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Beitrag «Kältewelle hat Europa fest im Griff» von «Tagesschau» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 27. Februar 2018 beanstandeten Sie die «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 26. Februar 2018 und dort den Beitrag....[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«In der o.g. Sendung wurde während des Beitrags ‹Kältewelle hat Europa fest im Griff› (zwischen ca. 01:15 und 01:20), im Bahnhof von Rom ein italienisch sprechender Reisender kurz interviewt. Er spricht von ‹parecchi treni cancellati›, was im Beitrag auf Deutsch mit ‹fast alle Züge sind gestrichen› übersetzt wurde. Diese Übersetzung ist falsch, denn korrekt wäre gewesen: ‹(es gibt) einige gestrichene Züge›.
Ein scheinbares Detail, doch solche die Aussage klar verfälschenden Übersetzungen sind mir bei der Tagesschau von SRF bereits in der Vergangenheit immer wieder mal negativ aufgefallen (nebst Italienisch als meine Muttersprache verstehe ich auch sehr gut Englisch), weshalb ich mich endlich zu diesem Schreiben an Sie durchgerungen habe.
Mir kommen diese Verfälschungen teilweise als bewusst so umgesetzt vor, vielleicht weil es publikumswirksamer ist, oder - schlimmer noch - eine gewisse Meinung über ein Land / Bevölkerung / Lebensweise gebildet oder untermauert werden soll. Jedoch: die ggf. persönliche Meinung eines Mitarbeiters, Redakteurin oder Sprechers/Sprecherin der Tagesschau ist nicht gefragt!
Also stellt sich für mich bzw. Sie als Ombudsstelle die Frage, ob mit dieser Art Berichterstattung der Punkt ‹Sachgerechtigkeitsgebot› noch gegeben ist, oder dies nicht eher eine tendenziöse Meinungsbildung darstellt.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» antwortete Herr Franz Lustenberger:
«Mit Mail vom 27. Februar hat Herr X eine Beanstandung gegen den Beitrag in der Tagesschau vom gleichen Abend eingereicht. Er kritisiert die Übersetzung des Wortes ‹parecchi› im Beitrag über die Kältewelle in Italien. Er vermutet weiter eine bewusste ‹Verfälschung› und ‹tendenziöse Meinungsbildung› gegenüber Italien. Die Tagesschau nimmt zu beiden Punkten Stellung.
Übersetzung
Laut Langenscheidt heisst das Wort ‹parecchio› übersetzt ‹ziemlich viele› oder auch ‹etliche›. Die Übersetzung im Beitrag (‹fast alle›) ist deshalb ungenau. In der Beschreibung, die zum Videomaterial aus Italien von der European Broadcasting Union EBU mitgeliefert wurde, wird der Mann wie folgt übersetzt: ... <but I’ve already seen that many trains have been cancelled>. Die Standardsprache in den Begleittexten zu den Videos ist Englisch.[2]
Wie viele Züge tatsächlich in Rom und in Italien wegen der Kälte ausgefallen sind, ist nicht zu eruieren, da eine entsprechende Statistik der verschiedenen Bahnbetreiber fehlt. Ob es nun ‹sehr viele› oder nur ‹ziemlich viele› oder ‹etliche› oder gar ‹fast alle› waren, ist auch eine Sache des subjektiven Empfindens der von Zugausfällen betroffenen Reisenden. Interviewt wurden ja einzelne Reisende, nicht die Verantwortlichen der Bahngesellschaften.
Vorurteil gegenüber Italien
Die Tagesschau wehrt sich aber in aller Form gegen die Vermutung, die Tagesschau wolle mit dieser nicht-wortgetreuen Übersetzung eines einzelnen Wortes eine gewisse Meinung gegenüber einem Land, seiner Bevölkerung oder seiner Lebensweise bilden oder untermauern. Es gibt keine Geringschätzung gegenüber irgendeinem Land auf der Welt.
Ich habe die Beanstandung auch zwei Redaktoren der Tagesschau gegeben, welche beide italienische Wurzeln haben und auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzen. Sie haben mir beide bestätigt, dass es innerhalb der Tagesschau-Redaktion keine Ressentiments gegen Italien gibt. Beide würden sonst an den Redaktionssitzungen, an denen über alle Themen einer Sendung gesprochen werden, sofort intervenieren. Die Tagesschau hält sich an die Publizistischen Leitlinien, in denen in Absatz 6.10 ein klares Diskriminierungsverbot gegenüber Personen und Gruppen gefordert wird.[3]
Fazit
Die Tagesschau hat ein Wort in einem News-Beitrag nicht wortgetreu übersetzt. Die Tagesschau bemüht sich täglich, in ihren Sendungen von gesamthaft einer Stunde Länge sachgerecht über die Ereignisse in der Schweiz und der Welt zu berichten. Die Tagesschau hat keine Ressentiments gegenüber irgendeinem Land oder seiner Bevölkerung.
Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie haben Recht: «parecchi» heißt «einige», «einzelne». Wären «praktisch alle» Züge ausgefallen, hätte der Mann «quasi tutti treni» gesagt. Die englische Übersetzung redete von «many trains», als hätte der Mann von «molti treni» gesprochen. Wenn man auf dem Bild die wartenden Menschen in Rom sieht, dann kann der Mann jedenfalls nicht «vereinzelte Züge» gemeint haben, sondern «eine ganze Anzahl». Es war ja auch von einem «Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs» in Rom die Rede. Doch wie auch immer: Die Übersetzung war ungenau.
Der Bericht über die Kältewelle in Europa streifte verschiedene Länder und zeigte Bilder aus Paris, Rom, Bukarest, London und Wien, und in der Anmoderation kam auch der Rheinfall bei Schaffhausen zum Zug. Die ungenaue Übersetzung war im Gesamtzusammenhang ein Fehler in einem Nebenpunkt, der nicht geeignet war, die Meinungsbildung des Publikums zu beeinträchtigen.
Viel ernster als dieser Übersetzungsfehler ist Ihr Verdacht, die Medien in der Schweiz und insbesondere Fernsehen SRF und im Speziellen die «Tagesschau»-Redaktion könnten Vorurteile gegen Italien hegen und anzunehmen geneigt sein, dass die Italiener weniger in der Lage wären, bei einer Kältewelle ein Verkehrschaos zu verhindern als beispielweise die Deutschen oder die Schweizer. Ich beobachte aber gerade bei Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz diese Haltung in keiner Weise. Natürlich gab es in der Schweiz in den sechziger und siebziger Jahren eine anti-italienische Stimmung und mehrere Volksinitiativen, die die Einwanderung aus dem Süden und den Ausländeranteil begrenzen wollten. Sie wurden aber alle abgelehnt, die am heftigsten diskutierte «Schwarzenbach»-Initiative nach einer veritablen Abstimmungsschlacht am 7. Juni 1970 bei einer hohen Stimmbeteiligung von 74,7 Prozent mit 654'844 Nein (54,0 Prozent) gegen 557'517 Ja (46,0 Prozent) und mit 15 gegen 7 Standesstimmen.[4] Damals schon standen die Schweizer Medien praktisch unisono auf der gegnerischen Seite, befürworteten also die Zuwanderung und die Integration. Und da viele Journalistinnen und Journalisten geschichtsbewusst sind, wissen sie auch, was wir Italien zu verdanken haben: Nicht nur die Leistung der Arbeitskräfte beim Bau beispielsweise des Simplontunnels und des Gotthardtunnels, sondern auch großen und segensreichen kulturellen und zivilisatorischen Einfluss. Im Spätmittelalter und in der Renaissance, als die Schweiz noch ziemlich zurückgeblieben und arm war, kannten die oberitalienischen Städte schon Regeln der Hygiene, die sich erst nach und nach nördlich der Alpen einbürgerten. Italienische Architekten schwärmten nach Norden aus, um dort Kirchen und prächtige Häuser zu bauen. Italien war der Inbegriff von Kunst und Kultur; einzig der moderne Buchdruck war eine Technologie, die nördlich der Alpen entstand.
Und wichtig ist, was Herr Lustenberger schreibt: Es gibt im Schweizer Journalismus überall Frauen und Männer mit italienischen Wurzeln. Sie würden es nie zulassen, dass Italien diskriminiert wird.
Ich danke Ihnen, dass Sie auf die ungenaue Übersetzung hingewiesen haben. Die Redaktionen lernen permanent, und sie sie bemühen sich stetig, genau, sachgerecht, ja perfekt zu sein. Insofern ist Ihr Hinweis eine Hilfe. Im formalen Sinne kann ich allerdings Ihre Beanstandung nicht unterstützen, da es sich um einen Fehler in einem Nebenpunkt handelt und da es keinen Anhaltspunkt für Vorurteile gegenüber Italien gibt.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
[2] Vgl. Beilage
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