Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/701

Die Reussbrücke
Sie stehen vor der geschichtsträchtigen Holzbrücke, welche Hünenberg mit Sins verbindet. Lange Zeit bildete sie den einzigen Flussübergang zwischen den Brücken in Bremgarten und Gisikon. Sie ersetzte den mittelalterlichen Fährbetrieb.
Im 15. Jahrhundert hielt nämlich noch eine Familie Senn hier einen Fährbetrieb aufrecht. Heini Senn erhielt 1466 von den Genossen zu Hünenberg sogar das Genossenrecht und durfte seine Schweine im nahen Wald weiden lassen, unter der Bedingung, dass er die Hünenberger unentgeltlich über die Reuss führen müsse. 1486 verkaufte Andreas Senn das Fahr an die Stadt Zug, erhielt es jedoch als Pacht wieder zurück.
Immer wieder wurde von Unfällen auf der Reuss berichtet, Die Sage „Das Licht an der Reuss“ erzählt von einem solchen Ereignis. Der folgenschwerste Unfall mag jener aus dem Jahre 1627 darstellen. Vierzig Hitzkircher Wallfahrer kehrten von ihrer Pilgerfahrt nach Einsiedeln zurück. Beim Ueberqueren der Reuss kenterte die Fähre, und das hochgehende Wasser riss alle in den Tod.
Die erste Brücke 1641
Mag sein, dass die Zuger diesen schrecklichen Umstand als Vorwand benutzten, anstelle der Fähre eine Brücke zu errichten. In Wirklichkeit spielten die wirtschaftlichen Überlegungen die grössere Rolle. Wenn es gelänge, die Freiämter Bauern auf den Zuger Markt zu bringen, wäre dies ein Standortaufwertung. Der Marktweg nach Zug konnte somit kürzer werden als der bisherige nach Luzern über die Brücke bei Gisikon.
Die Tagsatzung musste das Einverständnis geben und da waren es vor allem die Luzerner, die den Bau zu verhindern suchten, denn sie befürchteten Markteinbussen. Doch die Zuger griffen zu einer List, um ein Luzerner Nein abzuwenden. Der Stadtrat legte am 17. März 1640 dem Amtsrat den Plan einer gedeckten Holzbrücke bei Sins vor. Unmittelbar darnach begannen die Bauarbeiten, noch bevor die Tagsatzung darüber befinden sollte, und dann war zu spät für Einwände.
Nach einer 16-monatigen Bauzeit unter der Leitung von Baumeister Michael Speck konnte die Brücke 1641 freigegeben werden. Da waren aber noch die Hünenberger. Bisher mussten sie ja keinen Fährlohn entrichten, nun aber hatten auch sie den Brückenzoll zu leisten, was sie sehr erboste. Um diesen Unmut zu brechen erklärte deshalb Franz Josef Wickard an der Maiengemeinde in Zug am 8.Mai 1672, dass die Hünenberger beim Brückenbau treu mitgeholfen hätten und man von ihnen nur den halben Zoll verlangen möge.
Das erste Zollhaus 1721
Mit dem Brückenbau erstellten die Zuger ebenfalls ein Zollhaus, welches das Tavernenrecht hatte. Es befand sich beim Ausgang auf der Hünenbergerseite rechts. Der Zoller und Wirt Michael Moos nannte die Taverne 1678 „Gasthaus zur Kanne“. 1721 ersetzte jedoch das neue Gasthaus „Zollhaus“, nördlich der Strasse liegend, die „Kanne“.
1798 drangen die Franzosen über die Brücke ins Zugerland, verbreiteten Schrecken und verwüsteten auch das Zollhaus.
Die zweite Brücke 1809
Unterdessen war die baufällige Brücke in die Jahre gekommen und musste 1809 vom Luzerner Stadtbaumeister Ritter neu erstellt werden. Nach der Mediation gingen die Besitzverhältnisse von der Stadt zum Kanton Zug über. Ein Hinweis darauf bilden die Jahreszahl 1835 mit dem Zuger Wappen am kleinen Zollhäuschen.
