Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/170944

<h2>SubmittedText<h2><p>Die Zahl digitaler Dienstleistungen nimmt zu, Entscheidungen werden immer öfter durch Algorithmen getroffen und soziale Beziehungen mehr und mehr durch Mausklicks ersetzt - der digitale Raum breitet sich in unserer Gesellschaft immer weiter aus.</p><p>Die Digitalisierung dient aber sehr oft nur einem Hauptziel: der Effizienz. Wie verkaufe ich mehr? Wie verführe ich Internetsurfer? Wie reduziere ich Leistungen, um Kosten zu senken? Wie delegiere ich Auslese und Wahl an Maschinen, um an Tempo und Präzision zu gewinnen?</p><p>Diese unbändige Entwicklung führt zu einer Schlüsselfrage: Widerspiegelt die digitale Welt noch die Werte unserer Gesellschaft? Auch der Papst zeigte sich alarmiert, und er rief im letzten November dazu auf, die hohen universellen Werte auf das digitale Universum zu übertragen und nicht zuzulassen, dass dieses die Welt in eine inhumane Welt verwandelt. Diese Übertragung obliegt aber nicht nur den Religionen, sondern auch der Politik und den Unternehmen, die die digitale Welt gestalten.</p><p>Damit diese Übertragung gelingt, müssen digitale Anwendungen mit einer möglichst ausgefeilten künstlichen Intelligenz ausgestattet werden, die den vielfältigen Grundeinstellungen, auf denen unsere Entscheidungen basieren, möglichst nahekommt: gesellschaftlichen Normen, moralischen und rechtlichen Grundsätzen, dem gesunden Menschenverstand usw.</p><p>Alle Giganten der digitalen Welt arbeiten daran. Google hat kürzlich seine europäische Forschungsgruppe, die sich dem "machine learning" widmet, in Zürich gegründet, womit die Limmatstadt zum weltweit zweitgrössten Forschungszentrum des Konzerns geworden ist. Die Multis der digitalen Welt (Google, Apple, Facebook, Microsoft, Ebay, Alibaba) sind mächtiger als zahlreiche Staaten. Und sie können die Zukunft unserer Gesellschaft ganz wesentlich beeinflussen. Deshalb sollten Mittel entwickelt werden, um solche Konzerne in internationaler Zusammenarbeit zu regulieren und dadurch sicherzustellen, dass der Mensch sehr wohl im Zentrum dieses sich bildenden neuen sozialen Raums bleibt.</p><p>1. Gibt es Überlegungen zu einem Katalog von Werten, die auch in der digitalen Welt zu beachten sind: Wohlwollen, Toleranz, Geduld, Ausgewogenheit, Diskretion, Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft, Nichtdiskriminierung?</p><p>2. Gibt es in der Schweiz fachübergreifende Forschungsteams (Informatik, Internet, Soziologie, Linguistik usw.), die sich mit menschlichen Werten in der digitalen Welt befassen?</p><p>3. Gibt es internationale Anstrengungen für eine gemeinsame Regulierung der digitalen Welt? Wenn ja, nimmt die Schweiz daran teil?</p><p>4. Gibt es solche Anstrengungen auf schweizerischer Ebene?</p><p>5. Könnte sich die Schweiz an den Forschungen über künstliche Intelligenz von Google in Zürich oder anderswo beteiligen?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Der Bundesrat beobachtet den Einfluss der Digitalisierung auf Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft im Rahmen der Strategie Digitale Schweiz. Im Herbst 2017 wird hierzu eine nationale Konferenz stattfinden, die der Weiterentwicklung der Strategie dient. Im Zuge dieser Konferenz können bei Bedarf auch Fragen universeller Werte in maschinellen Entscheidungsprozessen, z. B. Verantwortung, Moral oder Haftung, einbezogen werden.</p><p>Aufgrund der Aktualität der Thematik hat der Bundesrat am 11. Januar 2017 das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung beauftragt, die mit der Digitalisierung einhergehenden Herausforderungen für die Forschung an den Hochschulen vertieft zu prüfen. Dabei sind nebst den cybertechnologischen Forschungsfeldern auch die interdisziplinären Schweizer Forschungsportfolios in Bezug auf juristische und ethische Fragen zu analysieren. Ergebnisse werden im Sommer 2017 erwartet.</p><p>In der Schweiz wird interdisziplinäre und transversale Forschung zu diesem Themenkomplex sowohl im öffentlichen wie im privaten Bereich betrieben. Exemplarisch sei die Universität Zürich erwähnt, die mit ihrer Digital Society Initiative eine universitäre Plattform bietet, um die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Der Bund unterstützt die Schweizer Forschergemeinde ausserdem unter anderem im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Big Data", welches die wissenschaftlichen Grundlagen für einen wirksamen und angemessenen Einsatz von grossen Datenmengen liefern soll. Die Forschungsförderungspolitik des Bundes legt dabei grossen Wert auf die Wissenschaftsfreiheit und die damit verbundene Autonomie von Forschenden. Die Hochschulen und Forschungsinstitutionen können innerhalb ihres Rechtsrahmens jederzeit Forschungszusammenarbeiten mit privaten Firmen eingehen, was sie in der Praxis bereits heute tun, auch im Fall von Google in Zürich.</p><p>Selbstlernende digitale neuronale Netze sind auf der Basis ihrer Programmierung, grosser Datenmengen und durch Interaktionen mit dem Menschen in der Lage, Muster zu erkennen, Szenarien zu prüfen, Schlüsse zu ziehen und Bewertungen vorzunehmen. Neuronale Netze verfügen jedoch über kein eigenes kritisches Bewusstsein, weshalb sie nicht eigenständig objektiv, neutral oder unabhängig von menschlicher Einflussnahme entscheiden können. Damit verbleibt die Verantwortung über ihre ethische und moralische Ausrichtung und für die Konsequenzen aus ihrem Einsatz letztlich bei den Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen, welche die neuronalen Netze nutzen.</p><p>Die Frage, wie (bislang hypothetische) echte künstliche Intelligenz, d. h. mit eigenem kritischem Bewusstsein, in die menschliche Gesellschaft und in deren rechtlichen und ethischen Rahmen eingebunden werden könnte, wird international im Bereich der Rechtswissenschaften sowie in Philosophie und Ethik eingehend diskutiert und ist sowohl in der theoretischen als auch in der anwendungsorientierten naturwissenschaftlichen Forschung präsent, auch in der Schweiz. Parallel werden in der Industrie Diskussionen geführt mit dem Ziel, Verantwortung und Moral in die Entwicklung künstlicher Intelligenz einzubeziehen. Die internationale Ingenieursvereinigung IEEE hat hierzu erste spezifische Richtlinien entwickelt.</p><p>Konkrete Regulierungsanstrengungen seitens des Bundes oder durch die internationale Gemeinschaft zu echter künstlicher Intelligenz sind im Übrigen verfrüht, da es sich hierbei letztlich immer noch um Spekulation handelt. Nichtsdestotrotz bestehen in Vorbereitung allfälliger künftiger Szenarien Grundsatzdiskussionen, welche auf einen umfangreichen Fundus von theoretischen wissenschaftlichen Konzepten und auf konkrete Szenarien aus Kunst und Kultur zurückgreifen können.</p>  Antwort des Bundesrates.