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LaVelle Smith Jr. ist uns von Anfang an sympathisch, als er jackson.ch Ende Juli 2017 zum Interview empfängt. Die Tanzschule «Dance Force» hat ihn für einen Workshop in Zürich gebucht. Wir wären nicht überrascht gewesen, einem kurz angebundenen, etwas hochnäsigen Tänzer gegenüber zu sitzen. Immerhin war er von 1987 bis 2008 an Michael Jacksons Seite und stand für hunderte Auftritte mit dem King of Pop auf der Bühne. Daneben arbeitete er mit Grössen wie Diana Ross, Beyonce, Rihanna, Lenny Kravitz, George Michael, The Rolling Stones, Janet Jackson («Rhythm Nation») und mit Prince zusammen. Fünfmal gewann er den Preis der «MTV Video Music Awards» für die beste Choreographie, darunter 1995 für «Scream».
Michael Jackson wurde während den Dreharbeiten zu «Smooth Criminal» auf LaVelle Smith Jr. aufmerksam und war so begeistert von ihm, dass er ihn unbedingt auf der Bad-Tournee dabei haben wollte. Seit den 1990er-Jahren war LaVelle auch als Choreograph für MJ aktiv – er kreierte Tanzroutinen für die «Dangerous»- und die «HIStory»-Tournee, ebenso für diverse Auftritte und Clips wie «2 Bad»/«Ghosts», «Scream» oder der «HIStory-Teaser». Den letzten Auftritt hatten Michael Jackson und LaVelle Smith Jr. im Jahr 2002 im Apollo Theater. Im Vorfeld der This Is It Proben sei er nur involviert gewesen, als die Shows noch für Las Vegas zur Diskussion standen, so seine Aussage.
LaVelle begrüsst uns freundlich und nimmt uns die vorbereitete Einleitung gleich vornweg: «Erzählt mir, wer ihr seid und von eurer Webseite…» Er zeigte sich beeindruckt, dass wir bereits seit 2001 online sind und wie er betonte, zu Lebzeiten Michael Jacksons aktiv gewesen seien. Ob wir die Konzerte im Madison Square Garden 2001 vor dem schrecklichen 9/11 besucht hätten? Er würde uns jünger einschätzen, so LaVelle. Er staunt, als ihm Roman berichtet, dass er Michael seit 1988 sieben Mal live gesehen habe. «Ich war jedes Mal dabei», wirft LaVelle ein. «Das ist uns bewusst, es ist uns deshalb eine grosse Ehre, dich interviewen zu dürfen!» – «Oh kommt schon… Ich freue mich, euch kennen zu lernen.»
Jackson.ch: Wie denkst du an Michael Jackson zurück?
LaVelle Smith Jr.: Ich denke ich bin glücklich darüber, ihn gekannt zu haben. Michael war einer meiner besten Freunde. Ich weiss nicht ob ihr dieses Gefühl kennt, wenn jemand, den ihr in euer Herz geschlossen habt, stirbt. Manchmal nehme ich das Telefon in die Hand und denke: Das ist derart lustig, dass ich es Michael erzählen muss, da er das so lustig finden würde… Das kommt immer noch vor. Ich möchte es ihm erzählen – er würde derart lachen. Aber… [macht eine Gestik, als würde er sein Handy ans Ohr halten und hält einen Moment inne.]
Hat dich auch Michael oft angerufen?
Oh meine Güte. Um zwei Uhr morgens, drei Uhr morgens, vier Uhr morgens… ‚LaValle, bist du wach?‘ Ich so: ‚Ja klar. Ja, ich bin wach und mir geht es gut‘. Klar bin ich um vier Uhr morgens wach! [lacht ironisch] Aber ich war natürlich nicht wach. Das ist, wieso ich gelernt habe, das Telefon neben das Bett zu legen – und es einfach aufzuschreiben, damit ich es nicht vergesse.
Wann bist du mit Tanz in Kontakt gekommen und wie hat das Tanzen dein Leben verändert?
