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Samuel Theis porträtiert im Spielfilm «Petite nature» den zehnjährigen Johnny und seine Familie, die in einer Sozialsiedlung wohnt, auf eine Art, dass der Film zu einer Elegie über das Misslingen und gleichzeitig einem Hymnus auf das Gelingen von Menschlichkeit wird. Ab 7. April im Kino.
Der Filmemacher Samuel Theis drehte nach dem Kurzfilm «Forbach», zusammen mit Marie Amachoukeli und Claire Burger, den langen Dokumentarfilm «Party Girl», dessen Schilderung des Rotlichtmilieus weiter geht als andere, die diese Frauen lediglich klischeehaft oder karikiert behandeln. Das Regie-Trio erzählt die Geschichte der sechzigjährige Angélique, die versucht, aus ihrem Metier auszusteigen und ein neues Leben zu beginnen: feinsinnig, berührend und kritisch.
Sonja und Johnny
Vom «Party Girl» zur «Petite nature»
Ebenfalls im Nordosten Frankreichs, wie «Forbach» und ebenfalls in der sozialen Unterschicht wie «Party Girl», angesiedelt ist «Petite nature», der erste lange Spielfilm von Samuel Theiss: ein spannendes Psychodrama, die einfühlsame Education sentimentale des zehnjährigen Johnny.
Weil es mit dem aktuellen Mann im Leben der etwa vierzigjährigen Sonja wieder einmal nicht geklappt hat, müssen der zehnjährige Sohn Johnny, die jüngere Schwester Melissa und der ältere Bruder Dajan umziehen, diesmal in eine Sozialwohnung am Stadtrand des lothringischen Forbach. Da die trinkende und vagabundierende Mutter oft abwesend ist, muss Johnny mit der Betreuung seiner kleinen
Schwester und mit dem Haushalt bereits viel Verantwortung übernehmen und hat kaum Zeit für seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb ist er am ersten Schultag, als der neue Lehrer die Kinder nach ihren Zukunftsträumen fragt, überrascht und fühlt sich ernst genommen. Denn Monsieur Adamski spürt bei Johnny grosses Potenzial. Mit seiner Förderung, unterstützt durch dessen Freundin, beginnt bei Johnny eine intellektuelle und emotionale Entwicklung, die sein Leben verändert. Anderes erlebt er zu Hause: Hier ist er hin- und hergerissen zwischen den Gewaltausbrüchen und Liebesbezeugungen der Mutter und verunsichert durch den Blick ins Schlafzimmer, wo Sonja mit einem Mann Liebe macht.
Lehrer Jean Adamski mit den Kindern seiner Klasse
Anmerkungen des Regisseurs Samuel Theis
Woher kommt «Petite nature»?
Dieser Film ist grösstenteils autobiografisch, auch wenn ich mir mehr Freiheiten als bei «Party Girl» genommen habe. «Petite nature» ist von meiner Kindheit inspiriert, erlaubt sich aber mehr Fiktion. In meinem ersten Film ging es praktisch um das Archiv, um die Art und Weise, wie ich meine Familie und meine Mutter in Szene setzte. Es war auch die Erzählung eines Milieus, eines Territoriums, und ich hatte Lust, dies mit «Petite nature» fortzusetzen. Als ich «Party Girl» drehte, liess ich ständig meine Kindheit im Département Moselle Revue passieren und versuchte, mich an den Moment zu erinnern, in dem mir bewusst geworden war, dass ich weggehen wollte. Der Film entstand mit der Frage: An welchem Punkt im Leben eines Kindes entsteht der Wunsch nach Emanzipation? Es ist ein Film über das Erwachen, das emotional, intellektuell, sexuell. Die Kindheit zu filmen, bedeutet immer, diese ersten Male zu hinterfragen.
«Petite nature» zeigt die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen, eher im Modus der «gegenseitigen Faszination» als des «Klassenkampfes». Johnny ist erst zehn Jahre alt, aber das Schöne ist, dass er sich seiner Lage bereits bewusst wird und versucht, ein sozialer Überläufer zu werden.
Johnny kommt aus einem sozial schwachen Umfeld, ist ein Junge, dem es an Aufmerksamkeit und Struktur fehlt. Adamski kann ihm diese bieten. Er öffnet ihm die Türen zur Sensibilität, zum Blick auf sich selbst und auf den anderen. Wir erleben die Entstehung der Intelligenz bei Johnny, aber auch, wie er sich seiner sozialen Herkunft bewusst wird, was zwangsläufig mit einem Gefühl der Scham einhergeht. Der Film ist von der Frage der sozialen Scham durchzogen. Ich persönlich habe lange mit diesem Gefühl der Scham gekämpft, was mich wahrscheinlich dazu gebracht hat, Filme zu machen. Mehr, als über mich zu sprechen, versuche ich, den Menschen eine Stimme zu geben, die keine haben, ihre intimen Geschichten zu erzählen und dabei ihre Komplexität zu respektieren. Sie kommen aus einem benachteiligten Umfeld und haben Probleme, die über das blosse Überleben hinausgehen. Hier wird die Geschichte einer frühen Emanzipation erzählt, von einem Kind als Überläufer von einer Welt in eine andere. Das ist ein bitter-süsser Sieg, denn er muss dabei seiner Familie den Rücken kehren.»
Johnny mit Melissa
Von einem negativen zu einem positiven «Kraftort»
Vielleicht kann man «Petite nature» als Geschichte des hindernisreichen Weges eines jungen Menschen verstehen: von einem negativen zu einem positiven «Kraftort», mit einem Gefühl von Scham der Familie gegenüber und dem Bewusstsein, als Überläufer zu handeln.
Auf der einen Seite stehen beim sympathischen zehnjährigen Blondschopf Johnny eine Mutter, die ihm keine Nähe und Stabilität gibt, ein Vater, der ihn nicht wirklich wahrnimmt, eine kleine Schwester, die er zu bändigen hat, und ein älterer Bruder, der bereits in die Drogenszene gleitet. Nirgends erlebt Johnny Geborgenheit, Begegnung, ein Du. – Doch auch die Vorkommnisse in diesem negativen Kraftort beschreibt der Regisseur sachlich, anteilnehmend und ohne Wertung, mit Bildern und Szenen, Tönen und Handlungen, die an ein Trauerspiel erinnern.
Auf der anderen Seite steht der Lehrer, der an diese Schule versetzt worden ist, der die Kinder mit der Frage nach ihrer Zukunft anspricht, was bei Johnny neugieriges Erstaunen hervorruft, weil sie ihn von der tristen Gegenwarte weg in eine unbekannte Ferne führt und unterschwellig berührt. Diese Anteilnahme weckt Johnnys Sehnsucht nach einem anderen Leben. Weiter ist es Nora, die Freundin des Lehrers, die ihn in die Welt der Kunst, der Anteilnahme, der Sympathie und Zärtlichkeit einlädt. In diesem positiven Kraftort kann Johnny aufatmen, durchatmen. Ein Ort für ein Loblied.
Gegen Ende des Films sehen wir Johnny auf der Strasse, von zu Hause weggehend, in die Welt hinaus und gleichzeitig zu sich selbst. Da der Lehrer im entscheidenden Moment, bevor die Geschichte umzukippen drohte, stopp rief, verweist auch dieser Film, wie schon der letzte, über diese Geschichte hinaus auf die Gesellschaft. – Wunderbar auch der Schluss: Johnny vor dem Spiegel tanzend, on the Road, als Homo viator.
Titelbild: Johnny, Mutter Sonja, Schwester Melissa und Bruder Dajan beim Umzug (v. r.)
Regie: Samuel Theis, Produktion: 2021, Länge: 93 min, Verleih: Cineworx