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Informatik an der ETH Zürich (siehe auch den Text von A. Speiser) []
Institutionelle Entwicklung
1948 wurde an der ETH Zürich das Institut für Angewandte Mathematik eröffnet, Vorsteher wurde Professor Eduard Stiefel. Mit der Z4 des deutschen Ingenieurs Konrad Zuse und später der Eigenentwicklung "Elektronische Rechenmaschine der Eidgenössischen Technischen Hochschule" (ERMETH) stellte das Institut der gesamten ETH Zürich Rechenleistung zur Verfügung.
1964 kaufte die ETH erstmals einen industriell gefertigten Computer des Herstellers Control Data Corporation, den CDC 1604A. Für den Betrieb wurde eine eigene Organisation – das Rechenzentrum – gegründet. Die Computerdienstleistungen begannen sich vom Forschungsbereich des Instituts für Angewandte Mathematik zu trennen.
1968 Zwanzig Jahre nach der Gründung des Instituts für Angewandte Mathematik wurde die Informatikforschung zu einer eigenen organisatorischen Einheit. Die drei Professoren Heinz Rutishauser, Peter Läuchli und Niklaus Wirth gründeten die Fachgruppe für Computerwissenschaften, zu welcher 1970 Carl August Zehnder hinzu stiess. Die Professoren blieben weiterhin in ihren Abteilungen tätig, die Fachgruppe war ein noch informeller Zusammenschluss. Im selben Jahr wurde die Idee einer institutionellen Eigenständigkeit zum ersten Mal ausformuliert. Angeregt durch eine Umfrage des Schweizerischen Wissenschaftsrats in verschiedenen Disziplinen und Forschungszweigen präsentierte die Fachgruppe ihre Version des Fächerkatalogs, indem sie eine eigene Disziplin "Informatik" auswies.
1974 bekam die Fachgruppe einen offiziellen Status an der ETH, indem sie zum Institut für Informatik umbenannt wurde. Nun bildeten die Informatikprofessoren zwar eine Forschungseinheit, ein Curriculum für die Ausbiildung gab es jedoch noch nicht.
Nachdem in den 1970er-Jahren in bestehenden Studiengängen mehr und mehr "Informatik" als Nebenfach angeboten wurde und später noch ein "Informatik-Ausweis" erlangt werden konnte, ergriff man von Seiten der Informatikprofessoren erneut die Initiative für die stärkere Institutionalisierung der Informatik an der ETH. Mit viel Engagement und Überzeugungsarbeit erreichte man die Unterstützung – oder beschwichtigte Oppositionen – der anderen Abteilungen, gelangte über die Schulleitung an den Schulrat (heute ETH-Rat) und erhielt gegen Ende des Jahres 1980 dessen Zustimmung zur Schaffung einer eigenen Abteilung für Informatik.
"Das ist Studienreform im grossen Stil! Das ist echte Evolution neuer Studienrichtungen, gelenkt von innerer Entwicklung tragender Wissenschaften, notwendig, um neue Bedürfnisse der Praxis zu erfüllen, für Studenten wichtig, um ihnen in der Praxis neue Möglichkeiten zur Ausübung von Berufen zu erschliessen." (ETHZ-Präsident Heinrich Ursprung, Einladung für die Presse, 4. Mai 1981.)
Umgehend wurde noch vor Jahresende eine Studienplan entworfen, um schon im darauffolgenden Schuljahr einen Studiengang anbieten zu können. Man wollte "möglichst rasch auf dem Arbeitsmarkt sichtbar auftreten [...] können." Parallel zum Aufbau der neuen Abteilung für Informatik (IIIC) mussten potentielle Studienanfänger der Maturaklassen informiert werden. Trotz enormem Zeitdruck gelang es, im Herbst 1981 mit der Ausbildung der ersten Informatik-Ingenieure zu beginnen. Drei Jahre später erhielten die ersten Abgänger ihr Diplom.
1988 konnte das neue Informatik-Gebäude (IFW) gleichsam als Brennpunkt der Informatik an der ETH Zürich eröffnet werden. Die bestehende Forschungseinheit wurde in vier Institute aufgeteilt: ?Institut für Computersysteme ?Institut für Theoretische Informatik ?Institut für Wissenschaftliches Rechnen ?Institut für Informationssysteme
Gleichzeitig wurde das Departement Informatik eingerichtet, das zunächst die Forschungstätigkeit der vier Institute koordinierte. 1996 erfuhr es mit der Lehreinheit Abteilung IIIC eine Erweiterung zum heutigen Departement Informatik (D-INFK).
