Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03475.jsonl.gz/2198

Tischrede von Georg Kreis, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Leiter des interdisziplinären Europainstituts an der Unviersität Basel, am Bärenmähli 1999
Liebe Bärenschwestern und Bärenbrüder, erlaubt mir, Euch für einen kurzen Moment beim Stillen Eures Bärenhungers zu stören. Einige Basler Politiker und Politikerinnen meinen, auf das Jahr 2001 eine neue Basler Verfassung haben zu müssen, gewissermasssen als später Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Bereits hat eine hochkarätige Prospektivkommission getagt und etwas Aufbruchstimmung erzeugt: Die Verfassung soll, wie es heisst, angepasst werden (ich denke nach oben) an das bestehende Kulturniveau und den intellektuellen Stand und Standard des Stadtkantons. Dies sei sozusagen die Voraussetzung dafür, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung wieder besser mit dem Staat identifizieren könne. Unsere Identifikation ist offenbar defizitär, müsste also etwas angehoben werden.
Gegenüber solchen Übungen ist allerdings eine gewisse Skepsis am Platz. Mit einer Pseudoreform würde man der Stadt nur ein Bärendienst erweisen. Dennoch kann man es aus der Bären-Perspektive durchaus begrüssen, wenn versucht wird, die Verfassung, in der sich Basel zur Zeit befindet, mit einer Verfassungsreform zu verbessern. Doch was muss, aus unserer Sicht , in einer solchen Verfassung festgeschrieben sein?
Eine neue Verfassung macht nur Sinn, wenn sie auch Neues enthält, wenn sie den alten Selbstverständlichkeiten neue Beinahe-Selbstverständlichkeiten und alte Leider-noch-immmer-nicht-Selbstverständlichkeiten beifügt. Ich meine damit nicht Postulate wie „Freie Sicht aufs Mittelmeer“ oder – aus Bärensicht – „Gratis Rüebli und Honig für alle“. Ich denke hier insbesondere än die folgenden fünf unter sich verbunedenen Postulate:
- Strukturelle Förderung des Quartierlebens, insbesondere der Kleinbasler Bärenquartiere;
- Stärkung der Bärenschulen, damit sie die wichtige Integrationsaufgabe erfüllen und insbesondere die Verständigung zwischen den verschiedenen Bärensprachen fördern können;
- Respektierung und Förderung der kulturellen Vielfalt der Bärenwelt, zum Beispiel mit der Subventionierung von Bären-Quartierzeitungen und Bären-Radio- und Fernsehsendungen, aber auch mit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung weiterer Bärenreligionen, der Ermöglichung religionsspezifischer Bärenfriedhöfe;
- Lokales Stimm- und Wahlrecht für alle zugezogenen Bären, die seit 5 Jahren in der Stadt der bereits ansässigen Bären leben;
- Substantielle Kooperation mit den benachbarten Bärenrevieren der oberrheinischen Region.
Vor übertriebenen Erwartungen sei allerdings gewarnt. Uns soll man keinen Bären aufbinden können. Alles wird eine neue Bären-Verfassung ohnehin nicht leisten können. Noch immer hängt die tatsächliche Qualität unseres Alltagslebens in hohem Masse von uns selbst ab; von unserem persönlichen Engagement und von der freiwilligen Kooperation unter uns, Bären, die wir hier oder an anderen Orten versammelt sind, die wir doch alle verschieden und doch irgendwie gleich sind, wir Braunbären, Grizzly- oder Graubären, die Horburg-, Matthäus- und Wettsteinbären mit und ohne eigenen Boden, Schwarzbären und Eisbären, Vogel-Gryff-, Leu-und Wilder-Mann-Bären, die Kragen-, Nasen- und Lippenbären, die Baselbieter und die Berner Bären, die Wickelbären, Pranken- oder Bambusbären, die Riehener- und Schlipfer-Bären, die Türken- und die Kurden-Bären, die Sonnenbären (der sog. Ursus malayanus), die Pandabären, Ameisenbären bis hin schliesslich zu den – Teddybären.
Liebe Bärenbrüder und Bärenschwestern, wie US-Präsident J.F. Kennedy 1963 auf seiner Deutschlandreise gesagt hat „Ich bin ein Berliner“, wünsche ich mir, dass möglichst viele Bären und Bärinnen der Stadt gute Gründe haben, aus vollem Bärenherzen zu sagen: „Ja, ich bin auch ein Basler bzw. eine Baslerin!“