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Die Hähne krähen früh im Slum. Um vier Uhr morgens beginnt das Konzert in Tondo, einem Quartier der philippinischen Megastadt Manila. Abfallsammler wie Eduardo Ardo, genannt Suhe, sind zu dieser Stunde noch bei der Arbeit. Sie sortieren, was die reichen Quartiere wegwerfen. Hier in Tondo ist rund um den Müll eine ganze Ökonomie entstanden, organisiert durch die Ärmsten der Armen, die sich jeden Tag Pesos zum Überleben zusammenkratzen.
Wir sind unterwegs für zwei Nächte. Unser Interesse gilt Pagpag. Das ist ein Begriff für Fleischreste, weggeworfen in den Fastfood-Restaurants der Stadt. Restaurants verpacken den Müll in Säcke, die im Slum landen. Im Quartier Happyland treffen wir Suhe und seine Frau. Sie graben sich jede Nacht, zehn Stunden lang, durch die Essensreste. Er ist 74-jährig und lebt seit 20 Jahren hier. Für seine Arbeit zahlt ihm sein Chef 1500 Pesos (29 Franken) pro Woche.
Suhe arbeitet für einen Kleinunternehmer, der hier eine Recyclingstelle betreibt. Karton, Plastik und Flaschen füllt er in verschiedene Säcke. Abfallreste wie Reis landen in grossen Wannen. Die sind für die Schweine des Chefs. Chilis und Limetten kommen definitiv in den Abfall. Pagpag, die gefundenen Fleischreste – etwa 200 Kilogramm pro Nacht – darf Suhe behalten und weiterverkaufen.
Manchmal findet Suhe Geld, oft zusammen mit Quittungen. Einmal fand er ein Mobiltelefon. «Das sind die Abfälle der reichen Leute», sagt Suhe, «wenn sie genug haben, werfen sie das einfach weg, ich weiss nicht warum.» Wir fragen, wie gefährlich das Essen des Fleischs aus dem Abfall ist. Er beisst darauf in einen Hühnerschenkel. «Es ist sauber, nicht dreckig», sagt er. «Wenn man daran sterben würde, wären schon viele gestorben.» Suhe ist Händler, das erste Glied in der Pagpag-Handelskette. Er verkauft das Fleisch ins nächste Quartier.
Adoraction Doring Bernacer, 64 Jahre alt, wohnt ein Quartier weiter, im Barangay 128. Sie kauft jeden Morgen einen Sack Pagpag von Suhe. Dreissig Kilogramm für 250 Pesos. Um fünf Uhr morgens schickt sie ihren Sohn los, der mit einem klapprigen Veloanhänger eine halbe Stunde durch den Slum fährt. Ihre Spezialität: Frittiertes Huhn. Sie wäscht die Fleischreste gründlich und dreht und wendet sie dann in heissem Öl, um die Keime abzutöten. Jeden Morgen von fünf Uhr bis um Mittag steht sie vor der Pfanne mit heissem Öl und frittiert Fleischreste.
Auch Doring stammt aus der Provinz – wie viele im Quartier. Die Megastadt Manila wächst ungebremst und hat für viele Menschen auf dem Land eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Sie ziehen in die Stadt, wollen Geld verdienen, suchen ein besseres Leben. Dorings Slum steht nicht mehr. Er wurde abgerissen. Zu acht wohnt sie mit ihrer Familie nun in einer kleinen Sozialwohnung. «Meine Kunden sagen das Pagpag sehr lecker und billig ist», sagt Doring. «Wenn ich einen Tag nichts koche, fragen gleich alle, warum nicht.»
Im so genannten Permanent housing wohnen 27'000 Menschen. Die Plattenbauten sind schon baufällig und alt, aber voll belegt. Auf fünf Etagen brummt das Leben: kleine Läden, Internetcafés, Kinder überall. Die Menschen hier sind Abfallsammler oder Taxifahrer. Ihre Kinder arbeiten im Ausland, als Haushaltshilfen in Übersee oder als Matrosen.
Sofort fällt auf: So viele Kinder! Die Menschen hier sind alle jung. Viele haben keine Arbeit. In den Seitengassen sehen wir junge Männer und Frauen, die an Säcken mit Leim schnüffeln. In Gesprächen merkt man schnell: Präsident Dutertes Drogenkrieg ist hier ein brisantes Thema – und sehr real. Im Barangay 128, erzählt uns eine Verkäuferin, seien schon zehn Personen durch Polizeiaktionen gestorben. Es seien die Falschen gewesen, sagt sie.
Wer die Geschichte des Pagpag erforscht, kommt nicht an Norbert Norbing Luciano vorbei. Wir finden ihn in einer Gasse des Slums. Die Strasse ist voller Abfall, dreckig, die Häuser aus Holz und Wellblech. Mittendrin betreibt er mit seiner Frau ein kleines Restaurant. Sie kamen aus der Provinz Bulacan. Dort war Norbing Hilfskoch. Um seine Familie durchzubringen, wollte er mehr Geld verdienen und zog in die Stadt.
Im Jahr 1999 hatte er als Erster die Idee, das rohe Pagpag neu zu kochen. Heute ist er der berühmteste Koch im Slum. Kurz vor Mittag steht seine Kaldereta, ein Eintopf mit spanischen Wurzeln, auf dem Tresen. Kinder und Erwachsene kaufen sich für einen Bruchteil eines Frankens eine Portion. Durch das Kochen hat Norbing das Essen von Pagpag sicherer gemacht. Als Profit bleibt ihm etwa einen Franken pro Tag. «Ich habe keinen anderen Job», sagt Norbing. «Ich mache das, um etwas zu Essen zu haben.»
Auf den ersten Blick scheint der Slum von Tondo chaotisch, wild und unbezähmbar. Doch die Menschen hier haben sich auf der Müllhalde von Manila mit viel Unternehmergeist bestens organisiert. Sie verwerten, was die aufstrebende Mittelschicht wegwirft.
«Die Erfahrung, Pagpag zu kochen, hat mein Leben besser gemacht», sagt Norbing. «Dazu habe ich mich aus freien Stücken entschieden. Wenn du solche Erfahrungen machst, dann kannst du überleben.» Mit einem Lächeln schöpft er seinen Kunden Kaldereta aus Pagpag.