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Marie strich über die karminrote Seidenhaut und drehte und wendete sich vor dem Spiegel. Einige Stunden zuvor hatte sie dem Boten die silberne Schatulle und eine Adresse in die Hand gedrückt. Marie war aufgeregt. Anders als sonst an solchen Abenden. Sie warf probeweise den Kopf in den Nacken, sie wusste, dass so ihre beiden Hügel Orangen unter das Kleid zeichneten, südliche Früchte und weil sie heute nichts zwischen karminrot und ihrer Haut trug, sah ihr Auge auch die eingerollt schlafenden Rosinen, von denen sie wusste, dass sie sich unter der sanften Reibung des Stoffes bald recken würden um dann dunkel und bestimmt dazusitzen. Der Stoff floss kühl über ihre Schenkel, sie leckten ihn als sei er fliessendes Eis, der Fluss endete knapp unter ihrer Kniescheibe.
Es waren fast nie die Gesichter. Die Tönung der Haut vielleicht, olivbraune Topografien, eine ausgeprägte Kuhle zwischen Hals und Brustbein, eine weiche, warme Stimme und oft, sehr oft die Haare, dort wo der Zeitgeist den Männern die Haare entfernt.
Marie konnte nicht sagen, wann das begonnen hatte.
Sie fotografierte, meistens Männer für irgendwelche Hochglanzmagazine. Glattrasierte Körper, Muskelstränge unter geölter Haut, ein Mann wie der andere. Sie sah sie, befahl sie in Pose, äugte durch den Sucher, knipste. Schafft mir die Kleiderständer vom Hals sagte sie manchmal nach ein paar Stunden Arbeit, müde vom Anblick zähnefletschender Schönlinge. Ich mag Männer, die nach Mann riechen und dabei schob sie ihrem Assistenten die belichteten Filme über den Tisch.
Das mit den Pilzen hatte Marie in einem Buch über Lucrezia Borgia gelesen. Die wunderschöne Tochter des Papstes Alexander Vl. liebte Trüffel über alles und schwor auf deren aphrodisische Wirkung. Sie liess diese Pilze auf keinem Bankett fehlen und soll auch ihre vielen Liebhaber damit beschenkt haben.
Durch den Sucher sah sie die feinen Schweisstropfen in der Vertiefung unter dem Adamsapfel. Paolo posierte für Hemden, sie nahm ihn seitlich auf, liess ihn die Knöpfe öffnen und während sie seinen Fingern zusah, begann das Brennen, es war tief innen, drängend und intensiver als sonst. Auf den Vorhöfen rund um seine Brustwarzen kringelten sich glänzend schwarze Haare.
Einen Tuber aestivum oder einen Tuber melanosporum, beides schwarze Trüffelarten südlicher Provenienz, pflegte Marie in eine kleine, samtausgeschlagene Schachtel zu legen. Unter die Knolle schob sie ihre Visitenkarte, darauf stand ihr Name, die Adresse, ihre Telefonnummer und eine Zeitangabe. Eine wortlose Aufforderung. Die Verpackung richtete sich nach der Qualität des Trüffels. Für einen Tuber magnatum, den kostbarsten, weissgrauen Trüffel mit dem atemberaubenden Duft hatte Marie die kleine Schatulle aus ziseliertem Silber vorgesehen. Den Königstrüffel würde sie ein einziges Mal verschenken. Sie spielte hoch und ohne Netz.
Die erwitterten Männer, in deren Qualitäten und Fähigkeiten sich Marie fast nie täuschte, verstanden sowohl die Aufforderung als auch die Regeln. Nach einer gemeinsamen Nacht, zu der sich die Männer etwas aufgeregt einfanden und nach der sie berauscht und mit einem winzigen Loch irgendwo in ihrem Sein zurückblieben, nach dieser Nacht also kehrten sie heim, zurück zu ihrem Tuber und seinen Verheissungen, von denen sie gekostet und nach denen sie sich zeitlebens sehnen würden. Sie wussten, dass sie eine Initiation erlebt hatten, sie wussten nach dieser Nacht auch, dass eine erotische Begegnung weit vor dem Akt beginnt und diese Erfahrung machte sie begehrt und unwiderstehlich.
Vor drei Stunden hatte Marie dem Boten die Silberschatulle in die Hand gelegt. Auf die Visitenkarte hatte sie geschrieben: Komm, wann immer du willst.
Dem Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) liegen bisher keine Fundmeldungen über einen Tuber magnatum in der Schweiz vor. Für alle andern Sorten siehe Verbreitungsatlas unter www.wsl.ch/swissfungi/.