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Der Kapitän verlässt das Cockpit, der Co-Pilot bleibt allein zurück und steuert das Flugzeug mit 149 anderen Menschen bewusst in die Katastrophe. Hätte die mutmassliche schwere Depression des Täters rechtzeitig erkannt werden können? Antworten von Rainer Kemmler, der bis 2005 in leitender Stellung im Bereich Luftfahrtpsychologie bei der Lufthansa tätig war.
SRF News: Was können Sie zum Phänomen von absichtlich herbeigeführten Flugzeugabstürzen sagen?
Rainer Kemmler: Die Fälle sind in der Geschichte der Luftfahrt extrem selten und spielen entsprechend keine grössere Rolle. Ich erinnere mich an drei Fälle. Wenn ein solches Ereignis allerdings auftritt, ist es besonders furchtbar.
Was können die Hintergründe für eine solche Tat sein?
Ich gehe von einer krankhaften Entwicklung aus, die man bei der Eignungsuntersuchung nicht unbedingt erkennen kann. Die Menschen, die sich für eine Pilotenkarriere bewerben, sind allesamt sehr intelligent. Sie müssen das Abitur haben. Sie sind hochmotiviert. Sie werden natürlich vor allem Angaben machen, die für sie sprechen. Ich gehe aber davon aus, dass so die schwierigsten Fälle trotzdem ausgeschlossen werden können.
Stichwort Depression – denken Sie da an die Möglichkeit eines Suizids?
Eines erweiterten Suizids, ja. Das wäre denkbar. Es wäre allerdings auch eine psychotische Erkrankung möglich, was man auch als Schizophrenie bezeichnet. Das kann ich aber bisher aus den vorliegenden Fakten nicht ablesen.
Halten Sie aber solche Faktoren für möglich?
Ich vermute, dass so etwas dahintersteckt, weil es aus meiner Sicht geplant abgelaufen ist. Da wird nicht von einer Minute auf die andere entschieden, sondern man befasst sich damit über einen längeren Zeitraum hinweg. Was mich so bestürzt ist, dass der Mann ein vollbesetztes Flugzeug mit in den Tod reisst. Das ist Ausdruck einer grossen Not und möglicherweise auch mit einer Botschaft verbunden. Da muss man noch warten, ob sich dazu etwas finden lässt.
Sie haben selbst Verfahren zur psychologischen Eignung von Politen entwickelt. Wie läuft so ein Test ab?
Die Leute werden nach den Kriterien ausgewählt, die der Gesetzgeber vorgibt. Das ist nicht so viel. Es geht vor allem um technisches und physikalisches Verständnis sowie Englischkenntnisse und Abitur. Die meisten Airlines erweitern aber die Kriterien und erfassen mit standardisierten Tests über mehrere Tage hinweg das fliegerische Potenzial und die Persönlichkeit einschliesslich der sozialen Kompetenz.
Gibt es viele Anwärter, die aus psychologischen Gründen abgelehnt werden?
Die Eignungsauswahl ist sehr scharf. Von tausend Bewerbern werden hundert eingeladen. Von diesen überstehen fünf bis zehn Personen das Verfahren. Die Auslese ist also sehr weitreichend.
Welche Rolle spielt der Kostendruck bei der Pilotenauswahl?
Bei der Auswahl spielt das noch keine Rolle. Die Voraussetzungen der Lufthansa als hochangesehene Firma müssen erfüllt werden.
Nach Abschluss der Pilotenausbildung gibt es keine expliziten psychologischen Tests mehr. Weshalb?
Das kann ich nicht beantworten. Ich denke, dass man sich der Notwendigkeit noch zu wenig bewusst ist. Bei den regelmässigen flugmedizinischen Untersuchungen während der Fliegerlaufbahn kann der Fliegerarzt zwar eine psychologische Begutachtung vornehmen lassen. Aber diese ist gesetzlich nicht festgelegt.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr drückt seinen Piloten das volle Vertrauen aus. Muss sich bei der Pilotenauswahl jetzt etwas ändern?
Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Es war ein extrem seltenes Ereignis, das natürlich gravierende Folgen hatte. Andere Massnahmen sind mindestens so nützlich wie zusätzliche psychologische Untersuchungen. Dazu gehört die enge und permanente Überwachung durch einen zweiten Kollegen während der Arbeit. Dort lernt man sich persönlich kennen und sieht, was jeder leistet. Das Vertrauen in die Besatzung und jenes der Besatzung in die Vorgesetzten und Trainer ist die Voraussetzung dafür.
Das Interview führte Hans Ineichen.