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Titel
Bewußtsein,
im absoluten
Sinne die charakteristische
Eigenschaft der Seelenvorgänge, wie etwa
Bewegung das bleibende
Merkmal der physikalischen
Prozesse bezeichnet. In diesem
Sinne sowie mit Rücksicht auf die an
Bewußtsein gebundene
Ausdehnung
[* 2] unsrer
innern
Erfahrung hat man vom
Bewußtsein als von der Grundbedingung des Seelenlebens und der
Psychologie gesprochen.
In einem mehr relativen
Sinne dagegen unterscheidet man die von irgend einem
Grade der
Aufmerksamkeit begleiteten und in eine
das Innenleben beherrschende psychische Synthese zusammengefaßten Vorgänge als bewußte von den im
Hintergrund thätigen,
mehr oder weniger verdunkelten seelischen
Inhalten.
Für die letztern kann der freilich ungeschickte
Ausdruck unbewußt allenfalls gebraucht werden (vgl.
Vorstellung). Mit diesem
Ausdruck soll keineswegs gesagt werden, daß diese latenten
Massen des psychischen
Charakters entbehrten, denn dann wäre es
unerklärlich, wie
sie den klarbewußten Vorstellungsablauf bestimmen und zu einem erworbenen Zusammenhang des
Seelenlebens sich zusammenschließen könnten.
Besser nennt man sie aber vielleicht mit
Dessoir unterbewußt, zum Unterschied
von den oberbewußten
Elementen, auch mit Rücksicht darauf, daß vielfach die beiden so getrennten
Bewußtseinssphären gleichzeitig
verschiedene Thätigkeiten
in sich abspielen lassen können (Doppel
bewußtsein) oder sich in der Herrschaft neben den ganzen
Menschen abwechseln (alternierendes am klarsten in der
Scheidung zwischen Traum[hypnotischem]
Bewußtsein
und Wach
bewußtsein vertreten). Es ist daher falsch, dem
Schlafe, der
Hypnose, dem epileptischen Anfall etc. das
Bewußtsein abzusprechen;
solche Zustände leiden wohl unter dem Mangel der
Besonnenheit und haben Erinnerungslosigkeit zur
Folge, sind aber nicht Zustände
der sogen.
Bewußtlosigkeit.
Während
Bewußtsein im absoluten
Sinne sich vom Standpunkt einer empirischen
Psychologie aus naturgemäß weder
erschöpfend definieren, noch gar erklären läßt, scheint
Bewußtsein im relativen
Sinne nach drei Seiten hin einer teils positiv
erläuternden, teils negativ begrenzenden nähern Bestimmung fähig zu sein, doch stehen gerade in der
Lehre
[* 3] vom
Bewußtsein wie in
dem eng damit verbundenen
Kapitel von der
Aufmerksamkeit und
Apperzeption die
widersprechendsten
Ansichten
sich schroff gegenüber.
1) Ein psychisches
Moment scheint um so bewußter zu sein, mit je mehr andern homogenen
Momenten es verschmolzen ist: eine
Sinnesempfindung fällt dann mit besonderer Deutlichkeit ins
Bewußtsein, wenn zahlreiche verwandte
Vorstellungen sich ihr bei
ihrem
Eintritt in den dominierenden Thätigkeitsablauf der
Seele anschließen.
2) Diese selbe
Eigenschaft der
Bewußtseinskonzentration wird gewöhnlich durch die Vergleichung mit dem Blickfeld des
Auges
(s.
Gesicht)
[* 4] verdeutlicht, indem man dabei von jener bildlichen Ausdrucksweise
Gebrauch macht, welche das ein inneres
Sehen
[* 5] nennt.
Sagen wir von den in einem gegebenen
Augenblick gegenwärtigen
Vorstellungen, sie befanden sich im
Blickfeld des
Bewußtseins, so kann man denjenigen Teil des letztern, welchem die
Aufmerksamkeit (s. d.) zugekehrt ist, als
den innern Blickpunkt bezeichnen. Den
Eintritt einer
Vorstellung in das innere Blickfeld nennt
Wundt
Perzeption, ihren
Eintritt
in den Blickpunkt
Apperzeption.
3) Obwohl die so gewonnenen nähern Bestimmungen des
Bewußtseins als
Bild ihren Wert behalten, müssen
sie doch durch eine prinzipielle Erwägung erhebliche Einschränkung erleiden. Das
Bewußtsein darf nicht als eine
selbständige, bald hierhin, bald dorthin wandernde Macht in der
Seele aufgefaßt werden, welche neben dem Seeleninhalt stünde;
im Gegenteil, alles, was von der üblichen
Theorie der Thätigkeit und der Veränderungen eines substanziierten
Bewußtseins zugeschrieben wird, muß aus
Gründen der Sparsamkeit und der
Einheit der psychologischen
Anschauung als Veränderung
des Bewußtseinsinhaltes gedeutet werden.
(Münsterberg.)
[* 6]
Enge des Bewußtseins bezeichnet mit einem rein bildlichen Ausdruck die Thatsache, daß wir uns in einem gegebenen Augenblick immer nur einer beschränkten Anzahl von psychischen Inhalten deutlich bewußt sind. Die nähere Bestimmung dieser Anzahl wird jetzt nicht mehr wie früher aus abstrakten Überlegungen, sondern durch experimentelle Untersuchungen zu gewinnen versucht, und zwar benutzt man hierzu die Gleichheit von Gruppen successiver Eindrücke. Es sollen danach zwölf einfache Vorstellungen als Maximalumfang des Bewußtseins für relativ einfache und aufeinander folgende Vorstellungen zu betrachten sein. Jedoch können die Voraussetzungen, unter denen die Versuche, als zur Lösung des Problems geeignet, vorgenommen wurden, angefochten werden. Dagegen lassen sich noch einige allgemeine Regeln aufstellen.
1) Der Umfang des Bewußtseins steht im umgekehrten Verhältnis zur Stärke [* 7] der Aufmerksamkeit und des Interesses: je intensiver Aufmerksamkeit und Interesse angespannt sind, desto kleiner wird die Anzahl der vom Bewußtsein umfaßten Inhalte.
2) Bei gleichmäßig verteiltem Interesse können gleichzeitig Sinnesempfindungen aller sechs Sinne nebst einer Vorstellungsreihe im B. vorhanden sein. (Spencer.) 3) Der Kreis [* 8] der vom relativen Bewußtsein beleuchteten Momente in uns ist ein sehr enger im Vergleich zu der unbeleuchteten Fläche.
Einheit des Bewußtseins bezeichnet die wesentliche Eigenschaft unsers Seelenlebens, daß in ihm die Thatsache des Vergleichens möglich ist. Denn zum Vergleichen gehört, daß zwei unterschiedene Vorgänge doch zu einer Einheit synthetisiert werden: zwei Nüancen der Farbe Rot müssen, um miteinander verglichen werden zu können, in ihrer Unterschiedenheit erhalten, gleichzeitig im B. existieren. Die so verstandene Einheit des Bewußtseins ist ¶
mehr
ausschließlich der psychischen Thätigkeit eigen; in der Außenwelt sind alle Größen entweder raum-zeitlich getrennt, oder untrennbar und ununterscheidbar zu einer Einheit verschmolzen, physikalisch bilden also Verschiedenheit und Einheit kontradiktorische Gegensätze. Diese Thatsache, daß innere Zuständlichkeiten unvermischt in die unteilbare Handlung der Vergleichung eingehen, bildet die Grundlage der Kontinuität unsers Bewußtseins; sie ermöglicht ferner, daß aus einer Anzahl von Sinnesempfindungen die Wahrnehmung eines dinglichen Objekts entsteht; sie bringt es endlich zuwege, daß aus Einzelvorstellungen, Einzelgefühlen, Einzeltrieben in ansteigendem und sich verjüngendem Aufbau die immer voller und lebendiger werdenden höhern Zuständlichkeiten des Bewußtseins entstehen, ohne daß doch die genannten Elemente als Elemente (etwa wie die Faktoren im Produkt) verschwanden. Jedoch läßt sich aus der so festgestellten Einheit des Bewußtseins der Schluß auf einen substantialen Träger [* 10] derselben, d. h. auf eine unteilbare, immaterielle und damit auch unsterbliche Seele, nicht ableiten.
Selbstbewußtsein bezeichnet das Innewerden der psychischen Akte als einer zusammengehörigen Kette und die Beziehung dieser Kette auf ein Zentrum, das Ich. Das erste Merkmal des Selbstbewußtseins findet sich bereits bei dem Neugebornen, denn es ist die Vorbedingung aller persönlichen Erfahrung; das zweite Merkmal jedoch entwickelt sich erst allmählich im Kinde, bis es etwa im vierten Lebensjahr zum Selbstbewußtsein wird. Hierbei sind folgende Punkte von Wichtigkeit.
1) Da Sinnes- und Bewegungsempfindungen vom Beginn des Lebens an im Menschen thätig sind, da insbesondere immer einzelne Muskeln [* 11] in Spannung verharren, so fehlt niemals in unserm Bewußtsein eine bald unklare, bald klarere Vorstellung von den Stellungen oder Bewegungen unsers Körpers, und es entsteht eine permanente Vorstellungsgruppe, die eine mit der Umgrenzung des Körpers gegebene Neigung zur Zentralisation besitzt und hierdurch wie durch den Umstand, daß Bewegungen unmittelbar, Empfindungen mittelbar von dem Einen kontinuierlichen Willen abhängig sind, zu dem Selbstbewußtsein hinführt.
2) Die Abhängigkeit des Individuums von Reizen, die als Fremdes empfunden werden, und der Widerstand, auf den seine Bewegungen häufig treffen, läßt das Individuum die Sphäre seiner Machtherrschaft von einer Außenwelt scheiden. Je mehr nun psychische Inhalte verschmelzen und zu einer Kontinuität sich zusammenschließen, desto mehr wird die Identität des innern Daseins erfaßt und im Selbstbewußtsein dargestellt. Freilich ist zunächst das Selbstbewußtsein weit von dem abstrakten Ichbegriff entfernt und gleicht mehr einem Lebensgefühl, aber indem die Sinne auch den eignen Körper und damit die Grenzen [* 12] der direkten Machtsphäre wahrnehmen, geben sie dem primitiven Selbstgefühl eine feste Vorstellungsgliederung, welche die Einsicht eines einheitlichen Ich unabweisbar nahe legt.
3) Die dargelegte Auffassung wird unterstützt durch die gewöhnlichen Erfahrungen einer Beeinträchtigung des Selbstbewußtseins bei Krankheit und Schmerz sowie vornehmlich durch die pathologischen Thatsachen, daß Empfindungslosigkeit und Hirnkrankheiten das Selbstbewußtsein trüben oder in zwei und mehr Persönlichkeiten auflösen.
Vgl. Wolff, Das und sein Objekt (Berl. 1890);
Franz Müller, Psychopathologie des Bewußtseins (Leipz. 1889);
Dessoir, Das Doppel-Ich (das. 1890).