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Geschichte
Leben und Wirken von Kurt Georg Kiesinger
Die meisten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland haben in renommierten Historikern ihre Biographen gefunden. Hans-Peter Schwarz und Henning Köhler widmeten Konrad Adenauer jeweils gleich zwei dicke Bände. Peter Merseburger wandte sich Willy Brandt zu und Hartmut Soell legte vor drei Jahren den ersten Teil seiner auf zwei Bände angelegten Biographie über Helmut Schmidt vor. Was ist aber mit dem Kanzler der ersten Großen Koalition Kurt Georg Kiesinger? Der Heidelberger Historiker Philipp Gassert hat mit seiner Habilitation diese Lücke nun geschlossen. Auf 800 Seiten zeichnet er ein sehr detailliertes und erstmals wissenschaftlich korrektes Bild des wohl meistgebildeten Kanzlers nach. Die Aufmerksamkeit an der ersten Großen Koalition ist nach der Bundestagswahl im September 2005, die zum zweiten Bündnis dieser Art seit Gründung der Bundesrepublik führte, sprunghaft angestiegen. Vermehrt wurde auf die Leistungen der drei Jahre währenden Koalition geschaut, um die Leistungsfähigkeit und die Reformkraft einer solchen Übereinkunft zu veranschaulichen und nicht zuletzt Erwartungen an die gegenwärtige Politik zu äußern.
Gassert zeichnet in sechs Kapiteln den Lebensweg Kiesingers nach. Seine Herangehensweise ist dabei stets klassischer Natur: Gassert will die Lebensstationen von Kiesinger erzählen und verzichtet daher auf theoretischen Anleihen.
Kiesinger, 1904 in einer kleinen Stadt auf der schwäbischen Alb geboren, durchlebte die Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts. Treffend wird Kiesinger von Gassert als "Kanzler zwischen den Zeiten" bezeichnet. Zum einen weil Kiesinger zwischen Adenauer und Brandt, also zwischen Wiederaufbaukanzler und Visionär fungierte. Zum anderen weil Kiesinger im kollektiven Gedächtnis eine untergeordnete Rolle spielte.
Nachdem Kiesingers wohlbehütete Kindheit und Jugend eingehend dargelegt wurde, wendet sich Gassert dem wohl spannendsten Kapitel zu: Der NS-Zeit. Gassert gelingt es, die teils widersprüchlichen Handlungen Kiesingers deutlich zu machen. Die Gründe, warum Kiesinger 1933 in die NSDAP eintrat, waren nach Gassert auch opportunistischer Natur (S. 86). Zudem sei er durch seine Herkunft und Sozialisation und "sein selbst gestellter Anspruch als Reformer" anfälliger für die Nationalsozialisten als andere. Gassert rechnet Kiesinger also den "Mitläufern" zu, die meist mit Parteibuch aber ohne große Aktivitäten in der Partei die NS-Zeit durchlebten. Eine Kategorisierung als reiner Opportunist würde jedoch der Person Kiesingers nicht gerecht werden. Nach dem Röhmputsch 1934 verzichtete Kiesinger auf eine Karriere als Richter. Ab 1940 war Kiesinger dann in der Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt tätig und war Verbindungsmann zum Propagandaministerium. In leitender Position waren Kiesinger, so das Resümee Gasserts, dennoch die Hände weitgehend gebunden, die Vorgaben durch das Goebbelsche Ministerium beschnitten seine Kompetenzen stark.
Die detaillierte Auseinandersetzung Gasserts mit Kiesingers Leben in der NS-Zeit entkräftet sowohl die DDR-Propaganda gegenüber dem Kanzler, als auch die Anschuldigungen von Beate Klarsfeld, die mit ihrer Ohrfeige gegen Kiesinger auf dem CDU-Parteitag für Aufsehen sorgte. Kiesinger selbst trug zur Verschärfung des Konflikts um seine Vergangenheit bei, indem er sich einer schonungslosen Aufarbeitung und Aufklärung verweigerte.
Neben dem Kapitel über die NS-Zeit war natürlich die Nachkriegszeit der interessanteste Abschnitt im Leben Kiesingers. 1958 zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt, initiierte Kiesinger zahlreiche Reformen, vor allem in der Bildungspolitik. Die Errichtung der Reformuniversität Konstanz kann als persönliches Projekt des Ministerpräsidenten bezeichnet werden. Für die Zeit der Großen Koalition gelingt Gassert eine ambivalente Betrachtung der Arbeit Kiesingers. Zum einen die Erfolge durch viele angeschobene und durchgeführte Gesetzesvorhaben. Zum anderen personalpolitische Fehlentscheidungen und die teilweise mangelhafte Arbeitsauffassung Kiesingers im Amt des Kanzlers, ausgedrückt in der mangelnden Bereitschaft zum Aktenstudium.
Philipp Gassert hat eine solide, sehr gut recherchierte und ansprechend formulierte wissenschaftliche Arbeit über Kurt Georg Kiesinger vorgelegt. Trotz des großen Umfangs ist das Werk gut lesbar und bisweilen kurzweilig. Freilich gibt es auch Anlass zur negativen Kritik: Private Einsichten werden dem Leser kaum präsentiert. Zudem sind Kiesingers letzte Lebensjahre, die immerhin fast ein Viertel seines Gesamtlebens ausmachen, denkbar kurz geraten.