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| Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

29. Beweis, daß Seele und Leib eine und dieselbe Ursache ihres Daseins haben.
Da nämlich unsere Natur als eine zweifache zu denken ist, gemäß der apostolischen Lehre,1 des sichtbaren Menschen und des verborgenen, so würde, falls das Eine früher wäre, das Andere aber darnach käme, als unvollkommen sich erweisen die Macht des Schöpfers, als die nicht für das Ganze zumal genügte, sondern ihr Werk zertheilte und theilweise an jeder der beiden Hälften arbeitete. Vielmehr, wie wir sagen, im Waizen oder einem andern Samen sei der Kraft nach das ganze Wesen2 der Ähre enthalten, das Gras, der Halm, die Mittelknoten, die Frucht, die Hacheln, und wir von keinem von diesen sagen, es existire in dem Begriff der Natur oder entstehe der Natur des Samens nach früher, sondern, in einer gewissen natürlichen Ordnung zwar komme die im Samen enthaltene Kraft zum Vorschein, keineswegs aber trete eine andere Natur dazu, auf dieselbe Weise nehmen wir auch vom menschlichen Samen an, daß er schon im ersten Anfang der Existenz zugleich in sich trage die Kraft der Natur, sich aber entwickle und offenbare in einer gewissen natürlichen Folge zur Vollendung fortschreitend, indem er nicht Etwas von aussen dazunimmt als Vollendungsgrund, sondern sich selbst ordnungsmäßig zur Vollendung forttreibt. Daher ist es weder richtig, zu sagen, die Seele sei vor dem [S. 301] Leibe, noch ohne Seele sei der Leib, sondern beide haben einen Anfang, der nach der höheren Rücksicht in dem Urwillen Gottes begründet ist, nach der andern aber auf den Gründen der Zeugung beruht. Denn wie in dem zur Empfängniß des Leibes Niedergelegten (dem Samen) vor seiner Ausgestaltung keine Gliederverbindung zu sehen ist, so ist es auch nicht möglich, die Eigenschaften der Seele darin zu bemerken, bevor sie in Thätigkeit hervorgehen. Und gleichwie wohl Niemand zweifelt, daß zu den Verschiedenheiten der Glieder und Eingeweide jenes Eingelegte sich gestalte, indem nicht eine andere Kraft dazu hineinkommt, sondern die darin enthaltene naturgemäß in ihre Thätigkeit übergeht, so ist auch hinsichtlich der Seele analog das Gleiche zu denken, daß sie, wenn sie auch nicht durch gewisse Thätigkeiten in dem Sichtbaren sich kund gibt, nichts desto weniger darin ist. Denn auch die Wesensform des in der Entstehung begriffenen Menschen ist darin der Kraft nach, aber verborgen, weil es nicht möglich ist, daß sie vor dem nothwendigen Stufengang zum Vorschein komme. So ist zwar auch die Seele darin, obwohl unbemerkbar, sie wird sich aber bemerklich machen durch die ihr eigene und naturgemäße Thätigkeit, indem sie zugleich mit dem körperlichen Wachsthum sich entwickelt. Da nämlich nicht von einem todten Leibe die Kraft zur Empfängniß ausgeht, sondern von einem beseelten und lebendigen, deßhalb, sagen wir, sei es ganz richtig, nicht für todt und unbeseelt zu halten das von einem Lebendigen zur Lebensbegründung Ausgehende. Denn das im Fleische Seelenlose ist jedenfalls auch todt; die Todtheit aber erfolgt durch Beraubung der Seele. Würde man aber nicht in diesem Falle die Beraubung für älter erklären als das Haben, wenn man nämlich die Unbeseeltheit, d. h. die Todtheit, früher sein läßt als die Seele?
