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jeden tag verwenden wir sprache, ohne gross darüber nachzudenken, was es mit den wörtern und sätzen, die wir gebrauchen, auf sich hat. warum sagen wir so und nicht anders? im alltag ist diese frage unwichtig – sprache ist konvention, und als solche können wir sie nutzen, ohne sie zu hinterfragen.
wer sich aber die zeit nimmt, über seine sprache nachzudenken, kann einiges über sie und ihre geschichte in erfahrung bringen. es ist sogar recht erstaunlich, wie weit man ganz ohne etymologische wörterbücher und historische grammatiken kommt (obwohl – wer es genau wissen will kommt um diese natürlich nicht herum).
nehmen wir das wort bisschen. bei genauerem hinsehen ist das wort für jeden muttersprachler völlig durchsichtig: es ist eine verkleinerungsform mit -chen zu einem substantiv biss, das seinerseits vom verb beissen abgeleitet ist. die ursprüngliche bedeutung lässt sich als ‘kleiner bissen’ erschliessen. wie aber kommt es zur heutigen verwendung als adjektiv oder adverb mit der bedeutung ‘eine kleine menge’ (ein bisschen geld) oder ‘in geringem mass’ (ein bisschen zu spät)? auch dies ist nicht schwer zu erkennen: die heutige verwendung von bisschen wird ihren ursprung in sätzen gehabt haben, wo es um eine kleine menge von etwas essbarem ging, z.b. ein bisschen brot oder ein bisschen torte. in solchen sätzen konnte das wort bisschen statt als ‘ein kleiner bissen’ auch schlicht als eine ‘eine kleine menge von etwas’ aufgefasst werden, und dies erlaubte, das wort auch für ein bisschen wasser oder ein bisschen zeit zu verwenden, obwohl dort der bezug zu ‘beissen’ nicht mehr gegeben war. von dort war es nur noch ein kleiner schritt, das wort auch für tätigkeiten zu gebrauchen, die ‘in geringem mass’ stattfanden (ich fror ein bisschen).
man kann sich vorstellen, dass etwas paralleles auch mit schlückchen hätte passieren können, d.h. dass man ausgehend von phrasen wie ein schlückchen wein formulierungen wie ein schlückchen geld oder ich fror ein schlückchen hätte kreieren können. offenbar gab es aber kein bedürfnis dafür, noch ein weiteres wort für ‘eine kleine menge von etwas’ zu schaffen. so befinden wir uns also heute in der etwas paradoxen situation, zwar ein bisschen wein, nicht aber ein schlückchen brot zu uns nehmen zu können.
nächste woche: lesen und auflesen.