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Zurück zum Sturm und Drang!, scheint das Motto dieser Horen-Nummer gewesen zu sein. Jedenfalls sind zwei der drei grossen Beiträge eindeutig dieser kurzen Epoche zuzuordnen. (Allerdings glaube ich nicht, dass der Herausgeber Schiller, der der Horen schon herzlich überdrüssig war, sich noch gross darum kümmerte, ob nun die einzelnen Beiträge für eine Nummer sich einem Motto unterordnen würden oder nicht. Dennoch vermittelt das Vierte Stück von 1797 den Eindruck durchdachter Komposition.)
Da ist die Fortsetzung vom Schreiben des Herrn Müllers Mahlers in Rom über die Ankündigung des Herrn Fernow von der Ausstellung des Herrn Professor Carstens in Rom. In vielem einfach eine Anhäufung von Invektiven, blitzen doch zwei oder drei Punkte hervor, in denen der Leser sieht, dass Friedrich Müller sich nicht (nur) aus persönlichen Gründen gegen Fernow und Carstens wendet, sondern auch aus prinzipiellen ästhetischen. So zum Beispiel genügt es nach Friedrich Müller nicht, über Kenntnisse der Anatomie zu verfügen, d.h., anatomisch richtig zu zeichnen. Sondern es sollen die alten Meister studiert werden, bis der Künstler statt einer
durch den Verstand zusammengeborgte[n] Kunstarbeit
im Stande ist, ein Werk zu schaffen,
das nach tiefer Einsicht und Ueberzeugung nach der Phantasie hervorgeht,
(Guter Stil war Maler Müllers Sache eben nicht…) “Wenn du die Muskeln nicht erfühlst, du wirst sie nie erjagen!”, sozusagen. Daneben stellt Müller auch den aktuellen Kunstmarkt an den Pranger, wo
Egoismus und Gewinnsucht die bürgerliche Gesellschaft geisseln und bis in die Mecenaten und Kennerschaft eindringen […].
Klingt hier der vom Kunstbetrieb auf die Seite Gestellte an? Es ist, als ob Schiller und Goethe dem Enttäuschten eine Antwort geben wollten, wenn sie in derselben Nummer noch eine Fortsetzung des Benvenuto Cellini einfügen. Selbst eine flüchtige Lektüre der Autobiografie macht klar, dass Egoismus und Gewinnsucht keine neuen Phänomene im Mäzenatentum waren, sondern schon in der von Friedrich Müller quasi als ‘Goldenes Zeitalter’ verherrlichten Epoche Italiens existierten.
Ein weiteres Zeugnis des Sturm und Drang blickt uns entgegen in Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden, von dem verstorbenen Dichter Lenz. Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller zeigt, dass dieses Stück nicht gewählt wurde, weil es thematisch in diese Nummer passte, sondern weil es – gratis zu haben war. (Wie Goethe an das Manuskript des Toten gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, ebenfalls, ob Titel und Untertitel so von J. M. R. Lenz angedacht waren.) Um es gleich zu sagen: Sprachlich ist der Waldbruder des Stürmers und Drängers Lenz der gesetzt-gestelzten Prosa von Goethes Benvenuto bei weitem überlegen, und kompositorisch ist der Waldbruder auch dem Werther überlegen. Denn während die Etikette “Briefroman” beim Werther im Grunde genommen Schwindel ist (wir haben immer nur Werther der an einen Freund schreibt, keiner schreibt ihm zurück), haben wir mit dem Waldbruder einen echten Briefroman vor uns. Verschiedene Personen schreiben sich gegenseitig Briefe. Ja, Lenz gelingt es sogar, den verschiedenen Personen recht distinkte Stimmen zu geben. Choderlos de Laclos konnte es nicht besser; Wieland, der auch zwei solche Briefromane geschrieben hat, konnte in den seinen die einzelnen Stimmen bedeutend weniger gut unterscheiden. Wieland zu nennen, ist hier auch absolut nicht fehl am Platze – Lenz kannte diesen Autor offenbar recht gut. Der Untertitel ein Pendant zu Werthers Leiden verführt den heutigen Leser allzu schnell dazu, das sowieso schon vorhandene Bild von Lenz als dem Affen Goethes weiter zu zementieren – und vielleicht war das ja auch die Absicht der Horen-Herausgeber…
Dabei verfügte Lenz auch über seinen Wieland. Im zehnten Brief wird der Waldbruder einem Aussenstehenden geschildert:
Sie wissen wohl auch, daß wir hier einen neuen Werther haben, wohl noch schlimmer als das, einen Idris, der es in der ganzen Strenge des Worts ist, und zu der Nische, die Herr Wieland am Ende seinem Helden leer gelassen hat, mit aller Gewalt ein lebendes Bild sucht.
Lenz kannte also nicht nur Wielands Briefromane, sondern auch dessen Idris und Zenide, wo der schwer verliebte Held zum Schluss seine … ja, was findet er? Wieland will’s gar nicht mehr wissen, so sehr ödet ihn das leere Liebesgeschwätz an:
118.
»O Sieh mich an, noch einmahl – Würd’ ich nicht
Mit meinem Blut solche einen Blick bezahlen?
Noch einmahl, noch zu tausend Mahlen –
Entzieh mir niemahls mehr dieß himmlische Gesicht!« –
Doch, Muse, was Verliebte dahlen
Rührt niemand als sie selbst. Daß Idris Unsinn spricht,
An einem Platze, wo wir selbst wohl gerne wären,
Ist seine Schuldigkeit, nur wollen wir’s nicht – hören.
119.
Den weisen Leuten, welche nie
Wie unserm Helden war erfuhren,
Nicht den Katonen nur, sogar den Epikuren
Von kaltem Blut und träger Fantasie,
Klingt nichts so schal, als die Figuren
Verliebter Schwärmerey. Gut, ich verschone sie:
Der Pinsel fällt mir willig aus den Händen;
Wer Lust hat mag das Bild und – dieses Werk vollenden!
Im Gegensatz zum jungen Goethe im Werther kann sich Lenz also wie Wieland über seinen Helden lustig machen. Die Geschichte ist übrigens in dieser Nummer noch nicht fertig, aber für einmal ist das eine Fortsetzung, auf die sich der Leser freuen kann.
Daneben soll auch A. W. Schlegels Übersetzung Aus Shakespeares Julius Cäsar nicht vergessen werden. In gewohnter Manier liefert uns Schlegel ein Exzerpt aus seinem “Work in progress”. Bei Julius Cäsar sind es die Schlüsselszenen des Dritten Aufzugs mit den beiden grossartigen Reden von Brutus und Mark Anton. Shakespeare at his best – und Schlegel gehört zu den wenigen Übersetzern, denen ich das Prädikat “kongenial” verleihen würde, umso mehr, als August Wilhelm, in stärkerem Ausmass noch als sein Bruder, tatsächlich im eigentlichen Sinne nicht “genial” genannt werden kann. Auch wenn Shakespeare gut ins heimliche Motto dieser Nummer passt (er war ja der Leitstern des Sturm-und-Drang-Dramatikers Goethe!), so weist der Name Schlegel schon wieder über Sturm und Drang, ja sogar über die Weimarer Klassik hinaus.
Abschliessend sei noch erwähnt, dass H. C. Boie weitere Gedichte beisteuern darf. Dabei handelt es sich einerseits – Horen-üblich – um Füllmaterial, mit dem der Herausgeber leere Seiten am Ende der Nummer stopft, andererseits eröffnet diese Nummer aber mit einem Gedicht Die Aufklärung, in der Boie für einmal die Aufklärung nicht in Bausch und Bogen verdammt. Es geht darin um die Klage eines Wesirs bei seinem Kalifen über das zunehmend aufgeklärte und rebellisch gewordene Volk. Erst ganz am Schluss lässt der Wesir (und lässt Boie) die Katze aus dem Sack, als er – fast in einem Nebensatz – durchblicken lässt, dass es vor allem die Kritik des Volks an ihm, dem Minister ist, die ihn stört.
Ich verstehe, fällt der Monarch ihm ein, und gehe.
So witzig war Boie bisher nie. (Natürlich bleibt er trotzdem vorsichtig genug, den Potentaten selber nicht an den Karren zu fahren, und als zweite Vorsichtsmassnahme die Geschicht in einem fernen Land zu einer fernen Zeit spielen zu lassen.)
Alles in allem könnte man sagen: Der Sturm und Drang war halt eine so schlechte Zeit nicht. Mehr solche Nummern hätten den Horen gut getan.