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2. Kapitel / Teil 4
Werner Zurfluh

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2.4. Gleichgültigkeit und ein neuer Anfang
Am 1. Januar 1976 hatte ich mir vorgenommen, in der Nacht einen Austrittsversuch zu machen. Als es soweit war und ich nach Mitternacht erwachte, lag ich da und konnte mich nicht dazu aufraffen:
2. Januar 1976
Ich überlege mir nochmals, ob es nicht geschickter wäre, vom luziden Traum auszugehen und die Kontinuität des Ichs von dieser Seite her auszudehnen. Mit der Zeit würde dann vom Alltag und vom 'Traum' her von selbst eine Verbindung entstehen. Aber mache ich mir da nicht etwas vor? Noch stehe ich am Anfang und weiß kaum etwas über die Außerkörperlichkeit - im Gegenteil, ich habe Widerstände dagegen entwickelt, die mich daran hindern, die Versuche weiterzuführen. Alles ist viel zu kompliziert, und nirgends zeigt sich ein Lichtstreifen. Woher soll ich wissen, daß ich nicht prinzipielle Fehler mache? Ich muß jedoch zugeben, daß meine Zweifel weder erkenntnistheoretischer Art noch wissenskritisch begründbar sind. Sie erweisen sich bei näherer Betrachtung nur als Bestandteil einer Abwehrstrategie, die ihren Ursprung in einer gewissen Verdrießlichkeit hat Am liebsten würde ich den ganzen Bettel hinschmeißen und vor allem die Außerkörperlichkeit auf sich beruhen lassen. Dann hätte ich allerdings meine Haltung mir selbst gegenüber als Gelassenheit ausgeben müssen, obwohl sie nur eine Form der Gleichgültigkeit und eine Abart der Faulheit darstellte.
Noch in derselben Nacht träumte ich von einem besonderen Gegenstand und von der Notwendigkeit der Entwicklung einer angemessenen Gefühlsbeziehung zu demselben. Dieses nächtliche Ereignis faßte ich als eine Art Mahnung auf, die einmal begonnene Sache weiterzuführen. Zwei Tage später wurde ich nochmals aufgefordert, unbedingt weiterzumachen, denn es wurden mir im Traum wertvollste Erbstücke überlassen, die ich teilweise in den Alltag mit hinüberzunehmen hatte. Im gleichen Traum ging es auch um die Problematik des Schicksalsbrunnens, der Zusammensetzung von Teilen zu einem Ganzen, der Leuchtkraft von Edelsteinen und der Erlösung einer verkrüppelten Frau. Als ich aus diesem nächtlichen Geschehen erwachte, geschah folgendes: (Inhalt)
4. Januar 1976
Diesen Traum will ich unbedingt notieren und nicht bis zum Morgen warten, weil ich bis dann zuviel vergessen könnte. Ich drehe mich auf die linke Seite, nehme den Bleistift in die Hand und beginne zu schreiben. Um das Geschehene später noch detaillierter ins Gedächtnis zurückrufen zu können, mache ich eine saubere Gliederung der einzelnen Abschnitte des Traumes. Es dauert mindestens zwanzig Minuten, bis ich die wichtigsten Ereignisse festgehalten habe. Nun liegt ein deutlich gegliederter Text vor, der mir als Grundlage für die ausführlicheren Notizen dienen wird, die ich dann mit Schreibmaschine tippen werde. Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden, drehe mich wieder auf den Rücken und schlafe bald darauf ein. - Am nächsten Morgen stehe ich auf und lege das Notizpapier auf den Schreibtisch. Auf der Vorderseite ist das Blatt leer. Ich stutze und schaue auf der Rückseite nach. Es ist nicht zu fassen, auch hier steht nichts geschrieben. Vielleicht habe ich das falsche Blatt erwischt. Aber neben dem Bett und unter der Matratze ist nichts zu finden. «Aha!» denke ich, «auch eine Art, den außerkörperlichen Zustand zu nutzen» und komme mir ein bißchen veräppelt vor.
Dieses falsche Aufwachen zeigte mir von neuem, daß ich vor allem mir selbst gegenüber mißtrauisch sein mußte. Es genügte eben manchmal nicht, nur bewußtseinskontinuierlich zu sein, vor allem nicht in meinem Fall. Zustandskontrollen waren unvermeidlich. - Vom Traum hatte ich wenigstens noch genug im Gedächtnis behalten, um ziemlich viel aufschreiben zu können. Das Notieren im außerkörperlichen Zustand hatte sich zwar als vergebliche Mühe erwiesen, aber irgendwie half es mir doch, das Traumgeschehen in den Alltag hinüberzuretten. Außerkörperlichkeit als Bindeglied zweier verschiedener Erlebniswelten - hier hatte ich eine Antwort auf meine Zweifel. (Inhalt)
14. Januar 1976
Nach dem Aufwachen um vier Uhr morgens versuche ich mich abzulösen, schlafe aber während der Entspannungsphase ein. - Ich erwache wieder. Es ist taghell, höchste Zeit zum Aufstehen! Ich beeile mich derart, daß ich die Mauer aus Kissen neben dem Bett umstoße. Irgend etwas macht mich jedoch mißtrauisch - und schon werde ich abrupt in den im Bett liegenden Körper zurückgezogen. Dieses Ereignis stimmt mich ein wenig nachdenklich. Der außerkörperliche Zustand bzw. die Ablösung scheint für mich etwas zu selbstverständlich zu werden. Nachlässigkeit und Leichtfertigkeit könnten aber fatale Auswirkungen haben. Ohne eiserne Disziplin wird es noch mehr Täuschungen geben. Das Umstürzen der Kissenmauer hätte eigentlich ein untrügliches Zeichen dafür sein sollen, daß ich mich im materiellen Körper auf der Alltagsebene befand. Aber dem ist nicht so gewesen! Deshalb werde ich in Zukunft mehrere Zustandskontrollen zu machen haben, außerkörperlich und innerkörperlich.
Trotz allem möchte ich nochmals einen Austritt in die Wege leiten. Schon nach kurzer Zeit gelingt die Ablösung. Es ist dunkel, und ich spüre gut, wie mein Zweitkörper die Kissen und später einen Stuhl durchdringt. Nur das Glas der Verandatür erweist sich als zähe Masse. Ich muß drücken und stoßen, um durchzukommen. Wie ein aufgeplatzter, dickwandiger und äußerst elastischer Ballon gleitet das 'GIas' um meinen Zweitkörper herum und schließt sich hinter mir wieder zu einer kompakten Fläche. Merkwürdig! Dann kehre ich wieder um.
Ich mußte noch vorsichtiger und vor allem disziplinierter werden, denn ich schien einen kritischen Punkt erreicht zu haben. Unter keinen Umständen durfte meine Aufmerksamkeit nachlassen. Doch manches war leichter gedacht als getan. Es gab noch einige Voraussetzungen zu erfüllen, um die Schwelle vom Anfänger zum Fortgeschrittenen überschreiten zu können. (Inhalt)
19. Januar 1976
Nachdem ich zu Bett gegangen bin, entspanne ich mich bewußt mit dem Ziel einer Ablösung. Als der Austritt zum ersten Mal gelingt, täusche ich mich in bezug auf meinen Zustand, d.h., ich meine, mit dem materiellen Körper aufgestanden zu sein, und kehre wieder ins Bett zurück, um erst beim Hinlegen zu merken, daß es doch der Zweitkörper gewesen ist, mit dem ich ausgestiegen bin. Nun, das spielt keine Rolle, habe ich mir doch vorgenommen, lieber zu vorsichtig zu sein als ein einziges Mal zu leichtsinnig. Auch die nächsten Versuche sind mit vielen Täuschungen verbunden, so daß ich - sicherheitshalber - stets wieder zurückkehre. Immerhin kann ich diese Austritte (etwa ein Dutzend) aus den verschiedensten Körperlagen heraus machen und damit klar aufzeigen, daß die Stellung des physischen Leibes nebensächlich ist. Die Ablösung gelingt aus der Seiten-, Bauch- und Rückenlage, und zwar auf alle Arten: durch Abrollen, Hochstemmen und Aufrichten des Zweitkörpers.
Schließlich kommt es zu einem Austritt, bei dem meines Erachtens alles optimal gelingt Täuschungen treten keine auf. Ich bin mir meines Zustandes ganz sicher und fühle mich in bezug auf die Kontinuität des Ich-Bewußtseins völlig stabil. Ich glaube es sogar wagen zu können, meinen schlafenden Körper zu betrachten, denn vom Materiellen geht dieses Mal keine Sogwirkung aus. Nach dem Umdrehen blicke ich auf meinen Leib hinunter. Da liegt er und ist wegen der Dunkelheit nur in seinen Umrissen unter der Decke zu sehen. Kopf und Schultern heben sich etwas deutlicher ab, da sie nicht zugedeckt sind. Als nächstes betrachte ich die dunkel vom Hintergrund sich abhebende Silhouette meiner Frau. Dann gehe ich zum Fenster und drehe mich nochmals um, weil hinter mir etwas geschehen ist, das ich als subtilen Anstoß wahrnehme.
Meine Frau hat sich von ihrem Körper abgelöst und steht auf dem Teppich neben dem Bett. Ihr nackter Leib leuchtet von innen heraus in einer rötlich-gelben Farbe. Das Licht bildet auf der Hautoberfläche einen pulsierenden Film, der die nähere Umgebung schwach und ziemlich den Körperkonturen folgend erhellt. Meine Gattin scheint kaum in der Lage, sich weiter von ihrem schlafenden Körper wegzubewegen. Ich gehe schnell zu ihr hin und trage sie aus dem für sie wahrscheinlich stärksten Sogbereich hinaus. Ihr wunderschönes, ätherisches Gesicht macht einen müden Eindruck. Ich merke, daß sie sich ihres Zustandes kaum bewußt ist, aber meine Nähe fühlt und darauf reagiert - und zwar ganz aus ihrem Gefühl heraus. Wir umarmen uns, wobei die Innigkeit wegen der besonderen Beschaffenheit unserer Zweitkörper eine Vollkommenheit erreicht, die auf der materiellen Ebene wegen der durch den physischen Körper auferlegten Begrenztheit niemals Ereignis werden könnte - es sei denn, bei der körperlichen Vereinigung käme es gleichzeitig zu einem Teilaustritt der Zweitkörper. Wir sind nämlich im außerkörperlichen Zustand in der Lage, die äußere 'Hautschicht' ineinanderfließen zu lassen und uns vor allem - ungehindert durch die physische Hülle - mit der Ausstrahlung unseres Wesens zu durchtränken.
Auf die Frage an meine Frau, ob sie mit mir im außerkörperlichen Zustand eine andere Welt besuchen möchte, antwortet sie mit einem Gefühlsausdruck, der besagen will, daß sie sich zu müde fühle. Ich blicke ihr nach, wie sie schwerelos auf einer sanft geschwungenen Flugbahn in den schlafenden Körper zurückkehrt und mit diesem verschmilzt, worauf das Leuchten wieder verschwindet. Nur noch um mich herum glüht eine kaum wahrnehmbare Lichtaura, deren Intensität aber nicht ausgereicht hätte, um ohne weiteres auf sie aufmerksam zu werden. Jetzt achte ich darauf, weil ich es zuvor bei meiner Frau gesehen habe.
Ich gehe nun zum Fenster und glaube, von neuem Schwierigkeiten mit dem Sehen zu haben, da alles dunkel bleibt und kaum Umrisse zu erkennen sind.
«Was ist mit den Astralfarben, von denen gewisse Autoren schreiben», frage ich mich.
Beim Durchqueren der Fensterscheibe muß ich wie bei anderen Austritten ziemlich drücken und stoßen, bis ich endlich Kopf und Rumpf draußen habe. Eine Katze huscht aufgeschreckt unter mir durch, rennt der Wand entlang und springt wie vom Teufel gehetzt in den Garten hinaus. Ob sie mich gesehen hat? Bei Muldoon oder einem anderen Autor habe ich einmal gelesen, daß Tiere den Zweitkörper sehen können. (Anm.1) Ohne Kenntnis dieser Besonderheit wäre ich nicht nur überrascht gewesen, sondern zutiefst erschrocken - und zurückgeprallt (in den physischen Körper hinein).
Dann springe ich auf die Veranda hinaus und bleibe auf den Steinplatten des Gartenvorplatzes stehen.
Als nächstes will ich den Versuch wiederholen, von dem Castaneda geschrieben hat: «Im Traum die Hände ansehen.» (Anm.2)
Ich halte beide Hände etwa dreißig Zentimeter vor mein Gesicht, wende sie hin und her und betrachte sie ganz genau, ohne ein einziges Mal den Blick abzuwenden. Sie verändern sich nicht, und ich kann den Anblick meiner Hände zeitlich beliebig ausdehnen und jeden Finger nach eigenem Ermessen bewegen. Ich freue mich darüber und beende den Versuch, um mit einem anderen Experiment fortzufahren. Ich möchte die Reaktionen meiner Umgebung auf ganz bestimmte Schwingungen testen und rufe laut in die Dunkelheit hinaus: «Om mani padme hum!» Ein bißchen hoffe ich, daß mein Ruf von jemandem gehört wird, der mir im außerkörperlichen Zustand weiterhelfen könnte. Doch nichts geschieht, die Schwingungen dieses Mantras verhallen langsam in der Ferne. Nach einer Weile wird es schlagartig hell - ohne den geringsten Übergang in Form einer noch so kurzen Dämmerung.
Um mich herum leuchten die schönsten Farben. Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume erstrahlen in einer ergreifenden Intensität und Buntheit. Ihr Wesen dringt in mich ein und erfüllt mich mit Freude. Ich schaue einmal dahin und dann wieder dorthin, verweile einmal bei einer Blüte, ein andermal bei der Gestalt eines Busches - und kann kaum genug bekommen von der Schönheit der Pflanzen und der Pracht der Vögel und Insekten, der Reinheit der Luft und der Großartigkeit der hügeligen Landschaft. Vieles gleicht dem, was mir vom Alltag her bekannt ist. Doch hier ist nicht nur alles vielfältiger, üppiger, lebendiger und ausdrucksvoller, es ist auch anders, nämlich fremd: eine Welt, die fern von der Alltagswelt existiert, eine Ebene für sich, nicht einfach eine Extrapolation des Irdischen, eine übersteigerte Form, ein Mehr-Desselben, sondern etwas Eigenständiges, Ganz-Anderes, eine Neuschöpfung und Weiterentwicklung, die vom Menschen unabhängig geworden ist.
Die Wirklichkeit, die ich hier erlebe, ist mir gegenüber indifferent. Ich kann sie nicht willkürlich verändern nur einfach dadurch, daß ich sie anschaue und gewissermaßen telekinetisch beeinflusse. Ich müßte - wie im materiellen Bereich - 'herangehen und die Sache anpacken', wenn ich etwas anders haben wollte. Doch vorerst genügt es mir, einfach hinzuschauen und nochmals zu schauen. Ich lasse die Harmonie der Geräusche und die Sanftheit der Düfte auf mich einwirken - im vollen Bewußtsein meines Zustandes! Dies alles bewußt erleben und erkennen zu können, daß diese Welt im wahrsten Sinne des Wortes jenseits meines Vorstellungsvermögens, meiner Phantasie und meiner sonstigen Fähigkeiten liegt, dies ist für mich ein wunderbares Geschenk. Es ist etwas, was mir die Gewißheit gibt, auf dem richtigen Weg zu sein. Es läßt mich alle Mühen vergessen, gibt mir Mut für die Zukunft und motiviert mich auf dem Weg der Kontinuität, der mich zu dieser außerkörperlichen Erfahrung geführt hat.
Nun fliege ich wie eine Lerche hinauf in den Himmel, um alles nochmals von oben zu betrachten. Ich schwebe etwa hundert Meter über dem Boden und schaue hinunter, ohne Hast, zufrieden über das Erreichte, glücklich und dennoch aufmerksam. Nichts verändert sich, auch wenn ich es noch so konzentriert betrachte.
Und je höher ich steige, desto umfassender wird die Fernsicht. Kilometerweit erstreckt sich die zu einem Märchenland gewordene irdische Realität - Allschwil, Basel, Hegenheim, das Sundgauer Hügelland -, als wäre dies alles das innere, strahlende Wesen dieser Alltagszonen und dennoch etwas Ganz-Anderes, dessen Schattenseiten ich vorerst noch nicht kenne. ...
Wird die Ablösung nicht bewußt herbeigeführt, dann ist relativ häufig ein übergangsloser ('spontaner') Austritt zu beobachten: Man geht zu Bett, schläft ein und erwacht wieder - aber im außerkörperlichen Zustand. Verfügt nun das Ich über eine gewisse Erfahrung, wird es entweder sofort oder spätestens nach einer Zustandskontrolle die Gewißheit haben, ob es tatsächlich ausgetreten ist. Anfänger haben dagegen eher die Tendenz, sich täuschen zu lassen oder sogar ziemlich zu erschrecken, worauf sie unweigerlich wieder in den schlafenden Körper zurückfallen oder in einen Traum eintauchen. Falls weder das eine noch das andere geschieht, kommt es oft zu einer panikartigen Reaktion des sich selbst bewußten Ichs, das sich total verwirrt fühlt - vor allem, wenn das Erlebnis als außer-ordentlich aufgefaßt wird und überhaupt keine Möglichkeit besteht, es in einen bekannten Rahmen einzuordnen.
Bei einem übergangslosen Austritt hat das Ich keine stetigen Empfindungen. Es erlebt die Ablösung also nicht als kontinuierlichen Vorgang, sondern weiß nur, daß es ein 'Blackout' von unterschiedlicher und erst im nachhinein bestimmbarer Zeitdauer gehabt hat - und nun plötzlich auf einer anderen Ereignisebene existiert bzw. außerkörperlich ist. Ein Beispiel für diese Art der Ablösung ist die Erfahrung vom 3. Mai 1976, die ich später erzählen werde. (Anm.3) (Inhalt)
27. Juli 1976
Heute abend (am 26. Juli 1976) will ich wieder einmal eine Ablösung induzieren. Vor dem Einschlafen schaue ich noch - vom Bett aus - die TV-Übertragung der Olympischen Spiele an, als letztes den Lauf über 10'000 Meter, bei dem meine Sympathien vor allem den finnischen Läufern gelten. Ein Finne gewinnt! Dann schalte ich ab und gehe direkt in die Konzentrationsphase über, weil der Körper durch das lange Liegen schon genug entspannt und kaum mehr zu spüren ist.
Mehrere Male ertappe ich mich als Zuschauer eines Laufwettbewerbs und wundere mich, wie stark die Bilder nachwirken und alles andere überdecken. Dies bringt mich auf die Idee, daß gerade das konzentrierte Betrachten von Bildern kurz vor dem Einschlafen für spezifische Experimente hilfreich sein könnte. In jedem Falle wird das zuletzt Gesehene oder das, womit man sich tagsüber am intensivsten beschäftigt hat, in der Übergangsphase vom Wachen zum Schlafen wiedererstehen und möglicherweise alle anderen Absichten des Ichs zunichte machen. Diese Überlegungen verhindern ein Absinken meines Ich-Bewußtseins und ein Verschmelzen mit dem Laufgeschehen, dem 'fesselnden Nachhall' des vorher Betrachteten. Ich muß darüber nachdenken und eine kritische Distanz gewinnen, sonst würde meine Luzidität verlorengehen.
Ich widerstehe also dem Sog der Bilder und gerate langsam - wenn auch mit großer Mühe und hohem Energieaufwand - in einen ablösungsgünstigen Zustand. Dabei fällt mir auf, daß ich zu träumen beginne. Es ist ein Traum, bei dem sich Trauminhalt und Wirklichkeit beinahe vollständig decken. Ich träume nämlich, ich sei am Einschlafen und würde eine Ablösung versuchen. Die beiden Ereignisebenen schwingen hin und her, wobei mein Ich-Bewußtsein eine aussteuernde Funktion hat und es ganz von ihm abhängt, welches Geschehen stärker zum Zuge kommt. Es gelingt mir sogar, die Traumphase als Verstärkung der anderen zu nutzen, muß aber höllisch aufpassen, nicht in den Traum abzugleiten. Bei diesem ereignis- und bewußtseinsmäßigen Schwingen lockert sich die Verbindung des Zweitkörpers zum physischen Leib spürbar. Ich will die Füße ablösen, was jedoch nicht so leicht zu bewerkstelligen ist, weshalb ich es mit dem Kopf versuche. Dieser läßt sich ziemlich gut ausklinken.
Nun stoppe ich die Traumphase, weil sie nicht weiterhilft, und drehe den Kopf des physischen Körpers rhythmisch nach links und rechts (etwa einmal pro Sekunde). Aufgrund der schon weit fortgeschrittenen Lockerung des Zweitkörpers bleibt der Kopf des 'feinstofflichen' Leibes wegen seiner 'Trägheit' hinter den Bewegungen des 'irdischen' Kopfes zurück. Immer in der Mitte des Bewegungsablaufes, der in Rückenlage durchgeführt wird, verschmelzen die beiden unterschiedlichen Körper wieder. Bei jeder Periode wiederholt sich dieser Vorgang der Ablösung und Verschmelzung, was schon von der Doppel-Einfach-Wahrnehmung her eine faszinierende Angelegenheit ist. Nachdem ich diesen Prozeß stabilisiert und optimiert habe, gehe ich daran, mich auf den definitiven Ausklinkmoment vorzubereiten. Der Austritt soll erfolgen, wenn die Winkeldistanz der beiden Köpfe 45 Grad beträgt, weil sie dann am weitesten voneinander entfernt sind. Da ich sowohl den physischen wie den 'feinstofflichen' Kopf spüre (wie man sich gleichzeitig beider Hände bewußt sein kann), fällt es mir nicht schwer, die Bewegung des physischen Kopfes brüsk auf der Seite abzubremsen und gleichzeitig ruckartig den Kopf des Zweitkörpers und mit ihm den Rest des 'immateriellen' Leibes hochzunehmen bzw. austreten zu lassen. Meine Aufmerksamkeit verlagere ich dabei - ohne Eile - vollständig auf den abgelösten Körper, mit dem ich nun einige Zentimeter über dem regungslos schlafenden Körper schwebe.
Sicherheitshalber verändere ich die Lage des Zweitkörpers nicht. Ich belasse den 'Astralleib' in der Horizontalen und stabilisiere nochmals mein Ich-Bewußtsein, bis ich mir meiner Kontinuität gewiß bin. Dies dauert eine ganze Weile, weil der Austritt doch ziemlich 'auf-regend' gewesen ist Dann teste ich das Flugvermögen in horizontaler Lage und gebe in Gedanken den Impuls zum Hochfliegen. Nach ca. einem Meter bremse ich ab und kontrolliere nochmals meine Ich-Stabilität und danach meine genaue Position im Zimmer. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden und schwebe wieder hinunter - ohne in den schlafenden Körper einzutauchen. Dieses Flugmanöver wiederhole ich während einiger Minuten (wenigstens scheint es mir so, als wären es ein paar Minuten gewesen). Nun ändere ich die Lage meines Zweitkörpers, ich sitze auf und fliege anschließend in dieser Position auf und ab, was wesentlich einfacher geht. ... (Inhalt)
31. Juli 1976
Nach einem wunderbaren und beeindruckenden präluziden Traum setze ich mich an ein kleines Tischchen, schreibe fein säuberlich von Hand einige Stichworte auf und skizziere die im Traum gesehenen Teiche, das wurmartige Menschengeschöpf und die sprechende Riesenkrake. Einerseits genügen mir ein paar Zeilen, um den betreffenden Traum wieder vollständig ins Gedächtnis zurückrufen zu können, und andererseits werden die Zeichnungen am genauesten, wenn ich sie sofort nach dem Ende des Traumes anfertige, weil dann die Bilder noch nicht verblaßt sind.
Aber irgend etwas stimmt nicht. Es ist nicht so, wie es sein sollte und wie ich es gewohnt bin. Nicht die fehlende Schreibmaschine auf dem Tischchen macht mich stutzig, sondern die Tatsache, daß ich an diesem Ort sitze und mir gerade hier Traumnotizen mache. So etwas ist noch niemals geschehen. Da erinnere ich mich blitzartig daran, schon oft - gerade beim Aufschreiben wichtiger Traumerfahrungen - getäuscht worden zu sein. Nun schaue ich mir meine Umgebung etwas genauer an. Erst jetzt fällt mir auf, daß sie in gewissen Einzelheiten vom Alltäglichen abweicht. Es sind nur minimale Unterschiede, etwa der Aufbau des Tischchens, die Anordnung der Bücher oder die Farben der Gegenstände. Oberflächlich betrachtet, handelt es sich um unwesentliche und unauffällige Abweichungen. Für die Bestimmung meines Zustandes jedoch sind sie von ausschlaggebender Bedeutung, denn bewußtseinsmäßig und vom Gefühl der Ich-ldentität her besteht nicht der geringste Kontrast zum Alltag. Nach einer ersten Orientierung identifiziere ich meinen Zustand als außerkörperlich und bin mir sicher, nicht auf der physischen Ebene zu sein. Meine Verblüffung über die perfekte und beinahe gelungene Täuschung könnte nicht größer sein. Eine Verwechslung mit dem Alltag wäre aber einzig darin begründet, daß ich mich selbst als 'absolut' dieselbe Person wie tagsüber fühle.
Kopfschüttelnd und mit dem sauren Lächeln des beinahe Übertölpelten überlege ich mir das weitere Vorgehen. Was soll ich tun? Die Außerkörperlichkeit trifft mich völlig unvorbereitet. Ich werde mich ein bißchen im Fliegen üben. ... (Inhalt)
6. August 1976
Vor dem Zu-Bett-Gehen bedenke ich in der ungewohnten Ferienumgebung das Vorgehen nach einem eventuellen Austritt: Zuerst werde ich mich im Zimmer umsehen, dann durch das Fenster hindurch auf die Straße hinunterfliegen - und sonst keine Experimente machen. Ich will nur die Umgebung genau beobachten.
Mitten in der Nacht erwache ich und merke, daß eine Ablösung ohne weitere Vorbereitungen möglich ist. Sogleich rolle ich mit dem Zweitkörper seitlich aus dem Bett, stehe auf und schaue mich programmgemäß als erstes im Zimmer um. Vom Aussehen her scheint alles ziemlich genau der materiellen Alltagsebene zu entsprechen. Nur in bezug auf die Farben gibt es wesentliche Unterschiede, denn ihre Intensität, Sattheit, Leuchtkraft und Vielfältigkeit übertreffen die andere, alltägliche Wirklichkeit bei weitem. Mehrere Gegenstände betrachte ich aus der Nähe, wobei mir die Klarheit der Oberflächenstruktur, die Sauberkeit der Verarbeitung und die Ästhetik der Musterungen auffällt. Es sind 'ideale' Stücke, die einen über-realen Eindruck machen. Ihre 'Abbilder' auf der Ebene des Alltags erscheinen im Vergleich wie Schatten, wie getrübte und verstaubte Zerrbilder, die von einem schlechten Spiegel wiedergegeben werden.
Überraschend ist ferner die Tatsache, daß mein Gesichtsfeld keinerlei unscharfe Randzonen mehr aufweist. Auch das Ich-Bewußtsein mit seinen kognitiven und emotionalen Funktionen ist klarer, leichter und vor allem luzider - als wären die trägen Fesseln des Alltags von mir abgefallen. Alle Schwerfälligkeiten sind verschwunden.
Im Zimmer gibt es mit der Zeit nichts mehr, was noch zu untersuchen wäre. Nun führe ich den zweiten Teil meines Vorhabens aus und gehe zum Fenster, durchdringe problemlos das Glas und fliege auf die Straße hinunter. In der Nähe des Hotels auf der gegenüberliegenden Seite fällt mir eine Plakatsäule auf. Ich denke, daß es nichts schaden kann, einen der Anschläge zu lesen und sogar zu versuchen, den Text auswendig zu lernen. - Es ist zwar leicht, die Schrift zu lesen und den Wortsinn zu verstehen, aber es ist unmöglich, auch nur ein einziges Wort im Gedächtnis zu behalten, obwohl ich das Ganze mindestens ein Dutzend mal lese. Schließlich läßt meine Konzentration nach, ich werde müde und spüre, wie es mich in den schlafenden Körper zurückzuziehen beginnt. Einen Augenblick später bin ich wieder im Bett.
Die Nachprüfung ergab, daß die Gegenstände im Zimmer den im außerkörperlichen Zustand gesehenen - mit den oben erwähnten Unterschieden - entsprachen. In der Nähe des Hotels gab es jedoch keine Litfaßsäule. Beim Suchen erinnerte ich mich, daß genau an der Stelle, wo ich die Säule außerkörperlich gesehen hatte, früher einmal ein Betonzylinder des Elektrizitätswerkes oder der Post (Telefonumschaltzentrale) gestanden hat. Oder wenigstens glaubte ich, daß dem so gewesen sein könnte - ohne der Sache weiter nachzugehen. (Inhalt)
2.5. Wege, die in die Irre führen
Eine Erfahrung wie z.B. die in Aarau vom 26. Juli 1970 bestätigte mir, daß ich immer noch fähig war, ohne Verlust der Ich-Identität und der Bewußtseins-Kontinuität außerhalb des schlafenden Körpers zu existieren. Das Erlebnis half mir, in einer Richtung weiterzuforschen, die mich - zu meiner nicht geringen Bestürzung - nicht nur vom naturwissenschaftlichen Studium, sondern auch von der Tiefenpsychologie entfremdete. Aber was konnte mir die Sicherheit geben, nicht irgendwelchen Halluzinationen zu erliegen oder irgendeiner verrückten Spinnerei nachzuhängen? Ich begann mich nun intensiver vor allem mit Erkenntnistheorie, aber auch mit Mystik, Religionsgeschichte und Parapsychologie auseinanderzusetzen. Mir wurde bald ziemlich klar, daß meine wieder häufiger auftretenden außerkörperlichen Zustände zu einer alten Tradition gehören und in der Moderne entweder mißverstanden oder dann - erkenntnistheoretisch allzu unbelastet - hochgejubelt werden.
Bis 1974 bemühte ich mich intensiv darum, eine Methode zu finden, die es mir erlaubte, die Kontinuität des Ich-Bewußtseins bei schlafendem Körper beizubehalten. Vorerst stieß ich auf eigene Fehler im Zusammenhang mit diesen Bemühungen. Immerhin war ich an einem Punkt angelangt, an dem die Sache mit der Außerkörperlichkeit unbelasteter von paradigmatischen Zwängen angegangen werden konnte und mir die Zusammenhänge zwischen Einstellung und Erfahrung wesentlich deutlicher wurden. Doch immer noch vertraute ich zu sehr den tiefenpsychologischen Methoden, ihren Orientierungshilfen und Fragestellungen. Monatelang rang ich darum, aus der Sprachlosigkeit des Unbehagens, das mir gewisse tiefenpsychologische Konzepte verursachten, herauszukommen und eine andere Einstellung gegenüber der seelischen Wirklichkeit und meinen nächtlichen Erfahrungen zu gewinnen. Es gab derart viele psychologische Auffassungen, daß ich mir sagen mußte, es sei doch unsinnig, auf sie verzichten zu wollen. Vor dem Fremden fühlte ich mich wie ein Reisender, der vergeblich in seinen Taschen nach Landkarten sucht, mit denen er den Weg durch das Neuland zu finden hofft. Fatalerweise schienen die Karten der etablierten Wissenschaftsdisziplinen veraltet, durcheinandergebracht und völlig irreführend zu sein. (Anm.4) Wohl um mir dies klarzumachen, träumte ich folgendes: (Inhalt)
6. Januar 1974 II
Ich fahre seit einiger Zeit mit meinem Auto auf gut ausgebauten Straßen in der Schweiz. Nun bin ich in eine Gegend gekommen, die ich nicht kenne. Welchen Weg soll ich also einschlagen, um das unbekannte Ziel zu erreichen? Bei der nächsten Abzweigung entschließe ich mich für einen Nebenstraße, da ich mich daran erinnere, in der Schulanalyse davon gehört zu haben, daß es gerade die unscheinbaren Pfade sind, die zum eigentlichen Ziel führen. Meine beiden Mitfahrer sind allerdings der Meinung, es sei die falsche Richtung. Da sie keine psychologischen Kenntnisse haben, mißtraue ich ihrem rein gefühlsmäßigen Urteil, das sie auch bei Befragung nicht begründen können. Ich lasse mich also von meinem Entschluß nicht abbringen.
Nach einer kurzen Fahrstrecke mündet die Nebenstraße wieder in eine Hauptstraße. Keiner weiß, ob diese Überlandstraße tatsächlich in die Richtung führt, die wir gerne beibehalten wollen. Verunsichert wende ich den Wagen und fahre bis zur letzten großen Kreuzung zurück, um dort die Wegweiser nochmals genauer anzuschauen.
Die abendländische Entwicklung gleicht einer breiten Straße. An jeder Biegung und an jeder Gabelung stehen Wegweiser, damit die Richtung ins Paradies des Fortschrittes ja nicht verfehlt wird. Raffiniert und konsequent treibt das analysierende Denken den Menschen vorwärts. Aber auch das Er-Fahren-Können setzt ein Vehikel voraus. Und vom Fortbewegungsmittel hängt es ab, welche Wege benutzt werden können! Ich hatte mich auf ein ganz bestimmtes Fortbewegungsmittel fixiert und die damit verbundenen Vorstellungen derart verinnerlicht, daß ich sie sogar in einer anderen Welt glaubte benutzen zu müssen. Daß der Zweitkörper ein Vehikel war, der vorgezeichnete Wege unnötig machte, übersah ich - obwohl ich es aufgrund meiner Erfahrungen hätte besser wissen können. Statt dessen realisierte ich mit der 'verminderten Zurechnungsfähigkeit' des nicht-luziden Traum-Ichs zwanghaft die im Alltag üblichen und dort verwirklichten (und nützlichen) Vorstellungen von Straße und Auto. Auf diese Weise versuchte ich, meine Erlebnisse in vorgegebene Bahnen zu lenken, in Bahnen, die meinem hauptsächlich linear strukturierten Denken entsprachen, welches das Er-Fahren ordnen und nach bekannten Mustern ausrichten wollte. Deshalb übersah ich den Hinweis auf das 'Wesen' des Auto-Mobile, das in der von mir benutzten Form technologisch ausgebildet war. Ich trug also ein technisches Vorgehen in eine Welt hinein, in der es möglich war, den Zweitkörper als Fortbewegungsmittel zu verwenden, wie das in vielen Märchen dargestellt wird - sich an einen Ort wünschen, durch die Luft getragen werden, mit Siebenmeilenstiefeln gehen, Fliegen, sich in einen Vogel verwandeln usw.
Wäre ich luzid gewesen, hätte ich sofort eine dieser 'märchenhaften' Arten der Fortbewegung zu verwirklichen gewußt. Doch jetzt wurde ich von meinem vordergründigen Denken getäuscht, dessen Raumorientierungs- und Vorgehensweisen stark analytisch-fortschrittlich geprägt waren. Da war nichts von spielerischer Absichtslosigkeit und schöpferischer Offenheit. (Inhalt)
Reisen im Alltag sind hauptsächlich zielgerichtet. Dabei wird oft übersehen, daß die Besonderheiten des Weges mindestens ebenso wichtig sind und genau beachtet werden sollten. Wer in Gedanken schon am Ziel ist, lebt nicht in der Gegenwart - und übersieht alles. Sein Weg ist asphaltiert und zubetoniert, beschildert und grau. Geradlinigkeit und Schnelligkeit werden zum obersten Gebot, denn das Ziel ist nicht zu fassen, rückt immer weiter. Schließlich ist man wieder dort, wo das Rennen begonnen hat. Demgegenüber betont z.B. der Taoismus, daß Weg und Ziel eins sind. Folgerichtig wird das Hauptgewicht auf die Bewegung selbst verlagert, auf die Erfahrung des Reisens, während bei uns das Ankommen, das Erreichen eines Zieles im Vordergrund steht. Die Ausrichtung des Erkenntniswillens auf einen festgelegten Endpunkt verhindert die Offenbarung des Neuen, weil nur das anerkannt wird, was mit dem definierten Ziel übereinstimmt. (Anm.5)
Meines Erachtens ist jeder Traum ein Erlebnis in einem bestimmten Wirklichkeitsbereich, dessen Realität der materiellen Alltagswirklichkeit ebenbürtig ist. Dies bedeutet aber keineswegs, daß dasjenige, was in der Alltagswelt seine Berechtigung haben mag, auch in einem anderen Bereich als vernünftige Handlungsweise gilt. Es kann sogar oft unangebracht, falsch oder unsinnig sein. Deshalb weisen in einem Traum benutzte technische Fortbewegungsmittel in der Regel darauf hin, daß der Einfluß der Alltagsvorstellungen noch zu übermächtig ist. Man hat oft eine Unmenge vorgefaßter Meinungen über die Welt der Träume und ist deshalb unfähig, die nächtlichen Erfahrungswelten in ihrer Eigenständigkeit zu belassen und sie mit adäquaten Mitteln zu bereisen. Statt zu fliegen oder ganz einfach zu Fuß zu gehen, benutzt man 'ebenenfremde' Fortbewegungsmittel, welche den vorhandenen Möglichkeiten nicht im geringsten Rechnung tragen. (Anm.6)
