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Chancengleichheit – der unerfüllte Mythos
Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Chancengleichheit ein Thema der Bildungspolitik. Wo stehen wir heute?
In der Schweiz setzte man in den vergangenen 50 Jahren viel weniger auf die Akademisierung der Ausbildungen als im Ausland, da mit dem System der Berufslehre ein bewährtes Ausbildungssystem existierte, das so bodenständig wie unser Land war und «Akademisierung» als Schimpfwort mit Ängsten über eine ausgedehnte Arbeitslosigkeit verband. Man zeigte mit dem Finger auf andere Länder wie Italien, wo alles über «Schule» lief – und dies mit negativen Konsequenzen.
Mit dem sich immer stärker ausweitenden Dienstleistungssektor wurde indessen deutlich, dass man auf dem traditionelle Modell einer abgeschlossenen Berufslehre nicht einfach sitzen bleiben konnte: So setzte man verstärkt auf weiterführende Anschlüsse innerhalb des Berufsbildungssystems, welche begabten Jugendlichen einen höheren Ausbildungsabschluss versprachen.
Die Höhere Bildung an den Kaufmännischen Schulen
In ihrer 2018 abgeschlossenen Dissertation (s. Buchhinweis unten) untersucht Edith Maienfisch diese Entwicklung am Beispiel der kaufmännischen Angestellten in der Schweiz. Sie beschreibt in ihrer Arbeit, wie sich damals Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen entwickelten, welche Betriebswirtschaftern aus der beruflichen Praxis heraus ohne Maturität weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten eröffneten. Solche Schulen sollten praxiserfahrene Berufsleute ohne Studium an einer Universität zu Führungspositionen im wirtschaftlichen Bereich führen. Ziel der damaligen HWV-Schulen und später der Hochschulen für Wirtschaft (HSW) war es, wie es damals hiess, «den Studierenden die wirtschaftswissenschaftlichen Grundkenntnisse und eine erweiterte Ausbildung zu vermitteln und sie zu befähigen, anspruchsvolle betriebsökonomische Aufgaben in Wirtschaft und Verwaltung zu übernehmen (so der Artikel 60 des Bundesgesetzes über die Berufsbildung (BBG) vom 19. April 1978).
Wie stark damit den Bedürfnissen der Wirtschaft entsprochen wurde, belegt Maienfisch daran, dass sich bereits zur Eröffnung der ersten HWV in Zürich rund 90 anstatt der erwarteten 50 Studierwilligen anmeldeten. Nach weiteren Gründungen solcher Bildungsinstitute verdreifachte sich die Zahl der jährlichen HWV-Diplome zwischen 1971 und 1979 von 66 auf 196.
Bis in die 90er Jahre festigte sich das Profil der HWV-Schulen, aber bald wurde der Ruf nach einer Umwandlung in Fachhochschulen – nach dem Vorbild Deutschlands – deutlich. Höhere Fachschulen sollten dadurch so weit aufgewertet werden, dass ihre Diplome europakompatibel wurden. Hier hatte man die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Schweiz im Auge. Dies schien so dringlich, dass das ambitionierte Projekt in einem rasanten Tempo umgesetzt wurde und 1997 die ersten Höheren Fachschulen in Fachhochschulen umgewandelt wurden. Dazu wurden Berufsmaturitäten eingeführt,welche Voraussetzung für eine Ausbildung an einer Fachhochschule waren, aber keine Berechtigung für ein Studium an der Universität gaben.
Maienfisch fasst diese Entwicklung zusammen: «Zunächst wurde in einem Aufbauprozess, der bis 2003 dauern sollte, die dem Bund unterstehenden und von ihm mitfinanzierten Höheren Fachschulen in den Bildungsbereichen Technik, Wirtschaft und Gestaltung, das heisst 28 Ingenieurschulen, 16 HWV und 9 Höhere Fachschulen für Gestaltung als Teilschulen bzw. Departemente zu sieben staatlichen Fachhochschulen fusioniert» (Maienfisch, S. 81).
Die Vorzüge der Fachhochschulen
Diesem schweizerischen System der Fachhochschulen schrieb man wesentliche Vorzüge zu: So konnte man mit einer Berufslehre direkt über den Zwischenschritt der Berufsmaturität zum Fachhochschulabschluss kommen. Die höhere Bildung wird nicht wie in vielen anderen Ländern über das Nadelöhr der akademischen Universitätsbildung geführt. Denn man kritisierte an Ländern, wo der zentrale Bildungsweg über die akademische Schulung führt, dass am Ende der Akademikerschwemme oft nur die Arbeitslosigkeit steht.
