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Ist es verwerflich, wenige Menschenleben zu opfern, um viele zu retten? In philosophischen Gedankenexperimenten (Trolley-Problemen) werden Individuen vor dilemmatische Entscheidungssituationen gestellt, die viel Raum bieten, ethische und moralische Grundsätze zu diskutieren.
Karneades
(Glyptothek München)
Der Duden beschreibt ein Dilemma
als „Zwangslage, Situation, in der sich jemand befindet, besonders wenn er zwischen zwei in gleicher Weise schwierigen oder unangenehmen Dingen wählen soll oder muss“. Gemeint ist hierbei das negative Dilemma, also eine Situation, die zwei Auswege aufzeigt, wobei keiner zum positiven Ergebnis führt. Paradigmatisch steht hierfür das – gern im Jurastudium behandelte – philosophische Gedankenexperiment vom Brett des Karneades
: Zwei Schiffbrüchige entdecken im Meer ein Holzbrett, das allerdings nur einen der beiden tragen könnte. Beide Männer ertränken, versuchten sie, zusammen mit der Planke über Wasser zu bleiben. So entschliesst sich einer der Schiffbrüchigen, den anderen zu töten, um sich selbst zu retten und überlebt. Der Überlebende hat in einer ausweglosen Situation somit eine Entscheidung getroffen. Inwiefern kann er nun zur Rechenschaft gezogen werden? Darf das Leben eines Menschen geopfert werden, um das eigene zu retten?
Darf das Leben eines Menschen geopfert werden, um das eigene zu retten?
Vom christlich-ethischen Standpunkt aus betrachtet, hat der Überlebende in dem Gedankenexperiment, das dem griechischen Philosophen Karneades von Kyrene
(214/213 v. Chr. bis 129/128 v. Chr.) zugeschrieben wird, einen Menschen getötet und somit gegen das fünfte Gebot verstossen. Auch das deutsche Strafrecht sieht den Tatbestand des Totschlags nach § 212 STGB
als verwirklicht an. Da aber eine Notsituation vorherrschte, ist die Frage nach der Schuld des Täters negativ zu beantworten, weshalb er nach § 35 STGB
(entschuldigender Notstand) nicht verurteilt würde, obwohl sein Verhalten rechtswidrig und moralisch verwerflich war.
Als Dilemma kann ebenso die Wahl zwischen zwei positiven Dingen bezeichnet werden, indem zwei Möglichkeiten beschrieben werden, die beide zum gewünschten Ergebnis führen. Dies könne, antiken Philosophen nach, zur Ausweglosigkeit und sogar zum Tode führen, weil eine Entscheidungs-Blockade ein Handeln nicht zulasse.
Buridans Esel
Buridans Esel unentschieden.
Als Beispiel hierfür sei das philosophische Gleichnis von Buridans Esel
angeführt (ein Gleichnis, das auf den persischen Philosophen Al-Ghazālī
[1058–1111] zurückzuführen ist). Johannes Buridan
, ein französischer Philosoph aus dem Mittelalter, soll angeblich (kommt aber bereits bei Aristoteles vor) mit dieser Fabel obige These erläutert haben: Ein Esel steht zwischen zwei gleich grossen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schliesslich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.
Neuzeitliche Philosophen betrachteten dieses Gleichnis auch im Hinblick auf den Gegensatz zwischen Determinismus
und Willensfreiheit. Dies spielt aber auch in der Entscheidungs- und Spieltheorie eine Rolle. Als Deadlock
steht dieses Gleichnis für eine Lage, in der sich beide Alternativen einer dilemmatischen Situation wechselseitig blockieren.
Das Trolley-Problem
Ein weiteres philosophisches Gedankenexperiment einer dilemmatischen Entscheidungssituation ist das so genannte Trolley-Problem
, das die britische Philosophin Philippa Foot
1967 so formulierte: Edward ist der Fahrer einer Strassenbahn (Trolley), die ausser Kontrolle geraten ist und fünf Gleisarbeiter zu überrollen droht. Durch Umstellen einer Weiche kann die Strassenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Aber auch dort ist ein Gleisarbeiter beschäftigt (vgl. Titelbild
). Darf Edward den Weichenhebel umlegen und damit den Tod einer Person in Kauf nehmen, um das Leben von fünf Personen zu retten? Das Dilemma ist perfekt: Die Befolgung des Richtigen führt gleichzeitig zum Verstoss gegen das Richtige. Wäre es moralisch richtiger, eine Tat in diesem Fall ganz zu unterlassen?
Das Trolley-Problem wird häufig in mehreren Varianten zitiert, um zwei der drei grossen Denkrichtungen in der Ethik, Utilitarismus
und Deontologie
(Pflichtethik), voneinander abzugrenzen. Ein Utilitarist würde sagen, dass die Rettung von fünf Personen das Umbringen einer Person rechtfertigt, da in der Summe weniger schlechte Konsequenzen auftreten. Deontologen hingegen würden den Tod des Einzelnen als ungewollten Nebeneffekt bei an sich guten Absichten betrachten. So sehen es spontan wohl auch viele Befragte.
Fetter-Mann-Problem
Eine klare deontologische Antwort lässt sich jedoch erst zu einer von der US-amerikanischen Philosophin Judith Jarvis Thomson
abgewandelten Version des Problems geben („Fetter-Mann-Problem“): Eine Strassenbahn ist ausser Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Herabstossen eines unbeteiligten fetten Mannes von einer Brücke vor die Strassenbahn kann diese zum Stehen gebracht werden. Darf der Tod dieser einen Person herbeigeführt werden, um das Leben von fünf Personen zu retten?
Ein Deontologe würde die Tötung eines Menschen durch die eigene Hand ablehnen. Ein Utilitarist müsste aber, da auch in dieser Variante in der Summe weniger schlechte Konsequenzen auftreten, für die Tötung des dicken Mannes argumentieren. Intuitiv lehnen die meisten Menschen dies jedoch ab.
Im ersten Fall wäre das Töten ein „indirektes“, denn es müsste zwar die Weiche umgestellt werden, aber der eigentliche Tötungsakt würde von der Strassenbahn durchgeführt werden.
Das eigenhändige Töten hingegen wird als gegen die Menschenwürde verstossend und moralisch als so verwerflich angesehen, dass stattdessen der Tod von fünf Menschen in Kauf genommen wird. An der Entscheidung, die in einer dilemmatischen Situation getroffen wird, wird deutlich, welche Werte wichtig sind, denn auf diesen beruhen Ideale und Prinzipien.
Literarische Varianten in der neueren deutschsprachigen Literatur
Das Thema der Entscheidung als Liebesgeschichte (ein Mann zwischen zwei Frauen, und keine will er verlieren) neu erzählt von Günter de Bruyn.
Ulrich Plenzdorf: Buridans Esel. Legende vom Glück ohne Ende. Berlin 1986 (Bühnenstück und Filmszenarium nach de Bruyns Roman: ein Bibliothekar zwischen zwei Frauen).
Sterbehilfe
Das Trolley-Problem tritt in verschiedener Form auch aktuell auf wie beispielsweise bei autonomen, also selbstfahrenden Autos (siehe: Oliver Bendel
: „Es singen die Maschinen
“ auf senline.net) oder in der Debatte um die Sterbehilfe. Etwas zu unterlassen ist aufgrund angeborenen Moralempfindens offensichtlich weniger schlimm als eine Tat zu begehen. Entsprechend scheint es nach verschiedenen Rechtssystemen besser und menschenwürdiger zu sein, einen unheilbar kranken Menschen langsam sterben zu lassen, als ihn mit einer Überdosis Medikamenten von seinem Leiden zu erlösen (passive statt aktive Sterbehilfe).
Könnte es aber moralisch nicht auch akzeptabel und mit der Menschenwürde vereinbar sein, eine aktive Sterbehilfe zu erlauben? Es hat den Anschein, als führten moralische Erwägungen von einem Dilemma ins nächste und nicht immer zur besten Entscheidung.
Quellen:
Video zum Thema:
- Christoph Behrens, Betrunkene werden zu kalten Utilitaristen, in: Süddeutsche Zeitung, 02.11.2014.
- Jörg Blech/Rafaela von Bredow, Die Grammatik des Guten, in: Der Spiegel 31/2007
- Phiippa Foot, The Problem of Abortion and the Doctrine of the Double Effect, Oxford Review, No. 5, 1967, included in: Foot, Virtues and Vices and Other Essays in Moral Philosophy, 1977/2002, p. 2f.
- Steven Milverton, Wider die Vernunft – Das Trolley-Problem, auf: www.stevenmilverton.com, 20.01.2008.
- Trolley-Problem auf Wikipedia