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Ob im Bus, an der Kasse vom Supermarkt oder im Theater: Menschen mit Agoraphobie haben Angst vor Situationen, aus denen sie im vermeintlichen Notfall nicht so einfach flüchten können. Sie befürchten, Panik zu bekommen, die Kontrolle zu verlieren oder keine Hilfe zu bekommen. Wer sich rechtzeitig behandeln lässt, hat jedoch gute Chancen, die Angst in den Griff zu bekommen!
Manche Agoraphobiker sind so sehr durch die Erkrankung eingeschränkt, dass sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen, weil sie sich nur dort sicher fühlen. Sie meiden alle Situationen, die ihnen bedrohlich erscheinen oder können diese nur in Begleitung oder unter grosser Angst bewältigen. Meist macht sich die unangemessene Angst erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr bemerkbar, insbesondere bei Frauen.
Bis die Diagnose Agoraphobie gestellt wird, vergeht meist eine lange Zeit. Wird sie nicht behandelt, verläuft die Erkrankung oft chronisch: Die Betroffenen vermeiden nach und nach immer mehr angstmachende Situationen und verlieren zunehmend an Lebensqualität.
Eine Verhaltenstherapie kann vielen Menschen mit Agoraphobie helfen. Dabei lernen die Betroffenen schrittweise, ihren Ängsten entgegenzutreten, um zu spüren, dass diese unbegründet sind. Auch mithilfe von Medikamenten oder tiefenpsychologisch fundierten Ansätzen kann man eine Agoraphobie behandeln.
Die Agoraphobie ist eine Angststörung. Wie auch bei anderen Phobien (z.B. Dentalphobie) leiden Personen mit Agoraphobie an unangemessenen Ängsten, die in bestimmten, objektiv ungefährlichen Situationen oder Orten auftreten.
Agoraphobiker haben Angst vor Situationen oder Orten, an denen sie vermeintlich keine Fluchtmöglichkeit haben oder bei denen sie befürchten, im Notfall keine Hilfe zu bekommen. Solche Situationen können beispielsweise der Aufenthalt an öffentlichen Plätzen, in Menschenmengen oder öffentlichen Verkehrsmitteln sein, aber auch alle anderen Orte ausserhalb der eigenen Wohnung. Die Betroffenen fürchten, Panik zu bekommen, sich zu blamieren oder auf andere Weise die Kontrolle zu verlieren. So haben manche etwa Angst, dass ihnen schwindelig werden könnte und dass sie der Situation dann nicht entkommen können beziehungsweise dass ihnen dann niemand helfen kann. Weitere Befürchtungen können sein, einen Herzanfall zu erleiden oder Durchfall zu bekommen.
Die Agoraphobie wird auch als Platzangst bezeichnet. Das Wort agora kommt aus dem Griechischen und bedeutet Marktplatz. Viele Menschen verstehen unter Platzangst die Angst in geschlossenen, engen Räumen wie zum Beispiel im Fahrstuhl. Diese Form der Phobie wird jedoch als Klaustrophobie bezeichnet, während mit Platzangst die Angst vor weiten Plätzen gemeint ist. Platzangst ist jedoch nicht dasselbe wie eine Agoraphobie: Agoraphobiker haben nicht nur Angst vor weiten Plätzen, sondern auch vor anderen Situationen und Orten ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung.
Eine Agoraphobie tritt häufig gemeinsam mit einer Panikstörung auf. Viele Agoraphobiker leiden unter plötzlich auftretenden Panikattacken, welche mit Symptomen wie Übelkeit, Herzrasen, Ohnmachtsgefühlen und Todesangst verbunden sein können.
Eine Agoraphobie beginnt meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Frauen leiden häufiger an Agoraphobie als Männer.
Bei der Agoraphobie sind die Ursachen noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie eine solche Angststörung entsteht.
Lerntheoretische Erklärungen gehen davon aus, dass ein mehrstufiger Prozess zu einer Phobie führt. Zunächst erlernt eine Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation, weil sie eine schlechte Erfahrung damit gemacht hat. Dadurch, dass die Person die angstmachende Situation vermeidet, wird die Angst weiterhin aufrechterhalten – durch das Vermeiden der Situation wird das Ausbleiben der Angst «belohnt».
