Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03492.jsonl.gz/1124

Frank Sinatra kann einpacken mit seinem hymnischen «New York, New York», wenn Bobby Womack zum Refrain von «Across 110th Street» anhebt. Kein Wunder: Die wohl berühmteste Stadt der Welt wäre blass und oberflächlich ohne ihre abgründige Kehrseite jenseits der 110. Strasse.
«Und so fuhren wir», schreibt der Erzähler in James Baldwins Kurzgeschichte «Sonny’s Blues» aus dem Jahr 1957, «den pulsierenden, mörderischen Strassen unserer Kindheit entgegen», wo die Jungen in den Häusern zu ersticken drohten und auf der Suche nach Licht und Luft hinunter in die Strassen flüchteten, um vom Desaster umfangen zu werden: «We hit 110th Street.» Willkommen in Harlem. Die 110. Strasse in New York ist jene sichtbar unsichtbare Barriere, die das schwarze Ghetto vom Rest der weissen Welt trennt und isoliert. «Manche entrannen dem Gefängnis», heisst es in «Sonny’s Blues», «die meisten schafften es nicht.»
Vom täglichen Überlebenskampf im Ghetto, von Zuhältern und Dealern, von Nutten und Drogen singt auch Bobby Womack. «Trying to break out of the ghetto was a day to day fight.» Gut für ihn, dass «Across 110th Street» als Titelsong für den gleichnamigen Blaxploitation-Film aus dem Jahr 1972 Furore machte. Da wird das stereotype Figurenkabinett an schwarzen VerliererInnen und Kriminellen nämlich lustvoll subversiv unterlaufen – genauso wie in «Jackie Brown», Quentin Tarantinos Hommage an das Blaxploitation-Genre und seine Protagonistin Pam Grier 25 Jahre später.
Damals, Ende der neunziger Jahre, begann jener weisse Kapitalismus, der die Drogen ins schwarze Ghetto lenkte, das Gebiet jenseits der 110. Strasse für sich zu entdecken und zu gentrifizieren. Die 110. Strasse mag hinfort von reichen Weissen bewohnt sein – kulturhistorisch wird sie sich nicht weisswaschen lassen. Sie lebt auch im souligen Ohrwurm von Bobby Womack weiter, der am 27. Juni im Alter von siebzig Jahren verstorben ist.