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Die Zahl der Tierversuche in der Schweiz ist seit Mitte der 1990er Jahre kaum gesunken. Im Jahr 2020 lag sie bei 560‘000 Tieren. Dazu kommen 600’000 genmodifizierte Mäuse, die zwar speziell für Tierversuche gezüchtet wurden, aber nicht verwendet werden konnten, weil sie zum Beispiel einen unbrauchbaren Genotyp oder das falsche Geschlecht hatten.
Diese Tiere wurden getötet, ohne dass sie vorher für Versuche eingesetzt worden wären. «Redlicherweise müssten aber auch diese Tiere in der Tierversuchsstatistik mitgeführt werden», findet Julika Fitzi, vom Schweizer Tierschutz STS.
Forschung für mehr Tierwohl
In der Statistik deutet zwar nichts darauf hin, aber die Bemühungen, die Tierversuche zu verbessern, zu reduzieren oder sogar ganz zu ersetzen, sind am Wachsen. 2018 gründete der Bund dafür das sogenannte 3R-Kompetenzzentrum. Zurzeit läuft ein 5-jähriges Forschungsprogramm, mit dem gezielte Projekte gefördert werden, um Tierversuche zu verbessern oder zu ersetzen. 20 Millionen Franken stehen dafür zur Verfügung.
Was ist das 3R-Prinzip?
Nach diesem Prinzip sollen heute in der Schweiz die Tierversuche durchgeführt werden. Die Initiative wird getragen vom Bund, von den Hochschulen und der Pharmaindustrie.
Die 3 R stehen für:
- Replace: Keine Tierversuche, wenn es geeignete Alternativmethoden gibt.
- Reduce: Die Anzahl Tierversuche und Versuchstiere so weit möglich reduzieren. Entscheidend dabei ist, so viele Tiere einzusetzen, dass eine statistisch abgesicherte Aussage möglich ist.
- Refine: Die Methoden und den Umgang mit den Tieren während der Versuche und in der Haltung optimieren, damit es ihnen möglichst gut geht.
Versuche an Zellen statt an Tieren
Wie Tierversuche ersetzt werden können, zeigt zum Beispiel ein neuer Test mit Fischzellen, den die Eawag, das Wasserforschungsinstitut der ETH, entwickelt hat.
Die Giftigkeit von Chemikalien in Gewässern kann nun anhand von gezüchteten Kiemenzellen getestet werden und es müssen nicht mehr jährlich Tausende von Regenbogenforellen vergiftet werden. Solche alternative Testmethoden zu entwickeln ist aber sehr aufwendig und hat im konkreten Fall mehr als 15 Jahre gedauert.
US-Umweltbehörde setzt neue Massstäbe
Vielen geht das zu langsam. Die US-Umweltbehörde EPA will nun vorwärts machen und plant, bis 2035 im Bereich der Toxikologie sogar ganz auf Tierversuche verzichten.
«Das ist sehr ambitioniert», sagt Lothar Aicher vom schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie, «aber es zeigt, in welche Richtung die Entwicklung geht». Aicher arbeitet als Toxikologe mit am OECD-Testrichtlinien-Programm, bei dem Standards für Tierversuche neu festgelegt werden. «Die Entwicklung in Richtung verfeinerter und weniger Tierversuche ist in vollem Gange, aber sie wird wohl weniger schnell kommen, als sich das viele wünschen», sagt Aicher.
Manche Tierversuche sind kaum ersetzbar
Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum Tierversuche in vielen Bereichen nicht so einfach zu ersetzen sind. Bei der Medikamentenentwicklung müssten neue Stoffe statt zuerst am Tier, direkt am Menschen getestet werden.
Auch bei der Erforschung komplexer Abläufe, wie etwa einer Krebserkrankung, können Alternativen wie Zellkulturen oder im Labor gewachsene 3-D-Gewebemodelle, sogenannte Organoide, oft keinen Ersatz bieten. Erst in einer Ratte oder einem Hund kann der komplexe Verlauf der Krankheit erforscht werden, um dann Ansätze für eine Therapie oder neue Medikamente zu finden.
Und schliesslich entwickelt die Forschung immer wieder neue Technologien, wie etwa die Mobilfunk- oder die Nanotechnologie, die auch auf mögliche gesundheitliche Schädigungen überprüft werden müssen. Hier steht der Wunsch nach möglichst viel Sicherheit und der Wunsch nach möglichst wenig Tierversuchen oft im Widerspruch.