Ich denke, dass ich etwa drei oder vier Jahre alt war. Ich kann mich jedenfalls daran erinnern, wie ich diese Tanz-Fernsehshows angesehen habe und wie ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich so etwas später machen möchte. Sie sagte, das seien doch eher dämliche Leute – aber ich wollte das echt machen. Es gab nie ein Moment in meinem Leben, in dem ich nicht tanzen wollte. Ich wusste einfach, dass das genau das ist, was ich machen möchte – ich habe nie über das Geld nachgedacht. Ich liebe meine Mutter, aber sie sagt immer noch dasselbe und sie hat ihre Ansicht nie geändert: ‚Gott, bitte mach doch etwas anderes. Werde ein Doktor oder ein Anwalt. Du bist ein schlauer Junge. Sei kein dümmlicher Tänzer.‘ Aber ich fand: ‚Doch, ich möchte ein Tänzer werden!‘
(LaVelle Smith Jr. studierte an der «Youth Performing Arts School» in Louisville Kentucky und startete seine Karriere in Chicago bei der «Jazz Dance Company» von Gus Giordano.)
Tänzer zu sein ist ein harter Job…
Nein, für mich ist es das nicht. Es war nicht hart, es war eine natürliche Sache. Es ist mir sehr leicht gefallen. Das ist, was ich bin. Ich denke nicht, dass es in meinem Leben je ein Tag oder ein Moment gab, in dem ich nicht tanze. Entweder in meinem Kopf, mit meinen Körper, oder in meinen Träumen.
Du hast erzählt, dass du TV-Shows angesehen hast. Wer hat dich als Tänzer inspiriert?
Viele TV-Shows haben mich inspiriert. Ich wollte nicht speziell sein. Ich wollte keinen grossen Job haben, ich wollte einfach einer von diesen Tänzern sein. Es war nie meine Absicht so berühmt zu werden wie ich das jetzt bin.
Wie hat sich dein Leben durch die Zusammenarbeit mit Michael Jackson verändert?
Als ich 21 Jahre alt war, konnte ich meiner Mutter ein Haus kaufen. Das war die grösste Veränderung. Ich habe eines für sie gekauft, nicht für mich. Das war eine grosse Veränderung für meine Familie. Ich wurde reich. Aber Geld zu machen war nicht meine Motivation, das ist einfach passiert.
Wie bist du mit Michael in Kontakt gekommen?
Ich glaube, Michael hat mich in einer Diana Ross Show gesehen. Ich war damals 19 Jahre alt. Michael sah mich und er war begeistert. Alle sagten mir damals, ‚komm hinter die Bühne‘, denn Diana Ross war wie eine Mutter für mich. Sie wollte mich überall hin mitnehmen. Und so traf ich all die berühmten Leute: Muhammad Ali… und Michael. Aber ich war nicht so erpicht auf berühmte Kontakte. Jede Nacht traf ich jemanden.
Du hast Michael also bereits vor dem «Smooth Criminal» Clip getroffen!?
Ja, aber ich war nur ein normaler Tänzer. Ich ging [für Smooth Criminal] zum Vortanzen, aber sie sagten nicht, dass es ein Projekt für Michael Jackson sei. Ich ging also zum Vortanzen und gab mein Bestes und sie meinten dann – so nebenbei – dass es für Michael Jackson sei. Ich war kein Fan. Aber ich wurde zum Fan, nachdem ich mit ihm getanzt habe! Dieser Typ ist ziemlich beeindruckend… Ich war ursprünglich ein Prince-Fan. Prince war mein Idol.
Das war für die «Dangerous»-Tour. Er sagte zu mir: ‚Was würdest du machen, LaVelle, was würdest du tun?‘ und ich… [imitiert Tanz-Moves] und Michael meinte: ‚Das ist genau, was ich möchte!‘ «Jam» war unser erster Song.
Fanden diese Proben auf Neverland statt?
Nein, alle denken, dass es auf Neverland war, aber nein, es war auf einer Musikbühne in Hollywood. Wir haben niemals irgendeinen Song auf Neverland geprobt. Aber Michael und ich schon – privat. Er hatte nie andere Tänzer dort oder einen Workshop auf der Ranch. Es waren jeweils nur Michael und ich.
Wie hat Michael dich inspiriert und als Künstler wachsen lassen?
Er hat mich nicht wachsen lassen, er hat mich gepusht. Ich hatte kein Bedürfnis, ein Choreograph zu werden. Aber er sagte: ‚Du hast eine Begabung.‘ Es war eher Michael, der mich pushte.
