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Am 4. Dezember feiert man das Fest der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Die Heilige beschützt auch die Artillerie und andere Berufe, die von plötzlichem Unheil bedroht sind, wie Bauern, Architekten, Bauarbeiter, Glöckner, Büchsenmacher, Hutmacher, Köche, Totengräber und Feuerwehrleute. Der Gedenktag der Heiligen wird vielerorts von den Bergleuten mit Barbarafeiern begangen.
Jules Vogt: Barbarafeier, Käferbergtunnel SBB, 4.12.1963 (Com_L12-0372-0000-0002)
Das Bild von Jules Vogt entstand etwa ein Jahr nach Baubeginn des Käferbergtunnels zwischen Zürich-Altstetten und Oerlikon. In den Neuen Zürcher Nachrichten vom 6. Dezember 1963 findet sich ein kleiner Bericht über die Feierlichkeiten:
So versammelten sich denn […] alle italienischen und ein paar spanische Mineure, aber auch die schweizerischen Ingenieure usw. im Gewölbeausbruch über dem durch die Moräne vorgetriebenen Sohlstollen um 10.30 Uhr zu einer heiligen Messe, die Don Vincenzo von der Missione Cattolica zelebrierte. Von der Decke hingen eine grosse italienische und eine schweizerische Fahne herab. Der Tragaltar war von Werkzeugen des Stollenbaus flankiert, und im Hintergrund an der Wand erinnerten drei Helme an die strenge, gefahrvolle Arbeit. Don Vincenzo traf für die Arbeiter den richtigen Ton. Er dankte Gott, dass sich im Käferbergtunnel bisher noch kein tödlicher Unfall ereignet hatte und niemand wegen Krankheit das Leben verlor (S. 2).
Jules Vogt: Barbarafeier, Käferbergtunnel SBB, 4.12.1963 (Com_L12-0372-0000-0001)
Interessant ist der klassenkämpferische Aspekt, den die Barbarafeiern unter Umständen haben können:
[Die Heilige Barbara] warf Geld, Prunk und Reichtum von sich und schlug sich zu jenen Menschen, die verachtet und entrechtet in den Gruben Gold und Silber dem granitenen Gestein entreissen mussten … Da die Arbeitgeber auch die Gewaltgeber in dem aristokratischen Staat der Frühzeit waren, galt Barbaras Kampf gleichzeitig auch dem Staatskapitalismus (Heilfurth S. 61).
Für die Italiener und Spanier, die 1963 im Käferbergtunnel zusammenkamen, ging es nicht nur um den Schutz Gottes bei der täglichen Arbeit, sondern auch um elementare Bedürfnisse wie Lohn, Sozialleistungen und Familiennachzug.
Im Namen der beteiligten Unternehmen ergriff dann Oberingenieur Adolf Schläpfer zuerst in deutscher und nachher in italienischer Sprache das Wort. Gebet und Gottvertrauen würden die harte Arbeit der Mineure erleichtern. Ingenieur Schläpfer streifte aber auch die Bemühungen um bessere Sozialleistungen für die Italiener, wobei er sowohl das bereits Erreichte als auch das noch zu Erreichende erwähnte und seiner Hoffnung Ausdruck gab, dass für die Leute, die den Unternehmen treu bleiben, auch die Familienfrage gelöst werden könne (Neue Zürcher Nachrichten, 6.12.1963, S. 2).
Es stellt sich die Frage, warum sich die Barbaratradition so lange halten konnte, während viele andere Berufstraditionen verloren gingen. Wie Gerhard Heilfurth schreibt, besteht gerade in einer Zeit, in der Technik, Planung und Organisation im Vordergrund stehen, “… ein echtes Bedürfnis nach metaphysischer Bindung, nach innerer Wärme, Ruhe und Geborgenheit (S. 64)”. Letzteres sind wichtige Eigenschaften, die die Schutzpatronin der Bergleute verkörpert.
Literatur:
Melchers, Erna, Hans Melchers, and Carlo Melchers. Das grosse Buch der Heiligen : Geschichte und Legende im Jahreslauf. [Völlig neu bearb. Ausg. des Titels: Das Jahr der Heiligen]. München: Südwest Verlag, 1978.
Neue Zürcher Nachrichten, Nummer 284, 6. Dezember 1963, Ausgabe 04.