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Der wilde Westen heute bitterböse, herrlich lustig und auch ein bisschen magisch
Wyomings Weite ist überwältigend, das Leben dort hart und manchmal unglaublich. Ideales Terrain für Annie Proulx, eine der besten lebenden Schriftstellerinnen (Time Magazine), die mit diesem Erzählband in ihre Wahlheimat zurückkehrt: Elf tragikomische Geschichten über Cowboys, Wildhüter und Barfrauen, exzentrische Aussteiger und Underdogs, die sich in einer grandiosen, aber unwirtlichen Landschaft behaupten.
Proulx erzielt den Ton, den sie meisterlich beherrscht: eine Lage zwischen existentiellem Entsetzen und trocken ironischer Gelassenheit.
Autorentext
Annie Proulx, 1935 in Connecticut geboren, lebt heute in der Nähe von Seattle. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award, sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Außerdem wurde sie in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte »Brokeback Mountain« wurde 2005 mit drei Oscars ausgezeichnet.
Klappentext
Der wilde Westen heute - bitterböse, herrlich lustig und auch ein bisschen magischLeseprobe
Wyomings Weite ist überwältigend, das Leben dort hart und manchmal unglaublich. Ideales Terrain für Annie Proulx, eine der "besten lebenden Schriftstellerinnen" (Time Magazine), die mit diesem Erzählband in ihre Wahlheimat zurückkehrt: Elf tragikomische Geschichten über Cowboys, Wildhüter und Barfrauen, exzentrische Aussteiger und Underdogs, die sich in einer grandiosen, aber unwirtlichen Landschaft behaupten.
An einem Novembertag ritt Wildhüter Creel Zmundzinski von der Jagd- und Fischereiaufsicht Wyoming im dichter werdenden Licht des Spätnachmittags den Pinchbutt-Abflußgraben hinunter. Die letzten Fetzen Sonnenlicht besprenkelten seinen roten Backenbart mit feurigen Spritzern. Das Gelände war abschüssig, mit Drehkiefern bestanden, weiter unten von Beifuß abgelöst und vereinzelten Wiesen, die Wapitis im Winter auf ihrer Wanderschaft nach Südosten gern aufsuchten. Ab und zu, wenn der Blick nicht verstellt war, sah er auf dem Kies der Wendestelle unten in der Ferne seinen Geländewagen samt Pferdeanhänger glitzern. Er ritt ganz langsam, sang das Lied vom großen Joe Bob, »Stolz des hinteren Felds, Held seiner Tage«, während vor ihm der Übeltäter ohne Jagdschein ging, den Creel beim Verscharren der Eingeweide einer Elchkuh überrascht hatte. Die Hinterschenkel hatte der Mann in seinen ATV-Geländewagen geladen, den Rest des Kadavers der Verwesung überlassen.
»Das hier ist ein geschütztes Gebiet, in dem nicht gejagt werden darf«, sagte Creel. »Zeigen Sie mir Ihren Jagdschein.«
Der rotgesichtige alte Knabe betatschte die zahlreichen Taschen seiner Jagdjacke. Die Jacke war neu, am hinteren Saum steckte noch das Preisschild. Das Aufblitzen des Preisschilds war Creel durch die Bäume aufgefallen. Jetzt förderte der Mann seine Brieftasche zutage und suchte darin.
Während er wartete, lauschte Creel Zmundzinski auf einen Ton, den er nicht hören wollte.
Nach langem Suchen reichte der Mann Creel ein Papprechteck. Es war eine Visitenkarte, die neben Telefonnummern und einer immens verkleinerten Abbildung der Kathedrale von Chartres folgende Worte aufwies:
Ehrwürden Jefford J. Pecker Geistlicher zu Persia
»Persia, wo ist das?« fragte Creel, der an den Iran dachte, da ihm die Vorwahl 323 nicht vertraut war. Er hatte den Eindruck, als höre er das gefürchtete Geräusch aus der Ferne.
»Pörsiöh, Kalifornien«, sagte der Geistliche laut und nasal, um Creels Aussprache zu korrigieren.
»Ist das Ihre Kirche?« fragte Creel, der die Abbildung betrachtete. Tatsächlich, von dem Weidengehölz unten am Grund der Wiese hörte er das jammervolle Blöken eines verwaisten Elchkalbs.
»Sie sieht ganz ähnlich aus.«
»Aber einen Jagdschein kriegt man dadurch noch lange nicht.« Sein Ton war jetzt sehr kühl. Was der Geistliche nicht wissen konnte, war, daß er dem einen unter dreiundfünfzig Wildhütern in Wyoming über den Weg gelaufen war, der nichts mehr verabscheute als Elchkuhmörder, weil sie verwaiste Kälber dem Schicksal überließen, sich in einer Welt voller Raubtiere und unbarmherziger Witterung allein zurechtzufinden. Creel Zmundzinski war nämlich selbst Waise und hatte nach dem Tod seiner Eltern bei Tante und Onkel auf deren Ranch in Encampment gelebt. Doch Schuleschwänzen, schlechter Umgang und zu guter Letzt Einbruchdiebstahl hatten ihn in das Jugendheim St. Francis gebracht. Zornbebend ob der Ungerechtigkeit des Lebens und voller Selbstmitleid sorgte er bei jedem Anlaß für Ärger. Von St. Francis hätte er nahtlos in das
Staatsgefängnis in Rawlins wechseln können, wäre da nicht Orion Horncrackle gewesen, ein betagter Beamter der Jagd-und Fischereiaufsichtsbehörde.
