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An die Notwendigkeit des Dialogs wird heutzutage ungefähr so häufig erinnert wie an die Pflicht, den Standpunkt des anderen zu verstehen. Man hat ja den Eindruck, dass die zwei Begriffe – Dialog und Verständnis für die Diversität – dasselbe bedeuten. Gemäß dieser Überzeugung wird ein relativistischer Ansatz zu anderen Standpunkten weitgehend gefördert. Vor allem in Kontexten, wo der Umgang mit unterschiedlichen Kulturen an der Tagesordnung ist – wie z. B. bei der Sprachvermittlung –, sei es wichtig zu verstehen, dass jeder Mensch gewisse Grundüberzeugungen habe. Die beste Haltung dazu sei es, diese Überzeugungen zu respektieren, ohne sie aufgrund der eigenen Ansicht in Frage zu stellen, da der Versuch der Überzeugung als eine Art intellektueller Gewalt wahrgenommen werden könnte. Aber ist das, was dabei vermieden wird, nicht ausgerechnet der Dialog?
Die Materie wird hier flüssig und komplex. Es wäre freilich voreilig, eine Antwort zu suchen, ohne die Verschiedenheit der Kontexte zu berücksichtigen. Sicherlich gilt: In manchen Fällen wird der echte Dialog vermieden, in manchen nicht. Die Möglichkeit der Ausnahme ist etwas, das jedem philosophischen Versuch, die Aktualität zu erklären, vorgeworfen werden kann. Aber dieser Vorwurf ist nicht wohlwollend. Der philosophische Versuch beansprucht nicht auf Gültigkeit für alle Einzelfälle. Dass eine philosophische Erklärung allgemein ist, ist also kein Vorwurf. Denn in dieser Allgemeinheit besteht vielmehr ihr Mehrwert. Die interessante Frage für einen philosophischen Blick ist also nicht, in welchen und wie vielen Fällen der Dialog vermieden wird, sondern, ob etwas den Verdacht erweckt, dass der Dialog im Allgemeinen eher vermieden als gesucht wird.
Der am Anfang geschilderte kulturrelativistische Ansatz, der im Diskurs über Interkulturalität herrscht, hat einen philosophischen Ursprung. Er ist die Popularisierung einer philosophischen These. Prämisse dieser These ist die Idee, dass sich die Überzeugungssysteme verschiedener Menschen widersprechen können, obwohl sie kohärent sind; und dass das auch in Bezug auf moralische und philosophische Grundfragen geschehen kann. Zwei Menschen – so diese Prämisse – können über ihre allgemeinsten Meinungen zutiefst nachgedacht haben und sich trotzdem uneinig sein. Wenn aber sogar die allgemeinsten Meinungen, die die Grundlagen für alle anderen Meinungen schaffen, auseinandergehen, gebe es in einem Dialog nichts, worauf man sich berufen kann, um zu einer gemeinsamen Meinung zu gelangen: Es gebe kein Wahrheitskriterium. In diesem Fall sei es unmöglich, als Ziel des Dialogs ein Ergebnis zu erwarten, welche alle Teilnehmer als wahr anerkennen. Der Dialog könne nur eine Art Zusammenkunft sein, wo die Teilnehmer sich über ein Thema austauschen. Am Ende bleibe aber jeder seiner Meinung und der Gewinn des Dialogs sei bestenfalls, sich die Meinungen der anderen angehört zu haben.
Der Kulturrelativismus macht diese Unvergleichbarkeit der Standpunkte und diese Abwesenheit des Wahrheitskriteriums zur Regel des Dialogs zwischen Kulturen. Erwartungsgemäß genießt diese Ansicht Plausibilität. Denn unsere Erfahrungen in dem Umgang mit anderen Menschen und (besonders) mit anderen Kulturen bezeugen, dass die Einigung sehr schwierig oder sogar unmöglich ist. Aber die Erfahrung ist ein schlechter Berater, was philosophische Fragen angeht. Um den Kulturrelativismus zu untermauern, braucht man nicht nur die Erfahrung, sondern auch deren Interpretation. Man muss behaupten, dass die Schwierigkeit des Dialogs mit anderen Menschen ausgerechnet von dem mangelnden Wahrheitskriterium und nicht davon abhängt, dass sich die Teilnehmer am Dialog weigern, über ihre Meinungen tief nachzudenken. Ist es aber so? Ist der Dialog nicht vielleicht deswegen schwierig, weil es schwierig ist, tief nachzudenken?
Sokrates, der Vater des philosophischen Dialogs, muss an etwas Derartiges geglaubt haben. Er war der Ansicht, dass eine allgemeingültige Wahrheit in Fragen der Philosophie möglich wäre. Sokrates war sich aber auch bewusst, dass die Suche nach dieser Wahrheit extrem aufwändig ist. Bekanntlich verglich er diesen ermüdenden Prozess mit einer Entbindung, deren Erzeugung die Wahrheit ist. Sokrates‘ Methode, um den Gesprächspartner zur Wahrheit zu führen, war es, die Widersprüche in seinem Überzeugungssystem hervorzubringen. Der Widerspruch war Sokrates‘ Wahrheitskriterium. Denn die Entdeckung eines Widerspruches in jemandes Überzeugungssystem ist die einzige Weise, die ihn zwingt, seine Meinung zu ändern. Durch die Entdeckung des Widerspruches konnte Sokrates dem Gegenüber seine ursprüngliche Meinung ausreden und den Weg für einen stimmigen Ausgang des Dialogs schaffen.
Sokrates versteht die Meinungsverschiedenheit, die den Anfang des Dialogs ausmacht, sozusagen als ein Problem und die Entdeckung der Widersprüche des Gegenübers als das Instrument für dessen Lösung. Ohne den Wunsch, die Unstimmigkeit aufzuheben, und ohne ein Kriterium dafür gäbe es nach Sokrates keinen möglichen Dialog. Denn ich kann vernünftigerweise zu keinem Dialog kommen, wenn ich weiß, dass die Einigung prinzipiell unmöglich ist.
Die philosophische Zurückweisung des Wahrheitskriteriums begünstigt hingegen ein Verständnis des Dialogs, dem zufolge der Dialog als Ergebnis eine Meinungsverschiedenheit haben kann und in vielen Fällen muss. Dieses bescheidenere Verständnis vom Dialog scheint in vielen Fällen der heutigen Praxis des Dialogs zugrunde zu liegen.
Die vorherrschende Kultur des Dialogs schuldet aber dem Vater des Dialogs Sokrates den Beweis, dass, wenn sie von „Dialog“ redet, sie den Begriff legitim gebraucht. Sie hat zu zeigen, dass ihr Dialog ohne Wahrheit, wie der sokratische Dialog um die Wahrheit, zur politischen Harmonie tatsächlich beiträgt.
Frage an die Leserschaft
Man könnte Sokrates vorwerfen, dass "sein" Dialog kein "echter" Dialog ist. Sokrates kennt die Wahrheit bereits und lenkt seinen Gesprächspartner mit gezielten Fragen in die Richtung der Wahrheit, es kann also nicht Gesprächspartnern "auf Augenhöhe" gesprochen werden. Wie sollte also ein Dialog sein, damit er "echt" ist?