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von Dr. Sebastian Horn
Auch einfache Strategien wollen gelernt sein: Eine entwicklungspsychologische Studie untersucht, wie 9-, 12- und 17-Jährige Faustregeln für ihre Urteile und Entscheidungen benutzen.
Bereits Schulkinder setzen einfache Strategien (Heuristiken) bei ihren Urteilen ein. Im Vergleich zu älteren Jugendlichen können sie aber nicht so gut einschätzen, in welcher Situation solche Strategien zweckmässig sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der University of California in Berkeley. Sie haben die Urteile von Kindern und Jugendlichen bei einfachen Quizfragen untersucht.
Welche Stadt hat mehr Einwohner: Boston oder Hialeah? Weiß man es nicht, dann könnte man sich daran orientieren, welcher Städtename einem bekannt ist. Tatsächlich führt die einfache Strategie, sich auf Wiedererkennung zu stützen, oft zu erstaunlich guten Urteilen. Das liegt daran, dass Objekte, die uns vertraut sind (oder nicht vertraut sind) in unserer Umwelt nicht zufällig verteilt sind. Beispielsweise hören oder lesen wir häufiger von erfolgreicheren Sportteams, erfolgreicheren Unternehmen, oder Universitäten—oder eben von größeren Städten. Die strategische Verwendung von Wiedererkennung ist bei Erwachsenen häufig untersucht worden. Es gibt aber noch kaum entwicklungspsychologische Forschung, wie es sich damit bei jüngeren Menschen verhält. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der University of California haben untersucht, ob und wie gut Kinder und Jugendliche eine einfache Wiedererkennungs-Heuristik einsetzen, wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht wissen.
Insgesamt nahmen über 100 Personen im Alter von 9, 12, und 17 Jahren an der Studie teil. Jeder Person wurden etwa 150 Quizfragen vorgelegt: in einer Bedingung wurde danach gefragt, welche von zwei Städten die größere Einwohnerzahl hat. In einer anderen Bedingung sollten die Schüler jeweils beurteilen, welche von zwei Krankheiten in ihrem Land häufiger vorkommt. Zudem wurden sie befragt von welchen dieser Städte oder Krankheiten sie vorher schon einmal gehört hatten. Diese Versuchsanordnung erlaubte es auch zu messen, wie gut Schüler unterschiedlichen Alters ihre Nutzung einer Entscheidungsstrategie an verschiedene Situationen anpassen: So ist Wiedererkennung bei der Beurteilung von Krankheitshäufigkeiten deutlich weniger hilfreich als bei der Beurteilung von Städtegrößen. Das liegt daran, dass der Bekanntheitsgrad einer Krankheit wenig darüber aussagt, wie häufig sie vorkommt. Der Zusammenhang beider Variablen ist eher niedrig—ganz im Gegensatz zu den Städtefragen. So berichten Medien und historische Dokumente beispielsweise oft über schwere oder gefährliche Krankheiten wie die Pest, die aber gegenwärtig kaum noch auftritt.
In der berichteten Studie stieg bei den Aufgaben mit dem Alter der Schüler auch die Richtigkeit (und Schnelligkeit) der Urteile. Bereits Neun- und Zwölfjährige nutzten dabei Wiedererkennung systematisch für ihre Urteile. Sie taten dies allerdings nicht so angepasst an die Situation wie ältere Jugendliche. Neun- und Zwölfjährige konnten demnach noch nicht so gut unterscheiden, wann die Nutzung einer Wiedererkennungs-Strategie mehr oder weniger nützlich ist. Diese Beobachtung deckt sich auch mit weiterer entwicklungspsychologischer Forschung die gezeigt hat, dass einfache Entscheidungsstrategien (Heuristiken) häufiger und effizienter von Erwachsenen als von Kindern verwendet werden.
Literaturangaben:
Horn, S. S., Ruggeri, A., & Pachur, T. (2016). The development of adaptive decision making: Recognition-based inference in children and adolescents. Developmental Psychology, 52, 1470-1485.
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