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Herr Karrer, Ihre Wahl zum Economiesuisse-Präsidenten verwirrt mich.
Heinz Karrer: Weshalb?
Weil Sie nach dem Rücktritt von Rudolf Wehrli und Pascal Gentinetta über die Medien verlauten liessen, keine Ambitionen für das Amt des Economiesuisse-Präsidenten zu hegen - und jetzt führen wir dieses Gespräch.
Ich werde versuchen, Ihre verständliche Verwirrung aufzulösen. In der ersten Juli-Woche dieses Jahres wurde ich von Economiesuisse - genauer gesagt von Vorstandsmitglied Rolf Soiron - angefragt, ob ich Nachfolger von Rudolf Wehrli werden möchte. Daraufhin führte ich innerhalb der folgenden zehn Tagen mit Rolf Soiron und den anderen Mitgliedern der Findungskommission intensive Gespräche. Ein paar Tage vor der ersten Kontaktaufnahme ging eine Medienanfrage zum selben Thema bei der Axpo-Medienstelle ein.
Woraufhin Sie ihr Desinteresse übermittelten.
Nein. Mein Standpunkt war, dass ich mich zur Nachfolgeregelung beim Wirtschaftsdachverband nicht äussern wollte. Ich habe mich für dieses «Wording» entschieden, um nach den diversen Absagen für das Präsidentenamt, die emotional aufgeladene Debatte in der Öffentlichkeit nicht weiter unnötig anzuheizen.
Was geschah dann?
Nach den Gesprächen mit den Verantwortlichen von Economiesuisse wollte ich Axpo-Verwaltungsratspräsident Robert Lombardini über die laufenden Verhandlungen informieren. Als ich mich danach in den Sommerferien befand, musste ich nach Durchsicht meiner Emails feststellen, dass inzwischen anders kommuniziert worden war.
Fühlen Sie sich nach den Absagen von Peter Spuhler und Hansueli Loosli indes als zweite Wahl?
Sicher ist es bedauerlich, dass sich die Genannten nicht zur Verfügung stellen wollten - zumal sie sicherlich sehr gut für den Posten geeignet gewesen wären. Ich kann Ihnen zudem nicht sagen, welche Personen auf der Kandidatenliste standen. Allerdings liess ich dies in meinen Entscheidungsfindungsprozess auch nicht einfliessen. Vielmehr musste ich mir die Frage stellen: Entspreche ich dem Anforderungsprofil? Traue ich mir selbst zu, dieses Amt auszuüben? Habe ich das Gefühl, das Richtige zu tun? Sind alle davon überzeugt, dass ich für Economiesuisse einen Beitrag leisten kann?
Und haben Sie auf all diese Fragen eine Antwort gefunden?
Ich bin überzeugt, dass die Akzeptanz innerhalb des Verbandes meiner Person gegenüber vorhanden ist.
Skepsis macht sich auch aufgrund Ihrer Haltung beim Atomausstieg breit. Sind Sie als Economiesuisse-Präsident und flammender Befürworter der Kernenergie in der Lage, die vom Bundesrat verordnete Energiewende umzusetzen?
Economiesuisse hat vor Monaten diesbezüglich Position bezogen. Wir fordern die vollständige Marktöffnung der Schweiz. Dieses Ziel ist ins Stocken geraten. Das ist schlecht für die Effizienz des Energiesektors und für das bilaterale Verhältnis zur Europäischen Union. Wir erachten denn auch ein bilaterales Stromabkommen mit der EU als sinnvoll und notwendig. Im Übrigen liegen wir mit dieser Haltung auf der Linie des Gesamtbundesrates - genauso wie in der Frage der Kernkraftwerke. Es wird keine neuen Atomkraftwerke geben und wir werden an den vereinbarten Laufzeiten nicht rütteln.
Neben der Energiefrage und der Art und Weise, wie Ihre Kandidatur zum Economiesuisse-Präsident zustande kam, sorgt ebenfalls die lange Kündigungsfrist bei Axpo für Kritik. Wie bringen Sie die Suche nach einem neuen Kuoni-Konzernchef, Economiesuisse-Direktor und die geordnete Übergabe der Geschäfte beim Energieriesen unter einen Hut?
Ich werde solange für die Axpo mit einem 100 Prozent-Pensum tätig sein, wie es nötig ist - das ist richtig. Die Suche nach dem Konzernchef bei Kuoni ist hingegen längst aufgegleist. Dafür sind noch ein paar Tage an Sitzungen eingeplant - dann sind die Gespräche mit den Kandidaten abgeschlossen.
Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neue Economiesuisse-Präsident dem Verband gerade in einer schwierigen Übergangsphase fernbleiben wird.
Das ist richtig. Die Vizepräsidenten haben mir jedoch versprochen, die Verbandsgeschäfte solange zu führen, bis ich mein Amt spätestens im kommenden Sommer vollständig übernehmen kann.
Also wird Vorstandsmitglied Valentin Vogt den neuen Direktor selbst rekrutieren müssen.
Die Verhandlungen mit den Kandidaten führt die Findungskommission. Sie können aber versichert sein, dass ich mich bei der Suche nach dem neuen Direktor einbringen werde. Wir benötigen eine Persönlichkeit, welche mit den politischen Prozessen vertraut ist und über einen ökonomischen Background verfügt. Ausserdem muss der neue Direktor eine integrative Persönlichkeit sein. Darüber hinaus will ich mich baldmöglichst mit den Vertretern des Uhrenverbandes zu einer Aussprache treffen. Ich möchte in Erfahrung bringen, warum die Swissness-Debatte so eskalieren konnte. Ich hoffe, dass der Uhrenverband nach diesen Gesprächen Economiesuisse erhalten bleibt.
Angesichts dieser Herkulesaufgabe hat Ihr Tag nicht genug Stunden.
Es handelt sich lediglich um vier zusätzliche Sitzungen in den kommenden sechs Monaten. Das kann ich verkraften, selbst wenn die eine oder andere Stunde Schlaf dabei verloren geht. Beim Sport und der Familie spare ich nicht.
Die Abzocker-Initiative hat Economiesuisse nachhaltig geschadet. Wie wollen Sie die verloren gegangene Reputation wieder herstellen?
Wir haben nach der Abstimmungsniederlage zur «Abzocker-Initiative» an einer Klausurtagung in Anwesenheit des gesamten Vorstandes eine schonungslose Analyse vorgenommen. Als Folge davon hat sich der Vorstandsausschuss darauf verständigt, personelle Konsequenzen zu ziehen und der Vorstand hat überdies entschieden, dass wir uns auf Kernthemen fokussieren. Das sind die sichere Energieversorgung, das Verhältnis zur EU und die steuerlichen Rahmenbedingungen für die Schweiz. Wir haben auch darüber diskutiert, wie wir mit Konflikten innerhalb des Verbandes künftig umgehen wollen. Wie verhalten wir uns, wenn unterschiedliche Auffassungen aufeinanderprallen? Und letztlich bin ich der Meinung, dass wir uns stärker zu einem Dialog-Verband transformieren müssen. Wir müssen mit der Bevölkerung über die Funktionsweise der Wirtschaft diskutieren. Warum dürfen wir uns über wirtschaftliche Prosperität freuen, weshalb ist die Arbeitslosenquote tief - und woran liegt es, dass in der Schweiz ein investitionsfreundliches Klima vorherrscht?
Die Chance bei der Bevölkerung für diese Argumente zu werben, bietet sich Ihnen im Herbst beim Abstimmungskampf zur «1:12»-Initiative.
Der Lead gegen aussen liegt beim Gewerbeverband, zusammen mit dem Arbeitgeberverband, der für das Dossier zuständig ist. Economiesuisse untersützt die Nein-Kampagne im Hintergrund.
Das entbindet Sie nicht davon, Stellung zu beziehen.
Sicher. Wir müssen alles unternehmen, um die Annahme dieser Initiative zu verhindern.
Was stört Sie an der Initiative?
Die Minder-Initiative sah vor, die Aktionäre in die Salärpolitik der Unternehmungen einzubeziehen. Die «1:12»-Initiative hat jedoch eine ganz andere Dimension. Sie sieht vor, dass sich der Staat in die Salärpolitik der Schweizer Unternehmen einmischen soll. Dieser Vorgang würde einen diametralen Widerspruch zu unserem liberalen Arbeitsmarkt darstellen - und deshalb ist die 1:12-Initiative eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Schweiz.