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Umwelt
Mensch und Naturkatastrophen
Extreme Naturereignisse im Ostalpenraum - ein Titel, der sich vordergründig nach einer Untersuchung über ein äußerst spezielles Forschungsthema anhört, das allenfalls von regionalem Interesse sein dürfte. Doch dieser Eindruck täuscht, schafft Christian Rohr es doch, dem Leser über die regionalen und speziellen Themen hinaus den Blick für die übergreifenden Fragestellungen zu öffnen, die sich aus seinem Thema ergeben.
Bereits in dem einführenden ersten Kapitel "Mensch und Naturkatastrophe - ein aktuelles Thema in einem historischen Kontext" (S. 13-18) zieht der Autor Bezüge zur Gegenwart, und weist auf die besondere Bedeutung der Untersuchung der Wahrnehmung und damit auch der Bewältigung von derartigen Katastrophen hin, bevor im zweiten Kapitel, "Extreme Naturereignisse und Naturkatastrophen als Thema der historischen Forschung" (S. 19-49) eine methodologische Einführung gibt und den Forschungsstand zusammenfasst.
Das dritte Kapitel, "Überlegungen zum Wesen von Naturkatastrophen aus kulturgeschichtlicher Perspektive" (S. 50-68), ordnet die vorliegende Untersuchung in den kulturgeschichtlichen Kontext ein, bevor im vierten Abschnitt (S. 69-104) die Quellenlage und die verschiedenen Quellengattungen für den Ostalpenraum im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit erfreulich ausführlich dargelegt werden.
In den folgenden Kapiteln werden jeweils verschiedene Arten von Naturkatastrophen behandelt, wobei in jedem dieser Kapitel neben grundlegenden Einführungen und Hinweisen auf das Vorkommen der jeweiligen Katastrophe in der Bibel eine Schilderung von exemplarischen Fällen und deren Bewältigung erfolgt, worauf eine zusammenfassende Bemerkung den Abschnitt abschließt. Im Einzelnen werden behandelt Erdbeben im Ostalpenraum (S. 105-179), "Bergstürze und andere Massenbewegungen" (S. 180-200), Überschwemmungen (S. 201-398), Lawinen (S. 399-420), "weitere extreme Witterungen (S. 421-452), Tierplagen (S. 453-516) und "astrologische" Katastrophen (S. 517-546). Zum Schluss erfolgt ein Resümee, in welchem der Autor die "Probleme und Potenziale einer vergleichenden kulturgeschichtlichen Auseinandersetzung mit extremen Naturereignissen" aufzeigt (S. 547-553), bevor Anhänge, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein ausführliches Register den Band abrunden.
Bei seiner Untersuchung der genannten extremen Naturereignisse hat Christian Rohr nach eigenem Bekunden die drei Aspekte der Wahrnehmung, der Deutung und der Bewältigung dieser Ereignisse in den Mittelpunkt gestellt. Er schafft es überzeugend darzulegen, dass der Mensch des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ein grundlegend anderes Verhältnis zur Natur hatte, als es für den heutigen Menschen gilt, der sich der Gefahren, die durch solche Naturereignisse drohen, nicht mehr so gewärtig ist wie seine Vorfahren. Diese Erkenntnis steht in direktem Zusammenhang mit einem weiteren, überraschenden Ergebnis dieser Studie, kann Rohr doch belegen, dass der Mensch des Mittelalters in extremen Naturereignissen - mit Ausnahme hauptsächlich der Heuschreckenplagen und "astrologischer Katastrophen" wie einer Sonnenfinsternis - weit weniger eine gottgewollte Strafe gesehen hat als es für den Menschen der Frühen Neuzeit gilt, was vermutlich mit der Reformation und dem entsprechenden Bewusstseinswandel in Verbindung zu bringen ist. Auf weitere Aspekte, wie zum Beispiel regionale Unterschiede, den unterschiedlichen Umgang der Geschlechter mit Katastrophen und die Auswirkung des sozialen Status der Betroffenen auf ihre Wahrnehmung eines solchen Ereignisses weist der Autor abschließend als ausdrückliche Desiderate der Forschung hin.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass es sich über ein äußerst lesbar geschriebenes, anregendes Werk handelt, dass weit über den geographischen Untersuchungsraum hinaus Anregungen für weitere Forschungen bietet, aber auch für den am Mittelalter und dem mittelalterlichen Menschen Interessierten ein ausgesprochenes Lesevergnügen und eine Fundgrube darstellt.