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Wie viel nimmt man vom alten Ich mit an den neuen Ort? Wie viel lässt man zurück? Und wo entdeckt man neue Aspekte an sich selber? Diesen Fragen geht der Dokumentarfilm «Outland» des Autors und Theaterschaffenden Michael Schindhelm auf sensible und poetische Weise nach. Der Film wurde bisher nur punktuell in Lugano und Ascona gezeigt und wird im kommenden Herbst in die Kinos kommen.
Da ist zum Beispiel Masha. Sie ist in Sibirien aufgewachsen und lebt seit 2016 im Dorf Arbedo bei Bellinzona. Sie erzählt vom ersten Winter, der sei hart gewesen. Hart, im Vergleich zum Winter in Sibirien? Ja, denn in ihrer Heimat würden die Häuser deutlich wärmer, auf 25 Grad Celsius geheizt. Anders halte man die Kälte draussen nicht aus, sagt Masha.
Masha ist sicher keine «typische» Zugewanderte. Sie ist Künstlerin, Choreographin, nimmt sich im Film viel Raum für sich und ihre Ideen und sagt: «I like the feeling that I can get lost.» (dt.: «Ich mag das Gefühl, verloren zu gehen.») Im Tessin sei es sicher, sie wisse, dass, was immer auch passiere, wenige Meter weiter eine Person sei, die ihr im Notfall helfen könne. In Sibirien sei das unmöglich, dort könne man für immer verloren sein, wenn man allein verloren gehe.
Versunken tanzt Masha vor einem Wasserfall, verkleidet sich auf dem Dachboden und lässt in einer Art Performance ein rohes Ei über den Körper wandern, bevor sie es aufschlägt - ein Ritual aus ihrer Heimat, das zeige, ob jemand Böses über einen denke.
Sie könne sich nicht vorstellen, für den Rest ihres Lebens in Arbedo zu leben, sagt Masha. Sie wolle wieder «mehr Energie» um sich haben. Gerne würde man mehr davon hören, aber die Aussage bleibt in der Schwebe wie vieles bei Masha.
Dann gibt es einen Schnitt. Eine Kunstfigur mit wildem Haar streift durch das Unterholz, einen Text von Hugo Ball lesend: «Es gibt Menschen, die es absolut nicht vertragen, ihr Ich herzugeben. Sie wähnen, dass sie nur ein Exemplar davon haben. Der Mensch hat aber viele Ichs.»
Vom Übersetzer zum Busfahrer
Der zweite Porträtierte Jamal befand sich lange zwischen «essere und non essere», zwischen «Sein und Nichtsein», wie er im Film sagt. Vier Jahre wartete der iranische Kurde auf einen Asylentscheid. Als dieser kam und er bleiben durfte, lernte Jamal die Sprache, studierte in Lugano Philosophie und italienische Literatur und übersetzte Texte, unter anderem übertrug er Machiavellis «Fürst» ins Kurdische. «Meinem Volk fehlt der Zugang zu politischer Literatur», erklärt Jamal. Seine Geschichte und die seines Volkes hat er in eigenen Gedichten verarbeitet, die er auch vorträgt.
Jamal wirkt angekommen im Tessin. «Das Leben besteht nicht nur aus Büchern», sagt der belesene Autodidakt vor seiner übervollen Bücherwand, und man nimmt es ihm ab. Es gebe Momente, in denen die eigenen Wünsche beiseite gelegt werden müssten, um wirtschaftlichen Interessen Platz zu machen.
Weil er im Kulturbereich keine Arbeit gefunden hat, lässt sich Jamal zum Buschauffeur ausbilden. In einer Szene sehen wir ihn, wie er lernt, Schneeketten über riesige Autobusräder zu stülpen. Für seine kleine Tochter wünsche er sich, dass sie dereinst ihre Träume leben kann, sagt Jamal.
Blick zurück zu Emmy Hennings
Michael Schindhelm zeichnet in seinem 90-minütigen Film fünf Migrationsgeschichten nach. Die grosse «Diversität an Motivation», im Tessin eine neue Heimat zu suchen, habe ihn gereizt, sagt Schindhelm im Gespräch mit Keystone-SDA. In diesem Punkt unterscheide sich das Tessin beispielsweise von der Region Basel, in welche viele Menschen wegen einer Arbeit in der Pharmaindustrie zögen. Dem Film liesse sich vorwerfen könnte, ist, dass er ausschliesslich Personen mit einem künstlerischen und intellektuellen Hintergrund zeigt, die ihren Neuanfang entsprechend differenziert verarbeiten und reflektieren können.
Verschränkt werden die einzelnen Geschichten mit den Texten von Emmy Hennings und Hugo Ball. Diese werden nicht nur von der aus der Zeit gefallenen Kunstfigur, sondern auch von den Protagonisten selbst eingebracht, die ein ausgewähltes Zitat vorlesen. Wer im heutigen Tessin lebt, weiss, dass die Erinnerung an diese «Ur-Wahltessiner» etwas verblasst ist. Für Michael Schindhelm sind jedoch sie die ersten, die das Bild des romantischen Tessins geprägt haben.
An manchen Stellen reissen uns die Textstücke etwas aus den gegenwärtigen Migrationsgeschichten, andernorts ergibt sich ein schöner Übergang vom Hier ins Dort. Und vielleicht versetzen gerade diese Brückenschläge den Film in jenen Schwebezustand, in dem sich die Menschen zwischen alter und neuer Identität selbst befinden.