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Schlüsselbegriffe: Verschiebung der Frage vom System als einem Objekt auf die Frage, wie die Differenz zwischen System und Umwelt zustande kommt, wenn das System auf der einen Seite dieser Differenz und die Umwelt auf der anderen Seite verortet werden - Frage des Beobachtens oder des Unterscheidenkönnens. - ganz allgemein oder jedenfalls für bestimmte Systeme unterstellen, dass sie über Operationen verfügen, die beobachten können - wenn man Beobachten ganz allgemein im Sinne des Unterscheidenkönnens versteht, muss man dem System Beobachtungskapazitäten unterstellen, und welche Arten von Operationen im System leisten dies? -
pg66: SYSTEM ALS DIFFERENZ (FORMANALYSE) - Definitionsfrage eines Systems durch ein "Wesen", durch essentials, durch unabdingbare Strukturen in die Frage verschoben, wie die Differenz zwischen System und Umwelt erhalten bleiben könne, unter Umständen bei gleichzeitigem Auswechseln von Strukturen. - Für die Identität eines Systems ist dann nur noch Kontinuität, sind jedoch nicht Mindestelemente, wesentliche Elemente auf der strukturellen Ebene, erforderlich. - Man kann jetzt sagen: Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt. - Auch die Informationstheorie wird heute oft als Differenztheorie angelegt. Das geht in der inzwischen klassischen Formulierung mit dem Satz, Information sei "a difference that makes a difference", auf Gregory Bateson zurück. - radikalste Form eines solchen differenzialistischen Denkens: George Spencer Brown Laws of Form. Der Text ist die Darstellung eines Kalküls. Spencer Brown sagt ausdrücklich, dass es sich nicht um eine Logik handelt, vermutlich weil er bei Logik an wahrheitsfähige Sätze denkt. Es ist ein operativer Kalkül, also ein Kalkül, der in der Transformation der Zeichen, die genutzt werden - oder des Zeichens - Zeit voraussetzt.
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"System"
Wenn man von offenen Systemen spricht, also von Transformationsmechanismen, von der Möglichkeit, Input in Output zu transformieren, von der Möglichkeit, mit kybernetischen Mechanismen bestimmte Variablen konstant oder gleichmässig veränderbar zu halten, ist noch nicht sehr viel darüber gesagt, was ein System denn eigentlich ist, sodass es dies leisten kann. Der Rückgriff auf mathematische Funktionen, auf Gleichungen oder auch auf technische Tricks, technische Mechanismen, etwa im Bereich der kybernetischen Infrastrukturen, hat diese Lücke nicht wirklich ausfüllen können. Er hat vor allem nicht erbracht, was man als Soziologe erwarten würde: die Aufbereitung einer allgemeinen Systemtheorie in einem Sinne, der soziologisch für eine Theorie sozialer Systeme, ganz zu schweigen von einer Theorie der Gesellschaft, brauchbar wäre. Es gab wichtige und auch bleibende Einsichten über die Leistungsweise von Systemen, aber es gab keine Antwort auf die Frage: Was ist ein System, sodass es leisten kann, was es leistet? Was liegt dem zugrunde? An dieser Frage setzen praktisch alle weiteren Entwicklungen der Systemtheorie an.
Was ich in den nächsten Stunden skizzieren will, ist der Versuch, von dieser Frage auszugehen und genauer zu beschreiben, was mit dem Begriff System gemeint ist. Das gilt in mindestens zwei Hinsichten, auf die ich ausführlicher zurückkommen will. Die eine Hinsicht betrifft die Verschiebung der Frage vom System als einem Objekt auf die Frage, wie die Differenz zwischen System und Umwelt zustande kommt, wenn das System auf der einen Seite dieser Differenz und die Umwelt auf der anderen Seite verortet werden. Wie ist es möglich, einen Unterschied dieser Art zu reproduzieren, zu erhalten, vielleicht evolutionär mit der Möglichkeit, im System, auf der einen Seite dieser Differenz, eine immer größere Eigenkomplexität verfügbar zu machen, zu entwickeln? Die andere Hinsicht betrifft die Frage, wie das System solche Differenzen reproduziert beziehungsweise welche Operationsweise dem zugrunde liegt. Auf diese Frage hat die Theorie geschlossener Systeme geantwortet. Das sieht auf den ersten Blick so aus, als ob man die Theorie offener Systeme zurückentwickelt hätte, als ob man wieder an den Anfang zurückgegangen wäre. Das ist aber nicht der Fall. Wie ich ausführlicher zeigen werde, geht es darum, Geschlossenheit, also operative Rekursivität, Selbstreferenz und Zirkularität, als Bedingung für Offenheit anzusehen, das heißt, genauer zu fragen, wie ein System sich auf sich selbst bezieht, wie es also sich selbst und die Umwelt unterscheiden kann, sodass es mit dieser Unterscheidung eigene Operationen mit eigenen Operationen verknüpfen kann.
Zwei Fragestellungen haben sich also aus der einen Frage entwickelt, was dieses offene System ist, nämlich zum einen die Fragestellung, wie eine Differenz zwischen System und Umwelt erzeugt und reproduziert wird, und zum anderen die Fragestellung, welcher Operationstyp dies leistet und wie er intern vernetzt werden kann. Wie kann ein Operationstyp intern erkennen, dass bestimmte Operationen zum System gehören und andere Operationen nicht? Diese Frage ist zum Beispiel für die Immunologie, für die Theorie des Immunsystems, seit dem Ende der 60er-Jahre bedeutsam geworden.
Mit der Frage, wie ein System erkennt, dass eine Operation zum System gehört und nicht zur Umwelt, ist schon ein weiterer kritischer Punkt genannt, an dem ebenfalls weitere Entwicklungen angesetzt haben, nämlich die Frage des Beobachtens oder des Unterscheidenkönnens. Muss man ganz allgemein oder jedenfalls für bestimmte Systeme unterstellen, dass sie über Operationen verfügen, die beobachten können - wenn man Beobachten ganz allgemein im Sinne des Unterscheidenkönnens versteht? Muss man dem System Beobachtungskapazitäten unterstellen, und welche Arten von Operationen im System leisten dies?
Im engen Zusammenhang damit war die Frage aufgetaucht, ob sich innerhalb eines Systems, über welche Differenzierungsprozesse auch immer, Beobachter entwickeln können, die das System beobachten - die innerhalb des Systems noch einmal eine Grenze ziehen und sich von dem, was sie beobachten, nämlich dem System, unterscheiden können. Ein Nervensystem zum Beispiel muss sich von dem Organismus, den es beobachtet, unterscheiden können. Gibt es größere Systeme, die intern Beobachtungsleistung ausdifferenzieren, um ihre Kapazität im Verhältnis zur Umwelt zu erhöhen? Gibt es für solche Systeme biologische, psychologische, soziologische Realisationen? Was wäre beispielsweise der Beobachter eines sozialen Systems, wenn man nicht nur meint, dass jede einzelne Operation, jede Handlung, jede Kommunikation wissen muss, was sie tut, also kognitive Kapazität aktualisieren muss, sondern wenn man sich außerdem noch vorstellen will, dass es Reflexionsinstanzen gibt, reflektierende Einheiten, die als Teile eines Systems über eine größere Reflexionskapazität verfügen als das System insgesamt? Das sind neuartige Fragestellungen. Ich werde versuchen, die folgenden Uberlegungen und auch die Auswertungen der Systemtheorie für soziologische Zwecke auf diese Art von Theoriekonzepten zu gründen.
Zunächst ist es jedoch vielleicht noch einmal zweckmässig, auf die Entwicklung in den 50er-, 60er Jahren zurückzublicken und zu sehen, wie die Theorie des Beobachters das Problem damals gelöst hat. Mir scheint, dass man damals den Wissenschaftler oder die Wissenschaft als einen externen Beobachter unterstellt hat, der kognitive Kapazität hat, etwa als Subjekt oder als wissenschaftlicher Forschungszusammenhang außerhalb der Systeme, die er betrachtet.
Die Wissenschaft war ein irgendwo jenseits der Systeme angesiedeltes Phänomen, gleichsam ein Subjekt im Großen, das dann entscheiden muss, welche Aspekte der Realität es als System betrachtet und welche nicht. Das sieht man an der früher so wichtigen Unterscheidung zwischen „analytischem" und „konkretem" Systembegriff. „Analytisch" ist eine Systemtheorie, die es dem Systemtheoretiker als einem externen Beobachter überlässt, was er als System und was er als Umwelt ansieht; welche Aspekte der Realität er zu einem System zusammenfasst und welche er ausschließen will; oder, noch einmal anders gesagt, wie er die Grenzen eines Systems ziehen will. „Konkret" wäre die Systemtheorie dagegen, wenn sie davon ausgeht, dass sich in der Realität selber Systeme bilden und der Systemtheoretiker diese Systeme so, wie sie sind, beschreiben muss.
Hinter dieser Unterscheidung stecken erkenntnistheoretische, epistemologische Optionen. Jede Erkenntnistheorie, die von einer transzendentaltheoretischen Ausgangslage herkommt, die also annimmt, dass jede Erkenntnis durch die Begriffe des Erkennenden gefiltert und geprägt ist, fährt quasi automatisch auf die Option analytische Systemtheorie ab. Wer so denkt, weiß erkenntnistheoretisch, methodologisch, wissenschaftsmethodologisch geschult, dass alles, was man sieht, durch die Sichtweise des Beobachters mitbestimmt ist, und wird daher tendenziell nicht glauben, dass es so etwas wie Systeme in der Realität gibt, bevor sie beobachtet werden, sondern wird den Begriff System als ein Konstrukt eines Systemtheoretikers behandeln. Andererseits ist im normalen Wissenschaftsbetrieb diese Art erkenntnistheoretischer Reflexion nicht üblich.
Normalerweise geht ein Wissenschaftler davon aus, dass das, was er erforscht, auch dann vorhanden ist, wenn er es nicht erforscht. Ein politisches System beispielsweise oder ein Organismus oder ein Nervensystem wären vorhanden und hätten auch die Eigenschaft, die es dazu disponieren, es als System zu bezeichnen, bevor die Forschung anfängt, und sie bestehen auch dann, wenn die Forschung aufgehört hat.
Es ist schwierig, zwischen diesen beiden Varianten von Beobachtertheorien zu entscheiden, die beide gleichermaßen voraussetzen, dass der Beobachter außerhalb des Systems ist. Gegen die analytische Theorie kann man einwenden, dass es dem Analytiker nicht schlechthin freistehen kann, welche Einheiten er unter dem Systembegriff zusammenfasst. Es wäre wenig sinnvoll zu sagen, alle Rotweingläser sind ein System, alle Weißweingläser sind ein anderes System. Dazu genügen mengentheoretische Konzepte. Es wäre vermutlich auch nicht sinnvoll zu sagen, dass alle Frauen ein System und alle Männer ein anderes System sind, oder vielleicht auch, dass alle Kinder ein System sind.
Die Systemtheorie muss Limitationen, Kriterien dafür anbieten, unter welchen Voraussetzungen eine Realität als System bezeichnet werden soll; und wenn man nach diesen Kriterien fragt, bekommt man es schon mit der Schwierigkeit zu tun, dass man sie aus einer Erkenntnisabsicht heraus rechtfertigt. Man muss versuchen, mit der Realität in Kontakt zu kommen. Jedenfalls stellt es sich so dar, wenn man den Beobachter als externes Wesen ansetzt. In der gleichen Weise wird man die Theorie der konkreten Systeme unter dem Gesichtspunkt kritisieren können, dass sie nicht genügend Rechenschaft darüber ablegt, wie stark ihre eigene Sichtweise das Phänomen prägt, das sie als konkret, als vorhanden, als real gegeben beschreibt. Auf dieser Ebene scheint der Streit zwischen analytischen und konkreten Systemtheorien unentscheidbar zu sein. Die Frage besteht darin, ob nicht ein gemeinsamer Fehler zugrunde liegt, das heißt, ob nicht auf beiden Seiten etwas korrekturbedürftig ist.
Ich möchte diese Korrekturbedürftigkeit oder diesen Fehler in zwei verschiedenen Hinsichten erläutern. Die eine betrifft die Frage, ob man davon ausgehen kann, dass es einen externen Beobachter gibt, wenn man von physischen, chemischen, biologischen, psychischen oder kognitiven Systemen, sozialen Systemen und so weiter sprechen will. Ist nicht der Beobachter immer schon ein physikalisch, chemisch, biologisch und so weiter konditioniertes Wesen? Gibt es ihn überhaupt als ein extramundanes Subjekt? Oder muss man nicht vielmehr voraussetzen, dass er an der Welt, die er beobachtet, in allen wesentlichen Hinsichten teilnimmt? Er muss physikalisch funktionieren, leben, einen kognitiven Apparat, ein Gedächtnis und so weiter haben, an Wissenschaft, an Gesellschaft teilnehmen, kommunizieren, den Eigenarten der Massenmedien, der Presse, der Verlage und so weiter gehorchen oder sich irgendwie anpassen. Das heißt, die erste Frage, die besonders den Soziologen interessiert, lautet: Gibt es eine Differenz zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Gegenstand und Beobachter, die nicht schon ihrerseits aufgrund einer gemeinsamen operativen Basis vorgegeben ist? Oder, anders gesagt, richtet nicht überhaupt erst der Beobachter die Differenz zwischen Beobachter und beobachtetem Gegenstand ein? Oder, wieder anders, muss man sich nicht fragen, wie die Welt es einrichtet, dass sie sich selber beobachten kann, dass sie selbst in eine Differenz von Beobachter und Beobachtetem zerfällt?
Mit dieser Art Fragestellung stoßen wir wiederum auf die neuere Entwicklung der Systemtheorie: auf das, was in der Physik entwickelt worden ist, nachdem man gesehen hatte, dass alle Beobachtung physikalischer Phänomene aus physikalischen Gründen diese Phänomene verändert und dass der Beobachter sowohl als Mensch wie auch als Instrument physikalisch funktionieren muss, wenn er überhaupt beobachten will; und auf das, was man in der biologischen Epistemologie parallel dazu sagen würde: dass ein kognitiver Apparat zunächst einmal auf der Grundlage von lebenden Organismen bereitgestellt werden muss, dass schon Leben eine Art Kognition der Umwelt erzeugen muss und dass alle Phänomene, die man als Lebewesen kognitiv erkennt, durch die Tatsache mitbedingt sind, dass man lebt.
Dies ist eine Art der Kritik der klassischen Unterscheidung von analytisch und konkret. Diese Kritik unterläuft die Differenz mit neuen Uberlegungen zu einer Art von operativer Kontinuität, die erst durch eine gleichsam künstliche Zäsur zwischen Beobachter und Beobachtetem in der Welt gebrochen wird - eine Zäsur, die nach physikalischen, chemischen, kommunikativen oder wie immer beschaffenen Realitätsbedingtheiten funktionieren muss.
Die unmittelbar anschließende zweite Frage betrifft die Systemtheorie direkt und lautet, wie man sich eine Beobachtung vorstellen kann, wenn man nicht den Beobachter selbst schon als System ansieht. Wie soll es zu einer Art kognitivem Zusammenhang, zu einer Art Gedächtnis, zu einer Art Limitierung von Perspektiven, zu einer Art begrenztem Interesse, zu einer Art begrenzter Anschlussfähigkeit weiterer kognitiver Operationen kommen, wenn man sich nicht vorstellt, dass der Beobachter selbst ein System ist? Auf psychologischer Grundlage beispielsweise hat man die Frage, wieso das Subjekt kein System sein soll oder, anders gesagt, wie man sich ein Subjekt denken soll, wenn man nicht die Systematizität seiner Operationen vor Augen hat.
Die klassische transzendentaltheoretische Antwort lautet, dass man zwischen den a priori gegebenen Bedingungen der Erfahrung, die in allen Subjekten dieselben sind, und der empirischen Realisation qmterscheiden muss, die bei den Subjekten differiert. Aber das befreit uns nicht von der Fragestellung, wie ein empirisch realisiertes individuelles Objekt sich selbst von seinen Beobachtungen abgrenzt. Es befreit uns auch nicht von den Bedenken, ob man überhaupt aus tranzendentaltheoretischen Apriori deduktiv ableiten kann, was konkret beobachtet wird.
Dasselbe gilt erst recht, wenn man sich Wissenschaft als Beobachter vorstellt. Wie soll man sich denken, dass Wissenschaft beobachten kann, ohne selber ein System zu sein, ein System mit vernetzten Kommunikationen, ein System mit bestimmten institutionellen Vorkehrungen, ein System mit bestimmten Wertpräferenzen, ein System mit individuellen Karrieren, ein System mit gesellschaftlicher Abhängigkeit? Ich brauche das in einem soziologischen Kontext wohl nicht weiter zu erläutern. Wenn das aber nun so ist, wenn der Beobachter immer ein System ist, wird er durch all das, was er einem System zuschreibt, durch die Begrifflichkeit, aber auch durch die empirischen Resultate seiner Forschungen zu Rückschlüssen auf sich selber gezwungen. Er kann gar nicht rein analytisch vorgehen, wenn er selber immer schon ein konkretes System sein muss, um so vorgehen zu können. Die Differenz zwischen analytischen und konkreten Systembegriffen schleift sich gewissermaßen ab oder hebt sich sogar auf, wenn man diesen Zwang zu autologischen Schlüssen bedenkt - „autologisch" in jenem Sinne, dass auch für mich selber gilt, was für mein Objekt gilt.
pg66 SYSTEM ALS DIFFERENZ (FORMANALYSE) Vierte Vorlesung
Ich beginne mit dem nach meiner Einschätzung wichtigsten und abstraktesten Teil der Vorlesung, nämlich mit der Einführung eines differenztheoretischen, differenzialistischen Ansatzes. Wir hatten bei der Theorie offener Systeme gesehen, dass die Umwelt stärker als zuvor in den Blick kommt. Dies betrifft nicht nur das Wissen, dass sie vorhanden ist, sondern dies betrifft die Einsicht, dass das offene System selbst auf Beziehungen zwischen System und Umwelt beruht und dass diese Beziehungen nicht statisch, sondern zugleich dynamisch sind, gleichsam Kanäle der Leitung von Kausalität. Damit war bereits klar, dass kein System ohne Umwelt existieren kann. Das System würde in die Entropie laufen beziehungsweise gar nicht zustande kommen, weil es gleich wieder in einen differenzlosen Gleichgewichtszustand zerfällt.
Parsons hatte bereits von "boundary maintenance" gesprochen und damit die Definitionsfrage eines Systems durch ein Wesen, durch essentials, durch unabdingbare Strukturen in die Frage verschoben, wie die Differenz zwischen System und Umwelt erhalten bleiben könne, unter Umständen bei gleichzeitigem Auswechseln von Strukturen. Für die Identität eines Systems ist dann nur noch Kontinuität, sind jedoch nicht Mindestelemente, wesentliche Elemente auf der strukturellen Ebene, erforderlich. Das war insbesondere deshalb wichtig, weil man beim Übergang vom biologischen Modell zu gesellschaftstheoretischen Fragen nicht mehr mit dem Tod rechnen kann und man Kontinuität in der Entwicklung extrem verschiedener Gesellschaften voraussetzen muss, also strukturelle Entwicklungen über das hinaus, was es ermöglicht, verschiedene Gesellschaften historisch oder typisierend zu kennzeichnen. Schon hier war der Vorwurf des Konservatismus, der auf die Strukturebene zielt, sinnlos geworden.
Was kann jetzt noch hinzukommen? Was ändert sich gegenüber diesem Stand der Situation, die man Ende der 50er-, Anfang der 60erlahre erreicht hatte? Was hinzukommt, ist meines Erachtens die Möglichkeit einer radikaleren Formulierung. Man kann jetzt sagen: Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt.
Sie werden sehen, dass diese Formulierung, die paradox klingt und vielleicht sogar paradox ist, einige Erläuterungen benötigt. Ich gehe also davon aus, dass ein System die Differenz „ist", die Differenz zwischen System und Umwelt. Das System kommt in den Formulierungen zweimal vor. Das ist eine Merkwürdigkeit, auf die ich auf Umwegen wieder zurückkommen will.
Zunächst einmal liegt dem ein prinzipiell differenzialistischer oder differenztheoretischer Ansatz zugrunde. Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt, soweit sie Systemtheorie sein will; wenn sie etwas anderes sein will, muss sie eine andere Differenz zugrunde legen.
Sie beginnt also nicht mit einer Einheit, mit einer Kosmologie, mit einem Weltbegriff, mit einem Seinsbegriff oder dergleichen, sondern sie beginnt mit einer Differenz. Dafür gibt es seit mindestens 100 Jahren Vorläufer. Ich will einige von ihnen nennen, damit Sie sehen, dass diese Uberlegung nicht erst um 1970 oder 1980 entstanden ist, sondern in gewisser Weise angewärmt war durch verschiedene Versuche, mit Differenzbegriffen radikaler als zuvor zu arbeiten. Es gab auch schon immer die Vorstellung von Differenz, von Unterscheidungen, von diapherein etwa im Griechischen, aber das war eine begrenzte Sphäre, das war etwas, was es unter anderem auch gab. Sowohl die Theologie als auch die Ontologie hatte mit einem Seinsbegriff gearbeitet. Das beginnt um 1900 fragwürdig zu werden.
Einer der Vorläufer ist Ferdinand de Saussure, ein Sprachwissenschaftler, der Vorlesungen gehalten hat, die erst später publiziert wurden, und dabei die These vertreten hat, dass die Sprache als Differenz zwischen verschiedenen Wörtern oder zwischen verschiedenen Aussagen, wenn man es unter Bezug auf Sätze formuliert, gegeben ist und nicht ohne weiteres auch als Differenz zwischen den Wörtern und den Dingen, wie es in der klassischen Semiologie oder Semiotik (je nachdem, ob man das französische oder englischamerikanische Wort nimmt) vorgestellt war. Die Sprache funktioniert, weil sie als Sprache zum Beispiel zwischen dem Wort „Professor" und dem Wort „Student" unterscheiden kann. Ob es zwischen diesen beiden Exemplaren, die so bezeichnet werden, wirklich Unterschiede gibt, spielt dabei keine Rolle. Wir müssen, wenn wir die Sprache verwenden, Professor und Student unterscheiden. Ob es noch Altersdifferenzen gibt, Differenzen in der Kleidung, Differenzen im Mut zu ungewöhnlichem Betragen und so weiter, ist eine andere Frage. Die Sprache kann zunächst einmal so unterscheiden, und die Differenz der Wörter ist das, was die Sprache in Betrieb hält und womit man steuert, was man als Nächstes sagen kann; ob in der Realität solche Differenzen vorhanden sind, kann offen bleiben. Natürlich würde man gar nicht anfangen zu sprechen, wenn man nicht annähme, es gäbe etwas, was man so bezeichnen könnte, aber für den Verlauf einer sprachlichen Aktion, eines Sprachprozesses oder, wie wir dann auch sagen können, einer Kommunikation ist die Differenz innerhalb der Sprache selbst entscheidend. Diese Differenz ist abgekoppelt von dem Problem der Referenz, das heißt von dem, worüber man sprechen will.
Dieses Referenzproblem wurde in einer längeren, speziell französischen Entwicklung immer deutlicher gesehen. Man hat immer deutlicher gesehen, dass man das Bezeichnete als das, was die Sprache meint, nicht kennen, ohne Sprache nicht verfügbar machen und in der Sprachtheorie nicht vernachlässigen kann. Das führte zu eher strukturalistischen Theorien über den Zeichengebrauch und über die Sprache.
Auch die Informationstheorie wird heute oft als Differenztheorie angelegt. Das geht in der inzwischen klassischen Formulierung mit dem Satz, Information sei „a difference that makes a difference", auf Gregory Bateson zurück. Eine Information ist eine Information, wenn sie nicht nur ein vorhandener Unterschied ist, sondern wenn ein System darauflhin den eigenen Zustand ändert, wenn also die Wahrnehmung - oder wie immer man den Input denken will -eines Unterschieds einen Unterschied im System erzeugt. Man wusste etwas nicht; dann bekommt man die Information, die Mitteilung, etwas sei so und nicht anders; dann weiß man es; und dann kommt man nicht mehr umhin, seine eigenen nächsten Operationen an diesem Wissen zu orientieren. A difference that makes a difference!
Auch dies ist ein Fall, in dem die Frage offen bleibt, wie die Theorie zu ihrer ersten Differenz kommt. Man geht von einer Differenz aus und landet interessanterweise bei einer Differenz. Das ganze Geschehen der Informationsverarbeitung ist zwischen eine Ausgangsdifferenz und eine Differenz, die dadurch entsteht, aufgehängt. Die entstandene Differenz kann wiederum eine Differenz sein, die weitere Informationen in Gang setzt. Der Prozess verläuft nicht von einer unbestimmten Einheit zu einer bestimmten Einheit, wenn man Hegel so paraphrasieren darf, sondern von einer Differenz zu einer Differenz.
Auf dieser Ebene ist der differenzialistische Ansatz bereits lehrbuchfähig. Es gibt Berichte über die Lage der Philosophie in Frankreich und Ahnliches, in denen dies als bekannt vorausgesetzt und nochmals dargestellt wird. Es ist kein Geheimwissen, und es wird auch unter der Marke „Differenztheorie" in der Literatur zu finden sein. Und es gibt viele andere Dinge, die ich nennen könnte.
Aber ich möchte auf die nach meiner Einschätzung radikalste Form eines solchen differenzialistischen Denkens: George Spencer Brown Laws of Form. Der Text ist die Darstellung eines Kalküls. Spencer Brown sagt ausdrücklich, dass es sich nicht um eine Logik handelt, vermutlich weil er bei Logik an wahrheitsfähige Sätze denkt. Es ist ein operativer Kalkül, also ein Kalkül, der in der Transformation der Zeichen, die genutzt werden - oder des Zeichens - Zeit voraussetzt.
Kommentar:
Jean Clam
Was heisst sich an Differenz statt an Identität orientieren?
UKV Konstanz 2002
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Die Thematik der Operativität
Eine als solche von der Rezeption wenig behandelte Thematik ist die der Operativität. Philosophisch auffälligere Aspekte dieser Thematik, wie der der Zeit oder der faktisch-empirischen Gegebenheit von Systemen, werden regelmässig besprochen. Unsere These ist, dass diese Aspekte sich erst von der Theorie der Operativität her klären lassen, da sich die ganze Systemtheorie Luhmannscher Prägung um diesen Begriff artikuliert und die Gestaltung all ihrer Teile massgeblich an ihm orientiert.
