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| Pachomius († 346/7) - Leben des heiligen Pachomius (Vita Pachomii)

Kap. 15. Die Beziehungen des Pachomius zu Dionysius. Heilung eines kranken Weibes.
Ein Bekenner, namens Dionysius, der Verwalter der Kirche von Tyra,1 ein Freund des Pachomius, hörte von einigen, daß er nicht gestatte, daß die, welche von anderen Klöstern zu ihm kämen, sich mit seinen Brüdern zusammen aufhielten, sondern daß sie an einem anderen Orte vor den Türen des Klosters bleiben [S. 836] müßten. Er kränkte sich darüber sehr und ging zu ihm, sprach mit ihm in etwas tadelndem Tone darüber und sagte: "Du tust nicht recht daran, Vater, daß du nicht gegen alle Brüder dasselbe Verhalten zeigst." Er aber trug mit viel Langmut diesen schweren Tadel, antwortete und sprach: "Gott kennt meinen Vorsatz, und deine väterliche Gesinnung versteht ihn, nämlich, daß ich niemals eine Seele kränken oder verachten wollte. Wie sollte ich jetzt wagen, dies zu tun und meinen Herrn gegen mich erzürnen, der ausdrücklich einprägt: 'Was ihr einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan'.2 Erlaube nun, mein Vater, daß ich dich überzeuge! Denn ich habe das nicht getan, weil ich die, welche hierher kamen, verachte, sondern weil das Kloster viele Neulinge hat von verschiedenem Charakter, die sogar nicht einmal noch das Kleid des Mönches kennen. Darunter sind Kinder von solcher Einfalt, daß sie nicht wissen, was rechts und links ist. Ich glaubte daher, es sei für die Brüder vorteilhafter, für sich allein zu bleiben, und ebenso für die, welche zu uns kommen. Ich denke, daß dies eher eine Ehre für die uns besuchenden Väter und Brüder ist, wenn sie zur Stunde des Gebetes sich mit uns versammeln, während sich dann danach jeder von ihnen an seinen bestimmten Ort begibt und Ruhe hat, während ich natürlich mich um Gottes willen ihren Bedürfnissen widme."
Als dies der Priester Dionysius von ihm gehört hatte, da bat er ihm vielmehr ab, da er erkannte, daß er alles im Hinblick auf Gott tue. Er freute sich sehr über diese seine Verteidigung und ging fröhlich in seine Heimat zurück. Ein Weib der dortigen Bevölkerung, das am Blutfluß litt und lange Zeit schon von dieser schmerzlichen Schwäche gequält wurde, hörte von Pachomius, daß er fromm sei und ein bewundernswertes Leben führe und daß Dionysius sein innigster Freund sei. Sie bat diesen, sich ihrer zu erbarmen und unter irgendeinem dringenden Vorwand den Heiligen in die Kirche kommen zu lassen. Dionysius [S. 837] hörte auf das Flehen der Frau und rief Pachomius alsbald zu sich. Pachomius kam, begrüßte nach dem Gebet den Dionysius und setzte sich mit ihm in der Kirche nieder. Dionysius hatte nur wenig mit dem heiligen Pachomius gesprochen, da näherte sich ihm die Frau, gestärkt in ihrem Verlangen und im Vertrauen auf den, der da sagte: "Fasse Mut, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen",3 leise von rückwärts und faßte an die Kapuze an seinem Haupte und sogleich wurde sie geheilt. Sie fiel auf ihr Antlitz nieder und beugte die Knie vor ihm und lobte Gott für die Wohltaten, die er aus seiner Hand durch seine Diener denen zuteil werden lässt, die auf ihn vertrauen. Als Pachomius die List des Dionysius merkte, da segnete er das Weib und kehrte wieder in sein Kloster zurück.
Als das Bedürfnis es erforderte, eine Mauer zum Schutze des Klosters zu errichten, da half er selbst den arbeitenden Brüdern mit dankbarem Herzen.
1: Eswird zu lesen sein: Tentyra. Die Handschrift zeigt eine Rasur, wohl sicher der Silbe Ten-. Vgl. Kap. 10.
2: Mt 25,40.
3: Mt 9,22.