Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/189

Vor 400 Jahren veröffentlichte Landgraf Moritz in Kassel drei kleine Bücher, die Manifeste der Bruderschaft der Rosenkreuzer. Sie lösten heftigste Kontroversen in ganz Europa aus, ihre Anhänger wurden als Ketzer verfolgt. „Weltveränderung unter dem Rosenkreuz“ war der Titel einer Tagung der Anthroposophische Gesellschaft in Kassel dazu Ende Februar.
Ein kleines R.C. in der Ecke eines Schriftstücks, die Finger einer Hand in einer ungewöhnlichen Pose vom Künstler in einem Gemälde dargestellt – es waren solche versteckten Zeichen, mit denen die Mitglieder der Bruderschaft der Rosenkreuzer sich untereinander zu erkennen gaben. Denn höchste Verschwiegenheit war eines der Grundprinzipien ihres Ordens, Forschen, Helfen und Heilen waren ihre Ziele. Rund 100 Interessierte hatten sich Ende Februar im Anthroposophischen Zentrum in Kassel versammelt, um den Geheimnissen der beiden Schriften Fama Fraternitatis (1614) und der Confessio Fraternitatis (1615) auf die Spur zu kommen.
Der Drucklegung der rosenkreuzerischen Manifeste durch Landgraf Moritz von Kassel (1572-1632) waren bereits handschriftliche Verbreitungen vorausgegangen. So ist auf dem Deckblatt der „Fama“ auch ein Hinweis auf die Folgen vermerkt, die die Beschäftigung mit den Schriften für die Leser zu Beginn des 17.Jahrhunderts haben konnte: Es wird von einem Tiroler Rosenkreuzer berichtet, Adam Haselmayer, dem seine zustimmende Antwort auf die „Fama“ Gefängnis und vier Jahre Verbannung zur Arbeit auf einer Galeere eingebracht hätte. Keine Strömung der Geschichte sei so radikal bekämpft worden wie die Rosenkreuzer, schreibt Bastian Baan.
„Geistiger Paukenschlag“
Was aber war so bedrohlich für die herrschenden Kreise an diesen kleinen Büchern – zehn mal fünfzehn Zentimeter maßen sie – und warum wurden sie von Landgraf Moritz in Druck gegeben? Wie ein „geistiger Paukenschlag“ hätten die beiden Schriften in Europa damals gewirkt, so Prof. Ludolf von Mackensen in seinem Vortrag auf der Tagung. In fünf Sprachen wurden die Manifeste übersetzt. Sie verbreiteten sich, weil sie ein allgemeines Unbehagen an den kulturellen, geistigen und politischen Verhältnisse in Europa zum Ausdruck brachten, für das vor allem die Herrschaft der katholischen Habsburger Monarchie verantwortlich gemacht wurde.
Ihnen setzten die Rosenkreuzer ihre Forderung einer „Generalreformation“ entgegen. Was Martin Luther im kirchlichen Bereich mit seinen Thesen und der Reformation bewirkt hatte, sollte nun das gesamte Leben erfassen. Die „Allgemeine und General Reformation der ganzen weiten Welt“, wie sie in der „Fama“ und der „Confessio“ dargestellt wird, hat jedoch eine Besonderheit: Sie schließt eine Erneuerung des Menschen selbst mit ein. Im Rosenkreuz, so schreibt Rudolf Steiner, sei jenes Symbol ausgedrückt, das das Ersterben des Niederen und die Auferstehung des Höheren daraus zum Ausdruck bringe. Die dritte Schrift der Rosenkreuzer, die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz, die 1616 erstmals in Straßburg gedruckt wurde, dokumentiert den verschlungenen inneren Weg einer spirituellen Erfahrung.
Im Unterschied zu christlichen Mystikern wie Jakob Böhme entschieden sich die Rosenkreuzer dafür, den Blick zuerst nach außen in die Natur und dann ins eigene Innere zu richten. Mit den Erkenntniskräften, die im „Geistgebiet der Natur“ erworben würden , wolle der „Alchymist“ das „Geistwesen des Menschen“ schauen, so die Formulierung von Rudolf Steiner.
