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Manche Bewohner der Gegend rund um den «Glatten See» (Lac Flouz) tragen die Schale einer länglichen, leicht gebogenen Muschel (Margaritifera blagbellia) am Hals, deren Innenseite leuchtend rot eingefärbt ist. Andere haben eine solche Muschel über ihrer Schlafstatt hängen oder an der Tür zu ihrem Haus. Dies hat seinen Grund in einer Begebenheit, die sich vor vielen hundert Jahren zugetragen haben soll – in indianischer Zeit, lange bevor die ersten Europäer nach Santa Lemusa gelangten.
Bokai, die Tochter von Häuptling Notep, war ein ziemlich dickes und ungeheuer phlegmatisches Mädchen. Oft sass sie stundenlang am Ufer des «Glatten Sees» und träumte vor sich hin. Eines Tages spülten ihr die Wasser des Lac Flouz die Schale einer ausnehmend grossen Muschel vor die Füsse, deren Innenseite in einem satten Rot leuchtete. Bokai nahm die wunderlich hübsche Muschel mit, bohrte ein kleines Loch ins Scharnier und hängt sie sich an einem Lederband um den Hals. In den folgenden Tagen schien die Häuptlingstochter schläfriger noch als sonst. Meist lag sie bis weit in den Tag hinein auf ihrem Bett – ein glückliches Lächeln auf den Lippen. Am Abend war sie stets die erste, die sich auf ihre Felle zurückzog und auch tagsüber legte sie sich bei jeder Gelegenheit hin. Sprach man sie an, so erzählte sie mit wässrig glucksender Stimme von ihren Träumen, die offenbar allesamt von phantastischer Schönheit waren - kein Wunder, flüchtete sie sich mehr und mehr in diese andere Welt.
Während Bokai immer mehr schlief, machte sich unter den anderen Dorfbewohnern eine seltsame Nervosität breit. Von schrecklichen Träumen aus dem Schlaf gerissen, wanderten sie mitten in der Nacht unruhig zwischen den Hütten hin und her – ja bald war das Dorf von Notep bei Dunkelheit ebenso belebt wie am helllichten Tag. Das drückte nicht nur auf die allgemeine Stimmung - es führte auch immer öfter zu Unfällen bei der Arbeit, die eindeutig auf die zunehmende Erschöpfung von Noteps Leuten zurückzuführen waren. Als eines Tages Noteps ältester Sohn Roiam beim Fischen vor lauter Müdigkeit aus dem Kanu kippte und um ein Haar im Lac Flouz ertrunken wäre, wusste der Häuptling, dass er etwas unternehmen musste.
Notep schickte also nach einem Experten in Fragen des Schlafs, nach einem Magier, der im Norden der Insel hauste. Dieser kam, richtete sich in der Hütte des Häuptlings ein und liess sich zunächst einmal sechs Tage lang mit allerlei Delikatessen verwöhnen. Als er endlich satt war, bat er seinen Gastgeber zu einem Gespräch unter vier Augen. «Es ist deine Tochter Bokai», sagte er, «die euch allen den Schlaf und die Ruhe raubt, denn sie trägt eine Traummuschel um ihren Hals». «Eine Traummuschel?», fragte Notep und zupfte verwirrt an seinen von allerlei Silberschmuck durchlöcherten Ohrläppchen. «Solche Muscheln tauchen nur alle zehn bis zwölf Generationen irgendwo auf», fuhr der Magier fort: «Die Folgen aber sind stets verheerend. Man erzählt, dass die letzte Traummuschel ein ganzes Dorf ausgelöscht habe: Vor lauter Schlaflosigkeit wurden die Menschen aggressiv und begannen, sich gegenseitig umzubringen.» Notep klimperte nervös mit seinen Ohrläppchen - wenn sich die Leute selbst ausrotten, dachte er, dann ist das schlecht für Ruf und Zukunft eines Häuptlings: «Aber wie kann eine kleine Muschel solche Macht haben?», fragte er. Der Magier hob eine kleine Perle vom Boden auf, die aus Noteps Ohrschmuck gespickt war: «Wie ein gieriger Schwamm saugt diese Muschel alle schönen und angenehmen Träume aus der Atmosphäre auf - und als Folge davon bleiben für alle Menschen in ihrem Umkreis nur noch Alpträume übrig. Einzig derjenige, der sich in ihrer unmittelbaren Nähe befindet, wird mit den zauberhaftesten Träumen verwöhnt. Du musst deiner Tochter die Muschel wegnehmen - gib sie mir, ich bring sie an einen sicheren Ort.» Notep, der unterdessen den grösseren Teil seines Ohrschmucks über dem Boden der Hütte verteilt hatte, brauchte nicht lange, um zu einem Entschluss zu kommen – schliesslich war er ja auch nicht umsonst das Stammesoberhaupt. Reden konnte er mit seiner völlig verträumten Tochter schon lange nicht mehr – und also beschloss er zu handeln.
