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Balthus
Biografie, Biographie - zum Tod des
Malers
Dieser Artikel basiert auf Text und
Biographie von Gero von Boehm
Artikel vom 20. Februar
2001
Das Haus des Malers
Balthus im Grand Chalet.
Fotos Kishin Shinoyama, Text Gero von Boehm. Gebunden, Schirmer/Mosel,
München,
2000, 85 S.
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Painter's House
Balthus at the Grand Chalet.
Photographs
Kishin Shinoyama, text Gero von Boehm.
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Der Fotograf Kishin Shinoyama wurde
1940 in Tokyo geboren. Nach Erfolgen
in der Werbebranche begann er sich
Anfang der 1970er Jahre als freier
Fotograf zu betätigen. Zu seinen
Werken gehören Aktaufnahmen, Portraitserien, Studien zum Kabuki-Theater, Fotos aus der Subkultur
Tokyos und ein umfangreiches
Projekt zum japanischen Haus (der
japanische Beitrag zur Biennale in
Venedig 1976. Die Aufnahmen vom
Grand Chalet in Rossinière entstanden
im Sommer 1993. Shinoyamas Bilder
von Balthus' "Allerheiligstem",
seinem Atelier, das selbst nur wenige
Vertraute hin und wieder zu Gesicht bekamen, bilden den Höhepunkt
des Bandes. Scheinbar erstmals liess
sich Balthus auf eine Kamera ein,
wobei die Bilder zumeist bewusst
inszeniert scheinen.
Gero von Boehm wurde 1954 geboren.
Er studierte Rechts- und Sozialwissenschaften in Heidelberg und New
York, war als freier Mitarbeiter u.a. bei
der Zeit, beim Hörfunk und mehreren
Fernsehanstalten tätig. 1978 gründete
er seine eigene Produktionsfirma.
Für ARD, ZDF und ARTE konzipierte
und realisierte er Dokumenarfilme,
Künstlerportraits (Henri Matisse,
Henri Moore, David Hockney, Ernst Jünger, Umberto Eco, Kurt Masur, u.a.) sowie Reihen zu
naturwissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen
und kulturhistorischen Themen. 1996
drehte er für das ZDF den Film
Balthus - Geheimnisse eines Malers.
Balthus -
Catalogue raisonné. Das Gesamtwerk.
Hg.
Virginie Monnier & Jean Clair
Gebunden, Schirmer/Mosel, München, 2000, 574 S.
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Balthus - Catalog
Raisonne
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the Complete Works
by Virginie Monnier & Jean Clair, editors
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Biografie, Biographie
Zehn Tage vor seinem 93. Geburtstag
verstarb der Maler Balthus (1908-2001) in seinem Grand Chalet in Rossinière, das zwar an der Bahnlinie von Gstaad nach Montreux, jedoch fernab des
Tourismus gelegen ist. Balthus hinterlässt ein relativ schmales Werk von rund 350
Gemälden und 1600 Zeichnungen.
Balthus wurde 1908 als Graf
Balthazar Klossowski de Rola in Paris geboren - wobei über den Grafentitel Zweifel
bestehen. Er war der zweite Sohn des polnischen Kunsthistorikers und Malers mit
noblen Vorfahren, Erich Klossowski, dessen in Deutschland veröffentliche Daumier-Studie (1908) noch
heute als Standardwerk gilt. Balthus' Mutter war die Malerin Elizabeth Dorothea,
genannt Baladine, geb. Spiro (1886-1969), eine Polin jüdischen Glaubens, deren
Vater als Kantor tätig gewesen war. Balthus' älterer Bruder ist der
Schriftsteller und Maler Pierre Klossowski. Die Eltern von Balthus führten in
Paris einen der wichtigsten Künstler-Salons, in dem u.a. Pierre Bonnard, Paul
Valéry und André Gide verkehrten.
1914 zogen die Klossowskis - sie
besassen die deutsche Staatsangehörigkeit - von Paris nach Berlin. Nach der
Trennung von ihrem Mann liess sich Baladine mit ihren zwei Söhnen 1917 zuerst
in Bern, dann in Genf nieder. Zwei Jahre später lernte sie den
Schriftsteller Rainer Maria Rilke kennen, dessen Geliebte sie wurde. Rilke war
es auch, der dem jungen Balthazar den Künstlernamen "Baltusz"
gab.
1921, mit noch nicht einmal 13 Jahren, wurde
Balthazars Mitsous - Quarante images par Baltusz mit einem Vorwort von
Rilke veröffentlicht. Es ist die Geschichte der Katze Mitsou, die Balthus
zugelaufen und dann wieder verschwunden war. Noch 1921 zog Baladine mit ihren Söhnen zu
ihrem Bruder nach Berlin. 1924 ging die Reise weiter nach Paris, wo Pierre
Bonnard und Paul Denis dem jungen Balthus rieten, die Gemälde von Poussin im
Louvre zu kopieren, was er denn auch tat.
1926 verbrachte Balthus einen Teil
des Sommers in Italien, wo er in Arezzo und Borgo San Sepolcro Fresken und
Tafelbilder von Piero della Francesca sowie in Florenz Fresken von Masaccio und
Masolino kopierte. Im Jahr darauf schuf er in Paris erste eigenständige
Gemälde und Zeichnungen von Strassenszenen und Ansichten des Jardin du
Luxembourg.
Jean Cocteaus Roman Les
enfants terribles (1929) ist in seinem Anfangskapitel stark von der
Atmosphäre, die er bei den Klossowkis angetroffen hatte, beeinflusst.
Balthus selbst zitierte das Milieu später oftmals in seinen Bildern:
"Elegant, aber warm. Und ein wenig surreal."
1930 und 1931 leistete Balthus
Militärdienst in Marokko. 1932 kehrte er nach Paris zurück, wo seine
Illustrationen zur Sturmhöhe von Emily Brontë entstanden. Er lernte
Pierre Jean Jouve und André Derain kennen. 1933 richtete er sein Atelier in der
Rue de Furstemberg 4 ein, wo die beiden Fassungen von La Rue (Die
Strasse) entstanden. Das Bild hängt heute im Museum of Modern Art in New
York. Die Gestalten aus dem Struwwelpeter, mit dem er bei seiner
deutschen Gouvernante lesen gelernt hatte, tauchten dort zum ersten Mal
auf. Zugleich spiegelt La Rue das Leben von Saint Germain des Prés
wieder. Balthus verkehrte in den Cafés Les deux Magots und Flore.
Bei Max Rheinhardts Inszenierung der Fledermaus
am Théâtre Pigalle in Paris im Jahr 1933 arbeitete Balthus am Bühnenbild mit.
1934 zeigte die Pariser Galerie
Pierre die erste Einzelausstellung von Balthus.
Das Bild La Leçon de guitare
entstand ebenfalls 1934. Bei der Ausstellung bei Pierre Matisse in New
York im Jahr 1977 verursachte es einen Skandal, da es ein nacktes Mädchen
in anzüglicher Pose auf dem Schoss einer Lehrerin zeigt, die ihm
scheinbar Gewalt antut. Pierre Matisse schenkte das Bild dem Museum of
Modern Art - als Provokation? Das Werk wurde zunächst ins Depot
verbannte, ehe es, vier Jahre später, auf Drängen eines Mitglieds des
Museumskomitees, Blanchette Rockefeller, Matisse zurückgegeben wurde.
Heute befindet sich La Leçon de guitare im Besitz der griechischen
Reederfamilie Niarchos. Später bekannte Balthus, er habe mit dem Gemälde
in den 1930er Jahren schockieren wollen. Es zählt nicht zu seinen besten
Werken. Balthus schien es später beinahe aus seinem Gesamtwerk tilgen zu
wollen, denn er verbat seine Reproduktion.
1935 entwarf Balthus das Bühnenbild
und die Kostüme für Antonin Artauds Cenci. 1936 bezog er ein Atelier in
der Cour de Rohan. 1937 heiratete er Antoinette de Watteville, die er aus seiner
Kindheit kannte. James Thrall Soby kaufte sein Gemälde La Rue. 1938
organisierte die Galerie Pierre Matisse in New York ihre erste
Balthus-Ausstellung.
In den 1930er Jahren lernte
Balthus Alberto Giacometti kennen, den er als seinen besten Freund
bezeichnete, den er immer konsultiert habe. Auch zu Diego Giacometti hatte
er Kontakt. Balthus' Eltern waren mit den
älteren Giacometti bekannt gewesen. Balthus selbst reiste auch zu Alberto
nach Stampa und kannte dessen Mutter. Im
Grand Chalet befindet sich eine Annette-Büste
von Alberto (sie ist auf einem Foto von Shinoyama zu sehen).
1939 wurde Balthus zum
Militär ins Elsass eingezogen, kurz darauf jedoch wieder entlassen. 1940
zog er mit Antoinette nach Savoyen, wo er sich auf das Gut Champrovent bei
Aix-les-Bains zurückzog. 1941 kaufte Picasso Balthus' Bild Les Enfants
Blanchard. 1942/43 zog Balthus in die Schweiz, zuerst nach Bern, dann
nach Fribourg, wo sein Sohn Stanislas geboren wurden. Er stellte in der
Genfer Galerie Moos aus. 1944 wurde Sohn Thadée geboren. 1945 zog die
Familie in die Villa Diodati in Cologny bei Genf. Balthus lernte André
Malraux kennen. 1946 zog er erneut nach Paris, wo er in der Galerie
Beaux-Arts ausstellte.
