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«Moby Dick» – Der monströse Roman
Herman Melvilles Meisterwerk «Moby Dick» ist ein Abenteuerroman – aber auch eine Reflexion über Grössenwahn, Walfang und die USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen nähert sich dem literarischen Ungetüm.
Elisabeth Bronfen, der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama bezeichnete «Moby Dick» als einen seiner liebsten Romane. Aber passt er nicht auch zu seinem Nachfolger? Als Donald Trump Präsident der USA war, verhielt er sich wie Kapitän Ahab und verfolgte blind persönliche Ziele. Das ging so weit, dass mit dem Sturm auf das Kapitol die amerikanische Demokratie ins Wanken geriet.
Ich würde Trump nicht mit der Figur Ahab vergleichen. Der Vergleich mit bedeutenden literarischen Figuren und Trump hinkt, weil man sie nur auf einen winzigen Aspekt reduziert oder Trump einen grösseren poetischen Gestus zuspricht, als er hat. Trump ist ein «Confidence Man» – so auch der Titel der neuen Biografie von Maggie Haberman. Er hat mit den Medien gespielt, sein Publikum mobilisiert und Lügen erzählt. Das heisst, bei Trump ist viel Selbstreflexion und Selbstironie dabei. Und der Sturm aufs Kapitol hat nichts zu tun mit einer Reise, bei der ein Schiff zugrunde geht.
Aber der Roman ist eng mit den USA und dem Thema Macht verbunden. Sehen Sie das auch so?
Ich denke, bei «Moby Dick» müssen zwei Aspekte in den Vordergrund gerückt werden: Einerseits ist es das Walfangschiff Pequod, das wie eine Miniatur der Nordstaaten in der Mitte des 19. Jahrhunderts konzipiert ist. Die Mannschaft besteht aus einer heterogenen und hierarchischen Gruppe von Männern, an Bord sind keine Frauen. Es ist eine kleine Gemeinde, die auf dem Ozean unterwegs ist, keiner kann rein und keiner kann raus. Der Roman erschien 1851, also vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, und spielt zu Beginn in Neuengland. Auf der Pequod wird verhandelt, was für diese Region damals von Bedeutung war: nicht nur der Walfang und sein Öl als Lebensgrundlage der Menschen dort, sondern auch eine gewisse Vorstellung von Politik. Das ist der eine Aspekt, den man bei «Moby Dick» hervorheben muss.
Und der zweite?
Der zweite Aspekt ist die Figur Kapitän Ahab: Er ist ein hehrer Wahnsinniger. Er ist zwar verbissen und von der Idee besessen, dass dieser weisse Wal ihm etwas Böses zugefügt hat. Aber er ist eigentlich eine grosse tragische Figur. Deshalb verweist der Autor Herman Melville auch immer wieder auf «King Lear» und andere Dramen von Shakespeare. Ahab muss man verstehen als eine Entgleisung des amerikanischen Subjekts, dieser hehren Subjektivität, wie sie der amerikanische Transzendentalismus predigt. Ahab ist auch eine charismatische und politische Führerfigur, die fähig ist, eine ganze Mannschaft samt dem zögernden ersten Offizier Starbuck davon zu überzeugen, dass sie in diesen völlig wahnsinnigen, zerstörerischen Kampf mit dem weissen Wal einsteigt. Es ist die Bereitschaft, für eine gewisse Wahnvorstellung das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Ich sehe darin eine Vorausahnung des Amerikanischen Bürgerkriegs, aber es greift auch zurück auf viel früheres, puritanisches Gedankengut – nämlich den Gedanken der Katastrophe und der Selbstzerstörung für die Selbstverwirklichung.
Sie haben es bereits angedeutet: Der Roman ist viel mehr als eine Abenteuergeschichte. Was ist denn die Absicht des Romans beziehungsweise seines Autors?
Der Ansatz ist vergleichbar mit den grossen griechischen Tragödien und den Dramen Shakespeares. Das ist es, was Herman Melville auf dem Schirm hatte. Ein weiterer Erzählstrang ist der Versuch, Wale zu erklären. Es gibt dieses berühmte Kapitel 42 «Das Weiss des Wals», in dem Melville die Frage des Rassismus gegen Afroamerikaner und des Bürgerkriegs anspricht. Das sind Teile seines Denkens, die konzeptionell und theoretisch sind. Diese Vermischung unterschiedlicher Arten des Erzählens macht «Moby Dick» zu einem untypischen Roman seiner Zeit.
Was ist modern an Herman Melvilles Roman?
Um das zu beantworten, muss man sagen, was der Roman nicht ist und wovon er sich abgesetzt hat. Der klassische Roman des 19. Jahrhunderts erzählt Entwicklungsgeschichten. Er eröffnet dem/der Leser*in entweder die Innenperspektiven einiger Figuren oder hat einen übergeordneten Erzähler, der die ganzen Fäden in der Hand hält und die Handlung präzise nachzeichnet. Es wird das Gefühl vermittelt, dass jemand weiss, was passiert, selbst wenn man den/die Erzähler*in nicht sieht. Er oder sie ist eine über alles waltende Instanz in einer Welt, die noch sehr stark hierarchisch, aber auch sehr zentralisiert ist in den Fragen: Wer hat wo Macht? Wie verhält wer sich wo? In «Moby Dick» haben wir die verschiedensten Arten des Erzählens, sowohl quasi-realistische als auch dramatische Einsprengsel und Teile, die wenig mit der Abenteuergeschichte von Ahab und seiner Mannschaft zu tun haben. Zum Beispiel Abhandlungen darüber, wie das Fett aus den Walen gewonnen wird, wie das Wal-Skelett aufgebaut ist, biologische Ausführungen über den Wal als Säugetier – all das hätte in einem Roman des 19. Jahrhunderts keinen Platz. Diese vielen beigefügten Erstausgabe aus dem Jahre 1851, erschienen bei Harper & Brothers New York Informationen, die den/die Leser*in emotional ganz woanders hinbringen, sind untypisch für den Roman jener Zeit.
Wofür steht der Wal Moby Dick eigentlich?
Wir haben keine Ahnung, ob das der Wal ist, den Ahab sucht, und es ist auch nicht wirklich klar, dass Moby Dick ein bösartiges Tier ist. Das lässt der Roman offen. Man kann den Roman allegorisch oder einfach als ein unglückliches Walfang-Unterfangen lesen. Und das ist wichtig, weil etwas entlarvt wird, was heute brisant ist: die Fähigkeit, von der Realität abzusehen. Das Reale, das vor den eigenen Augen ist, nicht mehr wahrzunehmen und es unter eine grössere Idee zu stellen.
Am 15. Januar 2023 wird die Schauspielerin Birgit Minichmayr Texte aus «Moby Dick» lesen, Elisabeth Bronfen hält eine Einführung. Dazu gibt es Musik für Violine, Violoncello und Orgel – von Ropartz, Rachmaninow und Franck.