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Das Alphorn - 1527 zum ersten Mal schriftlich erwähnt im Oberaargau
Die älteste bekannte Abbildung eines langgestreckten (ca. 3m langen) Hirtenhorns ist in einem Altarbild der Bergkappelle Rohrmoos bei Tiefenbach (Allgäu, D). Es entstand um 1568.
Die erste schriftliche Erwähnung in der Schweiz geht allerdings bereits auf das Jahr 1527 zurück. Damals schrieb ein Mönch im Kloster St. Urban in das Kassabuch des Klosters, dass er einem Alphornbläser aus dem Jura für seinen Auftritt einen Batzen gegeben habe.
Ursprünglich wurde auch das kürzere Hirtenhorn (z.B. Unspunnenhorn) als Alphorn bezeichnet. Diese kürzeren Instrumente dienten vornehmlich als Ruf- und Signalhorn. Aber auch bereits im 16. Jahrhundert wird anderorts beschrieben, dass der „Kühreihen“ von den Sennen stundenlang gesungen und geblasen wurde. Solche melodischen Formen sind jedoch nur auf langen Instrumenten spielbar.
Dies zeigt, dass das Alphorn schon immer neben einem Werk- auch ein Spielzeug der Alp-Hirten war. Es gibt eine reichhaltige Notenliteratur aus allen Landesteilen, und noch heute ist das Alphorn ein wichtiger Teil der schweizerischen Musik-Kultur.
Wie der Kuhreihen entstand
Was ein Kuhreihen ist? – Denkt nur an den Greyerzer «Ranz des Vaches» (Ranz und Reihen sind dasselbe Wort!) oder an den Kuhreihen von Melchsee-Frutt. Beide findet man auf You-Tube. Es sind Alphornklänge mit kurzen Melodien, die sich aneinanderreihen und wiederholen. Davon abgeleitet sind auch Jodel und «Bergjutze». Jutz ist ein Jauchzer. Auf dem Hasliberg, dem Nachbargebiet von Melchsee-Frutt soll der Kuhreihen auch entstanden sein, wie eine Sage erzählt:
Einst wußte man auf den Schweizeralpen nichts von Kuhreihen. Da sömmerte denn einmal ein Berner Senn namens Res sein Vieh auf der Balisalp auf dem Hasliberg. Eines Abends nach dem Melken rief er seiner Liebsten nach der Seealp den Alpsegen zu, schritt in die Hütte, aß und trank zum Znacht, bevor er sich auf dem Wildheulager zum Schlafen legte. Aber mitten in der Nacht weckte ihn das Aufschlagen der Hüttentüre und ein seltsames Knistern und Knattern im Herd. Verwundert richtete er sich auf und sah zu seinem Erstaunen unten in der Hütte drei fremde Männer, die eben den großen Kessel zum Käsen über das Feuer in der Wellgrube richteten.
Einer der drei Männer, ein Riese von Wuchs, richtete gerade den Kessel, als ein zweiter Mann einen Zuber voll Milch herbeitrug. Fingerdicke Nidel (Rahm) lag obenauf. Es war ein blasser Jüngling mit goldgelben Haarlocken. An der Feuerplatte hockte ein grüngekleideter Jäger, der finster in die Glut starrte und ab und zu ein Scheit ins Feuer schob. Nun zog der Grüne aus seiner Jagdtasche ein Fläschlein und goß blutrotes Lab in die Milch, um sie zu scheiden. Der Riese begann die Milch umzurühren.
Der junge blasse Knecht mit blondem Haar ergriff ein gewundenes Horn und schritt der Hüttentüre zu, die sich von selbst öffnete. Und nun hörte Res wundersame Töne, wie er sie noch nie zuvor gehört oder erträumt hatte. Ein grenzenloser Jubel war vor der Hütte in diesem wundersamen Lied, eine jauchzende Lerchenseligkeit. Aber auch eine tiefgründige Schwermut war daraus zu hören. War es ein Alphorn? Res wußte es nicht. Deutlich hörte er aber, wie seine Herde, von den zauberhaften Klängen angezogen, sich der Hütte näherte. Er bemerkte auch, wie das helle Klingeln der Schellen und das dumpfe Läuten der Treicheln seltsam schön zu den Melodien paßten. Der Jüngling setzte ab, machte eine Pause und begann abermals zu spielen. Da schien alles zu Berg und Tal aufzuleben, die Berggeister gaben den Gesang aus allen Flühen und Schründen zurück, und es war, als wären Himmel und Erde davon erfüllt. Still ging darauf der blasse Jüngling wieder in die Hütte hinein.
