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Bei der Bewältigung von Trauer und Scheidung erobert die Online-Psychologie die frankophone Welt
Ein Team von Forschenden des Fachbereichs Psychologie der Universität Lausanne plant, ein sehr erfolgreiches Experiment aus der deutschen Schweiz zu replizieren, bei dem Personen, die einen geliebten Menschen verloren haben, über das Internet unterstützt werden. Auf die erste französische Ausgabe dieser Online-Therapie soll eine zweite folgen, mit der eine grössere Zahl Menschen in der ganzen Welt erreicht werden soll. Ermittelt werden soll bei diesem Projekt vor allem, ob diese Methode auch ohne Begleitung Erfolg hat.
Der Tod eines Ehepartners/einer Ehepartnerin sowie Scheidung und Trennung gehören zu den als am stressigsten empfundenen Einschnitten im Lebensverlauf und manche Menschen erholen sich nur schwer davon. Dabei weisen die beiden genannten Situationen zahlreiche Ähnlichkeiten auf: So wird in beiden Fällen die Spannung zwischen der objektiven Realität und der von der oder dem Hinterbliebenen empfundenen Realität als zu gross empfunden.
Während die meisten Menschen nach einigen Monaten wieder einen Sinn in ihrem Leben sehen, zeigen 10 bis 15 Prozent der Personen, die einen der zuvor beschriebenen Verluste erlitten haben, komplexere Trauersymptome. Diese äussern sich neben vielen anderen Zeichen insbesondere durch intensives und dauerhaftes Leiden über einen Zeitraum von sechs Monaten hinaus, ständiges Grübeln und die offensichtliche Schwierigkeit, den Verlust zu akzeptieren, das Gefühl von Identitätsverlust und die Unfähigkeit, sich das künftige Leben ohne den anderen vorzustellen.
Ein allgemein anerkanntes Leiden
Die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie hat die Störung einer komplexen und dauerhaften Trauer 2013 in das Diagnostische und Statistische Manual mentaler Störungen (DSM) aufgenommen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beabsichtigt für 2018, die Diagnostik einer anhaltenden Trauerstörung der 11. Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (CIM-11) hinzuzufügen.
In diesem Zusammenhang scheint die computergestützte Therapie ein wirksames Mittel zur Überwindung einer pathologischen Trauer zu sein. Dies verdeutlichte eine von 2016 bis 2017 von einem Team der Universität Bern im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES erfolgreich durchgeführte Studie, die auch mit einer Reihe von durch Prof. Thomas Berger bekannt gewordenen Internet-Selbstheilungsprogrammen im Zusammenhang steht.
Das Projekt der Online-Trauerbegleitung wird zurzeit unter dem Namen LIVIA auf die Romandie und Frankreich ausgedehnt. Dies ist dem Engagement von Prof. Valentino Pomini und Dr. Anik Debrot, Dozentin am Institut für Psychologie der Universität Lausanne, beide Mitglieder des IP212 des NFS LIVES, zu verdanken. Eine Doktorandin sowie mehrere Master-StudentInnnen sind ebenfalls an dieser Forschungsarbeit beteiligt.
Die Ergebnisse übertreffen die Erwartungen
In Bern hat der in Zusammenarbeit mit Prof. Berger durchgeführte Versuch von Prof. Hansjörg Znoj und Dr. Jeannette Brodbeck Ergebnisse hervorgebracht, die „die Erwartungen bei Weitem übertreffen,“ betont das Team aus Lausanne. Im Rahmen der LIVIA-Studie wurden 110 Personen untersucht, die Schwierigkeiten mit der Trauerbewältigung hatten. Hierbei wurden die Entwicklungen der Teilnehmenden einer Online-Therapie mit einer Gruppe von ProbandInnen verglichen, die noch auf der Warteliste standen.
Innerhalb von sechs Wochen nahmen Ausmass und Ausprägung von schweren psychischen Beschwerden, Depressionen, Verbitterung und Einsamkeit der PatientInnen im Vergleich zu den negativen Gefühlen der Kontrollgruppe deutlich ab. Ihre Lebenszufriedenheit verbesserte sich zudem ganz erheblich.
