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Béla Szedlák
Die Entwicklung des solistischen Kontrabasses im XX. Jahrhundert ist wohl von keiner Person auf so vielfältige Weise und mit so unermüdlicher, leidenschaftlichen Hingabe geprägt worden wie von Lajos Montág.
Der Visionär
Der 1906 in Ungarn geborene Kontrabassist verpflichtete sich einer Vision: Der Kontrabass ist ein Soloinstrument!
Das war damals keineswegs selbstverständlich. Es fehlte an zeitgemässer Sololiteratur, an Methoden, Material, aber vor allem an Bewusstsein bei den Bassisten, Komponisten, Dirigenten, Kritikern und schliesslich auch beim Publikum. Das zu ändern hatte Montág sich als Lebensziel gesetzt.
Der Initiant
Montág erkannte, dass eine internationale Zusammenarbeit von vielen gleichgesinnten, ambitionierten Bassisten nötig war.
Er begann, ein weltweites „Bassisten-Netz“ mit den wichtigsten Solisten und Pädagogen, Sammlern und Forschern aufzubauen. Mit den Jahren entstanden in seiner Mansardenwohnung in Budapest eine wahre bassistische Datenbank und ein Forum der Kontrabasswelt.
Durch Montágs unermüdliches Insistieren entstanden in einem Zeitraum von 60 Jahren aus der Feder von ungarischen Komponisten 250 Originalstücke für Kontrabass, darunter auch die erste Solosonate der Bassliteratur von Sándor Jemnitz 1935. Montág war Mitinitiator des ersten Internationalen Kontrabasswettbewerbs in Genf im Jahre 1969.
Der Forscher
Aus seiner Forschungstätigkeit entstanden zwischen 1951-1962 ein Kontrabass-Lexikon, ein dreibändiges Kontrabassbuch und ein Literaturverzeichnis, sowie eine Arbeit über Serge Koussevitzky, als dieser noch seine Solokarriere als Kontrabassist verfolgte.
Auf dem Gebiet Bassbau stand Montág mit allen namhaften Kontrabassbauern wie Rubner, Wilfer, Pölmann, Mayer in intensiver Verbindung.
Der Pädagoge
Montág war ein wichtiger Vertreter und dritter Erneuerer der sogenannten Prager Schule. Sein in 7 Bänden verfasstes Methodisches Werk (Editio Musica Budapest) traf auf eine weltweite Anerkennung. Zu seiner sehr gut strukturierten Schule, die alle musikalischen Anforderungen seiner Zeit gründlich behandelt, liess er entsprechende Sololiteratur in vier Sammelbänden unter dem Titel „Werke ungarischer Komponisten“ erscheinen. (EMB)
Der Komponist
Seine kurzen und pointierten Charakter-Stücke erzählen mit virtuosem Schwung und Humor von Hoffnung, Enttäuschung, Leidenschaft und zeugen von einer eigenständigen musikalischen Sprache. In seinem „Mikrokonzert“ lässt er auf sehr wirkungsvolle Weise alle bassistischen Spielmöglichkeiten geistreich in Miniaturform einfliessen.
Der Interpret
Montágs solistisches Wirken ist vor allem im Zeichen seiner Vision geschehen. Sein jährliches Solorezital war in der Regel mit zwei bis drei Uraufführungen bereichert. Seine Botschaft war, dass man gute Musik für den Bass schreiben und den Bass so spielen könne, wie jedes andere Streichinstrument auch. Ein solistischer Kontrabass, dies war seine Überzeugung, sei eine wirkliche Bereicherung der Konzertprogramme. Seine Reisen führten nach Wien, Paris, Dresden, Prag, Salzburg. Anlässlich eines Solorezitals von Montág in Dresden 1965 schrieb die „Sächsische Neue Nachrichten“: „Ein schwindelerregender Gipfel der Virtuosität erklingt durch Lajos Montág in seinem eigenen Mikrokonzert von 1961. Die Hörer jubelten vor Begeisterung.“
Das Archiv
Das durch unermüdliches, systematisches Sammeln entstandene Archiv von Montág umfasst mehrere tausend Briefe und ca. 3000 Musikstücke. Nebst methodischen Werken und Kammermusikstücken sind es ca. 2000 Originalkompositionen für Kontrabass und Klavier.
