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Das Hauptwerk Hardouin-Mansarts, in dem er freier seine Kunst bethätigen konnte, ist der Invalidendom (Fig. 636). Dieser wurde zwar an die bestehende St. Ludwigskirche angeschlossen, ist aber ganz selbständig; die Verbindung mit letzterer besteht nur darin, daß der Altar beiden gemeinsam ist. Der Dom ist ein Centralbau mit quadratischem Grundriß, vier mächtige (mit Durchgängen durchbrochene) im Kreis gestellte Pfeiler tragen die Kuppel, die eine doppelte Wölbung hat; die untere hat eine große kreisförmige Oeffnung, durch welche der Blick auf das zweite Gewölbe fällt, dessen Deckengemälde das Licht durch unterhalb unsichtbar angebrachte Fenster erhält, wodurch ein wirkungsvoller Eindruck von Lebendigkeit der gemalten Gestalten erzielt wird. In den Ecken des Quadrates liegen kreisrunde Kapellen, die kurzen, vom Mittelraume ausgehenden Schiffe der Kreuzarme sind mit Tonnengewölben gedeckt.
Das Aeußere wird durch die vollendet schöne, schwungvolle Linie der Kuppel beherrscht, die durch Gurten gegliedert ist und deren Laterne einen Spitzhelm trägt. Die Schauseite ist zweigeschossig gebildet und mit einem Giebel bekrönt. In der Vorderansicht erscheint der ganze Aufbau turmartig und dieses Aufstreben verleiht ihm etwas festlich-erhabenes, die Massen erscheinen bei aller Kraft leicht, die Formen sind fein durchgebildet, alle Verhältnisse in schönem Einklang.
Wohl läßt sich nachweisen, daß für alle diese Vorzüge Vorbilder in früheren Bauten sich finden, welche Hardouin-Mansart benutzt haben dürfte, daß er sie aber so glücklich zu vereinigen wußte, ist sein künstlerisches Verdienst. Sein Stil entsprach der französischen Auffassung von Schönheit und er blieb daher für das Aeußere der Bauten auf lange Zeit hin vorbildlich. So lange Ludwig XIV. lebte, blieb der von Hardouin-Mansart vermittelte «Ausgleich», den ich oben kennzeichnete, in Kraft. Mit dem Tode des «Sonnenkönigs» (1715) brach aber für Hof und Gesellschaft eine neue Zeit an, in der die überschäumende Lebenslust, die erregte Sinnlichkeit alle
^[Abb.: Fig. 641. Pantheon. Inneres.
Paris.] ¶
Schranken sprengten. Der stolze, auf Ruhm und Macht gerichtete Sinn, welcher die Kräfte des Volkstums und Staates anspornte, um die Größe Frankreichs zu begründen, die feierliche Würde, welche das Königtum als Vertreter dieser Größe zur Schau trug, die Hingabe aller Thatkraft an große Gedanken und Aufgaben, - das alles schwand dahin unter der Regentschaft des Herzogs Philipp von Orleans, eines Mannes von bedeutenden Geistesgaben, aber auch wüster Sittenlosigkeit. Die Thatkraft war immer noch vorhanden aber sie wurde verschwendet in Abenteuern und in zügellosem Lebensgenuß.
Diese üppige Sinnlichkeit, welche jetzt zur Herrschaft gelangte, verbarg sich unter den glatten Formen der vornehmen Wohlanständigkeit und weltmännischen Art, die unter Ludwig XIV. sich ausgebildet hatten, und dies machte die Sache noch schlimmer. Die ursprüngliche Natürlichkeit der Leidenschaften wurde ersetzt durch eine erkünstelte Verderbtheit, welche alles Sittliche zersetzte, die Unwahrhaftigkeit wurde zum Grundzug. Für die Geistesrichtung dieser Tage sind die Bilder Watteaus bezeichnend, aus denen die Lüsternheit spricht; diese zierlich bekleideten Schäferinnen sind oft schamloser als irgend eine unverhüllte Aphrodite.
Oppenort. Wenn der Maler Watteau auch keinen so unmittelbaren Einfluß auf die Baukunst übte wie der Maler Lebrun, so wirkten doch seine Auffassung und sein Geist nicht unerheblich ein, und der zünftige Vertreter der neuen Richtung erscheint ganz in dessen Bann.
^[Abb.: Fig. 642. Karlskirche in Antwerpen.] ¶