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...und wo kommt die Suppe her?
Das Leder fühlte sich schon trocken und rau an. Der Sessel hatte definitiv schon bessere Tage gesehen, aber er war bequem. Auf der Holzkiste neben dem Sessel stand ein offenes Päckchen Caporal Gris, daneben lag weisses ungummiertes OCB Zigarettenpapier gefährlich nahe dem Weinglas, das noch halb mit rotem Landwein gefüllt war.
Paul zog an der dicken Zigarette und blies den Rauch zur Holzdecke hin, die aus rohen geschälten Baumstämmen bestand. Seine Kinder waren nun schon längst mitsamt ihrer Mutter in Deutschland angekommen. Machte es noch Sinn, hier zu bleiben? Er müsste noch die Kartoffeln ausgraben, Kohl und Mangold würden noch eine Weile reichen, Karotten standen noch im Garten und er hatte genug Heu gemacht, dass Wanda über den Winter kommen würde. Er nahm einen grossen Schluck Rotwein, stellte das Glas auf die Holzkiste neben ihm und füllte es aus einem roten Kanister wieder auf. Wein im 10-Liter Kanister, das gibt es nur in Frankreich, dachte er. Der Liter kostete 2 Francs, das waren umgerechnet 60 Pfennig, wenn er den Wechselkurs richtig in Erinnerung hatte. Aber selbst das würde er sich im Winter nicht leisten können.
Die Sache mit den Heidelbeeren war gut gelaufen und er hatte sich einen Sack Weizen kaufen können. Oben am Tuc de la Coume, am Westhang, war ein riesiger Bestand von Heidelbeeren. Wilde Heidelbeeren. Mit Geschmack. Er liebte Heidelbeeren und war vor einem Monat dort oben gewesen und hatte Heidelbeeren geerntet - tagelang. Sie wuchsen auf 1400 bis 1600 Meter, der Boden dort war eher sauer, weil er aus dem Granit entstanden war, grauer körniger Granit. Die Mauern seiner Hütte waren aus Granit, aus rohen kaum behauenen Steinen. Von den alten Leuten hatte er gelernt, wie sie früher grosse Findlinge in Scheiben und dann in rechteckige Blöcke gespalten hatten. Jetzt wäre die Zeit, auf einem Findling eine Rille zu meisseln, dann kleine Vertiefungen im Abstand von einer Handspanne in den Granit zu schlagen und in diese Vertiefungen dann Holzkeile einzusetzen. Man musste sie ganz nass machen. Wenn dann der Frost kommt, gefriert das Wasser im Holz, dehnt sich aus und eines Morgens spaltet mit einem reissenden knirschenden Geräusch eine ganze Scheibe vom dem Findling ab. Wenn man im Abstand von einem halben Meter über den ganzen Findling Rillen geschlagen hatte, konnte das dann aussehen wie ein grosses Brot, das in dicke Scheiben geschnitten war. Aber in der Nähe gab es keine Findlinge mehr. Der nächste Findling oberhalb seiner Hütte war mindestens 20 Minuten entfernt und er würde alle Steine auf einem Schlitten herbringen müssen. Und den Bach überqueren. Und seinen Nachbarn überzeugen, dass er die Steine brauchte. Oder es mit ihm zusammen machen. Das wäre noch eine Aussicht, die Sinn macht.
Ja, Sinn, dachte er, welchen Sinn hat der Schmerz, dieses Gefühl der Verlassenheit, diese Angst vor Einsamkeit? Warum war er nicht glücklich, alleine zu sein? Er trank das Glas in einem Zug leer, erhob sich aus dem alten Ledersessel und ging zum Herd, um zwei Stücke Holz nach zu legen. Kaum hatte er das Glas nachgefüllt und sich wieder im Sessel zurückgelehnt, ging plötzlich polternd die Türe auf und eine hochgewachsene bärtige Gestalt stand mit einem breiten Lächeln in der Hütte. «Timo! Wo kommst Du denn her?» entfuhr es ihm. «Von draussen» meinte Timo und grinste noch breiter, während er seine Arme ausbreitete und auf ihn zu kam.
1 Medizinmann
Paul war auf dem Markt in St. Girons gewesen, hatte sich unter eine dieser Platanen gesetzt, die in regelmässigen Abständen auf dem Marktplatz wuchsen und so im Sommer wie ein grosses Dach über den ganzen Marktplatz bildeten. Zehn Flaschen Heidelbeermus hatte er verkauft, alle die er dabei hatte. Von dem Geld würde er Weizen kaufen, zusammen mit den Anderen. Der Händler würde die Säcke bis nach Maou bringen und von dort konnte er den Weizen bis zu seiner Hütte tragen.
Jetzt hatte er noch Zeit, denn der Bus nach Massat fuhr erst in drei Stunden wieder zurück. Er schlenderte vom Champ de Mars zufrieden durch die Rue Joseph Sentenac und durch die Rue Gabriel Fauré zurück Richtung Marktplatz. An einem grauen Fensterladen hing ein handgeschriebenes Plakat. Ein indianischer Medizinmann erzählt aus indianischer Sicht, welche Zeitenwende uns bevorsteht. ‹Es ist heute›, dachte Paul, in zwei Stunden, hier in St. Girons! «Tu veux le voir?» fragte eine Stimme über ihm. Ein junger Mann stand auf dem kleinen Balkon und schaute zu ihm herunter. «Ööh, oui» stammelte Paul, völlig überrascht. «Die Türe da, komm hoch» sagte der junge Mann.
Als Paul die Treppe hochkam, stand die Türe offen und der junge Mann schenkte in der Küche gerade einen Tee ein. «Je suis Pierre, setz Dich und trink einen Tee, 10 Minuten, ich komme gleich wieder». Paul nahm einen Schluck Tee und fragte sich, was da gerade geschehen war. Ob der indianische Medizinmann von dem Plakat HIER war? Und er könnte ihn treffen? Unglaublich! Oder ob ihm Pierre nur ein Buch verkaufen wollte? Er sah Bilder mit Buddhas an der Wand und Zen-Sprüche, die mit dickem Filzstift geschrieben und mit Nadeln an die Wand gepinnt waren. «Höre auf das Klatschen der einen Hand» Sein Lieblings-Koan. Er hatte einmal darüber meditiert und ihm war aufgegangen, dass er selbst die eine Hand war und das, was er als Realität betrachtete, war die andere Hand und in dem Moment hatte sich alles aufgelöst und er war eine Ewigkeit dagesessen und hatte nur so etwas wie unbeschränkte weite Leere gefühlt.
«Komm mit», sagte Pierre, «Ich bringe Dich zu ihm» und lief geschäftig die Treppe herunter. «Wir müssen in ein anderes Haus» und lief die Rue Gabriel Fauré bis zum Ende, dann rechts und wieder rechts in die Rue de Coumes, durch eine Holztüre in einen kleinen Hof, eine Treppe hinauf bis sie beide in einem Gang standen. «Dort ist er» sagte Pierre und deutete auf eine Tür. «Kann ich einfach hineingehen?» fragte Paul. Pierre nickte aufmunternd.
Gleich links von der Türe lag ein Sitzkissen und Paul setze sich leise dorthin. Schräggegenüber sass ein Mann im Schneidersitz auf einer Matte. Er hatte lange schwarze Haare und sein Kopf war unten breiter als oben. Er war massig und gross. Er sass entspannt und aufrecht und schaute geradeaus, ohne Paul anzuschauen. Paul atmete tief und langsam und schaute auch geradeaus auf das Fenster, das ihm gegenüber lag. Er vermied es den Mann anzuschauen. Er fühlte sich seltsam. War das jetzt sein Guru? Konnte er diesen Indianer fragen nach all den Dingen, die ihn beschäftigten? Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er versuchte, sich zu beruhigen und erinnerte sich an das Koan, das er eben in der Küche gelesen hatte. Er sass einfach da.
«Darf ich etwas fragen?» Der Indianer schaute ihn an, als hätte er erst gerade jetzt seine Gegenwart bemerkt. «Yes, sure» sagte er mit tiefer Stimme. «How do I find God?», wie finde ich Gott, fragte Paul. Lange sassen beide schweigend. Er wird mir nicht antworten, dachte Paul, ich habe die falsche Frage gestellt. «Wenn der Tag beginnt, kannst Du Dich ein wenig zu Gott hin oder von ihm weg neigen. Wenn Du jeden Tag beginnst, indem Du Dich ein wenig zu Gott hin neigst, wirst Du ihn finden.» So einfach soll das sein, dachte Paul als Erstes, aber dann wurde ihm klar, dass er Gott nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche finden würde. Er müsste es beharrlich wollen, jeden Tag.
2 Heckflosse
«Und dann bist Du auch an den Vortrag gegangen?» fragte Timo. «Ja sicher,» sagte Paul, «und zwei Tage später bin ich zu dem Seminar gegangen, eine Schwitzhüttenzeremonie über drei Tage. Der Treffpunkt war in einem Haus oben über Biert und ich bin früh am Morgen losgelaufen, um rechtzeitig da zu sein. Als ich ankam, gab es sowas wie Formalitäten, denn das Seminar kostete Geld. Ich hatte aber keins. Lame Deer schickte mich daraufhin vor die Türe, ich solle da warten. Nach zehn Minuten kam jemand und holte mich wieder herein. Jemand aus dem Kreis habe sich bereiterklärt, für die Kosten aufzukommen und ich dürfe bleiben, das habe die Gemenschaft entschieden, sagte Lame Deer. Ich wollte mich bedanken, aber er fiel mir ins Wort und meinte, es sei alles gut, ich könne mich ja beim Abwaschen und Aufräumen einbringen.»
Paul nahm den Kanister und schenkte Timo und sich Wein nach. «Und er war ein echter Medizinmann?» hakte Timo nach. «Ja, von den Lakota, ein Sioux-Stamm, er war ein Wikasa Wakan, ein heiliger Mann. Tahka Ushte hiess er auf indianisch, Archie Fire Lame Deer auf englisch. Er hat mir soo viele Sachen erzählt und ich habe es verstanden. Er hat mir beigebracht, wie ich selber eine Schwitzhütte leiten kann, hier bei uns im Tal. Wir haben vor zwei Wochen noch eine gemacht.» «Du machst irre Sachen», meinte Timo mit einer Spur Bewunderung in der Stimme. «Nur eine Sache habe ich nicht verstanden, « antwortete Paul, «Er sagte, you go to Germany, aber ich will nicht nach Deutschland und als ich ihn fragte, warum, meinte er Think about cool, he wants you for President, er meinte Kohl, aber es klang wie cool. Was habe ich mit Helmut Kohl zu tun? Wieso sollen die sich für mich interessieren?» «Hm, das kannst Du ja bald rausfinden,» meinte Timo lachend, «ich fahre nächste Woche nach Deutschland und habe in meiner Heckflosse noch Platz. Und es ist ein langer 112er, Baujahr 1964 mit Luftfederung in rot-weiss.» wobei er das o in rot sehr langgezogen aussprach, «Da kommst Du schon mal standesgemäss in Deutschland an, wenn Du Präsident werden sollst.»
3 Keep einstein simple
«E=m*c2 ist wohl die bekannteste Formel mit Bezug zu Einstein und seiner Relativitätstheorie. Mathematisch korrekt kann man sie umstellen nach c2=E/m. E/m ist ein Bruch oder ein Verhältnis und würde übersetzt bedeuten: das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit entspricht dem Verhältnis von Energie zu Masse. Die Lichtgeschwindigkeit ist konstant und die höchste Geschwindigkeit, die ein Teilchen im Universum erreichen kann, sagt man. Allerdings ist sie nicht die höchste Geschwindigkeit, die im Universum erreicht werden kann, denn die Fluchtgeschwindigkeit im expandierenden Universum nimmt abhängig von der Entfernung linear zu und übersteigt die Lichtgeschwindigkeit jenseits der Hubble-Entfernung. Doch zurück zu c2=E/m: Setzen wir für E die gesamte Energie im Universum und für m die gesamte Masse des Universums, dann ergibt das Verhältnis dieser beiden das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit und ist somit konstant. Bauen wir nun eine riesige kosmische Maschine, die Planeten, Sonnen, ja ganze Galaxien verschlingt und deren Masse in Energie umwandelt, würde sich dann nicht mit der Zeit das Verhältnis von Energie zu Masse verändern? Wäre dann nicht mehr Energie und weniger Masse im Universum? Vielleicht würde sich dann auch die Lichtgeschwindigkeit ändern - sie würde grösser. Also die Zeit, die das Licht braucht, um sich auszubreiten, wird kleiner. Je weniger Materie, desto schneller kann sich das Licht ausbreiten.» Doktor Knoll schüttelte energisch den Kopf. «Das kann man nicht so einfach umstellen, ohne die relativistischen Aspekte zu berücksichtigen.Sie müssen...» «Warten Sie, Herr Doktor,» fiel ihm Paul ins Wort «ich will auf etwas anderes hinaus.» Doktor Knoll schaute ihn zwar skeptisch, aber doch mit einer Spur Interesse an. «Ich möchte eine Grenzwertbetrachtung durchführen für den Zustand, wenn alle Masse in Energie umgewandelt ist.» fuhr Paul fort. «Ach Sie meinen diesen Zustand für T=0 beim Urknall?» und lächelt etwas spöttisch. «Sie wissen, was an der Eingangstüre zu meinem Seminar steht: Hier betrachten wir Zustände für T>0. Für T=0 wenden Sie sich bitte an die theologische Fakultät.» «Das weiss ich, Herr Doktor, und ich will nicht T=0 betrachten, sondern auf jeden Fall einen Zustand für T grösser Jetzt.» «Also für einen hypothetischen Zustand in der Zukunft?» präzisierte Doktor Knoll. «Ja, genau» Paul nahm einen Schluck Wein. Doktor Norbert Knoll war Weinliebhaber oder so etwas ähnliches. Draussen in einem Anbau lagerte eine endliche Anzahl von Weinkisten, die er zu einem Zeitpunkt T>0 erworben hatte und die nun mit verschiedenen ΔT gelagert waren. Wenn Paul und er abends zusammensassen, wählte Norbert Knoll eine Kiste, die die optimale Lagerdauer erreicht hatte, stellte zwei Weingläser auf den kleinen Tisch in seinem Wochenendhaus, entkorkte die erste Flasche und schenkte beiden ein. Sie hatten sich schon über einige Dinge unterhalten. Paul Koslan war sein Gartengestalter. Seine Naturheilpraktikerin, die seine Katzen betreute, hatte ihn empfohlen. Er hatte ihn angerufen und einen Termin abgemacht. Das erste Treffen hatte etwas unter Zeitdruck stattgefunden. Er wollte einen Teich anlegen und hatte Herrn Koslan kurz geschildert, dass der Teich überschüssiges Wasser aufnehmen sollte, das von der Terrasse nach unten floss, aber in trockenen Sommern wollte er den Teich auch nutzen können, um den Garten zu bewässern. Und er sollte schön aussehen und irgendwie in Harmonie sein mit der Umgebung. Zu seinem Erstaunen hatte Herr Koslan gleich gefragt, was er mit Harmonie meine und sie hatten ein anregendes Gespräch über Erweiterung des Wohnraums, Setzen von vertrauten Symbolen und naturgemässer Bepflanzung. Er hatte Herrn Koslan gebeten, ihm ein Angebot zu machen, und zwar schnell, weil er nächste Woche für zwei Monate in Nepal weilen würde. Er bekam prompt ein Pauschalangebot und bestätigte es zwei Tage vor seinem Abflug, mit der Bitte, dass die Arbeiten fertig seien, wenn er zurückkäme. Als er zurückkam, war der Teich fertig. Die Rechnung über den vereinbarten Betrag fand er im Briefkasten. Als er am Teich stand, sah es aus, als sei schon immer hier ein Teich gewesen. Steine fassten die Wasserfläche ein und ihm gegenüber waren zwei Steine aufgerichtet, die ein Symbol formten - ein Delta Δ. Er war verwundert. War das Absicht oder hatte dieser Gärtner nur Steine aufgeschichtet, die zufällig diese Form ergaben? Aber die beiden Steine, die das Delta formten, waren sorgfältig gesetzt und sie schauten ihn förmlich an - von der gegenüberliegenden Seite des Teiches. Und auf der Spitze beider Steine, da wo sie zusammenstiessen, lag ein kleiner runder Kiesel, gross wie eine Faust...
4 Katzen
Seppi hatte durchaus noch Chancen, der älteste Kater der Welt zu werden, aber er legte keinen Wert darauf. Zumal auch sein Geburtsdatum nicht ordentlich registriert worden war. Irgendwo zwischen Frühling und Herbst 1998, aber er war eigentlich ein Herbstwurf. Glaubte er. Also Herbst 1998. Wahrscheinlich September. Da werfen die Kätzinnen ihre Jungen. Demnach war er jetzt zwanzig Jahre alt und müsste noch weitere achtzehn Jahre leben, um den Rekord zu brechen. Er sass auf Pauls Schoss, sein Unterkiefer lag auf dem Schreibtisch, während Paul mit seinen Fingern auf der Tastatur tanzte. Was auch immer der da machte, auf seinen Schenkeln zu liegen, war gut - und er schnurrte. Seppi hatte nicht gewusst, worauf er sich eingelassen hatte, als er geboren wurde, aber zusammen mit seinem Bruder hatte er gelernt, wo es etwas zu Essen gab.
5 Zelt
Eigentlich sei er Pfarrer gewesen, hatte er ihm erzählt. Nur glaube er nicht mehr an all diese Geschichten, die die Kirche erzählt. Es sei viel einfacher. Das war bei Saint Bres gewesen, wo sie sich getroffen hatten. Paul hatte ihm Fragen gestellt und er hatte immer eine gute Antwort darauf. Sein Bart war schwarz, wie seine Haare, und er hatte einen leichten pfälzischen Dialekt, wenn er Deutsch sprach. Aber er redete auch viel französisch. Sie wollten beide nach Arles.