1948 entwarf Balthus das
Bühenbild und die Kostüme für Albert Camus Der Belagerungszustand,
1949 für Boris Kochnos Le peintre et son modèle, 1950 für
Mozarts Cosi fan tutte beim Festival von Aix-en-Provence.
1953 liess sich der mittellose
Balthus in Schloss Chassy im Morvan nieder und entwarf Bühnenbild und
Kostüme für Ugo Bettis Die Ziegeninsel. 1954 sicherte ihm die
finanzielle Unterstützung eines aus Sammlern und Kunsthändlern
bestehenden Freundeskreises ein gewisses Auskommen.
1956 stellte Balthus im Museum
of Modern Art in New York aus. 1960 entwarf er das Bühnenbild für
Jean-Louis Barraults Inszenierung von Shakespeares Julius Cäsar.
1961 berief ihn André
Malraux, der unterdessen zum Minister unter De Gaulle aufgestiegen war,
zum Direktor der Académie de France an die Villa Medici in Rom, die unter
seiner Leitung bis 1976 in ihrem ursprünglichen Zustand mitsamt
Parkanlage wiederhergestellt wurde, ebenso wie der Palazzo Farnese.
Einladungen zu den prächtigen Empfängen, die Balthus in der Villa Medici
organisierte, waren in Rom heiss begehrt.
1962 lernte Balthus auf einer
Reise nach Japan im Auftrag Malraux' Setsuko Ideta kennen, die er 1967
heiratete. Im Jahr darauf wurde ihr gemeinsamer Sohn Fumio geboren, der
mit zwei Jahren verstarb. 1968 zeigte die Londoner Tate Gallery eine
Retrospektive von Balthus' Werk. 1973 wurde seine Tochter Harumi geboren
(siehe Foto links).
1977 verliess Balthus Rom und
liess sich im Grand Chalet im freiburgischen Rossinière in der
Westschweiz nieder, wo er bis zu seinem Tod wohnhaft blieb. Beim Grand
Chalet handelt es sich um ein 1754 von Jean David
d'Henchoz gebautes stattliches, vierstöckiges Haus mit über einhundert
Fenstern, das zuvor als Hotel gedient hatte. Es war für Balthus die ideale
Bühne, auf der er seiner Lust an Charade, Verkleidung und Inszenierung
frönen konnte. Der Maler war übrigens nur dank der Hilfe von Pierre
Matisse, der ihm dafür eine bedeutende Summe vorstreckte, in der Lage,
das Haus zu kaufen. Zu seinem Unterhalt und um den repräsentativem
Lebensstil samt standesgemässem Diener finanzieren zu können, musste
Balthus seine seltenen Bilder in der Regel fortlaufend verkaufen.
1980 wurden an der Biennale in
Venedig 26 Werke von Balthus gezeigt. 1983/84 widmeten das Musée national
d'art moderne Centre George Pompidou in Paris, das Metropolitan Museum in
New York und das Municipal Museum of Art in Kyoto dem Künstler
Retrospektiven. 1996 folgte im Madrider Centro de Arte Reina Sofia
ebenfalls eine Retrospektive. 1998 verlieh die Universität Wroclaw
(Breslau) Balthus die Ehrendoktorwürde. Im Jahr 2000 schliesslich
erschien der Catalogue raisonné von Balthus' Gesamtwerk.
Zu Balthus' Freunden zählten so
illustre Zeitgenossen wie Rilke, Picasso, Miró, Dalí, die Giacomettis,
Braque und der Regisseur Federico Fellini. Zeit seines Lebens hatte er sich
Kubismus, Surrealismus und anderen Kunstströmungen entzogen und war
seiner figurativen Malerei treu geblieben. Balthus bezeichnete sich als
Autodidakten. Gegen Ende seines Lebens, als sein Augenlicht nachliess,
konzentrierte er sich auf die Landschaftsmalerei.
Die Meinungen zu Balthus'
Gesamtwerk sind geteilt. Die meisten betrachten ihn zwar als singuläre
Erscheinung, doch einige fügen nicht zu unrecht an, dass manche Bilder
handwerklich nicht so hervorragend sind, wie die Bewunderer es gerne
hätten, und sich oft eine starke Dosis Kitsch in seine Werke geschlichen
hat. Ist Balthus der überragende Hüter der Tradition oder ein
mittelmässiger Maler, der sich nur durch sexuelle Perversionen und
Snobismus hervortat? Zeugen seine typischen Mädchenbilder von
Sehnsüchten jenseits der Tabuzone oder sind es "unberührbare
Archetypen der Reinheit"? Balthus, der sein Leben gekonnt
inszenierte, seine Vita teilweise konstruierte und sich mit einer Aura von
Geheimnissen umgab, gibt Kunsthistorikern und -freunden weiterhin manche
Rätsel auf.