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Ostwärts, warum bloss?
Indianergeschichte und eine sagenhafte Landschaft locken uns in den Osten. Wir haben uns ja inzwischen schon fast an den Winter gewöhnt und die Stürme sind auch nicht mehr neu. Deshalb sparen wir die südliche Richtung noch auf, ärgern uns ab und an über diese Entscheidung, meistens können wir jedoch die eisigen Situationen mit Humor nehmen. So schenken wir einander ein wohlwollendes Lächeln, wenn der andere mal wieder durch den Schnee stapfend aufs WC verschwindet, draussen vor Kälte herumzappelnd Kaffee kocht oder von einfachem Campen in der warmen Baja California träumt.
Also streifen wir nun durch die teils hüglige Prärie. Das Grasland glänzt manchmal golden, kleine, alte Westerndörfer sind Zeugen der Zeit und wir tauchen ein in die Geschichte der Sioux-Indianer. Hierzu gehören diverse Stämme, die in der Prärie und den Hochebenen der heutigen nördlichen Mitte der USA beheimatet waren.
Little Bighorn Battlefield
Die Schlacht am Little Bighorn, benannt nach dem nahe gelegenen Fluss, war Teil des grossen Sioux-Krieges und einer der letzten Kämpfe der nördlichen Prärie-Indianer, um den Lebensstil ihrer Vorfahren zu wahren. Sitting Bull, Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, hatte ein Bündnis zwischen mehreren Stämmen geschlossen, um der erzwungenen Umsiedlung durch die US-Regierung zu widerstehen.
Als sich die grossen Krieger getroffen haben, hatte Sitting Bull eine Vision vom grossen Geist. In dieser Vision hat der grosse Geist den Kriegern die Feinde gegeben, die sie nun vernichten sollten. Kurze darauf, am 25. Juni 1876, gewinnt die Allianz der Sioux-Stämme die Schlacht gegen die US-Armee unter der Führung von General George Armstrong Custer. Trotz diesem Erfolg verlieren die Indianer später den Krieg. Dies bedeutete unter anderem das Ende ihrer Unabhängigkeit sowie ihres nomadischen Lebensstils.
Wir ziehen durch die Hügel, schländern durchs hohe Gras und malen uns aus, wie einst in der Ferne ein Tipi-Dorf stand, Pferde an uns vorbeidonnern und in der Nähe des Flusses Männer bis zum bitteren Ende kämpften. Eine schreckliche Geschichte; Schlussendlich vertrieben in Reservate, in denen man merkt, dass Armut ein grosses Problem ist. Es ist schwierig zu beschreiben, aber optisch erkennen wir deutlich, dass hier weniger Geld vorhanden sein muss, als ausserhalb der Reservate. Verdutzt und betrübt, dass dies heute einfach so ist, fragen wir uns welcher Ansatz wohl möglich gewesen wäre, ohne die Indianerstämme so zu benachteiligen und um friedlich zusammenzuleben? Immerhin begann die Besiedlung dieser Gebiete durch die Europäer erst um das Jahr 1807.
Devils Tower
Für viele Indianer ist dieser Felsen, Devils Tower, ein heiliger Ort. Vor 50 Millionen Jahren wurde Magma in oberhalb liegende Gesteinsschichten gedrängt, wo es abkühlte. Es erstarrte zu regelmässigen Säulen. Über die Jahrmillionen erodierte das Gestein rundherum und setzte den Devils Tower, der aus deutlich erosionsresistenterem Gestein besteht, frei. 265 Meter erhebt sich dieser Turm aus dem Umland. Gemütlich spazieren wir am späteren Nachmittag an diesem besonderen Ort um den Felsen.
Indianische Legende
Verschiedene Legenden zieren den mystischen Ort. Die Kiowa Indiander nennen den Devils Tower Baumfels. Ihrer Geschichte zufolge spielten sieben Schwestern und ihr Bruder auf einer Wiese vor dem Dorf. Plötzlich zitterte der Junge, begann wie wild auf seinen Händen und Füssen umherzulaufen und ein Fell sowie Krallen wuchsen ihm. Angst überkam die Schwestern und sie rannten davon. Dicht auf den Fersen folgt ihnen ihr in einen Grizzlybären verwandelten Bruder. Sie flüchteten auf einen kleinen Felsen und beteten. Der Fels erhörte sie und wuchs und wuchs und wuchs. Der wütende Grizzlybär sprang den Felsen an und kratzte mit seinen Krallen tiefe Rillen in das Gestein ohne die Mädchen erreichen zu können. Der Fels wuchs immer weiter und die Schwestern wurden als sieben Sterne in den Himmel geboren. Nach dieser Legende nennen diese Indianer den Devils Tower Wohnort des Grizzlybären.
Unerwartete Schönheit
Es gibt Orte mit Geschichten, die verzaubern, Fotos die anziehen und den Wunsch versprühen unbedingt dahin zu reisen, um diese Orte selber zu erleben, mit allen Sinnen wahrzunehmen. Und dann gibt es Orte, denen man zufällig begegnet, unscheinbar, ohne besonderen Klang und ohne Geschichte. Doch die einem so fesseln, faszinieren, verzaubern und man sich bei der unerwarteten Schönheit die Frage stellt, warum haben wir noch nie von dem Ort gehört? Für uns ist der Badlands Nationalpark in South Dakota genau so ein magischer Ort. Erst einige hundert Kilometer entfernt, haben wir das erste mal von ihm gehört.
Mitten in der Bisonherde
Die Badlands sind leicht verwitternde Steinformationen, auf denen kaum etwas wächst. Zwischen den Felsen ist goldige Prärie. Ein Gefühl der Freiheit breitet sich aus und wir versuchen diese Momente zu verinnerlichen. Wir sind glücklich, dass wir dies zusammen sehen und erleben dürfen. In den wundervollen Hügeln der Prärie liegt ein kostenfreier Campingplatz. Das Wohngebiet teilen wir uns erst mit einer riesigen Präriehunde-Kolonie und just zu dem Zeitpunkt, als der Magen knurrt und draussen das Nachtessen zubereitet werden möchte, nähert sich die grosse Bisonherde. Schon lange haben wir die kräftigen Tiere in der Ferne beobachtet.
Der amerikanische Bison war eine wichtige Spezies für die Indianer in der Prärie. Geschätzte 30 Millionen Tiere weideten und zogen durch das Grasland, bevor die europäischen Siedler ankamen. Als die Siedler dann im 19. Jahrhundert nach Westen zogen, sank der Bestand durch Verlust des Lebensraums und übermässige Bejagung drastisch. Um 1900 wäre der Bison fast ausgestorben. Die Zahl schrumpfte auf weniger als 500 Tiere. Erst durch die Gründung grosser Nationalparks, in denen die Tiere geschützt waren, wurde das Aussterben abgewendet. Heute gibt es wieder 30’000 freilebende Bisons in Nordamerika.
Bei uns kommt die Herde immer näher. Welch ein Spektakel! Als der Atem und das Grunzen der ersten Tiere laut hörbar ist, verschwinden wir zur Sicherheit doch lieber in den Manny. Wir wissen, dass die Tiere äusserst unberechenbar sein können und sind daher vorsichtig. Am Ende läuft die Herde von bestimmt 300 Tieren direkt an Manny vorbei. Grosse und Kleine ziehen vorüber, schnell oder gemütlich gehend, weidend, sich irgendwo kratzend, kämpfend, wälzend und rennend durchqueren sie den gesamten Campingplatz. Was für einen Spass!
Raue, taffe Lebensbedingungen
Es ist nicht einfach hier zu leben. Das Grasland ist zu trocken, dass Bäume wachsen könnten und zu nass für eine Wüste. Die Sommertage sind heiss und im Winter ist es bitter kalt. Gerade wirbeln die Schneeflocken wie wild durch die Luft und ein eisiger Wind zischt und presst sich durch jede Ritze im Manny. Das goldige Gras wird weiss und in den dicken Bisonfellen verfangen sich die kalten Flocken. Morgennebel, Schäfchenwolken, tobende Winde, ein Spiel von Licht und Schatten, mit dem sich die Sonne den Tag vertreibt, purpurrotes Abendrot und in Grautöne gehüllt, gibt sich die Landschaft hier für uns zum Besten.
Zeitreise in die Vergangenheit
Wir reisen im Badlands Nationalpark 70 Millionen Jahre zurück. Damals hätten wir an dem Ort die Luft anhalten und in einem seichten Meer schwimmen müssen. Plattentektonische Vorgänge bewirkten, dass sich der Meeresboden zu heben begann und das Wasser abfloss. Hinterlassen wurde eine dicke, schwarze Schlammschicht. An der Luft, durch intensive Sonneneinstrahlung und weitere chemische Einflüsse, verfärbte sich der Schlamm gelb. Pflanzen wuchsen, ein Dschungel entstand. Verwitterungsmaterial, Sand, Kies und Vulkanasche wurde abgelagert und weitere Sedimentschichten in unterschiedlichen Farben entstanden. Das Land wurde trockner, flach und ähnelte der heutigen Prärie.
Flüsse begannen die Landschaft zu durchschneiden, aber auch Frost, Wind, anhaltende Trockenheit und Hitze waren Einflüsse, dass die stark zerklüftete Miniatur-Gebirgslandschaft mit scharfen Gebirgskämmen, Zinnen, steilwandigen Schluchten und kleinen Tafelbergen geformt werden konnte. Diese faszinierenden Steinformationen haben heute ihre alten Schichten frei gelegt und verleihen mit den diversen Farben einen besonderen Reiz. Für uns eine Landschaft, die uns berührt und wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
Weisser Schnee in den Black Hills
Über kleinere und grössere Landstrassen geht es quer durch die verschneiten Black Hills. Enge, kurvige Bergstrassen führen an tollen Steinformationen, Berge und Hügel vorbei. Langsam trägt uns Manny die gewundene Strasse zum Mount Rushmore hinauf. Hier ragen vier gigantische Präsidentenköpfe aus dem Felsen raus. Ein Touristenmagnet, bei dem das Parkieren saftige 10 Dollar kostet. Verantwortlich für die beeindruckende Kulisse der 18 m hohen Skulpturen ist der Bildhauer Gutzon Borglum.
Er wählte diese vier Präsidenten aus, weil sie aus seiner Sicht für die wichtigsten Veränderungen in der Geschichte der Vereinigten Staaten mitverantwortlich waren. Zum einen ist das George Washington, erster Präsident der Vereinigten Staaten. Er führte die Kolonisten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an, um die Unabhängigkeit von Grossbritannien zu erlangen und war der Vater des neuen Landes, der den Grundstein für die amerikanische Demokratie legte. Des Weiteren bildet Borglum Thomas Jefferson, dritter Präsident der Vereinigten Staaten, ab. Dieser gilt als geistiger Vater der amerikanischen Verfassung. Theodore Roosevelt, 26. Präsident der Vereinigten Staaten, ist das dritte Steinportrait. Borglum wählte Roosevelt, um die Entwicklung der Vereinigten Staaten darzustellen. Als Wahrer des öffentlichen Interesses führte er die Nation in die Moderne und bereitete den Weg für Amerikas Stellung als führende Nation der Welt. Zu guter Letzt Abraham Lincoln, 16. Präsident der Vereinigten Staaten. Er hielt die Nation während dem Bürgerkrieg zusammen und setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Würde sich ein anderer Künstler zu dieser Zeit oder vielleicht ein moderner Künstler in der Wahl der Präsidenten anders entscheiden?
Für uns ist es einerseits sehr beeindruckend was da geschaffen wurde, andererseits wurde South Dakota 1868 komplett den Sioux-Indianern zugesprochen, bis in den Black Hills bei einer illegalen Expedition unter George Armstrong Custer Gold gefunden wurde. Der Goldrausch setzte ein. Es führte zu Konflikten, z.B. zur Schlacht am Little Bighorn und nach der endgültigen Niederlage der Indianer, wurde ihnen ihr heiliges Land entrissen und der Berg, in dem heute die vier Präsidenten in den Fels geschlagen sind, entweiht.
Ei, ei, ei…
Eilig fahren wir weiter. Eisern harren wir Winterstürme aus. Einsam campen wir in Nebraska. Eisige Kälte setzt vor allem Manny zu, denn teilweise sind seine Eiszapfen so gross, dass wir Angst haben, der Radkasten friere zu. Eine Passfahrt in Colorado, die mehr als eine Gallone (knapp vier Liter) Scheibenputzflüssigkeit braucht, um halbwegs die Strasse mit ihren Kurven zu sehen. Eindrückliche Ankunft in Utah. Einheimische berichten, dass sie seit Monaten kein Wetter haben, was so viel heisst: Die Sonne scheint! (H)ei, wir freuen uns auf diesen Bundestaat! 😊