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Der 1951 in Des Moines, Iowa, geborene Bill Bryson lebt in Grossbritannien und gehört zu meinen Lieblingsautoren, denn von kaum einem habe ich mehr gelernt. Das liegt wesentlich daran, dass er ein Mann von geradezu unerschöpflicher Neugier ist, sich über buchstäblich alles wundert und auf seine vielfältigen Fragen dann auch noch Antworten findet. Und weil er ein glänzender Erzähler ist.
Auch wenn ich nur einen Bruchteil des umfangreichen Wissens, das Bryson in Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers ausbreitet, zu behalten vermag, geniesse ich die Lektüre ungemein, da ich auf Schritt und Tritt mit Erkenntnissen überrascht werde, die ein anhaltendes Staunen zur Folge haben. So erfahre ich etwa, dass der Mensch aus 61 Prozent Sauerstoff besteht, der zum grössten Teil an Wasserstoff (weitere 10 Prozent) gebunden ist. "Das Ergebnis ist Wasser – und jeder, der schon einmal ein Kinderplanschbecken verschieben wollte oder auch nur in nasser Kleidung herumgelaufen ist, weiss: Wasser ist erstaunlich schwer. Es ist ein wenig paradox: Sauerstoff und Wasserstoff, zwei der leichtesten Stoffe in der Natur, bilden im Verbund einen der schwersten."
Die Grundeinheit des Lebendigen ist die Zelle. Diese enthält den Zellkern und dieser wiederum die DNA, die Zehntausende von Jahren überdauert. Doch was ist eigentlich eine DNA? Die Gebrauchsanweisung für unsere Herstellung. Sie besteht aus Chromosomen "und die wiederum enthalten kürzere Einheiten, die Gene. Die Gesamtheit all unserer Gene ist das Genom." Und was machen eigentlich die Gene? "Im Einzelnen besteht die Tätigkeit der Gene darin, Anweisungen für den Aufbau von Proteinen zu liefern." Diese wiederum teilen sich auf in Enzyme (welche chemische Veränderungen beschleunigen), Hormone (die chemische Nachrichten übermitteln) sowie Antikörper (die Krankheitserreger angreifen). Man schätzt, dass es zwischen einigen hunderttausend bis zu einer Million Proteintypen gibt.
Solcherart sind also die Informationen, die Bill Bryson in diesem höchst unterhaltsamen Werk vorlegt. Dabei weist er immer wieder auf Verblüffendes hin. Etwa über Viren: "Ausserhalb lebender Zellen sind sie einfach untätige Gegenstände. Sie fressen nicht, atmen nicht und tun auch sonst kaum etwas. Sie bewegen sich nicht selbst vom Fleck, sondern reisen huckepack. Wir müssen hinausgehen und sie einsammeln – von Türklinken oder geschüttelten Händen oder aus der Luft, die wir einatmen."
Es ist erstaunlich, was für ein Wunderwerk unser Körper ist. Ebenso erstaunlich ist, dass die meisten sich selten bis gar nie Gedanken darüber machen. Bill Bryson ist da anders und widmet sich auch Vorgängen, die einem bei näherer Betrachtung höchst eigenartig vorkommen. Nehmen wir das Schlucken, das ungefähr alle 30 Sekunden geschieht und komplizierter ist, als wir uns womöglich vorstellen. "Wenn wir schlucken, fällt die Nahrung nicht einfach unter dem Einfluss der Schwerkraft in den Magen, sondern sie wird durch Muskelkontraktionen hinuntergeschoben." Bis zu 50 Muskeln, die in der richtigen Reihenfolge ineinandergreifen müssen, sind daran beteiligt, einen Nahrungsbrocken von den Lippen in den Magen zu befördern.
Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers klärt ausgesprochen vielfältig auf – über das Gedärm, das Immunsystem, das Gehirn, den Kopf sowie Herz und Blut; dann aber auch über Nerven und Schmerzen, Lunge und Atemwege, den Schlaf sowie das Herz und die Haut. Über letztere, die aus einer Innenschicht, auch Dermis oder Lederhaut genannt, und der darüber liegenden Epidermis besteht, lerne ich unter anderem, dass sie im Gegensatz zu Herz und Nieren nie versagt. "Unsere Nähte platzen nicht, und wir bekommen nicht von selbst Löcher", so die Anthropologin Nina Jablonski.
Dass die Erkenntnisse über unseren Körper im Laufe der Zeit enorm zugenommen haben, erstaunt wenig, doch dass dabei auch immer wieder grundlegend Neues entdeckt wird, ist überraschend. So weiss man etwa erst seit 1999, dass es in unseren Augen neben den Zäpfchen und Stäbchen noch einen dritten Typ von Lichtrezeptorzellen gibt, die jedoch nichts mit dem Sehen zu tun haben, sondern ausschliesslich dazu da sind, Helligkeit wahrzunehmen. Das bedeutet: Auch Blinde wissen, ob das Licht in einem Zimmer ein- oder ausgeschaltet ist.
"Rätselhafte Krankheitsausbrüche, insbesondere in kleinerem Massstab, kommen häufiger vor, als man vielleicht glaubt." Oft sind sie schwer fassbar, kommen lokal begrenzt und in kleiner Zahl vor. Auch verläuft die Erkrankung nicht immer so schwer, dass sie auffallen würde. Erstaunlich ist, dass in Anbetracht der Zahl der Viren in Vögeln und Säugetieren, die das Potential haben, die Artgrenze zu überspringen und uns zu infizieren (bis zu 800'000, schätzt man), schlimme Dinge nicht viel häufiger geschehen.
Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers machte mich auch immer mal wieder lachen. So bewirkt etwa der Betablocker Atenolol genau das, wozu er gedacht ist: Er senkt den Blutdruck. Und das ist es dann auch schon, denn weder die Zahl der Herzinfarkte noch die der Todesfälle sind dadurch zurückgegangen. "Personen, die Atenolol nahmen, starben mit der gleichen Häufigkeit wie alle anderen, aber 'sie hatten bei ihrem Tod einfach bessere Blutwerte', wie ein Beobachter es formulierte."
Fazit: Eine originelle, witzige, instruktive und überaus anschauliche Darstellung des Wunders des Lebendigen.