Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03628.jsonl.gz/2717

Voller Sagen und Mythen sind die Berge rund um den Lunghinpass. Hier teilen sich die Wasser in drei Himmelsrichtungen. Auf der Passwanderung von Bivio nach Maloja murmeln die vielen Wasserquellen Sagen von Zwergen, Berggeistern und Pferdeopfern.
Der Sage gemäss litten in früherer Zeit die Menschen des Bergells, des Engadins und des Oberhalbsteins an Wassermangel. Unter Führung des für die Gewässer zuständigen Zwerges Aua machte sich das Zwergenvolk der Malögin auf den Weg zum hoch gelegenen Piz Lunghin, um drei Wasserrinnen in die ausgetrockneten Täler zu graben. Darauf begannen die Bäche der Julia, der Maira und des Inn zu fliessen und die Trockenheit zu vertreiben.
Eine weitere Wassersage versetzt uns in eine Zeit, als die Bewohner von Bivio noch nicht über einen mit Quellwasser gespeisten Brunnen verfügten, sondern ihr Trinkwasser aus den beiden Bergbächen Eva dal Sett und Julia beziehen mussten. Um dem Gejammer und Gezanke über das Wasserholen ein Ende zu bereiten, versammelten sich die Ältesten auf dem Dorfplatz und beschlossen, alle Schluchten und Klüfte nach einer geeigneten Quelle abzusuchen. Auf einer Bergwiese unterhalb des Lunghinpasses wurden die Gemeindemitglieder fündig. Nachdem sie das silberhelle Wasser der ergiebigen Quelle geschmeckt und für gut befunden hatten, beschlossen sie, die Quelle zu fassen und das Wasser zu ihrem Dorfe zu leiten.
Doch als sie Hand anlegen wollten, dröhnte unvermittelt aus der Quellmündung die furchterregende Stimme des lokalen Wassergottes, der von den verdutzten Dorfbewohnern Anerkennung und Entlohnung für seine Dienste verlangte. Ein altes Männlein meinte vorwitzig: «Den ersten Reiter samt Ross, der hier vorbeikommt, kannst du haben.» Da sich der Wassergeist mit diesem Vorschlag einverstanden gab, freuten sich die Dorfältesten und zündeten zur Feier des Ereignisses ein mächtiges Feuer an. Bald darauf sprudelte in Bivio der schönste Brunnen, und die mit dem Wassermann eingegangene Vereinbarung geriet bald einmal in Vergessenheit.
Viele Jahre später, als die französische Armee unter Herzog Rohan über den Septimer nach Bivio zog, kamen zwei Reiter von der Strasse ab und verirrten sich im Quellgebiet. Der eine, auf einem feurigen Rappen reitend, wollte gerade in rasendem Galopp an der Quelle vorbeisprengen, als sich vor ihm der Boden öffnete. Ross und Reiter wurden innert Sekunden von einer unsichtbaren Kraft in den dunklen Schlund hinabgezogen. Nachdem sich die Quelle ihr Opfer genommen hatte, quoll ihr Wasser, als wenn nichts gewesen wäre, wieder ruhig und fröhlich ans Tageslicht. Den mit dem Leben davongekommenen Kameraden des Reiters allerdings hatte das blanke Entsetzen gepackt, und er rettete sich Hals über Kopf nach Bivio hinunter, wo er ganz nachdenklich geworden den Dorfbewohnern von den schrecklichen Ereignissen berichtete. Nun erinnerten sich die Ältesten wieder an den Vertrag ihrer Urgrossväter mit dem Wassermann. Am nächsten Morgen fanden sie bei der Quelle die vier Hufeisen des Pferdes. Noch Jahre danach habe man den Wassermann auf einem schwarzen Rappen über das Quellgebiet jagen sehen, und ist in Bivio einmal etwas trüberes Wasser im Dorfbrunnen, so sagen die Leute, der Wassermann habe wieder seinen feurigen Rappen gesattelt.
Naturmythologisch gesehen gilt das Pferd als Reittier des höchsten Gottes, aber auch als Wappen- und Opfertier. Obwohl aus dem vorzeitlichen Rätien viele Opferhandlungen bekannt sind, war unseren Vorfahren das Pferdeopfer wohl das wertvollste. Es gehört zu den ältesten Ritualen der Menschheit und wurde nur bei besonderen Gelegenheiten zelebriert. So fanden Archäologen bei Donath ein viertausend Jahre altes Häuptlingsgrab mit Streitaxt und Bronzedolch, aber auch Asche von den Knochen geopferter Pferde. Die merkwürdigen Rundhügel, die von den Einheimischen in der Nähe von Domat/ Ems «Pferdegräber» genannt wurden und aus der Zeit der grossen Schlachten der Römer mit den eindringenden Alemannen stammen sollen, geben Rätsel auf. Einer dieser Hügel, Tuma Falveng, lässt eine Verehrung des rätischen Gottes Felvennis vermuten.
Nach grossen politischen Umwälzungen und Kriegszeiten markierten Pferdeopfer den Beginn einer Friedenszeit. Auch bei der Sage von der Wassergottheit von Bivio scheint es sich um ein klassisches Quellopfer zu handeln, das seine Gültigkeit bis in die Zeit der Bündner Kriegswirren beibehalten hatte. Aus anderen Quellen vernehmen wir, dass anstelle eines Pferdes auch seine Hufeisen geopfert wurden – dieser «Ersatz» galt als gleichwertig. Aber nicht nur Sagen und Mythen machen die Berge zwischen Bivio und Maloja zu einem speziellen Ort. Auch die Natur hat die Landschaft geprägt. Während derletzten Eiszeit flossen über die Malojapasshöhe bis zu 800 Meter dicke Eismassen ins Bergell hinunter. Durch die von der steilen Geländestufe verursachten Längs- und Querdehnungen des Eises entstanden hier besonders viele Gletscherspalten. Dadurch gelangte viel Schmelzwasser bis auf den Gletschergrund und schliff die noch heute gut sichtbaren Gletschermühlen aus dem harten Gneisgestein.
Eine Gletschermühle besteht aus einer kreisförmigen Vertiefung, in der in ihr «gefangene» Steine durch das von oben herabstürzende Wasser in Rotation versetzt werden. Die Abschleifung vergrössert die Gletschermühle kontinuierlich. Die Kanten des in der Mühle rotierenden Steins werden dabei gerundet, und je kleiner er wird, desto wahrscheinlicher wird er von der nächsten Sturzflut aus seinem Gefängnis befreit und in die nächste Mühle befördert, bis er die Grösse eines Kieselsteins erreicht hat und fortgeschwemmt wird.
Die Gletschermühle gilt als Symbol des Lebens mit den damit verbundenen Verstrickungen und der anschliessenden Befreiung. Der in der Mühle gefangene Stein repräsentiert unser Ego, das sich so lange in einem zeitweiligen, materiellen Körper aufhalten muss, bis seine Ecken und Kanten abgeschliffen sind und nichts mehr davon übrig ist.
Rund drei Dutzend Gletschermühlen wurden auf dem Felsriegel der Passhöhe von Maloja im Jahre 1884 entdeckt. Die grösste von ihnen, Marmita gigante, hat einen Durchmesser von sieben Metern bei elf Metern Tiefe. Die spektakulärste, Sette Marmitte, besteht aus äusserst kunstvoll ineinander verschlungenen Gletschermühlen verschiedener Grössen und Formen. Sie erinnert uns an eine Malerpalette und damit auch an den bedeutenden Bündner Landschaftsmaler Giovanni Segantini, der in unmittelbarer Nähe des Gletschergartens Maloja gewohnt hat.
Von Maloja zieht sich die Oberengadiner Seenlandschaft bis nach St. Moritz hinunter. Sie verdankt ihr Entstehen den abschmelzenden Gletschern, die nach der letzten Eiszeit im Talboden grossflächige Wannen hinterliessen, wo sich die Wasser des Inn ausruhen, bevor sie sich über die Steilstufe bei St. Moritz ins Tal stürzen.
Über den Lunghinpass nach Maloja
Anreise
Von Chur mit dem Postbus über die Lenzerheide nach Bivio.
Wanderroute
● Bivio (1769 m ü. M.) – Septimerpass (2310 m ü. M.): 2¼ Std.
● Septimerpass – Lunghinpass (2645 m ü. M.): 1 Std.
● Lunghinpass – Lunghinsee (2484 m ü. M.): ½ Std.
● Lunghinsee – Pila (Gletscherpark Maloja, 1835 m ü. M.): 1½ Std.
● Gletscherpark Maloja – Maloja Post (1809 m ü. M.): ¼ Std.
● Gesamtwanderzeit: 5½ Std.
Rückreise
Mit dem Postbus von Maloja Post nach St. Moritz oder über den Julierpass nach Bivio.
Variante
● Bivio (1769 m ü. M.) – Septimerpass – Casaccio im Bergell (1458 m ü. M.): 4 Std.
Rückreise
Von Casaccio mit dem Postbus nach St. Moritz oder über den Julierpass nach Bivio.
Fotos:: at-verlag.ch / zvg