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Ein Ölmilliardär will den Ausbau des Genfer Kunstmuseums mitfinanzieren, um seine Kunstsammlung zeigen zu können. Dagegen gibt es Widerstand.
Der Gründer des heutigen Rohstoffriesen Glencore Xstrata ist bekannt: Marc Rich. Weniger geläufig ist der Name eines Traders, der wie Rich das Handwerk bei der US-Handelsfirma Philipp Brothers lernte und dessen Vermögen vom Wirtschaftsmagazin «Forbes» derzeit auf zwei Milliarden Franken geschätzt wird: Jean Claude Gandur. Seinen Werdegang zeichnete Journalist Benito Perez im letzten Mai in der Genfer Tageszeitung «Le Courrier» nach: Gandur wuchs in Alexandria auf, in Lausanne studierte er Recht und Politik. Nach Lehrjahren in Zug gründete er die Addax and Oryx Group, benannt nach zwei afrikanischen Antilopen. Afrika wurde denn auch zu Gandurs bevorzugtem Jagdgebiet: Mit Hauptsitz in Genf und Briefkästen in britischen Steueroasen liess Gandur in Westafrika Öl fördern.
Ein Coup gelang ihm mit dem Kauf von Ölfeldern in Nigeria unter Diktator Sani Abacha 1998. Bloss dank Beziehungspflege? Die Firma selbst wurde nie im Zusammenhang mit Geldwäscherei für das Regime verurteilt, wohl aber später einzelne Mitarbeiter: «Der Wind der Justiz wehte knapp vorbei», bilanzierte Perez. Nach dem Sturz von Saddam Hussein war Gandur als erster Investor im kurdisch beherrschten Nordirak unterwegs. 2009 verkaufte er den Grossteil seiner Geschäfte für 7,8 Milliarden Franken an den chinesischen Staatskonzern Sinopec. In Sierra Leone eignete er sich darauf riesige Agrarflächen an, um in Biotreibstoffe zu investieren. NGOs bezichtigten ihn des Land Grabbing.
Klagen gegen kritische Recherche
Der Bericht von Perez war eine genaue, kritische Recherche über einen geschmeidigen, skrupellosen Schweizer Geschäftsmann, wie man sie hierzulande selten liest. Frei nach dem Motto des «Courrier», der einzigen linken Tageszeitung in der Schweiz: «Das Wesentliche, andersherum». Doch Gandur scheint keine Kritik zu ertragen: Ohne vom Recht auf Gegendarstellung Gebrauch zu machen, deckte er die Zeitung und den Autor mit einer Straf- und einer Zivilklage ein. Der Milliardär verlangt eine Wiedergutmachung von 20 000 Franken sowie wörtlich ein «Verbot», dass der «Courrier» in Zukunft über seine Person berichten dürfe.
Das «Courrier»-Porträt von Gandur erschien pünktlich vor der Parlamentsdebatte über den Ausbau des Musée d’art et d’histoire in Genf. Das Gebäude von 1910 soll renoviert und im Innenhof um einen Glaskubus von Jean Nouvel erweitert werden – mit Blick vom Dachrestaurant über Stadt und See. Der Genfer Stadtrat veranschlagt die Kosten auf 131 Millionen Franken, wovon Private die Hälfte übernehmen sollen. Der wichtigste Mäzen, der sich mit bis zu vierzig Millionen beteiligen will: Jean Claude Gandur. Der 66-Jährige hat in seinem Leben nicht nur Öl gefördert, sondern auch eifrig Kunst gesammelt. Seine Kollektion umfasst Werke des abstrakten Expressionismus sowie antike Kulturgüter aus Ägypten, Phönizien, Griechenland und Rom. Mit der finanziellen Beteiligung von Gandur verpflichtet sich das Museum, einen Teil der Sammlung während 99 Jahren zu übernehmen und alle zwei Jahre in Wechselausstellungen zu präsentieren.
Lässt sich die Regierung kaufen?
Am 28. Februar kommt die Vorlage, die SP-Kulturminister Sami Kanaan vertritt, zur Abstimmung: Linksaussenparteien und Grüne haben sich mit der SVP und dem Heimatschutz dagegen verbündet. Die Gründe für ein Nein sind so vielfältig wie das Bündnis. Sie reichen von der Kritik am Bauprojekt zu den finanziellen Folgen, vom Vorwurf der Privatisierung des Museums zur Hinterfragung von Gandurs Sammeltätigkeit: Er habe die afrikanischen Staaten zweimal geplündert, an Bodenschätzen und am kulturellen Erbe, schreibt Solidarités. Auch die Gegnerschaft kämpft mit harten Bandagen in der «Schlacht um das Museum» («Le Temps»): Ein Nein-Plakat zeigt Architekt Nouvel als Vampir auf dem Museumsdach, von antisemitischen Stereotypen will der Zeichner nichts gewusst haben.
Für den «Courrier», der die Klage zum Auftakt des Abstimmungskampfs publik gemacht hat, geht es um Fragen von schweizweiter Bedeutung: Lässt sich die Genfer Linksregierung vom Ölmäzen kaufen, und gibt sie ein öffentliches Museum für dessen Inszenierung preis? Und wie steht es um die Demokratie, wenn ein potenter Milliardär der unabhängigen Presse einen Maulkorb verpassen will? Die Staatsanwaltschaft hat dem «Courrier» in erster Instanz recht gegeben. Gandur hat die Klage weitergezogen.