Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/643

Karl Moser war ein Gigant der Schweizer Architektur. Seine Werke sind zahlreich. In Zürich baute er vor allem das Kollegiengebäude der Universität, das erste Kunsthaus am Pfauen, die Grosse Kirche Fluntern und die Kirche St. Antonius in Hottingen. Wer weiss schon, dass Moser auch in Wollishofen gebaut hat? Seine eleganten Wohnhäuser an der Rainstrasse feierten 2023 den hundertsten Geburtstag.*
Architektinnen und vor allem Architekturstudenten, die Wollishofen besichtigen, besuchen in der Regel die Siedlung Neubühl hart an der Grenze zu Kilchberg. Das Neubühl hat sich zu Recht zur Architekturikone des Neuen Bauens in Zürich entwickelt. Erbaut wurde es in den Jahren 1928-31 von einem Architektenteam um das Büro Häfeli, Moser, Steiger. Dagegen ist fast unbekannt, dass schon anfangs der 1920er Jahren in Wollishofen eine Wohnsiedlung gebaut wurde, die das moderne Bauen ankündigte.
Karl Moser (1860-1936) wurde in Baden geboren. Der ETH-Professor (ab 1915) erhielt von Corbusier den Ehrentitel «Vater der Moderne». Foto ETH-Bibliothek.
Die Rainstrasse war um 1900 eine jener neuen Strassen, die nach der Eingemeindung Wollishofens in Gross-Zürich (1893) urbanes Wohnen im ehemaligen Bauerndorf möglich machten. Wer von der Butzenstrasse her, am erhaltenen Doppel-Weinbauernhaus vorbei gegen den Friedhof geht, durchschreitet heute ein Architekturmuseum. So sind von der Zeit des Jugend- und Heimatstils etwa die feudalen Wohnhäuser mit Seeblick (Rainstrasse 22-32) erhalten. Kurz darauf trifft ein Wanderer auf das Raindörfli, das gleichzeitig wie das Neubühl erbaut wurde, auch recht modern, aber ländlich-sittlich, und ohne die Stringenz des Neubühls.
Hintere Rainstrasse
Eine besondere Geschichte hat indessen die hintere Rainstrasse. Die seeseitigen Parzellen waren für Wohnbauten, jene auf der Bergseite für die Erweiterung des Friedhofs vorgesehen. Karl Moser schnappte sich die ersten Parzellen mit Blick auf den See. Zusammen mit seinem Berufskollegen «Oberst Ulrich»**, realisierte er dort ein alleinstehendes Einfamilienhaus sowie vier Doppeleinfamilienhäuser. Nach den urbanen Jugendstil-Villen der ersten Bauphase fiel diese zweite Siedlung durch klare Linienführung und einheitliches Design auf – und kündigte so die Moderne an. Der heutigen Betrachterin fällt dies möglicherweise weniger auf, weil das Wahrzeichen des modernen Wohnbaus – das Flachdach – fehlt, und weil der Baustil Mosers in zahlreichen späteren, vor allen genossenschaftlichen Wohnbauten Wollishofens weitergeführt wurde.
Moserhäuser an der Rainstrasse 62-78: Mosers Architekturstil der 1920er Jahre war funktional und gradlinig. Foto Herkunft unbekannt.
Es war der Plan, die neu erbauten Häuser schnell an eine geneigte Käuferschaft zu bringen – was offenbar nicht vollständig klappte. Ein erster Interessent wurde allerdings schnell gefunden: Es war Max Schwab, der schon 1924 in die Rainstrasse 64 einziehen konnte. Schwab war kaufmännisch ausgebildet, zunächst als Generalsekretär tätig, später war er Direktor jener Bundesstelle, die die Rationierung der Lebensmittel während des Zweiten Weltkrieges organisierte. Seine Tochter Margit erbte nach dem Tode der Eltern das Haus und bewohnte es bis 2020. Sie dürfte damit die Person sein, die bisher am längsten in den Moserhäusern gewohnt hat.
Margit Schwab (1925-2021), lebenslustig, lebte Zeit ihres Lebens an der Rainstrasse 64.
Foto Privatbesitz.
Nach Schwab kauften weitere Personen weitere Häuser, aber noch 1930 waren drei Partien, worunter das alleinstehende EFH, unverkauft (d.h. im Besitze der Verkäufer). In den 100 Jahren ihres Bestehens hatten die Häuser unterschiedliche Besitzer und Bewohnerinnen. Es fällt aber auf, dass vor allem Selbständige sowie mittleres bis oberes Kader mit einem rechten Bildungsrucksack an den schönen Häusern und ihrer prächtigen Wohnlage interessiert war. Heute ist die Bewohnerschaft ziemlich durchmischt. Das alleinstehende Einfamilienhaus (62) diente lange Zeit als Pfarrhaus der ev.-reformierten Kirchgemeinde – heute ist es eine WG mit jungen Leuten.
Festakt des Jubiläums im Sommer 2023 mit Geschichten aus der Geschichte der Moserhäuser Wollishofens. Privatfoto.
(SB)
* Eine kürzere Fassung des Textes von Sebastian Brändli zum Jubiläum der Moserhäuser in Wollishofen ist in der Lokalzeitung Zürich 2 (30.11.2023) erschienen. Die Fotos 3 und 4 sind neu dazugekommen. Vgl. https://zuerich24.ch/epaper/directories/3-zuerich-2 (S. 25).
** «Oberst Ulrich», mit bürgerlichem Namen Paul Ulrich, 1856-1935, war Spross einer alten zürcherischen Bürgerfamilie. Er war Architekt und Kunstförderer, hatte sein Fach in Dresden am Polytechnikum studiert und war später auch Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft.