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Am Ende des Schalters das Licht
von Cedric Weidmann
Ihr gefiel es nicht, wie der Abstand zum Pult immer mehr abnahm, wenn sie nachts daran vorbeistreifte.
Das Problem war, dass sie aufgehört hatte, diese Pillen zu nehmen und seither einen unzähmbaren Durst hatte. Sie konnte einschlafen, aber immer in der Nacht wachte sie mit röchelnder Kehle aus dem Schlaf auf und hustete. Wenn sie aufstand und im Dunkeln zur Türe hinüberging, musste sie zuerst aus dem Bett steigen und dann am Pult vorbei, bis sie bei der Tür und dem Lichtschalter anlangte.
Sie versuchte sich durch die Dunkelheit zu tasten und sie fühlte sich sicher, so lange sie ins Leere griff. Doch in letzter Zeit bemerkte sie, die Türe nicht mehr richtig zu erwischen: Sie fasste an den linken Türrahmen, obwohl der Griff auf der anderen Seite lag.
Sie kannte ihr Zimmer gut genug, um die Hindernisse und Begebenheiten zu kennen. Sie hätte natürlich im Tageslicht einen ziemlich massstabgetreuen Grundriss skizzieren können. Um so mehr beunruhigte es sie, als sie merkte, dass sie die Kurve nicht mehr richtig zog, dass sie nach dem Verlassen des Bettes unangenehm nah am Pult vorbeistreifte, ja, dass sie es bald berühren würde. Zwar war es in der Dunkelheit, aber es war immerhin nur Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die sie ihr Leben lang kannte, in einem Zimmer, das sie seit einigen Jahren bewohnte.
Es gefiel ihr nicht, wie sich die Dinge änderten. Die Pillen hatten damit nichts zu tun, das wusste sie, aber was war es? Wurde sie alt? Wurde sie zu übermütig und unvorsichtig, um den Weg zu meistern?
Sie versenkte ihr Gesicht beschämt in den Händen, wenn sie sich vorstellte, den Lichtschalter im eigenen Zimmer nicht mehr zu erreichen. Das war ihr das bezeichnende Kriterium für eine geistige oder körperliche Behinderung.
Eines Nachts ging sie mit durstiger Kehle durch das Zimmer. Sie tat es langsam und mit kleinen Schritten, sehr langsam und unbeholfen, so dass sie einen Bücherstapel am Boden umwarf. Sie blieb lange so stehen, halb in Panik, halb in tiefer Scham verharrend. Plötzlich machte eine WG-Genossin das Licht in ihrem Zimmer an.
„Was ist los?“, fragte sie irritiert und schläfrig.
Sie blinzelte ins plötzliche Licht und ihr Blick fiel auf das Pult, das ihre Hüfte berührte. Das Pult und die Wand waren bedrohlich nahe gewandert, stellten sich im Licht aber still, als wären sie leblos.
Sie brach in Tränen aus und ging zu ihrer Freundin, um sie zu umarmen.
„Oh“, sagte diese. „Was ist bloss los?“
„Es ist nichts. Es ist nur… Ich bin so alt.“
Die Freundin lachte.
„Was redest du? Alt?“
Sie hörte nicht auf zu weinen, stattdessen schlich sich die Scham in das schwache Krächzen ihrer Stimme. „Ich meine nicht das…. Ich meine… Ich bin so unglaublich altmodisch.“