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Interview mit Toni Frisch, Delegierter der Humanitären Hilfe des Bundes
Am 25. März fand in Bern die Jahresveranstaltung der Humanitären Hilfe des Bundes statt. Das Jahr 2011 ist ein besonderes Jahr. Vor 50 Jahren wurde der Grundstein für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) gelegt. 1971 entstand das Schweizerische Katastrophenhilfekorps, heute Schweizerisches Korps für Humanitäre Hilfe (SKH), und zehn Jahre später wurde die Schweizer Rettungskette ins Leben gerufen. Einen nicht unerheblichen Beitrag bei der Entwicklung und Ausführung des Schweizer Einsatzes im Bereich der internationalen Hilfe hat der Delegierte der Humanitären Hilfe und Vizedirektor der Deza, Toni Frisch, geleistet. Das folgende Interview gibt einen Einblick in das Tätigkeitsfeld der Humanitären Hilfe des Bundes.
Herr Frisch, seit wann sind Sie mit der Humanitären Hilfe des Bundes verbunden? Was waren Ihre damaligen Beweggründe, sich zu engagieren?
Toni Frisch: Verbunden mit der Humanitären Hilfe des Bundes bzw. des SKH (Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe) bin ich seit 35 Jahren. Angefangen hat es mit dem Erdbeben in der Türkei im Jahre 1970. Damals habe ich in der Zeitung gelesen, dass ein Schweizer vor Ort über ein Gerät verfügte, um Verschüttete orten zu können, aber das Schweizerische Rote Kreuz habe damals daran kein Interesse gezeigt. Darauf habe ich dem Roten Kreuz mit einer gewissen Entrüstung und Empörung geschrieben. Das führte zu einer Einladung seitens des Roten Kreuzes zu einem Gespräch nach Bern. Man hat sich damals freundlich bedankt, dass ich nicht gerade einen Leserbrief geschrieben, sondern mich zuerst erkundigt habe. Es hat sich dann auch gezeigt, dass die Zeitungsinformation nicht ganz richtig war. Aus diesem Gespräch ist dann eine Beziehung hervorgegangen und man hat mir berichtet, dass der Bund in den nächsten ein bis zwei Jahren ein Freiwilligenkorps Katastrophenhilfe schaffen wolle und dass das Rote Kreuz beauftragt sei, Interessenten zu notieren, und so war ich der allererste. Ein Engagement hatte ich immer, sei es auf nationaler oder internationaler Ebene. Meine Mutter war eine sehr engagierte Frau, und das hat mich tief geprägt. Bei Naturkatastrophen im Ausland hatte sie immer Mitgefühl, sie fühlte sich sehr verbunden mit den Leidenden, engagierte sich, spendete für die Betroffenen und hätte immer gerne mehr für die Opfer getan, als es ihr möglich war.
Das ist sicher etwas ganz Wichtiges und bestimmt einer der Hauptgründe, weshalb ich mich seinerzeit entschieden habe, mich im Ausland zu engagieren.
Was hat sich in den letzten 40 Jahren seit der Gründung des SKH verändert, wenn man das überhaupt so sagen kann?
Sobald ich vor 10 Jahren die Leitung übernommen hatte, liess ich den Namen ändern. Katastrophehilfekorps hat die Leute automatisch glauben lassen, wir würden nur in unmittelbaren Notlagen oder Katastrophen tätig, was eigentlich schon damals nicht zutraf. Wir hatten uns für Flüchtlinge und in Krisen schon sehr viel mehr engagiert als nur vorübergehend in Naturkatastrophen. Auch hatten Menschen im Ausland das Gefühl, sie hätten gar keine Katastrophe, wenn es eine Hungerkrise war. Das SKH, welches heute Schweizerisches Korps für Humanitäre Hilfe heisst, ist viel grösser geworden und zweifellos viel professioneller. Wir haben eine ganze Reihe von Instrumenten geschaffen: die Rettungskette, die Soforteinsatz-Teams usw. Dazu kommt die ganze internationale Vernetzung, aber auch Deza-intern die Verbindung mit der Entwicklungszusammenarbeit, mit der Osthilfe. Die Verbindungen und Vernetzungen waren im Bereich Rückkehrhilfe mit dem Bundesamt für Migration äusserst wirkungsvoll. Ich selbst hatte während Jahren die interdepartementarische Gruppe für die Rückkehrhilfe geleitet, bei der es darum ging, Zehntausende von Bosniern und Kosovaren zurückzuführen. Das war über Jahre eine erfolgreiche Arbeit. Es hat sich sehr, sehr vieles verändert, letztlich die Möglichkeit bilateral und multilateral tätig zu sein. Wir setzten Experten bei der Uno ein oder bei anderen Organisationen. Gleichzeitig haben wir unsere direkten Aktionen im Korps selber, und wir sind sehr viel stärker nicht nur in der Hilfe, sondern auch in der Prävention tätig, im Bereich von Betreuung von Flüchtlingen und in unmittelbaren Krisengebieten, das war am Anfang noch nicht so.
Worin liegen die Stärken der Humanitären Hilfe? Welcher Ansatz in bezug auf die Hilfeleistung hat sich am besten bewährt? Welches sind die entscheidenden Faktoren?
Es gibt sicher gewisse Stärken, die dem System inhärent sind oder über die wir verfügen können. Zweifellos ist es so, dass wir die Dinge sehr partnerschaftlich angehen. Unsere Humanitäre Hilfe ist wirklich neutral, da weder politische Konzessionen verlangt noch sonstige Konditionen an die Hilfe gebunden werden. Zweifelsohne ist es auch so, dass wir sowohl bilaterale als auch multilaterale Aktionen durchführen, zum Beispiel die Mitfinanzierung von Uno-Organisationen zum einen und zum anderen die Entsendung von Spezialisten an dieselben Organisationen. Es gibt noch eine weitere Form der Zusammenarbeit: Wir sind die «Implementing Partner». Das bedeutet, wir führen Programme aus, die die Uno finanziert. Weil die Schweiz zum Beispiel im Schulhausbau in Pakistan grosse Erfahrungen hat, bauen wir für 4 Millionen Dollar Schulhäuser mit Geldern des UN-Kinderhilfswerks (Unicef). Solche Dinge haben sich ausserordentlich gut bewährt. Wir verfügen über kompetente und hochengagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zentrale und über Korpsangehörige und können so sehr, sehr flexibel agieren. Eine Stärke eines kleinen Landes, wie wir es sind, ist natürlich auch immer die Verbundenheit, so dass wir zivil und militärisch sehr eng zusammenarbeiten können. Ich selbst habe auch eine Karriere als Milizoffizier gemacht. Ich bin Oberst und habe dadurch immer eine gute Verbindung zum VBS gehabt und diese ausgedehnt. Deshalb arbeiten wir vorbildlich zusammen, zum Beispiel als Retter in der Rettungskette unter ziviler Führung, bei Helikoptereinsätzen zur Waldbrandbekämpfung und beim Aufbau von Rettungsteams im Ausland. (vgl. Kasten)
Dazu kommt noch unsere spezielle Rolle, die die Schweiz hat: zum einen sind wir Donator und gleichzeitig Ausführende. So können wir die Erfahrungen, die wir machen, unmittelbar in die Diskussion einbringen, und das ist natürlich sehr wertvoll.
Ich leite einige internationale Gremien und dort kann ich ausgezeichnet davon profitieren. Das wird ausserordentlich geschätzt, und ich bin dort ein kompetenter Gesprächspartner.
Worin unterscheidet sich die Schweiz von anderen Staaten in bezug auf die Humanitäre Hilfe?
Was wir versuchen, und ich glaube, wir erreichen das auch: Wir sind pragmatisch und sehr verbindlich. Wir gehen keine Verpflichtungen ein, geben keine Versprechen, die wir nicht einhalten. Wir versuchen, wenn die Lage sich ändert, äusserst flexibel darauf zu reagieren. Gesprochene Kredite werden umgeschrieben, Programme entsprechend geändert. Wir sind zwar nicht der grösste Geldgeber, aber pro Kopf gemessen sind wir mit 0,5% im guten Mittelfeld oder sogar etwas besser im Vergleich zu den OECD-Staaten. Wir sind sehr rasch und flexibel und können mit wenig Mitteln oft mehr bewegen. Wir sind ein verlässlicher Partner. Man weiss von der Schweiz: Wenn sie Versprechen eingeht, werden sie auch gehalten. Die spezielle zivil-militärische Zusammenarbeit in der Humanitären Hilfe ist auch eine Stärke, die ich als Vorsitzender des entsprechenden Beratergremiums der Uno nützen und wo ich Erfahrungen der Schweiz einbringen kann. Und besonders ist auch, dass wir ein Milizsystem haben, das dem Aussendepartement angegliedert ist, das gibt es auf der ganzen Welt zweifellos sonst nirgends.
Welche Voraussetzungen bringt das Land von seinem politischen System, von seinem Aufbau, von der Gesinnung der Menschen mit, dass die Humanitäre Hilfe so erfolgreich ist? Dass das politische System weitgehend als Milizsystem funktioniert, bildet das nicht auch die Grundlage, verantwortlich auch in Hinblick auf die Mitmenschen zu handeln?
Das ist ganz sicher so. Für mich war das Milizsystem immer eine Selbstverständlichkeit. Ich habe das bei der Armee erlebt, die weitgehend auf dem Milizsystem basiert. Ich habe das auch in der politischen Tätigkeit der Schweiz gesehen; leider hatte ich nie Zeit, ein Mandat auszuüben, ich war nur ein paar Jahre Parteipräsident, habe jedoch kein eigentliches politisches Amt ausgeübt. Durch dieses Milizsystem empfinden die Politiker auch eine Solidarität mit dem Korps und eine Verantwortlichkeit. Dann gehört natürlich die humanitäre Tradition dazu. Ich denke dabei natürlich auch an das Rote Kreuz. Uns unterstellt man keine geostrategischen Interessen. Wir haben eine exzellente Verbindung zu den Konsulaten und zu den Botschaften im Ausland und den Büros der Entwicklungszusammenarbeit und verfügen dadurch über ein gewaltiges Netzwerk. Wir sind bestens vernetzt mit der Uno und der Roten-Kreuz- und Roten-Halbmond-Familie. Durch die Solidarität, die vom Parlament getragen wird, verfüge ich persönlich auch über Kompetenzen, wie man das sonst nirgends findet. Und das ermöglicht natürlich einen raschen und flexiblen Entscheid. In Krisensituationen ist das unbezahlbar. So können wir ohne eine Befragung der Vorgesetzten eine Aktion im Ausland auslösen. Ich orientiere zwar, damit niemand überrascht wird oder die Departementschefin das als erstes aus der Zeitung erfahren muss. Aber ich habe die Kompetenz, am Wochenende eine Aktion auszulösen, ohne jemanden zu fragen, die dann auch vom Parlament getragen wird. Das hat sich über Jahre hinweg so bewährt und ist etwas vom Wertvollsten, was es gibt.
Das spricht natürlich für Ihre hohe Verantwortlichkeit und das grosse Vertrauen, das Sie sich im Laufe der Jahre erworben haben.
Ich habe die Chance gehabt, dort hineinzuwachsen, konnte über die vielen Jahre Erfahrungen sammeln. Geholfen hat mir auch, dass ich im zivilen Leben und im Militär eine Führungsrolle innehielt, bei der es darum ging, Entscheide zu treffen, Menschen anzuleiten und zu führen. Dann habe ich natürlich Routine gewonnen in der Zusammenarbeit mit den Medien, und das hat alles dazu geführt, dass man Vertrauen gewonnen hat und natürlich auch von diesem System überzeugt war.
Und dass Sie das Vertrauen nicht missbraucht haben. Das ist, so denke ich, eine grosse Bestätigung für Ihr Wirken. Ein Mensch mit einer Profilierungsneurose wäre hier sicher absolut fehl am Platz.
