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Viele Menschen in der Schweiz suchen nach Jahrzehnten der tierischen Massenproduktion vertretbare Alternativen. In aufstrebenden Ländern wie Indien bringt die Massentierhaltung aber erstmals Fleisch auf viele Teller. Gegenläufiger könnten die Trends nicht sein.Dieser Inhalt wurde am 23. September 2021 - 11:00 publiziert
Das Huhn ist ein effizienter Eiweisslieferant – und Indien ist der Markt, der brummt. Nach 18 Tagen schlüpft das Küken, tags darauf erhält es die Impfung und oft seine erste Dosis Antibiotika. Dann landet es im Mastbetrieb, drei Monate später ist es schlachtreif und ergibt ein gutes Kilo Pouletfleisch. Das Schlachtgewicht eines Huhns in der Schweiz ist heute doppelt so hoch wie vor 70 Jahren, und es erreicht dieses Gewicht in der Hälfte der Zeit.
"In Indien hatte Fleisch keine Priorität"
Die indische Firma Suguna Chicken produziert 7 Millionen Poulets pro Woche. Sie ist damit Nummer eins in Indien, Nummer 10 der Welt. Im einem Dokumentarfilm des deutschen Autors Valentin ThurnExterner Link erinnert sich der Suguna-Gründer an den Start: "Es war schwierig, auch nur 10 oder 20 Hähnchen am Tag zu verkaufen", sagt der Vorstandsvorsitzende Bangaruswami Soundararajan. "In der indischen Tradition hatte das Fleisch keine Priorität". Das war Mitte der 80er Jahre.
Doch dann nahm der Markt Fahrt auf. Es war eine Kombination von importierten Technologien der Massentierhaltung, aggressiver Marktbearbeitung und einer cleveren Idee: 1990 begann Suguna Chicken mit der Vertrags-Geflügelhaltung. Die Firma stellte den Hühnerbauern alles zur Verfügung, was diese zur Aufzucht von Küken brauchten – von Futtermitteln bis zu Medikamenten. Die Landwirte lieferten das Geflügel dafür an Suguna Chicken.
In den 90er Jahren konnte sich die Firma rasant über die indischen Bundesstaaten ausbreiten. Sie sicherte sich nach eigenen Angaben den Support der Regierung mit dem Versprechen, Strom in ländliche Regionen zu bringen. "Landwirtschaftliches Entwicklungsprogramm" hiess das. Inzwischen hat die Zahl der Geflügelzüchterbetriebe, die Suguna zuliefern, die 200'000 überschritten.
Hier ein Video, in dem sich der Konzern selbst vorstellt:
Abgesehen von der Pandemie verzeichnet Suguna Chicken ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 20 Prozent. "In Indien ist der Fleischkonsum noch sehr niedrig", sagt Soundarajan. Der Pro Kopf Konsum im Jahr liege bei 4,5 Kilo Hühnerfleisch, in Amerika hingegen bei 65 Kilogramm. Da ist also Raum. "Ich hoffe, unser bisheriges Wachstum setzt sich fort", sagt Soundarajan im Dokumentarfilm "10 Milliarden – wie werden wir alle satt?".
Fleisch wird zum Statussymbol
Noch ist Indien das Land mit dem höchsten Vegetarier:innen-Anteil. 38 Prozent der Bevölkerung ernährt sich fleischlos. Doch das ändert sich im Land, das in den nächsten Jahren zum bevölkerungsreichsten der Erde werden dürfte. Schon heute ist Indien der zweitgrösste Eier- und der drittgrösste Pouletproduzent der Welt.
"Non-Veg" ist in weiten Teilen des Landes zum Statussymbol geworden, stellt der "Fleischatlas" der Heinrich Böll Stiftung fest. Derzeit entfallen rund 80 % der Nachfrage Indiens auf die städtischen Märkte, doch Marktanalysten sehen die Nachfrage auch auf dem Land vor einer grossen Steigerung.
Ein Wachstums-Markt
Die Entwicklung ist getrieben von steigenden Einkommen, steigender Bevölkerungszahl und steigendem Gesundheitsbewusstsein. Global betrachtet ist Indien kein Sonderfall. Die Urbanisierung geht laut dem "Fleischatlas" in vielen Regionen der Welt, allen voran in den BRICS-Staaten, mit einer "Non-veg"-Bewegung einher. BRICS steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die aufstrebenden Schwellenländer.
Das Angebot schafft die Nachfrage. Doch entscheidend für diese ist letztlich der Preis. Fleisch ist auf vielen Märkten der Welt gerade erst erschwinglich geworden: Suguna Chicken produziert ein Kilo Hühnerfleisch für 80 Rupien. Dieser Betrag entspricht einem Neuntel eines durchschnittlichen indischen Tageseinkommens.
Gegentrend im Norden: der Verzicht
Allein: Die indische Begeisterung fürs Fleisch mutet erdrückend an, wenn man sie den aktuellen Trends im Norden gegenüberstellt. Dort geschieht das Gegenteil. Der Anteil der Vegetarier oder Veganer wächst, er liegt in der Schweiz gemäss einer Umfrage von SwissvegExterner Link schon bei über 5 %, während weitere 20 % den Fleischkonsum bewusst einschränken. Der Schweizer Fleischkonsum hat gemäss Bundesamt für Statistik von 1980 bis 2020 um einen Fünftel abgenommen. Ausgenommen davon ist der Geflügelkonsum, der auch in der Schweiz leicht steigt.
