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Die Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein müssen weiter als einzige bundesweit die alten Rechtschreibregeln lernen. […] Nach der klaren Entscheidung aus Schleswig dürfte der Elmshorner kaum eine Chance haben, den Alleingang Schleswig-Holsteins gerichtlich zu stoppen. Den Anschluß an den Rest der Republik könnten die Schüler im Norden allerdings trotzdem Ende 2000 finden. Dann wird in Schleswig-Holstein der Erlaß im Schulgesetz, der mit dem Volksentscheid verfügt worden war, überprüft. Wird die Reform bis dahin nicht auch in anderen Bundesländern gekippt, dürfte Schleswig-Holstein zu den reformierten Regeln zurückkehren.
Aus presse und internet
30. 3. 1999
Der Pinneberger Jens Behrendsen, der für seine beiden Töchter Unterricht nach den neuen Rechtschreibregeln durchsetzen will, ist beim Verwaltungsgericht in Schleswig vorerst gescheitert. […] Sein Anwalt hat die Niederlage in Schleswig allerdings einkalkuliert. Er will, so sagte er schon bei der Ankündigung der Klage, durch alle Instanzen gehen, um den Weg zu einem neuen Urteil des Verfassungsgerichts frei zu machen.
Rechtschreibreform: Erlösung für das Geisterschiff; SZ vom 9. März. […] Deshalb wirkt es rührend, wenn sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nun anschicken will, das Gute an der neuen Rechtschreibung zu retten. Da soll also die einfache Regel, wonach nach kurzem Vokal "ss" und nach langem Vokal "s" oder "ß" steht (Nuss, aber Muse/Fuß), schon wieder durch eine Ausnahmeregelung bei "Mißstand" verkompliziert werden.
Die ss-Regelung, wohl ironisch das "Herzstück der Reform" genannt, geht von dem Irrtum aus, das "ß" sei ein eigener Buchstabe. Es ist jedoch eine typographische Ligatur für "ss" zur Verdeutlichung von Silben- und Wortende. Es konnte folglich immer um den Preis der Unübersichtlichkeit durch ss ersetzt werden. Wenn jetzt dem ss auch noch die Bezeichnung der Kürze des vorhergehenden Vokals aufgebürdet wird und die der Länge dem ß, wird dieses ein eigener, unentbehrlicher Buchstabe. Er kann bei Tastaturen; die diesen Buchstaben nicht enthalten, nicht mehr guten Gewissens durch ss ersetzt werden, da das dann ja die Aussprache verändert.
Wenn das "ß" kein buchstabe, sondern eine typografische ligatur ist, ist die sache ja einfach: Typografische regeln wie ligaturen werden in der volksschule nicht gelehrt.
Ob das "Geisterschiff" Rechtschreibreform durch den pragmatischen Kompromiß der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wirklich erlöst werden kann, erscheint mir fraglich. Beim "Herzstück der Reform" — die ß/ss-Problematik — soll die inkonsistente Schreibweise Mißstand anstelle von Missstand gelten, also eine klare Durchbrechung der Vermeidungsregel für drei gleiche aufeinanderfolgende Buchstaben (Schiff[f]ahrt). Im übrigen hat das Scheinproblem der Buchstabenligatur ß eine braune Vergangenheit.
Aber Studiendirektoren der Initiative "Wir Lehrer gegen die Rechtschreibreform" haben nachgewiesen, daß sich gerade durch die neue ss-Schreibung die Zahl der Rechtschreibfehler erhöht.
Der sogenannte "Rechtschreib-Rebell" Jens Berendsen aus Elmshorn (Kreis Pinneberg), der für seine Töchter den Schulunterricht nach reformierten Deutschregeln durchsetzen will, ist vor dem Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgericht gescheitert. Der Beschluß der Kammer sei bereits am 22. März gefaßt worden, sagte Gerichtssprecher Joachim Sorge.
29. 3. 1999
Voraussichtlich ab Mitte Mai wird in Berlin an rund 100 Auslegungsstellen ein Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform beginnen.
Sonst müßten wir womöglich demnächst hinnehmen, daß der Widerspruch gegen die Verordnung einer "multikulturellen" Regierung, Kopftuchzwang für Schülerinnen einzuführen, von den Gerichten als "unbegründet" zurückgewiesen wird?
