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In einer vierteiligen Serie zeichnet «Infosperber» den Fall der CDC nach. Ein erster Teil zeigte, wie sich das Weisse Haus in die Angelegenheiten der Gesundheitsbehörde einmischt und auf ihrem Rücken Politik betreibt. Ein zweiter Teil beleuchtet die internen Probleme der Gesundheitsbehörde, den mangelnden Informationsaustausch zwischen China und den USA und zeigt, wie sich die Kluft zwischen der US-Regierung und der CDC stetig vergrösserte. Auch die fehlerhaften Covid-19-Tests der USA sind Thema. Als Hauptquelle dient eine 23-seitige Recherche, die «Pro Publica» veröffentlich hat.
Ein «netter Grossvater» an der Spitze der CDC
Anne Schuchat, eine Spitzenwissenschaftlerin der CDC, war eine der ersten, die in einem Bulletin über neu auftretende Krankheiten einen kurzen Bericht über vier Fälle von «unerklärlicher Lungenentzündung» in Wuhan entdeckte. Schuchats Team gilt als Gruppe der weltweit besten Expertinnen und Experten für Infektionskrankheiten.
Aber in den elf Jahren seit der H1N1-Grippe-Pandemie hatte sich das Terrain verschoben. Politik und Haushaltskürzungen hatten die Gesundheitsorganisation im In- und Ausland geschwächt. Unterdessen wurde das Regime in Peking zunehmend aggressiver und autoritärer. Der Handelskrieg der Trump-Administration hatte die Spannungen noch zusätzlich verschärft.
Inmitten dieser schwierigen Zeit, reichte die ehemalige Direktorin der CDC, Brenda Fitzgerald ihre Kündigung ein. Fitzgerald war die erste Wahl von Donald Trump, sie trat zurück, weil sie Tabakaktien gekauft hatte und gleichzeitig mit den CDC Lungenkrankheiten bekämpfte.
Im Jahr 2018 ernannte Trump Robert Redfield zum Direktor der CDC. Redfield ist ein HIV-Forscher, der seit den frühesten Tagen der Krankheit AIDS-Patienten behandelt hatte. Er hatte den CDC-Job seit Jahrzehnten angestrebt und war zweimal übergangen worden. «In dem heftigen Chaos von Trump’s Washington brauchte die CDC einen Strassenkämpfer. Stattdessen bekam sie den nettesten Grossvater, den man sich vorstellen kann», sagte ein hoher Gesundheitsbeamter gegenüber «ProPublica». Ein ehemaliger Kollege beschrieb, wie Redfield während eines Besuchs im Kapitol mit einem kränkelnden demokratischen Kongressabgeordneten aus Baltimore betete.
Kein Geld, zu wenig Mitarbeiter
Redfield übernahm eine Behörde, die trotz ihres Budgets von 8,3 Milliarden Dollar die chronischen Finanzierungsprobleme des amerikanischen öffentlichen Gesundheitssystems zu spüren bekam. Als das Coronavirus seinen Marsch durch die Vereinigten Staaten antrat, hatten die jahrelangen Budget-Kürzungen im Gesundheitswesen dazu geführt, dass seit 2009 etwa 26’000 Arbeitsstellen in staatlichen, Bezirks- und kommunalen Gesundheitsbehörden gestrichen worden waren.
Aber auch die globale Präsenz der CDC führte dazu, dass die Organisation mit der Mission, die USA vor Krankheiten zu schützen, überfordert war. Eine Finanzspritze von Hunderten von Millionen Dollar zur Zeit der Ebola-Epidemie im Jahr 2014 ermöglichte es der CDC, ihre Präsenz auf bis zu 65 Länder auszuweiten. Allerdings ging ein grosser Teil dieser Mittel 2019 zur Neige, die CDC mussten über 300 Stellen im Ausland streichen. Als Schuchat den Text über einen Ausbruch in Wuhan bemerkte, hatte ihre Behörde keine Vertreter mehr im Chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention (CCDC). Während die US-Behörde einst mehr als ein Dutzend Expertinnen und Experten in China stationiert hatte, waren es im Januar nur noch drei.
Kaum Informationsfluss zwischen China und den USA
Am 3. Januar rief Redfield den Direktor der chinesischen CCDC, einen in Oxford und Harvard ausgebildeten Mikrobiologen, an. Dieser sagte, seine Behörde habe ein Felduntersuchungsteam nach Wuhan geschickt. Doch während der folgenden Gespräche blieben viele von Redfields Fragen zu der mysteriösen Krankheit unbeantwortet. Nichtsdestotrotz versicherte Redfield den Beamten der US-Gesundheitsbehörde, dass dank seiner guten Beziehungen Informationen aus China fliessen würden.
Drei Tage später bot Redfield der chinesichen CCDC die Hilfe von CDC-Expertinnen und Experten aus den Vereinigten Staaten an. In der Erwartung, dass die Chinesen «sehr bald» akzeptieren würden, begann die US-Leitung der CDC mit der Vorbereitung eines Teams, das nach China reisen sollte. Aber dann – just als die ersten Todesfälle registriert wurden – kamen die Gespräche zwischen China und den USA plötzlich zum Stillstand.
CDC-Expertinnen und Experten aus den USA sahen Indizien für den Ausbruch einer Pandemie und pochten darauf, Vorbereitungen zu treffen. Es schien, dass sich die Krankheit mindestens seit Anfang Dezember ausgebreitet hatte. Aber die von den chinesischen Behörden übermittelten Falldaten waren unvollständig, da sie nur die Daten der Krankenhausaufenthalte der Patienten auflisteten. Die Art und die Dauer der Symptome blieben aussen vor.
Verordnetes Schweigen aus China?
Man habe gewusst, dass in China ausreichend ausgebildete Epidemiologen bereit standen, sagt ein Gesundheitsbeamter gegenüber «ProPublica». «Warum geben sie die Ergebnisse nicht bekannt?». US-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler versuchten, einen Chef-Virologen bei der chinesischen CCDC zu kontaktieren, der normalerweise hilfreich war – und erhielten keine Antwort. Ebenso wenig Erfolg hatten US-amerikanische Gesundheitsfachleute, die sich an chinesische Wissenschaftler wandten, mit denen sie bereits jahrelang zusammengearbeitet hatten. Gemäss «ProPublica» seien die Amerikaner zum Schluss gekommen, dass das Regime in Peking ihre chinesischen Kolleginnen und Kollegen zum Schweigen aufgefordert hätten.
Im Januar 2020 wurde das Band zwischen den US-amerikanischen und chinesischen Gesundheitsbehörden dann zu einem zweischneidigen Schwert. Die chinesische Führung betrachtete die enge Beziehung zwischen dem chinesischen CCDC-Direktor und den Amerikanern mit Misstrauen. Die Amerikaner hörten Gerüchte, dass ihr Ansprechpartner in China zum Sündenbock gemacht werden sollte. Und weil er nicht lieferte, litt Redfields Ruf in Washington.
In Wirklichkeit ging die Schuld über Redfield und «seine CDC» hinaus: Sogar US-Geheimdienste hatten Mühe, Informationen über die Entwicklung der Krankheit zu sammeln. Und im Augenblick der Wahrheit zahlten sich die jahrzehntelangen Investitionen der CDC in den Aufbau eines Netzwerks in China nicht aus. Gemäss «ProPublica» habe dieses Versagen eine frühe und bedeutende Spaltung zwischen der amerikanischen CDC und der Trump-Administration geschaffen.
Kluft zwischen CDC und Regierung wird grösser
Der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Matthew Pottinger ist einer der einflussreichen Kritiker der CDC und einer der ersten hohen Beamten des Weissen Hauses, der das Ausmass der Coronavirus-Bedrohung erkannte. Pottinger hatte als Marinegeheimdienstoffizier gedient und in China als Korrespondent für das Wall Street Journal gearbeitet. Seine Berichterstattung über die SARS-Pandemie hatte dazu beigetragen, seine Sicht auf China als das zu formen, was er «ein expansionistisches totalitäres Imperium» nannte.
Pottinger stiess auf Opposition von CDC-Beamten, als er darauf drängte, Reisen aus China einzuschränken. Viele der Wissenschaftler vertraten aber die traditionelle Ansicht des öffentlichen Gesundheitswesens, dass Grenzschliessungen den Verkehr von medizinischem Personal und Waren behindern. Am 31. Januar erliess Trump dann eine Anordnung, die den meisten Ausländern die Einreise in die Vereinigten Staaten untersagte, wenn sie sich innerhalb der 14 Tage vor ihrer Ankunft in China aufgehalten hatten.
Die CDC entsandten Personal an die Flughäfen, um ankommende Passagiere auf Symptome zu untersuchen. Eine Massnahme, die angesichts der hohen Zahl asymptomatischer Fälle zwecklos war. Bei den 754’124 Reisenden, die bis Mitte September 2020 auf US-Flughäfen kontrolliert wurden, wurden laut CDC-Aufzeichnungen nur 24 Fälle von COVID bestätigt. Spätestens jetzt waren die CDC vom weltbesten Seuchen-SWAT-Team zu einem Team geworden, das sich gegen die Behauptungen der Verwaltung wehrte, es mache einen lausigen Job.
CDC: erfolgreich zum Schweigen gebracht
Als die Leiterin der CDC-Abteilung für Immunisierung und Atemwegserkrankungen am 25. Februar bei einer Medienkonferenz erklärte, sie habe ihren Kindern gesagt, sie müssten sich auf eine bedeutende Störung in ihrem Leben vorbereiten, sackten die Börsenkurse in den USA ab. Der Kursabfall machte nicht nur die Wall Street wütend. Auch Präsident Trump – der dem Autor Bob Woodward in einem privaten Gespräch gestanden hatte, das Virus öffentlich herunterzuspielen, um Panik zu verhindern – platzte der Kragen.
Schon am nächsten Tag übertrug Trump dem Vizepräsidenten Mike Pence die Leitung seiner Coronavirus-Task Force und übernahm die Rolle des Chefkommunikators. In einem Briefing sagte ein Pence-Berater vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der CDC, dies sei die Bühne des US-Präsidenten – und nicht ihre. Die CDC, die während jeder Gesundheitskrise der Vergangenheit das öffentliche Gesicht der Regierung gewesen war, wurden bald fast unsichtbar. Die wichtige Institution war erfolgreich mundtot gemacht worden.
In den folgenden Monaten rieben sich führende CDC-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler verblüfft die Augen, als sie sahen, wie Trump die Wissenschaft während Medienkonferenzen in einem Gewirr von Ungenauigkeiten und gefährlichen Ratschlägen überging. Das baldige Verschwinden des Virus, Theorien über die Injektion eines Desinfektionsmittels als Behandlung, die Ablehnung von Gesichtsmasken: Trump agierte fernab jeglicher wissenschaftlichen Basis.
Fehlerhafte US-Tests
Als die Behörde in China und in den USA ins Straucheln geriet, wurde eine Gruppe von Laborwissenschaftlern mit einer hochgesteckten Mission beauftragt: der Entwicklung eines Tests für das Coronavirus. In einem kleinen CDC-Labor in Atlanta wurde der Mikrobiologe Stephen Lindstrom mit der Leitung betraut. Bereits während der H1N1-Grippe-Pandemie hatte Lindstroms Team einen Test entwickelt, die regulatorischen Hürden übersprungen und ihn in nur zwei Wochen in die ganze Welt verschickt.
Aber dieses Mal lief alles schief, was schief laufen konnte. Entscheidungen liefen ins Leere und immer wieder tauchte eine rätselhafte Kontamination auf, so dass die Tests auf den Müll geworfen werden mussten. Wertvolle Wochen gingen verloren. Die Interviews von «ProPublica» zeigen klar auf, unter welchem Druck die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Lindstrom arbeiten mussten – und welche Risiken sie eingingen, um ihr Ziel zu erreichen.
So stellte das Team zum Beispiel die Bestandteile des Tests als auch den Schnipsel des Virus, der zur Validierung gebraucht wurde, am selben Ort her – was keinen bewährten Praktiken entspricht. Selbst in Weltklasse-Labors kann die Herstellung von Virenstücken während Monaten mikroskopische Spuren in der Umwelt und auf Geräten hinterlassen. Diese können später Tests kontaminieren, so dass selbst Wasser ein positives Ergebnis liefern würde.
