Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/1495

Wie hat die Photographie das Jahrhundert wiedergegeben? Mit welchen Werkzeugen, welchen Tricks? Das achte der zwölf vom Musée de l'Elysée in Lausanne ausgewählten Bilder: "Reichstag Berlin, 4. Mai 1945", von Jewgeni Khaldeï.
Manchmal hat die Photographie ein Rendez-vous mit der Geschichte. Ganz von selbst, spontan? Nicht unbedingt: manchmal macht der Photograph das Rendez-vous mit der Geschichte selbst aus. So geschah es bei Jewgeni Khaldeï, der von 1917 bis 1997 lebte und vor allem als Porträtist Stalins bekannt war.
Noch war Krieg, da entdeckte al am 23. Februar 1945 geschossen hatte: eine Gruppe von GIs ziehen auf der Insel Jima im Pazifik die amerikanische Fahne auf. Ein Bild, das später zu einem Monument wurde, das in Washington besichtigt werden kann.
Nun hatten also die USA ihre patriotische "Ikone" ... da durfte die UdSSR ihnen nicht nachstehen. Evgueni Khaldeï liess eine riesige rote Fahne mit Hammer, Sichel und Stern nähen und nahm Kurs auf Berlin, wo die Kämpfe wüteten. Berlin brannte, die Kugeln pfiffen, die Panzer ratterten durch die in Ruinen gelegten Strassen: da war der Krieg sehr real. Und Khaldeï stieg mit einigen Offizieren auf das Dach des Reichtags ...
Im Musée de l'Elysée stört das kaum jemanden: "Es wurde noch gekämpft. Das ist keine Inszenierung, mit falschem Rauch und so. Khaldeï war sich der Bedeutung bewusst, welche eine Photographie mit einem so symbolischen Aspekt wie einer Fahne über einem Ort wie dem Reichstag hatte." Dieser Ansicht ist jedenfalls Konservator Daniel Girardin. "Das war keine Inszenierung mit schwerwiegenden Folgen, das steht in einem historischen Zusammenhang. Khaldeï wusste sehr gut, dass irgendeinmal ein solches Ereignis eintreten würde. Es war eine Art Vorhersage", fügt Direktor William Ewing bei.
Dieser Meinung können wir uns nicht anschliessen. Sicher, jeder Photograph wählt einen Blickwinkel, organisiert seine persönliche kleine Inszenierung, und sei es nur durch das Umfeld. Aber ein Ereignis miterleben oder es heraufbeschwören, ist das das Gleiche? Im Fall des Bildes "Place de l'Hôtel de Ville" von Doisneau hatte die Inszenierung keine schwerwiegenden Auswirkungen. Wenn die Photo aber symbolische patriotische oder politische Absichten verfolgt, sieht das schon anders aus.
Übrigens wurde das linke Handgelenk eines Offiziers retouchiert: zwei Uhren aufs Mal sahen etwas zu sehr nach Plünderung aus ...
Zeitzeugnis? Inszenierung? Manipulation? "Vorhersage"? Bei historischen Photographien ist immer ein Minimum an Distanz nötig, seien sie nun in Berlin aufgenommen, in Jima oder in Irak, während der Operation "Wüstensturm" zum Beispiel.
Bernard Léchot