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Jeff Rovin hat ein Problem: Es gibt Leute, die glauben, was in seiner Zeitung steht. Jeden anderen Chefredaktor würde das freuen, doch Rovin leitet die amerikanische Zeitung «Weekly World News», und nirgends wird offensichtlicher gelogen als in der «einzigen zuverlässigen Zeitung der Welt», wie sie im Untertitel heisst. Wer Schlagzeilen druckt wie «Hitler war eine Frau» oder «Noahs zweite Arche gefunden», erwartet alles, ausser ernst genommen zu werden. Selbst Meldungen wie jene über den Mann, der sein Auto heiratete, um eine Arbeitsbewilligung zu erhalten, finden eine Schar Leser, die glauben wollen, was sie immer schon wussten: Ausserirdische lesen unsere Gedanken, Nessie ist schwanger, und der Präsident hat den Code für die Atombombe vergessen.
Noahs zweite Arche ist übrigens gesunken. Laut «Weekly World News» entdeckte der Archäologe Adam N. Deeve das Wrack kürzlich vor den Färöern. Skelettfunde zeigen: An Bord waren Paare von Einhörnern, Pegasussen, Zentauren, Zyklopen – und ein Phönix, der das Schiff in Brand gesetzt haben soll.
Die Redaktionskonferenz von «Weekly World News» beginnt am Sonntag um 17 Uhr im «Mama Buddha» in New York. Zu dieser Zeit ist das chinesische Restaurant im Künstlerviertel Greenwich Village noch halbleer. Am runden Tisch beim Eingang sitzen Jeff Rovin, sein Sohn Michael und Ric Meyers, ein Experte für asiatische Kampfkunstfilme und Autor von Horrorgeschichten. Sie diskutieren gerade über den Unterhaltungswert von versteinerten Dinosauriernierensteinen. Michael hat die Idee aufgebracht.
«Ist das lustig?» fragt Chefredaktor Rovin skeptisch.
«Ich weiss nicht», sagt Meyers, «wäre es nicht besser, wenn die versteinerten Nierensteine eines Höhlenbewohners gefunden würden?»
«Höhlenbewohnernierensteine?» Rovin runzelt die Stirn.
«Lasst uns etwas über Kosaken machen. Kosaken hatten wir schon lange nicht mehr», sagt Meyers. «Was machen Kosaken so den ganzen Tag? Reiten?»
«Hatten wir Kosaken überhaupt schon mal?» fragt Michael Rovin.
«Das ist das Problem», sagt Meyers, «wir erinnern uns nicht mehr daran, was wir schon alles im Blatt hatten.»
Tatsächlich kam es schon vor, dass sie dieselbe Geschichte zweimal erfanden – und auch druckten.
Jede Woche 48 Seiten vollzulügen, ist schwieriger, als es scheint, zumal das Themenspektrum von «Weekly World News» eingeschränkt ist. Ihr 2004 verstorbener langjähriger Chefredaktor Eddie Clontz hat es einmal so umschrieben: «Ufos, Monster und Dinge, die man im Dschungel fand.» Er war es, der dem Blatt seinen Stempel aufdrückte.
Die Geschichte von «Weekly World News» begann wenig ruhmreich. Die Zeitung wurde 1979 nur deshalb gegründet, weil der «National Enquirer», ein Boulevardblatt aus dem gleichen Verlag, neu in Farbe erschien und die Schwarzweissdruckerpresse nicht brachliegen sollte. Die Billigzeitung war als Überlaufbecken gedacht, als letzte Heimat für Prominente, die es nicht in den «National Enquirer» schafften.
Clontz kam 1981, damals 33-jährig, zu «Weekly World News» und arbeitete sich zum Chefredaktor hoch. Unter seinem Einfluss verschwanden die klassischen Promigeschichten. Stattdessen trieb er seine Mitarbeiter mit einer Wasserpistole zu kreativen Höchstleistungen auf ganz anderem Terrain an: furzende Dinosaurier, Riesengemüse, ein Blinder, der, als er wieder sehen konnte, als erstes seine hässliche Frau verliess.
Damals wie heute teilt sich die Leserschaft in zwei gegensätzliche Gruppen. Da sind einerseits Städter, Studenten, Intellektuelle, Künstler, die «Weekly World News» als surrealistische Sozialsatire lesen und die Schlagzeilen neben Gary-Larson-Cartoons an die Bürotür hängen: «Nonne will sich von Gott scheiden lassen und verlangt das halbe Universum.» Auf der anderen Seite sind da die Leser in ländlichen Gebieten im Süden der USA, Bewohner von Wohnwagenparks, Verschwörungstheoretiker, religiöse Fun damentalisten, wild entschlossen, an nichts zu zweifeln, was in dieser Zeitung steht. Wie gross der Anteil der beiden Segmente ist, hat der Verlag nie erhoben, doch als der Wirbelsturm Katrina die südlichen USA ins Chaos stürzte, ging die Auflage zurück. «Genauer will ich gar nicht wissen, wie gross die zweite Gruppe ist», sagt Rovin.
Bei der Frage, welche Lügen «Weekly World News» den Lesern zumuten darf, kannte Eddie Clontz keine Hemmungen. Er war der Meinung, dass man sich eine gute Geschichte nicht durch Fakten verderben lassen sollte. Damals arbeiteten in Boca Raton, Florida, wo die Redaktion lange Zeit beheimatet war, an die zwanzig festangestellte Journalisten, die alle hervorragend bezahlt wurden. Eine Art Schmerzensgeld dafür, dass sie alle Hoffnungen auf einen Job im seriösen Journalismus begraben mussten. «Wir sind die Fremdenlegion des Journalismus», sagte Clontz.
Auf pünktliches Erscheinen wird bei der Redaktionskonferenz im «Mama Buddha» kein Wert gelegt. Als die vierte Schale Won-ton auf den Tisch gestellt wird, treffen Dick Siegel und Michael Simses ein. Das Gespräch ist mittlerweile zum Film «Superman returns» abgedriftet, der eben Premiere hatte. Siegel und Simses sind wie viele der Autoren, die Rovin nach seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren geholt hat, eine Mischung aus Drehbuchschreiber, Buchautor, Comic-Künstler und Filmemacher. Heute wird «Weekly World News» nicht mehr von der Fremdenlegion des Journalismus produziert, sondern von der Intelligenzija der Trivialkunst. Rovin selbst ist 55-jährig und ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor, der früher für DC-Comics gearbeitet hat. So unbekümmert und schamlos wie Clontz kann und will er seine Arbeit nicht angehen. Der Homophobie, die von «Weekly World News» oft ausging, hat er mit der Serie «Miss Abenteuer. Der schwulste amerikanische Held» ein Ende gemacht. «Ich will keine Klischees über Gruppen verbreiten», sagt Rovin, «ausser vielleicht über Dinosaurier und die religiöse Rechte.» Unter Rovin wird es keine Artikel über «die hässlichste Stripperin der Welt» mehr geben oder «Clintons dreibrüstige Praktikantin». «Ich mag schlechten Geschmack, aber es muss guter schlechter Geschmack sein.»
Diese Entwicklung hätte Clontz nicht gefallen. Unter dem Pseudonym Ed Anger wetterte er jahrelang gegen Ausländer, Yoga, Tempolimiten, Wale und Ananas auf der Pizza. Und wenn «Weekly World News» wieder einmal verkündete, im Heiligen Land seien zwei neue Gebote gefunden worden, dann verbot das erste Drogen und das zweite Homosexualität. Hinter Ed Anger verbirgt sich jetzt ein zahmer Schreiber. Heute beklagt er sich in seiner Kolumne über den Papierkrieg auf Ämtern und Geldkürzungen beim Turnunterricht.
Das ist nicht der einzige Unterschied zu früher. Auf der Suche nach Rohmaterial für ihre phantastischen Artikel verliessen sich die Redaktoren unter Clontz auf ihre Leser. «Wenn einer anruft und sagt: ‹Mein VW-Käfer wurde von einem Dinosaurier gefressen›, dann sagen wir: ‹Zeig uns, wo es passiert ist›», beschrieb Clontz seine Arbeitsweise. Vertraue deiner Quelle und stelle nicht zu viele Fragen, war sein Credo.
So gelang ihm auch sein grösster Coup. Im Frühling 1988 erhielt die Redaktion einen Anruf von Louise Welling, einer Hausfrau aus Kalamazoo, die behauptete, Elvis gesehen zu haben. Daraus wurde die berühmteste Schlagzeile von «Weekly World News»: «Elvis lebt! Der König des Rock’n’Roll täuschte seinen Tod vor und lebt in Kalamazoo, Mich.». Die Meldung ging um die Welt, und bald wurde Elvis überall gesichtet. Viele Elvis-Fans sind bis heute überzeugt, dass der Musiker immer noch unter uns weilt. Im Internet gibt es Elvis-Sichtungs-Meldestellen. Gerade eben wurde er in einem Burger King in Duluth, Minnesota, gesehen.
Die «Elvis lebt»-Meldung entpuppte sich als Geniestreich. Nicht nur, weil «Weekly World News» in dieser Woche mit 1,2 Millionen verkauften Exemplaren ihre höchste Auflage überhaupt erreichte, sondern auch, weil sie zu einer Serie von ähnlich erfolgreichen Folgegeschichten führte («Im Sarg lag ein Doppelgänger», «Das erste Interview»).
Anders als Clontz ist Rovin nicht an den Schilderungen seiner Leser über Ufos im Garten, Gespenster im Dachstock und rechnende Katzen interessiert. «Wegen des Urheberrechts», sagt er. Die Website von «Weekly World News» soll in Kürze auch Videos zu den Artikeln enthalten, und Rovin plant Ausgaben auf DVD. Da will er sicher sein, dass nicht plötzlich ein Leserbriefschreiber Tantièmen verlangt.
Die Elvis-Hysterie ist über die Jahre etwas abgeebbt. Heute verkaufen sich Seeungeheuer gut, die es an den Strand spült. «Besonders wenn gerade ein Hurrikan vorüberzog.» Immer schon beliebt waren biblische Entdeckungen («Jesu Sandale im Central Park gefunden»). Ein allzu gutes Gedächtnis darf der Leser allerdings nicht haben. Noahs Arche wurde über die Jahre schon in Tennessee, Nordkorea und auf dem Mars gefunden.
Die Auflage liegt heute nur noch zwischen 100 000 und 150 000 Exemplaren. Eine Ausgabe kostet 2 Dollar 99. Anzeigen gibt es wenig. Trotzdem schreibt «Weekly World News» schwarze Zahlen. Der Druck ist billig, und die Recherchereise auf den Mars findet im Kopf statt. Anstatt traditioneller Werbung für Haarwuchsmittel, Horoskope und Hellseher möchte Rovin mehr Geld mit Product-Placement verdienen. Kürzlich hat die Nationale Molkereigesellschaft eine Artikelserie gesponsert, in der Ausserirdische Kühe entführten, um an Milch gegen ihre schwachen Knochen heranzukommen. Gesundheitserziehung der dritten Art.
Am Nebentisch quengelt seit einiger Zeit ein Baby, das jetzt zu schreien beginnt.
Rovin schaut zu Siegel.
«Ein schreiendes Baby. Was könnte man dagegen tun?»
«Vielleicht ein Gerät, das dämpft.»
«Babyschreidämpfer?»
Siegel kritzelt etwas in seinen winzigen Notizblock. Es kommt vor, dass er in einer einzigen Ausgabe ein Dutzend Geschichten schreibt, alle unter seinem richtigen Namen. Die Redaktionsassistentin Jennifer Plastino hat dann alle Mühe, im Layout eine Häufung von Dick-Siegel-Artikeln auf der gleichen Doppelseite zu vermeiden. «Ändere einfach den Autorennamen», sagt Rovin. Als er merkt, dass sie weiter über diese Frage nachdenkt, ruft er: «Jennifer! Es spielt doch keine Rolle, es stimmt ja auch sonst nichts.»
Journalistische Regeln gelten hier oft nur, wenn man sie ins Gegenteil verkehrt. Jedem Journalistenschüler wird eingeschärft: Selbst wenn alles falsch ist, die Namen müssen stimmen. Bei «Weekly World News» wird im Gegensatz dazu peinlich darauf geachtet, dass es die genannten Personen, die in Georgia von Riesenhühnern angegriffen worden waren, auf keinen Fall gibt. Das letzte Wort haben die Anwälte des Verlags, die sich jeden Text anschauen.
