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Die Bundesrepublik Deutschland unterscheidet sich grundlegend vom Kaiserreich, dem vor 150 Jahren ins Leben gerufenen ersten deutschen Nationalstaat. Aber angesichts der tiefen historischen Brüche leiden gerade Deutsche an ihrem Identitätsbewusstsein.
Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, schwenkten die Deutschen aus Ost und West erstmals gemeinsam die Fahne.
Beim «Sturm auf den Reichstag» im September 2020 sichteten Beobachter schwarz-weiss-rote Fahnen, die Nationalfarben des vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, gegründeten Kaiserreiches. Ist dies ein Indiz für dessen neue Attraktivität? Nein! Wer derartige Fahnen schwenkt, es sind nur wenige, will provozieren, aber nicht ernsthaft an diese Vergangenheit anknüpfen. Die wechselnden nationalen Symbole in Deutschland spiegeln dessen wechselvolle Geschichte wider. Angesichts der tiefen historischen Brüche leiden gerade Deutsche an ihrem Identitätsbewusstsein.
Nationale Symbole können zur Identifikation mit dem Gemeinwesen dienen. Nationalfarben, Nationalfeiertage und Hymnen zeugen vom Selbstverständnis einer Nation. Für die Bürger der USA ist der Unabhängigkeitstag (4. Juli) ein Tag des Feierns, für die Franzosen der Tag des Sturms auf die Bastille (14. Juli), für die Schweizer der Tag des Rütlischwurs (1. August). Auch wenn die Ereignisse 1776 und – vor allem – 1789 weit weniger heroisch-triumphal waren oder gar nicht verbürgt sind (wie der Rütlischwur 1291), ist die Erinnerung an sie im kollektiven Bewusstsein der Bürger dieser Staaten fest verankert. Sie symbolisieren Kontinuität und gehören zum Traditionsbestand.
Die schwarz-weiss-roten Farben des Kaiserreiches wurzelten zum einen in den weiss-roten Wappen norddeutscher Länder, zum andern in den weiss-schwarzen Farben Preussens. Das Votum für diese war eines gegen Österreich, das mit der von Preussen favorisierten kleindeutschen Lösung aus dem deutschen Kaiserreich gedrängt wurde. Ebenso eines gegen die Befreiungskriege 1813–1815, das Hambacher Fest 1832 und die eng mit den schwarz-rot-goldenen Farben verbundene Revolution von 1848/49.
Ein offizieller Nationalfeiertag fehlte im Kaiserreich. Die Jubelgesänge am Sedantag, dem 2. September, erinnerten an den deutschen Sieg über die Armee des französischen Kaisers 1870. Dieses Gedenken genoss wegen des Triumphes über den Erbfeind grosse Beliebtheit, freilich mehr bei den tonangebenden Kräften, weniger in Kreisen der Arbeiterschaft. Heute ist das Datum gänzlich in Vergessenheit geraten. Mit viel Pracht gedachte die Nation seinerzeit ebenso der Kaisergeburtstage und der Kaiserproklamation, dem erwähnten 18. Januar.
Das Brandenburger Tor im Jahr 1914 im Festschmuck anlässlich des Sedantags.
Kaiser Wilhelm I. und Napoleon III. in Sedan.
Im Kaiserreich, das keine offizielle Nationalhymne kannte, wurde Ernst Moritz Arndts Lied «Was ist des Deutschen Vaterland?» durch die mit starken antifranzösischen Akzenten versehene «Wacht am Rhein», 1840 von Max Schneckenburger geschrieben, deutlich verdrängt. Diese konkurrierte mit «Heil dir im Siegerkranz», der preussischen Volkshymne von 1795 bis 1918, an der die süddeutschen Länder wenig Gefallen fanden.
Auch das «Deutschlandlied» von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben erreichte bereits im Kaiserreich eine gewisse Popularität. So erklang es ganz offiziell 1890 bei der Übergabe Helgolands, dort war das Lied 1841 entstanden, an Deutschland (im Tausch mit Sansibar). Mit dem Beginn der ersten, heute zu Recht als chauvinistisch geltenden Strophe hatte es seinerzeit eine andere Bewandtnis. Sie zielte gegen die Fürsten der Kleinstaaten im Deutschen Bund mit ihren Vorbehalten wider einen Nationalstaat.
Deutsches Sommermärchen
Das Kaiserreich war zwar keine Demokratie, wohl aber ein Rechtsstaat. Breite Kreise der Bevölkerung identifizierten sich ungeachtet der politischen und sozialen Defizite mit ihm, erkennbar nicht zuletzt an den Reaktionen beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Hingegen ist die Bundesrepublik Deutschland durch und durch ein demokratischer Verfassungsstaat, bei dem etablierte Parteien mittlerweile jedoch an Integrationskraft verlieren und der demokratische Konsens bröckeln mag, ungeachtet insgesamt starker Stabilität, nicht Liberalität.
