Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03349.jsonl.gz/1450

aufgezeichnet von Zara Zatti
Als Heidi Witzig 1970 in die Frauenbefreiungsbewegung (FBB) kam, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Sie war Historikerin und hatte keine Ahnung von den Frauen in der Schweiz und deren Stellenwert in der Geschichte. Während dem Studium an der Universität Zürich bemerkt sie nicht einmal, dass Frauenthemen am damals überschaubaren Historischen Seminar völlig fehlten: «Denn es gab ja niemanden, der über Frauen schrieb.» Zwar empfand sie die unterschiedliche Behandlung von Buben und Mädchen schon an der Kanti in Frauenfeld als ungerecht, doch die systematische Diskriminierung von Frauen, der geschichtliche Zusammenhang, wird ihr erst in der FBB bewusst. Es ist die FBB, wo sie Feuer fängt für Frauenfragen und den Kampf gegen die Geschlechterordnung. Bis heute steht sie für neue, von Klischees befreite Frauenbilder ein.
Geboren 1944 wächst Heidi Witzig in Frauenfeld zusammen mit vier jüngeren Brüdern auf. «Das einzige Mädchen und gleichzeitig die Älteste zu sein, hat mich sehr geprägt.» Ihr Vater, der Schreibmaschinen und Büromöbel verkaufte, wurde zu einer wichtigen Figur für sie. Er war es auch, der ihr Talent erkannte, und ihr die Erlaubnis für die Aufnahmeprüfung an die Kantonsschule erteilte. Die Mutter, wie auch der Rest der sehr frommen Verwandtschaft war dagegen, doch der Vater bot ihr den nötigen Rückhalt: «Wenn mein Vater sagte, du darfst, war ich nicht mehr abhängig». An der Kanti fiel ihr schnell auf, dass den Mädchen gewisse Dinge vorenthalten wurden, so gab es etwa ein Staatskundebuch für Mädchen, bei dem der komplette politische Teil fehlte. «Ich habe mich schon damals echt aufgeregt und empfand es als Kränkung», erinnert sie sich.
Der Anfang einer Frauengeschichte
Noch vor ihrer Dissertation, mit 25 Jahren, heiratete sie einen Kommilitonen, der ebenfalls aus einem mittelständischen und gut behüteten Milieu stammte. Für beide war es die einzige Möglichkeit, sich vom Elternhaus zu emanzipieren und Freiheit zu erlangen. Dass sich beide links entwickelten, war von den Eltern nicht gerne gesehen: «Sie sind fast Kopf gestanden.» Gleichzeitig mit ihrem Eintritt in die FBB kam sie auch zur SP und wurde kurz nachdem sie das Stimmrecht erlangte, in die Schulpflege gewählt und später dann in den Gemeinderat. «Damals traten viele Gleichgesinnte in die SP ein, wodurch die Partei einen feministischen Touch erhielt.» Ihr politisches Engagement war von Anfang an geprägt von Frauenthemen: «Ich habe gemerkt, dass mich der Marxismus nicht interessiert, und Marx als echter Patriarch ging mir auf den Geist.»
Als die Einführung des Frauenstimmrechts kurz bevorstand, war Heidi Witzig schon einen Schritt weiter: «Das Stimmrecht hat mich nicht mehr wirklich interessiert. Ich habe die Frauenstimmrechtlerinnen hoch geschätzt, aber in den 70er-Jahren ging es nicht mehr nur um die politische Berechtigung der Frau, sondern um die gesamte Geschlechterordnung, um Frauen- und Männerbilder.»
In dieser Zeit lernte sie auch Elisabeth Joris kennen, zusammen machten sie sich in den späten 70er-Jahren an einen Quellenband über die Geschichte der Frauen in der Schweiz. Es sollte ein Handbuch werden: «Damit man endlich einmal etwas über die Frauen in der Schweiz in der Hand hat.» Das Buch wurde zu einem Vernetzungswerk von zahlreichen Studentinnen und Assistentinnen von verschiedenen Universitäten und hat die beiden Frauen über Jahre begleitet. «Es war grossartig», schwärmt Witzig. 1986 erschien «Frauengeschichte(n)» im Limmatverlag mit Heidi Witzig und Elisabeth Joris als Herausgeberinnen. Und es war ein Riesenerfolg: «Die Erstausgabe war innerhalb weniger Wochen ausverkauft.»
Mit ihrem neuen Partner zog sie in eine WG, in der sie gemeinsam ihre Kinder grosszogen. Eine klassische Rollenverteilung gab es nicht: «Die Kinderbetreuung und die Hausarbeit haben wir untereinander aufgeteilt.»
Das Engagement geht weiter
Insgesamt veröffentlichte Heidi Witzig fünf Bücher und leistete einen grossen Beitrag an die Frauengeschichte der Schweiz. Vor ein paar Jahren hat sie beschlossen, jetzt sei fertig mit forschen. Ganz lassen konnte sie es aber doch nicht. Momentan arbeitet sie an einem Artikel über die Kirchengeschichte des Kantons Thurgau: «Ich konnte mich nicht enthalten, denn für den Thurgau hege ich noch Heimatgefühle», sagt sie, und beim Sprechen über das Projekt flammt erneut Begeisterung auf. Mit ihren zwei Enkeln, ihrem Engagement für die ‹Grossmütterrevolution› und einer neuen Liebe hat sie auch neben dem Forschen genug zu tun: «Ich tanze momentan auf allen Hochzeiten. Es ist schon streng, aber ich habe total den Plausch».
Die ‹Grossmütterrevolution› ist eine Plattform für Frauen aus der heutigen Grossmüttergeneration. Sie besteht im Kern aus alten 68er-Feministinnen und Frauen aus bürgerlichen Kreisen, die sich ihr Leben lang gemeinnützig engagiert haben: «Diese zwei Bewegungen verstehen sich fabelhaft, ich finde es super», sagt Heidi Witzig begeistert. Den Aktivistinnen geht es in erster Linie um ein gutes Alter für alle. Dies sei insbesondere auch ein Frauenthema, denn: «Die Altersarmut ist weiblich. Das Risiko, im Alter arm zu sein, ist für Frauen unendlich viel höher als für Männer». Nebst dem materiellen Engagement setzt sich die 74-Jährige auch für ein positives Altersleitbild von Frauen ein: «Es ist wie früher bei der FBB, wir bestimmen selbst, was eine alte Frau ist.»