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Ein Pionier für Vegetarismus und Heilfasten: Pfarrer Otto Kaiser (1885–1971)
Bitterarm in einer bäuerlichen Familie mit elf Geschwistern aufgewachsen, mit 14 bereits Fabrikarbeiter, lernte Otto Kaiser nebenbei beim Pfarrer Latein, weil er selber Geistlicher werden wollte, wozu ihm schliesslich ein Bruder verhalf. Gleich nach der Priesterweihe musste er als Sanitäter in den Krieg, erhielt reihenweise Tapferkeitsauszeichnungen als Feldprediger, ehe er sich endlich dem erstrebten Seelsorgeberuf widmen konnte als Kaplan in Karlsruhe, Baden-Baden und Gengenbach. Dort gründete er das Samariter-Werk, um mit zusammengebetteltem Geld armen Familien Häuser zu bauen.
Seit 1927 Pfarrerverweser im hegauischen Volkertshausen, wurde er oft eingeladen, wenn Bauern Schlachttag hatten, konnte sich kaum satt genug essen – bis er krank wurde vom vielen Fleisch.
Was tun? Fasten, sagt die Bibel.
Er fastete sich gesund. Das wäre doch auch eine höchst segensreiche Botschaft, die man unter die Leute bringen sollte, die vom Fasten, dachte er. Da das Fasten wenig nützt, wenn man gleich wieder Tierleichen und anderes ungesundes Zeug in sich hineinstopft, wurde er konsequenter Vegetarier. Las Schriften von Dr. Bircher-Benner, Dr. Otto Buchinger und andern Ernährungspionieren und eröffnete ein Reformhaus. Nur die wenigsten Menschen können schadlos alleine fasten, also baute er mit ehemaligen Wanderburschen («Werkschaffern») im Dorf ein Fasten- und Pflegeheim.
Aber wer sollte die Faster betreuen? 1929 gründete er mit seinen eigenen Geschwistern die «Samariterschwestern», nicht als kirchliche Gemeinschaft, sondern als staatlich eingetragenen Verein. Das Leben war deswegen nicht minder klösterlich: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Er baute auch eine Kapelle neben seinem Fastenheim. Die Schwestern arbeiteten für ein Taschengeld und durften nicht einmal ihr geistiges Eigentum unterschreiben.
Im folgenden Jahr kaufte er einen Hügel am Waldrand, der unfruchtbar, darum günstig erhältlich war, erstellte darauf ein neues Fasten- und Erholungsheim und richtete einen Landwirtschaftsbetrieb ein, natürlich und biologisch – zu einer Zeit, als es noch sehr wenige gab, die wussten, was das ist. Er molk morgens die Kühe, ehe er Gottesdienst hielt. Die Schwestern zogen im grossen Garten reichlich Gemüse und Früchte für die lacto-vegetabile Ernährung.
Reichte das Geld nicht, klopfte er bei einem befreundeten Druckereibesitzer an. «Mutti, Mutti, stell die Zimmerlinde weg, der Vegetarier ist da!», rief das Töchterchen aus. Doch er brauchte nicht Zierpflanzen, sondern Geld.
Um all die Schwestern unterzubringen, die in seinen Verein eintraten, musste er weitere Fastenheime eröffnen, noch 1930 in Hessental (Spessart), dann in Altendorf bei Graz. Gäste kamen auch genug, denn er war konkurrenzlos billig.
Seine kirchlichen Vorgesetzten waren nicht einverstanden, willigten 1934 in die selbst vorgeschlagene Dienstenthebung ein, das Gehalt überwies er an die Caritas und verzichtete auf eine Rente.
1936 erwarb er für die Samariterschwestern den Lindenhof in Möhringen. Einziges lebendes «Inventar» war ein Hund. Zwei Jahre später war der Ausbau zu einem vegetarischen Erholungsheim vollendet, so billig es eben ging, notfalls war nicht ganz alles lotrecht. «Für mich sind die Zeiten des Strohsacks noch längst nicht vorbei», pflegte Pfarrer Kaiser zu sagen. Er sah zeitlebens eher wie ein Bauernknecht aus denn wie ein Geistlicher.
Pfarrer Kaiser leitete sein Werk von Volkertshausen aus mit den Samariterschwestern in grosser Einfachheit zum Wohle unzähliger Gäste, fastete selber jedes Jahr mehrmals, einmal 65 Tage lang, bis ihn der Tod am 14. Juli 1971 von jeglichem Bedürfnis befreite.
Peter F. Kopp
Präsident: Verein «Gesundes Alter»