Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03315.jsonl.gz/2276

In Bosnien-Herzegowina gab es nie eine industrielle Filmproduktion, eher ein Filmhandwerk. Es gab weder Studios noch ein Labor für 35-mm-Filme. Keiner der sechzehn Filmproduzenten, die vor 1991 aktiv waren, verfügte über eine vollständige Ausrüstung; Hauptrollen spielten meist Schauspieler aus Belgrad oder Zagreb. Die Filmgeschichte des Landes wurde oft falsch interpretiert oder bewußt gefälscht: Es sollte der Eindruck entstehen, vor 1947 habe es in Bosnien-Herzegowina keine Kinematographie gegeben, damit die ersten Nachkriegsfilmschaffenden sich als die Begründer einer neuen Filmtradition fühlen konnten. Anton Valic war der erste bosnisch-herzegowinische Kameramann. Sein erster Dokumentarfilm war aber nicht Das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand (Atentat na prestolonasljednika Franju Ferdinanda) von 1914, wie man aus politischen Gründen weismachen wollte, sondern die aus dem Jahr 1913 stammende Weihe des Reis-ul Ullema (Justoličenje Reis-ul ulleme; ein hoher muslimischer Würdenträger).
Unmittelbar vor dem Krieg, 1992, war die Situation in der bosnisch-herzegowinischen Kinematographie geradezu paradox. Offiziell gab es sie gar nicht. Dabei stand sie, was die Produktion betrifft, an dritter Stelle und war nicht selten im ganzen jugoslawischen Raum die einzige, die immer aufs neue ihre Vitalität und ihren hohen Standard unter Beweis stellte. Erwähnt seien hier die Dokumentarfilme der Sarajevo-Schule, die Films noirs von Bato Čengić und Mirza Idrizović sowie die Werke von Ivica Matić, Ademir Kenović und Emir Kusturica. Der Kulturfonds von Bosnien-Herzegowina unterstützte die Produktion von jährlich zwei Spiel- und zehn bis fünfzehn Kurz-, Dokumentaroder Trickfilmen. Dank der Unterstützung durch TV Sarajevo konnten die bosnisch-herzegowinischen Filmschaffenden in den Jahren 1987 bis 1991 am traditionellen jugoslawischen Filmfestival von Pula jeweils drei bis vier Filme präsentieren. Allerdings konnte keiner dieser Filme vollständig in Bosnien- Herzegowina hergestellt werden. Nicht selten wurde die Postproduktion und die Montage in Serbien und/oder in Kroatien realisiert. Geldmangel und die Abhängigkeit vom staatlichen Kulturfonds hinderten die Filmproduzenten daran, marktgerechte Filme herzustellen. Im Frühling 1992 war allen klar, daß der Produktionsplan wegen Geldmangel nicht erreicht werden konnte. Die Situation für die Kinobetreiber war noch schlimmer: Unter dem Monopol der Firma Forum mußten in den achtziger Jahren viele Kinos schließen. Dazu kam, daß in Jugoslawien jegliche Kontrolle des Vidcomarktes fehlte. Für wenig Geld konnte man in Hunderten von Videoklubs die neusten Filme, noch vor ihrer offiziellen Premiere in den USA oder in Europa, ausleihen und anschauen. In Sarajevo gab es von den zwölf Kinos, die 1986 existiert hatten, 1992 nur noch deren fünf, die regelmäßig spielten. An der Akademie für szenische Künste fing 1992 die elfte Generation ihr Schauspielstudium an, und die erste Generation der Regisseure war im dritten Studienjahr. Zu der Zeit war die Filmzeitschrift Sineast immer noch die einzige Filmpublikation im Raum Ex-Jugoslawien.
