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Nach der Grenze zwischen Freundschaft und Liebe zu fragen, mag zunächst etwas nichtssagend anmuten. Schliesslich ist jedem per Definition klar, was das eine und was das andere bedeutet, was die jeweiligen Gefühle ausmacht und vor allem, was sie voneinander unterscheidet. Allerdings ist das Differenzieren nicht immer so leicht möglich, denn die beiden Beziehungsformen können sich ähnlicher sein, als Betroffenen lieb ist. Daher möchte sich der folgende Text der Grenze zwischen Liebe und Freundschaft annähern und versuchen, sie auszuloten, um aufkommenden Zweifeln entgegenwirken zu können und Klarheit für sich zu gewinnen.
Sprachliche Tücken - Was bin ich für dich?
"Das ist mein Freund Max."
"Ich möchte dir meine Freundin Jana vorstellen."
Und? Eindeutig klar geworden, ob Max geliebt oder als Freund geschätzt wird? Hat jeder eine Vorstellung davon, ob Jana die Liebe des Lebens oder die beste Freundin ist? Fortgeschrittene im Beziehungsstatusbenennen und solche, die es gerne genau nehmen, würden an passender Stelle ein "nur" einfügen oder "mein/e" durch ein unpersönliches Pronomen ersetzen und ein "gute/r" anhängen; in beiden Fällen würde klar werden: Aha, Freund/in ist platonisch gemeint, die beiden führen keine Beziehung. Überhaupt ist es äusserst interessant, dass Freundschaft gegenüber Liebe als minderwertig ausgezeichnet wird. Immerhin wirkt die nähere Bestimmung durch "nur" ziemlich degradierend. Dass diese Herabsetzung in der Alltagssprache eigentlich fehl am Platz ist, zeigt sich bei der genaueren Betrachtung dessen, was Freundschaft eigentlich ist:
Die Begrifflichkeiten: Freundschaft, Liebe - Was ist das?
Es existiert eine Vielzahl verschiedener Definitionen für diesen Begriff, wobei sie sich alle in den wesentlichen Aspekten überschneiden:
- sie beruht auf Freiwilligkeit
- sie ist durch gegenseitiges Vertrauen gekennzeichnet
- sie heisst, füreinander da zu sein und sich zu unterstützen
- sie ist persönlicher Natur
- sie fusst auf wechselseitiger Sympathie
Dass diese Attribute als weniger wertvoll zu betrachten sind, als diejenigen einer Liebesbeziehung, erscheint unangebracht. Zumal die Überschneidungen nicht zu leugnen sind - all das, was im Rahmen einer Freundschaft von Bedeutung ist, gilt schliesslich auch für die Liebe! Die einzigen Kriterien, die Freunde im Vergleich zu Liebenden nicht erfüllen (zumindest in der Regel), sind erotische Anziehungskraft, Intimität und Sexualität. Die Sonderstellung der Liebesbeziehung soll dadurch nicht infrage gestellt werden, allerdings ist sie nicht besser als eine Freundschaft, sondern schlichtweg von anderer Qualität, was bei näherer Betrachtung der Unterschiede deutlich wird:
Einige wesentliche Unterschiede von Freundschaft und Liebe

||Freundschaft
||Liebe

|Exklusivität
||Freundschaft kann gleichzeitig zu mehreren anderen Menschen empfunden werden
||Eine Liebesbeziehung besteht normalerweise nur zu einem anderen Menschen

|Zeitaufwand
||Während des Singledaseins wird viel Zeit mit Freunden verbracht, wohingegen sie spürbar abnimmt, wenn eine Partnerschaft eingegangen wird
||Die Beziehung steht für die meisten an erster Stelle, freie Zeit wird am liebsten mit dem Partner verbracht, insbesondere in der ersten Zeit

|Beständigkeit
||In vielen Fällen währen Freundschaften eine sehr lange Zeit und überdauern daher viele Partnerschaften
||Liebesbeziehungen können von einer kurzen leidenschaftlichen Affäre bis hin zu der lebenslangen Liebe bestehen

|Intimität
||Freunde können sich sehr nahestehen, intime Gedanken teilen und über alles sprechen; zumeist unterscheiden sich Freundschaften aber im Grad ihrer Intimität - nicht zu jedem Freund besteht eine gleich enge Bindung
||Partner stehen sich ebenfalls sehr nahe, teilen Gedanken, Wünsche und Hoffnungen; zur emotionalen Intimität kommt jedoch die körperliche hinzu, die die Innigkeit einer Liebesbeziehung, im Vergleich zu allen anderen Formen sozialer Kontakte, so einzigartig macht

|Sexualität
||Spielt im Rahmen gleichgeschlechtlicher heterosexueller Freundschaften keine Rolle. Die moderne Sonderform stellt in gegengeschlechtlichen oder homosexuellen Freundschaften die "Freundschaft Plus" dar, in der sich beide als Freunde definieren, jedoch miteinander schlafen
||Spielt in Liebesbeziehungen eine wichtige Rolle; Partner fühlen sich sexuell zueinander hingezogen, da sie der Liebe körperlich Ausdruck verleihen kann, Zugehörigkeit schafft und evolutionsbiologisch für das Fortbestehen der eigenen und der Gene des Partners notwendig ist

Wo hört Freundschaft auf und wo fängt Liebe an?
Manch einer mag nach wie vor grübeln, wieso die Frage nach einer Grenze zwischen beiden Gefühlslagen relevant ist. Für diejenigen, die diese berechtigten Zweifel hegen, war bisher scheinbar stets eindeutig, mit wem sie befreundet und in wen sie verliebt sind. Für einige ist diese Grenze aber nicht so klar ersichtlich. Viele Menschen werden von Zweifeln geplagt, weil sie für einen langjährigen Freund plötzlich mehr zu empfinden scheinen als nur platonische Gefühle. Auch die schon erwähnte Freundschaft plus kann aus dem Ruder geraten, wenn die Trennung von Gefühlen und Sex doch nicht so leicht gelingt, wie anfangs angenommen. Es gibt also genug Situationen, in denen es notwendig wird, eine Grenze für sich zu ziehen und sich zu fragen, auf welcher Seite man sich befindet.
Sind wir mehr als nur Freunde?
Mehr als nur Freunde?
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Der Vergleich der Begrifflichkeiten hat deutlich gemacht, wie ähnlich sich Freundschaft und Liebe in vielen Punkten sind. Das macht es auch so schwierig, zwischen den beiden Gefühlen zu unterscheiden. Denn in vielerlei Hinsicht, sind es allenfalls feine Nuancen, die den Unterschied fühlbar machen (denn rationales Abwägen von Kriterien, die zutreffen oder nicht, ist für Involvierte kaum möglich).
Ein guter Freund oder eine gute Freundin, der/die schon seit Langem eine wichtige Rolle im eigenen Leben hat, steht einem sehr nahe. Ähnliche Einstellungen, Interessen, Meinungen, Vorlieben und Abneigungen tragen massgeblich dazu bei, gegenüber der Freundin/dem Freund Zuneigung und tiefe Sympathie zu empfinden. Dass Sympathie und Liebe fliessend ineinander übergehen können, ist kein Geheimnis. Während des Kennenlernens vollzieht sich dieser Prozess immerhin genauso, sieht man von romantischen Selbsttäuschungen wie der Liebe auf den ersten Blick mal ab.
Die eigenen Empfindungen reflektieren
Es ist wichtig, sich mit der Frage zu konfrontieren, welcher Gehalt vermeintlich aufkommenden Gefühlen zuzuschreiben ist. Vermeintlich deshalb, weil manchmal auch der Wunsch Vater des Gedankens sein kann, wie es so treffend heisst. Wer sich von Herzen einen Partner wünscht und sich in puncto Liebe sehr einsam fühlt, der mag dazu neigen, schon bestehende enge Beziehungen nach Möglichkeiten abzugrasen. Findet man eine/n gute/n Freund/in dazu noch attraktiv und wäre auch sexuell nicht abgeneigt, ist die Selbsttäuschung zuweilen perfekt.
Natürlich funktioniert das auch im Umkehrschluss; Gefühle zu negieren, weil sie schlicht nicht sein können, lässt ebenfalls häufig an Freundschaften zweifeln. In diesem Falle verhindert die Selbsttäuschung, sich auf die wahren Empfindungen gegenüber dem anderen einzulassen, weil er/sie unter "platonisch" abgespeichert ist und das bisher gut funktioniert hat. Vielleicht, weil man diese Person unter Gegebenheiten kennengelernt hat, in denen eine Liebesbeziehung nicht möglich war oder sie schon seit Kindertagen kennt, weshalb romantische Gefühle abgetan werden.
Es gilt, abzuwägen, was einem persönlich wichtiger ist
Sich über seine eigenen Gefühle klar zu werden ist nie leicht, schon gar nicht, wenn sie eigentlich unter anderem Vorwand entstanden sind. Auf welcher Seite der Grenze zwei Menschen stehen, finden sie am besten gemeinsam heraus. Wer also glaubt, mehr für eine/n Freund/in zu empfinden, sollte das Gespräch suchen. Meistens sind es auch Handlungen und Verhaltensweisen des anderen, die Gefühle befördern. Inwieweit solche Signale bewusst oder unwissend gesendet werden, kann schon aufschlussreich sein. Denn auch eine Liebesbeziehung will auf Gegenseitigkeit beruhen. Wenn der andere die eigenen Gefühle ohnehin nicht erwidert, ist es für einen selbst vielleicht leichter, sich zu verorten und gegebenenfalls einen Schritt zurück zu machen und sich wieder mit beiden Beinen ins Freundschaftsgebiet zu stellen.
Sind das Knistern und das veränderte Miteinander auch für den anderen spürbar, heisst es, sich zu positionieren: Risiko und Möglichkeit auf Liebe oder Beständigkeit und Garantie für Freundschaft. Erwachsene Menschen sollten in der Lage sein, solche Themen anzusprechen und abzuwägen. Ob zwei Menschen als Paar ebenso gut harmonieren wie als Freunde, ist nie gewiss, ebenso wenig, was eine gescheiterte Beziehung aus der Freundschaft macht oder wie eine künstlich erhaltene Freundschaft verläuft, die eigentlich Liebe sein will. Manchmal schafft nur Mut Klarheit; einige Grenzen müssen überschritten werden, um sie sichtbar - um sie spürbar zu machen.