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Gestern Donnerstag fand die Vernissage des Buchs «Chronist der sozialen Schweiz. Fotografien von Ernst Koehli 1933 – 1953» statt. Der Zürcher Grafiker und Mit-Herausgeber Raymond Naef hat einst dessen Nachlass gerettet. Wie ihm dies gelang und was den Fotografen Koehli auszeichnet, erklärt Raymond Naef im Gespräch mit Nicole Soland.
Sie haben den Nachlass des Zürcher Fotografen Ernst Koehli (1913 – 1983) gerettet. Wie kam es dazu?
Raymond Naef: Ich habe mich an ein bewährtes Motto gehalten: «Grabe, wo du stehst.» Ich lebe seit Jahrzehnten im Kreis 4. Bereits 1984 half ich mit, als der Historische Verein Aussersihl im damals neu eröffneten Zentrum Kanzlei eine Ausstellung mit Fotos über das Quartier gestaltete. Darunter waren auch einige Bilder von Ernst Koehli.
Sie haben Ernst Koehli demnach persönlich gekannt?
An seinem Schaukasten am Zett-Haus am Stauffacher, genauer an der Rebgasse 8, wo er sein Studio hatte, ging ich oft vorbei. Ernst Koehli und mein Vater hatten sich im Aktivdienst kennengelernt, die beiden haben danach noch miteinander gejasst. Ernst Koehli bin ich nie begegnet, seinen Sohn Fredi habe ich 1966 kennengelernt. Als ich für die Ausstellung von 1984 Fotos über das Quartier suchte und deshalb bei Koehli anrief, nahm jedoch seine Frau ab – und erklärte mir, ihr Mann sei kürzlich gestorben.
Und Sie erbten sein Archiv?
Zuerst einmal musste ich das Archiv davor bewahren, im Abfall zu landen. Die Witwe Koehli befand, die Fotos ihres Mannes interessierten sowieso niemandem mehr. Sie wollte alles wegwerfen. Daraufhin rief ich Fredi Koehli an, der unterdessen beim Schweizer Fernsehen arbeitete. Er versprach, mit ihr zu reden. Ein paar Tage später konnte ich etliche Bananenschachteln voller Negative und Archivkarten aus einem Keller abholen. Es waren auch viele Mittelformat-Glasnegative darunter. Einige Koehli-Fotos konnten wir in unserer Ausstellung im Zentrum Kanzlei zeigen, doch das Archiv war sehr viel umfangreicher und musste erst einmal gesichtet werden.
Heikle Glasnegative zu sichten, tönt nach ziemlich viel Arbeit.
Ich liess erst einmal ein paar Kontaktbögen von jenen Negativen machen, die uns am interessantesten erschienen. Danach wandte ich mich an die Fotostiftung Schweiz. Ihr Direktor Peter Pfrunder und sein Assistent suchten sich 25 Aufnahmen aus, von denen wir Barytabzüge fertigen liessen. Denn ein Museum sammelt keine Zwischenprodukte – und als solche gelten Negative –, sondern nur fertige Werke des Fotografen. Papierabzüge jedoch hatte Koehli keine aufbewahrt.
Was geschah mit all den Negativen, von denen weder Kontaktbögen noch Abzüge gemacht wurden?
Sie wanderten erst einmal zurück in die Bananenschachteln, und diese verschwanden in meinem Keller. Ab und zu beschäftigte ich mich damit, nahm eine Schachtel hervor, schaute Negative an. Schliesslich kaufte ich mir einen Negativ-Scanner und scannte viele ein. So liessen sich die Negative besser einordnen. Bei dieser Arbeit ging mir erst so richtig auf, welch super Material ich in den Händen hielt. Nun war mir auch klar, dass dieses ins Schweizerische Sozialarchiv gehörte: Koehlis Auftraggeber waren auch Gewerkschaften wie der VHTL und der VPOD, der Lebensmittelverein Zürich LVZ – seit 1970 unter dem Namen Coop bekannt –, der Nationalrat und Sekretär des Zürcher Gewerkschaftskartells Otto Schütz, die Berufsberatung der Stadt Zürich, das Schweizerische ArbeiterInnenhilfswerk SAH, die Sozialdemokratische Partei und so weiter.
