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Putolini, oder: Wie sich Führerfiguren inszenieren
Es hat Tradition: Wenn Wladimir Putin in seiner Freizeit in die Wildnis zieht, lässt er die Weltöffentlichkeit an seinen Abenteuern teilhaben. Von seinem jüngsten Kurztrip im Süden Sibiriens hat der Kreml kürzlich jede Menge Fotos veröffentlicht. Wir sehen zum Beispiel, wie der russische Präsident in einem Fluss einen kräftigen Schwumm vollführt. Oder mit ausgebreiteten Armen auf einem Floss in der Sommersonne steht und in der linken Hand einen dicken Fisch hält. Selbstverständlich posiert Putin mit nacktem Oberkörper. Das hat er zu seinem Markenzeichen gemacht. Unvergessen sind seine Fotos als Reiter mit freiem Oberkörper, unterwegs in den Weiten Sibiriens.
Für einen Mann, der im kommenden Oktober 65 Jahre alt wird, sieht Putin topfit aus. Der Langzeit-Präsident liebt die Inszenierung seines Körpers und seiner Männlichkeit. Er ist eben ein echter Kerl, naturverbunden und sportlich, viril und vital, stets bereit für den Kampf im Dienste des Vaterlands. Der russische Politikwissenschaftler und Publizist Sergei Medwejew sieht hinter dem Gehabe mit dem nackten, muskulösen Oberkörper eine ambitionierte Botschaft: Es soll zeigen, «dass der russische Staat, buchstäblich verkörpert von Putin, stark ist, also alles und alle im Griff hat».
Politische Körperinszenierungen haben eine lange Tradition, mit Vorbildern aus der griechischen und römischen Antike. Karl der Grosse, Europas Gründergestalt, soll ein grosser Schwimmer gewesen sein. Schwimmend demonstrierte er Freunden und Untertanen, dass er der geborene Führer war. Beschrieben ist das im Buch «Der schwimmende Souverän» des Kunsthistorikers Horst Bredekamp. In der neueren Geschichte war es Chinas «Grosser Vorsitzender» Mao, der sich als unerschrockener Schwimmer im riesigen Yangtse propagandistisch inszenierte. Im 20. Jahrhundert gab es auch manche afrikanische Diktatoren, die sich in der Kunst der Körperinszenierung übten, allen voran Idi Amin, der Despot und Schlächter von Uganda.
Zur Meisterschaft des Körperkults haben es die deutschen Nationalsozialisten und die italienischen Faschisten gebracht. Sie erkannten früh die Macht der Bilder von Körperinszenierungen, und sie nutzten diese systematisch zur Beeinflussung der Massen. Im Gegensatz zum Führer zeigte der Duce höchstpersönlich vollen Körpereinsatz. Benito Mussolini ist der Erfinder der penetranten Zurschaustellung des nackten Oberkörpers. Von Italiens Diktator gibt es sehr viele Oben-ohne-Fotos, so zum Beispiel von einem Einsatz bei einer Weizenernte im Agro Puntino, vom Skifahren in den Abruzzen oder von einem Treffen mit dem österreichischen Kanzler Engelbert Dollfuss am Strand von Riccione. Wie es dem Faschismus eigen war, zelebrierte Mussolini seine Männlichkeit – so, wie es Russlands Präsident Putin heute tut.
In der Körperinszenierung gibt es verblüffend viele Parallelen zwischen Putin und Mussolini. In unzähligen Fotografien präsentieren sich beide als ewig jugendliche Kraftmenschen, die scheinbar nicht altern. Und beide zeigen sich in Sportlerposen oder bei typisch männlichen Freizeitbeschäftigungen, als ginge es darum, als Alleskönner zu erscheinen. Sie sind halt echte Männer und tolle Kerle, die bewundert werden wollen.
Mussolini und Putin: Beide Staatslenker sind Reiter, Schwimmer, Skifahrer und Schützen; der eine ist noch Fechter, der andere auch Taucher, Judoka und Eishockeyspieler. Beide sitzen auf Motorrädern sowie am Steuer von Booten oder im Cockpit von Kampfflugzeugen. Beide sind sogar musisch begabt: Putin spielt Klavier und Mussolini Violine. Und beide scheinen eine Vorliebe für junge Raubkatzen zu haben: Mussolini posiert mit einem Junglöwen und Putin mit einem Jungleoparden.
Putin hat sein ikonografisches Vorbild Mussolini längst überholt. Unvergesslich bleibt Putins Flugaktion zur Rettung einer vom Aussterben bedrohten Kranich-Art. An Bord eines Ultraleichtfliegers flog Putin vom Polarkreis in wärmere Gefielde in den Süden Russlands. Dabei folgte ihm ein Schwarm von Jungkranichen, denn aus Lautsprechern des Fluggeräts erschallten Laute eines Kranich-Muttertiers. Putin, der Tierfreund und Kranich-Retter: Eine solche Show hat nicht einmal der Duce hingekriegt.