Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03504.jsonl.gz/2217

In altisländischen Sammelhandschriften, die zumeist im 13. und 14. Jahrhundert entstanden sind, wird von dem Prozess der Erschließung der Landschaft der bis ins 9. Jahrhundert unbesiedelten Insel erzählt. Darin erfahren wir etwas über die Erkundung von Seerouten und Landwegen, die Benennung von Orten als Orientierungspunkte in einer noch unbekannten Landschaft und die allmähliche Historisierung einer bewohnten Kulturlandschaft. Mich interessiert vor allem, wie und zu welchem Zweck Landschafts-, Weg- und Wetterbeschreibungen sowie Benennungen von Orten Eingang in den Sagatext gefunden haben und wie auf diese Weise aus der Landschaft selbst eine kulturelle Größe mit bedeutungskonstituierender Wirkung für die isländische Gesellschaft geworden ist. Dabei untersuche ich zum einen, welche Formen der Orientierung und Landschaftswahrnehmung sich aus dem Text erschließen lassen. Zum anderen frage ich, was uns die Prozesse der Narrativierung über den kulturellen Wert von Landschaftswissen verraten und welchen gesellschaftlichen Zweck das Erinnern dieses Wissens erfüllt hat. Was kann uns der Umgang mit Landschaft im Text über den Kontext und den Überlieferungsanlass einzelner Sagas, aber auch über den Zweck der Zusammenstellung von Kompilationen sagen? Dafür untersuche ich die eng verwandten Sammelhandschriften Vatnshyrna und Pseudo-Vatnshyrna, die beide um 1390 entstanden sind. Die darin überlieferten neun Isländersagas und vier kürzeren Erzählungen behandeln alle in ihren Hauptsträngen Orte in Nord- und Westisland, so dass das in ihnen überlieferte Landschaftsbild intertextuell ausgewertet werden kann. Ich untersuche die Sammlung innertextuell, im Überlieferungsverbund und in Stichproben vergleichend mit anderen Überlieferungsträgern auf das in ihnen narrativierte Landschaftswissen. Anhand einer literarisch-anthropologischen Textanalyse, die auf einer präzisen Kenntnis der isländischen Landschaft aufbaut, möchte ich die aktuelle Sagaforschung um eine Perspektive erweitern, die es ermöglicht, den Erfahrungshorizont des ehemals intendierten Publikums in die heutige Analyse einzubeziehen und so den Überlieferungskontext altisländischer Literatur besser zu verstehen.
Das Projekt wird durch die FAG Basel gefördert.