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Herstellungsort unbekannt, Ende 18. Jh.
Donator: Dr. Benedict Respinger-Meyer (Laut Testamentsauszug vom 7. Nov. 1952)
H. 20,5 cm
Legat Dr. H. Respinger-Meyer
Inv. 1969.2348.
Der starke Gegensatz zwischen dem fein geschnitzten kostbaren Material des Elfenbeins und der Darstellung von Personen in zerrissener Kleidung macht den besonderen Reiz dieser Elfenbeinstatuetten aus. Die Dreiergruppe zeigt Figuren, die anhand der einfachen Kleidung und der wenigen Habseligkeiten, die sie mit sich führen, als Vertreter der Bevölkerung zu erkennen sind, wie sie zahlreich durch die Lande zogen: Eine junge Frau, die ihr Jüngstes stillt, während sie auf dem Rücken ein weiteres Kind trägt, einen bärtigen Pilger mit langem Rosenkranz, der mit seinem vorgehaltenen Hut Almosen erbittet, und einen jungen Bettler, der einen verbundenen Arm in der Schlinge trägt.
Als Vorlage für die Werke dienten dem Bildschnitzer Radierungen des lothringisch-französischen Künstlers Jacques Callot, der um 1622/23 in Nancy der Bevölkerungsschicht der Bettler eine ganze Serie widmete. Für den Künstler, der in der Gunst des französischen Hofes stand, waren Bettler Deklassierte, deren Darstellung die Unterschiede zur gehobenen Gesellschaftsschicht markierten. Mit besonderer Beobachtungsgabe hielt er männliche und weibliche Bettler in unterschiedlichen Haltungen und aus verschiedenen Blickwinkeln fest. Die über 150 Jahre später entstandene Elfenbeinfigur des Bettlers ist bis ins Detail dem Titelblatt der Bettlerfolge nachgebildet (Kat. Köln 1996, S. 259, Nr. G 94). Hier trägt der Heimatlose eine grosse Fahne mit der Aufschrift CAPITANO DE BARONI in seiner rechten Hand. Der ursprünglich in der Hand der Bettlerstatuette befindliche Stab hat sich nicht erhalten. Die stillende Frau hat ebenfalls ihr Vorbild in einer Radierung aus Callots Bettlerfolge (Kat. Karlsruhe 1995, S. 71, Nr. L 496).
Die Darstellung von Bettlern kann auf eine lange Tradition zurückblicken und fand bereits in der frühen deutschen und niederländischen Druckgrafik Verbreitung. Im Zeitalter des Barock, in dem die gehobene Bevölkerungsschicht ihrer aus kostbaren Stoffen bestehenden Garderobe gesteigerte Aufmerksamkeit widmete, erfreuten sich plastische Figuren von Krüppeln und Bettlern grosser Beliebtheit. Geschnitzte Bettlerfiguren, wie sie beispielsweise der Dresdener Hofelfenbein- und Bernsteinschneider Wilhelm Krüger (1680–1756) fertigte, oder die aus Elfenbein und Holz bestehenden Kombinationsfiguren von Simon Troger (1683–1768) bezeugen ihre Popularität am Hofe (Theuerkauff 1986, S. 267–271; Philippovich 1982, S. 322–323).
Die vorliegenden Elfenbeinfiguren waren als Teil einer Serienproduktion wohl für breitere Kundenkreise erschwinglich, wovon verschiedene Exemplare in Museumsbesitz und im Kunsthandel zeugen (Kat. London 1989, S. 88, Nr. 171–172). Im nordfranzösischen Dieppe, einem Zentrum der Elfenbeinverarbeitung, wurden im 18. Jahrhundert solche Bettlerfiguren hergestellt. Eine sehr ähnliche, nur in Detailformen abweichende Bettlerfigur wie in Basel hat sich im Château-Musée de Dieppe erhalten. Sie wird einem Bildschnitzer namens Cointre zugeschrieben, der vor allem durch Elfenbeinfiguren von Bettlern und Krüppeln bekannt geworden ist. Möglicherweise stammen die Bildwerke, die 1969 aus Basler Privatbesitz als Legat in das Historische Museum Basel gelangten, ebenfalls aus Dieppe.
Von der anhaltenden Popularität und weiteren Verbreitung kleinformatiger Bettlerfiguren zeugen auch einige ausdrucksstarke, aus Lindenholz geschnitzte Beispiele aus der Sammlung des Historischen Museums Basel, die Anfang des 19. Jahrhunderts wohl in der Innerschweiz entstanden sind (Kat. Basel 2010, S. 123–124, Nr. 69–70 [Margret Ribbert]).