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Numbers
[…] Doch – und hier entpuppt sich «Numbers» schliesslich als alles andere als subversiv – wird der Umsturz oder der Ausbruch aus dieser absurden Gesellschaft in einem allzu plakativen Epilog als das noch grössere Übel dargestellt als das stoische Aushalten eines imperfekten Status quo.
[…] Die theaterhafte Anordnung – das auffälligste formale Element, noch vor der Spielerei mit den Zahlen – lässt den Film, anders als Lars von Triers «Dogville», wie ein abgefilmtes Bühnenstück wirken und ist auf die Dauer ebenso ermüdend.
«Thesentheater» ist nicht der wohlwollendste Begriff für eine dramatische Darstellung, in der Handlung wie Figurenpsychologie radikal einer irgendwie gearteten These oder Theorie untergeordnet werden. Ein solcher Zugang, so der mitschwingende Vorwurf, gleiche einer künstlerisch-intellektuellen Unredlichkeit, die zudem deutliche Abstriche punkto Unterhaltungswert des Stückes oder des Films in Kauf nehme. Wenn Oleg Sentsov in einer kurzen Ansprache vor seinem Film Numbers davon spricht, dass es sich beim Nachfolgenden auch «um eine Art Manifest» handle, ahnt man also – je nach Gesinnung – bereits Schlimmes. Gemildert wird diese Sorge ein wenig durch die Entstehungsgeschichte des Films: Nach der Annexion der Krim durch die Russen im März 2014 wurde der ukrainische Regisseur wegen des Verdachts auf «Planung terroristischer Handlungen» verhaftet und zu 20 Jahren Strafkolonie im Norden Russlands verurteilt. Bevor Sentsov 2020 im Rahmen eines Gefangenenaustausches – und nach zahlreichen Protestschreiben und Fürsprachen internationaler Kulturschaffender – vorzeitig freigelassen wurde, inszenierte er aus seiner Gefangenschaft heraus sein unaufgeführtes Theaterstück Numbers mittels schriftlicher Regieanweisungen, transportiert durch seinen Anwalt. Inszeniert vor Ort hat schliesslich der ebenfalls von der Krim stammende Akhtem Seitablayev. Handelt es sich bei Numbers tatsächlich um Thesentheater, dann zumindest um solches, das durch seine Entstehungsgeschichte erstens politisch legitimiert ist und zweitens durchaus ein subversives Potenzial in sich trägt.
Nun sind die Thesen von Numbers allerdings und vielleicht ungünstigerweise mehr philosophischer als politischer Natur – selbst wenn sich die klaustrophobische Stimmung, die der Film durch seine gefängnisartige Versuchsanordnung entwickelt, nicht leugnen lasst. Zwar lässt sich eine Art Anklage gegen jegliche Form von Gefängnissen – seien diese physischer oder ideologischer Natur – aus Bühnenaufbau, Dialogen und Plotentwicklung durchaus herauslesen, doch scheint es sich bei jenem Gefängnis um die menschliche Gesellschaft an sich zu handeln, die durch willkürliche Regeln und Hierarchien in ihrem Potenzial erstickt wird. Doch – und hier entpuppt sich Numbers schliesslich als alles andere als subversiv – wird der Umsturz oder der Ausbruch aus dieser absurden Gesellschaft in einem allzu plakativen Epilog als das noch grössere Übel dargestellt als das stoische Aushalten eines imperfekten Status quo. Und lässt sich eine solche Haltung in Anbetracht der letzten 100 Jahre russischer politischer Geschichte durchaus nachvollziehen, ist eine gewisse zynische Grundhaltung auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Einer Hand, die immer wieder aufs Neue zur Faust erhoben, stets nur einer neuen korrupten Zarenschaft zur Macht verholfen hat.
Aber von vorne. Die Welt ist hier eine Theaterbühne – allerdings eine ohne offene vierte Wand zum Zuschauerraum hin. Das Theater ist die Welt, die Welt ist ein Gefängnis: Als Metapher ist das erstmal gar nicht so verkehrt; nur es ist eben bloss die erste von zahlreichen weiteren Metaphern und allegorischen Bildern, die sich nicht unbedingt immer schlüssig ergänzen. In dieser in sich geschlossenen Welt, über die einmal frei nach Voltaire spekuliert wird, dass sie eventuell die beste aller möglichen ist, leben zehn Individuen, die als Namen die Zahlen von eins bis zehn tragen, und zwar buchstäblich, in Form einer sportlichen Startnummer.
Numbers möchte recht viel sein, ist aber am Ende nichts so richtig. Die theaterhafte Anordnung – das auffälligste formale Element, noch vor der Spielerei mit den Zahlen – lässt den Film, anders als Lars von Triers Dogville, wie ein abgefilmtes Bühnenstück wirken und ist auf die Dauer ebenso ermüdend. Zur Übermittlung seiner allegorischen Versuchsanordnung entpuppt sich dieser Zugang aber als durchaus passend, insofern sich eine realistischere Inszenierung dieser Welt kaum vorstellen lässt. Das Problem ist eher, dass diese Gedankenspiele nie konsequent zu Ende gedacht werden und nie zu einem tatsächlichen Argument für oder wider den Staat, die Religion, den Kommunismus oder die Revolution gelangen. Diesbezüglich etwa war El Hoyo von Galder Gaztelu-Urrutia konsequenter und trotz seiner etwas aus dem Ruder laufenden Splattereffekte in der allegorischen Verdammung sämtlicher willkürlichen Hierarchien auch erfolgreicher. Ähnlich uneinheitlich in Numbers ist das Spiel der Darsteller, das zwischen theaterhafter Rhetorik und psychologisch eindringlicher Emotionalität oszilliert, wobei für Letzteres eher die weiblichen Figuren zuständig sind – vielleicht weil sie auf Handlungs- wie auf Thesenvermittlungsebene kaum Interessantes zu tun bekommen. Interessant wie auch sehenswert ist Numbers letztlich als gescheitertes Experiment und als Zeugnis echter Widerständigkeit, die auch keiner allegorischen Feinde mehr bedarf. So sprechen auch die inszenatorischen Schwächen des Films keinesfalls dagegen, solche Experimente zu wagen, sondern vielmehr mit Nachdruck dafür, Kulturschaffende nicht unter fadenscheinigen Argumenten in reale und ideelle Gefängnisse zu stecken.
Text: Dominic Schmid
First published: March 15, 2021
Numbers | Film | Oleg Sentsov | UKR-POL-FR-CZE 2019 | 104’ | FIFDH Genève 2021