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Die Akklimatisationsversuche der Section Rhätia mit Bastard- und ächtem Steinwild
Von Florian Davatz ( Section Rhätia ).
Der Alpensteinbock ( Capra ibex ) war im XVI. Jahrhundert ein häufig vorkommendes Jagdthier in den rhätischen Bergen, scheint aber schon im Anfang des XVII. Jahrhunderts so sehr an Zahl abgenommen zu haben, daß das Erlegen eines solchen Thieres schwere Strafen für den Schützen nach sich zog. Das Jagdgesetz Gemeiner Lande vom Jahre 1612 verbot 2 ) für alle Zeit und Jahreszeit die Jagd auf Steinböcke bei 50 Pfund Buße. Im Jahre 1638 war die Zahl der Steinböcke derart geschwunden, daß auf das Erlegen eines solchen Leibes- und Lebensstrafe gesetzt wurde. Allein auch dieses Schutzmittel hat das Aussterben dieses edelsten Hochwildes nicht zu verhindern vermocht. Um's Jahr 1650 scheint der letzte Steinbock gesehen worden zu sein. Auch U. Campell, der rhätische Geschichtsschreiber, erwähnt im naturgeschichtlichen Theile seiner Topographie Graubündens den Steinbock und sagt, daß seit Gebrauch des Schieß-gewehres dieses edle Thier sehr selten geworden sei und nur noch auf dem Bernina und Adula, sowie im Wallis vorkomme. In Bezug auf seine Zähmbarkeit bemerkt er an gleicher Stelle, daß der Steinbock, als Zicklein eingefangen, so zahm werde, daß er mit den Ziegen auf die Weide gehe und ebenso in deren Gesellschaft wieder heimkehre.
Von jeher haben die Alpenjäger das Aussterben dieses prächtigen Jagdthieres lebhaft bedauert, und immer und immer wieder hörte man den Wunsch äußern, es möchten doch Versuche zur Wiedereinführung des Steinbocks gemacht werden. Als dann im Jahre 1869 Hr. Forstinspector Akklimatisationsversuche mit Bastard- und ächtem Steinwild.
Manni am 26. November in der Section Rhätia des S.A.G. einen Vortrag
über Hochwild hielt und am Schlusse desselben die Anregung machte, unsere Section möchte einen Versuch zur Wiedereinbürgerung des Steinbocks machen, wurden die Gemüther elektrisirt, und man discutirte die Frage, ohne jedoch Beschlüsse zu fassen. Am 10. December wurde dann eine Dreiercommission, bestehend aus den Herren Forstinspector Manni, Dr. Killias und Ständerath Hold, gewählt, welche die einleitenden Schritte in Sachen thun sollte. Ihr erstes Geschäft war natürlicherweise das, sich zu erkundigen, ob und wo solche Thiere erhältlich seien. Am 22. März 1870 konnte die Commission der Section die Mittheilung machen, daß ächte Steinböcke wohl erhältlich wären, aber nur zu sehr hohen Preisen. Die Gesellschaft schreckte vor diesen nicht zurück, sondern zog vielmehr die Localfrage schon in Besprechung. Dabei blieb es aber auch für zwei volle Jahre, nämlich bis zum 23. August 1872. Damals berichtete Hr. Manni über seine mit Hrn. Präsident Saraz in Pontresina gepflogene Korrespondenz in der Localfrage. Die anzukaufenden Thiere sollten nach der damals herrschenden Ansicht in 's Berninagebiet versetzt werden.
Da schon dazumal die Ausarbeitung eines neuen schweizerischen Jagdgesetzes in Vorbereitung war und in diesem die Schaffung von Freibergen vorgesehen werden sollte, wollte man mit dem Ankaufe der Thiere zuwarten, bis man bestimmt wisse, ob sie auch durch das Gesetz geschützt seien oder nicht; denn das Gedeihen eines Akklimatisationsversuches ist wesentlich vom Wildschutz abhängig.
So ruhte nun die Angelegenheit, ohne vergessen zu sein, bis zum Jahre 1875, als bei Anlaß einer Sectionssitzung die Frage an die Steinbockcommission gerichtet wurde ( es war zur Zeit der Besprechung des neuen Jagdgesetzes und der Freiberge ), ob nicht jetzt der Augenblick gekommen wäre, die Frage der Einführung des Steinwildes wieder in Discussion zu ziehen. Man beschloß, die Angelegenheit dem Centralcomite des S.A.C. zu unterbreiten und unter dessen Aegide vor die Bundesbehörden zu ziehen. Am 14. März gleichen Jahres wurde ein Schreiben in diesem Sinne an das damalige Centralcomite in Luzern abgesandt. Der Präsident desselben, Hr. Zähringer, sprach mit Brief vom 19. gleichen Monats die Bereitwilligkeit des Centralcomite aus, unsere Bestrebungen zu unterstützen und zu befürworten, wünschte aber, daß die Steinbockcommission der Section Rhätia einen Entwurf zur Vorlage an den h. Bundesrath vorbereite.
Unterdessen schritt die Berathung des neuen Jagdgesetzes rüstig vorwärts, und die Section Rhätia, sowie die Naturforschende Gesellschaft Graubündens betheiligten sich lebhaft an der Discussion, besonders in Bezug auf die Feststellung und Abgrenzung der Freiberge und die Einführung des Reviersystems, welch letzteres befürwortet wurde. Es wurde daher beschlossen, in diesem Sinne zunächst an die h. Bundesversammlung Florian Davatz.
zu gelangen und in zweiter Linie auch die Einführung des Steinwildes anzuregen.
Es verstrichen abermals vier Jahre, ohne daß die Angelegenheit, abgesehen von mehrmaliger Auffrischung des Gedankens, einen Schritt weiter gekommen wäre. Die großen Schwierigkeiten, die sich dem Ankauf von Thieren reiner Rasse in den Weg stellten, hatten jeden Fortschritt gehemmt. Man war auch schon zu wiederholten Malen auf den Gedanken gekommen, mit Blendlingen und ächten Steinböcken eine Reinzucht zu versuchen, sträubte sich aber immer dagegen; in der Sitzung vom 5. Februar 1879 hatte sich die Mehrheit der Sectionsmitglieder gegen solche Versuche ( die Privaten zu überlassen seien ) ausgesprochen.
Als jedoch alle Erkundigungen nach ächten Steinböcken resultatlos blieben, beschloß man, sich in Cogne und Aosta nach Bastardthieren umzusehen. In einer Antwort des Hrn. Caratsch in Turin waren die Eigenschaften der Bastardsteinböcke und der Bestand des königlichen Geheges in Aosta beschrieben. Es wurde hierauf beschlossen, Abschriften dieses Berichtes an das eidgenössische Departement für Handel und Landwirthschaft, an das Centralcomite des S.A.C. und Hrn. Saraz in Pontresina abgehen zu lassen und, wenn die nöthigen Geldmittel erhältlich seien, einen Versuch mit Bastardsteinwild zu machen.
Hr. Hold theilte indessen der Section Rhätia mit, daß der Bundesrath wenig Neigung zeige, für Bastardthiere Subventionen zu verabfolgen, wohl aber für Thiere reinen Blutes seine Unterstützung zusagen würde. Im gleichen Sinne sprach sich auch das Centralcomite des S.A.C. aus. Man hoffte, auf diplomatischem Wege ächte Steinböcke zu bekommen. Aber diese Hoffnung erwies sich jetzt, wie in der Folge, als nichtig.
Inzwischen ging von Turin die verblüffende Nachricht ein, die ganze Bastard-Mandria des königlichen Geheges sei an den Fürsten v. Pleß verkauft worden. Auf eifriges Bemühen gelang es schließlich Hrn. Caratsch, dem in der Folge Vollmacht zum Ankauf von 10 bis 20 Stück ertheilt worden war, 15 Stück von Hrn. v. Pleß zu erhalten. Am 13. Mai traf das kleine Rudel in Chur ein, wo die hübschen Thiere allgemeines Aufsehen erregten. Es bestand aus:
8 Bastardböcken, 4 davon zweiter Generation oder ¾-Blut, 5 Bastardziegen erster Generation oder 1/2 -Blut, 4 davon Zicklein, 2 Hausziegen als Ammen.
