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Jerusalems Gesicht aus Stein
Ein altes Gesetz schreibt vor, dass in Jerusalem Naturstein verbaut werden muss. Der grösste Teil davon stammt ausgerechnet aus der Westbank – und ist heute vor allem eine Fassade, die zeigt, wie politisch Architektur ist.
Von Amir Ali (Text) und Flurin Bertschinger (Bilder), 25.04.2023
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Und im Schlummer von Baum und Stein,
gefangen in ihrem Traum;
liegt die vereinsamte Stadt
und in ihrem Herzen eine Mauer.
Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder,
die Geige sein.
«Jerusalem aus Gold» ist so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne Israels. Naomi Shemer, die «first lady of Israeli song», veröffentlichte das Lied 1967, kurz bevor Israel den Sechstagekrieg gewann und das ganze Westjordanland samt Ostjerusalem und der Klagemauer unter seine Kontrolle brachte.
Sie besingt darin die Rückkehr der Juden an die Klagemauer, nachdem sie diese während der Jahre unter jordanischer Kontrolle nicht besuchen konnten. Es geht um den Felsen, auf dem Jerusalem steht, und um den Stein, aus dem die Stadt gebaut ist. Um den typischen Stein der Fassaden, der die Stadt im Licht der untergehenden Sonne erleuchten lässt: Jerusalem aus Gold.
Ytav Bouhsira bahnt sich einen Weg durch die Menschenströme in Jerusalems Neustadt. Er will seine Stadt erklären. Was in ihr schiefläuft, was man anders machen könnte. Und wie sich das an ihrem Gesicht aus Stein zeigt. Der feingliedrige, hochgewachsene Mann mit runder Brille und ernstem Blick ist Architekt und Dozent an der Bezalel, Jerusalems Kunsthochschule. Zusammen mit einem Partner berät er zudem Community-Projekte in Sachen Bau und Planung.
«Hier seht ihr den mizzi ahmar, den roten Stein», sagt Bouhsira vor einem Gebäude im Stadtzentrum, das in der Zeit des britischen Mandats gebaut wurde, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. «Der rote Jerusalem-Stein, das ist der klassische, der in den Liedern besungen wird. Den wollten die Briten hier überall sehen.»
Als der erste britische Militärgouverneur Jerusalems, Ronald Storrs, die Stadt nach dem Ersten Weltkrieg von den geschlagenen Osmanen übernahm, glich Jerusalem, etwas salopp gesagt, einem grossen Flüchtlingslager. Rund um die historische Altstadt wucherten Slums, gebaut aus Lehm, Holz und Blech. Storrs, in Sorge um den biblischen Geist der Stadt, erliess ein Dekret, und fortan durfte nur noch aus Stein gebaut werden.
«Dabei baute man zu der Zeit hier gar nicht mehr aus Stein», sagt Bouhsira. Steinhäuser reparierte man selbstverständlich mit Stein, aber neue Konstruktionen erstellte man aus Beton und Metall. «Das Gesetz war schon ein Anachronismus, als es eingeführt wurde», so Bouhsira.
Doch es gilt bis heute. Nach dem Sechstagekrieg 1967 legten Politikerinnen und Stadtplaner im Richtplan für Jerusalem fest, dass sich die neu gebauten Viertel weit weg von der Altstadt als natürliche Teile der Stadt anfühlen sollten. Dafür griffen sie auf das Storrs-Dekret zurück, das zwar immer gegolten hatte, nun aber wieder rigoroser angewandt wurde.
Einst waren die Steine der natürliche Baustoff, den man im Boden fand, auf dem man die Stadt baute. Doch heute sind die Steinbrüche auf dem Stadtgebiet, überhaupt im gesamten Israel, nahezu komplett ausgebeutet. Jerusalems Baustellen werden aus der Türkei beliefert, aus Ägypten oder aus China.
Die meisten Steine aber kommen von den Palästinenserinnen im Westjordanland. Aus dem Süden, der Gegend von Hebron, zum Beispiel aus dem kleinen Ort al-Shuyukh.
Der Palästinenser Ali trägt einen grauen Kapuzenpulli und Lederstiefel, auf denen eine Schicht weissen Staubs liegt, wie auf allem hier. Ali arbeitet in der kassara, was so viel bedeutet wie «Brecherei». In dieser riesigen Schredderanlage zerkleinern er und zwei Kollegen den Abraum aus den Steinbrüchen. Hinten, am Ende des Geländes, kriecht einsam ein Bulldozer auf einem riesigen Haufen Steinstaub herum, aus dem später Zement wird. Ali und seine Kollegen verschwinden in einer Landschaft aus Kratern und Staubwolken, Maschinen und Lärm.
«Unsere Tage sind lang. Die Arbeit ist hart, der Lärm, der Staub», erzählt Ali bei einem Gläschen Kaffee im weissen Container, der den Arbeitern als Aufenthaltsraum dient. «Aber es ist eine gute Stelle. Ich würde sie nicht hergeben.» Ali und seine Kollegen aus der kassara stehen am unteren Ende der Stein-Wertschöpfungskette. Und doch kommen sie hier mit 2500 Schekeln – umgerechnet etwa 650 Franken – auf den monatlichen Durchschnittslohn in den Palästinensergebieten.
Stein ist für die Menschen in den Palästinensergebieten ökonomisch so wichtig, dass ihn manche auch «das weisse Öl» nennen. Rund 25’000 Arbeitsplätze hingen laut der Union of Stone and Marble Industry 2015 direkt und indirekt am Geschäft mit dem Stein. Vor der Corona-Pandemie wurden damit je nach Schätzung zwischen 400 und 600 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr erzielt – rund ein Viertel des Gesamtumsatzes der industriellen Produktion Palästinas.
Wie riesige weisse Fettwürfel liegen die Steinquader in der Landschaft. Vereinzelt am Rand der Strasse, die sich von al-Shuyukh über die Hügel zu den Steinbrüchen hinaufwindet. Oder zu Hunderten versammelt in den Abbaugruben. Flanke um Flanke tragen die Menschen hier ab, immer tiefer und tiefer. Übrig geblieben ist ein schmaler Grat, der als Strasse für die Lastwagen dient. Links und rechts gehen die Gruben 20, manchmal 30 Meter in die Tiefe, mancherorts brummen Bagger und Caterpillars. Ein Arbeiter ist zu sehen, der den Staub wegbläst, damit man die nächsten Schnitte anzeichnen kann.
Das zentrale Hochland der Westbank ist eine Schatzkammer: Hier liegt nicht nur ein wichtiger Grundwasserspeicher, sondern auch mitunter der beste Kalk- und Dolomitstein der Welt. Acht Variationen, von weiss bis pink, gelb bis bernsteinfarben.
Die Steinbrüche verlaufen entlang der Olivenhaine, die hier einst standen. Als die Hügel noch Hügel waren. Als Familien ihre Häuser mithilfe der Nachbarn bauten, mit den Steinen, die sie auf ihren Grundstücken fanden. Heute machen die Familien ihr Geschäft mit dem Stein.
Von den Steinbrüchen kommen die Steinblöcke in Fabriken wie jene von Akram Bader in der Ortschaft Beit Fajjar, der grössten und modernsten in der Gegend hier. Bader, um die 60, trägt einen kurzen Schnauz, ein Polohemd von Moncler und am Handgelenk eine grosse Uhr. Er spricht mit der bedächtigen Gelassenheit des erfolgreichen Geschäftsmannes.
Ihm gehören sechs Steinbrüche in der Westbank, Fabriken in der Türkei und in Jordanien. Hier am Hauptsitz in Beit Fajjar hat er vor zwölf Jahren 6,5 Millionen Dollar in ein neues Werkareal investiert, mit Marmorfräsen aus Italien und einer Aufbereitungsanlage für das Wasser, das beim Fräsen der Steine in rauen Mengen fliesst.
Der Blick aus Baders schlicht eingerichtetem Büro geht über das Tal. Am Horizont der aufgeschnittene Berg, aus dem das Material stammt, das in Platten zerlegt, geschliffen, poliert und fein säuberlich gestapelt auf dem Platz vor der riesigen Fabrikhalle liegt. Tausende Platten und Fliesen, bereit für den Transport zu Baustellen in aller Welt: nach Saudiarabien, in die Emirate, die USA, nach Europa.
Wichtigster Abnehmer der palästinensischen Steine ist aber Israel. Die genaue Höhe des israelischen Anteils ist nicht zu eruieren. Manche Schätzungen gehen von rund 60 Prozent aus, der Besitzer einer mittelgrossen Steinfabrik in Bethlehem spricht von 75 Prozent.
Dass die Nachfrage so gross ist, liegt zu einem guten Teil an der Millionenstadt Jerusalem – und ihrem Zwang zum Stein. Was israelisches Marketing seit den 1980er-Jahren als Jerusalem stone weltweit etabliert hat, wird heute fast nur noch in der Westbank aus dem Boden geholt. Jerusalem – unter voller israelischer Kontrolle – wird aus palästinensischem Stein gebaut.
Und so schwer es vielen palästinensischen Steinunternehmern auch fällt, dass Israel ihr wichtigster Markt ist: Sie sind auf die Einkünfte aus dem Verkauf von «Jerusalem-Stein» dringend angewiesen.
Denn das Geschäft ist eingebrochen, nicht erst seit Covid. Weltweit wächst das Angebot, die Margen werden kleiner. Ein Fabrikbesitzer aus Bethlehem erzählt, in den letzten zwei Jahren hätten dort die Hälfte der Betriebe geschlossen. Das Hauptproblem aber ist laut Akram Bader ein anderes: «Die Israeli geben uns schon lange keine Bewilligungen mehr für neue Steinbrüche.»
Die Westbank ist seit einem Abkommen von 1995 in A-, B- und C-Gebiete unterteilt. Die grössten Steinvorkommen liegen im C-Gebiet, das gut 60 Prozent der Westbank ausmacht und vollständig unter israelischer Kontrolle steht. In diesem Gebiet erteilen die israelischen Behörden faktisch keine neuen Abbaubewilligungen. Das treibt die Landpreise in den übrigen Gebieten in die Höhe. Und Akram Bader muss seine Arbeiter in den bestehenden Steinbrüchen immer tiefer graben lassen – auch das macht seinen Stein teurer und damit weniger konkurrenzfähig.
Das wirtschaftliche Potenzial neuer Steinbrüche im C-Gebiet ist immens: Die Weltbank schätzte 2013, dass die palästinensische Steinindustrie ohne die israelischen Restriktionen jedes Jahr gut 240 Millionen Dollar mehr Umsatz machen könnte. An vielen Orten graben palästinensische Bagger illegal im C-Gebiet. Tauchen israelische Patrouillen auf, verschieben die Arbeiter die Maschinen rasch über die Grenze.
Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel in einer absurden Konstellation: Denn am Ende werden illegal abgebaute Steine dazu verwendet, Siedlungen in der Westbank und Stadtviertel von Jerusalem zu bauen, die nach internationalem Recht ebenfalls illegal sind.
Es fragt sich: Wie lange dauert diese Situation noch an?
Im Laufe der Zeit wurde das britische Gesetz für Jerusalem immer wieder angepasst – bald schon mussten die Häuser nur noch mit Stein verkleidet sein. «Stein wurde zu einem aufklebbaren Bedeutungselement, um eine visuelle Einheit zwischen neuen Bauten und der Altstadt herzustellen», schreibt der Architekt und Schriftsteller Eyal Weizman in seinem Buch «Hollow Land», das die Zusammenhänge zwischen Architektur und Besatzungspolitik analysiert.
Auf unserem Rundgang führt uns Ytav Bouhsira vor ein mehrstöckiges Bürogebäude mitten in der Stadt. Er zeigt auf die Netze, die auf Höhe des ersten Stocks rund um die Fassade gezogen wurden. «Die sind da, damit uns die Steine nicht auf den Kopf fallen», sagt er und lacht.
In den 1970er-Jahren waren für die Verschalung der Häuser Platten erlaubt, die derart dünn waren, dass sie ständig brachen. «Ist das nicht absurd?», fragt Bouhsira. «Wir entfernen uns immer mehr vom Stein selbst. Erst bestimmte er die Bauweise der Menschen hier. Dann wurde er zur Verschalung. Heute ist der Stein ein politisches Instrument, mit dem markiert werden soll, was zu Jerusalem gehört.»
Eine der ganz wenigen Ausnahmen zwischen all den Steinbauten wurde vor kurzem mitten in der Stadt eröffnet. Der Neubau von Jerusalems Kunsthochschule Bezalel, nur ein paar Schritte vom Sitz des Bürgermeisters entfernt, besteht fast nur aus Glas. Die Oberflächen der wenigen Betonstrukturen, auf denen das Gebäude ruht – und in denen sich die obligatorischen, bombensicheren Schutzräume befinden –, sind mit einem Stein verkleidet, der so hell und so stark poliert ist, dass er wirkt wie Gips.
Für Stadtforscher Ytav Bouhsira, der selbst an der Bezalel unterrichtet, ist es der «wichtigste Neubau im Stadtzentrum seit Jahren». Ein Prestigeprojekt mit grossem Budget, umgesetzt durch die japanischen Stararchitekten von Sanaa. Das sei das eine – das andere aber sei, wie die Architektinnen die Glaskonstruktion bei der Stadt durchbrachten. «Sie beriefen sich ausgerechnet auf Ronald Storrs», so Bouhsira.
Sie argumentierten: Anhand der Tagebucheinträge des Militärgouverneurs sei der Stein für diesen ein landschaftliches Element gewesen, das sich in die Hügel und die Vegetation einfügt. «Stein ist Landschaft, sagten sie, und durch das viele Glas wird man all die Steine drumherum besser sehen.»
Bouhsira sieht im Bezalel-Neubau einen Präzedenzfall: «Das Gesetz wird sich noch ein, zwei Jahre halten», prophezeit er, «dann werden sie es anpassen müssen.»
Jerusalem ist eine heilige Stadt, vielleicht eine ewige Stadt – aber immer noch eine Stadt. Die Zahl ihrer Einwohnerinnen wächst, es braucht mehr Wohnfläche, mehr Büros. Wie überall auf der Welt wird auch in Jerusalem immer höher gebaut. Im Westen der Stadt ist in den vergangenen Jahren eine Skyline aus Hochhäusern entstanden.
Wer in die Höhe baut, macht sich das Leben schwer – und die Arbeit teuer, wenn er mit Stein baut.
Mit Stein bauen oder nicht – für manche geht es bei dieser Frage um Kosten, Ästhetik und Statik, für andere um die Existenz. Senan Abdelqader spricht mit Bedacht über sein Leben als Palästinenser in Israel. Und findet doch klare Worte. «Wir leben in einem Apartheid-System», sagt er, und nennt Beispiele: dass es zwei getrennte Verkehrssysteme gibt, Busse für Araber, Busse für Jüdinnen. Oder dass seine Söhne, junge Männer, sich nicht trauen, in der Öffentlichkeit Arabisch zu sprechen – aus Angst, eine besorgte Bürgerin könnte die Polizei rufen.
Abdelqader ist ein grosser, schlanker Mann um die 60, einst ein Vorzeige-Palästinenser. Als Architekt kam er zu internationaler Anerkennung – mit einem Projekt aus Stein, das schliesslich zum Zerwürfnis mit der Jerusalemer Stadtverwaltung führte. «Wenn du mit Senan arbeitest, bekommst du keine Baubewilligung», habe es ab dann geheissen. Seither kommt er nur noch selten nach Jerusalem, er wohnt und arbeitet in einem Friedensdorf im Landesinneren, wo Juden und Araberinnen zusammenleben.
Der Grund für Abdelqaders Schwierigkeiten mit der Stadtverwaltung heisst Mashrabiya-Haus. Es steht in Beit Safafa, einem arabischen Viertel am südöstlichen Rand Jerusalems, ganz in der Nähe der Autostrasse, die zu den Steinbrüchen von Bethlehem führt. Senan Abdelqader baute das Mashrabiya-Haus vor 20 Jahren, es wurde sein Durchbruch, brachte ihm Lob von internationalen Kritikern ein, führte ihn an die Biennale in São Paulo. Und das Haus zeigt, wie Architektur zu einer Form des Widerstands werden kann.
Seine Auseinandersetzung mit Stein, sagt Abdelqader, habe naiv begonnen. «Ich komme aus der Mitte von Palästina, bin mit meiner Familie in meterdicken Steinwänden aufgewachsen», erzählt er in einem leicht eingerosteten, aber immer noch sehr guten Deutsch – Abdelqader hat in den 1980er-Jahren in Berlin studiert und später auch dort unterrichtet. «Ich kenne Stein als Konstruktions- und Isolationsmaterial. Als etwas, das von uns kommt, weil wir einfach mit dem gearbeitet haben, was da war.»
Als er um die Jahrtausendwende den Auftrag bekam, im Jerusalemer Viertel Beit Safafa ein Haus zu bauen, erfuhr er von dem alten Gesetz. Natürlich war ihm aufgefallen, dass Jerusalem ganz in Stein gehalten war, er hatte die Ästhetik der Stadt stets als bedrückend empfunden. Bis dahin hatte er das allerdings für eine Art stille Übereinkunft gehalten. «Als ich begriff, dass es etwas von oben Aufgezwungenes ist und nicht von den Leuten selbst kommt, musste ich irgendwas damit machen.» Etwas, das nicht mit dieser «Keramiktechnik» arbeitet, wie er sich ausdrückt. «Es ist kein Stein, wenn man ihn einfach so dünn aussen anbringt.»
Hinzu sei ein anderes Gesetz gekommen, das es in den meisten arabischen Gebieten verboten habe, mehr als 50 Prozent des Baulands zu nutzen. Senan Abdelqader antwortete mit einer Hülle aus Steinblöcken, die das gesamte Grundstück umfasste. Mit ihrer durchlässigen Struktur erinnert sie an die arabische Mashrabiya-Technik: jalousieähnliche Holzgitter-Fassaden, die vor Sonne und neugierigen Blicken schützen.
«Ich interpretierte die Technik der geschnittenen Steine von den Israeli neu. Nicht als etwas Vertechnisiertes, sondern mit rohen Blöcken, echtem Stein, der Stein sein darf», so Abdelqader. In dem «so geschaffenen Spielraum», wie er es nennt, baute er dann zunächst unbemerkt aus Glas und Beton eine Struktur, die viel grösser war als erlaubt.
«Niemand merkte, was ich da drin machte», sagt Abdelqader. Als er den Stadtplaner und andere Behördenvertreterinnen einlud, um die Baustelle zu besichtigen, waren sie sogar begeistert. Ein palästinensischer Architekt, der Dinge internationaler Anerkennung baut, etwa von der «New York Times» in den höchsten Tönen gelobt wird – «das tat dem Selbstbild der Israeli, eine offene und tolerante Demokratie zu sein, gut».
Schliesslich standen die Behörden vor der Wahl, den international gefeierten Bau abzureissen oder ihn im Nachhinein zu legalisieren. Sie taten Letzteres. Das Mashrabiya-Haus steht bis heute. Und es hat dazu beigetragen, dass die Behörden in der ganzen Gegend die Bebauung auf 100 Prozent des Grundstücks erlaubten.
Aus Stein hat Senan Abdelqader seither nicht mehr viel gebaut. Er findet, Stein sei kein natürliches Material, so wie er heute verwendet werde. «Du musst Hügel zerschneiden, das verursacht Umweltkatastrophen im grossen Stil», sagt er. Früher sei es erträglich gewesen. Aber heute würden ganze Städte aus Stein gebaut, Modi’in an der Grenze zum Westjordanland etwa, oder eben Jerusalem. «Dafür benutzen sie die Westbank, genau wie für das Wasser. Auch der Stein ist Teil des kolonialistischen Projekts Israel.»
Ob und wie sehr Israel Merkmale des Kolonialismus aufweist, darüber wird viel diskutiert und gestritten. Jedenfalls ist Israel, vielleicht mehr als jeder andere Staat auf der Welt, ein Projekt. Auch ein Bauprojekt.
Der Mann, der dieses Projekt erforscht und beschrieben hat wie kein anderer, sitzt in seinem Büro in der Innenstadt von Tel Aviv. Es ist ihm nicht anzumerken, dass er eigentlich bereits auf dem Weg zum Flughafen sein müsste, wo er den Abendflug nach New York nehmen will. Zvi Efrat, ein renommierter Architekt und Autor, spricht mit dem Duktus des Dozenten, der es gewohnt ist, lange Reden zu halten und Argumente ausführen zu können. Und geht es um Israel, den Zionismus und die Architektur, tut er das umso lieber.
Der britische Kolonialismus, erklärt Efrat, sei orientalistisch gewesen, mit echtem Interesse an der Kultur des kolonisierten Landes. «Die britischen Architekten nahmen das Lokale auf und führten es weiter», sagt er. Das britische Vermächtnis in architektonischer Hinsicht: die Übertragung der Steinarchitektur auf grosse öffentliche Bauten. «Sie haben ihr Schutzgebiet Palästina natürlich ausgebeutet, wie das Kolonialisten eben tun. Aber sie haben mit dieser Architektur auch Neues eingebracht», so Zvi Efrat. «Die Zionisten können das nicht. Sie verdrängen und ersetzen die Menschen, die vor ihnen da waren.»
Wie ein Symbol dafür steht der Komplex des Israel-Museums, an dem Zvi Efrat und seine Frau Meira Kowalsky mitgearbeitet haben, als sie das ursprünglich aus den 1960er-Jahren stammende Bauwerk in den Jahren 2003 bis 2010 erneuerten. Das Museum – einen Steinwurf vom Parlament, der Knesset, entfernt – ist in seiner verschachtelten Architektur einem arabischen Dorf nachempfunden. «Uns war es bei der Erweiterung wichtig, zu zeigen, dass Steinarchitektur nichts zu tun hat mit modernem Bauen. Der Stein ist Fake, und das soll man sehen. Das zeigt so vieles von dem, was nicht stimmt in diesem Land.»
Tradition? Schön und gut, sagt Efrat. «Aber wir nehmen den Stein komplett aus seinem Kontext, eignen ihn uns als simples Material an, das wir einfach auf unsere Gebäude aufkleben können.»
Anfangs sei es für ihn nicht wichtig gewesen, «über Stein zu forschen, um das zionistische Projekt zu beschreiben». Die Zionisten wollten zunächst die weissen Wände der Bauhaus-Architektur, das Mediterrane: «Eine europäische Kultur im Nahen Osten, eine europäische Kolonie», erklärt Efrat. Für Jerusalem interessierten sich zionistische Planer und Architekten kaum. «Sie hatten Angst vor Jerusalem, wussten nicht, wie damit umgehen. Es passte nicht in diesen säkularen, modernen Wohlfahrtsstaat, den sie bauten.»
Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde Stein plötzlich zum politischen Mittel. Stein ist für Zvi Efrat kein Material, sondern eine Kultur – eingebettet in Lebensstil und Tradition, in die Familie im Dorf. «Wir haben uns die lokale Kultur jener Menschen angeeignet, die wir verdrängen», sagt er.
«Ein Gesetz der Besatzung, der Aneignung, der Auslöschung», nennt Zvi Efrat die Stein-Vorschrift in Jerusalem. «Wir Architektinnen und Architekten sollten es nicht befolgen. Und wenn wir keine andere Wahl haben, dann sollten unsere Gebäude von diesen Geschichten sprechen. Architektur sollte immer auch die Umstände reflektieren, unter denen sie entsteht.»
Die Häuser und Wände, die Türme und Mauern Jerusalems erzählen viele Geschichten. Doch sie reflektieren nichts als das Sonnenlicht. Den meisten Menschen ist das genug.
Dieser Beitrag wurde finanziell durch den Medienfonds «real21 – die Welt verstehen» unterstützt.