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Die Weitergabe von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von einer Generation zur nächsten wird Sozialisation genannt. Die politische Sozialisation bezieht sich auf den Lernprozess, in der eine Person politische Denk- und Handlungsmöglichkeiten erwirbt. Dabei kommt vor allem den Eltern eine sehr wichtige Rolle zu, da sie oft diejenigen sind, die ihre Kinder als erste in die Welt der Politik einführen.
Politische Sozialisation
In meiner Bachelorarbeit wollte ich herausfinden, welchen Einfluss die Eltern im Mehrparteiensystem Schweiz auf die Parteipräferenz ihrer Kinder haben und ob dieser Einfluss gegebenenfalls von Geschlecht, Alter oder der sozialen Klasse abhängig ist.
Vater einflussreicher als die Mutter – noch heute der Fall?
Die Fragestellung meiner Bachelor-Arbeit wurde mit den Daten der Selects Nachwahlbefragung 2015 untersucht. Meine Resultate zeigen, dass sowohl der Vater wie auch die Mutter einen signifikanten Einfluss auf die Parteipräferenz ihrer Kinder haben. Dabei hat der Vater einen leicht stärkeren Einfluss als die Mutter. Dieser Unterschied ist jedoch klein, da er damit zusammenhängt, dass die meisten befragten Personen angaben, dass der Vater und die Mutter die gleiche Partei gewählt haben.
Auffällig ist jedoch, dass rund 500 der befragten Personen die Parteipräferenz des Vaters angeben konnten, jedoch nicht die der Mutter. Dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst 1971 eingeführt wurde und daher vor allem der Vater lange Zeit der Ansprechpartner war, wenn es um Politik ging.
Der viel diskutierte Gender Gap in den politischen Positionen konnte auch in meiner Arbeit festgestellt werden, da im Durchschnitt die Mutter auf einer ideologischen Position linker einzustufen ist als der Vater. Während beispielsweise bei den SP-Wählern und Wählerinnen rund vierzig Prozent angaben, der Vater habe ebenfalls die SP gewählt, waren es für die Mutter die Hälfte. Bei den FDP-Wählern und Wählerinnen gaben sechzig Prozent an, dass ihr Vater FDP gewählt hat, während dies für die Mutter nur noch jede zweite befragte Person tat. Zudem ist die Übereinstimmung bei den GPS-Wählern und Wählerinnen und ihrer Mütter stärker als mit ihren Väter, während sie bei den Lega-Wählern und Wählerinnen etwas tiefer ist.
Dennoch zeigen die Resultate, dass die Parteipräferenz einer Person wesentlich besser mit den Parteipräferenzen der Eltern, sowohl mit denen des Vaters wie auch denjenigen der Mutter, erklärt werden kann als mit anderen getesteten Faktoren wie Alter, Einkommen, Ausbildung und Geschlecht.
CVP als Traditionspartei – Segen oder Fluch?
Weiter zeigen meine Untersuchungen, dass die Vererbung der Parteipräferenz vor allem bei den grossen Bundesratsparteien zu sehen ist, während dies bei den kleinen Parteien wie beispielsweise der GLP, CSP, Lega oder EDU kaum ersichtlich ist. Dies lässt sich wahrscheinlich damit begründen, dass diese kleineren Parteien meistens noch keine lange Geschichte haben. Jedoch lassen sich auch bei den Bundesratsparteien erhebliche Unterschiede feststellen. Sieben von zehn CVP-Wählern und Wählerinnen gaben an, dass ihr Vater während ihrer Jugend ebenfalls die CVP gewählt hat. Bei den FDP-Wählern und Wählerinnen gaben sechs von zehn an, dass ihr Vater auch ein FDP-Wähler war. Bei der SVP sowie der SP sind die Zahlen deutlich niedriger. Während es bei der SP rund 40 Prozent sind, sind es bei der SVP rund 36 Prozent, deren Väter ebenfalls diese Partei wählten.
