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Die Entwicklung des Handerwerker- und Gewerbevereins, Altstätten, bis zu den Dreissiger Jahren
Die Zünfte
In Altstätten herrschte während Jahrhunderten das Zunftwesen. Die Zugehörigkeit zu einer Zunft war für alle Gewerbetreibenden (Handwerker und Kaufleute) obligatorisch. Dafür sicherte ihnen das Zunftwesen einen politischen Einfluss zu. Mit ihren bis ins kleinste Detail gehenden Berufs- und Standesordnungen spielten die Zünfte im wirtschaftlichen und sozialen Leben eine wichtige Rolle. Sie regulierten über die Stufen Lehrling-Geselle-Meister den Zugang zu Beruf und Selbständigkeit, und sie behielten den städtischen Meistern das Alleinverkaufsrecht vor. Weiter setzten sie, ohne Konkurrenz fürchten zu müssen, die Preise fest und halfen in Not geratenen Berufsangehörigen.
Der Druck des revolutionären Frankreichs brachte die erstarrte Schweiz des 18. Jahrhunderts zum Einsturz. Der militärisch besetzten Eidgenossenschaft wurde 1798 die Helvetische Verfassung diktiert. Sie schuf einen zentralistischen, republikanischen Einheitsstaat mit repräsentativer Demokratie, Rechtsgleichheit und bürgerlichen Freiheiten. Damit wurde dem Zunftwesen das Rückgrat gebrochen. Handel und Gewerbe, und somit die gesamte wirtschaftliche Entwicklung, wurden aus ihren einengenden Banden gelöst. Ein Gesetz verkündete am 19. Oktober 1798: „ Alle Gewerbe und Zweige der Industrie sollen in Helvetien frei und aller bisherige Zunftzwang gegen dieselben aufgehoben sein.“
Der Sieg der liberalen Kräfte
Diese Freiheiten waren aber nur von kurzer Dauer. Schon 1803 schränkte die Mediationsverfassung die Handels- und Gewerbefreiheit wieder stark ein und ermöglichte zum Teil eine Wiedereinsetzung der Patriziate und Zunftverfassungen. Mit dem Bundesvertrag kehrte man weitgehend zu den Zuständen des Ancien Régime zurück. Doch die liberalen Kräfte blieben weiterhin lebendig, verstärkten sich zunehmend und verdrängten das Zunftwesen mehr und mehr. Die bürgerliche Revolution von 1848 schuf schliesslich nicht nur einen „Bundesstaat Schweiz“, sondern auch einen einheitlichen „Wirtschaftsraum Schweiz“. Damit begann eine Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs und der „liberalen Konkurrenz. Die Industrie entwickelte sich rasch, Eisenbahnen wurden gebaut, und der Handel nahm grössere Dimensionen an, da nun ein Grossteil der früheren Zölle wegfiel.
Handwerk und Kleingewerbe in einer Krise
Durch das Fallen der Zünfte waren Handwerk und Kleingewerbe in eine Art Vakuum geraten. Ohne das traditionelle Ordnungsgefüge standen sie den neuen, industriellen Wirtschaftsformen hilflos gegenüber. Die Qualität der Arbeit sank, die Lehrlings- und die Berufsausbildung allgemein wurden vernachlässigt.
Ab 1873 herrschte in der Schweiz eine gedrückte Wirtschaftslage, die bis 1985 anhielt. Diese Depression zwang die Unternehmen ihre Produktionsbedingungen zu reorganisieren. Man experimentierte mit neuen Grundstoffen, entwickelte eine neue Energiebasis und Antriebsmaschinerie (Chemie-, Elektro- und Maschinenindustrie). Dem eingesessenen Gewerbe fehlten Mittel und Interesse, um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten zu können. Zudem waren Teile des Gewerbes zunehmend vom Aussterben bedroht (Kamm-Macher, Seiler, Nagelschmied etc). Das führte landesweit zu einer immer grösseren Verunsicherung und Verwirrung des Gewerbes.
Gründung der Fortbildungs- und Zeichnungsschule
Als 1882 die St. Gallische Gemeinnützige Gesellschaft in Altstätten tagte, beklagte Redaktor Seifert in einem langen Referat den Verfall des Handwerks. Nur zwei Jahre später schrieb aber der Altstätter Lehrer V. Danuser voller Hoffnung ins Protokoll der Fortbildungsschule:
„Es dürfte die Zeit nicht mehr ferne sein, in welcher mehr getan wird zur Hebung unserer Industrie, unseres Gewerbes und Handwerkes – für die materielle wie geistige und sittliche Wohlfahrt des Volkes.“
Anlass zu dieser Hoffnung gab die in der Zwischenzeit gegründete Fortbildungs- und Zeichnungsschule in Altstätten.
Während des Winters besuchten ca. zwanzig Lehrlinge jeweils am Sonntagvormittag diese Schule. Zuerst wurde nur ein Zeichnungskurs angeboten. Mit der Zeit wurde auch in anderen Fächern unterrichtet. Als sich die Anzahl der Schüler vergrösserte, wurde während des ganzen Jahres unterrichtet.
Gründung des Handwerker- und Gewerbevereins Altstätten
In der Stadt St. Gallen, wo einer der ersten Gewerbevereine der Schweiz gegründet worden war, hatte man auch für die Schwierigkeiten des Gewerbes im übrigen Kanton ein offenes Ohr. 1885 verschickte der Gewerbeverein St. Gallen an alle Altstätter Meister einen Fragebogen, der sich auf die Verhältnisse des Gewerbes in Altstätten bezog. Diese Fragebögen stiessen auf reges Interesse. Bei der Besprechung derselben beschloss eine stattliche Anzahl von Altstätter Gewerbetreibenden, einen eigenen Gewerbeverein zu gründen.
Am 1. Oktober 1885 fand die erste Versammlung des neuen Handwerker- und Gewerbevereins statt. Die erste Kommission setzte sich folgendermassen zusammen:
J. Zellweger, Drechsler
J. Sonderegger, Schlosser
Ch. Pletscher, Gerber
Th. Niederer, Baumeister
J. Wihler, Maler
Die wichtigste Aufgabe des neuen Vereins war die Förderung des Lehrlingswesens. Dazu gehörte in erster Linie die Fortbildungs- und Zeichnungsschule. Der Handwerker- und Gewerbeverein übernahm das Protektorat über die oben erwähnte, paritätische Fortbildungsschule. Daneben gab es noch eine evangelische und eine katholische Fortbildungsschule. Die beiden konfessionellen Schulen waren für die Angehörigen der betreffenden Konfession obligatorisch. Die paritätische war für Lehrlinge, deren Meister Mitglied des Handwerker- und Gewerbevereins waren, ebenfalls obligatorisch. Andere Lehrlinge wurden ebenfalls aufgenommen. Trotz eifriger Bemühungen gelang es der Kommission des Handwerker und Gewerbevereins nicht, diese Schulen zusammenzulegen. Zuerst wurde die paritätische Schule finanziell nur vom Handwerker- und Gewerbeverein getragen. 1892 waren die beiden Schulgemeinden bereit, diese Schule mit jährlich 200 Franken zu unterstützen. Ab 1894 zahlte die politische Gemeinde jeweils 100 Franken an die Betriebskosten der Schule. 1901 wurde dieser Betrag auf Fr. 200 erhöht. Dazu kamen noch Subventionen von der Ortsgemeinde, der Kreditanstalt und der Sparkasse von je 100 Franken. Im Laufe der Jahre wurden diese Unterstützungsgelder allmählich erhöht.
Der St. Gallische Gewerbeverband
1889 gründeten die St. Gallischen Handwerker- und Gewerbevereine den Kantonal-St.Gallischen Gewerbeverband. Der Anstoss dazu war vom Stadt-St.Gallischen Handwerker- und Gewerbeverband ausgegangen. Mit viel Energie und Tatkraft widmete sich der
St. Gallische Gewerbeverband von Anfang an der Lehrlingsausbildung und der Durchführung von Lehrabschlussprüfungen. Kurz nach der Vereinsgründung beschloss man, dem
St. Gallischen Verfassungsrat die Einführung von Gewerbegerichten und gewerblichen Schiedsgerichten zu empfehlen. Dazu wurde an der Delegiertenversammlung 1891 im Frauenhof zu Altstätten folgender Beschluss gefasst:
„Es sei bei den kantonalen Behörden darauf zu wirken, dass die in der Verfassung vorgesehenen Gewerbegerichte und gewerblichen Schiedsgerichte wirklich eingeführt werden, um mehr Garantie zu haben, dass die Gerichte die ihnen vorgelegten Fälle voll zu erfassen und richtig zu lösen vermögen.“
Ein anderes Gebiet, wo sich der Gewerbeverband stark engagierte, war das Submissionswesen (Ausschreibung und Vergabung von Aufträgen der öffentlichen Hand).
IV. Rheintalische Gewerbeausstellung
Im Jahre 1899 organisierte der Handwerker- und Gewerbeverein HGV die 4. Rheintalische Gewerbeausstellung in Altstätten. – Die erste hatte 1868 in Altstätten, die zweite 1878 in Berneck, die dritte 1888 in Thal stattgefunden. Wieder in Berneck wurde 1909 eine fünfte organisiert etc. – Ziel und Zweck der Ausstellung wurden vom Organisationskomitee folgendermassen umschrieben:
- allgemeine Hebung von Handwerk und Gewerbe
- Förderung von freundschaftlichen Beziehungen der Gewerbetreibenden der beiden Rheinbezirke
- Zusammenhalten im Kampf gegen die Grossindustrie und die Maschine
220 Aussteller waren an dieser Messe, die vom 14. August bis zum 15. Oktober 1899 dauerte, vertreten. Die Ausstellungsgebäude waren auf der Breite aufgestellt. Im Allgemeinen Anzeiger (Rheintalische Volkszeitung) sind sie eingehend beschrieben:
„...dann muss unser Auge in Freudigkeit auf einem hohen, von vier schmucken Türmen überragten Bau ruhen, der sich am nordöstlichen Ende aus einem schattigen Wäldchen grünender Obstbäume erhebt - dem Ausstellungsgebäude. Es ist ein stattlicher langgestreckter Hallenbau mit einem Hauptschiff und zwei Seitenschiffen, der sich gar ansehnlich und freundlich über seine Umgebung erhebt und derselben ein recht nettes und idyllisches Ansehen verleiht.“
Anschliessend an die Gewerbeausstellung fand eine landwirtschaftliche Produktausstellung statt.
Aufschwung des Handwerker- und Gewerbevereins
Die erfolgreiche Organisation der Gewerbeausstellung gab dem HGV starken Auftrieb. Die Zahl der Mitglieder stieg von 70 auf 150 und auf lokalpolitischer Ebene setzte sich die Kommission vermehrt für die Interessen des Gewerbes ein. So wurde sie beim Gemeinderat vorstellig, um gemeinsam Mittel zu finden, die dem „Marktunwesen“ Einhalt gebieten würden. Darunter verstand man damals die Marktschreierei und die sogenannten Wanderlager. Mit dem Markt hatte sich der HGV in der Folgezeit ziemlich häufig zu befassen. Meistens ging der Anstoss dazu von den Detaillisten aus, die sich durch die billigen Sonderangebote der Marktfahrer und der Wanderlager in ihrer Existenz bedroht fühlten.
Der HGV setzte sich auch für ein geplantes Kraftwerk am Binnenkanal und vor allem für den Bau der Gaiserbahn ein. Von beiden Projekten versprachen sie sich einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung Altstättens. Im Jahre 1913 bewirkte der HGV die Gründung des Rabattsparvereins.
I. Weltkrieg
Der I. Weltkrieg brachte den Gewerbetreibenden zahlreiche Schwierigkeiten. Wegen dem Aktivdienst konnten anfangs viele Arbeiten nicht mehr ausgeführt werden. Grenzsperren und Rationierung schädigten den Markt. Die Textilindustrie, die vor allem auf den Export ausgerichtet war, kam zu Erliegen. Dadurch verloren viele Arbeiter ihre Anstellung. Dies wiederum bekamen die Detaillisten stark zu spüren. Die allgemein schlechte Geschäftslage liess die Mitgliederzahl des HGV leicht zurückgehen.
1916 wurden die Statuten des HGV revidiert. Ein Jahr später versuchte die Kommission einen Kreditschutz-Verein zu gründen. Gleichzeitig wurde die Gründung eines Grundeigentümer-Verbandes besprochen. Es wurde dann beschlossen, das letztere solange zu verschieben, bis wieder geordnete Verhältnisse eintreten würden.
Zwanziger Jahre
Im Jahre 1919 richtete der HGV eine Berufsberatungsstelle ein. 1920 gelang es in einem zweiten Anlauf, den Kreditschutz-Verein zu gründen.
1926 wurde der HGV reorganisiert, indem der Verein in vier Berufsgruppen eingeteilt wurde. Jede dieser Gruppen hatte einen Obmann, der in der Kommission vertreten war. Von dieser Massnahme versprach man sich einen engeren Kontakt unter den Vereinsmitgliedern und vor allem eine intensivere Zusammenarbeit.
Kampf gegen auswärtige Konkurrenz
Schon seit Bestehen des Vereins wandte sich dieser entschieden gegen jegliche „schädigenden Auswüchse im Markt- und Hausierwesen“. Mit aller Kraft suchte man das einheimische Gewerbe vor fremder Konkurrenz zu schützen. Bei einigen Hausierern und Marktfahrern gelang dies auch, indem die Behörden veranlasst werden konnten, über dieselben ein Markt- und Hausierverbot zu verhängen. Schwieriger wurde es, als anfangs des Jahrhunderts die Wanderlager aufkamen. Mit nur wenig Erfolg sprach der HGV bei den Gemeindbehörden vor, um diese Wanderlager mit ihren billigen Angeboten verbieten zu lassen.
Noch aussichtsloser wurde die Situation, als gegen Ende der Zwanziger Jahre das Kaufhaus Modern und die Migros in Altstätten Filialen errichteten. Der HGV wandte viel Zeit und Energie auf, um Mittel und Wege zu suchen, wie man dieser Konkurrenz entgegen treten könnte. Von den Behörden fühlte man sich im Stich gelassen. Mit Angst sah man zu, wie die beiden Grossisten mit ihren billigeren Angeboten immer mehr Kundschaft anzogen. Dazu kam noch die allgemein schlechte Wirtschaftslage, die eine grosse Arbeitslosigkeit mit sich brachte.
So erstaunt es keineswegs, wenn man in einem Jahresbericht des Altstätter Handwerker- und Gewerbevereins die folgenden Sätze findet, welche die Enttäuschung und Ratlosigkeit des Gewerbes in jener Zeit zeigen:
„Was gibt es in dieser arbeitslosen Zeit auch alles! Jedenfalls überall das gleiche Elend. Leider aber immer die gleiche Enttäuschung. Wir Gewerbetreibenden und Mittelständler werden von den Regierungen bzw. in deren Beschlüssen zu wenig berücksichtigt. Und doch hoffen wir noch auf eine Zeit, in der wir das Gegenteil erleben dürfen.“
Meinrad Gschwend
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