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Als «Sprachpolizei» führt sich Matthias Heine nicht auf. Der Begriff ist allerdings unter den 78 Wörtern, die er in seinem Buch bespricht. «Der Sprachpolizei-Vorwurf ist die etwas indirektere Art zu sagen: ‹Das wird man wohl noch sagen dürfen.› Meist werfen sich die so Formulierenden in die Pose des verfolgten Regimegegners», habe er vor vier Jahren geschrieben.
Matthias Heine
Journalist
Matthias Heine ist ein deutscher Autor, Historiker und Journalist. Er hat mehrere Bücher über Wortbedeutungen im Lauf der Geschichte geschrieben und arbeitet als Redakteur für die deutsche Zeitung «Welt».
2021 landete die «Sprachpolizei» beim «Unwort des Jahres» auf Rang zwei. Die Begründung: Als Sprachpolizei würden Personen diffamiert, die sich für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen.
Heine schreibt deswegen mit Blick auf die Unwort-Jury: «Wenn die Sprachpolizei sagt, man solle sie nicht Sprachpolizei nennen, dann ist Misstrauen und fröhliche Missachtung angesagt.»
Historisch verwurzelte Wörter
Schon vor einem Jahrhundert tauchte der Begriff «Sprachpolizei» auf. 1911 titelte der «Allgemeine Deutsche Sprachverein» einen Artikel mit «Etwas von der Sprachpolizei». Im Vordergrund stand für die sogenannten Sprachpfleger damals der Kampf gegen Fremdwörter, der Einsatz für Verdeutschungen.
Nach 1930 sei der Ausdruck «Sprachpolizei» jahrzehntelang nicht im Gebrauch gewesen, schreibt Heine. Die Nazis reglementierten zwar die Sprache mit ihren «Presseanweisungen» streng, doch «niemand hätte gewagt, sie Sprachpolizei zu nennen». Seit den 1980er-Jahren patrouilliert das Wort nun wieder durch die Medien.
Oft bleibt die Diskriminierung unbemerkt
Matthias Heine, der letztes Jahr ein Buch über «500 Jahre deutsche Jugendsprache» veröffentlichte, geht auch bei diesen «kaputten Wörtern» der Herkunft und der Verwendung auf den Grund. Jedes Schlagwort behandelt er in vier, meist kurzen, Absätzen: Ursprung, Gebrauch, Kritik, Einschätzung.
Das ist informativ und im Urteil immer liberal. Der Autor stellt klar, dass es nicht um «Verbote» von Wörtern geht, sondern um eine Diskussion darüber, ob eine Vokabel etwa jemanden diskriminiert oder verhöhnt.
«Zwerg» beispielsweise ist für Fantasiewesen unproblematisch, jedoch nicht für «kleinwüchsige Menschen», die seit den 1960er-Jahren zunehmend so bezeichnet werden.
«Mohammedaner» statt «Muslim» ist eine sachlich unzutreffende Vokabel, die heute nur noch Rechtsextremisten verwenden.
«Weissrussland» nennt man besser «Belarus», weil sich der Name vom alten Herrschaftsbereich der «Kiewer Rus» herleitet und nicht von Russland.
Auch «Schwarzafrika» ist ungenau und daher eher als «Zentralafrika» oder «subsaharisches Afrika» zu bezeichnen.
Sprache muss neu verhandelt werden
Der Journalist entlarvt auch Falschmeldungen wie etwa: «Ein Berliner Bezirksamt erlaube Weihnachtsmärkte nur, wenn sie ‹Wintermarkt› heissen.» Dies seien Behauptungen ohne Grundlage, die nur der Stimmungsmache dienen.
Die Sprache gehört uns allen. Wir denken in ihr und tauschen uns mit ihrer Hilfe aus. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber nachdenken, wie wir das präzise und nicht diskriminierend tun können. Mit seinem Buch «Kaputte Wörter?» liefert Matthias Heine viele nützliche Informationen in undramatischem, sachlichem Ton, der der Diskussion guttut.
Buchhinweis
Matthias Heine: «Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache». Berlin: Duden, 2022.