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Der Bollywood-Star Akshay Kumar ist abonniert auf die Figur des Action-Helden. Für seinen neuen Film, der im August in Indien in die Kinos kam, ist er jedoch in eine ungewöhnliche Rolle geschlüpft. Er spielt den Bauernsohn Keshav, der aufgrund eines ungünstigen Horoskops erst spät im Leben heiraten kann und sich am ersten Tag nach der Hochzeit mit einem überraschenden Problem konfrontiert sieht: Seine Frau Jaya verlässt ihn, weil es in seinem Haus keine Toilette gibt.
Bis Jaya zu ihm zurückkehrt, muss Keshav gegen alles kämpfen, was Indiens Entwicklung behindert: Tradition, Bürokratie, Korruption. Und wie fast immer in Bollywood siegt am Ende der Held. Die Handlung des Films «Toilet. Ek Prem Katha» (Toiletten. Eine Liebesgeschichte) mag aus westlicher Sicht sonderbar sein, den Indern ist sie nur zu gut vertraut. Nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2012 haben mehr als die Hälfte der Haushalte im Land keine Toilette.
Damit hat das Schwellenland Indien weltweit den grössten Anteil an Menschen, die ihr Geschäft im Freien verrichten. Die Experten nennen das «offene Defäkation»; sie betrachten sie als Hindernis auf dem Weg der Entwicklung – und als Gefahr für die Gesundheit.
«Warum nicht einfach Toiletten bereitstellen?»
Doch es gibt gute Nachrichten. Seit Premierminister Narendra Modi 2014 an die Macht kam, hat er sich mit Verve daran gemacht, Indien zu säubern. «Brüder und Schwestern, wir leben im 21.Jahrhundert», sagte er in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag 2014. «Hat es uns jemals geschmerzt, dass unsere Mütter und Schwestern im Freien ihr Geschäft verrichten müssen? Ist die Würde unserer Mütter und Schwestern nicht unsere kollektive Verantwortung? Können wir nicht einfach Toiletten bereitstellen?»
Zwar waren auch vorhergehende Regierungen nicht völlig untätig in dieser Hinsicht, doch zum ersten Mal gab ein Regierungschef dem Thema einen solchen Stellenwert. «Swachh Bharat Abhiyan» heisst die von Modi gestartete Kampagne, «Mission sauberes Indien», und sie zeigt erste Erfolge. Nach aktuellen Zahlen des Ministeriums für Trinkwasser und sanitäre Versorgung hat sich die Zahl der Menschen, die auf dem Land offene Defäkation praktizieren, seit dem Beginn der Kampagne von 550 Millionen auf 320 Millionen reduziert. Dies hat Modis Regierung Lob von Bill Gates beschert, dem vom Business-Tycoon zum Philantrophen mutierten Milliardär. «Indien gewinnt den Kampf gegen menschliche Ausscheidungen», meldet Gates auf seiner Website. Die gemeinnützige Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung unterhält in Indien zahlreiche Programme zu Gesundheit, Hygiene und ländlicher Entwicklung. Zu Beginn der Kampagne «Sauberes Indien» 2014 hätten nur 42 Prozent aller Inder Zugang zu einer Toilette gehabt, heute seien es 63 Prozent, schreibt Gates. Das sei ein «beeindruckender Fortschritt».
Doch die Steigerungsform von Lüge heisst bekanntlich Statistik. Drei Jahre nach Beginn der Kampagne häufen sich in den indischen Medien skeptische Berichte. Die Regierung bleibe hinter ihrem ehrgeizigen Plan zurück, das Land bis 2019 von der offenen Defäkation zu befreien, Toiletten würden zwar gebaut, aber nicht genutzt, Dorfbewohner unter Druck gesetzt und Erfolgsberichte geschönt – so lauten einige der Vorwürfe. Es lohnt sich daher, genauer hinzuschauen.
Die Jaya aus dem Film «Toilet. Ek Prem Katha» heisst im wirklichen Leben Vijayalakshmi, ist 39 Jahre alt und lebt im Dorf Hirmathla im Bundesstaat Haryana. Anders als die Braut von Keshav, die eine junge, moderne Frau ist, hat Vijayalakshmi bereits im Alter von 15 Jahren geheiratet. Das ist fast 25 Jahre her, und sie wusste damals nichts über die Bedeutung von Toiletten für die Gesundheit. Das hat sich durch schmerzvolle Erfahrungen geändert.
Hirmathla ist nur etwa 100 Kilometer vom Zentrum der indischen Hauptstadt Delhi entfernt und doch eine andere Welt. Wer mit dem Auto hinfährt, passiert das IT-Zentrum Gurugram mit seinen Wolkenkratzern und die Ausläufer der Vorstädte mit ihren eilig hochgezogenen Betonbauten, die Glanz und Elend des schnellen Wachstums widerspiegeln. Die Infrastruktur hält selten mit dem Boom mit, und das Ergebnis sind scheinbar endlose Verkehrsstaus, Überflutungen in der Regenzeit und Müll an allen Strassen.
Dann wird es plötzlich grün. Felder säumen die Strasse, doch von ländlicher Romantik ist in den Dörfern wenig zu spüren. Die 2000 Einwohner von Hirmathla leben eng gedrängt, die Häuser sind Rückwand an Rückwand gebaut oder durch so enge Gassen getrennt, dass man sich in einem Labyrinth wähnt. Und in jeder breiteren Gasse, in jeder Einfahrt sind schwarzgrau glänzende Büffel mit ihren Kälbern angeleint; ihre Fladen pflastern den Weg.
Vijayalakshmi lebt in einem farbenfroh gestrichenen Haus, dessen Zimmer sich traditionell um einen offenen Innenhof gruppieren. «Welcome» steht über dem Eingangstor geschrieben. Irgendwo rattert ein Generator, der bei Stromausfall dafür sorgt, dass es Licht gibt und das Mobiltelefon geladen werden kann.
Vijayalakshmi trägt eine frühlingsgrüne Kurta mit den traditionellen Pluderhosen und hat ihren Kopf mit einem grünen Schal bedeckt. Sie ist nicht grösser als einen Meter fünfzig, wirkt fröhlich und tüchtig. Stolz zeigt sie ihre beiden Toiletten: eine im Erdgeschoss und eine auf dem Dach, von wo man beim Händewaschen in den Innenhof der Nachbarn blickt. Die Familie besteht aus neun Mitgliedern, zwei Töchter studieren an der Handelsschule, der Sohn ist verheiratet und hat auch schon zwei kleine Kinder. «Bis 2009 hatten wir gar keine Toilette», sagt Vijayalakshmi, «und wir wussten auch nichts über Hygiene.»
Der schwere Gang ins Feld
Als Vijayalakshmi mit ihrem ersten Kind schwanger war, verschärfte sich ein Problem, unter dem viele indische Frauen leiden. Die Felder, auf denen sich bis heute ein Grossteil der Landbewohner erleichtern, werden von Männern und Frauen zugleich benutzt. So kommen Frauen oft aus Scham nicht dazu, ihr Geschäft zu verrichten, oder sie verschieben den Gang aufs Feld wieder und wieder. Verstopfung ist eine häufige Folge. Während ihrer Schwangerschaft hatte Vijayalakshmi mehr als drei Wochen lang gar keinen Stuhlgang, und als ihr Sohn auf die Welt kam, war er extrem dünn, und seine geistige Entwicklung verzögerte sich. Vermutlich habe er eine Vergiftung erlitten, sagt Vijayalakshmi. «Das alles wäre nicht passiert, wenn wir damals schon eine Toilette gehabt hätten.»
Sie ist nicht die einzige Frau im Dorf, für die der Gang ins Feld schwerwiegende Folgen hatte. Ihre Freundin Saroj wurde nach der Geburt ihrer Tochter beinahe vergewaltigt. Ein Mann aus einem anderen Dorf folgte ihr und belästigte sie. «Ich rannte weg, und zum Glück kamen mir unsere Bauern zur Hilfe», erinnert sie sich.
Es ist kein Zufall, dass Premierminister Modi in seiner Rede vor allem auf die Würde der «Mütter und Schwestern» Bezug nahm. Die hygienischen Probleme, die mit der offenen Defäkation einhergehen, also die Übertragung von Viren und Bakterien aus dem menschlichen Kot in Boden und Trinkwasser, betreffen zwar alle, sie führen zu Krankheiten wie Durchfall, Typhus, Cholera und Hepatitis. Aber die Frauen leiden besonders. Es gibt eine hohe Mütter- und Kindersterblichkeit sowie Wachstumsstörungen und Entwicklungsverzögerungen bei den Kindern. Frauen sind auf offenem Feld zudem schutzlos. Dies ist ein enormer Stress, selbst wenn es nicht zu einer Vergewaltigung kommt.
Shakuntala Devi hat viele Nächte nicht geschlafen. «Ich habe eine grosse Familie», sagt die 51jährige, die vor zwei Jahren zur Dorfvorsteherin von Hirmathla gewählt wurde. «Bevor wir Toiletten hatten, musste ich nachts meine drei Töchter und drei Schwiegertöchter beim Gang auf das Feld begleiten. Allein ist das für die jungen Frauen zu gefährlich.»
Einmal versuchte ein Mann, ihre Tochter zu vergewaltigen. Das schlimmste Ereignis in ihrem Leben aber war der Verlust einer ihrer Töchter. Sie starb an viralem Fieber, einer Erkrankung, die häufig vorkommt unter unhygienischen Bedingungen. Nun muss sich Shakuntala Devi auch noch um die vier kleinen Enkelkinder kümmern.
Für sie war die Ankunft der Hilfsorganisation «Sulabh International» 2009 in Hirmathla ein Segen. Die 1970 von dem Soziologen Bindeshwar Pathak gegründete Nichtregierungsorganisation nahm sich vor, aus Hirmathla ein «Modelldorf» zu machen. Und dazu brauchte es Menschen wie Shakuntala Devi, die Einfluss haben in ihrer Gemeinde. Als die Hilfsorganisation die Arbeit aufnahm, hatte Hirmathla 140 Haushalte und 20 Toiletten. Heute gibt es 178 Toiletten im Dorf, in jedem Haus mindestens eine. Damit ist das Dorf im Jargon der indischen Bürokratie offiziell ODF. Das Kürzel steht für «Open Defecation Free – frei von offener Defäkation». Es bedeutet, dass keine Fäkalien sichtbar sind, dass sie weder Boden noch Wasser verseuchen und nicht manuell entsorgt werden.
Die Regierung hat inzwischen viele Mitstreiter. Nitish Kumar, Ministerpräsident des Bundesstaats Bihar, hat den Slogan «Toiletten zuerst, Tempel später» aufgegriffen und jedem Dorf eine Prämie von 500000 Rupien (7600 Franken) und eine Urkunde versprochen, wenn es ODF wird.
Auch das Dorf Marora, etwa 20 Kilometer von Hirmathla entfernt, will ODF werden. Dafür hat sich der Sulabh-Gründer Bindeshwar Pathak einen Trick ausgedacht. Er brachte die Bewohner dazu, ihr Dorf umzubenennen, und zwar in «Trump Village». Pathak erhofft sich, die wohlhabende Gemeinschaft der in den USA lebenden Inder so zu grosszügigen Toilettenspenden zu bewegen. «Trump oder nicht», sagt Mohammed Esrael, Grossvater und Oberhaupt einer neunköpfigen Familie, «Hauptsache Toilette.» Er zeigt auf das neue türkisfarbene Häuschen im Innenhof. Für die Bauernfamilie, die nur drei ihrer fünf Kinder zur Schule schicken kann, wäre es nicht möglich gewesen, den Bau zu finanzieren.
Dass so viele Menschen keinen Zugang zu Toiletten haben, liegt auch daran, dass es ein Tabu ist, über sie zu sprechen. «Was wir nicht diskutieren, können wir nicht verbessern», sagt Jack Sim, der Gründer der «World Toilet Organisation» aus Singapur. Seine Organisation hat sich unter anderem dafür eingesetzt, dass seit 2013 der 19.November als «Welt-Toiletten-Tag» der Vereinten Nationen begangen wird; ausserdem organisiert man in verschiedenen Städten «Urgent Runs», bei denen Läufer für Hilfsgelder und gegen das Toiletten-Tabu rennen.
In Indien wurzelt das Tabu noch tiefer. Die Reinheitsgebote des Kastensystems führten dazu, dass nur die sogenannten Unberührbaren, die Dalits, mit Fäkalien umgehen durften. Jeder andere, sagt Bindeshwar Pathak, würde sich rituell verschmutzen, wenn er seine eigene Toiletten leert und reinigt. Er selbst kommt aus der obersten Kaste der Brahmanen und hatte als Bub ein Erweckungserlebnis, das sein weiteres Leben bestimmen sollte. Nachdem er einen Unberührbaren angefasst hatte, habe seine Grossmutter darauf bestanden, dass er zur Reinigung Kuh-Dung esse. «Dann goss sie auch noch kaltes Gangeswasser über meinen Kopf», erinnert sich der 74jährige. «Und da habe ich gedacht: Das ist doch Unsinn.»
Pathaks eigene Familie war wohlhabend, aber in ihrem grossen Haus gab es keine einzige Toilette. Denn in der Devi-Purana, einer heiligen Schrift der Hindus, heisst es, man solle sein Geschäft nicht in der Nähe von menschlichen Siedlungen verrichten. Stattdessen müsse man eine kleine Grube graben und diese hinterher mit Gras bedecken. Toiletten galten deshalb als unrein. «Das ist noch immer so», sagt Pathak, «aber heute graben sie nicht einmal mehr Gruben.»
Pathak studierte Soziologie und promovierte 1968 mit einer Arbeit über die Lebensbedingungen der Dalits. Als er die Organisation Sulabh gründete, um Dalits zu befreien, brachen einige Familienmitglieder den Kontakt mit ihm ab. Anders als viele seiner Altersgenossen, die damals die Antwort auf gesellschaftliche Ungerechtigkeit im Kommunismus suchten, fand Pathak seine Mission in den Toiletten.
Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er einfache Klos, in denen die Fäkalien in doppelten Sickergruben luftdicht abgeschlossen sind. Nach zwei Jahren sind sie geruchsfrei und können als Dünger und sogar als Baumaterial verwendet werden. Die manuelle Toilettenreinigung wird damit überflüssig. Bis heute, sagt Pathak, habe seine Organisation 1,5 Millionen solcher Toiletten gebaut.
Pathak ist optimistisch. Er preist Premierminister Narendra Modi als Visionär und ist überzeugt, dass sich das Ziel, Indien bis 2019 ODF zu machen, erreichen lasse. Dazu müsste die Regierung aber ihren Ansatz ändern. Denn bisher subventionierte man den Bau einer Toilette mit 12000 Rupien (180 Franken). Doch dafür könne man keine gute Toilette bauen, sagt Pathak. «Wenn es aber stinkt, weil die Toilette verstopft ist und überläuft, nutzen die Leute sie nicht und gehen weiterhin aufs Feld.» Sulabh rechnet mit rund 35000 Rupien (530 Franken) pro Toilette und finanziert den Betrag mit Sponsoren und einer Eigenbeteiligung der Empfänger.
Sie habe sofort 3000 Rupien für den Bau ihrer Toilette zur Verfügung gestellt, sagt Shakuntala Devi. «3000 Rupien sind doch nichts im Vergleich zum Verlust eines Kindes.» So nimmt die Hilfsorganisation die Dorfbewohner in die Verantwortung. Sulabh engagiert sich weiterhin in den Dörfern, bietet auch Computer- oder Handarbeitskurse an, um mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Denn wenn man darüber redet, ist die Chance höher, dass Toiletten nicht nur gebaut, sondern auch benutzt werden.
Das hat auch der Bollywood-Star Akshay Kumar verstanden. Er ist nicht nur in Fernsehshows allgegenwärtig, um seinen neuen Film zu promoten. Kürzlich weihte er für eine Hilfsorganisation 24 Toiletten in 24 Stunden ein. Und der von ihm gesungene Song «Toilet ka jugaad» (was so etwas wie «Toiletten-Improvisation» bedeutet) verspricht ein echter Ohrwurm zu werden.
Die Journalistin Britta Petersen ist Senior Fellow bei der indischen Denkfabrik Observer Research Foundation (ORF); sie lebt in Delhi.