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Am 9. Juni 2022 traf der brasilianische Präsident Bolsonaro beim Amerika-Gipfel in Los Angeles zum ersten Male Joe Biden.
Im Vorfeld zu dieser Konferenz schickte Biden Christopher Dodd (Dodd-Frank-Bankengesetz) nach Brasilien, um ihm die Teilnahme schmackhaft zu machen.
Dodd versprach Bolsonaro ein bilaterales Gespräch unter vier Augen. Bolsonaro sagte in Brasilien der Presse, dass er Biden Brasilien präsentieren werde und:
„Wir werden über Ernährungssicherheit sprechen. Die Welt kann nicht mehr ohne Brasilien leben, ohne nicht Hunger zu leiden.“
Beim Gespräch selbst wurde über die kommenden Wahlen in Brasilien gesprochen, über den Amazonas, über die Covid-Pandemie sowie über Nahrungmittel.
Bolsonaro sagte wörtlich: „Wage zu sagen, dass die Welt beim Thema Überleben sehr von Brasilien abhängt. Brasilien ernährt mehr als eine Milliarde Menschen mit einer auf den Punkt gebrachten Landwirtschaft, mechanisiert und technologisch unvergleichlich auf der gesamten Welt.“
In der Tat ist die Landwirtschaft das Prunkstück der brasilianischen Wirtschaft. 20 Prozent des Bruttosozialproduktes entfallen auf den tertiären Sektor. 19 Prozent der beschäftigten Bevölkerung ist für die Hälfte Exporte zuständig.
Nach den Prognosen ist auch in diesem Jahr mit einer guten Ernte zu rechnen. Über 3 Prozent Wachstum sind prognostiziert.
Brasilien ist der grösste Sojaproduzent der Welt. 34 Prozent des Weltmarktes entfallen auf Brasilien. Bei Mais liegt das Land auf Platz 3.
2020 war Brasilien global der grösste Fleischexporteur. Brasilien besitzt die grösste Zuckerindustrie. Ein Teil der Ernte wird in Ethanol verarbeitet. Schliesslich der Kaffee.
Brasilien verdankt seinen Erfolg in der Landwirtschaft in wesentlichen Teilen seinem Forschungsinstitut Embrapa (Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária). 1973 gegründet, sind dort fast 10’000 Leute angestellt, darunter nicht weniger als 2’500 Forscher.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Embrapa in Sachen Innovation auf dem Gebiet der Landwirtschaft eine Klasse für sich darstellt.
Ein weiterer Beitrag zu den unglaublichen Erträgen liefern Gesetze, die eine Verwendung von Pestizen erlauben, die in Europa längst verboten sind.
Marcos A. Orellana, Professor für die Umweltgesetzgebung an der George Washington Universität in den USA, sagt, dass die Landwirtschaftspolitik in Brasilien auf die Bedürfnisse der Agaralobby und zu Ungunsten der Menschenrechte zugeschnitten sei.
Heute würden in Brasilien Rückstände von Pestiziden bei Früchten, Gemüse und bei Getreide erlaubt, die teilweise mehr als hundert Mal grösser seien als in der EU.
Beim Kaffee seien es 10 Mal mehr, bei Soja 50 Mal, bei Äpfeln und Broccoli 200 Mal und bei Salat nicht weniger als 600 Mal mehr.
Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wird in Brasilien nach Lust und Laune verwendet. Der Chemikonzern Bayer ist in den USA wegen Glyphosat und seiner vermutlich krebserregenden Wirkung in einen Milliardenprozess verwickelt.
Bolsonaro hätte in Los Angeles beim Thema Ernährungssicherheit besser seinen Mund gehalten. Obwohl Brasilien von Nahrungsmitteln geradezu überquillt, erreicht die Anzahl der Hungernden in Brasilien eine neue Rekordmarke von über 33 Millionen Menschen.
Die vor kurzem erschienene Untersuchung im Zusammenhang mit der Ernährungssicherheit und Covid-19 kam zum Schluss, dass in Brasilien 59 Prozent der Bevölkerung an einer leichten bis schweren Ernährungsunsicherheit leiden
Das sind fast 6 von 10 Personen. Im Jahre 1993 waren es 32 Millionen Brasilianer, die an Hunger litten. Brasilien ist demnach rund 30 Jahre zurückgefallen.
15% der Bevölkerung in Brasilien leiden an schwerer Ernährungsunsicherheit. Weitere 15 Prozent an einer mittleren Form. Nicht weniger als 125 Millionen Brasilianer und Brasilianerinnen sind damit von einer Ernährungsunsicherheit betroffen.
125 Millionen: Die Zahlen sind dermassen obszön und pervers angesichts der äusserst konkurrenzfähigen Landwirtschaft, dass sich natürlich auch die Presse mit diesem Skandal auseinandersetzt.
„Fome, mais uma vergonha nacional“ – „Hunger, eine zusätzlich nationale Schande“, titelte „Folha de São Paulo“ als Brasiliens grösstes Blatt. In der in unserer Region erscheinenden Zeitung „Estado de Minas“ hiess der Artikel „A Fome do pais que alimenta o mundo“ – „Der Hunger des Landes, welches die Welt ernährt“.
Warum dieser Hunger im landwirtschaftlich derart gesegneten Brasilien? Es fehlt schlicht und einfach am nötigen Einkommen für die täglichen Lebensmittel.
Die Preise sind in letzter Zeit explodiert. Milch ist beispielsweise innert 5 Monaten um 63 Prozent gestiegen, Margarine um 42 Prozent, Kaffee um 84 Prozent, Zucker um 64 Prozent, Fleisch um 45 Prozent.
Die offizielle Inflation betrug zuletzt 12 Prozent. Sie ist aber effektiv viel höher, weil viele Produkte bei der Erfassung der Inflation im entsprechenden Warenkorb nicht enthalten sind.
Die inoffizielle Inflation dürfte deutlich über 20 Prozent liegen.
Die Einkommen stagnieren in Brasilien oder gingen zurück. Das durchschnittliche Einkommen pro Kopf und Haushalt betrug 2021 1’353 Reais pro Monat (250 US-Dollar). Dies sind weniger als 2012 mit damals 1’417 Reais.
23 Millionen Brasilianer leben mit weniger als 7 Reais pro Tag. 7 Reais, das sind 1,29 Dollar.
Im Oktober finden Wahlen statt. Vermutlich gewinnt Lula. Dann würde Bolsonaro zu Recht in die Wüste geschickt.
Ausser einer ziemlich dubiosen Rentenreform gibt es keine Fortschritte zu verzeichnen. Dafür Stagnation oder Rückschritt.
Beim aussagekräftigen Ranking „Doing Business 2021“ der Weltbank kommt Brasilien auf den lamentablen 124 Platz. Unter Bolsonaro fiel das Land um 15 Plätze zurück.
Bolsonaro hatte bei den Wahlen 2018 das Blaue vom Himmel versprochen. Seine angekündigten Reformen bei den Steuern und in der Administration haben sich in warme Luft aufgelöst.
Nur die Landwirtschaft und die Minenindustrie funktionieren in Brasilien. Ansonsten herrscht Krise, die durch Covid-19 noch verschärft wurde. Brasilien steht vor gewaltigen Problemen.