Da haben Sie vollkommen recht. Das gilt es auf alle Fälle zu verhindern. Man muss nüchtern, pragmatisch, kostenbewusst und der humanitären Idee verpflichtet sein, aber sicher keine Show-Aktionen lostreten, weil die Medien Druck machen. Dem muss man widerstehen können.
Das ist eine hohe Anforderung an eine Person. Das verlangt grösste Hochachtung.
Ja. Aber ich habe das gerne gemacht, ich lebe da voll mit und fühle mich auch in Krisensituationen sicher, und das ist entscheidend. Das spüren die Menschen. Ich fühle mich wohl in einer unsicheren Lage.
Ich sehe im humanitären Engagement immer ein Abbild der Schweizer Art, auch in Ihrer Person, solidarisch zu sein, mitzufühlen, Verantwortung zu übernehmen und sehe das auch im politischen System verankert.
Ich stelle fest, und das kann man vielleicht gut messen: Bei Naturkatastrophen zeichnet sich der Schweizer, der ein bisschen zurückhaltend oder zu Unrecht als knauserig oder zu wenig weltoffen gilt, immer wieder durch seine Solidarität in Form von Spenden aus. Eine Manifestation der Solidarität mit den Opfern, weil es keinen anderen Weg gibt, um zu helfen. Wir haben jeweils Hunderte von Anfragen von Menschen, die gerne im Ausland mithelfen wollen. Das lässt sich organisatorisch gar nicht lösen, es ist auch nicht durchführbar. Aber immerhin hat man dann noch die Möglichkeit, zu spenden. Bei Haiti sind 70 Millionen zusammengekommen, bei Pakistan waren es um die 30 Millionen. Damals beim Tsunami 2004 waren es 220 Millionen. Das sind doch höchst beeindruckende Zahlen. Auch gibt es sehr häufig nach einem Artikel oder einer Sendung im Fernsehen Rückmeldungen, die einen sehr beflügeln.
Worin sehen Sie die zukünftigen Herausforderungen?
Grundsätzlich die Klimaveränderung mit neuen Bedürfnissen: Flüchtlingen, Naturkatastrophen, die in der Folge zunehmen werden.
Die Umweltverschmutzungen als Resultat von Überschwemmungen, zum Beispiel bei Chemieanlagen. Wie viele Giftstoffe werden ins Grundwasser gelangen usw. Es sollte sehr viel mehr für die Prävention getan werden. Wir müssen mehr für die Sicherheit tun, weil wir vermehrt in fragilen Kontexten arbeiten müssen, aktuell Libyen oder Afrika ganz allgemein. Wir müssen der Sicherheit noch mehr Beachtung schenken. Wir sollten dafür sorgen, dass die humanitäre Hilfe nicht verpolitisiert wird, dass man sie nicht als Showpiece missbraucht, weil man international Prestige gewinnen will, wie es teilweise in anderen Staaten geschieht. Da sind wir in der Schweiz wirklich privilegiert, man ist sich der Gefahren bewusst: Entscheiden muss das Bedürfnis vor Ort und nicht das politische Interesse. Im Balkankonflikt wurden wir verschiedentlich kritisiert, weil wir auch in Serbien geholfen haben und nicht nur den Kosovo-Albanern. Die Alten und die Kranken, die Kinder und die Neugeborenen in den Spitälern von Belgrad haben nicht gesagt, wir wollen Krieg, und deshalb verdienen sie auch unsere Unterstützung. Das ist wichtig.
Das ist der Gedanke des Roten Kreuzes.
Richtig. Die humanitären Prinzipien gelten für das Rote Kreuz genauso wie für die Humanitäre Hilfe.
Was braucht es, damit gewisse Katastrophen nicht mehr diese Ausmasse annehmen?
Eine erhöhte Prävention, das vermehrte Verantwortungsbewusstsein, überall, auf allen Stufen, bei der Bevölkerung, insbesondere bei der Politik und den Institutionen. Präventionsmassnahmen, dass wir die Schäden verhindern und die Auswirkungen vermindern können. Damit nicht nur die Opfer reduziert werden, sondern auch die ökonomischen und ökologischen Folgen. Bei jeder Katastrophe wird ein Land für mehrere Jahre zurückgeworfen. Das müssen wir versuchen zu reduzieren. Da sind in den letzten paar Jahren zwar schon grosse Fortschritte gemacht worden, aber es muss weitergehen, und die nötigen Mittel müssen bereitgestellt werden. Hier ist es wichtig, dass Politiker Massnahmen treffen müssen, die heute und morgen keine sichtbare Wirkung zeigen, sondern erst beim Nachfolger oder beim Nachnachfolger. Das muss man einbringen und die Grösse haben, das zu entscheiden. Die Medien sollten hier mitspielen und sich nicht nur auf das Spektakuläre stürzen, sondern auch über erfolgreich verhinderte Katastrophen sprechen und die dazugehörigen Präventionsmassnahmen.
Sie hören Ende April zumindest offiziell auf. Wer Sie kennt, weiss, dass Sie kaum auf dem Ruhekissen liegen werden. Wenn Sie zurückblicken, welches Ereignis hat Sie nachhaltig berührt oder beschäftigt?
Es ist die Summe der Eindrücke. Es sind die Schadensbilder, die traurigen Kriegs- und Krisenbilder, das sind schon prägende Eindrücke. Aber es sind immer wieder die Menschen, und ich sage es immer wieder in diesem Zusammenhang. Für mich war immer beeindruckend zu sehen, die Würde der Opfer, wie sie mit dem Verlust von Menschenleben, von einem Familienangehörigen, mit dem Verlust des Hab und Guts, des Arbeitsplatzes umgehen können, wie sie Würde zeigen und wie sie sich trotzdem einsetzen. Wenn ich sehe, wie sich Behördenmitglieder, die ihre Angehörigen verloren haben oder nicht wissen, ob sie nach einem Erdbeben noch leben, sich trotzdem für die Allgemeinheit einsetzen, das ist beachtlich und beeindruckend. Das ist etwas, was mich am nachhaltigsten berührt.
Letztlich sind es diese menschlichen Erlebnisse, die einem bleiben. Wir kommen von aussen und können ihre Probleme nicht lösen, aber wir können Hilfestellung geben, Unterstützung und Ideen bringen, aber lösen müssen sie ihre Probleme selbst. Wir können ihnen vor Ort Mut durch unsere Präsenz geben und uns mit ihnen solidarisch zeigen. Wenn das Haus brennt und der Nachbar kommt mit leeren Händen, er kann nicht direkt helfen, aber er kommt; dieser Umstand, dass er da ist, darf nicht unterschätzt werden. So ist nur schon unsere Anwesenheit vor Ort entscheidend wichtig. Auch jetzt in Japan war das ganz wichtig. Die Manifestation der internationalen Solidarität. Dass wir trotz der Gefahren aus den Atomkraftwerken nicht einfach alles haben stehenlassen, war richtig.
Können Sie sagen, wie viele Einsätze Sie geleitet haben?
Man muss das etwas differenziert beantworten. Zum Beispiel Noteinsätze, wie beim Erdbeben 1986 in El Salvador oder in Mexiko, in Algerien, in Indien, dort habe ich Nothilfe und Rettungsaktionen selbst geleitet. Ich habe natürlich unheimlich viel Abklärungs- und Feldbesuche geleistet. Insgesamt waren das in 30 Jahren Tätigkeit mehrere hundert. Ich war dort vor Ort, habe die Delegationen geführt. Ich habe mehrere internationale Gremien geleitet. So gesehen ist das Wort Einsatz etwas schwierig zu definieren. Es waren 80 bis 100 Länder, in denen ich vor Ort tätig war und Hunderte von Aktionen.
Welche Rolle spielte bei alldem Engagement und dem doch häufig auch unruhigen Leben ihre Familie?
