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Ein Zeitzeuge der Zwischenkriegszeit
Das Haus an der Limmattalstrasse 281 ist ein imposantes Gebäude mit grosszügigem Garten. Die Mieter*innen fühlen sich hier nicht nur sehr wohl, sie setzen sich auch sehr für Pflege und Erhalt des Hauses ein.
22. Juli 2022 — Dagmar Schräder
Die Liegenschaft an der Limmattalstrasse 281 ist ein ehrwürdiges Haus. Leicht zurückversetzt hinter einem Vorgarten an Strasse liegend, macht es einen ehrwürdigen und doch einladenden Eindruck.
Der Höngger Architekt Jakob Eugen Ernst liess das Gebäude im Jahr 1922 für sich und seine Familie erstellen und lebte schliesslich Zeit seines Lebens dort. Im «Talchernquartier», wie dieser Ortsteil in Höngg auch genannt wird, gehört das Gebäude damit zu den ältesten noch erhaltenen Häusern.
Die Architektur wirkt schlicht und schnörkellos, ein «für die Zwischenkriegszeit typisches Wohnhaus mit regelmässig angeordneten, sprossierten Fenstern und grünen Klappläden», wie die Denkmalpflege der Stadt Zürich in einem Schreiben erklärt. Auf jedem der drei Stockwerke befindet sich eine Wohnung, wobei im Jahr 2007 der Dachstock ebenfalls ausgebaut wurde, sodass sich die oberste Wohnung seither über zwei Etagen erstreckt.
Der klassische Altbau zeigt sich auch in den Parkettböden und Stukkaturdecken im Inneren des Hauses. Die ursprünglich zum Heizen verwendeten Kachelöfen sind noch vorhanden, mittlerweile aber nicht mehr in Gebrauch. Im Erdgeschoss und erstem Stock sind Terrasse beziehungsweise Balkon zu einem Wintergarten ausgestaltet worden, so dass diese beiden Etagen quasi ein zusätzliches Gartenzimmer aufweisen.
Das Grundstück beinhaltet eine Fläche von 1341 Quadratmetern. Ein Kiesplatz umgibt das ganze Gebäude und wird als Sitzplatz genutzt. Zusätzlich zum Vorgarten findet sich rückseitig ein grosszügiger Garten mit einem Bestand an fast hundertjährigen Hochstamm-Obstbäumen.
Eine aktive Hausgemeinschaft
Seit seiner Erbauung befand sich das Haus im Besitz der Familie Ernst. Im Jahr 2007 übernahm der Enkel des Erbauers das Haus. Die drei Wohnungen sind an ein Ehepaar, eine vierköpfige Familie sowie eine aus vier Personen bestehende Wohngemeinschaft vermietet, im Erdgeschoss befinden sich zudem die Räumlichkeiten einer Naturheilpraxis.
Das Ehepaar Christopher Szaday und Belinda Mettauer Szaday lebt bereits seit fast 25 Jahren in dem Haus und fühlt sich hier sehr wohl. Die WG, die gemeinsam die obersten zwei Stockwerke bewohnt, ist seit rund einem Jahr hier zuhause, die vierköpfige Familie ist erst zu Anfang dieses Jahres eingezogen. Die Bewohner*innen schätzen und lieben dieses Haus und den Garten, den sie gemeinsam nutzen und pflegen. Hier bauen sie nicht nur Gemüse, Früchte und Kräuter an, sondern sorgen auch für einen möglichst biodiversen und nachhaltigen Garten und nutzen ihn als Erholungsraum. Besonders während der Pandemie, so erklärt Chris Szaday, hätten die Mieter*innen gemerkt, wie wertvoll diese Grünfläche sei. Und das nicht nur für ihr eigenes Haus: Sie könnten sich vorstellen, so Szaday, ihren Garten mit denjenigen der Nachbargebäude verbinden. «Damit könnte theoretisch eine kleine «Parkanlage» entstehen, die von allen Anwohner*innen genutzt werden könnten», so die Idee der Hausgemeinschaft.
Verdichtung in Höngg
Im Frühjahr 2022 wurde jedoch das Haus verkauft – an den Immobiliendienstleister Steiner Invest. Die Mietergemeinschaft macht sich nun Gedanken über die Zukunft des Gebäudes. Denn wie bei so vielen anderen alten Häusern stellt sich auch hier die Frage nach der zukünftigen Nutzung.
