Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03649.jsonl.gz/14

Neue Erziehungssysteme für Bäume
Das Obstbauteam vom Strickhof hat im vergangenen Winter alte Apfel- und Steinobstbäume gerodet und an diesen Stellen neue Birn- und Kirschbäume gepflanzt. Sowohl die Birn- als auch die Kirschbäume werden mit verschiedenen Erziehungssystemen in Form gehalten. Diese beschreiben, wie die Bäume geschnitten und gebunden werden. Im Folgenden werden die wichtigsten Erziehungssysteme vorgestellt:
- Spindel: Traditionelle Baumform von mindestens einem Meter Durchmesser und dominanter Mitte. Bild: Birnbaum.
- Drapeau: Der Baum wird schräg gepflanzt, d.h. zirka 45 Grad auf die Seite gelegt, so dass sich neue Triebe an der Oberseite der Stammverlängerung bilden. Durch die Schrägpflanzung kann der Baum länger wachsen, bevor er ans Hagelnetz stösst. Der Baum wird so geschnitten, dass er nur knappe 50 cm in die Tiefe reicht. Drapeau ist weniger geeignet für die mechanische Bodenbearbeitung, weil der schräge Stamm dem Hackgerät die Arbeit erschwert. Bild: Birnbaum
- Bi-Bäume (Mehrfachachsen): Mit dieser gekreuzten «Kerzenständerform» wird versucht, die Kraft der Wurzel auf zwei Leittriebe zu verteilen, die beide veredelt wurden. Die Schwierigkeit besteht darin, zwei gleich starke Triebe zu erhalten. Beide Leittriebe werden seitlich weitergezogen und dessen Fruchttriebe wachsen aufrecht nach oben. Damit wird die Spitzendominanz der Leittriebe gebrochen und die Kraft auf mehrere Seitentriebe verteilt. Das Überkreuzen der Haupttriebe hat den Vorteil, dass die Triebe bei der Veredelungsstelle nicht ausbrechen. Man muss den Baum mit einem intensiven Fruchtholzschnitt zurückdrängen, damit er in der Tiefe, d.h. in der Reihe, schmal bleibt. Die Baumspitze wird schliesslich nach oben gezogen (siehe ganz links). Bild: Süsskirschenbaum
- UFO (Upright Fruiting Offshoots): Hier handelt es sich um dasselbe Prinzip wie bei den Bi-Bäumen, jedoch wird die Kraft auf nur einen Leittrieb gebündelt. Auch am Leittrieb werden Früchte gebildet. Auch hier hätte die Hackmaschine Mühe mit dem schrägen Stamm. Dieses Erziehungssystem wird bisher hauptsächlich bei Steinobst angewendet. Dieses Jahr wurden erste Test-Apfelbäume am Strickhof nach diesem Erziehungssystem gepflanzt, jedoch mit geradem Stamm gepflanzt. Bild: Süsskirschenbaum
- Belgische Hecke: Diese Erziehungsform wird nur bei den Birnen angewendet. Der Baum wird auf zwei Hauptäste (Leittriebe) verteilt und mit einem Unterstützungsgerüst aus Bambusstäben in der Tiefe möglichst schmal gehalten, um eine Fruchtwand zu bekommen. Bild: Birnbaum
Effizienter arbeiten
Ralf Merzenich vom Obstbauteam hat die neuen Bäume gepflanzt und die verschiedenen Erziehungssysteme umgesetzt. Er erklärt, dass der Trend bei den Erziehungssystemen generell in Richtung schmale, kleine Formen geht. Das hat zum einen den Vorteil, dass die Bäume weniger schnell an das Hagelnetz stossen. Die schmale Form hat aber vor allem Auswirkungen auf die Arbeitskosten, weil die pflückenden Hände kürzere Wege zurücklegen müssen und die Früchte meist aus dem Stand erreicht werden können. Auch ist man auf der Suche nach einem Erziehungssystem, womit künftig Ernteroboter eingesetzt werden können. Erste Prototypen gibt es bereits. Ein weiterer Grund für die kleinen, schmalen Formen ist auch die Fruchtausfärbung und die Fruchtqualität. Durch die geringe Tiefe des Baums erhalten die Früchte mehr Licht. Denn wo Schatten ist, bilden sich im folgenden Jahr weniger und schlechtere Blütenknospen. Zudem gelangt bei diesen Schnittweisen der Pflanzenschutz einfacher an den ganzen Baum. So kann auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringert werden.
Mehrwert für die Ausbildung
Andreas Klöppel, Leiter Obstbau am Strickhof, hat dieses Pflanzkonzept für die Süsskirschen- und Birnenanlagen am Strickhof entworfen, weil die verschiedenen Erziehungssysteme – angewendet auf alle Früchte und verschiedene Sorten – gebündelt an einem Ort einen grossen Mehrwert für die Ausbildung der Obstfachleute bietet. So können die Lernenden mit ihren Fachlehrpersonen diese Systeme begutachten, vergleichen und Vor- und Nachteile diskutieren. Auch mit den Abständen zwischen den Bäumen wird vielfältig gespielt. Die Erträge jeder Erziehungsart und Sorte werden vom Obstbauteam sorgfältig erfasst, um deren Entwicklung über die Jahre zu beobachten.
Text: Ursina Berger