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«Hidden Figures» – Ausnahmefrauen der Raumfahrt – Katherine G. Johnson
Wenn am 26. Februar die Oscar-Verleihungen stattfinden, ist ein Film dabei, der nicht nur Frauengeschichte beschreibt, sondern auch den Alltag von herausragenden schwarzen Frauen und Vorreiterinnen im Amerika der Apartheid in den späten 1950er- und 1960er-Jahren. «Hidden Figures» beschreibt besonders das Leben dreier Persönlichkeiten. Der erste Teil ist der bekanntesten Figur, Katherine G. Johnson, gewidmet.
«Hidden Figures» erzählt die Geschichte von Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson. Es sind drei herausragende afro-amerikanische Frauen, die bei der NASA gearbeitet haben und in dieser Funktion als brillante Köpfe einer der grössten Unternehmungen in der Geschichte gelten: Sie haben den Astronauten John Glenn in die Umlaufbahn geschickt. Eine fantastische Errungenschaft, die der Nation neues Selbstbewusstsein gab, das Rennen im Weltall neu definierte und die Welt aufrüttelte. Dieses visionäre Trio überschritt jegliche Geschlechts- und Rassengrenzen und inspirierte Generationen, an ihren grossen Träumen festzuhalten. Doch wer waren die beschriebenen schwarzen Frauen im Film? Widmen wir uns vorerst der berühmtesten der «Hidden Figures» – der unterschätzten Figur: Katherine G. Johnson.
«Schwarze Kindheit» im Amerika der Apartheid
Geboren wurde sie am 26. August 1918 im Bundestaat West Virginia. Sie war das jüngste Kind von Joylette und Joshua Coleman. Die Mutter war Lehrerin, der Vater ein Farmer, der auch als Hausmeister eines Hotels arbeitete. Schon früh zeigte sich Katherines Freude an der Mathematik. Sie zählte schon als Kleinkind all ihre Schritte, die Teller, oder die Schritte von ihrem Zuhause zur Kirche. Als sie ihrem Bruder in die Schule folgte, stellte der Lehrer fest, dass das kleine Mädchen bereits lesen konnte. Es hatte es sich selbst beigebracht. Fortan durfte die kleine Katherine am Unterricht teilnehmen und wurde gleich in die zweite Klasse geschickt, als sie mit sechs Jahren schulpflichtig wurde.
Sie übersprang ein weiteres Mal eine Klasse, als zu Beginn ihres fünften Schuljahres eine neue, kleine Schule mit nur wenigen Lehrern eröffnet wurde. Die besten Fünftklässler – unter ihnen Katherine – wurden direkt als 6. Klasse zusammengefasst. Ihr Vater, der selbst die Schule nach der 6. Klasse abgebrochen hatte, legte grossen Wert auf die Bildung seiner Kinder. Für Afroamerikaner gab es in White Sulphur Springs nur Schulen, die nach der 8. Klasse endeten, weshalb Coleman die Geschwister an einer afroamerikanischen Highschool des West Virginia Collegiate anmeldete, die über zweihundert Kilometer entfernt war. Aus diesem Grund zogen Katherine, ihre Geschwister und ihre Mutter jeden September nach Institute, West Virginia, wo ihre Mutter als Dienstmädchen arbeitete, während ihr Vater in White Sulphur Springs blieb.
Da Katherine zwei Klassen übersprungen hatte, kam sie bereits im Alter von zehn Jahren in die Highschool. Ihre Lehrer unterstützten und förderten sie nach Kräften. Ihr Direktor, Sherman H. Gus, begleitete sie oft auf dem Heimweg und lehrte sie Sternkonstellationen, was ihr Interesse für Astronomie weckte. Mit nur vierzehn Jahren wechselte die Schülerin schliesslich auf das West Virginia College, für das sie ein Stipendium erhalten hatte. In ihrem zweiten Jahr bot ihr ihr Dozent, Dr. William W. Schieffelin Claytor, weiterführende Kurse in höherer Mathematik an, um ihr zu helfen, in die Forschung zu gehen – und Katherine belegte als einzige Schülerin das Fach Analytische Geometrie. Daneben studierte sie Französisch und Mathematik im Hauptfach und schloss mit 18 Jahren mit einem Bachelor of Science in beiden Fächern mit Auszeichnung ab. Man zählte damals das Jahr 1937.
Lehramt für Französisch und Mathematik
Zunächst arbeitete Katherine als Lehrerin. Sie unterrichtete Mathematik und Französisch an verschiedenen Elementary Schools und Highschools. Im Jahr 1940 erhielt sie das Angebot, an ihrer Alma Mater ein postgraduales Studium zu absolvieren. Dies musste sie wegen der Krebserkrankung ihres Ehemannes jedoch aufgeben und die Lehrtätigkeit wiederaufnehmen, um ihre Familie zu finanzieren. 1952 hörte sie von ihrer Schwester, dass schwarze Mathematikerinnen im Langley Research Center beschäftigt wurden. Im Jahr darauf nahm sie ihre NASA-Karriere bei deren Vorgängerorganisation National Advisory Committee for Aeronatics (NACA) als Rechnerin und menschlicher Computer auf. Ihre Arbeit bestand darin, Daten aus Windkanalexperimentem mit Hilfe von mathematischen Formeln zu berechnen und grafisch darzustellen. Sie wertete aber auch die Flugschreiber aus.
Die schwarzen Mathematikerinnen, von Katherine als «Computer in Röcken» bezeichnet, hatten aufgrund der in den USA noch praktizierten Rassentrennung ein von ihren weissen Kolleginnen gesondertes Büro und konnten an andere Abteilungen «ausgeliehen» werden. Auf diese Weise gelangte Katherine nach nur zwei Wochen mit einer Kollegin zunächst befristet in die Abteilung für Flugforschung, die bis dahin ausschliesslich aus weissen Männern bestanden hatte. Anders als die anderen «Computer» stellte Katherine Fragen, wollte Zusammenhänge und Hintergründe wissen und bestand darauf, an den Briefings der Abteilung teilzunehmen, die bislang den Männern vorbehalten gewesen waren. Katherine erkundigte sich, ob es Frauen verboten war, daran teilzunehmen, und da dies nicht der Fall war, besuchte sie fortan als erste Frau die Briefings. «Die Frauen taten, was man ihnen sagte. Sie stellten keine Fragen und gingen nicht über ihre Aufgaben hinaus. Ich hakte nach, ich wollte wissen, warum. Sie gewöhnten sich daran, dass ich Fragen stellte und dass ich die einzige Frau war», erzählte Katherine selbst.
Unentbehrliche NASA-Fachkraft
Durch ihre Kenntnisse in analytischer Geometrie machte sie sich schnell unentbehrlich für ihre neuen Kollegen, die nach Ablauf der Frist «vergassen, mich wieder abzugeben». Sie war damals die einzige Frau, die den Sprung von den «Computern» in eine andere Abteilung schaffte. 1958 wurde die NACA zur NASA. Da es noch keine Fachbücher zum Thema Weltraumfahrt gab, mussten Katherine und ihre Kollegen improvisieren und streckenweise die Bücher selbst schreiben. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Ted Skopinski schrieb sie die theoretische Abhandlung «Determination of Azimuth Angle at Burnout for Placing a Satellite over a Selected Earth Position» (Bestimmung des Azimutalwinkels beim Brennschluss, um einen Satelliten über einer ausgewählten Position der Erde zu platzieren). Es war ihre erste wissenschaftliche Veröffentlichung und auch das erste Mal, dass eine Frau dieser Abteilung offiziell als Mitautorin namentlich genannt wurde:
«Ich arbeitete mit Ted Skopinski zusammen, und er wollte uns verlassen und nach Houston gehen, aber unser Vorgesetzter Pearson – kein Fan von Frauen – drängte ihn, zuerst den Bericht zu beenden, an dem wir arbeiteten. Schliesslich sagte Ted zu ihm: ‚Katherine sollte den Bericht zu Ende schreiben, sie hat sowieso die meiste Arbeit gemacht.‘ Ted liess Pearson keine Wahl: Ich stellte den Bericht fertig, und mein Name stand darauf, und das war das erste Mal, dass eine Frau unserer Abteilung ihren Namen auf etwas stehen hatte.»
Die Abhandlung diente als theoretische Grundlage für die bemannte Weltraumfahrt und Katherines Berechnungen ermöglichten den Erfolg von Alan Shepard, der im Rahmen der Mission Mercury-Redstone 3 im Jahr 1961 den zweiten bemannten Flug in der Geschichte der Raumfahrt absolvierte. Ein Jahr später bat der Astronaut John Glenn sie, die inzwischen von einem Computer berechnete Umlaufbahn seines Fluges im Rahmen der Mission Mercury-Atlas 6 zu überprüfen, da er den Fähigkeiten Johnsons mehr vertraute als dem IBM-Rechner. Auf diese Weise war Johnson auch an der ersten Erdumrundung eines amerikanischen Astronauten beteiligt.
Apollo- und Spaceshuttle-Missionen und alleinerziehende Mum
Gegen Ende der 1960er Jahre berechnete Johnson die korrekte Umlaufbahn für die Apollo-11-Raumfahrtmission und trug damit entscheidend zum Erfolg der ersten Mondlandung bei. Für den Fall eines Computerausfalls entwickelte sie ein manuelles Navigationsschema, das sich an Fixsternen orientierte. Auch als Apollo 13 nach dem Versagen seines Computers und der Explosion eines Treibstofftanks unplanmässig zur Erde zurückkehren musste, stellte Katherine Johnson die Berechnungen für den Rückweg an. Sie selbst gab zu, dass sie während ihrer Arbeit oftmals auf ihre Intuition zurückgreifen musste, da vieles noch unerprobt war, und dass einer der Astronauten über sie sagte: «Ich würde Kates Intuition jederzeit trauen.» Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1986 wirkte Johnson darüber hinaus an der ersten Phase des Space-Shuttle-Programms mit.
Katherine heiratete 1939 James Francis Goble, mit dem sie die drei Töchter Constance, Joylette und Kathy hatte. Ihr Mann starb im Jahr 1956 an einem Gehirntumor und drei Jahre später heiratete sie Lieutenant Colonel James A.Johnson, einen Veteranen aus dem Koreakrieg. Nach ihrer Pensionierung nahm Katherine nach wie vor an Veranstaltungen teil und blieb in Kontakt mit Schulen und Universitäten, wo sie Schüler und Studenten ermutigte, Naturwissenschaften zu studieren und entsprechende Berufe zu ergreifen. Auch hielt sie Kontakt mit Astronauten und Angestellten der NASA und wurde mit Dutzenden Auszeichnungen geehrt, zuletzt im Alter von 97 Jahren von Präsident Barack Obama.
Bild: Katherine G. Johnson im Alter von 90 Jahren