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Während des Jahres 1958 entstand in Rio de Janeiro der Bossa Nova. Der innovative Musikstil und die Bewegung dahinter haben eine interessante Geschichte.
Am 10. Juli 1958 wurde in Rio eine 78er-Platte aufgenommen, die Musikgeschichte schrieb. Der damals 27jährige João Gilberto interpretiert auf der A-Seite „Chega de Saudade“ (Schluss mit Sehnsucht), gekoppelt mit dem dadaistischen „Bim-Bom“. Man kann sich den scheuen Gilberto gut vorstellen, wie er auf seinem Hocker die Gitarre zur stimmungsvoll zurückgenommenen Musik zupft, den Kopf über das Instrument gesenkt. Ein Repräsentant der Plattenfirma Odeon in São Paulo soll das erste Exemplar der Platte wütend zerbrochen haben. Erst als die „Scheisse aus Rio“ sich wie blöd zu verkaufen begann, zeigte er Reue.
Die Aufnahme gilt als eine Geburtsstunde des Bossa Nova, obschon sich diverse Zeugungsakte und Geburten mit lustvollen Wehen mindestens über ein Jahr hinweggezogen haben. Viele Bossa-Aficionados bezeichnen die Sessions zu einer LP von Elisete Cardoso mit dem gleichen Tom Jobim-Song „Chega de Saudade“ vom März/April 1958 als früheste Bossa-Aufnahmen. Doch war es letztlich João Gilberto, der den Bossa Nova zur wirklich innovativen Musik gemacht hat. Ohne ihn gäbe es den „Letzten Schrei“, wie man den Begriff „Bossa Nova“ übersetzen kann, in seiner ausgereiften Form nicht. Was mit Joãos speziellem Gitarrenspiel, einer auf eins betonten Zweiviertelrhythmik und der intimen Art seines Gesangs zusammenhängt.
João Gilberto stammt aus Bahia. In Rio stiess er zur Copacabana-Plaza-Clique, jener Bossa-Nova-Bande, die sich nach einem Hotel benannte, in dessen Lounge sich Vinicius de Moraes (1913-1980), Carlos Antonio „Tom“ Jobim (1927-1994), die Sängerin Nara Leão und andere herumtrieben. Der Dichter Vinicius und Tom Jobim kamen von der klassischen Literatur sowie der romantischen und impressionistischen Musik her. Vinicius’ Theaterstück „Orfeu“ - drei Jahre später als „Orfeu Negro“ ein Filmerfolg - wurde 1956 mit Jobims Musik uraufgeführt.
Romantik und Impressionismus machten sich auch später in Tom Jobims Bossas immer wieder bemerkbar. Ein sehr schönes Beispiel aus dem Jahr 1963 ist „Amor em Paz“ mit einem Text von Vinicius. Impressionistische Streicherakkorde tasten sich leise in das sozusagen windstille Lied, Sylvia Telles, eine der frühesten Bossa-Sängerinnen und einer Astrud Gilberto gesanglich haushoch überlegen, legt ihre ruhig schwebenden und intensiven Vokalisen darüber, ein Saxofon-Solo swingt später filigran herein. Fazit: Zeitlose Wertarbeit.
Dass der Bossa Nova ohne Jazz nicht denkbar sei, ist ein Märlein, das die US-Amerikaner gerne verbreiten. In Tat und Wahrheit entwickelte sich der BN aus dem Samba Canção, dem Samba-Lied. Erst 1962, als viele BN-Musiker aus pekuniären Gründen die USA besuchten, erfolgte eine intensive Fusion mit dem Jazz. „Influência do Jazz“ heisst denn auch ein Bossa von Carlos Lyra aus ebendiesem Jahr, wo es bissig heisst: „Mein armer Samba... schau bloss, dass du diesen Jazz-Einfluss wieder los wirst.“ Ab 1962 liessen sich fast alle US-Jazzgrössen vom Bossa Nova inspirieren, es gibt BN-Interpretationen von Ella Fitzgerald, Coleman Hawkins, Dizzie Gillespie und anderen. Das warme Saxofon-Spiel eines Stan Getz bereicherte übrigens den BN zweifellos.
Ein Funken Wahrheit glimmt an der Einschätzung, dass die Innovation der Copacabana-Clique eine weisse Reaktion auf den schwarzen Samba sei. Zu den musikalischen Eigenheiten gesellen sich textliche: gewisse Bossas bedienen sich konkret-lautmalerischer Poesie, die Lyrics des berühmten „Samba da uma Nota só“ (Samba einer einsamen Nacht) von Mendoça/Jobim tragen surrealistische Züge. Ansonsten ist der Output der sechs wichtigen Bossa-Jahre von amourös-melancholischer und spinnerter Leichtigkeit, welcher allerdings ab 1964 durch die brasilianische Militärdiktatur der Garaus gemacht wurde. Die neuen Machthaber kamen sich von Texten, wie jenem des oben erwähnten „Bim Bom“ wohl hochintellektuell verschaukelt vor. Ein Ausschnitt:
"Bim bom bim bim bom
bim bom bim bim bom bim bim
E só isso o meu baiao
E não tem mais nada não
O meu coração pediu assim, só
bim bom bim bim bom bom
etc etc..."
Die vorletzten drei Zeilen bedeuten in etwa : „Nur dies ist mein Baião / und nichts anderes gibt es / worum mein Herz bittet“. Der dadaistische João Gilberto-Text unterstreicht, was die einstmalige Bossa-Nova-Muse Nara Leão später kritisch anmerkte: „Der BN portierte nichts, was in Einklang mit der brasilianischen Realität gebracht werden konnte“.
Als Musikstil wirkt der Bossa Nova bis heute nach, junge Sängerinnen und Sänger greifen auf ihn zurück. Allerdings wirkt solches immer etwas aufgesetzt, denn es fehlt das reale Flair, der soziale Hintergrund, welcher untrennbar mit der Luftikus-Stimmung jener sechs Jahre in der Zona Sul, in Ipanema und an der Copacabana verbunden bleibt.
Tipp: „The Universal Bossa Nova Collection“, 10 CDs, Universal
Veranstaltung: Am Donnerstag, 7. August erzählt Sônia Jordi im Zürcher Clube do Forró die Geschichte des Bossa Nova, Elias Moreira singt die einschläggigen Songs dazu. Zürich-Oerlikon, Schaffhauserst. 439, 20. 30 Uhr