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MASON’S YARD
An einem anderen Tag hätte Julian ihn gleich in den Papierkorb geworfen. Oder noch besser: Er hätte ihn an Sarah Bancrofts professionellen Aktenvernichter verfüttert. In dem langen, düsteren Pandemiewinter, in dem sie kein einziges Gemälde verkauft hatten, hatte sie das Gerät dazu benutzt, das überquellende Archiv der Galerie erbarmungslos auszulichten. Julian, der von diesem Projekt traumatisiert war, hatte befürchtet, wenn Sarah keine uralten Rechnungen und Versandpapiere mehr fand, die sie schreddern konnte, werde zuletzt er drankommen. Er würde diese Welt als kleines Parallelogramm aus vergilbtem Papier verlassen, das mit dem übrigen Altpapier zur Wiederverwertung abgeholt wurde. Im nächsten Leben würde er als klimafreundlicher Kaffeebecher zurückkehren. Es gebe schlimmere Schicksale, stellte er sich nicht ganz ohne Berechtigung vor.
Der anM.JULIANISHERWOOD adressierte Brief war an einem regnerischen Freitag Ende März in der Galerie eingegangen. Sarah hatte ihn trotzdem geöffnet; als ehemalige Agentin der Central Intelligence Agency dachte sie sich nichts dabei, die Post anderer Leute zu lesen. Sie hatte ihn fasziniert auf Julians Schreibtisch gelegt – gemeinsam mit einigen Belanglosigkeiten aus der Morgenpost, die zu den wenigen Dingen gehörten, die er regelmäßig zu sehen bekam. Erstmals las er ihn in seinem tropfnassen Regenmantel und mit vom Wind zerzausten üppigen grauen Locken am Schreibtisch stehend. Das ereignete sich um halb zwölf, was an sich bemerkenswert war, denn heutzutage kam Julian selten vor Mittag in die Galerie. So hatte er gerade noch genug Zeit, um lästig zu werden, bevor er zum Lunch aufbrach, für den er jeden Tag drei Stunden reservierte.
Sein erster Eindruck von dem Brief war, dass seine Verfasserin, eine gewisse Madame Valerie Bérrangar, die schönste Schrift hatte, die er seit Langem gesehen hatte. Anscheinend hatte sie inLe Monde gelesen, Isherwood Fine Arts habe vor Kurzem dasPorträt einer Unbekannten, Öl auf Leinwand,115 mal92 Zentimeter, des flämischen Barockmalers Anthonis van Dyck für mehrere Millionen Pfund verkauft. Madame Bérrangar hatte offenbar Fragen zu dieser Transaktion, über die sie persönlich mit Julian sprechen wollte, weil sie juristischer und ethischer Natur waren. Dazu erwartete sie ihn am Montagnachmittag um sechzehn Uhr im Café Ravel in Bordeaux. Auf ihren Wunsch sollte Julian allein kommen.
»Was hältst du davon?«, fragte Sarah.
»Sie ist offenbar durchgeknallt.« Julian hielt den Brief hoch, als sei er Beweis genug. »Wie ist er hergekommen? Brieftaube?«
»DHL.«
»Hat auf der Empfangsquittung ein Absender gestanden?«
»Sie hat ihn beiDHL in Saint-Macaire abgegeben. Das liegt rund fünfzig Kilometer …«
»Danke, ich weiß, wo Saint-Macaire liegt«, sagte Julian – und bedauerte seinen unfreundlichen Ton sofort. »Wieso habe ich dieses schreckliche Gefühl, dass ich erpresst werden soll?«
»Sie kl