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Annemarie Mahler, Paris
Was findet statt? Was findet nicht statt? Von den 84 Marken, die im offiziellen Kalender der Pariser Modewoche vertreten sind, hatte sich etwa die Hälfte dazu entschlossen, trotz Covid 19 Live-Defilees zu organisieren.
Viele hatten gezögert, ihre Frühjahrs- und Sommer-Kollektionen nur digital zu zeigen und erklärten, sie bräuchten den menschlichen Kontakt. Andere haben sich aus Sicherheitsgründen auf rein digitale Formate beschränkt und Videos gezeigt. Zu jenen, die Live-Defilees wagten, gehörten unter anderen Dior, Chanel, Vuitton, Hermès, Balmain, aber auch kleinere Marken. Im Freien, an frischer Luft, fanden auch einige stark an Gästen und Modellen reduzierte Defilees statt - trotz grauem Himmel und Herbstregen. Auf dem Dach des Montparnasse-Wolkenkratzers, im Park auf dem Hügel der Buttes Chaumont oder am Ufer der Seine.
Die Frühjahrs/Sommer-Kollektionen 2021 waren in den Monaten der Ausgangssperre entworfen und verwirklicht worden. Ergebnis: weniger Show und Glamour. Die Krise hat die Kreateure dazu gezwungen, sich über den Sinn ihrer Arbeit Gedanken zu machen, sich zu hinterfragen. Was geschieht mit der Umwelt, woher kommen die Materialien, wie lange kann man die Kleider tragen, sind sie dauerhaft, kann man sie reparieren, wieder verwenden, weitergeben? Bei der Fashion Week im Februar 2020 folgte eine Show der anderen. Rastlos, ohne Atempause. Deshalb haben jetzt zwei grosse Häuser, Saint Laurent (Anthony Vaccarello) und Celine (Hedi Slimane) es vorgezogen, in Zukunft ihre Kollektionen, wie einst Azzedine Alaïa, ausserhalb des offiziellen Kalenders zu zeigen. Dior, der wie gewohnt die Fashion Week eröffnete, wagte ein „echtes“ Defilee in den Tuileriengärten. Es fand in einem immensen Zelt statt, gross wie eine Kathedrale mit ultrafarbigen Fenstern, aber mit nur 350 Gästen. „Wir leben in einer Krisenzeit, die auf eine radikale Weise unsere Gewohnheiten und unseren Geist verändert hat“ konnten diese Auserwählten im Pressecommuniqué lesen. In China verfolgten 360 Millionen Menschen die Dior-Show im Netz. Begleitet von korsischen Gesängen zeigte Maria Grazia Chiuri, die künstlerische Direktorin, ihre ruhige und so tragbare Mode. 86 Modelle, die einen leichten und angenehmen Sommer versprachen. Warme Farben wie Ocker, Himbeere, Blattgrün, Kaki, Schieferblau. Lange Kleider aus mit Perlen bestickter Seiden-Mousseline, die man über kurzen Shorts trägt. Bequeme Tailleurs, weite, schneeweisse Hemdblusen, die Taille durch einen schmalen Gürtel betont, Tunikas zu weiten Hosen, wundervolle Kimonojacken mit Patchwork aus bunten Imprimés, weich fallende Jacken mit Gürtel, bunte Ponchos, flache römische Sandalen, transparente Jupons, ein barockes Zigeunerinnenkleid, perfekt für ein Sommerfest, Höschen mit passenden Brasssières aus Strick mit Lingerie-Effekt. Selbst in den raffiniertesten Aspekten stand die Kollektion ganz unter dem Zeichen des Komforts. Das gehört zu Chiuris Erfolg, denn die Frauen mögen das. „Kleider sollten wie ein zweites Haus für den Körper sein“, sagt die Römerin, „so leben wir heute. Man zieht sich für sich selbst an, man geht weniger aus.“
Auch für den jungen erfolgreichen Olivier Roustaing bei Balmain gibt es nichts Wichtigeres als ein echtes Defilee. Nur so könne man die Arbeit der Mitarbeiter ehren und damit zeigen, dass man an die Zukunft denke. „Man braucht Optimismus, muss positiv sein und an eine bessere Welt glauben“ meinte er. Während des Lockdowns hatte er sich in die Archive des Gründers des Hauses vertieft und die Kreationen von Pierre Balmain analysiert, der das Couture Haus 1945 gegründet hatte. „Ich bewundere die grosse Aufmerksamkeit für Schnitt und Konstruktion von „Monsieur“, der oft von „massvoller Eleganz“ sprach“.
