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“Die Phillips-Kurve funktioniert nicht mehr.” Diese und ähnliche Aussagen sind in letzter Zeit immer wieder in den Medien zu vernehmen. Doch was ist an dieser Aussage dran? Und was ist die Phillips-Kurve überhaupt?
Die Phillips-Kurve: ein Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit
Die Phillips-Kurve stellt einen empirischen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenrate und der Inflationsrate in einer Volkswirtschaft her. Ihre genaue Form ist dabei eher nebensächlich. Wichtig ist, dass sie “von oben links nach unten rechts” verläuft, also eine tiefere Arbeitslosigkeit mit einer höheren Inflation einhergeht und umgekehrt. Da negative Arbeitslosenraten per Definition ausgeschlossen sind und negative Inflationsraten nur selten vorkommen, wird die Phillips-Kurve in der Regel konvex und nur im positiven Bereich beider Achsen dargestellt.
Seltener wird anstatt der absoluten Werte auf die Veränderungen von Inflation und Arbeitslosigkeit Bezug genommen. Dies veranschaulicht die Problematik der geldpolitischen Steuerung beider Werte besser (später dazu mehr), entspricht aber nicht der Original-Phillips-Kurve. Alban William Housego Phillips hatte 1958 ohnehin noch nicht die Inflation direkt im Visier, sondern die Nominallohnsteigerung in Abhängigkeit der Arbeitslosenrate. Die Aussage war daher eine simple: Wenn nur ein geringer Teil der Bevölkerung Arbeitslos ist, hat dies stärker steigende Löhne zur folge als bei einer höheren Arbeitslosenrate. Paul A. Samuelson und Robert M. Solow kreierten 1960 daraus die modifizierte Phillips-Kurve, welche wir heute als Phillips-Kurve kennen. Sie stellt den eingangs erwähnten Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation dar.
Inflation, Arbeitslosigkeit und die Geldpolitik
Während der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Nominallohnsteigerung noch recht direkt war, ist dies beim Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Inflation nicht mehr ganz so einfach. Zwar ist klar, dass steigende Löhne sich auch positiv auf die Inflation auswirken sollten, aber hier gibt es natürlich auch noch weitere Einflussfaktoren, wie beispielsweise Rohwarenpreise und Zölle. Dennoch hat das Lohnwachstum über lange Zeiträume die Inflationsentwicklung dominiert. Bei gleichzeitig tiefen Werten von Inflation und Arbeitslosigkeit schwindet der Zusammenhang jedoch vorübergehend.
Neben dieser rein beschreibenden Funktion wird die Phillips-Kurve in ihrer heutigen Form aber auch normativ verstanden: Sie besagt, dass eine Notenbank mit ihrer Geldpolitik zwar sowohl Inflation als auch Arbeitslosigkeit beeinflussen kann, jedoch nicht gleichzeitig in beliebige Richtungen. Die Intuition dahinter ist, dass steigende Zinsen (also eine restriktivere Geldpolitik) zu tieferer Inflation aber zu höherer Arbeitslosigkeit führt – fallende Zinsen (also eine lockerere Geldpolitik) hingegen führt zu geringerer Arbeitslosigkeit, aber auch zu höherer Inflation. Eine Notenbank muss sich also entscheiden, welches dieser beiden Ziele ihr wichtiger ist. In Europa ist in der Regel die Geldwertstabilität, also eine niedrige – jedoch positive – Inflationsrate das vorrangige Ziel. In den USA und dem Vereinigten Königreich sind die beiden Ziele in etwa gleich gewichtet.
In diesem Zusammenhang ist auch der von Arthur Okun entwickelte Misery Index zu sehen: Wenn dieser zu hohe Werte annimmt, befindet sich die entsprechende Notenbank in einem Dilemma: Sie müsste nun gleichzeitig die Arbeitslosigkeit und die zu hohe Inflation bekämpfen. Das kann sie mit ihren Mitteln aber nicht beides gleichzeitig. Weniger dramatisch sieht die Situation bei einem tiefen Misery Index aus. Allerdings kann er auch zu tief werden: Wenn über längere Zeit sowohl Inflation als auch Arbeitslosigkeit auf tiefen Levels verharren, wir die Wirtschaft später mit hoher Wahrscheinlichkeit überhitzen.
Wieso funktioniert die Phillips-Kurve nicht immer?
Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenrate und Inflationsrate rückt vorübergehend immer wieder mal in den Hintergrund. Die Gründe dafür können diverse sein: auf der Hand liegt sicherlich, dass der Zusammenhang von anderen Inflationstreibern vorübergehend überlagert werden kann. Rohstoffpreise sind hierbei der wichtigste Treiber, aber auch Währungseffekte können eine grosse Rolle spielen. Daneben ist ein Zusammenhang wie dieser immer nur in der mittleren bis langen Frist zu betrachten. Bis geldpolitische Massnahmen ihre Wirkung entfalten, können schliesslich Jahre vergehen.
Und schliesslich stellt sich auch noch die Frage nach der Kausalität: Die Arbeitslosenrate kann zwar via Lohnwachstum die Inflationsrate indirekt beeinflussen – aber die Inflation wird keine eindeutige, lineare Auswirkung auf den Arbeitsmarkt haben: Sowohl zu hohe als auch zu tiefe Inflationsraten stellen die Wirtschaft vor Probleme und haben damit indirekt einen negativen Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Das “Optimum” an Inflation liegt irgendwo in der Mitte, vermutlich zwischen 1.5% und 4%, je nach Potentialwachstum der entsprechenden Volkswirtschaft. Es ist also verfehlt, von einem direkten Zusammenhang auszugehen: Die Beeinflussung beider Grössen durch eine dritte Variable (die Geldpolitik) erscheint wesentlich plausibler. In der Ökonometrie spricht man hier von einem “confounding factor” (zu Deutsch in etwa “verwirrender Faktor”). Diese werden in der Praxis gelegentlich übersehen, was dazu führt, dass Zusammenhänge gesehen werden, wo eigentlich keine (direkten sind). Die Aussage, dass die Phillips-Kurve nicht mehr funktioniere, ist also aus dieser Optik nicht nur falsch, sondern irrelevant. Dennoch ist davon auszugehen, dass sicher der empirische Zusammenhang wieder einstellen wird – nur wann ist kaum vorherzusagen.