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«Je mehr der Senex, der traditionelle Geist unserer Kultur, zerfällt, desto bedeutender wird der Puer für das Problem der schöpferischen Erneuerung.»
Die Antike kannte ihn als einen Gott des Lebens, des Todes und der Auferstehung, und als mythologische Figuren sind der «ewige Jüngling» und das «göttliche Kind» bis heute lebendig. C.G.Jung hat den Puer aeternus als Bild des Selbst und des schöpferischen Genius beschrieben, als Symbol der religiösen Erneuerung, das immer dann besondere Bedeutung erlangt, wenn der traditionelle Geist einer Kultur zerfällt und nach neuen Werten, Lebensformen und Problemlösungen gesucht wird.
Es war Marie-Louise von Franz, die mit ihrem inzwischen weltweit bekannten Buch aus der Sicht der Jungschen Psychologie zuerst die Frage stellte, wie dieser Archetypus des ewigen Jünglings von einzelnen Menschen gelebt wird und wie er zur Quelle der Erneuerung oder aber zur Ursache eines frühen Todes werden kann. Den Puer aeternus unserer Zeit beschreibt sie als einen Persönlichkeitstyp, der zu lange in der Adoleszenz verbleibt und vor allem durch Realitätsferne und die Unfähigkeit zum Erwachsenwerden gekennzeichnet ist.
Im ersten Teil macht die Autorin anhand einer ausführlichen Interpretation von Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» und unter Heranziehung von Beispielen aus der Praxis die beim Puer aeternus immer vorhandene zu starke Mutterbindung deutlich. Die vergleichbare Problematik bei der Frau sieht sie im Zusammenhang mit dem Vaterkomplex.
An einem praktischen Fall, in dem ein großer archetypischer Traum das ganze Problem spiegelt, wird im zweiten Teil aufgezeigt, warum sich der ewige Jüngling so schwertut, durch die Beziehung zu einer Frau an die Erde gebunden zu werden. Der dritte Teil schließlich befaßt sich anhand des Romans «Das Reich ohne Raum» von Bruno Goetz mit der deutschen Variante des Puer aeternus, indem besonders das Generationenproblem sowie die Frage der politischen und religiösen Erneuerung beleuchtet werden.
Deutlich wird: Beim Mann wie bei der Frau bedarf es zur Überwindung des gefährlichen Aspektes des Puer aeternus-Problems eines tiefgreifenden Reifungsprozesses. Wird er durchgehalten, können wir das Erwachsensein annehmen, ohne den kreativen Genius als wertvolles Erbe unserer Kindheit und Jugend preiszugeben.
Umschlagbild Barbara Hannah: The Blue Pool (Aquarell 1927)