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1.
Hör zu, sagte Paul, und ich hörte zu. Er sprach davon, dass wir immer älter würden und dass wir damit doch nie gerechnet hätten. Wir hätten doch nie gedacht, älter als achtundzwanzig oder höchstens dreissig zu werden, wir dachten doch, immer da zu bleiben, wo wir waren. Und jetzt?, sagte er, und er hörte sich wie Häuptling Wolf an.
Das war vor ein paar Tagen gewesen. Paul hatte mich angerufen, nachdem wir uns seit vielen Jahren weder gesehen noch gehört hatten. Ich wusste, er hatte geheiratet und hatte drei Kinder. Wenn ich richtig informiert worden war, waren es Mädchen. Wahrscheinlich liefen sie den ganzen Tag mit offenen Haaren und rosa Kleidern um ihn herum und erfüllten ihn mit Leben. Paul, der kleine Lord, wie wir ihn genannt hatten. Ich wusste in etwa, in welcher Stadt, in welchem Theater er gerade Intendant war. So, wie wir es ihm immer vorausgesagt hatten, Natascha und ich. Du wirst Intendant, sagten wir ihm, das kannst du am besten.
Draussen war es unerträglich heiss, in der Wohnung liess es sich gerade noch so aushalten. Seit Tagen war es über dreissig Grad, und in der Nacht kühlte es nicht ab. Die Hitze machte das Licht dumpf, kein Vogel liess sich in der Luft blicken, und die Leute in der Stadt kamen gar nicht mehr aus dem Rhein raus, in dem sie sich zu Hunderten treiben liessen. Neben ihnen her, wie kleine Bojen, schwammen orange Plastikbeutel mit ihren Kleidern und Schuhen.
Gestern wurde in der Zeitung wieder irgendein Woodstock-Jubiläum gefeiert. Mitten auf der Zeitungsseite prangte eines dieser berühmtgewordenen Paare – vielleicht war es auch immer das eine – in einen Schlafsack gehüllt, der wie der Mantel Marias aussah. Das Paar stand da versunken in eine Erfahrung, die dort, wo die beiden standen, schon damals stehengeblieben zu sein schien. Es war der Morgen nachher, und wie sollten sie jemals wieder von da wegkommen. Von da kam keiner mehr weg, dafür würden alle Zeitungen und Radios der Welt schon sorgen. Am Morgen im Schulfunk, der heute nicht mehr Schulfunk hiess, sondern Wissen, brachten sie ebenfalls eine Sendung zu Woodstock und den Hippies ganz im allgemeinen. Solche Sendungen fingen so an, dass sie erst einmal erklärten, wo das Wort Hippie eigentlich herkam und wo ja vielleicht die Hippies wieder hingehen könnten. Die Sache mit den Hippies war nämlich keine leichte. Thomas Pynchon hatte auch gerade pünktlich zum Jubiläum ein Buch veröffentlicht, das in den siebziger Jahren in Los Angeles spielte, und das ausser von Hippies auch noch von der ganzen Manson-Familiy und der Rache, die überall lauerte, handelte. Eine Besprechung seines Buchs war mit «Die Erbsünde der Hippies» überschrieben. Und in der Tat, hiess nicht die Erbsünde der Hippies Hippie?
Es war unerträglich, wenn irgendwelche Sprecher oder Redakteure von der Kraft und dem Ausdruck einer Bewegung redeten, die es einmal gab, und die schon lange vorbei war. Ja, sagten sie dann im Ornat des Bedenkenträgers, eine Bewegung, die schon als sie anfing, vorbei gewesen war. Sie sagten, Woodstock war der Anfang vom Ende und spielten dazu dreissig Sekunden Joplin ein, deren Stimme allein zu hören, wenn auch nur dreissig Sekunden, mich immer umwarf. Wie konnte eine junge Frau damals in den sechziger Jahren nur so eine Stimme gehabt haben und von so einer Gegend irgendwo in sich drin – wir wissen ja nicht, was wir in uns haben – und so völlig ohne jeden Rückhalt aus sich oder aus dieser unwegsamen Gegend heraussingen? Das fragte ich mich noch immer. Und das Besondere an dieser Gegend war, es war keine Unterwelt, sie sang aus keinem Totenreich. Nur aus der Lunge, in der sich ein ganz anderes Gedächtnis aufzuhalten schien. Vielleicht soetwas wie das Gedächtnis des Atems. Von dort kam ihre Stimme ohne jede Zeit. Und Hendrix nannten sie im Radio einen genialen Musiker, als wäre er Micky Maus und auf dem Zeichentisch herumgehuscht. Auch ihn hörten wir dreissig Sekunden mit seinem genialen Sound die amerikanische Nationalhymne zerfetzen, wie vorher schon die Joplin. Dann wurde wieder weitergeredet, das war das wichtigste an diesen Rückblicken, als wäre alles, was damals geschehen war, der Auftrag einer Kulturbehörde gewesen und die Hippies eine Art glückliche Statisten, die für die Stimmigkeit der Szenen gesorgt hatten, die genauso ausgefallen waren, wie sie in der Ausschreibung projektiert worden waren. Das war damals ein Glücksfall, selten stimmten die Bilder so schön überein mit dem, wie wir sie heute ansahen. Wahrscheinlich haben irgendwelche Kulturbeamten damals auch schon aufgeschrieben, wie in der Folgezeit die Jubiläen zu kommentieren wären. «Hippie Ahoi» hiess das Projekt damals, und Hendrix haben sie langsam aber sicher vergiftet, Joplin auch, und die Manson-Family hat für die CIA gearbeitet, hatte dann leider einen kleinen Ausraster, alles lässt sich ja nicht kontrollieren, auch Elvis hat für das Rauschgiftdezernat gearbeitet, mit Stern an der Weste und Colt im Sack.
Woodstock, um Himmels Willen, sagte ich Paul am Telefon, habe ich im Kino gesehen, da war ich fünfzehn und da war was – wie immer was ist – und das hat uns, so wie wir waren, sofort mitgenommen. In gewisser Weise waren wir wie gemacht dafür. Das ist so mit den Sachen, die mit der Zeit zu tun haben, in der wir geboren werden, aufwachsen, in der wir mit der Luft, die wir atmen, alles aufnehmen, was in der Zeit ist und Luft. Hendrix und Joplin, die beide schon tot waren, als ich ihre Musik das erstemal hörte, das waren eben wir, das sahen, das hörten wir sofort. So, wie die Wörter wir sind. Das ist auch geblieben.
Du hast recht, sagte ich, wir sind älter geworden, und wir sind geblieben. Weder Hippies noch keine Hippies. Und ich fragte ihn, ob er eine Idee hätte. Eine Idee oder noch besser viele.
Idee für was? Sagte Paul.
Warum du anrufst.
Nein, sagte er. Oder doch. Ich musste so viel an den Sommer denken, den Sommer, von dem wir sagten, dass in ihm alles, was so passierte, wieder und wieder geschah. Der Sommer, nach dem wir uns aus den Augen verloren, uns, zusammen mit dem Sommer.
2.
Kam Pauls Anruf wie gerufen? Was hatte gerufen? Woher sollte er wissen, dass ich schon lange an diesem Sommer herumdachte? Irgendwann war er da gewesen, der Sommer 82. Im Kopf, im Gefühl, im Zimmer, sogar im Blick aus dem Fenster über den Römischen Graben zum Tiefbauamt rüber. Wie der Sommer, so war auch, wie er mich nicht mehr losliess. Ich konnte nicht anders als denken, dass in jenem Sommer etwas geschehen war, das mich bald dreissig Jahre später als etwas anfiel, ohne das ich nicht leben konnte. Und wie schon in jenem Sommer, so wollte ich auch jetzt wieder aufschreiben, was in jenem Sommer wieder und wieder geschah. Aufschreiben, eine Geschichte finden für das, was war, sonst würde etwas auf der Strecke bleiben, ohne das wir nicht würden leben können. Wir, das war meine Generation, all die, die damals in jenem Sommer da waren, redeten, arbeiteten, sich anfühlten, sich umarmten und nie mehr loslassen wollten. Wie es mir mit dem Sommer erging, der mich in seinen Griff genommen hatte – und wohin griff er, wenn er mich ergriff?
Ich dache an Paul, an Natascha, an Marianne, ich dachte an mich, Veronique, und ich sah uns, wie wir zwischen Mensa und Luxemburgerstrasse am Bahndamm entlang durch das wilde Grasland gingen, wie wir es in jenem Sommer vor bald dreissig Jahren jeden Tag machten. Feierlich, hochgestimmt, und die Sonne schien auf den staubigen Weg, der wilde Wermut schimmerte bläulich neben den gelben Köpfen der Kamille, und sie boten uns Geleit.
