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„Du glaubst nicht, wie nervig Kunden sein können. Ihr kommt herein und betastet alles, aber am Ende kauft ihr gar nichts. Was ist dann bitte der Sinn daran?“
Die leicht hochgepeitschte Stimme war sehr laut, sie tat manchmal sogar weh in den Ohren, wenn die Pfeffermühle anfing zu quietschen. Es verwunderte Riri immer wieder, dass niemand Dorothea hörte. Vor einigen Wochen hatte Riri die Pfeffermühle gefragt, wie sie denn heisse, da es sich irgendwie komisch anfühlte, mit jemanden zu sprechen, der keinen Namen hatte. Nach einigem Gemecker (Hat denn diese Generation überhaupt keinen Respekt mehr? Man fragt eine Dame nicht einfach nach ihrem Namen! Wie unhöflich!) durfte Riri sie jetzt Dorothea nennen.
Als Riri den Namen zum ersten Mal hörte, musste sie sich beherrschen, um nicht laut zu lachen. Sie hatte zwar angenommen, dass die Pfeffermühle alt war, aber Dorothea hörte sich beinahe altertümlich an.
„Na ja, ich weiss nicht wie es bei euch früher war, aber ein Antiquitätenkauf ist schon eine grosse Entscheidung. Besonders bei so wertvollen Stücken wie … dir.“
Ein wohlklingender Ton erklang aus Dorotheas Richtung, und Riri grinste. Pfeffermühlen waren wirklich einfach zu manipulieren. Riri versuchte immer besonders freundlich zu Dorothea zu sein, da sie unbedingt herausfinden wollte, wie sie zu ihrer Stimme gekommen war. Anscheinend war es jedoch nicht gerade eines ihrer Lieblingsthemen, denn Dorothea verfiel jedes Mal in absolutes Schweigen, wenn ihre besondere Fähigkeit erwähnt wurde. Es war beinahe unbehaglich, wenn sie einfach so schwieg, doch wenn Riri sich wieder daran erinnerte, dass die Pfeffermühle den Grossteil ihrer Woche in diesem Zustand verbrachte, wich ihr Unbehagen.
Auch jetzt gab Dorothea keine weiteren Töne von sich, was ungewöhnlich war. Normalerweise redete sie so lange, dass es sich manchmal anfühlte wie mehrere Stunden. Riri drehte sich um und sah den Grund für Dorotheas Schweigen. Herr Lethe.
„Rianna, wie geht es dir?“, rief Herr Lethe bereits, als er noch einige Meter von ihr und den Küchengeräten entfernt war. Herr Lethe war der Einzige, der ihren vollen Namen benutzte, doch es störte sie nicht zu sehr. Der alte Herr war lang nicht so nervig wie die Freunde ihres älteren Bruders, die sich immer über ihren Namen lustig machten, als wäre es eine Disziplin bei den Olympischen Spielen.
„Mir geht es gut, Herr Lethe, danke.“ Riri versuchte ein unschuldiges Lächeln aufzusetzen, ein Lächeln, das nicht verriet, dass sie gerade mit einer Pfeffermühle geredet hatte.
Endlich war er bei Riri angelangt, und er grinste.
„Du bist in letzter Zeit sehr interessiert an meinen Küchengeräten“, bemerkte er.
Obwohl er keine Frage gestellt hatte, fühlte sich Riri dazu verpflichtet, eine Antwort zu geben.
„Wir haben seit Neustem Kochen als Schulfach, und ich wollte einfach mal nachsehen, ob es hier irgendwelche Geräte gibt, die wir in der Schule nicht haben.“
Gelogen.
Herr Lethe hob andächtig die Augenbraue.
„Und? Hast du irgendwas gefunden?“, fragte er. Riri sah sich um, auch wenn sie ihre Antwort schon parat hatte.
„Na ja, unsere Pfeffermühle sieht deutlich anders aus.“
Herr Lethes Blick wanderte nach links, er ergriff die Mühle. Seine Hände lagen beinahe beschützerisch auf dem oberen Ende der Mühle.
„Ist vielleicht auch besser so, diese Mühle ist schon so alt, dass sie kaum funktionstüchtig ist.“
Diese Antwort verblüffte Riri. Normalerweise redete Herr Lethe nie in so abfälligem Ton über seine Schätze. Wieso sollte er auch, niemand redete schlecht über die Möbel in der eigenen Wohnung, und Herr Lethe war da auch keine Ausnahme.
Riri beendete das Gespräch schnell, aber höflich. Während sie aus der Küchenabteilung huschte, spürte sie Herrn Lethes kalten Blick in ihrem Rücken. Sie suchte nach Viktor und fand ihn bei den Uhren. Er betrachtete gerade zwei Armbanduhren, die auf einem Tisch lagen.
