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Im Jahr 612 befand sich der irische Mönch Gallus auf einer Reise mit seinem Lehrer Columban. Am Bodensee musste er krankheitsbedingt zurückbleiben. Aus einer Eremiten-Zelle und einer Holzkirche, die er dort für sich baute, entstand das Kloster St. Gallen, welches sich zu einem der bedeutendsten geistigen Zentren Europas entwickelte. Noch heute besitzt die Stiftsbibliothek St. Gallen die wertvollste Sammlung irischer Manuskripte in Europa. Dies ist nur ein Beispiel, wie irische Mönche bedeutsame Spuren in Europa hinterliessen. In seiner preisgekrönten Dokumentation „Meine Reise zum Leben“ führt uns der TV-Journalist Rainer Wälde in die „Wiege der Christen“ nach Irland und Schottland und zeigt, wie die irischen Christen ihr Feuer weitertrugen und wie sie authentisch lebten, was sie predigten.
Zukunft CH: Herr Wälde, wie beginnt die Geschichte der irischen Christen?
Wälde: Der Auftakt ereignet sich 433 auf dem Hügel von Slane im Herzen von Irland: Patrick, einer der ersten Christen und heutiger Nationalheiliger Irlands, soll hier mit seinen Anhängern an Ostern ein Feuer angezündet haben. Damit will Patrick den heidnischen Hochkönig von Tara herausfordern. Der reagiert schnell – schliesslich sind die Hügel von Tara in Sichtweite. Also schickt der König seine Soldaten los, um Patrick und seine Nachfolger zu verhaften. Als Patrick beim König von Tara ankommt, wird er im Kreis der Druiden und Soldaten verhört. Dabei erhält er die Chance, seinen christlichen Glauben zu bekennen, worauf der König entscheidet, ihn und seine Anhänger frei zu lassen. Dieses Ereignis steht bis heute symbolhaft für den Sieg der ersten irischen Christen über das Heidentum. Wenig später gründet Patrick auf dem Hügel von Slane eine Kirche, aus der später ein Kloster wird. Als Patrick 461 stirbt, haben sich durch ihn tausende Iren zum christlichen Glauben bekehrt.
Zukunft CH: Was für Auswirkungen hat die Geschichte der irischen Christen bis heute auf Europa?
Wälde: Irland war in Europa eine Ausnahme, weil es bereits in der Antike christlich wurde, ohne je Teil des Römischen Reichs gewesen zu sein. Im Gegensatz zum übrigen Europa war es auch von der Völkerwanderung nicht betroffen. Dadurch kam eine ganz neue Verbindung von Evangelium und Kultur zustande. Es gab keine Vorbilder und wahrscheinlich war dies auch der Grund dafür, dass die Kultur eine ganze Reihe von Originalen hervorgebracht hat, die uns bis heute inspirieren.
Zukunft CH: Welche Impulse können wir, wenn wir den Lebensstil der frühen Christen betrachten, für unseren Alltag mitnehmen?
Wälde: Am Beispiel der frühen Christen wird ein Lebensstil der Ursprünglichkeit sichtbar, der Schöpfung und Kultur, Stille und Gemeinschaft, Fasten und Fülle verbindet. Ein Lebensstil, der uns auch heute daran erinnern kann, was unserer Seele gut tut. Für meine Frau und mich sind es die Gemeinschaft mit anderen Christen, aber auch die Rituale in unserem Alltag. Wir beginnen unseren Tag an einem alten Büfett in unserem Wohnzimmer, auf dem eine Kerze und ein irisches Kreuz stehen. Gemeinsam beten wir die alten Gebete, die bereits vor 1500 Jahren die irischen Christen gesprochen haben und beginnen den Tag bewusst in der Gegenwart Gottes.
Zukunft CH: Auf Ihrer Reise auf den Spuren der irischen Mönche zeigen Sie Geschichten von Personen, die Beeindruckendes geleistet und gelebt haben. Welche Person bzw. Geschichte hat Sie am meisten beeindruckt?
Wälde: 635 beruft König Oswald von Northumbria seinen Freund Aidan an seinen Hof. Er soll die Bewohner in seinem Reich für den christlichen Glauben gewinnen. Doch Aidan will nicht am Königshof leben. Er kommt von der Insel Iona und will wieder auf eine Insel. Deshalb wählt er für sein neues Kloster Lindisfarne. Aidan gefällt es, dass Lindisfarne eine Gezeiteninsel ist und von daher bei Flut nicht erreicht werden kann. So hat er täglich seine Zeiten der Ruhe, um zu beten und Stille zu finden. Diese Entscheidung, die ich in meinem Buch das „Aidan-Prinzip“ nenne –, hat etwas sehr Gesundes, von dem wir heute noch lernen können: der Wechsel zwischen Phasen der Aktivität und Zeiten der Stille. Aidan hat es in einem Gebet selbst so ausgedrückt: „Ich möchte allein sein mit meinem Gott, so viel ich vermag. So wie die Flut die Küste umspült, so lass mich eine Insel sein, die sich abhebt und ausgrenzt. Alleine mit dir, Gott; und dir geheiligt. Wenn die Ebbe kommt, so bereite du mich auf meine Aufgabe in der Welt, auf der anderen Seite, vor. Diese Welt, die auf mich einstürzt, bis die Flut wieder steigt, und mich wieder mit dir zusammenbringt.“ Gerade in dieser Stille entwickelt sich das Feuer des irischen Glaubens zu einem Zentrum der Heilung und Kraft. Lindisfarne gilt neben Iona als bedeutendste Klostergründung in Britannien.
Zukunft CH: Etwas Besonderes stellt auch das „Book of Kells“ dar, das in Ihrer Dokumentation gezeigt wird …
Wälde: Das „Book of Kells“ wird heute als das überragende Beispiel der Buchmalerei angesehen. Es ist womöglich sogar Irlands grösstes nationales Kulturgut. Die vier Evangelien wurden in keltischen Schriftzeichen mit farbenprächtigen Anfangsbuchstaben geschrieben. Einige der Farben wurden eigens aus dem Nahen Osten importiert. Das teuerste Pigment war Lapislazuli. Daran wird deutlich, wie kostbar die Worte der Bibel für die Christen waren.
Zukunft CH: Was für eine spezielle Geschichte hat sich auf der Insel Iona (Schottland) abgespielt, die Sie im Film als „Ort der besonderen Berührung“ beschreiben?
Wälde: Um 563 segelt eine Gruppe von 13 Mönchen über die irische See – ungewiss, wo ihr Boot landen wird. Ihr Anführer Columcille, ein streitbarer Ire, befindet sich auf dem Weg ins Exil. Auf Iona, das für Jahrhunderte zu einem Zentrum des christlichen Lebens in Nordeuropa wird, baut er zuerst eine Kirche. Die wagemutigen Mönche lassen sich von den heidnischen Stämmen und ihren Tatoos nicht irritieren. Sie wollen ihr Herz erreichen, heilen Kranke und kämpfen für Gerechtigkeit. In kurzer Zeit entsteht eine blühende Missionsarbeit. Doch mit 150 Menschen ist die Kapazität für die kleine Insel erreicht, mehr gibt die Landwirtschaft nicht her. Deshalb entwickelt Columcille ein simples Prinzip: Immer wenn die Grenze erreicht ist, schickt er 13 Mönche von Iona los, um in Schottland ein neues Kloster zu gründen. Nach diesem Prinzip entstehen 60 neue Zentren. Der Geist von Iona vervielfältigt sich.
Zukunft CH: Ihr gleichnamiges Buch ist im Gegensatz zum Film sehr viel persönlicher. Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihrer Reise mitgenommen haben?
Wälde: „Wir wollen erreichbar bleiben, zuhören, beobachten, handeln und einfach sein“, so formulieren es die Mitglieder der Kommunität in Northumbria, die wir bereits drei Mal besucht haben. Dabei geht es ihnen um ein Leben im Jetzt, im Heute. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das tägliche Ritual. Beim Essen läuft keine Musik im Hintergrund, kein Fernsehgerät lenkt ab. Jetzt wird mit allen Sinnen gegessen, erzählt und gelacht. Für mich sind die Besuche in dieser Gemeinschaft und die Geschichten der irischen Mönche zu einer wertvollen Inspiration geworden: Die Gebete von Patrick, Aidan und Columcille sind wie „Leuchtfeuer“ auf meiner Lebensreise, die Markierungen setzen und Orientierung bieten, damit ich selbst mein Ziel nicht aus den Augen verliere.
Das Interview führte Beatrice Gall von Zukunft CH.
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Zur Person
Rainer Wälde (Limburg, Deutschland) ist Berater und Trainer, TV-Moderator und Buchautor. Bis zum Abschluss seines Studiums arbeitete Rainer Wälde zunächst in der öffentlichen Verwaltung und wurde anschliessend Rundfunkredakteur und Fernsehmoderator. Er war unter anderem für NBC Super Channel, das niederländische Fernsehen EO, den MDR und RTL tätig. Heute leitet der 49-Jährige die TYP Akademie Limburg gemeinsam mit seiner Frau Ilona Dörr-Wälde. Zu seinen Beratungskunden zählen u.a. Bosch Telecom, DKV, DaimlerChrysler, Deutsche Post, Neckermann, SinnLeffers und die Axel Springer AG. Für seinen Dokumentarfilm „Meine Reise zum Leben“ wurde Rainer Wälde 2010 in der Kategorie „Ethik und Religion“ mit dem internationalen Medienpreis „World Media Award“ in Gold ausgezeichnet.
Zur DVD: „Meine Reise zum Leben“
Auf der 75-minütigen DVD erzählt Rainer Wälde die Geschichte der irischen und schottischen Mönche von den Anfängen des Christentums bis heute. Dabei portraitiert er herausragende Persönlichkeiten wie Patrick, Brigid, Columcille, Aidan und Cuthbert. Er bekennt: „Auf meiner Reise habe ich etliche Orte besucht, an denen über viele Jahrhunderte Gott angebetet wurde. Es sind Orte der Ruhe und des Gebets. Und wer sich auf diese besondere Atmosphäre einlässt, kommt selbst zur Ruhe und schöpft neue Kraft.“ Begleitet wird die Dokumentation von wunderschönen Bildern aus Irland und Schottland, leiser Harfenmusik und berührenden Gebeten. Rainer Wälde: „Meine Reise zum Leben“, adeo Verlag, DVD, 75 Min., 24.10 Fr./19.99 €, im Buchhandel erhältlich Das gleichnamige Buch ist ebenfalls im adeo Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.
Interview mit TV-Moderator und Buchautor Rainer Wälde