Die Rückkehr des Sommers hatte sich angebahnt. Ich hatte Marianne getroffen. Ich kannte sie seit diesem Sommer, in dem wir in Köln zusammen an der Schauspiel-schule gearbeitet hatten. Wir nannten sie damals manchmal Marianne Renoir, wegen ihrer Schönheit, wegen der Bilder von Renoir, in denen das Schwarz fehlte, wegen des Films von Godard, der Geschichte von Ferdinand und Marianne, und am Ende starben sie und dann, dann kamen ihre Stimmen nochmal wieder und sagten, dass sie sie wiedergefunden hätten. Was? Die Ewigkeit. Sie ist das Meer. Ja, das Meer, sagten sie. Wir haben sie wiedergefunden.
Ich traf sie im Café Huguenin, das bei mir um die Ecke lag, im ersten Stock, dem alten und einzigen kaffeehausartigen Café, das die Stadt zu bieten hatte. Mit ovalen Marmortischen, die von ovalen Sitzbänken umgeben wurden, die mit dunkelgrünem Samt überzogen waren. Das Café hatte zwei riesige Fensterflächen, aus denen der Barfüsserplatz und die kleine Einkaufsstrasse gut zu übersehen waren. Es war Februar, später Nachmittag, die Sonne war schon untergegangen, aus allen Gassen, hinter den Häusern und Mauervorsprüngen schien die Dunkelheit hervorzuspringen, als hätte sie den ganzen Tag nur darauf gewartet, sich auszubreiten, um nie mehr zu verschwinden. Marianne wollte morgen nach China reisen, sie hatte sich noch eine Hose gekauft. Und während sie mir ihre Reiseroute aufzählte, breitete sich wie im Windschatten ihrer Planungen die Dunkelheit aus. Ihr Reisefieber, dieses riesige und schwer zu verstehende Land, das sie bald betreten würde, das dunkle Licht, das von draussen durch die Fenster kam, das die Stadt anders zu tragen schien als die helle Luft des Tages, brachte uns ins Schwimmen. Der Kaffee hatte uns geweckt, sie rauchte, und so fragte ich sie, ob es ihr auch so ginge mit dem Sommer als wir zusammen an der Schauspielschule gearbeitet hatten? Dieser Sommer, nach dem alles anders geworden war, nach dem das Theater, so wie wir es gekannt hatten oder wie wir es uns ausgedacht hatten, das wir mit machen wollten, nicht mehr da war, von der Erdoberfläche verschwunden.
Ja, sagte sie. Das Theater hatte uns angesteckt. Wir waren angesteckt vom Theater, von Räumen, von Wörtern, Sätzen und wie sie sich im Raum bewegten, verkörperten, leicht und konzentriert zugleich. Wir fühlten uns nicht nur angesteckt vom Theater, wir fügten uns wie kleine, fehlende Teile in etwas ein, das zwischen Bühne und Zuschauerraum lebte. Dort harrten wir wie angewurzelt aus. Türen und Tore schienen offenzustehen, und es war für einen Moment, einen Sommer lang, gleichgültig, zu welchen Häusern sie gehörten.
