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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

40. Vortrag
4.
Wenn er nun beifügte: „Wie mich der Vater gelehrt hat, dies rede ich“, so beschleiche keinen von euch, meine Brüder, ein fleischlicher Gedanke. Es kann ja die menschliche Schwäche nichts denken, als was sie zu tun oder zu hören gewohnt ist. Stellet euch also nicht gleichsam zwei Menschen vor Augen, den einen als [S. 594] Vater, den andern als Sohn, und den Vater als zum Sohne redend, wie du es machst, wenn du einige Worte an deinen Sohn richtest, indem du ihn ermahnst und belehrst, wie er reden soll, damit er, was er von dir gehört hat, dem Gedächtnis einpräge, und dann, wenn er es dem Gedächtnis eingeprägt hat, auch mit der Zunge hervorbringe, in Laute kleide und fremden Ohren mitteile, was er in die seinigen aufgenommen hat. Fasset die Sache nicht so auf, damit ihr nicht in euren Herzen Götzenbilder errichtet. An eine menschliche Form, an Umrisse menschlicher Glieder, an die Gestalt des menschlichen Fleisches, an diese sichtbaren Sinne, an Stellungen und Bewegungen des Leibes, an einen Dienst der Zunge und artikulierte Laute dürft ihr bei jener Trinität nicht denken, außer was die Knechtsgestalt betrifft, welche der eingeborene Sohn Gottes angenommen hat, da er Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen1. Da verbiete ich dir nicht, o menschliche Schwäche, an das zu denken, was du kennst, ja ich halte dich sogar dazu an. Wenn der Glaube in dir wahr ist, dann denke dir Christus so, aber aus der Jungfrau Maria denke ihn dir so, nicht aus Gott dem Vater. Er war ein Kind, wuchs wie ein Mensch, wandelte wie ein Mensch, dürstete und hungerte wie ein Mensch, schlief wie ein Mensch, litt endlich wie ein Mensch, wurde ans Kreuz gehängt, getötet und begraben wie ein Mensch; er stand in derselben Gestalt wieder auf, fuhr in derselben Gestalt vor den Augen der Jünger zum Himmel empor und wird in derselben Gestalt zum Gerichte erscheinen. Denn die Stimme der Engel läßt sich im Evangelium so vernehmen: „So wird er kommen, wie ihr ihn habt zum Himmel emporfahren sehen“2. Denkst du also an die Knechtsgestalt in Christus, so denke an ein menschliches Bild, wenn der Glaube in dir ist; denkst du aber an den Ausspruch: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“3, dann hinweg aus deinem Herzen alle menschliche Gestalt, hinweg aus [S. 595] deinen Gedanken alles, was eine körperliche Schranke hat, was von einem örtlichen Raume umschlossen wird oder in was immer für eine Masse sich ausdehnt; ein solches Gebilde bleibe deinem Herzen ferne. Denke dir, wenn du kannst, die Schönheit der Weisheit, stelle dir die Schönheit der Gerechtigkeit vor. Ist es eine Gestalt? Ist es eine Figur? Ist es eine Farbe? Nichts von diesem, und doch ist sie; denn wenn sie nicht wäre, würde sie nicht geliebt noch als geliebt und gelobt im Herzen und in den Sitten festgehalten werden. Nun aber werden die Menschen weise; wie würden sie es werden, wenn die Weisheit nicht wäre? Ferner aber, o Mensch, wenn du deine Weisheit nicht mit den Augen des Fleisches sehen kannst noch in solcher Vorstellung denken, wie man körperliche Dinge sich vorstellt, wie darfst du es wagen, in die Weisheit Gottes die Gestalt eines menschlichen Körpers einzuführen?
1: Joh. 1, 14.
2: Apg. 1, 11.
3: Joh. 1, 1.