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Kontaktcafé, Kleiderladen und ein PatInnensystem: Freiwillige in der Waadtländer Gemeinde Sainte-Croix zeigen, wie Vorurteile abgebaut werden können.
Der Panoramazug fährt von Yverdon an Weilern, Wäldern und Felswänden vorbei hinauf nach Sainte-Croix im waadtländischen Jura mit seinen rund 4600 EinwohnerInnen. Hier treffe ich Paul Schneider. Er ist Mitbegründer des 1992 entstandenen und momentan aus sechzehn Mitgliedern bestehenden Freiwilligennetzes Café Contact.
Schneider führt mich durch jene Teile des zentral gelegenen Empfangszentrums, die von der Organisation genutzt werden. Das Café ist ein Aufenthaltsraum, in dem jeden Montagvormittag bei Speis und Trank ein Austausch unter den Freiwilligen und den Flüchtlingen stattfindet. Ein paar Schritte weiter befindet sich der Kleiderladen. Hier werden gebrauchte und neue Kleider und Schuhe, aber auch Wörterbücher sehr günstig angeboten.
Welchen Boden betreten sie hier?
Im Café sitzen der Eritreer Gebremichael Abraham* und der Sudanese Khamis Yussuf*. Yussuf erzählt von Lausanne, wo er einquartiert war, bevor er nach Sainte-Croix kam: «Ein unterirdischer Bunker, in dem achtzig Leute im gleichen Raum schlafen.» Hier in Sainte-Croix sei man weniger isoliert, habe das Schwimmbad in der Nähe, Sportmöglichkeiten und Kontakt mit Teilen der Bevölkerung. Auch Abraham, der als eritreischer Polizist wegen Gewissensnot das Land unter Lebensgefahr verlassen musste, ist froh um die Angebote des Freiwilligennetzes. «Der Kleiderladen entspricht einem grossen Bedürfnis. Und die Menschen von Café Contact helfen mir beim Verfassen von Briefen und Eingaben.» Dass er nicht arbeiten darf, bereitet ihm grosse Mühe. «Schlafen, essen, schlafen, das ist unser Alltag hier.»
Das Betreiben des Treffpunkts und des Kleiderladens sind nur zwei der Aktivitäten des Netzes Café Contact. Seit zwei Jahren existiert ein PatInnensystem, in dem BewohnerInnen von Sainte-Croix die Flüchtlingskinder und deren Eltern in der Kommunikation mit der Schule unterstützen. Das neuste Projekt von Café Contact ist eine Französischklasse. Paul Schneider: «Von offizieller Seite erhalten die Flüchtlinge sechs Monate lang Französischkurse, danach ist fertig. Damit die Asylsuchenden weiter die Sprache lernen können, haben wir bisher zwar Einzellektionen gegeben, aber weil das nicht genügte, entstand die Idee einer Klasse.» Es hätten sich bereits sechs Freiwillige gemeldet, die zusammen mit zwei Asylsuchenden die Klasse unterrichten werden. Paul Schneider: «Bevor wir mit diesem neuen Projekt starten, müssen die Unterrichtenden über die Härte des Asylwesens informiert werden: Welchen Boden betreten sie hier?» Es gehe um Integration ohne Vorurteile und darum, den Flüchtlingen keine Illusionen zu machen.
Zum Alltag in der Freiwilligenarbeit gehört laut Schneider auch die Behandlung der offiziellen Schreiben an die Asylsuchenden. «Zum Beispiel juristische Gutachten, die muss man zuerst einmal aus dem Fachjargon in ein verständliches Französisch übersetzen. Dann erklären wir den Betroffenen, worum es geht, und beraten sie betreffend das weitere Vorgehen.»
Mit dem Zug nach Yverdon
Die Arbeit des Netzes funktioniere nur dank des guten Einvernehmens aller Akteure in Sainte-Croix. Im Rhythmus von sechs Wochen beruft der Gemeinderat eine Sitzung ein, wo Polizei, Schulbehörden, Sanitätsbehörden, Verantwortliche des lokalen Empfangszentrums EVAM und Freiwillige des Netzes zusammenkommen. Punktuell werden auch weitere Leute eingeladen. Schneider: «Zum Beispiel ist uns aufgefallen, dass sehr viele Asylbewerber wegen der sehr hohen Billettpreise schwarz mit dem Zug nach Yverdon fuhren und damit Gefahr liefen, strafrechtlich belangt zu werden.» Café Contact habe zusammen mit der lokalen Eisenbahngesellschaft und den Behörden eine einvernehmliche Lösung finden können, seither werde den Flüchtlingen eine gewisse Anzahl Billette kostenlos offeriert.
Im lokalen Kino Royal können sich Flüchtlinge für zwei Franken Eintritt Filme anschauen. Kino und Empfangszentrum zahlen einen kleinen Teil an die Differenz zum normalen Eintrittspreis, der Rest wird aus dem Fonds der Freiwilligenorganisation gespeist. Café Contact organisiert zusätzlich gut besuchte Veranstaltungen, Feste oder Podiumsgespräche, bei denen auch viele Menschen ausserhalb des Netzes den Flüchtlingen begegnen. Das helfe, Ängste abzubauen, die es hier genauso wie anderswo gebe, sagt Paul Schneider.
Er hat noch eine Bitte: «Schreiben Sie nicht, in Sainte-Croix sei alles gut oder unsere Arbeit sei einzigartig. In der ganzen Schweiz gibt es viele Freiwillige, die sich in die Asylpolitik einmischen und wichtige Arbeit leisten. Und wir sind bestens untereinander vernetzt.»
* Namen geändert.