Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03391.jsonl.gz/30

Es geschah zu jener Zeit, als ich allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Stadt lebte. Alphons hatte sich gemeldet, ein alter Schulfreund vom Dorf. Wir hatten uns seit einigen Jahren aus den Augen verloren, und die Aussicht, ihn zu treffen, freute mich. Alphons hatte am Telefon erzählt, er sei zu einem Hochzeitsfest in der Stadt eingeladen, und hatte mich gefragt, ob er bei mir übernachten dürfe. Das sei überhaupt kein Problem, hatte ich versichert und ihm vorgeschlagen, vor der Feier bei mir vorbeizukommen, damit er sehen könne, wo ich wohne.
Aber Alphons war zu beschäftigt gewesen, um schon am Nachmittag anzureisen, deshalb bat er mich darum, ihm den Weg zur Wohnung genau zu beschreiben. Es werde bestimmt sehr spät werden, gab Alphons noch zu bedenken, und er wolle mich unter keinen Umständen wecken. Wir vereinbarten, dass ich ihm den Schlüssel zur Haustür in den Milchkasten lege und dass ich die Wohnungstür unverschlossen lasse. So sei er frei zu kommen, wann immer es ihm beliebe, und ich müsse dann nicht die halbe Nacht auf ihn warten.
An jenem Samstag räumte ich die Wohnung ein bisschen auf. Dann bezog ich das Sofa im Wohnzimmer mit einem Leintuch und legte Kissen, Decken und ein frisches Handtuch hin. Ausserdem hinterliess ich eine Notiz, auf der stand, er soll sich fühlen wie zu Hause, und im Kühlschrank habe es fast alle Sorten von Getränken. Denn Alphons, das wusste ich noch von früher, hatte einen schier unstillbaren Durst.
Irgendwann nach Mitternacht legte ich mich schlafen. Und da mein Schlaf normalerweise tief und fest ist, wunderte ich mich am Morgen nach dem Aufwachen kein bisschen darüber, dass ich Alphons in der Nacht nicht gehört hatte. Was mich dann schon eher wunderte, war der Umstand, dass er, als ich hinüber ins Wohnzimmer ging, nicht dort war. Die provisorische Schlafstelle sah vollkommen unbenutzt aus. Offensichtlich war Alphons überhaupt nicht in meiner Wohnung gewesen. Hatte er bei jemand anderem Unterschlupf gefunden? Kannte er andere ehemalige Schulfreunde in der Stadt? Oder hatte er am Ende gar am Hochzeitsfest eine Frau kennengelernt, die ihn zu sich mitgenommen hatte? Ich nahm mir vor, ihn bei Gelegenheit zu fragen.
Die Gelegenheit ergab sich bald. Noch am Sonntagabend rief Alphons an. Er erzählte vom Hochzeitsfest, beschrieb in allen Details, wie es in der Kirche gewesen sei, was sie nachher gegessen hätten, welch alberne Spiele sich die Hochzeitsgäste für das Brautpaar ausgedacht hätten und wie lustig es am Ende trotz den Spielen noch geworden sei. Fast nebenbei und doch höflich bedankte er sich für meine Gastfreundschaft. Es sei sehr nett von mir gewesen, ihm derart kurzfristig ein Nachtlager gewährt zu haben. Er bedaure nur, mich am Morgen nicht mehr gesehen zu haben, sagte er noch, leider habe er beizeiten zurückfahren müssen.
Aber er sei ja gar nicht hier gewesen, traute ich mich einzuwenden. Natürlich sei er bei mir gewesen, versicherte Alphons jetzt seinerseits verwundert. Aber bei mir habe er ganz sicher nicht übernachtet. Auf dem Sofa, das ich für ihn hergerichtet hätte, habe jedenfalls niemand geschlafen. Er wisse doch haargenau, wo er geschlafen habe, sagte Alphons jetzt fast ein wenig trotzig. Den Hausschlüssel habe er übrigens wieder zurück in meinen Milchkasten gelegt.
Dann sei er also doch bei mir gewesen, am Hugelbühl 20A, fragte ich nochmals nach. Natürlich, bestätigte Alphons erneut, er sei um halb drei gekommen, habe sich gleich auf dem Sofa schlafen gelegt und bis neun durchgeschlafen. Allerdings habe er es danach ziemlich eilig gehabt, weil er den Zug um 9.37 habe erwischen müssen.
Hugelbühl 20A?, fragte ich ein zweites Mal, um sicher zu sein, dass er wirklich mein Haus meinte. Hugelbühl 20A, bestätigte Alphons, im dritten Stock links. Nein, sagte ich, nicht im dritten Stock links, ich hätte ihm doch mehrmals gesagt, im zweiten Stock links.
Tja, wenn es so sei, lachte Alphons jetzt, dann habe er wohl bei den Leuten über mir geschlafen. Über mir lebe eine ganz alte Witwe, gab ich zu bedenken. Ob ihm am Mobiliar, an der Farbe der Tapeten oder am Geruch nicht aufgefallen sei, dass das unmöglich meine Wohnung sein könne? Wenn er um halb drei in eine fremde Wohnung komme, interessiere ihn normalerweise nur noch das Sofa, und das sei genau dort gestanden, wo ich es beschrieben hätte, im ersten Zimmer rechts. Ob denn die alte Frau nicht aufgewacht sei? Er wisse nur noch, dass er ein paar Stunden geschlafen habe und gleich nach dem Aufwachen weg sei. Aber wenn ich die Witwe mal sehe, könne ich ihr ja in seinem Namen Danke sagen.
Mir war die Angelegenheit furchtbar peinlich, so dass ich anderntags mit einem Blumenstrauss bei meiner Nachbarin im dritten Stock vorbeischaute. Ich erzählte ihr vom Missverständnis und davon, dass mein Freund Alphons irrtümlicherweise auf ihrem Sofa übernachtet habe. Selbstverständlich werde so etwas nie mehr vorkommen, und sie dürfe mir glauben, dass es nie meine Absicht gewesen sei, ihr einen Gast unterzujubeln. Das sei vollkommen unmöglich, dass ein Fremder in ihrer Wohnung gewesen sei, versicherte mir Frau Duttenweiler. Sie schliesse ihre Wohnungstür immer mit mehreren Sicherheitsschlössern. Ausserdem stehe sie jeden Morgen um fünf Uhr auf, um im Wohnzimmer ihre Gymnastikübungen zu machen.
Die besagte Nacht liegt nun Jahre zurück. Bis heute weiss ich nicht, wessen Aussage ich bezweifeln soll. Ist Alphons nie in diesem Haus gewesen? Hat ein alkoholbedingtes Zwischenhoch seine Sinne vernebelt? Oder hat die Vergesslichkeit der guten Frau Duttenweiler einen Streich gespielt? Ich werde es wohl nie herausfinden. Sicher ist nur, dass Alphons heil ins Dorf zurückgekehrt ist. Dort lebt er heute noch, und hin und wieder, wenn er in geselliger Runde alte Geschichten aufwärmt, fällt ihm die Nacht am Hugelbühl 20A ein. «Zweiter Stock links oder dritter Stock links?», fragt Alphons dann seine Freunde. Und weil alle die Geschichte schon mehrmals gehört haben, braucht er weiter nichts mehr zu sagen.