Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03197.jsonl.gz/1109

«Nicht von aussen bestimmt, sondern von innen gewollt.»
Freiheit braucht Engagement
Zwischen den Extremen eines nur auf sich selbst bezogenen Individuums und des «politischen Soldaten» steht der Mensch, der gleichzeitig frei und engagiert, gleichzeitig autonom und solidarisch ist.
Denis de Rougemont skizzierte 1947 auf einem Kongress in Montreux sechs Prinzipien des Föderalismus und mit ihnen die Grundzüge einer «föderalistischen Haltung». Sie sind aktueller denn je.
Der historische Hintergrund des Vortrags war die Neuordnung und der Wiederaufbau Europas nach den äusseren und inneren Verwüstungen des zweiten Weltkrieges. Die Frage stellt sich, inwiefern diese Prinzipien und die föderalistische Haltung auch heute noch relevant sind?
Zu Anfang seiner Rede entwirft Denis de Rougemont ein Bild des Menschen, wie er ihm vorschwebt und der sehr konkreten Verirrungen bzw. Sackgassen, mit denen dieser konfrontiert ist. In den Extremen verortet er das völlig isolierte, nur auf sich selbst bezogene Individuum und den bis zur Selbstverleugnung in einer Gemeinschaft aufgehobenen Massenmenschen, den «politischen Soldaten». Beide sind unfähig, eine lebensfähige Gesellschaft zu bilden. Wenn wir uns diese beiden Extreme vor Augen führen, erkennen wir schnell Extreme, die sich auch in aktuellen gesellschaftlichen Spannungen ausdrücken.
Ein dritter Typus ist die Person, wie Denis de Rougemont sie nennt. Sie befindet sich in einem Spannungsfeld: zwischen ihrer eigenen Bestimmung, ihren Plänen und Zielen, und den Anforderungen der Gesellschaft, auf deren Grundlage er sich entwickeln kann. «Dieser Mensch ist gleichzeitig frei und engagiert, gleichzeitig autonom und solidarisch. (…) Er lebt in der Spannung, in der kreativen Auseinandersetzung, im permanenten Dialog.»
Die Prinzipien als Orientierungspunkte
Was braucht es nun, damit sich dieser dritte Typ, der Mensch, entwickeln, entfalten und ausdrücken kann? Was braucht es, damit eine gesunde Gesellschaft entstehen kann? Hier kommen die erwähnten sechs Prinzipien ins Spiel. Sie lassen sich folgendermassen zusammenfassen: Verzicht auf eine Vormachtstellung, Verzicht auf Systemdenken, Wertschätzung von Minderheiten, Förderung der Vielfalt, Liebe zur Komplexität und die Förderung der Peripherie und von direkten zwischenmenschlichen Kontakten.
Das Interessante an diesen Prinzipien ist, dass sie nicht nur auf staatlicher Ebene ihre Anwendung finden. Sie sind überall da hochwirksam, wo sich eine Gruppe von Menschen zusammenfindet, um gemeinsam etwas umzusetzen oder auf die Beine zu stellen. Überall da, wo es darum geht, verschiedene Interessen und Ansätze miteinander in Einklang und in ein lebendiges Gleichgewicht zu bringen.
Diese Prinzipien dürfen nicht als Handlungsanweisung verstanden werden, sondern wollen zur inneren Haltung werden. Es geht nicht darum, sich einer Mechanik zu überlassen oder einem Reglement zu folgen, sondern die Prinzipien als Orientierung zu verstehen, um ein gemeinschaftliches, gesellschaftliches Leben zu ermöglichen.
Freiheit und Engagement
Wie kann nun in diesem Kontext der Einzelne initiativ werden? Wie hält die Gesellschaft zusammen? Ohne die Freiheit, seiner Berufung folgen zu können, wird der einzelne zu Grunde gehen oder rebellieren. Ohne Engagement für das Ganze bricht eine Gesellschaft auseinander. Freiheit und Engagement!
Konkret auf mich selbst und jedes andere Mitglied der Gesellschaft bezogen heisst das,
- dass ich davon absehe, mehr Gewicht als andere zu haben;
- dass ich bereit bin, Situationen individuell anzugehen;
- dass es mir als Teil einer Mehrheit darum gehen muss, dass sich die, die sich in der Minderheit befinden, weiterhin aktiv einbringen wollen;
- dass ich es als bereichernd empfinde, dass alle anderen Menschen anders als ich sind;
- dass ich es liebe, dass man gewisse Dinge nicht einfach regeln kann und schliesslich,
- dass ich immer den Dialog mit anderen suchen muss.
Wenn also niemand das Zentrum nur für sich beansprucht und jeder einen Schritt zurück macht, entsteht ein Freiraum, der gestaltet werden will. Gleichzeitig bildet sich ein Umkreis, der dies Innere wahrnehmen und es schützen kann. In diesem Freiraum kann Initiative entstehen. Entscheidend ist, dass diese nicht nur von einem egoistischen Lebenswillen getragen wird, sondern, dass sie in dem eingangs erwähnten Spannungsfeld steht: für sich selbst verantwortlich und für die Gesellschaft. Ausschlaggebend bei dieser föderalistischen Haltung ist, dass dies nicht von aussen bestimmt, sondern von innen gewollt und getragen wird.
Christoph Cordes, Mitglied der kollegialen Leitung in L’Aubier