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VULCAIN. Ditisheims Familienbetrieb machte sich einen Namen mit grossem Können im Bereich komplizierter Taschenuhren. La vallée de l’Arve wurde 1890 ein Modell genannt, das ein grosses und ein kleines astronomisches Schlagwerk besass, dazu eine Minutenrepetition und einen ewigen Kalender – kurz: Alles, was das Herz des Uhrenfreundes begehrt. Das Gehäuse war fantastisch mit Emaillearbeiten verziert. Die Uhr wechselte 2001 an einer Auktion von Antiquorum für sagenhafte 146500 Fr. ihren Besitzer.
Genial: Der Armbandwecker
Den Durchbruch aber schaffte die Firma 1947, unterdessen von der zweiten Generation der Ditisheims geführt. Fünf Jahre hatten die Uhrmacher von Vulcain getüftelt, um mit dem Modell Cricket den ersten Armbandwecker vorzustellen. Keinem Hersteller war es bis dahin gelungen, in einem normal grossen Armbanduhrgehäuse einen Klang zu erzeugen, der einen auch wirklich wecken würde. Vulcain löste das Problem mit einem Hämmerchen, das auf ein Stück des Bodens schlägt. Ein zweiter Boden schafft einen Resonanzkörper, der für die unüberhörbare Lautstärke des Weckers sorgt, ein zirpendes Geräusch. Cricket steht nämlich englisch für die Grille – und nicht etwa für den britischen Sport gleichen Namens, den man als Kontinentaleuropäer nie begreifen wird.
Uhr des Präsidenten geworden
Die Uhr wurde zu einem phänomenalen Erfolg, man kam mit Liefern kaum nach. Auf dem Weg, zur Legende zu werden, half auch das Glück: Der damalige amerikanische Präsident Harry S. Truman entdeckte die Cricket und war so begeistert von ihr, dass er sie oft auch in der Öffentlichkeit vorzeigte. Auch seine Nachfolger Eisenhower, Nixon und Johnson schworen auf den Armbandwecker. Bald wurde dieser darum nur noch «The President’s Watch» – die Präsidentenuhr – genannt, ein Prädikat, das sich keine Marketingabteilung der Welt erkaufen könnte. Ausgerechnet am Arm von Eisenhower, der zum Schutz der amerikanischen Uhrenindustrie hohe Zölle auf Schweizer Uhren eingeführt hatte, ging mitten in einer Pressekonferenz im Weissen Haus die Cricket-Uhr aus der Schweiz los – der Lacher unter den Journalisten ist Geschichte.
Expeditionen, hoch und tief
Auch Abenteurer setzten auf den praktischen Wecker. Bei der Erstbesteigung des zweithöchsten Gipfels der Welt, des K2, durch italienische Alpinisten 1954 durfte die Cricket nicht fehlen. Ein weiterer Meilenstein war 1961 die Lancierung der Cricket Nautical. Die Uhr war in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Tiefseetauchpionier und Tausendsassa Hannes Keller entwickelt worden. Der Wecker ist unter Wasser gut hörbar und erinnert den Taucher rechtzeitig an seinen Aufstieg. Die Uhr ist bis 300 m unter Wasser dicht.
Japaner beschleunigten das Aus
Dem Höhenflug der Marke folgte der tiefe Fall. Billige Quarzuhren aus Fernost – ironischerweise auch solche mit piepsenden Weckfunktionen, der Vorstufe der unsäglichen Klingeltöne – eroberten unerbittlich den Markt. Das Familienunternehmen wurde 1980 von Revue Thommen übernommen, einer Baselbieter Firma, die vor allem Instrumente für Flugzeuge baute. 1986 wurde die Cricket-Produktion völlig eingestellt. Der Tenniker Uhrenproduzent Grovana übernahm 2001 die Produktion der Uhrenlinie von Revue Thommen, die sich seither auf den Bau von Instrumenten für Luftfahrt und Industrie beschränkt. Der heutige Vulcain-CEO Bernard Fleury hatte die Perle mit der grossen Tradition schon seit Jahren im Auge und konnte es nicht ertragen, dass die Grille nicht zirpte. Als im Jahr 2001 zwei Immobilienspekulanten die Markenrechte kaufen wollten, kam ihnen Fleury mit seinem Partner Alain Claude zuvor und sicherte sich dieses Filetstück der schweizerischen Uhrengeschichte. Die beiden alten Hasen der Uhrenbranche (Fleury arbeitete zu der Zeit bei Girard-Perregaux) gründeten die Firma PMH (Production et Marketing Horloger) und erwarben die Markenrechte an Vulcain, inklusive Cricket. Enthalten waren auch sämtliche alten Patente und Herstellungsunterlagen sowie ein beachtliches Lager von Teilen und Werkzeugen. Mit ebenso viel Leidenschaft wie Umsicht gingen die beiden ans Werk. In Le Locle wurde der neue Hauptsitz in einer herrschaftlichen alten Villa eingerichtet. Mit dem jungen Deutschen Mathias Schneider (vorher tätig bei einer renommierten Manufaktur in Glashütte) konnte ein hervorragender Entwicklungschef gefunden werden, der auf Basis des alten Cricket-Kalibers neue Konstruktionen umsetzt.2002 kam mit einer Replika der Taucheruhr Cricket Nautical die erste «neue» Vulcain auf den Markt, gefolgt von Modellen der neuen Aviator-Linie. Alle Uhren sind mit dem Cricket-Manufakturkaliber ausgestattet. Eine weitere Hommage an die Vergangenheit sind die limitierten Serien mit Uhren, deren Zifferblätter in der sogenannten Emaille-cloisonné-Technik realisiert werden. Resultat dieser enorm aufwendigen Prozedur sind Sujets mit unglaublich intensiven Farben. Die Motive beziehen sich auf wichtige Stationen in der Geschichte von Vulcain, wie die Expedition auf den K2 oder die Grille. Weitere Modelle zeigen Sujets aus der Luftfahrt oder dem Sport.
