Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03625.jsonl.gz/1224

Ich konzentrierte mich nach dem letzten 24h-Lauf in Basel (Mai 2007) nur noch auf kürzere Distanzen (40-60km). Alle Wettkämpfe, welche länger als 12h dauerten, interessierten mich nicht im Geringsten. Im Mai dieses Jahres startete ich am 12h-Nachtlauf in Dornbirn. Doch schon bald galt mein Interesse mehr der Verpflegung. Das Laufen war nur noch Nebensache. Etwa in der Hälfte des Wettkampfes war ich dann müde (wahrscheinlich vom Essen) und ging 3h schlafen.
Irgendwann wurde ich von einem Laufkollegen auf den 12/24h-Lauf in Brugg aufmerksam gemacht. Dieser Lauf wird dieses Jahr zum ersten Mal durchgeführt. Nach langem Überlegen entschloss ich mich für einen Start am 24h-Lauf in Brugg. Meine Frau Ivana kam als Begleitung mit nach Brugg. Sie würde mich während des Tages betreuen. In der Nacht wollte ich bewusst „betreuerlos“ sein. Ebenso verzichtete ich auf einen Schlafsack im Zelt. Lange Zeit wusste nur meine Frau, dass ich in Brugg starten werde.
Wir trafen am Samstag, 4. Oktober um ca. 09.30 Uhr in Brugg ein. Als erstes bauten wir unser Zelt auf und richteten uns gemütlich ein. Danach holten wir meine Startnummer und die T-Shirts bei der Registration im Pontonierhaus ab. Bis zum Start dauerte es noch eine Weile. Da es nicht allzu warm war, gingen wir in die Festwirtschaft im Start- und Zielbereich. Dort tranken wir einen Kaffee und assen ein Stück Kuchen. Das Wetter liess zu wünschen übrig. Es war sehr wechselhaft und kühl. Einmal regnete es, dann kam wieder die Sonne.
Pünktlich um 12.00 Uhr erfolgte der Start. Die schnellen Läufer zogen davon und hatten schnell einige Runden Vorsprung. Ich startete eher langsam, da ich die 24h durchlaufen wollte. In regelmässigen Abständen nahm ich Flüssigkeit und Nahrung zu mir. In der Verpflegungszone legte ich jeweils Gehpausen ein. Während dieser Zeit plauderte ich mit Ivana und anderen Läufern.
Nach ca. 3h laufen begann es sehr stark zu regnen. Innert kurzer Zeit war ich völlig durchnässt. Nach ungefähr einer Stunde Dauerregen beruhigte sich das Wetter wieder. Ich entschloss mich, etwas früher als geplant, frische Laufkleider anzuziehen. Zum guten Glück wurde das Wetter dann immer besser (was nicht heisst das es wärmer wurde). Nach 5h hatte ich den ersten Marathon geschafft. So gegen 17.30 Uhr ging ich mit Ivana gemütlich in die Festwirtschaft etwas Warmes essen. Nach dieser kurzen Pause lief ich dann wieder Runde um Runde. Nach 9.5h war ich schon mehr als 70km gelaufen. Um die Belastung auf meine Bein- und Hüftmuskulatur weiter zu reduzieren, legte ich ab und zu sogar eine „Wander-Runde“ ein. Als es langsam dunkel wurde, zündete der Veranstalter die Lichter entlang der Laufstrecke an. Nachdem Ivana sich so gegen 23.00 Uhr schlafen gelegt hatte, begann für mich der schwierigste und härteste Teil des Laufes: Nämlich die Nacht.
Um Mitternacht starteten dann auch die 12h-Läufer. Jetzt herrschte reger Betrieb auf der Laufstrecke. Immer wieder wurde man überholt. Meinen 2 Marathon (84km) hatte ich nach 12h 15min gelaufen. Ich fühlte mich noch gut und die Freude am Laufen war mir noch nicht vergangen. Im Gegenteil! Mein nächstes Ziel waren die 100km. Es waren ja „nur“ noch 16km bis dahin. Aber so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, war es dann doch nicht. Es kamen dann rasch die ersten kleinen Krisen, Schmerzen und es wurde kälter. Ich liess mich aber nicht unterkriegen und lief weiter.
