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Jochen Weeber
2006
Nicht nach Dakar
von Jochen Weeber
Jetzt bin ich wieder ein paar Minuten aufgeregt. Du löffelst neben mir in deinem 6½-Minuten-Ei, während du das Kreuzworträtsel löst, das unsere Sonntagvormittage so schön zusammenhält. Im Moment grübelst du nach der Hauptstadt des Senegal und willst dabei wirken, als läge es dir auf der Zunge. Immer machst du das so. Sonntags. Du schwenkst nachdenklich den Löffel in der Luft, wie einen Taktstock, der deine Gedanken dirigiert. Vieles trägst du souverän ein, besonders schnell bist du bei Synonymen und bei Vorsilben aus dem Lateinischen oder Griechischen. Bei Manchem allerdings schwenkst du den Löffel und lässt dein Ei warten. Am Besten gefällt mir, dass dir immer irgendeine Stadt auf der Zunge liegt. Jeden Sonntag während unseres Frühstücks geht dir das so. Mir macht das nichts aus, im Gegenteil. In genau diesen Momenten küsse ich dich am Liebsten. Dich zu küssen ist natürlich immer eine angenehme Sache, aber das während unserer Kreuzworträtselsonntage zu tun, mit geschlossenen Augen, während dir eine Stadt auf der Zunge liegt, das ist noch mal anders, das ist wie verreisen. Sofia, Havanna, Edinburgh, immer hältst du eine Metropole für mich parat. Letzte Woche Toronto, nicht zu vergessen Wladiwostok kurz vor Weihnachten. Ich bin ganz schön herumgekommen, seit ich dich kenne. Heute ist es wieder soweit. Du schwenkst den Löffel und ahnst nicht, dass ich schon wieder auf gepackten Koffern sitze. Gleich ist Dakar an der Reihe. "Senegal..." überlegst du laut. "Sind das nicht die mit dem deutschen Fußballtrainer? Diesem Rothaarigen, na, wie heißt der noch gleich?"
"Winfried Schäfer?"
"Hach, genau. Schäfer."
"Der trainiert aber die Nationalmannschaft Kameruns."
"Ach so", sagst du, "na ja, egal, hilft mir ohnehin nicht weiter."
Gleich dürfte es soweit sein, denke ich. Gleich wirst du den Satz sagen, den du immer sagst. Ich bin bereit.
"Senegal... Hauptstadt... vorletzter Buchstabe ein a.... die heißt... die heißt, ich hab's gleich, liegt mir auf der Zunge."
Ich blicke dir in die Augen, und in Gedanken habe ich schon eingecheckt. Gerade als ich mich zu dir hinüberbeugen möchte, klingelt das Telefon. Ausgerechnet jetzt.
"Schatz, bist du so nett... dann könnte ich solange...".
"Kein Problem", sage ich, eile die paar Schritte zum Flur und nehme ab. Torsten. Fängt direkt an, mir von seiner suuuper anstrengenden Woche zu erzählen; dass sein Chef krank sei, die Kollegin nächste Woche in Kur gehe und da ganz schön was auf ihn zukomme. Ich habe das Gewicht auf's rechte Bein verlagert, um nebenbei ins Wohnzimmer schielen zu können. Da Torsten es immer schwer hat bin ich nett zu ihm und sage mitfühlend, da käme ganz schön was auf ihn zu nächste Woche. Er bedankt sich für die Anteilnahme, während ich plötzlich sehe, dass du nicht mehr mit dem Löffel schwenkst. Sieht aus, als hältst du einen Stift... Innerhalb von drei oder vier Sekunden habe ich Torsten aus der Leitung geworfen und gehe schleunigst zurück zum Tisch. Von hinten schiele ich dir über die Schulter. In fetten Buchstaben steht da ein Wort, bei dessen Anblick mir klar wird, dass ich meinen Cousin in Zukunft mit einer sonntäglichen Anrufsperre belegen werde. Natürlich freue ich mich auch, irgendwo, irgendwie, darüber, dass da Dakar steht, aber ein bisschen länger hättest du mir zuliebe schon grübeln können. Du drehst dich um, strahlst, und dann küsst du mich. Und auch wenn dir dabei nichts mehr auf der Zunge liegt: es ist eine schöne Angelegenheit, sich in der Mitte zu treffen. In etwa so, als dürfte ich zur Entschädigung ein paar Urlaubsfotos anschauen: Sehenwürdigkeiten in Farbe, von Havanna bis Edinburgh, Erinnerungen an das Fernweh der letzten Jahre.