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Das wird eine Geschichte über die Provinz, aus der fast die gesamte Welt besteht, über untergegangene und untergehende Gesellschaftssysteme, über eine Kleinstadt in Thüringen, die ich 1984 verliess und in die ich 2012 zurückkehrte, um zu sehen, wie sie sich verändert hat.
Damals. Am Fenster meiner schlecht geheizten Wohnung, in der der Putz von den Wänden fiel, in der das Klo auf dem Gang und Warmwasser nicht vorhanden war, sass ich und wartete auf ein neues Leben. Auf dem Parkplatz gegenüber gaben Busse im Stundentakt Horden grauhaariger Menschen in beiger und hellgelber Kleidung frei, die dann durch die Klassikerstätte stromerten, mit entrückten Gesichtern, im Rausch des Wiedererkennens. Uns Eingeborenen war jeder Kontakt zu den eierschalenfarben Gekleideten untersagt, wir sassen in den ungeheizten Wohnungen und sahen den Bussen nach.
Der Feldversuch Sozialismus befand sich in den achtziger Jahren auf seinem desaströsen Höhepunkt. Die Städte waren keine blühenden Auen, sondern verfallende Ruinen, durch die enttäuschte Menschen liefen. Ein paar wenige Glückliche, meist Träger eines SED-Parteibuchs, lebten in Villen; man munkelte, sie hätten eine Heizung. Die meisten wohnten in zu kleinen, zu alten Wohnungen, mit schlechter Isolierung und mangelnden Perspektiven. Die Vorteile des Systems: relative Gleichberechtigung und kostenlose Kinderbetreuung und eine völlige Irrelevanz des Geldes. Der die Stimmung entscheidend senkende Nachteil: kein Anreiz für nichts.
Der Winter 1984. Ich hatte den Staatsratsvorsitzenden brieflich um Ausreise gebeten. Nein, geradezu bestanden hatte ich darauf, in Berufung
»ich konnte das Land verlassen, in der Annahme, es als Staatsfeindin nie wieder zu sehen.«
auf irgendeinen Absatz in der Menschenrechtskonvention. Die weiche Flucht. Man wurde nicht erschossen, aber der Ausgang der Aktion war ungewiss. Viele Wohnungen waren verplombt, man wusste nicht, wohin sie verschwunden waren, die Ausreisewilligen, ob in die Freiheit oder in das Gefängnis für Landesverräter nach Bautzen. Die
Dissidenten trafen sich täglich im Café Resi und versuchten, die Angst vor dem Neuen zu teilen. Die Stadt schien zu warten, auszusterben und zu frieren.
Es war so kalt, dass es kaum Touristen gab in jenem Winter, und ich wusste nicht, wie lange ich den Sozialismus noch aushalten würde. Falls ich einmal Post bekam, in jenen Monaten, war sie immer deutlich geöffnet, vor der Tür stand immer ein Mann, der da nicht hingehörte, in der Wohnung roch es nach Toilette, die Fenster waren voller Eisblumen, draussen brannte der Schnee. Ich hatte keine Freunde, vielleicht weil ich schon lange wusste, dass ich nicht lange bleiben würde.
Nach dem längsten Winter in der Stadt wurde ich an einem Morgen im April von einem Mitglied des Ministeriums des Inneren in einen Zug gesetzt, mein Pass wurde vernichtet, und ich konnte das Land verlassen, in der Annahme, es als Staatsfeindin nie wieder zu sehen.
Sommer 2012, über zwanzig Jahre später, fahre ich nach Weimar. Ich muss keinen Pass zeigen, es gibt weder Grenze noch Hunde, ich warte auf eine Erregung, auf ein Wiedererkennen nach einer Flut von Gefühlen. Doch da ist nichts.
Das «Elefant» ist das erste Haus am Platz, unerreichbar früher, heute werde ich in eine Suite geführt. Auf dem Balkon zum Markt, auf dem Hitler stand – die Weimarer riefen ihm liebevoll zu «Lieber Hitler, komm heraus aus dem Elefantenhaus » – steht heute eine Statue von van de Velde. Das «Resi», in das ich nun gehe, erkenne ich kaum mehr, zu sehr hat es sich verändert oder ich mich, der alte Dissidententreff ist heute messingfarben, einem Wiener Caféhaus, das es in Wien so nie gäbe, nachempfunden. War es ein Fehler, wegzugehen? Hätte ich einfach in der kleinen Stadt bleiben können?
Ich sehe die Kutschen auf dem Kopfsteinpflaster, sie fahren am Schloss vorbei, am Turm, den ich früher widerrechtlich bestiegen habe, auf die Stadt blickend und mir vorstellend, ich könnte wegfliegen. Sagte ich gerade Kutschen? Es fahren wirklich Kutschen durch die niedliche Disneywelt, ich bin nicht wahnsinnig geworden. Die wichtigste Wende der Nach-Wende kam vielleicht mit der Ernennung Weimars zur Kulturhauptstadt. 1999. Da wurden nicht nur die Fassaden bunt gemalt, sondern ein kleines Beben ging durch die Stadt. Für zwei Milliarden wurde unter Intendant Kauffmann saniert, gebaut, grosse Regisseurinnen, gute Kunst, neue Hotels, der Wandel von Weimar vom Tagestouristenmuseum zu einer Kulturdestination der Spitzenklasse. Die Hoffnungslosigkeit ist heute aus dem Strassenbild verschwunden, die Laune ist ausgeglichen, das Kaufverhalten prächtig.
Mein dritter Tag in Weimar fühlt sich an, als sei ich gemütliche drei Wochen hier. Ich kenne niemanden mehr, habe aber in den letzten 48 Stunden vermutlich alle Einwohner der Stadt schon einmal getroffen. Ich habe langsam in allen Cafés der Stadt gesessen, die Angestellten sind freundlich, und ich beginne wieder mit dem Thüringer Tonfall zu reden, der klingt, als hätte man Kartoffelbrei im Mund. «Nu bringisch ihnen», heisst es, wenn man einen Kaffee bestellt. Dann dauert es sehr lange, denn die Weimarer sind die Berner der DDR. Nicht schnell, aber freundlich. Ich laufe zum gefühlten zehnten Mal die Innenstadt ab.
Ich bin schon wieder auf dem Marktplatz, er scheint mich zu verfolgen. Die Stadt hat zwei besetzte Häuser, auf die der Weimarer fast stolz ist, das ist gelebte Subkultur, und selbst die Touristen fotografieren die beiden Häuschen. Alles ist sorgsam geputzt, versiegelt die gesamte Stadt, mit einem Tuch überdeckt, und Nachts ist es so ruhig, dass man das Rauschen des Blutes im eigenen Körper hört, dabei gibt es doch Klubs, den alten Kasseturm, in dem gerade, damals undenkbar, der jiddische Sommer mit Tanz und Musik stattfindet.
Ins Theater in Weimar gehen nicht mehr viele, es steht immer noch wie ein Monolith in der Mitte der Stadt, die Schritte auf den Steinplatten hallen, es scheint leerer geworden hier. Nichtssagender. Mir nichts sagend. Damals war der Theaterplatz mit Sehnsucht und mit Aufregung verbunden. Ich ertrug die Hoffnungslosigkeit mit Fluchten in bildungsbürgerliche Nischen. Auf einmal fällt mir der Titel eines Stückes und ein Paar Lieder ein: «Fiktiver Report über ein amerikanisches Popfestival». Was als sozialistische Abschreckung gedacht gewesen war, hatte die gegenteilige Wirkung. Die Schauspieler in engen Lederhosen, Musik zum Mitsingen, die Idee, Rauschgift zu nehmen. Ich habe es vermutlich 30 Mal gesehen. Vermutlich bin ich doch mehr als ich glaubte geprägt vom Geist der bildungsbürgerlichen Werte, die mich nach Erlösung in der Kunst suchen lassen.
Eine Erlösung für mich in Weimar findet jetzt statt, wo ich über die Belvederer Allee, die Stadt wieder verlasse und mich mit ihr versöhnt habe. Weimar ist nicht das Böse, es ist eine kleine Studentenstadt mit zu grosser Aufladung, die sich nirgends entladen kann. Weimar ist offener geworden, schöner, ein bisschen lebendiger, und ich bin so alt geworden, dass ich mich nicht mehr an meine Vergangenheit erinnern kann, weil sie zu weit entfernt scheint.
Ich fahre in meine Heimat. Nach Zürich.
Die Schriftstellerin Sibylle Berg kommt nach über 20 Jahren zurück nach Weimar, ihre Heimatstadt in der ehemaligen DDR, der sie damals «endgültig» den Rücken gekehrt hat. Sie rechnete nicht damit, jemals zurückzukehren, schliesslich galt sie nach damaliger Lesart als Staatsfeindin.
Heute versucht sie, ihr Weimar wiederzufinden. Das Weimar der grauen Häuser, des vor sich hin bröckelden Sozialismus, der Angst vor dem Nachbar und den ungeheizten Wohnungen. Stattdessen findet sie eine Kleinstadt in fiebriger Aufregung vor, wo man sich als Kulturhauptstadt gefällt und wo sich der Geist Goethes munter mit der Plastikästhetik eines Freizeitparks mischt.
Der ganze Text erschien in der Nummer 7 von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität. REPORTAGEN gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com; sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.