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Der «Hirschen» in Düdingen war jedoch eine glatte Enttäuschung. Anstatt währschaften Essens, wie sie es mochte, gab es dort nur noch Pizzas. Und über Bernhard Knüsel, der am Abend vorher in Baumetswil ermordet worden war, wusste niemand etwas.
Im «Löwen» in Gurmels hingegen erinnerte man sich gut an Knüsel. Die Wirtin schaute Janine unfreundlich an, als sie nach ihm fragte. Knüsel sei jeden Dienstag hier gewesen, habe ein Cordon bleu gegessen und Unmengen an Bier getrunken, sagte sie. «Ich hätte eigentlich den Zapfhahn gerade laufen lassen können.» Janine notierte sich alles. «War er alleine?», fragte sie. Die Wirtin schüttelte den Kopf: «Sie waren meistens zu viert und haben im Säli gespielt. Poker, glaube ich. Es waren immer verschiedene Spielpartner. Nur einer war fast jedes Mal hier. Tinguely hiess der.»
Janine stutze, sie fragte nach. Die Wirtin bestätigte ihr, was sie schon fast geahnt hatte: Georg Tinguely hatte hier fast jeden Dienstag mit Knüsel gespielt. Genau jener Georg Tinguely, der am Tatabend in Baumetswil war, um den ersten August zu feiern. Nachdem sich Janine Auderset alles notiert hatte, warf sie einen Blick auf das Tagesmenü und bestellte ihren Freund Päx Dietrich nach Gurmels.
Päx kam keine zwanzig Minuten später an. Die beiden assen ein währschaftes Rahmschnitzel mit Nüdeli. Er hatte im Moment grosse Sorgen. Päx, der Frontmann der erfolgreichsten Sensler Rockband Mowed by Scythe, gross gewachsen und kräftig, betrieb eine Bar in Flamatt. Doch jetzt war sein grosser Einbaukühlschrank defekt. Ein neuer würde mehrere Tausend Franken kosten. Geld, das Päx gerade nicht hatte. Janine erzählte ihm vom Mord in Baumetswil. Sie brauchte das – eine aussenstehende Person, der sie von komplizierten Kriminalfällen, die sie belasteten, erzählen konnte. Doch anders als sonst schien es Päx nicht zu interessieren. Ihn beschäftigten wohl die eigenen Sorgen.
Nach dem Mittagessen schwang sich Päx auf sein Motorrad. Janine stieg in ihr Auto und fuhr nach Freiburg, um kurz im Büro vorbeizuschauen. Wie erwartet, waren bislang weder der Bericht der Spurensicherung noch jener der Rechtsmedizin eingetroffen. Sie klopfte an die Tür ihres Kollegen Herbert Mäder und trat ein.
Er hatte auf seinem ganzen Schreibtisch Zeitungen ausgebreitet. Mäder nickte ihr kurz zu und las dann laut vor: «Vergesst die Klimakatastrophe, Giftmischungen oder invasive Pflanzen: Katzen sind die grösste Bedrohung für jedes Ökosystem. Diese verhätschelten Bestien lassen das Rotkehlchen, die Bachstelze und die Blaumeise zu selten gesehenen Gästen auf dem Fenstersims werden.» Janine Auderset sah Mäder fragend an. Der räusperte sich und erklärte: «Das hat Bernhard Knüsel geschrieben. Allein dieses Jahr hat er vierzehn Leserbriefe verfasst, in denen er sich negativ über Katzen oder die Jugend geäussert hat.» Janine hob eine Augenbraue: «Dieser Knüsel interessierte sich nicht nur für Vögel. Er hatte offensichtlich auch einen Vogel.»
Mäder faltete die Zeitung zusammen. «Und hier, schau mal, noch etwas.» Er griff nach dem «Murtenbieter» neben seinem Telefon, schlug ihn auf, zeigte Janine Auderset ein Bild und erläuterte: «Letztes Jahr, am grossen Deutschfreiburger Katzenconcours in Kerzers, hat die Katzenzüchterin Lea Hirschi mit ihrem Perserkater Gorbatschow den ersten Preis gewonnen.» Janine sah sich das Foto genauer an. Tatsächlich war darauf Lea Hirschi zu sehen, mit einer hübschen Katze auf dem Arm.
Knüsel war Hobby-Ornithologe und Katzenhasser. Lea Hirschi war die erfolgreichste Züchterin von Perserkatzen in Deutschfreiburg. Und beide wohnten keine fünfzig Meter voneinander entfernt in Baumetswil. Da gab es sicher täglich Streit. Vielleicht war der Streit am ersten August etwas heftiger gewesen als sonst?