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Compartment No. 6
[…] So ist «Compartment No. 6» ein optimistischer Film über das Scheitern der Sprache und des kulturellen Austauschs, dessen zuckersüsse (und etwas vorhersehbare) letzte Worte «haista vittu» gar nicht mehr übersetzt werden müssen oder dürfen, weil eine Übersetzung die Bedeutung zerstören würde.
[…] Wie jetzt im Verlauf des Filmes und der Zugfahrt über den Polarkreis hinweg der unüberwindlich scheinende kulturelle und sprachliche Graben zwischen den beiden langsam, aber unnachgiebig mit kleinen Momenten des gegenseitigen Verständnisses… aufgefüllt wird, macht in seiner unerwarteten und durchaus humorvollen Subtilität die grösste Qualität von «Compartment No. 6» aus.
Screenings in Swiss cinema theatres
Juho Kuosmanens Compartment No. 6 ist ein Roadmovie über die Kommunikation. Oder besser gesagt: Es ist kein Roadmovie, weil es keine Strassen und keine Richtung gibt, die man frei wählen kann, sondern bloss einen nach Nordosten weisenden Schienenstrang. Und die Kommunikation, diese scheitert von Anfang bis Ende – ausser dann, wenn sie während weniger, aber bedeutsamer Ausnahmen das Medium der wörtlichen Sprache verlässt. So ist Compartment No. 6 ein optimistischer Film über das Scheitern der Sprache und des kulturellen Austauschs, dessen zuckersüsse (und etwas vorhersehbare) letzte Worte «haista vittu» gar nicht mehr übersetzt werden müssen oder dürfen, weil eine Übersetzung die Bedeutung zerstören würde.
Die Probleme beginnen bereits ganz am Anfang, als die Finnin Laura auf einer Party ihrer russischen Freundin Irina beim intellektuellen Zitateraten aussen vor gelassen wird, weil sie sich in der russischen Postmoderne zu wenig auskennt, später ein Marilyn-Monroe-Zitat erst fälschlicherweise Anna Achmatowa zuordnet, dabei höflich noch auf ihre falsche Betonung des Namens aufmerksam gemacht wird. Jedenfalls fühlt sich Laura trotz der Gegenwart ihrer Freundin sichtlich unwohl, was nicht an ihren durchaus passablen Russischkenntnissen liegt. Als sie später im Film jemandem ihre Videoaufnahmen zeigt, drückt sie, als dieser Abend erscheint, diskret die Vorspultaste.
Nicht einmal das Gespräch nach dem Sex vermag die Anspannung zwischen den beiden Freundinnen zu lösen, die auch darin ihren Grund hat, dass Irina plötzlich nicht mehr auf die gemeinsam geplante Reise nach Murmansk mitkommen will, wo Laura eine Reihe von Felsmalereien aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend sehen will. Es ist wohl kein Zufall, auch im Hinblick auf den restlichen Verlauf des Films nicht, dass das Ziel ausgerechnet in einem ausserhalb jeglicher Sprache liegenden Zeugnis einer fernen Zeit und Denkweise liegt – und trotzdem intuitiv verstanden werden kann. Die Weigerung Irinas, mittels einer Reise zur Abwesenheit von Sprache die gemeinsame Kommunikation zu retten, bedeutet jedenfalls – auch wenn der Film dies am Ende offen lässt – das Ende der Beziehung.
Innere und äussere Bewegung kommt dann in den Film, als sich Laura in ihrem Zugabteil einfindet. Bei dem Zug handelt es sich entgegen dem zu erwartenden Klischee nicht um die transsibirische Eisenbahn, sondern um eine vergleichsweise kurze Verbindung in den nicht minder kalten und abgelegenen Norden unweit der finnisch-russischen Grenze. In der Praxis ändert das nicht viel: viel Zeit, grosse Abteile, apathisches Personal und dauerbetrunkene Russen. Der junge Mann in Lauras Abteil hat sich noch kaum hingesetzt, als er schon seine Wodkaflasche auspackt und mit dem Trinken beginnt – nicht ohne der jungen Finnin einen Schluck anzubieten. Bald beginnt ein erster Versuch der Kommunikation, der so durchzogen von russischer Gossensprache und obszönen Bemerkungen ist, dass die Untertitel kaum hinterherkommen – sowohl vom Tempo her als auch semantisch. Die teils sehr kreativ anmutenden Versuche des Untertitelautoren lassen jedenfalls die ursprüngliche Bedeutung der betrunkenen Redeschwalle des Russen Ljocha nur erahnen, da das Deutsche dem Russischen in dieser Hinsicht klar unterlegen ist und jegliche Versuche, Letzteres zu imitieren, stets etwas verzweifelt wirken müssen. Was den Plot des Films betrifft, lässt sich zusammenfassen, dass Laura von ihrem Abteilgenossen nicht besonders angetan ist.
Die Gegensätze zwischen Laura und Ljocha sind nicht nur sprachlicher, sondern viel schwerwiegender auch soziokultureller Natur. Laura ist eine etwas orientierungslose Studentin; einmal gibt sie sich – vielleicht, weil es stimmt, vielleicht, um lästige Fragen nach ihrem Interesse an den Petroglyphen abzuwehren – als Archäologiestudentin aus. Ljocha ist Minenarbeiter und mindestens kleinkriminell, allerdings mit sprichwörtlichem gutem Herz. Wie jetzt im Verlauf des Filmes und der Zugfahrt über den Polarkreis hinweg der unüberwindlich scheinende kulturelle und sprachliche Graben zwischen den beiden langsam, aber unnachgiebig mit kleinen Momenten des gegenseitigen Verständnisses – also geglückter Kommunikation wider die Umstände – aufgefüllt wird, macht in seiner unerwarteten und durchaus humorvollen Subtilität die grösste Qualität von Compartment No. 6 aus.
Dass der Film in den 90er-Jahren spielt, ist nur insofern von Bedeutung, als eine Geschichte dieser Art in Zeiten der ununterbrochenen digitalen connectedness kaum vorstellbar ist, die eben nicht nur Verbundenheit bedeutet, sondern auch Abkapselung ermöglicht. Nicht einmal das Paar aus Richard Linklaters Before Sunrise hätte sich – trotz ungleich besserer Vorzeichen – auf dieselbe Weise kennengelernt, getrennt und wiedergefunden. Solche Zeiten sind, ohne allzu fortschrittspessimistisch sein zu wollen, jedenfalls für den Moment vorbei. Die Möglichkeit, einer bestimmten Erfahrung (oder einer bestimmten Person) für eine gewisse Zeit einfach ausgesetzt zu sein, ist nur noch in wenigen Situationen möglich, zu denen im Übrigen nicht zuletzt das Kino zählt. Überall sonst bietet einem das kleine schwarze Gerät in der Tasche die Möglichkeit zumindest zur mentalen Flucht. Laura und Ljocha hingegen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu arrangieren, und die gemeinsame Reise und der Film geben ihnen dazu – auch zum Vorteil des Zuschauers – die nötige Zeit. Diese schliesslich, und nicht die Sprache, ist die grundlegendste Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.
Text: Dominic Schmid
First published: December 10, 2021
Compartment No. 6 | Film | Juho Kuosmanen | FIN-RUS 2021 | 107’ | Zurich Film Festival 2021
Gran Prix at Festival de Cannes 2021