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Die 21-jährige Kylie Jenner erscheint in der diesjährigen Liste der reichsten Menschen des Magazins Forbes als jüngste Selfmade-Milliardärin. Nun ist aber Kylie Jenner nicht irgendwer, sondern ein Spross des Kardashian-Clans der sich in erster Linie mit trashigen Reality-TV-Soaps einen Namen gemacht hat. Kann sich jemand, der in eine reiche und berühmte Familie hineingeboren wurde, allen Ernstes als «Selfmade», also aus eigener Kraft, bezeichnen?
Donald Trump meint ja. Auch er pflegte sich als Selfmade-Mann zu inszenieren, der aus eigener Kraft ein Immobilien-Imperium aufgebaut hat. Später stellte sich heraus, dass Trump hier, wie an vielen anderen Orten, geflunkert hat und er von seinem Vater für den Start der eigenen Firma eine erkleckliche Summe erhalten hat. Wie es bei der jungen Kylie Jenner ist, weiss ich nicht, aber selbst, wenn sie gar kein Geld von ihrer Familie zur Gründung ihres Kosmetikunternehmens erhalten hat, ist ihr wesentlichstes Kapital ihr Name und damit ihre Herkunft.
«Jeder ist seines Glückes Schmid» ist ein beliebtes Sprichwort jener, die an die Leistungsgesellschaft glauben. Die sozialeren unter ihnen betonen vielleicht noch den Einsatz für Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit. Es ist auch ein überzeugendes Konzept: Man sorgt dafür, dass alle die gleichen Startbedingungen haben und dann müssen sie aber selber etwas daraus machen. Nun kann man tatsächlich mehr oder weniger aus dem Blatt machen, dass einem das Schicksal in die Hand verteilt hat. Aber wirklich gleiche Startchancen gibt es nicht, solange Reichtum und Glück derart ungleich verteilt sind.
Im ‹Tages-Anzeiger› gab es vor einigen Tagen einen erschütternden Artikel über Kinder, die in England in Armut aufwachsen, in Löchern aufwachsen, teilweise ungeheizt, von Armut und Perspektivenlosigkeit umgeben. Chancen, aus der Armut zu entkommen, haben sie gerade mit dem englischen Schulsystem kaum. Wenigstens ist die Gesundheitsversorgung gratis, eine Labour-Errungenschaft, die noch keine konservative Regierung zerstören konnte. Nun sind wir zum Glück von englischen Zuständen noch weit entfernt. Aber auch bei uns gibt es einen stetigen Druck auf die Sozialhilfe. Rund ein Drittel aller Sozialhilfebeziehenden sind Kinder und Jugendliche. Daneben gibt es auch viele Familien, die es mit Ach und Krach schaffen, den Kopf über Wasser zu halten und nicht von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Doch von Armut betroffen sind auch sie. Und man weiss aus verschiedenen Studien: Armut belastet, Armut ist ein Stress, Armut macht krank. Das spüren auch die Kinder. Sie wachsen in beengten Wohnverhältnissen auf, haben teilweise keine gesunde Ernährung, keine Rückzugsmöglichkeiten, müssen sich selber beschäftigen, weil die Betreuung fehlt, oder tragende Rollen im Haushalt oder bei der Betreuung von Geschwistern übernehmen, müssen allzu schnell erwachsene Verantwortung übernehmen. Von gleichen Startbedingungen sind sie weit entfernt, noch bevor sie überhaupt ihren ersten Schultag haben.
Die fünfte Erhebung der Zürcher Längsschnittsstudie der Bildungsdirektion kommt laut ‹Aargauer Zeitung› zu einem brisanten Ergebnis: Zwanzig bis dreissig Prozent der Plätze an Zürcher Gymnasien sind von den falschen Jugendlichen besetzt. Schülerinnen und Schüler aus unterprivilegierten Schichten würden eigentlich die vom Gymnasium erforderten Leistungen erbringen oder hätten mindestens die Fähigkeiten dazu, gehen aber nicht ans Gymnasium. Ihre Plätze sind von jenen privilegierten Kindern besetzt, die dann mit Ach und Krach, Lernstudio und Familiendrama sich durch die Probezeit bis zur Matur und wohl auch durch ein Studium quälen.
Nun finde ich Bildung wichtig und das Gymnasium muss auch nicht nur von Leuten besucht werden, denen das Lernen leicht fällt. Genauso wie ich auch finde, dass es in der Schweiz zum Glück auch sehr gute Alternativen zum Gymnasium gibt. Warum sind also diese Kinder nicht im Gymnasium? Die Studie vermutet, dass Eltern aus solchen Haushalten die Kinder nicht genügend unterstützen können. Allerdings scheint es mir nicht der Sinn der Schule zu sein, dass die Eltern die Hausaufgaben machen. Oder dass man die Schule nur schafft, wenn man selber die Arbeitszeit reduziert, um seinem Kind zu helfen, wie das jüngst in einem Blog im ‹Tages-Anzeiger› beschrieben wird. Bei der Social Media Aktion #meTwo, in der MigrantInnen über ihre Diskriminierungserlebnisse berichteten, gab es erstaunlich viele Geschichten über LehrerInnen, die ihnen das Gymnasium nicht zugetraut hätten. Die gesagt hätten, mach doch eine Lehre, das passt besser. Ähnliches hört man auch von Arbeiterkindern. Oder Frauen, die sich für Mathematik interessierten. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind nicht frei von Vorurteilen, wie wir alle anderen auch. Chancengleichheit setzt auch hier an: Bei den Bildern, die wir in unseren Köpfen haben, wie erfolgreiche Leute auszusehen hätten und woher sie kommen.
Trotz allem gibt es immer wieder Kinder, die es trotz widrigsten Umständen schaffen, ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Das ist wunderbar. Aber es reicht nicht aus. Wir müssen auch anerkennen, welche Rolle das schlichte Glück in unser aller Leben spielt. Es ist pures Glück, dass ich in der Schweiz und nicht in der Sahelzone geboren wurde. Es ist Glück, dass ich noch nie eine ernsthafte Krankheit hatte oder einen schlimmen Unfall. Es ist Glück, dass ich in einem bildungsaffinen Mittelschichtshaushalt geboren wurde und noch vieles mehr. Natürlich habe ich auch einiges geleistet, auf das ich stolz bin. Aber ich konnte es eben auch nur, weil ich viel Glück hatte. Wenn wir über Chancengleichheit, über Meritokratie, über Leistung sprechen, dürfen wir dies nicht vergessen.
Wir können noch so viele Frühförderungsprogramme oder Aufgabenhilfen machen, solange das Glück oder Unglück eben eine so wichtige Rolle spielt, ist dies nur Pflästerlipolitik. Solange es Armut gibt, gibt es keine Chancengleichheit. In unserem reichen Land (dessen Reichtum wir auch zu einem Teil dem Glück verdanken, von zwei Weltkriegen verschont zu sein), könnten wir es uns eigentlich leisten, die Armut wirksam zu bekämpfen. Das wäre mal eine echte Leistung.