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Eine weltweite Statistik zur Polygamie gibt es nicht. Man geht davon aus, dass die Vielehe in Westafrika nach wie vor am verbreitesten ist. Aber auch dort gehen die Zahlen zurück. Die 30-jährige Schrifstellerin Ayobami Adebayo kennt jedenfalls unter ihren gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen in Lagos, Nigeria, niemanden, der die Vielehe praktizieren würde.
Schon Adebayos Eltern lebten monogam, auch der Grossvater hatte freiwillig auf Polygamie verzichtet. «Aus reiner Liebe», erinnert sich die Autorin. «Für ihn gab es ein Leben lang nur eine Herzensfrau: meine Grossmutter.» Trotzdem wählte Ayobami Adebayo für ihren Debütroman diesen heiklen Stoff.
Damit traf sie offensichtlich einen Nerv: Das Buch wurde in ihrer Heimat zum Bestseller. Und auch international entwickelte sich «Bleib bei mir» zum Erfolg.
Ayobami Adebayo
Schriftstellerin
Ayobami Adebayo (geb. 1988 in Lagos) ist eine nigerianische Schriftstellerin. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Rolle der Frau in der nigerianischen Gesellschaft.
SRF: Polygamie als Heiratsmodell scheint in Ihrer Generation kaum noch attraktiv. Glauben Sie, dass es primär eine Frage der Bildung und der Lebensweise ist?
Ayobami Adebayo: Nigeria ist ein sehr grosses Land, ich kann nur vom Südwesten sprechen. Ich bezweifle allerdings, ob Polygamie eine Frage der Bildung ist. Bildung hilft den Frauen, ein eigenes Einkommen zu verdienen. Aber in Südwest-Nigeria war dies schon immer der Fall. Frauen hatten hier stets ihre eigenen Güter, betrieben Handel.
Wahrscheinlich ist es eher eine ökonomische Frage: Vier Frauen zu heiraten kommt einen Mann teuer zu stehen. Nehmen wir die Zeit Mitte der 1990er-Jahre, als es Nigeria wirtschaftlich sehr schlecht ging: Da wurde bei uns Familienplanung plötzlich ein Thema, weil schlicht und einfach das nötige Geld fehlte.
Teuer wird es, wenn Männer – wie Ihr Romanheld Akim – ein zweites Haus kaufen, damit die Frauen nicht unter demselben Dach leben müssen. Ist dies eine häufige Praxis?
Dies mag eine Variante sein, um allfällige Rivalitätsprobleme zu lösen. Ich kenne jedenfalls ältere Männer, die geschäftlich viel unterwegs waren und ihre Frauen auf verschiedene Städte verteilt hatten. So begegneten sich die vier Gattinnen vielleicht nur einmal pro Jahr.
Rivalität entsteht in polygamen Verhältnissen nicht nur zwischen den Frauen, sondern auch zwischen den Kindern oder zwischen den Kindern und ihren Stiefmüttern. So ein Beispiel zeigen sie ja auch in Ihrem Roman.
Das Buch
Yejide heiratet Akim nur unter einer Bedinung: Es wird in ihrer Ehe nie eine andere geben. Aber als Yejide nicht schwanger wird, macht Akims Mutter Druck: Sie will ihrem Sohn sofort eine zweite Frau ins Haus bringen, um den baldigen Nachwuchs zu sichern. Regelmässig besucht sie ihn deshalb mit möglichen Kandidatinnen in seinem Büro.
Akim kennt sein Versprechen – und lehnt alle Bräute ab. Aber er hat nicht mit der Beharrlichkeit seiner Verwandten gerechnet…
«Bleib bei mir» ist ein eindringlicher Roman über die Macht der Familie, alte Traditionen und moderne Liebe in Nigeria.
Ayobami Adebayo: «Bleib bei mir». Piper Verlag, 2018.
Ja, aber das muss man unter ökonomischen Gesichtspunkten auch verstehen: Alle Familienmitglieder buhlen um limitierte Ressourcen. Nehmen wir an, ein Mann hat vier Frauen und zwanzig Kinder. Alle wollen die Schule besuchen. Er kann sich aber nur für fünf den Unterricht leisten.
Dann werden sich die Mütter natürlich für ihre eigenen Söhne und Töchter stark machen. Kein Wunder entstehen so Neid und Missgunst.
«Vielweiberei» mag in den Ohren vieler Männer attraktiv tönen. Aber dieses System ist mit sehr viel Aufwand verbunden.
Ich bin überzeugt, dass viele Männer es im Alter bereut haben. Warum? Weil die Kinder in polygamen Familien vor allem eine enge Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter entwickeln. Viele fühlen sich als Erwachsene mit ihrem Vater überhaupt nicht verbunden.
Es geschieht auch oft, dass die Frauen später ihre Männer verlassen und zu ihren Kindern ziehen. Nicht selten bleibt ein Mann – trotz vier Ehefrauen – am Schluss ganz allein.
Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Zukünftiger eines Tages mit einer Zweitfrau auftaucht?
Das würde er sich niemals getrauen … (lacht). Mir fällt schon nur die Vorstellung schwer, dass er überhaupt auf eine solche Idee kommen könnte.
Das Gespräch führte Luzia Stettler.