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Als Ernst Ludwing Kirchner 1912 Erna Schilling kennenlernte, hatte sich die 28jährige bereits seit 9 Jahren mit verschiedensten Arbeiten durchgeschlagen. Erna war in den ersten Jahren des Zusammenlebens vor allem das bevorzugte Aktmodell, doch lässt sich schon ab 1914 nachweisen, dass sie mit Kirchner auch künstlerisch zusammenarbeitete. Ernst machte Entwürfe für Stickereien, die Erna als «Kunstgewerblerin» umsetzte. Die nächste Rolle, die Erna in Kirchners Leben besetzte, war die der Geschäftspartnerin. Sie unterschrieb – obwohl nicht verheiratet – mit «Erna Kirchner» und war von diesem Moment an eine Konstante im Leben des Künstlers. Dabei gab es immer wieder Beziehungskrisen, die mit unterschiedlichen intellektuellen Ansprüchen, mit Kirchners Krankheit und mit seinen Verbindungen zu anderen Frauen, wie der Tänzerin Nina Hardt, zu tun hatten. Nach Kirchners Erwartungen an eine dauerhafte Beziehung sollten die zusammenlebenden Partner gleichberechtigt und «frei» sein, doch hatten sich beide auf die Förderung des Werks, des Werks von Kirchner, zu konzentrieren. 1926 beschreibt Kirchner in einem Brief an seinen Freund Albert Müller seine Rollenerwartung: «Ehe Erna begriff, was ihre Aufgabe in unserem Leben ist, hat es manchen Kampf gegeben. … Aber ich wollte nur etwas für mich und meine Arbeit. Und es ist doch heute so bei uns geworden, dass das Haus der Einheit dient und dass meine Frau für die Ermöglichung meiner Arbeit alles tut». Sie tat es, doch jährlich auftretende Depressionen waren die Folge. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1945 suchte sie nach einer eigenen Rolle.
Das Kirchner Museum zeigt Erna Schillings Skizzenbücher, die illustrieren, wie sie sich, angeregt und unterstützt durch Kirchner, künstlerisch versuchte. Kirchner war jedoch der eigentliche Gestalter der Paarbeziehung und steht damit im Zentrum der Ausstellung. Vordergründig unauffällige Werktitel, wie «Paar im Atelier», «Harem», «Schwarzer Frühling» oder «Trauriger Frauenkopf» zeugen von der tiefen erotisch-geistigen Beziehung der beiden. In diesen
Bildern finden Kirchners Verhältnis zu Erna, die Wahrnehmung seiner eigenen Sehnsüchte, das gemeinsame Verlangen nach einem Kind, die Dreiecksverhältnisse und Ernas Melancholie ihren Ausdruck. Zwei Jahre vor seinem Freitod im Juni 1938, als klar wurde, dass an eine Rückkehr nach Deutschland nicht mehr zu denken war, hat Kirchner nicht nur ein naturalistisches Porträt seiner Lebenspartnerin gezeichnet, sondern auch eine Büste von ihr in Arvenholz geschnitzt. Man könnte sie als Pendant zu der 1913 geschnitzten Büste der jungen blühenden Erna betrachten, die heute in der National Gallery in Washington zu sehen ist. Die Skulptur von 1936 ist eine Hommage an Erna Schilling, an eine Frau, die sich in der Pflege eines Nervenkranken in einer Bergwelt verausgabt hat, die nie ihr Zuhause wurde. Kirchner selbst hat die stille Präsenz dieser Frau wohl am besten auf dem Plakat für seine Ausstellung in der Kunsthalle Bern von 1933 dargestellt: In einer Bergkulisse spiegelt sich Kirchner auf dem gefrorenen See in seiner Partnerin Erna, seinem Alter ego.
Die Ausstellung «Erna und Ernst Ludwig Kirchner. Ein Künstlerpaar» im Kirchner
Museum Davos dauert noch bis zum 25.April 2004.
Die Juristin Juliana Schwager-Jebbink berichtet für die Schweizer Monatshefte über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen.