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Moin. Wer Carsten Wehlmann trifft, wird so herzlich hanseatisch begrüsst, wie es sich in Hamburg gehört. Und überhaupt klingt Carsten Wehlmann viel zu spiessig für einen echten Hamburger Jung, der Schifffahrtskaufmann gelernt hat und dessen Vater als Kapitän zur See gefahren ist. "Wehle" hat da doch die deutlich bessere Wellenlänge. Ein 'Sie', nur um seine Autorität zu stärken, braucht Wehle nicht künstlich einzufordern. Mit seinen 1,91 Metern ragt er heraus.
Schon zu seiner aktiven Fussballkarriere war seine Grösse von Vorteil. Beim FC St. Pauli entwickelte sich Wehle zu einem der besten Zweitliga-Torhüter in Deutschland. Insgesamt 52 Spiele absolvierte er für den Kiez-Klub zwischen 1997 und 2000. Dann lockte die Champions League, die um die Jahrtausendwende tatsächlich noch in Hamburg den Anker setzte. Wehle wechselte zum HSV, für den er in eineinhalb Jahren jedoch kein Pflichtspiel bestritt. Erstens, weil er sich direkt nach dem Transfer einen Trümmerbruch im Finger zuzog. Und zweitens, weil mit Hans-Jörg Butt der Publikumsliebling zwischen den Pfosten stand, der auch noch erfolgreich Elfmeter schoss.
Es folgte ein halbjähriges Gastspiel bei Hannover 96 in der zweiten Liga und eine halbe Saison bei den HSV-Amateuren in der Regionalliga Nord. 2003 entschied sich Wehle für einen Wechsel zum VfB Lübeck, für den er bis 2007 nochmal 19 Zweitliga- und 8 Regionalligaspiele absolvierte. Seine aktive Karriere beendete er schliesslich in der zweiten Mannschaft des FC St. Pauli.
Das Tor zur Welt öffnete sich direkt danach: Wehle nahm er ein Angebot aus Katar an, half dort die heimische Liga zwei Jahre lang zu entwickeln und professionalisieren, ehe er nach der Geburt seiner Tochter wieder zurück nach Deutschland und zu Holstein Kiel ging, wo er zehn Jahre als Chefscout und Torwarttrainer arbeitete. 2018 wechselte Wehle als Sportkoordinator zum SV Darmstadt. 2019 stieg er nach der Beurlaubung von Dirk Schuster zum Sportlichen Leiter der Lilien auf.
In den vergangenen Jahren formte Wehle den einstigen Abstiegskandidaten zu einem ambitionierten Zweitligisten, der drauf und dran ist, sich dauerhaft in den Top-20 im deutschen Profifussball zu etablieren. "Ein Nordlicht lässt die Lilien leuchten", titelte die Süddeutsche Zeitung im Februar 2023 über Wehle. Wie ein Leuchtturm agiert der 50-Jährige mittlerweile als verlässlicher Stratege im Hintergrund, der auch bei unruhiger See standhaft bleibt und nie den Weg zum Ziel aus den Augen verliert. Ein Macher, der sich stets weiterentwickelt hat, seiner herzlich hanseatischen Begrüssung aber bis heute treu geblieben ist: Moin.
Die Tabellensituation ist zwar immer nur eine Momentaufnahme, aber klar: Wenn du nach mehr als 20 Ligaspielen an der Spitze stehst, hast du in der Vergangenheit das ein oder andere richtig gemacht. Wir haben uns nicht nur in dieser Saison kontinuierlich entwickelt, sondern in den vergangenen Jahren stetig Schritte nach vorne gemacht. Die Verpflichtung von Torsten Lieberknecht vor anderthalb Jahren spielt dabei sicherlich auch eine entscheidende Rolle. Er hat die Qualitäten und auch das richtige Bauchgefühl für den Klub. Wir haben generell ein sehr gutes Gruppengefüge und eine hohe Bereitschaft, uns gegenseitig zu fördern und fordern.
Wenn der Scheinwerfer auf mich fällt, flüchte ich jetzt nicht sofort. Aber ich muss nicht immer im Rampenlicht stehen, das ist korrekt. Der Spot gehört auf die Jungs, die Woche für Woche auf dem Rasen abliefern und unseren Fans Freude bereiten. Ich kann meine Arbeit ganz gut einordnen. Viele meiner zentralen Themen finden nicht im öffentlichen Fokus statt, und das ist gelegentlich durchaus von Vorteil. Wenn jeder bei uns im Verein auf seiner Position sein Bestes gibt – egal, wie viel Applaus er dafür von aussen bekommt –, werden wir am Ende alle erfolgreich sein und auch alle profitieren.
Wenn es um finanzielle Möglichkeiten geht, müssen wir ehrlich sagen, dass wir in Darmstadt im Mittelfeld der 2. Bundesliga beheimatet sind. Es gibt einige Vereine, die ein deutlich höheres Budget haben. Im Leitbild bei uns steht: Wir wollen die Top 20 des deutschen Profifussballs mit wirtschaftlicher Vernunft herausfordern. Das dies möglich ist, belegt unsere Gesamtentwicklung durchaus. Nichtsdestotrotz haben wir finanziell Optimierungsbedarf und verschliessen nicht die Augen davor, dass wir auch hier Entwicklung benötigen.
Aufgrund der limitierten finanziellen Möglichkeiten müssen wir sicherlich manchmal kreativere Lösungen finden als andere Klubs. Möglicherweise ist dieser Zugzwang auch ein Zugpferd. Allein mit Geld werden wir keinen Spieler überzeugen können, sofort bei uns zu unterschreiben. Wir probieren deshalb, sehr frühzeitig mit für uns interessanten Spielern in Kontakt zu stehen – und diese dann auch langfristig zu halten. Spieler, die hungrig auf Erfolg und fokussiert auf die eigene sportliche Weiterentwicklung in einem familiären Umfeld sind, haben bei uns beste Chancen, grosse Schritte zu machen. In Darmstadt gehen wir diese gemeinsam und mit der nötigen Ruhe an.
Ich durfte die Bühne Bundesliga und Champions League mit dem HSV ja hautnah erleben, auch wenn ich sie unter anderem aufgrund einer Verletzung leider nicht bespielen konnte. Aber allein die Erfahrung bereichert. Für meine jetzige Position ist es sicherlich von Vorteil, zudem auch in der 2. Bundesliga und in der Regionalliga gespielt zu haben. Ich kann die unterschiedlichen Ansprüche einzelner und Ziele aller auf verschiedenen Ebenen ganz gut einordnen. Als Profi war mein Credo, immer das Bestmögliche aus mir herauszuholen. Daran hat sich nichts geändert.
Es gibt so ein Gefühl für die Kabine, das man nur bedingt lernen kann. Um Dinge auf und neben dem Platz wahrzunehmen, hilft dieser Einblick enorm. Es klingt lediglich wie ein Mosaikstein, aber zu wissen, wie eine Profimannschaft funktioniert, wie einzelne Spielertypen – insbesondere Torhüter – ticken, ist bei gewissen Entscheidungen und Gesprächen ein grosser Pluspunkt. Und ganz nebenbei sind mittlerweile ja viele ehemalige Mitspieler auch in Vereinen, Verbänden und Unternehmen auf unterschiedlichsten Ebenen aktiv, so das ein nicht ganz unwichtiges Netzwerk im Profifussball parallel mitgewachsen ist und stetig weiterwächst.
Als Verantwortlicher muss man bereit sein, Verantwortlichkeiten abzugeben. Der Fussball ist längst keine One-Man-Show mehr. Viel wichtiger ist es, um sich herum ein funktionierendes Team aufzustellen, in dem jeder seine individuellen Fähigkeiten im Sinne des Gesamterfolgs bestmöglich einbringen kann. Neben dem Verständnis für den Sport, Verhandlungsgeschick und einem guten Transfermarktüberblick ist Gruppenführung daher ein ganz zentrales Element auf Entscheider-Ebene.
Ich habe es ja eben versucht, herauszustellen: Die Hauptaufgabe ist nicht bloss die Kaderzusammenstellung für die jeweilige Saison. Es geht vor allem auch um die Zusammenstellung des Teams drumherum: Trainerteam, Betreuerteam, Physioteam und so weiter. Essentiell ist für mich auch die enge Anbindung des Nachwuchsleistungszentrums an die Profiabteilung. Hier gilt es, die Verzahnung stetig zu optimieren, auch immer wieder neue Konstrukte zu entwickeln. Der Weitblick ist für den weiteren Erfolg in der Zukunft entscheidend.
Das CAS Sportmanagement hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen: Der Blick in unterschiedlichste Bereiche des Sportmanagements aus unterschiedlichsten Perspektiven war fachliche Bereicherung und Inspiration zugleich. Der breitgefächerte Fokus auf viele Themen hat mir genauso zugesagt wie die Vielfalt der starken Referenten. Am Ende ist sicherlich auch immer die zusammengestellte Gruppe der Teilnehmer ein essentieller Faktor für eine positive Resonanz. Ich kann mit grosser Freude sagen, hier eine hervorragende Gruppe vorgefunden zu haben, die wie eine Mannschaft auf dem Fussballfeld funktioniert und zusammengearbeitet hat. Das CAS Sportmanagement hat wirklich Spass gemacht und war für mich ein weiterer Schritt der persönlichen Weiterentwicklung.
Endlich kann ich mal ein paar Floskeln raushauen (lacht): Im Fussball kann man gewisse Dinge nicht vorhersehen. Im Fussball sollte man niemals nie sagen. Reicht das? Ganz ehrlich: Mein Anspruch ist es, immer das Bestmögliche zu erreichen – für den Verein, für den ich tätig bin, aber natürlich immer auch ein Stückweit für mich selbst. Erfolgshunger treibt mich an, frisst mich aber nicht auf. Ich bin mittlerweile schon seit fünf Jahren in Darmstadt. Warum sollten keine fünf weiteren Jahre folgen? Wenn ich dann mit Darmstadt 98 in der Champions League wäre, würde ich mich definitiv nicht dagegen wehren. Aber Spass beiseite: Wir sprechen über Profifussball. Erfolg ist da ein wichtiger Massstab für alle handelnden Personen. Das gilt auch für mich. Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Von daher muss ich hier nochmal auf die eingangs erwähnten Floskeln verweisen.
Ob wir am Saisonende etwas zu feiern haben, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Aber wir können Tag für Tag auf und neben dem Platz daran arbeiten, eine Feier wahrscheinlicher zu machen. Das ist für alle Beteiligten doch ein schöner Grund, jeden Tag mit grosser Freude und Motivation zur Arbeit zu kommen.
Vielen Dank für das sympathische Interview, lieber Carsten!
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