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Zur Baugeschichte der Dorfkirche St Martin
Bernard Jaggi
Die Kirche St. Martin markiert heute stärker als früher das in diesem Jahrhundert weit über seine alten Grenzen hinausgewachsene Zentrum des Dorfes Riehen. Für die Identität des historischen Ortes, dessen materielle Zeugen mit jedem Abbruch oder jeder Auskernung der wenigen noch erhaltenen alten Bauernhäuser schwinden, ist sie von erstrangiger Bedeutung. Die von der Hauptstrasse zurückversetzte, hinter Bäumen leicht erhöhte Lage der behäbig breiten Landkirche mit Turm und polygonalem Chor unterstreicht die Würde des Gotteshauses. Dieses Bild entspricht jedoch nicht der früheren Situation der befestigten Kirchenburg - wie sie zum Beispiel in Muttenz noch ähnlich vorhanden ist. Die Kirchenburg, umschlossen von einer Umfassungsmauer, die das Klösterli sowie den Meierhof und eine Vielzahl angebauter Getreideschöpfe miteinschloss, stand am Rand des westlichen Geländeplateaus. Diese auf mittelalterliche Zeit zurückgehende Anlage hat sich über die Jahrhunderte bis zur Erbauung der Alten Kanzlei im Jahre 1837 sowie der nachfolgenden Strassenkorrektion erhalten. Der an dieser Stelle verbreiterte Terrassenrand scheint für die Anlage der Kirchenburg eine günstige topographische Voraussetzung gewesen zu sein. Vom alten Dorfkern aus betrachtet liegt die Kirche somit nicht im Zentrum, sondern am Rand des Unterdorfs. Dass dieser Platz nicht die einzige und vielleicht auch nicht die älteste kirchliche Stätte im Dorf war, muss aufgrund noch weitgehend unerforschter Spuren über eine frühere Kirche im Oberdorf vermutet werden.1)
Das Dorf Riehen reicht in vorfränkische Zeit zurück. über die damaligen Besitzverhältnisse sind kaum Quellen vorhanden. 1113 erfahren wir von Gütern und 1157 erstmals von der Kirche in Riehen, die dem Kloster St. Blasien gehören.2) 1267 wird zum ersten Mal das Martinspatrozinium urkundlich erwähnt.3) Damals war die Kirche bereits durch Verkauf der Rechte der früheren Patronatsherren, der Adelsfamilie Uesenberg, an das Kloster Wettingen übergegangen. Die verschiedenen aufgeteilten Besitzverhältnisse mit Beteiligung adliger Familien sprechen für eine aus lokalen Grundherrschaften hervorgegangene, sogenannte Eigenkirche. Vergleichbare Kirchengründungen sind im rechtsrheinischen Gebiet an einigen Orten belegt, zum Beispiel Bettingen, St. Chrischona, Fischingen, Schopfheim, Weil; sie sind im 7. und 8. Jahrhundert beurkundet.
Die soeben abgeschlossene Renovation der Dorfkirche galt der Instandstellung und Auffrischung des beinahe tausendjährigen Bauwerks.4) Sie hatte zum Ziel, die Kirche in ihrer überlieferten Form mit allen historischen Teilen als Zeuge der jahrhundertelangen kirchlichen und baugeschichtlichen Vergangenheit zu erhalten und zur Geltung zu bringen. Die baulichen Massnahmen beschränkten sich auf ein Minimum; der Fassadenverputz beispielsweise wurde lediglich oberflächlich erneuert und nicht vollständig abgeklopft.5) Aus diesem Grund ergaben sich diesmal für die Bauforscher und Archäologen weniger Einblicke in die verborgenen Reste der früheren Kirchen als bei der letzten Renovation.
Jene Renovation fand vor 50 Jahren statt. Dabei wurden erstmals bedeutende archäologische und baugeschichtliche Erkenntnisse gewonnen.6) Bei der jetzigen Renovation bot sich die Gelegenheit vor allem zu gezielten baugeschichtlichen Untersuchungen und - obwohl nicht vor gesehen - am Schluss der Renovationsarbeiten auch zu archäologischen Grabungen.7)
Von der romanischen bis zur heutigen Kirche
Dank der baubegleitenden archäologischen Untersuchungen von Rudolf Laur-Belart im Jahre 1942 verfügen wir zusammen mit weiteren, von der Archäologischen Bodenforschung in den 70er und 80er Jahren durchgeführten Grabungen über grundlegende Kenntnisse und präzise Fragestellungen zur Baugeschichte von St. Martin.8) Die älteste bisher fassbare Kirche ist in den Fundamenten unter dem heutigen Kirchenboden und in der Nordmauer teilweise erhalten. Sie datiert ins 11. Jahrhundert.9) Hinweise auf ältere sakrale Anlagen wurden von Laur-Belart in den Schichten unter der romanischen Kirche in Form von verschiedenen Bestattungen gefunden. Aussergewöhnlich war damals der Fund eines Plattengrabes und eines unmittelbar daneben vermauerten Gefässdepots, dessen Bedeutung bis heute nicht geklärt ist.10) In romanische Zeit muss auch die Befestigung der Kirchenburg datieren. Der Meierhof am nordwestlichen Rand innerhalb des Berings dürfte wohl etwas später (im 12. Jahrhundert) an die Umfassungsmauer angebaut worden sein.11) Die romanische Kirche war nur etwa halb so breit wie die heutige und hatte auf beiden Seiten in der Achse des Turms je einen Seitenannex sowie eine runde Chorapsis. Die Seitenräume waren über jeweils zwei grosse Rundbogenöffnungen erschlossen. Die Bauhöhe der Kirche lag einige Meter unterhalb der heutigen. über die Dachform gibt es keinerlei Anhaltspunkte.
