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Es war Anfang November 1970, als sich der Student Farid Uddin auf den Weg machte, um Medikamente für seine kranke Mutter zu kaufen. Ein Sturm zog auf, erinnert sich der heute 73-Jährige. Bei einem Onkel suchte der junge Mann schliesslich Schutz, zu gefährlich sei der Weg zurück gewesen, als sich der Himmel verdunkelte. «Wir gingen zu fünft auf das Dach, banden uns bei Regen und böigem Wind mit einem Seil an eine Säule», erzählt Uddin. Hilflos mussten sie zusehen, wie das Wasser stieg und Mensch und Vieh in den Fluten weggespült wurden. «Wir alle waren auf den Tod vorbereitet.»
Heute gehört Uddins Heimat zur südlichen Küste Bangladeschs, damals noch Ost-Pakistan. Der «Bhola»-Zyklon gilt als einer der verheerendsten Wirbelstürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Am 12. November traf er auf das Festland, mehr als 300 000 Menschen starben in den Fluten, zehntausende Fischerboote und Tiere wurden weggespült. Es folgten politische Unruhen, angetrieben von Kritik an der Katastrophenhilfe der damaligen pakistanischen Zentralregierung. Die ohnehin bestehenden Spannungen verschärften sich: Im Jahr 1971 spaltete sich Ost-Pakistan ab und wurde zu Bangladesch. Ein Krieg, den West-Pakistan verlor, besiegelte die Unabhängigkeit.
Auch heute wird der südasiatische Staat immer wieder durch Extremwetter und Wirbelstürme bedroht. Premierministerin Sheikh Hasina rief daher im September zum Handeln auf. Neueste Forschung legt nahe, dass steigende Meeresspiegel hunderte Millionen Menschen zwingen werden, bis zur Mitte des Jahrhunderts tiefliegende Küstenstädte weltweit zu verlassen. «Wird die globale Gemeinschaft rechtzeitig handeln, um diese Katastrophe zu verhindern?», schrieb Hasina in einem Gastbeitrag im «Guardian».
Durch die globale Erwärmung nehme Extremwetter zu, sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Tropenstürme verändern sich, bewegen sich langsamer fort und hängen dann länger über gewissen Küstenabschnitten, ihre Stärke nimmt rascher zu. Forscher wie Rahmstorf rechnen damit, dass Tropenstürme mit wärmerem Klima stärker werden, denn sie ziehen ihre Energie aus dem warmen Meerwasser. Dies hat zuletzt auch ein Expertengremium der meteorologischen Weltorganisation WMO mit Daten bestätigt. Zudem würden aufgrund des steigenden Meeresspiegels Sturmfluten immer höher aufsteigen.
Doch die Staaten haben aus den Katastrophen gelernt. Das liegt auch an besseren Wettervorhersagen und Warnsystemen – beispielsweise per Mobilfunk. Dieses Jahr etwa traf der schwere Sturm «Amphan» dicht besiedelte Gebiete in Indien und Bangladesch – Länder, die viel Erfahrung mit starken Wirbelstürmen haben. Eine Evakuierung von mehr als drei Millionen Menschen habe tadellos funktioniert, erklärte die WMO darauf. Die Sachschäden blieben gross – die Opferzahlen mit mehr als 90 Toten relativ niedrig. Bei ähnlichen Stürmen kamen früher tausende oder zehntausende Menschen ums Leben.
Effektive Frühwarnsysteme seien eine positive Entwicklung, sagt auch die Klimaforscherin Friederike Otto von der Universität Oxford. Ob sich ein Wetterextrem zur Katastrophe entwickelt, hinge vor allem davon ab, wie verwundbar und stark betroffen Staaten sind. «Der Grund, warum der Klimawandel ein riesiges Problem ist, liegt nicht darin, dass die Menschheit aussterben wird – das wird sie nicht». Otto sieht stattdessen vor allem eine Gefahr bei denjenigen, die besonders verwundbar sind. «Der Klimawandel verstärkt die Ungleichheit mit all ihren Folgen für die Gesellschaften».
Farid Uddin überlebte die schwere Katastrophe von 1970, doch viele seiner Verwandten und Bekannten zahlten mit ihrem Leben. «Bis heute konnte ich meine Mutter nicht finden, ich habe an vielen Orten nach ihr gesucht, inmitten von Leichen, die sich am Ufer eines neu errichteten Deiches aufgetürmt hatten», erinnert sich der Rentner. Es war der schlimmste Sturm, den er seitdem erlebt hatte. «Es war so erschreckend, dass ich nie dachte, ich würde überleben. Wir überlebten nur dank der Gnade Allahs». (sda/dpa)