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Viele werdende Mütter entscheiden sich für die Geburt in einer Klinik, weil sie Angst haben, zu Hause zu gebären. Die staatliche britische Gesundheitsbehörde empfiehlt nun aber gesunden Frauen, die nicht zum ersten Mal gebären, die Hausgeburt. Was sagen Sie dazu?
Die Empfehlungen aus England sind nicht so einfach auf die Schweiz zu übertragen. Sie haben dort ein ganz anderes Gesundheitswesen und auch eine andere Schwangerenvorsorge: Prinzipiell ist es in England so, dass Frauen bei sogenannt physiologischen Schwangerschaften, also wo kein Kaiserschnitt geplant oder vorhersehbar ist, viel öfters durch Hebammen betreut sind. In der Schweiz hingegen sind primär Ärzte verantwortlich bei der Geburt. Die hebammengeleitete Geburt zu Hause zu empfehlen, wäre hierzulande ein Paradigmenwechsel, ein Systemwechsel.
Wann raten Sie von einer Hausgeburt ab?
Vor allem in Fällen von Risikoschwangerschaften und wenn bei der werdenden Mutter medizinische Besonderheiten gegeben sind, etwa Erkrankungen bei Herz, Leber oder Nieren, ferner bei Nervenerkrankungen oder wenn Probleme in der Schwangerschaft auftauchen, wie etwa Bluthochdruck oder Schwangerschaftsvergiftung. Wir raten auch ab, wenn eine Frau zuvor schon sehr grosse Kinder zur Welt gebracht hat, wenn eines eine Frühgeburt war oder behindert ist. Kurz: Wenn es eine besondere Überwachung braucht, raten wir ab.
Was ist besser in einer Situation wie derjenigen im Berner Oberland, wo die Frauen unter Wehen bis zu zwei Stunden ins nächste Spital fahren müssen: eine Hausgeburt mit der Möglichkeit des Verlegens via Helikopter im Notfall oder doch den langen Weg ins Spital auf sich nehmen?
Man darf es nicht davon abhängig machen, ob die Frau sehr abgelegen im Oberland wohnt oder nicht, sondern man sollte sich generell überlegen, ob eine Hausgeburt sicher ist. Wenn man zur Einsicht kommt, dass sie gemacht werden kann, dann soll man sie machen. Und sonst eben nicht.
Wie sehen Sie die Schliessung von Geburtenabteilungen in Regionalspitälern wie dem in Zweisimmen?
Ich bedaure diese Schliessung sehr. Es bräuchte im Berner Oberland eine Geburtenabteilung, wo man Noteingriffe machen könnte. Thun ist schon sehr weit weg.
Man hört heutzutage viele abschreckende Geschichten von Geburtsverläufen in Spitälern: Es wird schneller in den natürlichen Vorgang interveniert als in Geburtshäusern oder bei Hausgeburten, und am Ende kommt es oft zum ungewollten Kaiserschnitt. Die Statistik bestätigt: In der Schweiz kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt, im Unispital Zürich liegt die Rate gar bei 45 Prozent. Die WHO sagt: 10 bis 15 Prozent und nicht mehr wäre gut. Was sagen Sie?
Wir sind uns alle einig: Die hohe Kaiserschnittrate ist ein Riesenproblem. Wenigstens ist sie jetzt weltweit gesehen stagnierend und nicht weiter ansteigend. Ich arbeite an einem Privatspital und kann sagen: Die meisten von uns haben ein grösstes Interesse daran, möglichst wenig zu intervenieren. Kürzlich hatte ich eine Geburt, bei der die Frau gar nichts brauchte – das war für uns alle ein sehr schönes Erlebnis, weil es relativ selten ist, dass es gar nichts braucht.
Die hohe Kaiserschnittrate ist ein Riesenproblem.
Dass in Spitälern bei fast allen gebärenden Frauen interveniert wird – ist das noch normal?
Man muss bedenken: In Geburtshäusern finden Sie natürlich höchst motivierte Frauen, das ist aus statistischer Sicht sozusagen eine positive Auswahl. Im Spital hingegen finden Sie die Fälle, die zum Teil vorbestehende medizinische Probleme haben. Da ist es logisch, dass es ein wenig mehr Interventionen gibt. An unserem Spital haben wir aber mehrheitlich Geburten ohne Kaiserschnitt.
Gibt es Ärzte, die sich schneller für einen Kaiserschnitt entscheiden als andere?
Ja, absolut. Am Salem-Spital in Bern, wo ich arbeite, haben wir die Kaiserschnittraten erfasst. Das Resultat zeigt: Es gibt Ärzte mit einer tiefen Sectiorate, andere haben bedeutend mehr Kaiserschnitte. Die Unterschiede lassen sich nicht mit einer anderen Klientel begründen. Da gibt es also grosse Unterschiede. Man muss auch aufpassen, dass man nicht einfach zwischen privaten Kliniken und öffentlichen Spitälern unterscheidet. Die Grundvoraussetzungen können sehr verschieden sein.
Gelten Ärzte mit einer hohen Kaiserschnittquote als schwarze Schafe, wird darüber gesprochen?
Auf jeden Fall wird darüber geredet. Aber wenn Sie patentierter Arzt sind, müssen Sie ganz alleine zusammen mit der Patientin entscheiden, ob Sie einen Kaiserschnitt machen. Die Kollegen sagen natürlich, sie hätten komplizierte Patientinnen und viele, die Angst haben. Wenn man die Geburtshilfe mit einem Rezept machen könnte, bräuchte es uns alle nicht. Aber wir thematisieren das, auch in Arbeitsgruppen der schweizerischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie. Aktuell sind innerhalb des Verbandes Arbeitsgruppen am Überlegen, wie man die Kaiserschnittrate schweizweit senken könnte.
Ein wichtiger Faktor: die Furcht vor juristischen Folgen bei unerwünschtem Ausgang einer Geburt.
Ist es noch nie vorgekommen, dass eine Frau einen Arzt angeklagt hätte, weil er bei ihr einen Kaiserschnitt gemacht hat?
Nein, aber das Gegenteil ist der Fall. Das ist ein grosses Problem: Für einen Kaiserschnitt ist noch nie einer verurteilt worden – dafür hingegen, dass ein Arzt keinen Kaiserschnitt gemacht hat, schon. Und das macht uns Gynäkologen zu schaffen. Das ist ein ganz wichtiger Faktor: die Furcht vor juristischen Folgen bei unerwünschtem Ausgang einer Geburt.
Autor: Esther Banz