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Einkommensverteilung
Der Begriff der Einkommensverteilung beschreibt, wie das im Verlaufe eines Jahres erarbeitete gesamtwirtschaftliche Einkommen auf die einzelnen Gesellschaftsmitglieder (Personen, Haushalte) und Produktionsfaktoren (Kapital, Arbeit) aufgeteilt wird. Dabei wird zwischen personeller und faktorieller Einkommensverteilung unterschieden: Die personelle Einkommensverteilung kennzeichnet die Verteilung des (nationalen) Einkommens auf die Privathaushalte und Individuen, während die faktorielle (bzw. funktionale) Einkommensverteilung die Aufteilung auf die Produktionsfaktoren Kapital (Gewinnquote) und Arbeit (Lohnquote) dokumentiert. Gewöhnlich wird die Einkommensverteilung auf nationaler (z. T. auch auf kantonaler) Ebene betrachtet. Erst in jüngster Zeit wird auch die Einkommensverteilung auf globaler Ebene, d. h. die Verteilung des Welteinkommens unter den Individuen und Haushalten der Weltgesellschaft, vermehrt thematisiert.
Die personelle Einkommensverteilung beschreibt die (unterschiedlichen) materiellen Lebensbedingungen der Haushalte sowie der Bürgerinnen und Bürgern innerhalb einer Gesellschaft und liefert damit Hinweise auf bestehende Einkommens- und potenzielle Chancenungleichheiten. Dies gilt insbesondere für die Verteilung des verfügbaren Haushaltsäquivalenzeinkommens, das aussagekräftigste Einkommensmass für die Messung von Wohlstands- und Wohlfahrtsunterschieden. Beim Haushaltsäquivalenzeinkommen werden zunächst alle Einkommensquellen aller Haushaltsmitglieder (Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen, staatliche und private Transfers) aufaddiert, danach die Zwangsabgaben (wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge, Krankenkassenprämien) abgezogen und schliesslich mittels sogenannter Äquivalenzskalen mit der Haushaltsgrösse gewichtet. Die am häufigsten verwendete Äquivalenzskala, die sogenannte «modifizierte» OECD-Skala, gewichtet die erste (erwachsene) Person eines Haushalts mit 1, die zweite und jede weitere erwachsene Personen mit 0,5 und Kinder mit 0,3. Die Problematik der Messung von Einkommen ist für die Frage der Einkommensverteilung (aber auch der Armutsmessung) von grosser Bedeutung, da unterschiedliche Messmethoden, Einkommenskonzepte und Äquivalenzskalen die Einkommensverteilung erheblich beeinflussen. So sind beispielsweise die Einkommen der Haushalte ausgeglichener verteilt als die individuellen Einkommen. Auch die verfügbaren Einkommen bewegen sich in einer engeren Bandbreite als das sogenannte Primäreinkommen (Erwerbs- und Kapitaleinkommen, ohne Transferleistungen). So variiert in der Schweiz der Gini-Koeffizient, der wohl bekannteste Indikator für Einkommensungleichheit, der einen Wert zwischen 0 (perfekte Gleichheit) und 1 (maximale Ungleichheit) aufweisen kann, beim verfügbaren Haushaltsäquivalenzeinkommen in den letzten Jahren (2010–2014) je nach Datenquelle und Jahr zwischen 0,26 und 0,30, während er beim Primäreinkommen zwischen 0,40 und 0,44 liegt. Der staatliche Umverteilungseffekt (mittels Sozialpolitik und Steuerprogression) ist also erheblich, nämlich zwischen 0,10 und 0,18 Gini-Koeffizient-Punkten. Im internationalen Vergleich gehört die Schweiz zu den Ländern mit einer vergleichsweise geringen, unterdurchschnittlichen Einkommensungleichheit – der Gini-Koeffizient aller OECD-Länder beim verfügbaren Haushaltsäquivalenzeinkommen beträgt derzeit (2013) 0,31.
Hat sich die Verteilung des verfügbaren Einkommens in den letzten Jahren verändert? Sind die Wohlstandsunterschiede im Gefolge der Globalisierung und des technologischen Wandels grösser geworden? Für die Schweiz lässt sich insgesamt festhalten, dass die Haushaltseinkommensungleichheit aktuell etwa gleich hoch ist wie Anfang der 1990er Jahre. Allerdings steigt die Ungleichheit in Boomjahren (1998–2001, 2003–2007) an und bleibt in ökonomischen Rezessionen stabil oder geht leicht zurück (anfangs der 1990er Jahre, 2002–2003, 2008–2009). Dieser Einfluss der Konjunkturentwicklung liegt einerseits am ausgleichenden Effekt der Sozialpolitik, die die Einkommen der ärmeren Haushalte in Krisenjahren stabilisiert (durch Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe und Altersrenten, deren Höhe weitgehend unabhängig vom Wirtschaftswachstum sind). Andererseits reagieren sehr hohe Einkommen sensibler auf das Wirtschaftswachstum als tiefe und mittlere Einkommen, da sie stärker von Kapitaleinkommen und Boni bestimmt sind, die ihrerseits eng an die Zyklen der Aktienmärkte gekoppelt sind. Das Bild einer weitgehend stabilen Einkommensverteilung auf der Ebene der verfügbaren Haushaltseinkommen wird allerdings relativiert bei Betrachtung der individuellen Erwerbseinkommen. So hat sich die Lohnschere in der Schweiz im Verlaufe der letzten zehn Jahre ausgeweitet. Hauptmotor dieser Entwicklung sind angesichts nur leicht gestiegener tiefer und mittlerer Löhne die überdurchschnittlich gewachsen Toplöhne. Aber auch die zunehmende Teilzeitarbeit und eine grössere Ungleichheit bei den Stundenlöhnen spielen bei diesen Veränderungen eine Rolle.
Verschiedenen Faktoren sind dafür verantwortlich, dass sich in der Schweiz die Einkommensschere bei den Haushalten in den letzten Jahren weniger stark geöffnet hat als in vielen anderen Ländern. Erstens reduzierte die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen die Ungleichheit der Haushaltseinkommen in der Schweiz. Zweitens hat der Anteil kleiner Haushalte (die die Haushaltseinkommensungleichheit tendenziell vergrössern) in der Schweiz weniger stark zugenommen als in anderen Ländern. Drittens hat die staatliche Umverteilung durch Renten, öffentliche Transfers und Steuern über die Zeit leicht zugenommen.
Die faktorielle Einkommensverteilung hat sich in praktisch allen Ländern Europas, so auch in der Schweiz, im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte zugunsten der Kapitalbesitzer verändert. Gemäss diverser Studien konnten die Kapitalbesitzer in den reichen Ländern ihren Anteil am Gesamteinkommen zwischen den 1970er Jahren und 2010 von 15–25 % auf 25–30 % steigern. Aufgrund von Messsungenauigkeiten variieren allerdings die Angaben je nach Quelle, Land und Bereinigungsverfahren erheblich. Es scheint jedoch, dass die Schweiz zu einer Gruppe von Ländern gehört, in der der Rückgang der Lohnquote (Anteil der Lohneinkommen am Gesamteinkommen) vergleichsweise gering ausfiel – dies im Gegensatz etwa zu Österreich, Norwegen und Finnland. Als Gründe für diese langfristigen Veränderungen in der faktoriellen Einkommensverteilung werden der technologische Wandel sowie die Automatisierung und die Globalisierung der Produktion genannt. Eine wichtige Rolle dürften aber auch veränderte Machtverhältnisse zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber spielen.
Struktur und Wandel der Einkommensverteilung haben unmittelbare sozialpolitische Bedeutung: zu grosse und wachsende Einkommensunterschiede können sich in Wohlstandsgräben, gesellschaftlichen Spaltungen und Benachteiligungen ganzer Bevölkerungsgruppen niederschlagen und den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft nachhaltig gefährden. Die hohe Stabilität in der Verteilung des verfügbaren Haushaltseinkommens ist deshalb in sozialpolitischer Hinsicht eine gute Nachricht und bedeutet, dass in der Schweiz die strukturellen Spaltungs- und Ausgrenzungstendenzen mit ihren entsprechenden sozialpolitischen Folgen weniger manifest sind, als dies in anderen Ländern derzeit der Fall ist. Diese sozialpolitisch günstige Situation könnte sich jedoch in Zukunft ändern, etwa kurzfristig als Folge politischer Reformen, die die bislang stabilisierenden Mechanismen beeinträchtigen oder längerfristig, etwa infolge eines anhaltenden und verstärkten Rückgangs der Lohnquote. Schliesslich ist längerfristig auch mit ungleichheitsfördernden Effekten des technologischen und demografischen Wandels zu rechnen. Kurz- und mittelfristig besonders bedeutsam sind die (bislang) bedeutenden, ausgleichenden Effekte von Steuern und staatlichen Transferleistungen, die durch (regressive) Steuerreformen oder bestimmte Veränderungen bei den sozialpolitischen Leistungen (z. B. Aufhebung der Indexierung der AHV-Renten) erheblich reduziert werden könnten.
Literaturhinweise
Modetta, C. & Müller, B. (2012). Einkommensungleichheit und staatliche Umverteilung. Zusammensetzung, Verteilung und Umverteilung der Einkommen der privaten Haushalte. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.
Salverda, W., Nolan, B., Checchi, D., Marx, I., McKnight, A., Tóth, I. & van de Werfhorst, H. (2014). Changing inequalities in rich countries: analytical and comparative perspectives. Oxford: Oxford University Press.
Suter, C., Kuhn, U., Gazareth, P., Crettaz, E. & Ravazzini, L. (2016). Considering the various data sources, survey types and indicators: To what extent do conclusions regarding the evolution of income inequality in Switzerland since the early 1990s converge? In A. Franzen, B. Jann, C. Joppke & E. Widmer (Eds.), Essays on Inequality and Integration (pp. 153–183). Zurich: Seismo.