Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03329.jsonl.gz/1703

hc Land
Gemeinsam wurde darauf die schwarze Mannschaft regelkonform auf das Brett gebracht und zwar wiederum ohne, dass bei dieser Arbeit die Finger auf dem Brett zu einem Stelldichein fanden.
Das Schach stand – die Figuren in den vier vorgeschriebenen Reihen. Zwischen den beiden Farben vier Linien leerer Felder oder vielmehr acht Wegstrecken, auf denen die Steine vorrücken konnten. Diese Felder gaben sich brach.
Doch die beiden vorrückenden gegnerischen Linien würden sie gleich mit ihren Spitzen aufpflügen und für all die Strategien, welche der Kampf auf dem Schachfeld ausheckt, urbar machen; für all die vielfältigen und unendlichen Gedankenspiele, die das Schachspiel als Spiel zwischen Zweien zu einem Tummelfeld für einen endlosen Kampf mit und gegen sich selber verfremden.
Auch wenn dem Gegner und dessen Zügen als eigentliches Ziel der eigene Einsatz gilt, so visiert das Schachspiel doch zuerst einen Kampf mit sich selber an. Kein Gegner nimmt einem Spieler den Entscheid für einen eigenen Zug ab. Diesen Entscheid muss jeder Spieler selber fällen. Das fordert der Stolz des Schachspielenden. Niemand darf sich einmischen. Am Brett gilt es vor allem zu schwiegen. Nichtspieler halten den Mund.
Weiss zog als erster. Schwarz führte den zweiten Zug aus, der aber überhaupt keine Klarheit in das eben gestartete Spiel brachte. Er passte in keine der oftmals in Büchern beschriebenen und durchdiskutierten Angriffs- oder Verteidigungsstrategien.
Kabar Extas erster Zug schaffte Verwirrung. Ein Spiel, das den Gegner über die eigenen Absichten völlig im Unklaren lässt, hat auch seinen Vorteil. Wenn ein Stein wider aller Schachtheorien des Eröffnungsspiels auf dem Brett vorgeschoben wird, dann kann das heissen: Der Spieler will sich vorerst mal nicht in die Karten blicken lassen. Im Schachspiel liegen diese, anders als beim Kartenspiel, offen auf dem Tisch.
Ein solcher Zug vermag die gesamte Angriffsstrategie von Weiss aus dem Lot zu werfen, jedenfalls bei einem unerfahrenen Spieler, der beim Duell als erster zieht.
Weiss setzte einen weiteren Bauern um zwei Felder vor.
Der nächste Zug von Schwarz erwies sich für den Gegner wiederum nicht als sehr brauchbar, um die eigene Strategie für die Fortsetzung des Spiels auszubauen.
Weiss brachte die erste starke Figur nach vorn und zwar in den Mittelpunkt des Spielfeldes.
Spätestens jetzt musste Schwarz mit einem klugen Zug kontern und Farbe bekennen. Weiss drang erheblich ins Mittelfeld vor. Ein Schachspieler, der in dieser Situation nicht entsprechend klug reagiert, entlarvt sich selber als unbedarft und somit des Königsspiels nicht würdig.
Schwarz versetzte eine weitere Figur gemäss einer Überlegung, die in keinen Spielplan passte, und Jette Pferd reagierte mit den Worten: „Ich glaube dir diesen Zug nicht. So schlecht kannst du nicht spielen.“
Kabar Extas schaute Jette Pferd an und lächelte nur auf den Stockzähnen. Er meinte lediglich: „Tu ich nicht.“
„Was ist los? Ist etwas nicht in Ordnung? Du greifst nicht an.“
Jette Pferd liess einige Momente verstreichen und meinte dann: „Du spielst ein Spiel, das ich nicht durchschaue. Wir spielen auf dem Brett.“
Diesmal antwortete Kabar Extas: „Eh, das ist das Wunderbare am Schach. Es gibt tausend Möglichkeiten, aber nur eine führt zum Ziel, zum Matt. Wenn jede Möglichkeit von Beginn an als Gewissheit daher käme, dann wäre Schach nicht mehr ein Spiel, sondern eine Maschinerie, die das ihr eingegebene Programm phantasielos abspielt und schliesslich an dem ihr vorgegebenen Ziel zum Stillstand kommt.“
Jette Pferd entgegnete: „Mit dem Spiel, das du jetzt spielst, sieht es ganz danach aus, als wolltest du zu keinem Ziel kommen wollen. Das Spiel soll ohne Ende sein.
„Gegen ein solches Spiel habe ich nichts“, sagte Kabar Extas. „Mir macht es gar nichts aus, wenn ich mir dir an diesem Tisch zusammensitzen kann. Ich kann stundenlang an diesem Tisch sitzen blieben. Dessen bin ich mir sicher. Stundenlang könnte ich hier sitzen, ohne zu spielen.“
Jette Pferd atmete tief durch. Sie warf aber, wie aufgrund des Geschehens auf dem Brett im Grunde von einer Frau zu erwarten gewesen wäre, die sich hinsetzt, um ein Schach zu spielen, aus Protest keinen Stein um, um die Partie vorzeitig zu beenden, sondern erwiderte trocken: „Wir könnten ein Schnellschach spielen. Damit wären alle Zeitprobleme beseitigt. Das Spiel wäre in einem günstigen Zeitraum beendet und wir könnten den Tisch abräumen.“