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Reise nach Marokko: Residieren wie der Adel von Fès
Text: Hanspeter Bundi; Fotos: Marc Latzel
Die Inhaber des Riad au 20 Jasmins beweisen Geschmack
Die Altstadt von Fès gehört seit 1981 zum Weltkulturerbe der Unesco. Sie soll flächenmässig die grösste mittelalterliche Stadt sein.
Das Blaue Tor, die Bab Boujeloud, bildet einen Eingang zur Altstadt von Fès. Die Gasse ist gesäumt von Restaurants.
Der Immobilienfachmann Abdullah Lahouiti zeigt, wie ein Haus im Innern vernachlässigt wurde.
Die verbliebene Pracht im gedeckten Innenhof des Hauses Montassir.
In den Gassen der Medina gibt es etwa 50 000 Handwerker.
Auf einen Thé menthe in den Strassen der marokkanischen Königsstadt
Frédéric Sola war Finanzberater in London. Mit seiner Frau und Adoptivkindern lebt er heute in einem Riad, das auch luxuriöses Gästehaus ist.
Der prunkvoll geschnitzte Eingang kündigt ein Herrschaftshaus an.
Oumaima Tazi mit einer Tante und ihrer Mutter (v. l.). Ihr Familienhaus ist gleichtzeitig Gästehaus.
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Driss Faceh ist ein sanfter Patriarch. Einer, der lächelnd und in sich ruhend alles im Auge hat. Einer, der seine Stimme nie erhebt und seine Angestellten mit einer kleinen Handbewegung glücklich machen oder in Selbstzweifel stürzen kann. Faceh weiss Geschichten von Reichtum und Dünkel zu erzählen, von Aufstieg und Verfall, und wenn er glaubt, dass jemand eine Geschichte besser erzählen könnte als er selber, zückt er sein Mobiltelefon, ein kleines Ding, das aussieht, als hätte es viel Geld gekostet. Er wählt eine Nummer, lehnt sich zurück und sagt: «J’ai ici un ami journaliste suisse.»
Palais Faraj für die Zeit danach
Seine eigene Geschichte geht so: Driss Faceh wurde in eine gute Familie hineingeboren, konnte Wirtschaft studieren, arbeitete beim Club Méditerranée. 1978 gründete er eine eigene Reiseagentur, die er immer weiter ausbaute. Transportgesellschaften kamen dazu, Buslinien. «Ich habe mit dem Tourismus viel Geld gemacht», sagt er. «Sehr viel Geld.» Für die Zeit nach seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben hat er sich das Palais Faraj gekauft, den verfallenden Wohnsitz einer noblen Familie aus dem 18. Jahrhundert, der leicht erhöht am Rand der ummauerten Altstadt steht.
In seiner Kindheit und Jugend ist er oft daran vorbeigegangen und hat sich vorgestellt, wie es wäre, dort zu wohnen. Zusammen mit seiner Frau hat er das Palais Faraj zu einem Hotel der sehr feinen Art umgebaut und gleichzeitig zum Salon, wo er Freunde und die Angehörigen empfängt. Wenn Leute wie Driss Faceh über ihre Stadt sprechen, ist es, als würden sie eine calvinistische oder zwinglianische Stadt beschreiben.
In der Unesco-Liste des Weltkulturerbes
Neben dem lebenslustigen und fast frivolen Marrakesch war Fès über Jahrhunderte hinweg die seriöse, die ernste, die zurückhaltende Hauptstadt des Landes. Von hier kamen die grossen Kaufleute und Politiker. Hier steht eine der ältesten Hochschulen der Welt, al-Quaraouiyine, die 859 als Koranschule gegründet und 1957 zur Universität im modernen Sinn erweitert wurde. Fès ist zwar noch immer eine Königsstadt, und 1981 wurde die Medina, die Altstadt, in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, doch gehen die grossen Handelsrouten an der Stadt vorbei. Politische und wirtschaftliche Entscheide werden anderswo gefällt.
Fès ist vom kleinen Handel geprägt, von unzähligen Leder-, Teppich- und Silberwarenverkäufern, die aus der verwinkelten Altstadt einen grossen Suk gemacht haben. In den zirka 1200 Gassen leben 200 000 bis 300 000 Einwohner, von denen vielleicht 50 000 Handwerker sind. Genaue Zahlen weiss niemand. Der Autoverkehr beschränkt sich auf einige wenige Strassen. Der Rest ist ein Gewirr aus engen, manchmal nur schulterbreiten Gassen, wo sich Handwerker, Schülerinnen, Touristen und kleine Eselskarawanen aneinander und an den Auslagen der Verkäufer drängen. Ein Labyrinth von Wohn- und Einkaufsgassen, in dem wir uns mehr als einmal verirren und die Hilfe eines Buben in Anspruch nehmen müssen, der uns für einen Betrag, der nie hoch genug sein kann, aus seiner Altstadtwelt hinausführt.
