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Ein naturhistorisches Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert
Aufgeschrieben von Madame H – t im Jahre 1755 und weitergereicht von H.-P. Schröder im Jahre 2014
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Vorwort
Im September des Jahres 1731 taucht in der Nähe eines Dorfes bei Chalons, in der Champagne, ein kleines Mädchen auf. Es trägt Waffen und Fellkleidung und ist schwarz. Es bewegt sich durch die Wälder wie ein geborener Jäger. Oder wie ein Krieger. Das kleine Mädchen verzehrt seine Nahrung roh, es läuft so schnell, daß es Hasen und anderes Wild überholt und mit der Hand fängt. Es taucht hinab zum Grund der Flüsse und kommt mit einem Fisch in der rechten, einem in der linken Hand und einem zwischen den Zähnen an die Oberfläche, wo es seine Beute tötet, häutet und ohne zu kauen, in kleinen Bissen, hinunterschluckt. Es gelingt den Bauern nur mittels einer List, das kleine Mädchen einzufangen. Man gibt es später in ein Kloster, in die Hände von Nonnen, die es behüten, wie eine wertvolle Investition und es zähmen, um ihm seine unchristlichen Tugenden auszutreiben. Im Jahre 1755 nimmt Madame H-t mit dem „kleinen Mädchen“ Kontakt auf. Wohl denjenigen, deren Sinne nicht verfinstert sind. Zu ihnen sprechen Madame H-t und das kleine Mädchen, über die Jahrhunderte hinweg. Madame publizierte die Ergebnisse ihrer Nachforschungen und die Eindrücke ihrer Begegnung mit dem wilden Mädchen unter dem Titel:
Geschichte einer Wilden, die man in dem Alter von zehn Jahren im Walde von Songi gefunden hat*
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Der französische Merkur vom Dezember 1731 erwähnt eine junge Wilde, die man in dem Walde vor Songi, bei Chalons in der Champagne, gefunden hat. Hier ist dasjenige, was ich sowohl durch die Fragen, die ich zu verschiedenen Zeiten an sie gerichtet habe, als auch durch das Zeugnis von Personen, welche sie gekannt haben, als sie anfing, Französisch zu lernen (sprechen), als das Gewisseste von ihrer Geschichte in der Lage war, zu sammeln.
Im September 1731 kam ein Mädchen von neun oder zehn Jahren** zur Abenddämmerung (weil es Durst hatte, eine Vermutung von Madame H-t, aber unwahrscheinlich, da der Fluß in Reichweite liegt) in das Dorf von Songi (Songy, 2007-268 Einwohner), das vier oder fünf Meilen südlich von Chalons in der Champagne liegt. Sie ging barfuß, war mit Lumpen und Fellen bedeckt, hatte das Haar unter einer Mütze von Kalebas (Kürbis, siehe Kalebassen- ein Schöpf- und Trinkgefäß aus Kürbisschale) und das Gesicht und die Hände waren so schwarz, wie bei einer geborenen Schwarzen. Sie war mit einem kurzen und am Ende dicken Stock, wie eine Keule, bewaffnet. Diejenigen, welche sie zuerst sahen, liefen davon und schrien: Da ist der Teufel. In der Tat konnten ihre Hautfarbe und ihr Aufzug auf die einfachen Bauern leicht einen derartigen Eindruck machen. Einer schloß Tür und Fenster schneller wie der andere.
Einer aber, der sich einbildete, daß der Teufel sich vor Hunden fürchtet, ließ einen Hund mit einem eisernen Stachelhalsband los. Als die Wilde („das kleine Mädchen von 9 oder 10 Jahren“) den Hund wütend auf sich losgehen sah, erwartete sie ihn, ohne von der Stelle zu weichen, hielt ihre kleine Keule…. mit beiden Händen in einer solchen Stellung wie diejenigen (Holzfäller), welche um desto fester zuhauen zu können, ihre Axt seitwärts aufheben und versetzte ihm, als er nahe genug heran war, einen so schrecklichen Schlag auf den Kopf, daß er tot vor ihre Füße fiel. Voll Freude über ihren Sieg sprang sie mehrmals auf dem Körper des Hundes herum. Hierauf versuchte sie, eine (Haus-) Tür zu öffnen und als sie das nicht zustande brachte, begab sie sich wieder in das Feld am Ufer des Flusses und stieg auf einen Baum, wo sie ruhig einschlief.
