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| Vinzenz v. Lerin († vor 450) - Commonitorium

13. Ausführlichere Darlegung der katholischen Lehre von der Trinität und von der Person Christi.
[18] So also bellen die wütenden Hunde Nestorius, Apollinaris und Photinus gegen den katholischen Glauben. Photinus bekennt nicht die Dreifaltigkeit; Apollinaris nennt die Natur des Wortes veränderlich, erkennt nicht zwei Naturen in Christus an, leugnet entweder die ganze menschliche Seele in Christus oder doch den geistigen und vernünftigen Teil derselben und behauptet, das Wort Gottes habe dessen Stelle eingenommen; Nestorius behauptet, immer oder doch eine Zeitlang habe es zwei Christus gegeben. Die katholische Kirche aber, die sowohl über Gott als auch über unseren Erlöser richtig denkt, stellt weder über das Geheimnis der Dreifaltigkeit noch über die Menschwerdung Christi gotteslästerische Behauptungen auf. Denn sie verehrt eine Gottheit in der Fülle der Dreiheit und die Gleichheit der Dreiheit in ein und derselben Majestät und bekennt einen Christus Jesus, nicht zwei, und diesen zugleich als Gott und Menschen. Sie glaubt, daß in ihm eine Person, aber zwei Naturen, zwei Naturen, aber eine Person sei; zwei Naturen, weil das Wort Gottes nicht veränderlich ist, so daß es sich in Fleisch verwandeln könnte; eine Person, damit man nicht durch das Bekenntnis zweier Söhne eine Vierheit statt der Dreiheit zu verehren scheine.
[19] Doch es ist der Mühe wert, dieses noch einmal, und zwar genauer und ausführlicher, zu erörtern. In Gott ist eine Natur, aber drei Personen; in Christus sind zwei Naturen, aber eine Person. In der Dreifaltigkeit sind die Personen verschieden, nicht das Wesen; im Erlöser ist Verschiedenheit der Naturen, nicht der Person. Wie sind in der Dreifaltigkeit die Personen verschieden, nicht das Wesen? Weil die Person des Vaters eine andere ist, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes; aber dennoch haben Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht eine verschiedene, sondern dieselbe Natur. Wie sind im Erlöser die Naturen verschieden, nicht die Person? Weil eine andere die Natur der Gottheit ist, eine andere die der Menschheit; aber dennoch sind Gottheit und Menschheit nicht zwei, sondern ein und derselbe Christus, ein und derselbe Sohn Gottes, ein und dieselbe Person eines und desselben Christus und Sohnes Gottes, wie im Menschen das Fleisch etwas anderes ist als die Seele, aber doch Seele und Fleisch ein und derselbe Mensch sind. In Petrus oder Paulus ist etwas anderes die Seele, etwas anderes das Fleisch, und doch sind Seele und Fleisch nicht zwei Petrus, oder ist die Seele ein Paulus, das Fleisch aber ein anderer, sondern es ist ein und derselbe Petrus, ein und derselbe Paulus, jeder bestehend aus der doppelten und verschiedenen Natur der Seele und des Leibes. So also sind in ein und demselben Christus zwei Naturen, aber die eine ist göttlich, die andere menschlich, die eine stammt aus Gott dem Vater, die andere aus der jungfräulichen Mutter; die eine ewig und gleich dem Vater, die andere zeitlich und geringer als der Vater; die eine wesensgleich dem Vater, die andere wesensgleich der Mutter, und doch ein und derselbe Christus in beiden Naturen. Nicht also ist ein Christus Gott und ein anderer Mensch; nicht einer unerschaffen, ein anderer erschaffen; nicht einer leidensunfähig, ein anderer leidensfähig; nicht einer gleich dem Vater und ein anderer geringer als der Vater; nicht einer aus dem Vater und ein anderer aus der Mutter; sondern ein und derselbe Christus ist Gott und Mensch, derselbe unerschaffen und erschaffen, derselbe unveränderlich und leidensunfähig und doch auch veränderlich und in Leiden, derselbe dem Vater gleich und auch nachstehend, derselbe vom Vater vor der Zeit gezeugt und auch in der Zeit aus der Mutter geboren, vollkommener Gott und vollkommener Mensch, in Gott die höchste Gottheit, im Menschen die volle Menschheit. Die volle Menschheit, sage ich, da sie Seele und zugleich Fleisch hat; wahres Fleisch, das unsrige, von einer Mutter hergenommenes; eine Seele aber mit Einsicht begabt, mit Verstand und Vernunft ausgestattet.
Es ist also in Christus das Wort, die Seele und das Fleisch; aber dieses alles ist der eine Christus, der eine Sohn Gottes, unser einer Heiland und Erlöser. Einer aber nicht durch irgendeine verschlechternde Mischung von Gottheit und Menschheit1 , sondern durch die unversehrte und einzigartige Einheit der Person. Denn jene Verbindung hat nicht das eine in das andere verwandelt und verändert — ein Irrtum, der den Arianern eigentümlich ist2 —, sondern sie hat vielmehr beide so in eins zusammengefügt, daß in Christus zwar immerdar die Einzigkeit einer und derselben Person bleibt, aber auch auf ewig bleibt die Eigentümlichkeit einer jeden Natur, so daß weder Gott jemals anfängt, Leib zu sein, noch einmal der Leib aufhört, Leib zu sein. Das läßt sich auch anschaulich machen an dem Beispiel der menschlichen Wesenheit. Denn nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in Zukunft wird jeder Mensch aus Leib und Seele bestehen, und doch wird niemals weder der Leib in die Seele noch die Seele in den Leib verwandelt werden, sondern, wie jeder Mensch ohne Ende leben wird, so wird auch in einem jeden Menschen notwendig ohne Ende der Unterschied beider Wesensbestandteile fortdauern. So muß auch in Christus für beide Naturen die einer jeden zukommende Eigentümlichkeit in Ewigkeit festgehalten werden, jedoch unbeschadet der Einheit der Person.
1: wie später die Monophysiten lehrten.
2: Arius leugnete die menschliche Seele in Christus, deren Stelle die Gottheit vertreten habe; er lehrte daher auch, die Gottheit selbst habe in Christus gelitten und sei durch die Menschwerdung in gewissem Sinne vermenschlicht, d. h. minderwertiger, geworden.