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Grodno
Die Stadt Grodno oder auch Hrodna (russisch: Гродно, belarussisch: Гродна) zählt zu den schönsten belarussischen Städte. Sie liegt im Westen des Landes, an den Ufern der Memel. Schon seit dem 12. Jahrhundert ist Grodno eine Grenzstadt, die zu unterschiedlichen Zeiten als Grenzvorposten verschiedener Staaten diente. Heute befindet sich Grodno 15km von der polnischen und 30km von der litauischen Grenze entfernt.
Grodno ist das größte Industriezentrum des westlichen Belarus, Hauptzweig ist die verarbeitende Industrie. Der dominierende Industriebetrieb der Region ist die offene Aktiengesellschaft Grodno Asot (russisch: азот – Stickstoff). Auf diese entfallen 45% der gesamtstädtischen Industrieproduktion.
Die Stadt zählt circa 362.000 Einwohner, und liegt damit auf Platz 5 der größten Städte des Landes.
Anfang des 12. Jahrhunderts wurde Grodno unter dem Namen Goroden im Zusammenhang mit dem Fürsten Wsewolod von Goroden erstmals urkundlich erwähnt. Die Stadt galt damals als Zentrum des Fürstentums von Goroden, das als erste Form der Staatlichkeit auf dem Territorium der Schwarzen Rus gilt. In dieser Zeit war Grodno eine kleine Festung mit einem befestigten Handelsstädtchen. Wahrscheinlich wurde die Stadt nach dem Fluß Gorodnja benannt. Eine andere Erklärung besagt, dass der Name vom Verb „gorodit“ abgeleitet wurde (rus. городить – umzäunen). Der Name Grodno (neben Goroden) wurde in Urkunden des Großfürsten August II. im Jahr 1562 erstmals verwendet.
Obwohl im 12. Jahrhundert Zentrum der Schwarzen Rus, war das Fürstentum Goroden stets von Kiew abhängig. Als Grenzstadt war Grodno stark befestigt, im Gegensatz zu anderen Städten wurde hier schon früh viel mit Stein gebaut. Die Hauptkirche (Kirche der heiligen Boris und Gleb) wurde ebenfalls aus Stein errichtet.
Zur Mitte des 13. Jahrhunderts trat das Fürstentum von Goroden in das Großfürstentum Litauen ein. Unmittelbar danach begannen der Deutsche Orden und die Kreuzritter die Stadt anzugreifen und zu verwüsten. Im Jahr 1300 trat David von Goroden (einer der Vertrauten des Großfürsten Gediminas) die Stelle des Burgvogts an. Unter seiner Führung wurden die Angriffe der Kreuzritter zurückgeschlagen. So blieb Goroden unabhängig.
Das Fürstentum von Goroden wurde von einem litauischen Fürsten an den anderen übergegeben: nach dem Tod von Gediminas regierte es Kenstut, dann sein Sohn Paterg, der ihm ab 1365 vorstand. Als der Großfürst Vytautas dessen Nachfolge antrat, machte er Goroden nach Trakai zu seiner zweiten Hauptstadt. Auf diese Weise entwickelte sich die Stadt rasch, viele neue Gebäude wurden errichtet.
1496 erhielt Goroden das Magdeburger Recht. In der Stadt regierten neben dem Magistrat stets zwei Bürgermeister. Jeweils ein Katholik und ein Orthodoxer, um die Belange der beiden Hauptkonfessionen gleichwertig zu vertreten.
1576 bis 1586 war Grodno Residenz des Königs. 1576 erbaute Stephan Báthory, König von Polen und Fürst von Litauen, sein Grodnoer Stadtpalais im Renaissance-Stil, es thront heute bekannt als das Alte Schloß über der Stadt.
Im 16. und 17. Jahrhundert entwickelten sich Handel und Gewerbe in der Stadt, im Jahr 1570 entstanden die ersten Handwerksinnungen in Grodno. Nach Inkrafttreten der Kirchenunion von Brest im Jahre 1596 richteten sich verschiedene Ordensgemeinschaften (Jesuiten, Karmeliten, Brigitten) in Grodno ein. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden neun katholische Kirchen und zwei unierte Kloster gebaut.
1793 wurde die Wojewodschaft von Grodno geschaffen. Das Gebiet wurde nicht weiter in Verwaltungskreise unterteilt, dies war in Polen nicht üblich.
Ende des 17./ Anfang des 18. Jahrhunderts erlebte Grodno aufgrund verheerender Kriege und der Ausweitung des Lehnwesens in Polen-Litauen einen wirtschaftlichen Verfall. Das gesellschaftliche Leben entwickelte sich jedoch weiter, so wurde beispielsweise von 1776 bis 1783 die erste Zeitung auf dem Territorium von Belarus herausgegeben. Die Zeitung hieß Gazeta Grodzieńska und wurde auf Polnisch gedruckt.
Nach dem Nordischen Krieg (1700-1721) machte nicht nur Grodno, sondern das ganze Großfürstentum eine demographische Krise durch. Wegen des Bevölkerungsrückgangs war das Steueraufkommen niedrig. Um dem entgegenzuwirken lud der König von Polen deutsche Juden ein sich in der Region niederzulassen. Die Einwohnerzahl vor allem in Grodno wurde so gesteigert, lange stellten die Juden die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt. Die Juden errichteten zahlreiche Gebetshäuser, viele fielen aber immer wieder Bränden zum Opfer. Die Synagoge, die bis heute in der Grodnoer Innenstadt erhalten geblieben ist, wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Der belarussische Architekt Ilja Frunkin entwarf sie in einem der Stile des Eklektizismus – im maurischen Stil. Sie gilt als eine der schönsten Synagogen in Europa.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die kulturelle Wiedergeburt Grodnos, die maßgeblich vom einflussreichen Staatsmann und Funktionär Antoni Tyzenhaus ausging. In Grodno und Umgebung gründete er eine Reihe von Manufakturen. Das erste Theater in der Stadt wurde ebenfalls von ihm eröffnet. Von 1775 bis 1781 gab es eine medizinische Hochschule in Grodno, seit 1781 – eine Fakultät der Vilniuser Universität, wo der Großteil des Adels des östlichen Litauen studierte.
Am 27.Mai 1793 fand der letzte Sejm (Kammer des Parlaments) von Polen-Litauen im Neuen Schloß in Grodno statt (so genannter Sejm von Grodno), der die zweite Teilung von Polen-Litauen billigte und die Verfassung vom 3. Mai 1. 1791 für nichtig erklärte. Dagegen kämpfte der polnische Adel unter der Leitung von Tadeusz Kościuszko, Grodno wurde zu einem der Zentren des Kościuszko-Aufstands. Der Aufstand war erfolglos, und so wurde die Wojewodschaft Grodno im Jahre 1795 dem Russischen Imperium angegliedert. Nach der Angliederung zum Russischen Imperium wurden vielen russische Militärs in der Grenzstadt angesiedelt, durch ihre Familien stieg die Zahl der Stadtbevölkerung wieder an.
Die Angliederung zum Russischen Imperium und der Anschluss von Grodno an den allrussischen Markt begünstigten die weitere Entwicklung der Stadt und ihrer Wirtschaft. Die Situation veränderte sich mit Beginn des Krieges 1812. Die katholische Gemeinde in Grodno begrüßte Napoleons Armee zunächst, weil sie glaubte, dass die Franzosen Ihnen beim Wiedererlangen der Unabhängigkeit von Russland helfen würden.
Nach der Niederlage der französischen Armee und der Stärkung der Position des Russischen Imperiums in Europa wuchs im 19. Jahrhundert die Tendenz zur Russifizierung und die Diskriminierung der polnischsprachigen Bevölkerung sowie die Verstärkung der Positionen der orthodoxen Kirche.
1862 wurde die Eisenbahnlinie Petersburg-Warschauer gebaut. Sie führte durch Grodno und trug maßgeblich zur Entwicklung des Handels und der Industrie bei.
1863 wurde die Stadt erneut zum Zentrum eines Aufstandes, dieses Mal unter der Führung von Kastus Kalinouski. Sein Ziel war die Wiederherstellung der Grenzen von Polen-Litauen. Auch dieser Aufstand scheiterte.
1885 brach ein großes Feuer in der Stadt aus, das das historische Zentrum stark zerstörte.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Elektrifizierung von Grodno und seiner Umgebung, 1912 wurde ein Dieselkraftwerk mit zwei Gleichstromgeneratoren gebaut. Bis zum Jahr 1915 wurden weitere 99 Elektrizitätswerke im Gouvernement von Grodno errichtet.
Im Laufe des 1. Weltkrieges wurde die Stadt von Deutschen Truppen besetzt, bei ihrem Rückzug vernichtete die russische Armee alle Brücken und Befestigungen der Grodnoer Festung.
Nach den Bedingungen des Friedensakts von 1920 zwischen Litauen und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) wurde Grodno Litauen zugesprochen. Während des Polnisch-Sowjetischen Kriegs (1919-1921) besetzte die Rote Armee die Stadt für vier Monate, polnische Truppen nahmen sie danach allerdings wieder ein.
Laut dem Friedensvertrag von Riga (1921) wurde Grodno endgültig Polen zugesprochen. Grodno verlor in weiterer Folge an Bedeutung, da Białystok zum Zentrum der Wojewodschaft ernannt wurde. Industrie und Infrastruktur wurden jedoch bis zum Ende der 1920er Jahre wiederaufgebaut. Anfang der 1930er Jahre begann die polnische Regierung eine Politik der Polonisierung und Assimilation zu betreiben. Alle belarussischen Schulen wurden geschloßen und der Gebrauch der belarussischen Sprache wurde verboten.
Nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens (Hitler-Stalin Pakt von 1939) wurde Grodno zu einem Teil der Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR). Am dritten Tag nach dem Eintritt Sowjetrusslands in den zweiten Weltkrieg (am 25.07.141; russisch: Großer Vaterländischer Krieg) wurde die Stadt von Deutschen besetzt. Bald wurde ein Ghetto eingerichtet, in dem alle Juden zusammengetrieben wurden. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung wurde dort vernichtet. Insgesamt verlor die Stadt während der deutschen Besatzung über 50.000 ihrer Bewohner.
Im Zweiten Weltkrieg war Grodno eines der größten Zentren der Partisanen- und Untergrundbewegung. Auf dem Territorium des heutigen Verwaltungsbezirks von Grodno waren circa 16.000 Partisanen aktiv. Am 16. Juli 1944 wurde die Stadt von Sowjettruppen befreit. Nach dem Krieg übersiedelte der größte Teil der polnischen Bevölkerung nach Polen.
Der rasche Wiederaufbau der von deutschen Truppen zerstörten Industrie und ein kompletter Neuaufbau der Infrastruktur bewirkte die schnelle Entwicklung der Stadt. In der Nachkriegszeit entwickelte sich Grodno nach den Generalplänen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) wie viele andere Städte der Sowjetunion.
Seit 1991 gehört die Stadt zur unabhängigen Republik Belarus. Erst 2003 begann man mit der Renovierung der Altstadt, die als eine der Perlen von Belarus gilt. Seitdem wurden auch der Botanische Garten und das sogenannte schweizerische Tal im Stadtpark wieder hergerichtet. 2006 wurde die Renovierung des Hauptplatzes (Sowjetplatze) und der Sowjetskaja-Straße beendet. Einige historische Gebäude wurden im Zuge der Renovierungen jedoch abgerissen.
Dank seiner bewegten Geschichte, der reichen Architektur und seiner Vielfalt an Kulturen und Konfessionen hat Grodno jedem Touristen etwas zu bieten.
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