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|Beschreibung||

Keiner von uns würde glauben, dass wir Jura studieren, um zu lernen, wie man lügt.
In unserer Weltanschauung steht das Recht nicht nur in einem direkten Zusammenhang mit der Gerechtigkeit, sondern auch mit der Wahrheit. Wenn Rechtsfolgen an einen bestimmten Tatbestand geknüpft sind, so erwarten wir, dass diese Rechtsfolgen nur dann eintreten, wenn der Tatbestand auch tatsächlich erfüllt ist. Und doch sind die meisten modernen Rechtssysteme mit der Fiktion als Gesetzgebungstechnik vertraut: Manchmal ordnet das Gesetz an, einen Umstand als gegeben zu betrachten, auch wenn er in Wirklichkeit gar nicht vorliegt.
Ein ähnlicher Mechanismus ist bei den Rechtshandlungen denkbar: Indem man so tut, als ob ein bestimmtes Element vorhanden wäre, kann man eine Rechtshandlung zu ganz anderen Zwecken verwenden als zu denen, für die sie ursprünglich gedacht waren. Zu denken ist dabei etwa an die römische Manzipation, die ursprünglich als eine Form des feierlichen Verkaufs gedacht war: Wenn man im Ritual den realen Preis durch einen symbolischen Preis ersetzte, wurde es möglich, die Manzipation nicht nur für Verkäufe, sondern auch für Schenkungen oder Veräusserungen aus jedem anderen beliebigen Grund zu verwenden - sogar für den fiktiven Verkauf, der es ermöglichte, ein Testament zu errichten oder die Kinder aus der väterlichen Gewalt freizulassen.
Eine solche "juristische Ökonomie" - wie diese Ausdehnung bereits bestehender Rechtsinstituten von Rudolf von Jhering bezeichnet wurde - war in der Antike enorm verbreitet. Unser Seminar befasst sich mit einem der eindrucksvollsten Fälle: Den Quellen zufolge war es gängige Praxis, eine Urkunde auszustellen, in welcher der Erhalt einer Darlehenssumme dokumentiert ist, die in Wirklichkeit gar nie entrichtet wurde. Und dies nicht nur in der römischen Welt, sondern auch im alten Mesopotamien, in Ägypten, in der griechischen Welt sowie in den jüdischen Gemeinden. Das Seminar setzt sich mit diesem Rätsel der antiken Welt auseinander und ermöglicht den Teilnehmenden einen Einblick über das römische Recht und unsere eigene Rechtstradition hinaus in die mesopotamischen, ägyptischen, griechischen und jüdischen Rechtskulturen.
Freie Plätze für Studierende im Masterstudiengang! Sie können im Rahmen einer Mastervereinbarung eine Masterarbeit zu einem Thema dieses Seminars verfassen. Die Arbeit kann auf Deutsch oder Englisch verfasst werden.
Free spots left for Master students! You can write a Master thesis about one of the topics of the seminar by signing a Master thesis agreement. The thesis can either be written in German or English.
Themenliste:
Thema 1: Umgehung oder juristische Ökonomie? Zur Rechtsumgehung, Simulation, Fiktion und "Nachformung"
Thema 2: Schuldumwandlung und Novation in der griechischen Praxis
Thema 3: Der altbabylonische Kreditkauf
Thema 4: Kreditkauf und Lieferungskauf in der griechischen Praxis
Thema 5: Schuldenfalle Antike: Das Verschuldungsproblem zwischen philosophischer Lehre und staatsrechtlicher Praxis
Thema 6: Kreditierung des Kaufpreises im römischen Kauf
Thema 7: Konstitutive Darlehensurkunden in der griechischen Praxis
Thema 8: Schuldumwandlung und fiktives Darlehen im talmudischen Recht
Thema 9: Fiktives Darlehen im altägyptischen Recht
Thema 10: Nichtrömischer Literalkontrakt und Einrede des nicht ausgezahlten Geldes: der Umgang des Römischen Rechts mit fremden Darlehenspraxen
Thema 11: Nomina transscripticia -wenn man aus der Buchhaltung schuldet
Thema 12: Fiktives Darlehen heute
Leistungsnachweis:
Das Seminar steht sowohl Bachelor- als auch Masterstudierenden offen. Bachelorarbeiten werden mit 6 ECTS gewürdigt und müssen ca. 25 Seiten (etwa 62'500 Zeichen) umfassen. Masterarbeiten können seit der Studienreform nur noch im Umfang von 12 ECTS verfasst werden, was einer Arbeit von ca. 40 Seiten entspricht (etwa 100'000 Zeichen).

Datum

08./09. April 2022; KOL-G-217
|Teilnahme und Info||

Zum Vorgang und für weitere Informationen beachten Sie bitte unbedingt die Angaben hier im: Merkblatt (PDF, 1 MB)