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"Fabian, ich glaube es nicht, jetzt hast du schon wieder deine Jacke liegen lassen!"
"Stefanie, wo ist eigentlich deine Brille hin?"
Wie oft haben wir diese Sätze wohl von unseren Müttern gehört?
Gehört Ihr Kind auch zu diesen Menschen, die:
- ständig ihr Turnzeug in der Schule vergessen?
- die Handschuhe verlieren?
- vergessen, dass sie noch etwas hätten erledigen müssen?
Sprich: Zu diesen verträumten Kindern, denen zur rechten Zeit nicht das Richtige einfallen will?
In diesem Fall möchten wir Ihnen gerne ein paar Tipps mit auf den Weg geben, die dabei helfen können, diese Probleme (teilweise) zu überwinden.
Nehmen wir also an, dass Ihr Kind oft sein Turnzeug oder seine Hausaufgaben in der Schule liegen lässt. Sie möchten, dass sich dies ändert. Ihr Kind muss sich dazu in der Zukunft zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einer bestimmten Situation daran erinnern, eine bestimmte Handlung auszuführen.
Wie könnten Sie als Eltern dazu beitragen, dass Ihrem Kind diese nicht ganz einfache Aufgabe gelingt?
Belohnung und "Bestrafung"
Als Eltern können Sie Ihr Kind loben, wenn es daran gedacht hat, die Hausaufgaben mitzubringen. Ihr Kind wird stolz darauf sein, dass es daran gedacht hat und vielleicht beim nächsten Mal eher daran denken. Vergisst Ihr Kind den Turnsack, können Sie es auffordern, nochmals zur Schule zu gehen und ihn zu holen. Dem Kind wird das natürlich stinken und vielleicht wird es deshalb nach dem nächsten Turnunterricht daran denken. Bei mir selbst haben diese Punkte jedoch wenig genützt.
Gedächtnis-Hilfen einsetzen
Das prospektive Gedächtnis (also die Fähigkeit, an zukünftige Handlungen und Termine zu denken) verbessert sich im Laufe der Kindheits- und Jugendzeit. Diese Verbesserungen lassen sich zu einem Grossteil darauf zurückführen, dass Jugendliche und Erwachsene mehr und bessere Hilfsstrategien nutzen: Sie geben Termine auf dem Handy ein und lassen sich per Klingelton daran erinnern, nutzen eine Agenda, die sie regelmässig konsultieren, schreiben sich wichtige Punkte auf Post-it-Zettel und kleben diese an einen Ort, an dem Sie daran erinnert werden etc.
Sie können zusammen mit Ihrem Kind überlegen, wie es solche Gedächtnis-Hilfen einsetzen könnte, um sich selbst an wichtige Dinge zu erinnern. Besitzt das Kind ein Handy, könnte es dieses so programmieren, dass an jedem Tag, an dem es Turnen hatte nach Schulschluss eine Erinnerung "Turnsack nicht vergessen!" auf dem Display erscheint.
Ein Hausaufgabenheft mit einer Spalte für jedes Fach könnte das Kind daran erinnern, die Hausaufgaben sorgfältig einzutragen und die entsprechenden Hefte einzupacken. Es gibt jedoch noch elegantere Methoden:
Das prospektive Gedächtnis schulen
Das prospektive Gedächtnis lässt sich trainieren. Wie gehen wir als Erwachsene vor, wenn wir daran denken müssen, nach der Arbeit noch einzukaufen oder einer anderen Person etwas Bestimmtes mitzuteilen, wenn wir sie sehen?
Normalerweise stellen wir uns dazu einen Ablauf und die Handlung vor und verknüpfen sie mit Hinweis-Reizen.
So konnte ich mein Jacken-Problem schliesslich lösen, indem ich mir mehrfach genau vorstellte, wie ich mich nach Schulschluss auf die Bank setze, meine Schuhe binde und dann zurückschaue und die Jacke vom Haken nehme.
Beim Turnsack könnte sich Ihr Kind vorstellen, wie es sich das T-Shirt oder den Pullover anzieht und dann in einer flüssigen Bewegung gleich nach dem Turnsack greift.
