Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03383.jsonl.gz/2103

Es nieselt, die Strasse ist schwach befahren, aber doch so, dass man sie nicht blind überqueren kann. Jenseits der fahrenden Scheinwerfer leuchtet eine Schrift. „Binz bleibt Binz“ sagen die kleinen Glühbirnchen. Kahles Betongemäuer ragt in den Himmel. Es zu fotografieren wäre nichts, denn im Nebel verschwinden seine Umrisse. Wäre da nicht der allesausblendende helle Schriftzug davor und die Nacht darum mondhell, so böte sich eine beeindruckende Kulisse in der stillen Nacht.
Zwischen zwei Betonklötzen – sie sind bunt bemalt, doch die Dunkelheit verhüllt dies, bis auf den kleinen, beleuchteten Fleck auf der Wand – spannt sich eine Brücke. Eine altmodische Lampe und ein Stuhl sind durch das Fenster zu erkennen. Jenseits der Brücke steht eine Metalltür offen, dahinter ein weiter Raum. Sofas stehen da, auf denen Leute sitzen oder liegen, weiter vorne sind Tische aufgestellt, auf denen Weinflaschen stehen, wachsüberlaufen. Die Kerzen, die darin stecken, erhellen die Gesichter der Menschen. Sie schauen alle auf eine riesige Leinwand, über die ein Film flimmert. Lange verstorbene Jazzmusiker musizieren dort, lachen und tanzen. Süsslicher Dunst macht das Bild schummrig.
Ganz im Gegensatz dazu stehen die harten Formen der Fernsehgeräte, die aufgestapelt auf der Treppe neben dem Saal stehen. Rauschende Störbilder beleuchten unruhig den Weg in einen kleinen, dämmrig kalten Raum unter der Erde. Ein Kissen liegt dort, darauf sitzt eine Frau, daneben steht ein Mann. „Jetzt haben wir genug Nebel“, meint die Frau, der Mann sagt nichts. Einer der vielen Bildschirme zeigt einen Film ohne Ton. Auf der Treppe, die ins Leben zurückführt, liegen jetzt ein Mann und ein Plüschkürbis. Letzterer bleibt dort, der Mann kriecht still lächelnd die Stufen hoch in den Saal mit der Leinwand.
Neben dem Treppenaufgang ist eine Bar eingerichtet worden. Die Wände sind vollgesprayt und davor amüsieren sich ein paar wenige aufwändige Frisuren. Neben der Theke führt ein schmaler Aufgang in einen schwachbeleuchteten Raum. Kartonrohre, Küchenpapier und Bierflaschen türmen sich auf der Matratze vor den Leuten, die dort Camera Obscuras basteln.
Ein paar Schritte weiter, wieder draussen, leuchtet der regennasse Asphalt unter einer kleinen Luke. Das Licht, das aus der Öffnung strömt, suggeriert Leben im Keller dahinter. Blau zieht sich ein Wort über den rauen Putz, einsam an der beigen Wand. Nur das rote Licht weiter hinten schimmert einladend. Gestalten tummeln sich davor, im Gegenlicht zu Umrissen reduziert. Doch tritt man durch die Tür, aus der das Licht wabert, betritt man eine andere Welt. Eine Laute, Belebte. Ein Raum voller Leute, der sich vor ein zweites Zimmer schiebt. Darin: Blaue und grüne Lichtpunkte, dumpfe, atmosphärische Klänge und weit hinten in der Ecke ein weisser Baldachin, unter dem Matratzen, Samtstoffe, geblümte Autositze und in Gold gehüllte Menschen mit schimmernden blauen Haaren liegen. Hoch an der Decke, wo sich die schillernde Spitze des Baldachins in einem undurchsichtigen, dicken Knäuel verdichtet, hängt eine Glühbirne inmitten blutiger Tampons.
Ein guter Ort, das Labitzkeareal.