Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/3320

Wichtiger Hinweis:
Diese Website wird nur mit den aktuellen Browsern korrekt dargestellt. Wenn Sie diese Website regelmässig benutzen, empfehlen wir Ihnen, auf Ihrem Computer einen aktuellen Browser, z.B Firefox zu installieren.
Important Note:
The content in this site is accessible only to new browsers To get the most out of our site we suggest you upgrade to the latest Firefox.
Das ETH-Signet war auf der schweizerischen Landesausstellung 1939 an vielen Stellen zu sehen. Hans Erni hatte es sogar auf dem riesigen im Montageprinzip gemalten Wandbild des Tourismuspavillons untergebracht.

Der Künstler und Graphiker Hans Erni wurde Ende 1937 von der Schweizerischen Zentrale für Verkehrsförderung, zu der sich die Generaldirektionen der SBB und PTT sowie das damalige Eidgenössische Amt für Verkehr zusammengeschlossen hatten, beauftragt, die Rückwand des für die Landesausstellung 1939 geplanten Tourismuspavillons zu bemalen. Das Auftragsthema lautete: "Die Schweiz - Ferienland der Völker" und die zu gestaltende Fläche betrug 6,5x110 m (von Moos 1994).

Nicht nur der Auftrag - und damit die eng mit Tourismuswerbung verbundene Plakatgraphik - auch das Medium 'Wandbild' bestimmte die Umsetzung des Themas mit. Wandbilder waren in den 1930er-Jahren unter Kubisten und Fauvisten in Paris en vogue. Fernand Léger plädierte in Artikeln und Vorträgen für eine soziale, sowohl volksnahe wie kollektiv gefertigte Kunst; die Fassadenmalerei schien ihm für eine neue Öffentlichkeit der Kunst und als künstlerischer Ausdruck gesellschaftlichen Engagements ideal. Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurden allein 33 Wandbildprojekte zur Ausgestaltung des Wissenschaftspavillons "Palais de la Découverte" vergeben. Fernand Léger, Le Corbusier und Raoul Dufy lieferten für die Ausstellung, die auch der Eisenbahn und Luftfahrt je eigene Pavillons widmete, riesige Szenarien der modernen Technokultur. Schliesslich konnte an eine weitere Tradition angeschlossen werden: das Schweiz- und Alpensujet hatte seinen festen Platz bereits in der Panoramamalerei des 19. Jahrhunderts.
Um eine Gebäudewand in diesen Dimensionen zu bemalen, ist ein weites Feld von Assoziationen nötig, die zugleich kontrolliert, das heisst zusammengefügt und festgeschrieben, werden müssen. Tourismus und Schweizer Kultur: Eingedenk der Auftraggeber und des Veranstaltungsanlasses war es nahe liegend, sich ein Panorama der schweizerischen Modernisierung vorzunehmen. Die Planungen zur LA 39, der Landesausstellung in Zürich, nahmen seit 1936 bereits vorweg, wozu Philipp Etters "Kulturbotschaft" Ende 1938 aufrief. Bildende und angewandte Kunst sollten sich in den Dienst der "schweizerischen Kulturwahrung und Kulturwerbung" stellen und demonstrieren, dass "wir nicht nur ein Land der Industrie, des Handels und des Fremdenverkehrs sind, dass die Schweiz vielmehr auch ein Land ist von hoher Kultur, von alter, bodenständiger und eigenartiger Zivilisation" (Bundesblatt 1938 II, 1011).
Die didaktische Bebilderung gesellschaftsgeschichtlicher Dynamiken war damit vorgegeben. Ernis Freund, der marxistische Kunstwissenschaftler Konrad Farner, entwickelte ein Bildkonzept, das das 110 m lange Band in zehn Tafeln aufteilte. Farner erläuterte in einem Brief an Erni:
"die 10 bilder sind als eine art längenprofil zu betrachten, die in ihrer folge nicht nur historisch bedingt sind, sondern auch in ihrem aufbau ein logisches ganzes bilden: von der gegebenheit der reinen natursituation aus über das staatliche, wirtschaftliche handeln bis zu gegenwart mit dem ausblick einer neuen synthesis von mensch und natur."
Erni und Farner zeichneten im Wechsel der Jahreszeiten ein "Idealbild der Schweiz" (von Moos 1994, 218), eine aus Technik-, Natur- und Folkloremotiven montierte Freizeitlandschaft. Rituale und
