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Er war eine Gegenbewegung zu Amerikas erfolgreichstem bildenden Künstler: Ellsworth Kelly wollte eine Abkehr von Jackson Pollock und Co.
Wenn Ellsworth Kelly heute auftritt, zieht er ein Wägelchen hinter sich her. Darauf liegt eine Sauerstoffflasche, ein Schlauch führt zur Nase des alten Mannes. Aber er will noch auftreten, er will sich noch zu Wort melden, er will noch in der Szene mitmischen.
Kelly gehört zu den einflussreichsten Künstlern der Nachkriegszeit in den USA, ja der Welt. Am Mittwoch wird er, gefeiert in zahlreichen Sonderausstellungen, 90 Jahre alt.
Wenn man im Städtchen Newburgh nördlich von New York als Sohn eines Versicherungskaufmanns aufwächst, muss das nicht gerade der Startschuss für eine grosse Künstlerkarriere sein. Doch der junge Ellsworth Kelly wollte malen und begann in New York ein Kunststudium.
Unterbrochen wurde das von seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg in der «Ghost Army»: Mit aufblasbaren Panzern und gewaltigen Lautsprechern täuschten er und seine Kameraden der Wehrmacht gewaltige Armeen vor, wo gar keine waren.
Der Krieg brachte ihn nach Paris, in die Stadt kehrte er bald zurück. Die sechs Jahre waren prägend, er traf Joan Miró, Alexander Calder, Hans Arp und andere. Aber er war nur der junge Nachwuchskünstler aus Amerika. Als er in die USA zurückkehren wollte und seine Mutter um 400 Dollar - 200 für sein Ticket, 200 für seine Bilder - bat, schickte sie nur 200: «Lass' die Bilder da!»
Kellys Antwort waren klare Formen
Das New York, in das er zurückkam, verstand sich als progressiv, war aber für den 31-jährigen Maler viel zu konservativ. Die Szene wurde von Jackson Pollock und dem Abstrakten Expressionismus beherrscht, in den Galerien hingen grosse Bilder mit wirren Kurven, gemalt, getropft, gespachtelt.
Kelly antwortete mit klaren Formen, wie mit Schablone und Lineal gezogen. Keine Farbe ging in die andere über. Das war neu, das war anders - und keiner wollte es sehen.
Die New Yorker Kunstszene sei «sehr rau», urteilte Kelly damals. Die New Yorker Kunstszene verhalf ihm aber auch zum Durchbruch: Mit der Ausstellung "Sixteen Americans" (Sechzehn Amerikaner) des renommierten Museum of Modern Art (MoMA) wurde Kelly 1959 bekannt.
Er wird zu einem, vielleicht dem Hauptvertreter des Hard Edge – das wird nicht umsonst mit «harte Kante» übersetzt: Abstrakte Darstellungen mit klaren Linien und wenigen, unvermischten, stark akzentuierten Farben. Am besten auf weissem, zumindest einfarbigem Untergrund.
Kellys «Red, Yellow, Blue II» war genau das: drei grosse Leinwände, eine rot, die zweite gelb, die dritte blau. Das erregte Anfang der Sechziger Aufsehen. Die Farben blieben sein Markenzeichen, ebenso wie Quadrate; kleine und grosse, einzeln und zu Dutzenden.
Bilder blieben seine wichtigsten Werke
1958 schuf Kelly seine erste Skulptur. Was er da aus Holz schnitt, glich dem Totempfahl der Indianer - kein Zufall. Später verwendete er mehr Metall.
Im Innenhof der US-Botschaft in Berlin steht heute ein Totem von ihm, zwölf Meter hoch, 15 Tonnen schwer.
Doch bekannt ist Kelly für seine Bilder - auch wenn ihm diese nach eigener Aussage selbst gar nicht wichtig sind: «Der Raum, der mich interessiert, ist nicht die Leinwand, sondern der Raum zwischen Dir und dem Bild.»
(vst/sda)