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Junge Familien, heisst es, zögen tendenziell eher aufs Land, weil dort der Wohnraum günstiger sei. Im Alter kämen die Menschen in die Städte zurück, um von der besseren Infrastruktur zu profitieren. Stimmt das wirklich?
Einst, das heisst bis vor zehn, fünfzehn Jahren, war die Welt in Ordnung, wie zahlreiche Untersuchungen belegten: Junge zogen in die Städte; Personen im Pensionsalter wechselten aus den Kernen der Agglomerationen an die Peripherie, aus den Städten in ländlichere Regionen. «Ruhestandsmigration» hiess dies. Das galt nicht nur für Deutschland, wie in der Zeitschrift «Raumforschung und Raumplanung», Ausgabe 1/2018, nachzulesen ist, sondern für eine ganze Reihe von Ländern. Doch gemäss dem Artikel gibt es neuerdings «eine Kontroverse über einen möglichen Trendwechsel», wobei vor allem umstritten sei, «ob es dieses Muster der Ruhestandsmigration weiterhin gibt, oder ob es neuerdings auch die Älteren zurück in die Städte zieht». Die zitierten Analysen lassen tatsächlich auf einen «bemerkenswerten Strukturwandel» schliessen. Es gebe «immer mehr Grossstädte (…), die für diese Bevölkerungsgruppe positive Migrationssalden aufweisen». Wie der Trend in der Schweiz genau aussieht ist schwierig auszumachen. Unbestritten ist, dass Metropolräume (siehe Box), Städte und Agglomerationen überdurchschnittlich rasch gewachsen sind, aber auch der sogenannte periurbane Raum, das heisst ländliche Gebiete mit guter Erreichbarkeit der nächstgelegenen städtischen Zentren. Der periphere ländliche Raum hingegen wächst kaummehr.
Der Statistische Atlas der Schweiz ergibt ein weiteres aufschlussreiches Bild, wenn man die Darstellung des sogenannten Altersquotienten, bezogen auf Regionen der Schweiz, betrachtet. Dieser unterteilt die Schweizer Regionen in Gebiete mit einer jungen Bevölkerung (20 oder weniger Einwohner im Alter von 65 oder mehr im Vergleich zu je 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren), bis hin zu jenen Gebieten, in denen, gegenüber 100 zwischen 20 und 64 Jährigen, mehr als 35 Einwohner 65 Jahre oder älter sind. Schaut man sich nun die Regionen genauer an, stellt man fest, dass die «jüngsten » Gebiete fast ausschliesslich im periurbanen Raum liegen, namentlich in den Kantonen Aargau, Freiburg und Waadt. Der Schluss liegt nahe, dass junge Familien dorthin ziehen, weil die Hauspreise noch einigermassen erschwinglich, die nächsten Städte aber relativ rasch erreichbar sind. Allerdings leben auch im Metropolraum Zürich und am oberen Zürichsee überdurchschnittliche viele Junge (während die «Goldküste», d.h. das rechte Zürichseeufer, klar überaltert ist). In Zürich dürfte das vor allem auf den Arbeitsmarkt zurückzuführen sein. Laut Statistiken von Regiosuisse hat nämlich das Angebot an Arbeitsstellen vor allem im städtischen und periurbanen Raum zugenommen, weniger stark im ländlichen und kaum in den alpinen Tourismuszentren.
Überalterte Berggebiete
Dass genau in diesen Gebieten die durchschnittlich älteste Bevölkerung zu finden ist, erstaunt deshalb nicht: Neben der «Goldküste» finden sich nämlich jene Regionen, in denen mehr als 35 Menschen über 65 sind, verglichen mit 100 20 bis 64 Jährigen, vor allem in den Berggebieten des Berner Oberlands, des Wallis, des Sopraceneri im Tessin sowie im Kanton Graubünden. Auch die Bevölkerung in Teilen der Jura Grenzregion zu Frankreich ist überdurchschnittlich alt. Diese Gebiete werden laut Szenarien des Bundesamtes für Statistik (BFS) über die Entwicklung der Wohnbevölkerung 2015 bis 2045 auch am wenigsten rasch wachsen. Für Graubünden etwa sagt das BFS ein Wachstum von 5 bis 9,9 Prozent voraus, gegenüber 22 Prozent für die ganze Schweiz. Die Urschweizer Kantone und die beiden Appenzell werden laut BFS Szenario kaum wachsen; die Bevölkerung Uris wird sogar leicht zurückgehen.
Allerdings darf man diese Szenarien nicht als präzise Voraussagen interpretieren. Und das BFS hat sich in den vergangenen Jahren bei den Wachstumszahlen mehrmals verhauen; sie mussten nach oben korrigiert werden. Einst hatten die Statistiker damit gerechnet, die Zahl von neun Millionen Einwohnern in der Schweiz werde erst nach 2060 erreicht. Jetzt könnte es schon 2023 so weit sein. Der Ökonom Lukas Rühli nannte in einer Studie für die Denkfabrik Avenir Suisse ein weiteres Beispiel: «Im Jahr 2000 lautete die Prognose, die höchste Einwohnerzahl werde im Jahr 2028 mit 7,42 Mio. erreicht. Gemäss tiefem Szenario sollte die Bevölkerung bis 2060 sogar auf 5,64 Mio. schrumpfen, gemäss hohem Szenario sollte immerhin im Jahr 2042 die heutige (Juli 2015) Zahl von 8,28 Mio. Einwohnern erreicht werden.» Für 2045 geht das mittlere Szenario des BFS von einer Bevölkerung von 10,2 Millionen Menschen im Jahr 2045 aus. Das hohe Szenario, das von einem starken wirtschaftlichen Aufschwung ausgeht, kommt sogar auf 11 Millionen Einwohner im Jahr 2045, das tiefste immer noch auf 9,4 Millionen Menschen im Jahr 2045. Aber wie gesagt: Solche Voraussagen vermitteln eine «trügerische Sicherheit», schrieb Rühli dazu.
GPK startet Untersuchung
Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerats (GPK) befasst sich jetzt mit den Bevölkerungsszenarien. Denn sie dienen für weitreichende und teure politische Entscheidungen: Wie viele Schulenmüssen wo gebaut werden? Wie viele Spitalbetten braucht es? Wie viele Altersheime? Und so weiter. Im Auftrag der GPK prüfte die Parlamentarische Verwaltungskontrolle während Monaten, ob die BFS Szenarien tatsächlich tauglich sind. Die Ergebnisse der Analyse waren bei Drucklegung dieser Publikation noch ausstehend.