Ja, wir machten in diesem Sommer viel aus Theater, und auch das war aus Theater gemacht. Manchmal fragte ich mich, ob unser damaliges Leben in der Theaterschule des Sommers je zu Ende gegangen war. Ich hatte so ein Gefühl und erinnerte mich an das Sommerlicht in der Kölner Südstadt, abends gegen halb neun in der Wohnung von Marianne. Wir arbeiteten, die beiden Fenster in ihrem Arbeitszimmer standen offen zum Hof. Die Geräusche der Stadt drangen zu uns, kreisförmig wie die vielen Ringe, die die Stadt umgaben, und wir waren mitten darin das angehaltene Zentrum. Wie der «Lovers Club» auf dem Rudolfplatz, den es früher einmal dort gab, und den ich mir als ebensolches stilles oder leeres Zentrum vorstellte. Allerdings war er ein Zentrum der Liebe, die in grossen Kreisen unterwegs war. Damals war ich noch Schülerin in Leverkusen und hörte die Berichte jener, die Expeditionen nach Köln in den «Lovers Club» unternommen hatten, der mir seitdem nicht nur ein Ort der Schönheit und Ferne zu sein schien, sondern auch der Anschauung dieser Schönheit und ihrer Ferne. So ein Gefühl kam zu mir am Abend im Sommer, und ich sagte das zu Marianne, in deren Wohnung wir über unser Programmheft gebeugt sassen. Wir wollten in diesem Sommer richtig gute Dramaturginnen werden, und zu deren Aufgabe und Ehrgeiz gehörte es, das schönste, klügste, dickste, lehrreichste Programmheft aller Zeiten zu machen. Wir mussten es fertigstellen, morgen sollte es zum Drucker gehen. In fünf Tagen würde Premiere in der Schlosserei sein. «Speckhut» hiess das Stück. Es war ein süd-amerikanisches Monstrum, und keiner wusste, warum wir ausgerechnet dieses Stück machten. Doch wir arbeiteten an einer selbstverwalteten Schauspielschule, betreuten die Abschlussproduktion angehender Schauspieler, und die war eben dieser Speckhut. Wir wollten alles genauso machen, als wären wir im richtigen Theater. Marianne, die schon länger beim Theater arbeitete, sie hatte es sogar studiert, machte in beratender Funktion mit, ich in täglicher Fronarbeit. Und das schon seit Wochen. Unverbrüchlich sass ich während der Proben neben Ossi, dem Regisseur, der auch so ein Spezi war, und ich schrieb alles mit. Also alles, was man so alles nennt und was nie alles ist, sondern nur winzige Bruchteile, Spuren der Beobachtung des Geschehens, das innen und aussen zugleich geschah. Manchmal kam Ossi am Morgen mit einem schwarzen Mercedes 220 zu den Proben. Mit so einem war ich vor Jahren nach Indien gefahren, woran ich dann immer denken musste, aber tempi passati, allerdings machte so ein Mercedes auch in diesem Sommer noch immer ganz schön was her. Marianne aber fuhr einen schwarzen Citroen, den richtigen, den Roland Barthesschen, und sie rauchte mitten in Köln Parisiennes ohne Filter, die ich noch nie vorher gesehen hatte, in gelber, schmaler Packung, das war einfach gekonnt. Mit ihrem Madonnengesicht lagen die Männer ihr zu Füssen, aber sie fuhr mit ihrem Citroën Pallas jedes Wochenende zu ihrem Jean oder Henry oder wie er hiess, nach Belgien. Ein Schuft, wie sich später herausstellen sollte, aber das ist eine andere Geschichte. Die Parisiennes kaufte sie, wenn sie ihren Jean oder Henry, den späteren Schuft, besuchenfuhr, der aber wohl auch schon vorher ein Schuft war. Denn Unwissen schützt vor nichts, noch nicht einmal vor dem Wissen. Das ist wahrscheinlich das schlimmste am Unwissen. Vielleicht kaufte sie die Parisiennes auch in der Schweiz; denn ihre Eltern wohnten da gerade an der Grenze.
Weil Marianne die lesbarere Handschrift hatte, schrieb sie einen Text von Roland Barthes, den wir so schön fanden – und irgendwie passte er auch zu unserem Stück – als Druckvorlage ab. Der Text hiess «Zum Schreiben hin», er sollte gleich vorne auf der ersten Seite unseres Hefts stehen und ging so: «Die Bäume sind Alphabete, sagen die Griechen. Unter allen Buchstabenbäumen ist die Palme am schönsten. Vom Schreiben, wie es überfliesst und sich abhebt, dem Wurf ihrer Wedel gleich, hat sie die höhere Wirkung: das Herabsinken.» Marianne sass an einem alten Sekretär aus Kirschholz, einem Erbstück ihrer Tante. Ich hörte, wie die Füllfeder über das Blatt glitt, und draussen vor dem Fenster bemerkten wir so ein Herabsinken des Tages, sahen der Bewegung der Sonne nach, das Licht wurde dicht, die Geräusche dünn, das Geschehen des Tages, alles, was geschehen war an diesem Tag, schien als Luftschicht von weit oben und weit her, durch den Himmel und zwischen den Häusern durch, auf Strassen, Plätze, Höfe, Balkone zu sinken. Und wir in der Wohnung verfolgten diesen Gang des Raums, der Zeit durch die Luft, durchs Zimmer und an den Wänden hinab, wie wenn wir dem Vergehen höchstpersönlich zusehen könnten. Als atmeten wir mit ihm in hohen, auf- und absteigenden Bögen. Und erst als die Dämmerung sich im Zimmer breit gemacht hatte, als sich alle Fugen und Lücken des Zimmers mit Dunkelheit gefüllt hatten, regten wir uns wieder, setzten uns in Bewegung, atmeten wieder allein. Marianne war am Schreibtisch sitzengeblieben, ich auf dem Boden. Dann standen wir auf, kehrten uns den Rücken zu, packten, ohne ein Wort zu sagen, Bücher und Papiere zusammen. Morgen schon würden die Wedel der Palmen überfliessen und ihr Herabsinken gedruckt werden.
