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Ohrenkrankheiten,
die Erkrankungen des
Gehörorgans und seiner Nebenorgane. Die wissenschaftliche
Entwickelung der Ohrenheilkunde
datiert erst vom Beginn der zweiten Hälfte unsers
Jahrhunderts, nachdem durch die pathologisch-anatomischen Forschungen Toynbees,
durch die Verbesserungen der Untersuchungsmethoden von
Tröltsch in
Würzburg
[* 2] und durch die
Erfindung einer
neuen Heilmethode durch
Politzer in
Wien
[* 3]
die Grundlagen für die
Erkenntnis und rationelle Behandlung der
Ohrenkrankheiten geschaffen worden
waren.
Gegenwärtig kann die Ohrenheilkunde (Otiatrik) den andern Spezialzweigen der Medizin als ebenbürtig angereiht werden. Zur Untersuchung des äußern Gehörganges und des Trommelfells benutzt man verschiedene weite Trichter aus Metall oder Hartgummi, welche man zur Geradestreckung des Gehörganges und zur Beiseiteschiebung der Härchen bis zum knöchernen Teil des Gehörganges vorschiebt. Hierauf wird mittels eines in der Mitte durchlöcherten Hohlspiegels Tageslicht oder künstliches Licht [* 4] in den Gehörgang geworfen und das erleuchtete Trommelfell durch die Öffnung im Spiegel [* 5] besichtigt (Ohrenspiegel).
Sehr wichtig ist die Untersuchung der Ohrtrompete, jener Röhre, welche die Rachenhöhle mit der Paukenhöhle verbindet. Hierzu dient der Valsalvasche Versuch, der darin besteht, daß man bei geschlossenem Mund und Nase [* 6] durch eine kräftige Ausatmungsbewegung die Luft durch die Ohrentrompete in die Paukenhöhle preßt, wobei der Arzt durch den sein Ohr [* 7] mit dem des Kranken verbindenden Auskultationsschlauch das Anschlagen der Luft am Trommelfell wahrnimmt. Mißlingt dieser Versuch wegen starker Widerstände in der Ohrtrompete, so benutzt man den Ohrkatheter, eine gekrümmte Röhre aus Metall oder Hartgummi, welche durch die Nase in die Ohrtrompete eingeführt wird, und durch welche Luft, Dämpfe und medikamentöse Flüssigkeiten in das Mittelohr angebracht werden.
Bei
Verstopfung der
Ohrtrompete benutzt man auch das Politzersche
Verfahren, welches darin besteht, daß man beim
Schlingen die
Luft im Nasen-Rachenraum mittels eines
Ballons verdichtet und in das Mittelohr preßt, wobei das
Instrument nur in den Anfangsteil
der
Nase eingeführt wird. Zur
Prüfung der Hörfähigkeit bedient man sich des Tickens einer Taschenuhr
oder des von
Politzer erfundenen Hörmessers sowie der Flüstersprache und der
Stimmgabel, durch welche man häufig bestimmen
kann, ob die
Krankheit im Mittelohr oder im
Labyrinth ihren Sitz hat. Die
Ohrenkrankheiten entstehen direkt im
Ohr oder werden von der erkrankten
Schleimhaut des Nasen-Rachenraums etc. auf jenes fortgeleitet, auch sind
sie oft
Folge von
Skrofulose,
Tuberkulose,
Syphilis.
Von den Krankheiten der Ohrmuschel ist hervorzuheben die Ohrblutgeschwulst (Othaematoma), ein durch Mißhandlung, Verletzung etc. bedingter, oft auch spontan entstehender Bluterguß unter die Haut [* 8] der Ohrmuschel, wird besonders bei Geisteskranken beobachtet und durch Entleerung des Bluts durch einen Einschnitt und Anlegung eines Druckverbandes oder durch schonende Massage beseitigt. Der äußere Gehörgang wird bisweilen durch eingetrocknetes Ohrenschmalz verstopft, wobei Schwerhörigkeit, Ohrensausen, Kopfschmerzen und Schwindel entstehen können.
Durch Eintröpfeln schwach alkalischer Lösungen und vorsichtiges Einspritzen von lauwarmem Wasser wird das Ohrenschmalz erweicht und fortgeschafft. Bei der Furunkulose des äußern Gehörganges finden sich kleine schmerzhafte Geschwüre, die leichte Schwerhörigkeit, selbst mäßiges Fieber veranlassen und große Neigung zu Rückfällen besitzen. Im Furunkeleiter fand man Mikrokokken, und man behandelt die Furunkulose deshalb antiseptisch durch Bepinseln mit Karbolglycerin (0,5:15,0), Einträufeln von lauwarmem Borsäurespiritus (1:20) oder durch Einblasen von Borsäurepulver. Dieselbe Behandlung erleidet die diffuse Entzündung des äußern Gehörganges, bei welcher dieser in seinem ganzen Verlauf geschwollen ¶
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und gerötet ist und unter heftigen bohrenden Schmerzen und Schwerhörigkeit ein schleimiger, schließlich eiteriger Ohrenfluß eintritt. Syphilitische Kondylome werden durch Bepinseln mit Höllenstein, mit Sublimatlösung (0,1:30) oder Jodtinktur behandelt. Bei Geschwüren, welche das speckige Aussehen verloren haben, wird die Heilung durch öfteres Bepinseln mit Kampferschleim beschleunigt. Ohrpolypen treten besonders bei Ohrenflüssen auf und werden durch Operation oder, wo dies nicht angeht, durch anfangs verdünnten, später rektifizierten Alkohol beseitigt.
Der Gehörgang muß zwei- bis dreimal täglich ½ Stunde mit Alkohol gefüllt erhalten werden. Die Entzündung des Trommelfells (Myringitis) verursacht heftige reißende Schmerzen, Schwerhörigkeit, Ohrensausen, führt zur Durchbohrung des Trommelfells und eiteriger Entzündung der Paukenhöhle oder zu schwieliger Verdickung des Trommelfells, ist aber im allgemeinen selten. Durch Kanonenschuß, Schlag ans Ohr oder durch Bohren mit spitzen Gegenständen kann eine mechanische Zerstörung des Trommelfells herbeigeführt werden.
Eins der häufigsten Ohrenleiden ist die Entzündung oder der Katarrh des Mittelohrs oder der Paukenhöhle (Otitis interna). Sie entsteht durch Fortpflanzung katarrhalischer Affektionen des Nasen-Rachenraums, auch im Verlauf gewisser Infektionskrankheiten. Bei akutem Mittelohrkatarrh treten plötzlich Schwerhörigkeit, Ohrensausen, heftige Schmerzen ein; wird das Übel chronisch, so nimmt es meist sehr langwierigen Verlauf, verursacht Verdickungen und Wulstungen der Paukenhöhlenschleimhaut, Zerstörung des Trommelfells und der Gehörknöchelchen, übelriechenden Ohrenfluß, bisweilen selbst Knochenfraß des Felsenbeins, Affektion der Gehirnhäute und des Gehirns und infolgedessen den Tod.
Hier hat nun nach Entdeckungen von massenhaften Mikrokokken im übelriechenden eiterigen Ausfluß [* 10] das antiseptische Verfahren die günstigsten Erfolge erzielt. Nur selten wendet man noch adstringierende Salzlösungen, wie Zinksulfat, Bleizucker, Kupfervitriol, oder Ätzungen mit Höllenstein an. Vielmehr sorgt man zunächst für gründliche Beseitigung des eiterigen Sekrets aus dem Mittelohr durch Lufteintreibung mittels des Politzerschen Verfahrens, spritzt dann mit Lösungen von Borsäure, Salicylsäure, Karbolsäure oder übermangansaurem Kali aus, entfernt etwanige eingedickte Sekretmassen, trocknet dann das Ohr durch entfettete Watte und wendet nun Borsäurepulver, Einträufelungen von Karbolsäurelösung (1:15 Wasser und 15 Alkohol) oder Jodoformpulver an. Häufig sind bei Mittelohreiterung oder nach Ablauf [* 11] derselben operative Eingriffe erforderlich.
Kleine Öffnungen im Trommelfell, welche den Abfluß des Eiters oder den Durchbruch käsiger Massen aus der Trommelhöhle behindern, werden durch eine Lanzennadel oder ein schmales Messerchen erweitert. Dieselbe Operation ist angezeigt, wenn hinter dem Trommelfell Polypen oder Granulationen wuchern, welche nur nach Erweiterung der Perforationsöffnung operativ entfernt werden können. Nach abgelaufenen Mittelohreiterungen bleiben oft narbige Verwachsungen zwischen Trommelfell, Knöchelchen und der innern Trommelhöhlenwand zurück, welche die Schwingbarkeit der Schallleitungsapparate hemmen.
Solche Verwachsungen lassen sich bei der Ohrspiegeluntersuchung mit Hilfe der pneumatischen Trichter von Siegle erkennen, indem die verwachsenen Teile bei abwechselnder Verdichtung und Verdünnung der Luft im äußern Gehörgang unbeweglich bleiben, während die nicht verwachsenen Partien deutlich ihre Lage verändern. Die so verwachsenen Teile, welche sich als straffe Stränge am Trommelfell erkennen lassen, werden mit einem vorn abgerundeten Messer [* 12] durchtrennt, wodurch die Straffheit der Knöchelchen teilweise beseitigt und die Hörfähigkeit nicht unerheblich verbessert wird.
Das Problem, offen gebliebene Lücken im Trommelfell nach abgelaufenen Mittelohreiterungen zum Verschluß zu bringen, wurde zwar versucht, ist aber bisher nicht befriedigend gelöst worden. Berthold hat durch die Myringoplastik, d. h. durch Transplantation eines kleinen Hautlappens auf die Ränder der Trommelfelllücke, in einem Fall Verschluß der Öffnung erzielt. Bei akuten, schmerzhaften Entzündungen des Warzenfortsatzes leistet der Leitersche Kühlapparat vorzügliche Dienste. [* 13]
Derselbe besteht aus 6-8 aneinander liegenden Windungen einer Bleiröhre, durch welche ein konstanter Strom von kaltem Wasser fließt. Durch gewöhnliches Brunnenwasser kann man in dieser Weise die Temperatur bis zur Wirkung eines Eisumschlags herabsetzen und die Einwirkung der Kälte auf die entzündeten Teile ganz gleichmäßig machen, während bei den früher gebräuchlichen kalten Umschlägen die Temperatur in jedem Augenblick wechselt. Glänzende Erfolge werden durch die früher nur selten geübte operative Eröffnung des Warzenfortsatzes erzielt.
Bei Ansammlung von Eiter und verkästen Massen im Warzenfortsatz, bei Karies des Knochengewebes erscheint die Eröffnung um so dringender indiziert, als bei diesen Prozessen nicht selten ein Durchbruch gegen die Schädelhöhle oder die Hirnblutleiter mit tödlichem Ausgang eintreten kann, wenn nicht vorher dem Eiter und den abgestoßenen Knochenteilen durch eine operative Eröffnung mit Meißel [* 14] und Hammer [* 15] (Schwartze) ein Weg nach außen geschaffen wird. Nach solchen Operationen heilen auch langwierige chronische Mittelohreiterungen in kurzer Zeit ganz aus.
Die nervöse Schwerhörigkeit oder nervöse Taubheit beruht auf Erkrankung des innern Ohrs oder Labyrinths oder des Gehörnervs oder seiner Ursprungsstelle im Gehirn [* 16] und entsteht besonders nach andauernder Überreizung der Gehörnerven, nach heftiger Erschütterung des Ohrs und starken Gemütsbewegungen, bisweilen auch nach schweren, fieberhaften Krankheiten und im Verlauf mancher chronischer Nervenleiden. Man hat bei diesen Leiden [* 17] den galvanischen Strom mit Vorteil angewandt. Zu den Hörnervenkrankheiten gehören auch die interessanten partiellen Tondefekte.
Bei einzelnen Kranken entwickelt sich Taubheit für tiefe Töne (Baßtaubheit), bei andern kommt es zum bleibenden Verlust der Perzeption für hohe Töne. Seltener fallen einzelne Töne in der Skala vollständig aus. Manche Symptome einer einseitigen Hörnervenerkrankung, wie Schwerhörigkeit und Ohrensausen, werden, besonders bei hysterischen Individuen, durch Anlegen eines Magnets an das affizierte Ohr in der Weise alteriert, daß die krankhaften Erscheinungen auf das gesunde Ohr hinüberwandern, auf dem erkrankten Ohr jedoch schwinden (Transfert). Nach Entfernung des Magnets kehrt der frühere Zustand wieder zurück.
Die Panotitis, bei welcher das ganze Gehörorgan (Mittelohr und Labyrinth) von der Entzündung mit dem Ausgang in totale unheilbare Taubheit befallen wird, beobachtet man vorzugsweise bei der skarlatinösen Diphtheritis des Gehörorgans. Bei den mit Schwindelanfällen, Erbrechen, Unsicherheit des Ganges und Ohrensausen verbundenen Erkrankungen des ¶
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Hörnervenapparats (Menierescher Symptomenkomplex) wurde schwefelsaures Chinin mit gutem Erfolg angewendet. Die Hörstörung bei der Lokalisation der Syphilis im Labyrinth entwickelt sich meist sehr rasch und erreicht gewöhnlich einen sehr hohen Grad. Die Wahrnehmung des Uhrtickens und der Stimmgabelschwingungen durch die Kopfknochen ist verringert oder ganz geschwunden. Diese Erscheinung im Zusammenhalt mit den andern Syphilissymptomen läßt bei rascher Entwickelung der Taubheit auf Labyrinthsyphilis schließen.
Heilung ist nur bei frischern Fällen möglich. Die Quecksilberkur (Schmierkur) erweist sich wirksamer als die Jodkur; auch werden subkutane Einspritzungen von salzsaurem Pilokarpin empfohlen. Die Lähmungen (Paresen und Paralysen) des Hörnervenapparats treten primär oder sekundär bei Erkrankungen des Mittelohrs oder des Zentralnervensystems auf. Die Hörstörung ist bei längerer Krankheitsdauer fast immer unheilbar. Die Behandlung besteht vorzugsweise in der Anwendung des konstanten elektrischen Stroms, indem die Anode mit dem Ohr, die Kathode mit der Handfläche oder dem Nacken in Berührung gebracht wird. Man bedient sich hierbei allmählich ansteigender Ströme bis zum Eintritt von Schmerz und Schwindel, worauf wieder der Strom allmählich abgeschwächt wird.
Vom Gehirn ausgehende Hörstörungen sind keineswegs selten. Am häufigsten wird Taubheit infolge der epidemischen Cerebrospinalmeningitis (Genickkrampf) beobachtet, seltener nach der primären Hirnhautentzündung. Hirnblutungen (Apoplexie), Hirnerweichung, Hydrocephalus und Neubildungen im Gehirn bedingen nicht selten Schwerhörigkeit verschiedenen Grades. Eine eigentümliche Form der Hörstörung, welche man als Aphasie (Worttaubheit) bezeichnet, wird bei Erkrankungen des Schläfelappens des Gehirns beobachtet.
Die betreffenden Kranken hören wohl das Gesprochene, sind aber nicht im stande, dasselbe zu verstehen, resp. das Wort mit der entsprechenden Vorstellung zu verbinden.
Vgl. v. Tröltsch, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (7. Aufl., Leipz. 1881);
Derselbe, Gesammelte Beiträge zur pathologischen Anatomie des Ohrs (das. 1883);
Politzer, Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustand (Wien 1865);
Derselbe, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (2. Aufl., das. 1887);
Moos, Klinik der
Ohrenkrankheiten (das. 1866);
Hagen, [* 19] Das Ohr und seine Pflege (2. Aufl., Leipz. 1883);
Schwartze, Die Erkrankungen des Gehörorgans (in Klebs' »Handbuch der pathologischen Anatomie«, Bd. 2, Berl. 1878);
Derselbe, Lehrbuch der chirurgischen Krankheiten des Ohrs (Stuttg. 1885).