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Der Politrebell, der das Zittern entdeckte
Der englische Landarzt James Parkinson beschrieb im Jahr 1817 erstmals die Symptome der Parkinsonkrankheit. Dabei war er eigentlich Chirurg, politischer Querdenker, Geologe und Fossiliensammler, wie Prof. Jürg Kesselring bei seiner Spurensuche in London herausgefunden hat.
Der englische Arzt James Parkinson (1755–1824) wurde durch seine Beschreibungen der «Schüttellähmung», wie er die Krankheit, die später nach ihm benannt wurde, selbst bezeichnete, weltberühmt. Doch ausser seinem Buch «An Essay on the Shaking Palsy», das er 1817 bei Sherwood, Neele and Jones in London veröffentlichte, wissen die meisten Menschen nur wenig über ihn. So ist auch nur den historisch interessierten Fachleuten bekannt, dass James Parkinson in seinem relativ dünnen Büchlein über lediglich sechs Fälle berichtet hat – von denen er selbst zudem nur drei persönlich eingehender untersucht hat. Zwei weitere Patienten hatte er «auf der Strasse getroffen», den sechsten gar nur «aus der Distanz gesehen», wie er selbst berichtet.
Dennoch, und das ist erstaunlich genug, beschreibt Parkinson in seiner kurzen Abhandlung die Symptome der Parkinsonkrankheit sehr treffend mit den Worten: «Unwillkürliche, zitternde Bewegungen, verbunden mit verminderter Muskelkraft, zeitweise selbst mit Unterstützung völlig unbeweglich; Neigung zu vornübergebeugter Körperhaltung und zum Übergang von einer laufenden in eine vorwärts rennende Bewegung; die Sinne und der Intellekt bleiben unbeeinflusst.»
Diese geschichtsträchtige Beschreibung einer Krankheit, die vorwiegend Menschen im höheren Alter trifft, gelang Parkinson selbst erst am Ende seiner Karriere. Ob er sich im Alter von 62 Jahren vermehrt für die Leiden seiner Altersgenossen interessiert hat? Wir wissen es nicht.
Bekannt ist dafür, dass Parkinson, der am 11. April 1755 in Hoxton Square, London, geboren wurde, seine medizinische Karriere 1776 mit dem Studienbeginn am Royal London Hospital begann. Nach dem Abschluss seiner Studien im Jahre 1784 verliess er die Klinik, an der später so berühmte Neurologen wie Lord Russel Brain oder Sir Henry Head tätig waren, und arbeitete bei seinem Vater John Parkinson, der in London eine Apotheke und eine chirurgische Praxis betrieb. Zudem wurde er Mitglied des Royal College of Surgeons und besuchte bei John Hunter Vorlesungen über die «Prinzipien und Praktiken der Chirurgie». Seine von ihm hierzu in Schnellschrift verfassten Notizen wurden später von seinem Sohn (Parkinson und seine Frau Mary Dale hatten sechs Kinder) unter dem Titel «Hunterian Reminiscences» (1833) veröffentlicht.
Ein Herz für den «kleinen» Mann
Zwischen 1800 und 1817 publizierte Parkinson zahlreiche kleine medizinische Arbeiten, darunter eine bemerkenswerte Abhandlung über die Gicht (1805) und einen Bericht über die Risiken der Blinddarmentzündung und der Blinddarmperforation (1812). Dieser Artikel, den er nach einer gemeinsam mit seinem Sohn durchgeführten Obduktion eines an Blinddarmentzündung verstorbenen Patienten verfasste, gilt als früheste belegte Beschreibung dieser Problematik in der englischen Medizin-Literatur.
Bereits 1799 publizierte er überdies den Aufsatz «Medizinische Warnungen». Dieser enthielt eine ganze Reihe populärwissenschaftlicher Anregungen und Forderungen zugunsten einer besseren allgemeinen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Parkinson selbst baute während seiner Karriere separate chirurgische, medizinische, psychiatrische und gynäkologische Krankenstationen für Männer und Frauen im Arbeitshaus der Shoreditch Kirchengemeinde auf.
Ein Engagement, das zu seinem politischen Einsatz zugunsten der Belange der Unterprivilegierten im englischen Königreich passte, dem er zeitlebens frönte. So mahnte er im Jahre 1811 in einem schriftlichen Plädoyer eine bessere Überwachung, strengere Regulierungen und humanere Zustände in den damaligen «Irrenhäusern» an und forderte mehr gesetzlichen Schutz für die Geisteskranken, ihre Betreuer, Ärzte und Familien.
