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Die Entwicklung des Handwerks ist eng mit der Geschichte des Messers verbunden
Schon vor 3.4 Millionen Jahren entstanden die ersten speziell geformten Steinwerkzeuge. Dabei blieb es eine sehr lange Zeit. Erst mit der Entdeckung der Metallgewinnung vor rund 7000 Jahren kam es zu einem entscheidenden Wandel. Die Verwendung von Kupfer, später Bronze und noch einmal 1500 Jahre später Eisen gehört in der Menschheitsgeschichte zu den wichtigsten Schritten hin zur modernen Welt, wie wir sie heute kennen.
Bronze konnte zu Waffen, Werkzeugen und Schmuck geformt werden. Das Metall war kostbar und führte zum Aufbau von Handelsbeziehungen über tausende von Kilometern hinweg. Das Besondere an der Verwendung von Bronze ist aber auch die Tatsache, dass es sich um eine Legierung handelt, die so in der Natur nicht vorkommt. Was hat die Menschen damals bewegt, unscheinbares Gestein so hoch zu erhitzen, dass Kupfer und Zinn ausgeschmolzen wurden? Was hat sie dazu gebracht, diese beiden Metalle in einem bestimmten Mischungsverhältnis zu verbinden und dadurch deutlich härtere Bronze herzustellen? Es grenzt an ein Wunder.
Noch wunderbarer ist die Nutzbarmachung des Eisens. Zwar besteht unser Erdkern zum grössten Teil aus Eisen und auch in den oberflächennahen Bereichen lassen sich vielerorts Eisenerze finden. Doch das im Gestein gebundene Eisen zu gewinnen, ist extrem schwierig. In Mitteleuropa gelang es den Menschen erst ab dem 8. Jahrhundert vor Christus. Die Grundlage dafür schufen hocheffiziente Öfen, in denen Eisenerz mit Hilfe von Holzkohle so hoch erhitzt werden konnte, dass eine sogenannte Eisenlupe entstand. Das ist ein schwammartiger, kohlenstoffhaltiger Eisenklumpen, aus dem ein fachkundiger Schmied hochwertigen Stahl gewinnen kann. Ein derartig vielseitiges und hochwertiges Material gab es bis dahin nicht. Bis ins 13. Jahrhundert waren die Rennöfen – der Name ist von der „rinnenden“, also abfliessenden Schlacke abgeleitet – der einzige Weg zur Stahlgewinnung.
Wo Erzvorkommen mit nutzbarer Wasserkraft, Holzbeständen und dem notwendigen Fachwissen zusammenkamen, entwickelten sich ab dem 13. Jahrhundert die grossen Zentren der Messerherstellung, die zum Teil noch bis heute bestehen. In Europa waren das vor allem Solingen (Deutschland), Chatellerault, Nogent, Nontron, Paris und Thiers (Frankreich), Sheffield und London (England), Scarperia und Maniago (Italien), Toledo (Spanien) sowie Eskilstuna und Mora (Schweden). Auch in Japan gibt es seit Jahrhunderten traditionelle und hoch spezialisierte Standorte wie Seki. Mit europäischen Auswanderern aus England und Deutschland erreichte die Messerkunst vor über 200 Jahren auch die USA, die heute neben China zu den wichtigsten Ländern gehören, die den Weltmarkt mit scharfen Klingen versorgen.
Exemplarisch für die Entwicklung des Handwerks: die deutsche Klingenstadt Solingen
Schon im 13. Jahrhundert wurden im Solinger Raum Klingenwaffen gefertigt. Im Solinger Umland gab es sämtliche Ressourcen, die man zum Schmieden und Schleifen von Klingen benötigte: Eisenerzvorkommen, Wälder mit grossem Eichenbestand zum Befeuern der Schmiedeessen, viele Bäche und den Fluss Wupper, dessen Kraft Schmiedehämmer und Schleifsteine antrieb und dessen kühles Wasser den geschmiedeten Klingenstahl abschreckte und damit hart machte. Zu den wichtigsten Ressourcen gehörte das ansässige Fachwissen: Die Handwerker waren streng in Bruderschaften organisiert. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab es die Zünfte der Schleifer und Härter, Schwertfeger, Reider und Schwertschmiede: Der Schwertschmied brachte den Stahl mit Hammer und Amboss in Schwert-, Degen - oder Säbelform. Der Härter wandelte diesen Rohling daraufhin – durch gesteuertes Erhitzen und abruptes Abschrecken – in eine harte Klinge um. Die ging daraufhin zum Schleifer. Der arbeitete entweder im eigenen Kotten (was so viel wie „kleines Haus" bedeutet) oder hatte sich in grossen Kotten eingemietet. Darin liefen, von den zahlreichen Bächen oder der Wupper angetrieben, die scheibenförmigen Schleifsteine, mit denen die Klingen ihre endgültige Form und Schärfe erhielten. Die Schwertfeger waren es schliesslich, die die Klingen glätteten und polierten, um so die vorangegangenen Arbeitsschritte zu verfeinern. Sie montierten die Einzelteile und verbanden Griff ("Gefäss") und Klinge zu einem Ganzen. Sie waren es auch, die die Blankwaffen in den Handel brachten. Da ihre handwerklichen Fähigkeiten nicht so wesentlich waren wie die der anderen Bruderschaften, durften sie – im Gegensatz zu all den anderen Klingenhandwerkern – auch reisen. Das Reise- und Tätigkeitsverbot für Schmiede, Schleifer und Härter sollte verhindern, dass Fachwissen abwandert und dem Standort Solingen Schaden zugefügt wird. Spätestens Mitte des 17. Jahrhunderts jedoch brachen immer mehr Solinger Fachkräfte in andere deutsche Städte auf oder wanderten aus nach Frankreich, Schweden, England, Russland und Amerika. Das Schwertmacherhandwerk ist auch deshalb so bedeutsam, weil sich daraus die anderen Handwerkskünste entwickelten.
Quelle: Auszug aus ''Das grosse Buch vom Messer''
Industrielle Herstellung von Messern bei Victorinox