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«Hier stellt sich der reine Mensch dar, welcher bei gewonnener grosser Bildung doch natürlich geblieben ist … wir sehen ihn aber im Konflikt mit der sozialen Welt, in der man ohne Verstellung und Flachheit nicht umgehen kann», schreibt Goethe über Molières «Menschenfeind» Alceste, der uns in Philippe Le Guays Film zeitweise als Serge Tanneur, gespielt von Fabrice Luchini, aber auch als Gauthier Valence, den Lambert Wilson gibt, entgegentritt. Le Guay nimmt die klassische Bühnenvorlage bei ihrem Witz und lässt den Akteuren genügend Möglichkeit, ins reale Leben auszuweichen.
Gauthier Valence soll Molières «Misanthrope» auf dem Theater inszenieren und sucht für die Rolle von Alcestes Freund Philinte seinen ehemaligen Kollegen Tanneur auf, der sich auf die Île de Ré in ein nicht gerade komfortables, aber charmantes Häuschen zurückgezogen hat, um den Übeln dieser Welt zu entgehen, die ihn depressiv gestimmt haben. Gauthier gibt vor, für sich und seine Freundin Christine ein Haus zu suchen, um dabei Serge langsam an den Gedanken zu gewöhnen, wieder auf der Bühne zu stehen. Als der aber erfährt, dass er für die Nebenrolle vorgesehen ist, lässt seine langsam gewonnene Sympathie für ein Comeback schlagartig nach. Erst als er Gauthier das Versprechen abnehmen kann, dass sie bei einer Zusammenarbeit regelmässig die Rollen tauschen würden, kann ihn dies zur weiteren Probenarbeit motivieren. Gauthier möchte wieder seriös Theater spielen, weil er ständig auf seine Rolle als Doktor Morange in der gleichnamigen TV-Serie angesprochen, ja fast mit dem Fernseharzt gleichgesetzt wird. Der Handlungsfaden des Films ergibt sich aus dem Wechselspiel der beiden Akteure. Durch einen Münzenwurf bestimmen sie, wer aktuell welche Rolle übernimmt. Die stilisierten Verse des 17. Jahrhunderts werden selbst auf dem Fahrrad rezitiert, wenn Serge und Gauthier die Insel durchqueren.
Die Rezitationsübungen werden immer wieder mit Hinweisen auf das soziale Geschehen unterbrochen. Die enormen Preise für alte abgewohnte Häuser sind ein Thema bei der vorgeblichen Suche eines Hauses, bei der die Figur eines Maklers eine impertinente Rolle spielt. Und da die Insel an der Westküste für ihr gesundes Klima bekannt ist, scheint Le Guay höllische Freude zu haben, seine Erzählung auch mit schlechtem Wetter zu garnieren.
«Le Misanthrope» wird nicht vordergründig aktualisiert, die Verse spiegeln menschliches Verhalten in einer gegenwärtigen Alltäglichkeit. Der Film ist letztlich auch so vergnügt zu goutieren, weil Le Guay keine Bildungsoffensive startet, sondern sich auf die Unbedarftheit im Kino und im Leben einlässt. Da wird die Nichte der Wirtin, bei der Gauthier ein Zimmer bewohnt, Célimènes Verse ergreifend rezitieren, obwohl sie doch so gerne in Pornofilmen reüssiert, die radelnden Mimen werden von einem Mopedfahrer in den Sumpf abgedrängt, was an den unbedarften Humor eines Louis de Funès erinnert. Gauthier sitzt im Whirlpool einer feudalen Villa, der sich plötzlich zu einem orkanartigen Schäumen verstärkt, das an Momente eines Horrorfilms denken lässt. Und Grossaufnahmen von Köpfen der Hauptakteure wirken wie die vertraglich festgelegten Staraufnahmen in alten Hollywoodfilmen.
Dass Serge und Gauthier eher Gegner als Freunde sind, wird durch die bestimmende Frau in der Handlung, durch die Italienerin Francesca offensichtlich, die ihr Haus verkaufen will. Sie greift in das Liebesleben der beiden Protagonisten ein. Nicht zuletzt ihr Verhalten wird Serge bestimmen, sich nicht mit der Abmachung zufrieden zu geben.