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In «Weltgeist in Zürich» zeichnen die beiden Buchautoren Yves und François G. Baer die Geschichte Zürichs und die Entwicklung von der kleinen Handelsstadt zu einem gesellschaftlichen Hotspot Europas nach.
Die Autoren berichten über eine Zeit des Auf- und Umbruchs in Zürich und in Winterthur, mit allen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten. Dabei werden auch die wichtigsten Akteure der Aufklärung und ihr Wirken in ganz Europa sichtbar.
Hochzeitsessen einer vornehmen Züricher Familie, Stich von David Herrliberger, 1751.
In Europa regierten um 1700 die meisten Herrscherhäuser mit absoluter Gewalt, allen voran Frankreich mit Louis XIV.; Adel und katholischer Klerus waren allmächtig. Im Gegensatz dazu behaupteten in der Zunftstadt Zürich die Handwerker ihre Rechte bei der Wahl der Behörden. Doch nur wenige Familien teilten sich die puritanisch geführte Regentschaft. Aber von der französischen Kultur war man trotzdem angetan.
Rathaus in Zürich.
Zürich durfte sich seit 1648, dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs, eine Republik nennen. Im neuen Selbstverständnis als Stadtstaat baute man 1698 das repräsentative Rathaus. Dieses dient den Autoren als Startpunkt für die Reise durch die Geschichte Zürichs. In siebenundsechzig kurzen Kapiteln wird die Zunftstadt während hundert Jahren und weiter bis zur Entstehung des modernen Kantons 1830 beleuchtet. Zahlreiche Zitate von Zeitgenossen geben die Atmosphäre der Zeit wieder, ebenso historische Ansichten und Porträts, auch aktuelle Fotografien.
Der Maler Heinrich Füssli (1747-1825) im Gespräch mit Johann Jakob Bodmer vor der Büste Homers, Kunsthaus Zürich.
Um 1720 entwickelte sich Zürich vom kleinen Handelszentrum zum gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt Europas. Die europäische Jeunesse dorée pilgerte auf ihrer Grand Tour in die Limmatstadt und umgekehrt bildeten sich die jungen Herren aus der Zürcher Nobilität in Dresden, Berlin oder Wien weiter und schlossen Freundschaft über Grenzen hinweg.
Als Lichtgestalt unter den Zürcher Gelehrten erschien der Literat und Historiker Johann Jakob Bodmer (1698-1783). Mit seinem Studienfreund, dem Philologen Johann Jakob Breitinger (1701-1776), gründete er die Gesellschaft der Mahler, in der sich Geistliche, Juristen, Ärzte und Professoren trafen. Ihre publizierten literarisch-kritischen Schriften sorgten im ganzen deutschen Sprachraum für Aufsehen. Denn statt der klassisch-rationalen Leipzigerschule plädierten sie für Einbildungskraft und Fantasie, beeinflusst von der englischen Literatur sowie von Jean-Jacques Rousseaus Ideen des Zurück zur Natur.
Mit dieser geistigen Öffnung prägten sie das kulturelle Leben in Zürich. Bodmer war als Gesprächspartner international gefragt, Goethe, Kleist, Wieland oder Klopstock besuchten ihn. Aber auch Johann Heinrich Füssli (1741-1825), der in England als Henry Fusely mit seinen dunklen Traumbildern berühmt wurde, diskutierte mit dem 80-Jährigen Gelehrten und verewigte das Gespräch in einem Ölgemälde.
Die Autoren widmen den wichtigen Zürcher Protagonisten, wie Johann Caspar Lavater, Johann Heinrich Füssli, Salomon Gessner, Johann Georg Sulzer oder Johann Heinrich Pestalozzi eigene Kapitel. Vertreter der Familie Füssli erscheinen viermal in dem Buch. Schon Fuselys Vater Johann Caspar Füssli (1706-1782) war Maler und Schriftsteller und pflegte einen ausgedehnten Briefwechsel etwa mit Winckelmann oder Angelika Kauffmann. Er wurde zum künstlerischen Mentor der Zürcher Aufklärung und förderte nicht nur die Begabung seines Sohnes, sondern auch anderer Künstler.
