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Bild: Van Gogh's Totenkopf mit Zigarette. / PD
Schwungvoll ist einzig die Zeitung, die er durch das Fenster auf der Strasse liegen sieht und die vorbeifahrenden Autos hochwirbeln und einige Meter fliegen lassen.
Die richtigen Worte findet er nicht. Genaugenommen findet er überhaupt keine Worte. Ein Brief... Den Brief hatte er übrigens auch seiner Freunde wegen nicht geschrieben.
Eine solche Sache müsse man von Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge sozusagen, erledigen. Glücklicherweise hatten sie nicht von Zähnen gesprochen.Auch sein Vater, so erinnert er sich jetzt, hatte jeweils gesagt: "Junge, sie den Dingen ins Auge und lauf nicht davon. "Das Telefon fiel als Möglichkeit daher ebenfalls weg. Ausserdem mag er Telefongespräche sowieso nicht besonders gerne - wegen der Stillen, wenn gerade niemand etwas zu sagen weiss.
Plötzlich kommen ihm die einleitenden Worte eines Freundes in den Sinn, als sie ein Problem zu diskutieren hatten. Gute Worte waren es gewesen, richtige Problem-Diskussions-Anfangsworte. Er setzt zu Sprechen an, hebt den Blick und begegnet unerwarteterweise im selben Augenblick demjenigen seines Gesprächspartners, der das üblicherweise ein Gespräch beginnende Aufschnaufen gehört und den Kopf ebenfalls gehoben hatte; Er wendet den Blick schnell ab und sieht die überschlagenen Beine.
Es sind nicht zu ihm hin überschlagene Beine, sondern von ihm weg überschlagene Beine. Blitzschnell vergegenwärtigt sich ihm ein Vortrag über Körpersprache, den er auf Anraten eines guten Kollegen besucht hatte, und die immer noch vorhandene Sprechabsicht verschwindet, - wie die Zeitung einige Momente vorher vom Windstoss eines Autos -, wegen des Wissens um die Bedeutung der Körpersprache. Leute, die die Beine von einem weg überschlagen, sind nicht bereit für das, was man ihnen sagen will.
Sie blocken ein offenes,klärendes Gespräch von vornherein ab. Sogar das Bild, das zur Situation gezeigt wurde, hat er noch vor Augen: Es war eine junge Frau, die sich nicht mit einem anderen Kunden des Strassencafés unterhalten wollte.
Sie sassen an einem runden Tisch, wie gerade er jetzt auch, und zwar nicht sich gegenüber sondern, wenn man den Tisch in vier Plätze aufteilt, wie zwei, die unmittelbar nebeneinander sitzen. So konnte man sehr gut das Ablehnen signalisierende Beinübereinanderschlagen ersichtlich machen. Zudem hatte sie sich leicht abgedreht und - schnell entschränkte er seine Arme und legte sie möglichst locker auf die Lehnen seines Stuhles.
Wie lange sitzen sie nun schon da? Er wagt nicht auf seine Uhr zu schauen. Zum einen, weil er befürchtet, ein Blick auf die Uhr könnte provozierend wirken, zum anderen, weil er von der Länge der Zeitspanne eingeschüchtert werden könnte. Bei einem Gespräch, wie er es nun zu führen hätte, wäre ein anfängliches Schweigen durchaus angebracht gewesen. Es wäre eine notwendige Stille gewesen, um die Gedanken zu ordnen; einige Minuten hätte sie dauern können.
Wie lange? Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde? Wann driftet die gedankenordnende, angenehme Stille in ein hilfloses, unangenehmes Schweigen über? Ist sie längst abgedriftet?
Das Fatale ist, dass vom letzteren Zustand nicht mehr in den anfänglichen zurückgewechselt werden kann. Und wenn er ein solches Schweigen unterbräche, müsste es immer ein zwanghafter Versuch bleiben, eben dieses Schweigen zu brechen. Das Resultat wäre absehbar.
Da er nun den Zusammenhang zwischen Sprechen, Stille und Schweigen durchschaut hat, kann er natürlich nichts mehr sagen. Er kann nicht mehr selbst bestimmen, sondern muss sich der Situation, die bestimmt hat, beugen.
Er hätte einen Brief schreiben sollen. Zum Glück sassen sie sich nicht vis-a-vis.