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Wuttke ist ein Problem. Erstens: Er ist jünger als ich. Zweitens: Er hat keinerlei private Verpflichtungen. Drittens: Er betrachtet mich umgekehrt auch als Problem.
Er ist scharf auf meine Position, er will mich beerben, und zu diesem Zweck setzt er seine zwei Vorteile ein. Da er jünger ist, steckt er Sechzigstunden-Wochen besser weg als ich, und da er Single ist (das ist allerdings kein Wunder!), macht ihm niemand Vorwürfe, wenn er bis spät nachts oder an den Wochenenden arbeitet.
Mir hingegen macht Ruth dauernd Vorwürfe. “Du hast kaum noch Zeit für mich und Max”, sagt sie. “Für dich zählt nur die Arbeit! Du hast eine Frau und ein Kind, aber wir sehen dich nie!” “Quatsch”, sage ich, “an Heiligabend war ich doch zu Hause!”
Ja, ich war zu Hause, aber als ich mit Ruth den Christbaum schmückte, liess mir der Gedanke keine Ruhe, dass Wuttke jetzt im Büro sass und an der Peking-Sache arbeitete, “die für unsere Firma Triple-A-Priorität hat”, wie mein Chef Benz sich ausdrückte, bevor er am Abend des 23. in den Skiurlaub fuhr. “Und vergessen Sie nicht”, sagte er zu Wuttke und mir, “dass unsere chinesischen Partner Atheisten sind: Die arbeiten auch an Weihnachten.”
“Gibst du mir bitte mal den Joseph”, sagte Ruth, und als ich ihn in der Schachtel mit den Krippenfiguren suchte, kam ich mir so vor wie Joseph: Wie er war ich ein Mann, der übergangen wird. Ein Mann, der daneben steht, während weltbewegende Dinge geschehen. Ein Mann, der den Christbaum schmückt, während ein anderer im Büro am Heiligabend in einer Videokonferenz mit den Chinesen einen Triple-A-Prioritäts-Deal einfädelt!
“Ich brauch den Joseph”, drängte Ruth, und ich sagte: “Der ist nicht in der Kiste. Weisst du was? Ich fahr los und kauf uns einen!” “Aber die Geschäfte sind doch zu!”, rief sie mir nach. Ich fuhr ins Büro, wo Wuttke gerade die Konferenzschaltung nach Peking einrichtete. Es war 17.30 Uhr. Traditionell findet bei uns die Bescherung um 18.00 Uhr statt. Mir blieb also eine halbe Stunde, um den Chinesen zu zeigen, wer hier die Verhandlungen führte.
“Es ist Heiligabend”, sagte Wuttke, “sollten Sie nicht bei Ihrer Familie sein?” “Das hätten Sie wohl gern! Aber ich heisse nicht Joseph”, sagte ich, und als auf dem Bildschirm die Chinesen erschienen, begrüsste ich sie mit “Nǐ hǎo! Wǒbùshuó zhōng wén.” Das heisst “Guten Tag, ich spreche kein Chinesisch.”
Da ich es aber akzentfrei aussprach (ich hatte den Satz drei Wochen lang geübt), glaubten sie, dass ich perfekt Chinesisch sprach, aus Bescheidenheit aber das Gegenteil behauptete. Sie redeten eine Stunde lang in Mandarin auf mich ein (Wuttke ignorierten sie völlig), und als Benz nach Neujahr aus dem Skiurlaub zurückkehrte, musste er nur noch den Vertrag unterschreiben. “Gut gemacht!”, sagte Benz und klopfte mir auf die Schulter. Zu Wuttke sagte er: “Sie sollten sich an Ihrem Kollegen ein Beispiel nehmen und Chinesisch lernen!”
Der Preis für den Erfolg war, dass ich eine Stunde zu spät zur Bescherung kam, und als ich mit Ruth und Max vor dem Lichterbaum “Stille Nacht” sang, spürte ich hinter dem Brustbein einen geradezu eisernen Schmerz, der aber beim Essen wieder verschwand. Nochmal Schwein gehabt.