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Es ist ein Leben wie aus einem Roman oder einem Film, das der Freiburger Missionar und Ethnograf Antoine-Marie Gachet (1822–1890) führte. «Sein Lebensweg war für das 19. Jahrhundert in jeder Hinsicht aussergewöhnlich», sagt Sylvie Genoud Jungo, Generalsekretärin von Pro Fribourg. Der Verein hat seine jüngste Publikation dem Leben und Wirken von Antoine-Marie Gachet gewidmet. Fünf Autoren und Autorinnen zeichnen darin die Lebensgeschichte Gachets nach, beschreiben den historischen Kontext und erzählen von dem einzigartigen Nachlass des Kapuziners.
In Wisconsin und Indien
Antoine-Marie Gachet hatte Greyerzer Wurzeln und wurde 1822 in der Stadt Freiburg geboren. Schon früh zeigte sich sein Interesse für fremde Kulturen und seine ausserordentliche Sprachbegabung. Als Gymnasiast lernte er am Kollegium St. Michael Latein und Griechisch und konnte beide Sprachen rasch fliessend lesen. Mit 19 Jahren trat er als Novize in den Kapuzinerorden ein; 1846 wurde er zum Priester geweiht. Da er unbedingt Missionar werden wollte, lernte Gachet in jenen Jahren auch Hebräisch: Er betrachtete diese Sprache als Ursprung vieler moderner Sprachen, die er später lernte, um mit verschiedenen Völkern in Kontakt treten zu können. 1857 wurde Gachet als Missionar nach Wisconsin gesandt, um dort dem Kapuzinerkloster Calvary vorzustehen. Er kam in Kontakt mit den MenomineeIndianern, einem Volk von Jägern und Sammlern. 1859 liess er sich im Keshena-Reservat nieder, um das einfache Leben der Indianer zu teilen und ihre Kultur und ihre Sprache, aber auch die Fauna und Flora der Gegend zu erforschen. Seine Erkenntnisse hielt Gachet in einem ausführlichen Tagebuch fest, das später unter dem Titel «Cinq ans en Amérique» veröffentlicht wurde. 1862 wurde Gachet gegen seinen Willen nach Indien beordert. 1868 kehrte er in die Schweiz zurück und wirkte fortan zwischen Freiburg und Sitten. Er starb 1890 in Freiburg.
Eine wichtige Quelle
Im Heft von Pro Fribourg geht es vor allem um Gachets Zeit bei den Menominee und um sein Tagebuch, das erst in jüngerer Zeit von breiten Kreisen wiederentdeckt wurde. Einer, der Gachets Geschichte gut kennt, ist Adrian Holderegger, emeritierter Theologieprofessor der Universität Freiburg und ebenfalls Kapuziner. Für die Publikation von Pro Fribourg hat er zwei Beiträge verfasst. Diese Artikel haben ihren Ursprung, ebenso wie die anderen Beiträge, im Jahr 2019, als die Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg einen Diskussionsabend zu dem Thema organisierte. Im Anschluss daran sei die Idee für eine Publikation in Zusammenarbeit mit Pro Fribourg entstanden, so Holderegger.
Ziel sei, Antoine-Marie Gachet und seinen Nachlass einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Gachets Journal ist eine wichtige Quelle zur Kultur der Menominee und weckte in den vergangenen Jahren auch das Interesse US-amerikanischer Ethnologen. Es enthält Texte mit präzisen Beschreibungen, aber auch Karten und Zeichnungen, die vom Alltag der Indianer erzählen. Bemerkenswert ist auch die Grammatik, die Gachet zur Sprache der Menominee verfasste, die er selber in kurzer Zeit erlernt hatte. «Es ist das einzige Zeugnis dieser längst verschwundenen Sprache», sagt Adrian Holderegger.
Antoine-Marie Gachet sei in mehrfacher Hinsicht aussergewöhnlich gewesen: So sei es damals selten vorgekommen, dass Missionare den Alltag mit einem indigenen Volk teilten. Zudem sei Gachet ein hervorragender und künstlerisch begabter Beobachter gewesen, wovon seine Zeichnungen zeugten. Und im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen habe er sich wirklich für die Kultur der Menominee interessiert und diese als ebenbürtig betrachtet. «Er hätte dafür niemals das Wort ‹primitiv› benutzt.»
Das reich illustrierte Heft ist für 25 Franken im Buchhandel erhältlich oder direkt bei Pro Fribourg: <email-pii>. Texte auf Französisch.
Ethnografische Objekte
Eine Sammlung sucht ein Zuhause
Nebst seinem Tagebuch und seiner Grammatik der Menominee-Sprache hat Antoine-Marie Gachet eine Sammlung ethnografischer Objekte hinterlassen. 44 Objekte stammen aus seiner Zeit bei den Menominee, vier weitere aus Indien. Diese Objekte schenkte Gachet in den Jahren 1860 und 1868 dem Staat Freiburg. Sie gelangten in die ethnografische Sammlung des kantonalen Museums. Dieses war damals offiziell bereits in ein Museum für Kunst und Geschichte und ein Naturhistorisches Museum unterteilt, doch beide Einheiten befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Lyzeum des Kollegiums St. Michael.
Als das Naturhistorische Museum 1897 an seinen heutigen Standort im Perolles-Quartier zog, hätte es die ethnografische Sammlung mitnehmen sollen. Das geschah aber nicht, und die Sammlung verschwand in verschiedenen Depots, da auf beiden Seiten wenig Interesse dafür bestand. 1940 gelangte die Kollektion in die Obhut der Universität Freiburg und des Ethnologie-Professors Pater Wilhelm Schmidt. 2014 überliess sie die Universität dem Verein Pro Ethnographica. Dieser brachte die Sammlung, die insgesamt zwischen 2000 und 3000 Objekte umfasst, in einem Depot im Schloss Bulle unter. Dieses wird ab dem kommenden Frühling jedoch nicht mehr zur Verfügung stehen, und der Verein sucht derzeit dringend nach einer neuen Lösung.