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Was ist Kapitalismus? Eine Frage, die oftmals kontrovers diskutiert wird. Nicht nur unter Laien, sondern zuweilen auch unter Ökonominnen und Ökonomen. Eine solide Einordnung kann deshalb hilfreich sein.
«HanisauLand», ein Internetportal für Kinder der Bundeszentrale für politische Bildung, einer dem deutschen Innenministerium untergeordneten Behörde, definiert Kapitalismus wie folgt:
Mit «Kapitalismus» bezeichnet man eine bestimmte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Angebot und Nachfrage bestimmen Markt und Produktion. Das Kapital sind Maschinen, Anlagen, Fabrikhallen, Geld, Fahrzeuge und so weiter. Im Kapitalismus befindet sich das Kapital im Besitz von Unternehmern. Der Staat greift wenig oder gar nicht in das Wirtschaftsgeschehen ein. Die Unternehmer können weitgehend frei arbeiten und arbeiten lassen. Der Staat schützt das Privateigentum und die Unternehmer. (…)
Auch heute funktionieren die Wirtschaftssysteme in vielen Industrieländern nach den kapitalistischen Grundsätzen. Aber der Staat versucht durch Gesetze dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht mehr ausgebeutet werden und es gerechter zugeht am Markt. Viele Fabriken sind in privater Hand oder gehören Aktiengesellschaften und großen Konzernen. Der Staat schützt das Privateigentum. Meistens wird heute statt von «Kapitalismus» von «Marktwirtschaft» gesprochen. In Deutschland gibt es die soziale Marktwirtschaft.
Diese Beschreibung ist – wie es sich für ein Internetportal für Kinder gehört – vereinfachend, im Wesentlichen aber doch zutreffend.
Eine etwas differenziertere und entsprechend auch anspruchsvollere Beschreibung liefern die Ökonomin Sarwat Jahan und der Ökonom Ahmed Saber Mahmud vom Internationalen Währungsfond (IWF). In ihrem Artikel von 2015 definieren sie «Kapitalismus» als ein Wirtschaftssystem, das auf folgenden Säulen beruht:
Privatbesitz, der es allen ermöglicht, materielle Werte (wie Land und Häuser) oder immaterielle Werte (wie Aktien und Obligationen) zu besitzen. Selbstinteresse, mit dem Menschen ihr eigenes Wohl anstreben. Diese unkoordinierten Individuen tragen trotzdem zum Wohl der Gesellschaft bei. Wettbewerb basiert auf der Freiheit der Unternehmen, an Märkten teilzunehmen oder aus ihnen auszutreten. Dank Wettbewerb wird der gesellschaftliche Wohlstand maximiert, das heisst der Wohlstand sowohl der Produzenten als auch der Konsumenten. Ein Marktmechanismus, der Preise dezentral durch Interaktion zwischen Käuferinnen und Verkäuferinnen bestimmt. Die Preise wiederum «verteilen» die verfügbaren Ressourcen so, dass diese die höchsten Erträge liefern. Das gilt nicht nur für Güter und Dienstleistungen, sondern auch für den Faktor Arbeit. Wahlfreiheit in Bezug auf Konsum, Produktion und Investitionen. Unzufriedene Kundinnen können ein anderes Produkt kaufen, Investoren können zu lukrativeren Anlagen wechseln und Angestellte können kündigen und eine bessere Bezahlung suchen. Die Rolle des Staates beschränkt sich darauf, die Rechte der Bürgerinnen und Bürger zu schützen und eine Ordnung zu sichern, in der Märkte funktionieren können.
Die unterschiedlichen Formen von Kapitalismus unterscheiden sich in der Ausprägung der verschiedenen Säulen. In Laissez-faire-Ökonomien funktionieren die Märkte mit wenig oder gar keiner Regulierung.
Auch in gelenkten Volkswirtschaften – aufgrund einer Mischung aus freien Märkten und staatlicher Intervention auch soziale Marktwirtschaften genannt – spielen Märkte eine dominante Rolle. Sie sind aber stärker staatlich reguliert, um Marktversagen wie externe Effekte (z.B. Umweltverschmutzung) oder Monopolbildung zu korrigieren. Auch das Fördern von Sozialversicherungen und öffentlichen Gütern wie Verteidigung und Sicherheit sind Gründe für staatliche Interventionen. Gelenkte kapitalistische Volkswirtschaften sind heute am häufigsten.
Die keynsianische Kritik
Einer der ideengeschichtlich gesehen prominentesten Befürworter von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft war der britische Ökonom John Maynard Keynes. In seiner einflussreichen Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 argumentierte er, dass sich die Wirtschaft nach einer Finanzkrise schlecht erhole, da kapitalistische Ökonomien endlos in einem Gleichgewicht mit hoher Arbeitslosigkeit und ohne Wachstum stecken bleiben könnten.
Die keynesianische Lehre stellte infrage, dass kapitalistische Laissez-faire-Ökonomien von sich aus gut funktionieren, ohne dass der Staat interveniert, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu fördern und Arbeitslosigkeit und Deflation zu bekämpfen. Keynes verlangte ein Eingreifen von Regierungen (mit Steuererleichterungen und höheren Staatsausgaben), um die Wirtschaft in den 30er-Jahren aus der Rezession zu führen.
Diese Massnahmen sollten den Auf- und Abschwung im Konjunkturzyklus etwas abschwächen und zur Erholung des kapitalistischen Systems nach der Grossen Depression beitragen. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass Keynes nie die Absicht hatte, die Marktwirtschaft durch ein anderes System zu ersetzen. Er argumentierte lediglich, dass Interventionen von Regierungen von Zeit zu Zeit nötig seien.
Die Gefahr der privaten Einflussnahme
Dass Staaten Märkte regulieren, birgt jedoch auch Risiken. So steht jeder Staat unter dem Einfluss von privaten Interessensgruppen. Diese können versuchen, staatliche Regulierung zu beeinflussen, um ihre eigene wirtschaftliche Position zu schützen – oft auf Kosten des öffentlichen Interesses. Zum Beispiel kann ein Unternehmen versuchen, höhere Markteintrittshürden zu erwirken, um so die eigene Marktmacht zu stärken.
Gemäss den beiden Ökonomen Raghuram Rajan und Luigi Zingales von der Universität Chicago muss die Gesellschaft darum «den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten». Im gleichnamigen Buch argumentieren sie für angemessene Massnahmen, die freie Märkte schützen und verhindern, dass mächtige Privatinteressen die Märkte in ihrer Funktion behindern.
Um den Wettbewerb zu sichern, müsse zum Beispiel die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen weniger Besitzender eingeschränkt werden. Da Wettbewerb neben Gewinnern auch Verlierer hervorbringe, müssten diese kompensiert werden. Rajan und Zingales machen sich zudem für freien Handel und hohen Wettbewerbsdruck für etablierte Unternehmen stark, um mächtige Privatinteressen unter Kontrolle zu halten.
Weiter müssten die Vorteile des freien Marktes im Bewusstsein der Zivilgesellschaft verankert werden. Nur so könne sich die Öffentlichkeit gegen staatliche Eingriffe in den Markt wehren, wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit nur die Interessen der Mächtigen schützen.
Quellen:
Jahan, S., & Mahmud, A. S. (2015). What is capitalism. International Monetary Fund, 52(2), 44-45. Aus der Serie Back to basics des Magazins Finance&Development des Internationalen Währungsfonds (IWF).
Rajan, R., & Zingales, L. (2003). Saving Capitalism from the Capitalists: Unleashing the Power of Financial Markets to Create Wealth and Spread Opportunity. Crown Publishing Group.