Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/518

Gesellschaft
Wenig Neues von der Geschlechterfront
Oder haben Sie nicht schon immer gewusst, dass Frauen überhaupt nichts für ihre Zickenboshaftigkeit, Plapperanfälle und Landkartenverengungen können, wenn ihr Hirn vom Hurrican der Hormone gebeutelt wird? Um kurz darauf mit bindungshungrigem Oxytocin-Lächeln wieder auf Alpha-Männchen-Sightseeingtour zu gehen?
Einen derartigen biologistischen Reduktionismus hätte man einer renommierten Wissenschaftlerin wie der US-Neuropsychiaterin Luoann Brizendine kaum zugetraut, wenn sie sich mit dem vielversprechenden Titel "Das weibliche Gehirn" in die Gender-Diskussion wirft, ohne dabei die komplexen soziopsychologischen und historischen Prozesse der "Frau-Werdung" angemessen zu beleuchten.
Immerhin war Brizendine so fleißig, aus ca. 900 (im Anhang bezeichneten) Fachartikeln die Essenz zu destillieren, daß Frauen anders sind als Männer und erklärt, warum beide Geschlechter die Welt so gründlich anders sehen. Das habe mit einer ursprünglichen und sehr unterschiedlichen "Verdrahtung" unserer Gehirne zu tun. Denn schon vor der Geburt, so behauptet Brizendine, wird das männliche Gehirn von Testosteron überflutet, das weibliche nicht. Die Folgen seien eklatant.
Eifrigen Frauenmagazin-Leserinnen dürfte auch diese Erkenntnis von Brizendine nicht unbekannt sein: "Wenn das männliche Gehirn von Testosteron überschwemmt wird, verdoppelt es den Bereich im Gehirn, der für die sexuelle Jagd zuständig ist. Also soll der Mann der Frau sexuell nachstellen. Im weiblichen Gehirn hingegen bleiben viele Areale von Testosteron ungestört, so dass sich die Schaltkreise für Sprache, emotionales Gedächtnis und für die Wahrnehmung emotionaler Feinheiten im weiblichen Gehirn besser entwickeln. Wie wir wissen, ist das männliche Gehirn im Erfassen zwischenmenschlicher Nuancen nicht besonders gut." Soso. Wir armseligen Männlein müssen uns auf emotionaler Ebene also "mit Landstraßen begnügen, während Frauen auf achtspurigen Autobahnen fahren." Denn schließlich hätten Frauen elf Prozent mehr Neuronen im Sprachzentrum, einen größerer Hippocampus und eben eine weibliche Gehirnverschaltung: damit könnten sie "von Natur aus besser vermitteln, kooperieren, Gefühle an Gesichtern ablesen und vor allem reden, viel und schnell."
Von wissenschaftlicher Seite stößt Brizendines Buch auf vernichtende Kritik; die von ihr gemachten Aussagen würden nicht einmal durch die zitierte Literatur gestützt. Da sich Gehirne ständig verändern, könne man Ursache und Wirkung, Natur und Kultur gar nicht eindeutig unterscheiden. In einem 3-Sat-Interview stellte die Biologin und Genderforscherin Sigrid Schmitz dazu fest: "Unser Gehirn funktioniert so, dass von Anfang an - und das ist beim Menschen eben am stärksten so - ein ständiges Wechselwirkungsgefüge besteht von biologischen ersten groben Netzen, die durch Aktivierung, Erfahrung weitergeformt werden, dann wieder die Sensibilität beeinflussen, das Verhalten beeinflussen, wieder verändert werden. Das ist ein ständig verändertes Netzwerk."
Auf derartig vehemente Anwürfe erklärte Brizendine, sie habe ihren Verlag angewiesen, einige Passagen der von ihr benutzten Sekundärliteratur aus der nächsten Auflage rauszunehmen: "Weil ich das Gefühl hatte, also mir nicht klar war, dass diese Sekundärliteratur nicht wirklich fundiert ist." Na immerhin.
Daß dieses populärwissenschaftliche Buch auch bei uns (wie schon in den USA) ein Bestseller-Erfolg werden wird, liegt zweifellos daran, dass simple Erklärungsmodelle und der Rekurs auf die Natur bei komplexen und verunsichernden Zusammenhängen den Kaffekränzchen- und Stammtisch-Rechthabern wohlfeile Munition liefert.
Aber manche mögen sich zu einigen altbackenen "Verdrahtungen" der Autorin ihr eigenes, auch männliches Hirn machen. Und vielleicht gerade das Unberechenbare an Frauen lieben ;-)