Da es der Wunsch der Kantonsregierung war, die Steinböcke in 's Centrum des Landes zu versetzen, statt in 's Rosegthal, wie früher beabsichtigt war, so wurden sie am 28. Juni in das Schongebiet des Arosa-Rothhorns transportirt, wo ihnen für die Sommerszeit das sogenannte Welschtobel und der Schafrücken als Weidgebiet angewiesen wurden, während ihnen für den Winter eine offene Hütte in der Isel, an der Akklimatisationsversuche mit Bastard- und ächtem Steinwild.
Ausmündung des Welschtobels, errichtet wurde, wo sie vom Wildhüter gefüttert werden sollten.
Um denjenigen Lesern des Jahrbuches, welche das Plessurgebiet noch nicht durchstreift haben, einen Begriff vom „ Welschtobel " zu geben, erlaube ich mir, hier eine Beschreibung dieses Thales aus der Feder des Herrn Lehrer Mettier, Besitzer der Pension „ Waldhaus " in Arosa, einzuschalten:
„ Wenn man von Langwies aus, der neuen Poststraße folgend, nach Arosa wandert, erblickt man kurz vor dem Ziele der Reise, bevor das eigentliche Arosa, d.h. die Hotels und Häuser sichtbar werden, in der Richtung gegen Süden den Eingang eines von schroffen Felswänden flankirten Thales. Es ist das Welschtobel.
Seinen Namen hat es ohne Zweifel von den Besitzern der dortigen Alp, den romanisch oder „ welsch " redenden Einwohnern von Alvaneu.
Das Welschtobel öffnet sich in der Isel in einer Höhe von 1650 m und zieht sich in südwestlicher Richtung gegen das Aroser Rothhorn ( 2985 m ) hinan. Es theilt sich in zwei Thalstufen. Ein jäher Absturz der Thalsohle, eine Art Querriegel, bildet die Grenze. Oberhalb derselben erweitert sich die Thalsohle bedeutend und bildet die triftenreiche Alp Ramoz, während der untere und größere Theil des Thales eng, fast schluchtartig sich in einer Länge von 2 ½ Stunden hinzieht. Ausläufer des Rothhorn-stockes bilden die Thalwände. Links erheben sich das Erzhorn ( 2922 nl ), Aelpliseehorn ( 2723 m ) und der Schafrücken, die eine wenig durchforschte und schwer zugängliche Felsenkette bilden. Auf der rechten Seite starrt uns die zerklüftete Felswand „ Leidfluh " mit ihren namenlosen südwestlichen Ausläufern entgegen. Unwirthliche, nur hie und da durch Rasenflächen unterbrochene Geröllhalden bedecken die beiden Thalseiten. Auf der rechten zieht sich ein rauher Fußpfad, bald unten in der Tiefe längs des rauschenden Baches, bald etwas höher in den Flanken über Geröll und tiefe Runsen dahin. Der unterste Theil des Thales weist namentlich auf der linken Seite eine kräftige Vegetation auf. Fichten und Lärchen stehen noch in ziemlich dichten Beständen. Dann folgen Legföhre und Birke. Die Legföhrenhänge bildeten seiner Zeit das Asyl der Steinbock-blendlinge. In den Kalkfelsen wächst die weiße Potentilla caulescens, und oberhalb der Waldregion, auf dem eigentlichen Schafrücken, findet man Edelweiß die Menge, ferner die seltenen Senecio abrotanifolius und Valeriana supina. Bis vor einigen Jahrzehnten weidete auf dem Bergrücken allsommerlich eine Schafheerde ( daher der Name ); jetzt haben sich dort die Gemsen ein Privilegium geschaffen, das ihnen wohl Niemand streitig machen wird.
Die obere Thalstufe beginnt oberhalb jenes Absturzes der Thalsohle in einer Höhe von circa 2250 m. Da ist die Alp Ramoz. Während im untern Welschtobel sozusagen keine Weideplätze zu treffen sind, findet sich hier oben eine ausgedehnte Alpweide mit der zartesten Grasnarbe, Florian Davatz.
die man sich denken kann. Da werden 50 bis 60 Stück Galtvieh gesömmert, die von Alvaneu her über die Furcletta ( 2577 m ) zur Alp getrieben werden.
Von der breiten Thalsohle in Ramoz aus führen verschiedene Einbuchtungen oder Couloirs zwischen zackigen Felspartien zum Gipfel des Aroser Rothhorns hinan, das von dieser Seite ziemlich leicht und vollständig gefahrlos erreicht werden kann. "
Bei Beginn des Herbstes rückte die erste Hiobspost aus dem Welschtobel ein. Eine der Hausziegen war unterdessen umgestanden und zwei Böcklein hatten sich verlaufen. Die übrigen 12 Stück erfreuten sich jedoch der besten Gesundheit und waren schon ordentlich „ erwildet ".
Bei Beginn des Winters wurden die Thiere nach der Isel geführt, bei welchem Anlasse eine Bastardziege sich durch ein kaltes Bad in der Plessur eine Erkältung zuzog und in der Nacht vom 22.123. November verendete. Bald nachher ereilte auch einen kleinen Bock der Tod. Er wurde von einem größern, wahrscheinlich aus Eifersucht, mit den Hörnern erstochen.
Die übrigen 10 Stück wurden anfänglich wöchentlich zwei Mal, später jeden andern Tag mit Futter versehen. Zwei der Bastardziegen brachten im December todte Junge zur Welt.
Ohne weitere Störungen und Veränderungen im Bestande überlebte das kleine Rudel die strengsten Wintermonate. Als ( 1880 ) die Märzensonne einige Halden vom Schnee befreit hatte und altes und neues Gras sich zum Abweiden zeigte, verschmähten die Thiere das angebotene Heu und verließen allmälig ihr Winterquartier.
Hätte nicht Hr. Krebs-Gygax von Schaffhausen für Unterhaltungs-und Besprechungsstoff in den Sitzungen unserer Section gesorgt, so hätte man während des Sommers wohl kaum Grund gehabt, von den Steinböcken zu sprechen. Es wollte aber ein ungeschickter Zufall, daß dieser Herr über den Strelapaß ging und auf seiner Tour den beiden großen Böcken begegnen sollte. Sei es nun, daß Hr. Krebs die Thiere neckte oder ihnen nicht den nöthigen Respect einzuflößen vermochte, kurz, er behauptete und klagte bei hiesiger Polizei, ein Bock hätte ihn angefallen und mißhandelt. Die Folge davon war, daß die beiden schönsten Thiere unseres Rudels von Polizei wegen aus dem Asyle weggenommen werden mußten. Man trat sie gegen eine bestimmte Entschädigung für einige Monate an Hrn. Grüninger zum „ Plattengarten " in Zürich ab, wo sie in dessen Thiergarten ausgestellt wurden. Um mit den Relegirten keine weiteren Scherereien mehr zu haben, wurden sie an einen Hrn. Brüesch, als den Meistbietenden, für Fr. 300 verkauft. Dieser nahm sie mit sich nach Amerika, wo sie zuerst ( nach einem amerikanischen Blatte ) in Rhode Island und später an verschiedenen andern Orten zur Schau herumgeführt und als äußerst gefährliche Thiere beschrieben wurden. Seither ist jede Akklimatisationsversuche mit Bastard- und ächtem Steinwild.
Kunde von ihnen ausgeblieben, und nur Hr. Krebs-Gygax erinnert uns noch zuweilen durch seine Fabrikmarke an ihr ehemaliges Dasein.
Trotz der Entfernung dieser zwei Böcke haben sich die übrigen Thiere bis zum Februar 1882, also beinahe zwei Jahre, gut erhalten. Dann aber ging vom Wildhüter die Nachricht ein, er habe nur noch sieben Stück, fünf trächtige Ziegen und zwei Böcke, am Schafrücken ( in einer Höhe von 2100 bis 2300 m ) angetroffen. Da, nach dem Urtheile des Wildhüters, die Wurfzeit der Ziegen nahe bevorstand, wurde beschlossen, die Thiere nach Arosa in einen Stall zu versetzen, bis die zu erwartenden Jungen so weit erstarkt seien, daß sie dem Raubzeug nicht mehr so leicht zum Opfer fallen. Doch scheiterte jeder Versuch, die Thiere einzufangen, an ihrer Wildheit.
Im April, also zwei Monate später, berichtete der Wildhüter, er habe die sieben alten Thiere gesehen, aber von Jungen sei keine Spur vorhanden.
