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Die Ritter von Müllheim besassen, wie alle andern Ministerialien der Umgebung auch, einen befestigten Wohnsitz. Schon in ältesten Berichten über Müllheim ist dies zu lesen. Ein Beispiel aus mehreren Quellen, die etwas Ähnliches aussagen, sei die Chronik des Johann Stumpf (1547) erwähnt: „Das Dorf Mülhen hat vor zeyten auch ein burg und besonder geschlächt des Titels vonn Mülhen erhalten …“
Leider wurde in den Urkunden aus der Ritterzeit nie direkt von dieser Burg gesprochen. Seine Lage ergibt sich aber aus einem Dokument aus dem Jahre 1262: ein Hof im Oberdorf sei „sitam in medietate iuxta possesionibus Gerboldi militis“, das heisst „gelegen inmitten und dicht bei den Besitzungen des Ritters Gerbold“. Der Ritterturm stand somit in der „Rütti“, womit das Gebiet beim Kehlhof gemeint war. Damit beherrschte er auch die Mühle und den Dorfdurchgang.
Man darf also nicht an eine grosse Burganlage denken, die irgendwo auf einer waldigen Anhöhe stand. Der Herrensitz der Ritter von Müllheim bestand aus einem gemauerten Unterbau und einem überkragenden, hölzernen Aufbau. Die gut erforschten Burgtürme in Steckborn und Tobel, die von gleichgestellten Rittern in der selben Zeit bewohnt wurden, weisen exakt die selben Masse auf wie der Müllheimer Burg.
War es nun wirklich so, wie einige Quellen vermuten, dass man „die Burg zerfallen liess“? Keineswegs, denn der gemauerte Unterbau steht noch an der selben Stelle. Er bildet heute den untersten Teil des Kirchturms der evangelischen Kirche.
Es ist zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Eidgenossen bei ihrem Durchzug im Jahre 1445, als sie „Mettendorf, Müllheim und andere Dörfer verbranntend“, den hölzernen Oberbau des Ritterturms anzündeten, der gemauerte Unterbau blieb aber bestehen.
Die Müllheimer mauerten nun gegen Ende des im 15. Jahrhunderts, als das Rittergeschlecht längst verschwunden war, den noch erhaltenen Burgturm weiter in die Höhe auf. Damit erstellten sie ein wahrhaft auffälliges Bauwerk, denn sie wollten ebenfalls, wie damals üblich, „auch äusserlich dem Kirchturmstolz schmeicheln“.
Ein noch heute gut sichtbares Kranzgesimse zeigt den oberen Rand des Grundgebäudes, „die Turmgeschosse darüber zeigen ein homogenes, einigermassen lagerhaftes Mauerwerk aus Lese- und Bruchsteinen, das noch aus dem 15. Jahrhundert stammen dürfte.“
Eingehende Untersuchungen haben bestätigt, „dass die Müllheimer Kirche im Mittelalter gute zwei Meter tiefer angelegt gewesen war.“ Wenn man sich den Boden rund um den Kirchturm solchermassen gesenkt vorstellt, bekommt der Ritterturm seine wahren Ausmasse. Auch das südliche (gotische) Fensterchen befand sich somit in unerreichbarer Höhe.
Die heutige, östliche Kirchturmtüre wie auch der Zugang aus dem Kirchenraum sind erst anlässlich der grossen Renovation 1904 eingefügt worden. (Quellen: Mathys H.P., Die Pfarrkirche Müllheim, 1972, Seite 23 / Richard Löhle, Zeitungsartikel) Die ursprüngliche Eingangspforte befand sich im Norden in rund fünf Meter Höhe. Ein Fragment des Sandsteinbogens über diesem einstigen Eingang ist im Innern der Kirche, an der Chorwand, deutlich zu erkennen.
Auch die Bauart weist auf den Ursprung als Ritterturm hin: „Der massige Turmstock (Mauerdicke bis 2 m) hat im Erdgeschoss ein Tonnengewölbe.“
Das Wissen um die Verwendung des Ritterturms als Kirchturm ist in der Überlieferung der Dorfbewohner leicht abgeändert erhalten geblieben. Zum einen hört man immer wieder die Meinung, dass der Kirchturm ein römischer Wachtturm an der Heeresstrasse Arbon – Pfyn gewesen sei. Zum andern spricht auch H. Blöchlinger in seiner „Geschichte der kath. Kirchgemeinde“ von einer „oft gehörten Vermutung, die Kirche könnte aus Steinen der bis zu dieser Zeit gestandenen Burg erstellt worden sein.“
Beide Annahmen sind falsch, enthalten aber doch den wahren Kern, dass Kirchturm und Wehrturm etwas miteinander zu tun hatten.
Ursprünglich hatte eine zur Burg gehörende Kapelle bestanden. „Beim Kehlhof Müllheim bestand früher eine Kapelle, die schon Anno 1695 in einen Keller und Speicher umgewandelt war.“ Erst nach dem Verschwinden des Rittergeschlechts wurde die Kirche dort gebaut, wo sie heute noch steht. „Die Kirche Müllheim muss in der bestehenden Form nach 1473 erbaut worden sein“, sie wurde gleichzeitig mit dem Kirchturm errichtet. Nach 16jähriger Bauzeit konnte diese neue gotische Kirche im Jahre 1489 eingeweiht werden. Während es am Kirchenschiff einige Male zu Renovationen kam, erweist sich der massige Turmstock „als ältester sichtbarer Bauteil der Kirche“.
Durch die Verwendung des Ritterturms wurde allerdings der Kirchturm im Vergleich mit der eigentlichen Kirche etwas zu gross, sogar „beinahe erdrückend in seiner Wucht“. Er steht, leicht aus der Kirchenachse gedreht, in die südseitige Chorschulter gestellt.