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Das Kräfteverhältnis in der Zürcher Stadtregierung hat sich am Sonntag nochmals zu Gunsten von links-grün verändert: In der Wahl um die Nachfolge von Stadtrat Martin Vollenwyder verlor die FDP dessen Sitz an die Alternative Liste.
Der Kandidat der Alternativen Liste, Richard Wolff, siegte ganz knapp vor seinem Kontrahenten Marco Camin von der FDP. Auf Wolff entfielen 27'550 Stimmen, für Camin votierten 26'865 Stimmberechtigte. Die Stimmbeteiligung lag bei mageren 28,3 Prozent.
Damit sitzen im Stadtrat nur noch zwei Bürgerliche, je einer von FDP und CVP. Die SP hält vier Sitze, die Grünen zwei und neu die AL einen.
«Bitteres» Resultat
Dass die FDP ausgerechnet in der Wirtschaftsmetropole Zürich einen von zwei Sitzen verliert, bezeichnet FDP-Schweiz-Vizepräsident Christian Lüscher als «bitter». Dies umso mehr, als die SP keine Wahlempfehlung für den Siegreichen AL-Kandidaten Richard Wolff abgegeben habe.
Es sei «völlig abnormal», dass Zürich als grösste Lunge der Schweizer Wirtschaft von fünf Sozialdemokraten und der extremen Linken regiert werde, sagte der Genfer Nationalrat Lüscher im Westschweizer Radio RTS.
Prononcierter linker Intellektueller
Mit Richard Wolff zieht ein prononciert linker Intellektueller in die Zürcher Stadtregierung ein. Der Geograf und Stadtsoziologe legte eine steile politische Karriere hin: Erst seit 2010 sitzt er für die Alternative Liste (AL) im Zürcher Gemeindeparlament.
Der heute 52-Jährige wuchs im Kanton Zürich und in Venezuela auf. Die grosse Armut und soziale Ungerechtigkeit, die er dort sah, politisierten den Jugendlichen ebenso wie Berichte über den Vietnamkrieg und die 68er-Unruhen in Europa.
An der Zürcher 1980er-Bewegung nahm er aktiv teil. Die Unruhen führten zur Gründung der Roten Fabrik, wo Wolff sich mehrere Jahre als Vorstandsmitglied engagierte.
Richard Wolff besuchte das Gymnasium in Zürich, das er 1977 mit der Matura abschloss. An der Uni Zürich studierte er Geografie und Ethnologie.
Zusammen mit anderen Geografiestudenten gründete er eine Gruppe, die sich mit Stadtforschung und Stadtentwicklung beschäftigte. Daraus hervor ging das internationale Stadtforschungsnetz INURA, dessen Co-Leiter er heute ist. Zudem ist er Mitinhaber des INURA Zürich Instituts.
1999 promovierte Wolff mit einer Dissertation zum Thema Stadtentwicklung. Ein Jahr lang unterrichtete er als Gastdozent an der University of Wisconsin in den USA. Seit 2000 ist er Dozent für Städtebau und Stadtentwicklung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).
In der Politik positioniert sich der nun neu gewählte Stadtrat klar auf der linken Seite. Als Ziele nannte er im Wahlkampf unter anderem mehr günstigen Wohnraum, einen Ausbau der Kinderbetreuung, die Reduktion des Autoverkehrs und die Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft.
Richard Wolff ist Vater von drei Söhnen. Er wohnt in Zürich zusammen mit seiner Partnerin in einer Wohnbaugenossenschaft, die er selbst mitgegründet und -aufgebaut hat.
(chb/sda)