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Allein für die Kunst
Die Komponistinnen Emilie Mayer, Luise Adolpha Le Beau und Elfrida Andrée machten im 19. Jahrhundert Karriere. Ein solches Künstlerinnendasein liess sich damals nur ohne Ehemann im Schlepptau konsequent verfolgen.
von Merle Krafeld
«Sie stempelte die Musik zu ihrem Lebensberuf, indem sie dieselbe als Lebensgefährtin betrachtete», schrieb die Schriftstellerin Elisabeth Sangalli-Marr 1877 in der Neuen Berliner Musikzeitung über die damals 64-jährige Komponistin Emilie Mayer. «Der Kunst wegen» habe die Musikerin «der bindenden Ehefessel entsagt». Mayer wurde 1812 in Friedland (Mecklenburg) als Tochter eines Apothekers geboren, bekam mit fünf den ersten Klavierunterricht und komponierte bald selbst. Anders als ihre Geschwister blieb sie ledig und lebte im Erwachsenenalter zunächst beim verwitweten Vater. Nach dessen Selbstmord 1840 ging die Musikerin nach Stettin, wo sie beim berühmten Komponisten Carl Loewe Unterricht nahm. Dieser setzte sich 1847 für die Uraufführung ihrer ersten beiden Sinfonien ein. Ludwig Rellstab, ein bedeutender Musikkritiker, berichtete darüber: «Selten ist es bis jetzt noch, dass eine Dame größere Musikwerke schreibt. Wir können die musikalische Welt auf eine Componistin aufmerksam machen, […] die bereits zwei Sinfonien in C moll und E moll, geschrieben hat, welche in Stettin durch den Instrumental-Verein mit großem Beifall aufgeführt sind.»
So ein Überraschungserfolg wäre als verheiratete Komponistin nicht möglich gewesen: Rein praktisch hatten bürgerliche Ehefrauen im 19. Jahrhundert neben der Führung grosser Haushalte, der Kindererziehung und zehrenden Schwangerschaften nicht viel Zeit für konzentriertes Komponieren. Verheiratete Frauen sahen sich ausserdem konfrontiert mit eng gesteckten Rollenvorstellungen. Einen Beruf auszuüben war für sie nicht vorgesehen. (Bäuerinnen, Handwerkerfrauen und andere Arbeiterinnen allerdings mussten täglich mit anpacken.) Die Frau galt als gefühlsbetont und sollte in der Ehe im Privaten, in Haus und Familie wirken, der als vernunftgeleitet verstandene Mann in der Öffentlichkeit. So war es durchaus angemessen, dass bürgerliche Ehefrauen für kammer musikalische Besetzungen komponierten (für den «privaten Gebrauch», ohne allgemein zugängliche Aufführungen, wie zum Beispiel Fanny Hensel), vor allem Lieder, die eher auf einem «poetischen Einfall» als auf einer komplexen Form basierten. Sinfonien verlangten allein durch die Zahl der Ausführenden einen öffentlicheren Rahmen, der Schaffensprozess wurde mehr als geistige Arbeit angesehen – und damit als Männerdomäne.
Es gab jedoch eine Möglichkeit, diesen Rollenvorstellungen zumindest teilweise zu entgehen: nicht zu heiraten. Die Einengung auf den häuslichen Raum galt nur für Ehefrauen; Ledige fielen, wie Witwen, aus dem Raster. Um unter diesen Bedingungen erfolgreiche Komponistin zu werden, mussten allerdings ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Man brauchte reiche, die Komponistinnen-Karriere unterstützende Eltern (die Ausbildung war teuer, das eigene Einkommen unsicher), kompetente, gut vernetzte und Frauen wohlgesonnene Lehrer:innen und nicht zuletzt ein Talent, dessen Output den Kollegen in der kompetitiven Musikwelt wenig Angriffsfläche bot, gerade wenn man sich aufs Terrain der «männlichen» Gattungen wagen wollte.
Es gab jedoch eine Möglichkeit, diesen Rollenvorstellungen zumindest teilweise zu entgehen: nicht zu heiraten. Die Einengung auf den häuslichen Raum galt nur für Ehefrauen; Ledige fielen, wie Witwen, aus dem Raster.
All das kam bei Emilie Mayer zusammen. Sie zog nach ihren Erfolgen in Stettin weiter nach Berlin, studierte unter anderem bei Adolf Bernhard Marx, komponierte viele Orchesterwerke sowie Kammermusik und erkämpfte sich einen festen Platz im Konzertleben und in den grossen Sälen der Stadt. Mit den wichtigen musikalischen Akteuren, den wenigen Akteurinnen und der Aristokratie war sie bestens vernetzt, ihre Werke wurden vielfach gedruckt und selbst im Ausland aufgeführt.
