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Die Wiederansiedlung des Wistents in Gebieten, in denen er ausgestorben war, entspricht einem weltweiten Trend. Unter anderem soll seine Anwesenheit die Biodiversität fördern. Polen spielt dabei eine führende Rolle in Europa, gefolgt von anderen Ländern Osteuropas.
Wir unterbrechen das Interview kurz, weil ein Paar auf Spaziergang das Tor zum Gehege öffnet. Ein Weg führt direkt hindurch. Besteht für sie keine Gefahr durch die Wildtiere, die eine Schulterhöhe bis 1,90 Meter haben können? Holzgang, der sie "sanfte Riesen" nennt, verneint.
"Die Wisente haben sie schon bemerkt. Sie sind extrem aufmerksam. Die bemerken alles." Doch weil das Paar keine Gefahr für sie bedeute, würden sie seelenruhig weitergrasen. "Das ist jetzt wirklich wunderschön zu beobachten", sagt er, als das Paar weiterläuft.
Bei unserem Besuch im Mai besteht die Herde aus fünf Tieren. Die trächtige Kuh wird Anfang Juli ein Kalb werfen, "das erste Wisentkalb seit 1000 Jahren in der Schweiz", wie die Medien titeln werden. Die Herde besteht heute aus einer Leitkuh, zwei weiteren Kühen, drei Kälbern sowie einem Stier.
Heutige Wisentpopulation stammt von nur 12 Tieren ab
Der Wisent wurde in Europa fast ausgerottet. Anfang 20. Jahrhundert habe es noch etwa 800 freilebende Wisente gegeben, hauptsächlich in den Weiten Osteuropas, sagt Holzgang. 1919 wurde der letzte freilebende Flachland-Wisent in Polen erschossen.
Laut Monica Vasile, Spezialistin für Umweltgeschichte an der holländischen Universität Maastricht, wurde 1924 in Europa ein Plan ins Auge gefasst, um den Wisent zu schützen.
Damals hätten nur noch 54 Individuen in Gefangenschaft gelebt, wovon sich lediglich 12 fortpflanzten. Alle heute lebenden Wisente stammen von diesen 12 Tieren ab. Erste Auswilderungen fanden ab 1952 statt.
"Das sind sehr komplexe Projekte, die Fachwissen auf vielen Ebenen erfordern, um das Wohlergehen der Tiere zu gewährleisten, ihr Stressniveau zu senken und sie in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen", schreibt sie per E-Mail.
Dabei sei es für die Projektverantwortlichen wichtig, "offen zu bleiben, um ihre Strategien bei Bedarf anzupassen". In jüngster Zeit habe sich gezeigt, dass sich die Praktiken zur Wiederansiedlung des europäischen Wisents von einem kontrollierten, von der Viehzucht inspirierten Ansatz zu einem mit wenigen oder keinen Eingriffen verlagert hätten.
Zudem müsse bei solchen Projekten die lokale Bevölkerung eingebunden werden. "Unabhängig von der Grösse des Tiers ist ein sorgfältiger Kommunikationsprozess mit den Menschen vor Ort erforderlich." Die Chancen des Schweizer Projekts könnten nur durch Forschung bewertet werden, so Vasile.
Der Einfluss auf den Baumbestand
Inzwischen haben sich die Wisente etwas von uns entfernt, und wir können den Weg hinauf in den Wald benutzen. Wir wollen uns ein Bild davon machen, wie das Projekt wissenschaftlich begleitet wird.
Forschende verschiedener Universitäten und Institute kommen immer wieder vorbei, um Proben zu nehmen oder Messungen zu machen, um den Einfluss des Wisents auf die Umwelt zu verstehen.
Heute sind zwei Forschende aus dem Bereich Botanik im Wald. Sie messen den Verbiss an jungen Bäumen. Weil die Forschenden nicht feststellen können, welches Tier für einen Verbiss verantwortlich war, ist es wichtig, einen Vorher-Nachher-Vergleich zu haben.
Dabei wird immer an den gleichen Punkten im Gehege gemessen. Ein zufälliges Raster definiert diese 120 Stichproben, alle 50 Meter ist ein Messpunkt.
Dort nimmt Biologin Nicole Imesch von jeder Höhenklasse zwei Baumtriebe auf und vergleicht anschliessend mit den Daten früherer Messungen.
Sie war schon zweimal in diesem Waldstück, bevor es die Wisente in Beschlag nehmen durften. "Der Einfluss der Rehe und Gämsen ist schon sehr bedeutend. Auch ohne Wisente", stellt sie fest.
Nicht bei allen beliebt
"Das ist wirklich ein gut aufgestellter Versuchsballon", schätzt Daniel Hegglin das Wiederansiedlungsprojekt ein. Der Wildtierbiologe ist Geschäftsleiter der Stiftung Pro Bartgeier und nicht am Projekt beteiligt. Er gilt als ausgewiesener Fachmann für Auswilderungen.
