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2021 war es zu einem signifikanten Rückgang der Lebenserwartung gekommen. Auch 2022 wird kaum besser abschneiden. Das folgt aus den bis zur 42. Woche vorliegenden Zahlen der „Sonderauswertung Sterbefälle“ von Destatis.
Die Lebenserwartung ist eine statistische Kenngröße von weitreichender Bedeutung. Dem Einzelnen gibt sie Aufschluss über seine statistisch noch erwartbare Lebenszeit und Versicherungen verwenden sie für ihre Prämienkalkulationen. Die Bestimmung ist aufwändig. Ausgehend von den Sterberisiken der Jahrgänge wird für einen hypothetischen Geburtsjahrgang ausgerechnet, wie viele Menschen in welchem Altersjahr überleben und sterben. Aus dieser Zeitreihe gewinnt man die Lebenserwartung ab Geburt oder ab einem beliebigen Alter. Die Rechnung ist robust gegenüber Veränderungen der Altersstruktur.
Die Lebenserwartung steigt seit vielen Jahren an, scheint aber allmählich einer natürlichen Grenze entgegenzustreben (Abb. 1). Bis 2020 folgte Ausreißern stets eine Umkehrbewegung im Folgejahr. Diese bleibt 2022 aus. Es ist nicht anzunehmen, dass der aus den Wochen bis KW 42 ermittelte, vorläufige Wert noch nennenswert ansteigen wird. Wegen Nachmeldungen und der restlichen, erfahrungsgemäß unterdurchschnittlichen Wochen wird eher das Gegenteil eintreten.
Abb. 1: Lebenserwartung in Deutschland seit 2000 mit 95%-Konfidenzintervall. Die Regressionskurve ist eine Sprungantwort eines Verzögerungssystems 1. Ordnung (Sättigungsfunktion). Bei normalverteilten Residuen erreicht sie ein Bestimmtheitsmaß R^2 von 0,973.
Zur besseren zeitlichen Beurteilung wurde die Lebenserwartung aus den wochenweise vorliegenden Sterbezahlen bestimmt (Abb. 2). Grippewellen (2017, 2018) treten in Form von Einbrüchen in Erscheinung. Danach erfolgt regelmäßig ein steiler Anstieg zu den Maximalwerten der warmen Jahreszeit. Hitzewellen (2018, 2019, 2020) können zu sehr kurzen Einbrüchen führen.
Abb. 2: Wochenweise Lebenserwartungen seit 2016 mit Erwartungswert (blau)
Abb. 3: Wochenweise Lebenserwartungen seit 2020 mit Erwartungswert (blau)
Dieses Grundmuster ist seit Anfang 2021 verändert (Abb. 3). Nach den winterlichen Einbrüchen erreichen die Sommerwerte die üblichen Maxima nicht mehr. Auffällig ist eine breite Delle im Sommer 2022. In einigen Mainstreammedien wurde in Unkenntnis der Zusammenhänge gemutmaßt, der Grund wären hohe Temperaturen und eigentlich der Klimawandel. Hitzebedingte Sterbewellen sehen anders aus. Kommt die Hitze, ist sie sofort und für alle da. Die Sterbezahlen formen dann einen hohen aber kurzen Peak aus. Wer dann nicht hitzebedingt stirbt, übersteht die Sommerhitze auch, wenn sie länger andauert. Darum sind breite Sommerdellen keine Hitzeeffekte.
Von welchen Altersgruppen gehen die Veränderungen aus? Zur Untersuchung dieser Frage wurden aus den wöchentlichen Sterberisiken der Jahre 2016-2019 Erwartungswerte unter Berücksichtigung von Trend, Saisonalität und Mittelwert gerechnet (für Experten: GLM-Regression, Quasi-Poisson, Log-Link, 14 Kohorten). Daraus lassen sich Differenzen von Sterberisiko und Erwartungswert gewinnen. In Abb. 4 sind die kumulierten Abweichungen dargestellt.
Abb. 4. Kumulierte Abweichungen des relativen Sterberisikos nach Alterskohorten.
Die Kurven folgen bis Ende 2020 einem recht klaren Schema, danach nicht mehr. In Phasen mit Übersterblichkeit steigen die Kurven an, bei Älteren normalerweise stärker als bei Jüngeren. In den Wellentälern kehrt sich das um, sodass sich positive und negative Abweichungen langfristig ausgleichen.
2021 ändert sich das Bild. Rückgänge schlagen nach kurzer Zeit in einen Wiederanstieg um. Alle Altersgruppen sind involviert. In der jüngsten Kohorte 0-30 (gelb) erfolgt der Umschlag erst im 2. Quartal 2021 nach einer Phase des Absinkens, die höchstwahrscheinlich auf die Risikovermeidung während der Lockdowns zurückzuführen ist. Unfälle sind die häufigste Todesursache bei jungen Menschen, und Unfallrisiken waren im Frühjahr 2020 und Winter 2020/2021 erheblich reduziert. Ein anschließender Anstieg war nicht zu erwarten. Die gelbe Kurve hätte auf dem erreichten, niedrigen Niveau weiterverlaufen müssen. Die Staffelung der älteren Kohorten (grün, blau, rot) ist gegenüber früheren Übersterblichkeitsphasen invertiert.
Zwei Folgejahre mit deutlich zu niedriger Lebenserwartung und Anomalien hinsichtlich Zeitablauf und Altersstaffelung sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Zufall.
Liegt das an der Pandemie? Über COVID-19 ist folgendes bekannt: Es handelt sich um eine saisonale Erkrankung mit einem mittleren Sterbealter deutlich oberhalb von 80, die schon 2019 in Europa nachzuweisen war und ab 2022 mit der Omikron-Variante endemisch geworden ist – in Bezug auf das Sterbegeschehen irrelevant.
Das Schadprofil passt dazu nicht. Es sterben vermehrt Junge und Menschen mittleren Alters. Sie tun das auch in den warmen Monaten, und es setzt sich nach dem Auftauchen von Omikron fort. Dem Winter 2020/2021 war eine längere untersterbliche Phase vorausgegangen. Mit einer starken Welle war darum zu rechnen, allerdings auch mit anschließender Untersterblichkeit.
Das Fazit in zwei Fragesätzen: Wenn es an COVID-19 lag, warum begann es dann nicht in 2020? Und wenn es nicht die Impfungen waren, warum begann es dann in 2021?