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Die Kriteriologie
Wie können wir eine Religion beurteilen?
Welche Kriterien können dazu herangezogen werden?
Welche Probleme stellen sich dabei?
Hinter den verschiedenen Grundpositionen im interreligiösen Dialog stehen, mindestens implizit, spezifische Kriterien, nach denen die anderen Religionen beurteilt werden.
Es stellt sich nun die Frage, wie ein Katalog allgemein anerkannter Kriterien aussehen könnte. Dies ist Gegenstand der aktuellen religionswissenschaftlichen Forschung zur Kriteriologie.
Katalog von Kriterien
Eine grosse Herausforderung der Kriteriologie besteht darin, einen Katalog von Kriterien zu finden, der allgemein akzeptiert und dennoch nicht zu beliebig ist.
Ist der Katalog spezifisch auf die eigene Religion zugeschnitten und eng gefasst, resultiert eine exklusivistische oder bestenfalls eine inklusivistische Position. Die eigene Position wird durch die Wahl der Kriterien am besten gestützt (Zirkelschluss, dogmatische Selbstbestätigung), findet aber keine allgemeine Akzeptanz.
Je genereller die Kriterien gefasst werden, um so beliebiger werden sie. Je beliebiger und unverbindlicher ein Katalog von Kriterien wird, umso weniger ist er für die Praxis des interreligiösen Dialogs nutzbar, denn es besteht keine Basis mehr für eine echte Auseinandersetzung mit anderen Positionen.
Es gibt kein allgemein anerkanntes Referenzsystem
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass es kein allgemein anerkanntes Referenzsystem gibt, das als Archimedischer Punkt dienen könnte. Auch ein von dritter Seite, z.B. den Religionswissenschaften, postuliertes System würde nur als eine von vielen möglichen Positionen wahrgenommen. Müsste es dennoch als Referenzsystem gelten, würde ihm ein Absolutheitsanspruch unterstellt, der als Rechtfertigung konkurrierender eigener Absolutheitsansprüche genutzt werden könnte.
Ausweg: Interreligiöser Dialog
Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet einzig ein dialogischer Ansatz, wo sich die Religionen im interreligiösen Dialog in einem längeren Prozess auf einen Kriterienkatalog einigen. Auf der Ebene der Ethik konnte im Rahmen eines solchen Prozesses die Goldene Regel als universelles Kriterium definiert werden (» Projekt Weltethos).
Der folgende Ansatz einer Kriteriologie kann als pragmatische Diskussionsbasis dienen:
1. Mythos
Vorhandensein einer Heilslehre, die den Menschen in einen Bezug zum Absolutum setzt und die ihm eine positive Perspektive zum Seelenheil aufzeigt. Das Absolutum wird als transzendent und nicht mit unserem Intellekt erfassbar bzw. mit Worten beschreibbar angesehen. Es wird mit Liebe und Weisheit in Verbindung gebracht.
2. Pfad
Vorhandensein eines Heilspfades, der den Menschen über einen persönlichen Transformationsprozess zur Überwindung der Selbstbezogenheit dem Absolutum näher bringt. In diesem Prozess werden unter anderem Ehrlichkeit mit sich selbst, Integrität und Hingabe an das Absolutum und seine Mittler gefordert.
3. Ethik, Werte und Verhaltensmaximen
Werte wie Liebe, Mitgefühl, Güte, Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung, Nachsicht, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und Respekt werden als zentral angesehen und nichtdiskriminierend gelebt, d.h. diese Werte gelten grundsätzlich allen Menschen gegenüber, auch gegenüber Andersgläubigen.
Auf der Basis dieser Werte sowie der Goldenen Regel werden Verhaltensmaximen propagiert, die ein friedliches soziales Zusammenleben und eine angemessene wirtschaftliche Prosperität der ganzen Gesellschaft fördern (inklusive der jeweils Andersgläubigen). Religiös motivierte Gewalt und Diskriminierung werden ausdrücklich abgelehnt.
Literatur
Schmidt-Leukel Perry, Gott ohne Grenzen - Eine christliche und pluralistische Theologie der Religionen, Gütersloher Verlagshaus, 2005
Bernhardt Reinhold, Schmidt-Leukel Perry, Kriterien interreligiöser Urteilsbildung, Theologischer Verlag Zürich, 2005
Könemann Judith, Vischer Georg (Hrsg.), Interreligiöser Dialog in der Schweiz. Grundlagen - Brennpunkte - Praxis, Theologischer Verlag Zürich, 2008
Version vom 14. August 2020
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