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Der Schellfisch (Familie der Dorsche) wird an der Ostküste der USA (Bundesstaat Maine) und von Kanada (Georges Banks) seit dem 19. Jahrhundert kommerziell gefischt. Auch aufgrund des technologischen Fortschrittes im 20. Jahrhundert hat der Befischungsdruck auf den Schellfisch vor allem ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts markant zugenommen.
Seit den 1930er Jahren wird der Bestand der Schellfische geschätzt. Betrachtet man die Zeitreihe der Totalfänge seit Beginn der Erhebung (siehe Literaturliste unten), so fällt Folgendes auf:
- Der jährliche Totalfang bewegte sich von 1930 bis Mitte der 1960er Jahre um die 40’000 (t) Tonnen.
- Mitte der 1960er Jahre (aber auch früher bereits vereinzelt) schnellte der Befischungsdruck in die Höhe.
- In den darauffolgenden Jahren bzw. Jahrzehnten schwankten die jährlichen Totalfänge nur noch zwischen 5’000-20’000 t.
Kurz: das System schien kollabiert zu sein. Der Befischungsdruck wurde sehr schnell reduziert. Doch dies vermochte die Bestände nicht in die früheren Höhen zurückzuführen.
Der Begriff „Kollaps“ muss aber in diesem Fall genauer beschrieben werden, da ja die Schellfisch-Bestände auf tiefem Niveau ausharr(t)en. Collie et al. (2004) versuchten das System mittels einer mathematischen Modellierung unter die Lupe zu nehmen. Ihre (zusammengefassten) Ergebnisse, durch Daten erhärtet:
- Das System Schellfisch-Fischerei weist sogenannte multiple Gleichgewichtszustände auf: Je nach Umweltbedingungen (inkl. Fischerei) kann der Populationsbestand um einen hohen oder um einen tiefen stabilen Mittelwert schwanken.
- Systeme mit multiplen Gleichgewichtszuständen können eine sogenannte Hysterese aufweisen – und das betrifft auch die Schellfisch-Fischerei:
- Wird ein gewisser Schwellenwert des betrachteten Einflussfaktors (z.B. steigender Befischungsdruck) erreicht, so „kollabiert“ der Populationsbestand vom hohen zum tiefen stabilen Gleichgewichtszustand.
- Will man nun den Bestand wieder auf das ursprüngliche hohe Gleichgewichtsniveau zurückbringen, genügt es nicht, den Einflussfaktor einfach wieder bis leicht unter den Schwellenwert zu verringern: systemspezifisch muss der Einflussfaktor beträchtlich verringert werden.
Das menschliche Gehirn kommt mit linearen Phänomenen recht gut zurecht. Sobald sich nichtlineare Effekte am Horizont abzeichnen (z.B. Räuber-Beute-Beziehungen, Einfluss von Jagd bzw. Fischerei), wird es für das Gehirn langsam aber sicher spekulativ. Glücklicherweise helfen mathematische Modelle, Phänomene besser zu fassen und zu verstehen.
Erwähnte Literatur:
- Brodziak, J. et al. (2006). Stock assessment of Georges Bank haddock, 1931–2004. TRAC Document, National Marine Fisheries Service, Woods Hole, MA.
- Collie, J.S. et al. (2004). Regime shifts: can ecological theory illuminate the mechanisms? Progress in Oceanography 60, 281–302.