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Der Titelsatz enthält ein Plädoyer für die unbedingte Entfaltung und Gestaltungsfreiheit des Menschen. Diese radikale Aussage stammt von Alfonsina Storni, deren Todestag sich am 25. Oktober 2013 zum fünfundsiebzigsten Mal jährt. Die Tessiner Emigrantin hatte sich Selbstbestimmung auf ihre Fahne geschrieben und wurde – auch deswegen – zu einer legendären Persönlichkeit in Argentinien. Aus welchem Kontext stammt der Satz, wer war Storni und welche Rolle spielte Sprache für ihr Selbstverständnis?
Montevideo oder der langsame Abschied von der Welt
Alfonsina Storni war im Januar 1938 zu einem öffentlichen Vortrag an der Universität Montevideo eingeladen worden. An der Seite der chilenischen Freundin Gabriela Mistral und der uruguayischen Kollegin Juana de Ibarbourou sollte sie über ihr Werk sprechen. Storni war damals 46 Jahre alt und weit über Argentinien hinaus als Lyrikerin, Publizistin, Schauspieldozentin und Theaterschaffende aus Buenos Aires bekannt. Storni litt an Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium und wählte sieben Monate später den Freitod in Mar del Plata. Das ist hier nur deshalb von Belang, weil sie sich in Montevideo mit ihrem literarischen Vermächtnis auseinandersetzte; auch wenn es ihre Zuhörer vermutlich nicht ahnten, begann sich Storni von der Welt zu verabschieden.
Tessin und seine Zugvögel
Alfonsina Storni wurde im Mai 1892 in Sala Capriasca geboren (das Dorf gehört seit 2001 zur Gemeinde Capriasca im Luganese). Sie war das dritte Kind und überlebte als einziges von den in der Schweiz geborenen. Deshalb besass sie im Gegensatz zu ihren drei Geschwistern nicht von Geburt an die argentinische Staatsbürgerschaft. Einzig Alfonsina verbrachte ihre ersten vier Lebensjahre in der italienischsprachigen Heimat der Eltern und erhielt später auch in anderen Hinsichten eine Sonderstellung innerhalb der Familie. Der Vater führte eine für Tessiner nicht atypische Zugvogelexistenz zwischen der Heimat und dem Zielland der Arbeitsemigration. Die Eltern Storni hatten einige Jahre in der argentinischen Provinz San Juan gelebt, bevor sie mit den zwei älteren Kindern ins Tessin zurückgekehrt waren und vier Jahre nach Alfonsinas Geburt wiederum nach Argentinien fuhren, diesmal für immer. Wie Storni in ihrer Rede von Montevideo berichtet, schrieb sie zwölf Jahre später ihr erstes Gedicht:
«Als Zwölfjährige schreibe ich mein erstes Gedicht, nachts, als niemand sonst zuhause ist. Darin spreche ich von Friedhöfen, von meinem Tod. Ich falte das Blatt sorgfältig und lege es unter den Kerzenständer, damit meine Mutter es vor dem Einschlafen liest. Das Ergebnis tut gründlich weh: Am folgenden Morgen wollen mich ein paar energische Kopfnüsse lehren, dass das Leben schön sei.»
San Juan und die Zweisprachigkeit
Obwohl Storni seit der Ankunft in der Andenprovinz San Juan zweisprachig aufgewachsen sein muss, ist kaum etwas davon dokumentiert. Storni dichtete auf Spanisch und wurde zur berühmtesten aus der Schweiz stammenden Schriftstellerin, deren Werk in einer Nichtlandessprache verfasst ist; entsprechend schwer fällt heute die Anerkennung Stornis als Tessiner Autorin. Tatsache ist, dass Storni ihr patriotischstes Gedicht über die Schweiz schrieb (übrigens lebt «Guillermo Tell», über den sie ebenfalls ein Gedicht schrieb, ohne dass sie etwas dafür kann, in ihrem argentinischen Enkel namens Guillermo weiter). Auch verfasste sie ihre kompromissloseste soziologische Studie über die Lebensverhältnisse in Tessiner Dörfern in der Kolumne «Die Auserwählten», übrigens der einzigen, in der sie von der Schweiz spricht. So wenig die Zweisprachigkeit ein Thema in Stornis Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend ist, so unbestritten ist für sie, dass Sprache an sich, insbesondere Schreiben als Ausdrucksmedium, für das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden bestimmend wurde. Auch darüber sinnierte sie in Montevideo:
«Es ist bedeutungslos, ob (…) Gott in mir – wie in jedem Künstler – eine Vorstadtfiliale eingerichtet hat. (…) Tatsache ist, dass sich die Leidenschaft für das geschriebene Wort bereits in der Morgendämmerung meines Lebens in mir regte – in anderen erwacht sie später, jedoch nicht weniger drängend.»
