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Während der Direktor recht luxuriös in der eigenen Wohnung im repräsentativen, schmucken Amtshaus wohnte, standen den Schwestern und den übrigen Angestellten bis in die 1960er-Jahre bescheidene Zimmer zur Verfügung.
Die Aufsichtsschwestern übernachteten in den Schlafsälen der Kinder in einer kleinen Zelle, die ein einfacher Bretterverschlag war. Aus deren Fenster konnten sie während der Nacht die Kinder beaufsichtigen.
Das Personal war knapp bemessen und der Arbeitsalltag bis in die 1960er-Jahre sehr streng. Die Abteilungsschwestern etwa waren Tag und Nacht meist allein für eine grosse Gruppe von Kindern zuständig. Während die Kinder in der Schule waren, warteten Flickarbeiten auf sie. Ihre 7-Tage-Woche liess ihnen wenig Freizeit, Erholung und Privatsphäre. Auch Ferien waren selten.
Die hohe Arbeitsbelastung des Personals konnte zu Erschöpfung und Überforderung führen, was neben verschiedenen anderen Faktoren wiederum Gewalt und Fehlverhalten begünstigte.
Grösse der Abteilungen am 31. Dezember 1947 (Jahresbericht Rathausen 1947)
Kindergarten 3 Mädchen, 14 Knaben
Untere Knabenabteilung 48 Knaben
Mittlere Knabenabteilung 26 Knaben
Obere Knabenabteilung 48 Knaben
Milchhof 12 Knaben
Mädchenabteilung 35 Mädchen
Total: 38 Mädchen und 148 Knaben
Gelübde
Mit ihrem Gehorsams- und Armutsgelübde verpflichteten sich die Schwestern zu Verzicht, Pflichttreue, Ausharren sowie unbedingtem Gehorsam und Unterwürfigkeit. Hierin liegt wohl auch ein Grund, dass sich die Schwestern nicht grundsätzlich gegen die strapaziösen Arbeitsverhältnisse zur Wehr setzten und bei erzieherischer Überforderung kaum um eine Versetzung baten.
Handlungsspielraum
Wenige Erziehungspersonen waren für eine grosse Schar von Kindern zuständig. Sie waren relativ unbeaufsichtigt und hatten dabei einen entsprechenden erzieherischen Handlungsspielraum. Diesen konnten sie nutzen, um ihre eigenen Erziehungsmethoden einzusetzen, durchaus auch in Ablehnung der herrschenden, oftmals repressiven Erziehungspraxis. Die Möglichkeit, exzessive Gewalt anzuwenden oder sexuelle Übergriffe auszuüben und zu verheimlichen, war damit aber auch gegeben.
Beaufsichtigung der Schlafsäle der Kinder
Die grossen Schlafsäle der Kinder mit bis zu 50 oder 60 eng nebeneinanderstehenden Betten liessen kaum Privatsphäre und Persönliches zu. Tag und Nacht lebten die Kinder in grossen Gruppen zusammen und wurden vom Personal überwacht. Freiräume wussten sich die einen Heimkinder trotzdem zu schaffen, wenn auch in einem begrenzten Rahmen.
Der Heimbetrieb war bis in die 1950er-Jahre als Massenbetrieb organisiert. Ein individuelles Eingehen auf die einzelnen Kinder war durch das knapp bemessene Erziehungspersonal nur beschränkt möglich und lange Zeit auch nicht vorgesehen.
Personalbestand des Kinderheims Rathausen am 31. Dezember 1947 bei gegen 200 Kindern (Jahresbericht Rathausen 1947):
Im Heim:
1 Direktor
1 Präfekt
2 Lehrer
20 Schwestern inkl. Oberin
8 weibliche Angestellte
In den Werkstätten:
1 Schreiner
1 Schuhmacher
1 Heizer
In der Landwirtschaft:
1 landwirtschaftlicher Verwalter und Frau (Milchhof)
1 Meisterknecht
1 Melker
1 Karrer
2 Landarbeiter
1 Taglöhner
1 Köchin
1 Hausbursche