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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
In diesem Jahr haben wir uns für einen Urlaub in Schleswig-Holstein (SH), dem nördlichsten Bundesland in Deutschland, entschieden. SH grenzt im Norden an Dänemark, im Westen an die Nordsee und an die Elbemündung und im Osten an die Ostsee (Baltic Sea). Von der Nordsee zur Ostsee sind es nicht mehr als 100 km und doch sind beide Meere sehr unterschiedlich. Die Ostsee, mit der Nordsee nur über einen schmalen Durchgang (Skagerak und Kattegat) verbunden, hat nur einen geringen Gezeitenhub; die Nordsee dagegen hat einen direkten Zugang zum Atlantik mit ausgeprägter Ebbe und Flut. Die Ufer der Ostsee säumt ein langer Sandstrand; an der Nordseeseite gibt es zwar auch Bereiche mit Sandstränden, die meisten von ihnen befinden sich aber an der Westseite der vorgelagerten Inseln, vor allem das Wattenmeer, im Bereich der Elbemündung auch Schlickwatt genannt.
SH ist ziemlich flach, die grösste Erhebung ist 168 m über dem Meeresspiegel, die tiefste Stelle 44 m darunter. Es gibt wenige grössere Städte und viel Landwirtschaft. Es werden alle Getreidesorten angebaut, vor allem Weizen, aber auch Raps, Kohl, Zuckerrüben und anderes. Die Felder sind gross, und man kann lange Zeit auf schnurgeraden Strassen fahren; rechts wächst Getreide, links Kohl oder etwas anderes.
Die von uns gemietete Ferienwohnung ist nur 1 km vom Schlickwatt entfernt. Wir befinden uns in Dithmarschen, der Ort heisst Kaiser-Wilhelm-Koog. Ein Koog, in den Niederlanden auch Polder genannt, ist ein Stück Land, das durch Eindeichungen dem Meer abgetrotzt worden ist, „hohes Land vor dem Deich“ und dieses hier stammt aus der Regierungszeit Kaiser-Wilhelms. Die Menschen haben bereits im 11. Jahrhundert Eindeichungen vorgenommen.
Der erste Tag war sehr warm und windarm, die Nacht still. Deshalb wunderte ich mich darüber, dass ich in der 2. Nacht durch ein Geräusch geweckt wurde. Es war ein gleichmässiges Rauschen, und dazu hörte es sich an, also ob in der Ferne ein Güterzug vorbeifahren würde. Regelmässig ratterten die Räder über die Stosslücken der Gleise, tatat, tatat, tatat.
Der Güterzug war endlos, das Geräusch blieb. Es war kein Güterzug, es sind die Rotorblätter der Windenergieanlagen, die es hier in einer grossen Zahl gibt.
Wenn ich mich auf den Deich stelle und ins Landesinnere schaue, zähle ich, wenn ich in die Runde blicke, 35 solcher Windräder. Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich ein Kernkraftwerk. Es lieferte 30 Jahre lang Strom und wurde per Gesetz 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima endgültig stillgelegt, nachdem 2007 die Betriebserlaubnis entzogen worden war, weil die Sicherheit bei möglichen Terroranschlägen angeblich nicht gesichert wäre.
In dem kleinen Bundesland stehen bereits 2920 dieser Windenergieanlagen, die durchschnittlich jede 1,2 Megawatt liefern. Ein weiterer Ausbau auch in Hinsicht leistungsfähigerer Anlagen ist auf dem festen Land und „offshore“ in Arbeit, dafür dürfen 1,2 % der Fläche, das sind mehr als 160 km2, benutzt werden.
Bei grossen Windkraftanlagen der Megawattklasse hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein Konstruktionstyp durchgesetzt, der das Erscheinungsbild einer „normalen“ Windkraftanlage prägt: Anlagen mit horizontaler Achse und 3 Rotorblättern, die durch eine Windnachführung gegen den Wind zeigen.
Nach Angaben des Bundesverbands Windenergie von 2012 hat die heute in Deutschland gängige Windenergieanlage einen Rotordurchmesser von 126 Metern, eine Nennleistung von 7.5 Megawatt und eine Nabenhöhe von 135 Metern. Die Nennleistung wurde in den vergangenen 20 Jahren ums Dreissigfache vergrössert; der Rotordurchmesser hat sich in dieser Zeitspanne vervierfacht.
Die meisten grossen Windkraftanlagen werden mit konischen Stahlrohrtürmen ausgerüstet. Stahlrohrtürme stellen zur Zeit aufgrund der geringen Montagezeiten die am weitesten verbreitete Turmbauart für kommerzielle Windkraftanlagen dar. Am Boden haben sie einen Durchmesser von ca. 8,80 m, der sich auf ca. 2 m an der Spitze verjüngt.