Beratung und praktische Übungen
Die Therapie beginnt mit einer Reihe von Informationen, die den Prozess der Trauerarbeit näher beschreiben. Daran schliessen sich eine Beratung sowie praktische Übungen an, die den Teilnehmenden dabei helfen sollen, die Realität zu akzeptieren und sich ihr anzupassen. Sie sollen sich ihr Leiden eingestehen, aber auch eine neue Art der Verbindung mit der verlorenen Person knüpfen. Bei unserem Berner Experiment erfuhren die Teilnehmenden auch immer wieder Ermutigung und mussten Antworten auf bestimmte Fragen finden. Damit sollten sie so gut wie möglich motiviert werden, mögliche Schwierigkeiten zu überwinden und die Anforderungen des Programms zu erfüllen.
Den Forschenden zufolge bietet eine Online-Therapie zahlreiche Vorzüge: Die Massnahme wird anonym durchgeführt und ist leicht zugänglich; zudem ist sie sehr kostengünstig und hängt nicht von Qualität oder Verfügbarkeit eines/r Arztes/Ärztin ab. Der Patient kann dabei seinen Rhythmus selbst bestimmen. Dieses Aspekts wird sich die französische Version verstärkt annehmen, bei der es zudem möglich sein wird, die Reihenfolge der Massnahmen selbst zu bestimmen.
Ohne Anleitung per E-Mail
Das Projekt der Universität Lausanne wird in zwei Schritten durchgeführt: In einer ersten Pilotphase wird das LIVIA-Programm in französischer Sprache auf der Grundlage des Modells der deutschen Version zur Verfügung gestellt. Es werden jedoch parallel dazu keine weiteren Nachrichten versendet. Man geht hierbei von der Prämisse aus, dass das Projekt ohne E-Mail-Anleitung zu genauso guten Ergebnissen gelangt.
In einer zweiten Phase soll eine neue französische LIVIA-Version mit kürzeren, stärker standardisierten Modulen erprobt werden. In dieser Phase sind ausserdem Videos und ein Diskussionsforum für die Teilnehmenden geplant. Die zur Verfügung gestellten Informationen und Aufgaben werden stärker von den neuesten Erkenntnissen der positiven Psychologie geprägt sein, um besser auf die vier psychologischen Grundbedürfnisse eingehen zu können, die in Orientierung und Kontrolle, Bindung, Vergnügen und Selbstwert bestehen.
300 Millionen frankophone Muttersprachler
Anik Debrot zufolge „erleben die Online-Therapien gerade einen Boom, wenngleich nur wenige von ihnen bereits wissenschaftlich in französischer Sprache getestet wurden und in dieser Sprache im Hinblick auf die Trauerarbeit auch noch nichts validiert wurde.“
Doch mit 300 Millionen frankophonen Muttersprachlern gibt es eine hohe Zahl potentieller PatientInnen. Wenn sie genauso gut wie geführte Massnahmen funktioniert, könnte die Online-Therapie ohne weitere Begleitung, die stärker standardisiert ist und mehr Flexibilität bietet, somit eine viel grössere Anzahl an Personen erreichen.
Nur wenig Raum für Trauer
In einer Zeit, in welcher der Tod mit weniger religiösen und sozialen Riten als in der Vergangenheit verbunden und das Phänomen der Scheidung weit verbreitet ist, kann jeder von komplizierter Trauerarbeit betroffen sein, ohne dass er oder sie immer den nötigen Raum fände, das Tief hinter sich zu lassen.
Das LIVIA-Projekt, das von der waadtländischen Ethikkommission für die Forschung am Menschen gutgeheissen wurde, könnte somit eine willkommene Hilfe für all diejenigen sein, die im stillen Kämmerlein um den Verlust einer geliebten Person trauern und bisher nicht die geeigneten Mittel gefunden haben, um wieder auf die Beine zu kommen. Alle, die an einer Teilnahme interessiert sind, können sich gern bei unserem Team melden.
>> Kontakt: Anik Debrot, <email-pii>, 021 692 32 88