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Verantwortung: Ashkira Darman
Referierende: Patricia Purtschert / Bernhard Schär / Ashkira Darman / Myriam Spörri
In der Forschung und dem Unterricht der Schweizer Geschichte werden in den letzten zwanzig Jahren postkoloniale Fragestellungen und Perspektiven einbezogen, in denen die Schweiz immer mehr als Teil einer globalen bzw. globalisierten Welt(geschichte) betrachtet und untersucht wird. Die postcolonial studies in der historischen Forschung haben dazu beigetragen, die bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Ansicht zu revidieren, dass die Schweiz vom europäischen Kolonialismus nicht betroffen gewesen sei, da sie keine eigenen Kolonien besass. Diesen Perspektivwechsel hat jedoch nicht nur die wissenschaftliche Forschung vorgenommen, sondern betrifft auch den Geschichtsunterricht in Sekundarschulen und Gymnasien. Aus diesem Grunde verfolgte dieses Panel das Ziel, eine Diskussion zu initiieren, um „die Anwendung postkolonialer Ansätze im Geschichtsunterricht zu beleuchten“. Zwei weitere Ziele des Panels seien, so ASHKIRA DARMAN (Zürich) in ihrer Einleitung, den Austausch zwischen Wissenschaft und Schulunterricht zu fördern und ausführliche gemeinsame Diskussionen unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu ermöglichen.
PATRICIA PURTSCHERT (Bern) eröffnete ihren Vortrag mit zwei Fragen: „Gibt es eine postkoloniale Schweiz? Und wenn ja, wo?“ In ihren Inputs konzentrierte sie sich auf die zweite Frage, und stellte den Alltagsrassismus als einen Ort, wo postkoloniale Ansätze von Relevanz sind, in den Vordergrund. Ihre These lautete, dass es angemessen sei, den Begriff „race“ im schweizerischen Kontext anzuwenden. Anhand unterschiedlicher Beispiele, die vor allem visueller Art waren, veranschaulichte sie zuerst, wie der Prozess der "Rassifizierung" in der Schweiz in verschiedenen Formen auftritt. Diese "Rassifizierung" zeige sich beispielsweise in Zusammenhängen, in denen Verkleidungen eine Rolle spielen, wie zum Beispiel in der Tradition von Fasnacht oder bei „Indianer“-Kinderkostümen. Anschliessend betonte Purtschert, dass eine postkoloniale Perspektive einen weiteren relevanten Aspekt beinhalte: Sie berücksichtige die Erfahrungen von "rassifizierten" Menschen. Schliesslich erklärte sie, dass die postcolonial studieses erlauben würden, Machtverhältnisse in einer Gesellschaft sichtbar zu machen und dadurch zu verändern.
Im folgenden Vortrag von BERNHARD SCHÄR (Zürich) wurde das Thema „postkolonialer Geschichtsunterricht“ behandelt. Schär machte zwei Vorschläge, um eine postkoloniale sowie intersektionale Perspektive in den Geschichtsunterricht in der Schweiz einzubringen. Zuerst plädierte er dafür, den Raum „Schweiz“ breiter zu denken, das heisst nicht nur als nationales Territorium zu verstehen, sondern als Teil einer Globalität bzw. Globalisierung sowie als unterstützende Kraft des europäischen Kolonialismus. Zweitens argumentierte er dafür, die Akteurinnen und Akteure umfassender zu begreifen und genauer zu untersuchen, da es in der Schweizer Geschichte nicht nur um Schweizerinnen und Schweizer gehe. Dann merkte er an, dass der Kolonialismus in der Schweizer Geschichtsforschung oft nicht behandelt wurde, so etwa in Meisternarrativen der berühmten Synthesen zur Schweizer Geschichte wie Geschichte der Schweiz und der Schweizer (1986)1 oder die vor wenigen Jahren von Georg Kreis herausgegebene Geschichte der Schweiz (2014)2. In seinem Fazit stellte Schär vor, welche Aspekte dieser Geschichtsforschung im Wandel stünden und für welche noch ein Umdenken erforderlich sei. Verändert habe sich die Perspektive auf den Raum der Schweizer Geschichte: Der „Helvetozentrismus“ habe sich zum globalen (imperialen) Polyzentrismus entwickelt und es würden nicht länger nur Schweizerinnen und Schweizer, sondern auch andere Akteurinnen und Akteure, die mit ihnen in Beziehung standen, berücksichtigt. Schär sieht jedoch weiterhin Bedarf bei der Überwindung des Eurozentrismus und beim breiten Publikum, dessen Geschichtsbewusstsein noch vom nationalen Narrativ geprägt sei.
