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Psychologie
Parallelwelten
Wer schon einmal mit Menschen zu tun hatte, die unter Depressionen leiden, weiss, dass man letztlich nicht wirklich verstehen kann (es sei denn, man kennt solche Seelenzustände aus eigenem Erleben), was in einem solchen Menschen wirklich vorgeht. Deshalb ist man froh drum, dass es "Drüberleben" gibt, denn dieses exzellente Buch vermittelt auch dem Nicht-Direkt-Betroffenen eine gute Vorstellung von der Welt, in der unter Depressionen leidende Menschen leben.
"Drüberleben" sind zwei Zitate vorangestellt, das eine stammt von Dostojewskij, das andere von Lydia Daher: "Wir können uns nicht helfen, wir können uns nur retten" - und mehr, so der Eindruck bei der Lektüre dieses fulminanten Werkes, scheint in der Tat nicht drin.
"Depressionen sind doch kein Grund traurig zu sein", heisst der Untertitel, von dem die Autorin in einer Talkshow meinte, das sei natürlich ironisch gemeint.
Die Protagonistin des Buches, Ida Schaumann, leidet unter Depressionen, Angst, bleierner Müdigkeit, Sinnlosigkeitsgefühlen und Panikattacken und wäre eigentlich am liebsten gar nicht auf der Welt: "Jeder Versuch, einen Tag so zu verbringen, dass er mit dem eines Menschen vergleichbar wäre, dem die anderen nicht raten würden, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, scheitert schon bei dem kläglichen Unterfangen, vor dreizehn Uhr das Bett zu verlassen."
Ihre Ängste trinkt sie weg. "Nun, normalerweise betrinke ich mich, wenn es finanziell möglich ist, täglich und für gewöhnlich ab mittags." Sie geht in eine Klinik und schildert anschaulich, wie sie Personal und Mitpatienten erlebt. Gut findet sie dort nicht zuletzt, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sein muss. Besonders eindrücklich zeigt sie auf, wie komplex und differenziert ("Das Problem ist, dass wir allzu gern eine Lösung wünschen, die dem Ursache-Wirkung-Prinzip gefährlich gefällig ist ...") Depressive sich selber und, das fand ich überraschend, auch Therapeuten wahrnehmen. Warum-Fragen quälen sie: "Die meisten haben unschöne, manchmal sogar grausame Dinge erlebt, aber das haben tausend andere auch. Und die sind trotzdem nicht in der Psychiatrie." Und kommt dann zu einem (vorläufigen) Schluss: "Es ist so: Die Frage kann nicht lauten, warum ich etwas finde oder nicht finde. Die Frage müsste viel mehr lauten, warum die anderen etwas finden oder nicht, Ich finde es zum Beispiel in Ordnung traurig zu sein. Ich finde es auch in Ordnung, über Dinge nicht hinwegzukommen ...".
Depressive leben in Parallelwelten, und warum auch nicht, solange sie sich nicht selber ernstlich schaden? Ida Schaumann "hat nie aufgehört, das Mädchen zu sein, das sich das Leben ausdenkt, das sie gern hätte, während die den Damen und Herren in der Psychiatrie einmal pro Woche das Leben präsentiert, das sie in Wahrheit führt: Ein Leben zwischen Exzess und Lethargie, zwischen Verzweiflung und Apathie."
Aufschlussreich fand ich auch die Ausführungen zum Thema Beziehungen: "Er liebt deine Macken, weil er sie für solche hält und weil er noch gar nicht weiss, was ihm noch blüht ...". Als ein ihr wohlgesinnter Mann ihre Nähe sucht, sagt sie: "Ich bin krank, und das schon ziemlich lange. Und ich wollte die ganze Zeit nicht alleine sein, aber zu zweit sein ist keine Option. Ich bin nicht ganz, ich bin irgendwie beschädigt, und ich will nicht mit dir befreundet sein." Ein paar Seiten weiter lässt sie eine junge Frau sagen: "Und dann hat sie gesagt, dass ich wahrscheinlich gar keine Beziehung will und deshalb die Männer von vorneherein so manipuliere, dass sie mich verlassen müssen, stell dir das mal vor. Die spinnt doch" und kommentiert dies so: "Ich lächle. Es ist das Lächeln eines Menschen, der eine Wahrheit erst vor kurzem erkannt, sie aber jetzt, jetzt in diesem Augenblick, endgültig begriffen hat."
Die Hoffnung, sich nach dem Aufenthalt in der Klinik grundlegend verändert zu haben, bestätigt sich nicht. Die anschliessenden Begegnungen mit Freunden und ihren Eltern in der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, sind ebenfalls alles andere als ermutigend, doch dann geschieht eben doch etwas ...
Kathrin Weßling hat einiges erlebt und überlebt, kann schreiben, und sie versteht, Erfahrungen zu vermitteln - mit "Drüberleben" ist ihr nicht nur ein in jeder Hinsicht überzeugendes Debüt, sondern ein notwendiges und hilfreiches Buch gelungen.