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Kaum ein Orden hatte in der Schweiz eine so grosse Bedeutung wie die Gesellschaft Jesu. In den katholischen Orten der Alten Eidgenossenschaft prägten die Jesuiten fast das ganze mittlere und höhere Bildungswesen, so dass bis zur Aufhebung des Ordens im Jahre 1773 von einem eigentlichen jesuitischen Schulmonopol gesprochen werden kann. Jesuitenkollegien (Gymnasien, oft auch mit weiterführender Bildung auf Hochschulstufe) gab es in Luzern (1577), Freiburg (1582), Pruntrut (1591), Solothurn (1646), Brig (1662) und Sitten (1734) und bedeutsam für die Ostschweiz in Konstanz (1592) und für Chur in Feldkirch (1649). Gleichwertiges gab es nur in den Benediktinerklöstern St. Gallen und Einsiedeln. Der deutsche Jesuit Bernhard Duhr veröffentlichte bereits zwischen 1907 und 1928 eine mehrbändige Geschichte über die «alte» Gesellschaft Jesu im deutschsprachigen Raum.
Ein Standardwerk für die «neue» Gesellschaft Jesu
Der renommierte Kirchenhistoriker Klaus Schatz legt nun auch für die «neue» Gesellschaft Jesu eine fünfbändige «Geschichte der deutschen Jesuiten» vor, die 2013 im Aschendorff Verlag in Münster erschienen ist. Von besonderer Bedeutung für die Schweiz ist der erste Band, der dort beginnt, wo Duhrs Geschichte geendet hat: am Vorabend der päpstlichen Ordensaufhebung im Jahre 1773. Klaus Schatz schildert die Aufhebung des Ordens und ihre Durchführung in den deutschen Territorien, die jedoch nicht flächendeckend erfolgte und so die später auch diskret durch Päpste angestrebte «Wiedergründung» ermöglichte.
Eine wichtige Rolle spielte dabei der in Bern geborene und zum Katholizismus konvertierte Exjesuit Niklaus Albert von Diesbach (1732–1798), der an höchster Stelle für die Wiederherstellung der Gesellschaft eintrat und Exjesuiten und Interessenten um sich sammelte, u. a. auch Giuseppe Sineo della Torre. Dieser legte 1805 die erste Keimzelle der neuen deutschen Provinz in Sitten mit einer Paccanaristengemeinschaft, die sich 1807 nach Rücksprache mit dem Papst verselbständigte und sich 1810 der in Russland überlebenden Gesellschaft Jesu anschloss, womit das Haus in Sitten zum «Noviziat» wurde. Die Schweiz war für den Wiederaufbau der Jesuiten besonders geeignet, weil die alten Jesuitenkollegien als katholische Anstalten mit Unterstützung der staatlichen Seite in den katholischen Kantonen weiterexistierten.
Die Wiederherstellung und die «Schweizer Periode»
Am 7. August 1814 stellte Papst Pius VII. – nur kurz nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft Napoleons – die Gesellschaft Jesu gesamtkirchlich wieder her. Die Jesuiten in der Schweiz konnten bis 1847 ihre alten Niederlassungen in Brig (1814), Sitten (1805/1814) und Freiburg (1818) wieder übernehmen, wobei Freiburg am meisten ausstrahlte. 1827 und 1836 folgten Neugründungen in Estavayer-le-Lac und Schwyz. Die 1845 erfolgte Jesuitenberufung nach Luzern gab Anlass zu heftigen Reaktionen und führte zu den Freischarenzügen und dem Sonderbund. Der Ausgang des Sonderbundskriegs 1847 führte zur Ausweisung der Jesuiten aus der Schweiz und zur Aufnahme des Jesuitenverbots in die Bundesverfassung, das erst 1973 relativ knapp durch Volksabstimmung aufgehoben wurde. Die folgenreiche «Jesuitenberufung nach Luzern war auch unter den katholischen Politikern in der Schweiz sehr umstritten, noch mehr aber unter den Jesuiten» – so Klaus Schatz im ersten Band (S. 101), der als «Schweizer Band» bezeichnet werden kann.
Die Wiedereröffnung des Germanicums
Durchaus im Zusammenhang mit der Wiedererstehung des Jesuitenordens im Wallis steht die Wiedereröffnung des päpstlichen Kollegs Germanicum- Hungaricum in Rom, wozu der erste Anstoss vom späteren Walliser Bischof Peter Josef de Preux und dem späteren Domherrn Franz Machoud kam. Im Gegensatz zu früher bildeten weitgehend Schweizer den Grundstock des neuen Germanicums, das im ganzen 19. Jahrhundert noch nicht so eindeutig unter der Obhut von deutschen Jesuiten war, wie dies ab dem 20. Jahrhundert der Fall ist.
