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Einfach komplex
Innovation und Lowtech zu kombinieren, heisst, einen Widerspruch zu vereinen. Doch genau das ist den Planern der Passerelle des Buissons in Bulle FR gelungen. Ihre Neuinterpretation des traditionellen Gitterträgers verleiht dem Bauwerk Leichtigkeit, die Produktion der Bestandteile blieb indes für den Grossteil der Zimmereien umsetzbar.
Der Weg zur Passerelle des Buissons führt vom Stadtzentrum von Bulle entlang zweier Strassen, die nach den beiden für den Greyerzer Hauptort identitätsstiftenden Gipfeln benannt sind – dem Moléson und dem Dent du Bourgo. Am Fuss des Moléson entspringt denn auch die Trême, der Wasserlauf, über den die Passerelle führt. An ihren mit Bäumen gesäumten Ufern wirkt das elegante, mit Öffnungen durchbrochene Parallelepiped mit geschwungenen Kanten trotz seiner beachtlichen Grösse überraschend zurückhaltend.
Seit dem Zusammenschluss der Gemeinden Bulle und La Tour-de-Trême im Jahr 2006 bildet die Trême zwar keine Verwaltungsgrenze mehr, hat aber nichtsdestotrotz eine stark trennende Wirkung für die Stadt, vor allem bezüglich des Langsamverkehrs. Die Region unterliegt jedoch einem starken demografischen, wirtschaftlichen und räumlichen Wandel.1
Ausbau der sanften Mobilität
Anlässlich seines Umzugs nach Vuadens (FR) plante das Bauunternehmen Grisoni-Zaugg, das Grundstück ihres ehemaligen Standorts in Bulle am südlichen Ufer der Trême aufzuwerten, und ein Wohnquartier für etwa 200 Personen zu erstellen. Den Zuschlag für den ausgeschriebenen Projektwettbewerb auf Einladung erhielt das Architekturbüro RBCH, das zur gleichen Zeit von der Stadt Bulle mit einer Studie zum Bau einer Fussgänger- und Fahrradbrücke unmittelbar unterhalb des künftigen Quartiers betraut wurde.
Diese begleitende, in Hinblick auf die Änderungen des Detailbebauungsplans (DBP) zwingende Massnahme sollte einerseits den direkten Zugang zu den öffentlichen Verkehrsmitteln für die zukünftigen Bewohnerinne und Bewohner sicherstellen und andererseits im Rahmen des Ausbaus des Langsamverkehrsnetzes die Trême-Ufer der Gemeinde aufwerten.
Herausfordernde Materialwahl
RBCH schlug für die Brücke zwei Varianten vor: Stahl und Holz. Beide Varianten ermöglichten, auf erfahrene lokale Unternehmen zurückzugreifen, die auf den Bau mit diesen beiden Materialien spezialisiert sind. Die Stadt Bulle als Bauherrschaft entschied sich für die Variante aus Holz, in diesem Fall für Holz aus der Umgebung, also aus einem Umkreis von weniger als 50 km.
Für die Architekten, die die bestehenden Holz-Passerellen der Region studiert hatten, bedeutete dieser Entscheid, eine Passerelle mit Dach zu bauen, um so den Schutz des Tragwerks und damit letztlich die Beständigkeit des Bauwerks zu gewährleisten. Als Referenzobjekt wählten sie mit der gedeckten Brücke von Lessoc FR, die seit 1667 über die Saane führt, ein schönes Beispiel für eine langlebige Bauweise.
Die Herausforderung bestand also darin, ein ebensolches Bauwerk mit einem zeitgenössischen Ausdruck zu erstellen, das den Bezug zum Wasserlauf herstellt und gleichzeitig die Projektanforderungen erfüllt: eine lichte Breite von 3 m, eine ausreichende lichte Höhe zum Schutz vor Geschiebe bei Hochwasser und ein Baumaterial, das ein grosses Volumen generiert. Die zwei ersten Anforderungen bestimmten die Geometrie des Bauwerks sowohl im Grundriss wie auch im Schnitt. So entschieden sich die Architekten von RBCH und die Ingenieure von gex & dorthe für eine gekrümmte Unterseite, denn dadurch erhielt die Brücke eine ausreichende lichte Höhe, ohne dass die Planerinnen und Planer auf Zufahrtsrampen zurückgreifen mussten. Um der Konstruktion eine Dynamik zu verleihen, krümmten sie auch die drei anderen Seiten. Die entstandenen vier Kanten erinnern an Tragseile von Hängebrücken, beispielsweise der Sementina-Brücke im Tessin.
Innovationen für mehr Einfachheit
Der Entwurf der beiden Seitenwände trägt der dritten Voraussetzung Rechnung: Das Materialvolumen wurde verringert, sodass das Bauwerk filigraner erscheint. Die Planer betrieben umfangreiche Recherchen zur Diagonalen und wagten sich an die Neuinterpretation des klassischen Fachwerkträgers. Durch die verschiedenen Iterationsschritte, die auch durch die Dauer des Projekts ermöglicht wurden, konnten die Abmessungen der Diagonalen zugunsten grösserer Öffnungen verringert werden.
