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Vom Pokermillionär zur Informatiker Lehre8 min read
Kennengelernt habe ich Jack in einer vernebelten Luzerner Bar. Es war eine Zufallsbekanntschaft. Ein Freund eines Freundes. Gemeinsam mit 5 weiteren Personen unterhielten wir uns über online Poker. Eingebracht wurde das Thema von einem meiner Kollegen. Er habe letztes Wochenende beinahe einen dreistelligen Betrag an einem Turnier gewonnen. «Knapp wars, aber so ist das Spiel», erzählte er ganz im Stil eines Profis. Jack selbst beteiligte sich zu Beginn nur zurückhaltend am Gespräch. Mit einer Zigarette in der einen und einem Cola in der anderen Hand, beobachte er das Geschehen aufmerksam. Dass er selbst in einen Zeitraum von 3,5 Jahren mit online Poker seinen eigenen Lebensunterhalt verdiente, sollte ich erst später am Abend erfahren.
Auf ein Bier in der Baselstrasse
Einige Wochen später, in derselben Bar, wartete Jack bereits auf mich. Er hatte zugesagt, mir mehr über seine Geschichte zu erzählen. Er trank seine Cola, ich ein Bier und wir waren sogleich in einem angeregten Gespräch. Schnell stellte sich heraus, dass man Jacks Geschichte nur verstehen kann, wenn man seine Vergangenheit kennt. Im Alter von 4.5 Jahren wurde er adoptiert und kam in die Schweiz. Die neue Welt war aber keine Befreiung für ihn. Die nächsten zehn Jahre lebte er unter häuslicher Gewalt. Als Folge dessen, wurde er im Alter von 16 Jahren durch seine Gemeinde fremdplatziert. Darauf veränderte sich etwas in Jacks Leben. Er hatte verschiedene Jobs, arbeitete in einem Call Center, als Börsenmakler oder begann eine Lehre, die er wieder abbrach. Jack war auf der Suche nach etwas Eigenem, er strebte nach Unabhängigkeit, Freiheit und fand das Pokern. Rückblickend erzählt er mir: «Ich denke, das Pokern hatte damit zu tun, dass ich meinen Eltern zeigen wollte, dass ich alles selbst «handeln» kann. «Give a fuck», in diesem Sinne, es ging um Unabhängigkeit».
Der Beginn
Die erste Begegnung mit Poker hatte Jack im Internet. «Ich hatte kein Geld, war jung und suchte einen Job, indem man möglichst schnell viel Geld verdienen konnte. Auf Google fand ich eine Anzeige von Poker Stars und begann zu spielen». Der Beginn sollte sich aber als schwieriger herausstellen als gedacht: «Es war ein spezieller Anfang. Zu Beginn hatte ich kein Geld. Meine letzten 200.- verspielte ich innerhalb eines Abends. Ich wurde wütend und spielte anschliessend die ganze Nacht Counterstrike».
Den Entscheid trotz des Verlustes weiterzuspielen, fällte Jack am nächsten Tag während eines Zahnarzttermins: «Ich entschloss mich, es nochmals anzugehen, und gewann sogleich ein Teilturnier.» Nach 12 Stunden und 6 Teilturnieren machte er aus 7.50$ ganze 12’000$. Jack zeigte mir ein Mail von Poker Stars aus dem Jahr 2008: «Congratulation on winning». Meine anfängliche Skepsis begann langsam zu schwinden. Den Sieg begründete Jack mit einem gewissen inneren Gefühl, das ihm intuitiv sagte, was er zu tun habe. «Es ist nicht so, dass ich schnell rechnen kann. Aber ich habe die Statistik im Gefühl. Also was wahrscheinlich ist und was nicht. Das ist auch heute noch so. Ich kann relativ schnell sagen, was richtig ist und was nicht».
Zu den Anfangszeiten wusste seine Freundin und sein Umfeld noch nichts von seinem neuen «Hobby». Dies veränderte sich, als Jack entschied, ein professioneller online Pokerspieler zu werden. «Zu Beginn spielte ich 8-10 Stunden am Tag. Später dann bis zu 16 Stunden. Auch am Wochenende, also Non-Stopp. Ich bereitete mir mein Essen vor und stellte 2-3 Cola Flaschen nebenan, dann gings los». Bis sich der nächste Erfolg einstellte, brauchte es wieder seine Zeit. «Nach dem Gewinn musste ich viel Lehrgeld zahlen. Ich verspielte etwa 4000.-. Dann begann ich wieder zu gewinnen. Von Zeit zu Zeit wurde das Pokerspielen zu meinem Haupterwerb. Zu Beginn merkte ich, dass ich 12 – 16 Tische gleichzeitig «handeln» konnte. Das war mir zu langsam, also erhöhte ich auf 40 -50 Tische. Ich bemerkte, dass genau hier meine Fähigkeit liegt. Also in möglichst kurzer Zeit, zur richtigen Lösung zu kommen. Das drückte sich dann im Gewinn aus».
Jack setzte auf Hilfsprogramme wie Pokertracker oder Ninja Table. Diese analysierten laufend seine Gegner und organisierten seine Spiele im Hintergrund. Jedes Mal, wenn er ein Spiel verlor oder gewann, wurde der Tisch geschlossen und automatisch ein neuer Turniertisch geöffnet, so dass immer gleich viele Tische offen waren. Dies ermöglichte Jack mehrere Stunden Non-Stop durchzuspielen. Jack erzählt: «Für jede Entscheidung besass ich durchschnittlich 3 Sekunden. Diese Entscheidungen beinhalten Faktoren wie Wahrscheinlichkeit, Psychologie, Historie des Gegners, Historie von dir, und die Gefühlslage der Gegner». Normalerweise spielte er Spiele, in denen er gegen 180 Gegner antrat. Der Starteinsatz betrug 16 Dollar. Aus den Gewinnen zahlte sich Jack jeden Monat 5000.- aus. Den Rest des Geldes liess er auf den Plattformen. Dies sollte sich später noch als grosser Fehler herausstellen. Auf die Frage, wieso er das Geld nicht auf ein Bankkonto transferiert hatte, entgegnete Jack: «Das Problem war damals das Steuergesetzt. Man hätte das gesamte Geld versteuern müssen. Dazu muss man verstehen, dass ich jung war, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Ich ging auch nicht davon aus, dass irgendwann so ein grosser Betrag zustande kommen würde. Je grösser der Betrag wurde, desto grösser waren die Hemmungen das Ganze zu versteuern».
Der Black Friday
Am 15.4.2011 geschah ein Ereignis, das als Black Friday in die Geschichtsbücher des online Poker einging. An diesem Tag wurden bei den vier grössten Pokeranbietern die Lizenzen ausgesetzt. Betroffen davon war auch das Portal Full Tilt Poker, auf dem Jack zu dieser Zeit spielte. Als Folge dessen, konnten Kunden von Full Tilt Poker kein Geld mehr ein- oder auszahlen. Eine der Gründe für den Lizenzentzug war eine Anklage der US- Justizbehörden. Jack erinnert sich: «Es gab damals vier Gesetzesverstösse. Bei einem davon ging es darum, dass beim Spielen Gelder von Spieler zu Spieler transferiert wurden. Wenn ein Spieler in der Schweiz war und der andere in New York, müsste das Geld ja nach den entsprechenden Steuersätzen der jeweiligen Länder versteuer werden. Diese Gelder waren gemäss amerikanischem Fiskus nie richtig versteuert worden.» Bis heute weiss Jack nicht, was mit seinem Geld geschehen ist. Nach eigenen Angaben hatte er in dreieinhalb Jahre einen siebenstelligen Betrag verdient. Nun befand sich Jack wieder am Anfang.
Der Neustart
Nachdem Jack seinen ersten Schock überwunden hatte, versuchte er erneut mit Pokern Geld zu verdienen. Dafür musste er aber zuerst Geld auftreiben. Sein Spielstil erforderte ein grosses Eigenkapital und zu diesem hatte er keinen Zugriff mehr. «Ich habe versucht, Geld von Kollegen auszuleihen. Doch es wurde nichts daraus. Es ging halt auch nicht um Beträge von 100 Franken. Um wieder richtig starten zu können, hätte ich mehrere Tausend gebraucht».
Nach einigen missglückten Versuchen entschied sich Jack, die Pokerwelt hinter sich zu lassen. Er begann eine Lehre als Applikationsentwickler, die er dieses Jahr abschliessen wird. Trotz des grossen finanziellen Verlustes wirkte er nicht verbittert oder wütend. Nach Jacks Aussagen lag im Geld allein auch nie sein Antrieb. «Darum konnte ich auch Pokern. Hier liegt der Unterschied zwischen Süchtigen und nicht Süchtigen. Sie (die Süchtigen) denken immer, dass Geld glücklich macht. Klar war im Hinterkopf der Gedanke da, dass ich davon leben möchte, aber ich fühlte mich auch richtig wohl in diesem Poker Umfeld. Ich habe bemerkt, dass ich etwas kann. Etwas gut kann. Ob ich an einem Tag 10’000 gewinne oder 100’000 verliere, war mir egal»
Heute ist Jack in verschiedenen Verbänden und Vereinen tätig. Ob er jemals zum Poker zurückkehren wird, weiss er nicht. «Ich brauchte damals (nach dem Pokern) einen neuen Plan in meinem Leben. Ich hörte auch auf andere Menschen und begann mit der Lehre. In dieser Zeit bemerkte ich, dass ich hochbegabt bin, und zu den 2% der Menschen mit dem höchsten IQ zähle . Das hat für mich einiges erklärt, auch warum ich gut im Pokern war. Generell erklärte es vieles in meinem Leben. Und auch weshalb der Lebensweg, ab dem ich meine Eltern verliess, so war wie er ist».
Auf die Frage, ob er heute glücklich ist entgegnete Jack: «Ich kann Glück nicht definieren. Viele Menschen behaupten, sie sind glücklich. Viele behaupten es, und sie sind es nicht. Ich bin aus diesem Denkmuster raus. Der aktuelle Moment ist wichtig, und nicht was in zehn Jahren ist, oder am Wochenende, das interessiert mich nicht».
Nach dem Interview unterhalten wir uns noch lange weiter. Jack hat seine Unabhängigkeit gefunden, auf dem Weg dahin ein Talent entdeckt, welches er auch anders einsetzen kann und nicht bloss im Pokerspiel. Und wenn er sagt, dass ihn das Geld nicht angetrieben hat, dann glaube ich ihm das. Im Hintergrund rattern jedoch meine Gedanken trotzdem weiter: eine Million ist verdammt viel, stimmt das? Und wenn es zutrifft, aua, damit hätte man einiges anstellen können. Aber hätte er weitergespielt, hätte er auch alles selber wieder verlieren können, eben auch eine Realität dieses verlockenden Spiels. Ich werde es nie mit Sicherheit wissen. Aufstieg und Abgrund liegen beim Pokern sehr nahe beieinander, vielleicht liegt darin auch die Faszination. Ein Sprichwort sagt «Das Leben ist ein Spiel, spiele um zu gewinnen» und das hat Jack wie auch immer erreicht.