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LIR, AUS DEM HAUSE DER FINNACAID, wurde nicht zum Hochkönig von Irland gewählt, doch gab man ihm, um seinen Groll zu beschwichtigen, Aobh zur Frau, die älteste Tochter des Ailill von Aran; und mit ihr kehrte er aus dem Süden in den Norden zurück. Aobh gebar ihm vier herrliche Kinder, eine Tochter und drei Knaben, ehe sie im Kindbett starb. Da vermählte sich Lir mit Aoife, der zweiten Tochter des Ailill von Aran. Aoife betrachtete die schönen Kinder ihrer Schwester mit Missgunst, und eines Tages am Ufer des Loch Dairbhreach, des Bunteichensees, verwandelte sie die vier in weisse Schwäne. Nur die Sprache vergass die Eifersüchtige ihnen zu nehmen, und als Lir, der verzweifelte Vater, die List entdeckte, verlieh er den Stimmen seiner Kinder eine wunderbare Süsse, die alle Menschen verzücken sollte.
Es ist erstaunlich, dass auf so begrenztem Raum, wie ihn das heutige Nordirland mit seinen anderthalb Millionen Bewohnern darstellt, ein solcher Reichtum an dichterischem Talent entstehen konnte. Ein Reichtum übrigens, der - oft nur widerwillig - von den Nachbarn im Süden und Osten zur Kenntnis genommen wird. Gerade der Zwang und das Bedürfnis aber, sich von diesen Nachbarn abzugrenzen, standen an der Wiege der nordirischen Literatur.
Die Teilung der Insel 1920 setzte auch den panirischen Ansprüchen der um die Jahrhundertwende wiedererblühten Literatur - etwa unter W. B. Yeats, dem ersten irischen Literaturnobelpreisträger - ein Ende. Während die meist der protestantischen Oberschicht entstammenden Schriftsteller und Dichter sich in dem nun überwiegend katholischen Freistaat im Süden zunehmend fremd fühlten, wurden ihre Berufsgenossen im Norden gewahr, dass sie, obwohl politisch immer noch an Englands Schürzenzipfel hängend, nicht darum herum kamen, eigenständig zu werden.
Vor allem der Zweite Weltkrieg hat die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der vorangegangenen Jahrzehnte ans Licht gebracht und den Nordiren ihre kulturelle und literarische Besonderheit ins Bewusstsein gerufen. So sieht es Edna Longley, Professorin für Englisch an der Queen's University in Belfast.
«Dies ist meine Heimat und mein Land. Später vielleicht werde ich diese Nation meine eigene nennen; aber hier und jetzt ist es genug, diesen fehlerhaften Rand zu lieben, die Karte der Wolken darüber und das grosse Meer, das gegen den Westen schlägt und die Sonne überflutet.» So schrieb John Hewitt (1907-1987), der heute als Pionier des literarischen Regionalismus gilt, in «A Poet's Place». Weder der englische noch der irische Anspruch wurde seinem Ulster gerecht, das den Nordiren beider Konfessionen Raum bieten sollte - Ulster, ein Name, der die britische Provinz mit dem alt-irischen Uladh, dem Ulster der Sagen, verband.
Hewitts Versuch, verschiedene Traditionen in einer einzigen Scholle zu verwurzeln, stiess erst in den siebziger Jahren - nach Ausbruch der «Troubles» - auf Widerhall. Der Dichter selbst hatte 1949 (ebenfalls in «A Poet's Place») geschrieben: «Ich habe mich der Landschaft zugewandt, denn Menschen enttäuschen mich» - der Landschaft von Antrim an der Nordostküste Irlands. An klaren Tagen sind von dort die Felder der schottischen Nachbarn zu sehen, und dazwischen liegt der Mull of Kintyre, auf dem die verwunschenen Kinder von Lir die ersten dreihundert Jahre ihres Schwanendaseins verbrachten.
Dinnseanchas, die Kunde der Orte, hat grosses Gewicht in der gälischen Literatur, und schon in der frühesten irischen Sage, jener vom Viehraub von Cooley, findet sich der Leser immer wieder auf langfädigen Umwegen, die einzig dazu dienen, die Herkunft eines Ortsnamens zu erklären. Dieses durch die Generationen weitergereichte Interesse gewann neue Brisanz, als die Karte Irlands sich im 20. Jahrhundert zu verändern begann. Mit dem Drang, sich und seine Orte zu benennen, wie er auch in anderen entstehenden oder sich neu definierenden Kulturen spürbar ist, griff man begierig auf die gälischen Vorbilder zurück und machte die Landschaft zum Fixpunkt der irischen und nordirischen Literatur.
Die gälische Sprache selbst wurde nach der Trennung der Insel beidseits der Grenze zum politischen Spielball. Dass weder ihre Förderung in der Irischen Republik noch ihre Einschränkung in der britischen Provinz ganz die erhofften Resultate zeitigte, belegt vorab, dass staatliche Einflussnahme auf die Sprache ihre Grenzen hat. Obwohl das Interesse an gälischer Literatur heute in beiden Teilen Irlands beschränkt ist, beeinflusst sie doch- ob die Literaten sich dessen bewusst sind oder nicht - die auf englisch verfasste Literatur der Insel.
Ein Knabe sitzt versteckt in einem ausgehöhlten Baumstamm am Rande eines Bauernhofes und betrachtet die vertrauten Vorgänge um sich herum. 50 Jahre später erinnert sich Seamus Heaney, der 1995 zum vierten Literaturnobelpreisträger der Insel gewählt wird, jenes ersten Blickes aus dem Innern einer fremden in eine bekannte Welt. Alle Bewohner Nordirlands, schreibt er 1995 in «The Redress of Poetry», seien mit dem Geheimnis vertraut, an zwei Orten zur gleichen Zeit zu leben; und obwohl sie es gewiss wie andere Menschen vorzögen, nur an einem zu leben, müssten sie sich für den Moment mit einem konstruierten Bestimmungsort begnügen.
Als der Penguin-Verlag ihn 1983 in eine Sammlung zeitgenössischer britischer Lyrik einschliesst, wehrt Heaney sich zwar, aber nicht, um sich auf irische Ursprünge zu berufen, sondern er pocht auf das Recht, beiden Kulturen anzugehören. Der britische Einfluss, dessen elementarster Beitrag die Sprache selbst ist, habe seine irische Identität nicht gefährdet, sondern verstärkt. Als Sohn und Grosssohn katholischer Bauern in der Grafschaft Derry in ein nationalistisches Milieu hineingeboren, lebt Heaney heute zwischen Dublin, Harvard und Oxford, aber viele seiner Gedichte klingen noch immer, als habe er sie im Schutz jenes hohlen Baumstamms der Landschaft seiner Kindheit abgelauscht.
Während Heaney die Wirklichkeit aus dem Innern einer fremden Welt betrachtet, haben andere Dichter die Fremde ausserhalb gesucht. Der in Belfast geborene und in Oxford erzogene Louis MacNeice (1907-1963) wird heute als Vater der literarischen Emigration aus Nordirland betrachtet, als ein Dichter unterwegs, stets auf Wanderung, der jede Ortsgebundenheit ablehnt und Nationalismus mit Pluralismus begegnet. Seine Nachfolger (wie etwa Paul Muldoon) schreiben von der Auflösung des Ortes und einer Ortsbezogenheit, die einer über alle Meere verstreuten jüngeren Generation von Iren wohl nur mehr als atavistischer Exklusivitätsanspruch erscheint.
«Trouble trash» werden hierzulande jene nicht selten von nichteinheimischen Autoren verfassten Terroristen-Epen genannt, die an Bahnhofkiosken mit dem Versprechen werben, neue Einblicke in die nordirische Situation zu vermitteln. 25 Jahre Gewalt haben eine eigene Landschaft erschaffen, die ihre eigenen Geschichten erzählt.
Die einheimischen Schriftsteller sind da befangener; zwischen dem Vorwurf, die Gewalt für literarische Zwecke auszubeuten, und demjenigen, sich der Realität nicht zu stellen, schreibt es sich nicht unbeschwert. Die Welt sucht in den Äusserungen der in Nordirland geborenen und lebenden Autoren unweigerlich nach Kommentaren zu den Bildern, die seit Jahrzehnten über die Fernsehschirme in die Wohnzimmer flackern.