Der Duft von Zitronenbäumen, Pfefferminze und Koriander
Vom Prunk der alten Paläste, die sich die Händler und später die bedeutenden Politiker hinter hohen Mauern und umgeben von blühenden Gärten bauen liessen, ist von den Gassen aus nichts zu erahnen. Der Architekt Chakir Sefrioui kennt das Leben der noblen Familien. Er ist selbst in einem Riad, einem marokkanischen Stadtpalast, aufgewachsen und war dabei, wenn sich die Freunde seines Vaters nach dem Freitagsgebet versammelten, um zuerst den Sängern zuzuhören und dann über Themen zu diskutieren, die sowohl in den Liedern wie auch im Leben wichtig waren: Religion, Macht, Ohnmacht, Ideale und die Liebe. Wenn der kleine Chakir genug hatte vom Gerede der Alten, ging er hinaus in die Gartenanlage und setzte sich an den kleinen Bach, der im Schatten der Fruchtbäume vor sich hin plätscherte. Er sog den Duft von Zitronenbäumen, Pfefferminze und Koriander ein, hörte den Palmen zu, die im Wind raschelten. «Die Riads waren als Vorwegnahme des Paradieses gedacht», sagt Chakir Sefrioui.
Wir sitzen im Eingangshof seines prächtigen, zum Gästehaus umgebauten Riad, in dem Gärten und Wohnteil, Alt und Modern, miteinander verschmelzen. Chakir war acht Jahre alt, als seine Familie den alten Palast verliess, um in ein modernes Haus in der Neustadt zu ziehen. Ein Haus mit Garage und mit grossen Fenstern, die auf eine der breiten Strassen blickten. Das war 1959. «Sie drehten den Schlüssel, und wir sahen nie mehr zurück. Das war der Geist der Zeit», sagt Chakir Sefrioui. «Man entledigte sich des Alten und Rückständigen.» Familie Sefrioui war Teil eines grossen Exodus, der in den Vierzigerjahren begann. Weg aus der engen Medina. Hinaus in die helle Neustadt, in die Hafenstädte Rabat und Casablanca, wo die Wirtschaft boomte, oder hinaus in die Welt.
Die Jungen sind weg
In die leeren Häuser zogen Bauern, die ihre Felder verlassen hatten und sich in der Stadt Arbeit und bescheidenen Wohlstand erhofften. Sie unterteilten Paläste und Innenhöfe mit Mauern, bauten in die herrschaftliche Grösse winzige Verschläge, in denen Grossfamilien lebten. Wo früher 80 000 Menschen wohnten, drängen sich heute drei- oder viermal so viele. «Gleich hier um die Ecke lebte eine 90-jährige Frau aus einer wohlhabenden Familie allein in ihrem Haus», sagt Chakir Sefrioui. «Sie ist vor kurzem gestorben.» «Sonst sind alle weg?» «Ein Dutzend Häuser sind von den alten Mitgliedern früherer Familien bewohnt. Doch die Jungen sind weg.»
Mit dem Auszug der noblen Familien zerfiel die bürgerliche Stadtkultur in der Altstadt. Die neuen Bewohner verkauften die reich verzierten Brunnen, die farbigen Fenster und die herrschaftlichen Möbel zu einem Bruchteil ihres Werts an Antiquitätenhändler. Defekte Keramikwände ersetzten sie durch Billig-Imitationen. Erst in den Neunzigern begann, was heute als Ruée, als Ansturm auf die Medina bezeichnet wird. Am Anfang dieses Sturms konnte man mit etwas Glück für den Preis eines Studios einen Stadtpalast kaufen, und wer etwas drauflegte bekam noch einen Garten dazu. Doch dann schossen die Preise in die Höhe. Während des Booms konnte es geschehen, dass ein Riad innerhalb weniger Tage um ein Mehrfaches teurer wurde, wenn die alten Besitzer das Interesse eines Kunden witterten.
Der Markt hat sich beruhigt
Heute befinden sich von den 14 000 Villen in der Medina 300 oder 400 in der Hand von Nichtmarokkanern. Schnäppchen wie vor zwanzig Jahren sind zwar keine zu machen, doch wer den Aufwand der Reparaturen nicht scheut, kann zu einem vernünftigen Preis ein schönes Haus finden. Abdullah Lahouiti, Angestellter eines Architektur- und Immobilienbüros, führt uns in das Quartier Makhfiya weit abseits der Ladenstrassen. Wir haben die Orientierung längst verloren, als er in einer unscheinbaren Gasse eine kleine Tür aufschliesst. Durch einen dunklen Hausgang, der nach Keller und ungelüfteten Kleidern riecht, gehen wir in Richtung eines Lichts, das von irgendwoher einsickert. Wir biegen um eine Ecke, «voilà, das Haus Montassir», sagt Abdullah Lahouiti. Wir stehen in einem überdachten Innenhof, der über drei Stockwerke geht. Links und rechts sind die offenen Salons, hinter uns ist eine mächtige Tür aus Zedernholz. Das ist zwar eindrücklich, aber das grosse Staunen und Bewundern will sich nicht einstellen. Das Haus steht schon zu lange leer.
