Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03443.jsonl.gz/1762

Verwendet ihr Fremdwörter? Nöhööö, ihr nicht! Wirklich?
Sprachexperten empfehlen uns wiederkehrend, auf Fremdwörter zu verzichten und stattdessen treffende deutsche Vokabeln zu gebrauchen. Grundsätzlich stimme ich dem zu, denn wenn ich Begriffe wie «chillen, abspacen, downsizen oder fooden» höre oder lese, stellen sich auf meinen Unterarmen die Härchen auf.
Dass ich trotzdem etwas vorsichtig bin mit dieser Empfehlung, hat damit zu tun, dass wir Schweizer unzählige Fremdwörter aus unseren vier Landessprachen eingebürgert haben. Allen voran aus dem Französischen:
- Chef
- Trottoir
- Station
- Portemonnaie
- Cheminée
- Couvert
Die Liste liesse sich ins Unendliche verlängern. Wir sagen nun mal Cheminée und nicht Kamin. Auch käme es den meisten von uns nicht in den Sinn, Briefumschlag statt Couvert zu sagen. Daneben gibt es auch deutsche Wortkreationen, die für uns Schweizer schräg tönen:
- Ortsmitte
- Stulle
- Personenvereinzelungsanlage
- Brauselimonade
- ausloben
Übrigens: Wie tönt Scheibenreiter für euch? So würde man Disc Jockey (DJ) übersetzen. Man sieht: Wollt ihr die reine deutsche Sprache verwenden, stosst ihr schnell an eure Grenzen.
Doch bei der grassierenden Fremdwortepidemie geht es ja auch weniger um diese von uns adoptierten Wörter. Vielmehr scheint es, dass liebe Zeitgenossen mit Fremdwörtern ihre Intelligenz, unwiderstehliche Rhetorikfähigkeiten oder Kompetenz zur Schau stellen wollen. Oder sie versuchen mit möglichst kruden Fremdwörtern – meist Anglizismen – zu übertünchen, dass sie eigentlich praktizierende Ignoranten sind. Irgendwo hab ich gelesen, es handle sich um «Bullshit-Hiding». Wunderbarer Ausdruck. Auch Englisch. Und lässt sich kaum übersetzen.
Ich teile die Ansicht durchaus, dass der übermässige Gebrauch von Fremdwörtern nicht zum guten Stil in der Kommunikation gehört. Auswüchse wie in folgenden Sätzen sollten wir unbedingt vermeiden:
Ich habe dir soeben eine Mail mit der Message geforwardet, wonach unser Flug nach Frankfurt gecancelt wurde.
Wir brauchen einen neuen Approach – denn revenuemässig zeigen wir aktuell null Visibility. Neue Prozesse müssen wir zuvor aber unbedingt sharen und alignen sowie die Ressourcen effizient allocaten.
Nach einem Conferencecall mit dem gesamten Management hat der CEO den Head of HR gebeten, mit seinem Team eine Runde zu brainstormen und asap ein Feedback zu geben.
Auch wenn uns Businessdenglish leicht über die Lippen kommt, werden wir unschwer feststellen, dass es sich bei obigen Beispielen kaum um eine gepflegte Sprache handelt. Nur schon beim Zuhören schüttelt es einen, wenn ein netter Kollege so daherschwafelt oder daherschreibt. Habt ein Herz für eure Nächsten und verschont sie mit solchen sprachlichen Sumpfblüten.
Ein weiteres – durchaus amüsantes Thema – sind für mich die Scheinanglizismen. Da passiert uns im Umkehrfall, dass wir stark nach Englisch tönende Begriffe verwenden, die keine sind. Public Viewing ist so ein Wort. Wie wäre es mit Rudelgucken? Wenn wir solche Ausdrücke im Gespräch mit Personen aus dem angelsächsischen Sprachraum verwenden, wundern wir uns gerne, wieso die uns nicht verstehen. Wie sollten sie auch? Es handelt sich nämlich nicht um englisches Vokabular oder aber es wird anders verwendet:
- Oldtimer sind auf Englisch nicht etwa alte Autos, sondern alte Männer.
- Smoking – ein schick gekleideter Herr im Abendanzug? In Grossbritanien nennt man das dinner jacket. Smoking hat dort tatsächlich mit Rauchen zu tun.
- Handy tönt so was von English. Ja, etwas kann handy sein, also handlich. Doch ihr zweites Ich, also die «Handys», nennen die Englischsprachigen cell phone oder mobile phone.
- No-Go: Bei uns wird die Kombination als Substantiv verwendet; wir meinen damit ein Tabu. Im Amerikanischen hingegen gilt diese Redewendung als umgangssprachlich und wird als Adjektiv verwendet – etwa this is a no-go area.
- Beamer («Se beamer is breik. What ar se seven sinking steps?»): Wer erinnert sich nicht die legendäre Aussage einer bekannten Schweizer Spitzenmanagerin, die auf Youtube viral ging? Beamer heisst auf Englisch video oder digital projector.
- Happy End – müsste im Kontext eines glücklichen Endes in korrektem Englisch happy ending heissen.
- Finisher – kurz und knackig. Im Englischen ist es profan a person who finished the race.
- Pullunder – ein völlig dämlicher Ausdruck, wie ich finde. Denn man zieht den ärmellosen Pullover ja über das Hemd oder die Bluse, nicht unter. Und mit Englisch hat der Begriff rein gar nichts am Hut – dort nennt man das Kleidungsstück slipover, Überzieher. Was aus meiner Sicht mehr Sinn ergibt. Ein Überzieher wiederum ist auf Deutsch ein leichter Herrenmantel oder ein Kondom. Ups, jetzt entfernen wir uns grad ein bisschen stark vom Thema.
Abschliessend betrachtet, ist es gerechtfertigt, den zurückhaltenden Gebrauch von Fremdwörtern zu propagieren. Auch wenn nicht alle per se schlecht sind. Dennoch: Mir erscheint in erster Linie wichtig, dass wir uns öfter mal Zeit nehmen, um unsere persönliche Sprache zu analysieren. Vor allem beim Schreiben. Das Geschriebene vielleicht mal doppelt kontrollieren. Wichtiger als die Frage nach dem wohldosierten Gebrauch von Fremdwörtern ist für mich eine klare, verständliche Sprache, bei der sich Absender und Empfänger auf Anhieb verstehen. Damit löst sich das Denglish-Problem fast von allein.