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4.4. Medien
Neben dem Beobachter der Relativitätstheorie und Quantenphysik und der Kommunikation der Kybernetiker und Informatiker gehören Medien zu den großen wissenschafthumanities von Harold A. Innis und Marshall McLuhan und in der Soziologie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann eindrucksvoll propagiert worden. Medien profitieren von einem dreifachen Interesse, das auf unterschiedlichen Wegen entwickelt worden ist, aber systematische Uberschneidungen aufweist.
Das erste dieser Interessen zielt in einem fast vergessenen Aufsatz von Fritz Heider über Ding und Medium auf die Frage, was wir über Wahrnehmung und Erkenntnis sagen können, wenn wir annehmen müssen, dass Strukturen der Außenwelt (zum Beispiel Licht, Schall, Luft, das heißt eine gewisse körnige, nicht gleichwahrscheinliche Dinglichkeit) diese Wahrnehmung und Erkenntnis ermöglichen, ohne dass wir sie jeweils mit wahrnehmen? (Fritz Heider, Ding und Medium, in: Symposion. Philosophische Zeitschrift für Forschung und Aussprache I, Heft 2 (1926), S. 109)
Das zweite dieser Interessen, auf den Punkt gebracht in den Büchern The Bias of Communication von Harold A. Innis und Understanding Media von Marshall McLuhan, entzündet sich nicht zuletzt am Auftreten des Computers, stellt jedoch über ihn hinaus die Frage, ob nicht die Art und Weise, wie Medien der Kommunikation wie Schrift, Buchdruck und Elektrizität mit Raum, Zeit und der Aufmerksamkeit des Menschen umgehen, selbst bereits ein Inhalt der Kommunikation ist, der weitreichender die Strukturen von Gesellschaft prägt als andere Inhalte wie zum Beispiel Politik und Wirtschaft, Kunst und Religion.
Das dritte dieser Interessen nimmt seinen Ausgangspunkt in Überlegungen von Talcott Parsons, wie Differenz und Zusammenhang (»social structure«) der modernen Gesellschaft gesichert werden können, wenn die Schichtungs-strukturen der älteren Gesellschaft dafür nicht mehr zur Verfügung stehen. Kann man möglicherweise, so Parsons, Medien wie Geld und Macht, aber auch, beeindruckt durch die Studentenbewegung der 1960er Jahre und den Widerstand, den sie hervorgerufen hat, Intelligenz, Einfluss und Emotion als Errungenschaften beschreiben, in denen auf der Höhe der Differenziertheit der modernen Gesellschaft Handlungen voneinander unterschieden und aufeinander bezogen werden können? Niklas Luhmann wird die Überlegungen von Parsons aufgreifen und, abschließend beschrieben in Die Gesellschaft der Gesellschaft, eine Theorie der Kommunikationsmedien entwerfen, die Verbreitungsmedien, wie Sprache, Schrift, Buchdruck, Fernsehen und Internet von Erfolgsmedien, wie Geld, Macht, Wahrheit, Glauben, Recht, Liebe und Kunst unterscheidet.
Wir schließen hier an und unterscheiden ebenfalls Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien. Zugleich nutzen wir die Überlegungen von Parsons und Luhmann, um Medien als eine weitere Sinnfunktion der Kommunikation zu beschreiben. Parsons und Luhmann stimmen darin überein, dass zumindest die Erfolgsmedien ihre Funktionalität daraus gewinnen, dass sie inmitten einer unübersichtlichen und überfordernden Gesellschaft einzelne Handlungen und Kommunikationen dadurch motivieren können, dass sie ihre Reichweite begrenzen. Luhmanns Formulierung dafür lautet, dass Kommunikations-medien unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich machen. Man gehorcht einem Befehl, weil man die angedrohte Alternative vermeiden und sich dabei immerhin noch sein Teil denken kann. Man mietet eine Wohnung und zahlt seine Miete, weil dies nicht bedeutet, dass man auch in die Familie des Vermieters einheiraten müsste. Man verliebt sich und akzeptiert entsprechende Intimitäten, ohne deswegen seinen Glauben aufgeben zu müssen. Und man interessiert sich für wissenschaftliche Wahrheiten, ohne deswegen sein Leben zu ändern.
