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«Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt», mahnte Goethe in seinen «Regeln für Schauspieler» 1803.
Das Erste und Notwendigste für den sich bildenden Schauspieler sei, dass er «sich von allen Fehlern des Dialekts befreie und eine vollständige, reine Aussprache zu erlangen suche».
Was ist «richtig»?
Bereits im 18. Jahrhundert bildete sich auf den deutschsprachigen Bühnen neben der Verwendung von Dialekten das sogenannte Bühnendeutsch heraus. Ein Grund war ökonomisch: Wandertheater wie die «Ackermannsche Truppe» bereisten ganz Europa von Ostpreussen bis Norditalien.
Damit die vorgetragenen Stücke an den jeweiligen Spielorten verständlich waren, musste der Herkunftsdialekt der Schauspieler eingedämmt werden. Das Bühnendeutsch – die Hochsprache – kam auf.
Vorbild Hannover
Bühnendeutsch ähnelt dem Deutsch, das in der Umgebung von Hannover gesprochen wird. Auch dies eigentlich ein Dialekt, wie der Theaterwissenschaftler Andreas Kotte betont: «Auch das Bühnendeutsch ist nur eine von vielen Möglichkeiten, zu sprechen. Letztlich sind alles Dialekte.»
Goethe etwa hätte es gern gesehen, dass die «Oberdeutsche Mundart» eingeführt wird, so wie sie weiter südlich gesprochen wird. «Dann hätte das Bühnendeutsch eine andere Färbung gehabt. Dass diese Art der Hochsprache zum Standard wurde, ist Zufall.»
Für die bürgerliche Elite
Neben ökonomischen Faktoren, die für ein einheitliches Deutsch auf der Bühne sprachen, kamen im 19. Jahrhundert Identitätsfragen des Bürgertums und des neu entstehenden Nationalstaates hinzu.
Mit dem Bestreben nach einem «deutschen Staat» ging das Bedürfnis nach einer einheitlichen, «offiziellen» Hochsprache einher. Damit wurde – Goethes Regeln lassen es ahnen – auch ein Bildungsanspruch legitimiert. Es war auch die Phase, in der diverse Stadttheater gegründet wurden.
Die feinen Unterschiede
Gemäss Kotte war dieser soziale Aspekt wichtig: «Das Bühnendeutsch vermittelte Seriosität und dokumentierte damit auch eine Abgrenzung gegen herumreisende Schausteller und Gaukler. Es gestattete der bürgerlichen Elite, sich von weniger Gebildeten abzusetzen.»
Der Dialekt hat dennoch überlebt. Bis heute werden spezifische Sprachfärbungen im Theater eingesetzt, um bestimmte Figuren zu charakterisieren oder soziale Unterschiede zu verdeutlichen – beispielsweise die Handwerkerszenen in Shakespeares «Ein Sommernachtstraum».
Ebenso überlebte der Dialekt in den zahlreichen Volkstheatern, die im deutschsprachigen Raum nach wie vor eine grosse Präsenz haben.
Universalsprache der Theaterberufe
Für ein einheitliches Deutsch spricht heute nicht zuletzt ein praktischer Aspekt in der Schauspielbranche: Es vereinfacht den Austausch von Schauspielern und Schauspielerinnen, Intendanten und Regisseurinnen.
Diese wechseln im deutschsprachigen Raum von Bühne zu Bühne, halten das sogenannte «Intendantenkarussell» zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich am Laufen.