Ähnlich günstige Voraussetzungen finden sich bei Luise Adolpha Le Beau, geboren 1850 in Rastatt, von wo aus sie nach Karlsruhe, München, Berlin, Wiesbaden und Baden-Baden weiterzog. In ihren Memoiren schreibt die Komponistin über ihr jüngeres Ich, dieses habe «unverrückt fest an dem Weg» gehalten, den ihre Eltern ihr «vorgezeichnet» hätten: «den dornenvollen Künstlerpfad», obwohl man damals in Karlsruhe eine Heirat angemessener gefunden habe. Le Beau war eine ausgezeichnete Pianistin, entsprechend viel komponierte sie für dieses Instrument, verfasste aber auch grosse Orchesterwerke. Zu diesen schrieb das Mainzer Tageblatt im Januar 1887: «Wenn schon komponierende Damen an und für sich zu den Seltenheiten gehören, so muß eine Komponistin, die auf dem Gebiet der ernsten Kammer- und Orchestermusik ihre Lorbeeren sucht, Überraschung und gerechte Verwunderung erzeugen.» Le Beau kam zu ihren Lorbeeren. So meinte die Württembergische Landeszeitung Ende des Jahres 1886: «Frl. Le Beau ist als produzierende Künstlerin eine höchst seltene Erscheinung und es darf für sie ein befriedigendes Gefühl sein, als Königin der komponierenden Frauen betrachtet werden zu müssen.»
Le Beau gründete Ende der 1870er-Jahre einen anspruchsvollen «Privat-Musikkursus in Klavier und Theorie für Töchter gebildeter Stände». Emilie Mayer setzte bei eigenen Hausmusiken, zu denen das Who is Who der Berliner Musikszene geladen war, Werke anderer Komponistinnen auf die Programme. An der sich ab den 1860er-Jahren in ihrer Umgebung formierenden Frauenbewegung nahmen die beiden jedoch nicht aktiv teil. Ganz anders Komponistinnen wie die berühmte Suffragette Ethel Smyth in England oder die heute viel weniger bekannte Elfrida Andrée in Schweden.
Geboren wurde Andrée 1841 in Visby als Tochter eines Arztes, der auch für ihre musikalische Grundausbildung verantwortlich war. Bald lernte sie zusätzlich das Orgelspielen und zog als Vierzehnjährige mit ihrer älteren Schwester nach Stockholm, wo sie zwei Jahre darauf das Organisten- und Kantoren-Examen ablegte. Als solche durften Frauen in Schweden damals allerdings gar nicht arbeiten. Andrée schickte kurzerhand ein Gesuch an den schwedischen König, um diese Regelung zu ändern – erfolglos. Deshalb wandte sich die junge Musikerin stärker dem Komponieren zu. 1860 begann Andrée ihre Ausbildung zur Telegrafistin – kein Weg des geringeren Widerstands, denn auch dieser Beruf wurde Frauen in Schweden verwehrt. Andrée wollte sich davon nicht aufhalten lassen und forderte kurzerhand von der schwedischen Regierung, das Telegrafistenamt für Frauen zu öffnen, und selbiges gleich nochmal für das Organistenamt. Letzterem wurde 1861 stattgegeben, Telegrafistinnen wurden erst 1863 zugelassen.
Elfrida Andrée trat gleich im Jahr 1861 ihren Dienst an der Kirchenorgel an, 1867 wurde sie in Göteborg auf die einflussreiche Position der Domorganistin gewählt. Diese Tätigkeit führte sie bis zu ihrem Tod 1929 aus, nebenbei unterrichtete sie – unter anderem viele Organistinnen –, dirigierte und komponierte Orgel- und Chorwerke, aber auch Lieder, Kammermusik und Sinfonien. «Das Orchester, das ist das Ziel!», schrieb sie 1871 in ihr Tagebuch. Kollegen wie Niels Wilhelm Gade waren von ihren Arbeiten begeistert. Zudem organisierte Andrée hunderte «Folkskonserter» für Göteborger Arbeiter:innen, bei denen unter anderem ihre Musik erklang und die sie auch dirigierte.
Die Frau galt als gefühlsbetont und sollte in der Ehe im Privaten, in Haus und Familie wirken, der als vernunftgeleitet verstandene Mann in der Öffentlichkeit.
«Es gibt eine Frau, die denkt und fühlt, die Musik schreibt, nicht für Salonschmeicheleien, sondern um das Ansehen der Menschheit zu erhalten, wenn nicht schon eher, dann spätestens nach ihrem Tod», notierte Elfrida Andrée 1870 in ihr Tagebuch – und trifft damit einen empfindlichen Punkt. Denn dass sie, Emilie Mayer und Luise Adolpha Le Beau unverheiratet blieben, trug auch dazu bei, dass sie trotz beeindruckender Erfolge zu Lebzeiten nach ihrem Tod schnell in Vergessenheit gerieten. Der lange an «grossen Männern» orientierte Kanon in Musikwissenschaft und Konzertwesen stolperte nicht über sie als «Frau von» (wie bei Clara Schumann). Und sie hatten keine Kinder, die den Nachlass verwalten und das Andenken lebendig halten konnten (wie bei Fanny Hensel). Das ist einerseits tragisch, andererseits bleibt so heute noch viel zu entdecken. Die späte Anerkennung, die Künstlerinnen wie sie mittlerweile erfahren, hätte die an ihrem Lebensende über die Musikwelt verbitterte Luise Adolpha Le Beau sicherlich versöhnt. In ihren Memoiren heisst es: «Sollte eine oder die andere meiner Kompositionen wert sein, späteren Generationen noch zu gefallen, so habe ich nicht umsonst geschrieben.»
Merle Krafeld studierte nach einem fünfjährigen Intermezzo als Tontechnikerin bei WDR3 und der Sendung mit der Maus Musikpädagogik, schrieb und produzierte Podcasts. Mittlerweile arbeitet sie als Redakteurin und Illustratorin für das Onlinemagazin VAN.
Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/23 erschienen.