Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03563.jsonl.gz/2800

Serie Lucens: Das erste Schweizer Kernkraftwerk soll entstehen
Die Atombombenabwürfe über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki im August 1945 führten der Welt nicht nur die zerstörerische Kraft der Kernspaltung vor Augen, sondern weckten auch das Interesse an der zivilen Nutzung dieser neuartigen Energiequelle. In der Schweiz legte der Bund in den Nachkriegsjahren ein ambitiöses Forschungsprogramm zur Nutzung der Kernenergie auf.
Hauptziel des Eidgenössischen Forschungsprogrammes war die Entwicklung eines schweizerischen Kernreaktors. Seit 1953 plante die Arbeitsgemeinschaft Kernreaktor (AKR) einen Forschungs- und Materialprüfreaktor, der als Moderator Schwerwasser und als Spaltstoff Uran verwenden sollte. Angereichertes Uran unterlag damals faktisch einem US-Monopol. Daher setzte die Schweiz auf (nicht angereichertes) Natururan als Kernbrennstoff. Dieses glaubte man im eigenen Land zu finden, eine Hoffnung, die sich später allerdings zerschlagen sollte.
Im August 1960 nahmen Forscher auf dem Gelände des Eidgenössischen Instituts für Reaktorforschung (EIR) in Würenlingen (AG) den „Diorit“-Reaktor in Betrieb. Mit ihm testeten sie fortan verschiedene Reaktorkonzepte aus und stellten radioaktive Stoffe für Medizin, Forschung und Industrie her. Zwar wurde bereits im Jahr 1957 am Standort Würenlingen mit dem „Saphir“ ein Versuchsreaktor betrieben. Der „Saphir“ war aber keine Eigenentwicklung, sondern von den USA erworben worden. Er nutzte Leichtwasser als Moderator.
Drei Vorhaben für den Bau von Kernreaktoren
Die Schweiz setzte damals grosse Hoffnungen in die Kernenergie. Das veranschaulichen die Projekte von drei Industriegruppen in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Bruno Bauer, ETH-Professor für angewandte Elektrotechnik, propagierte 1956 die Idee, das veraltete ETH-Fernheizkraftwerk in Zürich mit einem Kernreaktor zur Wärme- und Stromerzeugung zu modernisieren. Als Vorbild diente ein Kernreaktor, der 1954 in der Nähe von Stockholm in Betrieb genommen worden war. Das Schweizer Pendant sollte unmittelbar neben dem ETH-Hauptgebäude 42 Meter unter der Erde in einer Kaverne gebaut werden. Für die Kühlung des Reaktors war ein oberirdischer Kühlturm vorgesehen, der das Wasser aus der Limmat bezog.
Die Regierungen von Kanton und Stadt Zürich begrüssten das Projekt einhellig, und im November 1958 reichte das „Konsortium“, eine Gruppe von Unternehmen um den Winterthurer Industriebetrieb Sulzer, beim Bundesrat ein Subventionsgesuch ein.
Parallel arbeiteten auch die Elektrizitätsgesellschaften Atel, BKW, NOK und EOS auf den Bau eines Kernkraftwerks hin. Dem Zweck diente die 1957 gegründete Projektgesellschaft „Suisatom AG“. Das „Aare-Kraftwerk“ sollte in der Nähe von Villigen (AG) ebenfalls in einer Kaverne untergebracht werden, aber im Gegensatz zum Zürcher Vorhaben ausschliesslich der Stromerzeugung dienen. Die Verträge – die amerikanische General Electric sollte den Reaktor liefern, BBC die Turbine – lagen 1959 zur Unterschrift bereit.
Bund lanciert ein nationales Technologieprojekt
Das dritte Projekt stammte von der Westschweizer Industriegruppe „Enusa“ (für: Energie Nucléaire S.A.). Sie ging 1956 daran, bis zur Expo 1964 ein Versuchs-Kernkraftwerk zu erstellen. Das Werk sollte bei Lucens (VD) in einer Felskaverne gebaut werden. Der dortige Sandstein war homogen und erleichterte den Ausbruch der Kaverne. Dem Reaktor lagen US-amerikanische Pläne zugrunde. Das Reaktorprojekt wurde dann allerdings nicht in der ursprünglichen Form realisiert.
Im September 1959 intervenierte die Politik; der Bundesrat hielt „Enusa“, „Suisatom“ und „Konsortium“ dazu an, ihre Projekte zusammenzulegen und mit vereinter Kraft auf die Entwicklung eines Schweizer Versuchsreaktors hinzuarbeiten.
Zum dem Zweck wurde im Juli 1961 die Nationale Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik (NGA) gegründet. Als Präsident der NGA wirkte alt Bundesrat Hans Streuli. Als Standort des vom Bund mitfinanzierten Kernreaktors wurde Lucens gewählt. Das Versuchskraftwerk – so die damalige Hoffnung – wäre der Zwischenschritt für die anschliessende Entwicklung eines grossen, kommerziell einsetzbaren Kernkraftwerks „made in Switzerland“.
Viel Interesse für Lucens
Das Projekt entsprach den breit gefächerten Interessen der beteiligten Akteure: Die Schweizer Maschinenindustrie hoffte auf die Entwicklung eines technisch innovativen Produkts mit gutem Exportpotenzial. Die Elektrizitätsgesellschaften bekämen eine neues Instrument zur Stromerzeugung an die Hand, nachdem die Wasserkraft allmählich an ihre Ausbaugrenzen stiess. Die Politik sah in der Kernenergie das Mittel, die Energieversorgung des Landes sicherzustellen – das mit einem Brennstoff, der sich einfach lagern liess. Der Bevölkerung schliesslich galten die Kernkraftwerke als saubere Alternative zu den mit Kohle oder Öl befeuerten konventionell-thermischen Kraftwerken, die damals beispielsweise in Rüthi (SG) und Sisseln (AG) projektiert wurden, aber am lokalen Widerstand scheiterten.
Das Versuchsatomkraftwerk Lucens erfuhr in der Vorbereitung viel Interesse aus Industrie und Forschung. Seine Geburtsstunde stand bevor.
Das ist der erste von zehn Teilen zur Geschichte des Versuchsatomkraftwerks Lucens. Weiter zum zweiten Teil.