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Über den Muschelsandstein in der Gegend von Reiden
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit der Region – so um 20 Millionen Jahre vor unserer Zeit – erklärt relativ einfach, wie Haifischzähne ins Wiggertal geraten sind. Damals reichte eine Meerzunge durch das heutige Mittelland bis nach Österreich. Begrenzt wurde es im Norden durch den Schwarzwald, im Süden durch die Alpen. Dass sich in der Region Reiden besonders viele Haifischzähne finden lassen, hat mit der späteren Erosion zu tun, als Flüsse aus dem Napfgebiet eben nicht nur Sand in die Region spülten.
Isidor Bachmann berichtet am 14. December 1867
Das Niveau der bei Wykon vorkommenden petrefaktenführenden Schichten liess erwarten, dass auch an den südlicher ins Thal vorspringenden eigetlümlich gerundeten Hügeln dasselbe oder ähnliche Lager sich finden. Ich untersuchte zu dem Ende zwei kleine Steinbrüche am Lusberg, östlich oberhalb R e i d e n bei 520 bis 540m, am Wege über den Letten ins Surenthal. Schon damals war ich überrascht, einen so grossen Reichthum an Haifischzähnen, Muscheln u.s.f. zu erbeuten. Zu verschiedenen Malen, zuletzt im verflossenen Herbste, wurde diese Lokalität durchsucht und nach und nach eine grössere Anzahl von Spezies aufgehäuft.
So erkennt man in dem untern Steinbruch oberhalb Reiden, 520m, die deutlichste Übergussschichtung. Namentlich in diesen härtern Massen zeigen sich beim Zerschlagen schalenlose Abdrücke von Cardien (Herzmuscheln) und hie und da ein Pecten (Jakobsmuschel). Höher wird der Sandstein deutlicher geschichtet und zeigt einen häufigen Wechsel von dickem Sandsteinbänken mit mergeligen Zwischenlagern. Das Ganze charakterisirt sich als eine ausgezeichnete Strandbildung. Der Sandstein enthält zahlreiche Fragmente von Muscheln, zertrümmerte, kohlige, verkieste oder später in Brauneisenocker zerfallene Pflanzenreste. Deutlich ist von diesen Nichts erhalten, ausser eigenthümlichen Faserbündeln, die aber ziemlich brüchig sind. Es erinnern diese an Gefässbündel von Palmen (Palmacites auctor). Ausserdem kommen Bruchstücke grösserer Knochen, von Korallen u. dgl. vor. Man hat ein Gemisch von Land- und Meerorganismen, von Thierresten höherer und tieferer Zonen marinen Lebens. Auch Fragmente von Belemniten, die durch Flüsse oder Bäche vom Jura her geschwemmt wurden, fand ich auf. Am leichtesten erhält man die Versteinerungen auf etwas abgewitterten, eine Zeit lang den atmosphärilischen Einflüssen ausgesetzten Sandsteinplatten. Bisweilen sind von Muscheln noch die Schalen erhalten; so fand ich auch eine Mactra halb aus dem Steine heraus gewittert, die so gut erhalten war, wie nur die analogen Vorkommnisse Frankreich's oder Italiens. Bei Austern und Kammmuscheln ist die Erhaltung der Schalen fast allgemein. — Grosses Interesse verdient eine Schicht eines sandigen Zwischenlagers, auf dem, soweit es entblösst war, zahlreiche Abdrücke eines Seesternes vorkamen. Leider sind dieselben so roh und alle organische Spur verschwunden, sowie die Formen meist so vermischt, dass man nicht einmal an die Bestimmung des Genus denken darf. Es wurden von mir Stücke davon auch in der Sammlung des eidgen. Polytechnikums niedergelegt. — In einem etwas grobem Sandsteine entdeckte ich eben da Helminthoida molassica, die Herr Professor Heer benannte und abbildete.
Verzeichniss der am L u s b e r g gefundenen Versteinerungen: 1
Knochenfragmente, wahrscheinlich von grössern Säugethieren :
Sparoides molassicus Qu., Notidanus primigenius Ag., Hemipristis serra Ag., Lamna cuspidata Ag., Lamna elegans Ag.,Lamna contortidens Ag., Lamna dubia Ag., Lamna denticulata Ag., Oxyrhina hastalis Ag., Oxyrhina leptodon Ag., Oxyrhina Desorii Ag., Carcharodon polygurus Ag. (Wurzelstück)., Haifischwirbel, Zygobates Studeri Ag., Myliobates spec., Baianus spec., Conus canaliculars Br., Buccinum Heerii May., Trochus patulus Br., Natica helicina Br., Dentalium strangulatum Dsh., Ostrea caudata Mü., Pecten Sowerbyi Nytt., Pecten ventilabrum Gf., Pecten nisus d'Orb., Pecten palmatus Lam., Nucula nucleus L., Cardium commune Mayer., Cardium multicostatum Lam., Venus multilamella Lam., Venus islandicoides Lam., Tapes suevica Qu., Mactra triangula Ren., Mactra spec., Corbula gibba Oliv.,Teredo norwegica Spr.,Terebratula grandis Bib., Seesterne., Scutella spez. (Seeigelasseln), Korallen., Palmacites sp., Helminthoida molassica Heer.
