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Wieder eine 80/20-Regel
Achim H. Pollert über eine Anlagestrategie
Nachplappern ist en vogue.
Wer nachplappert, macht das, was alle gerne machen.
Und so passiert es laufend, dass sich Aussagen verselbständigen. Sie entstehen irgendwo in einem Gehirn, das meist noch weitere Interessen daran hat, sind somit blosse Werbeaussagen, allenfalls auch Gags, die ursprünglich möglicherweise gar nicht so gemeint gewesen sind.
Womöglich nuschelte da ein hoch angesehener alter Börsenkommentator in osteuropäisch gefärbtem Deutsch etwas davon, dass über einen bestimmten Zeitraum - rückblickend - die Anlage in Aktien die rentabelste gewesen wäre, wenn man sie mit anderen Anlagen vergleicht.
Und alleine schon, weil man einem so angesehenen älteren Herrn nicht widersprechen will, wird die Aussage so weitergereicht, ohne dass jemand sich die Mühe macht, sie auch nur gerade im Augenblick an Ort und Stelle zu überprüfen.
Selbständig hat sich so eine Aussage dann, wenn sie etliche Generationen von Nachplapperern durchschritten hat. Dann haben nämlich alle die Aussage nämlich aus verschiedensten Quellen gehört. Und dann wird die Aussage prinzipiell nicht mehr überprüft.
Dann hat das in der Zeitung gestanden, im Fachblatt auch. Dann hat man das morgens schon einmal im Radio gehört, und im Fernsehen sowieso. Und abends der Kumpan im Wirtshaus hat es auch schon einmal gehört.
Dann wächst man mit dem gesicherten Wissen auf, dass Spinat viel Eisen enthält und Magengeschwüre vom Arbeitsstress kommen. Und wer immer auch noch etwas dagegen einzuwenden hat, wird nicht mehr wahrgenommen und redet an eine Wand..
Der DAX...
Dass die an der Börse kotierten Aktien mittelfristig - immer - die beste Anlage sind, das ist so eine nachgeplapperte Aussage, die sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte verselbständigt hat.
Natürlich können wir uns dann fragen, wie der deutsche Bundespräsident Horst Köhler sich dann im März 2009 in einer Rede zu der Behauptung versteigen konnte, mit dem Bau einer Eisenbahnlinie quer durch Afrika hätte man über die Jahre sein Geld besser angelegt gehabt als bei einer feinen New Yorker Investmentbank.
Natürlich können wir uns dann auch fragen, wie es möglich ist, dass ich Anfang des Jahres 2000 für viel Geld Aktien hätte kaufen können - und zwar die vermeintlich besten, die es gibt, in Form der im deutschen Aktienindex DAX kotierten. Und dann hätte es wohl über sieben Jahre gedauert, bis ich mein Geld überhaupt wieder gesehen hätte - ohne Zins.
Und inzwischen, nach über neun Jahren, hätte ich noch gut die Hälfte meines Gelds von damals. Logischerweise auch ohne einen Rappen Zins...
Aber das ändert offenbar nichts an der Selbständigkeit der Behauptung, die alle nachplappern.
Denn den Spruch, Aktien wären mittel- und langfristig die rentabelste Kapitalanlage, hört man auch heute trotzdem immer mal wieder, vorgebracht ganz im Brustton der tiefen Ueberzeugung.
Aber die Zahlen...
Nun wird natürlich jeder, der diesen Spruch nachplappert, auf eine schematische Darstellung - Chart genannt - verweisen können, die das zu belegen scheint. Da steigt dann die Kurve, die den DAX (oder den Dow Jones oder den SMI) beschreibt, gewaltig nach oben und lässt andere Kapitalverzinsungen bescheiden aussehen.
Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: mit solchen Charts schaut man in der Zeit zurück. Die gewaltige Rentabilität wird ist dann abhängig von
- dem Zeitpunkt, an dem man zurück schaut, und
- der Länge des Zeitraums, über den man zurück schaut.
Wie gesagt: Schaue ich Anfang 2009 über eine Periode von acht bis zehn Jahren zurück, dann waren Aktien ein monströses Verlustgeschäft. Je nach dem rückwirkend betrachteten Zeitrum konnte man hier - "mittel- bis langfristig" - sein Geld halbieren.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.
Dabei spielen verschiedene Details ebenfalls eine Rolle. So wird es von Land zu Land und Firma zu Firma ein wenig variieren, was genau unter "mittel- und langfristig" zu verstehen ist. Und die Regel bezieht sich natürlich auch nicht auf den einzelnen Titel, sondern immer auf den Index und damit die Börse als Ganzes.
Natürlich kann ich mit einem einzelnen Aktientitel, wenn ich entsprechende Informationen im voraus habe, durchaus Spekulationsgewinne machen. Das braucht kein von vorne herein illegales Insidergeschäft sein (z.B. wenn ich in der Geschäftsleitung der betreffenden Aktiengesellschaft sitze); es könnte vielmehr schon ausreichen, wenn ich früher als andere weiss, was morgen im Wall Street Journal über diese oder jene Firma zu lesen steht.
Solche Spekulationsgewinne mit einzelnen Titeln sind auch dann möglich, wenn die betreffende Aktien abstürzt und nicht steigt. Ueber ein Termingeschäft in Form von einem sogenannten Leer-Verkauf oder allenfalls auch über eine Put-Option lässt sich direkt aus den sinkenden Kursen einzelner Aktien Profit ziehen.
