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Seit Wochen droht Nestlé, seine französische Edelwasserquelle abzustossen. Der Konzern liegt mit der linken Gewerkschaft CGT im Dauerstreit.
Der französische Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy zeigte sich einmal mehr umtriebig. Am Dienstag empfing er Nestlé-Manager, um sich in den Konflikt des Konzerns mit den Beschäftigten seiner Mineralwasserfabriken in Frankreich einzuschalten. Bereits in der Woche zuvor beklagte er auf dem Radiosender Europe 1 «den Extremismus einer Gewerkschaftsorganisation», welche schuld daran sei, dass Nestlé mit dem Verkauf der Vorzeigemarke Perrier drohe. Am Ende der Gesprächsrunde bei Sarkozy erklärten die Nestlé-Leute, sie seien bereit, über einen Verbleib in Frankreich mit sich reden zu lassen. Allerdings müsse die linke Gewerkschaft CGT ihr Veto gegen eine Vereinbarung vom Juli zurückziehen. Neuverhandlungen über dort ausgemachte Vorruhestandsregelungen, und damit den Arbeitsplatzabbau, schloss man aus.
Damit geht der Konflikt zwischen der CGT und dem Nestlé-Konzern in eine neue Runde. Der Schweizer Weltkonzern hatte 1992 Perrier mit Sitz im südfranzösischen Vergèze nach einem erbitterten Übernahmekampf mit der italienischen Agnelli-Familie aufgekauft. Perrier wurde ins Tochterunternehmen Nestlé Waters France eingegliedert. Doch kaum war Perrier gekauft, machte sich ein massiver Absatzeinbruch bemerkbar. 1990 waren nämlich bei einer Kontrolle in den USA Spuren von Benzol im Perrier-Wasser nachgewiesen worden. Perrier musste damals 280 Millionen Flaschen vom US-Markt zurückziehen, das Verkaufsvolumen ging um vierzig Prozent zurück. Statt jährlich 1,25 Milliarden Flaschen (1989) setzte man weltweit plötzlich nur noch 600 Millionen ab. So baute Nestlé in den Jahren 1993 bis 1998 rund tausend Arbeitsplätze ab, ein Drittel der Beschäftigten.
Im Jahr 2000 schienen sich die Wogen zu glätten: Der Nestlé-Konzernchef Peter Brabeck bot der CGT ein Stillhalteabkommen an. Es werde keine weiteren Entlassungen geben, wenn die Gewerkschaft zur Zusammenarbeit bereit sei. Das Geschäft begann wieder zu florieren: Im Jahr 2002 fuhr der Konzern mit Perrier erstmals wieder Gewinne ein. Von 680 Millionen Flaschen (1999) stiegen die Verkaufszahlen auf 830 Millionen im vorigen Jahr. Die CGT forderte deshalb, dass wieder mehr Beschäftigte eingestellt werden. Vor allem weil der Hitzesommer 2003 allen Mineralwassermarken neue Verkaufserfolge, aber auch mehr Arbeit bescherte. Nestlé weigerte sich, es kam zu Arbeitskämpfen, und das Stillhalteabkommen war gebrochen.
Nestlé ging Anfang dieses Jahres in die Offensive: Der Konzern präsentierte einen Umstrukturierungsplan für seine Mineralwasserfabriken in Frankreich; Perrier, Vittel, Contrex und Queyzac. Der Plan sieht einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen vor. Demnach sollen von derzeit 4100 Beschäftigten insgesamt 1047 in den Vorruhestand geschickt werden. Neueinstellungen soll es demgegenüber nur gerade 276 geben. Die CGT wies diesen Plan zurück. Sie forderte von Nestlé, dass mehr Arbeitsplätze erhalten bleiben. Die CGT legte im Juli 2004 ihr Veto gegen eine Firmenvereinbarung ein, die Nestlé mit zwei Gewerkschaften – der sozialdemokratischen CFDT und der Vertretung der höheren Angestellten CGC – bereits abgeschlossen hatte. Da die CGT bei Nestlé Frankreich 55 Prozent, bei Perrier gar 85 Prozent der Beschäftigten vertritt, kann sie laut Gesetz ein solches Recht geltend machen. Der Konzern drohte aufgrund des Vetos mit dem Verkauf.
«Wir verdienen seit zehn Jahren mit Perrier kein Geld», behauptete letzte Woche der französische Nestlé-Chef Richard Girardot in einem Gespräch mit Radio France Info. Als potenzielle Kaufinteressenten nannte Girardot angloamerikanische Investmentfonds. Auch eine Produktionsverlagerung ins Ausland käme in Frage. Der Markenname Perrier ließe sich rein rechtlich auf eine andere Quelle übertragen.
Gleichzeitig kündigte Nestlé Waters France am vorigen Mittwoch im Konzernbetriebsrat an, für die einzelnen Mineralwassermarken nunmehr rechtlich selbständige Filialen einzurichten. Offenbar will Nestlé seine französische Mineralwasserfirma deshalb zerlegen, um die CGT zurückzudrängen. – Während die Gewerkschaft in Südfrankreich zwar stark ist, hat sie in den Vogesen (bei Vittel und Contrex) nicht so viel zu melden. Viele ältere Beschäftigte kreiden dort der CGT ihr Veto an. Sie befürchten, der vorzeitigen Pensionierung zu entgehen.