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Wenn Abt Somnuek Atipanyo seinen Tempel betreten will, steigt er durchs Fenster. Die Tür liegt heute auf dem schlammigen Meeresboden. Der 51-jährige Mönch nimmt es gelassen. Er führt uns durch sein Wat, das auf einer Betonplattform im Meer steht.
Vor vierzig Jahren war hier die Küste. Heute hat die Erosion das Land rundherum weggefressen.
Wie sollen die Menschen dann das Problem der Erosion kennen, wenn ich hier wegziehe?
Der Grund: Das Land sinkt, der Meeresspiegel steigt. Zwischen Tempel und Horizont, mitten im Wasser, steht noch einsam eine Reihe von Strommasten. Sie standen entlang einer Strasse. «Solange ich noch lebe, mache ich alles dafür, dass der Tempel überlebt.», sagt er. «Wie sollen die Menschen dann das Problem der Erosion kennen, wenn ich hier wegziehe?»
Das Wat Khun Samut Chin liegt an der Küste, nur 20 Kilometer von Thailands Hauptstadt Bangkok entfernt. Nicht weit davon mündet der Chao Phraya, der wichtigste Fluss Thailands, ins Meer.
Es ist eine Region, die künftig vom Klimawandel besonders betroffen sein wird. Der heute publizierte IPCC-Sonderbericht «Ozean und Kryosphäre» beschreibt Küstenregionen als besonders verwundbar. Der Meeresspiegel könnte je nach Szenario in den nächsten Jahrhunderten um einen bis zu mehreren Metern ansteigen.
In Südostasien sind viele Millionenstädte verwundbar: Saigon, im tiefliegenden Delta des Mekong gebaut. Jakarta, das schon heute gegen das Versinken kämpft. Manila, das sich künftig wohl gegen immer stärkere Taifune wappnen muss. Oder auch Singapur, Stadt und Staat zugleich, der sich vor einem steigenden Meeresspiegel fürchtet.
Behutsam verpackte Kritik an der Politik
Die 10-Millionen-Stadt Bangkok hat all diese Probleme zugleich. Auf dem Überschwemmungsgebiet des Chao Phraya gebaut, liegt es nur etwa eineinhalb Meter über Meer. Der Meeresspiegel steigt hier etwa einen halben Zentimeter pro Jahr. Der Boden senkt sich mit eineinhalb Zentimetern pro Jahr. Setzt sich dieser Trend fort, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Stadt das Level des Meeresspiegels erreicht. Im neuen IPCC-Sonderbericht rechnet ein pessimistischstes Szenario mit einem Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 um 84 Zentimeter.
Thanawat Jarupongsakul ist Geologie-Professor an der Chulalongkorn-Universität und studiert die bevorstehenden Gefahren seit 30 Jahren. Eine Verlegung der Hauptstadt, so wie das Indonesien mit Jakarta kürzlich beschlossen hat, kommt für ihn nicht in Frage. Er plädiert für Adaption: «Wir haben zweihundert Jahre in Bangkok investiert, wir müssen intelligenter handeln, als einfach wegzuziehen.» Er und sein Team studieren zurzeit, wie Bangkok künftig mit mehr Wasser überleben kann. Beispielsweise mit mehr Auffangbecken im Stadtkern.
Jarupongsakul rechnet mit einem Anstieg von maximal 60 Zentimetern bis 2100, weiter in die Zukunft will er nicht schauen. Sein aktuelles Projekt: Die Erosion an der Küste mit der Aufforstung von Mangrovenwäldern zu stoppen. Aber an den Schalthebeln der Politik scheint der Klimawandel kaum eine Bedeutung zu haben, obwohl die Lage der Stadt langsam, aber stetig bedrohlicher wird. «Ich frage mich manchmal, ob die Entscheidungsträger überhaupt realisieren, dass die Situation echt ist», sagt Jarupongsakul. Eine Kritik eines Akademikers, auf thailändische Weise behutsam verpackt.
«Venedig des Ostens» bekämpft Wasser
Ein dringlicheres Problem sind die Überschwemmungen zur Regenzeit. Das wurde Thailand im Jahr 2011 klar, als eine Jahrhundertflut die Hauptstadt über Monate unter Wasser setzte.
Dafür ist auch das rasante Wachstum der Stadt in den letzten 40 Jahren verantwortlich. Noch im 19. Jahrhundert trug die Stadt im Westen oft den Namen «Venedig des Ostens». Ein dichtes Netz von Kanälen zog sich durch die Stadt, die einerseits als Transportwege und andererseits als Abwasserkanäle dienten. Heute ist die Stadt ein städteplanerischer Albtraum und die traditionellen Wasserwege sind zugebaut. Rund um den Chao Phraya, der mitten durch die Stadt und dann gleich ins Meer fliesst, hat die Stadtregierung eine bis zu drei Meter hohe Mauer gebaut. Riesige Pumpen und Abwasserrohre leiten heute bei Überschwemmungen das Wasser in den Fluss.
Am meisten Gefahr droht Bangkok bei einer Kombination aus Regenfällen, Hochwasser aus dem Norden und einer Sturmflut vom Meer. Die Wahrscheinlichkeit dafür wird immer grösser.
Düstere Zukunft für Junge in Bangkok
Die Dystopie eines überschwemmten Bangkoks ist mittlerweile auch bei der Stadtbevölkerung angekommen. Es ist ein Schauplatz im neuen Roman «Bangkok Wakes to Rain», welchen der Schrifsteller Pitchaya Sudbanthad kürzlich auf Englisch veröffentlicht hat. In einem «Neuen Bangkok» der Zukunft fahren Boote. Niemand kann sich an die Namen der alten Wahrzeichen von Bangkok erinnern. Sudbanthad, der teils in Bangkok und teils in New York lebt, sagt: «Es ist schwierig von einer bestimmten Inspiration zu sprechen, aber wie ich meinen Eltern bei der Flut im Jahr 2011 half, Sandsäcke zu stapeln, hat meine Vorstellung dieser möglichen Zukunft sicher geprägt.»
Im Jahr 2009 hat die Stadtregierung eine Einschätzung zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Bangkok publiziert. Seither gab es weitere Aktionspläne, Assessments und Ankündigungen. Aber wirklich geschehen ist seither nur wenig.
Wir müssen langfristig denken, nicht für uns, aber für unsere Kinder.
Das macht Tara Buakamsri, Präsident von Greenpeace Thailand, manchmal etwas sprachlos. «Das sind einfach Lieblingsprojekte von gewählten Politikern,» sagt er, «niemand denkt visionär.» Es gebe keine Pläne für die Kinder seiner Generation. Sein Sohn sei jetzt 19 Jahre alt. «Am Ende dieses Jahrhunderts wird er noch in dieser Stadt leben und wir haben keine Lösung für die kommenden Probleme seine Generation», sagt er.
Wäre Buakamsri Aktivist in der Schweiz, würde er es wohl «Pflästerli-Politik» nennen: Da eine neue Wasserpumpe, dort ein neues Abflussrohr, und auf jene Mauer einen halben Meter mehr Beton. «Wir haben keine Zeit», sagt Buakamsri. «Wir müssen langfristig denken, nicht für uns, aber für unsere Kinder.»
Zurück an der Küste lässt sich Mönch Somnuek Atipanyo auch vor einer möglicherweise düsteren Zukunft nicht aus der Ruhe bringen. Bei Ebbe stehen die Stützen der Betonplattform, auf welchen die Häuser stehen, im Schlamm. Bei Flut im Wasser. Nur in der stürmischen Jahreszeit sei das Leben hier schwierig.
Künftig soll hinter dem Tempel ein Damm gebaut, davor Mangrovenwälder gepflanzt werden. Das ist die Idee des Geologieprofessors Thanawat Jarupongsakul. Erste Pilotversuche sind vielversprechend, doch die Umsetzung dauert. «Niemand kümmert sich darum, weil der Klimawandel noch niemandem wehtut», sagt der Abt. «Klimawandel, Klimaerwärmung, es ist allen egal.»