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Das 1798 erstmals schwer getroffene Zunftregiment fand 1866 sein endgültiges Ende. Bisher hatte, um das Wahlrecht ausüben zu können, jeder Stadt- und niedergelassene Schweizer Bürger, der Besitzer von Grund und Boden war, einer Zunft anzugehören; die Zünfte allein bestellten den Grossen Stadtrat. Neben den eigentlichen vollberechtigten Zünftern wiesen die Zünfte daher auch Mitglieder auf, die dort lediglich ihr Wahlrecht ausübten. Diese sogenannten «politischen Zünfter» wurden nun plötzlich überflüssig, als mit dem neuen Gemeindegesetz für den Kanton Zürich 1866 das aktive Wahlrecht auf die gesamte Einwohnerschaft überging; die neue Gemeindeordnung brachte die Zünfte um ihre letzten politischen Rechte.
Von den politischen Zünftern wäre der eine oder andere nun gerne als Vollmitglied bei seiner Zunft geblieben. Alle solche Bewerber aufzunehmen, war den Zünften aber allein schon aus Raumgründen nicht möglich. Als daher mit einem Inserat im «Tagblatt» vom 26.März 1867 «die früheren politischen Zünfter, neuen Bürger usw., welche das Frühlingsfest mitzufeiern wünschen» eingeladen wurden, «zu einer Versammlung zur Gründung einer allgemeinen Stadtzunft auf Dienstag den 26. März, Abends punkt 8 Uhr, in den Gasthof zum Schwanen» an der Schwanengasse in der vordern Schipfe, folgten rund 30 Männer diesem Ruf. In einem weiteren Inserat, ebenfalls mit «Sechseläuten» und «Stadtzunft» überschrieben, wurde mitgeteilt, «die zahlreiche Versammlung der ehemaligen politischen Zünfter etc. vom 28.März» habe «gefunden, die zu gründende Stadtzunft sei dem Zeitgeist anzupassen». Nochmals wurden Interessenten «eingeladen, Samstag den 30. März, Abends punkt 8 Uhr, im Schwanen dahier zu erscheinen, um zur Konstituierung der Stadtzunft zu schreiten». Die Gründung wurde programmgemäss mit 34 Mitgliedern vollzogen und am 1. April 1867, ganze zwei Tage alt, beging die 14. Zunft (noch waren Gerwe und Schuhmachern nicht vereinigt), die bis zur Mittagsstunde auf 43 Mitglieder angewachsen war, ihr erstes Sechseläuten! Mit Musik marschierte die Zunft am Nachmittag durch die Stadt. Ihr Auszug besuchte am Abend mit 24 Papierlaternen die «Landzunft zum Schwanen» am Mühlebach, die Zunft zur Zimmerleuten und die Zunft zum Schaf (Schneidern), und ihre Stubenhocker empfingen die Gegenbesuche der beiden Zünfte. Nicht genug damit, wurde am 8. April «bei Herrn Weber zum Schwanen» gleich auch noch das «Nachsechseläuten» gefeiert!
Im Schwanen sollte die aktive junge Zunft, die binnen Jahresfrist auf 118 Mitglieder anwuchs, wovon 78 Nicht-Stadtbürger (!), volle 20 Jahre verbleiben, um gemäss § 1 ihrer ersten Satzungen sich «zur gemeinsamen Feier des Sechseläutens zu vereinigen, dann aber auch, ein freundschaftliches Einvernehmen in geselligem Kreis zu fördern». Mit diesen Worten war die inskünftige Zielsetzung der Zünfte allgemein gesetzt, wozu die Pflege einer liberalen, bürgerlichen Tradition hinzukam. 1875 beschloss das inzwischen gegründete «Sechseläuten-Central-Comité», die Stadtzunft, 8 Jahre nach ihrer Gründung, offiziell anzuerkennen. 1887 zwang der Verkauf des Schwanen die Zunft zum Umzug ins Hotel Storchen. Weiterhin wachsend, zog sie 1891 ins Hotel St. Gotthard um und wechselte 1906 ins damalige Hotel Habis-Royal (jetzt: Café Edoardo, Bahnhofplatz). Als der Hotelbetrieb 1947 aufgegeben wurde, liess sich die Stadtzunft im Bahnhofbuffet nieder, das sie erst 1973 wieder verliess, um im neu erstellten Hotel Zürich, Neumühlequai 42 (dem heutigen Marriott Hotel Zürich) Einsitz zu nehmen.
