Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/2346

von Angela Meier –
Angenommen, du gehst an die Premiere eines Dokumentarfilmes, in dem du als Protagonist/in vorkommst. Du erscheinst auf der Leinwand, gibst etwas von deiner Person preis. Angenommen, das Publikum rund um dich herum lacht, wenn es dich auf der Leinwand sieht. Wie fühlst du dich?
Der Dokumentarfim Mürners Universum (2010) von Jonas Meier ist nicht nur ein Porträt des Schweizer Pensionärs und Ufologen Erwin Mürner, sondern lässt den Zuschauer auch die Entstehung eines Filmes von Mürner miterleben, der die Landung eines Ufos im Pfäffikersees inszeniert. Ein Ereignis, das er, so Mürner, vor Jahren mit eigenen Augen gesehen habe. Thomas Wyss schrieb in einer Rezension für den Tages-Anzeiger, er habe während der Visionierung irgendwann das Wort «Spinner» in seinen Notizblock gekritzelt und ein «freundliches Fragezeichen» dahinter gesetzt. Die Bezeichnung «Spinner» trifft es vortrefflich – aufgrund der Darstellung von Mürners «Universum», darunter etwa ein Luftbefeuchter, der zur fliegenden Untertasse modelliert wurde, kann der Eindruck entstehen, der Regisseur gebe Mürner dem Gelächter des Publikums preis. Dass der Film unfertig und gebastelt wirkt, gibt diesem Eindruck noch Vorschub.
«Die spinnen doch!», das kann man sich auch angesichts von Frau und Herr Burkhardt denken, den Eltern von Florian Burkhardt, Protagonist in Electro Boy (2014) von Marcel Gisler. Gisler hat sich bei dieser Geschichte bewusst gegen den Spielfilm und für den Dokumentarfilm entschieden. Er erzählt die Biografie eines Mannes, welche das Publikum eines Spielfilms dem Erzähler so kaum abnehmen würde: Florian Burkhardt alias Electro Boy wollte nach Lehrerdiplom und Snowboardkarriere in Hollywood als Schauspieler durchstarten und wurde stattdessen als Model entdeckt. Nach einem Abstecher im Bereich des Webdesigns und als Technoparty-Veranstalter trifft ihn die Diagnose Angststörung. Erzählt wird aus der Sicht des Protagonisten, und sobald die Eltern ins Bild kommen, wirkt es, als ob sie die Schuld an der Krankheit des Sohnes träfe. Es folgen Szenen mit den Eltern, welche diese als Unmenschen erscheinen lassen, die dem Jungen durch Regeln des Glaubens, des Rechtdenkens und des Anstandes Gewalt antaten. Die Mutter befreit sich aus diesem Gefängnis namens Familie, indem sie sich von ihrem Mann trennt und in einem Altersheim zurückgezogen zu ihrem Glück zurückfindet. An diesem Punkt tritt das Filmteam selber ins Bild, die Familienkonstellation nimmt nochmals an Absurdität zu und man fragt sich: Muss das sein?
In anderer Weise erscheint ein Elternpaar in Peter Liechtis Vaters Garten (2013), wobei es sich in diesem Dokumentarfilm um die Eltern des Autors handelt. Auch hier geht es um das kleinbürgerliche und religiös geprägte Leben von Menschen einer anderen Generation. Auch hier stellt sich die Frage, wo die Grenze der Entblössung überschritten ist. Ist es für den Zuschauer von Belang, ob im Garten des Vaters Blume an Blume und Strauch an Strauch wächst? Zwei Sichten stehen im Raum: Die Eltern von Liechti wollten sich ins beste Licht rücken, was zu einem «Unwohlsein» bei Liechti führte, der dem immer wieder zuwiderhandeln musste, «um sie meiner Meinung nach ins richtige Licht zu rücken», so Liechti in einem Artikel von Christoph Egger in der NZZ.
Das «richtige» und das «beste» Licht stehen grundsätzlich miteinander im Widerspruch. «You’ve got to tell us more than what a man did. You’ve got to tell us what he was» fordert im Film Citizen Kane (1941) der Zeitungsherausgeber den Reporter Thompson auf, der die Biografie und die Persönlichkeit von Charles Foster Kane rekonstruieren soll. Dieselbe Aufforderung kann an jeden Film mit Porträt-Anspruch gerichtet werden: Um aufzeigen zu können, wie eine Figur tickt, werden diejenigen ihrer Eigenschaften – seien es gute oder schlechte – hervorgehoben, die diesem Anspruch am besten dienen. Es ist die Kunst des Regisseurs, diese Mehrdimensionalität so zu zeichnen, dass der Zuschauer sich emotional in die Figur hineinfühlen kann. Zudem lernen wir als Zuschauer erst durch die Interaktion mit Nebenfiguren die unterschiedlichen Seiten der Persönlichkeit des Protagonisten kennen, wie etwa die von Florian, indem die Beziehung zu seinem Elternhaus im Film aufgearbeitet und aufgezeigt wird. Dadurch ist es legitim, einen Protagonisten wie die Eltern von Liechti oder die Nebenfiguren wie die Eltern von Florian in einem nicht nur günstigen Licht darzustellen. Denn diese Eigenschaften einer Figur, die teilweise beim Zuschauer anecken, sind für das Verstehen (und «Spannend-Finden») einer Geschichte u.U. zentral.
Wo und wann sind Mitgefühl, Fremdschämen, aber auch andere Gefühle der Zuschauerin im Sinne des jeweiligen Films und des Film-Erlebens? Das sind zentrale Fragen, die sich die Macher/innen wie die Zuschauer/innen stellen müssen. Nicht nur der/die Regisseur trifft die Entscheidung, mit welchen Eigenschaften eine Figur geschmückt und wie sie dargestellt wird, sondern auch die Cutterin beispielsweise lenkt anhand des Schnitts in die gewünschte Richtung. Dass eine Darstellung einer Figur nicht immer die Realität bedeutet, muss ich mir als Zuschauer/in ohnehin bewusst sein.
Um die Grenzen der Entblössung nicht zu überschreiten, plädiere ich für einen respektvollen Umgang mit den Figuren, sei es als Filmemacher/in oder auch als Journalist/in. Jonas Meier wie auch Peter Liechti ist dies in den besprochenen Filmen gelungen, denn es gibt darin keinen Voyeurismus, und keine der Figuren wird den Gefühlen der Irritation im Publikum preisgegeben. Und das spannende Porträt des Electro Boys hat Marcel Gisler durch die schwierige Familiengeschichte und die Darstellung der Eltern erst spannend gemacht.
Angela Meier studiert im Master Kulturpublizistik.
Dieser Beitrag ist ein Produkt von metareporter, einem Projekt des Magazins REPORTAGEN und der Plattform Kulturpublizistik. Die Autor/innen von metareporter sind Studierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK.