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Allein im prestigeträchtigen Centre-Court von Wimbledon bedürfen 54 Millionen Graspflänzchen der Pflege und Fürsorge von Neil Stubley. Sie gehören alle zur Gattung Weidelgras – Eindringlinge werden nicht geduldet, geschweige denn Unkraut. Ab morgen Montag, wenn das berühmteste Tennis-Rasenturnier der Welt wieder beginnt, werden die Halme jeden Vormittag auf die ideale Spielhöhe von acht Millimetern geschoren – oder, landesüblich, wohl eher auf ein Viertelzoll.
Der 47-jährige Stubley ist zum fünften Mal für die Beschaffenheit der 18 Turnierplätze und der 22 Trainingsplätze des All England Lawn Tennis and Croquet Club verantwortlich. Er ist erst der achte Inhaber dieses Amtes seit dem ersten Wimbledon-Turnier von 1877; und er nimmt seine Pflichten ernst: In schlaflosen Nächten ersinnt er mögliche Pannen und Probleme sowie praktische Abhilfen für diese fiktiven Katastrophen.
Tierische Hilfe
Dabei helfen ihm nicht allein 16 vollamtliche Gärtner, sondern auch Rufus, der Falke. Während des Turniers wird Rufus jeden Morgen um fünf himmelwärts fliegen, um lästige Tauben und anderes Geflügel von den kostbaren Rasenflächen fernzuhalten. Nach vier Stunden ist sein Tagewerk bewältigt, dann sollten die Tauben ihre tägliche Lektion gelernt haben – die Spiele können beginnen.
Es entsprang kaum der Willkür, dass die seriöse «Financial Times» die Bürden von Neil Stubley unlängst mit jenen des Gouverneurs der Bank of England verglich. Beide sind für ikonische Elemente der englischen Identität verantwortlich: das Pfund und den grünen Rasen.
Als Asterix und Obelix 1966 England besuchten, rasten sie mit Pferd und Wagen über den Rasen eines entsetzten, schnauzbärtigen Einheimischen, der sein Gras mit einer winzigen Sichel und einer Giesskanne betreute. Allein, die Erfindung des Rasens geht nicht in die Römerzeit zurück. Sie ist eng mit der «Erfindung» des englischen Landschaftsgartens im 18. Jahrhundert verknüpft.
Anfänglich konnten nur schwerreiche Grossgrundbesitzer von den grünen Teppichen träumen, die ihre künstlich geschaffenen Parklandschaften auspolsterten. Heute ist auch das kleinste Rasenstück vor oder hinter dem Reihenhäuschen der Stolz jedes patriotischen Engländers.
Gründliche Ausbildung
Stubley stiess 1995 als Lehrling zu den Graspflegern von Wimbledon. Da hatte er schon als Koch gearbeitet und eine dreijährige Ausbildung im Gartenbau hinter sich. Unter den Fittichen des langjährigen «Head Groundsman» Eddie Seaward lernte er sein Gewerbe, bis er im Jahr 2012 dessen Nachfolge antrat.
Als solcher ist er Herr über einen hochmodernen Maschinenpark, mit dem die Tennisplätze gewalzt, angesät, gemäht, gedüngt und gelegentlich – zur Lüftung – auch systematisch durchlöchert werden. Jeden Frühling werden die Rasenflächen mit neun Tonnen Saatgut frisch besät. «Wir bereiten die Plätze vor, bringen sie in einen Top-Zustand, dann kommen die Spieler und trampeln auf ihnen herum. Und dann starten wir den Prozess wieder von vorne», beschrieb Stubley einem Tennis-Fachmagazin einmal seinen Berufsalltag.
Zumindest der Centre-Court verfügt zwar inzwischen über ein Schiebedach gegen die Launen des englischen Wetters, doch die Feuchtigkeit der Spielfläche bleibt eine der Hauptsorgen des Häuptlings über alle Grashalme. Ist der Boden zu trocken, dann schlagen die Bälle auf dem harten Grund allzu schnell ab, ist er aber zu feucht, wird das Spiel zähflüssig, und die Spieler rutschen aus. Nur aufgrund jahrelanger Erfahrung kann über die korrekte Bewässerung entschieden werden.
Er sorgt sich, ein Fuchs könnte nächtens auf seinen Rasen pinkeln.
Obwohl Stubley aus privilegierter Position die Grössen der Tenniswelt beim Spiel betrachten kann, gehört seine wahre Leidenschaft einem anderen Rasensport. Er ist Fan des Fussballklubs Arsenal, der am anderen Ende der Stadt seine Partien im Emirates Stadium austrägt – auf einem hervorragenden Rasen übrigens, wie Stubley einräumt.
Voraussicht, Geduld und Langsamkeit sind wohl die ausschlaggebenden Tugenden in diesem seltenen Metier. «Bis zu vier Wochen vor dem Turnier können wir alle Probleme bewältigen», wird er zitiert, «nachher wird es schwieriger.» Er sorgt sich, ein Fuchs könnte nächtens auf seinen Rasen pinkeln – mit entsprechend dürren Konsequenzen ein paar Tage später.