Schon in den ersten Kriegstagen, im April 1992, verließen viele Filmschaffende, die sich als Serben bezeichneten, Sarajevo. Sie nahmen dabei mit, was sie mitnehmen konnten. Zum Verschwinden von Filmmaterial trug weiter bei, daß die Kopien neuer Filme, die bosnisch-herzegowinische Filmemacher ans Festival der Kurz- und Dokumentarfilme in Belgrad geschickt hatten, nie zurückkamen. Meist handelte es sich dabei um die einzige Kopie eines Films. Die Studios und Lagerräume von Sutjeskafilm, dem traditionsreichsten bosnisch- herzegowinischen Produzenten, befanden sich direkt an der Frontlinie und wurden von serbischen Tschetniks geplündert und zerstört. Bosnischen Filmschaffenden gelang es kurz zuvor, sämtliches unbrennbare Material zu retten, also fast 90 Prozent aller Filme, die zwischen 1947 und 1991 entstanden sind. In den ersten vier Wochen des Krieges wurden alle für die Kinematographie wichtigen Gebäude zerstört: die Büros des Vereins der Filmschaffenden, Kinema und Sutjeskafilm, das Gebäude des Orientalischen Instituts (in dessen Keller sich das Filmarchiv von Bosnien-Herzegowina befand) und sämtliche Kinos. Diese Zerstörungen waren nicht zufällig. Das Filmarchiv ist das einzige, was aus dem Orientalischen Institut gerettet werden konnte. Tausende von Büchern und viele Handschriften aus der Zeit zwischen 1200 und 1900 verbrannten. Ein Teil des Filmmaterials von Kinema, dem vormals größten jugoslawischen Filmverleih, wurde in die Räume von TV Sarajevo umgelagert. Die Filmschaffenden selbst haben also den größten Teil der bosnisch-herzegowinischen Filmgeschichte gerettet. Ein wichtiger Teil befindet sich aber immer noch im Besitz der Kinemathek in Belgrad. Alle bisherigen Versuche, durch Verhandlungen wieder an diese Werke heranzukommen, sind bislang erfolglos geblieben.
Leider konnte nicht alles gerettet werden. Von sechzehn Produzenten arbeiteten nur vier weiter. Aus ehemals talentierten bosnisch-herzegowinischen Kameramännern wurden Scharfschützen des Gegners. Die Filmleute Damir Sabić und Emir Šećibović wurden umgebracht. Eines zwar natürlichen Todes, aber gleichwohl als Opfer des Krieges, starben die Regisseure Hajrudin Krvavac und Žika Ristić und der Kameramann Jan Beran. Was blieb, waren einige 16-mm-Kameras, ein paar U-Matic- und Beta-Videokameras, ein Videoschnittplatz und zwei Schneidetische für 35-mm-Filme. Das Visual Art Studio war im Besitz von Filmmaterial für etwa dreißig Minuten, und SAGA (Sarajevo Group of Authors) besaß das Geld für den Spielfilm Sarajevo Roulet (Sarajevski rulet)’, die Dreharbeiten waren für Frühling 1992 vorgesehen. Der staatliche Kulturfonds hatte beschlossen, sämtliche Mittel für die Sammlung von Archivmaterial einzusetzen, aber durch einen Regierungsentscheid wurden diese Bemühungen 1993 lahmgelegt. Damit endete die Periode, in der die Kinematographie durch den Staat gefördert und kontrolliert wurde.
Die Produzentengemeinschaft SAGA besaß eine komplette Videoausrüstung- ein Glücksfall. Mirza Idrizović, Regisseur, Ademir Kenović und Ismet Arnautalić, Produzenten, hatten mehrmals versucht, einen Spielfilm zu drehen. Nach wiederholtem Scheitern entschieden sie sich für kurze Video-Dokumentarfilme. So wurden alle Mittel, über welche die bosnisch-herzegowinische Kinematographie noch verfügte, für die Aufzeichnung des Kriegsalltags eingesetzt. Bei SAGA haben sich fast alle Filmer und Studenten der Akademie für szenische Künste versammelt. Daneben gibt es noch Filmschaffende, die eigene Produzenten haben oder die im Filmarchiv der Armee tätig gewesen sind. Ausnahmen sind Vesna Ljubić, die ihren Film Ecce homo für Forum gemacht hat, und Mirjana Zoranović, die in Tuzla lebt und ihren Film Für mein liebes Europa (Evropi s Ijubavlju) selbst produziert hat. Strenggenommen gab es zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina gar keine Kinematographie. Außer Vesna Ljubić arbeiteten alle mit Video. Trotzdem kann man diese Arbeiten Filme nennen, weil die Autoren bei ihrer Arbeit „filmisch“ dachten. Obwohl die Filme mit dem gleichen Material gemacht wurden wie die TV-News, unterscheiden sie sich stark von diesen. Auf 35 mm übertragen und auf Großleinwand gezeigt, wirken sie wie komplette Filmwerke. Das beste Beispiel dafür ist der Film MGM-Sarajevo, ein Gemeinschaftswerk von Idrizović, Kenović und Arnautalić, das in Cannes gezeigt und mit dem Prix Felix ausgezeichnet wurde.
