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In gewissem Sinn sind die informationsärmsten Bilder in Searching die ausdrucksstärksten: etwa die Aufnahme einer die gesamte Leinwand absuchenden, sich in permanenter Modulation befindlichen, abstrakten Neonleuchtkrake, die erst grellgrün, dann grellgelb über ein rabenschwarzes Bildfeld wabert. Ein Bildschirmschonerbild wird zum Kinomoment, die Energiespar-Eigenbespassung eines Monitors wird ästhetisch umcodiert, mythologisch aufgeblasen und sinnentgrenzt. Dann schiebt sich oben rechts die Ankündigung eines eingehenden Anrufs ins Bild: «Margot Calling». Das Fenster verschwindet, die Krake wogt weiter durchs Schwarz. Dann taucht es wieder auf, bleibt eine Weile im Bildschirmschonerbild stehen,
verschwindet, schiebt sich kurz darauf wieder ins Bild, verschwindet abermals und bleibt diesmal verschwunden. Es sind Margots letzte Lebenszeichen. Am nächsten Tag ist sie nicht auffindbar, geht nicht ans Telefon und antwortet nicht auf Textnachrichten, ihr Notebook liegt – das ist ungewöhnlich – auf der Küchenzeile. Margot verschwindet in dieser Nacht, durch die die Krake zog, in dieser Computerbildschirmschonernacht.
Searching ist die neuste Spielart eines noch sehr jungen Subgenres: Der Desktopfilm besteht meist nur aus der Ansicht eines Computerbildschirms. Beinahe alles, was wir in solchen Filmen sehen, findet in einem nach aussen hin umrahmten, nach innen hin aber grenzenlosen Raum der Benutzeroberfläche eines Computers statt. Wir sehen Dokumentenordner, Browserfenster, Facetime-Gespräche, Chatverläufe, aber auch Ladevorgänge, Cursorbewegungen, technische Ausfälle, Fehlermeldungen und Bildschirmschoner. Der Desktopfilm entwickelt eine ausgesprochene Zentripetalkraft, alles wirkt ins Innere des Bildfeldes hinein, bis in die Erforschung der einzelnen Pixel, die aber niemals hinaustreten in jene Realität, in der sich die Maschine selbst befindet. An den Status solcher digitaler Bilder, die auf unsichtbaren, man könnte sagen: gespenstischen Codes basieren, lassen sich freilich gängige Horroraffekte
knüpfen. Ein Beispiel wäre etwa Unfriended (2014) von Levan Gabriadze, in dem es um eine Onlinechatgruppe geht, die von einer unbekannten und qua Digitalität unabschätzbaren Macht infiltriert wird.
Gerade mit Blick auf solche Spielweisen und epistemischen Grundsettings ist es spannend zu sehen, worauf es Aneesh Chaganty in seinem Desktopthriller über ein vermisstes Mädchen und dessen verzweifelt den Hergang ihres Verschwindens rekonstruierenden Vater anlegt. Spannend ist das deshalb, weil diese Geschichte über den Verlust der Tochter gerade nicht als eine vom Kontrollverlust im multimedialen Dickicht erzählt wird, sondern ganz im Gegenteil als eine Geschichte des Kontrollgewinns. Am deutlichsten ist das zu sehen, als Vater David (Margot wird nun seit über 24 Stunden vermisst) die Facebook-, Instagram- und E-Mail-Konten seiner Tochter hackt. Fenster um Fenster klickt er sich durch Sicherheitssysteme, in denen er neue Passwörter anfordert, die wiederum an E-Mail-Server gesendet werden, für die er neue Passwörter anfordert: Fenster um Fenster verschafft er sich Zugang zum Leben seiner Tochter; Tab um Tab, Passwort um Passwort ergründet er die Umstände ihres Verschwindens – eine zielsichere Klickkette des Gelingens.
Über weite Strecken sehen wir David von der Webcam gefilmt. Meistens führt er Videotelefonate mit seinem Bruder Peter, mit Margots Mitschüler_innen, mit Detective Vick, die die Ermittlungen leitet. Das Band zwischen den Interfaces (Browser oder Messengersysteme) und dem User, der in und mit ihnen operiert, ist immer stabil. Das Desktopgeschehen wird stets rückgekoppelt an die Subjektivität des Vaters, nichts bricht aus dessen Intentionalität aus. Der digitale Raum – und das dürfte das bestimmende Wesensmerkmal dieses Films sein – ist kontrollierbar. Mit Searching sind die Gespenster der Digitalität nun vertrieben; die anonymen (bösen) Mächte, die es im Internet gibt, sind schnell demaskiert; die Unsicherheiten über den Status der Bilder, über ihre Urheber und ihre Vertrauenswürdigkeit sind im Nu aus der Welt geräumt.
Spannender als der Thrillerplot, der in Searching mit mal mehr, mal weniger gelungenen Hakenschlägen durchexerziert wird, ist daher die Frage, wie dieser Film den digitalen Multimediaraum einer Bildschirmoberfläche denkt, der sich in potenziell unendliche Simultaneitäten aufspaltet. Er versteht ihn als Aktionsraum, als Kontrollzentrum, als Lebensrettungsinstrument. Mediengeschichtlich ist das sicherlich kein allzu steiles Denkmodell; in der – wenngleich kurzen – Geschichte des Desktopfilms ist diese positivistische Umarmung des Digitalen jedoch fast radikal. Der Mensch beherrscht den digitalen Raum, nur in der Nacht kommen die Kraken.