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Projektorganisation
Dieses Projekt wird in zwei Teilprojekten von je 36 Monaten Dauer bearbeitet:
Teilprojekt A: Morphosyntaktische Raumbildung in den Deutschschweizer Dialekten.
Teilprojekt B: Entwicklung und Evaluation quantitativer Verfahren der räumlichen Charakterisierung von Dialektphänomenen
Forschungsplan für Teilprojekt A
Zielsetzung und Datengrundlage
Ziel von Teilprojekt A ist es, die Distribution morphosyntaktischer Variablen im Dialektraum der Deutschschweiz systematisch zu beschreiben und zu klassifizieren und dabei anhand einer regional begrenzten Studie einen Beitrag zur Erklärung der räumlichen Distribution sprachlicher Erscheinungen, die für Sprache fundamental zu sein scheint, zu leisten. Da die Problemlage sehr umfassend und komplex ist, soll die Thematik von einzelnen Schwerpunkten aus angegangen werden. Die Datengrundlage sind v.a. die im Projekt „Dialektsyntax des Schweizerdeutschen“ (SADS) erhobenen Daten sowie ergänzend die sog. Schweizer Wenker-Sätze aus den 30er Jahren des 19. Jhs. Das Ergebnis soll zunächst eine Darstellung der Raumdistribution der morphosyntaktischen Varianten der Deutschschweiz sein, die die klassische Darstellung auf der Basis der lautlichen und lexikalischen Variation, z.B. in Hotzenköcherle (1984) in grammatischer Hinsicht ergänzt.
Verbunden damit ist die Erarbeitung und der Vergleich verschiedener Kartierungsmethoden, um die sprachräumlichen Verhältnisse adäquat darzustellen. Ausgehend von der klassischen Punktsymboltechnik, die im wesentlichen auch im SADS fortgeführt wird, sollen die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Farbe und der Einbeziehung quantitativer Aspekte entwickelt und getestet werden. Dabei soll insbesondere die Rolle, die Flächenkarten bei der Interpretation spielen können, reflektiert werden. Bislang sind solche Karten erst selten aus Punktsymbolkarten erstellt worden und es scheint auch nicht möglich zu sein, Flächenkarten als Ersatz für Punktsymbolkarten heranzuziehen, da hierbei der linguistischen Anforderung an Punktgenauigkeit der Datenpräsentation nicht Rechnung getragen wird. Dennoch hat sich gezeigt, dass Flächenkarten in gewissen Zusammenhängen nützliche Visualisierungen (etwa von Tendenzen) darstellen können. Teilprojekt I wird die verschiedenen kartographischen Verfahren evaluieren und ihre Stärken und Schwächen darstellen.
Bereits hierbei, aber insbesondere bei der Analyse der sprachräumlichen Verhältnisse auf allgemeinere Muster hin und bei der Überprüfung von Hypothesen über die Ausbreitung bzw. Abbremsung sprachlicher Merkmale wird Teilprojekt A eng mit Teilprojekt B zusammenarbeiten. Ziel der Publikationen von Teilprojekt A ist in diesem Zusammenhang die Diskussion verschiedener Hypothesen zur räumlichen Verteilung auf der Basis der Ergebnisse, die Teilprojekt B bis dahin erarbeitet haben wird. Es wird hier um die Einbeziehung verschiedener geographischer Variablen gehen, die in der Vergangenheit für die Ausbreitung oder auch für die Hemmung der weiteren Verbreitung sprachlicher Merkmale angeführt worden sind. Schliesslich sollen dialektologische Vorstellungen von ‚zufälliger Verteilung’ bzw. ‚regionaltypischen Varianten’ mittels in der Geographie gängigen statistischen Verfahren überprüft werden, wie das im Ansatz bei Sibler (2011) bereits geschehen ist. Darüber hinaus soll das linguistische Konzept sprachlicher Isoglossen und Isoglossenbündel im Hinblick auf ein neues Verständnis der Übereinstimmung von Grenzverläufen überprüft werden, wie es in der geographischen Informationswissenschaft entwickelt wurde, vgl. unten (Teilprojekt B, Schritt B3). In diesem Projekt sind wir also nicht an der aggregierten Variation von Sprachphänomenen interessiert, die zur Charakterisierung von Dialekten verwendet werden kann und die etwa von Nerbonne (2009, 2010b) verwendet und propagiert wird. Wir konzentrieren uns hier auf die Untersuchung der einzelnen Sprachphänomene. In einem zweiten Schritt ist dann auch die Übereinstimmung von deren räumlicher Distribution im Blick, aber stets einzelphänomenbezogen und nicht im Hinblick auf die Charakterisierung grösserer Dialektverbünde.
