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Aktives Zuhören und Paraphrasieren
Vielleicht kennst du das? Du unterhältst dich mit jemandem und merkst, dass er zu einem Thema eine vollkommen andere Meinung hat als du. Wie schaffst du es, bei einer Pro-und-Contra-Diskussion ruhig zu bleiben? Wie kannst du verhindern, dass das Gespräch eskaliert?
Ich finde es hilfreich zu wissen, dass es in Ordnung ist, unterschiedlicher Meinung zu sein. Nicht alle Meinungsverschiedenheiten müssen gelöst werden. Manchmal ist es akzeptabel, unterschiedliche Ansichten zu haben und diese zu respektieren, ohne zu versuchen, den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen.
Es geht darum, Toleranz und Verständnis für die Verschiedenartigkeit aufzubringen. Die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben, ist grundlegend für die Vielfalt und Komplexität der menschlichen Gesellschaft. Jeder Mensch hat andere Lebenserfahrungen, Hintergründe, Werte und Perspektiven. Unterschiedliche Denkstile und Herangehensweisen an Probleme können sogar zu Kreativität führen. Verschiedene Meinungen zu haben, fördert die Vielfalt der Ideen und ermöglicht es, Herausforderungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Der spannende Aspekt bei diesem Thema: Du wirst immer wieder auf den Prüfstein gestellt. Kannst du diese Herausforderung, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen, als persönliches Wachstum sehen? Kannst du es als Übungsfeld betrachten, dich mit vielfältigen Perspektiven auseinanderzusetzen und dich in deiner Empathiefähigkeit weiterzuentwickeln? Hörst du die Bedürfnisse der anderen Person hinter den Worten und ihren Strategien heraus?
Den anderen verstehen durch aktives Zuhören und Paraphrasieren
In der Empathie-Werkstatt üben wir, Gespräche so zu führen, dass wir damit ein Ziel erreichen. Dabei spielt das aktive Zuhören eine ganz entscheidende Rolle. Wenn dein Ziel «Verbindung» lautet, dann ist es enorm wichtig, dass du dein Gegenüber verstehst. Verstehen heisst jedoch nicht, mit allem einverstanden zu sein! Zum Verstehen gibt es in der Gewaltfreien Kommunikation mehrere Möglichkeiten. Eine davon ist das Paraphrasieren. Das gelingt dir, indem du aktiv zuhörst, das Gesagte für dich analysierst und in deinen eigenen Worten noch einmal wiedergibst, also paraphrasierst.
Damit gehst du in die Intention, den Standpunkt des anderen verstehen zu wollen. Allein das bringt dich einen grossen Schritt weiter. Doch das aktive Zuhören hat noch mehr Vorteile. Du schulst deine Fähigkeit, die Perspektive des anderen zu verstehen. Du erweiterst so dein Wissen zu einem Thema, indem du mehr darüber erfährst.
Wie funktioniert aktives Zuhören bzw. paraphrasieren?
Die wichtigste Voraussetzung ist ganz einfach: Beim aktiven Zuhören signalisierst du mit deinem Verhalten, dass du mit voller Aufmerksamkeit bei deinem Gegenüber und seinen Ausführungen bist. Also dass du voll und ganz präsent bist und das Streben nach Kooperation im Vordergrund steht. Das geht ganz einfach: Du hältst Blickkontakt, bist zugewandt in offener Körperhaltung und sendest Signale wie zustimmendes Nicken oder bestätigende Laute wie „ja“, „aha“ etc. Diese Hörersignale nennt man „Back-Channeling“.
Die Steigerung des aktiven Zuhörens ist, dass du einhakst und das Gesagte paraphrasierst. So kannst du ganz einfach sicherstellen, dass beide Gesprächspartner das Gleiche meinen. Wenn du das nicht tust, kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Ich übe das Paraphrasieren im Modul 2 mit meinen Teilnehmenden. Nach der Übung lasse ich meine Teilnehmenden erarbeiten, was sie in einer Pro-und-Contra-Diskussion (!) erlebt haben und was das Paraphrasieren bewirkt. Hier sind ihre Antworten:
• Das Paraphrasieren hilft, eine gemeinsame Sprache zu finden.
• Wir verstehen unser Gegenüber besser (verstehen heisst nicht einverstanden zu sein).
• Das Gespräch wird entschleunigt.
• Wir bekommen die Bestätigung, dass das Gegenüber präsent ist.
• Die Wiedergabe mit eigenen Worten eliminiert Interpretationen.
• Wir sind auf Augenhöhe.
• Wir fühlen uns verstanden.
• Das Gespräch wird nicht so emotional.
• Paraphrasieren kann Vorurteile abbauen.
• Es ist eine Eskalationsbremse.
