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Das Buch der Steppenwolf, sowie überhaupt die Literatur von Hermann Hesse, hat mich in meiner Jugend stark beeinflusst. Besonders der Ansatz, dass mehrere Seelen – oder wie ich heute sagen würde, Persönlichkeitsteile oder Charatkterstile – in mir leben, hatte es mir sofort angetan.
„Wenn Faust den unter den Schullehrern berühmten, vom Philister mit Schauer bewunderten Spruch sagt: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“ dann vergisst er den Mephisto und eine ganze Menge andrer Seelen, die er ebenfalls in seiner Brust hat. Auch unser Steppenwolf glaubt ja, zwei Seelen (Wolf und Mensch) in seiner Brust zu tragen und findet seine Brust dadurch schon arg beengt. Die Brust, der Leib, ist eben immer eines, der darin wohnenden Seelen aber sind nicht zwei, oder fünf, sondern unzählige; der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe.“
Aus der Steppenwolf von Hermann Hesse
Als mir dann in meiner späteren Ausbildung zur Therapeutin die Theorien rund um die Persönlichkeitsteile (Prozessakupressur) oder die Charakter/Schutzstile mit Agency (IBP Insitut) wieder begegneten, war meine alte Begeisterung schnell wieder entfacht.
„Die Zweiteilung in Wolf und Mensch, in Trieb und Geist, durch welche Harry sich sein Schicksal verständlicher zu machen sucht, ist eine sehr grobe Vereinfachung, …………….. Denn kein einziger Mensch … ist so angenehm einfach, dass sein Wesen sich als die Summe von nur zweien oder dreien Hauptelementen erklären liesse…. Harry besteht nicht aus zwei Wesen, sondern aus hundert, aus tausenden. Sein Leben schwingt (wie jedes Menschen Leben) nicht bloss zwischen zwei Polen, etwa dem Trieb und dem Geist, oder dem Heiligen und dem Wüstling, sondern es schwingt zwischen tausenden, zwischen unzählbaren Polpaaren.“
Aus der Steppenwolf von Hermann Hesse
Wir alle haben viele verschiedene Rollen in unserem Leben. Wir sind Sohn oder Tochter, Mann oder Frau, vielleicht auch Vater oder Mutter. Der Beruf prägt uns und schafft Identität, aber auch viele weitere private Rollen gesellen sich dazu: die Liebende, die Trauernde, die Glückliche, die Wütende, die Mitfühlende, die Ängstliche um nur einige, angelehnt an unsere Emotionen, zu nennen.
Ich bin Tochter, wenn ich meine Eltern besuche aber, wenn ich mit meinem Partner zusammen bin, bin ich Frau, oder je nach Situation die Liebende oder auch mal die Kratzbürste. Wenn ich in der Praxis arbeite, bin ich die Therapeutin. Ein Yogi wenn ich mich in meine Meditations- und Yogapraxis vertiefe. Und wenn ich dann mal wieder ausgehe, wechsle ich sehr leicht in eine mir altbekannte Rolle, das Partygirl.
Es gibt Rollen, die schreibt uns das Leben zu: Sohn, Tochter, Mann, Frau, Vater, Mutter. Und Rollen die wir uns zulegen, um mit dem Leben besser zurecht zu kommen: Kratzbürste, Helferin, Liebende, Einsiedlerin, Weltenbummlerin, Eiserne Lady, der gute Kumpel usw.
Bin ich mir meiner verschiedenen Persönlichkeitsteile bewusst, kann ich diese auch mehr oder weniger bewusst einsetzen. Und zwar dann, wenn sie gefragt und nützlich sind. Sind meine verschiedenen Persönlichkeitsteile mir unbekannt und unbewusst, kann ich wenig bis nichts damit anfangen. Unbewusst kommen sie einem gerne in die Quere, machen uns das Leben, oft auch die Liebe und die Beziehungen, schwer. Denn sie wiederholen ihr Rollenspiel solange, bis wir uns mit ihnen beschäftigen.
Unsere Persönlichkeitsteile oder Charakterstile zu kennen heisst auch, damit spielen zu können. Auch wenn mir immer mal wieder mein Fräulein Rottenmaier (die Strenge) in die Quere kommt, dann verdirbt Sie mir vielleicht einen schönen Moment. Aber da ich mein Fräulein Rottenmaier in mir kenne, kann ich Strategien entwickeln, mit ihr umzugehen. Dazu muss ich wissen, woher Sie kommt, weshalb Sie entstanden ist, was Sie braucht und was ihr fehlt (oder gefehlt hat). Daraus kann ich Verhalten entwickeln um Fräulein Rottenmaier entweder rechtzeitig zu erkennen und zu bremsen, oder mich aufzufangen falls Sie mal wieder Ihren grossen Auftritt hatte.
