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Besonders die grossen Städte der Schweiz wie Genf, Basel, Zürich oder Bern leiden unter Wohnungsnot. Davon spricht man, wenn die Leerwohnungsziffer, also der Anteil freier Wohnungen, unter 1% liegt. Gerade in Bern hört die Problematik nicht dort auf. Es ist nicht nur schwierig billigen Wohnraum in der Stadt zu finden, sondern es verschwinden auch immer mehr solcher Wohnungen. Was in der ganzen Stadt beobachtbar ist, ist eine Aufwertung von Quartieren und eine Verdrängung der Alt- eingesessenen aus diesen Quartieren. War die Gentrifizierung zu Anfang noch alleine durch Profitinteressen von Immobilienspekulant_innen geprägt, während die Städte tatenlos zuschauten, ist sie längst ein städteplanerisches Instrument geworden. Hinter der Aufwertung der Stadt versteckt sich daher oft auch die Verdrängung ärmerer Schichten aus dieser.
Dies führt zur paradoxen Situation, dass Bewohner_innen von Quartieren, welche sich für Autofreiheit, bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr oder generell einer Anhebung der Lebensqualität einsetzen, früher oder später Opfer ihrer Erfolge werden können. So mag zum Beispiel die Umgestaltung des Breitschplatzes eine Bereicherung für die Leute im Quartier sein, sobald die Mieten steigen – und das werden sie – wird diese Bereicherung wie-derum nur ein Privileg des Mittelstands sein, bzw. derjenigen Personen, welche sich die gestiegenen Mieten leisten können.
Indes wird der Kampfbegriff Gentrifizierung kaum von den Städten verwendet, nur zwischen den Zeilen wird er sichtbar, wie ein Zitat von Berns Stadtpräsident Tschäppät zeigt: „Wenn wir anschauen, was wir in den letzten zwölf Jahren geschafft haben, können wir bereits einiges vorweisen. Wir haben die Finanzen saniert, wir haben die A-Problematik gelöst – heute besteht die A-Stadt Bern eher aus Anwälten, Ärzten, Anlegern und reichen Ausländern“. Da physischer Wohnraum begrenzt ist, heisst dies jedoch, dass damit auch eine Verdrängung von den „unangenehmen“ A‘s einhergeht: Arbeitslosen, „Asozialen“ und Armen (Ausländer_innen).
Klassenkampf von obenEine Parallele weist die Gentrifizierung auch mit dem von Marx beschriebenen Prozess der ursprünglichen Akkumulation auf: Die Bäuer_innen wurden mit dem Raub ihrer Ländereien auch ihrer Autonomie beraubt. Dadurch wurden sie zu doppelt freienArbeiter_innen: befreit von der Leibeigenschaft waren sie frei, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, bzw. diese verkaufen zu müssen.
Andererseits waren sie nun auch frei von Produktionsmitteln. Der Unterschied zu damals besteht darin, dass diese doppelt freien Arbeiter_innen darauf hin in die Städte migrierten, um dort nach industrieller Arbeit zu suchen. Die Gentrifizierung bewirkt das Gegenteil. Das Proletariat wandert, verdrängt durch die steigenden Mietpreise, entweder in die noch nicht aufgewerteten Stadtränder ab, oder folgen den noch niedrigeren Preisen in die ländlichen Gebiete. Hier zeigt sich eine weitere Ungerechtigkeit des Kapitalismus:
Die privilegierten Klassen, welche sich in der Stadt niederlassen, profitieren von einer besseren Infrastruktur, Dienstleistungen und Mobilität. Andererseits wird das Proletariat in die Gebiete verdrängt, welche die Prekarisierung verstärken: Durch die schlechtere Mobilität ist man mehr von bestimmten Arbeitsplätzen abhängig, hat schlechteren Zugang zu Bildung und auch zu Betreuungsangeboten wie Kindertagesstätten. Bei kleinen Budgets kann dies bedeuten, dass durch die sexistischen Lohnungleichheiten in heteronormativen Beziehungen eher Männer arbeiten, während Frauen sich um die Care-Arbeit kümmern. Dabei wird eine potenziell sexistische Grundeinstellung noch von ökonomischen Sachzwängen verstärkt.
Wundermittel GenossenschaftenIm August endete die Unterschriftensamm-lung für die Initiative „mehr bezahlbare Wohnungen“ erfolgreich. Diese fordert von Eidgenossenschaft und Kantonen die Förderung gemeinnütziger Wohnungsträger_innen. In Bern wurde eine ähnliche Initiative bereits 2014 angenommen. Die Grundüberlegung ist, dass gemeinnützige Wohnbauträger_innen durch ihre Gemeinnützigkeit preiswerteren Wohnraum anbieten können als in Immobilien, welche der Spekulation ausgesetzt sind. Jedoch sind diese gemeinnützigen Wohnbauträger_innen immer noch von einem verklärten Bild geprägt: Erstens handelt es sich dabei nicht immer um Genossenschaften, auch unterscheiden sich diese selbst teils stark voneinander. Zweitens ist der Gemeinnützigkeitsaspekt gesetzlich nur mangelhaft geregelt. So äusserte sich selbst der ehemalige Präsident des schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen kritisch gegenüber dem Begriff der Gemeinnützigkeit:
„Ein historisch gewachsenes Problem (...) [stellt] der Begriff der Gemeinnützigkeit [dar]. Das breite Volk erwartet von diesem Begriff ganz selbstverständlich soziales Handeln für die Bedürftigen. Und da kommen wir in den Clinch. Wir wollen und können diesem öffentlichen Anspruch heute nicht genügen. Früher war es für die Vorstände selbstverständlich, dass sie sozialen Wohnungsbau betreiben und einen fast ausschliesslich sozialen Auftrag haben, die nicht kaufkräftige Bevölkerung mit zahlbarem Wohnraum zu versorgen. Heute ist das nicht mehr so. Viele richten sich ver-mehrt an den Mittelstand als Zielpublikum und bauen mit höheren Standards“.
Gesetzlich müssen gemeinnützige Wohn-bauträger_innen nicht generell günstig, sondern preisgünstig bauen. Mit den höheren ökologischen Baustandards gehen aber auch höhere Kostenmieten einher. Jedoch sind ökologische Sanierungen gleichzeitig ein Mittel, (ungerechtfertigt) gestiegene Mietpreise zu legitimieren, was als „Greentrification“ bezeichnet wird.
Proletariat und ÖkologieDie Problematik von biologisch nachhaltigen Produkten hat dabei mit Privilegien zu tun. Gerade ärmere Personen bzw. Sozialhilfebezüger_innen können es sich schlichtweg nicht leisten, biologische Produkte zu kaufen. Auf einem weitaus grösseren Level gilt dies auch für Mietwohnungen. Zwar ist es aus ökologischer Perspektive gut, dass immer mehr Gebäude einem Minergie-Standard folgen, jedoch ist dieser eben auch mit höheren Kosten verbunden. Genau dort setzt auch die Problematik des gemeinnützigen Wohnens an. So wurde für die Überbauun-gen im Vierer- und Mittelfeld den gemeinnützigen Wohnbauträger_innen gewisse Bauanteile zugestanden. Diese Wohnungen sollten jedoch auf ökologischer Grundlage erstellt werden. Gleiches gilt auch für von der Stadt Bern erstellte Wohnungen: Stöckacker Süd zum Beispiel folgt sowohl den Richtlinien der 2000-Watt-Gesellschaft und dem Minergie-P-Eco-Standard [1].
Was ökologisch und für die Zukunft durchaus Sinn ergibt, ist kurzfristig jedoch kaum sozialverträglich. So kosten die neuen Wohnungen 1‘180 (2.5-Zimmer) bzw. 1425.- (3.5-Zimmer) und liegen damit klar über dem Durchschnitt des Quartiers (959.- für 3 Zimmer; 1150.- für 4 Zimmer).
Keine unmittelbare Hilfe von LinksSelbst wenn gemeinnützige Wohnbauträger_innen also zur Kostenmiete Wohnungen erstellen, zeigt sich, dass diese keine günstigen Wohnungen erstellen können oder wollen. Langfristig sinken zwar meist die
Preise, jedoch bleibt unklar, ob später nicht neue ökologische Sanierungen die Preise erneut steigern (so wie dies z.B. momentan im Tscharnergut geschieht). Löblich ist zwar, dass die Gebäude und Grundstücke, einmal in genossenschaftlicher Hand, der Immobilienspekulation entzogen sind, jedoch zeigt die spärliche Forschung, dass gemeinnützige Wohn-bauträger_innen eine höchst ambivalente
Rolle spielen in der Gentrifizierung: Manche Projekte beschleunigen diese mitunter durch gesteigertes Quartiers-Image, andere verhalten sich neutral.
Ohne zusätzliche Mittel wie Subventionen bleibt das genossenschaftliche Wohnen ein Privileg der Mittelschicht. Ausserdem können sich Städte durch die Abgabe von Bau-land aus der Verantwortung stehlen, sozialen Wohnungsbau zu betreiben. Da es sich bei gemeinnützigen Wohnbauträger_innen meist auch um vergleichsweise kapitalarme Akteur_innen auf dem Immobilienmarkt handelt, ist deren Einfluss nur punktuell.
Umso dramatischer ist es, wenn die Linke sich zunehmend auf den gemeinnützigen Wohnungsbau als Mittel gegen Gentrifzierung stützt. Denn diese können den Prozess weder stoppen, noch der vertriebenen Unter-schicht ein Verbleib im Quartier garantieren.