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Einen Namen gemacht hat sich Bettina Böhler zunächst als Cutterin. Neben Christian Petzold, Oscar Roehler und Valeska Grisebach hat sie auch Filme von Christoph Schlingensief geschnitten, dem sie nun diese schöne Hommage in Form eines Montagefilms widmet. Der Film lief dieses Jahr in der Panorama-Sektion der Berlinale, in die Kinos kommen soll er um den 21. August herum – Schlingensiefs Todestag. Mit nur 49 Jahren starb er an seinem Krebsleiden 2010 in Berlin.
Aber was heisst schon Sterben für Schlingensief, der 1960 in Oberhausen geboren wurde? Wie der Filme- und Theatermacher, Performancekünstler und Provokateur es schon zu Anfang von Böhlers Film ankündigt – er werde immer irgendwie da sein, und sei es in Form einer Energie, die dann eben nicht mehr «Christoph Schlingensief» heisst. Währenddessen sieht man ihn beim Malen einer Lebenslinie, welche die vergangenen und zukünftigen, bis ins Jahr 2050 projizierten Entwicklungen dieser schöpferischen Energieform nachzeichnet.
Böhler rekonstruiert Schlingensiefs künstlerischen Output in Form eines Mosaiks, das ausschliesslich aus Archivmaterial besteht. Es gibt Familienaufnahmen und Schlingensiefs erste filmische Gehversuche mit der Super-8-Kamera des Vaters: frühe neodadaistische Kritiken an den Autoritäten, inspiriert von den Protesten der 68er-Bewegung. Es gibt Ausschnitte aus seinen Spielfilmen, Fernsehauftritte und Dokumentationen von Performances und Theaterarbeiten, vor allem an der Berliner Volksbühne sowie in Bayreuth, wo er Wagners «Parsifal» inszenierte – und am Schluss einen Film von einem verwesenden Hasen auf den Vorhang projizierte. Und es gibt Interviews und andere Wortmeldungen, die eine zentrale Rolle in Böhlers Film spielen, weil auf diese Weise Schlingensief selbst zum Kommentator seiner Biografie und seines Werkes werden kann.
Dieser Kommentator versorgt die Zuschauer_innen vor allem mit Anekdoten. Ein WDR-Redaktor kommentiert die Arbeit des jungen Schlingensief mit den Worten: «Eins ist klar: Du wirst niemals einen Menschen lieben können.» Dann sind da die wunderbaren Seitenhiebe auf Wim Wenders. Schlingensief kennt Wenders’ Vater, ruft ihn an und reist eigens nach Venedig, um den Star-Cineasten zu treffen, der ihn der Aufnahmekommission der Münchner Filmhochschule empfehlen soll. Doch Schlingensiefs Werke sind zu extravagant, als dass sich persönliche Kontakte und bildungsbürgerliche Gatekeeper-Privilegien auszahlen würden: Schlingensief wird (zweimal) abgelehnt. Stattdessen wird er Assistent beim Experimentalfilmer Werner Nekes. Bei einer Vorführung von Menu Total auf der Berlinale 1986 verlässt Wenders dann nach wenigen Minuten angewidert den Saal – «und 400 Leute mit ihm». Zu viel gemarterte Körper, zu viel kaputte Psyche da auf der Leinwand
Denn natürlich ist von Wenders’ Himmel über Berlin (1987) und seiner «Verschönerung der Welt durch die Verschönerung ihrer Bilder» nichts weiter entfernt als Schlingensiefs Nazi-Horrorkabinett 100 Jahre Adolf Hitler (1989), in denen Hitler/Udo Kier die Wände des Führerbunkers mit Scheisse beschmiert. Von jeher arbeitet sich Schlingensief, der eine geborene Goebbels in seiner Verwandtschaft hatte, an Deutschland und der Kontinuität seiner Nazi-Vergangenheit ab, wie es im deutschen Nachkriegskino mit einer vergleichbaren Obsession nur Rainer Werner Fassbinder und Hans-Jürgen Syberberg getan hatten. Mit Fassbinder teilt Schlingensief ein Ohr für einen «typisch deutschen» Sprachpathos, mit Syberberg die Faszination für Richard Wagner
«Erinnern heisst Vergessen», lautet ein Leitsatz Schlingensiefs: Zwischen die präzisen Bilder im Gedächtnis schieben sich andere, unscharfe und chaotische. Böhler erweist sich als umso bessere Regisseurin und Cutterin, als dass sie durch ihre souveräne Anordnung der Bilder (und zwischen ihnen) das wilde und chaotische Ausmass von Schlingensiefs Schaffen zutage treten lässt. Dadurch erhellt sein Werk auch unsere Gegenwart. Die zu allen Gewalt- und Mordräuschen bereiten Deutschen, die Neonazis und «Wir sind das Volk»-Rufer aus Das deutsche Kettensägenmassaker (1990) und Terror 2000 (1992) gibt es noch immer. Da stellt sich die Frage, welche künstlerische Energie ihnen heute so entgegentreten kann wie jene, die einmal «Christoph Schlingensief» hiess
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