Auf Anfrage des «Hönggers» gibt der neue Besitzer Auskunft über seine Pläne: «Die Steiner Anlagestiftung hat das Grundstück samt Gebäude in diesem Frühjahr gekauft. Wir sind von der Qualität des Grundstücks aber auch von Höngg insgesamt als lebendigem Stadtquartier mit hoher Wohnqualität sehr überzeugt. Wir werden in den kommenden Monaten unter anderem verschiedene Möglichkeiten zur Verdichtung des Grundstücks prüfen. Eine fixe Vorstellung zur künftigen Nutzung des bestehenden Gebäudes gibt es noch nicht», so Marcel Weiler, Head Transaction Management von SteinerInvest.
Für alle öffnen
Dass in der Stadt verdichtet wird, um der wachsenden Bevölkerung Platz zu verschaffen, ist auch der Hausgemeinschaft klar. Doch weil ihnen Haus und Garten sehr am Herzen liegen, machen sie sich gemeinsam Gedanken über die Zukunft der Liegenschaft. «Wie lassen sich solch grosszügige Grundstücke wie das betreffende zeitgemäss ausnutzen und die Belegungszahl erhöhen, ohne wertvolle bestehende Strukturen zu zerstören? Gibt es Alternativen zu einem Abriss?», das sind Fragen, die sie sich gestellt haben.
Dabei geht es ihnen bei ihren Bemühungen keineswegs nur darum, den Wohnraum für sich zu erhalten, wie Szaday dem «Höngger» erklärt: «Wir sehen nicht nur das Gebäude als wertvollen Zeitzeugen, sondern würden uns wünschen, dass die Grünfläche auch erhalten bleiben kann – für das gesamte Quartier».
Ein «wertvolles» Haus
Verschiedene Architekten, mit denen die Hausgemeinschaft in Kontakt ist, haben bestätigt, dass auch sie das Gebäude für interessant halten. Denkmalgeschützt ist es jedoch nicht – nur der Grundeigentümer kann eine Aufnahme in das Inventar beantragen.
Auch Tamino Kuny von der ZAS* (Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau), einem Zusammenschluss junger Architekt*innen und Stadtbewohner*Innen, hat das Haus besucht. Die ZAS* wehrt sich gegen die in der Stadt Zürich vorherrschende «Abrisskultur». Bestehende Bauten seien eine Ressource, mit der es sorgsam umzugehen gelte, so erklärt die Gruppe in einer Kolumne – und weiter: «Wir brauchen ein gesellschaftliches Verständnis, dass nachhaltiges Handeln das Weitermachen mit dem Vorgefundenen bedingt, nicht dessen Ersatz». Gegen einen Abriss bestehender Bauten spreche, so Kuny, auch die im Bestand gebundene Energie. Denn wenn ein Haus abgerissen wird, ist alle «graue Energie», also die Energie, welche bei der Gewinnung der Rohstoffe, der Herstellung und Verarbeitung sowie beim Bau aufgewendet werden musste, verloren. Der Neubau möge zwar schlussendlich im Betrieb eine bessere Energiebilanz aufweisen als das alte Gebäude, muss jedoch zuerst den verlorenen Bestand wettmachen und gelangt erst dann zu zusätzlichem Raum. Besser wäre es, Energie von Beginn weg nur dort einzusetzen, wo es wirklich nötig ist. Ebenso wie die Bewohner*innen sieht Kuny die Bedeutung der Liegenschaft nicht nur in dem alten Gebäude, sondern vor allem in der Verflechtung des Hauses mit seinem Garten, der unmittelbaren Umgebung und gesamten Stadtökologie: «Ich bin der Auffassung, dass Verdichten auch bedeutet, Orte zu erkennen, die einen besonderen Wert für das Quartier haben können. Auch in einer dichten Stadt sind Freiräume wichtig, Orte wie der Garten des Hauses, die von einer grösseren Gemeinschaft genutzt werden können.»
Die Hausgemeinschaft hofft also, dass das Haus bestehen bleiben kann. Gerne würden sie Gespräche mit der Eigentümerschaft führen, wie eine mögliche breitere Nutzung aussehen könnte. Und wenn das nicht möglich ist, dann wollen sie wenigstens die Zeit, die ihnen hier bleibt, noch sinnvoll nutzen.