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Ein junger Motorradfahrer in Lederkluft. Gutaussehend, muskulös, ein wenig wie Marlon Brando mit Kurzhaarschnitt sitzt er auf seiner BMW. Der junge Mann auf dem Buchcover von «On the Move» ist Oliver Sacks. Er ist begeistert von der Freiheit der Landstrasse.
Rebellisch und sensibel
Gleich auf den ersten Seiten von Oliver Sacks Autobiografie lernt man einen sensiblen jungen Rebellen kennen, der nicht der Mittelklasse-Norm im England der frühen 1950er-Jahre entspricht.
Bevor er sein Studium in Oxford beginnt, führt Sacks Vater mit ihm ein Gespräch von Mann zu Mann. Der Vater ahnt, dass der Sohn etwas verschweigt. «Sind dir Jungen vielleicht lieber?», fragt er. Die Antwort des Sohnes: «Ja, aber es ist nur ein Gefühl. Ich habe noch nie etwas getan.» Und fügt hinzu: «Sag Ma nichts – sie würde es nicht verkraften.»
Eine Reaktion, die sich einbrennt
Doch die Mutter erfährt von der sexuellen Neigung ihre Sohnes. Ihre bibeltreue Reaktion wird ihn sein Leben lang verfolgen. «Ich wünschte, du wärst nie geboren worden», so die Reaktion der Mutter. Eine Schlüsselszene, bevor die ersten 20 Seiten des Buchs um sind. Sie gibt allem, was folgt, eine Grundfarbe vor: Oliver Sacks hat den Blick des Aussenseiters, des Verletzten.
Ein Leben, viele Biografien
Sein Leben in zwölf Kapiteln bietet Stoff für mindestens drei Biografien: Da ist der Sportler, der seine Rekordversuche im Gewichtheben bis an die Grenze treibt. Der Taucher, Schwimmer und Surfer, der im Wasser eigentlich eher zuhause ist als an Land. Dann der Arzt und Forscher, dem die Krankheiten seiner Patienten keine Ruhe lassen, der nicht ins etablierte Schema passt und der immer wieder mit Institutionen in Konflikt kommt.
Und da ist der Künstler und chaotische Autor («Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselt»), den schon seine Mitschüler «Inky» nennen, weil er dauernd irgendwas aufschreibt: Er begeistert sich für Gedichte, freundet sich mit anderen Autoren an und führt ein Doppelleben an der amerikanischen Westküste: Tagsüber ist er der Arzt in seiner Klinik, nachts ist er der einsame Wolf in Lederkluft, der mit seiner Maschine auf den Strassen Kaliforniens und Nevadas unterwegs ist.
Spannend und humorvoll
Das Buch ist selber ziemlich «On the move». Oliver Sacks bombardiert den Leser mit Anekdoten, macht ihn mit Patienten, Freunden bekannt, mit den Häusern, die er sich kauft und mit den Orten, an denen er gut schreiben kann. Auch seine Drogenexperimente und die Entwicklung der Neurologie in den letzten Jahrzehnten lesen sich spannend, gelegentlich sehr humorvoll.
Hinter seiner unordentlichen, sprunghaften Erzählweise taucht immer wieder ein Thema auf: Liebe und Einfühlungsvermögen. Sich bewegen lassen vom Schicksal der Patienten, der Menschen. Das schwingt im Titel «On the Move» auch mit: wissenschaftliches Interesse, geprägt von einem tief menschlichen Impuls.
Das grosse Rätsel für den Neurologen: Liebe
Oliver Sacks berichtet auch von der eigenen, schweren Krebserkrankung und den höllischen Schmerzen, die sie verursacht. Wie er den körperlichen Schmerz überwindet, das bleibt ihm als Arzt selbst ein Rätsel. In einfachen, berührenden Worten berichtet er von der grossen Liebe seines Lebens.
Unterdessen fügt die Wirklichkeit dem Buch ein düsteres Kapitel hinzu. In einem Artikel, Link öffnet in einem neuen Fenster der New York Times vom Februar 2015 hat Oliver Sacks vom neu ausgebrochenen Krebs berichtet. Mit 81 Jahren hat er nur noch wenige Monate zu leben. Die brutale Gewissheit trägt er mit Dankbarkeit und philosophischer – nein, nicht Gelassenheit, vielmehr Leidenschaft.
Dennoch: Wie er im Alter von über 75 Jahren noch seine grosse Liebe und eine erfüllte Partnerschaft findet – das rundet «On the Move», den Bericht über die vielen Leben des Oliver Sacks, auf anrührende Weise ab.
Sendebezug: Kultur Kompakt, 29.7.15, SRF 2 Kultur, 12.05 Uhr
Buchhinweis
Oliver Sacks: «On the Move», Rowohlt, 2015.