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Wirtschaftliche und soziale Umwälzungen im Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet verdankt seinen Namen dem Fluss, der es wie eine Lebensader durchfließt und den Transport überwiegend von Kohle ermöglichte. Zwei Faktoren wirkten "auf die Industrialisierung im Ruhrgebiet wie eine Initialzündung": das erfolgreiche Durchteufen der Mergelschicht und die Einführung des Kokshochofens im Jahre 1849 (S. 42), so dass die Eisenindustrie nach der Kohle zum "zweiten Pfeiler der Ruhrgebietswirtschaft" wurde (S. 43). Bedingt durch den Kohlehunger zur Zeit der Industriellen Revolution wurde die Ruhr in den 1860er Jahren sogar zum verkehrsreichsten Fluss Mitteleuropas.
Einleitend erhält der Leser in diesem Buch einen gerafften Überblick über die erdgeschichtlichen Grundlagen. Doch der größte Teil ist der wirtschaftlichen Entwicklung samt deren sozialen Auswirkungen und den vielfältigen Wandlungsprozessen bis heute gewidmet.
Während der Blütezeit des Kohlebergbaus in den 1950er und 60er Jahren wurden im Ruhrgebiet jährlich rund 150 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Heute sind es noch 10%. Interessant ist, dass im Vergleich zu den knappen Reserven an Erdöl und -gas die Ruhrkohle noch bis über das Jahr 2500 hinaus reichen wird.
Heute befinden sich zehn der 40 umsatzstärksten deutschen Unternehmen im Ruhrgebiet. RWE, Evonik, ThyssenKrupp und die Hüttenwerke Krupp-Mannesmann, schreiben schwarze Zahlen, "von wirtschaftlicher Krisenstimmung ist bei den "Großen" des Ruhrgebiets nichts zu spüren" (S. 81). Im Gegensatz zum Bergbau geht es der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebietes nämlich "so gut wie lange nicht mehr" (S. 87). ThyssenKrupp Steel ist der zwölftgrößte Stahlhersteller der Welt. Dennoch muss der Strukturwandel im Ruhrgebiet weiterhin von EU und Bundesland unterstützt und gefördert werden. Dieser geht im Ruhrgebiet mit einer im Vergleich zum übrigen Nordrhein-Westfalen überdurchschnittlichen Deindustrialisierung einher.
Mit der Deindustrialisierung ändert sich das gesamte Erscheinungsbild des Ruhrgebietes. Nach einer geradezu hektischen Urbanisierung im 19. Jahrhundert ist heute eine städtebauliche "Verinselung" (S. 91) zu beobachten. Industriebrachen werden zu Parks umgestaltet, Industrieanlagen musealisiert, junge Menschen ziehen fort, das ursprünglich zusammengewachsene, kompakte Stadtbild löst sich allmählich wieder auf. Für die nächsten Jahre rechnet man in einigen Städten mit einem Bevölkerungsrückgang von teilweise über 15%, während attraktive ländliche Kreise ein Bevölkerungswachstum werden verzeichnen können. Industriell geprägte Siedlungsareale wie der Duisburger Norden dagegen weisen heute schon einen Wohnungsleerstand von 40% auf und gelten bereits als "verfallende Landschaft" (S. 93.) Ihr Rückbau ist unvermeidlich. Aufgrund der niedrigen Mietpreise in diesen Regionen ist es im Ruhrgebiet bereits weiträumig zu einer sozialen Segregation gekommen, so dass der Ruhrschnellweg einem "Sozialäquator" entspricht (S. 94). Nördlich davon gelegene Stadtteile wie Essen-Katernberg sind bereits zu "No-go-Areas" nordamerikanischer Prägung geworden.
Bekanntermaßen sind durch die Industrialisierung Altlasten entstanden, die nicht nur aus im Boden versteckten Giften bestehen. Der Bergbau übte auch erheblichen, negativen Einfluss auf den Grundwasserhaushalt aus. Höhere Grundwasserstockwerke wurden entleert, dagegen fanden in der Emscherregion weiträumige, nun "vernässte" Flächensenkungen statt, die 38 % der Fläche betreffen. Über 100 Pumpwerke müssen diese Gebiete auf Dauer entwässern. Auch Gruben können nicht einfach unkontrolliert geflutet werden, so dass es sich hier um eine "Ewigkeitslast" (S. 113) handelt.
Das Buch beleuchtet in seinen Aufsätzen so viele Facetten des Ruhrgebietes, dass es nicht möglich ist, in einer Rezension alle angemessen zu würdigen. Nicht alles dürfte für ein breiteres Publikum von Interesse sein. Leider sind viele Fotos von recht schlechter Qualität, worunter der an sich reich bebilderte Band etwas leidet.