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Die obersten Fünfhundert
Wir nähern uns dem 100. Todestag von Henry James, meine Damen und Herren, diesem grossartigen Chronisten von zeitlosen gesellschaftlichen Dynamiken, der leider im deutschsprachigen Raum noch nicht den Klassikerstatus hat wie im angelsächsischen, und heute möchte ich Sie auf einen literarischen Bruder von James hinweisen: Louis Auchincloss, Schriftsteller, Essayist und historischer Biograf, gestorben 2010.
Die Auchincloss-Familie gehört zu den «Grand Families», also zu jenen ungefähr sechzig berühmten grossen WASP-Oberschicht-Sippen der amerikanischen Ostküste, die in den Vereinigten Staaten die Aristokratie ausmachen und aus denen sich die wirtschaftliche und politische Elite des Landes rekrutiert – oder wenigstens rekrutiert hat, bevor Globalisierung und New Economy auch anderen Herrschaften das Feld ebneten. Die Welt von Louis Auchincloss ist das Milieu von Stadthäusern in Manhattan und Landsitzen in Newport, von Internaten wie Groton und Ivy-League-Universitäten wie Harvard, Yale oder Brown und ihren hermetischen Zirkeln wie der Yale-Bruderschaft Skull and Bones oder dem exklusiven New Yorker Knickerbocker Club. In dieser Sphäre wird das Leben nicht romantisch, sondern pragmatisch und protestantisch betrachtet, hier gelten eigene Regeln, und deren wichtigste lautet: Die Fassade muss gewahrt bleiben. Unter allen Umständen.
Auch Louis Auchincloss besuchte Groton und Yale und studierte Jura. Eigentlich interessierte er sich mehr für Literatur, aber er wusste, was er seinem Namen schuldig war, und begann eine Laufbahn als Anwalt. Als schliesslich doch Belletristik von ihm erschien, veröffentlichte er auf Verlangen seines peinlich berührten Vaters zunächst unter Pseudonym. Später allerdings wurde Louis Auchincloss (der immer auch Anwalt blieb und bis zu seinem Ruhestand in der renommierten Kanzlei Hawkins, Delafield & Wood tätig war) einer der bekanntesten Gesellschaftspoeten – in den USA. Im deutschsprachigen Raum ist Auchincloss trotz seines umfangreichen Werks von über 50 Titeln noch weithin unbekannt, nicht zuletzt, weil seine besondere Art von Literatur, die Gesellschaftsprosa, hierlands ein Schattendasein fristet.
Auchincloss pflegt einen urbanen und bisweilen leicht ironischen Stil, seine Prosa ist elegant und geschmackvoll, und das sind Attribute, die die Literaturkritik heute leider kaum noch anwendet. Man hat bisweilen den Eindruck, Auchincloss weigere sich, dass langsame Aussterben der Klasse, die er beschreibt, einzusehen, und dies ist in der Tat der Vorwurf, den ihm Kritiker bereits zu Lebzeiten gemacht haben: dass Auchincloss als Realist schreibe, dessen fiktionale Welt inzwischen gar nicht mehr so realistisch wäre, weil sie längst durch eine andere Wirklichkeit abgelöst worden sei.
Aber Auchincloss zeigt uns, wie jeder gute Schriftsteller, zeitlose Konflikte. Zum Beispiel, dass der Einzelne den Ansprüchen seiner Sphäre relativ machtlos gegenübersteht: Wie und ob sich die Protagonisten aus ihrer ganz persönlichen Verstrickung befreien, hängt von den Launen des Schicksals und der menschlichen Natur ab, nicht von der Grösse des Anwesens in Newport. Und zu seinen Kritikern sagte der Autor: «Wenn die Leute behaupten, meine Themen wären begrenzt, dann behaupten sie das, weil ihnen die Themen nicht passen.»
Bild oben: Louis Auchincloss in New York, 1969. Foto: Keystone