Medien schneiden aus der Fülle der kommunikativen Möglichkeiten bestimmte heraus und gestalten sie aus, indem sie sie zum einen attraktiv machen und zum anderen dafür sorgen, dass sie nicht zugleich andere Möglichkeiten, an denen man ebenfalls Interesse hat, in Mitleidenschaft ziehen. Das ist insbesondere im Falle des Geldes sprichwörtlich geworden, dessen Erfolgsgeschichte in der modernen Gesellschaft davon abhängig ist, dass es in der Reformation, in der Romantik und in der Bürokratie wie immer prekär gelungen ist, Fragen des Glaubens, Fragen der Liebe und Fragen der Politik so zu profilieren, dass sie vom Ablasshandel, von der Prostitution und von der Korruption nicht wirklich in Frage gestellt werden können. Wir werden noch sehen, dass dies eine Moral und eine Ethik auf den Plan rief, die die Reichweite jedes einzelnen Mediums kritisch überwachen und ein Auge darauf haben, dass über der Differenz der Medien ihr Zusammenhang in einer Gesellschaft nicht ganz aus den Augen verloren wird.
Luhmann hat vorgeschlagen, die Formel von der durch Medien bearbeiteten Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation nicht nur auf Erfolgsmedien, sondern auch auf Verbreitungsmedien zu beziehen. Diesen Vorschlag wollen wir im Folgenden ernst nehmen und auch für Sprache, Bilder, Musik, Buchdruck, Film und Fernsehen, Computer und Internet annehmen, dass ihr kommunikativer Erfolg davon abhängt, dass sie zu ganz bestimmten Kommunikationen jeweils selektiv motivieren. Man spricht, schaut, hört, liest und schreibt, schaut fern, rechnet und surft gleichsam immer und grundsätzlich trotzdem. Das heißt, man tut dies, weil und obwohl man auch anderes tun könnte. Es ist die Selektivität, die motiviert.
Zumindest schlagen wir vor, mediale Kommunikation mithilfe dieser These zu beobachten. Und wir verlassen uns auf das Medium der Schrift, in dem dieser und alle anderen unserer Vorschläge festgehalten werden, um den Vorschlag sowohl zu profilieren als auch seine Reichweite zu begrenzen: Ich verzichte darauf, dieses Buch jemandem vorzusingen; es wird auch einstweilen nicht verfilmt (und wenn, dann anders); ich werde meine Studenten nicht mit schlechten Noten bedrohen, damit sie es lernen; ich werde niemanden bestechen, damit er es rezensiert; und ich gründe keine Kirche, damit sich Leute finden, die an es glauben; ich schreibe es nur auf und setze mit seiner Begrifflichkeit und seinen Referenzen auf eine bestimmte wissenschaftliche Literatur Signale, die es auf einen wissenschaftlichen Diskurs beziehen, der herausfinden wird, wie viel Wahrheit einzelnen Thesen zugeschrieben werden kann, um weitere und andere Thesen anschließen zu können.
Wir können die Medienfunktion der Kommunikation dementsprechend mithilfe folgender Form notieren:
Medium = Motivation / Selektivität
Die Sinnfunktion Medium hat ihre Anhaltspunkte daran, dass es grundsätzlich unwahrscheinlich ist, jemanden zu einer Kommunikation zu motivieren. Die Möglichkeit, auf bestimmte wie unbestimmte Kommunikation zu verzichten, liegt immer näher und ist angesichts der unabsehbaren Konsequenzen jeder Kommunikation (auch hier macht Kommunikation als Differenzbegriff zu Kausalität Sinn) auch immer nur zu gut begründet. Und dennoch fällt genau dies in der Praxis des Sozialen kaum auf, die eher davon ausgeht, dass das Problem nicht in der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation, sondern in der Attraktivität zu vieler anderer Möglichkeiten liegt. Es bedarf eines spezifisch soziologischen Blicks, damit die Unwahrscheinlichkeit der Motivation als jene Unsicherheit, die dann von attraktiven Optionen absorbiert wird, überhaupt auffällt.
