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Jahrtausendelang wurde die Kartoffel in den Entferntesten Andenregionen angebaut. Innert weniger Jahrhunderte wurde sie zu einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt mit bewegter Geschichte.
Einleitung
Die Kartoffel gehört zu den ersten systematisch angebauten Nutzpflanzen der Welt. Allerdings nur in den heute peruanischen und bolivianischen Anden. Dort ist der Anbau der stärkehaltigen Knolle bereits ab etwa 7’000 vor Christus belegt. In Mitteleuropa ersetzte die Kartoffel erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts den üblichen Getreidebrei als Grundnahrungsmittel und Kohlenhydratlieferanten.
Das von den Inkas schlicht Papas (Knollen) genannte Wurzelgemüse lieferte auch in rauheren Höhenlagen noch brauchbare Erträge, wo der Maisanbau sich nicht mehr lohnte. Die Spanier importierten die Pflanze um 1525. Vermutlich als gut lagerbaren Proviant für die Rückreise. Doch während die von Mangelernährung geplagten Seefahrer den Nutzen der gesunden und lang haltbaren Kartoffel schon lange zu schätzen und zuzubereiten wussten, konnten die europäischen Landratten mit der Pflanze zu Beginn wenig anfangen. Nachdem sich beim Verzehr von Kraut und den oberirdischen Beeren des Nachtschattengewächses so mancher experimentierfreudige Koch gründlich den Magen verdorben oder sich gar vergiftet hatte, verschwanden Kartoffeln für einige Zeit wieder aus den Küchen. Allerdings wurde sie wegen ihrer hübschen Blüten weiter in den Ziergärten spanischer und italienischer Prunkvillen angepflanzt. Selbst die übel beleumundete aber attraktive Marie Antoinette soll ihr adeliges Haupt zuweilen mit Kartoffelblüten geschmückt haben. Allerdings glaubte man, die Knollen seien mit der ähnlich aussehenden Trüffel verwand, welcher damals heilende Wirkung zugeschrieben wurde. Der spanische König sandte deshalb dem erkrankten Papst einige der Knollen als Medizin.
Offensichtlich waren diese der päpstlichen Gesundheit zumindest nicht unzuträglich und so wurde bekannt, dass die Wurzelknolle der eigentlich essbare Teil der Pflanzen ist.
Vielseitige Feldfrucht
Ihren europäischen Namen verdankt die Papa deshalb vermutlichen auch ihren, vom italienischen Tartufoli (Trüffel) abgeleiteten Namen. Die Engländer machten offenbar zur gleichen Zeit aber unabhängig von den Spaniern Bekanntschaft mit der Pflanze und verwechselten sie mit der ähnlich aussehenden aber sonst nicht verwandten Süsskartoffel, die bei den Inkas Batate hiess was zu Potatoe anglifiziert wurde. Der, mittlerweile offenbar genesene, Papst sandte einige der «Tartuffeln» dem berühmten Botaniker Clusius in die von Spanien kontrollierten katholischen Niederlande. Er untersuchte und züchtete die exotische Pflanze gründlich und sorgte für ihre Verbreitung in Europa. Saat und Ernte waren auch ohne spezielle Werkzeuge möglich. Da die Kartoffel zwar einen ähnlichen Kohlehydrahtgehalt hat wie Getreide, aber eigentlich ein Wurzelgemüse ist, lieferte sie nicht nur Nahrungsenergie in Form von Kartoffelstärke sondern auch, wie andere Gemüse, Vitamine, Spurenelemente und – wie Hülsenfrüchte – Eiweiss (ungefähr 2%). Damit verbesserte sie massgeblich die Ernährungssituation der ärmsten Bauern.
Im Gegensatz zu den üblichen Feldfrüchten mied das Wild das giftige Kartoffelkraut und die Kartoffel gedieh unter fast allen Bedingungen, auch in schlechten und steinigen Böden oder an schattigen, steilen Hanglagen. Tatsächlich waren zu Beginn des Kartoffelanbaus die langen Sommertage in unseren Breiten sogar ein Problem, da die Pflanze aus einer Äquatorregion stammte, wo sommers wie winters Tage und Nächte weitgehend gleich lang sind. Dieses Problem wurde durch europäische Züchtungen jedoch recht schnell behoben.
Der wichtigste Vorteil der Kartoffel war der anderthalbfache Flächenertrag im Vergleich mit den damals üblichen Getreidesorten. Und schliesslich liess sich die (um nur einige Namen zu nennen), im deutschsprachigen Raum Tüfte, Tuffel, Erdapfel und Kartuffel genannte Knolle quasi direkt vom Acker verzehren. Man musste sie lediglich ausbuddeln und abwaschen und fertig war sie zur Zubereitung. Kein mühseliges Dreschen, Mahlen und Backen wie beim Getreide. Kaum eine andere Feldfrucht liess sich so problemlos ohne Qualitätsverlust lagern. In den 70er Jahren im Ruhrgebiet verfügten die Mietshäuser der Grossstädte über Kartoffelkeller, wo je eine fest- und eine mehligkochende Sorte neben der Heizkohle Zentnerweise über den Winter gelagert wurden.
Der Trick Friedrich des Grossen
Während sich die Kartoffel in Süd- und Westeuropa schon Mitte des 17. Jahrhunderts etabliert hatte, blieben ausgerechnet die Deutschen, bei denen die Kartoffel heute ein regelrechtes Volksnahrungsmittel und die mit Abstand meistgereichte Beilage ist, der neuen Feldfrucht gegenüber skeptisch. Dabei hätte gerade das vom 30jährigen Krieg, Pest, Missernten und Hungersnöten ausgezehrte Deutschland von der Kartoffel besonders profitieren können. Insbesondere der Preussische Fürst Friedrich der 2. (auch bekannt als Der Grosse) sah das Potential der Kartoffel. Als er 1740 den Thron übernahm, litt die preussische Bevölkerung durch Missernten und das starke Bevölkerungswachstum unter Hungersnöten. Friedrich sah in der Kartoffel zu Recht eine Lösung für das Problem. Aber, wie das Sprichwort sagt: «Wat der Buur nich kennt, datt frett er nich!» Auch sein Erlass, der die Bauern zum Kartoffelanbau zwingen sollte, blieb wirkungslos. Friedrich griff zu einer List. Er baute in Berlin Kartoffeln an und liess die Felder von Soldaten scharf bewachen. Die Bauern schlossen daraus, dass es sich bei der Kartoffel um eine sehr wertvolle Pflanzen handeln musste, stahlen die Knollen von den Feldern und verbreiteten sie in Kürze im ganzen Lande. Das bedeutete für die kommenden Jahrzehnte ein Ende der Hungersnöte und die Kartoffel war etabliert.
Der grosse Kartoffelhunger
Doch schon bald zeigten sich bei der scheinbaren Wunderknollen auch Schattenseiten. Gerade für arme Bauern oder Landarbeiterinnen entwickelte sich die Kartoffel schnell zum Haupt- oftmals zum einzigen Lebensmittel. Die Kartoffel war unter anderem ideal, um zur beginnenden Industrialisierung die von der Landwirtschaft abgeschnittene urbane Industriearbeiterschaft mit billiger Nahrung zu versorgen. Sie war problemlos zu transportieren und zu lagern. Allerdings führte das auch zu Monokulturen im grossen Stil, was die Äcker für Krankheiten anfällig machte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis aus der neuen Welt auch die Kartoffelschädlinge wie der Kartoffelkäfer und insbesondere der als Kartoffelfäule bekannte Pilz Omiceten eingeschleppt wurden. In Ganz Europa kam es zu Hungersnöten, denen etliche Menschen zum Opfer vielen. In Irland wurde die Hungersnot zum Völkermord: 1,2, der damals fast 9 Millionen Irinnen und Iren starben qualvoll an Hunger und Krankheit. Zwei Millionen emigrierten bis 1855, grösstenteils in die USA. Insgesamt schrumpfte die irische Bevölkerung durch die Auswanderung und die Hungertoten auf auf 5,5 Millionen.
