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Trotz der grossen Fortschritte auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern, bestehen in der Schweiz nach wie vor geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf die aus Erwerbsarbeit und Altersvorsorge resultierende Einkommenssituation, so das Bundesamt für Statistik in einem aktuellen Bericht. Insbesondere der unerklärte Anteil der Lohnunterschiede, der umfassendere Indikator des gesamten geschlechtsspezifischen Erwerbseinkommensunterschieds sowie die Renten bildeten einen relevanten Teil der Ungleichheit ab.
Gender Overal Earnings Gap
Auf europäischer Ebene berechnet Eurostat seit mehreren Jahren den synthetischen Indikator der «geschlechtsspezifischen Gesamteinkommensunterschiede», Gender Overall Earnings Gap (GOEG) genannt. Im Jahr 2018 lag dieser für die Schweiz bei 43,2%. Das bedeutet, dass das Einkommen von Frauen, bezogen auf alle während des Erwerbslebens geleisteten Arbeitsstunden, 43,2% niedriger ist als das der Männer. Im internationalen Vergleich weise die Schweiz 2018 einen relativ hohen GOEG-Wert auf, hauptsächlich erklärbar sei dies mit der hohen Teilzeiterwerbsquote der Frauen in der Schweiz.
Der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern betrug im Jahr 2018 demnach 19,0%. Im privaten Sektor lag er bei 19,6%, im gesamten öffentlichen Sektor (Bund, Kantone und Gemeinden) bei 18,1%.
Der Anteil dieses Lohnunterschieds, der sich nicht durch persönliche (z.B. Alter, Ausbildung, Dienstjahre) und berufliche Faktoren (z.B. berufliche Stellung, Branchenzugehörigkeit) erklären lasse, beliefe sich in der Gesamtwirtschaft auf 45,4%. Dies mache im privaten Sektor durchschnittlich 684 Franken pro Monat und im öffentlichen Sektor 602 Franken pro Monat aus. Seit 2012 sei in der Gesamtwirtschaft zudem keine wesentliche Veränderung des durchschnittlichen Lohnunterschieds sowie des unerklärten Anteils davon zu verzeichnen.
Die auf Basis der verfügbaren Datenquellen ermittelten Einkommen der Selbstständigen zeigten ein ähnliches Bild. So sei der Stundenverdienst selbstständiger Frauen 2018 um 19,3% geringer als der selbstständiger Männer gewesen. Allerding hätten die Frauen hier in den letzten Jahren etwas aufgeholt.
Gender Pension Gap
Der Gender Pension Gap misst die Unterschiede in den durchschnittlichen Renten von Männern und Frauen aus der Altersvorsorge, also des “Renteneinkommens” von Personen im Rentenalter. Hier spiegeln sich laut Bericht Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung, Auswirkungen des gelebten Familien- und Lebensmodells sowie Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern über einen längeren Zeitraum. Auch institutionelle Faktoren (Rentenberechnung, Versicherungsabdeckung) spielten eine wichtige Rolle.
Der Bericht identifiziert für die Schweiz einen Gender Pension Gap von 34,6 Prozent (2020) zu Gunsten der Männer. Während die Frauen bei der AHV (1. Säule) im Durchschnitt leicht höhere Renten bezögen als die Männer, seien die Unterschiede bei der beruflichen Vorsorge gross: Frauen bezögen deutlich seltener Renten aus der zweiten Säule als Männer (49,7% vs. 70,6%), und wenn sie dies täten, seien diese durchschnittlich rund 47% tiefer als jene der Männer.
Unbezahlte Arbeit
Die unbezahlte Arbeit umfasst die Haus-, Familien- und Freiwilligenarbeit und wird durch die Anzahl der unbezahlt geleisteten Arbeitsstunden gemessen. Frauen leisteten deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer, so der Bericht. Letztere hingegen leisteten bedeutend mehr Stunden in bezahlter Erwerbsarbeit. Insgesamt leisten Frauen und Männer laut Statistik in etwa gleich viele Stunden. Die ungleiche Arbeitsteilung zeige sich insbesondere darin, dass Frauen häufiger Teilzeit arbeiten als Männer, oft um die Erwerbstätigkeit mit Kindererziehung und Hausarbeit zu vereinbaren sowie um sich um Familienangehörige oder Dritte zu kümmern (die sogenannte Care-Arbeit). Gemäss der monetären Schätzung habe die von Frauen geleistete unbezahlte Arbeit einem Betrag von 315 Mia. Franken im Jahr 2016 entsprochen. Die unbezahlt geleistete Arbeit führe bei Frauen zu Einkommenseinbussen, die sich auf ihr ganzes Leben auswirkten.
Schlussfolgerungen
Gründe für die Differenzen zwischen Frauen und Männern liegen laut Bericht in unterschiedlichen beruflichen Laufbahnen und in der ungleichen Aufteilung von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit. Für heutige Rentner und Rentnerinnen lägen diese mehrere Jahrzehnte zurück. Die ungleiche Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern und die Lohnunterschiede stünden in Zusammenhang mit ihren Erwerbsbiografien und Lebensmodellen, die nicht zuletzt auch von kontextuellen und strukturellen Rahmenbedingungen beeinflusst seien, so von Unterschieden bei der Einstellung, Arbeits- und Leistungsbewertung und Beförderung.
Frauen unterbrächen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und arbeiteten mehr Teilzeit, beides in erster Linie aus familiären Gründen. Zudem seien sie seltener in Führungspositionen und häufiger in Tieflohnbranchen vertreten. Dies wirke sich alles auch auf die angesparten Beträge in der 2. und 3. Säule aus und führe zu Differenzen bei den entsprechenden Leistungen.
Aufschlussreich sei diesbezüglich auch eine Betrachtung der Unterschiede beim Gender Pension Gap nach Zivilstand. Bei Verheirateten sei der Gender Pension Gap in der zweiten Säule am stärksten ausgeprägt. Zu beachten sei in diesem Kontext, dass Ehepaare in der Regel eine ökonomische Einheit bildeten und ihr gesamtes Einkommen zusammenlegten.
Ein weiteres Puzzleteil im Zusammenhang mit den Einkommensungleichheiten zwischen Frauen und Männern sei die unbezahlte Arbeit. Obwohl die seit 2010 leicht steigenden Zahlen zum Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit zeigten, dass Männer sich mehr beteiligten, bestünde das Ungleichgewicht der Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern weiterhin. Die monetäre Evaluation der gesamten im Jahr 2016 geleisteten unbezahlten Arbeit ergebe einen Geldwert von etwa 315 Milliarden Franken. Die Hausarbeit mache mit rund 223 Mia. Franken den weitaus grössten Anteil aus. Die Familienarbeit wird laut Bericht auf rund 79 Mia. geschätzt, die Freiwilligenarbeit auf knapp 13 Mia. Franken. Der Beitrag der Frauen belaufe sich gesamthaft auf fast zwei Drittel des Gesamtwertes (61%) und sei seit 2010 unverändert.
Die dargestellten Resultate zeigten, dass auch in der Schweiz geschlechtsspezifische einkommensbezogene Unterschiede bestünden, die sowohl mit strukturellen Rahmenbedingungen als auch gesellschaftlichen Faktoren in Zusammenhang stehen, resümiert das Bundesamt.