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FV-43 | Wie pass(t)en sich Schweizer Firmen an den starken Franken an?
Prof. Dr. Rolf Weder, Matthias Flückiger, Christian Rutzer
Aussenwirtschaft und Europäische Integration
Forschungsfrage
Welche Effekte hatte die starke Frankenaufwertung der Jahre 2010-2011 auf die schweizerische Volkswirtschaft? Haben die Schweizer Unternehmen Massnahmen gegen den starken Franken ergriffen? Falls ja, welche?
Ziel des Projektes
Ziel des Projektes ist, ein klareres Bild bezüglich der Auswirkung der Frankenaufwertung zu erhalten. Die diesbezügliche Analyse soll auf mehreren Aggregationsstufen stattfinden. Zuerst wird untersucht, ob (negative) Effekte auf der gesamtwirtschaftlichen Stufe erkennbar sind. In einem zweiten Schritt wird dann betrachtet, ob einzelne Sektoren und Branchen unterschiedlich stark unter der Frankenstärke leiden. In einem dritten Schritt soll dieselbe Analyse auf Firmenebene durchgeführt werden. Ziel des letzten Analyseschrittes ist abzubilden, ob/wie sich die Schweizer Unternehmen nach dem Frankenschock angepasst haben. Hierbei soll insbesondere auch untersucht werden, ob es systematische Unterschiede zwischen Unternehmen innerhalb einer gleichen Branche gibt.
Realisierte Schritte und Resultate
Die Erkenntnisse sind nachfolgend nach Aggregationsniveau getrennt aufgeführt.
Gesamtwirtschaftliche Ebene: Keine der üblicherweise betrachteten Kenngrössen, wie beispielsweise Arbeitslosenquote oder Bruttoinlandsprodukt, weist einen negativen Zusammenhang mit dem Frankenschock auf. Eine mögliche Erklärung für das Ausbleiben eines negativen Effektes ist, dass dieser durch andere Effekte überlagert, beziehungsweise überkompensiert wurde. Aus den Daten ersichtlich wird beispielsweise, dass zeitgleich mit der Aufwertung die Weltnachfrage deutlich angestiegen ist. Zu beachten hierbei ist jedoch, dass in dieser Analyse die aktuelle Frankenaufwertung (2015) nicht miteinbezogen werden konnte, da auf aggregierter Ebene nur Daten bis zum Jahr 2014 zur Verfügung stehen. Da die Weltnachfrage im Jahr 2015 jedoch rückläufig war, ist zu vermuten, dass die aktuelle Frankenaufwertung mit negativen gesamtwirtschaftlichen Effekten einhergegangen ist.
Handelsströme: Anhand der Handelsströme (Importe und Exporte) wurde ein um den Wechselkurs erweitertes Gravitationsmodell geschätzt.[1] Die Regressionsresultate zeigen, dass eine Aufwertung des Schweizer Frankens mit einer Reduktion der Exporte einhergeht. Das heisst, erhöht sich der Preis des Schweizer Franken relativ zur Währung des Partnerlandes, werden (ceteris paribus) weniger Schweizer Güter in dieses Land exportiert.[2] Die Sensitivität bezüglich Veränderungen des Wechselkurses hat jedoch seit dem Frankenschock nicht zugenommen. Jedoch bestehen deutliche destinationsspezifische Unterschiede bezüglich der Wechselkurssensitivität. Exporte nach Europa (d.h. nach Länder des Europäischen Kontinents ohne Schweiz) reagieren beispielsweise nicht statistisch signifikant auf Wechselkursschwankungen. Die Exporte zu den anderen Kontinenten sind hingegen deutlich negativ korreliert mit einem Anstieg des Frankenkurses. In einem nächsten Schritt wurde auch untersucht, ob es Unterschiede bezüglich der Auswirkungen von Wechselkursveränderung je nach Art der Produkte gibt. Hierzu wurden die gehandelten Güter bezüglich ihrer Substituierbarkeit in homogene, preisreferenzierte und differenzierte Güter klassifiziert. Wie zu erwarten zeigt sich, dass homogene Güter stärker auf Wechselkursveränderungen reagieren als Güter der anderen beiden Kategorien.
Branchenebene: Um Auswirkungen von Wechselkursveränderungen auf Branchenebene analysieren zu können, wurde jeweils ein branchenspezifischer Wechselkurs verwendet. Dieser trägt der unterschiedlichen Wichtigkeit von Handelspartnern für unterschiedliche Branchen Rechnung. Es zeigt sich, dass Wechselkursveränderungen signifikant negative Auswirkungen auf den Umsatz sowie die Produktion auf Branchenebene hatten. Ein negativer signifikanter Effekt auf die Beschäftigung konnte jedoch nicht festgestellt werden. Zudem wurden die aus der Handelsstromanalyse gewonnen Erkenntnisse verwendet, um Branchen i) hinsichtlich der Exportanteile nach Europe und ii) anhand des Anteils homogener Güter am Gesamtexportvolumen zu kategorisieren. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen aus der Analyse der Handelsströme zeigte sich, dass der Umsatz, die Beschäftigung sowie die Produktion in Branchen mit einem hohen Exportanteil nach Europa tendenziell stärker wachsen als in solchen mit einem niedrigen Exportanteil. Zudem entwickeln sich diese drei Kennzeichen ebenfalls besser für Branchen, die differenzierte Güter produzieren als für solche die homogene Güter produzieren.
Nicht realisierte Schritte
Ein Ziel der Studie war es, Erkenntnisse auf Firmenebene zu gewinnen. Diesbezüglich haben wir immerhin auf der Basis eines einfachen Modells Hypothesen formuliert, welche Auswirkungen auf unterschiedliche Typen von Firmen zu erwarten sind. Leider gelang es uns bisher aber nicht, diese Überlegungen empirisch zu überprüfen.
So zogen wir eine Auswertung eines Paneldatensatzes der KOF in Zürich in Betracht. Es zeigte sich jedoch, dass dieser Datensatz ungeeignet ist um zu analysieren, ob und gegebenenfalls wie Unternehmen unterschiedlich auf die Aufwertung reagiert haben. Der Grund hierfür liegt in der Qualität der Daten. Diese sind weder repräsentativ noch werden sie jährlich erhoben. Weitere Datensätze, wie beispielsweise die Orbis Datenbank, wurden ebenfalls auf deren mögliche Verwendung für eine Analyse hin überprüft. Aber auch dort traten unüberwindbare Probleme auf. Aus diesem Grund war es uns bisher nicht möglich, der Frage nachzugehen, ob es systematische Unterschiede zwischen Unternehmen innerhalb einer gleichen Branche bezüglich der Auswirkungen von Wechselkursveränderungen gibt. Wir werden in der verbleibenden Zeit noch nach Möglichkeiten suchen, diesen Punkt teilweise abzudecken.
[1] Mit dem Gravitationsmodell wird versucht, bilaterale Handelsströme zwischen zwei Ländern zu erklären. Üblicherweise werden in einem solchen Modell die Markgrösse (BIP) sowie die Entfernung der Partnerländer berücksichtigt.
[2] In dieser Regression wird die Entwicklung anderer, exportbeeinflussender Grössen berücksichtigt (wie beispielsweise die Weltnachfrage). Daher stellt dieser geschätzte negative Effekt keinen Widerspruch zu den vorher erwähnten Resultaten dar, welche ihrerseits keine Auswirkung des Frankenschocks zeigen.