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August Socin

"Wissen, Können, Denken, Fühlen" mit diesen vier Worten fasste August Socin selbst einmal zusammen was einen guten Mediziner ausmache. Er starb 1899 als herausragender Chirurg und Menschenkenner. Carl Haegler-Passavant (1862-1916) war einst Assistent Socins. Er betrachtete ihn als begnadeten Arzt, der durch seine Kunst und sein Herz das Ansehen der Bevölkerung erlangt hatte. Der im Nachruf derart Gerühmte stammte aus einer alten aristokratischen Familie.
Die Herkunft der Socin
Die Sozzini (auch "Socini") treten im 13./14.Jh in Siena als adeliges Geschlecht auf. Noch heute zeugt dort der Palazzo Socini von der einst einflussreichen Familie. Einer ihrer Zweige verliess um 1413 Siena wegen des gewalttätigen Zwists zwischen Guelfen und Gibellinen und zog nach Bellinzona. In einer Gruppe von rund 150 Reformierten wurden auch die Socin 1555 der Stadt verwiesen. Sie hatten sich geweigert den neuen Glauben abzulegen.
Der Chirurg und Professor August Socin. Ein Jahr nach seinem Tod ehrte Basel 1900 den herausragenden Mediziner indem die heutige Socinstrasse beim Brausebad nach ihm benannt wurde.
Als evangelische Glaubensflüchtlinge kamen die Socin nach Basel. Als Handelsleute und in politischen Ämtern stiegen Vertreter der Familie in der Stadt am Rheinknie in den kommenden Jahrhunderten zu mächtigen Männern in der Basler Gesellschaft auf. Aus ihren Reihen kamen Bürgermeister und Oberstzunftmeister. Die ersten davon wurden im Gasthof Storchen geboren, wo der 1565 in Basel eingebürgerte Benedetto Sozzini Wirt war.
Als Spross dieses Geschlechts wurde am 21. Februar 1837 im waadtländischen Vevey August geboren. Sein Vater August Socin-Johannot (1808-1837) wirkte dort als Pfarrer der deutschen Gemeinde. Lange durfte er sich seines neugeborenen Sohnes jedoch nicht erfreuen. Er starb zwei Tage nach dem dieser das Licht der Welt erblickt hatte. In der Folge wurde die Mutter des kleinen August zum prägenden Element seiner Jugendjahre.
Beherrschende Mutter
Jeanne Frédérique Elise Socin (1808-1878) vereinigte in sich strenge wie auch liebevollen Seiten. Ihr tiefes religiöses Empfinden bestimmte vieles das sie tat. Mit ihren Söhnen sprach sie ausschliesslich Französisch. August Socin äusserte mehrfach, dass der Einfluss ihrer Erziehung für sein ganzes Leben massgebend sei. Er meinte einmal sogar, dass er nicht sicher sei ob er es je so weit gebracht hätte, wenn sein Vater am Leben geblieben wäre.
Als er später als Chirurg komplizierte Eingriffe regelmässig durchführte, zögerte er eine kleine Operation an seiner Mutter vorzunehmen. Er schreckte vor der einfachen Entfernung einer kleinen Geschwulst zurück. Offenbar bereitete es ihm Grausen, das Skalpell an seine eigene Mutter zu setzen. Socins Umfeld drängte ihn, unterstrich dass sie in seiner geübten Hand am sichersten sei. Schliesslich gab er nach und operierte sie.
Die Bindung zur Mutter und umgekehrt zog sich durch Socins ganzes Leben. Als sie 1878 mit siebzig Jahren nach langer Krankeheit starb, bekannte er mit ihr alles verloren zu haben was anderen Menschen der Begriff Familie bedeute. Um 1847 entschloss die Mutter sich, ihre beiden Söhne Karl und August in Basel auf die Schule zu schicken. Die Brüder wohnten in Basel bei ihrem Grossvater, dem Ratsherrn Bernhard Socin-Heusler (1777-1854).
Leben im eigenen Mikrokosmos
Die Anhänglichkeit zu ihren Söhnen zeigt sich auch hier. Der Wunsch ihnen nahe zu sein trieb die Mutter bald selbst nach Basel. Hier nahm sie Karl und August zu sich und widmete sich intensiv deren Erziehung. Die Fixierung auf ihre Söhne führte soweit, dass sie zusammen mit ihrer Mutter relativ abgeschlossen lebten, quasi in einem Mikrokosmos. Die Söhne suchten wenig Kontakt mit Gleichaltrigen und hielten sich meist zuhause auf.
Carl Haegler-Passavant mutmasste nach Socins Tod, dass diese Abschiedenheit ein Grund dafür gewesen sein könnte, dass der grosse Basler Chirurg sich am liebsten in Französisch ausdrückte. Es war die einzigen Sprache die seine Mutter im Hause duldete. August Socin sprach zeitlebens kein Baseldeutsch. Sein gepflegtes Hochdeutsch hatte zuweilen einen leichten französischen Akzent. Beim Kopfrechnen murmelte er die Zahlen in Französisch.
Die Witwe Socin habe es verstanden ihre interessierte Ader und ihre Neugier an die Söhne weiterzugeben. In den Schulaufsätzen von August spiegeln sich eine scharfe Beobachtungsgabe wie auch ein humorvoller Hang wieder. Nach der Schule erlangte er mit der Matur 1854 Zugang zum Studium. Von der ursprünglich anstehenden kaufmännische Laufbahn kam er ab. Stattdessen immatrikulierte er sich in der medizinischen Fakultät der Universität Basel.
Socin wählt die Chirurgie
Wie Eduard His 1941 festhielt, studierte Socin in Basel in stiller Zurückgezogenheit. Einige Semester absolvierte er ab Herbst 1855 in Würzburg. Um seine Promotion zum Doktor zu erlangen, musste der Student sich ein wenig in Geduld üben. Dies war an der Universität Würzburg erst nach Vollendung des zwanzigsten Altesjahres möglich. An seinem 20. Geburtstag, dem 21. Februar 1857, legte er schliesslich sein Doktorexamen ab.
Den Jahren des konzentrierten Lernens folgten rund zwei Jahre der Fortbildung. Der Weg führte ihn erst nach Prag, danach nach Wien und schliesslich nach Paris. Sein Studium in Würzburg hatte Socin ohne erkennbare Neigung in eine bestimmte medizinische Fachrichtung abgeschlossen. Besuche in den Spitälern Prags und Wiens erweiterten seinen Horizont. Doch es war wohl Paris das ihm den entscheidenen Anstoss zur Karriere als Chirurg gab.
In Paris kam Socin mit dem Schaffen von Nikolai Iwanowitsch Pirogow (1810-1881) in Berührung. Dieser diente im Krimkrieg als Arzt mit der russischen Armee. Er war der erste der im Feld die Anästhesie anwandte und gilt als Vater der modernen Feldchirurgie. Eine von ihm entwickelte Methode zur Amputation des Fusses ging als "Pirogowsche Amputation" in die Medizingeschichte ein. Sie habe Socin später zu einem Karrieresprung verholfen.
Diese historische Aufnahme aus dem Nachlass von Lucas Frey zeigt den längst abgerissenen Gasthof Storchen links hinter dem Fischmarktbrunnen. Hier war der 1565 eingebürgerte Benedetto Sozzini Gastwirt.
Pirogows Wirken hatte sicherlich einen starken Einfluss als August Socin beschloss ebenfalls Chirurg zu werden. Vielleicht floss die Verehrung sogar in Socins etwas spezielle Barttracht ein, die jener des russischen Chirurgen ähnelte. Zurück in Basel, legte Socin im Juni 1859 ein hervorragendes Staatsexamen ab. Er gewann die Aufmerksamkeit von Professor Johann Jakob Mieg (1794-1870), dessen Fachgebiete Chirurgie und Geburtshilfe waren.
Assistent am Bürgerspital
Mieg bot dem jungen Mediziner die Stelle eines Assistenten in der chirurgischen Abteilung des Bürgerspitals an. Socin ergriff die Gelegenheit erfreut. Vor Antritt der Stelle fuhr er nochmals nach Paris um in den dortigen Spitälern Erfahrungen zu sammeln. Im Oktober begann Socins Tätigkeit am Basler Bürgerspital. Er konnte von Miegs reicher Erfahrung auf dem Gebiet der Diagnostik profitieren, auch wenn dies später nicht in sein Fach fiel.
