Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/338

Elena Esposito
Fiktion und Virtualität I.
Die Weisen des kontingent Möglichen
Das Verhältnis von Realität und Fiktion fließt in den Begriff des Virtuellen ein, dessen Interpretation komplizierter ist, als es angesichts der Pseudo-Vertrautheit mit diesem Modewort erscheint.
Der Begriff des Virtuellen hat einen äußerst interessanten modalen Status - und zwar infolge seines Zusammenhanges mit einem anderen heute im epistemologischen Bereich (vor allem in konstruktivistischen Kreisen) viel diskutierten Begriff: dem Begriff von »Kontingenz«.
Die Theorie der Modalitäten, die sich mit dem Möglichen, dem Notwendigen und korrelierten Begriffen befasst, hat zum Kontingenten sehr wenig zu sagen - außer, daß das Kontingente den Bereich der logischen Formalisierung überschreitet. Gegeben einige Prämissen, kann die Formalisierung uns zwar sagen, was möglich und was nicht möglich ist und überdies, welche dieser Möglichkeiten notwendig wahr sind. Doch dadurch gibt sie uns keine Antwort auf die Frage, wie die Welt beschaffen ist. Wenn man vom Möglichen das Notwendige »abzieht«, bleibt immer noch ein sehr viel umfassenderer Bereich übrig als das, was unsere reale Welt tatsächlich ausmacht; es bleibt also der Bereich des Kontingenten, der weitere Unterscheidungen einschließt, insbesondere diejenige zwischen den aktualisierten und den nichtaktualisierten Möglichkeiten. Genau diese letzteren bilden das Feld des Virtuellen. Es handelt sich in einem gewissen Sinne um einen modalen Begriff »zweiter Ordnung«, der verschiedene Weisen des kontingent Möglichen unterscheidet.
Die Frage ist nun: Sind diese virtuellen Möglichkeiten wahr oder falsch? Oder radikaler: Hat es überhaupt Sinn, die Frage zu stellen? Gegenüber der realen Welt kann man testen, was wahr und was nicht wahr ist, was Realität und was Fiktion ist. Hat man es aber mit dem Virtuellen zu tun (also mit nur möglichen Möglichkeiten), wie kann dann zwischen positiv und negativ unterschieden werden? Was für ein Verhältnis besteht zwischen einer realen Fiktion und einer inaktuellen Möglichkeit? Oder sogar zwischen einer aktuellen Fiktion und einer virtuellen Fiktion ? Nicht zufällig geben die Wörterbücher oft das Wort »latent« als Synonym zu virtuell an: ein oder mehrere Möglichkeitsbereiche neben dem Realen, die es begleiten und zur Unterscheidung zwischen wahr und falsch querstehen (also ihr gegenüber gleichgültig sind).
Diese besondere Beziehung des Virtuellen zu der Unterscheidung Realität/Fiktion muß also berücksichtigt werden. Das ist die Basis z. B. der oft vernachlässigten Unterscheidung von Virtualität und Simulation. Man spricht von den möglichen Welten als simulierten Realitäten, und dadurch geht ihre Spezifität weitgehend verloren. Die Simulation erlaubt wie die Modellierung, fiktionale Objekte zu schaffen, die »so tun«, als ob sie etwas anderes wären, doch dies innerhalb eines immer noch semiotischen Paradigmas. Das Modell »steht für« das reale Gebäude, die graphische Darstellung der Bewegungen der Wolken »steht für« die realen atmosphärischen Ereignisse. Die Simulation beabsichtigt, so treu wie möglich einige Eigenschaften dessen zu reproduzieren, was ein Referent bleibt. Die Virtualität im eigentlichen Sinne verfolgt eine viel reichhaltigere Absicht; sie geht über die Eigenschaften der Simulation hinaus und kann nicht mehr auf die Unterscheidung von Zeichen und Referent bezogen werden. Ihr Zweck ist, ein »concret de pensee« als eine alternative Realitätsdimension zu schaffen: keine falschen realen Objekte, sondern wahre virtuelle Objekte, für welche die Frage der realen Realität ganz und gar gleichgültig ist.
Gegenüber diesem Verhältnis des Virtuellen zum Realen ist das Verhältnis des Virtuellen zur Fiktion von besonderem Gewicht. Dieser Frage nun ist der folgende Beitrag gewidmet. Die Abschnitte 2 und 3 fragen nach den Voraussetzungen des Sinnes der Fiktion und nach alternativen Weisen, ihren Bezug zur Realität zu begreifen. Im Abschnitt 4 werden die sozialen Korrelate dieser unterschiedlichen Einstellungen analysiert und in einen Zusammenhang gebracht mit den Formen des Gedächtnisses und mit korrespondierenden Beobachtungsmodellen. Im Abschnitt 5 werden wir auf den zeitgenössischen Virtualitätsbegriff zurückkommen und versuchen, ihn mit einem Gedächtnismodell in Zusammenhang zu bringen, welches mit dem Phänomen der Interaktivität und den Formen der Neuen Medien verbunden ist.
4. Die Formen des Gedächtnisses: Vom Speicher zum Archiv
Wenn wir nun auf die Ausgangsfrage der Kontingenz - also der Modalisierung - zurückkommen, können wir hinter der Differenz zwischen der vorneuzeitlichen und der neuzeitlichen Haltung eine verschiedenartige Form der Modalisierung entdecken - also eine andere Weise, das Verhältnis zwischen dem Bereich des Realen und dem Bereich des Möglichen zu begreifen.
In der antiken Begrifflichkeit waren die Möglichkeiten (sowohl die Objekte der Imagination wie die mythischen Einheiten) in einer Art paralleler Welt plaziert - oder besser in einer Mehrheit paralleler Welten jenseits, über oder unter der realen, unmittelbar wahrnehmbaren Welt. Diese »andere« Dimension schloß allerdings Austausch und Vermischung nicht aus - ebensowenig die Möglichkeit von Übergängen von einer Welt zu den anderen (den Übergang in die Unterwelt oder die Kommunikation zwischen Göttern und Menschen). Ideen, Göttern und geometrischen Gestalten kam eine Realität zu, die zwar nicht wahrgenommen, aber durch das Denken betrachtet werden konnte. Der Raum war in dieser sakralisierten Welt nicht homogen, sondern schloß viele qualitativ unterschiedliche »Sektoren« ein, die nebeneinander bestehen konnten, so, wie unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestanden - ohne das Bedürfnis noch auch die Möglichkeit, sie zu vereinen oder zu koordinieren. Daher die Heterogenität der Darstellung und der Glaube an die Realität des Imaginären, die Konfusion von Zeichen und Referenten und die Möglichkeit von Vermittlungen und Vermischungen zwischen Objekten und Ideen. Daher aber auch eine Reihe von Beschränkungen, die es unmöglich machten, einen autonomen fiktionalen Raum zu bilden.
In der Neuzeit erlangt das Mögliche (zusammen mit dem ganzen Bereich des Imaginären) einen anderen Status. Das Mögliche wird zum Horizont des Realen, ihm kommt keine unabhängige »Realität« noch autonome Existenz zu: Ideen, Fiktionen und Immaginationen existieren nirgendwo, sondern wurden in den Köpfen der Subjekte konstruiert. Deshalb können sie nicht in die realen Dinge eingreifen, und deshalb kann es keinen Ubergang zwischen dem Realen und dem Imaginären geben: Man kann nicht in die Fiktion hineintreten, sondern kann sie nur von außen beobachten. Es handelt sich nicht bloß um getrennte, sondern um völlig heterogene und inkompatible Bereiche: Die Gegenstände existieren objektiv (also unabhängig vom Bezug auf die Perspektive eines Beobachters), die Ideen jedoch nicht. In der Kommunikation der Fiktion wird dem imaginären Raum die Perspektive eines Beobachters zugeschrieben, und die dargestellten Personen oder Räume existieren nur in der Kommunikation und dank ihrer. Die Selbstreferenz der Kommunikation ist gänzlich vom Bezug auf die externe Welt abgelöst, aber gewinnt dadurch auch die Freiheit, autonom ihre fiktionaleWelt - mit ihrem je eigenen Wahren und Falschen, ihrer Tiefe und ihren Koordinaten - zu konstruieren.
Aus soziologischer Sicht müssen diese Überlegungen auf Veränderungen in den Formen der Produktion und der Verarbeitung von Kommunikation zurückgeführt werden. Wenn wir die Veränderungen in einer Formel zusammenfassen wollen, können wir vom Übergang aus einer von der Rhetorik geleiteten Semantik zu einer von der Kommunikation der Massenmedien geleiteten Semantik sprechen - hinter der zugleich eine andere Form des Gedächtnisses der Gesellschaft steht, die mit einer anderen Verfügbarkeit und einem anderen Gebrauch der Kommunikationsmedien verbunden ist.
Bis zur Neuzeit blieb das vorherrschende Kommunikationsmodell grundsätzlich oral. Die Bücher - obwohl verfügbar und zu gewissen Zeiten auch ziemlich verbreitet - nahmen eine untergeordnete Rolle gegenüber der Kommunikation unter Anwesenden ein: Sie dienten als mnemonische Hilfe, insofern sie Schemata und Modelle lieferten, welche die Memorisierung der Inhalte erleichterten. Ihnen kam keine Autonomie zu. Erkenntnis bedeutete mnemonisches Lernen - immer noch nach platonischem Muster: Erkennen war Erinnern, und das Vergessen war gleichbedeutend mit Ignoranz. Die Kenntnisse existierten nur, wenn sie im menschlichen Bewußtsein aufbewahrt wurden, das als der einzige mögliche Sitz des Gedächtnisses galt.
Für Plato war, die eigenen Erinnerungen der Schrift anzuvertrauen, wie »im Wasser zu schreiben«, also ohne Stabilität. Der geschriebene Text bedeutete nichts, wenn er nicht mit einem Kopf verbunden war, der seine Inhalte besaß: Die geschriebene Rede ist bloß »ein Mittel, um denjenigen, die schon wissen, die in den Büchern behandelten Argumente zu erinnern«. Anstatt das Gedächtnis zu fordern, produziert die Schrift das Vergessen in denjenigen, die »der Schrift vertrauend, durch diese äußeren Zeichen und nicht an sich erinnert werden.«
In diesem Kontext waren Aufbewahrung und Übertragung der Inhalte von den rhetorischen Verfahren geleitet: Reproduktion der exempla, Wiedergabe der Gemeinplätze, Imitation und Kontinuität mit der Tradition. Ziel war die Homogenität zwischen den äußeren und den inneren Inhalten, die Teilnahme, die Einbeziehung und nicht die Distanz des Beobachters. Die individuellen Ideen waren um so wertvoller, je treuer sie die tradierten Inhalte -also die originären Ideen - wiedergaben. Originalität in unserem Sinne - also Idiosynkrasie, Abstand und Autonomie (Kritik) - konnten nur Abweichung und Irrtum - schließlich das Vergessen - bedeuten.
Die Orientierung änderte sich mit dem Übergang zu einer Kultur der Massenmedien. Mit diesem Ausdruck beziehe ich mich auf ein Vorherrschen des Modells der Fernkommunikation gegenüber der Kommunikation unter Anwesenden - eine Veränderung, für die die Verfügbarkeit von Büchern eine notwendige, aber sicher keine ausreichende Bedingung ist. Es handelt sich also um keine direkte Folge der Einführung des Buchdrucks, sondern um einen Übergang, der sich mit der Reproduktion von schriftlichen Kommunikationen und im Ausgang von schriftlichen Kommunikationen realisiert: In der Terminologie der Theorie sozialer Systeme ereignet sich dies, sobald sich ein System nicht-interaktiver Kommunikation (das zum System der Massenmedien wird) autopoietisch schließt. Der Umgang mit den Büchern verändert sich und ein anderes Modell von Gedächtnis ist im Entstehen - trotz der Wiederentdeckung der Tradition der ars memoriae im XVI. und XVII. Jahrhundert. Das Gedächtnis wird nun als eine Art Archiv gesehen, in dem die Spuren von verschwundenen Dingen und Ereignissen aufbewahrt werden. Giulio Camillos im XVI. Jahrhundert hoch bewundertes Gedächtnistheater war im Grunde eine Art Karteikasten mit einer komplexen thematischen Organisation, die es ermöglichte, die Materialien in einer Reihe von Schubladen wiederzufinden, in welche Texte eingeordnet waren. Das Gedächtnis wurde also der Schrift und nicht den aktiven Operationen der Menschen übergeben.
Trotz der scheinbaren Analogie ist das Modell des Archivs ganz anders als das klassische (und seit Aristoteles gängige) Modell des Speichers. Augustinus verstand das Gedächtnis als eine breite Höhle im menschlichen Bewußtsein, die Ideen und Vorstellungen in der Dimension der Ewigkeit sammelte. Alle verfügbaren Erinnerungen waren also in der Lagerstätte des Gedächtnisses innerhalb der Köpfe der Menschen gespeichert. Das Archiv hat dagegen gerade die Funktion, den Kopf von der Notwendigkeit zu entlasten, alle Erinnerungen aufzubewahren: Die mnemonischen Spuren sind nun auf einem externen Träger fixiert. Das Archiv erlaubt also zuerst einmal zu vergessen.
Diese Externalisierung der Ideen bildet die Voraussetzung für den Abstand des Beobachters. Sind die Ideen erst einmal einem externen Träger anvertraut, werden sie mehr und mehr irreal und von den konkreten Objekten der Welt abgekoppelt (anstatt an Realität zu gewinnen). Es geht nicht mehr primär darum, die Ideen im mentalen Universum des Beobachters einzuschließen. Vor allem trennt sich die Perspektive des Beobachters immer deutlicher von derjenigen, die in den Büchern zu finden ist, und dieser Abstand vertieft sich allmählich.
Kritik, Humor, die Fähigkeit, Realität und Fiktion (also das »reale« Wahre/ Falsche vom »fiktiven« Wahren/Falschen) zu unterscheiden, sind alles Formen der Beobachtung zweiter Ordnung. Sie setzen einen Beobachter voraus, der die Beobachtung anderer als unterschiedlich von seiner eigenen Beobachtung beobachtet - der also in der Lage ist, die fremde Beobachtung zu kritisieren, aber auch auf den Bezug zur realen Welt zurückzukommen, ohne diese mit der Welt der Ideen zu vermischen.
5. Autologie, Interaktivität und prozedurales Gedächtnis
Der in der Nenzeit vollzogene Übergang zur Beobachtung zweiter Ordnung (gekoppelt mit der im Abschnitt 2 dargestellten Vorstellung der Fiktion) bleibt jedoch noch unvollständig: Was fehlt, ist die sogenannte autologische Wende. Der Beobachter beobachtet andere Beobachter, aber nicht sich selbst als Beobachter. Mit anderen Worten: Seine Objektenwelt ist unvollständig, weil sie künstlich ein mögliches und sehr wichtiges Objekt ausschließt: eben den Beobachter selbst. Mit diesem Ausschluß geht die Hypostasierung eines einzigen Gesichtspunktes einher, der als Bezugspunkt für die Mehrheit der möglichen Beobachtungsperspektiven gilt
Es handelt sich um die Lösung des Problems der Paradoxien, welche seit dem XIX. Jahrhundert endgültig als Fehler oder als theoretische Schwäche verworfen werden. Was ist aber die Verbindung zwischen den Paradoxien und der Beobachtung zweiter Ordnung? Wenn man die Beobachtung der Beobachtung akzeptiert, muß man auch die Existenz mehrerer unterschiedlicher Beobachtungsperspektiven zulassen - also auch die Existenz verschiedener Unterscheidungen zwischen Selbst- und Fremdreferenz (oder zwischen Realität und Fiktion). Dann müßte man jedoch auch in der Lage sein, unterschiedliche Fiktionen getrennt zu halten und verschiedene vermutlich heterogene Möglichkeitsbereiche miteinander zu korrelieren - sonst fällt einfach die Selbstreferenz eines Beobachters in die Fremdreferenz des anderen hinein und die Unterscheidung von Ideen und »realen« Objekten ist nicht mehr eindeutig: Daraus entstehen die Paradoxien und die damit verbundenen Probleme.
Diese Konfundierung kann vermieden werden, indem vorausgesetzt wird, daß es jenseits der Verschiedenartigkeit der Gesichtspunkte eine letzte Beobachtungsperspektive gibt. Alle Beobachter beobachten - jeder von seinem eigenen Gesichtspunkt, von dem er gewisse Dinge sieht und andere nicht sieht - eine Welt, die für alle gleich ist. Dann überlagert die Unterscheidung Realität/Fiktion die Unterscheidung Aktuelles/Mögliches, und so wird eine scharfe Trennung von Daten und Imaginationen, Dingen und Ideen, dem Realen und dem Möglichen erreicht. Der Preis dafür ist jedoch das Auslöschen der Pluralität der Beobachter und der jeweiligen Möglichkeitsprojektionen. In diesem Rahmen gibt es keine Differenzierung innerhalb der Kontingenz und keine »Modalität zweiter Ordnung«: Die Realität des Möglichen und vor allem die Möglichkeit des Möglichen können nicht berücksichtigt werden. Es handelt sich allerdings um eine Konstruktion, die in Einklang steht mit der Vorstellung des Gedächtnisses als einem Archiv, in welchem alle Informationen gesammelt sind, Informationen, die als Informationen nur dann einen Wert haben, wenn es eine eindeutige Bezugsperspektive gibt, die diese Informationen als solche qualifiziert. Wäre das nicht der Fall, würde man sich jedesmal die Frage »Information für wen?« stellen müssen, und die Idee der Sammlung von Informationen als eine Art Vermehrung des verfügbaren Kapitals machte keinen Sinn mehr. Es handelt sich außerdem um eine mit dem Modell der »traditionellen« Massenmedien bis hin zum Fernsehen verbundene Vorstellung von Medien, die die Einheit eines Textes festhalten, der immer gleich und für alle derselbe ist. Dadurch werden Unterschiedlichkeit und Unvoraussagbarkeit der Leser.
Heute scheint jedoch dieser Ausschluß des Beobachters immer schwieriger zu werden. Die ganze Frage des Virtuellen, die - wie wir sahen - gerade die Unterscheidung verschiedener Möglichkeitsregime verlangt, stösst in der Praxis auf die Grenzen dieser Einstellung und scheint einen weiteren Abstraktionsschritt zu erfordern. Der entscheidende Punkt ist die vieldiskutierte Frage der Interaktivität, die es dem Empfänger der Kommunikation ermöglicht, auf die Kommunikation selbst einzuwirken und das, was ein anderer Teilnehmer mitgeteilt hat, zu verändern und zu verarbeiten. Diese Interventionsmöglichkeit ist auch in der Interaktion unter Anwesenden - auf die man sich in der Tat oft bezieht - vorhanden, aber in einer grundsätzlich anderen Form. In der auf Präsenz beruhenden Interaktion vollzieht sich die Intervention in der geteilten Realität beider Beobachter. Die neuen Medien erlauben dagegen die Interaktivität in der computervermittelten und oft asynchronen Fernkommunikation: Der Empfänger erhält (punktuelle und personalisierte) Antworten aus der Maschine und nicht vom anderen Teilnehmer, der gemeinhin mit ganz anderen Sachen beschäftigt ist und die vollzogenen Operationen nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Der Beobachter nimmt in diesem Fall Einfluß nicht auf das Reale, sondern auf die Fiktion des anderen Beobachters - also direkt auf eine Kommunikation, die wie ein Objekt unabhängig vom Bezug auf die Realität des Partners verarbeitet wird. Dabei jedoch beginnt die scharfe Unterscheidung von Selbst
In der Praxis der sogenannten multimedialen Kommunikation begegnen uns die formalen Entsprechungen dieser Veränderungen zuerst einmal in Gestalt eines Schwankens des priviligierten Beobachtungspunktes. Die Neuen Medien neigen dazu, die Kopräsenz mehrerer Gesichtspunkte zugleich zu operationalisieren. In den Projekten der virtuellen Wirklichkeit (obwohl es sich um die Darstellung eines dreidimensionalen Raumes handelt) hat es keinen Sinn, vom Zentralpunkt der Perspektive zu reden, weil dieser Punkt sich ständig mit dem Wechseln des Beobachters und mit seinen Bewegungen im irrealen Raum der Darstellung verändert. Strenggenommen ist es auch nicht korrekt, von »Darstellung« zu reden, weil das Wort eine Fiktion und den Bezug auf die Perspektive desjenigen voraussetzt, der sie geschaffen hat. Das Wort »virtuell« selbst hat eigentlich nichts mit der Fiktion zu tun: Es stammt aus der Optik und bezieht sich auf die im Spiegel reflektierten Bilder. Der Spiegel »repräsentiert« nicht eine alternative Realität für den Beobachter (die einem anderen Beobachter zugeschrieben werden kann), sondern »präsentiert« ihm die reale Realität aus einem anderen Blickwinkel und erweitert dadurch sein Beobachtungsfeld. Ebenso »repräsentiert« die virtuelle Wirklichkeit keine fiktionale Realität, sondern sie »präsentiert« dem Beobachter die Realität der Fiktion - also eine alternative Möglichkeitskonstruktion, die seinen Kontingenzbereich unabhängig von der Perspektive desjenigen erweitert, der die Fiktion produziert hat. Wie das Spiegelbild bezieht sie sich nicht auf die Unterscheidung Realität/Fiktion, sondern auf die Beobachtungsbedingungen selbst: in diesem Fall auf die Unterscheidung von aktuellen und möglichen Möglichkeiten, auf die Selbstreferenz der Beobachtung. Der Benutzer von Projektionen einer virtuellen Wirklichkeit muß wissen, daß die Realität, mit der er zu tun hat, von seinen Interventionen abhängig ist und nicht autonom existiert. Er wird dann dazu geführt, über seine aktive Rolle bei der Strukturierung seiner Bezugsrealität zu reflektieren, wie dies gerade die Debatte über die Auslöschung des Realitätssinnes infolge der neuen Technologien demonstriert.
Der Topos der Kommunikation (des Textes) als Spiegel ist eigentlich nicht neu. Er bezog sich jedoch auf das vormoderne Verhältnis Leser/Text und ist mit der neuzeitlichen Durchsetzung der scharfen Trennung von Selbst- und Fremdreferenz verschwunden. Man findet ihn noch bei Petrarca, für den der Text als Spiegel an sich selbst dient, in dem man - hat man ihn sich erst einmal durch Meditation (also Memorisierung) zu eigen gemacht hat - das innere Gesicht sehen kann. Es handelt sich offensichtlich um ein Modell der Lektüre, in das die deutliche Distinktion zwischen dem, was man in den Bücher liest (oder allgemein duch Kommunikation lernt), und der eigenen Erfahrung fehlt. Ein solches Modell ist kompatibel mit der Vorstellung von einem »expansiven Text«, der, wie gesehen, die Interventionen der Leser akzeptierte. Dasselbe Modell des expansiven Textes taucht heute wieder auf in den Hypertexten und insbesondere in der »interaktiven Literatur«, die es den Lesern ermöglichen soll, den Text zu verändern, zu ergänzen und zu personalisieren, ohne Privilegierung einer Leserperspektive und ohne das Bedürfnis, einen stabilen Bezugstext zu fixieren. Es handelt sich um ein weiteres Beispiel der Überwindung des Schemas des einzelnen ausgezeichneten Gesichtspunktes. In beiden Fällen ist das Ergebnis die von der Metapher des Spiegels oder vom korrelierten Begriff des Virtuellen ausgedrückte Selbstreferenz: Man kann in bezug auf Hypertexte von einer Art »virtuellem Text« - also von einem Spiegel für die Kommunikation - sprechen. Der mittelalterliche Leser konnte sich im Text »spiegeln«, weil er kein Bedürfnis spürte, seine Perspektive von der im Text ausgedrückten Perspektive zu unterscheiden. Der »Hyperleser« benutzt die Kommunikation nicht, um sich mit einer äußeren Perspektive auseinanderzusetzen, sondern um seine eigene Beobachtungsfähigkeit anzureichern und komplexer zu machen. Während man jedoch für die vorneuzeitliche Lektüre von Beobachtung erster Ordnung sprechen kann - welche zwischen Objekt und Beobachter nicht unterscheidet -, haben wir es heute mit einer ins Extrem getriebenen Beobachtung zweiter OrUnung zu tun: Der Beobachter beobachtet die Beobachtung anderer, um die Beobachtung von sich selbst als einem Beobachter komplexer zu machen.
