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La France profonde, das tiefe Frankreich, so wird gemeinhin das ländliche Frankreich fernab von Paris genannt. Von diesem Frankreich handelt das Buch von Anthony Cortes, Journalist bei dem Wochenmagazin Marianne: «Le réveil de la France oubliée. Et si notre avenir était dans les villages?»1
Es ist zwar allgemein bekannt, dass die jungen Leute das Land verlassen. Insbesondere bei den 30jährigen ist die Zahl derjenigen, die in die Städte ziehen, höher als die derjenigen, die aufs Land kommen. Aber insgesamt ist zwischen 1999 und 2014 die Zahl der Landbewohner im Vergleich zu der der Stadtbewohner angestiegen (19 % versus 11 %), zumindest in den Gebieten, die noch in erreichbarer Nähe einer grösseren Stadt liegen (Cortes, S. 21).
Durch die Gelbwestenbewegung haben wir einiges darüber erfahren, wie es den Menschen auf dem Land geht. Den Bauern, den Arbeitern, den Angestellten, den Alten, den Jungen. Jedes Jahr bringen sich etwa 370 Bauern um, weil sie nicht mehr weiterwissen.2
Wenn eine Frau ein Kind erwartet, muss sie in 79 % der Fälle eine Stunde Autofahrt zur nächsten Geburtsstation zurücklegen. Es ist vorgekommen, dass das Kind auf dem Weg dorthin geboren wurde und starb, weil ihm die nötige Hilfe nicht geleistet werden konnte. Wenn innerhalb eines Jahres nicht 300, sondern nur 260 Kinder in einer Geburtsstation geboren werden, so ist sie unrentabel und wird geschlossen. Mehrere von der Regierung in Auftrag gegebene Studien rechnen aus, dass 60 Notfallstationen geschlossen werden sollten, weil sie nicht «rentabel» sind. Es gibt Departements, in denen auf drei Viertel der Fläche die Einwohner mehr als eine Stunde von medizinischer Versorgung entfernt leben müssen.
Schulen werden geschlossen, Gemeinden zusammengelegt, ortsnahe Dienstleistungen eingestellt. Wenn die Post schliesst, so ist dies das absolute Symbol dafür, dass der Staat sich zurückzieht und das Dorf aufgibt (S. 32). Es gibt keine Bäckerei mehr, kein Lebensmittelgeschäft, keine Arbeit. Die Dörfer entvölkern sich.
Nun hat sich ein Journalist auf den Weg gemacht und dieses Frankreich zwei Jahre lang bereist. Das Ergebnis ist ein sorgfältiger Bericht über das, was er erfahren und gesehen hat in diesem «vergessenen Frankreich». «Le réveil de la France oubliée» (Das Erwachen des vergessenen Frankreich) ist ein vorsichtig optimistisches Buch. Es ist eher leise im Ton, so wie man mit zarten Pflanzen umgeht. Anthony Cortes tastet sich an die verschiedenen Initiativen in den unterschiedlichsten Gegenden Frankreichs heran. Er hat ein gutes Gespür und viel Herz für die Menschen und ihre Situation, denn er kommt selbst vom Land, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Perpignan, Region Okzitanien.
Cortes beruft sich in seiner Analyse der Ursachen für den Zustand des ländlichen Frankreichs auf die neuesten Arbeiten von Christophe Guilluy, Emmanuel Todd und Jérome Fourquet3: Die Diagnose, dass die Globalisierung hier ihre Spuren hinterlassen hat, steht fest. Deutlich dargestellt wird auch die damit einhergehende verheerende und zerstörerische Aktivität des französischen Staates, der insbesondere seit den letzten drei Präsidentschaften mit seinen Gesetzen und Erlassen, im Ausführen von EU-Richtlinien das Land tötet und für die oben beschriebenen Zustände verantwortlich zeichnet. Auch den einzelnen etablierten Parteien und ihrem Beitrag zu dieser Entwicklung geht Cortes nach: Die Menschen fühlen sich nicht mehr repräsentiert.
Einige Seiten des Buches sind historischen Erfahrungen von bäuerlichen Initiativen gewidmet. Jedoch bestätigt sich auch hier, wie die politischen Entscheidungen diese Bemühungen der Selbsthilfe behindern oder sogar zunichte machen. 1962 hält mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EWG der «productivisme» (die auf Massenproduktion ausgerichtete Landwirtschaft) Einzug: Um auf den europäischen Märkten konkurrieren zu können, müssen die französischen Bauern immer mehr produzieren. Mechanisierung und Monokultur halten gegen das bessere Wissen der Bauern Einzug. Die kleinen Bauern sterben. Staat und EU reagieren bzw. fahren fort mit immer mehr Freihandel und der Öffnung der Märkte.
