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Als Kind ging ich oft mit meinem Vater im Vorderrhein fischen. Wenn die Beute auf sich warten liess, wollte ich von ihm immer wissen, wo denn die Post hingelangen würde, wenn ich eine Flasche mit einer Grussbotschaft den Wellen anvertrauen würde. «Wenn du Glück hättest und deine Flasche die lange Reise überleben würde, so müsste sie jemand oben im Norden finden, nicht weit von Rotterdam, in einem Arm des Mündungsdeltas in der Nordsee.» – «Und wenn ich möchte, dass der Gruss nach Süden gelangen würde, bis zu den Römern und den Sizilianern, wo müsste ich dann die Flasche ins Wasser legen?» – «Dann müsstest du von hier aus knapp zwanzig Kilometer weit den Lukmanierpass hochlaufen und dort die Flasche ins Wasser des Brenno legen, und bei gutem Glück käme sie nach einer langen Reise bis zum Ticino, in der Lombardei dann zum Po, und mit diesem würde deine Flasche in die Adria hineinschwimmen. Rom würde sie zwar nicht erreichen, doch die Sizilianer könnten deine Botschaft durchaus einmal aus dem Wasser fischen!» Unser Gespräch endete jeweils mit meiner Bitte, einmal im Brenno fischen zu gehen, damit meine Flasche die Leute erreiche, die im Süden leben, wo es warm, hell und paradiesisch sein musste.
So ist der Lukmanierpass bereits in meiner Kindheit die Traumpforte zum Mittelmeer geworden. Das Wort Lukmanier stammt vom lateinischen «lucus magnus» und bedeutet wohl so etwas wie «die grosse Waldlichtung» oder «der baumbewachsene weite Hain». Bis zur Stauferzeit wurde dieser Pass von Händlern und Söldnern gern benutzt, weil er für die Überquerung der Alpen einer der niedrigsten war. Erst später, als direktere Linien von Norden nach Süden zugänglich wurden, verlor er seine militärische und wirtschaftliche Bedeutung. Für mich aber blieb er die Wunschpforte zum Süden. Die ersten Gemeinden seiner Südseite heissen: Acquacalda, Acquarossa und Olivone. Das sind Wörter, an denen die Einbildungskraft schon des bescheidensten Italienischkundigen sich für den winkenden Süden erwärmt!
Im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der die Phönizier für das genialste Volk des Altertums hielt. Dies aus drei Gründen: Sie seien im frühen ersten Jahrtausend vor Christus die erfolgreichsten Seefahrer des Mittelmeerraumes gewesen, denn ihnen sei es gelungen, von ihren Stammlanden aus – vermutlich Syrien, Libanon und Zypern – bis zum südlichen und westlichen Mittelmeer zu gelangen und an den interessantesten Küstenplätzen Handelszentren zu gründen. Sie seien zweitens – wie es die Archäologen inzwischen an weit verstreuten Orten des Mittelmeerraumes zu beweisen vermöchten – die Erfinder der sogenannten «Emporia», der modernen Handelsplätze mit Werkstätten und Läden, mit Warenlagern und Tauscheinrichtungen, mit Markthallen und Wechselstuben. «Ohne Emporion keine Polis!», pflegte der Lehrer auszurufen.
Die Griechen verdankten den pragmatischen Phöniziern die besten Erfindungen für ihre erfolgreiche Tätigkeit als Kolonisatoren des Mittelmeers. Und hinzu komme drittens das Allerwichtigste (was allerdings von der modernen Forschung wieder angezweifelt wird): Die Phönizier seien die Erfinder der modernen Schriftkultur. Während die älteren Kulturen sich noch mit Bilderschriften, Hieroglyphen und Kombinationen von Bildsymbolen behelfen mussten, sei es den Phöniziern erstmals gelungen, mit zweiundzwanzig Konsonantenzeichen alle notwendigen Laute gesprochener Sprache schriftlich zu fixieren: eine gewaltige zivilisatorische Tat, ohne welche man sich weder die hebräische noch die griechische Schriftkultur denken könne! Der Lehrer beschloss sein Furioso für das genialste Volk des Mittelmeerraumes nicht mit dem neutestamentlichen Spruch: «Werdet also wie die Kinder!», sondern mit der Aufforderung: «Werdet darum wie die Phönizier!»
Wer in die komplexe Geschichte des Mediterrans eintauchen will, greift heute noch zum Standardwerk des französischen Historikers Fernand Braudel («La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II»), wo er nicht nur eine weitgefächerte géohistoire und eine Globalgeschichte dieses Kulturraumes vorfindet, sondern ebenso über die Beziehungen unterrichtet wird, die zwischen dem eigentlichen Mittelmeerraum und den anderen Handels- und Austauschzentren über die Jahrhunderte bestanden haben – von Flandern über die Hansestädte bis zu den Marktzentren am Atlantik und am Indischen Ozean. Wer weniger umfassend, dafür umso poetischer den Zauber des Mediterrans sich vor Augen führen will, muss das 1987 in Zagreb erschienene und danach in zahlreiche europäische Sprachen übersetzte Buch Mediteranski Brevijar von Predrag Matvejevitch lesen. Es ist ein wundersames Kompendium über Karten und Winde, Schiffe und Inseln, über Städte und Dörfer in Buchten und im Hinterland, über Sprachen und Religionen, Bräuche und Feste rund um das Mittelmeer. Der Autor ist tief eingetaucht in Schriften und Quellen vom Altertum bis zur Gegenwart. Und so begegnen wir nicht nur dem Seefahrer Odysseus, sondern auch vielen späteren Abenteurern mit Spürsinn für das Fernliegende, Fremde und Unbekannte. Mythen und Fakten, Utopien und Realinteressen gehen in diesem Buch eine so eigene wie faszinierende Verbindung ein. Die Geschichte Venedigs, jene Konstantinopels, Haifas, Alexandrias, Karthagos und Gibraltars greifen beziehungsreich ineinander, und wie die Zentren reichen sich auch die Jahrhunderte gleichsam die Hand. Glücksmomente der Geschichte überrollen die Katastrophen und werden von diesen wiederum umgewälzt. Wie behandelt man die dalmatinische Küste ebenso kenntnisreich wie die maghrebinische? Den Berg Athos mit vergleichbarer Neugierde wie die Stadt Marseille? Das Spezifische der Märkte im adriatischen und im arabischen Raum ebenso detailreich wie die unzähligen sprachlichen Differenzierungen für vergleichbare Dinge, auf die man im Mediterran stösst? Matvejevitch macht es vor, und wir als Leser sind entzückt und geraten schwer ins Staunen. Es gibt im Grunde kein schöneres Loblied auf das Mittelmeer als das kunstvoll komponierte Brevier dieses kroatischen Universalgelehrten.
Als einen alpinen Menschen hat es mich immer gewundert, dass bei Griechen und Römern, Byzantinern und Venezianern, Südfranzosen und Spaniern der Wunsch nach einem «Arkadien» überhaupt entstehen konnte. Wenn ich in Kreta oder Rhodos, in Sizilien oder Mallorca war, kam es mir immer vor, ich sei doch bereits in Arkadien! Wenn wir es den alten Dichtern – von Hesiod zu Vergil, von Boccaccio zu Cervantes, von Shakespeare zu Rousseau – glauben wollen, so kommt der Mensch, wo immer er lebt und wirkt, ohne die Utopie eines irdischen Paradieses nicht aus. Ob goldenes Zeitalter, die Insel der Unschuld, das Land der Sorglosigkeit und der ewigen Jugend – immer mischt sich im Wünschen der Menschen das noch Freiere, noch Schönere und länger Dauernde hinein. Und je grösser die Fülle des Glücks ist, umso schärfer wird die Sensibilität für das Fehlende, Unbekannte, rätselhaft Vermisste. Wir kennen das Personal arkadischer Träume: bukolische Hirten und Schäferinnen, Götter im Liebesrausch, eilige Nymphen und nachstellende Satyrn: recht seltsame Identifikationsfiguren für uns Heutige! Glück, Freiheit und ein schönes Leben stellen wir uns nicht mehr so vor wie der Hirt Aminta in der Spätrenaissance des Tasso. Dennoch ist die Vorstellung von einem Arkadien, in welchem es «keine Armut, keinen Hass, keine Kriege und keine Unterdrückung» geben darf, nicht eine obsolete Vorstellung. Für Goethe war dieses Arkadien der Peloponnes, den er nur von Beschreibungen kannte und selbst nie sah. Auf ihm lag Sparta, wo sein Faust der Helena, dem Ebenbild klassischer Schönheit, begegnet. Diese Erkundung des idealen Raumes für das freiestmögliche Leben reicht bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, bis zu Mallarmés L’après-midi d’un faune, einem Werk, in welchem Arkadien noch als der aus südlicher Mittagshitze entstehende Traum von freiem Trieb und offener Sinnlichkeit erscheint. Der Dichter selbst wird zum Faun, schwebend zwischen Begehren und erlösender Mattigkeit, zwischen Eros und Schlaf. Gerade deshalb gilt sowohl das Gedicht von Mallarmé wie Debussys geniale Musik dazu vermutlich als die höchste künstlerische Intuition mediterranen Lebens.