Genau um 02.01 Uhr war es soweit: Seit über 14h war ich am Laufen. Noch nie war ich so lange gelaufen. Nach fast 15h ununterbrochen Laufen, die einzige längere Pause war das Nachtessen mit Ivana, hatte ich die 100km-Marke erreicht. Das nächste Ziel, der 3. Marathon, war nun in greifbarer Nähe. Aber langsam fühlte ich mich richtig kaputt und es war nur noch 2-3 Grad warm. Ich wollte mich jetzt einfach eine Weile im Vorzelt auf den Stuhl setzen. Aus „der Weile“ wurde mindestens eine halbe Stunde, in der ich auch etwas schlief. Nachdem ich wieder aus dem Zelt gekrochen war, schlurfte ich eine Runde und setzte mich ans warme Feuer, um mich etwas aufzuwärmen. Als ich so am Feuer sass, fiel mir auf, dass ich in der Zwischenzeit auf dem 11. Rang war. Mich trennten nur 6 Runden vom 10. Rang. Ich raffte mich auf und begann wieder mit laufen. Der Läufer auf dem 10. Rang war am Schlafen und machte mir die Aufholjagd sehr einfach. Irgendwie schaffte ich es Runde um Runde zu laufen. Kurz bevor ich den „schlafenden Läufer“ (übrigens unser Zeltnachbar Dominik) überrunden konnte, kroch dieser aus dem Zelt und lief ganz frisch an mir vorbei. Da es für mich unmöglich war, das Tempo zu verschärfen, begrub ich die Hoffnung auf den 10. Rang. Ich genoss einfach die Morgenstimmung, machte Fotos und lief meine Runden.
Ich wollte gerade etwas aus dem Zelt holen, da hörte ich, dass Ivana wach war. Wir liefen gemeinsam eine Runde und tranken in der Festwirtschaft einen Kaffee. Mein linkes Knie schmerzte in der Zwischenzeit sehr stark und Laufen war nur noch sehr schwer möglich. Während Ivana begann das Zelt abzubrechen und das Auto zu beladen, lief ich weiter. Um 08.30 Uhr war mir dann so kalt, dass ich einfach nur unter die heisse Dusche wollte. Tat das gut. Nach dem Duschen zog ich mir frische Laufkleider an und lief wieder weiter. Aber nach ein paar Runden, mit abwechselnd laufen und gehen, wurden die Schmerzen noch schlimmer. Nach weiteren 1-2 Runden, nur noch mühsames gehen war möglich, entschloss ich mich zum Abbruch. Laufen ging nicht mehr und 3h lang im Kreis gehen und frieren wollte ich auch nicht. Wir gaben den Chip bei der Rennleitung ab und verabschiedeten uns.
Bei meinem 3. Start an einem 24h-Lauf bin ich rund 20.5h ohne grössere Pausen gelaufen. In dieser Zeit habe ich 115.9km zurückgelegt. Auch wenn ich nicht die vollen 24h laufen konnte, bin ich absolut zufrieden. Ich weiss jetzt was es braucht, um einen solchen Lauf komplett durchzulaufen und ohne grosse Nachwehen zu überstehen.
Danke Ivana, für die tolle Unterstützung.
In den Tagen danach hatte ich „nur“ im linken Knie schmerzen. Muskelkater hatte ich gar keinen. Die Müdigkeit war nach ein paar Tagen verflogen. Dieser 24h-Lauf war für mich der perfekte Saisonabschluss.
Hier findest Du den Bericht 24h-Lauf Brugg, 4. – 5. Oktober 2008.