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ein rätselhaftes Wandervolk, das über ganz
Europa,
[* 2] einen großen Teil
Asiens und über Nordafrika zerstreut
lebt und seit seinem ersten Bekanntwerden in
Europa zu Anfang des 15. Jahrh. Sprachforscher, Geographen und Geschichtschreiber
lebhaft beschäftigt hat. Die
Namen, mit denen dieses
Volk von andern bezeichnet wird, sind sehr mannigfaltig.
Am verbreitetsten ist die mit dem griechischen Atsinkanos oder Athinganos zusammenhängende Benennung, die bulgarisch Atzigan
lautet und mit geringen
Abweichungen bei allen slawischen Völkern und den Litauern sowie bei den
Deutschen (Zigeuner), den
Rumänen (Tzigan), den
Ungarn
[* 3] (Czigany) und den Italienern (Zingaro, Zingano) vorkommt.
Andre bringen die Zigeuner mit den Sigynoi Herodots (V, 9) in
Verbindung, ohne zu bedenken, daß, während der Zusammenstellung von
»Zigeuner« mit Athinganos nichts im Weg steht, die
Ableitung des
WortesZigeuner von Sigynos lautlichen Schwierigkeiten
begegnet. Nach M. J.
^[MichaelJan] de Goeje ist der
NameZigeuner von dem persischen Tsjeng abzuleiten, das ein musikalisches
Instrument
bezeichnet. Ebenso mannigfaltig sind die
Namen, mit denen die Zigeuner sich selbst benennen; nur die Bezeichnung
Rom
[* 7] (der altindische
Name einer unreinen
Kaste, dann s. v. w.
Mensch, Mann) ist den Zigeunern aller
Länder bekannt. - Die
Sprache
[* 8] der Zigeuner ist ihrem
Kerne nach unzweifelhaft indoeuropäisch und hängt mit dem
Sanskrit zusammen.
Dies erhellt aus der
Materie sowie der Form dessen, was allen Zigeunermundarten gemeinsam ist. Die
Sprache der Zigeuner steht durch
ihre
Lautgesetze, durch die Stammbildung sowie durch die Bezeichnung der
Kasus den heutigen arischen
SprachenIndiens in dem
Grad nahe, daß sie mit
Fug und
Recht an die neuindischen
Sprachen arischen Ursprungs (s.
Indische Sprachen) angereiht
wird. Was sich im Zigeunerischen in Lautverhältnissen Abweichendes findet, mag darin seinen
Grund haben, daß nicht alle
arischen
Idiome des unermeßlichen
Indien an allen Lautwandlungen teilgenommen haben.
Wann aber die Zigeuner aus ihrer indischen
Heimat ausgezogen, läßt sich nicht bestimmen. Aus der Übereinstimmung des Zigeunerischen
mit den heutigen arischen
SprachenIndiens in so vielen wichtigen
Punkten ergibt sich, daß die
Auswanderung
erst zur Zeit der
Bildung der letztern vor sich gehen konnte, also nach der
Periode des
Prâkrit, das noch die alte
Deklination
kennt,
da man kaum geneigt sein wird, anzunehmen, das Zigeunerische habe sich, losgelöst von den nächst verwandtenIdiomen,
in derselben
Weise wie diese entwickelt. Es können demnach die Zigeuner weder mit den Sintiern
Homers noch mit den Sigynen Herodots
identifiziert werden. In
Europa und zwar in Byzanz erscheinen sie zuerst 810 unter dem
KaiserNikephoros unter dem mehrfach
erwähnten
Namen Athinganoi.
Unter der Zigeunersprache versteht man das von den Zigeunern aus
Indien mitgebrachte Sprachgut. Da dieser
allen Zigeunern gemeinsame
Kern mit Zuthaten aus den
Sprachen aller jener
Völker vermengt ist, unter denen sich die Zigeuner lange
genug aufgehalten, so ergibt sich daraus eine Anzahl von
Mundarten, deren
man inEuropa etwa 13 annehmen kann: die griechische,
die rumänische (zu welcher die
Sprache der südrussischen Zigeuner gehört), die ungarische, die böhmische,
die deutsche, die polnische, die russische, die finnische, die skandinavische, die englische, die italienische, die baskische
und die spanische.