Damit sind wir bei der heutigen Situation angelangt.
Die Beschreibung der sich abzeichnenden anderen Wirklichkeit
Cortes sieht im Jahr 2018 einen wichtigen Einschnitt. Als im Mai Priscilla Ludovsky4 einen Internet-Aufruf startet, «Für einen niedrigeren Benzinpreis», der von mehr als einer Million Menschen unterschrieben wird, war das ein Fanal. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Forderung nach dem RIC, dem Referendum d'initiative citoyenne (Bürgerentscheid), die lange diskutiert wurde, bis dann die Bewegung der Gelbwesten mit unsäglicher Polizeigewalt bekämpft und in dem von Präsident Macron ins Leben gerufenen «Grand débat national» ertränkt wurde.5
Die Bewegung der Gelbwesten hat laut Cortes jedoch eine Erbschaft hinterlassen: «einen immensen Durst nach Demokratie. Monatelang ist ein Volk aufgestanden, hat sich gebildet, politisiert und hat […] die Konturen eines anderen, gerechten, schützenden Systems gezeichnet […]. Mit unbescholtenen Abgeordneten, die im Notfall auch abberufen werden können […] und einem Bürger, der entscheidet.» (S. 47) Cortes schreibt, dass diese Ideen auf nationaler Ebene keinen Niederschlag gefunden haben, dass sie aber im Lokalen, auf dem Land zu konkreten Ergebnissen geführt haben und führen. Er beschreibt das Beispiel der Gemeinde Commercy (Meuse), wo sich im Januar 2019 75 Delegationen der Gelbwesten getroffen haben, um zu beraten, «wie die Welt von morgen aussehen sollte». Es wurde viel diskutiert, aber ohne konkrete Ergebnisse.
Ein Jahr später, im Januar 2020, trafen sich diesmal nur Einwohner von Commercy. Sie nennen ihre Versammlung «commune des communes» (wörtlich: Gemeinde der Gemeinden. Gemeint ist das, was in Deutschland Verbandsgemeinde heisst) und entwickeln ein Projekt: «penser un contre-pouvoir communal» (eine kommunale Gegengewalt denken) (S. 48). Die Gelbwesten rufen dazu auf, «von den Parteien unabhängige Bürgerversammlungen zu konstituieren und auf der Basis der Gemeinde die direkte Demokratie einzuführen, und in den Bürgerversammlungen die Entscheidungsmacht den Bewohnern zu geben, das lokale Referendum einzuführen […].»
Cortes wertet diese Erklärung, die viele Menschen angesprochen hat, noch als eine Art utopischen Höhenflug, um dann von konkreten Beispielen zu berichten, die durchaus auch schon vor der Gelbwestenbewegung entstanden waren. Zum Beispiel 2014 im Dorf Saillans in der Drôme. Dort sollte, ohne dass die Bevölkerung gefragt wurde, ein grosses Einkaufszentrum gebaut werden. Da man sich kurz vor den kommunalen Wahlen befand, bildete man eine Liste «Kein Programm, keine Kandidaten, die Liste, das sind wir». 57 % der Stimmen werden errungen. Man stellt den Bürgermeister, das Bürgermeisteramt wird zum Gemeindehaus, offen für alle Bürger der Gemeinde. Zweimal im Monat tagt ein Bürgerkomitee, Diskussionsgruppen bilden sich, ein Wind der Verantwortlichkeit weht durch die Gemeinde. Unglücklicherweise geht dieses Experiment nicht weiter. Es scheitert an den neu hinzugekommenen Bewohnern aus der Stadt, die andere Interessen haben als die alteingesessenen Einwohner. Es bilden sich zwei feindliche Fraktionen, die neuen und die alten Einwohner. Das Bürgermeisteramt geht 2020 mit 18 Stimmen mehr an die Städter.
Aber: 730 weitere Kommunen haben sich für dieses Experiment interessiert, und in den Kommunalwahlen 2020 hat es schon 300 Bürgerlisten gegeben (S. 51/52). Auf das Problem der «Neuen» in den Dörfern kommt Cortes immer wieder zu sprechen.
