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Das Futtermittelangebot in der Schweiz beträgt insgesamt 8,4 Mio. Tonnen Trockensubstanz. Bei 85 Prozent der in der Schweiz eingesetzten Futtermittel handelt es sich um inländische Produkte (Futtergetreide, Raufutter wie Gras und Heu, Silage, Mais, Kartoffeln etc.). Der Importanteil bei den Futtermitteln beträgt rund 15 Prozent, importiert wird vorwiegend Kraftfutter. Rund die Hälfte der Futtermittelimporte sind Nebenerzeugnisse der Nahrungsmittel- und Bioenergieindustrie. Sie stehen damit nicht in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung.
In den letzten Jahren stiegen die Futtermittelimporte an. Für diese Entwicklung sind wirtschaftliche und politische Gründe verantwortlich. Neben einer Ausdehnung der Milch- und Gefluügelproduktion, der vermehrten Spezialisierung und damit verstärkten wirtschaftlichen Optimierung der Fütterung im Hinblick auf eine Leistungssteigerung führten auch das Fleischmehlverbot, eine starke Reduktion der Fischmehlimporte und die Senkung der Futtergetreidepreise zu dieser Entwicklung.
Insgesamt ist der Futtermitteleinsatz heute tiefer als noch vor 30, 40 Jahren. Zum einen, weil die Rindviehbestände seit über 30 Jahren rückläufig sind. Weniger Vieh frisst weniger Futtermittel. Zum anderen, weil die Produktionstechnik effizienter wurde, aber auch wegen Fortschritten in der Züchtung. Heute kann man mit weniger Kühen mehr Milch erzeugen.
Auf politischer Ebene wird die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft vor allem in der tierischen Produktion gesehen, insbesondere in der Milchproduktion. Diese soll allerdings wettbewerbsfähiger gemacht werden. Dazu dient der Politik u.a. die Senkung der Futtermittelpreise, da diese einen Hauptkostenpunkt in der tierischen Produktion darstellt.
Standen früher vor allem Getreideimporte im Vordergrund (Energiefutter), wurden in den letzten Jahren zunehmend Ölkuchen (Eiweissfutter), speziell von Soja, importiert. Die zunehmende Spezialisierung der Betriebe und der Zwang zur wirtschaftlichen Optimierung hat sich auf die Fütterung ausgewirkt. Teuer ist jedes Futter, das mit Arbeit verbunden ist; sparen kann man vor allem, indem man Futtermittel billig aus dem Ausland importiert.
Weniger Eiweissfutter aus dem Inland
Zwischen 1990/92 und 2008/09 sind zahlreiche Eiweissfuttermittel im Inland weggefallen. Die Gründe dafür waren unterschiedlich:
Wegfall inländisches Fleischmehl wegen Verbot nach der BSE-Krise
ca. - 40'000 t
Rückgang Fischmehlimporte, v.a. preisbedingt
ca. - 40'000 t
Rückgang Grasmehlproduktion wegen Energiekosten
ca. - 60'000 t
Schliessung Ölwerk Unilever und damit Wegfall pflanzlicher Eiweissfuttermittel aus der Speiseölproduktion von importierten Ölsaaten
ca. - 60'000 t
Rückgang Maiskleberimporte aus div. Gründen
ca. - 20'000 t
Rückgang Kartoffeleiweissimporte, v.a. preisbedingt
ca. - 10'000 t
Verbot Verfütterung Gastroabfälle als Schweinesuppe
ca. - 10'000 t
Quelle: Greenpeace Studie, Priska Baur 2011
Nicht aus der Region, aber aus der Nähe
Bei den Herkünften für das Importfutter sollte man zwischen Energieträgern und Eiweissträgern unterscheiden: Energieträger, wie Futtergetreide, stammen zu rund 90 Prozent aus Deutschland und Frankreich. Das Eiweissfuttermittel Soja stammt dagegen zur Hälfte aus Brasilien, der Rest kommt v.a. aus China, aber zunehmend auch aus Europa.
Soja in der Kritik
Als Tofu, Tempeh Lecithin oder Sojasahne liegt Soja voll im Trend. Im menschlichen Speiseplan wird die kleine Bohne europaweit immer gefragter und die Palette an (veganen) Sojaprodukten wird laufend erweitert. Als Hilfsmittel in ökologischen Waschmitteln, als Bestandteil von Farben und Lacken, als Agrartreibstoff oder Bestandteil von Kunststoffen gilt Soja als guter, weil nachwachsender Rohstoff.
Das ändert sich sobald Soja im Futtertrog landet, dann wird es stark kritisiert. Dann ist das schlechte Image auf die Art und Weise zurückzuführen, wie die Sojapflanze angebaut wird. Soja ist zwar ein wichtiger Eiweisslieferant für Mensch und Tier und eine entscheidende Einkommens- und Devisenquelle für die Anbauländer, doch die Hülsenfrucht sorgt auch für Umweltprobleme.