Viele Bürger vergleichen die Türme mit Spargeln, genauer mit dem Gemüsespargel. Er wächst in Stangen von 20 cm Länge im reifen Zustand in der Erde, bildet also einen weissen Turm, wenn man ihn aufrecht hält. Stellt man sich viele dieser Stangen nebeneinander stehend vor und vergleicht man diese mit den Windkraftanlagen mit dieser Vorstellung, könnte man auf den Begriff “Verspargelung der Landschaft” kommen. Jedenfalls empfinde ich den Ausblick darauf als Verschandelung. Bürger sehen sie auch in den staatlich geförderten Photovoltaikanlagen, besonders an Höfen neben der Strasse. Es werden schräge Dächer auf Holzgestellen mit Solarzellen bestückt. Hinter den Dächern lassen sich dann landwirtschaftliche Geräte und anderes unterstellen. Die Anlagen glänzen und reflektieren in der Sonne, und an manchen Strassen sieht man sie von beiden Seiten.
Es darf nicht vergessen werden, dass die Entwicklung politisch gewollt ist. Die moderne Gesellschaft kann ohne Elektrizität nicht mehr leben. Fukushima bot einen willkommenen Anlass, aus der einst so hoch gelobten und gewollten Kernenergie auszusteigen. Diese Technologie ist, wenn man die Menge des erzeugten Stroms im Verhältnis zu den wenigen Unfällen sieht, die teilweise aus leichtsinnigem Umgang mit der Materie entstanden sind, ‒ man denke an Tschernobyl ‒, in Bezug auf die geringe Todesrate einigermassen sicher und wird mit verbesserter Technologie noch zuverlässiger werden. Gewiss besteht das Problem des strahlenden Abfalls und dessen Beseitigung und möglicher Strahlenschäden bei Unfällen, wie demjenigen in Japan.
Es ist immer eine Frage der Abwägung von Risiken. Jede Technologie birgt Risiken, und zwar bei allen Arten der Stromerzeugung. Es wird aber nicht abgewogen, sondern politisch entschieden.
Gesundheitsschäden können immer entstehen. So beklagt eine Bürgerinitiative, dass sich zu geringe Abstandflächen der Windkraftanlagen zu Wohngebieten negativ auf die Gesundheit und die Lebensqualität der Anwohner auswirkt. Es entsteht eine Lärmbelastung durch Rotorflügel-, Antriebs- und Windgeräusche, Infraschall, Schlagschattenbildung und Discoeffekt (Lichtblitze). Es wird beispielsweise ein Schalldruckpegel bis zu 120 Dezibel erreicht, mehr als durch ein vorbeifahrendes Fahrzeug.
Zitat: Der aerodynamische Lärm besteht aus tiefen, hörbaren, wummernden Tönen, die durch Eintritt der Rotorblätter in Luftschichten unterschiedlicher Dichte, Richtung und Geschwindigkeit sowie durch Luftverwirbelungen beim Passieren des Mastes entstehen. Bei 20 U/pm geschieht das bei 3 Rotorblättern 60 x in der Minute, ähnlich der Frequenz des menschlichen Herzens, und wirkt sich negativ auf den menschlichen Organismus aus. Beim Infraschall handelt es sich um für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbare, extrem tiefe Töne im Bereich von 16 Hertz und tiefer, die auch gelegentlich in der Natur bei Sturmböen und Gewitter vorkommen können.
Es gibt weitere Belastungen im Sinne des Bundesemissionsgesetzes. Menschen, die diesen ausgesetzt werden, leiden unter Störungen, die dem chronischen Lärmtrauma ähneln.
Zitat: Man kann dem Lärm nicht entkommen; er erinnert an eine defekte Waschmaschine, ein konstantes Rauschen, Trommeln, Lärm – Du kannst nachts nicht schlafen und dich tagsüber nicht konzentrieren – es ist Folter. – Es ist nicht so sehr die Lautstärke, sondern die Art dieses Geräusches, das mehr gespürt als gehört wird.
Eine Kinderärztin fand bei Familien, die in der Nähe von Windparks leben, Symptome wie Schlafstörungen, Kopfweh, Tinnitus, Schwindelgefühl und Übelkeit, unscharfes Sehen, schneller Herzschlag, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Angstzustände, innere Unruhe und Aggressivität.
In vielen Bundesländern sind die Abstandsflächen der Häuser zu Windanlagen viel zu klein. So fordert die Bürgerinitiative: Der Schutz der Menschen hat Vorrang ‒ und nicht der Bau von Windkraftanlagen!
Es wird befürchtet, dass auch der Tourismus in den Gebieten mit Verspargelung leiden könnte. Ich werde mir jedenfalls sehr überlegen, in dieser Gegend noch einmal Urlaub zu machen!
Momentan wird die Technologie noch so in den Himmel gelobt wie ehedem die Kernkraft. Wie lange es wohl dauert, bis die Gesundheitsschädlichkeit allgemein anerkannt wird? Ich gehe von Jahrzehnten aus!
Quelle
Hinweis auf weitere Blogs zur Energiewende und ihren Folgen
14.03.2011: Gedanken zu den Katastrophen in Japan und zu den Medien