Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/2357

«Kein anderes Land hat so viele Reformatoren hervorgebracht»
Die nationalkonservative Geschichtsschreibung hat ausgerechnet mit den prägendsten Ereignissen der Schweizer Geschichte grösste Mühe: Generalstreik (1918, Sozialstaat), Kulturkampf (183080, säkularer Bundesstaat), Helvetik (17981803, Ende der Untertanenverhältnisse), Grosser Bauernkrieg (1653, Verhinderung des Absolutismus) und Reformation. Diese Verdrängung hat zwei Hauptursachen: Die Eidgenossen waren jeweils tief gespalten und die Konflikte hatten übernationalen Charakter.
Die Bewegung, die europaweit am stärksten ausgestrahlt und unser Land am nachhaltigsten geprägt hat, war die Reformation. Spätestens seit dem Ersten Helvetischen Bekenntnis von 1536 stellten die Protestanten die Mehrheit der Bevölkerung, die zudem wirtschaftlich dynamischer war. Für die Bildung eines Bundesstaates wurde dann aber die konfessionelle Spaltung zum grössten Hindernis. Deswegen konnte jener nur das Werk einer Bewegung sein, welche gegen beide Orthodoxien für ein überkonfessionelles Gemeinwesen kämpfte: der Freisinn.
Kompatibler für die Moderne
Allerdings hatte der schweizerische Protestantismus einige Eigenschaften, die ihn kompatibler machten mit der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Modernisierung. Zuerst einmal war die Reformation in der Schweiz im Unterschied etwa zur Fürstenreformation in Deutschland grossmehrheitlich eine freiwillige gewesen. Die Basis, insbesondere die bäuerliche, hatte eine sehr starke Rolle gespielt. Das dadurch gestärkte Selbstbewusstsein erleichterte später den Zugang zum Liberalismus.
Das Prinzip der «Sola Scriptura» hatte zur Folge, dass der Alphabetisierungsgrad in den reformierten Gebieten ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert auffällig höher wurde als in den katholischen Stammlanden. Diese kulturelle Fertigkeit wiederum erleichterte den Zugang zur Aufklärung wie auch Fortschritte in der Landwirtschaft und im industriellen Gewerbe. Die Individualisierung des Glaubens förderte Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Auch wer Max Webers These über den Zusammenhang von asketischem Protestantismus und kapitalistischem Geist infrage stellt, muss anerkennen: Der konfessionelle Unterschied im Industrialisierungsgrad machte aus der Schweiz bis in die 1950er-Jahre ein Weberianisches Paradebeispiel. Bestens in dieses Bild passt die wirtschaftliche Pionierrolle der Hugenotten, den calvinistischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich.
Einfache Kirchen statt Barockbauten
Ausländischen Besuchern fielen immer wieder die Unterschiede zwischen den stolzen und sauberen Bauernhöfen im Emmental mit seinen einfachen Kirchen und den ärmlichen und schmutzigen Betrieben im Entlebuch mit seinen mächtigen Barockkirchen auf. Der katholische Rückstand zeigte sich auch in den Städten. So schrieb der aufgeklärte Luzerner Felix Balthasar seinem Basler Gesinnungsfreund Isaak Iselin 1781: «Es ist ein Elend, wie sehr öffentliche, Republiken angemessene nothwendige Erziehung vernachlässiget wird.»
Die einzigen beiden katholischen Kantone, die relativ früh industrialisiert wurden, waren Sonderfälle. In Solothurn dominierte ein liberaler Katholizismus, aus dem 1875 unter Führung eines C. F. Bally die Christkatholische Kirche entstand. Im Kanton Zug waren es fast ausschliesslich protestantische Industrielle, welche mit eingewanderten protestantischen Facharbeitern die ersten Textil-, Papier-, Metall- und Nahrungsmittelfabriken gründeten.
Abgesehen von Deutschland hat im 16. Jahrhundert kein Land so viele bedeutende Reformatoren hervorgebracht wie die Schweiz. Zusätzlich zu Ulrich Zwingli und Jean Calvin will ich hier ausdrücklich Heinrich Bullinger erwähnen. Dessen Schriften wurden damals europaweit gelesen und waren auf den britischen Inseln regelrechte Bestseller.
Völlig unterschätzt wird die Rolle der Zürcher Bauern. Diese lösten 1522 eine Reformations- und Sozialbewegung aus, welche einen Grossteil der österreichischen und süddeutschen Bauernschaft erfasste. Der Einfluss der schweizerischen Reformation auf die weltweite war demokratischer und liberaler geprägt als der des Lutheranismus. Hier liegt eine Erklärung dafür, dass zwei der grössten Theologen der durch den Totalitarismus geprägten ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wieder Schweizer waren: Karl Barth und Emil Brunner. Der Protestantismus hatte die beiden bitter nötig.
Zum Bild: Beliebtes Touristenziel: Reformationsdenkmal in Genf. Von hier aus verbreitete sich der Calvinismus. | zvg
Jo Lang, Historiker, Zug