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„Do you know what you are?”
“Yes, Monsignor.”
“Tell me.”
“I am a simulation of Saint Augustine, bishop of Hippo during the fifth century. Author of The City of God.” And after a long pause: “Pastor of the people of God.”
“You don’t always sound like Augustine.”
“I am what he might have been, given access to the centuries.”
Chesley laughed. “Whas he as arrogant as you?”
Gus considered it. “Arrogance is a sin,“ he said. “But yes, he was occasionally guilty of that offense.”
- J. McDevitt: Gus. 2009, 425.
Wie in anderen Lebensbereichen auch, wird Künstliche Intelligenz (KI) religiösen Institutionen helfen, Inhalte zu vermitteln, zu erklären und zu übersetzen. In diesem Transferprozess, welcher zielgerichtete Ansprachen, Interpretationen und auch das Erleben von Religion beinhaltet, wird Technologie, ob seiner Mächtigkeit, zugleich auch die Taten und Fähigkeiten Gottes verständlicher machen können, - und so zwangsläufig „göttlicher“ werden. In einer letzten Phase schließlich, schreitet eine immer mächtigere Technologie und Wissenschaft so weit voran, dass die dadurch erschlossenen Phänomene und Erkenntnisse wiederum mit religiösen Kategorien erklärt bzw. aufgeladen werden können.
Technologie und hier insbesondere KI birgt somit zumindest auch Potenziale, Religion zu substituieren, indem sie etwa metaphysische Vorstellungen der Erlösung und Auferstehung einzulösen vermag. Oder entsteht durch den Fortschritt der Technologie und Wissenschaft erst recht eine neue Religionsbedürftigkeit?
Der Beginn: Religiöse Transferleistungen der KI
Die Nutzung von Technologie ist für Religionen zunächst nichts Ungewöhnliches. Moderne Medien wurden vom Katholizismus bereits in den 1960er Jahren breit akzeptiert, deren Bedeutung und den Nutzen für die Verkündigung des Evangeliums anerkannt und zugleich ethische und pastorale Richtlinien für ihren Gebrauch aufgestellt. Die Möglichkeiten zur Verbreitung religiöser Inhalte wurden zuletzt allerdings ausgeweitet: Applikationen des Maschinellen Lernens (ML= einer schwachen Form der KI) wie ChatGPT, welche Inhalte von Texten in einer sehr zielgerichteten Art und Weise zusammenstellen und wiedergeben, werden verstärkt zum Einsatz kommen. Es werden auch Erfahrungen bzw. Algorithmen aus dem juristischen Legal-Tech-Bereich übernommen werden können, um Texte und Entscheidungen religiöser Autoritäten (Vatikan, Al-Azhar …) mit ML in Hinblick auf bestimmte Entscheidungs- oder Lebenssituationen auszuwerten, zu übersetzen bzw. zusammenzustellen. Natürlich werden so wohl auch religiöse Inhalte geprägt: „The medium is the message.“ Diskussionen darüber, ob Generative Sprachmodelle diese oder jene Stelle aus dem Koran richtig oder abweichend übersetzt oder gar interpretiert haben, fluten dann bereits die Sozialen Medien. Der Islam, welcher im Koran das nicht zu ändernde Wort Gottes verkündet, hat hier möglicherweise größere Herausforderungen, als das Christentum, welches sich vielleicht damit zufriedengibt, wenn ChatGPT die Glaubenslehre zufriedenstellend zusammenfasst. Aber nicht nur die neue Vermittlung von Inhalten beeinflusst diese, auch bestimmte Glaubenspraktiken können durch virtuelle Anwendungen transformiert werden: Im islamischen Raum gibt es etwa erste Diskussionen über die Möglichkeiten virtueller Pilgerfahrten, auch wenn den Protagonisten dieser Szenarien zunächst mit Spott und Kritik begegnet wird.
Man kann in jedem Fall vermuten, dass Diskussionen darüber, ob ML/KI nun ein „eigenes Bewusstsein“ hat oder nur fehlerhaft ist, zwangsläufig an Fahrt aufnehmen: Da die Regeln komplexer ML-Modelle notwendigerweise abstrakt bleiben, muss das System auftuende Lücken mal besser, mal schlechter, selbstständig schließen.
Damit sind früher oder später weitgehende Veränderungen in den jeweiligen religiösen Gemeinschaften zu erwarten: Zwangsläufig mag man hier an die Lutherischen Übersetzungen und ihre Auswirkungen auf Institutionen und Gesellschaften denken, obschon derartige Vergleiche immer problematisch sind. Es werden wohl aber traditionelle Wissensmonopole potentiell geschwächt und bedroht. So hat etwa die für die islamische Rechtsprechung zentrale Kairoer Al-Azhar-Universität bereits 2006 Texte kommentarlos aus dem virtuellen Raum wieder herausgenommen. Und jenseits individueller religiöser Vorstellungen oder möglicher theologischer bzw. dogmatischen Kakofonien, welche nun verstärkt Platz greifen können, entsteht hier möglicherweise eine Lücke, in der Technologie eine über die bisherige Vermittlung hinausgehende neue Rolle für sich beanspruchen kann: Indem religiösen Vorstellungen nachgeahmt oder sogar übertroffen werden, kann Technologie selbst Kern metaphysischer Vorstellungen werden.
Quasi-Religionen und Technologie: Gottes Macht verstehen, nachahmen und übertreffen
Ein wohl unbeabsichtigter Effekt der Nutzung von Technologie wird sein, dass insbesondere KI die Fähigkeiten Gottes veranschaulichen und nachzubilden vermag und so fast „gottähnlich“ erscheinen kann.
In der apokryphen „Paulus-Apokalypse“ etwa, in der das Seelengericht dargestellt wird, werden Aspekte einer modernen transparenten Gesellschaft vorweggenommen bzw. mit den heutigen technologischen Erfahrungen verständlich (und „glaubhaft“?). Dieser Text diente im dritten Jahrhundert der Darstellung der damals revolutionären Idee, dass keine menschliche Tat und Gedanke vor Gott verborgen bleibt. Die Vorstellung, dass Gott das gesamte Leben eines jeden einsehen könnte und wollte, mag für die pagane Welt ungewöhnlich gewesen sein. Die Götter würden im damaligen Verständnis ihre Zeit kaum mit Normalsterblichen verbringen und über ihr lebenslanges Tun und Handeln richten. Es bestand also Bedarf, diese grundlegende Neuerung zu beschreiben und zu erklären.
In der „Apokalypse“ wohnt Paulus nun einer göttlichen Gerichtssituation bei. In dieser bestreitet der sündige Verstorbene – der Text lässt an seiner Schuld keinen Zweifel aufkommen – zunächst jegliches Fehlverhalten. Doch dann treten aus dem Hintergrund ihn begleitende, durch die Leugnungen zunehmend ungeduldige Engel hinzu, welche Schriftrollen mit sich führen und Gott vorschlagen, das gesamte Leben des Missetäters seit seinem zehnten Lebensjahr darzulegen, um zu einem gerechten Urteil zu kommen. Gott jedoch entgegnet, dass ihm die letzten fünf Jahre genügen würden, was – wie ein Religionswissenschaftler anmerkte - wohl einen Zeitraum darstellt, den man auf Basis der Fähigkeiten der römischen Bürokratie in der Spätantike als gerade noch realistisch für eine solche Aufgabe einschätzte.
Es ist nun offensichtlich, dass Technologie heute eine ähnliche Transparenz über Lebenswege ermöglichen bzw. sogar übertreffen kann: Alle Stationen der Biografie, alle Äußerungen im Netz, alle Fragen, alle Community-Beiträge und Feedbacks sind über jeden Einzelnen mehr oder weniger einfach abrufbar, selbst wenn das Individuum dies nicht möchte: Transparenz, ja sogar „totale Transparenz“ ist unausweichlich „und das Individuum“ - so der Davos-Leiter Klaus Schwab – „habe sich daran zu gewöhnen.“ KI kann also Aspekte der Macht Gottes abbilden, insbesondere hinsichtlich der Transparentmachung von Lebenspfaden, inklusive des Urteils über betroffene Personen, die auch ungewollt einem permanenten Feedback, Rating und Scoring durch diverse Akteure im Netz ausgesetzt sind. Ergänzt wird dies mit der Möglichkeit von Prognosen individuellen Verhaltens bzw. von Gruppen durch Extrapolationen. Die Mächtigkeit derartiger Vorhersagen würde dann bereits über religiöse Vorstellungen hinausgehen. In der Prozesstheologie beispielsweise ist es unklar, unvorhersehbar, wie die Welt auf Gott reagiert. Diese kann die von ihm ausgehenden Impulse ablehnen, diese sogar scheitern und ihn dadurch leiden lassen (Kreuztod Christi). Gott ist bei diesen Betrachtungen nicht allmächtig: Jedes Wesen besitzt die Freiheit, Ihm zu folgen oder auch nicht.
Es ist also kaum verwunderlich, dass eine derartig mächtige Technologie und ihre Fähigkeiten schon erstaunlich früh selbst zu einem Bestandteil einer beinahe religiösen Überzeugung wurde: In der russischen Strömung des Kosmismus aus dem frühen 20. Jahrhundert, der die Befreiung des Individuums aus seinen misslichen Umständen durch die Überwindung des Todes und die Wiedererweckung aller bisher verstorbenen Seelen propagierte. Interessanterweise kommt dieser Ansatz, ohne das zuvor diskutierte Seelenurteil aus und zeigt so eine religiöse Vorstellung in einer zunehmend säkularen Welt am Vorabend der bolschewistischen Revolution. Eine Religion in einer nichtreligiösen Welt.
Die Ziele dieses Ansatzes mögen skurril gewesen sein, doch seine Auswirkungen waren fühlbar. Wenn Menschen zwar (noch) nicht ewig, aber dank medizinischer Fortschritte länger lebten, müsste Platz auf anderen Planeten gesucht werden. Der intellektuelle Wegbereiter der sowjetischen Raumfahrt, Konstantin Ziolkowski war ebenfalls Kosmist und beschäftigte sich etwa mit der Frage, wie die nun Unsterblichen die Galaxie bevölkern würden, um der Überbevölkerung der Erde zu entgehen. Der Einfluss des Kosmismus blieb nicht auf die Sowjetunion begrenzt. Während des Kalten Krieges veranstaltete das amerikanische Esoterikinstitut Esalen ein gemeinsames ziviles diplomatisches Programm mit sowjetischen Wissenschaftlern, wodurch der Kosmismus auch nach Kalifornien gelangte, und dort die Transhumanistische-Bewegung beeinflusste, die eine Verschmelzung von Menschen und Technologie anstrebt. In einer Zeit, in der der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele verloren gegangen ist, erscheint das ewige Leben bzw. die Wiederauferstehung des Körpers als ein Ersatz für die göttliche Erlösung.
Letztere Idee mag die Museologie inspiriert haben und noch immer inspirieren, auch alltäglich Situationen darzustellen bzw. zu archivieren und dafür wieder KI basierte Technologie einzusetzen (Experimental Museology): Im Hongkonger Martial Arts Living Archive werden Kampftechniken alter Meister digital aufgezeichnet, an die Schüler lange nach dem Tod der Lehrer weitergegeben und so „am Leben erhalten“. Die christliche Unsterblichkeit der Seele wird hier ersetzt durch die Unsterblichkeit von Körpern/Artefakten in einem Museum. Und die Gnade Gottes wird durch die Entscheidung eines Kurators und durch die Technologie, die diese Inhalte präserviert, zuteil. Der Staat bzw. kapitalistische Unternehmen, die das Museum finanzieren, werden dann zu einer Bio-Macht im Sinne Foucaults: Eine Macht, „Leben zu machen oder in den Tod zu stoßen.“
Technologie kann also nicht nur Religion verbreiten und erklären, sondern sie hat zunehmend die Fähigkeit, zentrale religiöse Aspekte nachzubilden: Unsterblichkeit, Wiederauferstehung, Seelenurteile, die Erlösung. Damit kann Technologie – wie im Kosmismus bereits geschehen – selbst zu wesentlichen Elementen von quasi-religiösen Betrachtungen werden. Möglicherweise ist dieser Prozess unvermeidbar.
Hans Blumenberg hatte zuvor bereits die These formuliert, dass bei zunehmender Säkularisierung Technologie als beinahe religiöses Äquivalent aufkommt. Säkularisierung war für ihn kein linearer Prozess der „Entzauberung und Entmythologisierung“, sondern eher eine produktive Umwandlung von religiösen Motiven und Metaphern in neue wissenschaftliche, philosophische und letztlich auch technologische Konzepte. Die „Selbstbehauptung“ des Menschen in der Neuzeit war hier keine Rebellion gegen Gott, sondern eine notwendige evolutionäre Antwort, um den Herausforderungen in der Welt zu begegnen. Gleichzeitig warnte Blumenberg jedoch auch vor den Risiken der Entfremdung durch Technologie. Die aktuelle Diskussion über die Entwicklung von KI entspricht nun diesen Vorstellungen, da von Technologie Erlösung erwartet wird, aber gleichzeitig Sorgen um deren Allmacht wachsen.
Ausblick: Kollektives Bewusstsein
Gerade die zuvor beschriebene Transparentmachung, Archivierung und „Wiederbelebung“ allen Lebens und Verhaltens ist eine technologische Fähigkeit, welches es ermöglicht, dass der Mensch eine neue evolutionäre Stufe erklimmen könnte, welche dann schon fast eine göttliche Anmutung haben wird.
Es stellt sich doch zunehmend die Frage, wie die Menschheit gesteuert und regiert werden kann, wenn mehr als 8 Milliarden Menschen nicht mehr nur zuhören und gehorchen, sondern auch reden, senden und vielleicht mitentscheiden wollen. An dieser Stelle führt der japanische Kulturkritiker Hiroki Azuma die digitale Weiterentwicklung des Rousseauschen Konzepts des Allgemeinen Willens ein. Rousseau hatte die Volonté Generale zu seiner Zeit noch als ein theoretisches Konzept verstanden. Es fehlten noch die statistischen und technologischen Fähigkeiten, um den „Willen aller“ widerspruchsfrei zu aggregieren („Zieht man nun von [aggregierten privaten] Willensmeinungen das mehr oder minder, das sich gegenseitig aufhebt, ab, so bleibt als Differenzsumme der allgemeine Wille übrig.“). Der Allgemeine Wille ist jetzt aus dem Web herauslesbar bzw. errechenbar: die Meinungen, Ängste, Ziele, Wünsche und Fragen der Bevölkerung also transparent (und zwar auf individueller als auch aggregierter Basis). Und diese können als Ausgangspunkt politischer Planungen bzw. Entscheidungen verwendet werden, und zwar auch, wenn sich Teile der Bevölkerung quietistisch verhalten oder von den Eliten als unreif für die politische Diskussion erachtet werden. In jedem Fall können politische Entwicklungen jetzt vorhergesagt werden, da KI errechnen kann, wie sich die Individuen wahrscheinlich verhalten werden. Politik basiert dann nicht auf Gottes Plan, sondern auf technologisch visibel gemachten menschlichen Präferenzen.
Azuma ist jetzt der Meinung, dass dieser technologisch aufbereitete Allgemeine Wille in der Lage ist, Präferenzen aus dem „Unterbewussten“ der Gesellschaft an die Oberfläche zu holen und damit eine Art „kollektives Bewusstsein“ erkennbar zu machen. Dieses Bewusstsein existiere bereits, Individuen können aber ohne Technologie nur vermuten, dass andere Mitglieder des Kollektivs ähnliche Sichtweisen und Handlungsparameter haben. KI-Technologie wäre hier ein Hilfsmittel, dieses Bewusstsein zu ermitteln, zu errechnen, so aus dem Unterbewusstsein herauszuführen und sichtbar zu machen und sich via Kommunikationstools in dieses einzuklinken.
Wäre ein solches kollektives Bewusstsein dann nicht auch eine Art göttliche Sphäre und KI ein Hilfsmittel, mit deren Hilfe ein Zugang geschaffen, Zusammenhalt bzw. Abbilder erzeugt werden?
Dazu scheint es zunächst kaum religiöse Entsprechungen zu geben. Allein der französische Jesuit de Chardin hatte hier ein Bild eines evolutionären Prozesses entwickelt – ohne hierfür allerdings das kirchliche Imprimatur zu erhalten. Diese Evolution mündet ab einer gewissen Komplexität - dem Omegapunkt - in eine Art „Super-Menschheit“. Diese stellt keine anonyme Einheit dar, sondern eine Vereinigung von Individuen: Die Menschengruppe agiert wie eine Person und hat ein beseelendes kollektives Bewusstsein, welches die Erde überzieht, wie eine „Schicht Moos den feuchten Stein“. Die Erinnerung daran, wie Flüchtlingsgruppen über den Balkan nach Mitteleuropa auf Grenzschließungen reagierten, sich mit mobiler Kommunikation umorganisiert und wie „eine Person“ gehandelt haben, lässt unmittelbar an de Chardins Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg denken, welche ihn zu seinen Ausführungen inspiriert hatten. In der futuristischen Literatur, etwa bei Isaac Asimov, gibt es dann vielleicht nicht zufällig den analogen Hinweis auf ein solches kollektives Bewusstsein, welches den Menschen aus paternalistischen Strukturen hinausführt, indem es alle Lebewesen (und auch die Natur) zu einem Superorganismus verbindet, ohne die einzelnen Individuen und Elemente zu nötigen. Asimov war hier offensichtlich auch von den ersten globalen systemischen Betrachtungen beeinflusst, welche in den 1970er Jahren entwickelt wurden (Gaia-Hypothese), sowohl Ökologie- als auch New Age-Gruppen beeinflussten und nach wie vor aktuell sind. Es ist auch angedacht, solche Ansätze einer kollektiven Intelligenz bei der Besiedelung anderer Planeten anzuwenden. Diese wird mithilfe autonomer, aber zugleich vernetzter Roboter erfolgen, welche über eine integrierte „KI-Plattform“ gesteuert werden.
Aber auch auf der Erde ist ein solches kollektive Bewusstsein nicht undenkbar. Wir sind bei dem Verstehen bzw. dem Design komplexer Systeme offensichtlich zwar noch am Anfang (Klima!). Allerdings scheint ein solches System im Sinne Klaus Schwabs wohl unausweichlich – man bemerke hier etwa den in letzten Jahren beinahe unbemerkt massiv gewordenen Einsatz von kommerziellen Satelliten zur Datensammlung zusätzlich zu den bekannten Aggregationen kommerzieller Plattformen. Und man kann vermuten, dass dieses System dem Gaia-Ansatz ähnlicher wird, in dem es nicht nur menschliches Verhalten analysiert und prognostiziert, Transaktionen erfasst und steuert, zivilisatorische Baupläne und kulturelle Artefakte archiviert, sondern auch Parameter wie Wetter, Klima, Hydrologie und Geologie beinhaltet und so ein wirkliches „planetares System“ wird.
Hat ein solches dann nicht auch ein „Bewusstsein“, in dem seine ökonomischen, sozialen und ökologischen Regeln und Gesetze erkennbar werden, inklusive vielleicht seiner tipping points? Und kann dieses System ob seiner Mächtigkeit, Allwissenheit nicht auch metaphysisch aufgeladen werden? Der Informatiker Heribert Vollmer weist etwa darauf hin, dass für de Chardin der Omegapunkt identisch mit dem „Kommen Christi“ ist, welcher dann „alles in allem“ sein wird. An dieser Stelle mag auch der Fall des Yale-Wissenschaftlers, David Gelernter, instruktiv sein: Gelernter hatte zuletzt die Darwin’sche Evolution als „brillante und wunderschöne Theorie“ bezeichnet, diese aber als unrealistisch verworfen und hierbei wissenschaftliche Gründe angeführt. Der Frage allerdings, ob dann nicht Gott als Designer zwangsläufig in Frage kommen muss, weicht er aus und mutmaßt eher von einem „Kraftfeld mit Bewusstsein“ als Schöpfer. Obschon Gelernter also versucht, Gott aus der Gleichung herauszuhalten, ist es nun interessant, dass dieses „Bewusstsein“ sofort auch in religiösen Kategorien gedacht bzw. vermutet werden kann. Kritiker führen dann auch Gelernters religiösen Hintergrund als Erklärung für seine Thesen auf, was für eine wissenschaftliche Diskussion ungewöhnlich ist.
An dieser Stelle ist die Beziehung der Technologie zu religiösen Kategorien dann an ihrem Endpunkt angelangt. Technologie bzw. KI erklärt und vermittelt hier nicht Religion. Technologie bzw. durch sie erschließbare Phänomene wie Gaia werden mit Religion erklärbar bzw. aufladbar. Nicht ausgeschlossen werden kann anhand dieses Beispiels, dass die Erschütterungen der menschlichen Zivilisation durch Klimakrise und Kriege, aber auch wissenschaftlichen Fortschritt zu einer Situation führen, in der Technologie nicht nur eine Abhilfe, eine säkulare Weiterentwicklung darstellt, sondern auch eine gewisse Bedürftigkeit nach bzw. Rückgriff auf Religion hervorrufen kann.