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Beobachter: Ärzte und Patienten unterschätzen die Wirkung der Selbstheilungskräfte. Warum?
Edzard Ernst: Selbstheilung ist ein merkwürdiger Begriff. Ich bin mir selber nicht ganz sicher, was er bedeutet. Ich vermute, dass die Leute sehr unterschiedliche Dinge darunter verstehen. Und ich fürchte, dass viele, die sich mit alternativer oder komplementärer Medizin behandeln lassen, die Selbstheilung mit veralteten geistigen Konzepten oder esoterischen Lehren verknüpfen.
Wenn die eigenen Erwartungen den Verlauf der Heilung beeinflussen können, muss man sich fragen, ob es eine Rolle spielt, welche Behandlung man wählt. Spielt der positive Effekt unabhängig von der Wirksamkeit der gewählten Therapie?
Erwartung oder Hoffnung kann ein Element des Placebo-Effekts sein; und als solches sollte es tatsächlich keine Rolle spielen, ob wir sie an eine wirksame oder unwirksame Therapie binden. Es handelt sich um einen unspezifischen therapeutischen Effekt, der unabhängig von der gewählten Behandlung eintritt.
«Patienten zu suggerieren, sie könnten sich mit Geist-Körper-Unsinn gleich selber heilen, geht klar zu weit.»
Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin
Lassen sich Methoden zur Förderung der Selbstheilung – wie Entspannung oder Meditation – von fragwürdigen Angeboten wie Heilslehren von Gurus abgrenzen?
Der Unterschied besteht darin, dass effektive Therapien einen spezifischen therapeutischen Effekt haben. Einen, den man auch wissenschaftlich belegen kann. Ineffektive Behandlungen stützen sich dagegen ausschliesslich auf unspezifische, zufällige Effekte. Eine effektive Therapie zu wählen und den Patienten darüber aufzuklären ist Aufgabe eines seriösen Arztes. Darum ist es unverständlich, wenn zum Beispiel eine homöopathische Behandlung als alleinige empfohlen wird.
Sehen Sie weitere Gefahren im Konzept der Selbstheilung durch Gedanken?
Die Gefahr, sich auf unspezifische Effekte zu verlassen, besteht darin, dass sie tendenziell unzuverlässig sind und oft nicht heilen. Man kann die Symptome auf diese Weise zwar lindern, aber man kann einen schweren Zustand nicht heilen. Es wäre ein Fehler, Selbstheilung durch Gedanken als Heilslehre zu verstehen.
Bei vielen alternativen Therapiekonzepten ist eine ganzheitlichere Auseinandersetzung mit dem Patienten wichtiger als Behandlungen und Medikamente. Sollte man solche Placebo-Effekte auch in der schulmedizinischen Behandlung besser nutzen?
Ja, Holismus – ein ganzheitlicher Ansatz – ist ein Kernelement jeder guten Medizin und muss es bleiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass er von Scharlatanen entführt wird.
Sollte das Bewusstsein bei den Patienten, dass sie selber viel zur Heilung beitragen können, stärker gefördert werden? Vielleicht sogar in der Volksschule, wie es Vertreter der Mind-Body-Bewegung anregen?
Ich bin mir nicht sicher. Das Risiko wäre, dass man diesen Aspekt zu stark betont. Natürlich muss man Patienten sagen, was sie für ihre Gesundheit tun können; das haben gute Ärzte schon immer getan. Aber ihnen zu suggerieren, dass sie sich mit Geist-Körper-Unsinn gleich selber heilen können, geht eindeutig zu weit.