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Fussball und andere Randsportarten : «Ich bin John Tenta. Ein Mensch»
Etrit Hasler gedenkt eines ungewöhnlichen Wrestlers.
Verzeihen Sie mir, wenn ich nostalgisch werde – ich bin ja nicht mehr der Jüngste, und Männer im Frühstadium der Midlife-Crisis dürfen das. Andere Männer kaufen sich dann einen Porsche und suchen sich eine zwanzigjährige Freundin. Ich schneide mir stattdessen die Haare und schreibe nostalgische Kolumnen.
Ich stolperte das erste Mal über John Tenta, den Wrestler, der als «Earthquake» bekannt wurde, in jenem Spielsalon, in dem ich die besten Jahre meiner Jugend verschwendete. Earthquake war eine der Figuren in einem Spiel namens «WWF Wrestlefest»: ein dicker Kerl in blauem Anzug, dessen härteste Technik darin bestand, dass er wie ein kleines Kind aufstämpfelte, dann durch den Ring rannte, bevor er sich unzeremoniös auf seinen Gegner setzte. Klingt komisch? Ich lachte mich jeweils krumm. Im «richtigen» Wrestlingleben hatten Earthquake seine Fehden mit Hulk Hogan und der Legion of Doom zur Legende gemacht. Und das, obwohl er von den Schreibern der Wrestlingliga WWF mit den lächerlichsten aller Gimmicks, also Charakterentwürfen, ausgestattet wurde: Einmal war er ein Hai. Dann eine Naturkatastrophe. Und zum Schluss nur noch der dicke Kerl John Tenta. 212 Kilo schwer. Auf seinem linken Oberarm ein tätowierter Tiger. Und mit einem Bart, der jeden Islamisten vor Neid erblassen liess.
Ich stolperte Jahre später wieder über Tenta, bei einer Recherche über weisse Sumoringer. Vor seiner Wrestlingkarriere wurde Tenta 1985 der erste Kanadier, der in die japanische Sumoliga einstieg. Und er war ein Naturtalent. Er gewann alle seiner 24 Kämpfe – ein bis heute unerreichter Rekord. Trotz seines Erfolgs verliess er Sumo, weil er sich den kulturellen Gegebenheiten nicht anpassen konnte. So hatte die Liga zum Beispiel verlangt, dass er die Tätowierung (eine Hommage an seine Unizeit in Louisiana) entfernt – Tattoos gelten in Japan als Mafiaemblem.
Den Erfolg fand Tenta, der schon als Ringer, Footballspieler und Türsteher sein Glück versucht hatte, danach im Wrestling. Und das einige Jahre höchst erfolgreich. Nicht nur, weil er trotz seiner Körperfülle zu athletischen Höchstleistungen fähig war – so zum Beispiel zu einem gesprungenen Dropkick, normalerweise eine Unmöglichkeit für ein Schwergewicht. Der Hauptgrund für seinen Erfolg war seine Demut. Ein Kampf gegen einen anderen ehemaligen Sumoringer, den gescheiterten Yokozuna Koji Kitao, scheiterte daran, dass dieser sich weigerte, gegen einen «minderwertigen» Exsumotori anzutreten. Tenta tat dies ab mit seinem charakteristischen Lacher, der nach Balu dem Bären klang. Und als ihm – auf dem absteigenden Ast seiner Karriere – nach einem Match von seinem Gegner der Kopf rasiert wurde, brüllte er ins Mikrofon: «Ich bin John Tenta. Ein Mensch. Ein Mann. Egal wie lächerlich ihr mich macht, das könnt ihr mir nicht wegnehmen.» Einer der seltenen Momente im Wrestling, in dem der Mensch und nicht die von Drehbuchautoren kreierte Figur sprechen durfte.
Wie viele seiner Zunft starb er jung, knapp zwei Wochen vor seinem 43. Geburtstag. Doch wo andere Wrestler allzu häufig an den Folgen des Steroidenmissbrauchs verenden, erwischte ihn der Blasenkrebs. Sogar dies tat er mit einem Schulterzucken ab. Kurz bevor er den zweijährigen Kampf gegen die Krankheit verlor, schickte er dem Betreiber einer Wrestlingwebsite folgenden Auszug aus seiner Autobiografie: «Ich habe ein Leben gelebt, das ich nicht zu träumen wagte, und obwohl ich nicht länger auf der Erde wandle, werden – mit der Hilfe meiner wunderschönen Frau Josephine – drei meiner Kinder meinen Platz ausfüllen. (…) Obwohl mein Leben vielleicht kurz war, es war gut zu mir. Manchmal muss man einfach ein bisschen genauer nach den hellen Punkten schauen.»
Am 22. Juni würde John Tenta fünfzig Jahre alt werden. Ruhe in Frieden, grosser Bär.
Etrit Hasler ist zu zierlich, um ein Bär zu sein. Und hätte gern ein Stück von John Tentas Demut. Insbesondere jetzt, wo er nicht mehr wie Jesus aussieht. Übrigens wünscht er sich ein neues Porträtbild.