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Gelber Enzian - Gentiana lutea
Gelber Enzian (syn. Bitterwurz, Fieberwurzel, Bergfieberwurzel;
Gentiana lutea (syn. Asterias lutea, Swertia lutea).
VORKOMMEN
Der Gelbe Enzian ist eine Mittel- und südeuropäische Gebirgspflanze. Vorkommend ist die auffallende Pflanze z.B. in den Pyrenäen, im Zentralmassiv, in den Alpen, auf der Balkanhalbinsel und den Karpaten. Der Gelbe Enzian ist kalkliebend und ist auf Weiden, ungedüngten Mähwiesen, auf Schutthalden oder an Felsen anzutreffen. In der alpinen Stufe ist die Pflanze vereinzelt bis 2.500 m aufsteigend zu finden. Ich halte den gelben Enzian seit vielen Jahren im Garten.
MERKMALE
Der gelbe Enzian ist eine ausdauernde, 50 bis 140 cm hohe Pflanze. Die
stattliche Pflanze ist graugrün und ganz kahl. Das Rhizom ist
mehrköpfig, oben mitunter bis armdick und kann eine Länge von bis zu
einem Meter erreichen. Der Stängel ist einfach, aufrecht, rund, etwa
fingerdick werdend und hohl. Die kreuzgegenständig angeordneten
Laubblätter sind elliptisch, bläulichgrün, stark bogennervig gerippt,
bis zu 30 cm lang und bis zu 15 cm breit. In den Achseln der Hochblätter
stehen bis zu zehn Blüten in Teilblütenständen. Die lang gestielten
Blüten sind fünfzählig und sehr einfach gebaut. Die fünf häutigen
Kelchblätter sind von blassgelber Farbe und die fünf Kronblätter sind an
ihrer Basis verwachsen und goldgelb. Der Nektar wird also offen
dargeboten.
Nicht mit dem Weissen Germer verwechseln.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
Gentianae radix (syn. Radix Gentianae); Enzianwurzel (syn. Bitterwurzel, Fieberwurzel), die getrockneten Wurzeln der Pflanze.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Bitterstoffe:
Die Bitterstoffe der Gentianaceae gehören zur Gruppe der Secoiridoidglykoside. Gentiopicrosid ist schon im letzten Jahrhundert entdeckt worden, es ist mit 2-3 % in den Wurzel vorhanden. Daneben kommen Swerosid und Swertiamarin vor. Die Identifikation des bitteren Prinzips gelang mit der Isolierung von Amarogentin, das nur in geringer Konzentration (0.02 - 0.04 %) vorliegt, wegen des hohen Bitterwertes (58 000 000) ist es aber die wertbestimmende Komponente.
Kohlenhydrate (bis zu 55 %) vor allem Glucose, Fructose, Saccharose, Gentiobiose, Gentianose.
Xanthone (u.a. Gentisin, Isogentisin, Methylgentisin, Gentisein, Gentiosid).
Sehr wenig ätherisches Öl wurde gefunden.
PHARMAKOLOGIE
Die Bitterstoffe wirken appetitanregend, indem sie sowohl direkt und auch reflektorisch zur einer verstärkten Sekretion von Speichel und Verdauungssäften führen. Die Erregung geht von den Geschmacksknospen des Zungengrundes aus und reizt den Nervus vagus.
Durch die Bitterstoffe wird der Appetit angeregt, die Entleerung des Magens nach der Speiseaufnahme beschleunigt und die Resorption von Nahrungsstoffen gefördert. Da die Wirkung von den Geschmacksnerven ausgeht, sollen Bitterstoffdrogen nur als Tee oder Tinktur eingenommen werden; Arzneiformen wie Kapseln oder Dragees würden die Wahrnehmung des bitteren Geschmacks verhindern.
Nach der Kommission E kann ein Aufguss der bitter schmeckenden zerkleinerten Arzneidroge bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden helfen.
Vergleiche die Beiträge von weitern Bitterstoffdrogen, wie dem Tausendgüldenkraut (Centaurium minus) und dem Fieberklee (Menyanthes trifoliata).
ANWENDUNG
Anerkannte medizinische Anwendung (Angaben der Kommission E):
- Wirkungen: Die wesentlichen Wirksubstanzen sind die in der Droge enthaltenen Bitterstoffe. Diese führen über eine Reizung der Geschmacksrezeptoren reflektorisch zu einer Anregung der Speichel- und Magensaftsekretion. Enzianwurzel gilt deshalb nicht nur als Amarum (purum), sondern konsekutiv auch als Roborans und Tonikum. Tierexperimentell finden sich die Hinweise auf eine Steigerung der Bronchialsekretmenge.
- Anwendungsgebiete: Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl. Blähungen.
- Gegenanzeigen: Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre.
- Nebenwirkungen: Bei besonders disponierten Personen ist gelegentliches Auftreten von Kopfschmerzen möglich.
- Wechselwirkungen mit anderen Mitteln: Keine bekannt.
- Dosierung: Soweit nicht anders verordnet: Tagesdosis: Tinktur (entsprechend EB6): 1 bis 3g. Fluidextrakt (entsprechend EB6): 2 bis 4g.
- Art der Anwendung: Zerkleinerte Droge und Trockenextrakte für Aufgüsse, bitterschmeckende Darreichungsformen zur oralen Anwendung.
Die ESCOP äussert sich in sehr ähnlicher Weise zu den Anwendungen. Das HMPC hat die Enzianwurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.
Im allgemeinen wird die Enzianwurzel bei Magenbeschwerden (z.B. bei mangelnder Magensaftbildung), zur Appetitanregung, bei Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen angewendet. Nur in bitterschmeckenden Darreichungsformen zur oralen Anwendung verwenden.
ZUBEREITUNG UND DOSIERUNG
Ein halber Teelöffel voll (1 bis 2 g) Enzianwurzel wird mit siedendem
Wasser (ca. 150 mL) übergossen und nach etwa 5 bis 10 min durch ein
Teesieb gegeben. Der Tee kann auch durch Ansetzen mit kaltem Wasser und
mehrstündiges Ziehen bereitet werden. Mehrmals täglich eine Tasse Tee
kalt oder mässig warm 30 Minuten vor den Mahlzeiten trinken.
Als Magentee (auch Tropfen) oftmals kombiniert mit anderen Drogen wie Wermutkraut, Schafgarbenkraut, Wacholder oder Tausendgüldenkraut.
Der Gelbe Enzian ist Bestanteil von Melisana Klosterfrau Melissengeist®, neben u.a. Melisse, Alant, Bitterorange, Engelwurz, Muskatnuss, Ingwer, Kardamom und Pfeffer.
STATUS
- Kommission E: - positive Bewertung
- ESCOP: - positive Bewertung
- HMPC: - als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.
HOMÖOPATHIE
Gentiana lutea HAB1, die frischen, unterirdischen Teile.
Anwendungsgebiet.: Verdauungsstörungen.
GELBER ENZIAN IM GARTEN
Der Gelbe Enzian bevorzugt einen offenen, sonnigen, möglichst
kalkreichen Standort, der an seine Heimat (die Gebirgswiesen) erinnert. Er darf nicht zu warm stehen und verträgt vor allem keine Staunässe. Die Heilpflanze hat dicke,
fleischige Wurzeln, die am liebsten ungestört wachsen. Jungpflanzen, die sehr langsam wachsen, kriegen sie in jeder guten Kräutergärtnerei. Meine Pflanzen haben etwa nach 5 Jahren zum ersten Mal geblüht.
Im Garten wird der Gelbe Enzian, als äußerst dekorative und langlebige Wildstaude, für Lichtblicke sorgen. Fühlt er sich wohl, kann Gentiana lutea dann bis zu 60 Jahre alt werden. Bei mir im Garten wächst er neben dem Roten Sonnenhut, Fenchel, Baldrian und Betonie.
SONSTIGES
In der Mythologie spielte der Gelbe Enzian schon früh eine Rolle. Er wurde für zahlreiche Beschwörungen und Rituale genutzt. Oft an Stelle der damals sehr teuren Alraunewurzel. Gemeinhin galt der gelbe Enzian als Symbol für Kraft und Stärke. Dioskurides (54-68 n. Chr), Arzt aus Cilicia berichtet, dass der Enzian schon seit der Zeit des Illyrieschen Königs Gentius bekannt sei.
Letzte Änderung: 18.01.2017 / © W. Arnold