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Als jüngster Sohn von Chiu Kow und Shiu Ying wurde Chiu Chi Ling Stilerbe in seiner Linie. Der vielseitige Grossmeister ist nicht nur Kampfkünstler, sondern auch Schauspieler, Rennfahrer und Geschäftsmann. Ihm ist es massgeblich zu verdanken, dass das Hung Gar Kung Fu in der Welt bekannt wurde. Er ist für westliche Schüler offener als manch anderer Kung-Fu-Meister und trägt seine Kunst bereitwillig mit vielen Reisen in die Welt.
Kinderjahre
Geboren wurde Chiu Chi Ling am 20. Januar 1943 in Kanton. Er hatte vier Geschwister: Chiu ‹William› Kam Fung, Chiu Kim Ching, Chiu Lai Fong und Chiu Wai.
Seine ersten Lebensjahre waren eine kriegsgeplagte Zeit. China kämpfte gegen Japan, aber vor allem herrschte Bürgerkrieg, welcher die Familie schon vor Chiu Chi Lings Geburt aus Hong Kong vertrieben hatte. Die Chius arbeiteten, immer unterstützt von ihren älteren Kindern, als Ärzte und zogen von Ort zu Ort.
Als Chiu Chi Ling vier Jahre alt war, begann Chiu Kow ihn auszubilden. Diese Lehre beinhaltete natürlich den Kampf, aber auch die Heilkunde und Geisteswissenschaften. Er war ein mehr als nur strenger Lehrer, der seinen Sohn nicht schonte. (Chiu Chi Ling trägt Narben, die das beweisen.) Chiu Chi Ling jedoch stand die Härte durch und beherrschte bereits im Alter von acht Jahren die anspruchsvolle Tiger-Kranich-Form. Abgesehen von seinem Vater wurde er auch von seiner Mutter Shiu Ying und der Frau von Wong Fei Hung, Mok Gwai Lan, unterwiesen.
Stilerbe, Schauspieler, Tausendsassa
Obwohl Chiu Chi Ling das jüngste seiner Kinder war, machte Chiu Kow ihn 1965 zu seinem Stilerben und Nachfolger. Dies war den grossen Fähigkeiten, der Loyalität und dem Verantwortungsbewusstsein geschuldet, welches der junge Mann an den Tag legte. 1971, im Alter von achtundzwanzig Jahren, eröffnete er eine eigene Schule in der Nathan Road in Hong Kong und wurde rasch erfolgreich. 1972 heiratete er seine Frau Chan Yuk Ling, mit der er bald darauf einen Sohn, Kevin, hatte.
Chiu Chi Ling führte mit grosser Energie seine Schule und sein Erbe – doch er beschränkte sich nicht darauf. In den siebziger Jahren fand er Eingang zu der Welt des Films. Er spielte seit dann in über siebzig Filmen mit, wobei seine bekannteste Rolle wohl die des Schneiders in ‹Kung Fu Hustle› war. Auch heute noch ist Chiu Chi Ling auf Filmsets unterwegs.
Doch auch die Schauspielerei genügte nicht. Einige Jahre lang fuhr er Autorennen. Er trug dabei stets die Nummer 54, was das Symbol für ein langes Leben ist. (54 klingt ausgesprochen wie die chinesischen Worte für ‹Nie sterben›.)
Botschafter des Hung Gar
Von meinem Sifu, Grossmeister Martin Sewer, habe ich Geschichten seiner ersten Lerntage in Hong Kong gehört. Offenbar musste er sich mehr als einmal anhören, dass er kein Kung Fu lernen könne – das könnten nur Chinesen. Chiu Chi Ling war, nicht nur in Bezug auf seinen Stilerben, anderer Meinung.
Chiu Chi Ling unternahm unzählige Reisen in alle Welt. Er unterrichtete und lehrte, wo auch immer er hinkam und ermöglichte so einer Vielzahl von nicht-Chinesen, Hung Gar Kung Fu zu lernen. Anders als Wing Tsun, welches schon weit früher für westliche Schüler geöffnet worden war, war Hung nämlich kaum bekannt. Heute hat Chiu Chi Ling Schüler auf der ganzen Welt. Um den Zugang zu erleichtern, produzierte er auch Lehrvideos.
Die Öffnung nahm ihren Höhepunkt, als Chiu Chi Ling in einem Interview mit Alfredo Tucchi den Schweizer Martin Sewer öffentlich zu seinem Stilnachfolger ernannte.
Migration nach Amerika
Als 1997 Hong Kong zurück an China ging, wanderte Chiu Chi Ling nach Amerika aus. Von dort aus setzte er seine Mission der Verbreitung des Hung Gar Kung Fus unbeirrt fort. Heute lebt er in Alameda, Kalifornien.