[Der Jasmintee ist fertig, den unser Gastgeber von Dance Force, Cüneyt Ücüncü, aufgesetzt hat. Wir lehnen erst dankend ab, werden dann aber von LaVelle aufgefordert «Der Tee ist umwerfend! Ihr müsst das probieren, er ist köstlich.»]
Du hast über das Pushen von Michaels Seite gesprochen – war es einfach, mit Michael zu arbeiten oder kam da auch viel Druck von seiner Seite her?
Ehrlich gesagt war es easy für mich. Ich verstehe, dass es für einige Leute schwierig war. Aber für mich war es einfach, da ich ehrlich war. Wir hatten eine Verbindung zueinander. Manchmal hat man zu jemandem einen Draht, manchmal nicht und die Zusammenarbeit wird schwierig. Es hängt von der Person ab. Michael und ich waren sofort auf einer Wellenlänge. Er war sehr freundlich zu mir. Er fragte mich oft, was ich von gewissen Ideen halte, da er wusste, dass ich ehrlich war. Er fragte mich beispielsweise ob ich ein bestimmtes Outfit mag oder nicht. Und ich konnte ihm auch ehrlich sagen: Das sieht doof aus, Männer tragen so was nicht! Ich bin ehrlich. Ich denke, dass wir uns so nahe kamen, weil ich ihm gegenüber so ehrlich war. Wenn es mit jemandem nicht harmoniert, kannst du es noch so versuchen, aber es funktioniert einfach nicht. Aber Michael und ich hatten eine Verbindung.
Gab es auch negative Aspekte an der Zusammenarbeit mit Michael?
Meine Güte… ich werde euch die Wahrheit erzählen. Hmm… etwas Negatives über Michael Jackson? [denkt lange nach… Cüneyt fragt nach den nächtlichen Telefonaten.]
Ich lüge euch jetzt nicht an, das solltet ihr nicht drucken [lacht], aber es hat mich schon genervt… Es hat mich manchmal sogar wütend gemacht: Ich hatte einen tiefen Schlaf, ich lag entspannt in meinem Bett… das war vor den verrückten Anrufen! Ich wusste, wenn es in der Nacht klingelte, dann war es entweder meine Mutter oder Michael. Aber es war immer Michael Jackson. ‚Habe ich dich aufgeweckt?‘ – Ich: ‚Nein, nein, natürlich bin ich wach um vier Uhr morgens und warte auf deinen Anruf!‘ [lacht] Ich denke das könnte man negativ sehen, aber das war nicht wirklich negativ. Wisst ihr, manche unserer besten Ideen, manche unserer kreativsten Einfälle, fielen uns in diesen Stunden ein.
[LaVelle starrt auf Uelis T-Shirt] Ich muss immer auf dein Shirt schauen – wenn Michael noch leben würde, so würde er dieses Shirt haben wollen. Er würde mit dir tauschen. Er würde dir dafür sogar eines dieser wunderschönen roten Hemden geben oder was auch immer. Du würdest Michael riechen und du würdest es nie waschen. [lacht] Ich habe leider kein schönes Shirt um es mit dir zu tauschen, aber ich würde es definitiv eintauschen.
Wie denkst du, war dein Einfluss auf Michael?
Hm… ich denke… ich weiss nicht ob es dabei wirklich ums Tanzen ging. Ich denke, ich war wirklich ehrlich. Ich war ehrlich, wisst ihr. Sogar mit euch. Ich werde euer Freund sein, ich werde euch gegenüber authentisch sein. Ich denke, das war das Gewichtigste. Michael hat mir immer wieder gesagt: ‚Niemand kümmert sich um mich, alle möchten immer irgendetwas von mir.‘ Aber er wusste, dass ich nichts von ihm haben wollte. Wobei er mir alles gegeben hat, was immer ich wollte. Also was hätte ich noch mehr von ihm gewollt? Ich konnte immer ehrlich sein. Ich denke, dass es meine Ehrlichkeit war, die er liebte. Ich habe ihm immer die Wahrheit gesagt.
Jetzt kommt eine einfache Frage – wobei nein, so einfach ist die Frage nicht…
Es gibt keine einfachen Fragen. Ich liebe, wie du das ausdrückst ‚oh, es ist eine einfache Frage‘ [lacht] Ich bezweifle, dass sie einfach ist.
