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René Kurt, AEH Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG
René Kurt ist Sicherheitsingenieur EigV bei AEH. Als Chemiker und Gefahrgutbeauftragter beantwortet er häufig gestellte Fragen im Zusammenhang mit Gefahrstoffen und Gefahrgut.
Gefahrstoffe
Woran sind Gefahrstoffe zu erkennen?
Im Handel erhältliche Gefahrstoffe müssen gemäss CLP-Verordnung mit den entsprechenden Gefahrensymbolen gekennzeichnet sein. Die Piktogramme sind rot umrandete, auf der Spitze stehende weisse Rhomben, die jeweils eine markante Darstellung der entsprechenden Gefahr aufweisen.
Wo erhalte ich Informationen zu einem gefährlichen chemischen Stoff oder einer gefährlichen Zubereitung?
Für chemische Stoffe oder gefährliche Zubereitungen gibt es jeweils ein EG-Sicherheitsdatenblatt. Der Hersteller stellt darin Informationen über Gefährdungen und geeignete Schutzmassnahmen zusammen. Das Sicherheitsdatenblatt wird mit dem Gefahrstoff abgegeben oder muss beim Lieferanten eingefordert werden.
Wann ist eine Betriebsanweisung zu erstellen?
Das Erstellen einer Betriebsanweisung ist in der Schweiz freiwillig. Wenn im Betrieb mehrere Mitarbeiter mit einer gefährlichen Substanz umgehen müssen, empfiehlt es sich, dafür eine Betriebsanweisung zu erstellen.
Welche Betriebe brauchen eine Chemikalien-Ansprechperson?
Betriebe die beruflich oder gewerblich mit gefährlichen Chemikalien umgehen, müssen eine Chemikalien-Ansprechperson bezeichnen. Die Chemikalien-Ansprechperson ist Bindeglied zwischen dem Betrieb und den kantonalen Vollzugsbehörden. Es liegt in der Verantwortung des Betriebs, dafür zu sorgen, dass die Chemikalien-Ansprechperson zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben entsprechend ausgebildet wird.
Die Chemikalien-Ansprechperson muss den kantonalen Behörden folgende Fragen beantworten können:
l�Welches sind die chemikalienrechtlichen Pflichten des Betriebs?
l�Wer ist verantwortlich für den Verkauf, die Etikettierung, die Sicherheitsdatenblätter?
l�Wer ist verantwortlich für die Lagerung und Entsorgung von Chemikalien?
l�Wer meldet gefährliche Chemikalien bei den Behörden?
l�Wer verfügt allenfalls über eine Fachbewilligung oder Sachkenntnis?
l�Wer muss Weisungen der Vollzugsbehörden an die internen verantwortlichen Stellen weiterleiten?
Betriebe, die als Hersteller gefährliche Chemikalien verkaufen und Sicherheitsdatenblätter erstellen müssen oder Fachbewilligungen bzw. Sachkenntnis benötigen, müssen die Chemikalien-Ansprechperson unaufgefordert den Vollzugsbehörden in ihrem Kanton melden. Alle übrigen Betriebe müssen sie nur auf Anfrage bekannt geben.
Wann braucht es Sachkenntnis?
Kunden, die gewisse gefährliche Stoffe und Zubereitungen erwerben, müssen kompetent über die Gefahren, die erforderlichen Schutzmassnahmen und die vorschriftgemässe Entsorgung dieser Chemikalien informiert werden.
Sachkenntnispflichtig ist, wer folgende Stoffe oder Zubereitungen gewerblich abgibt:
Gruppe 1 an berufliche Verwender, Gruppe 2 an private Verwender (siehe Merkblätter unter www.chemsuisse.ch). Die Abgabe dieser Produkte darf nur durch Personen mit Sachkenntnis oder unter Anleitung einer sachkundigen Person erfolgen.
Der Zwischenhandel von Chemikalien untersteht nicht der Sachkenntnispflicht.
