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Ein nicht unerheblicher Teil der täglichen Nachrichtengebung besteht aus unerfreulichen Ereignissen, die mehr oder weniger wahrgenommen werden. Das Interesse wächst mit dem Ansteigen des Schadens. Das Leben vieler Menschen muss ausgelöscht, die Zerstörung riesig und die Versorgung der Überlebenden nicht mehr gewährleistet sein. Dann werden aus Nachrichten wortreiche Schicksalgeschichten und die Fernsehanstalten setzen Sondersendungen ins Programm.
Es ist nicht verwunderlich, dass aufsehenerregende TV-Sendungen die Phantasie der Filmproduzenten und das Verlangen der Konsumenten nach Augenkitzel und Angstlust förderten. Die sich ständig elaborierter gebende Filmtechnik mit ihren Trick- und Tonmöglichkeiten ermöglichte es in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer mehr, Geschichten von Flugzeugabstürzen, Schiffskatastrophen, Erdbeben und anderen schrecklichen Naturereignissen für das Unterhaltungsbedürfnis zu produzieren.
Dass die Schilderung einer Katastrophe im Literarischen ebenso spannungsvoll geschehen kann, aber möglicherweise wesentlich symbolhafter für unsere Existenz, hat der amerikanische Autor Cormac McCarthy mit «The Road» gezeigt. Ein Vater und sein etwa zehnjähriger Sohn suchen in einem von apokalyptischem Ausmass zerstörten Amerika die Küste zu erreichen, um dort ihr Überleben zu sichern. Der 1933 geborene Literat, mit vielen achtenswerten literarischen Auszeichnungen geehrt, hat für «The Road» 2007 den Pulitzer-Preis erhalten.
«Die Katastrophe verändert Rahmenbedingungen menschlicher Existenz und teilt die Geschichte in ein Vorher und ein Danach. Im Fokus des Films können … die Suche nach neuen Gesellschaftsformen beziehungsweise die Suche nach und der Aufbruch zu Räumen stehen, die ein solches neues Leben möglich machen» analysiert Hans Krah die Apokalypsenfilme (in «Lexikon der Filmbegriffe», Online-Datenbank). John Hillcoats Film endet wie der Roman mit dem Tod des Vaters, und der Junge trifft auf eine Familie, die ihn aufnimmt auf ihrer Suche. «Als die Frau ihn sah, schlang sie die Arme um ihn und hielt ihn fest. Ich freue mich so, dich zu sehen, sagte sie. Manchmal sprach sie mit ihm über Gott. Er versuchte, mit Gott zu reden, aber am besten war es, mit seinem Vater zu reden, und er redete tatsächlich mit ihm und vergass nichts. Die Frau sagte, das sei schon in Ordnung. Der Atem Gottes, sagte sie, sei sein Atem und werde doch durch alle Zeiten von Mensch zu Mensch weitergegeben.» Die Bilderzählung des Films präsentiert diese Frau nicht in Andeutungen mit Worten, sondern augenscheinlich mit ihrem Mann, den zwei Kindern und einem Hund. Sie vermitteln Geborgenheit und eröffnen damit Zukunft.
Der Junge wurde vor zehn Jahren geboren, als die Katastrophe mit einem plötzlichen Schlag die Erde verwüstete. Die wenigen farbenfrohen Bilder einer Idylle weichen denjenigen einer verwüsteten Welt, die eher einer Müllhalde gleicht. Die verzweifelte Mutter hat sich das Leben genommen, und Vater und Sohn müssen sich die Kraft zum Überleben erkämpfen. Auch sind sie immer in der Gefahr, auf marodierende Horden zu stossen, die sich durch Kannibalismus am Leben halten. Eine Pistole mit zwei Patronen bietet den beiden einen Rest von Sicherheit zur Verteidigung oder Flucht, wenn sie im Keller eines nicht zerstörten Hauses Menschen entdecken, die als Nahrungsquelle gehalten werden. Momente der Freude kommen auf, wenn sich in einem Luftschutzkeller Nahrungsvorräte finden oder ein Getränkeautomat eine letzte Büchse Cola auswirft, die der Vater fürsorglich dem Sohn überlässt.
Die Schwierigkeit des Films, der so eng am Buch angelehnt ist, ergibt sich aus der Skizzenhaftigkeit der Literatur, die symbolhafter schildern kann. Die imaginierten Bilder beim Lesen müssen im Film zu prägnanten Handlungsbildern werden. Die Phantasie des Zusehers ist nicht mehr gefordert, und die unwahrscheinlichen Zerstörungen, die zeitdehnenden Wanderungen durch immer neue Landschaften des Grauensbringen nur wenige Spannungspunkte, die von den Begegnungen mit vertierten Menschen oder erneuten eruptiven Aufbrüchen der Erde herrühren. Da bleiben die darstellerischen Qualitäten eines Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee die tragenden Elemente, das Mitleiden mit ihrer glaubwürdigen Darstellung. «Wir sind die Guten und bewahren das Feuer» ist die Lebensmaxime des Vaters, die er dem Sohn vermittelt, auch wenn ein alter Mann, der sie ein paar Tag begleitet, postuliert «Es gibt keinen Gott und wir sind seine Propheten.»
Man mag die ständige Präsenz einer zerstörten Umwelt, geprägt von Asche und Staub und verbrannter Vegetation, als geglückt in Bilder gefasste Endzeitstimmung anerkennen, die Kameramann Javier Aguirresarobe in Louisiana, Pennsylvania und Oregon gelungen sind. Auf die Dauer werden diese ständigen in öden Farben gehaltenen Impressionen zu einer dramaturgischen Herausforderung. McCarthy skizziert knapp und eindringlich die Situationen, angemessen der Auflösung der Normen menschlichen Zusammenlebens. Hillcoat und das Drehbuch von Joe Penhall machen daraus eine Handlung, die zur Gewöhnung an die endzeitliche Umgebung führen, unterstützt von einer aufdringlichen musikalischen Partitur. Rückblenden auf das Leben zuvor versuchen Charlize Theron auch in die Geschichte einzubinden.«Sie war fort, und die Kälte, die sie hinterliess, war ihr letztes Geschenk.» Ansonsten aber resultieren die Tragik und unser Mitleiden aus dem männlichen Element. Da mögen die Schlussbilder des Films doch eher aufgesetzt wirken.