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Ob es sich um ein Gedicht, eine Werbung oder einen neuen Fiat handelte: Der italienische Wissenschaftler und Schriftsteller Umberto Eco lehrte, wie mit der Macht der Zeichen kritisch umzugehen ist.
Einen einzigen Nachruf auf Umberto Eco zu schreiben, ist nicht nur eine traurige, sondern eine absurde Aufgabe. Schliesslich foutierte er sich um die formalen Grenzen zwischen Wissenschaft, Journalismus und Literatur – der Mann hat sogar Comics gezeichnet und Kinderbücher geschrieben. Doch sein ganzes Leben lang war er immer auch Zeichen- und Kommunikationstheoretiker – und das war, bei allem Witz, den er in seinen Texten versprühte, eine ernste Angelegenheit. Denn, so Eco: «Wer theoretisiert, handelt auch politisch.»
1932 im piemontesischen Alessandria geboren, lernte Eco schon im Kindergarten den Römergruss und Schlachtengesänge und hatte bei den «Figli della Lupa» ein Schwarzhemd zu tragen. Der Faschismus war auch eine brachiale Symbolorgie. Als Antidot schleppte ihn seine fromme Mutter in die Kirche, und statt der von Eco ersehnten Comics wurde ein katholisches Wochenblatt abonniert.
Während die faschistische Erziehung wenig nachhaltige Wirkung zeigte, war die katholische zäher – auch wenn Eco rückblickend behauptete, er habe bereits mit dreizehn Jahren ob der Sinnlosigkeit des Fussballspiels an der Existenz Gottes gezweifelt. Doch erst als die katholische Jugendorganisation Gioventù italiana di azione cattolica, in der Eco seit 1952 eine Leitfunktion innehatte, vom Papst persönlich für ihre progressive Haltung gemassregelt wurde, kam es tatsächlich zum Bruch.
Gegen den Kulturpessimismus
Eco befand sich nach seinem Abfall vom Glauben Mitte der 1950er Jahre in einer entscheidenden Transformation. Während eines Praktikums beim Fernsehsender RAI hatte er ein Interesse für die Fragen der Rezeption von Kunst und Literatur, aber auch der massenmedialen Kommunikationsformen entwickelt. Nach 1945 explodierten die Deutungsangebote auf allen Kanälen – Eco wollte geistige Werkzeuge liefern, mit deren Hilfe Menschen mit der Macht der Zeichen umgehen konnten.
Er las sich in Strukturalismus, Psychoanalyse, Linguistik und Kommunikationstheorie ein. In seinem 1962 erschienenen Werk «Opera aperta» entledigte er sich der Vorstellung, es gebe eine korrekte Art und Weise, ein literarisches Werk zu verstehen – die entscheidende Arbeit lag laut Eco immer bei den LeserInnen. Die RezensentInnen befanden das Werk als «krypto-kommunistisch» und lagen vielleicht gar nicht ganz falsch damit: Ab 1963 trat Eco in der von ihm mit begründeten Gruppe 63 offen als linker Intellektueller auf.
1964 veröffentlichte er mit «Apocalittici e integrati» einen Band, in dem er unter anderem die Erzählstrukturen von Ian Flemings «James Bond» und von Superman-Comics analysierte. Obschon der Band als Polemik gegen rechte wie linke KulturpessimistInnen konzipiert war, verzichtete auch Eco nicht auf Kritik: So enerviert er sich stellenweise darüber, dass Superman zwar kosmische Kräfte habe, mit denen er mit Leichtigkeit den Welthunger stoppen könnte, sich aber darauf beschränke, Banken vor Überfällen zu retten. Superman sei ohne jedes politische Bewusstsein und ein reiner Verteidiger des Privatbesitzes.
Offene Lesbarkeit
Eco wollte alles gegen den Strich lesen. 1968 veröffentlichte er sein Standardwerk zur Semiotik, «La struttura assente». Darin entwarf er seine Zeichentheorie als Maximalprogramm. Einerseits sei sie eine Wissenschaft, die alle Kulturphänomene als Kommunikationsprozesse verstehe – zugleich sollte die Semiotik alle Kommunikationsprozesse untersuchen: Eco wollte die ganze Kultur unter die Lupe nehmen. Er erklärte die kritische Bedeutungsermittlung zum entscheidenden gesellschaftlichen Kampffeld, ob es sich nun um eine Werbung, ein Gedicht oder einen Fiat handelte.
Bereits ein Jahr zuvor hatte er den Aufbau einer «semiologischen Guerilla» gefordert: WissenschaftlerInnen sollten als medienkritische UnruhestifterInnen mit dem Publikum in den Kinos, beim Fernsehen, beim Zeitungslesen diskutieren. Der «anonymen Gottheit der technologischen Kommunikation» solle der Kampfruf entgegenschallen: «Nicht Dein, sondern unser Wille geschehe.» 1975 erhielt Eco eine ordentliche Professur in Semiotik an der Universität Bologna.
Drei Jahre später setzte er sich an seinen ersten Roman, «Il nome della rosa» – den er im Übrigen gehasst hat. Man könnte vermuten, die bleierne Zeit der 1970er Jahre, der Terror der Roten Brigaden und der darauf folgende Zerfall des «compromesso storico» zwischen den ChristdemokratInnen und dem Partito Comunista – der Eco wichtig war – hätten ihn in die schöne Literatur getrieben. Doch blieb Eco auch in seinen Romanen seinem Ideal der offenen Lesbarkeit verpflichtet: Sie waren durchaus auch mit politischen Anspielungen durchsetzt, aber niemand musste sich gezwungen sehen, diese zu verstehen.
In «Nullnummer», 2015 erschienen, zielte Eco jedoch unverhohlen deutlich auf Silvio Berlusconi und seinen medialen Apparat. Seit den 1990ern hatte Eco vor den Gefahren der Mischung aus RAI 1 und Rechtspopulismus gewarnt. Idealerweise, fand Eco, müsse ein Autor das Zeitliche segnen, nachdem er ein Buch geschrieben habe, «damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört». Sein Tod wird in diesem Fall nichts nützen: Er ist als Guerillero auf Mission abgegangen.