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Ab Januar 2013 darf sich Marseille für ein Jahr als «Kulturhauptstadt Europas» bezeichnen. Da stellt sich die Frage: Mit welchen, für und gegen welche Kulturen findet das Spektakel statt?
Die Entscheidung fiel im Jahr 2008, als in Brüssel eine europäische Jury beschloss, Frankreichs ärmste Stadt zur Kulturhauptstadt Europas 2013 zu küren (zusammen mit dem slowakischen Kosice). Begründet wurde das damit, dass Marseille, die Mittelmeerstadt, eine «begrüssenswerte Öffnung» gegenüber Nordafrika symbolisiere.
Was dazu die Hunderte von Papierlosen, die jedes Jahr ihr Leben aufs Spiel setzen, um auf diese Seite des Mittelmeers zu gelangen, wohl sagen würden?
Die Entscheidung fiel also, bevor in Marseille ein blutiger Bandenkrieg um den Drogenmarkt ausgebrochen war, der allein in diesem Jahr bis Ende November 23 Menschenleben gefordert hat – und auch bevor bekannt wurde, dass eine Sondereinheit der Polizei, die in den nördlichen Quartieren der Stadt zur Drogenbekämpfung eingesetzt worden ist, auf dem Rauschgiftmarkt «mitgemischt» und erkleckliche Geldsummen eingesteckt hat.
Das Projekt Marseille-Provence 2013 (MP13) hat wohl auch deshalb gegen die Konkurrenz aus Lyon und Bordeaux obsiegt, weil es von einem politischen Spektrum unterstützt wird, das alle parlamentarischen Gruppierungen von Marseille und der Region umfasst. In bürgerlichen Kreisen erhofft man sich unverbrämt, mit diesem «säkularen» Projekt könnten der zunehmend wahrnehmbaren Kultur und Religion des Islam Schranken gesetzt werden. Über ein Drittel der Bevölkerung Marseilles bezeichnet sich als muslimisch.
Die Bourgeoisie im Hinterland
Einer der Hauptagitatoren für «Marseille 2013» ist denn auch der regionale Unternehmerverband. Er erhofft sich, im Bereich der Infrastruktur (Baugewerbe), aber auch im Dienstleistungssektor (zum Beispiel Hotellerie) Aufträge in Millionenhöhe zu bekommen.
In erster Linie aber hat die Stadt ihre Kandidatur vor allem mit dem Argument verkauft, das «kulturelle Angebot der Region» verbessern zu wollen. Doch welche Kultur ist hier gemeint und für wen? Wohl hat die Stadt als Grossveranstalterin bereits Fussball- und Rugbyweltmeisterschaften (mit-)organisiert. Kulturell aber ist sie weit weniger aktiv. Das mag durchaus auch damit zusammenhängen, dass die Bourgeoisie Marseilles bis heute nie eine Industrie-, sondern immer eine Handelsbourgeoisie war, die sich privat nicht in der Hafenstadt, sondern im Hinterland oder gar in Paris niedergelassen hat.
In Stein gehauen
Deswegen aber ist Marseille keineswegs eine kulturelle Einöde. So etwa hat sich im Rhonedelta seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine bunte Theaterszene entwickelt, die weit über Frankreich hinaus Beachtung findet. Zurzeit allerdings kriselt diese und wird wohl teilweise zusammenbrechen – vor allem wenn die rot-grüne französische Regierung wie angekündigt aus Spargründen einen Teil des Kulturbudgets streichen sollte.
Zu Marseille «gehören» aber auch die Romane von Jean-Claude Izzo, Filme von Robert Guédiguian oder die Musik von Massilia Sound System – Œuvres, die weit über das Mittelmeerbecken hinaus Bekanntheit erlangt haben.
Wer aber wird vom pekuniären Geldregen der Kulturhauptstadt profitieren können? Vorgesehen sind um die 140 offiziell unterstützte Veranstaltungen. Ursprünglich sind an die 2000 Projekte eingereicht worden. Das offizielle MP13 legt nun vor allem Gewicht auf den musealen und in Stein gehauenen Charakter der Kultur, der einen Grossteil der Gelder verschlingen wird.
Furzender Strauss
So zum Beispiel mit dem Bau eines Museums der Europäischen Zivilisationen und des Mittelmeers. Bemerkenswert dabei ist, dass hier politisch korrekt von «Zivilisationen» im Plural gesprochen und geschrieben wird, während der Begriff «Kultur» offiziell praktisch nie in der Mehrzahl verwendet wird – wo doch der multikulturelle Charakter Marseilles eines der prägendsten Merkmale der Stadt ist.
Das zweite grosse Museumsprojekt im Rahmen von MP13 beinhaltet den Um- und Ausbau des Palais Longchamps zu einem Musée des Beaux-Arts. Thema der Eröffnungssaustellung im nächsten Sommer: wie MalerInnen das Mittelmeer dargestellt und verewigt haben.
Ein drittes Museumsprojekt im Rahmen der «Kulturhauptstadt» befindet sich in Arles und soll künftig die alljährlichen Rencontres internationales de la photographie beherbergen. Stararchitekt Frank Gehry baut zu diesem Zweck eine stillgelegte Werkstätte der staatlichen Eisenbahnen um. Darin soll auch eine Schule für Fotografie Platz finden, die von der Schweizer Mäzenin Maja Hoffmann mitfinanziert wird.
Bloss 400 Projekte bekamen das MP13-Label und können mit offizieller Unterstützung rechnen. Kein Wunder, dass der Sinn oder Unsinn von MP13 bei den Kulturschaffenden Diskussionen ausgelöst hat. Es gibt in Marseille aber auch KritikerInnen, die aus politischen Gründen gegen MP13 sind, so etwa eine Gruppe von Kulturschaffenden, die sich FRIC (Front des réfractaires à l’intoxication par la culture) nennt und das «Kulturhauptstadt»-Ereignis als einen «Vogel Strauss» charakterisiert, «der stinkende Fürze ausstösst».
Kein Besuch aus dem Norden
Schon heute lässt sich feststellen, dass MP13 zu einer Gentrifizierung von Marseille führen wird. Volksmärkte wie der Souk im Quartier Noailles und das Quartier Belsunce nahe des Zentrums (neunzig Prozent der BewohnerInnen stammen aus Afrika) werden verschwinden, indem sie der Bauspekulation zum Opfer fallen.
Abschliessend sei an dieser Stelle aber auch auf ein «populäres», nicht offizielles Projekt für die Europäische Kulturhauptstadt hingewiesen: Eine Gruppe von MarseillerInnen plant ein Experiment unter dem Titel «Hôtel du Nord». Kulturschaffende aus ganz Frankreich sollen ein Jahr lang bei Familien einquartiert werden, die in den Quartiers du Nord leben. Dort, wo der Drogenmarkt über die Bühne geht und die Kalaschnikows knallen – mit der Absicht, dass diese «artistes en résidence» ein anderes Bild von Marseille schaffen als das offizielle, «disneylandisierte».
Was sich trotz alledem kaum ändern wird, ist die Ghettoisierung der nördlichen Quartiere der Stadt. EinwohnerInnen aus diesen Gegenden, die womöglich Lust verspüren sollten, im Rahmen der «Kulturhauptstadt» ein Spektakel oder eine Ausstellung zu besuchen, werden unter Umständen «technische» Schwierigkeiten bekommen: Es existieren nämlich keine öffentlichen Transportmittel, die ihre Quartiere mit dem Stadtzentrum verbinden.
Und solche sind auch keineswegs vorgesehen.