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Walrosse sind neben den Eisbären die Ikonen der Arktis. Die gewaltigen Robben mit ihren herausragenden Stosszähnen leben vom, mit und auf dem Meereis des arktischen Ozeans. Die gilt für beide Gruppen von Walrossen, dem atlantischen und seinem pazifischen Verwandten. Bisher ging man davon aus, dass weibliche Tiere vor allem ihren Gebärplatz verlieren. Doch eine neue Studie zeigt, dass die Walrosskühe in der Beringsee und ihre Jungen auch ihre Nahrungsgrundlage mit dem Rückgang der eisigen Fläche verlieren.
Gemäss den Ergebnissen der Studie sind nämlich Algen, die im und am Meereis wachsen und gedeihen die Nahrungsbasis für die am Meeresboden lebenden Muscheln. Von diesen wiederum ernähren sich die Walrosse auf ihren Tauchgängen. Und zwar die Weibchen und die Jungtiere mehr als die Bullen. Das bedeutet, dass die Robben unterschiedliche Jagd- und Nahrungsgebiete haben und daher die Weibchen und Jungen durch den Rückgang des Meereises etwas stärker benachteiligt sein werden als die Bullen. Die Resultate der Studie wurden von Chelsea Koch von der Universität Maryland und Hauptautorin der Arbeit gemeinsam mit ihren Kollegen aus Alaska und Schottland in der Fachzeitschrift PLoS ONE (Public Library of Science) veröffentlicht.
Im Rahmen ihrer Studie untersuchten das Forschungsteam spezifische Marker für diese Algen, um mehr über die Nahrungsbeziehungen der arktischen Tiere in der Region herauszufinden. «Diese Studie baut auf Arbeiten auf, die wir in der Bering- und Tschuktschensee durchgeführt haben, um zu zeigen, dass diese Tracer von Eisalgen und Phytoplankton verwendet werden können, um die Reaktion des Ökosystems auf das Verschwinden des Meereises zu überwachen», erklärt Chelsea Koch. Schon länger war bekannt, dass die Walrosse der Region unter dem Rückgang des Meereises leiden, früher und vermehrt an Land kommen und länger bleiben müssen. Das Problem dabei: Diese Orte sind weiter entfernt von den produktiven Futterregionen. In ihrer Arbeit konnten die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass sich die mächtigen Robben nach der Paarung für die Nahrungssuche normalerweise aufteilen: Während die Bullen im Sommer vor allem in der nördlichen Beringsee bleiben und etwas nach Norden ziehen, wandern die Weibchen mit ihren Jungen weit in die Tschuktschensee hinein, um nahe dem Packeis zu sein. Erst mit dem nach Süden ausbreitenden Meereis kommen sie wieder in ihre Paarungsgebiete in der Beringsee.
Mit Hilfe der Marker der Algen konnten Koch und ihre Kollegen zeigen, dass aber auch im Winter die Walrosskühe in der nördlichen Beringsee mehr in den Regionen Muscheln suchen, in denen das Meereis vorkommt. Und bei den Walrossen aus der Tschuktschensee zeigte sich eine weitere Überraschung: Kein Unterschied zwischen den Geschlechtern, dafür zu den Jungtieren. Diese bleiben länger auf dem Meereis und gehen von dort aus auf die Muschelsuche. Die Tatsache, dass die Marker nicht lange in den Tieren nachweisbar sind, half dem Forschungsteam bei dieser Erkenntnis: «Diese Marker sind in der Walrossleber kurzlebig, also einige Tage oder Wochen», erklärt Koch weiter. «Wir wissen also, dass diese erhöhte Meereissignatur keine Anhäufung von den Reisen der letzten Jahre ist.» Dies zeigt also, dass durch den Meereisrückgang, der in der Beringsee besonders deutlich geworden ist, weibliche und junge Walrosse noch mehr zu verlieren haben als nur ihren festen Untergrund.
Chelsea Koch und ihr Team konnten bei ihrer Studie die Daten aus den Lebern von erlegten Walrossen gewinnen. Dabei konnten sie auf die Hilfe von einheimischen Jägern aus Alaska zählen, die für ihre Lebensgrundlage Walrosse jagen dürfen. Seit Jahren schon können dabei die Behörden von Alaska damit eine Datenbasis für den Gesundheitszustand der pazifischen Walrosspopulation erstellen. Dies ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Denn Walrosse stellen eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Bevölkerungen in der Arktis dar. «Ohne die Unterstützung der Jäger von regionalen Gemeinde-basierten Ertragsmonitoringprogrammen wären wichtige Studien wie diese gar nicht erst möglich», erklärt Dr. Raphaela Stimmelmayer vom North Slope Borough Departement für Wildtiermanagement. Die Arbeit zeigt einmal mehr, wie wichtig die Zusammenarbeit von Forschung mit traditionellem und lokalem Wissen ist.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zur Studie: Koch CW, Cooper LW, Woodland RJ, Grebmeier JM, Frey KE, et al. (2021) Female Pacific walruses (Odobenus rosmarus divergens) show greater partitioning of sea ice organic carbon than males: Evidence from ice algae trophic markers. PLOS ONE 16(8): e0255686. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0255686