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Dem Schweizer Präzisions-Unternehmen Daetwyler fehlen in Amerika Fachkräfte. Um das Vakuum zu füllen, begann das Unternehmen – in Anlehnung an das schweizerische Modell – selbst Lehrlinge auszubilden. Mit Erfolg.
Die Schweizer- und die US-Flagge wehen vor der Zentrale von Daetwylerexterner Link in einer zersiedelten Landschaft nördlich von Charlotte in North Carolina. Drinnen: Ein Mix der Kulturen. Schweizerdeutsch vermischt sich mit Englisch. Country-Music aus den Lautsprechern, an den Wänden ein grosses Poster vom Matterhorn. Im Büro von Walter Siegenthaler hängt eine Karte der Berner Altstadt. Er ist seit 40 Jahren Leiter der Nordamerika-Niederlassung von Daetwyler.
Im vergangenen Monat hat die Administration von US-Präsident Barack Obama angekündigt, dass sie 100 Millionen Dollar in Ausbildungsprogramme und damit auch in die Berufsbildung investieren will. Daetwyler und andere europäische Unternehmen mit grossen amerikanischen Niederlassungen tun das seit Jahren, nicht freiwillig, sondern aus der Not heraus.
"Mitte der 1990er-Jahre hatten wir grosse Probleme, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, vor allem für unsere Service-Abteilung", sagt Siegenthaler gegenüber swissinfo.ch. "Wir haben schlichtweg keine Leute gefunden."
Kampf auf verschiedenen Ebenen
In dieser Zeit hatte ein anderes Unternehmen mit Sitz in Österreich dasselbe Problem. Die beiden schlossen sich zusammen, gründeten das "Lehrlingsprogramm 2000"externer Link und bildeten fortan die benötigten Arbeitskräfte von Grund auf selber aus.
Die Auszubildenden beginnen in der Regel im Alter von 17 oder 18 Jahren ihre Lehre, also während oder nach ihrem letzten Jahr an der High School. Die Ausbildung dauert vier Jahre und besteht aus einem praktischen und einem schulischen Teil. Nach der Ausbildung stellt Daetwyler die Lehrlinge an, wenn diese das wollen.
Siegenthaler und Bob Romanelli, der Lehrlingskoordinator von Daetwyler, sind begeistert von diesem Ausbildungsmodell, obschon sie Eltern, Lehrlinge und die Lehrer immer wieder neu überzeugen müssen. "Die Lehrlinge sind sehr zufrieden", sagt Romanelli. "In vielen Fällen sagten ihnen die Eltern, sie würden später mal an einer Universität studieren und nur das führe zum Ziel. Auch die Lehrer sagten dasselbe. Wir führen also einen Kampf auf verschiedenen Ebenen."
Die Schweiz als Modell?
Die Firma Daetwyler hat mit dem Central Piedmont Community College, das zweijährige Berufsausbildungen vom Bäcker bis zum Schweisser anbietet, eine Vereinbarung zur Ausbildung ihrer Lehrlinge abgeschlossen. Das College führt dafür separate Klassen. Doch die Lehrlinge kamen nicht von selbst auf den Geschmack. Sie musst zuerst gefunden werden, und das kostete Zeit und Arbeit.
"Wir mussten die Lehrpläne und alles andere zuerst erarbeiten. Es gab nichts", sagt Siegenthaler. "Auch nach fast 20 Jahren müssen wir immer noch Lehrlinge suchen, die intelligent genug sind, denn die Arbeit ist sehr anspruchsvoll. Und wer liebt es schon, mit seinen Händen zu arbeiten?"
Die Wirtschaftskrise und steigende Kosten für einen Universitätsabschluss hätten in den vergangenen Jahren in den USA viel zu reden gegeben, sagt Siegenthaler. Und da sei auch regelmässig die Frage ins Spiel gekommen, wieweit europäische Bildungssysteme als Modelle dienen könnten.
So hat Jill Biden, die Ehefrau von US-Vizepräsident Joe Biden, kürzlich die Schweiz besucht, um das hiesige duale Bildungssystem besser zu verstehen. Und am 13. Januar hat der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann im Weissen Haus an einer Diskussion über die Berufsbildung teilgenommen.
Das "Lehrlingsprogramm 2000" wurde von der Schweizer Botschaft in den USA ausgezeichnet. Dennoch ist Siegenthaler noch immer oft unterwegs ins 640 Kilometer entfernte Washington, DC, um dort mit den Behörden zu erklären, was das Programm bisher gebracht hat und darüber zu sprechen, wie es in anderen Firmen angewendet werden könnte.
Viele Hürden
Trotz dieser Erfolge gebe es immer noch viele Hürden, sagt Romanelli: "Wenn die Lehrlinge unsere Ausbildung beginnen, machen wir einige Tests über ihre grundlegenden mathematischen Fähigkeiten. Sie können sehr gut mit dem Taschenrechner umgehen, aber mit Additionen und Subtraktionen gibt es echte Probleme und diese werden immer schlimmer."
Daetwyler und andere am Programm beteiligte Firmen laden regelmässig Hochschullehrer ein, um ihnen zu zeigen, wie die Fähigkeiten, die sie ihren Klassen lehren, bei der konkreten Arbeit angewendet werden können. "Die Reaktionen sind zum Teil erstaunlich", sagt Siegenthaler. "Wenn wir ihnen sagen, dass es für die Herstellung auch mathematische Kenntnisse brauche, sagen sie uns, das hätten sie nicht gewusst."
Amerikanische Unternehmen versuchten "in der Regel, ihre Arbeitnehmer für eine bestimmte Aufgabe zu schulen", so Siegenthaler. "Wir versuchen eine breitere Bildung zu vermitteln, so dass wir sie auch in einer anderen Abteilung einsetzen können, ohne dass wir sie vorher ausbilden müssen. Der typische amerikanische Unternehmer denkt in dieser Frage kurzfristiger. Das ist der Unterschied zu unserem System."
Kein Wundermittel
Die Firma Daetwyler bildet pro Lehrjahr einen bis zwei Lehrlinge, übernimmt für diese die Studiengebühren und stellt ihnen während einen Teil der Arbeitszeit einen Mentor zur Verfügung. Lohnt sich das? "Absolut", sagt Siegenthaler: "Viele Unternehmen fragen sich, wieso sie Lehrlinge ausbilden sollen, die anschliessend zur Konkurrenz wechseln können. Wir sehen das nicht so, denn das Programm setzt auf Loyalität. Wenn uns ein Lehrling nach dem Abschluss verlässt, dann haben etwas nicht richtig gemacht. Wenn wir sie gut behandeln, dann sind sie loyal und bleiben."
Dennoch ist das Programm kein Wundermittel. "Die richtigen Arbeitskräfte zu finden ist nach wie vor ein Problem", so Siegenthaler. "Wir hätten gerne ein paar Absolventen mehr, denn kürzlich musste wir zehn Leute einstellen, die aus der 1450 Kilometer entfernten Region Wisconsin kommen. Vor Ort haben wir keine geeigneten Arbeitskräfte gefunden."
Der Aufwand für Daetwyler, in den USA geeignete Arbeitskräfte zu finden, sei hoch, bilanziert Siegenthaler. "Von den erwähnten neuen Angestellten sind einige bereits nicht mehr hier, weil sie nicht genügend qualifiziert waren. Wenn wir hier weiter die Fertigung aufrecht erhalten wollen, brauchen wir qualifizierte Arbeitskräfte. Es gibt täglich Berichte über den Fachkräftemangel, aber wir können nicht einfach darüber reden, wir müssen etwas dagegen zu tun. Andernfalls wird die Produktion zusammenbrechen."
Diskussionen im Weissen Haus
Das Schweizer Ausbildungssystem war kürzlich auch ein Thema im Weissen Haus in Washington. Am 13. Januar traf sich der Schweizer Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann mit Beratern von US-Präsident Obama.
Der Runde Tisch war Teil eines Programm der US-Regierung, das zum Ziel hat, die USA als Standort für in- und ausländische Investoren zu stärken.
Schneider-Ammann wird im Juli für eine Wirtschaft-Mission erneut in die USA reisen.Infobox Ende
(Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch