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2016 vereinten die reichsten acht Menschen der Welt so viel privates Nettovermögen wie die ärmere Hälfte der Menschheit und damit über 3,5 Milliarden Menschen. Wollten sie einen Ausflug machen, würden diese acht Glücklichen in einen Minivan passen. Drei Jahre zuvor hätte es noch 85 Milliardäre gebraucht, um jene Schwelle zu erreichen; da wäre ein Doppeldeckerbus vonnöten gewesen. Und vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2010, hätten ganze 388 Milliardäre ihre Vermögen zusammenlegen müssen, um mit der ärmeren Hälfte gleichzuziehen – so viele, wie in eine Boeing 777 passen.
Dieser Trend wird in jüngster Zeit mit wachsendem Unwohlsein beobachtet. 2013 erhob es Barack Obama – mit Blick auf die zunehmende Ungleichheit – zur «entscheidenden Herausforderung …, sicherzustellen, dass unsere Wirtschaft für jeden arbeitenden Amerikaner funktioniert». Zwei Jahre zuvor hatte der Investor und Multimilliardär Warren Buffett geklagt, dass er und seine «steinreichen Freunde» nicht genug Steuern zahlten. In den Vorwahlen der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl 2016 zog Bernie Sanders mit seiner unnachgiebigen Anklage der «Milliardärsklasse» grosse Menschenmengen an und trieb damit Millionen kleiner Spenden von seiner Basis ein. Selbst die chinesische Führung hat das Problem öffentlich anerkannt und unterstützte ein Gutachten darüber, wie man das gegenwärtige System der Einkommensverteilung reformieren könnte.
Die akademische Welt hat die Diskussion weiter angefacht. Der prominenteste Beitrag ist wohl Thomas Pikettys 700seitiger Wälzer «Das Kapital im 21. Jahrhundert», der es innerhalb von 18 Monaten nach Erscheinen an die Spitze der Hardcover-Bestsellerliste der «New York Times» schaffte – mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Doch auch andere schrieben über Gründe und Folgen der Ungleichheit, etwa Branko Milanovic, Peter H. Lindert, Jeffrey G. Williamson oder James K. Galbraith. Was fehlt, ist eine tiefenhistorische Betrachtung, die bis zur Altsteinzeit zurückreichen müsste. Bei allen methodischen Schwierigkeiten würde eine solche Untersuchung eine unbequeme, aber klare Einsicht eröffnen: Gute Absichten und politische Massnahmen beiseite – enorme Ungleichheit wurde nie auf anderem Wege nivelliert als von Gewalt und Aufruhr.
Ungleichheit wird nicht allein von Multimilliardären verursacht
Das reichste Perzentil aller Haushalte auf der Welt vereint gut die Hälfte des globalen Nettovermögens. Bezöge man die Vermögenswerte mit ein, die manch einer dieser Haushalte in Offshore-Konten versteckt, sähe die Verteilungskurve noch extremer aus. Dieses Missverhältnis gründet nicht einfach in den enormen Einkommensunterschieden zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Ähnliche Ungleichgewichte gibt es innerhalb von Gesellschaften. Die reichsten 20 Amerikaner besitzen gegenwärtig so viel wie die untere Hälfte aller US-Haushalte zusammengenommen, und das oberste Perzentil aller Einkommen macht ein Fünftel des gesamten Nationaleinkommens aus. Über die letzten Jahrzehnte wuchs die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa, der ehemaligen Sowjetunion, China, Indien und andernorts. Und wer hat, dem wird gegeben werden. In den USA vergrösserte das oberste Perzentil des obersten Perzentils (sprich jene in der Einkommensgruppe der obersten 0,01 Prozent) seinen Anteil auf fast das Sechsfache des Standes der 1970er Jahre – und das, während das oberste Zehntel jener Gruppe (die obersten 0,1 Prozent) seinen Anteil vervierfachte. Der Rest erzielte im Durchschnitt einen Zuwachs von etwa drei Vierteln – nicht zu verachten, aber nichts im Vergleich zu den obersten Rängen.