Insignien der politischen, religiösen und bäuerlichen Festkultur wie Landsgemeinden,
Trachtengruppen, kirchliche Prozessionen und Fasnachtsfiguren wechseln sich mit
den Ikonen der schweizerischen Technik ab: Turbinen, Eisenbahnbrücken, dem stromlinienförmigen
Automobil des Ingenieurs Paul Jaray und Swissair-Flugzeugen. Bildungsgeschichtliche
Motive wie Philosophieschulen der Antike, das Barockkloster Einsiedeln oder
Volksschulklassenzimmer werden durch Sportszenen ergänzt. Jene umfassen ein
breites Spektrum und reichen von den eleganten Oberschichtsportarten Tennis und
Golf über die lebensreformerisch geprägte Gymnastik bis zum traditionellen
Eislauf oder dem Schwingen. Die verschiedenen Landschaften und Regionen der
Schweiz, in die die Motive eingebettet sind, verdichten sich
auf dem Wandbild zu einer Kulisse, die an heutige Disney-Parks erinnert.
Der Gesellschaftsentwurf hatte seine eigenen Protagonisten. Der "schweizerische techniker und ingenieur" gesellte sich zum "schweiz. hotelier" und "schweizerischen bergführer": Die drei Avantgardisten der Landschaftserschliessung fanden auf einer Notizseite des Farnerschen Bildprogramms zusammen und standen damit für die friedliche volkswirtschaftliche Koexistenz des landwirtschaftlichen, industriellen und dienstleistenden Sektors.
"Überzeugen und belehren soll unsere LA, zum Denken und Suchen soll sie anreizen", so umschrieb der Ausstellungsdirektor Armin Meili 1936 die anvisierte mediale Strategie. Dem Besucher war eine Mitarbeiterrolle zugedacht (Gimmi 2002, 163). Ernis Wandbild reizte zum Suchen und wer bei soviel Spitzentechnik vermutete, dass auch das "Poly" nicht weit sein könne, entdeckte im hinteren Drittel zwischen Pestalozzi und einem Kristallstrukturmodell sein Logo. Wie ein
Mobile hängen die drei Buchstaben, zum Teil auf in den Raum gedrehte Karten
gestanzt, im Bild. Die letzte Karte könnte auch eine Tür sein, die sich ins
Unbekannte öffnet.
In Farners Bildprogramm ist die ETH mehrfach erwähnt. So nimmt die übergreifende Idee der achten Tafel einen Topos auf, der im Begründungsumfeld der Zürcher technischen Hochschule seinen festen Platz hat: "der kleine raum und die karge natur" zwängen die Schweizer zur Erfindung und Forschung. Konsequent findet sich bei Farner das ETH-Logo unter dem "15. querschnitt: E. T. H. die europ. hochschule für ingenieurwesen" sowie unter "landschaft: die stadt zürich im 19. jahrhundert … eidg. technische hochschule". Auf der neunten Tafel taucht die technische Hochschule noch einmal unter dem "19. querschnitt: elektrochemisches zeitalter, schienenauto, forschungslaboratorien (ciba, e.t.h.)" auf (Zentralbibliothek, Handschriften, Nachlass Konrad Farner 54, 3, Entwurf zum Landibild, Blätter VIII und IX).
Auf dem Wandbild kommen in vermeintlich "naturalistischer kausalität" (Farner) nur die positiv modernisierenden Seiten der Industrialisierung zur Darstellung. Dies ist für die identitätspolitische Funktion, die der LA 39 im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung zukam, ebenso bezeichnend wie für das politische Selbstverständnis Farners. Seine programmatischen Stichworte, von Erni in grossen Teilen übernommen und ausgemalt, legen Zeugnis ab von den in der Regel äusserst kurzzeitigen, aber häufigen Allianzen zwischen nationalistischem (Landi)Geist und linkssozialistischen Positionen, wie sie in Europa bis in die späten 1930er-Jahre möglich waren. Wissenschaftlich-technische Artefakte und weithin geteilte technikutopistische Reden stellten die verbindenden Elemente zur Verfügung. Sie entstammten einer zukunftsgerichteten Vorstellungswelt, die für die Schweiz in drei Buchstaben aufgerufen werden konnte: "E. T. H.". Das Kürzel der Eidgenössischen Technischen Hochschule war in jener Zeit ein national verständliches Symbol, das die gesellschaftlichen Zukunftshoffnungen exemplarisch bündelte.
Andrea Westermann