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Macht, so definiert der ehrwürdige «Brockhaus», hat der, der «den eigenen Willen gegenüber dem Willen anderer durchzusetzen» im Stande ist; ein «Machthaber ist jemand, der Macht diktatorisch ausübt».
Nicht weit entfernt von der Definition der Wissensfibel ortet auch der Doyen der Soziologen, Max Weber, das Wesen der Macht: «Macht», notiert der Geisteswissenschaftler, «bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.» «Brockhaus» oder Weber definieren mit diesen Worten zumindest die gängige Perzeption von Macht als leicht obskurer Angelegenheit, die bei günstiger Konstellation der medialen Resonanzkörper gewaltige öffentliche Emotionen freizusetzen vermag. Denn Macht ist in gewissen Zeiten kombiniert mit öffentlich wahrgenommener Unmoral, und die Objekte der Empörung, eben die Machthaber, mutieren in diesem Fall zum Freiwild des medial aufgepeitschten Mobs.
So geschehen etwa mit Klaus Schwab, dem Gründer des World Economic Forum (WEF) in Davos, der sich zeitweise vorkommen musste, als hätte er persönlich die Marktkräfte des globalen Kapitalismus entfesselt und sei deshalb zu Recht auf dem Radarschirm wütender Aktivisten der Antiglobalisierungs-Bewegung aufgetaucht und von diesen in den Senkel gestellt worden. Dass Schwab im diesjährigen BILANZ-Rating der mächtigsten Schweizer zum zweiten Mal in Folge auf Platz eins der einflussreichsten Verbandsfunktionäre erscheint, obwohl die Karawane der Antiglobalisierer längst weitergezogen ist, zeigt den entscheidenden Wesenszug der wirklich einflussreichen Persönlichkeit. Es gelingt ihr, Phasen der «Skandalisierung von Personen», wie sie der Zürcher Soziologe Kurt Imhof nennt, ohne nachhaltige Reputationsschäden zu überstehen.
Im Falle des WEF-Gründers erfolgte dies mit einer Korrektur des eigenen, lange Zeit eher auf Abschottung denn auf Öffnung gegenüber Kritikern zielenden Verhaltens. Seit das WEF Diskussionsplattformen bietet, auf denen Globalisierungsgegner mit Novartis-Chef Daniel Vasella oder Nestlé-Lenker Peter Brabeck-Letmathe zum streitbaren Dialog schreiten können, ist die Kritik an Schwabs Lebenswerk praktisch verebbt.
Frei nach Max Weber, hat der WEF-Gründer seine sozialen Beziehungen über die Stammkundschaft des Forums hinaus ausgebaut bis hin zu seinen schärfsten Widersachern und diesen nicht etwa seinen Willen aufgezwungen, sondern das Forum für sie geöffnet. Der persönlichen Reputation von Klaus Schwab hat dies nicht geschadet, und deshalb gilt er wohl zu Recht als einflussreichster Netzwerker des Landes. Individueller Einfluss im eigenen Tätigkeitsbereich und darüber hinaus ist seit je die Quelle, aus der willensstarke Persönlichketen ihren Gestaltungsspielraum schöpfen. Von jeher rekrutierten sich diese aus dem Fundus der einzelnen Länder, zumindest was das politische Führungspersonal betrifft. Bei den wirtschaftlichen Eliten ist das Personalreservoir zunehmend international, tendenziell sogar global vernetzt. Aber auch dort sind die Kriterien individueller Machtausübung zunächst ähnlich strukturiert: Sie sind gebunden an Persönlichkeit und berufliche Funktion. Hinzu kommt – in jüngster Zeit – eine in dieser deutlichen Ausprägung neue Qualität der öffentlichen Wahrnehmung von Wirtschaftsführern. Wohl noch nie in der Wirtschaftsgeschichte sind die beiden Begriffe «Elite» und «Moral» so dicht zusammengerückt und für Topmanager zur unverzichtbaren Richtschnur für individuelles Handeln erhoben worden.
Ein bemerkenswerter Vorgang: Artikulierte sich in den siebziger und achtziger Jahren die Kritik am gesichtslosen Multi noch meist pauschal anhand von Umweltthemen im weitesten Sinne, genährt von Protestgruppen wie Greenpeace, so wird heute auf den Mann gespielt. Die Reputation von Unternehmen ist weitgehend reduziert auf die moralische Qualität des Führungspersonals, mithin die des obersten Chefs, und dieser hat sich am derzeit gültigen Moralkodex der Öffentlichkeit zu orientieren. Und das mit gutem Grund: Ändert sich dieser Kodex, richten sich die medialen Lautsprecher als Reizverstärker in die gleiche Richtung aus. So ist zu erklären, dass Nestlé-Chef Peter Brabeck innert Wochen seine persönliche moralische Integrität verlor, ein Musterbeispiel dafür, dass negative mediale Wirkung für einen Wirtschaftsführer heute das grösste Risiko für seine Reputation darstellt.
Nestlé gab am 18. Januar 2005 bekannt: «Peter Brabeck-Letmathe to be Chairman and CEO of Nestlé» – in der Schweizer Presselandschaft löste die Meldung vereinzeltes Stirnrunzeln aus, mehr nicht. Der «Blick», der Wochen später mit seiner Kampagne «Aufstand gegen die Bosse» tagelang auf Brabeck einprügelte, titelte zunächst brav, «Der Schönste ist jetzt auch der Mächtigste», und die «NZZ» konstatierte «Nestlés pragmatische Corporate Governance». Einzig «Cash» hatte sein Thema gefunden und ortete «eine Todsünde bei Nestlé».
