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Der Rote Turm - Ein Denkmal aus dem Mittelalter
Die heutige Stadt Solothurn ist aus zwei Zentren entstanden: Aus dem älteren, bürgerlichen Solothurn um das «Castrum Salodurum», und dem späteren kirchlichen Solothurn, dem St.-Ursen-Stift – rund um die Gräber von Urs und Viktor. Grenze war der Stadtbach, der heute kanalisiert unter der Goldgasse fliesst. Um 1230 wurden beide Teile mit einer gemeinsamen Mauer umgeben, welche noch heute die Altstadt umgrenzt. Leider wissen wir wenig Verlässliches über diese Zeit. Bis 1218 führten die Herzöge von Zähringen das Rektorat von Burgund, dem Solothurn zugehörte. Stellvertretender Stadtherr war das unter burgundischer Herrschaft gegründete St.-Ursen-Stift. Nach dem Zerfall der Zähringer Hausmacht wurde die Stadt unmittelbares Reichsgut und unterstand direkt dem Kaiser, der als seinen Stellvertreter einen Schultheiss bestimmte. Damit wurde es möglich, das auf seiner Vorherrschaft beharrende St.-Ursen-Stift nach und nach zu entmachten. Denn die Bürger hatten mit dem aufkommenden Verkehr und Handel mehr und mehr Selbstbewusstsein entwickelt und drängten zunehmend nach Eigenständigkeit. Das «Schuld heissen», die hohe Gerichtsbarkeit, lag zwar indirekt noch beim Kaiser, doch aus der burgundischen Zeit waren Marktrecht und Münzrecht bereits vorhanden, und es gab schon einen Rat. Mit dem von König Rudolf von Habsburg Solothurn 1276 ausgestellten Freiheitsbrief wurde der Stadt zugestanden, dass ihre Bürger von niemandem mehr «vor irgendein weltliches Forum oder Gericht ausserhalb der Stadt sollen gezogen werden, sondern dass man sie innerhalb der Stadt ins Recht zu fassen habe». Damit wurde die Stadt reichsunmittelbar und gewann an politischer Geltung.
Der Turm als Statussymbol
Als ein Symbol der Macht erhöht ein Turm den alltäglichen menschlichen Horizont, und die Anzahl der Türme entspricht einer Rangordnung. Schon früh wurden bedeutende Kirchen mehrtürmig gebaut. Das alte St.-Ursen-Münster hatte bis zum folgenschweren Erdbeben im Jahre 1356 zwei Türme. Obwohl kirchliche Reformbewegungen – wie die der Jesuiten beispielsweise – Türme wegen der mit ihnen verbundenen menschlichen Überheblichkeit ablehnten, Zisterzienser und Franziskaner steinerne Glockentürme sogar verboten, knüpften nach den Erfolgen der Gegenreformation zahlreiche bedeutende Abteien und Stifte mit prächtigen Turmpaaren demonstrativ wieder an die mittelalterlichen Hierarchievorstellungen an. Das aufkommende Bürgertum griff als Zeichen seiner Souveränität ebenfalls zum Turm. So dominiert auch Solothurns Zeitglockenturm das mittelalterliche Stadtbild und wirkt als Blickfang, war er doch ursprünglich mehr als doppelt so hoch wie die angrenzenden Häuser. Seine Aussage ist klar: Ab hier gehört die Stadt uns Bürgern, hier haben wir das Sagen und nicht die Kirche. Anderswo sind in freien Stadtgemeinden die Rathaustürme des 12. und 13. Jahrhunderts Herrschaftssymbol und Zeichen eigener Souveränität.
Türme im Laufe der Zeit
Der Wettstreit um den höchsten Skyscraper der Welt, oder auch nur um das höchste Hochhaus der Schweiz, aber auch der Anschlag auf die Twin Towers des World Trade Centers in New York zeigen, dass Türme eine besondere Symbolkraft und eine Faszination besitzen, die übrigens weit in die Antike zurück reicht. Beispiele sind der verschwundene, einst als Weltwunder bestaunte Leuchtturm auf Pharos vor Alexandria und der Turmbau zu Babel.
Der Wohnturm
Der Zeitglockenturm wird auf das frühe 13. Jahrhundert datiert. Erstmals erwähnt als «Zitglogge» wird er jedoch erst 1406 durch die Burgrechtsurkunden für die beiden Edelknechte Ulrich Günter von Eptingen und Rudolf von Neuenstein. Darin wird der Turm als ein «ewig Udel» bezeichnet. Ein Udel ist ein Wohnrecht, das sich ein Neubürger mit einem Haus in der Stadt erkaufen musste als Pfand für die Erfüllung seiner mit dem Bürgerrecht verbundenen Pflichten. Eine Verordnung von 1366 bestimmte, dass nur in den Rat gewählt werden kann, wer Haus und Hof in der Stadt besitzt. Also nur Bürger mit einem «Sesshaus» in der Stadt. Demnach war der Zeitglockenturm einst ein mittelalterlicher Wohnturm. Bewohnbare Türme wurden im Mittelalter als Schutzraum bei feindlichen Angriffen erbaut. Mit ihren dicken Mauern waren sie nicht so leicht einzunehmen wie normale Häuser. Manchmal dienten sie zudem als innerstädtische Adelssitze. Vielleicht war der Stadtturm ursprünglich in Notzeiten auch letzter Rückzugsort für prominente Bürger. Seine Mauern sind nämlich 170 cm dick, und es gab nur einen Hocheingang auf der Südseite. Heute ist der Turm vom Hotel her zugänglich.
Die Bretèche
Türme enthielten häufig Gefängnisse, in welche Beschuldigte «eingetürmt» wurden, ferner Archivräume und Waffenlager und bis zur Errichtung eigener Rathäuser in der Regel in den oberen Geschossen die Ratsstube. Mit der Ratsstube im Zusammenhang steht die «Bretèche», ein hochgelegener, dem Platz zugewandter Balkon oder eine Loggia, die als Bühne für Proklamationen und Reden, Amtseinsetzungen und Vereidigungen vor den auf dem Platz versammelten Bürgern dienen konnte. An kirchlichen Festtagen wurde die Bretèche auch zur Aussenkanzel. Betrachtet man das Mauerwerk und die Steinfugen um die Automatengruppe genauer, kann man erkennen, dass dort einst eine solche Bretèche angebracht war.
Der Zeitturm
Kirchtürme wurden schon seit dem 6. oder 7. Jahrhundert, vor allem von klösterlichen Gemeinschaften, als Glockentürme errichtet. Es galt, die Angehörigen des Konvents an die täglichen Horen, die sieben gemeinsamen Stundengebete, zusammenzurufen und zugleich das Volk an die Andacht zu mahnen. Die Glocken gaben das Zeichen zur Zusammenkunft und gliederten damit zugleich die Zeit. Beim Bau der Glockentürme wurde alles vorgekehrt, um mit dem Geläute ein möglichst grosses Gebiet abzudecken.
Die Zeit als Domäne der Mönche
Was anfänglich klösterlichen Gemeinschaften diente, wurde von den wachsenden Dörfern und ab dem Hochmittelalter besonders von den Städten übernommen. Die Glocken riefen die Gläubigen zum Gottesdienst zusammen, gliederten den Zeitablauf und kündeten wichtige Ereignisse an. Die Kirchtürme als Träger der Glocken und später auch der Turmuhren verschafften dem Klerus Macht, indem er es war, der mit dem «die Stunden Schlagen» und dem Geläute den Tagesverlauf bestimmte.
Die Bürger beginnen die Zeit zu kontrollieren
In vielen Städten Europas entstand im späteren Mittelalter mit den Rathäusern eine weltliche Konkurrenz zur kirchlichen Herrschaft, indem auch die hohen Türme vieler Rathäuser ab dem 14. Jahrhundert mit Turmuhren, in reichen Städten zusätzlich mit kunstvollen Glockenspielen und automatisch beweglichen Figuren aufgerüstet wurden. In Solothurn und Bern wählte man für die weltliche Zeitanzeige nicht das Rathaus, sondern den zentral gelegenen, bis heute so benannten Zeitglockenturm zum Repräsentanten der Eigenständigkeit der Stadt. Der Wunsch und das erwirkte Recht zur eigenen Zeitgestaltung mit stadteigenen Glocken
trugen massgeblich zur Gestaltung der Stadttürme bei. Zu dieser Zeit erstarkte das Bürgertum. Handwerker schlossen sich zu Zünften zusammen. Die neuen, wirtschaftlich gewichtigen und zunehmend einflussreichen Gruppen der Kaufleute und Handwerker mussten aus geschäftlichen Gründen die genaue Zeit kennen
und beachten. Damit wurde die Zeit mehr und mehr bürgerlich bestimmt. Der Rote Turm wurde schon 1406 als Uhrturm erwähnt. Heute ist uns kaum mehr bewusst, in welchem Umfang ursprüngliche Symbolik über die nützliche und praktische Zeitangabe hinaus mit unserem Uhr- und Glockenturm verbunden ist:
Mit dem Glockenschlag die Tageseinteilung, mit dem astronomischen Kalender eine Kosmologie, und mit der mechanisch bewegten Figurengruppe eine Lebens- und Weltanschauung.
Wichtige Alarmierungsfunktion
Selbständigkeit und bürgerliche Freiheiten sind unabdingbar mit entsprechender Verantwortung verbunden. Weit herum erhielten viele Türme Wächterstuben und erinnern daran, dass einst Turmwächter von oben die Stadt zu überwachen und vor allem bei Brandausbrüchen sofort Alarm zu schlagen hatten. Mitte des
15. Jahrhundert erhielt auch unser Zeitglockenturm eine Wächterstube.
Der Turm dominiert den Marktplatz
Der Zeitglockenturm steht nahe bei der einzigen rechtwinkligen Strassenkreuzung, welche im Mittelalter den bürgerlichen Stadtteil viertelte, nämlich beim Schnittpunkt der Hauptgasse mit der Judengasse/Schaalgasse. Zu Füssen des Turms wickelte sich über viele Jahrhunderte der Markt neben der Schaal, d.h. der Metzgerbank, und den Wechselstuben an der Judengasse ab. Der Turm wies auf das Zentrum hin. Soweit er sichtbar war, reichte der eigene vertraute Teil der Welt, der man sich zugehörig fühlte. Im 17. Jahrhundert wurde in der Stadt viel gebaut und umgebaut. Dabei entstand als neues Zentrum der Marktplatz, wo sich die beiden wichtigsten Gassen, die Hauptgasse und die Gurzelngasse, treffen. Seither dominiert der Turm den Marktplatz.
Der Rote Turm als Gaststätte der Bürger
Die zwei Stadtteile hatten ihre eigenen Gaststätten. Der Gasthof des kirchlichen Stadtteils, die vermutlich vom St.-Ursen-Stift gegründete Pilgerherberge, ist die heutige Krone. Der Gasthof der Bürger wurde der Rote Turm. Beide Gasthöfe können somit auf ein Alter von rund sieben Jahrhunderten zurückblicken. Andere mittelalterliche Gaststätten sind: Gilgen (der spätere Storchen), Kreuz, Adler, Löwen. Ihren Namen erhielt die Herberge nach dem benachbarten Turm, wobei das
«Rot» sich offenbar nicht auf die Farbe des Turmes, sondern auf diejenige seiner Abbildung auf dem Wirthausschild bezieht, wie es einen «Roten Löwen», einen «Roten Ochsen» gab. Rot gilt als die Farbe des Feuers und des Blutes. Im Hebräischen haben die Worte Blut und Rot den gleichen Ursprung: Rot heißt «dm» und Blut heisst «dom». Rot bedeutet aber auch soviel wie wichtig. Der rote Platz in Moskau z.B. ist nicht rot, er ist wichtig. Rot ist die kaiserliche Farbe. Es ist auch die Farbe der Obrigkeit. Rot zu tragen war nicht jedermann erlaubt. Möglicherweise hängt die Eigenschaft Rot auch mit dem Blutgericht (Hochgericht)
zusammen, gibt es doch in vielen Städten einen «Roten Turm» aus dem Mittelalter.
Der mittelalterliche Gasthof – nur für Gäste
Der Gasthof im heutigen Sinn ist erst im Spätmittelalter entstanden. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde in den grösseren Städten eine Vielzahl solcher Gemeinschaftstreffpunkte eröffnet. Die Funktion einer heutigen «Beiz» als Begegnungsstätte hatte früher das Frauenhaus, wo man auch ohne sexuelle
Absichten trinken und spielen konnte. Vom Wirtshaus als Gemeinschaftstreffpunkt ist über lange Zeit die Herberge zu unterscheiden, als ein Gasthof im wörtlichen Sinn, der für die Fremden, für die Gäste da ist. Hauszeichen und besondere Schilder, eine Sonderform der früher üblichen Hausnamen, machten die Herbergen deutlich dem Fremden erkennbar. Sie waren mit grossen Schlafräumen ausgestattet; individuelle Zimmer gab es nicht. Mit dem ausgehenden
15. Jahrhundert wurde die Herberge auch Speisegaststätte, wobei im grossen Esssaal ein langer Tisch stand, an dem alle Gäste sich zum gemeinsamen Essen niederliessen. Nennenswerter Komfort war in einer Herberge nicht zu erwarten. Weniger geachtete Gäste sassen übrigens am Tisch ganz unten bei «der armen
brot». Wer weniger geachtet war, bekam auch weniger zu essen. Ein häufiges Thema von Schwänken war die Rache eines armen Aussenseiters, den der Wirt oder die Vornehmeren beim Essen zu kurz hatten kommen lassen. Opulente Bankette fanden im Spätmittelalter nicht in Gasthäusern statt, sondern in den Trink- und Zunftstuben und auf den dörflichen Festwiesen bei der Kirchweih.
Zünftig essen und trinken
Dass sich das Wirtshaus so spät zur allgemeinen Begegnungsstätte entwickelten, hängt damit zusammen, dass die Zünfte eigene Häuser hatten. Diese standen aber nur den Meistern offen. Eigene Versammlungsräume der Gesellen wurden nicht gern gesehen, weil solche Treffpunkte zu sehr dem kritischen Meinungsaustausch und dem Hinterfragen der aktuellen Politik förderlich waren. Für die Zünftler war der Besuch des gemeinsamen Mahles Pflicht. Die
Veranstaltungen dauerten meist den ganzen Tag über. Es wurde aufwendig gegessen und getrunken, denn «Bratensaft macht Bruderschaft». Auch die Aufnahme eines neuen Meisters wurde mit viel Speis und Trank gefeiert. Die Frauen waren vom Zunftmahl ausgeschlossen. Wahrscheinlich war das bitter für sie, denn im Mittelalter war der Wirtshausbesuch für Frauen selbstverständlich, und gern stellten sie ihre Trinkfestigkeit unter Beweis.
Geniessen wie zu alten Zeiten
A propos Essen und Trinken: Ein «gross Myl» ist ein Erlebnis, ein höfisches Mahl, wie Sie es nur bei uns erleben und «erleiben» können. Dazu werden wir Ihnen einen eigenen Teller, einen Löffel und sogar ein eigenes Messer zur Verfügung stellen. «Gabeln?», mögen Sie sich nun fragen. Vorsicht, denn die kennt und benutzt nur der Teufel in der Hölle um seine Gäste damit zu piesacken.