Allgemeines Magazin der Natur, Kunst und Wissenschaften 1756 und eine messingdrahtumflochtene, hölzerne Kriegskeule der Zulu, 19. Jahrhundert (Beides aus einer Privatsammlung)
Der mittlerweile verstorbene Herr Vicomte von Epinoy war damals gerade auf seinem Schloss von Songi. Als er hörte, was die Leute über eine kleine Wilde sagten, die auf sein Gebiet gekommen war, gab er Befehl, sie einzufangen, und richtete diesen Befehl direkt an den Schäfer, der sie zuerst in einem Weinberg gesehen hatte. Unter den Landleuten war einer, der äusserte die Vermutung, daß die kleine Wilde durstig wäre, woraus man später viel Aufhebens machte und ihn als großen Kenner der Sitten und Gewohnheiten der Wilden pries. Er gab den Rat, einen Eimer Wasser unter den Baum, auf dem sie sich befand, tragen zu lassen, um sie dazu zu bewegen, herunter zu steigen. Nachdem man sich wieder wegbegeben hatte, doch nicht zu weit, so daß man zugreifen konnte und sie sich nach allen Seiten hin umgesehen hatte, stieg sie herunter und trank aus dem Eimer, indem sie das Kinn hinein steckte (indem sie den Kopf hineinsteckte). Weil ihr aber etwas ein Mißtrauen gemacht hatte, so war sie schon wieder auf den Baum hinaufgestiegen, bevor man sie ergreifen konnte. Da diese List nicht gelungen war, so sagte die Person, welche den vorigen Rat gegeben hatte, man solle eine Frau und einige Kinder herbeiführen und hinstellen, weil die Wilden vor denselben nicht flöhen wie vor Mannspersonen und die sollten ein lachendes Wesen und (ein freundliches) Gesicht zeigen. Man tat es und eine Frau, die ein Kind auf den Armen hatte, spazierte in der Gegend des Baumes herum und trug verschiedene Wurzeln und zwei Fische in den Händen, die sie der Wilden zeigte. Die Wilde verspürte große Lust, sie sich zu holen, stieg einige Äste hinab, aber gleich wieder hinauf. Die Frau… machte ein munteres und freundliches Gesicht, gab ihr alle möglichen Zeichen der Freundschaft….. daß sie sie recht lieb hätte und ihr kein Leid tun wolle und erweckte endlich dadurch in der Wilden so viel Vertrauen, daß die herunterstieg, um die Wurzeln und die Fische zu bekommen. Die Frau entfernte sich dann unmerklich und gab dadurch jenen, die sich verborgen hielten, Gelegenheit, das junge Mädchen zu ergreifen und sie auf das Schloß von Songi zu bringen.
Sie hat mir von ihrer Betrübnis, sich gefangen zu sehen und von dem zweifellosen Bestreben, zu fliehen, nichts gesagt, aber man kann es sich denken. Das Einzige, worauf sie sich besinnt, ist, daß es ihr vorkommt, als ob sie zwei oder drei Tage nachdem sie über den Fluß gekommen war, ergriffen wurde. Dieser Fluß ist ohne Zweifel die Marne, die eine halbe Meile östlich von Songi vorbei fließt. Also kam die kleine Wilde von Lothringen her.
Der Schäfer und die übrigen Leute, die sie ergriffen und auf das Schloß geführt hatten, brachten sie zuerst in die Schloßküche, bis man es dem Herrn von Epinoy gesagt hatte. Das erste, was hier ihre Blicke und Aufmerksamkeit auf sich zog, war etwas Federwild, welches ein Koch vorbereitete. Sie fiel mit solcher Geschwindigkeit und Begierde darüber her, daß sie es bereits zwischen ihren Zähnen hatte, als der Koch bemerkte, daß sie es genommen hatte. Als der Schloßherr dazu kam und sah, was sie aß (und wie), ließ er ihr ein Kaninchen mit Fell geben, welches sie sogleich abzog (mit den Händen) und verzehrte. Diejenigen welche sie damals genau (aus der Nähe) betrachteten, urteilten, daß sie etwa neun Jahre alt sein müsse. Sie war schwarz, wie ich bereits erwähnte, allerdings bemerkte man bald, nachdem man sie mehrmals gewaschen hatte (!), daß sie von Natur aus weiß war, wie sie es jetzt noch ist. Man bemerkte auch, daß die Finger an ihren Händen und besonders die Daumen, in ihrem Verhältnis zu dem übrigen Teil der Hand, die ziemlich wohlgebildet ist, ungemein dick waren. Sie hat mir gezeigt, daß von dieser Dicke der Daumen immer noch etwas vorhanden ist und hinzugefügt, daß diese dicken und stärkeren Daumen, ihr während der herumirrenden Lebensart in den Wäldern sehr nützlich gewesen seien. Wenn sie sich auf einem Baume befunden hätte und ohne heruntersteigen zu müssen, Lust gehabt hätte, auf einen anderen zu kommen, so hätte sie, so die Zweige des nächsten Baumes ein klein wenig nahe gewesen wären, sollten sie auch nicht dicker gewesen sein, als ein Finger am Ende ist, ihre beiden Daumen auf einen Zweig des Baumes, auf dem sie sie gerade befand, gesetzt und sich wie ein Eichhörnchen (abgestoßen) auf den anderen Baum geworfen. Hieraus kann man schließen, wie stark und steif ihre Daumen gewesen sein müssen, um den ganzen Körper auf diese Art zu tragen…………… Herr von Epinoy überließ sie der Aufsicht des Schäfers, dessen Haus bei dem Schlosse lag, und machte ihm klar, daß sie ihm am Herzen läge und daß er ihn für seine Fürsorge gut bezahlen werde.
