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von Dr. Sebastian Horn
Funktioniert Ihr Gedächtnis optimal? Die meisten Menschen würden dies wohl verneinen. Oft wird dann auf die vielen kleinen Missgeschicke verwiesen, bei denen vielleicht ein Name vergessen, ein Gegenstand verlegt, oder ein Termin verpasst wurde. Dabei wird jedoch die gewaltige Aufgabe des menschlichen Gedächtnisses unterschätzt, welches eine riesige Menge an Erinnerungen zu verwalten hat. In jedem beliebigen System, das für die Verwaltung einer so riesigen Datenmenge verantwortlich ist, sind auch Fehler oder Verzögerungen beim Abruf wahrscheinlich. Es ist einfach extrem aufwendig, den sofortigen Zugang zu einer riesigen Informationsmenge aufrechtzuerhalten. Jeder Eintrag in unserem Gedächtnis hat eine Geschichte, wie oft er in der Vergangenheit gebraucht wurde. Zum Beispiel kann es sein, dass man die Telefonnummer einer guten Freundin in der letzten Woche gar nicht benötigt hat, dafür aber in der Woche zuvor viermal. In diesem Sinn sind unsere Erinnerungen vergleichbar mit «Gebrauchsgegenständen», die mehr oder weniger häufig benutzt werden. Die Kognitionswissenschaftler John R. Anderson und Lael J. Schooler haben sich in diesem Zusammenhang eine interessante Frage gestellt: Wie verhält sich ein System optimal, das mit einer riesigen Datenmenge konfrontiert ist, aber nicht alle Einträge sofort verfügbar machen kann? Eine Überlegung war dabei, dass ein Gedächtnissystem optimal funktionieren würde, wenn es diejenigen Einträge am besten verfügbar macht, die in der Zukunft auch am wahrscheinlichsten benötigt werden. Zum Vergleich: Wenn wir einen Gegenstand ständig brauchen, dann würden wir ihn auch an einem leicht zugänglichen Ort platzieren—und eben nicht ganz hinten in der Abstellkammer. Um ihre Annahmen zu testen, haben die Wissenschaftler die Struktur verschiedener Umwelten untersucht, die Anforderungen an das Gedächtnis stellen. Beispielsweise haben sie die Schlagzeilen der Tageszeitung New York Times über zwei Jahre analysiert (vom 01.01.1986 bis 31.12.1987). Jedes Mal, wenn ein bestimmtes Wort (z.B. «Reagan») in der Schlagzeile der Zeitung auftaucht, kann dies als eine «Aufforderung» an einen potentiellen Leser verstanden werden. Dieser muss sich erst an die Bedeutung des Wortes erinnern (z.B. «US-amerikanischer Präsident»), um zu entscheiden ob er den Artikel vielleicht lesen möchte oder eher nicht. Von Interesse war in der Untersuchung nun, ob und wie die Nutzungshäufigkeit eines bestimmten Wortes aus einer vergangenen Zeitperiode (letzte 100 Tage) die Wahrscheinlichkeit der Nutzung am darauffolgenden 101. Tag in den Schlagzeilen vorhersagt. Dabei zeigte sich: Je häufiger ein bestimmtes Wort in den Schlagzeilen auftauchte und je kürzer dies zeitlich zurücklag, desto eher tauchte das Wort auch am Folgetag wieder in einer Schlagzeile auf. Dabei haben die Wissenschaftler festgestellt, dass die Muster im Auftreten von Wörtern in den Schlagzeilen mit denselben mathematischen Potenzfunktionen beschrieben werden können wie auch die menschliche Lern- und Erinnerungsleistung. Ein dazu passendes Muster zeigt sich nämlich bei der sogenannten «Vergessenskurve», die in Studien des Psychologen Hermann Ebbinghaus (1885) erstmals dokumentiert wurde: Gedächtnisinhalte, die häufiger oder vor kürzerer Zeit benötigt wurden, können mit geringerem Aufwand wieder erinnert werden. Die Wissenschaftler haben neben den Schlagzeilen noch weitere Bereiche analysiert und konnten dabei stets zeigen, dass sich gemeinsame Prinzipien zwischen den Anforderungen in der Umwelt und dem Gedächtnis finden lassen. Die Struktur unserer Umwelt scheint sich also in unseren Gedächtnisfunktionen widerzuspiegeln.
Literatur
Anderson, J. R., & Schooler, L. J. (1991). Reflections of the environment in memory. Psychological Science, 2, 396-408. Ebbinghaus, H. (1885). Über das Gedächtnis: Untersuchungen zur experimentellen Psychologie. Leipzig: Duncker und Humblot. https://www.projekt-gutenberg.org/ebbingha/memory/gdaecht.html Projekt Gutenberg
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