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In der Phänomenologie des Geistes, in einem Abschnitt, der mit ‚Selbstbewusstsein’ betitelt ist, schreibt G.W.F. Hegel den folgenden Satz: „Das Selbstbewusstsein erreicht seine Befriedigung nur in einem anderen Selbstbewusstsein.“i Was meint er damit? Hegel formuliert hier eine Einsicht, die sich erst langsam in den philosophischen Köpfen festsetzt nämlich, dass Individuen, um sich ihrer selbst bewusst werden zu können, ein Gegenüber brauchen. Um ‚ich’ denken und sagen zu können, braucht es ein ‚du’.
Doch was genau bedeutet es selbstbewusst zu sein? Anders als in der deutschen Alltagssprache, in der wir jemanden ‚selbstbewusst’ nennen, der von sich und seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt ist und daher im Umgang mit anderen eine gewisse Selbstsicherheit an den Tag legt, bezeichnet der philosophische Begriff ‚Selbstbewusstsein’ die grundlegende Tatsache, dass wir uns unsere eigenen psychischen Zustände bewusst machen können. Psychische Zustände sind so etwas wie Wünsche, Überzeugungen, Absichten aber auch Emotionen wie Angst, Scham, Wut oder Liebe. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen abends im Schein einer Lampe lesend im Sessel. Plötzlich nehmen Sie einen Schatten an der Wand wahr; dort, direkt neben Ihnen, hockt eine Spinne. Sie erschaudern und springen auf. Gefragt, warum Sie das tun, könnten Sie antworten: „Ich fürchte mich vor Spinnen“. Dass Sie Selbstbewusstsein haben, zeigt sich in diesem Beispiel an zwei Dingen. Erstens, schreiben Sie sich einen bestimmten psychischen Zustand zu, nämlich die Angst vor Spinnen, und, zweitens, scheint es keinen Zweifel daran zu geben, dass Sie selbst es sind, die diese Angst haben. Selbstbewusstsein in philosophischer Bedeutung hat also mindestens zwei Merkmale: 1. Selbstbewusste Wesen können sich Überzeugungen, Absichten und andere psychische Zustände zuschreiben und 2. diese Zuschreibung ist mit dem Bewusstsein verbunden, dass es sich dabei um die eigenen Zustände handelt. Wir können diese Art von Selbstbewusstsein ‚basal’ nennen und es so von anderen, anspruchsvolleren Formen des Selbstbewusstseins abgrenzen. Denn natürlich gehören zum Selbstbewusstsein auch das Wissen von den eigenen Charaktereigenschaften oder das Wissen um die eigene Biographie und Identität. Die Fähigkeit auf die eigenen Überzeugungen, Absichten und Wünsche zu reflektieren ist jedoch eine Voraussetzung für diese komplexen Formen von Selbstbewusstsein. Wie wesentlich basales Selbstbewusstsein für das eigene Selbstverständnis ist, wird zusätzlich deutlich, wenn man sich überlegt, dass wir uns unserer eigenen Überzeugungen und Absichten bewusst werden müssen, um unsere Handlungen moralisch bewerten oder Gründe für unser Verhalten angeben zu können. Denn erst dadurch, dass wir auf die eigenen Überzeugungen und Absichten reflektieren können, haben wir auch die Möglichkeit diese kritisch zu bewerten und die Handlung entsprechend auszurichten.
Doch zurück zu Hegels Behauptung. Warum brauchen wir ein Gegenüber, um uns die eigenen psychischen Zustände bewusst machen zu können? Die Antwort ist, wie viele philosophische Antworten, einfach und kompliziert zugleich. Sie ist einfach, weil wir alle die Erfahrung machen, dass es die anderen sind, die uns dazu auffordern uns unserer eigenen Wünsche und Überzeugungen bewusst zu werden und die uns außerdem mir dem notwendigen Vokabular versehen, um diese auch ausdrücken. Wir lernen die Bedeutung psychologischer Begriffe wie ‚beabsichtigen’, ‚wünschen’ oder ‚glauben’ im Umgang mit anderen Subjekten und ihr verlässlicher Gebrauch hängt davon ab, dass wir sie auf andere ebenso wie auf uns selbst anwenden können. Die Antwort ist kompliziert, weil selbst dann, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir die Aufforderung durch ein Gegenüber brauchen, um auf die eigenen psychischen Zustände reflektieren zu können, damit noch nicht gesagt ist, dass wir ohne den konkreten Anderen kein Selbstbewusstsein hätten. Genau das ist aber in Hegels Bemerkung enthalten, wenn es heißt, dass ein Selbstbewusstsein seine „Befriedigung nur in einem anderem Selbstbewusstsein“ finde. Tatsächlich sind sich die Philosophen uneins darüber, welche Rolle der Andere oder das ‚Du’ im Prozess der Selbstbewusstwerdung spielt. Während einige glauben, dass wir ohne ein konkretes Gegenüber unserer selbst nicht bewusst werden könnten, weil die Aufforderung dazu fehlt, glauben andere, dass der Umgang mit dem Anderen nur die Gelegenheit ist, bei der wir das explizit machen, was uns implizit bereits vertraut ist: das eigene psychische Erleben.
Wer auch immer dieser Diskussion die Oberhand gewinnen wird, eines kann man schon jetzt festhalten: Der Prozess der Selbstbewusstwerdung ist ein komplexer und keinesfalls gradliniger Prozess, der nicht einfach darauf reduziert werden kann, dass ein Subjekt sich seiner selbst als denkendes Subjekt dadurch bewusst wird, dass es sich beim Denken zuschaut. Stattdessen hat dieser so scheinbar intime und private Prozess der Selbstbewusstwerdung von Anfang an eine soziale, genauer eine intersubjektive Basis. In diesem Sinn enthält das Ich immer auch ein Du.
i G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/Main 1986, S. 143.