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der aktuellen Rassismus-Debatte bekommen er und seine biblischen Mitstreiter oft ein dunkles Gesicht. Beides wird der biblischen Realität nicht gerecht, denn da hat der Begriff «Rasse» keine Rolle gespielt.Die Kathedrale in Canterbury ist voller Bilder und Statuen – auch von Jesus. An ihnen entzündet sich gerade eine Diskussion, weil praktisch alle einen europäisch-weissen Gottessohn zeigen. Auf die Frage, ob man das weisse Jesusbild nicht überdenken müsste, antwortete Erzbischof Justin Welby dem Guardian: «Man geht in Kirchen [auf der ganzen Welt] und sieht keinen weissen Jesus. Man sieht einen schwarzen Jesus, einen chinesischen Jesus, einen Jesus aus dem Nahen Osten – was natürlich am zutreffendsten ist – und einen Jesus von den Fidschiinseln.»
Und was ist das «richtige» Jesusbild?
Im Kielwasser von Bewegungen wie «Black Lives Matter» (Schwarze Leben zählen) werden Fragen wie diese breit diskutiert. Die Lifestyle- und Modeseite Urban Gyal hat eine ganz eigene Antwort darauf gefunden. Sie inszenierte «30 unglaubliche Bilder von biblischen Charakteren, die jetzt dunkelhäutig dargestellt werden». Klar sind diese Fotos ästhetisch, aber entsprechen sie der Realität?
Christena Cleveland lehrt an der Duke University in North Carolina im Bereich «Praxis der Versöhnung». Sie unterstreicht, dass es durchaus eine Rolle spielt, welche Hautfarbe Jesus hatte (Livenet berichtete). Allerdings ist die Frage nach der Rasse von Jesus gar nicht so einfach zu beantworten.
Der historische Jesus
Die Bibel sagt einiges zu Abstammung und Familie von Jesus. Er stammt aus dem Haus Davids (Matthäus-Evangelium, Kapitel 1, Vers 1) und kam in Bethlehem zur Welt (Matthäus-Evangelium, Kapitel 2, Vers 1), einem Dorf südlich von Jerusalem. Seine Familie kam aus dem Norden Israels, aus Nazareth in Galiläa (Lukas-Evangelium, Kapitel 1, Verse 26–27). Zu seinem Aussehen sagt die Bibel nichts, nur dass er wohl inmitten einer Menschenmenge nicht direkt auszumachen war (Matthäus-Evangelium, Kapitel 26, Verse 48–49).
Auch der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus erwähnt Jesus zweimal in seinen Werken. Das Aussehen spielt dabei keine Rolle.
Immer mal wieder erstellen Künstler oder Wissenschaftler ein neues Portrait von Jesus. Und forensische Anthropologen sind wohl nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, wenn sie Jesus ähnlich wie einen heutigen Iraker beschreiben: «mit eher breitem Gesicht, einer dunkeloliven Hautfarbe, kurzem, lockigem Haar und einer auffälligen Nase».
Die Frage der Rasse
Bei all diesen Diskussionen um das Erscheinungsbild von Jesus wird stillschweigend vorausgesetzt, dass es so etwas wie eine Menschenrasse gibt. Zur Zeit von Jesus: definitiv nicht. Die biblische und historische Literatur ist voll von Hinweisen auf Stämme, Nationen oder Reiche, aber die frühesten Hinweise auf schwarze und weisse Menschen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Natürlich gab es auch davor unterschiedliche Hautfarben, doch Rasse an sich ist ein soziologisches Konstrukt fast ohne Grundlage in der biologischen Realität. Unsere heutigen Vorstellungen und Abgrenzungen von Schwarz und Weiss haben ihre Wurzeln nämlich in der Begründung der Sklaverei. Dass Menschen andere Menschen besitzen, missbrauchen oder ausbeuten durften, musste irgendwie gerechtfertigt werden – so entstand das «Naturgesetz» der Rassen.
Der Biochemiker Craig Venter betont: Rasse «ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt […] Es gibt mehr Unterschiede zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe [selbst] als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern».
Und Jesus?
Jesus sprengt wieder einmal die Schubladen, in die man ihn hineinstecken möchte. Wie Sie oder ich gehört er keiner «Rasse» an. Wenn man nur von seiner physischen Erscheinung ausgeht, dann war er mit ziemlicher Sicherheit nicht weiss. Aber er war und ist «Immanuel – Gott bei den Menschen», der jeden liebt. Und der Schranken auch zwischen den Menschen abbaut: «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus» (Galater-Brief, Kapitel 3, Vers 28).
Erzbischof Welby aus Canterbury meint dazu: «Jesus wird auf so viele Arten dargestellt, wie es Kulturen, Sprachen und Wahrnehmungen gibt. Und ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, alles wegzuwerfen, was wir aus der Vergangenheit haben. Stattdessen denke ich [mit Blick auf die verschiedenen Jesusbilder]: All das ist nicht der wirkliche Jesus, nicht der, den wir anbeten. Es ist eine Erinnerung daran, dass der universelle Gott für jeden von uns ganz Mensch geworden ist.»