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Der Flachs, welcher botanisch Linum usitatissimum heisst, trägt einen Superlativ als Artname. Den Titel «der Gebräuchlichste», «der Nützlichste», so die Übersetzung, trägt der Flachs, oft auch Lein oder Saatlein genannt, nicht von ungefähr. Schon mindestens seit der Steinzeit, seit es Ackerbau gibt, begleitet er den Menschen. Nicht nur bei den Ägyptern oder den Sumerern im Zweistromland hat man Zeugnisse für den Anbau und die Nutzung des Flachs gefunden. Auch in Mitteleuropa, zum Beispiel in den Ufer- und Pfahlbausiedlungen am Bodensee und an anderen Schweizer Seen, sind verkohlte Stücke von Leinwand und geknüpften Fischernetzen aus Flachs bei Ausgrabungen geborgen worden.
Ab dem Mittelalter findet man Flachs in sämtlichen Verzeichnissen und Schriften über Nutzpflanzen. Die meisten Bauern im Baselbiet bewirtschafteten neben ihrem Garten vor dem Haus noch in bequemer Fussdistanz vom Dorf entfernt weitere eingezäunte Landstücke, sogenannte Bündten, in denen sie Flachs oder Hanf anbauten. Selbst Stadtbürger besassen solche Feldgärten vor den Stadtmauern und zogen dort ihren Flachs.
Vor allem die Frauen beschäftigten sich mit der Aufzucht und Verarbeitung des Flachses, anfänglich noch ausschliesslich um ihre Familien damit zu versorgen. Ab dem 16. Jh. war die Ernte grösser als der Eigenbedarf der Familienhaushalte. So konnten zahlreiche Bauernhöfe mit der gewerblichen Produktion von Rohfasern, Garn, Leinwand und Öl einen Teil ihres Einkommens in Form von Bargeld erwirtschafteten. Nicht nur Basler Kaufleute entdeckten Flachs und seine Produkte als Handelsware. Bis Mitte des 19. Jh. entwickelten sich die Tuchherstellung und der Tuchhandel aus Flachs in ganz Europa zu «der» Leitindustrie.
Erst die Baumwolle verdrängte den Flachs, weil sie billiger und leichter zu verarbeiten war. Noch im 19. Jh. setzte ein weltweiter Abwärtstrend des Flachses ein. Eine kurze Renaissance erfuhr der Flachsanbau während der beiden Weltkriege, als man wieder auf Selbstversorgung angewiesen war. Heute erlebt der Flachs als nachwachsender Rohstoff zwar wieder einen Aufschwung, wird seine ehemalige Bedeutung aber wohl kaum mehr erreichen.
In jungen Beständen von Flachsfeldern, welche relativ konkurrenzschwach sind, spielen «Unkräuter» wie Ackerstiefmütterchen (Viola arvensis), Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) oder Vogel-Knöterich (Polygonum aviculare) eine Rolle. Diese Pflanzen sind aber nicht auf Flachs spezialisiert, sondern gelten auch als Begleiter anderer Kulturen oder bereichern Wegränder mit ihrer Anwesenheit. Im Gegensatz dazu sind der Leindotter (Camelina alyssum), der Lein-Lolch (Lolium remotum) oder das Flachs-Leimkraut (Silene linicola) und der Flachs-Teufelszwirn (Cuscuta epilinum) auf den Flachsanbau angewiesen.
Einen möglichst reinen, unkrautlosen Flachsgarten ihr Eigen nennen zu können, ist nicht nur Ehrensache für die Bäuerin, sondern wirkt sich direkt auf den Ernteerfolg aus. Deshalb ist das Jäten vor allem in der ersten Entwicklungsphase von entscheidender Bedeutung. Trotzdem ist nicht die Bauersfrau der Grund, weshalb in der Mitte des 19. Jh. die spezifischen Flachs-Begleiter allmählich verschwanden. Nachdem die Baumwolle den Flachs verdrängt hat und es immer weniger Flachsfelder gab, verloren die Unkräuter ihren Lebensraum. So ist es nicht verwunderlich, dass mit dem Verschwinden der Flachskultur auch Leindotter und Co. heute in Mitteleuropa so gut wie ausgestorben sind.
In nur wenigen Monaten durchläuft der Flachs seinen Entwicklungsprozess. Im Frühjahr gesät, wächst er bis im Sommer zu blau oder selten weiss blühenden Pflanzen heran, die bis zu ein Meter hoch werden können und deren dünne Stängel kleine, sehr schmale, lanzettliche Blätter tragen. Die aus den zwei Zentimeter grossen, fünfzähligen Blüten entstehenden kugeligen Kapseln enthalten etwa zehn glänzend braune, abgeflachte Samenkörner. Von der Flachs- oder Leinpflanze bis zum fertigen Leinen sind viele Arbeitsgänge nötig, die vorwiegend von Hand verrichtet werden. Nachdem die Stängel samt Wurzel aus dem Boden gezogen oder «gerauft» wurden, werden sie beim «Riffeln» von Blättern und Samenkapseln befreit. Es folgt das Rösten. In warmem Wasser quellen die Stängel auf, wobei Mikroorganismen die Kittsubstanz abbauen, welche die Fasern mit den Holzteilen im Stängel verklebt. Die Bäuerin beobachtet diesen Prozess genau und wendet die Stängel täglich, um dann rechtzeitig mit dem Brechen und Schwingen zu beginnen, was die Fasern vollständig von den Holzteilen befreit. Vor dem Spinnen entwirrt und glättet sie mithilfe eines Nagelkamms beim sogenannten Hecheln die Leinfasern. Je nach Garnstärke kann daraus nun feines oder gröberes Leintuch gewoben werden.
Ursprünglich nur als Nebenprodukt presste man aus den kleinen Leinsamen auch Öl. Da bei der Urform des Flachs die Fruchtkapsel bei der Reife von selbst aufsprang und die Samenkörner verstreute, war der Ertrag der Samen nicht sehr hoch. Erst als Leinsorten ausgelesen wurden, deren Kapseln geschlossen blieben, konnten mehr Samen geerntet werden. Das kalt aus den Samenkörnern gepresste, dunkel goldgelbe Leinöl ist reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Deshalb wird es im Zuge eines gestiegenen Gesundheitsbewusstseins in der Diätküche sowie bei Vollwerternährung wieder vermehrt gebraucht. Hauptsächlich findet das Leinöl jedoch bis heute in der Farbindustrie, als Beimischung für Lacke und Druckfarben Verwendung.
Die historisch bedeutendste Art des Flachs, der Saatlein stammt vom zweijährigen Wild-Lein (Linum bienne) ab, der im Mittelmeergebiet beheimatet ist. Man nimmt an, dass die Entstehung des einjährigen Flachses in Mesopotamien oder Ägypten erfolgt ist. Er tritt selten verwildert auf und ist eigentlich nur kultiviert bekannt. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Leinart auch in der Region um Basel in wilder Form nicht bekannt ist. Trifft man sie trotzdem an, könnten sie aus Blumenrabatten oder Vogelfutter verwildert sein. Auch in den Hafen- und Bahnanlagen bei Kleinhünigen oder St. Johann und im Bahnhof Liestal wird Flachs manchmal beobachtet.
Der einjährige, weiss blühende Purgier-Lein (Linum catharticum) bevorzugt Magerwiesen. Diese Leinart wird etwa 30 Zentimeter gross und hat einen dünnen, kahlen Stängel mit gegenständigen Blättern, was bei der Gattung Lein unüblich ist. Die kleinen, nur etwa fünf Millimeter grossen, fünfzähligen Blüten sind vor dem Aufblühen nickend. Funde am Muttenzerberg belegen die Anwesenheit des Purgier-Leins in der Region schon im 18. Jh.. Im Mai und Juni trifft man ihn in den Magerweiden am Südhang des Blauens im Laufental und im Sundgauer Hügelland genau so an wie im Oberbaselbiet oberhalb Eptingen oder im ehemaligen Steinbruch bei Sissach. Im lichten Rasen im Halbschatten noch junger Bäume auf dem Friedhof am Hörnli scheint er sich ebenfalls wohl zu fühlen. Nicht zuletzt wegen des intensiv genutzten Grünlands gilt der Purgier-Lein in der Region als gefährdet.
Noch schlechter steht es um den anderen Vertreter der Lein-Gattung in der Region. Der Feinblättrige Lein (Linum tenuifolium) ist in weiten Teilen der Region vom Aussterben bedroht. Diese ausdauernde Pflanze kann eine Wuchshöhe von bis zu 45 Zentimetern erreichen und trägt hell-lila bis weissliche Blüten. Er wird in verschiedenen Artenlisten der Region schon Mitte des 18. Jh. geführt, so in der Reinacher Heide, der Gegend Neue Welt–St. Jakob–Breite und in Muttenz. Auch in Magerrasen am Chilpen, in der Elsässer Oberrheinebene und im Markgräflerland auf besonders offenen und trockenen Stellen gedeiht der konkurrenzschwache Feinblättrige Lein, ist dort heute jedoch stark zurückgegangen oder lokal ausgestorben.
Neben dem Flachs wurde im Baselbiet auch noch eine andere Faserpflanze angebaut, der Hanf (Cannabis sativa). Der Hanf- und Flachsanbau erlebte während des 2. Weltkrieges eine kurze Renaissance. Beide Kulturen konnten sich aber nicht mehr wirklich etablieren. Dass sie in der Region ehemals weit verbreitet waren, zeugen Flurnamen wie «Flachsmätteli», «Hanfgarten» oder «Brächehüsli» (vgl. Tabelle). In vielen Rosen-Flurnamen steckt zudem nicht der Blumenname, «sondern das schweizerdeutsche Verb rosse(n), (mittelhochdeutsch rœzen, althochdeutsch rôzen), was heute rösten heisst – Hanf und Flachs werden geröstet. Der aus dem Boden gezogene Hanf und Flachs wurde in Wasserlöcher eingelegt und mit Steinen beschwert. Solche Wasserlöcher hiessen Rossen», wie Markus Ramseier von der Flurnamen-Forschung Basel-Land erklärt. «Chuder» (oder Werg) wiederum bezeichnet den Kurzfaserflachs. Er blieb beim letzten Arbeitsschritt vor dem Spinnen, beim Hecheln, in den Nägeln des Hechels hängen. Man kann das Aushecheln der Faser mit dem Auskämmen von langen Haaren vergleichen. Den Chuder versponnen unsere Grossmütter zu gröberem, noppigerem Faden, im Gegensatz zum feinen, gleichmässigen Faden des Langfaserflachses.
EB
Flachs : Flurnamen mit Bezug zu Flachs und dessen Verarbeitung
Quelle: Stiftung für Orts- und Flurnamen-Forschung Baselland
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