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Werkgeschichte
1935
Die beiden Schweizer Dialektologen und Professoren Heinrich Baumgartner und Rudolf Hotzenköcherle treffen sich mit der Idee, einen Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) zu erstellen. Der SDS sollte neben dem Schweizerischen Idiotikon als zweites Grundlagenwerk für die Schweizer Dialektologie dienen.
1935–39
In der Planungsphase werden verschiedene wichtige Entscheidungen getroffen. Das Ortsnetz, das durchschnittlich jeden dritten Ort der Schweiz umfasst, wird festgelegt, die Gewährspersonen werden gesucht, ein Fragebuch wird zusammengestellt und das Transkriptionssystem, das auf dem Böhmer-Ascoli-System beruht, ausgearbeitet.
Konrad Lobeck, promovierter Romanist, wird als erster Explorator angestellt.
In dieser frühen Phase ist die Finanzierung durch die Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich gesichert.
1939
Im August beginnen die Probeaufnahmen in verschiedenen Gegenden der Schweiz. Kurz darauf müssen die Probeaufnahmen wegen des Mobilmachungsbefehls der Schweizer Armee unterbrochen werden, die Exploratoren treten den Militärdienst an.
1940
Im Januar 1940 werden die Probeaufnahmen fortgesetzt und daraufhin das Fragebuch von rund 4000 auf 2500 Fragen verkürzt. Hotzenköcherle und Lobeck erproben das neue, kürzere Fragebuch erstmals im August. Im Herbst und Winter 1940/41 wird Lobeck vom Militärdienst freigestellt und kann somit einen langfristigen Arbeitsvertrag beim SDS unterzeichnen. Er verpflichtet sich für 225 Aufnahmen in der Ost- und Innerschweiz.
1944
Lobeck wechselt von Zürich in den Kanton Bern, da dort die Finanzierung durch die Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der bernischen Hochschule gesichert ist, und beginnt mit den Aufnahmen in Niederbipp.
Am 21. Februar trifft den SDS ein schwerer Schlag, als Heinrich Baumgartner im Alter von 55 Jahren stirbt. Sein Jugendfreund und Nachfolger am Berner Lehrstuhl, Paul Zinsli, übernimmt daraufhin die Mitverantwortung in der Redaktion.
1946
Die 64 Aufnahmen im Berner Unterland werden abgeschlossen, und Lobeck setzt seine Arbeit in den Kantonen Aargau und Solothurn fort. Schliesslich leistet er insgesamt rund 250 Befragungen, einige mehr als vertraglich geregelt, und wird von Rudolf Trüb abgelöst.
1947
Trüb macht noch als Student zehn Aufnahmen im Kanton Glarus. Als dritter Explorator wird Robert Schläpfer, ein Schüler Hotzenköcherles, in Basel-Landschaft und Solothurn eingesetzt.
1948
Trüb verpflichtet sich nach seinen Examina für 34 Aufnahmen im Kanton Graubünden und setzt die Befragung danach in Uri, Schwyz und Zug fort.
1950
Hotzenköcherle beginnt die Befragungen in den Walserorten im Piemont. Begleitet wird er vom Romanisten Fritz Gysling, der durch seine Dissertation mit den Dialekten im Piemont vertraut ist. Im Tessin wird Hotzenköcherle vom amerikanischen Linguisten William G. Moulton begleitet.
1951
Schläpfer führt die Aufnahmen im deutschsprachigen Jura und anschliesslich im Kanton Luzern fort. Trüb wechselt ins Berner Oberland, wo ihm der Dialekt anfänglich Mühe bereitet.
1953
Trüb wechselt nach Unterwalden. Dort wird er schwer krank und fällt für weitere Aufnahmen aus. Schläpfer übernimmt den Kanton Freiburg und 34 Orte im Wallis. Hotzenköcherle selber führt die Befragungen in zehn Orten im Wallis durch.
1953–54
Hotzenköcherle und Schläpfer treffen sich mit Ernst Beyer (Strassburg) und Jean Fourquet (Strassburg/Paris) zur Abstimmung der Transkription mit dem elsässischen Sprachatlas.
1954–59
Schläpfer und Trüb wählen zum Zweck der Ergänzung der Daten mit Tonaufnahmen 45 Orte aus und besuchen die Gewährspersonen erneut. Begleitet werden sie von Rudolf Brunner, dem technischen Leiter des Phonogrammarchivs der Universität Zürich.
1958
Die Datenerhebung für den Sprachatlas wird nach 19 Jahren beendet. Dazu trägt auch Lobeck nochmals bei, der während der Schulferien in den Kantonen Aargau, Zürich und Thurgau die Befragungen zu Ende bringt. Trüb schliesst die Aufnahmen in Unterwalden, St. Gallen, Appenzell, Schaffhausen und Zürich ab.
Am 29. November beendet Hotzenköcherle in Begleitung von William G. Moulton in Saas-Grund die Materialsammlung. Das Ergebnis: Mehr als 600 Aufnahmen, 3 Millionen phonetisch transkribierte Sprachformen, über eine halbe Million Spontanbelege und 10‘000 sachkundliche Skizzen und Fotografien.
1962
Am 30. März veranstaltet der Francke-Verlag einen Empfang zur Publikation des ersten Bandes „Lautgeographie I: Vokalqualität“. Kurz darauf erscheint mit der Unterstützung der „Stiftung der Schweizerischen Landesausstellung 1939 Zürich für Kunst und Forschung“ Hotzenköcherles „Einführung in den Sprachatlas der deutschen Schweiz“ in zwei Halbbänden.
1963
Zu Hotzenköcherles 60. Geburtstag wird die Festschrift „Sprachleben der Schweiz“ mit Beiträgen aus SDS-Materialien des ersten Bandes publiziert.
1964
Der SDS ist an der Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne zweimal unter dem Thema „Strahlung“ vertreten.
1965
Der zweite Band mit dem Titel „Lautgeographie II: Vokalquantität – Konsonantismus“, verfasst unter Mitarbeit der Nationalfonds-Assistentin Doris Handschuh, kommt heraus.
1966
Hotzenköcherle erhält von der Universität Basel den Ehrendoktor-Titel.
1966/67 und 1970
Hotzenköcherle wiederholt die Befragungen in Issime (IT) mit besseren Gewährspersonen.
1969
Da Band III „Formengeographie“ aufwendig ist, wird der vierte Band „Wortgeographie I: Der Mensch – Kleinwörter“ diesem vorgezogen. Man erhofft sich so auch, mit Wörtern eine breitere Leserschaft anzusprechen als mit der Grammatik. An den Karten des vierten Bandes arbeiten neu auch Robert Schläpfer und Stefan Sonderegger mit. Hotzenköcherle geht in Rente, um möglichst viel Zeit in die Fertigstellung des SDS investieren zu können.
1975
Band III „Formengeographie“ erscheint in der Buchdruckerei Winterthur AG. Die Vorarbeit zu diesem Band lieferten drei Schüler Hotzenköcherles in ihren Dissertationen: Rudolf Meyer befasste sich mit den Formen des Artikels, Jürg Bleiker untersuchte die drei Verben „haben, sein, tun“, und Alfred Suter schrieb über die Verben „gehen, stehen, lassen“.
1976
Am 8. Dezember stirbt Hotzenköcherle in Zürich an einem Herzinfarkt im Alter von 73 Jahren.
1977
Schläpfer, Zinsli und Trüb übernehmen als neue Eigentümer der Materialien die Arbeit. Zinsli tritt dabei als Hauptgesuchsteller auf, und Trüb übernimmt die Leitung der Arbeit für die weitere Publikation.
1978
Urs Zimmerli, Sohn des langjährigen Grafikers Erwin Zimmerli, übernimmt das Reinzeichnen der Karten. Erwin Zimmerli stirbt am 31. März 1986 in St. Gallen.
1980–1983
Walter Haas ersetzt Schläpfer und hilft beim Band VI „Wortgeographie III“ mit.
1983
Band V „Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft – Kleidung – Nahrung“ wird ausgeliefert. Thomas Schärli hilft beim Anfertigen des Wortregisters.
1984
Hotzenköcherles Überblick über das Schweizerdeutsche, „Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz“, erscheint postum als erster Band der neu begründeten „Reihe Sprachatlas“. Er wird von Niklaus Bigler und Robert Schläpfer unter Mitarbeit von Rolf Börlin zum Druck gebracht wird.
1986
Der zweite Band der Reihe, eine Zusammenschau von Hotzenköcherles Aufsätzen aus den SDS-Materialien, wird unter dem Titel „Dialektstrukturen im Wandel“ publiziert. Die Herausgeber sind Schläpfer und Trüb.
1988
Band VI „Wortgeographie III: Umwelt“ kommt heraus.
In diesem Jahr wird das Büro des SDS in Untermiete im Büro des Schweizerischen Idiotikons eingerichtet. Es wird dort auch an den letzten beiden Bänden gearbeitet. Die gute Zusammenarbeit mit der Redaktion des Wörterbuchs wird sehr geschätzt.
1989
Ein Schenkungsvertrag, durch den die gesamten Materialien des SDS an den Verein für das Schweizerdeutsche Wörterbuch (Schweizerisches Idiotikon) übergehen, wird unterschrieben.
1991
Der SDS ist mit drei Karten an der Nationalen Forschungsausstellung „Heureka“ vertreten.
1993
Hans Bickel wird eingestellt.
1994
Band VII „Wortgeographie IV: Haus und Hof“ wird ausgeliefert. Erstmals arbeitet auch Elvira Jäger mit.
1996
Nachdem fast die ganze Arbeit am letzten Band erledigt ist, werden die wissenschaftlichen Mitarbeiter entlassen. Rudolf Trüb und seine Frau Lily, die seit dem sechsten Band zum Gelingen der Produktion beigetragen hat, führen die Arbeit zu Ende.
1997
Der achte und letzte Band „Wortgeographie V: Haustiere – Wald- und Landwirtschaft“ kommt heraus.
1998
Der Francke-Verlag und die linguistische Abteilung des Deutschen Seminars der Universität Zürich feiern den Abschluss der Publikation.
2001
Paul Zinsli stirbt im 96. Lebensjahr.
Robert Schläpfer stirbt im 78. Lebensjahr.
2003
Trüb veröffentlicht unter Mitarbeit seiner Frau Lily den Abschlussband zum SDS, in dem sich Angaben zur Werkgeschichte und Publikation sowie ein Gesamtregister befinden.
2010
Rudolf Trüb stirbt im 88. Lebensjahr.
Helen Christen, Elvira Glaser und Matthias Friedli geben den „Kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz“ heraus. 121 Karten des SDS wurden in farbige Flächenkarten umgewandelt, und 14 Autoren schrieben Kommentare dazu. Das Werk soll so auch sprachwissenschaftliche Laien ansprechen.
2017/2018
Das Orginalmaterial wird vom Schweizerischen Idiotikon digitalisiert und online zur Verfügung gestellt.