Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/2188

«Wahrheit, die nicht existierte» Mario Vargas Llosa sprach an der HSG über die Beziehungen zwischen Geschichte und Literatur sowie über die Verschiedenartigkeit der von diesen zwei Disziplinen vermittelten Bezüge zur Vergangenheit. 22. September 2011. Mario Vargas Llosa, peruanischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 2010, sprach im vollbesetzten Audimax an der Universität St.Gallen. In seinem Vortrag über «History and Literature: Proximity and Differences» erläuterte Vargas Llosa seine Ansichten über die Beziehungen zwischen historischer Literatur und historischen Texten und über den Einfluss dieser Beziehungen auf unser Vergangenheitsverständnis. Geschichte versus Literatur Zu Beginn seiner Vorlesung stellte Vargas Llosa die Frage nach dem wesentlichen Unterschied zwischen einem Geschichtsbuch und einem literarischen Werk. Der Unterschied dazwischen bestehe darin, dass Ersteres eine Wahrheit erzähle, während Letzteres eine Wahrheit schaffe. «Die Geschichte ist eine Suche nach etwas Wahrem, das sich in der Vergangenheit abspielte», führte er aus. «Die Literatur andrerseits ist etwas, das eine Art Wahrheit schafft, die vorher nicht existierte», doch jetzt Teil der kollektiven menschlichen Kultur darstelle. Das Einfangen des verborgenen Lebens der Geschichte Vargas Llosa postulierte, dass in einigen literarischen Schilderungen ein tiefergreifender Bezug zu geschichtlichen Ereignissen gefunden werden kann. Er verwies auf Leo Tolstois Roman «Krieg und Frieden», der die Napoleonischen Kriege so lebendig werden lasse, dass er in den Köpfen der Menschen von den eigentlichen historischen Schilderungen nicht mehr zu trennen sei. Er bezeichnete dies als das «Einfangen des verborgenen Lebens der Geschichte», bei dem ein Autor die emotionale Beziehung zu einem Ereignis schafft. Zu viel Wahrheit Vargas Llosa sprach über seine eigene Erfahrung beim Schreiben des Romans «Das Fest des Ziegenbocks». Darin erzählt er die Geschichte der letzten Tage der Diktatur Rafael Trujillos in der Dominikanischen Republik. Nachdem er das Leben unter Trujillo umfassend recherchiert hatte, fand er, dass die grösste Herausforderung nicht in der exakten Schilderung von Trujillos Herrschaft bestand, sondern darin, diese glaubhaft zu machen. Er fand, dass, obwohl die Geschichten der Wahrheit entsprachen und direkt von Zeugen stammten, die Ereignisse derart entsetzlich waren, dass sie als Bestandteile des Romans unfassbar wurden. «Als Leser verteidigen wir uns, indem wir nicht glauben, was uns in unseren heiligsten Werten und Überzeugungen tief verletzt», sagte er. «Also besteht unsere Verteidigung darin zu sagen: ‚Ich glaube nicht, dass das wahr sein kann.‘» Eine politische und kulturelle Ikone Mit seinem Roman «Die Stadt und die Hunde» gelang Vargas Llosa in den 1960er-Jahren der Durchbruch zur Berühmtheit. Im Verlauf der vergangenen 50 Jahre schuf er ein vielfältiges Oeuvre über eine ganze Reihe literarischer Gattungen hinweg, einschliesslich Essays und Journalismus. In 2010 erhielt er den Nobelpreis für Literatur «für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage». Vargas Llosa hielt seine Vorlesung auf Einladung des Centro Latinoamericano-Suizo und des Fachbereichts für Hispanische Kultur und Literatur der Universität St.Gallen.