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Dr. Walter Rüegg
Kernphysiker und ehemaliger langjähriger Chefphysiker der Schweizer Armee
In den Alpen, in Rom oder in Hongkong ist die Strahlendosis höher als in den evakuierten Sperrzonen von Fukushima und Tschernobyl. Ein Dilemma.
Wie gefährlich sind radioaktive Strahlen?
Die biologische Wirkung eines Giftes hängt von der Dosis ab. Bei radioaktiven Strahlen wird diese in Sievert (Sv) gemessen. 5 Sv auf einen Schlag sind meistens tödlich. Bei kleineren Dosen ist die Wirkung nicht so klar ersichtlich. Unsere beste Wissensquelle sind die gründlichen Untersuchungen der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Insgesamt erwies sich die Strahlung als vergleichsweise wenig krebsfördernd, sie erzeugte «nur» etwa 3% mehr Krebsfälle als in der unbestrahlten Vergleichsgruppe. Ab etwa 0,1 Sv traten erste Langzeiteffekte auf: 1% Erhöhung der Krebstodesrate im Alter. Ab rund 1 Sv leidet man vorübergehend unter der Strahlenkrankheit, mit Symptomen ähnlich wie bei einer starken Chemotherapie. Was kein Zufall ist, in beiden Fällen werden die gleichen Zellen angegriffen. Eine Erhöhung der Rate von Fehlbildungen bei Neugeborenen konnte bis heute nicht festgestellt werden. Diese Erkenntnisse gelten nur für schlagartig einwirkende Dosen («Schockdosis» während einer Kernwaffenexplosion).
Wird die gleiche Dosis über eine längere Zeitspanne verteilt, sind die Effekte wesentlich kleiner; um wieviel ist stark umstritten. Auf jeden Fall erfreuen sich die Bewohner des beliebten Kurortes Ramsar in Iran einer völlig normalen Gesundheit, obwohl sie einer Gesamtdosis (Lebensdosis) von teilweise weit über 5 Sv (der tödlichen Schockdosis) ausgesetzt sind. Der Bodes dieser Stadt ist reich an Natururan und Radium und bestrahlt die Bewohner ein Leben lang. Auch in der Schweiz hat es – besonders im Granit der Alpen - überdurchschnittlich viel Uran im Boden. Entsprechend ist die Lebensdosis zwei- bis dreimal höher als in Gegenden mit wenig Uran. Sie beträgt gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) 0,35 Sv. In den Alpen steigt sie oft über 0,4 Sv, mit Spitzen von um 1 Sv.
Verursacht diese Strahlung mehr Krebsfälle? Es ist praktisch unmöglich dies eindeutig festzustellen. Der Grund: Solche verteilten Dosen haben nur einen schwachen (oder gar keinen) Einfluss auf die Krebsrate. Diese wird von einer Unmenge anderer Faktoren bestimmt: Lebensstil, Nahrung, Umwelt, Bewegung, Psyche, Alter und Gene. Etwa jeder vierte stirbt aufgrund einer Kombination dieser Faktoren an Krebs. Selbst in der kleinen Schweiz variiert die Krebsrate zwischen den verschiedenen Regionen um typischerweise 10 bis 30% (auch zeitlich!), bei den einzelnen Krebstypen sind die Unterschiede noch viel grösser. Entsprechend widersprüchlich sind die unzähligen Studien über die Wirkung von kleinen bis mittleren Strahlendosen. Was klar ist: Sie sind, wenn überhaupt, nur schwach krebsfördernd.
Heute vertreten die Strahlenschutzbehörden, streng gemäss dem Vorsorgeprinzip, die Hypothese, dass auch die kleinste Dosis schädlich sein kann. Dies erleichtert die Regulierung, ist aber auch ein Blankoscheck für beliebig tiefe Grenzwerte. Und die Hypothese mutiert schnell zur Meinung, dass eine kleine Dosis immer gefährlich oder gar tödlich ist. Und so kommt es, dass die gesetzliche Limite auf 0,001 Sv pro Jahr gesunken ist. Dies ergibt bei einer Lebensdauer von 80 Jahren eine Lebensdosis von 0,08 Sv. Die natürliche Strahlung (0,35 Sv Lebensdosis) ist heute strenggenommen völlig illegal. Im Übrigen akzeptieren auch tiefgrüne Kreise, dass kein Unterschied zwischen «künstlichen» und «natürlichen» Strahlen besteht.
