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Hallo zusammen,
Das ist höchstwahrscheinlich einer der letzten Artikel, den ich für diesen Blog schreiben werde. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um euch zu sagen, wie sehr ich die Universität in Neuenburg geliebt habe. Ich habe hier die besten Jahre meines Lebens verbracht.
Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Tag an der UNINE im September 2016. Ich war beeindruckt, dieses Gebäude zu betreten, aber ich habe mich auch sehr gefreut, weil ich in Arcinfo gelesen hatte, dass Gaëtan Karlen, der neue Fußballspieler von Neuchâtel Xamax FCS (jetzt bei FC Sion), sich für Germanistik an der Universität eingeschrieben hatte. Ich wusste also, dass er in meiner Klasse anwesend sein würde. Die schöne Geschichte ist, dass er einer meiner besten Freunde geworden ist. Ich erinnere mich auch sehr gut an meine ersten Noten und den Stolz, den ich empfunden habe. Tatsächlich bin ich nicht deutschsprachig und keiner in meiner Familie spricht Deutsch. Ich musste viel studieren, um mein Bachelor zu erreichen. Ich habe die meiste Zeit in der Bibliothek mit einem guten Freund Lukas Weber verbracht. Während meines Studiums habe ich gelernt, die Welt besser zu verstehen, und ich danke allen Lehrern und Lehrerinnen, die ihr Wissen mit Leidenschaft weitergegeben haben. Aber bedaure ich vor allem, dass ich außerhalb der deutschen Unterrichte mein mündliches Deutsch nicht geübt habe. Deshalb habe ich dieses Jahr beschlossen, den Kaffee Deutsch zu erfinden: jeden Freitag unterhalte ich mich auf Deutsch mit anderen Germanistikstudierenden von 10 bis 11 Uhr in der Cafeteria der Fakultät lettres et sciences humaines. Ich möchte gern dieses Treffen für zukünftige Germanistikstudenten etablieren, um eine kleine Spur von meiner Zeit hier hinterzulassen.
Ich habe jetzt das erste Jahr des Masterstudiengangs abgeschlossen. Das bedeutet, dass ich anfangen muss, meine Masterarbeit zu schreiben. Hier möchte ich euch mein Thema und die ersten Informationen über das Rotwelsch vorstellen.
Das Rotwelsch kann als die alte Geheimsprache des fahrenden Volkes definiert werden. Das Wort Rotwelsch ist eine Wortbildung von dem Adjektiv rot und dem Nomen welsch, das sich auf diejenigen bezieht, die kein Deutsch sprechen. Im Mittelalter kennzeichnete das Adjektiv rot eine Farbe, die auf Lüge und Betrug hinwies. Dieses Adjektiv könnte auch von dem Begriff Rotte stammen, der eine Gruppe von armen Menschen (z.B. Diebe, Fahrende, Bettler) bezeichnet. Es könnte auch von Rotboss kommen, was wie Bettlerherberge bedeutet oder auch rothaarig, weil Rothaarige verschiedenen Vorurteilen (Betrüger) ausgesetzt waren. Dieser Begriff stellt also die geheime Sprache der Diebe, Vagabunden, Bettler, Handwerker und Betrüger dar – Leute, die am Rande der Gesellschaft angehören –, wobei ihre kryptische und identitätsstiftende Funktion hervorgehoben wird (CASCIANI 1948; CALVET 1985; GIRTLER 1998; ČIRKIĆ 2016).
Die erste historische Erwähnung des Begriffs Rotwelsch stammt aus dem Jahr 1250 in einem liturgischen Buch und wird als geheime Wörter übersetzt. Die ältesten Überlieferungen dieser Umgangssprache stammen aus dem Jahr 1342 mit dem Gilerverzeichnis, ein Rechtsdokument der Stadt Augsburg, das im Liber Vagatorum [1510] erwähnt wird. Dieses ist das älteste überlieferte Buch, das die Strategien und Techniken der Betrüger und ihr Vokabular beschreibt. Der erste Teil stellt 28 verschiedene Arten von Bettlern dar; der zweite Teil ist eine Warnung vor Dieben; der dritte Teil ist ein Glossar mit 219 Begriffen. Die verschiedenen Ausgaben enthalten keine Informationen über den Druckort, das Druckjahr oder den Namen des Druckers und sie verbergen auch den Namen des Autors. Offensichtlich hatten der Schriftsteller und der Verlag ein großes und berechtigtes Interesse daran, unbekannt zu bleiben. Im Vorwort wird der Autor jedoch auf Lateinisch als expertus in trufi [ein Experte für Betrug] bezeichnet. Liber Vagatorum ist eine Zusammenstellung von mehreren Quellen. Tatsächlich im 14. Jahrhundert gibt es viele Texte auf Rotwelsch, deren Zweck es war, der Polizei zu helfen, das fahrende Volk besser zu kontrollieren (JÜTTE 1988; SCHÜSSLER 2001; KLEINSCHMIDT 2009).
Meine Masterarbeit wird in ein theoretisches und in ein empirisches Teil gegliedert. Ich möchte also die Geschichte des Wortes Rotwelsch aufarbeiten, um analysieren zu können, in welcher Form diese Geheimsprache im heutigen Deutschen besteht und ob sie immer noch mit Kriminellen gleichzusetzen ist. Interessant ist, dass es in der Schweiz mit dem Mattenenglisch in Bern eine solche Geheimsprache gibt. Ich möchte gern ihn im Fokus studieren und prüfen, ob das Mattenenglische als Rotwelsch beschrieben werden kann.
Zwischen meiner ersten Lektüre vom Rotwelsch und diesem Artikel hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, einen Lehrer an einer Sekundarschule in Neuenburg zu vertreten. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, Deutsch zu unterrichten. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, Deutsch zu studieren. Viele schöne Dinge warten jetzt auf mich… Zum Schluss möchte ich mich noch bei einem der Hauswarte der UNINE, Pascal, bedanken, mit dem ich meine Leidenschaft für die MotoGP teilen konnte.
Vielen Dank fürs Lesen und viel Spaß an der UNINE 😉
David Erni
Literaturverzeichnis
Calvet, L-J. (1985): L’argot. Paris: PUF.
Casciani, C. (1948): Histoire de l’argot. In: Jean La Rue, Dictionnaire d’argot et des principales locutions populaires. Paris: Flammarion.
Čirkić, J. (2006): Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache. Mayence: Universität de Mayence.
Girtler, R. (1998): Rotwelsch. Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden. Cologne: Böhlau.
Jütte, R. (1988): Abbild und soziale Wirklichkeit des Bettler- und Gaunertums zu Beginn der Neuzeit. Cologne: Böhlau.
Kleinschmidt, E. (2009): Rotwelsch um 1500. Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 97, 217-229.
Schüssler, M. (2001): Die Entwicklung der Gauner- und Verbrechersprache «Rotwelsch» in Deutschland von der Mitte des 13. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 118, 387-419.