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Der Bärenchor
Wenn am Aschermittwoch im Haus «zum grauen Bären» kräftiger Männergesang ertönt, steht der jährliche Höhepunkt für rund 30 singende Zunftbrüder an: Sie schmettern den eigens komponierten «Zunftspruch» in den vollbesetzten Festsaal und leiten das jährliche Zunftessen ein. Der Zunftchor E. E. Zunft zu Hausgenossen – seit jeher «Bärenchor» genannt – bildet seit über 100 Jahren das musikalische Rückgrat der Zunft, gemeinsam mit Zunftspiel und dem «Bärenblech» (Blechbläser-Ensemble). Die musikalische Spurensuche in der Zunftgeschichte beginnt in uralten Trinkstuben und führt über französische Revolutionäre ins Zürcher Oberland, sogar bis in die ferne Karibik. Das Porträt eines in der Welt weit verzweigten, in Basel tief verwurzelten Chors.
Musikalische Anfänge bis zum 19. Jahrhundert
Singen und Musizieren gehörte zu den Basler Zünften, seit sie im ausgehenden Mittelalter entstanden sind. Im 13. Jahrhundert wurde in ihren Trinkstuben über die Angelegenheiten der Stadt diskutiert, aber man vertrieb sich auch die Zeit mit Würfel- und Kartenspiel sowie mit Liedern und Reigentänzen. In der Zunftchronik sind einige musikalische Anekdoten überliefert: Ende Januar 1532 ist von einem fasnächtlichen Festzug die Rede («ein ungefüg Leben gleich einem Uffrur»), der auch von Gesang begleitet wurde, und 1667 führte die «Gesellschaft Inspruggischer Comoedianten» unter Johann Ernst Hofmann ein Singspiel mit 21 Schauspielern, Chor und Orchester im Zunfthaus auf.
Ganz nebenbei ertönten am 20. Januar 1798 «fröhliche Lieder» anlässlich eines historischen Festakts: Die Helvetische Revolution hatte soeben begonnen und die grosse Verbrüderungsfeier zwischen Franzosen und Baslern auf dem Münsterplatz wurde mit einem Essen in Anwesenheit der französischen Generalität im Zunfthaus gefeiert. Möglich machte dies Meister Johann Lukas Legrand (1755–1836); er führte namens der Zunft den «Club zum Bären» an, eine revolutionär gesinnte Gruppierung, die sich im Machtvakuum der schwächelnden Basler Regierung an vorderster Front für die «Beförderung bürgerlicher Eintracht zwischen Stadt- und Landvolk» stark machte. Wenige Monate später sollte Legrand zum ersten Präsident einer nationalen Regierung in der Schweizer Geschichte gewählt werden.
Weltweiter Chorgesang dank hausgenössischem Pioniergeist
Zu Legrands engen Weggefährten gehörten damals auch Johann Heinrich Pestalozzi und Johann Caspar Lavater. In diesem Umfeld aufklärerischer Vorreiter ist der Volksgesang in seiner bis heute gepflegten Form entstanden: Dem Wetziker Pfarrer Johannes Schmidlin sei Dank, der bereits 1755 den weltweit ersten Gesangverein gründete und den Nährboden für den nachmaligen, ebenfalls aus Wetzikon stammenden Pestalozzi-Intimus und «Sängervater» Hans Georg Nägeli (1773–1836) bereitete. Laiengesang als Mittel zu Bildung, Freiheit und Wohlstand: Der Gedanke verbreitete sich weltweit, ersonnen wurde er freilich in der Schweiz.
Die patriotische Volksbewegung der Sängerfeste fand sodann rasch Eingang in den Basler Zünften. Gesangsvorträge hatten vornehmlich einen zeremoniellen Charakter, wie etwa zur Weihe der neuen Zunftfahne am Aschermittwoch 1837:
Singt, Freunde, singet diesen Tag zu ehren
Mit wahrem Bürgersinn,
Blickt fröhlich dann aus unsern frohen Chören
Auf unsere Fahne hin.
Später trat besonders an den Zunftessen der gesellige Aspekt in den Vordergrund, Gesänge dienten der Unterhaltung zwischen den Gängen. So stand etwa Nägelis berühmteste Melodie «Freut Euch des Lebens» Pate für ein Eröffnungslied, das zum Aschermittwoch 1885 im «Safre-Zunft-Cantante» zu finden ist:
Frait euch des Lebens
So lang's e Safrezunftschmaus git,
Esset und trinket, s'isch alles gratis hit!
Das Liederbuch wurde offenbar auch bei den Hausgenossen verwendet. Ein weiteres Gesangsstück, das als genuine Eigenkreation überliefert ist, stammt von 1895 mit dem Titel «Schauerliche Geschichte in 11 noch schauerlicheren Versen und 9 Gemälde von Künstlerhand». Dichter und Maler sind nicht bekannt, hingegen ist als Melodie das Studentenlied «Im schwarzen Walfisch zu Askalon» vorgegeben:
In Basel an des Rheines Strand
Der «Bär» hat heut' sein Fest,
Mit 100,000 aus erster Hand,
Baut er ein flottes Nest.
Die Dichtung ist ähnlich angelegt wie ein Schnitzelbank und bildet quasi die Geburtsstunde der «Wäggselstiibler», die in loser Tradition bis heute an Zunftanlässen auftauchen. Musikalische Unterhaltung wuchs bis 1906 zum tragenden Element des jährlichen Zunftessens heran – zuweilen wurde schon fast übertrieben. In einer Protokollnotiz des Vorstands ist nämlich zu lesen:
«Herr Statthalter Preiswerk wird ersucht, […] sich mit Zunftbruder [Robert] Zehnter-Lacher wegen Gesangsproduktionen in Verbindung zu setzen. Doch soll dieses Jahr nicht so viel gesungen werden wie letztes Jahr. […] Dazu soll wieder Herr Schröder als Klavierspieler geladen werden.»
Ein Bähnler als Chorleiter
Als erster Chorleiter wird der nichtzünftige SBB-Beamte Daniel Wenger-Würgler genannt. Dieser war bereits viele Jahre als aktiver Sänger und Vorstandsmitglied beim Basler Eisenbahner-Männerchor engagiert. Wann genau Wenger die Leitung des Zunftchors übernahm – möglicherweise sogar selbst den Chor aus dem Dunstkreis der singenden Bähnler initiierte – ist nicht bekannt. Wohl aber, wann er aufhörte. Am 22. September 1945 war Wenger beim Zunftausflug ins Emmental für den Transport zuständig, als dieser ohne Rücksprache eine Tagesplanänderung mitteilte. Dies goutierte Meister Niklaus Bischoff nicht, wie er tags darauf brieflich mitteilte:
«Persönlich habe ich die kleine Trübung […] sehr bedauert. […] Es geht nicht an, dass ohne Wortbegehren und Information des Meisters plötzlich Gegenbefehle ausgegeben werden.»
In seiner Antwort an den Meister rechtfertigte Wenger sein Vorpreschen mit Sicherheitsvorkehrungen und teilte seinen Rückzug mit:
«Die Art und Weise, in welcher Sie mir vor der ganzen Zunft das Wort entzogen, glaube ich nicht verdient zu haben. Sie werden daher begreifen, wenn ich inskünftig bei Ihren Zunftanlässen nicht mehr mitwirken kann.»
Auch wenn beide in ihren Schreiben ihr Wohlwollen zum Ausdruck bringen wollten – Bischoff hatte sich «namens des Vorstandes für die umsichtige Besorgung der Bahnangelegenheiten bestens bedankt» und Wenger hob seinerseits die «in den vielen Jahren verbrachten schönen Stunden» hervor – das Tischtuch war zerschnitten, ein neuer Chorleiter musste her.
Die Ära Arnold Pauli
Vermutlich waren es die zahlreichen Gastsänger aus dem Eisenbahner-Männerchor, die in ihren eigenen Reihen nach einem Nachfolger suchten. Erst wenige Jahre zuvor war Arnold Pauli (1900–1977), ausgebildeter Chorleiter und Sänger, nach Basel zurückkehrt und hatte die Leitung der Eisenbahner übernommen. Er liess sich zu einem Gastjahr überreden. Kurz darauf erhielt Pauli das Basler Bürgerrecht, wurde zünftig und dirigierte den «Bärenchor» fortan über 30 Jahre.
Als ausgebildeter Musiker prägte Pauli das musikalische Zunftleben stark. Er führte die Tradition des «Zunftspruchs» ein, welcher bis heute zu Ehren jedes neugewählten Meisters neu vertont wird. Als «Schwizerhüsler» und Leiter verschiedener Männerchöre der Region war Pauli bestens vernetzt, um die zünftigen Sänger («Chorbären» genannt) mit erfahrenen Gastsängern zu verstärken. 1954 wurde dem allerdings der Riegel geschoben: Die schon immer engen Platzverhältnisse am Zunftessen veranlassten den Vorstand, eine «Säuberungsaktion» durchzuführen und die Parole «Gsang us aigenem Bode» herauszugeben. Niklaus Bischoff bemerkte dazu in seiner Meisterrede 1955:
Sogar dr Pauli-Dirigent – i ha-n-en scho als Füsel kennt –
als Chörli-Pauker sehr vervemt [sic]! Klatscht jetz begeisteret in d'Händ
Und sait: «Isch's meglig, sapperment, do het's jo Gselle mit Talent!
I ha si numme noni kennt vor lutter fremde Element.
S'het drunder fir my Bäre-Chörli sogar no ai, zwai, drei Tenörli!
Jetz gehn mer glatt – und ohni Gescht – ans Eidgenössisch Sängerfescht!»
Der Meister het, was är het welle; und d'Bäre-Sängerbrischtli schwelle.
Und usserdäm: Ohni Ersatz hän mer im Saal jetz besser Platz!
Eine besondere Hommage bildete 1956 das Motiv der Einladungskarte, das ganz dem «Bärenchor» gewidmet wurde. Zunftinternen Kultstatus erlangte der Chor endgültig mit der Einführung des Kanons «Im Keller ruht ein Fass», 1957 von Peter Seeger komponiert. Die unermessliche Teilhabe des «mitsingenden» und mitklopfenden Zunftvolks wird Jahr für Jahr an noch überschwänglicherer Euphorie überboten: Das «Fass» ist die Musik gewordene Krone, die das Zunftwappen der Hausgenossen ziert, und zugleich Symbol des Vermächtnisses, das Pauli seinen Nachfolgern hinterliess.
Nachwuchsprobleme und Notlösungen
Die Stallorder der Vorgesetzten hatte nicht alle Probleme gelöst: Die aufkommenden Nachwuchsprobleme bei Männerchören machten auch dem Zunftchor zu schaffen. Es gelang dem Dirigenten zwar stets, eine kompetitive Truppe aus den Zunftreihen zu rekrutieren, vereinzelte Gastsänger gab es aber immer noch. David Linder appellierte 1973 in seiner Meisterrede ans Zunftvolk, dass «sozusagen jeder, der einen Staubsauger von einer Symphonie unterscheiden kann, willkommen ist».
Nach Paulis Tod folgten wechselhafte Jahre: Der Vorgesetzte und erfahrene Chorsänger Eugen Lang-Moesch (1932–2018) nahm sich der Betreuung des Chores an und vermittelte die beiden Chorleiter Peter Thöni und Pascal Borer; letzterer übernahm dann die Leitung während dreier Jahre als nichtzünftiger Gast, verliess aber 1980 die Region. Wiederum wurde gesucht, ein «Herr Wetter» aus Meister Linders Umfeld und der Musiker Maurice Altenbach lehnten ab, sodass Vorgesetzter Lang kurzfristig einsprang. Schliesslich wurde man 1982 im gebürtigen Barbadier Chester Gill fündig, der den «Bärenchor» in eine neue Blütezeit führte.
Chor-Obmann zum Ersten
Nicht nur der Chorleiter kümmerte sich um die Belange des Zunftchors. Analog zur traditionellen Charge des Spielchefs wurde Zunftbruder Peter Striebel (1927–2000), als langjähriger Präsident des Basler Theatervereins kulturell sehr engagiert, das Ehrenamt des Chor-Obmannes aufgetragen. Als solcher war er für den geselligen Teil des Chorlebens zuständig; so organisierte er nach jeder Probe Zwiebel-Käse-Wähen bei der Bäckerei Wullschleger am Rümelinsplatz, die zu (meistens mehr als weniger) Flaschen Wein verspeist wurden.
Der bereits erwähnte Vorgesetzte Eugen Lang verstärkte die Verbindung zwischen Chor und Vorstand zusätzlich; in den 1980er-Jahren schmiedete er für jeden Chorbär eine silberne Chornadel und gestaltete ein Chor-Signet – beide Elemente gehören bis heute zum Erscheinungsbild des «Bärenchors».
Neues Aufblühen unter Chester Gill
Am 16. März 1982, drei Wochen nach seiner ersten Teilnahme am Zunftessen als Gast, stellte Chester Gill (1928–2003) sein Aufnahmegesuch an Meister Linder:
«Am vergangenen Aschermittwoch hatte ich die Gelegenheit, in Ihrem Kreis auf eindrückliche Weise Wesen und Sinn des Basler Zunftlebens kennen zu lernen. […] Es wäre mir eine grosse Freude, wenn ich als Zunftbruder der Ehrenzunft zu Hausgenossen angehören dürfte.»
An der folgenden Vorgesetztensitzung «wird dies mit Akklamation zur Kenntnis genommen.» In legendärer Erinnerung aller Anwesenden blieb dann besonders Gills Vorstellung als erster Zunftbruder schwarzer Hautfarbe, wobei er ungeniert selbstironisch über sich bemerkte: «In jeder Herde gibt es nun mal ein schwarzes Schaf!» Die Sympathie des Zunftvolks war ihm sicher und er erwiderte es in seiner 20-jährigen Amtszeit mit Musik, die er dem «Bärenchor» auf den Leib schrieb. Neben den «Zunftsprüchen» 1984 und 1996 für die Meister Thierry Freyvogel und Dieter Werthemann komponierte Gill neues Liedgut zu baseldeutschen Texten von Stadtpoet «Blasius» oder Zunftbruder Lukas Frey; aber auch seine Bearbeitungen englischsprachiger Gospels wie «Nobody knows» und «Oh Happy Day» oder Sea-Shanties wie «The drunken sailor» vermochten das Zunftvolk hell zu begeistern.
Besondere Erwähnung verdienen das Fasnachtslied «Gässle», aus dem Gill auch gleich einen Piccolo-Marsch fürs Zunftspiel formte, und seine «Arabi»-Bearbeitung der Originalmelodie «The British Grenadier»; es ist bis heute das einzige Stück, das für alle drei Zunftmusiken (Chor, Spiel und Blech) geschrieben worden ist. Den unvergesslichen Höhepunkt bildete für Gill die Zusammenarbeit mit Dialektpapst Rudolf Suter zum Oratorium «Im Anfang war das Wort» für Sprecher, Chor Soli und Orchester, das 1989 anlässlich der 700-Jahr-Feierlichkeiten der Zunft in einem grossen Jubiläumskonzert in der Basler Martinskirche uraufgeführt wurde.
Dementsprechend gross war die Trauer, als Gill im Januar 2003 verstarb. Lukas Linder, Chorbär und Sohn des früheren Meisters, hielt die herzlichen Wesenszüge des verstorbenen Chorleiters fest:
«Heute stehen wir da mit vielen Kompositionen, die er verfasst oder arrangiert hat. Die einen widerspiegeln seine Liebe zu Basel, andere Werke sind weltoffen und streng zugleich. Ebenso stark pulsierte in ihm sein Naturell von Barbados, das ihn ab und zu wieder bewog, uns auch die aus seiner Herkunft stammende Mentalität und einen Hauch der Sensibilität der Menschen in diesen Regionen mittels Gospels und anderen Liedern zu vermitteln versuchen. Im Bärechor selbst glaube ich, dass ihm sein Wunsch nach Einheit in der Vielfalt einigermassen in Erfüllung gegangen ist; an uns allen liegt es nun, sein klingendes Vermächtnis zu hegen und weiter zu fördern.»
Die knappe Zeit bis zum Zunftessen veranlasste Eugen Lang, wie schon 1981 kurzfristig einzuspringen. Mit der Unterstützung von Peter Gill, Chorbär und Sohn von Chester Gill, konnte John MacKeown als neuer Chorleiter gewonnen werden.
Erneute Zwischenjahre
Nach zwei Testproben im Herbst 2003 erklärte sich der Musiktheorie-Dozent John MacKeown (* 1965) bereit, die Leitung des Zunftchors zu übernehmen; auch er wurde nach einem Gastjahr als Zunftbruder aufgenommen. Seine Arrangements aus Mozarts «Zauberflöte» sowie von Evergreens wie «Kriminaltango» und «Mein kleiner, grüner Kaktus» erfreuten sich grosser Beliebtheit; seine Zunftspruch-Vertonung 2008 für Meister Peter E. Burckhardt war indes wohl zu anspruchsvoll – bereits 1978 konstatierte David Linder in seiner Meisterrede:
«[…] dass die Hausgenossen am Aschermittwoch ja nicht zu einer Chorveranstaltung zusammenkommen und […] dass sich unter den Zunftbrüdern zwangsläufig eine stattliche Anzahl musikalischer Banausen befindet, welche mit Chorgesang nichts anzufangen wissen und bestenfalls dem Fasslied einigen Wert abgewinnen können.»
So kam es, dass MacKeown Ende 2009 demissionierte – nicht aber ohne zu betonen, dass ihm «das Musizieren mit den Chorbären bis heute viel Freude bereitet» hat.
Chor-Obmann zum Zweiten
1997 gab Peter Striebel sein Ehrenamt als Chor-Obmann an Lukas E. Linder (* 1960) weiter. Neben der Organisation des Probelokals (lange Zeit im Humanistischen Gymnasium, später in der hauseigenen «Bärenstube») übernahm er auch die Tradition, nach den Chorproben für Speis und Trank zu sorgen. Wie in den mittelalterlichen Trinkstuben wurde bis tief in die Nacht gezecht, Schnitzelbänke wurden vom Chorbär und «Zeedel»-Dichter Paul Roniger vorgetragen und man wurde vielfältig von Zunftgastronom Hubert Siebenpfund verpflegt, der bis 2004 das «Café Friedrich» im hinteren Teil des Zunfthauses betrieb.
Stand das Zunfthaus als Treffpunkt nicht zur Verfügung, lud Linder die Chorbären in die eigene Stube ein – für die Proben wie für die anschliessenden Imbisse. Viele Freundschaften über Chor und Zunft hinaus sind so entstanden und gepflegt worden. Linder ist Herz und Seele des «Bärenchors» zugleich; die leidenschaftliche Hingabe, mit der der Obmann «seinen» Chor seit vielen Jahren prägt, ist ein unbezahlbares Geschenk für das Zunftleben der Hausgenossen.
Der erste zünftige Musikwissenschaftler
Selbst zur undenkbarsten Zeit nahm sich Linder Zeit für den Zunftchor: Am Weihnachtsmorgen 2009 empfing er David Rossel (* 1988) bei sich zuhause; der junge Basler Musikwissenschaftler erfuhr von der neuerlichen Chorleitersuche über seinen Nachbarn Bernhard Lang, Vorgesetzter und Sohn von Eugen Lang. Die Chemie stimmte: Wenig später gab er als Gast seinen Einstand mit einem eiligst neu komponierten, fulminanten Ersatz-Zunftspruch. Im Mai 2010 folgte gemeinsam mit dem «Bärenblech» ein seltener öffentlicher Auftritt am WBZ-Benefizkonzert in Reinach.
