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Tocqueville im Kontext der politischen Ideengeschichte einzuordnen, ist kein leichtes Unterfangen. Dass er politischer Denker sei, steht zwar ausser Frage; in der Sekundärliteratur wird er mitunter gar zum Begründer der modernen Politikwissenschaft gemacht. Von seinen zwei bekannten Schriften gilt eine der gesellschaftlichen und politischen Verfassung der Vereinigten Staaten, die andere den Ursprüngen und der Fortentwicklung demokratischer Angleichung in Frankreich. Wo Tocqueville «wissenschaftlich» schreibt, ist sein Thema die Demokratie.
Nur, er hat kein eigenes Modell; nirgends entwirft er seinen idealen Staat. Normative Vorgaben sind seine Sache nicht. Er analysiert und interpretiert, was er sieht. Er sammelt Fakten, setzt sie in Beziehung, sucht grössere Zusammenhänge – immer nüchtern, immer sachlich im Bestreben, «nicht anders, wohl aber weiter zu sehen» als seine Zeitgenossen. Wo er selbst politisch steht, ist zwischen den Zeilen zu lesen. Als Autor (und als Moralist) kultiviert er ein erstaunliches Mass an Zurückhaltung – erstaunlich, weil Tocqueville unter seinem Gegenstand leidet. Bis in die hinterste Verästelung beschreibt er eine demokratische Kultur, die er im Grunde missbilligt, mitunter verachtet, auf jeden Fall fürchtet. In allen Facetten malt er das Kaleidoskop einer politischen und sozialen Ordnung, die mit schicksalhafter Notwendigkeit auch Europa erobern, von Grund auf verändern und damit seine Welt auslöschen wird.
Seine Welt (und Wahrnehmung) ist die der französischen Aristokratie, noblesse d’épée auf Vaters Seite, noblesse de robe auf Seiten der Mutter. Deren Vater ist jener Lamoignon de Malesherbes, der Ende 1792 mit viel Würde und noch mehr Mut die Verteidigung von Louis XVI. übernommen hat und wie der König auf dem Schafott sein Leben lässt; Alexis’ Mutter entgeht nur knapp der Guillotine. Die Familie bleibt den Bourbonen verbunden, unter der Restauration dient der Vater als Präfekt.
Alexis studiert Jurisprudenz, 1827 wird er in Versailles zum Richter ernannt. In dieser Funktion erlebt er die Revolution von Juli 1830. Wohl legt er den Eid auf die neue Verfassung ab, innerlich aber steht er dem Bürgerregime ablehnend gegenüber. Während Verwandte und Bekannte sich auf ihre Schlösser zurückziehen, lässt sich der 25jährige vom Staatsdienst beurlauben, um mit einem Freund nach Amerika zu fahren. Aus den Aufzeichnungen der knapp einjährigen Reise entsteht ein Werk, dessen erster Band Tocqueville 1835 über Nacht berühmt machen wird: «De la démocratie en Amérique».
Was Tocqueville an den Vereinigten Staaten gleichermassen fasziniert und erschreckt, ist eine im Vergleich zum alten Europa fast schon vollendete Gleichheit der sozialen wie auch politischen Bedingungen im Alltag der Menschen. In dieser «égalité des conditions» findet er denn auch den Kern dessen, was Demokratie ausmacht. Als Kraft, die auf fortgesetzte Angleichung zielt, offenbart sie sich nicht nur in weitgehenden Möglichkeiten politischer Partizipation oder als Gleichheit aller vor dem Gesetz, sondern in allen Lebensbereichen, im sozialen Habitus schlechthin. In Entsprechung zum Prinzip der Subsidiarität ist der Staat von unten nach oben aufgebaut, verbleiben Aufgaben und Verantwortlichkeiten primär dem kleineren Kreis. Der französische Besucher trifft auf eine «société civile», deren Lebendigkeit, Kreativität und Dynamik ihn beeindrucken, zumindest im weitgespannten Bereich des «bien-être matériel».
Hier, auf dem ökonomischen Feld, vermag der natürliche Liberalismus der jungen Nation zu überzeugen. Vergeblich aber sucht Tocqueville nach jenen immateriellen Werten und Fertigkeiten, die ihm selber teuer sind. Der demokratische Mensch vertraut seiner praktischen Vernunft allein; «le goût du bien-être» ist ihm Motivation und Leidenschaft zugleich. Nicht selbstlose Hingabe, Grösse oder Ruhm sind erstrebenswerte Ziele, sondern schlicht Prosperität.
Die grosse Gefahr im Ausleben dieser Leidenschaft sieht Tocqueville darin, dass der homo democraticus früher oder später seine Seele verliert – dass er abgleitet in einen platten, trägen Materialismus. Hier kommt eine Neigung ins Spiel, die dem einzelnen das Interesse am Wohl der anderen verleidet. «L’individualisme est un sentiment réfléchi et paisible qui…