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«The Book Thief» beginnt mit dem Monolog eines Erzählers, der sich als Gevatter Tod zu erkennen gibt. Dieser hat sich gerade den Bruder von Liesel geholt. Nach dessen Beerdigung bleibt der Sensemann in ihrer Nähe. Nicht, weil sie die Nächste auf seiner Liste wäre. Sondern weil er von Liesel – aus nicht weiter erläuterten Gründen – fasziniert ist. Nach dieser knappen Einführung verschwindet die Erzählstimme fast vollständig hinter der Geschichte des genannten Mädchens.
Liesel ist in jeder Hinsicht das Herzstück des Films. Anders als der Titel vermuten lässt, ist sie aber gar keine richtige Bücherdiebin. Ihr erstes Buch findet Liesel als Analphabetin kurz vor Kriegsbeginn auf dem Friedhof. Später borgt sie sich das eine oder andere Werk, um richtig Lesen zu lernen. Auch von den Büchern, welche die Nazis öffentlich verbrennen, schnappt sie sich das eine oder andere Exemplar. Freilich immer zu noblen Zwecken. Zum Beispiel um den todkranken Juden Max, den ihre Adoptiv-Familie zuhause im Keller versteckt, mit spannenden Geschichten am Leben zu halten.
Das merkwürdigste Zitat
«Saumensch, you’ve got guts!» («Saumensch, du hast echt Mumm!»), sagt der verliebte Nachbarsjunge Rudy zur Bücherdiebin Liesel, die er soeben auf frischer Tat ertappt hat. Das veraltete Dialekt-Wort «Saumensch» ist hier nicht wirklich als Beleidigung gedacht, sondern als neckischer Kosename wie «Lump» oder «Schwerenöter». Die häufige Verwendung der ungebräuchlichen Bezeichnung «Saumensch» wird aber viele deutschsprachige Zuschauer irritiert im Kinosaal zurücklassen.
Fakten, die man wissen sollte
Die gefühlslastige Geschichte der Bücherdiebin erfunden hat der 1975 in Sydney geborene Markus Zusak. Inspiriert von den Erzählungen seiner deutsch-österreichischen Vorfahren, siedelte er seinen zweiten Jugend-Roman im Umfeld des Zweiten Weltkriegs an. Dass der Begriff «Saumensch» längst kein geläufiger Ausdruck mehr ist, erfuhr der Australier erst, als das Buch ins Deutsche übersetzt wurde. Zum internationalen Bestseller mauserte sich «The Book Thief» vor allem wegen seiner originellen Erzählperspektive. Das Geschehen wird vom Tod höchstpersönlich kommentiert. Davon ist auf der Leinwand leider nicht viel übrig geblieben. Im Buch hasst der Sensenmann seinen Job und geizt nicht mit ironischen Spitzen. Im Film schweigt er weitgehend.
Die Hauptdarstellerin
Die Rolle der Bücherdiebin Liesel ist Sophie Nélisses dritte Kinorolle. Auf die 13-jährige Kanadierin aufmerksam wurden die Produzenten von «The Book Thief» durch ihre starke Performance im Oscar-nominierten Lehrer-Drama «Monsieur Lazhar». Als Nélisse Liesels Part angeboten wurde, zögerte sie jedoch, weil sich die Dreharbeiten schlecht mit ihrem Trainingsplan für die nächsten Olympischen Spiele vereinbaren liessen. Als talentierte Turnerin mit einem Trainings-Pensum von 30 Stunden die Woche hatte sie damals die Qualifikation für die Sommerspiele von Rio 2016 fest im Blick. Erst als eine Verletzung sie zurückwarf, las Nélisse das Drehbuch und verliebte sich in die junge Hauptfigur. Seither geniesst bei ihr die Schauspielerei oberste Priorität in der Karriereplanung.
Das Urteil
«The Book Thief» will Teenagern den Zweiten Weltkrieg näher bringen, irritiert aber mit seinem süsslichen Nachgeschmack. Als märchenhafter Wohlfühlfilm mit pädagogischer Note konzipiert, hat das kitschige Drama ein echtes Zielgruppen-Problem. Für Kids riecht das Ganze zu sehr nach Geschichtsstunde. Doch Lehrer werden ihre Schüler kaum ins Kino schleppen; dafür hat der fiktive Film schlicht zu wenig Substanz. Für wen ist die deutsch-amerikanische Hochglanz-Produktion also geeignet? Eigentlich nur für Teenager mit tiefem Bildungsniveau und hohem historischen Interesse. Auf alle anderen Zuschauer wirkt die Dritte-Reich-Fabel so unangebracht wie der Begriff «Saumensch».