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Ob Napoleon den Griechen hätte helfen können?
Bei der Rettung Griechenlands geht es immer wieder ums Geld, aber die Grundfrage ist eine ganz andere: Wie ist es möglich, dass ein Land gute Institutionen entwickelt? Denn es ist klar, dass Griechenland ohne eine gut funktionierende Verwaltung, ein effizientes Steuersystem und ein landesweites Kataster kaum Investitionen anziehen kann. Die Perspektive in der Währungsunion bleibt trostlos, wenn in diesen Bereichen keine Fortschritte erzielt werden können.
Wie könnte nun die EU bei diesem Prozess behilflich sein? Skeptiker verweisen auf die Unmöglichkeit, durch Interventionen von aussen einem Land zu helfen. Entweder es bildet sich im Land selber eine politische Mehrheit, die vorwärtsmachen will, oder es passiert nichts.
Die Skeptiker können viele historische Beispiele zitieren. Es ist in der Tat verblüffend, wie zäh schlechte Institutionen sind. Ein Paradebeispiel ist Argentinien. Das Land hat eigentlich ein grosses Wachstumspotenzial, aber Korruption, Ämtermissbrauch und dergleichen verhindern immer wieder, dass es wirtschaftlich richtig vorwärtsgeht. Argentinien ist und bleibt seit 200 Jahren ein Schwellenland.
Optimisten zitieren gerne die Leistungen des Römischen Reiches oder Napoleons. Die Französische Revolution habe einen institutionellen Modernisierungsschub gebracht, der die institutionellen Grundlagen für das hohe Wirtschaftswachstum im 19. und 20. Jahrhundert gelegt habe. Dank den siegreichen Feldzügen und Reformen in den besetzten Gebieten habe Napoleon dann dieses zukunftsträchtige Modell in Westeuropa durchgesetzt.
Vor ein paar Jahren haben bekannte Ökonomen die These von der positiven Wirkung der Französischen Revolution für die von Napoleon eroberten deutschen Gebiete empirisch zu belegen versucht (Acemoglu, Cantoni, Johnson und Robinson 2011). Das Ergebnis: Napoleon hat geholfen.
… all of our evidence points to more rapid economic growth … that underwent the radical institutional reforms brought by the French Revolution, especially after 1850. We also presented additional evidence suggesting that the primary channel of influence of French occupation was likely to have been the institutional reforms of the Revolution.
Offenbar gibt es doch einen Spielraum für erfolgreiche institutionelle Reformen. Für Griechenland würde das bedeuten, dass es durchaus Möglichkeiten gäbe, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Die EU könnte also im Austausch gegen neue Kredite ein eigentliches Sanierungsprogramm à la Napoleon lancieren.
Die zitierte Forschung mahnt allerdings auch zur Vorsicht. Sie untersucht nur die deutschen Gebiete. Notwendig wäre es, dass man alle von Napoleon unterworfenen Gebiete untersucht. Dazu gehörten auch grosse Teile Südeuropas, wie die folgende Karte zeigt.
In Neapel und Spanien sind kaum Wachstumsimpulse dank der napoleonischen Besetzung festzustellen. Beide blieben Monarchien, die auf Willkür und Korruption beruhten. Nur die Spitze wurde mit Verwandten Napoleons ersetzt. Es fand keine institutionelle Transformation statt.
Bei den deutschen Gebieten – wie übrigens auch bei den Niederlanden und der Schweiz – muss man davon ausgehen, dass diese ohnehin schon relativ gute Institutionen und eine für die damaligen Verhältnisse hoch entwickelte Wirtschaft besassen. Napoleon mag geholfen haben, aber es war kein Systemwechsel notwendig, eher eine Beschleunigung eines bereits in Gang gekommenen Prozesses.
Europas Erfahrung mit Napoleon eignet sich also nur bedingt als Blaupause für Griechenland. Zudem ist noch Folgendes zu bedenken: Griechenland ist seit 1981 Mitglied der EG bzw. der EU, die es sich zum Ziel gemacht hat, die institutionellen Grundlagen Europas zu verbessern. In Griechenland ist dieser Modernisierungsdruck also seit 30 Jahren am Werk, und doch sind viele ererbten Strukturen bestehen geblieben. Schwierig, sich vorzustellen, dass jetzt alles anders wird.