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Rückblick: Feministische Positionen – Gemeinsamkeiten und Widersprüche – 2. Teil

Am 10. Juni diskutierten Historikerin Dr. Tove Soiland, Diversity & Inclusion-Berater Mark Damon Harvey sowie Künstlerin und Politikerin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo an einem Anlass des UZH Alumni Women's Chapters über Gemeinsamkeiten und Widersprüche feministischer Positionen.
Für Mitglieder des Women’s Chapter, die am 10. Juni nicht dabei sein konnten, ist der 2. Teil zu sehen unter (Login-Bereich):
Im 2.Teil zu «Feministische Positionen» erklärte Tove Soiland, dass der Ansatz der «Intersektionalität» der Logik der Antidiskriminierungspolitik erwachsen ist und deshalb auf einer ganz anderen Ebene liegt, als eine Gesellschaftstheorie, die erhellen will, wie die Mechanismen der Benachteilung ablaufen.
Die Prekarisierung von (unter)bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit (alle Arbeiten, die der Produktion und der Erhaltung von Leben dienen und in deren Zentrum die zwischenmenschliche Beziehung und der unmittelbare physische Kontakt stehen) ist eine der kapitalistischen Produktionsweise geschuldete Notwendigkeit und tief verankert. Es entspringt gesellschaftlichen Strukturen, d.h. der Weise, wie eine Gesellschaft produziert und sich in verschiedenen Hinsichten reproduziert. Diese Grundstruktur kann mit Antidiskriminierungsmassnahmen nicht behoben werden. Deshalb führe ein intersektionaler Ansatz in der Tendenz dazu, dass mit jeder „Gruppe“, der geholfen wird, eine neue nachrückt, die in die missliche Lage der ihr vorangehenden Gruppe treten muss. Feministische Politik, so das Fazit der Referentin, geht es aber darum, nicht die Gruppen oder Kategorien an den Plätzen austauschbar zu machen, sondern etwas gegen die Hierarchie selbst zu unternehmen.
Im Gegensatz dazu erklärten Yvonne Apiyo Brändle-Amolo und Mark Damon Harvey, dass die Wissensproduktion der Betroffenen wesentlich andere Schwerpunkte habe. In der Logik der Anti-Diskriminierung sei der Fokus darauf gelegt, wer zur (welchen) Gruppe der Diskriminierten und Diskriminierenden gehöre und in Bezug darauf seien Handlungsszenarien auszudenken. Die gesellschaftlichen Strukturen würden somit nicht ausgeblendet, sondern würden als nicht vordringlich oder essentiell verstanden. Es sei die unvermittelte Betroffenheit der u.a. BIPoCs im Alltag, die eine aktivistische Komponente oder Betrachtungsweise fordere, sie gehe von den direkten Erfahrungen aus. Intersektionalität, die auch Wurzeln in der Critical Race Theory habe, sei keine Gesellschaftstheorie, sondern eher epistemologisch ausgelegt, d.h. diene als Landkarte, die sich an Kategorien orientiere. Daher ist es unmöglich, gegen die kapitalistische Gesellschaft zu kämpfen, ohne die Kategorien als zusätzliche Ressource anzuerkennen.
Bei den Positionen entstehe ein Dilemma: Einerseits wird die Anerkennung der «Referenzkultur» gefordert, andererseits wird sie kritisiert und dekonstruiert. Auch wird konstatiert, dass mit einer Antidiskriminierungsstrategie basierend auf Kategorien das Grundproblem nicht angegriffen werde. Universelle Ansätze (der Feminismus), die eine umfassende Gesellschaftstheorie und zugleich Inklusion versprechen, seien jedoch wegen ihrer Geschichte (aus dem eurozentrischen Feminismus herkommend) für Out-cultures nur bedingt glaubwürdig.
Ein Ausweg wäre - so Tove Soiland - der (universelle) Angelpunkt der von allen Frauen geteilten Care-Arbeit. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Frauen 4/5 resp. 80% ihrer Lebensarbeitszeit im unterbezalten und unbezahlten Care-Sektor verbringen, so ist die These, dass es zwischen Frauen grosse Gemeinsamkeiten gibt und dass folglich die feministische Politik sich nicht in viele Differenzkategorien auflösen sollte, naheliegend.
Die grosse Frage aus dem Publikum «Welche Art Wissensproduktion steht hinter dem schwarzen Feminismus?» soll in einem 3. Teil ev. im Jan. 2022 geklärt werden. Der genaue Termin wird bekannt gegeben.
Auf dem Podium in der Aula waren:
Moderation: Eva Hug, Historikerin/Ethnologin, UZH Alumni Women's Chapter