Dann mussten wir gehen, Marianne wollte noch packen für ihre Chinareise, und wir verabschiedeten uns, und ich dachte, ja, also hat es den Sommer gegeben, und nicht nur für mich ist er da stehen geblieben, wo er aufgehört hat, und nun liegt es an uns, ihn wiederzufinden. Das war zwei Jahre vor Pauls Anruf gewesen. Zwei Jahre, in denen sich meine Erinnerungen an den Sommer ringförmig, wie die Geräusche der Stadt an jenem Abend mit Marianne kurz vor der Premiere, ausgebreitet haben.
7.
Da waren wir wieder, wir drei. In Nataschas Küche. Hatten wir uns nicht im Theater oder in einem Café verabredet, trafen wir uns hier. Wir waren aus allen möglichen Richtungen gekommen, punkt halb neun, es war noch nicht dunkel, und in der Wärme und Gelassenheit des Sonntagabends hatte sich eine Rückzugsstimmung breitgemacht, ein Vorbereiten und Fertigmachen für den Montag, die Arbeit, die Schule, die Fahrt mit der Strassenbahn und hoffentlich bloss nichts vergessen? Wie hiessen wir denn noch? Wo wohnten wir? Wer waren unsere Kinder? Namen der Eltern, und hatten wir nicht noch einen Hund? Höchste Zeit, uns an Nataschas Küchentisch zu setzen und uns über ihre Spaghetti mit der Knoblauchsahnesauce lustigzumachen. Hauptsache, das Gericht geht schnell, sagte Natascha immer, und das eben war es, was es so unschlagbar machte.
Dass wir uns immer bei Natascha trafen, lag an ihrer Theaterseele. Sie hatte die grösste. Und sie glich einer Bühne; ständig trat bei ihr einer auf, wurde aufs innigste begrüsst, zum Bleiben aufgefordert, und andere verschwanden wieder. Ein ewiges Rein und Raus. Natascha sagte, sie würde ruhig davon. So kamen wir bei ihr zusammen, oft noch spätabends, aber auch am Nachmittag, wenn sie nicht probte. Manchmal kam es vor, dass ich auch allein bei ihr in der Küche sass – wir wussten, wo der Schlüssel versteckt lag –, und ich schaute die Wände an. Neben dem Küchenschrank hing ein Plakat von Virginia Woolf, die aussah, als trüge sie eine zweite Haut aus Luft. Und über dem Kühlschrank hatte Natascha ein Poster von Karl Marx hängen.
Nicht etwa, dass ich etwas gegen Karl Marx gehabt hätte, im Gegenteil, aber da war das mit dem Gespenst, das umgeht in Europa, und das Poster erinnerte mich jedes Mal daran. Und wahrscheinlich war das Gespenst niemand anderer als Karl Marx selbst gewesen. Der, soviel er auch von den Gespenstern und ihrem Treiben wusste, sich selbst als Gespenst nicht entging. Und dann fiel mir auch immer noch der Satz von den Gespenstern ein, die sich uns, kaum hatten wir die Grenze überschritten, entgegenwarfen. Die waren ja auch niemand anderer als wir selbst.