Im darauffolgenden Vortrag von Ashkira Darman stand ebenfalls das Thema „postkoloniale Schweiz im Unterricht“ im Mittelpunkt. Wie Schär betonte auch sie, dass die Schweiz Teil einer transnationalen, europäischen und kolonialen Unternehmung war. Den Schwerpunkt legte sie auf die Reproduktion von kolonialen Vorstellungen im Schweizer Geschichtsunterricht sowie in Museen. Ihre These lautete, dass Kolonialismus immer noch die mentalen Gegenwartsvorstellungen präge. Eine solche Reproduktion werde im schulischen Kontext und in der Museumskunde an verschiedenen Aspekten deutlich. Erstens seien Schulbücher oft eurozentrisch aufgebaut und es gebe kaum oder gar keine Quellen aus anderen Perspektiven. Zweitens wies Darman besonders darauf hin, dass Sprache, Texte und Quellenauswahl im Unterricht sowie in Museen stark von einer „europäischen Differenzvorstellung“ und einem „westlichen Fortschrittsnarrativ“ geprägt seien. Unter anderen Beispielen führte sie die Ausstellung „Die Frage der Provenienz – Einblicke in die Sammlungsgeschichte“3 vor, die zurzeit im Rietbergmuseum gezeigt wird. Sie merkte an, dass es in der Sammlung zu den Kulturen Afrikas keine zeitgenössische Kunst gebe und dadurch eine ahistorische Vorstellung Afrikas vermittelt werde. Dies stünde im Kontrast zu einer historisch situierten und epochenübergreifenden Darstellung der europäischen Kultur. Um die Reproduktion solcher kolonialen Vorstellungen zu vermeiden, sei ihre Thematisierung im Schulunterricht notwendig.
Im letzten Vortrag sprach MYRIAM SPÖRRI (Zürich) über die Herausforderungen, welche die Schülerinnen und Schüler heute in Schweizer Schulen für den Geschichtsunterricht hervorrufen. Eine Mehrheit verfügt über einen Migrationshintergrund und dies werde meist als Nachteil interpretiert, weil die schwachen Deutschkenntnisse den Unterricht erschweren und bei den Schülerinnen und Schülern zu Lernschwierigkeiten führen würden. Spörri vertrat jedoch die Ansicht, dass es möglich und hilfreich sei, diese Situation nicht als Problem, sondern als Ressource aufzufassen. Sie veranschaulichte anhand einer Projekt-Woche über „Familiengeschichte(n)“, die sie mit ihrer 6. Primarklasse durchgeführt hatte, wie Geschichtslehrerinnen und -lehrer ihre Perspektive diesbezüglich verändern könnten. Jedoch werfe dieser Perspektivenwechsel grundsätzliche Fragen auf, die Spörri im Abschluss ihres Vortrags ansprach. Erstens: Wie lässt sich der Migrationshintergrund von Schülerinnen und Schülern als Ressource mit einer postkolonialen Schweiz vereinbaren? Zweitens: Stellt eine solche Perspektive ein (unerwünschtes) Festschreiben von Identitäten dar? Drittens: Wird die Funktion des Fachs Geschichte durch die Veränderung der Schülerschaft grundlegend infrage gestellt?
Die abschliessende Diskussion mit dem Publikum warf weitere spannende und grundsätzliche Fragen auf, unter anderem zum möglichen Widerstand gegen einen postkolonialen Geschichtsunterricht, zur Normativität, zur Reproduktion sprachlicher und symbolischer Gewalt, zur Relevanz der Schweizer Geschichte als „Block“ in den Lehrplänen oder zur Intersektionalität zwischen Rassismus und Sexualisierung. Das Panel war hochwertig, bot grundlegende Fragestellungen und konkrete Vorschläge zum Thema postkoloniale Schweiz im Geschichtsunterricht und erreichte die verschiedenen Ziele, die in der Einleitung vorgestellt wurden.
Panelübersicht:
Purtschert, Patricia: Postcolonial Studies in der Schweiz
Schär, Bernhard: Postkolonialer Geschichtsunterricht
Darman, Ashkira: Postkoloniale Schweiz im Unterricht
Spörri, Myriam: Das globale Klassenzimmer: Schweizer Geschichte ist immer auch Migrationsgeschichte
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen