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Aktualisiert: 14. Sept.
Ein gutaussehender junger Herr mit blauen Augen, blonden Haaren und Bart schaut einem aus dem Bildnis heraus mit selbstbewusstem Blick direkt ins Gesicht. Die Hintergründe dieses kleinen, sehr feinen und klaren Aquarells sind interessant. Beim Abgebildeten handelt es sich um den Wiener Maler und Lithografen Michael Stohl (1814-1881). Das Porträt zeigt ihn im jungen Alter von 21 Jahren. Urheber des Bildnisses ist kein geringerer als Moritz Michael Daffinger (1790-1849), bedeutendster Porträtist und Miniaturist des Wiener Biedermeier, welcher mit seiner Arbeit namhafte Nachfolger seines Faches nachhaltig beeinflusst hatte. Daffinger war vor allem im Auftrag des Fürsten Metternich tätig. Das vorliegende Porträt des Malers Stohl ist am 3. März 1836 entstanden. Daffinger hat es verso eigenhändig signiert und datiert. Ob es eine Auftragsarbeit war, oder aus welchem Grund es zum Porträt durch Daffinger gekommen ist, bleibt soweit unbekannt.
Michael Stohl ist in der Nachwelt ein weniger bekannter Name als Daffinger, hat es zu Lebzeiten jedoch zu beachtlicher Bekanntheit gebracht. Stohls Bruder Franz brachte Michael die ersten Fertigkeiten im Zeichnen bei. Michael Stohl immatrikulierte bald an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo er bei Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld studierte. Ab 1832 stand Stohl in Diensten des Fürstenhauses Schwarzenberg und assistierte zeitweilig dem Porträtisten Josef Kriehuber.
In den 1840er-Jahren hielt sich Stohl in Italien auf, wo er sich in angesehenen Künstlerkreisen bewegte. Zu seinen Freunden zählten unter anderem sein Landsmann Carl Rahl und der Dresdner Maler Woldemar Hottenroth. Die Tochter von Zar Nikolaus I., Grossfürstin Marija Nikolajewna von Russland, liess sich und ihre Familie von Stohl porträtieren. Eigens dafür lud der Zar den Maler St. Petersburg ein. Nach einem vierjährigen Heimataufenthalt in Wien kehrte Stohl nach St. Petersburg zurück, wo er für die Kaiserin Alexandra Fjodorowna, vormalige Prinzessin Charlotte von Preussen, Altmeister aus diversen europäischen Galerien kopieren sollte. Dafür begab sich Stohl auf ausgedehnte Reisen. Die Gemäldekopien, allesamt in Aquarell ausgeführt, wurden in einem eigens dafür vorgesehenen Saal der Eremitage gehängt. Michael Stohl erhielt dafür vom Zaren den Titel des Hofmalers verliehen. Am 18. März 1884 starb Michael Stohl in Wien.
Das Daffinger-Aquarell mit dem Porträt des jungen Michael Stohl ist zeitlebens im Besitze dessen geblieben, da es einen Stohl-Nachlassstempel trägt. Es hat Stohl also als Vorlage für ein Selbstporträt gedient, welches er noch im selben Jahr angefertigt hat, in Aquarell quasi als Kopie des Daffinger-Porträts in noch kleinerem Format. Das 15 mal 10,7 Zentimeter grosse Selbtbildnis aus der Hand Stohls nach Daffinger befindet sich heute im Fundus des Wien Museums. Es stammt aus der Einrichtung von Friedrich Otto Schmidt, Gründer der bekannten gleichnamigen Wiener Einrichtungsfirma.
Die hier vorgestellte "Vorlage" aus der Hand von Moritz Michael Daffinger und ein grosser Teil des weiteren Nachlasses Stohls wurde am 5. November 1926 von der bekannten Wiener Galerie Fromme mit Sitz an der Stallburggasse 4 versteigert. Das hier präsentierte Aquarell diente als Titelbild des Kataloges, es kam mit der Lotnummer 56 unter den Hammer. Schätzpreis: 400 Schilling.
Spannend ist der Gedanke, dass sich Michael Stohl eine Vorlage für sein Selbstbildnis aus prominenter Hand hat anfertigen lassen – sofern dies zutrifft. Es liesse auf einen gewissen Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein rückschliessen. Es scheint das einzig bekannte Bildnis des Wiener Malers Michael Stohl zu sein.