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Ich sitze in meinem Arbeitszimmer, heute home office genannt, mit der vielleicht weltbesten (klar: privaten) Handbibliothek zu Sklaverei und Sklavenhandel, Global- und Kolonialgeschichte, Karibik, Kuba, Venezuela, Haiti, Simón Bolívar, Francisco de Miranda und Alexander von Humboldt, aber auch Fidel Castro und Che Guevara. Das mache ich seit vierzig Jahren, nur normalerweise ziehe ich meine wesentlichen Erkenntnisse aus intensiver Feld- und Archivforschung in den oben genannten Geschichtsregionen. Also ich reise. Das darf ich heute nicht mehr. Ich bin am 15. März 2020 mit einem der letzten Flieger aus Kuba, wo ich Feldforschungen gemacht habe, nach Deutschland hineingeschlüpft. Ich werde während des Reiseverbots eine Konferenzreise nach Genf sowie eine Archivreise nach Spanien (Sevilla, Simancas und Madrid) verpassen, die für April geplant waren.
Ich nutze die Zeit, um eine Geschichte der politischen Mikroökonomie des Sklavenhandels zu schreiben sowie verschiedene Artikel fertig zu machen.
Was für Gedanken kommen einem Historiker zum Thema Seuchen, Epidemien oder Pandemien? Natürlich Gedanken an die Schreckensgeschichte von Epidemien in »seiner« Geschichte. Vor mir liegt der Ausdruck eines Aquarells eines gewissen Baron de Courcy, der auf dem Weg nach Mexiko 1833 in Havanna zwischenlandet. Das Erste, was er im Hafen von Havanna sieht, ist ein Sklavenschiff, ein barco negrero, in Quarantäne (»Le Negrito à l’ancre dans le port de la havane«). Der Baron dürfte schon über die Tatsache eines ganzen Schiffes voller Versklavter aus Afrika verwundert gewesen sein, denn der atlantische Sklavenhandel ist im spanischen Kolonialimperium, zu dem Havanna damals gehörte, seit 1820 offiziell streng untersagt. Noch mehr dürfte ihn aber schockiert haben, dass es sich hier um eine vierzigtägige Quarantäne handelt, auf einem Schiff, das nicht mehr Erleichterungen für die Versklavten zu bieten hat als die Segel, die zum Sonnenschutz umfunktioniert worden sind. Auf dem Schiff sind Erwachsene zu erkennen, aber auch versklavte Kinder – und Verstorbene.
1833 ist das, wenn ich das mal so locker formulieren darf, »globale Jahr der Cholera«. Auf Kuba gab es in jenem Jahr die erste Cholera-Epidemie mit über dreißigtausend Toten, die zweite große 1850 und die dritte große Epidemie 1867. (Der Erreger wurde erst 1883 durch Robert Koch nachgewiesen; in Hamburg gab es noch 1892 eine große Epidemie.)
Auf Kuba wurden natürlich die negros aus Afrika, das heißt die Versklavten, für die Krankheit verantwortlich gemacht. Das waren nicht die einzigen epidemischen Krankheiten in Sklavereigebieten (und darüber hinaus). Die Epidemien am Beginn der Kolonialzeit Amerikas 1493–1520, vor allem Grippe, Pocken, Masern und Schweinepest, die wahrscheinlich mehr als die Hälfte der amerikanischen Ureinwohner ausrotteten, seien hier nur am Rand erwähnt. Auf Kuba und in der Karibik waren es vor allem Pocken und Gelbfieber/Dengue (nach den finalen Symptomen auch vómito negro genannt – die Sterbenskranken erbrachen im Magen geronnenes schwarzes Blut –, »schwarzes Kotzen«). Tomás Romay, ein Arzt und Sklavenhalter, publizierte bereit 1797 eine Disertación sobre la fiebre maligna llamada vulgarmente vómito negro (Dissertation über das maligne Fieber, gewöhnlich schwarzes Erbrechen genannt). Romay veranlasste bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts Quarantänen und Pocken-Impfungen unter den Versklavten. Die schlimmste Seuche, das mit Viren durch Stiche der Gelbfieber-Mücke (Aedes aegypti oder Stegomyia aegypti) übertragene Gelbfieber (aber auch Dengue-, Zika- und Chikungunya), wurde damals, zusammen mit Malaria, meist fiebres (Fieber) genannt. Europäer oder Nordamerikaner, die im Erwachsenalter nach Kuba oder in die Karibik kamen, hatten eine 50:50-Chance, an einem dieser Fieber zu erkranken. Wer überlebte, war meist immun. Menschen aus Afrika waren meist schon im Kindesalter gestochen worden und deshalb immun gegen Gelbfieber.
Diese Krankheiten bildeten schnell die Basis für rassistische Theorien. Der französische Mediziner, Pathologe und Anthropologe Henri Dumont war in den 1860er Jahren angesichts der schleppenden Einwanderung der Meinung, die Tropen seien kein Gebiet für weiße Europäer; er hielt die Karibik für das Gebiet von Schwarzen und Farbigen. Der Kreole Carlos J. Finlay dagegen, Nachkomme irisch-katholischer Einwanderer, hielt das Klima Kubas und der Karibik auch für Weiße geeignet. Der praktische Arzt war es, der ab den 1880er-Jahren auf die Mücken als Überträger hinwies. Es dauerte also eine Weile, ehe Epidemien und ihre Ursachen erforscht waren (eine Impfung gegen Geldfieber gab es erst ab 1937, vorher wurden vor allem die Mücken bekämpft).
»Das enge und verbaute Havanna der Altstadt, aber auch andere kubanische Küstenstädte, galten Ende des 19. Jahrhunderts als Brutstätte des Gelbfiebers, als ›Haupthölle des gelben Teufels‹, des Yellow Jack, der dominierenden Seuche der Karibik.« So schildere ich in meinem Buch Insel der Extreme die Situation in der kubanischen Hauptstadt am Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges, mit dem das Königreich Spanien seine letzten Kolonien in der Karibik verlor. »Als die Amerikaner Havanna 1898 besetzt hatten, gingen sie mit wahrer hygienischer Wut gegen Schmutz und Gestank vor, weil sie doch glaubten, diese verursachten das Gelbfieber. Doch nachdem der Dreck beseitigt war, brach wieder eine Epidemie des ›schwarzen Kotzens‹ aus. Sie forderte viele Tote unter den Ankömmlingen, vor allem unter neu eingewanderten Spaniern und den Amerikanern. Nicht einmal tipptopp gewaschene US-Offiziere blieben verschont. Das neue hygienische Havanna litt mehr unter der Seuche als die alte schmutzige Haupthölle. Erst die ›Mückentheorie‹ des Kubaners Carlos J. Finlay, der Tod des jungen Entomologen Dr. Jesse Lazear bei einem Selbstversuch [mit Mücken] und weitere Versuche erbrachten den Beweis, dass wirklich die weiblichen Mücken Aedes aegypti die Krankheit übertragen. Durch diese Entdeckung wurde der endgültige Bau des Panamakanals ab 1904 erst möglich, denn zuvor hatte das Denguefieber unzählige Arbeiter dahingerafft. Die Verdienste Finlays wurden jahrzehntelang nicht anerkannt. Man schrieb sie der nordamerikanischen Medizin, vor allem dem Leiter der US-amerikanischen Gelbfieberkommission, Major Walter Reed, zu. Das Gelbfiebervirus selbst entdeckten US-Mediziner erst später.«
Kuba ist heute gefährdeter denn je – nicht direkt wegen der Corona-Pandemie, das Land hat ja große Erfahrungen mit Epidemien. Viel mehr durch die wirtschaftlichen Folgen; der Tourismus bleibt aus und die Trump-Regierung versucht schon lange, das Land wirtschaftlich zu strangulieren. Wenn ich richtig informiert bin, ist der öffentliche Verkehr wegen Treibstoffmangels weitgehend zusammengebrochen und die Geschäfte, sowohl die Devisenläden wie auch jene für Pesos Convertibles, sind geschlossen.
Viva Cuba Libre.
Michael Zeuske, Leipzig, Deutschland