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Als das Telefon das erste Mal klingelt, haben Satoko und ihr Mann gerade lachend die Wohnung verlassen, um ihren Sohn zum Kindergarten zu begleiten. Asato wird demnächst eingeschult und soll sich schon mal an den späteren Schulweg gewöhnen. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen ist, verharrt die Kamera im leeren Appartement. Ungehört verhallt das Klingeln im Flur.
Bald aber kehrt es zurück. Diesmal ist Satoko da, greift zum Hörer, doch niemand meldet sich. Ein paar Mal noch geht das so. Schliesslich gibt sich eine junge Frau zu erkennen. Sie behauptet, Hikari zu sein, die leibliche Mutter Asatos, den Satoko und ihr Mann Kiyokazu als Baby adoptiert haben. Jetzt will sie den Jungen zurück oder wenigsten Geld und droht damit, allen von der Adoption zu erzählen. Als sich die Adoptiveltern daraufhin mit ihr treffen, erkennen sie die vermeintliche Kindsmutter nicht wieder. Die verzweifelte junge Frau, die das Paar zu erpressen versucht, sieht völlig anders aus als Hikari. Wer also ist sie? Und in welcher Verbindung steht sie zu Asato?
Diese Fragen bleiben in Naomi Kawases (Still the Water) Adoptionsdrama bis kurz vor Schluss offen. True Mothers basiert auf einem Roman der japanischen Mystery-Autorin Mizuki Tsujimura. Kawases sich sanft entfaltendes Werk könnte jedoch kaum weniger mit einem Mystery-Thriller gemein haben. Das Rätsel um die geheimnisvolle Fremde liefert allenfalls einen beiläufigen narrativen Rahmen. Es ist eine tiefergründende Mystik, der die Regisseurin und Drehbuchautorin in ihren melancholischen Bildern nachspürt.
In langen Rückblenden erzählt sie zunächst die Geschichte der beiden gut situierten Adoptiveltern, die auf natürliche Weise kein Kind zeugen können, es vergeblich mit künstlicher Befruchtung versuchen und sich schliesslich für eine Adoption entscheiden. Als ihnen das Baby übergeben wird, begegnen sie der leiblichen Mutter Hikari, selbst noch ein Kind, die Satoko unter Tränen einen an ihren neugeborenen Sohn gerichteten Brief überreicht.
In einem weiteren Rückblick wendet sich der Film nun Hikari zu, die erst vierzehn ist, als sie von einem Mitschüler schwanger wird. Sie möchte ihr Kind nicht weggeben, aber ihre Eltern drängen sie dazu. Um die Schwangerschaft zu verheimlichen, geben sie vor, Hikari sei krank und schicken sie zu einer Organisation nach Hiroshima, die Frauen und Mädchen auf eine Geburt mit anschliessender Adoption vorbereitet. Dort verbringt Hikari einige harmonische Monate am Meer; ein kleines Glück ohne Zukunft. Nach der Adoption hält sie es nicht mehr lange zu Hause aus, nur mühsam schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch.
Kawase begegnet den beiden unterschiedlichen Frauen und Milieus mit derselben respektvoll zurückhaltenden Zuneigung. Sie lässt sich und ihren wunderbaren, kraftvollen Schauspielerinnen viel Zeit und Raum. Ihre lyrischen Aufnahmen von Wäldern, Höhlen, Städten, Gesichtern und immer wieder vom Meer gleiten nahtlos ineinander über. Im weissen Gleisen von Haut und Gegenlicht inszeniert sie eine märchenhaft schöne, zärtliche Liebesszene.
Doch so überwältigend die Bildsprache in solchen Augenblicken ist, findet sie auf Dauer an der recht banalen, vorhersehbaren Dramaturgie keinen Halt. Der ästhetische Aufwand wirkt angesichts der oft trivialen Handlung irgendwie unangemessen: zu viel der Streicher, zu viel der Tränen, zu viele stimmungsvoll wabernde Unschärfen. True Mothers balanciert zwischen Poesie und Kitsch, Gefühl und Sentimentalität, Magie und Esoterik – und nicht immer kippt der Film dabei auf die richtige Seite.
START 25.11.2021 REGIE Naomi Kawase BUCH Naomi Kawase, Izumi Takahashi VORLAGE Mizuki Tsujimura KAMERA Naomi Kawase, Naoki Sakakibara, Yûta Tsukinaga SCHNITT Tina Baz, Roman Dymny, Yôichi Shibuya MUSIK Edric Chang DARSTELLER*IN (ROLLE) Hiromi Nagasaku (Satoko Kurihara), Arata Iura (Kiyokazu Kurihara), Aju Makita (Hikari Katakura), Reo Sato (Asato Kurihara) PRODUKTION Kazumo, Kino Films, Kinoshita Group, Kumie, JP 2020 DAUER 140 Min. VERLEIH Filmcoopi
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