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Drei Siege, ein böser Absturz = die Unvollendete
Simon Ammann erlebt bei der Vierschanzentournee einige der schlimmsten Momente seiner Karriere. Dabei geht oft vergessen: Der vierfache Olympiasieger sprang um den Jahreswechsel oft auch stark.
Simon Ammann wird am Samstag mit der Qualifikation in Oberstdorf zum 21. Mal eine Vierschanzentournee in Angriff nehmen. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass der Traditionsanlass die einzige signifikante Lücke im Palmarès des Schweizer Jahrhundert-Skispringers bleiben wird. Der 37-jährige Toggenburger war 2002 und 2010 insgesamt viermal Olympiasieger, 2007 in Sapporo Weltmeister von der Grossschanze und 2010 in Planica Weltmeister im Skifliegen. Zudem gewann er 2009/2010 den Gesamt-Weltcup und bisher 23 Weltcup-Springen.
Drei dieser Siege kamen an der Vierschanzentournee, in der Gesamtwertung reichte es aber «nur» zu je zwei 2. und 3. Plätzen. In Erinnerung bleibt zudem der fürchterliche Sturz vor drei Jahren in Bischofshofen, der den letzten Teil von Ammanns Karriere massgeblich beeinflusst hat. Ein Rückblick auf Triumphe und Enttäuschungen an der Vierschanzentournee.
1997/1998: eine überraschende Premiere
Der 29. Dezember 1997 ist für die Schweizer Sportgeschichte ein bedeutender Tag. In Oberstdorf steht ein 16-jähriger Gymnasiast und Bauernsohn aus Unterwasser am Start seines ersten Weltcupspringens überhaupt. Simon Ammann wird auf Anhieb 15. und darf dann auch in Garmisch (70.) und Innsbruck (50.) springen. Er schafft überraschend die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1998 in Nagano. «Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet», gibt er zu.
2000/2001: Tournee ohne Ammann
Nach dem fulminanten Start stagniert Ammann auf tiefem Niveau und macht jeweils nur ein oder zwei Springen. 2000 wird er gar nicht erst aufgeboten, er hatte zuvor sogar am nicht zum Weltcup zählenden Weihnachtsspringen in St. Moritz die Qualifikation für den Wettkampf verpasst.
2001/2002: Warm springen für den Olympia-Coup
Ein Jahr nach dem Tiefpunkt etabliert sich Simon Ammann in der Weltspitze. In Oberstdorf springt er als Dritter erstmals aufs Podest, es folgen ein 5., 11. und 15. Platz. Als Gesamt-6. erreicht Ammann das beste Schweizer Resultat seit zehn Jahren. «Dass er diese vier Springen so konstant hinter sich gebracht hat, gibt mir auch Zuversicht für die Olympischen Spiele», erklärt Cheftrainer Berni Schödler. «Simi hat gezeigt, dass er stressresistent ist.» Und wie er das war. Einen guten Monat später gewann er trotz Maturastress in Salt Lake City seine ersten zwei Olympia-Goldmedaillen - noch vor dem ersten Weltcupsieg.
2006/2007: Erster Podestplatz in der Gesamtwertung
Nach einigen Jahren mit mittelmässigen Ergebnissen festigt Ammann seine Position unter den besten Springern der Welt. Mit zwei 3. Plätzen in Innsbruck und Bischofshofen beendet er auch die Tournee im 3. Gesamtrang. Den ganz grossen Triumph vergibt er bei einem Windspringen in Garmisch mit einem 18. Platz. Dennoch sagt der Schweizer am Ende: «Ich bin überglücklich.» Mit 16,4 Punkten Rückstand auf Sieger Anders Jacobsen ist er dem Tourneesieg rechnerisch so nahe wie danach nie mehr.
2008/2009: Erster Sieg in Oberstdorf
Zum Auftakt feiert Ammann in Oberstdorf seinen ersten Tagessieg, den erst vierten eines Schweizers an der Tournee nach Walter Steiner und Andreas Küttel. Weil aber der Österreicher Wolfgang Loitzl die anderen drei Wettkämpfe gewinnt, bleibt in der Gesamtwertung «nur» Platz 2. «Ein Auge weint», gibt Ammann zu. «Wenn ich aber schaue, wie Wolfgang gesprungen ist, kann ich froh sein, dass ich in Oberstdorf gewonnen habe.»
2009/2010: Rekordflug und Enttäuschung
Nach zwei Siegen in Engelberg reist Ammann als Weltcup-Leader und Topfavorit an die Tournee. Das Highlight ist ein Flug auf 143,5 m beim Neujahrsspringen, den noch heute gültigen Schanzenrekord in Garmisch. «Einfach wahnsinnig, davon habe ich geträumt», schwärmt er danach. "Mein Pulsschlag war bestimmt bei 180 oben. Trotz der guten Ränge 5, 3, 2 und 3 reicht es am Ende aber nur zu Platz 5 in der Gesamtwertung, mit allerdings weniger Rückstand auf Sieger Andreas Kofler als im Jahr zuvor als Zweiter. Dafür gewinnt Ammann in diesem Winter den Gesamt-Weltcup und in Vancouver die Olympia-Goldmedaillen 3 und 4.
2010/2011: Ein Morgenstern vor der Sonne
Simon Ammann fühlt sich in der Form seines Lebens. «Ich werde die Tournee gewinnen», zeigt er sich überzeugt. Es bleibt beim Sieg am Neujahrsspringen in Garmisch und dem 2. Gesamtrang, gegen Thomas Morgenstern ist kein Kraut gewachsen. «Das Resultat ist okay. Aber ich war nicht in einer Überform», bilanziert er leicht enttäuscht.
2013/2014: Kein Happy-End
Nach zwei schwächeren Jahrgängen kommt Ammann der Vervollständigung seines Palmarès noch einmal nahe. Er gewinnt zum Auftakt in Oberstdorf, und geht nach einem 3. und 2. Platz als Gesamt-Zweiter mit fünf Metern Rückstand auf Thomas Diethart in den letzten Wettkampf in Bischofshofen. Österreich, wo er auch im Weltcup noch nie gewonnen hat, bringt ihm aber erneut kein Glück. Er fällt noch hinter Morgenstern auf Rang 3 zurück. «Es wurmt mich schon», gesteht Ammann. «Aber ich habe keine Ressentiments gegen die Tournee.»
2014/2015: Der schwere Sturz
Ammanns Traum vom ersten Gesamtsieg endet bereits in Oberstdorf mit einem - glimpflich verlaufenen - Sturz. Er reagiert mit den Rängen 2 und 3 eindrücklich - ehe in Bischofshofen den Zuschauern erneut der Atem stockt. Der Schweizer stürzt im zweiten Durchgang nach einem Sprung auf 136 m schwer. Die Diagnose: schwere Hirnerschütterung und starke Prellungen im Gesicht.
2015/2016: Die Rückkehr nach Bischofshofen
Doch Ammann gibt nicht auf. Ausgerechnet bei der Rückkehr nach Bischofshofen gelingt Ammann mit einem 8. Rang das beste Saisonergebnis. «Das war ein Klasse-Moment für mich. Ein Jahr später sich so zu präsentieren, das ist super.» Dennoch ist der Sturz vom Jahr zuvor eine Zäsur. Ammann, bei dem die Landung immer schon ein Schwachpunkt war, wechselt vom schwächeren linken Bein auf das rechte für den Ausfallschritt beim Telemark. So richtig in Griff bekommt er seine Probleme aber bis heute nicht. Die Vierschanzentournee bleibt deshalb die Unvollendete in Simon Ammanns Karriere.