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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

13. Buch
18. Widerlegung des Einwurfs der Philosophen, irdische Leiber könnten nicht im Himmel sein, weil das Irdische durch sein natürliches Gewicht zur Erde gezogen werde.
Aber, so hält man uns entgegen, schon das natürliche Gewicht bannt notwendig die irdischen Leiber auf die Erde oder zwingt sie zur Erde nieder, und deshalb können sie unmöglich im Himmel sein. Jene ersten Menschen zwar befanden sich auf Erden in einem fruchtbaren Haine, der den Namen Paradies erhielt1 ; weil jedoch im Hinblick auf den Leib, mit dem Christus gen Himmel fuhr, und auf die Leiber der Heiligen, wie sie bei der Auferstehung gestaltet sein werden, auch auf diesen Einwurf erwidert werden muß, so möchte ich die Gegner auffordern, das irdische Schwergewicht selbst einmal etwas genauer ins Auge zu fassen. Wenn es menschliche Kunst fertig bringt, aus Metallen, die im Wasser sofort untergehen, durch geeignete Bearbeitung Behältnisse entstehen zu lassen, die schwimmen können, wieviel annehmbarer und wirksamer vermag dann eine verborgene Behandlungsweise von seiten Gottes, dessen allmächtiger Wille nach Plato das Entstandene vor dem Untergang und das Verbundene vor der Auflösung bewahren kann, obwohl die Verbindung von Unkörperlichem mit Körperlichem weit wunderbarer ist als die von Körperlichem jeder Art untereinander, irdischen Massen die Eigenschaft zu verleihen, daß sie durch keine Schwere nach unten gezogen werden, und ebenso hinwieder vollkommen glückseligen Seelen die Eigenschaft, daß sie ihren wenn auch irdischen, doch bereits unvergänglichen Leibern eine Stelle anweisen, wo sie wollen, und sie beliebig bewegen, ohne daß Stellung und Bewegung die geringste Schwierigkeit machten! Wenn Engel das gelegentlich tun und irdische Wesen aller Art beliebig aufgreifen und an beliebige Orte versetzen, dürfte man annehmen, sie könnten das nicht2 oder trügen schwer an der Last? Warum sollten wir also nicht auch glauben, daß die durch Gottes Gnade vollkommenen und glückseligen Geister der Heiligen ohne jede Schwierigkeit ihre Leiber versetzen können, wohin sie wollen, und ihnen eine Stelle anweisen können, wo sie wollen. Unterschiede der Lastempfindung gibt es ja selbst im irdischen Bereich; während im allgemeinen Lasten je größer desto schwerer sind und demnach die mehrgewichtigen ihre Träger stärker drücken als die mindergewichtigen, so trägt doch die Seele die Glieder ihres Leibes mit größerer Leichtigkeit, wenn sie in gesundem Zustande stark sind, als wenn sie in krankem Zustande mager sind. Und obwohl für Träger ein gesunder und kräftiger Mensch schwerer zu tragen ist als ein schwächlicher und kranker, so ist doch der Mensch selbst gewandter im Bewegen und Tragen seines Körpers, wenn dieser bei guter Gesundheit mehr Masse hat, als wenn er von Pest oder Hunger zu völliger Kraftlosigkeit heruntergebracht ist. So sehr kommt es auch bei irdischen Leibern, und zwar noch im Zustand der Vergänglichkeit und Sterblichkeit, gegenüber dem Gewicht der Masse auf die jeweilige Beschaffenheit an. Und nun denke man an den gewaltigen und mit Worten gar nicht darlegbaren Unterschied zwischen dem, was wir hienieden Gesundheit nennen, und der künftigen Unsterblichkeit! Mit dem Hinweis auf die Schwere des Leibes kommen also die Philosophen unserm Glauben nicht bei. Ich will kein Gewicht legen auf den Widerspruch, daß sie an einen irdischen Leib im Himmel nicht glauben, während doch die ganze Erde im Nichts in der Schwebe gehalten wird. Vielleicht ließe sich hierfür auch in der Tat eine wahrscheinliche Begründung geben, hergenommen von der Lage der Erde im Mittelpunkt der Welt, da alles Schwere nach dem Mittelpunkt strebt. Ich sage nur: Die geringeren Götter, denen Plato mit der Erschaffung der übrigen irdischen Lebewesen auch die des Menschen zuteilt, waren nach Plato imstande, dem Feuer die Eigenschaft des Brennens zu benehmen, die des Leuchtens, wie sie durch die Augen hervorbricht, zu belassen3 , und dem höchsten Gott, der durch die Macht seines Willens nach demselben Plato bewirken kann, daß Entstandenes nicht stirbt und so Verschiedenes und Unähnliches wie Körperliches und Unkörperliches durch keine Trennung auseinandergerissen werden kann, diesem höchsten Gott wollen wir nicht unbedenklich die Macht zuschreiben, dem Menschenleib, dem er Unsterblichkeit schenkt, die Vergänglichkeit zu benehmen und das Wesen zu belassen, an ihm die Übereinstimmung der Gestalt und der Glieder beizubehalten und die schwerfällige Gewichtslast aufzuheben? Indes über den Glauben an die Auferstehung der Toten und über deren unsterbliche Leiber wird, so Gott will, zu Ende dieses Werkes4 ausführlicher zu handeln sein.
1: Man wird den Gedanken ergänzen müssen: und waren da glückselig, weshalb eigentlich die Erörterung des Einwurfs an dieser Stelle, wo es sich um die Frage der Möglichkeit glückseligen Lebens im Leibe handelt, unterbleiben könnte.
2: Nach dem Zusammenhang ist hier entgegen der handschriftlichen Ueberlieferung doch wohl die Leseart der Benediktiner-Ausgabe vorzuziehen: „sie könnten das nur mit Mühe“.
3: Plato spricht im Timäus, da wo von der Erschaffung des menschlichen Leibes die Rede ist, davon, daß die Augen teil hätten an jenem Feuer, das nicht Brand verursacht, sondern das freundliche Licht des Tages über die Welt ausgießt.
4: XXII, 11 ff.