Es verstrichen abermals zwei Jahre ( bis 1884 ), ohne daß sich im Bestande unseres Rudels besondere Aenderungen gezeigt hätten, und man gab bereits der Hoffnung Raum, daß der Akklimatisationsversuch gelungen sei und die Thiere sich selbst überlassen werden können, wenn auch das unerklärliche Verschwinden des Nachwuchses zu nicht unbegründeter Besorgniß Anlaß gab. Der fatalste Umstand war jedenfalls der und wird es bleiben, daß die Wurfzeit der Bastardsteinziegen in die rauhe Jahreszeit, Ende Februar bis Mitte März, fällt, wie bei den Hausziegen.
Als im November der Wildhüter abermals von der Trächtigkeit zweier Ziegen berichtete, wurde ihm der Auftrag ertheilt, die noch lebenden fünf Thiere einzufangen und nach Arosa zu bringen, was ihm erst gelang, als er, nach zwei verfehlten Versuchen, noch weitere drei Mann zuzog. Mit großer Mühe wurden die zwei trächtigen Ziegen eingefangen und durch stellenweise tiefen Schnee nach der Seegrube geführt, wo die eine am 2. März 1885, die andere am 22. März Zwillinge warfen. Leider waren es aber vier Böcklein und kein einziges weibliches Zicklein. Wenn auch durch diesen unerwartet reichlichen Zuwachs das Rudel wieder auf neun Stück angewachsen war, so war doch für die Vermehrung nicht viel erreicht. Die bald darauf eingelaufene Nachricht vom Tode eines der jungen Böcklein schmerzte daher auch nicht gar sehr. Bei Eintritt der warmen Jahreszeit wurden die Alten und Jungen wieder in Freiheit gesetzt.
Im Herbste gleichen Jahres wurde uns vom Verwaltungsrathe des zoologischen Gartens in Basel eine schöne dreijährige Halbblutgeiß geschenkt. Gleich nach ihrer Ankunft in Chur, den 10. October, wurde sie nach Araschga gebracht, wo ihr ein vorjähriges Böcklein der Welschtobel-colonie zugesellt wurde. Nach etwa einem Monate wurden beide Thiere nach Filisur versetzt, wo sie in einem Stalle unter sorgfältiger Pflege Florian Davatz.
überwinterten. Am B. December wurde die Ziege beschlagen und am 11. Mai 1886 warf sie ein munteres Böcklein, das bei genügender Ernährung bestens gedieh. Am 12. Juli wurden alle drei, Vater, Mutter und Sohn, über Wiesen nach dem Welschtobel hinübergeführt, wo sie dem daselbst überwinterten Rudel beigesellt werden sollten. Der Bock blieb dort, die Ziege mit dem Jungen aber kehrte wieder nach Wiesen zurück und mußte daher abermals den Weg nach dem Welschtobel antreten. Das dort weilende Rudel hatte unterdessen wieder eine Reduction erlitten. Eine Gais und ein Bock waren umgestanden und ein weiterer Bock hatte ein Horn gebrochen. Es waren somit noch sieben Stück am Leben. Diese hatten aber keinen Bestand; denn im October hieß es schon wieder, es seien nur noch drei Thiere zu sehen. Niemand wußte, wo die übrigen vier hingekommen waren.
Durch diese unerfreulichen Resultate mit Bastardwild nichts weniger als ermuntert, beschloß man, die noch lebenden drei Thiere in ihrem Asyle zu belassen, statt sie, wie man früher die Absicht hatte, in den neuen Freiberg des Err-Gebietes zu versetzen. Um so freudiger ergriff man die Gelegenheit, mit ächtem Steinwild neue Versuche anzustellen, als die schweizerische Jagdgesellschaft „ Diana " unserer Section eine im Basler Thiergarten gehaltene Steingeiß reinen Blutes zum Geschenk anbot, und ein Thierhändler, dessen Namen hier aus guten Gründen verschwiegen bleiben soll, uns drei junge, neun Monate alte Thiere reiner Rasse zum Preise von Fr. 900 anbot.
Das Geschenk der „ Diana " wird freudig und dankbar angenommen und die Offerte des Thierhändlers acceptirt; man stellte jedoch Letzterem die Bedingung, daß er die Thiere, einen Bock und zwei Geißlein, selbst hierher bringe und sie vorher durch Hrn. Director Hagmann in Basel auf ihre Aechtheit prüfen lasse. Der von der „ Diana " gestellten Bedingung, die geschenkte Steingeiß in einem passenden Gehege unterzubringen, konnte bestens entsprochen werden, dank dem freundlichen Entgegenkommen des Hrn. Dr. Lorenz, der ein Berggut in Prosutt ( Val Spadlatscha ) und, als diese Localität von Fachmännern als zur Ueber-winterung und Beaufsichtigung der Thiere unbequem bezeichnet wurde, eine Wiese mit Stallung in Sela zur Verfügung stellte, dank auch der Gemeinde Filisur, die das nöthige Pallisadenholz, sowie ein Stück angrenzenden Waldboden gratis bewilligte.
Mitte Mai erschien der Thierhändler mit den von Hrn. Director Hagmann als rasserein befundenen Thieren; aber statt drei waren es nur zwei Geißlein. Der Bock soll nach seiner Aussage unterwegs verunglückt sein. Wir hatten somit nur drei weibliche Thiere und keinen Stammhalter. Der Lieferant versprach zwar, innert 40 Tagen einen solchen zu beschaffen, hat aber heute noch sein Wort einzulösen.
Unserem Gesuche an das Tit. Departement des Handels und der Akklimatisationsversuche mit Bastard- und dichtem Steinwild.
Landwirthschaft um finanzielle Unterstützung wurde in dankenswertester Weise entsprochen, indem dasselbe die Hälfte der Ankaufs- und Transportspesen für die Thiere bis in 's Gehege übernahm. Auch die Section Bern des S.A.C. veranlaßte das Centralcomite, zu Gunsten unserer Akklimatisationsversuche einen Beitrag aus der Centralcasse zu verabreichen. Diese entsprach mit Fr. 300.
In kürzester Zeit war das Gehege von Sela erstellt, und am 20. Juli konnten die Thiere dort eingesetzt werden. Es liegt dasselbe auf einer Terrasse der linken Thalseite, an der Ausmündung des Spadlatschathales, eine Stunde von Filisur entfernt. Am südlichen Ende des Geheges befinden sich zwei Ställe, wo die Thiere zu kalter Jahreszeit schützende Unterkunft finden und die Heuvorräthe zur Fütterung aufbewahrt werden könnten. Ringsherum zieht sich ein hübscher Waldbestand und in der Mitte liegt eine grasreiche Mulde mit fließendem Wasser, einigen Steinen und Baumstrünken zu Springübungen und ein gedeckter Futterplatz. Das anfänglich auf 30 m im Geviert planirte Gehege wurde nach und nach auf mehr als das Doppelte erweitert, so daß den Thieren in dieser Hinsicht nichts fehlte. Sie gediehen auch prächtig und versprachen, die auf sie gesetzten Hoffnungen seiner Zeit zu erfüllen. In der beständigen Erwartung, von unserem Steinbocklieferanten einen Bock zu erhalten, wurde sogar das sehr anerkennenswerthe Geschenk eines ⅞-Blut-Bockes seitens der Verwaltung des zoologischen Gartens in Basel dankend abgelehnt, weil man nur mit Thieren reiner Rasse die Züchtungsversuche machen wollte.
Am 25.126. August hatte die Basler Vollblutgeiß ein vollständig ausgetragenes Junge geworfen, das aber, als man dazukam, todt war. Aus der Wurfzeit zu schließen, mußte die Geiß im März beschlagen worden sein. Nach später eingeholter Erkundigung bei Hrn. Director Hagmann sei die Geiß vom dortigen ⅞-Blut-Bock belegt worden, das Junge war somit 15!i6-Blut. Die Mutter dieses Zickleins, früher gegen Kälte eher empfindlich, hatte bei Beginn des Winters einen dichten Pelz bekommen und zeigte nun keine Spuren mehr von Zittern und Frieren. Die zwei kleineren Geißlein waren nie empfindlich gewesen und haben immer im Freien übernachtet. Trotz des kalten Winters blieben die Thiere immer munter und gesund.
Verschiedene Versuche, aus dem königlichen Gehege bei Aosta, aus der Handelsmenagerie Hagenbeck in Hamburg oder dem zoologischen Garten in Paris Vollblutthiere zu erwerben, blieben fruchtlos. Erst im Juli 1888 traf seitens unseres Steinbocklieferanten eine Offerte ein. Für zwei Böcklein und ein Geißlein verlangte er Fr. 1500 und Fr. 100 für Hertransport. Trotz des hohen Preises für Säuglinge wurde die Offerte acceptirt. Am 1. August trafen die Thiere in Chur ein. Das Geschlechtsverhältniß war aber ein umgekehrtes, nämlich zwei ♀ und ein ♁, für welche ihm aber in Anbetracht, daß er die Lieferung eines ältern Bockes Florian Davatz.
noch schuldig war, nur Fr. 1300 ausbezahlt wurden. Die neu erworbenen Thiere kamen sofort in 's Gehege nach Sela.
Die früheren Insaßen hatten, wahrscheinlich infolge Genusses von grünem Futter, im Sommer an Durchfall gelitten. Auch die uns von der „ Diana " geschenkte Geiß war erkrankt und stand gegen Ende August um. Die Jüngern Thiere litten zur selben Zeit an einer Augenentzündung, die aber durch ärztliche Behandlung bald gehoben wurde, so daß Ende September wieder die ganze Colonie gesund war. Einen Monat später aber folgte die Nachricht vom Tode der zwei zuletzt angekauften Zicklein.
Da sich gar keine Aussicht eröffnete, in den Besitz eines züchtungs-fähigen Bockes zu gelangen, wandte man sich an den Director des zoologischen Gartens in Basel mit dem Ersuchen, uns den früher verschmähten ⅞-Blut-Bock für einige Zeit zu überlassen, um ihn zu unseren Thieren in 's Gehege zu setzen. Aber Hr. Director Hagmann erwiderte hierauf, daß das an sorgfältige Pflege und ein wärmeres Klima gewöhnte Thier nicht abgegeben werden könne, daß der Vorstand jedoch bereit sei, unsere Geißen gratis in den Thiergarten aufzunehmen und zu unterhalten, bis eine eventuelle Begattung stattgefunden habe. Dieses Anerbieten wurde dankbar angenommen, und am 2. November 1888 traten die zwei nach unserer Ansicht zuchtfähigen Geißen ihre Reise nach Basel an, wo sie wohlbehalten anlangten. Der Thierarzt, der die Thiere vor ihrer Versetzung in den Garten untersuchte, fand sie vollständig gesund, erklärte aber, sie hätten früher an „ Maulgrind " gelitten. Leider zeigten aber die Geißen keine Neigung zur Paarung, und es bestätigte sich somit die früher von Hrn. Director Hagmann ausgesprochene Ansicht, daß diese Thierart ( Capra ibex ) erst mit dem dritten Jahre zuchtfähig werde.
Am 3. December wurden sie wieder anher gesandt und nach Sela versetzt, wo sie den Winter ohne Störungen zubrachten. Nur ein kleines, schwächliches Böcklein mußte während des Winters in Filisur besonderer Pflege anvertraut werden und kam erst im Frühjahr 1889 in 's Gehege.
Im Monat Juli erhielten wir von unserem Steinbocklieferanten wieder zwei junge, etwa vier Monate alte Thierchen, ein ♁ und ein ♀, für welche ihm Fr. 1000 ausbezahlt wurden. Noch nicht vom Saugen entwöhnt, erhielten sie zwei Hausziegen als Ammen beigegeben. Da diese aber die Zicklein nur unfreiwillig saugen ließen, hatte der Wärter in Sela viel Mühe und Noth mit ihnen, weshalb eine genügende Ernährung der jungen Thiere nicht möglich war und sie, wahrscheinlich infolge von Atrophie, innert zwei Monaten zu Grunde gingen. Im August war auch ein zwei Jahre früher angekaufter Bock umgestanden, der wegen seiner Schwächlichkeit längere Zeit nach Filisur in besondere Pflege genommen worden war.
Nach so vielen unerfreulichen Erfahrungen war man schließlich zur Ueberzeugung gelangt, daß mit dem Ankauf von Thieren unter einem Jahre, die noch nicht selbst der Nahrung nachgehen können, für die Akklimatisationsversuche mit Bastard- und ächtem Steinwild.
Vermehrung des Rudels und schließliche Wiedereinbürgerung des Steinwildes nichts gewonnen wird, und beschloß daher, von weitern Versuchen abzustehen. Die subventionirenden Behörden sollen davon benachrichtigt und angefragt werden, ob sie die Bewilligung zum Verkaufe der noch lebenden zwei hübschen Steingeißen ertheilen. Das Tit. Departement für Handel und Landwirthschaft war aber anderer Ansicht. Es wollte die Versuche noch nicht aufgeben, sondern auf eigene Rechnung fortsetzen, wenn die Section Rhätia sich verpflichte, das Gehege in Sela zu weiterer Benutzung verfügbar zu halten und die Versuche fernerhin zu leiten und zu beaufsichtigen. Ueber das Gehege konnte die Section Rhätia von sich aus nicht verfügen, weil es theils Privateigenthum des Hrn. Dr. Lorenz, theils Gemeindeeigenthum von Filisur ist; Ersterer erbot sich jedoch, weil für die Versuche stets lebhaft eingenommen, für weitere zehn Jahre sein Gut nebst Stallung dazu herzugeben, und glaubte, auch die Gemeinde Filisur werde nicht zurückbleiben. Damit war für die Section Rhätia die Sache abgeschlossen. Die uns durch die Akklimatisationsversuche erwachsenen Auslagen wurden uns theils vom Bunde, theils von der kantonalen Regierung vergütet.
Die nun in den Besitz des Bundes übergegangenen zwei 3 ½Jährigen Geißen wurden auf Einladung des Hrn. Director Hagmann abermals nach Basel zur Belegung geschickt, aber ohne Erfolg. Eine davon soll, wie wir vernehmen, in Basel umgestanden sein, während die andere nach dem Sihlwalde bei Zürich versetzt wurde, wo sie sich nach neulich eingelangten Berichten wohl befinden soll und ihr noch einige jüngere Steinböcke zugesellt worden seien.
Dies ist nun in Kürze die Geschichte unserer Akklimatisationsversuche mit lichten und unächten Steinböcken, soweit dieselbe aus den Protokollen der Section Rhätia geschöpft werden konnte.
War auch das Resultat unserer Versuche ein negatives, so haben dieselben doch zu einer Reihe von Beobachtungen und Erfahrungen geführt, die nicht ganz unwichtig sind und vielleicht Anderen zu Gute kommen werden und deshalb hier in Form einiger Sätze resümirt werden mögen:
1. Bastardsteinwild akklimatisirt sich leicht, darf aber, wegen der frühen Wurfzeit ( Februar und März ), nicht frei in der Wildniß ausgesetzt werden, weil die Jungen leicht dem Raubwilde zum Opfer fallen. Auch müssen die Alten zur strengen Winterszeit gefüttert werden. Sie eignen sich also für 's Gehege in höheren Lagen, nicht aber zur Einführung als Jagdwild.
2. Die ächten Steinböcke, welche, wild eingefangen, vor Einsetzung in 's Gehege eine normale Säugung und Fütterung hinter sich haben, kommen fort und gedeihen, wenn sie nicht vereinzelt oder in zu kleiner Zahl und im richtigen Geschlechtsverhältniß beisammen sind. Es ist aber unbedingt nothwendig, daß bei mehreren gesunden Florian Davatz.
Ziegen wenigstens ein zuchtfähiger Bock ( zum Mindesten dreijährig ) sei.
3. Trächtige Ziegen sollten kurz vor dem Wurfe isolirt werden, damit die frischgeworfenen Jungen von den ältern Thieren nicht umgebracht werden.
4. Beim Ankaufe junger Steinböcke für das Gehege ist die größte Vorsicht nöthig. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Zicklein, die nicht wenigstens acht bis zwölf Monate alt sind, also die erste Krisis des Stoffwechsels überstanden haben, in der Regel an Atrophie zu Grunde gehen. Hausziegen sind als Ammen meistens unzuverlässig, weil sie ungezwungen nicht saugen lassen.
5. Nur Versuche auf breitem Fuße, d.h. mit bedeutendem Capital, können auf einigermaßen befriedigenden Erfolg rechnen.
TV.
Kleinere Mittheilungen.