Trotzdem bestanden Lindstroms Inhaltsstoffe, die bei den Tests verwendet wurden, die Qualitätsprüfungen. Das erste Anzeichen eines Problems tauchte dann am 3. Februar auf. Mehrere Testchargen fielen bei einer Qualitätskontrolle durch, sie zeigten ein falsches positives Ergebnis. Schon bald wurden die CDC-Büros mit Beschwerden überhäuft.
Frage nach der Schuld
Lindstrom sagte seinen Kollegen, er sei überzeugt, dass es eine Kontamination gebe. Aber einige führende CDC-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter bestanden darauf, dass das Problem in Wirklichkeit ein fehlerhaftes Design sei, ähnlich einem Softwarefehler. Sie versteiften sich auf die Meinung, dass Lindstrom genetische Sequenzen ausgewählt habe, die eine Störung verursachen und deswegen ein falsches positives Resultat anzeigen.
Während sie debattierten, konnten die öffentlichen Gesundheitslabors mit den fehlerhaften Kits keine Proben verarbeiten, und die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittelsicherheit (FDA) hatte noch immer keine genehmigten Tests von kommerziellen Labors. Anstelle eines Netzes aus Labors im ganzen Land, in denen kranke Menschen getestet werden, blieb Lindstroms Team eines der wenigen, die dies tun konnten – sie verwendeten Testkits, die sie vor dem Auftreten des Problems hergestellt hatten.
Der Leiter der Labordiagnostik der FDA tauchte zur Fehlersuche auf und fand Lindstroms Labor in Unordnung vor. Das «Wall Street Journal» berichtete später, dass der Chef des FDA-Beamten den CDC-Leitern gesagt habe, dass er das Labor am Liebsten geschlossen hätte.
Eine Untersuchung von Anwälten des Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten (HHS) wies auf Lindstroms Labor als wahrscheinliche Kontaminationsquelle hin. Aber Lindstrom wollte davon nichts wissen. Er kritisierte die HHS-Untersuchung als ungenau. Auch die CDC führte eine Untersuchung durch, die Resultate wurden aber nie veröffentlicht. Und einige CDC-Wissenschaftler sind nach wie vor davon überzeugt, dass das Problem nicht die Kontamination, sondern ein Konstruktionsfehler war.
An einem kritischen Punkt versagt
Ärger und Misstrauen, die durch den Mangel an Tests verursacht wurden, fielen auf die CDC zurück – auch wenn die FDA die Schuld für das Festhalten an einem schwerfälligen Regulierungsverfahren, das die Einführung weiterer Tests verzögerte, mittrug. Die Kombination aus Verzögerungen und Fehltritten der beiden führenden Gesundheitsbehörden der Nation brachte die Vereinigten Staaten bei der Beurteilung der Ausbreitung des Virus gefährlich in Verzug. Im Gegensatz dazu erteilten südkoreanische Beamte kommerziellen Labors fast augenblicklich die Genehmigung, und sie begannen schnell damit, 10’000 Menschen pro Tag zu testen.
Lindstrom wurde dann auf einen Posten ohne offiziellen Titel und mit wenig Verantwortung versetzt. Im folgenden Monat veröffentlichte eine CDC-Zeitschrift eine Studie, die zeigte, dass Lindstrom nicht der einzige war, der mit fehlerhaften Tests zu kämpfen hatte. Kommerzielle Labors in Europa hatten ähnliche Probleme, die die Tests in mindestens neun Ländern verzögerten.
Bis dahin war der Schaden jedoch bereits angerichtet. Für die Öffentlichkeit und die Regierung hatten die CDC an einem kritischen Punkt katastrophal versagt.
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In einer vierteiligen Serie zeichnet «Infosperber» den Fall der CDC nach. Der dritte Teil wird von den Versäumnissen der Kreuzfahrtindustrie und einem Präsidenten handeln, dessen Show immer weitergehen muss. Zudem wird er zeigen, wie in den USA Migrantinnen und Migranten zum Sündenbock der Covid-19-Pandemie gemacht wurden.
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine