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Und was bedeutet dieser Begriff?
Es ist die vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammende pauschale Übersetzung des lateinischen Cura sexus, mit dem die Juristen des 16. Jahrhunderts den Status kennzeichneten, dem die damaligen Frauen in vielen partiellen Rechten unterworfen waren. Partielle Rechte (oder Partikularrechte) gelten nur für einen Teil einen Gebietes, für welches eine Rechtsordnung besteht. Das Gegenbegriff ist das Gemeine Recht.
Im Rechtslexikon steht: Personen, welche aus irgendeinem Grund, ob wegen Persönlichkeit, Geschlecht, Alter oder körperlicher oder geistiger Gebrechlichkeit nicht ihre eigenen Vormünder sein können, einem fremden Beistand oder Vertretung bedürfen.
Bei der Aufzählung der Gründe, welche eine fremde Vormundschaft bedürfen, springt einem vermutlich das Geschlecht sogleich ins Auge, da es uns heute allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht wohl nie in den Sinn käme, dass man unter Vormundschaft gestellt werden könnte. Doch wer sich nur schon mit der Erforschung der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt, wird unweigerlich auf die eine oder andere Weise mit der Geschlechts-Vormundschaft konfrontiert werden, sei es wegen einem unehelich geborenen Kind in der Ahnenlinie, sei es durch Erwerb von Privateigentum vor hundertfünfzig Jahren, sei es wegen eines Strafdeliktes, das eine Vorfahrin begangen hat.
Nun hatte also eine unverheiratete (ledig, geschieden, verwittwet), jedoch volljährige Frau einen Vormund. Dieser war nicht, wiemeist angenommen, ein Mitglied der eigenen Familie der Frau, sondern war ein Mann einer Zunft der Heimat-Gemeinde (Bürgerort in der Schweiz!), der dieses Amt übernahm - meist neben politischen Ämtern, welche er oft ebenfalls bekleidete und weswegen nicht selten eine nicht akzeptable Verflechtung der Aufgaben erfolgte (er war zum Beipiel sein eigenes Kontrollorgan...). Die unverheiratete Frau durfte zwar meist (in jedem Kanton war die Geschlechtsvormundschaft anders geregelt) über ihren Lohn frei verfügen - manchmal auch über die Zinsen ihres Vermögens), nicht aber über ihr (meist ererbtes) Vermögen. Benötigte sie Geld von diesem, um sich ein gutes Gewand kaufen zu wollen, für welches ein bescheidener Lohn kaum reichte oder aber auch eine grössere Investition zu tätigen, beispielsweise eine neue Bettstatt oder gar eine Immobilie zu erwerben, musste sie ein Gesuch an ihren Vormund stellen. Dieser konnte jedoch das Gesuch jederzeit ohne Gründe ablehnen. Daraufhin hatte diese Frau nur noch die Möglichkeit einen Rekurses an die Heimatgemeinde zu schreiben. Auch diese konnte ohne viel Federlesens ablehnen. Kaum ein Vormund oder eine Gemeinde machte sich die Mühe, nach den genauen Gründen oder Lebensumständen der Frau zu fragen, sie wurde einfach als verschwenderisch bezeichnet, wenn sie ein Begehren stellte. Das hatte einen trifften Grund: Das Vermögen der Frau - egal wie hoch es war - sollte als (ihre) Altersvorsorge oder gegebenfalls als Armenvorsorge gelten.
Aber das war nicht der einzige Grund für eine Ablehnung. Nicht selten investierte der Vormund das Geld in sein eigenes Geschäft - die Abrechnung der von ihm betreuten Gelder musste nur alle zwei Jahre stimmen. Auch wurde dafür gesorgt, dass die Frau möglichst wenig ihres Vermögens ausgab, damit die mänlichen Erben der Frau (da sie nicht verheiratet war, also ihre Brüder und Cousins etc.) ein grosses Erbe antreten konnten nach ihrem Ableben. Dagegen konnten sich die Frauen kaum wehren. Nicht verheiratete Frauen allerdings hatten die zwar Möglichkeit, die sogenannte "freie Mittelverwaltung" zu erhalten, allerdings gelang dies nur sehr wohlhabenden Frauen, und auch dann waren sie den Männern nicht gleichgestellt, sie blieben stets kontrolliert und wurden vom Entzug ihrer Verfügungsrechte bedroht. Das Gesamt-Vermögen der bevormundeten Frauen, übrigens, betrug je Kanton mehrere Dutzend Millionen Franken!
Erst 1881 wurde in der Schweiz die Geschlechts-Vormundschaft aufgehoben - die Gründe dafür sind im Wesentlichen in der beschränkten Handlungsfähigkeit der Frauen in der Wirtschaft zu finden, denn diese war dadurch stark beeinträchtigt, weil sich Verhandlungen (zu) lange hinzogen, wenn sie stets über Gerichtsschreibtische gingen und die Entscheide abgewartet werden mussten, weil auch sehr vermögende Frauen nicht fei über ihr Geld verfügen konnten. Einige Kantone hatten die Geschlechts-Vormundschaft schon voher abgeschafft, 1881 bestand sie aber noch in den Kantonen Appenzell, Graubünden, St. Gallen und Wallis. Ab 1881 gab es die Geschlechts-Vormundschaft also für ledige, geschiedenen und verwittwete Frauen nicht mehr - allerdings blieb sie in der Ehe bestehen bis mehr als hundert Jahre später 1988 das neue Ehegesetz in Kraft trat. Sogar im Schweizerischen Zivilgesetzbuch 1907 wurde diese Vormundschaft in der Ehe nochmals bestätigt, denn dort gebraucht man zwar der Begriff "eheliche Vormundschaft" nicht mehr, er wurde jedoch durch "das Haupt der Gemeinschaft" ersetzt und damit den Ehemann bezeichnet. Er konnte über das Vermögen seiner Frau und ihre Handlungen bestimmen, genauso wie er auch alleine der Ort des Familiensitzes festlegen konnte.
Wer sich intensiver mit diesem Thema und der Rechtsungleichheit für Frauen in der Europäischen Geschichte beschäftigen möchte, sei das fast tausend Seiten starke Buch "Frauen in der Geschichte des Rechts - von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart", herausgegeben von Ute Gerhard, Verlag C.H. Beck, München, empfohlen.