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Nach dem Krieg ist die Frage der Kulturbeziehungen mit Deutschland ein offizielles Tabu. Das Nachbarland ist international geächtet, seine Kulturszene ist entweder vernichtet oder im Ausland verstreut. Bei den ersten Versuchen, einen Austausch in Gang zu bringen, handelt es sich vor allem um Privatinitiativen, die sich in Grenznähe abspielen, wo sich die Organisatoren persönlich kennen. In diesem Zusammenhang spielen die Architekten eine wichtige Rolle.
In Konstanz finden Kulturtage statt, und in Schaffhausen organisieren Walter Ulrich Guyan, Direktor des Museums zu Allerheiligen, und SP-Nationalrat Walther Bringolf eine Ausstellung junger deutscher Künstler. 1946 lässt der Bundesrat verlauten, der Wiederaufnahme von Kulturbeziehungen mit dem nördlichen Nachbarland stünde nichts entgegen, ohne dabei aber einen konkreten Aktionsplan aufzustellen. Diese Verlautbarung stammt von Max Petitpierre, der im Nationalrat auf eine Interpellation des freisinnigen Ernst Boerlin aus Basel-Land antwortet. Angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Ost und West sieht der Neuenburger Bundesrat die Notwendigkeit, eine „europäische Solidarität zu schaffen“. Ohne sich aufzudrängen müsse die Schweiz „ihre intellektuelle und geistige Hilfe“ anbieten.
Die Stiftungsräte von Pro Helvetia sehen sich durch diese Rede ermuntert, in Deutschland ein Programm auf die Beine zu stellen. Allerdings stehen die geringen finanziellen Mittel und die Furcht, zum praeceptor Germaniae zu werden, einer gross angelegten Aktion im Weg.
In diesem schwierigen Kontext übernimmt die Architektur die Brückenfunktion, insbesondere dank einer Zusammenarbeit zwischen den Schweizer, österreichischen und deutschen Sektionen des Werkbunds, die teilweise von Pro Helvetia unterstützt wird.
Der Deutschschweizer Werkbund, dessen Westschweizer Pendant L’Œuvre heisst, wird 1913 gemäss dem deutschen Vorbild gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg steht der Deutschschweizer Werkbund, stärker als L’Œuvre, unter dem Einfluss der nördlich des Rheins entstehenden Strömungen des Industriedesigns und des Bauhauses. Während der 1930er Jahre und bis zum Kriegsende treten in der Schweizer Organisation Spannungen zwischen den Vertretern einer reinen Moderne und jenen Architekten auf, die Konzessionen an den Heimatstil machen, beispielsweise im Rahmen der Landesausstellung von 1939. Aber die Kontakte mit den deutschen Architekten und Grafikern, von denen einige in die Schweiz emigrieren, bestehen weiter. Diese Tradition erklärt die dynamische Rolle der Architektur bei der Wiederbelebung der Kulturbeziehungen mit Deutschland. Ein anderer Grund besteht im grossen Bedarf Deutschlands an Konzepten für den Wiederaufbau des Landes.
1947 formieren sich in Deutschland und Österreich die Sektionen des Werkbunds der Nachkriegszeit. Schon 1949 findet in Köln eine Ausstellung mit dem Titel „Neues Wohnen und deutsche Architektur seit 1945“ statt. Aus diesem Anlass organisiert der Schweizer Werkbund einen Schweizer Ausstellungsbeitrag, basierend auf der Ausstellung „Die gute Form“, die bereits in der Schweiz tourt. Karl Naef, Sekretär von Pro Helvetia, ist vom Konzept einer ausschliesslich aus vergrösserten Fotos bestehenden Ausstellung nicht überzeugt. Wegen der noch geringen Bereitschaft, Kulturbeziehungen mit Deutschland aufzunehmen, spricht Pro Helvetia nur einen kleinen Geldbetrag, damit die Ausstellung im Ausland gezeigt werden kann. Die Zeitung des Werkbunds, Das Werk, ist anderer Meinung und begrüsst die Öffnung der Schweiz und ihren Beitrag, die Architektur auf den Weg der Moderne zu führen.
Das Konzept der Ausstellung „Die gute Form“ stammt von Max Bill. In den 1950er Jahren ist der Architekt ein wichtiger Promotor der kulturellen Beziehungen zu Deutschland. 1951 kommt ihm die Rolle des Mitbegründers der Hochschule für Gestaltung von Ulm zu, die er als Rektor bis 1956 leiten wird. (mg)
Archivbestände
BAR, E 9510.6, 1991/51/267.
Literaturverzeichnis
Moos Stanislaus von, Esthétique industrielle, Reihe Ars Helvetia 11, Disentis: Editions Desertina, 1992.