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Zürich in den fünfziger Jahren. Eine junge Frau aus gutem Haus an bester Lage – direkt neben dem Schauspielhaus an der Rämistrasse – studiert an der Universität Geschichte. Sie ist nicht immer fleissig, aber doch ziemlich erfolgreich, in der Freizeit geht sie gern ins Theater, tanzt auf Zunftbällen, und gelegentlich näht sie sich Kleider, zum Beispiel «eine Bluse mit ¾ Ärmeln» aus «grünem Wollstoff». All das verzeichnet sie stichwortartig in ihrem Fünfjahrestagebuch, einer Art persönlicher Agenda, bei der jede Seite die Einträge desselben Kalendertags über fünf Jahre enthält. So weit, so banal.
Nach ihrem Tod entdeckt ihre Schwiegertochter ein zweites Tagebuch, von dem bisher niemand wusste. Es entstand 1953, wurde nur über einen kurzen Zeitraum geführt und behandelt ein einziges Thema, das im Leben der damals 22-Jährigen zu einer Schicksalsfrage wird: Soll sie H. heiraten? Auch das scheint banal, doch nun, fast siebzig Jahre später, erweist sich der Fund als ein Glücksfall für die Literatur: zum einen, weil die junge Frau eine begnadete Autorin war, die ihre verzwickte Lage und die Entwicklung ihrer Gefühle brillant in Wort fassen konnte; zum anderen, weil ihre Schwiegertochter – ebenfalls begnadet – die privaten Aufzeichnungen in einen Roman verwandelt, der sich zwar wie eine Familiensaga liest, aber das Genre völlig durcheinanderwirbelt und neu definiert.
Kein Abbild der Vergangenheit
Die Kulturjournalistin und Schriftstellerin Brigitte Helbling hat sich vor allem mit ihrer Theaterarbeit einen Namen gemacht. In den neunziger Jahren war sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Regisseur Niklas Helbling, Mitbegründerin des Theaterkombinats Mass & Fieber, für das sie seither als Autorin und Dramaturgin wirkt. Die Überschreitung von Gattungskonventionen und das kreative Jonglieren mit Medien und Erzählformen gehörten von Anfang an zum Markenzeichen des Kombinats.
In ihrem neuen Roman, «Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich», erweist sich Helbling nun auch als sorgfältige Leserin historischer Quellen, was das Buch – trotz seines enormen Unterhaltungswerts – auch zu einer klugen Auseinandersetzung mit zentralen Fragen zu Autor:innenschaft und Geschlecht macht: Nicht zufällig wurde der Wert von Tagebüchern als historische Quellen vor allem von der Frauenforschung und den Gender Studies entdeckt. Gerade weil Frauen kaum die Möglichkeit hatten, öffentlich zu publizieren, und weil auch ihre privaten Schriften sehr viel seltener als historisch relevant eingestuft und staatlich archiviert wurden, lassen sich weibliche Lebensrealitäten und weibliche (Selbst-)Reflexionen fast nur aus privaten Tagebüchern erschliessen. Allerdings hat das Tagebuch als historische Quelle auch seine Tücken, weil es – wie jeder andere Text auch – kein Abbild der Vergangenheit ist. So kann man aus Tagebüchern zwar einiges über das Leben ihrer Verfasser:innen erfahren, aber mindestens so wichtig wie die primären Inhalte ist die Frage, wer was, warum, zu welchem Zweck und mit welchen stilistischen Mitteln aufschreibt.
Helbling lotet diese Frage auf spielerische Weise aus, indem sie die Tagebucheinträge ihrer Schwiegermutter zu zwei weiteren autobiografischen Erzählungen in Beziehung setzt: zum einen zur Geschichte ihres Ururururgrossvaters Hans Conrad Escher, der um 1811 als Erbauer des Linthkanals in die Geschichte der Schweiz einging, zum anderen zu ihrer eigenen Geschichte, die sich vor allem im Zürich der siebziger und der achtziger Jahre abspielt und bis in die Gegenwart hineinführt. Das Tagebuch der Schwiegermutter bestimmt allerdings den thematischen Fokus. «Ich möchte eine Geschichte über die Liebe schreiben», erklärt die Ich-Erzählerin alias Helbling im Laufe des Romans. «Über die Art, wie sich Paare hier finden. Über Zürcher Paarungsmechanismen.»
