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In Libanon wird viel gebaut. Im Stadtzentrum Beiruts, an den Hängen des Libanon-Gebirges und entlang der Küste bis in die abgelegensten Dörfer im Landesinnern des Nordens und des Südens schiessen die Neubauten scheinbar ohne System und Raumplanung in die Höhe. Der libanesische Zementverbrauch pro Kopf der Bevölkerung ist doppelt so hoch wie in der Schweiz, obwohl im Zedernland wenig in den Strassenbau und nichts in Eisenbahntunnels investiert wird.
Der Bauboom gründet immer noch, und immer wieder, im Wiederaufbau von im Krieg zerstörten Bauten. Nach wie vor ist ein grosser Teil des alten, im Bürgerkrieg 1975 bis 1990 zerstörten Geschäftszentrums von Beirut eine grosse Baustelle, wo ganze Häuserzeilen im maurischen Stil des 19. Jahrhunderts nachgebaut werden und gleichzeitig Stahl- und Glastürme à la Dubai in die Höhe schiessen. In den letzten fünf Jahren wurde in einem südlichen Vorort der Hauptstadt auch ein Viertel wiederaufgebaut, das im Krieg zwischen dem Hizbullah und Israel im Sommer 2006 in Schutt und Asche gelegt worden war.
Andererseits besteht überall im Land ein grosser Bedarf an Wohnraum. Beirut und die anderen Küstenstädte, eingeklemmt zwischen Meer und Berg, haben jedoch relativ wenig Platz, um in die Breite zu wachsen. Dies treibt die Land- und Wohnungspreise in die Höhe, führt zur Zerstörung alter Bausubstanz und stimuliert den Bau von Hochhäusern, die eine bessere Ausnützung des Platzes erlauben. Hunderte der alten Wohnhäuser mit den typischen drei Spitzbogen in der Fassade, die das Bild der alten Wohnquartiere prägten, haben in den letzten zehn Jahren gesichtslosen Wohn- und Bürotürmen Platz machen müssen.
Auch wenn das Stadtbild dies nicht zu bestätigen scheint, müssen libanesische Bauherren Zonenpläne, Sicherheitsauflagen und andere Regeln einhalten und für ihre Projekte amtliche Bewilligungen einholen. In Gerüchten oder Medienberichten ist zwar oft von Verstössen gegen die Regeln die Rede, die auf Korruption oder politische Protektion zurückzuführen sind. Kontrollen seien zwar selten, meint Toufic Shayboub, ein Architekt, den wir auf der Baustelle für ein 23-stöckiges Wohngebäude in Ras Beirut befragen. Doch riskiere ein Bauherr, der die gesetzlichen Auflagen ignoriere, später Rechtsstreitigkeiten und Kosten, die besser vermieden würden.
Auf der anderen Seite sind die Arbeitsbeziehungen auf der Baustelle nur sehr wenigen Regeln unterworfen. Die Bauarbeiter sind meist Taglöhner aus Syrien, die per Handschlag eingestellt und wieder entlassen werden. Die Syrer können mit ihrer Identitätskarte in Libanon einreisen und dann sechs Monate ohne weitere Formalitäten im Land bleiben. Wie viele Syrer in Libanon arbeiten, ist nicht bekannt, Schätzungen sprechen von 300 000 bis 500 000. Sie sind vor allem als ungelernte Arbeiter beschäftigt und verdienen laut Shayboub zwischen 15 und 22 Dollar täglich.
Die syrischen Gastarbeiter machen die Arbeit, für die sich die Libanesen zu gut sind oder die ihnen zu wenig Lohn einbringt. Die Libanesen auf der Baustelle sind spezialisierte Handwerker wie Elektriker oder Installateure sowie Vorarbeiter und Bauführer. Auch von ihnen sind die meisten selbständig und verpflichten sich jeweils für die Dauer eines Projekts. Ihr Tageslohn beträgt aber rund das Doppelte dessen, was syrische Arbeiter erhalten.
Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird vom gegenseitigen Vertrauen reguliert. Gewerkschaften gibt es kaum, und gesetzliche Regeln werden wenig beachtet. Ausser einer Unfallversicherung während der Arbeitszeit haben die Gastarbeiter keine Sicherheiten. Aber Libanon bietet für viele Syrer den – geografisch und kulturell – nächsten Arbeitsmarkt, der ihnen Löhne bietet, mit denen sie das Überleben ihrer Familie sicherstellen können. Da sie meist auf der Baustelle, auf der sie arbeiten, auch gratis wohnen, können sie den grössten Teil ihres Lohnes nach Hause schicken.
Hadi, den wir auf Shayboubs Baustelle treffen, arbeitet schon viele Jahre bei seinem jetzigen Arbeitgeber. Angefangen hat er auf Vermittlung eines Mannes aus dem gleichen Dorf, der ihn Shayboub empfahl. Heute ist er quasi arriviert, wie er mit Stolz zugibt. Der Besitzer hat ihm die Stelle des Hausmeisters im neuen Gebäude angeboten.
Auch ein grosser Teil der Bewohner des Hauses, um das sich Hadi kümmert, werden Gastarbeiter sein. Wie der Architekt erklärt, sind die Käufer der Wohnungen zur Hälfte Libanesen, die im Ausland leben. Dabei handelt es sich meist um qualifizierte Berufsleute, die am Golf gut bezahlte Jobs haben oder in Westafrika lukrative Geschäfte machen. Sie alle kaufen sich Wohnungen in der Heimat, als Investition, Stützpunkt der Familie und Alterssitz. Und solange die Libanesen in der Welt gutes Geld machen, wird auch für viele arme Bauern aus Syrien in Beirut immer Arbeit zu finden sein.