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Henning Mankell kämpfte unermüdlich für seinen Traum von Afrika
- Aktualisiert am Samstag, 10. Oktober 2015, 10:42 Uhr
Schwarze Lederjacke, die angenehm warme Stimme, die grossen Kinderaugen, Wuschelfrisur. Henning Mankell war ein begnadeter Erzähler, Schriftsteller, Theaterregisseur. Sein Traum als Kind war es, nach Afrika zu reisen. Das hat er gemacht. Und blieb die Hälfte seines Lebens.
In Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, war Mankell Mitbegründer einer freien Theatergruppe, die zig Jahre später ein festes Haus finden sollte: Das Teatro Avenida. Mankell hat diesen Moment 2005 in Zürich auf einem Podium beschrieben: Sie seien in ein verlassenes, verrottetes Gemäuer gekommen, Wasser habe im Keller gestanden, sie hätten das Haus erst trockenlegen müssen. Bürgerkrieg war damals in Mosambik. Viele kämpften ums Überleben.
Brot und Spiele – und Ratten
«Wie betreibt man da ein Theater, wie finanziert man es», fragte Mankell damals. Schweigen im Saal. Er sagte: «Ganz einfach. Wir haben im Keller Brot gebacken und es verkauft und davon haben wir Theater gemacht. Panem et circensis. – Und Ratten.» Das Teatro Avenida zeigte Stücke aus der Gegenwart, selbst entwickelte, dem Leben in Mosambik abgeschaut. Es verhandelte Schicksale von Menschen im Bürgerkrieg. Eines dieser Stücke war über Kindersoldaten, die im Bürgerkrieg gezwungen wurden, Menschen zu erschiessen. Mankell erzählte, er habe viele gefragt, was sie sich denn am meisten wünschten und viele hätten geantwortet: «Einen Pass». Der wurde ihnen als erstes weggenommen, damit sie nicht fliehen und zum Feind überlaufen konnten.
Mankell arbeitete Monate lang mit Kindern, Jugendlichen, deren Identität unklar war. Er sagte, das Schrecklichste sei für ihn der Moment gewesen, als er erkannte, dass sie gezwungen wurden, auf ihre eigenen Eltern und Geschwister zu schiessen. Diese Jugendlichen wollten zwar einen Pass. Aber sie wollten nicht die alte Identität zurück. Dieser Teil ihres Lebens war abgeschnitten. Traumatisierte, Mörder, Kinder. Mankell erzählte, der Saal war still, er hatte Dinge gesehen mit seinen grossen Kinderaugen, die hatte er sich als Kind nicht träumen lassen, als er nach Afrika wollte.
«Es war ein Wunder»
Aber es habe auch wunderschöne Momente gegeben, sagte er. Einmal seien sie mit einer Sondererlaubnis über eine Strasse gefahren in einen gesperrten Teil des Landes, da führte kein Weg hin und keiner zurück. Sie seien an eine Sperre gekommen, die seit Jahren niemand mehr passiert hatte und hätten sie weggeräumt, seien weitergefahren und irgendwann angekommen. Eine Menschenmenge mit Transparenten hätte sie begrüsst, sie seien schon bei der Ankunft gefeiert worden. Er habe nie erfahren, wie sich ihr Theater herumgesprochen hätte. Radio gab es keines, keine Verbindung. Wie also war das passiert? «Es war ein Wunder», sagte er, damals in Zürich. Einen Moment lang hielt man das für eine Redensart, dann war allen klar, er meint es ernst: Es war eines.
Mankell war nicht nur der Krimiautor, der Erfolgreiche, der Millionenseller, der Düsteres aus Schweden und Afrika schreibt. Der seinen Wallander losschickt, einen Funken Gerechtigkeit herzustellen. Die Grundschwingung seiner Romane ist von einer Düsternis, dass die Schwarze Serie dagegen optimistisch erscheint. In seinen Romanen ist viel aus Afrika versteckt, das als Fiktion daherkommt. Mankell wusste es besser, es war keine Fiktion, nicht nur. In einem seiner letzten Bücher lässt er ein sterbendes Kind sprechen.
Mankell war ein politischer Künstler, ein politischer Autor
Mankell engagierte sich gegen Armut und HIV, war Aktivist, Grenzgänger zwischen Kulturen und Zivilisationen. Das merkt man seinen Romanen an, da schreibt jemand, der die zwei Welten kennt, über die er schreibt.
Er schrieb 40 Bücher, Romane, Essays, Stücke. Wallander ist nur die bekannteste Serie. Wie viel Wallander in ihm stecke, wurde er immer wieder gefragt. Er meinte: «Sehr wenig.» Der sei ihm zu griesgrämig. In der Öffentlichkeit gab sich Mankell gutgelaunt, erzählte Witze, Anekdoten, positionierte sich auch in politischen Diskussionen. Er vermittelte aber nie die Düsternis seines berühmtesten Helden. Er lasse sich nicht unterkriegen, signalisierte er. Auf seine verheerende Krebsdiagnose angesprochen, sagte er, die mache ihm weniger Angst als die Tatsache, dass er dann Millionen Jahre tot sei. Er liess sich den Humor nicht nehmen. Viele haben ihm den Humor auch geglaubt.
Die Sache mit dem Humor
Er sei einmal auf einem Fest eingeladen gewesen in Mosambik, nur Männer seien da zugelassen gewesen. Er habe sich abends dazugesetzt, ein Feuer habe gebrannt, alle Männer seien im Kreis gesessen, man habe gegessen, getrunken, jemand habe begonnen, Musik zu machen. Der Dorfälteste sei aufgestanden und habe den Tanz eröffnet. Erst dann hätten auch die anderen tanzen dürfen. Dann habe der Dorfälteste ihn, Mankell, in die Mitte geschickt. Und weil die Stimmung so ausgelassen und alle so fröhlich gewesen seien, habe er, Mankell, sein Bestes gegeben. Er habe sich so in Trance getanzt, dass er nicht bemerkt habe, dass alle anderen sich hingesetzt hätten. Nur der Musiker spielte und der Dorfälteste stand noch. Der sei zu ihm gekommen und habe ihn in den Arm genommen. Er hätte gesagt: «Ich habe nie jemanden gesehen, der trauriger ist als du.»
Programmhinweis
In Memoriam Henning Mankell ändert SRF1 sein Programm und zeigt:
- «Wallander – Ein Mord im Herbst» am Samstag, 10.10.2015 um 23.10 Uhr;
- «Wallander – Die Hunde von Riga» am Samstag, 17.10.2015 um 23.25 Uhr
- «Wallander – Vor dem Frost» am Samstag, 7.11.2015 um 23.15 Uhr.
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5.10.2015, 12:30 Seit 12:30
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