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Domleschg das Burgental
Es ist kein begeisterter Lokalpatriotismus, der diese Formulierung schuf, sondern die bare Wirklichkeit. Wer jemals das Domleschg durchfuhr oder - weit schöner noch - von Thusis aus durchwanderte, dem kam das Staunen: Mitten im weiten, fruchtbaren Gefilde ragen Schlösser, Burgen und sagenumwobene Ruinen auf, wie nirgends sonst im ganzen Schweizerland. Der Burgenforscher nennt auf der kaum zehn Kilometer messenden Tallänge zwischen Rothenbrunnen und dem Hauptort Thusis nicht weniger als 20 Namen.
Woher es kommt? Nun, in der Zeit des ritterlichen Mittelalters durchkreuzten sich in der fruchtbaren Talschaft Domleschg, durch die zugleich der Zugang zu den Hauptpässen über den Splügen und den Bernhardino sich öffnete, die verschiedensten Interessen und Herrschaftssphären. Die rechte Seite des Tales unterstand in ihrem obern Teil (das «innere Domleschg») dem Bistum Chur, welches sich durch die Jahrhunderte einen immer bedeutenderen Einfluß zu verschaffen wußte. Im untern Teil (dem «äußern Domleschg») jedoch wußten sich weltliche Herren die Grundherrschaft zu sichern, zunächst die Freiherren von Vaz und später ihre Erben, die Freiherren von Werdenberg-Sargans. - Auf der linken Talseite aber hatten sich bereits ums Jahr 1200 die Freiherren von Vaz territoriale Rechte zu erwerben verstanden, welche beinahe den ganzen Heinzenberg" umspannten. Durch Kauf und Erbschaft wechselte dieses Gebiet zu verschiedenen Malen die Herren, bis dann im Jahre 1475 das Bistum Chur endgültig seine mächtige, Hand darauf legte.
So lag denn das eigentliche Schwergewicht des bischöflichen Feudallebens auf dem Domleschg: ja, das Schloß Fürstenau wurde zu einer zweiten Residenz des geistlichen Herrn, der soviel weltliche Macht in seinen Fäusten hielt. Daneben aber bestrebten sich namentlich im 14. und 15. Jahrhundert die Freiherren von Werdenberg Sargans, ihren Machtbereich zu erweitern, wenn möglich mit Gewalt. Die Burgen des Domleschg sind denn die Zeugen dieser machtpolitischen Gegensätze geblieben. Doch als im März 1424 zu Truns im Oberland der Graue Bund geschlossen wurde, dem sich außer der Bauernsame des Vorderrheintales auch die Mannen der Hinterrheintäler (mit Ausnahme des rechtseitigen Domleschg und des Avers) anschlossen, wuchsen die Gegensätze noch: Graf Heinrich von Werdenberg-Sargans ergrimmte ob der Unbotmäßigkeit seiner Untertanen im Schams und im Rheinwald und sandte einen harten Vogt auf seine Bärenburg über Andeer; daß er die Steuergelder eintreibe und die Mannen wieder zum Gehorsam zwinge. Es war zu spät: Im Jahre 1451 brach der Aufstand los, der unter dem Namen «Schamserkrieg» in die Geschichte eingegangen ist. Der Sturm raste das Schams herab, brach im Domleschg eine Burg der Werdenherger Herren nach der andern, ja, kämpfte sich das Rheintal hinab und gab nicht Ruhe, bis selbst das Stammschloß der Freiherren weit drunten unterhalb Sargans umzingelt war. Schließlich kam es dann zum Vergleich, in welchem sich die Freiherren verpflichteten, außer Ortenstein keine einzige ihrer Domleschger Burgen wieder aufzubauen, ja, alle Zeit in Ruinen zu belassen. So kommt es denn, daß Ortenstein der Stolz des Tales ist und daß an manchem andern Ort noch heute düsteres Gemäuer auf den Höhen ragt.
Aber man ginge fehl, wollte man nun die Burgen im Domleschg als einen Pauschalbegriff auffassen. Welch unerhörte Gegensätze drücken sich doch in ihnen aus! Da ist - weitaus die älteste der Zufluchtsstätten Hohenrätien, mit seinem echten Namen Hoch-Rialt, die Felsenburg bei Thusis, 240 Meter über dem Rhein. C. F. Meyer hat sie zum Schauplatz seiner packenden Novelle «Die Richterin» gemacht und damit in die Weltliteratur verwoben. Da ist der stolze Turm von Ehrenfels ob Sils, einst ein zerbröckelndes Gemäuer, heute zur Jugendburg der jungen Schweizer ausgebaut. Die Schlösser von Baldenstein, Fürstenau und Ortenstein, alle heute noch bewohnt und Privatbesitz, sind uns zum Inbegriff des vornehmen Herrensitzes geworden. Wie seltsam auch Schloß Rietberg über Rodels, wo einst der leidenschaftliche Jürg Jenatsch seinen Gegner Pompejus Planta erschlug - noch heute ist das große Kreuz erhalten, das einstmals des adeligen Herrn treuer Kastellan ,ins Mauerwerk ritzte. Wir stehen davor - und ahnen, daß nicht nur Vornehmheit und Lebensfreude, sondern auch schicksalschweres Geschehen aus diesen Schlössern spricht.
Wer aber zu dem unwahrscheinlich steilen Burgenrest von Nieder-Juvalta klomm, wer von der markigen Ruine Heinzenberg ins weite Tal und in die Berge schaute, wer kam, wenn sich die Nebelschwaden um die Ruine von Alt-Sins verstrickten und wer das dunkle Spiegelbild des Turmes von Canova im See verschwimmen sah, der wird solche Erlebnisse durch die Erinnerung tragen. Ja, immer deutlicher wird uns bewußt, daß wir im Tal von Thusis, im Domleschg, den Wellenschlag der Jahrhunderte verspüren, indem auch wir mitschwingen in die Ewigkeit. W. Z.
(c) by D.v.Planta