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Der Hunger des Azteken
Nicht nur seines Aztekenstricks wegen war Cuauhtémoc Blanco während seiner Aktivzeit eine schillernde Figur. Seine Zweitkarriere lancierte er noch auf dem Platz und amtet heute als Bürgermeister von Cuernavaca. Und dies so miserabel, dass seine politischen Gegner ein Amtsenthebungsverfahren anstrebten. Aus Protest trat Blanco in den vielleicht kürzesten Hungerstreik der Geschichte.
Text: Mämä Sykora
Meine erste Begegnung mit Cuauhtémoc Blanco war gleich eine besondere. 13. Juni 1998, Lyon, WM-Gruppenspiel, Mexiko gegen Südkorea. Der Weg zum Stadion war gesäumt von unzähligen, absolut identischen Szenen: Grosse Gruppen von Mexikanern versuchten, die meist einzeln ankommenden Südkoreaner – allesamt mit Rucksack ausgestattet – zum Trinken zu animieren, weil sie gehört hatten, dass lustige Dinge passieren, wenn Asiaten einen über den Durst nehmen. Erfolgreich waren sie nur selten.
Ich, ganz der Experte, hatte meinen Kollegen schon vorgewarnt, dass die Koreaner bestimmt durchdrehen würden, wenn bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung ihr Superstar, Jung Won-Seo, aufgerufen würde. Nun, er war nicht einmal in der Startelf. Dafür war da einer auf Seiten der Mexikaner, die Nummer 11, der schon beim Einspielen auffiel. Mit seiner Postur erinnerte er eher an einen aus der Form geratenen Spielmacher in der Alternativliga, wo ich zu jener Zeit meine bescheidenen Künste zeigte. Nie spielte er einfach einen simplen Pass, immer musste noch ein kleines Tricklein eingeschoben werden. Die hohen Bälle stoppte er mit dem Hintern, die Hacke kam mehr zum Einsatz als der Rist. Als das ganze Team zum Abschluss des Aufwärmens noch zwei, drei Breiten sprinten sollte, hatte er schon in der Feldmitte zehn Meter Rückstand.
Seine Spielweise änderte mit dem Anpfiff kaum. Nur war nun noch offensichtlicher, dass sein Antritt kaum besser war als jener des jamaikanischen Bobteams aus «Cool Runnings», als es zum ersten Mal im Eiskanal testete (Startzeit: 11,63). Und doch johlten die mexikanischen Fans bei jeder seiner Ballberührung, sprangen auf und setzten sich erst wieder, nachdem die beleibten Mütter in den hinteren Reihen wiederholt ein giftiges «Siéntate, niño!» nach vorne brüllten.
Die Geburt des «Cuauhtémiño»
Dann kam jener Moment, der selbst jene reiferen Damen zum Aufstehen bewog. Blanco bekam den Ball auf dem linken Flügel, keine 10 Meter vor uns, dicht umstellt von zwei Koreanern. Blanco klemmte sich die Kugel zwischen die Füsse und sprang zwischen den beiden Verteidigern hindurch, die so verdutzt waren, dass sie vergassen, der Nummer 11 nachzusetzen. Die begeisterte Reaktion des Publikums gefiel Blanco offenbar so gut, dass er den gleichen Trick in der Folge bei jeder Gelegenheit wieder versuchte, obwohl sein Team mit 0:1 hinten lag. Es spricht nicht eben für die koreanische Defensive, dass er eine Erfolgsquote von nahezu 50 Prozent erreichte. Mexiko drehte das Spiel doch noch. Nicht wegen, sondern eher trotz Blancos Hüpfern. Selbstredend baute ich dieses Kunststück, das hierzulande als «Aztekentrick», im Rest der Welt als «Cuauhtémiña» bezeichnet wurde, in mein Reportoire ein. Es gelang mir nur ein einziges Mal. Völlig euphorisiert spielte ich daraufhin einen unbedrängten Fehlpass und erntete zornige Blicke meiner Mitspieler.
