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Viele multinationale Konzerne haben sich verpflichtet, den Kahlschlag im südamerikanischen Amazonasgebiet nicht mehr zuzulassen. Darunter auch Rohstoffhändler mit Sitz in der Schweiz. Doch eine Lücke im Regelwerk gefährdet das Ziel.Dieser Inhalt wurde am 03. Februar 2021 - 11:45 publiziert
Die Menschen erinnern sich noch daran, als die Stadt ParagominasExterner Link, im brasilianischen Bundesstaat Pará gelegen, "Paragobalas" genannt wurde. "Bala" wird auf Portugiesisch ein Projektil genannt. Die Stadt an der Grenze zum Bundesstaat Maranhão war bekannt für illegalen Holzschlag und Gewalt.
Als die Regierung 2008 anfing, ernsthaft gegen die Abholzung vorzugehen, verwüsteten wütende Einheimische das lokale Büro der brasilianischen Umweltschutz-Behörde und zündeten Fahrzeuge an. Zudem entwendeten sie 14 Lastwagen, die beschlagnahmt worden waren, weil sie illegal in einem indigenen Reservat geschlagenes Holz transportiert hatten.
"Paragominas hat viel unternommen, um seinen Ruf zu verbessern. An seinen rauesten Ecken erinnert es immer noch etwas an den Wilden Westen, aber grösstenteils ist es eine Stadt wie jede andere: Die Menschen gehen zum Barbecue, in die Bar und tun normale Dinge", sagt Sam Levy. Er ist Forscher am Environmental Policy Lab der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).
Vor mehr als einem Jahr verliessen Levy und sein Kollege Federico Cammelli das sichere Zürich, um Paragominas zu besuchen. Sie suchten kein Abenteuer, sondern wollten verstehen, warum die Bauern im Amazonasgebiet weiterhin illegal Urwald abholzen. Trotz strenger Vorschriften und Druck von Käufern aus dem Ausland.
Gedrosselter Fortschritt
Seit den 1970er-Jahren wird im Amazonasgebiet im grossen Umfang und immer intensiver Holz geschlagen. Hautsächlich für Viehweiden, Sojaanbau und Siedlungen. Dank besserer Gesetze und deren Durchsetzung – zum Teil auf internationalen Druck – nahm die Abholzung nach 2004 ab. 2012 lag die Quote um 84% tiefer als früher.
Ein Schlüsselfaktor dafür war die Durchsetzung des brasilianischen Waldgesetzes. Es verpflichtetet die Landbesitzer im Amazonasgebiet dazu, auf Privatgrund 80% der ursprünglichen, natürlichen Pflanzenwelt zu belassen.
Ein weiterer Faktor, der zu einem Rückgang des Holzschlags beitrug, war das Amazon Soy Moratorium (ASM). Es handelte sich dabei um ein freiwilliges Abkommen, von Grosskonzernen unterzeichnet, keine Farmen aus dem Amazonas mehr als Lieferanten zu berücksichtigen, deren Plantagen nach dem Juli 2008 aus dem Urwald geschlagen worden waren. Die Sojafarmer und -unternehmen sahen sich so durch Konsumentinnen und Konsumenten sowie NGO gezwungen mitzumachen.
Doch seit 2012 hat die Quote des Urwaldverlusts im brasilianischen Amazonas wieder zugenommen.
Viele sind der Meinung, das Pulver betreffend Schutz des brasilianischen Urwalds sei verschossen. Weitere Fortschritte bräuchten neue Initiativen. So etwa eine verbesserte Rückverfolgbarkeit des Holzes, um versteckte Probleme aufspüren zu können.
Indirekte Lieferanten
Eine der Schwachstellen in der Lieferkette von Rohstofffirmen konnten Levy und Cammelli identifizieren: die indirekten Lieferanten. Es sind diejenigen, welche die direkten Lieferanten (auch als Tier-1-Lieferanten bekannt) beliefern. Sie stehen in der Kette weiter unten als die Produzenten der eigentlichen Rohstoffe, sei es Soja, Rinder oder Palmöl.
"Heutzutage haben die Konzerne ihre direkten Lieferanten besser unter Kontrolle. Aber selten haben sie eine Vorstellung davon, was genau die indirekten Lieferanten tun", sagt Cammelli.
