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Als Mitorganisator der kleinen Festivalsektion der Kritikerwoche am Filmfestival von Locarno beneide ich immer die Kollegen des viel grösseren Vorbildes der "Semaine de la critique" hier in Cannes. Nicht zuletzt um ihre witzigen Plakate. Das schönste gabs vor ein paar Jahren: Ein Kinosaal voller lachender Strichmännchen und mitten drin das Kritikermännchen mit rotem Kopf und saurer Miene. Aber auch das diesjährige Plakat mit dem geohrfeigten Filmkritiker ist nicht schlecht, oder?
Während die offizielle Sektion einen Taucher machte (den in ein paar Stunden die Coen-Brüder mit "No Country for Old Men" hoffentlich wieder wettmachen) zeigte die Konkurrenzreihe "Quinzaine des Réalisateurs" gestern zur Eröffnung echte "cool Brits", schwarz-weisses Nostalgiekino mit modernem Anstrich. "Control" ist der erste Spielfilm des Fotografen Anton Corbijn, der seinerzeit die ersten Covers für die britischen Post-Punker von "Joy Division" machte. Jetzt erweist er mit seinem ersten, sehr gelungenen Film dem Sänger Ian Curtis seine Reverenz, indem er die kurze Biografie des Mannes nachzeichnet, der so etwas wie der Curt Cobain unserer Generation gewesen ist. 1980, am Tag vor dem Aufbruch zur ersten Amerika-Tournee von "Joy Division" hat sich Curtis umgebracht und Corbjins
Film erzählt seine Geschichte und die seiner Frau, seiner Freundin und ein wenig auch die der Band in schwarzweissen Bildern, die an die Hochblüte des britischen Kitchen-Sink-Realismus der 60er Jahre erinnern. Gleichzeitig verdankt der Film aber auch Michael Winterbottoms "24 Hour Party People" etliches, vor allem den Hintergrund jener verrückten, idealistischen Musikszene, die so seltsam zwischen Business und Revolte oszillierte.
Es gibt Tage wie den heutigen, da zeigt sich deutlich wie sehr auch ein renommierter Anlass wie das Filmfestival von Cannes der lokalen Politik unterworfen ist. Der erste französische Wettebwerbsbeitrag „Les chansons d’amour“ ist ein überaus banales Singspiel um einen jungen Mann und zwei junge Frauen. Leider sieht der junge Mann (Louis Garrel, Sohn des Filmregisseurs P. Garrel) aus wie der junge Jean-Pierre Léaud bei François Truffaut und benimmt sich auch so. Das reicht, damit den französischen Cineasten die Tränen kommen, da kann der Film noch so dünn sein, die Musik und die Chansons noch so banal. Und der gespannt erwartete neue Film von Olivier Assayas, ein als B-Movie angekündigter Quickie-Thriller mit dem Titel „Boarding Gate“ ist leider auch genau das: Ein schludrig geschriebener Pseudo-Reisser, technisch gut umgesetzt in Paris und Hongkong, aber mit einer Asia Argento, die wie üblich völlig überspielt und einem Michael Madsen, der offensichtlich zu keinem Zeitpunkt genau wusste, was er da spielen sollte…
Auch wenn dieser Film in der Nebensektion „Und certain regard“ präsentiert wurde, hat er seine einzige Berechtigung dadurch, dass das Festival seinem gelegentlichen Liebling Assayas die Treue halten wollte. Aber eben: DAS französische Filmfestival kommt nicht ohne französische Filme aus, notfalls zeigt man eben auch Unterdurchschnittliches. Das Trällerfilmchen „Les chansons d’amour“ läuft übrigens dieser Tage in Frankreich im Kino an und gleichzeitig in der Westschweiz. In die Deutschschweiz werden es diese Liedchen bestimmt nicht schaffen.
Hier noch ein Nachtrag zum gestrigen Thema Arbeitsplatz: In diesen Kellerverschlägen sind die Kabinen, die Radio France uns ausländischen Radios zur Verfügung stellt. Während wir nur hin und wieder da hinunter steigen, sitzen die Techniker und Verwalter von Radio France immer da unter Tag, ohne Sonne, ohne Filme. Ich frage mich immer wieder, ob die dahin strafversetzt werden. Habe mich aber nie getraut, sie direkt zu fragen, dafür sind sie alle viel zu freundlich.
