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14.05.2016 - Maja Petzold
14.05.2016
Maja Petzold
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
Keinen Kriminalroman, keinen Thriller, sondern eine Erzählung über die dunkle Seite der Migration legt die Schriftstellerin aus Kalkutta vor.
„Erschlagt die Armen!“ – ein provozierender Titel, auch wenn der Slogan schon gegen 150 Jahre alt ist, er stammt nämlich aus einem ungefähr 1865 entstandenen Prosagedicht von Charles Baudelaire („Assommons les pauvres“). Und dieser scheute sich zu seiner Zeit auch nicht, die Bürger zu erschrecken.
Shumona Sinha © Patrice Normand / commons.wikimedia.org
Der schmale Roman spielt im Frankreich unserer Tage und hat unmittelbar mit der Aktualität zu tun. Shumona Sinha, 1973 geboren, kam 2001 nach Paris, um zunächst an der Sorbonne französische Sprache und Literatur zu studieren. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich bis 2008 als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen, in diesem Jahr erschien ihr erster Roman „Fenêtre sur l’ Abîme“; ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Als „Erschlagt die Armen!“ 2011 veröffentlicht wurde, verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde. Für diesen Roman und für weitere erhielt die Autorin zahlreiche Auszeichnungen. Sie veröffentlichte ebenfalls Gedichte auf Französisch und Bengalisch.
Das erzählende Ich ist nicht identisch mit Shumona Sinha, obwohl das Buch natürlich auf ihrem kulturellen Hintergrund und ihren Erfahrungen als Migrantin und Dolmetscherin aufbaut. Es sind Asylbewerber aus Bangla Desh, für die sie übersetzt, eine durchaus zweischneidige Sache: Einerseits kennt sie die sozialen Verhältnisse sehr gut, die Armut und Perspektivlosigkeit dieser Menschen – Bangla Desh ist zudem durch den Klimawandel besonders bedroht. Andererseits weiss sie, dass fast alle Geschichten erfunden sind, gekauft, zurechtgebogen und bezahlt wie die Reise selbst mithilfe der Schlepper. Es ist ihr auch bewusst, dass diese Menschen unter einem hohen Erwartungsdruck stehen: Sie sollen, einmal in Westeuropa angekommen, Geld für die zurückgebliebene Familie verdienen, diese also gleichsam aus der Armut führen.
Die Übersetzerin selbst steht zwischen den Fronten. Durch ihre Sprachkenntnisse, durch ihre Bildung kann sie zwar mit der französischen Bürokratie kommunizieren, aber sie fühlt deutlich, dass sie nicht dazugehört. Was soziale Kontakte angeht, wird sie immer noch als Fremde ausgegrenzt, die Migranten jedoch sehen sie als „Arrivierte“. Eine Spannung, die sie emotional zerreisst und wohl dazu führt, dass sie einem Flüchtling in der Metro mit einer Weinflasche über den Kopf haut. Die Erzählung beginnt mit der Befragung durch Herrn K. nach dieser Tat im Gefängnis, was folgt, ist ein Ausbruch der Gefühle, ein Aufschrei aus Hilflosigkeit. Albtraumhaft strömen Massen grauer, anonymer Migranten durch die Erinnerung der Erzählerin. „Gutmenschen“ kommen hier nicht vor. Es ist die dunkle Seite der Flüchtlingsproblematik, die hier ans Licht kommt. 2011 erschien das Buch zuerst auf Französisch, bezieht sich also nicht auf die Kriegsflüchtlinge aus Syrien.
Bewundernswert ist die Leistung der Autorin, in einer Sprache zu schreiben, die ihr wohl ein Jahrzehnt früher noch eine Fremdsprache war. In der Art, wie sie mit dem Französischen umgeht, zeigt sich jedoch ihre indische Herkunft. Die Lesende fühlte sich immer wieder an historische Malereien mit ihren zahlreichen Détails erinnert, Metaphern und Sprachbilder reihen sich in diesem Buch aneinander wie auf Wimmelbildern.
Was hat eigentlich Charles Baudelaire mit den Migranten zu tun? In „Assommons les pauvres“ (aus Petits poèmes en prose. 1869) trifft ein Bürger auf einen Bettler und beginnt, auf diesen einzuschlagen, der Bettler jedoch wehrt sich. Daraufhin erkennt der Mann, dass sie sich beide ebenbürtig sind, teilt sein Geld mit ihm und rät ihm, sich mit seinen Bettelbrüdern von nun an auf diese Weise Geld zu verschaffen. Eine durchaus ambivalente Botschaft, über deren Interpretation heute noch gestritten wird, als Titel sicher nicht zufällig gewählt.
Shumona Sinha, Erschlagt die Armen!
Roman. Aus dem Französischen von Lena Müller
Deutsche Erstausgabe
Edition Nautilus Verlag. 128 Seiten
ISBN 978-3-89401-820-7
E-Book: ISBN epub: 978-3-86438-183-6
Dieses Buch ist in der Reihe „Der Andere Literaturclub“ erschienen, einem Zweig von artlink, Büro für Kulturkooperation. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.