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Ein australisches Forschungsteam schreibt in einem Fachmagazin, es habe ein mögliches Warnsignal für den Plötzlichen Kindstod (Sudden Infant Death Syndrom, SIDS) gefunden. Unabhängige Experten möchten die Ergebnisse der Studie nicht überinterpretieren. SRF-Wissenschaftsredaktorin Irène Dietschi ordnet die Erkenntnisse ein.
Was haben die australischen Forscher und Forscherinnen entdeckt? Sie sind einem möglichen Risiko-Marker für den Plötzlichen Kindstod auf die Spur gekommen, mit dem man gefährdete Kinder frühzeitig entdecken könnte. Dieser Marker ist ein körpereigenes Enzym namens Butyrylcholinesterase (BChE). Es ist einer von vielen Stoffen, die mithelfen, im Körper lebenswichtige Kreislauffunktionen zu regulieren, also zum Beispiel die Atmung oder den Herzschlag. Die Werte des Enzyms Butyrylcholinesterase waren bei plötzlich verstorbenen Babys tiefer als bei gesunden.
Wie haben die Forscher das herausgefunden? Kurz nach der Geburt werden alle Säuglinge routinemässig in die Ferse gepikst, man nimmt ihnen ein paar Tropfen Blut ab und untersucht diese auf bestimmte Stoffwechselstörungen, die man ausschliessen will. Diese sogenannten Neugeborenen-Screenings werden auf der ganzen Welt gemacht.
Die australischen Forscher sind nun auf die Idee gekommen, solche Blutproben zu untersuchen. Sie sammelten 26 Proben von Babys, die später am Plötzlichen Kindstod gestorben sind, dazu kamen etwa gleich viele Proben von Kindern, die aus anderen Gründen starben. Diese knapp 60 Blutproben verglichen sie mit denen von über 500 gesunden Babys. Dabei zeigte sich, dass die Babys, die an Plötzlichem Kindstod starben, etwas weniger vom Enzym Butyrylcholinesterase im Blut hatten.
Sind die Erkenntnisse aus der Studie ein medizinischer Durchbruch? Gemessen an der Aufmerksamkeit, die die Studie international bekommt, könnte man das meinen. Viele Medien berichten von einem «Durchbruch» und behaupten, das Rätsel des Plötzlichen Kindstods sei gelöst. Aber objektiv gesehen muss man diese Resultate relativieren, denn es gibt noch viele Fragezeichen. Erstens bei der Grösse der Studie: 26 verstorbene Kinder ist eine sehr kleine Zahl; dass die Enzym-Werte bei ihnen etwas tiefer waren als in der Vergleichsgruppe, könnte auch einfach Zufall sein. Es braucht also viel grössere Studien, um das Ergebnis zu bestätigen. Zweitens kritisieren nicht beteiligte Ärzte, man wisse nicht, wie gross der Normalwert dieses Enzyms sei.
Die Frage ist also, ob die Werte, die man bei verstorbenen Babys gemessen hat, wirklich zu tief sind, und ob das tatsächlich zum Plötzlichen Kindstod führen kann. Das sagt übrigens auch die Hauptautorin der Studie, die Chemikerin Carmel Harrington vom Children’s Hospital in Sydney, Australien.
Lassen sich durch die neuen Erkenntnisse Todesfälle verhindern? Nein, dafür ist es zu früh. Die Hoffnung ist, man könnte den Messwert dieses Enzyms im Neugeborenen-Screening einbeziehen, um so gefährdete Kinder zu identifizieren. Wenn man hier ansetzen möchte, dann müsste man zuerst in Tierexperimenten untersuchen, ob Butyrylcholinesterase bei der Regulierung der Atmung wirklich eine Rolle spielt, und welche Rolle es spielt. Könnten also Babys, die zu wenig von diesem Enzym haben, nicht aufwachen, wenn sie im Schlaf Atemnot bekommen. Mit dem Enzym Butyrylcholinesterase hat man zumindest einen interessanten Ansatzpunkt gefunden. Doch davon, das Rätsel des Plötzlichen Kindstods zu lösen, ist die Forschung noch weit entfernt.
Risikofaktoren für den Plötzlichen Kindstod
Für das Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) haben Forschende bestimmte äussere Risikofaktoren identifiziert. Dazu gehören:
- Bauchlage beim Schlafen
- Überwärmung des Kindes durch übermässiges Zudecken
- Rauchen während und nach der Schwangerschaft
- Frühes Abstillen
Als besonders gefährdet gelten:
- Früh- und Neugeborene nach Intensivtherapie
- Kinder in sozial schwachen Familien
- Starkes Untergewicht bei der Geburt
- Mehrlingskinder
Weshalb ist die Forschung in diesem Bereich so schwierig? Eine Theorie für den Plötzlichen Kindstod lautet, dass im Gehirn die Atmung und Herztätigkeit fehlgesteuert werden. Diese Mechanismen sind hirnphysiologisch sehr komplex – das macht es so schwierig, eine bestimmte Ursache für den Plötzlichen Kindstod feststellen zu können. Ausserdem spielen weitere Risikofaktoren eine Rolle, zum Beispiel starkes Untergewicht bei der Geburt, bestimmte erbliche Ursachen oder wenn die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hat. Auch Schlafen in Bauchlage trägt zum Risiko bei.
Wie viele Kinder sind in der Schweiz vom Plötzlichen Kindstod betroffen? Früher erlagen fast ein Fünftel der Säuglinge, die im ersten Lebensjahr starben, dem Plötzlichen Kindstod. Ab Ende der 1980er, Anfang 1990er Jahre gingen die Zahlen stark zurück, als grosse Kampagnen über die Risikofaktoren aufklärten. Heute sterben in der Schweiz pro Jahr weniger als zehn Babys am Plötzlichen Kindstod.