Wir gehen also für die Beschreibung der Medienfunktion der Kommunikation davon aus, dass Motivation zur Kommunikation unwahrscheinlich und deswegen unsicher ist und im Rahmen der Selektivität eines spezifischen Mediums in Wahrscheinlichkeit transformiert beziehungsweise als diese Unsicherheit zugunsten der Attraktivität spezifischer Möglichkeiten absorbiert wird.
Wieder ist es wichtig, dass die Selektivität nicht nur die Außenseite der Motivation ist, sondern als diese Außenseite in den Unterschied, den die Selektivität macht, hineingespiegelt wird. Medien motivieren, indem sie Bestimmtes erwartbar machen und alles andere offen lassen. Es kann dann das Bestimmte immer weiter spezifiziert werden und dennoch deutlich bleiben, dass andere Möglichkeiten parallel laufen und von dem, was jeweils akzeptiert oder abgelehnt wird, nicht betroffen sind. Ich muss nicht nur wissen, dass es sich nicht um eine Machtbeziehung handelt, wenn ich mich verliebe, um mich zur Annahme entsprechender Kommunikationsangebote zu motivieren. Sondern ich verliebe mich unter Umständen, weil es sich dabei nicht um eine Beziehung der Uberordnung und Unterwerfung handelt, sondern um etwas ganz anderes. Dabei riskiere ich jedoch, weil ich mich unter anderem mit Hilfe dieses Ausschlusses zur Liebe habe motivieren lassen, dass ein Machtspiel das Erste ist, was mir oder meinem Gegenüber einfällt, wenn es dann doch nicht so läuft wie erhofft. Die Unsicherheit der Selektivität strukturiert im strengen Sinne des Wortes die Motivation. Sie definiert einen Erwartungshorizont, in dem ich mich wie geplant, aber auch ganz anders bewegen kann, Letzteres aber nur dann, wenn ich eine entsprechend aufwendige Reinterpretation sowohl der Motivation als auch der Selektivität, die eine bestimmte Kommunikation wahrscheinlich machen, vornehme. Daran knüpft das Geschäft der Familientherapie an, die zwar nicht wissen muss, dass sie es mit medialen Verschiebungen zu tun haben kann, auf jeden Fall aber wissen muss, dass es um Verschiebungen in den sich gegenseitig bestimmenden Konstellationen von Unsicherheit und ihrer Absorption geht.
Wir machen dies im Folgenden an einzelnen Medien deutlich, weisen jedoch vorsichtshalber darauf hin, dass eine daraus resultierende Kommunikationstheorie der einzelnen Medien nicht den Anspruch erhebt, das Phänomen historisch und systematisch erschöpfend zu behandeln. Theorien der Sprache und der Musik, des Geldes und der Macht, der Wahrheit und der Kunst, ja sogar des Computers und des Internets gehen selbstverständlich über das hinaus, was wir hier für die Zwecke der BeschreiLung ihrer Medienfunktion ansprechen wollen.
In zwei Punkten allerdings schlagen wir unsere Medientheorie der Phänomene, um die es anschließend geht, auch als Beitrag zu deren jeweiliger Sachtheorie vor. Der erste Punkt betrifft die Option der Kommunikationstheorie. Vermutlich ist es sinnvoll, diese und andere Phänomene auch innerhalb philosophischer, kognitionswissenschaftlicher, medienwissenschaftlicher, linguistischer und anderer fachwissenschaftlicher Überlegungen sehr viel strenger jeweils als Referenz und Träger kommunikativer Ereignisse zu betrachten, als dies bisher der Fall ist. Man führt damit eine analytische Ressource ein, die sowohl im Fall der Verbreitungsmedien als auch der Erfolgsmedien nicht nur soziologische Erkenntnisse, sondern auch neue Optionen im Paradigmenstreit der jeweiligen Fachwissenschaften, der Literaturwissenschaft, der Politologie, der Ökonomie, der Ästhetik, der Rechtswissenschaft, der Pädagogik, der Theologie und so weiter, verspricht. In diesem Sinne zielt eine Kommunikationstheorie der Medien auf eine interdisziplinäre Fragestellung, die es nicht nur ermöglicht, sich thematisch auszutauschen und dabei zu entdecken, wie verschieden die Sprachen sind, die man spricht, sondern darüber hinaus an einer neuen Problemstellung zu arbeiten, die auch eine neue Sprache erfordert und die beteiligten Disziplinen in ihrem jeweiligen disziplinären Kern herausfordert.
Der zweite Punkt betrifft den Vorschlag der Ausarbeitung eines Medienbegriffs, der an Fritz Heider orientiert ist und von einem Medium immer dann spricht, wenn eine lose gekoppelte Menge von Elementen (Licht, Schall, artikulierte Laute, Buchstaben, Texte, Bilder und ihre Schnitte, Zahlungen, Befehle, Liebeserklärungen, Wahrheiten und so weiter) vorliegt, die als solche (wie die Beispiele in der Klammer bereits zeigen) erst beobachtbar werden, wenn sie eine einzelne Form annehmen. Heider spricht deswegen in dem zitierten Aufsatz von »Dingen«. Dinge sind fest gekoppelte Einheiten, die aus Elementen bestehen, die dann, wenn sie lose gekoppelt sind, das Medium ausmachen. Wir übersetzen »Ding« in »Form« und haben damit die Möglichkeit, den Medienbegriff auf dem Umweg über Spencer Browus Formbegriff in die Nähe des von Shannon formulierten Auswahlbereichs möglicher Nachrichten zu rücken.
Ein Medium ist eine unbestimmte, aber bestimmbare Menge von Möglichkeiten, in ihm bestimmte Formen zu bilden. Nur die Form ist bestimmt, deswegen ist auch nur sie beobachtbar. Aber wir führen bei der Beobachtung einer bestimmten Form das Wissen um die unbestimmte Menge an Möglichkeiten, die in dieser Form als Fundus und Horizont ihrer Bestimmung vorausgesetzt werden, mit. Aus jeder Form erschließen wir das Medium, aus dem sie dank fester Kopplung derselben Elemente gebildet worden ist. Luhmann hat darauf hingewiesen, dass diese Unterscheidung von fester und loser Kopplung auch deswegen interessant ist, weil sie im Gegensatz zum Brauch der alteuropäischen Begrifflichkeit dem Medium Robustheit und jeder einzelnen Form Instabilität zurechnet. Es mag sein, dass auch dies zu erklären vermag, warum die Selektivität der Medien als solcher weitgehend unabhängig von ihrer jeweils spezifischen Form das Motivationsproblem lösen kann. Im Gegensatz zu jeder einzelnen Form, die auftaucht und wieder verschwindet, die gelingen, aber auch misslingen kann, bleibt uns das Medium, das Wort, der Text, die Liebe, die Macht, als das erhalten,
Mit diesem Begriffsvorschlag distanzieren wir uns gleichzeitig von einer medienwissenschaftlichen, an Innis und McLuhan anschließenden Tradition, die dem Medium von einem Außen der Gesellschaft (Technik, Kultur, Krieg) her einen determinierenden Einfluss auf das zurechnet, was in der Gesellschaft dann noch möglich ist. Das halten wir für eine Übertreibung der Sache und für eine begriffliche Sackgasse, ohne damit bestreiten zu wollen, dass sich diese Tradition in der Art und Weise, wie sie auf einen Verdacht hinausläuft, als außerordentlich fruchtbar erwiesen hat, um literarische Wahrnehmungen der Kommunikation in der Gesellschaft zu rekonstruieren. Das hat Friedrich Kittler auf überzeugende Art und Weise gezeigt. Wir optieren im Folgenden nicht für einen literaturwissenschaftlichen Medienbegriff, der Medien als unbestimmt, aber bestimmend definiert, sondern für einen soziologischen Medienbegriff, der Medien als unbestimmt, aber bestimmbar definiert. Wir beobachten Kommunikation nicht daraufhin, dass sich in ihr etwas zeigt, wovon sie nichts weiß (aber woher weiß es der Literaturwissenschaftler?), sondern daraufhin, dass sie laufend erprobt, variiert und reproduziert, was sie voraussetzen muss, um überhaupt etwas erproben, variieren und reproduzieren zu können.
Die Sprache ist ein erster und dramatischer Fall. Sie ist, worauf Luhmann immer wieder hingewiesen hat, ein so auffälliger Wahrnehmungssachverhalt, dass vor allem sprachfähige Organismen wie die menschlichen kaum an ihr vorbeikommen. Wenn jemand spricht, hört man nicht unbedingt zu, aber auf jeden Fall hin, in der eigenen Familie, im Büro, im Zug oder im Fernsehen. Wenn jemand spricht, ist nicht zu leugnen, dass er handelt (weswegen die Sprache ein erstes und zivilisations-entscheidendes funktionales Äquivalent zur Gewalt ist) und als Beobachter erster Ordnung Feststellungen in die Kommunikation einsteuert, deren Inhalt möglicherweise Beobachtungen zweiter Ordnung sind. Wie kann man dazu motiviert werden? Gibt es nicht unzählige Gründe, lieber den Mund zu halten und sich nicht festzulegen? Und nimmt die Anzahl der Gründe nicht eher zu denn ab, wenn man sich einmal auf Sprache eingelassen und mit ihr Erfahrungen gesammelt hat? Es verfügt ja nicht jeder über die Eloquenz, mit jeder sprachlichen Festlegung auf einen spezifischen Sinn auch mögliche andere Festlegungen immer in Reserve zu halten. Und ist nicht das mögliche Hauptmotiv der Sprache, seine eigenen Vorstellungen versuchsweise so zu artikulieren, dass ein anderer seine Vorstellungen mit diesen Vorstellungen beschäftigen kann, ebenfalls eher ein Grund, sich auf die entsprechenden Risiken des Missverständnisses und des allzu genauen Verstehens gar nicht erst einzulassen?
Wie überwindet die Sprache diese Unwahrscheinlichkeitsschwelle der Besetzung von Situationen mit Ausrufen, Ausdrücken, Mitteilungen und Geschichten, die andere mitbekommen und die erst einmal im Raum stehen, bevor dann die Zeit über sie hinweggeht und sie mehr oder minder zuverlässig wieder vergessen werden? Welche Selektivität kann sicherstellen, dass im genannten Sinne trotzdem zum Sprechen motiviert werden kann? Zum einen ist es sicherlich hilfreich, dass sprachliche Kommunikation, wie gerade angedeutet, ereignishaft verfasst ist. Jemand sagt etwas und schweigt dann wieder, wie lange auch immer man zuweilen darauf warten muss. Die Kommunikation ist ein Ereignis, das auftaucht und wieder verschwindet und in dieser Form ein Reproduktionsproblem stellt (wie geht es weiter?), das in kritischen Momenten mächtiger als das Motivationsproblem ist. Das heißt, man steuert etwas bei, damit es weitergeht, verlässt sich dabei darauf, dass auch der eigene Beitrag wieder verschwindet, und spricht möglichst so, dass andere anschließen können, ohne dass man sich auf Dinge festgelegt sähe, auf die man sich nicht festlegen möchte. Das setzt eine Kunstfertigkeit voraus, die Teilnehmer unterschiedlichster Konversationen, wie Harvey Sacks gezeigt hat, perfekt beherrschen. Und zum anderen ist es sicherlich ebenso hilfreich, dass sich vielleicht nicht in den gängigen Theorien der Sprache und der Kommunikation, dafür aber in der gesellschaftlichen Praxis die Auffassung durchgesetzt hat, dass wir einander nicht in die Köpfe schauen können und daher zwischen dem, was jemand sagt, und dem, was jemand meint, immer eine Differenz besteht, die anschließend bearbeitet werden kann, wenn man feststellt, dass die Kommunikation entgleist ist.
Entscheidend jedoch für die Motivation zur Sprache scheint neben ihrer Ereignishaftigkeit und der Differenz des Bewusstseins ein dritter Umstand zu sein, nämlich die nur sprachlich gegebene Fähigkeit, zu allem, was in der Welt gesprochen und besprochen werden mag, sowohl Ja als.auch Nein sagen zu können. Ich kann mir etwas anhören und anschließend Nein dazu sagen. Ich kann sogar selbst etwas sagen und anschließend mehr oder minder elaboriert Bedingungen mobilisieren, die es mir erlauben, es zu verneinen, obwohl ich selbst es gesagt habe: »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?« Das kann man zwar nicht oft sagen und nicht zu jedem, aber man kann es sagen. Rene A. Spitz hat die menschliche Fähigkeit, Nein zu sagen, auf bestimmte Verhaltensoptionen im Umgang zwischen Mutter und Kind (die Brust annehmen oder ablehnen) zurückgeführt und als Element der Bewusstseinsdass die Möglichkeit, Ja und Nein zu sagen, die Teilnehmer an einer Kommunikation mit dem immer mitlaufenden und sehr unterschiedlich zu dosierenden und zu nuancierenden Zwang konfrontiert, Ja oder Nein zu sagen. Das geschieht in den seltensten Fällen in binärer Ausschließlichkeit, sondern kulturell codiert in mehr oder minder ausgebauten Möglichkeiten, Ja zu sagen, wenn man Nein meint, und umgekehrt, aber es geschieht immer und garantiert in einer Form, die sicherstellt, dass man sich dosiert und nuanciert auf ein Sprechen einlassen kann, dessen Sinnimplikationen je nach fremder und eigener Reaktion (à la Karl Weick - oder war es Karl Valentin: »Wie kann ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?«) anschließend zwar nicht restlos, aber doch vielfältig wieder umgebaut werden können. Um unsere mit Blick auf die Zweiwertigkeit unserer Logik (wahr oder falsch) eingeschränkte Optik für den Blick auf diese Dosierungen und Nuancierungen zu öffnen, empfiehlt Matthias Varga von Kibed das Studium der zahlreichen Negationsmöglichkeiten in der buddhistischen Logik: »Ja«, »Nein«, »Ja, aber«, »Nein, und doch« usw.
Mit anderen Worten, wer spricht, muss sich entscheiden und kann sich anschließend, je nach Geduld der Gesprächspartner, umentscheiden. Das ist die Selektivität, die mich motivieren kann, es auch einmal zu versuchen, und die mich auch dazu motivieren kann, jemandem zuzuhören. Die Vermutung ist hier nicht, dass wir uns zur Sprache motiviert sehen, weil es so reizvoll ist, den anderen dennoch zu überzeugen. Die Selektivität, auf die es in unserem Modell ankommt, ist nicht der beschränkte Horizont des anderen, den ich wieder und wieder bearbeite, damit er auch in das Glück kommt, zu verstehen, was ich schon verstanden habe. Sondern die Vermutung, auf die es uns ankommt, ist, dass wir uns zur Sprache motivieren, weil wir wissen, dass wir im unbestimmten Raum ihrer Möglichkeiten immer nur bestimmte Möglichkeiten auswählen, diese anschließend korrigieren können und mit alldem keinen bestimmenden Einfluss darauf haben, wie der andere versteht und korrigiert, was er sagt und was er hört. Wir lassen uns auf die Sprache ein, um herauszufinden, was sie leistet, und weil wir genau das nicht wissen.
Dirk Baecker
Medientheorie