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die große Halbinsel des südwestlichen Asien,
[* 4] welche, zwischen 12° 40' und 34° nördl. Br. sowie zwischen
32° 10' und 59° 40' östl. L. v. Gr. gelegen, das verbindende
Glied
[* 5] zwischen Asien und Afrika
[* 6] bildet und einen Flächenraum von über 2,6 Mill. qkm (nahezu
50,000 QM.) einnimmt.
Überhaupt gehört Arabien zu den unbekanntesten Ländern der Welt. Nur wenig Europäer haben im letzten Jahrhundert
einzelne Teile des Landes durchreist, im übrigen sind wir auf ältere einheimische Nachrichten angewiesen. Neuerdings beginnt
sich das Interesse der Orientalisten und Geographen wieder mehr diesem merkwürdigen Land zuzuwenden, und namentlich ist durch
Reisende der neuesten Zeit, wie Palgrave, Pelly, Blunt, Doughty, Burton, Manzoni, Huber, Euting u. a., etwas mehr
Licht
[* 9] verbreitet worden (weiteres s. Asien, Entdeckungsgeschichte). Arabien ist seiner geographischen Lage wie seiner Naturbeschaffenheit
und dem Charakter seiner Produkte nach das Übergangsglied zwischen Asien und Afrika.
Ein Hochplateau mit wüstenartigem Innern und meist steil abfallenden Randgebirgen, teilt die Halbinsel an ihren Ufersäumen
die trockne Wüstennatur Afrikas, während das Innere sich mehr dem Charakter der westasiatischen Hochebenen
zu nähern scheint. Diese Beschaffenheit, verbunden mit der Umgebung von Wüsten und gefahrvollen Meeren, verlieh von jeher
die größte Abgeschlossenheit. Es lag der Heerstraße der Eroberer wie des großen Völkerverkehrs stets fern und blieb vor
aller Vermischung mit Fremden und vor der Herrschaft derselben bewahrt.
Trotz seiner Lage zwischen den ältesten Kulturstaaten, Ägypten,
[* 10] Syrien, Mesopotamien, Persien
[* 11] und Indien, verhielt es sich stets
abweisend gegen jeden Einfluß, der von dorther kam. Selbst alle Versuche der Römer,
[* 12] in das Innere der Halbinsel vorzudringen,
scheiterten, und ihre Herrschaft hat sich nicht weit über das Peträische Arabien oder die Sinaihalbinsel
hinaus erstreckt. Dagegen ist Arabien die Wiege wandernder und erobernder Völker gewesen. Arabische Eroberer haben nach allen
¶
mehr
Weltgegenden ihre Herrschaft ausgebreitet. Aber auch sie haben nirgends ihre Nationalität, Sprache
[* 14] und Religion verlassen,
sondern allenthalben dem Fremden und Ausländischen sich ebenso unzugänglich gezeigt wie ihre Wüstenheimat. Hier aber erhielten
sich die alte Geteiltheit in kleine Gebiete und das patriarchalische Hirtenleben bis auf die Gegenwart.
Zu seinem Grenzsaum hat Arabien im O., S. und W. ringsum ein flaches, schmales
Küstenland; nur an einzelnen Punkten fallen die Gebirge unmittelbar ins Meer ab. Die höchste Erhebung derHalbinsel (über 2000 m),
im S., Serat genannt, befindet sich an der Westseite, dem RotenMeer in seiner ganzen Ausdehnung
[* 15] parallel,
also von NNW. nach SSO. streichend. Gegen das Innere und den Osten senkt sich das Land mehr und mehr, und wahrscheinlich findet
in der Sandwüste Roba el Chali zwischen 45 und 54° östl. L. v. Gr.
eine bedeutende Depression
[* 16] statt.
Die Küstenebene (Tehama) sowie auch der größte Teil des Innern sind wasserlos, afrikanisch dürr und
einförmig. Der unbewölkte Himmel
[* 25] verbreitet brennende Glut; freundlicher ist die Nacht mit ihren flammenden Sternen und kühlendem
Niederschlag, dem einzigen Labsal der schmachtenden, spärlichen Vegetation. Aber diese Nächte sind zugleich auffallend kalt
und verwandeln auf der Hochebene die Tautropfen nicht selten in Reif. AchtMonate hindurch ist alles verbrannt
und dürr, unter einer Glut, die mitunter selbst im Schatten
[* 26] zu der Höhe von 35° R. steigt.