„Riri, sind die neu?“, fragte er in Gedanken versunken. Es schien ihm nicht aufgefallen zu sein, dass seine Tochter fast die Hälfte ihrer Tour woanders verbracht hatte.
„Nein, sind sie nicht, die waren schon letzte Woche hier. Du hast sie nicht gesehen, weil du zu beschäftigt mit den neuen Weckern warst“, antwortete Riri und zeigte nach hinten. Ein etwas altmodischer Wecker stand dort auf einer alten Truhe mit alten Münzen. Diese Truhe gehörte auch zu den Stücken, die wahrscheinlich nie verkauft werden würden.
„Oh, wirklich?“ Viktor blickte gar nicht auf. Das war immer so, wenn er sich erst einmal für etwas interessierte.
Bald verabschiedeten sich die beiden sich von Herr Lethe. Sein Blick war wieder warm und freundlich, und der abschätzige Ton von vorher war verflogen. Riris Misstrauen löste sich langsam in Luft auf. Vielleich hatte Herr Lethe einfach nicht genug geschlafen. Es gab manchmal Kunden, die unglaublich früh ins Brocki kamen, kaum hatte Herr Lethe aufgeschlossen. Riri konnte über diese Kunden nur den Kopf schütteln. Sie würde nie in einem Laden arbeiten; das sah ziemlich anstrengend aus.
***
Zu Hause ging Viktor gleich in die Küche und holte ein paar Tomaten aus dem Kühlschrank. Er legte sie auf einen Teller und reichte sie Riri. Während sie die Tomaten für den Salat schnitt, mass Viktor etwas Reis ab.
„Viktor, wie alt ist Herr Lethe eigentlich?“ Riris Stimme hatte einen seltsamen Ton angenommen. Viktor dachte einen Augenblick lang nach.
„Ich weiss es nicht, aber ich denke, so um die sechzig. Wieso fragst du?“ Riri zuckte mit den Schultern.
„Mir ist nur aufgefallen, dass ich fast nichts über ihn weiss.“
Gelogen. Sie wollte nur abschätzen, ob Herr Lethe Dorothea gekannt haben konnte, bevor sie in eine Pfeffermühle verwandelt wurde. Riri glaubte nämlich nicht, dass Dorothea schon immer eine Pfeffermühle gewesen war. Zu oft hatte sie sich über ihre „derzeitige Form“, wie sie es nannte, beschwert. Dorothea war sicherlich älter als 70 Jahre. Denn als Riri einmal erwähnt hatte, dass sie im Unterricht gerade den Zweiten Weltkrieg durchnahmen, hatte Dorothea gefragt: „Es gab zwei von denen?“
In Gedanken versunken schnitt Riri die Tomaten klein. „Sag Roy, dass wir bald essen können“, rief Viktor Riri hinterher, als sie aus der Küche ging. Riri schaute ins Zimmer von Roy. Der spielte gerade ein Videospiel, was Riri dadurch merkte, dass er sich lautstark mit einem Freund übers Headset beschwerte. Als er sie hörte, blickte er genervt zur Seite.
„Ist was?“ Riri konnte sehen, wie er wild auf den Knöpfen seiner Konsole herumdrückte.
Sie ging in ihr Zimmer. Dort lag ihr Handy, frisch aufgeladen. Riri hockte sich auf ihren Sitzsack. Schnell entsperrte sie das Handy und öffnete eine Seite, die sie schon lange gespeichert hatte.
„BEKANNTE PERSÖNLICHKEITEN NAMENS DOROTHEA“
Die fett gedruckten Buchstaben sprangen ihr entgegen. Riri seufzte leise. Es gab viel mehr bekannte Dorotheas, als man erwarten würde. Sie suchte jetzt seit fast einer ganzen Woche nach irgendwelchen Menschen, deren Persönlichkeit ihrer Dorothea ähnelte. Langsam lehnte sie sich gegen die Wand und scrollte runter bis zu der Stelle, sie letztes Mal stecken geblieben war.
Eine ganze Weile stach ihr niemand besonders ins Auge. Immer wieder blickte sie zur Uhr, um abzuschätzen, wie lange es noch dauern würde bis zum Essen.
Nach gefühlt 500 Namen stieß sie endlich wieder auf eine interessante Frau.
Dorothea Göldin (1734-1782), bekanntes Opfer der Hexenverfolgung
Riri öffnete den Link.
Dorothea Göldin war die letzte Frau, die wegen Verdacht auf Hexenaktivität angeklagt und hingerichtet wurde. Beisteher berichteten, dass sie, nachdem sie geköpft wurde und die Behörden gegangen waren, wieder aufgestanden sei und ihren Kopf aufgesetzt habe, indem sie ihn wieder auf ihren Hals schraubte.
Riri blickte ungläubig auf ihr Handy. Konnte das sein?
(Leicht gekürzter Text)
verfasst von Sima K. aus St. Gallen, 14 Jahre