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«Zwei stämmige Sowjets trugen unseren […] Kranz, auf dem in goldenen Buchstaben die Worte ‹Der Schweizerische Bundesrat› standen. Dahinter gingen ich, meine Gattin und meine Mitarbeiter.», schrieb der schweizerische Gesandte in Moskau, Camille Gorgé, am 10. März 1953 in seinem Bericht nach Bern. «Die Prozession war ausgesprochen langsam, erst nach einer halben Stunde kamen wir […] am Leichnam Stalins vorbei, der inmitten einer Vielzahl von Grünpflanzen und Blumen, mit leicht angehobenem Oberkörper, in einem mit roter Seide ausgekleideten Sarg lag.»
Vor 66 Jahren, am 5. März 1953, starb Josef Stalin. In fast 30 Jahren hat sein Terrorregime in der Sowjetunion Millionen von Opfern gefordert. Die Trauerfeierlichkeiten in Moskau übten einen tiefen Eindruck auf den Schweizer Diplomaten aus, der ein höchst zwiespältiges Bild des «machtgierigen Despoten» zeichnete. In den kommenden Wochen und Monaten waren die Auswirkungen des Todes Stalins ein häufig diskutiertes Thema in der Schweizer Diplomatie. Wie aber etwa der ergebnislose Besuch von Gorgé beim Aussenminister Wjatscheslaw M. Molotow zeigte, hüllten sich die sowjetischen Behörden in Schweigen. Schliesslich erhielt die Schweiz aus indirekten diplomatischen Kanälen Kenntnis von den Meinungen der Spezialisten des Kremls, wie des Botschafters der Vereinigten Staaten in Moskau, Charles E. Bohlen, dessen hellsichtige Analyse das Misstrauensklima und die Kämpfe um die Nachfolge in den hohen Kreisen des sowjetischen Machtbetriebs beschrieb. Im Herbst 1953, in seiner traditionellen Ansprache vor dem schweizerischen diplomatischen Corps, erörterte Bundesrat Max Petitpierre die Situation nach Stalins Tod und schloss, dass die Nachfolgefrage, die immer noch nicht geregelt war, ein «Element der Unsicherheit» in den internationalen Beziehungen darstellte. Wenn einerseits das Ende Stalins im Kontext des Kalten Krieges Fragen aufwarf und Unsicherheit verbreitete, so stellte andererseits die Schweizer Diplomatie bald nicht nur verbesserte Lebensbedingungen in der Sowjetunion und den Satellitenstaaten fest, sondern ebenso eine – wenn auch nur vorübergehende – Entspannung der internationalen Beziehungen zwischen Ost und West. Obwohl das despotische stalinistische Regime ab 1956 mit dem Prozess der «Entstalinisierung» sogar innerhalb der Sowjetunion selbst kritisiert wurde, dauerte der Kalte Krieg noch für weitere 33 Jahre unerschütterlich an. Diese und andere spannende Geschichten zu den internationalen Beziehungen aus dem Blickwinkel der Schweiz finden sich in der Online-Datenbank Dodis der Diplomatischen Dokumente der Schweiz.
[Datum der Erstausstrahlung: Radiotelevisione Svizzera RSI, Rete Due, 12. März 2013, 07:05 Uhr]
Link zum e-Dossier der Diplomatischen Dokumente der Schweiz: dodis.ch/dds/1890