Und noch viel wichtiger, ich erkenne Sie als einen Teil von mir, ich identifiziere mich aber nicht als Ganzes mit ihr. Gerade bei unliebsamen, unbequemen Persönlichkeitsteilen sehr hilfreich. Das bin nicht ich, die hier die Spielverderberin spielt, das ist einfach ein Teil von mir und meiner Geschichte.
Das Verständnis und die Kenntnis um die Entstehungsgeschichte unserer Persönlichkeitsteile bringt viel Versöhnung. Ich habe mir irgendwann angewöhnt meinen verschiedenen Persönlichkeitsteilen oder Charakterstilen, Namen zu geben. So werden die Rollen liebenswürdiger und weicher. Ich kann sie besser annehmen und vor allem noch besser damit spielen. Inzwischen versammle ich ein ganzes Ensemble in mir: Fräulein Rottenmaier, Yogi, Partygirl, Kratzbürste, Weltverbesserin, Reisende, Frau von Welt, Heimwehkind, um nur einige zu nennen.
Nicht alle vertragen sich gut miteinander. Offensichtlich haben der Yogi und das Partygirl komplett unterschiedliche Interessen! Aber sie haben alle ihre nützlichen und hilfreichen Anteile. Soll ich mal wieder einen Text für den nächsten Blog fertigbekommen, so ist Fräulein Rottenmaier eine gute Hilfe im Strukturieren und Durchhalten. Der Yogi gibt dem Partygirl Boden und Erdung, damit sie sich nicht verliert. Die Kratzbürste verschafft mir Distanz und Raum zum Atmen, wenn ich mal wieder zu höflich bin, um meinen Platz einzunehmen.
Bewusstsein um unser Innenleben, um unsere verschiedenen Rollen und Charakterstile, verschafft uns mehr Möglichkeiten und Freiheiten in der Gestaltung unseres Lebens. Ich bin nicht länger Spielball meiner Geschichte und der daraus entstandenen Persönlichkeitsteile. Ich werde bewusste Gestalterin meines Lebens und setzte meine Fähigkeiten und Charakterstile ein, wie es mir als Gesamtes am meisten dient. Ich finde einen Weg alle meine Rollen zu leben und all meinen Persönlichkeitsteilen Platz zu geben. So muss keiner rebellieren und sich mit Gewalt zu Wort melden. Irgendwann haben alle Ihren Auftritt!
Nebst Bewusstsein um die verschiedenen Anteile in mir, lohnt es sich auch einen Regisseur oder neutralen Zeugen in sich zu entwickeln. Bei all diesen Charakterdarstellern braucht es hin und wieder Einen, der sagt wo es langgeht, was Sache ist und wer jetzt seinen Auftritt hat und wer eben auch nicht. Einer muss die Fäden in der Hand halten, wenn die Emotionen mal wieder hochgehen und alle gleichzeitig auf die Bühne wollen.
Es gibt einen Teil in uns, der war schon immer da und wird auch immer da sein. Ein Teil der alles mit uns erlebt hat, und egal wie sehr wir uns äusserlich und auch innerlich verändert und entwickelt haben, ist dieser Teil noch immer da. Da ist jemand der den Überblick und die Weitsicht hat: Das höhere Selbst, unser Seelenbewusstsein, oder eben auch der Regisseur oder das neutrale Zeugenbewusstsein.
Wenn wir es schaffen, uns regelmässig mit dieser übergeordneten Schaltstelle zu verbinden, wenn wir den Kontakt zu unserem höheren Selbst kontinuierlich pflegen, können wir diesen Teil auch in für uns schwierigen Momenten abrufen. Wir können den Regisseur zur Hilfe holen, wenn mal wieder einer unserer Persönlichkeitsteile die ganze Bühne für sich beansprucht. Oder wir holen den neutralen Zeugen mit Überblick, wenn unsere Charakterstile mal wieder ein buntes Wirrwarr der Bedürfnisse veranstalten. Und aktivieren das höhere Selbst, dass die Weitsicht in sich trägt, damit wir wieder über den Tellerrand unserer Existenz blicken können.
Wir zeigen demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt hat, dass er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen und dass er damit eine unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspiels erzielen kann. Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft, so bauen wir aus den Figuren unseres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situationen.“
Aus der Steppenwolf von Hermann Hesse
Ich wünsche viel Vergnügen bei Entdeckung und Spiel mit Euren Persönlichkeitsteilen!