Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/270

Den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit bildet die Periode der deutschen Literaturgeschichte, in der der literarische Realismus entstand. Einer der zentralen poetologischen Diskurse dieser Zeit – wenn nicht vielleicht sogar der wichtigste – drehte sich um die Volksliteratur, mit der sich diese Studie beschäftigt.
Die im 19. Jahrhundert intensivierten Bemühungen zur Erwachsenenbildung (durch Leihbibliotheken oder in Lesevereinen) veränderten auch das literarische Feld: Die in der Tradition der Volksaufklärung stehenden Volksschriftenvereine bemühten sich erstmals als Institutionen die fürs Volk geeignete Lektüren nicht nur selber zu produzieren, sondern auch effizient an die Leserschaft zu verteilen. Ab etwa 1850 führte die Massenpublizistik (Familienzeitschriften wie etwa die Gartenlaube) das ästhetisch-didaktische Programm der Vereine kommerziell erfolgreicher weiter. Dadurch wurde die Trennung von ‚hoher‘, ästhetisch anspruchsvoller Dichtung und niederer Trivialliteratur, die sich an ein wenig gebildetes Massenpublikum richtete, besiegelt. In diese Umbruchszeit fallen die Diskussionen über die Volksschriftsteller und ihre Volkspoesie, die wichtige poetologische Innovationen lieferten (etwa Darstellung des ‚Volkes‘ in der Literatur), dann aber als (vermeintliche) Ausprägungen eines trivialen Literaturverständnisses rasch beiseite geschoben wurden und damit auch in der späteren Literaturgeschichtsschreibung vergessen gingen.
Die Analyse von pädagogischen Zeitschriften, Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts sowie der Korrespondenz der bedeutendsten deutschsprachigen Volksschriftsteller, Jeremias Gotthelf, Berthold Auerbach, Josef Rank und Otto Ruppius, soll möglichst empirienah die poetologischen Debatten und Kommunikationsnetzwerke und Allianzen der Autoren erhellen. Darüber hinaus erörtern Lektüren der literarischen Werke die erzählerische Umsetzungen der theoretischen Reflexion.
Als neue ‚Autorenklasse‘ etablierten sich im 19. Jahrhundert auch die schreibenden Frauen, die jedoch wie die Volksschriftsteller als lediglich epigonale Autorinnen diskreditiert wurden. Exemplarisch sollen Eugenie Marlitt und Louise Otto-Peters deshalb ebenfalls in ihrem ‚Kampf‘ um Anerkennung betrachtet werden. Sie schrieben für ein bis dahin marginalisiertes Publikum: die Frauen. Strukturell gesehen verfolgten sie in ihren Werken eine ähnliche Absicht wie die Volksschriftsteller, indem sie ihre Leserschaft auch aufklären und bilden wollten. Ihre Werke sollen deshalb ebenfalls analysiert werden: Die literarische Interpretation konzentriert sich bei allen Autoren auf die Darstellung des Volkes und auf die Analyse der anthropologischen und sozialen Modelle sowie auf den Einsatz der erzählerischen Mittel, die die intendierte Wirkung, die Bildung der Leserschaft, hervorrufen sollten. Die Studie versteht sich damit als Beitrag zur Poetik- und Kommunikationsgeschichte des 19. Jahrhunderts.