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|Timm|
|David Jewell|
In der 52. Minute trägt der Strassenpoet sein Gedicht vor.
Gast: David Jewell, der das Gedicht geschrieben und die Rolle des Strassenpoeten fast selbst gespielt hätte.
Lesung im Abspann: “Delusion Angel” von David Jewell und Sergio R. Samayoa, mit freundlicher Genehmigung (alle Rechte vorbehalten).
Show Notes
Delusion angel (das Gedicht)
daydream delusion
limousine eyelash
oh baby with your pretty face
drop a tear in my wine glass
look at those big eyes on your face
see what you mean to me
sweet cakes and milk shakes
I’m a delusion angel
I’m a fantasy parade
I want you to know what I think
don’t want you to guess anymore
you have no idea where I came from
we have no idea where we’re going
lodged in life like two branches in a river
caught in the current
flowing downstream
I’ll carry you you carry me
that’s how it could be
don’t you know me
don’t you know me by now…
Übersetzung des Interviews mit David Jewell
Hallo, ich bin David Jewell, und ich habe das Gedicht “Delusion Angel” geschrieben, das in Before Sunrise vorkommt.
Hallo David; danke, dass du dir Zeit für ein Gespräch nimmst. Das Gedicht kommt sehr prominent in “Before Sunrise” vor. Du hast mir jedoch erzählt, dass es geschrieben wurde, bevor du von diesem Filmprojekt erfahren hast. Wie ist es entstanden, was hat dich veranlasst, das Gedicht zu schreiben?
Das ist schon eine Weile her, das war 1990. Ich schreibe immer, schon seit der High School. Ich mag es, wenn Worte einfach in meinem Geist erscheinen, von nirgendwo, ohne Absicht, und dann schreibe ich sie auf und folge ihnen. An diesem Abend bin ich vermutlich von einem Date nach Hause gekommen. Ich war damals single, aber ich war “reif für Romantik”. Es war schon ein paar Jahre her, seit ich eine Beziehung hatte, und ich war einfach bereit, mich neu zu verlieben. Es war eine normale Nacht; ich habe mein Tagebuch aufgeschlagen und find an zu schreiben: “Daydream Delusion” – ich habe bemerkt, dass ich Tagträume hatte. Ich fühle mich oft zu Leuten hingezogen, die für mich unerreichbar sind, und darum wusste ich, dass die Chance, eine Beziehung zu diesen Menschen zu haben, recht schmal sein würde. Also: “Daydream Delusion / Limousine Eyelash”… ich schrieb die ersten zwei Zeilen, und der Rest kam einfach raus.
In der Mitte gebe ich einfach zu: Ich bin ein “Delusion Angel”, weil ich ständig Irrglauben habe. Aber sie sind unschuldig, und ich bin weiterhin ein Engel, dachte ich mir. Dann habe ich mich daran erinnert, dass ich zwei Jahre zuvor in einer langen Beziehung war, und ich fragte mich, was wohl schief gegangen war. Darum habe ich mich gefragt, wie eine Beziehung wohl gut gehen kann. Es war ein Votum für Klarheit: “Ich will, dass du weisst, was ich denke, will nicht, dass du weiter rätselst”. Danach war es eine Beschreibung eines Lebenszustands: “Ich weiss nicht, wo du her kommst” –niemand hat eine Ahnung, woher der andere kommt.
Und in den letzten Zeilen war ich wieder in der Fantasie, in jemanden verliebt zu sein, die Person in einem Kaffee zu sehen, sich in sie zu verlieben, hinzusitzen, eine zu rauchen, einen Kaffee zu trinken, und die unsterbliche Liebe zu leben: “Lass uns für immer zusammen sein”. Und schliesslich zu fragen: “Kennst du mich noch nicht?”, haben diese 30 Minuten nicht gereicht, um uns kennen zu lernen? Unsere Essenzen passen doch so perfekt zueinander, sie schwingen in der gleichen Frequenz, es ist Liebe auf den ersten Blick, also lass uns gemeinsam in den Fluss springen. Du bist mein Seelenverwandter, warst schon immer da, und ich auch für dich. Aber über all das habe ich nicht im Detail nachgedacht – es kam einfach so raus.
Wie passt dieses Gedicht in dein Gesamtwerk? Ist das ein typisches Gedicht für dich?
Es passt einfach, so wie alles andere auch in den Kontext meines Lebens passt. Ich bin jemand, der ins Verlieben verliebt ist, ein Romantiker, wie so viele Poeten. Darum ist oft ein Element von Romantik, sich verlieben, verlorene Liebe, sich verbinden wollen in meinen Texten. Ich schreibe einfach, und schreibe und schreibe – und dann schau ich mir an, was ich geschrieben habe. Und wenn es mir gefällt, dann teile ich es mit anderen Menschen und schaue, was passiert.
