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erschienen bei Stimme Russlands
Vom 16. bis 21 März findet in der von der Krim weit entfernten italienischen Gebiet Veneto ein Referendum über die Trennung der Region vom Land statt. 3,8 Millionen Menschen, die in Venedig, Verona, Treviso, Padua, Belluno und Vicenza leben, müssen darüber entscheiden, ob Veneto zu einer unabhängigen autonomen Republik werden, sowie darüber, ob das Gebiet in der Euro-Zone und der Nato bleiben soll. Lodovico Pizzati, Press-Attaché des gesellschaftlichen Verbandes plebiscito.eu, der das Referendum initiiert hat, erzählte der STIMME RUSSLANDS, warum Veneto die Unabhängigkeit anstrebt:
Gründe gibt es viele, darunter kulturologische und historische. Am wichtigsten scheint mir jedoch der wirtschaftliche Grund. Es handelt sich vor allem um Steuern. Die Bewohner von Veneto zahlen jährlich 70 Milliarden Euro an Steuern, von denen nur 50 Prozent in die Region investiert werden und die übrigen 20 Prozent nach Rom wandern. Nimmt man eine fünfköpfige Familie, so sind es 20.000 jährlich. D.h. der Staat bringt jede Familie binnen zehn Jahre um eine ganze Wohnung. Wenig verwunderlich, dass die Bewohner des Gebiets ein solches Herangehen zu den Zeiten einer Finanzkrise nicht mehr dulden wollen. Daher auch die Idee, ein Unabhängigkeitsreferendum zu veranstalten.
Das Referendum ist aber nicht offiziell und wird vom italienischen Staat nicht anerkannt. Meinen Sie, dass die Ergebnisse dieser Abstimmung Sie an ein politisches Referendum näher heranbringen?
Wenn es uns gelingt, eine Mehrheit, also ein Quorum zu erzielen, so haben wir vor, die Unabhängigkeit von Veneto einseitig auszurufen. Zurzeit haben wir nur einen Arbeitsentwurf einer Verfassung zur Hand, die am 31. März präsentiert wird. Legitim wird sie allerdings nur, wenn die meisten Veneto-Bewohner uns unterstützen. Als einen weiteren Schritt haben wir eine einseitige Unabhängigkeitsverkündung gewählt, weil die Wirtschaftssituation im Land kritisch ist und wir keine Zeit mehr für Verhandlungen haben. Wir würden gerne gute Beziehungen zum italienischen Staat behalten und die Geschäftskanäle offen halten, haben jedoch vor, Änderungen in unsere steuerrechtliche Beziehungen mit Italien unter Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse Venetos einzubringen.
Wie hoch ist die Unterstützung in der Region? Was ergeben die Umfragen?
Laut der jüngsten Umfrage, die im Februar durchgeführt wurde, waren drei von vier Bewohnern bereit, an einem solchen Referendum teilzunehmen. Zwei von vier würden die Unabhängigkeit Venetos unterstützen. Das Problem besteht jedoch darin, dass so manche Medienberichte für viele Unklarheiten um die Abstimmung herum gesorgt haben. Selbst wenn die Bewohner dafür abstimmen, ist es wichtig, dass sie über die Abstimmung informiert sind. Eine zweite Frage ist die Beteiligung. Bekanntlich gibt es ja einen Unterschied zwischen einer Umfrage und der Realität.
Jetzt verfügen wir bereits über vorläufige Ergebnisse, doch wir dürfen sie nicht bekannt geben, solange die Wahllokale offen sind. Dafür haben wir Angaben zur Wahlbeteiligung. Am ersten Abstimmungstag kamen 430.000 Menschen – elf bis zwölf Prozent aller Wähler Venetos. Die Wahllokale bleiben im Laufe von fünf Tage offen und wenn wir jeden Tag ein solches Ergebnis erzielen, so haben wir am Ende zwei Millionen Stimmen. Leider kommt es oft vor, dass die Erscheinung nur am ersten Wahltag hoch ist und es mehr Ja-Stimmen gibt. Am nächsten Tag geht die Beteiligung dann oft schon zurück. Deswegen sind wir uns noch nicht ganz sicher, auf ein Quorum zu kommen. Zurzeit ist es allerdings noch zu früh, irgendwelche Schlüsse zu ziehen, umso mehr, wo die Menschen in vielen Gebieten Venetos noch nicht einmal die Stimmzettel bekommen haben.
Unter den Fragen, die zum Referendum gestellt werden, gibt es auch solche, welche die Teilnahme Venetos an der Euro-Zone und der Nato betreffen. Welchen Standpunkt vertritt da Ihr Komitee?
Das Komitee hat keinen bestimmten Standpunkt zu diesen Punkten. Was meine persönliche Meinung betrifft, so meine ich, dass es im 21. Jahrhundert gerecht wäre, endlich die Meinung der Bewohner bezüglich der EU- und Nato-Mitgliedschaft zu fragen. Niemand hat ihnen bisher solche Fragen gestellt. Viele sind für ein schweizerisches Modell in Veneto – ohne den Euro, die EU und die Nato. Manche ziehen dagegen den österreichischen Weg vor, sie treten also für den Euro und die Europäische Union. Jemand ist für eine Zwischenvariante, wie z.B. Dänemark, das Mitglied der EU, nicht aber der Euro-Zone ist. Deswegen haben wir den Veneto-Bewohnern das Mandat gegeben, damit sie selbst bestimmen, wie genau die künftige venezianische Republik sein soll.
Wie sehen Sie Italien ohne Veneto und Veneto ohne Italien?
Ich bin sicher, dass das kulturelle und wirtschaftliche Zusammenwirken auch weiter besteht. In jedem Fall werden wir auch weiter in den Urlaub auf Sizilien fahren und die Italiener werden ihre Erzeugnisse nach Veneto verkaufen können. In diesem Sinne sind wir Teil des einheitlichen – nicht nur italienischen, sondern auch gesamteuropäischen – Marktes. Trotzdem gibt es nach der Reform keine Zentralisierung in Rom mehr, wie zuvor. Die Gemeinden von Veneto werden selbstständig über ihre Ressourcen bestimmen können. Ich würde vermeiden zu sagen, dass wir ohne Italien leben werden – es geht vor allem um eine Verwaltungsreform.
Quelle: Stimme Russlands