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Stille Tage in London
par Beat Mazenauer
Publié le 25/03/2014
Etwas unterhalb der Docklands ragt eine Reihe von metallenen Halbkuppeln aus der Themse heraus. Sie gehören zu einer riesigen Sperranlage, mit der London vor Sturmfluten und künftigem Meeresanstieg geschützt werden soll.
Noch ist es nicht soweit. «Was die Ebbe nimmt, bringt die Flut wieder», schreibt Gertrud Leutenegger in ihrem London-Roman Panischer Frühling. Noch herrscht ein Geben und Nehmen, ausgleichende Gerechtigkeit. Die insgesamt 41 Kapitel ihres Buches schwanken zwischen 0.34 m bei Ebbe und 7.17 m bei Flut. Die Werte sind der Gezeitenanzeige bei der London Bridge entnommen, an der die Erzählerin regelmässig vorbeischaut. Doch der Grund für ihre Besuche auf der Brücke ist ein anderer.
London ist in jenen Tagen eine ruhige Stadt. Am Himmel ist es still, ein isländischer Vulkan bewirkt mit seiner Aschewolke, dass jeglicher Flugverkehr eingestellt wurde. Vom East End aus, wo die Erzählerin wohnt, streift sie mit weitoffenen Sinnen durch die Stadt und erkundet den werdenden Frühling. Sie lässt sich vom bunten Treiben auf der Whitechapel Road mitziehen und redet mit dem Bazari nebenan. Da macht sie eines Tages auf der London Bridge eine überraschende Bekanntschaft. Ein rothaariger Zeitungsverkäufer spricht sie unvermittelt an: «Ich erinnere mich an Sie».
Der junge Mann auf der Brücke trägt ein hässliches Mal im Gesicht, die ganze eine Hälfte ist von einer Wunde gezeichnet, «wie von Fäule befallen». Krampfhaft darüber hinweg sehend lässt sich die Erzählerin zum Gespräch verführen, das eine Fortsetzung sucht. Von nun besucht sie täglich die London Bridge, und wenn sie dem Impuls nicht folgt, so nur, weil sie ihm widersteht.
Jonathan heisst der Rothaarige, wie er in einem unbedachten Moment preisgibt, ohne es zu wollen. Die wachsende Vertrautheit beruht auf einer besonderen Intimität: auf Diskretion und auf Erinnerung. Alles an London erregt Bilder von früher. Die baumbestandenen Parks erinnern an Vaters «Waldzimmer», die blauen Blüten in den Strassen entsprechen dem «Seezimmer» der Mutter. London gleicht dem stattlichen Haus neben der Kirche, das ihrem Onkel, dem Pfarrer, gehörte.
Vergangenheit und Gegenwart geraten in ein Wechselspiel wie Ebbe und Flut. Ihr neuer Gesprächspartner auf der Brücke stimmt ein in dieses Spiel, in dem er seine Erinnerungen beisteuert. Jonathan ist in einem Fischerstädtchen im westlichen Cornwall aufgewachsen, bei seiner Grossmutter, die ihn vor den Nachstellungen der andern Kinder schützte. Sie gab ihm ihre eigenen Erinnerungen an den Weltkrieg mit, als die Kinder aus dem East End nach Cornwall in Sicherheit gebracht wurden, weil die Hauptstadt beinahe schutzlos den deutschen Flugangriffen preisgegeben war. Unter jenen ein Mädchen namens Gilliam, das sie besonders ins Herz geschlossen hatte.
Die Begegnungen mit Jonathan sind nicht frei von kleinen Irritationen. Er reagiert mitunter abwehrend, wenn ihn die Erzählerin nach vergangenen Ereignissen fragt. Im Erinnern gerinnen warme Gefühle der Zugehörigkeit, zugleich wird es beschattet von Verlust und Tod. Das stattliche Haus der Erzählerin ist nur noch ein heller Traum von früher, und Jonathan verliess seine Heimat fluchtartig, als seine geliebte Grossmutter verstarb. Auf gemeinsamen Fahrten mit dem Rad hatten sie immer wieder Friedhöfe besucht und auf ihnen die Stille genossen.
Diese Ambivalenz legt sich auch auf Gertrud Leuteneggers Bericht. Der Titel zeigt sie an: «Panischer Frühling». Zu den Attributen des griechischen Hirtengottes Pan gehören liebliche Flötentöne ebenso wie jähes Erschrecken. Der aufkommende Frühling öffnet die Sinne und macht sie zugleich anfällig für Enttäuschungen. Die lebendige Stadt ist keineswegs nur ein Reich des Friedens. Überfälle und Anschläge gehören zum Alltag, wie die Schwester eines Freundes von Jonathan erlebt, als ihr der erträumte kleine Laden abgefackelt wird. Leuteneggers Figuren sind verwundbar in ihrem Zutrauen und in ihren Träumen.
Für diese Wechselspiel hat die Autorin eine behutsame, sinnliche Form gefunden, die zwischen urbaner Geistesgegenwart und melancholischer Erinnerung oszilliert. Wenn das Buch gleichwohl etwas irritiert, liegt das nicht an dieser Atmosphäre, sondern an der sprachlichen Leichtigkeit, mit der die Erzählerin und Jonathan wie selbstverständlich zueinander finden. Vielleicht geschieht dies allzu leicht, denn was sie einander erzählen, ist in seiner Subtilität nicht einfach zu übersetzen. Die behutsame Annäherung findet ganz auf der persönlichen Ebene statt und blendet das Sprachliche aus. Aber vielleicht ist Jonathan ja auch gar nicht Jonathan, sondern ein schöner Grossstadttraum.
Am Ende lässt Gertrud Leutenegger ihre Erzählfäden lose stehen. Die beiden wahren ihre Intimität, sie werden sich nie berührt haben. Wie auf dem Fluss zwischen Ebbe und Flut pendeln auch ihre Geschichten endlos hin und her, ohne ein Ende.