Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/509

WOZ: Leo Schelbert, was haben Sie in der Schweiz gemacht, bevor Sie nach Amerika gingen?
Leo Schelbert: Ich unterrichtete in einem Internat Deutsch, Latein und Geschichte. Dann entschied ich, amerikanische Geschichte zu studieren.
Sie stammen aus einer Grossfamilie ...
Ja, wir waren elf Kinder. Mein Vater hatte in Kaltbrunn ein Geschäft: Butter, Käse und so weiter. In der Krise der dreissiger Jahre ist das alles zusammengefallen. Gerade in der Zeit, als ich zur Welt kam. Später wuchs ich bei einem Onkel im Bündnerland auf.
Wo genau?
Auf einem kleinen Hof oberhalb Ilanz. Es gab keine Elektrizität, keine Maschinen, keine Zugtiere – wir bauerten wie im 18. Jahrhundert. Aber der Onkel war schon überall gewesen, in Kalifornien und Argentinien. Seine Tochter lebte in Paris. Auch der Knecht war in den USA gewesen, wir nannten ihn den «Amerikaner». Manche Verwandten arbeiteten im Winter in den Hotels. Die Aussenwelt war in diesem schönen Tal immer präsent.
Als Historiker dokumentieren Sie die Auswanderung von Schweizerinnen und Schweizern anhand biografischer Zeugnisse.
Das ist nur ein kleiner Teil meiner Bemühungen. In den letzten vierzig Jahren habe ich versucht, zu verstehen, was die europäische Auswanderung allgemein bedeutet. Ich nahm die Schweiz als Beispiel, denn mit ihren vier Sprachen ist sie ja wie ein kleines Westeuropa. Ich wollte verstehen, was Auswanderung heisst. In dem Buch «Einführung in die schweizerische Auswanderungsgeschichte» habe ich das darzustellen versucht und dabei einigen herkömmlichen Theorien widersprochen, etwa der, dass Auswanderung ein Krisenphänomen sei.
Waren die Leute, die aus der Schweiz auswanderten, denn nicht meistens Wirtschaftsflüchtlinge?
Das ist ein falscher Ansatz. Mein Neffe und ich haben die soziale Situation von 5000 Schweizer Männern untersucht, die 1915 in den USA dem Grütliverein angehörten. Wir haben die Frage gestellt: Seid ihr arm oder reich? Oder was seid ihr eigentlich? Wir stellten fest: Die wirklich Armen wandern gar nicht aus. Sie haben das Geld nicht dazu, es sei denn, die Regierung greift ihnen unter die Arme. Andere Untersuchungen zeigen: Die Auswanderer einer bestimmten Region – etwa des Schweizer Rheintals – spiegeln oft die ganze Breite der regionalen Gesellschaft wider. Jeder Status ist vertreten.
Ein repräsentativer Teil der Gesellschaft wandert einfach aus?
Ja. Aber warum machen das die Leute? Oft spielt der Beruf eine Rolle, etwa bei den Bergleuten: In Südafrika, in Pennsylvania, in Schottland – wo Bergwerke sind, kommen Bergleute hin – oft aus verschiedensten Ländern.
Ist die Herkunft gar nicht so wichtig?
Im Zielland wird sie es wieder, je nachdem, wie es den Leuten geht. Wir Deutschweizer sind ja in den USA sehr kompatibel. In Argentinien oder Brasilien sind wir es weniger. Mir geht es vor allem um eines: Auswanderung als Prozess der Globalisierung zu verstehen. Er wurde von den Europäern begonnen, die nach Kolumbus die ganze Welt als Einfallsgebiet betrachteten. Auswanderungsgeschichte ist nicht einfach Volkskunde, sondern Teil einer weltgeschichtlichen Entwicklung.
Man könnte daran die Wirtschaftsgeschichte der Welt studieren?
Ja, so würde ich es sehen. Sie sprachen von Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen: Viele Handwerker um die Mitte des 19. Jahrhunderts flohen aus der Schweiz, weil in den USA die Industrialisierung eine Generation später anfing.
Wollten die ihr Handwerk retten?
Vor allem wollten sie nicht in die -Fabrik. Handwerker und Klein-bauern wurden in die Fabrik gedrängt, und Fabrikarbeit war ziemlich -schrecklich.
Gab es nicht auch Schlepper, die Auswanderungen organisierten?
Ja und nein. Da war etwa Jean-Pierre Purry aus Neuenburg. Er machte etwa um 1736 herum eine Kampagne in der Schweiz, versprach den Leuten den Himmel in Amerika, viele waren dann sehr enttäuscht. Nicht dass er ein Halunke war, aber es gab seriösere Agenturen. Auswanderung hat auch mit Unternehmertum zu tun. Jemand will Gewinne erzielen, und dabei wird die ethische Dimension oft vernachlässigt.
Wenn Sie das 18. Jahrhundert studieren, sehen Sie auch Parallelen zur heutigen Migration?
Parallelen finden sich gerade bei den Leuten, die Sie Schlepper nennen. Der Oberbegriff wäre: Auswanderungsunternehmer. Da gibt es jene, die seriös arbeiten, jene, die ausbeuterisch arbeiten – und die dazwischen.
Leo Schelbert, geboren 1929 in Kaltbrunn, erforscht seit über vierzig Jahren Schweizer Migrationsgeschichte in Chicago. Zuletzt erschien «Alles ist ganz anders hier». Limmat Verlag. Zürich 2009.
Nachtrag: Im Februar 2014 erschien im Limmat Verlag «Nach Amerika. Lebensberichte von Schweizer Auswanderern» mit sechs autobiografischen Texten, die von Leo Schelbert und Susann Bosshard-Kälin ins Deutsche übertragen wurden.