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«Einige Arten in unseren Feuchtgebieten sind ausgestorben»
Aurèle Duffey
Aurèle Duffey
Aurèle Duffey
Aurèle Duffey
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Aurèle Duffey
Aurèle Duffey
Aurèle Duffey
Von hinten kommt der Kuhreiher mit tapsigen Schritten angerannt. Osiris bemerkt ihn nicht. Dann steht der weisse Vogel mit dem gelben Schnabel vor ihm und schnappt sich geschickt die Fliegen, die vor seiner Nase rumtanzen. Auf einer Insel unweit vom Ort des Geschehens stochert derweil ein Heiliger Ibis im Kies nach Nahrung. Osiris ist aber kein ägyptischer Gott, sondern ein junges Rind, das gemeinsam mit seiner Herde über die Weide bummelt.
Sein Name ist auf seiner Ohrmarke vermerkt. Und wir befinden uns trotz der Anwesenheit zweier vornehmlich afrikanischer Vogelarten auch nicht am Nil, sondern am Neuenburgersee. Genauer gesagt im Fanel, auf der Berner Seite des Broyekanals. Gemeinsam mit den ausgedehnten Schilfröhrichtflächen und Flachwasserzonen am gesamten Südufer des Sees bildet es die Grande Cariçaie, das grösste Feuchtgebiet der Schweiz.
Winterquartier und Rastplatz
Als solches kommt ihm eine grosse nationale und internationale Bedeutung zu. Denn es bietet einerseits vielen einheimischen Pflanzen- und Tierarten einen Zufluchtsort, die an feuchte Lebensräume gebunden sind und sonst fast nirgends mehr gedeihen können. Schätzungen zufolge leben etwa 1000 Pflanzen- und 10 000 Tierarten in der Grande Cariçaie – ein Viertel der Schweizer Flora und Fauna.
Andererseits spielt die Grande Cariçaie auch eine wichtige Rolle als Winterquartier für Wasservögel und als Rastplatz für Zugvögel. Letztere sind auf ihrer langen Reise darauf angewiesen, in intakten Feuchtgebieten ihre Energiereserven wieder auftanken zu können. Unter ihnen tummelt sich auf den Inseln des Fanels heute beispielsweise ein Grünschenkel und ein Trupp Grosser Brachvögel, die ihre klangvollen Rufe ertönen lassen. Auch den Kuhreihern und dem Heiligen Ibis, deren Verbreitungsgebiet normalerweise südlicher liegt, gefällt es im Fanel ausgezeichnet, wenn sie sich dann doch einmal in der Schweiz blicken lassen.
Damit das auch so bleibt, bedarf das Feuchtgebiet menschlicher Pflege. Dafür zuständig ist unter anderem Paul Mosimann-Kampe von der Berner Ala, der bernischen Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz. Zudem übernimmt der Kanton Bern selbst Teile der Arbeit, während in den angrenzenden Kantonen Waadt und Freiburg liegenden Gebieten die Association de la Grande Cariçaie verantwortlich ist.
«Würden wir hier nicht eingreifen, wäre hier alles im Nu von Neophyten überwuchert», erklärt Mosimann, der gerade mit einer schweren Handmähmaschine auf dem sogenannten Scherbenweg unterwegs ist. Der heisst so, weil im Untergrund tatsächlich Tausende Scherben liegen. Hier und da gucken sie aus der Erde hervor. Das Fanel diente nämlich viele Jahrzehnte lang als Mülldeponie der Stadt Bern. «Eigentlich sollte die ganze Bucht und die heutige Kernzone zugeschüttet werden», erzählt der Biologe. Dem Einsatz der Vorläufer der Berner Ala ist es zu verdanken, dass dies nicht geschah. Seit den 1950er-Jahren steht das Gebiet unter Naturschutz. 1976 wurde es zum ersten Schweizer Ramsar-Objekt erkoren (siehe Box).
Das «Übereinkommen über Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung, insbesondere als Lebensraum für Wat- und Wasservögel», beschlossen 1971 in Ramsar, Iran, ist eines der ältesten Naturschutzabkommen der Welt. Der völkerrechtliche Vertrag soll den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Feuchtgebieten sicherstellen. Die Schweiz ratifizierte die Ramsar-Konvention 1975 und schied seither 11 Ramsar-Gebiete aus, die zusammen 0,2 Prozent der Landesfläche umfassen.
«Über 90 Prozent der Schweizer Feuchtgebiete sind verschwunden»
Trotz Schutz gerät das Fanel jedoch zunehmend unter Druck – wie alle Feuchtgebiete der Schweiz. Und gerade viele sind das nicht. «Durch menschliches Tun sind über 90 Prozent der Feuchtgebiete der Schweiz verschwunden», sagt Mosimann. Sie wurden trockengelegt, um Kulturland zu gewinnen, verschwanden nach Begradigungen von Flüssen oder wie im Fall vom Drei-Seen-Land durch Absenkung der Wasserstände. Nach der ersten Juragewässerkorrektion 1868 bis 1891 sank der Wasserspiegel des Neuenburgersees um 2,5 Meter. Während das dahinterliegende Sumpfgebiet austrocknete, entstanden am Neuenburgersee die Schlick- und Schilfflächen der Grande Cariçaie – als «Arche Noah» für all die Arten, die damit ihren Lebensraum verloren, wie Mosimann es ausdrückt. Dennoch seien dabei wohl etwa zwanzig Pflanzenarten ganz ausgestorben.
Die fein abgestimmte Regulierung der Wassermassen des Neuenburger-, Bieler- und Murtensees im Zuge der zweiten Juragewässerkorrektion in der Mitte des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass deren natürliche Schwankungen heute weitgehend fehlen. Auch deshalb ist Mosimann im Einsatz. Denn ohne Mähen würden die Schilf- und Seggenflächen des Fanels zunehmend verbuschen. Früher wurde dies durch regelmässige Überschwemmungen verhindert.
Diese passierten allerdings nicht so schnell und heftig wie die Hochwasser des Sommers 2021. Die Tiere hatten genug Zeit, in andere Gebiete auszuweichen. An die wechselnden Bedingungen waren sie bestens angepasst. Das war dieses Jahr nicht so: Das Wasser stieg 20 Zentimeter pro Tag, in einer natürlichen Dynamik wären es nur wenige. Sehr viele wirbellose Tiere hätten sich wohl nicht retten können, vermutet Mosimann und fügt an: «Einige sind wahrscheinlich sogar lokal ausgestorben.» Trotz des vielen Regens aber sagt er: «Die Feuchtgebiete sind zu trocken.» Ein Problem, das der Klimawandel sicherlich noch verschärfen wird. Hinzu kommt der Stickstoffeintrag aus der Luft, der dazu führt, dass das Fanel zunehmend überdüngt wird.
Die Grande Cariçaie im Video
Auf der Weide, auf der Rind Osiris und seine Kumpane grasen, hat ein Kuhreiher gerade einen Frosch erwischt und schluckt ihn herunter. Die geselligen Vögel sind zu zehnt unterwegs – eine ungewöhnlich hohe Zahl. Das Rindvieh nimmts grösstenteils gelassen. Eines der Kälber leckt einem Reiher sogar übers Gefieder. Das Zusammenspiel zweier so unterschiedlicher Tierarten lockt viele Schaulustige an. Etliche Fotografen und Ornithologinnen sammeln sich am Zaun. Den Kuhreihern wird das irgendwann zu viel und sie fliegen von dannen. Als es ruhiger wird, kommen sie aber alsbald wieder, um das Ungeziefer von den Rindern zu picken.
Beim Fliegerschiessplatz der Armee in Forel FR liegen rund 5000 Tonnen Munition auf dem Grund des Neuenburgersees – mitten im Naturschutzgebiet der Grande Cariçaie. Ob und wie sich diese Rückstände auf die Natur und die Wasserqualität auswirken, ist Gegenstand von Untersuchungen des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS, an denen auch die Association de la Grande Cariçaie beteiligt ist. «Mit den Ergebnissen der ersten Studie waren wir nicht zufrieden», sagt Christophe Le Nédic, Mediensprecher der Association. «Wir haben deshalb weitere Analysen gefordert.» Wie das VBS Ende September mitteilte, sollen diese bald durchgeführt werden.
Immer mehr Besuchende
Der Besucherdruck sei vor allem im letzten Jahr gestiegen, sagt Mosimann, weil das Wetter im Sommer besser war und viele aufgrund der Corona-Pandemie auf Ferien im Ausland verzichteten. Schon vor 20 Jahren wurde der durch die Kernzone führende Teil des Scherbenwegs für Besuchende gesperrt. Nun können Zwergdommel, Bartmeise und Drosselrohrsänger dort wieder ungestört brüten. Dennoch sehe er immer wieder Menschen, die sich nicht daran hielten. Auch die vielen Stand-up-Paddler und Bootsfahrer, die sich trotz Fahrverbot in die Bucht hineinbegeben, seien ein Problem. «Das hat dazu geführt, dass Purpurreiher ihre Bruten aufgegeben haben.»
Gegen Sonnenuntergang sind im Fanel noch viele Naturfreundinnen unterwegs. Davon unbeeindruckt hockt ein Fuchs seelenruhig im Gras, während auf einer anderen Wiese ein Feldhase davonhuscht. Die Kuhreiher sind an den nächsten Teich geflogen und auf der Insel im See sucht der Heilige Ibis kleine Tierchen zum Fressen. Damit all diese Tiere weiterhin ein Zuhause und eine Raststätte finden, gilt es, die Feuchtgebiete zu erhalten.