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Bank Brunner: Ein Bankier und Hochstapler als Nachbar
Die schillernde Person Ernst Brunner bezog Ende der 1960er-Jahre mit seiner sechsköpfigen Familie die grosse Villa neben uns in Kastanienbaum. Niemand ahnte, dass unser Nachbar nicht nur Bankier und Direktor war, sondern auch ein Hochstapler und gewiefter Taktiker, ein Charmeur und Lebemann. Brunner hatte mit meinem Vater im Zweiten Weltkrieg Dienst geleistet. Seine Stieftochter Eva ging in die gleiche Klasse wie ich. Daher kam es öfters vor, dass der Butler von Brunners nach einem der zahlreichen Feste am Morgen bei uns klingelte. Mit weissen Handschuhen streckte er Silberplatten mit Brötchen, Lachs und Kaviar entgegen – Reste des üppigen Buffets.
Mit Chauffeur zur Schule
Eva wurde öfters mit dem riesigen Ford Lincoln Continental Coupé zur Schule gefahren. Sobald ich hörte, dass vor der Villa der Motor startete, packte ich meinen Schulthek und stand an den Strassenrand. Welch ein erhabenes Gefühl, wenn die Limousine neben mir hielt und ich mitfahren durfte! Auch die Hausaufgaben machte ich ab und zu mit Eva in der Villa. Unaufgefordert kam jeweils der Butler und fragte nach unseren Wünschen. Eine Cola war für mich das absolute Highlight. Das Parfüm, das die ganze Villa in eine Duftwolke hüllte, rieche ich noch heute. Am 30. Juni 1967 feierte Ernst Brunner seinen 50. Geburtstag mit einem dreitägigen Fest. In der Einladung stand auch: «Für Garderobe, Unfälle, Bierleichen, Stürze (auch in den See) wird nicht gehaftet.»
Selbstmord in der Villa Anna-Maria
Am Abend des 7. Dezembers 1970 war der Traum des Finanzjongleurs ausgeträumt. Am 9. Dezember war eine Sonderrevision bei der Bank Brunner angekündigt. Brunner wusste, dass er diese Revision nicht heil überstehen würde. So veranstaltete er am 7. Dezember in seiner Villa nochmals ein rauschendes Fest mit dem Ensemble des Stadttheaters Luzern. Zu später Stunde schloss er sich in seine Bibliothek ein und schluckte eine Kapsel Cyanid, die zum sofortigen Tod führte. Elf Tage nach Brunners Tod ersuchte die Bank um Nachlassstundung. Mitte 1971 wurde der Konkurs eröffnet. Zurück blieben ein Schuldenberg von 12,5 Mio. Franken und viele ratlose Gesichter. Der Erlös aus der Versteigerung von Hab und Gut der Villa Anna-Maria im Februar 1972 half wenig zur Tilgung der Schulden. Die Schaulustigen standen Schlange vor der Villa, um ein Andenken vom Lebemann, Verführer und Bankier zu erstehen.
Ruedi Zurflüh, Kastanienbaum