Unterdessen hatte der riesenhafte Senn am Herd seine Arbeit getan. Er schöpfte die Schotte in drei Gepsen hinein. Aber seltsam: in der einen Gepse erschien die Milch blutrot, in der zweiten grasgrün, und in der dritten schneeweiß. Mit klopfendem Herzen schaute Res dem Treiben zu. Plötzlich ertönte die dröhnende Stimme des Riesen zu ihm hinauf: «Steig jetzt herunter, Menschlein, und wähle dir eine Gabe!» Zitternd, aber gehorsam stieg Res die Leiter hinab, denn der blasse Jüngling hatte ihm freundlich zugenickt. Die drei Männer führten ihn vor die Gepsen. Der Riese sagte zu ihm: «Sieh, aus einer dieser drei Gepsen mußt du trinken. Du hast die Wahl, aber überleg dir’s gut, das rat ich dir. Die rote Gepse ist meine Gabe. Trinkst du daraus, so wirst du stark und gewaltig wie ein Riese und also mutig, daß dir kein Mensch auf Erden widerstehen kann. Zudem gebe ich Dir hundert schöne rote Kühe, die schon morgen früh auf der Alp grasen sollen. Greif zu, Bürschlein!»
Nun erhob sich der Grüne und sprach: «Trink lieber aus der grünen Gepse! Ich schenke dir hundert Taler und klingendes Gold. Hör, wie es lieblich klingelt!» Unversehens schüttete er eine ganzen Haufen Silbertaler und Goldstücke dem Hirten vor die Füße. Res gingen die Augen fast über vor dem Glanz der Münzen. – Der blasse, goldlockige Jüngling aber stand ruhig auf sein Alphorn gestützt und sagte dann weichen Tones: «Was dir die beiden andern geboten, vermag ich nicht zu verleihen. Übermenschliche Kräfte und goldene Schätze stehen nicht in meiner Gewalt. Nur ein einfach schlichtes Herz erkennt den Wert meiner Gabe. Trink aus der weißen Gepse, so wirst du schon morgen singen und Alphorn blasen können, wie du es eben von mir gehört hast!»
«Ist es wahr, was du da sagst?» Res schaute unschlüssig zum Jüngling, und dieser nickte ihm freundlich zu. «So will ich lieber die Riesenkraft und die goldenen Schätze nicht und wähle dein Lied und dein Alphorn und trinke aus der weißen Gepse.» Er hob das Gefäß an seinen Mund und trank. Es war frische, würzige Milch mit einem zarten Nidelschaum obendrauf.
«Du hast gut gewählt», sagte der Goldlockige. Hättest du anders gewählt, wärest du ein Kind des Todes gewesen, und es wären viele hundert Jahre vergangen, bis ich mein Geschenk den Menschen wieder hätte anbieten dürfen. Nimm also das Alphorn, und morgen wirst du singen und blasen können wie ich!»
Plötzlich waren die drei unheimlichen Gesellen verschwunden, das Feuer erlosch, und Res fühlte sich von unsichtbaren Händen auf sein Lager emporgehoben. Als er am Morgen erwachte, wollte er zuerst alles für einen Traum nehmen. Aber nein, neben ihm lag das Alphorn. Er stieg hinunter, trat vor die Hütte und begann das Horn zu blasen und zu singen und jodeln. Mit Verwunderung und Freude lauschten die Hirten auf den Nachbaralpen dem wunderbaren Gesang. Der eigenartige Alpengesang, der Kuhreihen, hat sich von jener Zeit vererbt von Geschlecht zu Geschlecht bis auf den heutigen Tag.
Quellen: Otto Eberhard, Die schönsten Sagen des Berner Oberlandes, Bern/Leipzig: Hans Feuz Verlag, 1937; Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Bern: Eduard Salchli Verlag, ohne Jahrgang, aber nach Eberhard erschienen. Den obigen Text hat Walter Gfeller, Herzogenbuchsee, nach Eberhards Vorlage vereinfacht und zusammengefasst. Überflüssige Stellen wurden gestrichen.