Ich wollte alles wissen über diesen faszinierenden Spieler, dem es offensichtlich an so vielem mangelte, der aber gleichwohl der Star der Truppe war. Aufgewachsen war Cuauhtémoc Blanco in bitterer Armut. Die Busreise ins Training musste er sich als Jugendlicher verdienen, indem er für die Mitreisenden sang. Bei América stieg er zum Liebling der Fans auf, der WM-Auftritt sollte der Startschuss für eine Weltkarriere sein. Real Valladolid sicherte sich seine Dienste. Doch in der humorlosen spanischen Liga war kein Platz für einen, der mehr Wert legt auf Applaus für einen Zaubertrick als auf einen nüchternen Sieg. Blancos Stammplatz war auf der Bank. Als er sein erstes Tor erzielte, gab dies nicht einmal Grund zum Jubeln. Wie stets hatte das Team zusammen sämtliche Spiele der Runde getippt. Bei allen lag es richtig, nur beim eigenen Spiel auswärts bei Real Madrid prophezeite man eine Niederlage. Um den stolzen Wettgewinn brachte Blanco seine Mannschaft selber, mit einem Traumfreistoss kurz vor Schluss.
2004 zettelte Blanco eine Massenschlägerei auf dem Platz an, 2007 verprügelte er vor laufender Kamera einen Journalisten, er war mit mehreren Celebritys liiert, die er mit anderen Celebritys betrog.
Bald war Blanco wieder auf dem heimischen Kontinent, machte Halt in der MLS und wechselte danach im Jahresrhythmus den Klub in Mexiko. Seine Tricks kannten die Gegenspieler längst, also verlegte sich Blanco aufs Schauspielern und Fouls schinden. Mit grossem Erfolg: Vom Penaltypunkt war kaum einer treffsicherer als er – von 58 Elfmetern, von denen er viele selber ergaunert hatte, verschoss er lediglich zwei. Für Schlagzeilen sorgte er mehr anderweitig: 2004 zettelte er eine Massenschlägerei auf dem Platz an, 2007 verprügelte er vor laufender Kamera einen Journalisten, er war mit mehreren Celebritys liiert, die er mit anderen Celebritys betrog. Ein Nationalheld. Noch mit 42 Jahren spielte er für Puebla in der höchste Liga Mexikos, doch sein fussballerischer Ruhm verblasste allmählich. Es war Zeit für eine neue Aufgabe, die Glanz und Glamour versprach.
Dubioser Start in die Polit-Karriere
2015 gab er bekannt, als Bürgermeister von Cuernavaca zu kandidieren, eine Stadt von der Grösse Zürichs, eine beliebte Touristendestination. Ausser mehr Sicherheit für die Familien zu versprechen bot Blanco zwar kein Programm, dafür teilte er schon im Vorfeld mächtig aus. Seinen Konkurrenten um die Wahl bezeichnete er als «grosser Dieb» und er präsentierte zweifelhafte Dokumente, die ihm den für die Kandidatur nötigen Wohnsitz in Cuernavaca bescheinigten. Für den Lebenslauf, der im Vorfeld der Wahl einreichen musste, kopierte er einfach Abschnitte aus seinem Wikipedia-Artikel und listete säuberlich alle seine Tore auf. Die Zweifler waren chancenlos: Dank seiner Popularität gewann Blanco die Wahl für die Sozialdemokraten souverän. Lange konnte er den neuen Ruhm indes nicht geniessen.
Mitte Dezember wurde bekannt, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bürgermeister Blanco angelaufen ist. Das oberste Gericht des Staates Morelos sah die Grundlage dafür gegeben. So sei Blanco seit Amtsantritt kaum je an Sitzungen und Versammlungen im Rathaus präsent gewesen, zudem sollen seine Berater anstelle von Blanco selber Entscheide gefällt haben. Auch wurden nochmals Zweifel an seiner Wohnsitzbestätigung laut, wie auch Vorwürfe, wonach er bezahlt worden sei, um für die Sozialdemokraten zu kandidieren.
Blanco antwortete auf seine Weise. Aus Protest gegen das «unfaire Verfahren» trat er am Samstag vor Heiligabend in den Hungerstreik und kündigte an: «Was meine Gegner gemacht haben, ist ungeheuerlich! Meinen Hungerstreik werde ich auf unbestimmte Zeit weiterziehen.»
Knapp 48 Stunden später gab er allerdings schon auf. Dem 120-fachen Internationale war das Zugeständnis, dass das Amtsenthebungsverfahren allenfalls etwas voreilig war, Grund genug, um endlich wieder etwas Anständiges in den wohlgeformten Bauch zu bekommen. Für den Hohn der Kritiker hatte er damit selbst gesorgt: «Eine Mahlzeit auszulassen ist noch lange kein Hungerstreik. Publicity um jeden Preis, das ist Cuauhtémoc Blanco.» So war er als Fussballer, so ist er auch heute noch.