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LuhmannGG912f
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V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
Für jede Beschreibung von Selbstbeschreibungen (wie für jede Beobachtung von Beobachtungen) ist es wichtig, darauf zu achten, mit welchen Unterscheidungen gearbeitet wird. Zu den wichtigsten Unterscheidungen, mit denen im Anschluss an Aristoteles (und an eine vermutlich umfangreiche Diskussion seiner Zeit) die alte europäische Gesellschaft sich selber beschreibt, gehört die Unterscheidung des Ganzen von seinen Teilen.
Dies Schema könnte direkt durch die Erfahrung des Lebens vieler Menschen in der Stadt oder auch durch die handwerkliche Produktion komplexer Objekte, zum Beispiel von Schiffen, motiviert gewesen sein. Es leistet jedenfalls eine geniale und höchst erfolgreiche Auflösung der Paradoxie einer Einheit, die zugleich Vieles und Eines ist (unitas multiplex). Die Paradoxie wird auf zwei Ebenen verteilt, die auseinandergehalten werden, ohne dass die Einheit dessen, was auseinandergehalten wird, thematisiert werden müsste. Die eine Ebene wird durch das Ganze gebildet, die andere durch die Teile. Die Metaeinheit dieser beiden Ebenen, die Einheit ihrer Differenz, wird nicht gesondert expliziert. Das Problem der Einheit von Identitäten und Differenz wird vielmehr verdeckt durch die Aussage:“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Das mysteriöse „mehr“ zeigt einen Explikationsbedarf an, der im Sinne einer Rechtfertigung der sozialen Ordnung und ihrer Repräsentanten genutzt werden kann
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Mit der Unterscheidung des Ganzen von seinen Teilen wird die Einheit des Gegenstandes, sei es die Welt, sei es die Gesellschaft, um den es zunächst geht, nur dupliziert, also zweimal beschrieben. Sie ist einerseits das Ganze und andererseits die Summe der Teile, deren zusammenwirken jenen Mehrwert produziert, demzufolge sie ein ganzes sind.
Zugleich wird verdeckt, dass es sich um eine Doppelbeschreibung desselben Phänomens handelt, und dies muss unsichtbar bleiben, weil andernfalls die Paradoxie offen zu Tage träte. Erst die Mythologie der „invisible hand“ wird dieses Problem direkt bezeichnen, aber dann mit einer Metapher, die selber paradox ist. Auch diese Metapher setzt noch voraus, dass das Problem in der Aufgliederung des Ganzen in Teile liegt. Das führt vor die Frage, wer diese Aufgliederung vollzieht und verantwortet. In dieser Hinsicht verweist das Schema Ganzes/Teile auf eine höhere Instanz, auf einen umfassenden Naturbegriff oder auf den Schöpfer. Das Schema bleibt weiterhin an eine religiöse Weltbesetzung gebunden.
Mit den Begriffen wie Evolution, Emergenz, Ausdifferenzierung, Selbstorganisation setzt dagegen eine ganz andere Denkhaltung ein, die davon ausgeht, dass ohne höhere Fürsorge für ein Ganzes lokale, besonders strukturierte Entitäten (Atome, Sonnen, Lebewesen usw.) entstehen können, die dann Anpassungsbedingungen setzen für andere Entitäten dieser Art.
Boe: vgl. LuhmannGG923
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Im Zusammenhang einer religiösen Weltbeschreibung wird wichtig, dass das Ganze/Teile- Schema auch die Unterscheidung von sichtbaren und unsichtbaren Teilen inkorporieren kann - und wieder: ohne die Frage nach der Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren zu stellen. Dies kann bedeuten, dass die unsichtbaren Teile nur verehrt, aber nicht begriffen werden können. Dabei mochte es der Ausdifferenzierung und den Legitimationsbedürfnissen einer Oberschicht besonders entgegenkommen, wenn gelehrt wurde, dass man auf die Gnade Gottes angewiesen sei und nicht durch gute Werke allein, sondern nur durch den rechten Glauben das Seelenheil gewinnen könne.
Im 16. und 17. Jahrhundert kann man aus der Intransparenz des Selbst und der Welt (Montaigne, Donne, Gracian) aber auch ganz andere Schlüsse ziehen, vor allem in Richtung auf Probleme des Umgangs mit dieser Intransparenz, auf Beobachtung zweiter Ordnung (Beobachtung der Selbstbeobachtung) und auf eine Reflexionstheorie, die Beobachtungen und Beschreibungen als Täuschungen beobachtet und in diesem Sinne bereits vor der „Aufklärung“ darüber aufklärt. Das Schema sichtbar/unsichtbar dient somit als ein Rahmenkonzept für die Steigerung der Erwartungen in ein (technisches) Können, bis schließlich nur noch die Schlussfigur der unsichtbaren Hand garantiert, dass das Ganze als Einheit angelegt ist.
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Für lange Zeit garantiert die Religion in ihrer theologischen Fassung eine einheitliche Weltbeschreibung mit hoher Inkonsistenzbewältigung. „Diversitas“ wird geradezu zum Synonym für Perfektion, weil Gott die Welt so reich und bunt und verschiedenartig gewollt hat, dass damit menschliches Begreifen ausgeschlossen ist.