Dagegen wird bei uns die grundlegende Ausbildung in der Praxis gepriesen, die mit der Berufslehre gegeben ist. Mit den Fachhochschulen soll der frühere Mangel beseitigt werden, dass aus der Lehre früher kein Weg zur höheren Bildung führte. Als Motto wird gerne angeführt, dass die Fachhochschulen «gleichwertig aber andersartig» sind. Der Vorteil des schweizerischen Systems liegt denn auch darin, dass eine breite Durchlässigkeit der Bildungskarrieren besteht: Sowohl über die Schule und das Gymnasium wie über Lehre und Berufsmaturität kann man mit einer höheren Bildung zu Führungspositionen aufsteigen. In der Öffentlichkeit ist man deshalb überzeugt, dass auch nach einer Berufslehre noch alle Wege offen stünden, sogar an die Universität mit einer speziellen «Passerelle».
Fachhochschule und Chancengleichheit
So wird oft argumentiert, dass die Chancengleichheit im Bildungssystem in der Schweiz mit dem neuen Fachhochschulsystem zugenommen hat. Nach Maienfisch ist dies aber ein Fehlschluss. Sie beschreibt dies in ihrem Buch als eine Art «Fahrstuhleffekt» nach oben: Die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte führte zwar dazu, dass das Bildungsniveau der gesamten Bevölkerung erhöht wurde.
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. So lautet die scharfe Kritik von Maienfisch in einem etwas komplizierten Soziologinnendeutsch: «Damit einher ging eine weitere Differenzierung von Ausbildungsmöglichkeiten und Zertifikaten, welche die soziale Schichtung noch präziser als zuvor abbildet.» (Maienfisch, S. 17). Die Differenzierung der Abschlüsse (Lehre – Fachhochschule – Universität) erfüllt zwar die Forderungen der Wirtschaft nach einer erweiterten Bildung. Selektive Wirkungen überlagern jedoch die angestrebte verstärkte Chancengleichheit – eine Entwicklung, die nicht allein an der Dissertation von Maienfisch ablesbar ist.
Das erhöhte Bildungsniveau der Städte
Gemäss dem Bundesamt für Statistik trifft dies zum Beispiel für die Städte zu: Die neue Ausgabe des Jahrbuchs «Statistik der Schweizer Städte» des Schweizerischen Städteverbands und des Bundesamtes für Statistik BFS von 2019 belegt zum Beispiel die unterschiedliche Entwicklung von Stadt und Land. Danach hat in den Schweizer Städten das Bildungsniveau weiter zugenommen. So besitzt heute fast die Hälfte der Zürcher Stadtbevölkerung (45,5%) einen höheren Berufsbildungs- oder Hochschulabschluss, in Genf sind es 42,4% und in Bern 41,8%. Betrachtet man die Verteilung der tertiären Bildungsabschlüsse nach Gemeindegrössenklassen, so zeigt sich, dass nicht nur in Zürich, sondern in Grossstädten im Allgemeinen der Anteil der Personen mit einem Abschluss auf Tertiärstufe am höchsten ist. Konkret liegt er bei 41,3% in den Städten mit mehr als 100'000 Einwohner/innen und bei 31,6% in jenen mit einer Einwohnerzahl zwischen 50'000 und 99'999.
Aspekte der Selektion finden sich bis hin zur Landwirtschaft. So geht der Bund davon aus, dass eine zwei- oder dreijährige Lehre in Zukunft nicht mehr reichen wird, um Direktzahlungen zu erhalten. Nach der Agrarpolitik 22+ sollen in Zukunft nur noch Bauern mit bestandener Berufsprüfung – also mit Fachausweis der höheren Berufsbildung – Anspruch auf Bundesgelder haben. Der «Blick» meint dazu sarkastisch: «Die Akademisierung hält Einzug im Kuhstall» (Blick, 22.4.2019).
Ab 1960 nehmen die Herkunftseffekte der Bildung wieder zu
Soziale Herkunft und Geschlecht haben in der Schweiz zwar versteckt, aber umso wirksamer ihre selektive Bedeutung behalten. Nach Maienfisch hält sich die Illusion von gleichen Bildungschancen in der Schweizer Gesellschaft bis in die Gegenwart hartnäckig, obwohl hierzulande ab den nach 1960 Geborenen die Herkunftseffekte auf die erreichte Bildung sowohl von Frauen als auch von Männern sogar wieder ansteigen.
So dürfte es kein Zufall sein, dass in vielen Studiengängen der Pädagogischen Hochschulen die Frauen dominieren. Wie früher bei den Sekretärinnen ist dies eine allgemeine Ausbildung, die einerseits zu einem klaren Berufsweg führt, aber auch als Grundlage für viele weitere Berufsziele dient. Allerdings bleibt dies auf einer nicht-akademischen Fachhochschulebene und lässt die direkte Durchlässigkeit zum universitären Pädagogikstudium vermissen.
