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«Drei Jahre vor dem grossen Hunger kamen die Massai, um unser Vieh zu stehlen.» Mit seinen kräftigen Händen stützt sich Lela Saidai auf den Hirtenstab mit dem dicken Knauf. «Ein Jahr später wurde ich geboren.» Er sitzt auf einem Schemel vor dem Nachtquartier seiner Rinder, einem von Dorngestrüpp umgebenen Platz. Laut seinen Berechnungen müsste er etwa 60 Jahre alt sein.
Lela lebt bei Nghoboko, einem jener Ujamaa-Dörfer, die auf Wunsch des ersten Präsidenten der seit 1961 unabhängigen Republik Tansania, Julius Nyerere, gegründet wurden. «Ujamaa» bedeutet Familie und charakterisiert zusammen mit «Urafiki» (Freundschaft) die Ideologie Nyereres, der sozialistische Strukturen mit der clangebundenen Tradition Afrikas verweben wollte. Die Bauern sollten nach dem Vorbild chinesischer Landkommunen leben und in Kolchosen produzieren: vor allem Baumwolle, das wichtigste Exportgut des Landes. Im Gegenzug sorgte die Baumwollbehörde für garantierte Abnahmepreise für das «weisse Gold», für Schulen und medizinische Versorgung.
Nyerere wollte es besser machen als die deutschen und britischen Kolonialherren, doch seine Pläne scheiterten: Korruption lähmte das System, und die internationale Subventionspolitik führte Anfang der achtziger Jahre dazu, dass der Preis für Baumwolle unter die Produktionskosten sank; 1985 brach die Branche zusammen.
Für Lela bedeutete der Niedergang Glück im Unglück. Die Kolchosen lösten sich auf, und er konnte wieder in der Savanne arbeiten. Die Erleichterung darüber ist ihm heute noch anzumerken, wenn er sich auf seinem Anwesen umschaut, auf dem die Felder und die Wohn- und Lagergebäude verstreut zwischen den Bäumen liegen und wo er wieder lebt wie seine Vorfahren: Kinder treiben die Kühe kilometerweit über das dürre Land zum Grasen, Frauen graben in ausgetrockneten Flussläufen nach Wasser, Männer bearbeiten die Felder. An die Zeit der Kolchosen erinnert in Nghoboko nur noch das zentrale Lagerhaus, in dem Mitarbeiter der Schweizer Stiftung bioRe Saatgut an die Vertragsfarmer verteilen. Mit dem «kleinen Regen», dem ersten der beiden Monsunregen, beginnt hier die Aussaat.
Die Schweizer Baumwollfirma Remei startete 1991 zunächst in Indien mit dem Biobaumwollprojekt bioRe und ist seit 1994 auch im Maetu District in Tansania, in der Nähe des Serengeti-Nationalparks, tätig. Mit Erfolg: In den beiden Ländern arbeiten derzeit 10 300 Kleinproduzenten mit bioRe zusammen und profitieren von der Unterstützung bei Produktion und Vermarktung ihrer Biobaumwolle. In Tansania sind es etwa 2400, Lela Saidai ist einer von ihnen.
Biobauern werden rundum betreut
«Welcher Schritt ist nach dem Pflügen wichtig?», fragt bioRe-Ausbildungsleiter Faustin Magalatta geduldig wie ein Grundschullehrer in die Runde der Bauern, die sich auf einem Feld versammelt haben. «Kompost muss ausgebracht werden.» Richtig. «Und was pflanzt ihr auf ein Feld, auf dem letztes Jahr Baumwolle gewachsen ist?» «Hirse oder Sonnenblumen.» Wieder eine mustergültige Antwort, als wäre das Ganze eingeübt worden. Die meisten Bauern halten sich an die Regeln von bioRe. Trotzdem hängt im Trainingscenter in Mwamishali eine lange Liste mit Ausschlussgründen aus der Organisation. Die Anwendung von Pestiziden steht hier ganz oben.
Nicht wegen der ökologischen Nachhaltigkeit macht Lela bei bioRe mit, sondern wegen der pünktlichen Bezahlung und der guten Betreuung. «Einige unserer Mitarbeiter sind schon Kinder der ersten Biobauern», sagt Magalatta. «Sie profitierten von den sozialen Initiativen der bioRe-Stiftung. Sie litten in Dürrezeiten keinen Hunger, hatten Trinkwasser und konnten die Schule besuchen.» Im Gegenzug verkaufen die Farmer ihre Baumwolle exklusiv an die Schweizer. Zumindest theoretisch, denn «manche Konkurrenten jagen uns die Ernte mit Hilfe einer Kiste Cola ab», sagt Magalatta, «doch zum Glück geschieht das selten.» Er ist stolz auf die Leistung seiner Bauern: «Im letzten Jahr wurden in der Entkernerei in Mwamishali die Samen von 8200 Tonnen Rohbaumwolle von der weissen Faser getrennt.»
