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Als die Note der Inderin Dipa Karmakar auf dem Videoscreen der Rio Olympic Arena erschien und klar war, dass Steingruber mindestens Bronze gewinnen würden, fielen sich die Ostschweizerin und ihr Trainer Zoltan Jordanov um den Hals und umarmten sich lange. Nach Jahren des Trainings, der Entbehrungen, des Schweisses, der Schmerzen, aber auch des Erfolgs hatten die beiden ihr grosses Ziel erreicht: den Gewinn einer Olympia-Medaille. “Es ist wunderschön, diese Medaille um den Hals zu tragen”, sagte Steingruber. “Sie ist die Belohnung für die harte Arbeit.”
Fünf EM-Titel und insgesamt neun EM-Medaillen hatte Steingruber seit 2012 gewonnen, Edelmetall auf der Weltbühne, an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, war der erfolgreichsten Schweizer Kunstturnerin der Geschichte aber bislang verwehrt geblieben.
Am Sonntag füllte die dreifache Sprung-Europameisterin diese Lücke in ihrem Palmarès. Hinter der einmal mehr überragenden Simone Biles und nur 0,037 Punkte hinter der russischen Weltmeisterin Maria Paseka sicherte sie sich Olympia-Bronze. Es war die 49. Olympia-Medaille in der Geschichte des STV, die erste aber für eine Frau, nachdem Romi Kessler an den Spielen 1984 in Los Angeles und Ariella Kaeslin 2008 in Peking in einem Gerätefinal Platz 5 belegt hatten.
Dass Steingruber gleich bei der ersten sich ihr bietenden Gelegenheit – sie tritt am Dienstag auch noch im Boden-Final an – die Chance am Schopf packen würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Zum einen trat sie aufgrund des geringeren Schwierigkeitsgrades ihrer beiden Sprünge im Vergleich zur Konkurrenz als Aussenseiterin an, zum anderen war ihr das Abschlusstraining am Samstag komplett missglückt. Und auch im Mehrkampf-Final am Donnerstag (10.) hatte sie nicht den besten Eindruck hinterlassen.
Am Tag X war die Ostschweizerin aber bereit. Sie verzichtete wie angekündigt auf ihren neuen Sprung, den Tschussowitina mit einer zusätzlichen halben Schraube, zeigte dafür den Tschussowitina, den sie aus dem Effeff beherrscht, wie auch den Jurtschenko mit der Doppelschraube nahezu in Perfektion. Die dreifache Sprung-Europameisterin erhielt dafür 15,216 Punkte, womit sie beinahe auch noch die russische Weltmeisterin Paseka abfing. Die neue Olympiasiegerin Simone Biles turnte einmal mehr in einer eigenen Liga und holte ihr drittes Gold in Rio.
Die Taktik, anstatt auf Risiko auf Qualität zu setzen, zahlte sich nicht zum ersten Mal für Steingruber und Jordanov aus. Die Nordkoreanerin Hong Un-jong, die den Wettkampf eröffnet hatte, stürzte bei ihrem neuen Sprung und vergab damit nicht nur ihre Chance auf den zweiten Olympiasieg nach 2008, sondern auch die zuvor sicher geglaubte Medaille.
(SDA)