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Das Verbrauchswort: ein Wort ohne Verbrauchswert.
Alle kennen es, das «genau», dass seit einigen Jahren jedem geschoolten, gebrieften und kommunikationsgekursten Mund entfleucht wie Rülpser einem Baby.
«Wir können noch nicht abschätzen, welche Folgen das Homeschooling auf die Kinder hat, … genau.» So sagte es eine Schulsprecherin im Fernsehen, genau, und, weil sie offensichtlich erst einmal nach jedem Satz darüber nachdenken muss, was sie gesagt hat, genau, muss sie solchiges, sofern als recht befunden, mit einem «genau» bestätigen. Genau.
Sind, so kann, ja sollte man sich fragen, die Leute nicht mehr befähigt, einen Satz auszudenken und auszusprechen, ohne ihrem Gegenüber zu bestätigen, dass er nun, da er ausgesprochen, nach ihrem Empfinden aussagte und alles enthielt, was gesagt werden wollte?
Sind sie allenfalls verunsichert, weil das Studium ihnen zwar Zeug, aber nicht Sicherheit vermittelte?
Oder ist es eine blosse Redewendung wie die ebenfalls als Verbrauchswörter zu bezeichnenden «äh/ähm/eh», «gäll (gell)», «nämlich» und Ähnliches, den Sprechenden Zeit Verschaffendes?
Mir scheint es in diese Richtung zu gehen, denn ein vor Kurzem gehörtes «… (bla blabla bla blabla) …, genau, ähm, wo war ich?» scheint mir darauf hinzudeuten, dass ganz und gar nicht der Inhalt des Gesprochenen einer Überprüfung unterzogen wurde, sondern man einfach ohne Sinn dahergeschwafelt hat und danach lediglich der Eindruck erweckt werden soll, dass man gewusst hat, was man sagt. Genau.
Verbrauchswörter haben es schwer. Denn sie heissen ja Verbrauchswörter, weil sie einfach verbraucht werden. Es sind nicht Gebrauchsartikel, sondern Verbrauchsartikel. Resultat der Nutzung ist also letztlich die Auslöschung durch das Brauchen. Wie bei Seife zum Beispiel oder Toilettenpapier. Bei diesen beiden wird jedoch ein klarer Zweck erfüllt. Sie wurden geschaffen, um gebraucht, ja durch Nutzung verbraucht zu werden und dabei das zu tun, wofür sie geschaffen wurden, nämlich den Hintern oder Hände zu reinigen.
Das Wort «genau» erfüllte aber einen anderen Zweck, nämlich nicht zur Bestätigung oder Vortäuschung eines solchen, sondern als Aufforderung, etwas genau zu messen oder als Bestätigung, dass etwas genau gemessen wurde.
Dass das Wort schon un- oder blödsinnig verwendet wird, zeigt schon, dass das «genau» nicht etwa als «… haben das dann soundso gemacht. Genauer.» oder gar «…. Blabla. Genauestens.» Verwendung finden kann. Müsste es aber, immerhin ist es Adjektiv und so sollte ihm all dies doch eigentlich zustehen.
Da aber nicht mehr genau gesprochen wird, wird die im Satzbau geschmähte Genauigkeit durch ein ganz und gar unpräzises, ja schluderiges «genau» ersetzt.
Das Übermass an Verbrauchtwerden des schönen kleinen Wortes, das uns zu Präzision und «an das Herangehen» an etwas auffordert, wird dazu führen, dass es vergehen und irgendwann weg sein wird.
Das dem protogermanischen *hnawwaaz (Mittelhochdeutsch: nähe/enge, etwas, das fugenlos schliesst) abstammende genohwaz/genouwe/genau hat Besseres verdient, als in die Leere geschwafelt zu werden.
Wir wollen also nicht nur einfach dafür Sorge tragen, dass das Wort benutzt und nicht verbraucht wird, sondern es wie alle Verbrauchswörter dem Recycling zuführen. Zusammen mit einem recycelten «R» kann dann so ein «genau» zum Beispiel als «Gauner» ein zweites Leben feiern.