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Ich nahm den GP von Bern 2008 unter denkbar schlechten Vorzeichen in Angriff:
- Zwei Tage vor dem Lauf hatte ich mir im Fussballtraining durch einen Misstritt eine leichte Blessur an meinem linken Fuss zugezogen
- Ich hatte es versäumt, ernsthaft zu trainieren
- Ich litt und leide immer noch unter rätselhaften Schmerzen in der Hüftgegend
- Es war drückend heiss an jenem Tag im Mai, als der Startschuss mich aus meinen Gedanken riss
Ich lief also los in der leisen Hoffnung, die 1:20:00 vom letzten Jahr bestätigen zu können, doch begründet war meine Hoffnung nicht, denn im vergangenen Jahr hatte ich die beiden letzten Monate vor dem Wettkampf zwei mal die Woche wie ein Irrer trainiert. Allein. Im Wald. Ohne Schmerzen. Dieses Jahr: lockere Läufe mit Thom, quatschend, lachend, aber über einen längeren Zeitraum.
Der erste Schock ereilte mich nach Kilometer 5. Ich sah die Zwischenzeit, glich sie mit meiner Startzeit ab, rechnete hastig im Kopf, die Zahlen ergaben keinen Sinn, ich rechnete nochmals, doch, es musste wahr sein, 4:30 pro Kilometer, viel zu schnell, das würde ich niemals durchhalten.
Also schaute ich mich um, suchte einen Mitläufer, der ein ähnliches Tempo anschlug wie ich und fand ihn in einem älteren Mann mit weissem Haar und bis zu den Knien reichenden Läufersocken. Ich begleitete ihn 5km weit, bis ich ihn, in Gedanken versunken, unachtsam, aus den Augen verlor. Dann erreichte ich die Monbijou-Brücke. Schon von weitem drang der Klang des Dudelsacks an mein Ohr, jedes Jahr steht der Mann da und spielt für die vorbei hastenden Gequälten, lindert den Schmerz, spendet Trost und Zuversicht. Meine Füsse trugen mich in die Altstadt, wo mein privater Fanclub, bestehend aus einer einzigen Person, mich dem Ziel entgegenjubelte. Vor dem Bundeshaus erreichte ich den 1:20:00-Pacemaker. Jetzt musst du wissen, dass die Veranstalter des GP freundlicherweise Pacemaker engagieren, mit einem Ballon am Rücken und einer Zeit versehen, die darüber Auskunft gibt, wie schnell der Läufer im Ziel anzukommen gedenkt. Und da war er also: der 1:20:00er Mann, offenbar im Startblock vor mir auf die Reise geschickt. Mein Gehirn, unterversorgt mit Sauerstoff, Synapsenimpulsgewitter, ein Gedanke durchzuckt mich, hell und grell wie ein Blitz: wenn ich an ihm dranbliebe, würde ich in weniger als 1:20:00 die Ziellinie überqueren. Leider war ich mit meinen Kräften dann doch langsam am Ende und ich verlor den unermüdlich stampfenden Taktgeber immer wieder aus den Augen. Irgendwann strich ich am Bärengraben vorbei, ich hörte die fernen Rufe der Zuschauer, nochmals hoch den Berg, keuchend, am Ende meiner Kräfte, durchs Quartier geschlichen und triumphaler Einlauf im Ziel.
Wie ich es geschafft habe, ich weiss es nicht: 1:16:29 meine Schlusszeit, schlappe 3:30 schneller als letztes Jahr.
Was ich gelernt habe: Besser ist es, ein Jahr beständig auf tiefem Niveau zu trainieren als zwei Monate am Limit. Erinnert mich an Beppo den Strassenkehrer.
In einigen Wochen gehts weiter mit dem Halbmarathon von Klosters hinauf nach Davos. Mit Sicherheit die grösste sportliche Herausforderung meines Lebens. Trotzdem werde ich das ganz locker angehen. Nicht viel trainieren, einfach los laufen und darauf vertrauen, dass ich ankommen werde.
p.s. Die Hüftschmerzen haben mich nicht verlassen, aber ein Indianer kennt keinen Schmerz. Irgendwann werde ich zum Arzt gehen.