In der ersten Sitzreihe seiner Show fixierte er 60 Bildschirme mit den Gesichtern der Redaktorinnen, Einkäuferinnen und Freundinnen der Marke, die wegen Covid 19 nicht nach Paris gekommen waren. Vor Kombinationen hatte Olivier Roustaing nie Angst. Seine Stärke ist die gewisse Dreistigkeit und Leichtigkeit, mit der er seine Inspirationen verwirklicht. Aus der Vergangenheit des Hauses hat er das berühmte Monogramm PB, das Pierre Balmain in den siebziger Jahren schuf, hervorgeholt und neu interpretiert und für sein Defilee auch einige ehemalige Balmain-Mannequins engagiert. Das Logo ist überall präsent: auf den Tailleurs aus den siebziger Jahren, als Macramé auf den Tops und den glitzernden Pullis und der Neuauflage der Handtasche 1945, die sich beim Öffnen von einer Abendtasche in ein Tagesmodell verwandelt. Im Weiteren zeigte er dynamische Total-Looks in Rosa und Neon-Gelb, auch Grau wie um 1990 und natürlich die traditionellen Abendkleider in Schwarz-Weiss.
„Die Modeindustrie ist zutiefst von der aktuellen Krise betroffen und hat auch den Blick der Menschen auf die Mode verändert“ meint Nadège Vanhee-Cybulski, die künstlerische Direktorin von Hermès, diesem klassischen Haus, das trotz Corona-Virus ein richtiges Defilee im Tennisclub von Paris organisierte, allerdings mit absolut drastischen sanitären Massnahmen und mit nur 150 Gästen.
24 Stunden vor dem Defilee wusste die Chanel-Direktion noch nicht, ob dieses am letzten Tag der Pariser Fashion Week überhaupt würde stattfinden dürfen. Die Zahl der sonst üblichen 2500 Einladungen war auf 500 reduziert und alle obligatorischen Schutzmassnahmen installiert worden. Das Defilee wurde erlaubt und fand wie üblich unter der spektakulären Glaskuppel des Grand Palais statt, allerdings zum letzten Mal, denn das Grand Palais muss dringend renoviert werden. Bruno Pavlovski, Präsident von Chanel, sagte erleichtert: „Die Defilees bleiben für uns die einzige Möglichkeit, um von einer Kollektion zu reden. Ohne sie wäre es, als ob der Anfang der Geschichte fehlen würde.“ Die Kundinnen im Ausland wurden eingeladen, sich die Kollektion auf dem Bildschirm in den Boutiquen anzusehen.
