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Walter Wiesli wuchs in einer grossen Familie mit acht Geschwistern auf. Die Kindheit und Jugendzeit in der Pfarrei Weinfelden haben ihn stark geprägt, besonders seine Zeit als Ministranten- und Jungwachtleiter. Schon als Kind wollte er Priester werden und hatte – wie viele andere Jungen in dieser Zeit – einen kleinen Hausaltar, an dem er «die Messe las», während seine Geschwister ministrieren durften. Sein Bruder ging ins Gymnasium der Missionsgesellschaft Bethlehem (SMB) in Immensee, und er folgte ihm dorthin.
Aufbruchsstimmung in Rom
Im Gymnasium wurden die Verantwortlichen schnell auf seine musikalische Begabung am Klavier und auf der Orgel aufmerksam und förderten sie. Kurz nach der Priesterweihe wurde er 1958 zum Musikstudium nach Rom geschickt. «Ich kam in der Woche, als Pius XII. starb, nach Rom und reiste in der Woche, als Johannes XXIII. starb, wieder ab», erinnert er sich. Er wohnte im päpstlichen Institut S. Maria dell'Anima, dem deutschen Kolleg. Dort war er auch während dreier Jahre als Organist tätig, während er gleichzeitig an seiner Masterarbeit und Dissertation in gregorianischer Semiologie arbeitete.
Die Erfahrung des beginnenden Vatikanischen Konzils hat ihn geprägt. In der «Anima» wohnten fünf Konzilsväter, darunter Kardinal Frings und Kardinal König. Mit ihnen konnten die Studenten über das Konzil und die damit zusammenhängenden Fragen sprechen. Kardinal Frings erklärte ihnen bei einem dieser Gespräche, was Glaube ist: Er war fast blind, ging aber noch jeden Morgen ins seminareigene Hallenbad. Sein Sekretär stand auf dem Sprungbrett hinter ihm und musste ihm mitteilen, ob und wie viel Wasser im Becken war. Im Vertrauen auf diese Mitteilung springe er, und dies sei Glaube, erklärte Frings.
Eine andere Anekdote handelt von der ersten Predigt von König nach seiner Erhebung zum Kardinal. Wiesli war in diesem Gottesdienst als Organist tätig. Dabei rutschte er aus und fiel beid- armig auf die Klaviatur der Orgel. Es gab einen Fortissimo-Knall, und danach herrschte für ein paar Sekunden Totenstille in der Kirche. Kardinal König verlor komplett den Faden seiner Predigt. Als sich Wiesli danach bei ihm entschuldigte, meinte er nur: «Schon gut, schon gut.»
Tanzend vor Gott
In dieser unglaublichen Aufbruchsstimmung, die in Rom herrschte, kehrte Wiesli nach Hause zurück. Zunächst arbeitete er als Musiklehrer am Gymnasium in Immensee. Bald kamen Dozententätigkeiten an den Theologischen Fakultäten von Luzern und Chur dazu. Das Bildungszentrum in Einsiedeln war damals eine Vermittlungsstätte der nachkonziliaren Reform. Dort war Wiesli öfters über Wochenenden und während Seminarwochen aktiv, unter anderem zur Bildung von Liturgiegruppen und zur Einführung in den liturgischen Tanz. Tanz als ganzheitliche Gebets- und Gebärdensprache wurde damals neu entdeckt und das Schweizer Fernsehen lud ihn zur Gestaltung eines Tanzgottesdienstes mit dem Thema «Jesus, der Tanzmeister» ein. Noch heute begleitet er meditative Tanzgruppen und tanzt – wie erst kürzlich – im Gottesdienst gleich selber mit. «Gott liebt uns mit unserer ganzen Leibhaftigkeit und so mag er es auch, wenn wir mit dem ganzen Körper beten», ist er überzeugt. Er hat erfahren, dass es viele Menschen bewegt, so vor Gott hinzutreten.
Verstehen, was geschieht
In seinen Weiterbildungskursen war es ihm immer ein Anliegen, dass die Menschen die Liturgiesprache verstehen, denn das ganze Volk Gottes ist Trägerin der Liturgie. Dies betrifft die Gebets- und Liedtexte, aber auch die Sprache der Riten. Dieses Postulat forderte er bereits vor Jahren an einem Treffen von Jugendseelsorgern mit dem damaligen Basler Bischof Anton Hänggi im Blick auf die Hochgebete, worauf ihm der Bischof, ein Spezialist für Hochgebete, entschieden widersprach; er befürchtete hilflose Basteleien. In der Folge wurde in der Schweiz intensiv an diesem Problem gearbeitet (Kinderhochgebet, Synodenhochgebet usw.). Jahre später sprach Wiesli Bischof Anton nochmals darauf an. Dieser antwortete ihm: «Frag nicht so viel!» In seiner Tätigkeit als Mitglied verschiedener Gesangbuchkommissionen tauchte das Problem zwangsläufig wieder auf, vor allem bezüglich der inklusiven Sprache (Einschluss der Frauen, Gottesnamen usw.).
