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Auch „Ehebrunnen“ oder „Ehekarussell“ genannt.
Dieser grosse, in der Altstadt Nürnbergs gelegene Brunnen verdankt seine Existenz der modernen Technik, bzw. der modernen Mobilität. Als die U-Bahn zwischen Nürnberg und Fürth erbaut wurde, beschloss man, in der Nürnberger Altstadt (gerade unter dem sog. „Weißen Turm“) eine Haltestelle zu errichten. Der „Weiße Turm“ war Bestandteil der ersten Stadtmauer rund um die freie Reichsstadt Nürnberg und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Als in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die U-Bahn gebaut wurde, stand er bereits allein vor einem Platz, und es bot sich an, das ehemalige Durchgangstor in die Stadt zum Eingangstor einer U-Bahn-Station zu machen. U-Bahn-Stationen aber benötigen eine Belüftung, und der Lüftungsschacht endete nun mehr oder weniger mitten auf dem Platz vor dem „Weißen Turm“. Es wurde beschlossen, dass ein Kunstwerk die architektonische Verschandelung kaschieren sollte. Den Auftrag erhielt dann Jürgen Weber (1928-2007).
Was lag näher? – Weber nahm ein Gedicht des berühmtesten Sohnes der Stadt Nürnberg zum Ausgangspunkt seiner Arbeit, das Gedicht Das bittersüße eh’lich‘ Leben von Hans Sachs (1494-1576). Der kreisförmige Lüftungsschacht wird nun verdeckt durch eine (leicht überlebensgrosse) Darstellung der Ehe als Karussell. Natürlich dreht es sich nicht selber; der Betrachter hat darum herum zu gehen. Der Ausgangspunkt liegt, wenn man sich dem Brunnen von der Stadt her nähert, genau vor dem „Weißen Turm“. Der Dichter Hans Sachs tanzt auf einem Maiskolben, unter ihm, beeindruckt, seine Geliebte, die ihn anschmachtet. Der Beginn einer Liebe. Und so führt uns Weber durch die Szenen einer Ehe. Die Hoch-Zeit, die hohe Zeit der grossen Liebe nach der Eheschliessung. Die Ernüchterung auf Seiten des Mannes, wenn er feststellt oder feststellen zu können glaubt, dass sich die Frau auf seine Kosten dick und fett frisst, während er sich zu Tode schuftet (der Brunnen entstand 1977-1981, als das Familienbild noch konservativer war – auch ist zu bemerken, dass zu der Zeit gerade Webers erste Ehe in die Brüche ging). Dann, symbolisiert auch durch die Wagenfigur, einen Pelikan, der sich die Brust aufreisst, um seine Jungen füttern zu können, die Zeit der Kinderaufzucht, wo dann die Kinder (und nicht der Partner) die finanzielle und emotionale Zuwendung der Eltern erhalten. Die Liebe, die wieder aufflackert, der Streit, der ebenfalls wieder aufflackert – bis zum Schluss die Beiden einander im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode quälen. Diese letzte Figur erschreckend in der Darstellung, der Gesichter vor allem – zweier Totenköpfe, die die ganze Qual des Menschen ausdrücken. Aber es folgt eine neue Liebe, und der Kreis schliesst sich.
Webers Brunnen wurde errichtet aus verschiedenen Marmorsorten, für den Brunnenrand. Die Figuren sind aus Bronze, zum Teil feuervergoldet. Der Brunnen zitiert in seinen reichgeschmückten Marmor-Teilen und in der ganzen, symbolischen Gestaltung seines Themas das Barock. Die Bronze-Figuren sind realistisch gestaltet, aber gleichzeitig auch expressionistisch überhöht. Die Feuervergoldung ihrerseits hebt Webers Stil-Mix ironisch hervor. Vieles von der Vergoldung hat der Zahn der Zeit weggeschabt (und die Kinder und Erwachsenen, die auf den Figuren herumklettern – der Brunnen liegt zu ebener Erde, und wer keine nassen Füsse scheut, kann darin spazieren, das Werk ist durch keinerlei Massnahme davor gesichert). Das tut der Ironie keinen Abbruch, macht sie nur ein wenig unterschwelliger.
Ich habe mir sagen lassen, dass die Nürnberger „ihren“ Brunnen zuerst nicht so recht mochten. Es stimmt: Er ist riesig im Verhältnis zur Umgebung, und Thematik und Ausführung sind nur auf den ersten Blick lieblich. Mittlerweile hat sich die Bevölkerung aber offenbar daran gewöhnt, den Brunnen sogar lieb gewonnen. Jedenfalls wird er dem Touristen nun auch auf offiziellen Stadtführungen gezeigt.
Zum Schluss noch das Gedicht Hans Sachs‘, das Jürgen Weber als Inspiration diente:
Das bittersüße ehlich Leben
Gott sei gelobet und geehrt
Der mir ein frumb Weib hat beschert
Mir der ich zwei und zweinzig Jahr
Gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehlig Leben
Had Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid
Sie hat mir nit stets kochet Feigen
Will schwankweis Dir ein Teil anzeigen
Sie ist ein Himmel meiner Seel
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren,
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen
Ist oft mein Schauer und Platzregen
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,
Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wonn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,
Sie ist meine Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost.
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Saal,
Doch auch mein Krankheit und Spital.
Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
Thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
Ist oft mein Frevel, Stolz und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit,
Und oft mein täglich Hebensstreitt
Sie ist mein Fürsprech und Erlediger,
Ist oft mein Ankläger und Prediger.
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau ist mietsam oft und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig.
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.