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Von allen Basler Vorstädten hat diejenige zu St. Alban ihren alten Charakter am besten bewahrt. Dies erklärt sich nicht allein aus ihrer histoirschen Entwicklung, sondern auch aus der Tatsache, dass sie ein bevorzugtes, ruhiges Wohngebiet geblieben ist. Ihr besonderes Cachet liegt in ihrer von modernen Einbrüchen weitgehend verschonten baulichen Struktur, in der bescheidene gotische Handwerkerhäuser zu den stolzen Barockbauten vornehmer Handelsherren kontrastieren.
Die St. Alban-Vorstadt zählt zu der ersten, frühen Gruppe der Basler Vorstädte. Sie entstand im Anschluss an die Gründung des Stifts am Rhein, das Bischof Burchard von Hasenburg im Jahr 1083 als erste klösterliche Siedlung weit draussen vor der ältesten Stadt ins Leben gerufen hatte. Neben dem eigentlichen Klosterbezirk im St. Alban-Tal entwickelte sich in der Folge eine bescheidene Niederlassung gleichen Namens auf dem Berg, die zunächst noch keine Verbundung mit der inneren Stadt besass; denn der Münsterhügel war nach Osten abgeriegelt durch das Kunostor (St. Albanschwibbogen) am Ausgang der Rittergasse.
Im Schutz der Stadtmauer
Zu beiden Seiten der Landstrasse, die parallel zum Rhein vom Kunostor ins freie Feld hinausführte, entstanden im Verlauf des 13. Jahrhunderts bescheidene Bauten, die bereits vor dem Bau der äusseren Stadtmauer den Schutz einer eigenen Befestigung erhielten. Im historischen Grundbuch auf dem Staatsarchiv ist in den Akten des 15. und 16. Jahrhunderts tatsächlich von einem "alten Stadtgraben" die Rede, welcher sich auf der Rückseite der Liegenschaften auf der rechten Strassenseite der St. Alban-Vorstadt befunden haben muss und die Vorstadt auf der Südseite gegen das offene Land abschloss. 1961 ergab eine Sondiergrabung tatsächlich den Nachweis, dass die Befestigung aus einem 8m breiten und fast 5m tiefen Trockengraben bestand und sich dahinter eine solide Wehrmauer aus Kalksteinbrocken und Rheinkieseln erhob. Deren Dicke betrug etwa einen Meter. Sie war (zur besseren Verteidigung mit Fernwaffen) verstärkt mit halbrunden, gegen das Stadtinnere hin offenen Schalentürmen. Der Graben wurde im Verlauf, als die Vorstadt in den äusseren Mauergürtel eingeschlossen wurde, zugeschüttet, und von da an diente er den Bewohnern der Vorstadt als Garten. Den Fundumständen nach dürfte diese bis dahin noch kaum bekannte Vorstadtbefestigung im 13. Jahrhundert entstanden sein. Ihre Verstärkung erhielt diese Mauer ausserdem durch ein bereits im Jahr 1284 erwähntes, eigenes Tor, das ursprünglich "Fridenthor", später "Bridenthor" hiess. Nach ihm trägt das Haus Nr. 59 seinen Namen. Noch im 17. Jahrhundert und dadurch auf dem Schauplan Merians 1617 war ein Bogen dieses Tores zu sehen. Von hier führte die Malzgasse zuerst als ungeschützter Feldweg durch ein weites Rebgelände.
Erst durch das gewaltige Werk der äusseren Stadtbefestigung, welches die Bürgerschaft nach dem grossen Erdbeben 1356 in Angriff nahm, kam eine engere Verbindung der St. Alban-Vorstadt mit der Innenstadt zustande; jetzt wurde sie in den grossen Mauerring einbezogen, der Basels baulichen Rahmen über mehrere Jahrhunderte absteckte. In den Schutz der Stadtmauer gelangte nunmehr auch das zwischen St. Albantor und Aeschentor gelegene Areal, insbesondere die Malzgasse, die seither in zunehmendem Masse bebaut und völlig in das Gebiet der Vorstadt integriert wurde.
