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Die Freimaurerei versteht sich in der Tradition der freien Maurer und Baumeister der spätmittelalterlichen Bauhütten. Der Begriff "Bauhütte" bezog sich damals eigentlich auf eine einfache, barackenähnliche Behausung neben dem Bauplatz für die Besprechung der Arbeiten und die Aufbe-wahrung von Bauplänen und Steinwerkzeugen. Die organisierten Steinmetze waren ursprünglich mit den Klöstern der Benediktiner eng verbunden, von denen sie rituelle Elemente und initiatische Bilder übernahmen. Während der Glanzzeit des gotischen Kathedralbaus entwickelten sich die Bauhütten zu regelrechten Werkstattverbänden, wo sich Bauleute trafen: Maurer, Steinmetze, Bildhauer, Zimmerleute. In den Bauhütten wurden das Fachwissen und das alte Brauchtum gepflegt und nach aussen abgeschirmt. Fachwissen sowie rituelle Sitten und Gebräuche wurden mündlich überliefert und durch den Einsatz von speziellen Passwörtern, Erkennungszeichen und Symbolen vor Uneingeweihten geschützt (heute würde man von "Industriespionage" sprechen). Die Geometrie, wichtigstes Fachwissen im damaligen Bauwesen, galt als Sinnbild der harmonischen Weltordnung.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurden immer mehr Berufsfremde in die englischen Bauhütten (engl. "lodge", dt. "Loge") aufgenommen. Diese sogenannten "accepted masons" waren vom guten Ruf der Bauhütten angezogen und sicherten andererseits die Existenz der Bauhütten, die unter den abnehmenden Neuaufträgen beim Kathedralbau litten. Ausschlaggebendes Kriterium für die Aufnahme in diese abgewandelten Bauhütten war die Eignung und nicht Geburt und Stand. Das trug zum Abbau der gesellschaftlichen Unterschiede bei. Darüber hinaus wurde die Ethik der Bauhütten vom Humanismus der Renaissance und später von der Philosophie der Aufklärung stark beeinflusst. Somit entwickelten sich - im Gegensatz zu den alten Werkbauhütten - geistige, spekulativ arbeitende Logen (aus dem Lateinischen speculari: "umherspähen, auskundschaften, beobachten, ins Auge fassen", zu lateinisch specere "sehen"). So entstanden die Freimaurerlogen. Die spekulative Freimaurerei hat in ihrem Kern den Gedanken der Initiation, der weihevollen Rituale und der Vieldeutigkeit ihrer Symbole, die den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters und den Dom-bauhütten des Spätmittelalters entlehnt sind, durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt.
1717 schlossen sich vier Freimaurerlogen in London zur ersten Grossloge von England zusammen, die seither die Mutterloge aller regulären Freimaurerlogen ist. Dies war die Geburt der modernen Freimaurerei. Unter der Leitung des Predigers James Anderson, des Naturforschers John Theophilus Desaguliers und des Altertumsforschers George Payne wurden der Kultus und die Verfassung der Grossloge entwickelt. Anderson verfasste 1723 die "Alten Pflichten", die erste freimaurerische Verfassung, welche heute noch in der Freimaurerei als das verpflichtende Grundgesetz gilt. Diese beinhalten die Aufnahmekriterien und regeln das Verhältnis gegenüber Staat, Religion, Politik, Gesellschaft und unter Brüdern.
In kurzer Zeit verbreitete sich die Freimaurerei in England, Schottland, Irland und dann in allen kontinentaleuropäischen Ländern. Heute sind Freimaurerlogen auf der ganzen Welt, mit Ausnahme von totalitären und religiös regierten Staaten, mit rund 4 Millionen Mitgliedern vertreten.
In der Schweiz entstand die erste Loge im Jahr 1736. Sie wurde vom schottischen Adligen Georges Hamilton in Genf gegründet. Kurz danach nahmen weitere Logen in Lausanne, Neuenburg, Basel und dann Zürich, Bern, Aarau und an weiteren Orten ihre Tätigkeit auf. Die Schweizer Logen waren beeinflusst von verschiedenen Richtungen und von Ländern wie Schottland, England, Preussen und Frankreich und arbeiteten nach verschiedenen Systemen. Die Schweizerische Grossloge Alpina wurde 1844 in Zürich feierlich gegründet.
Die Freimaurerei steht für Menschenrechte, Freiheit, Toleranz und Brüderlichkeit ein. Sie formuliert keine politischen Ziele, keine allgemeingültigen Werte und schon gar keine Heilslehre. Vielmehr beruht sie auf dem Ideal der Humanität und der Erziehung des Menschen zur Freiheit. Die Freimaurerei ist eine Schule des Menschseins, indem sie anerkennt, dass der Mensch mündig und frei, aber gleichzeitig auch mitverantwortlich für die Gesellschaft und das Schicksal der Menschheit ist. Sie basiert auf der Idee, man müsse an sich selbst arbeiten, um als autonomer Mensch immer besser in der Lage zu sein, der Gesellschaft und letztlich der Humanität zu dienen.
Wahre Autonomie und Selbstbestimmung erfordern Vernunft, Wissen und Disziplin. Die Freiheit ist kein Geschenk, sondern eine Errungenschaft, für die man lebenslang arbeiten muss. Das Ziel des Freimaurers ist die stete und kritische Selbstreflektion in Funktion der Ideale der Humanität und der Freiheit. Der Freimaurer verpflichtet sich, seinen Teil dazu beizutragen, dass sein Leben gegen-über seinen Mitmenschen einen positiven Sinn gewinnt.
Wie der Freimaurer diese Verpflichtung erfüllt oder aufgrund welcher politischen oder religiösen Überzeugungen er handelt, ist seine eigene Entscheidung, weil die Freimaurer die relative Gültigkeit der eigenen Überzeugungen erkennen und damit die wahre Natur der Toleranz wahrnehmen. "Der erste Schritt zur Toleranz ist die Selbstkritik" (Lessing).
Die Freimaurerei ist eine moderne Idee. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, in denen die zivilen Freiheiten als gegebene Selbstverständlichkeit und nicht als zu verteidigende Errungenschaften betrachtet werden und in denen der Wunsch nach ideologischen - politischen oder religiösen - Schutzlehren und starken Führungsfiguren mit radikalen Lösungen für alle Probleme rasant wächst, sind die freimaurerischen Prinzipien der Humanität, Toleranz und Freiheit aktueller denn je.