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Von der Freiheit in den Stall -Verhalten und Haltung von Pferden und Kaninchen
Jedes Lebewesen hat sich im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte - in der Fachsprache Evolution genannt - optimal an seinen natürlichen Lebensraum angepasst. Nicht nur im Körperbau und den Stoffwechselvorgängen, sondern auch in seinem Verhalten. Verhaltenseigenschaften, welche sich über Jahrmillionen entwickelt haben, wurden in der relativ kurzen Zeit, seit der Mensch aus Wildtieren Haustiere züchtete, nicht verändert. Unsere Haus- und Nutztiere haben deshalb weitgehend die gleichen Bedürfnisse wie ihre wildlebenden Vorfahren. Eine artgerechte Haltung ermöglicht den Tieren, diese Verhaltensmuster auszuleben.
Auch ein wohlbehütetes Hauspferd bleibt ein Flucht- und Herdentier.
Die Evolution der Einhufer oder Pferdeartigen (Familie der Equidae) begann vor 55 Millionen Jahren mit dem fuchsgrossen, mehrzehigen Urpferdchen und führte zu den heutigen einzehigen, grossen Pferden, Eseln und Zebras. Erst vor rund 6000 Jahren fing der Mensch an, aus Wildpferden Hauspferde zu züchten. Die Domestikation des Pferdes - wie dieser Vorgang in der Fachsprache genannt wird - nahm seinen Anfang im Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres. Als Arbeitstier hat das Pferd seither in der Land- und Forstwirtschaft, im Verkehr und Militär unschätzbare Dienste geleistet, und der Mensch hat Hunderte von Rassen unterschiedlicher Grösse, Form und Färbung für die verschiedenen Nutzungszwecke herausgezüchtet.
Vom Schwerarbeiter...
Jahrtausendelang war die Haltung und der Einsatz der Pferde nur vom Nutzwert und der Wirtschaftlichkeit bestimmt. Viele Pferde kostengünstig und schnell verfügbar unterzubringen - diese Forderungen bestimmten die Haltungssysteme. Da diese Tiere oft den ganzen Tag schwer arbeiteten, spielte der Stall damals eine untergeordnete Rolle. Er diente nur als Witterungsschutz sowie als Ort für eine ungestörte Futteraufnahme und war keineswegs als ständiger Aufenthaltsort gedacht. Die Verhaltensansprüche der Pferde wurden aber schon in den damaligen Ställen nicht erfüllt.
zum Freizeitbegleiter
Heute, da Pferde in den Industrieländern hauptsächlich für Sport und Freizeit gehalten werden, sieht die Sache schon anders aus. Das Durchschnittspferd steht rund 23 Stunden in einer Boxe und wird höchstens noch eine Stunde pro Tag genutzt. Mit der grossen Veränderung der Nutzung ging aber nur eine geringe Änderung in der Haltung einher. Noch immer entsprechen die konventionellen Haltungssysteme viel zu wenig dem, was Pferde brauchen.
Obwohl ein Wildpferd in der Herde und im Freien lebt, werden noch immer rund 80 Prozent der Hauspferde in Einzelboxen innerhalb geschlossener Gebäude gehalten. Obschon das Wildpferd rund 16 Stunden am Tag mit Futteraufnahme beschäftigt ist und sich dabei ständig fortbewegt, füttern wir das Hauspferd durchschnittlich dreimal pro Tag mit konzentriertem Kraftfutter. Dieses Futter wird in kurzer Zeit verzehrt und das Pferd wird im Schnitt noch eine Stunde beim Reiten oder Fahren bewegt. Das Pferd verbringt so viele Stunden des Tages ohne Beschäftigung und langweilt sich.
Werden in einem Haltungssystem zu viele Bedürfnisse des Pferdes nicht erfüllt und kann das Verhalten nicht ausgelebt werden, hat dies oft schwerwiegende Folgen für das Tier. Neben gesundheitlichen Störungen zeigen sehr viele Pferde auch abnormale Verhaltensweisen und Verhaltensstörungen.
Gruppenhaltung mit Auslauf
Pferde benötigen den Kontakt zu Artgenossen, und sollten deshalb nie einzeln gehalten werden. Ein Beispiel für eine tiergerechte Haltung ist die Gruppenhaltung mit Rückzugsmöglichkeiten für die einzelnen Pferde und einem frei zugänglichen Auslauf. In einer solchen Umgebung können diese bewegungsfreudigen, sozial hochentwickelten Tiere ihre Bedürfnisse ausleben. Weitere wichtige Faktoren sind aber auch das Wasser, das Futter, die Stallhygiene und der Umgang mit den Pferden.
Quellen: Pferde - in der Steppe und im Stall, Zoologisches Museum der Universität Zürich, 1998, ISBN 3-9521043-2-9; Horse Feelings, Sibylle Luise Binder und Gabriele Kärcher, Kosmos Verlag, 2001, ISBN 3-440-08132-X.