[] Fachgruppe für Computerwissenschaften, Institut für Informatik
Aus dem Institut für Angewandte Mathematik gingen Einrichtungen hervor, welche zentrale Bedeutung für die Informatikforschung an der ETH Zürich der darauffolgenden Jahre hatten: Einmal war dies das Rechenzentrum - mehr im Sinn eines Dienstleistungsbetriebs, dann aber auch das Institut für Operations Research und die Fachgruppe für Computerwissenschaften.
Diese Fachgruppe wurde 1968 von den drei Professoren Heinz Rutishauser (Nachfolger: Erwin Engeler), Peter Läuchli und Niklaus Wirth gebildet. Personell erweitert wurde sie durch Carl August Zehnder (1970), Jürg Nievergelt (1975) und Edoardo Anderheggen (1976). Diese Professoren hielten während den 1970er Jahren Vorlesungen für die Abteilung IX (Mathematik) und die Ingenieurabteilungen. In dieser Zeit wurde auch die Bezeichnung der Gruppe dem gängigen Muster angepasst und in "Institut für Informatik" umbenannt. Da aber für die Studierenden noch kein Abschluss in Informatik möglich war und dadurch der Unterricht nur Grundlagen vermittelte, hielt sich der Lehraufwand in Grenzen. Die Professoren konnten sich dadurch ausgiebig auf ihre Forschungsprojekte konzentrieren. Die Situation ohne eigenen Studiengang hatte also auch positive Seiten.
Mit der Gründung der Abteilung für Informatik (IIIC) im Jahr 1981 stieg die Belastung in der Lehre markant an. Im Jahresbericht des Instituts von 1984 wurde festgehalten, dass man "die volle Organisation und einen Grossteil der Unterrichtsbelastung [...] sowie den Grundlagenunterricht in Informatik für die meisten anderen Abteilungen" trage. Der Aufbau des Studiengangs und die Dozentenplanung bildeten eine Hauptaufgabe in den 1980er Jahren.
Aufgrund der stark zunehmenden Studentenzahlen wuchs auch die Zahl der in der Lehre tätigen Personen - von den Assistenten bis zu den Professoren. Um deren Forschungsaktivitäten besser koordinieren und leiten zu können, wurde das Institut auf den 1.1.1986 in sechs Fachgruppen unterteilt:
- Fachgruppe Computersysteme (Gutknecht, Wirth)
- Fachgruppe Informationssysteme (Frei, Ludewig, Zehnder)
- Fachgruppe Integrierte Systeme (Fichtner, Morf)
- Fachgruppe Ingenieur-Anwendungen (Anderheggen)
- Fachgruppe Kommunikationssyteme (Kündig, Plattner)
- Fachgruppe Theorie und Didaktik (Läuchli)
Auf Ende 1988 wurde das Institut für Informatik als Organisationseinheit aufgebrochen und in vier neue Institute gegliedert, über welchen die neue Stufe des Departements zu stehen kam. Zuvor fand im Herbst 1988 aber noch die Jubiläumsveranstaltung zur Gründung der Institute für Angewandte Mathematik (1948) und Informatik (1968) statt, an der neben Niklaus Wirth auch Friedrich L. Bauer und Edsger W. Dijkstra sprachen.
Friedrich L. Bauer, Edsger W. Dijkstra und Niklaus Wirth anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Instituts für Informatik, 19. Oktober 1988. Quelle: Archiv D-INFK. Friedrich L. Bauer, Edsger W. Dijkstra und Niklaus Wirth anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Instituts für Informatik, 19. Oktober 1988. Quelle: Archiv D-INFK.
Abteilung für Informatik IIIC
"Der Abteilungsvorstand gibt die vorläufigen Studentenzahlen der Abteilung IIIC bekannt. Sie sind wider erwarten hoch." (Abteilungskonferenz IIIC, 4.11.1981.)
Durch Beschluss des Bundesrats vom 8. April 1981 wurde die Gründung der neuen Abteilung für Informatik endlich bewilligt. Die Trennung der Informatik von anderen Wissenschaften, die man in den USA schon um die Mitte der 1960er Jahre vollzog, wurde nun in der Schweiz unter höchstem Zeitdruck durchgeführt. Die neue Abteilung wurde in die Nähe der Elektroingenieure (Abteilung für Elektrotechnik IIIB) gerückt und erhielt entsprechend das Kürzel IIIC. Das Gerangel zwischen Mathematikern und Ingenieuren um die Informatik war damit beendet.
Bezüglich Studienplan konnte dabei auf interne Konzepte und Vernehmlassungen zurückgegriffen werden, welche Ende der 1970er Jahre entworfen worden waren. Wichtig war allerdings, Mittelschulabgänger und Berufsberatungen noch rechtzeitig über den neuen Studiengang zu informieren.
Informationstag der Abt. IIIC vom 24. Nov. 1981. Von links: Gunzenhäuser, Zehnder, Grin, Hochstrasser. Quelle: Bildarchiv ETH-Bibliothek, Zürich.
Informationstag der Abt. IIIC vom 24. Nov. 1981. Von links: Gunzenhäuser, Zehnder, Grin, Hochstrasser. Quelle: Bildarchiv ETH-Bibliothek, Zürich. Die neue Abteilung basierte stark auf der Lehrorganisation, welche bereits am Institut für Informatik vorhanden war. Personell bildeten die Institutsangehörigen den Kern der neuen Abteilungsorganisation. Als Vorstand wurde an der ersten Abteilungskonferenz Carl August Zehnder gewählt; Peter Läuchli, Jürg Nievergelt, A. Müller und Niklaus Wirth übernahmen ebenfalls organisatorische oder administrative Aufgaben.
Für das Personal der Abteilung wäre es aber nicht möglich gewesen, sämtliche Lehraufgaben alleine wahrzunehmen. So wurde vor allem für das Grundstudium die Möglichkeit genutzt, mit anderen Abteilungen Lehrveranstaltungen gemeinsam zu organisieren. Zudem wurden die Lehraufträge, welche schon das vormalige Institut für Informatik vergab, übernommen und erweitert.
Nebst kleineren strukturellen Anpassungen zeigte sich in den Semestern nach der Abteilungsgründung, dass die Erweiterung des Professorenkollegiums ein dringendes Bedürfnis war. Diese Notwendigkeit war vor allem auch angesichts der über Erwarten hohen Studentenzahlen bald erwiesen. Statt der während der Planung 1981 angenommenen Neueintritte von jährlich ungefähr 60 Personen begannen bereits im Eröffnungssemester über doppelt soviele das neue Studium. Da sich diese hohen Eintrittszahlen auch in den kommenden Semestern hielten, wurde in die nächste Planungsperiode der ETH der Anspruch auf zwei neue ordentliche Professuren sowie zwei neuen Assistenzprofessuren aufgenommen, die Abteilung konnte sich nach Kandidaten umschauen. Der Personalengpass dauerte aber weiter an, und Forderungen für weitere Professoren- und Assistenzstellen wurden laufend platziert.
Statistik der Studierenden und Neueintretenden, 1981-2004.
Die Abteilung für Informatik IIIC als Lehrorganisation nahm 1996 ihr formelles Ende, sie wurde als Testkandidat für die neue Hochschulorganisation beigezogen und mit dem Departement für Informatik, das für die Koordination der Forschung 1989 eingerichtet wurde, zum Departement Informatik (D-INFK) vereint.
Departement Informatik (D-INFK)
Materialien Organisationsschema, 1993 Organisationsschema, 2004 Institut für Computational Science Institut für Computersysteme Institut für Informationssysteme Institut für Pervasive Computing Institut für Theoretische Informatik Professur für Informationssicherheit Professur für Software Engineering Professur für Informationstechnologie und Ausbildung
1988, zwanzig Jahre nachdem die Fachgruppe für Computerwissenschaften resp. das Institut für Informatik eingerichtet wurde, umfasste es 19 Arbeitsgruppen. Die gemächliche institutionelle Entwicklung in den 1970er Jahren wurde von den turbulenten 1980er Jahren abgelöst, während denen die Lehrleistungen und damit das Personal wesentlich ausgebaut wurden.
Im Zuge einer generellen Reorganisation der ETH Zürich erhielt auch das Institut für Informatik eine neue Struktur. Dessen in den vorangeganenen Jahren stark gewachsenen Aufgaben wurden nun in dem neu gebildeten Departement für Informatik zusammengefasst. Das Institut für Informatik, welches bis dahin alle Forschung in sich vereinte, wurde in vier separate Institute aufgeteilt. Innerhalb dieser formierten sich die einzelnen Forschungsgruppen.
1996 wurden das Departement für Informatik und die Abteilung für Informatik IIIC hinzugezogen, um eine neuerliche ETH-weite Umstrukturierung versuchsweise umzusetzen. Die beiden Organisationen "Departement" (Forschung) und "Abteilung" (Lehre) wurden in eine gemeinsame Institution zusammengefügt, das Departement Informatik (D-INFK). Ziel dieser wiederholten Reorganisation war, den Lehrbetrieb enger mit der Forschungstätigkeit zu verknüpfen.
