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Postpartale Depression – Tipps für den Umgang
Viele Frauen erleben nach der Geburt Gefühlsschwankungen: Von Glückgefühlen mit dem Neugeborenen im Arm bis hin zu plötzlichen Verlustängsten ist viel möglich. Psychologin Dr. Valentina Rauch-Anderegg erklärt den Unterschied zwischen einem Babyblues und einer Wochenbettdepression und gibt Tipps für den Umgang mit einem solchen Stimmungstief.
- Abgrenzung Stimmungstief und postpartale Depression
- Risikofaktoren
- Tipps für den Umgang mit einer postpartalen Depression
- Fachliche Unterstützung
Eine Mehrheit der Frauen erlebt wenige Tage nach der Geburt ein Stimmungstief («Babyblues», «Heultage» oder früher «Milchfieber»), das innerhalb von Stunden oder Tagen wieder verschwindet. Es betrifft 40-80 % der Mütter und muss nicht behandelt werden. Als Wochenbettdepression hingegen bezeichnet man eine depressive Störung mit klarem zeitlichen Zusammenhang zur Geburt (gemäss Klassifikationsystemen gilt der Zeitraum bis einen Monat nach der Geburt), die mindestens zwei Wochen andauert. Das Risiko einer Depression steigt schon während der Schwangerschaft (insbesondere im dritten Trimester). Die Depression kann aber auch später als vier Wochen nach der Geburt einsetzen.
Symptome einer postpartalen Depression
Die Hauptsymptome einer postpartalen Depression sind die Folgenden:
- Depressive Verstimmung an den meisten Tagen
- Interessenverlust und verminderte Freude an der Mehrheit der Aktivitäten
Zusatzsymptome, welche bei einer postpartalen Depression auftreten können:
- Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme (> 5 %)
- Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf
- Körperliche Unruhe oder Verlangsamung
- Energieverlust oder Müdigkeit an den meisten Tagen
- Gefühl von Wertlosigkeit oder unangemessene Schuldgefühle
- Konzentrationsstörungen und verminderte Fähigkeit zu Denken
- Wiederkehrende Suizidvorstellungen
Man spricht von einer postpartalen Depression, wenn während der Dauer von mindestens zwei Wochen eines (oder beide) Hauptsymptome sowie mindestens vier Zusatzsymptome vorhanden sind.
Zusätzlich zu den obgenannten Symptomen sind auch Folgende möglich: zwiespältige Gefühle, gar keine Gefühle oder eine ablehende Haltung dem Kind gegenüber sowie ständige Angst und Sorge um das Kind. Diese Empfindungen können wiederum zu starken Schuldgefühlen von Seiten der Eltern führen. Aktuell wird davon ausgegangen, dass ca. 10-15 % aller Frauen (manche Studien sprechen gar von 30 %) und ca. 10 % aller Männer eine postpartale Depression entwickeln. Die Diagnosestellung ist bei frischgebackenen Eltern erschwert, denn diese leiden beispielsweise häufig an Schlafmangel, Energieverlust und Konzentrationsstörungen. Diese Erschwernis ist vermutlich auch der Grund, weswegen so unterschiedliche Zahlen in den Studien erwähnt werden.
Die Wissenschaft konnte noch nicht restlos klären, warum Personen an einer postpartalen Depression erkranken. Trotzdem konnten Studien Risikofaktoren eruieren, welche die Entstehung einer postpartalen Depression begünstigen. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem:
- Frühere depressive Episode
- Empfindlichkeit für hormonelle Umstellungen (wie beispielsweise das prämenstruelle Syndrom)
- Geringe Partnerschaftszufriedenheit und wenig Unterstützung in der Partnerschaft
- Ungeplante Schwangerschaft
- Stress während der Schwangerschaft
- Finanzielle Schwierigkeiten
- Unzufriedenheit mit der Wohnsituation
Sprechen Sie offen über Ihre Emotionen
Gerade in einer depressiven Phase ziehen sich viele zurück und verschliessen sich. Dies macht es für die Personen im Umfeld schwierig, Unterstützung zu bieten. In der Folge wenden sie sich oft hilflos von der betroffenen Person ab. Versuchen Sie daher, sich mitzuteilen. Dabei ist es hilfreich, v. a. über die Gefühle zu sprechen, denn dadurch kann Sie der Zuhörer besser verstehen und es fällt ihm leichter, Ihnen passende Unterstützung anzubieten oder gemeinsam mit Ihnen Unterstützungsangebote zu suchen.
Machen Sie kleine Schritte
Den Alltag zu bewältigen kann während der Depression zu einer subjektiv unüberwindbaren Hürde werden. Man sieht nur noch Wäscheberge, ein Kind, das versorgt werden will, die gähnende Leere im Kühlschrank usw. All dies kann Betroffene enorm unter Druck setzen. Nehmen Sie sich nicht zu viel auf einmal vor, denn Sie brauchen Erfolgserlebnisse, um Ihr Selbstvertrauen zu stärken: Setzen Sie sich Ziele, die Ihnen machbar erscheinen, wie zum Beispiel vor 9 Uhr aufstehen, sich die Haare waschen, etwas Warmes essen, einen Kaffee trinken usw.
Notieren Sie schöne Erlebnisse
Während einer Depression wirkt vieles trostlos und die Gedanken fahren Karussell. Der Inhalt der Gedanken dreht sich oft um Negatives (z. B. «Das wird nie besser», «Ich schaff das nie», «Ich bin ein schlechtes Mami / ein schlechter Papi»). In der Folge fühlt man sich noch schlechter.
Schreiben Sie jeden Abend drei schöne Erlebnisse des Tages (auch wenn der schöne Moment nur wenige Sekunden dauerte) auf. Dies hilft, den Fokus wieder auf Positives zu lenken und Sie kreieren damit gleichzeitig eine Liste mit Sachen/Aktivitäten, die Ihnen gut tun. So können Sie sich immer an der Liste orientieren, wenn Sie sich mal etwas Gutes tun wollen.
Die Folgen einer postpartalen Depression sind vielschichtig: Betroffene Personen gehen häufiger zum Hausarzt, sind ängstlicher, haben eine geringere Lebensqualität und fühlen sich gestresster als Nicht-Betroffene. Ausserdem fällt es ihnen schwer, die Signale des Kindes korrekt zu deuten und angemessen auf das Kind einzugehen. Allgemein sind Betroffene weniger engagiert im Umgang mit dem Nachwuchs. In der Folge sind auch bei Kindern die negativen Konsequenzen der postpartalen Depression messbar: Sie sind häufiger krank (haben beispielsweise mehr Durchfall und Koliken), haben öfter Schlafprobleme und entwickeln sich emotional und kognitiv ungünstiger (was später beispielsweise zu Schulproblemen oder Beziehungsschwierigkeiten führen kann).
Auch die Liebesbeziehung wird in Mitleidenschaft bezogen, da postpartale Depressionen oft zu weniger Unterstützung in der Partnerschaft, reduzierter Intimität und Sexualität und zu mehr Streit führen. Dies wiederum kann die Aufrechterhaltung der postpartalen Depression begünstigen.
Schämen Sie sich nicht, wenn Sie sich nach der Geburt depressiv fühlen. Wichtig ist, dass Sie nicht alles in sich hineinfressen und sich zurückziehen, sondern dass Sie sich mitteilen und Hilfe in Anspruch nehmen. Die Behandlung einer postpartalen Depression fällt in den Zuständigkeitsbereich von Psychologen (oder Psychiatern). Gemeinsam wird dann die Behandlung geplant und durchgeführt. Dabei hat es sich als sehr wirksam und nachhaltig erwiesen, wenn man das Umfeld miteinbezieht. Hilfe anzunehmen ist ein grosser Schritt, der manchmal Überwindung braucht, sich aber sehr lohnt.
Dr. Valentina Rauch-Anderegg ist klinische Psychologin und eidg. anerkannte Psychotherapeutin. An der Universität Zürich hat sie im Rahmen der Studie «Paare werden Eltern» ihren Doktortitel erlangt und ihren Post-Doc an der renommierten Harvard Medical School gemacht. In ihrer eigenen Praxis kann sie ihr Wissen direkt anwenden und so Einzelpersonen und Paare kompetent rund um die Themen Schwangerschaft und Elternschaft beraten und begleiten.
Haben Sie das Gefühl, Sie leiden an einer postpartalen Depression? Dann nehmen Sie Kontakt mit einer Fachperson auf, wie beispielsweise Ihrer Gynäkologin / Ihrem Gynäkologen, Ihrer Hebamme, einer Psychologin / einem Psychologen oder dem Verein Postnatale Depression Schweiz.