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Ruth Wysseier schreibt einen Ferienkrimi
Die Kommissarin wüsste natürlich, wo man die besten fangfrischen frittierten Felchen in hauchdünnem Bierteig isst, und würde sich schon zum Mittagessen ein Glas Chasselas genehmigen. Zu besonderen Anlässen, spätestens wenn der Fall gelöst ist, würde sie ihr Team zu einem ganzen Hecht à la meunière einladen. Auch die traditionellen Strübli, diese schneckenförmigen, in heissem Öl gebackenen und mit Puderzucker bestreuten Pfannkuchen, dürften nicht fehlen. Man trinkt dazu Suuser, darum müsste die Geschichte im Herbst spielen. Die Verdächtigen würde sie unter den Mitgliedern der verschwiegenen Männerrunde suchen, die sich alljährlich Ende Januar zu ihrem deftigen Pfäritessen trifft, das, dem Brauchtum geschuldet, immer in ein fröhliches Besäufnis ausartet. Pfärit gibt es während der Laichzeit der Felchen, man isst sie dann an einer Safran-Zwiebel-Schweize.
Seitenweise würde ich die Blau- und Türkisnuancen von See und Himmel schildern, pastellfarben im Sommer, klar und scharf konturiert bei Föhn im Herbst, das lila-rote Himmelsspektakel bei Sonnenuntergang im Winter, das aufgewühlte Wasser mit weissen Gischtkronen im Frühlingssturm. Ganz beiläufig würde ich meine Kenntnisse über die Arbeiten im Rebberg einstreuen und von Begegnungen mit Vipern, Fuchs und Dachs erzählen.
Der Mord würde in einem Weinkeller passieren. Man fände den toten Winzer Kopf voran über den Rand eines offenen Gärbottichs gesunken. Alles würde zuerst auf einen Unfalltod – Ersticken durch CO2 – hinweisen, hätte unsere Kommissarin nicht dieses unbestimmte Gefühl, für das sie berüchtigt ist. Sie würde eine Obduktion anordnen, dabei zeigte sich, dass der Tote einen Schlag auf den Hinterkopf erhalten hatte. Dann gäbe es eine ganze Palette von Verdächtigen: den eifersüchtigen Ehemann der Geliebten des Winzers oder seinen grössten Konkurrenten, den das Opfer mit gefakten Verrissen auf der Weinplattform Vivino in den Ruin getrieben hatte, oder jemanden aus der Verwandtschaft, die sich wegen der Erbschaft bekriegt und das Weingut an ein chinesisches Konsortium verkaufen will.
Um dem leichten Stoff etwas Tiefgang zu geben, würde ich natürlich auf Friedrich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» anspielen und auch den grossartigen Robert Walser zitieren. Oder man fände beim Opfer ein bisher unbekanntes Manuskript von Jean-Jacques Rousseau, das dessen utopischen Contrat social komplett infrage stellt und das Aufkommen des Rechtspopulismus in Europa problematisiert.
Natürlich wäre der Krimi ein Erfolg, ich erhielte einen Vorschuss für weitere Geschichten, der Tourismus in den Rebbaudörfern würde florieren, es gäbe schon bald zu wenig Chasselas, und im Restaurant mit den besten frittierten Felchen fände man auf Wochen hinaus keinen freien Tisch. Und spätestens hier wird klar, dass es sehr gut überlegt sein will, ob ich die Schönheiten des Bielersees mit aller Welt teilen möchte.
Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Sie grüsst Kommissar Dupin (Bretagne), Madame le Commissaire (Provence) und Leander Lost (Algarve).