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Integrativ oder segregativ?
Vor dem Hintergrund der individuellen Bedürfnisse der an Demenz erkrankten Menschen wurden in jüngerer Zeit vermehrt neue Wohnformen entwickelt. In Schweden, den Niederlanden, Grossbritannien, Frankreich und den USA sind insbesondere segregative Abteilungen («Special Care Units for Dementia») weit vorangeschritten. Diese Abteilungen sind von andern Bereichen innerhalb einer Pflegeeinrichtung räumlich abgegrenzt. Sie nehmen ausschliesslich Menschen mit einer Demenz auf und orientieren sich an Modellen, die sowohl das spezifisch räumlich-materielle Milieu als auch die Wichtigkeit des psychosozialen Milieus hervorheben. Zudem sind die Mitarbeitenden speziell geschult, der Personalschlüssel ist höher, Aktivitätsangebote sind auf die Demenzkrankheit ausgerichtet und die Tagesstruktur ist klar gegliedert.
Verschiedene Untersuchungen versuchen, segregative Versorgungsformen im Vergleich zu integrativen Wohnformen positiver zu beurteilen. Die Aussagekraft der bisher durchgeführten Studien relativiert sich allerdings deutlich, da die Wirkung der einzelnen Komponenten der spezialisierten Versorgung (Bewohnerprofil, günstigerer Betreuungsschlüssel, bessere Qualifikation, Fortbildung und Supervision beim Personal, andere räumliche und organisatorische Bedingungen) in den verschiedenen Forschungsdesigns nur schwer nachzuweisen sind.
Die in der Schweiz durchgeführte Studie (Oppikofer u.a. 2005) «Demenzpflege-Evaluation» der Universität Zürich (Zentrum für Gerontologie und Lehrstuhl Gerontopsychologie) untersucht verschiedene Demenzpflegekonzepte hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Lebensqualität demenzkranker Langzeitpatientinnen und -patienten und die Arbeitszufriedenheit der Pflegenden. Die Ergebnisse zeigen einen Vorteil von Institutionen mit spezialisierten Demenzabteilungen bezüglich Lebensqualität und Arbeitszufriedenheit. Die Menschen mit einer Demenzerkrankung sind dort selbstständiger, erhalten weniger freiheitseinschränkende Massnahmen und haben weniger Schmerzen. Das Personal fühlt sich weniger beansprucht, findet mehr Gefallen an der Arbeit und ist generell mit seinen Arbeitsbedingungen zufriedener.
Neben quantitativen Studien stehen eine Reihe qualitativ basierter Praxisberichte und Einzelfallstudien zur Verfügung. Diese gelangen überwiegend zu einer positiven Einschätzung der Auswirkungen segregativer Wohnformen. Allerdings gibt es keine eindeutigen Hinweise dafür, welche integrativen Wohnformen ihre Daseinsberechtigung absprechen würde.
Im Behindertenbereich wird die Diskussion rund um den Nutzen der segregativen Versorgung ebenfalls geführt. Einige Institutionen führen spezielle Wohngruppen für Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer Demenzerkrankung. Allerdings gehen auch hier die Expertenmeinungen auseinander. Bei der Entwicklung von Begleitangeboten für diese Zielgruppe wird deren Selbst- und Mitbestimmung ein zentraler Stellenwert eingeräumt.
Ganz grundsätzlich werden Menschen nicht gerne ausgeschlossen resp. segregiert. Dies gilt es neben anderen Faktoren bei der Entwicklung neuer Wohnangebote zu berücksichtigen.
Weiterführende Literatur
Schweizerische Alzheimervereinigung (Hg.). (2014). Menschen mit Demenz in Schweizer Pflegeheimen: Vielfältige Herausforderungen. Yverdon-les-Bains.
Schäufele, M., Lode, S., Hendlmeier, I., Köhler, L., Weyerer, S. (2006). Demenzkranke in der stationären Altenhilfe. Aktuelle Inanspruchnahme, Versorgungskonzepte und Trends am Beispiel Baden-Württembergs. Stuttgart.
Weyerer, S., Schäufele, M., Hendlmeier, I., Kofahl, C., Sattel, H. (2008). Demenzkranke Menschen in Pflegeeinrichtungen. Besondere und traditionelle Versorgung im Vergleich. Stuttgart.
Weyerer, S., Schäufele, M., Hendlmeier, I. (2005). Besondere und traditionelle stationäre Betreuung demenzkranker Menschen im Vergleich. In Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38/2, S. 85–94.
Welter, R., Hürlimann, M., Hürlimann-Siebke, K. (2006). Gestaltung von Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Demenzerkrankungen. Zürich.