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02.01.2015 - Peter Killer
02.01.2015
Peter Killer
Anna Gridazzi - Meisterin der Farben
Eine Sehreise nach Eglisau zu Malereien von Hamburger Hafenkränen und Genueser Seesichten
Augusto Giacometti hielt 1933 einen Radiovortrag mit dem Titel «Die Farbe und ich». Er ging auf die damals aufkommende Farbnormierung ein. Grundlage ist ein Farbglobus mit ungebrochenen Farben am Aequator, die sich gegen den Südpol verdunkeln und gegen den Nordpol aufhellen, mehr als tausend Farben, als Vierecke aufgemalt.
Kunstvermittler Peter Killer bei der Vernissage in Eglisau
Giacometti: «Da man unmöglich jedem dieser Vierecke einen Namen geben könnte (der Wortschatz würde kaum ausreichen), so müsste man sie nummerieren. Praktisch würde es so herauskommen, dass man diese Kugel beim Völkerbund in Genf deponiert. Der Völkerbund würde sie untersuchen und begutachten lassen und jedes Land verpflichten, für diesen bestimmten Ton diese bestimmt Nummer anzunehmen. Jede Verwechslung und jede Verschiebung wäre strafbar. Man könnte also in Sidney in einen Laden gehen und sagen, man wünsche ein farbiges Halstuch 1003. (z. B. ein helles Blau mit einem Stich ins Ockrige.) Das Ladenmädchen wüsste sofort Bescheid und würde lächelnd das verlangte helle Blau mit einem Stich ins Ockrige bringen. Hätte man einige Monate später in Wladiwostok das Gefühl ein Tuch genüge nicht und man wolle noch einige dazu kaufen, so würde man im Laden wieder sagen Farbe 1003, und der Jüngling brächte, stolz über seine Intelligenz, sofort das helle Blau mit einem Stich ins Ockrige.»
Hafenkräne im Hamburger Hafen
Die Utopie ist heute, 80 Jahre später, Realität. Die Farben für die Flachmalerei und das Lackierergewerbe wurden normiert und nummeriert, beispielsweise nach dem Pantone-Farbfächer. Alle heute üblichen Farbsysteme weisen den einzelnen Farbtönen Nummern zu. Was sonst? Nehmen wir das Enzianblau. Es gibt die verschiedensten Enzianarten: den Kochschen Enzian, den Alpen-Enzian, den schmalblättriger Enzian, den Schwalbenwurz-Enzian, den Bayerischer Enzian, den Kurzblatt-Enzian, den Villars-Enzian, den Clusius-Enzian, den Kalk-Glocken-Enzian, den stängellosen Enzian, und alle haben ein anderes Blau. Enzianblau ist also unpräzis und für all jene, die in Weltengegenden leben, wo kein Enzian wächst, mirakulös.
Farbsymphonie in blau und rot mit einem Einblatt
Der langen Einleitung kurzer Sinn: Mit Worten über Bilder reden, in denen die Farben so subtil und reich gesetzt sind wie bei Anna Gridazzi, gelingt dem besten Sprachkünstler nicht. Es nützt auch nichts, wenn ich Ihnen sage, dass es schlicht grossartig ist, wie es Anna Gridazzi gelingt eine Pantone-Nummer 691 neben einer Patone-Nummer 1014 zum Klingen zu bringen. Malereien muss man anschauen, nicht auf Reproduktionen und nicht im Internet, sondern vor den Originalen. Jetzt in der Galerie am Platz in Eglisau.
Anna Gridazzi in der Galerie am Platz, Eglisau vor Nachtbildern
Es ist Anna Gridazzis Farbsensibilität, Farbmusikalität, die ihre Bilder so aussergewöhnlich machen. Viele malen, aber nicht vielen gelingt es so wie ihr, die Farbe zum Klingen zu bringen. Sie liebt die Klangfülle starker Farbakkorde. Goethe schrieb: „Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer anderen starken Farbe, und nur wer seiner Sache gewiß wäre, wagte sie nebeneinander zu setzen.“ So wie Anna Gridazzi. Zugleich ist sie eine Meisterin des Subtilen. Ihr Farbenklavier kennt nicht nur die weissen und schwarzen Tasten, sondern auch Viertel- und Achteltöne.
Ein winterliches Zürcher Strassenstück
Auf Augusto Giacomettis Grabstein in Borgonovo ist eingemeisselt QUI REPOSA IL MAESTRO DEI COLORI (hier ruht der Meister der Farben). An der Zürcher Feldstrasse müsste man heute ein Tafel anbringen QUI LAVORA LA MAESTRA DEI COLORI (hier arbeitet die Meisterin der Farben).
Spass beiseite. So etwas passt überhaupt nicht zur Bescheidenheit dieser Künstlerin, die sich in der Kunstgeschichte gut auskennt und entsprechend zu relativieren versteht, was sie macht. Regelmässig ist sie in Genua, und Hamburg, das zeigen ihre Bilder. Sie ist gern unterwegs, sieht gern Neues, aber dem Vertrauten gewinnt sie als Malerin am meisten ab. Wenn man die Titel von Robert Walsers Prosastücken liest, könnte man meinen, der Dichter hätte über Hunderterlei geschrieben. Dem war nicht so, er schrieb stets über sich, egal ob der Titel «Asche, Nadel, Bleistift und Zündhölzchen» oder das «Van Gogh-Bild» hiess. Die Ortswechsel machen weder aus Walser noch aus Anna Gridazzi andere Künstler. Es ist eine intime Kunst, eine stille Kunst.
Dreimal Genua weder spektakulär noch touristisch, aber meisterlich gemalt
Die Karte Nummer 6 im Tarot heisst «Die Liebenden» oder auch «Die Entscheidung». Sie zeigt einen Mann zwischen zwei Frauen. Sie fordert zur Wahl auf, denn echte Liebe ist mit Konzentration verbunden, da gibt es kein Sowohl-als-auch. Ich liebe die Kunst von Anna Gridazzi, aber auch die Werke von experimentell Arbeitenden. Bin ich nun ein widersprüchlicher Mensch? Hoffentlich nicht. Ich weiss sehr wohl, was ich mag und was nicht. Ich schätze alle ernsthaft engagierten Künstlerinnen und Künstler, gleich welcher Richtung. Aber ich lehne Oberflächlichkeiten aller Art ab. Das Laue und Ambitionslose, das Selbstgefällige und Unechte strafe ich mit Missachtung.
Pinocchio neben einem Ausschnitt gespiegelte Welt
Wer meint, die Kunstgeschichte sei eine lineare Aneinanderreihung von Innovationen, irrt. Künstlerinnen und Künstler die der Ansicht sind, sie müssten gehauen oder gestochen etwas noch nie Gesehenes schaffen und sie würden sich damit einen Platz in der Kunstgeschichte sichern, sind auf dem Holzweg. In der Kunst ist es nicht wie im Zirkus, wo jedes Jahr ein neues Programm mit neuen Sensationen erwartet werden darf.
Anna Gridazzi ist eine Traditionalistin, aber keine unzeitgemässe. Harald Szeemann sagte in den neunziger Jahren: «Es gibt keinen Fortschritt mehr, aber Bereicherungen aller Art.» Dieser Satz ist auch hier gültig. Er berechtigt die Künstlerinnen und Künstler an Leistungen der Vorgänger anzuknüpfen. Sich an früher Geschaffenem zu orientieren, dieses zu bereichern und zu vertiefen. Das tut Anna Gridazzi. Auf wunderschöne Weise.
Biographisches: Anna Gridazzi war an der Zürcher Schule für Gestaltung rund 30 Jahre lang bis zur Penisonierung Assistentin des Kunstgeschichtedozenten Eduard Plüss. Diese Berufsarbeit erlaubte es ihr, ihre Kenntnisse über die Geschichte der Kunst auszuweiten und sich gleichzeitig der eigenen Malerei zu widmen. Mit dem Zürcher-Genuesen-Hamburger Künstler Peter Bräuninger teilt sie das Leben und das Unterwegssein.
bis 15. Februar 2015
Galerie am Platz, Obergass 23, Eglisau
Fotos: Eva Caflisch