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Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht überall eine grosse Aufbruchsstimmung, auch in der Musik. Junge Komponisten brennen darauf, neue Klänge zu erfinden. Drei der wichtigsten Wortführer dieser jungen Wilden sind Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez. Bald allerdings löst sich das Trio wieder auf. Nono wird politisch, Stockhausen esoterisch und Boulez wird eine Institution: mächtig, eine Gallionsfigur. Und das deshalb, weil er mehrere Karrieren gleichzeitig macht.
Immer weiter, und immer wieder anders
Da ist einmal der Rebell Pierre Boulez, aggressiv und polemisch. Er plädiert für eine radikale Erneuerung und stösst die arrivierte Musikwelt mit der Forderung vor den Kopf, die verstaubten Opernhäuser in die Luft zu sprengen.
Dann ist da der Komponist Pierre Boulez, der nur nach vorne schaut und alle Traditionen ablehnt. Immer weiter will er. Erst ist er ein Fan von Igor Strawinsky und dessen rhythmischen Experimenten. Und pfeift dann ein Strawinsky-Konzert aus – um die Leute darauf zu bringen, dass es einen noch viel wichtigeren Komponisten gebe: Arnold Schönberg, den Erfinder der Zwölftontechnik.
Sich nebenbei das Dirigieren beibringen
Boulez schafft es, Schönberg in Frankreich bekannt zu machen. Und dann sagt er: «Schönberg est mort.» Er entwickelt die sogenannte serielle Technik, die noch viel strenger ist als Schönbergs Methode: Sie legt nicht nur die Tonhöhen fest wie bei Schönberg, sondern auch die Klangfarben und die Tonlängen.
Dann lässt er die serielle Technik hinter sich und macht das genaue Gegenteil, er baut den Zufall in seine Musik ein. Und geht schliesslich wieder weiter: Er entdeckt die elektronische Musik.
Karriere Nummer drei: der Dirigent Pierre Boulez. Weil er findet, dass seine Stücke schlecht dirigiert werden, beginnt er selber damit. Und entwickelt sich nebenbei zu einem weltweit gefragten Dirigenten, etwa als Chef der New Yorker Philharmoniker.
Boulez, der Nachwuchs-Förderer
Karriere Nummer vier: der Kulturmanager Pierre Boulez. Georges Pompidou schenkt ihm in Paris ein Forschungsinstitut für elektronische Musik, das IRCAM, Link öffnet in einem neuen Fenster. Unter Boulez wird es zu einer der wichtigsten Forschungsstätten für moderne Musik.
Last but not least: Pierre Boulez, der Förderer. Seit Jahren kümmert er sich nun um die Nachhaltigkeit in der Lucerne Festival Academy. Im Rahmen des Lucerne Festivals können dort junge Instrumentalistinnen und Musiker die Moderne kennenlernen, und Komponisten ihre Ideen mit dem Orchester testen.
Heute wird er 90, der Mann, der immer gewusst hat, dass er etwas wollte: «Im Allgemeinen bin ich ein milder Mann», sagt Boulez über sich selbst. «Aber ich bin sehr entschieden, wenn ich etwas machen oder verteidigen will, das mir wichtig scheint. Dann kann ich ziemlich hart sein.»
Einsatz für die moderne Musik
In den 1970er‐Jahren baute der 1925 geborene Franzose Pierre Boulez das musikalische Forschungsinstitut IRCAM auf, mit Schwerpunkt auf Live-Elektronik. 1976 gründet er das Ensemble InterContemporain, 1995 ist er beteiligt an der Entstehung der Pariser Cité de la Musique. 2004 gründet er die Lucerne Festival Academy.