Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03455.jsonl.gz/2962

Eine der wichtigsten Entdeckungen von 2021 war der tschechische Dissident Václav Benda (1946-1999, siehe auch dieser Eintrag). Ich stiess bei der Lektüre von “Live Not By Lies” (ausführliche Rezension) auf ihn. Bereits durch die Lektüre seines berühmten Landsmannes Václav Havel (1936-2011) war ich beeindruckt und nachhaltig bereichert, konkret “Briefe an Olga: Betrachtungen aus dem Gefängnis” (ausführliche Rezension) und “Versuch, in der Wahrheit zu leben”, weniger jedoch von seiner persönlichen Lebensführung (siehe meine Rezension zu einer politischen Biografie).
Alles, was ich bei Havel vermisste, fand ich bei Benda. Zuvorderst ist dies eine starke Verankerung in einer christlich-theistischen Weltsicht. Dies schlug auf seine Persönlichkeit durch. Zum unvergleichlichen Mut für die Wahrheit einzustehen paarte sich persönliche Demut. Er war sich jederzeit bewusst, dass sein Ein- und Hinstehen nicht von heute auf morgen Veränderungen nach sich ziehen würde. Trotzdem war er sowohl von der Existenz einer überpersönlichen als auch einer überstaatlichen Wahrheit überzeugt. Sein Einsatz galt schlicht der Umsetzung der bestehenden Gesetze seines Landes, die durch das damalige kommunistische Regime mit Füssen getreten wurde.
Zweitens war ich beeindruckt davon, dass Benda mehreren beruflichen Rückschlägen – er war Mathematiker und Informatiker und wurde x-mal strafversetzt für “niedere” Arbeiten – trotzte und sich nicht beirren liess. Zudem ist sein Familienleben vorbildlich. Seine Frau, die in seiner häufigen Abwesenheit und während seines Gefängnisaufenthalts nicht nur die Erwerbslast zu tragen hatte, ermutigte ihn nach seiner Wiederkehr aus der Gefangenschaft unverdrossen weiter zu machen. Die Erziehung und Bildung der Kinder nahm sie an die Hand und versorgte sie mit erstklassiger Literatur, u. a. mit dem mehrmaligen Vorlesen des Klassikers “Der Herr der Ringe”. Wie die Nachkommen heute bezeugen, beeinflusste sie die Widerstandskraft von Sam und Frodo wesentlich in ihrem Kampf gegen die Schikanen des Regimes.
Zudem war das Haus Bendas vor, während und nach der Gefangenschaft ein Hort für Dissidenten. Manche von ihnen gingen in ihrer allerletzten Besorgung vor der Haft nochmals bei der Familie vorbei; der erste Besuch nach der Entlassung war wiederum diese Familie. Es gab Tee, Kuchen und angeregte Diskussionen. Rod Dreher, der die Nachkommen besuchte und Interviews führte, zeigte sich beeindruckt von den nachhaltigen Auswirkungen einer solchen vorbildlichen Lebensführung.
Ich empfehle wärmstens Bendas Essays “The Long Night of the Watchman: Essays by Vaclav Benda, 1977-1989”, die es bisher nur als Hardcover zu kaufen gibt. Zwei der wichtigsten Aufsätze sind “Parallel Polis”, in denen er für den Aufbau von Parallelstrukturen in einem totalitaristischen Staat eintritt. Ebenso wichtig ist sein Aufsatz über die Grundfunktion der Familie “The Family and the Totalitarian State”. Ein 2021 abgehaltenes Colloqium zu Benda mit dieser Aufnahme “Totalitarianism, Faith, and Dissent: Czech Catholic Vaclav Benda and Beyond” mag als Einführung dienen. Es erstaunte mich nicht, dass die Redner in Tränen ausbrachen angesichts des mutigen Zeugnisses dieses Mannes (siehe z. B. Minuten 36-38 und 42-44). Daniel J. Mahoney, ein profunder Kenner von Alexander Solzhenitsyn, schrieb eine lesenswerte Buchbesprechung, die ich ebenfalls empfehle.