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Es begann mit einer skurrilen Google-Anzeige:
Sind Sie Jude? Haben Sie jüdische Wurzeln? Sind Sie ein Levi oder ein Cohen? Mit einem DNA-Test von iGENEA kann Ihr DNA-Profil auf diese Merkmale hin untersucht werden.
Nachdem ich mich überzeugt habe, dass die Webseite der Zürcher Firma iGENEA kein Fake war, begann ich zu recherchieren: Was will und kann ein derartiger Test genau besagen und aufgrund welcher biologischen Merkmale tut er das? In einem der gefundenen Zeitungsinterviews berichtete die Firmeninhaberin, Joelle Apter – deren eigene jüdische Zugehörigkeit stets betont wurde –, dass die angebotenen DNA-Tests in der jüdischen Gemeinde sehr beliebt seien.
Nun fragte ich mich, warum Menschen, die von sich wissen, dass sie jüdisch sind und entsprechend sozialisiert wurden – egal, ob religiös oder im Sinne einer gewissen kulturellen Zugehörigkeit – ein derartiges Angebot ernsthaft in Anspruch nehmen. Denn so innovativ die angewandten technischen Mittel auch sein mögen, so keineswegs neu ist die Hypothese von der Existenz eines „jüdischen Gens". Die Tatsache, dass ausgerechnet JudInnen, deren Geschichte so einschneidend von derartigen biologistischen Entwürfen geprägt war, sich diese zu eigen machen, fand ich unbegreiflich.
Diese irritierende Enddeckung gab mir den Anstoss, den verschiedenen existierenden Interpretationen des Jüdisch-Seins einmal nachzugehen. Ich habe viele Gespräche mit Menschen in den Ländern geführt, in denen ich selbst gelebt habe: die ehemalige Sowjetunion, Israel, Deutschland und die Schweiz.
Mein Vorgehen funktionierte dabei nach dem Kettenprinzip: Mit meinem auf Video aufgenommenen Statement ging ich zur nächsten Person, zeigte ihr die Aufnahme, zeichnete ihre Reaktion darauf auf und ging zur nächsten Person u.s.f. Dabei habe ich keine Fragen gestellt, sondern die thematischen Wendungen der Statements meinen ProtagonistInnen überlassen. Durch die Möglichkeit, über die Reihenfolge der Gespräche zu bestimmen, erlangte ich eine gewisse dramaturgische Gestaltungsfreiheit.
Entstanden ist eine Kette aus 45 Positionen, die sehr unterschiedlich, zum Teil äusserst kontrovers über ihre Bezüge zum Jüdisch-Sein sprechen, von traditionell lebenden westeuropäischen JüdInnen, über atheistisch aufgewachsenen, sich der jüdischen Kultur zugehörigen OstjüdInnen, bis hin zu Konvertierten, Sich-Losgesagten, Gläubig-Gewordenen, Ganz-, Halb-, Viertel- oder Möchtegern-JüdInnen. Die aufgezeichneten Statements zeigen nicht nur sehr unterschiedliche Interpretationen des Jüdisch-Seins. Der Begriff der jüdischen Identität an sich zeigt sich in ihrer Gegenüberstellung als eine Konstruktion.
Das Projekt mündete in einer Kunstpublikation The DNA-Project, die ich zweisprachig im österreichischen Bucherverlag in Zusammenarbeit mit den Zürcher Grafikerinnen Tarzan+Jane herausgebracht habe. Das Format eines Buchs ermöglichte es, mir die Linearität, die für das Konzept so entscheidend war, konsequent beizubehalten und dabei das Gesprochene kompakter und handlicher zu verarbeiten, als es bei einer mehrstündigen Videoarbeit möglich gewesen wäre.
Die Publikation The DNA-Project ist im Bucher Verlag Hohenems-Wien-Vaduz im Juni 2012 erschienen.
Herausgegeben von: Marina Belobrovaja
Übersetzung: Sascha Hosters und Johannes Kleine (Deutsch/Englisch)
Lektorat: Cornelia Wieczorek, Peter Natter
Videostills: Marina Belobrovaja
Gestaltung: Tarzan+Jane
ISBN 978-3-99018-119-5
EUR 18,50 / CHF 23,00
Mit besonderem Dank an Katarina Holländer und Hanno Loewy, die mir die Initialzündung für dieses Vorhaben geliefert und seine Umsetzung begleitet haben, an meine Eltern Larisa und Efim Belobrovy für den aufreibenden inhaltlichen Austausch und die enorme organisatorische Hilfe, an das Jüdische Museum Hohenems, Ilse Stammer und die Georges und Jenny Bloch-Stiftung für die finanzielle Unterstützung und an alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner, ohne die dieses Projekt nie zustande gekommen wäre.
Sergey Schigoll hat wesentlich zur Entstehung dieser Arbeit beigetragen. Nach einem unfassbaren Unfall kämpft er seit Jahren um sein Leben. Diese Publikation ist Sergey gewidmet.