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Editorial
In Krisenzeiten machen sich die billigen Phrasen und Gemeinplätze breit. In ihrer Emotivität und irrationalen Panik fühlen sich (fast) alle Leute zu Philosophen berufen aufgrund von Gedanken anderer, die sie einfältig übernommen haben und dann als eigenes Wissen verbreiten. Niemand ist in der Lage zu sagen, wer sie zu allererst geäussert hat, aber eines ist sicher, nämlich dies: Dass sich dieses Phänomen bei jeder Krise wiederholt, nach jedem Terroranschlag mit genügend Anzahl von Toten, nach jedem Vorfall, der die Menschen aus ihrer Alltäglichkeit aufwachen lässt. Nichts mehr wird sein wie vorher – ein Mantra, das wiedergegeben wird als wäre es die Voraussage eines exotischen Gurus – das ist die derzeit gängigste, aber auch banalste dieser billigen Phrasen. Banal ist solcherlei, weil es klar ist, dass es in einer Welt, die sich im Minutentakt verändert, wenige Dinge gibt, die so verbleiben wie sie sind; die natürliche Entwicklung ist unbestreitbar. Aber sie erfolgt Schritt auf Schritt, mehr oder weniger schnell im Hinblick auf den Teil unseres Lebens, den diese Entwicklung beeinflusst, und normalerweise geschieht dies ohne übermässig traumatische Schocks. Um nur schon von nicht weit zurück liegenden Zeiten zu sprechen: Das Leben nach der ersten industriellen Revolution war nicht mehr dasjenige von vorher, denn die Menschen mussten sich völlig neu orientieren, um für ihr Einkommen andere Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen als jene, die ihnen durch die Mechanisierung abhanden gekommen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Leben nicht mehr wie vorher, weil die geopolitische Lage durcheinander gebracht wurde; die beiden einflussreichen grossen Blöcke USA und UdSSR erhielten die Oberhand über die anderen mehr oder weniger unabhängig gebliebenen Nationen, für England bedeutete dies das Ende seines Kolonialreiches, aber für fast alle war es der Beginn eines noch nie vorher so erlebten wirtschaftlichen Booms. Für diese und ähnliche Ereignisse von derartig grosser und irreversibler Tragweite muss man korrekterweise sagen: „Nichts wird mehr sein wie vorher“ (wenn auch das „nichts“ etwas gewagt sein mag). Aber es ist hingegen reine Rhetorik, diese Aussage auf Ereignisse zu beziehen, deren Effekte beschränkt und zeitlich absehbar sind. Das hat man beispielsweise nach Terrorattacken wie jener vom 11. September 2001 auf die Twin Towers getan, oder nach jener auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Man hat es früher wohl auch nach der Spanischen Grippe von 1918-20 getan, und man tut es heute wieder im Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Aber die Geschichte lehrt uns, dass es sich um ein kolossales Lügengebilde handelt. Sobald diese „Scheisse“ mal vorüber ist, wird alles wieder zur Normalität zurück kehren und dies – dank des wissenschaftlichen Fortschritts – besser als zuvor. Sicher muss die Sache vorsichtig angegangen werden – vielleicht werden die Schutzmasken und Handschuhe während einiger Zeit zu unserem Lebensalltag gehören, aber trotz aller Selbstgeisselungen und Schuldzuweisungen, die uns die Öko-Talibans zweifellos zu entlocken versuchen werden, werden wir nicht auf die Annehmlichkeiten für unsere Lebensgewohnheiten verzichten, die uns die Moderne vor Ausbruch der Krise verschafft hat und uns danach noch bereiten wird. Das war so bei der Spanischen Grippe anfangs Jahrhundert, die glücklicherweise den technischen Fortschritt nicht behindert und damit eine Reihe von nützlichen Erfindungen beschert hat, wie etwa praktische Haushaltgeräte, immer bessere Transportmöglichkeiten, Telekom-Einrichtungen, Radio, TV, etc. Sicher, es kam dann zum Zweiten Weltkrieg, der uns trotz seiner riesigen menschlichen Tragik dann allerdings den Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre gebracht hat, den Wiederaufbau und Jahre des Wohlstands. Nichts wird mehr sein wie vorher? Vielleicht nicht, aber sicher besser als vorher. Würde man die allgemein verbreitete irrazionale Panik durch eine gute Dosis Geduld und gesunden Fatalismus ersetzen, könnte man die gegenwärtige Krise besser bewältigen, und (fast) alles würde zur Normalität zurück kehren. Aber das wäre wohl zu viel verlangt.
