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Demokrĭtus
von Abdera, griech. Philosoph, geb. um 460 v. Chr. (nach andern etwa eine Generation älter), erreichte ein hohes Alter. Bedeutende Forschungsreisen führten ihn unter anderm in den Orient; auch hat er von den Eleaten und Pythagoreern sowie den ion. Philosophen gelernt. (Über sein Verhältnis zu Leucippus s. d.) An Umfang seiner Forschungen überragt er alle alten Philosophen vor Aristoteles; er ist nicht bloß Naturforscher im größten Stil, Mathematiker und Astronom, sondern auch Sprachgelehrter, und in der Meisterschaft der Darstellung Plato fast gleich geschätzt.
Von seinen zahlreichen Schriften sind nur spärliche Reste erhalten. Seine Lehre [* 2] ging aus von der eleatischen, wahrscheinlich in der Form, die Melissus (s. d.) ihr gegeben. Er verwarf die Wahrheit der Sinneswahrnehmungen, der er als «echte» Erkenntnis die der Vernunft gegenüberstellte, forderte jedoch, daß die Vernunftgründe die Erscheinungen der Sinne nicht aufheben, sondern begreiflich machen sollten, d. h. er legte denselben eine rational begründete Hypothese zu Grunde.
Seine Hypothese lautet: es existiert 1) der unendliche, unendlich teilbare mathem. Raum, 2) in demselben bewegliche Massenteilchen (Atome) ohne sinnliche Qualität, von unzerstörlicher Gestalt und Festigkeit [* 3] und unwahrnehmbarer Kleinheit. Der Raum heißt ihm zugleich das Leere, das Unbestimmte oder das «Nichts», die Atome das Volle, das Bestimmte oder das «Ichts»; jenes hat aber nicht weniger wahre Existenz als dieses. Das Verdienst dieser Theorie liegt nicht allein in der genialen Erkenntnis des wahren Bedürfnisses der Naturerklärung, in der Würdigung der Bedeutung des Mathematischen einerseits und des Unterschieds des physischen vom bloß mathem.
Körper andererseits (d. h. der Entdeckung des physik.
Begriffs der
Masse), sondern mehr noch in der dieser
Ansicht zu
Grunde liegenden reifen Erkenntnistheorie: in der
Anerkennung einerseits des Verstandesgesetzes der Einheit der Bestimmung,
andererseits des
Rechtes der
Sinnlichkeit in ihrer mathem. Gesetzlichkeit. Denn die Eleaten hatten zwar beide Grundkräfte
der Erkenntnis geschieden (s.
Zeno), aber sie dann nicht wieder zu vereinigen gewußt, und so entging
ihnen die Erklärung der Erscheinungen, die erst
Demokritus wieder ermöglichte.
Eine Frucht davon war die Erkenntnis der Subjektivität der Sinnesqualitäten (Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke und Temperaturempfindungen), in der er Protagoras (s. d.) zum Vorgänger hatte; er erklärte sie aus den Gestaltunterschieden der in unsere Organe eindringenden Atome. Die Gestaltunterschiede betrachtet er als ewig, leitet sie daher nicht weiter ab, erklärt dagegen alle Veränderungen der Körperwelt, alles scheinbare Entstehen und Vergehen, Dichter- und Dünnerwerden, Wachsen und Abnehmen aus der wechselnden Lage und Gruppierung der Atome, aus der Bildung und Auflösung mannigfacher Atomkomplexe. Die Elemente des Empedokles (s. d.) verwandeln sich ihm in bestimmte Typen von Atomkomplexen. Das Feuer erhält dabei eine ausgezeichnete Stellung, es ist aus den feinsten, leichtesten, daher beweglichsten, zugleich unvermischtesten Atomen (nämlich kleinen glatten runden) gebildet, die andern Elemente aus verschiedenartigen Atomen, daher sie sich ineinander verwandeln.
Die Bewegung der Atome ist streng gesetzmäßig geregelt. Sie befanden sich ursprünglich in wirbelnder Bewegung, aus der große Komplexe als Welten sich loslösten; in solchen sammelte das Dichte und Feste sich nach der Mitte, das Leichtere, Losere nach außen. So ist die Erde durch die Zusammendrängung der dichtern Stoffe erst zur Ruhe gekommen, sie hält sich inmitten unserer Welt als platte Walze über der Luft, während diese ganze Welt (außer der noch unzählige ähnliche sind) von einer festen Kruste umschlossen im Leeren schwebt.
Die Seele, als bewegendes Princip, ist körperlich, denn bewegen kann nur, was selbst beweglich ist, beweglich ist aber nur der Körper. Sie besteht aus den feinsten, d. h. den Feueratomen. Sie ist im ganzen Körper verbreitet und wird durch die Atmung erhalten, indem wir mit der Luft die darin eingeschlossenen Feueratome einziehen. Wahrnehmung und Denken werden aus mechan. Veränderungen, hauptsächlich durch den Zufluß von Bildern erklärt, die sich von den Körpern ablösen und in die passenden Öffnungen der Organe eindringen.
Alles Wahrnehmen ist eigentlich
Tasten. Eine
Unsterblichkeit giebt es nicht; das Göttliche deckt sich mit
der im
All verbreiteten Seele. Die
Götter der Volksvorstellung verschwinden dadurch, doch glaubt
Demokritus an die Existenz teils
wohlthätiger, teils verderblicher
Dämonen, die sich in der Luft aufhalten und sich durch Traumbilder und sonstige Erscheinungen
kundgeben. Die Ethik des
Demokritus beruht auf dem Princip der Euthymie, d. h.
auf der Empfehlung des ruhigen Gleichmaßes der Seelenstimmung, das er mit der Meeresstille vergleicht.
Demokritus liebt
nicht die stürmischen Erschütterungen des Gemüts, empfiehlt
Maß und
Symmetrie, Unerschütterlichkeit, Befestigung im
Ewigen,
Unwandelbaren. Auch im Staatsleben fordert er strenge gesetzliche Ordnung; der tüchtigen Seele jedoch
weist er die ganze Welt zum Vaterlande an.
Der Einfluß
D.’ war ein bedeutender. Auf
Plato hat er vielleicht gewirkt, jedenfalls auf
Aristoteles und andere
Platonische
Schüler, auf die Skeptiker, endlich am stärksten auf Epikur, der seine Naturphilosophie reproduziert. Eine Schule von
«Demokriteern» bestand in
Abdera. Metrodor von Chios war sein namhaftester
Schüler; spätere Nachfolger
sind Anaxarch als
Lehrer des
Pyrrho, Nausiphanes als
Lehrer des Epikur. Die Fragmente der
Schriften des
Demokritus gab Mullach (Berl.
1843) heraus. –
Vgl. Ritters
Artikel
Demokritus in Ersch und Grubers
«Encyklopädie»; Zeller,
Philosophie der Griechen, Bd. 1 (5.
Aufl., Lpz. 1892);
Natorp, Die Ethika des
Demokritus.