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Baron Paul Scriven hat einen spannenden Werdegang: Geboren als Sohn eines Müllmanns im nordenglischen Huddersfield, arbeitete er sich im maroden britischen Gesundheitswesen zum Krankenhausmanager hoch und machte politisch Karriere bei den Liberaldemokraten. 2014 auf Lebenszeit geadelt, gehört er nun als Baron dem Oberhaus an.
Der 57-Jährige möchte nicht nur das eigene Haus – das «House of Lords» – in seiner hergebrachten Form abschaffen und durch eine verschlankte gewählte zweite Parlamentskammer ersetzen, er möchte in einer Art Bildersturm auch die anglikanische Staatskirche abschaffen, also eine Trennung der Kirche vom Staat.
Bei der Parlamentseröffnung in der vergangenen Woche wurde das von Baron Scriven vorgeschlagene Projekt für eine künftige Abstimmung ausgewählt. Und die «National Secular Society» begrüsst den Gesetzentwurf, der die «Church of England» offiziell vom britischen Staat trennen würde. Die Organisation setzt sich schon seit ihrer Gründung 1866 für dieses Ziel ein.
Lord Scriven selbst nennt die Auflösung der historischen Bande laut britischen Medien «längst überfällig»; die privilegierte Stellung der Kirche als Staatsreligion des Vereinigten Königreichs sei archaisch und inakzeptabel. «Wir müssen Grossbritannien so widerspiegeln, wie es heute ist, und nicht so, wie es im 16. Jahrhundert war.»
Im Mai erst legte König Charles III. bei seiner Krönungszeremonie in der Westminster Abbey vor dem Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, jenen Eid ab, der ihn auch zum «Verteidiger des Glaubens und Obersten Gouverneur der Kirche von England» machte. Der König ist qua Eid auch weltliches Oberhaupt der Staatskirche; Nicht-Anglikaner sind von der Thronfolge ausgeschlossen.
Eine spitze Feder bemerkte zuletzt, England sei neben dem Iran der einzige souveräne Staat, der Sitze seiner Legislative für religiöse Geistliche reserviert. Tatsächlich erhalten 26 Bischöfe der «Church of England» von Rechts wegen Sitz im Oberhaus. Sie sind damit – als einzige Religionsvertreter – auch weltliche Gesetzgeber.
Das «House of Lords» war einst mächtiger als das «House of Commons», das Unterhaus. Seit dem 19. Jahrhundert haben seine Befugnisse aber immer weiter abgenommen; eine Art Sozialdemokratisierung der ältesten Demokratie der Welt. Heute hat das «Oberhaus» vor allem jene Gesetze zu überprüfen und zu kommentieren, die das Unterhaus erlassen hat.
Immerhin: Es kann auch Änderungen oder gar neue Gesetze vorschlagen –- so wie jetzt den Entwurf zur Trennung von Staat und Kirche. Das Hauptargument für diese legislative Kompetenz: Aufgrund der Ernennung der derzeit rund 750 «Lords» auf Lebenszeit spielten weniger tages- oder parteipolitische Überlegungen eine Rolle. Das Oberhaus bringe so mehr Weitsicht statt eingebauter Regierungsmehrheit ein.
Lord Scriven sagte zur Begründung seiner Initiative, in einem modernen und pluralistischen England dürfe keine religiöse Organisation so privilegiert sein, dass sie an den Hebeln der Staatsgeschäfte agieren könne. Die «Church of England» dürfe nur noch eine religiöse Institution unter anderen sein.
Die Zahlen sprechen durchaus für diese Auffassung. Laut der Volkszählung 2021 gibt es in England und Wales keine christliche Mehrheitsbevölkerung mehr. Der Anteil der Anglikaner an der britischen Bevölkerung ist seit den 80er-Jahren von 40 Prozent auf deutlich unter 20 Prozent gesunken. Der regelmässige Besuch der Sonntagsgottesdienste ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelrecht implodiert. Und der demografische Wandel führt zu mehr Glaubensvielfalt; der Anteil von Muslimen, Hindus und Sikhs nimmt rasch zu.
Baron Scriven freut sich nach eigenen Worten schon darauf, seinen Gesetzentwurf zu präsentieren. Ob das Projekt Aussichten auf Erfolg hat? Die Regierungsmehrheit im Unterhaus halten derzeit noch die zuletzt gebeutelten Konservativen unter ihrem Vorsitzenden und Premierminister Rishi Sunak – dem ersten Hindu an der Regierungsspitze. Fest steht freilich, dass nach dem Tod von Queen Elizabeth II., die die britische Monarchie für sieben Jahrzehnte verkörperte, nun Reformen denkbar werden, über die zuvor kaum mehr als hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wurde.