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Von Tanya Karrer
Der Aderlass war früher eine der häufigsten Therapien bei einer Vielzahl von Beschwerden. Sein Einsatz in der Schulmedizin ist heute selten geworden, bei Komplementärmedizinerinnen und -medizinern erlebt er ein Revival.
Seit jeher existieren verschiedene Heilkonzepte nebeneinander. Die Grenzen zwischen Schul- und Komplementärmedizin waren schon immer fliessend. Während heute einzelne komplementäre Behandlungen Eingang in die universitäre Lehre und Forschung finden, verlieren andere altgediente akademische Ansätze an Bedeutung. Ein Beispiel für eine Therapie, die auf der Grenze zwischen Schul- und Alternativmedizin balanciert, ist der Aderlass.
Der Aderlass erlebt in der Komplementärmedizin ein Revival.
Er reicht in die Antike zurück, wo er sozusagen als Allheilmittel galt. Bei den alten Griechen und Römern brachte er die Körpersäfte wieder in Einklang. Jene vertraten nämlich die Ansicht, dass der menschliche Körper aus vier Säften besteht: Blut, Schleim und gelbe und schwarze Galle.
Ausgleich der Körpersäfte
Das therapeutische Ziel der Vier-Säfte-Lehre, auch Humoralpathologie genannt, verfolgte bei Krankheit den Ausgleich der vier Flüssigkeiten. Dies geschah häufig über das Ablassen von Blut über einen Hautschnitt. Noch bis Ende des Mittelalters zweifelte niemand an den vier Säften, die das Funktionieren des menschlichen Körpers bestimmten. Kein Wunder, war auch der Aderlass häufig das Heilmittel der Wahl. Erst die Ärzte der Renaissance wagten die Humoralpathologie in Frage zu stellen. Bei den sezierten Leichen fanden sie zwar die vier Säfte, jedoch nicht als bestimmendes Prinzip. Es kam einer Revolution gleich, als die über 1500 Jahre lang herrschende Körperidee überdacht werden musste. Es dauerte daher noch einige Jahrzehnte bis die Vier-Säfte-Lehre gänzlich in den Hintergrund der Wissenschaft rückte.
Aderlass als Modetherapie
Dies tat dem Aderlass als beliebter Therapie allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil, je mehr seine Wirksamkeit wissenschaftlich in Zweifel gezogen wurde, desto populärer wurde er. Im 17. und 18. Jahrhundert galt er geradezu als Modetherapie. Bis um 1900 gehörte der Aderlass-Schnäpper noch in jede gut sortierte Arzttasche.
Der Aderlass-Schnäpper gehörte in jede gut sortierte Arzttasche.
Daneben kamen Messer oder Lanzetten zum Einsatz. Das austretende Blut fing ein Becken auf. Heute sind es meist um die 120 ml. In den Blütezeiten des Aderlasses konnten es auch einmal zwei Liter Blut sein. Aus heutiger Sicht eine gefährlich grosse Menge.
Aderlass in der Medizin heute
In der konventionellen Medizin hat der Aderlass unterdessen an Bedeutung verloren. Zum Einsatz kommt er noch bei einem Eisenüberschuss im Blut oder anderen Krankheiten, die mit einer übermässigen Blutkörperchenproduktion einhergehen. Anders in der Komplementärmedizin, hier lebt der Aderlass quasi als Allheilmittel fort. Eingesetzt wird er zum Beispiel gegen Parasiten und Viren, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Krampfadern oder Bluthochdruck. Dank der Wissenschaft weiss man heute, dass Aderlässe von bis zu etwa einem halben Liter Blut soweit unbedenklich sind, wenn sie unter hygienischen Bedingungen und nicht zu häufig durchgeführt werden.
Bekämpfung der Pest mit Aderlass
Früher erhielten die Patienten ein wohliges Bad zur Aderlass-Therapie hinzu. Dass der Aderlass im Mittelalter tatsächlich eine naturwissenschaftlich erklärbare Wirkung hatte, zeigt die medizinhistorische Forschung: Durch die Blutabnahme reduzierte sich vorübergehend der Eisengehalt im Körper, dadurch konnten sich Bakterien schlechter vermehren. Zu Zeiten der Pest hatte der Aderlass also wohl Schlimmeres verhindert. Heute stehen zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten zum Glück noch andere schul- und komplementärmedizinische Therapien bereit, denn schmerzhaft bleibt der Aderlass.
Befruchtende Meinungsvielfalt
Wie der Blick in die Geschichte zeigt, unterliegt die Vorstellung, was richtig ist oder falsch, was wirkt oder nicht wirkt, historisch gewachsenen und kulturellen Denkmustern.
Die Annahmen über Gesundheit, Krankheit und das Funktionieren des menschlichen Körpers sind veränderlich.
Die Annahmen über Gesundheit, Krankheit und das Funktionieren des menschlichen Körpers sind veränderlich, die Grenzen zwischen konventioneller und komplementärer Medizin sind durchlässig und fliessend.
Und ob gewollt oder ungewollt, die verschiedenen Ansichten zu medizinischen Therapien haben einander schon immer befruchtet. Das tun sie hoffentlich auch noch in Zukunft.
Bilder: pixabay.com, Wellcome Collection London, zvg. Montage: Tanya Karrer
Quellen:
- Jütte R. Geschichte der alternativen Medizin. München: Verlag C. H. Beck; 1996.
- Fischer-Dückelmann A. Die Frau als Hausärztin. Stuttgart: Süddeutsches Verlags-Institut; 1911.
- Eckart WU. Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Berlin: Springer; 2013.
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