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Herr Halpern, wir haben für dieses Gespräch nur eine Stunde Zeit. Wie spät ist es eigentlich?
Gerade halb zwei geworden.
Aber Ihre Uhr zeigt etwas anderes.
Meine Uhr geht zweieinhalb Minuten vor.
Warum das?
Wenn ich in Eile bin, verschafft mir das einen Puffer, weil ich die richtige Zeit nicht ausrechnen mag.
Und das funktioniert, obwohl Sie wissen, dass es zweieinhalb Minuten sind?
Idealerweise würde die Uhr ständig und von selbst ändern, um wie viel sie vorgeht.
Das wäre eine interessante Erfindung.
Für Ihre Schweizer Leser muss das ein sehr verstörender Gedanke sein: eine bewusst unpräzise Uhr, damit man nie sicher sein kann, wie spät es ist. Wir nennen das einen Selbst-Nudge.
Nudge heisst Schubs. Was verstehen Sie darunter?
Ein Nudge ist eine sanfte Ermutigung, die Leute dazu bringt, etwas zu tun, was gut ist für sie oder ihre Mitmenschen. Nudges kommen ohne Gesetze, Vorschriften oder Bestrafung aus. Es sind Massnahmen, die es den Leuten einfach machen, das Richtige zu tun, die sie verständlich informieren oder ihnen sagen, was die anderen tun, um ein bestimmtes Verhalten anzuregen.
Nudges sind also freiwillig?
Ja, man hat immer noch die freie Wahl. Die freiwilligen Pensionskassen bei uns in England sind ein gutes Beispiel. Man sagt den Leuten nicht: Du musst beitreten. Aber wir haben das System so verändert, dass man nicht mehr zustimmen muss, um der Kasse beizutreten, sondern widersprechen, wenn man nicht dabei sein will.
Welchen Regeln gehorchen Nudges?
Erstens: Wenn Sie menschliches Verhalten beeinflussen wollen, müssen Sie es den Leuten so einfach wie nur möglich machen. Entfernen Sie all die kleinen Hindernisse auf dem Weg zum gewünschten Verhalten. Zweitens sollte das Verhalten attraktiv erscheinen. Das kann man nicht nur über eine Belohnung bewerkstelligen, sondern auch mittels emotionaler Anreize. Dazu gehören einfache Dinge, zum Beispiel, wenn man mit dem Namen angesprochen wird. Drittens muss man berücksichtigen, dass wir Menschen stark beeinflusst werden von dem, was andere Leute tun. In Kopenhagen hat man Fussabdrücke auf den Boden gemalt, die zum Abfalleimer führen. Der Grund, weshalb danach weniger Abfall auf der Strasse herumlag, ist wohl, dass der Eindruck entstand, viele Leute gingen zu diesem Mülleimer. Und zum Schluss muss eine Massnahme auch zum richtigen Zeitpunkt ergriffen werden.
Wieso ist der Zeitpunkt wichtig?
Wir wissen, dass es Momente gibt, in denen die Leute besonders leicht zu beeinflussen sind. Die Menschen zu bewegen, den Arbeitsweg mit öffentlichen Transportmitteln oder mit dem Fahrrad zurückzulegen, ist normalerweise Zeitverschwendung – ausser man versucht es, wenn jemand gerade umgezogen ist. Dann ist es sehr effizient. Vor einigen Jahren gab es einen U-Bahn-Streik. Fünf Prozent der Leute wählten danach eine andere Route. Das waren abgehärtete Pendler. Erst als ihre Routine gestört wurde, entschieden sie sich für einen besseren Weg.
Warum brauchen wir überhaupt Nudges? Könnten sich die Leute nicht auch ohne diese Massnahmen vernünftig verhalten?
Sowohl Politiker als auch die Öffentlichkeit unterschätzen, wie viele Dinge unser Verhalten beeinflussen. Nehmen wir als Beispiel Vorgaben. Wir sind träge, wir treffen die einfachste Wahl. Das zeigt ein Beispiel aus den USA: Schüler aus Familien mit einem geringen Haushaltseinkommen können dort kostenlose Mahlzeiten beziehen. Man bat die Schulverwaltung zu schätzen, wie viele der berechtigten Kinder teilnehmen würden, und zwar mit zwei verschiedenen Vorgaben: Bei der ersten Variante müssen die Eltern ein Formular ausfüllen, damit ihre Kinder die Gratismahlzeiten bekommen. Bei der zweiten bekommen die Kinder das Essen ohne Zutun, solange ihre Eltern sie nicht abmelden. Die Schätzungen der Schulverwaltung lagen bei 35 Prozent, wenn die Eltern ihre Kinder einschreiben mussten, und 50 Prozent, wenn sie die Mahlzeiten einfach so bekamen. Tatsächlich lagen die Zahlen aber bei 1 und 97 Prozent. Das ist enorm! Die Leute in der Schulverwaltung dachten also über Details eines Formulars nach, von dem sie annahmen, die Eltern würden es ausfüllen. Aber sie erlagen einer völlig unrealistischen Vorstellung über das menschliche Verhalten.
