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In der Schweiz existiert eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, dass die Lebensmittelproduktion insgesamt nachhaltiger werden sollte. Das wäre durchaus möglich – allerdings müsste sich dafür der Konsum ändern. Im Rahmen der Strategie «Grüne Wirtschaft» ging Agroscope im Auftrag des BLW in der Studie «Umwelt- und ressourcenschonende Ernährung: Detaillierte Analyse für die Schweiz» der Frage nach, wie eine ressourcenschonende Ernährung für die Schweizer Bevölkerung aussehen müsste.
In dieser Studie wurden mehrere Szenarien durchgerechnet. Das Resultat war eindeutig: Die Menschen müssten weniger Fleisch essen, dafür mehr Getreide, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte, sowie Öle oder Nüsse, bei gleichbleibendem Milchkonsum und deutlich weniger Alkohol. Gleichzeitig müssten die Produktionsverfahren optimiert werden.
Getreideanbau würde steigen
Würde weniger Fleisch gegessen, würden auch die Tierbestände in der Landwirtschaft stark sinken, vor allem bei den Schweinen, in der Pouletmast, Mutterkuhhaltung und Grossviehmast. Das Grünland würde primär fürs Milchvieh genutzt. Kühe würden fast nur noch Raufutter fressen, nur Kühe mit höherer Milchleistung bekämen zusätzlich Körnermais und Gerste. Sojaschrot würde nahezu vollständig aus der Fütterung verschwinden. Ein grosser Teil des Dauergrünlands würde extensiv bewirtschaftet. Das nährstoffarme Gras dieser Flächen würde an Aufzuchtrinder, Schafe und Ziegen verfüttert. Ein Teil des Ackerlands würde im Rahmen der Fruchtfolge noch als Kunstwiese genutzt, aber weniger als bisher. Auf der offenen Ackerfläche würde deutlich mehr Getreide für die menschliche Ernährung angebaut. Die Anbauflächen von Kartoffeln, Gemüse und Raps würden sich ebenfalls erhöhen.
Durch die Senkung der Tierbestände (die GVE würden praktisch halbiert) könnte die Schweiz weitestgehend auf Futtermittelimporte verzichten. Auch die Importe von Nahrungsmitteln gingen zurück. Der Anteil der im Inland produzierten Erzeugnisse und damit der Selbstversorgungsgrad an Nahrungsenergie würde von 60 Prozent auf gegen 80 Prozent steigen.
Doch von diesem Optimum einer umwelt- und ressourcenschonenden Ernährung ist die Schweiz sehr weit entfernt. Die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung sind ganz anders. Die Schweiz deckt heute nicht einmal bei allen tierischen Produkten den Inlandbedarf ab.
Freie Fahrt für Importe?
Die Stossrichtung für die künftige Agrarpolitik, die Bundesrat Schnei-der-Ammann in seiner Gesamtschau im November 2017 vorgestellt hat, geht klar in eine andere Richtung. Nach Ansicht des Bundesrates sollten die Schweizer Bauern wettbewerbsfähiger und Nahrungsmittel hierzulande billiger werden. Dazu sollen vor allem die Fleischpreise, die in der Schweiz rund doppelt so hoch sind wie im Ausland, geschleift werden. Was passiert, wenn Fleisch billiger wird, liegt auf der Hand: Sinkende Fleischpreise kurbeln den Konsum an. Dabei würde nicht nur allgemein mehr Fleisch konsumiert, sondern vor allem mehr Edelstücke. Statt mit Fleischkäse würde das Pausenbrötli mit Filet belegt. Eine um-welt- und ressourcenschonende Ernährung sieht definitiv anders aus.
Wenn die Zölle sinken, wie das dem Bundesrat vorschwebt, würden Futtermittel um 5 bis 25 Prozent billiger, sogar Soja würde angeblich weniger kosten. Wer rechnet, müsste also mehr Futtermittel importieren. Das wird – wenn man die Diskussionen in den Medien verfolgt – von der Bevölkerung nicht goutiert. Die Bauern würden eher noch mehr kritisiert. Die Bereitschaft der Bevölkerung, Direktzahlungen zu berappen, könnte sinken.
Umweltfolgen der Importe
Die Futtermittelimporte würden allerdings nur solange steigen, wie sich die Milch-, Eier- und Fleischproduktion im Inland noch lohnt. Darüber hinaus würden keine Futtermittel mehr importiert, sondern gleich die entsprechenden Fleisch-, Eier- oder Milchprodukte eingeführt.
Die Umweltbelastung würde damit ins Ausland verlagert, wo sich die Produktionsweise in vielen Fällen deutlich von der Schweiz unterscheidet. Bereits heute ist die Umweltbelastung, die beim Import von Nahrungsmitteln im Ausland entsteht, fast dreimal so hoch wie die Umweltbelastung, die der Import von Futtermitteln verursacht. Die Umweltfolgen der Nahrungsmittelimporte sind in der Öffentlichkeit allerdings kaum Thema. Dabei gehen diese Importe wesentlich mehr Menschen an als nur die 50 000 Bauernfamilien. Weiter würde eine weitreichende Umstellung des Ernährungssystems Schweiz eine grosse Bereitschaft von Bevölkerung, Wirtschaft und Politik voraussetzen. Diese Bereitschaft zu erreichen, dürfte schwierig bis unmöglich sein.
«Im Moment müssen die Landwirte nicht reagieren»
UFA-Revue: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Erkenntnis aus der Studie «Umwelt und ressourcenschonende Ernährung»?
Thomas Nemecek: Durch eine umweltoptimierte Ernährung könnten die Umweltwirkungen der Ernährung um über die Hälfte reduziert werden. Die Ernährung müsste dafür aber deutlich umgestellt werden. Die Schweizer Landwirtschaft würde sich stärker auf die Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel und die Milchviehhaltung konzentrieren und die Reduktion der Nahrungs- und Futtermittelimporte würde den Selbstversorgungsgrad deutlich erhöhen.
Müssen Landwirtinnen und Landwirte auf die Studie reagieren?
Nemecek: Nein, im Moment müssen die Landwirte nicht reagieren. Die Studie hatte zum Ziel, ein Potenzial der Reduktion der Umweltwirkungen abzuschätzen und aufzuzeigen, mit welcher Ernährung diese Reduktion erreicht werden könnte.
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Bevölkerung umweltschonend ernährt und in welchem Zeitraum könnte so eine Umstellung geschehen?
Nemecek: Das Ziel der Studie, die im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft erstellt wurde, war es aufzuzeigen, wie eine Ernährung der Schweizer Bevölkerung aussehen würde, welche die Umweltwirkungen der Ernährung minimiert, die Ernährungsempfehlungen einhält und gleichzeitig die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche in der Schweiz für die Nahrungsmittelproduktion nutzt. Zum Verhalten der Bevölkerung macht unsere Studie keine Aussagen.
Interview: Gabriela Küng, UFA-Revue, 8401 Winterthur
Das Interview wurde schriftlich geführt.