Ansonsten aber herrschte Frieden im Land, und Brabeck konnte im Januar anlässlich des 225-Jahr-Jubiläums der «NZZ» öffentlich über das Thema «Internationaler und weiblicher: Neue Spielregeln für schweizerische Führungsetagen» debattieren, ohne dass ihn irgendjemand wegen seines geplanten Doppelmandats anging. Tage später nur spazierte er im World Economic Forum von Klaus Schwab herum und lief dabei möglicherweise sogar seinem Kritiker und Ethos-Chef Dominique Biedermann über den Weg, doch selbst in der moralgeschwängerten Höhenluft von Davos war das Doppelmandat des Nestlé-Lenkers den Hundertschaften von Journalisten der Weltpresse kein Dorn im Auge. Erst Wochen später – Ethos hatte inzwischen für die Generalversammlung Opposition gegen Brabecks Doppelrolle angekündigt – rollte die publizistische Attacke an, frei nach dem Motto: «Klopfen wir den Bossen auf die Finger!» So lautete der publizistische Schlachtruf des «Blicks». Und Daniel Vasella, der als Novartis-Chef ebenfalls am öffentlichen Pranger steht, fragt sich in einem «Weltwoche»-Interview: «Wer schadet dem Land mehr: die Topmanager oder die Presse mit ihrer simplen Kritik?»
Ob simpel oder nicht: Wer zukünftig Einfluss erhalten will, der muss tun, was Klaus Schwab vorgemacht hat: den Umgang mit seinen Kritikern suchen und finden. Elite und Moral verlängern sich um den Begriff der Kritikfähigkeit.
Die Jury
Wirtschaft
Thomas Borer-Fielding Ex-Botschafter, Dr. Thomas Borer-Fielding, Zollikon
Bjørn Johansson Headhunter, Dr. Bjørn Johansson Associates, Zürich
Susan Kish CEO, First Tuesday, Zürich
Markus R. Neuhaus Geschäftsführender Partner, PricewaterhouseCoopers, Zürich
Peter Schürmann Managementberater, Schürmann & Partners, Zürich
René Lüchinger Chefredaktor BILANZ, Zürich
Politik
Kenneth Angst Publizist, Kommunikations- und Politikberater, Küsnacht ZH
Claude Longchamp Politologe, GfS, Bern
Iwan Rickenbacher Kommunikationsberater, Schwyz
Victor Schmid Senior Partner, Hirzel Neef Schmid Konsulenten, Bern
Regula Stämpfli Dozentin MAZ und Politikwissenschaftlerin, Brüssel
Pierre-André Schmitt Stellvertretender Chefredaktor BILANZ, Zürich
Kultur/Medien
Lorette Coen Kulturjournalistin und Präsidentin der Eidg. Designkommission, Lausanne
Christoph Doswald Journalist «SonntagsZeitung» und Ausstellungsmacher, Zürich
Martin Heller Kulturunternehmer, Heller Enterprises, Zürich
Anne Keller Head Brand Communications, Swiss Re, Zürich
Andreas Spillmann Kaufmännischer Direktor, Schauspielhaus Zürich
René Lüchinger Chefredaktor BILANZ, Zürich
Verbände/Wissenschaft
Ernst A. Brugger Berater, BHP-Brugger & Partner, Zürich
Peter Fuchs Präsident der Stiftung Viva Trust, San José, Costa Rica
Claude Martin Generaldirektor, WWF International, Gland
Rolf Probala Leiter Corporate Communications, ETH Zürich
Markus Schär Journalist «Weltwoche», Zürich
Pierre-André Schmitt Stellvertretender Chefredaktor BILANZ, Zürich
So wurde gewertet
Vier Fachjurys (siehe oben) haben die Liste der mächtigsten Schweizer ermittelt. Benotet wurden jeweils vier Kriterien mit maximal zehn Punkten. Die Kriterien:
1. Wie gross ist der Einfluss im eigenen Bereich? Kann zum Beispiel ein Politiker den Kurs seiner Partei massgeblich beeinflussen?
2. Wie gross ist der Einfluss über den eigenen Bereich hinaus? Hat zum
Beispiel ein Wirtschaftsführer Einfluss auf die Politik?
3. Wie gefestigt ist die Position dieser Person? Sitzt zum Beispiel ein Partei-präsident fest im Sattel?
4. Wie ausgeprägt ist die Möglichkeit, sich notfalls gegen den Willen von
Betroffenen durchzusetzen? Hat zum Beispiel ein Spitzenbeamter wirkliche Verfügungsgewalt?
Das Kriterium des Einflusses über den eigenen Bereich hinaus wurde beim
Ermitteln der Durchschnittsnote immer doppelt gewichtet.
In einzelnen Kategorien wurden zusätzliche Kriterien eingeführt. Bei der Politik wurde die Präsenz in den Medien erfasst und als fünftes Kriterium mitbewertet.
Bei der Kultur führten wir das Kriterium «funktionsgebundene Hebelwirkung» ein, also die Möglichkeit, zum Beispiel über ein Museum eine Plattform zu bieten.
Bei der Kategorie Medien kam als fünftes Kriterium der meinungsbildende Einfluss hinzu.