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In einem didaktischen Seminar im Rahmen meiner Lehrerausbildung beschäftigen wir uns mit folgender Situation: In einer zweiten Klasse findet eine Deutschstunde statt. Es geht darum, dass sich die Kinder in einem Bewegungsspiel als Fantasiewesen aus einer zuvor vermittelten Erzählung bewegen sollen, um die thematisierten Eigenschaften der Tiere aufzugreifen und zu veranschaulichen. Die vom Lehrer festgelegten Wesen werden von 2 Schülern konsequent abgelehnt. Nun entbrennt eine lautstarke Diskussion über die zu wählenden Fantasiewesen. Nach einigem Durcheinander gibt der Lehrer seinen ursprünglichen Plan ab mit der Bemerkung, dass dann eben jeder sein dürfe, was er wolle, wohl wissend, dass dadurch der Sinn des Spiels abhandengekommen ist.
Das Handeln des Lehrers wurde von meinen Kommilitonen positiv bewertet, mich jedoch lässt es nachdenklich zurück. Ist es wirklich das, was wir den Kindern auf den Weg geben wollen? Hat der Lehrer damit wirklich einen praktikablen Kompromiss erreicht oder eher seine Autorität untergraben, weil die Wahl der Tiere keine willkürliche sein sollte, sondern ein didaktischer Gedanke dahinterstand? Hat er sich durch sein Nachgeben nicht seinem Erziehungsauftrag entzogen?
Mein Fazit ist, dass in diesem Beispiel ein Erziehungsstil lanciert wird, in dem den Kindern die letzte Entscheidungsgewalt zugesprochen wird. Die Option fällt weg, dass die Kinder etwas machen, was ihnen nicht gefällt.
Du darfst dich frei entfalten. Wenn mich als Lehrer etwas stört, dann bitte ich dich ganz lieb, dein Verhalten zu ändern. Wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, drohe ich womöglich noch, aber ich ziehe nicht die Konsequenzen.
Während meiner Arbeit an den Schulen komme ich mit interessanten Auswirkungen dieses Erziehungsstils in Berührung. Denn er geht nicht nur von den Eltern aus, sondern hat sich mittlerweile fest in einigen Köpfen der neuen Lehrergeneration eingenistet. Ihr Mantra für das Kind lautet: Du darfst dich frei entfalten. Wenn mich als Lehrer etwas stört, dann bitte ich dich ganz lieb, dein Verhalten zu ändern. Wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, drohe ich womöglich noch, aber ich ziehe nicht die Konsequenzen.
Das wäre autoritär
Der „neue Lehrer“ setzt keine Grenzen, denn das wäre autoritär. Die „neue Lehrerin“ arbeitet auf der Beziehungsebene, will auf Augenhöhe in der Grundschule agieren. Sie reden von Präsenz und von den Schwingungen im Klassenraum. Für eigene Fehler werden Ausreden gesucht, Hauptsache die Kinder haben „Spaß“. Sie sind am liebsten die Kumpel, die von allen gemocht werden. Vergeblich suche ich in diesem Umgang unsere Hauptaufgabe: nämlich den Auftrag, die Kinder zu bilden. Dafür braucht es auch Freude, vor allem aber Arbeit auf der Beziehungsebene. Doch, um meiner Aufgabe als Lehrerin gerecht zu werden, benötigt es insbesondere ein konsequentes Auftreten, klare Regeln und Strukturen. Es ist die Symbiose aus Herz, Regeln und Strukturen, die Kinder anspricht und mitzieht.
Die Krux mit dem NEIN
Der „neue Lehrer“ hat aber vor allem Angst davor, dem Kind mit seinen angedrohten Konsequenzen zu schaden. Deshalb unterlässt er aufgrund einer Mischung aus Mitleid, Angst vor Uneinigkeit und schlechten Schwingungen lieber die Durchführung der Konsequenzen. Doch damit schadet man als Lehrer – meiner Ansicht nach – doppelt. In der Erziehung reicht nicht immer ein vorsichtiges, zaghaft bittendes Nein. Ein sicheres Nein ist von Nöten. Erst das klar formulierte Nein ermöglicht es dem Kind, Grenzen zu erkennen. Aber auch eine Stärkung der Persönlichkeit wird so ermögicht. Manchmal ist diese augenscheinliche Missstimmung geradezu notwendig, um die Persönlichkeit des Kindes zu fördern und ihm solche Verhaltensweisen aufzuzeigen, die es zu einem positiven und produktiven Selbstzwang führen. Autorität kann im Jugendalter erst kritisch hinterfragt werden, wenn diese im angemessenen Maße erfahren wurde.
Im Leben wird einem nicht immer alles recht gemacht, man kann nicht fortwährend tun, worauf man gerade Lust hat, und es gibt Momente, in denen man nicht seinen Willen bekommt. Die Schule soll auf das Leben vorbereiten, doch nicht nur bezogen auf Lehrplaninhalte, sondern auch in erzieherischer Hinsicht. Dazu gehört, dass Lernen für die Kleinen harte Arbeit ist, vor der man die Kinder aber nicht immer bewahren kann und sollte. Nicht nur das: Als Lehrer sollten wir die Kinder gerade dazu erziehen, dass man nicht alles nach eigenem Gusto bestimmen kann, sondern dass man auch Aufgaben erledigen muss, die einem nicht gefallen. Es sollte die Aufgabe von Eltern und Lehrern sein, diesem Erziehungsauftrag gerecht zu werden, damit die Kinder später gefestigt im Leben stehen können.
Ich möchte den Artikel mit einem Zitat des Philosophen Iwan Iljin schließen. Es ist provokant formuliert, regt vielleicht aber nicht nur mich zum Nachdenken an.
„Der zügellose Mensch ist nicht nur von sich aus zügellos geworden, sondern auch durch eine Öffentlichkeit, die ihm erlaubt hat, zügellos zu werden. Nur dort ist alles erlaubt, wo die Menschen sich alles erlauben.“
Anna Stahl