Auch schon vor 2018 hat man sich 1970 im Dorf Trémargat in der Bretagne mit seinen 180 Einwohnern «selbständig» gemacht. Angeblich waren 600 Hektar des Landes der Gemeinde unbebaubar. Heute werden sie von 16 Bauern bearbeitet. 1970 hat sich eine Gruppe von Bauern wegen des billigen Landes hier angesiedelt. Die Alteingesessenen waren skeptisch, die Neuen liessen sich jedoch nicht beirren. Heute läuft das Projekt weiter, und die Gemeinde schliesst sich an und stellt Land und Wohnungen für Neuankömmlinge günstig zur Verfügung. Ein Bäcker ist ins Dorf gekommen, ein Gemüseladen, unterstützt von einer Bürgerinitiative aus Saint-Brieuc, deren Mitglieder frisches Gemüse und Brot aus der Region essen wollen.
In Saâles, im Elsass, wird auf die Initiative des Bürgermeisters hin 1995 das Dorf mit etwa 800 Einwohnern neu belebt. Obstbau und Wiesen werden der reinen Forstwirtschaft hinzugefügt, Milchwirtschaft, Käse, eine Bio-Bäckerei, eine Bibliothek mit Internetanschluss und Café, denn Zusammensein und miteinander sprechen ist wichtig. Arzt, Krankenschwester, Physiotherapeut. Die grössten Schwierigkeiten habe ihm die Bürokratie gemacht, sagt der Bürgermeister, der nach 20 erfolgreichen Jahren sein Amt abgibt.
Cortes zählt noch viele Initiativen unterschiedlichster Art auf. Sie alle leben vom Mut und der Entschlossenheit der Bürger und ihrer Bürgermeister, ihrem Dorf wieder Leben zu geben. Hier wird eine Schule gegründet, eine private, weil der Staat nicht mitmacht. Dort beginnt man mit einem Versammlungslokal, damit man wieder miteinander sprechen kann. Ein Arzt wird gefunden. Oder man organisiert die «rollende» medizinische Versorgung. Allen ist die Bedeutung ihrer Tätigkeit bewusst: «Einen Laden zu unterhalten bedeutet nicht einfach nur, einige Scheine zu kassieren. Man bringt ein ganzes Tal zum Leben.» (S. 80)
Die Schule
In Cahus, im Lot, 204 Einwohner, soll 2018 die Schule geschlossen werden. Für 46 Schüler eine Schule zu unterhalten, ist laut Schulrat eine Dummheit, denn er brauche die Stellen für die grösseren Städte. Für die Kinder hätte das einen Schulweg von 45 Minuten bedeutet. Für die Bürgermeisterin hörte sich das an wie der beschlossene Tod des Dorfes. Ohne Schule bleiben die Familien nicht im Dorf. Mit einigen Dorfbewohnern beschliessen sie, die Schule zu besetzen, die Presse berichtet über sie. Sie halten durch. Die Schule bleibt. Die Kinder, die aus dieser Dorfschule ins Collège (die Mittelstufe der weiterführenden Schule) übergehen, haben ein gutes Niveau, weil sie in kleineren Gruppen und unter guten Bedingungen lernen können.
In einem anderen Dorf, in Quérigut, in der Ariège, ging die Grundschullehrerin in Mutterschaftsurlaub. Es gab keine Vertretung. Ohne die örtliche Schule hätten die drei- bis zehnjährigen Schüler jeweils zwei Stunden pro Tag im Bus gesessen. Da haben zwei Mütter die Initiative ergriffen und mit Unterstützung der Schulbehörde die Schule gerettet, indem sie den Unterricht übernommen haben. In anderen Orten wurden Schulen «hors contrat» (d. h. Privatschulen) gegründet. Zunächst musste eine Genossenschaft gegründet werden, die Geld sammelte, um das Projekt realisieren zu können.
