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Die schubweise Aufwertung des Frankens im Januar 2015 stellt Schweizer Industrieunternehmen vor grosse Herausforderungen. Nach der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) verteuerten sich viele Schweizer Produkte quasi über Nacht um 10 Prozent.
Eine Analyse der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt: In den folgenden zwei Jahren reduzierte ein durchschnittliches Industrieunternehmen in der untersuchten Stichprobe die Zahl der Beschäftigten um 4,6 Prozent.[1] Die Gesamtbeschäftigung des Sektors «Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung von Waren» ging im selben Zeitraum um 2,5 Prozent zurück.
Dafür kommen verschiedene Ursachen infrage: Der Rückgang könnte darauf zurückzuführen sein, dass Unternehmen nach der Aufwertung versuchten, die Lohnkosten in der Schweiz zu senken, um die Profitmargen wieder zu steigern oder um die Produktion an den Rückgang der Nachfrage nach Schweizer Produkten anzupassen. Der Beschäftigungsrückgang könnte allerdings auch auf längerfristige Trends zurückzuführen sein, die nicht mit der Aufwertung zusammenhängen. So beobachten wir in vielen entwickelten Volkswirtschaften, dass der Anteil der Industrie in der Gesamtbeschäftigung seit über 20 Jahren stetig abnimmt. Der Beschäftigungsrückgang könnte somit nicht auf die Aufwertung des Frankens, sondern vielmehr auf die Globalisierung, den Aufstieg von China zur Industrienation, aber auch auf technischen Fortschritt und die damit zusammenhängende Automatisierung von Produktionsprozessen zurückzuführen sein.
Aufwertung 2015 führt zu Beschäftigungsrückgang
Um den Effekt der Aufwertung zu schätzen, wurden Schweizer Unternehmen mit einer Kontrollgruppe in Österreich verglichen, die von denselben sektoralen und internationalen Entwicklungen, nicht jedoch von einer Währungsaufwertung betroffen waren.[2] Es zeigt sich: Vor der Aufhebung des Mindestkurses entwickelte sich die durchschnittliche Beschäftigung in Österreich – abgesehen von etwas stärkeren Saisonschwankungen – parallel zur Beschäftigung in der Schweiz (siehe Abbildung). Direkt danach beobachtet man einen deutlichen Unterschied, der als kausaler Effekt der Aufwertung interpretiert werden kann.
Durchschnittliche Beschäftigungsentwicklung in Firmen des verarbeitenden Gewerbes in der Schweiz und in Österreich (2013–2016)
Anmerkung: Die Daten sind logarithmiert und vor der Aufhebung des Mindestkurses im vierten Quartal 2014 auf null normalisiert.
Quelle: Besta, ASSD; Berechnungen: Kaufmann und Renkin (2017) / Die Volkswirtschaft
Bereits nach einem Quartal ist eine gewisse Divergenz zu beobachten – und über zwei Jahre verursacht die Aufwertung einen Rückgang der Beschäftigung in der Industrie relativ zur Kontrollgruppe um 4 Prozent. Der grösste Teil des zu Beginn erwähnten Beschäftigungsrückgangs von 4,6 Prozent ist somit nicht auf längerfristige Trends, sondern auf die kurzfristigen Auswirkungen der plötzlichen Aufwertung zurückzuführen.[3]
Obwohl der Beschäftigungsrückgang selbst eher langsam vonstattenging, haben Schweizer Firmen bereits direkt nach der Aufwertung Sofortmassnahmen ergriffen. Die Analyse zeigt weiter, dass die Anzahl offener Stellen im ersten Quartal 2015 im Durchschnitt um 15 Prozent gesunken ist und sich erst nach einem Jahr wieder normalisiert hat.
