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Michael Krautzberger leitet das gesamte europäische Rentenfonds-Management bei Blackrock. Er ist zudem Mitglied des "Leadership Committee" der Blackrock-Konzernregion Europa, Mittlerer Osten und Afrika.
cash: Muss die Europäische Zentralbank (EZB) mehr Geldspritzen ansetzen?
Michael Krautzberger: Viele Leute sagen: Es gibt ja schon das Quantitative Easing (QE) mit dem Anleihenkaufprogramm, das Wirtschaftswachstum wird besser, Europa heilt – warum diskutiert man dann eine Intensivierung des QE? Es wäre aber sicherlich sinnvoll, das jetzige Anleihenkaufprogramm von 60 Milliarden Euro im Monat entweder aufzustocken oder über September 2016 hinaus zu verlängern. Das würde eine "Sicherheitsmarge" schaffen. QE hat in den meisten Volkswirtschaften unter dem Strich positiv gewirkt.
Wie beziehen Sie diese Aussage auf die Euro-Länder?
Ein Problem in Europa war ja, dass Staatsanleihen beim Ausbruch der Krise ihre "Funktion" als sichere Häfen verloren. Zweijährige italienische Anleihen waren auf einmal bei sieben Prozent – in so einer Situation kann der Staat fiskalpolitisch nicht gegensteuern, weil er dazu ja tiefe Zinsen bräuchte. Dank der EZB verhalten sich Staatsanleihen wieder wie Staatsanleihen.
Und wie verhält sich dies zu den aktuellen Krisenanzeichen?
In den letzten Wochen hatten wir heftige Aktien-Rückschläge, die Krise der Schwellenländer intensiviert sich und Ausschläge in den Kreditmärkten hat es auch gegeben. Bei italienischen Anleihen sind die Risikoaufschläge zwar zu deutschen Anleihen etwas geweitet, aber italienische Anleihen sind insgesamt im Preis gestiegen und mit der Rendite nach unten gegangen. Sie verhalten sich also so, wie man das ursprünglich einmal erwartet hatte.
Aber führt QE nicht auch zu Verzerrungen an den Finanzmärkten?
QE will ja die Verflachung von Zinskurven, also einen gewollten Preiseffekt und eine Angleichung der Risikoaufschläge verschiedener Länder. Unter "Verzerrung" verstehe ich eine ungewollte Übertreibung, etwa wenn die Aufschläge italienischer und deutscher Anleihen auf gleichen Niveau handeln würden, der Markt nicht mehr bezüglich Risiko differenziert. Die Abgrenzung zwischen gewollt und ungewollt ist natürlich schwierig, aber meiner Ansicht nach überwiegen die positiven Effekte.
Wie sehen Sie die Renditechancen europäischer Anleihenmärkte?
Bei gut gemanagten europäischen Anleihenfonds hatte man in den letzten Jahren hohe einstellige Renditen, irgendwo bei 7 bis 10 Prozent. Wer auf die nächsten fünf Jahre investiert, muss wohl mit 3 bis 4 Prozent zufrieden sein. Man muss realistische Erwartungen haben und diese ans Zinsniveau anpassen. Die erwartete Ausweitung des EZB-QE, auf sicherlich drei bis vier Jahre hinaus tiefen Zinsen und die Fortschritte bei den Wirtschaftsdaten macht mich aber zuversichtlich für europäische Anleihen. Auch Unternehmensanleihen dürften ebenfalls gut unterstützt sein.
Im September betrug die Inflation in den Euro-Ländern 0,1 Prozent. Ist das für die Europäische Zentralbank, die ein Inflationsziel gegen 2 Prozent hat, ein Problem?
Für die europäischen Volkswirtschaften ist es wichtig, dass es wieder zu einer höheren Inflationsrate kommt. Dass die Verschuldung zurückgeht, hängt viel damit zusammen, ob das Nominalwachstum höher ist als der Nominalzins. Nun sind die Zinsen tief und das Wachstum wieder positiv, es werden 1,5 bis 2 Prozent Realwachstum erwartet. Mit einer Inflation "unter oder nahe" 2 Prozent, wie die EZB ihr Ziel definiert hat, hätten wir ein wesentlich komfortableres Wachstum von 3 bis 4 Prozent.
Aber sind die zwei Prozent nicht fast etwas utopisch?
Die Kern-Inflationsrate ist ja so bei 1 Prozent, und die Headline-Inflationsrate bei 0 Prozent, vor allem wegen des heftigen Unterschiessens der Energiepreise. Ich hielte es für falsch, wenn die EZB das Inflationsziel senken würde. Im Moment sind wir einfach einer Phase, wo es extrem schwierig ist, so ein Ziel zu erreichen.
Deflation ist offenbar gar kein Thema mehr?
Eine zeitlang wurde Deflation in der Eurozone diskutiert, und einige Leute zeigten auf Parallelen zu Japan. Da gibt es schon vergleichbares wie die Alterung der Gesellschaft, aber generell ist die Wirtschaft hier dynamischer, in der Krise wurde schneller entschieden.
Die USA haben drei QEs abgeschlossen. In einer cash-Umfrage sagte aber fast die Hälfte der Teilnehmer, dass sie dort ein viertes QE erwarten. Ist das realistisch?
Ohne grosse Negativereignisse auf kurze Frist nicht. Die Federal Reserve wartet ja auf die Möglichkeit zur Zinserhöhung. Je länger man den Zeithorizont macht, desto wahrscheinlich wird ein neues QE. In meiner beruflichen Laufbahn werde ich wohl schon noch QE4 und QE5 erleben, aber hoffentlich nicht in den nächsten drei Jahren. Ich glaube auch nicht, dass die Zinsen auf ein Niveau von 4 oder 5 Prozent steigen werden – somit wäre man beim nächsten Abschwung auch wieder schneller nahe Null.
Wie wird sich das alles auf die Schweiz übertragen?
Die USA und Grossbritannien sind klar die Länder, die als erste die Zinsen erhöhen. Die erste EZB-Zinserhöhung sehe ich mit zwei, drei oder vier Jahren Zeitverzögerung darauf. Die Schweiz mit ihrem aktuell negativen Einlagensatz wird wohl eher noch ein Schritt dahinter sein, das heisst, nach der EZB die Zinsen anheben. Das hat auch damit zu tun, dass die Schweizerische Nationalbank die Negativzinsen als Hauptinstrument gegen die Devisenschwankungen verwendet.
Auch im cash-Video-Inteview äussert sich Michael Krautzberger zu den Negativzinsen der SNB. Er beurteilt zudem die Aufhebung der Euro-Franken-Kursuntergrenze und gibt eine Einschätzung zur Entwicklung des Wechelkurses der beiden Währungen ab.