Buenos Aires – schreiben, um zu überleben
Mit neunzehn verliess Storni die Provinz und zog in die Hauptstadt Buenos Aires – neben New York die wichtigste Metropole der europäischen Immigration auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Buenos Aires explodierte förmlich, die immense Bautätigkeit veränderte das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kontinuierlich. Hier wurde Storni zur Grossstädterin und wagte als ledige Mutter und Landschullehrerin das höchst unkonventionelle Projekt einer selbstbestimmten Existenz. Einer der ersten Jobs sicherte zwar ihre Existenz, doch die Arbeit im engen, von Stadtlärm und -gerüchen gesättigten Büro erstickte sie schier. Das war die Initialzündung für ihre Selbsterfindung als Lyrikerin, sie schrieb Gedichte, «um nicht zu sterben».
Seit dem ersten Gedichtband «Unruhe des Rosenstocks» (1916), dessen Produktionskosten Storni dem Drucker nie vollständig bezahlte, war das Schreiben überlebenswichtig. Die Sprache bot Storni einen Raum, in dem sie sich gegen die «Rechtwinkligkeit» des Grossstadtlebens und die Apathie ihrer Zeitgenossen abgrenzen konnte. Mit Wörtern etwas zu erschaffen bedeutete für sie den «allerhöchsten Genuss», dem «dunkeln Geist, der uns zersetzt / einen Satz aus Basalt entgegenzusetzen». Doch Storni schrieb nicht allein Gedichte von leidenschaftlicher Subjektivität (damals eine Novität!), sondern entwickelte als Grossstadtreporterin literarische Qualitäten, die sie zur grossen Feuilletonistin machten.
Die Geburt der Grossstadtreporterin
Zwischen 1919 und 1921 führte Storni eine Kolumne in der Wochenzeitschrift «La Nota», später in der für Argentinien wichtigsten Zeitung «La Nación». Sie verfügte über ein unerhört scharfes Auge und ein schon fast unheimliches Gespür für urbane Lebensmuster, modernes Konsumverhalten und die Art und Weise, wie sich Frauen und Männer in der Öffentlichkeit zeigten. Mit spitzer Feder und unnachahmlicher Ironie porträtierte sie Frauen- und Männertypen auf der Pirsch nach dem anderen Geschlecht, hielt Szenen an Strassenecken, im Auto, in der U-Bahn oder im Tram fest und liess sich über Mode, Lifestyle und Tango aus. Sie beobachtete Menschen im Grossstadtdschungel, berufstätige und flanierende Hauptstädter (porteños), Immigranten zwischen Identitätsverlust und Neuanfang, junge Frauen beim Shopping, Paare an Tango- und anderen Tanzabenden, aber auch Sommerfrischler in Mar del Plata.
Storni experimentierte mit ihrer Identität als Kolumnistin, wenn sie den Konformitätsdruck und die gesichtslosen Wesen erforschte, die er hervorbrachte: «Papageien-Mädchen», deren Streben sich in Imitation erschöpfte. Unter dem ebenso exotisch wie – in der spanischsprachigen Welt – männlich klingenden Pseudonym Tao Lao wurde Storni zur rasenden Reporterin im Mikrokosmos von Buenos Aires. Ihre crónicas sind Reportagen zwischen literarischer Fiktion und Journalismus, eine wichtige Gattung in der lateinamerikanischen Literatur des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, welche Befindlichkeiten und Lebensbedingungen in den zentral- und südamerikanischen Metropolen ins Wort bringt.
In Storni ist eine frühe Vertreterin dieser Gattung zu entdecken, die verspielt, frech und kompromisslos am echten und falschen Gold der Zwanzigerjahre in Buenos Aires kratzte, ihren dösenden Leserinnen und Lesern provokative Nasenstüber verpasste und deren Mut zum eigenen Denken anstachelte. Denn der eingangs zitierte Satz enthält auch einen Auftrag an Menschen in der Moderne: Die Welt ist weit, damit jeder zur Entfaltung bringen möge, was in ihm originär angelegt ist.
Buch: Alfonsina Storni: Meine Seele hat kein Geschlecht. Erzählungen, Kolumnen, Provokationen. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Hildegard Elisabeth Keller. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Zürich: Limmat, 2013.