Woran erkannten Sie, dass die Fotos nicht nur handwerklich gut gemacht, sondern tatsächlich Sozialarchiv-würdig waren?
Fürs Sozialarchiv ist Material zu sozialen Bewegungen in der Schweiz so oder so wichtig. Ich war aber überzeugt, dass Koehli ein guter Fotograf war, und andere pflichteten mir bei, darunter Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs und Stefan Länzlinger, Leiter Archiv ebendort.
Was fanden Sie über Koehli als Person heraus?
Er begann gleich nach der Schule mit dem Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Zürich und machte dort von 1932 bis 1934 bei Hans Finsler die Ausbildung zum Fotografen. Selbstständig gemacht hat er sich bereits in jungen Jahren. Er hatte zudem einen guten Draht zu seinem Schwager, dem Sekretär des VHTL und Nationalrat Hermann Leuenberger. Diese Verbindung bescherte ihm Aufträge unter anderem auch von VPOD und SP. Koehli war ein klassischer Auftragsfotograf: Man konnte ihn schicken, wohin man wollte, und er kam mit guten Fotos zurück. Er machte auch Sachaufnahmen sowie Hochzeits- und Porträtfotografien.
Haben Sie eine These, wieso ein Fotograf, der derart überzeugende Arbeiten ablieferte, beinahe in Vergessenheit geraten wäre?
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam die Fotoreportage auf, und Fotoreporter wie Hans Staub, Theo Frey oder Werner Bischof gingen in die Geschichte ein. Nach dem Krieg haben sie beispielsweise kriegsversehrte Kinder fotografiert; diese Kinder durften nach dem Krieg für drei Monate zur Erholung in die Schweiz reisen. Das hat zwar auch Ernst Koehli gemacht. Er tat es allerdings nur, weil Hermann Leuenberger ihm sagte, er solle bei der Ankunft der «Holländerkinder» Fotos machen. Also hat Koehli die Kinder mit Empathie fotografiert – aber ihm selber wäre es nie in den Sinn gekommen, dieses Ereignis festzuhalten. Er war kein Journalist und kein Reporter, sondern ein reiner Auftragsfotograf, der zuverlässig die bestellten Bilder ablieferte.
Wie kamen Sie darauf, Koehlis Fotografien als Buch herauszugeben?
Nach dem Digitalisieren von mehreren Hundert Aufnahmen fürs Sozialarchiv hatte ich Lust bekommen, etwas damit anzufangen, was über die Archivierung hinausging. 2016 gestaltete ich in Zusammenarbeit mit dem Historiker Christoph Schlatter vom VPOD eine kleine Wanderausstellung mit Fotos von Ernst Koehli.
Der Anstoss zu einem umfassenderen Projekt kam kurze Zeit später von der Lektorin, mit der ich das Büro teile. Sie arbeitet beim Verlag Hier und Jetzt. Auf meinem Pult lagen eines Tages ein paar Aufnahmen von Koehli. Sie warf einen Blick darauf und ermunterte mich, ein Dossier «Koehli» für ihren Verlag zusammenzustellen.
Und schon war das Buch aufgegleist?
Nein, so schnell ging es nicht. Beim Verlag schauten sich die VerlegerInnen das Material genauer an. Von den Bildern waren sie alle begeistert. Doch sie fürchteten den grossen Aufwand und die hohen Kosten, die das Recherchieren und Beschreiben der historischen Aufnahmen für eine Publikation verursacht hätte. Also packte ich alles wieder ein.
Doch es liess Ihnen keine Ruhe?
Ja, und irgendwann kam mir der Gedanke, die Arbeit an diesem Projekt würde sich vielleicht auf Menschen aufteilen lassen, die sie als Freiwilligenarbeit, also unentgeltlich leisten konnten. Christian Koller, Stefan Länzlinger und Christoph Schlatter vom VPOD waren als Autoren sofort dabei. Auf einer Wanderung sprach ich Koni Loepfe an, und er sagte zu, ebenso mein Freund und Nachbar Hannes Lindenmeyer. Zu Sechst machten wir uns nun an die Arbeit.
Wie teilten Sie sich diese auf?
Die Kapiteleinteilung entwarf Christian Koller. Jedes der Hauptkapitel «Betriebe und Berufe», Politische Mobilisierung und Streik», «Freizeit, Arbeiterkultur und Ruhestand» sowie «Internationale Solidarität» umfasst mehrere Artikel zu verschiedenen Fotoreportagen Koehlis. Die Verteilung der Themen erfolgte gemeinsam.
Als siebte Autorin konnte ich die Schriftstellerin und Historikerin Melinda Nadji Abonji gewinnen. In einem ihrer Texte erhält man einen Einblick in den Beruf der Krawattennäherin um 1944. Ebenfalls in dieses Kapitel gehört die Zigarrenproduktion im Aargauer Stumpenland. Mobilisiert wurde 1943/44 auf dem Zürcher Münsterhof für eine «Neue Schweiz», und 1953 streikten die Zürcher Maler. Im Bürgerheim in Herisau halfen anno 1946 die betagten Menschen in Haus und Hof mit, so gut sie noch konnten. Nach dem Krieg organisierte das SAH die Wiederaufbauhilfe in Nordfrankreich, und in Lenzburg wurden Hilfspakete für die Hungernden in Europa zusammengestellt.
Die Gestaltung des Buches ist Ihr Werk, nehme ich an?
Ja, ich habe das Format bestimmt, mit den AutorInnen die Fotos ausgewählt und das Layout gemacht.
Herausgekommen ist das Buch nichtsdestotrotz im Verlag Hier und Jetzt: Wie war das nach der ursprünglichen Absage möglich?
Wir präsentierten dem Verlag nun viele fertig geschriebene Beiträge und ca. 140 Seiten Layout. Dies überzeugte nun den Verleger Bruno Meier. Er machte sich gleich auf die Suche nach möglichen GeldgeberInnen, und schon bald wurden uns genügend Beiträge zugesichert. Vor einem dreiviertel Jahr war klar, das Buch sollte Ende Oktober erscheinen.
Nun lief alles rund?
Ja, das Gemeinschaftswerk hat mir grosse Freude gemacht, wir konnten die Arbeit wie geplant termingerecht abwickeln. Soviel ich weiss, sind alle Beteiligten zufrieden mit dem Resultat.
Und der nächste Streich folgt sogleich?
Einen zweiten Band wird es kaum geben. Wir haben das Spannendste auf den 272 Seiten unseres Buches untergebracht. Aber: unzählige Fotos von Koehli sind im Sozialarchiv für alle Interessierten zugänglich.
Gibt es tatsächlich keine offenen Fragen mehr?
Spannend wäre es natürlich, mehr über Ernst Koehli herauszufinden: Über ihn ist nach wie vor nur wenig bekannt. Das Porträt von Koehli, das auf Seite 19 abgedruckt ist, wurde um 1947 in seinem Studio an der Rebgasse 8 aufgenommen. Es scheint die einzige Aufnahme von ihm zu sein. Als ich sie fand, war ich nicht sicher, ob der abgebildete Mann tatsächlich Ernst Koehli war, ich konnte es nur vermuten. Also zeigte ich das Bild überall herum. Die Bestätigung lieferte mir schliesslich der frühere SP-Nationalrat Ueli Götsch. Er war einst von Koehli fotografiert worden und erkannte ihn gleich wieder.
Christian Koller, Raymond Naef (Hg.): Chronist der sozialen Schweiz. Fotografien von Ernst Koehli 1933 – 1953. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019, 272 Seiten, 230 farbige und schwarz-weiss-Fotografien, 59 Franken.