Generell ist die Chancengleichheit trotz des Ausbaus des tertiären Bereichs der Höheren Fachschulen und der Fachhochschulen in den letzten Jahrzehnten nicht so richtig vorangekommen. Maienfisch zeigt an der beruflichen Bildung auf, dass sich über den ganzen Untersuchungszeitraum der letzten rund 50 Jahre hinweg Studierende und Absolvierende eines universitären Wirtschaftsstudiums im Schnitt stets aus höheren Sozialmilieus rekrutierten als HWV- und HSW-Studierende und Absolvierende (Maienfisch, S. 317).
Zwar gab es einen kollektiven Aufstieg der Berufstätigen, den man mit einer Fahrt auf einer «Rolltreppe» vergleichen kann: Eine Gesellschaft «kann trotz eines kollektiven Aufstiegs in der hierarchischen Struktur stabil bleiben, so wie wenn alle sich auf einer Rolltreppe befindlichen Personen nach oben fahren, ohne sich dabei gross zu bewegen und ohne die relativen Abstände zueinander massgeblich zu bewegen» (Maienfisch, S. 248).
Eine radikale Öffnung in Richtung Chancengleichheit erfolgte denn auch nicht. Notwendig war vor allem die Anpassung der Ausbildungsstrukturen an eine Gesellschaft, die immer mehr durch technischen Fortschritt geprägt war, und wo Wissen als Quelle für praktische Arbeit immer wichtiger wird – eine Tendenz, die sich heute im Internet 4.0 kumuliert. Dies war auch der Hintergrund, dass höhere Bildung als eigene Domäne der Bildung insgesamt expandierte. Höhere Fachschulen und Hochschulen entsprechen diesem Bedarf.
Allerdings erweckt es für Maienfisch den Eindruck, dass es bei der Erhöhung der Durchlässigkeit des Bildungswesens statt um einen mutigen Beitrag zum Abbau der Chancenungleichheit eher darum gehe, bildungswillige Jugendliche vom Weg über das Gymnasium an eine universitäre Hochschule in die finanziell günstigere duale Berufsbildung mit allfälligem Fachhochschulstudium abzulenken (Maienfisch, S. 276).
Die Defizite der Fachhochschulen
Das Bild von der Rolltreppe zeigt zudem, dass man Angst vor der eigenen Courage bekam und die umfassende Durchlässigkeit aller Bildungsinstitutionen nicht durchzusetzen wagte. So ist der Standardabschluss der schweizerischen Fachhochschulen der dreijährige Bachelor, während die Universitäten den vierjährigen Master vergeben. Gegenüber Deutschlands Pädagogischen Hochschulen erhalten unsere Lehrer den Bachelor, während an deutschen Hochschulen der Master vergeben wird.
Anstelle der Zunahme des Wissens auf allen Ebenen der Gesellschaft besteht die Gefahr, dass die Fachhochschulen auf die Praxis fixiert bleiben, damit aber letztlich Hochschulen zweiter Klasse bleiben. Verfechter des gegenwärtigen Systems wie der HTL-Professor Oberle meinten schon 1983 sarkastisch, dass durch eine weitere Aufwertung nur ein «Ritt auf einem akademisch aufgezäumten Gaul» zustande käme.
Der eklatanteste Unterschied aber ist, dass die Universitäten exklusiv für sich das Promotionsrecht in Anspruch nehmen. Als Folge davon können die Fachhochschulen ihren Nachwuchs nicht selbst entwickeln, sondern sind auf komplizierte Passerellen angewiesen, welche den Übergang des qualifizierten Nachwuchses an die Universitäten sicherstellen. Wer promovieren will, ist deshalb mit der gymnasialen Matura nach wie vor besser bedient.
Das Fehlen einer eigenen Nachwuchsförderung wiederum erschwert den Fachhochschulen auch den Aufbau einer schlagkräftigen Forschung, da sie im Gegensatz zu den Universitäten über keine Assistent/innen verfügen, welche zu günstigen Konditionen forschen und sich dabei für weiterführende Karrieren im Hochschulbereich qualifizieren.
So hat Maienfisch wohl recht, dass im Vergleich zu den Universitäten die Aussage «gleichwertig aber andersartig» eher einem Wunschdenken entspricht. Präziser lautete die Einschätzung: «gleichartig aber ungleichwertig» . So gilt nach wie vor gegenüber den Fachhochschulen ihr vernichtendes Fazit: «Dennoch ist Kindern aus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht im Hinblick auf eine optimale Habitus-Feld-Passung ein universitäres Studium offenbar dienlicher für ein rasches Vorwärtskommen auf der Karriereleiter und eine bestmögliche soziale Positionierung» (Maienfisch, S. 257)
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*Edith Maienfisch, Die Kunst sich im Sattel zu halten. Statuskämpfe und soziale Mobilität im Zuge der Schweizer Fachhochschulentwicklung im Bereich Wirtschaft seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Münster 2018 (Dissertation, angenommen von der Universität Zürich)
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Der Autor lehrte bis 2013 an einer Pädagogischen Hochschule.
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