Die reichen von der Abholzung von Regenwäldern über Wasserverschmutzung bis hin zu Bodenerosion und abnehmender Artenvielfalt. Durch die veränderte Landnutzung, die Produktion und den Einsatz von Dünger für den Sojaanbau entstehen hohe Treibhausgasemissionen. Auch führt die Ausdehnung des Sojaanbaus zu gesellschaftlichen Konflikten und Spannungen zwischen den Erzeugern und den jeweiligen Gemeinden aufgrund von Land- und Arbeitnehmerrechten, Landflucht usw.
Dabei ist Soja eine der wichtigsten und effizientesten Nutzpflanze weltweit. Als Hülsenfrucht kann sie sich sogar grösstenteils selbst mit Stickstoff versorgen. Die Sojabohne zählt zu den Ölsaaten, ist aber wegen des hohen Eiweissanteils auch ein Eiweissfuttermittel. Global betrachtet Sojaöl das zweitwichtigste Speiseöl (nach Palmöl) und das mit Abstand wichtigste pflanzliche Eiweissfuttermittel (vor Raps).
Die günstigen Produktionskosten und hohen Proteinwerte sowie Eiweiss-Zusammensetzung (die Aminosäuren sind mit tierischem Eiweiss vergleichbar) macht die Pflanze für eine vielseitige Verwendung interessant. Die Verfügbarkeit auf dem Weltmarkt ist hoch, die Preise im Vergleich zu anderen Eiweissfuttermitteln relativ gut. Und es gibt eine ausgebaute und funktionierende Logistik zur Trennung von GVO- und GVO-freier Soja.
Rund 75 Prozent der weltweit produzierten Soja wird für die Nutztierfütterung verwendet. Die höchsten Sojaanteile finden sich in Proteinkonzentraten für Milchvieh. Sojaanteile von 20 Prozent und mehr finden sich im Geflügel-Futter und teilweise in der Rindviehmast. Mastschweine haben einen eher geringen Soja-Anteil von 5 bis 10 Prozent im Mischfutter, da sich zu viel Soja negativ auf die Fleischqualität auswirkt. In der Schweiz ist der Import von Sojaschrot und Sojabohnen auf knapp 290'000 Tonnen angestiegen. Trotzdem macht Soja nicht viel mehr als 15 Prozent des Eiweissfutters aus.
Sojanetzwerk
Die ökologischen und sozialen Probleme sind nicht neu, welchedie Sojaproduktion in Südamerika in den letzten Jahren gebracht hat. Deshalb haben Coop und WWF schon 2004 die sogenannten "Basler Kriterien" für einen nachhaltigen Sojaanbau definiert. 2011 wurde das Soja Netzwerk Schweiz gegründet. Die Mitglieder des Vereins (es handelt sich um einen Zusammenschluss aus Sojabeschaffern, Produzentenverbänden, Label- und Umweltorganisationen, Herstellern und Detailhändlern) setzen sich seither aktiv dafür ein, dass primär Soja aus verantwortungsbewusster Produktion importiert wird.
Zu den Bedingungen gehört, dass keine Primärwaldflächen gerodet sowie Boden und Wasser geschützt werden. Der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln soll minimiert werden. Auch soziale Kriterien werden berücksichtigt: Es gelten Arbeitsrechte, Kinderarbeit ist verboten, die Arbeitsbedingungen müssen fair sein und die Landrechte respektiert werden. Zudem muss das Soja gentechfrei sein. 99 Prozent vom im Jahr 2016 in die Schweiz importierten Futtermittelsoja erfüllt diese Kriterien. Die Zielerreichung wird jährlich gemessen.
Quelle: Sojanetzwerk, www.sojanetzwerk.ch
Nischenprodukt Schweizer Soja
In der Schweiz wird nur wenig Soja angebaut. Der Grund liegt nicht nur im Klima (Soja hat einen hohen Wärmebedarf) und den bescheidenen Erträgen, sondern auch am Preis: Mit den Futtermittelpreisen aus Übersee kann Schweizer Soja nicht mithalten. Wenn Soja hierzulande angebaut wird, dann fast nur für die Produktion von Lebensmitteln wie Tofu, vor allem in Bioqualität. Das Hauptproblem im Bio-Sojaanbau ist das Unkraut. Dessen Bekämpfung treibt die Produktionskosten im Bioanbau in die Höhe. Im Jahr 2016 haben rund 600 Bauern auf 1'777 Hektaren 4'900 Tonnen Soja in der Schweiz produziert.
