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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XXII. (Nr. 36.) An Casulanus
8.
Wenn er aber auch glaubt, das Wort des Herrn: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer sein wird als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen“1 in diesem Sinne verstehen zu müssen, und der Ansicht ist, wir könnten dieser Vorschrift nicht entsprechen, wenn wir nicht öfters als zweimal in der Woche fasten, so ist es gut, daß es sieben Tage sind, die im Umlaufe der Zeit jedesmal wiederkehren. Wenn also jemand, um nicht am Sabbate oder Sonntage zu fasten, von diesen sieben Tagen zwei abzieht, so bleiben noch fünf Tage, an denen er den Pharisäer, der zweimal in der Woche fastete, übertreffen kann. Denn ich meine, schon wenn er dreimal in der Woche fastet, übertrifft er den Pharisäer, der nur zweimal in der Woche fastete. Wenn man nun viermal oder so, daß mit Ausnahme des Sabbates und Sonntages kein Tag übergangen wird, also fünfmal in der Woche fastet, was viele, besonders Klosterpersonen, ihr ganzes Leben hindurch tun, so wird nicht bloß der Pharisäer, der zweimal in der Woche fastete, sondern auch der Christ, der, wie es beim römischen Volke üblich ist, am Mittwoch, Freitag und Sonnabend zu fasten pflegt, in der Übung des Fastens übertroffen werden. Und doch nennt dieser Unbekannte, dieser Abhandlungsschreiber aus Rom, wie du sagst, auch jenen einen fleischlich Gesinnten, der an fünf aufeinanderfolgenden Tagen mit Ausnahme des Sabbats und des Sonntags in der Weise fastet, daß er an keinem Tage in irgendeiner Weise dem Körper eine Erquickung gestattet, als ob Speise und Trank an anderen Tagen auf das Fleisch keinen Einfluß hätten; er behandelt ihn als Bauchdiener, als ob nur die Sabbatmahlzeit mit dem Bauch in Berührung käme.
1: Matth. 5, 20.