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Seit über 100 Jahren wird in Basel auf dem Areal der «alten Gasfabrik» im äusseren St. Johann-Quartier eine der bedeutendsten jüngerlatènezeitlichen Fundstellen der Schweiz archäologisch erforscht.
Seit dem Erstellen des ersten Gaskessels im Jahr 1860 für die neue Gasfabrikationsanlage, welche das Gas zur Beleuchtung der Stadt lieferte, hatten Arbeiter beim Tiefbau immer wieder auffällige Ansammlungen von Knochen beobachtet. Sie schenkten diesen aber keine weitere Beachtung oder hielten sie für Relikte einer alten Wasenmeisterei, in deren Umgebung man früher tote Tiere verscharrt hatte. Selbst ein menschliches Skelett in Hockerstellung, das 1907 bei Bauarbeiten zum Vorschein gekommen war, vermochte kein grösseres Aufsehen zu erregen. Als man im Mai 1911 im nördlichen Teil des Areals einen weiteren Gaskessel baute, stiessen die Arbeiter erneut auf mehrere in den Rheinschotter eingetiefte Gruben, deren lehmige Verfüllungen auffällig viel Asche sowie Knochen und Scherben enthielten. Diesmal meldeten sie die Beobachtung umgehend Karl Stehlin, dem Leiter der 1898 ins Leben gerufenen «Delegation für das alte Basel», die für die Bergung und Dokumentation von archäologischen Fundstücken zuständig war. Stehlin erkannte vor Ort rasch, wie wichtig die Entdeckung war. Die Gruben hielt er aufgrund der geborgenen Scherben zunächst für prähistorische Wohnstätten.
Als Stehlin im Laufe weiterer Untersuchungen herausfand, dass es sich bei der neuen Basler Fundstelle um eine keltische Siedlung handelte, erhöhte sich der Wert der Entdeckung nochmals. In den ersten Jahren nach der Entdeckung glaubte man, bei der Siedlung handle es sich um das auf einer römischen Strassenkarte des 3. Jahrhunderts n. Chr. verzeichnete Arialbinum. Doch wurde schnell klar, dass sich diese Annahme wissenschaftlich nicht beweisen liess. Da es keinen Hinweis auf den ursprünglichen Namen der Siedlung gibt, hat sie in Forschung und Literatur nach dem Ort ihrer Entdeckung den wenig poetischen Namen «Basel-Gasfabrik» erhalten.
Auch nach dem Fertigstellen des letzten grossen Gaskessels 1911 gingen die Bauarbeiten unvermindert weiter. Grund dafür war nun nicht mehr die Erweiterung der Gasfabrik, sondern die Konstruktion neuer Fabrikations- und Verwaltungsgebäude für die benachbarte Chemie-Industrie.
Zahlreiche Bauvorhaben im Bereich der jüngerlatènezeitlichen Siedlung, wie der Bau der Nordtangenten-Autobahn (1989–2004), das Projekt «Campus des Wissens» der Novartis AG (2001–2009), das die Umgestaltung des Firmenhauptsitzes zum Ziel hatte, und der Rückbau des Rheinhafens St. Johann (2009–2012) haben dazu geführt, dass während mehr als 20 Jahren ununterbrochen archäologische Rettungsgrabungen stattfanden. Bisher ist eine Fläche von mehr als 100 000 m² wissenschaftlich untersucht und dokumentiert worden. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird von der eisenzeitlichen Siedlung praktisch keine Originalsubstanz mehr im Boden vorhanden sein. Nur unter der Voltamatte bleibt noch ein grösserer intakter Bereich von ca. 11 000 m² übrig, der unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Weit über 1 Mio. geborgene Fundstücke und Tausende akribisch dokumentierte jüngerlatènezeitliche Baustrukturen und Gräber stellen einen riesigen Schatz an Informationen über die spätkeltische Zeit dar, den es während der kommenden Jahre wissenschaftlich zu untersuchen und auszuwerten gilt.