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Als ich in der Schule, die ich in Brig und Naters besuchte, von dem grossen Dichter Rainer Maria Rilke hörte und wir das Gedicht «Herbsttag» auswendig lernten – seit da ist es eines meiner Lieblingsgedichte und begleitet mich immer wieder durch den Herbst.
Das Gedicht schrieb Rilke am 21. September 1902 in Paris. Jede Strophe wird um eine Verszeile länger. Es beschreibt den Übergang vom Sommer zum Herbst.
Herbsttag von Rainer Maria Rilke
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben».
Regina Osterwalder (Foto: pixabay.com)
Quelle Gedicht: M. Engel; U. Fülleborn, H. Nalewski, A. Stahl (Hrsg.), Rainer Maria Rilke, Werke, Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Gedichte 1895 bis 1910, Bd. 1, wbg Edition, Darmstadt, 1921, 281.813-814.