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Das Basler Konzept kann zu heftigen Reaktionen führen. Auffallend ist, dass nicht nur Chirurgen an der Polemik beteiligt sind, sondern auch Eltern, deren Kinder nach dem herkömmlichen Verfahren operiert worden sind.
Was kann uns die Wissenschaftsgeschichte zum Thema "Innovationen und Widerstand" lehren (Basis: Aufsatz in "Heureka") ?
So nicht!
Als die ersten Fotokopierer entwickelt worden sind, war der Ruf zu vernehmen: so fotografiert man nicht! Immer, wenn Innovationen – verstanden als wahrnehmbare Änderungen in einem bisherigen Verfahren – verkündet bzw. entwickelt werden, gibt es Widerstände vorab der etablierten Kräfte. Das ist nichts Neues und lässt sich historisch belegen. Nicht nur in der Medizin, sondern generell im Wissenschaftsbetrieb ist man gegenüber innovativen Kräften in einer ersten Reaktion zunächst einmal skeptisch bis ablehnend. „Da könnte ja jeder kommen“, „wir haben das nie so gemacht“ bzw. „wir haben das immer so und nicht anders gemacht, und es hat sich ja bewährt“, sind die eher harmlosen Reaktionen bzw. Einstellungen. Leute mit innovativen Ideen werden oftmals verleumdet, lächerlich gemacht oder schlicht ignoriert.
So verwiesen die renommierten Physiker Heinrich Hertz und Henri Poincaré darauf, dass Radiowellen aufgrund der Erdkrümmung maximal über 300 Kilometer Länge übertragen werden könnten. Marconi liess sich nicht von seiner Idee abbringen, dass es viel weiter reichen kann. Am 12. Dezember 1901 gelang ihm die erste Signalübertragung von England nach Kanada. Von den Ionenschichten, die die Signale von der Atmosphäre wieder auf die Erde zurückreflektierten, hatte niemand etwas gewusst. Marconi erhielt 1909 den Nobelpreis.
Hände waschen vor der Untersuchung? Wo kämen wir denn da hin?
Viele andere, heute anerkannte Erkenntnisse und ihre Urheber wurden zu ihrer Zeit entweder ignoriert - wie etwa fünfzig Jahre lang die Vererbungsgesetze von Gregor Mendel - oder entschieden bekämpft, wie etwa der Wiener Arzt Ignaz Philipp Semmelweis. Der Assistent an der Wiener Geburtsklinik machte sich bei seinem Direktor höchst unbeliebt, als er 1847 vorschlug, dass sich die Ärzte die Hände mit einer Chlorlösung waschen sollten, um so die hohe Sterblichkeit von Müttern zu senken. Statt Ruhm zu ernten, wurde der Entdecker des Kindbettfiebers gefeuert! Heute schüttelt man ob solchen Ereignissen den Kopf und denkt sich: na, wie war denn so etwas nur möglich?
Tatsächlich kamen in der Medizin des 19. Jahrhunderts fast alle grundlegenden Innovationen, die zu neuen Disziplinen wie der Röntgenologie, der Orthopädie oder der Psychoanalyse führten, von schlecht oder gar nicht bezahlten Privatdozenten und Extraordinarien. Dem verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu verdanken wir die Erkenntnis, dass auch die Position in der universitären Hierarchie bestimmt, welche Forschungsstrategie eingeschlagen wird: Die Etablierten verhalten sich gemäss Bourdieu konservativ, sie möchten den Wert ihrer Investitionen zementieren und haben daher kein Interesse an grundlegenden Innovationen. Die bislang Benachteiligten wählen hingegen "subversive" Strategien, sie sind eben innovativ: Nur bahnbrechende Neuerungen erschüttern die starren Hierarchien, ermöglichen die Etablierung neuer Fächer, Institute und Posten und das Durchsetzen innovativer Methoden.
In fast allen Entwicklungsphasen der Wissenschaften und einzelner Disziplinen wurden auch und vor allem Kräfte ausserhalb des Systems Wissenschaft mobilisiert, um Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen: die Politik, die Medien bzw. die Öffentlichkeit. Gerade im Zeitalter des Internets bietet sich die schier grenzenlose Möglichkeit der schnellen und vor allem gezielten Informationsbeschaffung an. Das Wissensmonopol ist gefallen, auch sogenannte „Laien“ diskutieren nun mit. Das Bild des bzw. der „mündigen Patientin“ wird zusehends zur Realität – nicht nur zur einhelligen Freude der etablierten Kräfte.
Auch auf dem hier interessierenden Gebiet der LKGS-Chirurgie hat Herr PD Honigmann innovative und zukunftsweisende Arbeit geleistet. Lange belächelt, teils totgeschwiegen oder verleumdet, scheint sich nun „seine“ Methode langsam aber sicher zu etablieren. Kreative Chirurginnen und Chirurgen, die keine Positionen zu verteidigen haben, sondern an der Innovation und damit letztlich am Wohl des Patienten orientiert sind, finden zusehends den Weg zu einer ganzheitlichen Betrachtung – womit die Geschichte ihren gewohnten Verlauf zu nehmen scheint, will heissen: Innovationen setzen sich durch, mag der Widerstand noch so heftig sein.