Diese
Mundarten, aus deren Aufzählung sich die Verbreitung der Zigeuner in unserm
Weltteil ergibt, weichen voneinander teilweise
so sehr ab, daß beispielsweise ein ungarischer Zigeuner einen deutschen nur mit Mühe, einen englischen
oder spanischen gar nicht verstehen würde. Zu den Verschiedenheiten im Wortschatz treten die
Abweichungen in der Form, indem
manche Zigeunermundarten die zigeunerische Form in
Deklination und
Konjugation aufgegeben und durch die dem
Volk, unter dem
sie leben, eigne ersetzt haben.
Während der griechische Zigeuner von dai,
Mutter, den
Plural daiá bildet, lautet derselbe dem spanischen Zigeuner dais; den
den übrigen Zigeunermundarten wie dem
Neugriechischen und
Bulgarischen fehlenden
Infinitiv ersetzt der spanische Zigeuner durch
die Form auf ar: penar, sagen. Wenn uns der allen Zigeunermundarten gemeinsame
Kern die
Heimat der Zigeuner in
Indien hat finden lassen, so zeigen uns die Zuthaten den Weg, den sie auf ihrer
Wanderung aus
Indien bis zum
Eismeer und zum
Atlantischen
Ozean sowie nach
Sibirien eingeschlagen haben.
Persische und armenische
Bestandteile, die überall nachgewiesen
werden können, zeigen uns den Weg und dieEtappen in
Asien.
[* 9] Die griechischen
Elemente, die in keiner europäischen
Mundart fehlen, beweisen, daß alle Zigeuner
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Europas aus einem Land stammen, wo Griechisch die herrschende Sprache war; auch slawische und rumänische Elemente zeigen sich
in allen Zigeuneridiomen. Mit Hilfe dieser Elemente kann beispielsweise nachgewiesen werden, daß die spanischen Zigeuner ehedem
unter Griechen, Slawen (etwa Bulgaren) und Rumänen längere Zeit gelebt haben, während wir in der Mundart
der englischen Zigeuner überdies deutsche und französische Wörter finden. Das Fehlen arabischer Elemente in den Zigeunermundarten
Europas macht die Annahme, daß die europäischen Zigeuner aus Ägypten eingewandert seien, ganz unwahrscheinlich. In Byzanz finden
wir die Zigeuner, wie erwähnt, zu Anfang des 9. Jahrh.; auf Kreta sind sie 1322 nachgewiesen, vor 1346 auf
Korfu,
[* 11] um 1370 in der Walachei, 1398 in Nauplia, ohne daß bekannt wäre, wann sie an jedem der genannten Orte zum erstenmal
erschienen.
Als das Datum ihres ersten Auftretens in Ungarn wird 1417 angegeben, während böhmische Annalen schon 1416 von Zigeunern erzählen,
ohne dieses Volk als etwas früher nicht Gesehenes zu bezeichnen. In Polen wahrscheinlich unter Wladislaw
Jagello eingewandert, werden sie zuerst 1501 erwähnt; um dieselbe Zeit mögen sie auch in Rußland aufgetreten sein. Nach
Schweden
[* 12] kamen sie 1512. Im Lande der Basken werden sie vor 1538 nicht erwähnt; 1447 erschienen sie vor Barcelona.
[* 13] In England
sind sie vor der Mitte des 15. Jahrh. unbekannt; 1531 wurde dort die erste Verordnung gegen sie erlassen.
- Was den Charakter der Zigeuner anlangt, so sind dieselben leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei
rachsüchtig, im höchsten Grad cynisch und da, wo sie glauben es wagen zu können, anmaßend und unverschämt.
