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In den USA werden Literaturwissenschafter aufgefordert, Listen mit denjenigen 25 Romanen zu erstellen, die quasi das Land erschufen und formten, die das Wesen der Vereinigten Staaten literarisch am besten verkörpern. Im DRS4-Talk vom 6. April bat der Radiojournalist Eric Facon den emeritierten Literaturprofessor Peter von Matt um eine Liste mit fünf Büchern aus der Schweiz, die aus seiner Sicht die Schweiz beschreiben.
Von Matt, der übrigens gestern an den Solothurner Literaturtagen vor versammelter Schweizer Literaturprominenz seinen 75. Geburtstag feierte, zögerte mit der Antwort ein bisschen, weil fünf doch eine mörderisch kleine Zahl sei. Aber dann liess er sich doch dazu hinreissen, eine solche Shortlist der Schweizer Volksseele in der Literatur aufzustellen:
- Die „Lebensbeschreibung“ von Thomas Platter, der um 1500 als Bergbauernbub in Grächen im Wallis geboren wurde und sich als Kind schon nach Europa aufmachte. Der weltläufige Walliser, der den Reformatoren Zwingli und den Humanisten Erasmus von Rotterdam persönlich kennen gelernt hatte, wurde ein angesehener Intellektueller, Buchdrucker, Verleger und Lehrer. Er hat auf Bitte seines Sohnes seine Lebensgeschichte aufgezeichnet — ein grandioser Text in Frühneuhochdeutsch.
- „Der Bauernspiegel“ von Jeremias Gotthelf — das Buch, aus dem die ganze Schweizer Literatur hervorgekrochen ist, ein ungeheuerlicher Wurf.
- Der herrlichste Roman — vielleicht der ganzen deutschen Literatur: „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller.
- Dazu als Pendant im 20. Jahrhundert: „Stiller“ von Max Frisch — Grossstadtroman und Intellektuellenroman von ganz anderer Schärfe und ganz anderem Krisenbewusstsein.
- Aus der Westschweiz das Buch einer Frau: „Schwarze Erdbeeren“ von Corinna Bille — ein Buch, das im Wallis spielt und die weibliche Stimme in einer ganz starken Weise repräsentiert.
Ich geb’s zu: Ich habe weder alle fünf Bücher gekannt, geschweige denn alle gelesen. Ich kann also nicht wirklich beurteilen, ob diese fünf Bücher das Wesen der Schweiz tatsächlich einigermassen akkurat zu fassen vermögen. Aber ich bin überzeugt, dass niemand diese schwierige Aufgabe besser lösen könnte als Peter von Matt, denn es gibt wohl kaum einen profunderen Kenner der Schweizer Literatur.
Überzeugt hat mich Peter von Matt mit seinem neusten Buch, das im Hanser-Verlag erschienen ist: Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz. In „Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt. Zur Seelengeschichte einer Nation“, dem ersten Text dieses Essaybands, schafft er es, über ein Bild 85 Seiten zu schreiben — selbstverständlich mit zahlreichen Exkursen, aber ohne langweilig zu werden. Die übrigen Essays sind kürzer, analysieren aber ebenso luzide Politik und Literatur der Schweiz. Ein gutes Dutzend Essays werfen interessante Schlaglichter auf die Grössen der Schweizer Literatur und machen einem so Lust, die Bücher dieser Schweizer Autoren wieder zu lesen und sich darin zu vertiefen, denn schliesslich sei der Mensch das „Geschichten erzählende Tier“, sagte Peter von Matt am Radio.