Christian Rosenkreuz
Als Autor der drei Schriften wird der schwäbische Theologe Johann Valentin Andreae angesehen, der sich in seinem späteren Leben von ihnen distanziert und sie als „Ludibrium“, eine Art Jugendsünde aus Studententagen dargestellt hat. Die „Fama“ hat vor allem den Lebens- und Erkenntnisweg von Christian Rosenkreuz zum Gegenstand, der die geheime Bruderschaft zu Anfang des 15.Jahrhundert ins Leben gerufen hat. Als Jugendlicher gelangte er in den Orient, wo er die Weisheit arabischer Gelehrter kennenlernte. Vor den Toren von Damaskus erlebte er eine dem Apostel Paulus vergleichbare Christusbegegnung.
In Damcar im heutigen Jemen fand er ein besonderes Buch, das liber m., das er aus dem Arabischen übersetzte. Zusammen mit Ordensbrüdern bearbeitet Rosenkreuz dieses Buch – m. wird interpretiert als „mundi“, also das Buch der Welt oder Welterkenntnis, wie Gerhard Wehr es bezeichnet. Der Kreis der Ordensbrüder beschloss, nach außen zu wirken z.B. durch selbstlose und unentgeltliche Krankenpflege. All dies geschah im Verborgenen, bis – wie die „Fama“ berichtet – das Grab von Rosenkreuz nach 120 Jahren von Ordensbrüdern entdeckt wurde. Sein Leib sei „unversehrt und ohne alles Verwesen“ vorgefunden worden, nach Gerhard Wehr wird damit in der „Fama“ die „Geistesgegenwart von Christian Rosenkreuz in augenfälliger Weise hervorgehoben“. Die Inschrift auf der Tür zum Grab „Jesus mihi omia“ (Christus ist mir alles) verweist auf die Verbundenheit von Rosenkreuz mit einem universellen Christentum.
Den Kosmos „vom Himmel her zu verstehen“ wird damit zur öffentlichen Signatur der Bruderschaft, deren Mitglieder aber weiterhin im Verborgenen wirken. Für eine historische Forschung, die nach Quellen für die Tätigkeit der Rosenkreuzer sucht, ist das Thema schwer zu greifen, da es keine üblichen Urkunden oder Ähnliches gibt. Dies wurde auf der Tagung mehrfach unterstrichen. Der 30jährige Krieg hat dann ihre Spuren in Europa endgültig verwischt.
Spuren
Welche Möglichkeiten hatte man nun auf der Tagung, um sich – über die beiden Manifeste hinaus - mit den Rosenkreuzern zu befassen? Hier boten vor allem Bildbetrachtungen aus dem Umfeld der Rosenkreuzer eine Chance, in die Welt ihrer Symbole einzutauchen. Gegenstand solcher Betrachtungen waren z.B. die Geheimen Figuren der Rosenkreuzer von Henricus Madathanus von 1785, eine bemalte Tischplatte von Martin Schaffner von 1533 und auch Werke von Dürer und Rembrandt wurden auf rosenkreuzerische Spuren hin angeschaut. Eine Arbeitsgruppe befasste sich mit dem Werk „Atalanta Fugiens“ von Michael Maier, einem bedeutenden Alchemisten der Zeit, der – vom Hofe Rudolfs II aus Prag kommend – bei Landgraf Moritz als Leibarzt tätig war.
Dr. Rainer Werthmann richtete seinen Blick als Chemiker auf die alchemistischen Kupferstiche im Buch von Maier und entschlüsselte sie zusammen mit den Teilnehmern als bildhafte Darstellungen chemischer Prozesse. Die Suche der Alchemisten nach dem Stein der Weisen und das Goldmachen, wurde in diesem Zusammenhang erläutert, sei eher ein Nebenprodukt ihrer Tätigkeit gewesen, im Vordergrund habe die Naturerkenntnis gestanden. In der „Confessio“ distanziert sich die Bruderschaft auch von einer solchen Pseudo-Alchemie, der es nur um materielle Vorteile gegangen sei. Unentgeltlich sollten die Rosenkreuzer tätig sein.