Sie heiraten immer unter sich. Die Zigeuner binden sich nur ausnahmsweise an feste Wohnsitze, ihre Häuser stehen
dann am Ende des Ortes; die wandernden beschränken ihre Züge meist auf das Land ihrer Geburt, und wenn sie es verlassen, geschieht
es immer mit dem Gedanken an Rückkehr. Unter ihren Beschäftigungen nimmt die Kleinschmiederei von Nägeln, Hufeisen,
[* 16] Maultrommeln
u. dgl. die erste Stelle ein; sie flicken Kessel, Pfannen, Töpfe, verfertigen hölzernen Hausrat, geben
sich mit Goldwäscherei ab, sind Bärenführer. Der Pferdehandel, welcher der List ein weites Thor öffnet, ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen
in allen Ländern;
Hinsichtlich der Körperbeschaffenheit der Zigeuner ist zu bemerken, daß die Zigeuner keineswegs schwarz von
Hautfarbe sind. Wenn man über schwarzen Samt olivenfarbigen Flor legte, so würde dies ungefähr den Eindruck
wiedergeben, den die Epidermis
[* 18] der Zigeuner auf das Auge
[* 19] macht. Ihre Gesichtsfarbe ist meist lichter als die
Hautfarbe des übrigen
Körpers, aber ohne eine Spur des dem Europäer eigentümlichen Rot; die Leidenschaft ruft nur eine größere Blässe des Gesichts
hervor. Im allgemeinen sind die Zigeuner von mittlerer Statur, schlank, von schöner Muskulatur der Schultern,
Arme und Beine; sie haben kleine Füße und Hände und lange, zugespitzte Finger.
Fettleibigkeit kommt nur bei alten Weibern vor. Die schönen Formen der Zigeuner erinnern an bronzene Meisterwerke der Plastik aus
dem Altertum. Sie haben etwas schief gegen die Schläfe aufsteigende und lang gewimperte, schwarze, höchst
lebendige Augen, meist einen feinen Mund mit schönen, gerade stehenden, weißen Zähnen. Die Nase
[* 20] ist gewöhnlich wohlgeformt
und etwas gebogen; das Kinn ist rund, die Stirn hoch, häufig aber durch das lange, straffe und starke Haar
[* 21] bedeckt. Aus den
glühenden Augen blitzt tierische Wildheit hervor; unstet schwankt der Ausdruck zwischen Schlauheit, Furcht
und Haß; die wohlgeformte Stirn drückt die Begabtheit des Geistes aus. - Die Zahl der Zigeuner in Europa beträgt wohl über 700,000,
von denen auf die Türkei
[* 22] 500,000, auf die österreichische Monarchie 156,000 entfallen. Man hat die Gesamtzahl der Zigeuner in
den drei Weltteilen zu 5 Mill. geschätzt, was jedenfalls eine arge Übertreibung ist.
Die Litteratur über die Zigeuner ist sehr reich. Hervorzuheben sind: Grellmann, HistorischerVersuch über die Zigeuner (Götting. 1787),
worin zuerst auf Indien als die Heimat der Zigeuner hingewiesen ist;
Románo czibákero sziklaribe
(Budap. 1888); Colocci, Gli Zingari (Tur. 1889); »Journal of the Gipsy lore Society« (Edinb. 1888-89).
Vgl. ferner über die
Zigeuner einzelner Länder: Paspati, Études sur les Tschinghianés ou Bohémiens de l'empire ottoman (Konstant. 1870), ein für
die Grammatik und das Lexikon des am besten erhaltenen Zigeuneridioms grundlegendes Werk; Bornemisza, Über
die Sprache der Zigeuner (Pest 1853, ungar.);
ein eigenartiges Wandervolk, das in fast ganz Europa und in einzelnen Teilen von Asien, Afrika
[* 25] und Amerika
[* 26] angetroffen
wird. Die Herkunft der Zigeuner ist lange rätselhaft geblieben. Die älteste und am weitesten verbreitete Ansicht war die, daß
die Zigeuner aus Ägypten stammen. Sie stützte sich auf die eigenen Angaben des Volks bei seinem ersten Erscheinen
im mittlern Europa. Die Bande, die 1417 zuerst in den Hansestädten an der Nord- und Ostsee erschien, gab an, aus Kleinägypten
zu stammen. Dasselbe
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Land nannten als ihre Heimat übereinstimmend die Banden, die 1418 in der Schweiz,
[* 28] 1422 in Italien
[* 29] und 1427 vor Paris
[* 30] erschienen.
