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Der Europäische Traum war einst eine Vision mit dem Ziel «ewiger Frieden für Europa». Heute steht das Konzept für die vollständige Durchsetzung dessen, was für die meisten EU-Bürger bereits Normalität geworden ist. Aber erst wer nach dem Ursprung fragt, lernt die Realität zu schätzen.
Die Faszination um den Mythos des Römischen Reiches hat bis in das letzte Jahrhundert gehalten. Weder Karl der Grosse noch Napoleon konnten der Versuchung widerstehen, ein Imperium zu erschaffen, welches über natürliche und historische Grenzen wie Sprachen, Religionen und geografische Beschaffenheiten hinausgeht.
Zwei Weltkriege später schien man verstanden zu haben, dass man Völker nicht zu gegenseitigem Respekt und Vertrauen zwingen kann. Für eine Einigung Europas, für eine Gemeinschaft der Völker dieses Kontinents würde es mehr brauchen als geteiltes Leid. Es galt aus Fehlern zu lernen, zu verstehen, woran der Frieden von Versailles gescheitert war, um weitere Kriege in Europa zu verhindern und endlich Fortschritte zu machen.
1951 einigte man sich in Paris mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl darauf, Kriegsschuld, Demütigung und Reparationszahlungen hinter sich zu lassen, mit dem Ziel eine europäische Solidarität zu erschaffen. Robert Schuman und Jean Monnet haben verstanden, wie man Träume Wirklichkeit werden lässt!In ihrer heutigen Verfassung stellt die Europäische Union mit ca. 501 Millionen Einwohnern den grössten und multilingualsten demokratischen Staatenverbund in der Geschichte der Menschheit dar.
Träume im Vergleich
Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Vorsitzender der Economic Trends Foundation und Berater der Europäischen Kommission, ist Autor des 2004 erschienenen Bestsellers «Der Europäische Traum». In seinem Buch vergleicht er den berühmten «American Dream» und den Europäischen Traum. Rifkins These: Der Europäische Traum hat den Amerikanischen in vielerlei Hinsicht überholt und ist immer noch dabei sich zu entwickeln.
Während die Vereinigten Staaten von Amerika über ihre Grenzen hinaus dafür bekannt sind, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein – zumindest was persönlichen Reichtum betrifft – kleidet sich Europa mit Werten wie nachhaltiger Entwicklung, der Förderung sozialer Gerechtigkeit und der Bekämpfung von Diskriminierung. Zudem kann das amerikanische Sozialsystem lange nicht mit den durchschnittlichen Leistungen der EU-Länder mithalten. Aber nicht nur in gesellschaftlichen Werten und sozialen Strukturen liegt Europa gemäss Rifkin vor den USA, sondern auch in der Art und Weise, wie es Aussenpolitik betreibt: Der amerikanische Interventionismus – durch Interessenspolitik geprägt – steht hier im Kontrast zu der kooperativen Strategie der EU. Deren Aussenpolitik strebt vielmehr nach einer langfristigen und dauerhaften Ausdehnung der eigenen Einflusssphäre mittels Erhaltung und Wiederbelebung von Partnerschaften in alle Welt.
Ein ausgeträumter Traum?
Als weltweit grösster Binnenmarkt und grösste Exportmacht muss sich die Europäische Union eigentlich nicht verstecken: Ihr Reichtum ist doppelt so gross wie derjenige Chinas und übersteigt das Bruttoinlandsprodukt der USA um eine Billion Dollar. Zu beachten ist dabei, dass die EU nur ein Drittel der Einwohner Chinas und nur ca. 200 Millionen Einwohner mehr als die USA hat. Das Konzept der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hat die EU eindeutig zu einer führenden Wirtschaftsmacht gemacht.
Trotzdem scheint Euroskeptizismus momentan Hochkonjunktur zu haben. Grösstenteils, weil das Erfolgskonzept der Europäischen Union seit einiger Zeit von schlechten Nachrichten zu den problematischen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise überschattet wird und sich Hiobsbotschaften aus Euro-Ländern häufen. Während Pessimisten den Anfang vom Ende prophezeien, arbeiten die europäischen Institutionen und nationalen Regierungen zusammen, um diese Probleme gemeinsam zu lösen.
Wer träumt den Europäischen Traum heute?
Der Europäische Traum kann sich nur weiterentwickeln, wenn er auch weitergeträumt wird. Einerseits gilt es deshalb, sich an die bedeutenden Erfolge der Europäischen Union zu erinnern, an das, was wir dem geeinten Europa zu verdanken haben. Zwei Generationen blieben die Leiden eines Krieges erspart. Durch den Binnenmarkt sind alle Länder der EU wohlhabender geworden, womit sich auch der Lebensstandard ihrer Bürger erheblich verbessert hat. In der EU werden demokratische und soziale Werte als Grundrechte geschützt. Kurz, die europäische Gesellschaft befindet sich auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Entwicklung.
Andererseits muss der Europäische Traum von den eigenen Bürgern gelebt werden. Sehr zu bedauern ist daher die niedrige Wahlbeteiligung bei den Europawahlen, die seit 1979 immer weiter abnimmt. Einige sehen darin die Konsequenz eines demokratischen Defizits in der Europäischen Union. Andere geben zu bedenken, dass es innerhalb der EU an einer gemeinsamen Identität mangelt und sich Bürger immer noch stärker mit ihrer Staatsbürgerschaft als mit der Unionsbürgerschaft identifizieren. Diese beiden Angehörigkeiten bilden jedoch seit über einem Jahrzehnt eine grundlegende Einheit, die den Europäischen Traum verkörpern sollte. Insofern steht dieser so lange nicht vor seiner Vollendung, bis sich die europäische Öffentlichkeit ihrer kollektiven Identität bewusst wird und damit den Europäischen Traum tatsächlich lebt.