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[«Schädigung» «Fähigkeitsstörung» «Beeinträchtigung»]
Seit dem Spätmittelalter wurden bresthafte Menschen von Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel d. Ä., Urs Graf und vielen anderen in stereotyper Manier und fast schablonenhaft dargestellt. Will man sich ein Bild von ihren Schicksalen machen, sollte man die Bilder ihres Leidens auch unter medizinischem Blickwinkel aufschlüsseln. Dazu lassen sich Bildquellen aufspüren.
VON BEAT RÜTTIMANN
|Abb. 1: Bettler-Skizze von

Hieronymus Bosch van Aken (um 1450 bis 1516). Von diesem Bettler handeln Text und nachfolgende Bilder; diese diskutieren und illustrieren einzelne medizinhistorische Aspekte seines «Falles».
Früher hätte man den invaliden Bettler von Bosch (Abb. 1) als Krüppel bezeichnet, und was damit gemeint ist, verrät der Untertitel des Buches «Der Krüppel» von Klaus E. Müller (München 1996): «Ethnologia passionis humanae» Kunde vom menschlichen Leiden aller Völker und Zeiten. Wir begegnen ihm nicht auf der «Sunny Side of the Street», wie es im Lied von Louis Armstrong heisst, und er gehört nicht zu den Jungen, Schönen, Reichen, Gesunden, obwohl diese bisweilen auch medizinische Probleme haben. Er bewegt sich am Rande der Gesellschaft, mit andern Krüppeln und Bettlern, mit Musikanten, Gauklern und fahrendem Volk. Dorthin wurde er durch seine Leiden verwiesen, oder dort hat er sie akquiriert; dort summierten sich charakterliche Eigenheiten und schlechte Erfahrungen, oder dorthin haben sie ihn geführt. Seine Lebensqualität ist schlecht. Seine Zukunftsaussichten sind es ebenso. Er kämpft mit gesundheitlichen Störungen, wie man heute sagt, hat den linken Fuss verloren, wohl auch Schwierigkeiten mit dem rechten; seine Gelenke sind kontrakt, und er ist auf Hilfsmittel wie Stelze und Krücke angewiesen.
Verschiedene Richtungen der Geschichts- und Sozialwissenschaften haben sich mit solchen Gestalten bereits befasst; was nun folgt, ist eine ärztliche Konsultation in einer medizinhistorischen Poliklinik. Es fragt sich, welche Krankheits- und Verletzungsbilder sich einigermassen kongruent auf die Schablone des verkrüppelten Bettlers legen lassen. Daraus resultiert «differentialdiagnostisch» ein ganzer Bilderbogen.
«Krankheit des Armen Heinrich»
Obgleich nicht augenfällig und in typischer Weise als Aussätziger gekennzeichnet, hat dieser Mann am ehesten Lepra, die Krankheit des «Armen Heinrich» von Hartmann v. Aue. Als Vollbild (Abb. 2) ist sie stets und bis heute kaum zu verkennen, selbst wenn wir die «zwölf sicheren Zeichen» des Henri de Mondeville am Ende des 13. Jh. und vor allem das «signum expertissimum» nämlich die Gefühlsstörungen nicht nachprüfen können. Frühe Stadien der Mieselsucht waren schwieriger abzugrenzen; entsprechend schwierig und verantwortungsvoll gestaltete sich die Aufgabe der vielerorts eingesetzten «Siechenschau», die entweder einen «Schönbrief» so wurde er in Zürich genannt abgab oder das Lepra-Verdikt fällte. Letzteres hatte eine Reihe von Massnahmen zur Folge, die je nach Ort bis zu einer völligen sozialen Isolation «ante muros» führen konnte.

Abb. 2:

Abb. 3:
Eine Behandlung gab es nicht; eine Ansteckungsgefahr ahnte man vielleicht. Abscheu und Vorurteile nährten zusätzlich das Bedürfnis nach Selbstschutz der Gesellschaft, die dann gleichzeitig zu Mildtätigkeit und Solidarität aufrief schon damals eine zwiespältige Haltung. Zu Zeiten von Bosch befand sich die Lepra in Westeuropa bereits auf dem Rückzug. Was die von ihr bewirkten Verstümmelungen der unteren Extremitäten anbelangt, sind wir aber durch eine ganz andere Erkrankung, den schweren und fortgeschrittenen Diabetes, in fast vergleichbarer Art bedroht.
«Antoniusfeuer»
Verluste, Deformierungen und Defekte der Gliedmassen konnten auch als «heisser» oder «kalter Brand» (Abb. 3) durch eine Ergotaminvergiftung vom Mutterkorn im Getreide hervorgerufen werden. So erklären wir heute zwanglos das früher sporadisch, manchmal sogar epidemisch aufgetretene «Antoniusfeuer», und wir bekommen selten, aber immer noch solche Bilder zu sehen, nunmehr ausgelöst beispielsweise durch überdosierte Migränemittel. Wie Flammen schlagen die Schmerzen beim «heissen Brand» oder «Höllenfeuer» aus Fuss oder Hand, die schliesslich in Gangrän übergehen, vom Chirurgen abgelöst werden oder einfach abfallen: Die heisse Phase des unvorstellbar schmerzhaften Leidens hat das Fleisch «zernagt» und «gefressen»; in der kalten Phase stirbt auch der Knochen ab.
|Abb. 4

«Hinkender Bote» mit Knieruhestelze: am naheliegendsten ist eine traumatische Unterschenkelamputation. Optimale Wiedereingliederung dank funktionstüchtigem, wenngleich höchst unelegantem Behelf.
|Abb. 5:

Schwere Buckelbildung: Nicht das Ausmass der Verkrümmung, doch ihr Verlauf und die Proportionen sind nicht ganz realistisch dargestellt. Schon ein Buckel allein kann Kleinwuchs vortäuschen; Buckligen und Kleinwüchsigen attestierte man gern charakterliche Mängel, wobei man kaum nach Ursache und Auswirkung und deren Abfolge fragte. Geschichten und Märchen gaben die Bilder von Generation zu Generation weiter. Nunmehr konnten Prävention und Therapie das Blatt praktisch wenden.

Abb. 6:
Falls «nur» ein lokales Trauma, im Gegensatz zu Ergotismus und Lepra, zur Amputation geführt hat, bleibt das Verletzungsopfer zwar behindert, sonst aber leistungsfähig (Abb. 4). Fand eine sogenannte Knieruhestelze als Fuss- oder Unterschenkelprothese Verwendung, vermochte sie den funktionellen Ansprüchen meist zu genügen, keinesfalls jedoch den ästhetischen und kosmetischen. Und komplexe Verletzungsbilder hinterliessen naturgemäss mehrfache Behinderungen.
Die Buckligen
Boschs Bettler hat einen leichten Buckel; der Glöckner von Notre-Dame, Quasimodo, war bucklig. Auch ausgeprägte, ja groteske Buckelbildungen (Abb. 5) kamen früher aus verschiedenen Gründen und unterschiedlichen Ursachen häufig vor. Zu besonders stark vorspringenden, kurzbogigen Verkrümmungen des Rückgrats gaben die (wohl meistens tuberkulösen) Wirbelentzündungen Anlass; Skelettbefunde an weit zurückliegenden Bestattungen bestätigen, dass diese im Akutstadium grausam schmerzhafte Krankheit auch überlebt wurde. Der Buckel ist ein beinahe unerlässliches «Krüppel»-Attribut.
Rheumatischer Formenkreis
Ganz im Vordergrund stehen Schmerzen und dadurch bedingte Behinderung bei den vielfältigen Krankheitsbildern des rheumatischen Formenkreises (Abb. 6), wobei die bildlichen Darstellungen ganz allgemein die Leiden und Beschwerden höchstens ahnen lassen. Jedenfalls möchte ich Knie- und Hüftgelenke nicht mit der Figur von Bosch tauschen. Nicht ohne weiteres abzubilden sind auch Lähmungen und ihre Folgezustände, es sei denn, es liege ein gravierender Befall vor wie bei Kinderlähmung (Abb. 7) oder krampfartig bei einer Hirnschädigung während oder nach der Geburt (Abb. 8). Diese beiden Affektionen sind erst in jüngster Zeit so selten geworden, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen.

Abb. 7:

Abb. 8 (links):
Abb.
9 (rechts):
|Abb. 10:

Vorgetäuschte Behinderung: Betrügerische Absicht gab und gibt es wohl immer, doch kommt es immer wieder vor, dass Probleme und Konflikte seelischer Natur auf die Körperebene verschoben werden. Auch dann ist Hilfe vonnöten.
Die Assoziation von körperlichen mit seelisch-geistigen Krüppelmerkmalen geht sprachlich auf die Literatur der «Krüppelfürsorge», inhaltlich auf Jahrhunderte zurück, die Meinung oder zumindest Vermutung nämlich, Körpergebrechen sei mehr oder weniger zwingend mit Narrheit oder Irrsinn oder doch ziemlich bestimmt mit Charakterschwäche vergesellschaftet: der Krüppel als Narr der Narr als Krüppel (Abb. 9). Allenfalls bliebe noch auf das Wechselspiel von Ursachen und Auswirkungen hinzuweisen. Solches tritt aber in praxi kaum zutage, weder in der medizinhistorischen noch in der aktuellen Poliklinik. Schon eher problematisch ist die Vortäuschung von Krankheit und Behinderung (Abb. 10).
Dr. Beat Rüttimann ist ordentlicher Professor für Geschichte der Medizin am Medizinhistorischen Museum und Institut der Universität Zürich.
«Schädigung» «Fähigkeitsstörung» «Beeinträchtigung»
Zu Recht erfasst die «International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps» (WHO 1980, deutsch 1995) nicht nur Organschäden, entsprechend unseren «Diagnosen» im landläufigen Sinn, sondern auch ihre Auswirkungen auf die Person und das gesellschaftliche Umfeld des Betroffenen. Die historische Bilderfolge zeigt mit aller Deutlichkeit, dass eine isolierte Betrachtung von Befunden und Diagnosen bald in den Hintergrund rückt, wenn man die Darstellungen nicht bloss seziert, sondern als Gesamteindruck wirken lässt. Zeitliche Distanz hat vielleicht den Vorteil, dass der Bilderbogen weniger abstossend oder aufrüttelnd wirkt, und das ist zugleich ihr Nachteil.
unipressedienst Pressestelle der
Universität Zürich
Nicolas Jene (<email-pii>)
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Last update: 20.07.97