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Vom Selbstzweck-Charakter der Person
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde geboren“ heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, und der erste Artikel des deutschen Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Bereits an diesen Formulierungen wird eine Doppeldeutigkeit des Begriffs Menschenwürde deutlich. Denn einerseits wird mit Würde hier das Wesen des Menschen bezeichnet, dasjenige, was den Menschen zum Menschen macht und daher unantastbar ist, denn solange der Mensch existiert, besitzt er Würde. Andererseits wird die Würde aber auch als ein schützenswertes Gut bezeichnet, also als etwas, das unantastbar sein soll. Die Würde ist zugleich dasjenige, was der Mensch unter keinen Umständen verlieren kann (gleichgültig wie sehr ein Mensch erniedrigt wird, seine Würde kann ihm niemand rauben), als auch dasjenige, was zu schützen die Grundaufgabe allen ethisch-politischen Handelns ist.
Die schützenswerte Würde des Menschen ist also das Wesen des Menschen, doch worin besteht dieses eigentlich? Immanuel Kant (1724-1804), der große Philosoph der Aufklärung, hat versucht, auf diese Frage nach der Würde, bzw. dem Wesen des Menschen eine Antwort zu geben.
In seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten fragt Kant nach der Natur der Werte und kommt zu dem Schluss, dass alles, was wir als wertvoll empfinden, uns immer in Bezug auf einen Zweck wertvoll erscheint. Etwas besitzt einen Wert, weil es zu etwas gut ist. Der Wert einer Sache schreibt sich also im Allgemeinen von einem ihr äußeren Zweck her. Doch, so fragt Kant weiter, gibt es auch etwas, was an sich selbst wertvoll ist? Das könnte nur etwas sein, das seinen Zweck in sich selbst hat, das ein Selbstzweck ist. Für Kant stellt nun allein der Mensch einen solchen Selbstzweck dar, da der Mensch durch Autonomie gekennzeichnet ist, also durch Freiheit, die sich darin äußert, dass er sich seine Zwecke selbst setzt. Insofern das Wesen des Menschen in der Freiheit besteht, sich selbst seine Zwecke zu setzen, ist der Mensch für Kant Selbstzweck. In dieser, den Menschen auszeichnenden Freiheit, besteht Kant zufolge die Würde des Menschen, und da die Würde des Menschen in seiner Selbstzweckhaftigkeit besteht, stellt ihre Missachtung die gröbste Verletzung der Menschenwürde dar. Dem Menschen als Menschen werde ich nur gerecht, wenn ich ihn als Selbstzweck betrachte und nicht als bloßes Mittel zur Erlangung ihm fremder Ziele. Deshalb lautet eine berühmte Formulierung des „kategorischen Imperativs“ bei Kant denn auch: „Handle so, dass du die Menschheit [d.h. das Wesen des Menschen], sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“
Kants Begriff der Menschenwürde erlaubt es so, ohne auf das theologische Würdekonzept zurückzugreifen (das die Würde des Menschen davon ableitet, dass er das Ebenbild Gottes sei), einen ethischen Grundsatz zu formulieren, nach dem wir unser Handeln ausrichten können.
Literatur:
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Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart. Reclam 1986.
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Matthias Kettner: Biomedizin und Menschenwürde. Frankfurt/M. Suhrkamp 2002.