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|entwürfe, Zeitschrift für Literatur, Nr. 32, 2003 und

Magazin «Kult», Mai 2005
Hotel
«Ich war noch nie in einem Hotel», hatte Brigitte gesagt. Sie hatte es nicht einmal mir gesagt, aber ich hatte ihren Satz, der in einer Runde von Kollegen gefallen war, sehr wohl aufgeschnappt. Ich sah Brigitte, die mir gegenüber sass, an. Wie konnte es sein, dass eine 26 jährige Frau noch nie in einem Hotel übernachtet hatte. «Und wenn Du jetzt die Chance hättest, in einem Hotel zu übernachten?». Wieso sollte sie auch? Brigitte war Studentin, musste sich ihr Studium und ihren Lebensunterhalt selber verdienen. Brigitte hatte zwar schon in Amsterdam Ferien verbracht. Dort hatte sie aber bei Freunden gewohnt. Jugendherbergen kannte sie auch, das war in Dänemark gewesen. In der Provence hätten sie gezeltet, in den Pyrenäen seien sie mit dem Wohnmobil unterwegs gewesen. Und weil Brigitte immer wieder an Kursen teilnimmt, hatte sie schon in Bildungszentren übernachtet. «Nein, in einem Hotel habe ich wirklich noch nie geschlafen», versicherte sie mir, «Echt nicht». Wie schön dieser Satz aus ihrem Mund klang. «Echt nicht», das tönte so jung.
Ich sah Brigitte an, die meine Tochter hätte sein können. Und ich wusste, dass ich mit einem Vorsatz brechen würde. Wie häufig hatte ich mich schon über Männer abschätzig geäussert, die ein Verhältnis zu wesentlich jüngeren Frauen hatten. Davon, dass ein Mann auch mit einer um fünfzehn und noch mehr Jahren jüngeren Frau seine Jugend nicht zurückholen könnte, habe ich gesprochen. Auch davon, dass Männer, die Beziehungen zu wesentlich jüngeren Frauen unterhielten, sich der Auseinandersetzung mit dem eigenen Aelterwerden nicht stellen wollten. Brigittes rotes Haar, die vielen Sommersprossen, ihre grünen Augen und ihr Lachen würden mir helfen, diese Hemmung zu überwinden. Brigitte war eine Ausnahme. Sie war zwar erst um die 23, aber sie schien mir reifer zu sein.
Ich weiss nicht mehr, wie es sich ergab. Als die anderen am Tisch sich im weiteren Verlauf des Abends über die Lage der Ausländer in Deutschland unterhielten, konnte ich Brigitte die Frage stellen. Ob sie Lust hätte, eine ganz neue Erfahrung zu machen? Brigitte wusste zunächst nicht, was ich meinte. «Würdest Du mit mir zum ersten Mal in Deinem Leben in einem Hotel übernachten wollen?». Ich fragte direkt, wollte keine Umwege machen. Jetzt war die Frage draussen und Brigitte sah mich verlegen an, schien nicht zu wissen, was sie darauf sagen sollte. Ich sah sie an, ich stellte mir vor, wie ich ihren Rücken küssen würde, ich sah zu, wie sie mich anschaute und freute mich an meinem Körper. «Doch, ja, das wäre was», sagte sie. «Aber natürlich in zwei Einzelzimmern». So hatte ich mir das nicht vorgestellt. «Ich seh' schon», fuhr sie fort, «du suchst Stoff für eine neue Geschichte, die Du schreiben könntest. Und Ihr Männer, Ihr seid doch alle gleich». Das mit der Stoffsuche mochte gerade noch angehen. Das andere aber traf mich. Ich wollte nicht mit allen anderen Männern gleichgesetzt werden. «Ich habe nichts von einem Doppelzimmer gesagt», entgegnete ich. «Doch, eben jetzt, sprichst Du es aus, ich weiss schon, was Du Dir vorgestellt hast».
Dafür, dass das Hotel Annunciata in Ferrara uns aus Versehen doch ein Doppelzimmer reserviert hatte, konnte ich nichts. Ich war froh darum, dass ich Brigitte die Reservation überlassen hatte, mich konnte jetzt keine Schuld treffen. Beim Ausfüllen des Meldezettels sah ich uns im gemeinsamen Zimmer, sah uns im Bett, sah mich ihre Hand suchen. Wie schön ihr Körper war, wie erregend ihre feine Hand an meinem Geschlecht. «Zwischen uns beiden passiert aber nichts, verstanden», hörte ich sie sagen. Wie unangenehm, wo doch der Hotelportier uns gewiss verstehen konnte.
Brigitte war wirklich noch nie in einem Hotel gewesen. Die Minibar musste geöffnet und untersucht werden, der Fernseher wurde auf die Anzahl Stationen hin untersucht, die hier zu empfangen waren. Beim Duschen merkte ich, dass Brigitte die Duschhaube, den Schampoo und die kleine Hotelseife eingepackt hatte. Nach dem Abendessen kehrten wir ins Hotel zurück. Brigitte zog sich im Badezimmer um. Während ich kein Pijama dabei hatte, kam Brigitte in einem Trainer aus dem Badezimmer heraus. «Dann wirst Du eben in den Jeans schlafen müssen», lautete ihr Ratschlag. «Ob das nicht eine Geschichte ist», sagte sie mit einem ironischen Unterton, bevor sie mir Gute Nacht wünschte. «Männer-Geschichten verlaufen anders, nicht wahr?», hörte ich sie sagen, nachdem sie sich umgedreht hatte und mit dem Gesicht zur anderen Seite gekehrt sich zum Einschlafen einrichtete. Wie schön dieser kurze Nachsatz wieder tönte, dieses «Nicht wahr?». Brigitte war nicht nur eine schöne Frau, ich mochte auch ihre Sprache. Wie schön sie war, diese Frau, die irgendwann zwischen eins und zwei in der Nacht meine Nähe suchte, die mir anerkennend sagte, ich sei doch anders als die anderen Männer, die sie kannte. Ich hätte die Probe doch bestanden, sagte Brigitte, worauf sie meinen Gurt aufmachte, mich langsam auszog. Wie erregend diese rothaarige Frau war, an deren nackten Körper ich mich nicht satt sehen konnte. Diese junge Frau, die jetzt mit gespreizten Beinen über mir kniete, die mich streichelte. Ich liebkoste ihre Brüste, ich flüsterte ihr Sätze zu, die ich nie laut aussprechen würde. «Ach, Ihr Männer seid ja wirklich alle gleich». Sie sagte den Satz, der jetzt so unerwartet kam, und rüttelte an meiner Schulter. Ich hatte offenbar im Schlaf gesprochen und sie war darüber aufgewacht. Dass wir beide zwei Tage und zwei Nächte gemeinsam in Ferrara waren, habe ich nicht einmal meinen engsten Freunden erzählt. «Was, und Ihr beide habt nicht einmal miteinander geschlafen?», höre ich sie sagen.
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