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Einer meiner Kollegen stammt aus Afrika, genauer aus Burkina Faso. Seit vielen Jahren schon lebt er hier in der Stadt. Viel weiß, besser gesagt: wußte ich bisher nicht über ihn, und beinahe nichts über seine Geschichte, sein Leben vor der Flucht. Irgendwie hatte ich auch nie das Bedürfnis, mehr davon zu erfahren. Gestern hat sich das geändert. Plötzlich und unerwartet.
Gestern allerdings waren wir nach der Arbeit gemeinsam auf dem Weg zum Bahnhof. Ja, ich war ausnahmsweise nicht mit dem Wagen gefahren, weil ich einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt geplant hatte. Und das war der Grund, warum er und ich den gleichen Weg hatten. Zunächst liefen wir schweigend nebeneinander her. Dann sprachen wir über Dinge, die uns in der Firma unangnehm berührten. Danach schwiegen wir wieder. Am Weihnachtsmarkt wollte er sich von mir verabschieden. Ich weiß nicht, was dann geschah, aber ich legte meinen Arm um seine Schultern und lud ihn ein, mich zu begleiten. Die Frage, ob zuhause jemand auf ihn wartete, verneinte er. “Was soll ich auf einem deutschen Weihnachtsmarkt? Hier werde ich doch nur dumm angemacht und schief angeschaut, weil ich schwarz bin”, lehnte er die Einladung mit seinem französischen Akzent ab. “Moment. Du bist eingeladen. Und wenn jemand dumme Sprüche spricht, dann werde ich antworten.” Ich hatte ihn wieder losgelassen und hielt meine Hand hin: “Einverstanden?” Er griff zu.
Also zogen wir los. Glühwein. Mit Schuß für ihn, ohne für mich. Er selbst wollte es so. “Vielleicht kann ich mit genügend Glühwein vergessen, daß zuhause in Afrika ganz viele Menschen auf mich warten.” Er erzählte danach bei einem heißen Met von seinen Großeltern, die ein wenig Vieh hatten und seinen Vater und dessen elf lebende Geschwister mehr schlecht als recht durchbrachten. Der weiße Glühwein gehörte seinen Eltern. Die Mutter starb früh, als sie mit einem fünften oder sechsten Geschwister schwanger ging. Der Eierpunsch brachte ihn zu seiner Frau, seinen vier Kindern und seinem Studium. Es brauchte noch einen zweiten Eierpunsch, ehe er mir von seiner Arbeit als Lehrer im Norden seines Landes berichtete. Als er von den Überfällen der Islamischen Krieger erzählte, war seine Stimme belegt und ich glaubte, ihm standen Tränen in den Augen. Jetzt wußte ich also, wovor er geflohen war. Wir standen mittlerweile an einem Grill, hatten beide Bratwurst bestellt. Beide mit Senf. Nach dem Essen erzählte er mir von den Monaten, die er brauchte, um von Burkina Faso nach Europa zu kommen – in einer Kurzfassung. Bis jetzt hatten wir beide noch keinen scheelen Blick, noch keinen dummen Spruch gehört. Und als er einmal angerempelt wurde und deshalb zusammenzuckte, drehte sich der Rempelnde nur um und entschuldigte sich für seine Ungeschicklichkeit.
Es wurde Zeit, zum Zug zu gehen. Und auf dem Weg zum Bahnhof erst erfuhr ich, daß er ganz in meiner Nähe wohnte, nur eine Straße weiter. Dann schwieg er. Müde. Von seiner eigenen Geschichte abgeschreckt? Ich wußte sowenig über die Menschen, die meine Nachbarn, Kollegen, Mitmenschen sind. Im Zug schwiegen wir, ich sah den dunkelhäutigen Mann, der mir da gegenüber saß und aus dem Fenster schaute, nur manchmal verstohlen an. Auch den Bahnhof verließen wir schweigend. Vor meiner Haustür wollte er sich verabschieden. Aber meine Frau kam auch gerade heim und ich stellte die beiden einander vor. Herzliches Händeschütteln. Und dann fragte meine Frau: “Sie sind doch Weihnachten alleine, stimmts? Wissen Sie was? Ich heiße Jana und Du – ? – bist Heiligabend und zu den Feiertagen zu uns eingeladen. Als gern gesehener Gast. Einverstanden?” Mein Kollege konnte nur stumm nicken. Er kniff die Lippen zusammen, drückte auch mir die Hand und eilte dann davon.
Plötzlich und unerwartet wird Weihnachten ein wenig weihnachtlicher, und das eine Gedeck mehr am Tisch für den unerwarteten Gast wird ein viertes, nicht wie sonst ein drittes sein. Meine Frau hat es geschafft, das auszusprechen, was ich mir nicht zu sagen traute.
P.S.: Positiv am 18. Dezember 2014 war die geschaffte Arbeit im Musikpool.
Tageskarte 2014-12-19: Das As der Kelche.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).