Über die schwarz-rot-goldenen Farben entbrannte bei der Gründung der Bundesrepublik kein Streit, da die tragenden gesellschaftlichen Kräfte an die Weimarer Republik anzuknüpfen suchten. Was weithin unbekannt ist: Noch 1954 befürwortete bei Umfragen eine knappe Mehrheit Schwarz-Weiss-Rot im Vergleich zu Schwarz-Rot-Gold. Lange zögerten die Bundesbürger, im wortwörtlichen und übertragenen Sinne Flagge zu zeigen. Nach der Einheit ist dies weithin selbstverständlich geworden. So wehten im Jahr 2006 in manchem Strassenbild anlässlich der Fussball-Weltmeisterschaft im eigenen Land schwarz-rot-goldene Fahnen ohne jegliche nationalistischen Irritationen. Die Metapher vom deutschen «Sommermärchen» erinnerte an Heinrich Heines «Wintermärchen».
In der Bundesrepublik Deutschland wurde nach der niedergeschlagenen Volkserhebung am 17. Juni 1953 in Ostberlin und in der DDR dieser 17. Juni ein gesetzlicher Feiertag («Tag der deutschen Einheit»). Hatten die Regierungsparteien (CDU/CSU, FDP, DP) in ihrem Antrag einen «nationalen Gedenktag» befürwortet, wollten die seinerzeit patriotischer ausgerichteten Sozialdemokraten einen «Nationalfeiertag des deutschen Volkes».
Der Herbstrevolution 1989 mit dem Zusammenbruch der SED-Diktatur folgte schnell die deutsche Einheit. Der Einigungsvertrag behielt den Tag der Deutschen Einheit bei (jetzt mit grossem «D»), doch ist es nicht mehr der 17. Juni, sondern der 3. Oktober – also der Tag, an dem die DDR der Bundesrepublik beitrat. Was paradox anmuten mag: Die Politik schaffte den 17. Juni in dem Moment als Feiertag ab, in dem das Verlangen der Demonstranten von 1953 in Erfüllung gegangen war.
Am 17. Juni 2006 marschierten ostdeutsche Bürger mit Fahnen durch das Brandenburger Tor in Erinnerung an den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 (im Bild).
Bei der Hymne bestand unter den Politikern der Bundesrepublik Deutschland anfänglich ein gewisser Dissens. Nach einigem Hin und Her avancierte auf Bitten des Bundeskanzlers Konrad Adenauer die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit der Melodie Joseph Haydns im Jahr 1952 zur Nationalhymne. Rudolf Alexander Schröders «Hymne an Deutschland», sie präferierte Bundespräsident Theodor Heuss, fand keinen öffentlichen Widerhall.
Als die Bundestagsabgeordneten am Abend des 9. November 1989 vom Fall der Mauer erfuhren, standen sie – mit Ausnahme der Grünen – spontan auf und sangen die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Bundespräsident Richard von Weizsäcker bekräftigte in einem Schreiben an den Bundeskanzler Helmut Kohl, die dritte Strophe des Deutschlandliedes sei die «Nationalhymne für das Deutsche Volk». Die Kinderhymne Bertolt Brechts («Anmut sparet nicht noch Mühe») stiess als Alternative zum Unmut einiger ostdeutscher Bürgerrechtler nicht auf Resonanz.
Identitätsfragen
Beim Vergleich mit den politischen Systemen Deutschlands sind Parallelen und Unterschiede erkennbar: Ohne grössere Kontroversen verliefen die Debatten in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland sowie in den Diktaturen des «Dritten Reiches» und der DDR. Trat in der Bundesrepublik ungeachtet einiger Streitpunkte schnell eine von der Bevölkerung getragene Gleichgestimmtheit ein, so stand diesem Konsens von unten im «Dritten Reich» und in der DDR ein Konsens von oben gegenüber.
Hingegen sahen sich das Kaiserreich und die Weimarer Republik mit grösseren Kontroversen in puncto Identität konfrontiert. Im Kaiserreich fehlte eine von den meisten akzeptierte Tradition, die als Stütze dienen konnte. Daher unterblieb, anders als bei den Reichsfarben, eine Einigung beim Nationalfeiertag wie bei der Nationalhymne. Angesichts der zerklüfteten politischen Kultur in der nachfolgenden Weimarer Republik brachen heftige Zwistigkeiten über die nationalen Symbole aus. Eine Regierung zerbrach sogar am «Flaggenstreit», und der «Verfassungstag» blieb blutleer.
Zwar ist mittlerweile der Umgang mit nationalen Symbolen entspannter, aber Beobachter erinnern sich daran, wie Angela Merkel am Abend des 22. September 2013 nach ihrem Wahltriumph dem CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe die schwarz-rot-goldene Fahne entwand, wohl aus – übertriebener – Furcht davor, des Nationalismus geziehen zu werden. Wer sich allerdings als Vorreiter eines europäischen Bundesstaates begreift, jagt einem Trugbild nach.
Und wer heutzutage – in der Regel von rechts – mit schwarz-weiss-roten Symbolen demonstriert, demontiert den demokratischen Comment. Gleiches gilt für den, der – in der Regel von links – wider die schwarz-rot-goldene Flagge aufbegehrt. Das Zeigen schwarz-weiss-roter Flaggen zu verbieten, wie dies Erlasse in einigen Bundesländern vorsehen, illustriert jedoch ein gehöriges Mass an Illiberalität.
Eckhard Jesse ist Extremismusforscher und lehrte Politikwissenschaft an den Universitäten in Marburg und in Chemnitz.