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Brasilien schritt aus seiner fundamental akademischen Tradition direkt hinein in den Radikalismus der frühen 20er Jahre, und Bewegungen wie der Kubismus, Futurismus, Fauvismus und Konstruktivismus wurden ziemlich rasch und problemlos von der brasilianischen Kunstszenen vereinnahmt. Lasar Segall (1891 – 1957), Anita Malfatti (1896 – 1964) und der Bildhauer Vítor Brecheret (1894 – 1955) waren Pioniere des Modernismus und arbeiteten in einer gewissen Isolation bis zur „Semana da Arte Moderna“ (Woche der Modernen Kunst) in São Paulo 1922, als dieser Event eine Gruppe von Künstlern und Intellektuellen zusammenbrachte, deren Einfluss auf die brasilianische Kultur noch heute spürbar ist. Sie beschlossen, gewisse eingefleischte Attitüden der Bourgeoisie zu kompromittieren, jene traditionelle Abhängigkeit von Europa abzuwerfen und auf die kulturelle Diversifikation und die gesellschaftliche Ungleichheit des kontemporanen Brasilien aufmerksam zu machen. Emilio de Cavalcanti (1897 – 1976) prangerte die Affektiertheit der gesellschaftlichen Mittelklasse an (Beispiele im „Museu de Arte Contemporanea“ in São Paulo), Tarsila do Amaral (1886 – 1973) borgte sich ihre schreienden Farben aus der Volkskunst, während ihre Inhalte sich auch mit ironischen Darstellungen gewisser europäischer Mythen befasste, welche die brasilianischen Ureinwohner des Regenwaldes als kannibalische Wilde darstellten.
Candido Portinari (1903 – 1962) bediente sich riesiger Wände um die Ausbeutung und Ungerechtigkeit darzustellen, denen Arbeiter und Bauern unterworfen waren – während Osvaldo Goeldi (1895 – 1961) ähnliche Themen mit seinen kraftvollen Holzschnitzereien darstellte. Portinari hat, als interessantes Remake der kolonialen Kachel-Malerei, riesige Paneele für die Verkleidung moderner Gebäude aus blau und weiss bemalten Kacheln geschaffen – wie zum Beispiel für das MES-Gebäude in Rio, das von den Architekten Lúcio Costa und Oscar Niemeyer projektiert wurde (1937) ausserdem für die Kirche São Francisco in Pampulha, Belo Horizonte (1943) – ebenfalls ein Projekt des Architekten Niemeyer.
Der wirtschaftliche Aufschwung in den mittleren Jahren desselben Jahrhunderts ermutigte die Regierung zur Förderung der Kunst. Präsident Getúlio Vargas erkannte, dass Architektur und Kunst dazu genutzt werden konnten, Brasilien das Image einer modernen und industrialisierten Nation zu verleihen, deren Kulminationspunkt die Vision von Brasília als zukünftige Hauptstadt wurde. Museen der Modernen Kunst wurden in São Paulo und Rio gegründet – und 1951 fand in São Paulo die erste internationale „Bienale“ statt, welche auch Künstler aus Europa und den USA zur Teilnahme anlockte. Diese Ausstellung bestätigte die Abstraktion als Symbol des Fortschritts und der technischen Modernisation, und sie beherrschte das künstlerische Betätigungsfeld im Brasilien der 50er Jahre.
Rivalitäten zwischen den Künstlern aus Rio und denen aus São Paulo schufen eine aussergewöhnliche Avantgarde in der Kunst. In derselben Zeit malte Waldemar Cordeiro (1925 – 1973), Führer der paulistanischen Gruppe „Ruptura“, seine ersten geometrischen Muster in auffallenden, kontrastierenden Farben auf die Leinwand – und was oberflächlich gesehen als eine simple Strukturenspielerei anmutete, erwies sich bei genauerer Betrachtung als Aufbruch der flachen Oberfläche, suggerierte Rezession, Raum und rastlose Bewegung – wie ein Vorläufer der britischen Op Art Bewegung der 60er Jahre. Die neo-konkrete Gruppe der Künstler aus Rio de Janeiro trat unterdessen für die Integration der Kunst ins tägliche Leben ein – sie experimentierten mit einer Kunst, welche an den Beschauer gewisse sinnliche und emotionale Forderungen stellt, und dessen „Teilnahme“ zur Schöpfung neuer Werke führt.
