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Nachtflug
Aranrod klammerte sich an Licuricus Mähne. Ihre Flügel schlugen im selben Rhythmus wie die Schwingen des jungen Drachens. Sie mussten dem Berg Yr Wyddfa nahe sein, doch die Landschaft unter ihnen war von Wolken und Nebel verhüllt. Die Elfe versuchte mit aller Kraft, Licuricu zu helfen, das Gleichgewicht zu halten. Von der Irischen See her blies ihnen ein Sturmwind entgegen, welcher ihn immer wieder taumeln und trudeln liess.
Der Flug von Transsilvanien zurück nach Wales war kräftezehrend gewesen, was dem Herbststurm über Ungarn geschuldet war, sowie der Tatsache, dass Licuricu tagsüber auf der Jagd gewesen war und stundenlang über den Urwäldern der Karpaten gekreist hatte.
Mit Aranrods Unterstützung gelang es Licuricu, sich in einen stabilen Sinkflug zu begeben. Die beiden tauchten in die aus Wassertröpfchen gewobene Decke ein, unter welcher Südwales verborgen lag. Plötzlich schälte sich Yr Wyddfa aus den grauen Schwaden. Dunkel und massiv ragte der Berg vor ihnen auf. Sie flogen zu tief! Aranrod spürte Licuricus Erschöpfung. Er würde es nicht schaffen, sich so weit in die Höhe zu schrauben, um über das Bergmassiv hinwegfliegen zu können. Sie mussten hier landen.
Llyn Glaslyn, rief die Elfe Licuricu telepathisch zu und lehnte sich rechts, neben seinem Hals nach vorn, bis der Drache ihren ausgestreckten Arm aus den Augenwinkeln sehen konnte. Ihre Hand wies am Gipfel vorbei nach unten, zu einem herzförmigen See in einer Talsenke. Licuricu beschrieb weite Kreise oberhalb von Llyn Glaslyn und liess sich tiefer und tiefer sinken. Eisiger Wind fegten der Elfe das kastanienbraune Haar aus dem Gesicht; es wehte ihr wie der Schweif eines Kometen hinterher.
Eine heftige Bö erfasste den Drachen. Er sackte ab, geriet in einen Sturzflug, überschlug sich. Aranrod schrie. Licuricus Schwanz schrammten über felsigen Grund. Instinktiv hob er seine Schwingen, liess sich fallen und krallte sich am zerklüfteten Gestein des Bergkamms fest. Einen Atemzug später stiess er sich vom Gestein ab, spie einen Feuerball gen Boden und schwang sich zurück in die Luft. Ein paar bewegte Runden später landeten der Drache und die Elfe am Ufer des Llyn Glaslyn.
Licuricu wandte sich sofort dem Wasser zu und begann, in langen Zügen zu trinken, während sich Aranrod von seinem Rücken auf den Boden gleiten liess. Zitternd stand sie eine Weile an Licuricus warme Flanke gelehnt da. Ein oranges Zelt zog ihre Aufmerksamkeit an. Jemand hatte es unter einem überhängenden Felsen aufgespannt. Im Inneren glomm ein schwaches Licht. Nichts bewegte sich, der Bewohner schien zu ruhen. Aranrod zerrte eine Gugel aus ihrer Umhängetasche und streifte sie über. Derart ausgerüstet schlich sie ans Zelt heran und öffnete den Reissverschluss. Behutsam schob sie den Stoff auseinander und streckte ihren Kopf ins Innere. Eine Kaffeekanne stand auf einem Stein neben dem Eingang und verströmte einen solch köstlichen Duft, dass die Elfe nicht anders konnte, als danach zu greifen.
«Heiss!» Die Hand im Ärmel vergraben, hob sie die Kanne auf.
«Das ist Hausfriedensbruch, Lady!», grollte eine Stimme aus den Untiefen des khakifarbenen Schlafsacks. Die Gestalt eines Menschenmannes tauchte aus dem Stoffbeutel auf.
Geschwind zog Aranrod die Kapuze tiefer ins Gesicht. «Entschuldigt, Herr», sagte sie, «mein Hund und ich sind vorhin fast abgestürzt und…»
Hund, Aranrod?
Ja, Menschen glauben, Drachen und Elfen gäbe es nur im Märchen.
«Und was?», fragte der Mann und hob eine Augenbraue.
«Euer Kaffee duftet herrlich. Könntet Ihr etwas davon entbehren?»
«Klar.» Der Mann nahm Aranrod die Kanne aus der Hand und füllte eine Tasse mit dem heissen Gebräu. «Warum sprichst du so komisch? Ah, du bist ein Cosplayer, stimmts?»
«Cos…?»
«Ja, ich erkenne dich; du bist eine Elfe aus The Lord of the Rings. Arwen, richtig?»
Der Mensch behauptet, er kenne eine Elfe? Glaube ihm nicht, Aranrod.
«Mein Name ist Aranrod, Herr, ich gehöre dem Volk der Ellyllon an; und wie nennt man Euch?»
«Eine Ellyll», er nickte, «eine walisische Elfe, also? Oh, ich heisse Owain.»
Aranrod strahlte. «Ihr habt recht. Freut mich, Euch kennenzulernen, Owain.»
«Natürlich ist dein Hund in Wahrheit ein Drache», fügte Owain zwinkernd hinzu.
Menschen sind nicht so einfältig wie wir dachten, Licuricu. Komm zu uns! Die Elfe schlug die Kapuze zurück und trank einen Schluck Kaffee.
«Darf ich?» Owain rückte näher, streckte seine Hand aus und berührte sacht Aranrods spitzes Ohr. Ein herber Seifengeruch ging von ihm aus. «Tadellose Arbeit», sagte er, «fühlt sich an wie echt.»
Feuerbälle zischten über das Zelt hinweg und versengten den Stoff. Der Wind fuhr in die grellen Fetzen und riss sie mit sich fort. Wie Irrlichter wirbelten sie über Llyn Glaslyn.
«Habt keine Angst», sagte Aranrod und ergriff Owains Hand, «Licuricu verpasst Euch eine transsilvanische Feuertaufe!»
Erst war da nur ein Schatten, der sich über ihnen auftürmte. Langsam wuchs daraus eine mächtige Gestalt hervor. Augen wie Monde blickten auf Elfe und Mensch hinab.
«Himmel», flüsterte Owain.