Die Rede von den «1 Prozent» mag eine griffige Formulierung sein, doch lässt sich dahinter prima verbergen, in welchem Masse der Wohlstand sich auf noch weit weniger Menschen verteilt. In den 1850er Jahren prägte der Autor Nathaniel Parker Willis den Begriff der «oberen Zehntausend» für die High Society von New York. Eine Variante wäre nun hilfreich, «das obere Zehntausendstel», um denen gerecht zu werden, die zur wachsenden Ungleichheit am meisten beitragen. Und selbst in dieser exklusiven Gruppe sind es jene an der Spitze, die sich deutlich von allen anderen absetzen. Das grösste Vermögen in den USA beläuft sich derzeit auf das Einmillionenfache des durchschnittlichen Haushaltsjahreseinkommens. Das ist zwanzigmal mehr als noch 1982. Und bei alledem liegen die USA womöglich noch hinter China, wo, wie es heisst, heute die meisten Dollarmilliardäre leben, ungeachtet des weit geringeren nominellen BIP.
Sind die Reichen also schlicht immer reicher geworden? Nicht ganz. Bei all der oft beklagten Raubgier der «Milliardärsklasse» oder, weiter gefasst, der «1 Prozent» haben die obersten Einkommensanteile erst kürzlich mit dem Niveau von etwa 1929 gleichgezogen. Vermögenswerte sind zudem heute weniger stark konzentriert als damals. In England am Vorabend des Ersten Weltkriegs entfielen schwindelerregende 92 Prozent alles Privatvermögens auf die reichsten zehn Prozent der Haushalte. Heute beträgt ihr Anteil nur noch knapp die Hälfte.
Doch der Stammbaum der Ungleichheit reicht weiter zurück. Vor 2000 Jahren im alten Rom entsprachen die grössten Vermögen dem 1,5-Millionen-Fachen des durchschnittlichen Pro-Kopf-BIP im Kaiserreich – dem entspräche heute in etwa das Verhältnis von Bill Gates zum Durchschnittsamerikaner. Nach allem, was wir wissen, lag allgemein die Einkommensungleichheit im alten Rom auf ähnlichem Niveau wie heute in den USA. Und doch waren um 600 n. Chr. – zur Zeit Papst Gregors des Grossen – die Latifundien verschwunden, und was vom römischen Adel übrig war, hing am Tropf päpstlicher Zuwendungen.
Zu mancher Zeit – wie etwa in diesem Beispiel – nahm die Ungleichheit ab, da zwar viele Menschen ärmer wurden, die Reichen aber schlicht mehr zu verlieren hatten. In anderen Fällen wuchs der Wohlstand der Arbeiter, während die Kapitalrenditen fielen. Ein berühmtes Beispiel ist Westeuropa nach den Pestepidemien des Mittelalters. Damals verdoppelten oder verdreifachten sich die Reallöhne, und Arbeiter taten sich an Fleisch und Bier gütlich, während die Feudalherren Mühe hatten, wenigstens den Anschein von Wohlstand zu wahren. Bevor wir nun aber fortfahren, müssen wir eine grundlegende Frage klären: Was spielt das alles überhaupt für eine Rolle?
Armut
Der Princeton-Philosoph Harry Frankfurt eröffnet seine Schrift «Über Ungleichheit» mit der Zurückweisung einer Einschätzung von Barack Obama: «Unsere fundamentalste Herausforderung liegt nicht darin, dass die Einkommen der US-Bürger enorm ungleich sind, sondern vielmehr darin, dass viel zu viele Menschen in den USA arm sind.» Keine Frage, Armut ist relativ: Wer in den USA als arm gilt, kann in Zentralafrika durchaus als reich angesehen werden. Mancherorts ist Armut gar als Funktion von Ungleichheit definiert. In Grossbritannien etwa ist die offizielle Armutsgrenze als Quotient des Medianeinkommens festgelegt. Allerdings sind absolute Standards gebräuchlicher, etwa die von der Weltbank definierte Schwelle von 1.90 Dollar (Kaufkraft von 2011), mit dem US-Warenkorb als Referenz. Nach welcher Definition auch immer: dass Armut ein Übel ist, würde niemand bestreiten. Die Herausforderung liegt darin, aufzuzeigen, dass es vor allem die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist, die negative Effekte auf unser Leben hat, und weniger die Armut oder die riesigen Vermögen, mit denen Ungleichheit in Verbindung gebracht wird.
