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© Bobo11 – Wikimedia commons
Nixen, Nymphen und Najaden
Ideale Brunnenzier stellt natürlich die Frauschaft der Nixen, Najaden, Nymphen dar, die oft das kühle Nass aus einem Gefäss sprudeln lassen. Ein anderes Bild dieser Wasserwesen hat der Winterthurer Bildhauer Robert Lienhard 1955 für einen Brunnen auf dem Platzspitz erschaffen. In einem flachen Oval tummeln sich zwei Sirenen aus Castione-Granit in abstrahierter, ziemlich genderfluider Gestalt. Obwohl in Stein gehauen, wirken die beiden Figuren als bewegter Wirbel, der wohl den Zusammenfluss von Limmat und Sihl symbolisiert. Frauengestalten mit oder ohne aquatischen Stammbaum bevölkern viele der zürcherischen Brunnen. Offenbar assoziieren viele Skulpteure das weibliche Wesen mit dem fluiden, bewegten, dem lebensspendenden Element. Da räkelt sich eine steinerne Dame in lasziv entspannter Pose über dem Halbrund eines Wandbrunnens (Spielwiese Oberstrass). Hier kniet eine andere aus Bronze als Allegorie der Quelle in einem Rundbecken (Wipkingen). Und dort richtet eine Sitzende mit Hingabe ihre Frisur, und das seit 1911 (Hottingerplatz)!
© Roland Fischer – Wikimedia commons
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Im Gegensatz zu diesen weiblichen Nuditäten ist die Frau auf dem Brunnenstock des Lindenhof-Brunnens züchtig, sozusagen bis an die Zähne bekleidet, und zwar mit Kettenhemd, Harnisch und Helm. Die Figur von 1912 soll an die wackeren Zürcherinnen erinnern, die sich, so die Legende, gerüstet und bewaffnet auf dem Lindenhof besammelten und 1292 durch ihre blosse Überzahl den Habsburger Albrecht I. vom geplanten Sturm auf Zürich abhielten.
Nicht martialisch, aber doch für viele irritierend ist das sogenannte «Brunnewiibli» an der Linth-Escher-Gasse, eine Skulptur aus rötlichem Porphyr: Sie zeigt eine Frauengestalt, geschaffen 1985, mit Stulpenstiefeln und Faltenrock, doch nur bis zur Hüfte. Dort, ungefähr auf Milzhöhe, entspringt ein kleiner Wasserstrahl. Wegen Umbau des Warenhauses (Ex-)Manor befindet sich die Steinin des Anstosses zurzeit im Depot; man werde sie aber ungeachtet der Kontroverse später wieder am angestammten Platz aufstellen. Über derartige Kontroversen sind die beiden steinernen Frauen erhaben. Sie flankieren seit 1935 einen reich flutenden Monumentalbrunnen mit zwei übereinanderliegenden Schalen und vermitteln so ein bezauberndes Bild von Gelassenheit und Stille – trotz der dicht befahrenen Verkehrsader der Rämistrasse gleich nebenan.
@ Roland Fischer – Wikimedia commons
Kinder und Tiere
Kinder sind ein attraktives Brunnensujet. Ein besonders hübsches Beispiel ist der Märchen-Brunnen in Wollishofen, den der französische Bronze-Plastiker Max Blondat um die vorletzte Jahrhundertwende entwarf. Drei Kinder, auf einem Felsen sitzend, blicken mit wohligem Gruseln hinunter auf drei Frösche. Das reizende Jugendstil-Ensemble war so beliebt, dass davon gleich mehrere Repliken und Varianten gefertigt wurden, die in Düsseldorf, Dijon, Odessa und Denver stehen. Auch am Röntgenplatz sitzen drei Kinder dichtgedrängt über einem dreieckigen Brunnentrog, diesmal sind’s musizierende Buben aus Stein (1929). Es fällt auf, dass Knaben eher in Aktion dargestellt werden – auf dem Froschauer-Brunnen reitet ein Junge auf einem Frosch und schwingt triumphierend ein Fähnchen. Am Hechtplatz präsentiert ein anderer einen gefangenen Hecht. In Hottingen bläst ein Dritter die Flöte. Ein Vierter zähmt ein wasserspeiendes Krokodil. Und ein Fünfter dieser kleinen Machos steht an der Weinbergstrasse und pinkelt, wie sein berühmtes Brüsseler Vorbild, der Manneken Pis, schamlos in die Muschelschale zu seinen Füssen.
Die dargestellten Mädchen dagegen verhalten sich sehr anständig, um nicht zu sagen passiv: Zu zweit stehen sie stumm und starr an der Sihlporte. Ein anderes kniet sinnend am Brunnenrand, noch ein anderes steht schutzlos im Wind, ein weiteres lässt einen Vogel fliegen (immerhin!) und noch ein anderes fürchtet sich vor einem Hund, der ihm das Brot wegschnappen will. Zur Untätigkeit verurteilt sind auch die drei sogenannten Wasserköniginnen, die am Rundbecken eines Brunnens in Wipkingen stehen, denn: Die drei Grazien haben weder Arme noch Füsse. Geschaffen wurden sie 1983 von einem Künstlerehepaar, was uns einigermassen ratlos macht. Ausnahme der Regel ist die legendäre Liesel, die eine Gans zum Markt bringt; sie ist ein in vielen Städten anzutreffendes Brunnenmotiv. Ein paar «bewegte» Fauen und Mädchen haben wir dennoch gefunden: Eine Tanzende am Hegibachplatz, eine Ballspielende beim Schulhaus Hirschengraben und eine überaus dynamische Schwimmerin beim Schulhaus Rebhügel, die Luigi Zanini 1955 geschaffen hat. Den waghalsigen Kopfspung ins Brunnenbecken wollen wir allerdings eher symbolisch verstehen...
© Micha L. Rieser – Wikimedia commons
@ Julia Hottingen – Wikimedia commons
Beliebt sind sodann Tiermotive. Ihr sauberer Realismus entspricht dem Kunstempfinden des Volks. Zudem sind sie, im Gegensatz zu olympischen und irdischen Nackedeis, absolut jugendfrei und tummeln sich daher mit Vorliebe auf Spielplätzen oder in Schulhausanlagen. Fuchs, Hahn, Fohlen, Seelöwen, Hund, Seepferdchen, Katze, Frosch, Panther, Pelikan und, im Friesenberg, sogar ein Känguru.
© Roland Fischer – Wikimedia commons
Die meisten dieser Brunnenskulpturen entstanden in den 1930er- oder 1940er Jahren. So auch die beiden Rehe in Oberstrass, die Arnold Huggler 1931 geschaffen hat. Und da sie nun schon mal dastanden, konnte man sie 1950, mit haushälterisch-praktischem Sinn und einer entsprechenden Inschrift versehen, problemlos zum Memorial für Felix Salten umfunktionieren. Der österreichisch-ungarische Journalist, Schriftsteller und Jäger (!) hat seine letzten Lebensjahre bis 1945 in Zürich verbracht und ist auf dem Friedhof Friesenberg bestattet. Vor allem hat er Teile seiner rührseligen «Bambi»-Geschichte in Zürich geschrieben, die als Zeichentrickfilme von Walt Disney rund um die Welt ging. (Falls Ihnen das etwas gar bieder vorkommen sollte: Ja, Salten scheint auch der bis heute anonym gebliebene Autor eines Romans aus dem «Weaner Milieu» zu sei. Dessen Protagonistin, Josephine Mutzenbacher, würde sich allerdings wohl weniger als Blickfang bei einem Schulhaus oder einer Kirche eignen.)
Wuchtiger als dieses niedliche Getier ist das sich aufbäumende Pferd auf einem ausladenden Brunnentrog oberhalb der Kirchgasse. Entstanden 1901, soll der kolossale Gaul an die hier wohnhafte Patrizierfamilie der Manesse erinnern, die vom 13. bis zum 15. Jahrhundert Politik und Kultur der Limmatstadt erheblich mitbestimmten; ein Familienspross, Rüdiger II., soll den Codex Manesse, die bedeutendste Liederhandschrift des Hochmittelalters, in Auftrag gegeben haben. Noch mächtiger ist der Stier am Bürkliplatz, der von einem Jüngling gebändigt wird. In Zürich figuriert der Brunnen von 1911 als Geiser-Brunnen, da er auf ein Legat des zwei Jahre zuvor verstorbenen Stadtbaumeisters Arnold Geiser zurückgeht. «Testosteron in Stein» könnte man das Werk des Weinfelder Bildhauers Jakob Brüllmann betiteln, dessen Monumentalstil in Deutschland ein paar Jahre später für Kriegsgedenkstätten gefragt werden sollte. Davon wusste jene Besucherin aus dem Basler «Daig» noch nichts, als sie angesichts der (s)tierischen Männlichkeit des Bullen mit Schrecken feststellen musste: «Jemmers nai – i ha mi Ridikül im Zug liigelosse!»
Berufstätige als Sujet sind erstaunlicherweise in der regsamen Limmatstadt eher selten. Bankers und IT-Menschen geben halt optisch nicht allzu viel her. Aber in der Vergangenheit? Bekannt ist uns nur der entzückende schmiedeeiserne Winzer-Brunnen von 1908 am Weinplatz, dem ehemaligen Umschlagplatz des Rebensafts, gekeltert an der Goldküste und jenseits der Alpen. Oder ein klobiger schnauzbärtiger Bierfuhrmann im (steinernen) Lederschurz, der seit 1954 beim ehemaligen Hürlimann-Areal steht. Und schliesslich in der Hardau, wo offenbar fahrendes Volk einst sein Quartier hatte, ein spindeldürrer Bänkelsänger, der offenbar mit seiner Kunst wenig verdiente (1967).
Eine weitere Kategorie könnte man unter dem Stichwort «Exotik» im weitesten Sinne subsummieren: An der Sihlporte ein Basiliskenbrunnen aus Basel als Zeichen der innigen Freundschaftsbande zwischen Rheinknie und Limmat. Bei der Pestalozzi-Anlage ein Geschenk aus dem Jahr 1978 der Seine-Stadt, ein Pariser Brunnen der Belle Époque, wie er auch bei der Sacré-Cœur und am Pont-Neuf steht. Die vier Karyatiden aus grün patiniertem Guss tragen eine ebenfalls grüne Kuppel, sie konnten deshalb nicht wegrennen als 2015 ein rückwärtsfahrender Laster das Damenquartett irreparabel beschädigte, sodass man in Paris einen Nachguss erstellen lassen musste.
Pariser Flair charakterisiert, obwohl in Basel gegossen, der wohl eleganteste Brunnen Zürichs: Die dreischalige filigrane Fontäne am Stadelhoferplatz datiert aus den 1860/70er Jahren, als Zürich sich von Seldwyla zur kleinen Großstadt mauserte. Dazu kommt die etwas kleinere und ein paar Jahre jüngere Schwesterfontäne im Zentralhof, einer Oase im Stadtgetriebe. Beide verwandeln sich im Winter zu zauberhaften mehrstöckigen Eistorten: «Gusseisen zu Gusseis», lautet der Slogan. Auch das Brunnenmonster am Eingang zum Rechberggarten scheint aus einer andern Welt zu stammeln, zumindest verleiht es dem bürgerlichen Zürich einen Hauch von feudaler Grandezza, gemischt mit ein wenig Grusel ob der wasserspeienden Fratze. Und schliesslich könnte man hier noch den Mosaikbrunnen am Eingang zum Arboretum erwähnen. Entworfen hat ihn 1909 der renommierte Architekt Bluntschli, der auch die Kirche Enge erbaute. Tatsächlich hat auch der Brunnen im Stil der italienischen Frührenaissance mit Rundbogen, Kuppegewölbe und schimmernden Mosaikintarsien etwas Sakrales.
@ Roland Fischer – Wikimedia commons
Unter welchem Stichwort soll der Brunnen im Klingen-Park vor dem Museum für Gestaltung, einer raren Ikone Neuen Bauens in Zürich, eingeordnet werden? Vier nackte Jünglinge – ein Werk (1929/30) des gefragten Bauplastikers Otto Kappeler, selber Lehrer an der Kunstgewerbeschule – sitzen in stummer Zwiesprache übers Kreuz am kreisrunden Bassin, in dessen Mitte ein fächerartiger Sprudel dünne Fontänen sprüht. Die Jugendlichen, die auf dem Rasen und den Bänken rundum chillen und chatten, bezeichnen sie als «Kiffer nach dem ersten Joint». Jedenfalls sind es vier Typen, die, in sich gekehrt, inmitten des lebhaften Getriebes im multikulturellen Kreis 5 mit seinen zahlreichen Gewerbeschulen kontemplativ auf die grünliche Wasserfläche blicken, in der sich die mächtigen Platanen spiegeln. «Philosophen der Stille», würde ich sie eher nennen...
Brunnen ohne Ende
In den letzten Jahrzehnten kamen zu den traditionellen Materialien neue Werkstoffe wie Plexiglas oder Polyester. Den Modern Times huldigt beispielweise Gottfried Honeggers Strukturbrunnen von 1972 oberhalb der Uni Irchel. Der Computer kombinierte vorgegebene Elemente zu unzähligen Varianten, um dann nach Zufallsprinzip die dreidimensionale Realisierung auszuwählen. Und der schwarze Marmortrog mit der spiegelnden, stehenden Wasserfläche von Christian Herdeg am Talacker – ist er noch Brunnenanlage oder schon Lichtinstallation?
Dass die Geschichte der zürcherischen Brunnen noch lange nicht fertig geschrieben ist, beweist der grandiose Schalenbrunnen auf dem Münsterhof. Die monumentale und gleichzeitig höchst filigrane Konstruktion ist ein Werk des Architekturbüros Romero Schaefle und Partner aus dem Jahr 2016, was zeigt, dass Brunnen wieder vermehrt als Teil eines architektonischen Gesamtprojekts betrachtet werden. Als Kuriosum: Die angegliederte kleine Trinkschale kann mit wenigen Handgriffen zur Weinschenke umfunktioniert werden.
@ Adrian Michael – Wikimedia commons
Im Hinblick auf ihr 150-jähriges Bestehen im Jahr 2020 lancierte die Wasserversorgung einen Brunnen-Wettbewerb. Architekt Timon Reichle konzipierte einen Brunnen, der sich organisch in den Spickel zwischen Limmat- und Utoquai vor dem Restaurant Terrasse einfügt. Das Becken besteht aus Terrazzo-Beton. Die Steine dazu stammen aus dem Gebiet des glarnerischen Geoparks Sardona; von dort stammte der Linthgletscher, der das Trogtal des Zürichsees schuf; von dort beziehen auch See und Fluss den Grossteil ihrer Wasser. Aus zwei Messingrohren sprudelt das Nass; das niedrige dient den Durstigen, das andere, etwa 2,5 m hohe lässt den Strahl in hohem Bogen ins Becken prasseln: Bewegtes Wasser und fester Stein – eine gelungene moderne Synthese, wie sie die Natur vorgibt.
Ob verspielt oder reduced to the max... Ob Würfel, Winkel, Kugel... Ob Beton, Stein, Stahl oder Kunststoff... Jede Epoche findet eigene Ausdrucksformen, hat ihre eigene Ästhetik. Doch: In welcher Form uns das Wasser als zeitloses Element auch entgegentritt, in mächtigem Schwall, filigranem silbernem Bogen, neckischem Sprudel – ohne seine Brunnen wäre Zürich um einiges trockener. In jedem Sinn des Wortes.
@ Katja Hottingen – Wikimedia commons
© Bilder: Wo nicht anders vermerkt: Bruno Rauch
Standorte sämtlicher Brunnen sowie Wissenswertes darüber findet man in einer Serie von quartierbezogenen Faltblätter; zu beziehen sind diese bei der Wasserversorgung der Stadt Zürich: <email-pii>
Den ersten Teil dieser Brunnengeschichten finden Sie hier.