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Verantwortung: Christian Rohr
Referentinnen: Daniel Krämer / Christian Reisinger / Alexandra Vlachos Grünig
In dem von CHRISTIAN ROHR moderierten Panel „Umweltgeschichte zwischen Globalität und Regionalität“ wurden drei geographisch und inhaltlich komplett verschiedene Themenbereiche vorgestellt:
Im ersten Referat präsentierte DANIEL KRÄMER die Auswirkungen des grossen Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815 auf die Schweiz. Die Intensität des Ausbruchs war enorm und die Folgen für die nördliche Erdhalbkugel verheerend. Durch Aerosole, die sich in der Stratosphäre über grosse Distanzen verteilten, wurde ein Teil der Sonneneinstrahlung abgeschirmt. Die zunehmende Bewölkung hatte zur Folge, dass auch die Temperatur sank und die Frequenz der Niederschläge zunahm. Man befand sich in einer klimatischen Extremsituation, die Auswirkungen auf die Ernte mit sich brachte: Trauben und Getreide reiften nicht und Kartoffeln mussten aus dem Schnee gegraben werden. Krämer stellte fest, dass sich der daraus folgende Hunger in der Schweiz nicht überall in gleichem Masse bemerkbar machte. Während in der Westschweiz die Teuerung tiefer ausfiel, litt die Ostschweiz stärker. Dies war eine Folge der Proto-Industrialisierung, die bewirkte, dass sich in der Ostschweiz die Landwirtschaft weit zurückbildete, während in den westlichen Teilen der Schweiz die Eigenversorgung höher war. Zudem handelte im Westen zum Beispiel die Genfer Regierung, indem sie die Preisgestaltung beeinflusste, während der Getreidemarkt um den Bodensee infolge von Getreidesperren komplett zusammenbrach. Der junge Kanton St. Gallen etwa verfügte nicht über die Mittel und die Erfahrung, um rechtzeitig eingreifen zu können. Mit Mangelernährungskarten zeigte Krämer anschaulich, welche Gebiete der Schweiz stärker unter der Krise litten. Dabei wurde deutlich, dass Regionen, die eigentlich als „rückständig“ wahrgenommen wurden, weniger Probleme hatten, weil ihre Produktion stärker auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet war.
In eine geographisch andere Region begab sich die zweite Referentin: ALEXANDRA VLACHOS GRÜNIG referierte über Ressourcenkonflikte und demonstrierte am Beispiel der Inselgruppe Haida Gwaii (Kanada), wie sich Konflikte um Rohstoffe auswirken und die Interpretation des Begriffes Wildnis beeinflussen können. Die Grundlage für menschliches Leben auf der Inselgruppe Haida Gwaii sind Holz und Lachs. Das Holz des gemässigten Küstenregenwaldes ist sehr witterungsresistent und auch für den Export sehr beliebt. Durch Holzschlag in Küstennähe können allerdings Süsswasserströme blockiert und dadurch die Verhältnisse in den Gewässern so beeinträchtigt werden, dass ein Ablaichen für die Lachse unmöglich wird. Damit werden die Lachsvorkommen für die indigenen Haida massiv eingeschränkt. Durch den mit dem zweiten Weltkrieg aufkommenden enormen Holzbedarf stellte sich immer mehr die Frage, wie mit dem Holzschlag auf Haida Gwaii umgegangen wird. Es öffnete sich ein Problemfeld rund um die Fragen nach den Methoden des Holzschlages, Verteilung des Profites und schliesslich der zentralen Frage, wem das Land beziehungsweise die Ressource Holz gehört, und wer einen Anspruch darauf erheben darf. Nachdem grosse Holzkonzerne ohne Rücksicht auf Verluste ganze Flächen kahlgeschlagen hatten, schlossen sich die Haida in den 1970er Jahren zusammen, um sich gemeinsam als Haida-Nation zu vertreten. In den folgenden Jahrzehnten kämpften sie immer wieder mit Protestaktionen, Öffentlichkeitsarbeit und juristischen Vorbringen für ihre Rechte. Unterstützt wurden sie dabei durch Umweltaktivisten und Sympathisanten aus den Reihen der Einwanderer und teilweise auch durch Holzschlag-Arbeiter der grossen Konzerne. Die Aktionen liefen weitgehend friedlich ab und führten zu landesweiter Aufmerksamkeit. Als Erfolg konnte verbucht werden, dass die Provinzregierung in ihren Beschlüssen auf die Bedürfnisse der Haida Rücksicht nehmen muss. Vlachos Grünig bezeichnete die Geschichte des Holznutzungskonflikts auf Haida Gwaii als einen Erfolg und nannte als Voraussetzung dafür das Verhalten der drei Ebenen Politik / Regierung, öffentliche Meinung und first nation: Auf Seiten der Politik waren eine stabile Regierung, die Gewaltentrennung und funktionierende Gesetze unabdingbar. Dazu war eine historisch verankerte Tradition bei der Integration von Bevölkerungsminderheiten von Nöten. Seitens der öffentlichen Meinung hatten die Medien mit ihrer Berichterstattung einen grossen Einfluss. Zudem war ein Umdenken bei Umweltschutzorganisationen notwendig: Der ursprünglich propagierte totale Schutz ist nicht vereinbar mit den Ideen der Ureinwohner. Erst ein diesbezügliches Entgegenkommen ermöglichte die gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit. Und schliesslich brauchte es auf Seiten der Ureinwohner das Geschick, sich politisch zu formieren und geschlossen aufzutreten. Die Haida bewiesen in ihrem Vorgehen viel Phantasie und Flexibilität, um die vorhandenen Protest-Möglichkeiten auszuschöpfen.
Im letzten Vortrag des Panels erzählte CHRISTIAN REISINGER unter dem Titel „Rodungen für Fastfood, Ernährung, Agrarproduktion und Welthandel – Nicaragua 1950 – 2012“ über die internationalen Einflüsse auf die Fleischproduktion in diesem mittelamerikanischen Staat. Er zeigte eindrücklich auf, wie sich ein Missverhältnis einpendelte: Während der Viehbestand in den Jahren 1960-79 um 123% zunahm, verringerte sich der Fleischkonsum in Nicaragua selber. Die Rindfleisch-Exportzahlen nahmen allerdings in derselben Zeitspanne um das zwanzigfache zu. Zurückzuführen war dies auf die grosse Nachfrage aus den USA, in welchen die Fastfood-Kultur Einzug hielt. Dafür war möglichst billiges Fleisch gefragt, was durch Monobewirtschaftung und das dabei entstehende nährstoffarme Gras in Nicaragua produziert werden konnte. Internationale Kredite finanzierten den Aufbau der Infrastruktur und ein Grossteil der Produktion und Exporte funktionierte über einen einzigen Clan. Diese Veränderung in der Produktionsweise hatte ihren Einfluss auf die lokalen Strukturen: Kleinbauern und Besitzlose wurden zurückgedrängt und immer tiefer in den Regenwald getrieben. Grossgrundbesitzer dagegen witterten ihre Chance und profitierten von der erfolgten Produktions-Konzentration. Die USA beabsichtigten mit dem Vorgehen auch eine Stabilisierung des circum-karibischen Raumes und erhofften sich eine Verbesserung der sozialen Lage durch das angetriebene Wirtschaftswachstum. Das Beispiel Nicaragua zeigte aber deutlich, dass dies nicht funktionierte, kam es doch 1979 zu einer sozialen Revolution im Land, die auch dafür sorgte, dass grosse Teile der Viehbestände zu Grunde gingen.
Daniel Krämer: Der Ausbruch des Tambora und das Jahr ohne Sommer in der Schweiz
Alexandra Vlachos Grünig: Totempfahl oder Zeitungspapier? Holznutzungskonflikte auf Haida Gwaii, Kanada
Christian Reisinger: Rodungen für Fastfood. Ernährung, Agrarproduktion und Welthandel – Nicaragua 1950-2012