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Zwischen Tradition und Moderne – die Schweiz in den 1920er Jahren: Das Auto setzt sich durch
2. Modernisierung der Lebenswelt
Etwas vereinfacht, könnte man sagen: Der erste Weltkrieg hat das Töten modernisiert; nun erlebt die (industrialisierte) Welt einen Modernisierungsschub ihres Zivillebens.
Die Veränderungen betreffen sowohl die Arbeitswelt wie die Privatsphäre. In der Industrie hält beispielsweise der Taylorismus oder Fordismus einzug – die Fertigung nach wissenschaftlichen Kriterien, die Arbeitsabläufe in kleine Einheiten zerlegt und die Charlie Chaplin in seinem Film Modern Times so wunderbar karikiert hat. In der Schweiz ist die Schuhfabrik Bally die erste nach diesen Grundsätzen arbeitende Fabrik. Das Schlagwort lautet «Rationalisierung» – und rationalisiert werden soll nach den Vorstellungen der Modernisierer und Modernisiererinnen auch der Haushalt, wie das beispielsweise an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) 1928 in Bern gefordert wurde.
Mit der Gründung der Migros kommen neue Formen des Konsums auf, die letztlich die Märkte auf den Marktplätzen verdrängen werden. 1925 sind erste in Läden umgebaute Lastwagen der Migros unterwegs, die ein paar wenige Produkte des täglichen Verkaufs billig anbieten; 1926 öffnet der erste Migros-Laden mit festem Standort (noch kein Selbstbedienungsladen).
Zahlreiche technische Neuerungen können sich in den 1920er Jahren erstmals breiter (aber noch nicht in einer Bevölkerungsmehrheit) durchsetzen. Sie erleichtern in vieler Hinsicht das Leben – bringen aber neue Probleme mit sich. Zu diesen Techniken gehören etwa elektrische Haushaltsgeräte. Das Grammophon bringt auch den Jazz in Schweizer Stuben (wobei auch die Volksmusik, gerade in den Städten, eine Blütezeit erlebt), das Kino etabliert sich und bringt dem Publikum die amerikanische Lebensweise näher. Die Zivilluftfahrt beginnt mit den ersten Luftverkehrsgesellschaften Ad Astra Aero und Balair, aus denen 1931 die Swissair hervorgehen wird. Das Telefon ist durchaus umstritten; das Radio ist erst eine Spielerei, bis dann 1931 die SRG gegründet wird und in Beromünster gleich den stärksten Radiosender Europas in Betrieb nimmt. Wichtig sind aber auch ganz unscheinbare Techniken wie das Sperrholz, das die Herstellung billiger Möbel erlaubt und so auch den ärmeren Haushalten ein «modernes» Wohnen ermöglicht.
Ein wichtiges Schlagwort der Zeit ist die Geschwindigkeit – die Veränderungen des Lebens werden von den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als rasant wahrgenommen. Die Beschleunigung findet namentlich im Verkehrswesen statt. Die Eisenbahn war schon zur Jahrhundertwende sehr weit ausgebaut; jetzt wird das Velo zum Massenverkehrsmittel, das vielen große Beweglichkeit erlaubt. Das Auto dagegen bleibt noch bis in die 1950er Jahre den Reichen vorbehalten – doch der Widerstand, der ihm im frühen 20. Jahrhundert begegnete, bricht in den 1920er Jahren definitiv zusammen.
Wie gesagt: Vieles von dem blieb vorerst den Reichen vorbehalten, und das sollte noch während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und während des zweiten Weltkriegs so bleiben. Aber in den 1920er Jahren wurde der Boden bereitet für das, was der Historiker Christian Pfister das «1950er-Syndrom» nennt: Ein enormer Anstieg von materiellem Wohlstand und Energieverbrauch ab der Jahrhundertmitte.