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Vier Menschen, die als Kinder Ende der 1930er-Jahren alleine mit sogenannten „Kindertransporten“ nach Schweden verschickt wurden, erinnern sich an ihre schwierigen Erfahrungen und Traumata, die ihr Leben geprägt haben.
von Ralf Schenk
Von Ende des Jahres 1938 bis 1940 wurden rund 20.500 jüdische Minderjährige aus Deutschland, dem besetzten Österreich und der Tschechoslowakei mit sogenannten „Kindertransporten“ ins sichere Ausland gebracht. Etwa die Hälfte von ihnen fand eine neue Heimat in Grossbritannien. Das neutrale Schweden dagegen nahm nur 500 Mädchen und Jungen auf – und beharrte auch in den folgenden Jahren darauf, dass diese Zahl nicht überschritten wurde.
Angesichts der Tatsache, dass 1942 rund 70.000 finnische Kinder in Schweden Unterschlupf vor dem Krieg fanden, die Kapazität für jüdische Flüchtlinge also bewusst sehr niedrig gehalten wurde, kann geschlussfolgert werden, dass der in weiten Teilen Europas verbreitete Antisemitismus auch in Schweden verwurzelt war. So stellte auch der schwedische Staat, der bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein enge wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland unterhielt, für die Kindertransporte keine Mittel zur Verfügung; es war Privatpersonen und Organisationen, die Unterstützung leisteten.
Vier jener fünfhundert Kinder, mittlerweile um die neunzig Jahre alt, erinnern sich in dem Film „Dem Leben entgegen“ von Gülseren Sengezer an ihr Leben im Exil, die Trennung von Eltern und Geschwistern, die Angst und Einsamkeit in der Fremde und das emotionale Chaos, das für sie mit der sogenannten „Verschickung“ verbunden war. Zu Beginn und am Ende des Films schliessen die drei Frauen und ein Mann auf Bitten der Regisseurin die Augen, blicken in sich hinein und versuchen die Traumata ihrer Kindheit in Worte zu fassen: die plötzliche Entwurzelung, den Verlust an Sicherheit, die Suche nach einer neuen Identität.
Vieles bisher nie Gesagte kommt zur Sprache. Wie aus der Wut, von den Eltern verlassen worden zu sein, die Unfähigkeit entsprang, nach deren Tod um sie zu trauern. Wie das Gefühl übermächtig wurde, die Eltern hätten sie ihrer Kindheit und Jugend beraubt. Wie schwedische Juden sich von den deutschen Kindern fernhielten, aus Angst oder weil sie meinten, etwas Besseres zu sein. Wie die Kinder zur Schwerarbeit auf Bauernhöfen eingesetzt wurden, oder als „unser kleines Judenkind“ den Nachbarn vorgestellt wurden.
Die Interviews stellen eine letzte Chance dar, authentische Erfahrungsberichte über die Kindertransporte einzuholen, und das zu einem Zeitpunkt im Leben der Befragten, an dem über die Vergangenheit ganz offen gesprochen werden kann. Die Gespräche bieten auch eine Möglichkeit, sich ein stückweit von der Vergangenheit zu befreien.
Der Film ist in kurze Kapitel wie „Zuhause“, „Heimatlos“, „Ins Unbekannte“, „Die Zurückgebliebenen“, „Bürde“ oder „Katharsis“ gegliedert, denen entsprechende Interviewpassagen zugeordnet sind. Nur sehr selten werden die Interviews von Archivmaterial aus den späten 1930er- oder frühen 1940er-Jahren unterbrochen; selbst diese wenigen Szenen wären verzichtbar gewesen, da die Erinnerungen der Befragten beim Zuhörer eigene Bilder freisetzen.
Als wesentliches Stilelement nutzen die Regisseurin und ihr Kameramann Mathias Toivonen lange Kamerabewegungen durch menschenleere schwedische Landschaften: Fahrten in einen tief verschneiten Wald oder das Schweben über einen zugefrorenen See. Das schafft Raum für Reflexionen, zumal das Tempo der Kamera mit dem Fluss des Erzählten korrespondiert. Aus dem Zusammenspiel von Klavier und Klarinette, Flöte, Altsaxophon und Violine entstand eine leise, melancholische, aber nicht sentimentale Begleitmusik, die bisweilen allerdings zu oft als Klangteppich unterlegt ist. Auch Zitate aus Briefen von zurückgebliebenen Vätern und Müttern werden genutzt, die das Erzählte ergänzen, kommentieren und relativieren.
Die Regisseurin Sengezer ist Kurdin, die als sechsjähriges Mädchen mit ihrer Familie nach Deutschland emigrierte. Fragen nach Identität, Entwurzelung und Verlust haben sie zeit ihres Lebens beschäftigt: Daher rührt ihre Affinität und Empathie für die Schicksale der jüdischen Flüchtlingskinder in Schweden. Man kann den Film durchaus als Parabel sehen: auf das Leid und die Traumata heutiger Flüchtlingskinder. Die Welt ist voll von ihnen. „Dem Leben entgegen“ führt so mitten in die Gegenwart hinein.
KNA/mit/jps, Der Autor ist Mitarbeiter des Online-Portals filmdienst.de.