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Update: 22.10.2008
Menschenrechte in Gebärdensprache
Humanrights.ch hat eine neue Dienstleistungsrubrik: Menschenrechte in Gebärdensprache. In dieser Rubrik finden Sie Grundlagendokumente zu Menschenrechten und ihrer Umsetzung in der Schweiz in Schweizerdeutscher Gebärdensprache. Das Projekt wurde mit Unterstützung des Eidg. Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Gehörlosenbund SGB-FSS durchgeführt.
Warum Videos in Gebärdensprache?
Der Zugang zu Informationen im Internet ist für Gehörlose eingeschränkt, da die Informationen hauptsächlich in schriftlicher Form verbreitet werden. Die schriftliche Darstellung stellt eine Barriere für einen Grossteil der Gehörlosen dar, denn die Laut- und Schriftsprache ist nicht ihre Muttersprache und wird insbesondere bei komplexen Themen nur schwer verstanden.
Die meisten Gehörlosen in der Schweiz werden heute immer noch lautsprachlich unterrichtet, wodurch ihr durchschnittliches Bildungsniveau weit hinter Hörenden zurückliegt. In Gebärdensprache kann Wissen für sie viel effizienter vermittelt werden, als in Lautsprache. Durch die Darstellung der Texte über Menschenrechte in Gebärdensprache wird für Gehörlose, deren Lesekompetenz nicht sehr ausgeprägt ist, der Zugang zu diesen Informationen gewährleistet.
Was sind Gebärdensprachen?
Gebärdensprachen sind Sprachen, die auf den gleichen Strukturen beruhen, wie jede andere gesprochene Sprache. Ihnen liegt eine klare Grammatik zu Grunde. Sie beinhalten Bewegungen der Hände, Arme und des Kopfes sowie Mimik. Gebärdensprachen sind nicht universell, jedes Land bzw. jede Region hat eine bestimmte Form der Gebärdensprache entwickelt. Sie entwickelte sich unabhängig von der gesprochenen Sprache. Gebärdensprachen sind nicht wie die Pantomime an konkrete oder bildhaft darstellbare Inhalte gebunden. Wer eine Gebärdensprache gut beherrscht, kann darin ebenso gut komplexe und abstrakte Ideen ausdrücken, wie dies in der gesprochenen Sprache möglich ist.
Jeder gehörlose Mensch bedient sich automatisch einer Gebärdensprache, auch ohne formales Training. In dem Alter, in welchem hörende Kinder zu plappern anfangen, beginnen gehörlose Kinder mit Gesten zu reden. Studien zeigten, dass Gebärden und Sprechen dieselben Gehirnregionen aktivieren. Für gehörlose Kinder ist die Gebärdensprache besonders wichtig. Sie ist ein Mittel, um aus der Sprachlosigkeit herauszukommen. Sie können damit Wünsche und Gefühle ausdrücken, was für ihre geistige und seelische Entwicklung äusserst wichtig ist. Allerdings bleibt der Gebrauch der Sprache sehr limitiert, wenn keine Ausbildung in der Sprache erfolgt. Die Gebärdensprache muss wie jede andere Sprache gelernt werden. Wie bei jeder anderen Sprache ist das Erlernen im Kleinkindalter am effizientesten. Gehörlose, die Gebärdensprache nach der Kindheit erwerben, lernen die Sprache gewöhnlich nur unvollständig.
- Zum Wesen und der Geschichte der Gebärdensprache, SGB-FSS (pdf, 2 S.)
- Verein Förderung der Gebärdensprache bei Kindern
- Das Recht des gehörlosen Kindes, zweisprachig aufzuwachsen, François Grosjean (pdf, 4 S.)
Historische Entwicklung
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Gebärdensprache eine anerkannte und akzeptierte Sprache für Gehörlose. Im Jahre 1881 fand der Mailänder Kongress statt, bei dem hörende Pädagogen beschlossen, dass in den Gehörlosenschulen nur noch in der Lautsprache unterrichtet werden darf. Man war der Meinung, die Gebärdensprache würde die kognitive und lautsprachliche Entwicklung eines Kleinkindes behindern. Dieser Beschluss führte dazu, dass das Bildungsniveau der gehörlosen Menschen äußerst eingeschränkt wurde, da die gehörlosen Kinder im Lautspracheunterricht oft nur 20% des Unterrichtsstoffes verstanden. Danach kam die Idee auf, dass Gehörlose möglichst früh die Lautsprache lernen müssten, damit sie in der Gesellschaft besser funktionieren könnten. Die Gebärdensprache wurde verboten, Kinder wurden in der Schule nur noch in der Lautsprache unterrichtet. Diese Meinung herrscht bis heute in der Erziehung von gehörlosen Kindern vor. Das Verbot fördert zwar die Integration, benachteiligt aber die Gehörlosen. Denn Lippenlesen erfordert höchste Konzentration und viele Inhalte können von den Gehörlosen schlechter aufgenommen werden, wenn sie in Lautsprache vermittelt sind. Mittlerweile ist auch erwiesen, dass gehörlose Kinder, die möglichst früh die Gebärdensprache lernen, weitaus besser sprechen und Lippenlesen lernen. Die Gebärdensprache ist ihre Muttersprache und wichtigste und natürlichste Form der Kommunikation. Gehörlosengruppen fordern deshalb immer wieder, dass die Gebärdensprache Teil ihrer vorschulischen und schulischen Bildung wird, statt unterdrückt zu werden, wie es heute auch in der Schweiz immer noch vorkommt.
- Historische Anmerkungen zur Kultur und Kommunikation Gehörloser, Horst Pagel, Institut für Physiologie, Universität Lübeck (pdf, 8 S.)