Freigeistiger Genius loci
Deutlich wurde auf der Kasseler Tagung auch, dass es ein besonderer menschheitsgeschichtlicher Zeitpunkt war, zu dem der hessische Landgraf Moritz mit den Schriften der Rosenkreuzer an die Öffentlichkeit trat. Dem neuen Weltbild, wie es von Kepler, Galilei oder Tycho Brahe vermittelt worden war, stellten sich in der Gegenreformation starke Kräfte der katholischen Kirche und der traditionellen Wissenschaft entgegen. Referent Rolf Speckner aus Hamburg schilderte in seinem Vortrag des Schicksal von Trajano Boccalini, dessen gesellschaftskritische Satire „Ragguali di Parnaso“ zusammen mit den Manifesten veröffentlicht worden ist. Obwohl er sich in Venedig angesiedelt habe, wo freies Schreiben und Denken noch möglich gewesen sei, starb er 1613 dort eines gewaltsamen Todes.
Landgraf Moritz habe den „geistigen Einschlag“ einer neuen Zeit ernst genommen, betonte Prof. Ludolf von Mackensen. Überhaupt sah der langjährige Leiter des Museums für Astronomie und Technikgeschichte in Kassel bei der Veröffentlichung einen freigeistigen Genius loci der Region Kassel am Werk, in der u.a. die Gebrüder Grimm gewirkt hätten oder die auch im 18.Jahrhundert die Hugenotten als Religionsflüchtlinge aus Frankreich aufgenommen habe. Moritz – der von seinen Zeitgenossen den Beinahmen „der Gelehrte“ zuerkannt bekam – sammelte alchemistische Schriften und es gibt eine Reihe von Indizien dafür, dass er in der geheimen Rosenkreuzerbewegung eine führende Rolle gespielt hat.
Innere Verwandllung
Im letzten Teil der Tagung ging es dann – gemäß der Weltsicht der Rosenkreuzer – um die innere Verwandlung. Eingestimmt durch Werke von Jean Sibelius und Arvo Pärt hatten die Anwesenden Gelegenheit zu meditativem Üben unter Anleitung von Thomas Mayer und Agnes Hardorp. Dabei wies Mayer darauf hin, dass Rudolf Steiner den Begriff der rosenkreuzerischen Meditation zu Anfang gebraucht habe, er später aber aus seinem Werk verschwunden sei, möglicherweise, weil er ihm zu sehr in die Vergangenheit wies.
Das Besondere an dieser Art des Meditierens bestehe darin, dass sie stets durch das wache Bewusstsein bestimmt werde. Außerdem gehe Steiner von der Möglichkeit übersinnlicher Wahrnehmungen aus, die sich dem Meditierenden eröffne. Das Lesen im Buch der Welt – als Meditationsweg in westlich-europäischer Tradition ist Anthroposophie und Rosenkreuzertum gemeinsam. Der Begründer der Bruderschaft, Christian Rosenkreuz, so ein Fazit auf der Tagung, könne als eine Art Hüter dieses westlichen Wegs angesehen werden.
END/nna/ung
Literatur zum Weiterlesen:
Hella Krause-Zimmer: Christian Rosenkreuz: Sich kreuzende Lebenswege. Dornach 2009
Baan, Bastian Hrsg.: Johann Valentin Andreä. Die Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz. Stuttgart 2001
Borggrefe. H./Lüpkes, V. und Ottomeyer, H.: Moritz der Gelehrte. Ein Renaissancefürst in Europa. Katalog zur Ausstellung in Lemgo und Kassel 1997/98. Eurasburg 1997
Rudolf Steiner: Das rosenkreuzerische Christentum. Vortrag in Neuchatel, 27.9.1911 in Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit. GA 130. Dornach 1995
Wehr, Gerhard: Rosenkreuzerische Manifeste. Schaffhausen 1980
Bericht-Nr.: 150312-04DE Datum: 12. März 2015
© 2015 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten.