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Der neue Hausfrauen-Feminismus
«Ich habe das Gefühl, dass in der heutigen Gesellschaft gerade Frauen, die nicht arbeiten, sich von den Konventionen mit denen wir gross geworden sind befreien. Wieso dürfen wir nicht einfach Mädchen sein? Wieso müssen wir Buben und Mädchen gleichzeitig sein?» Diese Fragen stellt sich Kelly Makino, eine 33-jährige Mutter zweier Kinder. Makino schloss ihr College mit «magna cum laude» ab und machte an der University of Pennsylvania ein Master in Sozialarbeit. Sie zog nach New York, heiratete, bekam zwei Kinder und bis vor knapp einem Jahr lebte sie so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte: Sie und ihr Mann arbeiteten beide, sie etwas weniger als er, man teilte sich die Hausarbeit auf, die Betreuung und Erziehung der Kinder ebenso.
Doch die Doppelbelastung machte dem jungen Ehepaar zu schaffen, beide waren ständig übermüdet, abgekämpft und gereizt. Von Kellys Lohn blieben nach allen Abzügen (etwa für die Kinderbetreuung) rund 1000 Dollar. Vor einem Jahr entschieden sich Kelly und ihr Mann Alvin, ihr Leben umzukrempeln und fortan der traditionellen Rollenverteilung zu folgen: Er geht arbeiten, sie kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Und endlich ist Kelly Makino glücklich.
Die Geschichte von Kelly und anderen Müttern, die sich entschieden haben, ihren Beruf an den Nagel zu hängen, um sich um die Familie zu kümmern, erschien vor wenigen Wochen im «New York Magazine» («The Retro Wife. Feminists who say they’re having it all – by choosing to stay home.») und hat eine angeregte Debatte ausgelöst. Auch die vielbeachtete Autorin Anne-Marie Slaughter griff das Thema im «The Atlantic» auf. Slaughter, ehemalige Planungsstabschefin von Hillary Clinton, hatte wegen ihrer Kinder ihren hochbezahlten Prestigejob in Washington für einen weniger einflussreichen, aber trotzdem anspruchsvollen und hochbezahlten Posten in der Nähe ihrer Familie aufgegeben. Ein Entscheid, der ihr damals viel Kritik von Frauenseite einbrachte. Als sie darauf in einem Essay schrieb, dass Kinder und Karriere nur bedingt vereinbar seien, katapultierte sie sich auf die Abschussliste etlicher Feministinnen. Wie konnte sie es nur wagen, dieses so lang erkämpfte Ziel zu hinterfragen?
Kelly Makino war nicht minder überrascht, dass der Artikel über sie derart viele Reaktionen auszulösen. «Nie hätte ich gedacht, dass ich einen derartigen Sturm auslösen würde», sagte die zweifache Mutter in einem Skype-Interview mit der «Huffington Post». Natürlich blieben auch in ihrem Fall die negativen Reaktionen nicht aus, so kritisierten unzählige Bloggerinnen und Journalistinnen den von Lisa Miller verfassten Text über diese neue selbstbewusste Generation von Frauen, die sich für die Kinder und gegen die Karriere entscheiden und dabei rundum zufrieden sind. Doch anders als Anne-Marie Slaughter, wurde Kelly Makino für ihren Entscheid und vor allem für ihren Mut, sich über die positiven Aspekte des Hausfrauen-Daseins zu äussern, von vielen Frauen gelobt. Plötzlich poppten ganze Armadas von jungen «Stay-at-home-mothers» auf.
Ausgerechnet jene Frauen, die von ihren Müttern gelernt hatten, dass nur eine arbeitstätige Mutter ihren Kindern ein Vorbild sein kann, tauschten sich in den Kommentaren über die Vorteile des hundertprozentigen Mutterseins aus und verlinkten dabei nicht selten auch ihre persönlichen Blogs. Denn diese neuen Fulltime-Moms machen ihren Job mit Begeisterung. Sie geben sich nicht zufrieden, den Haushalt und die Kinderbetreuung nur zu erledigen, sie wollen es gut tun und ihren Einsatz dokumentieren – und nicht zuletzt auch dafür gelobt werden. Der Blog ist dabei ein willkommenes Mittel.
Und tatsächlich, wer im Internet nach diesen sorgfältig gestalteten Hausfrauen-Blogs sucht, findet tonnenweise Seiten, wo Mütter Tipps für die perfekte Kindergeburtstagparty inklusiv selbst gemachter Muffins in Regenbogenfarben zum Besten geben, von ihnen konzipierte To-do-Listen für die Organisation der Hausarbeit zum Download freigeben oder Fotos von ihren selbst restaurierten Vintage-Möbel zeigen. Pionierin auf dem Gebiet ist mit Sicherheit Rebecca Woolf, die schon seit 2005 ihren Blog «Girls Gone Child» ins Leben rief – und mittlerweile auch Geld damit verdient.
Doch nicht nur im angelsächsichen Raum wächst die Zahl der bloggenden Mütter. Auch bei uns haben die so genannten Digital Moms Fuss gefasst und täglich kommen neue dazu. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass laut einer Studie der Kommunikationsgruppe Young & Rubicam bereits 93 Prozent der rund einer Million Schweizer Mütter das Internet täglich nutzt. Glaubt man den Recherchen des «New York Magazine», steigt die Zahl der Frauen, die ihre Arbeit aufgeben. Und: Auch ihr Selbstbewusstsein wächst. «Legt euch nicht mit uns an. Denn wir sind immer mehr und wir sind richtig cool», schrieb eine Leserin zum «Retro Wife»-Beitrag.