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Kunstmuseum Winterthur, September 2017 (Auszug aus der Publikation)
Was ist ein Werk, ein Kunstwerk, und wie lässt sich dieses überhaupt definieren? Dieser fundamentalen Frage geht Christoph Eisenring auf seine Weise nach. Eisenring erhebt weder den Anspruch, die Frage wörtlich zu formulieren, noch eine Antwort darauf zu geben, er definiert Punkte, um die Frage einzukreisen. Diese Punkte sind keine diskursiven Einheiten, es sind Punkte in der Realität, die er hervorbringt, zu identifizieren sucht und sie dabei notwendigerweise auflöst. Er bewegt sich innerhalb eines Paradoxon, und dies ist ihm bewusst. Seine Arbeit könnte eine reine Denkübung sein, ein abstraktes Exerzitium, doch Eisenring ist ein Künstler, er sucht sich also einen Gegenstand, an dem er das Paradox auszuhalten hat. Es ist ihm bewusst, dass er sich damit in eine unmögliche Situation bringt, dass er sein Unternehmen an die Wand fahren wird. Die Fragestellung ist die allgemeinste, die sich denken lässt, und sie muss konkret, also an einem besonderen Ort, mit Materialien, sinnlich erfahrbar werden. Oder umgekehrt, das Verschwinden des Konkreten, der Verlust des Ortes, das Fehlen der Materialien muss ebenfalls und mit demselben Impetus dargestellt werden.
Was heisst das im einzelnen für die Arbeit, die Eisenring entwickelt? Wie man an der Ausstellung sehen oder gesehen haben wird – denn noch gibt es sie nicht und bald wird sie wie eine vorbeiziehende Wolke wieder vorüber sein –, wie man also zu einem bestimmten Zeitpunkt möglicherweise erfahren oder erfahren haben wird, konstruiert er sich zur Anschauung einen Raum. Dieser ist in diesem Fall in einem Museum zu sehen, aber der Raum ist nicht an dieses gebunden, er stellt keine Arbeit in situ dar, welche die institutionellen und materiellen Gegebenheiten des Museums thematisiert. Eisenrings Raum ist abstrakt und zugleich unmittelbar gewöhnlich, er hat alle Eigenschaften eines Raums – die äusseren Begrenzungen –, er ist durch einen Eingang begehbar, durch den man ihn wieder verlässt, und die Beleuchtung oder das Fehlen einer solchen ist geregelt. In diesem Sinn ist sein Raum wie eine Skulptur, andererseits fehlt ihm alles, was eine Skulptur definiert. Er besitzt keine spezifischen Eigenschaften, es gibt keine äusserliche Gliederung, keine interne Unterteilung; allein die Tatsache, dass der Raum existiert, macht ihn zum bedenkenswerten Phänomen. Was darin sichtbar ist, was darin geschieht, kann hier nicht beschrieben und noch nicht einmal angedeutet werden; dies ist eine Erfahrung, die jeder für sich allein zu einem bestimmten Zeitpunkt macht, und daran hängt all das Spezifische, das zum Kunstwerk gehört. Vielleicht lässt es sich negativ umschreiben, um wegzuwischen, was man sich etwa vorstellen könnte. In Eisenrings Raum gibt es etwas und zugleich nichts zu sehen, abhängig vom spärlich eindringenden Licht und der Sehfähigkeit desjenigen, der ihn betritt. Es stellen sich keine Lichtwunder ein, es gibt keine Überhöhung, indem sich das Dunkel in Farbe verwandeln würde. Keine mystische Erfahrung wird inszeniert, weder ein Auslöschen des Subjekts im Hellen oder im Dunkeln noch das Gegenteil, das Erzeugen von Phantasmagorien. Keine Handlungen sind zu erwarten, kein Agieren von anderen oder mit anderen, keine Rollen, die zu spielen man annehmen oder verwerfen kann. Weder Spektakuläres noch Unterhaltendes, das vom Phänomen ablenkt. Es gibt kein Versprechen, einem Absoluten näher zu kommen. Das Kunstwerk wird ausdrücklich nicht dem Absoluten gleichgesetzt.
Eisenring weiss, Licht ist Licht, Dunkel ist Dunkel, und im Zwischenbereich gibt es ein Spektrum von Möglichkeiten, etwas zu sehen. Sehen heisst, Unterschiede wahrzunehmen und aus immer feineren Unterschieden die Realität zu konstruieren. Zeigt sich daran, schon etwas vom Werk? Nein, das wäre viel zu allgemein, denn alles, was unterscheidbar ist, würde dann schon dazu gezählt. Es braucht eine weitere Stufe. Nicht die Unendlichkeit des Unterscheidbaren, das sich in keinem Werk unterbringen lässt, interessiert, noch dessen Negation durch die Fiktion von etwas Unzugänglichem, Unsichtbaren. Eisenring verbleibt im Reich des Sichtbaren und geht darin an den Punkt, wo die Unterschiede flüchtig werden, an den Ort des beinahe Unterscheidbaren, an das noch nicht oder nicht mehr Unterschiedene. Dafür benötigt er nicht das weite Spektrum all dessen, was unterscheidbar ist, es genügt ihm die einfachst mögliche Differenz, der Anfangspunkt, an dem etwas geteilt wird, der Ausgangspunkt, wo sich die Wege teilen. Und erneut ist es nicht der Ursprung, den Eisenring anpeilt und an dem er das Werk vermuten würde. Vielleicht liegt dieses auf einer feinen Linie, von der man stets wieder abkommt. Deshalb das Beinahe, das fast Da und das fast Dort, ohne dass man am einen oder anderen Ort ankommen würde. Er zeigt auf etwas und zeigt zugleich auf seine Bedenken, ob er denn zeigen sollte und ob es etwas zu zeigen gibt. Doch das Zeigen lässt vermuten, dass es etwas gibt, dem sich mit gespannten Sinnen nachzuspüren lohnt, etwas ohne Lehre und ohne Preis, eben das Werk.