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Je näher die Katastrophen kommen, desto leiser möchte ich schreiben. Zum Beispiel vom Blitzeinschlag, der sich Wochen später noch in Brandspuren auf dem Teppich zeigte, und über den Sturm, der einen halben Wald umgelegt hat. Von der Luft, die sich in eine Wassersuppe verwandelte. Auf Französisch hat sich mein Vokabular um «bourrasque» erweitert, die Sturmbö, offenbar verwandt mit einem Tornado, jedenfalls einem Wirbelwind, der sechzig Jahre alte Buchen auf mittlerer Höhe knickt und spitze Bruchhölzer stehen lässt. Der Wald sieht jetzt aus wie das Mikadospiel eines verwirrten Riesen. Ein Dreijähriger steht mit seinem Bagger davor und möchte helfen, fragt dann aber sehr leise: «Kann man diesen Wald wieder flicken?» Also spiele ich eine Art Grossmutter, die irgendwie die Zeit überblickt: «Wenn du so alt bist wie dein Vater heute, dann werden einige Bäume nachgewachsen sein.»
Meiner eigenen Grossmutter befahl der Vater bei jedem Gewitter, das Nötigste in einen Rucksack zu packen, die Schuhe anzuziehen und mit Eltern und Geschwistern in der Küche bereit zu sitzen, um im Notfall gleich loszurennen. Er hatte immer Angst um seine kleine Sägerei. Diesen Sommer kann ich mir zum ersten Mal vorstellen, wie man dazu kommen könnte, ein solches Familienregime zu befehlen.
«Kopf hoch», sagt ein Nachbar. Unser kleines Stück Wald sei sowieso zu dicht gewesen, dieser Sturm eine Chance zur Verjüngung. Tatsächlich zeigen sich beim Abräumen der vielen Kubikmeter zerborstener Äste und Zweige kleine Eichen, Kastanien, Dornbüsche, eine Pappel. Sie wurden zwar platt gedrückt, stehen aber wieder auf. Auch die Käfer sind sofort zurück. Die Frische nach dem Sturm und das Flattern der Schmetterlinge wirken wohl deshalb pervers, weil sie eine banale Einsicht stützen: Pflanzen und Insekten wird es länger geben als Menschen. Aber dieser Gedanke ist mir schon zu laut. Er erinnert an die Nachbarn, die herbeieilen, um den Schaden zu besichtigen. «Nein, das hat nichts mit Klimawandel zu tun!», schreit einer von weitem, noch bevor ich irgendetwas sagen könnte. Der andere fährt mit dem Auto über die Wiese an die Verheerung heran und schimpft gegen «Écolos». Diese Ökos seien an allem schuld, weil sie nichts verstünden: «Nur ein Baum, der in die Höhe wächst, kann fallen!» Rund um sein Haus schneidet er die Tannen auf halber Höhe ab, sein Wald ist sehr licht.
Édouard Glissant schrieb 2010 kurz vor seinem Tod über den Ort auf der karibischen Insel Martinique, wo er 1928 in einer Hütte im Wald geboren wurde. 2010 war sie verschwunden, der grösste Fluss der Insel schon seit Jahren ausgetrocknet. Glissant schrieb seit den sechziger Jahren davon, wie die intensive Bewirtschaftung üppige Landstriche in verwüstete Zonen verwandelte. Einige Geräusche und Klänge der Wasser und der Wälder konnte er nur noch innerlich hören, er musste sie heraufbeschwören. Jetzt sind auch diejenigen Teile der Welt, wo die Zerstörung ihren Ausgang nahm, in den wilden Zyklus von Katastrophen eingetreten. Die Stürme und die Feuer machen ihren Lärm, und vieles, was darüber gesagt wird, setzt den Lärm fort. Wobei die Worte manchmal dümmer sind als die Taten: Der aggressive Nachbar hält den Wald licht, indem er Ziegen darin weiden lässt. Écolos empfehlen das seit kurzem.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und schreibt oft in einer Hütte, die im Kanton Jura an einem Waldrand steht. Édouard Glissants «Philosophie der Weltbeziehung» ist 2021 in der Übersetzung von Beate Thill auch auf Deutsch erschienen.