Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/2270

«Agatha ist der hässlichste Name der Welt», sagte Heinrich. Und da hat meine Oma sich dem leicht beschwipsten Herrn mit Trudi vorgestellt. Er erfuhr ihren richtigen Namen nie. Dabei hatte ihre Mutter sie doch nach der Märtyrerin Agatha getauft, der vom heidnischen Statthalter von Sizilien die Brüste abgeschnitten worden waren, weil sie sich weigerte, ihn zu heiraten.
Meine Oma kam am 5. Februar 1920 zur Welt, zwei Tage vor dem Gedenktag der Heiligen Agatha.
In ihrer Todesanzeige müssten wir dann unbedingt «Agatha Trudi Rothenfluh» schreiben, oder zumindest «Agatha Rothenfluh, genannt Trudi». Sonst wisse ja niemand, dass sie damit gemeint sei.
Die Mutter meiner Oma war durchdrungen vom Glauben, eine strenge, unzufriedene Frau, aus einer der besten Familien von Dittingen, einem kleinen Dorf im Laufental (BL). Sie besassen sogar Pferde. Doch dann heiratete sie, brachte innerhalb von siebzehn Jahren elf Kinder zur Welt. Und immer sah sie: Das Geld reicht nirgendwo hin. «Das machte sie hart», meint meine Oma.
Am Nachmittag, wenn sie die Arbeit im Haus erledigt hatte, stieg sie zum Feld hinauf, um ihrem Mann zu helfen. Dann musste meine fünfjährige Oma auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen. Sie war die älteste der sieben Mädchen.
Das Feld liegt hoch über dem Dörflein. Dort oben ist der Blick frei, selbst die Kirche wirkt von hier aus wie ein winziger, unbedeutender Punkt. An sonnigen Tagen sieht man in östlicher Richtung hinüber bis zur faltigen Jurakette.
Mein Bruder hat als kleiner Bub auf dieser Wiese Purzelbäume geschlagen, so gefreut hat ihn die Weite. Sechzig Jahre davor hörte meine Oma ihre Mutter hier oben sagen: «Ich will lieber, dass ihr alle auf diesem Platz sterbt, als dass einer von euch vom Glauben abfällt.»
Der Dorfpfarrer kam frisch aus dem Priesterseminar, ein gebildeter Mann, der so gar nicht in eine Bauerngemeinde passen wollte. Seine hochgestochenen Worte verstand in Dittingen niemand, die Bauern schliefen allesamt während seiner Predigten ein.
Meine neunjährige Oma klärte er über das «unwürdige Kommunizieren» auf. In Wien habe ein Kind die Kommunion empfangen, ohne vorher alle Sünden zu beichten: «Als es die Hostie in den Mund nahm, wurde es auf der Stelle schwarz und fiel tot um.» Einer der Brüder meiner Oma bekam von diesem Pfarrer zu hören, seine Sünden seien derart himmelschreiend schlimm, dass sie allein der Papst vergeben könne.
«Heute sagen sie das Gegenteil», meint meine Oma. «Was für eine schwere Sünde kann ein Kind denn schon begehen? Ich bin kritisch geworden. Sehr kritisch sogar. All diese Missbräuche an den Kindern.»
Ihre Mutter zitierte auch gern aus der Bibel. Ganz besonders, wenn sie meine Oma schlug: «Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn!» Sie machte oft Gebrauch davon. Ihre Söhne bekamen die Rute allerdings nie zu spüren, nur die Mädchen. «Die Buben waren mehr als wir.»
Nur einmal rebellierte meine Oma. Sie sollte die Plättlein in der Küche aufwaschen, doch sie tat es nicht.
Als die Mutter nach Hause kam, «ging das Donnerwetter los». Der Vater versuchte sie noch davon abzubringen, doch als er im Stall verschwand, holte sie die Rute. Sie klemmte immer hinter dem Spiegel, doch irgendwann war sie plötzlich nicht mehr da.
Die jüngeren Geschwister meiner Oma wurden nicht mehr gezüchtigt. Die Mutter hatte keine Kraft mehr. «Es war, als wären meine kleinen Schwestern in einer anderen Familie gross geworden.» Und wie mochte es auch anders sein, wenn zwischen dem ersten und dem letzten Kind siebzehn Jahre liegen.
An ein Weihnachten erinnert sich meine Oma besonders gut. Sie bekam einen kleinen, roten Ball geschenkt. Sofort ging sie raus, um damit zu spielen. Sie warf den Ball in die Höhe und sah zuerst gar nicht, wo er landete. Doch dann fand sie ihn, er war auf einer Heugabel gelandet. Als schlaffer, deformierter Sack hing er da – und tat seinen letzten Atemzug.
Ihr Vater war ganz anders als die Mutter, erzählt mir meine Oma. «Er hat von der Beichterei nicht viel gehalten. Er liess uns einfach aufwachsen. Er war hochintelligent und konnte wahnsinnig gut schreiben. Er war fünfundzwanzig Jahre lang Gemeindeschreiber. Niemand konnte damals schreiben. Er schon. Wenn er um elf Uhr abends von der Fabrik kam, ging er dieser Arbeit nach. Das war es, was er wirklich geliebt hat.»
