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Die Sprache der Samnauner
Immer wieder kann man feststellen, dass sich Gäste von Samnaun über die eigentümliche Sprache wundern. In der Tat sind die Samnauner in sprachlicher Hinsicht die kleinste Minderheit der Schweiz. Der Tiroler Dialekt, den die Samnauner sprechen, ist zumindest für die meisten Schweizer etwas völlig Exotisches. Sprachwissenschaftlich gesehen handelt es sich dabei um Südbairisch, welches – mit den ganz speziellen, lokalen Färbungen – die Mundart der Samnauner geworden ist. So kommt es auch, dass die Samnauner hie und da gefoppt werden, sie gehören gar nicht mehr zur Schweiz.
Die Geschichte Samnauns richtig interpretierend, müsste man annehmen, dass die Samnauner Romanisch sprechende Graubündner seien. Das waren sie auch. Wie kam es jedoch zur sprachlichen Wandlung?
Die geographische Abgeschiedenheit Samnauns brachte es schon in der Besiedlungszeit mit sich, dass die Menschen sich talauswärts ins Tirol orientieren mussten. Ein reger Handelsverkehr mit dem Engadin war aufgrund der gebirgigen Übergänge, die ohnehin nicht ganzjährlich begehbar waren, nicht möglich. So benutzte man einen Ochsenkarrenweg von Samnaun ins Tiroler Oberland. Dies hatte für das Samnauner Romanisch natürlich Folgen. Wie aus dem Archiv von Ramosch hervorgeht, wurde in Samnaun schon 1675 vereinzelt der Tiroler Dialekt gesprochen. In den Hauptzügen geht die Wandlung jedoch auf die Zeit um 1800 zurück und erstreckte sich ungefähr bis anfangs 1900. Daheim und auf der Strasse wurde aber noch lange auch Romanisch gesprochen, in manchen Familien sogar ausschliesslich bis nach 1850. Die letzten Samnauner, die noch einigermassen mit der alten Sprache vertraut waren, starben um das Jahr 1935.
Neben den Handelsbeziehungen zum Tirol haben wohl auch die Einstellung von Geistlichen und Lehrern aus dem Tirol das Nötige dazu beigetragen, dass das alte Samnauner Idiom, das weitgehend dem Unterengadiner Vallader entsprach, ausgestorben ist. Es finden sich heute leider keine Schriftstücke in Samnauner Romanisch mehr. Aus alten Berichten kann man entnehmen, dass die Samnauner eine ganz eigentümliche Art der Betonung und eine ganz deutsche und österreichische Aussprache pflegten. Statt baiver sagten sie baiber, für barba – barva, statt nöglia – nelja oder neela, statt vöglia – veela, für füm – fim, statt glüm – glim, statt davò – tavo, statt durmir – turmir etc.
Heute sind wir Samnauner „Deutsch“ sprechende Engadiner. Immer wieder werden wir mit der Frage konfrontiert, weshalb wir in Gesellschaft „Anderssprachiger“ uns nicht unseres Dialektes bedienen. Eine Antwort darauf muss in zweifacher Hinsicht gegeben werden.
Es ist eine Frage des Anstandes, dass man sich in einem Gespräch jeder Sprache bedient, die alle verstehen. Wir Samnauner empfinden es jedenfalls als äusserst unangenehm, wenn wir ins nahe Engadin fahren, beispielsweise um an einer Sitzung teilzunehmen, und dort nur Romanisch zu hören bekommen, obwohl die Leute dort auch des Deutschen mächtig sind.
Zum anderen ist die Sprache eines jeden etwas sehr Intimes. Bei einer sprachlichen Minderheit wie die Samnauner eine darstellen, kommt dies besonders zum Ausdruck. Der immer wiederkehrenden Aufforderung an die Samnauner, unter Anderssprachigen eine „Kostprobe“ des eigenen Dialektes zu geben, wird aus diesem Grunde nur sehr ungern nachgekommen. Mit anderen Worten: Die Samnauner sprechen Samnaunerdeutsch nur mit ihresgleichen oder mit Menschen, die schon lange im Tale sind und den Dialekt auch vorbehaltlos verstehen.
Es ist nun allerdings nicht so, dass man heute in Samnaun nichts mehr von der romanischen Vergangenheit spüren würde. Bis heute haben sich eine Anzahl bemerkenswerter Überbleibsel erhalten. In der Umgangssprachetaucht hie und da noch ein romanisches Wort auf. Natürlich hat die touristische Entwicklung auch eine Veränderung der Sprache mit sich gebracht. Dies ist aber wohl das Zeichen jeder lebendigen Sprache. Der Anteil an romanischen Wörtern in der Umgangssprache war vor 30 Jahren noch bedeutend. Heute verschwinden diese schönen Ausdrücke zusehends. Trotzdem sind noch recht viele heute gebräuchlich.
Unsere sprachliche Vergangenheit kann man heute am besten an den Flurnamen exemplarisch zeigen. Sie sind mit verschwindend wenigen Ausnahmen samt und sonders romanisch. Es wäre vermessen, dem Leser nun eine Auflistung all dieser Flurnamen zuzumuten. Es sei nur soviel erwähnt: Eine Anhöhe nennen wir heute noch Mot oder Mutta, Berge werden mit Piz oder Munt bezeichnet, eine Ebene heisst heute noch Plan oder Plaun, Wiesen werden mit Pra oder Pezza, ein Tal mit Val angegeben. War es auch leicht, mit der Zeit den Sprachwechsel zu vollziehen, so blieben die Schwierigkeiten darin, den Flurnamen deutsch klingende Namen zu geben. Die ladinische Sprache ist in der Ausdrucksweise viel genauer als die deutsche. Aus diesen Gründen wurden die romanischen Bezeichnungen beibehalten.
Der Wiesengrund, wo am Schergenbach sich die Sägerei befindet, heisst plan della resia. Südöstlich von Compatsch heissen die Äcker sot la gripp (=unter den Felsen). Dort, wo vor vielen Jahren am Talweg die Mühle stand, heisst es heute noch mulins, wenn auch dort kein Mühlrad mehr zu hören ist. Die romanischen Flurnamen sind vielsagend. Sie geben zum Beispiel Auskunft über das Aussehen eines Geländes (Champ radond), über die Besonderheiten eines Grundstücks (Pra grond). Sie sagen uns, wo der betreffende Ort liegt (Sot la via), wie der Boden beschaffen ist (Urezzas düras) oder wie der Besitzer heisst (Pra da Men).
Nach vielen hundert Jahren werden die Flurnamen Samnauns von den einheimischen Bauern natürlich nicht mehr in ihrer reinsten Form ausgesprochen. Gerade dies macht auch den Reiz dieser Ausdrücke aus. Mit viel Geduld und Phantasie kommt man jedoch immer auf die ursprüngliche Bedeutung zurück.
Von der alten rätoromanischen Kultur in Samnaun zeugen sodann die Ortsnamen. Compatsch, früher Champatsch, deutet auf ein weites bebautes Feld hin. Laret ist die Ortschaft in der Nähe eines Lärchenwaldes. Plan wird durch seine Lage in der Ebene, also auf der Talsohle, gekennzeichnet. Der Ortsname Ravaisch, in der romanischen Form Ravais-ch (Rivais-ch), wird von der Lage an einen Bach abgeleitet.
Letztlich bleiben noch die Familiennamen als Zeugen der romanischen Vergangenheit Samnauns. Aus urkundlichen Erwähnungen ersehen wir auch die Wandlung der alten Familiennamen:
Carnot: 1400 (Karünczen), 1461 (Carnutsch), 1520 (Karnutschen, Karnutzer), 1785 (Carnot)
Jenal: 1495 (Jenal), 1520 (Genal), 1650 (Gianal)
Zegg: 1245
Denoth: 1650 (da Not)
Aus einem Abgabeverzeichnis der Einwohner von Samnaun, die 1650 der Kirche Sent zinspflichtig waren, ist indes ersichtlich, dass neben den alten noch bestehenden einheimischen Familien in jeder Ortschaft auch eine Anzahl Geschlechter fremden Ursprungs lebten: Clonstoni (heute Kleinstein), Valsar (Walser), Jager (Jäger), Gotscha (Gotsch).
Auch die übrigen hier lebenden Familien mit deutschen Namen wie Platzer, Prinz und Heiss sind wahrscheinlich als freie Leute ins Tal gekommen und hier Bürger geworden.