Nur haben solche Details nichts mit seriöser Kapitalanlage - etwa zur Absicherung der eigenen Altersversorgung - zu tun. Und von dergleichen wäre ja wohl die Rede, wenn es heisst, Aktien wären die schlechteste (... oder doch die beste...?) Anlage.
Ganz davon abgesehen, dass eine Aktiengesellschaft stets auch in Konkurs gehen kann - was dann bei konventioneller Anlage den Totalverlust bedeuten kann.
Was steckt dahinter?
Natürlich steckt etwas Wahres dahinter.
Aktien sind Anteile an Wirtschaftsunternehmen. Ueberdies stellt eine Börse auch einen massgeblichen Teil einer Volkswirtschaft dar.
Und es ist ja wohl auch so, dass etwa alle Blue-Chip-Unternehmen eines Landes als Ganzes heute deutlich mehr wert sind als vor dreissig oder fünfzig Jahren. Auch wenn die Blue Chips im einzelnen heute nicht dieselben sind wie damals: Die Wirtschaft als Ganzes, die von ihnen abgebildet wird, wird über so lange Zeiträume gewachsen sein.
Und somit steckt hinter der so dahingeplapperten angeblichen Anlageweisheit tatsächlich ein Stück wirtschaftliches Faktum.
KEINESFALLS heisst dies jedoch, dass man nun sein Geld "irgendwie in Aktien" stecken und damit "mittel- und langfristig" immer Gewinn machen könnte. Und ganz besonders dann nicht, wenn es im Zusammenhang mit strategischen Anlagen behauptet wird, etwa im Zusammenhang mit einer Altersversorgung.
Denn dass man mit Aktien ebensogut einen massiven Verlust produzieren kann, ist inzwischen bekannt. Und gerade wenn es um längerfristige strategische Anlagen geht, ist das tödlich.
Sicherheitsregel
Was also soll man tun?
Wie kann man sich einerseits vor dem Trugschluss schützen, den es immer wieder rund um die dummen Sprüche gibt, und andererseits doch das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotential erschliessen, das in Aktien steckt?
Es gibt da eine bekannte Alltagsweisheit, so eine empirische Tatsache, die da lautet: "Wer in Aktien anlegt, muss einfach lange genug durchhalten können."
Man braucht einen langen Atem, und man darf nie in einer Situation sein, in der man so dringend Geld braucht, dass man verkaufen MUSS.
Natürlich gäbe es schon wieder reichlich Anlass für Debatten, inwieweit diese Alltagserfahrung auch für andere Anlagen (Immobilien, Edelmetalle, Sammelobjekte u.ä.) gilt.
Aber grundsätzlich ist es so, dass der Anteil, den man an einer beständig wachsenden Wirtschaft besitzt, irgendwann einen Gewinn produzieren muss. Und je länger die Periode ist, während der man einen solchen Anteil hält, desto wahrscheinlicher wird auch der Gewinn.
Für den einzelnen Menschen kommt hier die Komponente der persönlichen LEBENSERWARTUNG ins Spiel. Wer jung ist, kann länger warten auf den Wertzuwachs der Wirtschaft.
Dagegen ist jenseits des 50. Lebensjahrs zunehmend immer schwerer abzuschätzen, wieviel Zeit einem wohl noch bleibt, um den enormen Wertzuwachs mitzuerleben, der da in der Wirtschaft als Ganzes steckt.
Folglich gibt es auch hier eine 80/20-Regel.
Lebensalter des Anlagers und prozentualer Anteil der Aktien am Portefeuille sollten zusammen nicht mehr als 100 ergeben.
Möglicherweise muss man dreissig Jahre warten, bis man den enormen Wertzuwachs erlebt.
Ist man also heute 35 Jahre alt und will auf den Ruhestand das heute Angelegte mit einiger Sicherheit gewinnbringend kassieren können, dann kann man mit einiger Sicherheit zwei Drittel seines Gelds in Aktien (Blue Chips, idealerweise in der gleichen Zusammensetzung wie der Aktienindex!) angelegt haben. Irgendwann in den nächsten 30 Jahren wird dieser Wertzuwachs realisiert werden.
Ist man dagegen heute 60 Jahre alt und investiert zwei Drittel seines Vermögens in Aktien, dann kann das - z.B. bis zum Ruhestand in ein paar Jahren - einen monströsen Verlust im Gesamtvermögen verursachen.
Diese Regel bietet in der Tat grosse Sicherheit - auch wenn die Anlage in Aktien keineswegs "auf jeden Fall" und "sowieso mittel- und langfristig" immer die beste Kapitalanlage sind.
Und natürlich gilt auch diese 80/20-Regel nur unter der Voraussetzung, dass die Wirtschaft wertmässig beständig wächst. Denn was mit dem DAX oder dem Dow Jones passiert, falls sich die Wertschöpfung im Westen insgesamt etwas legt und neue Wirtschaftszentren dann allenfalls in Bombay oder Shanghai liegen, das weiss heute keiner.
In zwanzig Jahren nicht.
Und in fünfzig Jahren erst recht nicht.
Dieser Artikel ist im Newsletter “Das Q - Management-Wissen im Klartext” erschienen. Um den Newsletter direkt kostenlos zu abonnieren, senden Sie bitte ein
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