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Alle Kapitel kreisen um die Hypothese des „sozialen Gehirns“, den Zusammenhang zwischen Sozialverhalten und Gehirnentwicklung (insbesondere des Parietallappens). Robin Dunbar hat schon vor einem Vierteljahrhundert auf diese Verbindung hingewiesen: Die „Dunbar-Zahl“ ergibt sich aus der Relation von Gruppen- und Gehirngröße, wobei er für den rezenten Menschen ein soziales Umfeld von 150 Menschen ermittelt.* Um aber die diversen Gruppen unter diese Zahl zu subsumieren bedarf es jedoch einiger Willkür: So findet sich im Buch (S. 21) eine Statistik über Weihnachtskartenlisten von 45 Personen, die dann im Durchschnitt etwa 150 Personen umfassen. Nun muss ich selbstverständlich berücksichtigen, dass ich kein allzu geselliger Mensch bin und mit Weihnachtskarten nichts wirklich am Hut habe, allerdings habe ich auch in meinem Bekanntenkreis niemanden gefunden, der auch nur eine annähernd dreistellige Zahl solcher Karten verschicken würde. Das ist nun nicht weiter von großer Bedeutung, allerdings für die Arbeitsweise dieses Buches paradigmatisch: Man hat ständig das Gefühl, dass hier zuerst eine Theorie entworfen wurde (die des sozialen Gehirns) und anschließend Fakten zur Bestätigung dieser Theorie gesucht – und gefunden wurden.
Überhaupt ist der Umgang mit Statistiken ziemlich fragwürdig (und ich bin beileibe kein Feind statistischer Methoden): Einmal wird etwa ein Zusammenhang zwischen der Größe des orbito-frontalen Cortex mit der Anzahl von Freunden (bzw. der Intentionlitätsstufen**) hergestellt (je größer, desto mehr, hier wird eine ähnlich lineare Beziehung postuliert wie bei der Dunbar-Zahl), dann wieder werden umfangreiche Untersuchungen über Freundschaftsbeziehungen angestellt mit dem wahrlich umwerfenden Ergebnis, dass man engen Freunden oder Verwandten eher ein Organ spenden würde als einem weitgehend Fremden. Oder man stellt nach eingehender Analyse fest, dass die Freundschaften junger Leute, die in eine andere Stadt wegen des Studiums ziehen, sich nachweislich lockern. Derlei bahnbrechende Erkenntnisse wären mit weniger Aufwand und einem Mindestmaß an Hausverstand auch zu erzielen gewesen.
Obschon das Buch teilweise sehr interessante Ansätze verfolgt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in mancher Hinsicht teleologisch verfahren wurde: Die Hypothese des sozialen Gehirns bedurfte einer Bestätigung – und man fand sie, wo immer man danach suchte. Das ist spürbar bis in einzelne Formulierungen, wo das große Gehirn entwickelt wurde, um umfangreichere soziale Kontakte zu ermöglichen. Das aber ist aus einem evolutionären Blickpunkt Nonsens: Die Entwicklungen sind zufallsgesteuert und zielen keineswegs auf irgendwelche Zwecke ab – sie können unter bestimmten Umständen dem Überleben dienen. Das war beim sich vergrößernden Gehirn der Australopithecinen und beim späteren Homo offensichtlich der Fall – und dieses Gehirn wurde (unter anderem) auch dazu verwendet, soziale Kontakte anders zu gestalten. (Die Ansätze der Autoren, dass die Sprache selbst in ihren rudimentären Anfängen einen Teil des bis dahin zeitaufwändigen „Groomens“ ersetzte ist durchaus interessant, auch die Hypothese, dass durch das Feuer der Tag für die Menschen verlängert werden konnte, der dann ebenfalls zur Pflege sozialer Kontakte genutzt wurde.) Immer aber wird von den Autoren darauf verwiesen, dass die Vergrößerung unseres Gehirns einzig und allein dem Zweck der sozialen Interaktion gedient hätte – selbst die Werkzeugherstellung wird über Umwege auf diese sozialen Grundlagen zurückgeführt.
Dazu kommen abenteuerliche Behauptungen: So stellen die Autoren fest, dass die Neandertaler zwar auch ein großes Gehirn gehabt hätten (was die Dunbar-Zahl als auch die ganze Argumentation des Buches in Frage stellt), dieses aber aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit (die Größe sei auf ein verstärktes Sehzentrum zurückzuführen, das die Neandertaler aufgrund ihrer Siedlungsweise weit im Norden entwickelt hätten) nur zur Intentionalität vierter Ordnung fähig gewesen wäre. Kein Konjunktiv, kein Fragezeichen, einfach eine schlichte Feststellung dessen, was da am abendlichen Neandertallagerfeuer besprochen wurde bzw. besprochen werden konnte. Nun bin ich zwar auch kein Freund des puristischen Ansatzes von WYSWTW (what you see is what there was), der jegliche Interpretation des Gefundenen ablehnt: Aber derart abstruse Schlussfolgerungen wie jene über die Intentionalitätsfähigkeit des Neandertalers als bewiesen darzustellen ist ein Unding und bestenfalls eine (sehr schwer zu falsifizierende) Hypothese.
Diese Fixierung auf eine, nicht kritisch hinterfragte These, zieht sich als Ärgernis durch das ganze Buch: Alles und jedes wird ins Soziale gewendet. Religion hat nur einen sozialen Aspekt (Zusammengehörigkeit), keinen epistemologischen, auch die Entwicklung einer Technologie (Werkzeugherstellung) ist für die Leistungsfähigkeit eines Gehirns kein Gradmesser (als Grund geben die Autoren an, dass es ja in unserer Zeit technologisch hochstehende und noch auf einem sehr niedrigen Stand befindliche Völker gäbe: Dass aber dieses Potential aufgrund verschiedenster geo-ökologischer Umstände unterschiedlich genutzt wird, hat nichts damit zu tun, dass für diese Entwicklung bestimmte gedankliche Fähigkeiten vorhanden sein müssen, die bei Selektionsdruck ihre Wirkung entfalten). Und die Vermeidung des WYSWTW nimmt manchmal skurrile Formen an: Bei einer Ausgrabungsstätte des Homo heidelbergensis werden die zwei Teile eines auseinandergebrochenen Faustkeiles gefunden – nur einen halben Meter voneinander entfernt. „Wohl jeder moderne Mensch hätte anders reagiert, wenn ein Lieblingswerkzeug zerbrach – du oder ich, wir hätten es wahrscheinlich in den Teich geworfen.“ Der Homo heidelbergensis aber ließ die Stücke „in aller Stille nebeneinander liegen“. Warum – weil er am Lagerfeuer „Tagträumen nachhing“. Solche Auslegungen haben mit Wissenschaft nichts zu tun, sie mögen einem Romanautor anstehen, nicht aber einem Anthropologen oder Archäologen. Weshalb das Buch auch mit Vorsicht zu genießen ist, trotz manch interessanter Passagen und Thesen.
*) Die Sinnhaftigkeit einer solchen Zahl habe ich schon anderweitig angezweifelt. Und die Zweifel sind auch durch das vorliegende Buch nicht geringer geworden.
**) Intentionalität gilt als etwas spezifisch Menschliches – und je höher, desto menschlicher. Wir sind in der Lage, auch in Abwesenheit eines Betroffenen an ihn zu denken (das ist teilweise auch noch Tieren möglich), wir können uns aber auch Vorstellungen davon machen, was dieser in einer bestimmten Situation denken würde usf. Grundsätzlich läuft das auf die Wendungen „ich glaube, dass du glaubst, dass ich denke, dass du meinst … etc.“ hinaus. Menschen können mit Intentionalität fünfter Ordnung umgehen, ab sechs wird’s schwierig.
Clive Gamble, John Gowlett, Robin Dunbar: Evolution, Denken, Kultur. Das soziale Gehirn und die Entstehung des Menschlichen. Heidelberg: Springer 2016.