Der nüchternste Ansatz fokussiert auf den Effekt von Ungleichheit auf das Wirtschaftswachstum. Etliche Studien sehen eine Verbindung zwischen einem höheren Grad von Ungleichheit und niedrigeren Wachstumsraten. So fand man beispielsweise heraus, dass geringere Ungleichheit hinsichtlich des verfügbaren Einkommens nicht nur zu schnellerem Wachstum, sondern darüber hinaus zu längeren Wachstumsphasen führt. Besonders schädlich scheint sich Ungleichheit auf das Wachstum in entwickelten Ökonomien auszuwirken. Einiges spricht sogar dafür, dass die extreme Ungleichheit zwischen US-Haushalten zur Kreditblase und damit zur Grossen Rezession von 2008 beigetragen hat, insofern Haushalte mit niedrigem Einkommen sich auf leicht verfügbare Kredite – teils ermöglicht durch die Vermögenskonzentration an der Spitze – stürzten, um mit dem Konsumverhalten wohlhabenderer Schichten Schritt zu halten. Ist die Kreditvergabe jedoch strenger geregelt, gereicht Ungleichheit solchen Gruppen mit niedrigerem Einkommen zum Nachteil, insofern sie ihnen den Zugang zu Krediten erschwert.
In entwickelten Ländern scheint es überdies eine Verbindung zwischen höheren Graden von Ungleichheit und geringerer wirtschaftlicher (Alternative: intergenerationeller) Mobilität über Generationen hinweg zu geben. Da elterliches Einkommen und Vermögen starke Indikatoren für Bildungsniveau und eigenes Einkommen sind, neigt Ungleichheit dazu, sich über die Zeit fortzupflanzen – und das umso stärker, je höher sie ist. Ein verwandtes Problem stellt die Wohnsegregation nach Einkommen dar, die ebenfalls zu wachsender Ungleichheit beiträgt. In den Ballungsräumen der USA hat die steigende Einwohnerzahl in Gebieten mit hohem bzw. niedrigem Einkommen gepaart mit einer Schrumpfung in Gebieten mit mittleren Einkommen seit den 1970er Jahren zu wachsender Polarisierung geführt. Insbesondere sind gutsituierte Wohngegenden heute stärker isoliert – eine Entwicklung, die mit einiger Wahrscheinlichkeit die Konzentration von Ressourcen beschleunigt, etwa von lokal finanzierter öffentlicher Versorgung, was wiederum die Lebenschancen von Kindern beeinträchtigt und generationenübergreifende Mobilität hemmt.
In Entwicklungsländern erhöhen zumindest manche Arten von Einkommensungleichheit die Wahrscheinlichkeit innerer Konflikte – bis hin zum Bürgerkrieg. Gesellschaften mit hohem Einkommen haben es mit nicht ganz so extremen, aber immer noch schweren Folgen zu tun. In den USA wirkt sich nach Meinung vieler die Ungleichheit auf den politischen Prozess aus, insofern sie es wohlhabenderen Schichten leichter macht, Einfluss auszuüben. Allerdings könnte man hier einwenden, dass es womöglich eher die Existenz riesiger Vermögen ist und weniger die Ungleichheit als solche, die dafür verantwortlich ist. Einige Studien sehen eine Korrelation zwischen hohen Graden von Ungleichheit und niedrigerer (selbsteingeschätzter) Lebenszufriedenheit.