Gibt es spezifische Emotionen oder Themen, die du mit dem Gedicht zeigen wolltest?
Ich hatte keine vorgefertigten Themen, die ich aussagen wollte. Aber das Thema ist sicher Sehnsucht: Sehnsucht nach Liebe, nach einem Partner, nach einem Zuhause, nach der Person, mit der du dich zu Hause fühlst und umgekehrt. In dem Sinne geht es um Idealisierung von romantischer Liebe und von Liebe auf den ersten Blick. Das ist in so vielen Filmen und Liedern. Romeo und Julia handelt davon, unmittelbare, komplett überwältigende Liebe. Ich dachte immer, dass die wahre Tragödie von Romeo und Julia wäre, wenn sie überlebt und geheiratet hätten und ihre Familie langsam und grummelnd ihre Ehe akzeptiert hätten. Doch dann, weil sie aus zerstrittenen Familien stammen würden verschiedene Ressentiments auftauchen, sie würden anfangen zu nörgeln. Romeo bekäme einen Bierbauch, Julia wäre von ihm gelangweilt und wäre die ganze Zeit mit ihren Freundinnen am Einkaufen… Dass Romeo und Julias Supernova der Liebe explodiert und sie beide sterben ist tragisch und traurig – aber viel akzeptabler als wenn sie diese Supernova hätten und sie sich dann in diese trübe Funzel eines Nachtlichts in irgendeiner Wohnung verwandeln würde.
Was ich somit auszudrücken versuchte war eine Zelebrierung des Irrglaubens, dass Liebe auf den ersten Blick real und solide ist, auch wenn sie im Endeffekt sehr selten ist. Die Tatsache, dass sie trotzdem vorkommt, gibt der Menschheit Hoffung.
Ich hatte Mühe, den Begriff “Delusion Angel” zu verstehen. Was ist ein “Delusion Angel” für dich?
Der “Delusion Angel” ist Unschuld, Sehnsucht, die Unfähigkeit das Leben als Ansammlung kalter, harter Fakten aus Ursache und Wirkung zu akzeptieren, ohne Möglichkeit auf Transzendenz und Liebe. Der Begriff hat auch eine etwas dunkle Seite im Sinne einer zu starken Konzentration auf eigene Wahrnehmung und das Ignorieren der Realität, so dass der Fluss ihn in Situationen trägt, die nicht gut herauskommen oder explodieren. Filme enden mit einem Happy End, aber das Leben geht weiter. So ist das: Menschen verlieben sich, es ist wie in einem Film, sie deklarieren ihre Liebe, und der Abspann wird gezeigt. Doch dann sind sie immer noch zusammen. “Wohin gehen wir jetzt?” – “Wohl ins Restaurant.” – “Worauf hast du Lust?” – “Keine Ahnung, worauf hast du Lust?”. Alltäglichkeit schleicht sich ein, und mit der Alltäglichkeit unterschiedliche Präferenzen, Optionen, Persönlichkeiten, Vorlieben, Abneigungen, es wird komplizierter. Es bleibt nicht einfach. Somit ist ein “Delusion Angel” jemand, für den alles ganz einfach ist und daran glaubt, dass es so bleibt. Ganz egal, wie oft er das Gegenteil erfährt.
Du hast also das Gedicht irgendwann in 1990 geschrieben, um eine Sehnsucht nach Liebe auszudrücken… und dann ist es irgendwie in “Before Sunrise” gelandet. Wie ist das passiert?
Wie gesagt, ich schrieb das Gedicht in 1990 ohne zu wissen, dass daraus irgendetwas anderes werden würde als ein Text in meinem Tagebuch. Ich beschloss, in diesem Gemütszustand zu bleiben, mich verlieben zu wollen, und kurz darauf geschah das auch. Ich traf eine Frau, wir waren wahnsinnig verliebt und flogen nach Paris, um zu heiraten. Ich trug einen weissen Leinenanzug, und sie trug ein weisses Seidenkleid mit Fransen wie eine 1920er “Flapper”. Wir gingen auf die Rückseite von Sacre-Coeur, und ein Freund von mir kam extra aus Spanien angeflogen, um die Trauung zu vollziehen. Danach gingen wir zurück nach Austin.
