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In seinem Buch "How to Create a Vegan World: A Pragmatic Approach" geht Tobias Leenaert, Blogger und Mitgründer von ProVeg International, der Frage nach, wie man am effektivsten die Gesellschaft dahin gehend verändern kann, dass eines Tages keine Tiere mehr ausgebeutet und getötet werden müssen. Zur Veranschaulichung dieser Aufgabe verwendet Leenaert folgende Metapher: Stelle dir vor, du bist verantwortlich für die Standortförderung von Veganville, einer fiktiven Stadt, die zuoberst auf einem Berg liegt. Zurzeit ist die Stadt noch stark unterbevölkert. Dein Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich zu überzeugen, sich in Veganville niederzulassen. Was für Fragen würdest du dir stellen? – Wie ist der Zustand der Strasse nach Veganville? Wie sollen wir unsere Stadt im Umland bewerben? Wie können wir die Lebensqualität verbessern? Haben wir genug Hotels in der Stadt für Besucher? Weshalb haben sich die neuesten Zuzüger für Veganville entschieden? Und was fehlte den Leuten, die die Stadt nach einer Weile wieder verliessen?
Leenaert plädiert für eine ähnlich sachliche und pragmatische Herangehensweise, wenn es um die Minimierung von Tierleid geht. Anstatt starren Theorien oder Regeln zu folgen, sollten wir unser Handeln an den realen Gegebenheiten ausrichten und das tun, was uns auf direktestem Weg zu unserem Ziel führt. Die folgenden vier Thesen sollen dabei helfen.
1. Unser Call-to-Action sollte pragmatisch sein
Tierprodukte sind omnipräsent im Leben der allermeisten Menschen und dementsprechend gross ist auch die Abhängigkeit von ihnen. Dieser Realität müssen wir Rechnung tragen, wenn wir an jemanden einen Call-to-Action (kurz: CTA, “Aufruf zum Handeln”) richten. Für einen möglichst effektiven CTA müssen die folgenden vier Bedingungen erfüllt sein:
- Der/die Empfänger*in ist dem CTA gegenüber offen
- Der/die Empfänger*in ist in der Lage, den CTA tatsächlich umzusetzen
- Der CTA ist glaubwürdig (er enthält z.B. keine unrealistischen Heilsversprechen)
- Der CTA reduziert unter diesen Umständen so viel Tierleid wie möglich
So gesehen scheinen inkrementelle CTAs wie "Versuche weniger Fleisch/Eier/Milchprodukte zu konsumieren" durchaus sinnvoll zu sein, da diese im Vergleich zu idealistischeren CTAs wie “Go vegan” bei deutlich mehr Menschen alle vier Bedingungen erfüllen dürften.
Weil man für einen gesellschaftlichen Wandel stets eine kritische Masse benötigt, sind Flexitarier*innen auch für die Vegan-Bewegung von zentraler Bedeutung. Beispielsweise wäre der gegenwärtige Boom an veganen Produkten und Menüs ohne die zahlenmässig weit überlegene flexitarische Kundschaft nicht denkbar gewesen. (In den USA konsumieren Flexis bereits heute insgesamt drei bis vier Mal so viele fleischlose Mahlzeiten wie alle Vegetarier*innen und Veganer*innen zusammen.)
Wenn über den Flexitarismus die individuelle Abhängigkeit von Tierprodukten weiter zurückgeht, wird es in Zukunft auch einfacher werden, auf gesellschaftlicher Ebene neue Veränderungen anzustossen, die noch mehr Tierleid reduzieren können.
Idealistischere CTAs wie “Go vegan” haben aber auf keinen Fall ausgedient. Besonders bei Jungen, Intellektuellen, Vegetarier*innen, Tierschützer*innen und allgemein interessierten Menschen aus dem eigenen Umfeld scheinen sie alles in allem mehr Gehör zu finden.
2. Wir sollten pragmatisch sein bezüglich der Gründe, die jemanden zum Umstieg bewegen
Leenaert vertritt die Auffassung, dass wir nicht in erster Linie Tiere essen, weil wir sie minderwertig finden. Wir halten sie für minderwertig, weil wir sie schon seit eh und je essen. So betrachtet scheinen Appelle, die primär die Einstellung der Menschen gegenüber Tieren zu ändern versuchen, im Vergleich zu anderen Appellen überbewertet zu sein. Schliesslich können Gesundheit, Umwelt und andere Beweggründe jemanden genauso motivieren, sich entlang des veganen Spektrums in Bewegung zu setzen.
Auch aus einer praktischen Sicht scheint es sehr wohl Sinn zu machen, die eigene Botschaft auf Werte abzustützen, welche die eigene Zielgruppe bereits teilt, anstatt die Leute gleich von Anfang an damit zu konfrontieren, dass sie nun andere Werte brauchen. Aber verbaut man sich auf diese Weise längerfristig nicht moralischen Fortschritt? Gemäss Leenaert ist das sehr unwahrscheinlich. Denn sobald jemand schon an seinem/ihrem Konsumverhalten arbeitet, ist er/sie in der Regel auch deutlich offener gegenüber ethischen Argumenten.
3. Wir brauchen ein Umfeld, das den Leuten den Umstieg so leicht wie möglich macht
Studien belegen, dass Menschen nicht selten ihre Einstellung erst anpassen, nachdem sie ihr Verhalten geändert haben. Um einen bestimmten Wandel in Gang zu setzen, sollte man deshalb nicht ausschliesslich auf einen allgemeinen Gesinnungswandel hinarbeiten, sondern auch Anreize für konkrete Verhaltensänderung schaffen.
In der Praxis bedeutet das, dass wir uns vermehrt auch mit der Frage auseinandersetzen sollten, wie wir es den Leuten im Alltag einfacher machen könnten, sich für vegetarische oder vegane Optionen zu entscheiden. Leenaert ist der Auffassung, dass wir dafür mehr institutionellen und politischen Wandel brauchen. Aktivist*innen sollten vermehrt auf Einrichtungen wie Gesundheitsinstitutionen, Caterer, Medien und Lebensmittelhersteller zugehen. Wenn beispielsweise eine Kantine einen fleischlosen Tag pro Woche einführt, kann über die tiefere Nachfrage nach Tierprodukten das durch die Kantine verursachte Tierleid auf einen Schlag signifikant gesenkt werden, ohne dass jemand dafür seine Ernährungsform bewusst umstellen muss. Auf politischer Ebene scheint es am sinnvollsten zu sein, den Tierrechtsaktivismus auf Tierarten und Individuen zu konzentrieren, zu denen die Gesellschaft kein grundlegendes Abhängigkeitsverhältnis mehr hat (z.B. Zoo- und Zirkustiere).
4. Wir sollten das Vegan-sein zugänglicher machen
Die Substantive “Veganismus” und “Veganer” sind exklusive Begriffe, die eine scharfe Trennung zwischen einer In-Group (Veganer*innen) und einer Out-Group (Nicht-Veganer*innen) suggerieren. Ähnlich wie es nicht möglich ist, "ein bisschen schwanger" zu sein, scheint es für viele auch nicht zulässig zu sein, wenn eine Person, die ein Mal pro Monat etwas Käse zu sich nimmt, sich "95%-Veganer" nennt. Leenaert sieht dies als ein Problem, denn ein zu starker Fokus auf Purismus kann auf interessierte Aussenstehende abschreckend wirken und führt im Endeffekt auch zwangsläufig zu einem stark abnehmenden Grenznutzen¹.
Anstatt sich darüber zu streiten, wo man am besten die Linie zwischen Veganern und Nicht-Veganern zieht, sollte sich der Diskurs viel mehr um Sachen drehen, die mit dem Adjektiv “vegan” versehen werden können. Dieses ist nämlich im Gegensatz zu den Substantiven “Veganismus” und “Veganer” nicht ausgrenzend, da man auch als Nicht-Veganer*in vegane Produkte konsumieren kann. Dadurch lassen sich Hemmschwellen tief halten und ideologische Grabenkämpfe innerhalb der Tierrechts- und Vegan-Bewegung vermeiden.
Jeder Schritt in die richtige Richtung ist ein guter Schritt
Leute zu ermutigen, ihr Verhalten zu ändern, ist eine Kunst. Gemäss Leenaert sollte die Absicht dahinter stets sein, die Leute bei ihrem nächsten Schritt zu unterstützen, und nicht, sie auf Teufel komm raus zu überreden oder einfach mit Fakten oder Vorwürfen einzudecken. Recht zu haben oder eine verbale Auseinandersetzung zu gewinnen hat für sich alleine noch keinen Impact.
Um den Tieren tatsächlich den grösstmöglichen Gefallen zu tun, müssen wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, wie wir am effektivsten unsere Mitmenschen für unser Anliegen gewinnen können. Im Zentrum unserer Aufmerksamkeit sollten deshalb nicht unsere Botschaften, sondern die Menschen stehen, mit denen wir kommunizieren. Wenn es uns gelingt, uns besser in ihre Lage zu versetzen, können wir sie auch besser abholen und dadurch schneller eine kritische Masse erreichen.
Für einen nachhaltigen Erfolg der Tierrechts- und Vegan-Bewegung ist auch der soziale Aspekt zentral. Gemäss einer Studie waren 84% aller ehemaligen Vegetarier*innen und Veganer*innen nie in einer vegetarischen oder veganen Gruppe oder Organisation aktiv. Regelmässige Events wie Potlucks oder Stammtische sind deshalb wichtige Gelegenheiten, um sich gegenseitig auszutauschen und moralisch zu unterstützen.
Eine vegane Welt zu erschaffen sei “ein Marathon und kein Sprint”, so Leenaert. Es sei deshalb wichtig, die Dinge strategisch anzugehen, sich an kleinen Erfolgen zu freuen und nicht zuletzt auch zu sich selber gut Sorge zu tragen. Schliesslich gehören wir Aktivist*innen auch zum Tierreich.
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¹ Das Buch "Veganissimo A to Z: A Comprehensive Guide to Identifying and Avoiding Ingredients of Animal Origin in Everyday Products" von Lars Thomson und Reuben Proctor hält auf über 300 Seiten Inhalts- und Zusatzstoffe tierischen Ursprungs fest (z.B. "Acetic Acid Esters of Mono- and Diglycerides of Fatty Acids (E472a)").