…Welches ist dein Lieblings-Song von Michael Jackson?
Das ist definitiv keine einfache Frage. Meint ihr, um ihn zu hören, aufzuführen, oder um zuzusehen? Ich beantworte sie alle drei…
Um zuzusehen: «Human Nature». Ich war jeweils von den Kostümverantwortlichen umgeben – sie zogen mir das Shirt ab, ich stand also beinahe nackt da und liess mich neu einkleiden, damit ich ihm bei «Human Nature» zuschauen konnte. Jeden Abend. Ich denke noch in tausend Jahren würde ich «Human Nature» sehen wollen. Wenn du seine Performance heute ansiehst, ist sie immer noch grossartig. Aber könnt ihr euch vorstellen, in diesem Moment auf der Bühne zu sein – so nahe zu sein… Es war so beeindruckend!
Um dazu zu tanzen: «Heartbreak Hotel». Und um zuzuhören: Songs, die er nie aufgeführt hat. Der Titel fällt mir gerade nicht ein… ich kann nicht singen, aber ihr werdet es erkennen… Get on the floor, and dance with me, i love the way… [singt]
Ueli: Mit Louis Johnson…
Ja! Es ist nicht nur Michaels Stimme, es geht auch um den Bass.
Wie sieht das bei euch aus? Ich möchte euch dasselbe fragen.
Roman: Das ist wirklich schwierig – nur ein Song. Um auf der Bühne zuzusehen: Ich mag «Dangerous» wirklich besonders gut.
[LaVelle murmelt: «God bless your heart»] Bist du sicher? Du sagst das doch nur wegen mir.
Roman: Nein, die Choreographie macht es wirklich grossartig, es ist ein Klassiker, der in den 90er-Jahren entworfen wurde. Und von der Botschaft und der Musik her: «Earth Song». Es ist ein besonderer Song.
Das ist ein anspruchsvoller Song. Ich habe Michael immer gesagt, du solltest diesen Song live singen. Aber Michael meinte: ‚LaVelle, ich kann das nicht jeden Abend singen. Dies ist nicht menschenmöglich. Es ist ein Studio-Song.‘
Roman: Und ich mag von den Videos «Smooth Criminal» und «Bad» besonders.
Ja, «Bad» ist auch einer meiner Favoriten. Der Clip ist ausdrucksstark, Michael ist darin sexy und umwerfend. Für mich war er immer schön, egal wann und wo.
Claudia: Einer meiner Lieblingssongs ist «Human Nature».
Oh eine Ballade – welchen von den langsamen Songs magst du besonders?
Claudia: Ich weiss nicht, ob man diesen Song als Ballade bezeichnen kann, aber ich liebe «Man In The Mirror». Ich mag Songs mit einer spirituellen Bedeutung, mit Ausdruck und Botschaft. Wie auch «Will You Be There»!
[LaVelle beginnt den Song zu summen und schnippt den Takt mit seinen Fingern]
Claudia: ich kriege Hühnerhaut!
Und wenn du dazu tanzt… der Text… es gibt dir ein Gefühl [summt den Song weiter…] Nur schon, wenn sie den Song zu spielen beginnen – bevor wir auf der Bühne zu tanzen beginnen – kriegst du Hühnerhaut. Ich liebe diesen Song!
Ueli: Meine Lieblingsballade ist «Stranger In Moscow». Und mein absoluter Lieblingssong «Who Is It». Sein Gesang, der Bass, das Rhythmus-Arrangement…
Wisst ihr was, dieser Song wurde in Amerika nicht honoriert. Aber ich liebe ihn. Das Video, das ganze Packet – ich erinnere mich, wie ich in Europa war und wir sahen das Video ständig im Fernsehen. Aber in Amerika: Nichts.
Ueli: Und um auf der Bühne zu sehen: «Dangerous». «Billie Jean» ist auch ein Klassiker, aber die Choreographie zu «Dangerous» ist phänomenal. Als ich meiner Mitbewohnerin erzählte, dass ich dich treffen werde, habe ich ihr «Dangerous» gezeigt.
Oh echt? Wie hat sie reagiert?
Ueli: Sie sagte: zeige es mir noch einmal!
[LaVelle lacht herzhaft] In meinen Augen seid ihr Babys. Die schöne Sache für mich ist der Fakt, dass ihr eine echte Wertschätzung und Respekt für Michael Jackson habt. Das ist brillant.
Ueli: Es ist interessant die unterschiedlichen Menschen zu sehen, die MJ-Fan sind…
Claudia: …und es verbindet uns miteinander.
Das stimmt. Es spielt keine Rolle, ob ihr in meinem Alter seid oder jünger, aber ihr habt diese Gemeinsamkeit gefunden. Sogar nach seinem Tod bringt er noch immer Menschen zusammen. Ich sage das immer wieder in Interviews, sogar noch nach seinem Tod bringt er uns zusammen. Das ist wunderschön.
Roman: Was ich bei «Dangerous» besonders interessant finde, sind die unterschiedlichen Versionen der Choreographie.
Oh ja, tausende Versionen. Ich habe nie darüber nachgedacht, weil wenn du etwas kreierst, denkst du nicht, du machst es einfach.
Roman: Aber für uns Fans ist es cool…
Wisst ihr, jetzt wo er nicht mehr unter uns ist, haben wir aufgehört, es weiterzuentwickeln. Jetzt ist die Choreographie einfach, wie sie ist. Wir können auf die unterschiedlichen Versionen zurückblicken. Ich weigere mich ohne ihn ein neues «Dangerous» zu kreieren. Ich kann das nicht. Manchmal denke ich, wir sollten dies oder das machen, aber ich kann es nicht neu erfinden.
Er liess mich machen. Ich erinnere mich als wir in Japan waren, und Michael sagte, ich soll in sein Hotel kommen. Und ich dachte, oh shit, was habe ich falsch gemacht? Ich muss etwas wirklich schlecht gemacht haben oder sah er, wie ich… wer weiss. Aber das war nicht der Fall.
Es war etwas wirklich schönes, was er mir mitteilen wollte. Er sagte, ‚ich werde dir etwas geben, und dich dazu tanzen lassen. Ich möchte, dass du etwas kreierst.‘ Und ich sage, ‚ja, okay…‘ ich atmete erstmal erleichtert auf, da ich nicht in Schwierigkeiten war. Und dann dachte ich: ‚Wow.‘ Und direkt ab dem Moment, in dem er das gesagt hatte, begann ich zu arbeiten.
Er sagte dir also, dass du «Dangerous» kreieren sollst?
Ich war noch fast ein Kind, ich war noch sehr jung. Er sagte mir, dies sei für die «American Music Awards». So hatte ich also echt Druck. Viel Druck… aber ich sagte mir, dass ich nicht daran denken sollte – ich legte einfach los.
Dies war das erste Mal, dass ihr den Song aufgeführt habt: 1993 für die «American Music Awards»
Es war so lange – erinnert ihr euch an die erste Version? Sie dauerte über sechs Minuten.
Ja, die Version mit all den vielen unterschiedlichen Parts und Breaks
Ja, es war zu viel. Und ich frage Michael, ob ich den ganzen Song über auf der Bühne sein müsse. Aber er wollte nicht, dass ich ihm von der Seite weiche. ‚Solange ich auf der Bühne bin, stehst auch du auf der Bühne!‘
Wie war dein Verhältnis zu Travis Payne? (Er begleitete MJ erstmals bei der zweiten Hälfte der «Dangerous»-Tour 1993. Weitere Zusammenarbeiten: «Scream», «MTV Music Awards 1995», «Ghosts», «History»-Tour, erster Teil 1996, und «This Is It»)
Jeder möchte daraus eine komische Geschichte machen. Die Sache ist, ich habe ihn entdeckt. Ich fand ihn. Ich habe nichts Schlechtes über ihn zu sagen, ausser, was auch alle anderen sagen, dass er mich sein möchte. Viel Glück. Es gibt mich nur einmal. Das ist alles. Aber er ist fabelhaft und ich liebe ihn. Das tue ich wirklich. Aber er wünscht sich, er wäre mich.
Wie hat die Zusammenarbeit mit ihm funktioniert?
