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Das Welterbekomitee (WHC) beobachtete mit «grösster Sorge» die verschiedenen Grossprojekte, welche von der Regierung im Selous vorangetrieben wurden. Es erklärte, grosse Staudämme und Bergbaue seien mit dem Welterbestatus unvereinbar, da sie «den aussergewöhnlichen universellen Wert des Selous ernsthaft und irreversibel schädigen» würden. WHC forderte fortan und bei jeder Gelegenheit den Vertragsstaat auf, «die Pläne für die verschiedenen Entwicklungsprojekte, die mit dem Welterbestatus des Schutzgebietes unvereinbar sind, aufzugeben».
Gleichzeitig stimmte das WHC einer Grenzveränderung zu. Etwa 300 Quadratkilometer an der südöstlichen Ecke des Reservats wurden degradiert, um den Uranabbau am Mkuju-Fluss zu erleichtern. Die Regierung hatte die Erschliessung dieser Mine jahrelang unter Verletzung der Konventions-Regeln zugelassen. Es waren Fakten geschaffen worden, die das Welterbekomitee mehr oder weniger akzeptieren musste.
Die Entscheidung machte jedoch deutlich, dass die internationale Gemeinschaft von Tansania erwartete, keine Entwicklungen mehr «ohne Zustimmung des WHC im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone» durchzuführen. Tansania stimmte zu und unterzeichnete – die Uranlagerstätte lag jetzt nicht mehr innerhalb des Reservats. Der Plan Tansanias zum Bau des Damms wurde jedoch unverändert fortgesetzt.
«Illegitime Intervention in tansanische Angelegenheiten»
1982 beschloss das Welterbekomitee, das zwischenstaatliche Entscheidungsgremium der Welterbekonvention, das Selous Game Reserve in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Damit wurde der «Herausragende Universelle Wert» dieses riesigen Reservats geehrt. Es ist das älteste Schutzgebiet Afrikas und mit seinen über 50’000 Quadratkilometern grösser als die Schweiz. Ähnlich wichtige Schutzgebiete in Tansania sind die Serengeti, Ngorongoro und der Kilimandscharo.
Der Ehrentitel wurde nach dem Vorschlag und Antrag der Regierungen und nach intensiven Prüfungen durch die IUCN verliehen. Es mutete daher grotesk an, als in den letzten Jahren führende tansanische Politiker die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wegen «illegitimer Intervention in tansanische Angelegenheiten» kritisierten – dies, nachdem das Welterbekomitee die tansanische Regierung verpflichtet hatte, die Regeln der Konvention im Selous zu respektieren. Die UNESCO leitet das Sekretariat der Konvention. Sie soll überwachen, wie die Mitgliedstaaten ihre eigenen Verpflichtungen einhalten.
Bergbau ist in Welterbe-Landschaften nicht erlaubt. Die grossen internationalen Bergbauunternehmen haben mit der Konvention eine Vereinbarung getroffen, dort keine Rohstoffe zu suchen oder zu fördern. Aber: viele kleinere oder dubiose Unternehmen haben diese Vereinbarung nie unterzeichnet. So beteiligte sich die tansanische Regierung In den 90er-Jahren an der Suche nach Uran im Selous Game Reserve. Schliesslich erlaubte sie sogar einem kanadischen Unternehmen, eine Uranmine in der südwestlichen Ecke des Reservats aufzubauen.
Die Welterbekonvention war nicht amüsiert. Nach einem ausführlichen und kritischen Dialog und trotz der Proteste wichtiger Akteure, insbesondere aus dem Naturschutz, wurde dann aber doch während der COP 2012 in Sankt Petersburg eine Grenzveränderung vereinbart.
Massenweise Bergbaukonzessionen statt Schutz des Weltnaturerbes
Die Übereinkunft war ein Abkommen, das einem heillosen Durcheinander entwuchs. Obwohl es sich um eine «signifikante» Grenzveränderung handelte, wurde sie zur Erleichterung der Verfahren als «kleine» Grenzveränderung» verniedlicht. So sah sich das über 300 Quadratkilometer weite Minengebiet «Mkuju River» offiziell aus dem Weltkulturerbe entfernt. Nicht aber aus dem Reservat, da dies eine Änderung des tansanischen Rechts erfordert hätte.
Der Deal war im Grunde unvermeidlich, da bereits Millionen von Dollar in die Mine investiert worden waren und der Zeitpunkt der Umkehr Jahre zuvor überschritten worden war. Die Regierung hatte einfach Fakten geschaffen – und die Konvention überlistet. Um dies in Zukunft zu vermeiden, wurde auf der 36. Tagung des Welterbekomitee in Sankt-Petersburg (2012) vereinbart, dass Tansania im Selous Game Reserve und seiner Pufferzone keine Entwicklungsaktivitäten durchführen wird ohne Zustimmung des Komitees.
Aber wiederum hat die tansanische Regierung die vereinbarten Verpflichtungen aus dem Abkommen nicht eingehalten. Unter anderem gewährte sie weitere 34 Bergbaukonzessionen im Reservat. Überdies begann sie mit der Entwicklung des nächsten Grossprojekts – des Staudamms an der Stiegler-Schlucht am Rufiji – und dies mitten in der Tourismuszone des Reservats.
Anstatt die Mine des Flusses Mkuju als einzige Ausnahme zu betrachten, wurde sie als Präzedenzfall verwendet. Dies mit dem Argument, auch der Staudammbereich des Stieglers könne aus dem Reservat herausgeschnitten werden. Für die UNESCO hingegen ist kristallklar: «Der Bau von Dämmen mit grossen Reservoirs innerhalb der Grenzen der Welterbegebiete ist mit ihrem Welterbestatus unvereinbar». (Beschluss 40 COM 7, Istanbul/UNESCO 2016).
Stiegler-Damm: 1'200 Quadratkilometer unter Wasser
Die zentrale Begründung für den Damm ist Strom. Nur ein Drittel der tansanischen Bevölkerung hat Zugang zu Strom, in ländlichen Gebieten weniger als ein Fünftel. Mehr Strom ist unerlässlich. Die einzige Frage ist: Was ist der beste Weg, um ihn herzustellen und zum Verbraucher zu transportieren?
Wie erwähnt, war Odebrecht aus Brasilien das erste Unternehmen, das mit dem Bau des Damms beauftragt wurde. Es ist Lateinamerikas grösster Baukonzern und verfügt über eine gute Erfolgsbilanz bei der Planung und Realisierung von funktionalen Projekten.
Sie stand aber auch im Mittelpunkt eines gewaltigen internationalen Korruptionsskandals und hat Regierungen auf der ganzen Welt im Austausch für profitable Verträge bestochen. Die Verhandlungen zwischen Brasilien und Tansania sind auf auf höchster Ebene geführt worden. 2012 wurde ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das 2016 erneuert wurde.
Geplant ist der Bau eines 130 Meter hohen und 800 Meter langen betonierten Felsdamms quer durch die acht Kilometer lange und 100 Meter tiefe Stiegler-Schlucht. Darüber hinaus sollen vier Satteldämme mit einer Gesamtlänge von 14 Kilometer stromaufwärts gebaut werden. Der Stausee würde 22 Millionen Kubikmeter speichern und eine Fläche von über 1'200 Quadratkilometer unter Wasser setzen, was nur etwas kleiner ist als die Insel Sansibar. Der Vorschlag sieht eine installierte Leistung von 2'100 Megawatt vor. Ausserdem sind 400 Kilometer Übertragungsleitungen und 220 Kilometer Strassen geplant.
Bauvertrag mit Ägypten für 3 Milliarden Dollar
2013 schätzte Odebrecht die Investitionskosten für den Damm auf 3,6 Milliarden US-Dollar – ohne die notwendigen Stromleitungen für den Anschluss an das nationale Netz. Inzwischen scheint es, dass Odebrecht nicht mehr beteiligt ist. Die tansanische Regierung hatte angedeutet, Äthiopien könne die Lücke schliessen. Ägyptische Zeitungen berichteten jedoch am 22. Oktober 2018, dass «Arab Contractors», grösstes Bauunternehmen Ägyptens, den Damm bauen wird.