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19. Januar 2023: Leseabend mit Pierre Kretz
Lesung: Pierre Kretz, Ich wart uf de Theo (Lesung auf Elsässisch)
Das neue Buch von Pierre Kretz:
«Ich wàrt uf de Théo»
Sepp, ein 80jähriger Elsässer, seit vielen Jahren verwitwet und ohne Kinder, wartet an einem kühlen Novemberabend vor dem Supermarkt seines Dorfes mit einem Plastiksack voller Einkäufe und einer Gasflasche auf seinen Grossneffen Théo, seine einzige Stütze im Leben, der ihn mit seinem Auto nach Hause fahren soll. Während der immer länger werdenden Wartezeit läuft sein Leben wie ein Film in seiner Erinnerung ab:
Seine unbeschwerte Jugend auf dem Land, die mit 18 Jahren plötzlich endete, weil er wie alle jungen Franzosen jener Zeit zum dreijährigen Militärdienst in Algerien einberufen wurde.
Kurz zuvor war im dortigen Krieg, der von 1954 bis zur Unabhängigkeit Algeriens vor genau 60 Jahren dauerte, sein bester Freund ums Leben gekommen - einer von 25'000 französischen Soldaten, die nicht mehr zurückkehrten.
Sepp überlebte, fand eine Arbeit in der Textilfabrik in seinem Dorf und heiratete mit 23 Jahren seine Schulfreundin Alice, die 1995 an Krebs starb. Seine Versuche, durch eine Heiratsagentur eine neue Partnerin zu finden, schlugen alle fehl, sodass er sich mehr und mehr zurückzog und den Kontakt zur Aussenwelt weitgehend Théo überliess, der auch seine Finanzen verwaltet, alles mit dem Smartphone, das Sepp nur zum Telefonieren mit seinem Grossneffen dient, weshalb ihn selbst dessen SMS überfordern:
«Ich müas schon Franzeesch redda mit ‘m, denn ar versteht kenn Elsassisch, enfin ar sààt amol, ar verdsteht’s nit. Un jetz müass i mi noch àn sini sms-Sproch gewähna!»,
Je länger das Warten dauert und je kühler und dunkler der Abend wird, desto mehr verdüstern sich auch Sepps Gedanken. Nicht nur die traumatischen Erinnerungen an den Algerienkrieg und alles Schreckliche, das er dort erleben musste, kommen nach über 60 Jahren wieder hoch, sondern auch seine Wut auf die Ungerechtigkeiten, die er dort während der drei schlimmsten Jahre seines Lebens erdulden musste:
Während er und seine Kameraden dem Kugelhagel ausgesetzt waren, verbrachte der Sohn des Direktors der Möbelfabrik, in der Sepps Vater arbeitete, seinen Militärdienst als Chauffeur eines Obersten in der relativ sicheren Stadt Algier.
Sepp machte seinem Frust nach seiner Rückkehr aus dem Krieg durch eine Verzweiflungstat Luft, über die er seither mit niemandem sprach, nicht einmal mit seiner Frau, und auch nicht mit Théo, der diese Tat ohnehin nicht verstehen würde, weil sein Bild von Algerien ein vollkommen anderes ist als dasjenige seines Grossonkels.
Das konnte dieser nach Théos Rückkehr von einer Ferienreise mit dem Club Méditerranée nach Tunesien feststellen, die er ihm als Dank für seine Hilfe geschenkt hatte:
«Dernoh, won’r zruckkumma isch von sinnem club, het’r mer gsait: ‘Dü, Onkel Sepp, het’r gsait, d’Algérie dàs isch gràd nawa de Tunisie. Dert isch’s jo wunderbar. Un immer sunnig. Du hesch Chance àss da dert nìwwer hesch derfa zu de Militär.’ Ich hab nix gsait. Jo fir was dann? Dia Junga wisse nit amol, wàs a Kàsärn isch, noch nia sìn sie im Militärschritt geloffa oder so Dings.»
Dieser Generationenkonflikt ist nur einer der vielen Aspekte von Sepps Monolog, der nur ab zu durch Gespräche mit Passanten unterbrochen wird und in welchem sich traurige und humorvolle Passagen in einem Wechselbad der Gefühle abwechseln. Man erfährt durch seine Erinnerungen auch viel über die positiven, aber auch die negativen Entwicklungen, die das Elsass in den vergangenen 60 Jahren erlebte. Was wir nicht erfahren ist, ob Théo seinen Onkel je am Supermarkt abholt, und diese Ungewissheit teilt Pierre Kretz mit dem Theaterstück, das ihn inspiriert hat: «En attendant Godot» von Samuel Beckett, dessen französischen Originaltitel er in der Übersetzung mit «En attendant Théo» fast wörtlich übernimmt. Er hatte sich bereits 2015 beim Monolog «Ich ben a beesi frau» von einem berühmten Theaterstück inspirieren lassen, Friedrich Dürrenmatts «Besuch der alten Dame». Bei diesen beiden Anleihen aus der Weltkultur handelt es sich aber nicht um eine «kulturelle Aneignung», wie sie derzeit anhand anderer Beispiele heftig debattiert wird, sondern, wie es Pierre Kretz formuliert, um den Beweis, dass auch der Dialekt zur Weltkultur gehört und von dieser beeinflusst wird, wie es schon vor über 200 Jahren das Werk von Johann Peter Hebel zeigte.
Pierre Kretz: Ich wàrt uf de Théo/ En attendant Théo, Fotos von Jean-Louis Hess, Le Verger Editeur, 50 Seiten, CHF/EUR 22