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Nein, Ingolstadt war nicht Ziel der Streifzüge durch Deutschland, die Mary Shelley 1840 und 1842 unternahm. In der bayerischen Kleinstadt ist ein Teil ihres Romans angesiedelt, der sie berühmt machte. Ihren Titelhelden Frankenstein ließ Mary Shelley dort studieren, obwohl die erste Universität Bayerns bereits 1800 nach Landshut verlegt worden war. Hatte sie das nicht gewusst?
Deutschland war ihr in jenen Jahren allenfalls (mit Ausnahme einer längeren Rheintour) ein Durchreiseland, wenn es in die Schweiz oder ins geliebte Italien ging. Doch später, bereits als arrivierte Schriftstellerin, holte sie das Versäumte nach.
Ein Teil der Romantik, die sie, frisch verliebt in Percy Bysshe Shelley, damals erlebt hatte, war unwiederbringlich verlorengegangen, und auch die Phasen schwärmerischer Hochstimmung wollte sich seit dem Bootsunfall im Tyrrhenischen Meer, bei dem ihr Ehemann ertrank, nicht wieder einstellen. Der Anbruch des technisch-industriellen Zeitalters tat ein Übriges. Die Eisenbahn transportierte auch im gemütlichen Deutschland die Menschen in nicht allen willkommener Eile, und auf dem Rhein hatten Dampfschiffe die betulichen Kähne ersetzt. "Ich glaube, ich war womöglich die erste englische Person", erinnert sich Mary Shelley auf der 1840er Tour, "die vor vielen Jahren eine wilde, gefahrenreiche Fahrt unternahm (heute ist sie gängig und gezähmt), als wir in einer Art offenem Boot mit flachem Boden den schnellen Fluss hinabgetragen wurden."
Jetzt geht die Reise flussaufwärts, von Metz über die Mosel kommen über Mainz und Karlsruhe bis nach Schaffhausen, mit Abstechern nach Baden-Baden, ins Höllental und in den Schwarzwald. Das Casino behagt ihr nicht, zu gediegen, und die Gäste, zu sehr dem Spiel verfallen, findet sie eher abstoßend als faszinierend. Ganz im Gegensatz zu der Gegend, deren Name, "anglicé Valley of Hell und Black Forest", sich "bis vor ganz kurzem" noch "mit Räubern, halsabschneiderischen Schenken und den schlimmsten Übeln, die Reisenden begegnen können", verband. Die Übel haben sich gebessert, die Atmosphäre – (wohltuend anders als im damals wohl bereits verkitschten Amerika, worauf dezent hinzuweisen die Autorin nicht lassen mag) ist geblieben: "Die Deutschen verstehen es, ihren Tälern und Wäldern den Glanz geistesaufwühlender Namen zu verleihen."
Touristen reisen oberflächlich, das ist Mary Shelley schon bewusst. Am Exempel eines Landsmannes, der auch die malerischsten Ort- und Landschaften wie ein Buchhalter als gesehen (aber nicht wirklich erlebt) abhakt, beschreibt sie das Konsumverhalten, um ihm ihr eigenes entgegenzuhalten. "Wir lesen, um Gedanken und Wissen zu sammeln. Reisen heißt, im jenem Buch zu lesen, das der Schöpfer selbst geschrieben hat und das tiefere Weisheit verleiht als die gedruckten Wörter der Menschen."
Die zweite Deutschlandreise führt über Amsterdam mit der Eisenbahn nach Köln. Per Schiff geht’s rheinaufwärts bis Mainz, auf dem Main weiter bis Lohr, dann über Land ostwärts, zunächst nach Kissingen und Brückenau, wobei das letztere bayerische Bad das erstere klar aussticht. In Weimar drängt sich der bildungsbeflissenen Schriftstellerin ein weiterer Vergleich auf: "Schiller erschien mir stets der bedeutendere Mann zu sein, er ist kompletter. Die herausragende Qualität Goethes ist sein Einblick in die geheimen Tiefen des menschlichen Denkens und Fühlens, seine Kraft, Motive zu analysieren, unseren innersten Regungen einen Spiegel vorzuhalten, und ebenso, in dramatischen Szenen die Leidenschaft zu berühren, sowie seine Passagen überfließender Eloquenz. Aber es fehlt ihm an Vollständigkeit, und nie erschafft er ein Ganzes. 'Faust' ist ein Fragment, 'Wilhelm Meister' ist ein Fragment."
Nach Berlin reist Mary Shelley mit der Eisenbahn und mit gemischten Gefühlen: "Die preußischen Waggons haben bedeutend mehr Platz und sind bequemer. Die Geschwindigkeit, mit der wir fuhren, war außerordentlich hoch, so dass ich Reisende flehentlich aus dem Fenster rufen hörte, man möge das Tempo drosseln." Doch die Fahrt hat sich gelohnt. Berlin nimmt die Naturliebhaberin, die Metropolen sonst verabscheut, als einzigartig unter den europäischen Hauptstädten wahr: "In letzteren ist das Ziel, an Land zu sparen und dem Himmel sein recht streitig zu machen. Hier ging es den Architekten darum, so viel Fläche wie möglich zu bebauen, und viele der schönsten Häuser sind lediglich zwei Stockwerke hoch."
Das mag sich geändert haben, aber anders als London, Paris oder Rom wirkt Berlin immer noch recht geräumig. Wie auch die Deutschen an manchen liebgewonnenen Traditionen festhalten zu scheinen, was ihnen in den Augen des englischen Gasts nicht komplett zum Nachteil gereichen muss: "Ich bin überzeugt, dass einer der Gründe für die Schwerfälligkeit der Deutschen die frühe Stunde ihrer nicht enden wollenden Hauptmahlzeit ist", lautet die Kritik: "Andererseits stehen sie um fünf Uhr morgens auf, und aus diesem Grund waren ihre bedeutenden Männer in der Lage, ihre großen Leistungen zu vollbringen." Mehr Lob als Tadel für die Deutschen also in einem kurzweiligen Buch!