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Kapitel 8: Alte Opfer
Glenna setzte sich mit dem Tagebuch von 1926 in den Sessel und schlug es am 15. April auf.
Das Buch hielt sie in letzter Zeit öfters in den Händen, fiel ihr auf. Es war das Jahr, in dem sie mit Dorothy schwanger gewesen war.
Aber nicht nur das, es war auch das Jahr, in dem sie Létoile zum ersten Mal getroffen hatte.
Glenna glaubte nicht, dass sie die Schwangerschaft und alles, was sie mit sich gebracht hatte, ohne die Unterstützung von Létoile durchgestanden hätte. Sie hatten sich gerade mal ein paar Monate gekannt und Létoile war mehr oder weniger bei ihr eingezogen und hatte sich um wirklich alles gekümmert. Selbst als es darum ging, eine Adoptivfamilie für Dorothy zu finden, hatte sie keine Mühen gescheut und schlussendlich sogar ein Irisch stämmiges Paar gefunden, aus reiner Sentimentalität.
Glenna war in Schottland aufgewachsen. Nach dem Tod ihres Vaters in den Schützengräben 1916 und der gleichzeitigen Ausrufung der Unabhängigkeit in Irland, hatte ihre Mutter jedoch in einer Kurzschlussentscheidung die Koffer gepackt und war mit Glenna zurück an ihren Geburtsort Cork gezogen.
Kurz bevor der irische Bürgerkrieg losging, reiste Glenna wiederum nach London, mit dem Ziel, als Tänzerin groß herauszukommen.
Ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken. Trotz ihres britischen Passes war ihr Irland über all die Zeit immer eine zweite Heimat gewesen, nur schon durch die Geschichten und Lieder ihrer Mutter.
Sie versuchte, nicht daran zu denken, sondern las die ersten paar Zeilen des Tagebucheintrages.
Sie erinnerte sich genau an das Cabaret, die Umkleidekabinen, der schwere Vorhang und die Bühne. Sie erinnerte sich vage an die Vortanzen, die dort stattgefunden hatten und natürlich an Grande Madame, die nie so richtig zufrieden zu stellen gewesen war.
Aber sie erinnerte sich nicht an diesen ersten Auftritt von Létoile. Sie wusste nicht mehr, dass sie sich dort unerlaubterweise hineingeschlichen hatte. Dass Létoile es ihr sofort angetan hatte. Dass Grande Madame sie um ihre Meinung gebeten hatte.
Sie kramte in ihrem Kopf – auch wenn sie wusste, dass es sinnlos war – nach Bildern von der schüchternen Létoile, die trotz aller Nervosität einen umwerfenden Auftritt hingelegt hatte, wie sie das von ihr gewohnt war.
Glennas Herz schlug wild, als sie die Beschreibung las. Ihre eigenen Worte, die ihr aber vollkommen fremd erschienen.
›Bonnie, ist alles in Ordnung?‹
Ein Beben fuhr durch ihren Körper.
Sie versuchte, den Erinnerungsfetzen zu greifen, die ihr sagten, was ihre Gedanken, was ihre Gefühle gewesen waren, als sie Létoile zum ersten Mal gesehen hatte. Aber es gab nichts zu greifen. Sie konnte nicht einmal ausmachen, was genau nun die erste Erinnerung war, die sie an Létoile hatte.
Ihre Finger verloren auf einmal all ihre Kraft und das Tagebuch glitt von ihrem Schoss. Glenna wollte danach greifen, aber ihre Bewegungen waren langsam, wie verzögert.
»Sie ist weg«, sagte sie dumpf.
›Wer ist weg?‹
»Die Erinnerung.«
Es dauerte einen Moment, bis Jamie antwortete.
»Das ist nichts Neues, Bonnie. Das passiert immer. Du wusstest das.«
Sie nickte, aber mehr als Automatismus. Ihr Blick fiel auf das Heft mit den Einträgen, das sie auf den Beistelltisch gelegt hatte.
Unzählige Erinnerungen darin handelten von Létoile. Und von einer ganzen Menge derjenigen in den letzten Dutzend Bänden war Dorothy ein Teil. Von keiner von ihnen würden neue Erinnerungen dazu kommen. Nur mehr würden schwinden, so lange bis keine mehr da wäre.
Sie vergrub ihr Gesicht in ihre Hände.
›Bonnie, was ist los?‹
Sie rieb ihre Stirn und atmete schwer aus.
