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Eine Rezension der ganz besonderen Art – spannend und kritisch zugleich – zu sieben Büchern über Kuba hat Frank Müller bei Literaturkritik.de geschrieben. Hier ein Ausschnitt:
Am 27. Oktober 1492 erhielt Colba, wie die Eingeborenen die größte ihrer Inseln nannten, Besuch von spanischen Seefahrern. Ihr Admiral, der Genuese Christoph Kolumbus, wähnte sich auf Zipangu, jener sagenumwobenen Insel, die dem von Marco Polo erwähnten Reich des Großkhans vorgelagert war. Kolumbus war jedoch nicht in Japan, wie Zipangu damals genannt wurde, sondern auf Kuba gelandet. Bei der Begegnung mit den Ureinwohnern waren den ins Landesinnere entsandten Männern seltsame „Fackeln“ aus gedrehten Blättern aufgefallen, die an einer Seite angezündet wurden, um den an der anderen Seite entstehenden Rauch zu inhalieren. Der Nichtraucher Kolumbus schenkte aber weder dem Tabak noch dessen außergewöhnlichem Aroma die geringste Aufmerksamkeit. Den unfreiwilligen Entdecker der Neuen Welt trieb nämlich vor allem eines um: die Gier nach Gold.
Die Ignoranz des Spaniers darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tabak den Taino-Indianern nicht etwa dazu diente, „ihr Fleisch zu betäuben“, wie Kolumbus etwas verächtlich ins Bordtagebuch notiert hatte. Im Gegenteil. Die getrockneten Blätter spielten eine wichtige Rolle im sozialen Leben und waren darüber hinaus ein unentbehrliches Element zahlreicher religiöser Riten. Seit 1865 – die Kolonialherren hatten sich längst der Geheimnisse der Tabakkultivierung bemächtigt – verwandelten sich in den Zigarren-Manufakturen die Pulte der Vorleser in Tribünen freien Denkens. Zum ständigen Programm der auf diese Weise intellektuell ‚geerdeten‘ Arbeiter gehörten Balzac, Jules Verne, H. G. Wells und Zola.
Der Zigarrenrauch umnebelt sodann die beiden Unabhängigkeitskriege. Als 1895 José Martí, der noch heute verehrte kubanischer Volksheld, zum Widerstand gegen die spanische Herrschaft aufrief, war sein Manifest symbolträchtig in ein Zigarrendeckblatt eingerollt. Schon zuvor hatte er den Aufständischen von Key West aus geheime Botschaften in Zigarren übermitteln lassen.
Nicht zuletzt war die Zigarre auch ständiger Begleiter der Revolutionäre – darüber belehrt der inzwischen leider vergriffene Fotoband „Kuba – Eine Revolution in Bildern“ (1999) von Osvaldo und Roberto Salas. In Fidel Castros Revolution gegen General Batista taten sich die Zigarrenarbeiter – als Nachfahren ehemaliger Sklaven waren die Kubaner afrikanischer Abstammung bis dahin von der politischen Macht weitgehend ausgeschlossen – durch ihr ausgeprägtes politisches Bewusstsein hervor. Und als Gefangener erhielt der Comandante Botschaften, die, Martí lässt grüßen, in Zigarren steckten. Das Emblem des von ihm bevorzugten Glimmstengels zeigte den eingeborenen Krieger Hatuey vom Stamm der Taino, also einen Kubaner der präkolumbianischen Epoche. „Cohiba“, heute der Name einer berühmten Sorte, ist ebenfalls ein Wort der Taino-Sprache und bedeutet ‚Tabak‘.
Warum ich mit einem so ausgedehnten Exkurs in die Geschichte dieses Nachtschattengewächses und der aus ihm angefertigten Zigarre beginne, möchten Sie erfahren? Aus zweierlei Gründen. Erstens, weil sich in diesem unscheinbaren Stab aus gezwirbeltem Blattwerk ein gutes Stück kubanischer Geschichte verdichtet. Ernesto ‚Che‘ Guevara, ebenfalls ein Aficionado und wie Castro ein glühender Verehrer der Zigarre, betonte immer wieder, dass sie das einzige kubanische Nationalerzeugnis sei. Die Zigarre dokumentierte die Fähigkeit des sozialistischen Staates zur Hervorbringung eines Erzeugnisses, das an Qualität sämtliche kapitalistischen Marken weit übertraf. Selbstbewusst wurde sie wichtigen Staatsmännern wie Chruschtschow, de Gaulle, Mao Tse-tung und Churchill zum Verzehr angeboten.
Der zweite Grund ist, dass sich für den europäischen Betrachter das Selbstbewusstsein und der Eigensinn Kubas in keinem anderen Produkt als der Zigarre so schnell und beinahe rückstandsfrei in blauen Dunst auflöst. Ihr Genuss setzt kein Verständnis voraus; jeder kann sie sich nonchalant in die Tasche stecken, oder besser, im exklusiven Humidor unter Verschluss halten. Da braucht es Gegenbilder und Folien, die unsere verzerrten Vorstellungen von der kubanischen ‚Lebensart‘ korrigieren helfen.
Die vollständige Rezension bei Literaturkritik.de.