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Eiter
(Pus) und
Eiterung
(Suppuratio). Der
Eiter ist im frischen Zustande eine gelblichweiße, geruchlose, rahmartige
Flüssigkeit von schwach alkalischer Reaktion, in welcher man durch das Mikroskop
[* 2] eine dichtgedrängte Menge kugeliger Körperchen,
die
Eiterkörperchen oder
Eiterzellen, erkennt, welche in einer fast wasserhellen Flüssigkeit, dem
Eiterserum, aufgeschwemmt
sind. Letzteres besteht zum größten
Teile aus Wasser, in welchem, wie im Blutserum oder dem Milchserum
(Molken),
Eiweißstoffe (1-4 Proz.),
Salze und Extraktivstoffe aufgelöst sind.
Aus diesem
Grunde sondert sich
Eiter, den man in einem tiefen
Gefäße stehen läßt, sehr bald in zwei Schichten, in eine
obere, wasserhelle und dünnflüssige Serumschicht und in eine untere, gelbgefärbte, zähflüssige Schicht
von
Eiterkörperchen. Die letztern, deren Menge im
Vergleich der
Eiterflüssigkeit sehr verschieden ist, gleichen durchaus
den farblosen oder weißen
Blutkörperchen
[* 3] (s.
Blut), sie sind kleine
Kugeln von etwa 0,01
mm im Durchmesser, welche aus einer
zähflüssigen, einen oder mehrere kleine
Kerne enthaltenden Protoplasmamasse bestehen. Im ganz frischen
Zustande, solange nicht
atmosphärische Luft oder Wasser mit den
Eiterkörperchen in Berührung gekommen ist,
sie auch kein
Wasser durch
Verdunstung oder ihre natürliche Wärme
[* 4] verloren haben, zeigen diese Körperchen unter dem Mikroskop deutliche
und lebhafte
Bewegungen, indem sie ihre Gestalt mannigfach ändern, Fortsätze ausstrecken und wieder einziehen, oder
mit Hilfe solcher Fortsätze langsam auf dem
Glase hinkriechen.
Sie gleichen dann vollständig gewissen niedrigsten Organismen, den sog.
Amöben (s.
Kammerlinge), weshalb ihre
Bewegungen auch
amöboide genannt werden. Die geringste Einwirkung der Luft, des Wassers, der Wärme oder Kälte, wie aller eingreifenden
Störungen, reicht hin, die
Eiterkörperchen zu töten. Sie ziehen dann ihre Fortsätze ein, runden
sich zu einer
Kugel ab und sehr bald verändern sie sich auch chemisch und zerfallen schließlich. Dieses
Absterben tritt sehr
bald auch dann ein, wenn der
Eiter noch im Organismus eingeschlossen ist, und bedingt die weitern Umwandlungen des Eiters
überhaupt.
Der
Eiter ist eine krankhafte Neubildung des Körpers, welche überall da sich bildet, wo in irgend einem
Gewebe
[* 5] oder Organ ein schwerer Entzündungszustand vorhanden ist, und zwar dachte man sich früher, nach einer ältern
Anschauung
von
Virchow, jedwede
Eiterung entstanden durch eine massenhafte
Entwicklung von jungen Zellen aus gewissen, dem Organismus normalerweise
angehörenden Geweben, indem die Zellen der entzündeten Gewebe, insbesondere des über den ganzen Körper
ausgebildeten
Bindegewebes, aber auch die Epithelzellen, welche die serösen und Schleimhäute überziehen, die
Knochenzellen
u. s. w. unter dem Einfluß des
Entzündungsreizes eine lebhafte Wucherung und wiederholte
Teilung erfahren und so eine Menge
indifferenter Zellen
(Eiterzellen) erzeugen sollten, welche sich nicht w
eiter entwickelten, sondern frühzeitig
zu
Grunde gingen, weil sie entweder nicht lebensfähig entwickelt wären oder wegen ihrer zu großen Menge oder sonstiger
Umstände sich nicht genügend ernähren könnten.
Nach den Untersuchungen von Cohnheim dagegen, welche die ganze
Lehre
[* 6] von der
Entzündung und
Eiterung wesentlich umgestaltet
haben, sind die
Eiterkörperchen nichts anderes als ausgewanderte farblose oder weihe
Blutkörperchen,
welche bei der
Entzündung die
Wand der
Blutgefäße, namentlich der kleinsten
Venen und
Haargefäße, durchbohrt haben und sich
nun als
Eiterzellen in den Geweben ansammeln, ein Vorgang, der leicht beim Frosch
[* 7] und andern
Tieren direkt unter dem Mikroskop
beobachtet werden kann. In neuerer Zeit hat man nachgewiesen, daß auch aus den Zellen entzündeter Gewebe
Eiterkörperchen entstehen, daß also neben der
Lehre Cohnheims auch die ältere Virchowsche richtig ist.
Als Ursache der Eiterung läßt sich in den meisten Fällen die Anwesenheit gewisser Spaltpilze (Eiterbakterien, Eiterkokken) nachweisen. Unter den eitererregenden Bakterien sind die wichtigsten Staphylococcus und Streptococcus pyogenes. Staphylococcus pyogenes, Traubenkokkus, so genannt von der traubenförmigen Anordnung der einzelnen Kokken, gehört zu den Diplokokken. Er ist ebenso leicht zu färben, behufs mikroskopischer Untersuchung, als rein zu kultivieren; die Reinkulturen zeigen weiße, gelbe oder goldbraune Färbung, wonach man Staphylococcus albus, citreus und aureus als Unterarten unterscheidet. Dauersporen sind nicht bekannt, doch ist der Staphylococcus sehr widerstandsfähig gegen äußere Einwirkungen. Da er ferner überall ¶
mehr
verbreitet ist, also nicht streng parasitisch vegetiert, so erkärt ^[richtig: erklärt] sich, daß derselbe so häufig bei Wund- und andern eiterbildenden Entzündungskrankheiten der Menschen gefunden wird. Gegen antiseptische Mittel ist der Staphylococcus ziemlich resistent; das als solches so beliebte Jodoform ist dem Staphylococcus völlig ungefährlich. Impfungen mit diesem Kokkus erzeugen typische Abscesse, Furunkel u. a. Streptococcus pyogenes, Kettenkokkus, gleichfalls der Kokkenform der Bakterien zugehörig, wird durch die kettenartige Aneinanderreihung der Einzelkokken in Kulturen charakterisiert.
Nahe verwandt mit dem Streptococcus des Erysipels, erzeugt er im Körper vorwiegend vorschreitende phlegmonöse Prozesse, bei welchen das Entzündungsbild anfänglich hauptsächlich aus Rötung und Schwellung besteht und erst viel später mit Eiterbildung sich kompliziert; besonders gefährlich ist er durch die Neigung, sog. metastasierende pyämische Herde im ganzen Körper hervorzurufen (Verschleppung durch das Blut). Die Methoden des mikroskopischen Nachweises, der Reinkultivierung und der Impfung [* 9] sind ebenso charakteristisch und schlagend wie bei dem Staphylococcus, sodaß beide Kokkenformen zu den bestbekannten gehören. In seltenen Fällen ist die Entzündung bez. Eiterung durch chem. Ursachen ohne Anwesenheit von Bakterien bedingt.
Jede irgend erhebliche Eiterbildung ist von einer Entzündung begleitet, d. h. die Stelle, wo der Eiter entsteht, ist reichlicher mit Blut erfüllt als sonst, meist mehr oder minder schmerzhaft und infolge der vermehrten Blutmenge und des gesteigerten Stoffwechsels auch wärmer als im normalen Zustande. Je nach dem Orte seiner Entstehung mischen sich dann oft dem Eiter noch andere Stoffe bei, so z. B. dem auf der Oberfläche der Schleimhäute, beim Katarrh, gebildeten Eiter der Schleim, dem auf serösen Häuten entstandenen die seröse Flüssigkeit.
Mitunter ist der Eiter nicht gelb gefärbt, sondern besitzt eine rote, orangefarbene, grünliche oder blaue Färbung. Die rote Farbe rührt von der Beimischung roter Blutkörperchen, die orangefarbene von reichlicherm Gehalt an Hämatoidin (verändertem Blutfarbstoff) her, wählend die blaue und grüne Farbe des Eiters durch Mikro-Organismen (Pilze) [* 10] gebildet wird, die sich massenhaft auch auf dem Verbandstoff entwickeln und diesen blau oder grün färben. Alle diese Färbungen sind jedoch ohne Belang und auf den weitern Verlauf der Eiterung ohne allen Einfluß.
Das Verhältnis des Eiters zu den Geweben ist verschieden; entweder findet sich der Eiter auf der Oberfläche der verschiedenen Häute, wie der äußern Haut, [* 11] der Schleimhäute oder der serösen Häute (sog. oberflächliche oder epitheliale Eiterung), oder er ist in die Masse, in das Innere eines Organs eingebettet (sog. tiefe oder parenchymatöse Eiterung). Bildet sich Eiter an einer Stelle der Haut oder Schleimhaut, wo dieselbe in ihrem Zusammenhang gestört ist, sei es infolge von Verwundung oder einer zerstörenden Entzündung, so heißt die eiterbildende Stelle ein Geschwür (s. d.). Hat ein solches eine kanalartige Gestalt, und führt es nach einem tiefer gelegenen Eiterherde, so spricht man von einer Fistel (s. d.). Ist hingegen der Eiter in die Masse eines Organs dergestalt eingebettet, daß er eine bei der Eiterung entstandene Höhle erfüllt, so nennt man solchen Eiterherd Absceß (s. d.). Endlich kommt es auch vor, daß der Eiter das Gewebe eines Organs gleichsam durchtränkt, indem er sich zwischen die normalen Gewebselemente einschiebt; man spricht dann von einer eiterigen Infiltration. In dem letztern Falle kommt es gewöhnlich zur sog. eiterigen Schmelzung der Gewebe, indem das ursprüngliche Gewebe des betreffenden Organs durch die eingelagerten Eiterkörperchen allmählich erweicht wird und schließlich vollständig verschwindet. Auf diese Weise hat sich aus der eiterigen Infiltration ein Absceß gebildet.
Die Verwandlungen des fertigen Eiters können sehr verschieden sein. Die Eiterkörperchen verändern sich, wie schon oben bemerkt, sehr bald, und ihr Inhalt kann sich in Fett umbilden und zerfallen, oder sie können einschrumpfen und verkalken. Wird das Eiterserum wieder von den Blutgefäßen aufgesaugt, so dickt sich der Eiter immer mehr ein und verwandelt sich schließlich in eine käsige Masse, welche endlich durch Ablagerung von Kalksalzen steinhart werden kann.
Man spricht dann von einer Verkäsung oder Tuberkulisierung und von einer Verkalkung oder Verkreidung des Eiters. Lösen sich die Eiterkörperchen in ihrem Serum auf, so kann der ganze Eiter wieder durch Aufsaugung ins Blut verschwinden. Dies bringt keinen weitern Schaden, wenn es sich um gesunden, guten und frischen Eiter handelt; nur die Aufsaugung zersetzten und durch bestimmte krankmachende Bakterien infizierten Eiters bringt Gefahr. Übrigens tritt eine solche vollständige Aufsaugung nur bei sehr kleinen Eitermengen ein.
Ist nämlich der Eiter in Verjauchung übergegangen, wobei er dünnflüssiger, arm an Eiterkörperchen und übelriechend wird, so vergiftet er, ins Blut gelangt, dasselbe derart, daß heftiges Fieber und tödliche Folgen eintreten können. (S. Pyämie.) Diese Verjauchung tritt außerordentlich leicht ein, wenn die atmosphärische Luft, namentlich die in ihr enthaltenen Fäulniserreger (Spaltpilze, Bakterien) Zutritt zum Eiter haben. Als specifischen Eiter bezeichnet man solchen Eiter, der zugleich Träger [* 12] eines Ansteckungsstoffs ist, wodurch daher eine bestimmte Krankheit von einer Person auf die andere übertragen werden kann (Trippereiter, syphilitischer Eiter, Pockeneiter u. s. w.). Man findet in ihm die betreffenden pathogenen Bakterien; dem äußern Ansehen nach kann er durchaus nicht von gewöhnlichem Eiter unterschieden werden.
Die Folgen der Eiterung für den Gesamtkörper sind je nach der Dauer und Ausbreitung derselben, nach der Menge des abgesonderten Eiters, nach der Wichtigkeit des betroffenen Organs und nach dem Grade der Zerstörung, welchen die Eiterung indem letztern hervorruft, sehr verschieden. Alle lange dauernden und erheblichen Eiterverluste ziehen allmählich Blutarmut und Verwässerung des Blutes mit Neigung zu Wassersucht nach sich und können durch Erschöpfung oder durch eine eigentümliche Entartung, die sog. amyloide Degeneration der Milz, Leber, Nieren und anderer lebenswichtiger Organe (s. Amyloidentartung), zum Tode führen.
Auch kann der Übertritt von faulig zersetztem Eiter in das Blut und die Säftemassse, welcher namentlich leicht bei ungenügendem Abfluß des angesammelten Eiters und bei Zutritt der atmosphärischen Luft zu dem Eiterherde zu stande kommt, schwere Gefahren für den Gesamtorganismus zur Folge haben. Aus diesem Grunde erfordert jede erheblichere Eiterung sachverständige chirurg. Hilfe, wobei in erster Linie für genügenden Schutz der eiternden Fläche gegen den Luftzutritt, für allseitig freien Abfluß der ¶
mehr
entstandenen Eiterungen und für deren gehörige Desinfektion [* 14] durch fäulniswidrige Verbandmittel zu sorgen ist. (S. Absceß, Entzündung, Wunde.)