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2004 sang Nick Cave im wunderbar hymnischen Song „There She Goes, My Beautiful World“ die Zeilen: „Dylan Thomas, he died drunk in St. Vincent’s Hospital“. Diesem Satz, munkelt man, entnahm Annie Clark ihren Bandnamen St. Vincent. Der versoffene walisische Poet – besungen vom schwarzen Romantiker des Pop – mündet im Bandnamen eines ehemaligen Mitglieds des Hippiekollektivs The Polyphonic Spree. Der langen Rede kurzer Sinn: um bei St. Vincent anzukommen, muss man bereits drei Stufen in die Tiefen des Wahnsinns hinabgestiegen sein. Und das ist gut so, dient es doch als mentale Vorbereitung auf die faszinierend verstörende Show, die die Amerikanerin auf ihrer aktuellen Tour abzieht. Gestern war sie zu Gast im (nicht wirklich ausverkauften) Zürcher Kaufleuten.
Ein kleines technisches Problem gleich zu Beginn: Annie vollführt ihre roboterhaften Tanzbewegungen, zu denen eigentlich das Intro von „Rattlesnake“ spielen sollte, in gespannter Stille. Rückblickend betrachtet ein unbedeutendes Missgeschick, das genauso gut zur Show hätte gehören können. Es ist eine Show, die geprägt ist von den perfekt abgestimmten theatralischen Gesten der Sängerin, manchmal in diesen skurrilen Robotertänzen unterstützt von ihrer Begleitmusikerin, die Moog-Synthesizer und Bassgitarre bedient. Dahinter fallen die beiden Herren mit Keyboard, Laptop etc. sowie der Drummer, die das Gerüst des Sounds zur Verfügung stellen, kaum auf. In der Mitte der Bühne steht eine dreistufige Pyramide – sind es die drei Stufen des Wahnsinns? -, deren Topographie Annie Clark gekonnt nutzt. Sie räkelt sich auf der mittleren Stufe und singt „I Prefer Your Love“, sie steht auf der obersten Plattform und singt „Prince Johnny“, sie wälzt sich zu apokalyptischem Lärm von ganz oben nach unten, bis sie wie ein kopfstehender Jesus am Kreuz wieder auf der Erde angelangt ist.
Viele Songs, die sie zum Besten gibt, eignen sich aufgrund ihrer abrupten Wechsel, etwa von sanft-säuselndem Pop zu brachialem Neo-Progrock, hervorragend, um diesen Act zu unterstützen. Das eigentlich Vestörende daran ist die Inszenierung von Annie Clark als passive, quasi ferngesteuerte Puppe – hat sie E.T.A. Hoffmann gelesen? -, was sich etwa darin äussert, dass sie Gitarren nicht selbst wechselt, sondern von einem eigens damit beauftragten Herrn ab- und neu umgehängt bekommt. Zweimal wendet sie das Wort ans Publikum: „Good evening, ladies and gentlemen! And hello to all the freaks“, sagt sie, und gegen Schluss „It has been a pleasure getting to know you all“. Auch hier: mechanisches Abspulen von Floskeln, als wären ihr die Aussagen einprogrammiert worden. Dies ist keine Rockstar-Allüre, sondern geschickt kalkuliertes Artpop-Drama.
Ebenso abgezockt wie die mechanischen Bewegungen ist der Sound. Gestützt von einem brutal tighten Drummer und verschiedenartigen synthetischen Klängen, kann sich Annie an der Gitarre austoben, so laut und so oft sie will. Ein kreischendes Freakout-Solo jagt das nächste, mannigfaltige Effekte, Verzerrungen, Techniken – sogar ein wenig lässiges Finger Tapping – kommen zum Einsatz. Gespielt werden die meisten Songs ab dem grossartigen neuen Album, aber auch Favoriten früherer Werke, etwa „Cruel“ und „Marrow“. Gerade letzteres entwickelt live, wie auch einige der ‚härteren‘ Songs der neuen Scheibe („Birth in Reverse“, „Bring Me Your Loves“, „Every Tear Disappears“) eine ungeheure Wucht, deren Referenzpunkte irgendwo zwischen Darbietungen von Muse und den Queens of the Stone Age zu finden sind.
Alles in allem waren die knapp neunzig Minuten Show ein irritierendes, spannendes, unglaublich lautes und kraftvolles Erlebnis, dem für ein nächstes Mal noch deutlich mehr Zuschauer zu wünschen sind.