Für eine Auswilderung müssten drei Voraussetzungen gegeben sein, sagt er. Erstens eine vorgängige, umfassende Abklärung. Zweitens eine wissenschaftliche Begleitung. Und drittens die Akzeptanz in der Bevölkerung.
Es ist der dritte Punkt, bei dem es in Welschenrohr harzt. Zwar gibt es eine so genannte Kontaktgruppe. Laut Medienberichten kommt es aber immer wieder zu Unstimmigkeiten, besonders mit Vertretenden der Landwirtschaft. Vielleicht auch, weil in Deutschland ein ähnliches Projekt gescheitert ist.
Wir sprechen Holzgang darauf an. "Es gibt die absoluten Befürworter. Es gibt jene, die finden, ja schön, aber muss nicht sein. Und es gibt natürlich die absoluten Gegner, wie bei jedem Projekt", sagt er.
Die Projektverantwortlichen setzen in diesem Fall auf Kinder. Von Beginn weg seien Schulklassen vorbeigekommen, um die Wisente zu beobachten. Das habe dazu geführt, dass die Kinder später ihre Eltern mitgenommen hätten. "Eigentlich haben die Kinder auch Aufklärungsarbeit gemacht", sagt Holzgang.
Wisente als Förderer der Biodiversität
Karin Hindenlang, Leiterin des Wildnisparks Zürich Langenberg, ist eine der Initiantinnen des Wisent-Projekts. Bereits seit 1969 leben Wisente im dortigen Park am Sihlwald südlich der Stadt Zürich. Sie freut sich über den Versuch und erhofft sich neue Erkenntnisse über die Tiere und deren Einfluss auf die Landschaft, wie sie per E-Mail schreibt.
"Sie prägen durch ihr Weideverhalten die Vegetation und schaffen eine vielfältige, artenreiche Mosaiklandschaft aus lichten Wäldern und Wiesen", so Hindenlang.
Der Park macht auch bei europäischen Erhaltungszuchtprogrammen mit, bei denen Zoos vom Aussterben bedrohte Tierarten gezielt züchten und eine möglichst breite genetische Basis erhalten. Daher haben auch die Wisente im Solothurner Jura ein Zuchtbuch.
Freiheit in Sicht?
Das Gehege der Wisente soll nach zwei Jahren auf 100 Hektar ausgeweitet werden. Zu Versuchszwecken ist es gegenwärtig von zwei verschiedenen Zauntypen umgeben. Einerseits einem Elektrozaum mit drei Drähten auf 0,5, 1 und 1,5 Metern Höhe. Andererseits in gewissen Gebieten ein Drahtseilzaum von 2,5 Metern Höhe.
So könne sichergestellt werden, dass andere Wildtiere das Gehege queren können. Wie zur Illustration, dass dies funktioniert, erscheint plötzlich ein Reh am Waldrand – innerhalb des Geheges. "Rehe haben wir bereits vom ersten Tag an im Gehege gesehen, in der Nähe der Wisente", sagt Holzgang.
Nach drei Jahren mit dem grossen Gehege müssen die Projektverantwortlichen einen Bericht abliefern. Was ist der Einfluss des Wisents? Wie ist die gesellschaftliche Akzeptanz? Wie ist die Tragbarkeit aus wirtschaftlicher Sicht bezogen auf Forst- und Landwirtschaft? Dann wird der Kanton entscheiden, ob das Projekt weitergeführt wird.
Zweite Projektphase wäre dann die Halbfreiheit der Herde. Die Zäune würden zurückgebaut, die Wisente könnten sich mehr oder weniger frei bewegen. "Sie wären immer noch besendert, gehörten immer noch dem Verein", sagt Holzgang. Das bedeutet, dass dieser für alle Schäden aufkommen muss und dafür verantwortlich ist, wenn es Probleme gibt mit Tieren, sei es krankheitshalber oder weil sie aggressiv werden.
Ob die Tiere schliesslich ganz in die Freiheit entlassen werden können, steht also noch in den Sternen. Dafür müsste letztendlich der Standortkanton, voraussichtlich der Kanton Solothurn, ein Gesuch an das Bundesamt für Umwelt stellen.
Die Herde hat sich in der Zwischenzeit fast unbemerkt etwas auf uns zubewegt. "Wir sind jetzt zu nah. Beziehungsweise, das Tier ist uns zu nah gekommen", sagt Holzgang. "Wir warten jetzt ab, was die Kuh macht. Wenn sie einfach weiterzieht, ist das okay. Wenn sie in unsere Richtung geht, dann ziehen wir uns zurück." Die Wisentkuh schreitet schliesslich seelenruhig von dannen. Eine sanfte Riesin, eben.