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«Alles, was stirbt, muss nach dem Gesetz des Nachlebens aufbewahrt werden.» Das heisst es in dem Buch, das auf meinem Nachttisch liegt. Das sagt die Stimme, die mich jeden Morgen daran erinnert, dass es meine Aufgabe ist, über die Verstorbenen zu wachen. Nicht die verstorbenen Menschen, aber deren Habseligkeiten.
Ich darf die Gegenstände nicht reparieren, denn sie gehören nicht mir. Es sind Dinge, die willentlich weggeworfen wurden. Viele funktionieren nicht mehr, aber das spielt keine Rolle mehr. Nicht hier. Meine Aufgabe ist es, die Dinge zu sortieren und sie aufzubewahren. Über sie zu wachen. Irgendwann wird einer meiner Gegenstände auserwählt werden und dann wird über sein Schicksal entschieden werden.
Das einzige Problem ist, dass ich mich manchmal dieser Ordnung widersetze. Ich lasse Gegenstände verschwinden und repariere sie. Ich widersetze mich eigentlich nicht der Regel, denn ich bewahre die verlorenen Gegenstände trotzdem auf. Eben nur nicht dort, wo sie eigentlich hingehören. Nachdem ich gestorben war, kam ich hierher und man sagte mir, dass ich dazu erwählt wurde, mich um die Dinge zu kümmern, die die Menschen der lebenden Welt verloren hatten. Meinen Namen hatte ich schon lange vergessen. Das Einzige, was ich über mich weiss, ist meine Kabinennummer, J274. Ich stelle mir manchmal vor, dass ich in meinem früheren Leben Jonah geheissen hatte. Auch wenn es wahrscheinlich nicht so war, gibt mir dieser Name das Gefühl, noch zu existieren. Wenn ich ihn in meinen Gedanken immer wieder sage, dann fühlt es sich an, als ob er zu mir gehören würde. Ich sage den Namen immer wieder Jonah, Jonah, Jon… Meine Gedanken werden von der Stimme unterbrochen, die durch die grosse Halle ertönt.
Wie immer hole ich meine Holzkiste von der Verteilstelle ab und schiebe sie auf die andere Seite der grossen Halle, wo die Regale stehen. Es gibt noch andere, die die hier arbeiten, aber ich habe noch nie mit jemandem gesprochen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich noch sprechen kann, denn hier ist die Zeit unmessbar und es könnte sein, dass ich schon seit Jahren kein Wort mehr gesprochen habe. Falls ich schon seit Jahren hier bin. Ich weiss es nicht…Ich weiss nicht. Ich kann es nur vermuten.
Ich sehe mir die Gegenstände in der Kiste an. Normalerweise finde ich Uhren, Stofftiere und manchmal auch Socken, aber hier sehe ich etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Unter einem Schlüsselbund liegt ein Stück Papier eingeklemmt. Ich schiebe vorsichtig die Schlüssel zur Seite und sehe mir das Papier an. Vorne steht nichts geschrieben, aber auf der Rückseite ist eine Zahl zu sehen. 1946. In der Mitte des Briefes ist ein rotes Siegel, das noch nicht geöffnet wurde. Ich verspüre ein Kribbeln in meinen Fingern, aber ich weiss, dass ich den Brief nicht öffnen kann. Nicht hier. Ich stecke ihn schnell in meine Jackentasche und warte, bis die Lichter in der Halle erloschen sind und ich mich wieder zurück in meine Werkstatt verkriechen kann.
Noch nie zuvor war hier ein Brief gelandet. Wer würde auch einen Brief schreiben und ihn nicht versenden? Ich breche vorsichtig das Siegel und entfaltete das Papier. Das Papier ist blass und bräunlich geworden. Die Zeit hatte es abgenutzt. Die Schrift ist aber noch gut lesbar, bis auf einige Stellen, die von Flecken überdeckt sind, aber mit viel Geduld schaffe ich es, die Buchstaben zu entziffern.
Ich habe keine Angst vor dem Sterben.
Ich habe Angst davor, was danach passiert. In meinem Leben habe ich viele Fehler begangen. Ich habe Dinge getan, die unverzeihlich sind. Ich habe Angst, dass ich meine Fehler nie mehr gut machen kann, dass das Blut Unschuldiger für immer an meinen Händen kleben wird.
Als ich den Brief lese, sehe ich einen Mann vor mir, der auf einer Bank sitzt und zusieht, wie sich ein Gewitter entwickelt. Seine weissen Haare wehen sanft im Wind. Sie scheinen einen Tanz auf seinem Kopf aufzuführen, den er aber selbst nicht sehen kann. Nur ich kann ihn sehen. Ich starre auf den Brief in meiner Hand und fahre die Linien in meinem Kopf nach. Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Aber das Sterben ist schwer, wenn man Schulden zu begleichen hat. Ich nehme mir den Stift, der auf dem Tisch neben meinem Bett liegt und suche mir eine freie Stelle auf dem Papier. Auch wenn der Mann seinen Brief weggeworfen hat, hat er eine Antwort verdient. Es spielt keine Rolle, was er getan hatte. Er würde die letzten Tage seines Lebens damit verbringen, an der Vergangenheit festzuhängen und ich hoffe aufrichtig, dass ihm diese Antwort das Sterben einfacher machen würde. Ich falte den Brief zusammen und binde ihn mit einem Stück Schnur zusammen. Dann schliesse ich meine Augen und stellte mir vor, wie ich das Papier in den Fluss gleiten lasse. Das kalte Wasser umspielt meine Hand und scheint den Brief freudig entgegenzunehmen. Ich behalte meine Augen geschlossen und sehe zu, wie der Mann verdutzt auf den Brief starrt, der im Fluss schwimmt. Er streckt seine Hand danach aus und fischt das Papier aus dem Wasser. Erstaunlicherweise ist es komplett trocken geblieben. Der Mann öffnet den Knoten in der Schnur und entfaltet den Brief. Als er ihn liest, sehe ich ihm über die Schulter und lasse die Worte in meinem Kopf widerhallen, die ich wenige Augenblicke zuvor niedergeschrieben hatte.
Ich vergebe dir.
Dann sehe ich in den Himmel, wie der Mann es vorhin getan hatte. Man kann zusehen, wie sich ein Gewitter entwickelt. Das Blau wird langsam von den grauen Wolken davongetragen, aber trotzdem ist der Himmel nie ganz grau.