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"Es gehört zur unangenehmen Schlagseite des heute so beliebten Realismus, im Dreck, im Verkommenen zu wühlen, möglichst mit Hilfe von Dialogfetzen, die wirkeln sollen, als hätte der Autor mit dem Mikrophon danebengestanden und O-Töne aufgenommen."
"Genau darum geht's. Der Realismus zielt am Maximalismus des Universums ebenso vorbei wie am Minimalismus der Infusions-Ideechen, obwohl beide doch unentbehrlich sind für die Literatur, der Traumblick in den grossen, grossen Himmel und der Scharfblick auf das Schmutzrädchen, das unter unseren Fingernägeln sitzt und in dem es bei noch näherem Blick ebenso wimmelt und west wie im ganzen Menschen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass bei allen Spielereien und Launen der Literatur, die ja erwünscht sind, weil sie den sterilen Folgeverlauf der Wenn-Dann-Beziehungen knacken, es dennoch darum geht, die Wahrheit zu ergründen."
Ausgangspunkt der Poetikvorlesungen war weniger das Zweifeln als das Verzweifeln der Autorin an der zeitgenössischen Literatur: Sibylle Lewitscharoff teilte aus - gegen den zeitgenössischen Realismus, seine Vorliebe fürs Vulgäre, gegen den "Eigenkreativwahn", "das Affentheater des Zeitgeschmacks" und sozialaufklärerische Absichten. Dagegen plädierte sie für Inspiration aus der Tradition und die Vermittlung sittlicher Werte. Wenn auch unter berücksichtigung des ästhetischen Vergnügens, das Literatur unbedingt bereiten müsse.
Sibylle Lewitscharoff wuchs in Stuttgart auf und studierte Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin. 1994 veröffentlichte sie ihr erstes Buch 36 Gerechte. Seither sind u. a. die Romane Apostoloff (2009) und Blumenberg (2007) sowie zahlreiche Essays von ihr erschienen. Ihre Poetikvorlesungen sind 2012 bei Suhrkamp unter dem Titel Vom Guten, Wahren und Schönen veröffentlicht worden. 2013 wurde Sibylle Lewitscharoff mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Berlin.