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Herr Jager, hat die Temporärarbeit in der Schweiz ein Imageproblem?
Richard Jager: Um das zu erklären, muss ich zuerst erläutern, aus welcher Welt ich komme. In den Niederlanden gibt es seit 1971 einen GAV für die Temporärarbeit, dadurch ist diese dort auch viel verbreiteter und akzeptiert. In Holland kennen 99,7 Prozent der Bevölkerung den Namen Randstad.
Und hier?
Sechs Prozent. An meinem ersten Tag in der Schweiz erlebte ich einen Schock: Als ich mich bei meinem Nachbarn vorstellte, hatte dieser noch nie von Randstad gehört.
Wie werden Sie als Personalverleiher von den Unternehmen wahrgenommen?
Vor allem als Lieferant von Personal. Einmal habe ich einem Kunden, der zwei Fabriken zusammenführen musste, unsere Hilfe angeboten. Ich habe schon 50 ähnliche Fusionen begleitet und hätte ihm Kontakte zu Leuten mit den gleichen Erfahrungen herstellen können. Er meinte jedoch, ich solle ihm einfach das Personal liefern und ihm die Denkarbeit überlassen. Das ist vermutlich unser grösstes Problem hier: Wir werden oft nicht als strategisch denkender Partner wahrgenommen.
Wie läuft das in den Niederlanden?
Dort werden wir sehr früh involviert, wenn ein Unternehmen Personal abbauen muss. Wir haben das Know-how, dafür zu sorgen, dass diese Menschen nicht arbeitslos werden, sondern dass ihre Arbeitskraft in andere Unternehmen umgeleitet werden kann. Zu wissen, wie es in den Niederlanden funktioniert, gibt mir das Gefühl, die Zukunft bereits gesehen zu haben. Einen grossen Teil der Beratungsarbeit machen wir dort übrigens gratis.
Sie arbeiten umsonst?
Als grösster Vermittler haben wir in den Niederlanden Einblick in sehr viele Unternehmen und können dann auch den Know-how-Transfer zwischen den Unternehmen initiieren. Bis zu einem bestimmten Punkt verrechnen wir dafür nichts, sondern setzen auf langfristige Beziehungen.
Zur Person
Richard Jager ist Mitte 2011 von den Niederlanden in die Schweiz gezogen, um hier die Leitung der Randstad (Schweiz) AG zu übernehmen. Seit rund zwei Jahren führt er nun als CEO die Schweizer Niederlassung des weltweit zweitgrössten Personaldienstleistungs-Unternehmens.
Bereits kurz nach dem Business-&-Economics-Studium an der Erasmus-Universität in Rotterdam begann Jager 1997 seine Randstad-Karriere als Consultant in Den Haag.
Nach verschiedenen Stationen als Regional Director wurde ihm 2010 die Position des Operational Directors in den Niederlanden übertragen. In dieser Funktion war er in vielen europäischen Projekten involviert.
Was läuft hier anders?
In der Schweiz ist es viel schwieriger, Personal zu finden, als sich von Personal zu trennen. Besonders in kleineren, traditionellen Unternehmen gilt unsere Dienstleistung als so etwas wie der letzte Ausweg, wenn sie selbst nicht in der Lage sind, Mitarbeiter zu rekrutieren. Nur grössere Unternehmen sehen uns als das, was wir wirklich machen: Wir bieten ein zusätzliches Polster an Arbeitskräften, die sich strategisch einsetzen lassen.
Warum gibt es in der Schweiz erst jetzt den GAV für Personalverleih?
Es brauchte erst ein gewisses Gewicht der Branche, um solche Regulierungen durchzusetzen. Der Geschäftszweig ist hier immer noch sehr jung.
Ist das einer der Gründe, warum Ihnen die Unternehmen nicht vertrauen?
Sie vertrauen uns schon, aber sie vertrauen sich selbst mehr, als gut für sie ist (lacht). Personalverleih ist nicht einfach ein Mittel, um durch Krankheit oder hohes Auftragsaufkommen entstandene Löcher zu stopfen. Dieser Teil des Business, den wir Sick & Peak nennen, macht nur fünf Prozent unseres Geschäftes aus.
Wo liegt denn dann der Mehrwert?
Für die Temporärarbeitenden darin, dass sie fast immer beschäftigt sind. Ohne uns als Mittler wäre das sehr schwer. Für die Unternehmen darin, dass sie zum Teil mehr produzieren können, weil sie genügend Personal haben. Zudem können wir die gesamte Personalplanung übernehmen, auch inhouse. Wenn wir erst einmal den Zugang zu den Unternehmen haben, können wir auch über einzelne Geschäftsbereiche hinweg einen besseren Überblick garantieren. Im Idealfall überlassen uns die Unternehmen die gesamte Personalbedarfsplanung und -beschaffung. An diesem Punkt sind wir in der Schweiz aber noch nicht. Wenn wir zeigen wollen, wie das funktionieren kann, reisen wir mit unseren Kunden zum Beispiel nach Brasilien. Denn hier haben wir keine solchen Beispiele.
Wie kann sich die Branche besser positionieren?
Die Marktpenetration der gesamten Branche liegt im Moment bei zwei Prozent. In den Niederlanden oder Deutschland sind wir bei sechs oder sieben Prozent. Eine höhere Marktdurchdringung fördert natürlich auch die Akzeptanz. Als Branche sollten wir darum unsere PR-Aktivitäten bündeln und den Markt vergrössern. Das macht mehr Sinn, als sich gegenseitig Kunden abzujagen. Der GAV ist ein erster Schritt auf diesem Weg. Und dann kennt hoffentlich auch mein Nachbar den Namen Randstad.