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Bis 1900 beschränkte sich die Bebauung von Liestal auf die Altstadt und Bauten entlang den Ausfallstrassen nach Lausen in Südosten, nach Frenkendorf in Nordosten und im Oristal in Richtung Süden. Der Bahnhof kam aus topografischen Gründen etwas erhöht, ausserhalb der Stadt zu stehen. Mit der Eröffnung des Hauenstein-Basistunnels von Tecknau nach Olten wuchs Liestal. Zu den ersten Gebäuden am südlich vom Bahnhof gelegenen Hang gehörte das Schulhaus Rotacker.
Der abgewinkelte Bau steht auf einem kleinen Plateau oberhalb des Bahnhofs. Städtebaulich eine gute, insbesondere eine repräsentative Lage. Auf Fotografien vom gegenüberliegenden Schleifenberg aus dem Jahr 1919 ist das Gebäude gut zu sehen. Nicht nur das dreigeschossige Volumen auf einem hohem Sockel wirkt eindrucksvoll, auch das ausladende Walmdach ist sehr augenfällig. Wie Fotografien zeigen, wurde das Gebäude durch die Bevölkerung entsprechend eingeweiht. Ein Ausflug in den Online-Archivkatalog des Staatsarchivs Baselland lohnt sich!
Zur Anlage gehört ein Schultrakt mit Kopfbau, ein grosser überdeckter Eingang und eine angebaute Turnhalle. Der Schultrakt beinhaltet pro Stockwerk sechs Klassenzimmer, einen Mittelgang und verhältnismässig feudale Vorplätze im Bereich der offenen Treppenhäuser. Die Klassenzimmer gliedern die äussere Fassade. Die lange Seite weist nicht weniger als 21 Fensterachsen auf. Die Nebenräume wenden sich dem Hof zu. Dieser wird nordseitig von der Turnhalle, ostseitig vom Schultrakt und süd-westlich vom Hang gefasst. Die Setzung des Gebäudes verschafft den meisten Klassenzimmern eine gute indirekte Belichtung, der Pausenplatz und die Turnhalle profitieren von direktem Sonnenlicht.
Die Fassade ist streng gegliedert. Der rustifizierte Sockel verfügt über Rundbogenfenster. Umlaufende Gesimse unterteilen die Geschosse. Die hochrechteckigen Fenster schliessen direkt an den Gesimsen an. Im Eingangsbereich wird der Sockel zu einer zweiläufigen Freitreppe. Dahinter gibt ein Durchgang unter mehreren Tonnengewölben durch den Blick frei zum dahinter liegenden Pausenplatz. Der etwas niedriger gehaltene Eingangsbereich lässt das ausgebaute Walmdach der Hauptbauten umso höher erscheinen. Wer genau hinschaut, findet, sich noch an den Jugendstil klammernde Details; etwa der in die Fassade eingelassene Brunnen oder verzierte Rundbögen.
1970 wurde die Anlage erweitert. Vergleicht man das Schulhaus mit früheren Aufnahmen, so fällt einem insbesondere das Vordach zwischen Durchgang und Pausenplatz ins Auge. Zwar bemüht es sich, nur dort an das Gebäude anzuschliessen, wo zwecks einer Überdachung dringend nötig; im Bereich der Türen und Zugänge. Trotzdem aber wirkt es räumlich als Fremdkörper; die Rundbogen der Tonnengewölbe verlieren dadurch ihre Wirkung. Die kalte metallische Konstruktion mit dem etwas gar plumpen Dachrandabschluss hat wenig mit der gelb-weissen, trotz ihrer Strenge, gutmütigen Fassade zu tun.
Der Originalbau stammt vom Liestaler Architekten Wilhelm Eduard Brodtbeck. Er war unter anderem mitverantwortlich für den Entwurf des Stadtcasino in Basel. Mit Architekt Fritz Bohny führte er ab 1921 ein gemeinsames Büro. Jenes wurde 1951 durch Architekt Rolf G. Otto übernommen.
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Schulhaus Rotacker
Adresse: Widmannstrasse 5, 4410 Liestal
Architektur: Wilhelm Eduard Brodtbeck
Bauzeit: 1917-1919
Funktion: Bildungsbau
Fotos
– Simon Heiniger / Architektur Basel
– Staatsarchiv Baselland Online-Archivkatalog
Quellen
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0