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Wir können Kant nicht aufgeben, weil er wie kein anderer unsere heutige Menschenrechtskultur artikuliert. Wir müssen Kant aufgeben, weil wir seinem Rationalismus nicht folgen und seine Moral nicht teilen können. Wir können Kant nicht aufgeben, weil er wie kaum ein anderer die Gefahren der modernen Kultur gesehen und im Begriff der Vernunft ein unerlässliches Heilmittel offeriert hat. Wir müssen Kant aufgeben, weil wir seinen Transzendentalismus, die Idee der Begründung der Vernunft aus sich selbst heraus, nicht akzeptieren können. Das klingt nach einer schwierigen Situation, in die uns Kant gebracht hat. Versuchen wir zunächst zu verstehen, wie das geschehen ist.
Kant wurde nicht als Autor der «Kritik der reinen Vernunft» (KrV) von 1781 geboren. Sein Weg hin zu diesem epochalen Werk ist lang und windungsvoll. Wie jedes Buch ist auch dieses eine Antwort auf davor-liegende Fragen – Fragen, die erst formuliert werden mussten, ohne dass das Buch bereits zur Verfügung gestanden hätte. Welche Bedeutung können die Erkenntnisziele der traditionellen Metaphysik angesichts der modernen Wissenschaft, insbesondere der Physik Newtons, noch besitzen? In welchem Ausmass können Philosophen, die Alternativen für metaphysische Grundlagen suchen, sich auf die menschliche Natur berufen? Wenn die Metaphysik nicht mehr trägt, wie vertrauenswürdig ist die menschliche Natur? Mit diesen Fragen sehen wir Kant 1765 in einer rundum skeptischen Haltung – gegenüber der in Deutschland dominanten Metaphysik, die in den Gestalten von Leibniz, Wolff und Baumgarten den Anspruch vertritt, Einsichten in die rationale Ordnung der Welt gewinnen zu können, und ebenso gegenüber den schottischen Wissenschaftern der Menschennatur, Hutcheson, Hume und Smith, die alle metaphysischen Absichten aufgegeben haben und dennoch für Mensch und Gesellschaft vorteilhafte psychologische Kräfte freilegen zu können glauben. Kant ist beiden Schulen gegenüber kritisch, und das Ausmass seiner Kritik bestimmt das Niveau und die Dramatik seines eigenen Entwurfs.
Diese kritische Haltung gegenüber der Metaphysik erschliesst sich bereits einem oberflächlichen Verständnis von Kants berühmtem Buch, anhand von dessen Absicht, die «dialektischen», sprich selbstwidersprüchlichen Verwirrungen zu klären, in die sich die Vernunft anhand der «absoluten Ideen» von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit verwickelt. Kants konstruktive Analyse des menschlichen Erkennens führt zu dem Fazit, dass die Gegenstände solcher Ideen nicht erkannt werden können, weil jede Erkenntnis auch den Sinnen entspringen muss. Es bei diesem negativen Ergebnis zu belassen, bedeutete allerdings nicht nur eine Kritik, sondern eine Selbstaufgabe der Vernunft. Wenn wir unser sinnvolles Fragen auf die engeren Themen der Wissenschaft beschränken müssten, würden wir jede umfassendere Lebensorientierung verlieren und gerieten gar in Gefahr, zum Opfer eines seinerseits undurchschauten Wissensprozesses zu werden. In einem Programm der Vernunft, das diesen Namen verdient, müssen die metaphysischen Ideen deshalb auch nach der Metaphysik einen positiven Sinn gewinnen und können nicht einfach gestrichen werden.
Rousseaus Kulturkritik
Warum kann hierfür nicht dennoch die menschliche Natur eine Handhabe bieten, wie die optimistischen Schotten dachten? Mit «menschlicher Natur» ist bei ihnen das menschliche Begehren und Fühlen gemeint, auf das sie sich mit Begriffen wie «moralischer Sinn», «Sympathie» oder «Selbstinteresse» beziehen. Hume und Smith entwerfen auf diesen Grundlagen ein hoffnungsvoll ausbalanciertes Reich einer ökonomisch prosper-ierenden Gesellschaft. Ihre Hoffnungen sind freilich einseitig. Rousseau setzt diesen Selbstverständigungsschriften des Frühkapitalismus in seinen zwei «Preisschriften» und im «Emile» die sozialkonstruktive Einsicht entgegen, dass alle menschlichen Wünsche und Gefühle sozial formbar und Ausdruck der jeweiligen Gesellschaft sind. Hobbes’ berühmter «Naturzustand» ist ihm zufolge gerade kein Naturzustand, sondern die Eigennutzplattform der ökonomisch dominierten Gesellschaft. Einzig die Vernunft, allerdings verwickelt in die Leidenschaften, kann für eine – notgedrungen immer begrenzte – Distanz zu den Formierungskräften der Gesellschaft sorgen. Rousseaus Kulturkritik hat auf Kant eine tiefere Wirkung als der häufig genannte Skeptizismus Humes. Die zunächst mit Hutcheson geteilte Gefühlsethik wird aufgegeben, die Formbarkeit der menschlichen Natur als Herausforderung…