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Wirtschaft und Weltkrieg
Die Zahl der Artikel und Bücher über den Ersten Weltkrieg ist in den letzten Monaten förmlich explodiert. Der Anlass für dieses publizistische Feuerwerk liegt auf der Hand: Im nächsten Sommer sind seit dem Kriegsausbruch hundert Jahre vergangen. Die Verlage bringen sich jetzt schon in Stellung.
Die Erinnerung an 1914 ist immer mit derselben Frage verbunden: Wie konnte es so weit kommen, dass die europäischen Mächte diesen selbstzerstörerischen Konflikt anzettelten? Und obwohl es kaum ein Ereignis gibt, das mit derselben Intensität erforscht worden ist, herrscht weiterhin eine gewisse Ratlosigkeit. An Erklärungen mangelt es keineswegs. Sie reichen von kulturellen Zeitstimmungen (Friedensmüdigkeit und Kulturpessimismus) bis zu aussenpolitischen Zwangslagen (Entente gegen Dreibund).
Immerhin kann man zwei Erklärungen, die mit wirtschaftlichen Entwicklungen zusammenhängen, ausschliessen. Erstens stimmt es nicht, dass der Krieg ausgeblieben wäre, wenn die verantwortlichen Politiker gewusst hätten, wie zerstörerisch er sein würde. Bereits im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) war eine Frühform des Maschinengewehrs zum Einsatz gekommen. Der schwedische Chemiker Alfred Nobel (1833-96), Erfinder des Nitroglycerins, stiftete einen Friedenspreis, weil er sah, wie zerstörerisch die moderne Technologie sein konnte. Man wusste, worauf man sich einliess.
Zweitens wäre es falsch zu glauben, die wirtschaftliche Entwicklung hätte ohnehin früher oder später zu einem Weltkrieg geführt. Im Gegenteil: Die drei Jahrzehnte vor 1914 waren für Europa ausgesprochene Prosperitätsjahre und sind deshalb als «Belle Époque» in die Geschichte eingegangen. Die Lebenserwartung stieg signifikant, die Säuglingssterblichkeit ging zurück, und das Einkommen der Arbeiterschichten nahm spürbar zu. 1914 ging es den Europäern besser als je zuvor.
Natürlich gab es gegenläufige Tendenzen. So führte der intensive internationale Wettbewerb immer wieder zu grossen Fusionswellen, bei denen traditionsreiche Firmen verschwanden. Die Landwirtschaft musste mit einem erbarmungslosen Strukturwandel fertig werden, seit billiges Getreide aus Übersee die europäischen Märkte überschwemmte. Viele Gewerbebetriebe gingen konkurs, weil sie mit der industriellen Massenproduktion nicht mithalten konnten. Die Verlierer begannen sich zu organisieren und protektionistische Massnahmen durchzusetzen.
Aber all diese Tendenzen arteten nie in einen Wirtschaftskrieg aus. Zudem federte der Staat die negativen Konsequenzen des Strukturwandels durch Arbeitsgesetze so weit ab, dass die Akzeptanz für die Wirtschaftsordnung weitgehend intakt blieb. Gewerkschaften und linke Parteien forderten zwar zunehmend eine Abschaffung des Kapitalismus, aber in ihrer konkreten politischen Arbeit ging es ihnen hauptsächlich um reformistische Anliegen: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und staatliche Sozialversicherungen. Und sie hatten grossen Erfolg mit dieser Strategie.
Es stimmt zwar, dass sich die Kolonialmächte vor 1914 heftig stritten und nicht vor militärischen Massnahmen zurückschreckten. Hier waren mit Sicherheit wirtschaftliche Interessen im Spiel. Aber es lässt sich schwer ein Automatismus zwischen dem Ringen in Afrika oder Asien und einem europäischen Krieg herstellen. Der Erste Weltkrieg entzündete sich im Balkan, nicht in fern gelegenen Kolonien. Zudem waren die Spannungen innerhalb der Entente (Frankreich, Grossbritannien, Russland) grösser als zwischen der Entente und den Mittelmächten. Vor allem hatte Österreich-Ungarn keine Kolonialinteressen.
Der Vermutung, dass wirtschaftliche Faktoren nebensächlich waren, bestätigt sich auch durch die Lektüre von «Sleepwalkers» , dem neuen Buch des Cambridge-Historikers Christopher Clark, das die Diskussion um die Kriegsursachen neu lanciert hat. Es ist nie die Rede von einem ökonomischen Kalkül, sondern nur von fatalen aussenpolitischen und militärischen Fehleinschätzungen. Clarks Sicht mag zu eng sein, aber sie beruht auf einem umfassenden Literatur- und Quellenstudium. Im Index taucht das Stichwort «Wirtschaft» erst gar nicht auf.
Ein letztes Argument: Wenn die Wirtschaft eine entscheidende Rolle gespielt hätten, wäre es viel einfacher, den Krieg zu erklären. Wäre zum Beispiel im Balkan ein Ölfeld vorhanden gewesen, wäre leicht erklärbar, warum Österreich-Ungarn nach dem Attentat von Sarajewo einen Krieg mit Serbien wagte. Der Balkan war jedoch eine besonders arme Gegend. Den Strategen in Wien ging es um etwas anderes.
Der Kriegsausbruch bleibt ein historisches Ereignis, das zu gross ist, um wirklich verstanden zu werden. Clark zitiert im letzten Kapitel einen treffenden Satz der englischen Schriftstellerin Rebecca West. Als sie 1936 auf dem Balkon des Rathauses von Sarajewo stand, sagte sie zu Ihrem Ehemann: «I shall never be able to understand how it happened. It is not that there are too few facts available, but there are too many.»