Haben wir tatsächlich eine derart falsche Vorstellung von der menschlichen Natur?
Es geht vor allem darum, dass wir Menschen geistige Abkürzungen benutzen. Wir arbeiten uns nicht bewusst durch alle Vor- und Nachteile der Entscheidungen, die wir treffen. Nicht beim Überqueren der Strasse, nicht bei dem, was wir tragen, essen oder sagen sollen. Das menschliche Gehirn ist auf Effizienz getrimmt. Deshalb benutzen wir mentale Faustregeln, die meistens gut funktionieren, gleichzeitig aber auch systematischen Fehlern unterliegen. Oft erfinden wir erst im nachhinein eine rationale Erklärung für unsere Entscheidungen.
Wir machen uns also nur vor, dass wir vernünftig handeln.
Genau. Wenn Ihre Partnerin Sie fragt: Warum hast du es nicht getan? werden Sie sofort eine Entschuldigung bereithalten, weshalb Sie das Geschirr nicht abgewaschen haben. Wir sind sehr gut darin, solche Erzählungen zu erfinden, aber meistens sind sie nicht wahr. Unser Team versucht, das realistische Modell eines Menschen zu verstehen: wie wir Entscheidungen treffen, und wie wir uns durch die Welt bewegen. Warum sollte man die Welt nicht entlang einem realistischen Menschenbild gestalten statt für den «Econ», wie die Wirtschaftswissenschaften den vernünftigen Menschen nennen, den es in der Realität gar nicht gibt?
Sie arbeiten hauptsächlich für die britische Regierung. Worin besteht Ihr Job?
Wir beschäftigen uns mit allen grossen Themen, die der Gesellschaft Sorgen bereiten. Lassen Sie mich überlegen, was diese Woche auf dem Programm steht. Wir hatten eben eine Diskussion über Produktivität: Warum ergreifen manche Firmen nicht Massnahmen, die offensichtlich wären, um ihre Produktivität zu steigern? Dann hatten wir ein Mittagsseminar zum Thema Nahrungsmittelverschwendung: Warum kauft man zu viel Essen und wirft einen grossen Teil weg? Wir probieren gerade, die Leute dazu zu bringen, die Höchstgeschwindigkeiten einzuhalten. Wir arbeiten aber auch in anderen Ländern, etwa mit Versuchen, die Korruption zu vermindern. Der grösste Teil der öffentlichen Ordnung betrifft ja menschliches Verhalten: Man will, dass die Leute mehr oder weniger von etwas tun. Dafür sind natürlich auch Gesetze und Strafen da. Wir versuchen einfach, effizientere Wege zu finden.
Und wie gehen Sie praktisch vor?
Wir machen viele Experimente. Man sollte Ideen testen. Menschen haben ein übersteigertes Selbstbewusstsein, Politiker sowieso. Ich glaube, unsere Kinder werden zurückblicken und sagen: Zum Teufel, so habt ihr Politik gemacht? Irgendjemand hatte eine grossartige Idee, und dann habt ihr sie einfach überall durchgezogen? Wäre es nicht besser gewesen, zuerst auszuprobieren, ob die Idee wirklich etwas taugt? Wir versuchen, eine empirische Art des Regierens in die Behörden zu schmuggeln. Ich bin ein grosser Fan der direkten Demokratie der Schweiz. Aber bevor man die Leute über eine Massnahme abstimmen lässt, sollte man vielleicht herausfinden, ob sie wirkungsvoll ist.
Welche Ihrer Massnahmen war am profitabelsten?
Sicher eine, die mit Steuern zu tun hatte. Interventionen bei Steuern sind unglaublich billig. Bei einem berühmten frühen Beispiel war es eine einzige Zeile Text in einem Brief an säumige Zahler, der ohnehin versandt wurde. Dieser Satz, «Die meisten Leute bezahlen ihre Steuern rechtzeitig», brachte mehrere Dutzend Millionen Pfund ein, weil 15 Prozent mehr Leute ihre Steuern ohne weitere Massnahmen bezahlten. Manchmal engagieren uns Hilfsorganisationen, um im Ausland zu arbeiten, und da sagen wir oft: Lasst uns bei den Steuern beginnen. Denn bei den Steuern existiert bereits ein Messsystem, das heisst, man weiss, wer bezahlt und wer nicht. Für eine Intervention schickten wir einige unserer Leute zwei Wochen nach Guatemala. Die Botschaft, dass 62 Prozent der Bürger ihre Steuern bezahlen, hat auch dort zu einer merkbaren Erhöhung der Zahlungsbereitschaft geführt. Und gemessen am Aufwand ist der Ertrag sehr hoch. Ich erinnere mich an ein früheres Experiment, bei dem wir auf Briefumschläge schrieben: «David» – oder den Namen des Adressaten –, «du musst diesen Umschlag öffnen.» Wir hatten tatsächlich jemanden angestellt, um das von Hand auf 5000 Umschläge zu schreiben. Die Leute fanden, wir seien verrückt. Aber das Verhältnis von Ertrag und Aufwand lag bei 200 zu 1.
Wie sieht es mit Aufwand und Ertrag Ihrer Firma aus?
Als wir 2010 begannen, gab es eine Auslaufklausel: Wenn wir innerhalb von zwei Jahren nicht zehnmal so viel Geld verdienten, wie wir kosteten, würde unsere Firma aufgelöst. Wir waren damals klein, das Team kostete eine halbe Million Pfund pro Jahr. Allein unsere frühen Versuche im Bereich der Steuern brachten 200 Millionen Pfund ein.
Geht es immer nur ums Geld?
Nein, man kann auch in Bereiche vordringen, die mit anderen Massnahmen nicht zu erreichen sind. Wer in Grossbritannien mit 16 Jahren in Englisch oder Mathematik durchfällt, muss zurück in die Schule und den Test wiederholen. Sie können sich vorstellen: Das sind Hunderttausende junger Leute, 16, 17, 18 Jahre alt, die Englisch und Mathematik wiederholen müssen und die Schule nicht verlassen dürfen. Und es ist sehr schwierig, im Parlament ein Gesetz zu verabschieden, das verordnet: He, du da hinten, könntest du dich bitte konzentrieren! Aber auf welche Weise könnte man junge Leute denn ermutigen? Haben Sie Kinder?
Ja, einen Sohn.
Wie alt ist er?
Dreizehn.
Wenn Sie Ihren Sohn fragen: «Wie war’s in der Schule?» Was würde er sagen?
Er würde mit den Achseln zucken.
In diesem Alter ist es ziemlich schwierig, ein längeres Gespräch zu führen. Wie heisst Ihr Sohn?
Er heisst Tim.
Wir unternahmen einen Versuch, in dem die jungen Leute freiwillig zwei Personen nennen konnten – Tim könnte Sie auswählen oder einen Freund oder eine Nachbarin –, die dann vom Lehrer SMS-Nachrichten bekamen wie: «Tim liest in der Schule gerade ‹The Hunger Games›. Vielleicht fragen Sie ihn, ob ihm das Buch gefällt.» Dann können Sie zu Tim sagen: «Ah, ihr lest ‹The Hunger Games›, welche Person gefällt dir am besten?» Das ist ein ganz anderer Gesprächsauftakt als: «Wie war’s in der Schule?» Oder in der SMS steht: «Tim hat nächste Woche eine grosse Mathematikprüfung, er sollte seinen Taschenrechner mitbringen.» Er steht jetzt ein bisschen unter Überwachung. Es ist interessant, dass die jungen Leute in diesem Versuch einen Prozess in Gang setzten, der es möglich machte, sie zu behelligen, und das freiwillig. Funktionierte es? Die Durchfallquote bei der Gruppe, die die SMS erhielt, lag 25 Prozent tiefer. Und das mit dieser einfachen Massnahme, die pro Student bloss einige Pfund kostete. Das ist ein wunderbares Resultat! Und übrigens – als wir die jungen Leute nach dem Experiment fragten, ob die Lehrer die Nachrichten bis zum Schulende weiterschicken sollten, sagte die grosse Mehrheit Ja. Im nächsten Jahr werden über hundert Schulen so verfahren.
Was war Ihr grösster Flop?