Die Stadt Zürich als Schauplatz und der Fokus auf das Liebeswerben sind denn auch das, was die Texte zu einer Einheit verbindet. Die Spannung entsteht aber vor allem aus den Differenzen der einzelnen Erzählstränge. Da ist einmal die historische Differenz, die zeigt, wie unterschiedlich das Werben in verschiedenen Epochen vor sich ging. Die Schwiegermutter lässt sich mit ihrer Entscheidung Zeit: Nachdem sie sich auf einer Studienreise in ein «verzwicktes Dilemma» hineinmanövriert hat – eine Dreiecksgeschichte, die an Jane Austen und «Jules et Jim» erinnert –, versucht sie mithilfe des Tagebuchs, die eigenen Gefühle zu sortieren und «Klarheit zu gewinnen». Mehrmals schiebt sie die Antwort an H. auf. Zwar kommt sie sich «mies und gemein vor, dass ich ihn so quälte und zappeln liess», sie ist sich aber einfach nicht sicher, ob er der Richtige ist: «Ich habe keine Ahnung, wie wir je unsere Weltanschauungen zum Übereinstimmen bringen werden.» Und dann gibt es auch noch «diese andere Geschichte, die mir im Kopf herumspukt». Die Zeit der Entscheidung dehnt sich aus und füllt schliesslich ein ganzes Tagebuch.
Bei Hans Conrad Escher hingegen geht die Brautschau rasch über die Bühne: Als er nach seinen drei Wander- und Bildungsjahren im Ausland zurückkommt, gibt es nur wenige Töchter von Stand, die überhaupt infrage kommen. Eine ist ihm nicht schön genug, die andere im Hinblick auf gesunden Nachwuchs zu unsicher, da sie zwei «taubstumme Brüder» hat. So fällt sein Blick schliesslich auf die «Jungfrau Orell» – dank des Hinweises seiner Cousine, die auch gleich ein Treffen einfädelt. Schon nach der zweiten Begegnung wird man sich einig, und Escher schreibt in sein Tagebuch: «Ja, dieses holde bescheidne Mädchen soll die Gefährtin meines Herzens sein.» (Kurz vor der Hochzeit vier Monate später dann allerdings: «Soll ich fliehen?»)
Die grosse Leerstelle
Am stärksten fällt natürlich die Geschlechterdifferenz ins Auge: Männer werben, Frauen werden umworben. Männer publizieren ihre Aufzeichnungen als Biografien oder geben sie ins Archiv, Frauen schreiben – wenn überhaupt – für sich selbst. Eine grosse Leerstelle bleibt deshalb die «Vorfahrin» Regula Escher, geborene Orell: Von ihr selbst sind keine Zeugnisse überliefert, und in den vielen Texten von und über Hans Conrad Escher wird sie nur sehr oberflächlich erwähnt. Aus den Aufzeichnungen ihres Mannes erfahren wir, dass sie unter «Gichter» litt (was man später «Hysterie» nannte), dass sie gerne ausging und dass «das zärtlich bescheidene Mädchen, das lange ein Engel in meinen Augen war, seine Launen, selbst seine Härten und Leidenschaften hatte». Es sind aber gerade auch diese fehlenden Stimmen, die Helbling interessieren und die in der Schweiz auf eher subtile Weise «zum Schweigen» gebracht würden: «Kaum jemand vermisst sie, kaum jemand denkt auch nur darüber nach, warum sie im nationalen Chor nicht zu hören sind.»
Was den Roman so überzeugend macht, ist dieser gleichermassen kritische wie liebevolle Umgang mit den Quellen. Helbling verlässt sich zwar auf die Aussagen ihrer Protagonistinnen, sie hört ihnen zu und glaubt ihnen. Aber sie bedient nicht die Illusion, dass Quellen für sich selber sprechen. Immer behält die Erzählerin – ein leicht fiktionalisiertes Alter Ego – die Fäden in der Hand. Zitate werden kommentiert und in einen Kontext gestellt. Sie werden radikal gekürzt, gelegentlich zerstückelt und in den eigenen Satzbau integriert. Handlungsstränge und einzelne Szenen werden unterbrochen und bei Bedarf wiederholt oder weitergeführt. Anstatt Objektivität vorzugaukeln, erzählt uns Helbling eine Version der Geschichte. Ihre Version. Dieser Geschichte zuzuhören, ist nicht nur aufschlussreich, sondern auch ein literarischer Genuss.
Brigitte Helbling: Meine Schwiegermutter, der Mondmann und ich. Verlag rüffer &rub. Zürich 2022. 224 Seiten. 32 Franken