Luhmann setzt seine Systeme, im Unterschied zu Mengenganzheiten oder räumlich abgegrenzten Konglobationen als operative Vollzüge an. Es muss noch einmal kontraintuitiv gedacht werden: das System ist kein Ding, das in der Welt vorkommt, eine innere Struktur oder Organisation aufweist und zur Welt ein Verhältnis unterhält, das über das „interface" seiner räumlichen Grenzen läuft.
Das System besteht einzig aus Operationen und enthält keine Elemente, die außerhalb der Operationen, in die sie eingehen, einen materialen Bestand hätten. Ein System hat weder materiell-elementare noch räumliche Bestandteile.
Außerhalb seiner von Moment zu Moment erfolgenden, aneinander anschließenden und kontinuierenden operativen Vollzüge ist es nichts. In dem Augenblick, wo das System die es konstituierende Unterscheidung seiner selbst von seiner Umwelt aussetzt, verschwindet es.
Selbst die Hinsicht auf die vom System durch sein Operieren in die Welt gesetzte Wirkung ist nicht die eigentliche und droht irreführend zu werden. So werden oft Systeme mit ihrer „Leistung" als dem von ihnen konkrete Gestalt annehmenden Hervorgebrachten verwechselt. Luhmann besteht sehr strikt auf seiner operativistischen Konzeption. Ihre letzten Konsequenzen ließen sich folgendermaßen indizieren: Einssein von Operatio, Operator und Operatum in einer systemischen Null-Vollzug-Struktur. Diese Straffung einer klassischerweise transitiv-extensiv gedachten TatVollbringungs-Struktur zu einer intern-transitiven, zirkulären und ohne Auseinanderheit (Extraneität) auskommenden Tathandlungsstruktur ist eine philosophische Figur von zentraler Bedeutung: von Aristoteles bis Heidegger, über Thomas von Aquin und Fichte, ist sie in jeweils grundlegenden Zusammenhängen der verschiedenen Philosophien praktiziert worden. Sie kehrt bei Luhmann als wichtigste deontologisierende Figur wieder. Hinter ihr verbirgt sich die Luhmannsche Problematik der Zeit mit ihren schwer durchschaubaren Konstruktionen. Wenn man von der Operativität her an das systemische Zeit-Verständnis herangeht, dann fallen viele der Zugangsschwierigkeiten fort. Die Luhmannsche Zeit ist die der zirkulären, außenlosen Operation und ihrer rekursiven Verkettungen. Es ist weder die Zeit der Subjekte noch die der Welt, sondern das interne Gesetz der Operativität, das die Operationen sequenziert in der Weise, dass alles, was geschieht, gleichzeitig geschieht, und die Operationen über den Engpass eines jeweiligen Stattfindens gezwungen werden. Ebenfalls fallt das Bedenken gegen die von Luhmann quasi unbedacht aufgestellte Behauptung einer empirischen Gegebenheit der Systeme, wenn man sie gegen die Folie des Operativitätsgedankens stellt. Systeme sind keine Dinge, die in der Welt empirisch-wahrnehmungsmässig feststellbar wären. Kommunikation als Operation ist selber nicht messbar, sondern lediglich ihre eventuelle, nach konventionellen Gesichtspunkten beobachtete Leistung an andere Systeme. Was es gibt, sind die gleichzeitig, d.h. entlang der Zeitreduktion geschehenden Operationsvollzüge. Die Zeit als operations-spezifische Gleichzeitigkeit ist der Grund von Empirie. Die Systeme berühren sich nicht in einer räumlich sie alle umfangenden Welt,sondern in der ihrer Operativität immanenten Zeitreduktion der Gleichzeitigkeit .
Operation
Differenz
Draw a distinction