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1. Juni 2008 - 12. Oktober 2008
Museum für Gegenwartskunst
Above-the-Fold
Erkmen, Floyer, Lamelas
Kuratorin: Nikola Dietrich
Mit Ayşe Erkmen (geb. 1949), Ceal Floyer (geb. 1968) und David Lamelas (geb. 1946) werden drei künstlerische Positionen vorgestellt, deren Arbeitsweise einer reduzierten Formengrammatik folgt. Ihr individueller Umgang mit Zeit und Raum, ihre Beschäftigung mit den Grenzen und Möglichkeiten zur Erzeugung alternativer Kommunikations- und Erkenntnisprozesse war Anlass zu dieser gemeinsamen Ausstellung. Der Ausstellungstitel Above – the – Fold[1] verweist auf eine künstlerische Strategie, Arbeiten zu schaffen, deren oberflächliche Strukturen einerseits der Semantik der Ausstellungsräume folgen und diese transformieren, andererseits über ihre eigene Form hinweg auf Zusammenhänge verweisen, die oft erst im Subtext der Arbeiten zu lesen sind.
Lamelas zählt zu den Pionieren eines konzeptuellen Kunstbegriffs und schuf bereits Ende der 1960er Jahre signifikante Werke, die den hybriden Charakter des Ausstellungsortes ergründen. Die Verwendung vielfältiger Medien ist charakteristisch für seine Arbeitsweise und schließt Skulptur, Performances, Fotografie und Film mit ein. Die Arbeit Dos Espacios Modificados (zwei modifizierte Räume) von David Lamelas wird für diese Ausstellung zum ersten Mal (nach über 40 Jahren seit Entstehen der Arbeit) wieder rekonstruiert. Sie kann sogleich als Ausgangspunkt wie auch als Wendepunkt in Lamelas’ einzigartigem Œuvre betrachtet werden. Mit der 1967 als argentinischer Beitrag für die São-Paulo-Biennale in der Tradition einer institutionellen Kritik konzipierten Installation gewann Lamelas internationale Anerkennung. Sie befasste sich mit der architektonischen Raumkonzeption von Oskar Niemeyers spiralförmiger Ausstellungshalle und dadurch mit der kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung eines Gebäudes, das zu den ersten modernistischen der Nachkriegszeit gehört. Corner Piece (Eckstück) aus dem Jahr 1966 und Límite de una proyección I (Grenze einer Projektion) von 1967 sind weitere architektonische Interventionen, in denen die Architektur selbst bzw. die Grenze des Mediums zum Thema der Arbeit gemacht wird.
Ceal Floyers Arbeiten, die als Lichtprojektionen, Videos, Audiostücke, Papierarbeiten und Skulpturen ausgeführt werden, wecken bestimmte Assoziationen, die von einem Missverhältnis zwischen Objekt und Bezeichnung hervorgerufen werden. Die formalen Ausführungen sind einfach und auf wenige Elemente reduziert. Wie oft in ihren Installationen bleiben sämtliche verwendete Materialien sichtbar, so dass vielmehr die technische Apparatur selbst zum Konstrukteur des Wortspiels wird und das Werk bedingt. Eine bekannte Arbeit von Floyer mit dem Titel Door (1995) besteht aus dem Arrangement von Licht, Stromkabel, Tür und Projektor, der einen schmalen Streifen Licht entlang des unteren Türschlitzes wirft. Es entspricht der Vorstellung eines Lichts, das aus einem nebenan liegenden Raum herein scheint. Die Doppelbödigkeit mit dem Spiel der Täuschung kommt auch im Titel zum Tragen. Das Wort „Door“ (Türe) verweist ja nicht auf so etwas wie „Licht“ – zu sehen ist eine Tür, die vom Licht angestrahlt wird. Eine für die Ausstellungssituation neu entwickelte Videoprojektion mit dem Titel View Point greift wiederum eine Situation aus dem alltäglichen Leben auf, anhand derer die Selbstverständlichkeit der eigenen visuellen Wahrnehmung überprüft wird.
Ayşe Erkmens Arbeiten sind häufig das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort und allein für die Dauer einer Ausstellung hin konzipiert. Sie beschäftigt sich in ihren Installationen und architektonischen Interventionen mit divergierenden Lesbarkeiten von gesellschaftlich und historisch implizierten Architekturen und ihrer Umgebung. Für diese konkrete Situation schuf sie einige neue Arbeiten, die auf die bestehenden Strukturen des Museumsgebäudes in unterschiedlichen Ausführungen eingehen. One Half Each (je zur Hälfte) beschreibt in wenigen Worten alles, worum es sich bei der Arbeit handelt: Drei Teppiche, die in Istanbul – ihrer Heimatstadt – fabriziert wurden, zeichnen die besonders augenfälligen Grundrisslinien der drei Stockwerke des Neubaus in halbiertem Maßstab nach. Im obersten Stockwerk übereinander gelegt, jeweils einfarbig, in einer leuchtenden Farbe gewebt, geben sie das abstrakte zweidimensionale Bild der zuvor durchschrittenen Geschosse wieder. Die temporäre Natur ihrer Arbeiten wird hier besonders ablesbar, würden sich die Werke nur schwerlich in ein anderes Raumgefüge einpassen lassen. Die jeweilige Abhängigkeit des Objektes vom Kontext seiner Entstehung und dem Ort seiner Präsentation wird ausdrücklich zum Thema gemacht.
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[1] Im Zeitungswesen steht der Begriff für den „Aufmacher“ oder „die erste Seite“; wörtlich kann er übersetzt werden mit „über der Faltung“.
Zur Ausstellung ist eine umfangreiche Publikation mit dem Titel Above – The – Fold im Verlag Hatje Cantz (Deutsch / Englisch) erschienen, mit Texten von Nikola Dietrich, Kassandra Nakas, Jacob Lillemose und Jan Verwoert.
Die Ausstellung wird unterstützt durch:
Fonds für künstlerische Aktivitäten im Museum für Gegenwartskunst der Emanuel Hoffmann-Stiftung und der Christoph Merian Stiftung