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Reisebericht Nordindien, Gujarat und Rajasthan
5. Januar bis 4. Februar 2005
Gruezi - Namaste*
Wir beginnen den zweiten Teil unserer Reise in Mumbay. Die Stadt an der
Westküste Indiens ist wohl bekannter unter ihrem alten Namen Bombay.
Wie alle Millionenstädte auf dem indischen Subkontinent verzeichnet
auch diese Metropole einen starken Bevölkerungszuwachs, dessen Auswirkungen
wir bereits auf der nächtlichen Taxifahrt vom Flughafen ins Hotel
begegnen. Beidseits der Strassen sehen wir Armensiedlungen, einfache Hütten
aus Blech, Holz, Plastik und Karton. Gekocht wird im Freien und öffentliche
Brunnen dienen den hier lebenden Menschen als Badezimmer. Die sanitären
Einrichtungen, auch die öffentlichen, sind, falls überhaupt
vorhanden, äusserst primitiv. Viele verrichten ihre Notdurft gleich
an Ort und Stelle. Auf den Abfallbergen zwischen den Hütten suchen
Hunde, Katzen, Kühe und Schweine nach Essbarem. Ein Übelriechender
Gestank dringt in unsere Nasen. Die Armut ist allgegenwärtig! Wir
haben Mühe, uns daran zu gewöhnen. Irgendwie passt es auch nicht
in jenes Bild, das Indien auf anderen Gebieten darstellt: Seine Informationstechnologie
hält mit der Weltspitze mit und viele betrachten Indien neben China
als die kommende Wirtschaftsmacht in Asien. Diese Vision hat wenig mit
jener Realität zu tun, der wir hier begegnen. Auch andere Vergleiche
mit Industrienationen zeigen klare Defizite des über eine Milliarde
zählenden Landes. Beispielsweise ist jede vierte Frau, die bei der
Geburt ihres Kindes stirbt, Inderin. Vermeidbare oder heilbare Leiden
wie TB, Malaria, Lepra und Blindheit machen die Hälfte der offiziell
gemeldeten Krankheitsfälle aus. Jedes zweite Kind ist unterernährt.
HIV und Aids geben Anlass zu Besorgnis. Das durchschnittliche jährliche
Pro-Kopf-Einkommen beträgt lediglich 360 US-Dollars. Die Analphabetenrate
ist auch heute noch extrem hoch und jene bei den Frauen ist fast doppelt
so hoch wie jene bei den Männern. Es besteht zwar eine in der Verfassung
verankerte Schulpflicht und die Schule ist bis zum Alter von 14 Jahren
gratis. Trotzdem sind nur zwei Drittel aller Kinder in einer Schule angemeldet.
Doch von diesen besuchen viele die Schule nicht regelmässig.
Der Kauf eines Zugstickets ist problemlos, verfügen doch die indischen
Staatsbahnen über ein modernes, elektronisches Reservierungssystem.
Für Touristen und Frauen existieren spezielle Schalter. Das bedeutet,
dass wir nicht wie die Inder stundenlang anstehen müssen. Für
die erste Etappe nach Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat erstehen wir Tickets
in der zweiten Klasse. Indische Züge sind immer überfüllt,
und in die Dreiersitzreihen drängen sich meist vier oder fünf
Passagiere. Auch im Mittelgang machen es sich Mitreisende bequem. Durch
dieses Gewühl von Leuten und Gepäck zwängen sich noch Schuhputzer,
Bettler und Verkäufer von Tee, frittierten Köstlichkeiten oder
Früchten.
Bei der Ankunft in Ahmedabad werden wir erneut von unzähligen Schleppern
und Taxifahrern empfangen, die uns zu einem Hotel bringen wollen. Natürlich
streichen alle für jeden zugeführten Gast eine Provision ein,
die schliesslich wir über den Zimmerpreis bezahlen müssten.
Wir gehen deshalb alleine und zu Fuss in die nahe gelegenen Hotels, was
uns mehr Spielraum beim Aushandeln des Übernachtungspreises gibt.
Im ersten Hotel wird uns mitgeteilt, alle Zimmer seien besetzt. Wir vermuten
aber eher, dass ausländische Rucksacktouristen hier nicht willkommen
sind.
Der an Pakistan grenzende Bundesstaat Gujarat wird nicht von vielen Touristen
besucht. Er hat aber einige Sehenswürdigkeiten zu bieten, wie beispielsweise
interessante Jain-Tempel. Von aussen gleichen diese Tempel einem Hindu-Tempel,
das Innere ist aber weitaus prachtvoller und weniger asketisch. Eine der
schönsten Tempelanlagen dieser Glaubensrichtung befindet sich auf
dem Berg Girnar, unweit der Stadt Junagadh. Täglich erklimmen Tausende
von Gläubigen die zehntausend Treppenstufen auf den Gipfel. Wer will
kann sich auch von zwei Trägern auf einer Sänfte hinauftragen
lassen. Bezahlen muss man dafür nach Gewicht. Bevor es also losgehen
kann, muss man sich auf die Waage stellen. Wir verzichten darauf und gehen
zu Fuss. Wir starten bereits frühmorgens um den Aufstieg noch im
Schatten hinter uns zu bringen. Nach zwei Stunden erreichen wir die verschiedenen
Tempel auf dem höchsten Punkt. Die Aussicht die sich uns bietet ist
überwältigend. Der Abstieg ist nicht weniger beschwerlich als
der Aufstieg. Inzwischen sind die Treppenstufen voll den Sonnenstrahlen
ausgesetzt. Zudem spüren wir erste Anzeichen von Muskelkater in unseren
Beinen. Wir werden die Nachwirkungen noch tagelang spüren.
In Junagadh machen wir auch weitere Fortschritte im Entdecken der kulinarischen
Köstlichkeiten Indiens. Zum Frühstück gibt es Aloo Paratha
(Fladenbrot mit Kartoffeln gefüllt) oder Dosa (papierdünnes
Omelett aus Linsenmehl). Das Angebot an Snacks ist vielfältig. Samosa
und Kachori (frittierte Teigtaschen mit gewürzter Gemüsefüllung),
Pakora (im Teig frittiertes Gemüse) oder Aloo Tika (Kartoffelbreiküchlein).
Eine besondere Spezialität Gujarat ist Thali. Dabei werden verschiedene
Gemüse, Dahl (Linsengericht), Reis, Yoghurt und frisches Chapati
(dünnes Fladenbrot) serviert. Es wird solange nachgeschöpft,
bis man genug hat. Zu unseren weiteren Favoriten gehört Palak Paneer
(Spinat mit Frischkäse). In den unzähligen Konditoreien und
Bäckereien kaufen wir Barfi, eine Art Praline aus eingekochter Milch
und feines Blätterteiggebäck. Den Durst löschen wir mit
Frischgepressten Fruchtsäften oder dem Yoghurtgetränk Lassi.
Mt. Abu ist unsere erste Station im Bundesstaat Rajasthan. In den 1100
Meter über Meer liegenden Kurort zieht es mehrheitlich indische Touristen.
Die kunstvollen sehr feinen Marmorschnitzereien im Dilwara Tempel gehören
zu den schönsten in ganz Indien. Ein kurzer Spaziergang führt
uns zum wenig besuchten Gaumukh Tempel. Der Tempel ist bekannt für
sein heiliges Wasser, das durch den Marmorkopf einer Kuh in einen Teich
fliesst.
Weiter geht es nach Udaipur, das idyllisch am Pichola See liegt. Mit seinen
engen Gassen gilt es als Venedig des Ostens. Der See ist zurzeit fast
vollständig ausgetrocknet, hat es doch seit Jahren nicht mehr genügend
geregnet. Der sonst majestätisch im blauen See schwimmende, ehemalige
Maharaja Palast Jagniwas kann deshalb zu Fuss erreicht werden. Die Stadt
diente übrigens als Kulisse für den James Bond Film "Octopussy".
Noch heute wird der Streifen allabendlich in unzähligen Bars und
Restaurants vorgeführt. Der City Palace Udaipurs ist der grösste
Palastkomplex Rajasthans. Aber auch in der Umgebung gibt es Sehenswürdigkeiten,
die wir in zwei Tagesausflügen besichtigen. Das Ford von Kumbhalgarh
mit dem Badal Mahal, dem Palast der Wolken, aus dem 15. Jahrhundert, liegt
stolz auf der Aravalli-Bergkette auf 1100 Meter über Meer. Seine
Befestigungsmauern bilden einen Ring von rund 36 Kilometer Länge.
In Ranakpur steht der grösste und wichtigste Jain-Tempel Indiens.
Der Haupttempel Chaumukha ist aus Marmor und wurde 1439 erbaut. Er umfasst
29 Hallen. Diese werden von 1444 Säulen getragen, wovon jede individuell
geschnitzt ist. Die Kantine des Tempels steht allen Besuchern offen. Wir
essen dort ein sehr einfaches, aber feines Thali. Weitere Tempelanlagen
besuchen wir in Nagda und Eklingji. Wer die Steinmetzarbeiten an den Aussenmauern
genau studiert, kann oft einige sehr erotische Darstellungen entdecken.
In Nathdwara sind die Tore des berühmten Visnu-Tempels Sri Nathji
bei unserem Besuch um die Mittagszeit gerade verschlossen. Wir geniessen
stattdessen das emsige Treiben in den engen Altstadtgassen und dem Bazar.
Plötzlich hören wir laute, Naheherkommende Musik. Kurz darauf
erspähen wir eine Hochzeitsprozession, die von Musikanten in Uniformen
angeführt wird. Dahinter reitet ein festlich gekleideter indischer
Mann auf einem geschmückten Pferd. Hinter dem Bräutigam folgen
zahlreiche Frauen in wunderschönen, farbigen Kleidern. Die ganze
Festgesellschaft wird noch stundenlang singend und tanzend durch die Strassen
ziehen, bis der Umzug beim Haus der Braut zu Ende gehen wird. Solchen
Hochzeitsprozessionen werden wir in Indien noch häufig begegnen.
Nach Einbruch der Dunkelheit werden übrigens zur Beleuchtung des
Umzuges schwere kronleuchterartige Lampen mitgetragen. Ein auf einem Lastwagen
mitgeführter Generator erzeugt die dafür notwendige Elektrizität.
Unsere Reise geht weiter über Chittorgarh mit seinem sehenswerten
Fort in die Kleinstadt Bundi. Der Bus benutzt dabei teilweise Abschnitte
der neuen Autobahn Mumbay - Delhi. Trotz richtungsgetrennter vierspuriger
Fahrbahn darf man in Indien nicht überrascht sein, wenn auf der Überholspur
plötzlich ein von einem Kamel gezogener Wagen entgegenkommt, oder
eine Ziegenherde gemütlich die Strasse überquert. Tiere haben
in Indien immer Vortritt, das gilt natürlich im Besonderen für
die als heilig geltenden Kühe.
Pushkar, eine kleine Stadt in Zentralrajasthan, ist mit seinem heiligen
See Anziehungspunkt für viele Pilger und Priester. Wir begegnen dort
vielen Sadhus. Diese oft meist orange gekleideten Hindus haben jeden weltlichen
Besitz sowie ihre Familien aufgegeben. Sie sind auf der Suche nach geistiger
Erfüllung durch Meditation, Hingebung, das Lesen von heiligen Texten
und Wallfahrt.
Ein Höhepunkt unserer Rundreise in Rajasthan bildet die Besichtigung
von Meherangarh, der eindrücklichen Befestigungsanlage von Jodpur.
Das 125 Meter über der Stadt trohnende Fort wurde lange Zeit von
der Familie des Maharajas von Jodpur bewohnt. Nachdem die damalige Ministerpräsidentin
Indira Gandhi in den frühen siebziger Jahre Titel und Grundeigentumsrechte
der Maharajas aberkannt hatte und sämtliche Geldzahlungen an die
ehemaligen Machtzahler einstellte, steht der Palast heute der Öffentlichkeit
als Museum zur Verfügung. Beim Durchschreiten der kunstvoll verzierten
Räume und Gemächer fühlen wir uns ins Märchen von
tausendundeiner Nacht zurückversetzt.
Die befestige Altstadt von Jaisalmer liegt am westlichen Ende der grossen
Thar-Wüste. Einst wichtiger strategischer Handelsort an der Seidenstrasse,
lebt die Stadt heute grösstenteils von der Tourismusindustrie. Wir
geniessen es, in der Ruhe der verkehrsfreien Altstadtgassen herumzuschlendern.
