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Infobriefe
Info 12-03 "Führen ohne Anklage - Teil 2"
Stelle dir vor, dein Kind schüttet aus Unachtsamkeit ein Glas Sirup auf den Esstisch aus. Ist deine Reaktion gleich, wenn der Sirup anstatt auf dem Esstisch auf deiner Auslegeordnung mit Schriftstücken landet? Natürlich nicht, denn du bist ja gehörig frustriert. Wenn du jetzt dein Kind beschimpfst, dann ist das zwar "normal", aber dennoch unfair, denn sein Anteil ist ja in beiden Fällen gleich. Beide Male hat es einfach ein Glas Sirup ausgeschüttet. Dass die Blätter auf dem Tisch lagen, macht die Folgen gravierend, aber die "Schuld" des Kindes ist beide Male die gleiche. Die Vorstellung, es hätte doch achtsamer sein sollen angesichts der Blätter auf dem Tisch, scheint mir wenig realistisch.
Schön wäre es, wenn du in Bezug auf das Kind beide Male gleich reagieren würdest, aber einen guten Weg fändest, mit deiner Frustration umzugehen, die sich ja zwangsläufig aus den sich wellenden Dokumenten ergibt. Schön wäre es, wenn du dafür sorgen würdest, dass das Kind deine Wut nicht auf sich bezieht. Das würde es nämlich automatisch tun. Das könnte sich dann etwa so anhören: "Nein, wie sehen diese Blätter aus!!! Das ist wirklich ein Katastrophe. Du, Stefan, kannst ja nichts dafür, dass die Blätter hier lagen, ich bin einfach frustriert, dass sie jetzt so aussehen. Putze du bitte den Sirup auf, und ich rette die Blätter, so gut es geht." Wenn du Mühe hast, dir das vorzustellen bzw. umzusetzen, dann stelle dir doch in solchen Situationen vor, das Missgeschick sei einem väterlichen Freund passiert.
Es ist ganz allgemein wichtig, dass wir als Eltern uns immer wieder bewusst machen, wie wir selber mit unseren Frustrationen umgehen. Gordon Neufeld, dessen Entwicklungspsychologie passgenau VP vertieft, rät uns, wir sollten uns mit unseren Frustrationen arrangieren, mit ihnen rechnen wie mit vertrauten und doch immer wieder überraschenden Gästen. Er rät uns, Worte für die Frustration zu finden, anstatt jemanden anzuschreien. Meistens, wenn Eltern schreien, schreien wir aus Frust und nicht, weil wir hoffen, eine Veränderung im Kind zu erwirken.