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Text und Bilder: Jakob Kubli
Die Netstaler gehörten bis Ende des 17. Jahrhunderts zusammen mit Glarus, Riedern, Ennenda und Mitlödi zur Kilchhöre Glarus. Das starke Anwachsen der Bevölkerung und die grosse Entfernung sowie politische Erwägungen machten die Gründung einer selbständigen evangelischen Kirchgemeinde in Netstal wünschenswert. Am 4. Juli 1697 legten die obersten Kirchenvertreter Netstals der Gemeinde den langgehegten Plan zur Selbständigkeit vor. Diese stimmte schliesslich grossmehrheitlich zu und beschloss, eine eigene Kirche zu bauen. Dieser Entscheid war unter den damaligen Verhältnissen ein Wagnis und erforderte von jedem einzelnen Bürger grosse Opfer. Die evangelische Gemeinde war damals noch recht klein, hatte man doch 1682 in Netstal erst 328 Reformierte gezählt. Als im Jahre 1698 evangelisch Netstal offiziell zur selbständigen Kirchgemeinde erhoben wurde, war es naheliegend, dass man auch an eine eigene Schule dachte. (Im Kanton
Glarus waren Reformierte und Katholiken damals auch für das Schulwesen zuständig und führten Usus gemäss eigene Schulen). Der Bau eines Schul- und Pfarrhauses wurde zwar geplant, kam aber wegen Geldmangels nicht zur Ausführung.
Erste Kirche mit Käsbissenturm
Die junge Kirchgemeinde machte sich nun daran, Geldmittel für ihre Bauten zu beschaffen. Neben dem Evangelischen Rat, der den Kirchgenossen 300 Reichstaler aus dem evangelischen Landessäckel schenkte, spendeten evangelische Gemeinden des Glarnerlandes wie auch aus allen Landesteilen der Eidgenossenschaft namhafte Summen. Die Steuersammler wandten sich sogar ans Ausland, indem sie die Handelsbeziehungen einzelner Bürger geschickt ausnützten. Als Kirchen-Standort wählte man den aussichtsreichen Hügel, wo sich heute der Friedhof befindet. Im kleinen Turm hingen zwei Glocken, deren eine man schon 1695 gekauft hatte. Die grössere kam 1698 dazu. Sie ist noch unter dem Namen "Spältiglöcklein“ erhalten und hängt im Glockenstuhl der heutigen Kirche. Am Thomastag, dem 21. Dezember 1698 wurde die Kirche mit ihren Butzenscheiben und dem Käsbissenturm eingeweiht. Der schlichte, gediegene Bau mit seinen etwa 18 Meter Länge und 13 Meter Breite fügte sich bestens ins damalige Dorfbild ein.
Das heutige Gotteshaus
Im Laufe der ersten hundert Jahre war die evangelische Bevölkerung in Netstal um das Vierfache auf 1300 Personen angewachsen. Um dem unerträglichen Platzmangel im damaligen Gotteshaus Abhilfe zu schaffen, wurde der Kirchenrat um 1800 beauftragt, ein Bauprojekt für eine neue Kirche vorzulegen. Nach dem
Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft und den Napoleonischen Kriegen war die Gemeinde verarmt und die Arbeitslosigkeit war gross. Anstatt als Söldner in fremde Kriegsdienste zu treten, wollte man "in der Heimat ein Sinnbild der Liebe und des Friedens errichten“ wie es in der "Geschichte der Gemeinde Netstal" heisst.
Die 1811 bis 1813 erbaute Kirche ist durch ihre Stileigenart weitherum bekannt; sie ist die einzige Querkirche in unserer Region. Weitere Querkirchen stehen in Bauma, Bäretswil, Hinwil, Uster, Gossau, Kloten, Horgen und Wädenswil. Querkirchen nennt man sie, weil die Kanzel mitten an einer Längswand quer zum Kirchenraum angeordnet ist. Auf Empfehlung der Eidgenössischen Denkmalpflege ist die Kirche 1972 unter den Schutz von Bund und Kanton gestellt und als Bauwerk von regionaler Bedeutung eingestuft worden.
Schon damals ökumenische Zusammenarbeit
Der Chronik entnehmen wir zur Baugeschichte unter anderem folgendes: Dank dem milden Wetter konnte mit dem Bau der Kirche im Februar 1811 begonnen werden. Die Baupläne erstellten die Zimmermeister Leonhard und David Stüssi von Netztal. Als Bauherr wurde Ratsherr Kaspar Weber gewählt, dem Maurermeister
Salomon Simmen von Glarus zur Verfügung stand. Die neue Kirche sollte im Sinne der Kirchgenossen nicht künstlerisch, sondern einfach, dauerhaft und praktisch eingerichtet sein. Die katholischen Tagwensbürger erlaubten ihren evangelischen Mitbürgern, aus ihren Tagwenswäldern soviel Holz zu schlagen, wie der Bau benötige. Während der Bauzeit erwiesen die Katholiken den Reformierten stets das freundlichste
Entgegenkommen. So durften die Reformierten zweieinhalb Jahre lang ihren Gottesdienst in der damaligen katholischen Kapelle abhalten. Und die Gemeinde Näfels machte das freundschaftliche Angebot, 150 Tage lang zu arbeiten "und auf Verlangen noch mehr zu tun“.
