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Rückzug der Sprache
Ursprünglich war
das heutige Verbreitungsgebiet des Romanischen von Kelten und,
vermutlich nur ganz im Osten Graubündens, von Rätern besiedelt.
Was die Zuordnung der Räter und ihrer Sprache angeht, ist man
sich unsicher. Man geht aber davon aus, dass die rätische Sprache
nicht indogermanisch war. Gesichertere Aussagen lassen sich wegen
der nur bruchstückhaften Überlieferung des Rätischen
kaum machen.
Diese Völker wurden während des Alpenfeldzuges von 15 v.
Chr. von den Römern unterworfen, welche die lateinische
Sprache (hauptsächlich in Form des von der einfachen
Bevölkerung und vom Militär gesprochenen Vulgärlateins)
in die unterworfenen Gebiete brachten.
Wie schnell dann die Romanisierung erfolgte, ist
unsicher. Am Ende des Altertums waren nach den jedoch nicht abschliessenden
Erkenntnissen der Sprachforschung die ursprünglichen vorrömischen
Sprachen anscheinend praktisch ausgestorben, und es blieben nur wenige Substratwörter im
Romanischen erhalten. Diese beziehen sich vor allem auf für die
Alpen typische Bezeichnungen aus den Gebieten von Flora und Fauna sowie
Geländebezeichnungen (z. B. crap „Stein“).
Ab dem 8./9. Jahrhundert geriet die Region unter germanischsprachigen
Einfluss. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend Deutsch zur
Amtssprache, Romanisch wurde zu jener Zeit verächtlich als „Bauernsprache“angesehen.
Dass früher auf einem viel grösseren Gebiet Romanisch gesprochen
wurde, erkennt man unter anderem an den vielen rätoromanischen
Ortsnamen und Lehnwörtern in den heute deutschsprachigen Kantonen
Glarus und St. Gallen. Sie zeigen, dass bis ins Hochmittelalter und
teilweise noch länger die Sprachgrenze im Nordwesten im Gasterland
lag und somit auch das ganze Walenseegebiet (Walen- ist mit
welsch verwandt) romanisch war. Im Nordosten reichte das romanische
Sprachgebiet
bis zum so genannten Hirschensprung bei Rüthi im St. Galler Rheintal.
Auch weite Gebiete in Vorarlberg und im Westtirol waren ehemals romanisch.
Am spätesten (nach dem 11. Jahrhundert) eingedeutscht wurden Gegenden,
deren Ortsnamen nicht auf der ersten Silbe betont werden, z. B. (Bad)
Ragaz, Sargans, Vaduz (von lat. aquaeductus „Wasserleitung“),
Montafon, Tschagguns und Galtür.
Die ersten bekannten romanischsprachigen Dokumente waren Übersetzungen
lateinischer Predigten. Erst während der Reformation
entstanden eigentliche Schriftsprachen in den verschiedenen Idiomen.
Der Hauptgrund dafür, dass sich keine einheitliche Schriftsprache
für alle Idiome entwickelte und dass das Romanische gegenüber
der deutschen Sprache zunehmend an Boden verlor, war das Fehlen eines
romanischen geistig-politischen Zentrums. Die Stadt Chur, welche
als einzige für eine solche Funktion in Frage gekommen wäre,
geriet als Bischofssitz schon früh unter deutschen Einfluss
und war ab dem 15. Jahrhundert nur noch deutschsprachig. Erst in
jüngster Zeit, d. h. ab Beginn des 20. Jahrhunderts, hat sich
infolge der Abwanderung von Romanen in die Kapitale hier wieder zunehmend
so etwas wie ein Zentrum für die romanische Sprache und Kultur
bilden können, von dem wichtige Impulse in die romanischen Stammlande
ausgehen. Diese Entwicklung geht einher mit der zunehmenden Ausprägung
eines romanischen Sprachbewusstseins, das vor dem 19. Jahrhundert
noch weitgehend fehlte.

Der Name Rätoromanisch bürgerte sich erst ca. Mitte
des 19. Jahrhunderts ein. Er geht auf den Namen der
römischen Provinz Raetia zurück, die jedoch ein weit
grösseres Gebiet umfasste, als den Lebensraum der unterworfenen
Räter, welche, gemäss heutigem Forschungsstand, nur ganz im
Osten des heutigen Graubündens, nämlich im Unterengadin und
im Münstertal, lebten.
Im Mittelalter nannten Deutschsprachige die romanische Sprache
noch Churwelsch („von den Einwohnern von Chur gesprochene
welsche Sprache“). Martin Luther bezog im 16. Jahrhundert das
Wort Kauderwelsch explizit auf das Churwelsche. Die gelegentlich
gehörte Bezeichnung „Geröllhaldenlatein“(für
den geologischen Hintergrund siehe Bündnerschiefer) ist neueren
Datums (Mitte des 20. Jahrhunderts) und weniger verächtlich,
sondern eher freundschaftlich oder neckisch gemeint.