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Eine Einführung in das Denken des Michel Foucault schreiben, die zeigt, wie Foucault funktioniert, aber auch ExpertInnen nicht langweilt: Philipp Sarasin ist dies gelungen.
«Kommen Sie doch nicht immer mit Dingen, die ich früher gesagt habe!», herrschte der französische Philosoph Michel Foucault Niklaus Meienberg während eines Interviews im Jahr 1972 an, und fuhr fort: «Was ich in der Vergangenheit gesagt habe, ist völlig unwichtig.»
Nicht alle Leute teilen diese Haltung; schon vor, noch viel stärker dann nach Foucaults Tod 1984 - er starb 57-jährig an Aids -, hat all sein «Gesagtes» mächtige Wirkung entfaltet. Die Literatur über Foucault und seine Arbeit ist ins Unübersehbare angeschwollen. SpezialistInnen verschiedenster Gattungen nutzen die vom «Werkzeughändler» (Foucault über Foucault) in seinen Büchern («Molotowcocktails», sagte Foucault) entwickelten Instrumente. Diese etablieren keine fertige Methode, sondern sind eben Werkzeuge - und Träume, wie er Ende 1978 in einem Interview sagte.
Damit sind zwei Probleme angedeutet, die sich einem wie Philipp Sarasin stellen, der Foucault in der vom Hamburger Junius Verlag 1978 gestarteten Reihe «Zur Einführung» auf 200 Seiten präsentieren soll: Es liegt kein in sich ruhendes «Werk» des französischen Denkers vor, und es ist auf knappem Platz nicht möglich, die von ihm inspirierten Entwicklungen darzustellen. Sarasin, Geschichtsprofessor an der Uni Zürich, wählt deshalb einen nüchternen, der Chronologie verpflichteten Ansatz. Sein Ziel: gewisse durchgängige Strukturen sichtbar - und gluschtig auf Original-Foucault-Texte machen.
Bereits 1989 präsentierte der Junius Verlag einen ersten «Foucault zur Einführung» (nicht von Sarasin verfasst). Erst danach sind aber vier dicke Bände mit den gesammelten kürzeren Texten und Interviews von Foucault erschienen («Dits et Ecrits»), nach und nach werden auch seine Vorlesungen am Collège de France veröffentlicht. Beides sind unverzichtbare Quellen für das Verständnis der durch seinen Tod jäh abgebrochenen Arbeiten der letzten Lebensphase, als er - endlich! - begonnen hatte, sich mit den Möglichkeiten eines wenigstens partiell selbstbestimmten Subjekts («Die Sorge um sich») und mit der Organisation solcher Subjekte in grösseren Gebilden, etwa dem Staat («Gouvernementalität»), zu beschäftigen. Diese Quellen lassen Sarasin insbesondere erkennen, dass Foucaults Entwicklung seit seiner ersten Publikation 1954 gradliniger ist, als zunächst vermutet. Der ganz späte Foucault erhält dann eine eher sparsam bemessene Aufmerksamkeit.
Sarasin zeigt Foucault insgesamt als rastlos Suchenden, der eingesteht, dass das, was er sagt, «ziemlich verwirrend und ungewiss» klingt. Doch Foucault will wissen, warum wir denken, was wir denken - und wie wir dazu kommen können, nicht mehr dasselbe zu denken; und dazu kritisiert er die Gegenwart, analysiert deren Herkunft und problematisiert die aktuellen, von der Gesellschaft angebotenen Verhaltensformen. Und immer geht es um die Macht, genauer: die Machtbeziehungen. Foucault hält diese nicht grundsätzlich für schlecht, wohl aber für gefährlich. Sarasin stellt die zentralen Konzepte in ihrer oft komplizierten Entstehungsgeschichte klar und konzentriert vor. Einiges lässt er aus, etwa Foucaults Verhältnis zu Immanuel Kant und der Aufklärung. Wie wichtig Friedrich Nietzsche für Foucault war, deutet er bloss an.
Dafür interessiert Sarasin besonders, wie sich Foucault gegenüber Jacques Lacan und der Psychoanalyse abgrenzt, und er untersucht mit Gewinn Foucaults Artikel zur iranischen Revolution, die diesen faszinierte. Dabei entkräftet er den immer wieder erhobenen Vorwurf, Foucault habe die Gefahr eines repressiven islamischen Regimes unterschätzt - im Gegenteil seien «seine ebenso frühen wie hellsichtigen Warnungen vor dem Umkippen der ‹Spiritualität› der Volksbewegung in eine reaktionäre islamische ‹Ordnung› nicht zu übersehen», wie Sarasin festhält. (Im «Nouvel Observateur» schrieb Foucault im November 1978: «Das Problem des Islam als einer politischen Kraft ist für unsere Zeit und die kommenden Jahre von zentraler Bedeutung. Wer sich einigermassen intelligent mit diese Frage auseinandersetzen will, sollte unter keinen Umständen damit beginnen, Hass ins Spiel zu bringen.»)
Dass Sarasin Foucault für einen entscheidenden Philosophen des letzten Jahrhunderts hält, daraus macht er kein Hehl; aber er bleibt - ganz im Sinne Foucaults - kritisch, benennt Widersprüchliches und Unklares. Da er nicht einfach des Philosophen «Werk» abspult, sondern sich ihm gegenüber eine originelle, eigene Haltung erlaubt, ist die Einführung nicht zuletzt auch für Foucault-KennerInnen lesenswert. Wenn er am Schluss Foucaults Prinzip «einer permanenten Kreation unserer selbst in unserer Autonomie» als problematisch qualifiziert, weil Foucault gleichzeitig jeglichen Bezug auf symbolische Ordnungen zu vermeiden trachte, gibt sich Sarasin realistisch. Vielleicht ist er aber auch mutlos. Dann, wenn sich zeigen wird, dass nur eine solche Kreation ein Weiterleben ermöglicht.