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Andreas Fischlin ist beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Vizepräsident der Arbeitsgruppe II. Diese untersucht die Folgen des Klimawandels, die Verletzlichkeit von Mensch und Natur und mögliche Anpassungen. Ein Gespräch über die Arbeit des Weltklimarats, handgreifliche Delegierte und die musikalische Dimension des Klimawandels.
Interview: Andres Jordi, Akademie der Naturwissenschaften
Ende Februar 2022 veröffentlichte das IPCC den zweiten Teil des sechsten Sachstandsberichts. Alleine an diesem Teil, den Ihre Arbeitsgruppe verantwortet, haben rund 270 Hauptautorinnen und -autoren über 34 000 Publikationen begutachtet und 62 000 Kommentare verarbeitet. Wie kommt man angesichts dieser Komplexität zu Ergebnissen?
Die Erarbeitung eines Sachstandsberichts, der aus drei Teilberichten und einer Synthese besteht, dauert jeweils etwa fünf Jahre und folgt einem strengen Ablauf. Zuerst entwerfen Fachleute, die von den Mitgliedsregierungen, Beobachterorganisationen und Vorstandsmitgliedern des IPCC nominiert und vom Vorstand gewählt wurden, ein Inhaltsverzeichnis. Dieses muss die Plenarversammlung des IPCC genehmigen.
Danach schlagen die Regierungen, Beobachter und Vorstandsmitglieder geeignete Autorinnen und Prüfeditoren für jedes Kapitel des Berichts vor. Die vom Vorstand gewählten Autorenteams erarbeiten auf Basis der wissenschaftlichen Literatur einen ersten Entwurf.
Die erste Begutachtung erfolgt nur durch Fachleute. Deren Anmerkungen fliessen in einen zweiten Entwurf. Die Prüfeditoren stellen sicher, dass die Kommentare angemessen berücksichtigt wurden und beraten bei politisch heiklen Fragen. Fachleute und Regierungen begutachten den zweiten Entwurf. Der finale Entwurf kann von den Regierungen noch einmal kommentiert werden.
Die Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung wird an einer mehrtägigen Plenarversammlung mit den Autoren im Wortlaut verabschiedet und damit der gesamte Bericht genehmigt.
Wer entscheidet bei Unstimmigkeiten?
Es braucht einen Konsens. Innerhalb der Wissenschaft ist dieser nicht so schwierig zu erreichen. So gilt es doch, anhand rein wissenschaftlicher Kriterien die soliden von den weniger soliden Erkenntnissen zu unterscheiden. Hierzu haben wir beim IPCC eine Sprachnorm entwickelt, welche die Unsicherheit von Aussagen explizit macht: Was ist gut abgestützt, wo gibt es Wissenslücken, wo wissenschaftliche Kontroversen. Schwieriger wird es, wenn Werte und politische Haltungen hineinspielen. Da ist es besonders wichtig, wissenschaftlich korrekt und nüchtern zu bleiben.
Versuchen Regierungen Aussagen zu ihren Gunsten zu beeinflussen?
Das kommt manchmal vor. So meinte Australien, dass in der Zusammenfassung des aktuellen zweiten Teilberichts stehen solle, dass Korallenriffe wie das Great Barrier Reef alleine mit geeigneten Managementmassnahmen zu retten seien. Wir schüttelten nur die Köpfe, denn selbst bei einer Erwärmung von bloss 1,5 Grad Celsius würden die Riffe signifikant geschädigt. Anträge ohne solide wissenschaftliche Grundlage haben keine Chance.
Bei umstrittenen Formulierungen ist die Konsensfindung oft sehr anstrengend, braucht Zeit, gute Verhandlungstechniken und diplomatisches Geschick. Aber die Wissenschaft setzt sich eigentlich immer durch. Lediglich beim Streichen haben sture Regierungen manchmal Erfolg. Das ist jedoch nur in der Zusammenfassung möglich, nicht im eigentlichen Bericht.
Wie begegnet das IPCC Klimaskeptikerinnen und -skeptikern?
