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«Un monstre sacré»
Er hasst die Kirche und spielt einen Papst. Seine Frau, die grosse Chansonnière Juliette Gréco, wirft ihn aus dem Haus. Bis zu seinem Tod kämpfte er gegen den Front National. Im Film «La grande bouffe» bricht er rülpsend und überfressen in seinen Exkrementen zusammen.
Vergangene Woche ist – wie die Familie erst jetzt bekanntgab – der französische Film- und Theaterschauspieler Michel Piccoli im Alter von 94 Jahren gestorben.
Piccoli war einer der grössten Charakterschauspieler Frankreichs. In über 200 Filmen trat er auf. Während über 70 Jahren stand er auf der Bühne oder vor der Kamera.
Er spielte an der Seite von Catherine Deneuve, Brigitte Bardot, Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau, Monica Vitti, Jean-Claude Brialy, Delphine Seyrig, Romy Schneider und vielen anderen.
Er trat in Filmen von Godard, Chabrol, Hitchcock, Clément, Resnais und Vadim auf.
Über zwanzig Jahre lang war er eng befreundet mit dem aus Spanien stammenden mexikanischen Regisseur Luis Buñuel.
In dieser Zeit entstanden Buñuels und Piccolis berühmteste Filme: «Le Journal d’une femme de chambre» (1964), «Belle de jour» (1967), «La Voie lactée» (1969), «Le Charme discret de la bourgeoisie» (1972), «Le Fantôme de la liberté» (1974).
«Des Kaisers neue Kleider»
Michel Piccolis Vater, Henri, ist ein italienischer Geiger, seine Mutter, Marcelle, eine französische Pianistin. Michel wird am 27. Dezember in Paris geboren. Seit seiner Geburt ist er von Musikerinnen und Musikern, von Schauspielern und Schauspielerinnen umgeben. Die Familie lebt im 13. Arrondissement unweit der Bastille.
Als Kind ist er eher schüchtern. Mit neun Jahren spielt er eine erste Theaterrolle in Hans Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider». Mit 18 Jahren fängt er für das Theater endgültig Feuer und verschlingt die Theater-Revue «Comœdia». Doch der Zweite Weltkrieg bremst seine Ambitionen. Kreuz und quer reist er durchs Land: mit dem Fahrrad. Sein Hass auf die Nazi-Deutschen wächst. Bis zu seinem Tod kämpft er gegen Extremisten, vor allem gegen den Front National und die Lepenisten.
Beckett, Ionesco
1945, nach dem Ende des Krieges, erhält er erste kleinere Filmrollen. So spielte er in «Sortilèges», einem Werk von Christian-Jaque, einen Dorfbewohner aus der Auvergne. Im Theater tritt er in avantgardistischen Stücken auf (Beckett, Ionesco), die von einer Arbeiter-Kooperative inszeniert werden. 1954 heiratet er die Schauspielerin Eléonore Hirt, mit der er zwölf Jahre verheiratet ist und eine Tochter hat.
1954 erhält er eine Filmrolle in Jean Renoirs «French Cancan», doch dem Theater bleibt er weiter treu. Unter anderem spielt er Rollen in Inszenierungen von Jacques Audiberti , Peter Brook und Luc Bondy.
Hass auf die Kirche
Piccoli stammt aus einer praktizierenden katholischen Familie. Doch bald schon bricht er radikal mit der Kirche. Das verbindet ihn mit Luis Buñuel, einem feurigen Antiklerikalen.
Er befreundete sich mit Boris Viant und Jean-Paul Sartre. Am 12. Dezember 1966 heiratete er die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco. Die Heirat, die viele Schlagzeilen machte und seine wichtigste Beziehung war, dauerte elf Jahre.
«Deshalb habe ihn geheiratet»
«Mein zweiter Ehemann war Michel Piccoli», schreibt Juliette Gréco (Bild: Keystone) in ihren Memoiren. «Wir waren beide 40 Jahre alt und gründeten eine Patchworkfamilie, wie man heute sagt. ... Piccoli habe ich bei einem Abendessen kennengelernt, zu dem eine Illustrierte eingeladen hatte. Ich sass neben ihm.»
Am Tag nach der Heirat sagte sie einem Journalisten: «Die Hochzeitsreise machen wir in die Sowjetunion. Das ist ein unbekanntes Terrain für mich. Ich freue mich darauf, es gemeinsam mit Michel erobern zu dürfen. Deshalb habe ihn geheiratet.»
«Meine Frau spinnt»
Gréco, die sich als «Linke» bezeichnet, nimmt während der 68er-Unruhen einige Aktivisten bei sich auf. «Mein damaliger Ehemann Michel Piccoli und ich mussten über das edle Hermès-Ledergepäck lächeln, das die Drahtzieher der Revolte bei uns abstellten.»
Es ist die Zeit, als Gréco ihr berühmtes «Déshabillez-moi» singt. Doch die Sängerin beklagt, dass Michels Arbeit immer mehr Platz einnimmt und dass sich die beiden auseinanderleben. «Ich bin nicht fürs Heiraten gemacht», sagt sie. «Michel verstand nicht, warum ich mich von ihm scheiden liess. Er sagte ‘Meine Frau spinnt’».
Im Erbrochenen erstickt
Ein Paukenschlag in seiner Karriere war «La grande bouffe», ein Film von Marco Ferreri, der ihn weltberühmt machen sollte. Thema ist die Dekadenz, der Reichtum, die Fresssucht und der kollektive Selbstmord einer Gesellschaft, die buchstäblich in ihrem Erbrochenen erstickt.
Der Film löste 1973 an den Festspielen von Cannes einen Skandal aus.
Keine Werbung für das Papsttum
Schon zu Lebzeiten galt Michel Piccoli als Monument, als «monstre sacré», als einer der grössten Schauspieler der französischen Filmgeschichte.
Über fünfzig Jahre nach seinem Bruch mit der katholischen Kirche spielt er ein von Selbstzweifeln zerfressener Papst in «Habemus papam», einem Film von Nanni Moretti. Es war seine letzte grosse Rolle. Und es war keine Werbung für das Papsttum.
Michel Piccoli stirbt am 12. Mai an den Folgen eines Schlaganfalls.
(J21/hh)