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Etrit Hasler hat entdeckt, dass es Quidditch-Weltmeisterschaften gibt.
Es gibt keinen erhebenderen Moment für einen Fetischisten der Popkultur wie mich, als wenn ein Element der Fiktion in die Realität überspringt. Wie zum Beispiel die Rockband Spinal Tap aus Rob Reiners Regiedebüt «This is Spinal Tap», einer Persiflage auf das Musikgeschäft, die plötzlich echte Konzerte gab – auch wenn ihre Schlagzeuger in der Wirklichkeit leider nicht explodieren. Oder die von Alan Moores «V for Vendetta» inspirierte Verwendung von Guy-Fawkes-Masken an Protestkundgebungen von Occupy Wall Street bis zum Gezipark. Und besonders warm ums Herz wird mir, wenn ich jemanden klingonisch sprechen höre, und jedem «Pahkt», der das nicht verstehen kann, schleudere ich, in der Hoffnung auf Besserung, mit geschwellter Brust ein «Qapla’» entgegen.
Meine Euphorie war entsprechend gross, als ich über die Nachricht stolperte, dass die siebten Quidditch-Weltmeisterschaften 2014 in North Myrtle Beach stattfinden würden, einer kleinen Küstenstadt im US-Bundesstaat South Carolina, deren Name gleichzeitig als Hommage an Moaning Myrtle, eine der Figuren der Harry-Potter-Serie, herhalten kann.
Richtig: Quidditch. Falls Sie keine Ahnung haben, was das sein soll, haben Sie die letzten fünfzehn Jahre unter einem Stein verbracht, keinen Fernseher zu Hause, gehen nie ins Kino, und Sie haben keine Kinder. Was vielleicht auch besser so ist – Kinder unter einem Stein ohne Fernseher zu erziehen, das finde ich noch menschenunwürdiger, als AsylbewerberInnen in Zivilschutzbunkern einzusperren, aber das ist eine andere Geschichte.
Quidditch also. Die Sportart der Zauberschule Hogwarts, bei der die SpielerInnen auf Besen fliegend gleichzeitig versuchen, sich mit Schlägern von ihren Besen zu prügeln, Bälle durch Ringe zu werfen und nebenbei noch ein surrendes Metallding namens Schnatz zu fangen. Ich habe die Regeln bis heute nicht komplett verstanden, aber ich gehe davon aus, dass dies von J. K. Rowling durchaus gewollt ist, als Anspielung an den undurchschaubaren Regelwirrwarr des britischen Nationalsports Cricket.
Nun ist es nicht ganz so einfach, eine Sportart auf fliegenden Besen für uns Muggel – also Nichtzaubernde – zu adaptieren. Doch es ist eben kein wahrer Fan, wer sich von solchen Details aufhalten lässt. Und so setzten sich 2005 ein paar Studierende des Middlebury College in Vermont daran, diese Sportart umzusetzen. Auf das Fliegen wurde gezwungenermassen verzichtet, und der Schnatz ist ein Tennisball, der in einer Socke an die Hose einer Läuferin oder eines Läufers gesteckt wird. Damit rennen sie am Spielfeldrand umher, derweil die Suchenden ihnen ebendiese Socke zu entreissen versuchen – was dadurch erschwert wird, dass die SpielerInnen, mit einem (eben bedauerlicherweise nicht fliegenden) Besen zwischen den Beinen über das Spielfeld stolpern.
Was nach einer studentischen Schnapsidee klingt, wurde zum explosiven Trend. Heute umfasst die International Quidditch Association (IQA) mehr als tausend Mannschaften aus Nordamerika, Europa und Australien. Und obwohl das Spiel zum ernst zu nehmenden, knallharten Wettkampf geworden ist, hat sich der magische Charme der Bücher noch nicht verflüchtigt: Am Gründerort Middlebury werden die Ansagen bis heute in Parsel, der magischen Sprache der Schlangen, gemacht. Und getreu den Romanen ist Quidditch eine geschlechterdurchmischte Sportart geblieben – wobei die IQA in ihrem Regelwerk anerkennt, dass sich nicht all ihre SpielerInnen als männlich oder weiblich identifizieren müssen und das Spiel «Menschen aller Identitäten und Gender willkommen heisst».
Von dieser Form von Toleranz dürfte sich manch nicht fiktive Sportart eine Scheibe abschneiden.
Etrit Hasler ist bekennender Harry-Potter-Fan und wünscht sich als SP-Politiker im St. Galler Kantonsrat immer häufiger, er hätte einen Expelliarmuszauber zur Hand.