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«Ich hatte lieber Probleme mit Schlägern als mit meiner Mutter»
Einst auf Bühnen, nun auf den Bildschirmen der ganzen Welt: Im Gespräch erklärt der 46-jährige Curtis Jackson seine Idee für die Serie «Power», seine unendliche Liebe für den Hip-Hop aus den 1990ern – und welchen Fehler er früh in seiner Karriere begangen hat.
Curtis Jackson ist vielen kein Begriff – sein Pseudonym allerdings schon: 50 Cent. Der Rapper gehörte von 2003 bis 2009 zu den grössten Künstlern der Welt.
Neben seiner Musik war Jackson auch immer wieder Teil von Film- und TV-Projekten. ‹Power› (2014-2020) ist die erste Serie, in der er als Schauspieler und Produzent agiert hat.
Der Erfolg der sechs Staffeln wird nun mit weiteren Ablegern im selben Universum erweitert. Diese laufen unter dem Namen ‹Power Book›. Der dementsprechend dritte Teil ‹Raising Kanan› handelt von Curtis Jacksons Figur und dessen Kindheit und Jugend.
Die Serie ‹Power› beinhaltet heute ein ganzes Universum, das Sie erschaffen haben. Wie hat diese Reise angefangen?
Es war meine Idee! Damals habe ich mich mit dem Produzenten von ‹300›, ‹Bad Boys› und vielen anderen grossen Projekten getroffen. Meine Vision war ein Werk, das ähnlich funktioniert wie das Crime-Drama ‹Super Fly› (1972). Curtis Mayfield schuf damals einen Soundtrack, den ich bis heute als besten überhaupt für einen Film ansehe.
Was machte die Musik bei ‹Super Fly› für Sie so speziell?
Die Verschmelzung von Musik und Bild. Sie liessen damals Curtis Mayfield singen, was eine Figur im Film gerade fühlte. So etwas wollte ich auch erschaffen.
‹Super Fly› ist ein Blaxploitation-Film, dessen Blütezeit die 70er waren. Wie liess sich dieses Konzept in die 1990er, zu welcher Zeit ‹Raising Kanan› spielt, übertragen?
Das war die goldene Ära im Hip-Hop. Zu jener Zeit habe ich mich in diese Musik verliebt. Als LL Cool J oder Run DMC mit ihrem aggressiven Ton die Leute verflucht haben, du hast das gespürt! Mit was für einer Überzeugung sie das taten. Sie erzählten starke Geschichten, das kannte so noch niemand.
Und Hip-Hop gehörte damals noch nicht zum Standard-Programm von Radiostationen ...
Maximal eine Stunde wurde diese Musik im Radio gespielt. Meine Mutter hat damals Kirchenpredigten aufgenommen, um sie zu Hause nochmals zu hören. Ich habe dasselbe mit der Stunde Hip-Hop gemacht. Geschichtenerzählen und Musik verflossen in dem Genre in den 1990ern zum ersten Mal.
Im neuen Ableger ‹Raising Kanan› dreht es sich um den Werdegang Ihres Charakters, Kanan. Wie Sie wuchs er in Queens, New York, auf. Ist seine Geschichte gänzlich fiktiv?
Nein, es gibt da unter anderem eine Szene, wo er von anderen Kindern verprügelt wird und nach Hause rennt. Und seine Mutter sagt zu ihm: ‹Du hast einfach zugelassen, dass sie dir dein Geld wegnehmen?› Das ist mir wirklich passiert, ich war etwa acht Jahre alt, denke ich.
Klingt unschön ...
Ich hatte mehr Angst vor meiner Mutter als vor den anderen Kindern. Den anderen Kindern konnte ich ausweichen, meine Mutter war immer da. Ihr gefiel nicht, dass ich herumgeschubst wurde und sie war enttäuscht, dass ich mir das einfach gefallen liess. Also ging ich zurück in den Park und tat, was getan werden musste. Ich hatte lieber Probleme mit Schlägern als mit meiner Mutter.
Sie haben Ihre Kindheit und Teenagerjahre in Queens verbracht. Wie akkurat ist die Darstellung des Stadtteils in der Serie?
Sehr genau! Ich wurde da wirklich nostalgisch. Die Musik, die Kleider, sogar die Haare. Ich habe mich wirklich in die 1990er zurückversetzt gefühlt. Der Showrunner hat sich meine Worte zu Herzen genommen.
Sie sind bald 20 Jahre aktiv im Filmbusiness tätig. Als Musiker, der zum Film gefunden hat: Was hätten Sie vor Ihrem Debüt damals über die Industrie gerne gewusst?
Bei meinem ersten Film ‹Get Rich or Die Tryin'› habe ich eine extrem wichtige Lektion gelernt. Ich hatte damals dasselbe Team wie Eminem bei seinem Film ‹8 Mile›. Das Werk war aber viel erfolgreicher als meines. Ein Grund dafür war das Poster: Das repräsentiert nämlich die Zielgruppe, wer sich den Film anschauen wird.
Wie meinen Sie das?
Als Beispiel: Bei ‹American Gangster› waren Denzel Washington und Russell Crowe im Poster auf Augenhöhe, die Gewichtung der Figuren ist ebenbürtig. Im Film geht es aber um den Lifestyle von Frank Lucas (Washington), von Denzel siehst du viel mehr als von Russell Crowe.
Was ging dementsprechend beim Marketing zu ‹Get Rich or Die Tryin'› schief?
Auf den Plakaten war ich mit einem Baby, ich habe da einen Beschützer dargestellt. Ich fand das cool, aber im Nachhinein musste ich feststellen: Das vermittelte den Leuten das Bild, es sei ein Film über einen schwarzen Gangster – und das hat unsere Reichweite auf urbane Kinos beschränkt. Wir haben also mehr als die Hälfte aller Kinos verloren.
Der Erfolg Ihrer Musik konnte bei der Reichweite nicht helfen?
Doch, das ist der Punkt. Meine Musik wurde bei Weitem nicht nur in den urbanen Gegenden gekauft. Menschen in jeglichen Lebensabschnitten oder sozialem Status haben sie gehört – die Vermarktung des Films war schlicht nicht gut. Darauf schaue ich heute sehr genau bei meinen Projekten. Bei ‹Power› haben wir es erst in der vierten Staffel richtig gemacht, für die ersten Staffeln hab ich das Marketing-Team deswegen angeschrien (lacht).