Die «Nichtschweizer» Bände
Die Lektüre der nicht nur umfangmässig, sondern auch inhaltlich wichtigen und spannenden Folgebände ist sehr lohnenswert, auch wenn diese nicht mehr so viel Schweizerisches enthalten. Im zweiten Band beschreibt Schatz u. a. die prekäre Situation der Jesuiten in der Schweiz ab 1872 bis nach dem Ersten Weltkrieg: Die zerstreuten Jesuiten mussten oftmals im Geheimen wirken. Es konnten aber der Grundstein für die bis heute existierenden Niederlassungen in Basel und Zürich gelegt werden. Mehr als die doppelte Zahl der Schweizer Jesuiten wirkten jedoch ausserhalb der Heimat in Missionen, dazu in Holland und Österreich.
Im dritten Band, der die Zeit bis 1945 einschliesst, wird die Entwicklung der Kommunitäten von Basel und Zürich zu regulären Residenzen und der Übergang des Wirkens der Jesuiten von der Hilfsseelsorge zu den spezifischen jesuitischen Aufgaben geschildert (Volksmissionen, Studierendenseelsorge usw.). Besonders zu erwähnen ist die Arbeit für die Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee, auch die Ausweitung der Präsenz einzelner Jesuiten in mehreren Städten. Angesichts des «Jesuitenartikels» scheuten die Mitglieder der Gesellschaft Jesu in der Schweiz die Provokation; im Gegenzug wurden sie faktisch geduldet. Es waren die pointiert katholischen Politiker, die für ein offensiveres Vorgehen eintraten, was im Fall der Anstellung eines Jesuiten als Pfarrer im solothurnischen Hägendorf sich 1919 als kontraproduktiv erwies: Erst als öffentlich wurde, dass der dort wirkende Geistliche Jesuit ist, verweigerte der Solothurner Kultusminister dessen Anstellung als Pfarrer. Die nationalsozialistische Kirchenverfolgung in Deutschland und der Zweite Weltkrieg trugen dazu bei, dass die Jesuiten in der Schweiz noch mehr toleriert wurden. 1941 akzeptierte der Bundesrat sogar Tätigkeiten in Kirche und Schule, die eindeutig gegen den Jesuitenartikel verstiessen. Die Verlegung des in Innsbruck bedrohten «Canisianums» nach Sitten führte zwar zu Unstimmigkeiten, wurde aber auch von staatlicher Stelle toleriert.
Im vierten Band, der die Jahre 1945 bis 1983 abdeckt und damit auch die Umbruchszeit nach 1965 umfasst, wird die sich länger hinziehende Ablösung der Schweiz von der oberdeutschen Provinz beschrieben, die 1947 zur Schweizer Vizeprovinz führte. Mit dieser Verselbständigung hört gemäss Klaus Schatz die Schweiz auf, Gegenstand der «Geschichte der deutschen Jesuiten» zu sein, was nur zu bedauern ist. Die wegen der kleiner werdenden Zahl von Schweizer Jesuiten in der nächsten Zeit zu erwartende Reintegration in eine deutsche Provinz hätte es ratsam erscheinen lassen, für die Schweiz keine Lücke zu riskieren.
Glossar, Biogramme und Register
Besondere Erwähnung verdient der Abschlussband. Dieser enthält nicht nur die üblichen Quellen- und Literaturangaben sowie das Register für die ganze Reihe, sondern bringt wertvolle Kurzinformationen (jesuitisches Glossar, Statistiken, Amtsträger usw.) und die Lebensdaten aller deutschen oder in Deutschland wirkenden Jesuiten, die im Haupttext aufscheinen. Die Reihe als Ganzes bietet über «Helvetica» hinaus grundlegende Einblicke in das Denken, Leben und Wirken des Jesuitenordens des 19. und 20. Jahrhunderts, was für das Verständnis der Kirchengeschichte insgesamt höchst instruktiv ist. So kann dieses Standardwerk nur empfohlen werden, auch als Anregung für die Suche des Weges für die Kirche im Heute, aber auch für die Einbettung und die Vertiefung einzelner Aspekte der SJ-Ordensgeschichte, die Klaus Schatz verständlicherweise aus eher ordensinterner Sicht erarbeitet hat. Das «opus magnum» von Klaus Schatz ist in diesem Sinne eine ausgezeichnete Grundlage für die Tagungen in Brig und Freiburg (vgl. S. 396).