Verlangt man aber einen noch deutlicheren Beweis dafür, daß jener Theil, welcher zum Anfang des entstehenden Lebewesen wird, lebendig ist, so kann man noch aus anderen Zeichen, wodurch das Beseelte vom Todten sich unterscheidet, auch hierüber eine Wahrnehmung machen. Als Beweis [S. 302] nämlich des Lebens bei den Menschen sehen wir es an, daß Einer warm ist und thätig und sich bewege. Die Kälte aber und Regungslosigkeit an den Körpern ist nichts Anderes als Todtheit. Da wir nun als warm und wirksam erfinden das, wovon wir reden, so erkennen wir daraus auch, daß es nicht leblos sei. Allein wie wir es nach seinem körperlichen Theile nicht Fleisch nennen und Knochen und Haare, und was man sonst am Menschen sieht, sondern sagen, der Kraft nach zwar sei es jedes von diesen, sichtbar aber erscheine es noch nicht als solches, so sagen wir auch in Bezug auf den seelischen Theil, es sei zwar noch nicht das Denken und Begehren und der Muthaffekt, und was man sonst an der Seele wahrnimmt, schon in jenem vorhanden, analog aber mit der Gestaltung und Ausbildung des Körpers entwickeln sich auch die Thätigkeiten der Seele zugleich mit dem Stofflichen. Denn wie der schon größer gewachsene Mensch eine offen hervortretende Thätigkeit der Seele besitzt, so gibt er im Anfang der Entstehung die entsprechende und dem dermaligen Bedürfnisse angemessene Mitthätigkeit der Seele in ihm darin kund, daß sie sich aus dem eingelegten Stoffe die ihr angeborne Wohnung bereitet. Denn gar nicht für möglich erachten wir es, daß einer fremden Behausung die Seele sich anbequeme, gleichwie sich das Siegel im Wachs nicht an ein fremdes Petschaft passen läßt.
Wie nämlich der Leib vom Kleinsten zur Vollendung fortschreitet, so wird auch die Thätigkeit der Seele, die in entsprechender Weise mit dem Stofflichen verwachsen ist, mitzunehmen und mitwachsen. Zuerst nämlich zeigt sich von ihr im ersten Entwicklungsstadium wie eine noch in der Erde versteckte Wurzel bloß die vermehrende und ernährende Kraft; denn mehr läßt die Kleinheit des Gefäßes noch nicht zu. Sodann, wenn das Gewächs ans Licht tritt und der Sonne den Sproß zeigt, blüht die Empfindungsgabe auf. Wird es aber bereits stark und schießt zur entsprechenden Höhe auf, so beginnt wie eine Frucht die Denkkraft durchzuleuchten, nicht auf einmal ganz hervortretend, sondern mit der Ausbildung des Organs sorgfältig [S. 303] mitwachsend, immer so viel Frucht bringend als die Kraft des Substrates erlaubt. Fragst du aber um die Seelenthätigkeiten bei der Bildung des Leibes, so „nimm dich in Acht,“ sagt Moses,3 und du wirst wie in einem Buche lesen die Geschichte von den Werken der Seele. Denn die Natur selbst erzählt dir, deutlicher als alle Rede, die mannigfachen Geschäfte der Seele im Leibe bei der Bildung sowohl des Ganzen als der Theile. Allein für überflüssig halte ich es, mit Worten die Vorgänge in uns selber zu schildern, wie Berichterstatter von ausländischen Wunderdingen. Denn wer braucht, wenn er sich selbst betrachtet, durch Worte über seine eigene Natur belehrt zu werden? Es kann ja, wer die Weise des Lebens beachtet und bemerkt, wie zu jeder Lebensthätigkeit geschickt der Leib ist, erkennen, womit das Physische der Seele sich beschäftigte bei der ersten Bildung des werdenden Menschen. So ist denn für die nicht Unachtsamen auch hieraus klar, daß nicht als todt und unbeseelt in die Werkstätte der Natur komme, was zur Pflanzung des Lebewesens als Ableger aus einem lebendigen Leibe hineingethan wird. Denn auch die Kerne der Früchte und die Ableger der Wurzeln legen wir nicht, wenn die von Natur in ihnen vorhandene Lebenskraft erstorben ist, in die Erde, sondern, wenn sie noch in sich tragen, verborgen zwar, aber jedenfalls lebendig, die Eigenthümlichkeit der Stammart. Diese Kraft aber legt nicht die umgebende Erde, von aussen aus sich sie herzubringend, hinein (sonst müßte ja auch erstorbenes Holz Sprossen treiben), sondern die schon drinliegende bringt sie zum Vorschein, indem sie das Gewächs durch ihre Feuchtigkeit nährt und es zu Wurzel, Rinde, Mark und Zweigsprossen vollendet. Das wäre nicht möglich, wenn nicht eine natürliche Kraft schon darin läge, welche aus der Umgebung die verwandte und entsprechende Nahrung an sich zieht, wodurch dann ein Strauch oder eine Ähre oder irgend ein Ruthengeschoß entsteht.
1: II. Kor. 4, 16.
2: Εἶδος [Eidos].
3: Deuter. 15, 9.