Unter dem Schutz des Cluniazenserstifts war gut leben; denn wer im Bereich von St. Alban wohnte, war bis ins 13. Jahrhundert von Heerespflicht und sonstigem Dienst für die Stadt befreit. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts ging die Jurisdiktion über St. Alban vom Kloster an die städtische Obrigkeit über, und im 15. Jahrhundert, einer Zeit des fortschreitenden Niedergangs des Stifts, hielt es der Rat für angezeigt, auch zu St. Alban die Bildung einer Korporation anzuordnen, die, wie in den übrigen Vorstädten, die Feuerschau, die Beaufsichtigung und Reinhaltung der Gassen und Brunnen sowie die Organisation des Weidgangs übernehmen sollte. Diese Vorstadtgesellschaft fand 1502 im Haus "zum hohen Dolder" (Nr. 35), das ihr den Namen gab und noch heute in ihrem Besitz steht, ihr Heim.Zum militärischen Einzugsgebiet der St. Alban-Vorstadt gehörten in erster Linie die innere und äussere Albanvorstadt. Zu dieser militärischen Einheit gehörte auf dem "Berge" noch die Malzgasse, ferner am "Hang" der Mühlenberg und der Albankirchrain sowie in der Rheinebene das St. Alban-Tal. Den grössten Prozentanteil bildeten Mitglieder der Rebleuten- und Spinnwetternzunft (Schindler), ferner Müller und Gärtner. Das bedeutet, die "Heeresmacht" war nicht ausreichend für eine effiziente Verteidigung des verhältnismässig grossen Gebiets. Umso straffer musste die Organisation sein. Eine Ordnung verfügte, dass alle in der Vorstadt wohnenden männlichen Personen sich beim inneren Tor sammeln und dort verbleiben mussten, bis Bürgermeister und Rat oder die Hauptleute am Kornmarkt andere Befehle erteilten. In solchen Zeiten befanden sich stets zwei Mann Wache auf dem äusseren Tor, und ein Verlassen der Stadt oder Verfolgen von Feinden war verboten.
Mit Ausnahme der inneren Vorstadt und eines Teils des Tals war jene Gegend zu dieser Zeit und bis ins 18. Jahrhundert recht spärlich bewohnt, bestand sie doch zur Hauptsache aus vielen Parzellen Äckern, Gärten und Weinbergen. Die innere Vorstadt beherbergte rund 70 Häuser, die äussere Vorstadt und die Malzgasse kaum zehn (Scheunen, Kornspeicher, Ställe und Trotten inbegriffen). Am Mühleberg standen neun, am Albankrichrain eins. Dichter besiedelt war wiederum die engere Umgebung des Klosters, das Alban-Tal, mit etwas über 20 Häusern. Die meisten Vorstadtbewohner hielten noch Vieh, Schafe und Schweine, welche der gemeinsame Hirt der Vorstadtgesellschaft auf das in ihrem Besitz befindliche Weideland trieb. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Weidgang eingestellt und das Weideland in den Lehenmatten verkauft.
Bauliche VielfaltMit den bescheidenen gotischen Häusern der Handwerker aus dem Mittelalter kontrastieren in reizvoller Weise die stolzen Bauten der Handelsherren aus der Zeit des Barocks, des Biedermeiers und des Klassizismus. Und trotz einigen Einbrüchen, gerade auf der rechten Seite, hat der Strassenzug allen Entwicklungen der Technik und des Verkehrs zum Trotz im Wesentlichen doch seinen alten Vorstadt-Charakter erhalten. Wohlgelungene Restaurationen aus älterer und neuerer Zeit zeugen zudem von der erfreulichen Baugesinnung der Eigentümer zahlreicher Eigentümer. Dies gilt etwa für den "Sausenberg" (Nr. 5), den "Wildensteinerhof" (Nr. 30/32) und das "Fälklein" (Nr. 90/92). Während auf der linken Seite der organische Zusammenhang der Vorstadtsiedlung bereits 1839 durch den Bau des von der Strasse an die Rheinhalde abrückenden "Rheinhofs" (Nr. 25) gesprengt wurde - daher die im Volksmund gebräuchliche Bezeichnung "Zahnlücke" -, gewann sie auf der rechten Seite ihre geschlossene Front zurück, als der Schweizerische Bankverein 1964 die prächtige Barockfassade des "Goldenen Löwen" (Nr. 36) aus der Aeschenvorstadt verpflanzte und damit in idealer Weise jene schmerzlich klaffende Lücke schloss, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg durch den Abbruch des charaktervollen Hauses "zum Hof" entstanden war.
Bevorzugtes Wohngebiet
Mehr als in den anderen Basler Vorstädten hat sich in der St. Alban-Vorstadt noch ein ausgeprägtes Eigenleben erhalten. Ihre Bewohner, vielfach originelle und freundliche Menschen, sprechen von ihr als ihrem "Dorf", mit dem sie sich eng verbunden fühlen. Das liegt nicht allein an der historischen Entwicklung des Quartiers, sondern auch an der Tatsache, dass die St. Alban-Vorstadt im Wesentlichen ein ruhiges, vom Tramverkehr verschontes Wohngebiet geblieben ist. Wohl hat sich auch die staatliche Verwaltung mit einzelnen Zweigen hier etabliert: das Sanitätsdepartement in der "Zahnlücke" (Nr. 25), das Gesundheitsamt mit Eheberatung und Schulzahnklinik im "Braunen Haus" unseligen Angedenkens (Nr. 12), das unter der harmlosen Bezeichnung "Deutsches Heim" in den Kriegsjahren zum eigentlichen Zentrum der hiesigen nationalsozialistischen Organisation geworden war, das Schularztamt in der "Fortuna" (Nr. 19), sein logopädischer Dienst im Haus 110 und einige andere. Aber die staatliche Expansion ist hier nicht so weit fortgeschritten wie etwa auf dem Münsterplatz oder dem Rheinsprung. Zudem fehlen industrielle Bauten, sofern man nicht das "Haus der Schweisstechnik" (Nr. 95) dazu zählen will, zu dem sich die "Rote Fabrik" des Seidenbandfabrikanten Karl Sarasin aus den Jahren 1848/49 gewandelt hat. Um so zahlreicher sind die Handwerker und die Angehörigen freier Berufe, die hier ihrer Arbeit nachgehen. Namentlich das Kunstgewerbe ist zu St. Alban stark vertreten; Antiquitätengeschäfte, Kunst-, Photo- und Schmuckgalerien laden die Kunstfreunde in ihre kleinen Läden, und zwei heimelige Gaststätten, das "St. Albaneck" (Nr. 60) und das "St. Albanstübli" (Nr. 74).
Dichter, Denker, Musiker und Maler waren in der Dalbe seit jeher zu Hause und hatten ihre Vorliebe für diese abgeschiedene Strasse mit ihren stillen Höflein und ihren verträumten Gärten. Jacob Burckhardt vollendete hier einen grossen Teil seines Werks: in Nr. 64 im 1. Stock lebte er in einfachsten Verhältnissen. Auch Hermann Hesse hatte hier seinen Wohnsitz. Siegfried Lang schrieb hier seine Gedichte, Friedrich Dürrenmatt, Jürg Federspiel und Rainer Brambach beschliessen die Reihe der Erzähler, zusammen mit dem Geiger Adolf Busch und dem amerikanischen Maler Mark Tobey.
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Strasse einen Kopfsteinpflasterbelag aus rötlichem Vögtlinshoferstein, danach wurde dieser überteert, weil die Strasse als Zubringer zur Wettsteinbrücke benutzt wurde. Der Teerbelag blieb, obwohl die Zubringerfunktion nach einer Weile aufgehoben wurde. Zu späterem Zeitpunkt wurden an der Stelle Ländliheim-St. Albantor auf einer Strecke von einigen Metern die Steine entfernt und eingelagert, weil sie historischen Wert besassen. Eine Umfrage ergab, dass die Mehrheit der Bewohner eine Freilegung verlangten; doch nichts passierte, weil der alte Kopfsteinpflasterbelag für Autos (Lärm) und Velos (Gefahr) als ungeeignet empfunden wurde. Bis heute ist der Strassenzug geteert.