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– 02.08.2021 –
Der Bundesrat wird dem Parlament die Beschaffung von 5 Feuereinheiten des Typs Patriot des US-Herstellers Raytheon Technologies beantragen. Das System erzielte in der Evaluation den höchsten Gesamtnutzen und gleichzeitig die tiefsten Gesamtkosten. Der Bundesrat ist überzeugt, dass sich das Patriot-System am besten eignet, die Schweizer Bevölkerung auch in Zukunft vor Bedrohungen aus der Luft zu schützen. Den Entscheid hat er in seiner Sitzung vom 30. Juni 2021 gefällt.
Die heutigen Mittel der Luftwaffe kommen 2030 an das Ende ihrer Nutzungsdauer. Um die Menschen in der Schweiz weiterhin vor Bedrohungen aus der Luft zu schützen, will der Bundesrat die heutigen Kampfflugzeuge ersetzen und ein neues System zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite (BODLUV GR) beschaffen. An der Volksabstimmung vom 27. September 2020 wurde ein Planungsbeschluss angenommen, gemäss dem die neuen Kampfflugzeuge mit einem Finanzvolumen von maximal 6 Milliarden Franken beschafft werden sollen. Daneben sind für das BODLUV GR-System 2 Milliarden Franken geplant. [1]
Patriot – eine Erfolgsgeschichte
Die US Army erteilte 1967 der Unternehmung Raytheon einen Auftrag für die Entwicklung eines neuen Lenkwaffen BODLUV System grösserer Reichweite unter dem Projektnamen “SAM-D”. Neun Jahre später startete die Produktion, und das System wurde in Patriot umbenannt. Die Indienststellung durch die US Army erfolgte ab 1982 und 1985 wurden die ersten Feuereinheiten in Europa stationiert. Während des Golfkrieges 1991 wurde Patriot von den amerikanischen Streitkräften gegen irakische ballistische Raketen eingesetzt. Dabei konnte Patriot seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und half mit, viele Menschenleben zu schützen und dem Kriegsverlauf zu einem siegreichen Ende zu verhelfen. Ebenso kam Patriot erneut gegen irakische Bedrohung aus der Luft, während des Irakkrieges 2003, zum Einsatz. Seit 2013 stehen an der türkischen Südgrenze zu Syrien mehrere Patriot-Feuereinheiten von mehreren NATO-Mitgliedsstaaten im Einsatz, um die Türkei gegen allfällige Luftangriffe zu verteidigen. Infolge des Bürgerkriegs in Syrien waren auch die israelischen Streitkräfte gezwungen, ihre Patriot-Feuereinheiten zum Schutz der Bevölkerung zu aktiveren. Dabei konnten die Angriffe wiederum erfolgreich abgewehrt werden. Seit 2017 starten die jemenitischen Houthi-Rebellen in regelmässigen Abständen ballistische Raketen und bewaffnete Langstreckendrohnen gegen Ziele innerhalb des Saudi-Arabischen Königreiches. Wiederum musste das Patriot-System für den Schutz von kritischer Infrastruktur und der Bevölkerung herangezogen werden.
Das Patriot-System ist also einsatzerprobt und kampferfahren. Es wurden bis heute über 250 erfolgreiche Abwehreinsätze verbucht, und dabei wurden unter anderem seit 2015 über 100 ballistische Raketen abgefangen. Da Patriot stets weiterentwickelt wird, war es immer in der Lage, sich gegenüber neuen Bedrohungen anzupassen. Patriot wird heute in seiner aktuellsten Generation der Schweiz durch das amerikanische Verteidigungsdepartement angeboten.
Beschreibung der Patriot-Feuereinheit
Der zentrale Teil der Patriot-Feuereinheit ist der Feuerleitstand. Von hier aus führen die beiden Bediener den Feuerkampf, wobei sie Anweisungen von der Einsatzleitung auf vorgesetzter Stufe erhalten können. Die AN/MPQ-65 Radaranlage dient der Erfassung und Verfolgung von Zielen. Die Lenkwaffenwerfer können bis zu vier Lenkwaffen GEM/T aufnehmen. Es können bis zu sechzehn Werfer in einer Feuereinheit zum Einsatz gebracht werden. Das System ist in der Lage, mehrere Ziele gleichzeitig zu bekämpfen. Ergänzt wird die Patriot-Feuereinheit durch ein Kommunikationsrelais undje eine externe Stromversorgung für das Radar und den Feuerleitstand. Sämtliche Komponenten sind rasch verlegbar und können durch gängige Lastwagen transportiert werden. Der Stellungsbezug und das Erreichen der Feuerbereitschaft erfolgen innerhalb kürzester Zeit.
Das Patriot-Radar AN/MPQ-65 basiert auf einer starren Phased-Array-Antenne. Dies bedeutet, dass das Radar um einiges präziser ist als eines mit einer sich ständig drehenden Radarantenne. Dieser Umstand ist wichtig, da neue Bedrohungen aus der Luft immer schneller und komplexer werden. Der Faktor Systemreaktionszeit wird somit zentral, weshalb drehende Radarantennen Schwierigkeiten beim Erfassen und Verfolgen der Ziele haben. Das Patriot-Radar kann auf mehrere Ziellinien vorkalibriert werden und dann innerhalb von Sekunden um volle 360 Grad auf eine dieser Ziellinien geschwenkt werden, um Bedrohungen aus allen Richtungen zu bekämpfen.
Die Patriot-Lenkwaffen GEM-T sind sehr schnelle, bodengestützte Lenkwaffen aus dem Arsenal der US Army. Mit dieser Lenkwaffe können unter anderem bodengestützte ballistische Boden-Boden-Raketen abgefangen und zerstört werden. Das Patriot-System wurde jedoch ursprünglich zur Abwehr von Kampfflugzeugen entwickelt. Die Schweiz ist an der Beschaffung einer weiterreichenden bodengestützten Lenkwaffe gegen eine Bedrohung durch gegnerische Flugzeuge interessiert. Der eventuelle Ausbau gegen eine Bedrohung durch ballistische Lenkwaffen ist eine Option, die in Zukunft denkbar ist und je nach Situation realisiert werden könnte, ohne dabei ein neues BODLUV-System kaufen zu müssen. Die GEM-T-Lenkwaffen werden nach dem Abschuss fortdauernd durch eine Funkverbindung mit aktuellen Zieldaten versehen. Das Radar verfolgt das bedrohliche Ziel gleichzeitig wie die eigene Lenkwaffe. Die Lenkwaffe verfolgt das Ziel eigenständig, falls die Verbindung unterbrochen wird. Patriot ist durch dieses Lenkverfahren sehr widerstandsfähig gegenüber elektronischen Stör- und Täuschungsmassnahmen. Mit den GEM-T Lenkwaffen können Ziele über 50 km hinaus und in einer Höhe von über 20 km bekämpft werden.
Funktion des Patriot-Systems
Sieben europäische Nationen setzten bereits auf Patriot
Das Patriot-System ist bereits in 17 Nationen, davon sieben europäischen, im Einsatz. Die europäischen Nutzer sind: Deutschland, Griechenland, die Niederlande, Polen, Rumänien, Schweden und Spanien. Durch die grosse Nutzerbasis kann Raytheon Technologies ständige Lebenserhaltungs- und Kampfwertsteigerungspakete bereitstellen. Die Aktualisierung der Software erfolgt etwa alle zwei Jahre. Die Nutzer investieren dabei gemeinsam in das Betriebssystem, welches damit fortlaufend weiterentwickelt wird. So bleibt das Patriot-System immer auf dem aktuellen Stand. Trotzdem kann die Neutralität aus militärischer und einsatzbedingter Sicht der Schweiz gewahrt bleiben. Patriot ist somit nicht von einem Systemverbund abhängig, welcher von Sensoren ausserhalb der Schweiz mit Daten versorgt werden muss. Schweden, als ebenso neutraler Staat, hat sich gerade vor kurzem für eine Beschaffung von Patriot-Systemen entschieden.
Die Kosten, welche während der Nutzungsdauer durch die bereits erwähnten Massnahmen zur Lebenserhaltung und Kampfwertsteigerungen anfallen, werden pro Nutzer aus der Anzahl eingesetzter Feuereinheiten berechnet. Die Schweiz wird mit einem Anteil von unter 5% der anfallenden Kosten für die Lebenserhaltung und Kampfwertsteigerungen bedacht werden. Das ist eine sehr geringgradige Beteiligung, angesichts der fortlaufenden Verbesserungen, die durchgeführt werden. Diese geringen Kosten gründen auf die grosse internationale Patriot-Nutzergemeinschaft.
Patriot für die Schweiz
Der Vergleich mit anderen Nutzerstaaten wie Israel lässt den Schluss zu, dass Patriot durch die Milizformationen der Schweizer Armee erfolgreich betrieben und eingesetzt werden kann. Patriot mit seiner langjährigen Einsatzerfahrung stellt ein beträchtliches Abschreckungspotential dar. Mit dem Patriot-System kann der Schweizer Luftraum optimal geschützt werden. Seit der Ausserdienststellung 1999 der BL-64 Bloodhound Lenkwaffen hatte die Schweiz eine grosse Lücke in der Luftraumverteidigung. Diese konnte nur teilweise durch Kampfflugzeuge kompensiert werden. Die leistungsfähigen Patriot-Radaranlagen können in jeder Siuation einen wichtigen Beitrag zur allgemein erkannten Luftlage erbringen. Kurzum: Zusammen mit dem neuen Kampfflugzeug F-35A Lightning II des amerikanischen Herstellers Lockheed Martin wird Patriot in der Lage sein den Schweizer Luftraum über die kommenden Jahre hinweg optimal zu schützen.
