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Corona-Massnahmen kann man auf eines der folgenden beiden Ziele ausrichten:
- Es geht in erster Linie darum, Ungeimpfte, vor allem Jüngere, zum Impfen zu drängen. Dann ist es zweckmässig, regelmässig Test-Zertifikate nur von diesen Ungeimpften zu verlangen. Die damit verbundene Mühsal, die erst noch Geld kostet, können Ungeimpfte durch eine Impfung vermeiden.
- Oder es geht in erster Linie darum, Spitäler und Intensivstationen nicht zu überlasten. Dann muss man auch von den Geimpften verlangen, dass sie sich gleich wie die Ungeimpften vor jeder Ansammlung in geschlossenen Räumen testen lassen. Die Geimpften hätten dann zwar keinen Vorteil mehr gegenüber den Ungeimpften. Dafür wäre das Risiko, dass Geimpfte Ungeimpfte anstecken, die möglicherweise ins Spital müssen, deutlich geringer.
Gegenwärtig benötigen zwar nur wenige Ungeimpfte eine Spitalbehandlung. Aber Task Force und Behörden warnen dauernd davor, Spitäler könnten wegen Ungeimpfter wieder an den Anschlag kommen.
Vergleichbar hohe Virenlast bei Geimpften
Bereits im Sommer wiesen zwei äusserst seriös durchgeführte Reihen von PCR-Tests darauf hin, dass angesteckte Geimpfte andere mit einer vergleichbaren Virenlast gefährden können wie angesteckte Ungeimpfte.
Den einen Nachweis lieferte die US-Gesundheitsbehörde Centers of Desease Control CDC mit einer am 30. Juli 2021 veröffentlichten Studie: 346 vollständig Geimpfte, die sich an grossen öffentlichen Veranstaltungen im US-Bundesstaat Massachusetts fast alle mit der Deltavariante angesteckt hatten, wiesen «ähnlich hohe Virenlasten wie die Ungeimpften» auf.
Praktisch gleichzeitig, am 31. Juli, wertete eine Gruppe von Forschern PCR-Tests von 310 vollständig Geimpften im US-Bundesstaat Wisconsin aus («Shedding of Infectious Sars-Cov-2 Despite Vaccination»). Bei 212 von ihnen fanden sie vergleichbar hohe Werte wie bei den 158 von 232 Ungeimpften (Ct-Werte unter 251). Drei Viertel der Untersuchten hatten sich an unbekannten Orten meistens mit der Delta-Variante angesteckt.
Die Forschergruppe fasste die Resultate wie folgt zusammen:
«Während andere Studien eine eher schwache Infektiosität Geimpfter anzeigten, konnten wir hier entscheidend («importantly») nachweisen, dass bei Ungeimpften und Geimpften gleiche Mengen infektiöser Viren vorhanden sind [PCR-Tests mit CT >251] … Geimpfte könnten ansteckend sein, selbst wenn sie keine Krankheitssymptome spüren.»
Dass Geimpfte manchmal ansteckend sein können, selbst wenn sie keine Symptome haben, bestätigte CDC-Direktorin Rochelle Walensky am 11. August 2021 gegenüber CNN.
In einer neuen am 29. Oktober 2021 in «The Lancet – Infectious Diseases» veröffentlichten Fallstudie untersuchten britische Wissenschaftler in über 200 Haushalten, in denen je eine Person positiv getestet wurde, wie sich das Virus verbreitet. Während zehn Tagen unterzogen sie alle Familienmitglieder täglich einem PCR-Test. Resultat: «Voll Geimpfte stossen bei einer Durchbruchsinfektion ähnliche Virenmengen aus wie Ungeimpfte. Sie können Personen im gleichen Haushalt in gleichem Masse anstecken.»
Aus Berlin berichtete Mitte Oktober die Journalistin Daniela Dahn: «Die 2G-Experimente im Techno-Club Berghain in Kreuzberg und anderen Städten haben allesamt zu beachtlichen Infektionszahlen geführt. Auch die Spieler vom Eishockey-Club München, die sich untereinander ansteckten, waren alle doppelt geimpft.» Allerdings sind diese Ansteckungen ohne grosse Bedeutung, weil voll Geimpfte nur in Ausnahmefällen schwer erkranken.
Wirklich problematisch wird es erst, wenn ungetestete Geimpfte an solchen Orten gefährdete Ungeimpfte anstecken, die mit einem 3G-Testzertifikat Clubs und geschlossene Anlässe besuchen. Zu den Gefährdeten gehören alle mit Vorerkrankungen oder starkem Übergewicht.
