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Fragen, die sich der arglose Laie vor dem Hintergrund des FIFA-Skandals stellt: Ist eigentlich das IOC vor der US-Justiz sicher? Oder taugt das IOC am Ende gar als Vorbild für die FIFA?
Die Parallelen zur FIFA sind nicht zu übersehen. Auch das Internationale Olympische Komitee (kurz IOK, wobei meistens die englische Bezeichnung IOC verwendet wird) ist ein globaler Milliardenkonzern. Und wie die FIFA mit Sitz in der Schweiz (Lausanne) und der Rechtsform eines Vereins im Sinne von Art. 60ff unseres ZGB.
Das IOC hält die Schirmherrschaft über die olympische Bewegung und beansprucht alle Rechte an den olympischen Symbolen wie Fahne, Mottos und Hymne sowie an den Spielen selbst. Es ist ein Milliardengeschäft. Die Spiele von 2014 (Sotschi) und 2016 (Rio) spülen 3.35 Milliarden Dollar alleine an TV-Einnahmen in die Kassen. 2002 (Salt Lake) und 2004 (Athen) lagen diese Einnahmen noch bei 2.2 Milliarden. Das IOC hat seine Reserven um mehr als eine halbe Milliarde Dollar verdreifacht.
Wie die FIFA mit der WM hat auch das IOC mit den Winter- und Sommerspielen Milliardenanlässe im Vierjahres-Turnus zu vergeben. Der britische Journalist Andrew Jennings fasste die IOC-Kritik 1992 in einem Buch («Geld, Macht und Doping – das Ende der olympischen Idee») zusammen. Beim IOC ging es nicht nur um Kritik am Gigantismus der Spiele, die Vergabe an nichtdemokratische Staaten und um Doping. So wie heute die FIFA, hatte sich auch das IOC in der Vergangenheit mit Korruptionsvorwürfen zu beschäftigen.
Die Strategie der US-Justiz ist so simpel wie wirkungsvoll. Gibt es genug Material, wird Anklage gegen Einzelpersonen und das Unternehmen erhoben. Das Verfahren endet oft mit Milliardenzahlungen des Unternehmens. So war es bei den Banken, so könnte es bei der FIFA laufen.
Der ehemalige FIFA-Kommunikations-Direktor Guido Tognoni, der intelligenteste FIFA-Kritiker, ist auch ein exzellenter Kenner der internationalen Sportszene. Er sieht keine akute Gefahr für das IOC und sagt warum. «So wie ich das sehe, hat das IOC nach den Korruptionsvorwürfen die Hausaufgaben gemacht.»
Es gibt allerdings hochrangige IOC Mitglieder, die sich schon ein wenig Sorgen machen, die bei ihrem Statement jedoch anonym bleiben möchten. Die Sorge: In zwei Jahren werden die Sommerspiele von 2024 vergeben. Dabei könnten die USA gegen einen europäischen Bewerber so verlieren wie bei der Vergabe der Fussball-WM 2022 nach Katar. Wie werden die Amerikaner auf eine allfällige Niederlage reagieren?
Es gibt indes einen wesentlichen Unterschied zwischen dem IOC und der FIFA. Die FIFA spielt in den USA (sport)-politisch und wirtschaftlich keine wichtige Rolle. Das IOC hingegen schon. Der Olympische Sport hat in den USA einen enormen Stellenwert und amerikanische TV-Sender (NBC) haben für 4.38 Milliarden Dollar die Übertragungsrechte bis zu den Spielen 2020 gekauft.
Die Beisshemmung der US-Justiz dürfte im Falle eines Falles wesentlich geringer sein als im Falle der FIFA. Zudem ist das IOC viel weniger ein «Kartell» als die FIFA. Weil im IOC fast alle Sommer- und Winter-Sportverbände mit ihren ganz eigenen Kulturen und Strukturen vertreten sind.
Das IOC sah sich vor allem in den 1990er Jahren wegen der Vergabe der Spiele ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt wie heute die FIFA. Zuletzt ging es um die vom Schweizer IOC-Vize Marc Hodler aufgedeckten Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe der Spiele (2002 Salt Lake City). Das IOC reagierte 1999 mit einer umfassenden Erneuerung. Unter anderem mit der Bildung einer Ethik-Kommission, Alters- und Amtszeitbegrenzungen der IOC-Mitglieder und einer Neuorganisation bei Vergabe der Spiele. Sechs IOC-Mitglieder wurden auf Lebenszeit ausgeschlossen, vier traten zurück.
Das IOC als Vorbild für die FIFA? IOC-Präsident Thomas Bach hat jedenfalls soeben der FIFA selbstbewusst die Leviten gelesen und einen Reinigungsprozess nach dem Vorbild des IOC empfohlen. Wir können davon ausgehen, dass er auch persönlich so etwas wie einen Läuterungsprozess durchlaufen hat.
In seinem Wikipedia-Eintrag lesen wir nämlich (wir zitieren): «Von der Journalistenvereinigung ‹Netzwerk Recherche› bekam er in seiner Funktion als Vizepräsident des IOC am 14. Juni 2008 den Negativpreis «Verschloss Auster» für die besonders restriktive Informationspolitik des Komitees verliehen. Dieses dulde ‹seit vielen Jahren Korruption und Interessenkonflikte bei der Vergabe der Spiele› und betreibe mit seiner ‹Informationspolitik das Gegenteil von fair play.›» Aber der grosse IOC-Vorsitzende ist als ehemaliger Fecht-Olympiasieger sowieso ein Meister in der Abwehr selbst der fintenreichsten Angriffe.
Wir gehen davon aus, dass das IOC sauber und vor dem langen Arm der US-Justiz sicher ist. Allerdings dürfen wir auch ohne jede Boshaftigkeit behaupten, dass nicht alle IOC-Mitglieder unumstritten sind. Der honorige Sepp Blatter hat vorläufig nach wie vor einen Sitz im IOC.