Das kostbare Gut wird danach zur Weiterverarbeitung nach Arusha transportiert, in eine der elf Textilfabriken, die die Krise überlebt haben. Oder es landet im Exporthafen von Daressalam – nicht nur ein wichtiger Umschlagplatz für Baumwolle, sondern auch ein Zentrum des Handels mit «Mitumba»: mit Secondhand-Kleidern aus Europa und den USA. Der Mitumba-Verkauf ist erst seit dem Rücktritt Nyereres im Jahr 1985 legal; der Präsident wollte sein Volk nicht in der ausgedienten Kleidung kapitalistischer Länder sehen. Doch die Kleiderspenden der Hilfsorganisationen fanden von Anfang an reissenden Absatz in Tansania. Mittlerweile ist der Mitumba-Handel für die Volkswirtschaft mindestens so wichtig wie die Baumwollproduktion, die sich langsam von der Krise erholt.
Frauen profitieren von neuen Freiheiten
Ganz anders in Mali: Hier hat die Krise erst begonnen. «Wer weiss, ob es hier in drei Jahren überhaupt noch Baumwolle gibt», sagt Frank Merceron von der Hilfsorganisation Helvetas in der malischen Hauptstadt Bamako. Mitte 2008 wurde die Privatisierung der zahlungsunfähigen staatlichen Baumwollgesellschaft CMDT beschlossen, die exklusiv alle Belange der Branche verwaltet. Präsident Amadou Toumani Touré hat sich lange gegen die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds geforderte Privatisierung gewehrt: Zu wichtig ist die Branche, von der drei Millionen Menschen, etwa ein Viertel der malischen Bevölkerung, leben. Jetzt wird ein Investor gesucht – doch woher er kommen soll, weiss niemand. Viele Bauern, die oft noch auf die Bezahlung für die Ernte 2007 warten, sind inzwischen auf den Anbau von Mais oder Reis ausgewichen. Die Baumwollproduktion ist im letzten Jahr von 600'000 auf 200'000 Tonnen gesunken.
Seit 1998 unterstützt Helvetas in der Provinz Sikasso, der produktivsten Baumwollregion Malis, den Anbau von Biobaumwolle – vor allem durch Frauen, die kein Land besitzen und auch nicht beim Anbau herkömmlicher Baumwolle auf den Feldern mitarbeiten dürfen, um Ungeborene und Kleinkinder vor den Folgen des Pestizidgebrauchs zu schützen. Die Stärkung weiblicher Autonomie soll das Bildungs- und Gesundheitsniveau fördern und, so hoffen die Hilfsorganisationen, auch zur Sensibilisierung gegen die Genitalverstümmelung führen, von der 90 Prozent aller Mädchen betroffen sind.
Beatrou Sidibé, 50, gehört zu den ersten Frauen Malis, die bei Helvetas mitmachten. Sie lebt in Yanfolila, einer kleinen Stadt im Südwesten des Landes. «Koori Horon, die noble Baumwolle, hat mein Leben verändert», erzählt sie auf dem Hof ihres Anwesens. Es ist von einer Lehmmauer umgeben; acht Hütten mit den typischen spitzen Strohdächern reihen sich entlang des Gevierts aneinander. «Wir begannen im Jahr 2000 mit dem Biobaumwollanbau: 20 Bauern, darunter vier Frauen.» Als Grundkapital musste Sidibé umgerechnet 170 Franken beisteuern und erhielt doppelt so viel Kredit von der CMDT. Sie kaufte einen Ochsen zum Pflügen, einen Esel und einen Karren – das Nötigste zur Bearbeitung der vier Hektaren Land, auf dem sie heute Biobaumwolle, Sesam, Mais und Hirse anbaut.
Das Engagement von Helvetas trägt Früchte. Mittlerweile hat sich die Zahl der Biobaumwollbauern in Sikasso auf rund 6400 erhöht, 20 Prozent davon sind Frauen. Sie sind in der Organisation Mobiom zusammengeschlossen, die seit 2005 das Fairtrade-Siegel trägt und von Helvetas spätestens im Jahr 2013 in die Selbständigkeit entlassen werden soll. Doch die Aussichten für die Bauern sind schlecht. Hohe Produktionskosten, unselbständige lokale Mitarbeiter und die grosse finanzielle Abhängigkeit der Organisation Mobiom von Fremdhilfe sind eine beunruhigende Realität. Wie sich das ändern soll, steht nicht im Businessplan. «Kein Wunder», sagt Ton van der Krabben, ein externer Experte. «Angestellte von Hilfsorganisationen sind keine Geschäftsleute. Sie denken oft zu wenig ökonomisch.»
Und es gibt noch ein Problem, mit dem niemand gerechnet hat: Die Nachfrage nach Biobaumwolle steigt zwar rasant, aber das Angebot proportional noch mehr – vor allem in Indien und in der Türkei. Für Malis Bauern wird es immer schwieriger, konkurrenzfähig zu produzieren.
Sidibé weiss von all dem nichts. Obwohl auch die Biobaumwolle über die angeschlagene CMDT vermarktet werden muss, gibt die Präsenz von Helvetas den Mobiom-Bauern eine gewisse Sicherheit. «Wenn ich verkauft habe, werde ich meine Söhne zum Studieren schicken», blickt Sidibé optimistisch in die Zukunft.
Bauern suchen den Ausweg im Suizid
Für die 30-jährige Reikha Suradkar in Zentralindien sieht die Zukunft nicht gut aus. «Mein Mann trank Pestizide. Nachdem wir ihn gefunden hatten, lebte er noch ein paar Tage. Aber dann schaffte er es nicht mehr.» Als Todesursache wurde Geisteskrankheit bescheinigt. Hanuman Namdu starb im Oktober 2006 mit nur 35 Jahren. Seine drei Kinder sind noch klein.
Die Tragödie der Bauernfamilie begann zehn Jahre vor dem Selbstmord des Mannes. Namdu musste einen Kredit von 30 000 Rupien aufnehmen, die Zinsen betrugen 50 Prozent. «Der Geldverleiher kam regelmässig zu Besuch», erinnert sich die Witwe, «mein Mann litt unter Depressionen und Angstzuständen.» Rund 1000 ähnlich motivierte Selbstmorde gab es in den letzten zehn Jahren allein hier im Vidarbha District in der Nähe von Nagpur; rund 100 000 Bauern nahmen sich in ganz Indien das Leben. Das Problem ist so akut, dass der Staat Maharashtra, der grösste Baumwollproduzent Indiens, eine Zahlung von rund 2400 Franken an die Hinterbliebenen beschloss. Groteske Folge: Viele Baumwollbauern sahen im Suizid die letzte Chance, um ihren Familien zu ein wenig Geld zu verhelfen.
Die Gründe, die die Bauern in die Hände der Wucherer treiben, sind immer die gleichen: Der Tod eines Verwandten, die Mitgift einer Tochter sowie Missernten, von der schon eine einzige den Ruin bedeuten kann. «Zu Missernten ist es seit 2002 auch wegen des falschen Umgangs mit Gentech-Saatgut gekommen», sagt Suresh Lule von der Hilfsorganisation Yuva, die von Swissaid unterstützt wird. «Die meisten hier sind Analphabeten. Versuchen Sie einmal, zu erklären, was genetisch manipuliertes Saatgut ist.»
Gentech überfordert Baumwollbauern
Konzerne wie DuPont, Bayer und Monsanto forschen seit Jahrzehnten an diesen neuen Sorten. Je nach Region, in der sie eingesetzt werden sollen, sind sie wassersparend, resistent gegen Schädlinge oder den Salzgehalt ausgetrockneter Böden. In Indien wurde den Bauern versprochen, dass die Bt-Pflanzen von Monsanto das Gift gegen den gefürchteten Kapselbohrer selbst produzieren würden, womit teure Pestizide eingespart werden könnten. Laut Yuva verschwand der Schädling tatsächlich. Dafür konnten sich andere Parasiten vermehren, deren natürlicher Feind der Kapselbohrer ist, so dass trotzdem gesprüht werden musste: Mehrkosten, die zu dem hohen Anschaffungspreis für das patentierte Hightech-Saatgut hinzukamen.
Zudem hätten viele Bauern nicht gewusst, dass es sich bei den Gentechsamen um Hybride handelte: sterile Samen, die nach dem Entkernen nicht erneut zur Aussaat verwendet werden können, sagt Lule. «Auf den Verpackungen der Hersteller steht das zwar drauf. Dennoch behielten viele Bauern die nicht keimfähigen Samen zurück, um sie in der nächsten Saison wieder auszusäen.» Missernten waren die Folge. «Statt auf Gentechprodukte zu setzen, helfen wir den Bauern, Biobaumwolle anzubauen. Dies entspricht eher den traditionellen Produktionsbedingungen in unseren Breitengraden.»
Reikha Suradkar pflanzt auf ihrem kleinen Feld eine lokale Baumwollsorte mit dem vielversprechenden Namen «Krishna». Finanziell bleibt ihr nur eine Hoffnung: Ein Rechtsanwalt versucht, den Tod ihres Mannes als Selbstmord zu beweisen. So würden zumindest die 2400 Franken Unterstützung des Staates ausbezahlt. Wann? «Vielleicht in zehn Jahren», sagt der Anwalt. «Die Gerichte Indiens arbeiten langsam, und die Zeit ist elastisch.»
«Baumwolle weltweit»
Fotoband von Hans Peter Jost mit Texten von Christina Kleineidam
erscheint Mitte September 2009.