Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/41

Die Deckenmalerei im «Unteren Saal» des Zürcher Rathauses
Aus dem fünfteiligen Bildprogramm erschliesst sich der Charakter des Ancien Régime. Die Regierenden gaben sich nicht einfach despotisch, sondern verfügten aufgrund ihrer klassischen Bildung über eine vage Vorstellung eines republikanischen Staatswesens.
Sie bemühten sich, gute, tugendhafte Landesväter im wahrsten Sinne des Wortes zu sein. Bildung, Kunst und Kultur gegenüber waren sie aufgeschlossen. Für die Beherrschten, die Untertanen auf der Landschaft, liess es sich unter diesen Voraussetzungen einigermassen gut leben.
Allerdings entwickelte die Aufklärung ein neues Menschenbild und neue Leitgedanken für die Gestaltung von Staat und Gesellschaft, die mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der Französischen Revolution ins Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise getragen wurden. Es entstand eine Konfliktsituation zwischen der Stadt und der ihr untertanen Landschaft, wobei sich das Ancien Régime als starr und kaum noch reformfähig erwies.
Auch die Geschichte des Motivs der vier Staatstugenden hört sich spannend an. Ursprünglich postulierten antike Philosophen drei oder vier menschliche Haupt- oder Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit, Stärke, Klugheit und Masshalten. Bereits in der römischen Antike wurden Kaiser zusammen mit als Frauen personifizierten Tugenden dargestellt. Der Kirchenvater Ambrosius (4. Jh. n. Chr.) begründete die christliche Tugendlehre. Er übernahm ebenfalls vier Kardinaltugenden, die er den vier paradiesischen Flüssen zuordnete. Weil es aber sieben Laster oder Todsünden gab, wurde die Zahl der christlichen Tugenden sukzessive auf sieben erhöht und mannigfach in der Kunst dargestellt. Unmittelbare theoretische Grundlage für die Deckenmalereien im Zürcher Rathaus bildete das 1593 erschienene Werk «Iconologia» des Italieners Cesare Ripa.