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Werden Prozesse gesellschaftlicher Eingliederung und Teilnahme an der Schweizer Gesellschaft durch die Zugehörigkeit zu einer muslimischen Jugendgruppe eher gefördert oder behindert? Diese Frage stand im Zentrum eines Projekts an der KSF.
Gross war das Medienecho, als im Dezember 2010 eine Gruppe junger Musliminnen und Muslime in Dietikon den ersten Ummah-Day organisierte und dort so prominente Redner wie Tariq Ramadan oder der muslimische Hip-Hopper Ammar 114 auftraten. Zum zweiten Ummah-Day 2011 fanden sich erneut einige 100 Menschen in Dietikon ein, doch medial fand er nicht mehr statt. Den dritten Anlass gab es dann nicht einmal mehr real. Wer zum Islam in Westeuropa forscht, kennt dieses Auf und Ab, sowohl in der Medienberichterstattung als auch in den Strukturen islamischer Gruppierungen. Bekannt ist auch, dass die öffentlichen Debatten über "Islam" umso erregter ausfallen, je dünner die Grundlage gesicherter und allgemein bekannter Fakten ist.
Vor diesem Hintergrund steht das Ende 2012 erfolgreich abgeschlossene Forschungsprojekt "Muslimische Jugendgruppen und Bildung von zivilgesellschaftlichem Sozialkapital in der Schweizer Gesellschaft". Es wurde von Forschenden am Religionswissenschaftlichen Seminar und am Zentrum Religionsforschung an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (KSF) durchgeführt und von der Jacobs Foundation mit 385'000 Franken gefördert. Relevant ist das Thema auch darum, weil unter den aktiven muslimischen Jugendlichen die nächste Generation von Führungspersonen des Islams in der Schweiz heranwachsen dürfte und fundierte Kenntnisse über ihr Selbstverständnis und ihre Perspektiven willkommen sind.
Konzept des "bürgerschaftlichen Engagements"
Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft, war Leiter dieses Projekts, das zum einen untersuchte, welche muslimischen Jugendgruppen es in der Schweiz gibt und welches ihre wichtigsten Aktivitäten sind. Zum anderen galt es herausfinden, ob die Zugehörigkeit zu einer muslimischen Jugendgruppe Prozesse gesellschaftlicher Eingliederung und Teilnahme an der Schweizer Gesellschaft eher fördert oder eher behindert. Als Theorierahmen wählte das Team das Konzept des "civic social capital", des "bürgerschaftlichen Engagements", das der US-amerikanische Forscher Alex Stepick (Miami) aufbauend auf Theorien von Robert Putnam und James Coleman erprobt hatte. Konkret fragt diese Perspektive, welche Merkmale die Aktivitäten einer Gruppe aufweisen: Stärken sie primär den inneren Zusammenhalt der Gruppe (bonding), schlagen sie Brücken zu anderen gesellschaftlichen Akteuren (bridging) oder suchen die Gruppen bzw. ihre Leiter den Kontakt mit gesellschaftlich einflussreicheren Akteuren (linking)?
Mit solchen Fragen begaben sich die Teammitglieder Samuel-Martin Behloul, Jürgen Endres und Andreas Tunger-Zanetti ins Feld. Sie führten Interviews mit Gruppenleitern und «einfachen» Mitgliedern und besuchten religiöse, kulturelle sowie freizeitliche Anlässe muslimischer Jugendgruppen. Ein weiterer wichtiger Teil der Forschung spielte sich im Internet ab, wo Jugendliche in sozialen Netzwerken einen Grossteil ihrer Kontakte organisieren und aktuelle Themen diskutieren. Nicht zuletzt ermöglichten Feld und Projekt, die Studierenden schon früh an Forschung heranzuführen. Fünf von ihnen nutzten die Gelegenheit, eigene erste Forschungen in Teilprojekten zu betreiben und Erfahrungen und Ergebnisse in der grösseren Gruppe zu reflektieren.
Breites Spektrum von Gruppen und Aktivitäten
Was waren die wichtigsten Resultate der zweijährigen Forschungen? Zuallererst zeigt sich ein buntes Spektrum von mehr als 80 muslimischen Jugendgruppen. Die grosse Mehrzahl unter ihnen ist in die bestehenden Strukturen der Moscheevereinigungen eingebunden, die nach ethnischen, nationalen und sprachlichen Merkmalen organisiert sind. Sie treffen sich regelmässig in den Räumlichkeiten der Moscheevereine und werden meist von erwachsenen Mitgliedern der Moschee (fast immer vom Imam/Hodscha) geleitet. Neben der Zugehörigkeit zum Islam ist für diese Jugendgruppen die nationale, ethnische oder sprachliche Identität zentrales Kriterium der Gruppenidentität.
Als neue Entwicklung haben sich daneben selbst organisierte Gruppen gegründet, die ethnische, nationale und sprachliche Grenzen überschreiten und den islamischen Glauben stärker ins Zentrum rücken. Ihre Mitglieder betonen ihre Zugehörigkeit zur Schweizer Gesellschaft, sprechen untereinander hauptsächlich Schweizerdeutsch oder Französisch und treffen sich entweder in den Moscheevereinen, wo sie Gastrecht geniessen, oder in öffentlich zugänglichen Einrichtungen wie Bibliotheken oder Uni-Cafeterien.
Jugendgruppen beider Kategorien organisieren für ihre Mitglieder und andere Interessierte eine Vielzahl von Aktivitäten, wie sie auch unter gleichaltrigen nicht muslimischen Jugendlichen typisch sind. Die Tätigkeiten lassen sich gruppieren in die Bereiche religiöse und säkulare Bildung, Freizeitvergnügen, Dialog sowie Gemeinwohl bzw. Wohltätigkeit. Praktisch reicht das Spektrum von Koranunterricht und Diskussionsrunden in Bezug auf religiöse Themen über Schlittelplausch und Fussballturniere bis hin zur Teilnahme am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag oder zum Kuchenverkauf für ein Hilfsprojekt in Westafrika. Manche Jugendgruppen mischen sich auch in öffentliche Debatten über den Islam ein, etwa indem sie an Informationsständen präsent sind oder an Protestveranstaltungen teilnehmen.
Das Programm erinnert in vielen Fällen an kirchliche Jugendgruppen. Islamisch wird es in Details, zum Beispiel wenn die Gruppe zu den vorgegebenen Zeiten das Programm unterbricht, um gemeinsam das Pflichtgebet zu verrichten. Alle Gruppen verzichten auf Alkohol, manche trennen die Geschlechter oder richten sich ausschliesslich an Burschen oder an junge Frauen.
Keine desintegrative Wirkung festgestellt
Für ihre Mitglieder haben die Gruppen eine wichtige Funktion. Hier können sie mit ihresgleichen zusammen sein, ohne sich – wie sonst oft in der Gesellschaft – wegen ihres Muslimseins erklären zu müssen. Sie haben Gelegenheit, das ethnokulturelle Erbe des Herkunftslandes ihrer Eltern in der Diaspora zu pflegen, generieren darüber hinaus aber neue Kommunikations- und Identifizierungsprozesse. So können sie sich etwa mit Kolleginnen und Kollegen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, darüber austauschen, was ein Leben als Muslimin und Muslim in ihrer Situation als Seconda und Secondo in der Schweiz bedeutet. Nach aussen nutzen sie oftmals die Gelegenheit, dem negativen Islambild in den Medien und im allgemeinen Bewusstsein positive Bilder entgegenzusetzen, beispielsweise durch soziale und gemeinwohlorientierte Aktionen. Die Zugehörigkeit in einer muslimischen Jugendgruppe hält viele Jugendliche zudem nicht davon ab, sich zusätzlich ausserhalb des religiösen Kontextes sportlich, sozial und oft auch gemeinwohlorientiert zu engagieren. Die Untersuchungen zeigen, dass religiöse Orientierung unter jungen Musliminnen und Muslimen in der Schweiz nicht desintegrativ wirkt, sondern vielmehr den kommunikativen Austausch mit der Gesellschaft und die gesellschaftliche Teilhabe fördern kann.
Ausgehend von seinen Ergebnissen hat das Forschungsteam zum Abschluss des Projekts auch Empfehlungen an vier Akteursgruppen formuliert: an die muslimischen Jugendgruppen selber, an etablierte Akteurinnen und Akteure in der Jugend-, Sozial- und Integrationsarbeit, an Schulen und Lehrpersonen sowie an Medienschaffende. Interesse ist bei all diesen Gruppen vorhanden, wie drei unterschiedlich ausgerichtete Workshops Ende 2012 und Anfang 2013 zeigten, an denen die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert wurden.
Dieses Interesse kann nun künftig passend bedient werden. Der Schweizerische Nationalfonds hat im Rahmen des Agora-Programms Anfang 2013 das Projekt "Swiss Muslim Youth and Civic Key Persons" bewilligt, das es ermöglicht, die erwähnten Zielgruppen in spezifischen Workshops noch breiter und systematischer ins Thema einzuführen. Das Team bleibt am Thema und an dessen gesellschaftlicher Vermittlung dran.
Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2012, Juni 2013.
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Publikation zum Projekt: "Jung, muslimisch, schweizerisch" (News vom 6. Januar 2014)