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Zahlen schätzen
Heute möchte ich dich, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, zur schätzenden Leserin, zum schätzenden Leser machen. Ihr sollt Zahlen schätzen! Mit den Antworten zu meinen Schätzfragen werdet ihr vermutlich kein Quiz gewinnen, aber vielleicht könnt ihr bald als Experte glänzen! Denn Experten beherrschen Zahlen und schütteln sie locker aus dem Ärmel. Also, Calculator-App starten, oder Bierdeckel und Stift bereit halten, und los gehts...
Kenntnis von relevanten Zahlen und die Möglichkeit, Zahlen zu schätzen, zeugt in manchen Bereichen von Erfahrung. Machen wir uns also an die Übung:
- Für Geburtstagskinder: Wieviele Menschen auf der Welt haben am gleichen Tag Geburtstag wie du? Wieviele Menschen werden an diesem Tag gleich alt wie du?
- Für Buchhändlerinnen: Wie viele neue Werke gibt es jährlich? Wie viel mal mehr verkauft sich der Beststeller im Verhältnis zur Nummer 10, zum Durchschnittsbuch, zum Ladenhüter?
- Für Restaurant-Besitzer: Wie viele Leute essen in der Umgebung meines (geplanten) Restaurants auswärts? Wie viel geben die dafür aus?
- Für Planer einer Restaurant-Kette: Wie viele Leute sind das an beliebigen Punkten der Stadt?
- Für Juristinnen: Wie viele Seiten Gesetzestexte gibt es in der Schweiz? Wie viele Gerichtsurteile? Auf welchen Anteil aller Gesetzestexte beziehen sich 80% der Urteile (ein kleiner Vorgriff auf das Pareto-Prinzip)?
- Für Investoren: Wie viel Gold gibt es auf der Welt? Alles Gold in einen Würfel gepackt, wie lang wäre dessen Kante?
Keine Ahnung? Nicht deine Domäne? Es geht nicht um präzise Antworten, sondern um die Überlegung – eben die Schätzung. Und manchmal hilft der Blick weg von der eigenen Spezialität auf andere Domänen.
Doch nun zur ICT, wo wir zu Hause sind:
- Wie viele Computer gibt es in der Schweiz / in der Welt?
- Wie viele Computer braucht es in der Welt? (Thomas Watson, CEO von IBM, soll 1943 gesagt haben, dass 5 genügen würden. Hat er aber anscheinend nicht.)
- Wie viele Male ist dein Name (mit Bezug zu dir, nicht zu deinen Namensvettern) in einem Datenträger irgendwo auf der Welt gespeichert (mit / ohne Backups)?
- Wie viele Fernsehprogramme kann man über ein Kupferkabel übertragen (HDTV und Standard TV)? Über Glasfaser?
Nein, ich gebe hier keine Antworten! Viele der Fragen lassen sich googlen. Traust du den Antworten? Einige Fragen sind recht unpräzise gestellt. Der Versuch, die Antwort zu schätzen, hilft vielfach, präzisere Fragen zu stellen.
Manchmal kann es keine genaue Antwort geben, sondern nur eine Wahrscheinlichkeit:
- Wie gross muss ein Kreis mindestens sein, dass der Mittelpunkt an einem beliebigen Ort in einer Stadt / in einem Land / einem Kontinent platziert werden kann und in dem Kreis mindestens 1 (oder n) Menschen schlafen / essen (zu einer bestimmten Zeit / zu jeder Zeit)?
- Wen interessiert das schon? Also ersetze schlafen / essen durch TV schauen / im Netz surfen / telefonieren und die Kreismittelpunkte durch Netzknoten und du kannst dir vorstellen, wen so was interessieren könnte.
- Mit welcher Wahrscheinlichkeit übersteigt der grösstmögliche Verlust einer Bank morgen ihr Eigenkapital?
Gute Schätzungen können helfen, mögliche Desaster zu verhindern.
Vielfach versuchen wir aber, zu genau zu sein:
- Welchen Aufwand hat das Projekt XY? Wie lange dauert es?
Falls man zum Voraus eine präzise Antwort kennt, ist das Projekt entweder nicht sehr komplex (z.B. als Mann Schuhe kaufen) oder es wurde viel Aufwand in Planung und Schätzung gesteckt (und es ist kein IT Projekt und auch keine Elbphilharmonie). Der Bau der Durchmesserlinie Zürich z.B. ist ziemlich gut im Plan, es wurden aber etwa 300 Mio. Franken in Planungsarbeiten investiert – das liegt gutes Schätzen hoffentlich drin.
Gute Schätzungen brauchen Erfahrung und Geschick. Man muss einige – ebenfalls geschätzte – Regeln kennen, zum Beispiel dass 20% der Lösung 80% des Aufwands verursachen (Pareto-Prinzip).
Übe also das schätzen (und die Fragen zu präzisieren), und du kannst bald mit Experten mitdiskutieren (und vielleicht in einem Vorstellungsgespräch beeindrucken):
- Nach wie vielen Stunden Tätigkeit ist man in einem Fach Experte?
10‘000 Stunden (etwa 5.5 Jahre jeden Arbeitstag 8 Stunden) sollen einem an die Spitze bringen.
Und warum geht das nicht schneller: Man muss wohl alle Situationen mehrfach erlebt haben und die Ausnahmen kennen:
- 20% des Programmcodes brauchen 80% der Leistung. Schätze in deinem Programm, welche 20%!
Hier sollte man messen, nicht schätzen. Die Erfahrung zeigt, dass sich auch erfahrene Programmierer sehr oft verschätzen. Messen und schätzen sind zwei wichtige Werkzeuge des Experten, der beide hoffentlich richtig anzuwenden weiss.