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5. April 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi
Liebe Brüder und Schwestern
Hat Sie ein Kind in der Fragephase auch schon mal in die Enge getrieben. Wenn man meint, eine Frage gut beantwortet zu haben, kommt hinten nach immer noch ein "Warum?" "Du, warum liegt der Grosspapi hier im Grab?" "Was macht er beim lieben Gott?" "Wann kommt er wieder nach Hause?" "Kann ich ihn einmal besuchen?" Am Ende wird das Kind immer noch fragen können: "Warum?" Kinderfragen bringen einen sehr schnell in Erklärungsnöte. Wie kann ich einem Kind erklären, dass der Grosspapi gestorben ist und nicht mehr kommt, dass wir aber glauben, dass er mit Gott lebt. Was bedeutet denn Auferstehung, wenn der Leichnam sichtlich zerfällt? Auch der gläubige Christ kommt angesichts eines Leichnams in deutliche Erklärungsnot. Wie geht das zusammen: Leichnam und Auferstehung? Auch das Fehlen der Leiche – wie vor 2000 Jahren geschehen – führt nicht einfach zu einem klaren Verständnis von Auferstehung. Wenn der Leichnam weg ist, hat ihn jemand weggenommen. Das ist die erste und logische Reaktion von Maria Magdalena.
Das Leere Grab ist kein Zeichen für die Auferstehung. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen lässt das leere Grab verstehen. Aber auch die Begegnungen mit dem Auferstandenen werden im Neuen Testament als neuartige Ereignisse erzählt. Fast in keiner Begegnung wird der Auferstandene sofort als der ehemals gekreuzigte Jesus erkannt. Sein Wesen muss von seiner irdischen Gestalt so verschieden gewesen sein, dass Jesus nicht sofort erkannt wird und doch muss der Auferstandene klar mit dem Gekreuzigten identifiziert worden sein, dass kein Zweifel darin bestand, dass der Erscheinende Jesus war.
Es scheint, das uns die Augen geöffnet werden müssen für seine neue Wirklichkeit, damit wir "sehen und glauben" (vgl. Joh 20.9). Spätestens die Kinderfragen, "Wo ist jetzt der Grosspapa?" und "Was macht Grosspapa beim lieben Gott?", führen uns zur Einsicht, dass Auferstehung nicht einfach eine Auferweckung einer Leiche meint. Es geht nicht um die Wiederaufnahme des irdischen Lebens. Auferstehung ist nicht einfach ein Zurückholen eines Verstorbenen aus dem Grab in irdische Leben – wie es bei Lazarus, dem Bruder von Martha und Maria, geschehen ist. Auferstehung meint eine neue Dimension des Lebens, die von Christi Auferstehung ausgeht. In ihr erreichen wir eine neue Möglichkeit des Menschseins mit Ewigkeitswert. Dieser Ewigkeitswert will sich aber nicht erst in einem Leben nach dem Tod manifestieren, sondern sich im Hier und Heute auswirken.
Wie bei Kinderfragen kommen wir hier an die Grenzen unserer Ausdrucksmöglichkeiten und unseres Denkvermögens. Wir wollen Klarheit und Gewissheit. Das ist aber genau das, was Jesus der Maria verwehrt: "Halte mich nicht fest! Denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen" (Joh 20,17). Die neue Dimension des Lebens hat offenbar damit zu tun, dass er zu seinem Vater geht. Auferstehung ist keine Rückkehr ins irdische Leben, keine Wiedergeburt oder neue Variante einer Lebensweise. Auferstehung ist die endgültige Heimkehr zum himmlischen Vater, dem Ursprung und Vollender des Lebens. Wenn Jesus sagt, "ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott", meint er damit, dass wir durch seine Auferstehung ebenfalls auf dem Weg zum himmlischen Vater sind. Es geht nicht um die Fortsetzung eines irgendwie gearteten Lebens, sondern um die Heimkehr zum Vater. Mit der Auferstehung Christi haben wir Zugang zum Vater oder wie es im Tagegebet geheissen hat: "Du hast uns durch deinen Sohn Zugang zum ewigen Leben erschlossen". "Ewiges Leben" ist nicht – wie wir wohl unmittelbar denken – das Leben, das nach dem Tod kommt, während das Leben jetzt vergänglich ist und nicht ewiges Leben wäre. "Ewiges Leben" ist das Leben selbst, das eigentliche Leben, das auch in dieser Zeit gelebt werden kann und dann durch den physischen Tod nicht mehr angefochten werden kann. "Ewiges Leben" meint Leben in der Begegnung mit dem himmlischen Vater. "Ewiges Leben" ist ein Beziehungsereignis. Der Mensch hat es nicht aus sich selbst, für sich allein genommen. Durch die Beziehung zu dem, der selbst das Leben ist, wird er ein Lebender. So kann Jesus sagen: "Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben" (Joh 11,25f). Aus diesem Verständnis heraus haben die frühen Christen sich einfach "die Lebenden" genannt. Sie haben gefunden, was alle suchten – das Leben selbst, das volle, unzerstörbare, eben ewige Leben. Deswegen beginnt das "ewige Leben" nicht erst nach dem Tod, sondern dieses geschieht heute als Beziehungsgeschehen mit Christus und dem himmlischen Vater. Paulus sagt es in seinem Brief an die Kolosser so: "Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott" (Kol 3,3).
Vielleicht ist es das, was dem Apostel Johannes in der leeren Grabkammer aufgegangen ist, ohne den Auferstandenen gesehen zu haben, als er hineinging und "sah und glaubte" (Joh 20,8).
Und ein Kind wird fragen: "Warum glaubte er?" Weil es schön ist, zu erkennen, dass wir mit Christus zum himmlischen Vater heimkehren.
Und seien Sie dem inneren Kinde nicht böse. Es wird immer noch zu fragen wissen: "Warum?"