• Es unterbricht die Rechtfertigungs-Spirale.
• Wir haben Klarheit, was beim anderen angekommen ist.
• Es hilft uns, in Verbindung zu bleiben.
• Missverständnisse lösen sich auf.
• Wir haben den Eindruck, in dem Gespräch in einem sicheren Hafen zu sein.
Die Vorteile des Paraphrasierens
1. Du vermeidest Missverständnisse
Kommunikation ist ein komplexer Vorgang. Nicht immer wird das, was du sagst, vom Gegenüber genau so verstanden, wie du es gemeint hast. Leicht kann es zu Missverständnissen kommen. Diese lassen sich mit Hilfe des Paraphrasierens vermeiden. Wenn du die wichtigste Botschaft deiner Aussage in eigenen Worten noch einmal wiederholst, kannst du mit deinem Gesprächspartner abgleichen, ob ihr beide das gleiche Verständnis von einer Sache habt. Denn du darfst nie vergessen: Alles, was du hörst, interpretierst du für dich. Es gibt keine Garantie, dass deine Interpretation richtig ist. Durch Rückfragen und Paraphrasieren kannst du dies aber überprüfen.
2. Du signalisierst Wertschätzung
Wenn du im Gespräch über das Nachfragen und Paraphrasieren dein Interesse am anderen und seiner Meinung zeigst, wird sich dieser im Gespräch sicher und wertgeschätzt fühlen. Du zeigst ihm, dass du dich auf ihn einlässt. Damit wird dein Gesprächspartner auch selbst mehr Bereitschaft zeigen, sich auf deine Argumente einzulassen. Im Grunde verbesserst du damit die Beziehung und somit die Verbindung, die in schwierigen Gesprächen ohnehin fragil ist. Ist das Verhältnis von gegenseitigem Wohlwollen geprägt, wird es viel leichter zu einer Einigung kommen.
3. Du bleibst auf der sachlichen Ebene
Eine Diskussion über einen Konflikt kann schnell emotional werden. Wenn du dich nicht auf den emotionalen Ton einlässt, sondern Ruhe bewahrst und sachlich das Gesagte noch einmal rekapitulierst, nimmst du der Situation die Brisanz. Dabei solltest du unbedingt signalisieren, dass du die Emotionen verstehst. Damit schlägst du eine Brücke zum anderen und das Gespräch wird beruhigt. Die Situation ist damit deeskaliert und kann wieder auf die sachliche Ebene geführt werden. Das Gespräch wird neutralisiert.
4. Du gewinnst Zeit
Wenn ein Wort das andere gibt, bleibt wenig Zeit, über das Gesagte noch einmal in Ruhe nachzudenken. Wurde der Sachverhalt wirklich korrekt geschildert? Fehlt ein wichtiges Detail? Wenn du das Gesagte paraphrasierst, bietest du dir und deinem Gesprächspartner die Möglichkeit, die Aussage noch einmal zu überprüfen. Möglicherweise erfolgt dann noch eine Präzisierung, die das Gespräch entscheidend voranbringt und das gegenseitige Verständnis fördert.
Willst du Recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht.
Dein Notnagel: Eine Kreativpause
Falls du keine Kraft hast zum Paraphrasieren: Manchmal ist es besser, eine Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen anstatt in einer endlosen Schleife von Meinungsverschiedenheiten stecken zu bleiben oder gar Gefahr zu laufen in einen handfesten Konflikt abzurutschen. Eine Pause bewirkt, dass beide Parteien ruhiger sind und bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören. Eine Kreativpause ermöglicht auch, die Dynamik zu verändern und einen klareren Kopf zu haben, was durchaus eine bessere Grundlage sein kann.
Ein Päuschen hilft, sich zu sortieren und in Ruhe zu reflektieren: Zur Reflektion bietet sich Selbstempathie und Fremdempathie an. Das Erforschen und Erkennen deiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die der anderen Person trägt zu einem reiferen und fundierteren Dialog bei. Danach beruhigt sich das Gemüt und das Gespräch kann in einer anderen Atmosphäre fortgesetzt werden, denn die Besinnung auf die Wertschätzung der Beziehung hat durch die Pause ebenfalls Raum erhalten.
Immer und überall paraphrasieren?
Nicht jedes Gespräch erfordert den Einsatz des Paraphrasierens. Normalerweise sollte die Kommunikation im Alltag einfach funktionieren. Aber sobald es um unterschiedliche Standpunkte zwischen zwei Gesprächspartnern geht oder gar um einen Konflikt, kann das Paraphrasieren ein fantastisches Werkzeug sein, um schnell zur Klärung zu kommen. Allerdings braucht es etwas Übung, damit das Tool seine Wirkung entfalten kann und im Gesprächsverlauf ganz natürlich wirkt.