Um acht Uhr hat sich die Konferenz auf zwei Tische ausgedehnt, um neun Uhr wird ein dritter hinzugeschoben und General Tso’s Chicken aufgetragen. Um zehn Uhr löst sich die Tischgesellschaft auf. Endgültige Entscheide zu Dinosauriernierensteinen, Babyschreidämpfern und den Reittieren der Kosaken sind keine gefallen. Der engere Kreis der Autoren trifft sich jeweils am Mittwoch ein zweites Mal bei Rovin. Offizielle Redaktionsräume gibt es keine.
Jeff Rovins Büro liegt im 30. Stock eines Hochhauses an der Südspitze von Manhattan, wo er mit seiner Frau, einer Schauspielerin, auch wohnt. Es ist Montagnachmittag, und er hat aus Florida eben den Illustrationsentwurf für einen Artikel bekommen über Engel, die Menschen mit Grippe anstecken. Eine wilde Fotomontage aus einem Engel, einem Priester und einem Fiebermesser. Die Schundästhetik von «Weekly World News» ist legendär. Man kann nur ahnen, wie viel Übung es braucht, um mit einem modernen Bildverarbeitungsprogramm eine so schlechte Fotomontage hinzukriegen.
Rovin möchte «Weekly World News» gerne zur reinen Satirezeitschrift weiterentwickeln. Seit 2004 steht auf der zweiten Seite der Hinweis, dass die meisten Artikel erfunden seien und der «Leser seinen Wahrheitsanspruch um der Unterhaltung willen vorübergehend unterdrücken sollte». Trotzdem gibt es da draussen immer noch ein Paralleluniversum aus Lesern die dazu nicht imstande sind. Deshalb muss der Humorgehalt jedes Artikels so austariert sein, dass er als Satire gelesen werden kann, aber auch als wahre Zeitungsmeldung durchgeht. «Wir wollen die ‹true believers› nicht vor den Kopf stossen», sagt Rovin.
Über seinem Computer blickt er auf mannshohe Stapel seiner Bücher: «Return of the Wolf Man», «Dead Rising», «Stealth War» und die Op-Center-Serie, die er für Tom Clancy schreibt. Auf dem Pult lassen ihm Dutzende von Superhelden, Monstern und Dinosauriern gerade genug Platz, um seine Arme aufzustützen.
Rovins Bücher handeln von Säbelzahntigern, die Los Angeles heimsuchen, und von futuristischen Kampfflugzeugen, die ewig in der Luft bleiben können. Doch die Tatsache, dass es immer noch Leute gibt, die glauben, was er und ein paar Freunde sich jede Woche im «Mama Buddha» ausdenken, ist auch für ihn schwer zu fassen. Genauso wie für seine Autoren. Wenn man sie fragt, ob es ihnen etwas ausmache, die Leute zu belügen, beantworten sie die Frage meistens nicht. Vielmehr erzählen sie von den seltenen Begegnungen mit solch gutgläubigen Lesern.
«Der Vater eines Bekannten hat mich einmal gefragt: ‹Wo habt ihr auch immer eure Informationen her?› Ich sagte: ‹Wir haben da unsere Quellen.› Da schaute mich meine Frau böse an, und ich gestand, dass alles erfunden sei. Am liebsten hätte ich den Mann gefragt: ‹Wie können Sie solche Geschichten nur glauben.› Aber das kam mir herzlos vor.»
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Keine Zeitung lügt dreister als die «Weekly World News». Ein Redaktionsbesuch in New York.
Jeff Rovin hat ein Problem: Es gibt Leute, die glauben, was in seiner Zeitung steht. Jeden anderen Chefredaktor würde das freuen, doch Rovin leitet die amerikanische Zeitung «Weekly World News», und nirgends wird offensichtlicher gelogen als in der «einzigen zuverlässigen Zeitung der Welt», wie sie im Untertitel heisst. Wer Schlagzeilen druckt wie «Hitler war eine Frau» oder «Noahs zweite Arche gefunden», erwartet alles, ausser ernst genommen zu werden. Selbst Meldungen wie jene über den Mann, der sein Auto heiratete, um eine Arbeitsbewilligung zu erhalten, finden eine Schar Leser, die glauben wollen, was sie immer schon wussten: Ausserirdische lesen unsere Gedanken, Nessie ist schwanger, und der Präsident hat den Code für die Atombombe vergessen.