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Buch des Monats
Dr. Moni Egger – Selten habe ich ein wissenschaftliches Buch derart verschlungen. Tania Oldenhage zeigt auf, wie sehr die Passionsmotivik die literarische Erinnerungsarbeit auf christlicher und auf jüdischer Seite prägt. Dazu verbindet sie unterschiedlichste Texte mit den untersuchten Bibelstellen und verfolgt die Muster der Rezeption. Diese Verwebung stellt die Exegese vor grosse hermeneutische Herausforderungen und bindet sie ein in die Verantwortung für die Wirkungsgeschichte der biblischen Texte.
Tania Oldenhage untersucht in drei voneinander unabhängigen Buchteilen drei Verse aus den Passionsgeschichten und deren motivische Bezüge in der Rezeptionsgeschichte, insb. derjenigen während und nach dem Holocaust (Shoah). Es sind dies der sog. Blutruf bei Mt 27,25 «Zum Motiv der Kollektivschuld nach der Shoah», die Seeligpreisung der Unfruchtbaren bei Lk 23,29 «Lukanische Bilder der Katastrophe und ihre Rezeption nach der Shoah» sowie Mk 15,34; Mt 27,46 «Der Schrei des Gekreuzigten und die Schoah».
Exemplarisch zum zweiten Kapitel: «Die Seligpreisung der Unfruchtbaren gehört zu den lukanischen Texten, in denen der Schrecken des jüdisch-römischen Kriegs mit Hilfe von Mutterbildern zur Sprache kommt.» (166) V29 lautet in der Übersetzung von Oldenhage: «Denn seht, es kommen Tage, da sie sagen werden: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste die nicht gestillt haben.»
Traditionellerweise wurde diese Stelle in der christlichen Exegese als Gerichtsankündigung gelesen, die Zerstörung Jerusalems im jüdisch-römischen Krieg wird dabei als Strafe Gotte verstanden. Das ist nicht nur deshalb problematisch, weil es der genauen Textlektüre nicht Stand hält, sondern auch weil es den Gedanken einer 'jüdischen Schuld am Tod Jesu' wachhält und weiter transportiert.
Im Vergleich mit dem Text «Strasse der Ankunft, Strasse der Abfahrt» der Auschwitz-Überlebenden Charlotte Delbo und den von ihr verwendeten geschlechtsspezifischen Bildern zeigt Oldenhage, dass auch Lk 23,28-29 als Katastrophenliteratur zu verstehen ist, als «Eindruck des Genozids, der Ausrottung einer ganzen Bevölkerungsgruppe» (169) und es also nicht um Gerichtsandrohung sondern um Klage geht.
Darüber hinaus kann die totale Katastrophe des 1. Jahrhunderts heute nicht mehr gelesen werden, ohne dass die Katastrophe des 20. Jahrhunderts mitschwingt. Eine verantwortungsvolle Lektüre macht diese assoziativen Verbindungen explizit, hinterfragt sie und bindet sie in die Exegese ein. (283)
Tania Oldenhage, Neutestamentliche Passionsgeschichten nach der Shoah. Exegese als Teil der Erinnerungskultur, Stuttgart Kohlhammer 2014. 315 S., brosch.