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Bilder wie dieses kennt man aus der Primarschule oder dem Museum. Die beiden vertikalen Linien sind parallel und verlaufen schnurgerade. Dass wir sie gebogen wahrnehmen, hängt mit einer optischen Täuschung zusammen. Alter Hut! Was für die meisten jedoch neu sein dürfte, ist die Tatsache, dass dieses statische Bild etwas mit Bewegung zu tun hat.
In die Zukunft „sehen“
Stark vereinfacht funktioniert das menschliche Sehen so: Wenn Licht auf die Netzhaut fällt, macht das Gehirn daraus ein Bild. Dafür braucht es etwa eine Zehntelsekunde. Eigentlich schauen wir also immer eine Zehntelsekunde in die Vergangenheit. Wenn man sich zum Beispiel einen Ball vorstellt, der durch die Luft fliegt, würden wir diesen nicht an dem Ort sehen, wo er sich gerade befindet, sondern dort, wo er eine Zehntelsekunde zuvor war. Um dem vorzubeugen, rechnet das Gehirn aus, wo der Ball sich eine Zehntelsekunde später vermutlich befindet. Das menschliche Gehirn ist also in der Lage, durch das Ausrechnen eines zukünftigen Zustands statt der Vergangenheit die Gegenwart zu sehen.
Speedlines
Betrachtet man eine schnelle Bewegung, entsteht auf der Netzhaut eine Unschärfe. Dasselbe Phänomen entsteht auch bei verwackelten Fotos. In Comics wird diese Unschärfe durch sogenannte Speedlines imitiert, die hinter sich bewegenden Dingen herlaufen. Genauso wirken die Radiallinien in der Hering’schen Täuschung. Beim Betrachten der Grafik wird dem Gehirn eine Vorwärtsbewegung vorgetäuscht. Um diese vermeintliche Bewegung auszugleichen, rechnet es eine Zehntelsekunde vor.
Je näher, desto grösser
Was näher liegt, wirkt grösser und was weiter weg liegt, kleiner. Bahngeleise zum Beispiel verlaufen immer parallel und trotzdem scheinen sie am Horizont zusammenzulaufen. Gleich verhält es sich auch in der Vertikale, wenn man sich beispielsweise eine lange Leiter vorstellt. Dieses Phänomen wirkt in alle Richtungen, so dass unser Gesichtsfeld die Eigenschaften einer Kugel hat. Was näher am Auge liegt, wirkt grösser. Wenn man sich auf eine Tür zubewegt, scheinen sich die Türpfosten nach aussen zu bewegen. Dabei erscheint diese Bewegung auf Augenhöhe am schnellsten und weiter oben und unten etwas langsamer. Die Türpfosten scheinen sich nach aussen zu biegen.
Der Moment, der nie kommt
Wenn man jetzt alle Erkenntnisse aus diesem Artikel zusammennimmt, lässt sich die Hering’sche Täuschung relativ einfach erklären: Das Gehirn glaubt aufgrund der Radiallinien, man würde sich vorwärts bewegen. Um die verlangsamte Wahrnehmung dieser vermeintlichen Vorwärtsbewegung zu kompensieren, sehen wir die vertikalen Linien, als wären wir schon näher dran. Durch die Geometrie unseres Gesichtsfeldes wölben sich diese Linien nach aussen, wenn wir ihnen näher kommen. Bei der Hering’schen Täuschung zeigt einem das Gehirn also einen Moment, wie er in nächster Zukunft vermeintlich sein sollte. Einen Moment, der nie kommt.