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Die See vor der Küste Neuschottlands in Kanada ist oft so rauh, dass selbst hartgesottene Schiffsbesatzungen seekrank werden. Das war auch im Winter 1964 so, als die MS Michelon bei Sturm die 170 Seemeilen von North Sydney nach St-Pierre zurücklegte. Der alte Holzschlepper war kurz, schmal und leicht. Deshalb hatten ihn die Forscher für ihr Experiment ausgewählt: Das Schiff sollte nicht möglichst ruhig im Wasser liegen, sondern im Gegenteil möglichst stark rollen und stampfen.
Schon kurz nach der Abfahrt in St-Pierre um neun Uhr nachts musste sich die erste der dreissig Versuchspersonen übergeben. Während der 28 Stunden der Überfahrt folgten ihr vierzehn weitere. Wer sich nicht erbrach, war kurz davor. Selbst den Forschern war so übel, dass sie die geplanten Messungen von Blutdruck und Schiffsbeschleunigung nicht durchführen konnten.
Doch zehn Männern konnte die wilde See nichts anhaben. Sie sassen in der Kabine und spielten Karten durch die Nacht. «Wir genossen es und nahmen Mahlzeiten zu uns», erinnerte sich einer von ihnen, Barron Gulak, fünfzig Jahre später, «und wenn die anderen uns essen sahen, wurde ihnen noch mehr schlecht.»
Der Versuch war einer von vielen, die amerikanische Flugmediziner im Hinblick auf das Raumfahrtprogramm durchführten. Die starken Beschleunigungen und die Schwerelosigkeit machten Astronauten anfällig für die Reisekrankheit. Sie tritt auf, wenn die Information, die das Auge ans Gehirn schickt, nicht zu jener des Gleichgewichtsorgans passt. Etwa in einer Schiffskabine, in der das Auge Ruhe registriert, das Gleichgewichtsorgan aber Bewegung meldet. Weil die Einnahme von Gift zu ähnlichen Symptomen führt, interpretiert das Gehirn einen solchen Widerspruch möglicherweise als Vergiftung und schickt den Befehl, den eingenommenen vermeintlichen Schadstoff los zu werden.
Um mehr über die Ursachen dieser Form von Übelkeit zu erfahren, hatten die Forscher als Versuchspersonen Barron Gulak und zehn seiner Kollegen von der Gallaudet University für Gehörlose in Washington D.C. rekrutiert (einer war nicht auf dem Schiff). Dort gab es zuhauf Leute, denen weder auf einer Achterbahn noch auf einem Schiff schlecht wurde. Das Gleichgewichtsorgan ist Teil des Innenohrs und versagt bei vielen Formen der Gehörlosigkeit. Wenn es nicht funktioniert, kann es auch nicht in Konflikt mit den Augen geraten.
Der Versuch auf dem Schiff vor Kanada gehörte zu einer langen Reihe von Studien, bei denen die «Gallaudet Eleven», wie die Gruppe bald hiess, während fast zehn Jahren mitmachten. Sie flogen in leergeräumten Passagierjets mit, die mit steilen Aufstiegen und Sturzflügen für kurze Zeit Schwerelosigkeit simulierten. Vier von ihnen verbrachten zwölf Tage am Stück in einem engen Raum, der zehn Mal pro Minute rotierte.
Die Erkenntnisse aus den Experimenten waren eher bescheiden. Die Schiffsstudie war unternommen worden, um festzustellen, ob «Versuchspersonen ohne funktionierendes Innenohr unter extremen Witterungsverhältnissen seekrank gemacht werden können», wie es in der Publikation heisst. Sie können es nicht.
Und so zählt dieses Experiment zu den wenigen in der Geschichte der Wissenschaft, bei dem die Rolle der Versuchsteilnehmer angenehmer war als jene der Forscher. «Ehrlich, wir hatten eine wundervolle Zeit», sagte Barron Gulak 2017 anlässlich einer Ausstellung über «Gallaudet Eleven».