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Trotz seiner langen Verletzungsgeschichte ist Rafael Nadal auf Sand in den letzten beiden Jahren noch dominanter geworden, als er es ohnehin schon war. Wer soll den «King of Clay» beim French Open schlagen? Und vor allem wie?
Die Bilanz von Rafael Nadal auf Sand ist nicht von dieser Welt: 408 seiner insgesamt 896 Siege und 56 seiner 78 Titel feierte der bald 32-jährige Spanier auf seiner bevorzugten Unterlage. Erst 35 Mal hat er auf der «Terre battue» verloren, fast 92 Prozent beträgt damit die Siegquote des unbestrittenen Sandkönigs.
Niemand in der Tennis-Geschichte kommt auf einer bestimmten Unterlage auch nur annähernd an diese Dominanz heran. Björn Borg gewann 86 Prozent seiner Spiele auf Sand, Novak Djokovic 84 Prozent seiner Duelle auf Hartplatz und Roger Federer 87 Prozent seiner Matches auf Rasen.
Noch erdrückender wird Nadals Überlegenheit, wenn man das French Open isoliert betrachtet: 10 Mal hat der Mallorquiner an der Porte d'Auteuil schon gewonnen, bei 79:2 steht hier seine Bilanz. Siegquote: 97,5 Prozent. Eigentlich gewinnt der «King of Clay» in Paris immer – drei Ausnahmen bestätigen die Regel: 2009 verlor er leicht angeschlagen gegen Robin Söderling, 2015 gegen den damaligen Überflieger Novak Djokovic und im Jahr darauf konnte er wegen Beschwerden im Handgelenk nicht zu seiner Zweitrunden-Partie gegen Marcel Granollers antreten.
Damals schien sich sein Stern im Sinken zu befinden. Die ständigen Verletzungen warfen den «Stier aus Manacor» immer wieder aus der Bahn. Doch nach ständigen Problemen im Jahr 2016 erhob sich Nadal im Jahr darauf wie ein Phönix aus der Asche. Er triumphierte in Roland Garros und beim US Open und beendete die Saison zum vierten Mal in seiner Karriere als Nummer 1. Überstrahlt wurde sein wundersames Comeback nur noch von demjenigen von Roger Federer, das sogar noch einen Tick spektakulärer war.
Noch immer wird Nadal ständig von Verletzungen geplagt. Wegen Knieproblemen musste er bei den ATP-Finals 2017 in London nach dem ersten Gruppenspiel aufgeben. Beim Australian Open gab er im Viertelfinal gegen Marin Cilic wegen hartnäckiger Beschwerden in der Hüftbeuge-Muskulatur auf und er liess daraufhin die komplette amerikanische Hartplatz-Saison aus.
Doch auf Sand ist von Nadals Verletzungsanfälligkeit nichts zu spüren. Im Gegenteil: Seine Dominanz ist noch erdrückender geworden. In den vergangenen zwei Sandplatz-Saisons hat der Spanier 43 von 45 Matches gewonnen. Vom Start zu seinem zehnten Roland-Garros-Triumph, wo er in sieben Spielen nur 35 Games (!) abgab, bis zur Niederlage in Madrid gegen Dominic Thiem hat er sagenhafte 50 Sätze in Folge gewonnen. In der Tennis-Neuzeit ein einsamer Rekord.
Doch wie konnte der beste Sandspieler aller Zeiten noch besser werden? Dies wiederum hat direkt mit seinen vielen Verletzungen zu tun. Weil er leicht an Athletik und Power eingebüsst hat, agiert Nadal seit seiner langen Verletzungspause auch auf Sand deutlich offensiver. Noch immer retourniert er von sehr weit hinten. Doch wenn er die Möglichkeit hat, rückt er mittlerweile konsequent zur Grundlinie auf und versucht seine Konkurrenten von dort unter Druck zu setzen.
In Monte Carlo, Barcelona, Madrid und Rom schien es manchmal fast, als laufe Nadal mehr vor und zurück als nach links und rechts. Immer häufiger schliesst er seine Punkte am Netz ab oder streut einen unerwarteten Stoppball ein. Etwas, das man früher von ihm auf Sand kaum gesehen hat.
Von hinter der Grundlinie kann er seine Gegner zwar nicht mehr so einfach dominieren wie einst, noch immer helfen ihm aber sein extremer Topspin und sein Winkelspiel, um die Konkurrenten zum Laufen zu bringen. Hat Nadal sein Gegenüber erst einmal im Würgegriff, gibt es fast kein Entkommen mehr.
Wer soll den Sandkönig auf dem Weg zu seinem 17. Grand-Slam-Titel also schlagen? Viele kommen definitiv nicht in Frage. Wie es klappen könnte, hat zuletzt Dominic Thiem gezeigt. Der Österreicher, der Nadal seine zwei einzigen Sand-Niederlagen in den letzten beiden Jahren zugefügt hat, schlug Nadal bei einem 7:6, 6:2-Sieg im Viertelfinal von Madrid mit seinen eigenen Waffen.
Der zweifache French-Open-Halbfinalist spielte mit noch mehr Drall als der Spanier und überpowerte ihn in den Grundlinien-Duellen schlichtweg. Diese Taktik ist allerdings extrem kräfteraubend, mit viel Risiko verbunden und kann deshalb nicht immer aufgehen. Im Monte-Carlo-Viertelfinal drei Wochen davor ging Thiem gegen Nadal mit 0:6, 2:6 unter.
Vom Rest des 126-köpfigen French-Open-Feldes konnten nur Novak Djokovic (7), Fabio Fognini (2), David Ferrer (2), Stan Wawrinka (1), Pablo Cuevas (1), Fernando Verdasco (1) und Horacio Zeballes (1) Nadal auf Sand schon einmal schlagen. Mit Ausnahme von Fognini, der mit seiner Unberechenbarkeit so etwas wie der Angstgegner Nadals geworden ist, und von Djokovic, der nach seinem Tief langsam wieder Fahrt aufnimmt, ist aber von keinem der einstigen Nadal-Bezwinger ein Exploit zu erwarten.
Am ehesten dürfte Nadal neben Thiem noch Alexander Zverev gefährlich werden. Die deutsche Weltnummer 3 hat in diesem Jahr 17 von 20 Sand-Matches gewonnen (2 Niederlagen gegen Nadal) und war im Rom-Final nahe dran, den Spanier im fünften Duell erstmals zu bezwingen. Nach einem schwachen Start führte der Leader im ATP-Race bereits 1:6, 6:1 und 3:1, als ihm eine Regenpause zum Verhängnis wurde und er den dritten Satz gegen Nadal noch mit 3:6 verlor.
Dennoch: Zverev hat eindrücklich gezeigt, dass er dank seiner Power von der Grundlinie einer der wenigen ist, die Nadal auf Sand in einem Best-of-Five-Match wirklich in Bedrängnis bringen könnten.