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Vergangenes Jahr überklebten Juso-Aktivisten am Escher-Wyss-Platz das Schild der Tramhaltestelle und tauften den Platz in «Rosa-Parks-Platz» um, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. «Wir dürfen Alfred Eschers Denkmäler keinen Tag länger dulden!», schrieben die Juso dazu. Dumm nur, dass Alfred Escher mit dem Unternehmen Escher Wyss, einer Pionierin der Industrialisierung in der Schweiz, nichts zu tun hatte. Solche historischen Feinheiten spielen aber offensichtlich keine Rolle im grossen Narrativ, wonach die Schweiz ihren Wohlstand auf Rassismus und Unterdrückung gebaut hat.
Markus Somm rückt solche Thesen in seinem neuen Buch «Warum die Schweiz reich geworden ist» in den Kontext. Die Verstrickungen von Schweizern in den Sklavenhandel leugnet er dabei keineswegs. Bloss macht es sich zu einfach, wer daraus schliesst, dass das Kapital für die Industrialisierung in der Schweiz dem Sklavenhandel entstammt sei. Nicht nur war die wirtschaftliche Bedeutung des Sklavenhandels (selbst in Ländern mit Kolonien) dafür schlicht zu gering. Vor allem generieren extraktive Industrien wie Sklavenhandel oder auch Söldnertum kurzfristig Reichtum für einige wenige, schaffen aber keine nachhaltige Basis für Wohlstand.
Was dann? Somm erforscht diese Frage auf einer Reise durch die Jahrhunderte und Industrien, von der Ostschweizer Textilindustrie über die Seidenmetropole Genf bis zum genannten Maschinenbauer Escher Wyss. Er kommt zum Schluss, dass zwei Faktoren den wirtschaftlichen Aufstieg der Schweiz geprägt haben: die Geografie und die politische Sonderentwicklung. Die Lage in den Alpen, dem Übergang zwischen den Wirtschaftsregionen im Süden und im Norden des Kontinents, wussten die Eidgenossen auszunutzen. Sie hätten dies aber kaum so geschickt tun können, hätten sich nicht die autonomen, «superdezentralen» politischen Strukturen entwickelt, wo Macht von unten nach oben legitimiert und nicht von oben nach unten durchgesetzt wurde. Somm nennt das den «organisierten Wahnsinn» und schreibt: «In der alten Eidgenossenschaft wurde einem Unternehmer mehr Wirtschaftsfreiheit geboten, ohne dass dies irgendein Politiker beabsichtigt hätte. (…) Eine strukturelle Liberalität stellte sich ein, weil man sich auf wenig Gemeinsames einigen konnte.» (lz)