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Zum Frühstück gibt es Ecazide, am Abend Atenol. Die beiden Medikamente gegen Bluthochdruck sind ständige Begleiter von Geneviève Diallo, 45, Einwohnerin von Abidjan. Das sei eine Folge des Giftmülls, den Trafigura 2006 gleich tonnenweise in Abidjan entsorgen liess, sagt sie. Diallo ist ein der über 100000 Opfer des Umweltskandals.
Trafigura will von solchen Geschichten nichts wissen. Der Konzern bestreitet, dass es wegen seines Ölschlamms Kranke oder gar Tote habe geben können. Dennoch zahlten die Schweizer bereits am 14. Februar 2007 198 Millionen US-Dollar für die Opfer und die Säuberung der vergifteten Mülldeponien. Im Vorfeld der Einigung hatte die Elfenbeinküste gegen den Schweizer Rohstoffhändler prozessiert.
Rest der Millionen ist unauffindbar
Doch bis heute warten die Opfer auf ihr Geld. «Kaum war das Trafigura-Geld da, tauchten obskure Hände auf und nahmen es sich», sagt Diallo, die Hunderte Betroffene vertritt. Charles Koffi, der einem anderen der unzähligen Opfervereine angehört, sagt: «Eigentlich hätten die Familien der Toten 100 Millionen CFA erhalten sollen, die restlichen Opfer 200000 CFA», das sind umgerechnet 170000 beziehungsweise 340 Franken. Doch nur wenige haben tatsächlich ihr Geld erhalten. Der Rest der Millionen ist unauffindbar. Personen aus dem Umfeld von Laurent Gbagbo, dem abgewählten Ex-Staatspräsidenten, stehen im Verdacht, es veruntreut zu haben.
Schon bevor das Trafigura-Geld spurlos verschwunden ist, gingen die Bewohner des 3000-Seelen-Dorfes Djibi auf die Strasse und demonstrierten gegen die ivorische Regierung. Auch bei ihnen wurde Giftmüll hingeschüttet. Die Fernsehbilder der Demonstration am Stadtrand von Abidjan gingen um die Welt – und bald meldete sich eine englische Anwaltskanzlei. Im Namen von 29624 Giftmüllopfern klagte sie Trafigura in London ein und erzielte im September 2009 einen weiteren Vergleich: Trafigura bezahlte 30 Millionen englische Pfund – für jedes Giftmüllopfer umgerechnet rund 1600 Franken.
Vertrauter des Ex-Präsidenten hat möglicherweise das Geld veruntreut
Doch auch auf dieses Geld warten rund 6000 Opfer bis heute. Ein Vertrauter des Ex-Präsidenten steht im Verdacht, das Geld veruntreut zu haben. Kaum hatte Trafigura das Geld überwiesen, behauptete der Mann, er sei Präsident des Dachverbands sämtlicher Opfervereinigungen – und forderte die Trafigura-Millionen für sich. Obwohl sein Verein nach ivorischem Recht gar nicht existiert, stützten ihn die Gerichte durch mehrere Instanzen hindurch. «Das sind die Mysterien der ivorischen Justiz», sagt ein Anwalt dazu. Zwar sollen 80 Prozent der Opfer ihr Geld inzwischen erhalten haben, doch rund 6,6 Millionen Euro bleiben verschwunden. Laut Anwalt Kouamé Klemet, der die britische Kanzlei in Abidjan vertritt, seien auf dem Konto der Giftmüllopfer am 11. Mai 2011 umgerechnet gerade mal noch 46 Franken gewesen. Den Rest hatte der Bekannte des Ex-Präsidenten auf unbekannte Konti überwiesen.
Am 13. August 2011 reichten die Opfer deshalb Strafanzeige gegen den Mann ein. Bereits im Juli hatten Opfervertreter die neue ivorische Regierung aufgefordert, eine unabhängige Kommission zu bilden – mit zwei Aufgaben: «1. Abklärung betreffend die 100 Milliarden CFA, die vom Staat verwaltet wurden (und nie ausbezahlt worden sind). 2. Abklärung der 22,5 Milliarden CFA, die vom Bekannten des Ex-Präsidenten verwaltet wurden (und verschwunden sind).»