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Die Kirche im Dorf
Ein Kritikpunkt an der Shoppingmall betrifft deren Grösse. In ihr zeigt sie dem Städtebautheoretiker die Unfähigkeit sich in den Kontext einer Stadtstruktur einfügen zu können. Doch grosse Gebäude gab es auch schon vor der Mall in der Stadt.
(… vorher) Die Kirche, die Markthalle aber auch der Bahnhof, das Hochhaus und das Sportstadion ragen aus der Struktur heraus. Die Wahrnehmung der Grösse eines einzelnen Gebäudes hängt dabei zum einen mit dem Verhältnis zum Umfeld zusammen. Wer schon einmal in Dubai den 828 Meter hohen Burj al Khalifa bestaunt hat, wird die vielen 100 – 300 Meter hohen Gebäude in der Nachbarschaft als sehr klein empfinden. Im flach bebauten Zürich jedoch fällt auch ein Winzling von 126 Metern auf, wie ein überdimensionierter grüner Kaktus. Es ist aber nicht nur das Grössenverhältnis, sondern auch die Beziehung von Ausnahme und Regel, welche die Eingliederung von grossen Gebäuden bestimmt. Ist diese Beziehung einer ersichtlichen Ordnung unterworfen? Sind Regelmässigkeiten erkennbar? Sind Erklärungsmodelle ersichtlich, die das Verhältnis zwischen dem Grossvolumen und der restlichen Stadt verständlich machen? Mit dieser Lesbarkeit der Ordnung, ist die Einpassung von grossen Bauwerken immer auch mit der Struktur der Stadt selbst verknüpft. Eine Siedlung die zu viele Ausnahmen aufweist, sodass keine Ordnung herrscht, kann demnach kaum erfolgreich weitere Ausnahmen integrieren. In der mittelalterlichen Altstadt ist eine klare Ordnung ablesbar. Hier ist mit der Kirche eine Stadtmitte artikuliert. Um dieses Zentrum herum lagert sich ein gleichmässiger Stadtkörper an. Dieses Verhältnis spricht vom Aufbau der damaligen Gesellschaft: von der Wichtigkeit der Kirche und der Unterordnung des Volkes. Die Gemeinschaft folgt hier eindeutigen Regeln. Das zeigt sich in der Gebäudehöhe, der Materialisierung im Dachbereich, bis hin zu den Strassenbreiten und der Firstausrichtung.
Dieses Prinzip von Struktur und Ausnahme hat sich über die Jahrhunderte der städtischen Entwicklung fortgesetzt. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist Florenz. Trotz ihrer bewegten Geschichte – dem Aufstieg, Zerfall und erneuten Aufstieg – hat die Stadt bis heute ein eindeutiges Gesicht. In Mitten der Renaissance-Palazzi sitzt die grosse Kathedrale Santa Maria del Fiore. Ihre Kuppel überragt ein Meer aus Dächern.
Hier zeigt sich exemplarisch – und in einer Deutlichkeit, als wäre die reale Stadt ihr eigenes Erläuterungsschema – das grosse Bauwerk kann einen festen, selbstverständliche Platz in der Stadtstruktur einnehmen. Im Falle der Kirche geht die Setzung über die Selbstverständlichkeit hinaus. Sie ist der Ankerpunkt, die Mitten der Stadt, ohne die die Stadtstruktur nicht funktionieren würde. Grosse Gebäude richtig platziert, sind also eine Notwendigkeit der Stadt und nicht per Definition ihr Problem. (Weiter bei …)