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Die Chefin, die Kunst und die Fotografie
Nanina Guyer
17.03.2023
Auf der Suche nach Alltagskunst wie Becher, Schachteln oder Stoffe besuchte Hans Himmelheber am 8. März 1939 ein grosses Dorf zwischen Mushenge und Port Francqui in der damaligen belgischen Kolonie Kongo. Dort traf er auf eine Dorfchefin, die ihn beeindruckte. Diese Begegnung hielt Himmelheber in seinem Tagebuch fest:
«Sie ist eine sehr imponierende Aristokratin, gross und reserviert, mit vornehm niedergeklappten Augendeckeln. Sie setzte sich vor mich. Die anderen müssen alle stehen, und wurde wie die männlichen Häuptlinge von der Versammlung begrüsst, indem sich alle in die Knie hockten und dann die bekannte Klatscherei aufführten während der sie ruhig da sass und nicht antwortete.»1
In dem Porträt, das Himmelheber von ihr und ihrem Sohn aufgenommen hat, blickt uns eine unnahbare, würdevolle Frau entgegen, derweil die Männer im Hintergrund das Geschehen sehr kritisch betrachten. Die Frauen im Gebiet der Kuba genossen ein hohes Ansehen und viele der von Himmelheber gesuchten Kunstwerke befanden sich in ihrem Besitz2. Himmelheber kaufte im Dorf zwei Harfen, mehrere geschnitzte Becher, halbmondförmige Schachteln und Raffiastoffe. Diese Transaktion lässt Himmelheber für eine Fotografie nachstellen und wählt dazu als Verkaufspartnerin die Dorfchefin. Auch dies schildert er im Tagebuch:
«Nachher versuchte ich, mich mit der Chefin in einer gestellten Ankaufsscene von einem meiner Leute aufnehmen zu lassen. Während aber die halbgebildeten boys die Fotografiererei absolut nicht kapierten, verstand sie sofort, um was es sich handelte, streckte die Hand von dem von mir angebotenen Geld aus, als handelten wir etwas aus.»3
Die Fotografie zeigt Himmelheber auf einem Stuhl sitzend, einen Becher und Stoffe in der einen Hand, eine Geldmünze in der anderen. Vor ihm sind die erworbenen Kunstwerke ausgebreitet. Die Frau sitzt tiefer als Himmelheber, auf einem breiten Hocker, und streckt die Hand nach dem dargebotenen Geldstück aus. Die männliche Bevölkerung des Dorfes bildet einen Art Rahmen um das Hauptgeschehen.
Dies ist eines der wenigen Male, bei denen Himmelheber die Kamera aus der Hand gibt und sich selbst ablichten lässt. Dass er dies gerade beim Kunstkauf macht, einer Aktivität, die er sonst nicht unbedingt in den Vordergrund stellt, ist interessant. Was wollte Himmelheber mit diesem Foto bezwecken? Er inszenierte das Bild für die Leserschaft der Zeitschrift Brousse, in der er kurze Zeit später einen Aufsatz zur Kunst der Kuba publizierte, der sich explizit an die Sammler kongolesischer Kunst richtete. Auch das Bild druckte er in diesem Aufsatz ab und versah es mit der Unterschrift «Achat d’objets par l’auteur, chez les Bakele» («Kauf von Objekten durch den Autor bei den Bakele»).4 Die Fotografie kann als eine bildliche Anleitung gelesen werden, wie man Kunst «richtig» kauft, nämlich mit Geld, in aller Öffentlichkeit und im gegenseitigen Einvernehmen.
Und die Frau, deren Namen wir nicht kennen? Das Bild lässt sich auf viele verschiedene Arten interpretieren. Während sich der Kunsterwerb und die fotografische Aufnahme in einem Klima der allgemeinen Unterdrückung abspielten, konnte sie mit einem solchen Auftritt als Verkäuferin und Schauspielerin durchaus das eigene Prestige stärken.
Quelle:
Guyer, Nanina: Die Chefin, die Kunst und die Fotografie. in Nanina Guyer und Michaela Oberhofer (Hg.): Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart. Zürich: Museum Rietberg / Scheidegger & Spiess, 2019
1
Himmelheber, Tagebuch, 8.3.1939 (Archiv Museum Rietberg Zürich).
2
Oberhofer, Michaela: Im Spannungsfeld zwischen Forschen und Sammeln: Hans Himmelheber im Kongo 1938/39. in Nanina Guyer und Michaela Oberhofer (Hg.): Fiktion Kongo. Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart. Zürich: Museum Rietberg / Scheidegger & Spiess, 2019
3
Himmelheber, Tagebuch, 8.3.1939 (Archiv Museum Rietberg Zürich).
4
Himmelheber, 1940.