Schaut man sich die CVP an, bei der weitaus mehr als die Hälfte der Wähler und Wählerinnen bereits in einem CVP-Haushalt aufgewachsen ist, stellt sich die Frage, ob dies für die die Partei Segen oder Fluch ist. Einerseits zeigt diese Zahl, dass man sich auf die politische Sozialisation bei den CVP-Familien verlassen kann. Aber sie zeigt eben auch auf, dass es der CVP nicht gelingt, neue Wähler und Wählerinnen zu mobilisieren, die nicht in einem CVP-Haushalt aufgewachsen sind.
Einzig das Alter spielt eine Rolle
Weiter hat meine Arbeit gezeigt, dass der Einfluss der Eltern schwächer wird, je älter die Nachkommen sind. Dies kann damit begründet werden, dass jüngere Wähler und Wählerinnen meist besser über diejenigen Parteien vertieft Bescheid wissen, die von ihren Eltern geschätzt wurden, als über andere Parteien. Dieser Wissensunterschied im Laufe des Lebens schwächt sich im Laufe des Lebens ab.
Frühere Studien zeigen, dass sich männliche Jugendliche im Durchschnitt häufiger für Politik interessieren, früher die Unabhängigkeit suchen und dadurch weniger Zeit mit den Eltern verbringen als weibliche Jugendliche. Aus diesen Gründen habe ich erwartet, dass der Einfluss der Eltern auf die jungen Frauen stärker ist als auf junge Männer. Entgegen den Erwartungen zeigen die Resultate meiner Analysen jedoch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Männer und Frauen übernehmen in gleicher Weise die Parteipräferenz der Eltern.
Weiter wurde angenommen, dass je höher die soziale Klasse einer Person ist, desto stärker der Einfluss der Eltern auf die Parteipräferenz. Studien über die Sozialisation haben gezeigt, dass Jugendliche aus oberen sozialen Klassen eine engere Beziehung zu ihren Eltern haben als Jugendliche aus unteren sozialen Klassen. Dies ist insofern wichtig, weil in der Sozialisation die Nähe zu einer Person wichtig ist, um von ihr etwas zu übernehmen. Zudem haben frühere Studien gezeigt, dass in Familien der oberen sozialen Klasse deutlich häufiger über Politik gesprochen wird als in Familien der unteren sozialen Klassen. Die Resultate zeigen aber, dass die soziale Klasse nicht erklären kann, ob jemand die Parteipräferenz der Eltern übernimmt oder nicht.
Diese Annahmen konnten nicht bestätigen werden, jedoch verdeutlichen sie die Wichtigkeit der Eltern für die Parteiwahl ihrer Kinder: Offenbar haben wahlberechtigte Personen in der Schweiz – unabhängig ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Klasse – eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, die Parteipräferenzen der Eltern zu übernehmen.
Politische Sozialisation
Angus Campell und sein Team gehörten zu den Ersten, die während den 60er Jahre die politische Sozialisation in den USA untersuchten. Sie fanden heraus, dass die Eltern ihren Kindern ihre Parteipräferenz weitergeben und diese dann auch langfristig bestehen und somit das Wahlverhalten stark beeinflussen.
Daraus entstand der sozialpsychologische Erklärungsansatz, der oft auch als Michigan-Modell bezeichnet wird. Dieser besagt, dass das Wahlverhalten Ausdruck einer individuellen psychologischen Beziehung zu einer Partei ist. Die Parteipräferenz wird in diesem Ansatz dementsprechend durch familiäre und gesellschaftliche Sozialisierungsinstanzen herausgebildet, wobei die Eltern die wichtigste Rolle spielen. Diese emotionale Parteibindung ist auf individueller Ebene über Jahre hinweg stabil und wirkt schliesslich auch bei der Wahrnehmung aktueller politischen Sachfragen sowie bei der Kandidatenorientierung wie eine Art Filter.