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(Erste Fassung März 2012)
Bild: Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung, Inventar-Nr. 20/117
Ein Bild des 24-jährigen Happel befindet sich auf dem Titelkupfer seines Romans »Der asiatische Onogambo«, 1673. <noch kein Digitalisat erreichbar>
In seinem Roman »Der Teutsche Carl, Oder so genannter Europaeischer Geschicht-Roman, Auf Das 1689. Jahr« lässt er eine Figur seine eigene Lebensbeschreibung erzählen. Der Germanist Gustav Könnecke hat diese Teile zusammengestellt und kommentiert und wollte sie 1908 herausgeben. Aber erst 1964 wurde diese Schrift gedruckt. Ergänzter Nachdruck:
E. W. Happel (1647–1690) erreichte nur ein Alter von 42 Jahren. Er musste das Studium aus Geldnot abbrechen. Er verdingte sich als Hofmeister bei Edelleuten und bei Hamburger Kaufmannsfamilien. Aber er erhielt nie ein Amt bei Hofe. Er lässt sich in der weltoffenen Stadt Hamburg nieder und hält sich mit Gelegenheitsaufträgen als Ghostwriter für den Senat über Wasser. 1680 beschließt er, sich und seine Familie als hauptberuflicher Literat durchzubringen – etwas für die damalige Zeit völlig Ungewöhnliches. Er schreibt tausende von Seiten und lässt sie drucken.
Happel ist mithin einer der frühesten Journalisten. Aber im Gegensatz zu jenen Kollegen, die aktuelle Ereignisse berichteten, rezykliert er Reiseberichte, wissenschaftliche Werke, historische Quellen usw.
E. G. Happelii Gröste Denckwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalische/ Mathematische/ Historische und andere Merckwürdige Seltzahmkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben […] Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Druck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert. […] [5 Bände; mit leicht wechselnden Titeln] Hamburg: Wiering 1682–1691.
Happel war ein großer Popularisator. Die »Denckwürdigkeiten« lassen sich vergleichen mit Infotainment-Heften wie dem »PM-Magazin« oder »Welt der Wunder«, »GEO Geschichte« oder Fernsehserien wie »nano« und »Galileo«. Happel steht hier als Beispiel für die Verbindung der Funktionen Wissensvermittlung und Unterhaltung (›Edutainment‹).
Der fünfte Band von Happels Relationes enthält 13 Portraits von berühmten Herrschern der jüngeren und ferneren Vergangenheit.
Wozu dient die veristische Abbildung eines menschlichen Gesichts?
1691 publiziert Happel das Bildnis der kürzlich verstorbenen Königin Christine von Schweden (Drottning Kristina 1626–1689) (Relationes V,100).
Vorlage für den Kupferstich ist ein Ölbild von Sébastien Bourdon (1616–1671) seit 1652 Hofmaler der Königin.
Ihr romaneskes Leben hat Romanciers und Filmemacher bis heute angeregt. Sie hatte durch ihre verschwenderische Hofhaltung, ihr burschikoses Auftreten, die Weigerung zu heiraten und ihre hohe Bildung – man beachte: sie hält kein Szepter in der Hand, sondern ein Buch; 1649/50 war Descartes an ihrem Hof in Stockholm – Aufsehen erregt, vor allem durch ihre Abdankung 1653 und die Konversion zum Katholizismus.
Während ihres Lebens in Rom betrieb sie aber weiterhin Machtpolitik. Ihre Pläne zur Gewinnung des Throns von Neapel wurden verraten, und Kristina ließ den vermutlichen Verräter aus ihrem Gefolge, den Oberstallmeister Markgraf Giovanni Monaldeschi – mit dem sie wohl auch ein über das Amtliche hinausgehendes Verhältnis hatte –, in Schloss Fontainebleau am 10. November 1657 töten. Dieser Tat, die die Gemüter in ganz Europa erhitzt hatte, ist auch der Hauptteil des Artikels bei Happel gewidmet.
Ich halte es für denkbar, dass solche Portraits auch mit dem physiognomischen Wissen der Zeit in Verbindung gebracht wurden. Die Physiognomie versucht, von den Gesichtszügen auf die Charaktereigenschaften des Menschen zu schließen.