In niederländ. Urkunden aus dem 15. Jahrh. werden wiederholt
Könige und Grafen von Kleinägypten erwähnt. Daher führen bei vielen Völkern die Zigeuner Namen, die auf Ägypten hinweisen. In
Spanien hießen sie früher Egypcianos oder Egipcianos, jetzt ebenso wie in Portugal Gitanos, in England
im 16. Jahrh. Egipcions, jetzt Gypsies, in alten holländ.
Urkunden Egyptiers, Egyptenaren, Egiptenaers, Giptenaers, daneben auch Heidenen, Heidens, wie jetzt allein; die Franzosen
nannten sie früher Egyptiens, jetzt Bohemiens oder Zinganes; die Griechen nennen sie Γξφτοι (Gifti),
die Albanesen Evgit, und in Ungarn ist noch jetzt die Bezeichnung Pharao nepe («VolkPharaos») gebräuchlich.
Unter Kleinägypten ist möglicherweise, wie Hops vermutet, der Peloponnes zu verstehen, wo am Ende des 15. Jahrh. deutsche
Reisende Zigeuner bereits fest angesiedelt fanden. Nächst der ägypt. Hypothese war
keine allgemeiner als die tatarische. In Deutschland
[* 31] war die Bezeichnung Tataren oder Tartaren für Mongolen
lange gebräuchlich, und als die Zigeuner zuerst nach Deutschland kamen, glaubte das Volk, die Mongolen seien wiedergekommen, und
nannte sie Tataren. Auf dem gesamten Gebiet des Niederdeutschen und Friesischen hat sich in mancherlei dialektischen Varietäten
der NameTatern für Zigeuner erhalten, und er ist von dort nach Dänemark
[* 32] und Schweden, ja zu den Finnen gewandert.
Das Rätsel ihrer Herkunft wurde erst gelöst, als man daran ging, ihre Sprache zu untersuchen. Nachdem Rüdiger 1782 und Grellmann 1783 die
richtige Spur gefunden hatten, erwies Pott 1844 streng wissenschaftlich, daß die Sprache der Zigeuner eine indische
sei. Näher begrenzt hat ihre Heimat Miklosich. Er zeigte 1878, daß das Zigeunerische der nordwestlichsten Gruppe der arisch-ind.
Sprachen angehört, den Sprachen der Darden, Kafiristans und der Stämme im Hindukusch.
Lange glaubte man, den Anfang ihrer Geschichte in Indien selbst nachweisen zu können. Der pers. Epiker
Firdusi, der um 1000 n. Chr. lebte, erzählt in seinem Schahname, daß der pers.
König Bahram Gur (um 420 n. Chr.) von dem ind. Könige
Schankal von Kanaudsch sich 10000 Luris erbat, damit sie durch ihre Kunst im Lautenspiel seine armen Unterthanen erfreuten.
Die Luris verschwendeten ihren Weizen und verkauften die Kühe und waren bald ganz mittellos. Da befahl
ihnen Bahram Gur zornig, mit ihren Eseln durch sein Land zu wandern und sich durch Gesang und Instrumentalmusik zu ernähren.
Die Luris, sagt Firdusi, wandern jetzt gemäß diesem Befehle in der Welt umher, indem sie Beschäftigung suchen, sich zu
Hunden und Wölfen gesellen und auf der Landstraße Tag und Nacht stehlen. Dieselbe Geschichte erzählt
außer andern pers. Schriftstellern auch der arab. Geschichtschreiber
Hamsa al Ißfahani, der ein halbes Jahrhundert vor Firdusi lebte. Luri oder Luli aber ist der Name, den noch jetzt die Zigeuner vorzugsweise
in Persien
[* 33] führen, und trotz der märchenhaften Einkleidung der Geschichte ist es kaum zu bezweifeln,
daß im 5. Jahrh, ein Trupp Zigeuner aus Indien nach Persien kam, womit aber nicht gesagt ist, daß gerade diese die Ahnen der europäischen
Zigeuner sind.
