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wissenschaft
Kurt Reinhardt, Saarbrücker Zeitung, 1997-09-03
Man sollte diese Disziplinen [Philologen und Historiker] auf keinen Fall an der Rechtschreibung herum flickschustern lassen, sondern es einem Naturwissenschaftler oder Mathematiker übertragen, unsere Rechtschreibung nach Gesetzen der Logik auf einen endgültigen Stand zu bringen. […] Philologen sollte die Rechtschreibung nicht ausgeliefert sein und auf keinen Fall Juristen oder Politikern. […] Eine absolut rationale Orthographie wäre eine dringende Notwendigkeit. […] Mit europäischer Integration sollte die Einführung einer rationalen Rechtschreibung schon etwas zu tun haben. Die anderen Länder sollten gleichzeitig mit dem Euro auch eine Laut-bezogene Rechtschreibung einführen. Die absolut verworrenste Orthographie - die englische - sollte in ihrer jetzigen Form endlich verschwinden. […] Wenn man an dem derzeitigen Stand etwas verbessern will, so kann man das nicht mit Demokratie machen, sondern mit klarem Verstand. Philologie ist keine Wissenschaft des logischen Denkens. Folglich müßte man mit der Aufgabe, eine wirkliche Rechtschreibung zu entwickeln, mit der man richtig, einfachstens erlernbar und allgemein verbindlich schreiben könnte, einen Naturwissenschaftler oder Mathematiker beauftragen und nicht sogenannte demokratische Institutionen, sogenannte Geisteswissenschaftler, Politiker, Volksmassen oder sonstwas damit befassen. Man läßt ja auch nicht darüber abstimmen, ob 2x2 = 4 ist. Nun wäre es an der Zeit, alles, was unlogisch an ihnen ist, radikal ohne jegliche philologische und sonstige Kinkerlitzchen zu eliminieren.
Heute weiß man, daß es völlig falsch war, Universitätsgermanisten mit der Beseitigung von Fehlentwicklungen in der deutschen Rechtschreibung zu beauftragen. Ein Arbeitskreis aus tüchtigen Deutschlehrern, Korrektoren und Schreibpraktikern verschiedenster Art hätte das Problem in kürzester Zeit und zu jedermanns Zufriedenheit gelöst.
Tatsächlich sind schon brücken und gebäude eingestürzt, weil sich die ingenieure verrechnet hatten. Hätte man einfach die handwerker machen lassen, wäre es vielleicht nicht passiert. Aber ist das ein allgemeingültiges rezept?
Johann-Mattis List, wub.hypotheses.org,
Wenn man Linguisten nerven möchte, dann gibt es drei […] Möglichkeiten: […], man fragt sie nach ihrer linguistischen Meinung zur Rechtschreibreform […]. Was die drei Fragen […] miteinander zu tun haben, ist, dass sie den Finger in drei große Wunden der Sprachforschung legen […]. Die Frage nach der Rechtschreibreform […] steht für mich persönlich für den Zeitpunkt, an dem die Linguistik zum letzten Mal so richtig grandios versagt hat. Indem sie sich aus einer Diskussion über die Reform weitestgehend heraus hielt, überließ sie das Feld den Literatur Schaffenden, die dann ihr persönliches ästhetisches Empfinden an erste Stelle stellten […]. Zum gleichen Zeitpunkt begann man auch, immer mehr Institute der vergleichenden Sprachwissenschaft zu schließen […]. Dass der historische Sprachvergleich jedoch sehr wohl etwas zu sagen hat, wenn es um die Reform von Schriftsystemen, die ja historisch gewachsene Systeme darstellen, geht, das wurde dabei wieder einmal […] vollständig ignoriert.
Wilhelm Friedrich Schubert, Ueber den gebrauch …, , s. 29
Es iſt überhaupt zu bedauern, daß man in ſo gar vielen fällen die ſprachforſcher übergangen und ihre ſtimmen ungehört gelaſſen hat, während man blindlings obſervanzen folgte, die, wie in ſo vielen anderen angelegenheiten des menſchlichen lebens und wiſſens, bald genug gleichſam geſetz wurden. Wie ſchwer es dann hält, von dieſem wieder abzubringen, beweiſen viele neue beiſpiele ſattſam.