Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03328.jsonl.gz/1042

Sie haben sich als Teenagerin den Herausforderungen, die sich Ihnen wegen den Essstörungen stellten, ohne die Unterstützung Ihrer Eltern gestellt und den Weg zum selbstständigen Leben ermöglicht. Wie war das für Sie?
Wenn ich mich zurück erinnere, war das nicht speziell für mich, da ich nichts anderes kannte. Das gehörte für mich zur Normalität. Konkret bedeutete das für mich, dass ich in der Lage sein musste, schwierige Situationen selbst zu bewältigen. Es war nicht in Ordnung, um Hilfe zu bitten, da das mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden war und das gehörte sich nicht in unserer Gesellschaft. Daher habe ich es mir auch so eingeprägt, dass ich alles allein stemmen muss, denn es ist niemand da, der mir hilft.
Hatten Sie Menschen um sich, die Sie aus dieser Krankheit zum selbstständigen Leben unterstützt haben?
Nein, ich hatte keine Menschen um mich, die mich aus dieser Krankheit zum selbstständigen Leben unterstützt haben. Aber dazu muss ich sagen, dass ich während den Winterzeiten sehr viele Schichten an Kleidung getragen habe, sodass mein Körper nicht aufgefallen ist. Im Sommer habe ich das gleiche gemacht. Oft habe ich einen Schal, einen Hut, Handschuhe und mehrere Strümpfe getragen, um sicherzustellen, dass ich keinen Personen ein Indiz gebe, dass es mir nicht gut geht.
An einem Silvesterfest hatte ich sehr enge Hosen angehabt und meine Beine waren sehr dünn. Da hat mir eine Freundin auf der Tanzfläche gesagt, dass ich sehr dünn bin. Es ist aber niemand aktiv auf mich zugekommen und hat gesagt: «Tamara, ich fühle, dass etwas mit dir nicht stimmt. Ich glaube, dir geht es nicht gut. Möchtest du darüber reden?».
Rückblickend werte ich das nicht negativ. Mein Umfeld konnte mir nicht mehr geben, da sie selbst nicht wussten, wie sie damit umgehen sollen. Ich finde das ist okay. Es war für mich ein Lernprozess und zugleich konnte ich akzeptieren, dass das nicht damit zu tun hat, dass mich meine Mitmenschen weniger gern haben.
Was hätten Sie sich von Ihren Eltern gewünscht, um den Weg zum selbstständigen Leben einfacher zu gestalten?
Egal ob mir meine Eltern oder Freunde die Hilfe angeboten hätten, wäre mir die Annahme des Hilfsangebotes nicht möglich gewesen. Ich wäre nicht bereit gewesen offen mit meinen Essstörungen umzugehen, weil ich damals noch nicht so weiterentwickelt war, um zu verstehen, was da gerade passiert.
Wie haben Sie ohne Unterstützung den Weg zum selbstständigen Leben zurückgelegt?
Ich konnte mir selbst beibringen, gesund zu Leben. So lernte ich mit negativen Emotionen wie Schuld, Scham, Trauer, Wut et cetera umzugehen. Im Leben gibt es immer ein Hoch und ein Runter. Man muss lernen, mit dem zu leben. Ebenso musste ich akzeptieren, dass ich das Leben nicht kontrollieren kann. Das Leben befindet sich in einem stetigen Wandel. Es bleibt nichts für die Ewigkeit.
Es war ein ständiges Lernen. Lernen zu fühlen, Lernen für mich einzustehen und meine Bedürfnisse zu kennen, Lernen Grenzen zu setzen, Lernen mit meinen dunklen Zeiten umzugehen, Lernen zu verstehen, dass es ein Prozess ist, dass kein Anfang und Ende hat und Lernen das Leben mit den Ängsten zu bestreiten. Auch wenn da Fehler passieren, ist wichtig, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Es bringt nichts, wenn man an der Stelle bleibt und denkt, dass geht schon irgendwie. Für mich war es später dann wichtig, mit anderen Personen darüber zu sprechen, da ich mich lange dafür geschämt habe, dass es mir nicht gut geht.
Diese Erfahrungen haben mir nicht nur aus den Essstörungen geholfen, sondern in allen anderen Lebensbereichen auch. Egal ob Ausbildung, auf dem Weg zum selbstständigen Leben oder Beziehungen, wichtig ist immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Was war der Schlüsselfaktor, der Sie ohne die Unterstützung Ihrer Mitmenschen aus den Essstörungen zum selbstständigen Leben geführt hat?
Wie ich am Anfang gesagt habe, hatte ich 20 Jahre mit Essstörungen zu kämpfen und es waren nicht Essstörungen allein, sondern auch psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Traumata. Es hat für mich keinen Schlüsselfaktor gegeben, der mich aus all diesen Krankheiten zum selbstständigen Leben geführt hat, sondern kleine Erfolge haben mich Schritt für Schritt geheilt.
Einer dieser kleinen Erfolge war damals in Chur, als es geschneit hat. Ich bin in eine Telefonkabine gegangen und habe eine Notruf-Hotline angerufen. Ich habe mich da als eine andere Person am Telefon ausgegeben und der Dame am Telefon erzählt, dass ich eine Freundin habe, die nicht mehr isst und dünner wird. Die Dame hat dann einige Fragen zum Gewicht, zur Grösse und so weiter gestellt. Am Schluss hat Sie mir gesagt, dass ich der Freundin ausrichten kann, dass sie nicht mehr lange auf der Erde bleiben wird, wenn sie so weiter macht. Ich habe das Telefon dann abgehängt, war in dieser Telefonkabine und musste zuerst verarbeiten, was die Dame mir am Telefon gesagt hat. Sie hat oft das Wort «Tod» erwähnt. Dadurch habe ich dann realisiert, dass ich eine Störung habe. Ich habe immer angenommen, mit mir sei alles in Ordnung. Diese Essstörung habe ich dann akzeptiert, was ein wichtiger Schritt war, um in der Heilung voran zu kommen.
Was würden Sie anderen Eltern, die ein Kind mit einer Behinderung oder Krankheit haben, raten, damit das Kind eine gute Grundlage von den Eltern für den Weg zum selbstständigen Leben erhält?
-
Zum Thema Vorwürfe und Verurteilungen in der Familie möchte ich sagen, dass ich nicht hören wollte, dass das schlecht ist, dass ich das schlecht mache oder, das und das kann ich anders machen. Im Unterbewusstsein wissen wir Betroffenen das schon, aber wir möchten das in dem Moment nicht hören. Was wir hören möchten ist, dass die Eltern für uns da sind, egal was ist und wird. Es sollte für das Kind möglich sein, die schwächere Seite zu zeigen, da das zum Menschsein gehört. Im selbstständigen Leben gibt es auch mal Momente, wo man auf die Unterstützung anderer angewiesen ist. Eltern sollen einfach zuhören, ohne zu werten und zu verurteilen. Zum Beispiel am Esstisch, wenn sich das Kind in einer Phase befindet, wo es mit dem Essen besser geht, sollten die Eltern das Kind loben: «Du hast das sehr gut gemacht. Ich sehe, wie du dich anstrengst.» Und nicht «Hey, wieso isst du heute das nicht? Und gestern hast du das nicht gegessen.» Dem Kind nützt dieses Verhalten der Eltern nichts, denn es probiert und probiert, aber es kriegt dann immer wieder einen auf den Deckel. Das führt zu einem minderen Selbstwertgefühl beim Kind. Dann geht das Kind wieder in sein Häuschen und wird Schwierigkeiten haben, sich zu öffnen. Einer Person mit Essstörung kann man nichts mit Logik erklären. Die Person ist so davon besessen.
-
Der nächste Punkt ist, ertappe mich nicht auf frischer Tat. Wenn ich zum Beispiel Bulimie habe und zur Toilette gehe, um mich nach dem Essen zu erbrechen, dann sollten die Eltern mir nicht folgen und mich vor allen bloss stellen. Lieber sollten die Eltern abwarten bis die Ruhe da ist und dann nachfragen, ob alles in Ordnung ist und einfach Zuhören.
-
Die Eltern sollen das Leben nicht auf die Krankheit oder Behinderung des Kindes reduzieren. Zeigen Sie dem Kind, wie das richtige Leben geht. Wie sieht das Leben ohne Sorgen und Ängste aus? Zeigen Sie dem Kind das. Das Kind muss nicht jeden Tag Sachen über die Krankheit oder Behinderung hören. Gehen Sie mit dem Kind raus, gehen Sie mit dem Kind wandern, gehen Sie mit dem Kind einkaufen, verbringen Sie die Freizeit mit fröhlichen Dingen im Leben. Das Kind darf auch gerne Sachen von seinen Eltern lernen, die zum selbstständigen Leben gehören.
-
Eltern müssen akzeptieren, dass sie ihren Kindern nur bedingt helfen können. Eltern können immer für das Kind da sein, sie können dem Kind immer zuhören und sie können immer nachfragen, ob sie etwas für das Kind machen sollen. Wichtig ist zu wissen, dass nur das Kind etwas an der Situation ändern kann. Es hat die Verantwortung über sein eigenes Leben. Aus meiner Sicht gibt es nur einen Moment, wo die Eltern gegen den Willen des Kindes handeln müssen. Das ist dann, wenn das ärztliche Fachpersonal mitteilt, dass die Situation des Kindes lebensbedrohlich ist. Es kann sein, dass das Kind die Eltern im ersten Moment dafür hasst, aber im Nachhinein wird das Kind schon dankbar sein, denn schlussendlich handeln die Eltern in dieser Situation zum Wohle des Kindes.
-
Der letzte Punkt ist, holen Sie sich auch selbst Hilfe. Eltern haben es auch verdient, ein glückliches Leben zu führen.
Sie haben den Weg zum selbstständigen Leben hinter sich. Wie leben Sie heute als Ex-Betroffene?
Seit fünf Jahren habe ich begonnen, von Essstörungen betroffene Menschen zu beraten, zu begleiten und zu coachen. Seit einem Jahr begleite ich auch Eltern. Ich habe gemerkt, dass die Eltern sehr überfordert sind, die Schuld bei sich suchen und sie verstehen die Welt nicht mehr. Da versuche ich Fachwissen mit Erfahrung in Verbindung zu bringen, um den Betroffenen und ihren Angehörigen weiterzuhelfen.