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Einführung
Langsames Überwinden des scholastisch geprägten Welt- und Menschenbildes
Naturbeobachtung und Erkenntnisse über den Menschen haben in einem schon im Altertum begonnenen Prozess - wieder aufgenommen durch Kopernikus und Galilei - die Einsicht gefördert, dass Systematik zwar hilfreich ist, aber ein fixes System nicht postuliert werden kann. Denn ein solches widerspricht der Natur. Das erwies sich beispielsweise an der Unmöglichkeit, den Menschen als "Krone der Schöpfung" und "Untertan oder Kind des Schöpfers" zu sehen oder die Erde als Scheibe und Mittelpunkt des gestirnten Himmels anzunehmen. Alle "ewig" gefestigten Vorstellungen lassen die empirischen Erkenntnisse von steten Veränderungen im Naturgeschehen nicht zu. Sie behindern wertneutrales Erforschen sowohl der gesamten Umwelt wie des menschlichen Seins, der menschlichen Denkprozesse.
Das betrifft auch die Schwulengeschichte. Denn das Zentrum dieser Geschichte ist die Auseinandersetzung mit dem fixen System einer ethisch definierten (Schöpfungs-) Ordnung und deren Anspruch auf eine zu lebende Norm. Homosexuelle Menschen, die völlig natürlich ihre Sexualität leben wie heterosexuell Veranlagte es auch tun, stellen offenbar diese Norm in Frage. Diese Norm reduziert den Homosexuellen auf seine Sexualität, grenzt ihn aus oder fordert von ihm ein "keusches Dasein". Das aber widerspricht der Natur des Menschen, der sich als ganzheitliches Wesen wahrnimmt.
Die Spannung aus unerfüllbarem Anspruch und gelebter Natur brachte die Emanzipationsbewegung jener Menschen hervor, die sich selbst Schwule und Lesben (anglo-amerikanisch Gay) nennen, weil in diesen Namen das Wort "sexuell" nicht vorkommt. Die anderen werden nie nach der Art ihrer Sexualität gefragt. Das Sexuelle zwischen Frau und Mann gilt als selbstverständlich mitgemeint, wenn von Konkubinat oder Ehe gesporchen wird. Von ihnen eine Erklärung zu verlangen wäre unschicklich. Warum fragt man bei Schwulen und Lesben danach?
In der Tradition des freien Geistes des Humanismus und der Französischen Revolution standen Vorläufer, Wegbereiter und einige Pioniere der Schwulenbewegung. Alle wurden Opfer des fixen Systems von Vorstellungen, das ihre Zeit (noch immer) prägte.
Ernst Ostertag, Januar 2005