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von Michel Voisard
Die Schwierigkeit, das Phänomen der Macht zu fassen kann mit Hilfe zweier Begriffe erklärt werden: ‚Zirkularität’ und ‚Paradoxie’. Macht erweist sich als zirkulärer Mechanismus, der Ebenen auflöst, und damit Einteilungen, etwa in Mikro- oder Makroprozesse, oder – wie in dieser Arbeit als Hilfskonstrukt zur Strukturierung vorgenommen – Versuche, Macht einem engem oder weitem Kontext zuzuordnen, verunmöglicht. Macht erscheint als Unterdrückendes, als Bewegendes, Hervorbringendes, als Evolution. Und Macht erscheint als etwas, das sich selbst hervorbringt und das sich festigt ohne Anschlussgewähr: Gesellschaftsformen, Kommunikationsmedien, Diskurse, Personen bzw. zugrundeliegende oder unterworfene Subjektformen. Die Paradoxien von Macht, diejenige von Herstellung von Ordnung und stetiger Erneuerung bzw. Aktualisierung, diejenige von Einschränkung bei gleichzeitiger Ermöglichung von Freiheit, diejenige von Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit , erweitern theoretische Anschlussmöglichkeiten enorm. Will man alle Eigenschaften in einem Begriff fassen, droht dieser zu entgleiten, denn sowohl bei den zirkulären Eigenschaften als auch bei den Paradoxien sind Anschlüsse auf jeweils beiden Seiten möglich. Dazu kommt, dass Eigenschaften der Macht zugleich zirkulär und paradox sein können und ausserdem auch zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Daraus lässt sich ein wesentlicher Unterschied der in dieser Arbeit fokussierten Theorien ableiten: Foucault kann seinem weitreichenden Machtbegriff sehr viele als Macht benennbare Eigenschaften zuordnen, auch zirkuläre und paradoxe. Damit gewinnen Foucaults Machtbeschreibungen an Emphase, der Begriff verliert dabei jedoch seine Schärfe, weshalb z.B. auch eine empirische Verwendung seines Begriffs entfällt. Luhmann begrenzt den Machtbegriff scharf, hält ihn dadurch empirisch verfügbar, muss jedoch alle anderen, d.h. die einem weitreichenden Machtbegriff entsprechenden Eigenschaften, in zusätzliche Begriffe und diese wiederum in ein kohärentes Verhältnis zueinander fassen. Beiden Theorien ist damit ein erschwerter Zugang eigen, sei es durch den enormen Umfang des Machtbegriffs von Foucault, sei es durch die Komplexität der Begriffsarchitektur von Luhmanns Theorie. In der Frage nach der Beziehung von Gesellschaft und Individuum ist Luhmanns Konzeption radikal. Er lehnt den Subjektbegriff ab – gibt es doch in seiner Theorie neben dem Subjekt noch andere Subjekte, nämlich soziale Systeme, und er unterscheidet strikt psychische von sozialen Systemen: Menschen können nicht kommunizieren . Die jeweilige Selbstreferentialität und operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme verhindern ein Eingreifen von Aussen in die Strukturen des jeweils anderen Systems, weder können Kommunikationen in Gedanken, noch umgekehrt Gedanken in Kommunikationen eingreifen. Die einzige Möglichkeit der Einflussnahme, Luhmann spricht hier von ,Irritationen’, bildet ein schmaler Ausschnitt, von ihm als ‚strukturelle Kopplung’ bezeichnet. Diese ist im Fall von psychischem System und Kommunikationssystem diejenige der Form ‚Person’. Durch sie erst wird Irritation ermöglicht, die jedoch stets Selbstirritation ist, denn „Umweltgegebenheiten bzw. Umweltereignisse [werden] nur als Irritation, als Störung, als Rauschen eingeführt und dann intern nach Massgabe eigener Strukturen selbst spezifiziert“ (Luhmann, 1995, S. 71). Durch dieses Operieren versetzt sich ein System „in einen bestimmten (jeweils einmaligen) historischen Zustand, der notweniger Ausgangspunkt für alles Kontinuieren, für jede anschliessende Operation ist“ (ebd., S. 28). Damit beschränkt sich Macht auf das jeweils eigene System, bei organischen Systemen auf Körper, bei psychischen Systemen auf das Bewusstsein, bei sozialen Systemen auf Kommunikationen. Mit dem systemtheoretisch als Form gefassten Begriff ,Person’ kann an Foucaults ‚Subjekt’ angeschlossen werden, ein Ding ohne Wesen, dessen ‚Wesen’ „Stück für Stück aus Figuren, die ihm fremd waren, aufgebaut worden ist“ (Foucault, 1991, S. 71, zit. aus Stäheli, Tellmann, 2002, S. 242): Das Subjekt „ist keine Substanz. Es ist eine Form“ (Foucault, 2005, S. 888). Wiederum geht es um die Frage nach der Beziehung von Diskurs und Subjekt. Foucaults genealogische Analysen zeigen auf, wie eine Subjektform erst durch unterschiedliche Machtkonstellationen, erst durch die Unterwerfung unter heterogene und durch Brüche gekennzeichnete Diskurse seine Form entwickelt, auch entsprechende Selbstbeziehungen. Die Ebene des Systems, bei Luhmann das psychische System, entfällt bei Foucault. Bei ihm ist der Diskurs, der Wille zum Wissen, dasjenige, was dem erkennenden Subjekt „eine bestimmte Position, einen bestimmten Blick, eine bestimmte Funktion“ zuweist (Foucault, 1991, S. 15). Und es ist der Diskurs, welcher zum Agens der Macht wird, der über Klassifikations-, Anordnungs-, Verteilungsprinzipien Macht produziert, verstärkt oder unterminiert. Die Frage nach dem Verhältnis von gesellschaftlicher Macht und individueller Freiheit, dessen Determinierung bzw. Autonomie, fällt entsprechend der unterschiedlichen Konzeptionen der beiden hier behandelten Autoren verschieden aus. Für Luhmann, der in dieser Frage eine zusätzliche Ebene einbaut, also neben der Form ,Person’ von einem ‚System Psyche’ ausgeht , existiert sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene Autonomie. Das heisst, soziale und psychische Systeme sind autonom in Bezug auf ihre Selektionen, im Vorantreiben ihrer Autopoiesis bzw. Selbstdeterminierung. Damit ist es für Systeme möglich, „einer Umwelt gegenüber, die ist, wie sie ist, Autonomie zu erzeugen, Freiheit zur Selektion entgegenzusetzen, in eine determinierte, wenn auch unbekannte Welt einen Bereich der Selbstdetermination einzubringen, der dann im System selbst als eigenstrukturdeterminiert behandelt werden kann“ (Luhmann, 1996, S. 57). Diese strikte Trennung der Operationen von System und Umwelt ist Bedingung für Autonomie, und verhindert Determination durch die Umwelt. Im Vergleich dazu entwirft Foucault ein ‚Subjekt’, in dem sich die beiden Ebenen von System und Form vermischen. Wohl deshalb kann Foucault nur widersprüchlich auf den Begriff der Autonomie zurückgreifen. Dieser Widerspruch manifestiert sich in seiner Formulierung von der ‚autonomeren Weise ’ der Selbstführung über Praktiken der Freiheit. Diese Auslegung wird jedoch dem Begriff der Autonomie nicht gerecht, da dieser per definitionem kein Kontinuum erlaubt. Foucaults Subjekt wird also vom Diskurs determiniert, auch in dessen Selbstverhältnis. Es ist ein Subjekt, dass sich nur über Praktiken der Unterwerfung konstituieren kann, selbst wenn es um Praktiken der Freiheit geht, weil diese Praktiken der Freiheit von Diskursen vorgegeben sind. Aus diesem Grund wird Subjekten auch über Praktiken der Freiheit eine bestimmte Position, ein bestimmter Blick, eine bestimmte Funktion zugewiesen. Praktiken der Freiheit sind deshalb paradox gefasst, als Freiheit durch Unterworfenheit und als Freiheit, die gleichzeitig determiniert. Nicht zuletzt deswegen lassen sie nur eine ‚autonomere Weise’ von Selbstpraktiken zu, aber keine Autonomie. Im Gegensatz dazu kann Luhmanns psychisches System zwischen Selbst- und Fremdreferenz hin- und heroperieren, stärker auf der einen oder anderen Seite verweilen. Aktualisiert jedoch ein psychisches System Fremdreferenz und tritt es in Beziehung zu einem System seiner Umwelt, wird über die Form Person ein schmaler Umweltausschnitt geöffnet, der auf beiden Seiten (!) zu Irritation führen kann. An dieser Stelle überschneiden sich die beiden Theorien. Hier verringern sich die Unterschiede der beiden behandelten Theorien. Stellenweise kann sogar eine erstaunliche Nähe ausgemacht werden, unter der Voraussetzung, dass man Luhmanns scharf gefassten Machtbegriff erweitert mit Begriffen wie Evolution, d.h. Variation, Stabilisierung, Selektion, oder symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, wie z.B. Recht, Wahrheit, Liebe.
