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Rémy Zaugg hat wie kein anderer Künstler über das Museum als Ort des Werkes und als Ort des Menschen reflektiert. Er hat mit diesen Reflexionen eine wichtige und viel geachtete Position im internationalen Diskurs der letzten zehn Jahre über Museumsräume und Museumsarchitektur eingenommen. Wer sein Schaffen seit den sechziger Jahren kennt, weiss, dass diese Reflexionen und Erkenntnisse das Ergebnis einer langjährigen künstlerischen Praxis sind, in der die malerische und die konzeptuelle Arbeit sich in wechselseitigem Dialog vorangetrieben haben und weiter vorantreiben. Die folgenden Fragen knüpfen nicht an den Ergebnissen dieses kunst- und architekturkritischen Denkens an. Es sind Fragen, die ein unwissender Betrachter im Kontext dieser Ausstellung vor einem seiner Bilder oder vor seinen Zeichnungen dem Künstler stellen möchte.
FRAGEN AN REMY ZAUGG
gestellt von Theodora Vischer
Wo hast Du zum ersten Mal Deine Arbeit öffentlich gezeigt? Wie sah
das aus?
Ich war fünfzehn. Es war in Porrentruy im Jura, wo ich das Progymnasium besuchte. Alle zwei Jahre wurde ein Malerei-Wettbewerb für die Jugendlichen bis zwanzig veranstaltet. Die ausgewählten Arbeiten wurden in jenem einzigen Saal im ersten Stock des Rathauses ausgestellt, in dem die offiziellen Empfänge der Stadt stattfanden, Vorträge und Konzerte gegeben wurden. Meine zwei Bilder, die Rückenansicht eines nackten jungen Mädchens in einem weissen Slip und eine dörfliche Landschaft, waren jeweils zwischen zwei grosse hohe Fenster mit schweren, breiten graugrünlichen Vorhängen zu sehen. Der grosse braune Parkettboden glänzte. In der Mitte hing ein riesiger ovaler Kronleuchter aus einer Unmenge geschliffener, funkelnder Steine. Um ihn herum ordneten sich gekonnte Stuckaturen, die die Decke in blassblaue Himmel teilte. In ihnen flogen rosa und weisse Engel und Amore umher, umrahmt von pastellfarbenen Blumenkränzen. Das war schön. Beeindruckend. Ich näherte mich meinen Bildern voller Respekt. Sie wurden von der Vornehmheit der dicken Mauern, von der Grösse des Kronleuchters und dem Umfang der Vorhänge veredelt. Der Ort, der den Jugendlichen beeindruckte, verdichtete sich in den Bilderrahmen, die der Dorftischler, Monsieur Chiquet, gemacht hatte, um die Malereien zu verschönern. Meine Bilder verschmolzen mit dem Ort, oder genauer, ich, der Jugendliche, verwechselte die Bilder mit dem Ort. Ich war stolz. Eine verständliche Verwirrung. Aber eine solche Verwirrung ist weniger verständlich, wenn die Honoratioren einer Stadt die barockesten und spektakulärsten Museumsbauten bevorzugen, damit die mit dem Gebäude eine Einheit bildenden Werke ebenso grossartig und belustigend zur Geltung kommen. Charmante liebenswerte Haltung des Heranwachsenden, naive widerwärtige und verwerfliche Haltung der Honoratioren.
Was bedeutet es für Dich, in einem Museum wie jetzt zum Beispiel
in Basel im Museum für Gegenwartskunst auszustellen?
Das bedeutet, dass das, was ich gemacht habe und was ich noch mache, mehr als ein Wirtshausgeschwätz ist. Was sich auf einer privaten, beinahe intimen Ebene entwickelt hat, besitzt heute einen öffentlichen Wert. Das, was einmal persönlich war, scheint heute von Interesse für die Gesellschaft zu sein. Natürlich begleitet mich immer noch der Jüngling von damals. Glücklicherweise existiert die unschuldige, fast dumme Bewunderung immer noch. Deshalb besänftigt ein bestimmter leiser und diffuser Stolz, eine leichte und subtile Genugtuung die Realität von heute. Das Museum spricht vom Tod, es integriert, beherbergt, lebt von den Toten. Je mehr meine Arbeit in den Museen gezeigt wird, desto mehr finde ich mich bei den Toten wieder, und desto mehr spricht das Museum meinen eigenen physischen Tod. Nur das, was in eine Sammlung kommt, wird möglicherweise Teil der Geschichte und wird möglicherweise Gegenstand einer gegenwärtigen und zukünftigen Auseinandersetzung. Ob ich will oder nicht, es gilt, eine Verantwortung wahrzunehmen.
Was bedeutet ein (Kunst-)Museum allgemein für Dich? Gibt es ein
Museum, das Du besonders gerne magst?
Das Museum ist ein Ort des Gedächtnis. Es ist das Gedächtnis mithilfe von Objekten. Es ist ein Gedächtnis. Es ist die Verweigerung des Vergessens, des Vergessens der Vergangenheit, das auch das Vergessen der Gegenwart und der Zukunft mit sich zieht, da die Zukunft ohne Vergangenheit nicht vorstellbar ist und da die Gegenwart nur durch die Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Das Museum ist demnach ein Versuch, unserer Existenz einen Sinn zu geben; es erlaubt uns, ein Bewusstsein von unserem Hier und Jetzt entstehen zu lassen, welches sich kategorisch einem unbestimmten und schlammigen Dort entgegensetzt.
