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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XVIII. Rede
36.
Der Mann des Geistes wußte genau, was des Geistes war. Daher hielt er es für notwendig, sich vor niedriger Gesinnung zu hüten und nicht aus Parteigründen und aus Voreingenommenheit zu kämpfen, und erachtete es als Pflicht, mehr Gott als Menschen zu gefallen und nur auf den Nutzen der Kirche und das gemeinsame Wohl bedacht zu sein. In solchem Geiste schrieb und mahnte er und einigte er Volk und Priester, die Laien und die Diener des Altares, gab er Zeugnis, wählte er, ordinierte er, mochte er auch noch abwesend sein, und bevollmächtigte er greise Männer, über Fremde zu verfügen, wie wenn sie Angehörige wären. Da sich nun die Wahl an die Canones zu halten hatte, schleppte er sich schließlich, weil zur (feierlichen) Verkündigung noch ein Bischof fehlte, aus dem Bette und eilte, obwohl von Alter und Krankheit aufgerieben, wie ein junger Mann zur Stadt; eigentlich, er ließ seinen sterbenden, nur noch schwer atmenden Leib dorthin tragen in der Überzeugung, daß sein Eifer ihm trotz allem zur sanften Grabesruhe gereichen werde. Auch hier geschah ein Wunder, dem wir den Glauben nicht versagen können. Die Mühe stählte ihn, die Sorge gab ihm Jugendkraft: er nahm die Sache in die Hand, stellte seinen Mann und führte die Inthronisation durch. Auf dem Heimwege glich sein Wagen nicht mehr einem Sarge, sondern einer Arche Gottes. Seine Güte, die ich oben rühmend erwähnt hatte, zeigte sich hier in besonders schönem Lichte. Obwohl nämlich seine Kollegen über ihre schändliche Niederlage und über die tatsächliche Macht des greisen Vaters sich ärgerten und deshalb über ihn ungehalten waren und ihm zürnten, gelang es ihm durch seine Geduld, über sie Herr zu werden, da er vor allem seine Würde zum Kampfgenossen machte und nicht diejenigen schmähte, von denen er geschmäht wurde. Wäre es etwa [S. 385] charaktervoll gewesen, wenn er zuerst durch sein Auftreten gesiegt hätte, dann aber sich hätte von seiner Zunge besiegen lassen? Mit Hilfe der Zeit brachte er sie durch seine Güte so weit, daß sie, statt sich über ihn aufzuregen, ihn bewunderten, ihn in Schutz nahmen, vor ihm niederfielen, sich ihres früheren Verhaltens schämten, und statt ihn zu hassen, ihn als Patriarchen, Gesetzgeber und Richter verehrten.