Jennifer Johnston hatte erst seit kurzem in Derry gelebt und die Stimmen von Derry noch nicht gehört, als sie ihren Roman «Shadows on our Skin» verfasste, dessen Handlung in dieser Stadt angesiedelt war. Sie denkt, dass dieses Buch aber gerade deswegen für den Booker-Preis vorgeschlagen wurde. Denn der Roman habe jene Falschheit und jenen Charme, die die Kritiker glauben liessen, etwas neues über Derry zu erfahren, ohne dass sie ihre Vorurteile widerlegt sähen. «Die grossen Probleme», sagt die Verfasserin von acht Romanen und zahllosen Theaterstücken, «interessieren mich nicht; aber mich interessiert, wie wir mit den grossen Problemen um uns herum leben können.» «Belfast Confetti» heisst der Gedichtband von Ciaran Carson: Confetti aus Hautfetzen, Knochensplittern, Fragmenten von in Explosionen zerrissenen Körpern, die auf bürgerliche Behaglichkeit niederschneien. Er schreibe nicht über Belfast, sondern von Belfast, nicht über die «Situation», den Krieg oder über irgend etwas anderes, sagt Carson: «Ich schreibe einfach, und wenn Morde und Bombenanschläge darin vorkommen, so deshalb, weil sie hier eben stattfinden», liess er letzten Oktober in der «Irish Times» verlauten.
Der Krieg in Bosnien habe Nordirland gewissermassen geholfen, sagt Edna Longley einmal im Laufe unseres Gespräches. Denn Nordirland könne nicht mehr länger allein als «anormale Ecke Europas» abgetan werden, wo Gewalt nur mehr die Erbschaft einer mangelhaften politischen Ausmarchung der früheren Jahre ist. Bosnien sei ein Beweis für die Bedeutung religiöser und ethnischer Unterschiede auch in einem anderen Teil Europas.
Was die Religion angeht, so ist auch sie in der Literatur nicht so sehr Thema als vielmehr Hintergrund: «spilled religion» -vergossene Religion. Als metaphysisches System und kulturelle Gegebenheit wird Religion weiterhin ihre Spuren in den Werken nordirischer Autoren hinterlassen.
Hewitt, Heaney, MacNeice, Muldoon, Johnston und Carson, eine Liste von Namen, fast zufällig, sicher unvollständig, durch einen Ort verbunden. Man müsste sie alle lesen und noch viele mehr, denn so viel sie verbindet, so viel trennt sie auch. Es gibt nicht nur eine Art, in Nordirland zu leben, nicht nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Schon von der nächsten Strassenecke sieht Belfast wieder ganz anders aus. Und hat es die nordirische Literatur nicht selbst von Anfang an darauf angelegt, die Idee einer nationalen Literatur zu unterwandern?
Das Unbestimmte an der Lage in Nordirland schaffe in allen Beteiligten ein Verlangen nach Ordnung, so hat es Heaney einmal gesagt. Dass von den Literaten oft die Lyrik als Ausdrucksform gewählt wird, reflektiert zum einen das Ansehen, das die Poesie in der gälischen und neogälischen Tradition geniesst. Zum anderen eignet sich die Symbolsprache der Lyrik wohl besonders, die Situation Nordirlands zu beschreiben.
Was bewirkt denn die Literatur in Nordirland? Edna Longley denkt, die Literatur habe die Entwicklung Nordirlands begleitet und ihr eine Sprache gegeben. Seit Beginn des Waffenstillstands werden Politiker und Präsidenten nicht müde, die Zeilen von Seamus Heaney zu zitieren, über die Zeit, in der «hope and history» - Hoffnung und Geschichte - mit einemmal keine Gegensätze mehr sind.
Verliert die nordirische Literatur ihr Thema, ihre Bedeutung, wenn die Waffen schweigen? Nein, da sind sich alle einig. Er habe «im Frieden begonnen», sagt Heaney, und hoffe, «im Frieden zu enden».
Erst nach dreimal dreihundert Jahren auf den Seen und vor den Küsten Irlands werden die Kinder des Lir ihre menschliche Gestalt zurückbekommen, erst wenn die Frau aus dem Süden und der Mann aus dem Norden sich für immer in Fleisch und Geist vereinigen. So lautet der Fluch der Aoife, die seit ihrer bösen Tat als Sturmwind in den Lüften über Irland heult.
Gabrielle Alioth, Schriftstellerin, lebt in Julianstown (IRL).