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Der 20-jährige Kevin Ward Jr. läuft mitten im Rennen auf die Strecke und wird vom Auto des berühmten Nascar-Fahrers Tony Stewart erfasst. Der hat eine Vorgeschichte. Jetzt diskutiert Amerika die Schuldfrage.
Vor ein paar Tagen erst hatte sich sein Unfall gejährt. Im August 2013 war es gewesen, da verunglückte Tony Stewart schwer bei einem seiner geliebten Sprint-Car-Rennen, verlor beinahe sein rechtes Bein. Neulich, am 5. August, twitterte der 43-jährige Stewart in Erinnerung an diesen Unfall: «Auf den Tag genau vor einem Jahr änderte sich mein Leben. Danke an alle, die mich wieder dahin zurückgebracht haben, wo ich heute bin.»
Vier Tage später, am vergangenen Samstag, ist Tony Stewart wieder ein solches Sprint-Car-Rennen gefahren. In Canandaigua ist das gewesen, im US-Bundesstaat New York. Dort rasen leichtgewichtige Buggys mit überdimensionalen Spoilern und 1000 PS in teuflischem Tempo über eine im Oval angelegte unbefestigte Piste. Am Samstag nun erfasst in Runde 15 Stewarts Wagen den Konkurrenten Kevin Ward Jr., der nach einer Kollision sein Auto verlassen hatte und zu Fuss auf der Strecke unterwegs war. Der 20-jährige Ward stirbt. Und Stewarts Leben ändert sich erneut.
Wie konnte das geschehen? Warum war Ward zu Fuss auf der Rennstrecke unterwegs? Und welche Schuld trägt Stewart?
Der Unfall bewegt Amerika. Denn Tony Stewart ist einer der berühmtesten Nascar-Fahrer, dreimaliger Champion im wichtigsten Motorsport Nordamerikas; die kleinen Sprint Cars fährt er nur nebenbei, eine Art Hobby. Vor allem aber ist der Multimillionär – Spitzname «Smoke» wegen der notorisch qualmenden Reifen infolge seines aggressiven Fahrstils – bekannt für sein zuweilen ungezügeltes Temperament. Mal schlug er einen Fotografen, ein andermal riss er einem Offiziellen die Kopfhörer runter. Einmal schleuderte er während eines Rennens seinen Helm in Richtung eines Konkurrenten. Wut und Raserei.
Ein Video zeigt, wie Stewart den Rennwagen Wards in Runde 14 in die Begrenzungsmauer drängt. Für Ward ist das Rennen damit gelaufen, die Rennleitung zeigt die gelbe Fahne, die Fahrer drosseln die Geschwindigkeit, Wards Auto muss von der Strasse geschafft werden.
Doch statt auf die Helfer zu warten, läuft der 20-Jährige auf die Rennstrecke, zeigt mit dem Finger wieder und wieder auf den neuerlich nahenden Stewart. Runde 15. Die ersten Autos passieren den wütenden Ward oder weichen ihm aus. So genau ist das nicht zu erkennen. Stewarts Wagen aber trifft ihn. Ein tragischer Unfall? Oder Absicht?
«Tony muss ihn gesehen haben», meint laut «Sporting News» Tyler Graves, ein Freund und Kollege des verunglückten Kevin Ward. «Ich weiss, wie man aus diesen Autos sehen kann. Als sich Tony ihm näherte, drückte er nochmal aufs Gas. Und wenn man bei einem Sprint Car aufs Gaspedal drückt, dann bewegt sich der Wagen zur Seite. Der rechte Reifen traf Kevin, riss ihn ein, zwei Sekunden mit und schleuderte ihn dann rund 50 Meter weit weg.»
Die Debatte um die Schuldfrage nimmt nun Fahrt auf. Es ist vor allem das Amateurvideo (oben), das die Emotionen in der Nascar-Fangemeinde und darüber hinaus zu Lasten ihres bisherigen Stars Tony Stewart zu drehen scheint. Dabei verzichten die New Yorker Behörden bisher auf eine Strafanzeige. Es gebe bisher keine Fakten, die das rechtfertigen würden oder «die auf Absicht hindeuten», erklärte am Sonntag Philip Povero, der zuständige Sheriff. Er forderte Amateurfilmer auf, ihr Videomaterial einzureichen, um das Geschehen aus allen möglichen Winkeln betrachten und rekonstruieren zu können.
Stewart selbst sagte am Sonntagmorgen seine Teilnahme am wenige Stunden später beginnenden Nascar-Rennen in Watkins Glen ab, einer ebenfalls im Staat New York gelegenen Strecke unweit des Unglücksortes. In einem Statement hiess es, er fühle «Betroffenheit» wegen des Unfalls; es sei eine «sehr emotionale Zeit für alle Beteiligten».
Das US-Magazin «Rolling Stone» derweil twitterte den Link seines im Jahr 2008 veröffentlichten Stewart-Porträts – und leitete dies mit den Worten ein, man könne dort über «Nascar's fiesesten Fahrer» lesen. Stewarts Vergangenheit, soviel ist klar, wiegt im Jetzt schwer mit Blick auf den tödlichen Unfall. «Von Zeit zu Zeit macht oder sagt Tony Dinge, die dir einen Schauer über den Rücken jagen», zitiert der «Rolling Stone» in seiner Story einen Nascar-Offiziellen: «Er ist hin und wieder ein Arschloch.»
Andere mühten sich am Sonntag, Vorverurteilungen vorsichtig vorzubeugen. Da ist etwa Dale Earnhardt Jr., ein Fahrerkollege Stewarts, dessen Vater ebenfalls bei einem Motorsportunfall zu Tode kam. «Wir alle verlieren in unserem Leben jemanden. Wenn solch ein Verlust plötzlich und unerwartet kommt, dann sind Schmerz und Trauer bedrückend.»
Und das Magazin «Slate» weist darauf hin, dass das Todesrennen am Abend stattfand, dass es dunkel war; dass der auf die Rennstrecke laufende Kevin Ward einen dunklen Overall trug; und dass Stewart ja auch deshalb Gas gegeben haben könnte, um ein Ausweichmanöver zu starten. Nur weil einer übermässig ehrgeizig ist, fährt er ja nicht vorsätzlich einen Konkurrenten tot. Oder doch? Der «Slate»-Autor, ein bekennender Stewart-Fan, schreibt: «Ich würde gerne glauben, dass Stewart ihn nicht gesehen hat, bevor es zu spät war.»