Die einheimischen Filmschaffenden waren nicht die einzigen, die die Ereignisse in Bosnien-Herzegowina aufgezeichnet haben. Ausländische TV-Leute realisierten wichtige Dokumente über Zerstörung und Leid. Marcel Ophuls und Henri Bernard-Lévi drehten sogar lange Dokumentarfilme. Was aber die Bosnier selber machten, unterscheidet sich von allem, was in und über Bosnien- Herzegowina gefilmt worden ist, insbesondere durch Form und Themenauswahl. Das Hauptthema ist selten die Gewalt selbst. Die Filme des ersten
Kriegsjahres sind persönliche Bekenntnisse über die eigene Veränderung durch den Krieg. Im Film Ich habe die Beine verbrannt (Palio sam noge) erzählt Srdjan Vuletić, ein Regiestudent, anhand seiner eigenen Geschichte die Zerstörung der Weltanschauung eines Menschen und die Veränderung in seiner Emotionalität. Und der Autor entmystifiziert den Entstehungsprozeß des Filmes. In einer Szene über einen Park, den es hinter seiner Schule gab, unterbricht er seine Erzählung und sagt: „Hier müssen wir jetzt einen Baum hineinmontieren“, worauf das Foto eines Baumes eingeblendet wird.
Zur gleichen Gruppe von Filmen gehören auch Die Jahre der Ahnungslosigkeit (Godine neznanja) von Zdravko Grebo und Brief an die Freunde (Pismo prijateljima) von Zlatko Lavanić. Lavanić ist einer der wichtigsten Dokumentarfilmer aus Sarajevo, Brief an die Freunde sein einziger persönlicher Film. Die Geschichte ist sehr einfach. Alles, was uns der Autor zu sagen hat, ist: „Schickt mir was zu essen und zu rauchen!“ Gerade wegen dieser Vereinfachung widerspiegelt der Film den Kriegsalltag viel besser als irgendein TV- Bericht. Es ist wichtig zu erwähnen, daß sich die Filme aus dem ersten Kriegsjahr deutlich von den später gemachten unterscheiden. Dieser Unterschied ist auf die Bedingungen zurückzuführen, unter welchen die Filme entstanden. 1992 war es unmöglich, auf die Straße zu gehen und planmäßig zu filmen. So etwas war lebensgefährlich. Andererseits war ein Mensch mit einer Kamera bereit, instinktiv statt rational zu reagieren, so daß er in jedem Moment die Möglichkeit hatte, einen Film zu drehen. Gerade diese Spontaneität ist es, die die Filme aus dem ersten Kriegsjahr auszeichnet: das Filmen „aus der Hand“, das Irrationale, das Analysieren der eigenen Psyche und derjenigen der Mitbürger. Nino Žalica zeichnet ein Kinderspiel auf: Knaben sitzen in Autowracks und träumen von einer Fahrt ans Meer. Das wirkt wie ein Einfall - eigentlich ist aber Žalica nur in den Sinn gekommen, die Kamera einzuschalten. In dieser instinktiven Reaktion erkennen wir die emotionalen Wunden und unerfüllten Sehnsüchte des Autors selber.
