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Einwohner und Umweltschützer im französischen Städtchen Vittel warten gespannt auf den kommenden 3. Juli. Dann präsentieren Vertreter des nationalen Amts für Bergbau und Geologie der örtlichen Wasserkommission vier Szenarien, wie man mit dem sinkenden Wasserspiegel der Bonne Source umgehen könnte. Bei gleichbleibender Nutzung wird die Quelle gemäss Schätzungen im Jahr 2050 erschöpft sein.
Grund ist die massive industrielle Nutzung. Der französische Käsehersteller Ermitage und Nestlé beanspruchen für sich allein die Hälfte des Verbrauchs. Ermitage nutzt das Wasser für die Käseproduktion, Nestlé füllt es in Flaschen und verkauft es als Mineralwasser Vittel.
Per Pipeline importieren
«Wir werden ein neues Gremium schaffen mit der Aufgabe, eines der Szenarien auszuwählen. Im Gremium werden die lokalen Körperschaften vertreten sein», sagt Céline Bento, Kommunikationsbeauftragte des 5000-Seelen-Städtchens. Alle vier Szenarien sehen den Bau einer oder mehrerer Pipelines vor, mit der Wasser aus den umliegenden Gemeinden herbeigeschafft werden soll. Die geschätzten Kosten variieren zwischen 12,2 und 30,1 Millionen Franken. Wer zahlen soll, ist noch unklar.
«Wir sollen Wasser von den Nachbargemeinden holen, während Nestlé unser eigenes Wasser exportiert?»
Jean François Fleck, Präsident der lokalen Umweltschutzorganisation
Die lokalen Umweltschutzorganisationen sind gegen die Pipeline-Lösung. «Wir sollen Wasser von den Nachbargemeinden holen, während Nestlé unser eigenes Wasser exportiert? Das ist doch absurd. Ausserdem ist es illegal. Das Gesetz sieht vor, dass die Nutzung als Trinkwasser allen anderen Interessen vorgeht», sagt Jean François Fleck, Präsident der Umweltschutzorganisation Vosges Nature Environnement.
Die Umweltschützer haben die ehemalige Präsidentin der Wasserkommission, Claudie Pruvost, angezeigt. Der Vorwurf: Lobbyismus für Nestlé. Sie habe die Interessen des Konzerns vertreten und nicht die der Bürger. Pruvost ist mit einem hohen Nestlé-Kader verheiratet. Staatsanwalt Vincent Légaut will sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äussern.
«Nachhaltiger Schutz»
Nestlé sieht sich eher als Teil der Lösung statt des Problems. «Wir haben ein Programm zur Wassereinsparung initiiert und unsere jährliche Entnahme bereits um einen Viertel reduziert», sagt Meike Schmidt von Nestlé Waters. Der Konzern werde sich für eine Lösung einsetzen, die nachhaltigen Schutz der Ressource Wasser gewährleiste.
Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern ist in der Region ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Er beschäftigt rund 1000 Arbeitnehmende und zahlt jährlich 14 Millionen Euro an Gebühren für die Wassernutzung. Mit dem Wassergeschäft erwirtschaftete Nestlé im vergangenen Jahr einen Gewinn von einer Milliarde Franken.
Ist Mineralwasser besser als Leitungswasser?
In der Schweiz bietet Mineralwasser keine gesundheitlichen Vorteile gegenüber gewöhnlichem Leitungswasser, heisst es bei der Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). «Der Zweck von Wasser in einer ausgewogenen Ernährung ist in erster Linie die Versorgung des Körpers mit Flüssigkeit, und diesen Zweck erfüllen beide Wasser genau gleich gut. Auch bezüglich Lebensmittelsicherheit sind die beiden Wasser gleich anzusehen», sagt Stéphanie Bieler von der SGE. Aus ökologischer Sicht sollte Leitungswasser der Vorzug gegeben werden. Es sei ein idealer Durstlöscher, in der Schweiz von bester Qualität, preisgünstig, umweltfreundlich und überall verfügbar. Mühsames Schleppen von Getränken erübrige sich, Verpackungsabfall und zusätzliche Transportwege würden vermieden.