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Fürs Museum einen Mitschnitt mit Fritz Mühlenwegs Originalstimme zu bekommen, war leider unmöglich. Alle Anfragen mit den genauen Aufnahmeterminen an Rundfunksender und Funkarchive in Stuttgart, Baden-Baden, Frankfurt a. M., Köln, Wien und Graz blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit negativem Bescheid zurück. In all diesen Städten hatte Mühlenweg während seiner Lesereisen Interviews gegeben oder live im Sender geredet.
Der Mann ist nun über 50 Jahre tot, der Klang seiner Stimme aber sollte doch irgendwo überlebt haben…
Die Furie des Verschwindens
Es gibt in unserer Welt des raschen Entsorgens und der pingeligen Aufräumer hin und wieder ja die Einzelnen, die der Furie des Verschwindens still entgegenarbeiten. Sammler aus Leidenschaft, aus Kenntnis des Werts, der über den Alltag hinausgeht. Die Basler sind vor kurzem zu einem Filmarchiv gekommen, weil einer in der Nachkriegszeit die beschränkt einsetzbaren Zelluloid-Kopien, die die Kinos wegwarfen, jeweils aus der Mülltonne geholt und aufbewahrt hatte.
Über die Funkaufnahmen wissen wir einigermaßen Bescheid, weil Mühlenweg von unterwegs fast jeden Tag an seine Frau in Allensbach schrieb. Im November 1955 machte er auch im Taunus Halt, und schrieb aus Kronberg; Saarbrücken und Rauxel hatte er hinter sich, weiter ging es dann nach Göttingen, aber nun erst die Lesung in der Waldschule:
„Wer noch zum Vortrag kommt, außer den 50 Buben, die hier untergebracht sind, weiß ich nicht. Da Herr Dr. Michels von den Vortragenden jede Rede auf Tonband aufnimmt, konnte ich Waggerl hören und Wolf v. Niebelschütz, er hat eine ganze Sammlung…“
Wilhelm Michels war mir als früher Leser und Förderer von Arno Schmidt bekannt, ihm ist sogar Schmidts unvergleichlicher Roman „Das steinerne Herz“ gewidmet. Michels: Ein promovierter Literaturwissenschaftler, der in London seine Habilitationsarbeit abbrach und in den Lehrerberuf ging. In den 30er-Jahren hatte er gemeinsam mit seiner Frau Erika die Waldschule (mit Internat) in Schönberg im Taunus gegründet, beide unterrichteten auch in Kronberg. In der Nachkriegszeit organisierte Michels über viele Jahre hinweg Lesungen mit den interessantesten Autoren für seine Schüler. Und da er literaturhistorisch dachte, nahm er die Lesungen auf Band auf, ein sehr bedachtsam modernes Verfahren fürs frühe Westdeutschland…
Zufallsfund, durch fremde Sorgfalt vorbereitet
Ich hatte vor zweidrei Jahren auf gut Glück an die Arno Schmidt-Stiftung geschrieben, dort konnte in der akribischen, von Jan Philipp Reemtsma großzügig finanzierten Schmidt-Forschung am ehesten noch etwas über die Tonbänder zu erfahren sein. Der Herr Bernd Rauschenbach dort antwortete nicht einmal. Und nachdem mir die Sachbearbeiter bei den Rundfunksendern alle ausgiebig erzählt hatten, warum auf Bänder der 50er-Jahre in Sendearchiven nicht mehr zu rechnen sei (man hat das teure Material wieder überspielt; man konnte diese Mengen gar nicht aufheben; die Qualität von Bändern nach dieser Zeit, oh!) – war meine Hoffnung ohnehin gering.
Aber es lebe die unkontrollierte, absichtslose, herrliche Querleserei … Vor ein paar Wochen fiel mir im „Tagebuch aus dem Jahr 1956“ von Alice Schmidt etwas auf – sie notierte ein paar Jahre lang in kurzen Einträgen den harten Alltag mit und neben dem ewig arbeitsamen Schriftsteller. Man erfährt von den Einkaufssorgen übers Picheln bis zu Katzengeschichten vielerlei Interessantes, sozialhistorisches Unterfutter der Adenauerzeit, und Alice Schmidt notierte eben auch über die Besuche des Ehepaars Michels. Dem Buch sind zwei CDs beigegeben: mit einer Lesung von Arno Schmidt „im Waldschülerheim Schönberg im Taunus am 18. 2. 1956“.
Ecco. Nur gerade drei Monate vorher hatte Fritz Mühlenweg dort gelesen.
Diesmal schrieb ich per Adresse der Arno Schmidt-Stiftung an die Herausgeberin des Tagebuchs, Susanne Fischer, die auch das vorzügliche Vorwort geschrieben hatte. Und bekam rasche und präzise Antwort mit der Adresse der Tochter des Ehepaar Michels, die noch zahlreiche Tonbänder verwahre. Schrieb also dorthin. Und heute (Nikolausabend besonderer Prägung) kam ein direkter Anruf dieser freundlichen Dame. Das Tonband ist gefunden. Nun beginnt das Warten darauf, ob eine Konvertierung möglich ist.
“and the women come and go / talking of Michelangelo”
Wir hätten dann die Stimme des 57-jährigen Fritz Mühlenweg, aus jenem Jahr 1955, in dem er – neben Max Frisch in Braunschweig – seinen wichtigsten Preis bekam, und den wenig später der Bundespräsident Heuss im Rahmen des ersten (westdeutschen) Jugendbuch-Preises für seine Übersetzung von „Der glückliche Löwe“ auszeichnete.
Die Stimme eines Mannes auch, der nicht ahnen konnte: dass ihn nur 16 Monate später ein Schlaganfall treffen würde, nach dem alle weiteren Lesereisen unmöglich wurden.