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Ernst Zahn
Als 1887 das Favre-Denkmal enthüllt wurde, trug der jüngste, erst zwanzigjährige Göschener Gemeinderat ein selbstverfasstes Gedicht vor: An die gefallenen Arbeiter. Die Episode, von der Presse in alle Welt verbreitet, führte der Literatur einen Autor zu, der bald einmal zum Inbegriff eines Schweizer Heimatdichters werden sollte: Ernst Zahn, geboren 1867 in Zürich, gestorben 1952 in Meggen, bis 1916 Bahnhofrestaurateur in Göschenen, Verfasser von 28 Romanen und 30 Erzählbüchern mit einer Totalauflage von annähernd vier Millionen.
Den Durchbruch schaffte er igoi mit Albin Indergand, einem Entwicklungsroman, der die Wirren der Franzosenzeit in die kolossale Landschaft um Wassen und Göschenen hinaufbeschwört. Danach folgte Bestseller auf Bestseller, und der Erfolg blieb Zahn auch dann noch treu, als er den alpinen Schauplatz verliess und seine Geschichten immer häufiger in Zürich und anderswo ansiedelte. Federers Gemütstiefe erreichte er nie, Huggenbergers bäuerlicher Mythos blieb ihm ebenso fremd wie Lienerts volkstümliche Fröhlichkeit. Was ihn auszeichnete, war die solide Kunst der Komposition und die Gabe, bis zum letzten Satz spannend zu erzählen. Zahn schrieb ein klares, leicht altertümliches Deutsch, und seine Figuren kamen dem Identifikationsbedürfnis des Lesers ebenso entgegen wie seine Thematik, die sich im Grunde auf Liebe und Heirat, Glück und Unglück im Beruf sowie auf »Heldentum im Alltag« beschränkte.
Bis 1914 wurde Zahn nicht nur von der deutschen, sondern auch von der Schweizer Kritik hymnisch gefeiert. Der Lesezirkel Hottingen machte ihm seine Aufwartung, und 1913 wurde er Präsident des Schweizer Schriftstellervereins. Als er 1914 einen Moment lang in die deutsche Kriegsbegeisterung einstimmte, kam es zum Skandal, und er musste als SSV-Präsident zurücktreten. Nach dem Krieg verwarfen Kritik und jüngere Schweizer Autoren die Heimatkunst, während Ernst Zahn der einmal gewählten Schreibweise bis zuletzt treu blieb. Obwohl, vielleicht aber auch weil seine deutsche Leserschaft auch jetzt noch weiter zunahm und Übersetzungen sein uvre weltweit verbreiteten, wurde es bald einmal Mode, Zahn als blossen Unterhaltungsautor zu betrachten. In seinen letzten Jahren als jene Welt, die er hatte belehren und unterhalten wollen, schon fast versunken war, ist er selbst an seinem Ruhm irre geworden und hat seinen Büchern jede Überlebenschance abgesprochen.
Dabei unterschätzte er selbst wohl jene seltenen Werke, die über die blosse Routine hinausragen, aber sozusagen unter Bergen von Bestsellern verschüttet sind: die ergreifende, dem Schicksal einer Blinden geltende Erzählung Nacht von 1917 etwa, die packende Nibelungen-Adaption Die tausendjährige Strasse von 1939, die zarte, ins Zeitlose entrückte Liebesgeschichte Blancheflur von 1923 und einige weitere Texte, die überhaupt erstmals zu entdecken wären. Auch wenn seine einst allgegenwärtigen Bücher heute aus den Buchhandlungen verschwunden sind - als Autor eines Gedichts müsste der Name Ernst Zahn den Schweizern eigentlich noch geläufig sein: Chum Bueb und lueg dis Ländli a!
Die Neuausgabe des Albin Indergand innerhalb der Edition »Frühling der Gegenwart« (Ex Libris, Zürich 1981) wurde eingeleitet von Dieter Fringeli.
