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Ronja Fankhauser (20) hat mit «Tagebuchtage Tagebuchnächte» ihre Maturaarbeit über das schmerzhafte Erwachsenwerden von Teenagern geschrieben. Die Anklage gegen Kapitalismus und fehlende Freiräume gibt es nun als Buch.
Ob der Roman «Ronja Räubertochter» die Eltern bei der Namensgebung beeinflusst habe, beantwortet Ronja Fankhauser mit: «Ja, das stimmt». Blond und gepierct ist mein Gegenüber. «Wenn Sie ein Porträt über mich schreiben, wäre es mir wichtig, dass Sie keine Pronomen für mich verwenden. Also kein ‹sie›, ‹ihre› und bei Begriffen wie Autorin das Sternchen, da ich mich nicht per se als ‹Frau› identifiziere», informiert mich ein Mail vor unserem Treffen.
Ja, richtig gelesen. Den Begriff «Frau» setzt Ronja Fankhauser in Anführungszeichen. Er ist für die Autor*in ein reines Konstrukt. Keine Räubertochter also. Vielmehr wurde Ronja Fankhauser als Kind von Landwirten geboren, «weiblich sozialisiert», um schliesslich auszuziehen und den vorgefertigten Systemen dieser Welt das Fürchten zu lehren. «Geschlecht schränkt uns alle ein.» Wenn Männer und Frauen gleichbehandelt würden, bräuchte es keinen Feminismus, glaubt Ronja Fankhauser. Das würde sich dann alles irgendwie auflösen.
«Ronja wird als weiblich interpretiert, aber ich passe nicht in dieses Konstrukt hinein.» Menschen wie Ronja Fankhauser bezeichnen sich als non-binär und beziehen sich dabei auf die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Geschlecht auf biologischer Ebene ein Spektrum und kein binäres System ist.
Achtung: Triggerwarnung
Ronja Fankhauser hat das Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee besucht und im Internat gewohnt. «Für meine Maturaarbeit wählte ich einen subjektiven Ansatz und schrieb eine sogenannte Autoethnografie», erklärt die 20-jährige Person. Es handelt sich dabei um einen Forschungsansatz, der sich darum bemüht, persönliche Erfahrung (auto) zu beschreiben und systematisch zu analysieren (grafie) mit dem Ziel, kulturelle Erfahrung (ethno) zu verstehen. Ronja Fankhauser analysierte Tagebücher, ihr eigenes und rund zwanzig von Bekannten, mit denen die Autor*in auch Gespräche führte. Das Buch ist eine Anklage geworden gegen die Erwachsenen, die Jugendliche oftmals mit abgedroschenen Phrasen trösten («Es ist nur eine Phase») und gegen den Kapitalismus, der Teenager angeblich in vorgefertigte Rollen drängt. Auf den ersten Seiten stösst man auf eine Triggerwarnung. Gewarnt wird vor dem Kapitel «Rasierklingen», in dem Ronja Fankhauser über Selbstverletzung schreibt. Getriggert werden könnten Betroffene durch Zeichnungen und eine Fotografie, die Schnitte und Blut zeigen.
Anorexie und Depressionen
«Warum syt dir so truurig?», fragte Mani Matter in einem seiner Lieder. Das fragt man sich bei der Lektüre von Ronja Fankhausers Buch auch. Körperfixiertheit, Anorexie, Depressionen – die als «Generation Z» bezeichnete Jungend scheint alles andere als unbeschwert erwachsen zu werden. Ein Gejammer von Wohlstandsverwöhnten, könnte man einwenden. Ronja Fankhauser sagt ganz klar: «Ich bin privilegiert.» Aber auch: «Ich fühle mich nicht wohl. Nur weil ich Sachen habe, die andere nicht haben und in einem Wirtschaftssystem lebe, das ausbeutet.»
Die «Generation Z» habe viele Krisen erlebt und sei geprägt von der Digitalisierung sowie der Klima-Krise. «Je länger, desto mehr lassen sich die Leute nicht mehr vom Kapitalismus blenden», so Ronja Fankhauser.
Nach 1968 klingen die Alternativen der Autor*in. «Ohne Geld, dezentral, ohne Staat und ohne Machtmonopol», stellt Fankhauser sich eine neue Welt vor. «Ich würde mich als Anarchist*in bezeichnen.» Doch der Begriff ist stark vorbelastet. «Er meint für mich nicht, dass es keine Regeln mehr gibt.» Ronja Fankhauser fühlt sich von den eigenen Eltern gut akzeptiert und findet, dass man voneinander lerne. «Ich interessiere mich für Landwirtschaft und könnte mir vorstellen, selbstversorgend zu leben.» Ob es glücklich mache, zu schreiben, beantwortet Ronja Fankhauser nach langem Zögern: «Glücklich ist ein grosses Wort. Es hilft mir, mich auszudrücken und mich mitzuteilen.»
Helen Lagger