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1985 ist der Text «Flug» des Schweizer Schriftstellers Reto Hänny erschienen. Nun hat er ihn überarbeitet und eine «Neue Fassung» veröffentlicht. Was lässt sich an den Veränderungen ablesen?
Es ist nicht das erste Mal, dass Reto Hänny einen bereits veröffentlichten Text umschreibt. 1984 - also nur ein Jahr, bevor er die erste Fassung von «Flug» veröffentlichte - publizierte er eine Überarbeitung seines ersten Buches «Ruch. Ein Bericht» von 1979. Dieses «Übermalen», wie es Hänny nennt, hat er jetzt auch an seinem dritten Roman praktiziert: «Neue Fassung» wird der alt-neue «Flug»-Text schlicht bezeichnet. Es sind aber nicht nur die einzelnen Bücher, die Hänny umarbeitet, sondern die Motive, die in seinen Texten wiederkehren. Die Kindheit im Bündner Bergdorf, die Jugendjahre in Chur («Ruch» ist ein Anagramm), Zürich mit der Achtziger-Jugendbewegung und den brutalen Polizeieinsätzen sowie die intensive Auseinandersetzung mit Musik, Literatur und bildender Kunst bilden den Fundus, aus dem der Autor schöpft.
Virtuose Modulationen
Motor des Textes ist eine Kindheitserinnerung: Ein Kind läuft um den Wohnzimmertisch herum, übermütig davon überzeugt, dass es fliegen kann. Mit einem Propeller beschenkt, verstärkt sich sein Glücksgefühl noch - bis der Grossonkel, vom Lärm genervt, sich sein Geschenk, den Propeller, greift und zerbricht.
Der Text wehrt sich gegen eine solche stets drohende Bruchlandung, indem er seinen eigenen Flug versucht. So heben beide Fassungen mit dem Check-in eines Mannes ab, der in ein Flugzeug steigen wird, um über Zürich und dann über die Alpen zu fliegen. Erinnerungen an die abenteuerliche Flugpionierzeit Anfang des 20. Jahrhunderts, symbolisiert durch Louis Blériot, führen zurück in die Kindheit des Passagiers in der Abgeschiedenheit des Dorfes, «wo die Menschen im Winter eingeschneit ausharren, mit ihnen in den dampfenden Ställen die wiederkäuenden Kühe».
Ein Leben, das ein abruptes Ende durch die «Strafversetzung» des Jungen nach Ruch findet, wo er der «Bauerntölpel» ist, dem Gespött seiner MitschülerInnen ausgesetzt. Bei wechselnden «Schlummermüttern» untergebracht, schliesst sich der junge Mann «Imponiersaufereien» an und verbringt seine Tage mit Karl-May-Büchern im Dämmerzustand - bis ihn die Lektüre von Joyce, Kafka und Grass und die Begegnung mit moderner Musik, zuerst Bartók, später Freejazz, aufrütteln.
Die Szenen sind nur lose durch Assoziationen, Stimmungen, Wortklänge verbunden. Aber das Wichtigste ist die Wucht von Hännys Sprache: die Klangkaskaden, die virtuosen Modulationen von einer Tonlage in die andere. Da Verben oft weggelassen werden oder ihre Klammerfunktion so lange wie möglich hinausgezögert wird, viele Abschnitte ohne Punkt enden und Hänny Partizipkonstruktionen immer noch einmal erweitert, scheint der Text nie auf dem Boden abzusetzen.
Was heisst «Versuhrkampung»?
Als «Flug» 1985 erstmals erschien, schrieb die WOZ von der «Versuhrkampung» von Hännys Sprache, was sie unter anderem aus der Entschärfung der Handhabung der Interpunktion in der zweiten «Ruch»-Fassung schloss. Hänny, hiess es damals, verliere seine eigene Sprache. Dass ein bestimmter Verlag die Sprache eines Schriftstellers nachhaltig zähmen könne: Dieser Befund greift zu weit und zu kurz zugleich. Wenn schon, hätte damals - und heute umso mehr - von einer allgemeinen Verflachung und Zurechtstutzung von Texten durch ängstliche Verlage, die bei sperrigen, eigenwilligen Texten Absatzprobleme befürchten, gesprochen werden müssen. Insofern war der Suhrkamp-Verlag vor 22 Jahren keine Trutzburg des Bildungsbürgertums - und ist es heute in seiner Krise erst recht nicht mehr. Vielmehr beweist ein Verlag, der es im schnelllebig gewordenen Buchmarkt wagt, eine überarbeitete Textfassung zu publizieren, zudem von einem Autor, der genau genommen seit dreizehn Jahren kein Buch mehr veröffentlicht hat, mit seinem Willen zur Kontinuität sogar Mut.
Vergleicht man die beiden Fassungen von «Flug», muss in Bezug auf Hännys Arbeit mit diesem Text ein anderer Schluss gezogen werden: Seine Sprache ist radikaler geworden. Die Überarbeitung des Buches folgt konsequenter dem Rhythmus und Klang von Wörtern und Satzkonstruktionen. In vielen Passagen hat Hänny Sätze umgestellt, auf einzelne Wörter verzichtet oder hinzugefügt: um den Rhythmus mehr zum Tragen zu bringen oder ein Bild zu einer Metapher zu verdichten. Die intertextuellen Bezüge sind stärker verwoben; dem entspricht, dass Hänny die Passagen zu der prägenden Begegnung des Aufwachsenden mit Joyce’ «Ulysses», Grass’ «Blechtrommel» und Kafkas «Verschollenem» ausgebaut hat. Diese Texte haben der Überarbeitung noch einmal Pate gestanden; nach der leiblichen Geburt, das betont die neue Fassung stärker, ist eine zweite Geburt in der Welt der Kunst erfolgt.
Ästhetische Radikalisierung
«Die Arbeit», ermahnt der Vater in «Flug» seinen Sohn, finde «am Boden» statt, «nicht in den Wolken». Reto Hännys stilistisch hochfliegender Text bezeugt die geglückte Rebellion, die Befreiung von protestantischer Arbeitsmoral und anderen Grenzen. Aber das Fehlen beinahe jeglicher Bodenhaftung hat auch zum Verzicht auf Textteile geführt, die sich auf verschiedene historische Schichten beziehen und politische Themen anschneiden.
Der Umarbeitung fielen beim Flug über Zürich vor allem die Beschreibungen der Strassenkämpfe der achtziger Jahre zum Opfer, aber beispielsweise auch die detaillierten Beschreibungen der Flugwettkämpfe im Jahr 1909 mit Blériot. Ebenso ist die Begegnung mit einem Hitlersympathisanten, dem Vater eines Schulkameraden, gekürzt. Das kann ein unbefriedigender Befund sein, wenn man von Literatur eine explizite politische Dimension in Form einer verhandelten Thematik erwartet. Allerdings wird auch in der neuen Fassung von den willkürlichen Züchtigungen der Lehrer, der Ausgrenzung in der Schule oder abstossenden Vereins- und Gesellschaftsritualen erzählt.
Die «Neue Fassung» steht aber in erster Linie nicht für die Entwicklungsgeschichte eines Kindes zum erwachsenen Mann, sondern für eine ästhetische Radikalisierung, die dem Text mehr Kraft gibt, utopische Räume zu eröffnen. Wer sich auf Hännys Sprachflug einlässt, kann deshalb vielleicht tatsächlich ans Fliegen glauben und abheben - ohne Angst, abgehoben zu sein.