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Autor: Christian SCHMUTZ
Einen kleinen Bruder hatten sich Bruno und Marius Lötscher aus Tafers in den 1940er Jahren gewünscht. Für vier Monate hatten sie einen bekommen, den vierjährigen Elsässer Buben Fernand (vgl. Kasten). Die Verständigung war nicht einfach – der eine verstand nur Französisch und Elsässer Dialekt, die anderen nur Sensler- und Standarddeutsch.
Aber sie verstanden sich auf Anhieb bestens. Vater Lötscher, der Schreinermeister, hatte dem kleinen Fernand ein eigenes kleines Holzpferd gebastelt, und alle fühlten sich wohl. Es wurde sogar über eine Adoptierung nachgedacht.
Ein Scherz fürs Leben
Dann kam der 1. April und der Scherz, der die Buben viele Jahre später wieder zusammenführen sollte. Bruno und Marius schickten den kleinen Fernand in die ehemalige Bäckerei Jungo, wo er «Ibidum» kaufen sollte. Fernand wusste nicht, dass damit «i bi dumm» gemeint war. Diesen Scherz habe er sein Leben lang nicht vergessen, sagte Fernand Hebinger den FN.
Nach dem Krieg hatten die beiden Mütter noch etwa drei Jahre schriftlichen Kontakt miteinander, und dann war Sendepause. Die Buben hatten offenbar immer wieder aneinander gedacht, aber wie sollte man sich finden können? Fernand hatte an der «Mülheimerstrasse» gewohnt, doch diese war nur während der deutschen Besetzung so genannt worden. Niemand kannte die Strasse mehr.
Bruno nahm im Jahr 1994 einen Anlauf beim französischen Fernsehen. Dort gibt es eine Sendung «Perdu de vue», aber auch die Redaktoren fanden keine Spur zu Fernand. «Da habe ich es eigentlich aufgegeben, aber weiter die Hoffnung im Hinterkopf behalten, Fernand noch einmal zu treffen», sagte Bruno Lötscher.
«Je vais chercher Ibidum»
Am 30. Juni 2008 sagte Fernand in Mülhausen seiner Frau: «Maintenant, je vais chercher Ibidum.» Er setzte sich an den Computer, gab «Tafers» ein und bekam so die E-Mail-Adresse der Gemeindeverwaltung heraus. Gemeindeschreiber Helmut Corpataux rief bei Lötschers an und fragte, ob ihm ein Franzose etwas sage, der «Ibidum» gekauft habe.
Und so fanden sich die beiden wieder – nach 63 Jahren.
Ende Juli besuchten Bruno (mittlerweile 72) und Marius (71), der in Basel wohnt, Fernand (68) in Mülhausen. Diese Begegnung war für alle sehr emotional, und Fer-nand begrüsste seine «Brüder» mit Schweizer Fähnchen und selbst gemachten «Ibidum Törtli». «Immerhin hat mir meine Patin noch jahrelang ?der Schwizer? gesagt», erklärte Fernand Hebinger lachend.
Erste Rückkehr nach Tafers
Diese Woche kehrte er nun erstmals nach Tafers zurück. Er wollte das Grab von Papa Lötscher besuchen und war sehr gerührt, dass die Tür in die «Butigg» der Schreinerei Lötscher immer noch die gleiche geblieben war wie in seiner Erinnerung.
Eine Erinnerung, die er 63 Jahre lang mit sich getragen hatte.
Und jetzt, versprechen Bruno und Fernand, wollen sie sich nie mehr aus den Augen verlieren. Sie verstehen sich immer noch so gut wie damals – als Kinder in einer schwierigen Zeit.