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Am 13. März wird Frédéric Walthard 90 Jahre alt. Unermüdlich hat er mit spitzer Feder die eidgenössische Politik begleitet und blieb seinen Grundsätzen immer treu. Walthard trat und tritt für eine souveräne, unabhängige Schweiz ein, die an ihrem föderalistischen und direkt-demokratischen Fundament festhalten, ja dieses wieder stärken muss.
ro. Frédéric Walthard wurde am 13. März 1921 in Faido, Kanton Tessin, geboren. Der Vater war seit 1911 als Ingenieur im Balkan und in der Türkei tätig. So verbrachte Frédéric seine Jugend- und Schulzeit in Sofia, Bulgarien, wo er 1939 die Matura bestand. Es folgten Studien in Sofia und Bern, die Rekrutenschule und der Aktivdienst in der Schweiz. Von 1944 bis 1971 war Frédéric Walthard als Diplomat und Jurist tätig, zuletzt als Generalsekretär des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements. Er gehört zu jener Generation, die im diplomatischen Dienst das nötige Rüstzeug besass, um unerschütterlich an schweizerischen Grundwerten wie Fleiss, Verlässlichkeit, Vertrauen und Solidarität festzuhalten. Mit solchen Persönlichkeiten im Rücken konnte der Bundesrat, im Falle Walthards war es lange Zeit Bundesrat Hans Schaffner, ein nachhaltiges politisches Wirken zum Wohle des Landes entfalten. Walthards diplomatische Stationen führten ihn zu den Brennpunkten des weltpolitischen Geschehens: New York, Washington, Paris, Brüssel und Genf. In Genf wirkte er bei der Gründung der Europäischen Freihandelszone (Efta) mit und half damit aktiv, eine Alternative zur entstehenden europäischen Union aufzubauen. Immer wieder kommt er bis heute in seinen Artikeln auf diese Alternative zu sprechen, die unbedingt wieder in die Diskussion um die Zukunft Europas gehört.
Walthard war dann von 1971 bis 1988 Leiter des Messewesens in Basel. Dort wirkte er umfassend als eigentlicher Pionier. So öffnete er die Messe für ausländische Handelserzeugnisse und Aussteller (u.a. die Ostblockstaaten und China). Solche konstruktiven Kontakte waren damals ein wohltuender Gegenpol im Klima des kalten Krieges. Seit seiner Pensionierung 1988 publiziert er praktisch ununterbrochen zu aktuellen innen- und aussenpolitischen Fragen. Er hat sogar eine eigene Webseite eingerichtet, und immer wieder platziert er dort seine Gedanken zum aktuellen Weltgeschehen (siehe www.fredericwalthard.ch). Ein Anliegen steht dabei nach seiner eigenen Aussage im Zentrum: «Der Einsatz zur Wahrung der eigenständigen schweizerischen Demokratie gegen den entstehenden supranationalen Machtblock der Europäischen Union.» Walthard hat eine eindrückliche Autobiographie in drei Bänden verfasst und im Verlag Zeit-Fragen publiziert.1
Einer seiner ersten Artikel in Zeit-Fragen betraf die im Jahre 2000 laufende Abstimmungsdiskussion zu den Bilateralen I.2 Walthard nahm dabei viele Entwicklungen vorweg, und es lohnt sich, seine Gedanken nochmals zu studieren. Er erkannte im Vorgehen der EU gegenüber der Schweiz eine Erpressung und schrieb: «Wenn die Verträge für die Schweiz wirklich so vorteilhaft wären, warum wird dann mit so viel Steuergeldern eine so grosse Kampagne für ein Ja geführt? Warum werden uns nur die positiven Seiten gezeigt? Wer das nicht glaubt, schaue sich einmal die dem Stimmzettel beigelegte Broschüre des Bundesrats an. Nur von Vorteilen ist die Rede. Warum redet man nicht auch von den vielen Nachteilen: den Lastwagenlawinen, dem Zustrom billiger ausländischer Arbeitskräfte, der Überflutung der Schweiz mit Waren und Dienstleistungen, die aus Drittstaaten schwarz in die EU gelangen und von dort nach einem Ja am 21. Mai ungehindert in die Schweiz weiterwandern können? Warum sagt man uns nicht, wieviel die Verträge wirklich kosten werden? Und bitte nicht nur die direkten, sondern die noch viel höheren indirekten, infrastrukturellen Kosten. Zum Beispiel nur, um den riesigen europäischen Warentransport von der Strasse auf die Schiene zu bringen, woran heute in der EU überhaupt niemand zu glauben scheint, am wenigsten die Transporteure. Warum spricht man so wenig über die gefährdete schweizerische Landwirtschaft, die nur mit massiven zusätzlichen Subventionen am Leben zu erhalten sein wird?»