Wir sollten auch nicht vergessen, was vorher alles schief lief
Es wäre tatsächlich gefährlich, die Lage zu vergessen, in welcher wir uns befanden, bevor der Coronavirus fast alle Aktivitäten lahm legte, namentlich die Politik. Die derzeitige Krise hat es dem immer EUhörigeren Bundesbern erlaubt, die Abstimmung über die Begrenzungsinitiative der SVP aufs Eis zu legen, wofür wahrscheinlich derzeitig der Wahlausgang zugunsten der Initiative angesichts des Infektionsrisikos durch die fast 330’000 Grenzgänger, die tagtäglich unsere Grenzen überschreiten, absehbar gewesen wäre. Aber wir müssen das Interesse an diesem Thema wach halten, wir dürfen nicht darauf warten, es erst wieder aus der Schublade zu ziehen, wenn der neue Abstimmungstermin fest steht. Und so müssen wir der Bevölkerung in Erinnerung rufen, dass die Personenfreizügigkeit – welche die Initiative de facto abschaffen will – bereits heute schädlich ist und es auch nach Beendigung des Coronavirus-Sturms bleiben wird. Bereiten wir uns also bereits jetzt vor, ein klares JA ohne wenn und aber in die Urnen zu legen, wenn der Moment dafür dann gekommen ist. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, dass als Kernpunkt in der gegnerischen Kampagne das Argument vorgebracht werden wird, dass es ohne die Hilfe von ausländischem Sanitätspersonal nicht möglich gewesen wäre, den Virus zu bekämpfen. Lassen wir uns nicht in die Irre führen. Wenn es eine Sache gibt, die Bundesbern hoffentlich gelernt hat, dann diese: Dass der Mangel an einheimischem Sanitätspersonal ein autochtones Problem darstellt, welches es mittels des Ausbaus der Ausbildung von einheimischem Personal zu lösen gilt, statt grossflächig auf ausländische Hilfe angewiesen zu sein.
Das andere Thema, das nicht vergessen werden darf, ist das institutionelle Rahmenabkommens mit der EU, welches im Moment nur von der SVP (und der Lega dei Ticinesi) mit allen Kräften bekämpft wird. Es handelt sich um einen Unterwerfungsvertrag, der uns vollends dem Willen der EU ausliefern würde. Wenn wir auf jegliche Selbstbestimmung verzichten, uns durch die Übernahme des EU-Rechts völlig dem Rechtssystem der EU unterwerfen würden (auch der EU-Gerichtsbarkeit, die abschliessend über praktisch sämtliche Interpretationsfragen in Sachen der Bilateralen Verträge beschliessen dürfte), wäre das für unser Land tödlicher als der Coronavirus. Aber leider wird man auch die Finanzkrise ins Feld führen, welche uns nach Überwindung des Gesundheitsproblems heimsuchen wird. Man müsse zwingend mit der EU zusammen arbeiten – wird man uns weismachen – um unseren Wohlstand zu erhalten bzw. wieder zu gewinnen, und unsere Freiheit würde allenfalls nur marginal davon beeinträchtigt. Genau dies wird uns Bundesbern predigen, wo man – ausgenommen die SVP – auf den EU-Beitritt hinsteuert.
Erinnern wir uns an einen Spruch von Goethe: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein“.
Leider wird auch Bundesbern „wie vorher“ sein. Es liegt an uns, diesem unseligen Trend entgegen zu wirken.