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die natürliche Verschiedenheit der Einzelpersönlichkeiten zu beachten und zu kennzeichnen, der Andere das Allgemeingiltige und Gesetzmäßige aufzufassen. Den Ausdruck des körperlichen Lebens hatte man gefunden, sowohl für starke Bewegung wie für gelassene Ruhe. Es fehlte jetzt nur noch, auch das geistige Leben im Menschen zur Erscheinung zu bringen. Dieses höchste Ziel blieb Phidias vorbehalten.
Phidias. Ausbildung des geistigen Ausdrucks. Seine Vorgänger hatten alle Kraft auf die Ausbildung der Form verwendet und
diese erschien ihnen daher auch als Hauptsache; die volle Beherrschung der Formgebung ist aber auch eine Vorbedingung für
den weiteren Fortschritt der
Kunst zur Durchgeistigung und Beseelung, zur Verdeutlichung des inneren
Wesens.
^[Abb.: Fig. 109. Drei weibliche Gestalten vom Ostgiebel des Parthenon.
London, British Museum. (Nach Photographie von Bruckmann.)]
^[Abb.: Fig. 110. Zwei Metopen vom Parthenon.
a) Siegreicher Kentaur.
b) Siegreicher Grieche.
(London, British Museum.)] ¶
Geist des Zeitalters. Nicht zu vergessen ist auch, daß ein solcher Fortschritt auch nur in einer Zeit regsten geistigen
Lebens stattfinden kann, und eine solche war für Athen das Zeitalter des Perikles, in welchem auch die griechische Dicht
kunst
zur vollsten Blüte gelangt war und die Wissenschaften nicht mindere Pflege fanden. Damals schuf Sophokles
seine Dramen, in welchen er die sittliche Weltordnung darstellte und den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele verkündete,
damals schrieb Herodot seine Geschichte, und begründete Anaxagoras eine Weltanschauung, welche dem Stoff die geistige Kraft
entgegensetzte.
Die religiösen Vorstellungen läutern sich; die erleuchteten Denker und Dichter vertreten die Einheit der Gottheit, Zeus erscheint als der wahre einzige Gott, der alles beherrscht und über die sittliche Weltordnung wacht. Anschauungen, welche später im Christentum zum vollendeten Ausdruck gelangten, treten schon bei den Griechen jener Zeit auf und bestimmen, wenn auch nicht die Masse des Volkes, doch wenigstens die führenden Geister.
Werke des Phidias. In der
Kunst mußte dieser Zeitgeist natürlich auch seinen entsprechenden Ausdruck finden. Sie tritt
wieder mehr in den Dienst der Religion, die geläutert ist, Phidias ist in erster Linie Götterbildner, und sein bei Zeitgenossen
und Nachkommen berühmtestes Hauptwerk ist der Zeus von Olympia, aus Gold und Elfenbein gebildet. (Die
Gold-Elfenbeinbildwerke, wie sie mehrfach für Tempel geschaffen wurden, bestanden aus einem inneren Holzkern, auf welchen
das gebogene Elfenbein und Goldblech aufgelegt wurden. Die Holzmasse war von kleinen Röhren durchzogen, in welche Oel gegossen
werden konnte, um den Einflüssen der Witterung zu begegnen. Die ganze Herstellungsweise - namentlich das
Erweichen und Biegen des Elfenbeins - zeugt von der hohen Arbeitsfertigkeit der Griechen.)
^[Abb.: Fig. 111. Liegender Jüngling vom Ostgiebel des Parthenon.
London, British Museum. (Nach Photographie von Bruckmann.)] ¶