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Elsbeth Stern, «dumm, aber glücklich», sagt der Volksmund. Stimmt das?
Nein. Wenn es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Glück gibt, dann sind es eher die intelligenten Menschen, die ihr Leben besser meistern können. Aber es ist auch nicht so, dass hohe Intelligenz grosses Glück garantieren würde.
Was ist überhaupt Intelligenz?
In der wissenschaftlichen Psychologie verstehen wir darunter geistige Flexibilität. Dazu kommt die Geschwindigkeit, mit der man sich symbolische Systeme wie die Schriftsprache aneignet, und die Fähigkeit, aus erworbenem Wissen Neues zu erschliessen: Logisches Denken und Schlussfolgerungen ziehen sind die zentralen Elemente der Intelligenz.
Was ist mit sozialer oder emotionaler Intelligenz?
Man kann niemandem verbieten, diese Begriffe zu verwenden. Aber wissenschaftlich gesehen gibt es weder eine soziale noch eine emotionale Intelligenz.
Warum nicht?
Anders als die kognitive Intelligenz sind sie nicht zuverlässig messbar.
Wie misst man die kognitive Intelligenz?
Intelligenztests haben eine lange wissenschaftliche Tradition. Sie müssen bestimmten Kriterien genügen. Beispielsweise muss man aus bekanntem Material etwas Neues ableiten können. Ein einfaches Zahlenbeispiel lautet: Ergänzen Sie die Zahlenreihe 1-3-5-7- …
Wie exakt sind die Ergebnisse dieser Tests?
Ziemlich genau. Sicher nicht so exakt wie das Messen des Körpergewichts. Vereinfacht kann man sagen: Die Abweichungen liegen in einer Bandbreite von sieben Punkten nach unten und oben.
Was bedeutet das?
Dass jemand mit einem Intelligenzquotienten, also IQ von 115, klar überdurchschnittlich, aber nicht hochbegabt ist.
Haben Sie Ihren eigenen IQ auch schon gemessen?
Selbstverständlich, mehrmals.
Liegt Ihr IQ über 115 Punkten?
Dafür sprachen die Resultate.
Die am meisten umstrittene Frage lautet: Ist Intelligenz erblich?
Wissenschaftlich ist diese Frage entschieden. Die Antwort lautet: Ja. Es ist wie bei der Körpergrösse. Sie wird auf komplexe Art genetisch determiniert.
Warum werden dann die Menschen immer grösser?
Ein wichtiger Grund dürfte sein, dass heute Kinder und Jugendliche ausreichend und gesund ernährt werden. Deshalb können sie ihr genetisches Potenzial ausschöpfen. Auch bei der Intelligenz braucht man ein bestimmtes Umfeld, damit sich das genetische Potenzial entfalten kann.
Gibt es also doch ein Intelligenz-Gen?
Nein, das gibt es nicht. Es gibt viele Intelligenz-Gene, die auf sehr komplexe Art und Weise interagieren. Allerdings kennen wir sie noch nicht, und wahrscheinlich werden wir den Prozess der Vererbung in absehbarer Zeit nicht entschlüsseln können.
Warum wissen wir dann, dass die Gene unseren IQ bestimmen?
Wir können es aus Zwillingsstudien ableiten. Eineiige Zwillinge haben ein identisches Erbgut. Sie stimmen, was den IQ betrifft, nahezu perfekt überein, während sich die Zweieiigen viel stärker unterscheiden.
«Wissenschaftlich gesehen, gibt es weder eine soziale noch eine emotionale Intelligenz.»
Wenn Intelligenz vererbbar ist, haben dann diejenigen recht, die fordern, man dürfe nur intelligente Ausländer einwandern lassen, weil sonst eine Verdummung des Volkes droht?
Nein, das ist viel zu kurz gegriffen. Es sind verschiedene Gene an der Intelligenz beteiligt. Selbst innerhalb einer Familie kann es grosse Unterschiede geben.
Dumme Eltern können intelligente Kinder haben und umgekehrt?
Genau, auch wenn die Wahrscheinlichkeit grösser ist, dass gescheite Eltern auch gescheite Kinder haben.
Es gibt Menschen, die bei Kinderwunsch den Ehepartner nach bestimmten Kriterien auswählen. Ist das sinnvoll?
Im Sinne von Marilyn Monroe heiratet Albert Einstein? Nein, das ergibt keinen Sinn. Das ist etwa so, wie zu hoffen, dass man zwei Mal nacheinander einen Sechser im Lotto hat. Man kann einen Menschen nicht mit ausgewählten Genen zum Genie züchten.
Ist das Konzept der Intelligenz ein kulturelles Vorurteil im Sinne von: Weisse Männer bestimmen, was intelligent ist?
Nein. Aber es stimmt, dass Intelligenz in unserer Wissensgesellschaft sehr wichtig geworden ist.
Gibt es ethnische Unterschiede? Sind beispielsweise osteuropäische Juden oder Asiaten intelligenter als andere?
Es gibt sicher kulturelle Unterschiede in der Ausnutzung des genetischen Potenzials der Intelligenz, aber daraus können wir nicht auf Unterschiede im Erbgut schliessen.
Worauf sonst?
Auf Unterschiede in den Lebensumständen. In den USA waren osteuropäische Juden und asiatische Einwanderer sehr erfolgsorientiert, und sie haben ihre Kinder entsprechend angespornt. Deshalb ist der Anteil jüdischer Professoren in den USA überdurchschnittlich hoch. Aber auch bei den jüdischen und asiatischen Einwanderern ist eine grosse Diversität in den Berufs- und Karrierewegen zu beobachten. Es gilt: Unter den Höchstbegabten findet man Vertreter aller Ethnien und beider Geschlechter.
Sind Frauen und Männer also gleich intelligent?
Grundsätzlich schon. Allerdings ist der Anteil der Männer ab IQ 130 höher.
Stimmt es, dass Buben besser rechnen, während Mädchen sprachlich begabter sind?
Intelligenz ist so etwas wie ein Grundkapital. Man kann es überall verwenden, und der Erfolg hängt davon ab, wie man es einsetzt. Es stimmt, dass Knaben tendenziell mehr auf Mathematik und Naturwissenschaften setzen und die Mädchen mehr auf Sprachen und Geisteswissenschaften. Für die Umsetzung der Intelligenz in Wissen und Kompetenzen ist jedoch die Qualität des Schulunterrichts von entscheidender Bedeutung.
Man kann ein Kind mit den besten Anlagen durch grobe Vernachlässigung daran hindern, sein Potenzial zu entfalten.
Wie hängen Intelligenz und Fleiss zusammen?
Für Spitzenleistungen braucht es beides. Jemand, der einen IQ von 105 hat, wird kaum Professor für Physik, selbst wenn er noch so fleissig ist. Aber umgekehrt ist ein hoher IQ kein Selbstläufer. Ohne die berühmten 10'000 Übungsstunden kommt man nicht an die Spitze.
Das gilt für Künstler und Wissenschafter. Wie sieht es im Geschäftsleben aus?
Auch mit einem IQ von 105 kann man im Geschäftsleben Erfolg haben.
Wie ist der Zusammenhang zwischen Macht und Intelligenz? Sind die intelligentesten auch die mächtigsten Menschen?
Es ist schwer, an IQ-Daten von Politikern zu kommen. Wenn sie schlau sind, vermeiden sie einen IQ-Test.
Wäre ein obligatorischer IQ-Test für Politiker etwas Sinnvolles?
Nein. Politiker sollen die Bevölkerung repräsentieren. Ich vermute, dass es unter ihnen nur wenig Hochintelligente gibt. Warum soll sich ein Hochbegabter auf die Machtspiele der Politik einlassen? Angela Merkel dürfte die Ausnahme sein, und sie wurde vielleicht nur Politikerin, weil sie sich in der DDR als Wissenschafterin nicht entfalten konnte.
Muss man Intelligenz fördern, oder fördert sie sich von selbst?
Man kann ein Kind mit den besten Anlagen durch grobe Vernachlässigung daran hindern, sein Potenzial zu entfalten. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass emotionale Geborgenheit und eine natürliche Sprachförderung ausreichen, damit sich Intelligenz entwickeln kann.
Heute gibt es eine eigentliche Intelligenzförderungsindustrie für Kinder. Ist das sinnvoll?
Im Gegenteil. Kinder, die schon früh in ein Trainingsprogramm gesteckt werden, lernen nicht, selbständig zu werden. Es ist wichtig, den Tagesplan von Kindern nicht zu überfrachten. Sie müssen lernen, über längere Zeit selbst gewählten Tätigkeiten nachzugehen.
Haben Sie selbst Kinder?
Nein. Aber wenn ich Kinder hätte, dann wüsste ich, dass meine Möglichkeiten als Mutter beschränkt sind. Jedes Akademikerpaar muss damit klarkommen, dass sein Kind vielleicht die Voraussetzungen für ein Studium nicht erfüllt.
Soziale Gleichheit fördert die Ungleichheit der Intelligenz, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?
Wenn die Umwelt es möglich macht, dass alle ihr Intelligenzpotenzial ausschöpfen können, dann werden diejenigen mit guten Anlagen besonders davon profitieren. Wenn wir aber darauf achten, dass alle ihr Potenzial ausschöpfen können, dann muss diese Ungleichheit nichts Negatives sein.
Könnte man diese genetische Differenz nicht mit künstlicher Intelligenz ausgleichen?
Kaum. Je intelligenter ein Mensch ist, desto effizienter kann er die künstliche Intelligenz nutzen. Wer keine Vorstellung vom Zahlenraum hat, wird sich beim Vertippen vom Taschenrechner in die Irre leiten lassen. Computer können uns Routinen und die Speicherung von Fakten in Gebieten abnehmen, in denen wir uns auskennen.
Der grosse Traum der Computerfreaks ist die Verschmelzung von biologischer und künstlicher Intelligenz. Ist das möglich?
Wir können bereits viele Dinge an Roboter und Software delegieren. Aber können Roboter einen Roman schreiben?
Auch Musik und Bilder werden von künstlicher Intelligenz gestaltet.
Aber wir Menschen können immer noch wählen, ob wir das wollen oder nicht. Ich weiss nicht, wie ein Leben aussehen würde, wenn wir gänzlich auf menschliche Intelligenz verzichten würden.
Bilder: Paolo Dutto