Die späteren Filme sind anders. Ihre Wirklichkeit ist nicht mehr neu, überraschend und brutal. Die Gewalt wird zur Realität, der scheinbare Friede ermöglicht Dreharbeiten in der Öffentlichkeit und bei Tageslicht. Das dominierende Genre ist die Rekonstruktion der Ereignisse. Es sind keine eigentlichen Spielfilme, weil die Darsteller Situationen aus ihrem eigenen Leben spielen. Auf diese Weise entstanden Fadila von Nedžad Begović und Die Bilder (Slike) von Benović. Darm werden die wirklichen Geschehnisse rekonstruiert und die Tatsachen fingiert. Zlatko Lavanić dreht Clochards und Hunde (Skitnice ipsi) nach Art der Sarajevo-Dokumentarfilmschule und zeigt einen Tag im Leben von Menschen aus der untersten Schicht. Die Dokumentarfilme aus Sarajevo waren in den sechziger Jahren die ersten jugoslawischen Filme, die die Schattenseiten des Sozialismus aufzeigten. So ist auch der Film von Lavanić der erste, der etwas über die Zerstörung Sarajevos „von innen“ aussagt. Amelas Schulferien (Amelin skolski raspust) ist einer der typischen sozialkritischen Vorkriegsfilme. Das ungewöhnliche Schicksal eines zehnjährigen Mädchens, das mit seinem schwerkranken Vater lebt, ist nur eines der manchmal sehr morbiden Themen. Hochzeit in Dobrinja (Svadba na Dobrinji) handelt von einer Frau, die einen toten Soldaten der bosnischen Armee heiratet. Dann sind da noch die Filme über Künstler. Zeugen des Daseins (Svjedocipostojanja) von Srdjan Vuletic und Sarajevo Quartett (Sarajevski kvartet) von Vefik Hadžismajlović bearbeiten das gleiche Thema. Trotzdem sind die Filme so verschieden wie die Ansichten eines jungen Regiestudenten und diejenigen eines alten Dokumentarfilmers. Beide verwenden die Interviewtechnik. Vuletić „erlaubt“ den Künstlern lediglich Aussagen über den Sinn von Kunst im Krieg. Nach jeder Aussage montiert er ein Dokument, zum Beispiel eine Leiche in einer zerstörten Wohnung, eine Straßenkreuzung unter dem Feuer von Heckenschützen. Damit überzeugt er uns von seiner eigenen Antwort auf die Frage: Welchen Sinn hat Kunst im Krieg? Hadžismajlović hingegen interessiert sich mehr für den persönlichen und beruflichen Alltag des Künstlers in Kriegszeiten.
Alle diese Filme - in den ersten drei Kriegsjahren 51 Kurzfilme und ein langer Dokumentarfilm - wurden von SAGA hergestellt, dem wichtigsten bosnisch-herzegowinischen Produzenten. Die ambitiösesten Projekte haben aber andere Produzenten gemacht. Das FAOS (Filmarchiv der bosnischen Armee) produzierte vier Kurzfilme. Tod in Sarajevo (Smrt u Sarajevo) von Tvrtko Kulenović unter der Regie von Haris Prolić ist sicher der wichtigste. Basierend auf Dantes Inferno, zeigt er Parallelen zum Kriegsalltag. Dieser Film ist sehr intellektuell und wenig kommunikativ, trotzdem zeugt er am umfangreichsten vom Ausmaß der Verbrechen, die an dieser Stadt begangen worden sind. Forum ist der einzige Produzent, der auf richtigem Filmmaterial produzieren konnte. Ecce homo von Vesna Ljubić wurde am Dokumentarfilmfestival in Amsterdam uraufgeführt, weil die Postproduktion im Ausland gemacht wurde. Bisher konnte man diesen Film in Sarajevo nicht sehen. Mirjana Zoranović drehte Für mein liebes Europa in Tuzla. Ort und Darsteller sind die gleichen wie in ihrem früheren Film Die da (Oni). Die Szenen aus einem Heim für Psychischkranke waren schon damals bitter und beeindruckend. Der neue Film zeigt die gleichen Menschen unter den neuen, ungleich schlimmeren Umständen: fast ohne medizinische Betreuung und ohne das bißchen Verständnis, das die Umgebung zumindest früher für sie aufbrachte. Für mein liebes Europa wurde in Krakau mit dem Grand Prix ausgezeichnet.
Mitte 1994 erlebte „der erste bosnisch-herzegowinische Spielfilm“ seine Premiere. Nenad Dizdarevic konnte mit der Unterstützung von Profil den Film Die Eselsjahre (Magareće godine) beenden. Es ist eine Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Branko Ćopić. Sämtliche Dreharbeiten wurden vor dem Krieg abgeschlossen, Synchronisation und Postproduktion fanden während des Krieges statt. Der Humor und die vereinfachende Moral der Geschichte wirken naiv und pathetisch, deshalb wahrscheinlich, weil das Werk unter den gegenwärtigen Umständen anders rezipiert wird.