Zahn, Ernst
*Zürich 24.1.1867, Meggen (LU) 12.2.1952, Schriftsteller. Der Sohn des aus Bayern stammenden Geranten des Zürcher »Café littéraire« und späteren Hoteliers in Siders (VS) und Göschenen (UR) trat nach Lehrjahren in England und Italien 1887 in Göschenen in den väterl. Betrieb ein. Im gleichen Jahr wurde er in den Gem.rat gewählt und debütierte bei der Einweihung des Favre-Denkmals mit seinem Gedicht »An die gefallenen Arbeiter«. Später wurde er Mgl.des Urner Landrates, den er 1908/09 präsidierte. 1893, im Jahre seiner Heirat mit Lina Fäh aus Zürich, erschien die gefühlvolle, mit dem Erlebnis der Bergwelt verknüpfte Erzählung »Herzens-Kämpfe«, der Gedichte, weitere Erzählungen und der erste Roman, »Erni Beheim« (1898), folgten. Nach der Übernahme des väterl. Betriebs gelang ihm mit »Albin Indergand« (1901, zuletzt 1981) der Durchbruch zum Erfolg. Der in der Franzosenzeit spielende, geschickt in die Landschaft zw. Wassen und Göschenen hineinmontierte, spannend geschriebene Roman stand am Anfang einer langen Reihe von Erfolgsbüchern, mit denen Z. zus. mit J.C. Heer oder A. Huggenberger den dt. Bedarf an zugkräftiger Heimatliteratur deckte. »Lukas Hochstrassers Haus« (R., 1907), das mit über 500000 verkauften Exemplaren sein erfolgreichstes Buch überhaupt wurde, verlässt das bäuerl. Ambiente und bezieht auch das städt. Proletariat und sogar die Welt des fahrenden Volkes mit ein. »Die Frauen von Tannó« (1911) behandelt treffend die Problematik der im Bündner Dorf Tenna seinerzeit epidem. verbreiteten Bluterkrankheit, während ein anderer Bestseller, »Frau Sixta« (1926), bei aller Abenteuerlichkeit des Geschehens in der Titelheldin eine eindrückl., psycholog. feinsinnig gezeichnete Frauenfigur präsentiert. Die bedeutendsten Leistungen von Z. sind aber gleichwohl nicht die Erfolgsbücher, sondern weniger bekannte Texte wie die bewegende Erzählung »Nacht« (1917) die Lebensgeschichte eines Blinden oder die zeitlos-anmutige Liebeserzählung »Blancheflur« (1923). Der übergrosse Erfolg in Deutschland das Schweizer Lesepublikum blieb eher zurückhaltend, die Kritik war vielfach gehässig wurde Z.auch zum Verhängnis, geriet er doch seiner engen Verbundenheit mit dem dt. Markt wegen bereits 1914-18 in den Verdacht einer gegen die Interessen der Schweiz gerichteten einseitigen Parteinahme, wobei allerdings die Veröffentlichung seines Gedichts »Sturmlied« in der dt. Presse, die 1914 u.a. seinen sofortigen Rücktritt als Präs. des Schweiz.Schriftstellervereins zur Folge hatte, ohne sein Wissen und mit einem von dt. Seite gefälschten Begleitbrief erfolgte.Auch 1933-45 liess sich der 1945 geäusserte Verdacht einer Kollaboration niemals wirklich erhärten. Dennoch geriet sein Werk nach 1945 sehr rasch in Vergessenheit.
Lit.: Spiero, H.: E.Z., Stuttgart 1927; Fringeli, D.: E.Z., Nachwort zu »Albin Indergand«, nhg. von C. Linsmayer, Zürich 1981. (Schweizer Lexikon)
Zahn, Ernst
* 24. 1. 1867 Zürich, 12. 2. 1952 Meggen/Kt. Luzern. - Erzähler, Lyriker u. Dramatiker.
Der Sohn des aus Bayern stammenden Inhabers des Zürcher »Café littéraire« u. späteren Hoteliers in Siders/Kt. Wallis u. Göschenen/Kt. Uri verlebte seine Jugend an den Wirkungsstätten seines Vaters u. trat nach Lehrjahren in England u. Italien 1887 in Göschenen in den väterl. Betrieb ein. Im gleichen Jahr debütierte Z. literarisch bei der Einweihung des Gotthardtunneldenkmals mit dem Gedicht An die gefallenen Arbeiter. 1893 erschien in Luzern sein erstes Buch, die gefühlvolle, mit dem Erlebnis der Bergwelt verknüpfte Erzählung Herzens-Kämpfe, der Gedichte, weitere Erzählungen u. der erste Roman, Erni Beheim (Stgt. 1898), folgten. Ein Jahr nach der vollständigen Übernahme des väterl. Betriebs gelang ihm mit Albin Indergand (Frauenfeld 1901. Zuletzt Zürich 1981) der Durchbruch. Der um 1792 spielende, geschickt in die kolossale Gotthardlandschaft hineinmontierte, spannend geschriebene Roman um einen Außenseiter, der sich die Achtung seines Volkes erwirbt, stand am Anfang einer langen Reihe von Erfolgsbüchern wie Die Clari-Marie (ebd. 1905), Verena Stadler (ebd. 1906) oder Die Liebe des Severin Imboden (ebd. 1916), mit welchen Z. zusammen mit Autoren wie Jakob Christoph Heer oder Alfred Huggenberger den dt. Bedarf an zugkräftiger Schweizer Heimatliteratur deckte. Dennoch lieferte Z. keineswegs nur idyllische Bilder von einer heilen Bergwelt. Bereits der Roman Lukas Hochstrassers Haus (ebd. 1907), der mit über 500 000 verkauften Exemplaren sein erfolgreichstes Buch wurde, verläßt das bäuerl. Ambiente fast ganz u. bezieht auch das städt. Proletariat u. sogar die Welt des fahrenden Volkes mit ein. Die Frauen von Tannó (ebd. 1911) wiederum sprengt das Genre des bäuerl. Dorfromans durch die gekonnt behandelte Problematik der Bluterkrankheit, während ein anderer Bestseller, Frau Sixta (ebd. 1926), bei aller Abenteuerlichkeit des Geschehens in der Titelheldin, die den Geliebten an ihre Tochter verliert, eine eindrückl., psychologisch feinsinnig gezeichnete Frauenfigur präsentiert.
Z.s bedeutendste Leistungen sind aber gleichwohl nicht die berühmten Bestseller, sondern weniger bekannte Texte wie die bewegende Erzählung Nacht (ebd. 1917) - die Lebensgeschichte eines Blinden - oder die zeitlos-anmutige, legendenhafte Liebeserzählung Blancheflur (Bln. 1923). Der übergroße Erfolg in Deutschland - das Schweizer Lesepublikum blieb eher zurückhaltend, die Kritik vielfach gehässig - wurde Z. allerdings auch zum Verhängnis, geriet er doch seiner engen Verbundenheit mit dem dt. Markt wegen sowohl 1914-1918 als auch 1933 bis 1945 in den Verdacht einer gegen die Interessen der Schweiz gerichteten einseitigen Parteinahme für Deutschland. Nach 1945, als die Heimatliteratur aus der Mode kam, geriet auch Z.s Werk rasch fast völlig in Vergessenheit.
LITERATUR: Heinrich Spiero: E. Z. Das Werk u. der Dichter. Stgt. 1927. - Dieter Fringeli: Nachw. zu E. Z.: «Albin Indergand». Neu hg. v. Charles Linsmayer in: «Frühling der Gegenwart». Bd. 10, Zürich 1981.
(Bertelsmann Literaturlexikon)