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Quin hat Längen- und Hohlmass, Gewicht, Münzen, das Verkehrswesen, Schrift und Sprache in den sieben eroberten Ländern vereinheitlicht, was grossartig ist. Er hat auch ein hierarchisches Staatsgefüge mit übermässig strengen Strafen eingeführt, das aus Angst die Menschen zu Spitzeln machte wie zur Zeit der Kulturrevolution oder dem Nationalsozialismus. Er hat ein Steuerwesen aufgebaut, das jeden Haushalt erreichte und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Qin hatte immer genügend Soldaten und Sträflinge, die für ihn kämpften und arbeiteten. Ab 214 v. Chr. bis zu seinem Tod 207 v. Chr. trieb Qin auch den Mauerbau zum Schutz des Reichs gegen die nomadischen Reitervölker voran.
Die Chinesische Mauer ist der grösste Bau, den es weltweit je gab. Eine Mauer – unten ungefähr 10 Meter oben 8 Meter breit – die gegen Feinde errichtet, während mehr als zweitausend Jahren ein Riesenreich im Norden umfasst. 2012 wurde ihre Länge mit 21’200 Kilometer gemessen, inbegriffen die natürlichen Barrieren wie Flüsse oder Berge. Ihr Zustand reicht heute von ganz schlecht bis ganz gut. Unter welchen Umständen sie errichtet wurde allerdings ahnen wir mehr, als dass wir es wissen.
Noch ist uns die Mauer durch Berlin, sind uns die Grenzen zur DDR und der Eiserne Vorhang präsent. Israel baut weiter an seinen Sperranlagen: Metallzäune mit Stacheldraht und Sperrzonen im Westjordanland. Mauern aus Stahlbeton von Beobachtungsposten überwacht durch die Stadt Jerusalem und zum Teil bis 20 Kilometer jenseits der Grenzen der einstigen Waffenstillstandslinie. Ägypten errichtet gegen den Schmuggel im Tunnelsystem einen stählernen Wall, 10 Kilometer lang bis zu einer Tiefe von 30 Metern.
Auch die Grenzen der Schweiz schützen gegen den Feind, gegen Unwillkommenes, gegen Ängste. Wir haben Sperrklauseln und entwickeln Asylgesetze. Wir haben unsere persönlichen Vorbehalte gegen das Fremde. Mauern des Rechts – geistige Mauern.
Als ich in der Ausstellung vor dem Plan der riesigen Grabanlage dieses Kaisers stehe, weitab vom Mausoleum, der Grube mit den Terrakottakriegern, den Beamten, den höfischen Artisten und Musikern entdecke ich den Hinweis auf eine Grube, die mit «Vögel» bezeichnet ist.In diesem Augenblick erinnere ich mich an die berührende Geschichte «Reviergesang» von Christoph Ransmayr. Er schildert die Begegnung mit einem chinesischen Ornithologen auf der Chinesischen Mauer. Dieser weiss, dass die Amseln ihre Lieder nicht nur für die Paarung singen. Sie singen auch später noch. Sie erheben mit ihrem Gesang Anspruch auf ein bestimmtes Gebiet und verteidigen es damit.
«Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Reviergesang statt zinnenbewehrter Mauern!»
Christoph Ransmayr
Der Ornithologe und seine Frau haben sich dann vorgestellt, wie es wäre, wenn anstelle von Kriegen, auch die Völker ihre Gebiete mit Singen verteidigen würden. «Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Reviergesang statt zinnenbewehrter Mauern!, Tonfolgen anstelle von Steinen, Grenzgesänge! Gemeinsam hatten sie sich vorgestellt, diese unvorstellbar lange Mauer durch einen einzigen, aus lückenlos aneinandergereihten Reviergesängen bestehenden Chor zu ersetzen: einen Wall aus Liedern… Sequenzen einer unüberhörbaren, unüberwindlichen Melodie, die jeden Eindringling oder Angreifer entweder so überwältigen musste, dass er bang das Weite suchte oder so betörte, dass er sine Gier, seinen Hass oder seine Kampflust vergass und zu nichts anderem mehr fähig war, als hingerissen zu lauschen. Was für eine Vorstellung…»