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An einem regnerischen Tag wie diesem ist es gut, sich an die Momente zu erinnern, die diese Reise ausgemacht haben. Viele davon waren geprägt durch andere Segler. Segler wie ich, die allein unterwegs sind. Manche hatten ein festes Ziel wie Lars, der Norweger, der auf dem Heimweg zu den Lofoten war. Oder David, der Waliser, der sein Schiff nach Portugal brachte, um dort zu überwintern. Andere wanderten mehr oder minder ziellos umher, richteten ihren Bug nach dem Wind oder nach einer Gelegenheit aus. Zu diesen gehört Wim, der Holländer, der eines Morgens in A Coruña einlief.
Auf der Flucht
Er kündigte sich mit einem hämmernden Motorengeräusch und einem lauten Husten an. Als ich meinen Kopf aus der Luke steckte um nachzusehen, welcher Dampfer hier einlief, sah ich einen Mann mit riesiger Wampe an der Pinne eines kleinen Bootes stehen, das seine besten Tage hinter sich hatte, und zwar schon eine ganze Weile. Beide, Boot und Skipper, sahen aus, als hätten sie mindestens vier Wochen lang kein Süsswasser abbekommen, und so wie der Bootsdiesel wohl ein wenig Öl hätte gebrauchen können, hätte dem Skipper eine Dusche gut getan.
Später traf ich Wim bei den Waschmaschinen und er erzählte mir sein Leben, so weit ein Waschgang dazu eben ausreicht. Früher sei er Fischer gewesen, hatte den Beruf wegen Arthritis aber aufgeben müssen. Wann genau er zu segeln angefangen hatte, habe ich trotz vieler Worte nicht verstanden. Aber es muss schon eine ganze Zeit her sein, seit er das Landleben aufgegeben hatte. Dabei schien Wim im Grunde auf einer Flucht zu sein, vor einer Frau – oder mehreren, auch das war nicht leicht zu verstehen. Diese eine oder mehrere Frauen würden von ihm verlangen, einem anständigen Beruf nachzugehen und ein festes Einkommen nach Hause zu bringen. Aber er wolle ein freies Leben führen, sagte Wim, seine Wäsche von der Waschmaschine in den Tumbler umschichtend. Er zeigte mir später das Bild einer Blondine, nicht ohne Stolz. Gleichzeitig schimpfte er über sie. Sie habe ihm angedroht, ihn in Spanien aufzusuchen. Aber er wolle sie auf keinen Fall sehen, blaffte Wim in einem Mischmasch aus Englisch und Holländisch.
Ich weiss nicht, ob es nur an seiner etwas konfusen Sprache lag oder ob Wim vielleicht doch etwas verrückt war. Aber er steckte ganz schön in der Bredouille, nicht allein wegen seiner Freundin. Sein Schiff leckte. Er müsse es aus dem Wasser nehmen, sagte er und fragte mich, ob A Coruña dazu ein guter Ort sei. Ich hatte keine Ahnung.
Die Nächte verbrachte Wim auf der Gasse und am folgenden Tag erzählte er von Begegnungen mit Frauen, die so abenteuerlich wie unglaubwürdig klangen. Dann klagte er wieder darüber, dass er kein Geld habe und die Marina viel zu teuer sei. Im Winter, so sagte Wim, würde er wohl wieder in Amsterdam an einem Stand indonesische Gewürze verkaufen. Er schenkte mir ein Glas mit einer scharfen Paste, seiner Handelsware, und bot mir an, ich könne ja auch ein Geschäft damit in der Schweiz aufziehen, als Lizenznehmer sozusagen.
Irgendwann verliess ich A Coruña. Tage später, als ich aus dem Hafen von Camariñas, einem kleinen Ort an der Costa da Morte, auslief, wurde ich über Funk angerufen: „Swiss boat, Swiss boat, Swiss boat.“ Es war Wim, der in der Bucht vor Anker lag. Ich konnte nicht mit ihm sprechen, musste die Segel setzen. Dann war ich aus der Buch ausgelaufen und auf dem Weg nach Süden. Wim war verschwunden. Bis ich von anderen Seglern erfuhr, dass sie ihn ebenfalls getroffen hatten. Er habe sich, erzählte man mir, einem Paar angeschlossen, das auf die Azoren segelte. Wim sei ihnen mit seinem Boot gefolgt. Ich hoffe, er hat die Azoren erreicht hat oder ein anderes Ufer.
Nick, der fürsorgliche Koch
Ich glaube, ich bin inzwischen ganz gut darin, Menschen nach ihren Schiffen zu beurteilen. Ganz einfach danach, ob wir wohl zusammenpassen und uns etwas zu sagen haben. Dabei ist die Erscheinung der Person manchmal ziemlich irreführend. Nick, dessen Boot einen soliden und auch gemütlichen Eindruck machte, wirkte auf den ersten Blick recht grobschlächtig, als wir uns das erste Mal im Hafen von Muros in Galicien sahen. Sein rundlicher Körper war über und über mit Tätowierungen verziert. Sein Schädel war kurz geschoren, seine Augen waren klein und trugen, wie ich zunächst meinte, einen misstrauischen Ausdruck. Aber Nick hatte eine überraschend helle, ja eigentlich sanfte Stimme und man hörte sie oft singen.
Irgendwann lud mich Nick zu einem Bier auf sein Boot ein, mit dem er wohl überall hin segeln konnte, das zwar schon betagt war, aber in jeder Hinsicht seetüchtig. Nick hatte in der Royal Navy gedient. Aber nicht als Kanonier oder Maschinist oder dergleichen, sondern als Chef in der Küche. Und aus dem Bier wurde ein Abendessen, wie ich es aus den Händen dieses Mannes nicht erwartet hätte. Eingeladen war auch Brian, ein Schotte, der ebenfalls allein unterwegs war. Nick und Brian segelten schon seit einiger Zeit zusammen. Und Nick kümmerte sich fürsorglich um Brian, der nicht kochen konnte und der von der spanischen Küche so gut wie nichts hielt. Nick bereitete ihm echtes englischen Essen zu; einmal habe es sogar Haggis gegeben, die schottische Nationalspeise, schwärmte Brian.
Nick war unterwegs irgendwohin nach Süden. Segelte langsam, ankerte, wo er konnte, angelte und sang zu seiner Gitarre. Er lebte von seiner Pension. Einmal war die Rede von einer Familie. Aber im Grunde war Nick allein. Und als Brian sich mir anschloss und Richtung Norden segelte, verlor Nick wohl den einzigen Freund, den er in diesen Gewässern hatte.
Von Sorgen nach Hause getrieben
Das ist nun schon eine Weile her und ich liege mit Blue Alligator im Hafen von Lesconil, neben uns die Morning Star von Brian, der sich vor allem sorgt – um sein bescheidenes Vermögen, das nach dem Brexit von Negativzinsen bedroht ist, um seine Wohnung, die er vermietet, die er aber am liebsten loswerden möchte, um seinen Sohn, der in Australien lebt und sich überarbeite, wie Brian erzählt. Ja, wäre der Brexit nicht gewesen, Brian wäre immer noch mit Nick unterwegs und würde unter der spanischen Sonne in den Rias segeln, versorgt von seinem Freund mit real food, was so viel bedeutet wie Cornish Pasties, Steak-and-Kidney-Pie oder Roast Pork. Stattdessen segelt er nun mit mir dem schlechten Wetter entgegen, sorgt sich, wo er überwintern wird – in Newlyn? In Falmouth? In Plymouth? – und was aus Grossbritannien nach der Abspaltung von der EU wird.
Aber Brian hat auch einen wunderbaren Humor, schwarz, wie es sich für einen Schotten gehört. Und wir sitzen oft zusammen, trinken Wein und erzählen uns unsere Geschichten, er von seiner Pilotenkarriere, die ihn bis nach Saudiarabien in den Dienst eines Prinzen gebracht hatte, ich von meinen Reisen als mehr oder minder glückloser Journalist. Wenn ein Flugzeug über den Himmel streicht, blickt ihm Brian sehnsüchtig nach. „Was für ein Leben das war“, sagt er dann.
Wale und Geisterschiffe
Aber wie ich allein nach Süden über die Biskaya gesegelt bin, ist Brian allein von Spanien nach Frankreich gesegelt. Dabei hat sein Autopilot den Geist aufgegeben und Brian musste den ganzen Weg steuern. Einmal ist er eingeschlafen. Als das Schiff dann in eine Welle sank, hat er sich die Nase am Steuer angeschlagen und wahrscheinlich einen Zahn angeknackst, der später abgebrochen ist. Und einmal sei ein Wal neben dem Boot aufgetaucht. „Ausser einem Zirkuselefanten habe ich noch nie so etwas grosses Lebendiges gesehen“, erzählt Brian. Dann, vor lauter Übermüdung, glaubte er sich plötzlich mitten auf dem Ozean in einer Lagune, so ruhig sei das Meer gewesen, und aus einer braunen Wolke sei ein merkwürdiger Schatten aufgetaucht. „Was für eine Fahrt“, schwärmt Brian und ich kann ihm nur zustimmen.
Eigentlich wissen wir beide nicht genau, wohin wir eigentlich segeln. Die Häfen, die wir ansteuern, kennen wir zwar. Aber der Rest ist ziemlich dämmrig. Aber solange unsere Schiffe uns tragen. Solange unsere Segel halten. Solange wir noch lachen können. Solange geht es uns gut.