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Philosophische Fragen neu interpretieren
Natürlich gibt es Tische. Im Alltag bestreiten das Philosophinnen und Philosophen auch nicht. Geht man dagegen von der modernen Physik aus, scheint es aber genauso plausibel, dass es letztlich keine Tische, sondern nur subatomare Materieteilchen gibt, die irgendwie Tische ausmachen können. Das zeigt, so die Analyse der ersten Referentin der Anna Tumarkin Lectures, Amie L. Thomasson, zwei wichtige Punkte: Erstens sind metaphysische Fragen, richtig verstanden, «einfach» zu beantworten, das heisst, indem wir klären, was Begriffe wie Tisch oder Elektron bedeuten und dann durch empirische Forschung herausfinden, ob es Tische und Elektronen gibt. Dafür braucht es nichts weiter, als bekannte empirische Methoden: Alltagsverstand bei Tischen, Physik bei Elektronen. Wenn das so ist, müssen wir uns zweitens fragen, was das Anliegen derjenigen ist, die mit dieser Antwort unzufrieden sind und sich ernsthaft fragen, ob es Tische wirklich gibt. Sie denken offenbar, dass das letztlich nur mit besonderen, «metaphysischen» Methoden herausgefunden werden kann, nicht mit Alltagverstand oder empirischer Wissenschaft.
Thomassons zentrale These ist, dass wir metaphysische Debatten am besten verstehen, wenn wir sie neu interpretieren. Es geht nicht darum, was es über die «einfachen» Antworten hinaus wirklich gibt, sondern um die Frage, welche Begriffe wir verwenden sollten. Wer behauptet, «es gibt in der Realität gar keine Tische» oder «in Wirklichkeit gibt es keinen freien Willen», will darauf drängen, dass wir für bestimmte Zwecke die Begriffe Tisch und freier Wille nicht verwenden sollten. Tisch ist kein hilfreicher Begriff in der Physik und freier Wille kein hilfreicher Begriff, wenn wir bestimmen wollen, wer für was verantwortlich ist.
Eine Pointe von Thomassons Analyse ist, dass sie weit über die Metaphysik hinaus anwendbar ist: Wenn jemand darauf insistiert, dass Waterboarding in Wirklichkeit Folter ist, dann will diese Person vor allem darauf insistieren, dass wir den Begriff der Folter im Sinne der UNO-Konventionen verwenden sollten, und nicht so, wie es die amerikanische Regierung seit 9/11 propagiert. Auch die Aussage «philosophische Spitzenforschung gibt es auch von Frauen» dient nicht einfach dazu, eine triviale und nicht ernsthaft bestreitbare Tatsache zu betonen. Vielmehr geht es darum, darauf hinzuarbeiten, dass Philosophie nicht einfach stillschweigend als Tätigkeit verstanden wird, in der vor allem Männer brillieren.
Frauen in der Philosophie
Dass in der aktuellen philosophischen Forschung Frauen an der Spitze dabei sind, ist gar keine Frage. Es sollte also keinen Grund geben, weshalb weniger Frauen als Männer Philosophie studieren und eine Karriere in Philosophie verfolgen. Die Zahlen zeigen aber ein anderes Bild: Frauen sind unterrepräsentiert und erreichen übermässig oft das Karriereziel einer dauerhaften Stelle nicht. Diesbezüglich steht die Philosophie weit hinter den Geistes- und Sozialwissenschaften, vergleichbar mit den traditionell männerdominierten MINT-Fächern, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.
Die Gründe für diesen Zustand können nur empirische Forschungen zeigen. Die gibt es bisher, speziell für die Schweiz, erst in Ansätzen. Natürlich ist es plausibel, dass bekannte allgemeine Probleme des akademischen Betriebs wie unsichere Karriereaussichten und schwierige Betreuungssituationen auch in der Philosophie für Frauen Hürden darstellen. Wieso Philosophie für Frauen ein besonders unattraktives oder ungünstiges Umfeld ist, verstehen wir aber noch nicht genug. Unbestritten ist jedoch, dass sich das Philosophiestudium für Frauen als attraktiver präsentiert und sie sich eher in der Rolle der Philosophin sehen können, wenn es ausstrahlungskräftige weibliche Identifikationsfiguren gibt. Deshalb müssen Philosophinnen und ihre Arbeit gezielt sichtbarer gemacht werden. Dies ist letztlich für alle Studierenden motivierend und wirkt der stillschweigenden Annahme entgegen, dass Philosophie etwas für Männer ist.
International erstes Forum dieser Art
Die Anna Tumarkin Lectures sind international das erste Forum, das ausschliesslich philosophische Arbeit von Frauen auf Spitzenniveau präsentiert. Alle zwei Jahre stellt eine international anerkannte und durch herausragende Forschung ausgezeichnete Philosophin ihre Arbeit vor. Dabei wird die ganze Breite philosophischer Themen abgedeckt, speziell auch Gebiete, in denen die Arbeit von Frauen als besonders unterrepräsentiert wahrgenommen wird. Die Anna Tumarkin Lectures präsentieren nicht nur ältere Philosophinnen, die ein beeindruckendes Lebenswerk vorweisen können, sondern auch jüngere Philosophinnen, die bereits internationale Anerkennung erreicht haben. Die Anna Tumarkin Lectures werden von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt.