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Ein genialer Autorennfahrer ist nicht unbedingt der beste Skifahrer – ein genialer Filmstar ist nicht unbedingt der beste Ehepartner – ein genialer Dichter ist nicht unbedingt der beste Ökonom. Von genialen Talenten eines Menschen auf andere geniale Fähigkeiten desselben Menschen zu schliessen endet oft tragisch. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.
Johann Wolfgang von Goethe mag ein genialer Dichter gewesen sein. Seine geldpolitische Irrlehre, die er über den Mephisto in seinem „Faust“ verbreitete, hat unserer Welt bisher immensen Schaden zugefügt.
Ich unterstelle Goethe, der sogar Finanzminister war, nicht mutwillig bösartige Absichten. Aber seine liederliche geldtheoretische Analyse – in lustige Verslein verpackt – hat viele Ökonomen und Politiker verblendet und tragisch in die Irre geführt.
So zum Beispiel auch John Maynard Keynes, der Jahrhundert-Ökonom des letzten Jahrhunderts, der die Irrlehre von Goethe kolportierte. Es ist sogar anzunehmen, dass selbst Goethe „seine“ Geldtheorie irgendwo abgekupfert hat.
Tragisch daran ist, dass Keynes mit „seiner“ Irrlehre wiederum den Nationalsozialismus und damit Hitler und den zweiten Weltkrieg mit Millionen von Todesopfern begünstigte.
In seinem literarisch bedeutendsten Werk „Faust“ entsteht folgender Dialog zwischen dem geldknappen Kaiser und dessen Narr Mephisto, dem Teufel:
Mephisto: „Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.“
Kaiser: „Ich habe satt das ewige Wie und Wenn; Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff’ es denn.“
Mephisto: „Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr.“
Kanzler: „So hört und schaut das schicksalsschwere Blatt, das alles Weh in Wohl verwandelt hat.“
Er liest auf dem Papiergeld: „’Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt: Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.’“
Mephisto: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt; ist so bequem, man weiss doch, was man hat; Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen, Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.“
Mephistos „Idee“, Papiergeld zu drucken und darauf einen Wert einzutragen, den dieses Papiergeld haben soll, basiert auf den noch ungehobenen Bodenschätzen und Schatzfunde, die er dem Kaiser zuspricht. Das von Mephisto propagierte Papiergeld hat somit eine vage Deckung – Bodenschätze, die noch nicht gefördert sind.
Das ist ein Punkt, der Goethe teilweise entlastet. Auch Mephisto in seiner ursprünglichsten Form schöpft nicht „Geld aus dem Nichts“, sondern er schöpft oder erschafft Geld gegen einen realen Gegenwert.
Ein Vergleich: Die Aktien eines Goldminen-Unternehmens hängen wesentlich davon ab, wie viel Gold in der Mine des betreffenden Goldschürfers vermutet wird. Oder der Wert der Aktien eines Ölproduzenten hängt davon ab, wie viel Erdöl seine Schürfrechte schätzungsweise umfassen.
Die Börse eskomptiert damit die zukünftigen Gewinne aus Gold oder Erdölförderung und bewertet diese. Genauso muss man sich die reale Deckung des Papiergeldes von Mephisto vorstellen. Er schlägt dem Kaiser vor, Banknoten zu emittieren, gedeckt durch die zukünftigen Gewinne, die aus der Hebung der Bodenschätze des Kaiserreichs zu erwarten sind.
Das Problem bei dieser Art der Deckung des Geldwertes ist, dass der betreffende Wert nur vage abgeschätzt werden kann. Zudem ist nicht klar, ob diese Schätze tatsächlich dem Kaiser zustehen; Mephisto behauptet das einfach und schmeichelt so dem Kaiser.
Zudem ist unklar, wann die vermuteten Bodenschätze gefördert werden und zu welchen Produktionskosten. Ebenfalls unbeantwortet ist, wie der Kaiser sicherstellen wird, dass die einmal geförderten Bodenschätze dereinst wirklich als Gegenbuchung für das emittierte Geld benutzt und nicht anderweitig nochmals verkauft werden.
Aus diesen Überlegungen kann gefolgert werden, dass das vom Kaiser auf Raten von Mephisto „geschöpfte Papiergeld“ eben nicht „aus dem Nichts“ stammt, sondern einen realen Gegenwert besitzt – allen Unwägbarkeiten zum Trotz.
Bilanztechnisch ausgedrückt emittiert der Kaiser in Goethes Faust also Geld, das in der Bilanz der Zentralbank des Kaisers wie folgt verbucht ist: Auf der Aktivseite der Notenbankbilanz des Kaisers sind die noch zu fördernden Bodenschätze des Kaisers verbucht und auf der Passivseite der emittierte Notenumlauf (die „Zettel“, von denen Mephisto spricht).
Das Verfängliche an Goethes Faust ist nun, dass dieser eminent wichtige Vorbehalt der Geldschöpfung – die zu fördernden Bodenschätze und die Gegenbuchung auf der Aktivseite – im Umfeld der amüsanten Verslein vollkommen unterging.
Was übrig bleibt, ist die Illusion, eine Zentralbank könne „Geld aus dem Nichts schaffen“ („schöpfen“). Das wäre Geld ohne Gegenbuchung. Und diese Illusion ist bis heute geblieben, obwohl sie bilanztechnisch ganz klar widerlegt werden kann: Es gibt keine Geldschöpfung in der Bilanz eines Geldemittenten ohne entsprechende Gegenbuchung.
Jede Buchung hat zwei Einträge in der Bilanz des Geldemittenten: Eine im Soll und eine im Haben; eine links und eine rechts.
Selbst der Präsident der Deutschen Bundesbank Jens Weidmann unterliegt dem Irrtum aus Goethes Faust. In seiner Begrüssungsrede anlässlich des 18. Kolloquiums des Instituts für bankhistorische Forschung (IBF) unter „Traf Goethe ein Kernproblem der Geldpolitik?“ argumentierte Weidmann:
„Goethe hat in der Tat bereits vor circa 180 Jahren das Kernproblem der heutigen, auf Papiergeld fussenden Geldpolitik analysiert und in unnachahmlicher Weise literarisch festgehalten.“
„Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt“; „(D)ie Kenner unter Ihnen wissen, dass es sich im Fall des Euro eigentlich um Baumwolle handelt“; „Letztlich fusst die Annahme von Papiergeld jedoch primär auf dem Vertrauen der Bevölkerung“; „Geld ist in diesem Sinne eine gesellschaftliche Konvention – es hat keinen eigenständigen Wert.“
„(D)ass Vertrauen zentral, ja konstitutiv für die Geldeigenschaft ist, ist übrigens schon sehr alt. Aristoteles hat sie bereits im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner ‚Politik‘ und der ‚Nikomachischen Ethik‘ herausgearbeitet.“
„Woher nehmen denn die Zentralbanken eigentlich das viele Geld, das sie brauchen, um dem Bankensystem im Rahmen geldpolitischer Operationen Kredite in Billionenhöhe zu geben oder anderes zu kaufen?“
„Weshalb heisst es in diesem Zusammenhang regelmässig, dass die finanzielle Feuerkraft der Notenbanken grundsätzlich grenzenlos sei?“
„Notenbanken schaffen Geld, indem sie Geschäftsbanken gegen Sicherheiten Kredite gewähren oder ihnen Aktiva wie zum Beispiel Anleihen abkaufen. Die Finanzkraft einer Notenbank ist dabei prinzipiell unbegrenzt, da sich eine Notenbank das Geld, das sie vergibt oder mit dem sie bezahlt, vorher nicht etwa beschaffen muss, sondern es quasi aus dem Nichts erschaffen kann.“
All diese Zitate von Jens Weidmann, dem Chef der Deutschen Bundesbank, bezeugen, dass auch er den Irrtümern von Goethe aufsitzt. Ich kann nicht anders als jedem einzelnen Punkt von Weidmann zu widersprechen.
Erstens: Dass Geld heute durch keinerlei Sachwerte gedeckt ist, wie Weidmann behauptet, ist falsch. Sämtliches Notenbankgeld, welches eine Notenbank emittiert, muss – ich wiederhole – muss durch eine Gegenbuchung in der Bilanz der betreffenden Zentralbank gegengebucht werden.
Keine Zentralbank kann Notenbankgeld auf der Passivseite ihrer Bilanz emittieren ohne entsprechende Gegenbuchung auf der Aktivseite. Eine Zentralbank kann Geld nur gegen einen realen Gegenwert emittieren; niemals aber „aus dem Nichts“.
Die Bilanz einer Zentralbank muss bei einer Geldemission auf beiden Seiten um gleichviel verlängert werden; nicht alleine auf einer Seite. „Geld aus dem Nichts“ würde aber heissen, dass die Notenbank-Bilanz einseitig verlängert wird. Das geht nicht.
Der Vermögenswert auf der Aktivseite garantiert für den Wert auf der Passivseite. Notenbankgeld ist durch das Vermögen der Zentralbank gedeckt. Das Vermögen auf der Aktivseite ist die Sicherheit für das Notenbankgeld auf der Passivseite.
Dass Notenbankgeld angeblich „aus dem Nichts“ geschaffen („geschöpft“) werde und durch keine Sicherheiten mehr gedeckt sei, ist ein Irrtum, dem nicht nur Jens Weidmann, Chef der Deutschen Bundesbank und Musterknabe der europäischen Zentralbanker, verfallen ist.
Auch Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, oder Janet Yellen, Chefin der US Federal Reserve, unterliegen demselben Irrtum. Das ist eine potentielle Gefahr für die Weltwirtschaft und damit sogar für den Weltfrieden.
Zweitens: Vertrauen in ein Wertpapier kann nur entstehen, wenn dieses Vertrauen durch die Bilanz des Schuldners gerechtfertigt ist. Es gibt kein Vertrauen in die Schuldverschreibungen eines Unternehmens, wenn dieses überschuldet ist. Das gilt auch für den Staatsbetrieb Zentralbank.
Kein Staat und keines seiner Unternehmen geniesst Vertrauen, wenn der Staat oder dieses Unternehmen überschuldet ist.
Konstitutiv bei einer Geldemission ist somit nie und nimmer das Vertrauen in die Zentralbank, wie Weidmann behauptet, sondern die Gegenbuchung bei der Geldemission.
Versteht Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Physikerin, welch brandgefährliche Irrtümer da von ihren wichtigsten Männern im Staat und Euro-Beratern ausgehen?
Wenn Aristoteles sich der grossen Bedeutung des Vertrauens bewusst war, so war er sich sicher auch bewusst, dass Vertrauen ein Fundament haben muss. In einer Bilanz fusst das Vertrauen bezüglich des Wertes der Passiven auf dem Wert Aktiven. Ein solider Wert der Aktiven bringt Vertrauen in die Passiven. Weidmann legt Aristoteles falsch aus.
Drittens: Wenn Weidmann behauptet, „die finanzielle Feuerkraft der Notenbanken sei grundsätzlich grenzenlos“, so beweist das, dass er Notenbankgeld abermals irrtümlich als Vermögen (Zahlungsmittel) der Deutschen Bundesbank interpretiert.
Warum? „Feuerkraft“ ist ein anderes, salopperes Wort für „Kaufkraft“. Auch „Finanzkraft“ bedeutet „Kaufkraft“. Etwas kaufen und bezahlen mit eigener Finanzkraft kann ein Unternehmen nur mit Vermögen auf der Aktivseite seiner Bilanz. Das gilt auch für eine Zentralbank. Euros sind aber keineswegs Zahlungsmittel (Aktiven) für die Deutsche Bundesbank, sondern im Gegenteil Schulden derselben (Passiven).
Und auch die Deutsche Bundesbank kann sich nicht unbeschränkt verschulden bei den Deutschen Geschäftsbanken. Dass eine Zentralbank sich nicht unbegrenzt verschulden kann, haben wir ja deutlich gesehen, als die SNB bei der Verteidigung des Mindestkurses grandios scheiterte.
Viertens: Wenn Weidmann behauptet, die Deutsche Bundesbank „schaffe sich das Geld, mit dem sie bezahlt, selber“, so zeigt Weidmann gerade noch einmal, dass er Aktiven und Passiven der Deutschen Bundesbank miteinander verwechselt.
Wird etwas mit Geld bezahlt, so bedeutet das ein Aktivtausch in der Bilanz des Käufers. Liquides Geld wird gegen den gekauften Vermögenswert getauscht. Die Bilanz der Zentralbank verlängert sich dadurch nicht. Weidmann interpretiert somit das von der Deutschen Bundesbank emittierte Notenbankgeld, das diese selber schaffe, irrtümlich als liquides Vermögen der Deutschen Bundesbank.
Weidmann sollte aber einsehen, dass Notenbankgeld im Gegenteil eine Schuld der Deutschen Zentralbank ist. Deshalb kann diese niemals „Geld aus dem Nichts“ schaffen und damit etwas bezahlen. Wenn die Deutsche Bundesbank im Rahmen von „Quantiative Easing“ Staatsobligationen kauft, so verlängert sich dadurch die Bilanz der Bundesbank. Auch sie finanziert ihre Käufe demnach mit Schulden.
All diese Argumente verdeutlichen, dass die Irrtümer, die Goethe in seinem Faust mit Mephisto verbreitet hat, bis heute nachhaltig negativ nachwirken.
Weltweit wird von den Zentralbankern immer wieder behauptet, ihre Zentralbanken könnten „Liquidität“ herstellen und damit unbeschränkt einkaufen – sogar Staatsanleihen in Billionenhöhe.
Draghi, Yellen, Weidmann, Jordan, unser Bundesrat – alle sitzen demselben Irrtum auf.
Das Wort „Liquidität“ ist eine Kurzfassung für den Ausdruck „liquides Vermögen“. Der Grad der Liquidität zeigt auf, wie schnell mit diesem Vermögen eine Schuld abgetragen werden kann. Entscheidend dabei ist, dass es sich in jedem Fall bei „Liquidität“ um „Vermögen“ handelt.
Wenn die Zentralbanker weltweit aber behaupten, sie würden bei einer Geldemission eigene „Liquidität“, liquides Vermögen, schaffen und damit alles bezahlen, so verwechseln sie dabei Aktiven und Passiven der Notenbank. Denn Notenbankgeld ist kein Vermögen und kein kein Zahlungsmittel der Zentralbank, sondern im Gegenteil selber eine Schuld derselben.
Und mit zusätzlichen Schulden kann keine Zentralbank ihr Schulden vermindern – nur vergrössern.
Was eine Notenbank tun kann ist, illiquide Vermögenswerte des Realsektors, wie beispielsweise „noch nicht geförderte Bodenschätze“, in liquide Vermögenswerte wie Banknoten umwandeln. Sie kann aber niemals ihre eigenen Schulden in eigene Vermögenswerte wandeln.
Was sind die geldpolitischen Konklusionen für unsere Zeit?
Keine Notenbank kann „Geld aus dem Nichts schaffen“. Eine Zentralbank kann Geld nur emittieren, wenn dieses einen realen Gegenwert hat. Verliert dieser reale Gegenwert an Wert, so vermindert sich dadurch auch der Wert des emittierten Geldes (Gegenbuchung).
Das „Quantitative Easing“ der Zentralbanken weltweit birgt somit die Gefahr in sich, dass die Notenbanken bei einer Geldemission qualitativ minderwertige Vermögenswerte (wie griechische Staatsanleihen) in ihre Bilanz aufnehmen.
Sollte einmal der Wert dieser minderwertigen Vermögenswerte unter Wert der ausstehenden Geldmenge fallen, so werden die Kreditgeber der Zentralbanken weltweit – Geschäftsbanken, Versicherungen, Pensionskassen – ihre Kredite an die betreffenden Notenbanken entsprechend wertberichtigen müssen.
Entweder gehen dann die Notenbanken selber Konkurs oder dann deren Kreditgeber. Dies kann im schlimmsten Fall zu einem Kollaps an den Finanzmärkten führen.
Die Zentralbanker dieser Welt sollten nun endlich einmal ihre Hausaufgaben machen und Goethes spätbarockes Märchen von der Geldschöpfung aus dem Nichts vergessen.