Johann Jakob Mieg gab an den aufstrebenden Assistenten noch anderes mit - das Interesse am Waidwerk. Im Laufe des Jahres 1860 führte er Socin zu den ihm so vertrauten Wildbeständen auf mehreren Rheininseln. Der junge Arzt sollte bald schon zu einem passionierten Jäger werden. Ein Mann dessen begnadete Hände retten und heilen, nutzt dieselben leidenschaftlich zum Töten der tierischen Kreatur - ein heute merkwürdig anmutender Kontrast.
Doch es ist nicht nur das Jagen und Erlegen welches Socin faszinierte. Es war das Naturerlebnis allgemein, das Durchstreifen von Feld und Wald. Sonst eher zurückhaltend in der Offenbarung seiner Emotionen, teilte er alles was ihn bewegte auf der Pirsch seinem Jagdtagebuch mit: "Die Natur altert nie; unter Blüten ebenso wie unter welken Blättern, unter Schnee und Eis erbebt ihr ewig junger Leib von Liebeswonne und Schaffensdrang."
Dies war in seinen eigenen Worten der edleste Reiz der Jagd, wie er sie verstand. Als Mediziner der in seinem Beruf aufging, sich ihm hingab wie nur wenige, waren die archaischen Ausflüge in die Natur fern dem Operationstisch Erholung und Flucht zugleich. Auf der Jagd fand Socin Entspannung. Im Beruf genoss er die Förderung durch seinen Chef Johann Jakob Mieg und durch Carl Gustav Jung (1795-1864), seit 1855 Professor für innere Medizin in Basel.
Plötzlicher Aufstieg zum Oberarzt
Unterstützt durch Jung und Mieg unterhielt Socin neben seiner Tätigkeit im Spital eine private Praxis die sich zunehmender Auslastung erfreute. Früher als erwartet wurde aus dem Assistenten ein Chefarzt. Später kursierte die Anekdote, dass eine schwere Fussverletzung eines Patienten die Ursache war. Socin schlug Mieg eine Pirogowsche Amputation vor. Der Chef indes bezweifelte dass Heilung nach einem solchen Eingriff überhaupt möglich sei.
Anderseits hatte Mieg seinem Assistenten bereits früh freie Hand bei Eingriffen gelassen und wohl erkannt dass sein Schüler dabei war ihn zu übertreffen. Es bedarf einer gewissen Grösse um sich so etwas einzugestehen. In diesem Fall liess er Socin den Eingriff nach dessen Vorschlag machen. Bei einer Pirogowschen Amputation wird der Fuss entfernt aber der Fersenknochen erhalten. Dies erleichtert später dem Patienten das Gehen wesentlich.
Es bedeutete gegenüber der üblicherweise praktizierten Amputation des gesamten Fusses eine grosse Verbesserung. Der bewahrte Fersenknochen unterstützte nämlich die Unterschenkelknochen beim Gehen. Nach einigen Wochen habe der von Socin amputierte Patient wider allen Erwartungen Miegs Gehübungen absolviert. Dieses Erlebnis hätte ihn angeblich dazu bewogen, den Posten des Oberarztes im November 1861 zugunsten seines Assistenten zu räumen.
Socin wird Professor für Chirurgie
Ein wenig war es ein Sprung ins kalte Wasser. Als Leiter der chirurgischen Klinik führte Socin grössere Operationen durch. Solche hatte er zuvor wohl bei anderen Chirurgen verfolgen können. Aber bislang hatte er derartige Eingriffe nie eigenhändig ausgeführt. Zu seinem neuen Amt gesellte sich von 1861 bis zur Ernennung zum Extraordinarius eine Nebenbeschäftigung als Privatdozent der Chirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel.
Im Februar 1862 wurde August Socin zum ausserordentlichen Professor für Chirurgie ernannt. Die Vermittlung des Wissens lag ihm besonders am Herzen. Er hatte erkannt wie wichtig es war dass die Studenten anhand praktischer Beispiele lernen konnte. Die Möglichkeit einer Operation als Zuschauer zu folgen war dabei von grosser Bedeutung. Die Ausbildung verlangte höhere Gewichtung. Aber der Staat zögerte die Mittel dafür zu genehmigen.
Im Februar 1864 wurde Socin zum ordentlichen Professor erhoben. Mehr denn je war er mit der Materie der Schulung beschäftigt. Endlich konnte am 15. März 1865 ein Klinikvertrag unterzeichnet werden. Dieser erschloss den gewünschten Zugang der Universität zum Spital. Die Vereinbarung war durch Vermittlung Socins zustandegekommen. Dabei hatte wohl ein anderer Faktor hilfreich mitgespielt. Socin wurde nämlich von Bern schmeichelnd umworben.
Die Gefahr den fähigen Mediziner zu verlieren war aber mit dem Klinikvertrag gebannt. Indes musste Basel ihn bald anderweitig entbehren, und beinahe hätte man ihn für immer verloren. Während des Krieges 1866 reiste August Socin mit seinem Assistenten Albert Burckhardt (1843-1886) auf den italienischen Kriegsschauplatz. Perverserweise bietet der Krieg einem Chirurgen stets die Möglichkeit sehr viel praktische Erfahrung zu sammeln.
In Italien schwer erkrankt
Mit Pirogow hatte ja bereits eines der Vorbilder Socins im Krimkrieg wertvolle chirurgische Erkenntnisse gesammelt. Die österreichischen Lazarette in Verona boten nun massenhaft Verwundete an denen Praxis erworben werden konnte. Aber es wäre bösartig, Socin zu unterstellen dass er nur deswegen dorthin geeilt wäre. Der Basler war bekannt dafür dass er seine Patienten als Menschen und nicht als seelenlose Nummern behandelte.
Socin trat nicht an die Lazarettbette, bloss um interessante Verletzungen zu suchen und zu behandeln. Er näherte sich seinen Patienten auch menschlich. Carl Haegler-Passavant charakterisierte Socins Umgang mit den Worten: "Er behandelte den Kranken, nicht die Krankheit." Unversehens wurde der Chirurg aber selbst zum Patienten. Während seiner Arbeit in den Lazaretten zwischen den Opfern der Krieges erkrankte er an der Ruhr.
Die Krankheit hatte ihn derart schwer befallen dass er seine Arbeit nicht mehr verrichten konnte und selbst Pflegefall wurde. Sein Überleben hatte Socin zum grossen Teil seinem Assistenten Albert Buckhardt zu verdanken, dem späteren Extraordinarius für das junge Fach der Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen. Dieser betreute den Kranken, der nach der Überwindung vieler Hindernissen nach Wien gebracht wurde. Dort genas er bald völlig.
Der im 18.Jh erbaute Markgräflerhof ist der Kern des 1842 eröffneten neuen Spitalkomplexes, welcher das mittelalterliche Spital an der Freien Strasse ersetzte. Dieses neue Spital war auch Wirkungsstätte von August Socin.
Zurück in Basel genoss Socin die Früchte des Klinikvertrags von 1865. Er konnte einen nach seinen Vorgaben erstellten Operationssaal übernehmen. In ihm unterrichtete er Studenten nach seinen Vorstellungen. Bereits im Wintersemester 1865 hatte eine spezielle Klinik den Betrieb aufgenommen, die er zusammen mit neun Studenten unterhielt. Man schätzte an Socin seine lebendige Art des Dozierens. Er verstand es Interesse zu wecken.
Lazarettleiter in Karlsruhe 1870/71
Eine weitere Facette seines Wesens war das autoritäre Auftreten. Er war ein Mann mit klaren Vorstellungen nach denen er handelte. Dies bekam auch Rudolf Oeri zu spüren. Der Medizinstudent hatte Socin bereits bei Operationen assistieren dürfen als der Chirurg im Sommer 1870 ein weiteres Mal im Schatten eines Krieges Basel verliess. Socin war vom Badischen Frauenverein gebeten worden, in Karlsruhe ein Reservelazarett zu unterhalten.
Das Lazarett mit rund 400 Betten in einer eben fertiggestellen Reparaturhalle für Lokomotiven, verzeichnete bald einen steigenden Bedarf an Hilfskräften. Daher reiste auch Rudolf Oeri nach Karlsruhe. Mitten in Socins Visite kam er an kriegte gleich dessen bestimmte Art zu spüren, als dieser Oeri von weitem heranwinkte. "Recht dass sie gekommen sind, ich gebe ihnen gleich Arbeit. Ziehen sie sich eine frische Schürze an und kommen sie mit zu Lotz."
Sofort wurde Oeri zu Dr. Theophil Lotz (1842-1908) gebracht, wo ihn Socin kurz und bündig ablieferte: "So Lotz, hier haben sie einen Assistenten, adieu." Keine zehn Minuten nach seiner Ankunft war Rudolf Oeri mitten in der Arbeit. Socin führte das Lazarett mit strenger Hand. Sein Augenmerk galt auch dem Detail; so mahnte er immer wieder zur Desinfektion der Instrumente. Die Bedeutung antiseptischer Massnahmen war Socin in diesem Umfeld sehr wichtig.
Als ein angesehener deutscher Professor mit einer in der Rocktasche aufbewahrten chirurgischen Sonde in einem Kniedurchschuss herumstocherte, brachte dies Socin geradezu in Rage. Umsomehr weil er ausserstande war dem Tun dieses Professors Einhalt zu gebieten, und sich die Wunde erwartungsgemäss hinterher entzündete. Ignoranz und Inkompetenz auf Kosten der Patienten konnten den sonst so ruhigen und beherrschten Basler richtiggehend aufregen.
Pirogow kommt nach Karlsruhe
Die Arbeit in Karlsruhe führte August Socin auch mit dem von ihm verehrten Nikolai Iwanowitsch Pirogow zusammen. Über zehn Jahre zuvor hatte er dessen Schaffen in Paris bewundert. Mitte Oktober wurde Socin während einer Nachtwache zu einem badischen Soldaten gerufen, der eine Schusswunde unter der Achselhöhle erlitten hatte. Die Wunde begann plötzlich stark zu bluten und Socin beschloss zu operieren. Der Patient wurde vorbereitet.
Zum Operationstisch eilte auch Pirogow, der für einige Zeit das Lazarett besuchte. Socin erläuterte ihm den Fall und bat ihn um Rat. Der Russe empfahl vorerst von einem Eingriff abzusehen und es mit einer Kompression zu versuchen, da die Blutung mittlerweile abgeklungen war. Die Kompressur war ständig mit zwei Fingern durchzuführen. Dabei musste die Hauptarterie gegen eine Rippe gedrückt werden. Eine Tortur für den Patienten.
Nachdem sich Assistenten während 22 Stunden dabei stundenweise abgelöst hatten, trat keine Besserung ein. Schliesslich musste Socin dennoch operieren und verschloss zwei Arterien. Dennoch starb der Patient sechs Tage später an Wundbrand. Auch Kompetenzen wie Pirogow und Socin setzte die Natur ihre Grenzen. Im November 1870 wurde das Spital wegen des nahenden Winters in ein Barackenlazarett verlegt. Im Frühjahr 1871 kam Socin zurück nach Basel.
Ein ständig voller Terminplan
Zu den zwei grösseren gedruckten Werken die Socin hinterliess gehörten die "Kriegschirurgischen Erfahrungen" in denen er seine Erkenntisse aus der Lazarettzeit 1870/71 zusammenfasste. Es war Rudolf Oeri, dem er im Sommer 1871 nach dessen Examen einen Teil seines Werkes diktierte. Der junge Mediziner wohnte während dieser Zeit bei Socin und schrieb später von vierzehn Tagen die von einem freien und freundschaftlichen Ton geprägt waren.
Seine Erfahrungen in Karlsruhe wirkten sich erwartungsgemäss auf sein Schaffen aus. Er entwickelte neue Methoden und verfeinerte alte Verfahrensweisen. Aber auch auf anderer Ebene war er aktiv. 1871 wurde er Mitglied im Sanitätskollegium (später Sanitätskommission). Als Nachfolger von Wilhelm His-Vischer (1831-1904) sass Socin von 1872 bis 1884 als Konservativer im Grossen Rat, wo er als Fachmann für sanitarische Fragen wirkte.
Bis in die letzten Lebensjahre beanspruchte die Arbeit den Junggesellen dermassen dass sie ihm keinen geordneten Tagesablauf oder regelmässige Essenszeiten erlaubte. In seinen Briefen kam zum Ausdruck wie sehr ihn diese Last drückte. Er beklagte dass die Chirurgie ihn immer mehr verschlänge. Stets fühle er sich wie jemand der für lange Zeit verreise und dessen Eilzug in zehn Minuten fahre. Socin lebte für die Chirurgie und das Lehren.
Das gnädig schnelle Ende
Zuweilen bäumte er sich gegen den ihn verzehrenden Moloch auf. Er abonnierte einen Platz im Theater oder in einem Konzert in der Absicht dort für einen Abend Entspannung zu finden. Meistens blieben seine Plätze aber leer. Er sagte über sich selbst einmal, dass er nicht die Kunst beherrsche seine Zeit einzuteilen, da ihm die Rücksichtslosigkeit dazu fehle. Auf Ende des Jahres 1897 befiel Socin eine schwere Grippe die ihn schwächte.
