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Irmgard Keun war der literarische Shootingstar der Weimarer Republik. Nach dem Krieg vergessen, wurde sie in den siebziger Jahren wiederentdeckt. Jetzt macht eine Gesamtausgabe ihre Romane und Schriften zugänglich.
Irmgard Keun war 26 Jahre alt, als sie mit ihrem ersten Roman, «Gilgi, eine von uns», 1931 einen Sensationserfolg verbuchte. Der Einblick in die Seele einer strebsamen Angestellten, die durch die grosse Liebe ins Straucheln kommt, packte vor allem die Leserinnen. Noch heute verblüfft die pointierte Kritik an männlichen Verhaltensweisen, die es – neben den miserablen Arbeitsbedingungen – jungen Frauen so schwer machten, auf eigenen Beinen zu stehen.
Die Autorin hingegen konnte dank des Bestsellers ihren schlecht bezahlten Schauspielerberuf an den Nagel hängen und schlüpfte mit Genuss in die Rolle des literarischen Shootingstars. Sie gab sich fünf Jahre jünger aus und machte Werbung für Pelze. Mit einem Pelz um den Hals fühlt frau sich gleich wie ein anderer Mensch, das weiss auch Doris, die Protagonistin von «Das kunstseidene Mädchen» (1932). In diesem Roman nahm die Autorin die illusionären Versprechen der Filmindustrie ins Visier, die den Mädchen den Kopf verdrehen: «Ich will so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weissem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris», schreibt Doris in ihr Tagebuch. Zum ersten Mal setzte Irmgard Keun hier die lebendige Rollenprosa ein, die ihre besten Romane auszeichnet.
Auf allen schwarzen Listen
Auch «Das kunstseidene Mädchen» wurde ein Verkaufsschlager und in mehrere Sprachen übersetzt. Kurt Tucholsky lobte den «sprühenden Witz» und schrieb über Irmgard Keun: «Hier wächst etwas heran, was es noch niemals gegeben hat: eine deutsche Humoristin.» Es hätte der Beginn einer grossen Karriere sein können, aber kein Jahr nach Erscheinen stand Irmgard Keuns Name schon auf allen schwarzen Listen, die vom NS-Regime oder seinen eifrigen Helfern veröffentlicht wurden. Als «Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz» wurden die Romane 1933 aus Buchhandel und Bibliotheken entfernt.
Irmgard Keun kämpfte um ihre Existenz. Bis 1936 schrieb sie Texte für Zeitungen und Zeitschriften, möglichst harmlos und neckisch, wie erwünscht. Sie hasste diesen «Fabrikbetrieb» für Geldgeschichten, aber auch diese Texte belegen ihre Begabung für satirische Zuspitzung. Noch die harmlosesten kleinen Geschichten sind von einem bösen Witz geprägt und lassen Kritik an den Zuständen im nationalsozialistischen Deutschland durchschimmern. Viel Hunger kommt darin vor, Mangel und Unglück. Da kann sich etwa die Geschichte «Selbstmördergarten» noch so harmlos als Märchen tarnen und versöhnlich ausgehen – dieses Thema war bei den Zeitungen tabu.
Jetzt macht eine Gesamtausgabe endlich alle Texte von Irmgard Keun (1905–1982) zugänglich, darunter einige unveröffentlichte und etliche Wiederentdeckungen. Die ausführlichen Kommentare liefern viel biografisches und zeitgeschichtliches Hintergrundwissen. So erfährt man, wie dreist eine Zeitschrift 1934 Keuns Lage ausnützen wollte. Sie lehnte ihre Texte ab, druckte sie dann aber unter anderem Namen. Die Autorin ging mit einem Anwalt gegen die Redaktion vor und erhielt 200 Mark Schadensersatz. Noch mutiger erwies sie sich 1935, als sie eine Schadensersatzklage wegen Verdienstausfalls durch die Beschlagnahme ihrer Bücher einreichte. Zugleich beantragte sie die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Erst als diese endgültig abgelehnt wurde, ging Irmgard Keun im Frühjahr 1936 ins Exil, zunächst nach Belgien, später in die Niederlande.
Auf Achse mit Joseph Roth
Nach dem Krieg hat Irmgard Keun ihre Emigration um ein Jahr vorverlegt – so wie sie überhaupt gerne Legenden über ihr Leben produzierte. Ihrem langen Bleiben in NS-Deutschland verdankt der Roman «Nach Mitternacht» seine Brisanz. Er ist eine bitterböse Beschreibung des Alltags im neuen Deutschland und schildert, wie die Menschen sich veränderten: Die einen wurden zu resignierten Trinkern, andere zu geistlosen Mitläufern oder zu eifrigen Spitzeln.
«Nach Mitternacht» erschien 1937 im Querido-Verlag, der die bedeutendsten ExilschriftstellerInnen versammelte – von Alfred Döblin über die Manns bis Anna Seghers und Joseph Roth. Mit Roth verband Irmgard Keun eine zweijährige Liebesbeziehung; sie reiste mit ihm in seine alte Heimat Galizien, nach Polen und Österreich. Während er sich wie viele seiner Mitemigranten auf historische Stoffe verlegte, wurde Keuns neues Thema das Exil selbst. Sie schrieb zunächst den Roman «D-Zug dritter Klasse» (1938), in dem sie Menschen in einem Zugabteil zusammenführt, die Deutschland aus unterschiedlichsten Gründen verlassen. Ihr rastloses Leben an der Seite von Joseph Roth fand dann seinen Niederschlag in ihrem letzten Exilroman, «Kind aller Länder» (1938). Aus der Perspektive der zehnjährigen Kully erzählt sie vom Leben in Hotels, wo der trinkfreudige und stets mittellose Vater Frau und Tochter gerne als Pfand zurücklässt, bis er die Rechnung bezahlen kann. Obwohl das Kind grenzenloses Vertrauen in seinen Vater hat und mit Vergnügen zu immer neuen Reisen aufbricht, spürt man beim Lesen direkt die Existenzangst unbemittelter EmigrantInnen.
Irmgard Keun gehörte zu den aktiven antifaschistischen ExilautorInnen, aber sie war sich bewusst, wie begrenzt deren Einfluss war. Nach dem Krieg schilderte sie die Situation illusionslos: «Man kämpfte noch, aber man wusste sehr klar, dass die kommende Katastrophe nicht mehr abzuwenden war. Und mehr und mehr kam man sich vor wie eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten möchte. Man schrieb noch, aber man wusste nicht mehr recht, wie ein kämpferisches Buch der Sache gegen Hitler noch dienen konnte.»
Plötzlich ein Sonnenstrählchen
Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande zog Keun zu ihren Eltern nach Köln, wo sie in der Illegalität den Krieg überlebte. Mitten in den Ruinen begann sie wieder zu schreiben. Zunächst lieferte sie bissige Kabarettszenen für den Rundfunk. Obwohl sie darin das Fortleben des deutschen Ungeistes geisselte, waren sie beim Publikum so beliebt, dass sie misstrauisch wurde. An den Schriftsteller Hermann Kesten schrieb sie: «Es kamen viele begeisterte Zuschriften, ich war plötzlich so eine Art ‹Sonnenstrählchen› für die Hörer geworden. Jetzt macht mir die ganze Arbeit keinen Spass mehr, weil mich der Gedanke quält, zur Aufheiterung von Nazis und Schiebern zu dienen.»
Ihre Rundfunkarbeiten sowie die Geschichten und Glossen für Zeitschriften, die sie direkt nach dem Krieg veröffentlichte, sind glänzend: bissig und voll tiefstem Sarkasmus. 1950 erschien Irmgard Keuns letzter Roman, «Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen» – ohne grosse Resonanz. Die nachfolgenden Texte verloren den politischen Biss. Keun litt zunehmend unter Alkoholismus und geriet fast in Vergessenheit. Erst in den siebziger Jahren wurde sie wiederentdeckt. Davon berichtet Ursula Krechel im einleitenden Essay zur Werkausgabe, in dem sie auch von ihrem missglückten Interview mit der alten Dame berichtet, die so gar nicht auf Krechels feministische Sichtweise eingehen wollte. Das liest sich sehr komisch, zumal Irmgard Keun sich am Ende wunderte: «Woher haben Sie denn meine Bücher? Ich habe keines mehr davon.» – Krechel: «Aus Bibliotheken oder zusammengesucht aus Antiquariaten.» Worauf Frau Keun fragte: «Kann man sie da klauen?»