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«The Great Trade Collapse» – zu Deutsch der «Grosse Handelskollaps»: So nennt man den Einbruch des Welthandels zwischen 2008 und 2009, der eine Konsequenz der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise war. Die Finanzkrise begann 2007 in den Vereinigten Staaten auf dem sogenannten Subprime-Hypothekenmarkt, entwickelte sich mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 zu einer internationalen Bankenkrise und gipfelte zwischen dem dritten Quartal 2008 und dem zweiten Quartal 2009 in ebendiesem «Grossen Handelskollaps». Dabei kam es zu einem plötzlichen, heftigen und synchronen Handelsrückgang. Es war und ist bis heute der stärkste Einbruch des Welthandels der Geschichte und der tiefste Absturz seit der Grossen Depression, die vom Börsencrash 1929 bis ins Jahr 1939 dauerte.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Welthandel mehrere Rückschläge erlitten. Und insbesondere seit 1965 war der Welthandel während dreier weltweiter Rezessionen über mindestens drei Quartale hinweg rückläufig: während der Rezession von 1974 bis 1975 aufgrund der Ölkrise, während der Rezession von 1982 bis 1983 im Zusammenhang mit der Inflationsbekämpfung und während der Rezession von 2001 bis 2002 nach dem Platzen der Internetblase. Doch der Handelskollaps von 2008 bis 2009 war der mit Abstand grösste Einbruch (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Wachstum des weltweiten Importvolumens pro Quartal (1966–2019)
Quelle: Baldwin und Tomiura (2020) / Die Volkswirtschaft
Ein Nachfrageschock
Zur Ursache des «Grossen Handelskollapses» gibt es drei zentrale Hypothesen: Gemäss der ersten Hypothese war ein Rückgang der Gesamtnachfrage nach allen Gütern, einschliesslich der Importe, verantwortlich. Eine zweite Hypothese sieht Finanzierungsschwierigkeiten als Ursache, und laut einer dritten Theorie lösten zunehmende Handelsbeschränkungen den Rückgang aus.
Zahlreiche Ökonomen[1] vertreten mit Nachdruck die erste Hypothese: Der Handelseinbruch wurde hauptsächlich durch einen Nachfrageschock verursacht. Demnach wurden insbesondere «aufschiebbare» Güter weniger nachgefragt, die den grössten Teil der gehandelten Güter ausmachen. Industrieerzeugnisse sind – im Grossen und Ganzen – solche aufschiebbaren Anschaffungen. So haben etwa Konsumenten, die durch die Finanzkrise verunsichert waren, den geplanten Kauf eines Neuwagens aufgeschoben. Nachfrageschocks, die auf eine solche abwartende Haltung zurückzuführen sind, wirken sich in der Regel stärker auf langlebige Güter als auf Verbrauchsgüter aus.
Auch wenn nur wenige Staaten direkt vom Subprime-Chaos betroffen waren, veranlasste der psychologische Schock die Haushalte und Unternehmen, Anschaffungen und Investitionen aufzuschieben. Was als Finanzschock in Nordamerika begann, entwickelte sich so zu einem massiven und synchronen globalen Nachfrageschock. Das Handelsvolumen brach gleichzeitig in allen Ländern und bei fast allen Gütern in einem noch nie da gewesenen Tempo ein.
Hinzu kam ein sogenannter Peitscheneffekt («bullwhip») für die Hersteller von Halbfabrikaten: Der Rückgang der Nachfrage nach Endprodukten veranlasste alle Hersteller innerhalb der Wertschöpfungskette, zuerst ihre Lager zu leeren, bevor sie neue Bestellungen aufgaben. Dadurch verstärkte sich der Nachfrageschock für Unternehmen auf vorgelagerten Stufen der Lieferkette.
Die Finanzkrise von 2007 bis 2008 verursachte zweifellos auch einige direkte Schäden auf der Angebotsseite, hauptsächlich jedoch im Banken- und Finanzbereich. Ebenso waren die Gesamtauswirkungen der Kreditbeschränkungen auf den Handel begrenzt. Und auch was die dritte Hypothese betrifft, existieren praktisch keine Anzeichen dafür, dass die Handelshemmnisse während des Zeitraums des Zusammenbruchs und der Erholung des Handels zugenommen haben.
Lieferausfälle wegen Covid-19
Im Gegensatz zum «Grossen Handelskollaps» verursacht Covid-19 zurzeit sowohl einen Nachfrage- als auch einen Angebotsschock. Letzteres ist vor allem der Fall, weil angebotsseitige Lieferausfälle in ostasiatischen Produktionssektoren die industrielle Fertigung in anderen Ländern weltweit beeinträchtigen.
Bei den meisten Industrieerzeugnissen sind China, Japan und Südkorea für die globalen Lieferketten von grundlegender Bedeutung. Insbesondere China hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Art «Opec für industrielle Vorprodukte» entwickelt – oder anders ausgedrückt: zu einem bedeutenden Lieferanten von Gütern, die in verschiedenen Industriebereichen weltweit verwendet werden. Textilien sowie die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind gute Beispiele dafür (siehe Abbildung 2).
Was die Textilindustrie betrifft, ist China gewissermassen die Werkbank der Welt und damit für das gesamte globale Handels- und Produktionsnetz von zentraler Bedeutung. Hinzu kommt eine starke regionale Dimension. Während die Textilindustrie Italiens Zentrum des europäischen Werkplatzes ist, ist China das Herzstück des asiatischen Werkplatzes, und die USA sind der Mittelpunkt des nordamerikanischen Werkplatzes. In Afrika und Südamerika gibt es keine entsprechenden Drehscheiben.
Die Lieferverbindungen in den verschiedenen Sektoren sind sehr unterschiedlich. In der IKT-Branche beispielsweise hat China eine zentrale Stellung, aber es gibt wichtige Nuancen. Erstens sind Japan, Südkorea, Taiwan und China hinsichtlich IKT-Güter auf dem asiatischen Werkplatz grundsätzlich gleichbedeutend. Zweitens sind die Lieferketten im IKT-Bereich regionaler strukturiert als in der Textilbranche. Die signifikanten Unterschiede zwischen diesen beiden Sektoren dienen als Warnung vor einer zu starken Verallgemeinerung.
Abb. 2: Das Zusammenspiel der Drehscheiben in den weltweiten Lieferketten
Die Kreisgrösse entspricht der Bedeutung des Landes in Bezug auf die betrachteten Handelsströme. Die Breite der Pfeile zeigt die relative Bedeutung der bilateralen Handelsströme. Geringe Handelsströme sind nicht dargestellt. Die Abbildung berücksichtigt nur den Handel mit Zwischenerzeugnissen.
Alles anders bei Covid-19
Die bisherigen Pandemien der Nachkriegszeit haben in der Regel Staaten betroffen, die in wirtschaftlicher Hinsicht viel weniger bedeutend waren. Bei Covid-19 ist das anders. Auf China, Südkorea, Italien, Japan, die Vereinigten Staaten und Deutschland entfallen rund 55 Pozent des weltweiten Angebots und der weltweiten Nachfrage (BIP). Zudem machen diese Länder etwa 60 Prozent der globalen Fertigung und 50 Prozent der weltweiten Exportproduktion aus. Somit liegt es auf der Hand, dass Lieferunterbrechungen und Nachfrageschocks in diesen Ländern bedeutende globale Auswirkungen haben. Denn die Produktionssektoren dieser sechs Volkswirtschaften bilden das Herzstück einer Vielzahl von internationalen Lieferketten. Und jedes dieser Länder ist ein wichtiger Lieferant von industriellen Gütern für diese wichtigen Volkswirtschaften und für Drittstaaten.
Covid-19 verursacht nicht den ersten Angebotsschock, den die Weltwirtschaft bewältigen muss. Die Ölkrisen der Siebzigerjahre sind dafür die bekanntesten Beispiele. Gut dokumentiert und untersucht sind aber auch die Folgen der Überschwemmungen von Fabriken in Thailand und des Erdbebens in Japan im Jahr 2011. Doch im Vergleich mit Covid-19 weisen alle diese Beispiele erhebliche Unterschiede auf.
Bedeutung des Freihandels
Aus der Geschichte lässt sich folgende Lehre ziehen: Ein Grossteil der wirtschaftlichen Probleme, die mit der Ölkrise der Siebzigerjahre zusammenhingen, resultierte nicht aus der Ölknappheit an sich, sondern aus der Inflation, die durch die unangemessenen Massnahmen auf makroökonomischer Ebene ausgelöst wurde.
Die Kombination des anhaltenden Handelskriegs der USA gegen alle ihre Handelspartner (vor allem gegen China) mit den durch Covid-19 unterbrochenen Lieferketten könnte dazu führen, dass die Lieferketten wieder in die einzelnen Länder zurückgeführt werden. Da die Lieferketten globalisiert wurden, um die Produktivität zu steigern, würde diese Entwicklung die Produktivitätssteigerung folglich wieder rückgängig machen.
Ausserdem liegt einer solchen Verschiebung der Lieferketten ein Denkfehler zugrunde. Denn Volkswirtschaften und Unternehmen, die ausschliesslich von Lieferanten aus einem einzigen Land abhängen, verringern ihr Risiko nicht, sondern sie erhöhen es. In Japan beispielsweise würde diese Politik nicht nur zu einer Kostenexplosion führen, sondern die Produktion auch dem Risiko eines noch stärkeren Erdbebens als 2011 aussetzen. Gemäss den Vorhersagen wird sich in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein solches Beben ereignen. Trotzdem verlagert der japanische Baumaschinenhersteller Komatsu – der derzeit Bauteile aus seinen eigenen Werken in China bezieht – die Produktion einiger Komponenten nach Japan und Vietnam[2].
Die Covid-19-Pandemie sollte nicht für Massnahmen gegen die Globalisierung missbraucht werden. Denn mit einer redundanten, zweigleisigen Beschaffung aus mehreren Ländern lässt sich zwar das Problem einer übermässigen Abhängigkeit von China entschärfen, jedoch nur zum Preis von zusätzlichen Kosten.
- Siehe Eaton et al. (2016), Bénassy-Quéré et al. (2009) und Levchenko et al. (2010).
- Nakafuji und Moriyasu (2020).