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unipublic: An der Tagung wurde als erstes der Begriff der Zweiten Moderne geklärt. Was versteht man darunter?
Georg Kohler: Die Zweite Moderne bezeichnet die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, also die 50er Jahre, die durch den Wiederaufbau, den Kalten Krieg und für manche auch durch eine bleierne Ordnung geprägt waren. Die Zweite Moderne knüpfte nach der Nazi-Zeit an die Erste Moderne in den zwanziger Jahren an. Der Schriftsteller Urs Widmer hat am ersten Tag des Symposiums im Zürcher Kino Studio 4 einen glänzenden Vortrag über den «Aufbruch aus dem Dumpfen», der damals auch in der Schweiz stattfand, gehalten. Der Veranstaltungsort für den Eröffnungsvortrag war insofern sinnig, als die Zweite Moderne stark durch Filme, Architektur und Design geprägt war und das Studio 4 ein Paradebeispiel für einen Kinosaal der 50er Jahre ist. Die neue Zeit, die sich in den 50ern ankündigte, zeigte sich vor allem kulturell-ästhetisch. Der «moderne» Stil wurde mehrheitsfähig, wobei damals unter modern auch demokratisch, kritisch und antitotalitär verstanden wurde.
Die 50er Jahre waren also gar nicht so dumpf und bleiern, wie sie manchen erscheinen?
Georg Kohler: Zweifelsohne. Natürlich waren die 50er Jahre noch sehr stark von den reaktionären 30er und 40er Jahren geprägt. Aber nicht ausschliesslich. Es bereitete sich schon damals vor, was im Rahmen von 1968 dann mehrheitsfähig wurde. Rock'n'Roll beispielsweise gab es bereits in den 50ern, bevor diese Musikrichtung in den 60ern zu einer breiten kulturellen Metapher wurde.
Das Symposium hat vor allem kulturelle Phänomene betrachtet?
Georg Kohler: Kulturelle Phänomene standen natürlich schon damals nicht isoliert da, sondern waren stark mit der politischen Grosslage verknüpft. Politisch waren die 50er Jahre die Zeit des Wiederaufbaus und des Kalten Kriegs, dieser grossen Auseinandersetzung des kapitalistischen Westens mit dem sozialistischen Osten. Die Zweite Moderne wurde auch immer wieder in den Dienst dieser Auseinandersetzung gestellt, indem sie als Symbol der westlichen Freiheit dargestellt wurde und mit dem als miefig verschrienen sozialistischen Realismus kontrastiert wurde. Ein gutes Beispiel für diesen politischen Wettstreit ist die filmisch breit dokumentierte Diskussion, die der amerikanische Vizepräsident Nixon mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow anlässlich der Amerikaausstellung in Moskau Mitte der 50er Jahre führte. Und zwar vor einer damals «modernen» Küche, deren Einrichtung samt riesigem Kühlschrank als Symbol des westlichen Wohlstands erschien. – Die politische Grosskonstellation damals beeinflusste die kulturellen Phänomene stark. Gleichzeitig wurde in den fünfziger Jahren der Lebensstil insgesamt modernisiert.
Amerikanisierung und Popularisierung waren zwei starke Trends in den fünfziger Jahre. Wirkten diese beiden am stärksten auf die kulturellen Phänomene ein?
Georg Kohler: Amerikanismus und Popularisierung waren sicherlich sehr starke Tendenzen, aber sie stellten nicht die einzigen Einflüsse auf das kulturelle Leben dar. Das Moderne-Verständnis der Zweiten Moderne war stark davon geprägt, dass man sich vom Faschismus abgrenzen, die demokratische Kultur stärken und allgemein massenfähig machen musste – und diese Anliegen sind typisch europäisch.
Europa war auch insofern wichtig, als diverse Persönlichkeiten, die durch den Zweiten Weltkrieg vertrieben worden waren, in den Fünfzigern wieder in ihre europäische Heimat zurückkehrten. Allgemein nahmen ja dann in den Sechzigern auch gesellschaftliche Strömungen wie die Neue Linke – Adorno, Marcuse – den Weg über Amerika nach Europa zurück.
In vielen verschiedenen kulturellen Äusserungen sieht man weltweit den europäischen Einfluss der als im Kern demokratisch präsentierten Moderne. In der Architektur beispielsweise wurde die Sachlichkeit des Bauhaus-Stils dem Pathos der nationalsozialistischen Verführungswerke entgegengesetzt. Bauhaus galt als modern, vom gesunden Menschenverstand geleitet und damit als nicht totalitär – solche gedanklichen Linien waren damals sehr wichtig, obwohl sie ideologiegeschichtlich betrachtet nicht wirklich triftig sind. Die «gute Form» – ein Begriff, den Max Bill favorisierte – drückte sich eben nicht nur in gutem Design aus, sondern war auch Inbegriff des guten Geschmacks ganz generell, was sich bis auf den guten Geschmack in sozialen Beziehungen, im Umgang mit den Mitmenschen erstreckte – ein Umgang, der von Respekt und von politischer Korrektheit geprägt sein sollte. – Man sieht, typische europäische Problemlagen beeinflussten den Stil der 50er Jahre ebenso stark wie amerikanische Vorbilder.
Welche Rolle spielte die Schweiz in den fünfziger Jahren?
Georg Kohler: Die Schweiz spielte damals eine nicht unwichtige Rolle für den Transport der Moderne über den Abgrund des Dritten Reichs hinweg. Da die Schweiz vom Krieg weitgehend verschont blieb, wurde sie zu einem Hort für Dissidenten und Emigranten und funktionierte wie eine Drehscheibe: Von hier aus konnten viele Künstler aus Deutschland, beispielsweise am Zürcher Schauspielhaus, während und nach dem Krieg arbeiten und so an die vorfaschistischen Moderne-Traditionen anknüpfen. Die Ausprägung einer eigenständigen schweizerischen Moderne ist übrigens schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten.
Schweizer Persönlichkeiten prägten in den fünfziger Jahren das kulturelle Leben vor allem auch der Bundesrepublik: Die führenden deutschsprachigen Dramatiker jener Zeit waren Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Die Schweizer Grafik, vor allem das Plakat, wurde in den USA zu einem Vorbild und «Exportschlager». Max Bill, als Erbauer und erster Rektor der Ulmer Hochschule für Gestaltung, wirkte über die Landesgrenzen hinaus. Kunstausstellungen in Basel verschafften mehr als einem amerikanischen Maler den europäischen Durchbruch. Auch in der Architekturtheorie spielt die Schweiz mit Sigfried Giedion, Alfred Roth, Max Bill und Hans Bernoulli eine wichtige Rolle. Es besuchten damals immer wieder deutsche Architekten die Schweiz und informierten sich, wie «Neues Bauen» hier verstanden wurde. – In der Schweiz gibt es eine lange Tradition der Moderne, die bis zum Ersten Weltkrieg zurück reicht. So gesehen, ist es auch kein Zufall, dass Dada seinen Anfang 1916 in Zürich nahm.