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Gerechtigkeit ist im Hebräischen ein Beziehungsbegriff. Wenn Gott gerecht ist, heisst das vor allem, er ist treu. Die scholastische Theologie im frühen Mittelalter hatte damit ein Problem. Sie sagt: Gott ist gnädig, aber er ist auch gerecht. Der Hebräer schüttelt den Kopf und fragt: Wo soll denn da das Problem sein? Dass er gerecht ist, heisst doch, dass er gnädig ist!
Oder nehmen wir den Begriff der Wahrheit. Der Hebräer sagt: Wahrheit ist das, was eine Beziehung mit Liebe, Güte und Gerechtigkeit stützt. Wahrheit heisst eigentlich Treue. Wenn Gottes Wort wahr ist, dann heisst es nicht, dass es formal richtig ist. Was Gott sagt, wenn er wahr spricht, heisst, dass er treu ist. Er ist zuverlässig. Er hält das, was er spricht und tut.
Dietrich Bonhoeffer hat diesen Unterschied in seinem Denken aufgenommen und schreibt einen kleinen Aufsatz zum Thema: „Was heisst die Wahrheit sagen?“ Der Lehrer fragt den Schüler vor der ganzen Klasse: „Gell, das stimmt? Dein Vater ist ein Trinker!“ Wenn der Schüler eine formale Antwort gibt, die richtig ist, dann hätte er sagen müssen: Ja, mein Vater ist ein Trinker. Bonhoeffer sagt, damit hätte der Sohn die Beziehung zum Vater verletzt. Und das darf er nicht. Die Beziehung ist etwas so Kostbares, so etwas Heiliges, dass man nach aussen hin zu dieser Beziehung zuverlässig und treu zu stehen hat. Was macht der Schüler? Er steht vor den Lehrer hin und sagt: „Nein, mein Vater ist kein Trinker.“ Und Bonhoeffer sagt, dieser Schüler hat wahr gesprochen (treu zum Vater).
Wir sprechen von Lüge, wenn es formal nicht übereinstimmt. Aber niemand zwingt mich so zu denken. Bonhoeffer fragt hier auch: Was ist an der Geschichte und an der Frage des Lehrers falsch? Eine Schüler in der ganzen Öffentlichkeit so blosszustellen mit so einer Frage – das darf man einfach nicht, unter keinen Umständen. Wer das tut, hat kein Recht, eine richtige Antwort zu kriegen. Mit der Tatsache, dass er diese Situation provoziert, hat er jedes Recht darauf verloren. Das ist das Grundargument von Bonhoeffer.
Das Recht heisst: Die Beziehung hat diesen ganz grossen Stellenwert, dass man jemanden nicht beschämen darf – unter keinen Umständen. Das ist hebräisch: Die Beziehung zu schützen. Gott wird am Ende vom Menschen nichts erzählen, was richtig ist (da können wir lange darauf warten). Aber ich bin überzeugt, dass Gott wahr reden wird und Wahrheit heisst, er wird zu seiner Treue, die er uns versprochen hat, so zu uns stehen, dass diese Wahrheit ans Licht kommt. Das ist hebräisch. Ich bin froh, dass Gott hebräisch ist.