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SDG 5
Geschlechtergleichheit
In der Vergangenheit gab es stets mehr Raucher als Raucherinnen. Doch insbesondere in den Industrieländern und bei jungen Frauen kehrt sich der Trend gerade um. Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in einigen europäischen Ländern wie Griechenland, Dänemark, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und dem Vereinigten Königreich. Im Jahr 2018 rauchten in Europa 19 % der Frauen, weltweit waren es 9 %.[1] Die Schweiz bildet hier keine Ausnahme: 2017 rauchten 23,3 % der Schweizerinnen, ein Anteil, der seit zehn Jahren praktisch unverändert hoch ist.[2] Dies steht in Kontrast zum fünften Ziel der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, wonach Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigt und rechtlich gleichgestellt werden sollen.
Bei Frauen wird Nikotin rascher abgebaut als bei Männern. Aus diesem Grund kommt es bei ihnen schneller zur Entwicklung einer Tabakabhängigkeit.[3] Sie rauchen auch nicht aus den gleichen Gründen wie männliche Raucher. Emotionale Verwundbarkeit, geringes Selbstwertgefühl und depressive Verstimmungen sind die wichtigsten prädiktiven Faktoren für den Tabakkonsum bei Frauen. Bei Frauen dient die Zigarette zum Stressabbau sowie zur Kontrolle von Emotionen und Ängsten, vorwiegend im beruflichen Kontext.[4]
Auch die Auswirkungen des Tabaks auf die Gesundheit sind bei Frauen nicht die gleichen wie bei Männern.[5] Von den 8,7 Millionen Menschen, die jährlich an den Folgen des Rauchens sterben, sind 2,15 Millionen Frauen.[6] Sie sind anfälliger für die Entwicklung einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), zeigen eine raschere Verschlechterung der Lungenfunktion und sind bei Krankheitsbeginn jünger.[7]
Das Risiko für Lungenkrebs[8], Herz-Kreislauf-Erkrankungen[9] oder ein abdominales Aortenaneurysma ist bei Frauen ebenfalls höher. Und sie leiden stärker unter den Auswirkungen des Passivrauchens, vor allem in der eigenen Wohnung. An dessen Folgen sterben jährlich 600'000 Frauen, das entspricht einem Anteil von 64 % an den weltweiten Todesfällen durch Passivrauchen.[10] Da Frauen eher «Light»-Zigaretten bevorzugen, tragen sie ausserdem ein höheres Risiko, ein Adenokarzinom zu entwickeln. Diese Krebsart wird mit Zigarettenfiltern und einem niedrigen Teergehalt in Zusammenhang gebracht.[11]
Darüber hinaus begünstigt das Rauchen eine Reihe von Krankheiten, die ausschliesslich Frauen betreffen, z. B. Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, Eierstockkrebs und Osteoporose. Frauen im gebärfähigen Alter sind besonders von den gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens betroffen, da es ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen, das Wachstum des Ungeborenen verlangsamen oder fetale Fehlbildungen hervorrufen kann.[12] Zigarettenkonsum kann ausserdem zu einem früheren Eintritt der Wechseljahre führen, wodurch sich das Risiko von Knochen- und Herzerkrankungen sowie von Brustkrebs erhöht.[13]
Auch beim Rauchstopp sind Frauen gegenüber Männern benachteiligt. Frauen lassen sich zur Rauchentwöhnung seltener Medikamente auf Nikotinbasis verschreiben. Zudem sind solche Präparate im Hinblick auf die Linderung von Entzugssymptomen bei Frauen weniger wirksam. Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Rückfallrate bei Frauen höher ist, insbesondere nach sechsmonatiger Abstinenz.[14]
Trotz der Risiken, mit denen Raucherinnen konfrontiert sind, richtet die Tabakindustrie weiterhin ihre Werbekampagnen auf diese Bevölkerungsgruppe aus. Begonnen hat dies in den 1920er Jahren mit der Etablierung von Marlboro als «weicherer» Marke für Frauen – lange bevor der bekannte Cowboy zum Gesicht der Marke wurde. Dies setzte sich fort in den 1950er bis 1970er Jahren, mit der Einführung von Marken mit weiblich konnotierten Namen wie Capri, Vogue, Eve, Glamour oder Kiss. Auf dem Schweizer Markt brachte die British American Tobacco Gruppe die Marke Mary Long auf den Markt, deren gelbe Packung ein gepflegt anmutendes Pin-up zierte.
