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Norbu Sherpa (36) muss lachen, während er erzählt, unter welchen Umständen er Andrea Zimmermann (40) vor sechs Jahren kennengelernt hat: «Sie war Kundin, ich der Expeditionsführer – und sie war so unglaublich dickköpfig.» Andrea war einst in der Disziplin Tourenski als Spitzensportlerin unterwegs. 2011 reiste die Anwältin nach Nepal, um den Cho Oyu, den sechsthöchsten Berg der Welt, zu besteigen. Ihr Ziel war nicht nur, bis ganz nach oben zu kommen, sondern den Berg vom Basislager (5700 Meter) bis auf den Gipfel (8201 Meter) in einem Anlauf zu bezwingen. Norbu versuchte ihr das auszureden. Vergebens.
Andrea musste damals 400 Höhenmeter unter dem Gipfel aufgeben, wegen Magen-Darm-Problemen. Aber das war nicht weiter schlimm. Denn es knisterte bereits. Norbu war fasziniert von ihrer Entschlossenheit, Andrea liess sich anstecken von seiner fröhlichen Art.
Andrea und Norbu in einem der provisorischen Schulzimmer, die sie aufgebaut haben.
Nachdem Norbu 2012 zum ersten Mal einen Monat in der Schweiz verbracht hatte, entschieden sich die beiden, ihr Leben definitiv gemeinsam zu planen. Im folgenden Jahr kündigte Andrea ihren Job am internationalen Sportschiedsgericht in Lausanne, und das Paar investierte seine ganze Energie in den Aufbau von Wild Yak Expeditions, einer auf den Himalaya spezialisierten Agentur für Trekking und Expeditionen.
Aber halt: Kann das gut gehen? Hier die Anwältin aus der Schweiz, da der Sherpa aus Nepal? Im Fall von Andrea und Norbu funktioniert die Kombination bestens. Das liegt mitunter auch daran, dass Norbu einen speziellen Hintergrund hat. Er verbrachte seine Jugend in Indien, wo er dank seiner Tante eine gute Schule besuchen konnte.
Wie Perfektionismus und Zen-Feeling harmonieren
Zurück in Nepal, war er mit seinen überdurchschnittlich guten Englischkenntnissen eine gefragte Arbeitskraft im Büro einer Expeditionsagentur. Doch Norbu träumte von den Bergen. Um selbst an Expeditionen teilnehmen zu können, kündigte er seinen Bürojob und begann nochmals ganz unten: erst als Träger, dann als Küchenhilfe, später als Kletter-Sherpa und bald als Sirdar, als Chef der Expedition-Sherpas.
«Für Norbu sind die Berge mehr als bloss ein Arbeitsort. Er ist wie ich mit dem Virus infiziert. Diese gemeinsame Leidenschaft verbindet uns stark», sagt Andrea und wirft ihrem Mann einen verliebten Blick zu. Klar gebe es kulturelle Unterschiede zwischen ihnen, aber das sei auch eine Bereicherung: «Ich bin wirklich eine typische Schweizerin und übertreibe es zuweilen mit meinem Perfektionismus», sagt Andrea. Norbu fällt ihr ins Wort: «‹Be Zen› muss ich ihr des Öfteren sagen.» Andrea sei dank ihm etwas lockerer geworden – und er dank ihr etwas pünktlicher.
Norbu hat nicht nur eine spezielle Geschichte, sondern ist auch sehr offen für Neues. Das war mit ein Grund, warum er 2008 zu einem der Protagonisten im preisgekrönten «Dok»-Film «Sherpas – die wahren Helden des Everest» wurde.
Wie aus einem Traum ein Albtraum wurde und am Ende doch viel Gutes entstand
2015 wollte das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) wissen, was aus dem jungen Sherpa geworden war, der sieben Jahre zuvor am Anfang seiner Karriere stand. Die Fernsehmacher waren ziemlich erstaunt, als sie Norbu im Unterwallis antrafen. Und gleichzeitig begeistert von der Liebesgeschichte zwischen Nepal und der Schweiz.
In der Folge plante das SRF, das Paar nach Nepal zu begleiten, wo Andrea und Norbu Informationen für ihre Agentur einholen, ein Hilfsprojekt für die Halbwaisen von am Berg verstorbenen Sherpas aufbauen und gemeinsam den Mount Everest besteigen wollten. Doch aus dem Traum wurde ein Albtraum: Am 25. April, kurz vor 12 Uhr mittags, bebte in Nepal die Erde, mit einem Wert von 7,8 auf der Richterskala. Rund 9000 Menschen starben, mehr als 22'000 wurden verletzt, beinahe eine Million Häuser stürzte ein.
Der erste SRF-Dokfilm: «Sherpas – die Helden am Everest», mit Norbu Sherpa und Andrea Zimmermann.
Von einer Sekunde auf die andere gab es Wichtigeres als sportliche Leistungen und künftigen Geschäftserfolg. Andrea und Norbu leisteten Erste Hilfe im Katastrophengebiet und konzentrierten sich dabei auf die abgelegene Region von Charikot. Dank Spenden aus der Schweiz an ihr Hilfswerk Butterfly Help Project gelang es ihnen, innerhalb von 45 Tagen insgesamt 31 Tonnen Nahrungsmittel zu verteilen und drei Schulen für 500 Kinder provisorisch wiederaufzubauen.
Vergangenes Jahr versuchten die beiden erneut, das Dach der Welt zu erreichen. Vor der Besteigung wurden sie wieder vom Fernsehen begleitet, wobei Norbu während der Besteigung selbst zum Kameramann wurde. In der zweiteiligen «Dok»-Serie erfährt man unter anderem, ob es Andrea dieses Mal bis ganz nach oben schafft, was aus ihrem Hilfsprojekt geworden ist – und wie sich Andrea und Norbu bei einer nepalesischen Heiratszeremonie das Ja-Wort geben.
Folge 1 des Porträts: «Im Schatten des Everest – Vom Trauma zum Traum», am 31. März um 21 Uhr auf SRF1
Folge 2 des Porträts: «Im Schatten des Everest – Aufbruch zu neuen Ufern», am 7. April um 21 Uhr auf SRF 1
Autor: Andrea Freiermuth
Fotograf: Jeremy Bierer