Man kann jedoch auch eine phobische Angst vor einer Situation oder einem Objekt erwerben, mit der/dem man selbst noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. So kann beispielsweise ein Kind Angst vor einer Situation bekommen, weil es gesehen hat, mit welcher Angst seine Mutter auf die Situation reagiert hat. Durch diese Beobachtung lernt das Kind, dass die Situation mit Angst verknüpft ist.
Auch die Wahrnehmung körperlicher Symptome spielt eine wichtige Rolle. Hat eine Person Angst, führt dies bei ihr zu körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel Herzrasen, Schweissausbrüchen oder Zittern. Diese Beschwerden deutet die Person als Gefahr, was die Angst wiederum noch verstärkt. Durch die damit verbundene Stressreaktion verschlimmern sich die körperlichen Symptome. Auf diese Weise bildet sich ein Teufelskreis der Angst, der dazu führt, dass die Angst immer weiter zunimmt.
Experten gehen davon aus, dass nicht allein schlechte Lernerfahrungen zu einer Angststörung wie der Agoraphobie führen. Vielmehr muss eine Person aus biologischer Sicht besonders anfällig dafür sein, eine solche Erkrankung zu entwickeln.
Ein Faktor, der hierbei offenbar eine Rolle spielt, ist das autonome Nervensystem. Dieses reguliert und kontrolliert die Funktionen der inneren Organe wie etwa Herz und Atmung. Bei Menschen mit einer Agoraphobie scheint das autonome Nervensystem labil zu sein, das heisst, es wird durch Reize sehr leicht erregt. Dadurch können sich Angstsymptome besonders schnell ausbilden. Diese Labilität des autonomen Nervensystems ist wahrscheinlich angeboren.
Vermutlich sind bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn von Angstpatienten aus dem Gleichgewicht geraten, wie zum Beispiel Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Weitere neurobiologische Befunde zeigen, dass bei Menschen mit einer Angststörung eine spezielle Hirnregion Besonderheiten aufweist: das sogenannte limbische System. Dies spielt unter anderem bei der Verarbeitung und Empfindung menschlicher Gefühle eine grosse Rolle.
Genetische Faktoren scheinen ebenfalls an der Entstehung von Angststörungen wie der Agoraphobie beteiligt zu sein.
In der psychoanalytischen Theorie geht man davon aus, dass Ängste durch innere Konflikte entstehen können. Auch glaubt man, dass die Person nie gelernt hat, mit normaler Angst umzugehen. In Konfliktsituationen fühlt sich der Betroffene daher überfordert, so dass alte kindliche Ängste in ihm aufsteigen können.
Personen mit einer Agoraphobie zeigen spezifische Symptome. Sie haben Angst vor Situationen oder Orten, in/an denen ihrer Meinung nach im Notfall keine Hilfe verfügbar wäre oder aus denen sie nicht so schnell flüchten können. Die Angst tritt vor allem dann auf, wenn die Person ihr gewohntes Umfeld verlassen muss, also zum Beispiel die eigene Wohnung. Insbesondere haben Agoraphobiker beispielsweise Angst vor:
Die Betroffenen glauben, in der Situation die Kontrolle zu verlieren und nicht flüchten zu können. Sie fühlen sich ausgeliefert. So befürchten Sie zum Beispiel:
Typisch für eine Angststörung wie die Agoraphobie ist das Vermeidungsverhalten: Aus Angst meidet die Person die bedrohlich erscheinenden Orte und Situationen, was wiederum die Angst noch weiter verstärkt. Phobiker entwickeln eine Erwartungsangst. So kann sich die Phobie immer weiter ausbreiten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Ein Agoraphobiker weiss in der Regel, dass seine Angst unangemessen ist und schämt sich oftmals für sein übertriebenes Verhalten. Manche Betroffene können Angst machende Situationen in Begleitung einer vertrauten Person aufsuchen, schaffen es jedoch nicht, sich allein dorthin zu begeben.
Während der Angst leidet der Betroffene unter Symptomen wie Herzklopfen, Herzrasen Schweissausbrüchen oder Zittern. Die Angst kann sich bis zur Panik steigern und so stark sein, dass der Agoraphobiker die Situation meidet.
Um bei einer vermuteten Agoraphobie die Diagnose zu stellen, führt der Arzt, Psychiater oder Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch mit der Person. So fragt er beispielsweise, welche Beschwerden vorliegen und wie lange diese schon bestehen. Dabei kann er strukturierte Interviewleitfäden oder Fragebögen einsetzen.
Häufig hat der Betroffene bereits einen langen Leidensweg hinter sich, bis die Diagnose Agoraphobie gestellt wird. Gerade bei Menschen, deren Angst sich vor allem durch körperliche Symptome bemerkbar macht, kommt es oft zu Fehldiagnosen, weil man die Ursache für die Beschwerden im körperlichen Bereich sucht.
Für die Behandlung ist es wichtig zu wissen, ob die Angst im Vordergrund steht oder ob sie im Rahmen einer anderen psychischen Erkrankung (z.B. Depression) auftritt. Um auszuschliessen, dass die Angstsymptome auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind (z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion, Angina pectoris, Einnahme bestimmter Medikamente, erhöhter Hirndruck), muss der Arzt die Person zunächst körperlich untersuchen.
Als wichtiges Hilfsmittel zur Diagnose einer Agoraphobie können auch sogenannte Angsttagebücher zum Einsatz kommen. Die betroffene Person hält im Tagebuch fest, wie oft, wann und wie stark die Angst aufgetreten ist. Das Angsttagebuch erleichtert es dem Therapeuten, die Therapie individuell zu planen.
Je früher Menschen mit Agoraphobie eine angemessene Therapie bekommen, desto grösser ist auch die Chance, wieder gesund zu werden. Insbesondere die Verhaltenstherapie hat sich zur Behandlung der Agoraphobie als wirkungsvoll erwiesen. Häufig nehmen die Betroffenen zusätzlich Medikamente ein.
Im Mittelpunkt der Verhaltenstherapie steht das Ziel, dass der Agoraphobiker die Angst auslösenden Situationen und Orte nicht mehr meidet. Wichtig ist dabei, dass er versteht, wie eine Angststörung entsteht.
In der kognitiven Therapie vermittelt der Therapeut dem Betroffenen, welche Denkabläufe dazu geführt haben, dass die Angst aufrecht erhalten wird. Diese Denkmuster werden anschliessend schrittweise korrigiert.
Bei der systematischen Desensibilisierung erstellen der Betroffene und der Therapeut eine sogenannte Angsthierarchie. Ganz unten in der Hierarchie stehen dabei Situationen, die dem Patienten nur wenig Angst machen, während besonders angstbehaftete Situationen ganz oben in der Hierarchie angesiedelt sind. Anschliessend lernt der Phobiker, sich gezielt zu entspannen. Die Situation, die ihm am wenigsten Angst macht, soll er sich dann im entspannten Zustand vorstellen. Da körperliche Entspannung und ängstliche Erregung nicht gleichzeitig bestehen können, baut sich die Angst langsam ab. Nach und nach konfrontiert der Therapeut den Patienten dann mit Situationen, vor denen er grössere Angst hat – zunächst in Gedanken, später auch in der Realität.
Wenn sich der Betroffene unter Anleitung direkt in die Angstsituation begibt, spricht man auch vom Expositionsverfahren. Bei besonders grosser Angst kann der Patient die Situation zunächst nur in Gedanken abrufen, bevor er sich real in sie begibt. Ziel der Exposition ist es, so lange in der Situation zu verbleiben, bis die Angst spürbar nachlässt. Der Betroffene erkennt dann, dass es keinen objektiven Grund für seine Angst gibt.
Bei der medikamentösen Therapie einer Agoraphobie kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.
Da Angst zu einer hohen Anspannung führt, ist es besonders effektiv, wenn Menschen mit Agoraphobie ein Entspannungsverfahren lernen. Dazu sind zum Beispiel Techniken geeignet wie:
Antidepressiva können Ängste lösen und beruhigen. Sie greifen in den Hirnstoffwechsel und in die Konzentrationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) zwischen Nervenzellen ein. Diese Botenstoffe werden benötigt, um Reize von einer Nervenzelle zur anderen zu übertragen. Sie binden dazu an spezielle Stellen (Rezeptoren) der benachbarten Nervenzelle und werden danach entweder abgebaut oder wieder von der ausschüttenden Nervenzelle aufgenommen. Die Konzentration von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin sind bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten.
Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) verhindern, dass die Botenstoffe Serotonin beziehungsweise Serotonin und Noradrenalin in die Nervenzellen wiederaufgenommen werden und verlängern so deren positive Wirkung. Als Nebenwirkungen können Herz-Kreislauf-Beschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme auftreten.
Weitere Antidepressiva, die bei der Therapie einer Agoraphobie helfen können, sind sogenannte MAO-Hemmer (Monoaminooxidase-Hemmer). MAO-Hemmer verhindern, dass die sogenannten Monoamine (Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin) abgebaut werden, so dass diese in höherer Konzentration vorliegen und dadurch depressions- und angstlindernd wirken.
Um die Zeit bis zur Wirkung der Antidepressiva zu überbrücken, setzen Ärzte häufig auf Benzodiazepine. Diese zählen zur Gruppe der Beruhigungs- und Schlafmittel. Benzodiazepine wirken sehr rasch und können abhängig machen. Daher dürfen sie nur kurze Zeit und nur so lange wie nötig eingenommen werden.
Manchmal kommen bei der Behandlung einer Agoraphobie auch tiefenpsychologische Verfahren zum Einsatz, die auf den Grundlagen der Psychoanalyse basieren und sich meist über mehrere Jahre erstrecken. Der Konflikt, der nach dieser Erklärung der Angst zugrunde liegt, wird aufgedeckt und bearbeitet. An erster Stelle steht dabei, dass der Patient lernt, die Ängste besser zu bewältigen.
Personen, die unter einer Agoraphobie leiden, werden in Einzelfällen mit Betablockern behandelt. Betablocker bewirken, dass psychische und körperliche Symptome nicht mehr so eng miteinander verbunden sind. Zu den Nebenwirkungen zählen Kopfschmerzen, Hautallergien und depressive Verstimmungen.
Der Agoraphobiker soll lernen, dass er sich auch ohne Medikamente einer Angst stellen kann. Daher ist es wichtig, dass zum Beispiel Konfrontationsübungen nicht unter dem Einfluss Angst lösender Medikamente erfolgen.
Bei einer Angststörung wie der Agoraphobie sind die Betroffenen häufig sozial isoliert. Mithilfe der Soziotherapie soll durch Einsatz von Gruppentherapie und stufenweise berufliche (Wieder-)Eingliederung diese Isolation vermindert werden.
Bleibt eine Agoraphobie unbehandelt, nimmt sie oft einen chronischen Verlauf. Die Betroffenen vermeiden zunehmend mehr Situationen und Orte. Durch die Angst vor der Angst (Erwartungsangst) ziehen sich die Betroffenen immer mehr zurück. In der Folge sind sie immer stärker eingeschränkt und verlieren an Lebensqualität. So haben sie zum Beispiel Probleme, zur Arbeit zu fahren oder Freunde zu besuchen. Wenn es nicht mehr möglich ist, zur Arbeit zu gehen, kann die Erkrankung auch zu einem sozialen Abstieg führen.
Ohne eine Therapie kann eine Agoraphobie jahrzehntelang andauern und sich immer weiter verstärken. Die Angst kann so stark werden, dass ein Agoraphobiker nicht oder nur noch in Begleitung in der Lage ist, sein Zuhause zu verlassen. So kann es passieren, dass er sich immer weiter von der Aussenwelt isoliert. Erkrankungen wie Depressionen, aber auch Panikattacken können die Folge sein. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die Betroffenen versuchen, ihre Angst langfristig durch Beruhigungsmittel oder Alkohol zu betäuben, was zur Abhängigkeit führen kann.
Einer Agoraphobie kann man nicht vorbeugen. Jedoch können Sie frühzeitig reagieren, wenn Sie erste Symptome bei sich oder anderen feststellen.
Wenn Sie bemerken, dass Sie Angst davor haben, sich in von Ihrer gewohnten Umgebung zu entfernen, weil Sie fürchten, im Notfall nicht flüchten zu können, ist es beispielsweise ratsam, dass Sie sich ganz bewusst erneut dort hinbegeben. So können Sie die Angst abbauen. Zögern Sie jedoch nicht, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, wenn Sie merken, dass Sie die Situation nicht oder nur schwer allein bewältigen können!
Je früher Sie den Teufelskreis von Angst und Vermeidungsverhalten unterbrechen, desto eher verhindern Sie, dass die Agoraphobie chronisch wird. Insbesondere wenn Sie schon länger unter Ängsten leiden, ist es ratsam, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Denn je länger das Problem besteht, desto mehr Überwindung kostet es Sie, sich Ihren Ängsten zu stellen.