Aus den Recherchen resultierte ein Gitterträger – im Wesentlichen eine Weiterentwicklung des Townschen Lattenträgers2 –, bei dem die Diagonalen aus drei bis vier überkreuzten Latten bestehen (27/200 mm Fichte/Tanne, fixiert mittels Universal-Holzbauschrauben DN 6 bis 8 mm), je nachdem ob sie unter Zug- oder Druckbelastung stehen. Das Gitterwerk wird von zwei Gurten aus Brettschichtholz (BSH Fichte GL24h) gehalten und das Ganze mithilfe von an Bolzen (DN 16 mm) befestigten Stäben und Stahldübeln (DN 20 mm) fest verbunden. Auf den Verbindungsflächen kam zusätzlich Leim zum Einsatz.
Ein leicht geneigtes, mit einem 1.20 m breiten Vordach ergänztes Dach schützt das Bauwerk vor Verwitterung. Gefertigt wurde es aus Dreischichtplatten, ein Kupferblech gewährleistet seine Langlebigkeit. An einigen Stellen sorgen auf der Aussenfläche des Tragwerks angebrachte Verkleidungen sowie Bleche für zusätzlichen Schutz.
Die Aussteifung wird durch die Dreischichtplatte im Dachaufbau und durch einen Windverband unter der Fahrbahn aus Lärchenholz sichergestellt. Die Unterzüge sind paarweise angeordnet. Die dadurch entstandenen Zwischenräume bieten Platz für die Beleuchtung und führen die architektonische Sprache der überkreuzten Latten des Fachwerks weiter.
Die Montage der Passerelle erfolgte auf dem benachbarten Grundstück des künftigen Quartiers des Buissons. Das Fachwerk wurde liegend mithilfe von Schablonen montiert. Am 19. Dezember 2022 brachte ein 500-Tonnen-Kran die 30 Tonnen schwere Konstruktion an Ort und Stelle. Die Bauarbeiten fanden nachts statt, da ein Schwenken über die Zuglinie Bulle-Broc nicht vermieden werden konnte. Am 23. Dezember wurde die Passerelle der Öffentlichkeit übergeben.
Intelligente Konstruktion – clevere Produktion
Die konstruktive Intelligenz der Passerelle zeigt sich in vielerlei Hinsicht, insbesondere im Zusammenspiel von Dach und Vordach sowie in der Verkleidung von besonders exponierten Teilen des Tragwerks. Die Primärstruktur wird auf diese Weise effizient und dauerhaft vor Verwitterung geschützt. Zudem wurde trotz der Grösse der Passerelle (28.40 × 3.90 × 3.70 m) nur 40 Kubikmeter Holz verbraucht, hauptsächlich Vollholz.
Sie ist aber vor allem in Bezug auf die Produktion einzigartig, denn für das Fachwerk arbeiteten die Architekten und Ingenieure ausschliesslich mit kleinen Querschnitten und unbearbeiteten Materialien. Dadurch blieb die Konstruktion für den Grossteil der Zimmereien umsetzbar und nicht nur für jene Unternehmen, die über die für die Arbeit mit Hightech-Holz benötigten Fachkenntnisse und Maschinen verfügen.
Mit dem 350 Jahre alten Bauwerk als Referenz haben sich die Architekten und Ingenieure ein hohes Ziel punkto Beständigkeit gesteckt. Denn es ist fraglich, ob es heute überhaupt noch möglich ist, mit einfachen Techniken auch tatsächlich langlebige Bauwerke zu erstellen. Vielleicht erlaubt uns in dieser Hinsicht das Beispiel der unscheinbaren Trême, Rückschlüsse auf die Wahl des Materials zu ziehen: Unterhalb der Passerelle des Buissons stehen seit kurzem zwei Langsamverkehrsbrücken mit vergleichbarer Grösse und Nutzung. Die erste (Champ-Barby, 2018; Brauen Wälchli Architectes / Muttoni et Fernández Ingénieurs Conseils) besteht aus einem vorgespannten Korbbogen aus Ultra-Hochleistungs-Faserbeton (UHFB); die zweite (GVH Ingénieurs civils, 2018) aus einer Stahlkonstruktion, die von der neuen Eisenbahnbrücke der TPF auf der Strecke Bulle-Broc auskragt.
Drei vergleichbare Aufgabenstellungen, drei verschiedene Antworten in Bezug auf die Materialwahl – was das für die Lebensdauer der Bauwerke bedeutet, wird sich in ein paar Jahren zeigen.
Anmerkungen
1 Zwischen 2006 und 2022 wuchs die neue, aus dem Zusammenschluss entstandene Verwaltungseinheit von 16 000 auf über 25 000 Bewohnende an.
2 Der Townsche Lattenträger wird beim Bau von Fachwerkbrücken verwendet. Er wurde 1820 vom Amerikaner Ithiel Town patentiert und zeichnet sich durch die Verwendung von Bohlen anstelle von Balken aus. Der Vorteil besteht darin, dass er aufgrund der geringen Abmessungen der Bauteile und der einfachen Technik von einem Zimmermann erstellt werden kann.
Passerelle des Buissons, Bulle FR
Bauherrschaft
Stadt Bulle und Groupe Grisoni
Architektur
RBCH architectes, Bulle
Tragkonstruktion
gex & dorthe ingénieurs consultants,
Bulle
Zimmermannsarbeiten
Dougoud Construction Bois, Épagny
Maurerarbeiten
Groupe Grisoni, Vuadens
Spenglerarbeiten
Staremberg, Bulle
Elektroplanung
Gruyère Énergie, Bulle
Lichtplanung
Aebischer & Bovigny lightdesignagency,
Lausanne
Planungs- und Bauzeit
2019–2022
Eröffnung
Dezember 2022
Kosten
400'000 Fr.