Das Kröller-Müller-Museum in Otterlo mag ich besonders gerne. Warum? Wegen seiner menschlichen Dimensionen, und weil es das Selbstbewusstsein einer Vision ausstrahlt.
Wenn ein Werk von Dir wie jetzt in Basel im Museum ausgestellt ist, welche
Qualitäten machtest Du dem Ort dann geben oder welche seiner Qualitäten
werden wichtig?
Der Ort soll Auseinandersetzung ermöglichen. Durch das Werk, das in ihm ausgestellt wird, wird der Ort selbst ausgestellt. Ich treffe Massnahmen, um welchem Ort auch immer die Qualitäten zu geben, die eine Auseinandersetzung möglich machen. Es gibt viele Orte auf der Welt, die voller Würde und menschlicher Tragik sind. Jedes Mal, wenn ich etwas ausstelle, versuche ich einen Ort zu gründen, ob ich ihn nun einen Ort der Auseinandersetzung nennen oder einen Ort der Souveränität, der Humanität oder des reflexiven Bewusstseins.
Würdest Du jedem Ort, an dem Du ausstellst, diese Qualitäten
geben, oder sind sie spezifisch für ein Museum für Gegenwartskunst?
Das gilt für jeden Ort.
Gibt es einen idealen Ort, an dem Deine Arbeit gezeigt werden sollte?
Jeder Ort kann ideal werden, indem es gelingt, eine Auseinandersetzung hervorzurufen, zu begründen, zu provozieren.
Wie siehst Du Deine Arbeit im Verhältnis zu den anderen Arbeiten,
die im Museum gezeigt werden? Stellst Du sie Dir losgelöst, für
sich stehend vor oder siehst Du sie in einer Beziehung zu den anderen Arbeiten
im Museum?
Jedes Museum besteht aus mehreren Werken, das ist ein wesentliches Merkmal am Museum. Das In-Beziehung-Setzten ist also konstitutiv für ein Museum. Der Mensch, der für diesen Ort verantwortlich ist, muss dafür sorgen, dass die Beziehungen effizient sind. Dies ist eine gewaltige Verantwortung.
Welche Rolle spielt das Publikum, spielen die Besucher und Besucherinnen?
Ist es Dir wichtig, was sie denken, fühlen, sehen?
Wenn gesagt wird, dass es die wesentliche Eigenschaft des Raumes ist, ein Ort der Auseinandersetzung zu sein, dann wird implizit postuliert, dass der Mensch ñ der Betrachter ñ ein Pol in dieser Beziehung Werk-Betrachter ist. Das Werk steht nicht für sich allein da, sondern ist für den Betrachter gemacht, für die Wahrnehmung, für das Werden des Menschen. Das Werk ist nicht autark.
Was, denkst Du, kann Deine Arbeit, zum Beispiel "die perzeptiven
Skizzen des Bildes 'Das Haus des Gehenkten", vermitteln? Ist es eine
ganz direkte Erfahrung? Ist es eine unerwartete und wichtige Erkenntnis?
Bereitet sie ein Vergnügen? Wirft sie Fragen auf?
Alle genannten Aspekte der Erfahrung sind wichtig. Die Erfahrung ist direkt, sie ist eine unerwartete und wichtige Erkenntnis, sie bereitet ein Vergnügen, sie wirft Fragen auf. Obwohl die "perzeptiven Skizzen" anders entstanden sind und anders aussehen als z.B. "Aber ich / die Welt / ich sehe / dich", ein grosses Bild traditioneller Form, mit appellativer Schrift, Ton in dann wird eine Ware daraus, die wiederum Konsummythen, Nippes und Stile nach sich zieht. Mit ihrer Nutzlosigkeit erzeugen diese Parasiten einen regelrechten Lebensstil, eine sprachliche Ebene und zerstören eine bestimmte moralische Hierarchie. Diese Figuren könnte man auch als eine Art Monster bezeichnen, die sich im Niemandsland herumtreiben und von Zeit zu Zeit einfach in einer Massenmedien-Produktion verwertet werden oder im sogenannten Jargon der hohen Kunst auftauchen. Wie viele andere auch bin ich der Meinung, dass die Unterscheidung zwischen der Sprache der Massenmedien und der Sprache der Kunst obsolet ist, eine völlig unpraktikable moralische Phantasie, weil es gar keinen Übersetzungsprozess gibt.
Macht es für Dich einen Unterschied, ob Du Deine Arbeit in einem
Museum beziehungsweise wie in Basel in Zusammenhang mit einem Museum zeigst
oder an einem anderen, nicht-musealen Ort?
Ich weiss nicht, ob man wirklich ganz ausserhalb des Museumskontexts ausstellen kann. Ausstellungen, so wie wir sie kennen und meinen, sind an eine Struktur gebunden, an eine sprachliche und mediale Struktur, die ein solches Ereignis markiert. Wenn man etwas an einem anderen Ort zeigt, beispielsweise auf dem Parkplatz, in einer Modezeitschrift oder einem Kaufhaus, ohne es als künstlerisches Ereignis anzukündigen, dann ist das grundsätzlich etwas anderes. Man kann es machen, aber es ist etwas anderes. Macht vielleicht mehr Spass!
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