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Der Eisbär wagt sich in die dritte Staffel. Am zweiten Staffelende fand er in der Dunkelheit die Erleuchtung und kehrte zurück vor die Reifen eines Vierzigtönners.
Da lag der Eisbär also mitten auf der Strasse. Das laute Hupen des Lastwagens dröhnte noch in seinen runden Ohren. Dem Fahrer war es in letzter Sekunde gelungen, auszuweichen und am Strassenrand anzuhalten. Von scheinbar Weitem sah ihn der Eisbär auf ihn zu rennen.
Der Fahrer verschmolz im Blick des Eisbären mit den Menschen, von denen sich immer mehr um ihn versammelten. Alle waren sie besorgt angerannt – ausser der Braunbären-Kellner – und wollten helfen. Der Eisbär aber lehnte jede Hilfe ab, stand auf und zottelte davon.
Vor dem Haus mit dem Balkon, von wo aus ihm vor ein paar Minuten sein Hoffnungsträger zuwinkte, spürte er ein Stechen in seiner Brust. Weil der Schmerz stärker wurde, setze er sich in der Auffahrt vor dem Haus hin. Um ihn herum wehten lauter rote Flaggen, die wohl den Zugang zum Haus verschönern sollten.
Der Eisbär machte Atemübungen unter den wehenden Flaggen und dehnte seinen Brustkorb aus. Langsam verging das Stechen, doch die Erinnerung an den Schmerz blieb. Vielmehr: Sie war wieder da – die Erinnerung an einen bekannten Schmerz.
Dann löste auf seltsame Weise Schwärmerei den Schmerz ab. Es war das Schwärmen von einem starken Gefühl, dem er nicht widerstehen wollte. Doch wusste er jetzt: Dieses Mal musste er widerstehen, um nicht zu verzweifeln.
Der Eisbär erinnerte sich, wie es ihm vor vielen Jahren mit dem Fischerboot erging – dem einzigen Ding mit Ecken und Kanten in seinem Reich auf dem Grund des runden Meeres. Nachdem das Boot zerborsten war, trauerte er so lange, bis er den Grund für seine Traurigkeit nicht mehr kannte.
«So kann es nicht mit dir weitergehen», sagte eine Stimme zu ihm. Es war die Stimme einer Fähe. Sie holte gerade die roten Flaggen ein. Der Eisbär so: «Was meinst du damit?»
«Schau dich mal an», antwortete Dr. Wolf. «Dein Fell ist so schmutzig, dass du schon wie ein Braunbär aussiehst, deine Füsse sind aufgeschürft und sorry, aber du siehst einfach Scheisse aus! Komm mit! Du kannst mir helfen, die Flaggen ins Depot zu bringen, dich dort waschen, und dann schauen wir deine Schürfungen an.»
Der Eisbär fragte sich kurz, wieso er ausgerechnet einem fremden Raubtier vertrauen sollte. Doch schnell stellte er fest, dass ihm nicht bloss nichts anderes übrig blieb, sondern das wölfische Angebot ein Geschenk war. So packte er einen Stapel der eingeholten Flaggen und folgte ihr zaghaft.
«Wo bleibst du? Wir müssen uns beeilen! Ich will bald Feierabend machen und mich um dich kümmern können», heulte Dr. Wolf. «Ja, ich komme ja schon», brüllte der Eisbär zurück.
PS:
Heute vor 40 Jahren ist Däddy gestorben. Er brauchte mich, um ihm beim Sterben seine Schmerzen zu nehmen. Es tut gut, seinen Namen zu tragen und ihn liebevoll an meiner Seite zu haben.