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Der Minister und seine Maschinenpistole
Der Schweizer Gesandte in Vichy während des Zweiten Weltkriegs führte zu seinem Schutz häufig eine Maschinenpistole des Typs Mp 41 der Eidgenössischen Waffenfabrik Bern mit sich. Durch ihre Verwendung im Ausland entging die Waffe der Modifikation zur Mp 41/44 und stellt deshalb heute eine waffentechnische Rarität dar.
Dr. Alexander Stucki
Der vorliegende Beitrag ist eine leicht überabeitete Version des Artikels «Der Minister und seine Maschinenpistole», der im Deutschen Waffen-Journal (DWJ) Nr.4/24 erschienen ist. Der Autor hat uns freundlicherweise den Beitrag zu diesem Unikat in der Sammlung der Stiftung HAM für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Ein bedeutender Schweizer Diplomat
Walter Stucki, 1888 in Bern geboren und aufgewachsen, war ein Schweizer Diplomat von herausragender Bedeutung (nicht mit dem Autor verwandt). Aufgrund seiner beeindruckenden Persönlichkeit und seiner überdurchschnittlichen Körpergrösse (187cm) ist er bis heute auch als der «grosse Stucki» bekannt. Nach kurzer Tätigkeit als Anwalt in einem Berner Advokaturbüro wurde Stucki im Alter von nur 29 Jahren bereits Generalsekretär des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements (EVD). Später übernahm er die Leitung der Handelsabteilung im EVD und zeichnete sich als erfolgreicher Verhandlungsleiter aus. Das Führen von Verhandlungen, insbesondere in schwierigen Lagen, war die grosse Stärke des Berner Diplomaten im Rang eines Ministers, die er bis zu seiner Pensionierung immer wieder unter Beweis stellte. Der Ministertitel entsprach damals im Wesentlichen jenem eines Botschafters. In der Armee erreichte Stucki, der die RS als Motorfahrer bei der Artillerie absolvierte, den Rang eines Oberstleutnants. Aus beruflichen Gründen musst er aber seine Militärkarriere vorzeitig abbrechen. Seine Erfahrung als Milizoffizier und das Verständnis für militärische Zusammenhänge erwiesen sich während seiner diplomatischen Tätigkeit immer wieder als hilfreich, vor allem während des Zweiten Weltkriegs.
Als Gesandter in Vichy
Minister Stucki war in der Schweiz eine bekannte Grösse und in weiten Kreisen der Bevölkerung sehr beliebt. Mehr als einmal stand er als möglicher Bundesrat zur Diskussion und wurde zeitweise auch als achter Bundesrat bezeichnet. Der selbstbewusste und einflussreiche Minister sah sich dem gesamten Bundesrat verpflichtet und weniger seinem jeweiligen direkten Vorgesetzten in der Landesregierung. Nach einem kurzen Abstecher in die Politik, Stucki war zwei Jahre Nationalrat, wurde er 1938 als Gesandter (heute würde man sagen Botschafter) nach Paris geschickt und erlebte dort den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs folgte Stucki als Schweizer Gesandter der französischen Regierung nach Vichy in den unbesetzten Teil des Landes. In den folgenden Jahren spielte er dort eine zunehmend bedeutende Rolle, bei den in Vichy akkreditierten Diplomaten, aber auch gegenüber dem Gastland.
Der Minister mit der Maschinenpistole
In dieser Zeit reiste Stucki oft mit seinem Dienstfahrzeug im Land herum, was auch für einen Diplomaten angesichts der Partisanentätigkeit und den Aktivitäten von Wehrmacht und SS nicht ungefährlich war. Er führte deshalb stets seine Ordonnanzpistole mit sich, für die er auch über einen Waffenschein verfügte, was in Vichy-Frankreich nur in Ausnahmefällen möglich war. Bei dieser Waffe dürfte es sich um eine Pistole 1900/06 gehandelt haben, eine Parabellum der DWM im Kaliber 7,65mm Para. Dem Schweizer Minister erschien die Feuerkraft seiner 7,65er Pistole jedoch als unzureichend.
Als sich Stucki im November 1943 wieder einmal für kurze Zeit in Bern aufhielt, bezog er bei der Eidgenössischen Waffenfabrik (W+F) eine Mp 41 mit vier Magazinen und 320 Schuss Munition (9mm Para). In seinem bekannten Buch über seine Zeit in Vichy (Von Pétain zur Vierten Republik) meinte Minister Stucki dazu: «Bei meinen Fahrten, auch nach der Schweiz, führte ich zudem immer eine Armee-Maschinenpistole mit, da ich nicht beabsichtigte, mich ohne Gegenwehr niederknallen zu lassen oder das Fahrzeug preiszugeben. Glücklicherweise beschränkte sich der Gebrauch dieser Waffe auf die einmalige Abgabe einiger Schreckschüsse» (gemeint sich vermutlich Warnschüsse). Ob Stucki für die Mp 41 auch einen Waffenschein besass, ist nicht bekannt.
Die wiederaufgefundene Mp 41
Der Journalist und Historiker Konrad Stamm, der eine Biographie zum «grossen Stucki» geschrieben hat, ist im Rahmen seiner Recherchen auf die Maschinenpistole gestossen und hat diese, wie er selber sagte, «nach 70 Jahren ordnungsgemäss zurückgebracht». Darüber, wo er die Waffe aufgefunden hat, gibt Stamm in seinem Buch keine Auskunft, möglicherweise im Nachlass der Familie Stucki. Im entsprechenden Ablieferungsbuch der W+F ist als Empfänger der Mp 41 mit der Seriennummer 13901 lakonisch «Schw. Gesandtsch. Vichy» aufgeführt. Heute befindet sich die Maschinenpistole zusammen mit einer passenden grünen Stofftasche in der Sammlung der Stiftung historisches Armeematerial (HAM) in Thun. An der Stofftasche hängt immer noch eine Lieferetikette, vermutlich für diplomatisches Gepäck, auf der als Absender die Privatadresse von Stucki in Bern (Seftigenstrasse 11) und als Empfänger seine dienstliche Adresse in Vichy (Hôtel des Ambassadeurs) aufgeführt sind.
Die Mp 41 mit der Nummer 13901 ist historisch nicht nur aufgrund ihrer Verwendung durch den «grossen Stucki» von Bedeutung, sondern auch weil es sich hier um eine der wenigen, möglicherweise sogar um die einzige Mp 41 im Originalzustand handelt. Die W+F hat die Mp 41 im Jahr 1944 verschiedener Modifikationen unterzogen, um einige Schwächen dieser wenig erfolgreichen Konstruktion zu beheben. Die Waffen erhielten anschliessend die Bezeichnung Mp 41/44. Da sich Stuckis Maschinenpistole damals in Vichy befand, blieb sie im ursprünglichen Zustand und stellt deshalb heute eine waffentechnische Rarität dar.
Mp 41: kompliziert, aufwändig und schwer
An dieser Stelle wollen wir einen kurzen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Mp 41 und deren Weiterentwicklung der Mp 41/44 werfen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs benötigte die Schweizer Armee dringend Maschinenpistolen. Da die Waffen nach Möglichkeit in der Schweiz hergestellt werden sollten, kamen als Lieferanten in erster Linie die Eidgenössische Waffenfabrik Bern sowie die SIG in Frage, die beide einen entsprechenden Entwicklungsauftrag erhielten. Die W+F hatte bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg unter der Bezeichnung Mp 19 eine Maschinenpistole in geringer Stückzahl hergestellt, eine schwere und unhandliche Waffe im Kaliber 7,65mm Para. Ihr Konstrukteur war Adolf Furrer, der später Direktor der W+F wurde und zahlreiche, vor allem automatische Waffen entwickelte. Für die meisten seiner Konstruktionen verwendete Furrer einen Kniegelenkverschluss, ähnlich der Parabellum Pistole. So auch für seine bekannteste und erfolgreichste Waffe, das Leichte Maschinengewehr 25 (Lmg 25). Bei der Entwicklung der neuen Maschinepistole griff Furrer auf diese bewährte Konstruktion zurück. Daraus entstand eine Waffe, bei der es sich im Wesentlichen um ein in der Grösse reduziertes Lmg 25 handelt. Der Kniegelenkverschluss des Lmg ist jedoch für eine Maschinenpistole wenig geeignet. Die als Mp 41 bezeichnete Waffe wurde deshalb unnötig schwer und kompliziert und vor allem aufwändig in der Herstellung. Sie stellt sozusagen ein Gegenstück zur deutschen MP 40 dar: Die bewährte Maschinenpistole der deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg war einfach in der Konstruktion, im Hinblick auf eine ressourcensparende Massenproduktion optimiert, zuverlässig, handlich und wog lediglich 4,3 kg. All das kann man von der 5,6 kg schweren Schweizer Maschinenpistole 41 nicht behaupten.
Bevorzugung der staatlichen Rüstungsindustrie
Im Sommer 1941 entschieden sich die zuständigen Stellen für die Einführung der Mp 41 und gegen das wesentlich bessere und geeignetere Konkurrenzprodukt der SIG. Die inhaltlich schwer nachvollziehbare Wahl, ist wohl in erster Linie dadurch zu erklären, dass die Kriegstechnische Abteilung (KTA) und die ihr unterstellte W+F in den Entscheidungsprozess involviert waren, die SIG jedoch nicht. Für Adolf Furrer, der unterdessen zum Direktor der KTA befördert worden war, dürfte es, zusammen mit dem neuen Direktor der W+F, nicht schwierig gewesen sein, seine Maschinepistole durchzubringen. Den heutigen Compliance-Ansprüchen hätte dieses Auswahlverfahren wohl kaum genügt.
Die aufgrund ihrer technischen Verwandtschaft auch als Lmg-Pistole bezeichnete Mp 41 war keine gelungene Konstruktion und bereitete der Waffenfabrik Bern auch erhebliche Probleme bei der Produktion. Die W+F konnte die geforderten Stückzahlen nicht in der vereinbarten Zeit liefern, was zu einer Beschaffung von 5000 finnischen Maschinenpistolen Suomi M/31 im Kaliber 9mm Para führte. Die in der Schweiz als Mp 43 bezeichnete Waffe wurde anschliessend von Hispano Suiza in Genf als Mp 43/44 in Lizenz hergestellt.
Weiterentwicklung zur Mp 41/44
Die bei der Truppe wenig beliebte Mp 41 war nicht nur unhandlich, sondern auch störungsanfällig. Im Frühjahr 1944 musste die W+F die Waffe deshalb überabeiteten, was zu folgenden Änderungen führte:
- Zur Behebung von Zufuhrstörungen wurde zusätzlich zur Schliessfeder eine sogenannte Pufferfeder eingesetzt, um die Schliesskraft zu erhöhen (siehe Abbildung, Fig. 5). Zudem erhöhte man die Kadenz von ca. 800 auf 900 bis 950 Schuss pro Minute. Dazu wurden der äussere Laufdurchmesser und damit das Gewicht beim Rücklauf vermindert.
- Zur Behebung von Auswurfstörungen wurde eine Öffnung im Verschlussgehäuse ausgeschliffen (siehe Abbildung, Fig. 4).
- Der zuvor abnehmbare Verschlussschutzdeckel wurde an drei Punkten mit dem Verschlussgehäuse verschweisst (siehe Abbildung, Fig. 3).
- Um dem Verlust des Verschlusshebelstifts vorzubeugen, wurde der Drücker vorne abgeschrägt und dahinter am Verschlussgehäuse ein Stück Metall aufgesetzt, um den Verschlusshebelstift besser von unbeabsichtigtem Druck zu schützen (siehe Abbildung, Fig. 1 und 2).
- Der Auszieher erhielt eine verstärkte Achse.
- Anstelle von Bakelit wurde für den Schaft Holz verwendet. Intakte Bakelitschäfte wurden aber nicht generell ersetzt.
Die so abgeänderten Maschinenpistolen wiesen eine deutlich verbesserte Funktionssicherheit auf und erhielten die Bezeichnung Mp 41/44. Obschon offiziell als «kriegsgenügend» beurteilt, konnte die Waffe nach wie vor nicht befriedigen. Die Produktion, die anfangs 1943 mit der Seriennummer 10001 begann, wurde Ende 1944 vorzeitig eingestellt. Die W+F produzierte weniger als 10000 dieser Maschinenpistolen, ab der zweiten Hälfte des Jahres 1944 von Anfang an in der Konfiguration Mp 41/44. Alle verfügbaren Mp 41 wurden entsprechend nachgerüstet.
Am Ende einer grossen Karriere
Zurück zu Minister Stucki: Bevor der Schweizer Gesandte nach der Befreiung von Vichy in die Schweiz zurückkehrte, vollbrachte der erfahrene Verhandlungsleiter und unerschrockene Diplomat eine seiner bedeutendsten Leistungen. Durch die Vermittlung zwischen vorrückenden Alliierten, abziehenden Deutschen und französischen Partisanen konnte Stucki Vichy vor der Zerrstörung bewahren, was ihm unter anderem das Ehrenbürgerrecht der Stadt einbrachte. Zurück in Bern übernahm er in der Endphase des Kriegs und in den folgenden Jahren noch verschiedene Verhandlungsmandate für die Eidgenossenschaft. Das wohl bekannteste und bedeutendste führte zum Washingtoner Abkommen von 1946. Darin verpflichtete sich die Schweiz mit 250 Millionen Schweizer Franken den Wiederaufbau Europa zu unterstützen, und erhielten dafür von alliierter Seite die Zusicherung, dass keine weiteren Forderungen gestellt würden. Die Schweiz wurde nach dem Krieg, insbesondere von den USA, wegen ihrer Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zu den Achsenmächten heftig kritisiert. Das Verhandlungsresultat war, angesichts der wesentlich höheren Forderungen der Alliierten, ein beachtlicher Erfolg für die Schweizer Verhandlungsdelegation. Nach seiner Pensionierung kümmerte sich Stucki noch als Präsident einer entsprechenden Kommission um Rekrutierung und Ausbildung des diplomatischen Nachwuchses und war auch als Verwaltungsrat schweizerischer Unternehmen tätig. Im Jahre 1963 verstarb Walter Stucki nach kurzer Krankheit im Alter von 75 Jahren.
Literatur
- Reinhart Christian und am Rhyn Michael, Bewaffnung der Schweizer Armee seit 1817 Band 13. Automatenwaffen, Dietikon-Zürich 1972
- Stamm Konrad, Der «grosse Stucki», Zürich 2013
- Stucki Walter, Von Pétain zur Vierten Republik, Bern 1947
- W+F, Ablieferungsbuch Mp 41 und Mp 41/44 (Kopie im Archiv des Verfassers).
- W+F, Mitteilungsblatt 1 über Waffen und Zubehör, August 1944 (Kopie im Archiv des Verfassers)
- diverse Dokumente aus dem Bestand E27 1000/721 18219 des Schweizerischen Bundesarchivs