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Die erneuerbaren Energien könnten Europa bis 2050 zur Klimaneutralität verhelfen. Doch die komplizierten Bewilligungsverfahren und Bürgerproteste behindern die Entwicklung. Das sagt Antoine Millioud, CEO von aventron, im Interview.
Erneuerbare Energien könnten Europa bis 2050 zur Klimaneutralität verhelfen. Doch die komplizierten Bewilligungsverfahren und Bürgerproteste behindern die Entwicklung. Das sagt Antoine Millioud, CEO von aventron, im Interview.
Herr Millioud, seit wann sind erneuerbare Energieneigentlich bekannt?
Wind- und Wasserkraft wurden bereits vor mehreren tausend Jahren genutzt. Die Photovoltaik wurde aber erst im 20. Jahrhundert entwickelt.
Warum wurde denn auf die erneuerbaren Energien zurückgegriffen?
Dies war eine Reaktion auf den Erdölschock der 1970er-Jahre. Da wurde man sich erstmals bewusst, wie stark unsere Gesellschaft von den fossilen Energieträgern abhängig war.
Und dann ging es einfach los mit den erneuerbare Energien?
Wir müssen die Entwicklung etwas differenzierter betrachten. Die Grosswasserkraft war in Europa und vor allem in der Schweiz bereits in den 1950er-Jahren bekannt. Windräder bauten Idealisten und Tüftler aus der Antinuklearbewegung in Dänemark und Norddeutschland. Und die Solarenergie stammt aus der Raumfahrt. Sie wurde in den 1980er-Jahren für den Alltagsgebrauch angepasst, war aber noch relativ teuer.
Vor allem Windkraftprojekte stossen auf grossen Widerstand.
Solarparks haben es da einfacher. Wie hier in Onnens im Kanton Waadt.
Wie kam es zu den ersten Windparks?
In den 1980er-Jahren gab es in Kalifornien einen regelrechten «Windrausch». Man errichtete mehr als tausend dänische Windturbinen mit jeweils 550 Kilowatt Leistung. In der Schweiz nahmen 1996 die ersten drei Windräder auf dem Mont Crosin ihren Betrieb auf. 2000 wurde erstmals bei der Leistung der einzelnen Turbinen die Megawattgrenze überschritten. Heute sind Windparks über ganz Europa verteilt. Moderne Windturbinen haben an Land zwischen 2 und 5 Megawatt Leistung.
Erneuerbare Energien: Ist die Schweiz denn auf Kurs?
Bei der Photovoltaik wächst die Kapazität erfreulicherweise jedes Jahr – zwischen 250 und 300 Megawatt neu installierter Leistung. Der Markt ist aktiv, sehr fragmentiert und von Einzelinitiativen getrieben. Das Wasserkraftpotenzial ist historisch gesehen weitgehend ausgeschöpft. Auf grossen Widerstand stossen hingegen Windkraftprojekte.
Warum?
In Spanien, Frankreich und Deutschland haben sich Windparks grossflächig durchgesetzt. Gegen neue Anlagen wächst aber der Protest. In der Schweiz bilden die dichte Besiedelung, das spezielle Landschaftsbild sowie die basisdemokratischen Prozesse gleich mehrere Hindernisse.
Wie steht es mit den Kosten?
Dank Innovationen werden die Technologien immer leistungsfähiger und kostengünstiger. Dadurch haben sich die Kosten bei der Photovoltaik in den letzten Jahren bis um den Faktor 5 verringert, bei der Windkraft dank grösserer und höherer Turbinen halbiert. Die Gestehungskosten nähern sich immer stärker dem Marktpreis. Sie sind aber weiterhin auf geringe Subventionen und Unterstützung angewiesen, weil noch eine Differenz besteht.
«Die Krux sind nicht die Kosten. Den Flaschenhals bilden komplizierte Bewilligungsverfahren.»
Antoine Millioud, CEO aventron
Wie werden in Europa die Subventionen gehandhabt?
Wir verzeichnen einen massiven Rückgang der Subventionen. Gewisse Länder geben gar keine Subventionen mehr, während andere zu Auktionssystemen übergegangen sind oder neue Wege suchen. In Norwegen und Schweden gibt es ein Zertifikatssystem, jedoch auf sehr tiefem Niveau. Die Gestehungskosten der Kleinwasserkraft in Norwegen sind wegen der idealen Topografie um den Faktor 4 geringer als in der Schweiz. Zudem sind die Bewilligungsverfahren unkompliziert.
