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Javierto hat es in ein Evakuierungszentrum in Lac La Biche, 300 Kilometer südlich von seiner Heimatstadt, geschafft. Die Stimmung dort schwankt zwischen der Sorge um Hab und Gut und der Erleichterung, vorerst in Sicherheit zu sein. Javierto sitzt auf der Ladefläche seines Pickup und spielt auf der Gitarre. Das Instrument ist der einzige Gegenstand, den er auf der Flucht aus Fort McMurray mitnehmen konnte.
Von der Evakuation überrascht
Javierto wurde von der Evakuierung der 100'000-Einwohner-Stadt völlig überrascht. «Es war ein schöner Tag, ein perfekter Tag», erzählt er. Doch dann erreichten die Flammen Fort McMurray. «Plötzlich wurde es immer dunkler und heisser und heisser.»
Zuerst war vermutet worden, dass Fort McMurray von den Bränden verschont bleibe. Doch in der Nacht zum Mittwoch ordneten die Behörden die vollständige Räumung der Stadt an. Als letztes Bild von Fort McMurray hat Javierto das brennende Haus seines Freundes in Erinnerung.
Odyssee mit Hunden
Auch für Karla Buffalo begann mit der Evakuierungsanordnung eine Odyssee. Mit ihren Hunden Daisy und Tulip fuhr sie gegen Norden und kam zunächst in der Stadt Anzac unter. Doch die Flammen folgten ihr auch dorthin. Buffalo und viele andere wurden in Busse verfrachtet und nach Lac La Biche gebracht.
Im Freizeitzentrum des Ortes kamen hunderte Geflüchtete unter. Freiwillige versorgen sie mit Essen, Kleidern und anderen notwendigen Dingen. «Ich kann mich nicht beklagen», sagt Buffalo. «Ich habe ein Dach über dem Kopf, jeder bekommt zu essen und die Leute hier sind unglaublich.» Buffalo weiss, dass es noch schlimmer hätte kommen können.
So sitzen im Norden von McMurray noch rund 25'000 Bewohner fest, die wegen drehender Winde ihre Flucht nicht hatten fortsetzen können. Die Behörden versuchen nun fieberhaft, sie mit Helikoptern und Flugzeugen in Sicherheit zu bringen.
Fort McMurray
Die Anfänge von Fort McMurray gehen auf den Pelzhandel zurück. Ende des 18. Jahrhunderts wurde dort eine Handelsstation gegründet. Doch erst in den vergangenen Jahrzehnten wuchs die Stadt rasant. Der Grund: Unternehmen begannen im grossen Stil, Ölsand abzubauen.
Rund um Fort McMurray in der kanadischen Provinz Alberta liegen die sogenannten Athabasca Oil Sands. Sie gehören zu den grössten Ölsandvorkommen der Welt. Der Bodenschatz ist eine teerartige Substanz, die im Tagebau abgebaut wird und aus der Öl gewonnen werden kann.
Im Jahr 1964 lag die Einwohnerzahl der Stadt noch bei 1200. Heute leben in und um Fort McMurray nach Angaben der Provinzregierung 125'000 Menschen (Stand April 2015). Viele Industriearbeiter haben dort ihren vorübergehenden Wohnsitz. Insgesamt sind zwei Drittel der Bevölkerung direkt oder indirekt für die Ölindustrie tätig. Im Norden von Fort McMurray liegt der Wood Buffalo National Park, der für seine Grasflächen, Bisons und Nadelwälder bekannt ist. sda
Massenandrang an Tankstelle
«Es gibt keine Anleitung dafür, wie man aus einem Waldbrand herauskommt», sagt Javierto aus eigener Erfahrung. Von den Schwierigkeiten bei der Flucht aus den Brandgebieten zeugt auch der Highway 63, der aus Fort McMurray in den Süden führt. Auf der Höhe des Ortes Wandering River stehen hier Dutzende Autos am Strassenrand - verlassen, weil ihnen das Benzin ausging.
Seit Donnerstag ist der Highway nur noch für Einsatzfahrzeuge und Wagen mit Sondergenehmigung geöffnet. Am Dienstag und Mittwoch reihten sich hier tausende Wagen von Flüchtenden Stossstange an Stossstange. Die Tankstelle auf der Strecke erlebte einen Massenandrang. Mehr als 500'000 Liter Treibstoff seien an den beiden Tagen gezapft worden, sagt der Betreiber der Tankstelle, der seinen Namen nicht nennen will. Das sind 60 Mal mehr als an einem durchschnittlichen Tag.
Gestrandete Autofahrer eingesammelt
Einige Autofahrer schafften es aber nicht rechtzeitig zu tanken. Joe MacAulay, der in der Nähe eine Barackensiedlung für Saisonarbeiter leitet, fuhr mit Einsatzkräften den Highway ab und sammelte gestrandete Autofahrer ein. Etwa 400 Geflüchtete werden nun in seiner Unterkunft versorgt.
Regierungschefin Rachel Notley stimmte die Bürger von Fort McMurray bereits darauf ein, dass sie nicht so bald zurückkehren können. Gord Bell, der mit seinem erwachsenen Sohn in dem Barackenlager untergekommen ist, will seinen Heimatort aber auf keinen Fall aufgeben. «Wenn ich ein paar Jahre lang in einem Zelt leben muss, dann werde ich das tun», sagt er entschlossen. «Es ist mein Zuhause und ich will bleiben.»