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Die Erfindung der „juristischen Person“
Der Begriff der juristischen Person ist nicht alt. Er wurde im 19. Jahrhundert erfunden, weil man in der Aktiengesellschaft, der GmbH, der Genossenschaft, der Stiftung und dem Verein die Haftung der Mitglieder beschränken wollte. Die Aktiengesellschaft wurde den natürlichen Personen gleichgestellt, so dass sie nur mit ihrem Gesellschaftsvermögen haftet. Die verantwortlichen Personen hingegen, sowohl die Eigentümer (die Aktionäre) wie auch die Manager, die angestellt sind, haften nicht mit ihrem privaten Vermögen. Die juristische Person schließt Verträge, kauft Boden und Produktionsmittel und stellt Mitarbeiter an bis hinauf zu den leitenden Direktoren. Eine juristische Person kann zahlungsunfähig oder aufgelöst werden. Deshalb muss man sich, wenn man ihr Kredit gewährt, sorgfältig absichern. Das geschieht hauptsächlich durch Hypotheken. Die Aktiengesellschaften kommen vor allem dadurch zu Kapital, dass sich die Aktionäre finanziell am Unternehmen beteiligen und dadurch zu Eigentümern des Unternehmens werden. Als solche treffen sie die obersten Entscheidungen. Dabei richten sich die meistens von ihnen nach ihrem persönlichen Vorteil, den sie in möglichst hohen Dividenden und Börsenkurs-Gewinnen sehen. Nun sagt man, dadurch werde indirekt auch der Erfolg des Unternehmens und das Wohl der ganzen Wirtschaft gefördert, weil nur ein gut geführtes Unternehmen, das etwas produziert, was gebraucht wird, Gewinn abwerfe.
Diese Theorie traut den Menschen nicht zu, anders als egoistisch zu handeln, und behauptet, durch die überall wirksame Konkurrenz entstehe zuletzt etwas Gutes, auch wenn die Menschen es nicht direkt beabsichtigen. Wenn wir aber den Menschen zutrauen, dass sie nicht nur an sich denken, sondern auch das Wohl anderer oder sogar aller Mitmenschen fördern wollen, dann kann die Kapitalversorgung eines Unternehmens ganz anders angegangen werden.
Dann wird man zuerst überlegen, welche Zwecke man fördern will. Dann wird man Personen suchen, die gewillt und fähig sind, diesen Zwecken zu dienen und dabei erfolgreich zu sein. Und diesen Personen wird man das nötige Kapital zur Verfügung stellen, sei es als Darlehen oder als Beteiligung. Der Kredit und die Beteiligung richten sich dann nicht an eine anonyme Gesellschaft, sondern an fähige Personen, die Verantwortung übernehmen. Die Haftung dieser Personen könnte man vertraglich beschränken, ohne dass man Zuflucht zu einer juristischen Fiktion nehmen muss und ohne dass man die unternehmerische Freiheit dieser Personen einschränkt. In der Praxis können wir die in den Gesetzen vorgesehenen Gesellschaftsformen der Aktiengesellschaft, GmbH, Genossenschaft oder des Vereins benützen und für den internen Gebrauch umdeuten. Von außen mag man denken, dass nicht die Menschen, sondern Vereine, Stiftungen, Genossenschaften, Aktiengesellschaften als juristische Personen unternehmerisch tätig seien, repräsentiert und verwaltet durch angestellte Manager. Intern kann man aber diese Gesellschaften so organisieren, dass die hauptverantwortlichen Personen faktisch in die Position von selbständigen Unternehmern gehoben werden. Sogar in der Aktiengesellschaft ist es möglich, der Unternehmensleitung völlige Autonomie zu gewähren, wenn die absolute Stimmenmehrheit der Aktionäre nicht bei privaten Eigentümern, sondern bei einem Verein oder einer Stiftung liegt und wenn der Verein oder die Stiftung so konzipiert sind, dass sie sich in der Hand der jeweiligen Unternehmensleitung befinden. Ein Beispiel einer solchen Aktiengesellschaft ist L’Aubier SA im Kanton Neuchâtel in der Schweiz. Sie ist beschrieben in:
Marc Desaules: „Une réponse humaine à la mondialisation, découvrir une économie associative”, Canterbury et Neuchâtel 2003, ISBN 0948229039.; auch englisch: A Human Response to Globalisation, Discovering Associative Economics, ISBN: 0948229047