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Der Stiftsbezirk St. Gallen, dessen heutige Gestalt zum Grossteil von Bauten des 18. Jh. bestimmt wird, ist eine grosszügige Anlage unterschiedlicher zusammenhängender Gebäude, die sich um einen grossen Klosterhof gruppieren: An die Stiftskirche mit ihren zwei Türmen und dem ehemaligen Klosterhof, in dessen Flügeln sich heute die Stiftsbibliothek befindet, schliesst der westliche Hofflügel an, der in die axialsymmetrische Neue Pfalz, heute das Regierungsgebäude, übergeht. Auf der anderen Seite des Hofs liegen der ehemalige Zeughausflügel, die Kinder- und Schutzengelkapelle und die ehemalige katholische Schule.
Die Geschichte der Stätte beginnt im Jahr 612: Gallus, ein irischer Wandermönch, baute damals am Ort der heutigen Kathedrale ein Oratorium, um das vermutlich wenige Zellen von Glaubensbrüdern angeordnet waren. Dieses Gallusoratorium wurde rund 100 Jahre später von Abt Otmar durch eine neue, bereits recht stattliche Kirche ersetzt. Später führte Otmar in St. Gallen die Benediktinerregel ein (747). Das Kloster wurde bald zu einem der wichtigsten Zentren monastischen und wissenschaftlichen Lebens. Dadurch mussten schon im 9. Jh. Kirche und Kloster vergrössert werden: In diese Jahre datiert der berühmte Klosterplan. Dieser Plan stammte wohl aus dem Kloster Reichenau und war für Abt Gozbert um 820 gezeichnet worden. Es ist der weltweit einzige original erhaltene Klosterplan aus karolingischer Zeit und kann als Idealplan für die Klosterarchitektur gelesen werden. Inwieweit der Plan Abt Gozbert als konkrete Vorlage für den Ausbau der Anlage diente oder ob er vielmehr als eine Art Betriebsschema für die Benediktinerregel verstanden worden war, ist kontrovers diskutiert worden.
Nachgewiesen ist, dass der im 9. Jh. errichtete Bau dem Plan teilweise folgte: Abt Gozbert bricht im Jahr 830 den Kirchenbau von Otmar ab und errichtet ein neues Gallusmünster. Später im 9. Jh. wurde auch eine St. Otmarskirche (geweiht 867) und eine Michaelskapelle errichtet, die beide hinter dem damaligen Gallusmünster standen und später in der jetzigen Kathedrale aufgingen: Von diesen karolingischen Bauten sind heute nurmehr die ergrabenen Fundamente, prächtige Kapitelle und die Krypten erhalten. Verschiedene Brände und Zerstörungen machten über die Jahrhunderte immer wieder Bauarbeiten nötig. Zur Zeit der Gotik wurde der karolingische Bau nur örtlich mit dem Bau eines neuen Chors (1483 vollendet) berührt; 1623 wurde die Otmarskirche neu gebaut und dazu die Michaelskapelle niedergelegt, so konnte auch das Schiff des alten Münsters nach Westen verlängert werden.
Zu Beginn des 18. Jh. entstanden Pläne, den Stiftsbezirk mit repräsentativen Bauten zu erneuern und die heutige Kathedrale zu erbauen. Verschiedene Architekten und Baumeister entwickelten Projekte; zur Ausführung kam schliesslich der Vorschlag Peter Thumbs, der an den gotischen Chor, der vorerst erhalten werden sollte, eine Rotunde und ein Langhaus anschloss. Die künstlerische Ausstattung wurde dem Bildhauer Christian Wenzinger und anderen bekannten Künstlern übertragen. 1761 wurde der Bau in einer weiteren Etappe fortgesetzt, der gotische Chor wurde schliesslich doch abgebrochen, zusammen mit dem alten Glockenturm von 1215. 1766 waren die heutigen zwei Türme vollendet worden, die innere Ausstattung war jedoch auch am Ende des 18. Jh. noch nicht fertiggestellt, als das Kloster säkularisiert und die Stiftskirche zur katholischen Hauptkirche des neuen Kantons St. Gallen wurde: Abgeschlossen wurden die Ausstattungsarbeiten erst 1810 mit dem Hochaltar und dem Hauptportal. Renovationsarbeiten mussten in der Kirche aufgrund statischer Probleme bereits im Jahre 1773 durchgeführt werden. Verschiedene Oberflächen im Innern wurden im 19. Jh. verändert, eigentliche Renovationszyklen gab es bisher deren drei: 1841–1845, 1928–1938 und 2000–2003.
Die Kathedrale präsentiert sich heute mit einer zentralen Rotunde, die von aussen als eigentlicher Querbau wahrgenommen wird und die gleich langen Teile Langhaus und Chor verbindet. Die östliche und westliche Fassade sind nüchtern gehalten, einziger Schmuck sind wenige Figuren. Die Ausbuchtungen der Rotunde sind reicher geschmückt. Der architektonische Höhepunkt ist die östliche, aus Sandstein gebaute Doppelturmfassade. Zwischen den beiden 68 m hohen Türmen drängt sich der dreigeschossige Mittelteil geradezu hervor, zahlreiche Schmuckelemente unterstützen die prachtvoll dynamische Wirkung dieser Fassade. Im Innern konzentriert sich der Bau jedoch auf den zentralen Raum der Rotunde, während architektonisch der Langraum zum Chor weitergeführt scheint; der Innenraum wirkt nicht dramatisiert in Bewegung, sondern in ruhigem, sicherem Gleichgewicht. Die Kathedrale von St. Gallen kann deshalb auch als «Angelpunkt zwischen Rokoko und Klassizismus, eines der letzten grossen Sakralbauwerke barocken Charakters» gelten. Die innere Ausmalung beschränkt sich im Wesentlichen auf Deckengemälde (von Christian Wenzinger in Kuppel und Schiff und von Josef Wannemacher im Chor): religiöse Szenen und Gestalten in mit bräunlich dunklen Wolken staffierter himmlischer Umgebung. Das Chorgestühl, 1763–1770 von Joseph Anton Feuchtwanger geschnitzt, beeindruckt durch seine reichen Verzierungen und architektonische Unterstützung des Raumeindrucks.
Der von Abt Coelestin II errichtete heutige Bibliothekssaal der Stiftsbibiliothek liegt im 2. und 3. Geschoss des Westtrakts der ehemaligen Klausur an der Südseite der Kathedrale. Schwingende Holzgalerien unterteilen den Raum in zwei Geschosse und lösen, zusammen mit den flachen Stichbogengewölben, seine rechteckige Grundform auf. Die Wände des Saals und der Pilaster sind mit fein dekorierten Bücherregalen verkleidet; die grosszügige Belichtung von beiden Seiten und die leichten Rokokoverzierungen in Holz und Stuck nehmen dem Saal jede Schwere. Die Deckengemälde stellen passend zur Funktion des Raums die Kirchenlehre über die vier ersten ökumenischen Kirchenversammlungen dar: das Konzil zu Nicäa (325), zu Konstantinopel (381), zu Ephesus (431) und zu Chalcedon (451).
Der Stiftsbezirk von St. Gallen wurde aufgrund des Einflusses, die der dort teilweise realisierte Klosterplan auf die gesamte Klosterarchitektur ausgeübt hat, und als typisches Beispiel eines grossen Benediktinerklosters auf die Liste des Welterbes aufgenommen. Als Ort des Wissens und der Kultur ist der Stiftsbezirk ein herausragendes Beispiel einer funktionalen und kulturellen Kontinuität, die sich in einer lückenlosen Baugeschichte widerspiegelt.
Letzte Änderung 01.12.2013