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Es war einmal ein Schauspieler, der war ein bisschen anders. Genaugenommen war er schöner als alle Andern, zumindest ein bisschen. Seine Gesichtszüge waren zart und füllig, weich und irgendwie scharf zugleich. Und sobald er auf der Leinwand erschien, hatte man nur Augen für ihn. Kurz gesagt, der Schauspieler fühlte sich bald wie ein König. Ist es da ein Zufall, dass er dann einen König verkörperte, im Film?
Dieser König, um den es ging, war eine historische Figur mit einem bestimmten Image. Das Besondere an ihm war, dass er nicht unbedingt Regieren wollte, um zu Regieren, so, wie jeder andere, hundsnormale König. Er wollte Regieren durch Schönheit. Ob er selber schön war, weiss ich nicht, aber sicher war er gut im Verführen. Ja, er konnte verführen und blenden, und bekam dafür (fast) alles, was er sich wünschte. Ich sage: fast, weil sie ihn mit der Zeit auch ausnützten und übers Ohr hauten. Vielleicht war er anfangs zu gutmütig, zu spendabel. Fest steht: ein König füttert sein Volk, seine Gönner und Vertrauten mit seinem eigenen Spiegel. Und in diesen Spiegel schaut die Menge hinein und füttert den König seinerseits zurück mit Bewunderung. Mit dieser fremdartigen Bewunderung durch Ferne und Distanz.
Aber eben, wie ich am Anfang sagte, dieser König war ein bisschen anders. Zwar war er so egoistisch wie (fast) jeder andere Regent. Aber als Oberhaupt eines Landes und seiner Bewohner genoss er ein paar Privilegien, die die Bewohner nicht hatten. Dafür war er im Prinzip dazu verpflichtet, sein Land verantwortungsvoll zu führen, und mit Geschäften, Verträgen und diplomatischem Geschick dafür zu sorgen, dass es sich stabil hielt. Aber eben, von Amtsgeschäften hielt dieser König nicht viel oder so gut wie nichts. Es hiess, er wolle die Menschen mit Kunst und Schönheit im Geist verwandeln ,in ebenso leidenschaftliche Ästheten, wie er einer war.
Ob sich dieser König selbst das Schönste war?
Gerade als sein Land nämlich dahinserbelte und sich in einen Krieg mit anderen Bündnissen verstrickte, fühlte
sich der König von Projekten der Schönheit, die schwer umzusetzen waren, gefangen genommen und gefesselt.
Bekannt ist, dass er Schlösser bauen liess, in denen man vor lauter Lüstern die Decken nicht mehr sehen konnte, einem Jahrtausendkomponisten, der die herrlichste Musik schrieb, den verschwenderischesten Lebensstil ermöglichte, sich als Dienerschaft die schönsten Lakaien aussuchte und vielleicht an die Liebe zu einer königlichen Frau glaubte, hinweg über Distanz und Ferne. Ich sage das, weil ja alles, was der König haben wollte, er sich schliesslich erfüllen konnte, in Hülle und Fülle.
Aber ein König, an dem auch ein Künstler verloren gegangen ist, braucht ein Problem, das er durch Schönheit lösen kann. Ein Problem der Ferne.
Ich mutmasse: Der schöne König war genug verstiegen, um durch seine Genusssucht nicht ordinär zu wirken, aber irgendwo im Unterbewusstsein fürchtete er sich vielleicht davor, er könnte ebenso gewöhnlich sein, wie die Menge, die ihn nach wie vor anbetete, während sich seine Vertrauten von ihm distanzierten. Ich weiss nicht, ob er sie mit Anfällen von Grössenwahn brüskierte. Auf jeden Fall soll er nichts aktiv unternommen haben, um die Gefechte, in die sein Land involviert war, zu beenden. Im Gegenteil, offenbar nahm sich der König heraus, die hässliche Realität zu verleugnen, weil er glaubte, er müsse sich
damit identifizieren! Nun bekam das Image des Königs Risse. Er war keiner mehr von ihnen. Es war Zeit, diesen Narziss und Zuckerbonbons vertilgenden, somnabulen Narziss von König unter einem schlechten Vorwand abzusetzen.
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Um die Stunde Null ging Ludwig hinunter und setzte sich in seinen goldenen Pfau. Und er glitt im Kreis mit seinen Schwänen unter malerischen Bögen hindurch, Katakomben unterirdisch, in seinem Schloss.
