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Der Service public endet am Dorfrand von Courtemaîche JU. Hier wendet der Pöstler. Eine zweispurige Teerstrasse führt zum Bauernhof von André (53) und Evelyne (49) Gatherat und vier weiteren Haushalten auf der Hochebene. Ein Leben ohne Briefkasten hatten sie akzeptiert, da sie von der Post mit jährlich 240 Franken entschädigt wurden und ein kostenloses Postfach im Dorf erhielten.
Nun hat die Post, gestützt auf die neue eidgenössische Postverordnung, entschieden, die Zahlungen einzustellen. Das war der Zeitpunkt, als die Gatherats genug hatten. Sie fordern, dass die Post zu ihrem Haus fährt. «Wir müssen immer mehr arbeiten, verdienen aber weniger. Die Post will weniger arbeiten, aber mehr verdienen», sagt André Gatherat.
Der Briefträger hat die Strecke seither nur einmal zurückgelegt; nicht mit Post im Gepäck, sondern mit einer Stoppuhr. Er dokumentierte die Messfahrt auf Video und schickte die Aufnahmen nach Delémont in die Zentrale. Die Fahrt zu den fünf Häusern dauerte länger als zwei Minuten. Deshalb entschied die Post-Leitung, die Fahrt lohne sich nicht. Gemäss Postverordnung kann sie die Hauszustellung verweigern, wenn ein Weg mehr als zwei Minuten beansprucht.
Die Post schickte den Gatherats eine Antwort in ihr Postfach im Dorf und bot eine Alternative an. Sie könne die Sendungen auch öffnen, einscannen und per E-Mail senden. Bauer Gatherat stört sich nicht nur an der Vorstellung, dass ein Fremder seine Briefe öffnet. Er sieht auch ein praktisches Problem: Wie will die Post ein Ersatzteil für seinen Traktor scannen und mailen?
Die Gatherats schalteten die Aufsichtskommission Postcom ein. Für die vom Bundesrat gewählte Behörde war der Fall nach einem Klick auf Google Maps klar. Die Strecke von Courtemaîche zum Bauernhof misst nur einen Kilometer, hat keine Hindernisse wie Kreuzungen oder enge Kurven und kann mit 80 Stundenkilometern befahren werden. Folglich dauere die Fahrt nur eine Minute, befand die Postcom, und verpflichtete die Post zur Hauszustellung. Bure, das Nachbardorf am anderen Ende der Strasse, liegt sogar nur 500 Meter entfernt. Der Pöstler könnte den Hof auch von dieser Seite anfahren.
Post will Richter entscheiden lassen
Die Post akzeptierte die Niederlage nicht und zog den Fall vor das Bundesverwaltungsgericht. Die St. Galler Richter stellten fest, es handle sich um einen Präzedenzfall, der für zahlreiche Leute von Bedeutung sei. Gewinnt die Familie aus dem Jura, könnte das andere Betroffene zu einer Beschwerde ermutigen. Auch wenn die Bedeutung der Post durch moderne Kommunikationsmittel zurückgegangen sei, müsse beachtet werden, dass nicht alle Leute Zugang zu diesen Technologien hätten, erwägten die Richter. Die ältere Generation sei auf eine Hauszustellung angewiesen.
Das Gericht wollte sich allerdings nicht festlegen. In einem Ende Januar publizierten Urteil beauftragte es die Postcom, die Fahrt vom Dorfrand zum Bauernhof mit genaueren Methoden zu berechnen. Berücksichtigt werden müsste auch, dass der moderne Pöstler umweltfreundlicher, aber langsamer geworden ist. Die gelben Elektroroller fahren maximal 45 Stundenkilometer. Jetzt liegt der Fall wieder bei der Postcom.
Die Gatherats sind nicht allein. Die Zahl der briefkastenlosen Familien in der Schweiz steigt von Jahr zu Jahr. 2013 waren es 828 Haushalte, welche die Post nicht bediente. Im Jahr 2015 knackte sie die Tausendergrenze. Derzeit rechnet sie damit, bei weiteren 100 bis 300 Häusern auf eine tägliche Zustellung verzichten zu können, wie sie auf Anfrage mitteilt.
Dabei ist die Hauszustellung auch im digitalen Zeitalter gefragt. Zwar nimmt die Zahl der verschickten adressierten Briefe kontinuierlich ab. Dafür erreicht die Paketpost dank des boomenden Online-Handels von Jahr zu Jahr neue Rekorde. Post-Sprecherin Léa Wertheimer sagt zum Abbau der Hauszustellung: «Die Post möchte ihre Dienstleistungen auch in Zukunft in hoher Qualität und zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten.» Bauer Gatherat hat eine andere Sicht: «In der Stadt will die Post die Sonntagszustellung per Taxi einführen. Bei uns auf dem Land kommt sie dafür gar nicht mehr.»
Bauernschläue zahlt sich aus
Gatherat fährt mit seinem Geländewagen die 500 Meter nach Bure. In weniger als einer Minute steht er vor dem Briefkasten seines Nachbarn Jean-Paul Rufer (69). Dieser erhielt im vergangenen Herbst einen vorläufig letzten Brief. Die Post teilte ihm mit, sein Haus werde künftig nicht mehr bedient, da es sich um ein «maison isolée» handle. Was das genau bedeutet, weiss Rufer nicht. Denn seine beiden Nachbarn erhielten weiterhin Post, nur er hätte seine in einem Postfach abholen sollen. Jeden Morgen sah der Bauer den Briefträger vor seinem Haus vorbeifahren. Er kennt ihn gut und sprach ihn auf das Problem an. Mit Bedauern teilte dieser ihm mit, er müsse sich an die Weisung aus der Zentrale halten.
Bauer Rufer entschied sich für einen anderen Weg als die Gatherats. Er ging nicht vor Gericht, sondern teilte der Post mit, dass er fortan auf ihre Dienste verzichte. Er wolle keine Post mehr erhalten. Auf diesen Fall war der Konzern nicht vorbereitet. In der Filiale im Dorf stapelten sich Rufers unbezahlte Rechnungen und ungelesene Zeitungen. Als der Platz nach Monaten knapp wurde, entschied die Post, bei seinem Briefkasten doch wieder Halt zu machen.
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Die Post fährt in abgelegenen Orten nicht zu jeder Haustür. Die Zahl der Betroffenen steigt. Eine Familie wehrt sich.
Der Service public endet am Dorfrand von Courtemaîche JU. Hier wendet der Pöstler. Eine zweispurige Teerstrasse führt zum Bauernhof von André (53) und Evelyne (49) Gatherat und vier weiteren Haushalten auf der Hochebene. Ein Leben ohne Briefkasten hatten sie akzeptiert, da sie von der Post mit jährlich 240 Franken entschädigt wurden und ein kostenloses Postfach im Dorf erhielten.