Das aber hat man vielfach angenommen. Hamsa nennt die ind. Musikanten Zott, ein Name, der arabisiert ist
aus Jatt (spr. Dschatt), und deshalb hat man die Zigeuner für Jats erklärt, d. h.
für
das Volk, das den ältesten und wichtigsten Bestandteil der Bevölkerung
[* 34] des südl. Pandschabs ausmacht. Die Geschichte
dieser Jats und damit, wie man meinte, die der Zigeuner hat dann der gelehrte holländ.
Arabist de Goeje vom 7. Jahrh. an aus arab.
Quellen verfolgt. Seitdem durch O'Brien 1881 die Sprache der Jat, das Jatkr oder Multam, genauer bekannt geworden ist, weiß
man, daß Jats und Zigeuner ganz verschieden sind, und der Bericht über den Census des Pandschabs 1881 von Ibbetson (3 Bde.,
Lahaur 1883) ergiebt, daß ganz andere Stämme des Pandschabs als die Jats den Anspruch auf Zigeunertum
erheben können, namentlich die Sansi und die Tschangar.
Die Tschangar haben schon Rienzi (1832) und Trumpp (1872) mit den Zigeuner identifiziert,
und es ist nicht zu leugnen, daß sich in ihrer Sprache Anklänge an den Sprachschatz der Zigeuner und der Dialekte
von Kasiristan finden. Außerdem stimmt der Name Tschangar auffallend zu der ältesten lat. Form des Namens Zigeuner, nämlich Zingari,
so daß ein näherer Zusammenhang zwischen Tschangars und Zigeuner nicht ausgeschlossen ist. Der Name Zigeuner selbst ist seiner Herkunft
nach noch ganz dunkel. Er lautet bei den Türken Tschinghiane, rumänisch Ciganu, ungarisch Czigany, bulgarisch
Ciganin, litauisch Cigonas, italienisch Zingaro und Zingano u.s.w.
Die ältesten Chronisten nennen sie lateinisch Secani, Cingari, Zingari, vulgariter «Cigäwnär»,
im Deutschen Ziginer, Zigeiner, Zegeiner, niederdeutsch Suvginer, Zigöner u. s. w. Sie
selbst nennen sich Rom (Femininum Romni),
im Plural auch Romani tschave, d. h. «zigeunerische
Kinder». Rom heißt «Schwarm», «Stamm» und läßt sich reichlich aus Dardudialekten belegen. Andere von den
Zigeuner selbst gebrauchte Namen sind Romani tschel (tschal, sal, säl) und besonders Sinte oder Sinde, auch Manusch (Mensch), Kale
oder Mellele (Schwarze).
Die älteste Erwähnung der Zigeuner in Europa ist die im Itinerarium des Franziskanermönches Simon Simeon, der 1322 die
InselKreta besuchte und dort ein Volk fand, das seiner Schilderung nach nur Zigeuner gewesen sein können. Hopf hat urkundlich nachgewiesen,
daß es jedenfalls vor 1346 Zigeuner auf Korfu gegeben hat. Um 1370 finden sich Zigeuner auf der epirotischen Küste gegenüber von Korfu,
teils umherschweifend, teils fest angesiedelt; um 1398 bestätigte der venet. Statthalter der griech.
Kolonie Nauplion, Ottaviano Buono, den dortigen Acingani, d. h. Zigeuner, speciell
ihrem Häuptling Johann, die Privilegien, die ihm seine Vorgänger verliehen hatten.
Damals müssen also die Zigeuner schon geraume Zeit im Peloponnes gesessen haben. Auch in der Walachei waren bereits im 14. Jahrh.
Zigeuner ansässig. Die böhm. Annalen erwähnen das Auftreten der Zigeuner zuerst 1416. Daß sie aber dort schon früher
vorhanden waren, beweist, daß in den Gerichtsakten der Herren von Rosenberg vom J. 1399 gesagt wird, daß unter einer Räuberbande,
die damals im südl. Böhmen ihr Unwesen getrieben hatte, sich auch ein «schwarzer
Zigeuner» befand. In Deutschland lassen sie sich, wie erwähnt, zuerst 1417 nachweisen. Ihre Anführer nannten sich «Herzoge» und
«Grafen» und wiesen Schutzbriefe des Kaisers Sigismund vor. Sie fanden in vielen Städten freundliche Aufnabme und reichliche
Unterstützung. Bald aber erkannte man sie als Diebe und Betrüger, viele wurden gefangen und gehenkt.
