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Der argentinische Autor César Aira gehört zu den wichtigsten Stimmen Lateinamerikas. Drei seiner über achtzig Bücher sind vor kurzem auf Deutsch erschienen. Airas wunderbare Erzählungen sind kurz und scheinbar schnell zu lesen, öffnen sich aber nur den Geduldigen.
Warum erzählt das Kind im Krankenhaus Geschichten, die mit der Wahrheit nichts zu tun haben? Warum lügt es den behandelnden Arzt an? Und wer wird da überhaupt behandelt in César Airas wundersamer Erzählung «Wie ich Nonne wurde»? Wer hebt da an mit den Worten «Meine Geschichte, die Geschichte, wie ich Nonne wurde, begann sehr früh in meinem Leben, und zwar kurz nach meinem sechsten Geburtstag»?
Alles deutet darauf hin, dass es ein Einzelkind und Mädchen ist, das eine Portion übel schmeckendes Erdbeereis vom groben Vater aufgezwungen bekommt, sich als «Heulsuse» sieht und völliges Chaos anrichtet – bevor wir überhaupt verstehen, dass das Eis mit Zyankali versetzt ist. Dann aber nennt der Arzt die Patientin «Don César», etwas später macht die Lehrerin der ersten Klasse ihrer Fassungslosigkeit über «den Schüler Aira» in einer Predigt Luft. Offenkundig ist in der Erzählung des 1949 in Coronel Pringles geborenen César Aira ein sechsjähriger Junge namens César Aira aus Coronel Pringles die Hauptfigur. Er ist gerade mit den Eltern nach Rosario gezogen. Die Stadt antwortet mit verseuchter Eiscreme.
Es gibt keine zwingende Logik
Zyankali also – wir lernen trocken: ein verbreitetes Problem in Argentinien –, wundersames Überleben, Krankenhaus. Und der kranke Don César ist sich selbst nicht darüber im Klaren, warum er oder sie hier Lügen auftischt: «Zwar hätte ich auf seine Fragen nicht antworten müssen, machte mir aber die Mühe und log. Ich sagte das Gegenteil der Wahrheit oder von dem, was mir der Wahrheit am nächsten zu kommen schien. (…) Hätte ich immer gelogen, so hätte er nicht lange gebraucht, die Antwort ins Gegenteil zu übersetzen. Da ich mir aber das Lügen zum Grundsatz gemacht hatte, musste ich mir einen Schlängelweg ausdenken, was bei einem Entweder-oder ohne Zwischentöne nicht so einfach ist.»
Über achtzig Bücher hat der 66-jährige Autor verfasst, drei sind vor kurzem auf Deutsch in der César-Aira-Reihe des Verlags Matthes & Seitz erschienen. Beim Lesen wird schnell klar: Aira erklärt nichts. Seine sich windenden Geschichten lassen alle Motivationen der Personen verschwinden und setzen sie den Launen der Ereignisse, der Willkür der Situation aus. Es gibt keine zwingende Logik, höchstens eine unzuverlässige Begründung eines unzuverlässigen Erzählers. Prämissen werden nicht eingehalten und verschwinden im Vermeintlichen. Die Erzählstimme springt mitunter zwischen Figuren, dafür erfahren wir über Nebenkriegsschauplätze etwas, das aufregend klingt – und bald ins Absurde kippt.
César Aira erklärt schon deshalb nichts, weil in der Begründung eine «Geschichte» läge, eine Dramaturgie, die sich von der Exposition zur Auflösung strecken müsste: Daran liegt dem Schriftsteller nichts. Vielmehr glaubt man, einen sanft lächelnden Erzähler zu erkennen, der gegen eine Dramaturgie arbeitet, sie unterläuft und vernichtet. Und so nebenbei auch die festen Konventionen der Literatur kommentiert: «Die Vorstellungen, die ich mir davon vorher schon gemacht hatte, brachen, obwohl ich mir gar keine gemacht hatte, in sich zusammen.»
Aus den Welten, die Aira skizziert, ragen Sätze, die sich mit wenigen Modifikationen wie eine Matrix der Arbeit des schelmischen Erzählers lesen lassen: «Der erfahrene Lügner weiss, dass der Schlüssel zum Erfolg darin besteht, überzeugend darzustellen, dass man von bestimmten Dingen eben nichts weiss. Zum Beispiel hinsichtlich der Konsequenzen dessen, was er sagt.»
Der Blick vom Rand
All das ist keine Spielerei, sondern präzises Stilmittel: Atemlos folgen wir dem wilden Ritt durch die ungekämmte Psyche des Kindes, der Blick bleibt wegen der sprachlichen Immersion intakt.
Überhaupt, der Kinderblick: In Interviews betont César Aira, es mit Picasso zu halten, der zum kindlichen Malen zurück wollte. Airas unsichere ProtagonistInnen sind oft Kinder und Jugendliche, einmal auch ein zwergenhafter buddhistischer Mönch. Der Autor nutzt ihren reduzierten, eingeschränkten Blick aus der Randperspektive – und kleidet ihn präzise aus. Die Erzählungen fallen um, drehen sich ein, kollidieren mit der nüchternen Rationalität, wie ihre Figuren kollidieren, verzweifeln und doch weiter voranstürmen. Ob der winzige Mönch noch rechtzeitig zum Beginn der Fernsehsendung – einer minutiösen Begehung einer riesenhaften Vagina, inklusive korrekter Verortung der Klitoris – zu Hause anlangt, ist weniger von Gewicht als seine Angst, die Sendung zu verpassen.
César Airas wunderbare Erzählungen sind kurz und scheinbar schnell zu lesen, öffnen sich aber nur den Geduldigen. «Ich konnte nicht. Und das war die häufigste Empfindung in meinem Leben, so sehr, dass sie mein Leben selbst war, ein anderes Leben als dieses kannte ich nicht: Ich hörte eine Stimme, hörte die Befehle, die mir diese Stimme gab, wollte gehorchen und konnte nicht … Weil die Wirklichkeit, das einzige Feld, auf dem ich hätte handeln können, sich von mir in dem Tempo entfernte, in dem ich begehrte, in sie hineinzugelangen …»
«Wie ich Nonne wurde», «Der Beweis» und «Der kleine buddhistische Mönch» sind – von Klaus Laabs aus dem Spanischen übersetzt – im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienen.