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Schreiben – ein Rausch? Schreiben ist eine Qual. Begleitet von Zweifeln an mir und Zweifeln an der Sache. Ich steige nur ungern in diesen dunklen Keller hinab. Ich tue es, weil Glanz, Ruhm und Geld die Mühen wert sind.
Einen Schreibrausch habe ich ein einziges Mal erlebt. Er dauerte von Februar bis August im Jahr 2000. In diesen Monaten schrieb ich frohen Mutes um mein Leben, unbekümmert um Teufel, Leser und Selbstkritik. Im Februar war es in der Mansarde unter dem Dach so kalt, dass ich im Daunenschlafsack und mit Handschuhen am Computer sass. Den Handschuhen hatte ich die Finger abgeschnitten. Im August war es so heiss, dass ich nackt tippte, mit den Füssen in einer mit Wasser gefüllten Wanne. Das einzige Gefühl, an das ich mich erinnere: das Gefühl reiner Schaffensfreude.
Für meinen ersten Roman hatte ich einen Vertrag in der Tasche. Der Verleger hatte mir bis Ende Sommer Zeit gegeben, am Manuskript zu arbeiten. Von den Eltern hatte ich mir Geld geliehen, um keinen Job annehmen zu müssen. Jetzt – mit der Aussicht, das fertige Buch verschenken zu können und damit meinen Lebenszweck zu erfüllen – begann ich, die Geschichte neu zu schreiben. Den ersten Satz und den letzten Satz behielt ich bei, dazwischen blieb kein Absatz auf dem anderen. Zwischen «Ich war Gymnasiast und kiffte» und «Es war ein ganz normaler, vielversprechender Tag, und ich wagte wieder zu atmen» bekam die Hauptfigur einen eigensinnigen Charakter, einen verhaltensoriginellen Bruder und einen mühseligen Dachs. Humor kam hinzu und Zuversicht. Abenteuer kamen hinzu, die ich aus meinen Tagebüchern extrahierte und schamlos anpasste. Ich war naiv genug zu glauben, ich schleife einen Diamanten. Es war ein Zustand des puren Glücks. Einmal pisste ich in die Wanne, um nicht mit einem Gang aufs Klo aus der Geschichte gerissen zu werden. Ich vergass zu essen, zu schlafen und verschwendete keinen Gedanken an reale Menschen. Die einzige Sorge, die mich quälte, war, ich könnte sterben, bevor ich fertig sei.
Ein magischer Moment bildete den Abschluss dieser einmaligen Zeit. Als ich an einem Tag alle Änderungen vom Vortag rückgängig gemacht hatte, hätte ich schon merken können: Das Buch ist fertig. Ich änderte weiter. Am nächsten Tag dasselbe: Alle Änderungen des Vortages rückgängig gemacht. Und hier traf mich die Erkenntnis: Es ist vollbracht. Da ist alles drin an Weisheit, Liebe und Kunstsinn, das mir möglich ist. Aus der Mansarde damit!
Ich schickte das Manuskript dem Verleger, übergab dem Vermieter den Mansardenschlüssel und verbrannte die Tagebücher am Seeufer. Dann wurde ich melancholisch.
Auf diesen Rausch blicke ich zurück mit Verwunderung (was ist mir da geschehen?) und Wehmut (nie wieder wird es geschehen). Heute steige ich, neidisch auf diesen begeisterten jungen Mann, in den Keller. Auf der bitteren Suche nach einem Diamanten, der es zu schätzen wüsste, geschliffen zu werden.
Christoph Simon
ist Schriftsteller und Slam-Poet aus Bern. Von ihm zuletzt erschienen: «Wahre Freunde» (CD, Der gesunde Menschenversand, 2016). Vergangenes Jahr erhielt er den ProLitteris Förderpreis.