Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03488.jsonl.gz/1110

[ ... ]
"...vom Anbeginn seiner dichterischen Laufbahn war Auden davon überzeugt, dass die Sprache seiner Dichtung eine transatlantische oder besser: eine imperiale Sprache sei: nicht im Sinne des britischen Raj, sondern weil es die Sprache war, die ein Weltreich erschuf. Denn Weltreiche werden nicht durch politische oder militärische Kräfte zusammengehalten, sondern durch die Sprache."
Joseph Brodsky sagte einmal, dass es in der Gegenwart und Vergangenheit Russlands nur zwei Dinge gebe, die es verdienten, verewigt zu werden: die Schlachtflagge der zaristischen Kriegsflotte, ein blaues St. Andreas-Kreuz auf weissem Grund, sowie die Sprache von Pushkin und Akhmatova (und natürlich von Joseph Brodsky selber). Unsere modernen und *postmodernen Vorstellungen über das Empire der Sprache sind ein Legat von Goethe, welches zuerst an Auden, dann von Auden an Brodsky, und schliesslich von Brodsky an Walcott weitergegeben wurde. In den früheren Phasen mag dieses Empire als Uebersetzung aus dem Deutschen verstanden worden sein. In jüngerer Zeit aber wurde diese Idee als Uebertragung einer anspruchsvollen russischen Theorie (und Praxis) der Literatur verstanden, wonach die Sprache als Wiedergutmachung für eine mit Lügen verseuchte Welt gesehen wird.
Wenn wir die Worte Empire, Imperium und Reich denken, so stellen wir ihnen intuitiv die Begriffe Republik, Nation und Freiheit gegenüber. Doch für lange Abschnitte der Geschichte war die Antithese der Reichsidee nicht die Republik, sondern der Barbarismus. Genauso wie sich das Wort "Barbarismus" von Sprache ableitet, indem es das Geplapper der nicht griechisch sprechenden Menschen imitiert, so ist auch das Empire in erster Linie ein Symptom der Sprache. Die Werke des grössten englischen Historikers, Edmund Gibbon, hatten mit England selber wenig zu tun, wohl aber mit dem Phänomen der Sprache. Sein erstes erfolgloses Projekt war eine Geschichte der schweizerischen Republik. Dieses Unterfangen gab er auf, um sein späteres Meisterwerk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire zu schreiben. Dieses Werk kann ironischerweise sowohl als Kommentar zur Verteidigung des Reiches gegen äussere Barbaren als auch als Verurteilung des Barbarismus des christlichen Aberglaubens gesehen werden: Gibbon behauptet ja, dass das christliche Gedankengut das Römische Reich in die Knie gezwungen habe. Sowohl die historischen Quellen als auch die erzählerische Breite dieser Geschichte besassen eine Würde, die dem helvetischen Material abgingen.
[ ... ]
Ausschnitt aus: Das Empire der Sprache
Hughes Peter