Wildhüter Orion Horncrackle hatte die schönste Kindheit gehabt, die ein Junge sich wünschen kann. Er und seine drei älteren Brüder waren in dem Buffalo-Forks-Gebiet am Snake River aufgewachsen, mitten auf dem Kontinent, und hatten in den dreißiger und vierziger Jahren in der Wildnis der Beartooth-und Buffalo-Hochebenen ihre Pferde geritten, im Freien übernachtet und gejagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten seine überlebenden Brüder die Ranch übernommen, und Orion hatte als erster Horncrackle die Universität von Laramie besucht. Er promovierte in Biologie, trat eine Woche darauf in die Behörde für Jagd- und Fischereiaufsicht ein und blieb dort für den Rest seines Arbeitslebens.
Er war fast sechzig, und Creel Zmundzinski war vierzehn, als sie sich kennenlernten. Orion stieg die Treppe zum Gericht hinauf, während Creel in Begleitung zweier Jugendwärter hinunterschlurfte, die Miene sauertöpfisch verzogen. Als sie sich begegneten, trat Creel dem Wildhüter gegen den Knöchel und grinste hämisch. Seine Begleiter zerrten ihn weg und brachten ihn zu einem alten Bäckereiwagen, an dessen Seite die Worte Jugendheim St. Francis aufgemalt waren.
»Was ist das für ein übles Subjekt?« fragte Orion den Hilfssheriff, der oben auf der Treppe Maulaffen feilhielt.
»Einer von den Burschen aus St. Francis. Die haben da draußen üble Subjekte, soviel man sich nur wünschen kann.«
Eine halbe Stunde später, nachdem der betreffende Wilderer es versäumt hatte, »der Vorladung Folge zu leisten«, fuhr Orion auf der Suche nach dem Jugendheim St. Francis aufs Land hinaus. Es war ein schäbiges Steingebäude mitten auf der Prärie.
Ein ungepflegtes Baseballfeld und ein verbogener Basketballring ohne Netz befanden sich neben einem Anbau, über dessen Tür ein schiefes Schild Wäscherei besagte. Sonst gab es nichts, keine Pferdekoppel, keinen Viehhof, keine Scheune, keinen Garten, nicht einmal Berge.
Was zum Teufel sollen die Jungen hier tun? Müssen sich ja zu Tode langweilen, dachte er sich. Ungestört umrundete er das Gebäude, stieg wieder in seinen Pritschenwagen und fuhr weiter.
Von seinem Büro aus rief er den Heimleiter an und führte ein langes Gespräch mit ihm. Am übernächsten Samstag saß Orion Horncrackle in seiner Uniform mit rotem Hemd auf einem Klappstuhl in einem ungeheizten Zimmer vor elf zappeligen Jungen im Alter von vierzehn bis siebzehn, darunter Creel Zmundzinski.
»Ich weiß«, sagte Orion in dem Ton, den er bei störrischen Pferden anzuschlagen pflegte, »daß die meisten von euch denken müssen, das Leben hätte euch ziemlich gemein mitgespielt, hätte euch um Eltern und ein Zuhause betrogen. Aber wißt ihr was? Das ist Tausenden und aber Tausenden von Kindern passiert, die es trotzdem fertiggebracht haben, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Aus denen anständige Menschen geworden sind. Die es zu etwas gebracht haben. Ich bin hergekommen, um euch zu sagen, daß ihr nicht die verlassenen Waisenknaben seid, für die ihr euch haltet. Ihr seid an einem wunderschönen und wilden Ort geboren, und wenn ihr euren Heimatstaat Wyoming und seine Natur die Stelle eurer Menscheneltern einnehmen lassen wollt, dann wäre das nicht das schlechteste für euch. Ich helfe euch dabei, eure neuen Verwandten kennenzulernen. Wir werden Ausflüge in die Berge machen, und jeder einzelne hat sich dabei zu bewähren, sonst war der erste Ausflug sein letzter.«
»Wollen Sie damit sagen, daß ein Haufen Hirsche für uns wie Mutter und Vater sein sollen?« Der Junge hatte ein Gesicht wie ein Kürbis mit einer Andeutung pfirsichfarbenen Flaums.
»Gewissermaßen ja. Von Hirschen kann man eine Menge lernen.«
»Und was ist mit Vögeln? Ich will einen Adler als Dad«, sagte Crossman, der sich für den Gedanken erwärmte.
»Ein Stinktier wäre passender für dich«, sagte Creel, doch mit einemmal riefen sie alle Namen von Tieren, die sie sich als Verwandte wünschten.
Ein sehr schmaler Junge, der halb indianisch aussah, sagte: »Dürfen wir auch Pferde reiten?«
»Aha! Wie heißt du? Ramon? Du nennst die Sache beim Namen. Wißt ihr, früher konnte man an einer Zauberlampe reiben, und dann steckte ein Dschinn den Kopf zur Tülle raus, und man konnte ihm befehlen, ein paar gute Pferde zu bringen, aber solche Lampen mit Geistern drin sind heutzutage schwer aufzutreiben. Ich muß sehen, wie ich an ein paar Pferde komme, und es werden wahrscheinlich nicht die besten Pferde sein, die man sich vorstellen kann, aber du hast recht, Pferde sind nötig, selbst wenn es nur Maulesel sind. Und ich werde sie auftreiben.«
Er gab jedem Jungen eine Karte von Wyoming und erzählte ihnen von den Bighorns, dem Sunlight Basin, dem Buffalo Plateau seiner Jugend, von den Wind-River-Bergen, dem Towogotee-Paß, Sheep Mountain, Elk Mountain, dem Medicine Bow.