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In der Folge des Lehrpersonenmangels stelle ich mir als Schulleiterin öfters diese Frage. Meine Haltung dazu erörtere ich anhand der Kapital-Theorie von Bourdieu.
Formales Lernen von Selbstverständlichkeiten
Das Lernen in der Volksschule findet in einem formalisierten Rahmen statt. Eine erwachsene Person ist für Kinder eine Begleit- und Beziehungsperson im Lernprozess. Dabei unterscheidet sich das formale Lernen vom nonformalen und informalen freien Lernen insofern, dass dahinter gewisse vom Kanton vorgegebene Ziele stecken (Lehrplan) an denen sich die Lehrperson orientiert und Verantwortung für die Umsetzung übernimmt.
Die Ausbildung zur Lehrperson beinhaltet nicht nur das bewusste Lernen von Fach-Inhalten, Pädagogik und Psychologie, sondern auch all die kleinen Selbstverständlichkeiten, die sich u.a. in einer eigenen Sprache und gewissen Gepflogenheiten und Haltungen äussert. Schlussendlich bildet sich dadurch das professionelle Selbstverständnis aus, welches bewirkt, dass sich eine Person als Lehrperson fühlt.
Dieser Effekt ist bei Menschen, die keine solche Prägungszeit hinter sich haben meist nicht vorhanden. Sie selber fühlen sich oft, auch nach Jahren, noch nicht als vollständig akzeptierte Lehrpersonen, auch wenn sie total gut unterrichten. Dies versuche ich mit der Kapital-Theorie von Bourdieu zu beschreiben.
Kapital-Theorie von Bourdieu
Bourdieu beschreibt, dass ein Mensch ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital hat. Spannend ist in unserem Zusammenhang das kulturelle Kapital, welches sich in den folgenden drei Formen zeigt.
- Das inkorporierte Kulturkapital beschreibt die persönliche Bildungsarbeit, die kognitive Kompetenz, die persönliche Zeitinvestition, sprich all das, was ich kann und weiss.
- Das objektivierte Kulturkapital beschreibt die autonome materielle Form des Kapitals in Form von Büchern, Lehrmitteln, Lehrmaterial, Computern…
- Das institutionalisierte Kulturkapital zeigt sich in Zertifikaten, akademischen Titeln. Das institutionalisierte Kulturkapital legitimiert und objektiviert das inkorporierte Kulturkapital.
D.h., wenn eine Person die Ausbildung zur Lehrperson absolviert sammelt sie inkorporiertes und objektiviertes Kulturkapital. Wenn die StudentInnen dann ihr Studium abschliessen und zertifiziert werden, legitimiert das Zertifikat ihr persönliches Wissen und Können und unterstütz sie dabei sich als Professionelle in ihrem Gebiet zu empfinden.
Das Zertifikat gibt ihnen die Möglichkeit ihr Wissen und Können in Geld umzuwandeln, indem sie eine Anstellung als Lehrpersonen annehmen können. Ob sie dabei einen guten Job machen, dazu gibt das Zertifikat keine Auskunft.
Kein Zertifikat als Lehrperson
Wenn nun eine Person nicht den formalen Bildungsweg beschritten und abgeschlossen hat, sprich kein solches Zertifikat vorweisen kann, muss ich als Schulleiterin mich in irgendeiner Form vergewissern können, dass die sich bewerbende Person das gewünschte inkorporierte Kulturkapital mitbringt.
Das ist ein Problem, denn meist können die Personen mir ihren Abschluss mitteilen (z.B. KV-Angestellte, Köchin, Sozialpädagoge, Gymnasiast usw.), was mir aber recht wenig Auskunft darüber gibt, ob sie den Alltag mit den Kindern meistern können. Viele der Bewerbenden haben Erfahrung im Umgang mit Kindern, sprich haben selber Kinder, geben Nachhilfe, leiten Pfadi oder machen Kinderarbeit in der Kirche usw. Davon haben die Meisten jedoch keinen Nachweis oder können auch keine Referenz abgeben.
Ich bin überzeugt, dass ganz viele Personen mega begabt sind im Umgang mit Kindern. Wenn sie mir jedoch kein institutionalisiertes Kapital in Form von einem entsprechenden Zertifikat vorlegen können, dann verlangt dies von mir, dass ich den Bewerbenden den Mangel des institutionalisierten Kapitals vorschiesse, indem ich auf die Selbsteinschätzung der Person und mein Bauchgefühl vertraue.
Vorschuss-Kapital in Form von Vertrauen
Dieses Vorschuss-Vertrauen zu geben, braucht Mut. Ich traue einer Person auch ohne Kapital-Versicherung etwas zu und übernehme die Verantwortung für den Erfolg, denn erst, wenn sie dann mit den Kindern arbeitet, kann ich überprüfen, ob die Person wirklich unterrichten kann oder ob das Chaos im Klassenzimmer ausbricht.
In der aktuelle prekären Lage bin ich gezwungen dieses Experiment zu wagen und wurde bis anhin nie enttäuscht. Die nicht klassisch ausgebildeten Lehrpersonen haben einen guten Job gemacht.
Jedoch hat bis jetzt jede der Personen entweder wieder mit dem Unterrichten aufgehört oder die Ausbildung an der PH angefangen. Der Grund war, dass sich das professionelle Selbstverständnis nicht einstellte, sie sich trotz Akzeptanz im Team und bei den Eltern selber nie als vollständige Lehrpersonen gefühlt haben.
Ich bin überzeugt, dass auch Personen ohne formelle Lehrpersonen-Ausbildung, v.a. im Fachlehrpersonen-Bereich, gut unterrichten können. Ich finde es eine Bereicherung, wenn Personen, die anders sozialisiert wurden ihren Blick aufs Lernen in die Schule tragen. Mein Beitrag ist es, ihnen eine Chancen zu geben.
Weitere Fragen zum Nachdenken:
- Wie reagieren andere Branchen, wenn sich ein Mangel an Fachpersonal zeigt?
- Könnte die Schule hier von anderen Branchen lernen?