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Andrea setzte den Stift an und schrieb: «Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann.» Sie legte den Kopf schief und schaute durch das Fenster des Café Cairo auf die winterliche Berner Altstadt hinaus. Die eng ineinander verschachtelten Häuser gefielen ihr. Wie sehr liebte sie diese Stadt! Leise sprach sie die Worte vor sich hin: «Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann.» Sie schaute auf die Uhr. Ihre Mittagspause war fast vorüber, sie musste aufs Bücherschiff zurück. Sie schlüpfte in den roten Mantel, ihre Absätze klapperten auf den Pflastersteinen, als sie die schmale Gasse zur Anlegestelle hinuntereilte. Die alte Barke lag ruhig auf der winterlichen Aare. Sie liebte diesen eigenartigen Geruch, wenn sie den Bauch des Schiffes betrat; eine Mischung aus Staub, Motorenöl, Lack, Leim und Papier. Das Schiff war Teil eines Leseförderprojekts der Berner Bibliotheken. Jeden Mittwochnachmittag hatte Andrea Primarschüler zu Gast; kleine Piratinnen und Piraten, die mit Augenbinden und Schnurrbärten durch die Gänge stürmten und später beim Vorlesen mucksmäuschenstill an ihren Lippen hingen. Als sie daheim die Haustür öffnete, kam ihr laute Musik entgegen. Lisa, ihre Mitbewohnerin, kochte gerade und hörte dabei laut Musik. «Möchtest du auch mitessen?», rief sie Andrea aus der Küche zu. Während des Essens kamen sie auf Andreas Lederjacken-Projekt zu sprechen.
«Lass mich hören, was du bis jetzt geschrieben hast», drängte Lisa.
Andrea wollte vor ihrer Mitbewohnerin nicht als Mauerblümchen dastehen. Doch Lisa gab keine Ruhe, bis Andrea die Notiz herausrückte. Ein Lächeln umspielte Lisas Lippen, als sie las: Rotmantelfrau sucht Lederjackenmann. Verträumte, eigenwillige Rotmantelfrau sucht liebevollen, verrückten Lederjackenmann zum Pferdestehlen!
Lisa schaute Andrea zweifelnd an. «Also erstens zieht man mit einem Feministinnenmantel keine Männer an. Und zweitens: Was heisst hier Lederjacke. Es gibt so viele verschiedene, schwarze, braune oder dunkelgraue, das ist ein riesiges Spektrum. Rocker tragen Lederjacken, Punks, Goths, Metaller … Willst du etwa einen Metaller als Freund?»
Andrea zog eine zerknirschte Grimasse. Daran hatte sie wirklich nicht gedacht.
«Du mit deiner altersschwachen Arche. Komm lieber am Freitag mit mir zu dieser Party ins Metro.» Nachdem Lisa in ihrem Zimmer verschwunden war, spülte Andrea das Geschirr. Es war schwierig zu erklären, aber in einem knallroten Mantel fühlte sie sich lebensvoll und witzig, stark und selbstbewusst. Lisa behauptete, Männer fühlten sich von einer allzu selbstbewussten Frau bedroht. Aber für Andrea war der rote Mantel eine Art Zaubermantel, der all die schlechten Energien von ihr fern hielt.
«Ich suche einen Assistenten, der mir hilft, die Bücher, die zurückgekommen sind, wieder in die Regale zu räumen», erklärte sie dem jungen Mann, der ihr am nächsten Tag im Bücherschiff gegenüber sass. Er war ihr vom Arbeitsamt empfohlen worden. «Trauen Sie sich das zu?» Der junge Mann mit dem gelockten Haar nickte. Er trug eine Wolljacke und machte einen sehr zurückhaltenden Eindruck.
Andrea entschied, Momo einzustellen. Ein Energiebündel hätte sie auf dem Bücherschiff nicht brauchen können. Dass Momo eine gute Wahl gewesen war, zeigte sich bereits am Nachmittag. Er begriff rasch und verrichtete in Ruhe seine Arbeit. «Woher aus Ägypten kommen Sie eigentlich, Momo?», fragte Andrea.
«Aus Luxor. Das Haus meiner Eltern liegt direkt am Nil.»
Darüber hätte Andrea gern mehr erfahren. «Kommen Sie auch noch rasch ins Café Cairo?», fragte sie, als sie gegen halb sieben das Bücherschiff zusperrten. Doch Momo schüttelte den Kopf.
«Ich muss noch beim Arbeitsamt vorbei», erklärte er kurz angebunden. Sie schaute ihm nach, wie er davonging. «So ein schüchterner Typ», dachte sie.
In dieser Nacht fand sie kaum Schlaf. Als sie dann endlich in einen unruhigen Schlummer fiel, träumte sie von einer hölzernen Feluke und von Dorfbewohnern, die am Fluss ihre Kleider wuschen.
Am nächsten Tag war sie früher im Bücherschiff als sonst. Momo kam erst später und sie wollte die ruhigen Morgenstunden nutzen, um in Ruhe nachzudenken. In der Nacht war ihr eine Idee gekommen. Als Momo gegen zehn eintraf, fragte sie ihn: «Wie wär‘s, wenn Sie mir bei einem Recherche-Kurs für Jugendliche helfen würden? Sie sind der Experte und die Jugendlichen müssen Ihnen Fragen über das Leben in Ägypten stellen.»
«Das würde ich sehr gern machen.»
«Perfekt! Ich freue mich.» Spontan gab Andrea ihm die Hand. Zum ersten Mal fiel ihr sein angenehm fester Händedruck auf. «Nennen Sie mich doch Andrea», schlug sie vor. «Wir müssten noch die Einzelheiten besprechen», fuhr sie fort. Momo zögerte einen Moment, dann sagte er: «Darf ich dich heute Mittag zu einem kleinen Lunch einladen? Ich koche etwas Ägyptisches.»
Andrea wusste nicht, ob das professionell war, aber ihre Neugierde war stärker und sie sagte zu. Sie räumte auf und rückte ein paar Stühle zurecht, dann machte sie sich auf den Weg, den Momo ihr beschrieben hatte. Sie klingelte an der Haustür, es summte und die Tür gab nach. Die Wohnungstür im dritten Stock war nur angelehnt. Sie klopfte kurz und trat ein. Der Geruch von Essen stieg ihr in die Nase. Doch da war noch etwas anderes. Es war ein fremder und doch so bekannter Geruch, sie erkannte ihn nicht gleich. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Es war der Geruch von Leder. An der Garderobe hing eine Lederjacke.
Erschienen in: Dreiundsechzig, Kameru Verlag, 2015