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Während eine Handvoll Superreicher tägliche Zinseinkommen von mehreren Tausend Franken einstreicht, erarbeiten sich die zwei Milliarden Menschen, die zur globalen Mittelklasse gezählt werden, zwischen zehn bis hundert US-Dollar pro Tag. Am untersten Ende der Einkommenspyramide sind die fast 2,5 Milliarden Menschen, die mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen müssen – über die Hälfte davon (fast ein Fünftel der Menschheit) gar mit weniger als 1,25 US-Dollar.
1,25 US-Dollar pro Tag – das ist die offizielle, von der Uno verwendete Definition «extremer Armut». Es ist der wichtigste Indikator in der internationalen Entwicklungspolitik und bestimmt die Strategien und Analysen von Entwicklungsländern und -organisationen. Doch selbst viele EntwicklungsspezialistInnen sind sich nicht bewusst, dass die vermeintlich objektive und einfache Definition extremer Armut ein ziemlich abenteuerliches Konstrukt ist – und die Grenze zur extremen Armut noch viel tiefer liegt, als es die schöne Zahl von 1,25 US-Dollar nahelegt.
Theorie und Praxis
Es erscheint praktisch unmöglich, mit 1,25 US-Dollar pro Tag in den USA den Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch genau das muss man sich unter extremer Armut nach Uno-Definition vorstellen: In den reichen Ländern findet der Indikator zwar keine Anwendung, aber für die Entwicklungsländer werden die 1,25 US-Dollar an die jeweils deutlich tieferen Lebenskosten angepasst. Durch diese Kaufkraftbereinigung gilt man etwa in China erst dann als extrem arm, wenn man weniger als 80 US-Cent verdient, im viel ärmeren Burkina Faso weniger als 52 US-Cent oder 49 Rappen.
Immerhin werden die Werte regelmässig an die Inflation angepasst. Doch die Weltbank, die fürs Methodologische zuständig ist, schreibt selbst, sie könne nur bedingt berücksichtigen, dass Arme andere Güter kaufen als DurchschnittskonsumentInnen. Arme geben einen höheren Anteil ihres Einkommens für Essen aus als die Mittelschicht – und ausgerechnet die Nahrungsmittelpreise sind in den letzten Jahren explodiert. Da schmelzen also nochmals einige Rappen von dem täglich zur Verfügung stehenden Einkommen dahin.
Die offizielle Armutsgrenze von kaufkraftbereinigten 1,25 US-Dollar ist so extrem tief, weil sie auf dem Durchschnitt der nationalen Armutsgrenzen der fünfzehn ärmsten Länder beruht. Trotzdem erfasst die Uno damit auch die Armut in den restlichen 128 Entwicklungsländern – die teilweise deutlich reicher sind und höhere nationale Armutsgrenzen haben. Logischer wäre also eine Armutsdefinition, die der durchschnittlichen Armutsgrenze aller Entwicklungsländer entspricht. Die liegt bei zwei US-Dollar pro Tag.
Armut halbiert?
Eine global und zeitlich einheitliche Armutsdefinition ist nötig, um Fortschritte in der sogenannten Armutsbekämpfung zu dokumentieren. Auch hier spielen Definitionen eine entscheidende Rolle. So legte die Uno in ihrem ersten Millenniumsentwicklungsziel fest, dass der Prozentsatz der Menschen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar auskommen müssen, bis 2015 halbiert werden soll. Dank dieser Zieldefinition konnten im April viele Medien verkünden, die globale Armut habe sich nun in der Tat halbiert.
Hätte die Uno zum Ziel gehabt, nicht nur den abstrakten Prozentsatz an extrem Armen zu reduzieren, sondern tatsächlich mehr Menschen aus der extremen Armut herauszubringen, wären die Resultate einiges ernüchternder. Auch der statistische Einfluss von China ist erwähnenswert: Ausserhalb der Volksrepublik gab es 2008 mehr extrem Arme als 27 Jahre zuvor.
Und selbst in China entsteht noch lange keine grosse Mittelklasse: Praktisch alle von extremer Armut befreiten ChinesInnen leben noch immer mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag, kaufkraftbereinigt sind das weniger als 1,35 US-Dollar. Das ist nun offiziell nicht mehr extrem, sondern nur noch normal arm.