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In Prishtina fühle ich mich als Schweizer. Es ist zwar meine Heimatstadt, aber als ich 15 war, kam ich in die Schweiz, nach Luzern, das war 1997. Mein Vater hatte Asyl bekommen, darum durften meine Mutter und ich nachkommen und später auch meine ältere Schwester, als es schlimm wurde mit den Vertreibungen in Kosovo.
Ich war überhaupt nicht unglücklich. Wir waren schon gereist, als ich ein Kind war, nach Griechenland und auf dem Balkan. Die Schweiz war jedoch etwas ganz Neues, da erlebte ich einen Wow-Effekt wie erst wieder viel später, als ich das erste Mal Amerika besuchte. Mir kam es vor, als ginge ein Vorhang auf. Ich war begierig, so schnell wie möglich die Sprache zu lernen. In der Schule und im Integrationskurs fand ich Kollegen, am Anfang vor allem aus Kosovo.
Dass die Leute vom Balkan kein besonders gutes Image hatten, hat mich nicht besonders geschmerzt. Jedes Volk, das in ein fremdes Land kommt, durchläuft diesen Prozess, bis es sich integriert. Bis man sich kennengelernt hat, gibt es Vorurteile: So sind die Italiener, die Albaner, die Jugos. Und es ist klar, dass sich der schlechte Ruf schneller verbreitet als der gute. Der braucht Zeit.
Meinen ersten Job hatte ich in einer Brauerei in Luzern, und meinen ersten Lohn habe ich in einen Plattenspieler investiert. Ich machte in meinem Zimmer Musik und träumte davon, DJ zu werden. Ich war oft im Jugendtreff, und da fing es mit der Musik an, mit dem Rap. Nach dem Integrationskurs suchte ich vergeblich eine Lehrstelle. Bei Siemens in Zug durfte ich eine Woche schnuppern, aber aus der Lehre wurde nichts. Darum zog ich zu meinem älteren Bruder, der in Zürich lebte. Er war als erster der Familie in die Schweiz gekommen.
Ich hatte den B-Ausweis, und man konnte den Kanton nicht wechseln, ohne eine Arbeitsstelle im neuen Kanton zu haben. Ich fand einen Job bei einem Möbeltransport. Aber vor allem machte ich Musik. «Downtown» hiess meine erste Band, wir waren fünf albanische Jungs, ich habe getextet und gerappt. Auf albanisch, weil man die Sprache wirklich gut können muss. Nicht das, was im Text passiert, ist entscheidend, sondern, wie man die Wörter zusammenbringt, das lyrische Können zählt. Zu jener Zeit war ich in Deutsch nicht so weit. Heute ginge es, ich fühle die Sprache, träume auch auf schweizerdeutsch.
Wir fingen an in einem Proberaum im Gemeinschaftszentrum Seebach. Während meiner ganzen Rap-Karriere bin ich immer im «Rinora» aufgetreten. Der Club war zuerst nur ein Saal, den ein paar Kollegen in Seebach mieteten, um mit Freunden Party zu machen. Der Kreis wurde grösser, sie mieteten einen Club in Schlieren, schliesslich gingen sie nach Rümlang. Und der Hype wurde immer grösser, statt Hunderte kamen Tausende aus der ganzen Schweiz. Das «Rinora» wurde der Ort, wo alle albanischen Stars auftraten. Unseren ersten Hit hatten wir 2003, wir übernahmen einen alten Song einer Rockgruppe aus Kosovo, in dem es um eine Frau ging, und machten daraus ein Hip-Hop-Stück über die Tochter dieser Frau. Das wurde ein Hit in Kosovo.
Als Rapper braucht man einen Künstlernamen. Ich wählte für mich «Da Ghost», weil ich eher ein zurückhaltender Mensch bin, ein bisschen wie ein Geist, der zwar da ist und alles mitbekommt, aber sich nicht einmischt. Ausserdem tönte «Da Ghost» cool. Mit der Zeit kannte man uns in der albanischen Rap-Szene, die es weltweit gibt. 2010 brachte ich ein eigenes Album heraus, gewann in Kosovo den Preis für den besten Videoclip des Jahres, hatte Auftritte in den USA.
Inzwischen arbeitete ich schon lange bei Zweifel, in der Pommes-Chips-Fabrik. Zuerst hatte ich dort gejobbt, dann absolvierte ich die Ausbildung zum Lebensmittelpraktiker. Das war mein Brotjob, ich machte ihn gut und gern, elf Jahre lang. Aber mit der Zeit hatte ich den Drang, etwas anderes zu tun. Ich fühlte mich gefangen zwischen dem Job und der Musik, wollte nicht ein Leben lang ein Doppelleben führen. 2014 beschloss ich: Ich gehe nach Kosovo und probiere es dort. Und wenn ich es nicht schaffe, wird es für mich eine Lehre gewesen sein. Ich war ja oft in Kosovo gewesen für meine Konzerte, ich kannte Leute, ich hatte auch meine Frau da kennengelernt, wir waren Freunde, bevor sie später meine Frau wurde.
In Prishtina war ich offen für alles. Ich hatte mir vorgenommen, zwei Jahre zu bleiben. Wenn man einen solchen Schritt macht, braucht man Glück. Man verlässt die sichere Schweiz und kommt in ein Land, in dem 50 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind. Am Anfang lebte ich den typischen Alltag von Menschen, die nicht arbeiten. Ich ging ins Café, sass dort mit Leuten zusammen, man sprach über Alltagsprobleme, Politik, Visaprobleme – die Kosovaren haben ja keine Visafreiheit. Mein Glück war, dass ich einen Albaner traf, den ich aus der Schweiz kannte, er hatte auch Musik gemacht. Sein erster Gedanke war, ich sei ausgeschafft worden. Warum würde sonst einer aus der Schweiz nach Kosovo auswandern? Dann bot er mir einen Job an. Er und sein Bruder haben eine Firma für Dienstleistungen, von IT bis Callcenter, die viel für Schweizer Kunden arbeitet. Sie suchten einen Abteilungsleiter, der die Arbeitsweise in der Schweiz kennt, die Mentalität, der pünktlich ist und zuverlässig. Ich arbeite heute noch dort.
Mein Tagesablauf in Prishtina ist nicht anders als in der Schweiz. Wir leben im Zentrum, in der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Ins Büro brauche ich zu Fuss nur ein paar Minuten. Beim Morgenkaffee lese ich online Schweizer Zeitungen, von «20 Minuten» bis NZZ, schliesslich bin ich ein Zürcher. Inzwischen habe ich auch einen Bäcker gefunden, der die Gipfeli fast so gut hinkriegt wie in der Schweiz. Ich wurde dank den Schweizer Soldaten der Swisscoy auf ihn aufmerksam, die ich vor seiner Bäckerei stehen sah. Nach Arbeitsschluss um fünf gehe ich nach Hause und spiele mit meinem zweijährigen Sohn. Er ist das Wichtigste für meine Frau und mich. Religion spielt in meinem Alltag keine Rolle. Ich bin gebürtiger Muslim, ich glaube an eine höhere Macht, aber schon zu Hause haben wir die Religion nicht praktiziert.
In Kosovo gibt es viele talentierte, intelligente Leute. Aber sie sind frustriert, weil sie keine Arbeit finden oder mit einem Masterabschluss kellnern müssen. Und vor allem, weil sie nicht reisen können. Sie können die Welt nicht sehen, können keine Erfahrungen im Ausland sammeln. Es wollen nicht gleich alle im Ausland ein neues Leben anfangen. Im Krieg ist es anders, da musst du weggehen. Aber du lässt nicht einfach alle Freunde zurück und gehst in ein fremdes Land, nur weil es dir dort materiell bessergeht.
Nur die wenigen, die das Glück haben, ein Visum zu bekommen, können reisen. Den anderen bleiben die Träume und das Internet. Sie sehen das wahre Leben, aber leider nur digital. Viele Junge sind gut ausgebildet, aber ohne Vitamin B funktioniert nichts, du musst einen kennen, damit du einen Job kriegst. Ob in einer Firma oder beim Staat, du musst immer jemanden kennen, der Beziehungen hat.
Mittlerweile merke ich, dass ich mehr Schweizer bin als Albaner, wenn ich mit Kollegen über Politik rede. Mich stören Sachen, die nicht funktionieren. Wenn das Gesetz nicht funktioniert. Wenn einer verantwortungslos Auto fährt, wenn nachlässig gebaut wird. Wenn ich über Kosovo rede, sage ich immer: Das Land ist jung, wir müssen viel lernen. Ich würde Kosovo für 99 Jahre der Schweiz verpachten. In dieser Zeit könnten wir lernen, wie man ein Land führt. Nicht, dass alle Schweizer werden sollen. Aber wir sollten das System übernehmen.
Ich bin froh um die Kosovaren aus der Schweiz, die bei uns Ferien machen. Das gibt mir Gelegenheit, Schweizerdeutsch zu reden. Aber viele haben ihnen gegenüber gemischte Gefühle. Die kommen in ihren schönen Autos, wollen einen draufmachen, ausbrechen, Party machen, das ist verständlich. Die Jungen in Kosovo können sich diesen Lebensstil nicht leisten. Aber wir sind angewiesen auf das Geld der Touristen und auf das Geld, das die Kosovaren in der Diaspora nach Hause schicken. Für manche ist das die einzige Einnahmequelle.
Meine Heimat ist beides, Kosovo und die Schweiz. Ich habe viel Schweizerisches verinnerlicht, ich bin dankbar für das, was ich lernen konnte. Vor allem, dass man ohne Arbeit nichts erreicht. Auch nicht in der Musik. Heimat hat nichts mit der Herkunft des Vaters zu tun. Man muss seine Herkunft nicht vergessen oder verleugnen, aber man sollte auch keinen falschen Stolz darauf haben. Was dich formt, ist der Alltag, egal, ob du aus Bosnien, Serbien, Kosovo oder Marokko kommst.
Jede Stadt riecht anders. Einer, der in Zürich aufwuchs, wird diesen Geruch nicht vergessen. So wie ich den Geruch der Strasse in Prishtina, in der ich aufgewachsen bin, immer noch in mir habe. Obwohl sie heute nicht mehr so riecht. Prishtina wächst sehr schnell, alles ist im Aufbau, Tradition ist nicht so wichtig. Das Zentrum wird kommerzialisiert, wo früher Wohnungen waren, gibt es heute Cafés und Boutiquen. In unserer Strasse wurde kürzlich ein gesunder alter Baum, an den ich mich aus meiner Kindheit gut erinnerte, eiskalt gefällt. Er stand einem Café im Weg. In Zürich wäre das Stoff für die Zeitungen gewesen, hier zuckten die Leute nur die Schultern.
Meine Eltern wollten nie nach Kosovo zurück, die haben sich in der Schweiz voll eingelebt. Auch meine Geschwister könnten sich das nicht vorstellen. Ob ich in Prishtina bleibe, weiss ich nicht. Ich hatte mir zwei Jahre gegeben, jetzt sind es schon vier. Die Zukunft meines Sohnes sehe ich eher in der Schweiz. Das sieht auch meine Frau so. Atis soll es gut haben, er soll eine gute Schulbildung bekommen. Er ist ja auch Schweizer Bürger, und ich glaube, dass er in der Schweiz bessere Chancen haben wird, etwas zu erreichen.
Der Traum von der Musik ist immer noch da. Ich habe vier Lieder aufgenommen, bin also dran, noch einmal ein Album zu machen. Es wird das letzte sein, heute interessiert man sich nicht mehr für Alben, nur der einzelne Song zählt. Lieder schreiben werde ich aber weiter, das ist eine Herzenssache.
Daniel Weber ist Chefredaktor von NZZ-Folio.