Dieses kritische Engagement und seine politischen Ansichten behinderten seine Karriere, brachten ihn in die Bredouille. Denn James Parkinson war als freimütiger Kritiker der Pitt-Regierung, als starker Verfechter der Unterschichten und als Sympathisant der Französischen Revolution ein Dorn im Fleisch des Establishments. So verfasste er unter dem Pseudonym «Old Hubert» zahlreiche antiroyalistische Pamphlete und war Mitglied zweier politischer Vereinigungen, die unter anderem für eine grundlegende Steuer- und Gefängnisreform eintraten: der Society for Constitutional Information sowie der London Corresponding Society United for the Reform of Parliamentary Representation. Letztere wurde 1794 angeklagt, an einem Komplott beteiligt gewesen zu sein, das sich zum Ziel gesetzt hatte, König George III während eines Theaterbesuches mit einem aus einer Platzpatronenpistole abgeschossenen Giftpfeil zu ermorden (The Popgun Plot).
In der Folge wurde Parkinson unter Eid zu seiner Beteiligung an diesem Komplott befragt, woraufhin er allerdings nur eingestand, Mitglied der Vereinigung zu sein und diverse systemkritische Schriften publiziert zu haben.
Verteidiger der Schöpfungsgeschichte
Parallel zu seiner Arbeit als Mediziner und Politkritiker begann sich Parkinson schon früh auch für die Naturwissenschaften Chemie, Geologie und Paläontologie zu interessieren. Er publizierte ein «Taschenbuch der Chemie», besass eine umfangreiche Mineralien- und Fossiliensammlung und schrieb von 1804 bis 1811 das dreibändige Werk «Organic Remains of a Former World». Das mit zahlreichen von Parkinson selbst angefertigten Zeichnungen versehene Buch gilt heute als eine der wichtigsten Arbeiten für die Entwicklung der britischen Paläontologie. Zudem gründete Parkinson anno 1797 mit einigen Freunden und Kollegen die Geologische Gesellschaft von London.
Trotz seines umfassenden wissenschaftlichen Verständnisses lehnte Parkinson aber bis zu seinem Tod die von Kollegen wie dem schottischen Geologen und Naturforscher James Hutton vertretene Theorie der evolutionären Entwicklung unserer Erde ab. Parkinson verteidigte vehement die Schöpfungstheorie, war überzeugt, dass eine «kreative Kraft» für eine kontinuierliche, zielgerichtete Entwicklung stetig neuer Formen verantwortlich sein müsse.
Wie viele andere grosse Forscher erhielt auch James Parkinson zu seinen Lebzeiten nur wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung. Erst 1884, genau 60 Jahre nach Parkinsons Tod am 21. Dezember 1824, benutzte der französische Neurologe Jean-Martin Charcot (1825–1893) wohl erstmals den Ausdruck «Maladie de Parkinson», als er seine Schüler auf Parkinsons Büchlein «An Essay on the Shaking Palsy» hinwies mit den (überlieferten) Worten: «Dieses kleine Pamphlet ist schwierig aufzufinden. Nach einer frustrierenden Suche besitze ich jetzt selber eine Kopie, dank Dr. Windsor, dem Bibliothekar der Universität Manchester. So kurz das Werk auch ist, so enthält es doch eine Anzahl ausserordentlicher Ideen und ich möchte alle von ihnen ermutigen, eine französische Übersetzung zu suchen. Lesen Sie das ganze Buch und es wird Ihnen Befriedigung verschaffen und Wissen, wie man es immer gewinnen kann von der direkten klinischen Beschreibung bei einem ehrlichen und sorgfältigen Beobachter.»
Späte Anerkennung
Ausserhalb der Medizinwelt aber blieb James Parkinson noch viele Jahrzehnte eine wenig bekannte Figur und so schrieb der Amerikaner J. G. Rowntree anno 1912 im Bulletin of the John Hopkins Hospital sehr treffend: «English born, English bred, forgotten by the English and the world at large, such was the fate of James Parkinson» (dt.: In England geboren, in England gezeugt, von den Engländern vergessen und von der freien Welt – das ist das Schicksal von James Parkinson).
Heute freilich ist der Entdecker der «Schüttellähmung» vielen Menschen bekannt – und jährlich am 11. April gedenken wir seiner am Welt-Parkinson-Tag. Dieser wurde übrigens erstmals im Jahre 1997 auf Betreiben der europäischen Parkinsonvereinigung EPDA mit Sitz in London durchgeführt – unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO.
James Parkinson, das Phantomgesicht
An Parkinsons Studienstätte, dem Royal London Hospital im Londoner East End, gibt es eine kleine Medizinausstellung. In dieser ist festgehalten, dass von James Parkinson keine Abbildung existiere, und auch im früheren Standardwerk zu dieser Krankheit (H-P. Ludin, 1988) wird bedauert, dass von Parkinson «leider kein Bildnis existiert». Zwar ist im Internet seit geraumer Zeit eine Abbildung von «James Parkinson» zu finden, die einen ernsten jungen Mann mit dickem Backenbart zeigt und bei der es sich unzweifelhaft um eine fotografische Abbildung handelt. Solche aber gibt es erst seit 1826 (die erste bekannte Fotografie stammt von Nicéphore Nièpce). Doch James Parkinson starb schon zwei Jahre früher! Als einziges Zeitzeugnis nachweisbar ist lediglich eine Unterschrift von James Parkinson im Royal London Hospital.