Europa will bis 2050 klimaneutral werden. Ist das überhaupt möglich?
Verschiedene Modelle belegen, dass die Strom-, Wärme- und Kälteproduktion in Europa ausschliesslich mit erneuerbaren Energien möglich ist, die Mobilität und den Flugbetrieb einmal ausgenommen. Die Technologie ist vorhanden, und die Gestehungskosten sind nur unwesentlich höher. Ob wir aber das gesetzte Ziel erreichen können, ist ein gesellschaftlicher Entscheid. Und hängt davon ab, welche Prioritäten wir setzen.
Können denn Batterien die Zukunft der Stromversorgung sicherstellen?
Die Speichertechnologien entwickeln sich rasant weiter. Experten können sich in den nächsten zehn Jahren eine ähnliche Entwicklung wie bei den Photovoltaikmodulen vorstellen. Es wird sehr viel an neuen Batterien geforscht.
Gibt es weitere Alternativen?
Es gibt verschiedene Bausteine: Der erste ist die Batterie. Der zweite ist Power-to-Gas, die Netzinfrastruktur ist ja bereits vorhanden. Und der dritte ist die Sektorenkopplung. Diese strebt eine ganzheitliche Betrachtung und eine Verknüpfung der verschiedenen Energiebereiche an.
Also steht eigentlich der Energiewende in Europa nichts mehr im Wege?
Die Krux sind nicht das Geld und die Kosten. Investoren sind vorhanden. Den eigentlichen Flaschenhals bilden aber die komplizierten Bewilligungsverfahren für Kraftwerke, Windanlagen und neue Leitungen, welche die Entwicklung behindern.
«Die gleichen Leute, die grünen Strom fordern, formen sich zum Widerstand, wenn vor ihrer Haustür ein Windpark entstehen soll.»
Antoine Millioud, CEO aventron
Warum braucht es neue Leitungen?
Bei kalten Dunkelflauten wird es zukünftig nötig sein, grosse Energiemengen verschieben zu können. Wir müssen die Stromnetze Europas als ein gemeinsames System betrachten und entsprechend reagieren.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Die gleichen Leute, die grünen Strom fordern, formen sich zum Widerstand, wenn vor ihrer Haustüre ein Windpark entstehen soll. Hier muss ein Gesinnungswandel stattfinden. Es braucht mehr Überzeugungsarbeit, um gegen die Verhinderungspolitik verschiedener Gruppen anzukämpfen. In der Nordwestschweiz beispielsweise gibt es im Umkreis von Basel nur einen einzigen Windpark, im Hochschwarzwald. Alle anderen Projekte kommen nicht vom Fleck. Ein gesellschaftliches Umdenken ist gefragt.
Was ist das Erfolgsrezept von aventron?
aventron hat sich in den letzten acht Jahren zum drittgrössten Produzenten von erneuerbarem Strom aus Wind-, Sonnen- und Kleinwasserkraft in der Schweiz entwickelt. Bis Ende 2020 werden diese Kraftwerke eine installierte Leistung von 600 Megawatt erreichen. aventron ist auf Diversifikation spezialisiert – bei den Technologien und den Produktionsstandorten. Dank dieser Strategie gehen wir kein Klumpenrisiko ein und profitieren vom meteorologischen Ausgleich zwischen den einzelnen Ländern. Unsere Mitarbeitenden sind Ingenieure, die tief in die technische Materie eintauchen können.
aventron realisiert das Solarprojekt Bargas in Spanien ohne Subventionen. Wie ist das möglich?
Der 50-Megawatt-Solarpark in der Nähe von Toledo auf einer Fläche von 95 Hektaren schloss im April 2020 planmässig die Bauphase ab. Dank der hohen Einstrahlung, der tiefen Baukosten und der einachsigen Nachführung, welche die Panels dem Sonnenstand anpasst und dadurch mehr Ertrag generiert, werden die Stromgestehungskosten den Marktpreisen entsprechen.
Zur Person
Antoine Millioud, CEO von aventron, hat an der ETH Maschinenbau studiert. Er hat in der Forschung und Entwicklung von solarthermischen Kraftwerken und Gaskombikraftwerken in verschiedenen Ländern gearbeitet – unter anderem in Japan und Australien.