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Die meisten Theoretiker des Liberalismus, so postuliere ich, finden das Herzstück liberaler Werte an völlig falschen Stellen. Rationalisten – man könnte sie auch moralische Puritaner nennen – beissen sich an der Legitimität und Rechtfertigung des sogenannten Staates fest und verlangen dazu nach einem Konsens, den moderne, vielfältige Gesellschaften in diesem Ausmass gar nicht erreichen können. Klassische Liberale hingegen – mit Hayek als ihrem wohl prominentesten Vertreter – beginnen zu Recht bei Individuen und ihren sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, bei der Komplexität der Gesellschaft und der fragmentierten Natur von Information. Allerdings kommen sie zu Unrecht zum Schluss, dass nur der Markt es vermag, die Vielfalt menschlichen Strebens und Wissens zu fördern. Richtig ist, dass die uns bekannten liberalen Institutionen dies ebenfalls tun. Mehr noch: wie der Markt haben sie sich über die Jahre daraufhin entwickelt, eben genau dies zu leisten.
Um es ganz offen zu sagen: die meisten heutigen Interpretationen von Liberalismus, sei es von egalitärer oder libertärer Färbung, sind von und für Kontrollfreaks geschrieben. Ihre Autoren postulieren strenge Standards zur Beurteilung eines zwanghaften Staates – um dann, wenn diese Standards nicht erreicht werden, nach Radikalreformen oder in manchen Fällen gar nach der Revolution zu rufen.
Das schlimmste Urteil, das manch liberaler Theoretiker über einen Staat fällen kann, ist jenes, dass dieser den Ansprüchen rationaler Rechtfertigung nicht zu genügen vermöge: dass er sich erfreche, Dinge zu tun, ohne eine allen zugängliche Rechenschaft darüber abzulegen, warum diese Dinge sinnvoll – besser noch: notwendig – seien. Dabei wird als irrelevant erachtet, dass die wenigsten Mitglieder liberaler Gesellschaften überhaupt nach einer solchen Rechenschaft zu fragen geneigt sind. Die liberale Theorie ist für jene geschrieben, die dies tun, die darauf bestehen, die Beweggründe eines Staates hätten stets eindeutig und öffentlich verständlich zu sein. Ein auf diese Weise verstandener Liberalismus (man könnte ihn neokantianisch nennen) kümmert sich dabei allerdings kaum um die Frage, wie das Michael Freeden und andere festgestellt haben, nämlich wie es tatsächlich um die historischen Ziele liberaler Politik stehe: um Individualismus, Wahlfreiheit und Chancen, um die Skepsis gegenüber Religion und Tradition, um die Möglichkeit, eine Vielfalt an Lebenswegen zu verfolgen.
Liberale Institutionen und menschliche Interessen
Diesem neokantianischen Liberalismus gegenüber steht Hayek. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft – er nennt sie Grossgesellschaft –, in der verschiedenartige Individuen allerlei unbekannten Sehnsüchten folgen; niemand wird das Endergebnis dieser Bewegungen vorhersagen, erklären oder verstehen können, und selbst wenn ihre Ziele auseinandergehen oder gar in Konflikt zueinander stehen, werden immer mehr Menschen friedlich zusammenleben und sich gegenseitig zur Höchstform verhelfen. Neokantianer richten ihr Augenmerk auf den Staat als natürlichen Ort öffentlicher und kollektiver Moral, Hayek seines auf den Markt (oder auf die Katallaxie, um den von ihm bevorzugten Begriff zu verwenden) als den Schauplatz spontaner Ordnung.
Er hielt den Markt mit seinen ständig wechselnden, sich immer weiter entwickelnden Antworten auf eine überwältigende Vielfalt von Bedürfnissen und Information als einzig und exklusiv fähig, den wahren Liberalismus zu verkörpern. Die Marktwirtschaft ist ihm eine Idealform menschlicher Diversität, der keinerlei Staatshandeln je gerecht werden könnte (ausser indirekt und ex negativo in Gestalt von lediglich allgemein gefassten Gesetzen ohne fest definierte Ziele). Sie spiegelt für ihn ausserdem die klassisch-liberale Bescheidenheit bezüglich unserer Fähigkeiten zu einem überblickenden Wissen – eine Bescheidenheit, die jede auf kollektive und öffentliche Rechtfertigung konzentrierte Theorie zwangsläufig vermissen lässt.
Hayek tat gut daran, einen schottischen statt eines kantianischen Zugangs zum Liberalismus zu wählen, sah aber zu Unrecht den Markt als einzige Verkörperung einer Grossgesellschaft. Er porträtierte die Gesellschaft zu Recht als arbeitsteilig, lag aber falsch in der Annahme, dass Arbeit nur unter Individuen geteilt werden könne und nicht auch, zusätzlich, unter Institutionen, die jede auf die ihr…