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Von einer Glocke der Pfarrkirche von Quinto im oberen Livinental wird folgendes erzählt:
Eine dieser Glocken wurde der Kirche von den Frauen von Scruengo geschenkt. Dieser Ort besteht heutzutage aus einer Gruppe von Ställen in der Nähe von Piotta, unter denen man Trümmer früherer Bauten bemerken kann, nicht weit vom Wasserfall des Ritomsees.
Vor Zeiten stand dort ein Dorf. Dies ist durch Urkunden belegt. Dann aber erzählt die Sage, die immer reich und poetisch ist, von einem Schloss, von einem Turm, der als Gefängnis diente, und von einer Kirche, deren Glocken einen ganz besonders schönen Klang hatten. Dorf, Turm und Kirche sind heute gänzlich zerfallen. War ein Bergsturz, eine Lawine oder eine Überschwemmung die Ursache? All dies ist in diesem Hochtal möglich, aber nichts ist sicher überliefert.
Drei gute Frauen von Scruengo sammelten in einer armseligen Hütte die Überreste des ehemaligen Dorfes. Sie lebten unter den Ruinen und suchten den noch am Leben gebliebenen Bewohnern mit allerhand Wohltaten und fürsorglichen Werken zu helfen.
Eine der Glocken der Kirche von Scruengo wurde aus den Trümmern wieder gefunden. Die drei mildtätigen Frauen schickten die Glocke nach der Glockengiesserei von Sesto Calende am Südende des Langensees, damit sie dort auf ihre Kosten von neuem gegossen und geweiht würde. Dort unten also wurde die Glocke umgegossen.
Die Männer der Glockengiesserei sagten zu denen, die sie auf einen Wagen luden und an den See schafften: «Bevor ihr sie auf eine Barke umladet, lasst sie aufs neue segnen.»
Am Hafenplatz angelangt, sprachen die Wagenführer zu den Rudersleuten: «Bevor ihr vom Ufer wegfahrt, lasst die Glocke weihen.» Dieser Befehl ging von einem zum andern, ohne dass er jedoch ausgeführt wurde. Schliesslich war die Glocke schon auf dem Schiff. Dieses fuhr zuerst auf ruhigen Wellen seeaufwärts gegen Luino und Locarno. Da plötzlich begann sich das Wasser zu erregen, am Himmel erschienen immer grössere und dunklere Wolken. Endlich brach ein furchtbarer Sturm los und erfüllte alle mit Entsetzen. Steuermann, Ruderer und Reisende gerieten in Verzweiflung. Unter den Mitfahrenden war auch ein Priester, der sie zu beruhigen suchte und ihnen empfahl, zu beten. Er selber half mit kräftigen Armen mitzurudern. Da schrie einer im Schiff: «Ich bin an allem Unglück schuld, ich habe versprochen, die Glocke aufs neue zu weihen und habe es unterlassen!» Darauf segnete der Priester die Glocke. Nicht lange nachher Hess der Wind nach, der Sturm legte sich und die Wasser beruhigten sich. So brachten sie die Glocke glücklich ans andere Ende des Sees bei Magadino, von wo aus sie das Tessintal aufwärts mit unsäglicher Mühe bis Quinto geführt wurde.
Die Bürger von Quinto zeigten sich dankbar für die gestiftete Glocke. Sie gaben mit ihrem Glockengeläute das Zeichen zur sonn-täglichen Messe erst dann, wenn sie die drei Frauen von Scruengo in der Nähe der Brücke von Morenchia am Tessin auftauchen sahen.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.