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Bild
Titel:
Kantons-Schule in Trogen
Thema: Leute
Datum: --.--.1830
Masse: 26,5 x 37 cm
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. Als ungerahmte Ansichtskarte 10,3x14,7cm unter KB 007588/209
Urheber/-in: Gsell, Jakob Laurenz
Beschreibung:
Ein Holzhaus, unterteilt in einen Wohnteil und einen Stall-Scheunen-Teil, jedoch nicht in der traditionellen Bauart eines Appenzeller Bauernhauses der damaligen Zeit. Es steht ausserhalb des Dorfkerns im Ortsteil „Nideren“.Im Hintergrund sind die Hügel über den Dörfern Rehetobel und Eggersriet zu sehen. Die Bäume der Umgebung zeigen, dass hier damals nebst Viehzucht auch Obstbau (in erster Linie zur Mostgewinnung) getrieben wurde.
Hinweise dass es sich um ein Schulhaus handelt, geben die Turngeräte vor dem Hause. Das Turnen galt damals als wichtiges Element einer modernen liberalen Erziehung. Vor dem Haus sehen wir eine Gruppe von Schülern mit den flachen Studentenmützen, wie sie damals von den liberal gesinnten „Burschenschaften“ an deutschen Universitäten getragen wurde. Dies zeigt uns das Selbstbewusstsein dieser, oft aus einfachen Verhältnissen stammenden Appenzeller Schüler. Daneben steht eine erwachsene Person mit Hut und langem Mantel (wohl ein Lehrer) mit einem Kind an der Hand.
Geschichte:
Das 1804 errichtete Haus diente anfänglich als Wohngebäude für die Arbeiter einer benachbarten mechanischen Spinnerei, mit Schlafsaal und Speiseraum. Hinter dem grossen Tor im Gebäudeteil rechts befand sich auch ein Viehstall. Die Lage des Hauses mitten im Grünen, abseits vom Dorfzentrum Trogen, ergab sich aus der Tatsache, dass die Spinnerei mit Wasserkraft betrieben wurde und das Wasser des nahe gelegenen „Töbelibachs“ (hier nicht sichtbar, wäre links vom Bildrand) den Standort der Fabrik im nahen Säglibachtobel abseits der Dorfstrasse voraussetzte. (vgl. den Artikel "1822: Das Ende des Goldenen Zeitalters ?")
Die Auflösung der Fabrik nach wenigen Jahren machte das Arbeitergebäude frei für eine neue Nutzung: 1821 wurde hier mit 17 Schülern die erste höhere Lehranstalt des Appenzellerlandes überhaupt eingerichtet (siehe Zusatztext 1). Die aufstrebende Heimarbeit erforderte kaufmännisches Kader, welches Buchführung und Korrespondenz in deutscher und französischer Sprache beherrschte. So wurde in diesem Hause eine Handelsschule für Appenzeller Jünglinge durch Textilkaufleute auf privater Basis unter Führung von Johann Caspar Zellweger-Gessner gegründet. Im Erdgeschoss befand sich ein Schulzimmer, im Obergeschoss eine Lehrerwohnung, Im Dachgeschoss waren Schlaf- und Leseräume der Schüler eingerichtet.
Die Schule begann sehr bescheiden. Es gab sogar eine „Vorbereitungsklasse“ für Schüler, welche kaum genügende Primarschulkenntnisse mitbrachten (siehe Zusatztext 2). Die „Realabteilung“ entsprach etwa dem Fächerkatalog einer heutigen dreijährigen Sekundarschule, vermittelte auch kaufmännisches Rechnen, Französisch-, Englisch- und Italienischunterricht und führte auch eine Werkstatt für Holzbearbeitung. Für kommende Universitätskandidaten bestand später auch die Möglichkeit, Latein und Griechisch zu lernen und sich auf ein Studium an der seit 1833 bestehenden Universität Zürich oder im Ausland vorzubereiten.
Der Unterricht folgte einem streng geregelten Tagesplan mit 6 Stunden Unterricht von Montag bis Freitag und Exkursionen am Samstag. Die Internatsschüler hatten eine vorgeschriebene Kleidung mit zu bringen. Allfällige Taschengelder der Eltern wurden vom Rektor verwaltet ! In einigen Fällen mussten auch elementare Regeln der Hygiene und des Benehmens vermittelt werden, wie der Rektor in einem Jahresbericht vermerkt...
Autor: Hans Georg Kasper, Trogen
Chronologie:
1804 Bau der Trogener Spinnereifabrik
1805 Inbetriebnahme der Spinnerei
1820 Errichtung des Privatinstituts im ehemaligen Arbeiterwohnhaus
1821 Beginn des ersten Schuljahres im Gebäude des «alten Konviktes» mit 17 Schülern
ab 1845 Finanzierung durch den Kanton, Gymnasialabteilung zur Hochschulvorbereitung
Literatur:
"Einladung an die Vaterlandsfreunde zur Beförderung der (...) Lehr- und Erziehungsanstalt für Knaben" Denkschrift der grossrätlichen Kommission, genehmigt vom Grossen Rat am 19.März 1823. Staatsarchiv Herisau D.27-5-5
Gutbier, Adolph Anton Robert. Die Appenzell-Ausserrhodische Kantonsschule bei Trogen in ihrem gegenwärtigen Streben. Trogen 1833
Gutbier, Adolph Anton Robert. Reglement über den Lehrplan in der Appenz.Ausserrh. Kantonsschule. Handschriftliches Dokument (1835). Staatsarchiv Herisau D. 27-5-4-4
Schläpfer, Walter: Appenzeller Geschichte, Bd. II. Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Herisau 1972, S. 394f
Zusatztexte:
Zusatztext 1: Die Begründung des Grossen Rates zeigt sehr schön den damaligen aufklärerischen Bildungsoptimismus des liberalen Bürgertums: "Lassen wir die Handlanger der Sklaverei der Unwissenheit das Wort reden. Wenn wir noch unsere alten Vögte und Zwingherren hätten, dann müssten wir solche Reden unter uns dulden; aber neben ihren zerfallenen Burgen darf man eine andere Sprache führen, und unter freien Männern ist man ihrer freudigen Zustimmung gewiss, wenn man behauptet: Nichts adle schöner den Menschen, als ächte Bildung."
Zusatztext 2: Die bescheidenen Aunahmebedingungen für die "Vorbereitungsklasse" sind im §7 formuliert: "1. mechanisch fertig deutsch lesen können, und zwar Gedrucktes und Geschriebenes mit deutschen und lateinischen Lettern (also Kenntnis von Fraktur- und Antiqua-Schrift). -- 2. von dem Gelesenen Rechenschaft ablegen können. -- 3. er muss leserlich und zeimlich orthographisch richtig deutsch und lateinisch schreiben. -- 4. er muss die vier Grundrechnungen mit ganzen und gebrochenen, mit benannten und unbenannten Zahlen mündlich und schriftlich inne haben."
Erst dann konnte der eigentliche Elementarunterricht, der etwa unserem 4. bis 6.Schuljahr entspricht, einsetzen. Hier gab es auch bereits "Frühfranzösisch".
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