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Waldboden im Winter
Im Laubmischwald isoliert das Herbstlaub den Boden vor zu grosser Kälte (Bild). Scharrt man diese Blätter etwas beiseite, wird älteres Laub vom Vorjahr sichtbar, das im Wesentlichen seine Farbe verloren und gräulich-bräunliche bis dunkle, fast schwarze Farbe angenommen hat. Es ist in Zersetzung begriffen, was man vom frischen Laub noch nicht behaupten kann.
Ein paar Zentimeter weiter unten kommt der von organischen Stoffen schwarzbraun geprägte Oberboden zum Vorschein. Fachleute reden von Moder oder Mull. Scharrt man noch ein wenig tiefer, ändert das Material plötzlich die Farbe und wird deutlich heller bräunlich. Wir sind hier im mineralischen Teil angelangt. Schiebt man das ganze Deckmaterial etwas grossflächiger beiseite, tauchen die ersten, meist kleinen Wurzeln auf; dann vielleicht auch weissliche Fäden mit in alle Richtungen verlaufenden Bahnen. Es handelt es sich um Pilze, resp. um deren Myzelien.
Pilze sind sog. heterotrophe Lebewesen, d. h. sie beziehen die für ihr Leben nötigen Kohlenhydrate von andern Lebewesen, in der Regel von Pflanzen. Die einen sind spezialisiert auf den Abbau von abgestorbenen Pflanzenteilen (Holz, Blätter, Rinde, etc.) oder andern Pilzen; andere Pilze, Mykorrhizen, leben in einer Symbiose mit grünen Pflanzen und beziehen direkt die für sie lebenswichtigen energiereichen Kohlenstoffverbindungen aus den Feinwurzeln der Pflanze. Im Gegenzug liefern sie der Pflanze Mineralstoffe, u. a. Stickstoff N und Phosphor P, aber auch andere Stoffe, wenn nötig sogar Wasser. Mykorrhizen können Pflanzen auch vor andern pathogenen Pilzen oder vor Schädlingen schützen.
Praktisch alle Bäume leben zusammen mit Mykorrhizen; d. h. jeder Baum ist in enger Verbindung mit Pilzen, wobei ein Baum meist von mehreren verschiedenen Arten gleichzeitig besiedelt werden kann. Die Forschung der letzten Jahre konnte zeigen, dass zwischen den Bäumen mit Hilfe von Mykorrhiza nicht nur Stoffe ausgetauscht werden, sondern im Notfall ausgeholfen wird: fehlt einem Baum ein Stoff, liefert ihn möglicherweise ein anderer, in der Nähe wachsender, nach. Und umgekehrt könnte der Belieferte später dem Liefernden etwas anderes „bieten“. Eine Art Tauschhandel. Kann ein Baum aus welchem Grund auch immer kein C liefern, fehlt dem Pilz die nötige Energie zum Leben und er stellt seine „Lieferung“ von N und/oder P ein. Es konnte nachgewiesen werden, dass wenn in einem Boden gehäuft Stickstoff (z. B. aus der Atmosphäre) vorkommt, die Bäume weniger Mykorrhizen aufweisen, als dort, wo N knapp ist.
Nun werden in dieser unterirdischen Vernetzung nicht nur Stoffe sondern offenbar auch Informationen ausgetauscht, z. B. über Schädlingsangriffe und anderes mehr. Pflanzen kommunizieren miteinander und die Pilze stellen die Verbindungen her.
Man muss sich demnach einen Wald als weit verzweigtes, unterirdisches System von Wurzeln und Pilzmyzelien als Tausch- und Transportbahnen vorstellen. Suzanne Simard, eine kanadische Forscherin, vergleicht diese unterirdische Vernetzung mit einem neuronalen Netzwerk mit Knoten und Hauptverbindungen sowie Verbindungen zweiter Priorität. (1) Auch würden Informationen auf vergleichbare Art übermittelt, wie bei höheren Lebewesen. Die Pilze stellen dabei die direkten Verbindungen her.
Es wirkt, als sei der unterirdische Teil des Pflanzenlebens mindestens so wichtig wie der oberirdische. Der Philosoph Emanuele Coccia entwirft dazu in einem sehr lesenswerten, nicht einfach zu lesenden Buch eine neue Anschauung, in deren Zentrum die Pflanze steht. (2) Gemäss seinen Überlegungen, zu denen er Ideen vieler früherer Gelehrter und Forscher beizieht, stellt die für uns sichtbare oberirdische Krone nicht den „Kopf“ der Pflanze dar. Der Hauptteil des Lebewesens ‚„Baum“, quasi das Gehirn, stecke im Boden, in den Wurzelspitzen. Die weite Verzweigung und Vernetzung mit den andern Bäumen ringsum, mit den Pilzen, dem Mikrokosmos unter unsern Füssen, bilde für Pflanzen den Kosmos, die Welt. Der für uns sichtbare Teil der Pflanze sei mit seiner Verästelung eine Art Spiegelbild dessen, was unter dem Boden abläuft; er ist vor allem nötig, um die lebenswichtige Sonnenenergie einzufangen und in Kohlenhydrate umzubauen, resp. zu speichern. Im Weiteren sei genetischer Austausch nötig, um sich als Pflanze den ständig ändernden Umweltbedingungen anzupassen, dazu werde ein imposantes Arsenal an Blüten und Sporenträgern entwickelt in einer Formen- und Farbenpracht, die den Menschen fasziniere und beschäftige.
Die Natur besteht also nicht nur aus dem, was wir auf und über dem Boden sehen und erleben. Das eigentliche Wesen der Pflanzen ist für uns nicht sichtbar, weil unterirdisch, im Boden. Damit stellt Coccia unser Naturbild in wahrsten Sinne auf den Kopf. Das gibt zu denken!
(1) Simard Suzanne: The Mother Tree, in: Springer A.-S.,/Turpin E.: The Word for World is still Forest. Intercalations 4, HKW, 2017
(2) Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt, eine Philosophie der Pflanzen. München, 2018.