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Im Matthäusevangelium ist es eingebettet in einen längeren Lehrvortrag. In diesem greift Jesus auch das Thema Beten auf. Grundsätzlich, so Jesus, gehört das Gebet ins stille Kämmerlein. Es besteht sonst die Gefahr, mit vielen, theatralisch ausgesprochenen und wohlgewählten Worten protzen und sich in der Gemeinde zur Schau stellen zu wollen, in dem Sinne: «Schaut, wie gläubig und fromm ich bin! Bin ich nicht grossartig?»
Aber auch der Überlegung – je mehr Worte desto eher werde ich erhört –, erteilt Jesus eine Abfuhr. Wenn also in der Gemeinschaft gebetet werden soll, dann so: «Unser Vater im Himmel» oder wie es katholische Christen beten «Vater unser im Himmel». Beides sind mögliche Übersetzungsvarianten aus dem griechischen Urtext. Interessant ist auch, dass viele griechische, beziehungsweise lateinische Handschriften die Worte so wiedergeben: «Unser Vater in den Himmeln.» Es ist faszinierend, dass die Bibelübersetzungen auf ganz vielen handgeschriebenen alten Texten beruhen, die da und dort abweichen. Die Übersetzerteams müssen dann entscheiden, welche Variante sie als ursprünglich einstufen und uns diese in den Bibeln vorlegen.
Manchmal lohnt es sich, den bekannten Text noch in einem anderen Kontext zu studieren. Wir verlassen deshalb das Matthäusevangelium und wenden uns dem Lukasevangelium zu. Auch dort findet sich das «Gebet der Christen». Allerdings ist die geschilderte Situation nicht ein Lehrvortrag vor vielen Zuhörenden, in dem Jesus von sich aus auf das Thema zu sprechen kommt. Es ist das persönliche Bedürfnis eines Jüngers.
Dieser beobachtete nämlich, wie Jesus in der Stille ins Gebet versunken war. Es ist bekannt, dass Jesus immer wieder abgelegene Orte aufgesucht hat, um zu beten. Berge, selten frequentierte Gärten, einsame Wüstengegenden: Das waren seine «stillen Kämmerlein». Was betet mein Meister? Wie betet er? Diese Fragen mussten diesen Mann aus seinem Schülerkreis beschäftigt haben. Deshalb ging er auf Jesus zu und bat: «Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.»
Die Antwort von Jesus an alle, die bei ihm waren: «Wenn ihr betet, so sprecht: ‹Vater›.» Er sagte nichts von «unser Vater» und nichts von «im Himmel». Wir haben also zwei Gebetsvorlagen. Das Gebet im Matthäusevangelium enthält sieben Bitten, dasjenige im Lukasevangelium fünf.