Wie schon Gill liess sich auch Rossel zu seiner Aufnahme am Aschermittwoch 2011 etwas einfallen. Anstelle der üblichen Zweizeiler, die jeder neue Zunftbruder bei seiner Vorstellung rezitiert, liess der neue Dirigent Sänger und Blech für ihn sprechen. Der Chor erhielt seine ganz eigene Hymne und das «Bärenchor-Lied» war aus der Taufe gehoben:
Aber loos nomol säll Lied,
wenn mer singe nimmermied:
Bärekoor! Dr Bärekoor!
Bärekoor, us vollem Rohr
deents au widr 's näggschte Johr!
Die Melodie borgte Rossel bei Felix Mendelssohn aus dessen Gutenberg-Kantate – eine indirekte Ehrerbietung an die bedeutenden Basler Buchdrucker Heinrich Petri und Thomas Platter, die zu Hausgenossen zünftig waren.
Eine dritte Blütezeit?
In der Folge wuchs der Chor auf rund 30 Mitgliedern an, erfreulicherweise auch dank jungen Zunftbrüdern. Die Instrumentalbegleitung, die das «Bärenblech» bereits seit 2002 jährlich vom Balkon aus bei der «Hausgenossen-Intrade» von Hermann Egner stellte, wurde von weiteren musizierenden Zunftbrüdern erweitert. Ob mit Dudelsack beim schottischen «Auld Lang Syne», mit Alphorn bei «Luegit vo Bärg und Tal» oder mit Gitarre und Kontrabass beim Beatles-Klassiker «Yesterday»: Rossel schrieb stets die passenden Arrangements und sorgte mit A-cappella-Liedgut vom Barbershop «A Song of Old Hawaii» bis zur baslerischen Schlager-Variante «Im glaine Baizli im mindere Basel» für eine breite Palette, die Zunftvolk und Vorstand Jahr für Jahr von Neuem begeistert.
Ein Chorausflug führte im Sommer 2014 ins Bündnerland in die mütterliche Heimat von Chor-Obmann Linder, als u.a. im «Grauen Haus» in Chur ein Ständchen für Regierungrätin Barbara Janom Steiner zum Besten gegeben wurde. Auch am Zunftausflug ins Elsass im Herbst 2016 wurde ein Lied im Strassburger Münster intoniert. Als absoluter Höhepunkt der jüngeren Historie muss der Auftritt am Aschermittwoch 2017, der infolge Umbaus des Zunfthauses im Exil der Elisabethenkirche stattfand, erwähnt werden: Der «Bärenchor», auf den Emporen längs des Kirchenschiffs verteilt, liess unter wuchtiger Begleitung von vollem Orgelwerk Wagners «Pilgerchor» von der Empore erschallen – natürlich gefolgt vom «Bärenchor-Lied» und dem unverwüstlichen «Fass». Ein einmaliges Erlebnis, das allen anwesenden Zunftbrüdern noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Der «Bärenchor» im Jahr 2020
2020 komponierte Rossel für Meister Lukas Faesch einen ganz persönlichen neuen «Zunftspruch»: Die Anfangstakte mit der Tonfolge F-A-E-Es-C-H sind nicht nur eine namentliche Reverenz, sondern verbinden den neuen Meister auch melodisch mit den souveränen Charakterzügen eines James Bond... Faesch dankte es, indem er seine erste Meisterrede mit einer symbolischen Würdigung des «Bärenchors» eröffnete.
Eine neu komponierte «Hausgenossen-Intrade» wurde gleichentags ebenfalls uraufgeführt; beide Werke unterstreichen Rossels Anliegen, den musikalischen Zunftschatz im Geiste seiner Vorgänger nicht nur zu pflegen, sondern auch zu erweitern:
Auf dass es in all seinen Werken
dem «Bärenchor» möge gelingen,
die Wurzeln nach innen zu stärken,
die Zweige zum Blühen zu bringen.
David Rossel, 2020