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Stolpersteine: Fegefeuer
Erlösung statt schrubben
Die traditionelle Vorstellung eines Fegefeuers hat einen bitteren Beigeschmack. Man kann es sich aber auch befreiend vorstellen.
Im 9. Jahrhundert brachten Mönche aus Schottland und Irland das Fest «Allerheiligen» auf das europäische Festland. Seit Papst Gregor IV. wird es am 1. November als Gedenktag aller Heiligen begangen, denen sonst kein eigener Feiertag gewidmet ist. Das geschah nicht ohne Grund, denn die Zahl der Heiligen nahm mit der Zeit so zu, dass die 365 Tage im Jahr nicht ausreichten.
Im Zusammenhang mit dem Brauch, an Allerheiligen besonders der Toten zu gedenken, entstand im 12. Jahrhundert die Vorstellung, die Seelen der Verstorbenen müssten vor ihrer Auferstehung einen Ort der Reinigung durchlaufen, das sogenannte Fegefeuer.
Die Menschen glaubten, dass die Seelen vom Fegefeuer zur Erde aufsteigen würden, um sich von ihrer Pein zu erholen und neue Kraft zu schöpfen. Zur «Pflege der armen Seelen» wurden so genannte «Seelgeräte» gestiftet. Das waren Spenden in Form von Geld, Kleidung oder Nahrungsmitteln, die an Bedürftige verteilt wurden. Die Christen glaubten, so die Erlösung ihrer verstorbenen Angehörigen zu beschleunigen.
Es dauerte lange, bis sich der Glaube an das Fegefeuer in der katholischen Kirche entfaltete. Die orthodoxe Kirche – und später auch die protestantische – lehnen ihn bis heute ab.
Seit dem 20. Jahrhundert überdenkt die katholische Theologie den Begriff kritisch und sucht nach einem neuen Verständnis. Danach hat das Feuer in der Bibel eigentlich eine positive Bedeutung: Gott zeigt sich dem Mose im brennenden Dornbusch. Eine Feuersäule begleitet die Israeliten in der Nacht auf der Wanderung ins Gelobte Land. Am Pfingstfest kommt der Heilige Geist in Form von Feuerzungen auf die Jünger herab.
Von Gott geht im Feuer nichts Bedrohliches aus, denn er brennt vor Liebe zu den Menschen. In der Bibel ist das Feuer eher ein Bild für kraftvolle Reinigung als für Vernichtung.
Kurt, ein befreundeter Pfarrer sagte kürzlich: «In meinem Leben gibt es Dinge, die ich auf keinen Fall im Paradies dabeihaben möchte, beispielsweise ein paar schlechte Gewohnheiten, von denen ich mich trotz aller Vorsätze nicht trennen kann. Zum Glück gibt es das Angebot, dass Gott mich vor dem Eintritt ins Paradies reinigt.»
Auch wenn ich den bitteren Geschmack nicht ganz loswerde, den die Lehre vom Fegefeuer seit dem Ablasswesen im Spätmittelalter hat – die Idee von Kurt ist gar nicht so schlecht.
Text: Christian Cebulj, Professor für Religionspädagogik und Katechetik