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Noch vor wenigen Jahren wäre ein direkter Eingriff einer Zentralbank in „freie“ Aktienmärkte als völlig unakzeptabel angesehen worden. Wie ist es dazu gekommen, dass eine Nationalbank von Geldpolitikerin zur Aktienspekulantin wurde?
Es wird mit nötig gewordener Diversifikation der riesigen Fremdwährungsbestände begründet. Diese Woche wurden auf der Webseite der amerikanischen Behörde SEC die neuesten Daten zu den Aktienpositionen der Schweizer Nationalbank für das zweite Quartal veröffentlicht.
Screenshot von der Webseite der Nasdaq
Die SNB hielt zum 30. Juni 2017 2’589 verschiedene Aktientitel im Gesamtwert von 85,7 Milliarden US-Dollar. 1’688 Positionen wurden im zweiten Quartal gehandelt, 85% der Positionen wurden erhöht.
Wie entscheidet die Nationalbank, welche Aktien sie kauft und welche nicht? Wie entscheidet sie, ob sie eher zukauft oder eher verkauft? Und da heutzutage ja keine Menschen mehr hinter dem Bildschirm sitzen und „traden“, kann die Frage auch lauten: Welcher Trading-Algorithmus läuft auf den SNB-Computern? Marke Eigenbau oder der von Blackrock?
Nehmen wir ein Beispiel: Die Position in der Firma CR Bard Inc (NYSE:BCR), eine Medizinaltechnikfirma, wurde von 476’461 Aktien im Wert von 118.4 Millionen Dollar während des zweiten Quartals auf 263’161 Millionen Aktien reduziert. Diese Aktien hatten zum 30. Juni einen Wert von 83.2 Millionen Dollar. Die Firma Bard hat einen Firmenwert von 23 Milliarden, beschäftigt 16’300 Mitarbeiter und ist spezialisiert auf die Herstellung von Gefäss-, Urologie-, Onkologie- und chirurgischen Produkten.
Ein Blick auf das „Year to date“-Chart zeigt, dass es einen grossen Kurssprung im zweiten Quartal gab.
Kurssprung bei der Firma CR Bard nach Ankündigung einer Übernahme (Google Finance)
Der Grund für den Kurssprung über das Wochenende vom 21. bis 24. April war, dass ein Übernahmedeal bekannt wurde. Gehen wir einmal davon aus, dass die SNB-Position nach diesem Deal reduziert wurde (dies ist aus den veröffentlichten Daten der SEC oder Nasdaq nicht herauszulesen), dann würde es sich bei dem Verkauf um eine Gewinnmitnahme der Nationalbank handeln. So weit so gut. Doch auf welcher Basis erfolgt diese Gewinnmitnahme? Wieso nicht auch einmal bei Apple oder Amazon Gewinn mitnehmen?
Lesern, die amerikanische Aktienmärkte verfolgen, ist die Abkürzung „FANG“ ein Begriff. Sie bezeichnet die grossen Tech-Titel im Nasdaq der letzten Jahre: Facebook, Amazon, Netflix und Google. Eine Erweiterung der Gruppe wurde geschaffen mit dem Kürzel „FANTASIA“. Es handelt sich um die Titel Facebook, Amazon, Netflix, Tesla, Alphabet, Salesforce, Intel und Apple. Alle diese haben gemeinsam, dass sie als „Wachstums-Titel“ und irgendwie auch „Internet- und Tech-Titel“ behandelt werden, auch wenn manche Unternehmen bereits sehr „reif“ sind oder einfach Elektro-Autos mit Touch-Screens produzieren.
Wert der SNB Aktien an den FANTASIA-Firmen
Wert der SNB-Aktien an den FANTASIA-Firmen
Die SNB hielt an diesen Titeln per Ende Juni 8.78 Milliarden Dollar. Mehr als 10% der Aktieninvestments in amerikanischen Titeln wurde in diesen acht Firmen getätigt. Der Wert dieser Positionen stieg über die Jahre stark an. Die SNB kaufte währenddessen weiter zu, vor allem in den ersten Quartalen des Jahres.
Es gilt zu unterscheiden, wie viel der Wertsteigerung im Portfolio der SNB sich auf Steigerung des Firmenwerts zurückführen lässt und wie viel auf Zukauf. Betrachtet man das zweite Quartal 2017 im Vergleich zum ersten Quartal 2017 ergibt sich folgendes Bild:
An Facebook, Amazon, Netflix, Tesla und Alphabet (Google, Class A- und Class C-Aktien) wurden praktisch identisch ungefähr 4% zugekauft, unabhängig von der Kursentwicklung. Gleichzeitig wurde aber der Anteil an Salesforce, einer Cloud- und Softwarefirma, überproportional um 6% erhöht und Apple „nur“ um 1.5%.
Welcher Algorithmus liegt dem zugrunde? Über solche Details gibt die SNB keine Auskunft. Sie behauptet einfach frech, dass der „Einfluss auf einzelne Märkte möglichst gering gehalten“ wird.
Screenshot von der Webseite der SNB (Deutsche Version)
Die SNB manipuliert „im Auftrag der Schweiz“ die US-Aktienmärkte, ob sie dies will oder nicht. Eine Erhöhung des Aktienanteils um 85 Milliarden Dollar in vier Jahren muss zwangsläufig zu höheren Kursen in den zugekauften Aktien führen, im Unterschied zur Annahme, dass diese 85 Milliarden als „Cash“ auf der SNB-Bilanz stehengeblieben wären.
Was wird passieren, wenn die SNB eines Tages ihre Dollarbestände abbauen wird und diese jetzt 85 Milliarden USD an Aktien nach und nach wieder verkauft? Glaubt noch jemand an faire und freie Märkte?