Dieser Mensch nahm sie also mit sich in sein Haus, sie zahm zu machen. Daher kam es, daß man sie in der Gegend das Tier des Schäfers nannte. Man kann sich wohl denken, daß man sie nicht so leicht und nicht ohne harte Maßnahmen, ihrer wilden und rauhen Natur und von den Gewohnheiten, die sie angenommen hatte, entwöhnt haben wird. Wenigstens habe ich gemerkt, daß sie in diesem Hause nicht ihre Freiheit hatte, weil sie mir gesagt hat, daß sie Mittel und Wege fand, Löcher in Mauern und Dächer zu machen, auf denen sie ebenso sicher, wie auf der Erde herumlief, so daß sie nur mit großer Mühe wieder eingefangen werden konnte, wobei sie, wie sie mir erzählte, mit so großer Wendigkeit (Biegsamkeit) durch kleinste Löcher kroch, daß die Sache, auch nachdem man es gesehen hatte, unmöglich schien. Auf diese Weise entwischte sie…… einmal…… aus diesem Hause bei einem erschrecklichen Wetter von Schnee und Glatteis; sie kam in`s Freie und kletterte auf einen Baum. Die Furcht vor…… dem Zorn des Herrn setzte diese Nacht alle Leute in Bewegung. Man suchte sie im ganzen Haus, weil man sich nicht vorstellen konnte, daß sie bei der Kälte und dem Glatteis hätte in`s Feld entkommen können. Da man, da sie nicht zu finden war, endlich auch draußen nachschaute, fand man sie, wie ich bereits sagte, auf einem Baume und hatte zum Glück die Geschicklichkeit, sie zu bewegen, daß sie hinunterstieg.
Ich habe etwas von der Behendigkeit und Flüchtigkeit ihres Laufens gesehen: Nichts ist erstaunlicher. Sie hat mir einen Überrest davon gezeigt und es ist etwas, was man sich garnicht vorstellen kann, wenn man es nicht gesehen hat, so geschwind und sonderbar ist ihre Art des Laufens, obgleich lange Krankheiten und ein Mangel an Übung seit vielen Jahren, ihr einen Teil ihrer Beweglichkeit genommen haben. Es sind keine weiten Schritte, ihre Schritte sind weder wie die unsrigen eingerichtet, noch sind sie unterscheidbar. Es ist eine Art von fliegendem Trippeln, das dem Gesichte (dem Blick) entgeht, es ist kein Gehen, sondern ein Gleiten, bei dem die Füße hintereinander gehalten werden. Kaum ist es möglich an ihrem Körper und an ihren Füßen eine Bewegung zu unterscheiden (wahrzunehmen), noch weniger ist es möglich, ihr zu folgen. Diese kleine Probe, die nichts war, weil sie in einem kleinen Saale geschah, überzeugte mich vollkommen von dem, was sie mir zuvor erzählt hatte, nämlich, daß sie auch noch viele Jahre nach ihrer Ergreifung, das Wildbret im Laufen einholte und daß sie der Königin von Polen (Maria Josepha von Österreich, Gemahlin von August dem III., 1699-1757), der Mutter unserer Königin, eine Probe gezeigt hatte. Das ist vermutlich im Jahre 1737 geschehen, da diese von dem Herzogtum Lothringen Besitz nahm.
(Fortsetzung folgt)
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* Die deutsche Übersetzung erschien im Allgemeinen Magazin der Natur, Kunst und Wissenschaften, 7.Teil, Leipzig 1756
** „Moderne“ Quellen geben ihr Alter zur Zeit der Gefangennahme mit 19 Jahren an. Das ist ein deutlicher Unterschied zu 9 oder 10 Jahren und würde aus dem „kleinen Mädchen“ eine erwachsene Frau machen.
Laut moderner Theorie soll sie eine Foxindianerin gewesen sein, die im Alter von 9-10 Jahren von einer Dame nach Frankreich gebracht wurde, die in Marseille an einer epidemischen Krankheit verstarb, worauf sich das kleine Mädchen auf den Weg nach Norden gemacht habe und während der nächsten 10 Jahre durch Frankreich streifte. Diese Theorie ist brüchig.