Der Rückhalt in der Familie war entscheidend, vorbehaltlos. Meine Frau ist selbst Mitglied des SKH, sie hat mich damals mit zwei kleinen Kindern nach Guatemala begleitet. Ich war dort für ein Jahr Projektleiter. Sie ist mir dann nach zwei Monaten mit den beiden Kleinen nachgereist. Sie selbst war 30 Jahre auf der Intensivstation im Spital in Bern tätig. Sie war dort natürlich auch sehr stark mit Fragen von Leben, Überleben und Tod konfrontiert. Ihre Unterstützung war vorbehaltlos, und das hat mir das Leben sehr erleichtert.
Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Dass die Unterstützung von der Bevölkerung und dem Parlament erhalten bleibt. Man hat jetzt die Hilfe auf 0,5% [vom Bruttosozialprodukt] erhöht, aber auch die Rückmeldungen, die ich immer wieder von Parlamentariern bekommen habe, bestätigen eigentlich diese Unterstützung. Aber auch, dass uns die vorgesetzten Instanzen im Departement und in der Deza weiterhin die Möglichkeiten geben, unser Mandat bestmöglich zu erfüllen. Ich wünsche ihm, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin voll engagiert sind, dass sie sich mit Flexibilität und Verantwortungsbewusstsein für die gute Sache einsetzen, damit wir denjenigen helfen können, die es am dringendsten brauchen, nämlich die Bedürftigsten in Krisen, die Verwundbarsten, das scheint mir das Wichtigste zu sein.
Wenn ich noch etwas Persönliches anfügen darf. Mir ist es ein Anliegen zu sagen, dass man als Schweizer, als Nichtbeteiligter, auch als Politiker oder als Journalist Verständnis für betroffene Länder haben sollte. Man ist manchmal ein bisschen schnell mit Kritik zur Hand. Und wenn man sich vorstellt, was es bedeutet, eben auch in Haiti mit 220 000 Toten, 300 000 Verletzten. In einem Land, in dem die Leute auch schon vorher chancenlos waren, keine Perspektive hatten, sich aber gleichzeitig einsetzen, um ihr Los zu verbessern; und zu wissen, es war das ärmste Land schon vor der Katastrophe und was dann alles zerstört wurde, dann sollte man nicht vorschnell in seinem Urteil sein. Es wird mindestens eine Generation gehen, bis sie wieder auf dem Niveau von vor dem Erdbeben sein werden. Der Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Haiti 2010, nach der Überschwemmung in Pakistan 2010, nach dem Erdbeben in Pakistan 2005, das dauert 20 Jahre. Das ist gewaltig, das unterschätzt man einfach. Man vergisst sehr, sehr schnell. Das gilt auch für vergessene Konflikte wie zum Beispiel im Sudan, in Darfur. Konflikte, die in Vergessenheit geraten, auch dafür müssen wir uns engagieren. Und dass man dafür die entschlossene Unterstützung hat.
Herr Frisch, herzlichen Dank für das offene Gespräch.
Toni Frisch, geboren 1946 und heimatberechtigt in BieI-Bözingen BE und Stettfurt TG, lebt in Köniz BE. Dipl. Bauingenieur FH/SIA, Spezialgebiet Wasser Abwassertechnik. 1972 bis 1979 Projektleiter in einem international tätigen Ingenieurbüro in der Privatwirtschaft; verantwortlich für Planungsaufgaben sowie regionale Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudien. 1977 nach Erdbeben erster Einsatz als Angehöriger des SKH in Guatemala: 1978 – 1979 Leiter des Wiederaufbauprojektes von Bund und Hilfswerken. 1980 Eintritt in das EDA; bis 1986 Einsatzkoordinator des SKH. 1987 Stellvertretender Leiter des Bereiches Humanitäre Hilfe und SKH. Im Militär Offizierslaufbahn bis zum Oberst, heute im Stab des C.d. Armee. Von 1998– 2003 Präsident der SVP Köniz. Heute Mitglied der BDP. Ab 2001 Vizedirektor in der DEZA mit Titel Delegierter für Humanitäre Hilfe. Gleichzeitig Chef des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH). Im Jahre 2008 ernannt zum Botschafter und Stellvertretenden Direktor der DEZA.
