Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03544.jsonl.gz/1899

Worüber haben Sie sich gefreut oder geärgert? Haben Sie etwas Bestimmtes auf unserer Website nicht gefunden? Ist Ihre abonnierte Ausgabe von "Musik&Theater" nicht eingetroffen? Hat Ihnen ein Artikel ganz besonderes gefallen?
musik
Bild: Hugo Bernard
Teleportieren würde sie gerne können, sagte Katherine Watson auf die Frage, welche Superkräfte sie denn am liebsten haben würde. Dann müsste sie nicht so viel Zeit in Flugzeugen verbringen. Das war 2015. Sie sang die Theodora im Händel-Oratorium, ihre erste grosse Titelrolle an einem Metropolen-Theater, am Théâtre des Champs-Elysées unter William Christie und in einer Inszenierung von Stephen Langridge mit Philippe Jaroussky und Stéphanie D‘Oustrac an ihrer Seite (gibt‘s bei Warner auch auf DVD). «100 Sekunden» heisst das Video-Trailer-Format, mit dem das Theater seine Protagonisten vorstellt: Aus einem Goldfischglas zieht man Kärtchen mit Fragen und versucht in eben 100 Sekunden, so viele wie möglich zu beantworten.
Nach dem härtesten Aspekt an ihrem Beruf wurde Katherine Watson da auch gefragt – und klagte erst, wie viele Kollegen, über das Alleinsein, die Tristesse von Hotelzimmern und Flughäfen. Aber sie wollte nicht negativ sein und erzählte von ihren Tricks, die sie sich zugelegt hat, um in Kontakt mit Familie und Freunden zu bleiben und ein Privatleben zu führen, auch wenn sie meistens unterwegs ist.
Wie so oft, wenn man Sänger-Biografien aus dem Umfeld der Originalklang-Bewegung liest, steht auch bei der englischen Sopranistin Katherine Watson William Christie am Beginn der Karriere. Sie war ein Pflänzchen in dessen «Jardin des Voix», wie Christie sein Nachwuchs-Gärtchen nannte. 2009 wurde sie dort aufgenommen. 2012 schon stand ein anderer Christie ihrer Karriere Pate, der «John Christie Award» in Glyndebourne, den sie für ihre Darstellung der Titelrolle in Purcells «Fairy Queen» gewann. Berlin, Paris, New York folgten, Roger Norrington, Emmanuelle Haïm oder Paul McCreesh zählten neben Christie bald auf ihre Stimme.
Dabei waren ihr der Gesang und die klassische Musik nicht in die Wiege gelegt worden. Im Trinity College in Cambridge sang die junge Studentin Katherine zwar im Chor. Aber ihre Leidenschaft galt den alten Sprachen: Englische Literatur, Angelsächsisch, Altnordisch und Keltisch studierte sie am berühmten Institut. Aber im Chor wurde der Funke offenbar gezündet, sie traute ihrer Stimme, bestand die Aufnahmeprüfung und bald standen nicht mehr alte englische Dichter, sondern Lully, Händel oder Monteverdi auf ihren Arbeitsplänen und statt in den gotischen Mauern von Trinity verbrachte sie ihre Zeit auf Opernbühnen, Proberäumen – und eben: Flugzeugen.
Neben der «Theodora» aus Paris hat es auch Cavallis «Didone» aus dem Théâtre de Caen unter William Christie auf DVD geschafft, wo Katherine Watson die Cassandra singt (Opus Arte). In der üppig-schrillen Produktion von Rameaus «Dardanus» von Michel Fau aus Bordeaux finden wir sie an der Seite von Karina Gauvin und Reinoud van Mechelen unter der Leitung von Raphaël Pichon (Harmonia Mundi). Als William Christie 2016 noch einmal Bachs H-Moll-Messe aufnahm, zählte er erneut auf die Sopranhöhen von Katherine Watson, ebenso wie Jonathan Cohen für seine Couperin-Einspielung der «Apothéose de Lully» und der «Leçons de Ténèbres».
Ein besonderer musikalischer Spass ist das Opern-Pasticcio «L‘Opéra des Opéras», in dem Hervé Niquet zur Feier des 30. Geburtstags seines Ensembles «Le concert spirituel» Hits aus 30 französischen Barockopern zum Plot der Serie «Bewitched» montierte und dabei auch auf die Stimme von Katherine Watson zählte, ebenso wie für seine Einspielung von Lullys «Persée» (beide bei Alpha). Ihren glockenhellen Sopran entdeckt man aber gelegentlich auch eher im Verborgenen, zum Beispiel in einer Einspielung von Bachs «Weihnachtsoratorium» von Stephen Layton mit dem Chor des Trinity Colleges, wohin sie auch für Bachs H-Moll-Messe wieder eingeladen wurde, und somit mehrfach zu ihren musikalischen Wurzeln zurückkehrte. Und auch Händels «Messiah», den mit sie Trevor Pinnock in Bern und Genf singt, gibt es auf CD, allerdings in der nur sehr selten gespielten «Foundling Hospital»-Fassung mit fünf Gesangssolisten, die Hervé Niquet für Alpha aufnahm.
So hat sich die junge Britin in weniger als einem Jahrzehnt fest etablieren können in der Welt der italienischen und französischen Barockoper. Sie hat aber auch immer wieder Mozart gesungen, hat Ausflüge zu Brahms, Mahler, Britten oder Messiaen unternommen und damit unterstrichen, dass sie sich nicht in den Barockgarten einschliessen will, aus dem sie hervorgewachsen ist. Welchen Rat sie denn ihrem 16-jährigen Selbst geben würde, war eine weitere der 100-Sekunden-Fragen. Abgeklärt die Antwort: «Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um mir klar zu werden, dass ich das will, was ich tue. Ich habe Literaturgeschichte studiert, ich habe auf der Bank gearbeitet, ich würde mir mit 16 selber zurufen: Habe Mut, trau dich, das zu tun, was dich dahin bringt, wo du wirklich hin willst, was dir wichtig ist und was es braucht, um auf diesem Weg weiterzukommen.» ■