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Meine Mutter war das, was man eine «nicht unbedingt begnadete Köchin» nannte. Es waren die Worte meines Vaters. «Lotty hat andere Qualitäten» - ergänzte er sein Statement augenzwinkernd. Aber der nackte Fakt: SIE KOCHTE UNTER JEDER SAU!
Andrerseits: «Habt ihr schon bei Lotty gegessen? - Göttlich! Einmalig! So etwas musst du weit suchen...» MUSSTE MAN!
Wer Mutters Tomatensauce aus dem Beutel genossen hatte, wusste, dass der blanke Horror nicht nur bei Frankensteins zu Hause herumliegt. Und doch: Mutter war für ihre Essen berühmt. Die Leute schlugen Purzelbäume, um bei ihr an den Tisch eingeladen zu werden. Sie war das, was man eine Food-Blenderin nennt: All das Schauderhafte dekorierte sie so wundervoll auf, dass die Leute vergassen, dass sie eben total versalzenen Kartoffelstock geschluckt hatten. Ihre verlorenen Eier, die sie als «les œufs Plissezkaja» auffahren liess, sahen wirklich verloren aus. Mutter hatte sie nach der berühmten russischen Tänzerin benannt. Die aufgeplatzten Dinger liefen aus wie ein durchgebrochener Dickdarm. Mutter streute Schnittlauch über das Übel. Steckte ein kandiertes Veilchen dazu und lieferte dazu gleich noch die Geschichte: «Die Ballerina mochte die Eier nur auf diese Art... Es erinnerte sie an den Mond über dem Schwanensee.»
JA HALLO - WO WAR HIER DER MOND? Wo der Schwan? Wo der See?
Die brutale Wirklichkeit war einfach nur ein lädiertes Ei, das ihr einmal mehr, als sie es mit dem Sieb aus dem Essigwasser zog, «verpflätterte». Aber Mutter bemäntelte ihre Schande mit der Schwanensee-Geschichte. Und dem Schnittlauch. Dabei sah das Resultat aus, als habe die Plissezkaja eigenfüssig Pirouetten auf dem Ei gedreht. Die Leute waren begeistert und verdauten das Übel als Sensation: «Hast du bei Lotty je ihre Ballerinen-Eier gegessen? Genial. Ich weiss nicht, wie sie das macht...» Ich wusste es. Weil ich bei grossen Einladungen immer in der Küche helfen musste. Und Mutters Improvisierkunst bewunderte.
«Kochen ist wie Staubsauger verkaufen: Du musst um den Dreckbeutel eine Riesengeschichte aufbauen», so weit die Meisterin, die selbst angekochten Milchreis so servierte, dass es wie gesprenkelte Katzenkotze aussah. «Es ist knifflig, diesen rauchigen Geschmack reinzubekommen. Aber das ist eben die irische Art...»
Irgendwann wurde auch ich kochtechnisch gefordert. Da ich auf keine stabile Basis zurückgreifen konnte, rette ich mich ebenfalls in Dekorationen: «Petersilie und ein Radieschen (als Rose geschnitzt) sind wunderbare Ablenker!» DIES ZUMINDEST HATTE MIR MUTTER BEIGEBRACHT, ALS SIE DIE POULARDE DE BRESSE MIT VIEL POMP AUF DER PLATTE ANGERICHTET HATTE.
Das Huhn konnte es in seiner Trockenheit mit jeder afrikanischen Wüste aufnehmen, aber es wurde herausgestylt wie eine Cancan-Tänzerin vor ihrem Auftritt im Moulin Rouge. Aus dem Allerwertesten wedelten spanische Nelken. Die Schenkel steckten in weissen Papier-Gamaschen. Und auf dem Rücken des armen Tieres ging beim Auftritt ins Speisezimmer ein Feuerwerk ab, dass die Menschen erst erstarrten, dann aber frenetisch applaudierten.
Mutter lächelte bescheiden: «Das ist die Poularde nach dem Rezept der genialen Madame Curie. Dazu servierte sie stets Mayonnaise mit Knoblauch.» Ohne Mayo hätte man das Fleisch gar nicht runterwürgen können. Und der reingepresste Knoblauch war ein Ablenkungsmanöver, damit keiner merken sollte, dass die Sauce aus der Tube von Thomy kam.
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund wurden später die Essen von Lottys schönstem Kind genauso berühmt wie die Horrorshows der lieben Mutter. Wenn ich Innocent die Abrechnungen für das Haushaltungsbuch präsentierte, flatterte der Gute gleich an die Decke: «Was bedeutet das? 12 Eier Fr. 6.20, Mettwurst Fr. 1.90 und Deko-Material Fr. 254.50!»
Ich hatte die harten Eier mit Mettwurst gefüllt. Und blattvergoldet auf verzuckerten Rosenblättern serviert. MAN MUSS SICH WAS EINFALLEN LASSEN! Ich nannte die Dinger «die Eier des Papstes». Und versicherte den Gästen, dass zur Zeit von Gregor XIV. im Vatikan so etwas immer mal wieder als Häppchen serviert worden sei. Die Leute waren ausser sich vor Begeisterung. Nur eine geladene Sterneköchin zog die Augenbraue hoch: «Ach ja? Hatten die im Barock schon Coops Streichwürstchen?» Okay. Man kann es nie allen recht machen.
Als ein Gast meiner Mutter einmal besserwisserisch kommen wollte und behauptete, die Plissezkaja habe bestimmt keine Eier gegessen und die Tänzerin sei auf gekochtes Eiweiss allergisch gewesen, da lächelte Lotty eiskalt: «Wirklich? Dann kann das nicht m e i n e Plissezkaja gewesen sein - die reagierte nur auf miese Gäste mit einer Allergie!» Daraufhin liess sie über den Eiern die Raketen los. Und alles jubelte.
PS: Madame Curie hat übrigens nie Knoblauch-Mayo gegessen...
Illustration: Rebekka Heeb