Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03600.jsonl.gz/2047

«Amazing Grace» ist 250 Jahre alt
Viele haben das Lied schon selbst gesungen oder kennen Interpretationen von Aretha Franklin, Rosetta Tharpe und Elvis Presley bis zu André Rieu. Aber wer war der Mann, der 1772 diese erste Strophe schrieb: «Amazing grace! How sweet the sound / That saved a wretch like me! / I once was lost, but now am found; / Was blind, but now I see.»? Und warum sagt er von sich, die «erstaunliche Gnade» Gottes habe, ihn, einst ein Schurke und blind, gerettet?
Newton geriet in Seenot
John Newton war Kapitän eines jener Sklavenschiffe, die von England aus mit Tauschgütern nach Westafrika segelten, versklavte Männer und Frauen einluden und in die amerikanischen Kolonien transportierten. 1748 geriet er in Seenot, und weil er überzeugt war, Gott habe ihn nach dessen Anrufung gerettet, wandte er sich dem Christentum zu. Sklavenhandel betrieb er aber noch für weitere sechs Jahre. 1757 beantragte die Priesterweihe, die ihm 1764 gewährt wurde. Sechs Jahre lang war er dann Priester in Buckinghamshire, bevor er 1779 nach London berufen wurde.
Erst 1788 brach er sein Schweigen zum Verbrechen des Sklavenhandels mit der Schrift Thoughts Upon the Slave Trade. Darin entschuldigte er sich für sein spätes Geständnis und sagte: «Es wird für mich immer ein Gegenstand demütigender Überlegungen sein, dass ich einst ein aktives Instrument in einem Geschäft war, vor dem mein Herz jetzt erschaudert.» Newton liess Exemplare an alle Parlamentsabgeordneten schicken und wurde in der Folge zu einem Bundesgenossen des englischen Abolitionisten Wilberforce.
Ökonomische und politische Motive
Newton erlebte noch das Verbot des Sklavenhandels durch das Inkraftreten des britischen «Slave Trade Act» am 1. Mai 1807. Er verstarb am 21. Dezember. Die aktuelle Forschung hat allerdings die Bedeutung der religiös und moralisch motivierten britischen Abolitionisten um Wilberforce und Newton zurückgestutzt. Sie betont stärker die ökonomischen und politischen Motive Grossbritanniens und immer mehr den Widerstand der Sklavinnen und Sklaven, z.B. in der haitianischen Revolution von 1791–1804.
Text: Hans Fässler, St. Gallen | Foto: britannica.com | Stich: H. Robinson, 1880 – Kirchenbote SG, Dezember 2022