Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/443

SAGEN UND LEGENDEN DER ÍNDIOS AUS BRASILIEN
Sie ist ein wunderhübsches Mädchen – halb Fisch und halb Frau – und bewohnt die Flüsse und Seen Amazoniens. Man sagt, ihre Schönheit sei so überwältigend, dass, wer sie sehe, seine Augen nicht abzuwenden vermöge, und ihr Gesang sei so betörend, dass, wer sie höre, sich wie von unsichtbaren Seilen zu ihr hingezogen fühle. „Jara“ stellt den eingeborenen Kriegern und Jägern nach und nimmt sie mit sich in ihren Palast auf dem Grund des Gewässers.
Nach einer Legende, die man sich an den Lagerfeuern erzählt, gab es einmal unter einem bestimmten Indianervolk einen Jüngling, der von allen wegen seiner Tugenden und seiner Schönheit geliebt und geachtet wurde – er war der beste Jäger seines Stammes. Eines schönen Tages beschloss der junge Jäger – da ihm die Jagd tagtäglich im gleichen Gebiet langweilig geworden – sein Glück in einer weiter ab gelegenen Region zu probieren. Also wanderte er durch den Wald, bis er zu einer Gegend kam, wo er noch niemals gewesen. Müde vom Wandern, legte er sich unter einen Baum und schlief ein.
Als er endlich erwachte, stellte er fest, dass es bald dunkel werden würde und beeilte sich, den Rückweg anzutreten. Und er war noch nicht weit gelaufen, als er plötzlich jenen feinen Gesang einer Frauenstimme vernahm. Neugierig verliess er den Pfad und folgte der Richtung, aus der die Melodie zu ihm drang – und erreichte schliesslich einen See, wo er, inmitten von Blättern und Blüten der Victoria Régia, der schönsten Frau ansichtig wurde, die er je in seinem Leben erblickt hatte. Sofort fielen ihm die Geschichten ein, die er von anderen über die „Jara“ gehört hatte – und nur unter äusserster Anstrengung gelang es ihm, sich von diesem See zurückzuziehen und zu seinem Dorf zurückzufinden. Aber während der folgenden Tage musste er immer wieder an diese Begegnung denken – schliesslich nahmen diese Gedanken sein ganzes Wesen ein – und er fühlte eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu sehen. Er war verzaubert von ihrer Stimme.
Einige Tage später verliess er sein Dorf, um zu fischen – und wurde nie mehr gesehen. Es gab ein paar Leute, die beschworen, ihn zusammen mit einer Frauengestalt in seinem Kanu gesehen zu haben – obwohl er das Dorf allein verlassen hatte.