Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/3113

SRF: Wovon sprechen wir am besten – von Klimawandel, von Klimaerwärmung, von einer drohenden Klimakatastrophe?
Anthony Patt: In der Regel rede ich von Klimawandel. Grundsätzlich geht es um Erwärmung, denn es gibt den Treibhauseffekt.
Aber was ganz wichtig zu verstehen ist: Auch relativ kleine Veränderungen der Temperatur können relativ grosse Effekte bei den Niederschlägen haben, zum Beispiel bei tropischen Stürmen. Wenn man nur von Klimaerwärmung redet, verpasst man diese Effekte.
Sie legen also Wert darauf, dass sich hier etwas verändert.
Genau. Die Temperaturen verändern sich, die Niederschlagsmengen verändern sich, auch die Konzentration von Niederschlägen in kurzen Zeitperioden.
Von einer drohenden Klimakatastrophe aber möchten Sie nicht sprechen?
Eine Klimakatastrophe könnte kommen. Aber ob das in den nächsten Jahren passiert oder nicht, und was für eine Art Katastrophe wir erwarten können – das ist eher ungewiss.
Der Felsabbruch in Bondo, Gletscherabbrüche, mehr Stürme, mehr Hitze: Rückt der Klimawandel auch bei uns näher?
Das ist deutlich zu spüren. Wenn wir nur die vergangenen 30 Jahre betrachten, dann sehen wir, dass die Temperaturen gestiegen sind. Im Sommer wie im Winter.
Ich persönlich lebe im Zürcher Oberland und meine Nachbarn erzählen, dass es früher, als sie noch Kinder waren, viel Schnee gab. Jetzt nicht mehr, vielleicht noch ein paar Wochen im Winter. Und im Sommer haben wir eine Häufung von sehr warmen Nächten. Der Klimawandel ist also da.
Aber noch nicht in der Form von Katastrophen.
Es ist gleichzeitig sehr schwierig zu sagen, ob eine bestimmte Katastrophe wegen des Klimawandels stattgefunden hat, zum Beispiel in Bondo. Aber man kann sagen: Wegen des Klimawandels ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass solche Ereignisse eintreten.
Der Klimawandel ist da und wird sich weiter verschärfen. Egal, welche Entscheidungen wir treffen.
Wie reagieren die Menschen auf die Veränderung, die heute schon erlebbar ist?
Jeder reagiert unterschiedlich. Jeder hat eine andere Erwartung an das Klima, das jetzt ein bisschen anders ist als früher, und jeder trifft andere Entscheidungen. Wenn ich etwa einen Skiurlaub buche, frage ich mich, ob das Skigebiet hoch genug liegt, für Silvester etwa.
Das heisst: Statt sein Verhalten grundsätzlich zu ändern und nicht mehr mit dem Flugzeug in die Ferien zu fliegen, sucht man sich einfach neue Optionen und passt sich an?
Ja. Das ist, als wenn man die Symptome einer Krankheit bekämpft, statt die Krankheit selber. Und nochmal viel sinnvoller wäre die Prävention der Krankheit. Das wäre wiederum eine ganz andere Reaktion und langfristig sicher die bessere Option.
Sie sagen also, man muss das Übel an der Wurzel packen.
Wir haben keine Wahl. Der Klimawandel ist da und wird sich weiter verschärfen. Egal, welche Entscheidungen wir treffen, etwa bei der Energieversorgung. Also müssen wir uns anpassen. Und zwar besser anpassen, als wir es jetzt schon tun.
Aber Anpassung ist nur ein Teil der Lösung. Langfristig müssen wir unsere Treibhausgase auf Null bringen. Und zwar möglichst schnell, wenn wir Klimakatastrophen in Zukunft verhindern wollen.
Spielt Angst eine Rolle? Stellen Sie so etwas wie Angst vor dem Klimawandel fest?
Unter Wissenschaftlern auf jeden Fall. Das letzte Mal in der Geschichte der Erde, als die Treibhausgaskonzentrationen so hoch waren, wie sie in den nächsten Jahrzehnten höchstwahrscheinlich wieder sein werden, lebten Krokodile auf Grönland.
Wir können nicht voraussagen, wie schnell diese Veränderungen passieren werden, weil das Klimasystem sich nur sehr langsam verändert. Langsamer jedenfalls als unser Verhalten, aber wenn wir unsere Treibhausgase nicht drastisch reduzieren, wird es zu unberechenbaren Katastrophen kommen – irgendwann.
Wir haben deutlich gesehen, dass Menschen eher auf Hoffnung reagieren als auf Angst.
Die Wissenschaftlerinnen haben mehr Angst als das Publikum? Mehr Angst als die Politiker?
Das würde ich bejahen. Zumindest die Wissenschaftler, die ich persönlich kenne. Denn wenn Sie einmal gesehen und verstanden haben, wie das Erdsystem funktioniert, welchen Veränderungen das ganze System gerade ausgesetzt ist, dann müssen wir uns schon ängstigen.
Ist Angst für die Bürger denn ein guter Ratgeber?
Nein. Ich habe kürzlich ein kleines Forschungsexperiment gemacht mit einem Kollegen der Princeton University. Wir haben deutlich gesehen, dass Menschen eher auf Hoffnung reagieren als auf Angst.
Wissenschaftlerinnen verändern mehr, wenn sie sagen, wie man den Klimawandel verhindern kann, als wenn sie voraussagen, dass jetzt die grosse Katastrophe kommt. Das Schlimmste wäre, so unsere Erkenntnis, wenn die Wissenschaft sagte: Es kommt eine Katastrophe, und wir können nichts tun.
Auch die Politik hat eine wichtige Rolle.
Ja. Ganz wichtig ist hier, dass die Politik ein langfristiges Ziel setzt, also das umsetzt, was die Wissenschaft immer wieder herausgearbeitet hat: Ziel muss sein, in nur wenigen Jahrzehnten die Nutzung von fossiler Energie vollständig aufzugeben.
Das Gespräch führte Christoph Keller.
Zur Person
Professor Anthony Patt ist Klimaforscher und lehrt an der ETH-Zürich. Sein Forschungsinteresse gilt den angewandten Fragen der Klimapolitik.
Klimakonferenz in Bonn
25'000 Teilnehmer aus 195 Staaten treffen sich vom 6. bis 17. November 2017 zur UNO-Weltklimakonferenz in Bonn. Dazu kommen 500 Nichtregierungsorganisationen und 1300 Medienleute. An der Konferenz wird detaillierte Umsetzung des Pariser Klimaabkommens verhandelt.