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Vom Beinahe-Aufstieg in die Championship zum Abstieg aus der Football League in nur drei Jahren – Leyton Orient ist tief gefallen. Eine Geschichte von Trainerwechseln, Reality Shows, Auslieferungsbegehren und einem Spielabbruch, der keiner war.
Am 25. Mai 2014, machten sich die Fans von Leyton Orient auf den kurzen Weg von ihrem Matchroom Stadium an der Brisbane Road im Osten Londons zum Wembley Stadion im Westen der Stadt. Das Finale in den Aufstiegsplayoffs der drittklassigen League One stand an. Gegen Rotherham lag Orient zur Pause 2:0 in Führung und stand kurz vor dem Sprung in die Championship, die letzte Stufe vor der Premier League. In der zweiten Halbzeit gab Leyton den Vorsprung jedoch preis und verlor schliesslich im Elfmeterschiessen.
Am 22. April dieses Jahres, fast genau drei Jahre später, waren die Fans wiederum am Boden zerstört. Dieses Mal jedoch sollte die Enttäuschung schwerer wiegen. Die «Os», bereits 2015 aus der League One in die League Two abgestiegen, verloren am 44. Spieltag gegen Crewe Alexandra mit 0:3. Der nächste Abstieg war besiegelt. Nach 112 Jahren gehört Orient nicht mehr zur Football League.
Drei Jahre, zwei Abstiege, ein Eigentümer
Der tiefe Fall von Orient ist eng verknüpft mit einer Person: Francesco Becchetti . Er übernahm den Club nach jenem verlorenen Playoff-Final von Barry Hearn für kolportierte vier Millionen Pfund. In der ersten Saison als Eigentümer musste der Italiener gleich den ersten Abstieg hinnehmen. Nun den zweiten, folgenschwereren. Der Leistungsausweis Becchettis ist jedoch auch abseits der Ligazugehörigkeit seines Teams bemerkenswert, im negativen Sinn.
Die Medien kommen kaum nach, die seltsamen Vorgänge im Club seit Becchettis Antritt zu beschreiben. Die BBC versuchte sich im Januar in einer Zusammenstellung. In der Liste zu finden ist beispielsweise eine Reality Show, mit der Becchetti einen Platz in Orients Team vergeben wollte. Der produzierende, albanische Sender Agon TV war später auch Teil einer Auseinandersetzung sein, die Becchetti und seiner Mutter eine Anklage in Albanien einbrachte, welche wiederum gar zu einem Auslieferungsbegehren an England führte.
Trainerkarussell läuft auf Hochtouren
Noch schwieriger für die Medien ist es aber, auf dem aktuellen Stand zu bleiben, wer aktuell bei den «Os» an der Seitenlinie steht. Die Trainerliste seit dem Antritt des italienischen Präsidenten ist eindrücklich.
Mit zunehmender Dauer der Präsidentschaft Becchettis wurde im Osten Londons befürchtet, dass das kein gutes Ende nehmen würde. Bereits im November letzten Jahres traten die Fans deshalb in Aktion. Zusammen mit den Fans von Blackpool protestierten sie gegen den Eigentümer und verlangten ihren Club zurück. Bei Becchetti kam das schlecht an. Seit jenem Tag soll er nie mehr live vor Ort gewesen sein. Was, so der Club, mitverantwortlich für die schlechte Leistung des Teams gewesen sei. «Mr Becchetti has a great charisma and the players definitely feel his absence», liess der Verein verlauten.
Fünf Millionen Pfund Schulden
Unbegründet waren die Sorgen der Fans indes nicht. Vom Abstieg aus der Football League bedroht, kamen nun auch finanzielle Schwierigkeiten ans Licht. Im Sommer 2015 soll der Klub über fünf Millionen Pfund Schulden gehabt haben. Zum Verhängnis werden könnte indes ein Betrag, der im Vergleich fast schon lächerlich wirkt. Wegen einer kolportierten Viertelmillion Pfund musste der Verein im März gegen eine sogenannte «Winding up Order» ankämpfen, die den Club in die Liquidation hätte stossen können. Soweit kam es vorerst nicht. Bis zum 12. Juni hat Becchetti Zeit, um die Schulden zu begleichen oder einen Käufer zu finden.
Dass er einem Verkauf nicht grundsätzlich abgeneigt ist, hat Becchetti bereits im Januar verlauten lassen. Sollte es dereinst wirklich so weit kommen, könnte der «Regeneration Fund» des Leyton Orient Fans’ Trust (LOFT) dazu führen, dass zumindest Teile des Clubs in die Hände der Fans übergehen. Aber auch in Fankreisen ist man sich bewusst, dass der Konkurs vielleicht nicht mehr verhindert werden kann. Im Spendenaufruf ist bereits die Rede davon, einen allfälligen «Phoenix Club» – so werden in England Nachfolgevereine wie beispielsweise er AFC Wimbledon genannt – zu unterstützen, sollte es nötig werden.
Unzufriedenheit mit der Liga führt zu Platzsturm
Auch wenn die Fans in Becchetti den Schuldigen ausgemacht haben, sind sie auch mit der English Football League (EFL) nicht zufrieden. Die Verantwortlichen hätten sie im Stich gelassen, wird moniert. Deshalb sollte am letzten Heimspiel der Saison ein Zeichen gesetzt werden. Wenige Minuten vor Schluss stürmten die Fans das Feld.
„Orient is ours! Fuck off Bechetti! Orient is ours!“ pic.twitter.com/Gy0KF3hD0j
— Iain Macintosh (@iainmacintosh) 29. April 2017
Gemäss Dave Fawbert, der den Ablauf für «ShortList» zusammengefasst hat, war die Situation zu jeder Zeit friedlich: «There was no malice, just frustration that we had been left to rot by the authorities.» Irgendwann gaben die Verantwortliche nach und erklärten das Spiel für abgebrochen. Die Fans fühlten sich als Sieger und verliessen den Platz. Doch dann:
The corner flags are going back in! The referee has tricked everyone! pic.twitter.com/G9SIwTmbGY
— Iain Macintosh (@iainmacintosh) 29. April 2017
Das Spiel ging weiter, wenn auch ziemlich ereignisarm:
This game is rubbish. I could be in the pub by now. pic.twitter.com/yfv3jah5Kj
— Iain Macintosh (@iainmacintosh) 29. April 2017
Die EFL erklärte sich per Mitteilung und konnte kein Problem erkennen:
— EFL (@EFL) 29. April 2017
Andere eher:
Good luck getting fans to leave the pitch if they choose to occupy it in the future now @efl.
— Tom Reed (@tomreedwriting) 29. April 2017
«Merry dance» für Leyton Orient
Am Schicksal des Clubs änderte das alles freilich nichts mehr. Nach 112 Jahren in der Football League spielt Leyton Orient nächstes Jahr in der fünftklassigen National League. In einem Blogpost beim Guardian brachte Tom Davies die Geschichte der «Os» unter Becchetti schon vor dem definitiven Abstieg ziemlich prägnant auf den Punkt: «London’s second-oldest professional club are being led a merry dance by Francesco Becchetti, who in 30 months has steered Orient from the verge of the Championship to the brink of non-league football». Tragischerweise ist es eben auch «the brink of existence».