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Ursprung und Bedeutung
Die Seidenbandweberei wurde ursprünglich im 16. Jh. von Glaubensflüchtlingen aus Italien und Frankreich in die Region Basel gebracht. Sie begründeten die Seidenbandweberei als Grossunternehmen und bezeichneten diesen Fabrikationszweig als «Passementerie». Der spätere Begriff Posamenterei leitet sich von diesem französischen Ausdruck ab. Unter Posamenterei versteht man gemeinhin das Weben von Borten, Fransen und Bändern.
1670 liess der Basler Rat erstmals mehrgängige Webstühle zu und ermöglichte damit eine frühe Industrialisierung. Die Geschichte der Heimposamenterei in der Region dauerte somit rund 300 Jahre von 1680 bis 1988, als die letzte Heimposamenterin ihre Tätigkeit aufgab. Mit der erwähnten Zulassung von Webstühlen im durch Zünfte dominierten Basel begann eine frühe Industrialisierung, eine Industrie vor der Industrie. Die Heimmanufaktur, als Vorgängerin der späteren Fabrikindustrie, entsprang der Initiative städtischer Unternehmer und wurde, wie schon erwähnt, durch die neu niedergelassenenen Glaubensflüchtlinge unterstützt und gefördert. Städtische Zunftvorschriften behinderten aber die Entwicklung, weshalb die Verleger auf die Baselbieter Gemeinden auswichen.
Die Entwicklung der Heimposamenterei verlief im Baselbiet rasant: Um 1692 lebten 5 % der Bevölkerung von der Posamenterei, 1754 waren es schon rund 20 % und 1786 über 30 %. Untrennbar mit dem Posamenten ist das Verlagswesen verbunden: In Basel lebten die industriellen Verleger, die Seidenherren. Diese wohnten in Residenzen wie zum Beispiel im Blauen oder Weissen Haus in Basel. Boten fuhren im 19. Jh. noch lange Zeit ein- bis zweimal pro Woche nach Basel und zurück und bedienten die Posamenter mit neuem Material und zahlten die Lohngelder. Andererseits holten sie die fertigen Bänder ab und transportierten sie in die Stadt, von wo aus sie weltweit vertrieben wurden, um in der Damenmode oder in der Innenarchitektur (Lampenschirme, Vorhangdekoration, Dekoration von Polstermöbeln etc.) Verwendung zu finden.
Der Bote fungierte nebenher auch als Postbote und Nachrichtenübermittler. Gemessen an der Einwohnerzahl hatten folgende Gemeinde den höchsten Webstuhlanteil: In Lupsigen entfiel auf 3,38 Bewohner ein Webstuhl, in Niederdorf 3,83, in Lampenberg und Arboldswil je 4,05, in Ziefen 4,09, Reigoldswil 4,15, Bretzwil 4,35 und Rünenberg 4,41. Der Bevölkerung der Landschaft Basel brachte die Heimweberei im 19. Jh. einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich äusserlich in den Dorfbildern, aber auch in der grösseren Geburtenzahl niederschlug. Die langjährige Erfahrung in der Heimposamenterei erleichterte der Landbevölkerung den Übergang in industrielle Fertigungsprozesse.
Fabriken
Im 19. Jh. trat die Heimposamanterei mehr und mehr in den Schatten der Fabrikbandweberei in Basel-Land, aber auch in der Stadt. Die Webstühle in den ersten Fabriken wurden zuerst mit Wasser, später mit Dampfkraft angetrieben. Erste Fabrikbetriebe entstanden zuerst in der Stadt mit der Einführung des Jacquard-Automaten. Dieser ermöglichte mit Lochkartensteuerung komplizierte Muster zu weben. Dass die Fabriken zuerst in der Stadt standen, hat mit den politischen Spannungen nach der Kantonstrennung 1832/33 zu tun.
Die ersten Bandfabriken auf Baselbieter Boden waren Filialbetriebe der Basler Unternehmen. Die Firma Sarasin eröffnete 1846 in Binningen und 1860 in Sissach Ableger. Ebenfalls 1846 verlegte die Firma De Bary eine Filiale nach Gelterkinden. 1859 folgte die Firma Fiechter und Söhne in Sissach ihrem Beispiel. 1895 zählten die eidgenössischen Fabrikinspektoren im Baselbiet sieben Bandfabriken, in denen 882 Frauen und Männer tätig waren. Gemessen an der Gesamtzahl der im Baselbiet tätigen Heimweber, hatten diese Fabriken zunächst eine eher geringere Bedeutung. Anders verhielt es sich in der Stadt. 1850 gab es dort bereits 35 Bandfabriken.
Im Zusammenhang mit der Seidenindustrie muss die Schappe erwähnt werden. 1824 wurde sie in Arlesheim als J.S. Alioth gegründet. Die Fabrik verarbeitete Seidenabfälle, welche bei der Produktion der hochwertigen Seidenfäden entstehen, zu weniger hochwertigen Seidengarnen wie Maschinennähseide. Die Seidenabfälle wurden jedoch nicht aus der Heimposamenterei bezogen, sondern aus dem Ausland importiert. 1977 wurde die Schappefabrik geschlossen.
Elektrifizierung
Die Baselbieter Heimposamenterei spielte im Wettbewerb mit der Fabrikweberei vorerst einen gewichtigen Trumpf aus, als in den ersten Jahren des 20. Jh. in den Posamenterdörfern schrittweise fast überall der elektrische Antrieb der Webstühle eingeführt wurde. Die Elektrifizierung der Webstühle erlaubte den Posamenterfamilien eine bessere Bandqualität zu liefern. Ausserdem wurde die Arbeit am Stuhl leichter und somit konnten die Familien ihre Arbeitszeit bis 18 Stunden ausdehnen. Für die Elektrifizierung aktivierten die Posamenterfamilien Formen kollektiver Selbsthilfe.
In rascher Folge entstanden in den Posamenterdörfern Elektragenossenschaften. Der erste elektrische Webstuhl wurde im Dezember 1900 in Gelterkinden in Betrieb genommen. In den folgenden Jahren folgten die Gemeinden Rünenberg, Itingen und Zunzgen. 1904 existierten in Baselland bereits 22 Elektragenossenschaften, die 35 Gemeinden bedienten. Die Kraftwerke Rheinfelden belieferten über die Elektra Baselland und die Elektra Sissach-Gelterkinden das Ergolztal sowie das Reigoldswilertal, Olten das Homburgertal, Wynau (im Besitz der Gemeinde Langenthal) das Waldenburger- und Diegtertal und die Elektra Birseck Bretzwil und Lauwil (siehe Karte unten).
Niedergang
Ab den Neunzigerjahren des 19. Jh. zeichnete sich ein fortlaufender Rückgang der Nachfrage nach Seidenbändern ab. Die Gründe waren wirtschaftlicher Natur (z. B. Zölle). Ein weiterer Krisenfaktor war eine Veränderung der Modetrends. Der Erste Weltkrieg leitete dann den endgültigen Niedergang der Seidenbandindustrie ein. Bis in die Zwischenkriegszeit stellten die meisten Unternehmen ihre Tätigkeit ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur noch wenige Firmen und Heimwebstühle. Schliesslich gab die letzte Heimposamenterin ihre Tätigkeit im Jahre 1988 auf. 2001 schloss die Firma Senn & Co. als letzte Bandfabrik von Basel ihre Tore.
HPM