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Zum Auftakt gibt die Cinemascope-breite Leinwand den Blick frei auf eine Gruppe spielender Mädchen. Am nahen Haus lehnt ein Mann mittleren Alters, mittlerer Statur. Er sieht gut aus, ist gepflegt. «Desert Road, Patagonien, 1960» wird eingeblendet. Eines der Mädchen wird mit seinem Namen, Lilith, gerufen. Dann setzt die Erzählung ein. Sie sei für ihn von der ersten Begegnung an ein ideales especimen, ein Studienobjekt gewesen. Die Formulierung aus dem Mund eines Kindes irritiert. Eine Lolita-Geschichte scheint sich anzubahnen, aber vielleicht ist da noch etwas anderes. Er habe sie, erzählt Lilith weiter, schon am ersten Abend in seinem Heft skizziert. «Haar: blond, Augen: blau, perfekte Harmonie der Glieder» habe er neben die Zeichnung geschrieben. Bloss ihre Grösse habe ihm nicht gefallen: Lilith ist zwölf, hat aber die Grösse einer Achtjährigen. Später wird die Mutter erklären, dass Lilith ein Siebenmonatekind ist. In der Schule wird Lilith als “Zwerg” verlacht werden; der Mann, von Beruf Arzt, wird ein Mittel dagegen wissen.
Doch noch stehen sie am Anfang der dreihundert Kilometer langen Desert Road. Der ortsunkundige Mann bittet Liliths Vater, der Familie nachfahren zu dürfen. Er spricht deutsch, die Mutter auch, der Vater nicht, die Kinder, Lilith und zwei Brüder, verstehen es. Es ist ein für deutschgewohnte Ohren seltsames Deutsch, das in diesem argentinischen Film gesprochen wird. Doch es gehört dazu, ist wichtig. Nach Bariloche führt die Fahrt. Hier übernimmt Liliths Familie das Gasthaus der vor Kurzem verstorbenen Oma. Vater Enzo macht nebenher Puppen. Wakolda ist der Name der Puppe, die Lilith zum Filmanfang fallen lässt und die der Doktor für sie aufhebt. Später quartiert sich der Arzt bei der Familie ein. Er betreibt Forschungen mit Kühen. Die Kinder gehen auf dieselbe Schule wie früher die Mutter. Auf Fotos, die sie ausgräbt, sieht man Menschen mit dem Hitlergruss. In Bariloche gab – gibt es vielleicht noch immer – eine relativ grosse deutsche Gemeinde. Vor dem Krieg war man nazifreundlich. Nun hört man am Radio von Eichmanns Verhaftung, woraufhin die Schularchivarin gewisse Fotos, Bücher, Hefte verschwinden lässt.
Nicht die Greueltaten der Nazis, sondern der Umgang der argentinischen Bevölkerung mit den Exilnazis interessiert Lucía Puenzo. So erzählt sie, wie sich Lilith in kindlicher Neugier vom deutschen Doktor angezogen fühlt. Wie der Arzt sich um die mit Zwillingen schwangere Mutter kümmert. Wie er den Vater unterstützt, damit dieser die schönste seiner Puppen, die blondhaarige, blauäugige Herlitzka, in Serie herstellen kann. Und dann gibt es in Wakolda, die Geschichte endet nach einigen Monaten mit der Abreise des Arztes, noch anderes: Die Hormone, die der Arzt Lilith – hinter Vaters Rücken, aber mit Mutters Genehmigung – verabreicht. Seine Skizzen und Notizen: Genetik und Rassenlehre.
Puenzo vermeidet bis zum Abspann, den Namen Josef Mengele zu nennen. Die Story von Wakolda ist fiktiv, sie lässt sich aber stimmig in Mengeles lückenhaft bekannte Biografie einfügen. In ihrem gleichnamigen Roman erzählt Lucía Puenzo dieselbe Geschichte, allerdings aus der Sicht des Arztes. Wakolda, nach XXY (2007) und El niño pez (2009) Puenzos dritter Spielfilm, ist gut recherchiert, solide gespielt. Und erzählt, von betörender, wehmutsvoller Musik unterlegt, völlig unaufgeregt und umso subtiler von der Begegnung eines der grössten Verbrechers der Menschheitsgeschichte mit einem neugierigen Mädchen, das irgendwann vielleicht ahnt, dass sich hinter dem Lächeln des Herrn Doktor etwas verbarg, um das es lieber nicht weiss.