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Bevor das Radio im Jahr 1922 geboren war, hatte es bereits Ende des 19. Jahrhunderts erste Versuche gegeben, die Leute zu unterhalten. Wer Opernaufführungen liebte, kaufte sich beispielsweise in Paris ein «Théâtrophone»-Abonnement und konnte an den Telefonhörern Opernaufführungen hören. Das Telefon wurde so zum Vorläufer der Verbreitung des Radios.
Ab 1910 standen in der Schweiz bereits einige Radiowellenempfänger in Uhrengeschäften. Über die damals neuartigen Geräte empfingen die Uhrmacher das Zeitzeichen des Eiffelturms und konnten damit ihre mechanischen Uhren exakt einstellen.
Flugplatzsender «Champ-de-l’Air» wird zum ersten Radio
Die allererste «Radiosendung» reklamierte die Flugfunkstation Lausanne für sich. Der Techniker und Funker Roland Pièce übertrug im Herbst 1922 Musik ab einem Wachswalzen-Phonographen via Sprechfunkmikrofon zu Flugzeugbesatzung und Passagieren der Fluglinie Lausanne-Paris.
Auf diesem Weg übertrug man normalerweise nur Wetterdaten und Wetterprognosen. Wahrscheinlich am 26. Oktober 1922 – das genaue Datum gilt historisch als nicht gesichert, lediglich der Monat Oktober – wurde der Sender «Champ-de-l’Air» offiziell eingeweiht, mit einer erste Übertragung ins Hotel Beau Rivage in Lausanne-Ouchy.
Zuhörer waren geladene Gäste, Vertreter des Bundes, des Kanton Waadt und der Stadt Lausanne sowie der französische Botschafter in der Schweiz. Das Radio war geboren. Roland Pièce wurde damit in der Schweiz zum Radiopionier der ersten Stunde.
Riesige Antennen und miserabler Empfang
Es war eine Sensation, dass das neue Medium Rundfunk die weite Welt in die gute Stube brachte. Man musste allerdings in den Anfängen unpraktische Kopfhörer tragen und die Zuhörenden waren damit an den Apparat gefesselt.
Modernere Lautsprecher setzten sich dann in den 1930er-Jahren durch. Radiohören war in den ersten Jahren ein ‹berauschendes› Erlebnis. Knacken, Rauschen und Störgeräusche prägten das Hörerlebnis. Ausländische Sender sendeten oft in besserer Qualität.
Bund sichert sich Hoheit übers Radio
Der Bund war ab Beginn der Entwicklung die Konzessions- und Aufsichtsbehörde und hatte damit die Macht über das neue Medium. 1923 bewilligte er erste reguläre Radiosendungen mit den Flugfunksendern.
Es sagen’s dir Müller, Pfister und Krause: kauf ein Radio und bleibe zu Hause.
Daraus bildeten sich offiziell mehrere (private) Radioveranstalter heraus: 1923 Lausanne, 1924 Zürich, 1925 Bern und Genf, 1926 Basel. Das Radiofieber brach aus. Das erste elektronische Massenmedium überhaupt nahm Fahrt auf.
Der Nebelspalter textete: «Es sagen’s dir Müller, Pfister und Krause: kauf ein Radio und bleibe zu Hause.» 1923 gab es rund 1000 Empfangskonzessionen. 1930 waren es bereits mehr als 100’000.
In den 1920er-Jahren finanzierten sich die Radioveranstalter durch Empfangsgebühren der Konzessionäre und durch Beiträge von privater und öffentlicher Seite. Werbung war untersagt.
Die privaten Radioveranstalter gerieten so an den Rand des Bankrotts. Deshalb beschloss der Bundesrat, die Ressourcen zu konzentrieren und gründete 1931 die Schweizerische Rundspruchgesellschaft SRG, heute: Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft.
Das erste richtige Radiostudio
Das Radio hatte zwar viel Begeisterung ausgelöst. Es gab aber auch Kritik: Das Radio sei zu wenig anspruchsvoll.
Das kann nur durch rücksichtslose Selbstkritik und fleissigste Arbeit geschehen.
Hans-Heinrich Zickendraht, Physiker, Radiopionier und Mitgründer der Basler Radiogenossenschaft, verkündete bei der Eröffnung des Radio Basel: «Der Rundspruch verfolgt Ideale, nationale und internationale Ziele. Andererseits machen uns unsere ernstzunehmenden Gegner auf die verflachende Wirkung missgeleiteten Rundspruchs aufmerksam. An uns ist es daher, das Niveau zu heben. Das kann aber nur durch rücksichtslose Selbstkritik und fleissigste Arbeit geschehen.»
Das erste speziell für Radiozwecke errichtete Studiogelände der Schweiz wurde 1933 an der Brunnenhofstrasse in Zürich errichtet und blieb bis Ende August 2022 in Betrieb.
Tonbandzeit und Zeit der grossen Reportagen
In den Anfängen wurde nur am Nachmittag und am Abend gesendet. Die Nachrichten, der Wetterbericht und das regelmässig gesendete Zeitzeichen strukturierten das Programm. Klassische und volkstümliche Musik wurde ab Konserve oder live gespielt.
Lesungen, Vorträge, Hörspiele, Gespräche und Predigten ergänzten das Programm. Selten wurde beispielsweise auch bei Fussballspielen der Kommentar live via Telefon ins Studio übermittelt.
Druck der Zeitungsverleger schränkte ein
Explizit politische Sendungen waren aber verboten, Sendungen mit belehrendem Inhalt hingegen Verpflichtung; auch noch lange nach der Gründung der SRG. Auf Druck der Zeitungsverleger durften die Radios nicht einmal die Nachrichten produzieren. Diese wurden von der Nachrichtenagentur SDA zusammengestellt und verlesen.
Mit den ersten brauchbaren Tonaufzeichnungsgeräten ab Mitte der 1930er-Jahre konnten Sendungen vorproduziert und zeitverschoben ausgestrahlt werden. Dies ermöglichte, dass Sendungen auch mehrfach ausgestrahlt werden konnten.
Die Radioreporter verliessen nun immer mehr das Studio und es kam die Zeit der grossen Reportagen mit Reportagewagen über grosse Sportereignisse, Feste, Bräuche oder etwa Firmen.
Radio als Instrument der geistigen Landesverteidigung
Reportagen aus dem Schweizer Alltag förderten den nationalen Zusammenhang. In der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs wurde das Radio das wichtigste Instrument der geistigen Landesverteidigung.
Der Bundesrat setzte die Konzession ausser Kraft und nutzte das Radio als Propagandainstrument. Regelmässig wurden Reden von General Guisan zur Stärkung des Wehrwillens übertragen. Bei den Hörerinnen und Hörern beliebt war die Weltchronik des Historikers Jean-Rudolf von Salis.
Strassenfeger und Korrespondenten vom Beromünster
Nach Kriegsende wurde Unterhaltung wieder grossgeschrieben. Hörspiele, wie zum Beispiel «Polizischt Wäckerli», waren Strassenfeger und boten Gesprächsstoff am Stammtisch und zu Hause. Das Radio setzte zum Höhenflug an.
1949 konnte der millionste Radiokonzessionär begrüsst werden. Das Programm wurde laufend ausgebaut. Ab 1945 leistete sich das Radio eigene Korrespondenten. Für Radio Beromünster waren dies Hans O. Staub in Paris, Theodor Haller in London und Heiner Gautschy in New York.
Das Radio im Kalten Krieg
In der Zeit des Kalten Krieges durfte nicht alles gesendet werden. Sendeverbot erhielt zum Beispiel der Kabarettist Alfred Rasser wegen einer Chinareise. Und wer einmal nach Russland gereist war, wurde im Radio nicht mehr beschäftigt.
Immer noch war das Programm edukativ, die Kultur musste ‹eine gewisse Höhe› haben. Der Sprechstil war immer noch eher gestelzt. Deshalb wanderte auch ein Teil der Jugend zu ausländischen Sendern ab.
Das Fernsehen als Konkurrenz
Das Fernsehen in der Schweiz nahm 1958 seinen definitiven Sendebetrieb auf. Bereits in den 60er-Jahren gab es einen rasanten Zuwachs an Fernsehzuschauenden. Damit verlor das Radio einen Teil seiner bisherigen Bedeutung.
Radio wurde zu einem Begleitmedium, das informiert und unterhält. Damit kam immer mehr auch das individuelle Radiohören in allen Lebenslagen auf; auch dank der Erfindung des (mobilen) Transistorradios.
Piratensender, Privatradios, Vervielfachung der Radiolandschaft
In den 60er-Jahren machten erste Radiopiraten von sich reden. In den 70er-Jahren herrschte ein regelrechter Boom. Es gab Sender mit kommerziellen und deren mit politischen Absichten: Radio Schwarze Katze, Sender radioaktiv-freies Gösgen, feministische Wällehäx, Radio AJZ, Radio Kangohammer, und viele mehr.
Eine erste richtige Konkurrenz erwuchs der SRG durch Roger Schawinski mit Radio 24. 1983 vergab der Bundesrat 36 Konzessionen an private Lokalsender. Die SRG antwortete auf diese Herausforderung im selben Jahr mit der Gründung der Jugendsender Couleur 3 und DRS 3, heute SRF 3. Heute sind die privaten Radios durch die Ausstrahlung auf DAB+ zu nationalen Radios geworden, die, wie die SRG-Radios, vom Gebührentopf profitieren.
Das Radio in der Medienwelt 2022
Heute ist das klassische Radio Teil einer riesigen elektronischen Medienwelt geworden. Es erhält immer mehr Konkurrenz aus dem Internet. 2006 startete Spotify seinen Audiostreamingdienst. Heute sind so Millionen von Musikstücken, Hörbüchern und Podcasts, also digitale Audioproduktionen, über das Internet verfügbar. Sie lassen sich herunterladen oder streamen.
Radio wird auf zahlreichen Kanälen ausgespielt und ist nur noch eines von unterschiedlichsten digitalen Angeboten geworden: Audio, Fernsehen, Video, Onlinemedien. Jüngere Generationen sind mit klassischem Radio nicht mehr so gut erreichbar, aufgrund der wachsenden Internetkonkurrenz. Trotzdem ist die Reichweite in der Deutschschweizer Bevölkerung nach wie vor hoch.
Die Zukunft des klassischen Live-Radios wird ein Nebeneinander von Radio und Podcasts sein, die je unterschiedliche Bedürfnisse bedienen. Das Radio – über ein Radiogerät empfangen – wird auch in Zukunft begleitend sein. Podcasts, also Audioinhalte auf Abruf – in erster Linie über Smartphones und Kopfhörer empfangen – werden konzentriert konsumiert.