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Ins kalte Wasser springen
Mein Vater sagte, es gebe zwei Berufe die sicher sind: Zahntechniker und ein Beruf im Finanzmarkt. «Zähne muss man sich immer flicken lassen und der Finanzmarkt wird auch nie eingehen.» Wie viele andere auch, wusste ich nach der Handelsmatur an der Kanti in Olten nicht genau, was tun. Also nahm ich eine Stelle bei einer Holländischen Bank in Zürich an. Es war die Zeit als die Börse boomte. Ich fand es interessant die Abläufe dahinter kennenzulernen. Nach weiteren Stationen bei zwei Schweizer Grossbanken leitete ich bald eine Gruppe von 5 Personen. Ich arbeitete regelmässig 10-12 Stunden am Tag, 60 Stunden in der Woche und das über zwei Jahre. Am Wochenende schlief ich durch. Ich bat um Erweiterung meiner Gruppe, um die Arbeit besser bewältigen zu können.
Mit 26 erlitt ich das erste Burnout. Das Gesuch wurde nicht bewilligt. Die Konsequenz für mich war die Stelle zu kündigen, den Bonus von 30’000.— CHF inklusive der Vergütung der Überstunden zu nehmen und reisen zu gehen. Ich tauschte den Anzug gegen Shorts, T-Shirt und Sandalen aus und beschloss als Backpacker von Johannesburg in Südafrika Richtung Norden bis nach Ägypten durchzukommen. Unterwegs hatte ich sechs Monate Zeit mein Burnout etwas abzuarbeiten und bei den zahlreichen Herausforderungen der Reise meine Grenzen besser kennenzulernen. Weiter ging es durch den mittleren Osten, Jordanien und Syrien, schliesslich über Pakistan bis nach Indien. Danach ging mir das Geld aus. Ich musste wieder in die Schweiz zurück, integrierte mich erneut in den Finanzmarkt und warf mich in Schale. Bald darauf kam ich in Kontakt mit der weltweit grössten Nachrichtenagentur Reuters. Nach wiederholter heftiger Kritik an den Bugs des von ihnen entwickelten Systems, drehte dort einer, der später ein guter Freund von mir wurde, den Spiess um und fragte mich an, ob ich nicht bei ihnen einsteigen wolle. Die internationale Ausrichtung der Agentur kam mir sehr entgegen. Reuters Unternehmensphilosophie begleitet und überzeugt mich bis heute: Es kommt nicht auf Nationalität, Religion und Geschlecht an, sondern in erster Linie auf die Erfahrung, die jemand für eine Aufgabe mitbringt. In Bewerbungen an Reuters durfte dies alles nicht angegeben werden und in der Zusammenarbeit spielte es überhaupt keine Rolle. Es war eine fantastische Zeit. Ich arbeitete in Hongkong, Taiwan, Peking, Tokio und Korea. In Taipeh arbeitete ich bspw. mit zwei Top-Frauen zusammen und meine Rolle war es, den Kunden nach Bedarf eine Absage zu überbringen, was in der asiatischen Kultur eine grosse Hürde darstellt, von einem Europäer aber besser akzeptiert wird.
Ich lebte während 5 Jahren in einer Partnerschaft mit einer Chinesin und war durch sie vollkommen in deren Kultur integriert. Ich vermied es richtiggehend mit Ausländern in Kontakt zu kommen, sonst hätte ich ja gleich in der Schweiz bleiben können. Während der Austragung der Olympischen Spiele in Peking benötigte man Fotografien der neuerbauten Stadien. 2004 hatte ich begonnen mich professionell in die Fotografie einzuarbeiten. Meine Partnerin war unterdessen bei gettyimages angestellt. Meine Bilder der 31 Stadien gingen über die Kanäle von gettyimages rund um die Welt. Es folgten noch drei Jahre in Barcelona und während dem einen Jahr in Dubai, habe ich in Lagos, Nigeria und in Riad, Saudiarabien gearbeitet.
Weil es meinem Vater nicht gutging, kam ich nach sieben Jahren in die Schweiz zurück. Da fragte mich doch tatsächlich eine HR-Verantwortliche bei der Durchsicht meiner Bewerbungsunterlagen, ob in meinem Primarzeugnis an einer bestimmten Stelle eine 3 oder ein 5 stehe? Sie könne das nicht recht lesen!
Nun gut, ich arbeitete erneut als Consultant. Es war das, was ich konnte. Die Banken entliessen damals Hunderte von Mitarbeitenden. Jene, die noch bleiben konnten, standen nun zusätzlich unter Druck. Sobald irgendwo etwas nicht klappte, zeigten alle mit dem Zeigefinger auf den externen Mitarbeitenden und bezichtigen ihn des Fehlers, was ja verständlich ist, wenn Du tagtäglich um Deinen Job bangst.
Dann starb mein Vater und mir wurde schlagartig klar, dass ich die Laufbahn in der Finanzwelt sozusagen als Folge eines unerfüllten Traumes in seinen jungen Jahren eingeschlagen hatte. Bald danach starb ein Kollege aus der Bank an einem Herzinfarkt. Mit nur 35 Jahren. Er hinterliess eine Frau und zwei Kinder. Da wusste ich: Das ist es mir nicht wert. Etwas musste geschehen.
Steve Jobs hat in einer Rede einmal gesagt, dass man die meiste Zeit seines Lebens arbeitet. Man muss also schauen, dass man die Arbeit mit einer Leidenschaft verbindet.
Um den Schmerz über den Verlust meines Vaters zu verarbeiten, habe ich begonnen Sterne zu fotografieren. Ich stellte mir vor, er sei einer dieser vielen Sterne. Das half mir. Ich beschloss ganz aus meiner Komfortzone auszusteigen, ins kalte Wasser zu springen und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Als Fotograf und Filmer. Mein erster Film, Chasing Stars, ein Projekt, das seit 8 Jahren läuft, war sehr erfolgreich, wurde bislang an 30 Festivals gezeigt und hat 5 Preise gewonnen. Das Technische der Fotografie beherrschte ich ja bereits seit Längerem. Aber vom Geschäftlichen her war und ist es weiterhin stressig. Ich habe im Finanzmarkt vieles gelernt, was ich heute in neuen Zusammenhängen einsetzen kann. Ich habe zahlreiche Schulungen durchgeführt. Heute biete ich Schulungen in Sternenfotografie an. Ich habe damals oft Sales-Präsentationen gemacht. Heute biete ich Präsentationen der Sternenfotografie in den Schweizer Bergen an. Ich habe sehr viel Computerkenntnisse erworben. Heute kann ich meine Webseite selber machen, das Buchungs- und Abrechnungssystem selber aufsetzen etc. Es ist nichts verloren. Meine Zeit am Finanzmarkt war eine Phase und ich nehme viel davon mit.
Allerdings rennt man nun immer dem Geld hinterher. Ich habe alles in den Aufbau meiner Einzelfirma investiert. Anders als ein Fotograf, der seit 30 Jahren selbstständig ist, muss ich mir im Markt erst einen Namen schaffen. Ich kann mich natürlich nicht zurücklehnen. Aber ich bin noch nie so glücklich gewesen wie jetzt. Ich habe gefunden, was ich mit Herzblut mache und gerne tue. Ich erhalte enthusiastische Rückmeldungen von Leuten, die mit mir die Sterne fotografieren oder auf Eisbärenreise gehen. Das bedeutet mir viel. Wenn man jünger ist, meint man, man müsse nehmen, nehmen so viel wie man kann. Aber irgendwann kommt der Moment, da merkt man: Du hast so viel erlebt, Du kannst auch etwas zurückgeben. Klar, ich muss überleben und noch läuft es nicht ganz ohne Verlust. Aber es ist eine Frage der Zeit, das merke ich genau. Kürzlich habe ich einen Spruch fotografiert: „Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede.“
Meine Bedürfnisse haben sich in der Zwischenzeit verändert. Meine Kollegen von früher fahren teure SUVs, besitzen millionenschwere Wohnungen. Das sagt mir nichts mehr. Und für sie ist nicht ganz nachvollziehbar, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe. Ein solcher Wechsel geht natürlich nur, weil ich keine Kinder habe. Das hat sich nie ergeben. Ich bin zu viel herumgereist. Wichtig ist mir ein guter Rückzugsort. Ein Ort, an dem ich mich sicher fühle und mich entspannen kann.
Ich bin der Meinung, dass in Zukunft Berufe, die mit Menschen arbeiten mehr honoriert werden, auch kreative Jobs. Einfach Jobs, die nicht an den Computer abgegeben werden können. Kunst zum Beispiel. Kunst ist Leidenschaft, ist Emotionen. Das werden die Computer nicht können.
Einem jungen Menschen, der nicht weiss was er nach der Schule tun soll, würde ich sagen: Wähle den Beruf, der in Dir eine Leidenschaft weckt.
Foto: Luca Rüedi