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Emma Arnold erzählt:
Auf dem Landgut, auf welchem wir ökologischen Anbau betreiben, ist mir vor drei Monaten eine Familie aufgefallen. Cristian, ein gewitzter Junge, klein und schmächtig, ja mager, erscheint in der Küche in Santafe, auf unserem Landgut, und bittet um “Comida” (Essen). Der gut sechsjährige Junge wohnt mit seinen Eltern und zwei kleinen Schwestern im halb zerfallenen und seit zwanzig Jahren verlassenen Schulhaus in der Nähe von unserem Gut . “Das kann ja nicht sein!”, denke ich, “da muss ich hin!”
Und siehe da, ich treffe eine magere Frau an, barfuss und behindert auf der linken Seite an der Hand und am Fuss. Sie schaut uns halb verstört und entmutigt an. Graciela Soto Florez heisst sie, ihr Mann ist William Romero. Er arbeitet gerade bei einem Nachbarn auf dem Feld. Graciela trägt die zweijährige Dayana im Arm, unterernährt und schmutzig. Barfüssig und ebenso schmutzig und ausgehungert blickt uns María Teresa (drei Jahre) an. Mit einem Eimer in der Hand springt jetzt Cristian zum nicht ganz nahegelegenen Teich, um Wasser zu holen.
Auf die Frage, wie sie denn hierher in dieses verlassene Schulhaus gekommen sind, antwortet Graciela: “Das staatliche Familieninstitut hat uns hierher gefahren, denn es gab nirgends eine Bleibe für uns. Sie haben mir ebenfalls die 9 Monate alte Sara weggenommen und sie einer Pflegemutter gegeben. Juan, der vierjährige Junge, ist zur Zeit bei seinem Onkel. Unser Haus im Süden wurde angezündet und wir flohen zu unsern Verwandten nach El Carmen. Doch dort konnten wir wegen den vielen Kindern nicht bleiben. Wir suchten Hilfe im staatlichen Familieninstitut. Das war die Hilfe, die sie uns gaben - eine Bleibe in einem zerstörten Schulhaus und mein Kind weg! Hier haben wir nichts, weder zu essen noch zu trinken. Und meine Tocher Sara ist auch weg. Für das Familieninstitut ist der Weg zu uns zu weit und zu mühsam. Sie sagten, im Moment hätten sie keinen Vorrat weder an Lebensmittel noch an Wohnungen. Wir könnten uns aber einschreiben lassen, um Hilfe zu erhalten. Da warten wir nun.”
Unglaublich, was ich hier sehe. Das alte Schulhaus hat zwei Räume. Die Wände haben zehn Zentimeter breite Risse. Der Boden, einmal zementiert und poliert, ist auch gerissen. Es sind keine Türen und noch weniger Fenster vorhanden. Schmutzig ist alles und die wenigen Habseligkeiten sind zwei alte, schmutzige Matratzen, Kleider, zwei Stühle und eine ganze Einrichtung, um Tabakblätter zu trocknen. Dafür diente das Schulhaus, welches der Stadt El Carmen de Bolívar gehört.
Ich denke mir: “Ja, so etwas darf es doch nicht geben, bei den vielen Hilfen, die der Staat von überall erhält für die Vertriebenen, die Armen, die Flüchtenden. So wird die Familie sich nicht erholen. Diesen Fall muss der Hoffnungsbaum an die Hand nehmen.”
Cristian wollte gleich mit uns kommen und zur Schule gehen. Er ist 6 ½ Jahre alt .
Auf dem Weg zum Gottesdienst
Emma Cecilia Arnold mit der Familie
Maria Teresa
( auf den Armen von Emma, 3 Jahre)
William 38 Jahre (Vater)
Sara Michel
(13 Mt auf den Armen vom Vater)
Graciela 29 Jahre (Mutter)
Dyana
(2 Jahre vor der Mutter)
Cristian (6 Jahre)
Juan (4 Jahre)
Graciela wohnt jetzt mit ihrem Mann William und den fünf Kindern in einem bescheidenen Haus, welches ihr in Vida Tranquila von der Stiftung zur Verfügung gestellt wurde.
In Vida Tranquila, einem kleinen Landgut, welches den Schülern als Praktikumsort dient, haben wir ein einfaches Haus, das im Moment nicht bewohnt ist, da die krebskranke Frau Amanda ausgezogen ist. Der Vater William kann auf unserem Landgut helfen, wo wir zur Zeit einen grossen Wassersammler (Teich) ausheben - eine harte Arbeit! Da der Teich von einem Bagger vor 15 Jahren ziemlich tief ausgehoben wurde, war in der Mitte sehr viel Schlamm wegzuschaffen - diesmal aber mit Schaufel, Pickel und zuletzt von Hand! William (Vater) sagte, es würde ihm nichts ausmachen, von Hand einen Kübel mit Schlamm zu füllen. Und wenn er ihn mit dem Mund ausheben müsste, würde er dies für seine Kinder tun.
Zwei Wochen später holten wir die Familie mit Frau und Kindern und den Habseligkeiten und brachten sie nach Vida Tranquila. Dort wohnt sie jetzt und sie haben eine Küche, Wasser für die Hygiene und sogar einen Bereich, wo William Gemüse anpflanzen kann.
Doch unsere Arbeit geht weiter. Die fünffache Mutter wurde von ihrer Mutter als Kleinkind weggegeben. Sie erkrankte an Kinderlähmung. Sie wuchs ohne Elternliebe auf. William, ihr Mann, ist ziemlich älter als sie und wurde als Kind auch hin – und hergegeben und musste bald hart arbeiten. Weder Graciela noch William konnten je einmal zur Schule gehen. Sie können nicht einmal ihren Namen schreiben und natürlich auch nicht lesen. Dies sollen ihre Kinder lernen. Sie sollen zur Schule gehen. Und da sind sie jetzt, bei uns in der Schule IETEECA. Hier gibt es zusätzlich auch Mittagessen für alle und sogar Frühstück. Sara, die Jüngste, hatte bei der Pflegemutter kein bisschen zugenommen. Einjährig erreicht sie gerade 6,5 Kilos. Das Mädchen wurde mit einem heftigen Ausschlag, einer Entzündung am Hals in die Familie zu William und Graciela zurückgebracht. Es könnte Krätze sein, wie wir bei uns sagen. Traurig, aber wahr: Die Pflegemutter hatte keine Mittel vom Staat, um das Kind besser pflegen zu können als Graciela selbst! Das ist kaum zu glauben, da nimmt man einer Mutter das Kind weg und es kommt noch in einem schlechteren Zustand zurück.
Graciela soll doch wieder den “Hoffnungsbaum” um Hilfe bitten, wird ihr gesagt. Ja, das tun wir auch, wir helfen weiter. Mit vom Arzt verschriebenen Medikamenten und mit Ziegenmilch von unserem Landgut geht es dem Kind nach zwei Wochen schon viel besser. Am Sonntag kommt Graciela mit ihren Kindern sauber und schön angezogen zu uns in die Kirche. Wenn auch ziemlich verspätet, doch dies stört weder den Herrgott noch unsere Leute. Die beiden Buben springen durchs Mittelschiff zu uns und schmiegen sich eine Weile um unsere Beine und hängen sich an uns.
Wir hoffen, dass es langsam aufwärts geht mit Gracielas und Williams Familie und dass sie sich bald angenommen, aufgehoben und geliebt fühlen und das Geschick ihres Lebens selbst in die Hand nehmen können.
Emma Arnold-
Stiftung Hoffnungsbaum
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