Es ist irgendwann von Leuten bewohnt und verunstaltet worden, die der alten Baukunst nichts oder nichts mehr abgewinnen konnten. Jetzt ist sein Glanz verblasst. Das Glasdach über dem Hof ist schmutzig. Die Kronleuchter und stilvollen Lampen wurden durch Neonröhren ersetzt. Die Wände der dunklen Küche sind grau. Aus einer Mauerritze wächst eine Pflanze. Abdullah Lahouiti verweist auf Details: auf die Holzgitter vor den Fenstern, auf Schnitzereien in der Tür. Wir steigen durch enge Treppen hinauf in die Schlafräume, sehen reich verzierte Zimmerdecken, doch erst oben auf der Dachterrasse mit dieser Aussicht auf andere Dachterrassen, andere mit Lehm verputzte Wände sehen wir, was dieses Haus einmal war und was es wieder sein könnte: ein glanzvolles Stadthaus, das für eineinhalb Millionen Dirham zu kaufen wäre, 160 000 Franken, für die Renovation müsste man nochmals so viel aufbringen.
Vom grauen London ins prächtige Fès
Der Franzose Frédéric Sola hat ein solches Haus gekauft, ein prächtigeres sogar. Er war ein Finanzberater in den Dreissigern, als er sich vor zehn Jahren bei einem Kurzbesuch in die Medina von Fès verliebte. Alles war anders, als er es von seinem Londoner Leben her gewohnt war. Der Rhythmus der mittelalterlichen Stadt. Das geschäftige, doch nie hektische Leben der Handwerker und Händler, der Umgang der Menschen miteinander. «Es war magisch», sagt er und braucht dann ein grosses Wort: «Die Enge hat mir das Herz geöffnet.» Frédéric Sola flog zurück in die Welt der Finanzer und fühlte sich eingepfercht. Er flog nach Fès und fühlte sich frei. Er flog nach London, und alles war grau. Einige Male ging das so – damals gab es einen direkten Flug London–Fès –, und dann entschloss sich Frédéric Sola zusammen mit seiner Frau, den Bruch zu wagen und sich in Fès einzurichten. Sie bauten ein Haus zu einem Gästehaus aus, der Riad Laaroussa, behielten für sich einen kleinen Teil, in dem sie mit ihren Kindern leben, die sie aus Waisenhäusern adoptiert haben und die mit Freundinnen und Freunden herumwuseln und unser Gespräch immer wieder unterbrechen. «Hierher zu ziehen, war der beste Entscheid unseres Lebens», sagt Frédéric Sola.
Auch die Tazis haben ihr Haus zu einem Gästehaus umfunktioniert. Einige Gehminuten von Frédéric Sola entfernt zeigt uns die 16-jährige Oumaima Tazi das Haus ihrer Familie, den gedeckten Innenhof, die engen Treppen, die orientalisch eingerichteten Gästezimmer mit Dusche, die Dachterrasse. Es ist etwas kleiner als die anderen Paläste, bescheidener, intimer und begleitet vom Leben einer marokkanischen Familie. Oumaima lebt hier mit Vater, Mutter, Geschwistern, einer Tante und der Grossmutter, die im Innenhof Gemüse rüstet. «Wir leben hier unser Leben, und die Touristen sind ein Teil davon», sagt Oumaima. Sie erzählt von der Schule, von ihren Berufsplänen – sie möchte Lehrerin oder Polizistin werden –, von der Art, wie die Jungen und die Mädchen miteinander umgehen. Sie würde noch mehr erzählen, doch sie muss zur Schule. Bevor sie aus dem Haus geht, zieht sie sich das Kopftuch über.
Gästehäuser als Rettung
Für Driss Faceh sind Leute wie Frédéric Sola oder die Familie Tazu Modelle dafür, wie die alten Paläste in die Zukunft gerettet werden können: Indem man sie öffentlich macht. Als Gästehäuser für Touristen aus Europa. Für Millionen von Gläubigen, die einmal im Leben zum Grab des Ordensgründers Sidi Ahmed Tujani in Fès pilgern. Für die Besucher des Festival de Musique Sacrée. «Wir sind ein Hort der Tradition. Unsere Gassen, unsere kleinen Handwerker, sie sind unser Kapital. Sie ziehen die Europäer an, und immer mehr auch Marokkaner. Wir sind mit unserer Altstadt ein lebendes Museum», sagt Driss Faceh. Davon, dass Fès dereinst wieder so gross und bedeutend werden könnte, wie es früher einmal war, spricht er noch nicht. Das tut hier keiner.
Reise-Tipps und tolle Übernachtungsmöglichkeiten finden Sie im Artikel «Reise-Tipps für Fès: Ein Fest der Sinne»
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