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Russische Geschichte aus mittelalterlichen Zeiten hat aufgrund des gegenwärtigen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine eine sonderbare Aktualität erhalten.
Borodins Oper «Fürst Igor» hat den Heereszug und die kriegerische Auseinandersetzung um das Jahr 1185 zwischen einem russischen Fürsten Igor und den die Russen des kleinen Fürstentums angreifenden Polowetzern, auch Polowzer genannt, zum Thema. Darüber berichtet eine im altrussischen Igorlied festgehaltene Legende, die zu Borodins Zeiten (1833–1887) im erwachenden russischen Nationalismus neue Dringlichkeit gewann. Alexander Borodin gehörte zur Komponistengruppe des sogenannten «mächtigen Häufleins», die im Gegensatz zu westlich orientierten Kunstmoden die Traditionen Russlands in orthodoxer Kirchenmusik und in den folkloristischen Themen von Sagen und Märchen verankert sehen wollte.
Chemiker und Komponist
Im Gegensatz zu den die Russen über Jahrhunderte bedrohenden Tataren spielten die Polowetzer allerdings eher eine episodisch-symbolische Rolle, zumal sie ja in den für das Libretto verwendeten Quellen von Borodin nicht als «Unmenschen» erscheinen, sondern eher als ein Freundschaft und Frieden suchendes Nachbarvolk. Kontschak, der Khan der Polowetzer, bietet dem nach der Niederlage seines russischen Heeres in Gefangenschaft geratenen Igor und dessen Sohn alle Annehmlichkeiten an, die ein Gefangener sich nur wünschen kann. Doch Igor wird dann doch die Flucht in die Heimat und die Rückkehr zu seiner geliebten Frau Jaroslawna in die Grenzstadt Putiwl wählen, um dort seine Truppen und Bojaren neu zu sammeln, um sie gegen alle nichtrussischen Feinde wieder anzuführen.
An dieser Oper, die ein wirkliches Meisterwerk ist, arbeitete Borodin über Jahrzehnte hinweg. Die Tragik liegt darin, dass Borodin neben der Musik eine zweite Leidenschaft hatte, die ihn begeisterte: die Wissenschaft. Er hatte als Mediziner von Beruf eine Professur für Chemie in St. Petersburg inne, die ihm nicht weniger Anerkennung – zumal im Westen – brachte als seine Tätigkeit als Komponist. So kam es denn auch, dass er vor der Vollendung der Oper 1887 starb, sodass seine Freunde Nikolai Rimsky-Korsakow und dessen Schüler Alexander Glasunow aus den in sehr unübersichtlicher Weise hinterlassenen Skizzen, Entwürfen und erst unvollständig von ihm selbst orchestrierten Teilen das Werk vollenden mussten, was sie im Andenken an das musikalische Genie Borodin, der auch drei Symphonien und wunderbare Kammermusik schrieb, nach bestem Wissen und eigenem stilistischem Empfinden auch taten.
So kam es drei Jahre nach Borodins Tod 1890 in St. Petersburg zur Uraufführung dieser neben Modest Mussorgskis «Boris Godunow» und seiner «Chowanschtschina» wohl wichtigsten russischen «Nationaloper». Das Werk ist ein grossartiges Panoptikum russischer und exotisch-orientalisch empfundener Musik, das sich ebenso in Russland wie auf den grossen Opernbühnen weltweit bis heute zu behaupten vermochte. Die musikwissenschaftliche Forschung, aber auch die Regiekunst im Umgang mit nationalistisch «infizierten» Texten, haben inzwischen so viel Fortschritte gemacht, dass es erst heute möglich ist, das wirkliche musikalische Genie Borodin vor Ohren und Augen zu bekommen und das Werk entsprechend zu würdigen.
