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Fahrlässiger Untergang
Nach einer wahren Begebenheit: Diesen Satz sieht man jüngst immer häufiger im Kino, sei es im Fall der britischen Spionin «Red Joan» (mit Judi Dench), in der mazedonischen Episode «God Exists, Her Name Is Petrunya». Oder nun auch hier im Falle des Katastrophenfilms «Kursk».
Im Jahr 2000 nahm ein russisches U-Boot Kurs auf die Barentssee – eigentlich bloss zum Manöver. Die K-141-Kursk mit 118 Mann Besatzung war mit atomaren Marschflugkörpern bestückt und sank, infolge mehrerer Explosionen, ausgelöst durch einen technischen Defekt. Tatsächlich war das U-Boot, Baujahr 1990/91, ziemlich marode, worauf Besatzungsmitglieder vor der Fahrt hingewiesen hatten. Die russische Militärführung aber behauptete, die Kursk sei durch ein amerikanisches U-Boot gerammt worden. Abgesehen davon hätte man auch die Rettung der Überlebenden im Griff: 23 U-Seeleute sassen im beschädigten Teil des Bootes fest und hofften.
Ursprünglich wollte Luc Besson («Lucy», «Le grand bleu», demnächst «Anna») den Stoff verfilmen, zog sich dann aber zurück. Regisseur Thomas Vinterberg und Drehbuchautor Robert Rodat übernahmen und stützten sich auf das Buch «A Time to Die» von Robert Moore. Sie entwickelten das Drama auf drei Ebenen: einer familiär privaten, einer menschlichen (im Boot) und einer militärisch-politischen (auf See, bzw. Land).
Anfangs wird eine Hochzeit gefeiert, die Seeleute verabschieden sich von ihren Familien und Frauen und Freudinnen…
Hier geht's zur vollständigen Kritik.
Weitere Beiträge zu «Kursk»:
1) Kinotipp von Alex Oberholzer für «Radio 24»
2) «Kursk» und «Tchernobyl»: Filmproduktionen über Russland in Not: Thomas Vinterberg erzählt die U-Boot-Katastrophe nach, bei der 23 Matrosen ums Leben kamen. Nach der HBO-Serie «Tchernobyl» ist das die zweite Produktion, in der westliche Regisseure sich mit Russlands Versagen beschäftigen. Hier geht's zur vollständigen Kritik aus der «NZZ am Sonntag».
Yvonne (Adèle Haenel) fällt aus allen Wolken, als sich ihr als Held gefeierter Ehemann Louis (Damien Bonnard), der im Dienst als Polizeichef ums Leben kam, in Tat und Wahrheit als korrupt entpuppt. Und nicht nur das: Um seine Haut zu retten, hat er sogar einen Unschuldigen namens Antoine (Pio Marmaï) für acht Jahre hinter Gitter gebracht. Als der Pechvogel entlassen wird, beginnt Yvonne deshalb – selbst ausgebildete Polizistin – mit der Überwachung von Antoine: Sie will seinen Ruf wiederherstellen und ihm den Start in den Alltag abseits vom Gefängnis erleichtern. Doch das stellt sich als schwieriger heraus, als zunächst angenommen…
Hier geht's zur vollständigen Kritik (Cineman)
Weitere Beiträge zu «En liberté!»:
Französische Krimiheldin ermittelt: Mission turbulent (SRF)
Französische Komödien sind eher rar in unseren Kinos. Wenn es nicht gerade die «Ch’tis» betrifft oder «ziemlich beste Freunde», dann dominiert in der deutschen Schweiz doch eher das ernsthafte «Cinéma des auteurs» aus Frankreich. Aber da gibt es mit Pierre Salvadori einen Regisseur, der die Autorenkomödie pflegt. Mit seinem aktuellen Film «En liberté» ist ihm das ziemlich gut gelungen...
Hier geht's zur vollständigen Kritik
Fotografengedächtnis gegen Sozialromantik
Ray schenkt sich sein Glas immer voll, bis knapp unter den Rand. Auch mit zitternden Händen, auch wenn er dreimal ansetzen muss, um die Plastikflasche mit dem billigen Heimgebräu leer zu kriegen. Früher hat er auch die Teetasse für seine Frau Liz genau so knapp unter den Rand gefüllt. Ihre zwei Süsswürfel hatten allerdings doch noch Platz.
Regisseur Richard Billingham ist als Fotograf berühmt geworden, mit Bildern von seinen Eltern. Nun filmt er mit der gleichen Präzision, dem gleichen messerscharfen, ungefärbten Blick, wie es war in Birmingham, in einer verwahrlosten Sozialwohnung, mit verwahrlosten, überforderten Eltern, einem Bruder und einer ebenso «dysfunktionalen» Verwandtschaft.
Der «Kitchen Sink Realism» ist eine urbritische Erfindung. Ken Loach hat ihn mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty zur sozialromantischen Kampfkunst weiterentwickelt; Filme wie «Trainspotting», oder selbst die frühen Gangster-Geschichten von Guy Ritchie, haben ihn zu eigenständigen, karikierend hyperrealistischen Grotesken verfremdet.
Dass nun ausgerechnet ein Fotograf dem Genre zurück auf die Füsse hilft, hat wohl schon seine Richtigkeit.
Bilingham hat keine politische Agenda wie Loach. Er macht sich weder zum Anwalt der kleinen Leute, noch zum Komplizen. Und schon gar nicht macht er sich über sie lustig. Sein tätowierter Fleischberg von einer Mutter, sein duckmäuserischer Alkoholikervater, die verschreckten Hunde in der Wohnung mit den Schnecken, den Fliegen, den Kaninchen, dem Aquarium, den scheusslichen Kitschbildern und dem ganzen Dreck – das alles rekonstruiert Billingham aus der Erinnerung.
Dabei sind es die präzisen Details, welche den Realismus schärfen. Jene Kleinigkeiten, die einem in einer Fotografie erst mit der Zeit auffallen und dann um so stärker hervorstechen. Die halb heruntergerissenen Tapeten, der verdreckte Herd, das alles ist Ausstattung. Aber die Gesten der Figuren, ihre Blicke, ihre Ticks und ihre heimliche Verzweiflung, die machen diesen Film nicht nur realistisch, sondern auch staunenswert unangenehm.
Drei Episoden und eine Art Rahmenhandlung genügen Billingham, um die Geschichte seiner Herkunft und Prägung in 108 Minuten auszubreiten.
Zu Beginn treffen wir auf Ray in seinem völlig heruntergekommenen, verdreckten Schafzimmer. Ray geht nicht mehr aus dem Haus, er geht allenfalls noch zur Toilette. Die übrige Zeit schläft er und trinkt in regelmässigen Abständen die Plastikflaschen mit Alkohol leer, die ihm der erwachsene Sohn vorbeibringt. Einmal im Monat kommt Liz vorbei, für sie hat er den Rest seines Sozialgeldes bereit, für ihre kurzen Auftritte scheint er am Leben zu bleiben.
In drei Rückblenden erzählt Billingham zunächst eine besonders grausame Episode voller zerstörerischer Bösartigkeit, welche Liz unter den Tisch wischt und die Ray nie ganz begreift, auch wenn sie vor allem auf Kosten seines geistig behinderten Bruders geht.
Schliesslich bleibt der etwas älter gewordene kleine Jason eine Nacht lang draussen, erfriert fast und löst damit die Sozialmaschinerie aus. Er wird fremdplatziert. Und die erschütterndste, beiläufigste Szene des ganzen Films hängt an dieser Episode: Der halbwüchsige Richard fragt den hinausgehenden Sozialarbeiter, ob er nicht auch zu Pflegeeltern könne. Worauf der abwinkt und sagt: «Du bist bald erwachsen. Halte durch und hilf dir selber.»
Billingham schildert mit vordergründig völlig neutraler Präzision ein Sozialsystem, das Familien wie der seinen keine Hilfe bringt, aber knapp ihr Überleben sichert. Ray und Liz sind überfordert, verloren. Ihre Söhne richten sich ein, schlagen sich durch. Aber anders als bei Ken Loach zeigt der Film keine weiteren Mechanismen, keine Profiteure, bloss Symptome in einer zerfallenden Welt, die stets den Hauch eines Anscheins aufrecht erhält, aber fault und vegetiert.
Für Ray ist Liz der einzige Brennpunkt. Auch als sie schon lange nicht mehr bei ihm ist. Für Liz ist schon lange alles zu viel. Und wer es nicht rechtzeitig raus schafft, der muss sich damit abfinden. Oder in den Flur pissen, wie der Hund, um den sich niemand kümmert.
Nein, das ist kein angenehmer Film. Aber ein präziser, klarsichtiger. Und in seiner Verdichtung ist er dokumentarischer und effizienter, als es ein Dokumentarfilm je sein könnte.
Von Michael Sennhauser
Der Text ist am 5. August 2018 anlässlich der Uraufführung des Films im Wettbewerb des Locarno Film Festivals 2018 auf sennhausersfilmblog.ch erschienen. https://sennhausersfilmblog.ch/2018/08/05/locarno-18-ray-and-liz-von-richard-billingham-wettbewerb/
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Weitere Beiträge zu «Ray & Liz»:
Ab Mai 2019 wählt eine Auswahlgruppe bestehend aus Mitgliedern unseres Verbands jeden Monat einen «Film des Monats».
In die Ränge kommen Filme, die aktuell in der Schweiz im Kino laufen. Der auserkorene Film wird zu Beginn des entsprechenden Monats via Email und auf unseren Social-Media-Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) kommuniziert und mindestens eine Rezension dazu auf dieser Seite veröffentlicht.
Die Kritiken sind von Mitgliedern der Auswahlgruppe verfasst worden. Manche Texte sind bereits anderswo erschienen und werden hier mit Einwilligung der jeweiligen Redaktion und unter Angabe des Erscheinungsdatums im Originalmedium nochmals veröffentlicht.
Die Idee dahinter: Unser «Film des Monats» ist eine minimale Massnahme gegen die immer spärlicher werdende Filmberichterstattung. Er soll die Diskussion über die Kino- und Medienkultur in der Schweiz anregen.