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Programm
Akademisch soll das sein, was eine Person an einer Uni lernt, bedeutet gleichzeitig aber oft auch Ausschluss. Weil wichtige oder spannende Inhalte nur via Vorwissen verständlich sind. Weil das, was an einer Uni oder in der Schule gelehrt wird, einem Kanon folgt, der von wenigen geschaffen wurde und nur wenige beinhaltet (und zwar die immer gleichen Namen seit Jahrhunderten). Also hier mal alle Scheinwerfer auf Audre Lorde statt Rainer Maria Rilke. Auf Cornelia Goethe statt ihren Bruder. Darauf, dass Literatur viele Geschlechter hat und politisch sein kann. Universität für alle, denn sonst hat sie keinen Wert, non? ///weiter ...
Wenn wir davon ausgehen, dass Literatur etwas bewirken kann, was genau geschieht, wenn sie androgyn ist, sie ihr Geschlecht gewissermassen vergisst?
Ein Beitrag darüber, dass Androgynität oder auch Geschlechtsvergessenheit auf verschiedenen Ebenen (nicht) stattfinden kann. Auf sprachlicher Ebene (also linguistisch betrachtet), via Figuren, Geschichten und in Theorien über Geschlecht und Literatur.
Literatur, die, einfach gesagt, was bewirkt nennt Literaturwissenschaftler Thomas Ernst subversive Literatur «die sich aus einer minorisierten Position heraus kritisch zu den komplexen, flexibilisierten und globalisierten Verhältnissen positioniert.» Sie soll die Ordnung stören und gegen Herrscher*innen schreiben, klassische künstlerische Sphären verlassen. Subversive Literatur soll sich nicht klar zuordnen lassen und Binaritäten hinter sich lassen. Mit Binaritäten sind zweiteilige Bedeutungswelten gemeint, wie zum Beispiel Geschlecht = männlich oder weiblich.
Das passt auch gut zu Judith Butler, die in ihrem Buch Gender Trouble über diese Binarität schreibt. Wird sie durch Pluralität ersetzt, also durch ganz viele verschiedene Geschlechteridentitäten, dann wird immer klarer: Geschlecht ist nicht natürlich forever ein Leben lang festgelegt, wenn dus› nicht fühlst. Geschlecht wird durch diese Pluralität weniger einfach festgeschrieben und damit auch die Erwartungen, die Personen heute durch ihr Geschlecht erfüllen (müssen). In Hass spricht meint Butler auch, dass das via Literatur passieren kann.
Ich stelle mir vor, wie Adam und Eva einander anlachen, sich gegenseitig einen geschlechtsneutralen Namen geben, wie «Finn» oder «Nico», die Blätter von den Körpern reissen und damit zwei Zigaretten drehen, währenddem sie ihre Genitalien austauschen.
Und was könnte denn jetzt mit androgyner Literatur gemeint sein?
Es geht nicht unbedingt darum, dass sich Figuren in einer Geschichte als non-binär outen sollen, sondern darum, dass das Geschlecht der Figuren auch mal einfach egal ist. Dass wir lesen, ohne uns überlegen, ob wir uns gleich wie eine Figur oder anders als sie definieren. Dass ein Buch eine gewisse Geschlechtsvergessenheit auslöst.
Via literarische Figuren kann auch gezeigt werden, dass sich Geschlecht im Verlauf des Lebens immer wieder ändern kann. Vielleicht nimmt das dann ein paar Menschen Druck, flüstert uns vor allem aber auch wieder «Geschlecht ist nicht natürlich» ins Ohr, die gute alte Leier eben.
Das spannende ist auch, dass Sprache selbst auch binär, also zweiteilig, organisiert ist. Darauf ist Ferdinand de Saussure gekommen. Es gibt bei jedem Wort zwei Seiten: Das Wort an sich (zum Beispiel Apfel) und das, was wir uns darunter vorstellen (zum Beispiel faust-gross, rot, rund, juicy). Ausserdem definieren wir Wörter auch immer durch das, was sie nicht sind, so Ferdinand. Eine Frau ist laut ihm also kein Mann. De Saussure war Strukturalist, danach kam dann bald Jaques Derrida und dekonstruierte diese zweiteilige Lehre. Hier nur kurz dazu, um zu zeigen, dass die literarische Welt sich lange sehr auf Zweiteiliges verlassen hat.
Androgynität kann in der Sprache heute zum Beispiel aussehen, wie es die Autor*innen vom Buch Intergeschlechtliche Körperlichkeiten vorschlagen:
«Das Deutsche ist geprägt von grammatikalisch meist eindeutigen maskulinen und femininen Formen, die das Geschlecht festlegen; mittels des Einsatzes von Unterstrichen, Asterisken [*], Binnen-I-Formen oder Schrägstrichen hat sich eine Vielzahl an Möglichkeiten etabliert, dieser Fixierung entgegenzuwirken. Die Entscheidung, in diesem Band verschiedene Lösungen nebeneinander stehen zu lassen, soll dabei verdeutlichen, dass auch diese Lösungsansätze nur Annäherungen an einen komplexen Sachverhalt darstellen, der sich jeder ‹destabilisierenden Fixierung› entzieht.»
Sie entscheiden sich also dazu alle Schreibformen zu verwenden, um zu zeigen, dass eine Festlegung (noch) nichts bringt und die Diskussion nicht fertig geführt ist. Vielleicht nie fertig geführt werden muss. Sprache entwickelt sich ja eh immer weiter. Es gibt die perfekte Form nicht und es muss sie auch nicht geben. Sprache zu ändern kann wichtig sein (z.B. gegen rassistische Diskriminierung). Sich aber daran auch nicht immer den Kopf zu zerbrechen und sie lieber etwas «underhopsi» zu führen und zu entlarven ist auch smart.
In Romanen, Theaterstücken oder Comics (et cetera) passiert es oft via Figuren, die darin vorkommen.
Autorin und Theaterregisseurin Nora Mansmann liess ihr*e Protagonist*in im Theatertext zwei brüder drei augen feststellen: «heute morgen bin ich aufgewacht und mein geschlecht war weg».
Auch Virginia Woolf bediente sich vor bald hundert Jahren, 1928, in ihrer biografischen Fiktion Orlando an einer geschlechtlichen Unklarheit: Orlandos Geschlechtsidentität ist fluid und verändert sich im Verlauf des Romans.
Eine weitere Stimme der (queer-)feministischen Theorie, ist die Donna Haraways und sie sagt uns, dass neue Technologien die geschlechtliche Natürlichkeit auf einen Untergrund setzt, der Treibsand gleicht. Die «Differenz zwischen natürlich und künstlich, Körper und Geist, selbstgelenkter und aussengesteuerter Entwicklung» wird von den «Maschinen des 20. Jahrhunderts» als unklar entlarvt. In ihrem Cyborg Manifesto schreibt sie von Mischwesen, die die Grenzen von Mensch und Maschine auflösen, gewissermassen geschlechtsvergessen sind.
Adam und Eva geben sich also vielleicht nicht nur geschlechtsneutrale Namen und tauschen Vulva gegen Penis, sondern sind Cyborgs, die das Paradies mit einer guten technischen Infrastruktur versorgen – Induktionsherde und indefinite Identitäten.
Vielleicht ja auch mal gut an Literatur nicht immer den Anspruch zu haben, dass sie die eigene Identiät spiegeln soll. Und uns für ne Zeit lang das Gefühl gibt, dass es egal ist, was für ein Geschlecht wir (jetzt gerade) haben.
Quellen
Baier, Angelika und Hochreiter, Susanne (Hg_innen) (2014). Inter*geschlechtliche Körperlichkeiten: Diskurs Begegnungen im Erzähltext. Wien: Zaglossus.
Ernst, Thomas (2013). Literatur und Subversion: Politisches Schreiben in der Gegenwart. Bielefeld: Transcript.
Haraway, Donna 1995: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main /
New York: Campus.
Mansmann, Nora (2008). zwei brüder drei augen (Theatertext). Frankfurt am Main: Verlag der Autoren.
Woolf, Virginia (1994). Orlando: Eine Biographie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
über die Autor*in
Alice Weniger studiert Germanistik und Gender Studies an der Universität Basel und schreibt seit dem Herbst 2020 für den Blog von Literaturhaus & Bibliothek Wyborada. Sie mag Literatur, die verschiedene Sprachen vermischt, genauso brutal wie pathetisch und von unten geschrieben ist.