Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/1421

In Krisen- und insbesondere in Kriegszeiten kann es zu Geldmangel kommen. Beholfen haben sich die betroffen Staaten, Städte oder Gemeinden oft mit Notgeld, welches als alternatives Zahlungsmittel zum Einsatz kam. Allerdings war das – so viel vorab – in der Schweiz nie der Fall.
Die ältesten Formen alternativer Währungen, die zur Zahlung verwendet wurden, gehen in der Geschichte weit zurück – wenn etwa Städte aufgrund einer militärischen Belagerung die Geldversorgung nicht mehr sicherstellen konnten.
Der Begriff des Notgelds wurde jedoch vor allem im und nach dem Ersten Weltkrieg zum geflügelten Wort. In unseren Nachbarländern wurden damals inländische, ausländische oder ältere Währungen verwendet, um Zahlungen tätigen zu können – in Münzen- oder Notenform, aber auch schon in Form von Pappe, Leder, Kohle, Leinen oder Seide.
Letztere Materialien hatten speziell in Deutschland während des Ersten Weltkriegs Hochkonjunktur. Metallknappheit und Hyperinflation sorgten dafür, dass Alternativen zum Münz- und Notengeld gefunden werden mussten.
Nachdem man im Deutschen Reich zu Beginn des Krieges 1914 noch an einen schnellen Sieg geglaubt hatte, verflogen die Hoffnungen zunehmend. Um im immer länger andauernden Konflikt die Rechnungen für das nötige Kriegsmaterial zu bezahlen, druckte die Regierung immer mehr Geld.
Durch seine Vermehrung verlor das Geld an Wert – es kam zur Inflation und plötzlich war das in Münzen verwendete Material, das auch in der Rüstungsindustrie begehrt war, mehr wert als seine Prägung verlautete. Die Leute begannen deswegen ihr Kleingeld zu horten. Aufgrund der zunehmenden Knappheit begannen Kommunen, wie die Reichsbank, Geld selbst zu drucken.
Die so entstehenden alternativen Notenscheine gewannen mit der Zeit an Sammlerwert. Die Scheine zeigten eine grosse kreative Vielfalt, wie etwa eine Ausstellung des British Museum in London 2019 zeigte.
So warnte zum Beispiel Bielefeld – eine Textilstadt – 1922 auf einer Seidenote vor Inflation und moralischem Verfall, die Stadt Köln fabulierte auf ihrer Ersatzwährung von einem Pakt zwischen dem Teufel und dem Erbauer des Doms, andere Regionen warben mit Hexen für beschwingte Ferien (der Hartz), für die Skifahrt (Thüringen) oder den Strand (Wangerooge).
Die auffallende und möglichst einzigartige Ästhetik war dabei kein Zufall – sondern hatte durchaus ihre Gründe. "Das Papiergeld müsste ferner ein geschmackvolles, künstlerisches Gepräge erhalten", empfahl nämlich zum Beispiel 1917 die Druckerei Flemming der Stadtregierung der Stadt Goslar.
Denn je attraktiver das Notgeld, «desto mehr geht es zu Gunsten der Gemeinde und Kasse in Sammlerhände über». Dieser Plan ging durchaus auf: Sammler trafen sich zu Notgeld-Ausstellungen, Zeitschriften wurden gegründet, Fachgeschäfte eröffnet.
Von Erfolg gekrönt war das Notgeld in Deutschland jedoch trotzdem nicht. Besonders im Chaos nach Kriegsende nahm der Nominalwert der Notgeld-Scheine immer schneller zu. 1922 verbot die Reichsbank die Neuausgabe von Notgeld gesetzlich – um nur einige Wochen später selbst wieder Geld drucken zu müssen, weil die Entwertung der offiziellen Währung derart schnell fortschritt.
Im April 1923 kostete zum Beispiel ein Dollar schon 20’000 Mark – im August desselben Jahres schon eine Million. Dem Notgeld den Garaus machte dann die Einführung der Rentenmark im Oktober 1923 – nun bestand wieder eine Währung mit stabilem Wert. Und die Hoffnungen der Sammler, mit ihren Scheinen allenfalls mal reich zu werden, verflog.