Der Netstaler Kirchenbau litt denn auch nie an Arbeitermangel. Der Chronik entnehmen wir folgendes amüsante Müsterchen: "Die Arbeit am Kirchenbau gefiel vielen Leuten bedeutend besser als diejenige in den Linthsümpfen. Nicht wenige liefen dort einfach davon. Hans Konrad Escher bangte deswegen sogar um den Fortgang seines grossen nationalen Werkes und lehnte in einem Schreiben an die Glarner Obrigkeit ausdrücklich die Verantwortung für die Folgen dieser Arbeiterflucht ab. Das Linthwerk sei wichtiger als der Kirchenbau, und der Rat solle Bauherr Weber jedes Abwerben von Arbeitskräften verbieten, oder zum
mindesten müsse er dafür die Bewilligung der Linthaufsichts- Kommission einholen. Der Rat entsprach Eschers Gesuch.“
Einweihung 1813
Jeder über 12 Jahre alte Kirchgenosse musste 32 Sommer- und 18 Wintertagewerke verrichten oder dann 10 Batzen für einen Sommer und 7½ Batzen für einen Wintertag bezahlen. Der Arbeitsrodel enthielt die Namen von 401 tagwerkpflichtigen Kirchgenossen, die zusammen mehr als 10 000 Tagewerke leisteten. Die Einweihung der Kirche fand am 31. Oktober 1813 statt. Pfarrer Matthäus Kubli, Sohn des Senators, hielt die Festpredigt. Da die Geldmittel stets knapp waren, konnte die Kirche erst 1825 vollständig ausgebaut werden.
Die Glocken im eisernen Stuhl
Die evangelische Kirche hat seit ihrer Erbauung verschiedene Umbauten, Reparaturen, Renovationen und eine Restaurierung erfahren, die aber das ursprüngliche Aussehen des Gebäudes im Allgemeinen wenig veränderten. Die erste grosse Renovation erfolgte im Jahre 1907.
1899, also 86 Jahre nach der Einweihung der Kirche wurde das gesamte Geläute, das nicht befriedigt hatte, ersetzt. Dies war nur möglich, weil Johann Jakob Spälti, Russländer, Fr. 100 000, den dritten Teil seines Vermögens, für wohltätige und gemeinnützige Zwecke der evangelischen Gemeinde vermachte. Diese konnte damit ein neues, grosses Geläute, eines der schönsten und grössten im Kanton, anschaffen. Die vier Glocken stammen aus der Glockengiesserei Rüetschi, Aarau. Sie haben ein Gesamtgewicht von 7000 Kilo. Dazu kamen noch die Kosten für einen neuen eisernen Glockenstuhl, die ebenfalls aus dem Vermächtnis bestritten wurden. Die kleinste oder Kinderglocke wiegt 10 Zentner und trägt den Spruch: "Selig sind, die reines Herzens sind.“ Die zweitkleinste oder Abendglocke hat ein Gewicht von 20 Zentnern und führt den Spruch: "Christus ist mein Leben“. Die zweitgrösste oder Mittagsglocke mit einem Gewicht von 36 Zentnern, hat die Inschrift: "Danke dem Herrn, denn er ist freundlich“. Die grosse oder Festglocke wiegt 74 Zentner und grüsst mit den Worten: "Friede sei mit Euch“.
Erster elektrischer Glockenantrieb im Jahre 1925
Da es dem Sigristen immer schwerer fiel, für das Läuten die erforderliche Mannschaft zu gewinnen, beschloss die Kirchgemeinde 1925, einen elektrischen Antrieb einzurichten. Die Läuteeinrichtung war die erste im Kanton, welche mit einem automatischen Schaltwerk für das Morgen-, Vesper- und Abendläuten ausgestattet war.
Neue Orgel mit internationalem Ruf
1964 wurde die im Jahre 1867 errichtete Orgel ersetzt, da man befürchten musste, dass sie infolge von Abnützungserscheinungen eines Tages ihren Dienst verweigern könnte. Die Kirchgemeinde- Versammlung
beschloss darum auf Antrag des damaligen Dorfarztes, Dr. med. Rudolf Jaumann, eine neue Orgel bauen zu lassen. Die bestbekannte Firma Metzler & Söhne, Dietikon, schuf ein Meisterwerk mit einem rein mechanischen System mit Schleifwindladen. Dies bot beste Gewähr für eine lange Lebensdauer und kleinste Anfälligkeit für Störungen. Die farbliche Gestaltung des durch die Orgelbauer erstellten Fichtenholzgehäuses lag in den Händen von Kunstmaler Toni Frasson, Luzern. Mit seiner grünen Grundfarbe, den roten und gelben Verzierungen und den geschnitzten, vergoldeten Schleiergittern wird der Orgel ein äusseres Bild des Klangreichtums gegeben und der sonst eher nüchterne Kirchenraum wird belebt. Namhafte Fachleute aus dem In- und Ausland haben die neue Orgel schon besucht und ihre Bewunderung und Anerkennung ausgesprochen. Die hervorragende Akustik
der Kirche hebt ihre klanglichen Schönheiten ganz besonders hervor. 260 Netstaler und Netstalerinnen haben für die neue Orgel über 75'000 Franken gespendet. Die Gesamtaufwendungen betrugen 193'340 Franken.
Gesamtrestaurierung der Kirche
Die Evangelische Kirche, entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ist eines der wertvollsten Baudenkmäler des Glarnerlandes. Nach kleineren und grösseren Innenrenovationen in den Jahren 1867, 1907, 1913 und 1933 musste sich der Kirchenrat in den sechziger Jahren mit einer umfassenden Sanierung der Kirche befassen. Der künstlerische Wert und der bauliche Zustand zwangen den Rat zu einer Restaurierung. Restaurieren heisst, den ursprünglichen Baugedanken wieder herstellen, oder wie im Falle von Netstal, zu erhalten. Diesem Gedankengang ist auch die Eidgenössische Denkmalpflege gefolgt und hat in ihrer Beurteilung die
Schutzwürdigkeit dieses Gebäudes bejaht, wobei die Kirche in die Gruppe mit "regionaler Bedeutung“ eingestuft wurde.
Den reichsten Schmuck des Gotteshauses bilden die vier gemalten Fenster in der Ostwand. Sie wurden von den Zürcher Glasmalern Georg und Heinrich Röttinger geschaffen. Jedes der Fenster trägt das Wappen des Stifters. Alle Bildmotive sind dem Neuen Testament entnommen. Die farbigen Fenster, die im Stile nicht auf die Kirche abgestimmt sind, wurden von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege nicht beanstandet.
Anders hingegen die Stuckreliefs der schweizerischen Reformatoren. Auf die Jahrhundertfeier von 1913 hin wurden an der Wand links und rechts der Kanzel Gipsreliefe von Calvin und Zwingli angebracht. Sie waren mit den dazu passenden Wandfüllungen Werke des Zürcher Bildhauers F. Kalb. Obschon Fachleute von der
Denkmalpflege empfohlen hatten, auf die Stuckreliefs zu verzichten, beschloss die Kirchgemeinde-Versammlung am 8. Juni 1979 mit grosser Mehrheit, sie nach Beendigung der Umbauten wieder am alten Standort anzubringen. Da dies nicht geschehen war, stellte der Kirchenrat auf Druck der Bevölkerung im Jahre
1982 einen Wiedererwägungsantrag, um den Beschluss vom Juni 1979 zu widerrufen und auf das Anbringen der Reliefs zu verzichten.
Baubeginn für die Aussenrestaurierung (Kirchenschiff und Turm) war im Jahre 1971. Die Kosten beliefen sich auf Fr. 328'000 und Fr. 62'000. Die Innenrestaurierung begann sechs Jahre später und kostete beinahe eine halbe Million Franken. Da die Kirche als schutzwürdiger Bau anerkannt worden war, konnte sich der Bund mit maximal 20% Subvention beteiligen.
Kirchturmsanierung 1997 und 2009
Am 15. Dezember 1996 hatte die Kirchgemeinde-Versammlung einem Kreditantrag von Fr. 250'000 zugestimmt, um eine dringend nötige Kirchturm-Sanierung vornehmen zu können. Zur Freude der Versammlung teilte alt Gemeindepräsident Dr. Konrad Auer mit, dass er einer Familientradition entsprechend und aus Anlass seines baldigen 75. Geburtstages Fr. 100'000 an die Renovation beitragen werde. Leider wurde der Turm nach wenigen Jahren von einem Pilz befallen, so dass eine abermalige Sanierung unumgänglich wurde. Unter Aufsicht der Denkmalpflege wurde nach einer gründlichen Reinigung ein neuer mehrschichtiger Anstrich in Weiss
angebracht. Im Sommer 2009 wurde mit der Erstellung des Baugerüstes und der Staubschutzverhüllung begonnen. Während dieser Zeit präsentierte sich der Kirchturm „eingepackt“, wie wenn Verhüllungskünstler Christo persönlich in Netstal gewesen wäre.
Sanierung der Aussenfassade 2010
Im Hinblick auf den 200. Jahrestag des Aufrichtefestes der Kirche beschloss eine ausserordentliche Kirchgemeinde-Versammlung, auch die Aussenfassade des Kirchenschiffes zu sanieren. Die Kosten wurden auf Fr. 98'000 veranschlagt. Wie beim Turm stellte der Unterstützungsfonds die Finanzierung sicher. Auch der Baufonds der Kantonalkirche und die kantonale Denkmalpflege leisteten Beiträge. So präsentiert sich das markanteste Bauwerk der Gemeinde, das von den Sachverständigen als eines der wertvollsten Baudenkmäler des Glarnerlandes bezeichnet wird, in neuem Glanze. Seit der radikalen Gemeindefusion sind die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirchgemeinde noch die einzigen Körperschaften, in denen die Netstaler eigenständig bestimmen können.