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Forrest, you don’t know what love is!
Es gibt vermutlich unzählige Irrtümer über «Forrest Gump», den Film und die Figur. Der von Jenny ist wohl der brutalste. Forrest Gump ist vielleicht kein kluger Mensch, aber was Liebe ist, das weiss er ganz genau. Intellektuell ist er zwar ein wenig unterentwickelt, dafür ist er zuverlässig und kann (fast) keine Lüge erzählen. Die Schöpfung von Schriftsteller Winston Groom, Drehbuchautor Eric Roth, Regisseur Robert Zemeckis und Schauspieler Tom Hanks rührt mich wie keine andere Filmfigur zu Tränen.
In den 50er-Jahren wächst Forrest Gump (Michael Conner Humphreys) in Greenbow, Alabama bei seiner alleinstehende Mutter (Sally Field) auf. Der Vorname stammt vom Rassisten Nathan Bedford Forrest und soll ihn daran erinnern, dass Menschen manchmal Dinge tun, die einfach keinen Sinn machen. Seine Mutter setzt sich dafür ein, dass ihr geistig und zunächst auch körperlich leicht zurückgebliebener Junge die öffentliche Schule besuchen darf. Jenny (Hanna R. Hall) ist dort allerdings die einzige Person, die ihn wie einen Gleichwertigen behandelt.
Das behindert Forrest nicht wirklich in seiner Entwicklung. Einfache Aufgaben meistert er nämlich mit Bravour. So wird eines Tages der Football-Coach auf den schnellen Jungen (Tom Hanks) aufmerksam. Der «lokale Idiot» rennt nämlich wie der Wind. So darf auch Forrest ans College und erhält nach nur fünf Jahren einen Abschluss: «Now can you believe it? After only five years of playing football, I got a college degree.» Sozialkritik ist in «Forrest Gump» reichlich vorhanden. An dieser Stelle wird die seltsame Selektion von Sporttalenten durch Bildungsinstitute hinterfragt.
Der eigentliche Sinn einer Ausbildung nimmt Forrest gar nicht wahr. Ebenso wenig wie die heftigen sozialen Umwälzungen um ihn herum. Forrest reagiert durch unmittelbare Gefühle und Gedanken auf seine Umgebung. So überlegt er auch nicht zweimal, als er nach seiner Abschlussfeier von einem Anwerber der Armee angesprochen wird. Im Ausbildungslager trifft er auf den ebenfalls nicht übermässig komplexen Benjamin Buford Blue (Mykelti Williamson), kurz Bubba genannt. Im Verlauf der Grundausbildung freunden sie sich an.
Mit seinen geistigen Fähigkeiten und dem vorbildlichen Pflichtbewusstsein ist Forrest im Militär genau an der richtigen Stelle: «Now for some reason I fit into the army like one of them round pegs. It’s not really hard. You just make your bed real neat and remember to stand up straight and always answer every question with <Yes, drill sergeant!>» Wer das als lobende Worte für die Kriegsmaschinerie versteht, ist in der Armee ebenfalls bestens aufgehoben. Für Forrest wird die Verpflichtung allerdings lebensgefährlich, als er nach Vietnam verschoben wird.
Für Forrest macht auch die ständige Suche nach Charlie nicht wirklich viel Sinn. Aber die langen Spaziergänge gefallen ihm. Dennoch erkennt er, dass der Krieg in Vietnam eine einzige Verschwendung ist: «Now, I don’t know much about anything. But I think some of America’s best young men served in this war.» Die absurde Verliebtheit der USA in Heldenhaftigkeit im Krieg wird in dieser Episode durch die Figur von Leutnant Dan Tayler (Gary Sinise) hervorgehoben. Wenn auch immer die USA einen Krieg geführt haben, ist ein Taylor ehrenhaft gefallen.
Ausgerechnet Forrest setzt dieser zweifelhaften Tradition endlich ein Ende. Als die Einheit von Taylor unter Beschuss gerät, rettet der schnelle Läufer mehrere Soldaten und auch seinen Anführer. Dem werden anschliessend die Beine amputiert. Nicht nur deshalb richtet Taylor schwere Vorwürfe an Forrest: «Did you hear what I said? You cheated me. I had a destiny. I was supposed to die in the field.» Forrest versteht aber sehr wohl, was es bedeutet, seine Beine nicht gebrauchen zu können, musste er doch als Kind Beinspangen tragen, um seine Körperhaltung zu korrigieren. Ob es ein Schicksal gibt, wagt er zudem zu bezweifeln.
Von Behinderungen lässt sich Forrest jedoch sowieso niemals unterkriegen, sondern geht beharrlich seinen Weg. Der wird ihm durch seine Begabungen vorgezeichnet. So entdeckt er im Militärspital sein Talent als Ping-Pong-Spieler. Diese Fähigkeit bringt ihn bis nach China und als Dank für seine Leistungen trifft er nach John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson auch noch einen dritten Präsidenten. Vorteilhaft ist aber vor allem sein Vertrag mit einem Hersteller von Ping-Pong-Schlägern, der es Forrest ermöglicht, ein Versprechen an Bubba einzulösen.
Forrest wird Kapitän eines Garnelenschiffs. Erfolg hat er als Fischer aber vorerst nicht. Das ändert sich kurz nachdem Dan Taylor aus New York ankommt und ebenfalls ein Versprechen einlöst: Er heuert als erster Offizier an. Wenig später wird die gesamte Konkurrenz durch einen Wirbelsturm zerstört. Als einziger Lieferant von Garnelen werden Forrest und Taylor stinkreich und gründen die Bubba Gump Shrimp Company. Doch in diesem Moment des Glücks erreicht Forrest auch eine erschütternde Nachricht: Seine Mutter liegt im Sterben.
Seiner Mutter verdankt Forrest sein relativ sorgenfreies Leben – und einen reichen Schatz an unerschütterlichen Lebensweisheiten. Der Einführungssatz im Roman von Winston Groom lautet: «Let me say this: bein a idiot is no box of chocolates.» Daraus formte Drehbuchautor Eric Roth («The Curious Case of Benjamin Button») gleich zwei Leitsätze des Films. Der erste, häufig verwendete besagt: «Stupid is as stupid does.» Er dient Forrest als prägnante und unwiderlegbare Antwort auf die oft gestellt Frage, ob er eigentlich dumm sei.
Die berühmteste Redewendung aus dem Film ist aber ganz bestimmt die Antwort, die er von seiner Mutter auf dem Sterbebett erhält, als er sie nach seinem Schicksal fragt: «You gonna have to figure that out for yourself. Life is a box of chocolates, Forrest. You never know what you’re gonna get.» Ob diese eigenartigen Sprichwörter tatsächlich einen Sinn ergeben, spielt nicht wirklich eine Rolle. Hauptsache, sie lassen Forrest die Welt verstehen. Was er von seiner Mutter neben Erklärungen auch erhält, ist aber vor allem bedingungslose Liebe. Die würde er auch gerne an eine bestimmte Person weitergeben.
Dear God, make me a bird, so I can fly far; far, far away from here.
Während Forrest von einem Abenteuer ins nächste stolpert, denkt er immer auch an seine Jugendliebe Jenny (Robin Wright). Ihr begegnet er immer wieder, bemüht sich um ihre Zuneigung. Doch obschon Forrest ein fester Anker im Leben von Jenny ist, kann sie sich nicht auf ihn einlassen. Sie wurde von ihrem Vater missbraucht und trifft durch diese Erfahrung meistens falsche Entscheidungen. Sie verletzt Forrest durch ihre Aussage, dass er keine Ahnung hat, was Liebe ist. Aber im Grunde wagt sie es einfach nicht, sein reines Herz durch ihre Beflecktheit zu verletzen.
Vögel sind das Sinnbild im Leben von Jenny. Als Kind bittet sie Gott, in einen Vogel verwandelt zu werden, damit sie den Schrecken des Vaters entkommen kann. Später überlegt sie sich auf einer Brücke und auf dem Geländer eines Balkons, ob sie ihrem vergeudeten Leben ein Ende setzen soll, während Lynyrd Skynyrd vom «Free Bird» singen. Wirklich frei ist dieser Vogel aber nicht, sondern gefangen von ihrer düsteren Vergangenheit. Erst als sie im Grab liegt, lassen sich die Vögel auf ihrem Baum nieder.
Nach dem Tod von seiner Mutter taucht Jenny kurz im Haus von Forrest auf. Als er sie fragt, ob sie ihn heiraten würde, lehnt sie ab. In der Nacht steigt sie zu ihm ins Bett und gesteht ihm, dass sie ihn liebt. Aber am nächsten Tag ist sie bereits wieder verschwunden. Für Forrest bricht eine Welt zusammen. Regisseur Robert Zemeckis stellt an dieser Stelle den Ton des sonst fast ununterbrochen mit Musik gefüllten Soundtracks für über eine halbe Minute fast vollständig ab. Erst allmächlich schwillt die Musik von Alan Silvestri wieder an und Forrest setzt sich in Bewegung: «I just felt like running.»
Die kurioseste Episode im Leben von Forrest ist sicher dieser mehrfache Lauf durch die USA. Über drei Jahre durchquert Forrest mehrmals das Land und findet dabei langsam auch eine Anhängerschaft, die ausgerechnet aus dieser sinnentleerten Aktion eigene Hoffnung schöpft. Dabei hat Forrest wie so üblich eine Entscheidung ganz aus dem Bauchgefühl getroffen: «You got to put the past behind you, before you can move on. And I think that’s what my running was all about.» Wie schon in etlichen früheren Ereignissen entdeckt Forrest auf seine ganz eigene Weise die Eigenschaften der USA.
Schliesslich gibt es doch noch ein versöhnliches, wenn auch bittersüsses Ende. Auf der Parkbank bei einer Bushaltestelle sitzt Forrest seit Beginn des Films, weil er von Jenny einen Brief erhalten hat. Sie teilt ihm mit, dass sie an einer Krankheit leidet und Forrest Vater von einem Sohn (Haley Joel Osment) ist, den sie Forrest getauft hat. Wenig später stirbt Jenny an einer Hepatitis-Infektion. Forrest Gump und Forrest Gump bleiben zurück.
Wieso ausgerechnet dieser Film vermutlich mein absoluter Lieblingsfilm ist, kann ich nur schwer rational erklären. «Forrest Gump» enthält auch einige wenig gelungenen Szenen und diverse Ungereimtheiten. Als beispielsweise Forrest einmal von Mitschülern in einem Auto verfolgt wird, verändert sich der Abstand zwischen Forrest und dem Auto in jeder Einstellung. Die Inszenierung von Robert Zemeckis ist trotz technischer Virtuosität und unzähligen ikonischen Aufnahmen ganz bestimmt nicht völlig perfekt. Aber der Film rührt mich wie fast kein anderer.
Auch wenn mich «Forrest Gump» in erster Linie emotional begeistert, mag er mich auch intellektuell befriedigen. Roth und Zemeckis ergründen die fundamentalen Eigenschaften der USA. Der galante Idiot dient dabei als Projektionsfläche für alle möglichen Überzeugungen und Vorurteile. Leicht ironisch und doch nie abwertend werden schonungslos die positiven und negativen Entwicklungen im Land der nicht ganz unbegrenzten Möglichkeiten aufgezeigt. Auch die Philosophie, dass das Leben irgendwo zwischen Schicksal und Zufall schwebt, trifft voll meine Einstellung.
Paramount lässt «Forrest Gump» auf Blu-ray-Disc in der «Sapphire Series» erscheinen. In dieser Reihe sind in den USA schon «Braveheart» und «Gladiator» erschienen. Da die Rechte für diese beiden Filme im deutschsprachigen Raum allerdings nicht bei Paramount liegen, ist «Forrest Gump» hierzulande bisher die einzige Erscheinung unter diesem Label. Bild- und Tonqualität sind zwar nicht ganz tadellos, aber doch ausgezeichnet und eine markante Verbesserung gegenüber der DVD.
Neben dem Bonusmaterial der «Special Collector’s Edition»-DVD von 2001 wurden für die Blu-ray-Disc auch noch etliche neue Extras in High Definition hinzugefügt. Musikexperte Ben Fong-Torres, der aus «Untitled» bekannte Musikredaktor der Zeitschrift «Rolling Stone», führt in einem 35-minütigen Beitrag durch die Musikgeschichte des Films, und in einem kurzen Osterei erklärt Winston Groom die Herkunft des Namens seiner Titelfigur.
Die besten Extras sind einerseits ein 27-minütiger Bericht über die Entstehung des Drehbuchs. Darin wird erklärt, wie sich die Handlung durch die mehrjährige Entwicklung und teilweise auch noch während den Dreharbeiten allmählich verändert hat. Andererseits sprechen Zemeckis, Roth, Hanks und Sinise in einem anderen Beitrag (55 Minuten) vor Filmstudenten über die Entstehung des Films. Abzug erhält das vorzügliche Bonusmaterial einzig, weil keine entfallenen Szenen enthalten sind, obschon zwei davon in verschiedenen Beiträgen erwähnt werden, und immer noch kein Audiokommentar mit Tom Hanks aufgenommen wurde.
Bewertung:
Bild-/Tonqualität (Blu-ray):
Bonusmaterial (Blu-ray):
(Bilder: ©Paramount)
2 Kommentare to “«Forrest Gump» von Robert Zemeckis (Blu-ray)”
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