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Lausanne und Theater
Lausanne zwischen Hof und Garten
Von Jean-Louis Kuffer
Es ist längst nicht allen Lausannern wirklich bewusst, und so mancher Ausländer stellt es mit Erstaunen fest: unsere Stadt verfügt aktuell über ein aussergewöhnlich vielseitiges Theaterangebot im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl. Hierzu zählen nicht nur die etablierten Häuser (das Théâtre de Vidy unter der Leitung von René Gonzalez mit seinem Assistenten René Zahnd und das Théâtre Kléber-Méleau, von Philippe Mentha gegründet und nach wie vor von diesem geleitet), sondern auch eine ganze Phalanx unabhängiger, an unterschiedlichen Standorten aktiver Formationen, vom Théâtre de l’Arsenic (mit vorwiegend experimenteller Ausrichtung, unter der Leitung von Sandrine Kuster) und den Theatern 2.21 und Pulloff (zeitgenössische Werke, vornehmlich in Kurzfassungen) über das Théâtre Boulimie (satirisches Kabarett, von Lova Golovtchiner gegründet und geleitet) und die Grange de Dorigny (zeitgenössische und klassischere Stücke) bis hin zum Petit Théâtre (für junge Besucher, unter der Leitung von Sophie Gardaz).
Dieses vielfältige Angebot, das in nichts hinter grösseren Schweizer Städten wie Genf oder Zürich zurücksteht, rührt zweifellos aus einer langen Tradition, die längere Zeit fast in Vergessenheit geraten war, um dann im 20. Jahrhundert zu einem wahren Crescendo anzusetzen, wie dies der interessierte Leser im Buch von René Zahnd mit dem Titel "Entre l’oubli et l’euphorie: le théâtre à Lausanne", erschienen bei Payot (1997), nachlesen kann.
Die Expansion der 60er-Jahre
Ohne hier allzu sehr ins Detail gehen zu wollen – was von dieser Entwicklung in Erinnerung bleiben wird, ist die Tatsache, dass die Theaterszene in Lausanne, die sich in den frühen 1950er-Jahren noch ziemlich provinziell darstellte, ihren Aufschwung parallel zu der grossen französischen Bewegung mit Gründung dezentraler Theaterbühnen nahm.
Untrennbar verbunden mit dem Centre Dramatique de Lausanne, das aus dem früheren Stadttheater hervorgegangen war und das nach dem Bezug der herrlichen Räumlichkeiten in Vidy, die der berühmte Architekt Max Bill anlässlich der Landesausstellung von 1964 direkt am Seeufer errichtet hatte, in das Centre dramatique de Lausanne-Vidy umgewandelt wurde, ist Charles Apothéloz (1922-1982), der das Theater von 1968 bis 1974 leitete.
Unter der Führung von Apothéloz, dessen Nachfolge Franck Jotterand später antrat, wurde das Théâtre de Vidy ein Zentrum lokalen kreativen Schaffens, in dem hauptsächlich Schauspieler aus der Westschweiz zu sehen waren.
Öffnung zur Welt
So entwickelte sich Vidy – im Gleichschritt mit der neuen europäischen Theaterszene und deren verstärkten Interaktionen – mit der Ankunft von Matthias Langhoff, der das Haus von 1988 bis 1991 leitete, zu einem auch international anerkannten Schaffenszentrum.
Nachdem der grosse Theaterdirektor Langhoff aufgrund seines angeblich mangelnden Engagements im administrativen Bereich und für die Westschweizer Theaterszene in die Kritik geraten war, wusste der neue Direktor René Gonzalez diese Spannungen zu beseitigen und den Standort Vidy zu einer unvergleichlichen und glanzvollen Institution zu machen (das Vidy-Theater ist der grösste Exporteur von Schauspielen in der ganzen Schweiz), die genauso wie das Théâtre Kléber-Méleau von Philippe Mentha in der Stadt tief verwurzelt ist.
Selbstverständlich wollen wir hier nicht nur von der «Institution» an sich sprechen und darüber die vielen unabhängigen Produktionen vergessen; dennoch bleibt festzuhalten, dass das «Talent» des Lausanner Theaterpublikums, über das viele durchreisende Regisseure und Ensembles schwärmen, dank der langfristigen Basisarbeit unserer beiden Haupthäuser und ihrem Kampf gegen die seinerzeit herrschende Normalität verbessert werden konnte, die Lausanne zu einem eher unbedeutenden Zwischenstopp erfolgreicher Theatertourneen aus Paris gemacht hatten.
So erlebt das Theaterleben in Lausanne heute zwischen Standardwerken und Neuentdeckungen goldene Jahre. Mögen sie noch lange währen…
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LEB: Lausanne-Flon