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Milde Herbstsonne wärmt schon am Morgen des letzten Oktobertags Veranden und Hinterhöfe, die Nachmittagshitze erreicht 86 Grad Fahrenheit, rund 30 Grad Celsius, und die Nacht wird lau. Die ganze Stadt ist dann in orangefarbenes Licht getaucht, aus finsteren Winkeln lugen leuchtende Fratzen hervor. Girlanden und Lichterketten wogen im Wind, die hölzernen Giebel knarren. Eine warme Brise weht vom Golf von Mexiko her über den Deich am Mississippi, treibt trockene Grasbüschel über die Strassen, lässt leere Bierbüchsen scheppern, und fern kreischt die alte Strassenbahn, die der Schriftsteller Tennessee Williams einst «A Streetcar named Desire» taufte.
Zauberhaft gespenstisch, geisterhaft schön: Halloween in New Orleans, wo wir einige Monate verbrachten, als die Kinder klein waren. Wie wunderbar das war! Laternenlicht flackerte, vor dem Haus wankte die Vogelscheuche. Unser Hans, eben vier geworden, hatte zum ersten Mal mitgeholfen, einen Kürbis auszuhöhlen und in dessen Rinde ein Gruselgesicht zu schnitzen. Das Werkzeug dazu, gekauft für 4.99 Dollar im Sav-A-Center, einem lokalen Supermarkt, hat bis heute überlebt, wir werden es diese Woche wieder zücken, werden den Balkon mit künstlichen Spinnweben vergruseln. Und Sie verstehen nun vielleicht, weshalb ich mich nicht mitempören mag darüber, dass wir «aber auch jeden Scheiss aus Amerika» übernähmen, wie eine Leserin schrieb.
Halloween ist ohnehin europäischen Ursprungs. Zunächst wars ein Totenfest der Kelten zum ersten Wintertag am 31. Oktober. Aus Angst vor untoten Toten, die in dieser Nacht zurückkehren könnten, verkleideten sich die Menschen selber zu Monstern. Um dem heidnischen Treiben entgegenzuwirken, datierte die katholische Kirche darauf ihr Allerheiligen auf den 1. November. Wodurch Halloween zu seinem Namen kam: Abend vor Allerheiligen, Englisch All Hallows’ Eve. Von Irland gelangte der Brauch in die USA, und dass er von dort nun zurückgekehrt ist, soll mir recht sein. Ich werde mir bei Starbucks einen Becher Americano-Kaffee holen, eine CD von Bobby Charles einlegen und eintauchen. Mich erinnern.
Aus dunkeln Winkeln leuchten Fratzen
In der Zeitung «Times Picayune» schrieb ein Kolumnist, der dort täglich aus seinem Familienalltag berichtete, er und die Kinder hätten eigens das Haus dekoriert. Jeder wusste, wo er wohnte. Und wirklich: Die Veranda an der Magazine Street war an jenem Abend bunt erleuchtet. Eine Karnevalsclique zog mit geschmückten Wagen Funken sprühend durchs Dunkel der St. Charles Avenue, und mir wurde bewusst, dass der Tag ohne Nacht keiner wäre, dass Licht und Finsternis sich bedingen.
Vielleicht wird dies nirgends deutlicher als im südlichen Louisiana, wo Vergänglichkeit das Werden umschlingt, wo in den Sümpfen aus Moder und Fäulnis fortwährend neues Leben erwächst, wo neben abgestorbenen Zypressenstümpfen die Luftwurzeln neuer Bäume aus dem Wasser ragen. Ein Begräbnis gerät hier zum ausgelassenen Fest, weil sie im Tod das Leben feiern. Das ganze Jahr über wuchert und spriesst es, mächtige Eichenwurzeln sprengen den Asphalt und die Trottoirs, die Natur ist auf dauernder Rückeroberung des Stadtgebiets, manche Strassen sehen aus wie grüne Tunnel. Und ich mittendrin.
Solche Kopfreisen unternehme ich öfter, nachts. «A Streetcar named Desire», das Drama aus New Orleans, heisst auf Deutsch übrigens: «Endstation Sehnsucht».
Bänz Friedli live: 29. 10., Baar ZG
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Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli