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Selbst in einer Wirtschaftswelt, in der neues Geld in die Realwirtschaft fliesst, muss mehr Geld geschöpft werden, als reale Werte entstehen. Denn neues Geld ist immer Kredit, und das Geld für den Zins fehlt im System. Inflation ist deshalb die unvermeidbare Folge der privaten Geldschöpfung aus dem Nichts.
Früher bremste die erforderliche Teildeckung in Gold die Geldschöpfung. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde sie schrittweise aufgehoben – der Krieg wäre sonst nicht zu finanzieren gewesen – und nachher teilweise wieder eingeführt. Die Verträge von Bretton Woods zur Regelung der globalen Finanzstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Gold dem Dollar gleich, was es den Amerikanern gewissermassen erlaubte, Gold zu drucken und damit u.a. den teuren Vietnamkrieg zu finanzieren. Als sich der Druck auf die USA erhöhte, Dollarguthaben in Gold zu tauschen, hob Präsident Nixon 1971 die Konvertibilität definitiv auf, mit erheblichen Folgen.
Die inflationäre Entwertung des Geldes erreicht in der langen Frist enorme Dimensionen: Zwischen 1800 und 1900 gewann das britische Pfund, die ehemals harte Währung, mit der die verregnete Insel in der Nordsee die Welt eroberte, 13 Prozent an Kaufkraft. Was im Jahr 1800 hundert Pfund kostete, konnte man hundert Jahre später für 87 erstehen. Im Jahre 2000 musste man dafür 7200 Pfund bezahlen. Dem Dollar erging es nicht viel besser: Was 1913 100 Dollar kostete, war im Jahr 2000 1740 Dollar teuer, eine Inflationsrate von 1640 Prozent. Beim Schweizer Franken lag sie zwischen 1915 und 2000 bei 750 Prozent und bei der D-Mark, der ehemals härtesten Währung der Welt, zwischen 1948 und 2000 bei immerhin 200 Prozent, auch nicht gerade weltmeisterlich. Die Inflation gehört also zu den Fiat-Währungen (von lat. fiat = es werde) wie die Wellen zum Meer.
Aber die offiziellen Zahlen liegen unter den effektiven Werten, weil die Indizes der Konsumentenpreise nach unten frisiert werden, u.a. mit der «hedonischen» Methode (von griech. hedone = Lust). Dabei werden Produkte, die besser werden, aber gleichviel kosten, zu tieferen Preisen in die Berechnung aufgenommen. Die gegenläufige Entwicklung – schlechtere Produkte, z.B. solche, die man selber zusammenbauen muss – findet im offiziellen Index allerdings keinen Niederschlag. Eine weitere Methode der legalen Manipulation des Preisindexes ist etwas fieser und hat auch keinen Namen. Wenn die Butter teurer wird und sich der Konsum auf die billigere Margarine verlagert, erhält die Margarine einen höheren Stellenwert im Warenkorb und der Index kann sinken, selbst wenn sowohl Butter als auch Margarine teurer werden. Der grösste Mangel der offiziellen Indizes aber ist der Umstand, dass Anlagegüter (etwa Immobilien) nicht darin enthalten sind. Dort, im Schatten der offiziellen Zahlen, haben die grossen Preissteigerungen stattgefunden. Darum wird der Immobilienerwerb mit index-gebundenen Löhnen immer schwieriger.
Es stimmt auch nicht, dass die Inflation – wörtlich die Aufblähung der Geldmenge – vor allem die Besitzer von Geldvermögen schädigt, die immer weniger Realwert für ihr Guthaben erhalten. Entscheidend ist, wer das neue Geld zuerst erhält. Denn die Erstempfänger können sich noch zu den alten Preisen bedienen. Bis die Preise und Löhne steigen, lässt sich leichtes Geld verdienen. Man kauft sich einen Vermögenswert zum alten Preis und verkauft ihn eine gewisse Zeit später mit Gewinn. Um aktiv von der Inflation profitieren zu können, muss man zwei Bedingungen erfüllen: Man muss über flexibles Kapital in ausreichender Menge verfügen oder kreditwürdig sein, um für das neue Geld überhaupt in Frage zu kommen, das ja als Kredit in die Welt kommt.
Entscheidend ist, wer das neue Geld zuerst erhält. Denn die Erstempfänger können sich noch zu den alten Preisen bedienen.
Diese Bedingungen können die meisten Menschen in den Industrieländern gar nicht erfüllen. Einerseits sind viele nicht kreditwürdig und erhalten bestenfalls Konsumkredite mit ho-her Verzinsung. Andrerseits besteht ihr Sparkapital zur Hauptsache aus gebundener Altersvorsorge (in der Schweiz zu 64 Prozent), über das sie gar nicht verfügen können.
Heute ist die Inflation offiziell kein Problem mehr, aber nur, weil wir den Begriff nicht verstehen, sondern mit Preissteigerung gleichsetzen. Weil einzelne Märkte die Sättigungsgrenze erreichen, die Masse der Konsumenten immer weniger Geld ausgeben kann und viele Firmen auf Teufel komm raus verkaufen müssen, haben einige Preise tatsächlich sinkende Tendenz. Aber das wäre in einer Wirtschaft, in der wir uns alle Mühe geben, es ständig ein bisschen besser zu machen, eigentlich normal. Um die Inflation auf den «Sollwert» von zwei Prozent zu bringen, erleben wir seit einigen Jahren eine beispiellose Geldvermehrung. Aber die Deflationsbekämpfung ist nur der Vorwand, nicht der Grund für die Geld-schwemme. Denn wenn die Schulden ständig steigen, müssen die die Geldmengen wachsen, sonst geraten die Bilanzen der hochverschuldeten Staaten und Firmen aus dem Gleichgewicht. Das Mittel dazu sind sinkende Zinsen, wenn nötig auch unter Null.
Waren vor Ausbruch der Finanzkrise die Banken die Hauptakteure im Spiel der Geldvermehrung – bis sie ohne Rettung daran zugrunde gegangen wären – sind es heute die Zentralbanken, die unter dem Begriff quantitative easing (quantitative Erleichterung) den Banken enorme Mengen von Reserven zum Nulltarif zur Verfügung stellen. Die EZB gewährt den Banken einerseits riesige Kredite, praktisch zum Nullzins und kauft ihnen andrerseits Staatsanleihen und Firmenanleihen mit neu geschöpftem Geld ab. Die Folge: Anstatt dass die Geldhäuser ihre schlechten Papiere abschreiben müssen, werden sie in einer gigantischen Blase aus Luftgeld in die Höhe getrieben. Das neue Geld erreicht die Realwirtschaft nicht, sondern fliesst praktisch zur Gänze in die Finanzwirtschaft. Es macht nicht nur die Reichen reicher, sondern staut sich auch in Papierwerten, die irgendeinmal in reale Werte getauscht werden müssen. So-bald die Anleger merken, dass dies schwierig sein wird, wird ein inflationärer Tsunami die Welt überrollen und unsere Altersguthaben vernichten.
Zwischenstand: Wir wissen, dass die Banken Geld aus dem Nichts schöpfen und dass dadurch die Schulden immer schneller wachsen als die Geldmittel zu ihrer Bezahlung. Die Folge ist ein Wachstumszwang, der sich kontinuierlich in die Finanzbranche verlagert und die Realwirtschaft benachteiligt, wo die Werte geschaffen werden, von denen wir leben. Diese Form der Geldschöpfung hat eine Inflation zur Folge, welche die Erstbezüger des neuen Geldes – die Kreditwürdigen! – bevorzugt. Weil die Lücke zwischen Geldmenge und Geldschulden mit exponentieller Dynamik wächst, muss auch die Geldschöpfung ständig beschleunigt werden, was die Sparguthaben schrumpfen, die Kreditwürdigen reicher – und die Lücke noch grösser werden lässt.
Die wichtigste Ursache von Kriegen, das zeigt die Geschichtsforschung, sind übergrosse Unterschiede zwischen reich und arm. Hier spielt unser Geldsystem eine entscheidende, wenn auch bestens versteckte Rolle, wie wir gleich sehen werden.