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Feuermacher
Mit hoch erhobenem Schwanz trippelte der Welpe über den Friedhof der Eisenwagen und versuchte, trotz dem Ding in seinem Maul aufgeregt zu bellen. Obschon die Versuche eher jämmerlich blieben, drehte der alte Rüde, der immer auf derselben Eisenwagen-Schnauze lag, ihm ein Ohr zu und öffnete ein Auge.
Als der Welpe ihn passierte, hob er sogar den Kopf.
»Was hast du da?«, knurrte er.
Der Welpe ließ das Ding zu Boden fallen und wedelte mit dem Schwanz.
»Das habe ich gefunden. In einem der Menschenhäuser.«
Der Rüde betrachtete den Gegenstand und zog seine Lefzen hoch. »Bring es zurück, wo du es her hast.«
Der Welpe legte den Kopf schräg.
»Aber ich habe es gefunden.«
»Weißt du, was das ist?«, fragte der Rüde.
»Nein.«
»Es ist ein Feuermacher.«
Ein aufgeregtes Quietschen entfloh der Kehle des Welpen und er nahm den Feuermacher wieder in die Schnauze.
»Bring es zurück, hörst du!«, bellte ihm der Rüde hinterher, doch der Welpe dachte nicht daran.
Er rannte zu dem Eisenwagen, unter dem seine Familie lebte und bellte so lange, bis seine Mutter darunter hervorgekrochen kam.
»Was ist los?«, fragte sie. »Wo sind deine Brüder und Schwestern?«
»Sie spielen im Park«, sagte er rasch. »Schau, was ich gefunden habe! Einen Feuermacher.«
Seine Mutter warf einen kurzen Blick auf die Beute.
»Sehr schön. Jetzt vergrabe es irgendwo, ja?«
Frustriert plumpste der Welpe auf seinen Hintern.
»Aber warum? Es ist doch nützlich.«
»Nützlich wofür?«, fragte seine Mutter.
»Na zum Feuer machen! Feuer macht Wärme, das haben die alten Krummbeine vom Südviertel erzählt.«
»Wir brauchen aber kein Feuer«, sagte seine Mutter eindringlich.
»Vielleicht doch. Die Menschen haben so viele tolle Dinge damit gemacht. Die Krummbeine sagen, diese Eisenwagen haben sich damit bewegt. Wenn wir Feuer machen können, können wir auf ihnen reiten!«
Wieder wedelte sein Schwanz aufgeregt hin und her.
Seine Mutter betrachtete ihn lange, dann gähnte sie und legte sich hin.
»Lass mir dir eine Geschichte erzählen.«
Eigentlich war der Welpe zu aufgeregt, um eine Geschichte zu hören, aber er legte sich brav hin.
»Einst ging der Mensch über die Welt«, erzählte die Hündin. »Ihm war kalt, also erfand er das Feuer. Später war er müde, also erfand er den Eisenwagen, mit dem er ohne Anstrengung herumfahren konnte.«
Der Welpe fiepste begeistert.
»Später wurde der Mensch wütend auf einen anderen Menschen, also erfand er den Feuerstab, um ihn einfach töten zu können.«
Nun legte der Welpe den Kopf auf seine Pfoten und lauschte weiter.
»Der Mensch war immer noch nicht zufrieden. Er war stest hungrig. Also erfand er die grossen Häuser, in denen Tiere verschwanden und als Futter für ihr wieder zum Vorschein kamen, ohne dass er etwas dafür tun musste.«
Der alte Rüde hatte schon von diesen Häusern erzählt. Als der Welpe zum ersten Mal davon gehört hatte, hatte er sich unter einem der Eisenwagen verkrochen. Inzwischen schämte er sich etwas dafür.
»Aber der Mensch war immer noch nicht zufrieden. Er erfand die Eisenschiffe, mit denen er in den Himmel flog und darüber hinaus. Der Mensch aber wollte noch mehr und noch mehr.«
Der Welpe hob den Kopf und blickte in den Himmel. Was war dort oben, was der Mensch so dringend hatte haben wollen? Waren es die großen Himmelsschafe, die nie den Boden betraten?
»Aber Mutter«, fragte der Welpe. »Der Mensch hatte Wärme und Futter und musste nicht müde sein oder Angst haben vor anderen Menschen. Warum war er nicht zufrieden?«
Seien Mutter leckte ihm liebevoll über den Kopf.
»Der Mensch glaubte, dass er mehr brauchte. Warum weiss ich nicht.«
Sie stand auf und er folgte ihr über den Eisenwagenfriedhof, bis sie zu einer kleinen Anhöhe kamen. Zuoberst setzte sich seine Mutter hin.
»Irgendwann bekam der Mensch Angst«, erklärte sie weiter. »Er hatte Angst davor, sterben zu müssen. Und da erfand er den Lebenskasten. Wenn er sich dort hineinlegte, würde er ewig leben.«
Der Welpe machte große Augen. Davon hatte er noch nie gehört.
»Sind die Menschen in diesen Kästen?«, fragte er.
»Nein«, sagte seine Mutter. »Der Mensch legte sich in den Kasten, aber es gab einen anderen Menschen, der auch in den Kasten wollte, aber der erste Mensch verbat es ihm. Sie stritten und der andere Mensch machten den Lebenskasten kaputt.«
Der Welpe ließ den Blick schweifen.
»Wo sind die Menschen, Mutter?«, fragte er dann nachdenklich.
Er hatte noch nie einen von ihnen gesehen. Ein paar Welpen hatten schon behauptet, dass die Knochen, die sie nach Hause brachten, Menschenknochen waren, aber er glaubte ihnen nicht.
»Sie stritten sich weiter«, sagte die Hündin ernst. »Sie stritten und sie töteten sich mit Feuerstäben und grösseren, böseren Erfindungen. Bis keiner mehr da war, der sich in den Lebenskasten legen konnte.«
Der Welpe blickte zu seiner Mutter hoch.
»Aber warum?«, fragte er.
Sie bedachte ihn eindringlich.
»Weil das Feuer den Menschen überheblich gemacht hat. Es war der Ursprung all seiner Probleme und der Grund für seine Kämpfe.«
Der Welpe ließ die Ohren hängen.
»Ich bringe den Feuermacher zurück«, sagte er matt.
Seine Mutter leckte ihm noch einmal über den Kopf, dann drehte sie sich ab und trottete zurück zu ihrem Eisenwagen.
Der Welpe legte die Schnauze auf seine Pfoten und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter den hohen, grün überwachsenen Menschenhäusern verschwand.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.