Inkonsistenzerfahrungen tauchen wohl erstmals mit Schrift auf, also mit der Möglichkeit, Texte nebeneinander zu halten und zu vergleichen, und die zu bewundernde Vielfalt der Erscheinungen scheint die Lösung für dieses Problem zu sein. Erst nachdem auch theologische Texte inkonsistent werden, also seit dem Hochmittelalter, und erst nachdem der Buchdruck dies auch zum Bestandteil einer Laienkultur werden lässt, wird die Einheit trotz Inkonsistenz zu einem Problem, das schließlich in unserem Jahrhundert selbst das Verhältnis von Ontologie und Logik tangieren wird.
Aber das setzt ein jahrhundertelanges Experimentieren mit (schriftlichen, gedruckten) Selbstbeschreibungen voraus. Nachdem die Welt/Gott- Unterscheidung semantisch nicht mehr ausreicht, um die Einheit der Kosmologie des Ganzen und seiner Teile zu begründen (oder: nachdem der Buchdruck verschiedene Versionen der Textinterpretation verbreitet und damit die religiös begründete Einheit der Weltsicht auflöst), wiederholt sich das Problem noch einmal am Menschen.
Es wird seit dem 18. Jahrhundert in ihn hinein verlegt. Ihm wird zugemutet, als Teil der Gesellschaft Ganzes und Teil zugleich zu sein: einerseits als homme universel oder dann als transzendentales Subjekt das Allgemeinmenschliche zu verkörpern und andererseits im Höchstmaße individuell und damit einzigartig zu sein.
Und diese Doppelung wiederholt sich in zeitlich- prozessualer Perspektive, also in der Perspektive der Erziehung. Einerseits ist der empirische Mensch immer schon geboren und muss zur Bildung gebracht werden, das heißt zur Reflexion auf das, was an ihm das für jeden Menschen als Menschen Gültige ist. Und andererseits findet man auch die Frage: „Wie wird das absolute Ich ein empirisches Ich?“. Wie findet es eine individuelle Lebensform?
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Ein solches Zeitthema steckt auch in der kantischen Unterscheidung von ummündig/mündig und in Vorstellungen über Aufklärung oder Emanzipation. Die Zeitdifferenz dient deutlich der Auflösung einer Paradoxie: was man nicht zugleich sein kann, muss man nacheinander sein. Aber die Paradoxie bleibt als Zielvorstellung erhalten, sie werden nur in eine Idee, in eine allenfalls aproximativ erreichbare Zukunft ausgelagert, in die Sehnsucht, als Individuum Mensch zu sein. Und nichts aufgeben zu müssen! Die Paradoxie, um die es letztlich ging, ist aber immer noch die des aus Teilen bestehenden Ganzen.
Während die Figur des sinngebenden Schöpfergottes und dann, auf sie folgend, die Apotheose des Menschen im Menschen dieser Weltbeschreibung für die, die sie benutzen, abschließen, müssen wir, die wir diese Beschreibung beschreiben, einen Schritt darüber hinausgehen und nach ihren logischen und ontologischen Grundlagen fragen.
Entscheidend sowohl für die Struktur dieser Semantik als auch für die Art und Weise, in der sie Paradoxien behandelt, ist die fraglose Geltung einer zweiwertigen Logik.
Diese Logik akzeptiert ihrerseits eine Unterscheidung und gewinnt damit ihre spezifische Form, nämlich die Unterscheidung der logischen Werte positiv und negativ. Für die Einschätzung dieser Errungenschaft ist es deshalb wichtig, dass man Unterscheidungen gewinnen und Formen markieren kann, bevor man über die Operation des Negierens verfügt; denn die Operation verdankt sich selber der Form und nicht umgekehrt, sie ist nur möglich dank einer Unterscheidung, deren andere Seite die Position ist.
(Fussnote 105: Es ist anmerkenswert, dass die Logiker dieses Fundierungsverhältnis umgekehrt sehen und meinen, man könne nur mit Hilfe einer Negation unterscheiden.
Wir dagegen können sehen, das hier ein wichtiger Fall der Evolution eines autopolitischen Systems vorliegt: das Unterscheiden ist schon lange in Gebrauch, bevor die Sprache codiert wird und sich die Logik entwickelt. Nur deshalb kann Logik evoluieren. Das Logiksystem dreht dann aber das Fundierungsverhältnis um und gewinnt damit einen autonomen Zugang zur Welt, der es erlaubt alles und auch das Unterscheiden im Duktus der Zweiwertigenlogik zu beschreiben.
So erklärt sich im Übrigen auch der Einbau der Negation in die Prämissen aller klassischen und modernen Logiksysteme. Und im Übrigen weiß man ja auch, dass mit dieser Prämisse keine widerspruchsfreie Selbstbegründung der Logik gelingen kann. Will man das ändern, muss man mit Wittgenstein Sprache oder mit Spencer Brown den mathematischen Kalkül der Logik vorordnen)
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Einschneidende Beschränkungen sind dagegen durch die zweiwertige Logik selbst auf erlegt. Die zweiwertige Logik hat nur einen Wert, den positiven Wert, wie die Bezeichnung des Seins zur Verfügung, und einen zweiten Wert für die Selbstkorrektur des Beobachters, für die Kontrolle von Irrtümern.
