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«Ich wollte mehr über die Armut in meiner Familie in Erfahrung bringen.»
von Dardan*
Ich bin das jüngste Kind von drei Geschwistern. Als ich etwa 3 Jahre alt war, flüchtete ich in die Schweiz zu meinem Vater.
In unserem Heimatland hatte meine Familie ein sehr schönes und fast sorgloses Leben. Meine Eltern hatten einen eigenen Betrieb, zu dem sogar eine eigene Fussballmannschaft gehörte. Meine Eltern hatten uns immer verwöhnt. Leider erinnere ich mich selbst nicht mehr daran, da ich noch ein Kleinkind war. Jedoch meine Geschwister erinnern sich sehr gut daran: wie wir in den Ferien gefahren sind, was für ein Einfamilienhaus wir hatten und wie wir den Alltag gemeistert hatten.
Dann kam der Krieg und mein Vater flüchtete in die Schweiz. Wir Kinder blieben mit unserer Mutter und weiteren Verwandten zurück. Wenige Monate danach wurde die ganze Familie ermordet, auch meine Mutter. Nur wir drei Kinder waren übrig. Ich war zu klein, um mich daran zu erinnern. Meine Geschwister erzählten mir später, ich hätte wegen dieser Erlebnisse für lange Zeit aufgehört zu sprechen.
Mein Vater hatte grosse Angst, uns auch noch zu verlieren. Sobald es möglich war, holte er uns illegal in die Schweiz. Dafür verschuldete er sich bei Freunden.
Als wir dann in der Schweiz waren, meldete er uns bei der Gemeinde an. Wir durften bleiben. In der Schweiz mussten wir mit allem neu anfangen. Wir mussten eine neue Sprache sprechen und ein neues Land und seine Kultur kennenlernen.
Über die Caritas fand mein Vater eine Stelle in seinem Beruf. Leider war sie befristet, das heisst, die Stelle war nur für eine gewisse Zeit. Als er diese Arbeit verlor, war es sehr schwierig für ihn, eine neue Stelle zu finden. Im Jahr 2002, ein Jahr nachdem er seine zweite Frau geheiratet hatte, war er gezwungen, beim Sozialamt um Hilfe zu bitten.
In der Familie sprachen wir nie offen über Geldprobleme oder das Sozialamt. Ich selbst war eh zu klein, um zu begreifen, was los war. Meine älteste Schwester hingegen wusste alles. Sie war diejenige, die die Briefe vom Sozialamt wortwörtlich meinem Vater übersetzte, damit er keine Fehler machte und sich an die Bedingungen des Sozialamtes hielt. Aber auch sie sprach nie davon.
Selbst mit der staatlichen Unterstützung war es sehr schwierig, über die Runden zu kommen. Oftmals hatten meine Geschwister und ich ein schlechtes Gewissen, wenn wir unsere Eltern um Geld fragen mussten. Auch ich hatte ein schlechtes Gewissen, obwohl ich nicht mal wusste, warum ich eins haben sollte. Aber ich machte meinen Geschwistern alles nach.
Wenn unsere Klasse ins Klassenlager ging, waren meine Eltern immer sehr aufgebracht, bis das Sozialamt das Klassenlager bewilligte und es bezahlte. Bei Klassenfotos war es das gleiche, weil jeder verfügbare Rappen für das Wesentliche im Leben verplant war. So kam es dazu, dass wir einige Schulfotos nicht kaufen konnten.
Das Schlimmste zu dieser Zeit war die soziale Isolation, in die wir hineingerieten. Unser Umfeld wusste nichts von unseren Problemen. Wenn wir eingeladen wurden, gaben wir immer vor, schon etwas anderes vorzuhaben. Wir wollten nicht zeigen, dass es bei uns finanziell nicht so rosig wie bei unseren Freunden und Verwandten aussah und wir uns keinen Besuch oder keine Reise leisten konnten. Es war für meine Familie sehr schmerzhaft, über unsere Probleme zu sprechen, da wir diese Situation vor dem Krieg ja nicht kannten.
In meiner Lehre beschäftigte ich mich im Rahmen einer Schularbeit mit der Armut in Zürich. Das nahm ich zu Anlass, auch mehr über die Armut in meiner Familie in Erfahrung zu bringen. Ich fragte meinen Vater, ob er mit ein Interview über die Zeit beim Sozialamt geben würde. Ich wollte wissen, was genau geschehen war, wie sich mein Vater damals fühlte und wie meine Familie die Kraft fand, wieder finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.
Während dem Interview mit meinem Vater merkte ich immer wieder, wie er tief Luft holen musste. Er erzählte mir Dinge, von denen ich nichts geahnt hatte. Vieles, was ich euch hier schreibe, weiss auch ich erst seit diesem Gespräch.
Nach mehreren Jahren schaffte es mein Vater, wieder eine Stelle zu finden. Zuerst fing er an, täglich intensiv Sport zu treiben. Dann begann er, meiner Stiefmutter bei ihrer Arbeit als Reinigungskraft zu helfen, da sie alleine war.
Eines Tages kam ihr Chef und fragte: «Warum arbeitest du nicht?» Mein Vater sagte: «Weil mir niemand mehr eine Chance gibt.» So kam es dann dazu, dass er bei der Firma, wo meine Stiefmutter arbeitete, als Teamleiter für zwei Stunden täglich eingestellt wurde. Mit der Zeit wurden immer mehr Stunden daraus. Zu Beginn war er einfach nur froh, dass er seine Krankenkasse und sein Essen finanzieren konnte. Aber besonders glücklich machte ihn, dass er wieder neue Freunde gefunden hatte - und das bedeutete ihm sehr viel mehr als Geld.
Die Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte hat mich weitergebracht. Ich bin aus mir herausgekommen und mein Denken hat sich verändert. Auf eine bestimmte Weise bin ich froh, diese Erfahrung in meiner Jugend gemacht zu haben, denn ich erinnere mich gern daran, wie es zu diesem Zeitpunkt war. Ich wünsche mir dann, dass weder ich noch jemand aus meiner Familie oder meinem Umfeld je wieder an so einem Punkt im Leben ankommt, wo er gezwungen ist den Staat nach Hilfe zu bitten.
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* Dardan (Name von der Redaktion geändert) ist 18 Jahre alt und lebt in Zürich.
VOR 72 Tagen