Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/2377

Der Andenstaat am anderen Ende der Welt ist wieder in aller Munde. Bilder von Soldaten die durch Strassen marschieren und Polizisten die auf DemonstrantInnen schiessen, gehen um die Welt. Diese reagieren mit Aufrufen die Menschenrechte zu respektieren und verlangen ein Einstellen der Gewalt. Nur die Schweiz bleibt stumm.
20. Oktober 2019. Auf dem zentralen Platz in Santiago de Chile, der Plaza Italia, steht ein Soldat. In seiner Hand ein Sturmgewehr der Schweizer SIG. Neben ihm, ein paar Meter entfernt ein Panzer der MOWAG. Beide wurden vermutlich in den 80er Jahren – unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet – vom chilenischen Militär hergestellt. Die Geschichte beider Waffen erzählt viel über die Schweizer Waffenfabrikanten und die Rolle des Bundes in einer «schmutzigen» Beziehung. Diese begann in den 1960er Jahren und dauert bis heute an.
Exportförderung und Waffen erneuerung
Anfang der 1960er Jahre suchte das chilenische Militär einen Weg, seine Waffen zu erneuern. Auf ihrer Suche fanden sie die SIG und die MOWAG in der Schweiz. Die ersten Verkäufe fanden noch in den 60er Jahren statt und wurden vom Bund mit der Zusage einer Exportrisikogarantie im Falle eines Ausfalls der Zahlungen unterstützt. Bis 1971 verkauften beide Unternehmen, zusammen mit Oerlikon Bührle, laut Dokumenten aus dem Bundesarchiv Waffen und Munition im Wert von mindestens 46 Millionen Franken an den chilenischen Staat. 1973 putschte das Militär. Es war der Beginn einer der blutigsten Diktaturen in Lateinamerika. Der Bund hatte schon ab 1972, aufgrund der politischen Instabilität, ein Waffenembargo verhängt. Die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet begann nicht nur einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, sondern war kurz davor, Ende der 70er Jahre gegen Argentinien, Peru und Bolivien Krieg zu führen. Für all dies brauchte sie Waffen. Auch hier kamen Schweizer Waffenfirmen zu Hilfe. Nachdem der Bund mehrmals einen Export untersagte, verkauften beide Unternehmen Produktionslizenzen an die Waffenschmiede der chilenischen Streitkräfte. Ab Anfang der 80er Jahre begannen die Vorbereitungen für die Produktion beider Waffen. Im Fall der SIG ging dies so weit, dass Maschinen zur Fabrikation an den Andenstaat verkauft und regelmässig Militärs in der Fabrik in Neuhausen empfangen wurden. Während der 80er Jahre tobten heftige Proteste gegen die Diktatur. Gegen diese wurde das Militär eingesetzt. Dieses verwendete nun als Standardgewehr das SIG510 und das SIG540. Gleichzeitig fuhren die MOWAGPanzer durch die Strassen der Armenviertel. 1990 nahm erstmals wieder eine demokratische gewählte Regierung das Amtsgeschäft auf. Das Waffenembargo wurde am ersten Tag des Amtsantritts von Patricio Aylwin aufgehoben. Das chilenische Aussenministerium vermeldete einen sofortigen Anstieg der Waffenimporte aus der Schweiz. Innerhalb von fast 30 Jahren demokratisch gewählter Regierungen wurden wichtige soziale Reformen nicht durchgesetzt. Heute wurde gegen den Unmut der Bevölkerung wieder das Militär eingesetzt. Heute wie damals mit Schweizer Waffen.