Schwere Bedenken
Unstrittig scheint, dass die schwellenden Gezeiten der Ungleichheit gewichtige Sorgen aufwerfen. Doch mangelt es vielen der vorgeschlagenen Gegenmassnahmen an Geschichtsbewusstsein. Ungleichheit ist historisch entweder fast immer angestiegen oder hat mehr oder weniger stagniert. Nennenswerte Rückentwicklungen finden sich kaum. Dieses Muster lässt sich bis zur letzten Eiszeit zurückverfolgen; manche Angehörige der damaligen Jäger-und-Sammler-Kulturen wurden damals weit opulenter bestattet als andere.
Doch erst die Nahrungsmittelproduktion im darauffolgenden Holozän – Ackerbau und Viehzucht – schuf Wohlstand in einer ganz anderen, nie dagewesenen Grössenordnung – und damit wachsende und hartnäckige Ungleichheit. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren ermöglichte es, produktive Ressourcen anzuhäufen und zu konservieren. Soziale Normen kamen auf, die die Rechte an solcherlei Vermögenswerten regelten, etwa die Möglichkeit, sie an nachfolgende Generationen zu vererben. Unter diesen Bedingungen wuchs einer Reihe Faktoren die Funktion zu, die Verteilung von Einkommen und Vermögen zu bestimmen: Gesundheit, Ehestrategien, Fortpflanzungserfolg, Verbrauchs- und Investitionsentscheidungen, Rekordernten und Heuschreckenplagen oder Rinderpest entschieden über die Vermögensentwicklung von einer Generation zur nächsten. Die akkumulierten Folgen von Zufall und Anstrengung beförderten langfristig ungleiche Ergebnisse.
Die Domestizierung von Nahrungsquellen ging einher mit der Domestizierung des Menschen. Die Bildung von Staaten als einer stark wettbewerbsorientierten Organisationsform etablierte steile Hierarchien, befestigt durch Macht und Zwang, die den Zugang zu Einkommen und Vermögen verzerrten. Politische Ungleichheit wirkte rückverstärkend und verschärfend auf die wirtschaftliche Ungleichheit. Über die längste Zeit während der Agrarepoche bereicherte der Staat einige wenige auf Kosten der Massen. Gewinne aus Löhnen oder Entschädigungen für gemeinschaftsdienliche Arbeiten nahmen sich oft winzig aus neben solchen aus Korruption, Erpressung und Plünderung. Als dann wohlwollendere Institutionen eine nachhaltigere wirtschaftliche Entwicklung beförderten – vor allem im aufstrebenden Westen –, trugen sie weiterhin zur Aufrechterhaltung hochgradiger Ungleichheit bei. Urbanisierung, Kommerzialisierung, Innovationen auf dem Finanzsektor, zunehmend globaler Handel und nicht zuletzt die Industrialisierung erzeugten gewaltige Renditen für Kapitaleigner. Während Einkünfte aus dem Einsatz schierer Macht sanken und sich die Eliten nicht länger solcherart bereichern konnten, bewirkten effektivere Eigentumsrechte und staatliche Massnahmen einen verstärkten Schutz privater, erblicher Vermögen. Wirtschaftliche Strukturen, gesellschaftliche Normen und politische Systeme wandelten sich weiter, doch die Einkommens- und die Vermögensungleichheit blieben hoch oder wuchsen entlang neuer Pfade.
Über eine weite Spanne von Gesellschaften und Entwicklungsstadien hinweg korrelierte Stabilität mit wirtschaftlicher Ungleichheit. Das galt im Ägypten der Pharaonen genauso wie im viktorianischen England oder in den USA.
Die vier apokalyptischen Reiter der Nivellierung
Lediglich gravierende Brüche waren in der Lage, die Tendenz zur Ungleichheit umzukehren und die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Historisch folgten die mächtigsten Nivellierungen stets aus katastrophalen Ereignissen. Diese lassen sich in vier Arten teilen: grosse Kriege, revolutionäre Umwälzungen, Kollaps von Staaten und tödliche Pandemien – die vier apokalyptischen Reiter der Nivellierung sozusagen.
Wie ihre biblischen Pendants kamen sie, «der Erde den Frieden zu nehmen» und «zu töten durch das Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde». Mal einzeln, mal im Zusammenspiel führten sie Umbrüche herbei, die die Menschen kaum anders als apokalyptisch anmuten konnten. Und wenn sich nach einer solchen Katastrophe der Staub zu legen begann, war der Abstand zwischen Fürst und Bettler teils drastisch geschrumpft.
Damit Krieg Ungleichheiten von Einkommen und Vermögen nivellieren konnte, war es nötig, dass Menschen und Ressourcen in einer Grössenordnung mobilisiert wurden, die erst in modernen Nationalstaaten möglich wurde. Das erklärt, warum die beiden Weltkriege zu den grössten Gleichmachern der Geschichte zählen. Die physische Zerstörung infolge industrieller Kriegsführung, steuerlicher Konfiszierungen, wirtschaftlicher Interventionen von Regierungen, Inflation oder Unterbrechung der weltweiten Waren- und Kapitalströme vernichtete in Kombination mit anderen Faktoren die Vermögen der Elite und führte zu einer Neuverteilung der Ressourcen. Zudem wirkte sie als mächtiger Katalysator für politischen Wandel – mit ausgleichendem Effekt: mehr Bürgerrechte, Stärkung von Gewerkschaften und Ausdehnung des Sozialstaates. Die Katastrophen der Weltkriege führten zur sogenannten «Grossen Kompression», zur Abschwächung der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen überall in den entwickelten Ländern. Deren Schwerpunkt lag zwischen 1914 und 1945, doch brauchte sie noch mehrere Jahrzehnte, um sich ganz zu entfalten.
Aus den Weltkriegen erwuchs die zweite bedeutende nivellierende Kraft – die der revolutionären Umwälzungen. Innere Konflikte führten historisch selten zu einer Verringerung von Ungleichheit: Bauernaufstände oder Erhebungen in den Städten waren in der vormodernen Geschichte an der Tagesordnung, scheiterten jedoch meist. Und Bürgerkriege in entwickelten Ländern führten meist eher zu einer Verschärfung der Ungleichheit als zu deren Reduzierung. Eine gewaltsame gesellschaftliche Neuordnung muss schon von aussergewöhnlicher Intensität sein, dass sie den Zugang zu materiellen Ressourcen wirklich neu verteilt. Ebenso wie der totale Krieg waren solche Katastrophen ein Phänomen vor allem des 20. Jahrhunderts. Die Enteignungs- und Umverteilungsmassnahmen kommunistischer Regime etwa nivellierten Ungleichheit in gewaltigem Ausmass. Die radikalsten dieser Umwälzungen – darunter Stalins Sowjetunion, Maos Revolution in China und der Sturz der kambodschanischen Regierung durch die Roten Khmer – waren von massiver Gewalt begleitet. Sie forderten kaum weniger Menschenleben und brachten kaum weniger Leid über die Völker als die Weltkriege. Weit unblutigere Ereignisse wie etwa die Französische Revolution führten zu einer Nivellierung entsprechend geringeren Ausmasses.
Gewalt kann Staaten auch ganz zerstören. Staats- oder Systemkollaps führten früher sehr verlässlich zu Umverteilung. Fast immer in der Geschichte befanden sich die Reichen an oder nahe der Spitze der politischen Hierarchie oder unterhielten Verbindungen zu solchen, die sich dort befanden. Darüber hinaus garantierten Staaten ein gewisses – wenn auch im Vergleich zu heute eher bescheidenes – Mass an Schutz für wirtschaftliche Aktivitäten jenseits des Subsistenzniveaus. Wo Staaten zerfielen, gerieten diese Positionen, Verbindungen und Garantien unter Druck oder erloschen ganz. Obwohl von solchen Entwicklungen die Gesellschaft als Ganzes betroffen war und niemand ungeschoren davonkam, hatten die Reichen schlicht am meisten zu verlieren. Einbussen an bzw. Verlust von Einkommen und Vermögen der Elite wirkte sich nivellierend auf die Gesamtverteilung von Ressourcen aus. So geht es, seit es Staaten gibt. Die frühesten Beispiele, von denen wir Kenntnis haben, datieren vom Ende des Alten Reiches in Ägypten und des Reiches von Akkad in Mesopotamien vor etwa 4000 Jahren. Noch heute deuten die Entwicklungen in Somalia darauf hin, dass jene einst so mächtige nivellierende Kraft durchaus nicht für immer der Vergangenheit angehört.
Die menschengemachte Gewalt der ersten drei Reiter ist entsetzlich. Doch lange stand sie in Konkurrenz mit der Natur selbst. Pest, Pocken und Masern suchten ganze Kontinente mit grösserer Vernichtungskraft heim als die grössten Armeen und glühendsten Revolutionäre. In Agrargesellschaften wurde durch die Vernichtung grosser Teile der Bevölkerung infolge von Epidemien – oft gingen mehr als ein Drittel zugrunde – Arbeitskraft knapp und dadurch teuer, jedenfalls in Relation zu festen Vermögenswerten und anderem nicht menschlichem Kapital, das in der Regel intakt blieb. In der Folge profitierten die Arbeiter, während die Landeigner Verluste machten, da die Reallöhne stiegen und die Renditen sanken.
Wo aber kommen Landreformen, Demokratie, Bildung und technologischer Fortschritt ins Spiel? Keiner dieser Faktoren führt verlässlich zu einer Verringerung von Ungleichheit. Tatsächlich lässt sich zeigen, dass sie sogar zu deren Vergrösserung beitragen. Es gibt kein Arsenal gutartiger Nivellierungsinstrumente, das je auch nur annähernd Grade von Umverteilung bewirkt hätte, wie sie die vier Reiter mit sich bringen.
Doch Katastrophen gehen vorüber. Wo Staaten zerfielen, traten früher oder später andere an ihre Stelle. Wo Epidemien nachliessen, kehrte sich der Bevölkerungsschwung um und der neuerliche Zuwachs stellte allmählich das alte Gleichgewicht zwischen Arbeitskräften und Kapital wieder her. Die Weltkriege waren vergleichsweise kurz und ihre Nachwirkungen sind mit der Zeit verblasst. Spitzensteuersätze und die gewerkschaftliche Organisationsdichte sind niedrig, der Globalisierungsgrad ist hoch, der Kommunismus ist passé, der Kalte Krieg ist vorüber und die Gefahr eines dritten Weltkrieges zurückgegangen. All dies macht es leichter, das gegenwärtige Comeback hoher Ungleichheit zu verstehen. Die traditionellen gewaltsamen Gleichmacher schlafen tief und fest und die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass sie in unmittelbarer Zukunft erwachen. Und bislang sind keine ähnlich mächtigen alternativen Nivellierungsmechanismen an ihre Stelle getreten.
Sind wir also jenen entmutigenden historischen Mustern hilflos ausgeliefert – unfähig, sie zu durchbrechen? Müssen wir uns mit der Wirkungslosigkeit selbst unsrer bestgemeinten Anstrengungen und der Unvermeidbarkeit weiter zunehmender Ungleichheit abfinden, während wir der nächsten Wiederkehr der vier Reiter – in welcher Gestalt auch immer – entgegensehen?
Durchaus möglich. Doch die Zukunft lässt sich nicht aus der Vergangenheit ableiten. Es gibt immer noch die Hoffnung, dass ein Eingeständnis unserer Lage genügt, jenen mächtigen historischen Trends zu entkommen und dem Rad der Geschichte einen Stock der Vernunft zwischen die Speichen zu schieben.