Quelle: Sechseläuten, Orell Füssli Verlag, 1976, ISBN 3 280 00849 2
Das Gebiet der heutigen Stadt Zürich war ursprünglich von keltischen Helvetiern und im 1. bis 4. Jahrhundert nach Chr. von Römern besiedelt. Seit dem 5. Jahrhundert war Zürich eine alemannische Siedlung, seit dem 9. Jahrhundert Marktflecken und Stadt. Um 800 erfolgte die Errichtung einer karolingischen Königspfalz und des geistlichen Stiftes Grossmünster und 853 der Reichsabtei Fraumünster. Zürich kam 1098/1173 an die Zähringer und war ab 1218 freie Reichsstadt (bis 1499/1648). 1291 wurde ein erstes Bündnis mit Uri und Schwyz geschlossen. 1351 Anschluss an die Eidgenossenschaft. Im 14. bis 16. Jahrhundert Erwerbung eines stadtstaatlichen Untertanengebiets (u.a. Amt Knonau, Grafschaft Kyburg, östlicher Aargau). Unter Huldreich Zwingli ab 1523 Zentrum der Reformation in der Schweiz. Ab 1712 teilte Zürich mit Bern die politische Führung der Eidgenossenschaft. Zürich gehörte 1798 bis 1803 zur Helvetischen Republik und ist seit 1803 Hauptstadt des gleichnamigen neuen Kantons.
Quelle: Der Brockhaus in Text und Bild, 1999
Im Hochmittelalter sind in allen europäische Städten Zünfte entstanden. Es handelte sich um eine Organisationsform von Handwerkern, Handel Treibenden (Gilden) und anderen Gruppen zur Ausübung des gemeinsamen Gewerbes und Regelung der wirtschaftlichen Verhältnisse, vor allem im Interesse der Produzenten.
Geschichte: Die Zünfte entstanden im 11. und 12. Jahrhundert (früheste Urkunden) in den Städten, nachdem sich ein freier Handwerkerstand herausgebildet hatte. Im Mittelalter waren auch fast alle nichthandwerklichen Berufstätigkeiten (Notare, Musikanten, Krämer, selbst Bettler und Dirnen) in Zünften organisiert. Die Zugehörigkeit zur Zunft war vor allem an den freien Stand und die sogenannte ehrliche Geburt gebunden. Die äussere Organisation der Zunft, die von der Obrigkeit (Stadt, Landesherr, Kaiser) mit Monopolrecht ausgestattet war beruhte auf der Gliederung in Meister, Gesellen und Lehrlinge. Es bestand Zunftzwang. In der Regel war eine bestimmte Ausbildung für Lehrlinge und Gesellen vorgeschrieben: Lehrzeit, Gesellenzeit und Wanderzeit, als Wanderzwang erst seit dem 16. Jahrhundert. Das Meisterstück als Nachweis der Kenntnisse und Fähigkeiten wurde erst im 15. Jahrhundert allgemein eingeführt. Entscheidungen wurden von den Meisterversammlungen (sogenannte Morgensprachen) getroffen, denn nur die Meister waren Vollgenossen der Zunft. An der Spitze standen zunächst landesherrliche Beamte, später die gewählten Zunftmeister. Reiche Zünfte hatten eigene Häuser (Zunfthäuser), andere zumindest eigene Stuben für ihre regelmässigen Zusammenkünfte. Die Zunftordnungen (Zunftstatuten, Schragen) wurden von der Stadtobrigkeit, seit dem 15. und 16. Jahrhundert auch vom Landesherrn (unter Vereinheitlichung) bestätigt oder erlassen und regelten unter anderem den Zugang zum Handwerk, die Betriebsgrösse, die Arbeitszeit, den Wettbewerb (Qualitätsvorschriften) und den Rohstoffbezug. Nach dem Vorbild der Zünfte waren die Gesellen seit dem 14. Jahrhundert vielfach in Gesellenbruderschaften (Schächte) zusammengeschlossen. In