In Italien zeigten sie sich zuerst 1422 vor Bologna, in Spanien 1447 in Barcelona, in den Niederlanden 1420 in Deventer; in Polen
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dem westl. Rußland sind sie erst 1501 urkundlich nachweisbar, in England seit Mitte des 15. Jahrh.,
in Schottland 1506, im Baskenlande 1538; nach Schweden kamen sie 1512. Mit diesen histor. Thatsachen stimmen die linguistischen
Ergebnisse vollkommen überein. Sämtliche Zigeunerdialekte Europas enthalten in reichem Maße griech. Worte, ja, die griech.
Sprache hat auf sie in einer Weise eingewirkt, wie es sich nur aus einem sehr langen Aufenthalt in Griechenland
[* 36] erklären läßt. Außer griech. Elementen enthalten alle europ. Dialekte
auch andere fremde, d. h. nichtindische. Man kann daraus entnehmen, welches der Weg gewesen
ist, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen haben.
Auf Grund der Sprache hat Miklosich die Zigeuner Europas in 13 Gruppen geteilt:
1) griechische, 2) rumänische, 3) ungarische, 4) mährisch-böhmische, 5)
deutsche, 6) polnisch-litauische, 7) russische, 8) finnische, 9) skandinavische, 10) italienische,
11) baskische, 12) englisch-schottische, 13) spanische. Griechische Zigeuner nennt Miklosich die in der europ. Türkei lebenden.
Ihre Zahl wird auf etwa 67000 (mit Bulgarien und Ostrumelien 117000), von andern aber auf 214000 angegeben;
noch unsicherer ist die Schätzung der Zigeuner der asiat. Türkei, die zwischen etwa 40000 und 200000 schwankt.
Die türkischen Zigeuner teilen sich in Nomaden, unter denen die wildesten und ursprünglichsten die Zapari sind,
und seßhafte Zigeuner. Diese beiden Klassen sind in Sprache und Sitten weit voneinander verschieden. Die seßhaften
sind, außer den in Konstantinopel
[* 37] selbst sitzenden, meist Christen, die Nomaden Mohammedaner. In Konstantinopel selbst sind
nur etwa 140 Familien ansässig, die meist Mohammedaner sind und ihre Muttersprache fast ganz vergessen haben. Anderswo sitzen
sie zahlreicher, wie z. B. das Dorf Hebibdsche bei Adrianopel fast ausschließlich von Zigeuner bevölkert ist.
Zu den rumänischen Zigeuner gehören sprachlich auch ein Teil der serbischen, ferner die in Belgorod im Depart. Kursk in Großrußland
angesiedelten und die bei Taganrog am Asowschen Meer.
In der Moldau und Walachei waren sie bis 1856 leibeigene, teils der Krone, teils der Klöster und von Privaten. Die Zahl der
Zigeuner in Rumänien ist etwa 250000, in Serbien 34000, in Bosnien
[* 38] und der Herzegowina 14000. Am besten bekannt sind die ungarischen
Zigeuner. Während in Eisleithamen nur etwa 16000 leben sollen, wurden 1893 in Ungarn 274940 Zigeuner gezählt, darunter 243432 ansässige, 20406 zeitweilig
ansässige und 8938 Wanderzigeuner. Nach der Volkszählung von 1890 sprachen 91603 Personen die Zigeunersprache.
Für Böhmen uud Mähren wird die Zahl der Zigeuner auf 13500 angegeben, für Deutschland auf etwa 2000, ebenso für Frankreich, für
Spanien auf 40000, für Italien auf 32000, für Rußland auf 58000 (sowie 15000 in Polen). Ganz unsicber sind die Zählungen in
andern Ländern. Insgesamt
wird die Zahl der europäischen Zigeuner von Cora auf 779000 berechnet. Sehr zahlreich
sind sie noch in Persien, ebenso in Nordafrika und Kleinasien. Auch in Amerika begegnet man ihren wandernden Zügen.
