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Keine andere Region in der Schweiz ist so eng mit der Naturheilmedizin verbunden wie die Ostschweiz. Vor allem der Kanton Appenzell-Ausserrhoden hat mit seiner liberalen Gesetzgebung massgeblich zur Entwicklung der Naturheilkunde beigetragen.
Fabrice Müller
S echs Wochen verbrachte der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse (1877–1962) im Herbst 1922 in der Kuranstalt «Sennrüti» in Degersheim. Er berichtete seiner zukünftigen Ehefrau Ruth Wenger über die Wickel und Packungen, nach dem morgendlichen Luftbaden: «Ich bekam heut eine ‹Packung›, das heisst, ich wurde auf eine Matratze gelegt, dann bekam ich einen nassen Wickel um den Leib und wurde von den Füssen bis unters Kinn mit vielen Wolldecken eingerollt und so dickt verpackt, dass nicht die kleinste Bewegung mehr möglich war, man kann mit dem kleinen Finger nicht mehr zucken (…) Man hat Phantasien, in denen es einem als unerreichbar höchste Wonne erscheint, die Knie biegen, sich an der Stirn kratzen, sich die Nase abwischen oder einen Brunnen machen (…).»
Die Kuranstalt Sennrüti gehörte zu den ersten ihrer Art, die sich in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Ostschweiz etablieren konnten.
Licht- und Luftbäder
Zur gleichen Zeit etwa hatten sich in der Schweiz die ersten Naturheilvereine konstituiert, wie Iris Blum, Autorin des Buches «Monte Verità am Säntis – Lebensreform in der Ostschweiz 1900–1950», berichtet. Neben ihrem publizistischen Engagement mit Zeitschriften und Büchern begannen die Naturheilvereine, immer mehr in den Aufbau von «Infrastrukturen zur Körperpflege» zu investieren. Sie machten sich für den Aufbau von Licht- und Luftbädern stark. Die von Franz Kafka (1883–1924), ein tschechischer Schriftsteller, beschriebenen Körpertechniken des öffentlichen Licht- und Luftbadens sollten nicht mehr nur gut betuchten Gästen in Sanatorien und Kuranstalten zugänglich sein, sondern auch den mittleren und unteren sozialen Schichten.
« Ausschlaggebend für den Zuzug von Naturärztinnen und Naturärzten war und ist die liberale Gesetzgebung des Kantons. »
Wie auf dem Monte Verità
Von der Naturheilkunde gingen Impulse aus, die in die gesamte Gesellschaft hineinwirkten. Um 1900 wollten in der Ostschweiz, insbesondere im Kanton Appenzell-Ausserrhoden, viele Menschen die Gesellschaft radikal verändern. «Wie im Tessin, auf dem Monte Verità, suchten sie nach neuen Lebensformen, denn sie sahen die Zivilisation durch die Folgen von Industrialisierung und Modernisierung bedroht», begründet Iris Blum diese neue Bewegung. So suchten Naturheilkundler, Vegetarierinnen, Reformpädagogen und Tänzerinnen Heil und Heilung mittels Licht, Luft, Sonne, Diät und Bewegung. Dadurch entstand, so Iris Blum, eine Aufbruchstimmung, welche die Gesellschaft bis ins 21. Jahrhundert geprägt hat.
Das Appenzellerland ist bekannt für seine Streusiedlungen.
Heilpersönlichkeiten
Das Appenzell, allen voran der Kanton Appenzell-Ausserrhoden, spielte bei dieser Bewegung eine wichtige Rolle. Schon früh suchten Patientinnen und Patienten aus der Schweiz und angrenzenden Ländern Kuranstalten, kantonal approbierte Naturärzt*innen und besondere Heilerpersönlichkeiten das Appenzellerland auf. Legendär sind die Molkenkuren und Heilbäder aus dem 19. Jahrhundert und die Heilmittel der Kräuterpioniere Johannes Künzle (1857–1945) und Alfred Vogel (1902–1996). Aber auch einheimische Heiltätige wie Babette Oertle-Alder (1884–1975) in Urnäsch und Karolina Schefer-Siegrist (1891–1976) in Teufen genossen einen ausgezeichneten Ruf, wie Iris Blum berichtet. Zwar gab es bereits im 18. Jahrhundert auch studierte Ärzt*innen, aber nur in relativ geringer Zahl. Die Naturheilkundigen, die von den Behörden und vom Volk auch Arztner genannt wurden, bildeten zum einen eine wichtige Ergänzung dazu; zum andern stellten sie aber für die an Universitäten geschulten Ärzt*innen eine Konkurrenz dar, umso mehr, da sie genauso wie die Apotheker*innen und naturheilkundigen Drogist*innen beim Volk ein höheres Ansehen genossen.
