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„Also sind Sie kein Landesverräter.“ Diesen Persilschein erhielt SNB-Bankrat und Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer neulich im Politmagazin Rundschau des Schweizer Fernsehens, nachdem er beteuert hatte, dass er nicht im Ausland einkaufen gehe.
Erleichterung und Stolz waren ins Gesicht von Karrer geschrieben, nachdem er diese befreienden Worte auf die entsprechende Frage des Rundschau-Redaktors hatte antworten dürfen. Allerdings, so fügte Karrer an, habe er vor einigen Jahren seinem Sohn, der in Toronto studiere, dort ein Kleid gekauft.
Was wäre geschehen, wenn Karrer gesagt hätte, dass er sehr wohl über die Grenze im Ausland seine Einkäufe besorge und dass er daran nichts Anrüchiges finde? Karrer wäre seinen Job als Präsident von Economiesuisse wohl früher oder später los gewesen und damit auch seinen Posten als Bankrat der Schweizerischen Nationalbank.
Was können wir diesem kurzen Wortwechsel entnehmen? Als Landesverräter gilt, wer im Ausland einkaufen geht. So einfach? Was ist denn so schlimm, wenn Schweizer ins nahe Ausland gehen, um dort günstig einzukaufen?
Klar: Wenn ein Schweizer Milch bei einem Bauern in Deutschland kauft anstatt bei einem Bauern in der Schweiz, so hat der deutsche Bauer Arbeit und der Schweizer Bauer hat keine Arbeit. Soweit leuchtet das ein. Kaufkraft, die im Inland benötigt wird, fliesst ab ins Ausland.
Bereits anders sieht der Fall aus, wenn es beispielsweise um Orangen aus Spanien geht. Dieselben Orangen aus Spanien, von derselben Plantage, kosten in Deutschland möglicherweise die Hälfte oder einen Drittel derselben Orangen in der Schweiz.
Werden diese Orangen in der Schweiz gekauft, so unterstützt das den Schweizer Importeur, der aber nichts Wesentliches leistet und offenbar eine hohe Marge verdient. Ein effizienter Markt rationiert solche Importeure weg.
Der Preis der Orangen darf in der Schweiz nur so viel höher sein als in Deutschland, als das die höheren Landpreise respektive Mietpreise des Ladenlokals und die höheren Lohnkosten in der Schweiz rechtfertigen. Sobald die Kosten eines Schweizers, die Orangen selber in Deutschland zu kaufen, tiefer sind als die Preisdifferenz, so wird der Markt den Schweizer Importeur wegrationalisieren.
Wenn also Heerscharen aus der Schweiz in Deutschland einkaufen gehen, so sind das nicht Landesverräter. Es sind „homines oeconomici“, die sich rational verhalten. Das gilt für den Einkauf all jener Produkte, welche die Schweiz nicht selber herstellt und deshalb einführen muss.
Wenn ein privater Haushalt irgendetwas günstiger besorgen kann als wenn er es einkauft, so verhält er sich rational, wenn er es selber besorgt. Dieses Prinzip gilt in der ganzen Betriebswirtschaftslehre. Make or buy? Diese Frage ist entscheidend im täglichen Wettbewerb.
Wenn ein Haushalt beispielsweise einen kleinen Schaden im Haus oder in der Wohnung selber beheben kann, so wäre es irrational, einen Handwerker kommen zu lassen, der viel teurer ist. Genauso ist es rational, wenn ein Haushalt ins Ausland einkaufen geht, wenn er dadurch günstiger fährt.
Das Wort Landesverräter ist hier fehl am Platz. Solche negativ besetzten emotionalen Bezeichnungen stammen aus dem Kreis jener, welche sich nicht dem Wettbewerb anpassen mögen – ihre Pfründe bewahren wollen. Anstatt sich dem Konkurrenzkampf zu stellen, wählen sie den einfacheren Weg der Verunglimpfung.
