Gotthelf ziemlich nahe gekommen zu sein und bin bereit, sie in den Einzelheiten noch ausführlich zu belegen, wenn sich jemand ernsthaft darum interessieren sollte. Immerhin, wie dem auch sei, würde ich es für verfehlt halten, darum Albert Bitzius weniger hoch zu halten als dies bisher geschah, denn auch wenn sich meine Hypothese erhärtet, so verdanken wir ihm die Werke Jeremias Gotthelfs, die ohne ihn nie Gemeingut der deutschen Literatur geworden wären. Und dass er seinem Freunde Geissbühler nie die Ehre der Urheberschaft gab, lag in der Verpflichtung, die Anonymität des Freundes zu wahren, durchaus begründet, – er musste es und hielt sich damit schadlos, offiziell selbst diese Autorschaft nie beansprucht zu haben. Abgesehen davon, dass eine rechtliche Verpflichtung, die Autorrechte Geissbühlers zu sichern, in einer Zeit, wo man in der Schweiz ein Urheberrecht nicht hatte, nicht bestand.