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Bruno Pellaud, Ex-Vizedirektor der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA, verlangt weltweit und systematisch unabhängige Kontrollen für alle bestehenden Kernkraftwerke. Nur damit könnten in Zukunft Katastrophen wie jene in Japan vermieden werden.
Der Schweizer Nuklearexperte Bruno Pellaud kritisiert die Fehler, die während der laufenden Nuklearkrise begangen werden. Er ärgert sich über die Mängel, die beim AKW Fukushima zum Vorschein gekommen sind, die aber vernachlässigt worden waren.
Fast drei Wochen, nachdem ein Tsunami am 11. März das AKW Fukushima 240 km nördlich von Tokio zerstört hat, versuchen die Ingenieure immer noch, die Brennstäbe im Reaktor abzukühlen. Doch die Bemühungen konnten radioaktive Abflüsse nicht verhindern.
swissinfo.ch: Der US-Spitzenexperte in Sachen Atomenergie, Peter Lyons, behauptete am Dienstag vor dem US Senat, die Situation im Kernkraftwerk erhole sich langsam. Was halten Sie davon?
Bruno Pellaud: Die Bezeichnung "langsame Erholung" ist wohl etwas optimistisch. Die starke Radioaktivität rund um die Anlage erschwert das Arbeiten stark. Es scheint, dass eine gewisse Abkühlung gelungen ist, doch eine partielle Kernschmelze scheint noch im Gang zu sein und Radioaktivität entweicht weiterhin.
Sollte die innere Schmelze im Reaktor 2 zum Stillstand gebracht worden zu sein, wäre dies ein grosser Erfolg. Denn der Beton unter dem Reaktor ist nicht darauf ausgelegt, das geschmolzene Metall aufzufangen. Es bleibt Hoffnung, wenn die Kühlung funktioniert und weiterhin Wasser eingesetzt werden kann.
Die Aufgabe besteht nun darin, die Radioaktivität im Metall oder im Wasser zu behalten, denn dort ist der Effekt viel kleiner, als wenn sie in die Luft entweicht. Radioaktivität im Meerwasser ist nicht so schlimm, weil sie sich dort schnell verdünnt und es so viel Meerwasser gibt. Auch wird sie kaum in einem bestimmten Gebiet hängen bleiben, weil die Strömungen stark sind.
swissinfo.ch: Was halten Sie von den Massnahmen, die die Betreibergesellschaft Tepco und die japanische Regierung ergriffen haben?
B.P.: Ganz klar, es hat Fehler gegeben. Zuerst wurde zu lange gewartet, bevor man mit der zusätzlichen Kühlung begann. Hier zeigen sich auch bei der japanischen Art, wie Entscheide zustande kommen, Grenzen. Doch die Kritiken gehen darüber hinaus: Der Unterhalt der Anlage war ungenügend, Kontrollmassnahmen wurden ignoriert, Checklisten nicht durchgeführt, und die Behörden hat man angelogen.
Am meisten ärgere ich mich aber darüber, dass die Reaktoren in Fukushima seit langem identifizierte Schwächen aufwiesen, Schwächen, die anderswo inzwischen behoben worden sind.
So haben wir in der Schweiz im Falle von Mühleberg zusätzliche Kühlsysteme eingebaut, indem Grund- und Reservoirwasser in Reaktornähe verfügbar gemacht wurde. Zahllose elektrische Zusatzkabel sind verlegt und von Beginn ab eine zweite harte Verschalung installiert worden.
Wasserstoff-Rekombinatoren sind üblich, um Explosionen zu verhindern, doch in Fukushima gab es keine. Alle diese Zusätze sind in der Schweiz für wenig Geld eingebaut worden – dasselbe hätte auch anderswo getan werden können.
General Electric, der Anbieter, hat die Japaner nicht genügend darüber informiert, was in der Zwischenzeit in Europa und in der Schweiz dazu gebaut worden ist.
Man hat sich der Illusion hingegeben, dass es die Japaner ohnehin besser wissen, und hielt es nicht für möglich, dass auch die Europäer etwas davon verstehen. Dennoch ist genau dies der Fall. Ganz klar hätten Massnahmen ergriffen werden können, um die Katastrophe zu vermeiden, sogar bei einem Tsunami.
swissinfo.ch: Was halten Sie vom laufenden Informations-Management?
B.P.: Mit Blick auf das laufende Durcheinander scheint es echte Bemühungen gegeben zu haben, anständig zu informieren.Doch im Ablauf zwischen der AKW-Anlage in Fukushima, Messungen in Tokio und Medienanlässen häufen sich die Fehlerquellen.
Jedenfalls ist das Info-Management in Japan nicht mit jenem von Tschernobyl zu vergleichen, wo es offensichtliche Falschmeldungen und ein Zurückhalten von Informationen gegeben hatte.
swissinfo.ch: Und die Internationale Atomenergie-Agentur? Sie ist ja kritisiert worden, zu langsam gewesen zu sein in ihrer Reaktion auf die Krise. Hätte die IEAE mehr machen können?
B.P.: Die IAEA ist eine internationale Organisation mit dem historischen und politischen Auftrag der Non-Proliferation. Im Sicherheitsbereich hat die Agentur kein offizielles Mandat, ausser Meetings von Experten zur Überprüfung von Sicherheits-Standards.
Diese Experten warnten Tepco 2008, dass ihre seismischen Standards in Fukushima zu tief sein könnten und dass etwas dagegen unternommen werden sollte, aber Tepco konnte nicht mehr tun.
Das Einzige, was die IAEA in der laufenden Krise tun konnte, war, sachbezogene und technische Informationen zu liefern. Sicher könnte mehr getan werden, fragt sich nur, ob dies Aufgabe der IAEA oder einer anderen Organisation ist.
Momentan kann die IAEA auf Einladung eines Landes oder einer Anlage hin ein Kontrollteam von 10 bis 15 Spezialisten für ein AKW zur Verfügung stellen. Diese schaut auf Konstruktion, Betrieb und Unterhalt, und legt dann einen Bericht vor.
Leider kommen solche Einladungen nur von rund sechs "guten Studenten", die ohnehin nichts zu befürchten haben. Doch sollten solche Kontrollteams in jede Anlage geschickt werden. Fukushima zum Beispiel ist nicht überprüft worden.
Es bräuchte eine systematische Kontrolle inklusive Konsequenzen seitens der Regierungen oder Nachbarn.
Ich bin jetzt schon seit einiger Zeit in diesem Nukleargeschäft und dachte, dass die notwendigen Dinge längst organisiert wären. Doch der Unfall in Japan hat gezeigt, dass dies nicht immer der Fall ist.
Bruno Pellaud
Bruno Pellaud war von 1993 bis 1990 stellvertretender Direktor der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA). Er beschäftigte sich intensiv mit den Fällen Nordkorea und Iran.
Von 2001 bis 2009 war er Präsident des Nuklearforums Schweiz.
Pellaud gilt als Experte der Kernenergie und atomaren Nichtverbreitung und schreibt auf der einflussreichen US-Website Huffington Post regelmässig Beiträge zu Nuklearfragen.Infobox Ende
Japanische Nuklearkrise
Das 240 km nördlich von Tokio gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi wurde durch das starke Erdbeben und den Tsunami am 11. März schwer beschädigt. Fukushima gilt als die weltweit schlimmste Nuklearkrise seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986.
Zwei der sechs Reaktoren des japanischen AKW, das von der Tokyo Electric Power Co (Tepco) betrieben wird, gelten als stabil, die vier anderen aber sind unsicher und sollen, wenn sie unter Kontrolle sind, abgeschaltet werden.
Arbeiter versuchen, die Kühlpumpen, die durch das Erdbeben und den Tsunami beschädigt und mit Meerwassere überschüttet wurden, wieder in Betrieb zu setzen. Die dringendste Herausforderung ist das Abpumpen von radioaktivem Wasser, welches das Fundamant der Reaktoren 1, 2 und 3 unterspült.
Aus dem Reaktor 2 strömen hohe Mengen an Radioaktivität von mehr als 1000 Millisievert pro Stunde in die Luft und ins Wasser im Fundament des Turbinengebäudes. Der nationale Grenzwert in Japan beträgt 250 Millisievert auf ein ganzes Jahr.
Wegen der hohen Strahlung im Wasser befürchten Experten Schäden am Druckbehälter um den Kern des Reaktors 2 wie auch an Ventilen und Rohren, die aus dem Behälter herausführen. Sie befürchten, dass es Monate dauern könnte bis zur kalten Abschaltung.
Das Hauptrisiko kommt von der Strahlung, die weiter durchsickern oder ausbrechen könnte, jedesmal wenn ein Rohr ein Loch hat oder Arbeiter wegen des steigenden Drucks Dampf ablassen müssen. Aus den Druckbehältern ausfliessendes Wasser könnte in den Boden und ins Meer gelangen, und der Austritt erhöhter Radioaktivität könnte ganze Ernten in einem grossen Gebiet kontaminieren.
Japan gerät international zunehmend unter Druck, die Evakuierungszone um das AKW Fukushima zu erweitern. Frankreich, das Nuklearexperten nach Japan entsandt hat, will im Mai als Gastland ein Treffen der G20-Kernenergie-Kontrollbehörden durchführen, an dem angesichts der Katastrophe in Japan neue internationale Nuklear-Sicherheitsstandards definiert werden sollen.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle), swissinfo.ch