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Text: Thomas Huonker
Viele Jenische, Sinti und Roma stehen in Nachwirkung der Verfolgung, die auch die Folgegenerationen mitprägt, immer noch weit unten in der ökonomischen und sozialen Rangordnung. Einige sind jedoch in Kultur, Medien, Sport oder Geschäftsleben sehr erfolgreich.
Die Schweiz verbot die Einreise «fremder Zigeuner» von 1471 bis 1972, ausser in der liberalen Zeit von 1848 bis 1888. Somit waren Roma und Sinti in der Schweiz lange vorwiegend in Kerkern und Zwangsarbeitsanstalten anzutreffen, bis sie ausgewiesen wurden; dies auch im Zweiten Weltkrieg. Erst ab Mitte der 1950er Jahre kamen, meist ohne sich als solche zu erkennen zu geben, rund 40'000 Roma in die Schweiz, als Fremdarbeiter oder Flüchtlinge.
Seit jeher leben Jenische in der Schweiz. Ihre Zahl wird auf 35’000 geschätzt. Zwischen 1851 bis 1880 erhielten sie das Bürgerrecht, einige Familien hatten es schon lange zuvor. Das Einbürgerungsgesetz von 1851 verbot das Fahren mit schulpflichtigen Kindern. In den Berggemeinden, wo sie zwangseingebürgert wurden, konnten sie nur als Knechte oder Alphirten leben, ausgeschlossen vom dörflichen Gemeinschaftsbesitz an Wald und Weiden. Im Mittelland gab es Arbeit in Fabriken, im Service und auf dem Bau; der Zugang zu besser bezahlten Berufen blieb verschlossen.
Das Fahren wurde ab 1870 erschwert durch kantonale Patentgesetze mit hohen Gebühren. Oft blieb nur der versteckte Aufenthalt in Kiesgruben und Wäldern, obwohl es durchaus Landstriche und Anlässe gab, wo Handwerk und Musik der Fahrenden willkommen waren.
Verfechter der «Rassenhygiene» wie der Psychiater Josef Jörger diffamierten die Jenischen als «erblich minderwertig». Auf Jörgers Theorien basierte die systematische Zerstörung jenischer Familien mittels Kindswegnahmen zwischen 1926 und 1973. Die isolierten Kinder wurden oft misshandelt und erlitten vielfach dauerhafte Schädigungen. 1988 erhielten sie dafür je 2000 bis 20’000 Franken. Eine Lehre oder höhere Schulbildung absolvierten nur wenige. Viele Opfer der Verfolgung blieben lebenslänglich in Heimen und Anstalten, starben früh oder wurden IV-Rentner.
Einzelne Jenische entfalteten Widerstandskraft und herausragende kulturelle, organisatorische oder geschäftliche Aktivitäten. Heute sind Jenische zwar in der eidgenössischen Kommission gegen Rassismus oder der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende vertreten, doch kaum in Parlamenten und Behörden. Die schweizerischen Jenischen sind als Sprachminderheit anerkannt, und die Fahrenden gelten als nationale Minderheit. Doch sie können die von ihnen erbrachten Steuergelder nicht selbst verwalten.
Es gibt zuwenig Stand- und Durchgangsplätze. Die jenische Kultur und Sprache wird nur spärlich gefördert. Ambulante Gewerbe erhalten, im Unterschied zu Bauern oder Exportindustrie, keine staatliche Förderung. 2000 ersetzte eine landesweite Regelung die kantonalen Patente, dank Rechtsangleichung an die EU; vorherige Vorstösse waren chancenlos. Die konjunkturabhängigen fahrenden Kleingewerbler laufen Gefahr, in Krisen fürsorgeabhängig zu werden. Einzelne Fürsorgebehörden üben Druck auf Fahrende aus, sesshaft zu leben. Die meisten Fahrenden haben keine Altersvorsorge ausser der Minimalrente.
Seit die Schulen, welche die Kinder der Fahrenden im Winter besuchen, ihnen während der Reisezeit Aufgaben mitgeben und eingesandte Arbeiten korrigieren, ist der Wiedereintritt in die gleiche Klasse im Herbst gegeben. Oft landen aber Kinder von Jenischen, Sinti und Roma in Schultypen mit schlechten Berufssaussichten, was die schulische Motivation mindert. Ohne Lehre oder Studium arbeiten die meisten jungen Fahrenden zunächst im Betrieb ihrer Eltern oder eines Verwandten und bauen möglichst rasch einen eigenen Kundenkreis auf. So gelingt es ihnen meist schon in jungen Jahren, eine eigene fahrende Familie zu gründen.