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Eine Erzählerin ohne Alter und Namen verlässt New York nach dem Tod ihres Vaters und tritt eine neue Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag an. Die Stadt ist ihr noch fremd. Sie wohnt möbliert und befristet. Neue Freundschaften sind noch vage.
Packend, zentral und von düsterem Inhalt ist ihre berufliche Tätigkeit am Gerichtshof, der sich ausschliesslich mit Genoziden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen befasst. Dort wird ein sehr spezifisches (juristisches) Vokabular verwendet. An den Verhandlungen – es geht um nicht weniger als das Leid tausender Menschen - müssen Aussagen von Angeklagten, Zeug:innen und Opfer übersetzt werden.
Die meisten der Arbeitskolleg:innen haben, wie die Hauptfigur, in mehreren Ländern gelebt und waren von ihrem ganzen Wesen her Kosmopolit:innen, ihre Identitäten lassen sich von ihren sprachlichen Fähigkeiten nicht trennen. Dolmetschen erfordert extreme Präzision. Zusammen mit Sprachkompetenz macht dies eine:n gute:n Dolmetscher:in aus. «Die Gründe dafür lagen auf der Hand, denn zwischen einzelnen Wörtern, zwischen zwei oder mehr Sprachen konnten sich ohne Vorwarnung Abgründe auftun.»
Für die Dolmetscher:innen kann es im Gerichtssaal zu einem sehr intimen, extremen Setting kommen, wenn er/sie ins Mikrofon nur für den Angeklagten (es sind fast durchwegs Männer) simultan übersetzt. Es entsteht eine unglaubliche Nähe, ein grosser psychischer Druck …
Die grosse Stärke dieses Buches sind die Beschreibungen der Aufgaben der Dolmetscher:innen. Übersetzen heisst nicht nur Wörter übersetzen, sondern auch die Haltung vermitteln, die Nuancen und die Intention hinter dem Gesagten.
Susanne Bühler