Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03467.jsonl.gz/1036

Ein ernüchterndes Fazit der Schulschließungen in den Niederlanden während der Coronakrise haben drei Sozial- und Bildungswissenschaftler an der Universität Oxford gezogen. Trotz des Onlineunterrichts hätten die Schülerinnen und Schüler “wenig bis nichts” gelernt, heißt es in einer neuen Studie des Leverhulme Centre for Demographic Science.
Grösstenteils ineffektiv
Die Ergebnisse zeigten, “dass Onlineunterricht während des Lockdowns größtenteils ineffektiv war, selbst in einem Land, das für die Herausforderungen von Onlineunterricht gut gerüstet ist”, schreiben die Autorinnen und Autoren. Dabei sei die Situation im niederländischen Bildungssystem deutlich besser als in vielen anderen Staaten und daher eigentlich ein “Best Case”-Szenario: Die Niederlande hätten eine der weltweit höchsten Internetzugangsraten, es gab im Frühjahr nur einen relativ kurzen Lockdown von acht Wochen, außerdem sei die erste Welle der Pandemie im Land relativ mild verlaufen.
Bei den Kindern und Jugendlichen lag der Lernfortschritt durchschnittlich 20 Prozent unter dem erwarteten Wert.
“Trotz dieser guten Voraussetzungen gingen die Fortschritte der Schüler erheblich zurück, was auf noch größere Verluste in Ländern hindeutet, die weniger gut auf die Herausforderungen von Onlineunterricht vorbereitet sind”, heißt es in der Auswertung. Die wichtigsten Ergebnisse:
• Bei den Kindern und Jugendlichen lag der Lernfortschritt durchschnittlich 20 Prozent unter dem erwarteten Wert – das entsprach der Zeit, in der die Schulen keinen Präsenzunterricht anbieten konnten. “Mit anderen Worten haben die Schüler beim Lernen von zu Hause aus kaum oder gar keine Fortschritte gemacht”, sagt Co Autor Per Engzell.
• Soziale und ökonomische Faktoren wirken sich verschärfend aus: “Für Kinder aus
benachteiligten Verhältnissen waren die Auswirkungen noch verheerender”, so die Forscher.
Hatten die Eltern keine Hochschulausbildung, war der Verlust an Wissen um bis zu 50
Prozent stärker als bei Kindern aus Akademikerfamilien.
Die Forscher hatten für die Studie die Testergebnisse von rund 350.000 niederländischen Schülerinnen und Schülern im Alter von sieben bis elf Jahren genutzt. Zweimal pro Jahr gibt es in den Niederlanden zentrale Leistungstests; die Erhebungen fanden im Januar/Februar und im Mai/Juni 2020 statt. Die aktuellen Daten von vor und nach den Schulschließungen wurden außerdem mit Ergebnissen früherer Schülerjahrgänge verglichen.
“Besonders besorgniserregend”
“Die Ergebnisse der Studie sind besonders besorgniserregend, da die Niederlande so viele Dinge richtig gemacht haben”, sagt Mitautor Arun Frey: Lehrer und Schulbeamte hätten “enorme Anstrengungen unternommen und die Regierung hat sogar Laptops für alle Kinder gekauft, die einen benötigen”. Trotzdem bestätigten die Ergebnisse des Onlineunterrichts “viele der schlimmsten Befürchtungen, die Pädagogen anfangs des ersten Lockdowns hatten”.
Der Spiegel 12.1.21