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Unnötige Kritik am Elefanten-Modell
Ein viel beachteter Chart, der weltweit die Sieger und Gewinner der Entwicklung der letzten 30 Jahre zeigt, ist durch eine neue Untersuchung in Zweifel gezogen worden. Zu Unrecht.
Die Frage, ob die Globalisierung verantwortlich sei für die politische Verdrossenheit, den Aufstieg populistischer Rechtsparteien, Entwicklungen wie den Brexit oder den Aufstieg von Donald Trump, beschäftigt nicht nur die Ökonomengilde.
In diesem Zusammenhang hat die umfassende Untersuchung der Ökonomen Branko Milanovic und Christoph Lakner eine besondere Bedeutung. Die beiden haben in einer Weltbankstudie aufgezeigt, dass in der hohen Zeit der Globalisierung – von 1988 bis 2008 – die Mittelschicht in den Schwellenländern vor allem Ostasiens bei den Einkommen deutlich zulegen konnte, während die Einkommen der Mittelschicht in einer Reihe von reichen Ländern stagnierten. Das ist auch Thema im ausgezeichneten Buch «Global Inequality» von Milanovic, das demnächst auch in Deutsch erhältlich sein wird. Und das war Thema des NMTM-Beitrags «Die globale Sicht der Globalisierung».
Mittlerweile ist diese Studie in die Kritik geraten, und diese Kritik wurde vereinzelt zum Anlass genommen, den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Öffnung, wachsender Ungleichheit und politischer Verdrossenheit gleich ganz infrage zu stellen. Dieser Schluss ist aber falsch.
Schauen wir dazu erst noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse von Lakner/Milanovic an und darauf dann die Kritik daran. Der folgende Chart aus dem neusten Buch von Milanovic fasst die Aussage zu den Gewinnern und Verlierern der Entwicklung zusammen:
Hier nur noch einmal das Wichtigste (weitere Erklärungen im erwähnten Beitrag): Punkt A zeigt die Einkommensgewinne der globalen Mittelschicht, bestehend vor allem aus Schwellenländern Asiens. Punkt B die praktisch ausbleibenden Zugewinne der (reicheren) Mittelschicht reicher Länder und Punkt C die Einkommenszuwächse des reichsten Prozents der Weltbevölkerung.
Wegen seiner Ähnlichkeit zu einem Elefanten läuft der Chart unter dem Namen Elefanten-Chart.
Corlett geht vor allem auf drei Punkte ein, die seiner Ansicht nach die obige Grafik relativieren:
- Ein stärkeres Bevölkerungswachstum in den Schwellenländern als in den reichen Ländern.
- Die besondere Rolle, die unter den Schwellenländern Russland, Japan oder China einnehmen.
- Die besondere Rolle, die bei den reichen Ländern die USA einnehmen.
Gehen wir die Punkte kurz durch und schauen wir, wie sich der Elefanten-Chart verändert und ob die Folgerungen aus dem ursprünglichen Chart von Milanovic und Lakner an Bedeutung einbüssen.
1. Die Rolle des Bevölkerungswachstums in den Schwellenländern
Wie bei allen Vergleichen von Entwicklungen innerhalb gleicher Einkommensgruppen (Position innerhalb der Einkommensverteilung) hält Corlett fest, dass diese nicht zwingend aus den gleichen Haushalten bestehen müssen, da einige auf- und andere abgestiegen sein können. Eine besonders grosse Bedeutung hat aber, dass in den Schwellenländern in der Zeit von 1988 bis 2008 ein sehr viel stärkeres Bevölkerungswachstum stattgefunden hat als in den reichen westlichen Ländern.
Das bedeutet, dass der Anteil der Bevölkerungen in armen Ländern im Vergleich zu jenen in reichen Ländern 1988 zahlenmässig geringer war als 2008. Mit dem stärkeren Bevölkerungswachstum dort hat der Anteil der Ärmeren an der Weltbevölkerung zugenommen. Das drückt sich dann in der Statistik in einem tieferen Durchschnittseinkommen weltweit aus. Und arme Amerikaner zum Beispiel erscheinen international gesehen dadurch reicher. Corlett vergleicht das mit einer zunehmenden Beschäftigung zu tiefen Löhnen von zuvor Arbeitslosen mit geringer Qualifikation. Auch hier zeigen die dadurch sinkenden Durchschnittseinkommen nicht die wahre Entwicklung an, die einer Verbesserung für alle entspricht.
Um die Wirkung des Bevölkerungswachstums zu neutralisieren, hat nun Corlett in seiner Studie berechnet, wie sich die Einkommen für jede Einkommensgruppe weltweit verändert hätten, wären die Bevölkerungsumfänge in allen Ländern gleich geblieben wie im Ausgangsjahr 1988.
Die rote Linie in der unten stehenden Grafik zeigt den Effekt. Die blau gestrichelte entspricht dem ursprünglichen Elefanten-Chart von Milanovic und Lakner.
Wenig überraschend fällt der Einkommenszuwachs bei konstant gehaltener Bevölkerungsgrösse vor allem bei der Mittelschicht in den Schwellenländern noch viel stärker aus, da hier das Bevölkerungswachstum am stärksten war. Aber auch das Nullwachstum bei den Mittelschichten in den reichen Ländern (die sich rund um das 80. Perzentil der weltweiten Einkommensverteilung befinden) verschwindet und führt dort zu einem Einkommenszuwachs von rund 25 Prozent.
Macht also Corletts Überlegung die Aussage von Milanovic und Lakner obsolet? Keinesfalls! Noch immer resultiert ein Elefanten-Chart mit den gleichen Gewinnern und Verlierern wie zuvor. Aber die Veränderungen der Einkommen sind anders.
Noch ein Wort zur gelben Linie: Diese zeigt den Effekt, der sich ergeben hätte, wenn nur genau diese Länder in die Betrachtung einbezogen werden, die in jedem Jahr von 1988 bis 2008 existiert haben. Das haben Milanovic und Lakner nicht getan. Wie sich aber zeigt, ist der Unterschied (leicht höhere Einkommen bei jeder Einkommensgruppe) im Vergleich zum ursprünglichen Elefanten-Chart (blaue Linie) gering.
2. Die Rolle von Russland, Japan und vor allem China
In seiner Studie geht Corlett noch etwas weiter und schliesst Länder aus der Betrachtung aus, die einen besonders grossen Einfluss auf die Verteilung haben. Das sind zum Beispiel Russland und die einstigen sowjetischen Satellitenstaaten in Europa sowie Japan. Russland und die sowjetischen Satellitenstaaten litten im Betrachtungszeitraum unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion, Japan unter der Deflationskrise, die sich bis heute auswirkt. Die rote Linie unten zeigt, wie sich der Chart von Milanovic und Lakner ohne diese Länder präsentiert (auch hier wurde die Bevölkerung konstant gehalten):
Erneut ergibt sich das Bild des Elefanten, aber die Einkommen der Mittelklasse in den reichen Ländern steigen jetzt um rund 40 Prozent, statt dass sie stagnieren.
Noch viel radikaler ändert sich das Bild, wenn auch China ausgeschlossen wird. In diesem Fall verschwindet der Elefant sogar. Auffällig ist hier nur noch der Zuwachs der Reichsten und der Verlust der Ärmsten. Dieser eindrückliche Fall macht aber bloss die grosse Bedeutung der Entwicklung in China deutlich, wie sie sich auch in vielen anderen Zusammenhängen zeigt.
Wenn man die Länder ausschliesst, die am schwächsten gewachsen sind, und mit China jenes mit dem stärksten Wachstum, ist es allerdings nicht verwunderlich, dass der Elefanten-Chart abflacht. An seiner Aussage bleibt daher weiter nichts falsch.
3. Die Rolle der USA
In einer separaten Betrachtung hat Corlett schliesslich für eine Reihe ausgewählter Länder die Einkommensveränderungen in den Jahren von 1988 bis 2008 abgetragen, wie das die Grafik unten zeigt. Jede Farbe entspricht einem Land und jeder der zehn Kreise pro Land einem Dezil der Einkommensverteilung. Ein Lesebeispiel: Der unterste blaue Kreis zeigt an der senkrechten Achse also zum Beispiel, dass die ärmsten 10 Prozent der US-Amerikaner einen Einkommenszuwachs von etwa 20 Prozent über diesen Zeitraum erfahren haben. Die reichsten 10 Prozent (die blaue Kugel ganz rechts) haben ihr Einkommen um etwa 60 Prozent steigern können.
Wie die Grafik zeigt, hat die Ungleichheit vor allem in den USA über diesen Zeitraum besonders deutlich zugenommen. Corlett schreibt daher, das Phänomen der wachsenden Ungleichheit im Betrachtungszeitraum sei vor allem ein US-Phänomen.
Aber auch in den meisten anderen Ländern zeigt sich, dass vor allem die reichsten 10 Prozent am stärksten zulegen konnten. Während aber immerhin der Einkommenszuwachs der unteren Schichten deutlich stärker ausgefallen ist als jener in den USA. In einigen Fällen, wie in Grossbritannien oder Frankreich, war es aber auch das ärmste Zehntel der Bevölkerung, das hier von Wohlfahrtszuwendungen profitiert hat. Dabei muss man sich immer bewusst sein, dass es sich hier um prozentuale Zuwächse von Einkommen handelt. Bei Armen wird auch ein starker prozentualer Zuwachs mit relativ wenig Geld erreicht. Bei Reichen braucht es dagegen ein Vielfaches mehr für jedes Wachstum, da sie ja schon viel haben. Absolut gesehen, haben daher die Reichsten (und besonders die reichsten Prozente, nicht Dezile) im Betrachtungszeitraum weltweit mit grossem Abstand am meisten zugelegt. Dazu noch einmal die bereits früher verwendete Grafik aus dem Buch von Milanovic:
Fazit:
- Keine der erweiterten Betrachtungen durch Corlett widerlegen die Grundaussagen von Milanovic, dass in der Zeit der starken Globalisierung die Bevölkerungen von Schwellenländern – allen voran China – relativ gesehen am meisten profitiert haben, während die Mittelschicht in den entwickelteren Ländern im Vergleich dazu und im Vergleich zu den Reichsten zurückgeblieben ist.
- Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass die Globalisierung beziehungsweise eine wirtschaftliche Öffnung negativ ist, insofern die wachsende Ungleichheit darauf zurückgeht. Es ist ja kein schlechter Effekt, wenn deshalb die Ärmsten der Welt ihrer Armut entkommen können. Aber die Entwicklung erklärt, warum diese Öffnung bis in die Mittelschichten der reichen Länder auf immer mehr Ablehnung stösst.
- Corlett und andere wenden zu Recht ein, dass die weltweit unterschiedliche Entwicklung der Einkommen während der hohen Zeit der Globalisierung nicht automatisch bedeutet, dass die Globalisierung dafür auch verantwortlich ist. Auch die technologische Entwicklung hat dabei eine Rolle gespielt und natürlich die politischen Entscheidungen in jedem Land. Doch diese Faktoren auseinanderzudividieren, macht wenig Sinn, da sie sowieso zusammenhängen. Die technologische Entwicklung ist ohne Freihandel schwer denkbar. Innovationen bedürfen eines offenen Austauschs, und viele innovative Produkte (wie ein iPhone) wären in der Produktion zu teuer, könnten sie nur auf einem geschlossenen Markt abgesetzt werden.
- Die Verzahnung mit der wirtschaftlichen Öffnung gilt ganz besonders auch für politische Entscheidungen. Wie etwa der Ökonom Dani Rodrik mit seinem politischen Trilemma aufgezeigt hat, gehen eine weitgehende Öffnung nach aussen, nationale Souveränität und demokratische Selbstbestimmung schlecht zusammen. Das bedeutet, dass die sozialen, politischen und rechtlichen Strukturen in einem sehr offenen Land immer auch durch die Erfordernisse der wirtschaftlichen Öffnung bestimmt werden. Und dies umso mehr, je weiter diese Öffnung geht.
- Genau deshalb ist es so wichtig, den unbestreitbaren Vorteilen der wirtschaftlichen Öffnung auch solche Kosten gegenüberzustellen. Wie hier schon erwähnt, ist nicht jedes Ausmass an Globalisierung und Öffnung gut. Dem sinkenden zusätzlichen Nutzen einer weiteren Öffnung stehen immer mehr steigende Kosten gegenüber. Dazu zählt ein Legitimationsverlust der Politik durch ungleich verteilte Früchte der Entwicklung, durch eine abnehmende demokratische Selbstbestimmung oder durch eine wachsende Unsicherheit über die eigene Existenz und um das gewohnte Umfeld.
- Wenn die Politik diese Sorgen nicht ernst nimmt, bleibt nicht nur ein weiterer Ausbau der Öffnung aus, es sind dann auch die positiven Folgen der bisherigen Globalisierung und Öffnung gefährdet.