Beide Autoren überschreiten traditionelle Machtbeschreibungen in Fragen zu Besitz von Macht, zum Ausüben von Macht eines Individuums, zum Unterschied von Macht und Widerstand, zur Abgrenzung von Macht zu Gewalt oder Zwang.
Es kommt infolge von Kräfteverhältnissen bzw. Evolution zu bestimmten gesellschaftlichen Ordnungen. Diese sind innerhalb ihrer Grenzen determinierend. Das heisst, Gesellschaft als System höherer Ordnung bzw. Dispositive und als Teil davon die Diskurse bestimmen selbst, was relevant und erfolgreich ist. Von diesem System höherer Ordnung ausgehende Irritationsversuche bzw. die von verfestigten Formen ausgehende Macht, die auf die Schnittstelle zum Individuum ,Person’ bzw. auf das ‚Subjekt’ treffen, nehmen wohl ein gewaltiges Ausmass an. Die Autonomie des Systems höherer Ordnung wird abgesichert über evolutionäre Errungenschaften, wie z.B. symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien bzw. die Macht verfestigter Formen, oder über den Einbezug des Widerstands. Dagegen dürfte das Warten auf den Zufall, das Ausnutzen der Kontingenz, die Wahlmöglichkeiten von Positionen innerhalb heterogener Diskursen wenig Chancen dafür bieten, dass psychische Systeme ihrerseits über die Form Person erfolgreiche Irritationsversuche ausüben bzw. Subjekte Diskurse massgeblich beeinflussen können. Das heisst, dass es auf der Ebene des Subjekts, bzw. des psychischen Systems hinreichende Selbsttechnologien braucht, soll z.B. ein Umgang gefunden werden, in dem die höhere Ordnung vor allem Mittel zum Zweck ist und nicht bloss Zweck an sich . Solche Selbsttechnologien werden sich dann erfolgreich auswirken, wenn sie die Ebene des Subjektes bzw. psychischer Systeme überschreiten und auf sozialer Ebene – auch mit dem Widerstand, evolutionär geformt und gefestigt werden. Jetzt können ein Subjekt bzw. psychische Systeme die Kontingenz sozialer Situationen erweitern, den Zufall für ihre Zwecke nutzen und ihrerseits soziale Systeme irritieren bzw. Macht entwickeln, um ihren Interessen Gehör zu verschaffen. Es ist das Verdienst Foucaults, mit seinem weitgefassten Machtbegriff sowohl diese enorme Kraft, die auf das Subjekt einwirkt, enthüllt zu haben, als auch, in seinen späteren Werken, sein Augenmerk auf Basis, Entstehung und Bestände derartiger Selbsttechnologien gerichtet zu haben. Die Frage nach dem Wesen des Menschen bleibt offen. Mit ihr unweigerlich verbunden ist die Definition seiner Interessen, denen Selbsttechnologien zum Durchbruch verhelfen sollen. In der Konsequenz operieren auch Selbsttechnologien nicht jenseits von Macht, nicht jenseits von Machtbeziehungen. Etwaige Durchbrüche sind deshalb durch Brüche gekennzeichnet, müssen sich in beständig kontingenten sozialen Situationen bewähren und bleiben stets dem Zufall ausgeliefert.