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Der Fall eines Idols
Ein Beitrag von Emil Zopfi*
Ein Seil reisst, ein Mann stürzt, überschlägt sich in der Luft, bleibt Minuten später tausend Meter tiefer auf einem Schneefeld am Fuss der Eigernordwand liegen. Es ist der 22. März 1966, John Harlin ist tot. Er war ein Idol für uns junge Extrembergsteiger, ein begnadeter Kletterer aus den USA, ehemaliger Kampfpilot, blond und stark, Vater zweier Kinder, Leiter einer internationalen Bergsteigerschule in Leysin. Durch schwierige Erstbegehungen wie der «Directissime américaine» in der Westwand der Drus hatte er sich einen hervorragenden Ruf geschaffen. Seit er die klassische Route in der Eigerwand durchstiegen hatte, war er von der Idee einer «Direttissima» besessen. Ganz im Geist jener Zeit, als man durch die grossen Wände Routen suchte, die «der Linie des fallenden Tropfens» zum Gipfel folgten.
Mit einigem Hin und Her stellte Harlin im Winter 1965/66 ein Team mit britischen und amerikanischen Spitzenkletterern zusammen mit der Absicht, die Eiger-Direttissima im alpinen Stil mit einigen Biwaks zu durchsteigen. Gleichzeitig machte sich eine Gruppe von acht Deutschen auf, mit schwerem Gepäck, die dieselbe Route im Expeditionsstil anpackten. Einige hatte die Wand noch nie zuvor gesehen, doch hatten sie das Unternehmen minutiös geplant. Alle waren in den Alpen erfahrene Extremkletterer. Das Wetter war schlecht, es stürmte und schneite fast unablässig. Harlin zögerte, wartete auf Wetterbesserung, während sich die Deutschen ab dem 19. Februar Seillänge um Seillänge hocharbeiteten, Schneehöhlen zu Biwakplätzen ausbauten, Fixseile installierten, Material in Plastiktonnen aufseilten. Endlich stiegen auch Harlins Leute ein, kletterten auf teilweise verschiedenen Routen, doch schliesslich siegte die Vernunft über die Konkurrenz. Die beiden Teams schlossen sich trotz Harlins Widerstreben zusammen, benutzten gemeinsame Fixseile.
Eines der Fixseile unterhalb der «Spinne» war hundert Meter lang und sieben Millimeter dick, heute würde man es eher als «Reepschnur» bezeichnen. Nach wenigen Aufstiegen hatte es sich an einer Felskante durchgescheuert und wurde Harlin zum Verhängnis.
Der britische Journalist Peter Gillman beobachtete den Absturz durchs Fernrohr von der Kleinen Scheidegg aus. Mit seiner Frau Leni Gillman legt er nun fünfzig Jahre nach dem dramatischen Geschehen das minutiös recherchierte Buch «Eiger extrem» vor. Nicht nur Schilderung der haarsträubenden Kletterei in extremem Gelände unter infernalischen Wetterbedingungen machen die Lektüre spannend, sondern auch der Medienrummel um das Geschehen mit allen Intrigen und Lügen. Dazu gehen die Gillmans ausführlich auf die Charaktere und die zum Teil tragischen Schicksale der wichtigsten Protagonisten ein. Im Kern eine differenzierte Einschätzung des «vom Ehrgeiz getriebenen Harlin» – «ein Mensch mit einer Vielzahl von Talenten wie auch ein fehlerhafter Charakter, ein Charakter, der Freunde und Feinde auf sich zog».
«John Harlin Climb» nannten die Erstbegeher die Route, nachdem vier Deutsche und ein Brite am 25. März den Gipfel im Schneesturm erreichten, mit letzter Kraft, Erfrierungen und Verletzungen. Die heute noch Lebenden trafen sich diesen Karfreitag zum Jubiläum auf der Kleinen Scheidegg, dabei auch Harlins Sohn John, der beim Tod seines Vaters neun Jahre alt war.
Über die Eiger-Direttissima gibt es einen Film, mehrere Bücher und nun dieses neuste und umfassendste Werk. Es holt das Idol John Harlin auf den Boden, zeigt ihn als Menschen mit Stärken und Schwächen. So, als habe sein Fall erst damit ein Ende gefunden.
«Eiger extrem – Das Rennen um die Nordwand-Direttissima» – von Peter und Leni Gillman. Aus dem Englischen von Jochen Hemmleb. AS-Verlag, Zürich 2016.