Auch inlandorientierte Sektoren bauen ab
Die Aufwertung hat nicht nur exportorientierte Industrieunternehmen getroffen. In Sektoren, die gemäss der KOF-Innovationsumfrage relativ wenig Umsatz mit Exporten generieren, sank die Beschäftigung etwa gleich stark wie in den übrigen Sektoren. Auch auf Firmenebene weisen die Resultate darauf hin, dass die Beschäftigung in Firmen, die hauptsächlich für den Inlandmarkt produzieren, etwa gleich stark gesunken ist wie in Firmen, die auch exportieren. Eine mögliche Erklärung für dieses Resultat ist, dass die Importpreise deutlich stärker gesunken sind als die Preise von inländischen Unternehmen. Somit litten diese Unternehmen vermehrt unter der Importkonkurrenz.
Die Auswirkungen auf diverse exportorientierte Sektoren fielen dagegen unterschiedlich aus. Stark betroffen waren zum Beispiel Produzenten von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (inklusive Uhrenindustrie), aber auch die chemische Industrie. Die Pharmaindustrie hingegen – ein Sektor mit hohem Exportanteil, aber auch hohen Margen – hat ihre Beschäftigung relativ zur Kontrollgruppe nicht reduziert.
Pharma als Ausnahme
Das Beispiel Pharma lässt vermuten, dass erfolgreiche und produktive Firmen eine Aufwertung gegenüber dem Euro ohne grössere Entlassungen überstehen können. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass die Pharmabranche eher eine Ausnahme darstellt: Gerade grössere und erfolgreiche Firmen haben ihre Beschäftigung stark reduziert. So weisen grosse Unternehmen einen durchschnittlichen Beschäftigungsrückgang um 7 Prozent auf, bei den mittelgrossen Unternehmen sind es 4 Prozent. Für kleine Firmen beobachten wir hingegen keinen signifikanten Rückgang – was allerdings damit zusammenhängen könnte, dass kleine Firmen ihre Produktion ganz einstellten, was von der Studie nicht erfasst wird.
Besonders stark betroffen waren grössere Unternehmen, die im Jahr vor der Aufwertung stark expandiert haben. In dieser Gruppe beträgt der Beschäftigungsrückgang relativ zur Kontrollgruppe 11 Prozent. Schliesslich beobachtet man in Sektoren, die für innovative Hightech-Produkte bekannt sind, einen Rückgang der Beschäftigung um gut 5 Prozent, was sogar etwas über dem Wert in den übrigen Sektoren liegt.
Die Zukunftserwartungen in der Industrie bleiben eingetrübt. Nachdem die Anzahl Firmen, die angeben, im nächsten Quartal die Beschäftigung zu erhöhen, im Jahr 2015 gesunken war, legte sie bis Ende 2016 nicht zu – obwohl sich die Beschäftigungsverluste gemäss den Schätzungen gegen Ende 2016 stabilisiert haben und auch die Anzahl offener Stellen wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zurückgekehrt sind. Es bleibt abzuwarten, ob die jüngste Abwertung des Frankens gegenüber dem Euro bereits ausreicht, um die Industrieunternehmen wieder optimistischer in die Zukunft blicken zu lassen.
- Kaufmann und Renkin (2017); die Zahlen beziehen sich auf ein durchschnittliches Industrieunternehmen im verarbeitenden Gewerbe. Aufgrund der Schätzmethode beschränkt sich die Analyse auf Firmen, die mindestens 10 Angestellte haben und die zwischen 2014 und 2016 durchgehend befragt wurden. Dadurch ist die Stichprobe zwar nicht mehr repräsentativ für die Gesamtheit der Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, umfasst aber 46 Prozent der Beschäftigten in diesem Sektor. Nicht Teil der Analyse waren sowohl der Dienstleistungssektor als auch der Energie-, Bau- und Landwirtschaftssektor.
- Schätzungen basieren auf Besta-/ASSD-Firmendaten, siehe Kaufmann und Renkin (2017) sowie Zweimüller et al. (2009).
- Für die mittelfristigen Effekte einer Wechselkursänderung auf die Beschäftigung in allen Sektoren siehe den Artikel von Egger et al. in dieser Ausgabe