Nochmals erlebte die Sinserbrücke schlimme Zeiten. Der Sonderbundskrieg entzweite die Eidgenossenschaft. Da die Sonderbundskantone der Innerschweiz Ziel der eidgenössischen Truppen darstellte, rückte unweigerlich unsere Brücke ins Zentrum des Geschehens. Die Sonderbundstruppen versuchten dem Gegner den Einmarsch ins Zugerland zu verwehren, indem sie am 10. November 1847 ein mit Sprengstoff beladenes Heufuder in die Brücke führten und zum Explodieren brachten. Genützt hat es nichts, aber der zugerische Brückenteil war zerstört. Er wurde 1852 nach den Plänen des Zürcher Baumeisters Stadler neu aufgebaut, was bei der Besichtigung des Brückeninnerns durch die unterschiedliche Konstruktion ablesbar ist.
Mit dem Aufkommen des Strassenverkehrs wandelte sich die Sinserbrücke zu einem wahren Nadelör.1945 wurde an Holzbrücke der gedeckte Gehweg beigefügt.
Die Brücke wird alphaltiert 1948
1948 die Strasse über die Brücke asphaltiert.
1978 wurde eine technische Analyse der Brücke durchgeführt. Man stellte dabei fest, dass sich der Brückenteil West (Sins) bei schweren Lastwagen 1 bis 1.5 cm ausbog und dann zurückfederte. Der Aargauer Brückenteil war flussabwärts um 15.5 cm der Zuger Teil um 4.5 cm verkrümmt. Folglich wurden ein Kreuzungsverbot auf der Brücke und eine Gewichtslimite von 20 Tonnen für Lastwagen und 28 Tonnen für Anhängerzüge erlassen und der Verkehr wurde fortan mit einer Lichtsignalanlage geführt.
Der Verkehr nahm mit der verstärkten Mobilisierung in den sechziger und siebziger Jahren stets zu. Bevor die Autobahn A2, Basel-Luzern-Gotthard eröffnet wurde, fuhren tausende Transitreisende auf der Nord-Südachse auf ihrem Weg von Deutschland nach Italien über die Holzbrücke. Die Wartezeiten am Lichtsignal vor der Brücke und bei den Bahnschranken waren legendär.
Die neue Strassebrücke 1996
Die Kantone Zug und Aargau errichteten daher eine neue Strassenbrücke, welche am 28. September des Jahres 1996 feierlich eingeweiht werden konnte. Die alte Holzbrücke erlebt seither fast wieder mittelalterliche Zustände.
Vom «Meitli-Markt“ zum «Brogge-Märt»
Alljährlich im Mai traf sich früher die „Gegend“ zum Maimarkt auf der Reussbrücke. Im Volksmund sprach man vom „Meitlimarkt“, weil manche Freundschaft oder Partnerschaft hier ihren Anfang fand. Zirka 1860 soll der Markt zum letzten Mal stattgefunden haben.
Bei der Eröffnung der neuen Brücke im Jahre 1996 wurde erstmals wieder ein Markt auf der Brücke veranstaltet. Es wurde in der Folge ein Verein gegründet, der seither alljährlich am letzten Samstag im September den beliebten «Brogge-Märt» durchführt. Es sind mittlerweile zwischen 100 und 120 Marktfahrende, die sich beidseits der Reuss und auf der Brücke ihr handwerklich geprägtes Angebot präsentieren. Die Nostalgie des früheren «Meitli-Marktes» lebt damit weiter.
Im Jahre 2002 gastierte das Schweizer Fernsehen auf dem Hünenberger Zollhaus-Platz und hat die Fernsehsendung «Donnschtig-Jass» live übertragen. Die Gemeinden Sins und Hünenberg führten im selben Jahr miteinander eine Bundesfeier auf dem Zollhaus-Platz durch.
|Autoren: Patricia Diermeier Reichardt, Urs Felix, Guido Wetli|
Fotos: Archiv, Andreas Busslinger, Urs Felix