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«Sie konnten bauen, was sie wollten»
Einer «in die Tausende gehenden ausländischen Gemeinschaft» rühmt sich Bandung, die zweieinhalb Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Sundas. Und die Deutschen scheinen eine besondere Affinität für die Stadt und Region entwickelt zu haben. Vor 150 Jahren schrieb der Ex-Sträfling, Ex-Fremdenlegionär und Biologe Franz Wilhelm Junghuhn, der sich einen Namen als der «Humboldt von Java» machte, den Bericht über seine «Topographischen und Naturwissenschaftlichen Reisen durch Java» und führte den Cinchonabaum ein, aus dessen getrockneter Rinde Quinin hergestellt wird. Zwanzig Jahre später baute hier ein deutscher Immigrant namens Homann das erste Hotel. Heute hat das Goetheinstitut hier eine Zweigstelle und lässt MBB hier Flugzeuge bauen. Den Grund für die starke Präsenz der bule, der Ausländer, beschrieb der Würzburger Poet Max Dauthendey, der 1918 hier starb, in seinem «Letzte Reise»: «Die Tage sind warm und angenehm von Brisen gefächert. Es ist wirklich ein paradiesisches Klima. Wenn jemals ein Paradies existierte, kann es nur hier gewesen sein.»
Dieses paradiesische Klima war es auch, das Bandung dem Nebel unbekannter Vergangenheit entriss und populär machte. So wie einst die deutschen Kolonialisten Ostafrikas in Moshi am Fusse des Kilimanjaro Erholung von der schwülen Hitze Daressalams suchten, so fanden auch die holländischen Pflanzer aus Südsumatra oder Ostjava auf den 800 Meter hoch gelegenen kühlen Hügeln Bandungs Zuflucht vor Malaria, Typhus oder Denguefieber. Heute noch winden sich jedes Wochenende lange Autokarawanen aus Jakarta durch die sogenannten Hängenden Gärten Bandungs – ausgedehnte Kaffee- oder Teeplantagen und malerische Reisfelder – die Berge hinauf.
Bandung im 17. Jahrhundert: 25 bis 30 Häuser
Bandung ist eine moderne Stadt im Preangerland, über deren Frühgeschichte beinahe nichts bekannt ist. In prähistorischen Zeiten war das Gebiet ein vulkanischer Binnensee, an dessen Ufern der legendäre Javamensch gelebt haben soll. Um das Jahr 413 kam ein buddhistischer Mönch auf seiner Fahrt von Ceylon nach China durch die Gegend und erwähnte in seinem Reisebericht ein Königreich Tarumangara. Ein Dokument aus dem Jahr 1488 erwähnt den Ort zum ersten Mal, und 1614 schrieb der Portugiese Juliaen da Silva von einer «Stadt, Bandung genannt, die aus 25 bis 30 Häusern besteht».
Erst nachdem die Holländer zwischen 1808 und 1810 den tausend Kilometer langen «Groote Postweg» durch ganz Java hatten bauen lassen (wobei 30’000 der javanischen Zwangsarbeiter starben) und den lokalen Sundaherrscher überzeugt hatten, seine zehn Kilometer südlich gelegene Stadt Karapyak oder Kota Kempang (Stadt der Blumen) an die neue Grosse Poststrasse zu verlegen, tauchte Bandung als Transportstation auf den Landkarten auf. So wie Java als «der Garten des Ostens» galt, verwandelten die Plantagen das fruchtbare Preanger Hochland in den «Garten Javas». Die Cinchonapflanzungen der Region produzierten 90 Prozent des weltweit hergestellten Quinins. Und endlich gelang den holländischen Pflanzern, einen Kaffee zu züchten, der bei den Importeuren in Rotterdam, Hamburg oder Wien nicht mehr verrufen war als der faulig schmeckende «mauvais café de Batavia», sondern der europäischen Noblesse und Bourgeoisie mundete: der «Javakoffie».
1955 Gründung der Blockfreien in Bandung
Nur einmal in seiner Geschichte erreichte Bandung, heute die Provinzhauptstadt Westjavas, die Schlagzeilen der Weltpresse. 1955 trafen sich hier im Gedung Merdeka (Freiheitsgebäude), dem ehemaligen holländischen Kolonialclub «Societeit Concordia», auf Einladung des damaligen Präsidenten Indonesiens, Sukarno, die Staatsoberhäupter von 29 asiatischen und afrikanischen Ländern, um über die Zukunft ihrer gerade erst unabhängig gewordenen Nationen zu diskutieren. Es war die Geburtsstunde der Bewegung der Blockfreien.
Die Gäste, darunter so illustre Persönlichkeiten wie Ägyptens Gamal Abdel Nasser, Chinas Chou En-Lai, Indiens Jawaharlal Nehru oder Nordvietnams Ho Chi Minh, waren nur wenige Meter entfernt im Hotel Savoy Homann untergebracht, dessen Suiten heute noch die Namen ihrer berühmtesten Bewohner tragen. Gebäude wie das Gedung Merdeka oder das Hotel Savoy Homann machen Bandung zu einem Begriff in der Architekturgeschichte.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts Zentrum Holländisch Ostindiens
Mit dem Bau der Bahnlinie (1884), die Bandung mit Jakarta verband, war die Zukunft der Stadt gesichert. Ende des 19. Jahrhunderts verlegten zunächst die holländischen Generäle ihr Armeehauptquartier nach Bandung. Angetan von dem angenehmen Klima, beschloss dann auch die Kolonialverwaltung, die Hauptstadt Holländisch Ostindiens von Jakarta nach Bandung zu verlegen. Sie beauftragte den renommierten Architekten Frans Johan Louwrens Ghijsels, der in Java geboren war und in Delft studiert hatte, einen Stadtentwicklungsplan zu entwerfen.
«Der Stadt von Bandung fehlen die Charakteristika von wichtigeren Städten», beschrieb der Architekt seine Aufgabe und meinte: «Bandung ist eine Kolonialstadt im negativsten Sinn.» Zwar wurde die Idee einer Verlegung der Hauptstadt später wieder verworfen, doch die Zeit reichte Ghijsels, um die «erste moderne Stadt des Landes» zu entwerfen, grosszügig angelegt mit breiten Strassen, Industriebezirken, Verwaltungs- und Einkaufszentren und Wohnvierteln. Mit den besten Architekten gründete er die «Nederlandisch-Indische Architekten-Kring» und baute Bandung zu einem Zentrum der Bildung, Forschung und der sogenannten «Tropischen Art-Déco-Architektur» aus, die sonst nur noch in Floridas Miami und in Neuseelands Napier in solcher Vielfalt anzutreffen ist.
«Die Planer begannen auf einem weissen Fleck», erklärt Frances Affandy, die Vorsitzende der «Gesellschaft zur Erhaltung des Erbes»: «Sie konnten bauen, was sie wollten.» Und das taten sie. Sie schufen Monumente der modernsten Stilrichtungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts: Villen, Banken, Fabriken, Hotels, Cafés, Läden, Kirchen, sogar eine Moschee.
Indonesisches Art Déco
In Auflehnung gegen den überladenen Stil der Art Nouveau und beeinflusst vom «Nieuwe Bouwen» (Hollands Bauhaus) der Amsterdamer Schule, die dem modernen Funktionalismus folgte, «entwickelte sich in Indonesien eine eigene Richtung der Art Déco», erklärt Dibyo Hartono, der seit 35 Jahren am renommierten Bandung Institute of Technology Entwurf und Design lehrt. Die hohen Temperaturen «erforderten mehr Glas, eine andere Ventilation, die starken Regenfälle weiter herausragende Dächer.» So wie sich die europäischen Architekten des klassischen Art Déco an ägyptischen und griechischen Motiven orientiert hätten, die Amerikaner an Motiven aus der Welt der Azteken und Mayas, so «haben sie hier eben hinduistische und buddhistische Motive verwendet.» Daraus habe sich ein indo-europäischer Stil entwickelt, wie etwa am Gedung Sate, das heute die Büros des Provinzgouverneurs beherbergt. Das Dach und der zentrale Turm seien traditionelles westjavanisches Design, erläutert Dibyo, die Fenster des Hauptgebäudes und der Bauflügel zeigten mit ihren Bögen und Säulen maurisches Design. Aus dem Nieuwe Bouwen wurde ein Indische Bouwen, das die bedeutendsten Architekten Bandungs jedoch bald wieder aufgaben.
