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odWas ist hier am schlimmsten? Das Husten der alten Männer in der Nacht, das keinen im Raum richtig schlafen lässt? Die stickige feuchte Luft, die das Atmen zur Schwerarbeit macht? Die Hitze, die den Körper mit einem Schweissfilm bedeckt? Der Gestank aus Schweiss, schmutziger Wäsche, Schnaps, Urin und Räucherstäbchen? Sind es die Ratten, Flöhe und Läuse, die überall lauern? Oder ist es das bedrückende Gefühl, das hier jeder hat: dass auf eine traurige Vergangenheit nur eine jämmerliche Zukunft folgen wird, ohne Würde, ohne Wärme, ohne Wurzeln, in Armut und Schande?
Der Raum mag zehn Quadratmeter gross sein, in ihm stehen sechs rostige Drahtverhaue – Hundezwingern gleich, die dreifach übereinander gestapelt sind. Jeder Käfig, kaum grösser als eine Matratze, ist ein komplettes Zuhause für einen Menschen. Eine kleine Luke und eine Schiebetür, gesichert mit einem Vorhängeschloss, schützt das bisschen Eigentum vor langen Fingern. Fast alle Verhaue sind mit Zeitungspapier oder alten Lumpen verhängt, um so etwas wie Privatsphäre herzustellen – oder um andere nicht am persönlichen Elend teilnehmen zu lassen. Ein Greis, der ganz oben «wohnt», in einem Käfig, der es nicht einmal erlaubt, sich hinzusetzen, hat einen Teil seiner Habe am Drahtgitter aufgehängt: einen Wecker, einen Trinkbecher, eine Plastiktüte mit Seife und Zahnpasta.
Wir sind in Hongkong, der Stadt mit den meisten Milliardären in Asien. Nirgendwo auf der Welt ist die Wahrscheinlichkeit grösser, von einem Rolls-Royce überfahren zu werden – so hoch ist hier die Pro-Kopf-Relation dieser Luxuskarossen. Vom Peninsula Hotel an der Salisbury Road, einer der feinsten Herbergen der Welt (mit eigener Rolls-Royce-Flotte für die Gäste), bis zu den Käfigmenschen und ihrem stumpfen Leben in den Stadtteilen Wan Chai, Sham Shui Po oder Tai Kok Sui ist es nur ein Fussmarsch.
Die menschlichen Legebatterien verbergen sich in verkommenen, achtstöckigen Mietskasernen mit blinden Scheiben. Sie wurden in den 50er-Jahren gebaut, als ein unübersehbarer Flüchtlingsstrom aus Festlandchina die britische Kronkolonie überschwemmte.
Die Käfigwohnungen sind in der Regel Privatapartments, in die möglichst viele Drahtverhaue eingebaut werden. Die Elektroinstallationen sind hier fast immer lebensgefährlich, Klimaanlagen funktionieren selten. Eine Toilette für alle Bewohner, ein Wasserschlauch in der Gemeinschaftsküche, der die Dusche darstellt, mehr gibt es für die hygienischen Bedürfnisse oft nicht. Manchmal befinden sich Küche und Toilette in einem Raum.
Die Bewohner sind oft alte Menschen, die keine Verwandten mehr haben oder von ihnen verlassen wurden, es sind Arbeitslose, Geisteskranke, Drogensüchtige oder einfach nur arme Schlucker, die den ganzen Tag hart arbeiten, aber nicht genug für eine Wohnung zusammenbringen. Viele der vietnamesischen Boat People, die vor über 30 Jahren nach Hongkong flüchteten, hausen noch heute in Käfigen.
Von den rund acht Millionen Einwohnern Hongkongs leben etwa 1,3 Millionen unterhalb der Armutsgrenze. Sie müssen in der viertteuersten Stadt der Welt mit weniger als 5000 Hongkong-Dollar im Monat auskommen, das sind umgerechnet 670 Franken. Eine Ein-Zimmer-Wohnung kostet rund 2200 Franken. Selbst mit einem Monatseinkommen von 1000 Franken können sich viele nur Behausungen wie die «Cage Homes» leisten.
Mindestens 100 000 dieser Armen (es gibt auch Schätzungen von 200 000) leben derzeit als Käfigmenschen, darunter 20 000 Kinder. Für ihre armselige Bleibe müssen sie pro Quadratmeter mehr bezahlen als die Schönen und Reichen für ein feudales Strandapartment in Three Bays im Süden von Hongkong Island, so ein Bericht der Hilfsorganisation Society for Community Organization (Soco). Während der Quadratmeter Luxus mit 100 Franken Miete zu Buche schlägt, zahlt der Käfigbewohner für sein Elend bis zu 130 Franken für die gleiche Fläche. Am teuersten sind die Plätze in der Mitte des Käfigstapels, oben ist es am billigsten.
Ein Mann mit dem Nachnamen Wong – seinen Vornamen nennt er nicht – hat seine 65-Quadratmeter-Wohnung im Stadtteil Sham Shui Po an zwölf Käfigmenschen vermietet. Er ist bester Laune. «Die Mieten steigen gerade», sagt er, «denn mit der wachsenden Arbeitslosigkeit steigt auch die Nachfrage nach billigem Wohnraum.» Wong zeigt keinerlei Mitleid für die beschämende Lage seiner Mieter. «Besser in einem Käfig als auf der Strasse oder unter der Brücke.» Für Wong ist die Käfigvermietung in seiner Wohnung lediglich ein konsequent kapitalistisches Rechenexempel: maximale Kopfzahl auf minimalem Raum; steigt die Nachfrage, steigt der Preis – in den letzten Monaten immerhin um ein Drittel.
Der 74-jährige Leung Shu lebt seit 1949 in einem Käfig. Damals flüchtete er vor der Herrschaft der Kommunisten in China nach Hongkong. Er zahlt für die erbärmliche Bleibe 190 Franken von seinen 293 Franken monatlicher Sozialhilfe. Immerhin – so zynisch es klingt – hat er ein wenig Luxus, den die meisten Käfigmenschen nicht haben: Er kann aus dem Fenster gucken.