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Die Wahlhilfe «Smartvote» und vor allem die «Smartspider»-Spinnennetzprofile» haben vor den Wahlen wieder Hochkonjunktur. Angeblich neutral vermitteln sie der Wählerschaft ein Bild über Kandidaten und Parteien. Das Profil appelliert an das in politischen Fragen verbreitete «schnelle Denken», wie es der Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahneman genannt hat. Ein durchschnittlicher Betrachter schaut sich das Profil während 10-20 Sekunden an, ohne sich weiter Gedanken zu machen oder gar auf der «Smartvote»-Website die Methodik zu studieren. Auf einen Blick sieht er ein einprägsames Bild, das einen Kandidaten oder eine Partei anhand von acht Kriterien charakterisiert.
Die Bezeichnungen dieser Kriterien-Achsen täuschen indes eine neutrale Eindeutigkeit im Begrifflichen vor, die überhaupt nicht besteht. Gut lässt sich dies am Profil eines Kandidaten mit sehr niedrigen Werten bei den Themen «Ausgebauter Sozialstaat» und «Ausgebauter Umweltschutz» zeigen: Wert Null beim Sozialstaat – wohl ein Mensch von höchster sozialer Kälte!
Doch wie kommt eine solche Bewertung überhaupt zustande bzw. was für Fragen stehen dahinter? Nehmen wir folgende Smartspider-Frage: «Befürworten Sie eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen und Männer (z. B. auf 67 Jahre)?» Wer mit Ja antwortet, erhält eine minus 1 auf der Skala. Wer also angesichts der längst bekannten Tatsache, dass die AHV-Rechnung wegen der demografischen Entwicklung schon jetzt ins Defizit gekippt und die AHV überhaupt nicht nachhaltig finanziert ist, für die Erhöhung des Rentenalters votiert und damit verhindern will, dass eine tragende Säule des Rentensystems in Schieflage gerät, erhält einen Abzug. Dies obwohl man ebenso gut argumentieren könnte, ein Ja bedeute einen Einsatz für die langfristige Sicherung der AHV-Renten für künftige Generationen und sei aus dieser Perspektive mindestens so sozial wie das, was linke Parteien unter dem Ausbau des Sozialstaats verstehen.
Eine analoge Frage gibt es zur Zweiten Säule: «Soll der Umwandlungssatz, der die Höhe der BVG-Rente regelt, an die gestiegene Lebenserwartung angepasst und von 6,8 auf 6,0% gesenkt werden?» Wer Ja sagt, kriegt wieder eine minus 1 auf der Skala «Ausgebauter Sozialstaat». Diese Bewertung ist geradezu absurd. Wegen zu hohen aktuellen Renten werden Jahr für Jahr mehrere Milliarden Franken auf Kosten künftiger Generationen von den jüngeren Aktiven zu den oft wohlbestallten Rentnern umverteilt. Wer also den „ausgebauten Sozialstaat“ nicht systemgefährdend auf Kosten künftiger Generationen finanzieren will, erhält von „Smartspider“ einen Abzug.
Auf das gleiche Problem wie beim Sozialstaat trifft man als Kandidat in der Umweltpolitik. Auch hier sind es typische parteipolitische Positionen, welche die Bewertungen bestimmen (Ausstieg aus der Atomenergie, Verlängerung des Gentech-Moratoriums). Dass AKW-Strom praktisch CO2-frei ist oder dass grüne Gentechnik auch Ziele wie wassersparende Anbaumethoden, schädlingsresistente Sorten, CO2-sparenden Ackerbau ohne Pflügen verfolgt, geht unter.
Damit tritt auch das Problem von «Smartspider» offen zu Tage. Die Kriterienachsen beziehen ihre Bewertungen aus Fragen zu konkreten politischen Projekten. Mit der Auswahl dieser Fragen und der Bewertung der Antworten fällen die Smartspider-Autoren Werturteile. Die Methodik lässt nur Zustimmung oder Ablehnung zu fix vorgegebenen Fragen aus der aktuellen zerstückelten politischen Agenda zu. Wer aber den Sozialstaat, die Umweltpolitik, die Entwicklungshilfe oder das Gesundheitswesen grundsätzlich reformieren möchte, sodass sich mit dem eingesetzten Franken die gesellschaftlichen Ziele effizienter erreichen liessen, fühlt sich bei der Beantwortung vieler Fragen ratlos. Denn man kann eine konkrete Massnahme ablehnen, weil man ein Ziel auf anderem Weg erreichen möchte als nach den beschränkten Rezepten des realen Politbetriebs. Solange man aus den Profilen nicht erkennt, weshalb ein Kandidat auf die gestellten Fragen zustimmend oder ablehnend antwortet, bleibt „Smartspider“ eine viel zu simple Wahlhilfe. Es gibt zum Beispiel Leute, die votieren gegen die Senkung des BVG Umwandlungssatzes auf 6 Prozent, weil sie diese Senkung für zu gering halten. Das gäbe einen Punkt für „Ausbau des Sozialstaats“.
So liefern die «Smartspider»-Profile auf den Achsen «Sozialstaat» und «Umweltschutz» ein verzerrtes Bild. Ein «kaltes» «Smartspider»-Profil in diesen Bereichen zeigt vor allem, wie stark ein Kandidat von den entsprechenden Positionen links-grüner Parteien abweicht. Das ist überhaupt nicht dasselbe wie das, was die «Smartspider»-Profile dem durchschnittlichen Betrachter über Kandidaten mit tiefen Werten bildhaft verzerrend liefern: Praktisch totales Desinteresse an sozialen oder ökologischen Anliegen.
(Dieser Text erschien leicht gekürzt und redigiert in der NZZ vom 26. August 2015)