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Der Zweite Weltkrieg befand sich neben Vaters Bett. Mutter lag neben Italien und Frankreich, Asien und Afrika waren im Wohnzimmer. Daran, wo Amerika zu suchen war, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich selber entwickelte mich zum Experten für Fotografien von den Schlachtfeldern des grossen Krieges. Ich kannte Al-Alamein, ich wusste, weshalb Monte Cassino uneinnehmbar war. Noch heute kann ich alle Küstenabschnitte der Normandie bei ihren Namen nennen.
Vater hatte 1938 das National Geographic Magazine abonniert. Monat für Monat kam das amerikanische Heft mit seinen vielen Fotografien an, auch im Krieg. Sechsmal im Jahr lag eine Landkarte bei, als Erklärungshilfe für das jeweils besprochene Land. Vater hatte das Vorrecht, seine gelben Hefte als erster zu lesen. Und Vater entschied darüber, in welchem Büchergestell die buchgrossen Hefte zu stehen kamen. Mutter, die eine Schwäche für Italien und Frankreich hatte, durfte die entsprechenden Ausgaben in Griffnähe haben. Schwierig wurde es dann, wenn ein Heft das Kriegsgeschehen in Mutters Ländern behandelte. Denn Vater war der politische Spezialist, Vater verfolgte die Kriegsreportagen. Und Mutter war für das Schöne zuständig. Das hatte zum Beispiel zur Folge, dass das Heft „The Liberation of Italy“ mal neben Mutters Bett zu stehen kam, um später im Büchergestell neben Vaters Bett zu verschwinden. Zu Unordnung kam es stets dann, wenn ich krank im Bett lag. Ich durfte die Bilder anschauen, ich durfte die Hefte in mein Zimmer nehmen. Mutter sah es zwar nicht gern, wenn ich mir die Soldaten und die Ruinen anschaute. Mit sechs kannte ich alle amerikanischen Panzertypen, wusste, dass die amerikanischen Willys Jeeps nicht dasselbe waren wie die Command Cars, die Chrysler herstellte. Ich kannte Coventry und Dresden, Nagasaki und Rotterdam von Luftaufnahmen her. Als ich eines Tages am Esstisch von ‚rasierten Städten‘ sprach, verursachte ich eine heftige eheliche Auseinandersetzung. Mutter beharrte darauf, dass die Hefte mit den Kriegsfotos in den Estrich kamen, was für Vater nicht in Frage kam. Mutter drohte damit, die Kriegsjahrgänge aus pädagogischen und psychologischen Gründen wegzugeben, Vater warf ihr vor, sie würde die Realität negieren. Typisch, sagte er. Ich begann zu heulen, weil ich die amerikanischen Soldaten zu verlieren glaubte. Tage später einigten sich meine Eltern: Die Kriegsjahrgänge wurden einem Buchbinder gegeben, bei dem sie wohl für zwei Jahre verschwanden. Mir blieben die Fotoreportagen aus Rom und Paris, Bilder von der Toskana und von der Provence, die ich sterbenslangweilig fand. Ich verlagerte mich auf die Reklame, auf die schönen Frauen neben den amerikanischen Strassenkreuzern, auf die Coca-Cola-Werbung. Und ich stellte mir vor, wie diese Frauen, die so blond waren wie Marilyn Monroe, zu mir ins Bett kamen. Der Krieg war vorbei, wie schön war doch das neue Zeitalter der schönen Frauen und schnellen Limousinen.
Eingeworfen am 1.4.2020