Im Abschnitt 4 haben wir die Beobachtungsstruktur der Neuzeit mit einem ihr entsprechenden Gedächtnismuster korreliert. Wenn es nun stimmt, daß die Neuen Medien den Übergang zu einer komplexeren Beobachtungsweise zeigen, kann man dann auch in diesem Fall von einer Veränderung der Formen des Gedächtnisses der Gesellschaft sprechen?
Zuerst fällt einmal auf, daß die Autologie zuzulassen heißt, auf ein höheres Abstraktionsniveau überzugehen, und die Abstraktion dient - in diesem wie in allen anderen Fällen - vor allem dazu, zu vergessen. Dieses Vergessen bedeutet kein Auslöschen, keinen Verlust, sondern die Fähigkeit, bestimmte Inhalte zu berücksichtigen, ohne alle Details (und insbesondere den originären Kontext) aufhewahren zu müssen.
Der Übergang vom Gedächtnis als mentalem Speicher zum Gedächtnis als externem Archiv bedeutet gerade dies: Mit der Verfügbarkeit von Büchern kann von der mnemonischen Aufhewahrung der Inhalte abgesehen werden. Sybille Krämer schlägt das Modell des world wide web als kollektives Gedächtnis vor, das auf einer neuen Form der Interaktion zwischen dem Benutzer und dem gemeinsamen Gedächtnis beruht: vgl. Krämer 1996.
Es genügt, Katalogisierungssysteme zu haben, die es erlauben, die Inhalte dann wiederzufinden, wenn sie interessieren. Das Gedächtnis orientiert sich an Verbindungen (Unterscheidungen) und nicht mehr an Identitäten. Von Foerster zeigt, wie die Verfügbarkeit informatischer Mittel einen weiteren Abstraktionsschritt (und dadurch eine neue Form des Vergessens) möglich macht. Das Modell des Archivs sieht zwar von der Memorisierung aller Inhalte ab, doch bedarf es immerhin der Aufnahme einer Reihe fixer Daten, die aufbewahrt und verfügbar gehalten werden müssen: Register und Verzeichnisse, die ermöglichen sollten, die je interessierenden Informationen wiederzufinden (was nur gelingt, wenn man sich an das Kriterium der Katalogisierung hält).
Die informatischen Techniken scheinen dagegen ein anderes streng operationelles Modell von Gedächtnis anzudeuten: Das Gedächtnis wird zum reinen »computing device«, das keine Daten speichert, sondern bloß »rechnet«. Es werden keinerlei Daten, sondern nur Verfahren registriert, die jeweils ermöglichen, die interessierende Information zu »regenerieren«, indem sie neu »berechnet« wird. Nur so kann - immer noch laut von Foerster - auch der letzte »Mythos« des Gedächtnisses der Neuzeit verabschiedet werden: die Vorstellung, dass es »die« korrekte Antwort auf jede Frage gibt. Es gibt immer mehrere richtige Antworten, je nach Perspektive. Die Fähigkeit, zu vergessen, erlaubt die notwendige Flexibilität, um jeweils die angemessene Antwortweise herauszufinden.
Dieses radikal prozedurale Gedächtnis, das den Kontext und den punktuellen Zeitpunkt der Operation aufwertet, zeigt sich den vormodernen mnemonischen Modellen durchaus verwandt. Erinnern heißt, über »Schemata« zu verfügen, die ermöglichen, die Erfahrung zu organisieren -, im Grunde ein platonisches Modell, mit dem Unterschied, daß diese Schemata keine Bilder (die fest bleiben) sind, sondern eher Regeln, die die (immer unterschiedlichen) Operationen auf eine Weise orientieren, die von der Vergangenheit und von den gesammelten Erfahrungen abhängig ist. Auch die Vorstellung einer Pluralität korrekter Antworten auf jede Frage verweist auf das griechische dialektische Denken, das auf der Voraussetzung beruht, daß im Moment der Formulierung einer Frage auch die Antwort bestimmt wird, die man erhalten kann. Der Ausschluß des Kontextes - als Störelement anstatt als Ressource verstanden - ist typisch für die Neuzeit und mit der Notwendigkeit verbunden, eine privilegierte Beobachtungsperspektive vorauszusetzen. Es überrascht also nicht, daß die Forschung über elektronische Medien dazu tendiert, auf die Modelle der klassischen ars memoriae zurückzukommen und »Stellenwerte« (also die kontextuellen und prozeduralen Elemente) zu betonen.
Der Punkt, auf den es hier ankommt, ist, noch einmal, die Abhängigkeit der Beobachtung vom Beobachter, und das führt uns erneut auf die Frage nach der Interaktivität als Grundeigenschaft des ganzen Bereiches des Virtuellen zurück. »Interaktivität« heißt unter diesem Gesichtspunkt ein Eingriff des Beobachters, also Orientierung an Operationen als rekursiver Grundlage des Aufbaus des Realen. Eine eindeutige Bezugsperspektive braucht dabei nicht fixiert zu werden, weil die Funktion einer Eingrenzung der Arbitrarität von der einfachen Rekursivität erfüllt wird, also von der Fähigkeit, die Art und Weise zu berücksichtigen, wie die Operationen eines Systems sich aus anderen Operationen desselben Systems produzieren. Das ist das Modell, das hinter von Foersters prozeduralem Gedächtnis steckt. In der Reproduktion der eigenen Operationen produziert ein System nicht-zufällige Konfigurationen, mit denen es sich selbst bindet und die Arbitrarität des eigenen Verhaltens drastisch beschränkt. Obwohl es keine vorgegebene Regel gibt, die bestimmt, was möglich und was nicht möglich ist, ist in jedem Augenblick für das System nur sehr wenig möglich, und die Operationen laufen kontrolliert (rekursiv selbstkontrolliert) weiter.
Ein Beispiel dieser Funktionsweise kann gerade in den Neuen Medien -, und zwar im Internet - gefunden werden. Die bisher gesammelten Erfahrungen mit dem »großen Netz« erlauben schon heute zu beobachten, daß das Modell des Archivs dafür unangemessen ist. Alle Versuche, feste Orientierungsmittel vorzubereiten - in der Form von »gelben Seiten«, Verzeichnissen, Adressensammlungen oder einfach Internetführern - werden sofort obsolet. Die einzigen wirksamen Mittel sind die sogenannten search engines (Suchmaschinen) - wie Yahoo!, Lycos, Altavista, Web Crawler usw. Es handelt sich um Programme, die benutzt werden können, um herauszufinden, ob und wo im Internet die interessierenden Informationen verfügbar (also generierbar) sind. Diese Mittel sind - in genauer Ubereinstimmung mit von Foersters Modell - eine Art »Software-Maschinen«, die über keine registrierten Informationen verfügen, sondern die Antwort auf die gestellten Fragen jeweils neu produzieren (berechnen). Die Antwort ist also immer anders, nicht nur weil das Netz sich ständig verändert, sondern auch, weil die Informationen, die man gewinnt, von der Abfrage des Benutzers abhängig sind und es kein Repertoire gibt mit schon im voraus vorgegebenen Antworten. Die Suchmaschine orientiert sich jeweils an der gestellten Frage (also an dem jeweils aktuellen Kontext) und wählt dann so aus, daß die relevanten Inhalte für den betreffenden Fall produziert werden können.
Die Daten im Internet sind unter diesem Gesichtspunkt »virtuelle Informationen«, die nur dann real werden, wenn man sie sucht, produziert und sich von ihnen überraschen läßt. Das Gedächtnis der telematischen Kommunikation besteht aus reiner Anschlußfähigkeit, also aus einer immer raffinierteren und schnelleren Weise, Informationen zu generieren -, eine Schnelligkeit, die gerade deshalb möglich ist, weil jedes Kommunikationsereignis unterschiedliche Daten (also potentielle Uberraschungen) produziert.
Das Problem mit dieser Art SelbstbeschreiLung ist dann nicht der information overload - welcher von einer immer stärkeren Fähigkeit, zu vergessen, neutralisiert wird weltveränderungen auseinanderzusetzen.