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Es regnet in Seattle. Gleich in der ersten Totalen, die wir vom (zunächst) zentralen Schauplatz von Richard Linklaters Where’d You Go, Bernadette? zu Gesicht bekommen und dann immer wieder, einmal sogar so stark, dass sich die Stadt selbst in Bewegung setzt: Das Haus, in dem die Titelheldin Bernadette Branch (muss man nach dem Film noch mehr lieben: Cate Blanchett) gemeinsam mit Mann Elgie und Tochter Bee wohnt, befindet sich auf einem Hügel; der wiederum ist irgendwann dermassen von Wasser durchtränkt, dass sich eine Schlammlawine löst und das Wohnzimmer eines weiter unten gelegenen Anwesens überflutet – wo sich ausgerechnet an diesem Tag Seattles Geldadel trifft, eingeladen von Bernadettes Nachbarin und Intimfeindin Audrey Griffin.
Eine Stadt wendet sich gegen ihre Bewohner_innen. Das ultraliberale New-Economy-Seattle ist in Where’d You Go, Bernadette? ein Paradies, vor dem man sofort Reissaus nehmen möchte, so schnell und so gründlich wie möglich. Am besten gleich in Richtung Südpol. Das ist der Fluchtpunkt der ersten Filmhälfte: eine Reise in die Antarktis, die sich Bee von ihren Eltern wünscht, bevor sie in ein Internat an der amerikanischen Ostküste (also ebenfalls weit weg von Seattle) verschifft werden wird.
Freilich wird schnell klar: Seattle ist eher Symptom als Ursache. Die Probleme, die sich im Leben der Branches und vor allem Bernadettes auftürmen, haben andere, tiefere Wurzeln. Biografische zum Beispiel: Bernadette war einst eine gefeierte Architektin, hatte sich dann aber, nach einer beruflichen Niederlage, ins Privatleben zurückgezogen. Nur, dass sie eben mit diesem Privatleben nicht zurande kommt. Selbst die simpelsten Erledigungen wie Einkäufe und Tischreservierungen delegiert sie per Mail an eine persönliche Assistentin, die in Indien lebt (oder zumindest behauptet, in Indien zu leben).
Where’d You Go, Bernadette? beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Maria Semple – einem in seiner textuellen Hybridität interessanten, aber in seiner ziemlich konsequenten Menschenfeindlichkeit auf die Dauer etwas anstrengenden Erzählexperiment, das die Geschichte der Branches kollagenartig in einer Montage von E-Mail-Korrespondenzen, Tagebucheinträgen und anderen «vorgefundenen» Textsorten konstruiert. Die Kinoadaption ist konventioneller erzählt, die entscheidenden Verschiebungen sind aber andere: Satirische Überzeichnung interessiert Linklater weniger als psychologisch feinfühlige Beobachtungen, der im Buch allgegenwärtige Zynismus schmilzt in der Sonne seiner Empathie.
Die Schlammschlacht im Wohnzimmer zum Beispiel, die bei Semple nach allen Regeln der Kunst zelebriert beziehungsweise generalstabsmässig durchexerziert wird, handelt Linklater eher im Vorübergehen ab. Viel mehr interessiert ihn ein Streitgespräch bald darauf, in dessen Verlauf Audrey versucht, Bee gegen ihre Mutter auszuspielen, woraufhin nicht nur die zunächst noch mühsam das eigene Temperament im Zaum haltende Bernadette, sondern auch die ansonsten mit cleverer Teenieverachtung ihre Umgebung beobachtende Tochter aus der Fassung geraten. Oder eine Szene noch etwas später, vielleicht die schönste im ganzen Film, in der Bernadette plötzlich vor Audreys Tür steht und um Zuflucht bittet: ein wie aus dem Nichts kommender Blickwechsel, der die Verhältnisse neu ordnet, ohne dass es hinterher grosser Erläuterungen bedürfen würde. Das ist eine der wenigen Grundkonstanten des ansonsten wundervoll flexiblen Linklater-Kinos: Seine Figuren sind meist weniger hart und konsequent und mit sich selbst identisch, als das eine Nacherzählung der blossen Filmhandlung nahelegen würde.
Eine andere Grundkonstante: Die Aufteilung in Haupt- und Nebenfiguren hat im Linklater-Kino nicht wirklich eine Bedeutung. Jede Person, die in einem seiner Filme auftaucht, egal wie klein die Rolle ist, erhält die gleiche Aufmerksamkeit. In Where’d You Go, Bernadette? gibt es zum Beispiel eine Apothekenangestellte, die kaum eine halbe Minute im Bild ist und mir dennoch lange im Gedächtnis bleiben wird. Ihre einzige Aufgabe im Film besteht darin, eine Bestellung Bernadettes entgegenzunehmen – aber es ist einfach fabelhaft, wie sie dabei ihre verschrobene Kundin mit einer Mischung aus Neugier und Arroganz anblickt und schliesslich sogar theatralisch die Augen verdreht, als stünde sie auf einer Boulevardtheaterbühne.
Die Szene in der Apotheke markiert auch im grossen Ganzen des Films einen Wendepunkt. Linklaters Film ist im Kern eine Depressionskomödie. «Where’d You Go, Bernadette?» ist vor allem zu lesen als: Wie ist es so weit mit dir gekommen, Bernadette? Bernadette ist eine Frau, die sich dauergestresst durch ein Leben bewegt, in dem sie sich nicht mehr so recht zu Hause fühlt, in dem sie, manchmal ganz buchstäblich, aneckt: Die durchweg umwerfende Blanchett bewährt sich insbesondere als begnadete Körperkomikerin, auf ihrem Leidensweg durch Seattle gerät sie immer wieder ins Schlingern, bewahrt jedoch stets eine linkisch-verschrobene Eleganz.
Es geht aber nicht nur um die Diagnosestellung, sondern auch um Perspektiven von Heilung. Deshalb müssen die Branches nach einigen Verwicklungen die Reise an den Südpol doch noch antreten: Es bedarf eines anderen Blicks, eines Blicks ins Offene, ins gleissende Weiss des ewigen Eises, um die Prioritäten zu klären. Das mag etwas einfach gedacht sein, und auch sonst ist die Auflösung der Geschichte ein wenig an den Haaren herbeigezogen, von ein paar Zufällen zu viel abhängig. Anders ausgedrückt: Der gesunde Menschenverstand meldet Einspruch an. Warum berührt mich dann gerade das dezent überzuckerte Ende ganz besonders? Vielleicht, weil Linklaters den Menschen in all ihren Schwächen und Widersprüchlichkeiten zugeneigtes Kino mich lehrt, dass der gesunde Menschenverstand manchmal eher Teil des Problems als der Lösung ist.
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