Ein zentrales Werk hierüber ist das 1586 erschienene Buch »De humana physiognomia« von Giambattista Della Porta (1535–1615).
Menschen, deren Profil dem Raben gleichen, mit einer spitz zulaufenden Nase (fastigatio) charakterisiert er als: unverschämt (inverecundus) und schelmisch, dreist (improbus).
Vielleicht haben gebildete Zeitgenossen so etwas assoziiert.
Happel schreibt (Relationes I, 59ff.), es sei höchlich zu bejammern, daß der irrdische Mensch durch den leidigen Fall Adams […] nicht allein an dem innerlichen Erkänntiß verfinstert/ sondern auch an seinem Gesicht [Gesichtssinn] […] solchen Mengel und Abgang empfindet/ daß er an keinem einigen Geschöpfe/ das in der Lufft/ auff dem Erdboden/ oder in dem Wasser zu schauen […] des allmächtigen Schöpffers unaußsprechlich=geschaffene Weißheit weder am gantzen erkennen/ noch an dessen verschiedenen Theilen wahrhafftig kan beaugen.
Hier wird der zwischen ca. 1650 und 1730 reich entwickelte physikotheologische Gedanke ausgesprochen: Des Schöpfers Allmacht, Weisheit, Güte kann erkannt werden in seiner intelligent ausgeführten Schöpfung, d.h. von der Einsicht in den kunstvollen Bau der Tiere, Pflanzen u.a.m kann man staffelweise aufsteigen zur Erkenntnis und zum Lobe Gottes.
Dann unwiedersprechlich leichter ist zu erkennen/ und durch die Würckung der Sinnen zu begreiffen das/ was Gottes unbegreiffliche Weißheit gemacht hat/ […] als sich das nur spekulativ zu erschließen.
Zur Schärfung des Gesichtssinns seien in letzter Zeit die Mikroskope erfunden worden.
Rühmlich zu gedenken sei des Robertus Hook (Robert Hooke 1635–1702), dessen »Micrographia: or, Some physiological descriptions of minute bodies made by magnifying glasses« in London 1665 erschien. Digitalisat
Dahero itzo nichts so klein mag gefunden werden/ welches nicht durch ein mit dergleichen Glase bewaffnetes Auge völlig solte erkennen können. Also wird uns dadurch gleichsam eine neue Welt entdecket. .... Im Gegensatz zu den Vorfahren, die mit raisonnieren auskommen mussten, und glauben mussten, was sie nicht sahen, können wir wohl versichert seyn dessen/ was wir mit unseren Augen sehen.
Was sonst unmöglich zu sehen ist, kann mittels des Vergrößerungsglases nicht ohne Gemüths=Ergetzung beschauet werden: eine Nadelspitze, Vogelfedern, Samen von Blumen, Würmlein in faulendem Ost, Schimmelpilze, der Bienenstachel, und vor allem Läuse und Flöhe.
Der Floh, der dem Menschen viel Verdrießlichkeit schafft, sieht unter dem Mikroskop sogar schön aus, ist er doch ein Geschöpf Gottes! Happel hat natürlich nicht selbst mikroskopiert; er lässt den riesigen Kupferstich aus Hookes Werk zu einem Holzschnitt umarbeiten.
Hier die Tafel aus Hooke, »Micrographia« (1665). Vgl. > https://archive.org/stream/mobot31753000817897#page/XXXIV/mode/1up
Happel ist nicht der einzige, der abkupfert; er ist sogar in guter Gesellschaft, vgl.: »Encyclopédie«, Planches, Sixième Volume (1769), Histoire naturelle, pl. LXXXV: La figure que nous donnons ici de la puce a été copiée d’après celle que Hooke a donnée dans sa Micrographie, vue et grossie au microscope solaire comme l’espèce de la planche précédente [pou de l’homme].
Unter dem Mikroskop beobachtet und gezeichnet hat den Floh dann wieder 1763 Martin Ledermüller (vgl. seine Bemerkung S.44).
Martin Frobenius Ledermüllers, Hochfürstlich- Brandenburg- Culmbachischen Justiz-Raths ... Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzung [Hauptband]: Bestehend in Ein hundert nach der Natur gezeichneten und mit Farben erleuchteten Kupfertafeln, sammt deren Erklärung — Nürnberg, 1763. > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ledermueller1763bd1/0076/image
Happel bringt, um die Lust seiner Leser am Exotischen zu befriedigen, eine längere Sequenz über Elefanten (II, 707–724).
Er weist die Physiologus-Geschichte, wonach man Elefanten fangen kann, indem man einen Baum ansägt, an den sie sich anlehnen, ihn so umstürzen, selbst umfallen und nicht mehr aufstehen können, zurück (S. 708a). Er möchte seine Erzehlung meistentheils mit Exempeln erweisen/ und mit dem Zeugnüß derer/ so rechte Augen=Zeichen [sic] gewesen sind (708b). Er beschreibt anhand von Reiseberichten verschiedene Techniken des Elefantenfangs, der Abrichtung und Dressur, ihrer Pflege, berichtet von ihrer Intelligenz, von den seltenen weissen Elefanten, von Elefanten-Kämpfen und Unfällen mit wütenden Elefanten.
Das Bild Band II, nach S.708 vereinigt verschiedene der berichteten Episoden.
In der Mitte ist ein Nashorn dargestellt, das uns bekannt vorkommt. (Die Wirkung von Dürers Darstellung auf die europäische Vorstellung von der Gestalt eines Nashorns dauerte bis zum Ende des 18.Jhs.)
Dürer zeichnete 1515 ein Nashorn, das König Manuel I. von Portugal geschenkt worden war --- das er selbst nie gesehen hat, sondern indem er eine Beschreibung eines Briefpartners bildnerisch umsetzt!
Im Text oberhalb des Holzschnitts steht:
•••) Die Beschreibung dieses Verhaltens fußt auf Plinius’ Naturkunde (aus dem Jahr 77 n.Chr.): Das Rhinoceros ist der Erzfeind des Elefanten. Es schickt sich zum Kampf an, indem es das Horn an einem Stein schärft, und während des Streits zielt es vor allem auf den Bauch, weil es weiss, dass dieser weich ist. (»naturalis historia« VIII,xxix,71)
Happel bringt genau diese Vorstellung (S.721):
Direkt darauf folgt eine recht exakte Beschreibung eines Indischen Panzernashorns nach dem holländischen Indienreisenden Johann Neuhof (1618–1672): Beschryving van’t Gesandschap der Nederlandsche Oost-Indische Compagnie aen den Grooten Tartarische Chan nu Keyser van China, 1682; vgl. http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Neuhof,_Johann
Es gibt eine über anderthalb Jahrtausende sich erstreckende Tradition der Vorstellung vom Nashorn-Elefanten-Kampf, die kaum der Wirklichkeit entspricht, aber munter weitererzählt wurde – auch wenn es bereits gute empirische Berichte gab.
Der Braslienreisende André Thevet (1516-1590) berichtet in seinem Buch »Les singularitez de la France antarctique, autrement nommée Amérique, et de plusieurs terres et isles découvertes de nostre tems« aus Afrika vom Rhinoceros, ainsi appellez, pource qu’ils ont vne corne sus le nez. […] Cest animal est fort monstrueux, & est en perpetuelle guerre & inimitié auecques l’Elephant. Et pour ceste cause les Romains ont pris plaisir à faire combatre ces deux animaux pour quelque spectacle de grandeur […]. Auf der Reise von Ägypten nach Arabien hat Thevet auf einem Obelisken Figuren gesehen, die für Buchstaben stehen, aber ohne Horn, und mit anderen Gliedern als es unsere Maler darstellen [also wahrscheinich ein Nilpferd]; deshalb bringe er jetzt ein solches [europäisches] Bild. Es ist das vom Nashorn-Elefanten-Kampf. Dann folgt eine Übersetzung der Plinius-Stelle.
Hier aus der Ausgabe Anvers [Antwerpen], de l’imprimerie de Christophle Plantin a la Licorne d’or, 1558.