Zentrales Anliegen der Sachkenntnispflicht ist die Kundenberatung. Jeder Kunde soll bei der Abgabe eines chemischen Produktes über folgende Punkte informiert werden:
l�die vorgesehenen Verwendungszwecke
l�die besonderen Gefahren
l�die fachgerechte Handhabung und Schutzmassnahmen
l�die Lagerung resp. die kindersichere Aufbewahrung
l�die korrekte Entsorgung
l�die Erste-Hilfe-Massnahmen und die Notrufnummern
Bei der Umsetzung der Kundenberatung resp. der Sachkenntnisanforderungen durch die Betriebe gibt es Spielräume. Es muss nicht zwingend jede Verkaufsperson Sachkenntnis haben. Verkaufspersonen ohne Sachkenntnis können durch den Sachkenntnisträger angeleitet werden. Sie müssen aber mindestens die Produkte genau kennen, die sie abgeben. Diese Kenntnisse werden als «produktspezifisches Wissen» bezeichnet. Die Kundenberatung kann auch von einer Zentrale aus durch einen Sachkenntnisträger erarbeitet und an die «Aussendienstmitarbeiter» weitergegeben werden. Für die Anleitung ist der Sachkenntnisträger verantwortlich. Zur Anleitung gehört auch eine Dokumentation um nachzuvollziehen, wie die Anleitung erfolgte.
Wer braucht eine Fachbewilligung?
Für den Einsatz von ausgewählten Chemikalien im Kundenauftrag oder im öffentlichen Bereich braucht es eine Fachbewilligung. Die Fachbewilligungspflicht gilt für folgende Bereiche:
l�Pflanzenschutzmittel
l�Schädlingsbekämpfung im Auftrag Dritter
l�Mittel und Verfahren zur Desinfektion des Badewassers in Gemeinschaftsbädern
l�Begasungsmittel für die Schädlingsbekämpfung
l�Holzschutzmittel oder
l�Kältemittel
Das BAG und das BAFU sorgen in Zusammenarbeit mit den betroffenen Verbänden und Institutionen dafür, dass Kurse und Prüfungen angeboten werden.
Wie muss man brennbare Flüssigkeiten lagern?
Für die Lagerung von brennbaren Flüssigkeiten sind die VKF Brandschutzrichtlinie 26-15 «Gefährliche Stoffe» sowie die entsprechenden Richtlinien der EKAS und der Suva verbindlich. Bis 100 Liter hat die Lagerung in nicht- oder schwerbrennbaren, belüfteten und besonders bezeichneten Schränken mit Auffangwanne zu erfolgen.
Welche Stoffe muss man in oder über Auffangwannen lagern?
Bei der Lagerung von gefährlichen Stoffen (fest oder flüssig) müssen geeignete Massnahmen getroffen werden. Bei einer Havarie muss bspw. die Auffangwannen mindestens das Volumen des grössten Gebindes aufnehmen können.
In Gebieten der Grundwasserschutzzonen S1 und S2 ist die Lagerung von wassergefährdenden Flüssigkeiten nicht zulässig.
Gefahrgut
Welche Regeln gelten für den Umgang mit Gefahrgut?
«Gefährliche Güter» sind Stoffe und Gegenstände, von denen auf Grund ihrer Natur, ihrer Eigenschaften oder ihres Zustandes im Zusammenhang mit der Beförderung Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung, insbesondere für die Allgemeinheit, für wichtige Gemeingüter, für Leben und Gesundheit von Menschen und Tieren sowie für die Umwelt ausgehen können. Sobald Stoffe oder Gegenstände mit gefährlichen Eigenschaften auf öffentlichen Verkehrswegen oder auf öffentlichem Grund transportiert werden, sind Bestimmungen des jeweiligen Gefahrgutrechts einzuhalten.
Der grenzüberschreitende Verkehr richtet sich nach dem Europäischen Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Strasse (ADR). Angelehnt an diese gelten in der Schweiz zusätzlich die Verordnung über die Beförderung gefährlicher Güter auf der Strasse (SDR) und die Gefahrgutbeauftragtenverordnung (GGBV).
Das ADR und die GGBV legen die Aufgaben und Pflichten der Unternehmen fest, die in mindestens einer der folgenden Funktionen in den Transport von Gefahrgut eingebunden sind:
l�Verpacken
l�Einfüllen
l�Versenden
l�Laden
l�Befördern
l�Entladen von Gefahrgut
Woran erkennt man ob ein Gefahrstoff auch ein Gefahrgut ist?
Nicht jeder Gefahrstoff muss zwingend auch Gefahrgut sein. Im Sicherheitsdatenblatt unter Abschnitt 14 steht, ob es sich um ein Gefahrgut handelt oder nicht.
Welche Freistellungen beim Gefahrguttransport gibt es?
Der Transport in begrenzten Mengen, auch Limited Quantities LQ genannt ist frei gestellt. Gerade bei der Beförderung von Spraydosen, Farben und Lacken, Parfümerieerzeugnissen und Kosmetika wird diese Erleichterung gerne in Anspruch genommen. Sie begründet sich auf der Annahme, dass das Gefährdungspotenzial eines Gefahrgutes abnimmt, wenn man dieses in viele kleine Einheiten verpackt. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die transportierten Stoffe auch in geringen Mengen gefährlich sind, und mit ihnen sorgfältig und vorsichtig umgegangen werden muss.
Wie ermittle ich die zulässige Höchstmenge für das Gefahrgut?
Für die jeweilige UN-Nummer eines Stoffes befindet sich – zum Teil im Sicherheitsdatenblatt Abschnitt 14 oder in Spalte 7a in der Gefahrgutliste (Tabelle A Abschnitt 3.2 ADR) – der absolute Wert mit Masseinheit für die begrenzte Menge. Diese stellt die Höchstmenge je Innenverpackung dar.
Ein Transport in begrenzten Mengen ist nur in zusammengesetzten Verpackungen also Innen- plus Aussenverpackung mit einer Gesamtbruttomasse von maximal 30 kg gestattet. Die Verpackungen müssen nicht bauartgeprüft mit UN-Codierung sein. Aus Sicherheitsgründen ist es aber empfehlenswert, solche zu verwenden. Wenn sich verschiedene Gefahrgüter in einer Aussenverpackung befinden, müssen Sie unbedingt sicher stellen, dass keine gefährlichen Reaktionen zwischen den Stoffen möglich sind.
Was ist mit Spraydosen?
Für Druckgasverpackungen (Spraydosen) ist keine Innenverpackung erforderlich.
Wie muss ich die Aussenverpackung kennzeichnen?
Die Mindestabmessung für das LQ-Symbol beträgt 100×100 mm. Wenn die Grösse des Versandstückes es erfordert, dürfen die Abmessungen auf bis zu 50×50 mm, aber nicht kleiner, reduziert werden. Bei flüssigen Stoffen sind zusätzlich an zwei gegenüberliegenden Seiten der Verpackung Ausrichtungspfeile anzubringen.
Was muss der Transporteur wissen?
Wenn Sie als Absender einen Transporteur mit der Beförderung von Gefahrgütern in begrenzten Mengen beauftragen, sind Sie verpflichtet, ihn über die Bruttomasse der zu versendenden Güter in nachweisbarer Form zu informieren. Es ist zwar kein Beförderungspapier vorgeschrieben, aber es empfiehlt sich, auf dem Frachtbrief bzw. dem Lieferschein zu vermerken, dass es sich um einen Transport von begrenzten Mengen handelt.
Was ist die 1000 Punkte-Regelung?
Bei Anwendung der 1000 Punkte-Regelung nach Unterabschnitt <ip-pii> ADR, dürfen Gefahrgüter auch ohne ADR-Schein und Kennzeichnung des Fahrzeugs mit orangefarbener Warntafel transportiert werden.
Wie funktioniert diese?
Ermitteln Sie zuerst anhand der UN-Nummer des Stoffes, die Sie entweder aus Ihrem Beförderungspapier oder dem Sicherheitsdatenblatt entnehmen können, die richtige Beförderungskategorie. Sie befindet sich in Spalte 15 der numerischen Gefahrgutliste (Tabelle A) des ADR oberhalb des Tunnelbeschränkungscodes. Aus der Tabelle der höchstzulässigen Mengen in Unterabschnitt <ip-pii>.3 ergeben sich dann aus diesem Wert die Gesamtmengengrenzen pro Stoff je Beförderungseinheit (bedeutet Zugfahrzeug + Anhänger). Die Punkte errechnen sich durch Multiplikation der Menge des Stoffes mit dem Risikofaktor aus der Beförderungskategorie.