Mehrwert für die Schweizer Wirtschaft durch Kompensationsgeschäfte (Offset)
Basierend auf den Grundsätzen des Bundesrates für die Rüstungspolitik des VBS und der Rüstungsstrategie, definiert armasuisse in der Offset-Policy die Durchführung und Beurteilung von Kompensationsgeschäften (Offsets) bei Kriegsmaterialbeschaffungen im Ausland. Zur Wahrung ihrer wesentlichen Sicherheitsinteressen ist die Schweiz auf eine leistungsfähige sicherheitsrelevante Technologie- und Industriebasis (STIB) angewiesen. Um die STIB zu stärken, sollen Offsets ihr den Zugang zu Technologien, Know-how und ausländischen Märkten ermöglichen. [2]
Unter direkten Offsets werden primär Geschäfte verstanden, die direkt mit der betreffenden Rüstungsbeschaffung in Verbindung stehen. Direkte Offsets werden dann durchgeführt, wenn dadurch Kapazitäten bzw. Fähigkeiten und Wissen geschaffen werden, die zu einem grösstmöglichen autonomen Unterhalt, zur Werterhaltung und Wertsteigerung eines Systems sowie zum Aufwuchs der Armee und der Kernfähigkeiten der sicherheits- und rüstungsrelevanten Industrie beitragen.
Indirekte Offsets beziehen sich nicht auf die betreffende Rüstungsbeschaffung. Diese Art von Industriebeteiligungen betreffen primär Industrieaufträge, offset-relevante Finanzierungsaktivitäten, Wissens- und Technologietransfers, gemeinsame Entwicklungen, Marketing-/Vertriebsunterstützung usw.
Für die Umsetzung der Offsetverpflichtungen hat Raytheon Technologies sich entschlossen, eine Partnerschaft mit der in Zürich ansässigen Rheinmetall Air Defence AG einzugehen. Rheinmetall stellt bis heute Systeme für die bodengestützte Luftverteidigung kurzer Reichweite her. Eine Zusammenarbeit zwischen Raytheon Technologies und der im Kanton Genf ansässigen Firma Mercury Systems besteht schon seit längerem.
Um was für Aufträge würde es sich genau handeln? Neben weiteren Unternehmungen wird Rheinmetall Air Defence und Mercury Systems von Raytheon Technologies bestimmte Komponenten des Patriot Systems herstellen. Die Anzahl der zu liefernden Komponenten geht dabei über den Schweizer Bedarf hinaus, was zusätzliche Aufträge und längerfristige Wertschöpfung generiert. Solche Geschäfte gelten als direkte Kompensation. Ebenso wird das staatliche Rüstungsunternehmen RUAG mit Sitz in Bern mit Aufträgen für den Unterhalt und die Instandhaltung beauftragt. Indirekt profitieren aber auch die unzähligen, in der Schweiz ansässigen, Lieferanten von Rheinmetall Air Defence und Mercury Systems. Von den direkten Gegengeschäften profitieren dabei Unternehmen – darunter viele KMUs – aus allen Landesteilen und Sprachregionen.
Warum sind solche Kompensationsgeschäfte für die Schweizer Industrie so wichtig? Damit kann diese durch die Weitergabe von neuen Technologien profitieren, was ihr erlaubt, auf dem internationalen Markt weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade ein neutrales Land wie die Schweiz ist besonders darauf angewiesen, da sie ja keine militärischen Partnerschaften mit anderen Nationen eingehen darf.
Dank der Kompensationsgeschäfte im Rahmen der Beschaffung des Patriot-Systems, sind Rheinmetall Air Defence und Mercury Systems in der Lage, auch in Zukunft Spitzentechnologie an den Standorten Zürich und Lancy zu entwickeln und zu fertigen. Vom Wissens- und Technologietransfer profitieren auch die verschiedenen Forschungsanstalten und Hochschulen in der Schweiz.
Text: Beat Benz
Quellenangaben:
[1] Medienmitteilung des VBS – Air2030: Bundesrat beschliesst Beschaffung von 36 Kampfflugzeugen des Typs F-35A https://www.vbs.admin.ch/content/vbs-internet/de/sicherheit/die-schweizer-armee/air2030.detail.nsb.html/84275.html
[2]Offset – Bundesamt für Rüstung armasuisse https://www.ar.admin.ch/de/beschaffung/ruestungspolitik-des-bundesrates/offset.html
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