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Der (Neo-)Liberalismus
Kann der Markt alle Probleme lösen?
Wo versagt die freie Marktwirschaft?
Was sind die Konsequenzen?
Die Idee der automatischen Selbstkoordination freier Märkte hat etwas Bestechendes an sich. Freie Märkte sind denn auch tatsächlich oft ein effizientes Mittel zur Koordination von Angebot und Nachfrage über den Preis. Von einem vollkommenen Markt spricht man, wenn die Marktteilnehmer die volle Transparenz über den Markt haben (Markttransparenz), rein rational auf der Basis des Preises entscheiden (siehe auch » Homo Oeconomicus) und ein freier Marktzutritt für alle Teilnehmer gegeben ist.
Die Realität ist durch unvollkommene Märkte geprägt. Die Hauptgründe für Marktversagen sind die folgenden:
- Asymmetrische Information (Prinzipal-Agent-Problematik). Der Kunde kann sich nicht vollständig über die Produkte informieren. Er kann beispielsweise die versteckten Mängel in einem Gebrauchtwagen oder einem Haus nicht ohne weiteres erkennen. Er kann auch nicht beurteilen, ob eine medizinische Behandlung oder ein vom Arzt verschriebenes Medikament wirklich notwendig sind oder lediglich der Gewinnoptimierung des Arztes oder des Spitals dienen.
- Quasi-Monopole. Die Marktmacht grosser Unternehmen ermöglicht diesen, überhöhte Preise für ihre Produkte durchzusetzen. Das krasseste Beispiel dafür ist die Pharmaindustrie, wo für gewisse Medikamentenkategorien (z.B. Krebsmedikamente, Medikamente gegen Hepatitis C) de-facto Monopole bestehen, die von den jeweiligen Anbietern über eine monopolistische Preisfestsetzung ausgenützt werden. Die erwirtschafteten Monopolrenten werden durch langlaufende Patente auf den entsprechenden Produkten geschützt.
- Externe Effekte. Es handelt sich um meist negative Nebeneffekte des Wirtschaftens, die nicht in die Preisbildung einfliessen und nicht automatisch abgegolten werden. Bekanntestes Beispiel ist die Umweltverschmutzung. Da die Nutzung der Umwelt nicht in den Preis einfliesst, wird das billigere aber umweltschädlichere Produkt (z.B. Erdöl) stärker nachgefragt.
- Öffentliche Güter. Diese sind durch die Nichtausschliessbarkeit vom Konsum gekennzeichnet. So ist zum Beispiel die Landesverteidigung ein öffentliches Gut. Sie wird gleichzeitig von allen Bewohnern eines Landes konsumiert, ohne dass der Konsumnutzen jedes Einzelnen durch den Konsum anderer Individuen beeinträchtigt wird. Gleichzeitig kann kein einzelnes Individuum davon ausgeschlossen werden. Ein modernes Beispiel ist Shareware auf dem Computer. Wegen der Nichtausschliessbarkeit vom Konsum besteht die Möglichkeit, gratis von dem Gut zu profitieren, ohne etwas dazu beitragen zu müssen (Trittbrettfahrereffekt). Öffentliche Güter und Dienstleistungen werden denn auch meisten entweder vom Gemeinwesen oder von Idealisten bereitgestellt.
Auch ein vollkommener Markt kann keine gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen gewährleisten
Auch ein vollkommener Markt führt bestenfalls zu einer optimalen Allokation von Gütern, Dienstleistungen und Ressourcen – Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen werden über den Preis in ein Gleichgewicht gebracht.
Eine gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen ist damit jedoch noch nicht sichergestellt. Es besteht vielmehr die Gefahr eines distributiven Marktversagens, d.h. das Ergebnis des Marktprozesses stimmt nicht mit den Vorstellungen überein, was in der Gesellschaft als fair angeschaut wird.
Die Folge: Vermögenskonzentration und soziale Segregation
Die Erfahrung zeigt denn auch, dass in einem ausgeprägt liberalen oder gar libertären, von der Gesellschaft kaum kontrollierten wirtschaftlichen Umfeld ('laisser faire') ohne ausreichende soziale Ausgleichsmechanismen, das uneingeschränkte Recht des Stärkeren sowie der Eigennutz der Habenden meist zu einer starken Vermögens- und Machtkonzentration bei einigen wenigen Einzelpersonen bzw. Familien führen.
Auch wenn ein gewisser 'Trickle-Down-Effekt' von den Reichen zu den Armen stattfinden mag, so stellt sich in einem solchen System oft eine starke soziale Segregation ein: einige wenige Reiche, eine meist dünne Mittelschicht und eine grosse Masse von Armen. Auch die Umweltbelastung dürfte in einem solchen System eher zu- als abnehmen.
Konsequenz: Brazilianization von Drittwelt- und Schwellenländern
In verschiedenen Drittwelt- und Schwellenländern lassen sich die Folgen eines solchen Systems gut beobachten: Die Wirtschaftselite ist mit der meist korrupten politischen Elite eng verflochten. Sie hat die Tendenz, den oft schwachen Staat zu dominieren und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen an ihre Bedürfnisse anzupassen. Somit kann diese 'Elite' die natürlichen und sozialen Ressourcen ihres Landes ohne grossen Widerstand ausplündern, oft in Zusammenarbeit mit ausländischen Grosskonzernen. In der Fachliteratur wird dies denn auch treffend als 'Brazilianization' bezeichnet (wobei Brasilien beileibe nicht das einzige Land ist, auf das diese Symptomatik zutrifft).
Profite werden ins sichere und steuergünstige Ausland verschoben
Der so gewonnene Reichtum wird angesichts der durch das eigene Verhalten geförderten latenten politischen Instabilität meist nicht im eigenen Land bzw. in der eigenen Wirtschaft reinvestiert, sondern ausser Land gebracht. Privatpersonen parkieren ihr Vermögen vorzugsweise auf Konten in den USA oder in der Schweiz. Unternehmen verschieben ihre Gewinne über manipulierte Transferpreise, Lizenzkosten, Brand Fees, Management Fees oder Gewinntransfers nach Europa oder in die USA.
Eine mögliche Folge dieser Politik ist, dass insgesamt zu wenig in den Kapitalstock investiert wird und viele Länder deshalb nicht ausreichend industrialisiert sind, um ihrer meist steigenden Bevölkerung ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Viele dieser Länder leben zudem schwergewichtig von der Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen (Böden, Rohstoffe), d.h. die aktuelle Bevölkerung lebt auf Kosten zukünftiger Generationen.
Fazit. Die wirtschaftliche Gesamtleistung und v.a. die Wertschöpfung solcher Länder bleiben tief. Damit bleiben auch die Wertschöpfung pro Kopf und damit die durchschnittliche Lohnsumme tief. Das grosse soziale Gefälle bleibt erhalten.
Das Kapital im 21. Jahrhundert (Piketty)
Wie das Werk 'Das Kapital im 21. Jahrhundert' des französischen Ökonomen Thomas Piketty aufzeigt, wachsen seit einigen Jahrzehnten die Vermögen in allen Industrieländern deutlich stärker als die Einkommen. Als Folge ist der Anteil der Arbeitseinkommen an den gesamtwirtschaftlichen Einkommen signifikant gesunken (USA von rund 66% im Jahr 2000 auf noch 58% in 2016). Ökonomen des IMF ordnen rund die Hälfte des Rückgangs des Anteils des Arbeitseinkommens dem technologischen Fortschritt und rund einen Viertel der globalen Integration zu (u.a. Outsourcing). Laut Piketty gehört die Zukunft eher denjenigen die erben als denjenigen die Wohlstand erschaffen. Auch der Anteil der oberen zehn Prozent am Volkseinkommen steigt in den Industrieländern seit den 80er-Jahren kontinuierlich an, am stärksten im angelsächsischen Raum (England, USA). Die Errosion des Mittelstandes hat v.a. in den USA mittlerweile ein besorgniserregendes Ausmass angenommen und dürfte auch einer der wesentlichen Gründe für die Wahl von Präsident Trump gewesen sein.
Vom Neoliberalismus zum Neufeudalismus
Wo kein Marktversagen vorliegt, mögen freie Marktkräfte Angebot und Nachfrage effizient zu koordinieren. Werden die Marktkräfte jedoch nicht durch entsprechende Rahmenbedingungen gelenkt, kann ein System entstehen, in dem die soziale Segregation fortgeschrieben wird und die Umweltbelastung zunimmt. Es besteht dann die Gefahr, dass sich aus dem Neoliberalismus ein 'Neofeudalismus' entwickelt.
Grosse Einkommensunterschiede dämpfen das Wirtschaftswachsum
Dies lässt sich schwerlich mit sozialen, ethischen und spirituellen Grundsätzen in Einklang bringen. Zudem dämpft ein grosses Einkommensungleichgewicht das Wirtschaftswachstum, wie unlängst eine Studie von Standard & Poor festgestellt hat.
Den Anhängern des neoliberalen oder libertären Wirtschaftsmodells fällt es oft schwer, die potenziellen negativen Folgen ihres Ansatzes zu verstehen und angemessen zu würdigen. Man sieht zwar unter Umständen die Probleme, ist aber nicht bereit, die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen.
Version vom 06. Januar 2021
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