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Zum Historismus: Zwischen dem Zusammenbruch des ancien régime und der Gründung des Bundesstaates gelangten neue Familien zu Reichtum und Ansehen. Die historistische Architektur gab ihnen Möglichkeiten der Selbstdarstellung, indem sie die Würdeformen der vergangenen Epoche mit der neue bürgerlichen Lebensweise verknüpfte, mit allen technischen Errungenschaften ausstattete und zu einem eigenständigen Amalgam zu bringen vermochte. Ihre Einhaltung von architektonischen Konventionen der früheren Epoche sicherte dabei die Vergleichbarkeit, die den Anspruch der neuen Bauherrschaften ablesbar macht.
Friedrich Ludwig von Rütte, alias Frédéric-Louis de Rutté, erhielt in Burgdorf, der gerade selbständig gewordenen Stadt, seine erste Ausbildung. Er studierte in Karlsruhe an der ersten bürgerlichen Bauschule bei Heinrich Hübsch, dessen Traktat »In welchem Style sollen wir bauen?« die zentrale Frage stellte. Als Mitarbeiter von Pierre- Charles Dusillon in Paris war er am Bau von Schloss Schadau in Thun beschäftigt. In Mulhouse im Elsass richtete er sein erstes Büro ein, als diese Stadt unter Napoléon III zum Modell der modernen Industriestadt ausgerufen wurde. So verweisen seine Lebenstationen also bereits auf das Thema der neuen Stadt Winterthur, wo er mit seinem Bauleiter Ernst Jung die Villa für Eduard Bühler-Egg begann.
Die Villa ist typologisch angelegt und dekorativ ausgestattet als maison de plaisance, wie jene freistehenden Villen hoher Beamter des französischen Hofes genannt wurden. Unkonventionell ist, dass der Architekt auf die Darstellung ihrer repräsentativen Breitseite verzichtet und den Anfahrtsweg durch den Park zur Schmalfassade hin führt, also den Baukörper übereck erscheinen lässt. Die zunächst verborgene Gartenseite behält die Überraschung vor, die ihre glasüberdachte Terrasse bietet. Mit ihrer erhöhten Kante und gläsernen Baldachin darüber erinnert sie tatsächlich an einen Bahnsteig, einen perron, was in der französischen Architektursprache ja eine Freitreppe bezeichnet. Vielleicht hat Eduard Bühler, zeitweiliger Verwaltungsrat der Schweizer Nationalbahn, diesen Witz der Doppeldeutigkeit auch verstanden.
So frei dieser Baukörper im Park steht, so genau ist er in Verbindung mit dem Stadthaus von Gottfried Semper gebracht. Dieses Versammlungshaus, wo die Bürger über das Gemeinwohl ratschlagen, bildet den Kern, um den sich die das Ensemble neuer Villen gruppiert, in deren ersten Reihe sich Bühler-Egg aufstellt. Sie formieren sich zur idealen neuen Stadt, wie sie die neue Gesellschaft von Industriellen, Eisenbahngründern, Villenbesitzern sich vorgestellt hatte.
Instandsetzung: In solchen Vorstellungen von Idealstädten spielte der Historismus seine Fähigkeit aus, mit Formen und Details den Bezugsrahmen und Anspielungszusammenhang der neuen Gesellschaft herzustellen und deren Anspruchsniveau zur Darstellung zu bringen. Die Veränderung dieses Zusammenhanges von der Idealstadt zum Stadterweiterungsgebiet ist also erst zu verstehen, um die späteren Umbauten der einzelnen Objekte zu begreifen, der Verlängerung des Stadthauses, dem Bau und dem Anbau des Kunstmuseums, den Übergang in öffentlichen Besitz mit dem Einbau des Münzkabinetts, und um nun pragmatisch richtig begründete Entscheidungen auch am einzelnen Objekt zu treffen, die dann den weiteren Sachfragen zugrunde gelegt werden können.
So sind etwa die Fragen der Fassade als Fragen nach dem Zusammenhang von Material, Form und Farbe gestellt. Ihr Zusammenspiel reicht über das unmittelbare Objekt hinaus, ist aus Vorbildern und aus den technischen Mitteln der Epoche zu begreifen. Dann aber stehen sie in einem historischen Wandel von Bedeutungen und Zuschreibungen. Ist also die heutige klassizistische Färbung der Villa wieder in den historistischen Klang zurückzuführen oder ist diese Überformung selber, wie auch die Verlängerung des Semperschen Stadthauses, ein Teil eines Programms, das die Transformation der Stadt Winterthur verkörpert und darum einen eigenen Wert hat?