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Existiert tatsächlich eine Eisströmung quer durch die Arktis? Der Norweger Fridtjof Nansen wollte es genau wissen: Mit der extra fürs Packeis gebauten «Fram» durchquerte er die Eiskappe – und wagte gar zu Fuss einen Vorstoss zum Nordpol.
Die Schlitten waren ein grosses Rätsel: Von seiner fünfmonatigen Forschungsreise an Bord des Robbenjägers «Viking» 1882 wusste der Norweger Fridtjof Nansen aus eigener Erfahrung, dass in Grönland nur knorriges Gestrüpp wächst.
Daraus lässt sich beim besten Willen kein Schlitten bauen. Woher also hatten die Inuit das Holz für ihre robusten Gefährte? Treibgut, antworteten die Inuit, regelmässig würden ganze Baumstämme einfach angeschwemmt. Aus Sibirien?, fragte Nansen weiter. Aber darauf wusste niemand eine genaue Antwort.
Zwei Jahre später schwemmten die Wellen nicht nur Baumstämme an die Südwestküste Grönlands: Es waren Wrackteile des amerikanischen Kanonenbootes «Jeannette» und Ölkleider mit dem Namen von Besatzungsmitgliedern dieses Schiffes. Wie konnte das geschehen? Die «Jeannette» war 1881 in der Nähe der Neusibirischen Inseln vom Eis zerquetscht worden, nur zwei Mann überlebten. Aber die Neusibirischen Inseln liegen vor der Ostrussischen Küste – auf der entgegengesetzten Seite der Arktis. Das war schlicht eine Sensation.
Eine Meeresströmung von Sibirien quer durch die Arktis bis nach Grönland habe die Wrackteile befördert, mutmasste Carl Lytzen, der Statthalter des dänischen Städtchens Julianehab. Der norwegische Meteorologe Henrik Mohn sprach sogar von einer transpolaren Driftströmung. Und Fridtjof Nansen ahnte, woher das Holz kam, mit dem die Inuit ihre Schlitten bauten. Aber bewiesen war gar nichts.
Genau das wollte Nansen tun. Erst 23-jährig war Nansen damals, er studierte Zoologie an der Universität im damaligen Kristiania und hatte auf der Fahrt mit der «Viking» herausgefunden, dass die Eisbildung im Meerwasseran der Oberfläche und nicht, wie vermutet, in tieferen Schichten stattfindet. Auch dass der warme Golfstrom unter einer Schicht kalten Meerwassers verläuft, fand Nansen heraus. Er war ein hoffnungsvoller angehender Wissenschaftler. Und nun reifte in ihm die Idee, sich mit einem Schiff bei den Neusibirischen Inseln vom Eis einschliessen und nach Grönland treiben zu lassen.
Erfahrung in Grönland
Vorerst aber musste er seine Sporen abverdienen: Nach dieser Reise brach er das Studium ab, weil er zum Kurator des Naturhistorischen Museums in Bergen berufen wurde. Er schrieb eine viel beachtete wissenschaftliche Arbeit über das Zentralnervensystem von Seescheiden und Schleimaalen. Und überquerte 1888 als Chef einer siebenköpfigen Crew als erster Mensch überhaupt Grönland. Dank dieser Expedition wusste die Welt endlich, dass Grönlands Eisdecke die ganze Insel bedeckte und also weder sichtbares Land noch Seen noch Flüsse zwischen den Küsten waren.
Nansen war ein Held. Was ihn aber viel mehr interessierte: Er wollte eine Antwort finden auf die Frage, ob tatsächlich eine Meeresströmung von Ost nach West quer durch die arktische Eiskappe fliesst. 1890 verkündete er deshalb öffentlich, dass er ein Schiff bauen lassen und sich damit vor den Neusibirischen Inseln einfrieren lassen wolle.
Die Wissenschaftler aller Disziplinen kringelten sich vor Lachen ob so viel naiver Dummheit: Bis jetzt wurde noch jedes Schiff, das ins Packeis geraten war, von den Eismassen regelrecht zermantscht. Warum in aller Welt wollte dieser junge Norweger so leichtsinnig Selbstmord begehen? Die «New York Times» hingegen war begeistert. Denn Nansen zog auch die Möglichkeit in Betracht, dass die Eisströmung sein Schiff direkt über den Nordpol treiben würde – und er damit der erste Mensch am Nordpol wäre. Mehr noch: Damit wäre dann endlich auch die Frage geklärt, ob das Innere der Arktis von Eis bedeckt war oder von Land oder von einem warmen Meer. Das wusste man damals nämlich noch nicht.
Nansen wusste aber, wie ein Schiff beschaffen sein musste, dem das Packeis nichts anhaben kann: oval im Kiel, fast rund wie eine Nussschale. Und natürlich extradick verstärkt aus extrahartem Holz. Und so klein wie möglich für eine 13 Mann grosse Besatzung. Er fand private und staatliche Geldgeber und liess dieses Schiff nach seinen Anweisungen bauen: Die «Fram», norwegisch für «Vorwärts». An der Nussschalen-Form sollte das Packeis quasi abrutschen und das Schiff nach oben statt nach unten drücken.
Feuerprobe im Eis
Die Aufregung war gross, als die «Fram» am 24. Juni 1893 im norwegischen Pepperviken in See stach. Nansen schätzte, dass die Reise drei Jahre dauern würde, so lange, wie die Wrackteile der «Jeannette» bis nach Grönland gebraucht hatten. An Bord hatte er Proviant für fünf Jahre. Und ein Windkraftwerk für elektrisches Licht.
Das Schiff steuerte entlang der russischen Nordküste bis vor die Neusibirischen Inseln und von dort geradewegs ins Eis, wo die «Jeannette» untergegangen war. Ende September war die «Fram» eingefroren. Jetzt helfe ihnen Gott.
Aber das war nicht nötig. Zwar driftete die «Fram» entgegen allen Erwartungen zuerst nach Osten statt nach Westen, die Strömung kehrte dann aber nach ein paar Wochen, und das Schiff trieb Richtung Grönland. Im Dezember überstand die «Fram» den ersten Packeis-«Angriff».
Lange Weile an Bord
Nansen schrieb in sein Tagebuch: «Eines Nachmittags, als wir müssig schwatzend herumsassen, begann plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm, das Schiff bebte in allen Fugen. Der erste Eisdruck! Alles stürzte an Deck, um dieses Schauspiel mitanzusehen. Die ‚Fram’ benahm sich grossartig. Das Eis drückte, musste aber nach unten ausweichen und hob uns langsam in die Höhe.»
Nun konnte endlich so etwas wie ein Alltag an Bord einkehren. Und der war: langweilig. Der Borddoktor gab zwar die schiffseigene Zeitung «Framsjaa» heraus, es gab Werkstätten für alle Arten von Schiffsarbeit. Jeder Geburtstag, jeder Feiertag und sämtliche Nationalfeiertage wurden mit einem Festessen zelebriert. Aber die Männer taten vor allem eines: abwarten. Und Tee trinken. «Die Leute sind inzwischen so gleichgültig geworden, dass sie beim stärksten Donnern und Krachen nicht einmal aufschauen», notierte Nansen in sein Tagebuch. Auch ihm selber wurde die Eiswüste öde: «Oh, wie habe ich deine kalte Schönheit satt. Lass mich wieder heimkehren, als Eroberer oder Bettler, das ist mir gleich, aber lass mich wieder heimkehren.»
Der Winter verging, der Sommer verstrich, der nächste Winter brach an. Auf Höhe des 84. Breitengrades machten die Messungen des Navigators immer klarer, dass das Schiff im besten Sinne des Wortes von der gewünschten Route abdriftete. Irgendwann war allen klar, dass die «Fram» nicht über den Nordpol treiben wird.
Das war ja nicht so schlimm, denn das primäre Ziel der «Fram» war Grönland. Aber wo Nansen schon so nahe am Nordpol war wie noch kein Mensch zuvor, wollte er unbedingt die knapp 500 Kilometer bis zum Pol auch noch hinter sich bringen. Er entschied sich deshalb, zusammen mit einem Besatzungsmitglied das Schiff zu verlassen, zu Fuss zum Nordpol zu gehen und sich dann nach Franz-Joseph-Land durchzuschlagen. Das Vorhaben war so wagemutig wie tolldreist, denn er hatte nicht den blassesten Schimmer, was ihn da draussen erwarten würde. Der Sportler und Wissenschaftler Fredrik Hjalmar Johansen anerbot sich, Nansen zu begleiten.
Vorstoss zum Nordpol
Am 14. März 1895, die «Fram» lag auf Höhe von Franz-Joseph-Land, gingen die beiden von Bord. Im «Gepäck»: drei Schlitten, zwei Kajaks, ein Zelt, Proviant für 100 Tage und 27 Hunde. Nansen schrieb: «Hinein ging es in das Unbekannte, das wir mit unseren Hunden monatelang durchstreifen wollten.»
