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Annette Hug hört Geschichten einer verlorenen Bibliothek
Auf den Philippinen ist oft die Klage zu hören, dass sich Erinnerungen schnell verflüchtigen und Archive kaputtgehen. Aber da gibt es auch Dinge und Worte, die vor Geschichte zu bersten scheinen. Das Wort «Jejemon», zum Beispiel, benennt einen jungen Mann aus armer Familie, der gern Englisch spricht. Er stylt sich – trägt angesagte Mützen und Turnschuhe. Sein Englisch ist lokal gefärbt, er macht Fehler. Wobei ich auch gelesen habe, dass bestimmte junge Männer solche «Fehler» als Stilmerkmal kultivieren. Wie auch immer: Der Jejemon soll seinen Namen vom Ausdruck «Hehe!» herhaben, vom süffisanten kleinen Auflachen in Sprechblasen von Comics. Und alle, die auf den Philippinen zur Schule gegangen sind, wissen, dass man ein spanisches J als H ausspricht – heisst doch der Nationalheld José Rizal mündlich «Hose Rizal». Das kann man umdrehen: Ein H ist auch ein J, wird dann aber englisch ausgesprochen, aus Hehe wird Jeje, sprich Dschedsche. Fehlt noch die Endung, da bietet sich etwas Japanisches an, eine Figur aus dem Pokémon-Universum. Fertig ist der Jejemon. In einem einzigen Wort verdichtet sich die Geschichte des Landes in der Abfolge seiner Kolonialmächte: Spanien, USA, Japan.
Dass das Faculty Center auf dem Diliman Campus der University of the Philippines kein sicherer Ort für Dokumente ist, hatten einige geahnt. Im grossen, rechteckigen Gebäude befanden sich Arbeitsräume der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Hier hatten Professorinnen und Assistenten ihre Büros, ihre Bücher, es gab eine kleine Cafeteria, wo man immer jemanden traf, um zu plaudern oder ernsthafte Diskussionen zu führen. Manchmal schlug eine Steckdose Funken, wenn man den Computer oder den Ventilator anschloss. Es soll ab und zu angebrannt gerochen haben. «Fehlerhafte Verkabelung» hatte bereits ein anderes Gebäude auf dem Campus in Flammen aufgehen lassen. Und doch schien unmöglich, was am 1. April 2016 geschah. Mitten in der Nacht brannte das Faculty Center nieder. Nichts war zu retten. Seither höre ich von Dissertationen, die komplett verloren gingen, bevor sie eingereicht waren, weil sich nicht nur der Laptop im Gebäude befand, sondern auch die externe Festplatte und ein Ausdruck auf Papier. Tagebücher von Mitte siebziger Jahre bis heute verbrannten in einem Gestell. Die Handbibliotheken fast sämtlicher ProfessorInnen gingen verloren. Stapelweise Interviews, auf Papier und Sticks dokumentiert. Persönliche Gegenstände. Fotos.
Seither wächst eine kleine Literatur der Erinnerung an die verlorenen Bücher und Dokumente. Der Brand ist zum Symbol geworden. Er steht für den desolaten Zustand der öffentlichen Universitäten, besonders der Geisteswissenschaften. Während die ProfessorInnen zur «Exzellenz» getrieben werden, mehr und mehr publizieren sollen, fehlt es an Stühlen, Reparaturen sind zu teuer. Private InvestorInnen haben geholfen, die technischen Fächer mit modernen Gebäuden und Apparaturen auszurüsten, aber die Literaturwissenschaftler und Philosophinnen drängen sich auch bei vierzig Grad in ungekühlten Räumen.
In Momenten der Erschöpfung bleibt nur noch die Hoffnung, man könnte irgendwann Geistesblitze aus dösendem Hirn direkt in eine Cloud transportieren. Oder es fände sich ein Zauberwort, das ganze Geschichten in sich aufnimmt und bei Bedarf wieder ausspeit.
Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Den Diliman Campus der University of the Philippines hält sie für den schönsten Ort überhaupt.