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Berninalinie
Wo Wetterfronten aufeinanderprallen
Wer mit der RhB auf der Berninalinie unterwegs ist, wird Zeuge eines meteorologischen Phänomens: der Wetterscheide. Sie teilt das Wetter der Alpennord- und Alpensüdseite. Im Interview erklärt Wetterexperte Thomas Bucheli (50) vom Schweizer Fernsehen, welche Bedeutung das Berninamassiv für das Wetter in der Schweiz hat und weshalb er oft zum Fotoapparat greift, wenn er an einer Wetterscheide steht.
Herr Bucheli, was ist unter einer Wetterscheide zu verstehen?
Per Definition ist das «die Bezeichnung für einen Landschaftsteil, der durch seinen Einfluss unterschiedliche Wetterbedingungen in seiner Umgebung schafft». Dieser Einfluss muss wirkungsvoll genug sein, um die Temperatur- und Feuchteverhältnisse der Luft auf ihrem Weg von der einen zur anderen Seite dieses Landschaftsteils nachhaltig zu beeinflussen. Gebirgskämme sind wohl die bekanntesten Wetterscheiden. Aber auch Talabschnitte mit markanten Höhenstufen und / oder Richtungsänderungen respektive mit Engpässen und sogar grössere Seen können als Wetterscheiden in Erscheinung treten.
Wie entsteht ein solches Phänomen, welche Faktoren spielen eine Rolle?
Die wirkungsvollsten Wetterscheiden sind hohe Gebirgszüge, die quer zur Anströmungsrichtung des Windes stehen. Die herangeführte Luft wird am Hindernis gestaut, muss entweder seitlich ausweichen oder wird zum Aufsteigen gezwungen. Die damit verbundenen Temperatur- und Feuchteänderungen führen auf der Wind zugewandten Seite des Gebirges vielfach zu Nebel-, Wolken- und Niederschlagsbildung. Derweil auf der Wind abgewandten Seite die Luft deutlich trockener, wärmer und das Wetter generell schöner ist (Föhn-Effekt). Manche Wüsten unserer Erde liegen übrigens unmittelbar hinter Wetterscheiden. Das trockene Tibetische Hochland beispielsweise liegt im Regenschatten des Himalajas, die Atacamawüste in Nordchile liegt im Lee der Anden.
Welche Bedeutung hat die Bernina-Wetterscheide für die Schweiz?
Die Berninagruppe als höchster Gebirgszug der Ostalpen wirkt bei südlicher Anströmung als erste markante Wetterscheide – insbesondere auf das Wetter im Oberengadin. Sie kann ihren Einfluss aber durchaus auch weiter im Norden geltend machen. Typisch sind dann die Stauniederschläge am Alpensüdhang, während im Oberengadin kaum Regen oder Schnee fällt und in Mittelbünden der Föhn bläst. Die beste Wirkung erzielt die Wetterscheide am Bernina, wenn in den oberen Luftschichten nicht zu viel Feuchtigkeit mit im Spiel ist. Dann stecken das Puschlav und die Talschaften südlich davon vielfach unter Hochnebel, derweil im Engadin ganztags die Sonne scheint.
Wie prägt eine Wetterscheide die Landschaft?
Wetterscheiden haben nachhaltigen Einfluss auf das Feuchte- und Niederschlagsangebot. Im Lee des Gebirges, also auf der vom Wind abgewandten Seite, ist es deutlich trockener als im Luv. Damit prägen sie das Landschaftsbild auch hinsichtlich der Vegetation, wirken sich auf die Beschaffenheit der Böden und auf die Landwirtschaft aus. Da das Engadin beidseitig von hohen Bergketten umgeben ist, gehört es zusammen mit dem Wallis zu den trockensten Regionen der Schweiz.
Welche Konsequenzen kann die Wetterscheide für Bergsportler wie Wanderer, Biker oder Tourengänger haben?
Auf die schützende Wirkung der Wetterscheide Bernina darf man sich nicht blind verlassen. Wenn die Windrichtung ändert oder wenn immer mehr Feuchte mit ins Spiel kommt, dann kann es mitunter sehr schnell einnebeln. Somit gilt es die Situation laufend zu verfolgen. Mit Vorteil konsultieren die Bergsportler vor der Planung ihrer Tour den Wetterbericht!
Inwiefern beziehen Sie als Meteorologe die Wetterscheide in Ihre Berechnungen und Prognosen mit ein?
Wetterscheiden sind immer Teil meiner Berechnungen. Unser Land besteht eigentlich nur aus Wetterscheiden, seien es zum Beispiel der Jura, die Hügelzüge des Mittellandes, die erste Voralpenkette oder alle weiteren Gebirgszüge der Alpen. Wann immer ich eine Prognose für einen Ort erstelle, gilt es zunächst zu wissen: Woher bläst der Wind? Die zweite Frage lautet: Welcher Berg steht der Luft im Weg?
Was ist für Sie das Faszinierendste an der Wetterscheide?
Wann immer sich eine Föhnmauer an einer Wetterscheide bildet, habe ich den inneren Zwang, diese zu fotografieren. Darunter ist eine markante Wolkenwand vor fast blauem Himmel zu verstehen. Ich verfüge über eine stattliche Zahl an fantastischen Aufnahmen von Föhnmauern aus den verschiedensten Regionen der Schweiz.
Zum Schluss: Wagen Sie eine Prognose für das Wetter 2012?
Durch den sich verändernden Sonnenstand werden wir zwangsläufig auch im 2012 wieder die verschiedenen Jahreszeiten durchlaufen. Wie sich diese wettermässig konkret äussern und ob sie zu unser aller Zufriedenheit dahin gehen, steht indes noch völlig in den Sternen …
«Wetter findet immer und überall statt», sagt Wettermann Thomas Bucheli. Dies halten Fotografen auf der ganzen Welt eindrücklich fest. Ihre Fotos von faszinierenden Alltags- und Wetterphänomen präsentieren sie auf flickr.com.