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Die Beschaffung im Zweiten Weltkrieg war für die Schweiz ein Kantengang. Eine Replik auf den Artikel «Als die Schweiz Spitfires kaufen wollte».
Einige Maschinen des Typs Messerschmidt Bf 109 gelangten erst nach Kriegsbeginn aus Deutschland in die Schweiz.
In seinem Beitrag «Als die Schweiz Spitfires kaufen wollte» (NZZ 15. 10. 20) schildert Robert U. Vogler die Flugzeugbeschaffung der Schweizer Armee der Jahre 1938/39. Es sei «eigentümlich (…), dass wir aus den Berichten der Bergier-Kommission kaum etwas erfahren» zu dieser Geschichte. Die Studie zur schweizerischen Rüstungsindustrie und zum Kriegsmaterialhandel von Peter Hug sei vielmehr «in weiten Teilen stark politisch gefärbt».
Wer sich von dieser pauschalen Polemik nicht beeindrucken lässt und in Hugs Untersuchung das dicht recherchierte Kapitel «Beschaffung deutscher Messerschmitt-Flugzeuge anstelle der britischen Spitfire und die Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans, 1939–1945» liest, wird rasch realisieren, dass die Bergier-Kommission ihre Hausaufgaben gemacht hat.
Deutschland hatte Interesse an Geschäften
Peter Hug zeigte die Komplexität des Geschäfts auf und arbeitete u. a. die breite privatwirtschaftliche Unterstützung für die Beschaffung der Spitfire heraus. Viel Raum nimmt ein, wie 1936/37 das Eidgenössische Militärdepartement (EMD) wichtige Rüstungsaufträge an die Westmächte vergab und Fliegerabwehrgeschütze in Grossbritannien und Flugzeuge in Frankreich beschaffte, die Bundesbetriebe in Lizenz nachbauten. Ab November 1938 bezog die Schweiz ihre Jagdflugzeuge aber aus Deutschland, zunächst die Messerschmitt Bf 108, anschliessend die Bf 109, von denen «mehr als die Hälfte» der deutschen Gesamtproduktion (79 Stück) in die Schweiz gelangte, «davon viele nach Kriegsbeginn», die letzte 1940.
Voglers These, es sei «aussichtslos, hochwertige Rüstungsgüter aus dem Ausland beziehen zu wollen», wenn «die Konflikte virulent werden oder bereits begonnen haben», trifft nicht zu. Deutschland hatte ein anhaltendes Interesse am Flugzeugverkauf, weil es Schweizerfranken zur Beschaffung strategischer Rohstoffe auf den Weltmärkten benötigte. Zudem wollten das Reichswirtschafts- und -luftfahrtsministerium auf weitere «Gegengeschäfte» wie die Lieferung von Kupferwalzdraht sowie Autoreifen nicht verzichten.
Als Hauptkonkurrentin der Messerschmitt-Flugzeuge trat die Vickers-Armstrong Ltd. mit ihren parallel entwickelten Spitfire-Jagdflugzeugen auf den Plan. Sie reichte im August 1938 eine Offerte bei der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) in Bern ein. Um die damit verbundenen industriellen Chancen zu packen, handelte der Rüstungsagent Antoine Gazda, der seit Jahren für die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon von Emil Bührle tätig war, aus eigener Initiative einen Lizenzvertrag aus. 200 nachgebaute Spitfires bot Gazda der Schweizer Armee an, der überwiegende Teil sollte in den Export gehen. Vickers war damit einverstanden unter der Bedingung, dass keine Lieferungen nach Deutschland und Italien getätigt würden.
«Keine Politiker, Bankers oder Juden»
Am 21. Oktober 1938 entstand die «Studiengesellschaft zur Gründung einer Flugzeugfabrik AG», an der sich massgebliche Unternehmen der Schweizer Grossindustrie und Luftfahrt beteiligten; Gazda garantierte, an diese Gründung keine «Politiker, Bankers oder Juden mitzunehmen», wie er dem Chef der KTA, Oberst Robert Fierz, mitteilte. Inzwischen war der Standort Stans beschlossene Sache. Im Bürgenstock sollten «bombensichere Montagehallen aus dem Fels gebrochen und als Verbindung zum Militärflugplatz Ennetbürgen eine 800 Meter lange Rollpiste gebaut werden». Oberst Fierz unterstützte diese Pläne zunächst, schloss sich dann aber den eidgenössischen Behörden an, die den Bezug von Messerschmitt-Flugzeugen «ab Stange» aus Deutschland favorisierten. «Damit konkurrenzierte der Rüstungsimport aus Deutschland ein grosses Schweizer Industrieprojekt», konstatiert Hug.
Mit dem Platzen des Spitfire-Geschäfts sistierte die «Studiengesellschaft» ihre Pläne, während Bührle und Gazda das Projekt auch nach Kriegsausbruch gegen massive Widerstände vonseiten der KTA forsch vorantrieben und am 6. Dezember 1939 in Eigenregie die Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans gründeten. Da sich die Lizenznachbaupläne nicht konkretisierten, gelang es nicht, das Montagewerk durch Flugzeugexporte im grösseren Stil rentabel zu machen.
So musste sich die Pilatus AG im Krieg mit Inland-Wartungsaufträgen über Wasser halten. Diese wurden nach dem überraschenden Tod von Fierz am 14. Juli 1940, der bundeseigenen Betrieben Vorrang gab, leichter möglich. Im Februar 1942 versammelte Emil Bührle in Stans die Spitzen von Armee und Politik, um das Unternehmen mit einer Prestige-Feier formell einzuweihen.
Die Pilatus-Flugzeugwerke bauten zusammen mit dem Eidgenössischen Flugzeugwerk Emmen und mit Doflug Altenrhein den Fernaufklärer C-36.
Zum 1943 gescheiterten Versuch der Schweizer Armee, «ein paar» Spitfires zu beschaffen, muss man wissen, dass damals über Deutschland der Luftkrieg tobte. Nachdem die Schweizer Flieger- und Flabtruppen im Mai/Juni 1940 in den Luftkämpfen mit den deutschen Kampfflugzeugen markant die Oberhand behalten hatten, verbot General Guisan am 20. Juni 1940 jeden weiteren Einsatz von Jagdflugzeugen. Die Schweiz entschuldigte sich gegenüber Hitlerdeutschland, die deutschen Piloten wurden freigelassen, die in der Schweiz gelandeten Flugzeuge zurückgegeben, was beide Male neutralitätswidrig war. Während dreier Jahre und vier Monaten durften Schweizer Piloten den schweizerischen Luftraum nicht mehr verteidigen. Die Schweiz verfügte auf deutschen Druck hin auch die Verdunkelung des Landes und gab damit zu verstehen, dass sie den Alliierten nicht als «Leuchtturm» dienen wollte (wie in der Studie «Schüsse auf die Befreier» von Peter Kamber nachzulesen ist).
General Henri Guisan und Bundesrat Marcel Pilet-Golaz prägten die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Als die Fliegertruppen am 25. Oktober 1943 den bewaffneten Neutralitätsschutz wieder aufnahmen, richteten sich die Einsätze gegen die Alliierten, die dadurch 15 Bomber und Dutzende von Besatzungsmitgliedern verloren, vor allem US-Amerikaner, aber auch Briten. Die Bedingungen für Flugzeugkäufe in England waren also schlecht. Auf diese Aspekte, die den negativen Ausgang der erneuten Spitfire-Avance der Schweiz erklären könnten, geht Robert U. Vogler nicht ein.
Die Bergier-Kommission hat sich hingegen mit der Tatsache, dass Churchill trotz diesem Stimmungstief «lobende Worte über die Schweiz» fand, auseinandergesetzt. Sie bezieht sich dabei auf die weit prominentere Aussage vom Herbst 1944 und stellt diese in einen welthistorischen Zusammenhang. Vor vier Jahren (Ausgabe 19. 9. 2016) schrieb ich in einem NZZ-Artikel, dass die schweizerische Churchill-Verehrung auch instrumentalisiert wurde. Die Initiative zur Einladung des britischen Staatsmanns nach Zürich, die dieser am 19. September 1946 für seine denkwürdige Europa-Rede in der Aula der Universität nutzte, kam massgeblich aus Kreisen, die 1940 die infame «Eingabe der 200» unterzeichnet hatten.
Diesen Promotoren einer weitergehenden Anpassung der Schweiz an das Naziregime kam es nach dem Krieg gelegen, sich hinter dem Schweiz-Versteher Churchill zu verstecken. Letzterer sah angesichts des aufziehenden Kalten Krieges über diesen Sachverhalt hinweg. Dass Robert U. Vogler eine «Episode mit Churchill» heute wieder nutzt, um unbegründete Vorwürfe an die Bergier-Kommission zu adressieren, passt in diese über den Kalten Krieg hinausreichende Geschichtsverdrängung. Aufklärung bietet nach wie vor die Lektüre der differenziert argumentierenden Studie von Peter Hug.
Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich. Er war Mitglied der Bergier-Kommission.