In den frühen 60er Jahren schuf die Künstlerin Lygia Clark (1920 – 1988) ihre „Bichos“ (Tiere) aus aufgehängten, sich bewegenden Metallteilen, die als „Mobile“ gestaltet, ihr Eigenleben hatten: man konnte sie endlos umgruppieren, aber durch die Komplexität der Einzelteile war es unmöglich vorauszusagen, welche Form durch die Bewegung einer bestimmten Sektion entstehen würde. Heutzutage sind sie unglücklicherweise in Museen untergebracht, wo das Berühren nicht empfohlen wird (zum Beispiel in der „Pinacoteka do Estado“ in São Paulo).
Hélio Oiticica (1937 – 1980) trieb die Idee der „Integration der Kunst ins tägliche Leben“ weiter voran: er arbeitete mit den armen und oftmals schwarzen Leuten aus den Samba-Schulen in den Favelas von Rio, arrangierte artistische „Happenings“ mit Tanz und Musik. Das Bewusstsein, dass mit dem Schockieren der Bourgeoisie eine Schlüsselfunktion der Kunst geboren war, wurde erstmals von der „Week of Modern Art“ (1922) geschürt. Oiticica gelangen durchschlagende Erfolge in dieser Richtung. Er und andere Künstler der 60er Jahre verwirklichten ausserdem ein anderes Ziel der „Modernistas“: eine moderne brasilianische Kunst zu schaffen, die sich nicht mehr an den eher bescheidenen Entwicklungen Europas und der USA orientierten – ein Museum mit seinen Werken ist erst vor kurzem in Rio eröffnet worden.
Andere bedeutende Persönlichkeiten seiner Generation sind der neo-konkrete Maler Ivan Serpa (1923 – 1973), Sérgio Camargo (1930 – 1990), der gewebe-rhythmische Konstruktionen von Weiss in Weiss geschaffen hat, die, weil sie aus ausgeschnittenen Holzteilen bestehen, die Spannung zwischen Form und Material, zwischen Geometrie und Natur suggerieren – und Amílcar de Castro (geboren 1920), dessen unerwartet einfache Skulpturen oftmals aus einem einzigen grossen Stück Gusseisen herausgearbeitet sind.
Der militärische Staatsstreich von 1964 markierte den Anfang einer Periode der politischen Unterdrückung – aber auch einer künstlerischen Erneuerung der Energie, welche zur figurativen Kunst zurückfand. Im Jahr 1970 beschäftigte sich Enrique Amaral (geboren 1935) mit dem Thema „Banane“ – die so oft schon als abfälliges Symbol für ganz Lateinamerika missbraucht worden war – in einer ausgedehnten Serie von Gemälden monumentalisierte er sie als aussergewöhnliches Symbol der Macht und Fruchtbarkeit. Mit seinem ironischen neo-kolonialen Altaraufsatz (zirka 1960) schuf Nelson Lierner (geboren 1932) eine Devotionalie, die den neonbeleuchteten Kopf des Pop-Stars Roberto Carlos präsentiert (zu sehen im „Museu de Arte“ in São Paulo). Die konzeptuelle Kunst bietet dem Künstler unterschiedliche Möglichkeiten, eine dominante Ideologie zu attackieren. Die beiden Künstler Cildo Meireles (geboren 1948) und Jac Lierner (geboren 1961) benutzten, missbrauchten und fälschten zum Beispiel auch Banknoten – zusammen mit Waltercio Caldas (geboren 1946) und Tunga (geboren 1952) haben sie Installationen geschaffen, die direkt und indirekt die Aufmerksamkeit ihres gesellschaftlichen Umfelds auf Themen ihrer Umwelt gelenkt haben. Der Maler Siron Franco (geboren 1947) behandelt vorzugsweise das Thema der „Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes“ in seinen Werken, jedoch seine aufrüttelnden surrealen Bilder behandeln auch viele andere Problemzonen: Industrieverschmutzung, sexuelle Fantasien, politische Korruption, nationale Identität etc. – und machen aus ihm einen der interessantesten und überraschendsten Künstler des gegenwärtigen Brasilien.