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«69 Arten, den Blues zu spielen», zählte der Schweizer Autor Jürg Laederach in einem Buchtitel. Das dürfte eine Untertreibung sein. Doch wenn man, wie viele Bluesmusiker es tun, den Blues nicht als einen Musikstil, sondern als ein Lebensgefühl versteht, machen solche Erbsenzählereien keinen Sinn. Oder, wie ein Kritiker einmal über ein Konzert von John Coltrane (!) schrieb: «Einen Blues spielte er nicht. Er spielte den Blues.»
Der Blues, um den sich diese Story dreht, war eigentlich schon ein Revival. Als ihn in den frühen 1950ern Jahren William «Big Bill» Broonzy und Josh White mit ihren akustischen Gitarren nach Europa importierten (wie es aussieht, erreichten sie die Schweiz nie) wurden sie als letzte lebende Vertreter einer authentischen Musik angekündigt. Der Blues wurde im Nachkriegseuropa als aussterbende amerikanische Volks- bzw. Folk-Musik verstanden und mit dem ärmlichen, aber aufrichtigen Leben im amerikanischen Süden gleichgesetzt. Dass der Blues weiterhin als eine Spielart des Jazz angesehen wurde, blieb - gerade in der Zeit des Revivals des traditionellen Jazz - nicht ohne Nebenwirkungen: Als die Band des früheren Duke-Ellington-Trompeters Cootie Williams im Februar 1959 in Zürich auftrat, hatte sie mit Larry Dale den ersten elektrischen Gitarristen im Stil eines B.B. King in ihren Reihen, der in der Schweiz spielte. Die Reaktion kam postwendend: Dale wurde von den Jazzpuristen als «Rock’n’Roller» ausgepfiffen.
Es waren aber nicht alte, aus der Verschollenheit zurückgekehrte Männer mit Stahlgitarren sondern weltgewandte, singende Pianisten, die die Fackel mit dem ewigen Bluesfeuer als erste in die Schweiz trugen. Besonders der charismatische Entertainer und Ex-Profiboxer Champion Jack Dupree aus New Orleans eroberte die Herzen von jungen Musikbegeisterten überall in der Schweiz im Sturm. Dupree lebte von Ende 1960 bis 1965 hier und spielte unzählige Gigs, die die Essenz des Blues enthielten: Sie waren so unberechenbar wie das Leben und wollten nicht mehr (und nicht weniger), als die Gefühlslagen spiegeln, die diese verschiedenen Situationen auslösten. Jeder künstliche Überbau war ihnen fremd. Dass man ihnen hier zuhörte und sie für ihre Arbeit anständig bezahlte, wussten Dupree und seine stilähnlichen Kollegen wie Curtis Jones, Memphis Slim oder Eddie Boyd zu schätzen. In den USA, wo sie herkamen, hatte es der Blues nach anfänglichen kommerziellen Höhenflügen in den 1920er und 30er Jahren kaum über eine Alltagsmusik hinausgebracht, die in Kneipen und Juke Joints gespielt wurde. Während der Blues in seinem Entstehungsland (bis zu seinem Revival) fast ausschliesslich von AfromerikanerInnen gehört wurde, waren es in Europa junge, weisse, gebildete Menschen, die in der ursprünglichen Musik des unterprivilegierten Amerika Kraft und Läuterung suchten.
Kaum überschätzt werden kann dabei die Bedeutung der «American Folk Blues» Festivals, die von 1962 bis 1985 den Blues in all seinen Spielarten nach Europa und auch in die Schweiz brachten. Das deutsche Veranstalterduo Horst Lippmann und Fritz Rau verstand es, einige Pioniere des ruralen Blues mit den Innovatoren aus den amerikanischen Grossstädten zu kombinieren und das Ganze als «Revue» auf den besten Konzertbühnen Europas zu inszenieren. Das AFBF verfolgte auch einen didaktischen Ansatz, einige nannten es gar «die heisseste Volkshochschule der Welt». Für fast alle der Musikerinnen und Musiker, die mit dem AFBF über den grossen Teich kamen, war dies die erste Auslandreise. Die professionellen Auftrittsbedingungen, die Bewunderung und Wertschätzung, die ihnen das Publikum entgegenbrachte und nicht zuletzt der Wohlstand, den sie hier antrafen, waren für sie schlicht überwältigend. Die «Live»-Begegnung mit den Musikern aus den USA bestärkte wiederum eine europäische Blues Bewegung, die sich seit dem Skiffle Boom in den Fünfzigern zuerst in England zu formieren begann. Junge, elektrische Bands wie The Rolling Stones, The Animals oder The Yardbirds kombinierten die Themen des Blues mit den Attitüden des Rock’n’Roll und den Befindlichkeiten der europäischen Jugend und erschlossen so dem (Rhythm and) Blues den Zugang zu den Hitparaden. Die bisweilen hitzig diskutierte Frage, ob «white boys» überhaupt den Blues singen könnten, kümmerte diese Selfmade-Musiker wenig. Ab Mitte der 1960er Jahre kam es zu einem eigentlichen Blues Revival: Viele europäische Bands verschrieben sich mit Haut, Haar und teils enzyklopädischem Fachwissen dem Blues und holten längst vergessene Songs aus der Versenkung. Dieses Revival ging auch an der Schweiz nicht spurlos vorbei: Auch hier formierten sich Bands, die es weniger auf den schnellen Pop Ruhm als auf den Kultfaktor des echten Blues abgesehen hatten. Schon Jahre vorher hatte es hier einen kleinen, aber verschworenen Kreis von Bluesfans gegeben. Der Zürcher Gitarrist Chris Lange dürfte einer der ersten Musiker auf dem europäischen Festland gewesen sein, der eine glaubwürdige Bluesgitarre spielte und einer der allerersten, der zusammen mit den «Originalen» aus den USA auftrat.
