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Annette Hug beim transkontinentalen Einkauf
Im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts besuchten daoistische Priester aus China den Mongolenherrscher Dschingis Khan. Der herrschte damals vom Japanischen bis ans Kaspische Meer. Die Anreise war nicht einfach, denn der Weltherrscher wohnte nicht in einer Hauptstadt. Die Vielweiberei ermöglichte ihm ein bewegliches Netz aus loyal geführten Prunklagern. Neben dem Herrscher befehligten auch vier Ehefrauen ein je eigenes Heer. Wenn sie für einige Monate an einem Ort haltmachten, wurden aus Sänften leicht gebaute und leicht wieder abgebaute Paläste.
Li Zhichang, der über die Reise der Daoisten berichtet hat, war mehr als drei Jahre unterwegs. Als die Priester in Zentralchina aufbrachen, wussten sie noch nicht, wo der Khan sein würde, wenn sie ihn denn einmal treffen sollten. Also reisten sie auf dem wichtigsten Handelsweg in Richtung Westen und fragten sich durch.
Li beschreibt das luxuriöse Lager einer herrschenden Ehefrau, in dem die Priester unterkamen und gute Informationen erhielten. Trotzdem irrten sie dann noch lange durch Bergtäler, die im heutigen Afghanistan liegen, bevor sie Dschingis Khan tatsächlich fanden. Jener empfing Gelehrte verschiedener Religionen, bevor er für sein Weltreich eine Politik der religiösen Toleranz verordnete – was Li Zhichang nicht davon abhielt, die Audienz beim Herrscher und dessen Wohlwollen für seinen Kampf gegen die buddhistische Konkurrenz in China auszunützen.
Diesen Sommer interessierte mich das weniger als ein kleines Detail aus dem Reisebericht des Daoisten. In der Gegend des heutigen Taschkent kam er in eine Stadt, die «Almalig» hiess und von prächtigen Obstgärten eingefasst war. Deren Früchte sollen der Stadt ihren Namen gegeben haben. Der Sinologe Arthur Waley, der den Bericht von Li Zhichang 1931 auf Englisch übersetzte, schreibt, «alima» sei das einheimische Wort für Frucht.
So heisst aber auch ein türkischer Laden am Manesseplatz in Zürich. Eine üppige Auslage an Früchten und Gemüsen macht auf ihn aufmerksam. Überhitzte Velofahrerinnen, die an diesem Platz stets Gefahr laufen, überfahren zu werden, könnte dieser Laden an eine untergegangene Stadt im Zentrum Eurasiens erinnern. Allerdings sagt Süleyman, Barkeeper im «Meyer’s», dass eine einfache etymologische Linie von alten Turksprachen in Zentralasien zum heutigen Türkisch nicht vorliege. Apfel heisse auf Türkisch «elma», das sei sehr weit von «alima» entfernt. Auch die Kassierin im Alima-Laden selbst will von Früchten aus Taschkent nichts wissen. Was sich ihr Chef beim Namen des Ladens gedacht habe, sei unklar. «Eine afrikanische Göttin soll Alima heissen», meint sie sich zu erinnern. Das wäre mir lieber als der fade Verdacht, der in Delémont auftaucht, wo nahe beim Bahnhof auch ein «Alima» steht. Im August ist er leider geschlossen. Der Name wirkt hier recht banal: Es ist eine Abkürzung des französischen Worts «alimentation» (Lebensmittel). Kein Oasengarten weit und breit.
Noch trauriger ist nur die Erinnerung an die Vorgänger jenes Alima-Ladens am Zürcher Manesseplatz. Zwei SVP-Gemeinderäte betrieben dort ein Computergeschäft. Den Firmennamen kannte ich nicht. Durch die Schaufenster sah man meterlange Faxstreifen, hohe wacklige Beigen aus Kartonschachteln erinnerten an Trutzburgen.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und versucht, Reisen durch ausgedehntes Lesen zu ersetzen. Sie kommt dabei nicht richtig weg.