Nicht alle haben hier in Cannes die gleichen Privilegien, das wissen wir schon lange. Unsere Radiokabinen sind im dunklen Keller, während die Filmpromotoren der Isle of Man gleich eine ganze Motorjacht gechartert haben, um ihre Klientel zu empfangen. Nicht schlecht, oder? Dank ihrem Steuersystem haben die Manx-Men auch eine fast schon florierende Filmproduktion auf ihrer Insel… dafür sitzen die TV-Kollegen vom ORF (und in der Regel auch die von SF) hinter dem Palais zwischen den Laderampen in ihren Produktionsfahrzeugen. Wenns warm ist, kann immerhin im Camping-Stil geschnitten werden:
Der nicht mehr ganz junge Mann rechts im Bild ist der langjährige Festivalleiter und nun auch langjährige Festivalpräsident von Cannes, Gilles Jacob. Radio France gab heute einen kleinen Empfang für die ausländischen Radiogäste (schäbige kleine Häppchen und ein gelangweiltes Herumstehen, aber wenn man schon mal persönlich eingeladen wird…) und der Granseigneur des Festivals tauchte persönlich kurz auf, um ein paar der wichtigeren Radiostimmen der Grande Nation seiner Wertschätzung zu versichern. Nett, ist es nicht?
Wer von diesem Film jene magendrehende Faszinaton erwartet, welche Fincher mit «Se7en» oder «Fightclub» provozierte, kommt eigentlich nur beim Eröffnungsmord des titelgebenden kalifornischen Serienkillers ganz auf seine Kosten. Der Rest des 156 Minuten langen Thrillers ist Geschichte einer Obsession und ein Zeitgemälde, das von den 60er in die 80er Jahre führt. Dabei arbeitet Fincher mit seiner gewohnten Präzision und Liebe zum Detail. Die Stadt San Francisco ist eben so Darsteller wie Jake Gyllenhaal und der immer wieder faszinierend magnetische Robert Downey jr. Der Film fühlt sich mit seiner barock ausschweifenden Faktenhuberei manchmal an, wie eine lange Episode von "24" – ohne die Atemlosigkeit, die Brutalität und das Spekulative der Fernsehserie. Und für Kinofreundinnen sind …
… etliche Leckerbissen eingebaut, so auch eine «Dirty Harry»-Vorführung aus welcher der Polizist, der das Vorbild war, angewidert rausläuft. denn tatsächlich geht "Scorpio", der Killer, denClint Eastwood damals erledigte, auf den «Zodiac» zurück. Aber wirklich erschreckend ist der Umstand, dass dieser Zodiac-Killer einer der ersten Terroristen war, der konsequent über die Medien spielte, egal, worin seine Motivation lag. Die Frage taucht ganz klar auf, ob Medienleute den Terror nicht überhaupt erst ermöglichen, indem sie die Öffentlichkeit schaffen. Finchers Film passt gut in den Wettbewerb in Cannes, das ist hochstehendes, geduldiges akribisches Handwerk, das seine Traditionen nie verleugnet.
Was für ein Kontrast! Nach dem wunderschönen, seelenpinselnden Edelkitsch von Wong Kar Wais «My Blueberry Nights» ist der zweite Wettbewerbsfilm vom Rumänen Cristian Mungiu ein ziemlicher Schock: Unglaublich gut, unglaublich düster, unglaublich Alltagshorror.
Es ist der erste Film einer geplanten Reihe mit dem ironischen Titel «Die goldenen Zeiten», welche Geschichten aus der Zeit des kommunistischen Rumänien erzählt.
«4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» dauert bereits die Schwangerschaft der jungen Studentin Gabita. Der Film spielt in den 80er Jahren, in Rumänien war der Abort ab 1966 verboten, illegale Schwangerschaftsabbrüche bekamen den Charakter einer Auflehnung gegen den Staat.
Aber die junge Frau fürchtet vor allem um ihren Studienplatz und bittet ihre Zimmerkollegin aus dem Studentenwohnheim um Hilfe.
Der Mann, der den Abbruch heimlich in einem Hotelzimmer durchführen soll, nutzt die Notlage der beiden jungen Frauen schamlos aus, der Freund der Freundin hat keine Ahnung und die Bilder sind so kalt wie das Land und seine Gesetze und seine Parteidiktatur.
Mungiu filmt ähnlich wie die Dardenne-Brüder («Rosetta», «L’enfant») mit einem dokumentarisch wirkenden Realismus und absoluter Kontrolle. Der Film wird, ohne je vom Alltagsgeschehen abzuweichen, zum Horrortrip, ganz einfach, weil man(n) gar nicht anders kann, als sich mit den beiden Frauen zu identifizieren. Kein Vergnügen per se, aber ein meisterlich gemachter Film von einem Mann, der das erst zum zweiten Mal in Angriff genommen hat.
(v.l. Henri Béhar, Moderation, Norah Jones, Wong Kar Wai, Jude Law)
Ein Musterbeispiel an freundlicher Causerie war diese erste PK des Festivals. Alle waren zu Spässchen aufgelegt und entspannt. Verblüffend allerdings dann doch die Erkenntnis: Weder Norah Jones, die Hauptdarstellerin, noch Jude Law, der Hauptdarsteller, haben den Film bisher gesehen, das Publikum im Saal war ihnen also einen Schritt voraus. Das hängt damit zusammen, dass Wong Kar Wai immer notorisch spät mit der Postproduktion fertig wird. Seinen grandiosen «2046» musste das Festival 2004 im Programm verschieben, weil die Kopien nicht rechtzeitig in Cannes eingetroffen waren. Und es geht die Sage, dass die erste Rolle schon durch die Projektoren lief, während die anderen noch ummontiert wurden. Ob das stimmt oder nicht: Wong Kar Wai liebt seinen Ruf und erklärte, er habe darum darauf bestanden, dieses Jahr den Eröffnungsfilm zu liefern. Da er letztes Jahr die Jury präsidierte, klingt das ganz plausibel. Norah Jones ist übrigens ein echtes Naturtalent, sowohl als Schauspielerin, wie auch als PK-Teilnehmerin. Nüchtern und ohne falsche Bescheidenheit hat sie erklärt, warum das Spass gemacht habe, als Sängerin ohne schauspielerische Ambitionen an diesem Film mitzuwirken. Unter anderem darum, weil sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte und…
…erst nervös wurde, als man ihr mitteilte, wer denn neben ihr noch mitspielen würde: Rachel Weisz, Natalie Portman, Jude Law und David Strathairn. Die Besetzung der Frauenrollen ist übrigens sehr augenfällig motiviert und zeigt, wie sehr Wong Kar Wai vom Bild ausgeht: Weisz und Portman könnten Schwestern sein von Norah Jones. Alle drei haben die gleichen dunklen Augenbrauen, den gleichen dunklen Blick, Weisz und Jones gar fast die gleiche Haarpracht.
Normalerweise ist die erste Pressekonferenz des Festivals jene der Jury, auf die sich alle stürzen, weil es sonst noch nichts zu berichten gibt. Da wir, das arbeitende Berichterstattungsvolk, den Eröffnungsfilm der Abendgala aber schon am Morgen um zehn zu sehen bekamen (natürlich ohne Zirkus, Pinguin und Spiessrutenlaufen zwischen den Fotografen), drängelten wir uns auch wie gewohnt schon eine halbe Stunde vor der offiziellen Pressekonferenz im grossen Saal. Ganz hinten auf der Tribüne die Fernsehkameras, im Saal auf den Stühlen und am Boden das Medienfussvolk und vorne am Podium all die Fanboys und Fangirls unter den Filmjournalisten, welche ihre Digicams und Mobiltelefone mit Norah Jones und Jude Law füllen wollten. Und dazwischen…
…natürlich die Fotoprofis von Reuters und Konsorten, mit Teleobjektiven, die wie Cruise Missiles aussehen. Sogar brav auf dem Stuhl sitzend bekam ich problemlos mit, wenn Miss Jones zu einem Lächeln ansetzte, oder Jude Law gestikulierte: Die Fotoapparate der Profis beginnen dann ihr Klick-Stakkato, alle gleichzeitig: Auch Fotografen sind in Cannes nur Pawlowsche Hunde, wie wir alle.