28. 3. 1999
Es war keine gute Woche für die Berliner Gegner der Rechtschreibreform. Das Bundesverwaltungsgericht entschied am Mittwoch, die neuen Schreibregeln verletzen nicht die Grundrechte von Schülern und Eltern. Gernot Holstein, der Anführer des Reformwiderstandes in Berlin, ein 41jähriger Ex-Rockmusiker, Jurastudent und Vater von vier Kindern, will nun ganz Berlin gegen die Rechtschreibreform mobilisieren.
27. 3. 1999
Daß die Sprache einem ständigen Fluß und damit Wandel unterliegt, bestreitet kein Mensch; weit weniger Einigkeit herrscht über die Details dieses Prozesses. Dabei wäre ein Konsens in der Sache heute wünschenswerter denn je, weil nicht wenige Leute die Sprache derzeit auf einer abschüssigen Bahn sehen, einer Rutschbahn, die mit Schmiermitteln wie Rechtschreibreform, Anglisierung und Computerschlamperei ausgelegt ist und stante pede in den Verfall führt. Bei der 35. Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache (IDS) ging es in Mannheim um eines dieser möglicherweise fatalen Elemente, nämlich um die Wechselwirkung zwischen Sprache und neuen Medien.
26. 3. 1999
[…] Rangfolge der Dinge, die Kinder unbedingt in der Schule lernen sollten. Daß erstmals auf Platz eins — mit 73 Prozent — sehr gute Deutsch- beziehungsweise Rechtschreibkenntnisse stehen, ist dem Dauerkonflikt um die neue Rechtschreibung geschuldet.
Dabei waren sich befürworter und gegner doch in einem punkt einigermassen einig, nämlich in der hoffnung, die reform möge der überbewertung der rechtschreibung entgegenwirken. Haben wir hier vielleicht eine auswirkung zu vieler — eben in dieser absicht eingeführter — kann-regeln?
25. 3. 1999
Das Bundesverwaltungsgericht in Berlin hat am Mittwoch die Rechtschreibreform bestätigt.
Die Reform verletze die betroffenen Schüler nicht in ihren Grundrechten, befanden die Bundesrichter.
Gernot Holstein, Vater von vier Kindern und Streiter wider die Rechtschreibreform, gab sich als guter Verlierer: «Dann versuchen wir es eben mit einem Volksentscheid.»
Der 40jährige Spandauer will weiter das "ß" in Haß, Naß oder Faß retten. "Ich möchte verhindern, daß meine Kinder durch unsinnige, unlogische Regeln verwirrt werden", sagte Holstein. Lehrer hätten nach Ansicht des Vaters ebenfalls Probleme, zwischen alter und neuer Rechtschreibung zu unterscheiden. "Da wird die alte Schreibweise schon mal als Fehler angestrichen", so der 40jährige.
Die Verhandlung mit Schüler Randolf als Kläger — ein weiterer Versuch der Familie Holstein, die Rechtschreibreform für Berlin auszuhebeln (B.Z. berichtete), nachdem das Bundesverfassungsgericht schon im Vorjahr festgestellt hatte: Die Rechtschreibreform verletzt kein Grundrecht. "Aber vielleicht das Persönlichkeitsrecht des Schülers. Und deshalb steigen wir noch einmal in den Ring", philosophierte Jura-Professor Rolf Gröschner, der Anwalt von Randolf Holstein.
Nach dem Bundesverfassungsgericht hat auch das höchste deutsche Verwaltungsgericht die Rechtschreibreform gebilligt.
Lediglich in Niedersachsen laufe noch ein Gerichtsverfahren, in dem es um die Vereinbarkeit der Reform mit der Landesverfassung gehe.
Nach seinem Riesenerfolg gegen die Rechtschreibreform mußte sich der Familienvater Gernot Holstein (41) gestern vorm Bundesverwaltungsgericht geschlagen geben.
24. 3. 1999
Der prachtvolle Band […] eröffnet die vollständige Ausgabe von Meyers Briefen, die auf zwölf Bände angelegt ist und seine gesamte Korrespondenz erstmals ungekürzt zugänglich machen soll […]. Vor Anpassungen an die moderne Rechtschreibung werden die Leser bewahrt bleiben, denn dergleichen wäre bei einer historisch-kritischen Ausgabe ein Sakrileg. 1882 mußte Gottfried Keller andere Erfahrungen machen: "Mit einiger Schadenfreude" entdeckte er Inkonsequenzen im Druck von Meyers Gedichten und stellte genüßlich fest, "daß die neue Orthographie in Ansehung des Th im Druck in die Brüche gegangen ist". Zu den Wirrnissen der aktuellen Rechtschreibreform hätte er wohl einiges zu sagen gehabt.
Das Bundesverwaltungsgericht in Berlin will heute erstmals über die Rechtschreibreform verhandeln und dazu die Klage eines Berliner Grundschülers prüfen. […] Obwohl das Bundesverfassungsgericht die Reform bereits gebilligt hat, ist die jetzige Verhandlung notwendig. Aus Sicht des Klägers ist die höchstrichterliche Entscheidung des Verfassungsgerichts für seinen Fall nicht bindend, weil ihr landesschulgesetzliche Bestimmungen aus Schleswig-Holstein zugrunde gelegt worden seien. Außerdem sei es in Karlsruhe um die Grundrechte von Eltern gegangen, während es bei ihm auf die Grundrechte eines Schülers ankomme.
23. 3. 1999
Daß durch andere Schreibweisen ungefähr 800 Wörter aus dem Sprachschatz verschwinden, ist fatal. Ich glaube nicht, daß der Staat legitimiert ist, so etwas zu tun. Außerdem mutet man uns eine Teilwegnahme des Lautzeichens "Eszett" zu.
21. 3. 1999
Inzwischen sind mindestens 16 Wörterbücher erschienen — doch keins deckt sich mit dem anderen. […] Die bekanntesten «Zweifelsfälle» betreffen die neue vermehrte Getrenntschreibung. […] Dieser Wirrwar wäre zu vermeiden gewesen, wenn mit der Einführung der neuen Orthographie solange gewartet worden wäre, bis die Kommission selbst ein umfangreiches Wörterverzeichnis erarbeitet hätte.
Und wie ist es mit dem von der neuregelung nicht betroffenen "solange"? "Wer unter euch ohne sünde ist, der werfe den ersten stein auf sie." (Johannes 8, 7)
20. 3. 1999
Ich hab nur ein mikrigen brasilianishen pass, armer hund, aber Deutshland is für mich zu einer art zweiten heimat geworden.
Ein Schüler an einer Hamburger Lehranstalt bekäme auch nach der Rechtschreibreform dafür eine glatte Fünf, Verona Feldbusch hingegen wohl eine Menge Geld. Die Ex-Peep-Moderatorin hat die sprachliche Unkorrektheit mit dem Fernseh-Werbespot ("Da werden Sie geholfen") endgültig hoffähig gemacht.
Die Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" hat gestern eine neue Unterschriftensammlung gestartet.
Die neue Rechtschreibung erfreut sich in Österreich weiterhin breiter Ablehnung. […] Die Umfrage zeigt dennoch auch, daß die Zahl der Reformgegner sinkt. […] Der endgültige Durchbruch der Reform? Nur scheinbar. Denn wahrscheinlich wird keine demokratische Regierung je wieder an eine Rechtschreibreform auch nur denken. Das ist den zahllosen, in Deutschland immer noch nicht zur Ruhe gekommenen Bürgerinitiativen gegen "das politische Diktat" zu danken.
19. 3. 1999
Das IDS hat 700 Seiten im Internet und notiert 80 000 Zugriffe pro Monat. Zur heißen Phase der Rechtschreibreform waren es 120 000.
Fünfjahresplan […] Als krenender Abschlus wird dan ab dem finften Jar ales klein geschriben. jezt solte nimand mer schwirischkeiten mit dem richtischen schreiben haben, fileicht nur noch dijenischen, di frier ser fil gebifelt haben, um fom lerer eine gute note zu kasiren.
18. 3. 1999
Die neue Rechtschreibung ist von den Österreichern ungeliebt, dennoch wenden sie fast eine Million Menschen bereits an. Von den Anwendern machen das vier von zehn gegen ihre Überzeugung. Das ist das am Donnerstag veröffentlichte Ergebnis einer Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes "spectra".
Anscheinend wurde nur nach der liebe gefragt, nicht aber nach der schreibpraxis. Die meldung über die "repräsantativ ausgewählten Österreicher" lässt sie aber erahnen.
17. 3. 1999
James Last wird zu seinem 70. Geburtstag wieder richtig jung […] "Die Sprache der jungen Leute sei heute direkter und "wichtiger als jede Rechtschreibreform".
16. 3. 1999
Seit einiger Zeit sind die eidgenössischen Reformer mit einer liebevoll gestalteten Homepage im Internet präsent.
Die Berliner Rechtschreibreform-Gegner haben die erste Hürde auf dem Weg zu einem Volksentscheid genommen.
Was soll man von der Akademie für Sprache und Dichtung halten, die zunächst klare Voten gegen die Rechtschreibreform abgegeben, ja gar zum Boykott der reformierten Schreibweisen aufgerufen hatte, nun aber klein beigibt und die ss-Regelung gelten läßt? […] Der Mann (die Frau/das Kind) auf der Straße benötigt weder die Orthographie der Reformkommission noch die der Nachrichtenagenturen und auch nicht die der Akademie für Sprache und Dichtung. Er will ganz einfach weiterschreiben wie bisher.
Die Berliner Parteien zeigten sich gestern skeptisch. "Ich persönlich bin zwar kein glühender Verfechter der neuen Rechtschreibung", sagte Stefan Schlede, bildungspolitischer Sprecher der CDU. Jedoch glaube er nicht an einen Erfolg des Vereins. Auch Peter Schuster, schulpolitischer Sprecher der SPD, hält wenig vom Volksbegehren. "Das sind Nachhutgefechte. Weder pädagogisch noch politisch ist es sinnvoll, die Reform zurückzunehmen."
Was ist an folgendem Antrag auf Zulassung eines Volksbegehrens "nicht zulässig"? In das Bremische Schulgesetz soll ein Zusatz aufgenommen werden mit der Überschrift "Schutz der Sprache und Schrift": […]
Der Gymnasiallehrer und aktive Reformgegner Jürgen Brinkmann erzählt, daß der Verein "lawinenartig" die Unterschriften zusammenbekommen habe. Das zeige die große Zustimmung der Bevölkerung. Die Senatsinnenverwaltung dagegen ist skeptisch. Bei 3,4 Millionen Hauptstädtern sind 35.000 Unterschriften nicht so viel, sagt Andreas Schmidt von Puskas, Mitarbeiter der Innenverwaltung.
"Weggeschmissen wird nichts", berichtet Starzinger von der Magistratsdirektion, "alle Drucksorten, die auslaufen, werden ab heuer sukzessive auf den neuesten Stand gebracht." Bei der Gelegenheit werden auch alte Formulierungen — so wie die bereits entfernte "Mühewaltung" (Bemühung) — aus den Amtstexten gelöscht.
15. 3. 1999
In Bayern und Mecklenburg-Vorpommern steht die Aktion noch am Anfang. In beiden Ländern wurden erst etwa 5000 Unterschriften gesammelt. Dennoch äußerten sich die Initiatoren, die Rechtsanwältin Ute Bildstein in Stralsund und der Gemeindegärtner von Eching bei München, Wolfgang Lemitz, optimistisch. «Die Walze kommt ins Rollen,» sagt Lemitz.
Mit mehr als 30 000 Unterschriften liegt Berlin nach Schleswig-Holstein vor allen anderen Ländern, in denen Unterschriften für Volksbegehren gegen die neue Rechtschreibung gesammelt werden, weit an der Spitze.
13. 3. 1999
Nimmt man […] die ausserordentlich heftigen Auseinandersetzungen über die Rechtschreibereform beim Wort, dann sind die Deutschsprechenden lauter Sprachliebhaber, Sprachenthusiasten, ja Sprachfanatiker […], zumindest, was die Mysterien der Orthographie betrifft. Hält man sich indessen an den Umgang mit der Sprache, wie er in den meisten Medien geübt wird, so ist die deutsche Sprache ihren Sprechern und Schreibern, ihren Lesern und Hörern so gleichgültig wie nur weniges sonst, fortwährend verhunzt und verludert, ohne dass man das auch nur registrierte. Sprachkritik gibt es zwar hier und da (noch), aber keineswegs mit einem festen Platz im öffentlichen Bewusstsein und ohnehin meist folgenlos.
Weltweit widmen sich vielleicht hundert Forscher dem Studium der Geschichte der tibetischen Sprache. Einer dieser Experten, Roland Bielmeier, wohnt in Biel und lehrt an der Universität Bern. […] Die Frage, was ihn denn an seinem Fachgebiet besonders fasziniere, beantwortet er mit dem Hinweis, dass es die Methoden der vergleichenden Sprachwissenschaft erlauben, einen Blick zurück auf das Tibet des Jahres 700 zu werfen. […] in keiner andern Sprache findet man eine vergleichbare historische Tiefendimension wieder. Grund dafür ist, dass sich in der tibetischen Schrift die Orthographie in den letzten 1300 Jahren so gut wie nicht verändert hat. Während chinesische Schriftzeichen keinen Rückschluss auf die Aussprache eines Wortes zulassen, schrieb man in Tibet so, wie man sprach. Im Laufe der Zeit hat sich dann die gesprochene Sprache von der geschriebenen entfernt, ähnlich wie im Englischen, wo zwischen den Buchstaben und den Lauten bisweilen eine erhebliche Differenz bestehen kann […].
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung will den „Mißstand” behalten, gleichzeitig aber ein neues „Missgeschick” unter die Leute bringen. So geht es nämlich aus der Doppel-„s”-Regelung des Kompromißvorschlags zur Rechtschreibreform hervor, den die Akademie soeben eingebracht hat. […] Der faule Akademie-Kompromiß soll wohl nur dazu dienen, die Arrangeure (Kultusminister) und Profiteure (Verleger) der Rechtschreibreform zu beruhigen.
Jetzt, wo alles schon zu spät, die Verwirrung komplett ist, meldet sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zu Wort: „Sie bejaht die Reform, wendet sich aber im einzelnen gegen alle wichtigen Änderungen.” […] Aufgabe der Deutschen Akademie wäre es gewesen, bereits am Beginn der Rechtschreibdiskussion ein klares Nein auszusprechen und all das dilettantische Herumbasteln an der „alten” Schreibung […] zu untersagen.
12. 3. 1999
Dem Volksbegehren müßten dann innerhalb von zwei Monaten zehn Prozent der Wahlberechtigten in der Hauptstadt zustimmen, also rund 250 000 Bürger.
Die neue Rechtschreibung wird in den Schulen nach Einschätzung von Bildungsministerin Angelika Peter (SPD) "insgesamt gut angenommen". "Insbesondere an den Grundschulen hat sich bestätigt, daß die neuen Schreibweisen im wesentlichen leichter handhabbar und komplikationsloser zu erlernen sind", erklärte die Ministerin.
Die Akademie hat sich unnötig ins Bockshorn jagen lassen. Sie ist ihrem Mitglied Peter Eisenberg auf den Leim gegangen, der seit Jahren das Kunststück fertigbringt, die Rechtschreibreform entschieden abzulehnen und zugleich für absolut unvermeidbar zu erklären.
9. 3. 1999
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat sich mit der Vorlage eines Kompromissvorschlags um die Beilegung des Streits um die Rechtschreibreform bemüht.
"Der Entwurf ist unklar", haben die Juristen aus dem Justiz- und dem Bildungsressort in die Begründung der Ablehnung geschrieben, die der taz vorliegt. "Sein Wortlaut läßt in sich widersprüchliche Interpretationen zu." Für die Bevölkerung sei bei einer Abstimmung nicht klar, was gemeint ist.
Der Senat macht es sich einfach: Wie schon bei den letzten fünf eingeleiteten Volksbegehren wird der Wille nach Volksabstimmung dem Staatsgerichtshof übergeben - zur endgültigen Beerdigung. […] Dabei hätte man in Bremen keine Angst vor einigen Sprach-Konservativen haben zu müssen.
8. 3. 1999
Der Darmstädter «Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie» ist kein grosser Wurf, kein neues Regelwerk - aber ein solches darf das Papier auch nicht formulieren, wenn es die reformierte amtliche Vorgabe prinzipiell akzeptiert. Statt dessen atmet das Konzept den Geist des pragmatischen Minimalismus: Besinnung auf den eingewurzelten Schreibusus; Liberalität der Verwendung alternativer Schreibweisen; Skepsis gegen das Unternehmen, für alle sprachlichen Feinheiten Regeln zu finden. […] Inmitten der zwischen Reformgegnern und Befürwortern hoffnungslos verhärteten Fronten sitzt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit ihrem Papier wie zwischen allen Stühlen. Ihr «Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie» ist eine Friedensofferte. Absehbar ist indessen, dass die Fundamentalisten hüben wie drüben dem (An-)Gebot der Stunde nicht willfahren werden.
Jetzt endlich legt die Darmstädter Akademie ihren "Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie" vor. […] Die Einwände gegen die Reform sind tatsächlich nicht gravierend, aber durchaus bedenkenswert. Das sieht ganz nach einer möglichen Versöhnung aus.
Noch im letzten Sommer hatte Akademie-Präsident Christian Meier 30 prominente Autoren für den Boykott der Reform zusammengetrommelt (SPIEGEL 31/1998); seitdem ist man pragmatischer geworden.
7. 3. 1999
Die Schule sei Schuld, daß die Aufsätze immer schlechter würden, ereiferte sich ein Lehrer […]. Frank-Cyrus hofft, daß sich dies im Zuge der Rechtschreibreform ändern werde: »Orthographie wird zugunsten von Stil und Ausdruck vielleicht künftig nicht mehr so wichtig genommen«, erklärte sie.
6. 3. 1999
Leider richtet sich die sogenannte Rechtschreibreform nicht nach solchem Bemühen, im Gegenteil: Sie ist für reichlich nebulose Schreibweisen, wie beispielsweise "Teeersatz"; man probiert es zunächst mit "Teer", und erst nach längerem Knobeln kommt man zur beabsichtigten Bedeutung "Tee-Ersatz". Nun war allerdings den Rabenvätern der "Reform" bei dieser Vernebelungstaktik doch nicht ganz wohl, denn in der letzten Fassung heißt es, auch die Schreibweise "Tee-Ersatz" (oder Zoo-Orchester, Ballett-Truppe usw.) sei "erlaubt".
= Arens, Roman: Aus Rom. Hart oder weich? Das ist die Frage. Basler Zeitung, 5. 3. 1999
5. 3. 1999
Spagetti!? Italiener kringeln sich vor Lachen wie die berühmten Nudeln um die Gabel, wenn sie von den Möglichkeiten neudeutscher Rechtschreibung hören. Nun verwenden sie in ihrer Orthografie das ungewohnte «h» schon so sparsam wie Salz im Nudelteig; da wird ihnen nördlich der Alpen auch noch das germanisch anmutende Schriftzeichen aus den Spaghetti gestrichen. Spagetti aber sind phonetisch ungeniessbar, für Italiener liest sich das Unverdauliche wie «spadschetti». So matschig wie dieses Wort würde niemand zwischen Brenner und Ätna seine Pasta verzehren.
Bei allem respekt vor unseren südlichen nachbarn ist festzuhalten, dass sie die spagetti nicht erfunden haben, weshalb wir sie so schreiben, wie man in unserer sprache schreibt. (Und selbst wenn …)
Peter und Klaus Ensikat: Das A steht vorn im Alphabet. LeiV-Verlag. — Der Autor spielt mit den Ungereimtheiten der Orthographie ("Und warum schreibt der Vogel Pfau sich mit Pf und nicht mit V?"), nimmt sich deutschsprachige Eigenarten vor ("Das H ist deutsch bis auf die Knochen, denn anderwo wird's nicht gesprochen.") oder liefert ironische Kommentare auf die Rechtschreibreform ("Wieso sind Filosofen dümmer und weshalb Katastrofen schlimmer, schreibt man sie konsekwent mit F?").
Nein, wir wollen und können es nicht leugnen: Wir haben ihn uns gewünscht, ihn gefordert und herbeigeschrieben, den Staatsminister für Kultur. […] Gewiß, es gab und gibt die Kultusminister der Länder. Die hatten sich vor allem um die Belange von Schule und Hochschule, um Lehrpläne und Rechtschreibreform zu kümmern, und deshalb keine Zeit mehr für die Kultur.
