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US-Präsident Joe Biden kämpft gegen tiefe Beliebtheitswerte: Gemäss einer kürzlichen Umfrage finden nur 31 Prozent der Bevölkerung seine Politik gut. Woran liegt das? Einer, der es wissen muss, ist Thomas L. Friedman. Der mehrfach ausgezeichnete Journalist zieht Bilanz und erklärt, wie sich das Blatt für Biden noch wenden könnte.
Thomas L. Friedman
Journalist der «New York Times»
Thomas L. Friedman ist Kolumnist der linksliberalen Zeitung «New York Times». Er wurde mehrfach mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet. In seiner journalistischen Arbeit begleitet er Joe Biden seit Jahrzehnten.
Thomas Friedman hat mehrere Bestseller verfasst. Zu seinen Büchern gehören «Von Beirut nach Jerusalem», «Die Welt ist flach» und «Was zu tun ist».
SRF News: Wie erklären Sie die rekordtiefen Umfragewerte von Präsident Biden?
Thomas L. Friedman: Es kam einiges zusammen. Ein Punkt ist die hohe Teuerung. Das hat sich über die Pandemie aufgebaut. Und wegen Problemen in der Lieferkette können die Leute nun gewisse Dinge nicht kriegen, etwa Auto-Chips oder Babynahrung. Hinzu kommt: Der Präsident ist alt. Er hat nicht dieselbe Energie, sich wie andere Präsidenten durchzusetzen.
Ich möchte allerdings noch keine endgültige Beurteilung machen, denn es sind Gesetzesvorlagen in Bewegung geraten, die diesen Trend drehen könnten.
Biden hat ein grosses Hilfspaket während der Pandemie lanciert, obwohl andere vor einer Inflation warnten. Damit ist er doch mitverantwortlich für die Lage?
Es ist keine Frage: Der erste Stimulus nach seinem Amtsantritt heizte die Inflation an. Das war fast sicher ein Fehler. Biden ist kein perfekter Präsident. Aber vorher hatten wir einen potenziellen Diktator: Die drei mächtigsten Anführer der Welt, Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping, versuchten in den letzten fünf Jahren alle, sich zu Präsidenten auf Lebenszeit zu machen. Wir stoppten Trump.
Hat Joe Biden die tiefen Zustimmungswerte verdient?
Biden wurde primär gewählt, weil er nicht Trump war. Aber auch, weil er als jemand wahrgenommen wurde, der das Land einen kann. Denn die Menschen hier fürchten – ich will nicht sagen einen Bürgerkrieg – aber doch Ausschreitungen.
Was machte Präsident Biden in den ersten zweieinhalb Jahren gut – und was nicht?
Aus Afghanistan abzuziehen, war aus meiner Sicht richtig. Auch wenn die Art und Weise schrecklich war. Biden war der Herausforderung gewachsen, als Putin die Ukraine angriff. Er schloss die Reihen der westlichen Staaten und Nato-Partner. Es war die beste Leistung, eine Allianz zu führen, seit George H. W. Bush, Jim Baker und Brent Scowcroft den Westen für eine Wiedervereinigung Deutschlands nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einigten.
Biden hat sich zu weit nach links orientiert, um seine grossen Gesetzesprojekte durchzubringen.
Es ist ihm aber nicht gelungen, seine Agenda umzusetzen, weil er sich zu weit nach links orientierte, um seine grossen Gesetzesprojekte durchzubringen.
Sie haben mit Präsident Biden kürzlich zu Mittag gegessen. Was nahmen Sie mit?
Mein Gefühl war, dass ich einen Mann interviewte, der tatsächlich die Welt und die Nato gegen Wladimir Putin einte. Aber er konnte Amerika nicht einen.
Das Weisse Haus sagt, Biden wolle für eine zweite Amtszeit kandidieren. Aber könnte er überhaupt etwas anderes sagen?
Er kann es nicht. Denn wenn er sagen würde, nein, ich trete nicht wieder an, dann würde er für die nächsten zweieinhalb Jahre sofort seinen Einfluss verlieren. Gleichzeitig bezweifle ich, dass er wieder antritt. Wir werden sehen.
Wäre Biden denn der richtige Kandidat für die Demokraten?
Ganz allgemein gesagt: Ich glaube, es ist Zeit für einen Generationenwechsel. Aber die erste Priorität für mich ist, Trump vom Weissen Haus fernzuhalten, denn das wäre das Ende der amerikanischen demokratischen Erfahrung. Die Stabilität und Integrität des Systems steht auf dem Spiel. Trump versuchte einen Coup. Wer glaubt noch, dass er das Weisse Haus je wieder freiwillig verlassen würde, wenn er zurückkäme?
Das Gespräch führte Viviane Manz.