Ludwig wollte allein sein, umgeben nur von den schönen, obskuren Räumlichkeiten, die er für sich erschaffen hatte. Für sich und für die, die mit ihm zusammen träumen sollten. Aber sie fanden ihn auch da.
Und man bettelte ihn vielleicht an: „Komm hilf uns, verschliesse die Augen nicht vor der Realität, sei ein umsichtiger König!“ Aber Ludwig fuhr zusammen. Böse über so viel Anmassung rief er:
„Neinein, dies ist nicht meine Angelegenheit! Richtet ihnen aus, dass ich für diese Probleme nicht zuständig bin, dass es diese Probleme für mich nicht gibt! Sie sind mir egal! Hört ihr, scheissegal! “ Und mit einem tiefen Abscheu für alles Politische, das er für ordinär hielt, verschwand er hinauf in sein Boudoir und zog an seiner Spieluhr.
Oh, du mein holder Abendstern.*
Seine traurigen blaugrünen Augen folgten dem verspielten Schattenspiel, das die vier kreisenden Monde der Spieluhr gegen den Stuck der Decke projizierte.
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Es ist etwas in den Augen des Schauspielers, das den Betrachter bewegt und aufrüttelt. Je länger man das Gesicht anschaut, umso eher scheint es nicht die Schönheit der Wangenknochen und Brauen, des geschwungenen Amorbogens, der leicht fliehenden Stirn und der Augen, die die Wirkung ausmachen. Das Gesicht strahlt Unnahbarkeit aus, Sanftheit, Vor- und Zurückweichen, Verletzlichkeit, Kindlichkeit, Männlichkeit und Weiblichkeit, Sehnsucht, Ernst und Mysteriosität, Verachtung und Wut, ja, vielleicht Eitelkeit.
Es kann sogar gewöhnlich sein.
Es ist bekannt, dass man auf die borstige Seele des Königs damals Jagd machte. So viel Spass es den Leuten nämlich bereitet, an einem Märchen teilzuhaben, so viel Freude macht es ihnen später, den sinkenden Stern zu zertreten. Das ist die Rache der Gewöhnlichen an den Sternen, in denen sie auf einmal nichts mehr lesen können ausser Verworrenheit. Sie denken nicht daran, dass ein Stern auch nur am Nachthimmel hängt.
Und dann kalt wird, eines Tages, sehr kalt. Nach der Stunde Null.
Wichtig: ich habe hier nur aus einer Legende erzählt. Genaugenommen aus einer Legende, die auf einer Legende basiert. Habe ich Vermischungen vorgenommen. Realistisch gesehen kann man die Legenden
dann doch nicht miteinander vergleichen. Der eine König hatte tasächlich eine folgenschwere Verantwortung,
während der andere nur die Aufgabe hatte, die Legende eines Königs ausgezeichnet zu spielen. Oder hatte er sogar nur die Aufgabe, schön zu sein? Diese Aufgabe überstieg er allein mit seiner Präsenz. Der eine
Schauspieler liebte vielleicht sein Land nicht. Während der andere vielleicht seinen Regisseur liebte.
Erstaunlich, dass der schöne, unregierbare Schauspieler meiner Legende seinen Zenit überlebt hat, obschon man ihm seinen tapferen Fall nicht wirklich gönnte. Also so sieht es für mich aus.
Äusserlich verfiel er zusehends. Da er weder die Schadenfreude noch das Mitleid der Leute spüren wollte, flüchtete er sich aus der Wirklichkeit, wann immer er konnte. Die Erfahrung seines einmaligen unteilbaren Abeneuers hinterliess tiefe Spuren in ihm. Manchmal hatte er vor der Kamera nun Wutanfälle, obschon es gerade so ausgesehen hatte, als würde er zwischen zwischen Liebreiz und Zorn hin und her schwanken. Vielleicht war er jetzt wütend auf sein Publikum, das sich weiterhin nicht mehr Mühe gab, als ihm bloss zuzuschauen.
Zerfall, obschon natürlich, ist ein Verrat ohne Zuordnung.
(4.6.23)
(Inspiriert durch Luchino Viscontis Film über den König Ludwig sowie von Helmut Bergers Gesicht)
(*Richard Wagner)