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Im folgenden wird ein geschlechtergeschichtlicher Zugang zur Debatte gesucht über die Zusammenhänge, in denen das Absinken der ehelichen Fruchtbarkeit fast überall in Europa zwischen 1870 und 1930 zu sehen ist. Neuere Arbeiten betonen die Notwendigkeit, das Phänomen auf der Ebene von Gemeinden und Familien zu analysieren, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen Paare für eine Geburtenbeschränkung und die erhöhte Investition in die Erziehung der Kinder optierten. Die Kategorie Geschlecht erweist sich als bedeutungsvoll, indem sie sich auf allen Ebenen der Analyse zeigt: kulturelle Bedingungen der Geschlechterrollen auf dem Niveau der sozialen Makroebene, sozioökonomischen Bedingungen (Erwerbsarbeit der Mutter) oder solche demografischer Natur (von Geschlecht abhängige elterliche Investition) auf der sozialen Mikroebene.
In unserem Beispiel werden zwei Dörfer (Broc, FR, und Chavornay, VD) gezeigt, die einen vergleichbaren sozioökonomischen Kontext, Beginn der Industrialisierung in einem bäuerlichen Umfeld aber voneinander abweichende kulturelle und institutionelle Bedingungen aufweisen. Die Industrialisierung beschleunigt die Abnahme der Fruchtbarkeit, indem sie die ökonomische Bedeutung von Knaben und Mädchen für die Familie vermindert. In der Landwirtschaft sind sie für verschiedene Arbeiten eingesetzt, ein Phänomen, das damit verschwindet, dass die Lohnarbeit die Haupteinnahmequelle der Familie wird. Der ökonomischen Bedeutung der Kinder stehen zudem die steigenden Anforderungen der Schullaufbahn entgegen, zu einem Zeitpunkt, als sich mit der Industrialisierung neue Arbeitsmöglichkeiten für besser ausgebildete Kinder eröffnen. Dadurch finden sich kinderreiche Familien in einer schwierigen Situation. Solche sind vor allem im katholischen Milieu zu finden, wo die Vorbehalte gegenüber der Geburtenkontrolle gross sind. Sind diese Eltern versucht, die Ausbildung von nur einigen ihrer Kinder zu ermöglichen und bevorzugen sie diejenige von Knaben, insbesondere wenn kulturelle Muster einen solchen Entscheid begünstigen?
Der freiburgische und der waadtländische Diskurs werden auf die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen und die Erziehung der Mädchen untersucht. Es folgt die Wirkung dieses Diskurses in der effektiven Ausbildung von Knaben und Mädchen in den beiden Dörfern. Dann wird die Hypothese getestet, wonach die Mädchen grosser Familien diskriminiert werden, indem die Ausbildung beider Geschlechter in Funktion der Familiengrösse untersucht wird. Diese Hypothese lässt sich jedoch nur für die Arbeiterfamilien von Broc bestätigen. Der Einfluss der kulturellen Muster ist also in einer sozialen Gruppe spürbar, welche die Fruchtbarkeit noch nicht reduziert hat und die gleichzeitig von den Anforderungen eines neuen Arbeitsmarktes und von der Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs berührt ist.
(Übersetzung: Béatrice Ziegler)