Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03628.jsonl.gz/571

Es ist der Beginn des zweiten Kapitels einer der ambitioniertesten Kollaborationen des Rock-Genres im neuen Jahrtausend: nachdem Soulsavers-Mastermind Rich Machin 2012 in Zusammenarbeit mit Depeche Mode-Frontmann Dave Gahan ein beeindruckend emotionales Album mit dem Titel "The Light The Dead See" veröffentlicht hatte, liegt nun mit "Angels & Ghosts" endlich der heiß ersehnte Follow-Up vor.
"The Light The Dead See" hatte vor drei Jahren sowohl Fans als auch Kritiker mit großartigen Streicher- und Gospel-Arrangements sowie beeindruckenden Vocals begeistert und Platz zwölf der deutschen Charts erreicht. Mit "Angels & Ghosts" präsentieren Gahan und Machin nun ein noch stärkeres und musikalisch härteres Album, das mit einem erzählerischen Ansatz alter Schule und erhellendem Optimismus im Angesicht tiefster Verzweiflung aufwartet. Alle neun Songs des Albums wurden von Dave Gahan und Soulsavers geschrieben.
Als Gründungsmitglied von Depeche Mode ist Dave Gahan seit mehr als dreißig Jahren ein wesentlicher Bestandteil im Schaffen und Wirken der legendären britischen Band. Neben seinen Live-Qualitäten als Frontmann und Sänger stellte der 53-jährige in den vergangenen Jahren auch verstärkt seine Fähigkeiten als Songwriter unter Beweis: neben einigen Liedern für die drei letzten Depeche Mode-Alben "Playing The Angel", "Sounds Of The Universe" und "Delta Machine" veröffentlichte Gahan 2003 und 2007 mit "Paper Monsters" und "Hourglass" auch zwei hochgelobte und erfolgreiche Solo-Alben.
Soulsavers entstammt der britischen Remix-Kultur und veröffentlichte bislang drei Alben. Bevor der aus dem britischen Stoke-On-Trent stammende Machin Dave Gahan kennen lernte, hatte u.a. Ex-Screming-Trees Legende Mark Lanegan die Soulsavers-Songs mit seinem unverwechselbaren Bariton veredelt. Die Lanegan-Connection war ursprünglich auch der Grund, weshalb Gahan überhaupt auf die Soulsavers-Musik aufmerksam geworden war. Als sich die beiden in einem Studio in Los Angeles über den Weg liefen, war Gahan längst Fan der Machin'schen Kompositions- und Produktionskunst.
"Das Album ?It's Not How Far You Fall, It's The Way You Land' war genau die Platte, die ich gebraucht hatte", erinnert sich Dave, "so wie damals ?London Calling' von The Clash, als ich ein Teenager war, oder das erste Mal, als ich Sigur Ros hörte. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber ich hatte danach gesucht und die Musik berührte meine Seele."
Machin war seinerseits mit der Musik von Depeche Mode aufgewachsen, sein Faible für die Band begann 1990 mit dem Album "Violator", als er noch ein Teenager war. "Ihre Alben hatten etwas Dunkles", erinnert er sich. "Neben der Elektronik waren da auch immer diese Gospel- und Blues-Elemente, das waren die Musikstile, die ich mochte und Depeche Mode rannten bei mir natürlich offene Türen ein."
Bei ihrer ersten Begegnung schlug Machin Gahan ganz keck vor, seine Soulsavers könnten doch Depeche Mode supporten - eine eher beiläufig gemachte Äußerung, die dazu führen sollte, dass die Formation 2009 sechs Monate lang im Vorprogramm der "Tour Of The Universe" die Welt bereiste. Nach Abschluss der Tournee bot sich für die beiden schließlich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit.
"Es passte alles ganz offensichtlich sofort zusammen", sagt Rich. "Man musste kein Genie sein, um zu sehen, dass es funktionierte. Es war interessant, jemanden zu nehmen, der für elektronische Musik bekannt ist und in eine Umgebung mit Live-Instrumenten zu stellen. Ich bringe Dinge gerne in eine neue Perspektive und es geschah alles ganz mühelos. Ich habe bereits mit vielen Leuten gearbeitet, aber diese Art von natürlicher Chemie, bei der es einfach ?Klick' macht, ist wirklich sehr selten. Und wenn so etwas passiert, dann muss man sich dem Flow der Dinge einfach fügen."
Nachdem die Arbeiten an "The Light The Dead See" abgeschlossen waren, gingen Machin und Gahan jedoch nicht getrennte Wege, sondern setzten ihre Arbeit fort. Bereits vor der Veröffentlichung des ersten Albums schickte Dave Rich ein iPhone Voice-Memo mit der Kernidee für jenen Song, der nun der Opener des neuen Longplayers ist: "Shine". In der Folgezeit schickten sich die beiden Aufnahmen hin- und her über den Atlantik, bis die fertige Komposition letztendlich eingespielt werden konnte.
Irgendwo in dem munteren Hin- und Her zwischen Lower Manhattan (Dave) und Stoke (Rich) materialisierten sich schließlich jene Songs, die nun das Tracklisting von "Angels & Ghosts" ergeben. Rich schickte Dave instrumentale Demo-Aufnahmen, Dave antwortete mit seinen instinktiven Kommentaren. "Die Musik ergibt für mich Worte und Melodien", erklärt er knapp.
Um die Basic Tracks aufzunehmen, stellte Machin eine Band aus befreundeten Mitstreitern aus aller Welt zusammen. "Das sind keine Session-Musiker, sondern Leute, mit denen ich lang genug gearbeitet habe, dass sie verstehen, worum es geht", erläutert er. "Sie sind Teil des Projekts. Aber sie leben überall verstreut: an der Westküste, an der Ostküste, in Nordengland, in Südengland?"
Und als wäre der logistische Alptraum, all die Musiker aufzunehmen, nicht schon genug, hatten sich Dave und Rich auch noch in den Kopf gesetzt, das Album müsse klingen, als sei es "live in einem Raum" aufgenommen worden. "Wir haben uns jede Menge alte Ray Charles-Platten angehört", sagt Rich, "wir wollten diesen, organischen, ?räumlichen' Sound und wir konnten diesmal einige tolle Räume nutzen." Unter anderem nahmen die beiden im Sunset Sound Studio in Los Angeles auf, wo die prachtvollen, aber nie übertriebenen Bläser- und Streicher-Parts unter der meisterhaften Leitung von Arrangeur/Dirigent Daniele Luppi entstanden. "Ich arbeite mit ihm seit sechs oder sieben Jahren zusammen", sagt Rich. "Er legt mir den Arm um die Schulter und lässt mich in seine Welt eintreten. Er ist von einer Leidenschaft erfüllt, die wirklich ansteckend ist."
Auch mit den Gospel-geschulten Background-Sängern, angeführt von Wendi Rose, arbeitet Machin bereits seit mehr als zehn Jahren zusammen. Ihr Beitrag zu allen neun Tracks wurde innerhalb eines einzigen, sehr hektischen Tages im Electric Lady Studio in New York aufgenommen. "Ich lasse diese Leute einfach nur machen, was sie von Natur aus am besten können", sagt Rich. "Ich habe es am allerliebsten, wenn ich die Menschen einfach nur machen lassen kann."
Machin ist ein klassischer "Backroom Boy", einer, der am liebsten im Hintergrund die Strippen zieht. Möglicherweise spielt er seine ambitionierten Pläne etwas herunter, die ihn dazu antreiben, all die verschiedenen Musiker zu einem Soulsavers-Sound zusammen zu fügen. Doch damit nicht genug: es gelingt ihm darüber hinaus, auch noch einige der besten Gesangsleistungen aus Gahan heraus zu kitzeln.
"Der Song 'You Owe Me' handelt davon, die Liebe als Möglichkeit zur Flucht zu sehen", erklärt Dave. "Man kann es in einer Menge Dinge finden, aber es geht letztendlich darum, es in deinem Leben auch zuzulassen. Doch es ist keine Einbahnstraße. Diese Texte zeigen eine dunklere Seite von mir, eine, die mich quält - wie wenn man zwischen zwei Parteien zerrissen wird."
Eine solch emotionale und offenbarende Komplexität zu erreichen, gelingt bei einer Songlänge von vier oder fünf Minuten für gewöhnlich nicht allzu oft, doch Gahan zeigt einmal mehr, dass er ein Meister dieser Kunst ist. Wenn er erläutert, wie es Helden wie Johnny Cash, Joe Strummer und Nick Cave gelingt, so tiefgreifend zu ihm zu sprechen, weil sie ihre Texte mit einer solchen Überzeugung und Glauben singen, wird es zunehmend offensichtlich, dass er auch selbst in dieser Kategorie angekommen ist - ein Sänger von kolossaler Präsenz und Reife.
Den Anfang macht der bereits erwähnte Album-Opener "Shine", eine Verbindung von Gospel und Chain-Gang Blues, der für den Hörer der Ausgangspunkt einer Reise ist, die er so schnell nicht vergessen wird. Das Album ist konzipiert wie eine Vinyl-Platte mit zwei Seiten, von der die "erste Seite" die elektronischen Elemente, den Harmoniegesang, die Orchesterparts und Gahans existenziellen Überlegungen zu einer Gesamtheit vereint, deren Bandbreite viel zu groß ist, um als bloße "Rockmusik" verstanden zu werden. Gleich nach dem Beginn von "Seite zwei" stößt man auf den Song "One Thing", der, begleitet von einer bedrückenden, von Klavier dominierten Stimmung, noch weit tiefer gehende Sorgen offenbart. Erst zum Ende des Albums zeigt die Stimmungskurve wieder nach oben und findet in "My Sun" einen wahrlich epischen Abschluss. "Es ging mir darum, ein Album zu machen, das von Anfang bis Ende im Fluss ist", erläutert Machin.
Mit "Angels & Ghosts" legen Rich Machin und Dave Gahan einen späten Anwärter auf das "beste Album des Jahres 2015" vor. Derzeit schmieden die beiden Pläne, den Longplayer live auf die Bühne zu bringen. Geplant sind eine Handvoll Konzerte in ausgewählten, renommierten Theatern auf der ganzen Welt. Auftritte, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.