Das heute noch gepflegte Grab von August Socin und seinem Bruder Karl (Charles) und dessen Familie auf dem Wolfottesacker. Hier wurde der Chirurg am 24.Januar 1899 unter grosser Anteilnahme beigesetzt.
Er fand nicht wieder zur alten Kraft zurück. Fortan beschäftigte ihn immer mehr das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit. Im Januar 1899 sank er erneut aufs Krankenlager und spürte dass er sich nicht wieder erheben würde. Dem nahenden Tod sah er gelassen entgegen. Es war bezeichnend für diesen grossen Basler Mediziner, dass er nach eigenen Worten das Sterben weniger fürchtete als den langsamen Zerfall von Körper und Geist.
Der Gedanke, von allen bemitleidet dahinzuvegetieren und keinen Verpflichtungen mehr nachkommen zu können war ihm ein grösseres Unbehagen als ein baldiger Tod. Diese Wunsch wurde ihm erfüllt. Nach kurzer Zeit der Krankheit starb August Socin am 22. Januar 1899. Er wurde zwei Tage später auf dem Gottesacker Wolf bestattet. Dort findet man heute noch sein Grab. Vier Tage nach seinem Tod ehrte die Basler Studentenschaft ihn mit einem Fackelzug.
August Socin war ein Mittler zwischen Universität und Spital. Erfolgreich hob er die Bedeutung praxisnaher Ausbildung angehender Ärzte hervor. Der Doppelrolle als Chirurg und Lehrer wurde er mit enormem Einsatz gerecht. Sein Naturel führte ihn gleichermassen an Studenten wie an Patienten heran. Es erstaunt nicht, dass er nur zwei grössere Fachpublikationen verfasste. Sein Lehren ging nicht über Schriften - er wirkte direkt von Mensch zu Mensch.
Interner Querverweis:
>> Emilie Louise Frey - Ärztin und erste Basler Studentin
Beitrag erstellt 24.06.08 / Quellen nachgeordnet 15.09.10
Quellen:
primär genutzte
Carl Sebastian Haegler, Beitrag "August Socin", publiziert in Basler Jahrbuch 1900, Verlag von R.Reich, Basel, 1900, Seiten 1 bis 25 (biographischer Nachruf)
Eduard His, Basler Gelehrte des 19.Jahrhunderts, Verlag Benno Schwabe & Co, Basel, 1941, Seite 275 bis 280 (biographischer Beitrag zu August Socin mit Foto)
Rudolf Nissen, Beitrag "August Socin", publiziert in Professoren der Universität Basel aus fünf Jahrhunderten, Verlag Friedrich Reinhardt AG, Basel, 1960, Seite 192 bis 193 (Würdigung mit Foto)
Rudolf Oeri-Sarasin, Beitrag "Lazaretterinnerungen aus dem Kriege von 1870/71", publiziert in Basler Jahrbuch 1913, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1913, Seiten 111 bis 169
sekundär genutzte
Fränzi Jenny Jenny, Buurget, Saaresyy und Meeriaa - Alteingesessene Basler Familien und ihre Geschichte, Verlag Jenny & Gugger, Basel, 2004, ISBN 3-9522110-3-6, Seiten 70 bis 71 (zur Genealogie der Socin)
Franz August Stocker, Beitrag "14 - Der Gasthof zum Strochen", publiziert in Basler Stadtbilder - Alte Häuser und Geschlechter, H.Georg's Verlag, Basel, 1890, Seiten 164 bis 171 (die Socin und der Storchen)
ckdt (Basel) - Streiflichter auf Geschichte und Persönlichkeiten des Basler Geschlechts Burckhardt, herausgegeben von der Burckhardtschen Familienstiftung, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1990, ISBN 3-85815-204-8, Seite 162 (zu Albert Burckhardt-Merian)
Fritz Baur, Basler Chronik vom 1. November 1898 bis 1. Oktober 1899, publiziert in Basler Jahrbuch 1900, Verlag von R.Reich, Basel, 1900, Seite 281
Gustav Adolf Wanner, "Aus den ersten sechs Jahrhunderten unseres Bürgerspitals", publiziert in 700 Jahre Bürgerspital Basel 1265-1965, Herausgegeben vom Bürgerspital Basel, Kommissionsverlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1965, Seite 32