Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03441.jsonl.gz/459

Dies steht am Anfang eines Leitartikels, den Brian Wilson - früherer britischer Energieminister, heute Labourabgeordneter und Sonderbeauftragter von Premierminister Tony Blair für Aussenhandel - am 22. August 2004 in der renommierten Sonntagszeitung "The Observer" veröffentlicht hat. Unter Verweis auf die kürzlichen Überschwemmungen in Südengland fragt sich Wilson, ob es wirklich Sinn machen würde, die einzige vorhandene, ins Gewicht fallende kohlenstofffreie Energiequelle des Landes aufzugeben, und meint, die Zeit zum Umdenken sei gekommen.
Wilson erinnert an führende britische Wissenschaftler wie Sir David King, Berater der Regierung in Wissenschaftsfragen, und James Lovelock, Erzumweltschützer. Beide hätten auf Grund empirischer wissenschaftlicher Beweise ihre frühere Ablehnung der Kernenergie überdacht und seien zum gleichen Schluss gelangt: "Im Zeitalter der globalen Erwärmung ist die Opposition gegen die Kernenergie eher eine Ausrede als ein vernünftiger oder verantwortungsbewusster Standpunkt."
Wilson stellt fest, dass die britische Labourregierung versucht habe, zwei fast sicher unvereinbare Haltungen zum Einklang zu bringen: Einerseits habe sie das Kyoto-Abkommen unterzeichnet und andererseits das Vorurteil in ihre Politik eingebracht, die Kehrseite der Medaille Kernenergie seien die Kernwaffen. Aus historischer Sicht treffe das wahrscheinlich zu. Möglicherweise gäbe es keine zivile Kernenergie, wäre sie nicht als Nebenprodukt militärischer Investitionen entstanden. Heute sei diese Feststellung zwar noch eine interessante historische und politische Tatsache, aber nicht mehr ein überzeugendes Argument gegen die Kernenergie. Tony Benn sei es bereits vor fast 40 Jahren gelungen, die gleiche ideologische Barriere zu überwinden. Damals fielen aus linker Sicht die Bedenken gegen die "nukleare Bedrohung" noch viel stärker ins Gewicht. Heute gehe es darum zu zeigen, dass angesichts der Klimaerwärmung die Ablehnung der Kernenergie eine "tief konservative Haltung" sei.
Das letztes Jahr veröffentlichte Weissbuch der Regierung zeige zwei Hauptziele auf, fährt Wilson weiter, die Sicherung der Versorgung und die Verminderung der CO2-Freisetzung. Eine der Folgerungen war das massive Förderprogramm für erneuerbare Energien, das auch Wilson befürwortet. Doch, betont er gleichzeitig, seien diese Energien leider nicht in der Lage, eine stabile Grundlastversorgung zu gewährleisten.
Wer gegen die Kernenergie anlaufe, dränge üblicherweise auf eine noch viel massivere Umstellung auf Erneuerbare, als dies die Regierung bereits vorhabe. Doch klafften Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander, betont Wilson. Selbst um die Ziele für 2010 zu erreichen, müsste sich der Beitrag der Erneuerbaren jedes Jahr verdoppeln. Das sei - besonders angesichts des öffentlichen Widerstands gegen Windfarmen -die reine Fantasie. Wie erfolgreich die Programme zur Förderung erneuerbarer Energien in den kommenden 20 Jahren auch immer sein mögen, wäre eine Politik, auf diese Weise die kohlenstofffreie Kernenergie zu ersetzen, zum Scheitern verurteilt. Wilson hält es daher für klüger, sich für den Bau neuer Kernkraftwerke - wahrscheinlich an bestehenden Standorten - einzusetzen.
Er fährt weiter: "Es ist ein Märchen, dass die Welt der Kernenergie den Rücken zugekehrt hat. Mehr als ein Dutzend Länder planen gegenwärtig neue Kernenergieprogramme - vom geografisch nahen Frankreich zum ideologiefreien Finnland, ohne noch unsere G8-Partner Japan und USA zu erwähnen. Ich erinnere daran, dass die finnische Energieministerin auf die Frage nach dem Grund für das Gelingen antwortete: Acht Jahre ehrliche Debatte.' Vielleicht ist es Zeit, dass wir einen ähnlichen, wenn auch abgekürzten Prozess einleiten. Das wirksamste Argument gegen ein neues Kernenergieprogramm ist, dass wir immer noch nicht wissen, was wir mit dem Abfall machen sollen. Doch ich warne vor denen, die dies als bequemen Showstopper benützen, indem sie den Neubau von einer 'Antwort' auf diese Frage abhängig machen." Wie Wilson betont, ist die Abfallfrage in jedem Fall so zu lösen. Der Bau einer neuen Generation von Kernkraftwerken ändere den Umfang dieser Aufgabe nur graduell.
Nachdem Grossbritannien laut Weissbuch gegen 2020 den grössten Teil des Stroms in Gaskraftwerken erzeugen werde, bleiben für Wilson zwei Fragen offen: Wie weit soll das Land von Energieimporten abhängen und was können die erneuerbaren Energien zu tragbaren Kosten erbringen? Vernünftige Antworten führen seiner Meinung nach unausweichlich zur Schlussfolgerung, dass - wie bereits in den 60er-Jahren -starke Gründe für die Kernenergie sprechen.
Quelle
P.B. nach The Observer, 22. August, und NucNet, 23. August 2004