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Carnitin ist am Transport der Fettsäuren in die Kraftwerke der Muskeln beteiligt und daher für die Fettverbrennung essenziell.
Die Muskulatur bezieht ihre Energie vornehmlich aus zwei Stoffgruppen, den Fetten und den Kohlenhydraten. Dies zeigten zwei Forscher aus Zürich bereits Ende 1860 und widerlegten damit die Theorie, dass Eiweiss der wesentliche Brennstoff der Muskulatur ist (1). Heute weiss man ganz gut über die Energiegewinnung in den Muskeln Bescheid, inklusive der Rolle des Carnitins. Die «Verbrennung» von Fetten, genauer genommen von Fettsäuren, ist ein hoch komplexer Vorgang, an dem viele Stoffe und Steuersubstanzen beteiligt sind. Carnitin ist dabei Bestandteil eines komplizierten Transporters, der die Fettsäuren in die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, schleust. Die einfache Schlussfolgerung war und ist insbesondere bei Marketingargumenten, dass mehr Carnitin zu einer vermehrten Einschleusung von Fettsäuren in die Mitochondrien führe und so insgesamt mehr Fett verbrannt werden könne. Entsprechend wird Carnitin als «Fatburner» in vielen Fitness- oder Sporternährungs-Shops angepriesen.
Mehr ist nicht zwangsläufig mehr
In manchen Bereichen unseres Lebens ist ein «mehr» definitiv ein «mehr». Im Stoffwechsel stimmt diese Überlegung aber nur, wenn zuvor ein Mangel besteht. In einem solchen Zustand führt zum Beispiel eine zusätzliche Einnahme eines Nährstoffes wie ein Vitamin oder Mineralstoff in der Tat zu einer Verbesserung der Situation – der Mangel wird behoben. Sobald aber kein Mangel vorliegt, wird eine grössere Einnahme eines Nährstoffs kaum etwas bewirken. Entsprechend sieht man bei Einnahme von Mineralstoff-Vitamin-Präparaten bei gesunden Leuten weder eine Verbesserung der Lebenserwartung noch eine geringere Häufigkeit von Krankheiten (2). Ist vielleicht ein Mangel an Carnitin allenfalls so häufig, dass eine Supplementierung zur Vorbeugung generell Sinn macht? Gemäss aktuellen Schätzungen ist ein primärer Mangel an Carnitin eher selten (0,001–0,005 % der Bevölkerung) (3) und somit kein Grund gegeben, Carnitin generell zu supplementieren.
Carnitin-Supplemente und Fettabbau
Mehr bedeutet also beim Carnitin nicht automatisch mehr, da ein Mangel selten ist. Bei der theoretischen Überlegung, dass mehr Carnitin mehr Fettsäuren zur Verbrennung in die Kraftwerke der Zelle schleusen soll, gibt es sogar einen weiteren Haken. Der Mensch hat bereits so viel Carnitin im Körper, dass die Einschleusung der Fettsäuren gemäss theoretischen Berechnungen maximal ablaufen kann, ohne dass zusätzliches Carnitin nötig wäre (4). Ein Mehr an Carnitin kann also bereits aus theoretischer Sicht gar nicht zu einer höheren Fettverbrennung führen und entsprechend findet man keine Evidenz dafür, dass Carnitin-Supplemente den Fettabbau erhöhen. In diversen Studien wurde eine mögliche Leistungsbeeinflussung durch Carnitin untersucht. Zusammengefasst muss man eher von keiner Verbesserung der Leistung ausgehen als umgekehrt. Die Ergebnisse sind aber nicht hundertprozentig eindeutig und bei Patienten mit Erkrankungen der Blutgefässe oder Herzproblemen kann Carnitin manchmal schützend auf die Gefässe wirken (5). In den letzten Jahren gelang es einer Forschergruppe aus Nottingham, Carnitin derart zu supplementieren, dass mehr Carnitin in die Muskelzelle aufgenommen wurde. Während 20 Minuten radeln bei mässiger Intensität wurde aber nach der Supplementierung weder signifikant mehr Fett verbrannt noch hatten die Versuchspersonen am Ende der drei Monate dauernden Studie Körperfett abgebaut – wohl auch deshalb, weil zu einer hohen Menge an Carnitin (2-mal 1,4 g pro Tag) täglich 2-mal 80 Gramm Kohlenhydrate als Getränk getrunken werden mussten (6). Dies entspricht dem Zuckergehalt von 1,5 Litern Coca-Cola und ist, wenn täglich während dreier Monate eingenommen, kaum förderlich für den Fettabbau.
Da keine Leistungstests mit dieser neuen Art und Weise der Supplementation durchgeführt wurden, kann zurzeit nicht ausgeschlossen werden, dass doch ein Einfluss auf die Leistung erfolgt. Die Zukunft wird also zeigen, ob Carnitin vom Supplement ohne nachgewiesenen Nutzen im Sport zu einer interessanten Substanz mutiert. Momentan sind jedenfalls viele Fachleute noch sehr skeptisch, insbesondere wegen der hohen Menge an Kohlenhydraten, die dabei täglich getrunken werden müsste. Aktuell wird daher kaum eine Fachperson mit gutem Gewissen Carnitin empfehlen können.
(1) Fick A, Wislicenus J. Phil Mag 1866; 31:485–503.
(2) Macpherson H et al. Am J Clin Nutr 2013; 97:437–44.
£(3) Rasmussen J et al. J Inherit Metab Dis 2014; 37:223–30.
(4) Jeukendrup AE, Randell R. Obes Rev 2011; 12:841–51.
(5) Kraemer WJ et al. Curr Sports Med Rep 2008; 7:218–23.
(6) Stephens FB et al. J Physiol 2013; 591:4655–66.