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Ist Geld die Motivation? Nein. Der «Treibstoff» für eine der ganz grossen Karrieren unseres Hockeys ist die Leidenschaft für dieses Spiel. Das ist so schnell gesagt. Aber es gibt einen überzeugenden Tatbeweis.
Der Treffpunkt für ein Gespräch mit Nino Niederreiter (30) ist die Trainingshalle des Hallenstadions «Obere Au» in Chur. Er muss am nächsten Tag nach Nordamerika fliegen und ins Trainingscamp seines neuen Arbeitgebers in Nashville einrücken. Es wäre also nur normal, wenn er keine Zeit mehr hätte. Aber er hat Zeit. Nicht nur für einen ausführlichen Gedankenaustausch.
Niederreiter organisiert das Gespräch rund um einen, wie sich herausstellen wird, ganz speziellen Trainingseinsatz herum. Erst unterhalten wir uns, während er sich in einer sonst leeren Garderobe umzieht. Dann geht er aufs Eis und hinterher hat er wieder reichlich Zeit. Warum er noch am Tag vor dem Abflug ein Eistraining absolviert, sagt er nicht. Wir fragen vorerst ja auch nicht nach dem Grund.
Unser Gespräch dreht sich um seinen Wechsel von den Carolina Hurricans zu den Nashville Predators. Er hat dort im Sommer einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Im Gesamtwert von 8 Millionen Dollar brutto. Niederreiter wird für die nächsten zwei Jahre Teamkollege von Roman Josi.
Wie weit konnten Sie sagen: Ich will zu Roman Josi nach Nashville?
«Einfach so sagen kann man das nicht. Du schaust dir den Markt an und überlegst dir, bei welchen Mannschaften du gerne spielen möchtest und bei welchen eher nicht. Du fragst dich, wo die Chancen gut sein könnten, eine gute Rolle zu haben und hoffst, dass diese Mannschaften umgekehrt auch ein Interesse an dir haben.»
Wären Sie nicht auch gerne in Carolina geblieben?
«Doch, das war ein schwieriger Entscheid für mich. Ich sehe mich als Spieler, der noch zwei bis drei Jahre sicher mehr offensive Akzente setzen kann, als es zuletzt der Fall war in meiner Rolle in der dritten Linie Carolinas neben Jesper Fast und Jordan Staal.»
Die Chance auf eine offensivere Rolle sahen Sie nicht?
«Ich erzielte ja am drittmeisten Tore. Aber unser Trainer mochte unsere Linie sehr, wir spielten meistens gegen die Top-Formationen des Gegners. Ich suchte aber nach einer Rolle, die mehr als bloss Teil einer Shutdown-Line sein würde.»
Wir sehen: Es geht nicht einfach ums finanziell beste Angebot. Ein Spieler überlegt sich auch sorgfältig, welche Rolle er übernehmen kann. Erst recht in dieser Situation: Von den NHL-Reglementen her konnte Nino Niederreiter im Sommer den Klub frei wählen und sein neuer Arbeitgeber musste dem vorherigen keine Kompensation mehr leisten. Er hat klare Vorstellungen, welche Position er nun in Nashville übernehmen kann: «Ich sehe gute Chancen auf eine Rolle neben einem der beiden Center Mikael Granlund oder Ryan Johansen, also in den ersten beiden Linien. Das wäre das, was ich mir erhoffe. Aber es ist ja nicht so, dass ich diesen Platz sicher hätte, ich muss ihn mir zunächst erkämpfen.»
Die Vorstellung, was man möchte, ist das eine, das Wissen, dass man sich alles erkämpfen muss, gehört aber auch dazu. Hatte er eigentlich noch andere Optionen als Nashville? «Es waren andere Teams im Rennen, vor allem auch Colorado, weil dieses Team auch ein paar wichtige Abgänge wie jene von Nazem Kadri und André Burakovsky hatte. Ich machte mir auch Gedanken, ob es wirklich gut wäre, zum Titelverteidiger zu gehen. Es ist nicht üblich, dass man – wie zuletzt Tampa – dreimal hintereinander den Final erreicht. Oft fällt man nach einem Meistertitel in ein kleines Zwischentief.»
Nino Niederreiter verrät, was schliesslich den Ausschlag für die Vertragsunterschrift in Nashville gegeben habe: «Die Predators waren während den ganzen Verhandlungen stets ganz hoch im Kurs. Einerseits wegen der für mich interessanten sportlichen Perspektiven. Andererseits wegen mehreren Spielern, die ich gut kenne: Natürlich Roman Josi, aber auch Granlund oder Johansen, mit denen ich früher bei Minnesota respektive bei den Junioren in Portland gespielt hatte.»
So, nun ist er fertig angezogen. Zeit, aufs Eis zu gehen. Die Trainingshalle ist fast leer. Auf dem Eis ist eine Videokamera aufgebaut. Zum Training erscheint nur ein Goalie. Wie wir hinterher erfahren, ist es Churs Nachwuchstorhüter Adrian Düggelin (17). Nino Niederreiter, einer der bestverdienenden und besten Stürmer der Welt, ist konzentriert bei der Sache. Er läuft aus verschiedenen Richtungen an, spediert den Puck auf unterschiedlichste Art und Weise ins Netz. Oder probiert es.
Düggelin pariert immer wieder Versuche bravourös. Zwischendurch bespricht er sich mit dem jungen Goalie. Nach einer guten Stunde kehrt er zurück und wir setzen unser Gespräch in der Kabine fort.
Nino Niederreiter hat sich in der wichtigsten Liga der Welt behauptet. Eine ganze Reihe von Spielern seiner Generation sind in den letzten beiden Jahren in die Schweiz zurückgekehrt: Yannick Weber, Dean Kukan, Sven Andrighetto oder Sven Bärtschi. «Diese Entwicklung hat für mich mit einer neuen Situation in der NHL zu tun, die man gut zum Beispiel an Tim Stützles neuem Vertrag in Ottawa sieht. Er unterschrieb mit 20 Jahren für 8 Saisons und über 8 Millionen Dollar pro Jahr. Früher gaben die Teams den Routiniers solche Verträge, du wurdest also quasi für bisher Geleistetes entlöhnt. Jetzt aber wird plötzlich eher für das Potenzial gezahlt, das man in den Spielern sieht. Das kann gut herauskommen, kann aber für den Club auch ein Risiko sein.»
Ausser Patrick Fischer hat Nino Niederreiter als Profi bis heute nur unter NHL-Bandengenerälen gedient. «Das stimmt. Bei Arno Del Curto in Davos war ich ja nur ganz kurz und war erst 16 Jahre alt.»
Da muss Patrick Fischer für Sie also ganz anders, lockerer vorkommen.
«Es ist im zwischenmenschlichen Bereich sicher etwas Spezielleres, einen Schweizer Trainer zu haben. Auch wenn man in Schweizer Teams dennoch häufig Englisch spricht. Ich war jetzt im Sommer häufig bei Rapperswil-Jona im Training und war von den beiden Schweden Stefan Hedlund und Bert Robertsson sehr positiv beeindruckt.»
Hatten Sie in der NHL jemals einen wirklich intensiven Austausch mit einem Headcoach?
«Wenn Sie tiefgründige Gespräche meinen, dann nicht wirklich.»
Auch mit Assistenzcoaches nicht?
«Auch eher weniger. Ich suche diese Gespräche mit den Coachs aber auch nicht aktiv.»
Das bedingt ein hohes Mass an Selbstkritik und Eigenständigkeit.
«Ja. Ich arbeite seit 2006 auch mit Mentaltrainern, wir haben alle 10 bis 12 Spiele via Zoom-Call Kontakt. Dann habe ich mit Michael Bont seit Jahren meinen eigenen Fitnesstrainer, der immer wieder Details in meiner Arbeit anpasst. Die grossen, schweren Spieler wie ich sind ja nicht mehr so gefragt in der NHL wie früher. Da muss ich mich ständig verändern, wendiger und explosiver werden. Ich habe darum in den letzten Jahren jeden Sommer auch bewusst ein bis zwei Kilos verloren. Ich kam so schrittweise von 98 auf heute 95 Kilogramm runter.»
Eine Frage haben wir noch: Dienten die Videoaufnahmen dieses Trainings zur Verfeinerung der Schusstechnik? «Nein», sagt Nino Niederreiter. «Es ging um den Goalie.» Und dann erfahren wir, dass Adrian Düggelin nach einer Verletzung seine Form wieder aufbaue. «Er hat mich gefragt, ob ich mal Zeit für ein Training habe.»
Am Tag vor dem Abflug nimmt er sich diese Zeit. Der NHL-Star, Dollarmillionär, Salär-Gesamtsumme bis heute 26,25 Millionen Dollar brutto, kümmert sich um Churs Nachwuchsgoalie. Das ist echte, wahre Hockey-Leidenschaft, welche die ganz grossen Spieler antreibt und motiviert und sie adelt und mit dem Salär nichts zu tun hat.
Dazu gehört auch das Wissen, woher man kommt: Nino Niederreiter hat seine Hockeywurzeln beim EHC Chur. Einem Klub, der heute unter der Anleitung von Reto und Jan von Arx in der höchsten Amateurliga (MySports League) am Katzentisch des grossen Hockeys Platz nehmen muss. Niederreiter sitzt als Botschafter und Berater im Vereinsvorstand.
Der Tag vor der Abreise nach Amerika. Der NHL-Star und Churs Nachwuchs-Goalie. Es ist mehr als eine Episode. Dieser Tag zeigt, wie diese grosse Karriere möglich geworden ist. Zeigt die Bescheidenheit, die Verwurzelung, die Leidenschaft eines Spielers, der mit Talent, Beharrlichkeit, Zähigkeit, Mut und Selbstvertrauen einen weiten Weg bis ganz nach oben gegangen ist.