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BRIEF AUS OSTTIMOR Was gehört ….
BRIEF AUS OSTTIMOR
Was gehört neben dem Kloster und den Schafböcken sonst noch zu Einsiedeln? Nebst vielem anderem hätte ich bis vor meiner Ankunft in Osttimor auch die zahlreichen Feiertage erwähnt. Doch Osttimor stellt Einsiedeln eindeutig in den Schatten. Zusätzlich zu katholischen Feiertagen werden hier nämlich auch sämtliche muslimischen Feste wie etwa das Fastenbrechen gefeiert. Sie spiegeln unweigerlich die Geschichte dieses Landes: Während fast vier Jahrhunderten war das Land bis 1975 von Portugal kolonialisiert, welches nicht nur die vielen portugiesischen Besuchenden an Pfingsten nach Einsiedeln, sondern auch den Katholizismus nach Osttimor brachte. Nur neun Tage nach der erkämpften Unabhängigkeit besetzte das muslimische Indonesien die Insel bis zur erneuten Unabhängigkeit 2002. So erinnern also weitere Feiertage an die blutige Vergangenheit des Landes. Veteranen wird gedenkt, an Massaker während beider Perioden erinnert, aber auch die Unabhängigkeit gefeiert.
Eine Besonderheit in Osttimor sind die sogenannten Toleranztage. Fällt nämlich ein Feiertag auf das Wochenende, wird er praktischerweise am Freitag vorher oder am darauffolgenden Montag kompensiert. Zusätzlich gibt es kurzfristig angekündigte Toleranztage, etwa in der Woche vor den Wahlen. Der Freitag und Montag des Wahlwochenendes wurden zu Toleranztagen erklärt, damit die Leute genügend Zeit hatten, um in ihre Wahlbezirke zu reisen. Letztes Jahr verstarb der Eigentümer des einzigen Einkaufszentrums im Land, der als Held für die Wirtschaft des Landes verehrt wird. An einem speziell für ihn ausgerufenen Toleranztag konnte die Bevölkerung gebührend Abschied von ihm nehmen.
Wie in Einsiedeln führt hier ebenfalls ein Kreuzweg auf einen Hügel. Auf diesem thront eine 27 Meter hohe Jesusstatue majestätisch über der Bucht von Dili. Errichtet hat diese Statue Indoniesen während der Besatzung und, wen wunderts, dieser Jesus ist durch und durch politisch. Seine Gesamthöhe von 27 Metern spielt darauf an, dass Indonesien Osttimor während dessen Besatzung als 27. Provinz Indonesiens betrachtet hatte. Mit den Fingern zeigt die Statue nicht einfach aufs Meer hinaus, sondern präzis Richtung Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. So ist die Geschichte Osttimors nicht nur in persönlichen Gesprächen präsent, sondern auch im Kalender, auf dem Kreuzweg und in der Aussicht über die Stadt.
Junia Landtwing * Die Einsiedlerin Junia Landtwing (*1995) ist ab Mitte März 2023 während zwölf Monaten bei der Weltbank in Dili, Osttimor, stationiert. Dabei ist sie in Entwicklungs- und Aufbauprojekte in den Bereichen Gesundheit und Bildung involviert. Von ihrer Arbeit, ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichtet sie hier in regelmässigen Abständen.