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Datierung
1964
Bildmasse
30 x 30 cm
Technik/Material
Gouache auf Papier
Nennung
Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung der Sammlung Rolf und Friedel Gutmann
Inv.-Nr.
SK08055
Ohne Titel
Albert Jean Gorin (1899, Saint-Émilien-de-Blain, FR – 1981, Niort, FR), bekannt als Jean Gorin, war einer der wichtigsten französischen Vertreter der konstruktiv-konkreten Kunst. Bevor er seine eigenen konstruktivistischen Ideen in Bildern, Skulpturen und Architekturen verwirklichte, beschäftigte er sich intensiv mit den neoplastizistischen Grundsätzen von Piet Mondrian sowie mit den russischen Konstruktivisten.
Ab 1930 schuf Gorin seine ersten Reliefs, die er in der Folge zu architektonischen Studien entwickelte. Dies führte ihn zu seinen charakteristischen «Raum-Zeit-Kompositionen, die ab 1965 entstanden. Aufbauend auf einem Skulpturenbegriff, den Piet Mondrian massgeblich mitentwickelt hatte, verstand Gorin die Skulptur als offenes System. Dieses erlaubt Durchblicke und bewirkt eine Verschränkung mit dem sie umgebenden Raum. Je nach Betrachterstandort werden an diesen Werken wechselnde Figuren-Bild-Farben-Konstellationen sicht- und erfahrbar. Sukzessive reduzierte Gorin die gestalterischen Mittel: Farben- und Lichteffekte indessen nahmen einen bedeutenden Stellenwert ein. Dies veranschaulicht beispielhaft die sich in der Sammlung des Museum Haus Konstruktiv befindende reliefartige «Composition ciné-temporelle No. 72». Auf einer Holzfläche sind schmale, parallel platzierte Bretter in den Farben Rot, Gelb, Blau und Weiss in diagonaler und horizontaler Ausrichtung verstrebt, was die Räumlichkeit der Elemente betont. Die für den Betrachter einsehbare Komposition entfaltet ein komplexes Zusammenspiel von Flächen und Linien im Raum, wobei die Reliefflächen von den sie überragenden Linien zerschnitten werden. Hier offenbart sich Gorins ausgeprägter Hang, im Kunstwerk eine möglichst ausgewogene Verteilung grafischer Elemente nach formalen und farblichen Aspekten zu erzielen.
Sein ganzes Leben lang ist Jean Gorin einem Prinzip van Doesburgs treu geblieben, das dieser 1917 in der ersten Ausgabe der Kunstzeitschrift «De Stijl» wie folgt formuliert hatte: «Zur Verbreitung des Schönen ist keine gesellschaftliche, sondern eine geistige Gemeinschaft notwendig. Eine geistige Gemeinschaft aber kann nicht verwirklicht werden ohne Verzicht auf eine Individualität, die nach Ehrentiteln strebt.» Diesem Diktum entsprechend mass Gorin der Synthese der Künste eine grosse Bedeutung bei, die er in der Architektur verwirklicht sah. Seine Reliefs können vor diesem Hintergrund als architektonische Modelle gelesen werden, denen zudem eine poetische Note innewohnt.
Dominique von Burg