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Der Bürgerkrieg in Äthiopien wird in westlichen Medien vor allem als ein regionaler Konflikt zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen dargestellt. Doch die Dinge sind weitaus komplexer – und internationaler, als es scheinen mag. Denn der blutige Konflikt steht in einem direkten Zusammenhang mit einer nationalistischen Kultur- und Geschichtspolitik, die ihre Wirksamkeit maßgeblich durch das internationale Interesse am äthiopischen Kulturerbe erlangte. Gerade das UNESCO-Welterbeprogramm trug in Äthiopien dazu bei, das Narrativ von der Vormachtstellung der christlich-amharischen Hochlandkultur rechtlich zu verankern und zu politisieren. Äthiopien ist mithin ein eindrückliches Beispiel dafür, dass der Kampf um die Deutungshoheit über die historische Legitimation von Souveränitäts- und Territorialkonflikten in multiethnischen Gesellschaften sich auch in einer internationalen Arena abspielt und vermeintlich lokale Konflikte ohne die Einbettung in globale Zusammenhänge nicht zu verstehen sind.
Als ideologische Grundlage für den gegenwärtigen Konflikt um die Region Tigray in Äthiopien fungieren konkurrierende historische Erzählungen eines pan-äthiopischen oder ethnischen Nationalismus, die in den letzten Jahrzehnten politisiert wurden. Sie alle arbeiten sich auf die ein oder andere Weise an der Frage ab, ob das heutige Äthiopien das Resultat eines kolonial-imperialen Projekts oder aber eines vorkolonialen historischen Integrationsprozesses ist.
Von der Idee eines groß-äthiopischen Staates…
Vor allem Letzteres ist eine sehr machtvolle Erzählung, die den historischen Ursprung Äthiopiens in die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. verlegt: Ihr gemäß soll der legendäre König Menelik I. aus einer flüchtigen Verbindung der sagenumwobenen Königin von Saba mit König Salomo von Jerusalem hervorgegangen sein. Bis heute setzen viele Äthiopier:innen den Beginn ihrer Geschichte mit diesem mythischen Ursprung der salomonidischen Herrscherdynastie gleich. Auf Menelik beriefen sich aber nicht nur die Salomoniden, die von 1270 bis 1975 über Äthiopien herrschten; auch die christliche, die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche, und die Rastafaris stellen sich in diese Linie. Zudem betrachten nach wie vor viele Historiker:innen Äthiopiens die Verbindung der Königin von Saba mit Salomon als die Gründungsszene des äthiopischen Nationalstaats.
Jenseits dieser mythischen Ursprungsgeschichte ist aber festzuhalten, dass sich erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine zentral regierte äthiopische Monarchie etablierte und in Verbindung damit ein erweitertes Herrschaftsgebiet. Und erst mit Beginn der 1950er Jahre wurde die „nationale Frage“, die Frage nach der nationalen Identität der Bewohner:innen des groß-äthiopischen Staatsgebietes, in dem sich über 80 Ethnien unterscheiden lassen, zunehmend instrumentalisiert, um Gebietsansprüche zu legitimieren und die Nationalstaatsbildung voranzutreiben.
Unter der Regierung von Haile Selassie I. (1892-1975) wurde ein groß-äthiopischer Nationalismus propagiert und durch rigorose Maßnahmen zur kulturellen Assimilation umgesetzt. Amharisch, obwohl nur für gut 30 Prozent der Bevölkerung Muttersprache, wurde zur offiziellen äthiopischen Sprache erklärt, und die Geschichte und Kultur der ethno-linguistischen Gruppen der Amharen und Tigray, also der christlichen Hochlandbevölkerung Äthiopiens, zur allgemeinen äthiopischen Geschichte erklärt. Zahlreiche kleinere ethnische und linguistische Gruppen, vor allem aus dem Süden des Landes, die auch erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch Eroberung Teil des äthiopischen Staatsgebietes wurden, erhielten im imperial-nationalistischen Narrativ einen Status als „geschichtslose“ Völker.
Besonders von dieser Politik betroffen waren die Oromo, die größte ethnische Gruppe Äthiopiens, die überwiegend in den südlichen Gebieten des Landes lebt. Seit dem 11. Jahrhundert entwickelten sich in der überwiegend pastoral lebenden Oromo-Gesellschaft eigene religiöse und politische Traditionen, ab dem 17. Jahrhundert begann in einigen Gebieten ein schrittweiser Wandel zur Sesshaftigkeit und Ackerbau und eine Integration in das christliche äthiopische Königreich. Im späten 19. Jahrhundert wurde das gesamte Oromo Königreich im Zuge der imperialen Expansion dem äthiopischen Reich angeschlossen. In der offiziellen Historiographie wurden diese Ereignisse bis in die 1990er Jahre als Zivilisierungsmission und gelungenes Einigungsprojekt erzählt, und die Oromo als barbarische Invasoren dargestellt, die im 16. Jahrhundert in das äthiopische Kernland eingedrungen seien. Dieses Narrativ sollte die politische Marginalisierung, wirtschaftliche Ausbeutung und kulturelle Assimilation legitimieren, die unter Haile Selassie I. ihren Höhepunkt erreichte und deren Folgen bis heute nachwirken.
Diese nationalistische Geschichtspolitik fand auch in der Gründung neuer staatlicher Institutionen ihren Ausdruck. Zwischen 1950 und 1970 wurden mit dem archäologischen Institut, der Denkmalbehörde, dem Nationalmuseum, dem Naturkundemuseum, dem ethnologischen Museum und dem Institute for Ethiopian Studies an der noch jungen Addis Ababa University buchstäblich die Produktionsorte der neuen Nationalgeschichte unter strenger staatlicher Kontrolle gegründet.
…zu ethnischen Nationalismen
Nach der sozialistischen Revolution 1974 erfuhr der groß-äthiopische Nationalismus allerdings eine Umdeutung. In den folgenden Jahren wurde Äthiopien von einem militärischen Verwaltungsrat (Derg) unter der Führung von Mengistu Haile Mariam diktatorisch regiert. Im Stil der marxistisch-teleologischen Geschichtsdeutung wurde die Monarchie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und damit dem Zeitraum, in welchem sich der moderne äthiopische Nationalstaat formal sowie territorial konsolidierte, als „Feudalherrschaft“ und „Zeit der Unterdrückung“ der ländlichen Bevölkerung denunziert. Diese „feudale“ Periode wurde in der staatlichen Propaganda als kurze, unheilvolle Unterbrechung in der jahrtausendealten Entwicklung Äthiopiens erzählt – und stand paradoxer Weise dennoch nicht im Widerspruch zur Vorstellung einer Kontinuität der glorreichen antiken Wurzeln des Landes. Und auch wenn nun ethnische Vielfalt Eingang in das offizielle Regierungsprogramm fand, so wurde doch die Kultur- und Geschichtspolitik weiterhin wesentlich als Assimilationspolitik betrieben. Das zeigte sich auch daran, dass in den geschichtspolitischen Institutionen weitgehend Personalkontinuität zum Kaiserreich herrschte, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen des Staatsapparates, die in den Jahren des „Red Terror“ einer brutalen ideologischen Säuberung unterzogen wurden.
Gerade die Befreiungsrhetorik aber, die den Sturz des Kaisers ideologisch getragen hatte, führte während des sozialistischen Militärregimes auch zur Bildung zahlreicher ethnisch-nationalistischer Befreiungsfronten und einem Bürgerkrieg, der Jahrzehnte andauerte. Erst 1991 gelang es schließlich einer Koalition aus mehreren nationalen Befreiungsfronten, der Ethiopian People’s Revolutionary Front (EPRDF), an die Macht zu kommen. Mit der neuen Verfassung von 1995 fand ein radikaler Wechsel in der nationalistischen Ausrichtung statt. Durch sie wurden neun ethnische Bundesstaaten geschaffen, und das Prinzip des ethnischen Föderalismus und das Recht zur Selbstbestimmung der einzelnen ethnischen Nationalitäten in der Verfassung verankert.
Die Rolle der Geschichtsschreibung wandelte sich damit von einer Wissenschaft im Dienste des Nationalstaats zu einer Wissenschaft, die versuchte, Antworten auf das Dilemma der Repräsentation in der multiethnischen Gesellschaft zu finden. In den letzten zwanzig Jahren ließ sich in Folge dessen die Dekonstruktion einer allgemeinen äthiopischen Geschichte in viele neue, konkurrierende Historiographien beobachten, die um die Frage kreisen, wie lange die Traditionslinien rechtlicher, kultureller, politischer und religiöser Systeme der verschiedenen ethnischen Gesellschaften zurückreichen, wo sie territorial zu verorten sind – und welche Rolle ihnen in der äthiopischen Geschichte zukommen sollte: eine eigenständige, integrierte oder untergeordnete? Vertreter:innen der Oromo-, Somali- oder Sidamo-Studies positionieren sich mit ihren verschiedenen, ethnisch-nationalistischen Geschichten gegeneinander und produzieren konkurrierende historische Narrative, die in den sozialen, politischen und militärischen Konflikten der letzten Jahre große Sprengkraft entfaltet haben.
Äthiopische Nationalgeschichte und orientalistisch gedeutete Weltgeschichte
Dazu kommt allerdings noch ein Weiteres. Äthiopien fungierte seit langem auch als Projektionsfläche für westliche Vorstellungen von einer ursprünglichen, unberührten christlichen Enklave in Afrika. Dieses idealisierte Bild eines genuin christlichen Äthiopiens spielte mithin eine wichtige Rolle bei der Konstruktion des dominierenden historischen Narrativs vom äthiopischen Nationalstaat. Während des Kaiserreichs ebenso wie in der Zeit des äthiopischen Sozialismus war das wachsende wissenschaftliche und kulturpolitische Interesse aus dem westlichen Ausland Bestandteil der nationalistischen Geschichtspolitik. Im Zentrum dieser orientalistischen Faszination standen die in Europa bis dahin nur wenig bekannten christlichen Stätten im Norden Äthiopiens, darunter drei der ältesten und berühmtesten UNESCO-Welterbestätten Afrikas: Die Felskirchen von Lalibela, die der Legende nach im 12. Jahrhundert in Anlehnung an Jerusalem gebaut wurden, die mittelalterlichen Burgen von Gondar und die antiken Palastanlagen und Stelenfelder von Aksum, die Heimat der sagenhaften Königin von Saba. Das hatte zur Folge, dass in der internationalen Wahrnehmung ein nur sehr kleiner Teil der äthiopischen Landesgeschichte zur National- und Universalgeschichte hochstilisiert wurde: jener Teil nämlich, der die Verbindungen der lokalen politischen Elite zu einer global ausgreifenden, eurozentrischen Zivilisationsgeschichte repräsentierte.
Ab den 1960er Jahren verstärkte sich das internationale Engagement für das äthiopische Kulturerbe, insbesondere durch die UNESCO, um die Restaurierung und Entwicklung der historischen und landschaftlichen Stätten als kulturtouristische Destinationen voranzubringen. Die Restaurierungsmaßnahmen und Infrastrukturplanungen beschränkten sich dabei weitgehend auf jene wenigen Orte, die bereits zu Welterbestätten erklärt worden waren. Diese wurden so zu einer Bühne, auf denen die nationalistische Geschichtspolitik vor internationalem Publikum ihren weitreichenden Geltungsanspruch demonstrieren konnte.
Durch die von der UNESCO entsandten Experten wurden Denkmalpflege und museale Präsentation auf den wissenschaftlichen und kulturellen Grundlagen europäischer antiquarischer Traditionen installiert. Die Geschichte dieser wissenschaftlichen Praxis ist eng mit der Geschichte der imperialen Expansion europäischer Staaten, mit rassistischen und kolonialen Ideologien verbunden. Die dazugehörige Systematik beinhaltet, dass die Inventarisierung und die territoriale Kontrolle von Kulturerbe unter staatlicher Oberhoheit stattfinden. So wurde ein dauerhafter Validierungs- und Referenzrahmen für die staatliche Produktion einer nationalen Geschichte geschaffen, der in Netzwerken von wissenschaftlichen und anderen internationalen Akteuren und Organisationen verankert war.
Es war ganz im Sinne der Mitwirkenden an der UNESCO Welterbekonvention, die zu großen Teilen im Kontext kolonialer Kontinuitäten agierten, genau diese europäischen Traditionen der Denkmalpflege und des Naturschutzes als verbindliche Standards weltweit zu etablieren, und damit auch den bürokratisch-nationalstaatlichen Rahmen für die Repräsentation und Verwaltung von Kulturerbe. So wurde der Schutz von Kulturerbe zwar teilweise unabhängig von aktuellen politischen Machtverhältnissen vorangetrieben. Gleichzeitig aber erwiesen sich die kulturpolitischen Instrumente, die mit Hilfe der UNESCO geschaffen wurden, auch als Politisierungsmaschine für Nationalstaaten in der „Dritten Welt“. In vielen Staaten, die sich einerseits in der neuen internationalen Ordnung zu Beginn der 1960er Jahre behaupten mussten, andererseits innerhalb der neu gezogenen Landesgrenzen viele unterschiedliche Gruppen zusammenfassten, war die Neukonstruktion einer Nationalgeschichte ein wichtiges Werkzeug, mit dem die politischen Eliten ihre Position zu sichern suchten. Entsprechend hoch rangierten geschichtspolitische Maßnahmen und der Aufbau staatlicher Institutionen auf der Agenda in vielen postkolonialen afrikanischen Staaten.
Nicht erst seit den aktuellen militärischen Konflikten herrscht in Äthiopien ein „war of narratives“ zwischen verschiedenen ethno-nationalistischen Gruppen. Die aktuelle Situation ist aber nicht nur das Ergebnis einer Geschichtspolitik, die lange auf eine von oben herab verordnete Einheit setzte, sondern auch das Ergebnis einer an vermeintlich universellen Werten ausgerichteten internationalen Kulturgüterschutzpolitik eurozentristisch-westlicher Prägung. Gerade in Entwicklungsländern entstanden mit den UNESCO-Welterbestätten internationale Orte, die sich in einem Spannungsverhältnis zu lokalen Akteuren und Nutzungen konstituierten, und es wurden kulturpolitische und ökonomische Pfadabhängigkeiten geschaffen. Die Situation in Äthiopien gibt Anlass zu reflektieren, was es bedeutet, dass internationale Konventionen ihre Wurzeln in imperialen, kolonialen, europäischen Denktraditionen haben – und welche Rolle scheinbar außenstehenden Akteuren in ethnischen Konflikten zukommt.