Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/458

Ich schildere mal zuerst, wo das Gespräch mit Shiva dem Lehrer stattgefunden hat.
Die indische Regierung hatte vor ein paar Jahren die Idee, Dorfbewohner aus ganz Indien ganz direkt vom Touristenstrom profitieren zu lassen. Also hat sie zum Beispiel in Udaipur ein Art Ballenberg hingestellt mit Bauten aus ganz Indien. Dort leben dann jeweils für zwei, drei Wochen richtige Dorfbewohner in den nachgebauten Häusern ihrer Gegend und verkaufen Waren, die sie mitbringen oder gleich vor Ort produzieren.
Wir waren an diesem späten Nachmittag die einzigen Touristen weit und breit. Jede Tanzgruppe, jeder Handwerker und Künstler wollte von uns ein paar Rupien verdienen. Es waren viele Handwerker und Künstler. Und drei Tanzgruppen.
Shiva der Lehrer hat sich uns als Führer durch die Ausstellung angeboten. Hätten wir nein sagen können, angesichts der Tatsache, dass wir völlig allein waren? Nun, nebst den Erklärungen ergab sich das übliche Gespräch: woher, wie lange, ob’s gefällt usw. usf. Dann kamen wir auf die Kinder zu sprechen und aufs Alter und wie lange wir schon verheiratet seien. Shiva ist 34, verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet und lebt als Lehrer in dem Dorf, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Etwa vierzig Kilometer vom Ausstellungsdorf weg. Manchmal hilft er hier aus. Und verdient sich etwas dazu, obwohl er gut verdiene, wie er mehrfach betont.
Dann sassen wir im kleinen Museumsbau des Schaudorfes, die Sonne war am untergehen und Shiva, der Lehrer begann zu erzählen.
Sein Vater sei drei Tage, nachdem er zur Welt gekommen sei, gestorben. Die Jahre seien hart gewesen für ihn und seine beiden Schwestern. Aber besonders für seine Mutter, denn als Witwe ist man in Indien ein Niemand. Er sei zur Schule gegangen, habe sich angestrengt, um etwas zu erreichen. Ein besseres Leben halt. Jetzt, seit er Lehrer sei, redeten sie wieder mit ihr und auch er sei nun in seinem Dorf eine respektierte Person. “Wer Geld hat, wird respektiert.”
Als er 16 war, hat ihn seine Mutter mit einer 13-Jährigen verheiratet. 98% aller Ehen in Indien, sagt er uns, werden noch immer von den Eltern arrangiert. “Ich habe meine Frau weder an der Hochzeitsfeier noch danach von Angesicht zu Angesicht gesehen”, sagte Shiva. So sei es Brauch.
Er habe nach der Hochzeit seine Mutter angefleht, ihn doch die Schule fertig machen und zu studieren zu lassen. Acht Jahre später hat er sich aufgemacht, ins Dorf seiner Frau, um sie abzuholen.
“Als ich sie nun zum ersten Mal sah, war ich völlig geschockt”, erzählt er weiter. Er habe eine verschüchterte Frau angetroffen, die weder Lesen noch Schreiben konnte, eine Fremde. Er sei völlig verzweifelt gewesen, wusste nicht mehr was tun. Er konnte mit dieser Frau nicht zusammenleben. Seine Schwester habe dann zu ihm gesagt: “Bruder, verzweifle nicht, ich werde ihr alles beibringen, damit sie dir eine gute Frau wird.”
Mit dieser Schilderung beendete er unser Gespräch, das mit einem Blick aufs indische Kastenwesen begonnen hat. Das ist zwar offiziell abgeschafft, aber noch immer die indische Gesellschaft beherrscht. Er sei Brahmane, gehöre der ersten, der Pristerkaste an. Doch weil seit den Engländern gilt, dass auch “Unberührbare” eine Chance haben, werden Stellen wie beispielsweise die für einen Lehrer nach Quoten vergeben.
“Ich hatte zwar herausragende Noten, wurde jedoch nicht angenommen, weil mein Platz an einen Dalit vergeben wurde.” Der hatte bedeutend schlechtere Noten. Doch dessen Vater sei im Staatsdienst. “Ich will kein Brahmin sein, was nützt mir das schon. Ich möchte einfach als Mann, der etwas kann, in dieser Gesellschaft meinen Platz finden.” Doch das sei sehr schwer. Shiva bereitet sich auf die Prüfungen in den höheren Staatsdienst vor. Er hofft, diese in zwei, drei Jahren zu bestehen.
Wir wollten aufstehen, es war am Eindunkeln, da sagte er: “Drei Jahre nach der Hochzeit, habe ich die Liebe meines Lebens getroffen, hier in diesem Schaudorf, wo ich schon während meiner Schulzeit gearbeitet habe.” Sie sei mit einer Musikgruppe hier gewesen, eine Zigeunerin. “Wir hatten nur diese beiden Wochen.”
Es sei jetzt zwei Monate her, da habe er sie hier wiedergesehen. Ihre Mutter hätte das arrangiert. Wir haben miteinander geredet, wie es geht, ob wir glücklich seien und so. Sie ist auch verheiratet und hat zwei Kinder. “Ja, sie ist die Liebe meines Lebens.” Er habe sich noch niemanden so geöffnet. Aber er habe gesehen und gespürt, wie glücklich wir seien.
Ja, es ist wohl mit nichts aufzuwiegen, wenn man das Glück hat, die Liebe seines Lebens zu treffen. Ja, so ist es. Ich werde Shiva, den Lehrer für immer in meiner Erinnerung behalten. Leider ist mir dieser Satz erst beim Wegfahren in den Sinn gekommen. Ich hätte ihm das noch sagen wollen, nach all der Sprachlosigkeit beim Abschied.