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Mai-Thu Perret bezieht sich in ihrem Schaffen auf Werke oder Ereignisse aus der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie interessiert sich besonders für jene Momente in der Geschichte, in denen künstlerische, private und gesellschaftliche Utopien aufeinanderprallen, ineinander übergehen und in ihrem Verhältnis zueinander diskutiert werden.
Sie liest beispielsweise Schriften der russischen Konstruktivisten, nimmt biografische Spuren auf und sucht in ihren eigenen Werken den Dialog mit Formen und künstlerischen Sprachen anderer Künstlerinnen und Künstler der Moderne. Sie schreibt Texte, die sich auf bestimmte historische Ereignisse oder künstlerische Zielsetzungen beziehen, nicht, um diese als kunstgeschichtliche Fakten darzustellen und inhaltlich zu vermitteln, sondern um im vorigen Jahrhundert unerfüllten Wünschen nachzugehen oder modernistische Vorstellungen noch einmal zu betrachten. Ihr Werk ist breit angelegt und umfasst Skulptur, Installation, Malerei, Grafik, Literatur und Design. Ihre Texte verwendet sie auf Drucksachen, zeigt sie aber auch in Ausstellungen. Im Unterschied zu den Künstlerinnen und Künstlern, auf die sie sich bezieht oder an deren Werk sie sich mit ihren Arbeiten wendet, arbeitet Mai-Thu Perret bevorzugt innerhalb des Kunstsystems. Die Welt, über die sie nachdenkt, für die sie Dinge entwirft und Bilder malt und die nach und nach in ihrem Werk Gestalt annimmt, ist eine Modellgesellschaft, die keinen Ort hat. Sie existiert nur als künstlerischer Entwurf und ist insofern eine echte Utopie. Mai-Thu Perret nährt ihre Arbeit indessen nicht nur aus der jüngeren Kulturgeschichte, sondern auch aus Beobachtungen und Erlebnissen, die sie von ihren zahlreichen Reisen mitbringt.
Das Bergdorf Amden, Ort einer gescheiterten gesellschaftlichen Utopie, bietet sich einer Künstlerin wie Mai-Thu Perret für ein Projekt geradezu an. Als Leitbild für ihre hier realisierte Installation wählte sie die Fotografie Innenraum eines Hauses in Oraibi (1896) des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, die auf seiner Reise zu den Pueblo-Indianern in New Mexico aufgenommen und von ihm in seinem berühmten Reisebericht1 wie folgt beschrieben wurde: »In dem Innenraum eines solchen Hauses hängen kleine Puppen, nicht etwa reine Spielzeug-Puppen, sondern sie hängen dort wie im katholischen Bauernhaus Heiligen-Figuren. Es sind sogenannte Katcina-Puppen, d. h. getreue Nachbildungen der Maskentänzer, wie sie als dämonische Vermittler zwischen Mensch und Natur bei den periodischen Festlichkeiten, die den Jahreskreislauf der Ackerbau-Stadien begleiten, auftauchen und zu den merkwürdigsten und eigentümlichsten Äusserungen dieser Bauern-und-Jäger Religiosität gehören. – An der Wand hängt als Symbol der eindringenden amerikanischen Kultur der Strohbesen – als Gegensatz zu diesen Puppen.« Entstanden ist in Amden eine Installation von grosser Poesie, bestehend aus drei grossen, frei von der Decke des Heubodens hängenden Tüchern, die als abstrakte Bilder wahrgenommen werden können, sowie drei Räucherkerzen, die Mai-Thu Perret aus Vietnam mitgebracht hatte, und die in der Ausstellung im Freien an der Aussenwand des Gadens hingen. Die Kerzen wurden während der Vernissage angezündet, und während sich die Tücher im Inneren der offenen Hütte im Wind bewegten, verbreitete sich der eigentümliche Duft der Räucherkerzen über die Bergwiesen.
– Roman Kurzmeyer
- Aby M. Warburg, Schlangenritual: Ein Reisebericht, Berlin 1988, pp. 13–14.