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Max Staehelin kam am 18. Februar 1880 als viertes Kind von Prof. Rudolf Staehelin und Marie (geb. Stockmeyer) in Basel zu Welt. Er wuchs in der Amtswohnung seines Vaters auf, im Frey-Grynaeischen Institut am oberen Heuberg in Basel. Er hing sehr an seiner Mutter und hatte umgehend Sehnsucht nach ihr, wenn er einmal nicht bei ihr sein konnte.
Staehelin besuchte das humanistische Gymnasium, spielte in seiner Freizeit viel Cello und verbrachte gesellige Abende in den Verbindungen Paedagogia und Zofingia. Seine Interessen und Begabungen waren vielseitig und so bereitete ihm die Berufswahl grosse Mühe. Er schloss wegen Vorbelastung des Elternhauses Theologie aus und entschied sich, Jurist zu werden. Er studierte in Basel, Berlin, Tübingen und Paris. Er schloss seine Studienzeit bereit 22-jahrig mit „hervorragenden Leistungen“ ab. Doch er war nicht wie man erwarten könnte ein Streber, sondern als lustiger und übermütiger Student bekannt.
Er heiratete am 22. März 1906 Martha Maeglin, aus der Ehe gingen die Kinder Martha Marguerite (1906) und Max (1909) hervor.
Als der Schweizerische Bankverein, eine Basler Grossbank, 1907 die Schweizerische Treuhandgesellschaft gründete, wurde Staehelin im Alter von nur 27 Jahren zu deren Direktor. Das Unternehmen entwickelte sich rasch und erlangte internationales Ansehen.
Im Frühjahr 1912 musste er geschäftlich nach Amerika reisen. Zusammen mit dem Verwaltungsratspräsidenten der Mutterfirma Bankverein musste er kurzfristig aufbrechen. Das nächste Schiff das den Reiseplänen der beiden entsprach, war die Titanic. Die Hintergründe der Reise sind nicht restlos geklärt, verschiedene Legenden ranken sich um die Gründe der Amerikafahrt. Fest steht, dass es Probleme gab mit der Firma Arnold B. Heine & Cie. in Arbon. Der Bankverein war durch die Übernahme der Schweizerischen Unionbank im Jahre 1897 eng mit den Gläubigern jener Bank verbunden, viele von ihnen in der Textilindustrie tätig. 1907 begann die Krise in der Strickereibrache, 1910 übernahm die Bank die Führung der Firma Heine um sie zu sanieren. Simonius übernahm 1911 gar den Vorsitz der Firma, die Angelegenheit wurde zu Chefsache, da viele Millionen Franken auf dem Spiel standen. Die Firma hatte in New York einen Ableger, es standen dringende Verhandlungen an.
Die beiden gingen in Southampton an Bord. Auf der Titanic begegneten Staehelin und Simonius der Familie Frölicher aus Zürich, die in Cherbourg zugestiegen ist. Max Frölicher war ebenfalls unterwegs, um bei seinen amerikanischen Textilfirmen zum Rechten zu sehen. Da die beiden Basler kurzfristig aufgebrochen waren, wussten sie nicht einmal, dass die Titanic zum ersten Mal nach Amerika fuhr.
Staehelin reiste in einer der günstigen Innenkabinen der Ersten Klasse, der Kabine B-50. Über die Aktivitäten Staehelins an Bord der Titanic ist wenig bekannt, ausser dass er die meiste Zeit mit Simonius und Frölicher verbrachte, und sie auch gemeinsam die Malzeiten einnahmen.
Einen Eindruck von Staehelins Erlebnissen in der Untergangsnacht gibt ein Bericht im Abendblatt der Frankfurter Zeitung vom 19. April 1912:
Der Untergang der „Titanic“.
Ein Augenzeuge der „Titanic“-Katastrophe.
New York, 18. April, 1 N. (Priv.-Tel.) Herzergreifende Szenen spielten sich ab, al heute Abend kurz vor 10 Uhr der Dampfer „Carpathia“ mit den Ueberlebenden der „Titanic“-Katastrophe am Dock der Cunard-Linie anlangte. Feiner Regen fiel. Indessen war draussen eine nach Tausenden zählende Menschenmasse versammelt, welche durch gewaltiges Polizeiaufgebot vom Betreten des Docks zurückgehalten wurde, wo nur Verwandte und Freunde, sowie Zeitungberichterstatter zugelassen waren. Auf dem Dock warteten auch Aerzte, Pflegerinnen und Tragbahren, indessen wurden weniger Kranke herangeschafft, als man vermutet hatte. Die meisten Frauen waren in Tränen aufgelöst, manche schluchzten und fielen in hysterische Krämpfe, wenn von den heimgekehrten Angehörigen einer oder der andere unter den Ankömmlingen fehlte. Alfons Simonius, der Präsident des Schweizer Bankvereins und Max Staehelin, Direktor der Schweizer Treuhand-Gesellschaft wurden am Dock von Dr. Winterfeld und Herrn Rose, dem Vertreter der Schweizer Bankfirma, in Empfang genommen. Beide fuhren zuerst zum Waldorf-Astoria, dann zum Ritz-Carlton; unterwegs bekam ich von Staehelin eine vollständige Katastrophe, welche im folgenden wiedergegeben ist:
Die Katastrophe.
Sonntag Abend waren Simonius, Max Fröhlicher und ich beim Dinner, das sich mit nachfolgender Unterhaltung bis halb 12 hinzog. Das Wetter war schön und sternenklar. Es war gegen Abend viel kälter geworden, sodaβ man die elektrische Hitze angedreht hatte. Das Schiff ging weiter unter volldampf, und alles an Bord war ruhig, wir trennten uns nun, und jeder ging in seine Kabine. Ich zog mich aus und war noch bei dieser Beschäftigung, als ich plötzlich ein zehn Sekunden währendes dumpfes Rollen vernahm, das mit einem leichten Stoβ eingesetzt hatte. Dieser war nicht stark genug mich umzuwerfen. Obwohl ich gar nicht daran dachte, daβ etwas besonderes passiert sein könne, trat ich auf den Gang hinaus und fragte einen Steward, was los sei. Der Mann versicherte mir, es sei nichts, und ich ging zurück. Indessen beschloβ ich, auf Deck zu gehen, hatte aber immer noch keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Ich zog mich wieder an, diesmal aber nicht die Abendgarderobe, die ich eben abgelegt hatte und ging an Deck.
Dorf fand ich dann auch Simonius, und wir entdeckten, dass auf dem unteren Deck eine groβe Menge Eis lag, das auf eine ziemlich weite Strecke den Boden bis zu einem oder zwei Fuβ aber auch noch höher bedeckte. Jetzt liess das Schiff eine groβe Menge Dampf ab, und wahrscheinlich infolge des zischenden Geräusches füllten sich bald die Decks. Indessen war von Aufregung keine Spur zu entdecken; denn die Schiffsmannschaft erklärte immerfort, es sei absolut nichts besonderes vorgekommen. Beruhigend wirkte es auch, daβ die Schiffsmusik zu spielen begann. Die Luft war ganz ruhig, weder Nebel noch Wind. Allerdings war es bedeutend kälter geworden. Das Schiff stand jetzt und nun sahen Simonius und ich auch Anstalten, die Rettungsboote herabzulassen. Die Schiffsmannschaft versicherte aber, dies geschehe nur als äusserste Vorsichtsmaβnahme, zu welcher absolut kein Grund vorhanden sei. Jedoch wurden dann die Damen der ersten Klasse ersucht, sich auf Deck zu begeben, wo die Boote zu besteigen waren. Als Simonius und ich dies sahen, glaubten wir, es sei an der Zeit, uns zum Verlassen des Schiffes fertig zu machen und so holte ich diejenigen Schriftstücke aus meiner Kabine, die mir die wichtigsten waren und legte sie in die Mappe, die ich hier trage. Auf Deck angekommen fanden wir schon viele Frauen in den Booten, aber fast gar keine Aufregung. Ja es gab manche Frauen die nicht hineingehen wollten, und so blieben viele Plätze frei. Als Simonius und ich dies sahen, gingen wir in eins der am wenigsten besetzten Boote, obwohl wir noch gar keine Befürchtungen hegten, da die „Titanic“ vollständig sicher schien, die Musik noch spielte und die Mannschaften gute Disziplin bewahrten, wenngleich sie ihre Aufregung nicht verbergen konnten. An den Untergang des groβen Dampfers dachte aber wohl kein Mensch, sonst wären sicherlich die Plätze in den Rettungsbooten schnell besetzt worden. Der Dampfer war allerdings am Bug ziemlich tief gesunken, auch standen die Maschinen vollständig, indessen funktionierte die elektrische Lichtanlage noch. Bevor die Boote hinabgelassen wurden, kamen dann manche Personen auf Deck, die mit Rettungsgürteln versehen waren, und nun drang auch die Schiffsmannschaft darauf, dass jeder einen solchen anlegen solle. Auch kamen jetzt Heizer und anderes Personal auf unser Deck, die sich auf die Rettungsboote stürzten. Sie wurden aber von anderer Mannschaft vertrieben. Unsere Boote wurden dann hinabgelassen und so waren wir bald unten auf dem Wasserspiegel, wo zuerst Mannschaft von der „Titanic“ wegruderte, die dann Simonius. ich und einige andere Männer ablösten.
Es gingen etwa sechszehn oder achtzehn Boote mit je zwischen 50 und 60 Personen ab. Als wir abstieβen, schien die Aufregung an Bord viel gröβer zu werden. Es wurden beständig Raketensignale abgelassen, und es herrschte augenscheinlich grosses Durcheinander. Wir fuhren drei bis vier Stunden in schneidender Kälte umher, bis die „Carpathia“ uns und andere aufnahm. Wir sahen die „Titanic“ nicht sinken, indessen hörte ich nachher, sie sei eine halbe Stunde später untergegangen. Die „Carpathia“ nahm auch ein zusammenlegbares Rettungsboot auf, das anscheinend leer hinabgelassen worden war. Wie auf der „Carpathia“ erzählt wurde, hatten sich um die Plätze in diesem Boot von Leuten, die im Wasser schwammen, wilde Kämpfe entsponnen, die damit endeten, dass siebzehn Mann von der Schiffsbesatzung und ein Genfer Student, dessen Namen ich nicht weiβ, darin Unterkunft fanden.
Der Korrespondent fragte: „War denn kein Anzeichen von nahender Gefahr entdecken gewesen?“
Antwort: „Simonius und ich haben nichts gesehen, nur fällt es mir jetzt auf, daβ es auf einmal so ausserordentlich kalt geworden war, Indessen hörte ich, als ich auf Deck gegangen war, daβ einige Herren, die noch im Pariser Salon gesessen hatten, den weisslich glänzenden turmhohen Berg plötzlich im Pfad des Schiffes gesehen hätten. Da indessen das Schiff schnell fuhr, war kein Entrinnen möglich gewesen.“
Staehelins Darstellung zufolge war sowohl in den Booten, wie auf der „Carpathia“ noch reichlich Platz. Mithin ist der Verlust vieler Menschenleben darauf zurückzuführen, daβ die Schiffsmannschaft, im Bestreben, eine Panik zu verhindern, in den entgegengesetzten Fehler verfiel und den Passagieren gegenüber jede Gefahr ableugnete.
Staehelin wurde im Rettungsboot 3 gerettet. Auf der Carpathia stellten Simonius und er freudig fest, dass die Familie Frölicher auch zu den Überlebenden zählte. In New York angekommen kümmerten sich die beiden Basler wie geplant um die Geschäfte, nachdem sie sich beim bekannten Modegeschäft Brooks Brothers am Broadway komplett neu eingekleidet hatten. Die Rückkehr erfolgte am 7. Mai 1912 mit dem Hapag-Dampfer Victoria Luise (die ehemalige Deutschland).
Als Jurist und Direktor der Treuhandgesellschaft wurde er immer wieder vom Mutterhaus Bankverein als Berater beigezogen. Die Universität Basel ernannte ihn zum Ehrendozenten, da es ihm durch die beruflichen Verpflichtungen nicht mehr möglich war, regelmässig Vorlesungen zu halten. Als 1928 der Verwaltungsratspräsident des Bankvereins, Léopold Dubois (direkter Nachfolger von Alfons Simonius) starb, stieg Staehelin zu dessen Nachfolger auf. Unter ihm überstand die Bank die Krise der dreissiger Jahre und den 2. Weltkrieg. Ausserdem war Staehelin von 1928 bis 1961 im Verwaltungsrat der Chemie-Firma CIBA (heute Novartis), zwischen 1944 und 1956 gar als Präsident.
Max Staehelin litt an schweren Herzbeschwerden und zog sich mit seiner Frau zurück und verbrachte die Sommermonate am liebsten in Vitznau. Im Oktober 1955 starb seine Frau Martha, ein Schlag von dem er sich nicht mehr erholte.
Als 1956 das Buch „Die Letzte Nacht der Titanic“ (engl. A Night to Remember) von Walter Lord auf den deutschsprachigen Markt kam, interviewte die Schweizer Illustrierte Zeitung den Basler. In der Wochenzeitung wurde das Buch auszugsweise vorabgedruckt, und beim sechsten Teil der Serie gab es als „Bonus“ ein Bericht über Staehelin:
Dr. Max Stähelin, einer der wenigen Schweizer, die an der ersten und letzten Ueberfahrt der „Titanic“ teilnahmen, wird heute noch vom Grauen gepackt, wenn er an das verhängnisvolle Geschehen zurückdenkt. Er machte die Fahrt aus geschäftlichen Gründen mit und erfuhr erst auf dem Schiff, dass es sich um eine Jungfernfahrt handelte. Während der Ueberfahrt sonderte er sich mit einigen Freunden ab, und dieser Tendenz verdankte er auch seine Rettung. Eigentlich hatte er mit einem Partner die Absicht, auf dem Schiff zu bleiben, denn niemand dachte ernstlich an einen Untergang, obwohl sich der Koloss schon bald nach dem Zusammenstoss zu Seite neigte. Als er aber abseits der sich in der Schiffsmitte versammelnden Masse der Passagiere dem Ausschwenken eines halbvollen Rettungsbootes zuschaute, las er im Gesicht des kommandierenden Matrosen Zeichen einer panischen Angst und begriff plötzlich. dass eine riesige Katastrophe bevorstand. Das Rettungsboot hätte noch etwa 20 Leute aufnehmen können, aber es war niemand zur Stelle, und der Matrose wollte keine Sekunde mehr warten. Das Schiff neigte sich immer mehr. Der Matrose befürchtete Havarien mit der Schiffswand und befahl die Abfahrt. Da sprangen Dr. Stähelin und sein Begleiter ins Boot. Als Ruderer musste er sogleich mithelfen, und mit aller Kraft versuchen die Schiffbrüchigen, aus dem Bereich des Riesen wegzukommen. In der tiefen Nacht sah man nur die Lichter und knapp die Umrisse des Schiffes. Es wimmelte von Eisbergen „wie an der Diavolezza“. Nach einer halben Stunde etwa löschten die Lichter aus. Am Morgen um 6 Uhr gewahrten sie die „Carpathia“, die an der Stelle lag, wo die „Titanic“ in der Nacht untergegangen war. – „Ich lese den Bericht in der ‚Schweizer Illustrierten Zeitung‘. Er enthält eine zweifellos wahre Schilderung der Vorgänge, die ein einzelner in dem furchbaren Lärm und bei den gewaltigen Dimensionen des Schiffes ja nie hätte überblicken können.“
Max Staehelin stirbt am 3. August 1968 in Basel und wird am 7. August auf dem Friedhof Hörnli beigetzt. Das Familiengrab kann heute noch besucht werden. Der Friedhof Hörnli ist der grösste Friedhof der Schweiz, darum ist die genaue Standortangabe wichtig. Das Grab befindet sich in der Abteilung 8, Sektion 1, Grab 38.