Ein Multitalent und wichtiger Vermittler war auch Salomon Gessner (1730-1788). Er «balanciert zwischen Idyllen und Geschäften» betiteln die Buchautoren das Kapitel über ihn. Als Sohn eines Buchdruckers und Buchhändlers sollte er in Berlin die Lehre als Buchhändler absolvieren, doch Gessner pflegte lieber den Umgang mit Malern und Dichtern und brachte sich die Malerei selber bei. Er war ein Dilettant im besten Sinn des Wortes.
Salomon Gessner, Bukolische Landschaft, 1767.
In Zürich traf er sich mit anderen Naturschwärmern als Sihl-Schäfer im Rebgut Selnau, wo man idyllische Schäferdichtungen las. Gessner wurde mit seinen Idyllen, die in 20 Sprachen übersetzt wurden, neben Lavater zum bekanntesten Schweizer Autor. 1763 beteiligte er sich an der Gründung der Fayence- und Porzellanmanufaktur Schooren bei Kilchberg und wirkte als deren künstlerischer Leiter. Zudem war er Teilhaber des Verlagshauses Orell, Gessner, Füssli & Cie. und beteiligte sich 1780 an der Gründung der Zürcher Zeitung, heute NZZ.
Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren, um 1790.
Ein Künstler, der nach seiner Zürcher Malerlehre in Venedig bei Tiepolo im Atelier arbeitete und später in Holland die Tapetenmalerei auf Leinwand kennenlernte, mehrere Zürcher Bürgerstuben damit ausmalte, war Johann Balthasar Bullinger (1713-1793). Ab 1771 betätigte er sich als Zeichenlehrer und wurde 1773 Professor an der ersten Kunstschule in Zürich. Bekannt wurde Bullinger jedoch vor allem für seine präzisen grafischen Ansichten vom Zürcher Limmatquai.
Johann Heinrich Wüest, Landschaftszimmer mit holländischen Ansichten, 1770, heute im Schloss Au. Ursprünglich vermutlich aus dem oberen Gebäude des Florhofs in Zürich. Foto: Denkmalpflege Zürich.
Ein weiterer Künstler, der die Malerei ebenso in Holland erlernte, war Johann Heinrich Wüest (1741-1821). Der Rhonegletscher gehört zu seinem bekanntesten Werk und hängt heute im Zürcher Kunsthaus. Doch das Bild war ursprünglich Teil einer Serie von achtzehn Panneaux und schmückte den Gartensaal im Wollenhof. Eine frühe noch von Holland beeinflusste Landschaftstapete befindet sich heute im Schloss auf der Halbinsel Au.
Die Versammlung in Uster am 22. November 1830. Etwa 10’000 Personen forderten die politische Gleichstellung der Zürcher Landschaft gegenüber der Stadt Zürich.
Die Autoren behandeln auch kritische Themen, wie den Sklavenhandel, in den verschiedene Produzenten bedruckter Baumwollstoffe indirekt involviert waren, denn die sogenannten Indiennes wurden auch als Tauschwert gegen Sklavinnen und Sklaven in Westafrika verwendet. Andere Kapitel berichten von den Unabhängigkeitsbestrebungen der Landbevölkerung von der Stadt oder von Katastrophen wie das Gewitter im Sommer 1778, als ein sintflutartiger Regen nachts eine Flutwelle über Küsnacht auslöste, dabei starben dreiundsechzig Personen und viele Häuser wurden zerstört.
Fotos: Wikimedia Commons
François G. Baer und Yves Baer, Weltgeist in Zürich. Ereignisse, Schauplätze und Lichtgestalten zur Zeit der Aufklärung, NZZ Libro, 2022. ISBN 978-3-907291-73-3