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Haben Sie schon mal was vom „Versoffenen Meer“ gehört? Oder von der Stadt „Speckher„? Die Sache ist einfach: Gleich über den „Wein Strom“ können Sie dieses Meer erreichen, während die Stadt „Speckher“ im „Magni Stomachi Imperium„, also im Lande des grossen Magens in der Provinz „Schweinlandia“ liegt. Noch Fragen? Dann steht auch der Reise während den Osterferien in die „Pigritarium regio„, ins Faulpelzerzland, nichts mehr im Wege!
Die hier gezeigte Karte ist natürlich keinesfalls ein Abbild der realen Welt. Der Titel, abgedruckt in der Kartusche am unteren rechten Blattrand, verrät sogleich, was wir hier wirklich sehen: „Accurata Utopiae Tabula. Das ist der Neu entdeckten Schalck Welt, oder des so offt benannten, und doch nie erkannten Schlarraffenlandes.“ Selbstverständlich ist der Autor offiziell ein „Anonymus„. Diese imaginierte Karte ist somit eine kartographische Darstellung utopischer Orte, die unter dem Begriff „Schlaraffenland“ im Titel zusammengefasst werden. Insgesamt sind es 19 Provinzen, jede steht für eine Untugend oder eine Sünde: Neben dem Faulpelz- und Magenland, ist auf der Karte das Greisen- und Jugendland, das Narren- und das Trinkland dargestellt. Des Weiteren gibt es das Land der Frommen und Geizigen, das Höllenreich, die Republik der Unzucht, das Fluchland, das Herrschaftsgebiet des Schlemmens und der Verschwendung sowie die Inseln des Tabaks und der Totenbeschwörung.
Beim Schlaraffenland (mittelhochdeutsch „sluraff“ = Faulenzer) handelt es sich ursprünglich um ein literarisches Motiv, das als Projektionsfläche einer utopischen Gegenwelt diente, wo alles im Überfluss vorhanden ist. In dieser Funktion kann der Topos des „Schlaraffenlandes“ die harte und oft ungerechte Realität nicht nur konterkarieren, sondern ungeschönt aufs Korn nehmen. Die Thematik findet sich bereits in der Antike, so unter anderem beim griechischen Dichter Pherekrates, der von gebratenen Vögeln in Küchlein berichtet, die den Menschen in den Schlund fliegen. In der Renaissance erzählt niemand geringeres als Giovanni Boccaccio in seinem Decamerone vom Land Bengodi, wo Nahrung im Überfluss vorhanden ist. Hans Sachs wiederum verfasst 1530 ein Gedicht Names „Das Schlaweraffen Landt„, womit sich der Terminus mehr und mehr im deutschen Sprachgebrauch etablierte und sich bis heute gehalten hat. Natürlich stimmte auch Sebastian Brant in den Reigen der Spötter ein, indem er im 108. Kapitel seines Bestsellers „Das Narrenschiff“ (nota bene gedruckt in Basel) das „Schlaraffenschiff“ in See stechen lässt. Das Schlaraffenland zieht sich als Motiv der Sozialkritik wie ein roter Faden durch die Kunst- und Literaturgeschichte, so hat u.a. auch Heinrich Mann einen Roman mit diesem Titel verfasst.
Zurück zur Karte der utopischen Orte: Interessant ist, dass die Karte nach aller Kunst der Kartographie angefertigt wurde: Da ist ein Massstab vorhanden (u.a. in der Einheit „Schlaraffliche grosse Mäuler“), die Grenzen sind allesamt eingezeichnet, Städte verortet, Regionen beschriftet und in ein Koordinatensystem eingebettet. Selbstverständlich ist die Karte in Kupfer gestochen und handkoloriert – was mit erheblichen Kosten verbunden war. Wer war der Schöpfer dieser Schalk-Karte? Die „Accurata Utopiae Tabula“ wird aktuell Johann Baptist Homann zugeschrieben. Mit einem Oeuvre von über 200 Karten, diversen Globen und Amillarsphären, galt Homann als einer der bedeutendsten Kartographen des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Wie bereits erwähnt, will der Schöpfer der „Accurata Utopiae Tabula“ seine Identität nicht preisgeben und nennt sich „Anonymus“. Die Verbindung zu Homann besteht folglich darin, dass die „Accurata Utopiae Tabula“ erstmals im „Atlas novus“ von 1716 auftaucht. Dieser Atlas wiederum ist ein Hauptwerk Homanns, wodurch seine Autorenschaft mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf. Eine weitere Spur führt zur fiktiven Reisebeschreibung ins Schlaraffenland von Johann Andreas Schnebelin. Es würde sich hierbei also um eine Verschränkung von Literatur und Kartographie handeln.
Ist die Karte nun ein Fake? Das Schlaraffenland gibt es nachweislich nicht, zumindest nicht als geographischen Ort auf dem Globus. Dennoch existiert das Schlaraffenland sehr wohl in unserer Phantasie, in der Literatur und in der Kunst. Somit darf die „Accurata Utopiae Tabula“ ohne Zweifel den Status einer „echten“ Karte in Anspruch nehmen. Es ist ein Ort, wo man sich unbedingt gelegentlich hinbegeben sollte, sei es auf dem heimischen Balkon, auf der Couch oder in den Osterferien. Denn die Spassstadt, Schlemmerhausen oder das Lachfeld kann letztlich überall sein. Folgen wir als dem Credo von Sebastian Brant: „Gesellen, folgt uns unverwandt! Wir fahren ins Schlaraffenland„!
Die neuste Forschung zur „Accurata Utopiae Tabula“ ist im Buch von Christine Weder „Die Schlaraffenlandkarte um 1700“ publiziert. Die Karte aus dem Besitz der UB wird aktuell digitalisiert.