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Die Cash-Masch(in)e läuft, Dylan rotiert, und Lee Hazlewood schreibt sein Testament. Desorientierte Popfans besinnen sich auf das Handwerk mit seinem goldenen Boden.
Der grösste Popstar 2006? Er ist im September 2003 gestorben, mit 71 Jahren. Sicher, in Europa hat Robbie Williams mehr KäuferInnen, und ein Toter kann keine Stadien füllen. Dafür hatte unser Mann im Sommer vier Alben gleichzeitig in den US-Top-Ten.
«A Hundred Highways» beschert Johnny Cash seine erste Nummer eins seit 1969. Ein Film über sein Leben wird mit Golden Globes und Oscars überschüttet. Die Archive werden geplündert, was gestern noch als unverkäuflich galt, taugt heute zum Bestseller. Ein Comic über sein Leben? Warum nicht? Ein Roman aus seiner Hand? Ja, her damit! «The Man in White» stammt aus den achtziger Jahren und handelt von einem Kirchenführer. Schönes Thema für einen Mann, «dessen Vertrauen in Jesus Christus all seine Taten bestimmt hat», sagt die Website. Johnny Cash wird längst nicht mehr nur von ChristInnen und Countryfans geliebt, auch AgnostikerInnen, Alternative-Rocker und AntikriegsaktivistInnen haben den Mann in Schwarz ins Herz geschlossen. Kris Kristofferson nannte Cash mal eine «walking contradiction». Der wandelnde Widerspruch war mit Richard Nixon so gut befreundet wie mit Bob Dylan. Mit heiligem Zorn sang er «Mercy Seat», Nick Caves Tirade gegen die Todesstrafe. Der Zorn galt dem Gouverneur von Texas.
George Bush jr. hatte sich in einem umstrittenen Fall geweigert, einen Todeskandidaten zu begnadigen. Wenig später ist Cash einer der Ersten, die den Krieg des Präsidenten Bush gegen den Irak begrüssen.
Die späten «American Recordings» unter der Regie des Retropuristen Rick Rubin erschliessen Cash neue KäuferInnenschichten. Der hart an der Kitschgrenze wandelnde nekrophile Charme des moribunden Mannes betört Leute, denen Country als Musik des reaktionären Redneck-Amerika verhasst war. Auf einem Berliner Friedhof wird im Herbst eine linksfeministisch-strukturalistisch geprägte Psychoanalytikerin zu Cash-Liedern beerdigt, am Grab des Frankfurter Techno-DJs Markus Löffel spielen sie seine Todesfuge «Hurt».
Die Cash-Maschine läuft. Offenbar treffen die Lieder des vom Leben Gezeichneten, zu schlichter Begleitung mehr geröchelt denn gesungen, wunde Punkte quer durch alle Zielgruppen. Die Jungen sehen den in Würde Gealterten, der sich Songs von Nachgeborenen aneignet. Ältere trösten sich damit, dass da einer nach schweren Krisen noch die Kurve gekriegt hat, und wer nie an die Segnungen von Monogamie und Familie glauben wollte, wird durch die späte Musterehe von Johnny mit June Carter eines Besseren belehrt. Die Läuterung vom pillenschluckenden Frauenverschwender zum treusorgenden Familienvater liefert das christlich aufgeladene Leitmotiv der Cash-Erzählung.
Die Filmbiografie «Walk the Line» lebt ebenso von dieser Katharsis wie das soeben erschienene Buch «Johnny Cash at Folsom Prison». Darin erzählt Michael Streissguth minutiös die Geschichte des 13. Januar 1968. An diesem Tag spielte Cash mit seiner Band und June Carter im berüchtigten Männergefängnis im kalifornischen Folsom. Der Mitschnitt des Auftritts wird zum Überraschungshit, Streissguth spricht von einer «Wiederauferstehung» und spart auch sonst nicht mit religiöser Metaphorik. Johnny Cash, ein mitfühlender Konservativer, wie er im Buch der Republikaner steht. Von so einem lassen sich kernige Linkssentimentale wie Franz Dobler oder Wiglaf Droste zu Tränen rühren. Dem sieht man auch politische Sünden nach. So ein Monolith bietet desorientierten Popfans Halt, ein Fels im Info-Ozean aus MySpace und YouTube.
Von der Sehnsucht nach bewahrten Traditionen und bewährten Formeln profitierte vergangenes Jahr auch Bob Dylan, der «never ending» Tourende. Sein Album «Modern Times» geht an die Spitze der Charts, seine Radioshow geht um die Welt, das Frankfurter Institut für Sozialforschung widmet ihm einen Kongress. Jetzt fehlt nur noch der Nobelpreis.
Die alten Männer profitieren vom «Wind of Change»: Pop wird immer komplizierter, diversifizierter, das Publikum immer hilfloser und misstrauischer, also besinnt man sich auf das Handwerk mit seinem goldenen Boden. «Keine Experimente!», stöhnt der überforderte Konsument und greift zu Cash und Dylan.
Auch Lee Hazlewood könnte von dieser Tendenz profitieren. Der Mann ist siebenundsiebzig Jahre alt und wurde mehrfach durch die Rehabilitationsrotation geschleust, Nick Cave und Jarvis Cocker haben ihm junge Fans zugeführt. Schon mit Ende dreissig gab Hazlewood den «Dirty Old Man» mit Bourbon-Bariton, was ihn nicht daran hinderte, der Welt den ersten feministischen Hit zu schenken: «These Boots Are Made For Walking», schrieb er Nancy Sinatra auf die Waden. Mit ihr bildete er ein Traumpaar des Countrypop. Ihre Duette - dunkel schillernde Zeugnisse von Libertinage und Desintegration in den beschleunigten sechziger Jahren - überführten Southern Gothic und Hollywood Noir ins Pop-Format. Jetzt tritt Lee Hazlewood ab. Krebs. Johnny Cash hatte sich zum Sterben in den Schoss seiner Familie zurückgezogen, Lee Hazlewood geht nach Las Vegas. Sternenklarer Himmel, Schnee auf den Bergen, tolles Wetter: «Ein schöner Ort zum Sterben.»
«Cake or Death» heisst sein letztes Album. Kuchen oder Tod. Auf dem Cover ein zerfurchter Weisshaariger, die faltige Hand führt ein unsichtbares Etwas an den saugenden Mund. «Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette …», sagt das Foto.
Sollen wir ihm beim Sterben zuhören? Nein. Gleich beim ersten Song, einem lässigen Western Swing, quietscht eine gewisse Lula Makatschesk mit dem Alten im Duett - auf Deutsch! Auf diese Weise kann keine Friedhofsstimmung aufkommen. Weiter gehts mit einer Burleske über Soldaten am Rande der Hölle, die mit Gewehren Football spielen, beten und töten: «Bagdad Knights». Hazlewood weiss, wovon er singt, im Jahr 1950 hat er in Korea gelernt, den Krieg zu hassen. Noch einmal spielt er den «Gambler», der niemals nirgends nicht sich niederlassen mag. «Ich habe nie Republikaner gewählt und immer nur auf meine Mama gehört», erzählt er zur US-Hymne. Ein Wiener Walzer führt uns zu Dr. Freud, der heisst jetzt mit Vornamen Fred. Der nächste Arzt kommt aus Berlin, von allen Duettpartnern dieser Welt hat Hazlewood Bela B. (Schlagzeuger/Sänger der Band Die Ärzte) ausgewählt.
Wo Johnny Cash den altersweisen Waidwunden gab, da verabschiedet sich Lee Hazlewood wie einer, der es keinem mehr Recht machen muss. Für sein Opus magnum hat er sich was Besonderes ausgedacht. «‹Some Velvet Morning› schrieb ich 1967 für Nancy Sinatra», erzählt er zu dieser steinerweichenden Melodie. «1998 wurde meine Enkelin Phaedra geboren. Sie glaubt, ihr Grandpa - that’s me - hätte diesen Song über sie geschrieben.» Dann kräht die achtjährige Phaedra, wo einst Nancy zirzte: «Phaedra is my name!» Grosses Showbiz vom späten Family Man. Aber keine Nummer eins. Dafür fehlt es am feierlichen Ernst.