Tourbillon mit Weckerfunktion
Auch in einer der Königsdisziplinen der Uhrmacherei mischt Vulcain mit. 2005 präsentierte man mit dem Imperial Gong den ersten Armbandwecker mit Tourbillon. Im Gegensatz zum typischen Surren der «Grille» erfreut bei diesem Modell aber ein Ton wie bei einer Sonnerie das Ohr des Besitzers. Das Stück wird schon nur wegen seines Preises in sechsstelliger Höhe wenigen Sammlern vorbehalten bleiben.Mit dem Vulcanographe wurde 2006 zudem ein Chronograph vorgestellt. In Arbeit ist die Entwicklung eines Automatikwerks auf Basis des Cricket-Kalibers. Bis das Werk allerdings in grösseren Stückzahlen lieferbar ist, dürfte es noch einen Moment dauern.2006 brachte Vulcain zudem mit der Golden Voice eine gelungene Variante einer klassisch anmutenden Uhr mit dem legendären Cricket-Werk, allerdings in einer modifizierten Form. Die «Grille» zirpt hier ganz diskret, nicht laut wie bei den anderen Cricket-Modellen. Mit der Golden Heart geht es nun einen Schritt weiter. Das Zifferblatt wurde auf wesentliche Bestandteile reduziert und gibt nun den Blick auf das mit viel Liebe und gutem Geschmack finissierte Werk frei.
1858
1929
1946
1947
1961
2001
2005
2007
Tradition
Alarmfunktion
NACHGEFRAGT
bernard fleury,
Die «neue» Vulcain ist jetzt seit fünf Jahren aktiv. Sind Sie unternehmerisch «im Plan»?
Bernard Fleury:
Ja, aber wir lassen uns konsequent von den Grundsätzen der Old Economy leiten und halten nicht viel von exponentiellen Wachstumskurven. Wir gehen den Weiteraufbau unserer Firma ruhig, aber zielgerichtet an. Obwohl wir mit der neuen Vulcain einen exzellenten Start hatten, bleibt die Uhrenbranche ein hartes, kapitalintensives Geschäft.
Allerdings ist das Umfeld für die Haute Horlogerie zurzeit gut.
Fleury: Ja, beispielsweise in den USA und in Japan haben wir exzellente Perspektiven. Wir werden diese Zeit nutzen, um uns solide weiterzuentwickeln.
Was unterscheidet Vulcain von verschiedenen anderen Marken?
Fleury: Vulcain gilt heute in der Uhrenwelt als der unumstrittene Spezialist für mechanische Armbandwecker. Dieses klare und unverwässerte Image spricht einen starken Kundenstamm an: Uhrenliebhaber und Enthusiasten, die das Authentische suchen. Diese Fokussierung von Vulcain auf seine mechanischen Armbandwecker ist sicher unsere Hauptstärke. Zudem sind wir eine der wenigen echten Manufakturen – das Cricket-Werk ist nicht einfach ein «aufgemotztes» Grossserienwerk und bietet so eine zusätzliche Exklusivität.
Welches ist Ihr «Bestseller»?
Fleury: Seit dem Neustart von Vulcain 2002 hat die Aviator GMT starkes Interesse ausgelöst, zum einen, weil wir das Vulcain-Kaliber wieder anbieten konnten, zum anderen, weil wir eine eigenständige Designsprache gelungen umgesetzt haben. Heute hat diese Uhr eine wachsende Popularität unter Geschäftsleuten. Globetrotter sind von ihr begeistert, da auf der Lünette die Zeit in 24 Städten rund um den Globus abgelesen werden kann. Und der mechanische Alarm ist laut genug, um selbst aus einem tiefen Jet-lag-Schlaf mit Stil geweckt zu werden! Sehr gute Absätze erzielten wir auch auf Anhieb mit der Dual Time Quantième mit Datumsanzeige.
Welches sind die nächsten Schritte?
Fleury: Neben der Erweiterung der Produktepalette sind wir vor allem daran, ein Netz von seriösen, starken Handelspartnern aufzubauen, die an die Marke glauben und auf eine langfristige Partnerschaft aus sind.