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Autor : Oltner Kabarett-Tage - Di, 14.03.2017
Ansprache von Peter Gomm, Regierungsrat des Kantons Solothurn, zur Eröffnung des Quai Cornichon vom 11. März 2017 in Olten
Der Präsident des Programmausschusses hat mich gebeten, etwas dazu zu sagen, was Satire darf oder soll, und ob es sie heute überhaupt noch braucht. Er hat bei mir also 1. eine Vorlesung und 2. eine Lagebeurteilung bestellt.
Zur Definition von Satire:
Satire ist eine Kunstform, mit der Zustände, Ereignisse oder Personen kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typisches Stilmittel der Satire ist die Übertreibung.
Zur Kunstform:
Es ist nicht von Bedeutung, ob der Künstler oder die Künstlerin eine Glatze, einen geschniegelten Scheitel, lange Haare oder einfach eine besondere Frisur trägt. Die Frisur hat an und für sich noch nichts damit zu tun, welche Worte, Sätze, oder gar ganze Texte vorgetragen werden. Der äussere Eindruck, mit dem das Vorgetragene mimisch, gestikulierend oder in steifer Körperhaltung untermalt wird, kann aber einen grossen Einfluss darauf haben, ob die Satire als solche erkannt wird. Mit anderen Worten: vorzugsweise ist die Übertreibung bereits im Gesagten zu erkennen. Das Gesagte ist schon Kunst. Andernfalls ist die Übertreibung nur in der Art und Weise des Auftritts zu erkennen. Im besten Fall ist das ein Schwank. Im schlechtesten eine Farce.
Es ist nicht von Bedeutung, ob der Politiker oder die Politikerin einen Rossschwanz, Dauerwellen, eine Föhntolle, ein Toupet, einen Bürstenschnitt, eine Glatze oder ein „Bürzi“ trägt. Die Frisur hat an und für sich noch nichts damit zu tun, welche Worte, Sätze oder gar ganze Texte vorgetragen werden. Der äussere Eindruck, mit dem das Vorgetragene mimisch, gestikulierend, oder in steifer Körperhaltung untermalt wird, kann aber einen grossen Einfluss darauf haben, ob die Politik als solche erkannt wird. Mit anderen Worten: vorzugsweise ist die Bedeutung bereits im Gesagten zu erkennen. Das Gesagte ist schon Politik. Andernfalls ist in der Art und Weise des Auftritts nur Übertreibung zu erkennen. Im besten Fall ist das Pose. Im schlechtesten eine Posse.
Was darf Satire? Satire darf fast alles, solange sie als Satire erkennbar ist. Sie darf zum Beispiel Rether, Schramm, Uthoff, Kishon, Borowiak, Dorfer oder Tucholsky. Sie darf gerade noch Thiel, aber nicht immer Böhmermann. Vor dem Straftatbestand der Beschimpfung oder Ehrverletzung sind halt alle gleich. Allerdings darf man von Politikerinnen und Politikern auch erwarten, dass sie etwas gelassener damit umgehen. Beleidigte Leberwurst ist nicht das Menu der Wahl.Was darf Politik? Sie darf vieles, solange sie als Politik erkennbar ist. Sie darf zum Beispiel Leuthard, Berset, Sommaruga, Maurer, Schneider-Ammann, Bodenmann, Blocher, Köppel, Fluri, Jositsch oder Widmer-Schlumpf. Sie hat bis jetzt auch Freysinger gedurft. Bis jetzt. Näheres weiss man am nächsten Wochenende. Die Frage ist manchmal nämlich auch, ob das Publikum von der Vorstellung genug hat. Das ist meistens dann der Fall, wenn es die Sache nicht mehr lustig findet. Das gilt jedenfalls in der Demokratie. Die Übertreibung ist das Privileg der Satire, nicht der Politik.
Politik ist zum Beispiel, wenn alle vier Jahre für drei bis vier Wochen einzelne Wahlplakate zu gewichtigen Wahlen an den Strassenrändern stehen. Satire ist, wenn so viele Wahlplakate mit so vielen Kandidierenden an den Strassenrändern stehen oder gütig von Kandelabern der Bevölkerung zuzwinkern, dass die Wählenden keine Ahnung mehr haben, wer für was kandidiert.
Etwas Ordnung könnte hier beim nächsten Mal ein von der Staatskanzlei herausgegebener Panini-Sammelband schaffen. Anstelle von Wahlprospekten könnten einklebbare Bildli in Päckli abgegeben werden. Schön nach Parteien getrennt. Damit alles seine Ordnung hat. Man könnte die Bildbändli so auch zuhause an einem schönen Ort aufbewahren. Das wäre nachhaltig. Meistens könnte man die gleichen Bildli alle vier Jahre noch ein oder zwei Mal brauchen. Beim vierten Mal sind sie häufig noch nicht verblichen, aber doch schon etwas abgewetzt. Je nach Qualität aber immer noch zu gebrauchen.
Ob man in Zukunft dann auch die sich schon heute im Umlauf befindenden Panini-Bildli auf den Frontseiten der Zeitungen oben rechts ausschneiden und ins Sammelheft einkleben könnte, das man beim Wählen abgibt, glaube ich jetzt eher nicht. Häufig steht dort noch allerlei Zeugs drauf, mit dem die Kandidatinnen und Kandidaten gestempelt werden. Stempeln darf die Stimmzettel nur das Wahlbüro. Die Stimme wäre sonst ungültig.Noch viel moderner wäre eine WahlApp mit Persönlichkeitsprofilen für Smartphones. So etwas, wie ein «Wahl-Tinder» zum Beispiel.
(Sie haben nicht gelacht. Das ehrt Sie. Sie kennen diese Dating-App offenbar nicht).
Für Kandidatinnen und Kandidaten mit bescheidenem Narzissmus wäre dann die doch eher erniedrigende Ausstellung an den Strassenrändern nicht mehr nötig. Es wäre alles viel einfacher. Mit der App könnten viele persönliche Kontakte zwischen Wählerinnen und Wählern und Kandidierenden geschaffen werden. Die Kontakte könnten auch ins Kontaktverzeichnis von WhatsApp, Twitter, Messenger oder vielen anderen Anwendungen übertragen werden. Man will ja schliesslich wissen, mit wem man es zu tun hat. Voraussetzung müsste allerdings sein, dass dort die Kommentarfunktion deaktiviert ist. Konversation, ja. Aber Kommentare, nein. Wegen der Shitstorms. Die will man auf keinen Fall.
Die App könnte zukunftsweisend gar „e-Voting-unterstützt“ sein. Bei einem „Match“ einfach über die Oberfläche des Smartphones streicheln, oder einfach streichen. Schon ist die Stimme abgegeben. Bei den Wahlen ins Kantonsparlament zweimal streichen und schon ist panaschiert. Eine solche App hätte im Gegensatz zum aktuellen System wirklich etwas Liebevolles. Streichen wird heute als gar nicht nett empfunden.
Satire ist eine Kunstform, mit der Zustände, Ereignisse oder Personen kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typisches Stilmittel der Satire ist die Übertreibung. Dürfen Politiker Satire? Nicht wirklich. Ironie und Satire sind verboten. Die Menschen wollen ernst genommen werden. Dürfen Satiriker Satire über Politiker. Unbedingt. Es liegt im Wesen der Satire, dass die Übertreibenden in jede Richtung mit markigem Stift gezeichnet oder spitzer Feder beschrieben werden. Das tut nicht nur dem Zwerchfell, sondern auch der Politik gut. Und gar alles, wirklich alles, muss man ja auch nicht immer so ernst nehmen. Sich selbst zum Beispiel. Auch als Politiker. Selbstironie ist für uns ausdrücklich erlaubt, wenn nicht gar erwünscht.
Ob es Satire braucht? Welche Frage. Auf jeden Fall. Ich wünsche den Oltner Kabaretttagen noch viele jährliche Ausgaben und damit auch viele Cornichons.
Gebt uns Saures!
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Kommentare (1)
Edy - 15.03.2017 20:06
Das war eine tolle Rede.