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John Kunz der Erste
Eine Gruppe Mormonen besuchte zehn Tage lang das Berner Oberland auf den Spuren ihres Stammvaters, dem 1803 geborenen Johann Kunz. Sein ältester Sohn gründete 1872 das Dorf Bern in US-Bundesstaat Idaho.
Er flüchtete vor Verfolgung und Diskriminierung.
"Hier, genau hier, hat John Kunz der Dritte am 1. September 1885 zwei Konvertiten durch Untertauchen getauft. Eine davon, Margaret Lauener, wird später seine fünfte Frau ", erklärt der Historiker Paul-Anthon Nielson. "Die Taufe wurde auf den späten Abend angesetzt, um im Dorf kein Aufsehen zu erregen."
Vor Nielson fliessen brodelnd die "Schwarze Lütschine", von Lauterbrunnen, und die "Weisse Lütschine", von Grindelwald her kommend, zusammen. Das Wasser beider Flüsse ist ähnlich bräunlich, der Regen strömt unerbittlich. Der Blitz einer Kleinbildkamera versucht im Kampf gegen den dunklen Wolkenhimmel den sakralen Ort einzufangen, die klammen Menschen unter den Schirmen rücken näher zusammen, Ehrfurcht macht sich breit.
Reisegruppe mit Mission
Nielson ist der Vater des Reiseprojektes, das Mitte September fast 50 Personen ins Berner Oberland lockte. Alle sind untereinander verwandt – ihr Stammvater ist ein Johann Kunz, dessen dritter Sohn 1870 in die USA auswanderte. "Dieses Jahr hätte Johann Kunz, auch Schwand-Hans genannt, seinen 200. Geburtstag gefeiert", sagt Nielson, "das war der Anlass für diese Reise."
Das Wandeln auf den Wegen der Vorfahren hat aber auch eine andere Komponente: Alle sind Gläubige der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage", auch Mormonen genannt.
"Die Familie ist für unsere Religion enorm wichtig", erklärt der Ahnenforscher Dean Jessee, der aus Salt Lake City, Utah, angereist ist. "Wir glauben daran, dass Familienbande ewig bestehen können. Darum wollen wir unsere Vorfahren kennen." In der Lehre der Mormonen stehe die Familie im Zentrum, und die Heirat werde beispielsweise – im Gegensatz zur katholischen Kirche – auch über den Tod hinaus geschlossen, erklärt er.
Hexenjagd auf Mormonen-Täufer
"Natürlich erfuhr man im Dorf von der Taufe. Die Bevölkerung verbrannte dann ein lebendgrosses Abbild, eine Puppe, des Täufers John Kunz III", weiss Nielson über den weiteren Verlauf der Taufe von 1885 zu berichten.
Die ersten Mormonen seien auf viel Misstrauen gestossen, wer verdächtigt worden sei, der neuen Religion anzugehören, musste sich vor dem lokalen Kirchenrat verantworten, einzelne Mormonen wurden gar verhaftet und ausgeschafft.
Diese Situation habe oft stark zum Entscheid beigetragen auszuwandern, sagt der Historiker. Er hat vor 30 Jahren den umgekehrten Weg gewählt, ist in die Schweiz eingewandert und beschäftigt sich seither mit den Mormonen in der Schweizer Geschichte.
Kontakte über den Atlantik hinweg
Auf dem Rückweg vom Taufplatz, zurück ins Dörfchen Gündlischwand, wo anfangs des 19. Jahrhunderts viele der ersten Anhänger der Mormonen-Kirche lebten, zeigt sich verschämt die Sonne. Schirme werden zugeklappt und durchnässte Windjacken geöffnet.
Anwohnerin Heidi Boss hat sich über die Gruppe gewundert und freut sich über den Grund der Reise, als sie diesen erfährt: "Das ist schön, dass sie aus den Vereinigten Staaten zurück kommen, um unser Dorf zu besuchen", sagt die 92-Jährige. "Wir sind nicht mehr viele hier." Sie kennt fast die ganze Geschichte aller Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes, auch des Bürgermeisters Johannes Boss, der 1875 konvertierte und später auswanderte.
