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KinoVelo
Hintergründe, Beispiele
1895 bereisten die Gebrüder Lumière, Pioniere der Filmgeschichte, mit ihrem “Réversible” die grossen Städte der Welt. Der Cinématograph ermöglichte sowohl die Wiedergabe sowie die Aufnahme von bewegten Bildern oder “lebender Fotografie”. So waren die ersten Kinos zu vergleichen mit einem Zirkus oder Wandertheater.
In den 1970er Jahren unternahmen der Theaterregisseur Peter Brook und 11 Schauspieler aus verschiedensten Ländern eine dreimonatige Reise durch Afrika. Es war ein Experiment, durch das er eine neue Theatersprache finden wollte: Ein universelles Theater, unabhängig von Sprache, Kultur oder Klasse. Wie kann einem kulturell völlig fremden Publikum eine Geschichte verständlich kommuniziert werden? Um sich von alten, klassischen Mustern zu lösen brauchte es diese geographische und persönliche Distanz zum gewohnten Theater. Von Ort zu Ort erabeitete die Theatergruppe neue Stücke, um sie auf einem Marktplatz vorzuspielen. Die Reaktionen des Publikums wurden dabei für die jeweils nächste Aufführung eingearbeitet. – Die Theatersafari war ein Suche und eine Forschungsreise. Sie lehrte alle Beteiligten, das Theater neu zu entdecken, schuf ein neues Theatererlebnis, das ohne diese ‘befremdende’ Reise unmöglich zustande kommen konnte.
KinoVelo
Wie der Name schon sagt ist das KinoVelo ein kleines Kino, das mit einem Fahrrad transportiert und betrieben werden kann. Ein aufgebocktes Fahrrad treibt einen speziell konzipierten Dynamo an und produziert den Strom für Beamer und Ton. Es soll so, wie das Konzept “Réversible” auch funktionierte, Aufnahmen und Schnitt vor Ort ermöglichen, um fortlaufend neue Filme produzieren zu können. So entsteht ein Band von
Geschichten. – Das KinoVelo soll kein grosses Publikum unterhalten, wie es das traditionelle Kino oder eine Oper machen. Das KinoVelo ist ein Fahrrad, es ist für die Strasse gedacht, auf der es sich fortbewegt, es unterhält das Strassenpublikum wie ein Strassenmusiker. Es nimmt die Geschichten vor Ort auf, bezieht sein jeweiliges Publikum als Produzenten mit ein und ist damit ein kleines, sich immer wieder veränderndes, interaktives, nomadisches Spektakel.
Etappenbeispiel
Die Reise mit dem KinoVelo beginnt mit einem Video, das an einem Ausgangsort (in Vorbereitung: Paris) gedreht wird, idealerweise mit einem Mitfahrer, zum Beispiel einem Strassenkünstler. An der folgenden Station angekommen, wird dieses Video mit dem KinoVelo aufgeführt. Durch die Inputs, Anregungen, neuen Geschichten des Publikums verändert sich das Video und das KinoVelo fährt mit dieser neuen (Video-)Geschichte weiter. Während der Reise können sich neue Mitfahrende und TeilnehmerInnen anschliessen.
Absicht
Das KinoVelo will, wie die Theatersafari, neue Lebenswelten aufsuchen, um neue Formen des Erzählens und der kreativen Zusammenarbeit zu erforschen. Auf einer zwei- bis dreimonatigen Reise, die im Frühjahr 2013 startet, soll eine Karawane entstehen, die durch fremde Kulturen und Gemeinschaften wandert, um die eigene Herkunft vielleicht besser zu verstehen, sie neu sehen zu können. – Am Ende steht eine Geschichte, ein Videodokument, das von dieser Erfahrung berichtet und sie evaluiert.
Jahresthema Jetzt Gemeinschaft – es kann nur alle geben
Aus diesem Kontext bezieht das KinoVelo neue Ansätze und Fragen wie: Was verstehen wir unter Gemeinschaft? Ist sie eine ‘feste’, unveränderliche Grösse? Oder nicht eher etwas, das sich immer wieder erneuert, verändert, neu verhandelt und erzählt werden muss? Durch seine Mobilität kann das KinoVelo nicht nur verschiedene Gemeinschaften erreichen, sondern diese erweitern und verändern, indem es als ein Kommunikationsmittel zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften funktioniert.
Wie es weitergeht
In den nächsten Projektstufen werden die Reisedetails erarbeitet, die sich vor allem um die gemeinschaftsbildenden Voraussetzungen und Bedingungen drehen: Wie kann das KinoVelo zu einer Gruppe wachsen? Welche Kreativkonzepte könnten dem Projekt dienen? Wie wird das Publikum vor Ort erreicht? Wie werden Inputs aufgenommen? Welchen thematischen ‘Kern’ hat das Ausgangsvideo? Soll es überhaupt einen solchen ‘Kern’ haben? …
Themen
Nomadismus, Interaktivität, Spektakel, Gemeinschaft, Dokumentation, Leidenschaft
Nachbemerkung
Der Titel KinoVelo wurde von mir bereits im vergangenen Jahr verwendet und das für das Diplom 2013 vorgesehene Projekt trägt nun denselben Titel. Der Grund: Es gibt einfach keinen besseren. Während jedoch bisher die technischen Voraussetzungen eines solchen Unternehmens bearbeitet wurden, stehen hier Konzept, Inhalt und Produkt einer Reise im Vordergrund. Das entspricht einer üblichen Praxis, wonach während eines Studiums sich Schwerpunkte herausbilden, die dann im Diplom zusammenkommen, was auch hier der Fall ist.