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Paul Grüninger hat als St. Galler Polizeihauptmann dafür gesorgt, dass 1938 zahlreiche österreichische Juden in die Schweiz einreisen konnten, obschon auf Befehl von Bundesbern die Grenzen ab Sommer 1938 geschlossen waren. Grüninger tat dies, indem er das Einreisedatum der Urkunden fälschte. Anfangs der 1990er Jahre erinnerte der Historiker Stefan Keller in der WOZ mit einer Artikelserie an den Beamten, der 1940 als Folge seiner Urkundenfälschungen entlassen und bis dahin nicht rehabilitiert worden war. 1997 drehte Richard Dindo über Paul Grüninger, dessen Rehabilitierung inzwischen gegen viel Widerstand durchgesetzt worden war, einen Dokumentarfilm, in dem er Zeitzeugen zu Wort kommen liess. Nun also hat Alain Gsponers einen Spielfilm über den Schweizer gedreht, dessen Namen und Taten dank Keller und Dindo in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind.
Die Titelrolle – die sich nicht unbedingt mit der Hauptrolle deckt – spielt Stefan Kurt. Seine Leistung ist deshalb so bemerkenswert, weil er der Versuchung widersteht, aus Grüninger einen Helden zu machen. Überzeugend zeigt er einen trockenen, völlig uncharismatischen Beamten, der nichts anderes tut, als an seinen Moralvorstellungen, über die er wahrscheinlich nie viel nachgedacht hat, festzuhalten. Rings um ihn herum verrückt die politische Schweiz jedoch ihre moralischen Massstäbe zusehends, sodass es Grüninger ist, der immer mehr ins Abseits gerät. Diese Problematik hätte ein durchaus überzeugendes, politisches Drehbuch abgeben können. Alain Gsponer und Drehbuchautor Bernd Lange entschieden sich jedoch für eine konventionellere Identifikationsdramaturgie. Sie stellen der historischen Persönlichkeit eine fiktive Figur an die Seite und staffieren diese mit dem Identifikationspotenzial aus, das Grüninger fehlt. Diese durchlebt im Film nun also die Wandlung, die bei der historischen Figur von Grüninger fehlt: Robert Frei, gespielt von Max Simonischek, erhält den Auftrag, den Gerüchten über die undichte Schweizer Ostgrenze nachzugehen und dem Bundesrat Bericht zu erstatten. Anders als Grüninger gerät er mitten in den Konflikt von Pflichterfüllung, Karrierezielen und der Erkenntnis, was die Schweizer Gesetze für die verzweifelten Juden an der Grenze bedeuten.
Grüninger erinnert uns daran, dass sowohl das Wissen als auch die Möglichkeit zum Handeln dagewesen wären. Indem Freis individuelle Problematik jedoch im Film diejenige von Grüninger überlagert, verschiebt sich die politische Dimension des Films von der Handlung hin zum Dialog, der sich stellenweise als direkter Kommentar zur heutigen Flüchtlingspolitik anhört. Das ist manchmal etwas papieren und lenkt ab von einem eigentlich gelungenen Werk.