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Die Verhinderung der Fortpflanzung ist häufig nicht der ausschlaggebende Grund, warum Hunde zur Kastration vorgestellt werden. Da es sowohl Vorteile als auch Nachteile der Kastration gibt, sollte im Vorfeld unter Berücksichtigung der Haltungsform, des Geschlechts, der Rasse, des Alters sowie individueller Faktoren und Gesundheitszustand des Hundes abgewogen werden, ob und in welcher Form − chirurgisch oder chemisch mittels Medikamenten − das vierbeinige Familienmitglied kastriert werden soll.
Der Begriff Kastration bezeichnet die Ausschaltung der Funktion der Keimdrüsen, das heisst der Eierstöcke beziehungsweise der Hoden. Dies kann durch deren operative Entfernung erreicht werden. Eine Alternative dazu stellt die hormonelle Unterdrückung der Keimdrüsenfunktion dar − im Volksmund häufig als «chemische Kastration» bezeichnet.
Davon abgegrenzt werden muss der Begriff Sterilisation, welcher oft fälschlicherweise für die Bezeichnung der Kastration weiblicher Tiere eingesetzt wird. Bei der Sterilisation wird lediglich der Transport der Eizellen beziehungsweise der Spermien verhindert. Die Keimdrüsenfunktion und somit auch die Hormonproduktion werden dadurch nicht beeinträchtigt. Im Unterschied zum Menschen wird dieser Eingriff beim Hund nur in Spezialfällen durchgeführt, da in der Regel die Nachteile überwiegen.
In Form zweier Fallbeispiele* wird im Folgenden die Komplexität der Entscheidungsfindung bezüglich Kastration, Kastrationszeitpunkt und Kastrationsmethode mit dem Fokus auf die chemische Kastration aufgezeigt.
Dobermannrüde Aaron
Telefonisch meldet sich Herr Rutishauser bei uns für eine Terminvereinbarung zur Kastration seines dreijährigen Dobermann-Rüden Aaron. Auf Nachfrage erzählt er, dass Aaron neulich an der Leine ein extremes Aggressionsverhalten gegenüber anderen Hunden zeige. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, möchte er Aaron kastrieren lassen.
Herr Rutishauser wird als Erstes darüber aufgeklärt, dass eine Kastration nur dann eine Verhaltensverbesserung bewirken kann, wenn Testosteron eine zentrale Rolle einnimmt. Darunter fallen vor allem Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit läufigen Hündinnen in der Umgebung. Im Falle von unerwünschtem Aggressionsverhalten ist die Erkennung eines Zusammenhangs mit dem Kastrationsstatus schwieriger. Selbst wenn Testosteron ursächlich am störenden Verhalten beteiligt ist, wird durch eine Kastration meist keine Verhaltensänderung erreicht. Eine verhaltensmedizinische Beurteilung und Beratung ist daher sehr empfohlen, vor allem wenn die Verhaltensauffälligkeit bereits über einen längeren Zeitraum gezeigt wurde.
Wir informieren Herrn Rutishauser über die Möglichkeit einer vorübergehenden «Probekastration». Dem Rüden wird dazu ein Hormonimplantat (Suprelorin®) direkt unter die Haut gesetzt. Der Wirkstoff Deslorelin wird von diesem Implantat über mehrere Monate kontinuierlich freigesetzt. Deslorelin wirkt im Körper wie GnRH (Gonadotropin Releasing Hormone), das Schlüsselhormon der Fortpflanzung. GnRH wird im Zwischenhirn produziert und pulsatil, also stossartig freigesetzt. Über die schwankenden Hormonspiegel steuert dieses Schlüsselhormon in den Hoden die Testosteronproduktion und bei der Hündin in den Eierstöcken die Östrogenproduktion. Für die Erhaltung der Sexual- und Fortpflanzungsfunktion ist die pulsatile Hormonfreisetzung sehr wichtig. (…)
Den vollständigen Beitrag können Sie in der Ausgabe 9/17 lesen.