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Wenn von grossen Auslandinvestitionen die Rede ist, gehen oft die Emotionen hoch. Zeit für einen entspannten Blick auf die Statistik.
Ein Unternehmen, das im Ausland eine Fabrik erwirbt oder eine Gesellschaft übernimmt, tätigt eine Direktinvestition. Diese Geschäftstätigkeit wird vielfach negativ aufgenommen und mit Begriffen wie Abbau von Arbeitsplätzen oder Standortverlagerung, Globalisierung oder De-Industrialisierung assoziiert.
Betrachtet man den Vorgang etwas rationaler, so sollte man zunächst zwischen zwei Grössen unterscheiden: Den Flüssen einerseits und den Beständen andererseits. Der Begriff Flüsse umfasst alle innerhalb eines Jahres erfolgten Transaktionen. Der Begriff Bestände umfasst das Total der in der Vergangenheit getätigten Transaktionen.
Wenn ein Land während eines Jahres einen grossen Abfluss verzeichnet, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass seine Bestände nun geringer sein müssen. Denn Flüsse und Bestände müssen auf Nettobasis und grundsätzlich in beiden Richtungen betrachtet werden. Nicht immer sieht man alles auf den ersten Blick – hinter einem Fluss in eine Richtung kann sich gut und gerne ein zweiter, gegenläufiger Fluss verbergen.
Nur wer reich ist, investiert im Ausland
Ein Blick auf die Bestände der OECD-Länder sowie einiger anderer ausgewählter Länder zeigt: Irland, die Schweiz und Luxemburg weisen die höchsten Ein- und Ausgänge an Beständen aus (in Prozent des BIP). Länder, deren Auslandsbestände grösser als diejenigen im Inland sind, befinden sich meist in einer beneidenswerten Lage. Dazu gehören wieder die Schweiz, aber auch die Niederlande oder Japan, Dagegen sind Länder mit grossen inländischen Nettobeständen eher ärmer – hierzu gehören Indien, die osteuropäischen Länder aber auch Chile. Der Grund liegt auf der Hand: Auslandsinvestitionen kann sich nur leisten, wer reich ist.
Auffällig ist, dass die Direktinvestitionsbestände der USA (in Prozent des BIP) unter dem OECD-Mittelwert liegen. Dies gilt auch für Deutschland, während Frankreich überdurchschnittlich viele Direktinvestitionen im Ausland zu tätigen scheint. Dennoch sind viele Franzosen der (irrigen) Auffassung, dass ihr Land besonders wenig direkte Investitionen im Ausland tätigt.
Auch Grossbritannien verfügt im Vergleich zu seinem BIP über bedeutende Bestände an direkten Investitionen. Dabei übersteigen die ins Land strömenden Investitionen die von englischen Firmen im Ausland getätigten Investitionen deutlich. Je nachdem, wie sich der Austritt Englands aus der Europäischen Union (Brexit) gestalten wird, könnte sich dieses Verhältnis ins Gegenteil umkehren.
Grosse Länder sind verhältnismässig wenig offen
Blickt man auf das Gesamttotal der getätigten Auslandsinvestments in Dollar, so zeigt sich: Deutschland und Japan haben 2014 die meisten Direktinvestitionen getätigt. Zusammen mit den Vereinigten Staaten zeichnen diese Länder für 40 Prozent des Totals verantwortlich. Weitere 40 Prozent aller Direktinvestitionen flossen in nur vier Länder, nämlich nach China, in die USA, nach Brasilien und Kanada. China nimmt dabei eine Sonderstellung ein, zieht das Land doch seit 2010 weltweit am meisten ausländische Direktinvestitionen an.
Dennoch verharrt der Anteil der Direktinvestitionsbestände am BIP in China etwa konstant auf etwa demselben Niveau wie in Indien. Im Vergleich zur gesamten Volkswirtschaft liegen die ausländischen Direktinvestitionsbestände in China sogar unter den Werten Neuseelands oder Portugals. Zwar sind die in letzter Zeit von China im Ausland getätigten Käufe oder Übernahmen relativ bedeutend und wurden von den Medien entsprechend kommentiert und beobachtet. Insgesamt sind die chinesischen Bestände an direkten Investitionen im Ausland in Prozent des BIP aber verhältnismässig klein.
Auf der anderen Seite sind die sehr schwachen Flüsse von direkten Investitionen der osteuropäischen Länder sowie Griechenlands ein Grund zur Sorge. Dies gilt auch für die Direktinvestitionsbestände der Länder Asiens zwischen Indonesien und Japan. Ein wichtiger Faktor ist die Bereitschaft eines Landes zu Direktinvestitionen: Nach Ansicht der OECD handhaben China, Indonesien und Indien Direktinvestitionen am restriktivsten. Und hätten Sie gedacht, dass die Vereinigten Staaten sich ebenfalls überdurchschnittlich restriktiv zeigen? Frankreich ist in dieser Frage dagegen überraschend liberal, beinahe so liberal wie Irland.
Am offensten zeigt sich Luxemburg gegenüber Direktinvestitionen. Deutschland schneidet ebenfalls gut ab. Anzustreben wäre ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Direktinvestitionsbeständen und -flüssen und eine grössere Liberalisierung im Dienstleistungssektor. Hier, wie auch im Energie- und im Transportsektor, sind die Hürden jedoch häufig noch recht hoch.
Die Debatten sind mit unnötigen Emotionen aufgeladen
Der Verlust von Jobs ist immer mit starken negativen Emotionen verbunden – umso mehr, wenn ein Arbeitgeber, der «bei uns» eine Fabrik schliesst, «bei denen» eine neue Fabrik eröffnet. Steht diese Fabrik dazu noch in einem anderen Land, schlagen die Emotionen besonders hohe Wellen. In den meisten Ländern erfolgen jedoch Standortverlagerungen primär innerhalb eines Landes und erzeugen deshalb weit weniger Empörung oder Aufmerksamkeit. Vielleicht sollten wir uns mal fragen, weshalb.