François Rabelais (1494–1553) kennt die Story:
Ich sah da ein Rhinozeros […] und war von einem Eberschwein das ich einst in Limoges gesehn hab, nicht sehr verschieden; ausser daß es ein spitzig Horn am Rüssel hätt, schuhlang, womit es sich im Streit an einen Elephanten wagt’, ihm in den Unterleib (als welches der Elephanten kitzlichster und schwächster Theil ist,) bohrt’ und so ihn todt zu Boden streckt’.
»Gargantua und Pantagruel«, Fünftes Buch (postum 1563), 30. Kapitel (Übersetzung von Gottlob Regis, 1911) > http://www.zeno.org/nid/20005519055
Conrad Gessner (1516–1565) bringt in seinem Tierbuch (deutsche Übersetzung von Conrad Forrer: Thierbuoch/ das ist ein kurtze Bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in Wassern wonend/ […] Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt 1563; fol. LXXVII verso) zwar den Plinius-Text, aber kein Bild des Nashorn-Elefanten-Kampfs. – Das Bild lässt sich indessen der Herausgeber der Neuausgabe 1669 nicht entgehen:
Gesnerus Redivivus, auctus & emendatus. Oder: Allgemeines Thier-Buch / Das ist: Eigentliche und lebendige Abbildung Aller vierfüssigen / So wohl zahmer als wilder Thieren […] erweitert durch Georgium Horstium, Franckfurt am Mäyn: Wilhelm Serlin 1669, S. 186 (Faksimile mit Nachwort von Henning Wendland, Hannover: Schlüter 1980).
Sebastian Münster, »Cosmographia«, Ausgabe Basel: Seb. Henricpetri 1588 (evtl. schon früher), 5. Buch, 75. Kapitel Von dem Thier Rhinoceros = pag. mccclv (ohne Bild):
In den Ländern darinn die Helffanten pflegen zu wohnen wird diß Thier gefunden/ vnd ist der ander Feind der Helffanten/ jhnen nicht minder auffsetzig weder der Drack. Darumb auch vorzeiten die Römer Herrliche Specktakel und Schawspiel mit jhnen vnnd den Helffanten haben zu Rom gehabt. Es hat zwey Hörner […]. Wann dies Thier den Helffanten will angreiffen/ wetzt es vorhin an einem Stein sein Horn/ und rüst sich zum streitt. Es lugt vor allen dingen daß es dem Helffanten vnder den Bauch komm: dann es weiß daß er an dem ort weich ist/ vnnd so es jhm mit dem Horn darunder kompt/ reißt es jhm ein grosse Schramm in Leib/ darvon der Helffant groß Blut vergeußt vnd muß sterben. Fehlt er aber des bauchs/ so fehlet der Helffant sein nicht: dann er verwundt jhn mit seinen Zänen/ vnangesehen daß des Rhinoceros haut also hert vnd starck ist/ dz man auch nicht leichtlich mit einem Pfeil dardurch schiessen mag. Dann des Helffants streich so er mit den Zänen thut/ ist also mechtig/ daß er durchdringt des Rhinoceros gehörnte Haut.
Michael Bernhard Valentini (1657–1729), Museum Museorum, oder Vollständige Schau-Bühne aller Materialien und Specereyen/ nebst deren natürlichen Beschreibung, […] verfasset, und mit etlich hundert sauberen Kupfferstücken unter Augen geleget. Frankfurt a.M.: Zunner 1704; [zweyte Edition 1714], S. 424 (mit dem von Dürer inspirierten Bild):
Dieses Horn wächset einem fremden Thier auff der Nasen/ welches deßwegen selbsten das Nasen-Horn und RHINOCEROS genennet worden: ist in West-Indien zufinden/ und soll an seiner Grösse dem Elephanten wenig nachgehen/ wiewohlen es viel kürtzere Beine hat/ und deßwegen nicht so hoch ist/ so streitet es doch mit dem Elephanten/ und kan denselben mit sienem Horn/ wormit es jenem den Bauch auffritzet/ übermeistern […]
Noch Peter Kolb wird in seinem – sonst an Empirie reichen – Werk »Caput bonae spei hodiernum. Das ist: Vollständige Beschreibung des Africanischen Vorgebürges der Guten Hofnung« […] von Peter Kolben, Nürnberg/ bey Peter Conrad Monath 1719 das Bild vom Nashorn-Elefanten-Kampf bringen:
Der Spezialist für Elefanten bringt die einschlägigen Texte dazu und dazu ein Bild (Pars I, Caput XVI: Elephanti Antipathia atque Hostes):
D. Georg. Christoph. Petri ab Hartenfels [1633-1718] … Elephantographia curiosa, cui accessit ejusdem auctoris Oratio panegyrica de elephantis, publice in actu doctorali Erfordiæ habita, nec non Iusti Lipsii epistola de eodem argumento erudite conscripta …, Editio altera auctior et emendatior, cum multis figuris aeneis, Lipsiae & Erfordiae: typis & impensis Ioh. Mich. Funckii 1723. > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/9826813
Die Szene erscheint sodann im Kinderbuch:
Das Rhinoceros ist ein sehr wildes, wüthendes Thier, der beständige Feind des Elephanten, greift aber nur die jüngeren Elephanten oder die schwächeren Elephantenweibchen an, und schlitzt ihnen mit seinem starken Horne den Bauch auf, während es selbst durch seinen ausnehmend dicken Panzer vor den Beschädigungen der Elephantenzähne gesichert ist.
Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften; alle nach den besten Originalen gewählt, gestochen, und mit einer kurzen wissenschaftlichen, und den Verstandes-Kräften eines Kindes angemessenen Erklärung begleitet, verfasst von F. J. Bertuch, 12 Bände. Weimar, im Verlage des Industrie-Comptoirs [1790]–1832. – Tafel "Vermischte Gegenstände CCXXVI" in Band IX (1816).
Eine Zusammenballung aus geographischer Belehrung und Schauergeschichten stellt die Beschreibung des Mahlstroms dar; dies ist ein Gezeitenstrom zwischen den Lofoten-Inseln Moskenesøy und Værøy in Norwegen. Er wurde schon 1555 von Olaus Magnus (1490–1557) beschrieben. Historia de Gentibus Septentrionalibus, zuerst Rom 1555 --- http://sv.wikipedia.org/wiki/Historia_om_de_nordiska_folken
Wir kennen ihn aus Edgar Allan Poe’s Erzählung »A Descent into the Maelstrom« (1841).
Happel beschreibt die Lage vor der norwegischen Küste und zitiert dazu einen Spezialisten, Peder Claussøn Friis, »Norriges oc omliggende Øers sandfoerdige Bescriffuelse...« (1632) http://www.archive.org/details/8LAROQ0695NOR
Der erschreckliche Meer-Wirbel hat einen Durchmesser von 13’000 Schritt. Wenn die Flut am höchsten ist, beginnt der Wirbel sich zu drehen:
Happel gibt zwei Bilder auf einer Seite (I, 80). Interessant ist, dass sie mit Verweisbuchstaben versehen sind, auf die der Text Bezug nimmt.
In der oberen Darstellung heisst der Text:
Wenn man den Text liest und dazu das Bild betrachtet, ergibt sich gleichsam ein Film.
Happel schließt an die grauenerregende Schilderung die naturwissenschaftliche Frage an, wo sich das Wasser denn zur Zeit der Ebbe aufhalte. Hier kann er den Gelehrten Athanasius Kircher (»Mundus subterraneus«, 1664) zitieren, der mutmaßte, dass alle Meere unterseeisch verbunden sind und im Austausch stehen.
Die kartographische Darstellung der Strömung bei Athanasius Kircher (»Mundus Subterraneus«, hier aus der Ausgabe 1678, I,152) »Descriptio Verticis Norvegiae et Bothnicae« ist völlig unspektakulär: Die Strömungen sind im Kupferstich mittels feiner Striche dargestellt, wie man das in einer modernen Seekarte auch tut.
Happel kennt diese ›objektive‹ Darstellung durchaus: In einer langen Sequenz über Die grösten Denckwürdigkeiten des Meers (II,443–476) spricht er auch über den Würbel=Strohm (II,449) und bringt eine Seekarte mit ›diagrammatisch‹ eingezeichneten Strömungsverläufen.
Für das Bild des Mahlstroms hat er die Sache indessen dramatisiert; die Karte von Olaus Magnus (»Carta Marina«, erster Druck Venedig 1539, weitere Drucke z.B. 1572) scheint Pate gestanden zu haben.
Happel gibt in Band I (1683 erschienen), ab S. 518 über 50 Seiten hinweg eine kunterbunte Folge zum Thema Grausamkeiten, Tortur, Folter, Marter-Instrumente, Peinigungen, grausame Leibesstrafen --- die perverse Erfindungskunst hierbei war sehr vielfältig. Spanische Stiefel, einnähen in Tierhäute, Pfählen, Bauchaufschneiden, Schinden, am Spieß braten, in einem Mörser zerstampfen, bei lebendigem Leibe einmauern, usw.
Die Peinigungen werden anhand der antiken Römer und der gegenwärtigen grausamen Barbaren beschrieben, die hierin nicht Maaß halten können: v.a. Persien, im Türkenreich, bei den Indianern, in Japan und China. – Bekanntlich waren die Leibesstrafen in Zentraleuropa im 17.Jh. nicht weniger grausam.
Die Darstellung exotischer Grausamkeit dient vermutlich der Projektion: Gewisse unliebsame Elemente (unerträgliche Eigenschaften, Gedankeninhalte, Gefühle, Sehnsüchte und Wünsche des Individuums oder der Gemeinschaft, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen / für die man sich schämt / die man sich nicht zuzugeben getraut) werden auf Menschen(gruppen), Lebewesen oder auch sonstige Objekte abgebildet, ihnen zugeschrieben, in diese verlagert, so dass sie als aussen befindlich erklärt werden können und so besser bewältigt werden können. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus zur Bewältigung der Negativanteile des Eigenen und zur Aufrechterhaltung der Stabilität der Person/Gruppe. – Hier das zivilisierte Europa, dort eine barbarische ferne Welt.
Ein Beispiel ist das der chinesischen Cangue / Canga, die offenbar noch gegen Ende des 19.Jhs. angewendet wurde.
aus: Happel, Denckwürdigkeiten I,531
Die Strafe hat in China Tradition, vgl. Voyage en Chine et en Tartarie à la suite de l'ambassade de Lord Macartney, par M. Holmes; Paris: Delance et Lesueur, 1805: Pl. XXXVIII: Supplice du Tcha:
(Moderne Fotografien wie diese sind im Web mit dem Suchbegriff »Cangue« leicht zu finden.)
Das Bild bei Happel dient dem Glaubwürdigkeits-Management: Tracht (Hüte, Zopf!) und die Palme in Hintergrund versetzten die Szene in eine ferne Welt.
Über die Strafpraktiken im mittelalterlichen und frühmodernen Europa orientieren:
Immer wieder haben sich die Leser recht mitleidslos an Unglücksfällen erfreut. Die Psychologie des »Grunds des Vergnügens an tragischen Gegenständen« (nach Schillers Titel 1792) ist wohl einfach die: Wir sind noch einmal davongekommen. Es hat an einem anderen Ort eingeschlagen. Dazu muss das Ereignis weit genug weg sein und doch so konkret, dass es auch mir hätte passieren können.
Happel und Nachfolger bedienen dieses Bedürfnis. Wenn gerade nichts Grauenerregendes passiert ist, entnimmt man es der Mottenkiste der Geschichte.
Der hier berichtete Unfall betrifft einen berühmten Unfall am französischen Königshaus im 14.Jh., der als ›Bal des Ardents‹ in die Geschichte einging.
Aus einem Manuskript der zeitgenössischen Chronik des Jean Froissart
Für den gemütskranken Karl VI. (1368–1422) wurde an seinem Namenstag (28. Januar 1393) zur Erheiterung ein Maskenball veranstaltet. Er selbst wollte zusammen mit 5 adligen Freunden als ›Wilde Männer‹ auftreten. Sie schmierten sich mit Pech ein, bedeckten sich mit Federn und Werg und ketteten sich aneinander. Wie einem eine Fackel zu nahe kam, entzündete sich die Montur – Löschversuche mit Wasser und Weinkannen taugten wenig – vier der sechs Vermummten verbrannten jämmerlich.
Bild aus: [Barthold Feind d. J. (1678–1721)], Relationes curiosae, Oder Denckwürdigkeiten der Welt/ worinnen allerhand remarquable Seltenheiten ........ zusammengetragen werden. .... Daß also diese Arbeit gar füglich E. G. Happelii Continuation seiner hiebevor gedruckten curieusen Relationen genannt werden könne. Hamburg, Reumann 1707.
Was wir heute nicht mehr kennen, ist die Moralisation der Geschichte, in der drei Momente anklingen:
• Wollust kehrt sich schnell in Leid – das kann jedem passieren
• Hofkritik
• Nationenstereotyp: die Franzosen sind leichtlebig – das kann uns redlichen deutschen Bürgern nicht widerfahren:
Das Bild möchte die Distanz zwischen Benachrichtigtwerden und Erleben aufheben.
Eine Zeichnung kann im Ggs zum Schnappschuss der Fotografie (eines ›embedded reporter‹) nicht ›einen Moment einfangen‹, sondern muss diesen aus der Erzählung rekonstruieren.
Im Text steht nirgends, dass jemand einen der Brennenden mit Wasser/Wein aus einem Krug zu löschen versucht hat. Der Illustrator hat diese Vorstellung selbst entwickelt.
Ein Beispiel dafür, dass Bilder (gezeichnete Bilder, nicht Fotografien!) nicht einfach etwas Vorhandenes ab-bilden, sondern auch etwas bislang noch nicht Dagewesenes entwerfen können, sind die technischen Utopien.
Das in der Lufft seeglende Schiff wird von Happel selbst als Project bezeichnet, das indessen nicht bloß erdichtet / sondern auff einem guten Grund beruhe (IV,309).
Die Idee stammt von Francesco Lana Terzi, S.J. (1631–1687) »Prodromo ovvero saggio di alcune invenzioni nuove premesso all’arte maestra« 1670, den Happel zitiert. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Lana_di_Terzi
Ferner verlässt er sich auf eine Darstellung des Johann Christoph Sturm. Dieser hat ein Experiment ausgedacht: Ein in einem wassergefüllten Bottich befindliches bleiernes Schiff sinkt, sobald es an zwei luftgefüllten Kugeln aufgehängt ist, nicht mehr zum Grund. (Vgl. die Abbildung links im Bild.) Hieraus folget dann klärlich, dass man, um ein Schiff in der Luft zu behalten, nur Hohl-Kugeln braucht, die leichter als Luft sind. Dass man Kugeln luftleer saugen kann, habe Otto von Guerike ja bereits bewiesen; und Happel zeigt (vgl. die Abbildung rechts im Bild), wie man dies mit dem Gewicht von Wasser in einem Rohr tun kann.
Es wird festgestellt, dass die Luft ein Gewicht hat, und zwar ein cubischer Fuß anderhalb Untzen schwer ist. Es folgen umständliche Überlegungen, dass (wie wir uns heute ausdrücken würden) das Gewicht einer Hohl-Kugel-Hülle nur im Quadrat ansteigt, während das Volumen in der dritten Potenz wächst. Nach langwierigen Rechnereien kommt er zum Schluss, dass eine Kupferkugel von 16 Fuß Durchmesser nur 33’792 Unzen wiegt, während die darinn begriffene und eben ausgepumpte) Luft 45’056 Unzen wöge, so dass die Kugel füglich in der Luft schweben/ und noch eine gute anhangende Last tragen könte. Der Autor beruhigt die Leser, dass das Schiff nicht in unermessliche Höhen steigen werde, sintemahl die Lufft/ je höher sie steiget/ je leichter und subtiler sie ist. Im übrigen werde es sinken, so man nur ein wenig Luft durch die aufgezogne Hähnlein in die Kugeln lässet.
Man sieht daraus, daß in der Kunst noch viel Sachen stecken/ die sich lassen practiciren, und ins Werk richten/ ob gleich solche in einer blossen Proposition gantz lächerlich und unmüglich scheinen. ... Der Text hört auf mit dem Satz: Ein Grosser Herr spendire drauff/ und sehe zu/ ob es nicht angehen wird.
Das Bild bei Happel ist aus verschiedenen Sphären komponiert: Im Vordergrund werden die Experimente von Ch. Sturm dargestellt, im Hintergrund wird die utopische Vorwegnahme des Gefährts gezeigt. Happels Illustrator visualisiert nicht einfach nur die Anordnung der technischen Teile (bei Lana Terzi 1670 ist das Luftschiff ›freigestellt‹, wie die Graphiker heut sagen), sondern inszeniert auch den aufsehenerregenden Moment beim Abheben: ein gerade mit Pokalen anstoßendes Trinkerpaar wird getrennt, und sogar die Hunde merken, dass sich hier etwas Besonderes ereignet. Dies vor einer Landschaft mit Kirche und Windmühle (bedeuten die etwas?) So wird das Utopische glaubwürdig.
Bereits 1697 wird Happel von einem andren Buntschriftsteller zitiert: Wilhelm Ernst Tentzel (1659–1707), Monatliche Unterredungen einiger guten Freunde von allerhand Büchern und andern annehmlichen Geschichten: allen Liebhabern der Curiositäten zur Ergetzlichkeit und Nachsinnen herausgegeben, 1697, Seite 766
Die Leserinnen und Leser im 17. Jahrhundert haben sich von ähnlichen bildträchtigen Themen faszinieren lassen wie unsere Zeitgenossen: Kriege (hier kein Beispiel gezeigt); Unglücksfälle und Verbrechen; fremde Völker und ihre Barbarismen; Celebrities und ihre Spleens; technische Innovationen; Wunder der Natur.
Moralisationen und Zuweisung von Nationenstereotypen sind im 21. Jh. verpönt. Eine physikotheologische Applikation von Naturwundern gibt es heutzutage nur in Kreisen der Intelligent-design-Bewegung.
Im 17.Jh. gab es noch keine Fotografie, d.h. keinen ›Schnappschuss‹ (der aber auch erst so richtig greift, seit jeder eine Kamera im Smartphone eingebaut hat und dieses ständig vor der Nase). – Umso mehr war die Phantasie der Graphiker gefragt und kam auch zum Zuge. Es gab noch keine »Ikonomanie« (Günther Anders, 1956), d.h. nicht jeder Text musste auf Teuxel-komm-raus bebildert werden. – Spezialproblem: Warum halten wir eigentlich eine Fotografie für ›echter‹ ›realistischer‹ als eine Zeichnung?
Die Aussage, dass Bilder etwas ›veranschaulichen‹, ist zu einfach. Weitere Funktionen: das Bild inspiriert / verleitet zu Assoziationen (Königin Christinas Rabennase); das Bild erweckt Staunen (der Floh) oder Schaudern (die Cangue); das Bild beflügelt die Phantasie (das Luftschiff); Elemente des Bildes versuchen Glaubwürdigkeit zu erzeugen (Zopf und exotischer Baum bei der Cangue) u.a.m.
Verweisbuchstaben und Legenden verweben Text und Bild (Floh; Mahlstrom); verschiedene Realitätsbereiche werden in einem einzigen Bild dargestellt, was hohe Anforderungen an die Fähigkeiten der Betrachter stellt (Luftschiff); durch das Hin-und-Her zwischen Text und Bild kann ähnlich wie im Trickfilm eine Bewegung evoziert werden; …
Immer wieder werden Vorlagen ›abgekupfert‹ (Portrait; Floh) – Es werden mitunter Bilder ohne primäre Anschauung aus dem Text entwickelt (Nashorn) – Viele Bilder werden keineswegs aus der Empirie gewonnen, sondern beruhen auf einer zähen Tradition (Nashorn) – phantasievoller Entwurf (Luftschiff).
letzte Änderung 19. Juni 2016 PM – 1207