Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/1059

Lebensmitte(l)
par Ruth Gantert
Publié le 13/10/2014
Anna Michaelis ist Reporterin von Beruf. Wörter sind ihr Arbeitsmaterial, Wörter bestimmen aber auch ihr Privatleben. Sie beglücken, verletzen, lenken ab, schützen, trösten. Fremde Wörter und Klänge faszinieren Anna seit je: Als Studentin «berührt und verwirrt» sie ein Dozent zutiefst, indem er im Seminarraum einen gotischen Text vorliest. Später heiratet sie einen Altphilologen, der ihr Wörter schenkt wie «Epithalamios». Ihre Berufsexistenz als Journalistin wird prekär; Anna leidet an «Wortüberempfindlichkeit» und erträgt keinerlei redaktionelle Eingriffe in ihre Arbeit.
Nun ist sie fünfzig, Ehefrau und Mutter zweier erwachsener Kinder. Als ihr Mann von einer jungen Frau in seinem Leben spricht, die sich ein Baby von ihm wünscht, flüchtet sich Anna, vor dem offenen Kühlschrank kauernd, reflexartig in ein Wort: «Schockfrosten». Dann packt sie ihr Handgepäck und schaltet die automatische Mailantwort ein: «Wegen einer Recherchereise im Himalaya sei sie für vier Wochen nicht erreichbar». Sie nimmt das nächstmögliche Flugzeug, fliegt von München nach Edinburgh und begibt sich dort in die Gemäldesammlung. Es ist der Anfang eines «Überlebensspiel[s] in Etappen, dessen Regeln sich ihr erst nach und nach erschließen würden». Denn Annas Zuflucht zu einem Bild – «Jakobs Kampf mit dem Engel oder Vision nach der Predigt» von Paul Gauguin – löst erstaunlicherweise wieder Wörter aus: Das Bild beginnt zu sprechen. Erst beim zweiten Besuch im Museum versteht Anna, dass die Stimme, die zu ihr spricht, nicht die Stimme des Bildes ist, sondern die einer bestimmten, gemalten Figur. Eine der jungen bretonischen Frauen, die in Rückenansicht dargestellt sind, erzählt von sich und ihren Freundinnen, vom Maler und von der Entstehung des Bildes. Sie erwähnt auch die dänische Frau des Malers, die mit den fünf Kindern in Kopenhagen lebte. So führt Annas nächste Reise nach Kopenhagen.
Dänemark war ein interkontinentaler Staat. Ein Gemeinwesen im Spagat über dem Ozean. Anna dachte an ihren Mann. War nicht jede Ehe ein interkontinentaler Staat? Normalerweise hätte sie Georg aus Edinburgh einen schottischen Pullover mitgebracht. Sie hatte sich dabei ertappt, wie sie das Angebot in seiner Größe prüfte.
Dänemark also, oder besser (oder schlechter): Warum nicht nach Dänemark, diesem interkontinentalen Staat? Nein, sie war nicht verrückt. Die Situation war es. Und sie versuchte nur, zu retten, was zu retten war. Also sich.
Innerhalb von Minuten hatte sie einen Direktflug gebucht, für den kommenden frühen Vormittag: Edinburgh–Kopenhagen.
In Dänemark besucht Anna das staatliche Kunstmuseum, und auch hier spricht eine in Rückenansicht dargestellte Frau zu ihr. Diesmal handelt es sich um Vilhelm Hammershøis «junge Frau beim Fegen». So geht Anna von einer Stadt zur anderen und von einem Bild zum nächsten. Nach Hopper in Boston, Segantini in St. Moritz, Ingres und Jacobus Vrel in Paris ist das letzte, siebte Bild als einziges das Werk einer Frau: Anna Anchers «Mädchen in der Küche» stellt die Malerin selbst dar, in Rückenansicht an der Spüle stehend. Auch diesmal spricht die Figur im roten Rock und der schwarzen Jacke, und dreht sich zuletzt um zu Anna. Sie erzählt von ihren Werdegang, ihrer Ehe mit dem Künstler Michael Anchers, mit dem sie eine Tochter hatte, und ihrer Arbeit, die sie im Gegensatz zu der begabten Freundin nie aufgab. Im letzten Bild also fällt die weibliche Stimme der dargestellten Figur zusammen mit der Stimme der Künstlerin. Und in der Künstlerstadt Skagen am Meer, in der Frauen und Männer zusammen arbeiteten und sich gegenseitig porträtierten, findet der Roman zu einem unerwarteten und doch schlüssigen Ende.
Die Erzählung in der dritten Person folgt konsequent der Perspektive der Protagonistin, in oft kurzen, knappen Sätzen. Humorvoll und genau sind die Beobachtungen des unspektakulären Alltags der Reisenden. Sich in einer fremden Stadt bewegen, essen und trinken, Unbekannten begegnen: Hier spürt man das Talent der Reporterin (Figur und Autorin teilen sich den Beruf). «Hingabe und Abstand» brauche es für eine gute Reportage, sagt Anna Michaelis einmal, «Reportagen aus der Intimität» nennt die Autorin ihre Romane. Auch in Sie dreht sich um geht es um Intimes, wobei nicht die Ehegeschichte im Vordergrund steht, sondern eher die menschliche Existenz im Vergehen der Zeit. In der Mitte ihres Lebens angekommen, «in der Katastrophe» ihrer wankenden Ehe schaut Anna zurück, wie die Figur im Bild «Die Lebensalter der Frau», das in der Frits Lugt Collection im Hôtel Turgot ein Frauenleben in Zehnjahresschritten festhält, vom Kleinkind zur Greisin.
Der Lebenszenit war mit fünfzig Jahren gegeben. Hier wandte die Frau sich um, zurück zu ihren vergangenen Altersstufen, dabei neigte sie sich über ein Buch.
Im Roman geht es auch um die Kunst und um die Art, mit ihr in den Dialog zu treten. Nicht alle haben wie Anna das Glück, dass Bilder mit ihnen zu sprechen beginnen. Wie entsteht eine Beziehung zur Malerei? «Man muß mit den Bildern allein sein. Man muß sich vor den Audiogeräten hüten», rät Anna, und selbst die Lektüre des Katalogs ist eine zweischneidige Sache.
Das Leben des Malers war ihr mittlerweile vertrauter. Es war paradox. Das Wissen öffnete das Erleben und verschloss es zugleich. Weil man Gefahr lief, nur noch zu sehen, was man schon kannte. Bis man schließlich nichts mehr sah.
Wissen über die Bilder zu vermitteln und gleichzeitig das Erleben zu öffnen – das gelingt Angelika Overath in Sie dreht sich um.