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Die Zeichnerin Nina Bunjevac präsentiert mit «Vaterland» eine Graphic Novel, die nicht nur ihre eigene Familiengeschichte abhandelt, sondern auch die Geschichte des Zerfalls von Jugoslawien. Unser Autor hat mit ihr über Schlachtfelder, die aktuelle Szene gesprochen und darüber, warum sich die aktuelle Präsidentin von Kroatien wohl kein Exemplar kauft.
Aktuell befassen sich gleich zwei Graphic Novels mit dem Ende Jugoslawiens. Während Joe Sacco in «Sarajevo» detailverliebt das Bild der Stadt nach dem Krieg zeichnet, erzählt «Vaterland» eine Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte des Landes dokumentiert. Wir sprachen mit der Zeichnerin Nina Bunjevac über ein Buch, das von der Heimat handelt, aber nicht für sie geschaffen ist.
Frau Bunjevac, ist «Vaterland» eine kanadische, jugoslawische oder serbische Graphic Novel?
Ich würde sagen Jugoslawisch, oder besser noch Kanado-Jugoslawisch.
Ihr Vater war Mitglied einer antikommunistischen, nationalistisch-serbischen Terrororganisation in den 1970er-Jahren. Heute schreiben wir das Jahr 2015. Wenn wir uns Serbien heute anschauen, würden Sie sagen, Ihr Vater und seine Ideologie haben gewonnen?
Sie haben ihre Ziele erreicht, ja. Sie wollten Jugoslawien mit drei verschiedenen Strategien zerstören. Erstens sollte das Militär innerhalb Jugoslawiens infiltriert werden, zweitens wurden Angriffe auf jugoslawische Gebäude im Ausland und auf Botschaften verübt, und drittens wurde in der Diaspora mit grosser Verve für den Nationalismus geworben. Die Ereignisse, die zum Krieg geführt haben, waren Geschichtsrevisionismus, ein Aufstieg des Nationalismus. Wenn wir uns die politische Situation in Serbien heute anschauen, dann kann man sagen, dass sie am Ende gewonnen haben.
«Vaterland» ist auch geprägt durch Erklärungen und Ausflüge in die gemeinsame Geschichte der Serben und Kroaten. Dabei ist gerade die Geschichte ein Schlachtfeld in diesen beiden Ländern. Haben Sie diesen Druck beim Schreiben gespürt?
Die Recherche zum Zweiten Weltkrieg war der schwerste Teil meiner Arbeit. Ich wusste diese Sachen natürlich, aber ich musste in die Archive gehen, um Beweise zu sammeln. Zum Beispiel gibt es viele Bilder von Tschetnik-Kämpfern mit deutschen Nazisoldaten. Ich musste vorsichtig sein, neutral und nur kalte harte Fakten wiedergeben. Der Teil des Buchs war sehr wichtig, damit die westlichen Leser den Kontext verstehen. Damit sie verstehen, warum mein Vater getan hat, was er getan hat. Mir war klar, dass es bestimmte Interessengruppen gibt, die mich kritisieren würden. Insbesondere diejenigen, die einen Geschichtsrevisionismus bezüglich der Rolle der Tschetniks, Ustaschas und jene des Konzentrationslagers Jasenovac im Zweiten Weltkrieg betreiben. Allerdings kam die kroatische Ausgabe im Dezember raus, und dort hatte ich bislang keine Probleme. Der damalige kroatische Präsident Ivo Josipovic kaufte sogar ein Exemplar. 180 Stück wurden von den Bibliotheken in Kroatien gekauft. «Vaterland» war sehr erfolgreich in Kroatien. Miljenko Jergovic schrieb das Nachwort – er ist jemand, den ich sehr bewundere. Ich bin gespannt, wie es in Serbien wird, wenn «Vaterland» im Mai dort erscheint.
Glauben Sie Kolinda Grabar-Kitarovic, die neue konservative Präsidentin von Kroatien, wird sich eine Ausgabe kaufen. Sie setzte in ihrem Wahlkampf ja auf Nationalismus?
Nein, das würde sie nicht. Es ist nämlich kein Buch für die Heimat. Meine Geschichte zeigt ja gerade, was für einen negativen Einfluss Nationalismus haben kann. Und zwar nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch konkret auf der Ebene der Familie. Der Nationalismus hat meine Familie zerstört und er hat mein Land – Jugoslawien – zerstört.
Die Geschichte lässt ja einiges offen. Wird es eine Fortsetzung von «Vaterland» geben?
Ja, die wird es geben. Ich arbeite gerade daran. Einen Termin kann ich noch nicht nennen, aber es dauert sicherlich noch ein wenig.
Wie war es denn eigentlich so in den 70er und 80ern in Jugoslawien aufzuwachsen?
An die 70er-Jahre erinnere ich mich nicht mehr so gut. Aber an die 80er erinnere ich mich sehr gut. Unsere Grosseltern waren wohlhabend, aber meine Mutter, meine Schwester und ich waren sehr arm…
Kartoffeln am Morgen, mittags und am Abend…
Genau. Das war eine schwierige Zeit. Als meine Mutter später in den 80er-Jahren Arbeit gefunden hatte und die Witwenrente aus Kanada kam, war das Leben gut. Wir hatten westliche Musik, westliche Filme und grossartiges Bildungsfernsehen. Das Kulturleben war toll. Das Theater und die Philharmonie waren sehr günstig, und es gab viele französische und belgische Comics sowie Marvel-Comics. Viele Menschen glauben, Jugoslawien sei ein Ostblock-Staat gewesen, ein Land hinter dem Eisernen Vorhang – das nervt mich. In den 80er-Jahren hatten wir Nike-Schuhe, 501 Levis und MTV. Wir hatten sogar einen McDonalds in Belgrad. Ich würde sagen, wir hatten das Beste aus beiden Welten.
«Viele Menschen haben sich dank Sacco und seinen Comicreportagen mit dem Bosnienkrieg befasst.»
Joe Sacco ist vor allem durch seine Comicreportagen aus Palästina und Bosnien bekannt geworden. Glauben Sie, die Jugoslawienkriege waren ein Thema, das zur Popularisierung von Comicreportagen beigetragen hat?
Joe Sacco ist der mit Abstand populärste auf dem Gebiet. Ich glaube aber eher, dass viele Menschen sich dank Sacco mit dem Bosnienkrieg befasst haben und nicht umgekehrt. Seine Arbeiten sind fair, das sagen auch viele Menschen, die den Bosnienkrieg erlebt haben. Alles zerbricht, die Menschen sind verloren, aber trotzdem wird weiter gespielt, trotzdem wird am Leben festgehalten. Ich mag die Szene in seiner Graphic Novel «Fixer», wo Karadzic gefasst wird. Tatsächlich wurde er ja dann später gefasst – das kann nur auf dem Balkan passieren!
Wie gefällt Ihnen die Comic-Szene in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens?
Es ist die beste Comic-Szene der Welt und ich fühle mich als Teil dessen. Als andere Krieg geführt haben, haben sie weiterhin zusammen gearbeitet. Zwischen 1990 und 2007 war ich nicht in Serbien. Als ich das gesehen hatte, konnte ich es nicht glauben. Dort lebt noch ein panslawistisches Gefühl, das durch Kultur vermittelt wird. Die Serben und Kroaten sind wie zwei Schwestern – sie sammeln parallel Erfahrungen, aber immer schauen sie nur darauf wie unterschiedlich sie sind, nicht darauf wie ähnlich sie sind.