Walthard sprach damals die zentralen Punkte des Vertrages an und stellte die richtigen Fragen. Die Antworten haben wir mittlerweile erhalten. Wo soll das noch hinführen? Eine dritte Serie Bilateraler ist in Vorbereitung mit, wie Walthard bereits damals voraussagte, «happigen Brocken». Wenn nicht der nötige Widerstand kommt, geht die, wie Walthard sagt, «kalte Integration in die EU» weiter. Walthard damals zu den Bilateralen I: «Diese Verträge sollen so vorbereitet werden, dass sie diesmal rasch in Kraft treten können. Die kalte Integration in die EU würde damit noch stärker werden. Die Schweiz wäre gegenüber Drittstaaten bald nicht mehr frei verhandlungsfähig. Die Schweiz würde die berühmte «treaty making power» verlieren, um deren Beibehaltung viele von uns unter der Leitung von alt Bundesrat Schaffner so sehr gekämpft haben und woraus die Efta entstanden ist.»
Diese Verhandlungsfähigkeit muss wiederhergestellt und die Efta als Alternative zur EU weiter ausgebaut werden. Walthard schrieb damals: «Viele Schweizer sind der Meinung, dass die Efta die Antwort an diejenigen ist, die fragen, wie wir abseits von der EU überleben können. Abgesehen von Selbstvertrauen und Selbständigkeitswillen ist das System der Freihandelszone nach wie vor die bessere und billigere Lösung für das gemeinsame wirtschaftliche Überleben von Staaten, besonders, wenn überall auf der Welt wirtschaftliche Mammutblöcke wie die EU, aber auch die USA, Russland, China, Indien, die Drachen des fernen Ostens, entstehen, aneinander geraten und zweifellos Konflikte mit unübersehbaren Folgen auslösen werden. Jedenfalls sprechen viele Anzeichen für eine solche Entwicklung. Die kleinen Staaten in der Welt, die auch in der EU nichts zu sagen hätten, brauchen solche nach aussen offenen Freihandelszonen, um zu überleben, aber auch als neutrale Vermittler bei den Konflikten der grossen Wirtschaftsblöcke unter sich.»
Walthard kommt zum Schluss: «Die hochgejubelte These, am Aufbau eines neuen Europas mitbauen zu können, dürfte sich so leider als eine pure Utopie erweisen. Wir wissen heute auch noch gar nicht, ob dieses supranationale Gebilde so weiterbestehen oder wegen des Kampfes der Grossen unter sich auseinanderfallen oder das Opfer eines noch härteren Zentralismus bzw. gewisser Hegemoniebestrebungen werden könnte. […] Mit einer relativ guten und sicheren Ordnung, gesunden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, einem ausgeprägten und immer wieder unter Beweis gestellten Sinn für humanitäre Solidarität und mit einer weltweit anerkannten Neutralität sind wir für unsere Nachbarn als unabhängiges Land vielleicht nützlicher, als wenn wir in einem zukünftigen Staatengebilde untergehen, von dem wir nicht wissen, wie es sich entwickeln wird. Jedenfalls war dies 1815 an der Pariser Konferenz zur Beendigung der Napoleonischen Kriege die einstimmige Meinung der Siegermächte und einer der völkerrechtlichen Grundsteine der schweizerischen Neutralität. […] Schliesslich würden wir bei einem Beitritt das verlieren, was uns als ein vielsprachiges und multikulturelles Land und Volk zusammenhält, nämlich das Bekenntnis zu unserer staatlichen Verfassung einer echten, föderalistisch aufgebauten, direkten Demokratie. Diesem Lande möchte ich solange als möglich treu bleiben.»
Seither sind zehn Jahre vergangen. Wir stecken mittlerweile in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen, und die kriegerischen Entwicklungen schreiten voran. Die jungen und mittleren Generationen sind gut beraten, die Gedanken Walthards aufnehmen, um aus diesem Fundus zu lernen und das nötige Gegensteuer zu geben.
Wir wünschen dem Jubilar alles Gute zu seinem Geburtstag und viele weitere möglichst gesunde Lebensjahre. Mit seiner Schaffenskraft ist und bleibt er ein Vorbild für uns. Wir unterstützen ihn gerne in seinem Vorhaben, verlorenes demokratisches Terrain wieder zurückzugewinnen sowie das Milizsystem und den Bürgersinn zu stärken. •
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