Auf der Grundlage des romanischen Kirchengrundrisses entstand sukzessive durch Erweiterung und Aufhöhung die heutige Kirche. Als Konstante diente dabei die Nordmauer; die Südmauer wurde zweimal abgebrochen und nach aussen verschoben. Der Turm übernahm den Platz des romanischen Nordannexes, aus dem runden Chor wuchs ein polygonaler, der zu einer ersten Verbreiterung gegen Süden gehörte. Von der ersten gotischen Kirche mit Turm und Nordannex sind die erhöhte Nordmauer und die Westmauer übernommen worden. Die hohen Chorfenster sowie die in die 1694 umgebaute Kirche integrierten Ausstattungsteile stammen aus verschiedenen späteren Zeiten.
Die Saalkirche von 1694
Die Gedenkschrift auf dem Medaillon im Chor erinnert an den letzten grossen Umbau der Kirche St. Martin. Dort heisst es unter anderem, dass die Kirche im Jahre 1694 um einen Drittel erweitert, um vier Werkschuh (zu etwa 30 Zentimeter) erhöht und mit mehreren Fenstern ausgestattet worden war. Auf einem Bauplan von 1687 ist eine Erweiterung der Kirche projektiert, die allerdings nur den Kirchensaal verbreitert und den alten Chor belassen hätte.12) Auf diesem Plan ist auch die Sakristei in den heutigen Ausmassen abgebildet, das hohe Seitenfenster unmit telbar östlich davon in der geraden Nordflanke des Chors fehlt allerdings!
Einiges von der alten Kirche wurde beim Umbau von 1694 übernommen: Grosse Teile der Nordfassade wurden ein weiteres Mal integriert und damit auch das - damals zwar verputzte - gotische Sakramentshäuschen (wohl spätes 15. Jahrhundert) zwischen Sakristeitüre und Chorfenster sowie die darunter eingelassene Grabnische. Wie die alte Dachlinie im Giebelfeld auf der Innenseite zeigt, verbreiterte man die Westfassade, ohne diese abzubrechen. Lediglich die Südecke des schmaleren Chors musste anscheinend zur Aufnahme des ansetzenden Mauerwerks ausgebrochen werden.
Ausstattungsteile wie die Empore und die Kanzel konnten 1694 ebenfalls übernommen werden. Die Empore zeigt anhand konstruktiver und formaler Merkmale drei Phasen. Die erste, wohl aus der Zeit der farbigen Chorscheibe mit dem Baselstab von 1644 oder der Kanzel von 1646 stammende Etappe umfasste zunächst lediglich einen Quertrakt an der Westseite mit geringer Tiefe. Die zweite Etappe erweiterte die Empore um einen Längstrakt entlang der Nordwand und stammt von 1657 - wie die auf einem Pfosten eingeschnitzte Jahreszahl belegt.
Endlich musste 1694 wegen der Kirchenverbreiterung die Querempore gegen Süden ergänzt werden. Gleichzeitig vergrösserte man die Fläche, indem der Querempore eine zusätzliche Stützenachse vorgelagert wurde, und ergänzte zudem die Längsempore gegen Osten bis über den Sakristeieingang.
Schwieriger einzuordnen sind die hohen Fenster im Schiff und im Chor. Die etwas «schreinermässigen» Mass werke in den Spitzbogenfeldern können relativ spät datieren. Gleichwohl dürfte eine Datierung erst in die Zeit des Umbaus von 1694 eher unwahrscheinlich sein. Vermutlich wurden die Fenstergewände mit den Masswerkstücken im Zuge der Erhöhung der Kirche und der Aufführung der Südmauer neu versetzt und deren Gewände aufgehöht.
Beeindruckend ist die Dachkonstruktion über der 13 Meter breiten Saalkirche, die ohne jede innere Abstützung auskommt. Die querlaufenden Binder des Dachstuhls bilden eigentliche Fachwerkbrücken, in deren Mitte Hängesäulen zur Aufhängung der Mittelachse beziehungsweise der darunterliegenden Deckenbalken eingespannt sind.
Die Baugeschichte des Turms
Der Kirchturm ist in drei Etappen entstanden. Das beinahe zwei Meter dicke Mauerwerk des unteren Turmschaftes belegt exakt den Platz des romanischen, durch Bogenöffnungen vom Kirchenschiff her erschlossenen Nordannexes. Eine in der Ostmauer des Turms angelegte Rundbogenöffnung vermittelt zwischen der kleinen Turmkammer und einem östlich davorliegenden ehemaligen Nebenraum im Bereich der heutigen Sakristei. Dieser gleichzeitig mit der Erbauung des Turms entstandene Nebenraum war wie die Turmkammer mit einer Stichbogen-Tonne überdeckt. Turmbau und Nebenraum setzten die Aufgabe der romanischen Kirche voraus.
Das steile Pultdach, das die Gewölbetonne des Nebenraums überdachte, bedingte die Aufhöhung der Nordwand sowie die Aufgabe eines darin eingebundenen Fensters (siehe Zeichnung Seite 12 unten).
Das Turmmauerwerk überlagert die Mauerkrone der romanischen Nordmauer, ohne jedoch mit der darüberliegenden, aufgestockten Nordmauer einen Verband zu bilden. Dies kann durchaus statische Gründe haben. Es muss nicht bedeuten, dass die erstmalige Erhöhung des romanischen Schiffes erst später ausgeführt wurde.
Die Bodenbalken des Turms im dritten und vierten Obergeschoss konnten dendrochronologisch in die Zeit um 1395 datiert werden.13) Diese Datierung passt gut zum Mauercharakter des unteren Turmschaftes. 1543/44 wurde der Turm um vier Schuh erhöht14). Dies konnte anhand der dendrochronologischen Datierung der Hölzer des 5. Turmgeschosses sowie der Relikte des ehemaligen Dachstuhls jahrgenau bestätigt werden. Eine entsprechende Ubereinstimmung ergab auch die Dendrodatierung des obersten Turmteils: Die letzte Erhöhung zusammen mit dem steilen Turmdach («Käsebissen») datiert von 1612. Dieses Datum war am Turm selbst sogar doppelt belegt, einmal durch die Dendrodatierung der zugehörigen Hölzer und zusätzlich über die in den Turmhahn eingestemmte Jahreszahl 1612.15)
Das romanische Fenster über der Sakristei
Über dem Gewölbe der Sakristei wurde ein romanisches Fenster entdeckt.16) Das Fenster mit Rundbogen aus einfachen Sandsteinblöcken ist das einzige originale Architektur-Elcment der romanischen Kirche, das unzerstört und ohne jegliche spätere überputzung erhalten ist. Mit diesem Befund verband sich eine Reihe von weiteren Aufschlüssen und Beobachtungen von baugeschichtlich erstrangiger Bedeutung. Die Seitengewände des Fensters sind nach unten leicht eingezogen, weshalb die Lichtöffnung an eine Hufeisenform erinnert. Diese eigenwillige Form wiederholt sich auch in der nachträglich verkleinerten öffnung. Die originale Mauerumgebung des Fensters mit feinem Fugenstrichmörtel überdauerte ebenfalls wunderschön die lange Zeit bis zum heutigen Tag unter dem Schutz der Dächer der nachromanischen Seitenannexe und Sakristeibauten.
Eine baugeschichtliche Schlüsselstelle
Es zeigte sich, dass der gesamte Mauerbestand, der unter dem Sakristeidach existiert, eine wahre Fundgrube der Bauarchäologie ist. Neben dem bedeutendsten Element, dem romanischen Fenster, sind der Turmanbau mit dem gleichzeitig entstandenen Nordanbau sowie die beiden Aufstockungen des Kirchenschiffes als wichtige Aufschlüsse zur Baugeschichte der Kirche zu werten.17) über die Ausdehnung des Nordanbaues unmittelbar östlich des Turms, über den Ostabschluss im Bereich des Choransatzes und nicht zuletzt über dessen Bedeutung gibt es verschiedene, jedoch keine eindeutigen Interpretationen. Der Ostabschluss dieses Anbaues ist unter einem der Fundamentreste, die unter dem Boden östlich der Sakristei liegen, zu suchen. Hinweise dazu werden im folgenden Kapitel über die Grabungsbefunde näher erläutert. Die Kenntnisse über das romanische Bauwerk, die mit diesen auf kleinem Raum konzentrierten Detailbefunden bereichert wurden, fanden in der archäologischen Untersuchung der Fundamente in nächster Nähe östlich der Sakristei eine entscheidende Ergänzung.