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Bereits 1936 hatte sich der österreichische Ökonom Oskar Morgenstern für die Verwendung von mathematischen Methoden in den Sozialwissenschaften und spezifisch in der theoretischen Ökonomie stark gemacht, und damit die Vorstellung verbunden, dass sich Probleme damit »exakt fassen und behandeln lassen«. Ihm schwebte eine neue »Logistik« (anstelle der aristotelischen »Logik«) vor, mit der er der von ihm konstatierten Unschärfe der verwendeten Sprache in den Sozialwissenschaften die symbolische Sprache der Mathematik gegenüberstellte. Die Geschichte der statistischen Denkweise als solche geht auf das 19. Jahrhundert zurück und damit auch die Auseinandersetzungen um das Verhältnis der ökonomischen Beobachtungsweisen mit ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Traditionen. Der Aufstieg der Statistik sowie die Genese der Nationalstaaten gehen als parallele Phänomene mit der Herausbildung einer spezialisierten Profession einher, welche mathematisches Wissen in die Dienste von Staaten stellt. Die Statistik umfasst dabei zweierlei Welten, die miteinander verknüpft sind: Die Welt der Beamten, die statistische Daten im Auftrag des Staates erheben. Und die Welt der Wissenschaft, wo Statistik als wissenschaftliche Subdisziplin der Mathematik gelehrt und erforscht wird. Epistemische Praktiken, Verwaltungsroutinen und unternehmerisches Handeln sind miteinander verwoben und, das ist eine der Vorannahmen dieses Forschungsteils, müssen deshalb auch in diesen wissenschaftlich-politischen Verwicklungen untersucht werden. Die Messung ökonomischer Ressourcen ist immer mangelhaft und fehlerbeladen. Gewisse Faktoren, wie etwa technologisches Wissen, das in Geräten und den Menschen selbst lagert und für die ökonomische Produktion sehr wichtig ist, lassen sich nicht messen. Deshalb muss eine Geschichte der Messung immer auch eine Geschichte ihrer spezifischen Grenzen integrieren.
Quantifizierte Informationen über menschliche und ökonomische Ressourcen dienten bereits im späten Ancien Régime nicht nur zur Hochrechnung des demographischen und volkswirtschaftlichen Ist-Zustands, sondern auch mittels Extrapolation zur Berechnung künftiger Zustände. Die Statistik entstand mit Blick auf die Zukunft und zur Berechnung ebendieser. Aus vergangenem Wissen sollten künftige Entwicklungen abgeleitet werden, so die Grundannahme der Prognostik. Dabei setzen Prognosen – so auch Wirtschaftsprognosen – Systemstabilität voraus. Auf die Konjunktur wirken jedoch selten mehrmals genau dieselben Kräfte ein. Vielmehr bestimmen immer neue Marktkonstellationen künftige Entwicklungen, die sich nur schwer aus bekannten Situationen bestimmen lassen. Der Begriff eines ›Konjunkturbarometers‹ hingegen postuliert die eindeutige Messbarkeit der gegenwärtigen und künftigen Wirtschaftslage wie sie die Meteorologie kennt. Eine Geschichte der Messung muss damit auch eine Geschichte der Unregelmässigkeit sein und nicht zuletzt sprachliche Mehrdeutigkeiten berücksichtigen und reflektieren.
Beim Forschungsteil »Ökonomie und Prognostik« steht eine wissenshistorische Perspektive im Zentrum, die mit unternehmens- und sozialhistorischen Fragen nach den sozialen Entstehungs- und Gebrauchsweisen von Wissen verknüpft wird. Am Beispiel der mikroökonomischen betrieblichen Planung und der makroökonomischen Konjunktur- und Wachstumsforschung in der Schweiz soll erforscht werden, mit welchen Praktiken die wirtschaftliche Genauigkeit konkret operiert, inwiefern Intuition, Schätzung, Messung und rechnerbasierte Modellierung dabei ineinandergreifen und inwiefern Theorie und Praxis divergieren. Die Genauigkeitsideale der Wirtschaft werden dabei im Zusammenhang mit der Entwicklung von Strategien im Umgang mit Fehlerproduktion und Fehlkalkulationen, mit dem Einsatz von Medien (Zahlenreihen, Modellierungen, rechnergestützte Informationsverarbeitung), der Repräsentation des Wissens durch Bilder und im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die politische Relevanz des prognostischen Wissens historisch untersucht.