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Es war der 1. Mai und ich sass in einer Hotelbar und wartete auf Lili. Die Revolution fand woanders statt, nicht hier, die schweren Samtvorhänge verschluckten die -Aussenwelt. Die Bar war fast leer, hinter mir ein undefinierbar schickes Pärchen, -Touristen wahrscheinlich, in einer Ecke zwei alte Männer ins Gespräch vertieft. Die Barkeeper trugen Frack. Eine Bar, in der überhaupt nur Männer Drinks mixten, das weibliche Servicepersonal durfte höchstens Snacks servieren oder die Tische abräumen. Irgendwann begann ein älterer Herr auf dem Flügel zu spielen. Ich bestellte einen -Negroni. Im grossen Spiegel unter den glänzenden Flaschenreihen konnte ich mich selbst an der Bar sitzen sehen. Ich sah aus wie eine Frau, die an einer Bar sitzt und auf -jemanden wartet.
Schon lange war ich nicht mehr alleine in einer Bar gewesen. Früher machte ich das oft, allein und ziellos, nicht weil ich auf jemanden wartete, und schon gar nicht, weil ich jemanden kennenlernen wollte; nur in Moskau war ich einmal eine halbe Stunde nicht beachtet worden, da man wohl dachte, ich wartete auf jemanden, bis ich wieder ging. Frauen seien ab einem gewissen Alter unsichtbar, habe ich in einem Zeitungsartikel -gelesen, ungefähr ab vierunddreissig, danach könne man als Frau endlich allein in Bars -gehen. Ich war also längst unsichtbar, aber abgesehen davon, dass ich das mit der Unsichtbarkeit der nicht mehr ganz jungen Frauen als mediale Panikmache empfinde, kam ich mir allein in der Bar alles andere als unsichtbar vor; die alten Männer auf der Bank -beobachteten mich, der -Kellner fragend im Augenwinkel, das Pärchen, das sich seit einer halben Stunde angeschwiegen hatte, mitleidig vielleicht? Aus unerfindlichen Gründen war meine frühere Nonchalance dahin; ich suchte nach einer Zeitung, um etwas zu tun zu haben, rauchen durfte man ja auch nicht mehr; ich habe ohnehin aufgehört, was ich manchmal vergesse; es war mir nie ums Rauchen gegangen, sondern darum, etwas in den Fingern zu haben. Ich packte ein Buch aus und legte es wieder weg; es war zu düster, um in der Bar zu lesen.
«Das verlorene Wochenende» von Charles Jackson handelt von einem langen Wochen-ende des Schriftstellers Don Birnam, an dem sich dieser mehr und mehr im Alkohol -verliert, sich längst verloren hat. Ein Freund hatte Rotwein darübergekippt, aber die Rotweinflecken passten zu diesem Buch. Zu Beginn eine Szene, in der sich Don in einer Bar im Spiegel betrachtet und in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstzerstörung imaginiert, die perfekte Geschichte zu schreiben, mit dem Titel «Im Glas», ein -Meisterwerk, das dann bald wie ein Kartenhaus aus Bierdeckeln in sich zusammenfällt. Der Trinker im Spiegel. Weshalb kann ein allein in der Bar sitzender Mann, in der Literatur wie im sogenannten richtigen Leben, zumindest dem äusseren Schein und der Selbstlüge des Trinkers nach, alles sein? Melancholiker, Denker oder Säufer. Während eine Frau -immer so aussieht, als würde sie auf jemanden warten. Auch wenn sie gar nicht -wartet. Wo sind die Melancholikerinnen, Denkerinnen und Säuferinnen, die allein in der Bar -sitzen? Ich muss unbedingt wieder häufiger allein in Bars gehen, dachte ich. Allein, um dem Bild der wartenden Frau etwas entgegenzusetzen. In diesem Moment trat Lili ein. Und das Bild löste sich auf.
Negroni
2 cl Campari
2 cl roter Wermut (z.B. Martini rosso, Antica Formula oder Punt e Mes)
2 cl Gin
auf Eis direkt ins Glas (Tumbler) geben, umrühren und mit einem -Orangenschnitz (oder einer Orangenzeste) dekorieren.