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| Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.

Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
A. Das Leben des Origenes
Lebensabriss
1.
Origenes, d. b. Sohn des Horus (Pauly-Wissowa RE I 343), auch Adamantios genannt (Euseb. VI 14,10), war nach unserem Ansatz etwa Mitte Oktober 184 und wahrscheinlich in der Stadt Alexandria selbst geboren. Er war ein Grieche und stammte von frommen christlichen Eltern ab, die wohl ihrerseits schon von Kindheit an im Christentume lebten (Euseb. VI 19,10); er hatte noch sechs Geschwister, [S. 15] von denen uns aber sonst nichts überliefert ist. Sein Vater Leonides, der den Beruf eines Elementarlehrers ausübte, wurde als überzeugter Christ im Jahre 201 wohl eines der ersten Opfer der von dem Kaiser Septimius Severus veranlaßten Christenverfolgung in Alexandria. Von der Mutter wird uns nichts Näheres berichtet; wir wissen nicht, wie weit sie auf die innere Entwicklung ihres ältesten Sohnes eingewirkt hat. Jedenfalls aber ist es ihrer mütterlichen Liebe und Fürsorge zu verdanken, daß Origenes vor einem frühzeitigen Tode hewahrt und für sein Lebenswerk erhalten worden ist. Denn als er in seiner glühenden Begeisterung für den christlichen Glauben als Jüngling von siebzehn Jahren das Martyrium mit seinem eingekerkerten Vater teilen wollte und sich schon mutig der Gefahr der Verhaftung aussetzte, da wandte seine Mutter, um ihren Sohn zu retten, eine List an; sie versteckte alle seine Kleider und verhinderte ihn dadurch, auszugehen. Der Sohn gehorchte der Mutter, schickte aber dem Vater ins Gefängnis einen Brief mit der Mahnung, die Märtyrerkrone zu erringen, und schrieb ihm ausdrücklich im Namen der Familie: „Laß dich nicht um unsertwillen zu einer Sinnesänderung bestimmen!" Fürwahr, ein leuchtendes Zeugnis jugendlichen Bekennermutes und echter Liebe zum wahren Glauben, für den alles zu opfern der Jüngling und später der Mann stets bereit war! Leonides ließ bei seinem Tode die Familie mittellos zurück, da der Kaiser das Vermögen der Märtyrer einzog. Als ältester Sohn hatte nun Origenes die Pflicht, für seine Mutter und seine sechs Geschwister zu sorgen. Christliche Nächstenliebe half aber über die größten Schwierigkeiten hinweg. Origenes fand zunächst Aufnahme in dem Haus einer reichen und angesehenen Christin. Hier mußte er freilich mit einem Sektierer namens Paulus von Antiochia, der bei der Frau wie ein Pflegesohn gehalten wurde und in großer Gunst stand, täglich zusammen sein. Origenes ließ sich aber von Paulus nicht verführen, sondern gab vor den zahlreichen Zuhörern und Anhängern des Paulus deutliche Proben seiner Willensstärke, Selbständigkeit und Rechtgläubigkeit. Denn er war von seinem Vater nicht nur in den griechischen [S. 16] Elementarwissenschaften unterwiesen, sondern von zarter Kindheit an auch in das Studium der heiligen Schriften eingeführt worden und hatte täglich Stücke davon auswendig lernen und seinem Vater vortragen müssen. So war von dem frommen Vater der Grund zu einer ganz ungewöhnlichen Bibelkenntnis seines Sohnes gelegt worden. Der Sohn begnügte sich aber nicht mit dieser gedächtnismäßigen Aneignung der Heiligen Schrift, war auch nicht mit dem bloßen Wortverständnis mancher Stellen zufrieden, sondern stellte Fragen nach dem tieferen Sinn, deren Beantwortung dem Vater Mühe machte. Dieser verwies ihm solche Fragen, dankte aber Gott im stillen für seinen hochbegabten Sohn, dessen Forschertrieb sich schon so früh offenbarte; ja, er soll sogar in tiefem Dankesgefühl gelegentlich die Brust des schlafenden Knaben entblößt und als Wohnsitz des göttlichen Geistes verehrungsvoll geküßt haben. Neben dem Unterricht seines Vaters genoß Origenes auch den Unterricht anderer Lehrer; er war der Schüler des Klemens und des Ammonius Sakkast wie Porphyrius bei Eusebius (VI 19,6) berichtet, und wurde „als Grieche" von beiden „in griechischen Wissenschaften unterwiesen“ (Porphyrius ebenda 19,7); auch den ehrwürdigen Pantänus, den Vorgänger des Klemens in der Leitung der Katechetenschule, kannte er wohl persönlich, wenn auch nicht als Lehrer (Euseb. VI 19,13 und 14,9). Alte Freundschaft verband ihn mit seinem Studienfreund Alexander, dem späteren Bischof von Jerusalem, und wohl noch mit manchem anderen hervorragenden Theologen seiner Zeit.