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Wir alle wissen, dass zu viel Salz nicht gesund ist. Was aber viele nicht mehr wissen ist, dass unser täglich Salz dafür sorgt, dass wir nicht ernsthaft krank werden.
Früher war das anders. Noch vor 100 Jahren wurde die Schweiz von einem rätselhaften Fluch heimgesucht. Nirgends auf der Welt gab es mehr missgebildete Menschen und nirgends gab es mehr Frauen und Männer mit unschönen Kröpfen am Hals als im schönen Schweizerland.
Die Wissenschaft rätselte lange woran das lag. Das Problem war ernst. Bei etwa 30% aller jungen Männer wurde anlässlich der Militäraushebung jeweils ein Kropf diagnostiziert. In einzelnen Bergkantonen musste Ende des 19. Jahrhunderts ein Viertel aller Soldaten später wegen Luftnot ausgemustert werden. Dies hing meistens mit den Klröpfen zusammen, an denen in der Schweiz so viele Menschen litten.
Kröpfe waren jedoch nicht das einzige Übel. In manchen Gegenden kam etwa jedes 10. Baby als Kretin zur Welt, also als kleinwüchsiges geistig schwer behindertes Kind.
Lange wurde gerätselt, weshalb diese Krankheiten ausgerechnet in der Schweiz so verbreitet waren. Einige vermuteten, dass diese Kröpfe und die geistig-körperlichen Behinderungen mit der damals sehr verbreiteten Armut zusammenhingen. Aber schon ein Augenschein zeigte, dass diese Krankheiten in allen Schichten gleichermassen verbreitet waren.
In den 1830er Jahren spottete der französische Schriftsteller Victor Hugo über die Schweizer, indem er schrieb:
Les alpes font beaucoup d'idiots (Victor Hugo)
Auch Mark Twain sah das Problem der Schweizer mit dem Kropf: er bezeichnete die Beulen am Hals sogar neben den Alpen als die grösste Sehenswürdigkeit der Schweiz.
Heute kann man sich nur noch schwer vorstellen, welche Belastung diese vielen schwer behinderten Kinder für die damalige Gesellschaft darstellten und wie stark die Beeinträchtigung im Alltag für die Kropfträger war.
Wissenschaft tappt im Dunkeln
Obwohl schon die Römer wussten, dass es in der Schweiz besonders viele Menschen mit Kröpfen gab und besonders viele Menschen, die mit Kretinismus geboren wurden, gelang es lange nicht herauszufinden, wo die Ursache dieses Phänomens lag.
In den 1880er Jahren fand man zwar heraus, dass es Ortschaften gab, die stärker betroffen waren als andere, aber man wusste nicht warum.
Erst Jahrzehnte später erkannte ein junger Landarzt, dass die Krankheit nicht durch einen Erreger oder durch den Lebenswandel verursacht wurde, sondern durch etwas, was in der Ernährung fehlte.
Jodmangel in den Alpen
Wer schon einmal am Meer war, weiss nicht nur, dass Meerwasser viel Salz enthält, sondern auch, dass es immer etwas nach Jod riecht am Strand.
Dies ist der Grund, warum die allermeisten Menschen früher keine Probleme hatten mit ihren Schilddrüsen. Wer Meersalz zu sich nahm, hatte genügend Jod in der Nahrung um damit den Kropf und den Kretinismus abzuwehren. Dies galt aber nicht für die Schweizer, die oft Alpensalz verwendeten, also Salz, das zwar ursprünglich auch aus dem Meer stammte, aber kein Jod mehr beinhaltete, weil dieses längst ausgeschwemmt worden war..
Man hat herausgefunden, dass der Mensch nur ganz wenig Jod braucht, dass er dieses aber unbedingt über die Nahrung zuführen muss. Tut er dies nicht, drohen ernste Schäden. Kinder mit Jodmangel weisen eine schlechte Gehirnentwicklung auf und für Föten hat der Jodmangel noch schlimmere körperliche und geistige Folgen. Neben dem Kropf zeigen sich bei den Erwachsenen auch andere gesundheitliche Probleme etwa beim Herz oder Schwäche und Abgeschlagenheit.
Innovative Ärzte
Nachdem ein findiger Landarzt herausgefunden hatte, dass das Jod anderswo durch das Meersalz in die Körper der Menschen kam und sie vor der Krankheit schützte, begann man darüber nachzudenken, wie man auch in der Schweiz das Jod in die Nahrungskette aller Menschen bringen konnte.
Aber theoretisch war das einfacher als praktisch, denn es entbrannte eine heftige Diskussion über die Zulässigkeit einer allfälligen Jodierung unseres Salzes. Die Debatte wurde hitzig geführt und viele wehrten sich vehement.
Dennoch schritten einige engagierte Landärzte zur Tat: Sie begannen Salz mit minimalen Mengen Jodid zu mischen und sie verteilten dieses an ihre Patienten dort wo sie lebten. Die Ergebnisse waren ermutigend. Fast augenblicklich zeigte sich eine deutliche Besserung der starken Symptome bei Kindern und Erwachsenen.
Die Appenzeller schafften den Durchbruch
In den 1920er Jahren lud der Herisauer Arzt Hans Eggenberger nach Herisau ins Kino zu einem Vortrag über Jod, Salz und die Kropf- und Kretinismussache. Die Appenzeller Hinderländer strömten in grosser Zahl in seinen Vortrag und liessen sich vom fabelhaften Redner Eggenberger überzeugen.
Wenn es für ein derart gravierendes Problem eine so einfache Lösung gab, dann musste man sie doch einfach ausprobieren. Dies leuchtete den Appenzellern ein. Sie sammelten in der Folge Unterschriften für eine Initiative, die die Jodierung des Salzes im ganzen Kanton einführen sollte. Damit machten sie den ersten Schritt.
Es sollte noch einige Jahre dauern bis auch im Kanton Aargau jodiertes Salz eingeführt wurde, aber die Ergebnisse dieses kleinen Eingriffs in unseren Speiseplan waren so eklatant und augenscheinlich, dass jodiertes Salz bald zur Selbstverständlichkeit wurde und die Kröpfe und die wegen Jodmangels schwer missgebildeten Kinder aus der Öffentlichkeit und damit aus der Erinnerung verschwanden. Wenn ich das nächste Mal an einer Diskussion höre, dass nur nicht jodiertes Salz richtig gut sei, dann denke ich an diese Geschichte und daran, dass es oft wahnsinnig viel braucht bis sich etwas Offensichtliches durchsetzen kann und dass es dann später oft wenig braucht und alles wird wieder vergessen.