4. 3. 1999
So kann auch das kleinste Bundesland per Veto dafür sorgen, daß alles beim alten bleibt. Also einigen sich die Kultusminister lieber auf die kleinste gemeinsame Schnittmenge – oder es geschieht nach langen Verhandlungen nichts. Oberstufenreform, Studienzeiten, Abitur nach zwölf oder dreizehn Schuljahren – und besonders der zähe Zank um die Rechtschreibreform: Themen, welche die KMK lange verschleppt und mit denen sie sich viel Unmut eingetragen hat. Das zentralistische Frankreich habe mehr Spielräume in der Bildungspolitik als die Bundesrepublik, wird auch innerhalb der Konferenz gelästert.
Bertelsmann versuche, so Dräger, die Marktführerschaft des Duden anzugreifen. Inzwischen habe der Preisbindungshänder der Verlage, Rechtsanwalt Dieter Wallenfels, Klage gegen derartige "marktverstopfende Werbemaßnahmen" angekündigt. Auch der Dudenverlag hat bekanntgegeben, er wolle vor Gericht ziehen.
Er könne auf vielfältige Art den Abend beenden: "Zum einen könnte ich den Raum fluten lassen - was sich in diesem Räumlichkeiten anbietet. Oder ich könnte mit Sprengstoff arbeiten. Aber ich habe mich für ein Lied entschieden, ein Lied als Versuch einer Antwort auf die Rechtschreibreform." Sprachs mit todernstem Gesichtsausdruck, hängte sich die Gitarre um und legte zum Abschlußakkord los: "Zum letzten Mal greif ich zu die Gitarre - zum letzten Mal mach' ich dich die Hof. Jetzt halt dir fest, es kommt ja noch die beste: Es lebe Schleswig Holstein!"
Zu: "Etwas noch wohl Schmeckenderes"; Welt vom 23. Februar. […] Vor allem zeigt sich wieder, wie schwach und unausgereift die Reformvorschläge sind, welche Verwirrung sie stiften — das heißt wie unhaltbar sie sind.
3. 3. 1999
Mit Transparent und Listen zogen die Gegner der neuen Rechtschreibung in den letzten Tagen durch die Stadt. […] "Unser größtes Problem ist, daß die Leute glauben, die Entscheidung sei ohnehin gefallen, die Lage unveränderbar. Jeder zweite sagt uns, wir seien zu spät."
2. 3. 1999
Als Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder machte er sich bundesweit einen Namen — allerdings mehr durch Stellungnahmen zur Rechtschreibreform als durch die geplanten Reformvorstöße zur beruflichen Bildung. Auch die neuen Schreibregeln hätten den Wahlerfolg nicht verhindern können, scherzt der Kultusminister.
Zu: "Etwas noch wohl Schmeckenderes"; Welt vom 23. Februar. […] Wo in aller Welt ist das Viertel verborgen, das es nicht verdient hätte, über Bord geworfen zu werden?
Nachdem das Duden-Monopol gebrochen wurde, benehmen sich nun auch die Nachrichtenagenturen wie Wettbewerber in einer freien Marktwirtschaft. Ohne Legitimation verwenden sie die Wörter wie eine herrenlose, allgemein verfügbare Ware. […] Im Gegensatz zur Politik geht es aber in der Sprachwissenschaft bei Problemlösungen nicht um Kompromisse, sondern es sollte kompromißlos um die Erkenntnis gehen, ob etwas richtig oder falsch ist.
Zur legitimation: Gehört die sprache nun dem volk oder nicht? Die agenturen sind ja mindestens ein teil des volks. (Materiell halten wir es allerdings nicht für eine gute idee, die neuregelung nur teilweise zu übernehmen.) — Zum satz "Im Gegensatz zur Politik . . .": Ein schöner satz eines idealisten; so schön, dass wir ihn innerhalb unseres bundes schon oft gehört haben. Er wird gebraucht von leuten, die politik und justiz aus der reformdiskussion heraushalten wollen. Zu ihnen gehören die deutschen reformgegner aber ganz sicher nicht.