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Das Welterbekomitee der UNESCO hat am 7. Juli 2008 den Eintrag der Stätte auf die Welterbeliste beschlossen. Der Endpunkt der Berninalinie liegt in Tirano, Italien. Weil es sich aus diesem Grund um eine grenzüberschreitende Kandidatur handelt, hat die Schweiz diese Kandidatur zusammen mit Italien eingereicht.
Die Stätte «Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina» umfasst die Eisenbahnlinie als technisches Denkmal sowie – in den Pufferzonen – die umgebende Landschaft. Der schweizerisch-italienische grenzüberschreitende Perimeter der Stätte widerspiegelt alle sich wechselseitig beeinflussenden baulichen, technischen, kulturellen und natürlichen Faktoren des Phänomens Eisenbahn in einem weiteren Kontext.
Der aussergewöhnliche universelle Wert der «Rhätischen Bahn in der Landschaft Albula/Bernina» kann mit mehreren Argumenten begründet werden.
Die Bahn und die umgebende Landschaft bilden ein sich gegenseitig bedingendes «Gesamtkunstwerk». Die Albulalinie wurde zwar der Topografie wegen als Schmalspurbahn geplant, trotzem jedoch mit den Charakteristika einer Hauptlinie konzipiert und betrieben. Ziel der Bahn war die einfache Erreichbarkeit des Engadins und zwar im Sommers wie im Winter. So trug die Bahn zur Förderung eines neuen Wirtschaftszweiges – des Winter- und Sporttourismus – bei, der zur Leitbranche der Region werden sollte. Die Bahnlinie wurde subtil in die vielfältige Landschaft eingebettet und wirkt bis heute als Bereicherung.
Die Berninabahn konnte als Produkt des aus italienischer Initiative entstehenden Kraftwerkbaus und der Energiegewinnung für die lombardische Metropole realisiert werden und nutzte das dadurch verfügbare Kapital aus. Zudem sollten die Belange des Tourismus Berücksichtigung finden, in dem die Linienführung so anzulegen war, dass das Bergerlebnis vom Zug aus erfahrbar wurde. Aufgrund dieser Ausgangslage wurde für diesen Streckenabschnitt eine neue Technologie angewandt, die Hochgebirgsbahn als elektrische Überlandbahn gebaut.
In ihrer Komplementarität – durch die Kombination der zwei verschiedenen Bahngattungen Gebirgsbahn mit Scheiteltunnel (und den bautechnisch ebenfalls aufwendigen Spiraltunnel) und offen über einen Pass geführte «Überlandbahn» – ist die Albula/Bernina-Linie ein zugleich einzigartiges wie typisches, herausragendes Beispiel einer Bahn im Gebirge. Sie ist von höchster baugeschichtlicher Bedeutung und Qualität; darin liegt auch die weltweite Anerkennung begründet, die ihr schon zur Zeit der Inbetriebnahme zuteil geworden ist. Von den bereits auf der Liste des Welterbes figurierenden Gebirgsbahnen unterscheidet sie sich wesentlich: Die Albulalinie stellt als aufwendig konstruiertes und handwerklich exzellent erstelltes Meisterwerk den Typ der Gebirgsbahn aus der Glanzzeit des Eisenbahnzeitalters dar. Mit ihrer grossen Anzahl an steinernen, in Höhe und Länge variierenden Viadukte, den bautechnisch aufwändigen, teilweise übereinander liegenden Kehrtunnel sowie dem langen Scheiteltunnel, der architektonisch wertvollen und sorgfältigen Gestaltung der Hochbauten und schliesslich auch dem Betrieb weist sie alle Charakteristika einer Hauptlinie auf, obschon sie als Schmalspurbahn gebaut wurde. Bei der Berninabahn wiederum, einer elektrischen Überlandbahn in grosser Höhe und mit der extremen Steigung von 70 ‰, wurde technisches Neuland beschritten. Die Albula/Bernina-Strecke entspricht einem besonderen Typ von «Gebirgsbahn»: Auf lediglich rund 130 km und mit einer maximalen Höhendifferenz (1550 bzw. 1700 m) überwindet sie ein Gebirge in seiner Gesamtheit. Als grenzüberschreitende Linie reflektiert sie den verbindenden Charakter in einer trennenden Topografie. Auf kurzer Strecke durchfährt sie vielfältige Landschaftsformen und mehrere Klimazonen sowie drei verschiedene, sich in Sprache und Tradition unterscheidende Kulturräume.
Schon zur Zeit des Bahnbaus wurde die zu durchfahrende Landschaft als von aussergewöhnlicher, schutzwürdiger Qualität qualifiziert: Die adäquate Einpassung der Bahninfrastruktur wurde denn auch stark gewichtet, gleichzeitig war die Streckenführung selbst – vor allem im Falle der Berninabahn – darauf angelegt, die Landschaft den Reisenden möglichst in ihrer ganzen Grossartigkeit zu präsentieren, sie ihnen als ein Landschaftserlebnis zu bieten. Die baulich gestalteten Möglichkeiten zur Landschaftswahrnehmung während der Bahnfahrt sowie die bereits während des Baus intendierte Landschaftsgestaltung durch die Bahn sind einzigartig. Auf kurzer Strecke können vielfältige und spektakuläre Naturphänomene, Kulturlandschaftstypen mit jeweils typischen agrikulturellen Nutzungen und sehr bedeutende Denkmäler erfahren werden: Von der hochalpinen Gletscherwelt der Bernina bis zum südlich geprägten Val Poschiavo und Veltlin, vom mondänen Tourismusort St. Moritz bis zur ursprünglichen alpinen Agrarlandschaft in Bergün/Bravuogn, vorbei an einer grossen Dichte von charakteristischen Profan- und Sakralbauten konnten (und können) die Reisenden, dank der modernen Technik, quasi im Zeitraffer den Alpenraum in seiner ganzen Reichhaltigkeit erfahren. Die «Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina» zeigt emblematisch diese Synthese von Natur, Kultur und Technik.
Die Landschaft Albula/Bernina ist in ihren prägenden Elementen ausserordentlich gut erhalten. Auch die ganze Bahninfrastruktur (Linienführung, Kunst- und Hochbauten) ist in sehr gutem, originalem Zustand. Dies ist insofern einzigartig, als die Bahn nach wie vor voll in Funktion steht: Als Regelbahn täglich nach Fahrplan in Betrieb dient sie wie vor 100 Jahren heute noch dem Personen- und Gütertransport. Sie verfügt ausserdem über einen einzigartigen Bestand an historischem Rollmaterial.
Während die UNESCO-Welterbestätte Semmeringbahn den Beginn der bahntechnischen Erschliessung von Gebirgen markiert, repräsentiert die Albula/Bernina-Linie die Glanzzeit des Gebirgsbahnbaus: Erst mit der Entwicklung von mechanischen Tunnelbohrmaschinen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. konnten lange Tunnelbauwerke sowie Spezialtunnel (z.B. Spiraltunnel) mit vertretbarem zeitlichem und finanziellem Aufwand errichtet werden. Der Gebirgsbahnbau fand mit dem Ersten Weltkrieg weitestgehend sein Ende und danach wurden keine neuen alpenquerenden Bahnen fertig gestellt; Spiraltunnel werden im heutigen Eisenbahnbau nicht mehr errichtet.
Für das Management der Stätte ist der eigens gegründete Verein Welterbe RhB zuständig, der alle beteiligten Akteure umfasst und koordiniert.
Letzte Änderung 09.01.2013