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Katholiken in einem reformierten Umfeld
Die Entstehung einer katholischen Gemeinde im rein protestantischen Berner Oberland ist dem grossen wirtschaftlichen Motor Thuns zu verdanken, dem eidgenössischen Waffenplatz. 1848 war die erste Bundesverfassung angenommen worden, und damit wurde das Militär auch zu einer Bundesangelegenheit. In der Folge wurde in Thun die erste eidgenössische Kaserne gebaut, die auch von katholischen Truppen benützt wurde. Damit zogen katholische Einwohner in die Kyburgerstadt, die 1865 eine eigene Gemeinde gründeten.
Fünfzig Jahre lang drückte die kleine Gemeinde stets die selbe Sorge, die nach einem Gottesdienstlokal. Anfänglich dienten private Räume, später wurde die Kapelle der Kaserne, die Stadtkirche, der Burgerratssaal, die Kirche Scherzligen und das Unterweisungszimmer der Stadtkirche benützt. Endlich fand die Odyssee 1913 ein Ende, als die englische Kirche mitbenützt werden durfte. Aber da hiess die Gemeinde schon längst „christkatholisch“.
Protest gegen die Dogmen
Das 1. Vatikanische Konzil, das 1869-70 in Rom tagte, beschloss eine tiefgreifende Aenderung des alten Kirchenverständnisses. Es sollte von da an gelten, dass der Papst die Kirche allein regieren sollte wie ein absolutistischer Herrscher sein Land. Diese Neuerung konnte aus der Bibel und der Ueberlieferung nicht begründet werden, davon war eine kleine Minderheit von Katholiken überzeugt. Sie protestierten gegen die Beschlüsse und wurden darum aus der katholischen Kirche ausgeschlossen. Sie gründeten darauf an verschiedenen Orten eigene Gemeinden und schlossen sich in der Schweiz zur christkatholischen Kirche zusammen.
Auch die Thuner Katholiken konnten sich für die neuen Dogmen nicht erwärmen. Mit allen gegen zwei Stimmen beschlossen sie, sich der christkatholischen Kirche anzuschliessen. Damit kam zur Raumsorge noch die nach Geistlichen hinzu. Die Gemeinde war viel zu klein und zu arm, um einen eigenen Pfarrer anstellen zu können. Zu ihrem Glück halfen die Professoren der eben gegründeten christkatholisch-theologischen Fakultät an der Universität Bern aus und hielten regelmässig Gottesdienste. Später wurde die Pastoration der Gemeinde den Berner Pfarrern übertragen, und so ist es bis heute geblieben.
Beziehungen zu den Anglikanern
Der erste christkatholische Pfarrer von Bern und von Thun war kein anderer als Bischof Eduard Herzog. Ihm verdankt die christkatholische Kirche ausserordentlich viel. Ihm gelang es, den ziellosen Protest gegen Papst und Kurie umzuformen in ein Engagement für eine liberale, synodale und katholische Kirche. Die Thuner verdanken Bischof Herzog darüber hinaus noch ihre Kirche. Mit seinen vielfältigen Beziehungen gerade zur anglikanischen Kirche konnte er den Weg frei machen, dass die Thuner Christkatholiken die Göttibachkirche mitbenutzen durften.
Dreissig Jahre lang waren sie bei den anglikanischen Glaubensfreunden Gäste. Wegen der Zeitumstände allerdings benützten sie die Kirche allein und trugen mehr und mehr auch die Last des Gebäudeunterhaltes. 1942 bot die Thunerhof AG, die Rechtsnachfolgerin der Familie Knechtenhofer, der Kirchgemeinde die Kirche zum Kaufe an. Die Offerte wurde freudig ergriffen. Der neue Besitz war allerdings in ziemlich desolatem Zustand, so hatte der Glockenturm wegen Einsturzgefahr bereits abgetragen werden müssen.
Eine selbständige Gemeinde
Die Kirchgemeinde Thun wurde seit der Gründung stets von Bern aus pastoriert. Darüber hinaus bestanden auch rechtlich enge Beziehungen zur grossen Nachbargemeinde, galt doch Thun als „Filial-Gemeinde“ von Bern. Das bezog sich vor allem auf die Stellung gegenüber dem Kanton Bern. Innerkirchlich galt Thun schon lange als Gemeinde mit eigenem Delegierten in der Synode. Diese Anerkennung entsprach weitgehend der Wirklichkeit, denn Thun war finanziell wie organisatorisch fast selbständig. Einzig die Wahlen wurden gemeinsam durchgeführt. Das hatte zur Folge, dass die Thuner Behörden faktisch von der übergrossen Mehrheit der Berner Gemeinde gewählt wurden.
So wuchs der Wunsch, dass die tatsächliche Selbständigkeit auch rechtlich gegenüber dem Kanton festgeschrieben werde. Nachdem die beiden Kirchgemeindeversammlungen von Thun und Bern der Trennung zugestimmt hatten, änderte der Grosse Rat des Kantons Bern auf den 1. Juli 1996 das Dekret über die christkatholische Landeskirche. Gleichzeitig kamen Gebiete nahe bei Thun, die bisher zu Bern gehörten, neu zur Oberländer Gemeinde. Nachdem die Kirchgemeindeversammlung 1998 auch ein Gemeindereglement genehmigt hat, ist die Selbständigkeit in Kraft. Quasi als Krönung konnte die Gemeinde Thun 1998 zum erstenmal die Nationalsynode bei sich begrüssen.
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