« Die Kartoffel war unter anderem ideal, um die urbane Industriearbeiterschaft mit billiger Nahrung zu versorgen. Allerdings führte das auch zu Monokulturen im grossen Stil, was die Äcker für Krankheiten anfällig machte. »
Ursachen der Katastrophe
Dass gerade in Irland die Als «Great Famine» bekannte Katastrophe derart grauenvolle Ausmasse annahm, hatte verschiedene Gründe. Damals war Irland als Kolonie völlig unter englischer Kontrolle. Das Land gehörte englischen Grossgrundbesitzern, die darauf einträgliche Viehzucht betrieben. Den Irischen Landarbeiterinnen und Landarbeitern wurden Parzellen zum Anbau von Getreide und Kartoffeln verpachtet. Den Pachtzins mussten sie in Getreide entrichten und für sich selbst Kartoffeln anbauen. Durch das von den England aufgezwungene Erbrecht wurden die Parzellen immer kleiner. Der ohnehin kleine Ertag wurde weiter geschmälert. Da den Farmerfamilien für den eigenen Lebensunterhalt ausser Kartoffeln nichts mehr blieb, förderte das die Monokulturen, was ihre Kartoffeläcker auslaugte und anfälliger für die Schädlinge machte. 1845 lebte die Hälfte der irischen Bevölkerung aussschliesslich von Kartoffeln. Zu allem Unglück baute man in Irland ausgerechnet die einzigen zwei Kartoffelsorten an, die nicht gegen die Kartoffelfäule immun sind. In England herrschte derweil die Wirtschaftsdoktrin des «laissez-faire», die möglichst jede staatliche Einmischung in die Wirtschaft, so auch Hilfe für die hungernden Bauern in Irland, zu vermeiden suchte. Profiteure waren die Grossgrundbesitzenden, die in den Hungerjahren die zahlungsunfähigen irischen Pächterinnen und Pächter von ihren Farmen vertrieben und weitere Weideflächen gewannen. So erzielten sie ausgerechnet während der Hungerkatastrophe Rekordexporte von Rindfleisch nach England. Das offizielle Ende der Hungersnot wurde im Jahr 1849 erklärt, aber die Armut und der Hunger blieben. Trotz allem lagen in den späteren Jahren bis 1852 immer noch Stapel von Hungertoten auf den Strassen Irlands. In diesem Jahr begannen sich die Felder langsam zu erholen und die irischen Farmerfalien konnten wieder Kartoffeln ernten, sodass die Hungersnot in Irland eigentlich erst 1852 zu Ende ging.
Siegeszug der Kartoffel ging weiter
Eine Katastrophe wie der Great Famine wiederholte sich Gott sei Dank nicht und vermochte den Siegeszug der unscheinbaren Knolle aus den Anden auch nur nur kurz zu bremsen. Heute werden allein in Europa etwa 350 Sorten Kartoffeln angebaut. Unsinnigerweise allerdings nicht nur als Lebensmittel Menschen sondern auch als Tierfutter und neuer nicht fossiler Rohstoff.
Heute sind Kartoffeln praktisch überall auf der Welt anzutreffen und stehen auf der Rangliste der wichtigsten Grundnahrungsmittel auf Platz vier hinter Weizen. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO betrug im Jahr 2021 die Weltproduktion 376 Millionen Tonnen Kartoffeln. Die Schweizer Produktion macht da mit 342.800 Tonnen (Schätzung swisspatat von 2022) nur einen kleinen Teil aus, mit dem rund 90 Prozent des hiesigen Bedarfs gedeckt werden können. Mit 45 Kilo pro Jahr essen Schweizerinnen und Schweizer mehr Kartoffeln als Reis oder Teigwaren.