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Im Labyrinth des Bösen
Giorgio Battistellis Musiktheaterstück «I Cenci» erlebte am 26. Mai im LAC Lugano seine Schweizer Erstaufführung als Koproduktion von LuganoInScena und der Konzertreihe 900presente des Conservatorio della Svizzera Italiana.
Ein Atemgeräusch, einige flackernde Klänge, ein unterdrückter Schrei, eine expressionistische Ostinatofigur: Giorgio Battistelli ist ein Meister darin, mit wenigen Klangzeichen eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen, und in seinem Musiktheaterstück I Cenci kündigt sich gleich in den ersten Takten etwas von jenem beklemmenden Gefühl an, das sich in den folgenden Fünfviertelstunden im Zuschauerraum ausbreiten wird. Die Handlung des Vierpersonenstücks, das 1997 am Almeida Theatre in London in englischer Sprache uraufgeführt wurde und nun in Lugano seine schweizerische Erstaufführung erlebte, ist ebenso lapidar wie brutal. Sie spielt im Rom der Renaissancezeit, und im Zentrum steht der korrupte und moralisch verkommene Graf Cenci. Er vergewaltigt seine Tochter Beatrice, diese ermordet ihn mit Unterstützung ihrer Mutter und ihres Verlobten und wird schliesslich hingerichtet. Die üble Geschichte beruht auf realen Ereignissen aus dem Jahr 1599. Damals gab es einen lachenden Dritten, den Papst. Er nutzte den Ruin der Familie, um an das Vermögen Cencis, mit dem er geschäftlich verbunden war, heranzukommen.
Der Stoff inspirierte 1820 bereits Shelley zu einem Theaterstück und 1837 Stendhal zu einer Novelle in seinen Chroniques italiennes. Nach diesen beiden Quellen schuf Antonin Artaud 1935 seinen Vierakter Les Cenci, und der diente wiederum Battistelli als Vorlage für sein Libretto. Artaud hat die Geschichte ins Monströse zugespitzt, und die fragmentarisch kurzen Sätze, die Battistelli aus dem Originaltext destilliert hat, wirken stellenweise wie Stiche ins lebendige Fleisch. Artauds Idee eines «théâtre de la cruauté», das die Affekte im Rohzustand und von allen Konventionen befreit zur Wirkung bringen soll, bleibt in Battistellis artifizieller Lesart allgegenwärtig. Graf Cenci, von Roberto Latini als kühl berechnendes Scheusal dargestellt, ist ein triebhafter Egomane, der sich die Vergewaltigung der Beatrice (Elena Rivoltini) als Zerstörung ihres Ichs ausmalt. Wenn er über seine Gefühle monologisiert, reisst er die Erzählperspektive an sich, und wir steigen mit ihm hinunter in die tiefsten Abgründe seiner Psyche. In solchen Momenten schlägt der erschreckend genaue Blick Artauds auf das Böse im Menschen voll durch.
Bedeutungsvoller Raumklang
Die Bühnenerzählung hat Battistelli kunstvoll aufgespalten in Text, Musik und Szene. Mit dem Verzicht auf Gesang – die vier Darsteller haben reine Sprechrollen – hat er ein Melodram geschaffen, das durch Mikrofonierung und Live-Elektronik eine räumliche Dimension erhält. Während durch die Sprechrollen das Geschehen wie im epischen Theater auf Distanz gerückt wird, entfaltet sich das emotionale Potenzial des Dramas in erster Linie in der Musik. Sie kommentiert und vertieft das Gesprochene auf wirkungsvolle Weise, aber ohne jede Überhitzung. Als weiteres Element hat Battistelli auch Bildprojektionen vorgesehen.
Die Inszenierung durch Carmelo Rifici konnte von der konzeptionellen Offenheit der Vorlage profitieren und tendierte zum Multimediatheater. In den Videoprojektionen von Francesco Puppini, die simultan auf mehreren Bildschirmen liefen, wurden die im Text angesprochenen und szenisch nur angedeuteten Handlungen als Filmsequenzen in Schwarzweiss dargestellt. Man folgte der Kamera durch lange Korridore, Treppenaufgänge und Zimmerfluchten eines menschenleeren Palastes – eine klinisch saubere, alptraumhafte Szenerie, in der der Hausherr herumgeisterte wie Minotaurus in seinem Labyrinth, in der er seiner Tochter nachstellte und sie schliesslich wie ein verängstigtes Wild zur Strecke brachte. Um die schwarze Perspektive am Schluss etwas aufzuhellen, liess man in Lugano als Epilog noch eine Solotänzerin (Marta Ciappina) ihre poetischen Kreise ziehen – Beatrice sollte nicht sterben.
Zur dramatischen Verdichtung und zugleich räumlichen Ausweitung des Geschehens trug entscheidend der von Fabrizio Rosso (Klangregie) sowie Alberto Barberis und Nadir Vassena (Live-Elektronik) sorgfältig modellierte Raumklang bei. Er überwölbte den ganzen Zuschauerraum, insgesamt waren über zweihundert Einstellungen vorprogrammiert. Die Stimmen und Instrumente wurden diskret verstärkt, stellenweise auch klanglich transformiert und wanderten im Raum. Die Unheil verkündenden Schritte Cencis im leeren Palast zogen über den Zuschauerreihen ihre Kreise. Francesco Bossaglia am Dirigentenpult hielt die komplexen musikalischen Verläufe jederzeit fest im Griff.
Bereicherung des Tessiner Kulturlebens
Die sehr gut besuchte Aufführung im grossen Saal des neuen LAC war eine Koproduktion der Theatervereinigung LuganoInScena, welche die professionellen Schauspieler engagiert hatte, und der Konzertreihe 900presente. Die dem Conservatorio della Svizzera Italiana angeschlossene Konzertreihe, die heuer ihr zwanzigjähriges Bestehen feiern kann, stellte die sechzehn Instrumentalisten, alles fortgeschrittene Studierende, sowie das umfangreiche technische Team, das an der klanglichen und visuellen Realisierung beteiligt war.
Mit Battistellis I Cenci hatte man sich an ein anspruchsvolles Projekt herangewagt, zumal was die heikle Raumakustik betrifft. Dass es so erfolgreich über die Bühne ging und schliesslich eine Aufführung von beeindruckender Geschlossenheit zustande kam, ist nicht zuletzt der harmonischen Zusammenarbeit und dem grossen Engagement aller Beteiligten zu verdanken.
Solche öffentlichen Aufführungen zeitgenössischer Werke bilden seit einigen Jahren eine deutliche Bereicherung des Tessiner Musiklebens. Das Conservatorio della Svizzera Italiana setzt die Reihe noch in diesem Jahr fort mit einer Aufführung von Schostakowitschs Siebter in einer Koproduktion mit der Zürcher Hochschule der Künste. Im nächsten April folgt dann in Zusammenarbeit mit den Hochschulen in Lausanne und Genf eine szenische Aufführung von Luciano Berios Coro für vierzig Stimmen und Instrumente mit anschliessender Tournee in der Westschweiz.
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- © LAC Lugano