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Das Chorwerk von Othmar Schoeck: von der Postromantik zur Avantgarde und darüber hinaus
Othmar Schoeck (1886-1957) ist vor allem als Liedkomponist bekannt, in jüngerer Zeit sind auch seine Opern auf ein gewisses Interesse gestossen. Seine Kompositionen für Chor hingegen wurden zumeist als Gelegenheitswerke bezeichnet, mit denen der junge Komponist seinen Lebensunterhalt bestritten habe. Als 2002 im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe der Band mit den Chorwerken erschien, ergab sich auf 350 Seiten das Bild einer vielfältigen und zuweilen überraschenden Werkgruppe. Zu den dort veröffentlichten Kompositionen, die speziell für Chor in verschiedenen Formationen geschrieben worden sind, kommen noch die Chöre in den Opernwerken hinzu.
Nach der 1908 erfolgten Rückkehr von Leipzig, wo er bei Max Reger studiert hatte, übernahm Schoeck in Zürich die Leitung mehrerer Männerchöre, zunächst der „Harmonie“ und später des Chores von Aussersihl und des Lehrergesangvereins. 1918 gab er diese Chöre wieder auf, als er vom Mäzen Werner Reinhart ein jährliches Stipendium bekam und die Stelle des künstlerischen Leiters des St. Galler Konzertvereins antrat. Während dieses Jahrzehnts als Chorleiter entstanden einige seiner wichtigsten Chorwerke: Postillon, op. 18 (Nikolaus Lenau), Dithyramben, op. 22 (Goethe), Wegelied, op. 24 (Gottfried Keller), und Trommelschläge, op. 26 (Walt Whitman).
Konfrontiert mit der Musik der Avantgarde der Wiener Schule, die er am Salzburger Festival 1923 kennen lernte, veränderte Schoeck seinen Stil tief greifend. Sein EinakterPenthesilea(komponiert 1923-1925) legt von dieser neuen Radikalität Zeugnis ab. Darin finden sich auch einige gewagte Passagen für gemischten Chor. Doch die eher zurückhaltende Aufnahme beim Publikum war für den Komponisten ernüchternd. Wiederum veränderte er seine Schreibweise, indem er sich dem Neoklassizismus und der Neoromantik zuwandte. Zwei Chorwerke vom Beginn der 1930er Jahre widerspiegeln diese Neuorientierung: Die Drei, o. op. Nr. 39 (Lenau), und Kantate, op. 49 (Eichendorff). Schliesslich finden sich auch in seinem Spätwerk einige überzeugende Chorwerke, die an seine frühen Chorkompositionen anknüpfen, vor allem Für ein Gesangfest im Frühling, op. 54 (Keller), Vision, op. 63 (Keller) und Maschinenschlacht, op. 67a (Hermann Hesse).
Es lässt sich deshalb heute kaum mehr behaupten, die meisten seiner Chorwerke seien das Werk eines jungen Postromantikers, gefolgt von einigen wenigen epigonalen Kompositionen aus späterer Zeit. Berücksichtigt man auch die Chorpassagen aus den Opern, muss man feststellen, dass Schoeck in allen Schaffensperioden Werke für Chor geschaffen hat: von einfachen a-capella-Stücken bis zu monumental besetzten Kompositionen, die stilistisch von einer fast „folkloristischen“ Schreibweise bis hin zur Verwendung von avantgardistischen Vokaltechniken reichen.