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Die Bedeutung der syrischen Küstenstadt Ugarit beruht auf einem kulturhistorischen Vorgang ersten Ranges: hier entstand im 14. Jahrhundert v. Chr. das erste alphabetische Schriftsystem der Menschheit. Die Anzahl der ca. 600 Zeichen der Keilschrift, die von zahlreichen Völkern des Vorderen Orients verwendet wurde, wurde auf 30 Zeichen reduziert und in eine verbindliche, feststehende Reihenfolge gebracht. Der Anlass für die Reduzierung der Zeichen ist wohl in den Bedürfnissen des Handels und der damit verbundenen Korrespondenzen zu suchen: weniger Schriftzeichen erlaubten knappere und präzisere Angaben. Geschrieben wurde auf Tontafeln: die Keilschriftzeichen wurden mittels eines Griffels in eine weiche Tontafel geritzt, die dann entweder an der Luft getrocknet oder in einem Ofen gebrannt wurden.
Die Region um Ugarit – heute Ras Shamra – war seit dem 7. Jt. v. Chr. besiedelt. Ugarit war eine jener Städte gewesen, die durch ihre günstige Lage am Meer zu einer bedeutenden und wohlhabenden Handelsstadt geworden waren. Der relativ kleine Stadtstaat musste sich mit den mächtigen Reichen jener Zeit – Ägypter, Hethiter und Hurriter – auseinandersetzen, konnte aber dennoch eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Ihre Blütezeit erlebt die Stadt im 2. Jt. v. Chr. Als die Seevölker – vermutlich indogermanische Stämme, deren Herkunft in der Forschung kontrovers diskutiert wird – die Gebiete des Vorderen Orients überrannten, fiel auch Ugarit deren Zerstörungswut zum Opfer. Im Laufe der Zeit wurden die Trümmer der Stadt vom Erdreich zugedeckt.
Als 1928 ein Bauer beim Pflügen seines Ackers auf einen Gang zu einem unterirdischen Raum stiess und dort zahlreiche Gegenstände fand, die er dann verkaufte, begann sich die syrische Staatliche Altertumsverwaltung für das Gelände zu interessieren. Ein Grabungsteam unter der Leitung des französischen Archäologen Claude Schaeffer begann mit der archäologische Erforschung des Gebietes: die Ruinen der Stadt Ugarit wurden entdeckt. Heute finden keine Grabungsaktivitäten mehr statt, auch wird das Gelände nicht mehr gepflegt – die Ruinen sind von der üppigen Vegetation bereits wieder überwuchert. Für die epigraphische Forschung hatte die Entdeckung Ugarits grosse Bedeutung. Mehrere umfangreiche Tontafel-Archive mit Texten in verschiedenen Sprachen wurden gefunden: im Palast diplomatische Korrespondenzen, in einem Wohnhaus Verwaltungstexte und im Tempel mythologische Texte.
Man betritt das Ausgrabungsfeld durch das ehemalige Stadttor und befindet sich sogleich beim Königspalast. Dieser war nach den Vorgaben einer altorientalischen Palastform – Bit Hilani – erbaut worden und war zum Prototyp für spätere syrische Palastanlagen geworden: die Eingangsfront eines Palastes wird von Stützen getragen, seitlich befinden sich Nebenräume und Türme und hinter der Eingangsfront liegt der Hauptinnenraum. In Beschreibungen wird immer wieder erwähnt: „… ich habe mir einen Palast gebaut nach dem Bit Hilani von Ugarit“. Ein Gewirr von Strassen, die mehrheitlich als Sackgassen angelegt sind, führt vom Palast über das weite Feld. Es gibt keine Nekropole. Die Toten waren in einer Gruft unter dem Wohnhaus beigesetzt worden.
Als Hauptgottheit wurde in Ugarit Baal verehrt, besonders in seinem Aspekt als Vegetationsgott. Ein Mythos erzählt, dass die Ehefrau und Schwester des Baal, Anat, diesen nach seinem Tod beweint und begraben habe, und dass Baal im Frühjahr, mit Beginn der Vegetation, wieder auferstanden sei. Spielarten dieses Mythos wurden in verwandten Kulturen (akkadische, sumerische, ägyptische) tradiert. Vermutlich hat Baal immer noch die Hand im Spiel: verschwenderisch blüht auf dem Gelände die Pflanze Affodill.