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Beim ersten Atemzug füllten sich ihre Lungen mit der Luft Afrikas. Dies dürfte das Mädchen fürs Leben geprägt haben, damals, am 21. Januar 1945 im kenianischen Mombasa. Denn Helen Kimali Markwalder liebte Afrika und seine Menschen.
Deren Anderssein, das Lachen, der Fatalismus, die Leidensfähigkeit, ihre Tragödien und sozialen Sachzwänge lernte sie einzuordnen, ohne dass ihre Zuneigung oder Kritikfähigkeit je beeinträchtigt wurde. Die Afrikanerinnen und Afrikaner waren Schwestern, waren Brüder, denen sie – wie allen Menschen – vorurteilslos und auf Augenhöhe begegnete.
Kimali, wie sie als Mädchen genannt wurde, erlebt ihre Kindheit mit den vier Geschwistern zunächst im kenianischen Vipingo, dann im Direktionshaus der Amboni Estates Limited nahe der tansanischen Küstenstadt Tanga. Die Eltern sind Schweizer, Vater Hans leitet die Amboni, damals das grösste und sozialste Sisal-Unternehmen Tanganjikas, Mutter Meisa wirkt nach der Unabhängigkeit als erste weisse Frau im tansanischen Parlament (HABARI 4/11). Kimali atmet die Gerüche Afrikas, freut sich auf den Familien-Safaris an den seinerzeit noch fast überall anzutreffenden Wildtieren, lernt Suaheli, besucht die private Primarschule.
Dann, 1967, der Kulturschock: Die Zwölfjährige muss in die Schweiz, nach Fetan ins Internat, das sie erst 1974 mit der Matura im Sack wieder verlässt, um das Lehrerseminar zu absolvieren. Die Mittelschullehrerin, die eigentlich Journalistin werden wollte, heuert aber bei der Swissair an, wo sie ab 1992 die Ausbildung der Passagierdienste leitet.
Als Arbeitnehmerin und Vorgesetzte prägen die junge Frau vier Eigenschaften: Intelligenz, soziales Verhalten, Selbstlosigkeit und ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, der sie am Arbeitsplatz – nicht gerade zu ihrem Vorteil – wiederholt die Stimme gegen Kungeleien und unethisches Verhalten erheben lässt.
"Sie engagierte sich sehr für Minderheiten, wurde bei Ungerechtigkeiten sehr unangenehm und setzte sich mehr für andere ein wie für sich", weiss Christoph Markwalder, ihr Bruder, der sie schliesslich 1982 aus dem Raum Zürich nach Basel lockte. Aber sie sei auch ein Familienmensch gewesen, zumal der grösste Teil der Familie in der Schweiz lebte.
Eine eigene Familie zu gründen kam ihr nicht in den Sinn - der richtige Mann war ihr nie begegnet. Hingegen pflegt sie einen grossen Freundeskreis, in den schliesslich auch etliche Mitglieder des FSS miteingeschlossen werden. 1994 wird sie in dessen Vorstand gewählt. Hier entwickelt sich Helen Kimali Markwalder im Laufe der Jahre zur vielseitigen und integrierenden Kraft, zur "Historikerin", zum Gedächtnis des Vereins.
Sie fasst dessen Geschichte zusammen, schreibt Protokolle und zahlreiche Artikel für das HABARI, macht Übersetzungen, organisiert Anlässe, kennt dank ihren vielen Reisen nach Tansania alle Mitarbeitenden und Projekte und engagiert sich persönlich mit der Schulunterstützung des Mädchens Ladina Lasway in Usa River. Im Wege steht ihr einzig ihr zeitraubender Perfektionismus.
Auf ihrer Tansania-Safari im letzten Oktober folgt sie nach den Projektinspektionen mit Adrian Schläpfer und Judith Wyss den Spuren ihrer Kindheit an der Küste. Dies zusammen mit ihrer Freundin Barbara Schachenmann und dem Basler Historiker Lukas Meier, der alles aufzeichnete. Kimali atmet wieder afrikanische Luft, allerdings begleitet von einem lästigen Husten.
Aber sie trifft ihre afrikanische Freunde und Freundinnen sowie die alten Orte, welche ihre Erinnerungen beleben. Tief beglückt kehrt sie nach Basel zurück. Niemand, ausser vielleicht sie selbst, ahnt, dass dies ihre Abschiedsreise war.
Anfangs Dezember liefert sie sich selbst ins Spital ein. Sie kann kaum mehr atmen, die Lungen mögen nicht mehr. Intensivstation. Am 6. Dezember 2016, zwei Tage vor ihrem Tod, tippt sie um 20.37 Uhr ein Mail an die ihr Nahestehenden.
Im Betreff steht: "Falls das meine letzten Worte sind …". Dann schreibt sie:
"Meine Allerliebsten, meine Allernächsten, Alle!
Mein Leben hängt in den Sternen,
dass ich es mit Euch teilen konnte,
ist mir das allergrösste Geschenk – dafür tausend Dank!"
Gebt Sorge zueinander und seid nicht traurig.
Ich gehe reich und glücklich,
meine Seele fliegt ruhig nach Hause nach Afrika.
You will all remain in my heart for always and ever, yours always
Kimali, himpa, mame panja, hümper, kimili …"
Kwaheri Kimali!
© Foto by Ruedi Suter: Kimali Helen Markwalder