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Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen. Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für Schostakowitsch' Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist der Komponist ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander. Und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Portrait
Barnes, Julian
Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt (u.a. Man Booker Prize), liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor. Er lebt in London.
Julian Barnes ist wirklich ein großer Erzähler! Lesen Sie unbedingt über das Leben des Komponisten Dmitri Schostakowitsch! Über ein Leben in ständiger Angst vor dem Sowjet-Regime!
Eine ungewöhnliche Romanbiografie
von einer Kundin/einem Kunden am 07.09.2018
Muss ich ihnen Julian Barnes noch vorstellen? Seine bisher größte Auszeichnung – den Booker Prize - erhielt er wohl 2011 für seinen Roman “Vom Ende einer Geschichte“. Und Ende 2016 erhielt er in Hamburg den Siegfried Lenz Preis, der erst zum 2. Mal vergeben wurde. In der Begründung heißt es: „... ehrt mit Julian Barnes einen der...
Muss ich ihnen Julian Barnes noch vorstellen? Seine bisher größte Auszeichnung – den Booker Prize - erhielt er wohl 2011 für seinen Roman “Vom Ende einer Geschichte“. Und Ende 2016 erhielt er in Hamburg den Siegfried Lenz Preis, der erst zum 2. Mal vergeben wurde. In der Begründung heißt es: „... ehrt mit Julian Barnes einen der herausragenden europäischen Erzähler und Essayisten. Der ... Autor versteht es, in seinen Romanen Elemente der Moderne und Postmoderne auf raffinierte Weise miteinander zu verknüpfen. Barnes' Werk greift Diskussionen der Kultur- und Literaturtheorie auf und fragt danach, wie sich Erinnerung für den Einzelnen und für die Gesellschaft konstituiert.“ (buchmarkt.de, 29. Juni 2016).
Ich habe von ihm bisher „Vom Ende einer Geschichte“ gelesen und „Unbefugtes Betreten“ gehört. Beides hatte mir sehr gut gefallen. Deshalb war ich auch sehr neugierig, als ich in der Verlagsvorschau des Kiepenheuer & Witsch Verlags las, dass ein neues Buch von ihm erscheint. Und dann auch noch dieses Thema – ein Roman über das Leben des großen russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Seit ich 2014 den Roman „Der Dirigent“ von Sarah Quigley gelesen habe, interessiert mich dieser Mensch. Ich gebe ehrlich zu, ich habe etwas gebraucht, bis ich mich eingelesen hatte. Ich hatte gedacht, es ist ein flott erzählter Roman über das Leben und das Werk von Schostakowitsch. Aber dabei habe ich nicht berücksichtigt, wie die anderen Werke des Autors, die ich kenne, sind. Es waren immer Geschichten, die sich sehr viel in der Erinnerung und in der Gedankenwelt der Menschen abspielen. Und genau so ist auch dieser Roman. Julian Barnes hat sich sehr intensiv in Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch hineingedacht. Und er ist dem Leben dieses Mannes gefolgt, der sehr verschiedene Epochen des russischen Lebens erleben durfte. Geboren wurde Schostakowitsch noch zur Zeit des letzten Zaren im Jahr 1906. 1925 verzeichnete er seinen ersten Erfolg mit seiner 1. Sinfonie in f-Moll. Bis 1936 ging seine Karriere steil bergauf, doch dann passierte es während einer Vorführung seiner 2. Oper (Lady Macbeth von Mzensk) in Moskau, dass der anwesende Stalin noch während der Oper das Bolschoi Theater verließ. Dies kam fast einem Todesurteil nahe. Und seitdem war das Leben und die Kunst für Schostakowitsch ein Drahtseilakt.
Julian Barnes analysiert sehr genau, was in Schostakowitsch vorgegangen sein mag. Es sind eher die Gedanken eines Mannes, der für seine Musik lebte. Der aber unter Stalin immer wieder ins Visier von dessen Schergen geriet. Er war kein Märtyrer, denn er war klug genug, dass er damit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie und seine Freunde gefährdet hätte. Und so versucht er möglichst unauffällig zu bleiben. Eigentlich sollte man denken, dass sein Leben nach dem Tode Stalins einfacher geworden wäre. Aber dem war nicht so. Wenn sie Lust haben ein nicht einfach zu lesendes, aber ausgesprochen interessantes Buch über Schostakowitsch und seine Zeit zu lesen, kann ich ihnen dieses Buch nur empfehlen. Es ist erschreckend zu sehen, wie ein Staatsapparat in das Leben der Kunst und der Künstler eingreift. Es ist für Außenstehende einfach zu sagen, wie die richtige Reaktion gewesen wäre. Aber ist es wirklich so einfach? Und wer weiß eigentlich nach dem Tode eines großen Menschen, was er wirklich gedacht und getan hat. Ich finde, Julian Barnes hat ein sehr gutes Porträt eines zerrissenen Mannes gezeichnet. Und er hat ein erschreckendes Bild der Zeit unter Stalin und Chruschtschow dargestellt. Es ist ein Buch über eine extreme Episode der Weltgeschichte. Aber es ist trotzdem aktuell, denn immer wieder wird über den Erdball hinweg Einfluss darauf genommen, was Menschen denken, sagen und künstlerisch darstellen dürfen.
Sehr emotional, faszinierend und bewegend
von einer Kundin/einem Kunden am 01.09.2018
Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe
Dimitri Schostakowitsch ist 1937 ein aufstrebender Stern im sowjetischen Komponisten-Reigen. Seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" feiert große internationale Erfolge. Kein Wunder, dass Stalin höchstpersönlich einer Aufführung dieses Werkes beiwohnt. Allerdings ist dieser von der Art der Musik gar nicht begeistert und verlässt di...
Dimitri Schostakowitsch ist 1937 ein aufstrebender Stern im sowjetischen Komponisten-Reigen. Seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" feiert große internationale Erfolge. Kein Wunder, dass Stalin höchstpersönlich einer Aufführung dieses Werkes beiwohnt. Allerdings ist dieser von der Art der Musik gar nicht begeistert und verlässt die Loge schon in der Pause. Fortan wird Schostakowitschs Werk von der Sowjetregierung geächtet und er ist zeitlebens staatlicher Repressalien ausgeliefert. Schostakowitsch versucht von ständiger Angst getrieben, "linientreu" zu arbeiten und wird zwischen Kreativität und Machtgehorsam aufgerieben. Der Leser leidet mit dem großen Komponisten und es stellt sich ihm unweigerlich die Frage: Was bedeutet es für einen großen Künstler keine freien Entscheidungen treffen zu können?