Doch eine zunehmend sensibilisierte Bevölkerung übt sich hier im Verzicht, animiert von öffentlichen Programmen etwa in Uni-Mensen, angeführt von Influencern. So hat der Schweizer Spitzenkoch Daniel Humm sein Restaurant EMP in New York – 3 Michelin-Sterne – im Mai komplett auf fleischlos umgestellt, mit dem Ziel, das erste fleischlose Restaurant in dieser höchsten Liga zu werden. Humm sagte der "Washington Post" dazu: "Unsere Praktiken der Tierproduktion, was wir den Ozeanen antun, die Menge, die wir konsumieren: Das ist nicht nachhaltig."
Hier zeigt sich das Dilemma. Während der reiche Norden den Verzicht zum Statussymbol erhoben hat, ist es im ärmeren Süden der Konsum. Der Fleischboom in den aufstrebenden Märkten untergräbt die Anstrengungen des Nordens zur nachhaltigen Ernährung und zum Erhalt des Klimas.
Wird der Norden Verzicht einfordern?
Wohl ist die Tierschutzorganisation Peta in Indien schon aktiv, um gegen schlimme Geflügelhaltung zu intervenieren. Aber generell wagt kaum jemand im Norden ernsthaft, auch vom Süden den Verzicht einzufordern. Zu paternalistisch, zu kolonial und überheblich würde dies erscheinen – zumal noch kaum ein Land im Norden ernsthaft begonnen hat mit dem Kehren vor der eigenen Tür.
Sehr wohl reagiert haben aber die Konsument:innen. Ihre Überlegungen sind geprägt von Nachhaltigkeit, gesunder Ernährung und ihrem individuellen Fussabdruck. Viele wissen, dass für die Produktion von Hühnerfleisch Soja angebaut werden muss, in rauhen Mengen, in Monokulturen, oft in abgeholzten Wäldern. Und man weiss auch: Fleisch ist ein Treiber der Erderwärmung.
Der Preis ist im Norden kein Faktor
Besseres, bewussteres Essen mit kurzen Transportwegen und nachhaltiger Produktion ist für viele Schweizer:innen ein paar Franken Wert. Das kann man sich auch leisten: Nur noch 7% eines Schweizer Haushaltsbudgets braucht es für die Nahrungsmittel-Einkäufe. Je nach politischer Orientierung und Budget des Konsumenten bezahlt dieser für ein Kilo Pouletfleisch in der Schweiz zwischen 6 Franken und 23 Franken. Der Betrag für ein teures Bio-Poulet entspricht damit – ein Zufall – auch in der Schweiz einem Neuntel eines durchschnittlichen Tageseinkommens.
Während Schweizer Konsumentinnen nach ethischen Kriterien einkaufen können, bleibt der Preis global betrachtet der einzige Faktor. Darum ist die globalisierte Geflügelproduktion ein fein abgestimmtes Räderwerk, das Produkte und Märkte stets aufs Neue miteinander versorgt und dabei Kosten optimiert.
Das funktioniert zum Beispiel so: Legehennen in Lettland fressen Soja aus Mosambik. Nach 12 bis 15 Monaten lässt ihre Legeleistung nach, während die Futteraufnahme konstant bei 120 Gramm Soja pro Tag bleibt. Zu diesem Zeitpunkt stellt sich die Rentabilitätsfrage. Viele Tiere werden getötet – oder im Falle von Lettland zum Schlachten nach Holland verfrachtet, wie etwa in der ARD-Dokumentation "Armes Huhn – armes MenschExterner Link" dargestellt wird.
Zweitverwertung für Afrika
Dort erfolgt eine Zweitverwertung. Die Suppenhühner werden zerteilt, verpackt und gefroren. Dieses Fleisch, das in Europa keine Abnahme finden würde, wird dann nach Westafrika verfrachtet und landet dort zu Tiefstpreisen auf den Märkten. Pouletfleisch aus Europa ist in Westafrika so billig, dass die Hühnerproduktion zum Beispiel in Ghana zum Erliegen kam, weil diese preislich nicht mehr mithalten konnte.
Hier ein Beitrag der SRF-"Rundschau" über gerettete Legehennen:
Das globalisierte Huhn, das quer über die Kontinente bis auf die Knochen rundumverwertet wird, wirft unübersehbare Schatten. Gerade weil Lebewesen so lange und so konsequent verdinglicht, entseelt und auf ihr Nährwert-Preisleistungsverhältnis reduziert wurden, sucht eine Konsumentenschicht im Norden nach neuen Wegen.
Neue Beziehung zum Tier
Das hat unter anderem zur Initiative "Keine Massentierhaltung in der Schweiz" geführt, über welche die Schweiz im nächsten Jahr abstimmt. Viele Schweizer halten sich inzwischen aber auch ihre eigenen Hühner. Einige ermöglichen aussortierten Legehennen gar bewusst eine weitere Existenz in artgerechter Haltung.
Das hat in den letzten Jahren zu vielen kleinen Hühnerställen in Schweizer Gärten geführt. Oft tragen die drei bis vier Hühner, die dort rumgackern, Namen. Es ist Rückeroberung der Beziehung zu einem Proteinprodukt, das nebenbei auch Tier ist.
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