Das IPCC bezieht ein möglichst breites Spektrum von Fachleuten ein. So haben wir auch Hauptautoren von NGO, aus der Erdölindustrie, der Aviatik und dem Transportwesen – manchmal auch Klimaskeptikerinnen, falls sie fachlich kompetent sind. Der Begutachtungsprozess ist transparent und offen.
Da für Begutachterinnen kaum Hürden bestehen, befassen wir uns auch mit den altbekannten Kommentaren klimaskeptischer Kreise. Das kann mühsam sein, weil wir jede Ablehnung eines Kommentars aufwändig begründen müssen.
Und die Klimalügner?
Die verfassen manchmal pseudowissenschaftliche Gegenberichte. Beim letzten grossen Bericht des Nongovernmental International Panel on Climate Change (NIPCC) arbeiteten 39 Personen mit. Demgegenüber stützt sich der sechste Sachstandsbericht des IPCC auf mehr als 50 000 wissenschaftliche Publikationen. Dahinter stehen Hundertausende Forscherinnen. Gegen 2300 Autorinnen und Autoren arbeiteten mit.
Wir sind also breit abgestützt und erörtern alle wissenschaftlichen Ergebnisse, bevor wir Schlüsse ziehen. Gibt es wissenschaftliche Kontroversen, werden sie als solche dargestellt. Klimaleugnerinnen und -leugner bleiben aber lieber in ihrer Blase. Sie weigern sich, sich mit uns auseinanderzusetzen und behaupten gleichzeitig, das IPCC würde ihre Argumente nicht ernst nehmen. Dabei ziehen wir jedes gute Argument mit ein, lehnen aber nach Prüfung Unhaltbares ab.
Die professionellen Klimalügner sind weltweit gut organisiert und versuchen systematisch, mit Halbwahrheiten in der Öffentlichkeit – insbesondere im Internet – Zweifel an den wissenschaftlichen Ergebnissen zu säen. Da Wissenschaftsverlage Publikationen nur begrenzt frei zugänglich machen, klimaskeptische Argumente sich über Google aber sehr einfach finden lassen, entsteht bei Laien leicht eine schiefe Wahrnehmung des Klimaproblems. Deshalb braucht es das IPCC. Ohne tappten die Regierungen und die Öffentlichkeit im Dunkeln.
Ist das die grosse Errungenschaft des IPCC?
Ich denke schon. Es waren ja die Regierungen selber, die das IPCC 1988 ins Leben gerufen haben. Wer sonst sollte die unzähligen Publikationen bewerten und einordnen? Pro Jahr erscheinen etwa 17 000 fachlich begutachtete Arbeiten zum Klimawandel, am Anfang meiner Forschung waren es 50! Die Politik braucht eine Einschätzung der Unsicherheiten bzw. Sicherheiten, mit denen Resultate und Aussagen gemacht werden können.
Das IPCC destilliert die politisch relevanten Fragen heraus und gibt Antworten basierend auf dem aktuellen Stand der Forschung. Dadurch ist der Klimawandel auch öffentlich anerkannt.
Wie kamen Sie zum Weltklimarat?
Die Berichte des IPCC geniessen dank ihrer Verlässlichkeit unter Forschenden hohes Ansehen. So haben wir an der ETH Zürich in meiner Gruppe den Ersten Sachstandsbericht eifrig benutzt. Als ich dann als Autor angefragt wurde, habe ich sofort zugesagt. Zudem sehe ich mich als von der öffentlichen Hand finanzierter Wissenschaftler dazu verpflichtet, mein Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.
Bei einem so existenziellen Thema wie dem Klimawandel scheint mir das sogar eine ethische Pflicht. Seit 1992 bin ich in verschiedenen Rollen dabei, beispielsweise als leitender Hauptautor oder sonstiger Autor, Prüfeditor oder jetzt als Vizepräsident der Arbeitsgruppe II.
Was ist hier Ihre Funktion?
Zusammen mit den Präsidenten bin ich mitverantwortlich dafür, die Arbeit so zu organisieren, dass sie zum Erfolg führt und höchsten wissenschaftlichen Kriterien genügt. Wir koordinieren, wählen die Autorinnen und Autoren, beraten sie und helfen beim Schreiben mit. Interdisziplinäres Arbeiten ist nicht immer einfach und gibt viel zu tun. Physikerinnen, Biologen, Ökonominnen und Sozialwissenschaftler sprechen und denken oft in unterschiedlichen Kategorien.
Wie liess sich die Arbeit beim IPCC mit Ihrer Forschung vereinbaren?
Letztlich war dies nicht immer möglich. Während dem Endspurt zum vierten Bericht habe ich beispielsweise ab Sommer bis Weihnachten jeden Tag von morgens acht Uhr bis morgens eins oder zwei, manchmal auch bis vier nur fürs IPCC gearbeitet – ausser sonntags, da begann ich erst um zehn. Das war physisch so belastend, dass ich mich vor Erschöpfung sogar übergeben musste.
Ich hielt meine Vorlesungen, aber die Forschung blieb liegen. Zum Glück hatte ich gute Leute in meiner Arbeitsgruppe, die das etwas auffingen. Aber ich bin kein Karrierist, sondern Hardcore-Wissenschaftler und mich interessiert, was wirklich ist, was wir verstehen und was nicht. Das zählt beim IPCC besonders, weshalb mich diese Arbeit immer befriedigt hat.
Wie wurden Sie für die Strapazen entschädigt?
Finanziell nicht. Wir arbeiten ja ehrenamtlich für das IPCC. Aber die Verleihung des Friedensnobelpreises 2007 war eine sehr schöne Anerkennung. Ich erinnere mich gut, als ein französischer Journalist anrief und mich fragte, wie man sich als Preisträger fühle. Ich dachte: Schlechter Witz! Als dann immer mehr Telefonate kamen, realisierte ich, dass das IPCC wirklich diesen Preis bekommen hat.
Erlebten Sie auch einen Tiefpunkt?
2009/2010 beim «Climategate» und dem sogenannten «Himalaya Blunder». Bei Ersterem behaupteten Klimalügner anhand gestohlener und aus dem Zusammenhang gerissener E-Mails, das IPCC manipuliere Daten. Diese Vorwürfe stellten sich als haltlos heraus, zielten aber darauf ab, die Klimakonferenz von Kopenhagen zum Scheitern zu bringen. Ich war mit der Schweizer Delegation vor Ort und erlebte hautnah, wie die Situation eskalierte. Einzelne Delegierte wollten dem überforderten dänischen Ministerpräsidenten, der die Verhandlungen leitete, sogar an die Gurgel. Bei Zweiterem stand im Kapitel Asien des Vierten Sachstandsberichts aufgrund fragwürdiger Literatur, dass die Gletscher im Himalaya schon 2035 verschwunden sein könnten. Klar ein Fehler des IPCC, der nur länger unbehandelt blieb, weil viele der Beteiligten die Regeln ungenügend beachtet hatten.
Sie waren also auch als Verhandler aktiv?
Ich war während 17 Jahren bei allen Klimaverhandlungen bis zum Pariser Abkommen Teil der Schweizer Delegation. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie wichtig und kompliziert die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik ist. Das IPCC ist ein gutes Beispiel, wie diese auf Seite der Wissenschaft funktionieren sollte.
Meines Erachtens fehlt aber noch der wirkliche Brückenschlag zur Politik. Die Vorstellung, dass wir die Politik bloss zu informieren bräuchten, und diese dann wisse, was zu tun sei, ist in der Wissenschaft immer noch verbreitet. Umgekehrt muss die Politik besser verstehen, dass Forschende nicht immer eindeutige Antworten liefern können. Sie müssen bereit sein, sich auch mit Ergebnissen mit Unsicherheiten auseinanderzusetzen.
Bei den Vereinten Nationen existieren erste Instrumente für einen besseren Austausch. 2015 leitete ich im Vorfeld des Pariser Abkommens einen solchen Dialog zwischen Politik und Wissenschaft. Ich darf behaupten, dass der Zielwert einer Erwärmung von 1,5 Grad Celsius ohne dieses Dialogformat nicht im Abkommen stehen würde.
In der Schweiz ist man noch nicht soweit. Es gibt erste Gehversuche wie der im Mai von der Akademie der Naturwissenschaften organisierte Parlamentsanlass oder der von mir mitinitiierte Klimadialog mit den Parteispitzen, aber noch keine etablierte, in die politische Entscheidungsfindung eingebaute Prozesse.
Wie sehen Sie die Zukunft des Weltklimarats?
Auch wenn die physikalischen Grundlagen mittlerweile recht gut verstanden sind, braucht es die Einordnung der neuesten wissenschaftlichen Literatur weiterhin. In Zukunft wird das Umsetzungswissen aber stärker im Fokus stehen: Welche Klimaschutzmassnahmen funktionieren? Welche Anpassungen an den Klimawandel wirken? Eigentlich müssten wir in der Gesellschaft schon lange in einer intensiven wissenschaftlich begleiteten Experimentierphase sein. Wir haben keine Zeit mehr, alles hundertmal zu überlegen. Wir müssen Erfahrungen sammeln, diese beurteilen und die Massnahmen in einem iterativen Prozess laufend verbessern. Nur so können wir die Ziele des Pariser Abkommens einhalten und die Schäden einer ansonsten stets stärker werdenden Erwärmung abwenden.
Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?
Für mich endet die Mitarbeit beim IPCC mit dem Sechsten Sachstandsbericht. Ich hielt schon 2015 meine letzte Vorlesung und bin pensioniert. Aber ich schulde der Wissenschaft noch etwas: Seit 1975 arbeitete ich an einem weltweit einzigartigen Projekt zu den zyklischen Populationsbewegungen des Lärchenwicklers. Ich bin der letzte Mohikaner, der die Daten zu diesem Nachtfalter noch in zeitgemässer Form publizieren kann.
In Zukunft möchte ich zudem mit meiner klassischen Ausbildung auf Cello, Klavier, Gitarre und Komposition wieder mehr Musik machen. Meine Liebe gilt dem progressiven Rock, war ich Ende der 1960er Jahre doch Mitglied der Band Terrible Noise, aus der später Krokus hervorging. Heute spiele ich E-Cello und Bass.
Und ich beschäftige mich auch mit Sonifikation. Dabei stellt man wissenschaftliche Daten mit Tönen dar. So habe ich zum Beispiel hörbar gemacht, wie der Klimawandel die Artenzusammensetzung in einem Wald ändert. Solche musikalischen Experimente sind reizvoll und erlauben mir, Wissenschaft und Kunst wunderbar zusammenzubringen. Und last but not least sind da noch meine Familie und insbesondere meine Frau, für die alle ich meinen Einsatz fürs Klima auch geleistet habe.
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Andreas Fischlin ist Biologe und Systemtheoretiker. In Kanada und den Schweizer Alpen erforschte er Pflanzen- und Tierpopulationen und die Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme.
Bis 2015 leitete er die Fachgruppe für Terrestrische Systemökologie der ETH Zürich und war dort Professor. Seit 1982 unterrichtete er an der ETH Zürich und Universität Zürich Informatik und Systemökologie. Er half mit, den Studiengang und das Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH zu schaffen.
Seit 1992 arbeitet er in verschiedenen Funktionen beim Weltklimarat IPCC mit. Als einer der Hauptautoren des Vierten Sachstandsberichts ist er Mitempfänger des Friedensnobelpreises von 2007. Zurzeit ist er Vizepräsident der Arbeitsgruppe II. Fischlin ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Contact
Prof. Dr. Andreas Fischlin
ETH Zürich
Institute of Integrative Biology (Institute of Integrative Biology (IBZ))
Systemökologie CHN E 21.1
Universitätstrasse 16
8092 Zürich
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