Legt man zusätzlich die Unterscheidung von Denken und Sein zu Grunde, kann man das Sein als eine Form betrachten, deren andere Seite das Nichtsein ist.
Man kann dann Sein und Nichtsein als Beobachter richtig beziehungsweise unrichtig bezeichnen. Damit sind die Möglichkeiten einer zweiwertigen Logik erschöpft. Zieht man zusätzlich Modalitäten der Zeit und der Möglichkeit in Betracht, gelangt man bereits an die Grenzen dieses Beobachtungsschemas; und das gilt erst recht, wenn mit einer Beobachtung zweiter Ordnung auf das Beobachten (erster und zweiter Ordnung) reflektiert werden soll.
Strukturreichere Sachverhalte können nicht dargestellt, sondern müssen, wenn man so sagen darf, ontologisch komprimiert werden. Entsprechend können Probleme der Referenz von Problemen der Wahrheit beziehungsweise Unwahrheit nicht unterschieden werden. Eine Aussage ohne Referenz ist eben eine unwahre Aussage, und Unsicherheiten der Referenz, zum Beispiel im Zusammenspiel von selbstreferentiellen und fremdreferentiellen Komponenten des Beobachtens, werden automatisch zu Wahrheitsproblemen.
Das wird in der "Skepsis" genannten Traditionslinie ausweglos diskutiert.
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Das Resultat einer solchen logisch- zweiwertigen Weltbeschreibung erscheint als Ontologie und in den Begründungsbemühungen als ontologische Metaphysik. Danach hat das Sein nur die Möglichkeit, zu sein oder nicht zu sein; und das Denken nur die Möglichkeit, dass Sein beziehungsweise das Nichtsein zutreffend beziehungsweise unzutreffend zu bezeichnen.
Das Denken muss als „Repräsentation“und Kunst muss als „Imitiation“ des Seins begriffen werden, denn anderenfalls müsste es als Fehlleistung aufgefasst werden. Eine Mehrzahl von Beobachtern wird folglich angewiesen, im Beobachten übereinzustimmen. Sie beobachten gemeinsam das Sein, sei es zutreffend, sei es unzutreffend. Und da es nur eine zutreffende Repräsentation des einzigen Denken geben kann, gibt es Autorität.
Wer es richtig sieht, kann die anderen belehren. Das Beobachten des Beobachtens hat hier keine andere Funktion als das Ausfiltern von Erkenntnisfehlern. Auch die anderen Beobachter sind, wenn man sie beobachtet, Objekte. Sie haben eine Sach-Qualität wie jedes andere Ding. Auch über sie können daher Beobachter seinsrichtige und seinsunrichtige Meinungen haben.
Es ist nicht unsere Aufgabe, den ungeheuren Anstrengungen der Philosophie nachzuvollziehen und die Fruchtbarkeit ihre Resultate zu würdigen. Bei einer soziologischen Analyse fällt auf, dass die logisch- zweiwertige Beobachtungsweise korreliert mit einer Sozialstruktur, die eine konkurrenzfreie Position für Welt und Gesellschaftsbeschreibungen vorsieht, sei es als Spitze der Hierarchie, sei es als Zentrum, von dem aus die Welt zu sehen ist, sei es als Fachkompetenz der Schreiber oder der Kleriker.
Auch die vorherrschend mündliche Tradierweise stützt diese Unterstellung der Möglichkeit einzig richtiger Beschreibungen. Die Autorität zur Belehrung der Nichtwissenden und der Irrenden ist schon in der Sozialstruktur, schon in der Differenzierung von der Gesellschaft und ihrer Rollenordnung angelegt. Sie hat eine vorhandene Position nur sachgemäss auszufüllen. Und sie tut dies, indem sie ihre eigene Lage mit der Anwendung des Schemas auf sich selbst reflektiert. Ihre Weisheit ist das Wissen des Wissens und des Nichtwissens.
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...Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts fällt es ausgesprochen schwer, die Vorstellung eines Weltganzen aufzugeben. Noch immer wird also die Welt als ein Ganzes gedacht, dass aus Teilen oder Elementen bestehe. Dass die Welt selbst durch Bildung von beobachtenden Systemen in ihr für diese als Einheit unsichtbar werde, ist ein fast undenkbarer Gedanke; und es liegt daher nahe, dass zunächst einmal die Gesellschaft selbst, zum Beispiel als Klassengesellschaft mit nur noch ideologischen Selbstbeschreibungen, so geschrieben werden musste, was immer die großen Welterzählungen der Physik zu sagen wussten.
Erst im Kontext einer Erfahrung von Weltgesellschaft und weltweiter moderner Kultur, also allenfalls im 19. und eigentlich erst im 20. Jahrhundert, wird das kosmologisch fundierte Schema des Ganzen und seiner Teile definitiv aufgegeben.
LuhmannGG