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Eine attraktive Frau mittleren Alters gestikuliert hinter einer dicken Glasscheibe, ihre Mundbewegungen lassen erkennen, dass sie unbedingt etwas mitteilen will, das die für uns vorerst unsichtbare Person nach einiger Zeit kapiert. Bei dieser handelt es sich um einen etwa gleichaltrigen Mann, der den Ausgang der Ankunftshalle eines Flugplatzes sucht. Die nächste Einstellung zeigt schon, wie beide bei strömendem Regen die Halle verlassen, um zu ihrem Auto zu gelangen. Dort werden wir langsam erfahren, dass das Paar einmal eine intime Beziehung hatte, die aber einen Bruch erlitten und die Frau, Marie, von ihrem Mann, Ahmad, getrennt hat. Marie lebt mit einem neuen Partner, Samir, zusammen. Ahmad ist aus dem Iran angereist, um die Scheidung von Marie nach französischen Bestimmungen zu vollziehen. Wir befinden uns in Paris und werden bald des Häuschens ansichtig, das Marie am Stadtrand bewohnt. Nahe dem kleinen Grundstück rauschen regelmässig die Vorortszüge vorbei. Sie beschwören eine etwas hektische Grundstimmung und geben zu verstehen, dass die scheinbare Idylle nur oberflächlich ist.
Der Regisseur Asghar Farhadi, berühmt geworden mit Nader and Simin – A Separation (2011), ist ein Bilderzähler, der Alltäglichkeiten symbolhaft in seinen Blickwinkel einbezieht, ohne dass sie aufdringlich die Geschichte bestimmen. Im Haus wird renoviert, neue Farben und Lampen verändern das Ambiente, das Interieur ist mit Plastikplanen verhängt. Die Veränderung der intimen Umwelt, deren Zustand keinen Fortschritt erkennen lässt, spiegelt die Stagnation und Unordnung im Persönlichen.
Ahmad wird bei seiner Ankunft im Haus auch zwei Kinder vorfinden, die miteinander spielen und denen er unkompliziert begegnet: Da ist Léa, seine Tochter, und Fouad, der Sohn Samirs, der ihm distanziert, ja misstrauisch begegnet. Ahmad hat Marie zwar gebeten, ihm ein Hotelzimmer zu besorgen, aber sie hat ihn doch bei sich einquartiert, in dem Haus, in dem sie in ihrer Ehe gelebt haben und in das nun auch Samir mit seinem Sohn eingezogen ist.
Später taucht auch die zweite Tochter Maries auf: Lucie, die ein enges Vertrauensverhältnis mit Ahmad hat, von dem wir später beim ernüchternd unpersönlichen Scheidungsverfahren mitgeteilt bekommen, dass er weder der Vater von Léa noch von Lucie ist. Eine berührende Einstellung, als Lucie nach Hause kommt, ohne Aufsehen in ihrem Zimmer verschwindet, nur zu beobachten durch einen Türspalt. Ein Vorbeihuschen, das die Scheu vor dem Wiedersehen des geliebten Stiefvaters so sensibel und schwer mit Worten erklärbar ins Bild rückt, dass an solchen Details das Können Farhadis deutlich wird.
Die Geschichte in Details weiterzuerzählen, würde dem Film die Spannung nehmen, die er mit seiner Bildkraft in vielen kleinen Einzelheiten herstellt. Aber man sollte noch wissen, dass Samir, der eine Kleiderreinigung betreibt, noch nicht geschieden ist und seine Frau im Koma in einer Klinik liegt. Ihr kommt am Ende des Films grosse Bedeutung zu, wenn sie aus der aktuellen Zeit heraus immer noch die Zukunft gestalten könnte.
Marie hat sich mit Samir einen Liebhaber gesucht, der Ahmad äusserst ähnlich sieht, wenn er auch nicht dessen Intellektualität besitzt. Sie ist von ihm schwanger, was sich wie eine Ausweglosigkeit aus dem Verhältnis darstellt. Alle Personen – fast alle Personen – sind von einer auffallenden Unausgeglichenheit. Deren Ursache liegt in der Beziehung von Marie und Samir. Marie erscheint nicht gerade erfüllt von ihrem Job in einer Apotheke, die nahe von Samirs Reinigung liegt; Samir pendelt in seiner Sympathie zwischen seiner komatösen Frau und Marie hin und her; der grossartige kleine Fouad möchte einmal zu sich nach Hause und fühlt sich dann doch wieder in die Umgebung Maries hingezogen; Lucie hasst den neuen Mann an der Seite ihrer Mutter und sucht einen Ausweg mit dem Wunsch, zu ihrem Vater nach Brüssel zu ziehen. Ruhepole sind die kleine Léa, die zwar schon sehr verständnisvolle Fragen stellen kann, aber noch in kindlicher Unschuld die Tragik des Geschehens nicht virulent werden lässt, und Ahmad, der übersichtig betreuend wirkt, fast schon selbstgefällig, aber doch auch einmal seine Contenance verliert. Die Unausgeglichenheit der pubertierenden Lucie lässt sie fast wie ihre Mutter erscheinen, beide sind in manchen Bildern kaum auseinanderzuhalten.
Der Film beginnt mit solch diffizilen und sensiblen Beobachtungen, dass man hingerissen auf die weitere Entwicklung wartet, aber dann doch etwas enttäuscht ist wegen der sich aufbauenden Spannung durch rätselhafte Ereignisse. Diese Nebenstränge der Handlung mögen der Story geschuldet sein, die hingerissene Aufmerksamkeit dem Film gegenüber wird aber doch durch die Darstellung der Akteure ausgelöst: von Bérénice Bejo, Ali Mosaffa, Pauline Burlet, Elyes Aguis und Jeanne Jestin, die Farhadi beeindruckend zu führen versteht.
Bejo hat auf die Frage nach den Proben, die Farhadi vor dem Dreh ausführlich organisiert hat, gesagt, dass sie sich zwei Monate vorher bis zu viermal wöchentlich getroffen und bis zu fünf Stunden geprobt hätten: «Asghar liess uns eine halbe Stunde lang Übungen machen, wir liefen durch den Raum, rannten, entspannten uns, machten Sit-ups. Danach lasen wir das Drehbuch und improvisierten manchmal darum herum. Und wir machten immer alle dasselbe, selbst wenn wir eigentlich nicht in die entsprechende Szene involviert waren.» Farhadis visuelle Sensibilität ist eben auch der Ausfluss seiner Disziplin.