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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
„Eine Strandhütte für Gordon Brown?“ – Dieser Untertitel stand auf der Titelseite von „Homes & Property“, der am Mittwoch, 30.07.2008, erschienenen Beilage des „Evening Standard“. Einen solchen giftigen Einzeiler hätte ich gewiss nicht gewählt.
Diese um die Sommerzeit von vielen Engländern beliebten „Beach huts“ stehen schnurgerade aneinander gereiht an vielen Meeresstränden, auch in Southwold, wo der britische Premier gegenwärtig seine Ferien verbringt. Unterwegs nach Hastings sichtete ich vor einer Woche eine sehr lange Reihe solcher Hütten am Strand von „Bexhill-on-Sea“. Ein Bekannter hatte uns einst zu seiner Hütte an diesem Ort eingeladen. „I am terribly sorry“, musste ich ablehnen, „we are otherwise engaged …”
Noch vor wenigen Jahren konnte man solche Hütten für wenig Geld erwerben. Heute kostet der Spass in Bexhill-on-Sea rund £ 16 000. Im mondäneren Meeresort Southhold muss ein Käufer zwischen £ 35 000 bis £ 90 000 hinblättern, meistens für eine Pachtdauer von 25 Jahren. In Mudford (Dorset) herrschen Spitzenpreise: zwischen £ 130 000 und £ 150 000 – der Wert einer Ein-Zimmer-Wohnung im bescheidenen Londoner Stadtteil von Streatham.
Und was kriegt man dafür? Eine kleine „Schrebergarten-Hütte“ – einen Schuppen oder eine Bretterbude, wie in meinem Garten (leider zum Abstellraum degradiert). Eine neue Hütte in der Durchschnittsgrösse von 6 ft auf 6 ft (1,83 m auf 1,83 m) kostet £ 1900, und muss wegen der Meeresnähe einmal im Jahr neu gestrichen werden. Zu den Nebenkosten gehören lokale Steuern und die Lizenzgebühr, jährlich zu entrichten. Im Preis inbegriffen sind nur der Zufahrtsweg und der Parkplatz.
Im Artikel äusserte sich ein Immobilien-Agent sehr zuversichtlich, wie es dieser Gattung eigen ist: „It is very unlikely you will lose your money buying a beach hut. People are paying a lot for hem.“ Der letzte Satz stimmt, der Rest ist Quatsch.
„Das lässt sich bald amortisieren“, denkt sich der Familienvater mit 3 Kindern und rechnet aus, wie viel Hotelkosten er einsparen kann. Zwei dicke Striche gehen durch seine Rechnung: Erstens lässt sich eine 5-köpfige Familie beim besten Willen nicht in einem so kleinen Raum einpferchen und zweitens – und das ist der springende Punkt – darf in der „Beach hut“ nicht übernachtet werden. Es gibt kein fliessendes Wasser. Die öffentliche Toilette mag ganz am Ende der Schuppen-Reihe sein. Sie bei Regen oder nachtsüber aufzusuchen … Ich schaudere beim Gedanken. Ausserdem ist die Badesaison in England viel zu kurz.
Dennoch reissen sich die Leute um solche Hütten. „Homes & Property“ erwähnt Wartefristen bis zu 10 Jahren.
An einem schönen Sommertag, wie wir ihn letzte Woche in Hastings verbracht haben, sieht mancher Engländer sein Idyll und träumt davon, eine solche Hütte – koste es was es wolle – zu erwerben. Ähnliche Träume verwirklichen Engländer in Spanien oder anderswo im Süden, verführt von der Sonne, gutem Essen und Rotwein. Das beschwört in mir eher missliche Erinnerungen an die Zeit auf, als wir bei Conil de la Frontera, an der Costa de Luz, lange ist es her, ein Grundstück erwarben und ein Einfamilienhaus bauten. Nur die Kinder hatten ihren Spass. Nein, darauf will ich hier nicht eingehen. Ich kann nur von einem solchen Unterfangen abraten. Zum Glück sind wir einigermassen glimpflich davongekommen und konnten das Haus und Grundstück an einen Spekulanten aus England kostendeckend verkaufen.
Es braucht herzlich wenig Phantasie, um sich einen „schönen Tag“ vor der„Beach hut“ auszumalen. Der Sonnenschirm und der Windschutz sind tief verankert, der Klapptisch ist aufgestellt und die Liegestühle sind auseinander geklappt. Die Utensilien fürs Barbecue sind griffbereit. Ringsum duftet es schon lecker von verbrannten Würsten (aussen pechschwarz, innen roh). Aber eine dunkle Wolke kommt in Windeseile auf die Geniesser zugeflogen. Alles stürmt in die Kabinen, doch nicht alle finden dort Stehplätze. Wehe, wenn die Regenschirme fehlen!
Nach dieser Gratisdusche blinzelt endlich wieder die Sonne durch. Die Holzkohle im Barbecue hat allen Dampf abgelassen. Die Würste haben ihr Schwimmbad im Teller gefunden. Im Leben allgemein und auch im Strandleben kommt es immer wieder zum Neubeginn mit allem Drum und Dran. Die Kinder plärren, weil ihnen das Fernsehen fehlt. Inzwischen hat sich das Vanille-Glacé verflüssigt. Die Engländer sind hoch begabt, sich nicht nur mit solchen Strapazen abzufinden, sondern ihnen viel Vergnügen abzugewinnen.
Da schultere ich doch viel lieber den Rucksack und pilgere zu einer Alphütte hoch. Dort oben ist es still, so sehr, dass ich sogar ein Buch lesen, wenn nicht gar ein Blog schreiben kann. Aber da ich nicht in den Bergen bin, habe ich dieses heute im Garten begonnen und eben jetzt hinter dem PC beendet – weil es draussen unverhofft zu regnen begonnen hat.
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