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Lieber Herr Ramspeck: Ich sah einen TV-Beitrag über ein Mutter-Oma-Seminar. Junge Mütter gingen mit ihren Müttern in eine Art «Paartherapie», wo sie darüber redeten, dass sich Oma nicht in die Erziehung des Enkels einmischen soll. Ich hörte geschockt einer Oma zu, die nicht verstand, warum ihre Tochter den Enkel nicht aufs Töpfchen zwingt, während die Tochter das Problem mit Einfühlung und Liebe angehen wollte. Welche Erziehungsmethoden von heute und damals finden Sie absurd?
Liebe Joëlle
Ich finde schon den Begriff «Erziehungsmethode» absurd. Ich glaube einfach nicht, dass man mit Kindern nach Lehrbuch umgehen kann. Das würde heissen, Kinder sind Rohmaterial, das nach objektiven Grundsätzen geformt werden muss. Kinder sind aber Individuen, die auf solche Grundsätze individuell antworten. Dem einen mag es zuträglich sein, seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen, bei dem anderen führt Autorität zu Widerborstigkeit. Vor allem aber haben Kinder ein Gefühl dafür, ob es wahrhaftig oder nur aufgespielt ist, wie sich die Eltern ihnen gegenüber geben. Ich erinnere mich gut an die einzige Ohrfeige, die mir mein Vater versetzte: Sie war für ihn unter den obwaltenden Umständen ein Befreiungsschlag, eine zynische Bemerkung hätte mich schmerzlicher getroffen als eine unwillkürliche Reaktion seiner rechten Hand. Ich möchte damit sagen: Erziehung ist nicht Massnahme, sie ist Einweihung ins Leben. Die Kinder sollen erfahren dürfen, dass Mütter und Väter Menschen sind, keine pädagogischen Roboter.