Agroscope nimmt mit einem Züchtungsprogramm an der Umsetzung einer europäischen Protein-Strategie teil. Die ersten Agroscope-Sorten ohne grasigen Geschmack (der bei der Produktion von Tofu unerwünscht ist) wie „Aveline“ und „Amandine“ sind vielversprechend. Und das Forschungsinstitut FiBL unterstützt Biobauern beim Anbau von Bio-Soja in der Schweiz.
Es bleibt dennoch illusorisch den gesamten Eiweissbedarf der Schweizer Nutztiere mit Soja aus heimischem Anbau zu decken. Dafür wäre rund ein Drittel bis die Hälfte der offenen Ackerfläche der Schweiz nötig. Diese Fläche würde dann nicht mehr für Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Co zur Verfügung stehen.
Knospe-Futter bald nur noch aus Europa
Bio schützt vor Importen nicht. Auch Biobauern sind mitunter auf zusätzliches Futter aus dem Ausland angewiesen. Allerdings darf der Anteil an Kraftfutter für Wiederkäuer, Pferde und Kaninchen auf Bio Suisse Betrieben maximal zehn Prozent betragen, was den Importanteil reduziert. Ausserdem hat Bio Suisse entschieden, nur noch Importe aus Europa zuzulassen. Seit Anfang 2017 werden die Importe von Knospe-Futtermitteln aus Übersee schrittweise abgebaut. Ab 2019 soll sämtliches importiertes Knospe-Futtermittel aus Europa stammen.
Diese Branchenvereinbarung mit Bio Suisse bezieht sich hauptsächlich auf Soja. Der Biosoja-Import erfolgte in den letzten Jahren mehrheitlich aus China, 2014 stammten 70 Prozent des Knospe-Sojas von dort. Ab 2017 soll der Anteil an europäischem Soja mindestens 40 Prozent und ab 2018 mindestens 70 Prozent betragen. Ab 2019 muss dann sämtliches importiertes Knospe-Futtermittel aus europäischem Anbau stammen.
Das ist eine sportliche Herausforderung. Noch übersteigt der Bio-Sojabedarf in der Schweiz die Verfügbarkeit von Knospe-Soja aus Europa. Die europäische Produktion muss folglich weiter ausgebaut werden. Deshalb unterstützt das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) den biologischen Soja-Anbau in Ländern Osteuropas.
Quelle: Bio Suisse
Alternativen zum Sojaschrot
Es gibt Lösungsvorschlage, die auf einen Rückgang der inländischen tierischen Produktion abzielen. Das ändert aber nichts an der globalen Nachfrage nach Soja, solange der Konsum tierischer Nahrungsmittel gleich bleibt. Im Gegenteil: Der Verzicht auf Soja in der Schweiz würde die Produktion in Länder verlagern, die weit mehr Soja verfüttern und dieses erst noch aus GVO-Anbau beziehen. Das käme höchstens einer Problemverlagerung gleich, wäre aber keine Lösung. Alternativen zum Soja gibt es einige, doch längst nicht alle sind so einfach zu handeln wie Soja.
Bei Wiederkäuern könnte man am ehesten auf Soja verzichten. Dort liesse sich der Eiweissgehalt des Grundfutters erhöhen, indem die Weide intensiviert wird. Ein allfällig bestehendes Eiweissdefizit liesse sich mit Rapsschrot/-kuchen, Kartoffelprotein oder Maiskleber decken.
Bei den Nicht-Wiederkäuern ist es schwieriger. Rapsschrot hat eine andere Zusammensetzung und einen vergleichsweise hohen Phosphor-Gehalt, was in der Schweinemast nicht erwünscht ist. Maiskleber hat ein unausgewogenes Aminosäurenmuster. Kokosschrot wird war sehr preisgünstig angeboten, ist aber oft stark mykotoxin-belastet. Mykotoxin ist ein Pilzgift, das in der Fütterung zu Problemen führt. Kartoffelprotein ist teurer und nur begrenzt verfügbar. Eiweisserbsen, Ackerbohnen und Luzerne haben einen tieferen Eiweissgehalt und teilweise unerwünschte Inhaltsstoffe. Es gibt eigentlich nichts, das mit Soja mitziehen kann.
Eine Entlastung könnte die Verfütterung von Tiermehl bringen. Tierisches Proteinmehl ist eine wertvolle Futterkomponente, auch wenn sein Einsatz auf 4 bis 10 Prozent in der Futterration begrenzt ist. Die Verarbeitung und Zulassung der nicht-kannibalischen Verfütterung von Schweine- und Geflügelabfällen wird in der EU diskutiert. Die Schweiz wird keinen Alleingang wagen. Eine echte Problemlösung kann man aber nicht erwarten: Das Potenzial in der Schweiz beträgt laut Experten maximal 20'000 bis 30'000 Tonnen.