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Beobachter: Ein Delinquent wird für ein paar Tage allein in eine Zelle gesteckt, damit er dort «zur Besinnung kommt». Wo liegt das Problem?
Reto Volkart: Einzelhaft bedeutet, rund um die Uhr in einem wenige Quadratmeter grossen Raum eingesperrt zu sein - der Gefangene nimmt also immer dieselben Reize wahr. Durch die Einschränkung der Bewegung wird auch die körperliche Wahrnehmung reduziert.
Beobachter: Das trifft aber nur bei einer länger dauernden Einzelhaft zu.
Volkart: Nein. Vor allem psychische Symptome können jederzeit einsetzen. Einige treten schon nach Stunden auf, andere entwickeln sich schleichend.
Beobachter: Welche Auswirkungen meinen Sie?
Volkart: Zu den körperlichen Symptomen gehören Schwindel, Schlaf- und Verdauungsstörungen, niedriger Blutdruck und erhöhte Pulsfrequenz. Die psychischen Auswirkungen reichen von Depression, Apathie, Ohnmacht, Angst über unkontrollierbare emotionale Ausbrüche, Halluzinationen bis zu Sprachfindungsstörungen. Auch die Selbstverstümmelungs- und Selbstmordrate ist in Einzelhaft erschreckend hoch.
Beobachter: Haben Sie konkrete Beispiele?
Volkart: Ein Untersuchungshäftling, der nach langer Einzelhaft Selbstmord begangen hat, schilderte in seinem Abschiedsbrief, dass er keine zusammenhängenden Gespräche mehr führen könne. Er verwese bei lebendigem Leibe.
Beobachter: Ist denn die Einzelhaft in Untersuchungshaft besonders hart?
Volkart: In Untersuchungshaft erzeugt die Einzelhaft - anders als im Strafvollzug - einen massiven Geständnisdruck. So gaben Gefangene verzerrte und falsche Informationen, gestanden sogar einen Mord, den sie nicht begangen hatten. Nach der Menschenrechtskonvention darf der Untersuchungshäftling aber in seinen Rechten nur so weit eingeschränkt werden, als dies für die Ermittlung unbedingt notwendig ist.
Beobachter: Die in der Schweiz praktizierte Einzelhaft ist somit menschenrechtswidrig?
Volkart: Die Schweiz ist das einzige Land in Westeuropa, in dem Untersuchungshaft in der Regel als Einzelhaft vollzogen wird. Sie wirkt als Folter.
Beobachter: Einzelhaft ist also Folter?
Volkart: Es gibt angesichts der vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnisse keinen Weg vorbei an der Feststellung, dass dieser Vorwurf berechtigt ist.
Beobachter: Aber wenn akute Fluchtgefahr besteht, ist Einzelhaft gerechtfertigt.
Volkart: Fluchtgefahr kann auch mit anderen Massnahmen verhindert werden. Es gibt genügend Gefängnisse, die zeigen, dass mit fortschrittlichen Strafvollzugskonzepten gearbeitet werden kann.
Beobachter: Sie fordern die Abschaffung der Einzelhaft?
Volkart: Ein Verzicht auf die Einzelhaft wäre ein Schritt in die Richtung einer menschenwürdigeren und gerechteren Praxis. Dies wird aber nicht von Wissenschaft und Ethik bestimmt, sondern von der Politik.
Beobachter: Ein Delinquent wird für ein paar Tage allein in eine Zelle gesteckt, damit er dort «zur Besinnung kommt». Wo liegt das Problem?