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«Wir waren weiterherum die ersten, die Joghurt herstellten», erzählt Irène Meier im Rückblick auf ihr Leben. «Meine Eltern hatten eine Molkerei. Nach dem Tod meines Vaters musste meine Mutter das Geschäft aber aufgeben.» Das war 1935. Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist gross. Die Mutter zieht auf der Suche nach Arbeit nach Leipzig. Die Kinder lässt sie bei der Grossmutter in Graz zurück.
Leipzig war zerbombt, ganze Strassenzüge zerstört.
Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Die Mutter von Irène Meier holt ihre Familie ebenfalls nach Leipzig. Doch in der fremden deutschen Stadt fühlen sich weder Grossmutter noch Kinder wohl. «In der Schule wurden wir wegen unserer Sprache ausgelacht», erzählt Irène Meier. Deshalb seien sie zurück nach Österreich gegangen und erst 1941, nach dem Tod der Grossmutter, wieder nach Leipzig gezogen.
Krieg, Hungersnot, Krankheit
In den letzten Kriegsjahren heulen in Leipzig immer wieder die Sirenen. Die 38 Luftangriffe der britischen Royal Air Force und US-Armee fordern allein in dieser Stadt fast 6000 zivile Opfer. «Leipzig war mehr oder weniger ausgebombt und es herrschte eine grosse Hungersnot», erzählt Irène Meier. Sie und ihre Familie hätten drei Wochen lang im Keller gelebt.
Wir mussten Leipzig innerhalb von 48 Stunden verlassen.
Nach Kriegsende fordern Krankheiten weitere Opfer. In der Nähe von Leipzig wird eine Ortschaft geräumt, um Platz für die vielen an Typhus oder Ruhr erkrankten Menschen zu schaffen. «Es gab nicht etwa ein Spital und auch keine Spitalbetten. Die Kranken wurden einfach im Freien unter einer Blache auf Stroh gebettet.» Wie viele andere junge Frauen aus der Umgebung wird auch Irène Meier zum Pflegen verpflichtet. Das grosse Leid setzt ihr zu, zudem hat sie Angst vor den Toten.
Im Viehwaggon nach Österreich abgeschoben
Als die Rote Armee im Juli 1945 Leipzig übernimmt, werden Irène Meier und ihr Bruder ausgewiesen und treten eine abenteuerliche Heimreise an. «Wir mussten Leipzig innerhalb von 48 Stunden verlassen. Vorwiegend alte Frauen und Frauen mit Kindern stiegen am Bahnhof in die bereit gestellten Viehwaggons ein. Die Fahrt nach Österreich dauerte mit vielen Zwischenhalten rund drei Wochen. Vierzehn Tage haben wir in einem Auffanglager in Dachau verbracht», erzählt die Österreicherin.
Nach der Ankunft in Graz landen sie und ihr Bruder wiederum in einem Auffanglager und werden zu Arbeit verpflichtet. Sie putzen Ziegel oder arbeiten in einer Waschpulverfabrik. Später verlässt Irène Meier das Lager und zieht in einer Kellerwohnung. Hunger und Kälte bleiben ihre steten Begleiter.
Bilder von der Schweiz faszinieren
Dann wird ihr die Schweiz schmackhaft gemacht, durch kurze Vorfilme im Kino. Dorthin flüchtet die junge Frau jeweils mit Freundinnen, um sich vor der Kälte zu schützen. Das Nachbarland scheint verlockend, doch unzählige Formalitäten erschweren eine Ausreise.
Als die drei Freundinnen das notwendige Visum endlich in der Tasche haben, fahren sie in die Schweiz, und Irène Meier tritt in Chur ihre Stelle als Kindermädchen an. Später arbeitet sie im Sanatorium Altein in Arosa, wo sie auch ihren Mann kennenlernt. Nach der Heirat im Jahr 1953 zieht das junge Ehepaar nach Uster. In der Zürcher Gemeinde wird Irène Meier schliesslich sesshaft. Heute lebt sie im Altersheim im Grund in Uster.
Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle
In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.