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Boulevard- und Pendlerzeitungen
Berichterstattungsqualität und Qualitätswahrnehmung des Publikums Die Grafik zeigt für die Analyse der Berichterstattungsqualität (X-Achse) und die Analyse der Qualitätswahrnehmung (Y-Achse), ob ein Medientitel im Vergleich mit der Gruppe unterdurchschnittliche (–1), durchschnittliche (0) oder überdurchschnittliche (+1) Qualitätswerte erzielt. Bei Titeln, die sich in der Diagonale positionieren, kommen beide Messverfahren zu analogen Befunden. Bei Titeln ausserhalb der Diagonale weichen die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung voneinander ab. Punkte oberhalb der Diagonale bedeuten, dass der Medientitel vom befragten Publikum besser bewertet wird. Kommt der Medientitel unterhalb der Diagonale zu liegen, schneidet er in der Inhaltsanalyse besser ab.Lesebeispiel: Vergleicht man 20 minutes mit den übrigen Boulevard- und Pendlerzeitungen, erweist sich die inhaltsanalytisch gemessene Qualität als durchschnittlich. Bei der Befragung erzielt der Titel jedoch nur unterdurchschnittliche Werte.
Die Newssite von 20 Minuten ist das überzeugendste Angebot in der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» Zwei Newssites belegen die Spitzenplätze im Medienqualitätsrating der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen». Es sind dies lematin.ch und 20minuten.ch. Während sich ausserhalb dieser Gruppe die Regel bestätigt, dass sich die gedruckten Ausgaben qualitativ besser positionieren als die entsprechenden Webangebote, verhält es sich in dieser Vergleichsgruppe gerade umgekehrt. Die Onlinemedientitel schneiden regelhaft besser ab als die gedruckten Ausgaben. Einzige Ausnahme bilden die beiden Blick-Titel, die im Gruppenranking deutlich abgeschlagen vom Rest die Schlusslichter der Analyse bilden.
Den Spitzenplatz der Gruppe teilen sich die deutschsprachige Onlineausgabe von 20 Minuten und die französischsprachige Onlineausgabe von Le Matin. Ähnliche bzw. leicht überdurchschnittliche Befragungswerte in der Vergleichsgruppe zeigen sich bei den drei Medien im Mittelfeld. Während bei 20 Minuten die beiden Messverfahren zu sehr ähnlichen Qualitätseinschätzungen gelangen, weicht die Inhaltsanalyse bei 20minutes.ch und Le Matin leicht negativ von der Befragung ab. Ein spannender Fall ist auch 20 minutes: Der Titel liegt gemäss Befragten fast auf dem Niveau des Blicks, die Inhaltsanalyse weist jedoch deutlich solidere Qualitätswerte aus.
|Beurteilungen (N)|
|Qualitätsindex|
|Vertrauensindex|
|Experten|
|79|
|2.3|
|2.5|
|Publikum|
|Gesamt||nach Bildungsgrad|
|Gering||Mittel||Hoch|
|2132||185||1146||801|
|3.0||3.3||3.1||2.7|
|3.0||3.3||3.1||2.8|
Die Skala reicht von 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch)
Experten äussern Vorbehalte Neben der Bevölkerung haben 59 ausgewählte Experten (48 Männer, 11 Frauen) aus Politik, Wirtschaft und Medien die Qualität einzelner Medientitel eingeschätzt. Zu den einzelnen Boulevard- und Pendlerzeitungen haben sie insgesamt 79 Bewertungen abgegeben. Zwar ist die Datenlage nur bedingt aussagekräftig, in der Tendenz zeigt sich jedoch, dass Medienexperten die Qualität der Medientitel durchweg schlechter einschätzen als die Bevölkerung. Eine mögliche Erklärung könnte im hohen Bildungsniveau der Experten liegen, denn die Aufschlüsselung der Publikumsdaten nach Bildung zeigt, dass die Boulevard- und Pendlerzeitungen umso schlechter eingeschätzt werden, je gebildeter die Befragten sind.
Generelle Entwicklung der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» Die Schweiz erhielt ihre erste Boulevardzeitung 1959. Der Blick avancierte innert kurzer Zeit zur meistgelesenen Zeitung. Durch den Markteintritt der Pendlerzeitungen ist den klassischen, bezahlpflichtigen Boulevardmedien allerdings starke Konkurrenz erwachsen. Auch die Pendlerzeitung 20 Minuten mit ihren sprachregionalen Pendants und der Blick am Abend (nicht Bestandteil der Analyse) setzen auf rasch konsumierbare News-Kost, d.h. auf Softnews mit Unterhaltungscharakter. Im Zuge der Digitalisierung hat sich die Boulevardisierungstendenz nochmals erhöht. Sowohl der klassische Boulevard als auch die Pendlerzeitungen haben in den 2000er Jahren erfolgreiche Webangebote mit grossem Verbreitungsgrad geschaffen. Im Zuge dieser Entwicklungen hat sich eine neue Währung etabliert: Über Klick- und Viralitätsraten generierte Reichweite. Softnews, emotionsgeladene, empörungsstiftende Storys und auf prominente Personen abzielende Darstellungen werden besonders häufig angeklickt. Dies beeinflusst die publizistische Strategie und prägt das Qualitätsprofil der untersuchten Titel in dieser Gruppe. Das hohe Publikumsinteresse animiert im Gegenzug die werbetreibende Wirtschaft zu mehr Investitionen. Trotz möglicher Vorbehalte ist Boulevardjournalismus für demokratische Gesellschaften wichtig: Er kann eine wichtige Kontroll- bzw. Watchdog-Funktion übernehmen und ist in der Lage, Themen durch einen lebensweltlich nahen journalistischen Zugriff zu erschliessen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass er sich in ausreichendem Mass mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen beschäftigt.