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Quelle: CH Media Video Unit / Katja Jeggli
Minister Alex Hawke machte vier Tage nach einem Gerichtsurteil, dank dem Novak Djokovic sein bei der Einreise entzogenes Visa zurückerhalten hatte, von seinem Recht Gebrauch und entzog dem Serben von neuem das Visum. «Heute habe ich von meinem Recht, das Visa von Herr Novak Djokovic für ungültig zu erklären, Gebrauch gemacht», so Hawke in einer Erklärung, «und zwar auf der Basis, dass es im öffentlichen Interesse ist, so zu handeln.»
Er habe sich den Entscheid nicht leicht gemacht und sorgfältig alle Unterlagen geprüft, die ihm die Immigrationsbehörden, der australische Grenzschutz und Herr Djokovic vorlegten.
Die Anwälte von Novak Djokovic legten gegen den neuerlichen Visumsentzug umgehend Rekurs ein. Sie unterstellten hinter vorgehaltener Hand dem Ministerium, die Causa von Montag bis Freitag bewusst verzögert zu haben, um Djokovic die Verteidigung zu erschweren. Tatsächlich schwimmen dem serbischen Weltranglisten-Ersten und neunmaligem Sieger des Australian Open die Felle davon. Djokovics Möglichkeiten vor Gericht sind sehr eingeschränkt, weil die Macht des Ministers und dessen Verfügung kaum angefechtet werden können.
Kein Training mehr
Selbst wenn Djokovic am Sonntag vor Gericht nochmals Recht bekommen sollte – er kann übers Wochenende nicht mehr trainieren. Am Samstagmorgen in der Früh um 08.00 Uhr Ortszeit muss er sich bei den Zollbehörden melden. Danach wird er wieder festgesetzt, womöglich wieder im Ausschaffungshotel Park in Cranton, wo er schon das letzte Wochenende verbracht hat. Der Antrag seiner Anwälte, Djokovic möge bis zum Ende der Verhandlungen in seinen gemieteten Räumlichkeiten verbleiben, wurde nicht stattgegeben. Aber Richter Anthony Kelly verbot den Behörden gleichzeitig, Djokovic des Landes zu verweisen, bis ein gültiges Urteil gefällt worden ist.
Generell mehren sich auch in Australien die kritischen Stimmen. Richter Kelly, der schon letzten Montag den Vorsitz über den «Fall Djokovic» hatte, bezeichnete während des Hearings am späten Freitagabend das Theater als «Zirkus». Australische Rechtsexperten finden die Machtkonzentration auf einen einzelnen Politiker fragwürdig. «Wenn ein Minister das alleinige Sagen hat, bedeutet das nichts anderes, als dass Entscheide durch politische Erwägungen beeinflusst werden», so der australische Rechtsexperte Greg Barns. «Es ist erstaunlich, dass wir Australier einer einzigen Person soviel Recht einräumen.» Die Transparenz gehe so gänzlich verloren. Und kein Normalbürger verfügt wie Djokovic über Mittel, gegen solche Entscheide vorzugehen.
Der zeitliche Ablauf am Freitag: Novak Djokovic trainierte vormittags ein letztes Mal auf der Anlage des Australian Open. Das geplante Training am Nachmittag sagte er ab. Um 17.53 Uhr teilte Minister Hawke der Öffentlichkeit seinen Entscheid mit. Zehn Minuten später wurden Djokovics Anwälte offiziell informiert. Djokovic wurde angehalten, dort zu bleiben, wo er ist, also in seiner Suite im 11. Stock an der Collins Street mitten in der City Melbournes. Für Samstagvormittag 08.00 Uhr (22 Uhr Freitagabend Schweizer Zeit) erhielt Djokovic eine Vorladung der Zollbehörden zum Zweck, ihn wieder festzusetzen.
Ein Politikum
Die am Freitag vom Ministerium beschlossene Ausweisung – so es denn wirklich dazu kommt – hat sich in Australien längst zum politischen Schlüsselspiel hochgeschaukelt. Alex Hawke, der Immigrations-Minister, gilt als einer der engsten Vertrauten von Premierminister Scott Morrison. Das Morrison-Kabinett geriet in Australien zuletzt immer mehr unter Druck. Wenn Djokovic bleiben und am Australian Open antreten sollte, würde das die Opposition gegen Morrisons Liberale Partei verwenden. Entsprechend stellte der Premierminister in einer ersten Stellungnahme zufrieden fest, dass durch die «Annullierung von Djokovics Visa die Opfer der australischen Bevölkerung während der Pandemie respektiert werden».
Die Mehrheit der Australier würde die Wegweisung Djokovics wohl begrüssen. Vor dem Park Hotel, in dem Djokovic nach dem ersten Visumsentzug festgehalten wurde, versammelten sich bereits wieder Leute, sowohl Gegner wie Unterstützer Djokovics. In Tenniskreisen löste der neuerliche Visumsentzug Schockwellen aus. Eine australische Tennislegende, die nicht benannt werden wollte, meinte, dass die Behörden jetzt endgültig durchdrehten.
Wieso erhielt Djokovic Visum?
Klar ist: In der Affäre Djokovic gibt es nur Verlierer – der Tennissport sowieso, aber auch die australischen Behörden stehen ganz mies da. Die grosse Frage, ja sogar die Schlüsselfrage in der gesamten Angelegenheit, die in den letzten Tagen wegen der zahlreichen Nebenschauplätze um Djokovics Corona-Erkrankung Mitte Dezember und den (Flüchtigkeits-)Fehler beim Ausfüllen der Einreiseformulare in den Hintergrund rückte: Warum erhielt der Serbe im November von den australischen Immigrationsbehörden überhaupt ein Visum, obwohl Djokovic auf seinen Anträgen stets deklariert hatte, nicht geimpft zu sein? Diese Frage stellte Richter Kelly im freitäglichen Hearing ebenfalls – nicht zur Freude der Vertreter des Ministeriums.
Wäre Djokovic das Visum von Anfang an verweigert worden, wäre Australien um diese mittlerweile anderthalb-wöchige Posse herum gekommen. Und Djokovic wäre nie nach Melbourne gereist – und müsste jetzt nicht befürchten, drei Jahre lang nicht mehr in Australien einreisen zu dürfen. Möglich ist aber auch, dass dieser Passus im Fall von Djokovic nicht zur Anwendung gelangt.
(red.)