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Wie schwierig es ist, den Titel in der NFL zu verteidigen, zeigt ein Blick in die Statistik. Letztmals gelang dies nämlich den New England Patriots in den Jahren 2003 und 2004. Damaliger Quarterback beim Super-Bowl-Sieger? Tom Brady. Genau jener Tom Brady, der die Tampa Bay Buccaneers im vergangenen Februar im Alter von 44 Jahren zum Titel führte. Nun will er seinen insgesamt achten Ring gewinnen, denn wie er bereits des Öfteren sagte: «Mein liebster Ring ist der nächste.»
Auf dieser Mission bekommt er grosse Unterstützung. Alle 22 Starter des Super-Bowl-Teams werden auch in dieser Saison bei den Bucs spielen. Das macht sie automatisch zu einem der Favoriten und zum Team, das es zu schlagen gilt. Denn der Kader hat keine offensichtlichen Schwächen. In der letzten Saison gehörten die Floridianer dank Brady und seinen starken Receivern um Mike Evans und Chris Godwin zu den stärksten Offensiven der Liga. In der Defensive lehrten unter anderem Linebacker Devin White und der stark aufspielende Rookie-Safety Antoine Winfield Jr. den Gegnern das Fürchten.
Es wäre wohl nicht vermessen zu sagen, dass die Buccaneers über eines der besten und ausgeglichensten Teams der NFL-Geschichte verfügen. Die Frage scheint einzig: Wie lange kann Tom Brady dem Alter noch trotzen? Der ehemalige Patriot hat bereits die ersten beiden Positionen als ältester Quarterback inne, der einen Super Bowl gewinnen konnte. Irgendwann wird auch der «ewige Tom» vom Alter eingeholt werden, doch wenn es einer Person zuzutrauen ist, diesen Zeitpunkt noch um ein Jahr hinauszuschieben, dann ist das der fünffache Super-Bowl-MVP.
Der Quarterback mit den meisten geworfenen Yards der letzten Saison war Brady aber nicht. Das war pro Spiel gerechnet nämlich Patrick Mahomes. Der Shooting-Star, der 2018 zum MVP gewählt wurde und sein Team in der folgenden Saison zum Titel führte, musste sich im Februar mit seinen Chiefs erst im Super Bowl geschlagen geben. Die Schuld des 25-Jährigen war das jedoch nicht. Aufgrund von Verletzungen in der O-Line, die den Quarterback beschützen sollte, war Mahomes ständig unter Druck von der Defensive und hatte oft nur sehr wenig Zeit, um das Ei an den Mitspieler zu bringen.
Doch um diese Schwachstelle hat sich Kansas City gekümmert. Allen voran Orlando Brown, der per Trade aus Baltimore gekommen ist, soll für mehr Stabilität vor dem Quarterback sorgen. Dadurch soll die explosivste Offense der NFL mit Passempfängern wie Tyreek Hill und Travis Kelce, die auf ihren jeweiligen Positionen zu den besten der Liga gehören, noch besser werden. Nach der Enttäuschung bei der 9:31-Pleite gegen Brady & Co. ist ohnehin zu erwarten, dass der ehrgeizige Patrick Mahomes sowie Coach Andy Reid die gesamte Saisonpause genutzt haben, um sich und das Spielsystem zu verbessern.
Die Defensive der Chiefs gehört eher zum Mittelmass, hier gilt die Devise: Einfach weniger Punkte zulassen, als man selbst erzielen kann. Bei einer solch starken Offensive ist das aber gar nicht so schwer. Denn ein Team mit einem gesunden Patrick Mahomes wird wohl noch einige Jahre lang automatisch als Titelkandidat zählen. Und so ist es auch Kansas City, das neben dem amtierenden Champion als grosser Favorit gilt.
Die Überraschung der letzten Saison waren wohl die Buffalo Bills – oder vor allem ihr Quarterback Josh Allen. Der 25-Jährige wurde aus dem Nichts zu einem der besten Spielmacher der Liga und bekam sogar einige Stimmen bei der MVP-Wahl. Es war der grosse Exploit in seinem dritten NFL-Jahr nach einer schwachen Saison als Rookie und einer zweiten Saison, in der er sein Talent lediglich aufblitzen liess. Den Sprung von 20 zu 37 geworfenen Touchdowns bei einer Passerfolgs-Quote von um über zehn Prozent verbesserten 69,2 Prozent hatte wohl kaum jemand erwartet.
Eine grosse Hilfe war dabei Star-Receiver Stefon Diggs, der per Trade für mehrere Draftpicks aus Minnesota gekommen ist. Ein Geschäft, das sich für Buffalo mehr als gelohnt hat. Fraglich ist, ob die Defense sich im Vergleich zum letzten Jahr verbessert hat. Nur zwei der zwölf Playoff-Teams liessen mehr Punkte pro Spiel zu als die Bills. Gerade wenn es dann im Januar und im Februar um alles geht, muss die Abwehr stärker sein, wenn das Team von Sean McDermott um den Titel spielen will. Möglich ist dies allemal.
Die Geschichte des Sommers spielte sich in Green Bay ab – und im fast 7'000 Kilometer entfernten Hawaii. Denn als die Saisonvorbereitung der Packers startete, verweilte ihr Star-Quarterback und der amtierende MVP Aaron Rodgers lieber auf der Insel im Pazifik. Der 37-Jährige wollte angeblich einen Trade zu einem anderen Team erzwingen, doch GM Bryan Gutekunst blieb stur. So einigten sich Rodgers und Green Bay auf eine letzte Saison.
Wie Mahomes musste sich auch Rodgers in den Playoffs Tom Brady geschlagen geben. Es war ein enttäuschendes Ende einer unglaublichen Saison – eine der besten in der Karriere des Quarterbacks. 48 Touchdowns und nur 5 Interceptions warf der dreifache MVP, doch für den zweiten Super-Bowl-Titel reichte es nicht. Vor allem die Entscheidung von Coach Matt LaFleur, kurz vor Ende des Halbfinals beim vierten Down ein Field Goal zu kicken, anstatt Rodgers die Chance zu geben, das Spiel mit einem Touchdown und weiteren zwei Punkten auszugleichen, sorgte für Fragezeichen.
Nun scheint es die vorerst letzte Chance für das Team aus Wisconsin zu sein, einen Super Bowl zu gewinnen. Mit Wide Receiver DaVante Adams und Running Back Aaron Jones ist die Offensive um Aaron Rodgers hervorragend aufgestellt. In der Defensive sollen unter anderem Za'Darius Smith und Jaire Alexander dafür sorgen, dass diese erneut zu den zehn besten der NFL gehört. Die Mission ist auf alle Fälle klar: Rodgers und Adams wollen in Anlehnung an NBA-Star Michael Jordan einen letzten Tanz. Dessen letzte Saison in Chicago wurde als «Last Dance» betitelt und mit dem Titel erfolgreich abgeschlossen. Nun wollen die beiden Packers-Stars den NFL-Titel in die 100'000-Einwohnerstadt Green Bay bringen.
Alles besser in Los Angeles? Das hoffen die Rams zumindest nach dem Trade, der Matt Stafford von Detroit nach LA gebracht hat. Im Gegenzug wurden Quarterback Jared Goff sowie zwei Erstrundenpicks zu den Lions geschickt. Von Stafford erhofft sich das Team von Coach Sean McVay mehr Möglichkeiten im Passspiel. Zu fehlerhaft war Goff zuletzt und vor allem die langen Pässe gelangen dem Quarterback, der die Rams vor drei Jahren noch bis in den Super Bowl führte, nicht mehr wie gewünscht.
Der 33-jährige Stafford soll dies also nun besser machen. Das Talent ist auf alle Fälle vorhanden, da bestehen keine Zweifel. Doch hat Stafford nur in vier seiner elf Saisons als Starter mehr Spiele gewonnen als verloren. Kann er in LA zum Sieger reifen? Die Voraussetzungen dazu sind definitiv gut. Mit McVay hat er einen der besten Coaches der NFL – vor allem offensiv verfügen die Rams unter dem 35-Jährigen über ein besonders ausgeklügeltes System und mit Robert Woods sowie Cooper Kupp haben sie zwei mehr als fähige Receiver in ihren Reihen.
Die Defense war sowohl bei den zugelassenen Yards als auch bei den gegnerischen Punkten die beste in der NFL. Aufgrund des Verlusts einiger wichtiger Stützen sowie Defensive Coordinator Brandon Staley besteht aber die Sorge, dass sie dieses Niveau nicht ganz halten können wird. Mit dem dreifachen Verteidiger des Jahres Aaron Donald und Jalen Ramsey, einem der besten Cornerbacks der Liga, sollten sich die Probleme in LA aber in Grenzen halten. Wenn Stafford und die Offensive «klicken», kann der Traum vom Super Bowl im eigenen Stadion bald Realität werden.
Die Cleveland Browns sollen ein Titelanwärter sein? Noch vor zwei Jahren wäre man ausgelacht worden, hätte man Cleveland auch nur geringfügige Chancen auf eine Super-Bowl-Teilnahme zugesprochen. Doch in dieser Saison muss man das schlechteste Team der 2010er-Jahre definitiv in diese Kategorie zählen. Mit Kevin Stefanski, der als bester Trainer der vergangenen Saison ausgezeichnet wurde, kam die Wende.
Im Januar gewannen sie ihr erstes Playoff-Spiel seit 1995, im Sommer haben sie sich nun noch einmal verstärkt. In ihrem Kader ist mit einer Ausnahme kaum eine Schwäche auszumachen. Mit Nick Chubb und Kareem Hunt verfügen sie über das beste Running-Back-Duo der Liga. Odell Beckham Jr. ist wieder gesund und verstärkt die Passempfänger um Jarvis Landry. Die Offensive Line in Ohio gehört zum besten, was die NFL zu bieten hat. Auch in der Defense haben sich die Browns verstärkt – unter anderem mit Safety John Johnson von den Rams. Alles in allem verfügt Coach Stefanski also über ein sehr starkes Kader.
Das einzige Fragezeichen steht aber hinter der wichtigsten Position: Kann Baker Mayfield ein Team zum Super Bowl führen? Der Quarterback geht in seine vierte Saison – bisher gibt es in seiner Karriere viel Licht und Schatten. Einer guten Rookie-Saison folgte ein sehr schwaches zweites Jahr. Dann der Durchbruch mit Stefanski und elf Siegen in der Regular Season sowie dem Einzug in die zweite Playoff-Runde. Dennoch kann man die obengestellte Frage noch nicht sicher mit «Ja» beantworten.
In keiner der wichtigen Quarterback-Kategorien befand sich der 26-Jährige letzte Saison in den Top Ten. 26 geworfene Touchdowns (Platz 12), 7,3 Yards pro geworfenem Pass (Platz 16) und eine Quote von 62,8 Prozent angekommener Pässe ist sogar nur gut genug für den 30. Platz unter den Quarterbacks. Vieles hängt nun also von Mayfield ab. Mit diesem Kader muss er nicht hervorragend sein, aber er muss definitiv besser werden.
Man kann die Baltimore Ravens vielleicht etwas mit den Milwaukee Bucks vergleichen. Das hängt vor allem an den beiden Protagonisten Lamar Jackson und Giannis Antetokounmpo. Sowohl der Quarterback als auch der NBA-Star haben offensichtliche Schwächen, die in ihrem Sport immer wichtiger sind. Bei Jackson ist es das Passen, beim Griechen das Werfen. Dennoch gehören sie zu den Besten in dem, was sie tun. Beide wurden bereits zum MVP gewählt, doch scheiterten anschliessend in den Playoffs, da sie ihre Schwachpunkte nicht mehr überdecken konnten. Doch in diesem Jahr hat es Antetokounmpo geschafft – er wurde NBA-Champion. Kann es ihm Lamar gleichtun? Kann der Ravens-Quarterback seine Kritiker verstummen lassen?
