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Die Autorin
Mein Name ist Juliane Kästner. Ich wurde im Sommer 1973 in Dresden geboren. Um die erste und häufig gestellte Frage gleich vorwegzunehmen: Nein, ich weiss nicht, ob ich mit Erich Kästner verwandt bin.
„Arme Ritter“ und „Seid bereit- immer bereit!“
Ich entstamme einer Familie von verarmtem Adel und von Unternehmern, die in ein Lager von überzeugten Kommunisten und eines von „feindlichen Kapitalisten“ geteilt war. Dies führte natürlich zu interessanten Begebenheiten, Spannungen und intensiven Diskussionen innerhalb der Grossfamilie.
Wenn ich mit meinen Grosseltern, bei denen ich als Kind oft meine Sommerferien verbrachte, durch die verschiedenen Ortschaften der Region fuhr, kommentierten sie ihr Schicksal mit „Diese Villa… oder diese Fabrik … oder … hat einmal unserer Familie gehört.“ Wir wurden enteignet.
Meine Kindheit zwischen Kunst und „Lausmädchentum“
Dresden ist eine Stadt der Künste und meine Eltern sorgten dafür, dass sie uns Kindern ins Blut übergingen. Ich kann mich sehr gut an die vielen Konzert-, Opern-, Ballett-, Theater- und Operettenbesuche erinnern.
Sportliche Talente wurden in der Deutschen Demokratischen Republik gefördert und so wurde ich für das klassische Ballett vorgesehen. Ich bestand die Prüfung an der berühmten Palucca Hochschule für Tanz und da ich noch zu jung war, wurde ich in die Vorklasse aufgenommen. Bei den medizinischen Untersuchungen stellte sich jedoch heraus, dass mein Becken für den Beruf eines Tänzers nicht geeignet ist. Ich tanzte insgesamt zehn Jahre lang klassisches Ballett, zuletzt am Dresdner Kulturpalast. Da ich an diesem Ensemble unterfordert war, schickten mich meine Eltern in eine Musikschule. In dieser nun kam relativ schnell zum Vorschein, dass ich keine Noten lesen konnte und bis anhin nach Gehör gespielt hatte.
Von der Kunst nun zum Lausmädchen. Meine Grosseltern waren in meinem Leben nicht nur wichtige Bezugspersonen, sondern brachten mir auch allerlei nützliche Dinge bei. So lernte ich beispielsweise vor meinem Eintritt in die Schule lesen – in altdeutscher Schrift. Mit meinem Grossvater erlebte ich Abenteuer, von denen ich dann meiner Grossmutter nichts erzählen durfte. Als einem in meinem Leben wichtigsten Menschen brachte er mir vier wichtige Dinge bei: Mut zu haben, Fantasie zu entwickeln und zu leben, auch in schwierigen Situationen humorvoll zu sein und notwendige Risiken einzugehen. So gab es auch keinen Grund über mein blutiges Knie zu weinen, welches ich mir holte, als ich beim Naschen an Nachbars Kirschbaum entdeckt und es notwendig wurde, zu fliehen – schnell und unerkannt.
Marx und Engels: interpretiert und in die Realität umgesetzt
Meine Eltern brachten mir bei, mir selbst eine Meinung zu bilden, selbständig zu denken. Trotz der Tatsache, dass sie stark unter Druck gesetzt wurden, da sie sich weigerten, in die Partei einzutreten. Ich beobachtete das Leben um mich herum, bildete mir eine Meinung und äusserte diese. Mein Vater wurde zu meiner Schuldirektorin zitiert und ermahnt, seine Kinder im Sinne des Sozialismus zu erziehen.
Aus verschiedenen Gründen stellten meine Eltern schliesslich den Ausreiseantrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland und die folgenden drei Jahre standen wir unter besonderer Betreuung durch die Staatssicherheit. Als damals 14-Jährige begleiteten mich ständig zwei Beamte des Ministeriums auf all meinen Wegen. Ich musste lernen sie abzuschütteln, so dass ich am Dresdner Hauptbahnhof ein internationales Telefonat anmelden und meine Tante in München über die aktuelle Situation meiner Familie informieren konnte.
Als ich mit meinen Eltern im Februar 1988 an einer stillen Protestaktion in der Kreuzkirche teilnahm, die unter dem Deckmantel der Gedenkfeier zur Bombardierung von Dresden am 13. Februar 1945 stattfand, waren die protestierenden Menschen mit Mitarbeitern der Staatssicherheit durchmischt. Wir gingen mit Kerzen in unseren Händen weiter zur Ruine der Frauenkirche. Um sicher zu gehen, dass zumindest ein Elternteil wieder zur Familie zurückkehrt, trennten wir uns. Meine Mutter und ich fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause, mein Vater mit dem Auto.
Wir konnten nur auf Spaziergängen offen sprechen, zu Hause wurden wir abgehört. Unsere Briefe von und nach München wurden geöffnet und gelesen. Nachbarn und einzelne entfernte Familienmitglieder waren als „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) tätig. Undenkbar schwere Ereignisse und Zeiten folgten.
Wir konnten im Dezember 1988 das Land Richtung München verlassen, jeder mit einem Koffer in der Hand und dem Status politischer Flüchtlinge.
Weniger als ein Jahr später fiel die Berliner Mauer, mitten in den Vorbereitungen unseres Umzugs in die Schweiz, in die uns der berufliche Weg meines Vaters zog.
Wahlheimat Schweiz – Fluchtort für Künstler und Revolutionäre
Meine Familie war mittlerweile ein regelrechter Spezialist im Auswandern. Wir lebten in drei Ländern innerhalb eines Jahres. In der Schweiz begannen wir nun im Dezember 1989 wieder von vorn unser Leben aufzubauen. Da wir mitten im Schuljahr umzogen, besuchte ich noch für ein Semester die Bezirksschule in Grenchen, für mich mittlerweile das vierte Bildungsinstitut innerhalb von zwölf Monaten.
Zu Beginn hatte ich grosse Mühe, Schweizerdeutsch zu verstehen. In der Mathematikstunde stand eine Gleichung mit einer Unbekannten an der Tafel. Der Lehrer fragte etwas, was ich nicht verstand. „Also gut, was soll’s.“, dachte ich, löste die Gleichung im Kopf, meldete mich und sagte: „x=7“, woraufhin die gesamte Klasse in Gelächter ausbrach. Meine Klassenkameraden erzählten mir im Anschluss, dass sich die Frage des Lehrers auf den ersten Schritt zur Lösung der Gleichung bezog. Meine Klassenkameraden übten eisern mit mir und so verstand ich nach sechs Monaten von einem Moment auf den anderen jedes Wort.
Meine Sturm- und Drangzeit
An der Kantonsschule Solothurn besuchte ich das Wirtschaftsgymnasium. Zur Herstellung eines Gleichgewichts zur rein patriarchalischen Welt der Studentenverbindungen, gründeten wir die Frauenverbindung Adrasteia Solodorensis. Ich wurde in einem der Brunnen in der Solothurner Altstadt auf den Namen „Athene“ getauft, der Göttin der Künste und Weisheit, symbolisch von einer Eule begleitet. Begeistert luden uns die verschiedenen Männerverbindungen zu ihren zahlreichen Chränsli’s ein.
Um mein Taschengeld aufzubessern, arbeitete ich manchmal am Abend in einem Pub hinter dem Tresen oder setzte in meinen Ferien Elektro-Schaltschränke zusammen. Ich lötete, verlegte Kabel und schloss sie an. Für die Finanzierung meiner Interrail-Ferien arbeitete ich in einem Pflegeheim. Ich begleitete einen Mann, der im Sterben lag und mir sagte, dass er in seinem Leben vor allem gearbeitet und keine Zeit für seine Frau und Kinder hatte, dass ihr Leben an ihm vorbeizog, er wenig Anteil nahm und dass er dies alles unendlich bereue. Vor allem, dass er nicht wirklich gelebt hatte. Ich bin sehr dankbar, dass er diese Gedanken mit mir teilte und mir damit den Impuls gab, in meinem Leben immer wieder zu überprüfen und zu hinterfragen, ob ich noch immer auf dem richtigen Weg bin.
An der Universität St. Gallen studierte ich Betriebswirtschaft. Ich gehörte der Gruppe von Studenten an, die zur Finanzierung ihres Studiums mehrere Jobs parallel wahrnahmen. So arbeitete ich unter anderem als „Hiwine“ (Hilfswissenschafterin) und Praktikantin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität. Ich korrigierte die 310-seitige Doktorarbeit meiner Vorgesetzten, arbeitete in einem Nationalfond-Projekt und machte erste Erfahrungen in der Unternehmensberatung… neben meinen zahlreichen Stunden am Kopiergerät beim Kopieren von ganzen Büchern für meine Doktorandin. Wurde hier eine Vollkostenrechnung gemacht und dem Kaufpreis des jeweiligen Buches gegenübergestellt?
Das Gambrinus war ein Jazzlokal in St. Gallen und mein zweites Zuhause. Als Serviceangestellte und als Stammgast genoss ich unzählige Konzerte, gegeben von den Jahrzehnte durch die Welt getourten Eigentümern des Lokals, einer Band der lokalen Jazzschule (dessen Trompeter immer rot im Gesicht wurde, wenn er mich sah) aber auch von internationalen Grössen des Jazz wie Kevin Mahogany.
Mein beruflicher Weg
Mein Berufsleben startete ich 1999 als Projektmanagerin, wenig später folgten Tätigkeiten im strategischen und operativen Management in der IT- und Finanzdienstleistungsbranche sowie in Energie/Industrie.
Ich war verantwortlich für Profit/Loss meiner Organisationen, für das Coaching und die Weiterentwicklung meiner Mitarbeiter, für die Betreuung des Projektgeschäfts und der Kunden, das Partnermanagement, für Kommunikation, Marketing, Pre-Sales, Finanzmanagement, für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Einheiten oder unternehmensweit bei der Einführung neuer Managementsysteme. Zusammen mit meinem Team erreichte ich die Schweizer Marktführerschaft und erhöhte die Produktivität des Profitcenters, indem ich meinen Mitarbeitern Verantwortung übertrug und wir nach agilen Methoden arbeiteten.
Danach übernahm ich als Head of Project Management in zwei aufeinander folgenden Unternehmen u.a. Projekte in Krisen, führte länderübergreifend PM-Systeme, Projektportfoliomanagement und Communities of Practice ein oder coachte Projektmanager und Manager in 13 Lokationen. Gleichzeitig war ich als Prüfungsexpertin im Bereich Information Engineering an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften tätig.
In der zurückliegenden Zeit unterstützte ich als Transformation Manager Unternehmen auf ihrem Weg im digitalen Wandel und setze mein langjähriges Engagement fort, mich intensiv mit alternativen Management- und Leadership-Philosophien aber generell auch mit der Entwicklung der Technologien und unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen.
Mein nebenberufliches Engagement
Über die vergangenen Jahre hinweg engagierte ich mich auch immer wieder unentgeltlich für den Schutz von Tieren, vor allem aber auch für Menschen unterschiedlichen Alters und Hintergrunds in der Schweiz und im Ausland. Ich nahm an einem Walforschungsprojekt in Südfrankreich teil. Als Mentor und Coach beriet ich junge Frauen mit Migrationshintergrund bei der Berufswahl, bereitete sie auf die Arbeitswelt vor und unterstützte sie bei der Suche nach einer Lehrstelle und im Bewerbungsprozess.
Während meines Sabbaticals lebte ich für drei Monate in Nepal und für drei Monate auf den Seychellen.
In Pharping, Nepal unterrichtete ich Novizen und Mönche in einem Tibetischen Kloster in Englischer Sprache und Naturwissenschaften. Ich coachte den Supervisor des Klosters in Führungsfragen, führte eine Struktur zur Förderung von Hygiene und Gesundheit ein und baute eine medizinische Versorgung für die Mönche in Zusammenarbeit mit dem lokalen Hospital auf.
Auf der Inselgruppe im indischen Ozean arbeite ich in einem Forschungs- und Naturschutzprojekt in einem geschützten Meeresreservat mit. Wir führten mehrmals täglich Tauchgänge zur Untersuchung der Erholung von Hartkorallen und Rifffauna durch und stellten die Ergebnisse der Regierung der Seychellen zur Verfügung.
Zurück in der Schweiz gründete ich die Non-Profit-Organisation LIGHTEN THE WAY, als deren Präsidentin und Vorstandsmitglied ich mehrere Jahre tätig war und die auf neuen Modellen einer kooperativen und selbstbestimmten Entwicklungshilfe basierte. 2013 absolvierte ich dafür die erstmalig in der Schweiz ausserhalb des Bundes angebotene Weiterbildung in “Auswärtige Angelegenheiten und Angewandte Diplomatie”.
Bloggerin
Ich habe in einem diktatorischen und einem demokratischen Staat gelebt, in einem Entwicklungs- und einem Industrieland, in verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen Normen und Werten.
Aufgrund meines persönlichen und beruflichen Hintergrunds, meiner Erlebnisse und Erfahrungen, setze ich mich als Bloggerin mit “Glaubenssätzen” auseinander.