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Das Ende des Mittelalters und somit der Beginn der frühen Neuzeit wird um das 15./16. Jahrhundert angesetzt. Ein genaues Jahr lässt sich nicht festsetzen, doch es häufen sich einschneidende Veränderungen in der westlichen Welt: Die Eroberung Konstantinopels 1453, die europäische ‚Entdeckung‘ Amerikas 1492, die Erfindung des modernen Buchdrucks um 1440 oder auch der Beginn der Reformation 1517. Gemeinhin setzt man das Ende der frühen Neuzeit auf das Jahr 1789, dem Beginn der Französischen Revolution.
Die Erfindung des Naturbesitzes
Mit dem Anbruch der Neuzeit und vor allem der Erfindung des Buchdruckes steigt die Anzahl an historischen Überlieferungen exponentiell. Während man sich für die vorherigen Jahrtausende teils mit einigen wenigen Schriftstücken zufrieden geben muss, um Rückschlüsse auf die Beziehung der Menschen zur Umwelt zu finden, invertiert sich das Problem in der Neuzeit: Durch die grosse Menge an Überlieferungen wird sichtbar, welche Bandbreite an Umweltanschauungen vorhanden war. In der westlichen Denktradition formt sich durch die frühneuzeitlichen Philosophen ein Eigentumsbegriff, welcher vorsieht, dass man die Umwelt durch Eigentumsrechte ‚besitzen‘ kann. Der Grundstein für eine weltweite Kommerzialisierung der Natur ist gelegt. Dass dieses Bild der Umwelt als ‚Produktionsfaktor‘ aber keineswegs universalistisch ist, wird klar, wenn man die Reaktionen der Europäischen Kolonialisten auf andersartige Auffassungen der Natur betrachtet. So zum Beispiel bei frühen Beschreibungen der indigenen Lebensweise bzw. der Landschaft Nordamerikas. Die Ureinwohner hatten ein durch Gemeinnutz geprägtes Naturverständnis, während die Europäer dies als Verschwendung von Ressourcen sahen. Mit Waffen, Zäunen und Verträgen zwangen die Europäer ihr Besitzverständnis den Ureinwohnern auf. Innert weniger Jahrhunderte wurde die reichhaltige Umwelt Nordamerikas, welche die ersten Siedler bestaunten, ausgebeutet.
Die Erfindung der Plantage
Der Beginn der europäischen Entdeckungsfahrten legte auch den Grundstein für eine bis anhin ungesehene ökologische Transformationen des Globus. Globale Prozesse übten bis in die abgelegensten Gebiete der Erde ihren Einfluss aus. An der Geschichte des Zuckers kann man dies deutlich machen. Das Wissen darüber, wie man Zucker produziert, stammte aus der arabischen Welt. Im Mittelalter verbreitete sich das Wissen darüber nach Südeuropa. Jedoch kam es nicht zu einem grossflächigen Anbau. Erst mit der Eroberung der Azoren und der Kanarischen Inseln durch die Portugiesen und Spanier setzte sich nach und nach eine spezifische Form des Zuckeranbaus an durch: Die Plantage. Diese Anbauform prägt die Welt bis heute. Neben dem monokulturellen Anbau, war speziell an der neuen Praxis, dass der Zucker vollends auf den Plantagen verarbeitet wurde. Das Zuckerrohr wurde aufgezogen, geerntet und zu Zucker verarbeitet – alles in einem abgeschlossenen Komplex. Damit sich dies lohnte, wurden auf Kosten der Natur grossflächige Gebiete auf den beiden Inseln gerodet. Zudem benötigte das System unfreie Arbeit, sprich Sklaven. Im Laufe des 16ten und 17ten Jahrhunderts verbreitete sich diese Form der Bewirtschaftung dann in der ‚Neuen Welt‘. Mancher Ansicht nach war diese Arbeitsweise auch von Proto-Industrialisierten Merkmalen geprägt: Schichtarbeit, Arbeitsteilung, repetitive Prozesse. So bereitete die Produktion von Zucker bereits die Industrialisierung vor.
Die Erfindung der Nachhaltigkeit
Die Folgen dieser allmählichen, globalen Übernutzung der Natur durch die Europäer wurde zunehmend fühl- und erfahrbar. Die Ursprünge des Wortes ‚Nachhaltigkeit‘ lassen sich genau in diese Periode datieren. Es war der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der 1713 in seiner „Sylvicultura Oeconomica“ als erster den Begrifft „nachhaltend“ verwendete. Damit propagierte er, auf die Forstwissenschaft bezogen, eine „pflegliche“ Haltung von Wäldern: Es sollte nicht mehr Holz geschlagen werden als in einer absehbaren Zeit nachwachsen konnte. Dies, weil er die Konsequenzen der ressourcenintensiven Erzabbaus sehen konnte: Erosionen, Überflutungen und zerstörte Wälder. Seine Motivationen waren dabei strikt ökonomisch geprägt. So wurde das Wort auch länger in ökonomischen Fachkreisen als anderswo benutzt.
Auch andernorts, vor allem auf Inseln, liessen sich die Folgen der Übernutzung beobachten. So gelangten erste Berichte über moderne Umweltzerstörung nach Europa. Allmählich bildeten sich durch das koloniale Bestreben Wissensnetzwerke. Durch das Zusammenspiel von frühen Wissenschaften, Politik, Justiz und Privaten nahmen Ideen über Naturerhalt und Globalität Gestalt an. Vor allem durch das Sammeln von Informationen und Gegenständen in den ‚peripheren Regionen‘ und den Austausch mit den ‚Metropolregionen‘ fand eine gegenseitige Beeinflussung statt. Botanische Gärten verbildlichen diesen Prozess: In den Hauptstädten der Imperien sammelte man allerlei – zuerst aus reiner Neugierde und Ästhetizismus. Später begann man mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und experimentierte an den Pflanzen mit dem Ziel, sie kommerziell zu nutzen. Denn wieso sollte eine Frucht aus Südamerika nicht auch in Ostasien gedeihen, wenn doch ähnlich klimatische Bedingungen herrschen? So begann das Zeitalter des grossen Austauschs. ‚Der Austausch‘ war hingegen einseitig. Er war von grundlegend rassistischen und diskriminierenden Weltanschauungen geprägt, sodass es nicht etwa einen gleichberechtigten Transfer von Wissen zwischen den ‚colonial subjects‘ und den Kolonialisten gegeben hätte. Zudem waren viele dieser Prozesse von Viel Wissen über die Natur sowie differenzierte und weitaus ‚nachhaltigere‘ (im modernen Sinne) Praktiken, mit der Umwelt umzugehen, gingen in diesem hegemonialen Prozess unter.
William Cronon: Changes in the Land, New York, 2003.
Richard H. Grove: Green Imperialism, Cambridge, 1995.
Robert B. Marks:Exhausting the Earth, in: The Cambridge World History, Cambridge, 2015.
Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache: Wortgeschichte zu nachhaltig.