Er war ein Computer für mich. Das war hauptsächlich seine Aufgabe. Ich kreierte Moves, an die ich mich nicht immer erinnern konnte. Und er war der kleine Computer, der sich daran erinnerte, was ich gerade gemacht hatte. Das wars.
Wenn ich heute auf seine Arbeit schaue, und ich denke – mein Gott, wirklich? Du bist furchtbar. Aber ich denke, ich habe ihn inspiriert, vielleicht hat er etwas von mir gelernt. Er war mein Computer. Das ist die netteste Art, wie ich es ausdrücken kann. Er war nicht wirklich ein Freund. Ich hatte ein Manager und er sah ihn und der Manager sagte mir, oh, du solltest diesen Typ nehmen. So ist das abgelaufen, ohne lange darüber nachzudenken. Ich liebe ihn immer noch, er ist cool. Ich habe keine Probleme mit Travis Payne, ausser, dass es lustig ist, wenn ich über ihn nachdenke.
Während den Welttourneen: hattet ihr zwischen den Shows Zeit, um an neuen Choreographien zu arbeiten?
Immer. Für mich hört der kreative Prozess nie auf.
Es war also ständig ein kreativer Prozess?
Ja. Ich meine… ergeht es euch nicht auch so?
Roman: Das kann ich schwer nachvollziehen, da ich ja kein Choreograph bin… Ich stelle mir vor, dass ihr während ihr auf der Bühne steht, daneben möglicherweise keine Energie für neue Ideen habt?
Aber du verstehst, dass wir nicht auf der Bühne leben? Das ist nur ein Moment. Für mich ist es nicht so, dass wir daneben nur rum sitzen, vielleicht manchmal… Es geht um die Gunst der Stunde. Es kann sein, dass ich im Bett bin oder ein Video sehe und plötzlich eine Idee habe und loslegen muss mit einer Kamera oder so. Ihr?
Wir sind keine Performer. Aber viele kreative Personen erklären ihren Schaffensprozess so, dass sie ohne nachzudenken kreieren und der kreative Prozess ständig weiter geht.
[LaVelle erkundigt sich nach unseren Berufen…«Oh, das ist anspruchsvoll, alles abgesehen vom Tanzen wäre schwierig für mich!»]
Was ist euer Lieblingstanz?
Ueli: Ich mag Breakdance, da ich Hip Hop mag.
Du magst Rap?
Ueli: Ja, Bands wie The Roots oder Common.
Ja, Common ist grossartig, er macht schöne Musik. Und du?
Claudia: Ich mag verschiedene Tanzstile. Ich mag Street-Dance…
Aber magst du eine besondere Stilrichtung?
Claudia: Ich habe einige Jahre Tanzerfahrung mit orientalischem Hintergrund.
Du bist in der Popwelt zu Hause? Du magst den Pop!? Yeah. Du bist näher an meinem Stil. Du magst Sachen wie Britney Spears, Whitney Houston oder Justin Timberlake?
Roman: Ja die mag ich. Und Künstler wie Prince oder George Michael.
Oh, i did George. Das hätte ich jetzt anders formulieren sollen. I didn`t do him, but i worked with him. [lacht] Ich machte eine Choreographie für ihn zum Song «An Easier Affair». Wir hatten eine gute Zeit zusammen. Es brach mir das Herz ebenso, als er starb. Es brach mir auch das Herz, als Prince starb. Ich hatte eine Grammy-Show mit Prince gemacht. Beyonce sang übrigens einmal einen Song mit Prince zusammen – mit ihr hatte ich auch zusammen gearbeitet.
Als private Person, ist Michael mit dir rumgehangen während den Tourneen oder war er eher von der Crew separiert?
Er machte das mit den Tänzern nicht oft. Aber wir beide sind zusammen rumgehangen. Wir machten lustige Sachen. Beispielsweise trafen wir uns im Geheimen. Einmal bat mich Michael nach New York zu kommen. Michael war mit einem Kostüm verkleidet, ich glaube es war ein Clownkostüm. Er wollte, dass ich seine Kinder an der Hand nehme, denn ich konnte mit ihnen die Strasse entlang gehen, ohne, dass sie erkannt wurden. Michael ging einen anderen Weg und wollte sich anschliessend mit uns treffen. Das war cool. Das war eine der lustigsten Sachen. Michael war eine ganz normale Person – vielleicht ein bisschen verrückt.
