Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03096.jsonl.gz/300

"Und du beeil dich, mein Guter, das willst du nicht verpassen!"
"Hm." Onkel Titus zog von dannen.
Das Eis war in der Tat fa-bel-haft. Tante Mathilda hatte nicht zu viel versprochen. Ein Traum aus Süsse, Nuss und sanftem Dahinschmelzen. Peter hätte am liebsten pausenlos gehmmt, Bob schloss geniesserisch die Augen und Justus fühlte sich, als würde er gleich abheben und losschweben.
"So wie Titus eben hat Justus auch mal ausgesehen." Tante Mathilda deutete lächelnd mit dem Löffel auf ihren Neffen. "Weisst du noch? Damals warst du drei oder vier. Nein, das weisst du nicht mehr, du warst noch zu klein."
Justus zog den Hals ein. Was kam denn jetzt?
"Du warst bei uns zu Besuch und hast im Bad meine grüne Moorpaste entdeckt." Sie strahlte Peter und Bob an. "Und als wir den kleinen Wonneproppen mal drei Minuten aus den Augen liessen, schwupps!, schnappte er sich die Tube und schmierte sich sein ganzes Gesichtchen mit meiner Peelingcreme ein."
Justus stöhnte leise. "Tante Mathilda, diese alten Geschichten will doch nun wirklich keiner hören."
"Ich schon." Peter grinste. "Und dann?"
"Dann kam er zu uns in die Küche, hierherein ist er gekommen, ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen, und meinte: - Hu, bin ein Geist, bin ein Geist! - Der kleine Lausejunge!" Tante Mathilda seufzte. "Du warst schon damals so... aufgeweckt."
Justus starrte auf die Tischdecke, Peter gluckste, Bob machte leise "Huhu!".
"Und ein anderes Mal -"
"Tante Mathilda! Bitte!"
"Nein, das war auch lustig! Ein anderes Mal hatte er sich -"
Tante Mathilda hielt inne. "Nanu?" Sie sah zur Decke.
Die drei Jungen hoben ebenfalls die Köpfe.
"Was ist?", fragte Peter.
"Ich habe einen Tropfen gespü... Da! Schon wieder einer!«" Tante Mathilda tippte sich auf den Scheitel.
"Einen Tropfen? Wasser?" Justus suchte die Decke ab.
Pling! Ein Tropfen, der auf Bobs Teller landete. Plong! Ein weiterer auf der Tischdecke.
"Es tropft tatsächlich von der Decke!", stellte Bob fest. "Das hatten wir zu Hause auch mal und es entpuppte sich..." Pling, plong, plung! Die Tropfen fielen immer schneller. "... als handfester..." Die Decke verfärbte sich. Eine feine, dunkle Linie war zu sehen, die schnell grösser wurde. "... Wasserrohrbruch."
"Wasserrohrbruch?" Tante Mathilda sprang auf. "Du glaubst, wir haben einen Wasserrohrbruch?"
"Donner und Doria!" Onkel Titus stolperte zur Tür herein. Tropfnass und nur mit einem Handtuch um die Hüften. "Wir haben einen Wasserrohrbruch! Oben sprudelt es förmlich aus der Wand! Justus! Renn in den Keller und dreh den Haupthahn zu und die Sicherungen raus! Die anderen bringen alles in Sicherheit, was nass werden könnte! Schnell!"
"Oh Gott! Meine schöne Küche!" Tante Mathilda schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
Hektik brach aus. Justus spurtete in den Keller, wo er aber nicht gleich an den Haupthahn für das Wasser kam. Weil ein Regal davorstand. Er rief nach Bob und in Windeseile räumten sie das Regal leer und zur Seite, während im Obergeschoss das Wasser aus dem Bad bereits in den Flur schwappte und im Erdgeschoss nun auch das Wohnzimmer von oben betropft wurde. Tante Mathilda jammerte, rannte und trug davon, was sie in die Finger bekam, Onkel Titus schleppte Möbel und kämpfte mit seinem Handtuch, und Peter stellte alles, was er an Eimern, Töpfen und Schüsseln finden konnte, unter die tropfenden Stellen.
Dann klemmte der Hahn. Seit Jahren war er nicht zugedreht worden, Jahre, in denen der Kalk ganze Arbeit geleistet hatte. Sosehr sich Justus und Bob auch anstrengten, der Hahn bewegte sich keinen Millimeter.
"Der Hahn! Da tut sich nichts!", schrie Justus nach oben.
"Das muss aber!", schrie Onkel Titus zurück.
"Oh Gott!", wehklagte Tante Mathilda.
"Ich brauche mehr Töpfe!", rief Peter.
Das Chaos nahm immer grössere Ausmasse an. Bis Onkel Titus den Hahn endlich mithilfe einer Rohrzange zugedreht hatte, plätscherte das Wasser bereits über die ersten Treppenstufen. Kleinere Möbel und Geräte hatten die Jungen und Tante Mathilda zwar in Sicherheit bringen können, aber die Teppiche im Obergeschoss und auch der im Wohnzimmer waren zum Teil klatschnass und an zwei Küchenwänden hatten sich zahlreiche Rinnsale gebildet.
"Meine schöne Küche!" Tante Mathilda war am Boden zerstört. Wie ein Häufchen Elend sass sie auf dem Stuhl und betrachtete die Bescherung.
"Halb so schlimm, Liebste, das wird schon wieder." Onkel Titus, mittlerweile im Bademantel, tätschelte die Hand seiner Frau. "Es gibt Schlimmeres."
"Die schönen Wände." Tante Mathilda schluchzte. Im Moment konnte sie gar nichts trösten.
Es dämmerte schon, als alles so weit versorgt war, dass das Haus wieder einigermassen bewohnbar war und das, was nass geworden war, trocknen konnte. Die drei Jungen nahmen sich das restliche Walnusseis aus dem Gefrierschrank und zogen sich damit in die überdachte Freiluftwerkstatt am Rande des Schrottplatzes zurück.
"Meine Güte, was für ein Nachmittag!" Peter schob sich einen besonders grossen Löffel Eis in den Mund. Jetzt war Stärkung angesagt.
"Kannst du laut sagen." Bob deutete zum Haus. "Aber ich glaube, dass sich der Schaden in Grenzen hält."
Justus machte eine zweifelnde Geste. "Warten wir’s ab. Wasser kann eine heimtückische Kraft sein. Was Wände und Decken abbekommen haben, muss sich erst zeigen."
"Du meinst, wir müssen nicht gleich morgen noch mal streichen?", fragte Peter.
"Ich würde erst einmal abwarten." Der Erste Detektiv grinste. "Und solange die Küche im Streifenlook belassen."
Bob schmunzelte. "Hat auch was."
Wie an einem unsichtbaren Faden gezogen drehten die drei Jungen in diesem Moment ihre Köpfe. Auf der anderen Seite des Bretterzauns, der die Freiluftwerkstatt von der Strasse trennte, waren Schritte zu hören. Schnelle Schritte. Jemand rannte. Die Sohlen seiner Schuhe patschten auf den Bürgersteig und das Geräusch wurde immer lauter.
Doch urplötzlich hörte es auf. Die Person war stehen geblieben. Die drei Detektive hörten sie heftig atmen. Und noch etwas hörten sie. Rascheln. Leises Klappern. Papier, das zerrissen wurde. Dann landete auf einmal etwas mit lautem Scheppern auf dem Dach der Freiluftwerkstatt, rollte über das Wellblech und eine Sekunde später fiel den Jungen eine Dose genau vor die Füsse. Draußen rannte die Person weiter, entfernte sich schnell.
Die Verwunderung der Jungen dauerte nur kurz.
"Zweiter!", rief Justus. "Zum Roten Tor! Bob zum Grünen Tor, falls Peter ihn verpasst!"
Die beiden Detektive zögerten keinen Augenblick. Auch sie waren alarmiert. Hier hatte niemand seinen Müll über den Zaun geworfen.
Peter sprintete über den Schrottplatz. Aber bis er den geheimen Durchgang im Zaun erreichte, verging einige Zeit, weil der Weg dorthin im Augenblick mit feuchten Möbeln und dahinter mit einer Wagenladung alter Fahrräder vollgestellt war. Als er endlich die beiden Bretter zur Seite gedrückt hatte und durch die Lücke geschlüpft war, konnte er weit und breit niemanden sehen.
Als Bob zum Grünen Tor kam, hörte er dahinter wieder die Schritte. Die Person war bereits vorbeigerannt, aber vielleicht konnte er sie noch sehen und verfolgen. Der dritte Detektiv betätigte den Geheimmechanismus und zwängte sich durch den Zaun. Plötzlich vernahm er erneut Schritte. Andere Schritte. Härtere. Die sich näherten. Bob trat vollends auf den Gehweg und wollte sich eben aufrichten, als ihn jemand mit voller Wucht umrannte.