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Liebe JEANS.CH-Freunde,
In modischen Belangen hält St. Gallen ja weder mit Paris („was ich dort kaufe, gilt bestimmt überall auf der Welt irgendwie als chic“) noch Antwerpen („in den hintersten Ecken angesagter Pop-Up-Stores finde ich Fummel, die garantiert noch niemand trägt und von denen ich nicht weiss, ob sie ihrer Zeit ein klein wenig voraus oder schlicht doof sind“) mit. Zwei, drei Textilbetriebe, die den Niedergang der Stickereiindustrie überlebt haben und jetzt in Mailand oder am Broadway vorne mitmischen, und natürlich Akris. Nichts von dem beeinflusst die tagtägliche Streetfashion St. Gallens massgeblich. Aber: An der Hauptflaniermeile sind das Textilmuseum und, diesem angegliedert, die Textilbibliothek zu finden. Beides sehr empfehlenswert. Allerdings, auch dies sei empfohlen, sollte man sich bei einem Besuch warm, respektive die robustesten Jeans anziehen. Der Charme des Bibliothekpersonals ist diskret und etwas räss, wie wir hier zu sagen pflegen. Dafür wird man fündig. Zum Beispiel zum Thema Jeans und wie das alles begann.
Wie versprochen habe ich mein Jeans-Wissen aufgefrischt und mich gefragt: Wer hat die Hose also erfunden? Wie von meiner Mutter kolportiert, die Amerikaner beim Bau des Eisenbahnnetzes? Halbrichtig. Es scheint heutzutage nicht mehr eindeutig festzustellen, wer denn nun als erster die Idee zur Herstellung der „Riveted Pants“ oder „Waistoveralls“, wie die Hosen zu jener Zeit, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, genannt wurden, hatte. Diese „Hüfthose aus Denim“ ähnelte schon stark unserer heutigen klassischen Jeans. Neu an ihr war der Stoff, der ursprünglich für militärische Zwecke wie dem Zeltbau verwendet wurde, sowie die Nieten, welche die Hosen verstärkten. Die Jeans entwickelten sich zwar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dienten als Arbeitsbekleidung. Der Schienenbau hatte allerdings nicht viel mit den „Riveted Pants“ zu tun, ausser vielleicht damit, dass Denim, der Jeansstoff aus Genua, überhaupt in Richtung Westen transportiert werden konnte. Aber die ersten Leute, die Jeans trugen, arbeiteten zweifellos auch hart. Es waren die Goldsucher und Minenarbeiter Kaliforniens. Vermutlich trafen hier Zeit- und Erfindungsgeist der Arbeiter und Schneider mit der Entstehung von Textilfabrikationen zusammen. Verschiedene Legenden rücken unterschiedliche „Erfinder“ der „Riveted Pants“ in den Fokus der Jeans-Geschichte: Ob es sich nun aber um Levi Strauss, den Firmengründer von Levi Strauss & Co,. oder einen Schneider namens Jakob W. Davis handelte: Die Goldgräber hatten damit zu kämpfen, dass ihre Hosen von den aufgesammelten Mineralien von heute auf morgen durchgescheuert wurden. Also musste strapazierfähigere Bekleidung her. Und irgend jemand fand den richtigen Stoff (schräggewebter Drillich aus Genua). Irgend jemand tackerte ihn mit Nieten zusammen. Irgend jemand verpasste der Arbeitshose zwischen den Beinen eine U- und nicht mehr, wie bisher, eine V-Form, was zu grösserer Bewegungsfreiheit führte. Und alle anderen fanden, dass die neue Hose etwas taugte. Der Rest war wohl Mund-zu-Mund-Propaganda und amerikanischer Unternehmensgeist.
„Hm, und bist Du jetzt schlauer?“, fragte mich Fäbs als ich ihr bei einem Feierabend-Bier von meinen Forschungsergebnissen berichtete.
„Klar“, sagte ich. „Immerhin weiss ich jetzt: Meine Mutter protzte mit Halbwissen.“
„Besser als gar kein Wissen. Wir wissen zum Beispiel immer noch nicht: Sind Jeans mit Löchern wieder modern oder einfach doch nicht so widerstandsfähig wie von den Herstellern behauptet?“
Wie klug Fäbs doch ist. Wenn sie nicht wäre, wer gäbe mir die Gelegenheit, dem St. Galler Jeans-Volk mal ein bisschen auf die Beine zu schauen?
Bis zum nächsten Mal,
Eure Sandra