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Zuckerkonsum: Süsse Kinder, kranke Erwachsene
Der 5. Februar 1953 war in London und im übrigen Grossbritannien wirklich ein «sweet day». Nach 13 Jahren ging die kriegsbedingte Zuckerrationierung zu Ende. Endlich gab es wieder Nougat, Lakritze, Toffees und Lollis. Die Menschen standen stundenlang Schlange, um die ersehnten Süssigkeiten zu bekommen.
Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich der Zuckerkonsum. Nicht unbedingt zum Wohl der damals frohlockenden Kinder. Vor 1954 geborene Briten und Britinnen sind heute deutlich gesünder, fanden die US-Ökonomen Paul Gertler und Tadeja Gracner in einer ungewöhnlichen Studie.
Sie verglichen Gesundheitsdaten der vor 1954 Geborenen aus der Langzeiterhebung ELSA mit denen der nachfolgenden Jahrgänge. ELSA erhebt seit 2002 alle zwei Jahre Daten über Menschen in Grossbritannien, die älter als 50 sind. Das ist in etwa das Alter, in dem viele Krankheiten auftreten, die durch den Lebensstil verursacht sind.
«Zuckerkinder» sind deutlich ungesünder
Die historisch einmalige Verdopplung des Konsums nach 14 zuckerarmen Jahren bildet sich heute noch ab. Die zwischen 1955 und 1960 Geborenen leiden demnach deutlich häufiger unter entzündlichen Krankheiten, Diabetes und Arthritis als zwischen 1950 und 1953 Geborene. Nach dem «Zuckerschaltjahr» Geborene haben einen höheren Cholesterinspiegel und einen höheren BMI.
Von den Jahrgängen, die mehr Süsses essen durften, hatten 33 Prozent mehr Personen erhöhte Werte des Entzündungsmarkers CRP (C-reaktives Protein) im Blut, was ein grösseres Risiko für mehrere Stoffwechselerkrankungen anzeigt. Die Zahl der Diabetiker stieg um das Anderthalbfache.
Die Forschenden nahmen mehrere Einschränkungen vor, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. Sie nahmen beispielsweise den Jahrgang 1954 aus ihrer Berechnung aus. Menschen, deren Eltern an Diabetes litten, wurden ebenfalls nicht gezählt.
Einzelne Personen könnten ihren späteren Zuckerkonsum auf ärztlichen Rat hin reduziert haben, weil bei ihnen bereits Stoffwechselkrankheiten festgestellt wurden, geben Gertler und Gracner ausserdem zu bedenken.
Zuckerkonsum während der Rationierung entsprach den WHO-Empfehlungen
Auch späteren ökonomischen Erfolg, gemessen am Vermögen, führen die Forschenden auf eine zuckerärmere Ernährung zurück. Peter von Philipsborn von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), den «Die Zeit» dazu befragt hat, hält diesen Teil der Studie aber für weniger aussagekräftig. Die gesundheitsbezogenen Ergebnisse sieht er als durchaus belastbar an.
Das Ende der Zuckerrationierung in Grossbritannien stelle eine einmalige Gelegenheit dar, den Langzeiteffekt von Zuckerkonsum zu erfassen, sagt auch er. Während der Rationierung stellte Zucker etwa zehn Prozent der Energiezufuhr dar – einen Wert, den die WHO heute als Richtwert für Kinder empfiehlt. Das entspricht etwa 30 bis 50 Gramm Zucker am Tag, abhängig von Alter und Aktivität.
Der durchschnittliche Schweizer Zuckerkonsum ist mit 110 Gramm pro Tag mehr als doppelt so hoch. Für Kinder gibt es keine separaten Daten, sie konsumieren aber wahrscheinlich noch mehr Zucker als Erwachsene, nimmt die Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrie Schweiz, an.
Wer sich früh an Süsses gewöhnt, bleibt dabei
Die Studie aus den USA belege zudem einmal mehr, dass Kinder, die schon früh im Leben Süsses essen, diese Gewohnheit beibehalten. Das habe mit Geschmackspräferenzen zu tun, die sich schon im Mutterleib und während der Stillzeit ausbilden, erklärt von Philipsborn, Leiter der Nachwuchsgruppe Planetary Health Nutrition an der LMU. Schwangeren und Stillenden wird deshalb dazu geraten, nicht zu süss zu essen.
Ist der Geschmackssinn erst einmal kalibriert, kann es sehr mühsam werden, den kindlichen Zuckerkonsum wieder einzuschränken. Das weiss jeder, der versucht, Kindern zuckerarme Produkte vorzusetzen, wenn sie Softdrinks, Quetschies oder süsse Cerealien gewöhnt sind.
Problematisch wird die Neigung zum Süssen oft erst später im Leben, wie die Studie zeigt. Das Tückische am Zucker sei, dass er das Sättigungsgefühl ausschalte, erklärt von Philipsborn. Deshalb gebe es zum Dessert meist Süsses. Und auch Lebensmittelhersteller machen sich unsere gut trainierten Geschmacksvorlieben zunutze. Zucker steckt nicht nur in Süssigkeiten und Limonade, sondern auch in Ketchup, Fertigpizza, Joghurt und etlichen anderen Lebensmitteln, in denen man ihn nicht vermuten würde.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
5 Meinungen
Hier gehört unbedingt korreliert, wie es sich im selben Zeitraum mit den anderen Nahrungsmitteln verhalten hat: Kohlenhydratmenge (als Stärke), Fett und Eiweiß. Es wird ja nicht nur der Zucker knapp gewesen sein; die gesundheitlichen Auswirkungen können wahrscheinlich schwer nur auf Zucker zurückgeführt werden. Die Oberschicht im 18./19. Jhdt. konsumierte extrem viel Zucker, er galt als Modedroge und Stärkungsmittel – doch sie ernährte sich generell anders als die Unterschicht zu jener Zeit, so dass auch hier Rückschlüsse schwierig sind. Im türkischen und arabischen Kulturkreis ist hoher Zuckerkonsum, auch verarbeitet in normalen Mahlzeiten, verbreitet – hier ließen sich weitere Erkenntnisse gewinnen. Ernährungstechnische Verallgemeinerungen sollten mit Vorsicht betrachtet werden, zusehr sind individuelle Bedingungen bestimmend: genetische Prägung, Hungerphasen, Bewegung, Stoffwechsel, Verträglichkeiten, Mikrobiom, Parasiten usw. usw. usw.0 1
Lieber Herr Schön, in diesem Fall gab es tatsächlich eine nahezu perfekte Versuchsanordnung. Nach dem Ende der Rationierung verdoppelte sich der Zuckerkonsum, während der Konsum anderer Lebensmittel weitgehend unverändert blieb.1 0
Liebe Frau Gschweng! Dann ist es schon sehr aussagekräftig. Dass wir evolutionär bedingt extrem zuckerhungrig sind und ein Übermaß hier sehr schädlich ist, möchte ich auch nicht bestreiten. Ich sehe es ja bei meinen eigenen Kindern und bin selbst als Ostkind mit sehr wenig Zucker, fast ohne Süßigkeiten aufgewachsen. Worum ist es mir geht: Studien bleiben immer nur Studien; sie können keine individuellen Aussagen treffen, sondern zeigen erwartbare Tendenzen und Häufigkeiten. Wie jmd. auf Ernährung reagiert, ist aber etwas sehr individuelles, von sehr verschiedenen Faktoren bedingt. Ein Beispiel ist der hohe Zucker-Konsum aus Früchten bei äquatorialen und Südsee-Völkern, der sich nicht negativ auszuwirken scheint.0 0
In der Studie geht es um Haushalts- oder Tafelzucker (Saccarose) Die Änderung des Verzehrs in Grossbritannien über die Jahre ist schon sehr eindrucksvoll (vgl. Kap 8, Fig 2 der vorliegenden Arbeit oder https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/j.1467-3010.2007.00648.x , Fig 21). Obst war in GB nicht rationiert.0 0
Natürlich gibt es noch andere Zucker und Zuckerquellen. Einen Teil ihrer Wirkungsweise habe ich 2016 in diesem Artikel skizziert: https://www.infosperber.ch/wirtschaft/konzerne/wie-big-sugar-die-forschung-beeinflusst.
Liebe Frau Gschweng! Vielen Dank für die Quellen. Ich sehe den hohen Industriezuckerkonsum (Saccharose) genauso kritisch wie Sie, besondern bei Kindern, die früh auf dem Schulweg schon in den Supermarkt rammeln und mit händeweise Süßzeug wieder rauskommen, wie ich es täglich beobachte. Mir geht es nur zusätzlich um eine individuelle Betrachtungsweise, genetische Prägung usw. Es werden neben dem Zucker wohl auch viel zu viele (Stärke-)Kohlenhydrate konsumiert, wenn man Büchern wie «Weizenwampe» glauben darf.0 0
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