Ziel all dieser Anstrengungen einer Oper gegenüber, die für Solisten, Chor, Ballett und Orchester gleich hohe Hürden, aber auch höchst dankbare Herausforderungen bietet, war es sicherlich, möglichst viel authentischen Borodin zu retten und die Anteile seiner gutmeinenden begabten Komponistenfreunden so stark wie eben machbar zu reduzieren. Es gibt aus den vergangenen Jahrzehnten zwei Versuche, möglichst nahe an den unverfälschten Borodin heranzukommen:
Die St. Petersburg und die New York MET Versionen
Im Jahr1993 spielte Valery Gergiev mit den hervorragenden Kräften des Mariinsky-Theaters eine neue Bühnenfassung ein, die auf den neueren Nachforschungen von Pavel Lamm, Arnold Sokhor und Yuri Faliek beruhte. Hier lässt sich erstmalig genau Szene nach Szene verfolgen, wer von den Beteiligten – Borodin, Rimsky-Korsakow oder Glasunow – beim Komponieren oder beim Orchestrieren jeweils beteiligt war. Manches, was von Borodin stammte und von den beiden Kollegen zunächst «bessermacherisch» entfernt und ersetzt worden war, wurde wieder in die Partitur eingefügt, sodass man nunmehr von einer treuhänderisch so gut wie nur möglich wieder hergestellten Vorlage sprechen kann. Die Ensembles dieses Theaters wie die Solisten sind grossartig, man erlebt auf diese Weise den musikalischen Motiv- und Farbenreichtum Borodins in überraschend neuer und ursprünglicher Weise.
Eine vergleichbar neuartige «Fürst-Igor–Erfahrung» erlaubte die Fassung und Inszenierung an der New Yorker MET, unter der musikalischen Leitung von Gianandrea Noseda, dem jetzigen Musikchef der Zürcher Oper, und in der Regie von Dmitri Tcherniakov, die 2014 auch als DVD erschien. Es war für die dem Regiekonzept ergänzende Orchestrierung diesmal Pavel Smelkov verantwortlich. Das überraschend Neue war hier Tcherniakovs Verlegung des Schwergewichts der Oper von einem russischen Fürsten- und Volksdrama in den individualpsychologischen Bereich der Figuren, sodass die Darstellung eine geradezu psychoanalytische Analyse einer Herrscherfigur wurde, die mit der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen bis zum Selbstverlust ringt. Darum durchdringen hier den Handlungsverlauf faktische und bloss imaginierte Realitäten, sodass wir – Jahre vor dem gegenwärtigen Ukrainekrieg – ein Kaleidoskop einer unglücklich verlaufenden russischen Kriegsexpedition vor uns haben. Vergessen wir nicht: Putin annektierte völkerrechtswidrig die ukrainische Krim im Frühjahr 2014!
Die Polowetzer Tänze
Zu den musikalischen und szenischen Glanznummern von Borodins Oper gehören, ganz gleich, in welcher Fassung wir sie erleben, die sogenannten «Polowetzer Tänze». Khan Kontschak versucht seinen mit sich hadernden Gefangenen Igor mit exotischen Tänzen schöner Sklavinnen und muskelstarker Polowetzer bei Laune zu halten und aufzuheitern. Die Sklavinnen preisen die Schönheit ihres Herkunftslandes, die Männer die Grösse ihres Khans, dessen strahlenden Ruhm sie mit dem eines Sonnengottes vergleichen.
Borodin hat diese Tänze, die oft auch ausserhalb von Opernhäusern als Konzertaufführungen gehört werden können, in den Jahren 1869 und 1875 selbst orchestriert, weil er wohl ahnte, dass diese ein Markenzeichen seiner Kunst werden könnten. Zur vollen Wirkung und zum richtigen Bühnenereignis kommen sie freilich erst, wo Tänzerinnen und Tänzer, ein prächtiger Opernchor und ein brillantes Orchester uns mit den orientalischen Klängen Borodins verzaubern.
Hier ist eine ebenfalls schöne, traditionellere Auffassung der Polowetzertänze zu hören und zu sehen, die auf eine Aufführung aus dem Bolschoi-Theater in Moskau aus dem Jahr 2013 zurückgeht. Am Pult des Theaterorchesters ist Vassily Sinaisky, für die Regiearbeit ist Yuri Grigorovich verantwortlich. Ausgelassenheit und frenetische Wildheit der Beteiligten ist mit Sicherheit dieser Version nicht abzusprechen.