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Simone Fasnacht, Sie haben Erfahrungen mit psychischen Grenzzuständen. Was bedeutet der Begriff Normalität für Sie?
Simone Fasnacht: Normal sein bedeutet unter anderem, den Normen zu entsprechen. Viele Menschen empfinden diese aber oft als Korsett, welches ihre Identitätsfindung und -entfaltung einschränken kann. Zwar helfen uns Normen bei der Gemeinschaftsbildung, sie schenken Orientierung, unter anderem durch die Reduktion der Komplexität des Lebens und Menschseins. Aber nicht selten sind sie mit Grund für psychische Krisen, da mit Normen auch Unterdrückungsmechanismen einhergehen.
Was meinen Sie mit Unterdrückungsmechanismen?
Ich mache mal ein Beispiel: ich wurde als weiblich gelesene Person sozialisiert. Zu Hause habe ich schnell gelernt, dass meine Wut keine Existenzberechtigung hat. Ich wurde jeweils auf mein Zimmer geschickt, um mich zu beruhigen. Meine Brüder durften diesem Gefühl jedoch mehr Ausdruck verleihen. Zudem wurde ich aufgrund von meinem Aussehen über ein Jahrzehnt systematisch gemobbt. Entsprechend habe ich Verletzungen erfahren, welche dem Sexismus und Lookismus zugeordnet werden können. Diese Unterdrückungsmechanismen beruhen auf sozialen Konstruktionen, die definieren, was «weiblich», «männlich» oder «schön», «hässlich» sein soll.
Dann könnte man psychische Krankheiten als kulturelles Phänomen verstehen?
Ja, aus meiner Sicht ist «psychische Krankheit» eine soziale Konstruktion, welche sich über die Zeit verändert. Dies zeigt sich auch in dem Diagnosemanual ICD-11 (International Classification of Diseases), welches erst vor kurzem aktualisiert wurde. Darin wurde nun beispielsweise endlich die Transsexualität und alle damit in Zusammenhang stehenden Diagnosen entfernt.
Was bedeutete es, eine Diagnose zu haben?
Eine Diagnose ist nicht nur kritisch zu sehen, sondern kann auch je nach Situation ihre positiven Aspekte haben. Für mich bedeutete es zum Beispiel, dass mein Leidensdruck offiziell anerkannt wurde. Das war für meine Existenzsicherung sehr relevant. Auch werde ich dank meiner Diagnose rücksichtsvoller behandelt. Andererseits will ich als Mensch mit einer Diagnose auch nicht pathologisiert werden. Es ist ein ambivalenter Moment: Es hilft zwar, dass meine Mitmenschen für meine Diagnose sensibilisiert sind, gleichzeitig entsteht. im Umfeld eine Art Alarmbereitschaft, die für mich wiederum unangenehm sein kann. Letztendlich bedeutet die Diagnose für jeden Menschen etwas anderes.
Was ist unter Mental Health Aktivismus zu verstehen?
Menschen mit psychischen Problemen stigmatisieren sich oft selbst, schämen sich und empfinden Schuld. Wir von Madnesst wollen unter anderem bei diesen Gefühlen ansetzen und den Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind. Mit unserer gesellschaftlichen Aufklärungsarbeit kämpfen wir auch gegen die Fremdstigmatisierung. Wir wollen die Haltung gegenüber Menschen mit Krisen verändern. Denn wir sehen tagtäglich, dass Krisenerfahrungen langfristig zu einer Ressource werden können – entsprechend wollen wir kein Mitleid, sondern aufrichtiges Interesse an uns als Mensch mit einem grossen Potenzial, um wahrhaftige Unabhängigkeit und Zufriedenheit zu erlangen. Viele Betroffene, die ich kenne, sagen in etwa: «Durch die Krise habe ich für mich herausgefunden, was meine wirklichen Bedürfnisse sind, wie ich Grenzen setzen kann, wodurch es mir heute sogar besser geht als vor der Krise.»
Simone Fasnacht (35, Tägerwilen) hat aufgrund langjähriger Krankheits- und Psychiatrieerfahrung entschlossen, MADNESST zu gründen, um einen Beitrag zur Enttabuisierung, Entstigmatisierung und Normalisierung psychischer Krisenerfahrungen zu leisten.