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Nizza, Dakar, Casablanca. Norman Peyretti hat in seinem jungen Leben schon viele Grossstädte mit unterschiedlichster Prägung und Kultur als temporäre Heimat kennengelernt. Aufgrund seines Engagements beim FC Aarau wohnt er aktuell in einer schönen Wohnung im beschaulichen Oberentfelden, wo er uns zum Gespräch empfängt und von seinem Leben als Privatperson und Fussballer erzählt. Geboren wurde der Sohn eines Italieners und einer Französin in Nizza, wo er seine ersten Lebensjahre verbrachte.
Als Peyretti sechs Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern und der älteren Halbschwester in den Senegal, wo die Eltern ein Restaurant führten. Er begann in dieser Zeit mit anderen Kindern Fussball zu spielen und entdeckte seine grosse Leidenschaft, welche er fortan praktisch täglich ausübte. Nach der Rückkehr an die Côte d’Azur vier Jahre später schloss er sich zum ersten Mal einem Team an und begann seine fussballerische Laufbahn beim OGC Nizza. Dort besuchte er die Sportschule während acht Jahren und genoss eine professionelle Förderung beim traditionsreichen Ligue-1-Verein.
«Meine Eltern sind Vagabunden»
Nach der obligatorischen Schulzeit setzte Peyretti voll auf die Karte Fussball und zog mit der Familie erneut ins Ausland, genauer gesagt nach Marokko. «Meine Eltern sind Vagabunden – sie reisen sehr gerne», sagt Peyretti. In der Millionenstadt Casablanca betrieben die Eltern wiederum einen Restaurationsbetrieb, während Peyretti beim Wydad Athletic Club, dem erfolgreichsten Fussballclub des Landes, anheuerte. Dort spielte er zwei Jahre mit der Reservemannschaft und durfte immer wieder Trainingseinheiten mit dem Fanionteam bestreiten.
«Die Spieler sind im Kopf nicht wirklich Profis.»
«Wir hatten viele starke Fussballer, doch die Mentalität ist ganz anders als in Europa. Die Spieler sind im Kopf nicht wirklich Profis», sagt Peyretti. Er entschloss sich, eine Karriere in Europa anzustreben; sein Berater arrangierte ein einwöchiges Probetraining beim damaligen Challenge-Ligisten FC Biel/Bienne, wo er zu überzeugen wusste und einen Zweijahreskontrakt – seinen ersten Profivertrag – unterschrieb. Insgesamt absolvierte er in den beiden Jahren 58 Spiele für die Seeländer und verbuchte sieben Tore und neun Assists in der zweithöchsten Spielklasse.
Auch dem FC Thun waren die Leistungen des damals 21-jährigen Mittelfeldspielers nicht verborgen geblieben, sodass er Anfang 2015 einen Dreijahresvertrag bei den Berner Oberländern unterzeichnete – gültig zum darauffolgenden Saisonstart. Der Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung sollte sich als Glücksgriff für Peyretti erweisen, denn der FC Biel/Bienne musste nur wenige Monate später Konkurs anmelden, was für viele Spieler zur Belastungsprobe wurde. Kurz vor dem geplanten Wechsel erlitt Peyretti einen Muskelfaserriss im Oberschenkel, was ihn zu einer Pause gegen Ende der Saison zwang.
Auch die ersten Wochen in Thun waren schwierig: Zuerst wechselte Cheftrainer Urs Fischer nach wenigen Tagen zum FC Basel, dann zog sich Peyretti – zwischenzeitlich wieder genesen – einen erneuten Muskelfaserriss an der gleichen Stelle zu. Nach einem holprigen Start kam er besser in Fahrt und wurde in Thun immer wieder im Mittelfeld eingesetzt – oftmals als «Joker» auf den Flügelpositionen.
Anfrage zum richtigen Zeitpunkt
Auch die dritte Saison in Thun startete mit Teileinsätzen für Peyretti. «Ich wollte nicht eine weitere Saison mit der Reservistenrolle riskieren; ich will spielen», erklärt Peyretti, wodurch die Anfrage aus Aarau zum richtigen Zeitpunkt kam. Alles ging sehr schnell: «Wir haben den Vertrag ohne Berater abgewickelt – nur Sandro Burki und ich.» Anfänglich waren seine Leistungen durchzogen, erinnert sich Peyretti selbstkritisch. «Damals war ich noch nicht ganz bereit, durfte aber mental Fortschritte machen, meinen Blickwinkel etwas verändern. Seither kann ich freier aufspielen.» Als Rückennummer wählte er die 33, in Anlehnung an seine französische Heimat, wo die jungen Spieler in den Profikadern jeweils die Nummer 33, ohne aufgedruckten Namen, erhalten. Bereits in Biel, seiner ersten Station als Profi, hatte er diese Rückennummer gewählt.
«Die Verletzung hat mir gut getan.»
Im letzten Winter wurde Peyretti in der Vorbereitung erneut von einer Verletzung gestoppt, nur eine Woche vor dem Rückrundenstart. Im Training erlitt er bei einem Zweikampf einen Mittelfussbruch und war einen grossen Teil der zweiten Saisonhälfte zum Zuschauen gezwungen. Auf diese «Auszeit» angesprochen, reagiert der 24-Jährige überraschend: «Die Verletzung hat mir gut getan.» Er habe viel für Kopf und Körper machen sowie ein wenig Abstand vom Trainingsalltag gewinnen können. Mit einem guten Gefühl – und mehr Kraft als vor der Verletzung – absolvierte er eine starke Vorbereitung auf die laufende Spielzeit. Abgesehen von einer zweiwöchigen Verletzungspause stand Peyretti immer in der Startelf von Cheftrainer Patrick Rahmen. Zweimal waren auch Peyrettis Eltern – noch immer in Nizza wohnhaft – «live» vor Ort, um den Sohn im FCA-Trikot spielen zu sehen. Auch er selbst fliegt mehrmals pro Jahr in seine Geburtsstadt, um Zeit mit der Familie verbringen zu können.
Als Peyretti verletzt pausieren musste, durfte er zudem auf die Unterstützung seiner Mitspieler zählen. Während unseres Interviews ist Steven Deana zu Besuch. Der aktuell verletzte Torhüter hilft auch gleich mit beim Übersetzen. Peyretti versteht – auch dank besuchten Sprachkursen – gut Deutsch und kann sich gut verständigen, einzig bei komplexeren Themen greift er auf die Hilfe von Deana zurück. Im Gegenzug dafür gibts einen feinen Espresso, das Lieblingsgetränk der beiden.
Fussball ist für Peyretti nicht «nur» ein Job, sondern auch die grosse Leidenschaft. Ein Beispiel dafür ist der Fussball in der Mitte des Wohnzimmers, welchen sowohl Deana als auch Peyretti bei jedem Vorbeigehen automatisch jonglieren oder wegkicken; zudem läuft im Hintergrund Premier League im Fernseher. Nach unserem Interview trifft er sich mit weiteren FCA-Spielern zum Kaffee in Aarau, auch dort ist das Hauptthema der Fussball. Bleibt zu hoffen, dass sich der gute Teamzusammenhalt neben dem Platz auch positiv auf die Leistungen auf dem Platz auswirkt und dabei hilft, die aktuell schwierige Situation zu überwinden.
Matchzeitung Nr. 6 (2018/19) lesen
Dieser Artikel ist am 7. Oktober 2018 in der Ausgabe Nr. 6 (Saison 2018/19) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Winterthur erschienen.