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| Athenagoras (2. Jhd.) - Über die Auferstehung der Toten (De Resurrectione)

11.
Nachdem nun an der Hand dessen, was naturgemäß das erste ist, und dessen, was weiterhin daraus folgt, jeder einzelne Fragepunkt seine Erledigung gefunden hat, ist es klar geworden, daß die Auferweckung der aufgelösten Leiber ein Werk ist, das mit dem Willen und mit der Macht des Weltschöpfers vereinbar ist und keine Unangemessenheit für ihn einschließt. Denn durch die bisherigen Ausführungen wurde die gegenteilige Ansicht und das widersinnige Gerede der Ungläubigen als unhaltbar dargetan. Wozu soll ich noch reden von der Beziehung dieser drei Punkte aufeinander und von ihrer Übereinstimmung miteinander? Braucht man überhaupt von einer Übereinstimmung derselben zu reden, wie wenn sie irgendwie voneinander geschieden wären, statt einfach zu sagen, daß das Mögliche auch gewollt ist und daß das, was Gott will, auch in seiner Macht liegt und der Würde des Wollenden entspricht?
Daß die dogmatisch-spekulative Methode von der apologetischen verschieden ist, wurde schon eingangs genugsam hervorgehoben, ebenso worin der Unterschied besteht und wann und gegen welche Leute eine jede von beiden sich nützlich erweist. Nun steht vielleicht nichts im Wege, zum Zwecke gemeinsamer Vergewisserung und wegen des Zusammenhanges des bisher Gesagten mit dem noch übrigen nochmals mit diesen zwei Methoden und dem, was ihnen zukommt, zu beginnen. Der einen käme naturgemäß der Vorrang zu und die andere müßte ihr Trabantendienste leisten, den Weg vor ihr bahnen und alle Hindernisse und Widerstände beseitigen. Die dogmatisch-spekulative Methode ist [S. 352] nämlich schon deswegen die wichtigere, weil sie für alle Menschen zur Erlangung der Gewißheit und des Heiles ein notwendiges Mittel ist. Dies bringt schon die Natur der Sache mit sich, dann auch die Rangstellung dieser Methode und schließlich das praktische Bedürfnis. Die Natur der Sache bringt es mit sich, weil die dogmatisch-spekulative Methode den Sachverhalt eigentlich erst darlegt; ihre Rangstellung, weil sie in dem, was sie verkündigt, ganz aufgeht und damit zusammenfällt; das praktische Bedürfnis, weil sie dem Lernenden liebevoll Gewißheit und Heil vermittelt. Dagegen steht die apologetische Methode hinsichtlich der Natur der Sache und hinsichtlich der Wirkung der dogmatisch-spekulativen nach; denn die Widerlegung des Irrtums ist weniger als der Erweis der Wahrheit. Sie steht ihr auch nach in der Rangordnung; denn sie wendet ihre Spitze gegen falsche Meinungen; eine falsche Meinung ist aber nur das Produkt schlimmer Nachsaat oder verderblicher Nebenlehre. Aber trotzdem wird sie oft absichtlich vor der dogmatisch-spekulativen Methode angewandt und erweist sich unter Umständen als brauchbarer, insofern sie den Unglauben, der so manchen hinderlich ist, und bei Neulingen den Zweifel oder die falsche Meinung zerstört und beseitigt. Auch streben beide Methoden auf dasselbe Ziel hin; die Gottseligkeit ist das Ziel, das sowohl der Widerleger des Irrtums als der Lehrer der Wahrheit im Auge hat. Freilich sind sie nicht ganz und gar eines, sondern die eine ist, wie gesagt, für alle Gläubigen und für alle, die um die Wahrheit und um ihr eigenes Heil besorgt sind, notwendig, während die andere nur manchmal und manchen und gegen manche sich als brauchbarer erweist. Soviel also sei im allgemeinen vorausgeschickt, um schon Gesagtes noch einmal in Erinnerung zu bringen. Doch nun zu unserm eigentlichen Thema!
Es handelt sich jetzt darum, die Auferstehungslehre als wahr zu beweisen unmittelbar aus der Ursache, nach welcher und aus welcher der erste Mensch entstanden ist und seine Nachkommen, wenn letztere auch nicht auf die gleiche Weise entstanden sind, dann aus der allen Menschen als Menschen [S. 353] gemeinschaftlichen Natur, endlich aus dem Gerichte, welches der Schöpfer über die Menschen halten wird mit Berücksichtigung der Zeit, in der einer gelebt hat, und die Staatsgesetze, denen er als Bürger untertan sein mußte, so daß wohl niemand an der Gerechtigkeit dieses Gerichtes zweifeln kann.