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Unterhaltsame Geschichtsstunde
Auf knapp drei Stunden bietet das auf einer DVD erhältliche PBS-Programm The Great American Songbook einen Überblick über die Musical-Tradition der USA, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Diese Unterhaltungsmusik wurde von Autoren und Komponisten wie Irving Berlin, Cole Porter oder George Gershwin geschrieben, deren Erfolge diese Titel in die ganze Welt trugen und die Entwicklung des Broadway-Musicals sowie der Musical-Filme Hollywoods begründete. Diese Geschichte wird auf der DVD aufgerollt, völlig konventionell werden von allen wichtigen Komponisten stets die grössten Erfolge gefeiert, aber es gibt sehr viel Original-Aufnahmen. Von Minstrel-Shows bis zu frühen Aufnahmen von Duke Ellington aus dem Cotton Club, das Programm ist informativ und sehr unterhaltsam. Und wenn dies auf nicht im Entferntesten Blues ist, so ist es doch gute Unterhaltung und eine tolle Lektion in der Geschichte der Musik, die vor Rock und Pop, vor den Beatles und Presley die Menschen elektrisiert hat. Es ist sozusagen eine Einführung in die Musiktradition, die mit dem Blues teilweise gemeinsame Wurzeln hat, aber reichlich andere Früchte trug: die dominant von Weissen Amerikanern geschriebenen Evergreens des Great American Songbook.
Als besagtes Songbook bezeichnet man die zahlreichen Songs aus all den Musicals und Musikfilmen, patriotischen Propagandafilmen und Revues des Broadways, die in den 1910er bis 1940er Jahren ungeheure Popularität genossen, und die als Standards im Jazz-Katalog bis heute häufig aufgeführt werden. Die DVD stellt weitgehend chronologisch die einzelnen Komponisten und Texter vor. Mit einer Gesamtlänge von 174 Minuten erhalten alle wichtigen Persönlichkeiten einen kleinen Auftritt: Irving Berlin, Harold Arlen Cole Porter, George und Ira Gerschwin, Rogers und Hart und später Hammerstein, Johnny Mercer, Jerome Kern oder Fats Waller. Zu sehen sind Ausschnitte von Filmen oder Life-Auftritten u.a. mit Judy Garland, Fred Astaire, Ginger Rodgers, Frank Sinatra, Bing Crosby, Lena Horne, Mel Tormé, Mickey Rooney, James Cagney, Rosemary Clooney, Ethel Merman, Doris Day, Paul Robeson, Bessie Smith und Fats Waller.
Dazu erzählt der «Host», also Gastgeber Michael Feinstein, der seit Jahren dieses Thema beackert, und der genauso wirkt wie der omnipräsente Fernsehhost Troy McClure bei den Simpsons: etwas zu freundlich und enthusiastisch, halt ein Amerikanischer TV-Host. Seine Beiträge beschränken sich auf kurze einführende Texte und gewisse kurze Passagen am Klavier, um ein Thema einzuführen. Die erste halbe Stunde des Programms, das ursprünglich auf dem öffentlich-rechtlichen US-Sender PBS ausgestrahlt wurde, ist den Grundlagen der Musik gewidmet, also den Minstrel-Shows, dem Ragtime, den sein wichtigster Komponist Scott Joplin offenbar ganz anders verstanden haben wollte, und natürlich dem Blues. Bessie Smith wird in einer Filmsequenz gezeigt, in der sie St. Louis Blues singt. Von W.C. Handy gibt es nur ein Photo zu sehen. Die Bedeutung der Blues wird gewürdigt, seine weitere Entwicklung bleibt unerwähnt.
Manche der vorgestellten Titel sind weniger bekannt, bei anderen gibt es Aha-Erlebnisse. So ist Glenn Millers-Superhit Chatanooga Choo-choo gar nicht von Miller selbst, sondern eine populäre Melodie aus einem Musical, die es zuerst gesungen gab. Das Programm ist interessant und ansprechend für jene, die gerne Ella Fitzgerald, Nat King Cole oder Sam Cooke (bzw. Michel Bublé) hören, aber auch den traditionellen instrumental-Jazz von Bill Evans, Tal Farlow, Barney Kessel, Earl Bostic, die hören hier von vielen Songs die Ausgangsversion, sozusagen das Original. In reduzierter Ausführlichkeit – kaum einer der Titel wird wirklich vollständig abgespielt – sind Fassungen zu hören von Standards wie Stella By Starlight, Cheek to Cheek, Somewhere Over the Rainbow, The Man I Love, Let’s Do it (Let’s Fall in Love), Ac-Cent-Tchu-Ate The Positive, They Can't Take That Away From Me, April in Paris etc. etc.
Für puristische Bluesfans ist das sicherlich nicht das Rechte, aber wer seinen Musikgeschmack auf Jazz und Musicals ausdehnt, der wird an diesem eher konservativ umgesetzten Programm seine Freude haben. Die Problematik der Rassentrennung und des Antisemitismus in den USA wird ebenso angesprochen wie die Negierung der Homosexualität mancher dieser Liedtexter und –Komponisten, Alkoholprobleme oder die Problematik der Rechte an den Songs, aber alle Problembereiche werden der Vollständigkeit halber erwähnt, ohne vertieft zu werden. Als Negativpunkt ist zu erwähnen, dass die Musik, welche nicht für die Bühne oder die Leinwand geschrieben wurde, einzig bei George Gershwin Erwähnung findet, sonst aber überhaupt nicht. Wenn es keine Filmaufnahmen gibt, werden Titel nicht angespielt, und so wird der Beitrag Duke Ellingtons zur Amerikanischen Musiktradition nicht erwähnt, aber auch die gesamte vom französischen Chanson abgekupferte Musik bleibt unerwähnt.
Für US$ 21.- nur beim US-Portal von Amazon zu bestellen, die Deutsche Niederlassung hat die DVD nicht im Angebot, ist Michael Feinsteins The Great American Songbook ein vergnügliches Programm für Sonntage zuhause. Sorgfältige gemachte Dokumentation, deren Inhalte man sich auch auf Youtube zusammenstellen könnte, aber hier werden sie angenehm präsentiert.