Was die bosnisch-herzegowinischen Filme auf einen Blick von jenen ausländischer Autoren über Bosnien unterscheidet, ist der Humor - ein schwarzer Humor, den die westeuropäischen Zuschauer eher als Sarkasmus bezeichnen. Auch wenn, strenggenommen, die TV-Produktion nicht als Teil der Kinematographie betrachtet wird, sollten dennoch zwei erwähnt werden: die TV-Serie Surrealistische Hitparade (Toplista nadrealista) und der TV-Film Mizaldo von Benjamin Filipović und Semezdin Mehmedinović. Die Surrealistische Hitparade ist eine Aneinanderreihung von Gags, basierend auf Übertreibungen aus dem Alltag, ähnlich Monty Python’s Flying Circus. Obwohl dauernd an der Grenze zum Absurden, sagt uns diese Sendung mehr über das Leben in Sarajevo als Hunderte von Tagesschauberichten.
Mizaldo vermischt Werbespots mit Kriegsszenen aus Bosnien und erreicht dadurch das Abbild des wirklichen europäischen Alltags. Der Held in Mizaldo ist gleichzeitig europäischer Intellektueller und balkanischer Wilder, subtiler Denker und grober Krieger. Er verkörpert den intellektuellen Menschen in diesen Breitengraden: in einer Art Schizophrenie zwischen eigener Tradition und europäischer Umgebung, zwischen geistigem Reichtum und materieller Zerstörung. Deswegen ist Mizaldo der wahrhaftigste Film über Bosnien und Bosnier.
Zwischen den beiden Weltkriegen hatte Sarajevo 80000 Einwohner und fünf Kinos. Das Apollo Kino Teatar und das Imperijal eröffneten bereits 1913. Seit 1945 entstanden in Sarajevo weitere drei Kinos. Dazu kamen einige Mehrzweckhallen mit regelmäßigem Filmprogramm und zehn weitere Räume mit 16-mm-Anlagen. In den achtziger Jahren wurden zwei Kinos verkauft. Viele der „unregelmäßigen“ Kinos stellten ihre Tätigkeit ein. 1991 hatte Sarajevo wieder fünf Kinos, jetzt allerdings bei einer Einwohnerzahl von 500000!
Zwischen April 1992 und Februar 1993 wurden in Sarajevo keine Filme gezeigt. Im Februar 1993 eröffnete das Obala Art Center das erste „Kriegskino“. Für die Vorführungen wurde eine VHS-Anlage benutzt, und die Filme stammten aus den Privatsammlungen der Obala-Mitarbeiter. Im Oktober 1993 wurde dieses Kino in Apollo-Obala umgetauft und zeigte 35 Filme, meistens US-amerikanische. Seit Mai 1994 wurden mit der Unterstützung durch das British Council und die Pro Helvetia verschiedene Programme gezeigt: Retrospektiven der Festivals von Edinburgh und Locarno, des französischen und des schweizerischen Films und der Regisseure Mohssen Makhmalbaf und Hatami-kia.
Daß Sarajevo vor dem Krieg ein wichtiges Filmzentrum war, beweist auch die Zeitschrift Sineast, die seit 1967 regelmäßig erscheint. In den drei letzten Kriegsjahren konnten nur zwei Nummern herausgegeben werden, und zwar in einer symbolischen Auflage von 250 Exemplaren. Auch die Akademie für bildende Künste führt ihre Tätigkeit weiter. Seit 1994 haben die Studenten die Möglichkeit, neben Regie und Schauspiel auch Dramaturgie zu studieren. In Zusammenarbeit mit SAGA produziert die Akademie Studentenarbeiten, Übungen und Diplomarbeiten. Einige dieser Werke (zum Beispiel von Srdjan Vuletić oder Pjer Žalica) gehören zum Besten, was die bosnisch-herzegowinische Filmproduktion in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
Übersetzung Almir Gazić