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[S. 221] Der vollständige Titel des Werkes heißt nach Hieronymus, Honorius von Augustodunum, den älteren Ausgaben und meisten Handschriften: ‚De opificio Dei vel formatione hominis‛, wenngleich die besten Handschriften bloß die Aufschrift: ‚De opificio Dei‛ tragen. Andere minderwertige Handschriften wiederum haben den Titel: ‚De opificio hominis‛, noch andere zeigen die Aufschrift: ‚Opus mundi ac opificium Dei.‛ Der richtige Titel lautet zweifelsohne: ‚De opificio Dei‛, und es leuchtet ein, daß die anderen Aufschriften ihren Grund entweder in dem Gegenstande haben, den diese Schrift behandelt, oder Reminiszenzen an Stellen in anderen Werken des Laktantius ihren Ursprung verdanken. Gewidmet ist dieses Buch einem gewissen Demetrianus, einem einstmaligen Schüler des Laktantius.
Zweck dieser Schrift war, aus dem Baue und der Einrichtung des menschlichen Leibes dem Epikureismus gegenüber die göttliche Vorsehung zu erweisen; im Anschlusse daran findet eine Erörterung über die Seele des Menschen statt. Der Zweck war also ein teleologischer, auch physico-theologischer genannt.
Die Schrift zerfällt in zwei Teile. Der erste Teil reicht von Kapitel 1—15, wobei Kapitel 14 und 15 den Übergang vermitteln, und handelt vom menschlichen Leibe; der zweite von Kapitel 16—20 und hat die Seele des Menschen zum Gegenstande. Kapitel 1 enthält die Einleitung und Widmung an Demetrianus; im Kapitel 20 wendet sich der Verfasser wieder an diesen.
Das Werk selber vermeidet es, spezifisch Christliches vorzubringen, ja es ist sogar etwas von stoischer Philosophie angehaucht. Der Grund für die Verschweigung alles Christlichen ist in dem Umstand zu suchen, [S. 222] daß die Schrift zur Zeit der diokletianischen Verfolgung abgefaßt ist. Kapitel 1, § 1: ‚Quam minime sim quietus etiam in summis necessitatibus e. q. s.‛ und Kapitel 20, § 1. Der Verfasser wollte eben alles vermeiden, wodurch er sich und seinen jugendlichen Freund, der, wie aus der Schrift hervorgeht, eine angesehene öffentliche Stellung bekleidete, hätte in Gefahr bringen können. Das Christentum bezeichnet er als ‚vera philosophia‛, die Christen nennt er ‚philosophi sectae nostrae‛. Christus selbst wird niemals erwähnt.
Wenn Brandt 1 meint, daß in Kapitel 10, § 11 ‚sed et.... ut sicut in ipso mundo summa rerum vel de simplici duplex vel de duplici simplex et gubernat et continet totum‛, ohne Zweifel die beiden göttlichen Personen Vater und Sohn andeute, wenn auch in verhüllter Weise, so ist er hier von einem Irrtum befangen; denn hiermit will Laktantius offenbar nur einen in der ganzen Welt herrschenden ästhetischen Grundsatz aussprechen.
Im Verlaufe der Abhandlung, die eine Vorarbeit zu seinem größeren Werke, den ‚Institutiones rerum divinarum libri VII‛ bilden sollte (Kap. 20; Inst. II 10, 15), bekämpft Laktantius in recht lebhafter Weise den Dichter Lukretius, den Vertreter der Lehre des Epikur bei den Römern.
Insoferne der Epikureismus mit seiner Lehre von der zufälligen Entstehung der Welt aus Atomen der christlichen Lehre von der Schöpfung der Welt aus nichts durch Gott gerade entgegengesetzt war, mußte er besonders die christlichen Schriftsteller zur Widerlegung herausfordern, zumal jene philosophische Richtung auch noch zu Laktantius' Lebzeiten nicht wenige Anhänger zählte.
Maßgebend für die Behandlung dieses Gegenstandes war für ihn ferner auch noch der Umstand, daß Cicero in seinem Werke ‚De republica‛ diese Frage zu wenig gründlich erörtert habe (Kap. 1, § 12).
Bei Widerlegung der Lehre von der zufälligen Bildung der Welt aus Atomen geht Laktanz, wie gesagt, [S. 223] vom teleologischen Standpunkte aus, um aus dem Zwecke, der Ordnung und der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus die göttliche Vorsehung zu erweisen.
In seiner Polemik gegen das epikureische System macht er nun den einem Christen geläufigen Schluß:
Am menschlichen Körper herrscht vollkommenste Harmonie; die vollkommenste Harmonie kann aber nur vom vollkommensten Wesen stammen; das vollkommenste Wesen aber ist Gott, daher hat Gott den Menschen erschaffen, und es kann dieser nicht durch Zufall entstanden sein, da die Annahme unmöglich ist, daß ein so vollkommenes Wesen wie der Mensch durch Zufall entstanden sein könne.
Diesen Beweis führt er mit solcher Schärfe und Klarheit, daß der berühmte Erasmus von Rotterdam denselben als ein Muster für die Behandlung spekulativer Gegenstände aufstellte 2. Freilich bringt Laktanz hie und da auch Unrichtiges vor, wie wir gelegentlich sehen werden, aber dies hat auf die Beweisführung als solche keinen Einfluß; die mangelhafte Kenntnis in der Physik, Anatomie, Physiologie und Paläontologie, die zu seinen Zeiten herrschte, trägt daran die Schuld.
Es erübrigt nur noch etwas über die Quellen, die Laktantius für diese Schrift benützt hat, zu sagen. Laktantius selber führt nur zwei Gewährsmänner an, nämlich Cicero und den Sprach- und Altertumsforscher Varro. Nach Brandts Aufstellungen 3 soll dem Laktantius in dem ersten Teile des Aufsatzes außer Varros Schrift ‚De origine humana‛, die er aber nicht unmittelbar benützt habe, noch das ‚Aphrodite‛ betitelte Werk des Hermes Trismegistus vorgelegen haben. Im zweiten Teile habe er wieder Varro benützt, doch abermals recht unmittelbar, ferner eine Schrift, wo der teleologische Gesichtspunkt im Gegensatze zur Vorlage im ersten Teile mit keinem Worte erwähnt gewesen sei. Dies [S. 224] möge als Einleitung genügen, weiteres bringen die Anmerkungen. 4.
1: Über die Quellen von Laktanz' Schrift: De opificio dei Wiener Studien XIII, S. 258.
2: Bertold, Prolegomena zu Laktantius, Metten 1861.
3: Über die Quellen von Laktanz' Schrift: De opificio dei. Wiener Studien XIII, SS. 255-292.
4: Als Hilfsmittel für die sachlichen Anmerkungen wurden u. a. benutzt: Graber-Mik, Leitfaden der Zoologie, Wien 1892; Höfler Al., Grundlehren der Psychologie, Wien 1897; Hyrtl J., Lehrbuch der Anatomie, Wien 1882; Thomas H. Huxley (Rosenthal), Grundzüge der Physiologie. Leipzig 1891; Landois L., Lehrbuch der Physiologie des Menschen, Wien 1896. — Die Kapitel und Paragraphen sind nach der Brandtschen Ausgabe angeführt.