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Obwohl ich selbst fast ausschliesslich Bilder in der Schweiz mache und aus Umweltgründen auf Flugreisen verzichte, interessiert mich, was andere Fotografen machen. Einer davon ist Sebastião Salgado. Von ihm war vor langer Zeit die Ausstellung „Migrations“ auch in Bern zu sehen. Diese Ausstellung, sowie das zum gleichen Thema erschienene Buch, zeigen den Alltag und das Elend von Flüchtenden auf der ganzen Welt. Dass Salgado bei seinen Aufnahmen stets darauf achtet, die Personen auch in den hässlichsten Situationen würdevoll und als Menschen darzustellen, hat mich sehr beeindruckt.
Geschrieben hat die Autobiografie „From my Land to the Planet“ die Schriftstellerin Isabelle Francq, basierend auf Erzählungen von Salgado. Man erfährt darin Sebastião’s Weg von der Farm seiner Eltern im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, via Universität von São Paulo ins französische Exil in Paris. Der Grund für seine Flucht nach Frankreich war seine kommunistische Überzeugung inkl. Teilnahme an Protesten gegen die rechte Militärdiktatur (Diktatur von 1964-1985). Im Buch werden seine wichtigsten Projekte vorgestellt: „Other Americas“, „Workers“, „Migrations“, „Genesis“ sowie seine Liebe zum Kontinent Afrika beschrieben. Dabei spielt Ruanda mit dem Genozid eine wichtige Rolle in seinem Leben. Im Buch ist übrigens zu jedem Kapitel ein Foto enthalten.
Arbeitsweise
Salgado arbeitet für seine freien Vorhaben stets in Schwarz-Weiss, weil er damit Emotionen besser ausdrücken kann als in Farbe. Das bedeutet, dass es alle seine bekannten Bilder ausschliesslich in Schwarz-Weiss gibt. Jedes Projekt dauert jeweils mehrere Jahre, z.B. sein letztes „Genesis“ sogar ganze acht Jahre. Er sieht sich als Schriftsteller, der mit Bildern statt Texten arbeitet und dessen Arbeit nie beendet sein wird. Der Vorteil: Fotos sind universell verständlich und müssen nicht übersetzt werden. Seine wissenschaftliche Grundausbildung ermöglicht es ihm auch, wirtschaftliche, geschichtliche und politische Zusammenhänge in den besuchten Ländern und Regionen zu analysieren und zu verstehen sowie seine Reportagen in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Mit „Workers“ wollte er beispielsweise den Übergang von der manuellen, harten und körperlichen Arbeit dokumentieren, bevor diese Tätigkeiten weltweit durch Maschinen ersetzt werden. Seinem bescheidenen, mitfühlenden und ruhigen Auftreten ist es zu verdanken, dass er bewegende Bilder von Menschen in Not überhaupt machen konnte und dass er alle brenzligen Situationen in den Kriegsgebieten körperlich unbeschadet überlebt hat.
Was kann man aus dem Buch lernen?
Das Buch enthält keine konkreten fotografischen Tipps und Tricks. Einzig ein kurzes Kapitel zur Umstellung auf die digitale Fotografie ist enthalten. Wer also nach praktischen Anweisungen für diese Art von Foto-Reportagen sucht, wird hier nicht fündig. Was aber klar beschrieben wird, ist seine Arbeitsweise: Zusammen mit seiner Frau Lélia plant er jedes Projekt über lange Zeit minutiös und bereitet alle Reise-Etappen sorgfältig vor. Häufig besucht er die gleichen Orte mehrere Male um eine fundierte Story erzählen zu können. Auch was anschliessend mit den Fotos in Form von Büchern und Ausstellungen passieren soll, wird bereits vor dem Start geplant. Was man aus dem Buch also lernen kann, ist konsequent seinen eigenen Weg zu gehen, konzeptionell zu arbeiten und am gleichen Thema lange Zeit und unbeirrt tätig zu sein, ohne kurzfristig den schnellen, kommerziellen Erfolg zu suchen.
Fazit und Bewertung
Das Buch ist nicht sehr dick und schildert grob die Biografie von Sebastião Salgado ohne ins Detail zu gehen. Trotzdem zeigt der Inhalt einiges über sein Leben und was die erlebten Grausamkeiten der Kriege mit ihm gemacht haben. Er hat auf jeden Fall mehr gesehen und erlebt, als ein einzelner Mensch ertragen kann. Von daher gesehen, ist es verständlich, dass er das Erlebte nicht mehr detailliert schildern möchte.
Die Arbeit am Projekt „Genesis“ ermöglichte es ihm in den letzten Jahren, die negativen Erlebnisse zu verarbeiten und die Welt mit neuen Augen sehen zu lernen. Die Wiederaufforstung der gerodeten Wälder als Teil des Atlantischen Regenwaldes um die Farm seiner Eltern in Brasilien war eine wichtige Aufgabe, die sich das Ehepaar Salgado setzte und dessen Ziel sie auch vollumfänglich erreicht haben – beeindruckend und ein schöner Gegensatz zur aktuellen Politik der brasilianischen Regierung!! Eine seiner letzten Aussagen im Buch ist: “It is only in nature that we can find a little freedom”. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung voll und ganz bestätigen.
Wer sich für Fotografie, Menschen und Natur interessiert, sollte das Buch unbedingt lesen. Salgado’s Arbeiten sind ein eindrücklicher Appell für mehr Menschlichkeit und Würde in der Welt.
Hinweis
Das Buch ist übrigens auch auf Deutsch unter dem Titel „Mein Land, unsere Erde“ erhältlich, in der Schweiz jedoch nicht als eBook-Download. Ausserdem gibt es einen Dokumentarfilm von Wim Wenders „Das Salz der Erde“ über Salgado, der absolut sehenswert ist und sich in grossen Teilen mit der Buch-Biografie deckt.