Nur zur Regenzeit wird der Boden zur grünen Flur; aber diese Lebensperiode ist keineswegs überall eine regelmäßig eintretende
und sichere, selbst im glücklichen Jemen bleibt sie oft mehrere Jahre nacheinander aus. Regen fällt an der
Westküste vom Juni bis September, an der Ostküste vom Dezember bis zum März, eine Folge der Monsune, welche den südlichen
Teil Arabiens beherrschen. Im ganzen ist aber das Klima
[* 27] Arabiens gesund, und wenige Völker der Welt leiden so wenig an Krankheiten
wie die Araber, was indes auch Folge ihrer Mäßigkeit sein mag.
An den Küsten erscheint die Pest; Augenübel sind häufig, wohl infolge des feinen Sandstaubs. Der Samum, welcher vom Juni
bis September zuzeiten auftritt, steigert die Hitze noch um ein Bedeutendes und ist im nördlichen Teil des Landes gefährlich.
Bei solcher Beschaffenheit der Natur und des Bodens kann Arabien nur auf einzelnen günstig gelegenen Strichen
(besonders in den Stufengeländen) eine üppige Vegetation erzeugen und im ganzen keine reiche Tierwelt und keine dichte Bevölkerung
[* 28] ernähren.
Bei einem Flächeninhalt, welcher den von Deutschland
[* 46] viermal übertrifft, hat Arabien nach den neuesten Schätzungen
nur 4-5 Mill. Einw., während die Bevölkerung früher auf 11-12 Mill. angegeben wurde. Am stärksten
ist dieselbe noch in Hidschas, Jemen, Omân und El Ahsa, also auf der Ost- und Westküste, unverhältnismäßig dünner in Nedschd
und auf der Sinaihalbinsel, während die Wüsten ganz unbewohnt sind. Im Innern von Arabien
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Wie Arabiens Boden gleichartig und stetig ist, so gleicht auch der Araber von heute dem aus Hiobs Zeit. Er ist von mittlerm,
hagerm, aber muskulösem Körperbau, welcher das schönste Ebenmaß zeigt. SeinBedürfnis an Speise und Trank ist gering. Im
steten Hader untereinander, vereinigen sich die arabischen Stämme nur wider den fremden Eindringling,
sogar wider den Reisenden, wenn diesen nicht das Gastrecht vor ihren Lanzen schützt. Habsüchtig und betrügerisch im Handel
und Wandel, aber tapfer und freigebig, voll Stolz, Mut und Freiheitsliebe, dankbar und vor allem gastfrei und treu in Erfüllung
des gegebenen Worts (selbst dem Feind gegenüber), ein munterer Gesellschafter, witzig, wohlberedt und
voll dichterischer Phantasie, ein warmer Verteidiger seiner Ehre und strenger Rächer jedes Schimpfes, den er nur in Blut abwäscht
- hat der heutige Beduine noch alle die Vorzüge und Mangel des Charakters seiner Ahnen vor Jahrtausenden.
Einen einzigen Staat hat Arabien nie gebildet; es bestand zu allen Zeiten wie noch jetzt aus einer Anzahl einzelner
Staaten. Bei den Nomadenstämmen finden wir noch die patriarchalische Regierungsform der biblischen Welt. An der Spitze eines
Stammes steht gewöhnlich ein Fürst, welcher Imam (Oberpriester), Scherif (Edler), Emir (Befehlshaber), Sultan (König) oder
Scheich (Ältester)
heißt, aber keineswegs mit orientalischem Despotismus herrscht, vielmehr in der Ausübung seiner Macht
durch den Koran, mehr noch durch Sitte und Herkommen wesentlich beschränkt ist.
Die alten Geographen unterschieden das Wüste Arabien (Arabia deserta), welches die Sandstriche südlich von
Palmyra und Thapsakos umfaßte, und das Glückliche Arabien (Arabia felix), d. h. die ganze
Halbinsel jenseit der nördlichen Wüsten; vorzüglich aber verstand man unter letzterm Namen die Küstenländer am ArabischenMeerbusen. Seit Ptolemäos nahm man drei Teile an: das Glückliche, Wüste und Peträische Arabien (Arabia Petraea);
letzteres, nach der Stadt Petra im Edomiterland benannt, umfaßte die Sinaihalbinsel und das Gebirge im O. des Wadi el Araba.
Jetzt ist diese alte und im wesentlichen prinziplose Einteilung mit Recht verlassen, und man zerlegt in die einzelnen Küstenlandschaften:
Hidschas, Jemen, Hadramaut, Omân (Maskat), El Ahsa und die innere Plateaulandschaft Nedschd. Der türkische
Großherr beansprucht zwar die Oberherrlichkeit über Arabien als ein von Sunniten bewohntes Land, aber nur auf einem beschränkten
Gebiet besteht dieselbe thatsächlich.