Da wir Dinge in Experimenten ausprobieren, gibt es immer kleine Flops. Das ist genau das, was wir wollen. Wir wollen Dinge ausprobieren, und es macht nichts, wenn manche davon nicht funktionieren. Aber wir erleben natürlich auch Enttäuschungen. Laborstudien legten zum Beispiel nahe, dass die Leute ihr Haus eher isolierten, wenn man ihnen ein Infrarotbild ihres Hauses zeigt, auf dem man sieht, wo die Wärme verloren geht. Wir unternahmen dann einen Versuch, bei dem wir einer Gruppe von Leuten einen Brief mit zwei Infrarotbildern schickten: Das eine zeigte ein isoliertes Haus, das andere eines ohne Wärmedämmung. Und wir fanden heraus: Diese beiden Bilder machten es nicht wahrscheinlicher, dass die Leute das Angebot annahmen, ihr Haus zu isolieren, sondern sogar unwahrscheinlicher. Es gab also Hinweise im Labor, aber in der richtigen Welt funktionierte es nicht.
Wissen Sie, warum es nicht klappte?
Wir glauben, dass starke Bilder manchmal von der geschriebenen Botschaft ablenken. Darüber hinaus sollte das gelbe Glühen in diesem Fall anzeigen, dass das Haus Wärme verliert. Aber für viele Leute sah es einfach gemütlich aus.
Manchmal können Bilder auch viel bewirken. Sie haben herausgefunden, dass Verkehrsbussen schneller bezahlt werden, wenn Sie das Bild des Autos mitschickten.
Vielleicht macht das Bild einfach nur offensichtlich: Woah, das war ja wirklich ich! Ich hörte das Gerücht, dass die Franzosen eine Variation davon ausprobiert hätten: Bezahlen Sie die Busse, oder wir schicken das Bild an Freunde und Verwandte. Das führte offenbar zu vielen Beschwerden, weil man auf dem Foto sehen konnte, wer noch im Wagen sass, was manchmal zu Eheproblemen geführt haben soll.
Ist es ein Problem, wenn die Leute merken, dass man sie in eine bestimmte Richtung lenken will?
Das ist eine interessante und ziemlich grundlegende Frage. Ein Nudge sollte transparent sein. Diese Techniken funktionieren meiner Ansicht nach dann, wenn die Leute ermutigt werden, Dinge zu tun, die sie ohnehin tun wollten – Geld zur Seite legen etwa oder gesund essen. Wenn sie sich manipuliert fühlen, wenn sie das Gefühl haben, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollten, nützt sich der Effekt schnell ab.
Nicht alle Leute sind begeistert von Nudges. Aus welchen Richtungen kommt die Ablehnung?
Aus der linken Ecke kommt die Kritik: Warum tut ihr diese Dinge, anstatt saubere und verbindliche Regelungen durchzusetzen? Statt den Reichtum umzuverteilen oder Vorschriften für Firmen zu erlassen, führt ihr diese weichen Massnahmen ein. Die Rechten hingegen werfen uns vor, wir wollten einen Kindermädchenstaat schaffen und die Menschen manipulieren. Denn das letzte, was jemand will, der die Regierung grundsätzlich nicht mag, ist, die Regierung in den eigenen Kopf zu lassen.
In letzter Zeit wird die Zuverlässigkeit vieler psychologischer Studien in Zweifel gezogen. Bei einer Stichprobe konnten von 97 Studien nur 35 reproduziert werden. Die Grundlagen Ihrer Arbeit sind offenbar weniger solid, als sie scheinen?
Das stimmt. Allerdings sind wir weiter als zu Beginn. Probleme gibt es vor allem bei kleinen Studien mit wenigen und gleichartigen Versuchsteilnehmern. Heute sind wir viel vorsichtiger. Unsere eigene Arbeit umfasst sehr grosse Versuche an verschiedenen Orten, mit Wiederholungen. Einige unserer Experimente sind gigantisch: Um die Organspendebereitschaft zu untersuchen, machen wir Versuche mit einer Million Leuten, bei Steuerfragen mit mehr als zehn Millionen. Das ist nicht dasselbe, wie wenn jemand ein kurioses Ergebnis erzielt mit dreissig Studenten in einem amerikanischen Labor.
Ein anderer Forscher, den Sie zitieren, der Ernährungspsychologe Brian Wansink, musste viele seiner Arbeiten korrigieren oder zurückziehen.