Vor dessen ehemaligen Haus spricht gerade Jessee, mit seiner Videokamera hantierend, mit dem jetzigen Bewohner, über den Garten des Nachbarn.
Jugendliche: Keine Drogen und kein Sex
Im Bus beugen sich bereits Jessees Frau June Wood und ihre Tochter Teresa über den umfangreichen Stammbaum der Reisegruppe. "Die meisten haben sich vorher noch nie gesehen", sagt Kalevi Rasi-Koskinen, Mit-Reiseleiter und selber in den "Kunz-Clan" eingeheiratet, "aber nur schon die Vorfreude war enorm."
Zu den Jüngsten der Nachkommen von Johannes Kunz und dessen beiden Söhnen John Kunz dem Zweiten und John Kunz dem Dritten gehört Heidi Miller. "Für mich ist das eine einmalige Gelegenheit, mehr über meine Familie zu erfahren", sagt die 17-Jährige, der die Religion wichtig ist.
Zu den Einschränkungen, welche ihr dadurch auferlegt werden – kein Kaffee, kein Tee, kein Tabak, keine Drogen, kein Sex vor der Ehe – , sagt sie: "Einige Jugendliche haben damit Probleme, aber für mich ist das OK." Gündlischwand erinnert Heidi entfernt an Bern in Idaho. "Das sind ungefähr 20 Häuser und eine Schule, das ist fast alles."
Bern: 120 Einwohnerinnen und Einwohner
Renee Wood, Jahrgang 1925, lebt in Bern, dem Käserei-Dorf, das die Schweizer Auswanderer gründeten. "Ich bin zum zweiten Mal in meinem Leben in ein Flugzeug gestiegen und zum ersten Mal über ein Meer geflogen", sagt sie, deren verstorbener Mann ein Kunz war. "Es ist wunderschön zu sehen, wo die Vorfahren meines Mannes hergekommen sind, wo sie gelebt haben." Ihr heimisches Bern im Westen der USA zählt heute rund 120 Einwohnerinnen und Einwohner.
Auch für Merle Kunz, geboren 1915, den ältesten Teilnehmer der Mormonen-Gruppe, hat sich die Reise gelohnt. In seinem Herzen - und für den Rest des Tages im Berner Oberland - scheint die Sonne: "Ich hatte ein langes, erfülltes Leben. Es macht mich umso glücklicher, dass ich das hier noch sehen durfte."
swissinfo, Philippe Kropf, Gündlischwand
Fakten
Der "Kunz-Clan"
Stammvater Johannes Kunz (1803-1871), sein ältester Sohn, John Kunz II (1823-1890) und dessen ältester Sohn John Kunz III.
Heute gibt es in den USA fast 23'000 Nachfahren. Ein weiterer Teil der Verwandtschaft lebt in Russland, wohin ein Cousin des Stammvaters auswanderte.
In Kürze
Die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" zählt weltweit 11,5 Mio. Gläubige, knapp die Hälfte davon in den USA. Hauptsitz ist Salt Lake City, Utah, es gibt 26'000 Gemeinden in über 160 Ländern. In der Schweiz zählt die Kirche nach eigenen Angaben 7000 Gläubige.
Gegründet wurde die Religion 1830 nach einer Vision von Joseph Smith. Sie basiert zusätzlich zur Bibel auf dem Buch Mormon, das über 115 Mio. Mal in über 100 Sprachen publiziert wurde.
Zentral ist für die Mormonen die Familienbande. Zur genealogischen Forschung betreibt die Kirche das weltweit grösste Familien-Archiv.
Ihre Grundsätze verbieten Mormonen den Konsum von Tabak, Alkohol, Kaffee und Tee; ebenfalls verboten ist Sex unter Jugendlichen oder ausserhalb der Ehe. Die Mehr-Ehe aus der Gründerzeit ist seit 1890 verboten. Der Begriff "Mormonen-Kirche" ist zwar geläufig, wird aber als Spitzname bezeichnet.
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