Den Kaninchen ein Stück naturnahen Lebensraum
nachbilden
Die verschiedenen Hauskaninchenrassen - ebenso wie die Zwergkaninchen - stammen alle vom Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) ab. Als ausgesprochen gesellige Tiere leben Wildkaninchen revierbezogen in Gruppen mit klarer Rangordnung. Mit grossem Eifer graben diese dämmerungsaktiven Tiere weitverzweigte Röhrensysteme mit mehreren Ein- und Ausgängen in die Erde, in denen sie bei Gefahr Zuflucht suchen und die Weibchen ihre Jungen werfen.
Kaninchen sind keine Hasen
Gemäss der zoologischen Einteilung gehören Kaninchen zur Familie der Hasenartigen. Zwar von hasen-ähnlicher Gestalt, dürfen Kaninchen jedoch keinesfalls mit den Hasen verwechselt werden. Wildkaninchen und Feldhase können sich untereinander nicht paaren und haben grundverschiedene Lebensweisen. So sind Kaninchen beispielsweise gesellige Tiere, die in grossen Kolonien leben, während Hasen eher Einzelgänger sind. Hasen graben auch keine Erdhöhlen und werden vom Menschen nicht gezüchtet.
Fleischlieferant, Versuchs- und Heimtier
Kaninchen können rund zehn Jahre alt werden. Doch die wenigsten Kaninchen werden in menschlicher Obhut als Heimtiere alt. Die meisten werden als Mastkaninchen bereits im Alter von drei bis sechs Monaten geschlachtet oder leisten ihre Dienste in Tierversuchslabors. Ein Kaninchen, das allein in einem kleinen Käfig sitzt, kann nichts von dem tun, was Kaninchen in der freien Wildbahn beschäftigt, sondern ist zu tödlicher Langeweile verurteilt.
Um Hauskaninchen artgerecht halten zu können, müssen wir uns an ihrer ursprünglichen Lebensweise orientieren und ein Stück naturnahen Lebensraum für sie nachbilden, in dem sie ihre Grundbedürfnisse ausleben können. Und dies unabhängig davon, ob sie nur kurze Zeit als Nutz- oder Versuchstiere leben dürfen, oder ein langes Leben als Heimtier vor sich haben.
Ein Kaninchen braucht die Gesellschaft mindestens eines Artgenossen. Der Mensch oder eine andere Tierart wie etwa ein Meerschweinchen können ihm den lebensnotwendigen Sozialkontakt nicht bieten.
Auch wenn die Kaninchen nicht zur Ordnung der Nagetiere gehören, so zeigen sie doch ein ausgeprägtes Nageverhalten. Da ihre Zähne zeitlebens wachsen, ist es für sie lebenswichtig, diese durch Benagen von Ästen oder Wurzelstücken abzunützen (Bilder: Susanne Haller-Brem).
Kontakt pflegen und sich bewegen
Kaninchen sollen nie einzeln, sondern immer in Gruppen in einem grossen Freilaufgehege (am besten im Freien oder allenfalls in einem hellen Gebäude) gehalten werden. Hier sollen sie graben, herumhoppeln, rennen und spielen können. Das Gehege soll reichhaltig „möbliert“ sein, das heisst mit Nestboxen, gedeckter Futterstelle (mit Heuraufe sowie Wasser- und Futtergeschirr), erhöhten Flächen, Versteckmöglichkeiten, Stroheinstreu sowie mit frischen Zweigen zum Benagen ausgestattet sein.
Die Herstellung eines artgerechten und praktisch zu handhabenden Freiland-Geheges ist recht anspruchsvoll. Für zwei Kaninchen soll das Gehege mindestens 6 Quadratmeter gross sein, und es muss überdeckt und eingegraben sein, damit es ein- und ausbruchsicher ist. Ohne gute Sicherung graben sich die Kaninchen schnell ins Freie oder werden eine leichte Beute für Greifvögel, Marder, Katzen und Füchse. Anleitungen für den Gehegebau sowie Vorschläge für die „Möblierung“ und viele praktische Tipps zur artgerechten Kaninchenhaltung sind im Buch von Ruth Morgenegg zu finden.
Vermehrungsfreudige Tiere
Wichtig ist auch, sich frühzeitig mit der Geburtenregelung zu befassen; ein frühreifes Böcklein kann nämlich bereits im Alter von acht Wochen geschlechtsreif sein. Da Kaninchen bis zu zehn Junge aufs Mal werfen, wird das Gehege bald zu klein, und geeignete Plätze für den Nachwuchs sind schwierig zu finden.
Quelle: Artgerechte Haltung - ein Grundrecht auch für
(Zwerg-) Kaninchen, Ruth Morgenegg, KiK-Verlag, 2002, ISBN 3-906581-35-7,
Fr. 34.- (Bestelladresse: KiK-Verlag, Postfach, CH-8415 Berg am Irchel,
E-Mail: <email-pii>).
Weitere Informationen bei: Kaninchen-Beratungstelefon, Frau Ruth Morgenegg: 090057 52 31 (Fr. 2.13 pro Minute) oder beim Schweizer Tierschutz SIS, Dornacherstr. 101, CH-4008 Basel, E-Mail: <email-pii>, Tel. 061 365 99 99.
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