sozialer Hinsicht unterstützten die Zünfte auch die Gesellen, unter anderem durch Einrichtung von Herbergen, und waren Träger von Kranken- und Sterbekassen. Seit dem 14. Jahrhundert strebten die Zünfte in den Zunftkämpfen nach Beteiligung am Stadtregiment, das oft in den Händen patrizischer Familien lag. Nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618 bis 1648) begann die Krise des Zunftwesens. Die alten Rechte der Zünfte wurden zu privatrechtlichen Privilegien der Zunftmeister, der Zunftzwang zum Mittel, Unzünftige vom Gewerbe auszuschliessen. 1731 wurde eine Reichshandwerksordnung erlassen («Reichsbeschluss» gegen die Missbräuche im Handwerk); ab dem 18. Jahrhundert wurde die Gewerbefreiheit eingeführt, so 1791 in Frankreich, 1810/11 in Preussen, 1859 in Österreich, endgültig in Deutschland 1869. In den Innungen blieb der Gedanke des beruflichen Zusammenschlusses lebendig.
Brauchtum: Die Meister traten im Zunfthaus bei geöffneter Zunftlade zusammen. Diese war oft in Form eines dem Zunftheiligen geweihten Klappaltars gearbeitet und enthielt die Namen der Zunftmitglieder («Zünftigen»). Die Gesellen pflegten eigene Bräuche. Die Lehrlinge wurden unter feierlichen Zeremonien losgesprochen, die mitunter in derben Scherzen endeten. Einzelne Bräuche haben sich bis heute mit eher folkloristischem Charakter erhalten.
Quelle: Der Brockhaus in Text und Bild, 1999
Vorbemerkung: Anlässlich des 125-Jahrjubiläums der Stadtzunft wurde am 9. September 1992 auf dem Münsterplatz ein historischer Markt durchgeführt. Die zu diesem Anlass herausgegebene Postille «Schwanenpost» enthielt die nachfolgenden Beiträge, die dem Leser zum Umfeld in der Gründungszeit interessante Aufschlüsse vermitteln. Nachfolgend sind zwei Beiträge von damals zusammenfassend publiziert:
Allmählich lässt sich nicht mehr leugnen, dass die Pamphlete des Herrn Advokaten Friedrich Locher ("Die Freiherren von Regensberg", 1. und 2. Teil) sowie die ständigen Bemühungen der Winterthurer Politiker Johann Jakob Sulzer und Salomon Bleuler um eine Gruppierung der demokratischen Opposition von Tag zu Tag mehr Resonanz im Volk finden. Wenn wir das, was in der Kulisse gesprochen wird, richtig deuten, so dürfte es noch vor Jahresende zu grossen Kundgebungen kommen. Entsprechende Vorschläge sollen in den nächsten Wochen in mehreren Städten und Dörfern diskutiert und allenfalls beschlossen werden.
Offensichtlich gibt sich die demokratische Bewegung noch lange nicht zufrieden mit den durch die Revision der kantonalen Verfassung im Jahre 1865 erreichten Neuerungen (u.a. Referendum mit 10.000 Unterschriften). Man will offensichtlich das brechen, was die Winterthurer Kreise das "Escher-Diktat" nennen, obschon der bedeutende Zürcher Staatsmann seit dem Jahre 1855 aus der Zürcher Regierung ausgeschieden ist, aber zweifellos als finanzkräftiger Privatmann noch zahlreiche Zügel in den Händen hält. Die Demokraten kämpfen aber auch gegen die Privilegien der Grossräte und die lebenslängliche Berufung in öffentliche Ämter, ferner für eine gerechtere Verteilung der Staats- und Gemeindelasten sowie für ein uneingeschränktes freies Presse- und Vereinsrecht.
Die zurzeit Regierenden werden nicht umhin kommen, dieser Bewegung ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Staatsschreiber Gottfried Keller meint zwar, man solle die Suppe nicht so heiss essen wie sie gekocht wird. Und nur gerade mit Verleumdung und Beschimpfung dürfte sich eine neue politische Kraft kaum durchsetzen. Nur unterschätzen dürfen wir diese "Progressiven" nicht. Denn sie haben in kurzer Zeit viele Anhänger für ihre Ideen gewonnen, nicht zuletzt dank einer geschickten Verbreitung ihres Ideengutes in Versammlungslokalen, an Stammtischen, bei Fest- und Schiessanlässen, und auch die Lokalpresse hat ihnen schon mehrmals ihre Spalten zur Verfügung gestellt. Die Politiker werden jedenfalls gut daran tun, das, was sich von Winterthur aus verbreitet, sorgfältig zu analysieren und sich nicht einfach den Wind um die Nase wehen zu lassen.
Zwei Fragen sind gestellt: Wo steht die Schweiz militärpolitisch in diesen Septembertagen des Jahres 1867? Wäre sie für alle unwägbaren Eventualitäten der Nächsten Zukunft militärisch überhaupt gewappnet? Zur Illustration des weltpolitischen Umfeldes sei versucht, einige der jüngsten Ereignisse in aller Kürze aufzulisten.
Zwei grosse Konflikte sind zum Abschluss gekommen: der amerikanische Sezessionskrieg und der Krieg der europäischen Machtblöcke. Nach der Einnahme der konföderierten Hauptstadt Richmond am 4. April 1865 hat die Union der 23 Nordstaaten einen teuer erkauften Sieg errungen. Das vierjährige Ringen hatte in den elf Südstaaten verheerende Verwüstungen und im Norden riesige Menschenopfer zur Folge. Amerika ist voll damit beschäftigt, diese Schäden zu beheben und die Union unter Präsident Andrew Johnson wieder herzustellen.
In Königsgrätz hat das preussische Heer am 3. Juli 1866 die österreichischen Truppen besiegt. Damit ist die Vorherrschaft von Grossbritannien, Österreich/Ungarn und Russland zu Ende gegangen. Unter der erstarkten Führung von Preussen entsteht zur Zeit der Norddeutsche Bund. Dessen Auswirkungen auf die Schweiz sind noch nicht abzusehen. Östeinreich sucht nach seiner Niederlage in Königsgrätz sein Heil in einer neuen Realunion mit der ungarischen Monarchie. Im Westen weist Frankreichs "Second Empire" trotz der Schlappe in Mexiko eindeutig expansive Züge auf. Im Süden bahnt sich die Entstehung eines reformfreudigen italienischen Nationalstaates an. Zu unserem Leidwesen wurden bereits lautstark Ansprüche auf das Tessin und italienisch Bünden angemeldet.
Die militärpolitische Lage der Schweiz hat sich mit diesen Entwicklungen eindeutig verschlechtert. Zwar ist der Bundesrat bei den zwei Kriegen der sechziger Jahre nie von seinem exakten Neutralitätskurs abgewichen. Im Zusammenhang mit dem Luxemburghandel hat unsere Landesregierung im vergangenen April "strengste Neutralität" für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung unter den Mächten deklariert. Die schweizerische Diplomatie unterstützt auch tatkräftig die Entstehung der Rotkreuzkonvention, die eine neue Epoche des Völkerrechts einleiten soll. Dennoch stellt sich die Frage, wie unser Land für einen Eventualfall gerüstet wäre.
Die tiefgreifenden politischen Veränderungen im schweizerischen Umfeld geben zum Denken und Umdenken Anlass. Bundesrat Welti ist gut beraten, wenn er seine Armeereform mit seinen besten Leuten an die Hand nimmt. Dabei ist ihm zu Wünschen, dass auch die Kantone die Zeichen der Zeit begreifen und das ihre zur Sicherheit des Landes beitragen.