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In keinem der großen europäischen Länder ist die Kluft zwischen der Sprache des Volkes, des Alltags zumal, und der Sprache der Literatur so tief wie in unserer Welt: Niemand sprach vor hundert Jahren, wie Rilke oder Thomas Mann geschrieben haben, niemand spricht heute wie Günter Grass, wie Enzensberger oder Siegfried Lenz. Eine gemeinsame Ebene, auf der sich der künstlerische Ausdruck mit dem Ausdruck des Volkes treffen würde, hat es bei uns – anders als in England oder gar in Frankreich – nie gegeben. […] Ob diese Zweiteilung in Zukunft erhalten bleiben wird, können wir nicht voraussehen. Aber wir können immerhin einer ähnlichen Zweiteilung im Bereich der Orthographie entgegenwirken. Mit anderen Worten: Es wäre verheerend, sollte es sich einbürgern, dass für die Schriftsteller eine andere Rechtschreibung gilt als für die Schüler unserer Grundschulen. Die Kluft, von der die Rede war, würde noch tiefer.
Zu Arno Schmidt: «Gesegnete Majuskeln», Der Platz, an dem ich schreibe,
Für Arno Schmidt ist die grossschreibung der substantive im deutschen «filosofisch eine feinheit und ein vorzug». Der filosofie von der sonderstellung der substantive kann man anhängen, muss man aber nicht. Nicht nur Konrad Duden war gegen die «irrige Annahme, als habe das Substantiv in irgend einer Weise einen Vorrang vor den übrigen Wörtern im Satze zu beanspruchen». Aber selbst wenn es wahr ist, dass das «Substantiv ein ganzes Bündel von Eigenschaften» ist und «vermittels eines Wortes – und also viel rascher, also suggestiver, als mehrere Adjektive dies vermöchten – das gewünschte kompliziert=volle Bild im Leser auslöst», ist nicht ersichtlich, warum der leser das nicht selbst merkt, warum er auf die hilfe des schreibers angewiesen ist. Was weiss der schreiber, was der leser nicht weiss? Inhaltlich will der schreiber dem leser etwas mitteilen; dafür ist die kommunikation da. Bei der substantivgrossschreibung geht es aber um nichts anderes als um grammatik. Das ist eine rein formale angelegenheit; was korrekt ist, entscheidet das wörterbuch. Warum soll der schreiber besser damit umgehen können als der leser? Warum soll der schreiber dem leser grammatikunterricht erteilen? Meine eigene erfahrung als leser: Von allen texten, die ich zu lesen bekomme, stammen vielleicht 20 % von leuten, die in grammatik gleich gut oder besser sind als ich. Von ihnen könnte ich mich belehren lassen – wenn es überhaupt ihre absicht wäre, das zu tun. Etwa 30 % der texte sind professionell korrigiert, also z. b. bücher; ob ihre autoren besser sind als ich, weiss ich also nicht. Zu den übrigen 50 % muss ich sagen: Es ist eine frechheit, mich in sachen grammatik belehren zu wollen! Also: Substantivgrossschreibung ist nichts weiter als eine mehr oder weniger erfolgreiche formalitätenübung.
Anders ist es bei den eigennamen. Ein wirt gibt seinem restaurant einen namen, z. b. «Don Emilio», «Sonne». Das eine findet man im deutschen wörterbuch, was aber in die irre führt. Auf jeden fall weiss der wirt (und damit der schreiber) mehr als der leser. Es ist sinnvoll, das erkennen von eigennamen zu erleichtern. Das gilt nicht zuletzt für die maschinelle sprachverarbeitung. Weitere beispiele: familiennamen wie Fischer, Herzog; dörfer wie Dorf, Wald (kanton Zürich) oder Sorge (Sachsen-Anhalt). Die substantivgrossschreibung deckt die eigennamen zu und ist daher für die verständlichkeit schädlich. Man kann das mit einem motto zusammenfassen: Sinnvolle statt grammatikalische grossschreibung.
Wenn die substantivgrossschreibung schon keinen sinn hat, bleibt das beliebte argument, sie erleichtere «die Orientierung im Satz». Wie soll das funktionieren, wenn man jedes dritte wort grossschreibt?
Lustig und einzigartig ist Schmidts vorschlag einer trennung in «reine» und «angewandte» sprache, erstere für «wortspezialisten» wie ihn, letzteres für «das volk». Nun, bezüglich der sprache gibt es diese trennung vermutlich bereits. (Siehe zitat von Reich-Ranicki.) Unter den lesern von Schmidt und anderen geistesarbeitern hat es wohl nicht so manchen elektriker und maurer; umgekehrt fällt es einem elektriker bestimmt nicht leicht, sich gegenüber einem dichter verständlich auszudrücken. Was Schmidt meint (aber nicht sagt), sind zwei ortografien. Da sich aber, wie die erfahrung zeigt, auch einerseits elektriker und maurer sowie anderseits dichter und ökonomen schlecht verstehen, müssten es wohl mehr als zwei sein. Wie auch immer; für das volk «könnte ohne Schaden auch die konsequente Kleinschreibung angewendet werden». Dem «Geistesarbeiter – speziell natürlich dem Dichter» stünde die schwierigere ortografie zur verfügung. Ja! Für das volk ist die schulrechtschreibung da; hier würde die kleinschreibung genügen. Das haben wir schon immer gefordert. Dass wir keinen erfolg haben, liegt u. a. an einem dilemma: Unter den befürwortern der kleinschreibung hat es dichter (H. C. Artmann: «die kleinschreibung ist viel sinnlicher.»), aber kaum elektriker usw. Es liegt aber auch daran, dass kein mensch daran glaubt, dass die geistesarbeiter willens und im stand sind, sich mehr mit ortografie zu befassen als das volk. Wenn es anders wäre, hätten sich die dichter, die gegen eine reform der schulrechtschreibung protestierten, einem von der «Zeit» gewünschten rechtschreibtest unterzogen. Es ist aber eine binsenwahrheit, dass ihre ortografie – wie oben angedeutet – ein werk von lektoren und korrektoren ist und dass die meisten dichter die ortografie nicht überaus gut beherrschen. Warum sollen sie das ändern? Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sagte es 1955 klipp und klar: «Orthographie ist eine Fertigkeit, die im Kindesalter erlernt und hernach, unter Erwachsenen, nicht mehr beredet wird.» Führen wir uns also Schmidts werke weiterhin in substantivgrossschreibung zu gemüte. Da er nicht mehr unter und weilt – sowenig wie die dichter, für die die fraktur unentbehrlich war –, können wir uns getrost dem volk widmen.
Rolf Landolt