Toni Frisch ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes und einer erwachsenen Tochter.
thk. In China wurden während zehn Jahren Schweizer Experten vom Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) eingesetzt, die gemeinsam mit der Humanitären Hilfe des Bundes und der Uno Rettungsteams aufgebaut haben. Das Rettungsteam ist Ende 2009 klassifiziert worden und hat den internationalen Standard, der für Rettungsteams gefordert wird, erreicht. China plant jetzt nach diesem Vorbild weitere Rettungsteams in den Provinzen aufzubauen, um dann in einer Grosskatastrophe möglichst autonom reagieren zu können.
thk. Letztes Jahr wurde Pakistan von einer verheerenden Überschwemmungskatastrophe heimgesucht. Mehr als ein Fünftel des Landes stand unter Wasser. Millionen von Menschen waren davon betroffen. Die Schweiz leistete zum einen Soforthilfe, ist aber auch jetzt mit langfristigen Wiederaufbauprojekten beteiligt. Sowohl die pakistanische Botschafterin in der Schweiz als auch ein direkt Betroffener aus dem pakistanischen Swat-Tal waren Gäste an der Jahrestagung der Humanitären Hilfe des Bundes. Die enge Zusammenarbeit mit der pakistanischen Botschaft in der Schweiz hat es ermöglicht, dass die Schweizer Hilfe effektiv und rasch zum Tragen kam. Die Botschafterin würdigte das Engagement der Schweiz und die Tatsache, in unserem Land einen verlässlichen Partner zu haben. Der Vertreter der pakistanischen Bevölkerung arbeitet dort als Leiter im Büro für Intercooperation im Swat-Tal. Dieses Büro ist der direkte Ansprechpartner der Deza. Er berichtete über die gefährliche Situation, im umkämpften Swat-Tal zwischen die Fronten zu geraten, und über die verheerenden Zerstörungen, die durch die Überschwemmungen entstanden sind. Er verliess wie viele andere auch mit seiner Familie das Swat-Tal, um den Kämpfen und der Brutalität zu entfliehen. Besonders problematisch war neben der humanitären Lage, dass die Kinder nicht mehr zur Schule gehen konnten, weil durch die Überschwemmungen sehr viele Schulhäuser zerstört wurden und die Taliban, die im Swat-Tal sehr aktiv waren, den Aufbau der Schulen verhindern wollten. Ein wichtiger stabilisierender Faktor war die Hilfe aus dem Ausland, besonders auch aus der Schweiz. Die Schweiz ist mit mehreren Projekten am Aufbau von Schulen beteiligt, damit die Kinder so schnell wie möglich wieder lernen können. Die Dankbarkeit der betroffenen Bevölkerung ist ihr sicher.
thk. Im Herbst 1986 erschütterte ein schweres Erdbeben, Stärke 7,6 auf der Richterskala, den mittelamerikanischen Kleinstaat El Salvador und Teile Guatemalas. Über 1000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Vor Ort war ein Rettungsteam aus der Schweiz unter der Leitung von Toni Frisch. Ausgerüstet mit technischem Gerät (z.B. Betonfräsen, Presslufthämmern usw.) und Suchhunden, versuchte man zu retten, was möglich war. Unter einem riesigen Berg von Trümmern vermuteten Toni Frisch und sein Team Überlebende. Es war bereits mehrere Tage nach dem Erdbeben und die Chance, Lebende zu retten, sank stündlich. Dank des hohen Grades an Verantwortungsbewusstsein und der unerschütterlichen Einstellung, Menschenleben retten zu wollen, setzte das hoch motivierte Team unter der Leitung von Toni Frisch die Rettungsaktion fort. Und ihre innere Überzeugung sollte ihnen Recht geben. Sie stiessen zu den Verschütteten vor und konnten zwei Menschen retten, die 70 Stunden unter den Trümmern ausgeharrt hatten. Eine der Geretteten war die damals 18jährige Mariesol, die mit ihrem heute 18jährigen Sohn als besonderer Gast an der Jahrestagung der Humanitären Hilfe des Bundes in Bern anwesend war und zusammen mit ihrem Sohn über das Vergangene und ihre Zukunft sprach.
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