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haus, zelt oder höhle
Katsura, Kyoto, Japan
2012
Fotos
Lisa Ehrensperger, Roland Frei
Link
Die süsse Einsamkeit einer Landschaft in der Stimmung eines bewölkten Mondlichtes, mit einem scheuen Glanz des Mondes auf den Blättern der Bäume.
20.11.2012
Aus dem Reisetagebuch
Katsura Rykiu, die kaiserliche Villa am Katsura Fluss
Ein Text aus dem Jahre 763 suggeriert, dass aware als eine emotionale Reaktion des Schreibers auf den Frühlingsregen zu verstehen ist. Später wurde aware eher mit dem Begriff 'Traurigkeit' gleichgesetzt. Was das mit der Katsura Villa zu tun hat?
Japanische Dichtung vermochte das Gefühl des 'mono – no – aware' nicht nur auszudrücken, sondern dessen Gefühlswelt und Sensation im Bewusstsein des japanischen Volkes zu verankern. Gerade die Literatur der Heian Periode (794-1185) beschreibt in ihren Portraits der gehobenen Gesellschaft deren aus eines intensiven Dialoges mit der Natur herrührenden ästhetischen Bewusstseins. Der bekannte Literaturkritiker Motoori Norinaga (1730-1801) bezeichnet 'The Tale of the Genji' als eine typische mono – no – aware Novelle. Eine Meinung, die in der japanischen Gesellschaft eine breite Zustimmung findet. 'Aware' wurde in jedem Kapitel des The Tale of Genji dafür benutzt, aussergewöhnlicher Schönheit eine tiefempfundene Emotionalität zu verleihen. Als Prinz Toshihito die Katsura Villa mit der Hilfe des Teemeisters Enshu Kobori bauen liess, sollte die Architektur der im The Tale of the Genji, seinem Lieblingsbuch, beschriebenen Naturbezug nachempfunden werden. (Es gibt infolge mangelnder schriftlicher Quellen Zweifel, ob Enshu Kobori tatsächlich direkt am Bau der Katsura Villa mitgewirkt hat. Unbestritten ist jedoch, dass die Anlage im sogenannten 'Enshu Stil' gebaut worden ist.)
Nach Josiah Conder wird Enshu zitiert, dass er seinen Idealgarten folgendermassen beschrieben habe, 'die süsse Einsamkeit einer Landschaft in der Stimmung eines bewölkten Mondlichtes, mit einem scheuen Glanz des Mondes auf den Blättern der Bäume'. Um die Bedeutung dieser Worte begreifen zu können, scheint es not-wendig, das The Tale oft he Genji zu lesen und in den Gärten der Katsura Villa zu wandeln. (Der 1852 in London geborene Josiah Conder war 1877 der erste vom japanischen Staat eingeladene Lehrer und verfasste unter anderem das Buch 'Landscape Gardening in Japan' / Dover Publications, Inc New York 1964)
Besuch der Katsura Rykiu, der kaiserlichen Villa am gleichnamigen Fluss. Hier haben sich berühmte Architekten die Hand gereicht, Wright, Taut, Gropius, diese Anlage, die Gebäude haben die westlichen Konzepte moderner Architektur mass-gebend beeinflusst. Wieso? Seit ich 1985 als Monbusho Student eine erste Annäherung habe erleben können, beschäftigt mich dieses Gebäude und bei jedem Besuch offenbart die Anlage mir neue Geheimnisse. Eine Bibliothek an Erkennt-nissen.
