Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03635.jsonl.gz/2015

Ihre Lebensgeschichte ist ein Sportmärchen. Dass aus einem Mädchen, das gar kein Wasser mag, überhaupt eine Spitzenschwimmerin geworden ist, ist der Integration im neuen Heimatland geschuldet. Elena Krawzow wurde in Kasachstan geboren, in einem winzigen Dorf und ärmlichen Verhältnissen nahe der Grenze zu Kirgisistan.
Die Familie wollte weg, nach Deutschland ins Herkunftsland der Grossmutter. Doch die erste Station war Russland, das Geburtsland von Elenas Mutter. Ihre schulischen Probleme verschlimmerten sich – denn das Mädchen sah immer schlechter. Ihre langsame Erblindung begann bereits in Kasachstan, doch erst in Moskau bekam sie die niederschmetternde Diagnose: Morbus Stargardt, eine Netzhaut-Erkrankung, die vererbbar ist.
Nur drei Prozent Sehkraft
Heute kann sie nur noch starke Kontraste wahrnehmen, in der Mitte ihres Blickfeldes sei «alles überlagert», beschreibt sie der «Bild am Sonntag». Nur ausserhalb des Zentrums kann sie ein bisschen was erkennen, schemenhaft. Drei Prozent beträgt ihre Sehkraft. Sie ist nahezu blind.
2005 kam die Familie mit dem Bus von Moskau endlich ins bayrische Bamberg. In der fünften Klasse verliert sie dort den Anschluss, «meine Noten waren unterirdisch», erinnert sie sich. Sie wurde ins Bildungszentrum für Sehbehinderte nach Nürnberg geschickt, bezog dort ein Zimmer. «Für mich war das schrecklich. Ich war neu in Deutschland, konnte die Sprache nicht richtig. Aber ich hatte keine Wahl.»
Elena zog sich zurück, litt unter grossem Heimweh. Erst eine Begegnung mit einem Betreuer eines Freizeitzentrums sollte das Leben des unglücklichen Teenagers verändern. Der Erzieher spornte das fitte Mädchen an, das Sportabzeichen zu machen, bei dem Schwimmen eine Disziplin ist. Als Elena offenbarte: «Ich kann doch gar nicht schwimmen.» Der Betreuer namens Michael Heuer brachte es der damals 13-Jährigen geduldig bei.
Im Becken orientiert sie sich an der Anzahl Züge
Es sollte das erste Kapitel dieses Sportmärchens eines kasachischen Mädchens sein. Was folgte? Sportliche Erfolge bei Behinderten-Wettkämpfen, die Elena Aufwind gaben. Die fast blinde Schwimmerin erkennt im Wasser weder die Markierungen am Boden des Beckens noch den Rand. Um die Wende aber rechtzeitig hinzubekommen, zählt die Schwimmerin ihre Züge. «Bei mir sind Wende und Anschlag immer Glückssache.» Ihr wurde trotzdem eine grosse Zukunft prophezeit.
Elena Krawzows bisher grösser sportlicher Erfolg? Die Silber-Medaille bei den Paralympics 2012 in London über 100 m Brust und im Jahr darauf WM-Gold in der selben Disziplin. Die gelernte Physiotherapeutin, die seit 2015 für das Berliner Schwimmteam startet, ist nicht aufzuhalten. Sie hält derzeit den Weltrekord über 100 Meter Brust, und auch auch über 50 und 200 Meter sowie über 50 Meter Schmetterling war keine Sehbehinderte auf der Welt je so schnell wie Krawzow.
Doch nun ist der 26-Jährigen Aussergewöhnliches gelungen: Elena Krawzow hat sich für die «normale» Deutsche Meisterschaft – also jene der Nicht-Behinderten – qualifiziert. Über 100 m Brust schwamm sie in 1:13,75 Minuten rund eineinhalb Sekunden schneller als die geforderte Norm der Nicht-Behinderten. «Mit genug Disziplin, Ehrgeiz und Training kann man was schaffen. Wir Behinderten dürfen uns von niemandem eine Grenze setzen lassen», sagt die Schwimmerin, die im Alltag noch immer auf einen Blindenstock verzichtet.