Das Liedgut der Kirche mitgeprägt
Weitere Beiträge zu all diesen Fragen konnte Wiesli bei der Mitarbeit an acht weiteren Kirchengesangbüchern einbringen. Wichtig war vor allem seine Mitarbeit am neuen Kirchengesangbuch (KG); zunächst als bischöflicher Gesangbuchbeauftragter, dann zusätzlich als Geschäftsführer des Vereins zur Herausgabe des katholischen Kirchengesangbuches. Als die Bischöfe bei seinen Oberen anfragten, ob er diese Aufgabe übernehmen könnte, überliessen sie ihm die Entscheidung. Diese fiel ihm nicht leicht. Eine Maturandin am Gymnasium brachte es auf den Punkt: «Herr Wiesli, was ist Ihnen wichtiger: wir oder das neue Kirchengesangbuch?»
«Die Erarbeitung des KG-Konzepts war alles andere als einfach. Wir mussten viele Kompromisse machen», erinnert er sich. Dank seines Führungsstils schaffte er es, den vielfältigen Meinungen einigermassen gerecht zu werden. In der Schlussphase rangen drei Beauftragte der DOK und KG-Vertreter während sechs Monaten um einvernehmliche Lösungen. Am Schluss stellte der damalige Bischof Kurt Koch fest: «Wir haben bis zum guten Ende fair miteinander gestritten. Würde das doch in der ganzen Kirche so funk- tionieren!» Wiesli erinnert sich gerne an diese Aussage, denn «ein schöneres Kompliment habe ich kaum je erhalten».
Es gab für ihn trotz der anstrengenden Arbeit in der Kommission viele schöne Momente, besonders auch zusammen mit den reformierten Kollegen. Besonders glücklich waren sie über ihr letztes ökumenisches Produkt: die Herstellung der DVD «Gesangbücher digital». Soweit bekannt, ist diese digitale Ausgabe der Gesangbücher der evangelisch-reformierten Kirchen und der katholischen Kirche der deutschsprachigen Schweiz europaweit einzigartig.
Spannung aushalten
Bei seiner Mitarbeit am KG war Wiesli die ökumenische Zusammenarbeit sehr wichtig. Heute verbinden uns mit dem evangelisch-reformierten Gesangbuch 262 gemeinsame Lieder. Die so genannten Pluslieder (mit einem + vor der Liednummer) wurden auch integral ins christkatholische Gesangbuch der Schweiz aufgenommen. Weitere ökumenische Highlights sind für Wiesli die beiden Gesangbücher «Rise up» und «Rise up plus». Er ist erfreut, dass die Prinzipien, welche die Gesangbuch-Verantwortlichen bei ihrer Arbeit angewandt haben, auch von anderen Personen umgesetzt werden, z. B. die gegenseitige Bitte um Entschuldigung und Umarmung von Gottfried Locher und Bischof Felix Gmür am ökumenischen Gedenkanlass zur Reformation und zu Niklaus von Flüe am 1. April 2017 in Zug.
Der Kreis schliesst sich
Seit 16 Jahren engagiert sich Wiesli als Priester und Seelsorger in der Pfarrei St. Johannes in Zug. Er schaut zurück: «Ich war den grössten Teil meines Lebens im Unterricht und in der Lehre tätig und glücklich dabei. Diese Tätigkeiten waren sachlich bedingt stets mit Seelsorge verbunden.» Gutmeinende Wegbegleiter rieten ihm von einer beruflichen Verbindung von Musik und Priesteramt ab, unter ihnen auch Priester. Er aber vertraute auf seine Führung und rasch erwies sich die Theologie als tragender Kontrapunkt zur Musik. «Apropos Kontrapunkt: Ich war schon als Bub von Bach begeistert, darum verordnete mir ein umsichtiger Klavierpädagoge ein Jahr Bach-Entzug zugunsten von Klassik und Romantik. In meinem Leben ist die Theologie das Fundament und darüber erhebt sich die Musikwelt der Menschen in ihrem Facettenreichtum von Freud und Leid. Dies ist meine Vorstellung von Seelsorge, die ich in bescheidenem Mass heute noch so leben kann.»
Rosmarie Schärer