Der Besuch mit Bewilligung des Imperial Households, kann nur in Gruppen gemacht werden und führt ausschliesslich durch den Garten, in die Teehäuser, aber nie in den Hauptbau, das eigentliche Gebäude, der Shoin, darf innen nicht besichtigt werden, gilt als zu schützendes Weltkulturerbe und wird nur bei Staatsbesuchen geöffnet. Wir sind einer rein japanischen Gruppe von etwa 12 Personen zugeteilt, was viele Vorteile mit sich bringt. Die Japaner lauschen dem Guide, der aus-schliesslich Japanisch spricht, sich dafür bei uns aber höflich entschuldigt und Japaner sind äusserst diszipliniert, getrauen sich fast nicht, zu fotografieren, so dass der Weg für uns Gaijin frei ist. Und heute ist auch der Aufpasser, welcher seine Schäflein vor sich hertreibt äusserst tolerant und zuvorkommend, er lässt mich alles in Ruhe fotografieren, versucht stets unsichtbar zu bleiben, um die Bilder nicht zu komprimieren. Auch unser heutiger Führer ist absolut grossartig, ein japanischer Verschnitt von Mister Bean. Wie René Furrer bei seinen Vorlesungen gibt auch er alles. Seine Stimme schwillt an, donnert, säuselt, gibt derb eine Anektote zum Besten, schallendes Gelächter, sofort mahnt er drakonisch zur Ruhe. Eine absolut sehenswerte Performance, leider verstehe ich nur Bruchstücke. Wann war eine Führung durch die Katsura Villa je so entspannt?
Wahrscheinlich ist es dieser entspannten, lockeren Atmosphäre zuzuschreiben, dass ich die Anlage bei diesem Besuch extrem geniessen kann - und immerhin bin ich bereits zum 12. Mal zu Gast. Der Spaziergang durch den Garten zeichnet den offiziellen Zugang nach, durch das Haupttor, die durch einen Korridor eingefasste Strasse, durch das Tor, 90 Grad Wendung nach rechts, man steht bereits im Garten, auf einem mit runden Steinen gepflasterten Weg, rechts wunderbar blühende Ahornbäume in einer Reihe, links erste, scheue ausgewählte Blicke auf das Wasser, von immergrünen Hecken sorgfältig inszeniert, in scheinbar weiter Ferne, vor uns, eine gewölbte Brücke, leicht schräg zum Weg, der eigentliche Eingang in die Katsura Villa. Die Katsura soll etwa 1640 vom Prinzen Toyotomi im Shoin Stil erbaut worden sein. Wahrscheinlich hat es jedoch bereits vor dieser Zeit Teehäuser an den Ufern des Katsura gehabt. Heute Iiegt das Gebiet ausserhalb der Stadtanlage des alten Kyoto, zur damaligen Zeit gab es aber im benachbarten Nagaoka bereits eine erste Hauptstadt, heute sind dort ausgedehnte Bambuswälder, von der einstigen Hauptstadt ist nichts mehr zu spüren. Auch ob die Katsura vom Teemeister Kobori Enshu entworfen, gedacht worden ist, kann nicht mit Sicherheit belegt werden. Sicher aber hat der Einfluss des Teeweges die Gestalt dieser Anlage massgebend beeinflusst. Seine heutige Form hat die Katsura nach und nach erhalten, zuerst ist der zweite Shoin angebaut worden, dann die Musikzimmer. Die Anlage hat ursprünglich nicht repräsentativen Zwecken gedient, sondern quasi als Freizeit-anlage, für das Plaisir, mit Musik, Fahrten auf dem Wasser und Teezeremonien.
Unser Rundgang führt durch den Garten vorbei an allen Teehäusern. Immer die gleiche Frage, ist ein Haus ein Zelt oder eine Höhle, nomadisiere ich oder bin ich sesshaft, will ich mich zurückziehen, brauche ich Intimität oder will ich mich öffnen, mit der Landschaft kommunizieren. Der 'Gepparo' Teepavillon ist ein zeltartiges Gebäude, das dazu gebaut wurde, den Mond betrachten zu können. Auch der Shokin – tei ist eher offenes Zelt als introvertiertes Haus, kann aber bei Bedarf komplett introvertiert werden. Sowohl als auch. Shoin, der eigentliche Palast, ich durfte in nur einmal betreten, ist noch dualer konzipiert, ein scheinbar geschlos-senes Gebäude.
Die Landschaft ist eine Summe von Bildern, welche durch die vorgeschriebene Bewegung zu einem erlebbaren Film, mit einer sorgfältigen Inszenierung wird. Gebäude und Landschaft sind miteinander verwoben, so dass man fast nicht mehr von Garten und Haus sprechen kann. Das Haus ist Garten, der Garten Haus.