Die medizinische Versorgung
Neben der Schule gilt die medizinische Versorgung als weiteres wichtigstes Lebenselement einer Gemeinschaft. Cortes zitiert (S. 86) einen Bürgermeister der «Vereinigung der französischen Bürgermeister der Landgemeinden»: «Seit Jahren haben unsere Mitbürger keine ärztliche Versorgung. Es müssen alle zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt werden, um diesen Zustand so schnell wie möglich zu ändern.» Die Telemedizin, die vom Staat gefördert wird, reicht nicht, um den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, und die ebenfalls vom Staat initiierten Gesundheitszentren erweisen sich für die einzelnen Gemeinden als viel zu teuer, weil sie die Ärzte mit allen möglichen finanziell günstigen Angeboten anlocken müssen, da diese lieber in den Städten praktizieren. So ist man in manchen Gegenden auf den Bus gekommen, der die Gemeinden einmal die Woche abfährt, um ein Minimum an ärztlicher Versorgung zu gewährleisten. Dieses Modell findet seine Grenzen in einer staatlichen Verordnung, die die ambulante Medizin untersagt. So bleibt die Besetzung des Busses auf Krankenschwestern und ähnliche paramedizinische Berufe beschränkt. Manchmal werden Ausnahmen gemacht, «im Interesse der öffentlichen Gesundheit» (S. 87), wenn das Département eine solche erlaubt, wie in Givors an der Rhône. Letztlich bleibt für die Bürgermeister doch die Frage: Wie kann man die jungen Ärzte dafür gewinnen, sich auf dem Land zu etablieren?
Im Oktober 2018 betrachten «81 % der Franzosen laut einer Meinungsumfrage des IFOP6 das Leben auf dem Land als das ideale Leben» (S. 133). Die Städte müssten wieder menschlicher werden und das Land lebendiger. Die Dörfer müssten wieder belebt werden. Die vorrangige Förderung der Städte müsse in Frage gestellt werden.
Cortes diskutiert auch diese Frage; er wirft die Schwierigkeiten auf beim Aufeinandertreffen von «Städtern» und Landbewohnern, berichtet von gelungenen Experimenten, aber auch von Internetplattformen, die von oben herab etwas implantieren wollen und aus denen nichts wird. Auf dem Land sagt man: »Bei uns bedient man sich nicht, man bedient.» (S. 132) Als Städter ist man eher an die Konsumseite gewöhnt worden, der viel beschworene Individualismus, die persönliche Freiheit führen zur Einsamkeit. Auf dem Land lebt man zusammen und kümmert sich umeinander.
Die Lösungsansätze im Buch von Anthony Cortes sind auf die Dörfer bezogen. Sie zeigen, was auf lokaler Ebene möglich ist, und stellen damit aber auch die immer weitere Ausdehnung und Konzentration der grossen Städte in Frage. Es sind Ansätze, die weitergedacht werden sollten. In erster Linie die Bedeutung der Eigeninitiative in Verbindung mit direkter Demokratie auf lokaler Ebene anstatt zentralstaatlichem Durchregieren und eine Versorgung aus lokaler Produktion anstatt Massenproduktion und globalisierter Abhängigkeit. Viele Probleme unserer Zeit mit ihrem Ursprung in fehlerhaften Entscheidungen, gedacht von Eliten für die grossen Städte, zeigen sich auf dem Dorf, in der kleinsten Einheit der bürgerlichen Gemeinschaft.
Wer ein ermutigendes Buch mit vielen gelungenen Beispielen von persönlichen Initiativen lesen möchte, ohne in Nostalgie zu verfallen, sondern auch die Herkunft der Probleme und realistische Überlegungen zu ihrer Bewältigung erfahren will, vielleicht auch Anregungen für eigene Initiativen sucht, der sollte unbedingt das Buch von Anthony Cortes lesen. •
1 Alle Buchzitate von der Autorin übersetzt.
2 Laut einem Bericht einer Senatskommission: «Suicides en agriculture: mieux prévenir, identifier et accompagner les situations de détresse», veröffentlicht am 17. März 2021, zitiert nach: Front Populaire vom 23.3.2021
3 Guilluy, Christophe. La France périphérique. Flammarion, 2014; ders. Le temps des gens ordinaires. Flammarion, 2020. Todd, Emmanuel. La lutte des classes au XXIe siècle. Editions du Seuil, 2020, Fourquet, Jérôme. L'Archipel francais. Edition du Seuil, 2019
4 P. Ludovsky war eine der aktivsten Gelbwesten.
5 «Le grand débat national» war eine öffentliche Debatte in Frankreich, die am 15. Januar 2019 vom Präsidenten der Republik, Emmanuel Macron, lanciert wurde und in Hunderten von Themen die eigentlichen Anliegen der Menschen praktisch verwässerte.» Guilluy, Christophe. Le temps des gens ordinaires. 2020, S. 49
6 Institut français d'opinion publique, ältestes französisches Meinungsforschungsinstitut
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