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John Ames sei einer seiner Lieblingscharaktere in der amerikanischen Literatur, hat Barack Obama einmal gesagt. Ames sei liebenswürdig, vornehm – und ein wenig verunsichert darüber, wie er seinen Glauben in Einklang bringen solle mit dem Schicksal, das seiner Familie aufgebürdet werde.
Ihm bleibt nur noch wenig Zeit
«Gilead» spielt in den 1950er-Jahren. John Ames ist in seinen Siebzigern, er ist Pastor in der kleinen Stadt Gilead im amerikanischen Mittleren Westen.
Ames leidet an einer Herzerkrankung und muss sich damit auseinandersetzen, bald zu sterben. In einem langen Brief an seinen siebenjährigen Sohn schreibt er alles auf, was ihm wichtig erscheint: «Ich versuche, aus unserer Situation das Beste zu machen. Das heisst, ich versuche, dir von Dingen zu erzählen, auf die ich vielleicht nie gekommen wäre, hätte ich dich selbst grossziehen können, Vater und Sohn auf die übliche kameradschaftliche Art. Wenn alles seinen gewohnten Gang geht, behält man nicht immer das Wesentliche im Blick.»
Ein alter Mann mit vielen Rollen
John Ames will seinem Sohn die Vergangenheit erklären und die Zukunft vorwegnehmen – damit quasi den Tod überlisten. Sein Brief erinnert an ein Tagebuch mit philosophischen und theologischen Reflexionen, persönlichen Erinnerungen, moralischen Hinweisen und Beschreibungen des täglichen Lebens.
Die verschiedenen inhaltlichen Elemente widerspiegeln die Vielschichtigkeit der Hauptfigur John Ames. Er erscheint in verschiedensten Rollen: als angesehenes Mitglied einer Gemeinschaft, als alter Mann, der auch einmal Sohn und Enkel war, als reflektierender Mann, der sich dem Glück des Lebens bewusst ist und als liebender Vater. Über all dem schweben John Ames' Glaube als Christ und die davon abgeleitete Moral.
Christlich, aber nicht missionarisch
«Gilead» ist zwar ein religiöses Buch, aber keines, das den Leser, die Leserin, bekehren will. Für Marilynne Robinson ist die Religion diejenige Autorität, die sich am einleuchtendsten mit grundlegenden Lebensfragen auseinandersetzt. Aber ihre Bücher sind universell genug, um fast alle anzusprechen.
Es geht weniger um den Glauben an und für sich, als vielmehr um den Umgang mit Erfahrungen, die jeder Mensch macht: die Sorge um die Nächsten, der Umgang mit dem Tod, die Neigung zur Eifersucht, der Umgang mit der Einsamkeit, die Angst, nicht zu genügen.
Diese Gemeinsamkeiten sind für Marilynne Robinson zentral: Wir seien viel zu sehr fixiert auf einzelne Konfessionen und Religionen, anstatt uns auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen.
Angst verbindet
Gemeinsamkeiten erkennen und sie im gegenseitigen Umgang in den Vordergrund stellen – darin liegt für Marilynne Robinson eine Möglichkeit, Differenzen zwischen den Religionen zu überwinden. Ängste, die jeder, jede, kenne, seien verbindend und öffneten die Türe zu Empathie, sagt sie.
Nach der Lektüre von «Gilead» ist ein Schritt in diese Richtung gemacht. Ein Roman, der von Zweifeln erzählt, von Kummer und Einsamkeit. Aber auch von Heiterkeit, Trost und Gelassenheit. Vielleicht gefällt «Gilead» Barack Obama auch deshalb so gut.
Buchhinweis
Marilynne Robinson, «Gilead», S. Fischer, 2017.