Im Schlaf werden die Welten des Seelischen in anderer Form und viel direkter erlebt als tagsüber. In einer dieser Welten fuhr ich mit einem technischen Hilfsmittel auf asphaltierten und ausgeschilderten Straßen herum, ohne auf die Einwände von Menschen zu achten, die eher gefühlsmäßig und 'rechtshirnig' reagierten. Ich hörte nicht auf die Stimme des Herzens und verwendete Mittel und Wege, die ich aus dem alltäglichen Bezugsrahmen übernommen hatte. Ich war ein Wissenschaftler, der vorsichtig und mit technisch und methodisch abgesicherten Mitteln an etwas Fremdes heranging - auf der Suche nach einem imaginären Ziel. Dies geschah mit einer Strategie der Annäherung und gleichzeitigen Vermeidung des Fremdartigen, indem ich bekannte Mittel benutzte und auf ausgeschilderten Wegen voranging. Die Auflösung dieses Annäherungs-Vermeidungs-Konfliktes wußte ich dadurch zu verhindern, daß ich eine Bestätigung meiner Vorgehensweise durch meinen Schulanalytiker erhoffte und meine Auffassungen durch das tiefenpsychologische Gedankengut zu rechtfertigen suchte. (Anm.7) Zwar glaubte ich Spuren im Neuland entdeckt zu haben - und dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen, eine Ordnung in das unbekannte Gebiet hineinzusehen. Auf diese Weise versuchte ich krampfhaft, das Neuland «in das Besitztum der wissenschaftlichen Ordnung» (Anm.8) einzugliedern. Was ordinär wird, erlaubt die Anwendung bekannter Methoden. «So gesehen, sind Wissenschaftler permanent Frustrierte, die sich auf den betörenden Reiz des Fremden einlassen wollen - offensichtlich das Objekt der Begierde, das die wildesten Phantasien hervorzurufen vermag, weil es neu, fremd, eben unberührt ist - aber nur soweit sie wissen, daß es im Grunde gar nicht fremd ist.» (Anm.9) Die Angst vor dem Verlust der Ich-Grenzen war noch zu groß, das Vertrauen in das Gefühl geschwächt und vom Verstand, der logisches Argumentieren forderte, blockiert. Ein banales 'Im-Kreise-Herumfahren' schien vorprogrammiert zu sein. (Inhalt)
Seit mehr als zehn Jahren versuchte ich, die Träume vor allem mit der von C.G. Jung eingeführten Methode der Komplexen oder Analytischen Psychologie zu verstehen. Nach wie vor erstellte ich einen Kontext, indem ich zu jeder Einzelheit des jeweiligen Traumes die Einfälle und Gefühle notierte, um anschließend das Material zu amplifizieren.
Das Aufschreiben des Kontextes und der damit verbundenen Assoziationen ist eine leichte Arbeit, welche die eigentliche Interpretation des Traumes vorbereiten hilft. Anschließend werden die Assoziationen mit ähnlichem und verwandtem Material aus Mythologie, Religionsgeschichte, Völkerkunde und anderen Gebieten erweitert. Mit dieser Anreicherung, die man Amplifizieren nennt, soll sich dann in Verbindung mit dem Kontext und den Symbolauffassungen der Psychologie die Bedeutung des Trauminhaltes ergeben. Viele Träume lassen sich mit diesem Vorgehen ziemlich gut verstehen - manchmal beinahe zu gut, denn in jedem Netz bleiben schließlich ein paar fette Brocken hängen. Daneben gibt es aber andere nächtliche Erlebnisse, die mit einem noch so großen Aufwand gefühlsmäßig nicht befriedigend zu deuten sind. (Anm.10)
Bei einem luziden Traum und der außerkörperlichen Erfahrung bleibt trotz aller Deutungsversuche und aller Symbolkenntnis stets ein sprachlich nicht ausdrückbarer Rest zurück, der mit einem schalen Gefühl verbunden ist. In diesem Falle werden die Deutungsanstrengungen verdoppelt, statt die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen oder eine andere Methode anzuwenden. (Anm.11) Schließlich werden die Traumbilder mittels Kontext, Amplifikation und vor allem durch fachlich geprägte Sprachwendungen dem Gefühl total entfremdet. Das Neuartige wird vollständig auf Altbekanntes zurückgeführt und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Die Reise in das Jenseits der Alltagsvorstellungen und -verbindlichkeiten ist zu einer theatralisch gefärbten, halluzinatorischen und zensurierten Darstellung der materiellen Realität umfunktioniert worden, zu deren Entschlüsselung es der Hilfe eines Psychotherapeuten bedarf. Wer den Mut findet, von diesem Karussell abzuspringen, wird sich nicht darüber wundern dürfen, wenn ihm plötzlich weder Autos noch Wege zur Verfügung stehen, auf denen er sich im Neuland geruhsam fortbewegen kann. Man sollte sich auch nicht allzu sehr darüber entsetzen, daß das Gebäude der bisherigen Vorgehensweise löchrig wird und tief im Keller unten das Heulen und Zähneklappern des Verdrängten und Beiseitegeschobenen beginnt, an das sich alle Geister angehängt haben, die man lieber draußen lassen würde. (Inhalt)