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Vortrittsrecht
Fechten,
genauer genommen Blossfechten, unterscheidet sich von anderen Kampfkünsten darin, dass der Kontakt mit dem Gegenüber in den allermeisten Fällen komplett gemieden wird. Wo man in unbewaffneten Kampfkünsten, sowie bei manchen stumpfen Waffen, gewisse Schläge einfach "nehmen" kann, trifft dies bei Blankwaffen nicht zu. Alfred Hutton beschreibt diese Tatsache in treffenden Worten:
"The fencing-sword in practice should be regarded always as if its point were sharp, and no movement should be risked which could not be attempted with a real sword. In conradistinction to foil-fencing, in which hits are only said to count on a portion of the breast, every touch counts, which would, if the weapon were sharp, cause a punctured wound; and hits mutually given count to neither party, although one of them may have been delivered on the lunge, because both combatants are held to have been wounded. (...)
In sword-fencing, the first object must be to avoid being touched at all, the second to give the opponent what would be a disabling, though not necessarily a fatal wound." (Cold Steel P.104)
Hutton beschreibt hier ein Problem und die Grundsätze des Schwert-Fechtens. Das Problem ist Folgendes: Wenn es einen Doppeltreffer gibt, haben beide Parteien verloren, ungeachtet davon wer den Angriff initiiert hat. Dies ist insofern ein Problem, da man sich bei einfachen Angriffen Blössen gibt. Wenn man also mit jemandem ficht, der oder die Angriffe immer nimmt, nur um die durch den Angriff entstandene Blösse anzugreifen, ist man dazu gezwungen zu warten oder im Kontratempo zu fechten, was recht anspruchsvoll und in manchen Situationen kaum möglich ist.
Doch gibt Hutton indirekt auch eine Lösung des Problems. Wenn man nämlich seine Grundsätze des Schwert-Fechtens beachtet, kann man einen einfachen Angriff nicht ignorieren, nur um einen Doppeltreffer zu erzielen. Diesem "Zugzwang", in der Sprache der deutschen Meister das "Vor", kann nur mit einer Parade (dem "Nach") oder einem deckenden Gegenangriff (dem "Indes") adäquat begegnet werden.
Abgesehen von einem mutwillig suizidalen Gegner, gibt es ein hervorragendes Trainingswerkzeug, mit dem Vor des Gegenübers umzugehen. Dieses Werkzeug heisst im englischen "right of way" oder auf deutsch die Vortrittsregel. Diese Regel ist nicht nur eine Ausgeburt des Sportfechtens, wo man einfach 0.2 Sekunden schneller sein muss als sein Gegenüber. Es ist, wie oben beschrieben, eine Regel, die auch in der Liechtenauer-Tradition zu finden ist. Es ist nicht eine Regel, die einfach die schnelleren Person belohnt. Und ich glaube nicht, dass die Regel sich dazu eignet an Wettkämpfen implementiert zu werden. Im Gegensatz beschreibt diese Regel viel eher ein Prinzip, anhand dessen man seine Fehler, insbesondere Doppeltreffer, analysieren kann.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Fechter A führt einen Hieb an Fechter B's Kopf. Dieser Hieb wird pariert. B ripostiert an der Klinge mit einem Hochwinden. A schlägt jedoch um und führt einen Twerhau von der anderen Seite. Es gibt einen Doppeltreffer.
Hier hat A sich lauf der Vortrittsregel falsch verhalten. Da die Parade an der Innenseite gemacht und direkt ripostiert wurde, war B eindeutig im Vor. B hätte am Schwert bleiben und fühlen, oder sich zurückziehen müssen. Ohne das Fühlen konnte A unmöglich wissen, wie sich B verhalten wird. A hat einfach redupliert. Und wie alle, die die Liechtenauer Texte kennen bestätigen können, soll man nur dann duplieren, wenn der Gegner hart am Schwert ist. Das Fühlen gibt also darüber Auskunft, ob man noch im Vor ist oder nicht.
Was dieses Beispiel illustriert ist zweierlei: Erstens, dass reduplierte Angriffe ohne Fühlen dumm ist. Zweitens, dass man durch die Vortrittsregel die erfühlte Information kontextualisieren kann, sodass am Ende weniger Doppeltreffer entstehen.