Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/3778

Das Schweizer Stimmvolk hat vor rund einem Jahr ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle abgelehnt. Überraschend war das nicht – überraschend war viel mehr, dass rund ein Viertel der Bevölkerung für die Idee stimmte. Denn die Gegner schürten Ängste, und Angst ist bekanntlich das stärkste aller menschlichen Gefühle.
Ein Nährboden für die Anti-Argumente ist unter anderem das Speenhamland-System, welches zwischen 1795 und 1834 geltendes Sozialrecht in Teilen Englands war. Zuvor hatten Kriegsverluste und Missernten zunehmend zu sozialen Unruhen geführt. Die Gefahr eines Volksaufstandes hofften die Mächtigen mit einer radikalen Reform der Armenhilfe bannen zu können.
Fortan sollte das Einkommen «aller armen und tüchtigen Männer und ihrer Familien» durch direkte finanzielle Zuschüsse auf das Existenzminimum gehoben werden. Wichtig zu wissen ist, dass damals die absolute Mehrheit der Menschen arm war. Indem also quasi alle Geld ohne Gegenleistung bekamen, nahmen Hunger und Entbehrung grossflächig ab. Ein Aufstand schien abgewendet.
Das Speenhamland-System entwickelte sich so erfolgreich, dass der damalige Premierminister William Pitt versuchte, es in ganz England einzuführen. Doch es formierte sich Widerstand. Die Gegner argumentierten, dass nur der Hunger die Menschen zur Arbeit motiviere; dass es durch den Anreiz «je grösser die Familie, desto mehr Geldzuschuss» zu einer Bevölkerungsexplosion und in der Folge zu einer Lebensmittelverknappung und dann zu einem Aufstand der Bevölkerung kommen werde.
Und tatsächlich: Im Sommer 1830 erhoben sich Landarbeiter in ganz England und forderten einen Lohn, der zum Leben reichen sollte. Die Regierung in London liess den Aufstand zwar mit aller Härte niederschlagen, verstand aber, dass sie das Speenhamland-System hinterfragen musste. Also starteten sie 1832 die bis dahin umfangreichste amtliche Umfrage. Am Ende stand ein 13’000-seitiger Bericht. Das Fazit der Autoren: Speenhamland war eine Katastrophe, es gab mehr Menschen, die weniger Geld verdienten.
In den 1960er-Jahren haben Historiker den Bericht und weitere Quellen der Zeit untersucht, um zu verstehen, was wirklich schief gelaufen war. Sie entdeckten, dass die Schlussfolgerungen der damaligen Untersuchungskommission schon geschrieben waren, bevor überhaupt die Daten aus der Umfrage vorlagen. Die Fragen selbst waren suggestiv und nur zehn Prozent der Fragebögen wurden ausgefüllt und diese mehrheitlich von lokalen Eliten.
Das Fazit aus historischer Sicht: Das Speenhamland-System fiel in die Zeit des industriellen Aufstiegs und der Erfindung der Dreschmaschine. Tausende Landarbeiter verloren ihre Arbeit. Die Zuschüsse alleine reichten nicht mehr, die Preise stiegen – obwohl die landwirtschaftliche Produktion zunahm. Grund: Die Wiedereinführung des Goldstandards, angeregt von David Ricardo, einem Gegner des Speenhamland-Systems.