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Zwei Männer, die fast kniehoch in kleinen Fischen stehen, je ein Werkzeug in der Hand, mit dem sie die Fischlein herumschieben. Das eindrückliche Bild stammt von der Nachrichtenagentur Reuters und aus einem Artikel von 2018. Er beschreibt die Fischfabriken an Westafrikas Küsten. Aufgenommen wurde es in der Fabrik von Africa Protéine SA in Nouadhibou, Mauretanien.
Die beiden Männer schieben massenweise Sardinellen auf ein Förderband und standen damit schon 2018 für einen aus dem Ruder gelaufenen Lebensmittelmarkt. Dieser verschlimmert mit den kleinen afrikanischen Fischen ein Problem, das er mit Aquakulturen eigentlich besser machen wollte.
Sardinellen sind Sardinenfische, aber weder Sardinen noch Sardellen. Sie kommen an beiden Atlantikküsten vor. Die beiden Arten in Westafrika werden als «flat sardinella» und «round sardinella» (Sardinella aurita und Sardinella eba) bezeichnet.
Kleine Fische – globaler Markt
Die Fischlein in Nouadhibou werden zu Fischmehl zermatscht oder zu Fischöl gepresst. Es folgt der Transport in andere Länder, um dort Fische in Aquakulturen zu füttern. Fischmehl gehe zu 70 Prozent nach China, Fischöl zu 90 Prozent nach Europa. Dort werde Lachs damit gefüttert, schreibt die «Financial Times», die den Weg eines Fischöl-Tankers von Nouadhibou nach Norden nachvollzogen hat.
Nach mehreren Zwischenstopps geht das Schiff in Norwegen vor einer Fischfabrik des Unternehmens Mowi vor Anker. Mowi ist der weltgrösste Lachsproduzent. Mowi-Zuchtlachs von der norwegischen Küste wird bei europäischen Supermarktketten wie Lidl, Aldi, Tesco und Sainsbury’s verkauft, führt die «Financial Times» auf. Lachse sind Raubfische. Sie brauchen Protein, damit sie schnell wachsen und Marktwert erreichen.
Ursprünglich waren sie höchstens Köder
Zum Beispiel kleinere Fische wie die Sardinellen in Westafrika, die häufig noch immer in traditionellen Pirogen gefangen werden. Für die grossen internationalen Fischtrawler waren sie ursprünglich kaum von Interesse. Lokale Fischer verkauften die kleinen Fische als Köder für den Thunfischfang, oder sie gelangten in den Binnenhandel.
Gefischt werden Sardinellen, die in grossen Schwärmen auftreten, vor Guinea Bissau, Gambia, Senegal und Mauretanien bis nach Westsahara. Sardinen und Sardinellen sind ein Grundnahrungsmittel im gesamten westlichen Afrika. Getrocknet stellen sie bis weit ins Binnenland eine wichtige Proteinquelle dar.
Lachsfarmen wollen ihr Geschäft weiter ausweiten
Viele Sardinellen werden inzwischen als Fischmehl exportiert. 2020 wurden aus 2 Millionen Tonnen afrikanischem Fisch so 1,5 Millionen Tonnen norwegischer Zuchtlachs, führt die Umweltorganisation Feedback auf.
In Indien, Vietnam und Kenia deutet sich das Gleiche an. 2020 wurden weltweit 16 Millionen Tonnen Fisch oder ein Fünftel der gefangenen Menge zu Fischöl oder -mehl verarbeitet. Drei Viertel davon wird in Aquakulturen verfüttert.
FAO warnte schon vor sechs Jahren vor Hunger
Die Zahl der Fischfabriken an der afrikanischen Westküste, die Fischmehl und -öl für den Export produzieren, hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. Das trifft vor allem auf Mauretanien zu. So gut wie jeder Journalistin und jede Journalist, die den Ort Nouadhibou besucht haben, berichten als Erstes über den Fischgestank, der über dem Hafen liegt. Dort gibt es 29 Fischfabriken. Entlang der gesamten Küste von Mauretanien über Senegal und Gambia bis Guinea Bissau seien es mehr als 50, führt «Client Earth» auf.
Die Sardinellenbestände sind seit 2010 stark zurückgegangen, während der Hunger nach Fischmehl weiter steigt, zeigt die FT in mehreren Grafiken. Den Preis dafür zahlt die Bevölkerung Westafrikas – wortwörtlich. In den letzten Jahren hätten sich die Preise für Sardinellen und Sardinen in Mauretanien und Senegal vervielfacht, sagen mehrere Personen gegenüber der FT.
«In vier oder fünf Jahren wird es keine Fischbestände mehr geben, die Fabriken werden schliessen, und die Ausländer werden abwandern», sagte Abdou Karim Sall, Vorsitzender eines Verbandes von Kleinfischern im Senegal, schon 2018 zu «Reuters». Im selben Jahr warnte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vor einer Nahrungsmittelkrise in Westafrika.
Von den Fischfabriken profitiert die lokale Bevölkerung kaum
Hoffnungen, dass die wachsende Zahl der Fischfabriken Arbeitsplätze in Nouadhibou schaffen würde, haben sich laut FT zerschlagen. Die FT zitiert einen Bericht der Fischindustrie, nach dem die Fabriken rund 2000 Personen beschäftigen. Der grösste Teil sind Ausländer, denen die teureren Häuser im sonst eher armen Nouadhibou gehören.
Die meist türkischen oder chinesischen Unternehmen verarbeiteten 2020 mehr als 800’000 Tonnen Sardinellen, 16-mal so viel wie zehn Jahre zuvor. Exporte von Fischmehl und -öl haben sich seit 2009 verzehnfacht.
Am schlimmsten erwischt es Senegal
Dazu kommt der Klimawandel. Sardinellen bewegen sich in Schwärmen schleifenförmig entlang der afrikanischen Küste von Westsahara bis Guinea-Bissau. Durch die steigenden Temperaturen habe sich ihr Wanderungsgebiet bereits nach Norden verschoben, so «Reuters» mit Verweis auf wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Am meisten leidet darunter Senegal, dessen günstigste Proteinquelle abwandert. Die Knappheit führt zu Grenzkonflikten und Lebensmittelengpässen.
Währenddessen wird auch noch das kleinste bisschen Beifang zu Fischmehl verarbeitet. Von der «Financial Times» befragte Produzenten wie Mowi und Cargill wollen deshalb vermehrt auf Sardinen ausweichen. Oder auf Sojaprodukte. Was die Auswirkungen der Lachszucht nicht besser macht.
Regulierung Mauretaniens nur mässig erfolgreich
Die mauretanische Regierung hat Gegenmittel ergriffen. Fangquoten, höhere Strafen für illegale Fischerei und einen festgelegten Anteil des Fangs, der für den menschlichen Verzehr bereitgestellt werden muss. Mit begrenztem Ergebnis.
Die FT berichtet, dass diese Regeln systematisch unterlaufen werden, Korruption und vielerlei Tricks täten ein Übriges. So werde Fisch als verdorben deklariert oder vorsätzlich zerstört, um ihn in die Fischfabriken liefern zu können. 2022 produzierten Mauretaniens Fabriken durchschnittlich das Doppelte der erlaubten Fischmehl-Mengen.
Im vergangenen Jahr stand der Markt für Fischmehl zudem besonders unter Druck. Peru, Sitz der grössten Fischmehl-Produzenten, setzte seine Fangsaison aus. Grund waren schrumpfende Anchovis-Bestände und Störungen durch El Niño. Die Fischmehlproduktion brach um mehr als 20 Prozent ein, was ungefähr dem Marktanteil von peruanischem Fisch entspricht.
Was an Fischfarmen noch problematisch ist
Für Fischerei und Konsument:innen sollten Aquakulturen ursprünglich ein Problem lösen, nicht nur in Norwegen. Stattdessen stellen Fischfarmen ein neues dar. Das wurde spätestens deutlich, als vor einigen Monaten Bilder von Zuchtlachsen um die Welt gingen, die von Lachsläusen zerfressen waren.
Die Parasiten, die sich auch bei den wilden Fischen in der Umgebung ausbreiten, sind nur ein Aspekt. Lachsfarmen stören das ökologische Gleichgewicht in der Umgebung empfindlich. Krankheiten und die Durchmischung mit heimischen Arten bereiten Experten Kopfzerbrechen.
Pestizide, die zur Bekämpfung von Parasiten eingesetzt werden, gelangen ins Wasser. Mehrere Umweltschutzorganisationen forderten deshalb vor Kurzem, dass dem als «bio» gelabelten Lachs aus schottischen Zuchten das Label aberkannt wird.
Die Lebensbedingungen der Fische sind meist schlecht. Ein guter Teil der Lachse stirbt, ehe er abgefischt wird. Wegen des Nährstoffüberflusses in den offenen Gehegen siedeln sich in der Nähe auch Arten an, die dort natürlich nicht vorkommen. Das grösste Problem könnte auf Dauer aber die Fütterung von chinesischen und norwegischen Aquakultur-Fischen sein.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Die Autorin dieses Beitrags betätigt sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins fair-fish international. Fair-fish setzt sich für den Tierschutz in Fang und Aquakultur unter fairen und nachhaltigen Kriterien ein.“
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.