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Anousch will ihr Kind zu Hause gebären. Ihre Mutter ist dagegen – aus eigener schwieriger Erfahrung. Trotzdem begleitet sie ihre Tochter. Und ist jetzt um ein positives Hausgeburterlebnis reicher.
Es ist an Heiligabend, als bei Anousch die Wehen losgehen. Ich merke am Telefon, dass Anousch grosse Angst hat, und mache mich durch die Winternacht auf den Weg zu ihr. Als ich bei ihr ankomme, hat sie bereits alle drei Minuten starke Wehen. Sie krallt sich am Türrahmen fest, drückt die Augen und den Mund fest zu und man hört keinen Laut von ihr.
Anousch wollte eine Hausgeburt, weil sie das natürlich findet. Ihre Mutter Nesrin, die jetzt mit düsterem Blick in der winzigen Küche sitzt und still betet, war entschieden dagegen. «Meine Mutter findet das total altmodisch. Heute geht man ins Spital!», hatte Anousch mir in der Schwangerschaft erklärt. Ihre Eltern gingen nach ihrer Flucht in die Schweiz vor bald 20 Jahren jahrelang wöchentlich in die Cafeteria des Spitals etwas trinken, obwohl sie niemanden besuchten, einfach, weil ein Spital für sie etwas so Besonderes war. Sie waren damals so arm, dass Nesrin alle ihre Kinder zu Hause ohne medizinische Versorgung und ohne Hebamme gebären musste, ins Spital konnten nur die Reichen. Ihre jüngste Tochter Anousch hatte als achtes Kind knapp überlebt. Als Anousch nicht atmen wollte, holte der Vater einen Eimer kaltes Wasser aus dem Stall und tauchte das leblose blaue Mädchen kurzerhand hinein, so wie er es mit den Lämmern machte, wenn es Komplikationen gab. Das blaue Bündel schrie und wurde Anousch genannt, was «die Unsterbliche» heisst.
Trotzdem wollte Anousch ihre Mutter bei der Geburt dabeihaben, auch wenn diese sie nicht verstand. Ihr Mann und ihr Vater waren gemeinsam zu Freunden gegangen, um dort für eine gute Geburt zu beten. Ich untersuche Anousch, kontrolliere die Herztöne und Lage des Kindes, alles ist gut. Ich bereite mich für die Geburt vor. Als Nesrin sieht, dass ich nebst Handschuhen sauberen Utensilien und vielem mehr auch eine Sauerstoffflasche, Beatmungsbeutel, Infusionen und Medikamente für den Notfall bereitlege, nickt sie mir mit einem zufriedenen Blick zu. Ich lächle zurück und wir werden zu stillen Verbündeten. Die nächsten Stunden massiert Nesrin ihrer Tochter hingebungsvoll das Kreuz, kühlt ihre Stirn, hält sie fest, atmet mit ihr während jeder Wehe und redet sanft auf sie ein. Jedes Mal, wenn ich mit dem Gerät die Herztöne höre, leuchten Nesrins Augen, sie streckt den Rücken durch und senkt die Schultern. Sie scheint sehr zufrieden mit dieser Art von Hausgeburt. Als dann nach Mitternacht auch noch die zweite Hebamme kommt, kann Nesrin nicht mehr anders als uns zwischen jeder Wehe stumm anzustrahlen. Anousch kniet vor Nesrin und hält mit der einen Hand ihre Mutter fest, die andere Hand liegt auf dem Kopf des Babys, welches jetzt langsam aus ihr herausgleitet. Dann liegt es da, zwischen Mama und Grossmama, wieder ein nasses blaues Bündel. «Alles gut? Alles gut?!» fragt Nesrin aufgeregt. In diesem Moment kommt der erste kräftige Schrei. Die Freude ist gross, es wird gelacht und geweint gleichzeitig. Ja, es ist alles gut.