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«Niemand findet es seltsam, wenn man sagt, man müsse einem Maler seine Kunst beibringen; oder einem Musiker; oder einem Architekten. Ebenso muss auch ein Schriftsteller unterrichtet werden. Denn die Kunst des Schreibens ist mindestens so schwierig wie die anderen Künste. Und dennoch, vielleicht weil unklar ist, worin das Lernen hier besteht, verkennt man dieses Lernen; wenn Sie genau hinsehen, werden Sie sehen, dass fast jeder Schriftsteller, der seine Kunst erfolgreich praktiziert, sie auch erlernt hat.»
Was Virginia Woolf am 27. April 1940 vor der W. E. A. (Worker’s Education Association) in Brighton festhielt und später unter dem Titel «The Leaning Tower» veröffentlichte, ist kaum zu bestreiten. Und doch war, als 2004 auf die Initiative Guy Krnetas hin das Projekt des Schweizerischen Literaturinstituts gestartet wurde, immer wieder die Frage zu hören: Kann man literarisches Schreiben lernen?
In ihrem Vortrag zeigt Virginia Woolf die Gründe für diese Frage auf: Wer im 19. und bis ins 20. Jahrhundert hinein Autor wurde, dem schien die Fähigkeit dazu in den Schoss gefallen zu sein. Übersehen wurde dabei, dass fast alle Autoren, «mit so wenigen Ausnahmen, dass man sie an einer Hand abzählen kann», aus der begüterten Mittelschicht stammten und eine «gute, zumindest teure Ausbildung» bekommen hatten: «Sie alle wurden über die Masse der Menschen auf einen Turm aus Stuck erhoben – das ist ihre bürgerliche Geburt – und aus Gold – das ist ihre teure Bildung.» In diesem Turm konnten sie sich während mindestens elf Jahren die zum Schreiben nötige literarische Bildung mit einer solchen Selbstverständlichkeit aneignen, dass verborgen – und folglich verkannt – blieb, «worin das Lernen hier besteht».
Der «Turm» dieser Bildung an höheren Schulen und Universitäten war für Virginia Woolf in den 1930er Jahren infolge der Krise der bürgerlichen Gesellschaften in Schieflage geraten, deshalb «The Leaning Tower», der schiefe Turm. Spätestens in den 1980/90er Jahren wurde dieser Turm nicht mehr nur immer schiefer, er verkam zur Ruine: Die Philologien gaben ihren Status als Leitwissenschaften humanistischer Bildung sukzessive an die Sozial- und Kulturwissenschaften ab; das Buch verlor seine Funktion als Leitmedium an die audiovisuellen Kommunikationsmittel; Bildung hiess nicht mehr Aneignung eines literarischen Erbes, sondern Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit Kulturzeugnissen; literarische Erneuerung vollzogen neue Generationen nicht mehr in Brüchen mit Traditionen, die sie bestens kannten, sondern durch eine kreative Eklektik, in der sich Anregungen aus verschiedenen Künsten – auch der Literatur – und Kulturen, vor allem auch subkulturellen Bewegungen, zu etwas Neuem verbanden.
Diese Entwicklung auf die Jahrtausendwende hin galt es in den Nullerjahren nicht zu beklagen, es kam vielmehr darauf an, ihr so Rechnung zu tragen, dass neue Wege gesucht wurden, um talentierte, zum Schreiben entschlossene Menschen zu fördern. In der Sowjetunion hatte es seit den 1930er, in den USA seit den 1950er Jahren Ausbildungsgänge im literarischen Schreiben gegeben, in Deutschland ab 1955 das Literaturinstitut in Leipzig und ab 1999 in Hildesheim der Studiengang «Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus».
Als Guy Krneta mich Anfang 2004 anfragte, ob ich bereit wäre, am Projekt für ein Literaturinstitut in der Schweiz…