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Sind Paare mit Altersunterschied verdächtig?
Die hier gelegentlich zitierte amerikanische Kulturphilosophin Joan Rivers, meine Damen und Herren, stellt in ihrem Buch «I Hate Everyone …» fest: «I hate it when ridiculously mismatched couples think their relationship is based on love.» Wozu ich ergänzend anfügen möchte: Oder wenn ein haarsträubend unzusammenpassendes Paar behauptet, seine Beziehung würde auf Liebe basieren. Was aber heisst eigentlich – in unserem Zeitalter der erweiterten Selbstgestaltungsmöglichkeiten und einer scheinbar exuberierenden Toleranz – «haarsträubend unzusammenpassend»? Nun, für mich zum Beispiel: Paare wo, sagen wir, die männliche Hälfte bei der Geburt des Ackerbaus Zeuge war und die weibliche Hälfte quasi noch zum Juniorentarif nach Los Angeles fliegen kann, Sie wissen schon, diese Konstellationen, wo er die Sätze anfängt und sie sie regelmässig beendet sie mit den Worten: «… und dann haben wir es gekauft.» («Es» kann hierbei alles sein von einem Hèrmes-Eurocopter bis zu einer Insel in Französisch-Polynesien.)
Beziehungsweise umgekehrt. Denn heutzutage, da die sozialen Rollen flexibler werden und auch Männlichkeitsbilder neu definiert, zeigt sich ausserdem eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz eines bisher eher in den höheren Schichten tolerierten Phänomens: Sugar Mummying. Die «Sugar Mummy» (amerikanisch: «Sugar Mommy») ist das Gegenstück zum «Sugar Daddy», also die ältere, vermögende Frau mit einem jüngeren Mann an ihrer Seite. «Mummy» bzw. «Daddy» impliziert dabei einen Altersunterschied; «Sugar» impliziert eine Vermögens- oder Standesdifferenz zugunsten des älteren Partners. Ivana Trump, Demi Moore oder Cher haben durch ihre Bindung an jüngere Männer soziale Normen in Bewegung gesetzt – ebenso wie Jerry Hall, Madonna, Jennifer Lopez.
In den westlichen Postindustrienationen stellt die Kohorte der über 60-Jährigen einen der Hauptkonsumentenstämme für Schönheitsoperationen und Lifestyle-Pharmazeutika wie Viagra oder Prozac dar. In dem Segment der Gesellschaft, das Musse genug hatte, sowohl Gras in Woodstock zu rauchen und Kokain im Studio 54 zu schnupfen und anschliessend noch die Aerobic-Welle mitzumachen und das alles zu überleben, regiert der Zeitgeist der unbedingten Selbstsorge und Selbstverwirklichung nicht weniger stark als in der Generation der 35-Jährigen. Gerade die steigende Popularität der plastischen Chirurgie sorgt dafür, dass der äusserliche Altersunterschied in einem Sugar-Mummy- oder Sugar-Daddy-Verhältnis – wenigstens scheinbar – verwischt wird, und das erhöht die Akzeptanz.
Und eigentlich sind all ja diese Vorbehalte gegen die Beziehung als Transaktionsverhältnis völlig lebensfern und unvernünftig, beruhend auf einem inzwischen total hysterisierten altbürgerlichen Ideal vermeintlich wahrer Romantik. Wir haben in diesem Magazin schon von «Spousonomics» gesprochen, also der Idee, Prinzipien der Wirtschaftswissenschaften auf Zwischenmenschliches zu übertragen. Und nichts anderes als vernünftig ist, auch vor diesem Hintergrund, die wesentlich ältere These, dass Frauen und Männer, die mit sich selbst und mit ihren Geschlechtsgenossen und -genossinnen in Fragen der äusseren Erscheinung sehr streng sein können, bei der Wahl ihrer Lebenspartner unter Umständen auf ganz andere Sachen Wert legen als Jugend oder gutes Aussehen – und dass hier tatsächlich Zuneigung im Spiel sein kann, sogar wenn der scheinbar haarsträubend unpassende Partner zum Beispiel steinreich ist. Natürlich ist Geld ein Aphrodisiakum (für beide Geschlechter), wie auch die Teilhabe an der Macht, aber wenn daraus sowas wie Liebe entspringt, wieso soll die dann eigentlich a priori oberflächlicher oder weniger entwicklungsfähig sein als beispielsweise jene Liebe, die durch körperliche Attraktivität inspiriert wird, was unsere Gesellschaft ja total OK findet?
Schwule Zwillingspaare
Well. Mir sind, nennen Sie mich altmodisch, Paare mit einem beträchtlichen Altersunterschied trotzdem suspekt, einfach weil ich mir die schlichte Frage stelle: Worüber unterhalten die sich eigentlich? Man sollte sich doch schliesslich in einer Partnerschaft auch gelegentlich mal unterhalten. Übrigens wirken nicht nur extrem ungleiche, sondern auch extrem homogene Paare leicht befremdlich auf mich. Namentlich extrem homogene Homopaare. Ich weiss nicht, ob Ihnen das schon mal aufgefallen ist, meine Damen und Herren, aber es gibt Homopaare, die wie Zwillinge aussehen. Es gibt natürlich auch schon ein virtuelles Forum, das solchen Boyfriendtwins gewidmet ist. Lauter Fotos von lauter Pärchen, deren Hälften genau gleich aussehen. Respektive, wenn man genauer hinschaut: Pärchen, wo eine Hälfte aussieht wie eine leicht verbesserte Version der anderen Hälfte. Insofern kommt hier dem Begriff «Bessere Hälfte» eine ganz neue Bedeutung zu.
Nun ist aber, wenn Sie mich fragen, «Bessere Hälfte» idealerweise so zu verstehen, dass es in Beziehungen, egal welcher Konstellation, darum geht, sich gegenseitig zu verbessern, zu komplettieren, voneinander zu lernen. Dass man mit Partner ein besserer Mensch ist als ohne. Ein besserer Mensch werden wir in der Liebe unter anderem, indem wir durch sie innere Güter realisieren, zum Beispiel Anerkennung, Erfahrung oder Vertrauen. Liebe fordert, formt und bildet uns; sie schafft Gründe und Bedeutungshorizonte, die es uns ermöglichen, unsere Identität zu definieren. Im Grunde hat das alles schon Hegel erkannt. Nach diesem grossen Vertreter des deutschen Idealismus ist die Liebe ein Verhältnis wechselseitiger Anerkennung: Sie fordert von uns, die eigenen Begierden und Motivationen zugunsten der Wünsche und Ziele des anderen zurückzustellen; und zugleich können wir nur durch die Anerkennung des anderen in der Liebe unsere eigenen Bestrebungen und Bedürfnisse realisieren: Die Liebe vermittelt Anerkennung, indem wir uns durch sie nicht nur selbst verwirklichen, sondern zugleich zur Beförderung des Glücks des geliebten Anderen beitragen.
Es geht in Partnerschaften nicht nur um die Nähe und das Familiäre, sondern auch um das Fremde, Andere; nicht darum, sich im anderen zu spiegeln. Es geht um Inspiration und Entwicklung, auch um Distanzierungsvorgänge zur Steigerung von Selbstbestimmung. Die Maxime von «Boyfriendtwins» hingegen lautet: Because what’s sexier than dating yourself? Well, ich könnte spontan ungefähr 27 Sachen auflisten, die sexier sind als sich selbst zu daten. Die Leute sollen, solange sie niemandem wehtun, selbstverständlich machen, was sie wollen, aber mir persönlich kommt es irgendwie unreif vor, mit einem geklonten Abbild seiner selbst eine Beziehung einzugehen. Ich wäre mir auch viel zu laut und anstrengend.
Bild oben: Worüber unterhalten die sich eigentlich? Musikproduzent Dieter Bohlen mit seiner um 30 Jahre jüngeren Ehefrau Carina.