Soll Ihr Kind daran denken, am nächsten Tag auf dem Nachhause-Weg noch kurz ein Brot beim Bäcker zu kaufen, könnten Sie mit ihm in der Vorstellung durchgehen, wie es nach Hause läuft, dann die Bäckerei sieht, hineingeht und das Brot kauft.
Wichtig sind dabei Hinweise wie eine Handlung oder eine Situation, die zuvor auftritt (ich ziehe die Schuhe an / ich sehe die Bäckerei). Müssen wir zum Beispiel um 14.30 Uhr daran denken, jemanden anzurufen, ist es hilfreich, wenn wir wissen, wo wir zu diesem Zeitpunkt sind und was wir dann tun werden. Machen wir zum Beispiel jeweils von 14.15 Uhr bis 14.30 Uhr Kaffeepause, könnten wir uns vorstellen, wie wir nach der Pause zurückkommen, ins Büro gehen und dann den Hörer in die Hand nehmen. Gibt es keine solche Hinweise, können wir auf Punkt zwei zurückgreifen und uns welche schaffen, indem wir um diese Zeit unsere Uhr piepsen lassen, ein Post-it auf die Türfalle kleben etc.
Wenn Sie regelmässig zusammen mit Ihrem Kind darüber nachdenken, wie es sich selbst an solche Dinge erinnern könnte, wir es mit der Zeit beginnen, diese Strategien selbständig zu nutzen.
Allerdings: Als ich (Fabian) das letzte Mal ein mehrtägiges Seminar hielt, bin ich im Kopf alles durchgegangen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich den Seminarraum betrete, den Beamer einstecke (habe ich den Beamer? Ja!), dass ich evlt. ein Verlängerungskabel benötige (eingepackt!), dann den Laptop einschalte (auch dabei...). Am Ende war ich mir sicher, dass es nun absolut unmöglich ist, dass ich etwas vergessen habe. Kurz vor der Abreise meinte meine Frau: "Hattest du noch genügend frische Kleider für 4 Tage?" - meine Antwort: "Ach ja! Kleider! Total vergessen!"
Stefanie's Geheimtipp: die Kontrollblick-Routine
Damit im Zug oder beim Seminar nichts liegen bleibt, habe ich (Stefanie) mir einen Kontrollblick angewöhnt. Das Motto lautet: Aufstehen, anziehen, Sachen nehmen, Kontrollblick. In diesem Moment schaue ich bewusst zurück, auch auf den Tisch, den Stuhl oder den Boden und überprüfe, ob ich alles eingepackt habe. Ein solcher Kontrollblick ist Gold wert und kann auch mit Kindern relativ einfach spielerisch trainiert werden. In einem ersten Schritt fungieren Sie einfach als Modell. Wenn Sie aus einem Auto oder Bus aussteigen, im Restaurant vom Tisch aufstehen oder im Schwimmbad die Umkleidekabine verlassen sagen Sie ganz beiläufig laut zu sich: „Also, anziehen, Sachen nehmen, Kontrollblick“ und schauen dann noch einmal in Ruhe nach, ob Sie alles haben. Das Wichtige dabei ist, dass Ihr Kind Sie dabei beobachten kann. Sie können Ihr Kind auch bitten, Ihnen beim Kontrollblick zu helfen und dabei erklären, warum er ihnen hilft. Regen Sie Ihr Kind mehr und mehr an, die Routine für sich zu übernehmen. Kinder sind besonders kooperativ, wenn man diesen Punkt spielerisch angeht. So kann man aus dieser Routine zum Beispiel eine regelmässige „Übung für Feuerwehrleute oder Polizisten“ machen. Nach einer Weile brauchen Sie beim Verlassen des Schwimmbades oder des Zugs nur noch „Achtung! Feuerwehr!“ zu sagen und Ihr Kind weiss, welche Schritte (anziehen, Sachen nehmen, Kontrollblick) nun anstehen.
Seien Sie bitte nachsichtig mit Ihrem kleinen Träumer oder Chaoten. Er wird es schon packen (auch wenn er sich wahrscheinlich - wie ich - ab und zu ziemlich über sich aufregen wird ;-)
Weitere Tipps zum Umgang mit Vergesslichkeit und Organisationsschwierigkeiten erhalten Sie in unserem Elternworkshop "Erfolgreich lernen mit AD(H)S".
Autorenteam
Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler führen gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich und sind Autoren der folgenden Bücher:
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