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«Frederick» ist der Titel eines weithin bekannten Kinderbuches von Leo Lionni. Die Feldmaus Frederick lebt mit ihrer Familie in einer alten Steinmauer auf einem verlassenen Bauernhof. Alle sammeln Vorräte für den heranziehenden Winter – alle, ausser Frederick: Der sitzt scheints untätig herum. Auf die Frage seiner Artgenossen, warum nicht auch er losziehe, um Vorräte für den Winter zu sammeln, antwortet Frederick, dass er keineswegs untätig sei: Nein – für die langen, grauen und kalten Wintertage sammle er Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Das versteht natürlich keiner. Und viele ärgern sich. Doch dann kommt bald der Winter. Er ist lang und die Vorräte gehen zur Neige. Jetzt kommt Fredericks Stunde. Er teilt mit seiner Familie die gesammelten Sonnenstrahlen, um sie zu wärmen; die Farben, um die kalten Wintertage weniger grau und trist erscheinen zu lassen; und die Worte, die daran denken lassen, dass der Winter nicht ewig dauert.
Das ist die Geschichte von Frederick, der Maus. Ob Leo Lionni das Lukasevangelium kannte? Lukas jedenfalls erzählt an einer Stelle von Maria. Sie setzt sich eines Tages, als Jesus zu Besuch kommt, dem Gottessohn zu Füssen und hört ihm zu. Sie hört ihm stundenlang zu. Und macht nichts anderes. Ausser Jesus zuhören. Das nervt natürlich ihre Schwester Martha, die unterdessen den ganzen Haushalt schmeisst. Irgendwann platzt ihr der Kragen. Da geht sie zu Jesus: «Herr, kümmert es Dich nicht, dass meine Schwester mir die ganze Arbeit überlässt?» (Lk 10,40). «Was lässt Du sie da bei Dir herumhocken? Warum treibst Du sie nicht an, dass sie den Hintern hebt und mir beim Haushalt hilft?» Doch dann kommts. Jesus antwortet ganz trocken: «Marta, Marta. Du machst Dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt» (Lk 10,41f.).
Ich kenne eine ältere Dame, die mir einmal sagte, dass sie dieses Kapitel am liebsten aus dem Evangelium streichen würde. Die, die sich sorgt und müht, damit der Laden läuft, wird belächelt. Und die, die faul rumsitzt, bekommt auch noch ein Lob. Ist das nicht ärgerlich? Wer soll die ganze Arbeit machen, die doch jeden Tag aufs Neue anfällt, wenn alle nur rumsitzen und meditieren?
Es geht Jesus aber gar nicht darum, die Sorge und Mühe des Alltäglichen kleinzumachen. Es geht ihm stattdessen darum, das andere – das Hören auf Gottes Wort – gross zu machen! Denn das brauchen wir nicht minder zum Leben, auch wenn wir es bisweilen geringschätzen und als nicht so wichtig veranschlagen möchten.
Als die Freunde Fredericks nichts mehr haben, wovon sie leben können, als die Tage dunkel und kalt und bedrohlich werden, da spenden die Farben des Sommers neue Wärme. Davon muss aber einer erzählen! Dafür muss einer einstehen! Sonst funktioniert das nicht! So ist es auch mit Gottes Wort: In einer Zeit, die uns oft trist und vielleicht sogar perspektivlos erscheinen mag; in einer Welt, die uns bisweilen frösteln lässt angesichts von Ungerechtigkeit und menschlichem Leid, von Terror, Krieg und Gewalt – woher könnte da eine Perspektive der Hoffnung, eine Perspektive des Lichtes, des Friedens und des Lebens kommen? Für Lukas ist klar: Diese Perspektive kommt von Gott. Und deshalb lässt er Maria zu Füssen Jesu sitzen – und ihm lauschen noch und noch.
Das ist nicht die Heiligsprechung des Müssiggangs. Aber es ist die Einladung an uns alle, uns einmal wieder neu zu fragen, woher denn Licht und Wärme in unser Leben kommen. Und wie wir den Akku unserer Seele wieder aufgeladen bekommen. Und wofür es sich im Letzten zu leben lohnt.