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Sowohl Wasser mit viel als auch solches mit wenig Kalzium wird als besonders gesund angepriesen. Zur Abwehr von Osteoporose soll kalziumreiches Wasser getrunken werden, heisst es allenthalben. Doch so einfach, wie die Werbung es darstellt, ist es nicht.
Zur Abwehr von Osteoporose sei kalziumreiches Trinkwasser, vor allem aber hoch dosiertes Mineralwasser mit mindestens 300 mg Kalzium pro Liter, besonders empfehlenswert, da es ein Drittel des Tagesbedarfs decke, so eine Ernährungsberaterin in einer Schweizer Tageszeitung. Eine nette Verbeugung vor der Mineralwasserindustrie und ihrer Werbung. Doch sind die Wasserhärtemineralien wirklich zur Osteoporose-Verhütung und -Prävention geeignet?
Zweifel daran liefert die Mineralwasser-Branche gleich selbst. Im Jura und in weiten Teilen der Schweiz, wo Wasser und Mineralwasser durch die geologischen Gegebenheiten besonders hohe Wasserhärten und Erdalkaliengehalte wie Kalzium und Magnesium liefern, wird das Wasser als gesund für den Menschen und wegen der Kalkablagerungen als bestenfalls problematisch für Waschmaschinen, Boiler und andere Geräte dargestellt. In Gebieten mit Granitböden wie in Teilen des Bündnerlands und in Italien hingegen gelten die Oligominerale-Wasser, also die mineralstoffarmen, als besonders erfrischend und empfehlenswert. So weist etwa das Mineralwasser San Benedetto auf den besonders geringen Kalziumgehalt von 28 mg pro Liter hin und preist diesen als gesund an. Und beim Detailhändler findet man neben dem Eptinger, das mit einem Kalziumgehalt von 510 mg wirbt, ein Evian, das 80 mg als ausgewogen und für jeden verträglich bezeichnet.
Es gibt noch weitere Ungereimtheiten: In der Schweiz bestehen je nach Region unterschiedliche Wasserhärten für Trinkwasser. Es wird in französischen Härtegraden (°fh) gemessen, die Gemeinden geben Auskunft über die lokalen Wasserhärten. Die Extreme bilden Hölstein (BL) mit 48 °fh und Zernez (GR) mit 4 °fh. Wenn nun Kalzium im Trinkwasser wirklich wirksam ist, müssten zwischen Hölstein und Zernez gravierende Unterschiede in der Osteoporosehäufigkeit bestehen. Es gibt jedoch keine einzige Studie, die solche Zusammenhänge bestätigt.
Die Logik der ganzen Geschichte: In Leitungs- oder Mineralwasser gelöstes Kalzium trägt nichts zur Prophylaxe von Mangelkrankheiten bei. Wenn das so einfach wäre, könnte etwa Kalziumkarbonat, das als Kalk oder Kreide (E 170) sogar eine Lebensmittelzulassung hat, zur Vorbeugung geschluckt werden. Der Effekt wäre jedoch höchstens der, dass wir wie der böse Wolf im grimmschen Märchen Rotkäppchen eine weiche und sanfte Stimme bekämen. Immerhin – wenigsten das. Nun ist es nicht etwa so, dass wir unseren Kalziumhaushalt vernachlässigen dürfen. Das Mineral ist überall präsent und lebenswichtig. Kalzium dient zum Aufbau der Knochen, also des Skeletts. 99 Prozent des Kalziums im Körper – und das sind bei einem 75 kg schweren Menschen etwa 1,3 Kilo – sind in den Knochen lokalisiert. Nur etwa ein Prozent befindet sich im Gewebe und im Blut, doch auch das ist lebenswichtig. Die Knochenhärteminerale liefern nicht nur die Aufbausubstanz für das Skelett, sondern sind auch ein Reservoir für anderweitigen Bedarf des Organismus.
Zwischen Knochen und Blut – und damit auch mit anderen Teilen des Körpers – findet ein reger Austausch an Kalzium statt. Das Mineral spielt eine wichtige Rolle als Faktor der Blutgerinnung, bei der Erregbarkeit der Herzmuskeln und Nerven. Zudem trägt es zur Sekretion einiger Hormone sowie zu Enzymaktivitäten bei. Der Organismus ist vordringlich darauf angewiesen, den Kalziumspiegel im Blut unbedingt konstant zu halten. Er besitzt für den Kalziumstoffwechsel einen Regulationsmechanismus, an dem Haut und Vitamin D, Leber, Nieren, Schilddrüse und Nebenschilddrüsen, die Knochen als Kalziumspeicher und der Dünndarm als Resorptionsorgan beteiligt sind.
Doch wie wichtig das Mineral für unseren Körper auch sein mag – Osteoporose ist nicht allein eine Kalziummangelkrankheit. Es kann daher nicht schaden, sich weitergehende Gedanken zu machen. Eiweissreiche Kost beeinflusst zum Beispiel die Kalziumausscheidung über die Nieren. Vor allem Proteine mit einem hohen Phosphatanteil, wie sie besonders in Fleisch, aber auch im Käse vorkommen, bilden im Stoffwechsel Säuren, die das Kalzium- Phosphor-Verhältnis stören.
Studien zeigen, dass zwar zwei Drittel der Teilnehmenden ausreichend mit Kalzium, Magnesium und Eisen versorgt sind, aber trotzdem an Beschwerden wie Osteoporose, Muskelkrämpfen, Konzentrationsmangel, nervösem Stress, brüchigen Nägeln, Hautkrankheiten und Müdigkeit leiden. Einer erhöhten Entmineralisierung des Skelettes, also Osteoporose, könnte durch Einschränken des Eiweisskonsums aus tierischen Produkten, mit Sonne, Licht, Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung mit viel pflanzlicher Frischkost weitgehend entgegengewirkt werden. Und dazu begleitend sind Wasser und Mineralwasser allemal empfehlenswerte Getränke.
Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.
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