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«Man muss dem Markt den Puls fühlen.» – Die von Conrad Blumer (1817–1882) geäusserte Losung mag in der heutigen, vernetzten Wirtschaftswelt selbstverständlich wirken. Doch wie kam Blumer – ein Textilunternehmer aus dem verkehrstechnisch ungünstig gelegenen Glarner Bergtal – anfangs des 19. Jahrhunderts dazu, diese Einsicht zu äussern? Mit dem «Markt» meinte er nicht einen lokalen Markt, sondern die damaligen Weltmärkte. Er wollte die auf gefährlichen Geschäftsreisen persönlich erworbene Kenntnis dieser Märkte zur Grundlage seiner Handelstätigkeit machen.
Die Glarner Wirtschaftsentwicklung im 19. Jahrhundert ist eng mit zwei wichtigen internationalen Erfahrungen verknüpft. Nachdem der ursprünglich betriebene Getreideanbau im Tal nicht mehr die benötigten Erträge erbracht hatte, gingen die Glarner Bauern zur Graswirtschaft und Viehzucht über. Die Viehzucht war mit Milch und Fleisch nicht nur für den Eigengebrauch wichtig, sondern machte mit dem Treiben ganzer Viehherden über die Alpenpässe auch den Verkauf von Vieh in Italien möglich. Dabei lernten die Glarner die damals bereits hochentwickelten oberitalienischen Märkte kennen, wo man alles kaufen konnte, was es in Europa zu kaufen gab.
Für die Glarner war das ein erhellender Einblick in das Funktionieren des europäischen Handels und zugleich ein Anstoss, unternehmerisch zu handeln und weitere eigene Agrarprodukte ebenso wie Schiefertische und neu Textilien zum Verkauf anzubieten. Vermögende Familien organisierten die Textilproduktion, indem sie Frauen in Heimarbeit spinnen und weben liessen, und gründeten erste Handelsgesellschaften, die mit der Zeit eigene Handelsstützpunkte in Italien einrichteten.
Eine weitere internationale Erfahrung war der Solddienst in Frankreich und Italien, der für viele arme Familien in einer Zeit des Bevölkerungswachstums zur existentiellen Notwendigkeit wurde. Ebenfalls waren es die vornehmen Herren des Tals, die das Geschäft unternehmerisch aufbauten. Im Solddienst lernten die Glarner aber nicht nur das kriegerische Dreinschlagen, sondern staunten auch über andere Lebensbedingungen, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen in Frankreich und Italien. Ein anschaulicher Beweis für solche Erfahrungen und ihre Umsetzungen zu Hause ist bis heute der markante Freulerpalast in Näfels, der von Oberst Freuler, Gardekommandant des französischen Königs, im 17. Jahrhundert im Stil eines französischen Schlosses erbaut wurde.
Chancen gepackt
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor jedoch der Solddienst seine Bedeutung und fiel als wichtiger Teil der Existenzgrundlage armer Familien und als Einkommensquelle der wohlhabenden Familien weg – für das Glarnerland ein gravierendes soziales und wirtschaftliches Problem. Die Handelsherren suchten nach neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten, um diesen Verlust auszugleichen. Als sich anfangs 19. Jahrhundert, ausgelöst durch eine generell stark steigende Nachfrage nach bedruckten Textilien, ein neues Geschäftsfeld eröffnete, griffen sie zu. Aus technischen Gründen konnten aber bedruckte Textilien nicht mehr in Heimarbeit hergestellt werden, sondern erforderten industrielle Produktion in Fabriken. Unternehmerisch denkende Glarner Herren, die bisher Heimarbeit und Solddienst organisiert hatten, erkannten die neuen Chancen. Aus eigener Initiative oder auf Anraten ihrer Handelsstützpunkte in Italien bauten sie die ersten Textildruckereien mit den weit herum sichtbaren «Hänggitürmen» als typischen frühen Glarner Industriebauten. Damit nahm der Textildruck als glarnerischer Industrie- und Exporterfolg seinen Anfang.
Die frühe und starke Industrialisierung im 19. Jahrhundert bedeutete für viele Glarner eine grosse berufliche und gesellschaftliche Umstellung. Aus dem frei seine Arbeit einteilenden Bauern wurde ein vom Fabrikbetrieb bestimmter Arbeiter. Daraus entstehende soziale Probleme der Industrialisierung wie lange Arbeitszeiten, Frauen- und Kinderarbeit konnten dank des speziellen politischen Systems entschärft werden, denn im Kanton Glarus wurden alle Gesetze an der Landsgemeinde demokratisch beschlossen und die Fabrikarbeiter konnten dank ihrer zahlenmässig grossen Stimmkraft ihren Interessen Geltung verschaffen. So entstanden Fabrikgesetzgebungen, die später für die ganze Schweiz als Vorbild dienten.
Der Textildruck beanspruchte aber keineswegs nur einfache Arbeiter, sondern liess neue Berufe wie den Zeichner, den Modelstecher und den Drucker entstehen. Jugendliche lernten bei Hilfsarbeiten die Berufsanforderungen kennen und wurden in den Firmen zu Spezialisten ausgebildet, die in der…