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SDG 2
Kein Hunger
Weltweit leiden knapp 690 Millionen Menschen, also 9 Prozent der Weltbevölkerung, an Unterernährung. Davon sind 135 Millionen akut von Hunger bedroht, wobei sich diese Zahl mit der Corona-Pandemie möglicherweise verdoppelt hat.[1] Das zweite UNO-Nachhaltigkeitsziel formuliert den Auftrag, den Hunger bis 2030 weltweit zu beenden und die Ernährungssicherheit zu erreichen. Dabei spielen die Massnahmen der Tabakkontrolle eine zentrale Rolle.
Vier Fünftel der Rauchenden leben in Ländern mit geringer oder mittlerer Wirtschaftskraft. Dieser Anteil nimmt zu, seit im Westen die Zahl der Rauchenden abnimmt. Von 2005 bis 2018 hat der Anteil der Zone Asien-Pazifik, Afrika und Naher Osten am Rauchproduktemarkt von 62 auf 73 Prozent zugenommen.[2] Das Geld, das diese benachteiligten Bevölkerungsgruppen für den Kauf von Zigaretten ausgeben, fehlt nun aber, um sich und den eigenen Familien eine ausgewogene Ernährung zu bieten.
Auf den Philippinen gibt eine arme Familie im Durchschnitt 37 Rappen pro Kopf und Monat für tabakhaltige Produkte aus. Mit diesem Geld könnte der Fischkonsum um 26 Prozent oder der Blattgemüsekonsum um 200 Prozent gesteigert werden.[3] In Bangladesch könnte jeder Raucher, der aufhört, seinen Kindern mindestens 500 Kalorien pro Tag mehr zu Essen geben. So hätten hier zusätzliche 10,5 Millionen Menschen genug zu essen und jeden Tag könnten 350 Kinder vor dem Hungertod bewahrt werden.[4]
Aber dieses Phänomen betrifft nicht nur die Entwicklungsländer. Die Kosten des Zigarettenkonsums hindern auch zahlreiche arme Familien in der Schweiz daran, ihren Kindern eine ausgewogene Ernährung mit einer Vielfalt an Früchten und Gemüsen sowie Proteinquellen zu bieten.
Das Rauchen trägt auch deshalb zum Hunger bei, weil deswegen wertvolles Kulturland für den Anbau von Tabak zweckentfremdet wird. Diese intensiv bewirtschafteten Monokulturen hauptsächlich in den Tropen beanspruchen heute 5,3 Millionen Hektar Land, was dem Landesgebiet der Schweiz, der Niederlande und Costa Ricas zusammen entspricht.[5]
Wenn hier stattdessen Lebensmittel angebaut würden, könnten zusätzlich 20 Millionen Menschen ernährt werden. Alleine in Indien könnte auf den 4340 Quadratkilometern Tabakplantagen genug Essen für 2 Millionen Menschen erzeugt werden.[6] In Malawi leidet ein Viertel der Bevölkerung an Ernährungsunsicherheit, wobei jede Hektare Land, das der Produktion von Tabakblättern dient, 14,6 Tonnen Kartoffeln abwerfen könnte.[7]
Hinzu kommt, dass der Tabakanbau zu einer Verarmung und Auszehrung des Bodens führt und ihn für den Lebensmittelanbau ungeeignet macht. In Malawi und Sri Lanka wird heute praktisch die ganze Kulturfläche für Tabakpflanzen gebraucht, weil ihr Anbau rentabler ist als derjenige von Nahrungsmitteln.
Paradoxerweise nützt dies den Tabakarbeitern kaum, weil sie von den Grossplantagen mit einem Hungerlohn bezahlt werden. In Kenia verdienen sie ganze 120 Dollar pro Jahr, was nach Abzug der übrigen Auslagen kaum zum Essen reicht. In Malawi erhalten sie kärgliche Lebensmittelrationen und sind oft unterernährt. Zwei Drittel der Kinder auf den Tabakbetrieben leiden an Wachstumsverzögerung, gegen 40 Prozent auf anderen Landwirtschaftsbetrieben.[8]
Ungeachtet dieser eindeutigen Verbindung zwischen Tabakanbau und Ernährungsunsicherheit versucht die Tabakindustrie, sich mit Verweis auf ihre Initiativen zur Hungerbekämpfung weiss zu waschen. So behauptet Philip Morris International etwa, ihre Bemühungen zur Förderung guter Agrarpraktiken steigerten die Ernährungssicherheit für die Tabakbauern. Von ihrem Sitz in Lausanne aus gibt die Firma bekannt, sie unterstütze in Mozambik, Malawi und Tansania den Lebensmittelanbau parallel zur Tabakproduktion.[9]
Um den Beitrag des Rauchens zum Hunger zu senken, sollte aber vielmehr die Nachfrage nach tabakhaltigen Produkten in den ärmeren Bevölkerungsgruppen gesenkt werden, namentlich mit hohen Gebühren auf dem Zigarettenverkauf und mit einem Werbeverbot. Artikel 17 des WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs sieht überdies die Möglichkeit vor, den Bauern Alternativen zu bieten, um sie vom Tabakanbau weg und zum Lebensmittelanbau hinzuführen.
Dafür in Frage kommen Substitutionsprogramme, Subventionen und Darlehen sowie der Bau neuer Strassen und Lagerhäuser, um den Bauern den Absatz ihrer Produkte zu gewährleisten. Mehrere Länder haben diesen Weg schon eingeschlagen.
Etwa Sri Lanka, das sich verpflichtet hat, bis in fünf Jahren keinen Tabak mehr anzubauen und dazu die Anbauflächen um jährlich 15 bis 20 Prozent zu reduzieren. Oder Bangladesch, Bulgarien und Spanien, die finanzielle Anreize geschaffen haben, um die Bauern zum Ersatz der Tabakproduktion durch den Anbau von Lebensmitteln zu ermutigen. Und die Europäische Union hat die bislang entrichteten Finanzhilfen für Tabakbauern gestrichen.[10]
In der Schweiz ist der Weg aber noch lang. Nach wie vor wird hierzulande der Tabakanbau mit einer Steuer von 0,3 Prozent auf dem Zigarettenverkauf grosszügig subventioniert. Dabei teilen 150 Tabakbauern 16 Millionen Franken gemäss einem intransparenten Verteilschlüssel via die Einkaufsgenossenschaft für Inlandtabak (SOTA) unter sich auf.
[4] Efroymson, D.; Ahmed, S.; Townsend, J.; Alam, S. M.; Dey, A. R.; Saha, R. et al. (2001): Hungry for tobacco: an analysis of the economic impact of tobacco consumption on the poor in Bangladesh. In Tob Control 10 (3), pp. 212–217. DOI: 10.1136/tc.10.3.212.