Es bilden diese 43 Arten, zu denen noch einige unbenannte oder nicht sicher bestimmbare Formen hinzukämen, eine kleine Fauna, wie sie den Muschelsandstein an allen petrefactenreichem Localitäten auszeichnet. Bloss von dem berücksichtigten Fundort sind mir bekannt die Seesterne, Terebratula grandis Bib. und Helminthoida molassica Heer.
Sandgrube am Neuhauser 1908
Heute ist steht hier in der Sandgrube das 1967 - 1968 erbaute Reservoir Neuhauser (Speichervolumen 2000 m³)
Ungefähr in die nämliche Höhe, wie dieser Fundort, erhebt sich, durch das Seethal unterbrochen, der sogenannte S a n d h u b e l (Neuhausers Weid) 2. In der Sandgrube, 550 Meter, auf der Höhe dieses Hügels fand ich Tapes suevica Qu.
Durch Hrn. Joh. Suppiger, Arzt in Reiden, erhielt ich von da eine Anzahl von Rochen- und Haifischzähnen, welche folgenden Arten angehören :
Zygobates Studeri Ag., Hemipristis serra Ag., Galeocerdo spec., Oxyrhina Desorii Ag., Oxyrhina leptodon Ag., Oxyrhina hastalis Ag., Lamna cuspidata Ag., Lamna elegans Ag., Lamna contordidens Ag., Lamna dubia Ag., Lamna denticulata Ag.
In den höhern Sandsteinmassen gegen den R e i d e n - L e t t e n konnte bisher mit Ausnahme einer Austernschale auf der Höhe der Reiderallmend, 700 Meter, gefunden von Herrn Gottlieb Bachmann, Arzt in Reiden. Nichts entdeckt werden.
Um so wichtiger erschien mir darum ein fernerer Fundort in der H o h l e n bei M e h l s e c k e n 3, 450 bis 470 Meter, auf den mich mein Vetter, Herr Gottlieb Bachmann, Arzt in Reiden, aufmerksam gemacht hatte.
An dem Eingang in den Hohlweg von Reiden her finden wir zunächst graue, mergelige Molasse. Einzelne Schichtflächen derselben sind ganz bedeckt mit Pecten ventilabrum Goldf. Darüber folgen festere, hellgraue Sandsteinbänke, häufig knauerartig ausgebildet und verhärtet (Gallen). Auf angewitterten Stücken dieses Gesteins in einem nahen kleinen Steinbruche und aus anstehendem Fels selbst erbeutete ich bei einem zweimaligen Besuche ebenfalls eine Reihe von Petrefacten.
Besonders auffallend ist aber vor Allem das angeführte Pectenlager. Es unterscheidet sich dieses wesentlich von den übrigen Schichten. Die Thierreste wurden hier an ihrer Wohnstätte begraben und ihre Schalen nicht erst am Strande gerollt, wie in den höhern Schichten typischen Muschelsandsteins. Es setzt dieses natürlich Niveauschwankungen voraus.
In Langnau fanden wir noch eine andere, die durch einige Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet ist. Genauer bezeichnet liegt dieser Fundort westlich oberhalb dem Dorfe, an der Strasse gegen A l t e n t h a l, im sogenannten W e y e r 4, in einem grössern Sandsteinbruch, 500 Meier. Man wird leicht auf der Sohle des Bruches aus dem Sandsteine ausgewitterte Haifisch- und Rochenzähne entdecken. Eine Schicht ist ganz durchspickt von dickschaligen, späthigen, weissen Seeigelresten (Täfelchen der Schale, Theile der Peristoms). — Man findet ein ähnliches Lager auch im Steinbruche bei Schöftland, sowie im Muschelsandstein von Killwangen bei Baden. —
Notorynchus primigenius, Parasymphysenzahn (Parasymphysenzahn: englisch: (parasymphysial): erster Zahn der linken/rechten Kieferhälfte) Oberkiefer, lingual (lingual: Innenseite des Zahnes; Zahnfläche, die zur Zunge hin orientiert ist), Höhe: 14 mm, Reiden-Lusberg, St.-Gallen-Formation (Die schweizerische OMM wird in zwei Formationen getrennt. Die St.-Gallen-Formation (OMM II) ist die jüngere der beiden (ca. 18.5-17 Ma), Sammlung: Jürg Jost, Zofingen
Notorynchus primigenius, Parasymphysenzahn Oberkiefer, labial (labial: Außenseite des Zahnes; Zahnfläche, die zu den Lippen hin orientiert ist), Höhe: 14 mm, Reiden-Lusberg, St.-Gallen-Formation, Sammlung: Jürg Jost, Zofingen
Als Haie ein Reiden lebten. Claudia Walder, Zofinger Tagblatt 28.9.20202