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Der berufene Wahrsager
Mit Mike Shiva ist am 11. September 2020 der bekannteste Wahrsager der Schweiz verstorben. Im Jahr 1964 als Michel Wehner in Basel geboren, machte Mike Shiva schon als 16-Jähriger mit Hypnoseshows und als «jüngster Wahrsager der Schweiz» Furore. Mike Shiva sah sich berufen, im esoterischen Bereich tätig zu sein, wie er in seiner vor zwei Jahren erschienenen Autobiographie berichtete: Er erachte «diese spirituelle Tätigkeit als Lebenaufgabe, oder, modern gesagt, als Lifestyle. … Ich fühlte einfach, dass es von einer höheren Warte her gewünscht wird. Genau aus diesem Grund habe ich mit sechzehn Jahren keine Lust gehabt, einen richtigen Beruf zu erlernen, sondern den Wunsch, mich dem spirituellen Leben zu widmen» (Mike Shiva, Ich – Mike Shiva. Die Wahrheit über die «Wahrheit». Bern 2018, s. 42f).
Mike Shivas Geistname
Für seine Tätigkeit nahm er seinen Geistnamen Mike Shiva an, den er später auch als bürgerlichen Namen eintragen liess, und folgendermassen erklärte: «Klingt doch schön und speziell, oder? Zum Namenswechsel entschied ich mich damals aus diversen privaten Gründen. Nun ja, Shiva – denken die Leute -, das hat was mit Indien und mit dem Gott Shiva zu tun. Aber nein, mit der indischen Kultur und dem Hinduismus verbindet mich nichts. Wenn schon, wäre mir der friedfertige Buddhismus näher.» (Shiva, Ich, s. 10).
Der bekannteste Wahrsager der Schweiz
Insbesondere mit seinem Fernsehsender «Mike Shiva TV», später nur noch «Shiva TV», wurde Mike Shiva in den 2000er- und 2010er-Jahren zum bekanntesten Wahrsager der Schweiz. Vielfach diente sein Name gar als Wechselbegriff für Divination. Wenn Esoteriker betonten, selbst nicht in die Zukunft zu schauen, konnten sie das ausdrücken mit «Ich bin kein Mike Shiva». Mike Shivas Bild in Vorträgen und Kursen an die Leinwand zu projizieren war ein ebenso sicherer Lacher wie die Erwähnung von Uriella.
Mike Shiva und die Religion
Im Gegensatz zu Uriella hatte Mike Shiva kein Bedürfnis, Menschen an sich zu binden. Zwar war er überzeugt davon, über die Fähigkeiten zu verfügen, welche die Begründung einer religiösen Gemeinschaft benötigt: „Ich würde das gar nicht so abwegig finden, weil ich überzeugt bin, dass ich so noch mehr Leute ansprechen könnte, um sie auf lockere und entspannte Art und Weise zum Guten, zum Licht und zum Göttlichen zu führen. Aber ich bin nicht der Typ, der Lust hat, solch eine Organisation aufzubauen.“ (Shiva, Ich, s. 115)
Shiva betonte, keiner Kirche oder Religion anzugehören, aber die Gebote des Christentums zu achten und die Philosophie des Buddhismus zu schätzen. Er vertrat ein esoterik-nahes Gottesbild und stand der Lehre der Reinkarnation positiv gegenüber.
Mike Shiva – der Menschenkenner
Mike Shiva war genial darin, die Erwartungen seiner Gesprächspartner wahrzunehmen. Diskutierte er mit Menschen, welche dem Wahrsagen kritisch gegenüberstanden, – so etwa bei einer Podiumsdiskussion mit Sektenfachpersonen im März 2009 – betonte er seine Menschenkenntnis und Empathie und meinte, auf die Karten eigentlich gar nicht angewiesen zu sein. Seinem esoterischem Publikum gegenüber hielt er an der Wirksamkeit des Wahrsagens und an seiner Gabe fest: «Die Zukunft vorauszusehen – das ist ein grosser Traum für die meisten von uns. Aber nur wenige können das realisieren, zum Beispiel Wahrsager, Hellseher und Kartenleger – wie ich.» (Shiva, Ich, s. 75) Grundsätzliche Zweifel an seiner Arbeit kannte Mike Shiva nicht: «Ich erreiche eine hervorragende Treffsicherheit – das zeigen die Reaktionen von Klientinnen und Klienten» (Shiva, Ich, s. 84) und «Ich sage als Wahrsager schlicht und einfach die Wahrheit» (Shiva, Ich, s. 84).
