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Es war wohl das grösste Geschenk, das Marilyn Monroe Coco Chanel machen konnte. In einem Interview mit dem «Life Magazine» im Jahre 1952 antwortete die Schauspielerin auf die Frage, was sie denn im Bett trage: «Nur einige Tropfen Chanel N°5.» Eine Aussage, die das berühmteste Parfum der Welt noch berühmter machte. Und dies zu einer Zeit, in der Hollywoodstars noch nicht gegen Bezahlung für Kosmetikprodukte Werbung machten.
Ein neuartiges Parfum
Ursprünglich wollte Coco Chanel jedoch nichts von einem Parfum wissen. 1920 war die damals 37-Jährige eine erfolgreiche Modeschöpferin, die mit ihren Kleidern aus Jersey und ihrem unkomplizierten, schlichten Kleiderstil Frauen in ganz Europa begeisterte. Während andere Designer Frauen immer noch in Korsette zwängten, befreite Chanel den Körper und machte die Mode bequemer, einfacher und praktischer. Und obwohl sie bereits verschiedene Boutiquen in Frankreich besass, gab es dort kein eigenes Parfum zu kaufen.
Erst ihr russischer Liebhaber, Grossfürst Dmitri Pawlowitsch, der nach der Russischen Revolution in Frankreich in der Verbannung lebte, machte Gabrielle Chanel 1920 mit dem Chemiker Ernest Beaux bekannt, der als Parfumeur für Zar Nikolaus II. gearbeitet hatte. Nachdem sie diesen in seinem Labor in Cannes besucht hatte, änderte sie ihre Meinung und begann, über einen eigenen Duft nachzudenken. Ihre Idee war, ein ganz neuartiges Parfum zu lancieren. Einen Duft, der nicht nur nach einer Blüte roch, so wie es zu dieser Zeit üblich war, sondern eine Vielzahl von Blüten beinhalten sollte, die man einzeln nicht mehr erkennen konnte.
Coco Chanel, Modeschöpferin
«Ich will einen künstlichen, einen komponierten Duft wie ein Kleid, etwas Handgefertigtes. Ich bin eine Näherin. Ich will weder Rose noch Maiglöckchen, ich will etwas Komponiertes»
Die Nummer 5
«Ich will einen künstlichen, einen komponierten Duft wie ein Kleid, etwas Handgefertigtes. Ich bin eine Näherin. Ich will weder Rose noch Maiglöckchen, ich will etwas Komponiertes», sagte Mademoiselle Chanel über ihr Parfum. Ernest Beaux arbeitete bereits an solchen abstrakten Düften. Neben klassischen Blütenextrakten aus Mairose und Jasmin verwendete er auch sogenannte Aldehyde. Aldehyde sind synthetische Riechstoffe, die eine Menge eigenwilliger Fantasienoten und Duftkompositionen ermöglichen.
Schon kurz darauf präsentierte er Mademoiselle Chanel verschiedene Kreationen, die er mit eins bis fünf, sowie 20 bis 24 durchnummerierte. Coco Chanel entschied sich für die Proben 20, 21 und 22 sowie die Nr. 5, die ihr am besten gefiel. Der Parfumeur fragte Chanel, wie sie den Duft denn nennen wollte: «Ich präsentiere meine Modekollektion am fünften Tag des fünften Monats. Also lassen wir dem Duft seinen Namen, N°5. Das wird ihm bestimmt Glück bringen!»
Das Parfum im Mittelpunkt
Aber Coco Chanel wäre nicht Coco Chanel gewesen, wenn sie sich nur auf das Glück verlassen hätte. Auch für die Verpackung des Duftes überlegte sie sich etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den zeitgenössischen Parfums, die in opulenten Flacons und Verpackungen präsentiert wurden, wählte Mademoiselle eine Art Laborflasche aus Kristall, die möglichst einfach und schlicht gehalten war. Die ganze Aufmerksamkeit sollte dem Parfum und nicht seiner Verpackung gelten.
Somit lancierte Chanel 1921 ihren ersten eigenen Duft, N°5 genannt, den sie zuerst an ihre Kundinnen verschenkte. Später verkaufte sie den Duft in ihren eigenen Boutiquen. Aber bald merkte sie, dass Chanel N°5, das von Anfang an ein grosser Erfolg war, auch an anderen Orten verkauft werden müsste. Und schnell fand die schlaue Geschäftsfrau Partner wie das Warenhaus Galeries Lafayette, wo ihre Kreation mehr Frauen erreichte. Zusammen mit der Familie Wertheimer, die die Kosmetikfirma Bourjois besass, gründete Coco Chanel die Firma Parfums Chanel, die von da an die Düfte in grosser Zahl produzieren konnte und schon bald weltweit vermarktete.
Für jede Gelegenheit
N°5 wurde zum Bestseller und zum absoluten Glücksfall. Er begründete nicht nur den Erfolg des Hauses Chanel, sondern ermöglichte ihn auch, besonders finanziell. Kein Wunder hegte und pflegte das Familienunternehmen, das heute im Besitz der Familie Wertheimer ist, seinen Schatz. Die handschriftliche Formel des Parfums von Ernest Beaux aus dem Jahre 1921 liegt heute im Safe der neuen «Nase» des Chanel-Konzerns, Olivier Polge. Ihm zufolge besteht der Duft aus gut achtzig Ingredienzien, die Chanel heute selbst produziert.
Durch die Gesetzgebung, die immer mehr Inhaltsstoffe aufgrund von Allergien verbietet, musste die Formel immer wieder aktualisiert werden, um den Duft möglichst originalgetreu zu erhalten. Inzwischen gibt es fünf Variationen von N°5: das Parfum, das Eau de parfum, das Eau de toilette, das Eau première sowie seit 2016 L’Eau. So soll N°5 für jeden Geschmack, jede Stimmung, jede Gelegenheit und jede Frau erhältlich sein.
Der Duft der Stars
Aber auch das Marketing-Team von Chanel kümmerte sich während Jahrzehnten vorbildlich um den Duft. Während andere Kosmetikfirmen ständig neue Parfums lancieren und diese dann langsam sterben lassen, weil sie kein Geld mehr in deren Werbung investieren, hatte N°5 bei Chanel immer Priorität. Zuerst machte Mademoiselle Chanel persönlich für den Duft Reklame, danach wurden immer wieder Prominente als Werbeträger:innen engagiert.
Die Liste liest sich wie ein Who’s who der Filmindustrie: Catherine Deneuve, Lauren Hutton, Ali MacGraw, Carole Bouquet, Nicole Kidman, Audrey Tautou und sogar Brad Pitt sind nur einige der Stars, die für Chanel N°5 Werbung gemacht und den Duft auch dadurch immer zeitgemäss und relevant behalten haben. Im Moment leiht die französische Schauspielerin Marion Cotillard dem Duft ihr Gesicht. Ob sie, genau wie Marilyn Monroe, ausschliesslich N°5 im Bett trägt, ist nicht bekannt.
«Zu meinem 18. Geburtstag schenkte mir mein älterer Bruder Chanel No5. Vielleicht denke ich aber auch nur, dass es dieser besondere Geburtstag gewesen sein muss, denn dieses Geschenk war in meinen Augen vor allem eins: sehr erwachsen. Ich erinnere mich genau, wie ich das Flacon auf meinem improvisierten Schminktisch platzierte, dass ich mich verführerisch fühlte, wenn ich mir den Duft mit dem diamantartigen Parfumkopf auf Handgelenk und Nacken auftrug. Allein der Begriff ‹Eau de parfum› löste bei mir Hühnerhaut aus. 18-Jährige können ganz schön theatralisch sein. Chanel No5 war für mich der Inbegriff von Weiblichkeit, mein Initiationsritus: Jetzt war ich kein Teenager mehr, jetzt war ich eine Frau.»
Barbara Loop, Leitung Lifestyle
«Eine ehemalige Vorgesetzte von mir hatte ihr ganz eigenes Chanel- No5-Ritual. In jeder Mittagspause sprühte sie sich am Arbeitsplatz mehr als grosszügig mit dem Eau de toilette ein. Drei bis fünf Sprühstösse. Danach roch das gesamte Grossraumbüro danach. Für einige war es der absolute Horror, mir gefiel jedoch die tägliche Beduftung und manchmal fehlt sie mir heute sogar.»
Niklaus Müller, Beautychef
«Ich kaufte mir das Parfum in einem Moment, als ich mir etwas ganz Spezielles gönnen wollte. Der Duft hat aber nie zu mir gepasst, er war immer zu gesetzt, zu schwer. Doch meine 10- jährige Nichte liebt Chanel No5 sehr. Sie sagt, der Duft beeindrucke sie.»
Helene Aecherli, Reporterin
«Für einen Teenager gab es anfangs der Achtziger eigentlich nur zwei Parfum- Fraktionen: Patchouli und Janine D. Eine Zumutung für die Umwelt waren beide. Dann wurde ich volljährig, verdiente eigenes Geld und investierte eine absurde Summe in mein erstes richtiges Parfum. Natürlich nicht irgendeines, sondern die Legende, das berühmteste Parfum der Welt, Chanel No5. Was für ein Luxus, welche Raffinesse! Und meine Erinnerung an jenen magischen Moment, als ich begann, mich wie eine richtig erwachsene Frau zu fühlen.»
Evelyne Emmisberger, Chefin vom Dienst
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