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Michail Gorbatschow verschrieb seinem Land schon bald nach seinem Amtsantritt 1985 ein umfassendes Reformpaket: Die Sowjetunion war politisch und wirtschaftlich völlig erstarrt. Für die geplanten einschneidenden Reformen suchte er Unterstützung – in Politik und Wirtschaft, und auch in der Kultur, bei den Schriftstellerinnen und Schriftstellern.
Sie waren traditionell das «moralische Gewissen» seines Landes. Gorbatschow rief sie dazu auf, sich in ihren Werken für seine «Perestrojka», den «Umbau», in die Bresche zu werfen.
Literatur im Dienste der Regierung
Ein derartiger Appell war nichts Neues: Schon Gorbatschows Vorgänger im Kreml hatten versucht, die Kulturschaffenden für politische Zwecke einzuspannen. Berühmt-berüchtigt war eine entsprechende Losung von Diktator Josef Stalin in den 1930er-Jahren.
Sie legte fest, dass Autorinnen und Autoren sogenannte «Ingenieure der menschlichen Seele» zu sein hätten. Dass sie also mit ihren Werken dazu beitragen müssten, die Menschen zu Kommunisten zu erziehen.
Unter diesem Dogma entstanden Romane mit Titeln wie «Wie der Stahl gehärtet wurde». Mit viel Pathos erzählten solche Bücher vom vermeintlich flammenden Enthusiasmus der jungen Generation des Sowjetvolks beim Aufbau des Kommunismus.
Besonderes Gewicht der russischen Literatur
Diese Vereinnahmung der Literatur für politische Zwecke hat in Russland eine lange Tradition und geht weit in die Zarenzeit zurück. Damals gab es keine freie Presse, die Literatur bildete ein alternatives Medium für öffentliche Diskussionen.
So liess etwa Fjodor Dostojewskij in seinen Romanen Figuren mit ganz unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen: Etwa, ob sich Russland zum Westen hin öffnen oder seinen eigenen Weg gehen solle.
Die Literatur hatte in Russland seit dem 19. Jahrhundert die Funktion eines wichtigen gesellschaftlich-politischen Diskurssystems. Und hatte damit auch ein stärkeres Gewicht als in westlichen Ländern.
Nicht alle folgten Gorbatschows Aufruf
An diese Tradition versuchte Michail Gorbatschow mit seinem Appell an die heimischen Autorinnen und Autoren anzuknüpfen. Der Erfolg war indessen durchzogen: Zwar liessen sich einzelne Literaten von Gorbatschows Reformeifer anstecken.
Daneben gab es aber auch manche, die Gorbatschows Kurs kritisch beurteilten, weil sie in der neuen Offenheit eine Verwestlichung sahen. Oder eine Verrohung der Sitten. Oder den «Ausverkauf der russischen Seele».
Ablehnung ertönte auch aus dem Exil. Bekanntheiten wie Alexander Solschenizyn oder Alexander Sinowjew hatten davor das Sowjetsystem scharf kritisiert, attackierten nun aber Gorbatschows Reformkurs: Das Neue passe nicht zu Russland.
Die Literatur in Putins Russland
Im heutigen Russland unter Putin erinnert die Situation der Kulturschaffenden wieder an die Zeit vor Gorbatschow. Autorinnen und Autoren haben sich in den Dienst des Staates zu stellen, Kritik wird nicht geduldet.
Manche, wie Wiktor Jerofejew oder Ljudmila Ulitzkaja, haben Russland den Rücken gekehrt. Aus Sicht der Demokratie sind sie von grosser Bedeutung, wenn sie ihre Stimme erheben und – getreu ihrer traditionellen Rolle – die öffentliche Debatte ob der Zukunft Russlands am Leben halten.
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