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Aktuelle Bilder des Maler und Grafikers Walter Grässli
Liebe Gäste
Heute habe ich die Aufgabe eine Ansprache zur Eröffnung zu einer Ausstellung zweier sehr unterschiedlicher Künstler zu sprechen. Dass beide mit mir verwandt sind, macht es mir nicht gerade einfach kurz und prägnant zu sein
Ich werde versuchen beide parallel vorzustellen, ohne zu vergleichen.
Fangen wir mit dem Älteren an, der ja irgendwie, durch Genetik und Erziehung, den Grundstein für die Kreativität von uns Kindern gelegt hat.
Mein Vater Walter Grässli ist nach einer Flachmalerlehre, autodidaktischer Zeichnungs- und Malübungen in der Natur und dem Besuch der Malschule von Anton Ender in Vaduz mit 350, sauer zusammengesparten Fränkli, nach Paris ausgewandert um dort, so sein Traum, an der berühmten «Ecole des-Baux-Arts» zu studieren (Pariser Kunstakademie).
Durch eine glückliche Fügung fand er einen Malerjob in Paris und konnte so zwei Monate beim Büroneubau Gebäudes Geld verdienen. Gleichzeitig malte und zeichnete er für seine Vorstellungsmappe und wurde an der «Ecole des-Baux-Arts » in die Radier-Klasse aufgenommen, er gewann mit den Federzeichnungen aus dieser Mappe sogar den zweiten Preis bei einer Ausstellung in Paris.
Michale Grässli, mein Bruder, hingegen machte nach dem Gestalterischen Vorkurs an der ZHdK Zürcher Hochschule der Künste) eine Ausbildung als Theatermaler am Stadttheater St. Gallen, wo er danach auch Lehrlinge ausbildete.
Später arbeitete er bei der «Stahl & Traumfabrik» und baute oder malte Filmkulissen, gleichzeitig machte er an der SMGV (Schweizerischer Maler und Gipsermeisterverband) Wallisellen das Nachtdiplomstudium Collarch zu den Inhalten Farbe, Architektur und Denkmalpflege
Walter erlebte im gleichen Alter ein interessantes, lehrreiches Jahr in Paris, wo er für sein Studium an der «Ecole des-Baux-Arts» sogar ein Stipendium erhielt. Danach wurde er in London für die aufwendigen Restaurationsarbeiten des sogenannten Millionen-Saals einer Villa, in welchem er hunderte von Rosen malte, gebraucht. Für diese hervorragende Qualitätsarbeit erhielt er damals sehr viel Anerkennung und Lob.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz eröffnete er mit einem Compagnon und seinem Bruder das Grafiker-Atelier «Visibilité», welches er nach einiger Zeit auch wieder verliess um eine Arbeit anzunehmen, bei welcher sicherer Geld zu verdienen war. Denn – unterdessen war bereits eine Kleinfamilie entstanden und diese sollte finanziert sein.
Michael machte sich hingegen, nach einer Zeit als sebstständigerwerbender Flachmaler – ja, auch er.... – auf, um weiteres ZHdK-Studium zu beginnen und erwarb sich den Bachelor of Arts in Vermittlung von Kunst und Design. Dies weil er den Beruf des Gestaltungslehrers anstrebte.
Walter hielt sich und seine wachsende Familie zwischenzeitlich als Dekorateur im Globus St. Gallen und als Lehrer im Kinderdorf Pestalozzi über Wasser. Gefördert durch seine Arbeit als Zeichnungs- und Werklehrer im Kinderdorf wuchs der Wunsch als Pädagoge Kunst und Gestaltung zu vermitteln. Er machte die Ausbildung als Zeichen- und Werklehrer an der ZHdK Zürich
So, und nun habe ich einen wichtigen Berührungspunkt dieser beider Persönlichkeiten gefunden – Beide sind Pädagogen geworden und unterrichten bzw. unterrichteten Zeichnen, Werken, Gestaltung und Kunst...
