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Die ursprünglich vierteilige Form wird jedoch in zweierlei Art verändert. Die eine ist, daß der Blumenkelch zu einer vollständigen runden Masse wird, welche man mit bunten Schriftzeichen verziert. Bei der anderen tritt statt des geschlossenen der geöffnete Blumenkelch auf, dessen Grundform dann in mehrfacher Weise verändert und ausgestaltet wird.
Gegen die ganze Lotosblumen-Form des Knaufes wird von dem Standpunkt unserer heutigen Anschauung aus eingewendet, daß sie eine unmögliche Vorstellung, einen inneren Widerspruch zwischen Mittel und Zweck enthält; weder die Spitze einer Knospe noch die ausgebreitete Blüte vermag die Last eines Gebälkes zu tragen, sie muß zusammengedrückt werden.
Eine seltsame Abart von Säulenknäufen kommt daneben noch vor. Auf dem Säulenschaft ruht unvermittelt ein vierseitiges Gebilde auf, das auf jeder Seite ein Menschenantlitz zeigt; auf diesen vier Köpfen sitzt ein Würfel, welcher Außenseiten eines Tempels zur Darstellung bringt. Das ist eben auch keine sehr glückliche Verbindung. In der übrigen Gestalt der Säule blieb auch die - aus der Nachahmung zusammengebundener Stämme hervorgegangene - untere und obere Einschnürung beibehalten, welche eine Anschwellung in der Mitte bedingt. Der im ganzen Bauwesen leitende Grundgedanke, durch Masse zu wirken, kommt natürlich auch bei den Säulen zum Ausdruck, die fast immer wuchtiger und umfangreicher sind, als es für den Zweck unbedingt notwendig wäre, so daß ein gewisses Mißverhältnis störend auftritt. (Abbildungen der wichtigsten Säulenformen findet man am Schlusse des Buches in den Erläuterungen unter «Säule».)
Verzierungen. In rein baulichen Verzierungen entwickelten die Aegypter auch keine sonderliche Erfindungsgabe und hielten an den frühesten Formen fest. Es sind dies der Rundstab, der mit einem Band umwunden ist, und die vorspringende Hohlkehle, welche eine Deckplatte trägt.
Die oft überreiche Bedeckung der Innen- und Außenwände mit Inschriften und bemalten, halberhabenen Bildniswerken (Reliefs) und die Aufstellung von recht zahlreichen freien Bildhauerarbeiten in den Räumen mußte die im Grunde genommen ärmliche Einfachheit der rein baulichen Formengebung verdecken.
Bildnerei. Wie in der Baukunst Fertigkeit und Scharfsinn sich weitaus mehr ausprägen als Gedankenschwung und Erfindungsgeist, so sehen wir dies auch in der Bildnerei, und wie dort, sind gleichfalls hier die Schöpfungen der älteren Zeit eigentlich erfreulicher als jene der späteren. Eine der frühesten, die schon erwähnte Sphinx, ist nicht nur wegen der Arbeit an sich bemerkenswert, sondern auch wegen der verhältnismäßig bedeutenden Vollendung in der Wiedergabe eines ausdrucksvollen Menschenantlitzes. In der Zeit um 2600 v. Chr. hatte die Bildnerei schon eine Stufe der Vervollkommnung erreicht, welche in der That unsere Bewunderung herausfordert. Die hier gegebenen Beispiele von Werken aus dieser Zeit können dies bekräftigen.
Streben nach Naturtreue. Das Hauptgewicht legte die ägyptische Bildnerei auf die Darstellung des Kopfes, beziehungsweise Gesichtes, und strebte hierbei die vollste «Natur-
[* 1] ^[Abb.: Fig. 17. Der Tempel von Elephantine. (Nach Perrot und Chipiez.)]
[* 1] ^[Abb.: Fig. 18. Grundriß des Tempels von Elephantine.] ¶
Wahrheit" an. Diese erscheint auch in erstaunlicher Weise erreicht, was eine unausgesetzte Schulung voraussetzt. Der Grund hierfür ist ebenfalls in den religiösen Vorstellungen, oder besser gesagt, in jenen von der Fortdauer des Menschen nach dem Tode zu suchen. Bei den Gräbern habe ich schon erwähnt, daß in jedem derselben ein Standbild des Verstorbenen hinterlegt wurde, in welchem der «Ka» desselben wohnte oder fortlebte. Der Ka wurde als das vollkommen getreue Ebenbild des Menschen aufgefaßt, und folgerichtig mußte höchste Naturtreue auch dem Standbilde eigen sein. Alle Fertigkeit richtete sich daher auf diesen Punkt, und mit ihrer zähen Thatkraft gelangten die Aegypter wirklich zu einer Meisterschaft in dieser Hinsicht. Doch eben nur in dieser Richtung; und ohne weiteres er-
^[Der folgende Text ist unvollständig.]
vergeistigte Wiedergabe der menschlichen Form; es hätte dies ja geradezu dem Zweckgrunde
lt hatten, daß das innere Wesen des Menschen
auspräge, aber zum Verständnis der Bedeutung
Einzelnen offenbar nicht gelangt sind, so erklärt
lderen Körperformen bei ihrer Bildnerei weniger
ind übrigens die älteren Werke besser als die
schließlich über eine gewisse Stufe der Vervoll-
Entartung führt, so ging es auch hier.
Behandlung des Stoffes - zuerst wurde über
wurden Fortschritte gemacht, ebenso auch in der Genauigkeit der Linienführung und in der Anordnung der einzelnen Teile; dennoch wirken
[* 3] ^[Abb.: Fig. 19. Sphinx von Giseh. (Photographie.)] ¶
die späteren Erzeugnisse (2200-1700 v. Chr.) - ich möchte sagen wegen eines Uebermaßes von Naturtreue, wobei auch unwichtige Einzelheiten stark betont wurden - in ihrer Gesamtheit nicht mehr so günstig. Auch macht sich bereits das Erbübel - die Befolgung überlieferter Ausdrucksformen - allmählich geltend, was namentlich bei solchen Bildwerken auftritt, für welche der Meister keine unmittelbare Vorlage hatte, also bei Götterbildern und anderen, nur zum Schmuck bestimmten Werken.
In der Folgezeit (1600-1000 v. Chr.) trat ein weiterer Verfall ein, gerade wegen der Zunahme solcher reinen Schmuckzwecken dienenden Bildnereiarbeiten, da die Künstler nicht mehr auf die Naturtreue des Menschenausdrucks das Hauptgewicht legten, sondern auf die Aeußerlichkeiten: die Gewandung und den Zierat.
So wertvoll nun diese Darstellungen für unsere kulturgeschichtlichen Kenntnisse sind, so bedeuten sie doch einen «künstlerischen» Rückschritt.
Verbindung der Standbilder mit den Bauwerken. Auf eine bezeichnende Erscheinung bei diesen Werken muß ich noch aufmerksam machen. Während die älteste Zeit vollständig freistehende [* 4] Figuren kennt, erscheinen in der Folge die Standbilder fast durchwegs in engster Verbindung mit dem Bauwerk oder einem Baugliede, also entweder sozusagen an die Wand geklebt, oder an einen Pfeiler gelehnt. Es scheint später eine «Kunstregel» geworden zu sein, daß eine solche Verbindung, mindestens mit einer Pfeilerstütze, stattfinden müsse, denn sie findet sich, wenn auch in verkleinertem Maße und gewissermaßen andeutungsweise, auch bei Standbildern, die auf den ersten Blick als freistehend erscheinen.
Gebundenheit der Formen. Diese Abhängigkeit des Bildwerkes von den Bauteilen bedingte natürlich in erhöhtem Maße eine Starrheit und Gebundenheit der Körperformen, die nach baulichen Gesichtspunkten gebildet wurden. Wir sehen auch in den besten Freifiguren der Aegypter einen Mangel an Bewegung: der Körper wird entweder in voller Ruhestellung, höchstens mit zum Schritt gespreizten Beinen dargestellt;
immer erscheint die Gestalt, als wenn sie gewissermaßen im Augenblicke versteinert wäre. - Diese Art ist nun überhaupt aller älteren Kunst eigen;
der Fortschritt besteht
[* 4] ^[Abb.: Fig. 20. Holz-Flachbild von einer Scheinthür aus dem Grabe des Hesi in Sakkârah.
Etwa 3000 v. Chr. Museum zu Giseh.] ¶