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Beruf. Das Berufskonzept hat im deutschsprachigen Raum ein stärkeres Gewicht als in anderen europäischen Kulturen. Das Thema ist äußerst komplex, weshalb hier nur Denkanstösse gegeben werden können. Für die weitergehende Beschäftigung mit dem Thema verweisen wir auf das Literaturverzeichnis. Reden wir von Beruf, orientieren wir uns gemeinhin an einer traditionellen, d.h. ständischen Auffassung, wonach Beruf „nicht blosse Angelegenheit des Einzelnen und auch nicht auf bestimmte Arbeitsverrichtungen begrenzt ist; er ist soziale Daseinsform schlechthin“ (Hesse). Diese im Mittelalter ausgeprägte Berufsauffassung findet sich in unserer Gesellschaft vor allem im selbstständigen Mittelstand, im Landbau und in den freien Berufen, besonders dort, wo der Beruf Familienangelegenheit ist.
Mit der Durchsetzung des ständischen Verständnisses einher geht die Sicherung der sozialen und vor allem ökonomischen Stellung in der Gesellschaft. Die zünftische Zugehörigkeit ist verbunden mit protektionistischen Vorteilen, die das Gewerbe bis zum Beginn der Industrialisierung auf eine hervorragende gesellschaftliche und politische Stelle rücken lässt.
Die religiöse (vocative) Berufsauffassung sieht den Menschen als von Gott berufen. Hier liegt der Ursprung des Berufsethos, die Pflichterfüllung wird zum Dienst vor Gott. Mit der Verschmelzung von Berufung und Arbeit, ursprünglich war Gottes Ruf zum Priestertum gemeint, ist der Berufsbegriff überhaupt erst entstanden. In dieser Wirkung ist der weltliche Beruf zum Zentrum des individuellen Selbstverständnisses geworden (Hesse, Bürgi).
André Gorz greift ein anderes, meist wenig beachtetes Element des Berufskonzepts auf. Die «alten Berufe» vermitteln, durch die individuelle Aneignung von Qualifikationen, eine emanzipatorische Qualität. Das Können, das mit dem Handwerksberuf verbunden ist und die gesellschaftliche Anerkennung geben dem Individuum seine Einzigartigkeit und seine Zugehörigkeit.
Mit den Fragen der Entlöhnung und den Folgen der Industrialisierung setzt sich Max Weber auseinander. Er sieht den Beruf als „Spezifizierung, Spezialisierung und Kombination von Leistungen einer Person, die für sie die Grundlage einer kontinuierlichen Versorgung oder Erwerbschance sind.“
Die technischen Fortschritte, die Verlagerung der Arbeiten in Manufakturen und Fabriken sowie der Handel entzogen den Berufsleuten die Arbeitsmethode und -organisation. Taylorismus und vor allem Fordismus reduzierten die Arbeit auf ein möglichst tiefes Anforderungsniveau, damit Arbeiter/innen universal für beliebig verschiedene, d.h. einfache Tätigkeiten eingesetzt werden konnten. Die entfremdete Arbeit nimmt den eigentlichen Produzenten und Produzentinnen die Gestaltung der Tätigkeit aus den Händen, indem Planung und Herstellung getrennt werden.
Ein anderer Entwicklungsstrang aber basierte weiterhin auf einer hohen Berufsqualität. An die Spitze gelangte eine Kategorie von lohnabhängigen Berufsleuten, die keinen Vergleich mit den selbstständig gebliebenen Handwerkern oder mit den Repräsentanten der Bourgeoisie zu scheuen brauchten. Es bildete sich eine Elite von hoch qualifizierten, lohnabhängigen Berufsleuten mit „einer Arbeiterkultur, einer Arbeiterethik und einer Arbeitertradition mit eigener Autonomie und eigenen Werten“ (Gorz).
Qualifikation und Kompetenz. Mit der Berufsidee verbunden ist das Prinzip der Qualifikation, das im System der traditionellen Berufsbildung Ausdruck findet. Qualifikationen sind allgemeine, also gesellschaftlich anerkannte, persönliche Qualitäten. Qualifikation attestiert Eigenschaften wie Tauglichkeit, Eignung oder Befähigung. Anders „Kompetenz“: Diese verbinden wir mit Entsprechung, Zuständigkeit, Zusammentreffen oder Zusammenhang. Individuell ausgeprägte Kompetenzbündel treten an die Stelle von übergeordneten kollektiven Qualifikationsmerkmalen. Ob das Individuum in der Lage ist, etwas zu tun, resp. etwas zu lernen, gibt den Ausschlag.
Arbeitswelt. Damit setzen sich eine ganze Reihe von Autoren auseinander: Sennett, Rifkin, Krugmann, Barber und viele andere. Die Veränderungen in der Arbeitswelt wirken sich zwingend auf die Berufsidee und -bildung aus. Bezeichnungen, die einem Beruf „Poly-“ voranstellen, sind Ausdruck und Symbol dieses Wandels. Bis jetzt verstehen wir Beruf als Tradition, als gebunden, als etwas, was weitergegeben und mitgestaltet werden kann. Die Verlagerung vom Qualifikations- zum Kompetenzprinzip fordert die Verantwortlichen der Berufsbildung auf, sich grundsätzlich Gedanken darüber zu machen, was mit der Berufsbildung passiert.