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Ich weiss, nicht, was Sie bei diesem Titel denken. Vielleicht an Courbet, 1866, mit seinem berühmten Gemälde. Eigenartig erlebe ich, dass ich seit Monaten vom Gender-Thema verfolgt werde. Immer wieder fällt mir etwas auf oder in die Hände, das mit Gender zu tun hat. Luise F. Pusch hat mir mit ihren Texten einiges erhellt, Hochschulen und Politiker einiges verstellt.
Und nun das! Wenn Sie nach Dresden fahren, werden Sie verstehen, was mich wieder und wieder bewegt. Die Ausstellung "Geschlecht und Gewalt. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden?", im Armeemuseum zu sehen, mischt sich in die Gender-Debatte ein. Aber natürlich sind es immer die Männer, die Krieg anzetteln. Ob ihnen die Frauen dabei helfen? Klar! Die Debatte ist intelligent geführt. Der Kurator Gorch Pieken bewältigt das Thema geschickt: er lässt einerseits Fragen offen und gibt andererseits klare Antworten.
Das hat mit Courbet nichts zu tun. Was Courbet gemalt hat, war und ist auch heute eine Provokation: ein Gemälde, wo die Frau nur Rumpf ist, genau so wie bei Auguste Rodins "Iris, messagère des dieux", wo die Frau mit weit gespreizten Beinen ohne Kopf bleibt. Da wird gezeigt, was Valie Export 1968 mit ihrer "Aktionshose Genitalpanik" nachvollzieht. Das war der Moment, als "die Kunst ihr weibliches Geschlecht" zeigte (NZZ, 6. Juli 2018). Und weiter natürlich mit jemandem, den wir besser oder näher kennen: Milo Moiré, die am 8. Januar 2016 vor dem Kölner Dom nur mit Schuhen bekleidet die "Respektierung der Freiheit von Frauen" demonstrierte. Von ihr bleibt uns auch in Erinnerung, dass sie nackt in die Art Basel wollte und dort dann aber abgewiesen wurde. Nicht etwa, weil man das nicht als Kunst betrachtete, sondern "nur" weil sie keine Bewilligung hatte, ihren Körper auszustellen...
Ihre Aktion mit zwei Kartonschachteln vor den Brüsten ist allerdings eine Nachahmung der Sache von Valie Export: die hatte schon 1968 zusammen mit ihrem damaligen Partner Peter Weibel für Aufsehen gesorgt. Mit dem "Tapp- und Tastkino" ging sie auf die Strasse, vor dem Oberkörper zwei Pappkartons in Form eines Fernsehers mit einer Öffnung im "Bildschirm". Weibel forderte mit einem Megaphon die Passanten auf, 33 Sekunden lang mit beiden Händen hineinzulangen und die nackten Brüste zu betasten. – Bei Moiré ist es ganz ähnlich, nur ohne Zeitbeschränkung...
Falls Ihnen der Name Valie Export nichts sagt: das ist lediglich ihr Pseudonym, mit dem sie bekannt geworden ist. Geboren wurde sie als Waltraud Lehner, dann war sie eine zeitlang Waltraud Stockinger, dann Waltraud Höllinger usw...
Deborah De Robertis aus Luxemburg machte in Paris lediglich ein Remake von Courbet: sie setze sich nackt sitzend vor Courbets Gemälde, allerdings nicht wie auf dem Bild mit geschlossenen Schenkeln. Sie wollte damit nicht etwa das weibliche Geschlecht zeigen, sondern "Das Auge der Vagina, dieses schwarze Loch, das dem Blick verborgen ist", wie sie sagte; den Ursprung des Ursprungs sozusagen.
Ob solche Darbietungen Kunst sind, mag ich nicht beurteilen, die Polizei hat De Robertis jedenfalls abgeführt. Konzeptkunst oder Performance? Lesen Sie Marina Abramovics neues Buch!
André Bernard,
19.7.2018, 117. Jahrgang, Nr. 200.
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