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Yusuf Yesilöz über deutschtürkisches Türkisch
Kürzlich las ich in einer Kantonsschule aus meinen Texten. Unter den dreissig SchülerInnen war ein Schüler mit türkisch klingendem Namen. Ob diesem einzigen Namen war ich derart erfreut, als hätte mir jemand an diesem Vormittag einen Goldtaler geschenkt.
Unter meinen Texten war ein Text über eine Begegnung mit einem jungen Computerverkäufer: Ich war in einem Computergeschäft, und der türkischstämmige Verkäufer wollte mich auf Türkisch beraten, wie es ihm sein Chef empfohlen hatte. Von allen Wörtern, die er sagte, waren aber mehr als die Hälfte auf Deutsch.
Der Kantonsschüler mit dem türkischen Namen hörte sehr aufmerksam zu, und über diesen Text mit dem Verkäufer lachte er viel, schüttelte den Kopf und rief dann mehrmals laut: «So eine Hors-sol-Gurke!» Gemeint war nicht ich, sondern der Computerverkäufer im Text.
Nach der Veranstaltung kam er sofort zu mir und stellte sich als Nazim vor. Eines wurde mir schnell klar, nämlich dass seine Eltern Fans des weltbekannten Dichters Nazim Hikmet waren. Seine Mutter sei eine georgischstämmige Türkin, berichtete er, sein Vater zu drei Vierteln Kurde. Ich fragte den jungen Nazim, was er sei. «Ich bin … hä? … Was bin ich?», war seine zögerliche Antwort.
Nazim sagte, er habe alle Gedichte des Dichters Nazim gelesen, und behauptete, dass er besser Türkisch könne als der Verkäufer in meinem Text. Ich erwiderte, dass ich ihm erst glauben würde, wenn wir das geprüft hätten.
Wir sassen in der Mensa, zusammen mit seiner Freundin Jacqueline und zwei weiteren Kollegen, und schlossen eine Wette ab: Wenn Nazim in seinem Türkisch weniger deutsche Worte verwenden sollte als der Verkäufer im Text, also weniger als fünfzig Prozent, würde ich ihn und seine drei BegleiterInnen beim Ferhad zu einer Dönerbox einladen. Wenn ich die Wette gewinnen sollte, müsste Nazim für mich einen zweiseitigen Text auf Deutsch auf Grammatikfehler prüfen.
Die Aufgabe Nazims war sehr einfach, was auch er so empfand. Er sollte seiner Mutter am Telefon erzählen, was er heute in der Schule so alles erlebt hatte. Als er sein Telefon aus dem Rucksack holte, jubelten seine Freunde Nazim zu wie Fans einer Fussballmannschaft. Jacqueline wird den Bericht von Nazim mit ihrem iPhone aufnehmen, zur Überprüfung. Nazim trank also einen Schluck aus seiner Flasche, hustete noch zweimal und begann, der Mutter zu erzählen, nachdem er die Kollegen ermahnt hatte, sie dürften nicht lachen, sonst komme er durcheinander und sie alle würden die Wette verlieren.
Anne, bugün bizim Schuleye bir Autor geldi. Buchlarindan ve Textlerinden vorlese yapti. Dötte isch öppis u luschtigs debii. Bir Verchäufer, so en depp! O Autor var ya. Compüter kaufe yapacak. De Depp onu berate yapiyor Türkce. Cok cok dütsch Wörter katiyor. Mischlet wie Ayran! (Da lachten er und seine Freunde laut.) Ve Front Page nedir Türkce bilmiyor. Front Page isch Front Page! Egal ob Türkisch oder Chinesisch. Biz bir Wette yapiyoruz. Wenn i gewinne, Dönerbox yiyecegiz arkadaslarim ile. Denn chume ii nit znacht.
Jacqueline schrieb die Aufzeichnung geschwind auf ein Papier. Und wir zählten sofort die Worte. Tatsächlich waren von den fünfundsiebzig Wörtern sechsunddreissig auf Deutsch und sechsunddreissig auf Türkisch gesagt worden. Den Ausschlag sollte der Begriff Dönerbox geben. Da die GymnasiastInnen sich auch nach langer Diskussion nicht einig waren, welcher Sprache dieses Wort nun zuzuordnen war, endete unser Duell unentschieden. Die Dönerbox aber schmeckte ihnen später hervorragend.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Sein letztes Buch, «Hochzeitsflug», erschien 2011 im Limmat-Verlag.