Innerhalb der Befestigungsmauern sind mehrere Jain- und Hindutempel anzutreffen.
Die zahlreichen verzierten Sandsteingebäude, so genannte Havelis,
wurden von reichen Handelsfamilien erbaut und gehören zu den schönsten
in ganz Rajasthan.
Wir wollen von hier aus ein Paket in die Schweiz schicken. Das wird zu
einem besonderen Erlebnis. Der Postangestellte kann uns keine Schachtel
anbieten, sondern schickt uns zu einem Schneider, in einem Souvenirladen
im Bazar. Während der Schneider unsere Sachen in Stoff einwickelt
und zunäht, wird uns stark gesüsster Tee serviert. Immer wieder
präsentiert uns der Schneider seine Wandbehänge, Decken und
Stoffe und will uns diese verkaufen. Nach drei Stunden, vielen weiteren
Tees und einer diskreten Präsentation von Kamasutra-Bildern verlassen
wir mit dem versiegelten Stoffpaket den Laden.
Als letzte Station in Rajasthan besuchen wir die Hauptstadt Jaipur, allgemein
als die "rosarote Stadt". Diese Bezeichnung stammt von der Farbe
der Häuser in der von einer Mauer umrahmten Altstadt. 1876 befahl
der Maharaja Ram Singh, die ganze Stadt sei rosarot, der Farbe der Gastfreundschaft,
anzumalen. Er wollte damit den Prince of Wales, dem späteren Koenig
Edward VII, willkommen heissen. Seitdem hat man an dieser Farbe festgehalten.
Wir besuchen den Windpalast Hawa Mahal. Er wurde 1799 erbaut, um den Damen
des königlichen Haushalts, denen ein Besuch der Stadt verboten war,
zu ermöglichen, das Geschehen ausserhalb des Palastes zu beobachten.
Die unzähligen kleinen Fenster sind nämlich so konstruiert,
dass man von aussen nicht erkennen kann, wer sich dahinter verbirgt.
Das Treiben auf den Strassen der Altstadt widerspiegelt den Alltag Indiens
in seiner ganzen Vielfalt. Ein Hirtenjunge versucht seine Ziegen zusammenzuhalten,
dahinter stösst ein Handwerker seinen mit Eisenstangen beladenen
Handkarren, ein Bäcker folgt mit seinem Verkaufsladen auf Rädern,
man sieht Bauern mit ihren Ochsenkarren, andere Bauern haben das Kamel
vor ihren einachsigen Karren gespannt. Selbst Elefanten fehlen nicht.
Dazwischen versuchen Autos, Busse, Lastwagen, Mofas und Velos sich einen
Weg durch das Chaos zu bahnen. Die heiligen Kühe scheinen sich ab
all dem Lärm und Gestank nicht zu stören, friedlich trotten
sie widerkauend der Strasse entlang.
Auf der Reise durch Rajastahn und Gujarat erlebten wir Indien von einer
exotischen und farbenprächtigen Seite: Männer mit safrangelben
Turbanen, langen Schnurrbärten und spitzigen Schuhen, stolze schmuckbehangene
Frauen in ihren farbigen traditionellen Gewändern sowie Kinder mit
strahlenden Gesichtern. Wir sehen aber auch die Schattenseite der indischen
Gesellschaft mit unzähligen Bettlern und körperlich behinderten
Menschen. Das Herumreisen empfinden wir als äusserst intensiv und
anstrengend. Wir sind ständig von neugierigen Indern und vorwitzigen
Kindern umgeben. Es gibt wenige Momente, in denen wir ungestört herumspazieren
können. Unbeobachtet zu fotografieren ist hier unmöglich, ziehen
wir doch dabei die Aufmerksamkeit noch mehr auf uns. Indien mit all seinen
zahlreichen Facetten und Gegensätze beschreiben zu wollen, ist fast
nicht möglich. Indien muss man selbst erlebt. haben.
*so begrüsst man sich in Indien
Topps und Flopps Nordindien
Topps
- Girnar Hill
- Mt. Abu
- Jaisalmer
Flopps
- mysteriös verschwundene Unterwäsche von Lea in Udaipur