Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/686

mehr
Bocchetta di Cima Bianca (2109 m) oder über den sehr wilden Passo di Barone (2500 m) ins Val Chironico und nach Lavorgo in der Leventina. Ein weiterer Fussweg leitet von Sonogno durch Val Redorta und den Passo di Redorta (2176 m) nach dem Val Pertusio, Val di Prato und dem Dorf Prato im Lavizzarathal. Die Thalstrasse der Verzasca wird das ganze Jahr hindurch von zwei täglichen Postwagenkursen Locarno-Gordola-Sonogno befahren, an die sich im Sommer ein dritter Kurs Gordola-Brione und zurück anschliesst.
Das von N. nach S. orientierte und zwischen hohe
Berge tief eingesenkte
Verzascathal weist eine ziemlich reichhaltige Flora
auf, in der neben den Elementen nördlicher Herkunft auch einige interessante und seltene Typen der insubrischen Region auftreten.
So trifft man am Thaleingang, in feuchten und schattigen Klüften, das zierliche Frauenhaar (Adiantum capillus Veneris) und
den majestätischen Königsfarn (Osmunda regalis) neben der hier bis auf 350 m
Höhe üb. M. herabsteigenden
Alpenrose.
Weiter hinten, besonders im Val Lavertezzo, wächst schon von 1400 m an das Edelweiss, sogar auf den Alpweiden, in Masse. Schöne Waldungen von Kastanien, Buchen und Lärchen bekleiden da und dort die steilen Bergflanken bis zu 1700 m hinauf. Höher entfalten die schönen Blumen der Alpenflora ihre Farbenpracht, so Aconitum paniculatum, Viola Thomasiana, Potentilla frigida, Saxifraga planifolia, Molopospermum cicutarium, Androsace imbricata und A. glacialis, Soldanella pusilla, Daphne striata, Eritrichium nanum, Lilium croceum u. a.
Die Bevölkerung des
Verzascathales ist das Produkt einer Mischung keltischer und germanischer Elemente. Auf germanische
Abstammung weisen hin die blonden Haare und die blauen
Augen, sowie einige in die Mundart des
Thales übergegangene
Ausdrücke. Von den ersten Ansiedlern im
Verzascathal ist uns nichts bekannt; sie scheinen sich aber in ihrer wilden und
beinahe unzugänglichen Abgeschlossenheit bis tief ins Mittelalter ihre
Freiheit bewahrt zu haben. Podestat oder Bürgermeister
der Verzasca war im Jahr 1665 der
Baron Johann Anton Marcacci, dessen Geschlecht sich nach dem Blutbad
der sizilianischen Vesper an die Ufer des Zangensees hatte flüchten können. Die Marcacci besassen einen festen
Turm am Eingang ins
Verzascathal und erstellten sich
im 17. Jahrhundert zu Brione ein
Schloss, das nach dem Tod des letzten
Gliedes der Familie (1854) in andre Hände kam.
Hauptbeschäftigung der «Verzaschesi» oder Bewohner des
Verzascathales
ist Viehzucht, sowie Herstellung von Butter und
Käse. Das Fleisch der in der Verzasca aufgezogenen Kälber gilt als das zarteste
Kalbfleisch des ganzen Kantons. Die 40 Alpweiden des
Thales werden mit 1830 Stück Hornvieh, 3300 Ziegen, 1050 Schafen
und 180 Schweinen bestossen und erzeugen im Jahresdurchschnitt für Fr. 93500 Butter und
Käse. Zahlreiche der
im Thal niedergelassenen
Familien verbringen fast den ganzen Winter im schönen Hügelgelände zwischen
Gordola und
Cugnasco, dem besten
Weinland des
Kantons. So reduzieren sich die zur Sommerszeit rund 2000 Köpfe zählenden Thalbewohner während der
Wintermonate auf etwa die Hälfte.
Das halbe Nomadenleben der Bewohner mit seinem Aufenthalt von einigen Wochen in der Thalsohle, von vier Monaten auf den Bergwiesen und Alpweiden und von mehreren Wochen ausserhalb des heimatlichen Thales am Gehänge ob Gordola bedeutet eine unglückselige Zersplitterung von Kraft, Zeit und Geld. Da der Schulbesuch im Thal selbst sehr unregelmässig ist, hat man in den Terricciuole zwischen Gordola und Cugnasco Spezialklassen eingerichtet. Weinrebe und Mais werden mit Erfolg noch bis an das W.-Gehänge der Bergflanke von Vogorno angebaut; höher oben gedeihen bloss noch Roggen, Kartoffeln und etwas Hanf.
Die Edelkastanie wächst bis Gerra hinauf in sehr kräftigen Exemplaren und liefert dem durch seine Nüchternheit sich auszeichnenden Verzascheser Bauern ein vortreffliches Nahrungsmittel. Das Wildheu wird von den unzugänglichsten Stellen unter grosser Gefahr zu Thal gebracht. Um die infolge der starken Auswanderung mangelnden Arbeitskräfte zu ersetzen, hat man seit einigen Jahren metallische Kabel zur Beförderung von Holz und Heu zu den Dörfern hinunter angebracht. Solcher Kabel bestehen nicht weniger als 62; deren eines, das ausschliesslich dem Holztransport dient, ist volle 3000 m lang. Mit Hilfe dieser Kabel werden von den schwer zugänglichen Bergwiesen und Rasenbändern alljährlich an die 2000 Meterzentner Heu, d. h. doppelt so viel als ehedem, zu Thal gebracht. Die infolge zunehmender Stallfütterung ihrer natürlichen Düngung entbehrenden Alpweiden verarmen immer mehr. ¶
mehr
Während die Vorfahren die Bergflanken in wirklich unsinniger Weise abgeholzt und ihres Waldkleides beraubt haben, gibt sich die heutige Generation mehr als in irgend einem andern Tessinerthal die lobenswerteste Mühe mit Aufforstung durch Buchen, Tannen, Lärchen, Ahornen etc. So hat man in den letztvergangenen Jahren eine Fläche von 55 ha aufgeforstet, was einen Kostenaufwand von insgesamt Fr. 43600 bedingte Daran trugen bei: der Bund Fr. 21300, der Kanton Tessin Fr. 7100 und die Patriziati (Korporationen) Fr. 15200.
