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Was bedeutet Crowdsourcing und was hat der RBS damit zu tun?
Als ich 2014 zum RBS stiess, kam ich neben dem Aufbau der Social-Media-Kanäle schnell mit einem weiteren Projekt in Berührung: der "neuen S7". Wir standen intern noch ganz am Anfang und ich sollte Vorschläge bringen, wie wir die Fahrgäste und Anwohnenden im Worblental auf sinnvolle Weise in die Beschaffung einbinden könnten. Mit dem Start der Social-Media-Kanäle im August 2014 war ich schnell mit den aktuellen Problemen auf der S7 in Berührung gekommen. Im Sommer, im Winter und in der Übergangszeit war es zu heiss in den Mandarinli und die eigentlich sehr zuverlässigen und vor 40 Jahren rundum neuartigen Züge für die grosse Zahl an Pendlern einfach nicht mehr zeitgemäss.
Die Idee und wie es nicht funktioniert
Crowdsourcing (von englisch "crowd" für "(Menschen-)Menge", und "sourcing" für "Beschaffung") bezeichnet das Auslagern von traditionell internen Aufgaben an eine Gruppe freiwilliger User, oft über das Internet. Der Begriff ist erst seit 2006 geläufig, hat aber eine grosse Erfolgsgeschichte hinter sich – das beste Beispiel ist das weltgrösste Lexikon, die Wikipedia (woher wir auch diese Definition zitieren- mehr zu Wikipedia unten in diesem Beitrag). Negativ-Beispiele für misslungene Crowdsourcing-Kampagnen gab es allerdings schon 2014 genug:
Der Klassiker: Pril rief dazu auf, "kreative Flaschenetiketten für die Spülmittelmarke Pril zu gestalten". die Gewinner-Etikette war dann das krakelige "schmeckt lecker nach Hähnchen!". Mehr zu Pril hier.
Ein aktuelleres Beispiel ist ein britisches Forschungsschiff, die RRS Sir David Attenborough. Ihr Name wurde ebenfalls in einem Crowdsourcing ausgewählt. Den ersten Platz erreichte der Name "RRS Boaty McBoatface". Das war der britischen Forschungsgesellschaft allerdings etwas zu gewagt und sie entschieden sich gegen die öffentliche Meinung für den britischen Tierfilmer.
In beiden Fällen wurden die Phasen der Findung und des Sammelns der Vorschläge gekoppelt mit der Abstimmung über den neuen Namen. Dadurch konnten die "Witzvorschläge" (im Fall von Pril mit einem ernsthaften Hintergrund) leicht nach oben "gespült" werden und sich auf dem ersten Platz halten. Beide Veranstalter des Crowdsourcing versuchten zu beschwichtigen, der Pril-Fall lebt bist heute in allen Blogbeiträgen über Crowdsourcing weiter, "Boaty Mc Boatface" hat Einzug in die Pop-Kultur gehalten, mit dem Zug "Trainy McTrainface" in Schweden, einem Pinguin "Fluffy Mc Fluffface" in Grossbritannien und der Fähre "Ferry McFerryface" in Australien.
Worbly McWorbface?
Momentan suchen wir einen Namen für die neuen Züge. Auch hier wird es mehrere nicht ganz passende Vorschläge geben. Ein wichtiger Punkt in der Namenssuche ist, dass diese Züge mehrere Jahrzehnte auf unseren Bahnstrecken verkehren. Ein Witz, der heute von einigen noch verstanden wird, interessiert in 1, 2 Jahren schon niemanden mehr. Deshalb suchen wir unseren Flottennamen auf der Crowdsourcing-Plattform Atizo und trennen die Ideen-Phase von der Abstimmungsphase. Dazwischen findet ein interner Auswahlprozess statt. Und wenn es keinen Namen gibt, für den sich die Entscheiderinnen und Entscheider erwärmen können? Na, dann ziehen wir vielleicht doch noch Worbly McWorbface aus der Tasche.
Zwischen unserem Crowdsourcing 2014/15 und dem von 2018 gibt es einen grossen Unterschied. Unser erstes Crowdsourcing hatte spürbare Folgen für den RBS und seine Fahrgäste. Und das für die nächsten Jahrzehnte. Denn hier ging es um einen sehr konkreten Einbezug und ein Gestalten der neuen Züge. Dank der vielen guten Ideen konnten wir ein besseres Gespür dafür entwickeln, was unsere Fahrgäste wünschen und brauchen und was vielleicht auch in 20 oder 30 Jahren noch wichtig sein könnte (für einen grossen Teil der jüngeren Fahrgäste sind z.B. Steckdosen ein wichtiger Bestandteil Ihrer Fahrt, selbst bei kurzen Strecken).
Natürlich gibt es auch viele andere Beispiele für einen solchen Einbezug. Das Staatsarchiv Basel hat letztes Jahr die Öffentlichkeit um Hilfe beim Zuordnen unbekannter Fotos gebeten (Link zum Artikel), mehrere Apps helfen dabei, Afrikas Karten besser zu machen (Link zum englischen Artikel) und wer es romantisch möchte liest diesen Reddit-Thread, in dem ein Nutzer das Pärchen ausfindig machte, dessen Heiratsantrag er zufällig auf einem Berggipfel fotografierte.
Die Herkunft des Begriffes
Der Begriff Crowdsourcing wurde 2006 vom amerikanischen Journalisten Jeff Howe in einem Artikel für das US-amerikanische Technologie-Magazin Wired geprägt: "Crowdsourcing is the act of taking a job traditionally performed by a designated agent (usually an employee) and outsourcing it to an undefined, generally large group of people in the form of an open call." Frei übersetzt ist Crowdsourcing das Auslagern von Tätigkeiten, die bisher im Unternehmen stattfanden an eine meist grössere Gruppe von Menschen. (Mehr zu den Unterschieden zwischen Crowdsourcing, Crowdfunding und der Sharing Economy hier)
Die erste Erwähnung auf Twitter findet sich übrigens bei Jimmy Wales, dem Gründer von Wikipedia:
Missrogue : remind me to give my rant about "crowdsourcing" as an evil soul sucking concept sometime— Jimmy Wales (@jimmy_wales) 10. Februar 2007
Arbeit auslagern?
If your basic approach is to think "I have some work that needs doing, now I just need to get the public to do it for me" you've got things upside down. The right approach is to think "People are wanting to accomplish a goal, I need to work hard to try to provide them what they need in order to do that". - Jimmy Wales auf Quora
(Wenn deine Herangehensweise ist: "ich habe Arbeit, die gemacht werden muss, jetzt lasse ich sie von der Öffentlichkeit machen" hast du die Dinge falsch herum. Der richtige Ansatz ist, zu denken "Menschen wollen ein Ziel erreichen, ich muss hart arbeiten um ihnen das zu geben was sie brauchen, um dieses Ziel zu erreichen."
Gemeinsam ein Ziel erreichen
Genau das ist der Ansatz, den wir für unsere mehrjährige Rollmaterialbeschaffung gewählt haben. Es braucht neue Züge im Worblental. Also versuchen wir alles zu tun, um unseren Fahrgästen die Züge zu geben,die sie brauchen und sich wünschen. Denn am Ende werden sie damit jeden Tag unterwegs sein. Genau darum ging es in der ersten Phase 2014/15.
Jetzt suchen wir uns gemeinsam noch einen passenden Namen für unseren Zug, damit er über die die nächsten Jahre zur Legende wird.