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Nebenfiguren: Helden zweiter Klasse?
Wenn Autoren über Figurenentwicklung nachdenken, geht es zuerst um den Helden oder seinen Gegenspieler. Diese beiden werden schon in der Entwurfsphase detailliert durchkonstruiert. Das leuchtet ein, weil ihr Konflikt der Treibstoff ist, dem die Geschichte ihren Schub verdankt.
Die Nebenfiguren kommen später dran: Der Journalist, der der Kommissarin beim Mörderfinden hilft, die Professorin , die die aramäischen Schriften übersetzt, der Gärtner, der beim Unkrautjäten einen Knochen findet. Diese Leute nennen wir Nebenfiguren, weil das Buch ihre Geschichte nur nebenbei erzählt. Was die Nebenfiguren erleben, ist nur deshalb wichtig, weil es die Geschichte der Hauptfiguren reicher, glaubwürdiger oder interessanter macht.
Haupt- und Nebenfiguren im Vergleich
Der Hauptfigur spendieren wir vielleicht ein ganzes Kapitel «damals, als sie noch ein kleines Mädchen war», damit der Leser versteht, warum die Heldin zur Polizeischule ging und warum sie aus Prinzip keine Pistole mitnimmt, wenn sie böse Buben jagt. Aber bei den Nebenfiguren können wir den Hintergrund nicht so ausführlich beschreiben. Wir können dem Gärtner kein Kapitel geben, damit der Leser erfährt, warum er Angst vor Hunden hat.
Obwohl die Nebenfiguren nicht im Zentrum der Handlung stehen und weniger detailliert gezeichnet werden, müssen sie genauso lebendig und überzeugend sein wie die Hauptfiguren. Nur dann strahlt die Geschichte in voller Pracht.
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Wer ist Caledon Hockley?
Denken Sie an den Kinofilm Titanic. Hauptsächlich erzählt er die tragische Liebesgeschichte von Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo di Caprio). Hätte Kate sich als einsames Singlemädchen in den mittellosen Jack verliebt, wäre das auch schon interessant gewesen. Aber Kates Liebe zu Jack wird umso bewegender, weil sie es auf den Bruch mit ihrem Verlobten, dem arroganten, aber schwerreichen Industriellensohn Caledon Hockley ankommen lässt.
Wir erinnern uns: Kates Vater war hoch verschuldet gestorben und Caledons Geld sollte ihren sozialen Abstieg verhindern.
Jedes Wort muss sitzen
Bei den Nebenfiguren müssen wir mit Worten geizen. Jede Zeile muss stark und prägnant sein, damit die knappe Beschreibung ausreicht, um im Hinterkopf des Lesers eine lebendige und glaubwürdige Figur zu erschaffen, damit unsere Leser uns die Nebenrollen «abkaufen» und sie neben den reichen Hauptfiguren nicht wie armselige Strichmännchen erscheinen.
Das ist einer der Gründe, warum Nebenfiguren oft an Stereotypen angelehnt sind. Wir kennen das verschrobene Genie, die unnahbare Schöne oder den tollpatschigen Pechvogel. Variationen dieser Figuren tauchen in vielen Geschichten auf und weil die Leser sie schon kennen, reichen wenige Pinselstriche, um eine plastische Vorstellung zu erzeugen.
Wenn Ihnen die Nebenfigur über den Kopf wächst
Wer eine richtig interessante Nebenfigur entwickelt hat, kann in Versuchung geraten, ihr zu viel Raum in der Geschichte zu geben. Mehr Raum als nötig, um die eigentliche Geschichte voranzubringen. Das ist keine gute Idee. So verwischen sich die Strukturen und der Leser weiss nicht mehr, wo es lang geht.
Wenn Ihnen eine Nebenfigur über den Kopf wächst, machen Sie ihr ein Friedensangebot. Halten Sie sie in ihrer aktuellen Geschichte auf Diät, aber schreiben Sie einen zweiten Band, in dem die Nebenfigur die Hauptfigur ist.
Was ist der Zweck einer Nebenfigur?
In eine gute Geschichte gehört nur, was notwendig ist, oder anders: eine Nebenfigur muss so gestaltet sein, dass ihrer Geschichte etwas fehlen würde, wenn sie nicht vorkäme. Damit Sie sich das besser vorstellen können, hier ein paar Beispiele, wie Nebenfiguren sich in Geschichten nützlich machen:
Nebenfigur als Spiegel
Manchmal ist die Nebenfigur ein Spiegel der Hauptfigur. Sie ist der Heldin in vielem ähnlich (beide haben Medizin studiert, beide wollten Not lindern), aber dann haben sie sich auseinanderentwickelt: Die eine arbeitet im Senegal für «Ärzte ohne Grenzen», die andere in Zürich als Schönheitschirurgin. In diesem Fall zeigt der Spiegel, welche Wahl die Heldin gehabt hätte. Ein anderer Spiegel ist der Freund, der beim Bergsteigen abstürzt. Er lässt uns ahnen, wie gefährlich die Klettertouren unseres Helden sind.
Nebenfigur als Gegenstück
Das Gegenstück ist ganz anders als die Hauptfigur. Durch sie erleben wir, was der Hauptfigur fehlt oder was sie besonders auszeichnet. Das Gegenstück ist genau das, was der Protagonist nicht ist. Er kann kochen, aber nicht mit Geld umgehen. Sie ist immer hungrig und arbeitet an der Wall Street und als Team sind sie unschlagbar.
Nebenfigur als Impulsgeber
Viele Geschichten entwickeln sich von der «Ruhe vor dem Sturm» durch ein auslösendes Ereignis zu einem dramatischen Geschehen. Bilbo Beutlin sitzt gemütlich in seiner Wohnhöhle, als Gandalf vorbeikommt und ein Kreidezeichen an seine Haustür malt. Das Zeichen markiert Bilbos Höhle als Sammelpunkt der Gefährten und mit ihrer Ankunft beginnt Bilbos klassische Heldenreise.
Nebenfigur als Katalysator
Der Katalysator ist selbst kaum beteiligt, hat auf die Handlung aber einen entscheidenden Einfluss. Denken wir an den Funker der «SS Californian», der bei Schichtende das Funkgerät abschaltete, so dass die Notrufe der Titanic ungehört verhallten. Er hat sich dabei nicht viel gedacht, aber es hätten viele Menschenleben gerettet werden können, wenn die Californian der Titanic zu Hilfe geeilt wäre.
Nebenfigur als Kolorit
Wenn Ihr Roman in einem ausgefallenen Milieu oder einer historischen Epoche spielt, kann es reizvoll sein, die besondere Atmosphäre durch die Schilderung einer Nebenfigur zu beschreiben. Ein Lehrer im Gehrock mit Zwickel auf der Nase unterrichtet sicher nicht in einer Schule aus unserer Zeit. Dann verstehen wir sofort, warum in der Klasse niemand an seinem Handy herumspielt und die Schüler keine Widerworte geben.
Halten wir fest: Nebenfiguren sind kein dekorativer Nippes, den man planlos im Text verteilt. Jede Nebenfigur soll eine notwendige und einzigartige Rolle in der Geschichte spielen. Wenn zwei Figuren die gleiche Rolle spielen, ist eine zu viel. Die ideale Nebenfigur tut etwas, das entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Geschichte hat, das von keiner anderen Figur ebenso gut getan werden könnte und das aus der Perspektive dieser Figur einleuchtend und plausibel erscheint.
Brauchen Nebenfiguren ihre eigenen Handlungsbögen?
Durch einen Handlungsbogen verbinden sich die einzelnen Aktivitäten der Figuren zu einer plausiblen Geschichte. Ein treusorgender Familienvater verschwindet nicht einfach so. Wenn er eines Tages nicht nach Hause kommt, muss etwas geschehen sein, aus dem sich logisch nachvollziehbar weitere Handlungen, Gedankengänge oder Konflikte ergeben. Dieses «logisch nachvollziehbar» ist der Kitt, der aus dem Nacheinander verschiedener Handlungen einen schlüssigen Handlungsbogen macht.
Ein Handlungsbogen entsteht also aus der Verkettung der einzelnen Ereignisse. Er ist gelungen, wenn die Wendungen für den Leser überraschend, aber folgerichtig sind. Der Leser sieht das nächste Ereignis nicht voraus (sonst wäre die Geschichte langweilig), aber sobald es passiert ist, denkt er: «Wenn ich es mir recht überlege, musste es ja so kommen.»
Die wichtigsten Handlungsbögen sind die der Hauptfiguren. Aber auch das Handeln der Nebenfiguren muss plausibel sein. Auch deren Handeln hat Hintergründe und Motive und lässt sich daher als Handlungsbogen beschreiben. Aber die Handlungsbögen der Nebenfiguren stehen immer im Dienst der Hauptgeschichte. Sie haben weniger Tiefe und werden knapper erzählt.
Haupt- und Nebenfiguren verknüpft
Stellen Sie Ihre Nebenfiguren auf den Prüfstand. Machen Sie sie einzigartig und glaubwürdig und geben Sie ihnen eine unverzichtbare Rolle in Ihrem Projekt. Legen Sie sich selbst Rechenschaft darüber ab, warum jede einzelne Figur im Roman vorkommt und wie die Nebengeschichte dazu dient, die zentrale Geschichte interessanter, reichhaltiger und lesenswerter zu machen.
