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Kampagne zur Prävention der Nickelallergie in der Schweiz
Verhaltens- und Verhältnisprävention
Von Andrea Cadotsch / Medicus Mundi Schweiz
Während meiner Tätigkeit in Peru (1973-76) und Somalia (1980) erlebte ich wiederholt, wie die Wirksamkeit primärer präventiver und kurativer Angebote durch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mitbestimmt und eingeschränkt wurden. Solche Erfahrungen mögen dazu beigetragen haben, aus meiner hautärztlichen Praxis heraus mich für präventive Vorhaben zu interessieren, die neben dem uns Ärzten naheliegenden individuellen Verhalten auch die gesellschaftlich bedingten Umweltverhältnisse einbeziehen. Ich möchte dies am Beispiel der laufenden Kampagne zur Prävention der Nickelallergie erläutern, welche gemeinsam vom Konsumentinnenforum Schweiz und der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie durchgeführt wird.
Betrachtet man die historische Entwicklung präventiver Ansätze, so ist zu erkennen, dass mit der Ausdifferenzierung professioneller Versorgungssysteme im gesundheitlichen und sozialen Bereich Versuche einer Verhältnisprävention, zum Beispiel Verbesserung von Wohn- und Umweltverhältnissen, Verringerung sozialer Ungleichheit, wie sie etwa der Arzt Rudolf Virchow (1821-1901) für notwendig fand, zunehmend von Programmen abgelöst wurden, die auf individuelles Verhalten ausgerichtet waren: Gesundheitserziehung, Identifikation und Veränderung von Risikofaktoren.
In der Deklaration von Alma Ata wurde zwar betont, dass die Ungleichheit des Gesundheitszustandes zwischen und innerhalb der Länder im Süden und Norden nicht akzeptabel sei und dass die materiellen und sozialen Verhältnisse die Gesundheit der Menschen bestimmten. Als Strategie zu einer "Gesundheit für alle im Jahre 2000" wurde jedoch in erster Linie eine umfassende primäre Gesundheitsbetreuung gefordert. Kritische Stimmen warnten gleichzeitig vor einer Überschätzung der Gesundheitsbetreuung, da die Gesundheit der Bevölkerung mehr von den ökonomischen und sozialen Verhältnissen bestimmt werde.
Dies zeigt sich exemplarisch bei der Nickelallergie: Sie ist die häufigste Kontaktallergie in den Industrieländern. Ihre Prävalenz ist in den letzten Jahrzehnten parallel zur Verbreitung von nickelhaltigen Massenkonsumgütern ständig angestiegen. Sie beträgt bei Frauen 10-15 Prozent, bei Männern um 3 Prozent. Tiefere und mittlere Einkommens- und Bildungsschichten sind stärker betroffen.
Die Sensibilisierung auf Nickel ist nie angeboren, sondern entsteht allmählich durch andauernden Kontakt mit metallischen Objekten, die Nickelionen an die Haut abgeben, was durch Verletzung (Piercing) und Schwitzen gefördert wird. Einmal auf Nickel sensibilisierte Personen bleiben dies lebenslänglich und riskieren bei jedem näheren Nickelkontakt ein Ekzem. Sie tragen zudem ein erhöhtes Risiko für chronische Handekzeme. Die Nickelallergie gehört in allen europäischen Ländern zu den drei häufigsten Berufskrankheiten der Haut. Wegen der grossen Verbreitung, den sozialen Kosten und der erwiesenen Verursachung der Allergie haben die EU-Staaten und auch die Schweiz beschlossen, in den nächsten Jahren Vorschriften für den Gebrauch von Nickel in Konsumgegenständen einzuführen.
Das Projekt zur Prävention der Nickelallergie verbindet Verhältnis- und Verhaltensprävention: Durch Öffentlichkeitsarbeit über Medien und wichtige Berufsgruppen einerseits solten Händler und Produzenten unter Druck gesetzt werden, rasch auf risikofreie Produkte umzustellen. Andererseits soll vor allem über Konsumentinnenorgansiationen die Voraussetzung für eine Verhaltensänderung auf individueller Ebene verbessert werden. Solches „empowerment“ sollte sich wiederum auf den Markt auswirken.
Nach neueren Resultaten der Kommunikationsforschung im Gesundheitsbereich sind für die Zukunft Strategien interessant, die gesellschaftliche mit individuellen Ansätzen verbinden. Eine sorgfältige Evaluation des Projektes sollte Hinweise liefern, welche Resultate sich bei einem nicht spektakulären Thema durch Öffentlichkeitsarbeit mit bescheidenen Budget und bestehenden Organisationen erreichen lässt, wenn Verhältnis- und Verhaltensprävention aufeinander abgestimmt werden.
*Andrea Cadotsch ist Dermatologe und Mitglied des Vorstandes von Medicus Mundi Schweiz
Weiterführende Literatur:
A. Cadotsch, Erwägungen zur Integration medizinischer Entwicklungszusammenarbeit im kulturellen und sozioökonomischen Kontext des Einsatzgebietes. Sozial- und Präventivmedizin 1979;161.
A. Cadotsch A, Wirkt sich eine sektorielle Intervention auf andere Bereiche der gesundheitlichen Grundversorgung aus? Sozial- und Präventivmedizin 1986;302.
N.H. Nielsen, T. Menné, Allergic contact sensitization in an unselected Danish population. Acta Derm Vener 1992;72;456
E. Maibach et al, Competencies of the public health communication specialist of the 21st century. Am J Behav Sci 1994;38;351