»Ich weiß nicht, Jamie. Ich fühle mich müde.«
›Du bist heute morgen schon eingenickt.‹
»Nicht so. Ich bin müde von alledem.«
Sie machte eine vage Handbewegung in Richtung des Bücherregals hinter sich.
›Du weißt, dass ich nichts sehen kann, so lange du das Halstuch trägst‹, sagte Jamie nüchtern und der warme Fleck verschob sich über ihre Schulter zur Brust.
Sie ließ das Tuch, wo es war und stemmte sich aus dem Sessel. Sie bückte sich nach dem Tagebuch und stellte es zurück in das Regal. Ihre Finger verharrten auf der Jahresprägung.
»Die Erinnerungen, Jamie. Sie werden immer weniger.«
›Weil du keine Neuen anschaffst, Bonnie.‹
Ihr Blick fuhr zum untersten Regal, wo die Bücher standen, deren Jahreszahl mit einer 20 begannen. Sie wurden dünner und dünner. Die letzten paar Bände teilten sich mehrere Jahre zusammen. Es war bestimmt zwei Monate her, seit sie den letzten Eintrag geschrieben hatte und das, obschon gerade in den letzten Tagen so viel passiert war.
Sie hatte einiges um die Ohren, aber das hatte sie früher nie davon abgehalten, empirisch Tagebuch zu führen.
»In meinem Alter macht man nicht mehr viele neuen Erinnerungen, Jamie.«
›Menschenskind‹, stieß Jamie frustriert auf und Glenna hob die Augenbrauen, überrascht ab der heftigen Reaktion. ›Hör doch endlich auf mit dem Schwachsinn. Du bist nicht so alt, wie du tust.‹
Sie verdrehte die Augen.
»Wie alt warst du, als du gestorben bist, Jamie?«
›Was spielt das für eine Rolle? Ich bin danach Jahrzehnte in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod herumgeeiert, bis ich in dein Tattoo verfrachtet wurde. Mein Tod war nichts weiter als der Übergang in einem neuen Lebensabschnitt. Und das macht mich älter als du es bist, Bonnie.‹
Sie wandte sich vom Regal ab und wollte die Bibliothek bereits verlassen, als ihr das Heft wieder ins Auge stach.
Sie nahm es in die Hände und starrte es an, als wolle es ihr etwas Böses.
Plötzlich tauchten Létoiles rote Lippen und neckisches Lächeln vor ihrem inneren Auge auf. Sie zuzwinkerte Glenna über eine hochgezogene Schulter her und begann herzhaft zu lachen.
War es ein fiktives Bild, das Glennas Unterbewusstsein kreierte? Oder war es Teil einer echten Erinnerung, die sie irgendwann einmal geopfert hatte?
»Es reicht«, sagte Glenna müde und schlug das Heft auf der letzten beschriebenen Seite auf.
›Was reicht?‹
»Meine Opfer. Ich habe genug davon.«
Sie hielt die eine Hälfte des Hefts fest und umfasste mit den anderen Fingern die restlichen, noch unbeschriebenen Seiten. Sie musste sich etwas anstrengen, aber schlussendlich gelang es ihr, die Seiten herauszureißen, ohne den Rest zu beschädigen.
›Bonnie?‹ Jamie klang nervös und er bewegte sich unter ihrem Foulard hin und her. ›Bonnie, was tust du?‹
»Keine neuen Einträge mehr«, sagte sie und stellte das Heft ebenfalls zurück ins Bücherregal.
›Einträge?‹
Sie verließ die Bibliothek mit festem Schritt und machte sich auf den Weg in die Küche im Erdgeschoss.
›Ich hasse es, wenn du mich ignorierst. Bonnie, was für Einträge?‹
Sie wartete, bis sie die Küche betreten hatte und sicher gehen konnte, dass niemand in der Nähe war, der ihnen zuhörten.
»Die Einträge im Heft, Jamie. Es ist vorbei.« Sie öffnete das Schloss am Küchenschrank und begann damit, die Flaschen mit ihrem destillierten Whisky auszuräumen.
›Kannst du dich deutlicher ausdrücken?‹
Frustriert öffnete sie den Knopf ihres Halstuchs und legte es auf die Küchenablage neben den Whiskyflaschen.
Jamie saß bereits auf ihrer Brust und Glenna ließ ihm Zeit, die Situation zu begutachten, bevor sie die letzte Falsche ausräumte.
›Wie bitte?‹, fragte er überrascht. ›Das ist nicht dein Ernst, Bonnie?‹
»Doch«, sagte sie und zog den Korken aus der ersten Flasche.
Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:
Vorschau auf das Kapitel „Flüssiges Gold“ von nächster Woche: