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Der Durchzug der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl hat insgesamt eine kleine zusätzliche Strahlenbelastung für die Schweizer Bevölkerung verursacht. Ablagerungen aus dieser Wolke werden heute immer noch gemessen. In Wildschweinen, Pilzen und Sedimentkernen beispielsweise ist die Radioaktivität noch gut messbar.
In der Schweiz massen die Behörden während den Monaten nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl die Dosisleistungen im Freien, die Ablagerungen auf dem Boden, die Radioaktivität in der Luft und die Aktivitätskonzentrationen in verschiedenen Lebensmitteln. Daraus wurden die Personendosen ermittelt, wie dies auch in den übrigen westeuropäischen Ländern erfolgt ist.
Bereits im Juni 1986 kommunizierte die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz KUeR, dass die zusätzliche Strahlenbelastung der Schweizer Bevölkerung deutlich unter dem Schutzziel liege.
Schutzziele dienen einer wirksamen Begrenzung der Strahlendosis der Bevölkerung.
Die durchschnittliche Zusatzdosis der schweizerischen Bevölkerung betrug im ersten Jahr nach dem Unfall 0,2 Millisievert (mSv). Akute Effekte als Folge einer solchen Bestrahlung treten bei Pflanzen, Tieren und Menschen nicht auf. Auch waren keine Missbildungen bei Kindern zu erwarten, die während der Schwangerschaft bestrahlt worden waren.
Bernard Michaud, ehemaliger Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit, hat die Detektion der radioaktiven Wolke als Leiter der Sektion Strahlenschutz erlebt. Er kommentiert in diesem Video die radiologischen Folgen des Unfalls in der Schweiz.
Für das Landesmittel beträgt die Strahlendosis der Bevölkerung in der Schweiz über alle Folgejahre bis heute etwa 0,5 mSv. Zum Vergleich: die jährliche Strahlenbelastung durch natürliches Radon beträgt 3,2 mSv.
Ablagerungen in der Umwelt
Die Ablagerungen von Radioaktivität aus dem Tschernobyl-Reaktorunfall wurden vorwiegend durch Niederschläge während des Durchzuges der Wolke verursacht. Das Tessin war die vom Tschernobyl-Unfall am stärksten betroffene Gegend der Schweiz. Zu erhöhten Ablagerungen kam es auch in höheren Lagen des Jurabogens und in Teilen der Nordostschweiz.
Die gemessenen Aktivitäten nehmen zwar seit 1986 kontinuierlich ab. Das Radiocäsium aus Tschernobyl verursacht aber dennoch die Grenzwertüberschreitungen im Fleisch einiger im Tessin erlegter Wildschweine. Gewisse einheimische Wildpilze – zum Beispiel Zigeuner (Reifpilz) – können immer noch hohe Cäsium-137-Werte aufweisen.
Cäsium 137 ist ein künstliches, radioaktives Isotop. In der Natur kommt nur das stabile Isotop Cäsium-133 vor. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren und entsteht bei der Kernspaltung, wie sie in einem Kernkraftwerk stattfindet.
Gemäss Bundesamt für Gesundheit BAG sind die wenigen in der Schweiz festgestellten Toleranzwertüberschreitungen in Lebensmitteln eine Folge des Reaktorunfalles in Tschernobyl. Die jährlichen Ganzkörpermessungen an Schulklassen ergeben heute aber sehr niedrige Dosen durch aufgenommenes Cäsium-137.
Sedimentkerne als Archiv
In den Seen werden Ablagerungen aus dem Reaktorunfall Tschernobyl immer noch nachgewiesen. Das Labor Spiez, das Wasserforschungsinstitut EAWAG und das Paul Scherrer Institut PSI analysierten 2013 im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG Sedimentkerne aus dem Bielersee.
Sie stellten fest: „Über den gesamten Zeitraum (1950-2013) betrachtet, hatte etwas mehr als die Hälfte des Cäsium-137 im Bielersee-Sediment seinen Ursprung in den Atomwaffentests der frühen 60er-Jahre. Das Kernkraftwerk Mühleberg ist für knapp ein Drittel des gesamten im See abgelagerten Cäsium-137 verantwortlich. Rund ein Achtel ist dem Reaktorunfall in Tschernobyl zuzuordnen. Die Seen im Tessin, welche stärker vom Fallout aus Tschernobyl betroffen waren, weisen sogar erheblich grössere Cäsium-137 Konzentrationen auf“.
Das ist der sechste von sechzehn Teilen zur Geschichte des Unfalls Tschernobyl.