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Die Hoffnung, dass das Sterben kein endgültiger Untergang sei, sondern dass es nach dem Tod irgendeine Art Leben geben könnte, ist so alt wie die Menschheit. Diese Hoffnung fand in der Geschichte der Religionen in verschiedenen Bildern ihren expliziten Ausdruck.
Pierre Casetti
Die Vorstellung einer Auferstehung der Toten fällt einem wohl als erste ein. Hier wird der Tod als zeitweiliger Schlaf gedeutet, aus dem man irgendwann aufwacht bzw. geweckt wird. Diese Vorstellung ist relativ jung. Sie kam im Judentum des 2. Jahrhunderts v. Chr. auf (Dan 12,2f.; Jes 26,19; 2 Makk 7,9,13). Die Christen haben diese damals moderne Idee übernommen und ihr damit zu einer allgemeinen und bleibenden Bekanntheit verholfen.
Eine ältere Vorstellung ist in der indischen Kultur und – etwas anders konzipiert – im alten Ägypten verbreitet. Von Ägypten aus kam sie dann dank dem Philosophen Platon (428–348 v. Chr.) auch nach Griechenland und wurde so zu einem zentralen Element der ganzen späteren europäischen Philosophie. Mit dem griechischen Denken drang sie auch in die jüngsten Schichten der Bibel, wie etwa der wunderschöne Text im (deuterokanonischen) Buch der Weisheit 3,1-6 zeigt.
Das älteste Bild für eine Jenseitshoffnung ist aber das der Entrückung bzw. der Himmelfahrt. Diese Vorstellung findet man schon im 2. vorchristlichen Jahrtausend im mesopotamischen Gilgamesch-Epos (XI 193–196): Dort wird der Sintflutheld mit seiner Gattin in eine Art jenseitiges Paradies umgesiedelt und dort verewigt. Im Alten Testament «nimmt», das heisst entrückt Gott zunächst nur Promis, wie Henoch (Gen 5,24) und den Propheten Elia (2 Kön 2,1–14). Aber auch der Beter von Ps 49,16 und Ps 73,24 erhofft sich ein ähnliches Schicksal. Das heisst: Im Alten Testament wurde die Himmelfahrt, die religionsgeschichtlich nur wichtigen Persönlichkeiten vorbehalten ist, demokratisiert und diente so als bildliche Ausdrucksweise für die generelle Hoffnung auf eine Überwindung des Todes. Als allgemeiner Ausdruck der Jenseitshoffnung ist die Entrückung auch speziell geeignet; sie zeigt, wie das ganze diesseitige Leben eines Menschen – zumindest in seinen wesentlichen Aspekten – in Gott «aufgehoben» und verendgültigt wird.
In diesem Sinn wird man gewiss auch die «Himmelfahrten» im Christentum verstehen können: allen voran natürlich die Himmelfahrt Jesu, dann aber auch die «Aufnahme Mariens in den Himmel», die Himmelfahrt der heiligen Rita usw. Sie alle wurden von Gott «genommen» und geben dadurch auch uns Hoffnung, dass unser kleines Leben einst ewig in Gott bleiben werde. So gesehen ist also die Himmelfahrt Jesu zunächst einfach eine weitere Ostererzählung.
Dazu kommt nun aber noch etwas anderes: Im Bild der Himmelfahrt wird nämlich stets das Verschwinden des Körpers besonders betont. Schon von Henoch heisst es: «Henoch wandelte mit Gott – dann gab es ihn nicht mehr, denn Gott hatte ihn genommen» (Gen 5,24). Auch die dreitägige Suchaktion, von der nach der Himmelfahrt des Elia berichtet wird (2 Kön 2,15–18), soll eben diesen Aspekt hervorheben. Damit wird die Entrückung festgeschrieben als «leiblicher Übergang eines Menschen von diesem Leben in eine andere Welt, ohne dass der Tod dazwischentritt». So unterscheidet sie sich von allerlei Himmelsreisen der Seele (man denke an Mohammeds nächtliche Traumreise auf seinem geflügelten Pferd Buraq) oder ekstatischen oder schamanistischen Reisen und zeitweiligen Dislokationen, die es in der Religionsgeschichte auch gibt.
Wenn nun also Lukas (in Lk 24,51 und Apg 1,9–11) eine Himmelfahrt Jesu erwähnt, will er damit wohl nicht einfach ein weiteres Mal dessen Sieg über den Tod verkünden. Er will vielmehr unterstreichen, dass dieser Übergang «von dieser Welt zum Vater» (Joh 13,1) nicht etwas rein Spirituelles war, sondern ein durchaus körperlicher Vorgang. In der Auferstehung ist Jesus Christus nicht als nackte Seele oder als göttlicher Logos zum Vater zurückgekehrt, sondern als ganze Person, als wahrer Gott und als wahrer Mensch, zu dem eben auch ein (gefolterter) Körper gehörte. Lukas ist zwar der Einzige, der in seinem Doppelwerk das alte Bild der Entrückung gebraucht, um dies zu unterstreichen. Aber in allen Ostererzählungen wird dieser körperliche Aspekt der Auferstehung immer – mehr oder weniger diskret, aber doch unübersehbar – miterwähnt. So soll klar werden, dass der Auferstandene kein Gespenst ist (vgl. Lk 24,39): Deswegen berichten alle vier Evangelisten vom leeren Grab. Deshalb fordert der Auferstandene die Jünger auf, ihn zu berühren (Lk 24,39f.; Joh 20,20,24–29). Deshalb isst er auch demonstrativ vor bzw. mit ihnen (Lk 24,41–43; Joh 21,12f.). Immer wird dabei auch der Schrecken oder zumindest die Verwunderung der Jünger vermerkt: die Auferstehung als körperliches Ereignis war offensichtlich auch für sie verwirrend.
Für uns heute dürfte es im Allgemeinen sogar unerträglich sein, die Auferstehung Christi auch als körperlichen Vorgang zu denken. Unter dem Druck einer zunehmend (natur-)wissenschaftsgläubigen und konsumversessenen Gesellschaft hat sich in Europa allmählich ein liberales und vermeintlich «aufgeklärtes» Kulturchristentum etabliert. Darin versucht man, die gesamte Tradition «innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft» darzustellen – wie es Immanuel Kant (1724–1804), der wichtigste Denker der Aufklärung, formulierte. Alle «vertikalen Wunder» (Karl Barth) und alles, was entfernt an Magie erinnern könnte, wird «spirituell» weginterpretiert: so wird das leere Grab zum katechetischen Kunstgriff, das Essen mit dem Auferstandenen zum reinen Hinweis auf die Eucharistie (was es zweifellos auch ist) und die Himmelfahrt zur cleveren literarischen Erklärung für das langsame Aufhören der – natürlich rein geistigen – Erscheinungen des Auferstandenen. Dadurch kann sich die religiöse Praxis der Christen problemlos – als hobbyartige Freizeitbeschäftigung – in ein bürgerliches Leben in der Industriegesellschaft einfügen. Nur eben: In einer so körperfixierten Gesellschaft wie der unsrigen, die jährlich für Medizin, Fitness, Kosmetik und Ähnliches Milliarden ausgibt, greift dieses spirituelle Christentum immer weniger. Das sieht man gerade sonntags: dieweil die zwei Prozent praktizierender Christen in den Kirchen Spirituellem lauschen, frönen die restlichen 98 Prozent durchaus körperlichen Lustbarkeiten: Sie joggen an den Kirchentüren vorbei oder bleiben daheim und brunchen oder machen Power-Yoga. Christi Himmelfahrt wäre ein Anlass, über dieses Paradox ernstlich nachzudenken.