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von Patrick Truffer (go to the English version). Er arbeitet seit über 15 Jahren in der Schweizer Armee, verfügt über einen Bachelor in Staatswissenschaften der ETH Zürich und über einen Master in Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin.
Dieser Artikel will der Frage nachgehen, welche Faktoren die Reform der russischen Streitkräfte angetrieben haben, wie sich die Fähigkeiten in den letzten 10 Jahren verändert haben und, basierend auf dem neusten staatlichen Rüstungsprogramm, wie sie sich bis 2030 verändern könnten. Im ersten Teil ging es um die Konsolidierungsphase nach dem Ende des Kalten Kriegs; die Unzulänglichkeiten, welche während des Kaukasuskriegs 2008 offensichtlich wurden, und schliesslich zur Serdyukov-Reform führten. Im zweiten Teil ging es um die progressiv einsetzende Verbesserung der russischen Streitkräfte als Konsequenz der Militärreform, welches im Krieg in der Ukraine und in Syrien sowie in den Grossübungen der letzten beiden Jahren erkennbare wurde. In diesem letzten Teil wird die mögliche Weiterentwicklung der russischen Streitkräfte für die Zeitperiode bis Ende 2030 besprochen und ein abschliessendes Fazit gezogen.
Ausblick bis Ende 2030
Bis anhin bildete das staatliche Rüstungsprogramm 2011-2020 die Grundlage für die Modernisierung der russischen Streitkräfte und umfasste 20,7 Billionen Rubel, was in etwa 700 Milliarden US-Dollar für den gesamten Zeitraum bzw. einem Jahresbudget der US-Streitkräfte entsprach. Von diesem Budget wurde bis 2018 noch nicht einmal die Hälfte eingesetzt, unteranderem weil die russische Rüstungsindustrie oftmals quantitativ und qualitativ überfordert ist. So gelingt es zwar Rüstungsgüter, welche auf sowjetischem Design basieren, in Serienproduktion zu produzieren, doch die Produktion hoher Stückzahlen und die Entwicklung komplett neuer Waffensysteme bereiten Schwierigkeiten. Mit dem tiefen Ölpreis, den westlichen Sanktionen nach der Annexion der Krim und der Einmischung in den Krieg in der Ukraine sowie unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Operation in Syrien wurde es offensichtlich, dass Russland das Rüstungsprogramm langfristig nicht aufrechterhalten konnte. Deshalb bewilligte der russische Präsident Vladimir Putin im Dezember 2017 das vorgezogene Nachfolgeprogramm 2018-2027, welches ein ähnlich hohes Budget aufweist. Wegen der Inflation entspricht der Betrag in US-Dollar zwar nicht einmal mehr der Hälfte des vorhergehenden Budgets, doch da die meisten Rüstungsgüter in Russland selber produziert werden, fällt der Wertezerfall des Rubels weniger ins Gewicht (Richard Connolly und Mathieu Boulègue, “Russia’s New State Armament Programme: Implications for Russian Armed Forces and Military Capabilities to 2017“, Chatham House, The Royal Institute of International Affairs, Russia and Eurasia Programme, Mai 2018, S. 4f, 8, 10).
Auch wenn das Rüstungsprogramm klassifiziert ist, so wurden durch russische Funktionäre, Politiker, Presseartikel usw. genügend Details veröffentlicht, welche eine grobe Abschätzung der weiteren Streitkräfteentwicklung bis 2030 erlaubt. Bereits Vostok 2018 hat auf gewisse Schwerpunkte der nächsten 10 Jahre hingewiesen. Die Verbände, insbesondere die Luftlandetruppen und die Spezialkräfte, sollen mobiler werden und in kurzer Zeit auch auf grosse Entfernungen eingesetzt werden können. Die Beschaffung neuer Transport- und Tankflugzeuge spielt deshalb eine wichtige Rolle. Die Verlängerung der Einsatzmöglichkeiten der aus der Ukraine stammenden Antonov-Flugzeuge stellt jedoch keine Option dar. Sie sollen durch Ilyushin Il-476, Il-76MD Candid und womöglich Il-106 Yermark ersetzt werden. Die Serienproduktion der Il-76MD Candid hat anfangs 2018 begonnen, doch ob das Ziel von 40 Stück bis Ende 2027 erreicht werden kann, ist mehr als fraglich. (Connolly und Boulègue, S. 4, 15).
Die Modernisierung der nuklearen Triade wird im neuen Rüstungsprogramm fortgeführt und nimmt einen wichtigen Stellenwert ein. Bei den Interkontinentalraketen wird Russland gegen Ende der 2020er-Jahre über einen Mix von RS-24 Yars (seit 2010) und RS-28 Sarmat (ab 2019) verfügen. Die RS-24 Yars kann 3-4 nukleare Sprengköpfe, die RS-28 Sarmat je nach Grösse und Masse vermutlich bis zu 24 MIRV (wahrscheinlich bis zu 3 Avangard Überschallgleiter) zum Einsatz bringen [1], welche sowohl konventionell wie nuklear bestückt ein Raketenschutzschild durchdringen können sollen (Julian Cooper, “The Russian State Armament Programme, 2018-2027″, NATO Defense College, Mai 2018, S 3). Dies sind zwei der neuen Systeme, welche Putin an seiner Rede zur Lage der Nation am 1. März 2018 dem Parlament vorgestellt hatte. Ein weiteres vorgestelltes System – ein noch namenloser durch einen Nuklearreaktor angetriebene Marschflugkörper – wird, wenn überhaupt, höchstwahrscheinlich nicht bis 2030 fertiggestellt sein (Jeffrey Lewis und Aaron Stein, “Russia’s Crashing Cruise Missile“, Arms Control Wonk, 11.06.2018). Bei den strategischen Bombern wird Russland wahrscheinlich noch bis Mitte der 2030er-Jahre auf modernisierte Tupolew Tu-95MS Bear und Tu-160M2 Blackjack basieren müssen, da der neu geplante strategische Bomber PAK DA (Unterschallgeschwindigkeit, jedoch mit einer Einsatzdistanz von 15’000 km) kaum vorher einsatzfähig sein wird. Wegen fehlender, jedoch nachrüstbarer, Luftbetankungsmöglichkeit nicht als strategischer Bomber gelistet, wird Russland zusätzlich noch über Tu-22M3 Backfire verfügen (30 der 100 werden zu Tu-22M3M modernisiert), welche im Syrienkrieg als Bomber eingesetzt wurden. Die Kh-47M2 Kinzhal Hyperschall-Luft-Boden-Rakete, ein weiteres von Putin vorgestelltes Waffensystem, welches ebenfalls ein Raketenschutzschild durchdringen können soll, ist momentan in der Entwicklung und wird im südlichen Militärbezirk getestet. Momentan kann jedoch nicht abgeschätzt werden, ob dieses System bis 2030 einsatzfähig sein wird. Die drei strategischen Borei-Klasse Unterseeboote gehören zu den modernsten russischen Waffensystemen und werden zwischen 2019 und Mitte 2025 schrittweise durch fünf weitere Unterseeboote ergänzt. Diese acht Unterseeboote können dann zusammen 128 Bulava Interkontinentalraketen tragen, welche je über 6 nukleare Sprengköpfe verfügen (Connolly und Boulègue, 16ff; “Balistic and Cruise Missile Threat“, National Air and Space Intelligence Center, Defense Intelligence Ballistic Missile Analysis Committee, Juni 2017, S. 33). Noch unklar ist, ob Russland zusätzliche neuartige Unterseeboote entwickeln wird (Project 09852, Belgorod), welche bis zu vier von Putin angekündigte weitreichende, mit nuklearen Sprengköpfen bestückte Unterwasserdrohnen Kanyon (Status-6) mitführen können (Cooper, S. 8).
Ansonsten erfährt die Seekriegsflotte keine Sonderbehandlung mehr. Im Gegenteil: Sie ist sie die eigentliche Verliererin des neuen Rüstungsbudgets. Der Grund liegt in den eingeschränkten Fähigkeiten des russischen Schiffsbaus und der Kalibr Marschflugkörper, welche es kleineren und älteren Schiffen erlauben aus einer Distanz von bis zu 2’500 km zu wirken. Deshalb sollen Zerstörer, Kreuzer, Korvetten, Fregatten und taktische Unterseeboote aus der Soviet-Ära weiter modernisiert werden, doch neue grosse Kriegsschiffe sind bis weit nach 2030 nicht vorgesehen. Wenn sie nicht vorher sinkt, wird Russland auch in den nächsten 10-15 Jahren nur über höchstens einen einzigen veralteten Flugzeugträger verfügen, die Admiral Kuznetsov, welche bis 2021 etwas modernisiert werden soll. Im günstigsten Fall werden 8 neue Gremyashchiy-Klasse Korvetten, 3 Admiral Grigorovich-Klasse Fregatten, 5 Admiral Gorshkov-Klasse Fregatten, 2 Lada-Klasse Unterseeboote, 6 Varshavyankas-Klasse Unterseeboote und 6 nuklearbetriebene Yasen-Klasse Jagd-Unterseeboote vom Stapel gelassen. Unterseeboote der 5. Generation werden wahrscheinlich kaum vor 2030 hergestellt werden. Darunter fallen die diesel-elektrisch betriebene Kalina-Klasse und die nuklearbetriebene Husky-Klasse. Auch die amphibischen Fähigkeiten werden auf einem relativ tiefen Niveau bleiben. Momentan sind 4 über 50 Jahre alte Schiffe der Alligator-Klasse, 15 über 40 Jahre alte Schiffe der Ropucha-Klasse und ein neues Schiff der Ivan Gren-Klasse aktiv. Ursprünglich waren 8 Ivan Gren-Klasse-Schiffe geplant; 6 wurden jedoch wegen anhaltenden technischen Problemen gestrichen (Connolly und Boulègue, S. 21; Dmitry Gorenburg, “Russia’s Military Modernization Plans: 2018-2027“, PONARS Euarasia Policy Memos, no. 495, 22.11.2017). Russland wird auch 2030 mit Grossbritannien und Frankreich zu den mittelgrossen Seestreitkräften gehören, welche gleichzeitig nur eine einzige grössere Operation über längere Zeit durchführen können und somit hinter den USA und China platziert bleiben.
Besser kommen die Luft- und Landstreitkräfte weg. Das Arsenal an Kampfflugzeugen soll weiter modernisiert werden. Bis Ende 2017 soll dies unter anderem mindestens 186 Sukhoi Su-30MKI Flanker-H, 200 Sukhoi Su-35S Flanker-E, 200 Sukhoi Su-34 Fullback, 24 Mikoyan MiG-35 Fulcrum-F sowie einige Mikoyan MiG-29SMT Fulcrum-E und MiG-31 Foxhound umfassen. Auch wenn zwei Prototypen in Syrien getestet wurden und 12-13 Sukhoi Su-57 zwischen 2020 und 2025 ausgeliefert werden sollen (jedoch noch mit einem alten Triebwerk weil die Entwicklung des neuen Hochleistungstriebwerks Probleme bereitet), ist es unwahrscheinlich, dass bis Ende 2027 eine grössere Anzahl Kampfflugzeuges der 5. Generation voll operationell sein wird (Vladimir Karnozov, “Russia places initial Production Order for Stealth Fighter“, Aviation International News, 03.07.2018; Connolly und Boulègue, S. 18ff).
Bei den Bodentruppen sollen die insgesamt rund 2’700 T-72, T-80 und T-90 Kampfpanzer weiter modernisiert werden. Sie werden voraussichtlich bis 2030 das Rückgrad der Landstreitkräfte darstellen. Die Serienproduktion des T-14 Armata soll bis Ende nächstes Jahr beginnen, doch weil der Kampfpanzer im Gegensatz zum modernisierten T-90M relativ teuer ist, und bei den Panzertruppen offensichtlich eher gemieden wird, soll bis Ende 2027 nur eine Brigade mit rund 100 Stück des neuen Kampfpanzers ausgerüstet werden (“Chapter Five: Russia and Eurasia”, The Military Balance, vol. 118, 2018, S. 177; Connolly und Boulègue, S. 24). Ebenfalls werden ab 2021 einige wenige Kurganets-25 Schützenpanzer erwartet. Dafür sollen 540 BMP-2 Schützenpanzer und BMD-2 Luftlandepanzer modernisiert sowie der BMP-3 Dragoon ab diesem Jahr produziert werden, welcher über ähnliche Fähigkeiten wie der Kurganets-25 verfügen soll, jedoch deutlich günstiger zu produzieren ist. Vom Bumerang Radschützenpanzer und T-15 Armata Schützenpanzer ist momentan nichts mehr zu hören – eine Serienproduktion bis Ende 2027 ist eher unwahrscheinlich (Cooper, S. 11). Bei der Artillerie soll in einer ersten Phase die 15,2 cm 2S19 Msta-S Panzerhaubitze modernisiert werden und in einer zweiten Phase ab 2020 schrittweise durch die neue 15,2 cm 2S35 Koalitsiya-SV abgelöst werden, welcher Präzisionsmunition bis zu 70 km weit verschiessen soll (Nicholas de Larrinaga und Nikolai Novichkov, “Russia’s Armour Revolution“, IHS Jane’s 360, 25.04.2016). Ausserdem sollen Uragan-1M und 9A52-4 Tornado Mehrfachraketenwerfer beschafft werden. Nebst der Einführung eines modernen Feuerleitsystems sollen Artillerie-Brigaden und -Regimenter zukünftig über Drohnen zur Aufklärung, Überwachung, Zielerfassung und Zielauswertung verfügen. Die Streitkräfte verfügen momentan über mehr als 1’000 unbewaffnete Orlan-10 Drohnen welche sich rund 16h in der Luft halten können und von einer Bodenstation gesteuert, einen Einsatzradius von rund 120-140 km aufweisen. Sie werden zur Aufklärung sowie Überwachung eingesetzt und werden wahrscheinlich mittelfristig zur Zielerfassung- und Auswertung befähigt. Über bewaffnete Drohnen verfügt Russland nach wie vor nicht (Connolly und Boulègue, S. 18ff).
Fazit
Für die Reform der russischen Streitkräfte waren zwei Faktoren massgeblich verantwortlich. Erstens schienen das Verhalten der USA sowie der NATO und mehrere Ereignisse auf internationaler Ebene im Jahre 1999 auf eine Verschiebung des Machtgleichgewichts hinzuweisen. Russland war gegenüber der NATO-Osterweiterung, der NATO Operation “Allied Force” und dem neuen expansiven, strategischen Konzept der NATO machtlos. Die Effektivität der US-amerikanischen Präzisionswaffen und die damit offensichtliche Fähigkeitslücke der russischen Streitkräfte rüttelte, trotz der Nuklearbewaffnung, am Status einer Grossmacht. Dies führte zu einer neuen Bedrohungsauffassung gegenüber den USA und der NATO, einem deutlichen Kurswechsel in der russischen Innenpolitik und zu einer langfristigen Abkehr der Integrationsbestrebungen in die westliche geprägte Weltordnung. Zusammen mit den ab 2000 wieder zunehmenden Staatseinnahmen aufgrund steigender Rohstoffpreise, und mit einem neuen, selbstbewussten russischen Präsidenten waren die Bedingungen für eine Reform der russischen Streitkräfte gegeben. In der Folge kam es zu einer quantitativen Konsolidierung sowie zu Investitionen beim Erhalt und der Modernisierung des strategischen Kernwaffenarsenals, doch für eine umfassende Reform war der Druck noch zu wenig hoch. Die institutionelle Trägheit und der Widerstand der Generäle standen im Weg. Erst der zweite Faktor, die für eine Grossmacht blamable Leistung im Kaukasuskrieg 2008, führte sowohl bei den politischen wie auch militärisch Verantwortlichen zur Bereitschaft einer kompromisslosen Durchsetzung der Militärreform. Die dazu notwendige Umstrukturierung konnte relativ zügig umgesetzt werden. Zwar gab es immer noch Generäle, welche sich gegen eine umfassende Reform positionierten, diese wurden jedoch durch den russischen den Verteidigungsminister Anatoliy Serdyukov mit dem Rückhalt Putins in den Ruhestand geschickt. Einflussreiche Posten wurden im Gegenzug mit eher jüngeren, progressiven Offizieren bestückt. Die Modernisierung der russischen Streitkräfte stellte sich wegen der nach dem Kalten Krieg vernachlässigten Rüstungsindustrie jedoch als bedeutend grössere Herausforderung heraus.
Die ab 2011 in grösseren Stückzahlen an die Verbände gelieferten neueren Waffensysteme basieren deshalb immer noch auf sowjetischer Technologie. Trotzdem konnten in den 10 Jahren seit dem Kaukasuskrieg die russischen Streitkräfte in vielerlei Hinsicht modernisiert werden. Ein wichtiger Schritt war beispielsweise die Einführung des Ratnik Infanteriekampfsystems, welches die persönliche Ausrüstung der Soldaten auf einem modernen Stand bringt. Nur mit einer modernen Ausrüstung und einem adäquaten Schutz können langfristig die richtigen Soldaten gefunden werden, welche diszipliniert unter erschwerten Bedingungen kampfbereit sind. Dieser Wandel konnte ab 2014 bei der Annexion der Krim, der Einmischung im Krieg in der Ukraine und in der Operation in Syrien beobachtet werden. Die Truppenkommandanten sind besser trainiert, die Truppe verhält sich diszipliniert und ist einsatzbereit. In den letzten 10 Jahren wurden ausserdem bedeutende Verbesserungen in der Operationsführung, Mobilität, Logistik und bei den konventionellen Waffensystemen erzielt. So verfügt Russland in einer beschränkten Quantität über Präzisionswaffen, welche von verschiedensten Trägerplattformen aus über weite Strecken eingesetzt werden können (Eric Schmitt, “Vast Exercise Demonstrated Russia’s Growing Military Prowess“, The New York Times, 22.12.2017; Lamont Colucci, “The Coming Russian Aggression“, US News & World Report, 10.10.2017). Basierend auf Zapad 2017 und Vostok 2018 kann davon ausgegangen werden, dass die russischen Streitkräfte ihr Territorium und das ihrer Verbündeten schlagkräftig und nachhaltig verteidigen können, wobei das Schwergewicht auf den westlichen und südlichen Militärbezirk gelegt wird. Die Offensivfähigkeiten bleiben jedoch eher konservativ, wenn von einem regionalen Nuklearschlag abgesehen wird.
Neben den Sanktionen westlicher Staaten und wirtschaftlichen Problemen hat insbesondere die Operation in Syrien zu einer frühzeitigen Ablösung des staatlichen Rüstungsprogramms 2011-2020 geführt und das Folgeprogramm für den Zeitraum 2018-2027 nachhaltig beeinflusst. In den nächsten 10 Jahren ist eine qualitative Aufwertung der nuklearen Triade zu erwarten, denn Russland will in Zusammenhang mit dem letztjährigen US-amerikanischen Nuclear Posture Review und dem geplanten US-amerikanischen Raketenschutzschild eine zuverlässige Zweitschlagfähigkeit sicherzustellen. In Kombination mit der Abwertung der internationalen Rüstungskontroll-Verträge besteht eine hohe Gefahr eines erneuten Wettrüstens.
Auch die konventionellen Waffensysteme werden in den nächsten 10 Jahren weiter modernisiert werden. Paradoxerweise liegt dies im Interesse der westlichen Staaten, denn wird die “Eskalation zur Deeskalation”-Doktrin berücksichtigt, bedeutet ein besser konventionell ausgerüstetes Russland eine geringere Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen. Trotz vollmundigen Ankündigungen handelt es sich beim staatlichen Rüstungsprogramm für die nächsten 10 Jahre eher um eine Evolution als um eine Revolution. Die russische Rüstungsindustrie hat quantitativ und qualitativ noch viel nachzuholen. Mit den Sanktionen westlicher Staaten wird dies insbesondere bei den elektronischen Systemen für den Bau von Navigationssatelliten und Kampfdrohnen sowie beim Schiffsbau schwierig. Trotz offensichtlicher Fortschritte seit dem Kaukasuskrieg 2008 haben die russischen Streitkräfte auch zukünftig bei der Modernisierung noch einen weiten Weg zurückzulegen.
Fussnoten
[1] Bei den Angaben, wieviele Avangard Überschallgleiter die RS-28 Sarmat zum Einsatz bringen kann, gibt es unterschiedliche Meinungen. Gemäss deagel.com: “the MIRVed Sarmat will carry 10-15 or up 24 Yu-74 nuclear warheads [(Projektname des Avangard Überschallgleiters)] delivering them to suborbital trajectories which will allow them to reach any target on Earth following any trajectory. […] As ICBM the missile is armed with 10 750-kiloton warheads (7.5 megatons) which are at the same time independently targetable (MIRV) and maneuverable (MARV). As carrier the missile is armed with 16 hypersonic glide vehicles yielding 500 kilotons each (8 megatons) or 24 hypersonic glide vehicles each yielding 150 kilotons (3.6 megatons).”
Abklärungen durch Bernhard Schulyok, Fachoffizier der Abteilung Militärstrategie des österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung, im Rahmen der Interdisziplinäre Technologiegespräche 2019 (eine Veranstaltung in Kooperation mit dem österreichischen Bundesheer, dem Amt für Rüstung und Wehrtechnik, des Austria Institute für Europa- und Sicherheitspolitik und des Center for Security Studies der ETH Zürich) ergaben, dass die RS-28 Sarmat je nach Grösse und Masse vermutlich bis zu 24 MIRV (zum Beispiel Sprengköpfe) tragen könne, dass aber von den Ausmassen her nur bis zu 3 Avangard Überschallgleiter wahrscheinlich seien. Ich danke Bernhard Schulyok für die Abklärungen und das dementsprechende Feedback.
Habe heute die Thematik bei #Technologiegespräche2019 abklären können. RS-28 kann zwar bis zu 24 MIRV tragen, ist aber abhängig vom Typ! Man geht von bis zu 3 Avangard HGV aus.
— Bernhard Schulyok (@Bernd_Schulyok) 22. Februar 2019
Gerne geschehen. Wobei ein Folge Gespräch mit Vertreter @CSS_Zurich ergeben hat, dass auch generell die Anzahl von bis zu 24 MIRV, egal welcher Kategorie, stark zu hinterfragen ist. Selbst bei MRV scheint Anzahl sehr hoch. Hier werden wahrsch. in Quellen Trägersysteme verwechselt
— Bernhard Schulyok (@Bernd_Schulyok) 22. Februar 2019