Lagerfeld-Nachfolgerin Virginie Viard hat eine „Anti-Trübsinn“-Kollektion entworfen, dominiert von Rosa. Man konnte Covid 19 trotzdem nicht vergessen. Das war schon beim Eingang klar. Maske wechseln und sich die Hände mit dem obligatorischen Desinfektionsgel frottieren. Das Wort CHANEL, geschrieben in gigantischen Buchstaben, ersetzte die einst von Karl Lagerfeld ersonnenen aufwändigen Dekorationen. Alles ganz in Weiss, inspiriert von den legendären Buchstaben HOLLYWOOD, hoch über Los Angeles. Die Beziehung von Mademoiselle Chanel zu Hollywood geht in die dreissiger Jahre zurück. Aber damals waren Gabrielles Kreationen zu diskret, zu wenig glamourös für Hollywood. Seither hat sich das stark verändert. „Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld haben so viele Schauspielerinnen angezogen und an sie habe ich beim Entwerfen meiner Kollektion gedacht. Ich wollte nichts Ähnliches machen, aber alles sollte sehr fröhlich, farbig und sehr lebendig sein.“ Die 70 Modelle von Virginie Viard versprechen einen spritzigen und lockeren Frühling und Sommer. Sie sieht für Chanel „La vie en rose“, von Babyrosa bis zu dunklem Fuchsia, oft mit schwarzen Einfassungen. Gestreifte Sommerkleidchen kreuzen weich fallende Tailleurs, zu denen man Bermudas, Corsair-Hosen oder einen Minijupe trägt. Zigeunerkleider mit Volants, Tailleurs aus leichtem Tweed, Pailletten-Ensembles, ärmellose Jacken, weiss-rosa Plisséjupes, asymmetrische Kleider, Röcke und Tops, oft mit Federn verziert, die sich über einem Bein oder einer Schulter öffnen. Flashy Neon-Drucke auf den Tops, die wunderbar zu den Boxer Shorts aus Satin passen. Nicht zu vergessen die neue Version der Slingback-Pumps mit den Riemchen, die die Fersen freilassen, die einst von Gabrielle Chanel erfunden wurden. Witzig die winzigen Umhängetaschen, in denen höchstens ein Lippenstift Platz findet. Zum Abend gehören natürlich die schwarz-weissen Kleider aus Spitzen und mit Federn. Zum kleinen Schwarzen schlingt Véronique Viard Perlenketten um die Taillen ihrer Mannequins. Ein elegantes Couture-Detail. Alles, was Chanel so zeitlos macht, war in der minimalistischen, aber sehr schicken Show zu sehen, vom Tweed bis zum Spiel mit Schwarz und Weiss. Verschiedene Epochen der zwanziger, siebziger und achtziger Jahre kreuzten sich.
Den Abschluss der Mode-Woche machte Louis Vuitton, der zum ersten Mal nicht im Innenhof des Louvre defilierte, sondern in der letzten Etage des einstigen legendären Warenhauses La Samaritaine beim Pont Neuf. 15 Jahre hatte die umfassende Renovation gedauert und die Eröffnung des historischen Gebäudes mit Luxushotel, Restaurant und Boutiquen sollte im April dieses Jahres stattfinden. Sie musste auf 2021 verschoben werden.
Nicolas Ghesquière, der erfolgreiche künstlerische Direktor von Louis Vuitton, zeigte unter dem wundervollen Art Nouveau-Glasdach des Hauses vor nur 200 handverlesenen Gästen eine zeitgemässe Garderobe, bei der „man alles wagen und sich in die Zukunft versetzen könne“. Er meinte, es sei eine Art faszinierender Entdeckungsreise, in der die letzten Grenzen zwischen maskulin und feminin fallen würden. In der Tat, es spielt keine grosse Rolle, ob ein Mann oder eine Frau seine Kreationen tragen möchte. Oversize-Hosen, Multitaschen-Jacken, Unisex-Mäntel. Edle T-Shirts mit Botschaften, lange T-Shirts, die sich in Kleider verwandeln können. Betonte Schultern und kurze Ärmel, dazu ein makelloses T-Shirt für ein Abendkostüm mit Pailletten. Die Schuhe sehen aus wie Skischuhe, sind natürlich mit dem unvermeidlichen Monogramm versehen und tragen sich vom Morgen bis zum Abend zu Kleidern oder Bermudas mit Patchwork-Effekt. Ein intimes Defilee mit einer neutralen, gemischten Garderobe.
Trotz aller Beschränkungen waren die Kollektionen inspirierend – live oder als Video. Alle Teilnehmer sind sich der wichtigen Rolle der Mode-, Textil- und Luxusindustrie für Frankreich bewusst. 150 Milliarden jedes Jahr für das Land – mehr als die Luft- und Autoindustrie. Man versuchte, optimistisch zu bleiben.