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"Samstag, 28. Dezember 1996 (S. 396-397)
Sie hatte gelesen und gelesen und damit versucht, die Angst in sich zuzuschütten. Aber während der letzten halben Stunde hatte das immer schlechter funktioniert. Die Furcht ließ sich nicht länger austricksen. Sie arbeitete sich nach oben, rief sich durch einen beschleunigten Herzschlag und feuchte Handflächen nachdrücklich ins Gedächtnis. Irgendwann gelang es Barbara nicht mehr, sich zu konzentrieren. Sie schaute zum wiederholten Male auf und spürte Übelkeit beim Anblick der Schneeflocken vor dem Fenster. Es schneite nun wirklich heftig, fast so schlimm wie an Weihnachten. Sie legte den verbleibenden Stapel Blätter zur Seite.
Bis heute abend würde sie damit fertig werden. Es war jetzt halb vier. Schon dämmerte es wieder; noch eine halbe Stunde, und sie mußte das Licht einschalten. Sie ging zum Telefon und wählte Cynthias Nummer, obwohl sie wußte, daß Cynthia nichts Neues zu berichten hatte, sie hätte sich sonst von selbst gemeldet. Aber es verlangte sie nach dem Trost einer menschlichen Stimme. Es dauerte eine ganze Weile, bis Cynthia sich meldete. »Oh, Barbara, Sie sind es«, sagte sie dann. »Tut mir leid, daß Sie warten mußten. Ich war im Keller.« »Das macht doch nichts. Cynthia, ich hoffe, ich gehe Ihnen nicht auf die Nerven, aber ich bin ziemlich in Sorge um meinen Mann. Er müßte doch längst irgendwo angekommen sein.«
Cynthia klang optimistisch - oder bemühte sie sich um Optimismus? fragte sich Barbara mißtrauisch. »Er ist sicher in einem der Dörfer gelandet. Aber vielleicht funktionieren die Telefonverbindungen noch nicht überall wieder. Das könnte doch sein, oder?« »Ja, aber... ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich.« »Sie können jetzt nichts tun. Verlieren Sie nicht die Nerven, damit ist keinem gedient. Ihrem Mann wird schon nichts passieren.« »Aber es schneit immer heftiger!« »Er ist ein erwachsener Mann. Ich habe ihn ja nur kurz gesehen, aber ich meine, er ist recht groß und kräftig. Er wird sich zu helfen wissen.«
»Ja, vielleicht.« Sie merkte selbst, wie jämmerlich sie klang. Cynthia kannte Ralph nicht, sie konnte ihr das Problem nicht begreiflich machen. Cynthia war unter Farmern aufgewachsen, lebte in diesem rauhen, kargen Land, in dem die Menschen gelernt hatten, sich gegenüber der Natur zu behaupten und den Stürmen zu trotzen. In Cynthias Welt existierte kaum die Vorstellung von einem großen, gesunden Mann, der es nicht schaffte, mit Schnee und Kälte, mit Dunkelheit und unwegsamem Gelände fertig zu werden. Was wußte sie von Menschen, die praktisch ihr ganzes Leben hinter einem Schreibtisch verbrachten, die weder eine Ahnung hatten, wie man Holz hackte, noch wie man sich in der Finsternis und bei dichtem Schneetreiben orientierte?
»Sie müssen sich ablenken, Barbara«, mahnte Cynthia eindringlich. »Vielleicht kommt etwas Schönes im Fernsehen? Oder Sie finden ein spannendes Buch?« Ein spannendes Buch. Sie dachte an die im Eßzimmer verstreut liegenden Blätter. Ablenken ... » Haben Sie eigentlich Laura und Marjorie Selley schon als Kinder gekannt?« fragte sie. »Laura und Marjorie? Natürlich. Ich war noch ziemlich klein, als sie hierherkamen, damals im Krieg. Sie waren aus London evakuiert worden.« »Aber Marjorie blieb nicht lange.« »Ach, Sie haben wohl mit der guten Laura telefoniert?« fragte Cynthia überrascht. »Hat sie Ihnen das erzählt?« »Ja, wir haben länger miteinander gesprochen...« »Niemand hat Marjorie eine Träne nachgeweint."