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Der Tunesier Badreddine Riahi hat in Österreich als Heilpädagoge in einer Notunterkunft gearbeitet. Heute lebt er selbst von der Nothilfe im Kanton Zürich und wartet auf das Ergebnis seines zweiten Asylgesuchs.
WOZ: Herr Riahi, Sie moderieren Deutschkurse an der Autonomen Schule Zürich. Wo haben Sie selbst Deutsch gelernt?
Badreddine Riahi: Ich habe zwölf Jahre in Wien gelebt und dort mehrere Semester arabische Literatur studiert. Vor dem Studium musste ich einen Deutschkurs machen. Dadurch lernte ich die Sprache sehr schnell.
Wie kamen Sie dazu, in Wien zu studieren?
Mit Mitte zwanzig wollte ich unbedingt an einer europäischen Uni studieren. Mein ursprüngliches Ziel war die Universität Saint-Denis in Paris. In dieser Zeit lernte ich über einen befreundeten Maler aus Tunis jedoch ein Wiener Ehepaar kennen. Sie hatten dort eine grosse Wohnung und boten mir an, bei ihnen zu wohnen. Ich nutzte diese Gelegenheit und zog nach Wien.
Am Anfang lief es eigentlich ganz gut. Ich konnte mir fast alle bisherigen Leistungen von der Uni in Tunis anrechnen lassen. Ich hätte eigentlich nur noch meine Magisterarbeit schreiben müssen. Leider war ich nicht glücklich mit meinem Betreuer.
Was hat Sie gestört?
Der Professor, der mich betreute, war ein Orientalist alter Schule. Er hatte ein sehr rückständiges Bild von der arabischen Kultur. Er hat jedes Semester Seminare zum arabischen Theater gegeben, aus Interesse habe ich eines besucht. Zu meinem Erstaunen setzten wir uns ausschliesslich mit konservativen ägyptischen Theaterstücken aus den fünfziger Jahren auseinander. Dies, obwohl sich im arabischen Raum längst ein sehr modernes Theater entwickelt hatte. Davon hatte mein Professor überhaupt keine Kenntnis. Generell war sein Blick auf die arabische Kultur geprägt von Vorurteilen.
Wie zeigte sich das?
Einmal fragte er mich, ob ich ein Problem damit hätte, wenn mich eine Frau mündlich prüfen würde. Das hat mich sehr beleidigt. Er hatte dieses festgefahrene Bild des rückständigen Arabers, der Frauen unterdrückt. Ich hätte von einem Menschen, der sich hauptberuflich mit der arabischen Kultur auseinandersetzt, ein differenzierteres Bild erwartet. Irgendwann fand ich heraus, dass er ein aktiver Kommunalpolitiker der rechtspopulistischen FPÖ ist. Ich habe dann mein Studium abgebrochen. Mir fehlte die Motivation, an einem Institut, an dem ein solch rückständiges Bild von der arabischen Kultur gepflegt wird, weiterzustudieren.
Sie haben anschliessend eine heilpädagogische Ausbildung abgeschlossen. Was hat Sie dazu motiviert?
Ich hatte in Tunesien im Nebenfach Psychopädagogik studiert. Als ich nach Wien kam, begann ich, mich intensiv mit Psychologie zu befassen. Ich las Bücher von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Diese inspirierten mich dazu, mich in diesem Bereich weiterzubilden. Deshalb habe ich mich entschieden, eine heilpädagogische Ausbildung zu machen, die ich dann auch abgeschlossen habe. Danach habe ich mehrere Jahre als Sozialarbeiter in einer Notunterkunft des Roten Kreuzes gearbeitet.
Heute leben Sie selber in einer Notunterkunft. Kann man die Unterkunft in Wien mit derjenigen, in der Sie heute wohnen, vergleichen?
Nein, ich finde nicht. Im Gegensatz zu einer Unterkunft, die wie meine von der ORS geführt wird, ging es an meinem damaligen Arbeitsplatz darum, den Menschen zu helfen. Die Unterkunft war auch nicht spezifisch für abgewiesene Asylbewerber, sondern für Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Bei meiner Arbeit sah ich, wie sich das Schicksal der Menschen in kurzer Zeit wenden kann. Es gibt Leute, die eine normale, bürgerliche Existenz führen und aufgrund eines Schicksalsschlags in kurzer Zeit fast alles verlieren. Im Rahmen der Möglichkeiten versuchten wir beim Roten Kreuz, den Menschen so gut wie möglich zu helfen. Es gab zum Beispiel psychologische Beratungsangebote. Das Leben in der Wiener Unterkunft war meiner Ansicht nach viel partizipativer. Man hat den Menschen auch zugehört.
Was bedeutet Partizipation für Sie?
Partizipation ist mir sehr wichtig. Bevor ich von der Nothilfe lebte, wohnte ich im Durchgangszentrum Juch in Zürich Altstetten. Dort hatte ich die Möglichkeit, mit anderen Asylbewerbern ein Malatelier zu organisieren. Das hat mir sehr viel bedeutet. Es gibt einem ein ganz anderes Grundgefühl, wenn man nicht die ganze Zeit nur in der Rolle eines Empfängers ist, sondern auch etwas zurückgeben kann. Man ist nicht ständig in dieser passiven Grundhaltung. Das ist mental sehr wichtig.
In den Zürcher Notunterkünften gibt es überhaupt keine Partizipation. Wo ich wohne, hängt ein Schild, auf dem steht, dass wir hier in der Schweiz Gäste seien. Dementsprechend hätten wir uns anständig zu benehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, Gast sein bedeutet: Du musst dich mit deiner passiven Rolle zufriedengeben. Eine Alternative gibt es nicht.
Durch die Zwangsmassnahmen wird dieses Problem zusätzlich verschärft.
Ja, das ist schade. Es gäbe ja durchaus alternative Möglichkeiten, wie beispielsweise die Autonome Schule Zürich. Dort können sich Menschen selbstorganisiert betätigen. Mit der Eingrenzung wird aber auch das verunmöglicht.
Badreddine Riahi (43) wollte sich in seiner Magisterarbeit mit dem marokkanischen Schriftsteller Mohamed Choukri (1935–2003) befassen. Choukris autobiografischer Roman «Das nackte Brot» wurde in vierzig Sprachen übersetzt.