Selbst kleinere Versuche, Rohstoffe bis zur Farm zurückzuverfolgen, gehen an den indirekten Lieferanten vorbei. Eine kürzliche bahnbrechende Initiative von sechs der grössten Rohstoffunternehmen (Glencore, Bunge, ADM, Cargill, LDC und COFCO) zur Rückverfolgung von Soja bis zum Bauernhof in der brasilianischen Cerrado-Savanne (ein Biotop, das noch stärker bedroht ist als der Amazonas) beschränkte sich ebenfalls nur auf direkte Lieferanten.
Das Konsortium – bekannt als Soft Commodity Forum (SCF) – konnte sein Ziel erreichen, 95% des Sojas, das aus 25 Gemeinden mit hohem Entwaldungsrisiko stammt, bis Ende 2020 zurückzuverfolgen. Aber indirekte Lieferanten waren von der Initiative ausgeschlossen.
"Da die von den Unternehmen aufgestellten Indikatoren zeigen, dass der grösste Teil des Sojas direkt bezogen wird – das Szenario, in dem die Mitglieder mehr Zugang zu Informationen haben –, haben wir beschlossen, die Berichterstattung über direkte Quellen und die Verbesserung der Rückverfolgbarkeit bis zum Bauernhof zu priorisieren", heisst es im jüngsten Fortschrittsbericht des SCF.
Die indirekten Lieferanten machen bei vier der sechs teilnehmenden Unternehmen weniger als 3% des in der Region bezogenen Sojas aus. Bei den anderen zwei war dies jedoch nicht der Fall: Indirekte Lieferanten waren für 12% des Sojas von ADM verantwortlich. Beim Soja von Viterra (ehemals Glencore Agriculture) waren es sogar 35,1%.
Wenn ein Unternehmen nicht weiss, woher eine so bedeutende Menge ihrer Rohstoffe stammt – selbst in einem relativ kleinen Teil Brasiliens –, leidet die Glaubwürdigkeit ihrer Verpflichtungen zur Nicht-Abholzung darunter.
"Rückverfolgbarkeit für indirekte Quellen ist eine Reise, für die man die Lieferkette verstehen, die Lieferanten einbeziehen, ihre Systeme und Praktiken bewerten, wo nötig Kapazitäten aufbauen und die Governance, wo Unternehmen eine Minderheitenrolle spielen können, verbessern muss. Die Erfahrungen aller SCF-Mitglieder werden der Gruppe wichtige Lernmöglichkeiten bieten und dazu beitragen, den kollektiven Fortschritt auf diesem Weg voranzutreiben", sagte ein SCF-Sprecher.
Die Herausforderung, die indirekten Lieferanten zu verfolgen, besteht auch bei anderen Rohstoffen. Zum Beispiel kauft Brasiliens grösster Fleischverarbeiter JBS täglich rund 77'000 Rinder von direkten Lieferanten, deren Herkunft im Moment der Transaktion überprüft werden muss.
"Wenn sie auch indirekte Lieferanten überwachen würden, müssten sie jeden Tag Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen von Rindern überprüfen", so Cammelli.
Der Umfang und die Komplexität dieser Aufgabe sind der Grund, warum sich viele Unternehmen dafür entschieden haben, indirekte Lieferanten zu ignorieren. Während es für grosse Unternehmen nicht möglich ist, jede Kuh von der Geburt bis zur Schlachtung zu verfolgen, können indirekte Methoden helfen, als alternatives Überwachungsinstrument zu teuren Methoden wie Blockchain oder Satellitentechnologie zu dienen.
So nutzten Levy und Cammelli öffentlich zugängliche Quellen wie Firmendokumente, Viehtransport-Aufzeichnungen und Haushaltbefragungen, um Landwirte (indirekte Lieferanten) mit ihren Abnehmern in Zusammenhang zu bringen. Diese Praxis der so genannten Triangulation unter Verwendung verschiedener Datenquellen kann eine Einschätzung darüber liefern, ob indirekte Lieferanten sich an die Vorgaben halten oder nicht.
Versteckte Abholzung
Die beiden in der Schweiz ansässigen Wissenschaftler befragten etwas mehr als 300 durch diese Triangulationsmethode identifizierte brasilianische Viehzüchter im Amazonasgebiet. Sie fanden heraus, dass etwa ein Viertel von ihnen seit Beginn der Null-Abholzungs-Verpflichtungen Wälder auf ihrem Grundstück gerodet hatten. Insgesamt hatten diese Bauern 3400 ha Primärwald gerodet, ohne dass die von ihnen belieferten Unternehmen davon wussten.
Wie können diese Bauern dazu gebracht werden, mit der Abholzung des Amazonas-Urwalds aufzuhören? Laut Levy würden die Bauern am liebsten dafür bezahlt werden, dass sie auf ihrem Land keinen Wald abholzen. "Sie erzählen uns oft, dass sie aufgefordert wurden, ihr Verhalten zu ändern, aber sie sehen keinen finanziellen Nutzen darin."
Cammelli ist nicht überzeugt, dass die Zahlung einer Prämie an Landwirte eine realistische Lösung ist. "Das Angebot einer Preisprämie für die Einhaltung von Gesetzen ist politisch riskant. Denn das erweckt den Eindruck, dass die öffentliche Politik illegitim ist."
Er glaubt, dass strengere Regeln und eine verbesserte Überwachung bessere Optionen sind, um einen unfairen Wettbewerb zwischen konformen und nicht konformen Bauern zu vermeiden. Für Landwirte ist es immer noch zu einfach, Vereinbarungen und Vorschriften zur Nicht-Abholzung zu umgehen.
Derzeit sind Landwirte, die indirekte Lieferanten sind, nicht von der brasilianischen Umweltgesetzgebung betroffen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass einige Landwirte dies als Schlupfloch nutzen, um ihre Rinder von "schmutzigen" zu "sauberen" Farmen zu schleusen.
Jetzt Lösungen suchen
Das Schweizer Forschungsteam erklärt, die Zeit sei jetzt reif, um indirekte Lieferanten von Rohstoffen in den Geltungsbereich der bestehenden Gesetzgebung zu bringen. Sie fordern jedoch, dass dieser Prozess gerecht ist, da es sich bei vielen von ihnen um Kleinbauern handelt, die kaum in der Lage sind, sich schnell anzupassen.
"In der Vergangenheit hat die Europäische Union auf eine ganze Reihe von Ansätzen wie Blockchain und die Installation von GPS-Geräten an Kühen gedrängt. Die sind aber kostspielig und schwer in kurzer Zeit zu implementieren. Es sind auch diese unpraktischen Forderungen, die es der brasilianischen Fleischindustrie ermöglicht haben, so viele Jahre lang untätig zu bleiben", sagt Cammelli.
Einige der realistischeren Vorschläge, die im Umlauf sind, empfehlen die Überwachung nur des jeweils grössten indirekten Lieferanten jedes direkten Lieferanten. Diesen Ansatz verfolgt beispielsweise die brasilianische Arbeitsgruppe für indirekte Lieferanten von Vieh (Grupo de Trabalho dos Fornecedores Indiretos na Pecuária Brasileira oder GTFI). Sie ist ein Zusammenschluss von Fleischexporteuren wie Minerva Foods, Supermarktketten wie Carrefour und Forschungseinrichtungen.
Eine von der GTFI in den Bundesstaaten Pará und Mato Grosso in Auftrag gegebene Studie ergab, dass nur ein sehr kleiner Prozentsatz der direkten Lieferanten mehr als einen indirekten Lieferanten mit Abholzungsproblemen hatte.
Die Arbeitsgruppe schlägt vor, dass Firmen nur Rinder von direkten Lieferanten akzeptieren dürfen, die maximal einen nicht konformen indirekten Lieferanten haben. Damit sollen Schlachthöfe und Landwirte daran gehindert werden, das Schlupfloch der indirekten Lieferanten auszunutzen. Diese Lösung würde die Liefermenge nicht beeinflussen.
Um sicherzustellen, dass Kleinbauern, die schwächsten Glieder in der Rinder-Lieferketten, nicht die Hauptlast dieser Änderung tragen, sind die GTFI-Richtlinien für gute Praktiken auch nur auf indirekte Lieferanten mit mehr als 100 ha Land anwendbar.
"Die NGO verfolgen jetzt einen vernünftigen Ansatz, indem sie Arbeitsgruppen mit der Industrie gründen, um mögliche Lösungen zu finden, die sofort anwendbar sind, und diese dann nach und nach verbessern. Die Hoffnung ist, dass durch diese Massnahmen die Wälder im Amazonas und in den gesamten Tropen geschützt werden können, ohne die Lebensgrundlage der Bauern zu beeinträchtigen", sagt Cammelli.