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Markus Plüss. Dieser Name klingt genauso schweizerisch wie Hans Meier oder Regula Keller. Der Name ist vor allem in der Region Zofingen im Aargau verbreitet, in den beiden Dörfern Vordemwald und Murgenthal. Um 1820 hiess ein Drittel aller Einwohnerinnen und Einwohner von Murgenthal Plüss.
Doch der Name stammt gar nicht aus dieser Region. Dies fand Markus Plüss, ein 70-jähriger ehemaliger Heimleiter aus Schaffhausen, bei seinen Recherchen heraus. Er hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht. Der Name Plüss geht zurück auf ein Familiendrama in der frühen Neuzeit.
Die Spur lässt sich bis ins Jahr 1550 zurückverfolgen: Damals siedelten sich zwei Brüder aus dem französischen Nîmes in der Region an. Sie waren Hugenotten, französische Protestanten, die in der Zeit der Reformation vor der Verfolgung durch die Katholiken flüchteten. Sie gehören zu denjenigen, die sehr früh in die Schweiz kamen. Doch nach ihnen folgten noch abertausende mehr.
Während der Glaubenskriege in Frankreich suchten nämlich zehntausende Hugenotten Schutz in anderen protestantischen Gegenden von Europa. Die meisten zogen durch die Schweiz weiter nach Deutschland. Aber schätzungsweise 20'000 Hugenotten liessen sich in den reformierten Gegenden nieder. Vor allem in Genf, in Zürich und in den Gebieten unter bernischer Herrschaft. Dazu gehörten damals auch die Gemeinden Vordemwald und Murgenthal im heutigen Aargau.
Skepsis gegenüber Flüchtlingen damals und heute
Die Zahl von 20'000 Flüchtlingen erscheint aus heutiger Sicht nicht besonders beeindruckend. Doch die Flüchtlingsströme aus Frankreich hatten riesige Ausmasse für die damals noch viel dünner besiedelte Eidgenossenschaft. Die Stadt Schaffhausen zum Beispiel habe damals mit rund 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern etwa 9000 Flüchtlinge aufgenommen, erzählt Markus Plüss.
Zwei Flüchtlingswellen im 16. und 17. Jahrhundert
Die konfessionelle Spaltung Europas im 16. Jahrhundert führte dazu, dass protestantische Glaubensflüchtlinge unter anderem aus Frankreich in die reformierten Orte der Eidgenossenschaft gelangten.
Der Migrationsstrom zeichnete sich durch zwei lange Wellen aus: Die erste folgte auf die Reformation und die Bartholomäusnacht 1572, die zweite wurde 1685 durch die Aufhebung des Edikts von Nantes ausgelöst.
Schätzungen gehen davon aus, dass sich rund 20'000 Hugenotten dauerhaft in der Schweiz niederliessen. Sie wurden nicht nur aus den offiziell angeführten religiösen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen aufgenommen. Hugenottische Manufakturbetriebe beschäftigten zahlreiche Arbeiter, was der Obrigkeit im Kampf gegen die Armut gelegen kam. Ausserdem siedelten sich die meisten Flüchtlinge im noch wenig industrialisierten Kanton Bern an.
Die Hugenotten trugen entscheidend zur Verbreitung der französischen Kultur in der Schweiz bei. In Bern und Basel besuchte die lokale Elite deren Gottesdienst, um ihre Kenntnisse der französischen Sprache zu vervollkommnen. Streng kontrolliert von der lokalen Pfarrerschaft, entstanden in Aarau, St. Gallen, Schaffhausen, Winterthur und Zürich neue französische Kirchen.
Die Kleidermode des französischen Adels und neue Erscheinungen wie Cafés und Boutiquen breiteten sich besonders in der Westschweiz aus.
Quelle: Danièle Tosato-Rigo: «Protestantische Glaubensflüchtlinge», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS)
«Wenn man heute die Kritik hört, dass in den letzten Jahren viele Flüchtlinge kämen, finde ich das schon fast beschämend, im Vergleich zu damals», sagt Plüss. Allerdings: Die historische Forschung zeigt auch, dass die einheimische Bevölkerung den Fremden zum Teil mit grosser Skepsis begegnet war. Das einheimische Gewerbe fürchtete auch den Geschäftssinn der Hugenotten, die aus einem sehr fortschrittlichen Land kamen.
Warum sich die Familie Plüss ausgerechnet in den Dörfern rund um Zofingen niedergelassen hatte, konnte Markus Plüss nicht zweifelsfrei nachweisen. Er hat aber eine Vermutung. Wahrscheinlich hätten sie Bekannte gefunden in der Region. Übrigens wurde der Name eingeschweizert, ursprünglich hiessen die Flüchtlinge «Pluss».
«Auch die Familie Ringier, welche sich in Zofingen niedergelassen hatte, stammte aus Nîmes», erklärt Plüss. «Das ist eine Mechanik, die sich beobachten lässt, seit es Fluchtbewegungen gibt. Das sieht man ja auch heute noch: Viele Ukrainerinnen kommen zum Beispiel in die Schweiz, weil sie hier Verwandte oder Bekannte haben. Das war damals nicht anders.»
Wandern auf den Spuren der Hugenotten
Die Flüchtlingsrouten der Hugenotten kann man heute ohne Gefahr für Leib und Leben nachwandern. Der Europäische Fernwanderweg «Hugenotten- und Waldenserpfad» führt von Südfrankreich über Genf, Bern, den Aargau, Zürich, Schaffhausen bis nach Hessen.
Plüss betont die Parallelen zwischen der frühen Neuzeit und heute immer wieder. Er selbst hat sich in Schaffhausen über Jahrzehnte für Flüchtlinge eingesetzt und kennt sich aus. Dass sein Familienname heute als Schweizer Name empfunden wird, sei eine typische Integrationsgeschichte. «Die Integration ist nicht nach der ersten Generation abgeschlossen, sie zieht sich über Generationen weiter.»
Vielleicht gehören in 400 Jahren Familiennamen wie Berisha, Ramadani oder Kravchenko ganz selbstverständlich zur Schweiz.