Ethnographisches. Der Zigeuner ist in der Regel von mittlerer Gestalt, fast stets wohlgebaut, schlank, mit kräftigen,
muskulösen Gliedern. Die Farbe der Haut
[* 39] ist braungelb, das Haar dicht und schwarz. Die Frauen sind in
ihrer Jugend oft von angenehmem Äußern, stehen aber in der Regel hinter den Männern zurück und altern ungemein schnell.
Männer und Frauen haben blendendweiße Zähne;
[* 40] vor allem aber zeichnet sie das große schöne Auge mit
den langen, schwarzen Wimpern aus, das auch bei Stämmen der Darden sich findet.
Die Wohnung ist in der Regel ein elendes Zelt, das der Zigeuner überall mit sich führt. Andere, wie ein Teil der ansässigen Zigeuner in
Siebenbürgen, bauen sich eine Art Wohnung unter der Erde, oft bis 12 Fuß tief, deren Ausstattung eine
höchst primitive ist. Der wahre Zigeuner bleibt überhaupt nur im Winter in einer solchen Wohnung, namentlich bei
Wind, den er als seinen schlimmsten Feind ansieht. Im Frühling geht das Wanderleben wieder an und das Zelt tritt wieder in
sein Recht. Unentbehrlich ist dem echten Zigeuner ein Pferd,
[* 41] an dessen Stelle in der Türkei und Italien oft der
Esel tritt.
GrößereBanden führen fast immer einen Wagen bei sich, der nicht selten zur Wohnung und Küche eingerichtet ist. Als Luxusgegenstand
sucht jeder Zigeuner einen silbernen Trinkbecher zu erwerben, der als Erbstück in der Familie bleibt und in
besonderer Ehre gehalten wird. Diejenigen, die Schmiede sind, besitzen außerdem noch einen Blasebalg, einen Amboß, der meist
aus Stein ist, eine Zange
[* 42] und ein paar Hämmer. Als Farbe der Kleidung liebt der ungarische Zigeuner Rot, daneben Grün, und Grün ist
auch die Lieblingsfarbc der deutschen und war in ältern Zeiten die der englischen. Für den deutscben
Zigeuner ist Grün das Zeichen der Makellosigkeit und Unbescholtenheit. Die spanischen Zigeuner haben wesentlich dieselbe Tracht wie die
Pferde- und Maultierhändler von Andalusien, mit denen sie auch das Geschäft gemeinsam haben.
In der Wahl der Nahrung ist der Zigeuner nicht heikel. Am liebsten ißt er recht fettes Fleisch,
besonders Schweinefleisch, und vor allem den Igel, das Nationalgericht. Pferdefleisch verschmäht er im allgemeinen, nimmt
aber keinen Anstand sogar Aas zu essen. Von Getränken liebt er am meisten den Branntwein. Er ist auch ein leidenschaftlicher
Verehrer des Tabaks in allen Gestalten. Man hat die Zigeuner auch, jedoch mit Unrecht, beschuldigt Menschenfleisch
zu essen. Ebenso ist der professionsmäßige Kinderraub der Zigeuner ein Märchen. In Wahrheit sind nur äußerst wenige Fälle von
Kinderraub einigermaßen bezeugt.
Die Zigeuner haben eine eigene polit. Verfassung. Sie selbst nennen ihr Haupt raj (d.i. das alte Sanskritwort raja [spr. radscha],
das «König» bedeutet). Die deutschen Zigeuner zerfallen
nach Liebich in drei Landsmannschaften, von denen jede ihren eigenen Hauptmann hat: die altpreußische, die sich besonders
in Schlesien
[* 43] und Posen
[* 44] herumtreibt, die neupreußische uud die hannoveranische. Jede hat ihre eigenen Farben und ihren eigenen
heiligen Baum. Die Altpreußen tragen Schwarz-Weiß und ihr heiliger Baum ist die Tanne
[* 45] oder der Hagebuttenstrauch,
die Neupreußen tragen Grün-Weiß und verehren die Birke, die Hannoveraner tragen Schwarz-Blau-Gold und
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