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Etwa zwei von 100 Personen, die in der Schweiz hospitalisiert werden, kommen wegen einer unerwünschten Medikamentenwirkung ins Spital. Von 2012 bis 2019 betraf dies jährlich im Durchschnitt etwa 32’000 Menschen. Opioidabhängigkeit, akutes Nierenversagen, Magengeschwüre, Durchfall, Darmblutungen und Bewusstseinsstörungen zählten dabei zu den häufigen gesundheitlichen Problemen.
2,3 Prozent (256’550 Personen) aller in diesen acht Jahren Hospitalisierten wurden wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen ins Spital eingewiesen oder suchten von sich aus eines auf. Nebenwirkungen, die zu einem Spitalaufenthalt führen, gelten als ernst und müssen der Arzneimittelbehörde Swissmedic gemeldet werden. Dabei genügt der blosse Verdacht.
Doch nur in etwa einem von 18 solchen Fällen wurde Swissmedic verständigt. Über die acht Jahre hinweg schwankte die Melderate zwischen 4,4 und 7,0 Prozent, ergab die Auswertung von anonymisierten Abrechnungsdaten der Schweizer Spitäler, die mit den Meldungen bei Swissmedic abgeglichen wurden.
Etwas höher war die Melderate bei den Todesfällen in Spitälern, die im Zusammenhang mit einer unerwünschten Medikamenten-Nebenwirkung auftraten: Bei diesen insgesamt 5669 Todesfällen benachrichtigten Ärztinnen oder Ärzte Swissmedic durchschnittlich in jedem achten Fall – 4969-mal erfuhr die Behörde jedoch nichts. Immerhin verbesserte sich diese Melderate von 4,9 Prozent im Jahr 2012 auf 18,9 Prozent im Jahr 2019. Offen ist, in wie vielen Fällen einzig das Medikament schuld war am tödlichen Ausgang.
«Massnahmen zur Verbesserung erforderlich»
Bei 354’977 Personen (von über elf Millionen Spitalpatienten von Anfang 2012 bis Ende 2019) könnte eine Medikamenten-Nebenwirkung der Grund für ihre Spitaleinweisung gewesen sein. Das entspricht zusätzlichen 3,2 von 100 Hospitalisierten.
Würde man auch diese Patientinnen und Patienten berücksichtigen, dann hätte Swissmedic sogar nur bei 1 von 50 Personen, die wegen möglicher unerwünschter Medikamentenwirkungen hospitalisiert wurden, davon erfahren – und nur bei 1 von 33 Todesfällen im Spital, bei denen möglicherweise ein Arzneimittel eine Rolle spielte.
«Aus praktischer Sicht sind in der Schweiz und anderswo weitere Massnahmen zur Verbesserung der Berichterstattung erforderlich», folgern die drei Autoren der Analyse, die im Juni in «Drug Safety» veröffentlicht wurde.
Zu den Ursachen für die niedrige Melderate gibt es laut Swissmedic bei medizinischen Fachpersonen in Deutschland eine Umfrage. Der mit fast 60 Prozent am häufigsten genannte Grund war der Zeitaufwand, gefolgt von Unsicherheit, welche, wie oder wo unerwünschte Wirkungen gemeldet werden müssen. Auch Datenschutzaspekte wurden häufig als Grund für das Nicht-Melden genannt. 28 Prozent der Befragten befürchteten juristische Konsequenzen.
Jede 15. Betroffene war jünger als 18 Jahre
Welche Medikamente die häufigsten Probleme verursachten, geht aus der Studie nicht hervor, weil dies anhand der Abrechnungsdaten nur in wenigen Fällen ersichtlich ist. Auch Medikamentenvergiftungen sowie unsachgemässer Gebrauch von Arzneimitteln, beispielsweise von Schmerz- oder Schlafmitteln, flossen in die Auswertung ein. Laut Auskunft von Swissmedic zählten zu den am häufigsten angeschuldigten Arzneimitteln Blutverdünner (Nebenwirkung Blutungen) und die Schmerzwirkstoffe Paracetamol (absichtliche Überdosierungen) sowie Metamizol (Blutbildungsstörungen).
Fast die Hälfte der wegen Nebenwirkungen Hospitalisierten waren 65 Jahre oder älter. Von 2012 bis Ende 2019 kamen aber auch 16’754 Kinder und Jugendliche wegen unerwünschter Medikamentenwirkungen ins Spital.
Mehr als 11’000 Hospitalisationen wegen Opioid-Abhängigkeit
Fast fünf Prozent der Hospitalisationen wegen unerwünschter Medikamentenwirkungen gingen aufs Konto der Abhängigkeit von starken, morphinähnlichen Schmerzmitteln (Opioide), wobei die Auswertung nicht unterschied zwischen ärztlich verordneten oder illegal beschafften Opioiden. Von 2000 bis 2019 stieg der Verkauf der rezeptierten Opioide in der Schweiz von über 14’000 Packungen auf mehr als 27’000 Packungen pro 100’000 EinwohnerInnen. Insbesondere starke Opioide legten dabei laut einer Studie in «The Lancet Regional Health» zu.
2000 bis 3000 vermeidbare Todesfälle in Schweizer Spitälern
Für die Schweiz schätzte das Bundesamt für Gesundheit: «Jeder zehnte Spitalpatient erleidet einen gesundheitlichen Schaden und die Hälfte dieser Schäden wäre vermeidbar.» Es handelt sich demnach um jährlich 2000 bis 3000 vermeidbare Todesfälle und um rund 60’000 vermeidbare Schadensfälle.
Die Stiftung für Patientensicherheit kam in einem Bericht zum Schluss, dass fehlerhafte Verwendungen von Medikamenten 30 bis 50 Prozent aller unerwünschten «Ereignisse» in Spitälern verursachen, die einen gesundheitlichen Schaden zur Folge haben.
Das OECD-Generalsekretariat empfiehlt, die Qualität der Behandlungen viel besser zu erfassen. In Norwegen werden die Erfahrungen und Behandlungsfehler von Patientinnen und Patienten nach dem Spitalaustritt systematisch mit einem standardisierten Fragebogen erfasst. Siehe hier.
Als ein Vorbild nennt die OECD das nationale Gesundheitssystem Schottlands. Schon 2008 lancierte Schottland ein «Patient Safety Programme». Unterdessen kommt es bei Operationen zu 25 Prozent weniger Todesfällen (standardisiert nach Schwere der Krankheiten), zu 80 bis 90 Prozent weniger Infektionen. Seit diesem Jahr sind die Spitäler Schottlands verpflichtet, die Patientinnen und Patienten über alle vermeidbaren und auch über die nicht vermeidbaren, ungeplanten Zwischenfälle zu informieren, falls diese gesundheitliche Folgen haben. (upg)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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