Einen wesentlichen und höchst interessanten Teil dieser Sammlung bilden die Werke der ungarischen Komponisten. Er besteht aus zum grossen Teil unveröffentlichten Manuskripten. Die meisten von ihnen sind auf Initiative von Montág entstanden und oft ihm gewidmet.
Die Umstände
Montágs Arbeit wurde durch verschiedene Umstände zum Teil erheblich erschwert, zum Teil verunmöglicht. Die Zeit und der Ort,
in die er geboren wurde, waren ständig von umfassenden Veränderungen erschüttert: Zwei Weltkriege, die Revolution von 1956 und dazwischen verschiedene diktatorische Regierungen.
Seine Briefwechsel wurden zuerst von den Nationalsozialisten, später von den Kommunisten kontrolliert. Seine Reisefreiheit war Jahrzehnte lang massiv eingeschränkt. Er war nicht interessiert an der Politik und er war auch recht ungeschickt, sich in einer Diktatur möglichst „richtig“ zu verhalten. Sein einziger Wunsch, in Ruhe zu arbeiten, wurde ihm höchst selten erfüllt. Die bittere Bilanz seines Schaffens ist, dass das Kontrabass-Lexikon, das Kontrabassbuch und das Literaturverzeichnis unveröffentlicht blieben. All diese Werke existieren bis heute nur als Manuskripte. Von seinen eigenen 12 Kompositionen wurden nur 2 veröffentlicht, von den gesammelten Notenmanuskripten konnte er nur ca. 1/5 veröffentlichen.
Lajos Montág und Bern
Lajos Montágs Bezug zu Bern geht in die 30er Jahre zurück. So wie er weltweit zu den führenden Bassisten einen Kontakt pflegte, so war er mit dem damaligen Solokontrabassisten des Berner Symphonieorchesters Ludwig Ammon in regem Briefwechsel.
Ab 1980 fanden auf Initiative von Béla Szedlák mehrere Meisterkurse am Konservatorium Bern mit ihm statt. Montág besuchte bei dieser Gelegenheit auch zwei alte Freunde in Bern. Es waren der Dirigent Antal Dorati, mit dem er noch in Budapest in der Oper zusammen gespielt hatte und Sándor Veress. Veress und Montág hatten sich in Kolozsvàr kennengelernt. Veress versprach ihm damals, ein Solostück für Kontrabass zu schreiben. Nach mehr als 40 Jahren erhielt Montág das Stück mit dem Titel „Memento“ für Viola und Kontrabass mit der Zuschrift: „Für Lajos Montág in alter Freundschaft, erinnernd an das Versprechen von Kolozsvár.“ Montág war mehrere Male in Bern, hier fühlte er sich wohl. Die geordneten, sicheren Verhältnisse und die Ruhe, die er hier angetroffen hatte, machten ihn ganz glücklich.
1993 entschloss sich Montág, seine Sammlung und sein Instrument Béla Szedlák anzuvertrauen. Seit dieser Zeit befindet sich sein einmaliges Archiv in Bern.
Am 25. Januar 1997 ist Lajos Montág im Alter von 91 Jahren in Budapest gestorben.
„Lulu“ wie ihn seine Kollegen nannten, „Lulu bácsi“ Onkel Lulu wie seine Schüler ihn nannten (wenn er anwesend war), „az öreg“ der Alte
(wenn er nicht anwesend war), „der Grossvater des Kontrabasses“ wie ihn Leonard Bernstein nannte, „Fritz Kreisler des Kontrabasses“ wie ihn die Kritiker nannten: Lajos Montág hatte viele Gesichter. Die Basswelt hat mit ihm einen wichtigen Botschafter verloren. Wir gedenken im Jahr 2017 seines 20. Todestages.