Was muss ich bei der 1000 Punkte-Regelung nicht beachten?
l�Es ist kein besonderes Fahrzeug vorgeschrieben.
l�Es sind keine schriftlichen Weisungen nötig.
l�Eine Kennzeichnung der Beförderungseinheit mit Warntafeln und Grosszetteln (Placards) ist nicht erforderlich.
l�Es ist auch kein ADR-Schein verlangt.
Welche Vorschriften sind trotz Befreiung zu beachten?
l�Die Klassifizierung hat nach ADR Teil 2 zu erfolgen.
l�Die Kennzeichnungs- und Verpackungsvorschriften sind einzuhalten.
l�Ein Beförderungspapier mit der Angabe von Mengen, Stoffen und Anzahl Punkten muss mitgeführt werden.
l�Die Zusammenladeverbote beachten.
l�Einen gewarteten 2 kg Feuerlöscher mitführen.
l�Während der Ladetätigkeit Rauchverbot einhalten.
l�Die Grundunterweisung über die Bestimmungen beim Befördern von gefährlichen Gütern nach ADR 8.2.3 muss gemacht und dokumentiert werden.
Was ist die «Handwerkerregel»?
Das Gefahrgutrecht sieht vor, dass für Handwerker unter bestimmten Voraussetzungen erleichterte Transportvorschriften gelten. Berufsgattungen, welche von diesen Erleichterungen profitieren können, sind beispielsweise Bauberufe im Hoch- und Tiefbau, Reinigungspersonal, Abwarte, Forstwarte, Gärtner, Landwirte, Maler, Garagenbetriebe, TCS-Patrouilleure, Tankreiniger, Tankrevisoren, Heizungsmonteure, Dachdecker, Spengler, Sanitärinstallateure, Servicemonteure, Gastwirte, Störmetzger und Schädlingsbekämpfer.
Zu beachten ist:
- a) �Der Fahrer oder die mitfahrenden Handwerker verwenden die gefährlichen Güter ausschliesslich im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit.
- b) �Pro Verpackung/Gebinde darf nicht mehr als 450 Liter Gefahrgut enthalten sein.
- c) �Mitgeführt werden darf der üblicherweise verwendete Tagesbedarf am Einsatz-/Arbeitsort und von dort aus wieder zurück. Die Höchstmenge von 1000 Punkten darf dabei nicht überschritten werden.
- d) �Die Verpackungen müssen geeignet, stabil und dicht verschlossen sein.
- e) �Die Ladung muss ausreichend gegen Verrutschen und Umkippen gesichert sein. Hierzu können Zurrgurte, Netze, Transportschutzkissen oder angebrachte Halterungen verwendet werden.
f)� �Interne und externe Versorgungsfahrten sind im Rahmen dieser Erleichterung nicht gestattet. Versorgungsfahrten sind beispielsweise:
l�Einem Spengler geht am Einsatzort das Gas aus. Er lässt sich von seinem Betrieb Gasflaschen nachliefern.
l�Ein Werkstattleiter einer Tiefbaufirma versorgt verschiedene Baustellen mit Diesel.
l�Der Transport von Treibstoff ab Tankstelle ins Lager des Betriebes.
Alle Freistellungen nach ADR 1.1.3. sind miteinander kumulierbar! Die Freistellungen nach <ip-pii>.2 (LQ) und <ip-pii> (1000 Punkte) dürfen demnach frei miteinander kombiniert werden. Die LQ Sendungen geben keine Punkte, erfordern aber eine Kennzeichnung des Fahrzeugs ab acht Tonnen brutto.
Muss man Pakete, die nebst anderen Artikeln ein oder mehrere Gebinde mit Gefahrgut enthalten, kennzeichnen?
Ja, diese Pakete müssen als «LQ» nach ADR Kapitel 3.4 verpackt und gekennzeichnet werden.