Und beide lieben diese Arbeit!
Mein Vater, Walter, wurde vom Hilfslehrer – noch während der Ausbildung in der ZHdk, in der Folge schnell zum Hauptlehrer und nach acht Jahren zum Professor gemacht. 35 Jahre lang war er Vollblut-Lehrer und konnte vielen seiner Studenten eindrückliche Erlebnisse im Bezug auf Kreativität, Gestaltung und Kunst vermitteln.
Mein Bruder Michael Grässli unterrichtet heute ebenfalls mit viel Engagement an der Oberstufe Eschenbach und vermittelt eben Kunst und Design in Form der Fächer Werken und Zeichnen.
Beide malen sie und dies ist der zweite Berührungspunkt, in jeder freien Minute an ihren Werken, so unterschiedlich sie als Personen und Künstler sind, mit der gleichen Leidenschaft und aus dem gleichen inneren Antrieb heraus.
Kurz möchte ich nun auf die künstlerische Biografie der beiden eingehen.
Beide waren in den jüngeren Jahren eher expressiv in ihrer Malerei und beide lernten jedoch, bedingt durch ihre Ausbildungen. das zeichnerische und malerische Handwerk im Naturstudium und bei der Anwendung verschiedenster Gestaltungstechniken.
1998 – 2001 malte Michael sogenannte «Schrottbilder» und «Hinterhöfe», in der Form der klassischer Malerei. Man sieht schon hier, seine Suche nach der Schönheit von Dingen die allgemeingültig als «unschön» wahrgenommen werden.
1976 /1977, damals im gleichen Alter wie Michael, befasste sich Walter, mittlerweile von Freunden auch Kunstalchemist genannt, wieder stark mit der Radiertechnik. Alchemist, weil er sich beim Radieren mit Zinkplatten, Salpetersäure, Kolofonium, Teer, Feuer und Wasser umgab und in Kraftakten bis zu sieben Farbplatten pro Radierung in grossen Formaten vereinigte. Für den Druck einer dieser einzigartigen, mehrfarbigen Radierungen brauchten 2 Personen über eine Stunde.
2001–2004 befasst sich Michael mit Enkaustik (eine Art Wachsfarbentechnik) und erarbeitet, weisse, lineare Bilder zum Thema, Fläche, Linie, Textur und: Michael begibt sich erstmals in die Welt der abstrakten Malerei.
Während Walter sich in zunehmendem Alter immer mehr mit Farbe beschäftigt, lässt Michael, je älter er wird, die Farbe weg und beschäftigt sich mit Rhythmus und Duktus.
Michael studierte an der ZHdK und errang den Bachelor of Arts. Dieses Studium brachte die Wende in seinen Arbeiten. Es war für ihn die Zeit, seine künstlerische Identität zu überprüfen.
Im Studium wurde sein Interesse für beispielsweise Cy Twombley (amerikanischer Expressionist der 60er Jahre), sowie auch den Zeitgenössischen Künstler Christopher Wool, geweckt.
Walter hingegen befasste sich mit Runge, Goethe, Itten und Hölzel und schrieb ein Buch mit dem Titel «Farbgestaltung dargestellt an Beispielen an der Farbenlehre von Adolf Hölzel».
Michael, der sich immer für die verschiedenen Maltechniken, von welchen er viele in seiner Berufsausbildung als Theatermaler erlernte, interessierte, begann sich zu fragen, wie er diese für einen bestimmten Ausdruck gezielt anwenden könnte...
Als erstes galt sein Interesse den Kritzeleien auf Wänden, Graffitis und Tags, sowie der Kalligraphie. Ihn faszinierte das «Taging» der Sprayer, die Überlagerungen von Schriftfragmenten, das Bröckeln der Mauerwerke. Dem entgegen faszinierte ihn genauso die erhabene und kontrollierte Pinselführung in der Kalligraphie als Gegenstück der Zufälligkeit von wildem Graffiti.
