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Chinas wirtschaftlicher Aufstieg während der letzten Jahrzehnte ist enorm.[1] Inzwischen ist das Land die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Sein Nettoauslandsvermögen betrug im Jahr 2018 rund 2,1 Billionen Dollar. Damit liegt es nach Japan und Deutschland auf dem dritten Rang. Auch im internationalen Handel ist das Land ganz vorne mit dabei. China ist inzwischen der grösste Warenexporteur weltweit.
Trotzdem blieb die Wirkung Chinas auf die globalen Finanzmärkte bisher eher bescheiden. Verantwortlich dafür ist neben anderen Gründen hauptsächlich eine strenge Regulierung. Denn erst seit dem Jahr 2006 ist es grossen institutionellen Investoren erlaubt, in ausländische Finanzprodukte zu investieren – und auch das nur begrenzt: Einzelinvestoren können bis heute nicht in ausländische Finanzprodukte investieren. Liberalisierungsmassnahmen werden behutsam und nur schrittweise eingeführt, um abrupte Kapitalabflüsse zu vermeiden. Im Februar 2019 lag der Wert der bewilligten Investitionen total bei rund 100 Milliarden Dollar.
Bescheidene Renditen im In- und Ausland
Zwei Gründe sprechen für eine weitergehende Liberalisierung der Kapitalflüsse: Zum einen sind grosse Teile des Auslandsvermögens in Staatsanleihen angelegt und erwirtschaften daher nur eine bescheidene Rendite. Diese ist sogar niedriger als die Zinsen auf chinesische Staatspapiere. Daher musste China seit 2009 Nettokapitalverluste verbuchen. Eine Liberalisierung könnte die Zusammensetzung des chinesischen Auslandsvermögens ändern – hin zu etwas risikoreicheren Anlagen mit höheren Renditen.
Der zweite Grund, der für weitere Liberalisierungsschritte spricht, sind die grossen Anteile des Inlandsvermögens, die auf Bankkonten liegen. Auch diese werfen nur eine bescheidene Rendite ab, weil es unter anderem auch an geeigneten inländischen Finanzanlagen mangelt.
Die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse Chinas fanden in der Forschung bisher nur wenig Beachtung. Die Ökonomen Isha Agarwal, Grace Weishi Gu und Eswar Prasad von den kanadischen und amerikanischen Universitäten British Columbia, Santa Cruz und Cornell untersuchen, wie sich der Aufstieg Chinas auf die globalen Finanzmärkte auswirkt. Ihr Fokus liegt dabei nicht auf den Investitionen der chinesischen Zentralbank oder der Regierung – wie zum Beispiel bei der Belt-and-Road-Initiative –, sondern auf institutionellen Investoren, welche den Grossteil der Neuinvestitionen tätigen. Insbesondere sind die Forscher daran interessiert, in welchen Ländern und Sektoren China weltweit investiert.
Da China keine Daten zu Direkt- und Kapitalinvestitionen an den Internationalen Währungsfonds liefert, sind die Autoren darauf angewiesen, sich die notwendigen Daten von den Empfängerländern zu beschaffen. Ihr Datensatz umfasst Informationen zu den Auslandinvestitionen von 42 institutionellen Investoren aus China im Zeitraum von 2008 bis 2017.
Überinvestitionen in Hong Kong
In einem ersten Schritt untersuchen die Forscher, in welchen Ländern die chinesischen Investoren überproportional viel investieren. Dazu nutzen sie das Konzept der Überinvestition. Gemäss diesem Konzept wird jedes Land anhand seines Anteils an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung gewichtet. Fällt sein Anteil am chinesischen Investitionsvolumen grösser aus als sein Gewicht auf den Aktienmärkten, liegt eine Überinvestition vor (siehe Abbildung). Hong Kong beispielsweise erhält am meisten Überinvestitionen – etwa 23 Prozent mehr als die Sonderverwaltungszone aufgrund ihrer Marktgewichtung erhalten sollte. Auf der anderen Seite des Spektrums liegen die USA. Sie erhalten rund 21 Prozent weniger chinesische Investitionen als sie gemäss der Aktienmarktkapitalisierung erhalten sollten und sind damit das Land mit der grössten chinesischen Unterinvestition.
Über- und Unterinvestitionen chinesischer Investoren im Ausland
Anmerkung: Die Abbildung zeigt die zehn am stärksten über- bzw. untergewichteten Länder in den Portfolios chinesischer Investoren. Um die Über- und Unterinvestitionen zu berechnen, wird jedes Land anhand seines Anteils an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung gewichtet. Fällt sein Anteil am chinesischen Investitionsvolumen grösser aus als sein Gewicht auf den Aktienmärkten, liegt eine Überinvestition vor; andernfalls eine Unterinvestition.
Quelle: Agarwal et al. (2019), Abb. 8
Aus der Analyse wird deutlich, dass chinesische Investoren besonders viel in Entwicklungs- und Nachbarländer investieren. Weniger investieren sie in Industriestaaten sowie entfernte Länder. Die Wissenschaftler schätzen, dass eine gemeinsame Grenze die Überinvestitionen um rund 18 Prozentpunkte vergrössert, im Vergleich zu den Ländern, die keine Grenze mit China teilen. Zudem zeigen sie, dass China besonders stark in Ländern mit schwachen staatlichen Institutionen, wie Indien, Indonesien oder Thailand, investiert. Steigt zum Beispiel die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Sektors auf einer fünfstufigen Skala um eine Stufe, so sinken die Überinvestitionen um 13 Prozentpunkte.
Das bilaterale Handelsvolumen steigert die Investitionen ebenfalls: Nimmt der Handelsanteil am gesamten chinesischen Handelsvolumen um 1 Prozent zu, steigert dies die Überinvestitionen um 0,4 Prozent. Der Grund für diesen Effekt ist, dass zunehmender Handel auch das Wissen über den Handelspartner verbessert: etwa über die Sprache, die Bräuche oder die Regulierungen in einem Land. Dieses Wissen erleichtert weitere Finanzinvestitionen chinesischer Investoren in jenem Land.
Hochtechnologie: Chinas Fokus in Industrieländer
Agarwal und ihre Co-Autoren befassen sich auch damit, in welche Sektoren innerhalb eines Ziellandes investiert wird. Hierzu benützen sie erneut das Konzept der Überinvestition: Wenn der Investitionsanteil eines Sektors grösser ist als der Anteil an der nationalen Aktienmarktkapitalisierung, dann spricht man von einer Überinvestition in diesem Sektor. Die Analyse zeigt, dass chinesische Investoren übermässig in den Bau- und den Kommunikationssektor investieren, sowie in Entwicklungsländern auch in den Bergbau. Untergewichtet sind hingegen die Industrie und der Finanzsektor. Bei Investitionen in Industriestaaten ist der Hochtechnologiesektor deutlich übergewichtet, obwohl über alle Länder hinweg die chinesischen Investitionen in den Hochtechnologiesektor um 10 Prozent untergewichtet sind.
Wie kann man diese Beobachtungen erklären? Eine Hypothese der Forscher ist, dass institutionelle Investoren aus China im Ausland vor allem in jene Sektoren investieren, in denen China selbst wenig produktiv ist und einen komparativen Nachteil hat. Solche Sektoren also in denen China überproportional hohe Importe tätigt. Beispiele sind der Bergbau, die Entwicklung von Computersoftware oder Kommunikationstechnologie. Tatsächlich zeigt eine Schätzung , dass die Überinvestitionen in einem Sektor um 4,5 Prozent steigen, wenn der komparative Nachteil um einen Indexpunkt steigt. Zudem zeigen die Autoren, dass die Investitionen überproportional in jene Länder fliessen, die in den betreffenden Sektoren über einen komparativen Vorteil verfügen.
Diversifikation spielt eine wichtige Rolle. In China selber fliesst viel Kapital in Sektoren, in denen der Staat über einen komparativen Vorteil verfügt. Daher kann es sinnvoll sein, im Ausland in andere Sektoren zu investieren. Informationsvorteile sind eine weitere Erklärung für das Anlageverhalten. Denn ein steigendes bilaterales Handelsvolumen zieht auch höhere Investitionen nach sich. Die Investoren nutzen dabei die Informationen, welche sie mittels der Importe über diesen ausländischen Sektor erhalten. Keine bedeutende Rolle spielen bei den Anlageentscheidungen hingegen Renditeüberlegungen oder Lerneffekte, so die Studienautoren. Lerneffekte würden bedeuten, dass die Investitionen hauptsächlich dafür genutzt werden, um die einheimische Technologie zu verbessern.
- Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Agarwal, Gu und Prasad (2019).