Methodisches Vorgehen
Zunächst soll das gesamte vorhandene Material auf der Basis der im Projekt „Dialektsyntax“ erstellten Karten auf die dort erkennbaren räumlichen Distributionsverhältnisse hin geprüft und nach den traditionellen dialektologischen Kriterien gruppiert werden, etwa in Karten bzw. Phänomene, die einen Ost-Westgegensatz oder einen Süd-Nordgegensatz demonstrieren, solche, die eine kleinräumige Verteilung eines Phänomens zeigen, Karten, die einen unsystematischen Fleckenteppich zeigen und schliesslich Karten, die intuitiv gar keine räumliche Verteilung innerhalb des Deutschschweizer Dialektgebietes zeigen. Daraus werden dann aus linguistischer Sicht als für bestimmte Distributionstypen repräsentativ erachtete Phänomene/Karten ausgewählt, um diese einer quantitativen Prüfung zu unterziehen, deren Ergebnisse dann mit der intuitiven dialektologischen Einschätzung verglichen werden soll. Die in Sibler (2011) angewendeten Verfahren haben gezeigt, dass es hier ein grossen Potential für die Erfassung sprachräumlicher Distribution gibt, die die linguistische Beurteilung ergänzt und die Beschreibung erleichtert und gewissermassen objektiviert, wie sich das etwa im Fall der postulierten schiefen Ebene (Seiler 2005) gezeigt hat. In jedem Fall sollten daher noch weitere von der Geographie bereitgestellte Verfahren getestet werden. Das linguistische Teilprojekt wird schliesslich beurteilen müssen, welche Verfahren am besten für seine Zwecke passen. Es sollen dann aber auch umgekehrt von ausserlinguistischen Variablen ausgehend (topographische, politische, religiöse Verhältnisse) Phänomene und Karten gezielt auf den Einfluss dieser Variablen geprüft werden, was gegenüber Sibler (2011) eine neue Forschungsfrage darstellt, deren Ergebnisse noch ganz offen sind.
In einem weiteren Schritt werden dann – unter den verschiedenen genannten Typen – Karten ausgewählt, die vergleichbare Grenzverläufe aufweisen. Dabei wird es einerseits darum gehen, linguistisch motivierte Zusammenhänge zwischen den betroffenen Phänomenen zu prüfen (etwa Verbverdoppelung beim Verb afa ‚anfangen’ und der Existenz einer Kurzform des Infinitivs bei eben diesem Verb), andererseits darum, den Begriff der übereinstimmenden Grenzverläufe, der traditionellen Isoglossenbündel, neu zu überdenken. Dabei wird etwa danach unterschieden, ob scharfe Grenzen vorliegen, die zwei komplementäre Geltungsbereiche trennen oder ob die Varianten sich in einem Übergangsraum überschneiden und dann eben keine scharfen Grenzen entstehen. Dass selbst bei tendenziell scharfen Grenzen praktisch nie eine völlige Übereinstimmung der Grenzlinien verschiedener Phänomene besteht, hat in den letzten Jahrzehnten in der Dialektologie zu einer Distanzierung vom Konzept der Grenzen überhaupt geführt. Es ist zu prüfen, ob das beinahe schon verworfene Grenz- bzw. Isoglossenkonzept unter Rückgriff auf die Konzeptualisierung von Grenzen und Grenzräumen in der Geographie nicht doch wieder aufgenommen werden kann.
Die anhand des SADS-Materials gemachten Beobachtungen sollen schliesslich noch punktuell mit den (von den Phänomenen her stark begrenzten) Daten des sog. Wenkermaterials verglichen werden, um zu sehen, ob sich hier die Muster der Raumbildung wiederholen.
Forschungsplan für Teilprojekt B
Zielsetzung
Dieses Teilprojekt ist primär an Methodenentwicklung und -evaluation interessiert. Das Ziel dieses Teilprojekts besteht darin, mit Rückgriff auf Verfahren der GIScience Methoden zu entwickeln und zu erweitern, die mithelfen können, den Einfluss der ‚Geographie’ auf die Sprache sowie die Variation sprachlicher Merkmale über den geographischen Raum zu erklären. Mit der umgangssprachlich gefärbten Kurzbezeichnung ‚Geographie’ sind dabei geographische Variablen gemeint, die potentiell die Ausprägung von Dialekten beeinflussen können, wie die geographische Distanz (Séguy, 1971; Szmrecsanyi, 2008; Nerbonne, 2010a), physische Barrieren (z.B. Topographie, Gewässer) oder politische oder Kulturgrenzen. Die hauptsächliche Forschungsfrage des Teilprojekts ist die folgende: Wie kann die Art und Stärke des Einflusses der Geographie auf räumliche Verbreitungsmuster von linguistischen Phänomenen quantitativ erfasst und charakterisiert werden? Da zur Beantwortung dieser Frage auch Methoden entwickelt werden sollen, die für die Linguistik neu und ungewohnt sind, wird eine nachgelagerte Frage sein, wie die Ergebnisse der quantitativen Verfahren von Linguisten beurteilt werden im Vergleich mit herkömmlichen Verfahren (z.B. Punktkarten, manuell gesetzte Isoglossen).
Methodisches Vorgehen
Teilprojekt B ist in folgende Schritte gegliedert:
B1) Implementierung einer Arbeitsplattform
Für eine effiziente Arbeit, speziell auch in Hinblick auf die Evaluation der angestrebten quantitativen Verfahren, ist eine durchgängige Arbeitsplattform, in der Abläufe weit gehend automatisiert werden können, essentiell. In diesem Schritt soll daher zunächst eine Basismenge von gängigen Verfahren der Dialektometrie (z.B. KDE-basierte Interpolation von Intensitätswerten, verschiedene Masse für linguistische Distanz, Generierung von Voronoi-Diagrammen usw.) implementiert werden. Für Techniken der Statistik und der räumlichen Statistik bietet sich das Statistiksystem R an, das schon in Sibler (2011) mit Erfolg eingesetzt wurde. Für spezielle geometrische Verfahren bieten sich Bibliotheken der Computational Geometry wie JTS, CGAL o.ä. an. Neue Verfahren werden entweder im Rückgriff auf die schon genannten Softwaresysteme oder in Java bzw. Processing (processing.org) implementiert werden. Während die statistische Visualisierung in R relativ stark ist, bestehen Schwächen in der kartographischen Visualisierung. Weil im SADS-Projekt die GIS-Software ArcGIS genutzt wird, würde sich diese anbieten. Alternativ wäre auch das Open-Source-GIS OpenJUMP möglich, was den Vorteil einer direkten Integration mit Java-Code hätte.
B2) Geostatistische Methoden zur Überprüfung linguistischer Hypothesen
Dieser Schritt verfolgt drei Ziele. Erstens soll, ausgehend von der Arbeit von Sibler (2011), das Set geostatistischer Verfahren zur Charakterisierung und Analyse der Muster räumlicher Variation sprachlicher Merkmale erweitert und abgerundet werden. Zweitens soll durch die Verwendung dieser Methoden die inhaltliche Überprüfung der in Schritt B1 formulierten Hypothesen weitergeführt werden, ebenfalls in Fortsetzung von Sibler (2011). Und drittens soll die Basis für die folgenden Schritte gelegt werden, sowohl in methodischer Hinsicht als auch bezgl. der inhaltlichen Zusammenarbeit der beiden Teilprojekte.
B3) Korrelation von Dialektvariation und Geographie: Lineare Objekte
Dieser und der folgende Schritt werden sich mit der Entwicklung von Verfahren beschäftigen, die es ermöglichen sollen, potentielle räumliche Zusammenhänge zwischen geographischen und linguistischen Phänomenen zu ermitteln. In diesem Schritt liegt der Fokus auf linearen Objekten. Auf geographischer Seite sind damit lineare Barrieren gemeint, die einen Einfluss auf die Ausbildung von Grenzen in der Sprachvariation bilden können, wie Gewässer oder politische oder Kulturgrenzen. So liegt bei gewissen Dialektphänomenen die Vermutung vor, dass die „Jassgrenze“, die sich als Kulturgrenze quer durch die Deutschschweiz zieht, einen Einfluss haben könnte. Die Frage stellt sich dann, wie festgestellt werden kann, ob eine geographische Grenze und eine linguistische Grenze (Isoglosse) ‚deckungsgleich’ sind. Ebenso kann von Interesse sein, die Deckung von zwei oder mehreren Isoglossen (Isoglossenbündel) zu analysieren.
B4) Korrelation von Dialektvariation und Geographie: Kostenoberflächen
Nachdem in Schritt B3 Linienobjekte im Zentrum standen, sollen in diesem Schritt v.a. kontinuierlich variierende geographische Phänomene angegangen werden, wie beispielsweise die Topographie. Auch die Topographie kann Barrieren bilden für die Ausbreitung bzw. Differenzierung von sprachlichen Phänomenen, doch hier sind Linien als Modell von Barrieren schlecht geeignet. Sinnvoller ist es, die Topographie als Kostenoberfläche zu betrachten. Kostenoberflächen sind in der GIScience ein verbreitetes Mittel und sind vielfältig einsetzbar für Probleme, bei denen es um Distanzüberwindung unter Minimierung von kumulativen Kosten entlang eines Pfades geht (z.B. Douglas, 1994; Larue & Nielsen, 2008; Rees, 2004).
B5) Evaluation der Gebrauchstauglichkeit
Jeder der vorangehenden Schritte B2 bis B4 umfasst auch schon Experimente mit morphosyntaktischen Daten und wird so einer ersten Verifikation unterzogen. Für die meisten Linguisten — und ganz besonders für diejenigen, die sich mit Methoden der Dialektometrie nicht auskennen — werden die Resultate der angestrebten Verfahren aber neu und ungewohnt sein. Daher wird auch die Interpretierbarkeit und damit die Gebrauchstauglichkeit der entwickelten Verfahren in der linguistischen Forschung evaluiert werden müssen. Dieser Aspekt kann nur durch Nutzerexperimente ermittelt werden. Diese Experimente werden mit ForscherInnen und Studierenden durchgeführt werden, die über die Gruppe Glaser sowie über das Zürcher Kompetenzzentrum Linguistik (ZüKL) rekrutiert werden können.
B6) Abschluss der Dissertation
Der Doktorand wird die Dissertation als kumulative Arbeit mit integrierten Forschungsaufsätzen schreiben. Zum Abschluss der Dissertation gehört das Verfassen des Syntheseteil der schriftlichen Arbeit, die Integration der Forschungsartikel, sowie die Dokumentation der entwickelten Softwaremodule.