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Aus früherer Homepage ARF/FDS

Reni Mertens
Am 25. September 2000 ist unsere Mitstreiterin Reni Mertens (*8.4.1918), Ehrenmitglied des Verbandes ARF/FDS, im Alter von 82 Jahren in Zürich gestorben.
liebe familie, liebe freundinnen und freunde von reni mertens.
wir sind hier um abschied zu nehmen von renata mertens-bertozzi, einer starken frau und mutter, aber auch eine der pionierinnen des schweizer dokumentarfilms.
die angaben zum lebenslauf habe ich von zwei menschen erhalten, die reni sehr nahe standen: marina mertens, der erstgeborenen tochter und von franz ulrich.
renata bertozzi wurde am 8.april 1918 als erstes kind italienischer emigranten in zürich geboren und wächst mit ihrer jüngeren schwester adelina im kreis 5 auf. sie besucht die schulen in zürich bis zur matura.
als 16 jährige verliert sie ihren vater und die mutter führte den gemüse- und früchteimport allein weiter.
ihr studium der klassischen literatur in zürich und genf schliesst sie ab mit der dissertation "l'antirealismo di gabriele d'annunzio".
während ihrer studienzeit in zürich gründet sie den debattierklub "lundi", an dessen diskussionen sich viele emigranten beteiligen, darunter georg lukàcs, emmanuel mounier, ignazio silone, elio vittorini, bertolt brecht und walter marti.
reni unterrichtet in französisch, untertitelt filme, macht übersetzungen ins italienische, darunter theoretische schriften und theaterstücke von bertold brecht für die erste mehrbändige werkausgabe (1954) in italien, max frischs bühnenstück "santa cruz", daniel defoes "robinson crusoe" für die silva - bücher und andere.
nach dem 2. weltkrieg heiratet sie ihren studienkollegen hans-walter mertens.
mit 30 jahren bringt sie ihr erstes kind, marina (1948) zur welt und 3 jahre später ihre 2. tochter claudia (1951). 2 jahre später trennen sich die wege von reni und hans-walter.(1953)
reni und die beiden mädchen wohnen im winter bei ihrer nonna in zürich. im sommer ziehen sie ins haus des grossvaters nach feldmeilen und die nonna kommt sonntags auf besuch.
die beziehung von reni und ihrer mama ist im italienischen sinn intensiv, sogar eng, obwohl ihr leben in anderen bahnen verläuft als das ihrer mama.
nach renis trennung von hans-walter mertens gründet sie 35jährig mit walter marti die firma teleproduction.
gemeinsam realisieren sie in einer fast ein halbes jahrhundert dauernden partnerschaft an die 20 kürzere und längere dokumentarfilme. höhepunkt einer ersten schaffensperiode wurde 1966 der mehrfach mit preisen ausgezeichnete "ursula oder das unwerte leben", ein film über angeblich bildungsunfähige kinder.
7 jahre später folgt das formal radikale experiment "die selbstzerstörung des walter matthias diggelmann", ein bewegendes schriftstellerportrait.
weitere filme folgen: "gebet für die linke" (1974) über den brasilianischen erzbischof dom helder camara und
"héritage" (1980) mit dem aargauer komponisten und maler peter mieg.
renis jüngere tochter claudia findet ihren lebenspartner franz ferrazzini und reni wird grossmutter.
erst kommt lorenz (1981), dann zwei jahre später alain (1983) zur welt.
reni ist inzwischen über 60.
weitere filme folgen:
"flamenco vivo - die schule des flamenco" (1985), ein musik- und tanzfilm, der mit einem minimum an kommentar wurzeln und wesen des flamenco in andalusien erschliesst.
später "pour écrire un mot" (1988) der sich mit einem fundamentalen problem afrikanischer völker befasst; der integration der modernen "westlichen " zivilisation und der damit verbundenen gefahr der zerstörung der eigenen kulturellen identität.
zu ihrem vermächtnis geworden ist ihr letzter film "requiem" (1995), ein musikalisches filmgedicht ohne worte, eine filmische totenliturgie für die 120 millionen toten, die die kriege in den letzten 100 jahren in europa gefordert haben.
