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Während die «Türkengefahr» im kollektiven Bewusstsein Mitteleuropas bis heute präsent ist, weiss kaum einer, dass es in derselben Zeit auch zahlreiche Beispiele für einen intensiven Kulturaustausch gibt. Mittendrin: der Schweizer Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorn, geboren 1590 in Stein am Rhein.
Ein aussergewöhnliches Gemälde des niederländischen, in Wien tätigen Malers Jeronimus Joachims (1619–1660) zeigt Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorn (1590–1667) als habsburgischen Grossbotschafter auf dem Höhepunkt seiner Karriere am Hof des osmanischen Sultans Mehmed IV. in Konstantinopel 1651.
Wie aber kam ein Schweizer, genauer ein Bürgersohn aus Stein am Rhein, dazu, habsburgischer Diplomat zu werden? Und sich von einem aus den Niederlanden stammenden Maler, Jeronimus Joachims, in Wien portraitieren zu lassen?
1590 wurde Johann Schmid als Sohn des Steiner Ratsherrn Felix Schmid und seiner Frau Elisabeth, geb. Hürus, einer Konstanzer Patriziertochter, geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters blieb die kinderreiche Familie in einer wirtschaftlich schwierigen Situation zurück. Es war vermutlich ein Onkel, Andreas Hürus, Offizier in kaiserlich-habsburgischen Diensten, der sich des Jungen annahm.
1604 starb dieser im «Langen Türkenkrieg» in Ungarn. Johann Schmid geriet in Gefangenschaft und wurde damit nach türkisch-islamischem Kriegsrecht zum Sklaven. Viele Jahre später tauchte Schmid als Übersetzer am Hof des Sultans in Konstantinopel auf – er beherrschte nicht nur osmanisches Türkisch, sondern auch Italienisch und Französisch. Von den Habsburgern freigekauft, kam Schmid 1624 nach Wien. Damit begann eine beispiellose Karriere.
Bereits 1629 kehrte Johann Schmid als Diplomat an die «Hohe Pforte» nach Konstantinopel zurück und blieb dort 14 Jahre lang kaiserlicher Gesandter. Seine wichtigste Aufgabe war es, die Osmanen von einem Kriegseintritt gegen Österreich abzuhalten. Ab Ende 1643 war er dann Mitglied des Hofkriegsrats in Wien. 1647 wurde er geadelt, 1650 in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Mehrere Missionen führten ihn nochmals an den osmanischen Hof nach Konstantinopel zurück, so 1650/1651 als Grossbotschafter zur Überreichung der von Kaiser Ferdinand III. unterzeichneten Friedensurkunde an Sultan Mehmed IV. Dies war der Höhepunkt seiner Karriere. Er starb am 12. April 1667 in Wien und wurde in der Gruft des Schottenstifts beerdigt.
Nicht nur seine Lebensgeschichte ist aussergewöhnlich, sondern auch die Art und Weise, wie er sich selbst präsentierte. Er liess sich nämlich in dem oben erwähnten Gemälde von Jeronimus Joachims 1651 in den Gewändern darstellen, die er als Grossbotschafter zur Audienz bei Sultan Mehmed IV. trug. Diese Kleidung war nicht habsburgisch-europäisch, sondern «ungarisch», d. h. stark an die osmanische angelehnt und als solche für die europäischen Gesandten vom Sultanshof bis 1699 verbindlich vorgeschrieben. Sie bestand aus dem «Dolaman», dem Leibrock, und einem Überhang, dem «Kaftan», einem Kopfschmuck mit Federbüschen, an den Füssen Lederstiefel.
Sie definierte implizit den protokollarischen Rang als Abgesandter des ungarischen Königs und also nicht als der des habsburgischen Kaisers (der in Personalunion König eines Teils von Ungarn war). Sie drückte somit keineswegs Gleichrangigkeit, sondern Unterordnung aus. Und dennoch symbolisierte die Pracht seiner Gewänder aus kostbarer Seide, bestickt mit den von den Osmanen so beliebten Blumen- und Blättermotiven in Gold- und Silberfäden, für Schmid von Schwarzenhorn offenbar den Höhepunkt seiner Karriere so eindrücklich, dass alle anderen Erwägungen dahinter zurückstanden. Tatsächlich war Schmid von Schwarzenhorn 1651 der erste habsburgische Gesandte, der sich voller Stolz in dieser «ungarisch-osmanischen» Kleidung in einem repräsentativen Gemälde portraitieren liess.
Darüber hinaus plante Schmid von Schwarzenhorn sein Nachleben sehr bewusst. Er stiftete seiner Heimatstadt Stein an Rhein ein weiteres Portraitgemälde und einen einzigartigen silbervergoldeten Deckelpokal, der seine aussergewöhnliche Karriere im Bild darstellt. Vorlage hierfür war – vermittelt über einen Kupferstich – die Bildkomposition von Jeronimus Joachims. Schmid verfügte, dass bei jedem Umtrunk daraus seine Lebensgeschichte verlesen werden muss – was bis heute mit der sogenannten Becherzeremonie in Stein am Rhein geschieht.
Durch seine langen Jahre in osmanischer Gefangenschaft und als Dolmetscher für die Osmanen kannte Johann Schmid das von europäischen Verhältnissen völlig verschiedene Machtgefüge des osmanischen Hofes, war mit der osmanischen Kultur vertraut und sprach fliessend osmanisches Türkisch. Seine interkulturelle Kompetenz und seine Sprachkenntnisse, und nicht, wie im 17. Jahrhundert zu erwarten wäre, Herkunft und Besitz waren die Basis für seinen Aufstieg und seinen Erfolg – eine moderne Biographie. Darüber hinaus sorgte er auf kreative und überaus originelle Weise dafür, dass man seine Verdienste als Friedensstifter, wie er gesehen werden wollte, nicht vergass.
Krieg und Frieden bilden das Spannungsfeld der diplomatischen Karriere Johann Rudolf Schmid von Schwarzenhorns. Deutlich wird die Verflechtung von islamisch-orientalischem und christlich-westlichem Kulturkreis zwischen Konflikt und Kulturtransfer. Ganz grundsätzlich wird die Frage nach dem vielschichtigen Verhältnis von Orient und Okzident aufgeworfen, heute nicht weniger aktuell als damals.