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Mit der Schweizer Baseball-Nationalmannschaft steht der Freiburger Pitcher Jonah Schaller kurz vor der ersten EM-Teilnahme. Nach zwei komplizierten Jahren in den USA geht es für den 22-Jährigen endlich wieder aufwärts.
Das Schweizer Baseball-Nationalteam hat am Wochenende das EM-Qualifikationsturnier in Litauen gewonnen. Nach den Vorrundensiegen gegen Rumänien (11:0) und Finnland (10:9) bezwang die Equipe von Headcoach Chris Byrnes im Final auch den Gastgeber mit 3:1 und hat sich damit in eine hervorragende Ausgangslage für die erste EM-Teilnahme überhaupt gebracht. Nun müssen die Schweizer im nächsten Frühling noch gegen die Sieger der beiden anderen Qualifikationsturniere, Frankreich und Ungarn, antreten. Zwei dieser drei Teams qualifizieren sich dann für die EM-Endrunde in Tschechien im Herbst 2023.
«Krasser Thrashtalk»
Unter den 21 Spielern, die auf dem Baseballfeld der Pferderennbahn von Utena für die historischen Schweizer Siege gesorgt haben, war auch der Freiburger Jonah Schaller. Der 22-Jährige wurde zudem als bester Pitcher (Werfer) des ganzen Turniers ausgezeichnet. Im Final gelangen ihm unter anderem beeindruckende sieben Innings mit elf Strikeouts, und er liess im ganzen Turnier keinen einzigen Run zu. Dabei bewies der Freiburger die mentalen Fortschritte, die er in den letzten Jahren gemacht hat. «Im Final gegen Litauen gab es den krassesten Trashtalk, den ich je gehört habe», erzählt Schaller. «Spieler und Zuschauer haben alles versucht, um mich beim Werfen zu irritieren. Ich kann inzwischen aber viel besser mit Drucksituationen umgehen und habe es geschafft, einen kühlen Kopf zu bewahren.»
Lehrjahre in den USA
Die mentale Coolness kommt nicht von ungefähr. Im Sommer 2020 war Jonah Schaller in die USA gezogen, um sich im Mutterland des Baseballs in seinem Sport weiterzuentwickeln. Am Ventura College in Kalifornien begann er ein Studium in Politikwissenschaften und spielte für das Uni-Team der Pirates. Er hoffte, in den zwei Jahren seines Bachelor-Studiums im sportlichen Bereich genug Fortschritte zu machen, um dann an eine grössere Uni gehen zu können und um sich für einen Profivertrag aufzudrängen. Es kam dann doch alles etwas anders als erhofft. Kaum in den USA angekommen, verletzte sich Schaller am Ellenbogen. «Man hat nie herausgefunden, was es genau war. Aber ich musste vier Monate pausieren, und das war natürlich alles andere als ein optimaler Start», erzählt der Freiburger. Bloss drei Spiele konnte er in der Saison 2020/21 für die Ventura Pirates absolvieren. Es blieb die Hoffnung auf ein besseres zweites Jahr.
Nach dem Ellenbogen die Schulter
Doch auch da war Schaller das Glück nicht hold. Im Juni 2021 musste er sich an der Schulter operieren lassen. Für Baseballspieler, die häufig und auf hohem Niveau spielen, sind Überlastungsschäden ein normaler Bestandteil ihres Lebens. Pitcher, so wie Schaller, sind am häufigsten von Verletzungen betroffen. Ihre Schulter und Ellenbogen sind beim Werfen des 145 Gramm schweren Balls extremen Beschleunigungskräften und Verdrehungen ausgesetzt. Um als Pitcher in höheren Ligen wahrgenommen zu werden, sind Wurfgeschwindigkeiten von über 90 Meilen pro Stunde (144 km/h) gewissermassen eine Grundvoraussetzung. Würfe mit über 100 Meilen (160 km/h) sind in höheren Ligen durchaus die Regel. «Mir hat es die Bizepssehne gerissen», sagt Jonah Schaller. Das sei sicherlich nicht die schlimmste Verletzung, die man sich zuziehen könne. Er sei danach aber trotzdem drei Monate out gewesen. «Nach dem Aufbautraining habe ich lange keine Chance erhalten. Und als ich dann Chancen bekommen habe, habe ich sie nicht gepackt, weil ich zwei Jahre lang kaum gespielt hatte.» Insgesamt konnte Schaller nur fünf von 40 Partien bestreiten. «Das war natürlich nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.»
«So fit wie noch nie»
Dennoch waren die vergangenen zwei Jahre für Schaller eine Bereicherung. Die ersten beiden Jahre des Studiums in Politikwissenschaften hat er erfolgreich abgeschlossen, und auch im Baseball konnte er Fortschritte machen. «Ich spiele momentan so gut wie noch nie in meinem Leben», sagt der Freiburger, der seit Mai für die Bern Cardinals in der NLA die Bälle wirft. «Während meinen Verletzungen konnte ich zwar kein Wurftraining machen, dafür war ich noch öfter im Kraftraum und habe an Kraft und Explosivität zugelegt.» Er fühle sich so fit wie noch nie, sowohl körperlich als auch mental.
Bewiesen hat dies Jonah Schaller jüngst beim EM-Qualifikationsturnier, und auch in der NLA ist er momentan dank seiner variabler gewordenen Wurftechniken der erfolgreichste Pitcher. Mit entsprechend grossem Selbstbewusstsein kehrt der Freiburger Mitte August in die USA zurück – wissend, dass er am Hope College in Michigan, wo er sein Studium fortsetzen und Baseball spielen wird, wieder ein sportlicher Nobody sein wird. Dennoch will er seinen Traum von einer Profikarriere weiterverfolgen.
Kulturschock
Im Mutterland des Baseballs eine Profikarriere anzustreben, wenn man aus einem baseballerischen Entwicklungsland wie der Schweiz kommt, hat fast schon etwas Verwegenes. «Die Chance, es in den USA zum Profi zu schaffen, ist sehr, sehr, sehr klein», ist sich der 22-Jährige bewusst. Er wäre der erste Schweizer überhaupt, der in einer amerikanischen Profiliga gedraftet werden würde. «In Amerika gebe es vier professionelle Ligen. Ich habe nicht den Anspruch, in der höchsten Liga, der MLB, zu spielen. Ich könnte auch mit einem Engagement in der vierthöchsten Klasse sehr gut leben.»
Sein Enthusiasmus für Baseball kommt nicht von ungefähr. Der Sohn eines Amerikaners und einer Schweizerin ist in Michigan geboren und in Ohio aufgewachsen. «Mein Vater ist ein totaler Baseball-Fan und hat ständig Spiele im TV geschaut. Seine Begeisterung hat mich angesteckt, als Vierjähriger habe ich selbst angefangen zu spielen.» Als er sechs Jahre alt war, zog er mit der Familie in die Schweiz nach Düdingen. «Das war ein Kulturschock. Keiner hat in Düdingen Baseball gespielt, und es gab auch keinen Club in der Nähe.» Als Neunjähriger hat er dann in Bern bei den Cardinals seine Karriere gestartet.
Baseballprofi oder Diplomat
Inzwischen ist er 22 Jahre alt und spielt in den USA. Vier Jahre kann man in den Staaten auf College-Stufe Baseball spielen, mehr geht nicht. Weil ihm sein erstes Jahr in Ventura wegen der Corona-Restriktionen, die einen normalen Meisterschaftsbetrieb verunmöglichten, nicht angerechnet wird, bleiben Jonah Schaller noch drei Saisons mit dem Team der Michigan Hope. Was, wenn er es in dieser Zeit nicht packt und es nicht zu einem Draft reicht? «Vor einem Jahr, nach meiner Schulteroperation, hätte ich geantwortet, dass ich meine Karriere beende und mich auf meine andere grosse Ambition konzentriere, die es ist, Diplomat zu werden. Aber jetzt, wo es mir so hervorragend läuft, könnte ich mir auch vorstellen, in einer sekundären Liga wie in Australien oder Japan als Profi zu spielen.» Zu viele Gedanken mache er sich deswegen nicht, in den nächsten drei Jahren könne noch so viel passieren. «Wenn ich in den letzten zwei Jahren etwas gelernt habe, dann ist es die Erkenntnis, dass es im Sportbusiness eh immer anders kommt, als man es geplant hat.»