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Giovanni Segantini (1858-1899) gehört zu den herausragenden europäischen Post-Impressionisten. Neben seinem Zeitgenossen Ferdinand Hodler ist er der grosse Maler der Schweizer Bergwelt. Vom Waisenkind aus ärmlichen Verhältnissen stieg er zu einem der berühmtesten und höchstbezahlten Künstler der Zeit auf. Die meisten seiner Werke wurden noch zu Lebzeiten oder kurz nach seinem Tod von internationalen Museen und Sammlern aufgekauft.
Ein aussergewöhnliches Leben hatte ihn von Mailand und der Brianza über Savognin ins Engadin nach Maloja geführt. Dem expatriierten Österreicher war seinerzeit wegen seiner Weigerung, der Militärpflicht nachzukommen, die Ausstellung eines Reisepasses verwehrt worden. Als Künstler zweifelhafter Staatszugehörigkeit gelang es ihm nicht, die italienische oder Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen. Dennoch war er zu Lebzeiten ein gefeierter Malerfürst. In Japan geniesst er seit den 1920er-Jahren fast kultische Verehrung. Derzeit widmet die Fondation Beyeler dem Künstler, dessen künstlerisches Wirken von der imposanten Bergwelt, der Natur und dem ländlichen Leben geprägt ist, eine prominente Ausstellung. Unter den rund 45 Gemälden und 30 Zeichnungen befinden sich viele selten oder bisher nie öffentlich gezeigte Werke.
Wegbereiter der Moderne
Die Ausstellung präsentiert Segantini als Wegbereiter der Moderne und setzt mit den beiden Werkgruppen seiner Jugendzeit ein, den Grossstadtszenen und Porträts, die während der Ausbildung an der Mailänder Kunstakademie Brera entstanden sind. Von 1881 bis 1886 lebte Segantini mit seiner Lebensgefährtin Bice Bugatti in der norditalienischen Seenlandschaft der Brianza. Hier schuf er in einem an Jean-François Millet geschulten Realismus seine ersten Meisterwerke, so etwa 1886 das berühmte Gemälde «Ave Maria a trasbordo» (Ave Maria bei der Überfahrt), in dem sich Religiosität und ländlicher Alltag vereinen. Zusammen mit dem «Alpentriptychon» gehört es lange Zeit zu den meistreproduzierten Werken der Kunstgeschichte.
Die nächste Lebensetappe führte die Familie zusammen mit ihren vier Kindern aus der Ebene in die Berge, nach Savognin (1886-1894), wo die ersten grossformatigen Gemälde der Schweizer Bergwelt in der Technik des Divisionismus entstanden. In Savognin gelangte Segantini von seinem dunkeltonigen Frühwerk zur Farbe und durch Farbzerlegung von reinen, meist horizontal geschichteten, komplementären Farbstreifen zu einer ungeheuren Lichtintensität.
1894 zog Segantini mit seiner Familie in das noch höher gelegene Maloja. Fasziniert vom ungebrochenen Licht der Hochgebirgswelt und der grossartigen Landschaft, gelangte Segantini in seinem Spätwerk zu neuen Ausdrucksformen und zu einer Farbigkeit, die jeglichen Naturalismus und die blosse Imitation der Natur hinter sich liess. Sämtliche Bilder der Maloja-Phase entstanden im Freien. Um seine riesigen, bis vier Meter langen Leinwände vor Witterungseinflüssen zu schützen, liess sich Segantini riesige Holzgestelle bauen, die ihm als Staffelei dienten. Seine Farben bewahrte er mit einem kleinen Ofen vor dem Erstarren. Das Exponieren in der Landschaft half ihm, seine Vision der Natur in Malerei umzusetzen. Viele Gemälde entstanden ohne vorbereitende Skizzen. Zu den bedeutenden Gemälden dieser Zeit zählt «Primavera sulle Alpi» von 1897, eine Allegorie des Frühlings.
Bergwelt als irdisches Paradies
Immer wieder erfuhr der Maler die Bergwelt als irdisches Paradies und seine Malerei wurde zunehmend lichterfüllter und abstrakter. Als eindrückliches Beispiel hierfür steht das Gemälde «Paesaggio alpino» von 1898/99. Den Höhepunkt seines Schaffens bildet das berühmte «Alpentriptychon» (1896-1899), das mit seinen programmatischen Titeln «Werden - Sein - Vergehen» die Menschen und Tiere in den harmonischen Kreislauf der Natur eingebettet zeigt. In der Ausstellung sind spektakulär gezeichnete Versionen dieses Triptychons zu sehen.