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Lisa Faessler — sie stammt aus Luzern und lebt heute in Zürich und München — hat mehrfach die Shuar-Indianer besucht, die am westlichen Rand des tropischen Regenwaldes auf den Territorien der Staaten Ecuador und Peru leben. Diesen Menschen— ihrem gesellschaftlichen Leben, ihrem Brauchtum, ihrer Religion und ihrem kulturellen Selbstverständnis — widmet Lisa Faessler ihren Dokumentarfilm.
Ein spanischer Hauptmann, der diesen Landstrich in der Mitte des 16. Jahrhunderts bereiste, schildert in einem Schreiben an den König diese Gegend als „das schlimmste Land, das ich in meinem Leben gesehen habe“, die Menschen als „nackt und sehr unabhängig“. Lisa Faessler sucht hier aber weder das letzte Paradies noch die „edlen Wilden“. Sie fragt in ihrem Film nicht nach einem letzten „Urzustand“ und nicht nach einer von allen europäischen Einflüssen verschont gebliebenen Unschuld. Die Menschen, die sie zeigt, sind mit westlicher Zivilisation durchaus in Berührung gekommen. Da trägt schon einmal ein Junge ein T-Shirt mit englischem Aufdruck, und das Wasser wird aus dem Blechkanister in den Kochtopf gegossen. Getrunken wird — auch der magische Trank aus Tabaksäften oder berauschenden Blättern, der den Männern Kraft geben soll — aus Plastik-Geschirr. Die Shuar gehen sonntags in die Kirche, und sie haben die Polygamie aufgegeben. Die von den Missionaren mitgebrachte Religion verbinden sie mit ihrem angestammten Animismus, bis hin zum Reinigungsritual am grossen Wasserfall, wohin der Vater seine Söhne führt. Am Ende des Films hält ein junger und gebildeter Shuar vor geladenen Autoritäten aus der Stadt eine Rede — ein Bekenntnis zur eigenen kulturellen Tradition und ihren Werten, jedoch keine eindimensionale Ablehnung der einbrechenden Zivilisation: Die Shuar sind gewillt, ihre Eigenart zu erhalten, und trotzdem entschlossen, an den Errungenschaften der Wirtschaft und Technik teilzuhaben. Dazu haben sie auch ihre Föderation gegründet.
Lisa Faesslers Film verzichtet auf fast jeden Kommentar. Und fast alles soll fü r sich sprechen, auch die ruhigen und unter sehr schwierigen Bedingungen aufgenommenen Bilder von Konrad Kotowski. Der Film wendet sich schlicht Episoden aus dem Leben der Shuar zu, schildert Alltagssituationen: den Tagesanbruch und die entsprechenden Verrichtungen; die Geburt, der das ganze Dorf beiwohnt; das Schlachten einer Kuh, das Fest, die über eine zentrale Radiostation geleitete Schulstunde. Und wenn animistische Rituale und Beschwörungen gezeigt werden, bleibt die Kamera diskret im Hintergrund. Allerdings fuhrt diese Haltung der Diskretion wohl zu weit, verhindert sie doch ein Nachfragen und Nachforschen, das der uns fremden Kultur wirklich auf den Grund gehen könnte und das dem Zuschauer die Probleme politischer und kultureller Art, die das Volk bewegen, plastisch vor Augen führen würde. Auch die gestalterische Konzeption des Filmes bietet da wenig Hilfe: Lisa Faessler geht kursorisch vor, bietet wichtige Informationen zum Beispiel erst am Schluss oder bleibt sie überhaupt schuldig. Ein vielleicht nebensächliches Beispiel: Die Shuar haben offenbar Geld, doch im Film wird nie deutlich gemacht, wie es um ihre wirtschaftlichen Beziehungen bestellt ist.