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Von dem guten halben Dutzend erstaunlichen Filmen, die die Kinopionierin Ida Lupino in den Fünfzigerjahren als Regisseurin verantwortete, ist «The Bigamist» (1953) der ziemlich sicher
erstaunlichste. Mit dem für Lupino typischen Mut zur Kontroverse erzählt dieses Drama von einem eigentlich ganz gewöhnlichen Mann mittleren Alters, der sich in eine gänzlich ungewöhnliche,
rechtlich verbotene und moralisch verwerfliche Situation hineinmanövriert hat. Harry Graham (Edmond O’Brien) war doch nur einsam und fühlte sich von seiner unfruchtbaren und infolgedessen allzu
sehr auf ihre Karriere fokussierten Frau Eve (Joan Fontaine) vernachlässigt, als er auf einer seiner Geschäftsreisen von San Francisco nach Los Angeles mit der Kellnerin Phyllis (Lupino)
anbandelt: Zunächst noch platonisch zwar, doch schon beim nächsten Trip in die Stadt der Engel kommen bereits romantische Gefühle hoch, und eines Nachts, an Phyllis’ Geburtstag, geschieht
schliesslich das Unvermeidliche. Noch aber ist Harry nicht bereit, seine Ehe aufzugeben, und beim x-ten Versuch, die Dinge geradezurücken, hört ihm Eve dann auch endlich zu, und die beiden
beschliessen, das Geschäftliche hintanzustellen und sich um eine Adoption zu bemühen. Doch gerade als alles ins Lot zu kommen scheint, trifft ihn auf seinem nächsten Aufenthalt in L.A. der
Schicksalshammer: Phyllis, die nichts von seiner Ehe weiss, ist schwanger; und weil Harry ein pflichtbewusster Mensch ist, tut er das, was ihm als das einzig Richtige erscheint: Er heiratet
Phyllis und führt fortan so lange ein Doppelleben zwischen den beiden kalifornischen Metropolen, bis ihm der Berater der Adoptionsagentur (Edmund Gwenn) auf die Schliche kommt.
Es ist ja eine Ungeheuerlichkeit, die Lupino hier schildert. Doch von Empörung findet sich in «The Bigamist» trotzdem keine Spur. Ihrem so unperfekten Antihelden bringt Lupino stattdessen einiges an Verständnis entgegen, ohne aber sein Verhalten zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen. Harry ist ein gebrochener Mann; und egal, was im Gerichtssaal, in dem die Geschichte schliesslich landet, entschieden wird: Es kann nicht so schlimm sein wie die Strafe und die Verachtung, die er sich längst selbst auferlegt hat. Dass Lupino dieses Drama nicht sensationalisiert und bewusst mehrdeutig hält, ist denn auch die hervorstechendste Qualität dieses Films, mitnichten aber die einzige herausragende. Neben den vier Hauptdarstellern ist da vor allem auch Lupinos stringente Inszenierung zu nennen, dank der diese 80 Minuten wie im Flug vergehen und trotzdem einen nachhaltigen, gleichsam quälend eindringlichen Eindruck hinterlassen. Darüber hinaus bot «The Bigamist» für das damalige Publikum eine besonders pikante Note: Geschrieben und produziert wurde der Film von Collier Young, der damals mit Joan Fontaine verheiratet war und kurz davor von Lupino geschieden worden war. Und noch etwas Erstaunliches an diesem erstaunlichen Werk: Es ist dies der erste amerikanische Film, bei dem der weibliche Star auch Regie geführt hat.