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Zumindest so beschreibt es Platon in seinem Höhlengleichnis, mit dem er das siebte Buch der Politeia eröffnet. Von Geburt an entlang einer Mauer angekettet, verbringen die Menschen ihr Leben in dieser unterirdischen Höhle. Sie können nur geradeaus an die Wand vor ihnen blicken, sie sehen weder ihre Nachbarn noch sich selbst. An die Wand werden allerlei Gegenstände, die sich hinten, oberhalb der Mauer befinden und die von einem Feuer erleuchtet sind, als Schatten projiziert. Die Stimmen der Träger dieser Gegenstände werden fälschlicherweise den Objekten selber zugeschrieben, was die Illusion ihrer Lebhaftigkeit noch verstärkt. Erst als einer der Gefangenen gegen seinen Willen befreit wird, das Schattenspiel durchschaut und die Welt draussen kennenlernt, begreift er, dass die Schatten nur in Abhängigkeit von anderen Objekten existieren.1 Nach und nach lernt er andere Gegenstände und ihre Spiegelungen zu sehen, bis er schliesslich bereit ist in die Sonne, die als Quelle von allem gilt, zu schauen. Erst der Vergleich zwischen zwei Welten öffnet unserem Gefangenen die Augen; durch das Eine begreift er das Andere.
Eine ähnliche Situation finden wir auch im Film The Matrix (1999): Neo, der Protagonist, spürt, dass mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist, er weiss jedoch nicht, was es ist. Morpheus, der Anführer der befreiten Menschen, erklärt Neo, dass die Menschheit in einer Matrix lebt.2 Die Matrix ist eine von Computern (da K. I.) erschaffene Scheinwelt, die Menschen für ihre Wirklichkeit halten. Die Menschen befinden sich – ähnlich wie bei Platon – in einem (da digitalen) Gefängnis. Ihre Körper hingegen werden in Behältern ernährt und ihr Gehirn mit elektrischen Impulsen versorgt, was die Illusion einer Wirklichkeit hervorruft. Der Gedankenexperiment Brain in the Vat kommt dieser Situation ziemlich nahe. Im Gegensatz zum Höhlengleichnis haben die Menschen in der Matrix jedoch nicht das Gefühl unfrei weil angekettet zu sein, zumal lediglich ihr Verstand kontrolliert wird. Der technische Fortschritt, der alle Lebensbereiche erfasst hat, lässt sie glauben, dass sie endlich frei sind. Auch hier ist es der Vergleich zwischen zwei Welten, der Neo die Augen öffnet: Auf der einen Seite die digitale Scheinwelt der Matrix, auf der anderen Seite die natürliche Welt, in der Morpheus und seine Mannschaft leben. Diese beiden Welten existieren nicht unabhängig voneinander, sondern sind zwei verschiedene Seiten einer und derselben Münze. Ohne diesen Vergleich könnte Neo weder die eine noch die andere Welt richtig einordnen. Demnach scheint die Unmöglichkeit eines Vergleichs das Für-Wahr-Halten einer Situation zur Folge zu haben. Weiss der Mensch nicht besser, so hält er das, was er sieht oder durchlebt, für wahr und nicht selten auch für richtig. Ob als Gefangener in einer Höhle oder als Angestellter einer Software Firma, wie Neo – der Mensch hat wenig Aussicht auf eine Befreiung aus seinem Gefängnis, solange er nur diese eine Perspektive kennt. Es braucht nicht immer ganze Welten, damit man irregeführt wird. Bereits die Interpretation bestimmter Fakten kann dazu führen, dass man die Dinge im falschen Licht sieht. In seinem Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp (1632) führt uns Rembrandt diesen Trugschluss meisterhaft vor Augen. Eine Gruppe von Ärzten steht über dem Körper eines Toten und seiner offenen Hand, bei der die Obduktion beginnt. Rembrandt malte die Sehnen dieser offenen Hand verkehrt, um uns deutlich zu machen, dass die Ärzte den menschlichen Körper nicht richtig verstehen. Dies unterstreicht er auch dadurch, dass sie in einen Anatomieatlas, wo die Hand verkehrt dargestellt ist, blicken. Die Ärzte sehen also eine Hand, interpretieren sie aber so, wie sie in dem Atlas dargestellt wird.3 Mit dieser Darstellung brachte Rembrandt ein sehr wichtiges Problem auf den Punkt, nämlich die Interpretation naturwissenschaftlicher Fakten. Der tschechische Philosoph Jan Patocka vertrat die Meinung, dass die naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt lediglich eine Interpretation und keine allgemeingültige Wahrheit ist. In seiner Habilitationsschrift Die natürliche Welt als philosophisches Problem (1936) postuliert Patocka, dass die Welt das Resultat des menschlichen Denkens sei und nicht umgekehrt.4 Dies trifft auch auf die von der Naturwissenschaft postulierten Fakten, die laut Patocka die Welt lediglich interpretieren und nicht objektiv beschreiben. Patocka geht sogar so weit, dass er sagt, die mathematisch-technische Interpretation der Welt würde sich gegen den Menschen und seine Interessen richten und ihn in eine Krise stürzen.5 Die Technisierung und Digitalisierung, die allmählich alle Bereiche unseres Lebens erfassen, würden uns Patocka zufolge die Sicht verstellen und gerade das Gegenteil davon, was sie uns versprechen, bewirken.
Sind wir also – so wie es uns der technische Fortschritt glauben lassen will – schon frei oder sitzen wir noch in der Höhle und haben lauter Schatten vor Augen? Die scheinbare Aufwertung des Lebens durch Technik – sei es in der Medizin, Freizeit, Bildung oder im Beruf – lässt uns glauben, dass wir alle Probleme lösen können – solange wir die Welt nur durch den mathematisch-technischen Raster betrachten. Am deutlichsten manifestiert sich diese Haltung in der modernen Digitalfotografie. Die visuelle Verdoppelung der Welt, über die sich schon Platon lustig gemacht hat, fasziniert uns täglich aufs Neue. Keiner schaut mehr hin, alle fotografieren und teilen online. Auf diese Weise werden Unmengen von Daten generiert, die ihrerseits Unmengen von Daten generieren. Könnte es dennoch sein, dass wir nichts als Schatten an einer Höhlenwand interpretieren? Womöglich haben wir noch einen langen Weg vor uns, bis wir bereit sind, in die Sonne zu blicken.
1Platon, Politeia VII. Buch.
2The Matrix, ab Minute 25:00
3Siehe dazu W. Heckscher, Rembrandt’s Anatomy of dr. Nicolaas Tulp (1958).
4Patocka, S. 27ff.
5Patocka, S. 34ff.
Frage an die Leserschaft
Die Gretchenfrage der heutigen Zeit: Wie hältst du es mit der Technik? Ist sie Fluch oder Segen?