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In Mesopotamien und Ägypten wurde Bier seit Urzeiten gebraut. Doch die auf die orientalischen Mächte folgenden neuen Herrscher des Mittelmeerraumes, die Griechen und Römer, konnten dem Bier keinen Geschmack abgewinnen: Das Getränk der hellenistischen und römischen Welt, die über die Alpen in die heutige Schweiz und ins südliche Deutschland reichte, war der Wein.
Auch im Christentum, das sich in der römischen Kaiserzeit und im Frühmittelalter ausbreitete, spielte der Wein eine zentrale Rolle. Die mittelalterliche Klosterkultur entstand im Süden, ihr Getränk war der Wein. In der Ordensregel des heiligen Benedikt, die auch im Kloster St.Gallen das Leben der Mönche bestimmte, kommt Bier nicht vor.
Als sich aber das Christentum und die christlichen Klöster nach Norden und Westen ausbreiteten, änderte sich dies. In den neuen Gebieten der christlichen Mission, in der keltisch-germanischen Welt, war das Bier ein traditionelles Getränk – die Asterix-Bücher fussen auf einem seriösen Quellenstudium! Die Benediktsregel sah für die Mönche ungefähr einen halben Liter Wein pro Tag vor. Im Norden dagegen war selbst für die Mönche der Wein nicht in genügender Quantität vorhanden. So hielt als Ersatz das Bier auch in den Klöstern Einzug.
Die früheste Erwähnung von Bier in der mönchischen Welt kommt in der Biografie des heiligen Kolumban (543–615), unter dessen Begleitern Gallus war, vor. Ihr Verfasser, Jonas von Bobbio, berichtet, die Mönche von Luxueil hätten Bier getrunken.
Es waren zwar nicht die St.Galler, die das Bier «erfunden» haben, die ersten mittelalterlichen Zeugnisse zur Bierbrauerei nördlich der Alpen stammen aber aus St.Gallen, aus dem quellenarmen achten und aus dem ebenso kärglich dokumentierten neunten Jahrhundert. Was wir aus dieser Zeit wissen, ist in der Stiftsbibliothek St.Gallen und im Stiftsarchiv St.Gallen aufbewahrt und archiviert.
Eine der hervorragendsten Kostbarkeiten der Stiftsbibliothek ist der weltberühmte St.Galler Klosterplan von 819. Der Plan zeigt, bis ins Detail gehend, einen Klosterkomplex, der ein sich selbst versorgendes geistiges und wirtschaftliches Ganzes sein sollte. Er ist einmalig, nur in St.Gallen ist etwas Derartiges überliefert. Ob und inwieweit die St.Galler Mönche diesen Plan in Wirklichkeit umgesetzt haben, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.
Auf dem St.Galler Klosterplan sind drei Bierbrauereien eingezeichnet, eine für die Mönche, eine für die vornehmen Gäste des Klosters und eine für die Pilger und die Armen. Die grösste ist diejenige für die Mönche. Sie hatte einen eigenen Speicher für Getreide und andere beim Brauen gebrauchten Zutaten. Darre (Dörr-Raum), Stampfe, Küferwerkstatt und Brauhaus lagen in unmittelbarer Nähe.
Die drei Brauereien auf dem St.Galler Klosterplan sind nicht uniform. Die Mönchsbrauerei war für die tägliche, grössere Bierproduktion vorgesehen, die Produktion für die Pilger ebenfalls, doch für eine geringere Zahl von Konsumenten. Die Brauerei für die vornehmen Gäste musste nur von Zeit zu Zeit in Betrieb sein, für sie war daher ein kleinerer, aber rasch aktivierbarer Brauofen vorgesehen.