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“Wie geht es dir?” Diese unverfängliche Frage veranlasst mich dieser Tage, meine rechte Hand an den Hinterkopf greifen und im schütter werdenden Haar kratzen zu lassen. Wie soll sich ein Mann Mitte Vierzig zu dieser Frage positionieren? Wenn ich der Gewohnheit vieler Altersgenossen folgte, hätte ich mit einem lächelnd-oberflächlichen “bestens” quittieren sollen. “Alles gut”, “alles im Griff” würde mich jedoch in die Selbstverachtung treiben. Weil es schlichtweg nicht stimmt.
Ich schlage mein Tagebuch auf (ja, ich führe nach wie vor eines). Da gibt es eine mit Druckbleistift bekritzelte Seite mit dem Titel “Eine halbe Stunde”. Sie handelt vom ganzen normalen Wahnsinn eines Abends, an dem ich nach Hause komme. Der Untertitel mit dem simplen Nomen “Überforderung” trifft die Sache am besten. Um es aufzuschlüsseln: Unten an der Treppe angekommen, ärgerte ich mich zuerst mal darüber, dass sie nach wie vor nicht gewischt war. Ich wusste ja, dass ich die Arbeit letzten Samstag hätte einfordern müssen. (Mittlerweile kann ich dazu Erfreuliches vermelden. Mein heranwachsender Sohn ging vergangenen Samstag in den Garten und wischte eineinhalb Stunden nicht nur Treppe, sondern noch Wiese und Bord dazu.)
Die Treppe noch nicht hochgekommen, jagte mir einer meiner Jungs ohne Jacke entgegen. Er berichtet von einem Kampf mit zwei Brüdern, der unvorteilhaft für ihn geendet hatte. Es ging um eine redliche Arbeit seinerseits, die ins Lächerliche gezogen worden war. Sollte ich das ansprechen oder vorüberziehen lassen? Meine Stirne legte sich in Falten. Das musste angesprochen werden. Noch ein Punkt auf der inneren To-Do-Liste. Meine rechte Stirnhälfte begann innerlich zu kribbeln, ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Stresspegel anstieg.
Meine Frau empfing mich unterhalb des Hauses. Was sie sonst kaum aussprach, kam an diesem Abend über ihre Lippen. Ich zeige zu wenig Wertschätzung im Garten. Sie fühle sich mit der Arbeit allein. Sie hatte Recht. Schon als wir das erste Mal dieses Haus besichtigten, war es mir damals durch den Kopf geschossen, wie wir nur mit der Gartenarbeit zurechtkommen würden. Ich schob den Gedanken zur Seite und versuchte meiner Frau eine freundliche Antwort zu geben.
Im Haus angekommen, entspann sich sofort eine Diskussion um eine nächste Situation. Ein Junge hatte seinen Hausgenossen in Bedrängnis gebracht. Ich vermutete, dass sein eigener Tag nicht eben glatt gelaufen war und er seine Unausgeglichenheit kurz am Bruder ausgelassen hatte. Nun, erst mal die Jacke hinhängen und sich die Hände desinfizieren. Dieser Moment erinnerte mich daran, dass “Corona-Time” war. Eigentlich konnte ich dafür dankbar sein, dass es aktuell niemanden in unserer Grossfamilie getroffen hatte.
Der kurze Dankbarkeitsmoment wurde von einem nächsten Streit überschattet. Es kam zu Handgreiflichkeiten. (Bitte, lieber Leser, denken Sie nicht, dass ich wilde Jungs hätte. Sonst besuchen Sie in unserer Schulgemeinde den Pausenplatz und notieren sich die Ausdrucksweisen und Tätlichkeiten während zehn Minuten.) Meine Frau erinnert mich freundlich und bestimmt daran, dass gewisse Arbeiten, die ich am Morgen vor dem Gehen angemahnt hatte, noch nicht erledigt waren. Richtig, ich hatte mir die Überprüfung für den Abend fest vorgenommen.
In diesem Moment surrte das Smartphone. Reflexartig griff ich in die Tasche und nahm die Meldung meines Ältesten entgegen, der von unterwegs eine Frage platzierte. Wenigstens konnte ich hier eine rasche Antwort geben. Ich rief kurz an. Als ich den Anruf gerade beendet hatte, surrte es erneut. Ein Auftraggeber schickte mir eine Rückmeldung zu einer brisanten Frage. Meine Antwort befriedigte ihn nicht. Er bat mich um ein weiteres schriftliches “Zuspiel” für eine schwierige Situation. Mein Kopf rauchte.
Der Hintergrundspeicher war schon voll. Es rotierten zwei weitere berufliche Angelegenheiten. Einerseits wartete ich auf den Bescheid eines weiteren potenziellen Kunden. Zudem bereitete ich gedanklich einen anspruchsvollen Workshop vor.
Eigentlich ist es “ganz einfach”. Ich halte inne und deponiere meine Sorgen beim Allerhöchsten. Zudem stelle ich mir die Frage der Blickrichtung. Wenn ich durch unser Küchenfenster gucke, sehe ich an die Wände des kolossalen Neubaus auf dem Nachbargrundstück. Doch wenn ich auf die andere Seite gehe, erblicke ich die gelben Blätter der Bäume im gegenüberliegenden Stadtwald. Wo also richte ich meinen Blick hin?
Zudem stellt sich die Frage nach der Bewertung. Wie stark gewichte ich all diese Signale? Das Wichtigste ist schon geschehen, das Wesentliche klar. Meine Hoffnung geht über den Moment und sogar dieses Leben hinaus. Dies macht mich keineswegs lebensmüde, sondern lässt mich die Proportionen einschätzen. Was also tat ich? Zuerst liess ich einen inneren Hilferuf an meinen himmlischen Vater erschallen. Dann bat ich meine Frau mit mir zusammen zu beten. Ich atmete durch und nahm meine inneren Bewegungen ernst. Ich schlug vor dem Abendbrot Gottes Wort auf und stärkte mich mit einer Portion aus dem Buch der Sprüche. Ich spiegelte am Tisch meine Beobachtungen, worauf prompt zwei Situationen bereinigt werden konnten. Dafür dankte ich wiederum meinem Meister im Himmel. Der Blick lag nun eindeutig darauf, wofür ich dankbar sein konnte. Und das ist nicht wenig. “Wie geht es dir also?” Viel besser als ich es verdiene.