Das Evakuationsdilemma
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nach den Ereignissen in Tschernobyl eine Lebensdosis von 0,35 Sv als Evakuationslimite empfohlen. Pikanterweise ist dies gerade die durchschnittliche Lebensdosis eines Bewohners der Schweiz, verursacht durch die natürliche Strahlung. Inzwischen haben die Ängste vor der Strahlung stark zugenommen. So empfiehlt heute die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) eine Evakuation ab einer Lebensdosis von 0,04 Sv bis 0,06 Sv. Solche Dosen sind nur ein Bruchteil der natürlichen Dosis. Führende Fachleute halten deshalb Evakuationen bei solchen Dosiswerten für völlig unsinnig: Prof. Zbigniew Jaworowski, ehemaliger Präsident der United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (Unscear), zu den Evakuationen von Tschernobyl: «The most nonsensical action, however, was the evacuation of 336’000 people...» Und in Japan hat Prof. Shunichi Yamashita, einer der führenden Experten, im Zusammenhang mit Fukushima eine Dosis von 0,1 Sv für unbedenklich erklärt. Die Folge war ein wüster Shitstorm.
In Fukushima umfasst die am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffene Zone etwa 100 km2. Ein nicht evakuierter Bewohner dieser Zone müsste mit einer durchschnittlichen Lebensdosis von rund 0,4 Sv rechnen (mit Spitzen bis gegen 1 Sv). In der restlichen Evakuationszone (ursprünglich über 1000 km2, heute noch 371 km2) wurde bereits bei viel kleineren Lebensdosen evakuiert. Im direkten Vergleich dazu sind die Lebensdosen in weiten Teilen der Alpen höher. Das Dilemma: Konsequenterweise müsste man diese Teile sofort evakuieren und absperren. Und zwar für ewige Zeiten, denn die natürliche Strahlung nimmt nicht ab. Zumindest nicht in menschlichen Zeiträumen, denn Uran hat eine Halbwertszeit von über 4 Milliarden Jahre.
Die gleichen Überlegungen gelten auch für viele andere Gebiete mit erhöhter natürlicher Strahlung. Diese findet man im Schwarzwald, im Erzgebirge, im Piemont, im Massif Central, aber auch in Städten wie Rom oder Hongkong. Ganz zu schweigen vom bereits erwähnten Kurort Ramsar oder der Stadt Guarapari in Brasilien (Beiname: «die gesunde Stadt»). Überhaupt fällt auf, dass die meisten Kurorte eine deutlich erhöhte Strahlung aufweisen. Könnte gar am Ende eine sanfte Bestrahlung guttun?
Feinstaub und Fukushima
Feinstaub (Particular Matter, PM) ist die von der Öffentlichkeit am meisten unterschätzte Umweltgefahr. Ab einer PM10-Konzentration von 20 µg/m3 können epidemiologisch einwandfrei negative gesundheitliche Effekte nachgewiesen werden. In der Schweiz muss man im Mittelland oft mit 20 µg/m3 rechnen, längs den Verkehrsachsen und in den Städten können es auch bis 100 µg/m3 sein. Eine für das Jahr 2015 aktualisierte Studie des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) kommt zum Ergebnis, dass wegen der Luftverschmutzung durch PM10 in der Schweiz jährlich rund 2200 Personen vorzeitig sterben; vorwiegend an Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.
Eine Radioaktivitätsdosis von etwa 0,4 Sv hätte ähnliche Auswirkungen, gerechnet mit den heutigen von den Strahlenschutzbehörden benutzten Risikoformeln. Die überraschende Schlussfolgerung: Die Luftbelastung im Mittelland und ganz besonders in unseren Städten ist ein ähnlich grosses – und wesentlich besser belegtes – Gesundheitsrisiko wie die Strahlenbelastungen in der Kernzone von Fukushima. In der Schweiz müssten mehrere Dutzende Fukushima-Katastrophen gleichzeitig erfolgen, um vergleichbare gesundheitliche Schäden zu verursachen wie durch die aktuelle Luftverschmutzung.
Eine weitere brisante Schlussfolgerung: Fliehen die Bewohner der Fukushima-Evakuationszone (ein Gebiet mit relativ guter Luftqualität) nach Tokio oder in eine andere Grossstadt, kommen sie vom Regen in die Traufe: Die Luftverschmutzung in solchen Städten ist gesundheitsmässig wesentlich schlimmer als die Strahlung. Auf diesen frappierenden Umstand wurde – im Zusammenhang mit Tschernobyl bereits 2007 von Prof. Jim T. Smith, einem der führenden Umweltwissenschafter, in einer wissenschaftlich fundierten Arbeit mit Peer-Reviews hingewiesen.
Weltweit fordert der Feinstaub mehrere Millionen Todesopfer pro Jahr. Fürchten wir uns vor dem Richtigen?