Ja, es war so ein Sommer, in dem wir viel in Küchen herumsassen und das Gefühl hatten, die Gespenster auszuhalten. Als würden wir davon heimlich wachsen. Unentdeckt, in Deckung, und das passte zu diesem Sommer. Denn wenn wir uns überlegten, was uns interessierte, was wir wollten, so kamen da gleich Tod, Liebe, Krankheit, Wahn angerannt, und jetzt auch noch Friedrich, der Regisseur aus dem Film von Wenders, der sterben musste, nur damit der Film ein Ende fände. Und was sollten wir damit anfangen? Wir wuss-ten nicht, warum wir immer dahockten wie Bewacher eines Schreckens, der schlief, und wir mussten aufpassen, dass er bloss nicht erwachte, vor allem nicht, wenn wir nicht da waren. Wir fürchteten uns, und zugleich fürchteten wir uns nicht. Die Bücher, die wir lasen, wimmelten von Kampf und Krieg. «Für eine Literatur des Krieges, Kleist» von Mathieu Carrière, ehemaliger Schauspieler von Ariane Mnouchkine, die wir für die grösste hielten. Bachmann, «Malina», das war doch auch nur Kampf und Krieg, und dann noch die wahren Sätze, die wir finden müssten. Oh, wir waren bereit zu sterben. Für den König. Für die Gerechtigkeit. Fürs Theater. Wir waren wirkliche Theatermenschen in diesem Sommer. Und klar, weniger bewachten wir einen Schrecken, als dass dieser uns bewachte. Und ob es bei soviel Theater ein Schrecken war, um den es ging beim Bewachen, war auch nicht auszumachen. Heute war auch Natascha in dem Film von Wim Wenders gewesen, damit wir drüber reden könnten und uns überlegen, ob wir damit einverstanden waren, dass Friedrich sterben musste, nur weil der Film, den er im Film drehte, keine Geschichte hatte, jedenfalls keine, die von Liebe oder Tod handelte. Und damit der Film eine Geschichte von Liebe und Tod wurde, musste Friedrich sterben. Konnten wir damit einverstanden sein? Konnten wir etwas dagegen tun, dass Friedrich sterben musste, nur um eine Geschichte zu haben?
Den Film konnten wir nicht ändern, aber darum wollten wir die Geschichte ändern. Ist doch eine klare Sache, jede Geschichte braucht Anfang, Mitte und Ende, sagte Natascha und das glich ihr und ihren Spaghetti mit Knoblauchsahnesauce. Aber wird sie dadurch eine gute Geschichte, sagte Paul? Und was ist ein Anfang, sagte ich, und woher weiss ich am Anfang, dass es der Anfang ist und nicht das Ende? Wenn ich einen Film drehen würde, sagte Paul, dann würde ich jetzt in unser Gespräch eingreifen und sagen, ihr spielt doch nur Theater. Ja, endlich, würde ich dann sagen, sagte Natascha. Was wollen wir denn spielen, sagte ich? Verstecken, sagte Natascha und liess ihre Gabel fallen und lief aus der Küche. Au ja, sagte ich und rannte ihr nach. Paul sass am Tisch und fing an zu zählen. Bis fünfzig, riefen wir schnell noch und versuchten, keine Geräusche zu machen, damit er uns nicht gleich finden würde. Natascha hatte eine Mitbewohnerin, Babsi, die so gut wie nie da war. Ich lief in ihr Zimmer. Sie hatte ein hohes, altmodisches Holzbett, und ich konnte nicht widerstehen, mich darunter zu legen, wo früher die Krokodile lagen. Die Luft unter dem Bett war düster und pelzig, ich atmete sie leise und so flach wie möglich ein.
Natascha hörte ich die Balkontür öffnen, wahrscheinlich wollte sie sich hinter den Blumenkübeln, in denen alle Pflanzen verdorrt waren, verstecken. Paul war bald schon bei sechzig, dann siebzig und rührte sich nicht. Los, du sollst uns suchen kommen, rief ich und hörte Natascha draussen kichern. Das gibt noch keine Geschichte, rief Paul und zählte nun lauter weiter. Spielverderber, rief ich und streckte mich aus, schloss die Augen, dachte an das Krokodil, das ich vielleicht einmal gewesen war. Dann hörte ich wieder Natascha, sie hatte sich zu mir auf den Boden gelegt und flüsterte: Komm, Kamikaze.
Wir lachten und rollten wie vergammelte Ostereier unterm Bett hervor und durchs Zimmer, bis wir am Schreibtisch hängen blieben. In der Küche sass Paul mit geschlossenen Augen am Tisch und summte sein Lieblingslied, «Ne me quitte pas», Jacques Brel, das er allen vorsang, mit auf den Weg gab, an der Tür, noch im Flur, wenn wir unten aus dem Haus gingen, über die Strasse, schon im Auto. Ne me quitte pas, sang er, sang er uns durch den Sommer einmal um die Erde herum. Es verfolgte uns und stand uns immer bevor. Nur er schien es nicht hören zu können, bekam nicht genug von dem Lied. Er wusste nicht, was er sang, wo er sang, und von welchem Verlassen? Er hätte uns nie gesucht. War das das Ende einer Geschichte, noch bevor sie angefangen hatte? Wir haben es vergessen.