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Nach dem tragischen Unfall vom Montag wird die Zukunft der Luftwaffe intensiv diskutiert. Zur Debatte stehen vier sehr unterschiedliche Szenarien.
Theodor Real musste improvisieren, als er im Sommer 1914 kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Auftrag erhielt, eine Fliegertruppe zusammenzustellen. Der Kavallerie-Instruktor bot kurzerhand zehn Privatpiloten auf und bat sie, ihre Privatflieger auf den Flugplatz Beundenfeld bei Bern mitzubringen. Zudem beschlagnahmte Real drei Flieger, die an der Landesausstellung in Bern zur Schau standen.
Die Luftwaffe von heute ist mit dem zusammengewürfelten Haufen von damals nicht mehr zu vergleichen. Dutzende professionell ausgebildete Kampfjetpiloten, 30 F/A-18 Hornets, 54 Tiger F5-Jets, zahlreiche Armeehelikopter und Militärdrohnen sorgen für einen sicheren Luftraum über der Schweiz, führen Lufttransporte durch und helfen etwa den Grenzwächtern bei der Nachrichtenbeschaffung.
Trotzdem scheiden sich die Geister an der Frage, wie es mit der Luftwaffe weitergehen soll. Der jüngste Absturz eines F/A-18-Kampfjets hat die Diskussionen darüber neu lanciert. Im Zentrum steht das Schicksal der 30 verbliebenen F/A-18-Flieger, dem Rückgrat der Schweizer Luftwaffe.
Die «Nordwestschweiz» hat mit Sicherheitspolitikern und Experten gesprochen. Herauskristallisiert haben sich vier Szenarien für die Zukunft der Schweizer Luftwaffe.
Offen dazu stehen will kaum jemand.
Doch es gibt Stimmen, die nach dem
Absturz eines F/A-18-Kampfjets am
Montagnachmittag das Ende der
Schweizer Luftwaffe fordern. Juso-Präsidentin
Tamara Funiciello etwa
sagte gestern gegenüber «20 Minuten»:
«Es wäre offensichtlich sicherer,
wenn die Flieger auf dem Boden blieben.»
Die Jungsozialistin ist überzeugt, dass die Schweiz keine Luftwaffe braucht. Funiciello fragt sich auch, was die Luftwaffe im Ernstfall überhaupt bringen würde. «Es ist unwahrscheinlich, dass uns Kampfjets irgendwann mal vor einem Angriff schützen werden.» Gegenüber der «Nordwestschweiz» wollte sich Funiciello nicht mehr zu dem Thema äussern.
Die Forderung ist nicht neu. Bereits 2008 verlangten die Initianten der Volksinitiative «Gegen Kampfjetlärm in Tourismusgebieten» ein Flugverbot für Kampfjets über touristisch genutzten Erholungsgebieten in Friedenszeiten. Die Initiative wollte primär den Umweltschutz stärken und nicht die Luftwaffe schwächen. Trotzdem hätte ihre Annahme ein faktisches Grounding der Kampfjets bedeutet.
Würde sich das «Abschaffen!»-Lager durchsetzen, dann müssten die verbliebenen 30 F/A-18-Jets entweder als Occasion-Flieger ins Ausland verkauft oder verschrottet werden.
Ganz anders sehen das jene Sicherheitspolitiker, die sich seit längerem Sorgen machen um die Sicherheit in Helvetiens Höhen. Der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht etwa sagte gegenüber den «Freiburger Nachrichten»: «Es braucht jetzt neue, kampffähige Jets. Das sollte inzwischen allen klar sein.»
Auch die Aargauer FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger verlangt, dass die Diskussionen über neue Kampfjets vorangetrieben werden. Gegenüber «20 Minuten» erklärte Eichenberger: «Der VBS-Chef muss nun Gas geben und schauen, dass der Beschaffungsprozess beschleunigt wird.»
Der «Nordwestschweiz» sagte sie, dass als Überbrückung auch Miet- oder Leasinglösungen diskutiert werden müssten, falls der Beschaffungsprozess nicht verkürzt werden könne.
Sie verweist darauf, dass die F/A-18-Flotte mit dem geplanten Ausbau auf einen 24-Stunden-Luftpolizeidienst in Zukunft stärker strapaziert werde. «Die Durchhaltefähigkeit reduziert sich. Deshalb bin ich der Ansicht, dass man den Beschaffungsprozess seriös, aber innert kürzester Frist durchführen sollte, damit die neuen Flugzeuge auf das Ende der Lebensdauer der F/A-18 einsatzfähig sein werden.»
Je nach dem, wie schnell man den Beschaffungsprozess abschliessen könnte, würden die F/A-18-Jets bereits 2025 vom Rollfeld genommen oder erhielten ein technisches Upgrade, um bis 2030 weiterfliegen zu können.
Ein Umdenken in der Luftschutzpolitik fordert der grüne Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli. Seine Partei erachte es als «illusorisch und viel zu teuer», die voll ausgerüstete Jetflotte zu behalten. Glättli plädiert für eine europäische Sichtweise: «Wir sind umzingelt von Freunden. Und ein Luftkrieg gegen die Nato wäre sicher nicht zu gewinnen.» Deshalb ist für ihn klar, dass die Aufgabe der Kampfjets in Zukunft überdacht und neu definiert werden muss. «Ich persönlich könnte mir die Umwandlung der Luftwaffe in eine reine Luftpolizei vorstellen», sagte Glättli der «Nordwestschweiz».
Europäisch denkt auch Chantal Galladé, Zürcher SP-Nationalrätin und ehemalige Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats. «Mit dem Anschluss an das gemeinsame Luftüberwachungssystem könnten viele Flugstunden eingespart werden, was die Lebensdauer der Flieger wiederum verlängern würde», erklärte Galladé. Für sie ist klar: «Die Schweiz braucht eigene Jets – aber die jetzigen genügen.»
Was mit den 30 F/A-18-Kampffliegern im Falle einer europäischen Luftwaffenlösung geschehen würde, bleibt unklar. Denkbar ist, dass ein Teil von ihnen in eine gemeinsame Flotte eingegliedert würde.
Die meisten Politiker raten zu Geduld. Kurzschlussreaktionen wären kontraproduktiv. Denn Anfang 2017 sollte die von Verteidigungsminister Guy Parmelin eingesetzte «Begleitgruppe für die Evaluation und Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges» ihren Bericht vorlegen, der Fragen zu Bedarf, Evaluation und Beschaffungszeitpunkt klären soll.
Alt-Ständerat Hans Altherr (FDP) sitzt der Begleitgruppe vor. Der Druck auf ein schnelles Weiterkommen habe nach dem Unfall zugenommen. «Ein gestraffter Zeitplan wird sicher diskutiert werden. Ich persönlich bin aber nicht überzeugt, ob das umsetzbar ist.» Altherr verweist darauf, dass der politische Prozess, der dem Kauf eines neuen Jets vorangehen wird, rund 6 bis 8 Jahre dauert. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Beschaffungsprozess markant verkürzt werden kann.»
Auch Verteidigungsminister Guy Parmelin riet unlängst zu Geduld. Welches Flugzeug man kaufen werde und wie viele Flieger es sein sollten, werde sich weisen. «Auf all diese Fragen will ich Antworten von der Begleitgruppe. Ich glaube, nach der gescheiterten Gripen-Beschaffung lohnt es sich, dass wir uns Zeit nehmen.»
Wenn alles nach dem Plan von Verteidigungsminister Parmelin läuft, werden die F/A-18-Jets irgendwann zwischen 2025 und 2030 vom Himmel genommen.