Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03357.jsonl.gz/65

Strenge aber haben die Reformatoren im Interesse ihres Schriftprinzips den Inspirationsbegriff wieder geltend gemacht, was
jedoch Luther nicht hinderte, sich auch gelegentlich freiere Äußerungen über die I. einzelner biblischer Bücher zu erlauben.
Erst von der lutherischen und reformierten Orthodoxie ward in der Polemik gegen die römische Kirche sowie gegen die
Socinianer und Arminianer, welche den herkömmlichen Begriff von der I. ermäßigten, derselbe als unmittelbare Erleuchtung (s. d.)
gefaßt und auf eine Höhe getrieben, auf welcher zuletzt der gesamte Inhalt, jedes Wort, auch die hebräische Punktation, als
vom HeiligenGeist eingegeben erschien.
Die heiligen Schriftsteller waren demnach nichts weiter als »Notarien«
des ihnen diktierenden Geistes. Diese strenge Theorie mildernd, hielten schon ältere Theologen für das
den heiligen Autoren menschlicherweise Bekannte eine bloß Irrtümer verhütende Thätigkeit des Geistes (assistentia spiritus
sancti) für hinreichend. Je mehr sich aber ein wissenschaftliches Verständnis der Heiligen SchriftBahn brach, desto weniger
konnte der Begriff einer I., sofern er einen übernatürlichen Ursprung der biblischen Litteratur aussagte,
noch aufrecht erhalten werben, und so hat ihn selbst die Vermittelungsrichtung auf die ursprüngliche Frische der Begeisterung
oder auf den religiösen Takt zurückgeführt, welche den Aposteln und Propheten innewohnten.