Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/1673

Feedback
Liebe Sängerin, lieber Sänger,
Als Sänger brauchen wir Feedback, aber es ist schwierig, ein objektives Feedback zu erhalten und es in den richtigen Kontext für sich selbst zu stellen.
👌Tipp Nummer eins lautet: Versuche, konstruktive Kritik von Menschen zu erhalten, die die Probleme und den Beruf verstehen. Dein Stimmlehrer muss deine Gesangstechnik korrigieren und dein Pianist muss musikalische Nuancen korrigieren. (Bitte beachte, dass dir ein Theaterdirektor oder ein Dirigent nach einem Vorsingen möglicherweise keine substanziellen Rückmeldungen geben kann. Seine Zeit ist begrenzt und es ist nur seine Aufgabe, einen Sänger für diese bestimmte Rolle zu finden.)
Es gibt immer Kollegen, die die Tendenz haben, Rückmeldung zu geben. Also …
👌Tipp Nummer zwei lautet: Mache einen inneren Schritt zurück und fragen dich: „Was ist die Motivation, warum dieser Kollege meine Leistung kommentiert?“ Eine gesunde Reaktion vor Ort ist „Danke“ und einen kurzen Satz wie „Ich werde darüber nachdenken“ zu sagen. Versuche nicht, dich zu erklären. Ein Kollege ist ein Kollege! Es erfordert Zeit, Nachdenken und Konzentration, um ernsthaft und neutral zu sein.
Feedback: Als ich im ersten Jahr meiner Opernkarriere war, war ich jung und unsicher und erhielt widersprüchliche Feedbacks. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es sich nur um Meinungen handelte, oft von Leuten, die sich im selben Boot befanden oder keine Karriere hatten, oder was ich als „vorgeben, mehr zu sein, als sie sind“ interpretiere. Ich erinnere mich an meine erste Produktion als sehr junge Tosca, und mein Scarpia war der berühmte Franz Grundheber. Ich war einerseits so überwältigt, als ich mit Tosca eine Premiere mit diesem grossen Sänger sang, und auf der anderen Seite verstand ich sehr schnell, dass er ein Künstler war, der sich nur auf seine Kunst und seinen Gesang konzentrierte. Statt seine Meinung zu sagen, befand er sich in Frieden mit sich selbst, und ich hatte das Gefühl, Raum und Zeit zu haben, um in meine Interpretation der Tosca hineinwachsen. Es war ein ganz besonderer Eröffnungsabend für mich und eine dieser seltenen Vorstellungen, bei denen du spürst, dass der Gott des singenden Himmels dich einfach magisch erleuchtet hat. 🌟
Mein Rat ist:
Gib unaufgefordert keine Kritik und höre nicht auf unerbetene Kritik. Du weisst nie, in welchem Entwicklungsstand sich der Sänger befindet oder mit welchen Aufgaben er oder sie in seiner Karriere konfrontiert ist. Hoffentlich hast du in deinem Leben vertrauenswürdige Quellen wie einen Mentor, deinen Stimmlehrer, deinen Nummer-1-Trainer und Menschen, die dich durch das abwechslungsreiche Auf und Ab deiner Gesangsausbildung und Karriere begleitet und geführt haben. Du hast eine Vertrauensbasis zwischen dir und diesen wenigen Leuten, und das ist im Leben eines Sängers nicht zu bezahlen.
Ich bin bis heute dankbar und gesegnet, dass ich meine Mentoren David L. Jones, Friedrich Gürtler und Thomas Barthel in meinem Leben habe, mit denen ich seit Jahrzehnten vertrauensvolle und ehrliche Beziehungen unterhalte und von denen ich umfassende Ratschläge bekomme. Natürlich auch alle wunderbaren Sängerinnen, die meinen Weg beeinflusst haben, wie KS Birgit Nilsson, KS Berit Lindholm und Janet Williams, um nur einige zu erwähnen. In diesem speziellen Weekly Nugget möchte ich mich auch bei allen jungen Sängern und auch bei den Sängern, die bereits in meinem Atelier arbeiten, für ihr Engagement für die Kunst danken. Ebenso für ihre grosse Ehrlichkeit im Arbeitsprozess mit mir und den Menschen, die in diesem Beruf tätig sind. Ich bin dankbar für ihre aufrichtigen Referenzen, die jetzt auf meiner Website zu sehen sind.
Vera Wenkert
Foto: Vera Wenkert als Tosca und Franz Grundheber als Scarpia