Fünfzig Tage rechneten Nansen und Johansen bis zum Pol. Nach 26 Tagen gaben sie auf. Die Fussreise war zu beschwerlich geworden. Das Eis driftete ihnen entgegen, die zu überwindenden Packeis-Hügelketten wurden immer höher und gefährlicher. Lieber lebend nach Hause als tot im Eis. Immerhin: Sie erreichten 86 Grad 13 Stunden 6 Minuten nördliche Breite. Das war am 8. April 1895. So nahe am Nordpol war noch nie ein Mensch zuvor.
Auf dem Rückmarsch nahm ein weiterer Grund, weshalb die beiden sich zur Umkehr entschlossen hatten, immer dramatischere Formen an: Der Sommer brach an und machte mit seinen warmen Temperaturen das Eis weich und unsicher. Wochen- und monatelang schleppten sich die beiden durch knietiefen Schneematsch. Die Hunde brachen vor Erschöpfung zusammen. Nansen beschloss, die schwächsten Tiere zu töten und an die anderen zu verfüttern.
Dummerweise vergassen eines Tages beide, ihre Uhr aufzuziehen. Ein fataler Fehler, denn die Zeit beziehungsweise die Stellung der Uhrzeiger war damals zwingend nötig, um die exakte Position zu bestimmen. Nun konnten sich die Helden nur noch mit dem Kompass orientieren, was bedeutete, dass sie bloss noch ungefähr in die richtige Richtung liefen. Und das Eis war inzwischen so weich und aufgebrochen, dass sie oft von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen oder paddeln mussten.
Rettendes Land
Auch wenn der Proviant längst aufgegessen war – Hunger litten die beiden nicht. Denn mittlerweile waren sie bis in den Lebensraum der Robben zurückgekehrt. Und damit auch in das Gebiet der Eisbären. Eines Tages attackierte ein «riesiger Bär» den ahnungslosen Johansen. Nansen konnte das Tier im allerletzten Moment erschiessen. «Gerade als der Bär im Begriff gestanden hatte, Johansen in den Kopf zu beissen, hatte er diese denkwürdigen Worte ‚du musst dich sputen’ ausgesprochen», erzählte Nansen später.
Am 7. August, 145 Tage nach dem Abschied von der «Fram», betraten Nansen und Johansen endlich Festland an der Nordküste von Franz-Joseph-Land. Die beiden hatten allerdings nicht die leiseste Ahnung, welches Land das war. Nansen taufte diesen kostbaren Flecken Erde zu Ehren seiner Frau Eva-Liv Eva’s Island. Von den 27 Hunden war keiner mehr übrig geblieben.
Noch einmal überwintern
Nun waren die beiden zwar aus dem Gröbsten heraus, aber ihre Reise war noch lange nicht zu Ende. Denn zwar machten sich die beiden zu Fuss und per Kajaks auf nach Süden, aber der kurze Sommer neigte sich dem Ende zu. Sie beschlossen deshalb Ende August, als sie die Jackson-Insel erreicht hatten, zu überwintern.
Weitere neun Monate lang harrten die beiden in einer aus Steinen, Moosen und Tierhäuten gebauten Hütte aus. Es war ihr dritter arktischer Winter. «Wir versuchten, eine Art Winterschlaf zu halten, und brachten es in dieser Kunst so weit, dass wir manchmal von 24 Stunden 20 verschliefen», notierte Nansen in sein Tagebuch. Zu Hause in Norwegen galten Nansen und Johansen seit längerem als vermisst.
Am 19. Mai, man schrieb inzwischen das Jahr 1896, brachen die Überlebenskünstler wieder auf in Richtung Süden. In der Hütte hinterliessen sie eine Nachricht: «Wir gehen nach Südwesten, der Landmasse folgend, um nach Spitzbergen zu gelangen.» Nur für den Fall, dass man sie suchte.
Vier Wochen waren sie unterwegs. Nansen überlebte unterwegs knapp eine Walross-Attacke, Johansen schwamm eines Abends todesverachtend den Kajaks hinterher, die schlecht vertäut und abgetrieben waren. Aber sie lebten.
Am 17. Juni hörte Nansen aus dem Nichts einen Hund bellen. Eine akustische Fata Morgana? Ein Wunschtraum? Nein: Das musste ein echter Hund sein.
