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Im Auftrag von Henri Gremaud, Leiter des Greyerzer Museums und Redaktor der Zeitschrift Le playsant almanach de Chalamala, hat der Photograph Alphonse Derungs 1957 den Brauch der « Kindersoldaten» vom Fasnachtsdienstag (Mardi gras) verewigt.
In den Dörfern Villars-sous-Mont und Neirivue hat ein weitgehend unbekannter Brauch vom Morgen des Fasnachtsdienstags überlebt: im Rythmus der Trommel marschieren die Schüler als Soldaten verkleidet von Haus zu Haus, sie singen und sammeln Geld.
Obwohl die beiden Dörfer nahe beieinander liegen, kann man beim Brauch doch gewisse Unterschiede erkennen : In Neirivue tragen die Knaben ein Képi (Käppi, militärische Kopfbedeckung) und sind nicht bewaffnet ; jene von Villars-sous-Mont tragen eine Mütze und sind mit einem Holzgewehr bewaffnet.
Die Herkunft des Brauchs liegt im Dunkeln : es gibt Einwohner, die glauben, dass er auf 1800, auf die napoleonischen Kriege, zurückgehen könnte. Er könnte seinen Ursprung aber auch in älteren militärischen Aufmärschen haben.
Heute ist es so, dass die älteren Knaben es übernehmen, den jüngeren das Lied und die Exerzierübungen beizubringen. Die Hauptmotivation liegt beim Geld , denn jedes Kind kann bis zu 100 Franken verdienen. Jedes hat seinen Platz : der Chef, der Trommler (der Tambour), der Fahnenträger und mindestens ein Soldat. « Sie müssen mindestens zu viert sein. Gibt es nur drei oder weniger Schüler im Dorf, findet der Aufzug nicht statt », erklärte die Mutter eines « Kindersoldaten », die 2011 den Anlass organisierte. Der Fall trifft nur selten ein. Bis heute ist die Zugehörigkeit zur Truppe den Knaben vorbehalten. « Wir tragen Gewehre, nicht einen Zauberstab», betont einer der kleinen Soldaten.
Weitere Anmerkungen
1957 erfolgte der Aufmarsch der kleinen Soldaten am Fasnachtsdienstag wie folgt (vgl. Le Playsant almanach de Chalamala 1958): „Die Knaben treffen sich, wählen ihren Kommandanten, den Fahnenträger, den Adjudanten, den Trommler und den Fourier. Eine Woche vor der Fasnacht exerzieren sie auf einer Wiese in der Nähe des Dorfes. Am Fasnachtsdienstag-Nachmittag, bewaffnet mit dem Bajonett, der Chef mit einer Polizeimütze, exerzieren sie unter dem Kommando eines Älteren vor jedem Haus. Mit ihren Holzgewehren geben sie sogar eine „Feuersalve“ ab. Die Waffe ist ungefährlich: an der Spitze des Laufs ist sie mit einem Schuss – ebenfalls aus Holz –geladen, der zwischen zwei Holzplättchen eingeklemmt ist und der, wenn er „abgefeuert“ wird, von einer Schnur festgehalten wird. Unter der hochgehaltenen Fahne nehmen die Knaben die Achtungstellung ein und singen ‚Beau Pays’ von Abbé Bovet. All dies geschieht mit grossem Ernst, Disziplin und vorbildlicher Musikalität. Die übrigen Dorfkinder, hübsch geschminkt, lachen hinter ihren Masken und bilden ein dankbares Publikum. Die Münzen klingeln in der Sammelbüchse des Fouriers.
In Neirivue tragen die Schüler das Képi, ein ehrwürdiges Relikt aus der Mobilmachung 1914/18, das aus einem Zeughaus beschafft werden konnte. Auf einem Plakat wird festgehalten, dass das Geld für die Schulreise bestimmt ist. Es geht friedlich zu, sind doch die Darsteller unbewaffnet.“
Wie ein Foto, das 1957 von Alphonse Derungs in Villars-sous- Mont gemacht wurde, zeigt, simulieren die kleinen Soldaten auch eine Erschiessungskommando, wobei die „Verurteilten“ von andern Kindern, die ebenfalls verkleidet sind, dargestellt werden. So weit sich Edouard Ecoffey, einer der Alten in Villars-sous-Mont, zurückerinnern kann, wurde der Brauch immer durchgeführt. „Mein Vater, geboren 1889, hat schon am Umzug teilgenommen“, betont er. Die gleiche Feststellung wird auch in einer Publikation aus dem Jahr 1958 gemacht: „In Villars-sous-Mont geht der Brauch in urdenkliche Zeit zurück. So weit sich M. Vial, pensionierter Lehrer, und die alten des Dorfes sich zurückerinnern können, wird der Brauch in Ehren gehalten.“
Ähnliche Bräuche
Ein ähnlicher Brauch wird um 1950 aus dem Bündnerland überliefert: in Danis-Tavanasa demonstrierten die Kinder die Ankunft der Heiligen drei Könige mit einem Aufmarsch in Militärkleidern.
Die Revue Folklore suisse (März 1954) beschreibt die Fasnachtstradition Les Brandons oder Les Bordes in Neuenburg wie folgt: „Am ersten Sonntag dieses Monats (März) spazierten die Bürger, bekleidet mit Mantel und Degen, nach dem Abendgottesdienst zu zweit in den Gassen. Am darauffolgenden Montag spazierten die Kinder mit ihren Waffen und am Dienstag darauf wiederholten die Jungbürger, die älter als 14 Jahre alt waren, das Schauspiel.“
Auch in Estavayer (Stäffis am See) wurde der Aufmarsch in Uniform beobachtet, doch fand er am 1. Mai statt. Joseph Volmar hält in seinem Buch „Us et coutumes d’Estavayer“ fest, dass an diesem Tag „die Burschen“ oder „die Wilden“ alle ein Band mit Glöcklein und Schellen tragen, das sie nach jeder Strophe schwingen. Einige sind mit alten Säbeln bewaffnet, und ein besonderes Detail, alle tragen eine Polizeimütze.
Ältere Traditionen im Kanton Freiburg
Diese Veranstaltungen gehören zu verschiedenen Traditionen, die die Fasnachtszeit begleiten, welche mit dem Ende des Winters zusammenfällt und den Anfang eines neuen Jahreszyklus ankündigt. Vom späten Mittelalter (15. Jh.) bis zum 17. Jh. , dauerten die Maskenaufzüge nach dem christlichen Kalender vom Dreikönigstag (Epiphanie; im christlichen Kalender auf den 6. Januar festgelegt) bis zum Fasnachtsdienstag (dem letzten Fasnachtstag vor der Fastenzeit, der nach dem christlichen Kalender zeitlich variieren kann, Februar oder März). Die Epiphanie war während Jahrhunderte geprägt vom „Fest der Narren“, das zu grossen Ausschweifungen führte, auch innerhalb der Kirche. Die freiburgischen Behörden erliessen gegen diese ausgelassenen Vergnügungen des Volkes mehrere Verbote, so 1494 und 1590. In Châtel-St-Denis wurde 1598 die „Heilige Närrin“ gefeiert. 1608 nahm in Bulle jeder eine Frau oder Tochter, und es wurde in der Kirche getanzt. In Greyerz traten anlässlich des Umzuges an Epiphanie bis in 18. Jh. mehrere 100 bewaffnete Männer auf, um die Heiligen drei Könige zu begleiten.
Christophe Mauron
Übers. Anton Jungo