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von Helmut Hintermeier, Gallmersgarten (DE)
Im Laufe der Evolution haben verschiedene Tierarten unterschiedliche Strategien entwickelt, um die kalte Winterzeit zu überleben. Einige dieser Strategien werden hier vorgestellt.
In den gemässigten Zonen der Erde stellen die Wintermonate die freilebende Tierwelt vor gravierende, ja nicht selten lebensbedrohende Nahrungs- und Temperaturprobleme. Um den Wärmeverlust möglichst gering zu halten, legen die meisten einheimischen Säugetiere im Herbst einen Winterpelz zu. Die längeren und oft stärker gekräuselten Haare schliessen eine dickere, gegen Kälte besser isolierende Luftschicht ein als das dünne, glatte Sommerfell. Den gleichen Effekt erzielen Vögel durch das Aufplustern ihres jetzt ebenfalls dichteren Gefieders. Grosse Probleme haben dagegen die völlig nackten Amphibien. Auch das Schuppenkleid der Reptilien oder der Chitinpanzer der Insekten bietet keinen Schutz vor dem Kältetod. Für sie hat die Natur andere Überlebensstrategien vorgesehen.
Für verschiedene Kleinsäuger ist die kalte Jahreszeit in erster Linie ein Ernährungsproblem. Davon betroffen sind vor allem Insektenfresser wie Igel (Erinaceus europaeus) und Fledermäuse, aber auch Gemischtköstler wie Haselmaus (Muscardinus avellanarius), Siebenschläfer (Glis glis), Gartenschläfer (Eliomys quercinus) und Baumschläfer (Dryomys nitedula), die in der kalten Jahreszeit nicht genügend Nahrung finden, um ihre Körpertemperatur aufrechterhalten zu können. Da sie den winterlichen Verhältnissen nicht durch einen grossräumigen Ortswechsel entfliehen können, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den «Winterschlaf» zu erfinden. Die Schlafbereitschaft wird durch eine von Art zu Art verschiedene kritische Aussentemperatur (Haselmaus 15 °C, Igel 17 °C, Siebenschläfer 18–20 °C) ausgelöst. Vorher haben sich die Tiere jedoch die nötigen Energiereserven in Form eines «Fettmantels» zugelegt: Bei einem Siebenschläfer wurde eine Gewichtszunahme von 100 auf 235 g, bei einem Gartenschläfer von 80 auf 210 g festgestellt. Auch bei Fledermäusen liegt im Herbst das Körpergewicht etwa 20–30 Prozent höher als im Frühjahr. Und so mancher fette «Schweine-Igel» ist nach dem Winter mit bis zu einem Drittel Gewichtsverlust zu einem dürren «Hunde-Igel» abgemagert. Während des Winterschlafes werden Stoffwechsel, Atemfrequenz und Herzschlag gewaltig reduziert. Beim Igel geht die Herzfrequenz von 181 Schlägen pro Minute auf 20 zurück, und im gleichen Zeitraum holt er statt 50mal nur noch einmal Atem. Die Körpertemperatur sinkt von 35 °C auf 6 °C. Durch diese starke Drosselung aller Lebensvorgänge auf «Sparflamme» wird eine erhebliche Energieeinsparung erreicht, die ein Durchhalten bis zu den ersten wärmenden Strahlen der Frühjahrssonne gewährleistet.
Von Schnee und Frost besonders hart betroffen sind alle wechselwarmen Tiere (Muscheln, Schnecken, Fische, Amphibien, Reptilien, Spinnen und Insekten), die in eine scheintodhafte Kälte- oder Winterstarre verfallen. Laubfrosch (Hyla arborea), Seefrosch (Rana ridibunda), Grasfrosch (Rana temporaria), Wasserfrosch (Rana esculenta) und Kleiner Teichfrosch (Rana lessonae) überwintern im Schlammgrund von Gewässern, während Kröten und Molche frostsichere Landverstecke aufsuchen. Bei Molchen wird die Salzkonzentration des Blutes durch Wasserverdunstung so sehr erhöht, dass die Körper regelrecht «eingepökelt» werden und erst bei etlichen Graden unter Null erstarren. Bei Eidechsen kommt es zu einer Ansammlung von Glycerol im Blut, das als «Frostschutzmittel» den Gefrierpunkt herabsetzt. Mit noch tieferen Körpertemperaturen überstehen Insekten den Winter: Laufkäfer können –10 °C, Rasen- und Holzameisen –19 °C, Weidenbohrerraupen –20 °C und Spinnen sogar –24 °C verkraften. Bei Honigbienen gibt es keine Winterstarre, sie überwintern als Volksganzes, bei den Hummeln und Wespen nur die im Herbst noch begatteten Jungköniginnen. Die meisten in Mitteleuropa heimischen Solitärbienen haben nur eine Generation und überdauern den Winter als Vorpuppe, auch Ruhelarve genannt. Mehrere Arten, die bereits im Frühjahr in nur einer Generation fliegen, wie die Rote Mauerbiene (Osmia rufa) oder die Weiden-Sandbiene (Andrena vaga), entwickeln sich noch im gleichen Jahr zum fertigen Insekt, schlüpfen aber nicht, sondern überwintern in der Zelle. Bei der Blauen Holzbiene (Xylocopa violacea) überwintern beide Geschlechter in einer geschützten Höhle und paaren sich erst im Frühjahr. Schmetterlinge überwintern als Ei (Ringelspinner, Malacosoma neustria), Raupe (Grosser Schillerfalter, Apatura iris), Puppe (Schwalbenschwanz, Papilio machaon) oder Falter. Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) überstehen den Winter im Freien und sind oft völlig mit Eiskristallen bedeckt, während der Trauermantel (Nymphalis antiopa) in verschiedenen natürlichen Verstecken (Baumhöhlen, Holzstapel) Unterschlupf findet. Auch das Tagpfauenauge (Inachisio) und der Kleine Fuchs (Aglais urticae) suchen (oft zusammen mit Florfliegen, Stubenfliegen und Marienkäfern) als Winterquartier gerne kühle Dachböden oder Kellergewölbe auf.
Verschiedene Falterarten ziehen als «Wanderfalter» noch vor Beginn der kalten Jahreszeit bis in den Mittelmeerraum. Der Admiral (Vanessa atalanta) und der Distelfalter (Vanessa cardui), der Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos) und der Windenschwärmer (Herse convolvuli) sind solche Langstreckenwanderer, deren Nachkommen im Frühjahr wieder bei uns einfliegen. Auch mehrere Schwebfliegenarten, darunter die Winterschwebfliege (Episyrphus balteatus) und die Drohnenfliege (Eristalis tenax), treten zwischen Juli und Oktober ihren Südflug an. Ein viel vertrauteres Phänomen bildet die allherbstliche Abreise zahlreicher Vogelarten: Rund zwei Drittel unserer heimischen Brutvögel, vor allem die auf Insektennahrung angewiesenen Arten, sind Zugvögel. Ein ererbter Zuginstinkt schickt sie schon vor dem endgültigen Versiegen der Nahrungsquellen auf die Reise. Die Kälte allein ist es bestimmt nicht, denn der widerstehen auch recht zierliche Standvögel, wie etwa das Wintergoldhähnchen (Regulus regulus), unsere kleinste Vogelart. Der nur wenig grössere, ebenfalls fast ganz auf Kerbtiernahrung angewiesene Zaunkönig (Troglodytes troglodytes) vermag durch seine Kleinheit und Gewandtheit in die verborgensten Winkel von Höhlen und Bäumen zu schlüpfen, findet aber auch in Scheunen, Ställen und anderen Gebäuden im Winter meist genügend Nahrung. Selbst das Innere von Kirchen wird nach Geniessbarem durchstöbert: In der Dorfkirche meines Wohnortes schnurrte der kleine Kobold im Tiefflug über die verdutzten Häupter der Gemeinde, um noch während der Predigt auf dem Kanzel-Baldachin zu landen. Sein Wort zum Sonntag: «Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht […], und ihr himmlischer Vater nähret sie doch.» •
Quelle: Schweizerische Bienen-Zeitung vom Januar 2012
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