Ein Sonderfall
«Ausschlaggebend für den Zuzug von Naturärztinnen und Naturärzten war und ist die liberale Gesetzgebung des Kantons», sagt Caroline Büchel, Co-Präsidentin der Naturärzte Vereinigung der Schweiz (NVS) mit Sitz in Herisau AR. Im Gegensatz zu den anderen Kantonen ist es Heilpraktiker*innen im Kanton AR beispielsweise erlaubt, selbst Arzneimittel herzustellen und zu verkaufen. «Unser Kanton ist in dieser Hinsicht ein Sonderfall im positiven Sinne.» Die Naturheilmedizin geniesst im Kanton also seit jeher einen hohen Stellenwert und blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Die Naturheilkunde im Kanton AR gilt als schützenswertes Gut und steht auf der UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe.
NVS als Triebfeder
Doch ist es allein die liberale Gesetzgebung, die dem Kanton zu dieser Pionierrolle verholfen hat? Für Caroline Büchel waren es auch die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen und Diskurse, die hinter dieser liberalen Grundhaltung abgehalten wurden. Die liberale Ausrichtung des Kantons AR wirkte sich laut Caroline Büchel auch auf die Gesetzgebung und Verordnungen in anderen Kantonen aus. Die NVS, bis 23. März 1932 unter dem Namen Schweizerischer Naturärzte- und Homöopathen-Verband aktiv, spielte in dieser Entwicklung eine zentrale Rolle. Der 1920 ins Leben gerufene Verband umfasste anfänglich zwar nur 30 Mitglieder; diese waren jedoch äusserst zahlungskräftig und erfolgreich in der Meinungsbildung. Das Engagement der NVS prägte ferner die Qualitätsstandards der Naturheilkunde und deren Ausbildungen. So führte die NVS als erster Verband in der Schweiz 1932 Berufsprüfungen für Naturheilpraktikerinnen und -praktiker durch. «Die Qualitätsstandards der NVS waren für anderen Ausbildungen wegweisend, ebenso die Offenheit des Verbandes gegenüber anderen Disziplinen wie der Traditionellen Chinesischen Medizin oder Ayurveda», betont die NVS-Geschäftsführerin Elisa Hartmann. Auch bei der Volksabstimmung «Ja zur Komplementärmedizin» 2009 zeigte sich laut Elisa Hartmann die starke Verankerung der Komplementärmedizin in der Bevölkerung des Kantons AR.
Grundskepsis gegenüber der Schulmedizin
Ein weiterer Grund, weshalb das Appenzell stark mit der Naturmedizin verbunden ist, liegt laut Caroline Büchel in seiner Kleinräumigkeit und im Charakter seiner Bevölkerung. «Es herrschte schon immer eine gewisse Grundskepsis gegenüber der Schulmedizin. Deshalb griff man lieber zur Naturmedizin und half sich selbst.» Erfolgsmeldungen von Heilerinnen und Heilern sprachen sich im Kanton schnell herum. Besonders verbreitet waren die Kräuterheilkunde, das Schröpfen, der Aderlass, die Homöopathie sowie energetische Behandlungen. Heilwissen wird im Appenzellerland seit Jahrhunderten vor allem auch in Klöstern weitergegeben. Nach der Reformation bestanden die Klöster nur noch im katholisch gebliebenen Halbkanton Appenzell Innerrhoden, so zum Beispiel auch im Frauenkloster «Leiden Christi» in Jakobsbad, das 1851 gegründet wurde und heute noch auf Arzneien aus eigener Produktion setzt. Mit ruhiger Hand füllt Schwester Dorothea die kleinen weissen Döschen mit der minzegrünen Creme, die gegen allerlei Rheumaerkrankungen helfen soll. Verschiedene Kräuter wie zum Beispiel Thymian, Minze, Wacholder, Rosmarin und Lavendel werden für diese Creme nach einem alten, überarbeiteten Rezept des Klosters beigemischt. Auf dem gleichen Stockwerk arbeitet derzeit auch Schwester M. Andrea. Sie füllt den goldgelben Angelika-Likör, eine weitere Spezialität des Klosters, in Flaschen ab. Schwester Dorothea informiert, dass Angelika nicht nur ein Genussmittel etwa für einen Aperitif ist, sondern auch bei Magenverstimmungen nach dem Verzehr von kalten und oder unbekömmlichen Speisen hilft. Zu den Produkten vom Klosterladen zählt beispielsweise auch das Jakobsbader Stärkungs- und Zellvitalisierungsmittel bei Müdigkeit und Leistungsabfall im Alltag. Das Kloster «Leiden Christi» in Jakobsbad verfügt über einen weit herum bekannten Laden. Immer wieder betreten Kund*innen den Laden und fragen bei der Klosterfrau um Rat. Alle Salben, Tropfen und Tinkturen sowie die klostereigene Kosmetika-Linie «Isis», benannt nach einer ägyptischen Göttin, werden im Ordenshaus selbst auf natürlicher Basis hergestellt.
Schröpfen ist eine Methode der traditionellen Naturheilkunde.
Auch im Kanton Appenzell Innerrhoden wird das Wissen weitergegeben.
Hier das Frauenkloster Jakobsbad.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die Naturheilbewegung im Appenzell steht ferner für eine wirtschaftliche Kraft. In Teufen schnellte die Zahl von zehn Heilpraktikerinnen und -praktikern im Jahr 1910 auf 38 im Jahre 1940. «Die Heiltätigen waren nicht mehr wie in früheren Jahren ausschliesslich eingesessene Ausserrhoder, sondern führten als zugezogene Heiltätige oft Kurhäuser und betrieben daneben einen Arzneimittelversand», berichtet Iris Blum.
Die liberale Gesetzgebung und die grosszügig erteilten Praxisbewilligungen für Neuzuzüger*innen begünstigten das Aufkommen einer alternativen Heilmittelindustrie. Die zahlreichen Kurbäder und Sanatorien zogen viele Tourist*innen aus anderen Kantonen und aus dem Ausland an. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der im ehemaligen Molkenkurort Heiden beginnende, drei Kilometer lange Gesundheitsweg, wo man Wissenswertes über die Traditionen der freien Heiltätigkeit im Kanton und die Bedeutung der Kräuterheilkunde erfährt. Im Heilbad Unterrechstein kann man einen Heilkräuter-Schaugarten bewundern, ebenso am ehemaligen Wirkungsort des Naturarztes Alfred Vogel (1902–1996) in Teufen. Mehrere Reformhäuser und Hersteller von Kräuterarzneien entstanden im Appenzell wie auch in der Ostschweiz zum Beispiel die Kräuter-Zentrale A. Vogel.
Auch die Herstellung von Naturheilmitteln ist wichtig.
Gelebte integrative Medizin
Heute arbeiten viele Heilpraktikerinnen und -praktiker im Kanton AR – Tür an Tür mit Schulmedizinerinnen und -medizinern. «Dieses Neben- und Miteinander von Natur- und Schulmedizin geniesst bei uns eine hohe Akzeptanz und ist Teil der Gesundheitskultur», begrüsst Caroline Büchel und spricht von einer «gelebten integrativen Medizin». Aufgrund seiner Erfahrungen im Umgang mit der Naturheilmedizin ist der Kanton Appenzell AR ein gefragter Dialogpartner beim Schutz und Erhalt der Vielfalt von Heilmitteln.
www.nvs.swiss
Warum zwei Appenzell?
Wie im Haupttext erwähnt, ist vor allem der Halbkanton Appenzell Ausserrhoden von seiner liberalen Gesetzgebung her besonders offen für die Naturheilkunde. Aber warum gibt es überhaupt die beiden Halbkantone Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden? Denn in früheren Zeiten gehörten die beiden Halbkantone einst zusammen.
Der Grund ist in der Reformation und der darauffolgenden Spaltung in einen reformierten Teil – das heutige Appenzell Ausserrhoden – und einen katholischen Teil – das heutige Appenzell Innerrhoden – zu finden. Aufgrund des Konfliktes um den Beitritt des Kantons zu Bündnissen der katholischen Orte mit dem Borromäischen Bund und Spanien (der damaligen Vormacht des Katholizismus) teilte sich Appenzell 1597 mit der Landteilung in das etwas kleinere katholische Innerrhoden und in das etwas grössere reformierte Ausserrhoden. Dabei ist es bis heute geblieben.