Walter befasste sich in den letzten Jahren stark mit Goethes Farbenlehre. Er erklärte mir, dass das Sich-Befassen mit den Phänomenen von Goethes Farbenlehre, das Nachstellen seiner Experimenten, das Sehen und Wahrnehmen der Farbphänomene, schlussendlich sein Farbsehen verändert hat. Die Welt erscheint in vielfältigeren und neuen Farben.
Dies führte meinen Vater schlussendlich zum Divisionismus. Wir kennen allgemein die additive und die subtraktive Farbmischung. Die divisionistische geht so: blaue Pünktchen neben gelben erzeugen optisch die Farbe Grün, violette Pünktchen neben grünen Pünktchen erzeugen optisches Türkis, noch erstaunlicher ist, dass blauviolette Pünktchen neben orangeroten Pünktchen optisch Magenta erzeugen. Diese optisch, im Gehirn erzeugte Farbe, schwebt wie ein Schleier über der Farbfläche. Ausserdem steigert oder beruhigt Walter Farben, indem er die Simultan- und Komplementärgesetzte in seiner Malerei anwendet.
Um diese Wirkung von bewegter Farbe zu erzeuge, malt Walter bis zu 30'000 Punkte auf einem Bild.
Michael hingegen ist immer Auf der Suche nach der Schönheit in Dingen welche allgemeingültig als unschön oder wie bei Graffiti als «Schmiererei» bezeichnet werden. Linie, Fläche und Rhythmus, erzählen Geschichten – diese zu verstehen und ihre Sprache anzuwenden, um mit der Malerei eigene Lyrik zu erschaffen, ist für ihn zur Passion geworden.
Seit geraumer Zeit verfolgt Michael insbesondere drei Techniken und erarbeitet mit diesen das Thema Fläche, Linie, Textur, Dynamik und Rhythmus – erzeugt wird Luft, Raum, Leichtigkeit, Poesie, Assoziation. Ich sage bewusst das Thema und nicht die Themen – weil sie für Michael als ein Thema immer gleichzeitig bearbeitet werden.
Michael malt aus einem inneren Bedürfnis heraus. Die Bilder kommen von selbst und sie müssen gemalt werden. Er entwickelte ein System, um den Bildern den Weg in die Welt zu ebnen...
Als erstes System ist dies die Tropf-, Fliess- und Sprühtechnik, die in der Serie «Traces» angewendet wurde. Diese Bilder werden mit schwarz auf weissen Grund gemalt. Der Grund ist nass und dick, Michael muss schnell arbeiten um die Farbe in der richtigen Art und Weise auf die Leinwand fliessen zu lassen. Er verwendet nur Industrie-Farben und
-Lacke. sowie Spraydosen – diese trocknen sehr schnell. Lange hat er untersucht, wie er die Tropf- und Fliessbewegungen der Farbkonsistenzen steuern kann. Wenn die Farbe trocknet springt sie – dieses Materialverhalten prägt den Duktus und um es mit einem modischen Ausdruck zu sagen den «Look» dieser Bildwelten!
Jedes Bild wird mindestens zwei bis vier Mal überarbeitet, Michael malt auf dem Boden. Ohne diese besondere Maltechnik, welche er von der Theatermalerei her kennt, wäre diese Art von Linienführung mit Tropfrhythmen in den nassen Grund gar nicht möglich. Die Farbe würde vom Bildgrund herunterlaufen.
Als zweite ist eine, von mir als «Wachsmaltechnik» bezeichnete, die in der Serie «White-Edition» angewendet wurde, zu erwähnen. Die Bilder werden im Vorfeld mit diversen Materialien unterklebt: Stoffe, Karton usw. Dann mit einer plastischen in Weiss eingefärbten Enkaustik-Paste in Schichten überzogen – teilweise wird direkt in die nasse Masse gekratzt, um die dreidimensionale Wirkung zu unterstreichen.
Als drittes befasst er sich auch mit Tuschzeichnungen, ich nenne diese Serie «Ink on Paper» . Hier setzt er sich im besonderen Masse mit der Dynamik von Linie, Fläche und Raum auseinander. Diese Bilder entstehen schnell und aus der Bewegung heraus – wie bei einem meditativen Morgensport malt Michael noch vor dem Frühstück 60 Tuschbilder in zwei Stunden.
Michaels Bilder dieser drei Techniken sind hier ausgestellt und ergänzen sich.
Walters gestalterische Themen sind gegenständlicher Natur und werden, durch die divisionistische Malweise. oft sehr stark aufgelöst. Es sind dies geheimnisvolle Gestalten hinter Rollläden oder Vorhängen. Hier möchte ich besonders die Trilogie «Silent Smoking» erwähnen. Hier kann die Auflösung, eziehungsweise Umgewichtung des gestalterischen Themas von Bild zu Bild gut beobachtet werden.
Auch Walter begibt sich fürs Malen in einen meditativen Zustand – die Bilder entstehen – sind ungeplant, kommen von irgendwo – sie sind alle Huldigungen an die Farbkonstellation. Walter malt nicht geplant, sondern das Bild benutzt ihn als Maler... er ist sozusagen durch das Bild getrieben und ist jeweils selbst so neugierig auf das neue Werk, dass er nicht aufhören kann daran zu malen, bis es fertig ist. So kommt ein Öl-Bild nach dem anderen durch ihn auf unsere Welt – er malt ca. ein Bild pro Woche und malt seit seiner Pensionierung 6-8 Stunden am Tag. Er ist sozusagen durch die Malerei komplett okkupiert.
Weil sich Michael malerisch dem Rhythmus und Duktus verschrieben hat, hat er sich entschieden, auf Farbe zu verzichten, um diesen lyrischen Kompositionen Raum zu geben und sie das sein lassen, was sie sind, nämlich Tropfen, Linien, Striche und Flecken – nicht mehr und nicht weniger.
Denn das ist das Eigentliche, was der Betrachter sieht: die Gestik der Hand, welche den Pinsel mit der tropfenden, spritzenden, streifenden Farbe führt; den Druck, den ein Finger auf den Sprühknopf der Lackdose ausübt; den Winkel, den die Hand beim «Schreiben» mit Kreide einnimmt.
Und – im vorherigen Abschnitt habe ich den dritten Berührungspunkt der beiden Künstler angesprochen: Es ist dies die meditative Ebene, auf welche sich beide für die Malerei begeben. Einen Zustand, in welchem sie die Kontrolle aufgeben, um sich von Bild steuern lassen – so unterschiedlich diese auch aussehen – beide sind sehr stark durch die angewendete Maltechnik geprägt.
Michael ist ein Bewegungsmensch. Seine Bilder entstehen aus der Bewegung und vermitteln Bewegung. Es scheint als würden die Linien in der Bewegung plötzlich still halten, die Elemente bleiben in Balance und scheinen zu fliegen. Ein Hauch von Wind bläst durch den Raum und die Poesie der abstrakten Malerei fängt an zu spielen.
Walter ist der seherische Maler. Das Bild will von ihm erarbeitet werden... Die Punkte stossen und drängen sich – steigern und beruhigen sich wieder. Alle Flächen werden so in Bewegung versetzt, die Farbe löst sich vom Bildgrund und schwebt in ätherischer Manier über den geheimnisvollen Gestalten die seine Werke bevölkern.
Mit diesem nun von mir vermittelten Hintergrundwissen, wird es für Sie, so denke ich, einfach – diese Werke zu verstehen und sie auf Sie wirken zu lassen. Auch wenn Sie komplett unterschiedliche Sprachen sprechen.
In diesem Sinne möchte ich die Ausstellung nun für eröffnet erklären.