Die Nebenfiguren sind überhaupt nur im Spiel, weil ihre Schicksale mit dem der Hauptfigur verknüpft sind. Die Verknüpfung kann sich eher beiläufig ergeben (die Nebenfigur sitzt schon im Bus als die Hauptfigur zusteigt) oder aus einer stärkeren Verbindung resultieren (die beiden sind zusammen zur Schule gegangen). Wie auch immer die Verbindung aussieht: Sie muss für den Fortgang der Geschichte wichtig sein.
Fragen Sie sich:
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Welche Vorteile hat die Nebenfigur, wenn die Hauptfigur ihr Ziel erreicht?
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Oder gewinnt sie, wenn die Heldin scheitert?
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Oder ist sie mit dem Schicksal des Gegenspielers verknüpft?
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Muss sie eine Entscheidung fällen, die auf die Hauptfigur ausstrahlt?
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Ist sie der gemeinsame Nenner scheinbar unverbundener Ereignisse? (Der Postbote, der eine Diebesbande in unbewohnte Häuser schickt.)
Flache, unglaubwürdige Nebenfigur – was tun?
Eine glaubwürdige (Neben-) Figur können Sie nur schreiben, wenn Sie aus Ihren inneren Quellen schöpfen. Sie sind in Ihrem Leben schon vielen echten Charakteren begegnet. Sie wissen, wie eine stimmige Figur aussieht und Sie spüren auch im wirklichen Leben, ob ihr Gegenüber «echt» oder «unecht» ist. Diese Fähigkeit müssen Sie in den Dienst Ihrer Geschichte stellen.
Das braucht allerdings nicht nur eine rationale Auseinandersetzung mit der Figur. Sie müssen sich in sie hineinfühlen, Zeit mit ihr verbringen, ihre Vorlieben und Abneigungen spüren. Der Trick dabei ist, Ihre Figur eine Weile lang zu beobachten, statt sie zu entwickeln. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen ein paar Meter entfernt und beobachten sie beim Gespräch mit einer Freundin, beim Einkaufen, bei einem Besuch im Zoo, bei der Arbeit, vor dem Einschlafen …
Warten Sie ab, was sich entwickelt. Ihre inneren Quellen werden Ihnen Bilder zeigen, die stimmig und interessant sind und die Sie für die Ausgestaltung Ihrer Figur verwenden können.
Figuren nur mit der Ratio zu entwickeln reicht nicht. In echten Menschen steckt immer auch Widersprüchliches, sie haben Ecken und Kanten, sind sich selbst ein Rätsel. Wie soll man eine solche Figur entwickeln, indem man ausschliesslich logisch-rational vorgeht?
Sie merken auch im echten Leben, ob jemand nur kumpelhaft, bescheiden oder selbstsicher tut oder ob diese Person ihre wahren Farben zeigt. Die falschen Fuffziger sind leicht zu durchschauen, weil auch sie nur ihre Vernunft benutzen, um sich auszudenken, was sie vorgaukeln müssten. Das Ergebnis ist dann viel zu flach um wirklich zu überzeugen.
Gute Schauspieler machen es anders. Sie stellen sich in die Schuhe ihrer Figuren, fühlen sich möglichst umfassend in deren Leben ein und spielen ihre Rolle dann aus diesem Erleben heraus. Sie überlegen sich nicht, wie sie die Hände halten oder den Kopf drehen müssen. Sie erinnern sich an ihr Erleben dieser Figur und lassen die Rolle sich entfalten.
Genauso gehts beim Schreiben. Das Durcheinander, das echte Menschen lebendig macht, muss man sich entfalten lassen. Sie müssen Ihre Intuition und Ihren Instinkt nutzen, um zu einem glaubwürdigen Gesamteindruck zu gelangen.
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Ihr Figurenzoo im Überblick
Wer eine komplizierte Geschichte schreibt, braucht Hilfsmittel, um die Übersicht nicht zu verlieren. Figuren, Orte, zeitlicher Ablauf: Da kann selbst der Autor nicht alles im Blick behalten. Es lohnt sich, eine Übersicht aller Figuren zu führen. Aber notieren Sie (am besten tabellarisch) nicht nur demografische Merkmale wie Alter, Wohnort, Geschlecht, Beruf und die Beziehung zu den Hauptpersonen (Bruder von Micky).
Nehmen Sie auch prägende Motive (will Anwalt werden und in einer grossen Kanzlei viel Geld scheffeln) und wichtige Hintergrundinformationen (hat seine Matura erst im zweiten Anlauf geschafft) in die Übersicht auf.
Und ganz wichtig: Ergänzen Sie noch eine Spalte mit beispielhaften Textstellen. Diese Spalte zeigt Ihnen, wie die Figur in ihrem Text «klingt». Diesen Ton müssen sie immer wieder treffen, wenn die Figur einen Auftritt hat.
Das wars für heute.
Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer
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