Es bleibt ein interessantes Gedankenspiel, sich vorzustellen, wie heute ein «modernes Arkadien» aussehen müsste. Eine idyllische Hirtenlandschaft dürfte es wohl nicht sein; ebenso wenig ein mythisches Schlaraffenland, in welchem die gebratenen Vögel einem in den Mund fliegen. Auch eine provinzielle Schlafstadt in der Nähe einer Metropole, wie es sie in Europa zu Tausenden gibt, würde niemand als ein gültiges Arkadien für heute gelten lassen, obwohl Millionen von Menschen gerade in solchen Siedlungen sich vom Arbeitsdruck und von Alltagszwängen erholen müssen. Die modernen Architekten würden bei der Gestaltung eines modernen Arkadiens ein Wörtchen mitreden wollen, denn wie der Traum vom idealen Leben zu gestalten sei, möchten sie keineswegs der Zuständigkeit von Träumern, Dichtern und Aussteigern überlassen. Und vermutlich hätten jene Frauen, die in der modernen Gesellschaft noch an vielen Orten ungleiche Behandlung und ungerecht verteilte Lebenschancen zwischen Männern und Frauen wittern, auch noch einiges beizufügen zur Verwirklichung eines modernen Arkadiens.
Dennoch muss die Idee eines den politischen und gesellschaftlichen Zielen der Aufklärung verpflichteten, an Wohlstand, Gerechtigkeit und fairen Bildungs- und Aufstiegschancen orientierten Europas um den Gedanken des «arkadischen Glückslandes» ergänzt werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass keine bestehende Gesellschaft, so merkantil offen, demokratisch und gerecht sie sich selbst auch erscheinen mag, ohne so etwas wie die «arkadische Utopie» auskommt. Freilich nicht als eine Aussteigervision oder als das Elysium derjenigen, die der vita activa valet gesagt haben. Wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass nur schon der verständliche Traum von Ferien am Mittelmeer kilometerlange Strandküsten ebendieses Meeres in hässliche Touristenkolonien verwandelt hat, die einem eher die Vorstellung von Straflagern als von erholsamen und geruhsamen Ideallandschaften suggerieren. Dennoch ist die Verbindung von schöner Landschaft, angenehmem Klima und freier und leichter Lebensart mit unserer Vorstellung von Glück unauflösbar verknüpft. Und wer vor lauter Glück auch noch zum Denken fähig ist, ergänzt diese natürlichen Gegebenheiten um jene Errungenschaften, welche die Grundlage einer modernen Zivilisation geworden sind: politische Zustände, die den inneren Frieden garantieren, soziale Einrichtungen, die strukturelle Armut verhindern, die Anerkennung von Menschenrechten und der Respekt vor Andersdenkenden, welche Garantien für den unverzichtbaren Schutz und die Rettung des Individuums sind. Kurzum: Es gibt kein modernes Arkadien, ohne dass dieses auch jener Rechtsraum wäre, in welchem die eigenen Landsleute ebenso wie die fremden Zuwanderer frei und furchtlos leben. Der «arkadische Mehrwert» bestünde gerade in einem Zusatz an Unbeschwertheit und Lebensglück, das offenbar nicht für alle Tage des langen Jahres in gleicher Weise für uns vorgesehen ist.
Wenn ich in der Zeitung lese: «Wieder über tausend Bootsflüchtlinge auf der Insel Lampedusa angekommen», so sage ich mir: Sie werden zuerst eine Arbeit brauchen und bald danach auch ihr Arkadien: jenen Lebensraum mit einem Zusatz an Glück und Lebensfreude! Die Realität sieht aber anders aus: Heute halten im Mittelmeerraum politische und wirtschaftliche Konflikte ganz Europa – dazu die ganze Welt – in Atem: die unlösbar scheinenden Probleme des Nahen Ostens; die aufflammenden Unruhen in den arabischen Ländern; die Wirtschaftskrisen mit ihrer erschreckenden Arbeitslosigkeit gerade in den ehemaligen Kulturzentren des Mittelmeerraums. All dies sind Tatsachen, die den «arkadischen Mehrwert» des Lebens wie eine ferne Illusion erscheinen lassen, eine Fata Morgana, die nur für die Verlorenen und Bedürftigen sichtbar wird.
Gewiss: Konfliktfrei war der Mittelmeerraum nie. Seine Geschichte zeigt, dass Kriege und Eroberungen, Zerstörung und Verdrängung seit Anbeginn die zivilisatorische Dynamik prägten. Dennoch sind alle seine wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften auch die Frucht von Kooperation und gemeinsamen Zielen zwischen den von Geburt und Herkunft Verschiedenen und den in Sprachen und Glaubenstraditionen Getrennten. Es gab in der Geschichte des Mediterrans glückhafte Örtlichkeiten und historische Momente, in welchen das Schönste und Grösste gerade dadurch entstand, dass man sich zusammentat und nicht alles niederriss und zerstörte, was die Vorgänger geschaffen und errichtet hatten. Orte und Zeiten, wo Einheimische und Zugewanderte, Juden, Christen und Moslems sich allesamt an dem beteiligten, was ich als den arkadischen Mehrwert des Lebens bezeichnete: am Ort der eigenen Wahl auch den Traum des Lebensglücks erblühen zu sehen! Noch im 17. Jahrhundert, in der Barockzeit, gab es Bewegungen, die an den Mittelmeerküsten Gründungen und Entwicklungen einer «Idealstadt» vorsahen, die zugleich für jedermann eine Heimat werden und sein sollte. Aus Livorno wollten die florentinischen Medici eine Hafen- und Handelsstadt machen, in welcher ohne Restriktionen und Regelungen zugunsten der Einheimischen Handel und Wandel von und mit allen möglich sein sollte. Und etwas Vergleichbares versuchten die Herrscher von Konstantinopel in Smyrna (Izmir) an der Westküste Anatoliens. Als Folge davon hatten dort Holländer, Engländer, Franzosen und Venezianer ihre Vertreter. Juden, Griechen und Armenier wurden als professionelle Mittelsmänner für die Abwicklung der Geschäfte gerufen, und neben der einheimischen ottomanisch-muslimischen Bevölkerung siedelte sich auch eine eindrücklich grosse Christengemeinschaft in Izmir an. Das sind «Leuchtpunkte» der Zivilisation im Mittelmeerraum, von denen im Verlauf der Geschichte zahlreiche entstanden und durch die historischen Umwälzungen wieder erloschen sind. Doch nichts anderes schwebt uns eigentlich heute im leuchtenden Mediterran vor: Orte der Prosperität und der Toleranz, für deren Existenz und Zukunft alle Bewohner ihr Bestes geben.
Wo ich mein modernes Arkadien neu erblühen sehen möchte, weiss ich. Es ist auf Sizilien. Man hat Sizilien den Mittelpunkt des Mittelmeers genannt. Von Goethe stammt der Satz, Sizilien sei «der Schlüssel zu allem». Jedenfalls ist es schwer, eine andere Mittelmeerinsel zu finden mit einer solchen Folge von Völkern und Herrschaftssystemen und wo Religionen, Sprachen und Künste so innige Verbindungen miteinander eingegangen sind. Sizilien ist die klassische Insel kolonialer Fremdherrschaft – und paradoxerweise womöglich gerade deshalb so etwas wie das Zivilisationsjuwel des Mittelmeerraums – Mafia hin oder her.
Es wird nicht nur friedlich zugegangen sein beim Übergang von einem Volk zum anderen, von einer Religion zur nächsten. Und doch hat es Situationen gegeben, wo man die Kunst und die Meisterschaft der Vorgänger nicht wegräumte und zerstörte, sondern gelten liess und in die eigene Wirklichkeit mit einbezog. Die Kathedrale von Syrakus ist ein alter Athene-Tempel, wo wir in Säulen und Kapitälen heidnischer Kunst auf Schritt und Tritt begegnen. In der Vorhalle der Kathedrale von Palermo ist an einer Säule ein Vers aus einer Koransure zu lesen: «Euer Gott hat den Tag geschaffen, dem die Nacht folgt, und der Mond und die Sterne sind dem Werk beigefügt nach seinem Befehl. Ist nicht sein die Schöpfung und nicht sein die Herrschaft? Gelobt sei Gott, der Herr der Jahrhunderte.» Könnten ein Jude und ein Christ nicht ebenso gut wie der grösste Prophet des Islams dies gesagt und geschrieben haben? Vermutlich liebte kein anderes Volk Sizilien mehr als die Araber, die die Insel zu einer blühenden Landschaft im 10. und 11. Jahrhundert machten. Landwirtschaft und Bautechnik, Zierkunst wie Dichtkunst entwickelten sich unter den Arabern zu Höchstformen. Es waren nicht arabische Wüstenvölker, die hier regierten, sondern Fürsten aus Tunis und von anderen Mittelmeerküsten, wo arabische Kultur und muslimische Kunst schon länger sich ausbreiteten. Dass so wenig an ursprünglicher arabischer Bausubstanz in Sizilien überlebt hat, ist nicht in erster Linie der Zerstörungswut der Nachfolger, sondern den zahlreichen Naturkatastrophen, zumal den häufigen Erdbeben zuzurechnen. Wir wollen Kampf und Konkurrenz unter den einander ablösenden Herrschern nicht verharmlosen. Doch die klugen unter ihnen wussten die Begabung und Meisterschaft ihrer Vorgänger zu würdigen und für die eigenen Ziele und Visionen einzusetzen.
Das schönste Beispiel für das Ineinanderwirken der Kulturen auf Sizilien ist – zusammen mit der Kathedrale und dem Kreuzgang von Monreale – ganz gewiss die Cappella Palatina in Palermo. Wo sind wir hier eigentlich? In Byzanz? In Arabien? Bei den Normannen? Von der Decke herunter blicken uns lachende Heilige an, eingerahmt und beschützt von merkwürdigen alchemistischen Zeichen und Symbolen. Manche Wandmosaiken tragen griechische Inschriften, andere lateinische. Und man vermutet sogleich, dass arabische Künstler, die sicher bei der Ausgestaltung mitgewirkt haben, irgendwo auch arabische Siglen und Geheimbotschaften hinterlassen haben. Hier durften sie sich austoben, die mittelalterlichen Meister der Darstellungskunst, und uns ihre Geschichten ausbreiten, ob sie römische oder byzantinische Christen waren, Moslems oder schlicht Ungläubige, die man brauchte, weil sie so tüchtig und so gut waren. Wenn ich aus der Cappella Palatina herauskomme und die Treppe hochsteige zu der Sala di Re Ruggiero, dann weiss ich: Hier in diesem Palast ist nicht nur der Glanz der Vergangenheit verkörpert, sondern auch die Vision eines modernen Arkadiens. Der Mittelmeerraum wird und muss eines Tages noch viel mehr als heute jenes Europa werden, in welchem die Unterschiedlichen an Herkunft und Glauben sich finden, verstehen und gemeinsame Ziele verfolgen. Ein Raum, in dem es keine Minarettverbote und andere gegenseitige Schikanen zwischen den Religionsgemeinschaften und den Völkern gibt. Wo jeder den anderen nicht nur duldet, sondern ihn um das bittet, was er am besten kann. Man muss gewiss nicht überall alles miteinander tun. Jeder hat das Recht auf seine Sitten, seine Mythen, seine Märchen. Doch die Kultur der guten Nachbarschaft zwischen Ländern und Völkern ist auch im Mittelmeerraum noch gewaltig entwicklungsfähig. Denken wir nur an die konfliktreichsten Regionen: den Nahen Osten, an Zypern, die Staaten und das Hinterland der dalmatinischen Küste. Das Lob des Mittelmeers kann nur ein verhaltenes sein, solange die Flüchtlingsfrage im Mittelmeer europaweit noch zu solchen Kontroversen führt und ideologische Schutzmechanismen auslöst. Der Mittelmeerraum hat noch ein grosses Entwicklungspotential: wirtschaftlich, politisch und kulturell. Wir reisen immer noch äusserst selektiv, um das je eigene Arkadien zu entdecken. Wie ich nach Sizilien. Und wie der gesamte Mittelmeerraum heute aussieht, kann er nur die Vorahnung eines friedlich prosperierenden Mediterrans sein.
Ich sitze in den Alpen und blicke in Richtung Lukmanierpass. Dort liegt das Mittelmeer! Dort liegt Sizilien! Jenseits des Passes hast du es bereits in der Nase. Nur durchhalten. Bald wirst du dort sein!