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Frühfranzösisch? – Sprachenpolitik und die Kohäsion zwischen den Sprachregionen der Schweiz
Samstag, 18.6.2016 (Anreise) bis Samstag, 25.6.2016 (Abreise)
(fakultative Wanderung am Sonntag, 26.6.2016)
Eine funktionierende Verständigung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern der verschiedenen Sprachregionen der Schweiz stellt keine Selbstverständlichkeit dar. Der Grundstein für eine erfolgreiche Kommunikation wird im Fremdsprachenunterricht während der obligatorischen Schulzeit gelegt. Wann der Fremdsprachenunterricht beginnen soll und welche Sprachen in welcher Reihenfolge gelernt werden sollen, ist dabei von höchster politischer Aktualität. So hat das Volk des Kantons Nidwalden im März 2015 in einer Abstimmung sich gegen eine Initiative ausgesprochen – die vom Nidwaldner Regierungsrat unterstützt wurde – den Französischunterricht aus der Grundschule zu verbannen. Im Kanton Thurgau hat die Regierung beschlossen, das sogenannte Frühfranzösisch in der Grundschule abzuschaffen. Im Kanton Zürich wurde am 26. Februar 2016 die Initiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» eingereicht, welche verlangt, dass nur noch eine Sprache in der Primarschule unterrichtet wird. Dies würde voraussichtlich bedeuten, dass Französisch nur noch in der Oberstufe unterrichtet wird.
Befürworter argumentieren, dass Kinder bei zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert sind und das Erlernen des Französischen in der Oberstufe effizienter ist. Andere argumentieren, dass das Erlernen von Französisch für die Kohäsion des Landes unbedeutend ist, da es ausreicht, wenn die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz sich auf Englisch verständigen können. Insofern ist der Französischunterricht ein alter Zopf, der endlich abgeschnitten gehört. Die Gegner argumentieren, dass der frühe Kontakt mit dem Französischen für das Verständnis der welschen Kultur unerlässlich ist. Andere vertreten die Ansicht, dass Französisch eine schwierige Sprache ist, die nur genügend erlernt werden kann, wenn man schon früh mit der Sprache in Kontakt kommt.
Was sagt uns die Wissenschaft zu diesen Fragen? Können Bürgerinnen und Bürger, die in der Primarschule Französisch gelernt haben besser Französisch als solche, die es erst in der Oberstufe gelernt haben? Wie viele Sprachen kann ein Kind in welchem Alter wie gut lernen? Gibt es Alternativen zum Fremdsprachenunterricht, wie z.B. totale Immersion, die besser funktionieren? Wie wichtig sind überhaupt die Landessprachen für die gegenseitige Verständigung und das Verständnis der anderen Sprachkulturen der Schweiz? Zudem bekommen wir einen Einblick in die historische Entwicklung und die rechtliche Situation.
Neben diesen bildungspolitischen Überlegungen, spielen die vier Nationalsprachen auch in der Bundesverwaltung eine zentrale Rolle. So sollten z.B. höhere Kader sowie mittlere Kader mit Führungsfunktion der Bundesverwaltung über gute aktive Kenntnisse mindestens einer zweiten Amtssprache und über passive Kenntnisse einer dritten Amtssprache verfügen – doch wie funktioniert dies in der Praxis? Wie sieht es mit der Chancengleichheit aus? Sind die Sprachregionen angemessen in der Bundesverwaltung vertreten? Wie sieht die Situation in kantonaler Verwaltung zweisprachiger Kantone aus?
Häufig wird in der Thematik der Sprachenkohäsion nur das Sprachverständnis zwischen der deutschschweizer und welschen Bevölkerung thematisiert. Aber wie sieht es eigentlich mit der italienischen Schweiz aus? Was stehen in dieser Frage für Herausforderungen an? Ist die Sensibilität für das Italienische in der Bundesverwaltung gegeben? Wird die italienische Schweiz in der Sprachenpolitik genügend berücksichtigt? Gibt es einen Graben zwischen dem Sprachengesetz und der Implementierung?
Zu den Fragen zur Situation der italienischen Schweiz aus der nationalen Perspektive findet am Schlussanlass der Sommerakademie eine Podiumsdiskussion statt, an welcher Nationalrat Ignazio Cassis, Regierungsrat Manuele Bertoli und der Berater für Sprachenpolitik der Bundeskanzlei Verio Pini teilnehmen.
Leitung:
Emmanuel Baierlé, Projektleiter „Univers Suisse“
Referenten, in alphabetischer Reihenfolge (die Liste wird laufend aktualisiert):
- Raphael Berthele, Professor für Mehrsprachigkeit, Direktor des Instituts für Mehrsprachigkeit, Universität Fribourg
- Manuele Bertoli, Regierungsrat des Kantons Tessin, Direktor des Departements für Bildung, Kultur und Sport
- Ignazio Cassis, Nationalrat des Kantons Tessin, Co-Präsident der Parlamentariergruppe Mehrsprachigkeit CH, Vizepräsident von Helvetia Latina.
- Dominique Chételat, Leiter Koordinationsbereich Obligatorische Schule bei der EDK
- Renata Coray, Projektleiterin zu Sprachkompetenzen und Arbeitsmarkt, Institut für Mehrsprachigkeit, Universität Fribourg
- Maria Foletti, Kunsthistorikerin
- Lilo Lätzsch, Geschäftsleiterin des Zürcher Lehererinnen- und Lehrerverbands
- Peter Lenz, Projektleiter zur Evaluation von Sprachkompetenzen, Institut für Mehrsprachigkeit, Universität Fribourg
- Karine Lichtenauer, Mitglied des Generalsekretariats der EDK
- Nicoletta Mariolini, Delegierte des Bundes für Mehrsprachigkeit
- Georges Pasquier, Président du Syndicat des enseignants romands
- Verio Pini, Berater für Sprachenpolitik, Bundeskanzlei, im leitenden Ausschuss von Forum Helveticum, Mitglied von Coscienza Svizzera
- Adriano Previtali, Lehrstuhl für Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht, Universität Fribourg
- Christina Späti, Professorin für Zeitgeschichte, Universität Fribourg
- Thomas Studer, Professor für Deutsch als Fremdsprache / Deutsch als Zweitsprache, Institut für Mehrsprachigkeit, Universität Fribourg
- Michel Walthert, Vizestaatsschreiber und Direktor des Amts für Sprachen und Rechtsdienste des Kantons Bern
- Daniel Wüthrich, Leiter Human Resources, Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
Teilnehmende:
Sowohl Geförderte und Alumni der Schweizerischen Studienstiftung als auch weitere Studierende der Schweizer Hoch- und Fachhochschulen. Letztere werden gebeten, Ihre Bewerbung mit einem Kurz-CV, einem Motivationsschreiben und der Angabe einer Referenzperson an <email-pii> zu schicken.
Sprachen:
Deutsch, Französisch (sowie punktuell Italienisch). Grundsätzlich dürfen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Deutsch und Französisch ausdrücken – es ist also in erster Linie wichtig, die Bereitschaft zu haben, mit anderen Nationalsprachen konfrontiert zu werden. Passive Kenntnisse der anderen Sprache sind genügend. (Italienischkenntnisse werden nicht erwartet.)
Dauer:
Samstag, 18.6.2016 (Anreise) bis Samstag, 25.6.2016 (Abreise), fakultative Wanderung am Sonntag, 26.6.2016
Literatur:
Ein elektronischer Reader wird zur Verfügung gestellt.
Orte:
Fribourg, Bern, Bellinzona.
Allgemeine Informationen:
→ PDF
Das Univers Suisse Programm wird von der Sophie und Karl Binding Stiftung finanziert.