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Salonfähig machte die Spezies der irische Autor Bram Stoker. 1897 erschien sein «Dracula»-Roman. Graf Dracula entsteigt nachts seinem Sarg, schleicht in fremde Schlafzimmer und schlägt dort seine Zähne in Halsadern. Er bevorzugt bleiche, junge, weibliche Halsadern.
Dracula lebte auf Kosten von Dritten. Er lebte nicht übel. Ein Liter Blut hat 740 Kalorien.
Vorbild für Dracula war die Vampirfledermaus. Sie lebt primär in Südamerika. Sie ist nachtaktiv. Die bekannteste Art ist der Gemeine Vampir (Desmodus rotundus). Seine Zahnformel, dies für die Zahnärzte unter den BILANZ-Lesern, ist 1/2-1/1-2/3-0/0×2. Typisch sind die zwei sichelförmigen Eckzähne.
Der Gemeine Vampir nutzt als Nahrungsquelle vor allem Säugetiere wie Rinder, Pferde und Esel. Seine Technik ist raffiniert. Zuerst leckt der Vampir die Bissstelle der Beute ab. Sie wird unempfindlich, weil der Speichel ein Betäubungsmittel enthält. Dann schlägt er seine Zähne in die Haut. Damit das Blut endlos fliesst, sondert der Vampir nun den Gerinnungshemmer Draculin ab.
Die Vampire machen sich auch über Menschen her. Meist erwischen sie ihre Opfer dann, wenn diese sorglos oder schläfrig sind.
Damit kommen wir von der Vampirfledermaus zum Verhalten der Bonusfledermaus. Diese hat einen ähnlich schlechten Ruf im Absauggeschäft. Auch die Bonusfledermaus macht ihre Opfer zuerst unempfindlich, zum Beispiel dadurch, dass sie hohe Gewinne in Aussicht stellt. Dann schlägt sie ihre Zähne blitzschnell in die Substanz. Meist erwischen die Bonusfledermäuse ihre Opfer dann, wenn diese sorglos oder schläfrig sind.
Für Zoologen sind die Vampirfledermäuse noch aus einem anderen Grund interessant. Die Blutsauger leben in grossen Gruppen. Ihr Sozialverhalten ist durch eine spezielle Solidarität geprägt.
Eine Top-Fledermaus, die an eine richtig fette Beute herankommt, behält nicht alles für sich. Sie würgt einen Teil des Blutes wieder heraus, damit die weniger erfolgreichen Kollegen nicht verhungern. Bei einer anderen Gelegenheit revanchieren sich dann die Blutbezüger für diese Generosität. In der Wissenschaft heisst das «reziproker Altruismus».
Bei den Bonusfledermäusen können wir dasselbe Verhalten beobachten. Eine Top-Fledermaus sorgt auch in diesem Umfeld dafür, dass ihre Kollegen ebenfalls zu einem hübschen Anteil an der Beute gelangen. Man kann auch hier davon ausgehen, dass sich die Beschenkten bei Gelegenheit revanchieren werden.
Rund 100 000 Rinder, so die Schätzung, gehen jährlich durch Vampirbisse zugrunde. Bei Unternehmen gibt es keine verlässlichen Schätzwerte.
Man hat immer wieder versucht, die Vampirfledermäuse auszurotten. Ihre Höhlen wurden in die Luft gesprengt und ausgeräuchert, man versuchte, sie zu vergiften. Doch die Viecher waren klüger. Sie wechselten ihre Höhle und ihr Tätigkeitsfeld. Die Viecher waren nicht auszurotten.
Wer vom Blut der anderen lebt, so weiss die Zoologie, ist extrem anpassungsfähig und smart.
Ich denke, bei der Abzocker-Initiative können wir uns auf dasselbe Szenario einstellen. Man versucht nun, die Bonusfledermäuse auszuräuchern und zu vergiften. Es wird nicht viel helfen. Die Viecher sind nicht auszurotten.
Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer. Er ist Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien und Outdoor-Sport. Zudem studiert er Biologie.