Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/2290

Eingewandert in die Schweiz: «Das Leben im Rheintal machte mich selbstständiger»
Vom sonnigen Kalifornien in die Schweiz: Evana und ihre Familie sind vor sieben Jahren nach Widnau gezogen. Nun ist das Rheintal genauso ihre Heimat wie die Stadt Temecula. Sie erzählt, wie es ihr gelang, sich heimisch zu fühlen.
Name: Evana Alter: 17 Wohnort: Widnau Beruf: Studentin
Weshalb wollte deine Familie vom US-Staat Kalifornien in die 10-mal kleinere Schweiz zu ziehen?
Mein Vater ist in Widnau aufgewachsen und als junger Erwachsener nach Amerika ausgewandert. Er absolvierte ein Studium als Gehörpraktiker und hat sich dort sein Leben aufgebaut. Mein Bruder und ich hatten nie viel mit der Schweizer Kultur oder der Sprache zu tun. Irgendwann haben meine Eltern beschlossen, dass es ihnen wichtig ist, uns die Herkunft meines Vaters näher zu bringen.
Hattest du Schwierigkeiten, hier Anschluss zu finden?
Am Anfang ja. In Amerika hatte ich «Homeschooling» und wurde zu Hause von meiner Mutter unterrichtet. Im Rheintal habe ich das erste Mal in meinem Leben ein richtiges Schulhaus betreten. Doch nicht nur das Schulhaus war neu, das ganze Schulsystem ist ziemlich anders als in Temecula. Ich wurde von den Mitschülern gut aufgenommen und war nie allein oder wurde gemobbt.
Hast du bereits in den USA die deutsche Sprache gelernt?
Nein. Bevor wir ausgewandert sind, konnte ich kein Wort Deutsch sprechen. Es war schwierig für mich, die Sprache zu lernen. Jedoch habe ich mir das Ziel gesetzt, Schweizerdeutsch zu sprechen, ohne hörbaren US-Akzent. Ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen immer gesagt, sie sollen Deutsch mit mir sprechen, damit ich so schnell wie möglich lernen kann. Wäre ich nicht so ehrgeizig gewesen, hätte ich mir die Sprache wahrscheinlich nicht so schnell und gut aneignen können.
Sprichst du zu Hause Englisch oder Deutsch?
Zu Hause spricht meine ganze Familie Englisch. Obwohl wir alle Deutsch sprechen können, wäre es ungewohnt für uns, untereinander Deutsch zu sprechen.
Was ist anders am Leben in Widnau, verglichen zum Leben in Temecula?
Im Rheintal ist alles kleiner als in Temecula. Hier gibt es viele kleine Läden, die gut überleben können und von den Dorfbewohnern gerne unterstützt werden. In Amerika ist das nicht oft der Fall. Es gibt viele Ketten und riesige Stores. Die Menschen dort lieben es, in die grossen Einkaufsläden zu gehen, wo alles in einem Laden erhältlich ist und man nicht von einem Shop zum andern rennen muss. Viele Rheintaler bleiben ihr Leben lang im gleichen Dorf oder im Rheintal. In den USA hingegen verlassen viele Leute ihr Heimatdorf, um in einer Stadt zu wohnen oder weil sie in einem anderen Staat studieren und dann dortbleiben. Die Welt in der Schweiz ist kleiner und wenn ich auf den Strassen unterwegs bin, dann begegne ich meist Jemandem, den ich kenne. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Schweizer Kinder viel unabhängiger von ihren Eltern sind. Früher, als wir in Temecula wohnten, haben meine Eltern mich überall hingefahren. Hier konnte ich mit dem Velo selber ins Eiskunstlauftraining fahren. Das hat mir sehr viel Spass gemacht und gefallen.
Möchtest du irgendwann wieder in die USA ziehen?
Definitiv. Spätestens wenn ich pensioniert bin. Wieso weiss ich nicht genau, aber mein Instinkt zieht mich dorthin.
Die Verwandten deiner Mutter leben in den USA. Wie bist du mit ihnen in Kontakt?
Es wohnen zwar nicht mehr alle in Temecula, aber wir versuchen jedes Jahr ein- bis zweimal nach Amerika zu reisen, um sie zu besuchen. Trotz einer Zeitverschiebung von acht Stunden, versuchen wir zudem so oft wie möglich mit meiner Oma zu skypen.
Könntest du dir vorstellen, in Amerika zu studieren?
Mit diesem Gedanken habe ich oft gespielt. Ein Studium in den USA würde jedoch viel mehr kosten als ein Studium in der Schweiz, darum bleibe in der Schweiz. Da ich an der Matura dran bin, ist es hier einfacher, bei einer Uni angenommen zu werden.
Bezeichnest du dich als Schweizerin oder US-Amerikanerin?
Diese Frage höre ich oft. Ich fühle mich sowohl in den USA als auch in der Schweiz zu Hause. Da ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr in Amerika lebte, wird sich ein Teil von mir immer dort zu Hause fühle. Genauso ist die Schweiz meine Heimat und wird es immer sein.
Wie kann man Personen wie dir helfen, sich rasch in der Schweiz heimisch zu fühlen?
Es ist wichtig offen zu sein, Menschen in den Kollegenkreis aufzunehmen und nett zu sein. Wenn die Person kein Schweizerdeutsch kann, ist es einfacher, Hochdeutsch zu sprechen.