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Ihr erster Gedanke ist wohl: «Der Fussball-Doc denkt wieder einmal an seine ärztliche Fussball-Tätigkeit.» In der Tat erlebte er schon schreckliche Barrage-Spiele, als zum Beispiel der FC St. Gallen in Bellinzona unterging und somit den Abstieg in die damalige Nationalliga B besiegelt wurde. Das waren ausserordentlich fehlgesteuerte Emotionen und Energien, als Fensterscheiben und Türen durch Spielers Fäuste in Brüche gingen. Bei Konzentration dieser Energien auf das Fussballspiel wäre der FC. St. Gallen nie abgestiegen und hätte zum Glück auch keinen Uli Forte für den Wiederaufstieg benötigt
Doch was haben ein Barrage-Spiel und das französische Wort «Le Barrage» gemeinsam. Übersetzt heisst Barrage Staumauer oder Talsperre, also so etwas Ähnliches wie eine Barriere. Auf jeden Fall etwas, das viel Energie speichert, und wehe, wenn diese Energie fehlgesteuert wird. Unsere e-Bike-Tour am Rand des Estérel-Gebirges nach Fréjus ist Zeichen einer geordneten Energie und eines optimalen Energieverbrauchs, was bei der längeren Abwärtsfahrt über den Lac de l’Avellan und die gleichnamige «Piste» auch nicht weiter verwundert.
Da wundern wir uns aber über riesige Stein- und Betonbrocken, die am Rande des kleinen Rinnsals Reyran liegen. Naheliegend wäre eine vor Jahren eingestürzte Brücke, doch lässt einem die wahre Geschichte dieser Betonreste auch Jahrzehnte später noch erschaudern. Es war offenbar in den Jahren 1952 – 1954, als hier eine riesige, nahezu 70 Meter hohe, Staumauer erbaut wurde, um dieses kleine Flüsschen, das normalerweise nur im Winter Wasser führt, zu stauen, was einen See von rund zwei Quadratkilometern und 48 Millionen Kubikmeter Speicherraum ergab. Verglichen mit dem Sihlsee, dem flächenmässig grössten Stausee der Schweiz, war dieser Stausee bei doppelt so hoher Staumauer immerhin etwa halb so gross.
Dem französischen Stausee fehlte entweder die Schirmherrschaft der Benediktinerabtei von Einsiedeln oder das Knowhow seriöser, eidgenössischer Baukunst, auch wenn solche Berühmtheiten wie Louis Favre, der Erbauer des Gotthardtunnels oder Alfred Escher, der Eisenbahnbauer und politische Begründer der modernen Schweiz heute von unseren rot-grünen Fanatikern und Besserwissern vom Sockel gerissen werden sollen. Die Franzosen würden wohl nie ihren Gustave Eiffel, auch wenn er deutsche Wurzeln hat, vom Eiffelturm kippen. Tatsache ist jedoch, dass diese Staumauer bei Fréjus nicht einmal fünf Jahre gehalten hat, und dass die nachfolgende Flutwelle wahrscheinlich weit über tausend Todesopfer forderte. Die beiden darunter liegenden Weiler Malpasset und Bozon wurden durch eine vierzig Meter hohe und siebzig Stundenkilometer schnelle Flutwelle vollständig zerstört, und diese Welle war noch zwanzig Minuten später in Fréjus drei Meter hoch und begrub alles unter Schlamm.
Die offizielle Opferzahl betrug 423, das Problem war jedoch der gleichzeitige Bau der Autobahn A8, genannt La Provençale, mit hunderten von nicht offiziell registrierten Schwarzarbeitern, die dann zum Teil unerkannt ins Mittelmeer gespült wurden. Da hatten ja wahrscheinlich sogar die, Eschers Vermögen äufnenden, Angestellten der Plantage auf Kuba, auch wenn sie Sklaven waren, noch das bessere Schicksal.
Ein französisches Kassationsgericht entschied übrigens 1967, dass keinerlei strafbares Verhalten vorhanden sei, und dass die Beurteilung des Untergrunds mit wasserdichtem Fels aus Gneis auf der einen Seite und der unterspülten Beton-Flügelwand auf der anderen Seite nicht menschliches Versagen gewesen sei, sondern dass es sich um eine naturbedingte tektonische Störung, eine sogenannte Kluft gehandelt habe, die das Wasser unter der Mauer zu einem unterirdischen Stausee durchsickern liess. Auch die einige Wochen vor dem Mauerbruch gehörten Knackgeräusche hätten keine konkret interpretierbare Bedeutung gehabt. Hauptursache seien die starken Regenfälle gewesen, die den Stausee bis sechsundzwanzig Centimeter unter den Mauerrand füllen liessen. Stellen Sie sich vor, diese Katastrophe hätte sich sechzig Jahre später und nicht 1959 ereignet, dann wäre einmal mehr der Klimawandel schuldig gesprochen worden. Mehrere riesige, flussabwärts, wild herumliegende Mauerbruchstücke bis zu Häusergrösse und eine Gedenktafel lassen uns Radfahrer ehrfürchtig absteigen, um diese schaurige Umgebung näher zu betrachten. Dabei fällt meiner Frau doch tatsächlich ein auf dem Boden liegender Führerausweis auf, der auf Grund der gut erhaltenen Papierqualität der Neuzeit entspricht, zumal noch ein holländischer Name, nicht aber die Adresse, darauf lesbar ist. Da weit und breit keine Menschenseele sichtbar ist, nehmen wir den Ausweis mit und finden nach einigen Internet-Recherchen und Telefonaten den Besitzer heraus, einen pensionierten holländischen Zahnarzt, der mit seiner Familie jeweils Ferien in Südfrankreich verbringt. Seine Dankbarkeit ist riesig. Ein positiver Abschluss dieses emotional doch eher traurigen Tages. Obwohl die ehemalige Staumauer, die auf dem hinteren Titelbild abgebildet ist, entsprechend dem daruntergelegenen, ertrunkenen Weiler Barrage de Malpasset heisst, ist dieser Tag doch noch bien passé.