Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/2930

24.09.2015''Ich habe 10 Jahre Zeit, um Geschichte zu schreiben''
Die Japaner flippen aus, der Rest der Welt staunt über den Aufstieg von Kei Nishikori. Im Gespräch mit tennis MAGAZIN spricht der US Open-Finalist von 2014 über den Druck in der Heimat, Mobbing auf der Junior-Tour und Coach Michael Chang.
Herr Nishikori, viele sehen Sie als künftigen Grand-Slam-Champion. Sie sich auch?
Ja, dafür trainiere ich hart. Das ist das grosse Ziel. Und ich bin nicht mehr so weit entfernt davon. Ich werde jeden Tag ein bisschen besser.
Wo sehen Sie Ihre grössten Chancen?
Auf Hartplätzen. Am liebsten spiele ich auf dem US Open-Belag. Ein Sieg in New York wäre fantastisch. Aber wenn ich mir einen Grand-Slam-Titel aussuchen dürfte, dann wäre es der Gewinn der Australian Open. Es ist das Turnier, das in Asien und im Pazifikraum am meisten zählt.
Bei den US Open standen Sie 2014 schon im Final und verloren gegen Marin Cilic. War das eine verpasste Chance?
Ja. Es war enttäuschend, wie ich im Final gespielt habe. Ich habe mir Vorwürfe gemacht. Aber ich muss akzeptieren, dass mein Gegner gut spielte. Marin war an diesem Tag der bessere Mann. Ich war nicht zu hundert Prozent fit.
Fehlte am Ende die Kraft oder waren Sie der Situation mental nicht gewachsen?
Wahrscheinlich beides. Ich musste im Achtel- und im Viertelfinal je fünf Sätze gegen Milos Raonic und Stan Wawrinka spielen. Dann folgte ein harter Viersatz-Match gegen Novak Djokovic. Ich hatte vor dem Final meinen Fokus verloren. Das war der Hauptgrund für die Niederlage.
Ich war nervöser als sonst. Es war eine völlig neue Drucksituation. Ich habe versucht, nicht zu viel darüber nachzudenken, aber wenn der Titel zum Greifen nah ist, ist es nicht einfach, ruhig zu bleiben. Heute sehe ich es so: Es war mein erster Grand-Slam-Final, bei dem ich Erfahrung gesammelt habe. Es werden viele folgen. Daran glaube ich ganz fest.
Es war enttäuschend, wie ich im Final gespielt habe. Ich habe mir Vorwürfe gemacht.
Wäre ein Davis Cup-Titel für Sie vergleichbar mit einem Grand Slam-Sieg?
(überlegt lange) Der Davis Cup ist mir wichtig. Ich liebe es, für mein Land zu spielen. Es ist komplett anders als bei einem normalen Turnier. Man spielt für sein Team, gegen die gegnerischen Zuschauer. Das ist eine zusätzliche Herausforderung. Es macht einen mental stärker. Das Problem: Es gibt pro Jahr vier Termine. Das ist zu viel. Die Topspieler sind oft nicht dabei. Ich würde das Format ändern.
Wie?
Man könnte darüber nachdenken, nur alle zwei Jahre zu spielen und versuchen, einen Termin mit den grossen Nationen an einem Ort zu finden.
Zurück zur Frage: Was wäre Ihnen lieber – Davis Cup- oder Grand-Slam-Titel?
Ein Grand-Slam-Sieg.
Als ich jung war, habe ich davon geträumt. Jetzt ist es Realität. Als ich die Nummer 30 war, war mir klar, dass ich die Top 10 oder die Top 5 erreichen kann.
Was, glauben Sie, sind Ihre Stärken?
Meine grosse Waffe ist die Schnelligkeit. Ich bin in der Lage, Winner mit der Vorhand zu schlagen. In den letzten zwei Jahren ist meine Rückhand besser geworden.
Als ich die Nummer 30 war, war mir klar, dass ich die Top 10 oder die Top 5 erreichen kann.
Sie untertreiben, Experten halten Ihre Rückhand für eine der besten der Welt.
Das freut mich, aber ich denke, sie kann noch besser werden.
Ist Ihre Grösse von 1,78 Metern ein Vor- oder ein Nachteil?
Beides. Weil ich relativ klein bin, bewege ich mich so schnell auf dem Platz. Es gibt wenige auf der Tour, die so schnell sind wie ich. Ich versuche, jeden Ball zu bekommen. Klar wäre es schön, grösser zu sein, freie Punkte mit meinem Aufschlag zu bekommen. Aber ich werde nicht mehr wachsen. Ich muss meine Aufgaben mit dem Körper, den ich habe, lösen.
Ja, das musste ich wirklich. Es war sogar wichtiger als alles andere für mich.
Das müssen Sie erklären.
Ich bin in die USA gegangen, als ich sehr jung war. Das war ein Schock, zwei Kulturen prallten aufeinander. Asiaten sind in der Regel nicht so selbstbewusst wie Amerikaner. In den Staaten muss man sich durchsetzen, mit allen Mitteln, sonst hast du keine Chance auf eine Karriere. Die Leute interessieren sich nicht für Loser. Wenn du verlierst, bist du raus. In der Akademie von IMG in Florida bin ich mental stärker geworden.
Ja, das stimmt. Ich war immer einer der Kleinsten. Auf Future-Turnieren habe ich gegen Riesenkerle gespielt, die mich ständig einzuschüchtern versuchten. Das war eine harte Zeit. Aber ich habe mich durchgebissen.
Es fiel mir schwer, gegen Federer anzutreten.
Später war es offenbar ein Problem, dass Sie Spieler wie Federer zu sehr verehrten. Sie spielten quasi gegen Ihr Idol und nicht gegen einen Gegner, den Sie vom Platz fegen wollten.
Es fiel mir schwer, gegen Federer anzutreten. Ich habe in ihm den Giganten gesehen. Aber meine Coaches sagten zu mir: ''Du gewinnst keine Matches, wenn du dich verbeugst.'' Als ich Federer zum ersten Mal schlug (2013 in Madrid; d. Red.), war mir das fast peinlich.
Hing sein Poster in Ihrem Zimmer?
Nein, auch keines von anderen Tennisstars. Ich hatte überhaupt keine Poster.
Sie galten in der Akademie von Nick Bollettieri schon früh als Supertalent. Ein ganzes Heer von Coaches, Physios, Mentaltrainern und Ernährungsberatern kümmerte sich um Sie. Hat Sie das unter Druck gesetzt?
Ich habe das nicht so empfunden. Ich konnte mich in Ruhe entwickeln.
Eine Perücke trage ich nicht, aber ich habe ständig eine Sonnenbrille auf.
In Japan ist der Hype um Ihre Person unglaublich. Wenn Sie spielen, kreischen die Fans wie bei einem Popkonzert. Wie gehen Sie damit um?
Es ist schwer. Ich kann in Japan nicht ungestört über die Strasse gehen. In Restaurants habe ich kaum Ruhe. So sehr ich meine Heimat liebe – in den USA ist das Leben viel einfacher. Dort kann ich mich frei bewegen. Ich empfinde keinen Druck. Ich finde auch wenig Beachtung in den Medien und kann mich auf mein Tennis konzentrieren.
Ja, aber du wirst verrückt in Tokio. Es ist purer Stress. Ich sehe mich ständig in Nachrichten-Sendungen, habe viele Sponsorentermine. Entspannt bin ich in meiner Heimat selten.
Gibt es keine Möglichkeit, dem Rummel zu entgehen? Indem Sie etwa eine Perücke tragen?
Eine Perücke trage ich nicht, aber ich habe ständig eine Sonnenbrille auf.
Es heisst, Sie buchen Flüge unter falschem Namen und checken mit einem anderen Namen in Hotels ein.
Das weiss ich gar nicht. Mein Management kümmert sich darum. Aber ich bin sicher, es kennt alle Tricks.
Hat der Name Nishikori eigentlich eine Bedeutung?
Ja, aber man kann das nicht übersetzen. Der Name kommt ursprünglich aus China. Das ist aber tausende von Jahren her.
Lesen Sie japanische Zeitungen?
Ja, warum nicht? Es interessiert mich, wenn über mich geschrieben wird.
Steht dort auch Kritisches über Sie?
Eigentlich nicht. Aber vielleicht versuche ich auch, über das Kritische hinweg zu lesen (lacht). Nein, im Ernst: Die japanischen Medien begegnen Sportlern mit viel Respekt. In Europa oder den USA sind die Reporter nicht immer nett. Sie versuchen, aus Kleinigkeiten grosse Storys zu machen. Es ist eine andere Art der Berichterstattung.
Was würde in Ihrer Heimat passieren, wenn Sie als erster Asiate einen Grand Slam gewinnen würden?
Ich weiss es nicht. Klar ist, dass sich noch mehr Menschen für Tennis interessieren würden. Im Moment sind Fussball und Baseball beliebter. Aber Tennis wächst. Es gibt immer mehr Spieler und vielleicht kann ich meinen Teil dazu beitragen, dass wir die anderen Sportarten eines Tages einholen.
Ja, ein bisschen, vielleicht zu zehn oder 20 Prozent.
Sie zählen zu den besten Spielern der Welt, standen im US Open-Final. Aber Sie sagen, dass Sie kein Star in den USA sind.
Nein, absolut nicht. Es gibt so viele berühmte Amerikaner. Mich kennt keiner dort.
Aber Ihre Figur gibt es zum Beispiel in Videospielen. Hunderttausende Kids verbringen ihre Zeit an der Spielekonsole.
Ja, das stimmt. Aber ich habe trotzdem nicht das Gefühl, prominent zu sein.
Ich schaue nie aufs Geld.
Stimmt es eigentlich, dass Sie in Bradenton, Florida, immer noch in einem kleinen Appartement leben und einen Kleinwagen fahren?
Es ist ein normales Haus. Ich habe mich bisher nie nach einer grossen Villa umgesehen. Ich reise das ganze Jahr. Da ist das nicht wichtig. Ich habe mir auch nie ein teures Auto gekauft. Aber jetzt habe ich einen Jaguar, weil ich den von meinem Sponsor bekam. Es macht Spass, ihn zu fahren. Ich bin ein Glückspilz.
Sie haben rund zehn Millionen Dollar an Preisgeld gewonnen. Jährlich verdienen Sie mit Werbung einen zweistelligen Millionenbetrag. Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben?
Ich schaue nie aufs Geld. Mein Manager kümmert sich darum und er war für mich bisher sehr erfolgreich. Für mich ist es wichtig, dass er meine Zeit einteilt, sodass ich mich aufs Tennis fokussieren kann. Ich interessiere mich auch für Business, aber Tennis steht an erster Stelle.
Geld ist nicht wichtig?
Klar ist Geld wichtig. Aber wir treffen nie Entscheidungen, bei denen es nur ums Geld geht. Es muss für die Karriere passen. Ich versuche, der bestmögliche Spieler zu werden. Ich habe zehn Jahre Zeit, um Geschichte zu schreiben. Der Rest ergibt sich von alleine.
Reden wir über Ihren Coach Michael Chang. Wie wichtig ist er für Sie? Wie hilft er Ihnen bei Ihrem Spiel?
Er gibt mir Tipps, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten soll. Er redet viel mit mir und unterstützt mich mental. Seit ich mit ihm arbeite (Ende 2013, d. Red.), bin ich stärker geworden. Ich spiele taktisch besser. Ich bin viel aggressiver. Mein Körper ist heute besser in Form als noch vor ein paar Jahren. Dadurch habe ich weniger Verletzungen. Ich bin glücklich, dass Michael zu meinem Team gehört.
Ja, habe ich. Ein verrückter Match. Michael hat unglaublich gekämpft.
Sind Sie Seelenverwandte?
Ich glaube ja, wir denken ähnlich. Wir sind in etwa gleich gross. Unser Spielstil ist auch vergleichbar. Er hatte auch keine enorme Power, aber er ist von einer Ecke des Platzes in die andere gesprintet und hat taktisch sehr klug gespielt. Deswegen ist es auch leicht für ihn, mich zu coachen.
Ist er der perfekte Coach für Sie?
Ich könnte mir keinen besseren Trainer vorstellen. Es ist angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Schlagen Sie Bälle mit ihm?
Natürlich.
Ich schlafe gern. Normalerweise sind es acht oder neun Stunden. Wenn ich nicht trainieren muss, können es auch mal zwölf Stunden sein.
Wie gut spielt er noch?
Immer noch sehr gut. Er verschlägt kaum einen Ball. Er serviert gut und sein Return ist eine seiner stärksten Waffen.
Spielen Sie auch gegeneinander?
Nein, Punkte könnte er gegen mich nicht gewinnen. Da hat er keine Chance. Aber darum geht es auch nicht. Er muss mir das Spiel vermitteln, und ich lerne jeden Tag von ihm.
Was tun Sie, wenn Sie vom Tennis abschalten wollen?
Ich liebe Sport. Früher habe ich Fussball und Baseball gespielt. Ich gucke mir so gut wie alles im Fernsehen an. Basketball finde ich faszinierend. Mich mit anderen Sportarten zu beschäftigen, entspannt mich. Und dann gibt es noch eine Lieblingsbeschäftigung (lacht).
Verraten Sie sie uns?
Ich schlafe gern. Normalerweise sind es acht oder neun Stunden. Wenn ich nicht trainieren muss, können es auch mal zwölf Stunden sein. Bis mittags zu schlafen, ist für mich kein Problem.
Andrej Antic

|Wawrinka - Querrey||18:00|