Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03336.jsonl.gz/2649

Gestern kam die Bankangestellte, welche mich immer am Schalter bedient, aus Namibia zurück und sagte: „Schrecklich, wie die Einheimischen dort leben.“ Nur einige Flugstunden südlich von uns leben die Menschen in absoluter Armut. Wer dann in die Schweiz zurück kehrt, erlebt den eigenen Wohlstand neu und intensiv. Das löst bei sensiblen Menschen einen Schock aus.
Ist reich sein, eine Sünde? Der Unterschied zwischen reichen und armen Gesellschaften, zwischen reichen und bitter armen Menschen, hat in der letzten Generation deutlich zugenommen. Früher sagten die Reichen bei uns: „Ich kann am Tag auch nur ein Schnitzel essen.“ Heute wissen wir, dass sie über Schlösser und Burgen, dazu eigene Flugzeuge, Pferdeställe und Rennboote verfügen, soweit es Männer sind, oft auch über immer jüngere Frauen, die den Charme des grossen Geldes geniessen und die Falten des Alten dafür akzeptieren.
Warren Buffett, der Gründer von Berkshire Hathaway, einer der drei reichsten Männer der Erde, Freund von Microsoft-Gründer Bill Gates, hat bereits Milliarden verschenkt, aber es will ihm nicht gelingen, ärmer zu werden. Im Wallis sagt man dazu: „Der Teufel scheisst immer auf den gleichen Haufen.“ Es war Warren Buffett, ein älterer Herr, der über die Kapitalisten kürzlich sagte: „Leider haben wir gewonnen.“ Über wen gewonnen, die 99% der anderen, die nie im Leben den Glanz der Schweiz geniessen können.
Wir Schweizer sind reich, wenn auch nicht alle, und wir spenden viel. Jedermann hat einen Freund oder einen Verwandten, der in Bolivien ein Dorf versorgt, in Nicaragua Schulen bauen lässt oder in Indien Brunnen bohrt. Vor allem Lehrer, Pfarrer und andere Staatsangestellte scheinen ein penetrant schlechtes Gewissen zu haben. Ein älteres reformiertes Pfarrer-Ehepaar kein leicht einmal Fr. 250 000.—im Jahr verdienen, ein Lehrerehepaar sogar noch mehr. Die Bundesangestellten in Bern verdienen im Schnitt Fr. 127 000.– im Jahr. Wo zwei miteinander beim Bund arbeiten oder dort sogar Karriere machen, fliessen grosse Beträge.
Wo die Leistung nicht identisch mit der Bezahlung ist, das gilt auch für Führungskräfte in der Wirtschaft, entsteht automatisch ein schlechtes Gewissen. Jahrelang hat mich in Zürich die Frau eines Unternehmers angerufen und um Geld für ihre Zöglinge gebettelt. Meine Frau sagte dazu immer: „Warum gibt sie nicht selber mehr?“ Offensichtlich ist Geld sammeln schöner als Geld geben, Bob Geldoff, ein englischer Musiker hat damit Weltruhm erworben und den Titel „Sir Bob“. Das gilt viel in England, wo merkwürdige Sitten nicht selten sind.
Das Leben, das uns in der Bibel „in Fülle“ versprochen wird, ist oft ein Traum. Wenn diese Träume platzen, wie es derzeit bei der FIFA unter dem Angriff der US-Anwälte geschieht, oder bei Volkswagen, wo der Gestank der versteckten Abgase den guten Ruf eines deutschen Weltkonzerns verdunkeln, dann bleiben nur Scherben, gebrochene Karrieren, das Gefühl, die Welt breche zusammen.
Die UBS war einst der stolzeste Schweizer Bankkonzern. Er verdiente viel Geld, das auch Wohlstand für viele brachte. Heute wird er von Axel Weber, einem Deutschen, regiert. Wir wissen nicht wirklich, ob wir unser Geld dort lassen sollen oder nicht. Ob UBS oder Credit Suisse, die Verwalter von grossen Vermögen haben für kleine Vermögen unter zehn Millionen Franken kaum noch Zeit übrig. Wo, wie in Asien, die Milliardäre aus dem Boden wachsen, wird das alte europäische Geld des oberen Mittelstandes unbedeutend. Es ist höchstens dem Risiko eines Bankzusammenbruchs ausgesetzt.
Was tun? Weihnachten stehen vor der Tür. Geben wir das Geld für Geschenke aus: Eine neue TAG Heuer von Jean-Claude Biver, einen grossen Humidor, gefüllt mit Cigarren von Heinrich Villiger, eine Reise nach Monaco, weil Armut dort garantiert nicht sichtbar wird.
Reich zu sein, ist keine Sünde, oft aber eine Last. Möge es für Sie eine süsse Last bleiben.
*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH
Gestern kam die Bankangestellte, welche mich immer am Schalter bedient, aus Namibia zurück und sagte: „Schrecklich, wie die Einheimischen dort leben.“ Nur einige Flugstunden südlich von uns leben die Menschen in absoluter Armut. Wer dann in die Schweiz zurück kehrt, erlebt den eigenen Wohlstand neu und intensiv. Das löst bei sensiblen Menschen einen Schock aus.