Einfach wird dies auf jeden Fall nicht. Baltimore fehlt weiterhin eine starke erste Option bei den Wide Receivern. Marquise «Hollywood» Brown konnte diese Rolle noch nicht erfüllen und für Rookie Rashod Bateman, der erst noch von einer Verletzung genesen muss, kommt es wohl noch zu früh. Doch das Run-Game ist das beste der Liga – dank Lamar Jackson. Der 24-Jährige ist der laufstärkste Quarterback in der Geschichte der NFL. Keiner vor ihm schaffte in einer Saison mehr Yards am Boden als Lamar Jackson und zudem gelang es noch keinem Spieler auf Jacksons Position, zwei Jahre in Folge die 1'000-Yard-Marke zu knacken.
Trotzdem muss der MVP von 2019 ein besserer Passer werden, um mit Quarterbacks wie Patrick Mahomes und Josh Allen mithalten zu können. Lamar gilt als harter Arbeiter und Aussagen wie jene von Berufs-Provokateur Stephen A. Smith dienen ihm als zusätzliche Motivation. Smith sagte zuletzt: «Lamar Jackson ist kein hervorragender Quarterback, weil er keine präzisen Pässe werfen kann.» In diesem Jahr werden wieder viele Augen auf ihn gerichtet sein. Denn kann sich der 32. Pick von 2018 in dieser Hinsicht verbessern, ist für die Ravens mit der gewohnt guten Defense alles drin.
Wie bereits zu Beginn angedeutet: Die NFL ist sehr schwierig vorherzusagen. Da es in den Playoffs in jedem Spiel um Alles oder Nichts geht, sind Überraschungen natürlich nicht auszuschliessen. Doch wäre es eben das, wenn nicht eines der sieben aufgeführten Teams den Super Bowl gewinnen würde – eine Überraschung. Bei den meisten anderen Teams hapert es auf der Position des Quarterbacks. Entweder sind diese noch zu jung, um bereits um den Super Bowl zu spielen, oder schlicht nicht gut genug.
Dennoch gibt es noch zwei Teams, die hier Erwähnung finden sollen. Erstens die Seattle Seahawks, die mit Russell Wilson einen der besten Quarterbacks unter Vertrag haben, der sowohl durch die Luft als auch mit den Füssen für ordentlich Yard-Gewinn sorgen kann. Zweitens die Dallas Cowboys – «America's Team». Die Cowboys haben mit dem wieder genesenen Dak Prescott sowie Runningback Ezekiel Elliott und den Wide Receivern Amari Cooper und CeeDee Lamb eine der besten Offensiven der NFL.
Doch bei beiden sorgt die Defense für grosse Probleme. Seattle konnte sich gegen Ende der letzten Saison verbessert zeigen, was vor allem an der Verpflichtung von Jamal Adams lag. Dennoch reichte es gegen die LA Rams mit einem verletzten Jared Goff nicht zum Sieg. Die Cowboys hatten während der gesamten Saison in Bezug auf die gegnerischen Yards und Punkte eine der schlechtesten Verteidigungen der Liga. So wird das weder bei den Seahawks noch in Dallas etwas mit dem Super Bowl.
Wer sich am Ende durchsetzen wird, wissen wir erst am 13. Februar 2022. Dann findet der 56. Super Bowl nämlich statt. Doch bereits jetzt wissen wir, dass es die bisher längste NFL-Saison der Geschichte wird. Erstmals spielen die 32 Teams je 17 Regular-Season-Spiele. Bisher waren es 16. Zudem wird es wie bereits letztes Jahr je sieben Playoff-Teams pro Conference geben. NFL-Fans können sich also auf so viel Action gefasst machen wie nie zuvor.