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Panamarenko
17. Mai 2000 – 15. Oktober 2000
Im Museum Jean Tinguely Basel sind vom 17. Mai bis zum 15. Oktober Werke des 1940 geborenen Künstlers Panamarenko zu sehen. Die Ausstellung bietet eine seltene Gelegenheit, das Werk des Belgiers wieder einmal in der Schweiz zu sehen. Als Künstler, Ingenieur, Poet, Physiker, Erfinder und Visionär zugleich vertritt Panamarenko in der zeitgenössischen Kunst eine ausserordentliche und nur schwer einzuordnende Position. Seine poetischen Konstruktionen von oft monu- mentalen Ausmassen sind künstlerisches und technisches Experiment zugleich. Sie können zahlreiche Formen annehmen: Flugzeuge, fliegende Untertassen, Automobile, Unterseeboote - Maschinen, die gleicher- massen spielerisch wie ehrfurchtgebietend sind. Der Künstler hat die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Hayward Gallery, London, und mit dem Aus- stellungskurator Jon Thompson konzipiert und im Museum Jean Tinguely selbst eingerichtet.
Panamarenko besuchte die Kunstschule in Antwerpen, die er 1962 verliess. Seine Verwendung eines Pseudo- nyms - im öffentlichen Leben sein einziger Name - geht auf diese Zeit zurück. Er arbeitete zunächst als Perfor- mancekünstler und veranstaltete ‚Happenings' auf den Strassen von Antwerpen. Durch diese frühen Aktivitäten erlangte er rasch ein lokales Renommee als Künstler und schloss Bekanntschaft mit der etablierteren älteren Generation. Mit Joseph Beuys und Marcel Broodthaers teilte Panamarenko den Wunsch, Werke zu schaffen, die mehr als nur ästhetische Eleganz zu bieten haben und Wege zu neuen Arten der Erfahrung eröffnen.
1968 präsentierte Panamarenko auf Einladung von Joseph Beuys sein Flugzeug in der Düsseldorfer Kunst- akademie. Schon im folgenden Jahr waren seine Werke in zahlreichen Galerien in der Bundesrepublik und den USA zu sehen. 1972 lud ihn Harald Szeemann mit dem Aeromodeller zur Dokumenta V in Kassel ein und machte ihn damit endgültig einem internationalen Publikum bekannt. Seine Werke wurden 1972 und 1973 in einer Ausstellungsreihe in Luzern, Düsseldorf und Stuttgart präsentiert und 1978 in der Nationalgalerie Berlin, in Otterlo und Brüssel. 1981 war der Aeromodeller im Centre Pompidou in Paris zu sehen.
Einer ersten Retrospektive 1982 in München, folgte eine zweite 1998 in der Fondation Cartier in Paris, wo Panamarenko sein U-Boot Panama, Spitsbergen präsentierte.
Schon früh war sein Werk in der Schweiz präsent. Der Ausstellung im Kunstmuseum Luzern folgte eine Gegenüberstellung seiner Maschinen mit jenen von Leonardo da Vinci, Arnold Boecklin und Vladimir Tatlin 1977 in der Basler Kunsthalle. Zweimal, 1984 und 1989, beteiligte sich Panamarenko auf der Furkapasshöhe an FURKART.
Panamarenkos Maschinen sind dazu gedacht, die Menschen von der Schwerkraft zu befreien; sie sollen ihnen ermöglichen, den Kräften der Erd- und Magnet- anziehung zu entkommen und neue Formen des Reisens und der Bewegung sowie aussergewöhnliche, entlegene Orte zu erleben, die ihnen bislang noch unbekannt sind. In diesem Sinne sind sie weit mehr als blosse Erfindungen. Sie helfen uns, eine Vorstellung davon zu erlangen, wie die ganz prosaischen Details unseres Lebens - die Art, wie wir uns von A nach B bewegen - unbeschreiblich anders und vergnüglich sein könnten.
In seiner mehr als 30-jährigen Laufbahn war Panamarenkos künstlerische Tätigkeit stets untrennbar mit seiner Beschäftigung mit Wissenschaft und Techno- logie verbunden. Obwohl seine Skulpturen Kunstwerke sind, die von der Vorstellungskraft heraufbeschworen wurden, beruhen sie auf seinen Interpretationen von Gesetzen der Physik, Biologie, Aerodynamik und Technik. Alle Werke in dieser Ausstellung - Modelle in Originalgrösse, Versuchsmodelle und Entwürfe - sind mit ernsthaften Absichten entstanden. Die mechanischen Bestandteile einzelner Objekte mögen der Perfek- tionierung bedürfen, die Motoren ein Finetuning benötigen, aber der Wunsch des Künstlers war es - in jedem Fall -, etwas herzustellen, dass schliesslich eine voll funktionstüchtige Maschine ist.
Sich auf Panamarenkos Werk einzulassen heisst, sich mit einem Reich der Fantasie zu beschäftigen, das ernst genommen werden will. Unsere Fähigkeit, diese Maschinen zu verstehen, hängt vollkommen von unserem Vermögen ab, daran zu glauben, dass sie wirklich funktionieren und uns dadurch in eine andere, bessere Welt befördern - eine Welt, die wir nach Belieben verlassen und wieder betreten können.
Die in der Hayward Gallery in London konzipierte Ausstellung bringt Werke aus allen Schaffensperioden ins Museum Jean Tinguely Basel. Zu sehen sind unter anderem die Flugmaschinen Das Flugzeug (1967), The Aeromodeller (1969-71), Bernoulli (1995), Bing of the Ferro Lusto (1997) sowie das Unterseeboot Panama, Spitsbergen, Nova Zemblaya (1996) und die Roboter-Hühner Archaeopteryx (1990-1991).
Kurzbiographie
1940
Geboren in Antwerpen; sein Grossvater ist Architekt, sein Vater Elektroingenieur, seine Mutter betreibt später einen Schuhladen im Zentrum von Antwerpen.
1955–60
Studium an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen; Selbststudium Naturwissen- schaften
1961–62
Militärdienst
1962–64
Hospitanz am National Hoger-Institut Antwerpen
1963
Ausstellung der Koperen Plaatjes met Kogelgaten (Kupferplatten mit Einschusslöchern) bei der C.A.W. (Comité voor Artistieke Werking), einer Künstlerinitiative, deren Mitglied der Künstler ist. Seit dieser Zeit verwendet er bei seinen öffentlichen Auftritten ausschliesslich das Pseudonym Panamarenko.
1963/64
Organisation von Happenings auf den Strassen von Antwerpen
1964–65
Herausgabe der Zeitschrift Happening News mit den Künstlerfreunden Hugo Heyrman, Bernd Lohaus, Wout Vercammen und anderen
1966
Eröffnung der Wide White Space Gallery von Anny de Decker, einer Kunsthistorikerin, und Bernd Lohaus, eines Schülers von Joseph Beuys, in Antwerpen; dort Happenings und erste "poetische Objekte"; über die Galerie, die allein im ersten Jahr Ausstellungen mit Werken von Marcel Broodthaers, Joseph Beuys, Blinky Palermo, Karel Appel, Lucio Fontana, Piero Manzoni u.a. veranstaltet, entsteht der Kontakt zur internationalen Kunstwelt
1967–1968
entsteht Das Flugzeug, das 1968 auf Anregung von Beuys in der Kunstakademie Düsseldorf ausgestellt wird; in diesem Jahr auch Aktionen mit der Freien Aktions- gruppe Antwerpen (V.A.G.A.), die sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, im Zentrum von Antwerpen eine autofreie Zone einzurichten.
1968–69
dreieinhalbmonatiger Aufenthalt in New York
1969
allein in diesem Jahr Einzelausstellungen in New York, Berlin, Mönchengladbach, Düsseldorf, Köln und Antwerpen sowie Teilnahme an "Live In Your Head. When Attitudes Become Form", Kunsthalle Bern
1969–71
Bau des Luftschiffs The Aeromodeller, das 1972 an der Documenta V in Kassel gezeigt wird
21.06. 1971
Flugversuch mit dem Luftschiff in Balen-Nethe, Belgien
1972
1972 Aufenthalt in Grossbritannien für den Test des Flugzeuges U-Kontrol III am Cranfield Institute of Technology; Einzelausstellung in Luzern, Düsseldorf und Stuttgart
1975
endgültige Ausarbeitung des Geschlossenen Systems. Publikation des Buches "Der Mechanismus der Schwerkraft"
1976
Entstehung von Umbilly I
1977
Ausstellung in Basel. Gegenüberstellung von Panamarenkos Maschinen mit jenen von Leonardo da Vinci, Arnold Boecklin und Vladimir Tatlin
1977-1983
vornehmlich Beschäftigung mit dem Phänomen des magnetischen Feldes und Bau eines magnetischen Raumschiffes
1978
Einzelausstellung in Berlin, Otterlo und Brüssel
1979
Entstehung von Magnetische Velden.
1982
Retrospektive in München
1984 & 1989
Beteiligung an FURKART auf der Furkapasshöhe.
Seit 1984
Bau zahlreicher fliegender Rucksäcke, für die er den Pastille Motor entwickelt; Entstehung von Grote Plumbiet
1986
Entstehung von Schelpvormige Rugzak
Seit 1988
Bau der Roboterhühner Archaeopteryx
1990
Betitelt er einen seiner Helikopter mit Scimitar, der Bezeichnung für arabische Krummschwerter aus Damaszenerstahl, dessen überragende Qualität sich eigentlich dem Unvermögen der arabischen Handwerker ver- dankte, ihre Schmelzöfen ausreichend aufzuheizen. Gerade weil das Eisen so nur teilweise schmolz, besitzt das Endprodukt die enorme Flexibilität. Laut Hans Theys stellt dieser Sieg ingeniöser Unfähigkeit über die virtuose Meisterschaft eine treffende Metapher für Panamarenkos Schaffen dar. Im selben Jahr Aufenthalt auf den Malediven, um ein neu entwickeltes Tauchgerät zu testen; Entstehung von Archaeopteryx III
1991
Von Juni bis September Bau von K2. The Flying Jungle and Mountain Machine und Entstehung von Archaeopteryx IV und V 1 Barada Jet
1992
Im Januar Test von Hazerug, eines neuen Modells des Flugrucksacks; seit März diesen Jahres Beschäftigung mit Toy Model of Space, der Theorie, auf welcher das Raumschiff Bing of the Ferro Lusto beruht; Teilnahme an der Documenta IX, Kassel
1992/93
Entstehung von K3, Jungle Flyer
1994
Entstehung von Noord Zee Pedalo
1995
Entstehung von Bernoulli
1996
Entstehung von Super Pepto Bismo und Panama, Spitsbergen, Nova Zemblaya
1997
Entstehung von Bing of the Ferro Lusto, Kepi und Catapult Max
1998
Retrospektive in der Fondation Cartier pour l'art contemporain, Paris
1999
Entstehung von Bing Motor 1, Scotch Gambit-Modell und Totale Eclipse