Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03569.jsonl.gz/3020

|Hoch- und Tiefbau|

Der Bildweg entwickelt
seine Geschichte von zwei Seiten her. Wir könnten diese beiden Seiten technisch als
diejenigen des Hoch- und des Tiefdrucks bezeichnen. Der Hochdruck - die erhöhten Linien,
die sich auf das Papier abreiben - führt zu einem achten Bild hin. Der Tiefdruck, das
Relief der Ätzungen, zeigt ein einzelnes Bild, ein Einzelgeschehen an einer der sieben
Stationen. Die erhöhten Linien des Hochdrucks werden von den Bildern des Tiefdrucks
getragen. Das achte Bild gründet so auf allen Einzelbildern der sieben Tiefdruckbilder.
Und auch umgekehrt: Jedes Einzelbild gründet in seiner Zusammenfassung mit den anderen
Stationen im achten Bild.

Jede einzelne Kupferplatte könnte als Tiefdruckbild betrachtet werden, indem ein Kupferdruck davon hergestellt wird, die Vertiefungen mit Farbe gefüllt und diese Farbe unter der Kupferdruckpresse vom weichen Büttenpapier aus den Vertiefungen herausgehoben wird. Es sind dann in diesem einzelnen Kupferdruck der Platte auch die einzelnen, weissen Linien des Hochdrucks zu erkennen. Erst vom achten Bild her aber lässt sich erfahren, welche Elemente des einzelnen Tiefdruckbildes, welche Linien zum achten Bild beitragen. Aus diesem Zusammenwirken entfalten sich die Geschichten; es sind Erzählungen nicht nur über die einzelnen sieben Stationen, nicht nur über das achte Bild, sondern auch über die Zusammenhänge der Bildelemente der einzelnen sieben Stationen.
Wird der Bildweg lediglich als Herstellungsprozess eines Bildes betrachtet, dann geht die Dimension der Einzelbilder des Tiefdruckes verloren. Die Einzelbilder der Existenz - die Lebensphasen - werden dann als überflüssige dekorative Verschnörkelung der Hochdruckplatte erlebt. Die Ausgestaltung der einzelnen Stationen scheinen beliebig austauschbar: Sie werden nur in Funktion ihres Zweckes wahrgenommen, nämlich: die Hochdruckstellen zu tragen. Die Stimmung, die bei dieser Betrachtungsweise im Menschen herrscht, ist diejenige, dass die Existenz sinnlos ist und nur dazu dient etwas unfassbar Jenseitigem zu seiner eigenen Einbildung zu verhalfen. Religiöser Fundamentalismus nährt sich aus dieser einäugigen Sichtweise.
Andererseits kann aber auch die Zusammenfassung zu etwas unergründlich Ganzem verlorengehen, dann nämlich, wenn die einzelne Station des Tiefdrucks verabsolutiert wird, und sie die Trägerschaft ihrer Hochdrucklinien übersieht, verdrängt oder verleugnet. Die eigentlichen Mittel zu dieser Verdrängung heissen: Stillstand, indem man sich weigert auf dem Weg weiterzugehen; oder Zerstreuung indem man die Erinnerung an die früheren Stationen des Weges verliert oder betäubt. In beidem Falle wird jede Möglichkeit einer Zusammenfassung verleugnet. Die Stimmung, die in solcher Sichtweise im Menschen herrscht, ist diejenige einer zusammenfassungs- und deshalb beziehungslosen Begeisterung für Einzelmomente der Existenz. Materialismus und Gottlosigkeit gründen in dieser einäugigen Betrachtungsweise des Lebens.
Eine verbindliche Sichtweise des Bildwegs oder des Lebens würde bedeuten: Jede Phase als eine in sich geschlossene Seinsgestalt des Menschen wahrzunehmen und in ihren Wandlungen das grossartige Geschehen der Zeit und des Raumes, des Wachsens und der Welt des Menschen zu erleben, und aber auch: aus der Eindeutigkeit und Einzigartigkeit dieser Abfolge die Linien zu einer noch umfassenderen, den ganzen Menschen bestimmenden Seinsgestalt zu erkennen, die wir Gott nennen.
Der Bildweg erzählt von zwei Seiten ein achtes Bild, wie der Mensch im Verlauf seines Lebens von zwei Seiten her an seinem Ganzen baut: Mit dem Tiefbau seiner Verwurzelung, der Verankerung im Fundament der jeweiligen Einzelphasen seiner Existenz und mit dem Hochbau, der Treue zur Trägerschaft und Sammlung seiner erhöhten Linien zum Bild seines ganzen Lebens.
Romano Guardini spricht unter dem Titel "Phase und Zusammenhang" in seinem Vortrag "Die Lebensalter" von den beiden grundsätzlichen Gesichtspunkten des Lebens als der Spannung "zwischen der Selbigkeit der Person und dem Wandel ihrer näheren Bestimmung."
Feedback