Die einzige industrielle Tätigkeit im Thal ist der Bruch und die Herrichtung von Granit und Gneis. Von Vogorno bis Gerra und ganz besonders bei Brione sieht man überall Steinhauer an der Arbeit, von denen Blöcke bis auf 12 m2 Seitenfläche exportiert werden. In Gerra besteht seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts eine kleine Fischbrutanstalt, in der jährlich 150000 Forelleneier (Salmo variabilis) ausgebrütet werden. Der Fischreichtum der Verzasca ist an Quantität wie Qualität erfreulich.
Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts pflegten die meisten Männer aus fast allen Dörfern des
Verzascathales als
Hausierer zeitweilig nach Italien auszuwandern. Manche führten dabei 7-8 jährige Knaben mit sich, die ihr Brot als Kaminkehrer
verdienen mussten. Dann aber machten strenge Gesetzesvorschriften dieser Art Menschenhandel, der den Familien
und der Schule zahlreiche Kinder entzog, ein Ende. Die Bevölkerungsziffer ist im letzten Jahrhundert stetig zurückgegangen: 3270 Ew.
im Jahr 1830, 2714 im Jahr 1880, 1825 im Jahr 1900. Die Schuld daran trägt die sehr starke Auswanderung nach den Vereinigten
Staaten von Nordamerika, speziell nach Kalifornien, wohin sich die jungen Leute wenden, um wie in der
Heimat Weinbau und Viehzucht zu treiben. Mehr als 2000 Ew. des
Verzascathales wohnen in San Luis Obispo, in Loleta und in der
Umgebung von San Francisco. Aber auch der Ausgewanderten Herz hängt noch treu an der angestammten Heimat, und nicht ungehört
verhallt bei ihnen der Ruf nach Unterstützung, wenn es sich um ein ihrem Thal zugute kommendes gemeinnütziges
Werk handelt.
Gleich den übrigen Bewohnern von abseits von Handel und Verkehr liegenden Landschaften zeigt sich auch der Verzaschese allem
Neuen oder Fremden gegenüber sehr zurückhaltend, ja misstrauisch. Man hält zäh am Alten fest, so dass
sich moderner Fortschritt nur sehr langsam seinen Weg bis zu den Ortschaften des
Verzascathales hinauf zu bahnen vermag.
Die aus Steinblöcken und ohne Mörtel zusammengefügten Häuser haben als Oeffnung fast stets bloss die Türe, selten auch
Fenster.
Ein solches Haus umfasst meist nur eine einziges Gemach, das der Familie als Küche, Wohn- und Schlafzimmer zugleich dient. Ueber einem die Feuerstelle darstellenden Loch in der Mitte des Gemaches hängen an eiserner Kette die Kochtöpfe; in Ermangelung eines Kamins zieht der Rauch durch die Türe ab, freilich nicht, ohne vorher an Wänden und Decke eine starke und glänzende Schicht Russ abzulagern. In der einen Ecke befindet sich die anspruchslose Schlafstelle, in der zweiten ein alter Wäscheschrank, in der dritten ein Hühnerkäfig, ein Haufen Holz und einige Ackergerätschaften etc. Wie die Wohnung ist auch die Kleidung noch ziemlich urwüchsig, beginnt aber doch allmählig sich der modernen Mode anzupassen.
Verschwunden sind die Kniehosen der Männer, und auch die Frauentracht wird immer seltener angelegt. Sie bestand der Hauptsache nach in einem kurzen Rock aus im Thal selbst gewobenem groben Wollenstoff, einer unter den Armen gebundenen farbigen Schürze und einem kleinen, vorn offenen Leibchen aus grauer Baumwolle, das das weisse Hemd aus selbstverfertigtem groben Linnen sichtbar liess. Die langen Rohrstrümpfe (ohne Fuss) reichten genau bis zu den Schuhen herab, die aus groben Tuchresten zusammengeflickt waren.
Der Verzaschese ist ein unermüdlicher Arbeiter, guter Viehzüchter und ausgezeichneter Weinbauer, dessen zäher Ausdauer das üppige Rebgelände aus einheimischen Rebsorten (Bondola- und Barberarebe), das sich von Bellinzona bis Locarno erstreckt, seine Erhaltung und seinen Schutz vor parasitären Ansteckungen verdankt.
Bibliographie. Franscini, Stef. Der Kanton Tessin, (Gemälde der Schweiz). St. Gallen und Bern 1835. Lavizzari, Luigi. Escursioni nel cant. Ticino. Lugano 1865. - Hardmeyer, J. Locarno und seine Thäler. (Europ. Wanderbilder. 89-91). - Brusoni. Locarno, i suoi dintorni e le sue valli. Bellinzona 1898.
[G. Mariani.]