Wie dem auch sei, eineinhalb Jahre später waren wir ziemlich auseinandergedriftet. Es funktionierte nicht, wir wollten verschiedene Dinge, und die Flitterwochen waren vorbei. An einem Nachmittag hatten wir eine dieser Diskussionen, die mit “tja, das war’s wohl” endeten. Und mitten in dieser Diskussion klopfte es an der Tür. Davor stand mein Freund Robert Pearson, und er fragte mich, ob ich in einem Bühnenstück mitspielen würde. Ich hab “ja” gesagt, weil ich wusste, dass ich viel freie Zeit haben würde. In diesem Stück habe ich Kim Krizan getroffen, die auch darin mitspielte.
Während einem Gespräch erzählte sie mir, dass Richard Linklater sie angerufen hätte; er wollte mit ihr zusammen ein Drehbuch über zwei Menschen schreiben, die sich verlieben und eine Nacht zusammen verbringen. Ihre Idee war, dass das Paar in Austin herumläuft, und mich als Strassenpoeten trifft, oder ihre Freundin, die Bautänzerin, und weitere Freunde, die Dinge tun, und die das Paar treffen würde. Ich wollte seit Jahren Menschen auf der Strasse um ein Wort bitten, darauf aufbauend ein Gedicht schreiben, und sie würden mir etwas dafür spenden. Das blieb für mich eine Fantasie, aber ich war aufgeregt, dass das im Film vorkam. Also ging ich durch meine Gedichte durch auf der Suche nach einem, das ein unübliches Wort enthielt. “Delusion Angel” hat dieses Kriterium erfüllt, ausserdem ging es um zwei Menschen, die sich gerade erst getroffen hatten. Schliesslich haben sie die Dreharbeiten nach Wien verlegt, was ich eine gute Idee fand – aber das Gedicht konnte ich leider nicht vortragen. Aber ich liebte, wie der Schauspieler es im Film vortrug. Ich habe ihn danach einmal getroffen und ihm gesagt, wie schön ich es fand. Er tat es auf eine Art, auf die ich nie gekommen wäre.
Es war einfach ein grosses Stück Glück, Synchronizität. Es war ironisch, dass die Tatsache, dass ich mich scheiden liess, dazu führte, dass mein Gedicht in einem Film vorkam, der von zwei Verliebten handelte. Und so kam das alles zustande.
Das Gedicht ist eine wichtige Szene im Film. Hat die Tatsache, dass dein Gedicht in diesem Film war, etwas für dich verändert?
Einer der grössten Vorzüge davon war, dass ich Emails von Menschen aus der ganzen Welt bekam, um eine Kopie des Gedichts zu bekommen, oder mir einfach zu sagen, dass sie es mochten. Das hat richtig Spass gemacht. Einer der besten war dieser Typ aus Italien, der mich um Erlaubnis gefragt hat, ob er mit diesem Gedicht einen Heiratsantrag machen dürfte. Natürlich durfte er das, und er schrieb mir, dass ihn das glücklich gemacht hat. Es gibt wenig Menschen, die Poesie lesen, und man bekommt wenig Rückmeldungen. Darum war das so toll, all diese Emails von Menschen zu bekommen, die im Kino sassen, den Film sahen, das Gedicht hörten und mich dann anschrieben, um eine Kopie davon zu bekommen. Das hat mir Freude gemacht.
Das Gedicht ist ja nicht bloss ein zufälliges; es hat eine starke Verbindung zur Geschichte. Was ist deine Meinung darüber, was das Gedicht über Celines und Jesses Situation aussagt?
Ich fand es auf eine unheimliche Art synergetisch. Es fühlt sich an, als wäre das Gedicht für den Film geschrieben worden, denn das ist die Situation, in der sie stecken. Sie wissen nicht, woher sie kommen. Doch jetzt sind sie eingeklemmt im Leben, schwimmen stromabwärts wie zwei Äste. Das Gedicht passt so gut, dass es mich selbst überrascht hat.
Woran arbeitest du heute, und wie können Zuhörende mehr über dich herausfinden?
Verschiedenes. Ich arbeite aktuell an einer Reihe von Büchern, ich male sehr viel. Ich habe eine Instagram Page (@davidjewellpoet). Aber ich mag Eigenwerbung nicht besonders. Ich finde es schöner, wenn Menschen mich einfach finden, oder ich in einer Show auftreten kann. Am besten ist es darum wahrscheinlich, auf davidjewell.com zu gehen, und dort findet man auch meine Email-Adresse. Ich liebe es übrigens, Post zu schreiben. Wenn also jemand eine Postkarte oder so erhalten möchte – schickt mir eure Adresse!
Vielen herzlichen Dank für deine Zeit und deine Geschichten, es war ein grosses Vergnügen!