Am selben Abend noch, kaum war Bokai eingeschlafen, schlich er zu ihrem Lager und löste äusserst sorgfältig das Amulett mit der Traummuschel von ihrem dicken Hals. Als er es entfernte, drang ein so klägliches Stöhnen aus der Kehle seiner Tochter, dass er für Sekunden ins Wanken geriet. Ja es war ihm auch als spürte er eine fast magnetische Anziehungskraft zwischen der Muschel und dem Hals seiner Tochter. Doch dann fasste er sich sein Häuptlingsherz und trat aus der Hütte ins Abendlicht hinaus, die Muschel fest in seiner Hand. Er bestieg einen steilen Felsen am Ufer des «Glatten Sees» und warf die Muschel von dort in einem hohen Bogen hinab. Als die Muschel auf die Oberfläche des Lac Flouz traf, geriet das sonst meist spiegelglatte Wasser für einige Sekunden in Aufruhr - ganz als regnete es plötzlich Kieselsteine oder als sprängen Millionen kleiner Fische nach Mücken in der Luft. Dann aber beruhigte sich das Wasser wieder und Notep kehrte ins Dorf zurück.
In dieser Nacht schlief Notep gut – zum ersten Mal seit vielen Wochen. Und auch die anderen Bewohner des Dorfes kamen allmählich wieder zur Ruhe. Nur der Magier tobte, als er erfuhr, dass der Häuptling die Muschel in den See zurückgeworfen hatte. Um sich zu rächen, so heisst es, habe er Bokai entführt – und sie gezwungen, in seiner Hütte im Norden niedrigste Dienste zu tun. Dabei, so wird weiter erzählt, sei die Häuptlingstochter zu einer wahren Schönheit herangewachsen und eines Tages dann von einem jungen Mann aus ihrer Knechtschaft befreit worden. Wobei der junge Held den Zauberer ausgerechnet mit einem Muschelgericht betäubt habe. Doch das ist eine andere Geschichte.
Wenn die Bewohner der Gegend rund um den «Glatten See» heute rot eingefärbte Muscheln aus dem Lac Flouz am Hals tragen oder über ihren Betten baumeln lassen, dann geschieht das in der Hoffnung, dass dieses Zeichen die schönen Träume verführt, sich nachts zu ihnen zu gesellen. Die Gegend des Sees gilt ausserdem als Heimat eines Muschelcurrys, das heute auf der ganzen Insel als Pwèl di Lac Flouz (Pfannengericht vom «Glatten See») oder manchmal eben auch als Pwèl Bokai gegessen wird. Traditionell wird es mit den berühmten Süsswassermuscheln aus dem Lac Flouz (Margaritifera blagbellia) zubereitet. Gegen Ende des Rezepts werden die Muscheln in eine relativ flüssige Sauce ‹geworfen› – ob dies allerdings, wie manche behaupten, in irgendeinem Zusammenhang mit der Tat von Häuptling Notep steht, sei dahingestellt. Noch etwas hat die Geschichte bewirkt: Wenn sich die meist spiegelglatte Oberfläche des Lac Flouz an seltenen Tagen kräuselt, dann glauben die Bewohner der Gegend, dass nun einige der schönen Träume ihrer Ahnen wieder aus den Tiefen des Gewässers entlassen würden. Und es heisst, dass man in den darauffolgenden Nächten ganz besonders gut schlafe.
First Publication: 8-2007
Modifications: 15-2-2009, 2-11-2011, 15-7-2013