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Kunstversteck auf Porquerolles
Ab dem späten 18. Jahrhundert war die Kleinstadt Hyères östlich von Toulon bevorzugter Urlaubsort der englischen Oberschicht. Seit zwei Jahren versteckt sich auf der vorgelagerten kleinen Insel Porquerolles eine zeitgenössische Kunstsammlung – die Fondation Carmignac.
Nach Porquerolles zu reisen entschleunigt. An der Spitze der rund 7 km langen, vor Hyères gelegenen Halbinsel Giens liegt «La Tour Fondue», eine Verteidigungsanlage aus dem 17. Jahrhundert, und von dort aus startet die Fähre ihre kurze Reise zur Insel Porquerolles. Nach einem viertelstündigen Spaziergang Richtung Osten, unter Mittelmeerkiefern und Schirmpinien, zeigt sich ein «Mas», ein provenzalisches Landhaus. Architekt Henri Vidal nutzte es während der 1980er-Jahre, und der Fondsmanager und passionierte Kunstsammler Édouard Carmignac verliebte sich bei einem Besuch in den Ort. Er musste 20 Jahre warten, bis das Haus zum Verkauf stand.
Unterirdischer Ort für Kunst
Heute bildet das umgebaute Mas den Eingang zum 7 m unter Terrain angelegten neuen Museum. Grundsätzlich sind Neubauten auf der weitgehend autofreien Insel nicht gestattet. Seit 1971 ist sie Naturschutzgebiet. Die Fondation hat deshalb ihre 2000 m2 Ausstellungsfläche unter das natürliche Terrain bauen lassen. Diese vollständig aus Stahlbeton konstruierte Kaverne unter dem bestehenden Landhaus war aufgrund der notwendigen Unterfangungen ein bautechnisch aufwendiges Vorhaben, geplant durch die Firma Ingénierie84 aus Cavaillon. Eine Fundamentplatte mit Mikropfählen trägt die unterirdische Betonstruktur, auf der das Natursteinmauerwerk des ehemaligen Mas ruht.
Jede halbe Stunde dürfen maximal 50 Besucher in diese Kunstwelt eintauchen; die Schuhe sind auszuziehen und in einem eigens dafür vorgesehenen Raum mit Ablageboxen zu deponieren. Barfuss läuft man eine lange, schmale Treppe nach unten und entdeckt dort die kreuzförmig angelegten Ausstellungsräume.
Die Betonkonstruktion ist kaschiert, mit einem neutralen, weissen Glattstrich verputzt. Den nackten Füssen schmeicheln goldbraune, grossformatige Steinplattenböden. Édouard Carmignac wünschte sich eine perfekte Symbiose zwischen Natur, Architektur und Kunst. Und er wollte erreichen, dass sich das Publikum nicht in Scharen vor den Werken drängen muss, sondern in Ruhe visuelle Eindrücke sammeln kann.
Fiat Lux im Sous-sol
Im Zentrum der Anlage liegt eine von oben belichtete Halle; das Licht schimmert, zeigt bewegte Schatten. Es kommt aus einem in Italien hergestellten 10 m × 8 m messenden Oberlicht, das nichts anderes ist als der gläserne Boden eines Wasserbeckens aus Acrylglas. Die Wasserschicht auf der 20 mm dicken Glasplatte beträgt lediglich 5 cm, der Wind schlägt darin leichte Wellen, die ein diffuses, ständig changierendes Licht erzeugen.
Ein kleiner Teil der übrigen Räume erhält Seitenlicht, denn das Museum ist an einem Hang angelegt, generell wird jedoch Kunstlicht eingesetzt. An jedem Ende des kreuzförmigen Grundrisses, abgestimmt auf den zentralen Raum mit dem Wasseroberlicht, imitieren grosse diffuse Paneele aus gespannten Barrisol-Stoffen das natürliche Licht. Sie passen sich dem fluktuierenden Tageslicht in Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke an. Die Hintergrundbeleuchtung der Paneele erfolgt durch LED-Leuchtmittel, die über eine App gesteuert werden.
Diese technischen Massnahmen wirken sich zwar aus, ihre Installationen bleiben aber unsichtbar. Das gilt auch für die übrige Gebäudetechnik, für Lüftung, Klima und Sicherheit. Die Hightech-Installationen sind vorhanden, doch das Publikum wähnt sich in einer weitgehend natürlichen Umgebung, in der die Kunst die Hauptrolle spielt.
Nach dem Besuch dieser zauberhaften Unterwelt führt der Ausgang über eine andere Treppe in die oben liegenden Räume. Auch sie enthalten Teile der Ausstellung, sind aber auch mit einer Bibliothek und einer kleinen Buchhandlung ausgestattet, die mit Editionen der Fondation aufwartet. Von dort geht der Blick weit über den Garten in Richtung der Stadt Hyères und der dortigen Hügelkette Les Maurettes.
Mainstream und Perlen
Rund 300 Werke umfasst die Sammlung, darunter bekannte Namen wie Gerhard Richter, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Willem de Kooning, Ed Ruscha, Jean-Michel Basquiat oder Yves Klein. Die Sammlung ist jedoch breit angelegt und enthält nebst Allbekanntem auch Werke von Künstlern, die noch nicht in aller Leute Munde sind, so von Korakrit Arunanondchai (Thailand), Zhang Huan (China) oder El Anatsu (Nigeria).
Die Kunstwerke werden jährlich neu gehängt, um anderen Arbeiten Platz zu machen. Fest installiert hingegen sind an die 20 Skulpturen im naturbelassenen, 15 ha grossen Park, geplant als eine Art organisierte Wildnis mit Weinreben und Olivenbäumen von Louis Benech (Neuilly-sur-Seine). Darunter findet sich auch eine Arbeit des Schweizers Ugo Rondinone – «Four Seasons», vier im Kreis stehende, riesige Aluminiumköpfe.
Und Olaf Breuning, ebenfalls ein Schweizer, hat 2017 für diesen Garten eine knallrote Figur aus lackiertem Aluminiumblech geschaffen, 3.6 m × 3 m. Ihr Schriftbild schreit: «I am Mother Nature and I will eat you.» Lieber nicht sofort, bitte – es gibt noch so viel zu sehen.
Die Fondation Carmignac ist regulär von April bis Ende Oktober von 10 Uhr bis Sonnenuntergang geöffnet.
Wegen der Corona-Situation verschiebt sich die diesjährige Eröffnung auf einen späteren Zeitpunkt.
In der Hochsaison sind Reservierungen via www.fondationcarmignac.com oder per Telefon (+33 (0)4 65 65 25 50) empfehlenswert.
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft
SCI Carmignac, Porquerolles
Architektur
Marc Barani, Nizza (Projekt); GM Architectes et Associés, Genf/Paris (Realisierung)
Generalunternehmung
Léon Grosse Provence, Aix-en-Provence; S.E.N.E.C, Toulon
Tragwerk (Konzept)
Bertuli, Monaco
Tragwerksplanung und Details
Ingénierie84, Cavaillon/Fréjus/ Marseille
Landschaftsarchitektur
Louis Benech, Neuilly-sur-Seine
HLK-Planung
Garcia Ingenieure, Marseille
Akustik
Lamoureux Acoustics, Paris
Lichtplanung
Les éclaireurs, Lyon
Innenarchitektur (Empfang, Bibliothek, Boutique) und Signaletik
Agent M, Paris
Szenografie
Ducks scéno, Lyon-Villeurbanne