In den 1960er und 1970er Jahren stellten die Zigarettenhersteller das Rauchen in den Kontext der Emanzipationsbewegung der Frauen und starteten vermehrt Werbekampagnen, in denen Raucherinnen als unabhängige, moderne Frauen dargestellt wurden. Im selben Zeitraum brachten sie «Light»-, «Slim»- und Menthol-Versionen ihrer Zigaretten auf den Markt, die sich eindeutig an ein weibliches Publikum richteten. Man schreckte auch nicht davor zurück, das Rauchen mit einer Gewichtsreduktion gleichzusetzen.
Auch heute nimmt die Tabakindustrie noch immer massiv Frauen ins Visier.[15] Sie hat diese sogar zur vorrangigen Zielgruppe gemacht, um die bei Männern rückläufigen Raucherzahlen wettzumachen. In Werbekampagnen für neue Tabakerzeugnisse werden besonders Frauen angesprochen. So hat etwa die Firma Philip Morris für ihr Tabakerhitzungssystem IQOS zahlreiche weibliche Influencerinnen angeworben – darunter auch das Schweizer Model Tamy Glauser –, die in den sozialen Netzwerken mit den Produkten der Firma posieren. Auch das in einer Vielzahl von Pastelltönen erhältliche Tabakerhitzungsgerät selbst liebäugelt vor allem mit dem weiblichen Publikum. Jüngst legte eine Marketingkampagne Frauen zudem nahe, das Gerät in der zu ihrem Lippenstift passenden Farbe zu wählen.[16]
Um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, sollten Sensibilisierungskampagnen zu den Auswirkungen des Tabakkonsums und Rauchstopp-unterstützende Massnahmen gezielter auf Frauen zugeschnitten werden. Bei Angst vor einer Gewichtszunahme kann beispielsweise auf Nikotinersatzpräparate zurückgegriffen werden. Desgleichen sollten die Gesetze zur Reglementierung der Tabakwerbung Kampagnen, die gezielt Frauen ansprechen, verbieten. Die Einführung neutraler Zigarettenverpackungen in mehreren Ländern ist unter diesem Gesichtspunkt ein Schritt in die richtige Richtung.
[4] Wray JM, Gray KM, McClure EA, Carpenter MJ, Tiffany ST, Saladin ME. Gender differences in responses to cues presented in the natural environment of cigarette smokers. Nicotine Tob Res Off J Soc Res Nicotine Tob. 2015;17(4):438-442 et al’Absi M, Nakajima M, Allen S, Lemieux A, Hatsukami D. Sex differences in hormonal responses to stress and smoking relapse: a prospective examination. Nicotine Tob Res Off J Soc Res Nicotine Tob. 2015;17(4):382-389
[5] European Institute of Women’s Health (EIWH) (2017): Women and Smoking in the EU. Dublin. Online verfügbar unter https://eurohealth.ie/.
[7] Cote CG, Chapman KR. Diagnosis and treatment considerations for women with COPD. Int J Clin Pract. 2009;63:486-93.
[8] Freedman ND, Leitzmann MF, Hollenbeck AR, Schatzkin A, Abnet CC. Cigarette smoking and subsequent risk of lung cancer in men and women: analysis of a prospective cohort study. Lancet Oncol. 2008;9:649-56.
[9] Huxley RR, Woodward M. Cigarette smoking as a risk factor for coronary heart disease in women compared with men: a systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. Lancet. 2011;378:1297-305.
[12] Szkup M, Jurczak A, Karakiewicz B, Kotwas A, Kope? J, Grochans E. Influence of cigarette smoking on hormone and lipid metabolism in women in late reproductive stage. Clin Interv Aging. 2018;13:109-15.
[14] Smith PH, Kasza KA, Hyland A, et al. Gender differences in medication use and cigarette smoking cessation: results from the International Tobacco Control Four Country Survey. Nicotine Tob Res Off J Soc Res Nicotine Tob. 2015;17(4):463-472. doi:10.1093/ntr/ntu212.
[15] Bienlein, Martin (2021): Frauen und Jugendliche zuerst. Marketing der Tabakindustrie und des Tabakhandels – Werbung, Sponsoring und Verkaufsförderung in der Schweiz. Bern: Schweizerische Gesellschaft für Gesundheitspolitik (SGGP) (141). https://www.at-schweiz.ch/?id=69&Frauen-und-Jugendliche-zuerst-das-neue-Buch-zum-Tabakmarketing-in-der-Schweiz#neuigkeiten-und-blog-beitrage