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Auf den Spuren der Seide
(Werbung) Im Rahmen eines Lesekreises habe ich mir wieder einmal einen modernen Klassiker oder zumindest Bestseller vorgenommen. Wie mir "Seide" von Alessandro Baricco gefallen hat, erfahrt ihr in diesem Blogbeitrag.
Ein Welterfolg
"Seide" von Alessandro Baricco erschien erstmals 1996 und wurde zum Welterfolg. Der Bestseller wurde 2007 von François Girard mit Keira Nightley verfilmt. Es ist ein schmaler Roman von nicht mal 150 Seiten (im Hardcover von Hoffmann und Campe). Ich wusste vor der Lektüre gar nichts über das Buch und so ging ich ohne grosse Erwartungen ans Lesen, als es im Buchclub von Book Broker zum Thema Frühling ausgewählt wurde.
Eine schicksalhafte Begegnung
Wir schreiben das Jahr 1861, als der Seidenhändler Hervé Joncour erstmals nach Japan reist, um Seidenraupen zu kaufen. Die Raupen in Europa leiden unter der Nosemaseuche, gegen die noch kein Mittel gefunden wurde. Deshalb möchte der Unternehmer Baldabiou aus dem südfranzösischen Lavilledieu den jungen Joncour nach Japan schicken. Dieser nimmt es auf sich, ins damals seit 200 Jahren abgeschottete Japan zu reisen, das dank seiner Isolation noch über gesunde Seidenraupen bzw. deren Eier verfügen soll. Die Reise dauerte damals drei Monate per Bahn, Schiff, zu Ross und zu Fuss.
"'Und wo genau soll dieses Japan liegen?' Baldabiou hob die Spitze seines Spazierstocks und wies damit über die Dächer von Saint-August. 'Immer geradeaus.' Sagte er. 'Am Ende der Welt'." (S. 14)
In Japan trifft Hervé Joncour nicht nur auf Hara Kei, einen regionalen Herrscher und Herr über den Handel mit Seidenraupen, sondern auch auf eine schöne junge Frau mit europäischen Zügen. Die Frau scheint eine Art Geliebte und Dienerin von Hara Kei zu sein. Hervé kann kein Wort mit ihr wechseln, reist aber fortan - von seiner Sehnsucht getrieben - jedes Jahr wieder nach Japan. Zuhause wartet derweil seine Frau Hélène, mit der er glücklich verheiratet ist. Die Ehe bleibt allerdings kinderlos und irgendwann erfährt Hélène auch von Hervés Angebeteten im Fernen Osten. Was sie dann tut, sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber so viel kann ich sagen: Sie stellt Hervé nicht zur Rede, sondern lebt zumindest gegen aussen glücklich weiter mit ihm zusammen bis zu ihrem Tod.
Seltsam distanziert
Baricco hält seine Erzählung sehr knapp und minimalistisch. Die an sich tragische Handlung, von Sehnsucht, Liebe, Trauer, Entbehrung, Unterwerfung schildert er relativ trocken, aber nicht ohne einen gewissen Witz. So hat man immer wieder das Gefühl, dass einem die Personen entgleiten, man sie gar nicht richtig zu fassen kriegt. Das zeigt sich schon in der ersten Beschreibung von Hervé Joncour:
"Er genoss sein Vermögen ohne viel Aufhebens, und die naheliegende Aussicht, tatsächlich reich zu werden, liess ihn vollkommen kalt. Er war übrigens einer jener Menschen, die dem eigenen Leben gern beiwohnen, während sie jegliches Bestreben, es zu leben, für unangebracht halten." (S. 7)
Und es mag auch daran liegen, dass die Charaktere kaum selbst zu Wort kommen. Von Hélène hören wir zum Beispiel kaum etwas. Was wir wissen, beschränkt sich auf die Ausführungen des auktorialen Erzählers, die allerdings kaum je das Seelenleben der Protagonist*innen ansprechen.
"'Vielleicht ist es ja so, dass einen das Leben manchmal derart herumwirbelt, dass es wirklich nichts mehr zu sagen gibt.'" (S. 67)
Genauso sprachlos, dabei aber nicht unglücklich, endet auch Hervé:
"Bisweilen, an windigen Tagen, ging Hervé Joncour zum See hinunter und schaute stundenlang hinaus, denn es schien ihm, als zeichne sich auf dem Wasser das unerklärliche, schwerelose Schauspiel dessen ab, was sein Leben gewesen war." (S. 104)
Baricco arbeitet in seiner Erzählung mit Wiederholungen, die an ein Musikstück erinnert. So wird die sich immer wiederholende und immer gleiche Reise nach Japan und drei Monate zurück nach Frankreich zu einer Art Refrain, der sich von Mal zu Mal nur minimal verändert.
Die Rolle der Frauen
Ziemlich beschäftigt hat mich an dem Roman die Rolle der Frauen. Wie das in der Realität zu dieser Zeit wohl auch sehr oft der Fall war, spielen sie eine Nebenrolle. Sie sind immer nur "die Frau von", das Objekt (noch nicht mal das Subjekt) der Begierde und Sehnsucht eines Mannes, mal sich aufopfernde, treu ergebene Ehefrau, mal devote Geliebte und Dienerin, mal Prostituierte. Insofern ein bedrückendes Abbild einer patriarchalen Gesellschaft. Ob uns Baricco damit etwas aufzeigen wollte und wenn ja, was, weiss ich nicht. Das hängt wohl stark von der Interpretation der geschilderten Ereignisse ab.
Fazit
"Seide" von Alessandro Baricco ist ein kurzweiliger Roman mit spannendem Plot. Der minimalistisch und doch melodiöse Erzählstil hat mir sehr gut gefallen. Wer dieses Buch lesen möchte, sollte allerdings damit zurecht kommen, dass vieles nicht auserzählt wird. Dafür lässt Baricco viel Raum, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Insbesondere das Schicksal von Hervés Frau Hélène hat mich sehr bewegt. Eine empfehlenswerte Lektüre für Zwischendurch!
Die Fakten
Alessandro Baricco
Karin Krieger (Übersetzung aus dem Italienischen)
Hofmann und Campe
144 Seiten
Erschienen am 27.02.2016 (im Original 1996)
Hardcover (im Bild ist das E-Book)
ISBN: 978-3-455-40560-6
PS: Das PocketBook im Bild wurde mir zur Verfügung gestellt. Der E-Reader eignet sich für alle Arten von E-Books, ermöglicht das mobile und geräteunabhängige Lesen und auch den Kauf der E-Books über lokale Buchhandlungen oder die digitale Ausleihe über die Angebote von Bibliotheken (z.B. Onleihe).
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