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festival
Bild: Astrid Ackermann
Als der zweite Weltkrieg mit Hitlers Überfall auf Polen offiziell begann, gab es den 1918 entstandenen Staat der Tschechen und Slowaken, die «Tschechoslowakei», bereits nicht mehr. Hitler hatte schon 1938 das Sudetenland besetzt, ohne dass Frankreich und Grossbritannien – die Garantiemächte des jungen Staates – eingeschritten wären. In den Münchner Verträgen wurden die derart geschaffenen Verhältnisse mit ohnmächtiger Zustimmung der tschechoslowakischen Regierung sanktioniert. Auch als die Wehrmacht im März 1939 den restlichen Teil der «Tschechei» besetzte, formierte sich Widerstand nur innerhalb der Landesgrenzen.
Bohuslav Martinu, der führende lebende Komponist des Landes, der seit 1923 in Paris lebte, stellte sich auf die Seite des Widerstands und klar gegen die Besatzungsmacht. Seine Musik wurde verboten, sein Antrag, auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen wurde wegen seines fortgeschrittenen Alters abgelehnt. So kämpfte Martinu mit seinen ureigensten Mitteln: Er komponierte eine «Feldmesse» für Blasmusik, Männerchor und einen Bariton-Solisten. Er dachte dabei an die Soldaten in den Freiwilligenkorps des Widerstandes und schrieb: «Ich möchte ihnen eine Komposition schicken, die sie selbst aufführen würden und von der sie wüssten, dass sie für sie geschrieben wurde – dass wir an sie denken und dass wir mit ihnen mitfühlen.»
Martinu vertonte keineswegs den liturgischen Messetext, sondern verwendete – ähnlich wie Brahms in seinem «Deutschen Requiem» – eine von einem Freund, dem Journalisten Jiri Mucha, geschaffene Vorlage aus Bibelstellen und eigener Dichtung. Der instrumentalen Ouvertüre folgt das klassische Gebet «Vater unser» vom Männerchor, das wiederum in eine poetische Meditation über die Ungewissheit und Angst des Soldaten vor dem kommenden Krieg übergeht. Militärische Fanfaren, der einsame Soldat auf der Wacht, aber auch die Vertonungen von Psalmentexten und die Gedanken an das gefährdete Vaterland verknüpft Martinu in seiner engagierten Komposition.
Die Besetzung ist erstaunlich: Bloss Flöten, Klarinetten, Posaunen und Trompeten, Klavier, Harmonium und ein imposantes Arsenal von Pauken, Glockenspielen, Trommeln und Becken verlangt die Partitur. Elemente der slawischen Liturgie und Folklore verbinden sich mit polytonalen Schreibweisen und einer sehr individuellen, enorm effektiven Instrumentation. Wir sprachen mit Howard Arman, dem Dirigenten dieses Werks bei den Martinu-Festtagen in Basel.
M&T: Howard Arman, Sie sind der «Feldmesse» von Martinu schon begegnet, haben sie vor vielen Jahren in Leipzig aufgeführt. Wie würden Sie das Werk einordnen?
Howard Arman: Zum einen erhält es durch die spezielle Besetzung eine sehr eigene Klangwelt, zum anderen fasziniert mich, wie Martinu, geboren aus der damaligen Situation in sehr pragmatischer Weise eine starke Identität kreieren kann. Mein stärkster Eindruck, als wir das Werk damals aufgeführt haben, war der Gedanke, dass junge Männer diese Messe gesungen haben, als letzte Aktion auf dieser Welt bevor sie in den Kampf gezogen und vielleicht gestorben sind. Und das verleiht diesem Werk eine starke Emotionalität ohne jede Sentimentalität – sehr echt und unmittelbar bewegend.
M&T: Welche Rolle spielt der Text? Wie viel davon verstehen wir, wenn in originalem Tschechisch gesungen wird?
Howard Arman: Für diejenigen Menschen, die in ihrer Muttersprache dieses Werk singen, hat der Text natürlich eine Bedeutung, die wir nicht vollständig nachvollziehen können. Vor allem wenn der musikalische Ausdruck stark mit dem einzelnen Wort – und nicht nur mit dem Inhalt –verknüpft ist wie hier in diesen Gebeten, spielen solche Zusammenhänge eine grosse Rolle. Immer wenn es um Chormusik, oder allgemein um textierte Musik geht, müssen wir Nicht-Muttersprachler einfach wissen, worum es geht.
M&T: In der Instrumentierung hat das Schlagwerk eine sehr grosse Bedeutung. Ist das zu sehen vor dem Hintergrund von Kampf und Krieg?
Howard Arman: Sehr viel kommt darin zu Wort: Widerstand, Gerechtigkeit, Marschrhythmen, aber auch der Pulsschlag, all das sind Assoziationen, die mitschwingen. Auch die Rhythmen der Folklore, ich denke dabei auch an das Konzert für zwei Streichorchester von Martinu, wo die Folklore wie hier für die Identität steht und durch die barbarischen Marschrhythmen praktisch mit Füssen getreten wird.
M&T: Welche Aufgaben stellen sich dem Chor, der ja in der Idee der Aufführungssituation aus einfachen Soldaten bestehen soll?
Howard Arman: Man staunt, was Martinu hier dem Chor zumutet. Die Partie ist nicht leicht, weder rhythmisch noch harmonisch. Es ist im besten Sinn Musik für die Sänger selber: Das Teilnehmen an der Messe soll die Aktion sein, nicht das Zuhören. Die Sprache ist sehr direkt, die Sätze sind extrem pragmatisch komponiert, auch in den komplexeren Stellen.
M&T: Neben der «Feldmesse», die etwa 25 Minuten dauert, singen Sie weitere Chorlieder von Martinu, aber auch Rilkelieder auf Französisch von Hindemith. Welche Gedanken führten zur Gestaltung dieses Programms?
Howard Arman: Wir haben verschiedene Sprachen, wir haben weltlich-geistlich, wir haben Männerchor, Frauenchor, Gemischten Chor a cappella aber auch das Orchester allein – also in der Besetzung eine sehr grosse Vielfalt. Wir wollten Martinu eingebettet in seiner Zeit zeigen. Die Dramaturgie entstand mit dem Festival gemeinsam, ich habe Vorschläge gemacht, und andere von ihnen aufgenommen. Die Vielfalt in diesem Programm finde ich sehr schön.
M&T: Sie waren fünf Jahre lang musikalischer Leiter am Luzerner Theater. Seit 2016 sind Sie Chefdirigent des Chors des Bayerischen Rundfunks, nachdem Sie fast alle guten Chöre in Deutschland geleitet haben. Ein Chorleiter aus Berufung?
Howard Arman: Mein Herz schlägt sehr stark für das Theater, ich habe an verschiedenen Theatern gearbeitet, das ist ein wichtiger Teil des Musiklebens für mich. Aber das chor-sinfonische Repertoire ist ein nicht zu erschöpfendes Areal an wunderbaren, grossartigen, intensiven Aussagen in der Musik. So viele Komponisten haben in dieser Form ihre grössten Werke geschaffen. Jetzt habe ich einen der besten Chöre der Welt, und dieser Kombination war sehr schwer zu widerstehen. ■
«Man staunt, was Martinu dem Chor zumutet»