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Mit «Winterdämmerung» beschliesst Erasmus Schöfer seinen vierbändigen Romanzyklus. Er erweist sich dabei als engagierter Erzähler der Geschichte der westdeutschen Linken.
Literarische Sensationen geschehen manchmal im Verborgenen. Als vor einigen Monaten der Roman «Winterdämmerung» von Erasmus Schöfer erschien, wollte in Deutschland zunächst kaum jemand Notiz davon nehmen. Der 1931 in Altlandsberg bei Berlin geborene Schriftsteller gehört nämlich immer noch zu den grossen Unbekannten unter den Romanciers seines Landes.
Die ersten Rezensionen wurden in kleinen linken Zeitungen veröffentlicht. Nur allmählich spricht sich herum, dass es sich beim abschliessenden Teil des vierbändigen Romanzyklus «Die Kinder des Sisyfos» um ein bedeutendes Stück engagierter Literatur handelt. Von einer Fortsetzung der «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss reden die einen. Die Romane Schöfers seien aber packender geschrieben, meinen andere. Auch der Grosskritiker einer konservativen Sonntagszeitung mochte Schöfer seinen Respekt nicht verwehren und besuchte eine Lesung des linken Schriftstellers. Wer aber ist dieser Erasmus Schöfer?
Dem Heranwachsenden war, wie den meisten Deutschen seiner Generation, die Naziideologie eingeimpft worden. Die Nachkriegsjahre erlebte er dann aber zunehmend als Befreiung. Der Student interessierte sich für den experimentellen Umgang mit seiner Muttersprache, liess sich anregen von den Arbeiten von Franz Mohn, Helmut Heissenbüttel, Eugen Gomringer oder Max Bense. In diese Zeit fiel seine Promotion über «Die Sprache Heideggers».
Ostermärsche und Kampftexte
Je mehr sich Schöfer in der Ostermarschbewegung und in der Kampagne für Abrüstung engagierte, desto mehr aber entfernte er sich von einer Literatur, die sich im Sprachexperiment zu erschöpfen schien. Er wurde Kommunist, schrieb Kampftexte, machte politisches Theater, gründete zusammen mit anderen den Werkkreis Literatur und Arbeitswelt, für den er sich viele Jahre lang engagierte. In dieser Zeit entstanden Journalistisches, Erzählungen, Hörspiele und Fernsehfilme, die in der BRD, aber auch in der DDR erschienen. Schöfer pflegte gute Kontakte und Arbeitsbeziehungen im sozialistischen deutschen Staat, dort leben hat er aber nie gewollt. Zu wenig Raum für individuelle Initiativen, meint er rückblickend, sei den Menschen dort durch die offizielle Politik gegeben worden.
Nach dem Ende des Realsozialismus in Osteuropa begann Schöfer mit der Arbeit am rund 2000 Seiten starken Romanvierteiler «Die Kinder des Sisyfos». Die Bände «Ein Frühling irrer Hoffnung», «Zwielicht», «Sonnenflucht» und «Winterdämmerung» sind zwischen 2001 und 2008 erschienen. Entlang ausgewählten Stationen und fiktiven Biografien erzählt Schöfer die Geschichte der westdeutschen Linken von 1968 bis 1990. Dabei versucht er die Motive der damals aufbrechenden Menschen, ihre Impulse und moralische Empörung so festzuhalten, wie sie damals von ihnen empfunden wurden. Ein Reporter, ein Historiker, eine Schauspielerin und ein Werkzeugmacher sind die Hauptfiguren. Die Romane enthalten auch so etwas wie eine Geschichte der engagierten Literatur.
Sozialismus am Ende?
Seinen Stoff hat Schöfer grossenteils selbst erlebt und als Aktivist mitgestaltet. Seine Szenerien wirken authentisch, die Diskussionen glaubwürdig, die Konflikte realistisch. Die vielen erotischen Passagen gelingen ohne Klischee. Schöfers ProtagonistInnen scheitern, und doch gelingt es ihnen, den utopischen Funken immer wieder neu zu entfachen, sich gegenseitig aufzurichten. «Winterdämmerung» schildert die Massenproteste der Friedensbewegung gegen die atomare Aufrüstung in Europa, den Kampf der Gewerkschaften für die 35-Stunden-Woche und den Widerstand der StahlarbeiterInnen gegen die Schliessung der Rheinhausener Stahlhütte.
Als der Sozialismus zusammenbricht, bleibt ein Funken Hoffnung. Victor Bliss, eine zentrale Figur des Romans, entdeckt mit seiner Enkelin in der anarchistischen Kommune Kaufungen bei aller Skepsis des marxistisch geschulten Historikers den realutopischen Vorschein einer solidarischen Gemeinschaftsform.