Beim Totalumbau des Hotels Savoy Homann folgte der Rotterdamer A.F. Aalbers den neuesten europäischen Entwicklungen und entwarf ein prächtiges Beispiel des Nieuwe Bouwen. Das sparsame, stromlinienförmige Design, das an ein Radiogerät erinnert, lässt nichts mehr vom Indische Bouwen erkennen. Klare Linien und Halbkreise dominieren, die Lampenschirme sind Halbkreise, der Dachvorbau am Eingang, die Bar, die Dekoration im Gartenrestaurant, sogar die Einrichtung des Friseursalons sind aus einem Guss.
Europäische Vorbilder
Noch radikaler wandte sich C(harles) P(rosper) Wolff Schoemaker von den Traditionen seiner Heimat ab (er war 1882 in Bandung geboren), als er für die exzentrische Pressezarin Dominique Beretty die Villa Isola entwarf, deren Ausführung Ghijsels übernahm. Dieses Symbol des schnellen, mondänen Lebens in Bandung, von Glitter und Glanz, «ist auch ein Symbol der kolonialen holländischen Architektur, die nur noch vom Westen inspiriert ist und den kulturellen und sozialen indonesischen Hintergrund, auf dem das Gebäude steht, völlig zu ignorieren scheint», urteilte der Autor einer Biographie Ghijsels. Mit seinen zahlreichen Kurven, dem herausragenden und phantasievollen Einsatz von Glas könnte diese entwerferische und technische Tour de Force aus der genialen Hand Erich Mendelsohns stammen.
So wuchs Bandung zwischen 1916 und 1931 von 70’000 auf 160’000 Einwohner und zum Parijs van Java heran. Prächtige Villen säumen schattige Alleen. Neben zweihundert Bildungs- und Forschungseinrichtungen wie dem Pasteur-Institut (heute: Bio Farma), berühmt für die Herstellung von Seren gegen Pocken oder Tollwut, siedelte sich hier im Laufe der Jahrzehnte Indonesiens High-Tech-Industrie an. Wohlhabende Europäer wünschten alles, was ihre Kollegen in Amsterdam, Paris oder Berlin auch hatten. «Das war die Spielwiese der Reichen des Landes», berichtet Frances Affandy: «Das war eine Stadt der Parties, der Cafés und Boutiquen.»
Jalan Braga (Bragastrasse) rühmte sich, «de meest europesch Winkelstraat van Indie» (die europäischste Einkaufsstrasse Indonesiens) zu sein: Im «Maison Bogenijen» traf sich Bandungs Gesellschaft bei Champignons grillés oder Escalope de Veau à la Suisse; die Auslagen im Schaufenster von «Au Bon Marché» unterschieden sich nicht von jenen der Modehäuser in Paris oder London; «Keller's» offerierte belgische Pralinen und holländische Printen; bei «Fuchs & Rens» waren die neuesten Modelle von Mercedes Benz erhältlich; «Van Dorp's Buchladen» hatte die 16 Bände von Winkler's Prins Enzyklopädie im Lager; und in Jl. Braga No. 69 baute ein gewisser W. Bell Violinen nach seinem eigenen Stradivari-Modell.
Verfall der einstigen Pracht
Wenngleich die alte Pracht inzwischen sehr verblichen und vom Verfall bedroht ist, und die meisten Fassaden heute von billigen Holz- Glas- oder Asbestfronten verunstaltet sind und dringend der Renovierung oder Sanierung bedürften, so zeigt Jl. Braga heute noch, warum es einst «Indonesiens Fifth Avenue» genannt wurde. Doch es kostet die Denkmalschützer um Dibyo Hartono und Frances Affandy viel Mühe, den völligen Verfall der einstigen Pracht zu stoppen.
Die alte Singer Nähmaschinenfabrik musste schon vor etlichen Jahren einem Bürokomplex weichen. Schoemakers Boekkit Tinggi wartet düster und leer auf den Abriss. Das Gedung Rumentang Siang mit seinem runden Glasturm, 1935 als Kino erbaut, kümmert verwahrlost als angebliches Kulturzentrum seinem Ende entgegen. Fenster sind zerbrochen, das Weiss der Gemäuer hat sich längst in ein hässliches Grau verwandelt, in dem dunkle, grüne Flecken von der Ausbreitung des Pilzes zeugen. «Kein Geld. Geld ist unser Problem», ringt der Verwalter verzweifelt die Hände.
Die bunten, bleiverglasten Fenster des Sharp Building sind zerbrochen, zugemauert oder durch Wellblech- und billige Rigipskonstruktionen verbaut. Wackelige Treppen rosten, das elegante Gebäude hat schon seit Jahrzehnten keine Farbe mehr gesehen. «Wir haben Japan (wo die Sharp-Zentrale ist) schon mehrfach auf die Notwendigkeit einer Renovierung hingewiesen», erklärt eine Angestellte den jämmerlichen Zustand der heute als Lager genutzten einstigen Villa: «Aber sie tun nichts.»
Erste Erfolge bei der Pflege des Erbes
Zufällig habe ihm ein Bekannter mitgeteilt, das «Landmark Building», der alte Buchladen Van Dorp's, solle abgerissen werden, um einer Diskothek Platz zu machen, erzählt Dibyo. Um zu verhindern, dass auch diese frühe Arbeit Schoemakers im indo-europäischen Stil mit seinen bleiverglasten Art-Deco-Fenstern und alten javanischen Elementen der sogenannten Modernisierung anheimfiel, meldete er sich bei dem neuen Eigentümer an. «Gut, wir können nichts machen, wenn Sie es abreissen lassen», habe er ihm gesagt. «Hören Sie uns aber wenigstens vorher an und lassen Sie sich erklären, welchen Schatz Sie da erstanden haben.» Die Leute seien völlig verblüfft gewesen. «Sie hatten keine Ahnung davon gehabt.» Heute kündet zwar eine grelle Neonreklame «Cesar's Palace» unter den javanischen Drachenhäuptern von der neuen Nutzung des Gebäudes, doch sowohl Fassade als auch das Interieur blieben weitgehend erhalten.
«Vor einem Jahr rief mich Dibyo an», berichtet Frances Affandy: «'Sie reissen Schoemakers Villa ab'. Wir schrieben einen offenen Brief in der Zeitung – und sofort am nächsten Tag stoppten sie die Arbeiten.» Die Stadtverwaltung empfahl dem Besitzer, einer Bank, mit Dibyo zu reden, der die Banker aufklärte und anschliessend sogar den Umbauauftrag erhielt. Heute sei die Bank stolz auf dieses wunderbare Gebäude.
«Die Gesellschaft muss lernen, stolz auf ihr Erbe zu sein», trichtert Dibyo seinen Studenten ein. «Leider ist Denkmalschutz immer noch nicht Pflichtfach im Architekturstudium.»
«Wir ziehen es vor, nicht zu protestieren», erklärt Frances Affandy die Taktik der Denkmalhüter, «wir ziehen es vor, mit den Leuten zusammenzuarbeiten.» Auf diese Weise hätten sie schon eine Menge Häuser vor dem Abbruch gerettet. Inzwischen habe in Bandung sogar eine Art-Deco-Renaissance eingesetzt.