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Wie kaum ein anderer Schriftsteller in der Schweiz hat Max Frisch Stellung genommen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Darüber hinaus gilt er als der grosse Fragensteller unter den literarischen Klassikern der Moderne. Legendär sind seine «Fragebögen« im Tagebuch 1966-1971; sie gehören heute zu seinen meistgelesenen Texten.
Darum ist es erstaunlich, dass Max Frisch sich selber ungern den Fragen von Interviewern stellte. Ihm missfiel das Pingpong von vorgestanzten Fragen und Antworten. Interviews würden immer so «endgültig» und «zurechtgestutzt» tönen. Nur am Radio mochte er die Form, weil man nicht nur die Stimme des Interviewten höre, sondern auch den Tonfall und das Zögern.
«Interview Age – it’s so vulgar»
Max Frisch machte einen grossen Unterschied zwischen Interviews und Gesprächen. Letztere schätzte er, sofern sich beide Gesprächsteilnehmer einbrachten und der Ausgang offenblieb.
Sternstunden waren Gespräche für Frisch dann, wenn die Partner einander überraschten und plötzlich zu neuen Einsichten gelangten. Das war bei reinen Interviews selten der Fall. Der amerikanischen Interviewerin Jodi Daynard schrieb er einmal gewohnt lakonisch: «Stone Age, Iron Age, Interview Age – it’s so vulgar.»
Sein Kollege Friedrich Dürrenmatt hatte weniger Probleme mit Interviews und antwortete auch spontaner. Entsprechend gibt es eine opulente vierbändige Ausgabe mit gesammelten Dürrenmatt-Gesprächen, während von Frisch nun nur ein einziger, fast asketisch schmaler Interview-Band erscheint.
«Langsam wird’s blöd»
Ein Gespräch mit der Sonntagsausgabe von «Le Monde» konfrontierte Max Frisch offen mit der Frage: «Was haben Sie gegen Interviews?» Er antwortete: «Für einen Schriftsteller ist es die unbedeutendste Ausdrucksform. Entweder lässt man ihn noch einmal sagen, was er in seinen Büchern oder Artikeln geschrieben hat, und er sagt es natürlich weniger gut. Oder man verleitet ihn dazu, über etwas zu reden, was er nicht kennt, und das ist lächerlich.»
Eines der provokativsten Gespräche fand 1981 zwischen Max Frisch und Fritz J. Raddatz, damals Feuilletonchef bei der «Zeit», statt. Raddatz versuchte sein Gegenüber mit Vorhaltungen, Unterstellungen und Frontalangriffen aus der Reserve zu locken. Frisch sei verbittert und eitel, nehme kaum direkt zu politischen Dingen Stellung; zudem habe er seine frühere Lebensgefährtin Ingeborg Bachmann unfair behandelt.
Tatsächlich gelang es Raddatz dem genervten Max Frisch spannende Antworten zu entlocken – einmal fiel auch der Satz: «Wie Sie mir auf den Leib rücken!». So lautet nun auch der Titel des Gesprächsbandes. Im weiteren Verlauf des Interviews stöhnte Frisch dann hörbar auf und sagte: «Langsam wird’s blöd.»
Frisch – der politische Autor
Brauchen wir Max Frisch heute wieder? «Kontext» über die Aktualität des Schweizer Denkers.
Was hat Kunst mit der Gesellschaft zu tun? Ein Streitgespräch zwischen Bundesrat Kurt Furgler und Max Frisch.
Amüsant: Wie Frisch seine Fiche komplettierte.
Buchhinweis
Thomas Strässle: «Max Frisch: Wie Sie mir auf den Leib rücken!. Interviews und Gespräche.» Suhrkamp Verlag, 2017.