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Jörg Steiner
1930-2013. Geboren in Biel. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen und Gedichte. Zusammen mit dem Illustrator Jörg Müller hat er mehrere Kinderbücher verfasst. Steiner lebte als freischaffender Autor in Biel, wo er am 20. Januar 2013 starb. (2015)
Werke (Auswahl)
Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean.
Suhrkamp Verlag, 2008
Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch.
Suhrkamp Verlag, 2000
Was wollt ihr machen, wenn der schwarze Mann kommt?.
Sauerländer Cornelsen Schulverlage, 1998
Der Kollege.
Suhrkamp Verlag, 1996
Weissenbach und die andern.
Suhrkamp Verlag, 1994
Fremdes Land.
1989
Aufstand der Tiere.
1989
Olduvai.
1985
Das Netz zerreissen.
1982
Strafarbeit.
1962
Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean
Suhrkamp Verlag, 2008
Von seinem ersten Roman „Strafarbeit“ (1962) über „Das Netz zerreissen“ (1982) bis zu „Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch“ (2000) sind Aussenseiter und Einzelgänger, Anpassung und Verweigerung, Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft Steiners zentrale Themen. In diesem Jahr ist „Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean“ erschienen, wiederum ein leises Buch, dessen Qualitäten im Einfühlungsvermögen und der Genauigkeit der Beobachtungen liegen. Mit Kinderbüchern, in Zusammenarbeit mit dem Illustrator Jörg Müller entstanden und in viele Sprachen übersetzt, wurde Jörg Steiner einem weiten Publikum bekannt.
Aus: Jörg Steiner. Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean. Suhrkamp Verlag, 2008
Über seinen Wurzeln türmten sich Scherben und Schutt, Backsteinbruch, Plasticsäcke, verbogene Eisenteile und verfaulte Esswaren. Nach einer Verletzung war an seinem Stamm eine kropfartige Verwachsung entstanden. Auch jetzt noch, im Herbst, floss daraus bersteinfarbenes Harz. Kinder besprengten ihn mit ihren Wasserpistolen, hielten ihn am Leben, zogen ihn auf. Vielleicht würde er den Bandenkriegern im Laufe der Zeit zu einer Freistatt werden, sie würden sich in der heissen Jahreszeit im Schatten seiner Krone aufhalten: es wäre ihr Baum geworden und er sollte über alles hinauswachsen; davon träumten die ‚Tree People’.
Fr, 02.05.08, 16:00
Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch
Suhrkamp Verlag, 2000
Aus: Jörg Steiner. Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch. Suhrkamp Verlag, 2000
Alles, was er erzählt, erzählt er allen, und wenn er einem etwas anderes erzählt, erzählt er nachher allen, er habe einmal einem etwas anderes erzählt, das sei aber auch wahr.
Er bleibt bei der Wahrheit.
Dass die Wahrheit eine Geschichte ist, heute eine andere als morgen, ist nur natürlich. Das kann man nachprüfen am Most, zum Beispiel. Im Frühling blüht der Apfelbaum nach dem Kirschbaum, die Apfelblüten sind nicht weiss, sondern rosa, dann wachsen die Früchte heran, Goldparmäne oder Sauergrauech oder Bernerrose, und die Früchte werden, wenn sie reif sind, zur Presse gebracht und zu Apfelsaft gepresst, das ist dann Süssmost, den kann man trinken oder gären lassen, bis er sich zu saurem Most verwandelt, der viel gesünder ist als Süss-most, und so ist es eben mit der Wahrheit auch. Würde sie sich nicht verwandeln, wie alles, was lebt, müsste man sagen, die Wahrheit sei tot. Da ist nichts zu machen: Eisinger spricht alles aus, was ihm durch den Kopf geht.
Sa, 03.06.00, 20:30
Was wollt ihr machen, wenn der schwarze Mann kommt?
Sauerländer Cornelsen Schulverlage, 1998
So, 16.05.99, 11:30
Der Kollege
Suhrkamp Verlag, 1996
Aus: Jörg Steiner. Der Kollege. Suhrkamp Verlag, 1996
Greif geht da nicht mehr hin. Manchmal sehnt er sich nach der Kellnerin. Sie hatte eine Art, die Kunden warten zu lassen, die ihn an seine Schwester erinnerte. Verärgert riefen die Gäste nach ihrem Bier, während die Kellnerin mit dem Schankburschen in der Anrichte schakerte, ihr wildes Lachen ausstiess aya, aya und sich das Haar aus der Stirn strich: eine Frau mit leuchtenden, dunklen Augen grossen Zähnen und immer geöffneten Lippen Noch in den Fünfzigerjahren hatten im Restaurant St. Gervais vor allem Gewerk Mitglieder eines Pfeifenclubs, die den Namenswechsel von Proletaria zu St. Gervais bedauerten. Später waren Beamte Lehrer, Künstler und Leute, die sich als nichts so recht zusammenpassen wollte: das Gesicht passte nicht zu den Händen, der durchdringende Blick nicht zum beweglichen Mund. Oft sass er in eine Ecke ge kauert, auf der hintersten Bank und starrte selbstversunken in die Kaffeetasse, dann wieder sah und hörte man ihn, mitten am langen Tisch, umringt von seinen Kumpanen, zu laut reden.
So, 19.05.96, 13:00
Weissenbach und die andern
Suhrkamp Verlag, 1994
Aus: Jörg Steiner. Weissenbach und die andern. Suhrkamp Verlag, 1994
Weissenbach und die anderen, das ist eine einfache Geschichte. Sie, die in der Stadt Otterwil Barone genannt werden, treffen sich am Freitagabend im Café Zentralhalle. Juri Helfenstein, Stadtplaner von Beruf, hat an diesem Nachmittag in einem, wie er behauptet, von Abfall überquellenden Papierkorb ein altes Wachstuchheft gefunden, das nun die Anwesenden den neu Hinzukommenden weiterreichen, mehr oder weniger gleichgültig, als Signal ihrer Verbundenheit, das die übrigen Gaste, die nicht Zugehörigen, als Einigkeitszeichen unter Gleichgesinnten sehen sollen. Nur Weissenbach hält das Heft länger in der Hand, wendet es hin und her, abgegriffen ist es, brüchig: und was gehen ihn die Gedanken eines Fremden an? Er schlagt es auf, findet aber nichts Belastendes darin keine Intimitäten, keine Bekenntnisse sondern Protokolle: sorgfältig mit farbigen Stiften..
Fremdes Land
1989
Aus: Christine Rinderknecht. Fremdes Land. 1989
Am Sonntagmorgen, Jaag stellt sich schlafend, geht Lisa auf Zehenspitzen durchs Zimmer, und er weiss: sie wird am blühenden Feuerbusch vorüber durch die Gartenwildnis gehen, bis dahin, wo sich das Riedland den Garten Jahr für Jahr zurückholt, bis an die Grenze also oder darüber hinaus - denn die Grenze ist fliessend, die Grenze ist eine Kampfzone, ein sichtbares Zeichen der Auseinandersetzung im Sperrgebiet, im Zielgelände für Jagdflugzeuge -, Lisa wird dort, auf dem Feuerplatz vor dem mit Wellblech abgedeckten Holzhaufen, Scheite auf-schichten und anzünden, sich dann hinkauern und warten, bis sich ein Glutteppich gebildet hat, der gross genug ist, um zwölf Artischocken aufzunehmen; Artischocken nach römischer Art. Lisa wird die Artischocken in die Glut legen und dann ins Haus zurückkehren.
Es regnet nicht. Regen hört man in diesem Haus auch dann, wenn der See laut ist; Regen hat Erich Jaag bei seinem Vater hören gelernt.
Fr, 05.05.89, 17:00
Olduvai
1985
Das Netz zerreissen
1982