Auch die Maschinenindustrie beispielsweise kauft viele Halbfabrikate aus dem Ausland, weil diese dort billiger sind als in der Schweiz. Sind sie deswegen Landesverräter?
Oder wie viele Unternehmen beschäftigen ausländische Arbeitskräfte, weil diese günstiger arbeiten? Sie importieren Arbeitskraft. Sind sie deswegen Landesverräter? Auch viele, von Economiesuisse vertretene Unternehmen tun das. Weshalb darf dann ein Präsident von Economiesuisse nicht im Ausland einkaufen?
Auch die Tourismusbranche importiert billige Arbeitskräfte aus dem Ausland. Sind diese Hoteliers alle Landesverräter? Mit dem Wort Landesverräter sollte man vorsichtig umgehen.
Ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt gibt schätzungsweise im Durchschnitt nur wenige Prozent seines Einkommens und wenige Promille seines Vermögens im Ausland aus; nur ein geringer Teil der von ihm ausgehenden Kaufkraft geht also ans Ausland verloren.
Zudem handelt es sich um Kaufkraft, die in der Schweiz zu einem grossen Teil nicht wirksam werden kann. Wer beispielsweise Orangen kaufen will, der kann keine Schweizer Orangen kaufen. Es macht keinen Sinn, Gewächshäuser zu bauen, um Orangen in der Schweiz zu kultivieren.
Das Gesetz des komparativen Vorteils von David Ricardo zeigt klar auf, dass jedes Land das produzieren soll, wo es die geringsten Opportunitätskosten hat. Auf diesem Gesetz basiert zu einem grossen Teil der Wohlstand der Industrienationen.
Wenn aber jedes Land sich auf das spezialisiert, wo es die höchste Produktivität aufweist, so ist logischerweise auch Handel zwischen den Nationen nötig. Es ist also weit verfehlt, jemanden einen Landesverräter zu nennen, der einen Bruchteil seines Einkommens und Vermögens darauf verwendet, im Ausland einzukaufen.
Zu betonen ist auch, dass der grösste Teil dieser Kaufkraft ans Ausland geht, weil die Schweiz die gekauften Produkte gar nicht selber herstellt, weil das unproduktiv wäre.
Kommt hinzu, dass jeder Franken, der beispielsweise nach Deutschland fliesst, den Euro stärkt. Importe aus den USA stärken den US-Dollar, Importe aus Japan den Yen.
Es ist also ein Widerspruch in sich selbst, wenn der Detailhandel, die Maschinenindustrie und der Tourismus die Einkaufstouristen als Landesverräter abstempeln, obwohl diese nichts anderes tun, als den Euro zu stärken – notabene genau das, was dieselben Kreise von der Nationalbank fordern.
Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) exportiert Kaufkraft ins Ausland – nur reden wir hier von ganz anderen Dimensionen. Zuerst einmal exportiert die SNB über 600 Milliarden Franken ins Ausland. Nicht einmal ein Prozent davon investiert sie in der Schweiz.
Der Kaufkraftabfluss durch die SNB ist also gigantisch, nicht nur betragsmässig, sondern auch prozentual. Kommt hinzu, dass dieser Kaufkraftabfluss in der Schweiz dringend selber benötigt werden könnte.
Es wird Druck auf die Nationalbank gemacht, weil der starke Franken angeblich Arbeitsplätze vernichten soll. Also geht es um Arbeitskräfte in der Schweiz, die nicht oder bald nicht mehr nachgefragt werden.
Soll diesen prognostizierten Arbeitslosen geholfen werden, so ist es entscheidend, dass hierzulande die Nachfrage nach Arbeitskräften gefördert wird. Das kann nur geschehen, indem hierzulande investiert wird.
Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: A) Es wird den betreffenden Branchen mit Direktinvestitionen unter die Arme gegriffen. B) Der Staat versucht, einen ganz neuen Wirtschaftszweig zu fördern. C) Der Staat fördert Infrastrukturprojekte, welche die gesamtwirtschaftliche Produktivität verbessern.
Oder D) Der Staat selber kauft vorwiegend im Inland ein, sofern dies möglich ist (Stadler Züge anstatt ausländische). Bei den Dienstwagen des Bundesrates wird das schwieriger – aber nicht unmöglich. Bei Kampfflugzeugen wird’s noch schwieriger.
Mit den hohen Milliardenverlusten, welche die SNB auf ihren Devisenanlagen bisher eingefahren hat und noch einfahren wird, könnte man mehrere Industriesparten in der Schweiz aufbauen (Airbus und EU). Warum nicht beispielsweise eine Schweizer Automarke?
Monteverdi wurde seinerzeit vom Bundesrat schnöde abserviert. Das Exportdefizit mit Deutschland basiert auf den massiven Käufen von deutschen Autos. Und mit diesem Exportdefizit wurde ja überwiegend der katastrophale Mindestkurs gerechtfertigt. Heute könnten wir froh sein um eine Schweizer Edelmarke in der Autobranche.
Es gäbe noch viele weitere Möglichkeiten, innovative Wirtschaftszweige in der Schweiz zu fördern oder zu gründen und damit einer drohenden Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken (weitere Stichworte: Umweltenergie, Hydrokulturen, Fischzuchten, Drohnen, Know-how im Ingenieurwesen.). Solches würde unseren Werkplatz fördern.
Gar keinen Sinn macht es hingegen, wenn wir Arbeitsplätze in der Schweiz schaffen wollen, indem unsere Nationalbank ausländische Staatsanleihen, Obligationen und Aktien kauft.
Die Schweizerische Nationalbank hat uns immer noch nicht erklärt, wie sie mit Investitionen beispielsweise in den US-Waffenhersteller Lockheed den Tourismus in der Schweiz fördern will. Oder wie schaffen Käufe von griechischen Staatsanleihen Arbeitsplätze in der Schweiz?
Wären unsere Gewerkschaften klug, so würden sie nicht fordern, dass unsere Nationalbank Investitionen im Ausland tätigt, sondern Investitionen in der Schweiz.
Kommen wir zurück zum eingangs erwähnten Interview in der Rundschau mit Heinz Karrer. Zum Schluss wurde die Nationalbank vom Journalisten Sandro Brotz als Black Box bezeichnet. Karrer widersprach. Nein, die SNB sei transparent.
Richtig: Die SNB ist transparent. Ihre Bilanz zeigt deutlich, dass sie zu einem untragbaren Systemrisiko geworden ist.
Eine Black Box ist und bleibt jedoch, wie die Entscheide in der Nationalbank gefällt werden. Eine Black Box sind die abstrusen Rechtfertigungen der SNB. Geld aus dem Nichts soll es da sogar geben, womit die SNB „unbeschränkt“ Euros und „alle“ Schulden bezahlen könne.
Kann man vom Bankrat der SNB nicht mehr erwarten, als dass dieser stolz von sich sagt, dass er persönlich nicht im Ausland einkaufe und dabei übersieht, dass die SNB selber für hunderte Milliarden im Ausland einkauft?
Kann man von einem SNB-Bankrat nicht mehr verlangen, als dass er einfach behauptet, die SNB sei transparent, obwohl die Entscheide der SNB einer Büchse der Pandora gleichkommen?
Der Bankrat trägt schliesslich die Verantwortung der Nationalbank gegenüber dem Schweizer Volk. Das hat der gesamte Bankrat der SNB vergessen – nicht nur Heinz Karrer.
Ist unsere Nationalbank eine Landesverräterin? Nein. Aber sie ist unbedarft. Sie missbraucht ihre Unabhängigkeit und sie lässt sich missbrauchen. Ihre Bilanz ist transparent und verdeutlicht: Sie ist ein Systemrisiko.