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Wie wir in der historischen Präambel 2.1 gesehen haben, waren schon im mittelalterlichen und barocken Enzyklopädismus zwei Grundhaltungen zum dargestellten Universum erkennbar: die operationelle Artistik und die metaphysische Kontemplation. Letztere Haltung, welche im Zusammenhang mit der aristotelisch inspirierten Scientia contemplativa von Hans Blumenberg als "Zuschauer-Modell" von Wissenschaft apostrophiert wird ( 2.2.1), basierte historisch nicht zuletzt auf dem Problem der "Theologen, die wegen des Gegenstandes ihrer Wissenschaft nur kontemplativ vorgehen konnten, die mit der Unveränderlichkeit und der Unbegreiflichkeit Gottes die Nicht-Verfügbarkeit der Welt annehmen mussten." [158], p. 68.
Der Informatiker Peter Wegner [172] hat der geistesgeschichtlichen Wirkung von Platons Höhlengleichnis eine gewisse Verantwortung für die späte Rehabilitation der Empirie gegenüber der Scientia contemplativa angelastet. Inwiefern die Scientia contemplativa und die philosophischen Hintergründe dafür ideengeschichtlich verantwortlich waren, dass die experimentelle Wissenschaft sich erst mit Galileo Galilei gegen die Kontemplation durchsetzen konnte, wollen wir hier aber nicht untersuchen. (Wegners Ideen sind für uns in einem anderen Zusammenhang interessant, den wir in 6.5 aufnehmen wollen.) Hier geht es aber doch darum, die Frage nach der Geringschätzung der empirischen Realität gegenüber den Ideen im platonischen "hyperouranios topos" zu hinterfragen. Denn diese Geringschätzung hat sehr wohl etwas mit der Scientia contemplativa zu tun.
Karl Bornmann schreibt in seiner Plato-Diskussion [14], p.50: "Sie (die Ideen) sind das Seiende, und zwar das Seiende im Sinne des Wasseienden, das nur durch das reine Denken geschaut werden kann. In der Erfahrungswelt können sie nicht gefunden werden; daher ist zu fragen wo die Ideen sind." Bornmann gibt, nach dem er auf den hyperouranios topos verweisen hat, diese Präzisierung: "Die Welt der washeitlich Seienden verhält sich zur Erfahrungswelt wie das Urbild zum Abbild." Ohne zu einem philosophischen Exkurs auszuholen, kann man kurz folgendes festhalten:
Die erste Aussage trägt in sich das Zuschauer-Bild, es sei denn, dieses "Schauen" sei mehr als nur Kontemplation. Daran ist aber zu zweifeln, denn, so Bornmann weiter: "'Das Ewige' sind die unveränderlichen Ideen." Das Schauen kann gar nichts ändern -- ist es doch zudem noch an die Reinheit des Denkens, lies: die Unberührbarkeit der Ideen, gekoppelt. Und das ist wirklich bedenkenswert, wie auch immer man diese Aussagen zu überhöhen suchte. Sokrates kann zwar Hebamme sein, aber die Weisheit, das Schauen kann nur mit Hilfe eines Gottes kommen, der Sokrates bei der Geburt der Gedanken Pate steht [148]. Das Experiment ist ein Selbstexperiment und lässt die ewigen Ideen, wie und wo sie sind.
Da nun aber nach der zweiten Aussage die Erfahrungswelt ein Abbild der Ideenwelt ist, müsste durch Inspektion des Abbildes etwas über das Urbild zu lernen sein. Wenn die Abbildung nicht vollkommen beliebig ist, müssten wir aus der Erfahrungswelt etwas über mögliche dahinterstehende Ideen schliessen können. Mit anderen Worten: Wenn die Erfahrungswelt so ist wie sie ist, können deren Ideenhintergründe nicht beliebig sein. Was wir uns also zu Ideen ausdenken, können sokratische "Mondkälber" sein: Die Welt, das was "der Fall ist" lässt sich nicht durch jedes Hirngespinst deuten. Moderner gesagt: Es gibt adäquate und inadäquate Modelle der Phänomene. Das Schauen durch reines Denken aber kümmert sich nicht um diese Verhältnisse zwischen Phänomen und Idee. Darin ist Wegner beizupflichten; ob das der geistesgeschichtliche Verlauf ist, ist damit nicht entschieden.
Uns geht es aber um mehr als nur um die möglichen Mängel in der Erforschung von Zusammenhängen zwischen Phänomenen der Erfahrung und dem Ideenhintergrund. Die Scientia contemplativa orientiert sich wie gesagt auch an der "Unveränderlichkeit und der Unbegreiflichkeit Gottes". Selbst wenn man über die Ideen etwa erfahren würde vermittels geschickter physikalischer Experimente und Theorien, das Urbild wäre dennoch unveränderlich, ewig, göttlich, rein und unberührbar. Peter Sloterdijk hat die Infragestellung dieser Unberührbarkeiten im 19. Jahrhundert aus einem "analytischen Mythos" heraus interpretiert [162], p.17/18: "Mit einem Mal sieht man, worauf der militante analytische Mythos aus ist. Indem er alles zerlegt und neu baut, zwingt er die Individuen, ihre Meinungen über Gott und die Welt aus ihren eigenen Überlegungen heraus neu zu erzeugen -- ohne sicheren Rückhalt an den alten invarianten Geschichten, dem mythischen Proviant, von dem wir bis gestern lebten. So kommt ein totales Lebensexperiment in Gang, das die Neuzeitmenschen allesamt aufkratzt, weil das Erbe an brauchbaren Überzeugungen, Meinungen, Glaubenssätzen plötzlich dramatisch knapp wird."
Das Stichwort ist hier "alles zerlegt und neu baut". Gerade dies war ja mit den platonischen Ideen und mit Gott nicht möglich. Ob es heute möglich ist, steht dahin. Es geht hier darum zu vermitteln, dass Wissenschaftler (wie Wegner oder Sloterdijk, um nur diese zu nennen), den unverrückbaren und nur grad in passivem Schauen überhaupt zugänglichen metaphysischen Fundus in Frage stellen. Die Infragestellung ist allerdings nicht eine radikale, es geht vor allem darum, die Unverrückbarkeit und Unabhängigkeit des metaphysischen Fundus von uns geistig Tätigen zu bezweifeln.
Sloterdijk dazu [162], p.14: " Wir sagen nicht mehr, die Welt ist alles, was von Gott so eingerichtet ist, wie es ist -- nehmen wir es hin; wir sagen auch nicht, die Welt ist ein Kosmos, ein Ordnungsjuwel -- fügen wir uns an der richtigen Stelle ein. Stattdessen meinen wir, die Welt ist alles, was der Fall ist. Nein, auch das ist noch zu scholastisch ausgedrückt, denn in Wahrheit leben wir, als wollten wir uns zu dem Satz bekennen: Die Welt ist alles, womit wir bis zum Zerbrechen experimentieren." Der Punkt ist, dass wir mit grenzenlos allem experimentieren wollen, es "zerlegen und wieder zusammensetzen" möchten. Das Experiment macht auch nicht vor den Ideen halt. Sie werden selber zum Gegenstand des Eingriffs, des Probierens und Verwerfens, und zwar ohne jenen invarianten Fundus, ohne das umfassende metaphysische Bezugssystem ewiger Ideen.
Es sei hier nochmals betont, dass wir diese Überlegungen referieren, um die heute virulente Abkehr vom "Zuschauer-Modell" der Welt zu vermitteln, denn sie steht in engstem Zusammenhang mit der Bedeutung des EncycloSpace im Verhältnis zu einer möglichen Metaphysik, der wir uns nun zuwenden.
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