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Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay lässt ihr Publikum gerne auf neue Filme warten. Fünf Jahre nach «We Need to Talk About Kevin» meldet sie sich mit dem intensiven, düsteren Thriller «You Were Never Really Here» zurück. Das Warten hat sich einmal mehr gelohnt.
Wer einen Blick auf ihr überschaubares Langspielfilm-Werk wirft – seit 1999 stehen gerade mal vier Arbeiten zu Buche –, merkt: Lynne Ramsay fühlt sich in ihrem Schaffen zu menschlichen Abgründen hingezogen. In «Ratcatcher» (1999) erzählt sie vom Leben in den Sozialwohnungen von Glasgow, einem der ärmsten Milieus in Westeuropa. «Morvern Callar» (2002) handelt von einer jungen Frau, die nach dem Selbstmord ihres Freundes dessen Romanmanuskript als ihr eigenes veröffentlicht. Im Zentrum von «We Need to Talk About Kevin» (2011) steht die Beziehung einer Mutter zu ihrem Sohn, einem Schulattentäter.
Behandelt werden diese Themen mit filmischem Minimalismus: Dialoge werden, ebenso wie klassische Erzählstrukturen, einer starken, fast schon impressionistischen Bildsprache untergeordnet. Das Quellenmaterial, auf das Ramsay in «You Were Never Really Here» zurückgreift, passt hervorragend in dieses Schema: Jonathan Ames’ gleichnamige Novelle hat nur knapp 100 Seiten, findet darin aber Platz für Menschenhandel, Auftragskiller und politische Intrigen.
Joe, gespielt vom in Cannes zurecht mit dem Darstellerpreis ausgezeichneten Joaquin Phoenix, ist ein traumatisierter Armee- und FBI-Veteran, der sein Geld inzwischen damit verdient, für private Auftraggeber in der mafiösen Unterwelt Amerikas für Ordnung zu sorgen. Seine Spezialität: die Rettung minderjähriger Mädchen, die entführt wurden und in Edelbordellen missbraucht werden. «You Were Never Really Here» dreht sich um Joes neuesten Auftrag – das Verschwinden von Nina (Ekaterina Samsonov), der Tochter eines Anwärters auf den New Yorker Gouverneursposten.
Doch Ramsay bleibt sich treu: Ihr Film mag thematisch an Politthriller wie «The Ides of March» (2011) erinnern, liegt aber viel näher an introspektiven Meisterwerken wie «Taxi Driver» (1976) und «Drive» (2011). Hier wird das Porträt eines gebrochenen Mannes gezeichnet, der in einem endlosen Zyklus von Gewalt und menschlicher Grausamkeit gefangen ist. Phoenix ist grossartig in dieser Rolle – ein hünenhafter Schlafwandler, eine Rückbesinnung auf den unfreiwilligen Mörder Cesare im «Cabinet des Dr. Caligari» (1920). Joes Lebensüberdruss ist spürbar in jeder von Phoenix’ wohl durchdachten Bewegungen.
Und doch verrichtet er die Arbeit, in die es ihn getrieben hat. Sein Ruf eilt ihm voraus: «I hear you can be brutal», sagt Ninas Vater nicht ohne Hoffnung in der Stimme. Die Brutalität ist unübersehbar, wird aber nie explizit gezeigt. Dafür bleibt Thomas Townends Kamera an scheinbar trivialen Details hängen, die im grösseren Zusammenhang eine erschütternde Bedeutsamkeit erhalten: eine zerquetschte Jelly Bean, ein Hammer im Baumarkt – «made in the USA» natürlich.
So ist es denn Ames’ überspitzt-dreckiger Neo-Noir-Plot, der die einzige nennenswerte Schwäche in diesem eindringlichen Thrillerdrama darstellt. Die schiere Anhäufung von seelischen Wunden und menschlicher Verdorbenheit wirkt fast schon ein bisschen zu effekthascherisch für Ramsays eisig-karge Vision. Doch diese stilistische Unvereinbarkeit ändert letztlich nichts an der Faszination von «You Were Never Really Here» – einem Film, der auch Wochen nach dem Kinobesuch noch nachhallt.
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Kinostart Deutschschweiz: 26.4.2018
Filmfakten: «You Were Never Really Here» / Regie: Lynne Ramsay / Mit: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alex Manette, John Doman, Judith Roberts / UK, Frankreich, USA / 88 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Praesens Film AG