Mike Shiva im Test
Im Februar 2002, vor mittlerweile 18 Jahren, konnten wir Mike Shivas divinatorische Fähigkeiten an der Zürcher Esoterik-Messe Lebenskraft testen, an welcher Mike Shiva damals noch als Wahrsager mit einem Stand dabei war. Er bot Beratungen von 20 Minuten Dauer zu einem Preis von 120.- Franken an, und war damit schon damals teurer als andere Wahrsagende, welche üblicherweise 100.- Franken für 30 Minuten verlangten.
Um Mike Shiva fair zu testen, stellten wir damals drei Fragen, die uns wirklich interessierten, und beantworteten jede Rückfrage Mike Shivas korrekt. Wir achteten allerdings darauf, dass wir Mike Shiva nicht von uns aus Hinweise gaben. Wenn er etwas wissen wollte, musste er schon nachfragen.
Die Fragen kamen aus den bei Wahrsagesettings häufigen Bereichen Gesundheit, Beruf und Partnerschaft:
Damals litt ich gesundheitlich an diffusen Symptomen, u.a. im Verdauungsbereich, die Mike Shiva auf falsche Ernährung zurückführte. Eine stärker auf Gemüse aufgebaute Kost würde innerhalb eines halben Jahres Besserung bewirken. Tatsächlich stellte mein damaliger Hausarzt in der Woche darauf eine Virusinfektion fest, die ohne Umstellung auf eine Gemüsediät nach zwei weiteren Wochen abgeklungen war.
Die Schwester meiner Frau, damals bald 18jährig, absolvierte einen Sprachaufenthalt in Kanada. Wir erkundigten uns nach ihrer beruflichen Zukunft und zeigten Mike Shiva wie von ihm gewünscht ein Foto der jungen Frau. Mike Shiva meinte, die Schwester meiner Frau sei psychisch schlecht drauf und würde erhebliche Probleme haben, eine Berufsausbildung zu schaffen. Das beste wäre, wenn sie einen reichen Mann heiraten könnte. Inzwischen hat sie zuerst eine Berufslehre mit Bestnoten absolviert, dann die Matura gemacht, darauf ein Hochschulstudium abgeschlossen und ist nun sehr erfolgreich in ihrem Beruf tätig. Verheiratet ist sie nicht.
Auch von einer Kollegin, die damals Mühe bekundete, den richtigen Mann zu finden, hatten wir ein Bild dabei. «Die ist total egostisch», meinte Mike Shiva, als er das Bild sah. Sie würde keinen Mann finden, was für die Männer aber auch besser sei. Kurz darauf begegnete unsere Kollegin ihrem Traummann und begründete mit ihm eine grosse Familie.
Einen Wahrsager übers Ohr hauen?
Als Mike Shiva seinen TV-Sender im Jahr 2014 verkaufte, kam es zu Vorgängen, die er selbst so resümmierte, dass er «übers Ohr gehauen worden sei». Wie dem auch sei, kritische Beobachtende fragen sich, wie es denn überhaupt möglich ist, dass ein Wahrsager übervorteilt wird? Er müsste alle Ränke der Gegenseite ja vorhersehen und entsprechend parieren können. Mike Shiva meinte den Medien gegenüber denn auch, dass er «sich selbst ein schlechter Wahrsager war».
Den Tod verdrängen
Ähnliche Fragen stellen sich auch im Zusammenhang mit dem Hirntumor und dem Darmkrebs, an welchen Mike Shiva starb. Bei diesen Diagnosen besteht ja eine gute Prognose bei früher Erkennung. Und wer wäre für die Früherkennung von Krebs besser prädestiniert als ein Hellseher?
In seiner im Jahr 2018 erschienen Autobiographie räumte Mike Shiva ein, dass er das Thema Tod gemieden hat: „Ich persönlich schaue positiv in die Zukunft und lasse mir mein Herz dadurch nicht betrüben. Denn ich finde das Thema auch absolut nicht attraktiv. Deshalb soll man sein Herz und Gemüt nicht mit negativen Gedanken belasten. Und ausserdem denke ich nicht – wie viele sagen -, man müsse sich zur rechten Zeit mit Alter und Tod auseinandersetzen. Deshalb mein Rat: Geniesst doch den Moment und das Leben und tragt Sorge, dass es noch lange so bleibt! Solche Einsichten vermitteln mir meine innere Weisheit und Spiritualität.“ (Shiva, Ich s. 61f.)
Georg O. Schmid, 13. September 2020