Zwei Tage vor ihrem fünfzehnten Geburtstag musste auch meine Oma in die Fabrik arbeiten gehen. «S'Agathli kann morgen anfangen», sagte der Vater.
Die Vorarbeiterin sei ein richtiges «Mannsweib» gewesen: «Wieso machen deine Eltern denn dauernd Goofe, wenn sie nicht alle Mäuler stopfen können!», schimpfte sie meine Oma am ersten Tag an. Das war der Empfang. Sieben Jahre blieb sie in der Fabrik, von deren Arbeitern es hiess, es sei alles «Pack».
Doch es war saubere Arbeit, sagt meine Oma. Die verarmten Bauern konnten so etwas Geld verdienen, man nannte sie dafür verächtlich «Rucksackbauern», weil sie zu Fuss von irgendwelchen Dörfern ins Birstal kamen, um in der Papierfabrik zu arbeiten. Oma brauchte für den Weg eine halbe Stunde. Die Männer verdienten 1.10 Franken pro Stunde, die Frauen 70 Rappen. Sie arbeiteten in drei Schichten.
Meine Oma und ihre Geschwister machten alle nur die Primarschule, für die Sek reichte das Geld nicht. Bei Friedli, dem Jüngsten, sagten alle, man solle ihn unbedingt in die Sek schicken. Er war so klug. Doch Friedli wollte nicht, weil es auch allen seinen Geschwistern verwehrt blieb.
Er wurde Automechaniker. Und obwohl die anderen Lehrlinge eine höhere Schulbildung genossen hatten als er, schrieb er den besten Abschlussaufsatz. «Er ist sogar in Amerika gewesen», erzählt meine Oma stolz. «Er war sehr gefragt, er kannte das Auto von Grund auf. Jedes einzelne Schräublein.»
Auch ihre Schwester Marie hatte Talent, stets besuchte sie die alten Dittinger und schrieb deren Geschichten auf. Sie hätte ihre Texte an eine Zeitung schicken sollen, sagt meine Oma. Doch Marie hatte Hemmungen.
Meine Oma erzählt viel von ihren Geschwistern. Immer wieder schweift sie ab, als wäre ihr Leben es nicht wert, erzählt zu werden. Was sie denn gern gemacht hätte, frage ich sie.
Vielleicht hat meine Oma recht. Es war eine andere Zeit. Uns trennen fünfundsechzig Jahre. Ein Weltkrieg. Frauenrechte. Und während sie gelernt hat, an Gott zu glauben, durfte ich an mich glauben. «Du kannst alles werden», haben mir meine Eltern gesagt. Mit einem Urvertrauen, fast schon naiv, bin ich in die Welt hinausgegangen, während sich meine Oma vor einem strafenden Gott fürchtete.
Sie wurde hinuntergedrückt von dem, was man so generell Leben nennt. Und wenn die Angst zum ersten, bestimmenden Gefühl wird, wie viel davon kann ein Mensch überwinden?
So geht es mir auch oft. Und doch trennt uns, wenn wir uns dieselbe Frage stellen, eine ganze Welt.
Mit zwanzig Jahren verliess sie Dittingen, um als Serviertochter in einem schicken Hotel in Twann am Bielersee zu arbeiten. «Das waren Protestanten – und es waren so liebe Leute, jesses nei! Der Besitzer war ein wunderbarer Koch, er hatte seine Lehre in Paris gemacht, in einem privaten Haushalt, sehr fein muss das dort gewesen sein. Wir waren wie eine grosse Familie. Sie assen gemeinsam mit uns Bediensteten.»
Ganz anders war das im Kasino in St.Gallen, wo meine Oma später arbeitete. «Das waren Katholiken. Die haben kaum mit uns gesprochen, und wenn, dann immer so von oben herab. Wir assen getrennt von unseren Chefs, und wir bekamen nur deren Reste.»
Wenn sie etwas im Service gelernt habe, sagt meine Oma, dann sei es, dass man immer den Menschen sehen muss. «Egal, welchen Glaubens jemand ist, egal, wie schick jemand gekleidet ist, egal, welchen Beruf er ausübt, man muss immer den Menschen dahinter sehen.»
Doch gemocht hat sie ihre Arbeit nie. Und als sie Heinrich kennenlernte, war sie froh, «endlich unter die Haube zu kommen. So musste ich nicht mehr im Service arbeiten. Das verleidet einem mit der Zeit.»
«Hast du meinen Grossvater geliebt?», frage ich sie.
Sterbensverliebt war meine Oma mit achtzehn. In Fritz. «Ein ganz feiner Mensch», aber er war eben Protestant. Und seine ältere Schwester, «ein extremes Weib», gehörte zu den Zeugen Jehovas. Sie ging nach Japan, um zu missionieren. «Ich hatte immer Angst vor der Vorstellung, dass wenn ich Fritz heirate und Kinder von ihm bekomme, sie mir dann weggenommen und in diese Sekte gesteckt werden.» Und Fritz war ein Sozialdemokrat. «Das waren Kommunisten. Die hat man verabscheut.»
Im März 1944 kam sie nach Rapperswil, kurz bevor Schaffhausen durch einen Navigationsfehler von der US-Luftflotte bombardiert wurde. Meine Oma arbeitete im Hirschen, wo Heinrich am Wochenende gerne einkehrte. Er brachte seine dreckige Wäsche zur Haushälterin, die im Haus seines Vaters wohnte. Er stellte sie jeweils im Bahnhof ein und ging dann auf eine «Sumpftour», bevor am nächsten Tag mit seinen gewaschenen Kleidern nach Rorschach zurückkehrte. Einmal vergass er sie im Schliessfach. Ich weiss nicht, ob es am Sumpf oder an meiner Oma lag.
Meinen Opa hab ich in guter Erinnerung. Er war ein sehr lustiger Mann. Wenn er vor dem Spiegel stand und sich die letzte, übriggebliebene Haarsträhne quer über seinen sonst nackt gewordenen Schädel kämmte, sagte er: «Wie kann einer allein so schön sein wie ich.»
Schon als er auf die Welt gekommen ist, seien die Menschen von überall her mit Extrabussen nach Rapperswil geströmt, um seine Schönheit zu bewundern. Sein Vater habe ihn über den Gartenzaun der frohlockenden Menschenmenge entgegengestreckt, die in einer kilometerlangen Viererkolonne sehnsüchtig darauf gewartet haben soll, endlich einen Blick auf ihn zu erhaschen.
Vielleicht hat ihn meine Oma geheiratet, weil sie ihn für furchtlos hielt. Und einmal war er das auch. Als er Eier über die französische Grenze schmuggelte und der Zöllner ihn fragte, was er denn da im Geigenkasten habe. «Eier, was sonst!», sagte er. Und der Zöllner liess ihn kopfschüttelnd passieren.
Auch von der Kirche hielt er wenig. «Die haben uns jahrhundertelang verseckelt», pflegte er zu sagen. «Die zehn Gebote nehm ich an, den ganzen Rest können sie behalten.»
Doch einmal im Jahr ging auch er beichten, das hielten selbst die Zweifler für ihre Pflicht – so wie das obligatorische Schiessen, womit es mein Opa immer verglich. Allerdings ging er dafür nach Mariastein. Denn wer wollte schon vor dem ortsansässigen Pfarrer seine Sünden bekennen. Und wenn er nach Hause kam, rief er freudig: «Ich bin rein! Ich bin rein!», und lachte dabei sein dröhnendes Lachen.
Zu seiner Schwiegertochter war er immer nett. «Er hat geschaut, dass sein Sohn gut zu mir war.» Heinrichs Schwester hat indes geschaut, ob meine Oma den Haushalt auch zufriedenstellend meisterte. Sie machte gern Kontrollbesuche.
Ob sie glücklich war mit meinem Opa, frage ich.
Heinrich war eben lange Junggeselle. Und an seinem Stammtisch sah man es nicht gern, wenn einer wegen seiner Frau früher nach Hause ging. Dafür wurde man hochgenommen. Er sagte zu seinen Saufkumpanen jeweils: «Ich habe meine Alte gut dressiert.»
Und wenn er in der Stadt zwei Frauen begegnete, fragte er sie, ob sie nichts Gescheiteres zu tun hätten, ob sie denn nicht nach Hause gehen müssten, um zu kochen.
Ein Liebesbrief hat sie von meinem Opa nie bekommen. Er sagte immer, er könne schnurren, aber er brächte nichts aufs Papier. Nur einmal habe er geschrieben. Als mein Vater zur Welt kam.
Ihre zwei Töchter musste meine Oma begraben. Beide hat sie an den Krebs verloren. «Vielleicht hatte ich besondere Hilfe, dass ich diesen Verlust überwinden konnte», sagt meine Oma. «Und ich denke, sie haben es jetzt schön. Sie sind versorgt.»
Aber ich glaube, ihre Kraft kommt von innen. Von ihrem Glauben, der in ihrer Kindheit mit so viel Drohung und Leid verbunden war, und den sie in etwas Positives verwandeln konnte.
An Weihnachten sitzt sie auf ihrem Thron, dem grossen Sessel, den wir für sie mit zwei Kissen aufpolstern, damit sie nicht darin versinkt. Meine drei Brüder sind da, meine Eltern, es ist laut und ich glaube nicht, dass sie viel von unseren Gesprächen versteht. Aber sie lächelt. Weil sie weiss, dass es uns gut geht.
Zum ersten Mal wird sie dieses Weihnachten ihren Urenkel in Händen halten. Mein Neffe heisst Henry, nach meinem Vater und Grossvater benannt. Wahrscheinlich wird es das letzte Weihnachten sein, an dem sie gemeinsam mit uns am Tisch sitzt. Sie ist jetzt schon so winzig, und es scheint so, als würde sie jedes Jahr ein bisschen mehr zusammenschrumpfen. Bis sie irgendwann ganz verschwindet.