"requiem" enthält ein zentrales motiv der gemeinsamen arbeit von reni mertens und walter marti, die immer im dienste jener stand, die selber nicht zu worte kommen.
reni ist zu der zeit 77 jahre alt, eine wie eh und je gesellschafts- und filmpolitisch engagierte filmemacherin, aber mit zunehmendem alter wird ihr ihre familie immer wichtiger.
wie einst ihre mama, die nonna ihrer kinder, fährt nun sie jeden sonntag zu ihren kindern und enkeln.
reni und walter machen sich an die schwierige aufgabe, ihre firma aufzulösen. im frühling 1999 ist es soweit. erich langjahr und silvia haselbeck, selber filmemacher und langjährige freunde, übernehmen den filmischen nachlass und halten ihn verfügbar.
ein halbes jahr später stirbt walter marti.
walters sterben macht reni krank.
ihr gedächnis wird schwach, worunter sie sehr leidet.
mir ihrer tochter marina reist sie ein letztes mal nach italien, obwohl ihr gesundheitszustand immer schlechter wird.
in der nacht vom 24. auf den 25. september stirbt sie.
ihre urne wurde beigesetzt neben denjenigen ihrer eltern.
liebe reni,
vor dem haus an der hafnerstrasse, wo du bis zuletzt wohntest, steht eine birke. nicht eine von den schlanken bräuten des waldes, sondern eine mit dickem stamm, fast ein wenig knorrig. aber jeden frühling wirkt sie zart und fast unanständig jung in ihrem hellgrünen blätterkleid.
kam ich dann ins haus, wo sich ein widerständiges gewucher von einer pflanze durch das gewundene treppenhaus schlingt, standest du meistens schon unter der wohnungstüre.
wir haben uns oft in die küche gesetzt, die mich mit den offenen holzregalen an die küche meiner nonna in norditalien gemahnte.
wir trafen uns fast immer allein. du hast von deinen kindern und enkeln , von deinen eltern und grosseltern erzählt.
nein, wir waren nicht immer allein: als anne kaspar spörri die präsidentin des filmgestalterverbandes war, haben wir uns zu viert - die andere old lady des schweizerfilms, isa hesse war mit dabei - in die kronenhalle unter das blaue bild von chagall gesetzt und köstlich geschmaust.
"kultur ist so wichtig wie essen und trinken" hast du dazu gesagt.
wir haben natürlich auch über eigene und fremde filme diskutiert. wir haben gelacht und uns gegenseitig getröstet über persönliche und berufliche misserfolge. es jagte nicht ein bonmot das nächste, wir swichten von einem thema zum andern, wir fielen uns ins wort oder schwiegen.
als wir dir gestanden, dass wir dich um deine fähigkeit schweigen zu können beneiden, hast du geantwortet, dass du das entscheiden wichtiger fändest als das reden.
auch wenn wir manchmal schwiegen, hatten wir trotzdem nichts voreinander zu verbergen. wir sassen alle im selben boot: frauen, die sich in einer männerdomäne zu behaupten wagen und sich dessen klar bewusst sind.
wir sprachen über freundinnen; du erwähntest oft helene weigel, therese giehse oder carmela, deine putzfrau, deren nachnamen ich leider vergessen habe.
über männer sprachen wir selten, aber oft erwähntest du den verlust deines vaters der entscheidend war für dein weiteres leben. und natürlich sprachst du von den beiden jungen männern, die dich begeisterten: deine enkeln lorenz und alain, in die du soviel hoffnung setztest.
liebe reni, lass mich das bild von der birke vor deinem haus nochmal aufnehmen und dein lebenswerk ins licht des gebens und schenkens rücken.
so sicher wie jetzt im moment die blätter der birke abzufallen beginnen, so sicher wird sie uns nächstes jahr neue blätter schenken. genau so, wie du uns immer beschenkt hast. ich kannte dich als grosszügige gastgeberin, der das teilen selbstverständlich war. das galt auch für deine beziehung zu frauen.
ich weiss, dass du frauensolidarität gelebt und geschenkt hast, lange bevor dieser begriff zum politischen programm wurde.
ich weiss auch, dass dir die idee behagt, mit deinem werk an einem kreislauf teilzuhaben, wo weitergeben mehr wiegt als besitz und wo schenken immer wieder zum beschenkt werden führt.
ich danke dir adieu reni a dieu
4.10.2000 © tula roy foto+film lehenstr. 34 8037 zürich tel 01-273 10 50 fax 01-273 10 51