Zum heutigen Zeitpunkt präsentiert sich das D-INFK mit fünf Instituten sowie drei separaten Professuren: ?Institut für Computational Science ?Institut für Computersysteme ?Institut für Informationssysteme ?Institut für Pervasive Computing ?Institut für Theoretische Informatik ?Professur für Informationssicherheit ?Professur für Software Engineering ?Professur für Informationstechnologie und Ausbildung
Rechenzentrum (RZETH)
Ende der 1950er Jahre stiess die Rechenkapazität der ERMETH an ihre Grenzen. Verschiedene Institute stellten Anträge zum Kauf eigener Computer, so etwa die Elektrotechniker und Betriebswissenschaftler sowie der Lehrstuhl für Regelung und Dampfanlagen. Der Schulrat besprach diese Anträge im Mai 1959 und kam zum Schluss, dass die Anschaffung von Computern zentral koordiniert werden sollte:
"Doppelspurigkeiten und anderweitig ungerechtfertigte Anschaffungen sind unbedingt zu vermeiden." (ETH-Schulrat, Protokoll vom 2.5.1959, S. 223-225.)
Eine Kommission wurde gebildet, um den Bedarf und die Einsatzmöglichkeiten von programmierbaren Rechenmaschinen an der ETH zu prüfen.
1964 wurde die ERMETH dann durch einen neuen Computer ersetzt. Wiederum sollte eine zentrale Anlage Rechenaufgaben für mehrere ETH-Institute übernehmen, von einer Anschaffung kleinerer Rechner für einzelne Institute wurde abgesehen. Damit endete auch eine erste Phase der eigenen Rechnerkonstruktion. Der Eigenbau eines Computers war nicht mehr praktikabel, zehn Jahre nach dem Bau der ERMETH waren verschiedene Computersysteme kommerziell erhältlich. Die ETH entschied sich für einen CDC 1604A, der mit FORTRAN, ALGOL, COBOL und einer symbolischen Assemblersprache programmiert werden konnte. Erst zehn Jahre später sollte an der ETH Zürich wieder eigene Computer-Hardware entwickelt werden.
Mit der Anschaffung eines neuen Grossrechners kam auch eine Neuorganisation des Betriebs einher. Das Institut für Angewandte Mathematik wurde von Aufgabe befreit, die Anlage und deren Benutzer zu betreuen. Dafür wurde das Rechenzentrum RZETH gebildet mit Alfred Schai als erstem Leiter. 1970 bezog das RZETH den Neubau an der Clausiusstrasse und nahm gleichzeitig ein neues Computersystem in Betrieb, bestehend aus CDC-Rechnern der Modelle 6400 und 6500.
Einbau der CDC-6600 Anlage an der Clausiusstrasse, 1970. Quelle: Bildarchiv ETH-Bibliothek, Zürich. Quelle: Bildarchiv ETH-Bibliothek, Zürich.
Neben den zentralisierten Diensten des Rechenzentrums setzten aber immer mehr Institute eigene kleine Computer ein. Für den Unterhalt mussten zunehmend dezentrale Informatik-Dienstleistungen aufgebaut werden, wie überhaupt der Betreuungsaufwand kontinuierlich anstieg.
Die Trennung des Rechenzentrums von der Informatikforschung ist durchaus verständlich wenn man bedenkt, dass die von den Informatikern benötigte Rechenleistung im Vergleich mit anderen Forschungsrichtungen minim war. Ihr Anteil betrug zu Beginn der 1980er Jahre nicht einmal mehr ein Prozent. Zudem bewegte sich die Forschungstätigkeit weg von der Konstruktion grosser Rechensysteme hin zu Aspekten der Programmierung und Anwendung, welche vergleichsweise wenig Rechenleistung, aber umso mehr Interaktivität erforderten.
Einbau des Hochleistungsrechners Cray X-MP/28, 1988. Quelle: Bildarchiv ETH-Bibliothek, Zürich.
Das Rechenzentrum wurde über die Jahre immer wieder mit neuen Geräten bestückt, wobei die Wahl des geeigneten Rechners intensive Kommissionsarbeit bedeutete. Man blieb aber der CDC bis in die 1980er-Jahren treu und ergänzte die Anlage mit Rechnern von HP und IBM. Erst 1988, als die gesamtschweizerische Anschaffung eines Hochleistungsrechners im ersten Anlauf scheiterte, kam mit dem Cray X-MP/28 eine gänzlich neue Konstruktion an die ETH, die übrigens heute noch im Untergeschoss des Informatik-Gebäudes zu sehen ist.