Wir mögen tatsächlich Bedenken haben, was Brians Arbeit betrifft. Auf der anderen Seite machten wir mehrfach eigene Studien über die Placierung von Nahrungsmitteln oder zur Steuer auf Zucker, an der wir beteiligt sind. Sie hat in Grossbritannien zu einer Reduktion des Zuckerkonsums um elf Prozent geführt.
Aber eine Steuer ist kein Nudge. Sie ist ja nicht freiwillig.
Im engen Sinn mag das kein Nudge sein, aber es fällt in den Bereich der Verhaltenswissenschaft. Es gibt da eine etwas breitere Interpretation, die dem, was wir tun, näher kommt.
Begibt man sich damit nicht auf einen gefährlichen Weg? Es beginnt mit unbedenklichen Nudges, und plötzlich gibt es neue Steuern.
Die Funktion dieser Steuer ist aber nicht, neue Einnahmen zu generieren. Das Elegante an der Zuckersteuer ist ja, dass sie einem immer noch die Wahl lässt. Es gibt Ersatzprodukte, zu denen man wechseln kann. Von einer Sucht oder einem hartnäckigen Verhalten loszukommen ist einfacher mittels eines Ersatzprodukts. Die meisten Leute werden jedenfalls nicht mehr bezahlen und immer noch dieselben Süssgetränke trinken: die Steuer treibt nämlich eine Veränderung der Rezepturen voran. Es ist eine Sequenz von Veränderungen, die zu einem besseren Ergebnis führen.
Und falls jemand sagt: Wenn ich rauchen und saufen und früh sterben will, geht das die Regierung nichts an.
Sie erwähnen das Rauchen. Wir haben eine klare Haltung zu E-Zigaretten. In vielen Ländern sind die ja verboten. Unsere Ansicht ist: Rauchen ist eine Sucht, und eine der besten Massnahmen dagegen besteht darin, ein Ersatzprodukt einzuführen. Wir haben also nicht die Wahlfreiheit eingeschränkt, wir haben sogar mehr Auswahl geschaffen. Das hat eben genau nichts mit einem Kindermädchenstaat zu tun. Denn wir verbieten das Rauchen ja nicht.
Trotzdem: Gegen Leute, deren Weltsicht es ist, der Staat habe sich aus Prinzip nicht einzumischen, haben Sie einen schweren Stand. Das ist ja fast eine philosophische Haltung.
Das stimmt natürlich. Aber sobald man spezifische Fragen diskutiert, interessieren sich auch diese Skeptiker für die effizienteste Strategie. Eine meiner liebsten Interventionen betrifft Geschwindigkeitsübertretungen. Selbst strenge Libertäre finden, man solle nicht mit 150 an einer Schule vorbeirasen dürfen. Die Frage bleibt also: Welches ist der wirkungsvollste Weg, für die Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit zu sorgen?
Und welcher ist es?
Wir legten der Busse einen Handzettel bei mit dem Bild einer Unfallstelle, an der Blumen niedergelegt worden waren. Dazu hiess es: Kein Unfallfahrer wollte jemanden töten, er fuhr einfach zu schnell. Dazu gaben wir die Anzahl Kinder an, die in dieser Region bei Verkehrsunfällen jährlich ums Leben kommen. Und dann stand da: Wir schicken Ihnen diesen Brief, damit Sie nicht der nächste sind, der in einen Unfall verwickelt wird. Die Busse blieb unverändert, wir haben bloss diesen Zettel mitgeschickt. Die Wirkung? Die Leute bezahlten die Busse schneller. Die Zahl der Fälle, in denen das Geld eingetrieben werden musste, halbierte sich. Und in den folgenden sechs Monaten sank der Anteil der Wiederholungstäter um zwanzig Prozent.
Aber wer entscheidet am Schluss, was gut für den Menschen ist und welche Massnahmen erlaubt sind?
Das sind grundlegende Fragen. Wir von der Nudge-Unit sollten es jedenfalls nicht sein. Dafür sind demokratisch gewählte Regierungen zuständig und die Bürger selbst. Wenn ich ein Land von Grund auf erfinden könnte, würde ich wahrscheinlich nicht alle darüber abstimmen lassen. Aber ich würde repräsentative Gruppen zusammenstellen, denen man die Erkenntnisse präsentieren könnte. Vor allem wenn es um Entscheidungen geht, die den Lebensstil betreffen, sollte die Öffentlichkeit über alle Massnahmen urteilen können.
Reto U.Schneider ist stv. Chefredaktor von NZZ-Folio.