Ende der 1960er Jahre flaute die erste grosse Begeisterung für den Blues etwas ab. Die europäischen Bands machten nun Fingerübungen als Progrocker und produzierten Konzeptalben. Die vermeintlich simplen 12-Takt-Klänge des Blues schienen etwas démodé. Dafür waren sie jetzt salonfähig. Der Blues war nun vor allem an Jazzfestivals wie demjenigen von Montreux zu sehen. Doch bald folgte das nächste Revival, und dann das übernächste. Gerade in der Schweiz besteht bis heute eine eingeschworene Community, die im Blues den Ursprung jeder Musik sieht und ihm entsprechend treu bleibt. Viele Musikstile kamen und gingen. Der Blues als Lebensgefühl und essenzielles musikalisches Ausdrucksmittel hat sie alle überlebt.
Swiss author Jürg Laederach once counted "69 ways to play the Blues" in a book title. That might be an understatement. But if, as many blues musicians do, one understands the Blues not as a musical style but as an attitude to life, such nitpicking makes no sense. Or, as a journalist once wrote after a concert by John Coltrane (!): "He didn't play a Blues. He played the Blues."
The Blues on which this story puts it focus was already a historical episode. When in the early 1950s William "Big Bill" Broonzy and Josh White brought their Blues to Europe (it seems they never reached Switzerland) they were heralded as the “last living representatives” of an authentic music. For Europeans the Blues was a dying American folk music and associated with the poor but sincere life in the American South. Nevertheless, the Blues was still regarded as a form of Jazz, which - especially during the times of the TradJazz revival - was not without collateral effects: When trumpet player Cootie Williams (of Duke Ellington fame) performed in Zurich in February 1959, he had Larry Dale in his band, the first full electric guitarist in the style of B.B. King, who played in Switzerland. The reaction arrived posthaste: Dale was booed by Swiss Jazz purists as a “rocker”.
The real keepers (and starters) of the Blues flame were singing pianists who were the first to carry their torch to Switzerland. Especially the charismatic entertainer and ex-boxing “Champion” Jack Dupree from New Orleans took the hearts of young music enthusiasts in Switzerland by storm. Dupree lived here from 1960 to 1965 and played countless concerts that contained the essence of the Blues: They were as unpredictable as life and wanted nothing more (and nothing less) than to mirror the emotional states that these situations triggered. The fact that they had an attentive audience and were paid decently for their work was appreciated by Dupree and his piano-playing colleagues Curtis Jones, Memphis Slim or Eddie Boyd, who were also Swiss regulars. In the U.S., the Blues, after it’s first heydays in the 1920s and '30s, had barely made it beyond an everyday music played in shacks and juke joints.
The importance of the "American Folk Blues" festivals, which brought the Blues in all its variants to Europe (including Switzerland from the very start in 1962!), can hardly be overestimated. German concert promotors Horst Lippmann and Fritz Rau knew how to build a line up and bring together the pioneers of the rural Blues with the innovators of the electric City Blues, and to stage the whole thing as a "revue" in the best concert venues of Europe. For almost all of the musicians this was their first trip abroad. They were overwhelmed by the admiration and the respect they received from the European audiences and, last but not least, the prosperity they encountered here.
This "live" encounter with musicians from the U.S. encouraged a bunch of European Blues scholars who had started their crusade just after the Skiffle boom in the Fifties. Young, aspiring bands like The Rolling Stones, The Animals and The Yardbirds mixed the “real” Blues with the Teenage Kicks of Rock'n'Roll, adapting it to a European market. From the mid-1960s on, there was a real Blues Boom everywhere: many European bands devoted themselves to the Blues and brought some long-forgotten songs back from obscurity. This revival did not leave Switzerland unscathed: There was a handful of promising Blues bands too. They were more interested in the bluesy cult factor than in quick Pop Star fame.
Even before that, there had been a small conspiratorial circle of Swiss Blues pioneers. Chris Lange, a guitar player from Zurich was probably one of the very first musicians on the European mainland to play a convincing Blues guitar and certainly one of the first to perform together with the "originators" from USA.
In the late 1960s, the first great European enthusiasm for the Blues cooled down somewhat. Many European bands now did finger exercises as Prog Rockers and produced endless concept albums. The simple 12-bar sounds of the Blues seemed somewhat démodé. On the other hand, they were now part of the cultural agenda. The Blues was present at sophisticated Jazz festivals like the one in Montreux. Soon the next Blues revival followed, and then another one. In Switzerland, there still is a crowd of dedicated followers of the Blues. Many musical styles have come and gone. The Blues as an attitude to life and an essential musical expression has survived them all.