Wie hat er sich als Privatperson über die Jahre verändert?
Ich habe eigentlich keine signifikante Veränderung wahrgenommen. Für mich war er immer einfach normal. Sein Äusseres habe ich nie besonders beachtet. Ich schaue den Leuten in die Augen. Er blieb immer Michael. Er war wie ein Bruder.
In einem Gedicht in «Dancing The Dream» schreibt Michael, dass er sich von etwas spirituellem berührt fühle wenn er tanze, dass er fühle, dass sein Geist eins werde mit allem, was existiert. Kannst du das nachvollziehen?
Ich will gar nicht erst… [denkt lange nach.] Das ist wahr. Michael hat mir das beigebracht. Niemand sonst hat mir das beigebracht. Es gibt etwas, was du tun kannst: ‚Verliere dich in der Musik, verliere dich im Moment.‘ Das ist wunderbar. Ich denke noch schöner ist es, sich mit einem anderen Menschen gemeinsam zu verlieren. Es ist einfacher, das alleine zu machen. Aber es war so wunderbar, als wir beide [Michael und ich] uns einfach gehen liessen zu einem anderen Ort. Wir liessen uns gehen und du wachst auf und plötzlich ist die Show vorüber. Das ist etwas, was er mich gelehrt hat. Verliere dich, geh [in Gedanken] weg und entschwinde. Entschwinde – es ist okay. Das kann beängstigend sein, aber es ist okay sich zu verlieren.
Die Zeit ist wie im Flug vergangen – LaVelle müsste bereits auf dem Weg zum Workshop sein – wir brechen ab, bedanken uns für das lockere Gespräch und dürfen noch ein Foto mit ihm schiessen. LaVelle und Cüneyt bieten uns an, beim Workshop zuzusehen.
Am Freitag, dem fünften Tag vom «Michael Jackson Dance»-Workshop in Zürich, nimmt sich LaVelle wie an den Tagen zuvor nochmals Zeit für die Fans, gibt Autogramme und lässt sich sogar auf einen Drink einladen. Dabei beantwortet er auch einige Fragen zu Michael Jacksons Konflikt mit Sony, der im Jahr 2002 ausgeartet war. Doch er möchte, dass seine Äusserungen hierzu nicht abgedruckt werden. LaVelle hatte anderes spannendes zu berichten. Er bestätigte beispielsweise, dass der Song «Morphine» für die «HIStory»-Tournee geprobt wurde, doch Michael habe ihm erklärt, dass er diesen Song nicht aufführen könne, da ihn die Medien sonst des Songthema wegen durch den Dreck ziehen würden. Wir wollten auch wissen, ob ihm das «Golden-Pants»-Kostüm der Dangerous-Tour gefallen habe. Was er verneinte. Michael habe ihn dasselbe gefragt und er habe ihm mitgeteilt, dass er darin wie Madonna aussehen würde. Zu seinem Entsetzen habe er bei der Tourpremiere in München 1992 dann aber feststellen müssen, dass Michael das goldene Kostüm trotzdem trug. Auf Instagram erklärt LaVelle, wieso er bei «MJ + Friends» in München bei «Dangerous» nur zu Beginn mittanzt: Wegen einer Verletzung habe er nicht mitmachen können und nahm daher die Rolle von dem Tänzer ein, der von Michael zu Boden geworfen wird und dann von den Bühnentechnikern weggeschleppt wird. Später tauchte er bei «Earth Song» nochmals auf. Bei den Konzerten im Madison Square Garden 2001 war LaVelle wieder wie gewohnt einsatzfähig. Im Jahr 2008 tanzte LaVelle letztmals in privaten Sessions mit Michael, als dieser darüber nachdachte, allenfalls eine Konzertserie in Las Vegas zu geben.
Beim «Dance Force»-Workshop nahmen auch einige Tänzer teil, die am 23. September 2017 an unserer «Michael Jackson Night» auftreten werden: Auf den Fotos sind (von links) Matthäus Diem, Monika Bral, und Valentina, die Leadtänzerin von Jacksons Meatrix, abgebildet.
Weitere Informationen zu LaVelle Smith Jr.:
Weitere Informationen zu «Dance Force» und Cüneyt Ücüncü: