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300 Jahre Herrnhut
Ein tägliches Bibelwort in 61 Sprachen
Wer hätte es gedacht, dass sich eine anfangs kleine Bewegung aus Flüchtlingen schnell weltweit verbreiten könnte. Bei der Herrnhuter Brüdergemeine ist dies der Fall. Herrnhut, eine kleine Landstadt in Sachsen – der Name ist abgeleitet von «Obhut des Herrn» –, wurde im Sommer 1722 gegründet. Einige Nachkommen der alten protestantischen Kirche der Böhmischen Brüder aus Mähren flohen vor der Gegenreformation auf das Gut von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760). Dieser stellte ihnen sein Land zur Vefügung. Später zogen weitere Glaubensflüchtlinge hinzu.
Die Herrnhuter Brüdergemeine feiert als ihr spirituelles Gründungsdatum den 13. August 1727. Doch die Wurzeln gehen zurück auf die böhmische Reformation von Jan Hus, der 1415 als Ketzer in Konstanz verbrannt wurde. Während des Dreissigjährigen Krieges (1618 -1648) wurden die Böhmischen Brüder von der katholischen Liga fast vollständig vernichtet, der Rest konnte sich nur noch heimlich versammeln.
Gemeinden in den USA
Herrnhut war Ausgangspunkt der Missionstätigkeit der Brüdergemeine. Die ersten Herrnhuter Sendboten zogen 1732 zu Plantagensklaven in die Karibik, ein Jahr später nach Grönland. 1738 gründeten Missionare der Bewegung die Stadt Genadendal in Südafrika, fünf Jahre später entstand eine Schule in Germantown (Pennsylvania). In den USA war vor allem die indigene Urbevölkerung Ziel ihrer Mission. Salem in North Carolina und Bethlehem in Pennsylvania wurden zu den wichtigsten Gemeinden der Herrnhuter in Nordamerika. Am stärksten verbreiteten sich die Herrnhuter in Afrika, wo heute etwa 908‘000 der mehr als 1,1 Millionen weltweiten Mitglieder leben.
Auch in der Schweiz gründeten die Herrnhuter Sozietäten in Basel, Zürich, Bern und Genf. Eine eigene Herrnhuter Kirche gibt es in der Schweiz nicht. Es entsprach schon der Intention von Zinzendorf, keine eigenständigen Kirchgemeinden zu gründen, «sondern innerhalb der bestehenden Kirchen belebend zu wirken», sagt Frieder Vollprecht, Pfarrer der Herrnhuter Sozietäten in Basel und Bern.
Beliebte Losungen
Berühmt wurde die Gemeinschaft durch ihre jährlichen Losungen. Die Losungen bestehen aus kurzen Bibeltexten für jeden Tag, die in einer feierlichen Zeremonie in Herrnhut gezogen werden. Die Tradition entstand 1728, als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf die erste Losung verkündete. Am Anfang las immer einer der Brüder jeden Tag die Losung in den Gemeinden vor, bis man 1731 die erste gedruckte Version hervorbrachte. Die Losungen erscheinen heute in 61 Sprachen und schon länger auch in der Brailleschrift.
Die Herrnhuter Brüdergemeine wurde vom Pietismus, einer im 17. Jahrhundert entstandenen Frömmigkeitsbewegung, geprägt. Entsprechend lautet der Wahlspruch der Brüdergemeine «Vicit agnus noster eum sequamur» (Unser Lamm hat gesiegt, lass uns ihm folgen).
Starke Gemeinschaft
«Eigentlich unterscheiden ich Herrnhuter nicht stark von den anderen protestantischen Gemeinden», sagt Frieder Vollprecht. Die einzigen Unterschiede bestünden in der Tradition und in besonderen liturgischen Formen, die in den Herrnhuter Gemeinschaften entstanden sind. «Viele fragen sich, warum die Bewegung Brüdergemeine und nicht Brüdergemeinde heisst. Damit soll der Gemeinschaftscharakter der Herrnhuter unterstrichen werden», sagt Vollprecht. Schliesslich legt die Brüdergemeine einen besonderen Wert aufs Zusammensein. Eigentlich verstehe sich die Brüdergemeine als Dienstgemeinschaft innerhalb der reformierten Landeskirche. Der Kontakt mit anderen protestantischen Gemeinschaften und Missionswerken sei ihnen wichtig. Die Herrnhuter Mission in der Schweiz ist einer der Trägervereine von Mission 21. Die meisten der Herrnhuter Kirchenprovinzen weltweit sind Mitglieder des Weltkirchenrats und an der kommenden Vollversammlung in Karlsruhe vertreten.
Weltweit am Wachsen
Wie die Landeskirche verlieren auch die Herrnhuter Mitglieder, doch würden die Mitgliederzahlen nicht stark zurückgehen, erzählt Vollprecht. Weltweit gesehen sei man jedoch eine wachsende Kirche, vor allem in Ostafrika und in der Karibik. In der Zukunft wolle man weiterhin Beziehungen mit den verschiedenen Gemeinden in der ganzen Welt pflegen.
Für die Herrnhuter Brüdergemeine ist das Jubiläum ein besonderes Ereignis, obwohl sie erst ein paar Jahre später als die gleichnamige Stadt entstand. Aber ohne die Glaubensflüchtlinge, den Grafen von Zinzendorf und die Kleinstadt gäbe es heute keine Herrnhuter.
Manuel Simon, kirchenbote-online