Nansen rief nach ihm – und erhielt Antwort von einem Menschen! «Mein Herz klopfte zum Zerspringen, das Blut stieg mir ins Gehirn, als ich den Hügel hinaufeilte und mit der ganzen Kraft meiner Lungen ‹Hallo› rief.»
Es war Frederick George Jackson, der zurückgerufen hatte: Der Engländer hatte sich wenige Jahre zuvor als Mitglied der «Fram»-Expedition beworben, wurde aber von Nansen abgewiesen. Jackson unternahm deshalb eine eigene Expedition, er wollte Franz-Joseph-Land kartografieren. Nun wurde er zum Retter des «Fram»-Expeditionsleiters und seines Begleiters.
Fünf Wochen verbrachten Nansen und Johansen in Jacksons Basislager auf Kap Flora, bevor sie mit dem Versorgungsschiff «Winward» zurück nach Norwegen fahren konnten. Am 13. August 1896 erreichten sie den Hafen von Vardø. Ruhm und Ehre waren ihnen sicher. Nansen kehrte als Eroberer heim. Fälschlicherweise verbreiteten einige Zeitungen die Nachricht, Nansen sei am Nordpol gewesen.
Und was war aus der «Fram» geworden? Als Nansen mit Johansen das Schiff verliess, übertrug er das Expeditions-Kommando dem Schiffskapitän Otto Sverdrup. Dieser sorgte für wissenschaftliche Forschung und Unterhaltung auf der «Fram» und liess das Schiff weiterhin unbeschadet durch das Eis driften. Am 15. November 1895 erreichte die «Fram» 85 Grad 55 Minuten nördliche Breite und war damit nur 35 Kilometer weniger weit nördlich gekommen als Nansen und Johansen. Und damit das erste Schiff überhaupt, das so nahe an den Nordpol vorgedrungen war.
Die «Fram» kommt zurück
Dann driftete sie wieder süd- und westwärts bis nördlich von Spitzbergen. Vom Juni bis August 1896, also in der Zeit, als Nansen und Johansen von Jackson gerettet wurden, liess Kapitän Sverdrup die letzten 180 Kilometer Packeis bis zum offenen Meer sprengen: Die «Fram» konnte sich nun wieder aus eigener Kraft vorwärtsbewegen und steuerte Richtung Heimat. Am 21. August 1896, nur acht Tage nach der Ankunft von Nansen und Johansen, lief die «Fram» im Hafen von Tromsø ein – endlich war die ganze Crew wieder vereint. Alle hatten das wagemutige Experiment überlebt.
Die Auswertung der «Fram»-Expedition wurde in sechs wissenschaftlichen Bänden veröffentlicht. Die Haupterkenntnisse: Der Nordpol ist weder ein Kontinent noch ein warmes Meer, sondern umgeben von bewegtem Packeis. Es existiert tatsächlich eine transpolare Driftströmung von Osten nach Westen. Gleichzeitig bewegt sich die Meeresströmung unter dem Eis in eine entgegengesetzte Richtung, was mit der von der Erdrotation verursachten Corioliskraft zu tun hat. Der Arktische Ozean ist ein Tiefseebecken. Zum ersten Mal verfügte man über präzise, detaillierte ozeanographische Informationen über die Nordpolarregion.
Auch über die Art und Weise, wie Expeditionen effizient durchgeführt werden können, lieferte Nansens Trip wertvolle Informationen: Zum Beispiel, dass Hunde besser und schneller Schlitten ziehen können als Menschen. Aufgrund der Erfahrungen auf der «Fram» wurde das Ausrüstungsmaterial von den Skiern über die Kleidung bis zum Gaskocher verbessert – inklusive Schiffsbau. Die «Fram» selber war Jahre später das Schiff, mit dem der Landsmann Roald Amundsen aufbrach, den Südpol zu erobern. Fritjof Nansen gilt bis heute als einer der bedeutendsten Polarforscher der Geschichte. Fredrik Hjalmar Johansen hingegen geriet in Vergessenheit: Als Nansen mitsamt seiner Familie als Gast des Königs in dessen Schloss eingeladen war, wurde Johansen bei den Feierlichkeiten gänzlich übersehen.
Otto Sverdrup ging als Kapitän mit auf die nächste Expedition der «Fram» und führte später mehrere Arktis-Expeditionen an.
Text: Christian Hug
Bilder: Norwegische Nationalbibliothek