Noch nicht klar ist, ob Geimpfte weniger Tage lang ansteckend sind als Ungeimpfte. Laut Epidemiologe Professor Marcel Tanner, bis Ende Januar 2021 Mitglied der Task Force, sind Geimpfte, die das Virus erwischen, während drei bis vier Tagen ansteckend, während Ungeimpfte während zehn bis zwölf Tagen ansteckend seien. Dies würde jedoch nichts daran ändern, dass Geimpfte während wenigen Tagen ähnlich stark ansteckend sein können wie Ungeimpfte.
Marcel Tanner würde es jedenfalls «sicher begrüssen», wenn an Grossanlässen und bei Versammlungen in geschlossenen Räumen auch für Geimpfte Präventionsmassnahmen wie Maskenpflicht, Tracing usw. wieder vorgeschrieben würde. Das teilte er Infosperber mit.
Für eine Überlastung der Spitäler ist von Bedeutung, ob es unter den Ungeimpften noch viele Risikopersonen gibt
Das Risiko für Angesteckte, schwer zu erkranken und in ein Spital eingeliefert zu werden, ist sehr unterschiedlich. Im Wesentlichen muss man unterscheiden zwischen
- angesteckten Geimpften;
- angesteckten gesunden Ungeimpften;
- angesteckten gefährdeten Ungeimpften (hochbetagt, mit Vorerkrankungen oder starkem Übergewicht).
Eine Überlastung des Gesundheitssystems droht nur, wenn sich viele gefährdete Ungeimpfte anstecken:
- Angesteckte Geimpfte: Sie erkranken nur sehr selten so schwer, dass sie hospitalisiert werden müssen. Laut Swissmedic haben Geimpfte nach einer Ansteckung «meist nur milde oder gar keine Symptome», auch wenn es wie überall Ausnahmen gibt. Geimpfte sind nach einer Erkrankung erst noch stärker immunisiert, als wenn sie sich eine Booster-Impfung spritzen lassen. Eine Auswertung des italienischen Istituto Superiore di Sanità hat ergeben, dass vollständig Geimpfte fast nur noch an oder mit Corona sterben, wenn sie gleichzeitig mindestens drei schwere Vorerkrankungen haben.
Schweizweit werden gegenwärtig täglich nur acht Geimpfte wegen Covid-19 hospitalisiert. Dies könnte sich nur drastisch ändern, falls die Impfung weniger gut wirken würde als vorhergesagt und es deshalb plötzlich auch unter den angesteckten Geimpften zu vielen Hospitalisationen käme.
Jeden Tag werden in der Schweiz – neben den gegenwärtig insgesamt 9 Corona-Patienten – über 3300 Personen aus anderen Gründen in ein Akutspital eingeliefert.
- Gesunde Ungeimpfte: Auch unter den gesunden Ungeimpftne im Alter von unter 70 Jahren erkrankt nur eine Minderheit so schwer, dass sie hospitalisiert werden muss. Wegen der gesunden Ungeimpften, die an Covid-19 erkrankten, hätte man die Zahl der Intensivbetten letztes Jahr nicht aufstocken müssen.
- Gefährdete Ungeimpfte, also solche, die Vorerkrankungen haben oder stark übergewichtig sind: Wenn sie angesteckt werden, besteht ein grösseres Risiko, so schwer zu erkranken, dass sie hospitalisiert werden müssen. Gegenwärtig allerdings werden schweizweit täglich nur elf Ungeimpfte in ein Spital eingewiesen (siehe Grafik).
Das kann sich allerdings ändern, falls es viele gefährdete Ungeimpfte gibt, die sich in den Herbstferien oder in geschlossenen Räumen entweder von infizierten anderen Ungeimpften oder von infizierten Geimpften anstecken.
Wenn Task Force und Behörden davon ausgehen würden, dass es tatsächlich noch sehr viele gefährdete Ungeimpfte gibt, welche die Spitäler überlasten könnten, müssten sie konsequenterweise nicht nur mehr Druck auf die Ungeimpften ausüben, sondern eine Testpflicht auch für alle Geimpften einführen. Denn auch Geimpfte können diese gefährdeten Ungeimpften anstecken.
Gehen Task Force und Behörden aber davon aus, dass die Zahl der Risikopersonen, die noch nicht geimpft oder immun sind, unterdessen eher klein ist, dürfte Task-Force-Präsidentin Tanja Stadler nicht das Szenario an die Wand malen, dass es langfristig zu weiteren 15’000 bis 30’000 Hospitalisierungen kommen werde, falls sich die 1,6 Millionen noch nicht Immunisierten nicht rechtzeitig impfen lassen. In ihrem Update vom 26. Oktober erklärt die Task Force sogar, «dass rund 21’000 bis 42’000 Hospitalisierungen längerfristig erwartbar» seien, falls sich die Impfquote nicht erhöht.
Zu so vielen Hospitalisierungen könnte es ohne stärkere Durchimpfung höchstens dann kommen, falls es unter den noch nicht Immunisierten noch sehr viele Gefährdete gäbe.
Doch wie hoch ist der Anteil der Gefährdeten unter den Ungeimpften tatsächlich? Weil weder die Task Force noch die Behörden Angaben darüber machen, ist das Hospitalisierungsrisiko aller Ungeimpften schwer zu quantifizieren. Weder Task Force noch Behörden versuchen die wichtige Unterscheidung zu machen zwischen gesunden Ungeimpften und gefährdeten Ungeimpften. Sie publizieren keine Hochrechnungen oder Schätzungen darüber, wie viele gefährdete Ungeimpfte, die an Vorerkrankungen leiden oder stark übergewichtig sind, noch nicht geimpft sind.
Offensichtlich rechnen sie nur mit wenigen, sonst müssten sie auch von Geimpften Testzertifikate verlangen, weil auch diese ja ansteckend sein können. Sollten die Behörden aber doch mit vielen gefährdeten Ungeimpften rechnen, müssten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, vermeidbare Hospitalisierungen von angesteckten Ungeimpften in Kauf zu nehmen.
Möglicherweise machen sich die Behörden diese Überlegung gar nicht. Denn sie wollen so oder so den Druck auf Ungeimpfte erhöhen, sich impfen zu lassen. Testzertifikate auch für Geimpfte würden diesen Druck mindern. Das Ansteckungspotenzial von Geimpften spielen sie deshalb herunter. Sie erklären beispielsweise, dass angesteckte Geimpfte deutlich weniger Viren in die Umgebungsluft freisetzen («geringere Virenlast») und deshalb viel weniger ansteckend seien.
Aus epidemiologischer Sicht wäre 1G angezeigt
Bereits am 20. September informierte Infosperber darüber, dass die 3G-Zertifikatspflicht für Spitäler kontraproduktiv sein könnte: «In vielen Restaurants, Kinos und auf Grossanlässen gibt es keine Abstände und Masken mehr. Jetzt stecken dort Geimpfte mehr Ungeimpfte an.»
«Wenn die Hygienemassnahmen fallengelassen werden und sich die Geimpften so verhalten, als würde von ihnen kein Risiko ausgehen, dann wird sich bei steigender Viruszirkulation ein vergleichbares Szenario wie in Island oder in Israel ergeben», warnte Monique Lehky Hagen, Präsidentin der Walliser Ärztegesellschaft gegenüber Infosperber.
Aus epidemiologischer Sicht müsste man ein 1G-Modell einführen: Es erhalten ausschliesslich nur noch diejenigen Zutritt, die negativ getestet sind – ob geimpft oder ungeimpft.
Allerdings hätte eine solche Massentesterei auch Nachteile, weil es zu mehr falschen Testresultaten käme. Eine Alternative wäre, auf Zertifikate ganz zu verzichten, wie dies einzelne Länder versuchen. Offensichtlich gehen diese Länder davon aus, dass die meisten Gefährdeten unterdessen geimpft oder bereits so immun sind, dass es nur noch ganz selten zu schweren Erkrankungen kommt.
Ob keine Zertifikatspflicht mehr oder Ein 1G-Modell: Beides passt nicht zur gegenwärtigen Impfkampagne. Denn warum sollten sich dann bisher Ungeimpfte impfen lassen, wenn sie praktisch nie schwer erkranken und ihnen die Impfung auch im gesellschaftlichen Leben keinen Vorteil mehr verschafft?
Das sah auch Virusexperte Christian Drosten in seinem «Corona Virus Update» vom 3. September 2021 so: «Es besteht das Risiko, dass sich Ungeimpfte jetzt in Räumen, wo nur Zertifizierte Einlass haben, von infektiösen Geimpften anstecken können … Würde man aber auch von den Geimpften einen negativen Test verlangen, wäre der Anreiz zum Impfen in Frage gestellt.»
Die Behörden in der Schweiz wählten das 3G-Modell und nehmen lieber Ansteckungen von gefährdeten Ungeimpften in Kauf, als dass sie auf einen Anreiz zum Impfen verzichten.
Falls es aber unter den Ungeimpften nicht mehr so viele Gefährdete gibt, wären die Zertifikate kaum mehr zu rechtfertigen – jedenfalls nicht mit einer drohenden Überlastung der Spitäler.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
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FUSSNOTE
1 Je tiefer der Ct-Wert (entspricht der Zahl der Testzyklen) desto mehr Viruspartikel und desto ansteckender ist der Getestete. PCR-Tests werden bis zu einem Ct-Wert von 40 durchgeführt. Virenpartikel, die erst bei einem Ct-Wert von 25 bis 30 und höher entdeckt werden, gelten als nicht mehr ansteckend.