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Dass sich NIENETWIL mit einer visionären Vergangenheit beschäftigt, bedeutet nicht, dass die Geschehnisse der Vergangenheit keine Beachtung finden sollten. Im Gegenteil!
Ebenso wenig sollen die Ereignisse der Gegenwart verneint werden. Im Gegenteil. Die Utopie, die in der visionären Vergangenheit von Nienetwil lebt, soll jedoch diese Geschehnisse in einem anderen Licht erscheinen lassen. Einem Licht, das uns, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung oder Glauben, Möglichkeiten aufzeigt, wie wir, indem wir Aspekte unserer Vergangenheit neu gestalten, dies auch mit unserer Gegenwart und Zukunft tun können.
Wir können die Industrielle Revolution nicht ungeschehen machen, aber wir können über NIENETWIL aufzeigen, dass es Menschen und Gruppen, ja ganze Völker gab, die diese weder mitgestalteten noch von ihr lebten, dass diese eine nachhaltige Wirtschaft betrieben, die auf einer ganz anderen Art von Fertigung beruhte. Eine Fertigung, die nicht vom Wachstumsglauben geprägt war, sondern vom Drang, nur das Nötigste zu haben, das aber in allerbester Ausführung. Eine Ausführung, die auf dem Wissen beruht, dass ein Tisch, der nicht in hunderttausendfacher Ausführung hergestellt und dabei implizit davon ausgegangen wird, dass er nur wenige Jahre benützt wird und dann kaputt geht, ein Tisch also, der in kleinen Serien oder gar als Einzelstück gefertigt wird, der Gesellschaft mehr bringt als der industriell gefertigte.
Das mag aus heutiger Sicht ungeheuerlich klingen, und selbst für eine Utopie übertrieben, aber das ist nicht so.
Gehen wir von einer Gesellschaft aus, die absolut keine Hierarchie kennt. Keine König <> Untertanen Macht-Beziehung, keine Chef <> Arbeiter Macht-Beziehung, keine Mann <> Frau Macht-Beziehung und keine Weissmenschen <> Nichtweissmenschen Macht-Beziehung, ja, nicht einmal eine Mensch <> Nichtmensch Macht-Beziehung. Wie könnte so eine Gesellschaft Bestand haben?
Indem sie sich in kleinsten Gruppen selber organisiert. In Gruppen, in denen alle mitsprechen können und jede Stimme dasselbe Gewicht hat. So wie dies zum Beispiel in der Nienetwiler Kultur der Fall ist. Dort hat sich eine Gruppengrösse von ca. dreissig Menschen als am geeignetsten herausgestellt.
Benötigt jemand aus dieser Gruppe einen Tisch, dann besteht die Möglichkeit, in der eigenen oder einer anderen Gruppe nach einer «putek», einer Person also, die Holz verarbeitet, zu suchen und bei ihr einen Tisch in Auftrag zu geben.
Was ist der Gegenwert für den Tisch?
Nun, einerseits die Nutzung von Wissen, wie man einen Tisch baut. Das ist wichtig, denn würde dieses Wissen wegfallen, worauf sollte man arbeiten oder essen? Wie einen Tisch den Notwendigkeiten seiner Nutzung anpassen? Oder den Wünschen derjenigen, die ihn nutzen wollen?
Zweitens geht der Tisch nicht in einen Privatbesitz über, sondern in die Gemeinschaft. Er kann zwar benutzt werden, aber er gehört nur so lange einer einzelnen Person/Familie/Gruppe, bis diese ihn nicht mehr benötigt. Danach geht er wieder in die gesamte Gemeinschaft zurück. Dadurch entsteht ein Kreislauf, von dem auch Menschen profitieren, die noch nicht oder nicht mehr produktiv am Gemeinschaftswesen teilnehmen können/wollen.
Und drittens wird gemeinsam ein Wert ermittelt, der für die Materialien, die Arbeit, das Wissen der Herstellung und der Nutzung durch die Gemeinschaft entspricht. Dieser Wert wird nicht monetär berechnet, da es in der Nienetwiler Kultur kein Geld gibt, sondern er wird über ähnliche Leistungen, Wissen, Nutzungen ermittelt. Durch den Umstand, dass es kein Geld gibt, gibt es auch keine Bereicherung, keine Reichen und Armen. Es gibt nur NienetwilerInnen, von denen alle ihren Beitrag in die Gesellschaft leisten, mag er auch noch so klein sein.
Kleine Gesellschaftsstrukturen benötigen weniger Ressourcen und Arbeit als grosse. Dies insbesondere, wenn sie nicht auf Wachstum ausgerichtet sind. In der Nienetwiler Kultur gibt es keinen Drang nach Wachstum, da die NienetwilerInnen fast eine Million Jahre lang ein nomadisches Leben geführt haben. Erst seit dem Altertum und vor allem der Neuzeit mit ihren Staaten und Grenzen wurde das fast verunmöglicht. Wachstum bedeutet aber, mehr Dinge zu haben, die man nicht braucht, denn ohne Überproduktion von Dingen, die nur der Produktion geschuldet sind und nicht der Nutzung oder nur einer sehr kurzen Nutzung, gäbe es kein Wachstum.
Der Gegenwert für den Tisch wird also in Leistung und Wissen berechnet. Dies wird heute, angeregt durch die Nienetwiler Kultur, wieder in vielen Städten der Welt erprobt und funktioniert, nach anfänglichen Schwierigkeiten, heute oft sehr gut.
Und so gesehen ist nicht, dass die Herstellung einer Einzelanfertigung der Gesellschaft mehr bringt als ein massengefertigtes Modell die grosse Utopie, sondern die, die darauf verweist, dass wir Menschen uns vom Wachstum abwenden und uns in selbstregulierende kleine Gruppen organisieren müssen.
Nun kann man sich vorstellen, dass das in kleinen ländlichen Gemeinschaften funktionieren könnte, aber wie in Städten? Hier hilft vielleicht die Aussage von d’Aciel Arbogast, einem Mitbegründer der Nienetwiler Forschung: «Als ich 1931 das erste Mal geflogen bin, erschien mir Frankreich riesig und Paris war nur ein kleiner Teil davon. Als wir über Paris flogen, erschien mir die Stadt riesig und das Quartier Rue de Savoie klitzeklein, als ich den Piloten bat, mit seiner Maschine über mein Quartier zu fliegen, erschien mir das Haus, in dem ich wohnte, winzig gegen die Grösse des ganzen Quartiers. Als ich am Abend nach Hause kam, stand ich in der Rue des Savoie und schaute auf das Haus. Es erschien mir wieder gross, doch ich wusste nun, dass es klein war. Und jede Wohnung mit ihren Menschen war noch kleiner. Es gab also die Möglichkeit, diese Kleinheit zu nutzen und viele Kleinheiten zusammenzuschliessen. Das taten wir und organisierten unser Haus bald so, dass niemand mehr alleine oder ohne Hilfe war. Wir lernten uns kennen, und ich staunte nicht schlecht, als ich ganz Frankreich in dem Hause fand.»
Es gibt keinen Grund, dass kleine Einheiten nicht auch in Städten funktionieren sollten, im Gegenteil, scheint es sogar zwingend angebracht. Der Tausch von Dingen und Wissen mehrerer Menschen macht sie unabhängiger und hat den zusätzlichen Effekt, dass sie sich näherkommen und sich besser kennenlernen. Was interessiert die Hautfarbe, wenn mir dieser Mensch Tee bringt, wenn ich krank bin? Die Technologien von heute ermöglichen zudem in einfacher Weise nicht nur die Kommunikation, sondern auch den Tausch von Dingen und Wissen.
Und auf diese Weise können wir von der Nienetwiler Kultur lernen und unsere Gegenwart und Zukunft gestalten. Das macht die Vergangenheit nicht vergessen, sie macht sie aber verständlicher. Und sie macht die Zukunft nicht automatisch besser, aber sie rüstet uns mit dem Potenzial aus, sie für diese Welt besser zu gestalten.
Literaturempfehlung:
- Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften. Birkhäuser, Basel 1997, ISBN 3-7643-5674-X
- Die alternde Gesellschaft. Herausforderung und Chance für das Handwerk. Schlüter, Hannover 2000, ISBN 3-87706-622-4
- Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise. Rhombos, Berlin 2009, ISBN 978-3-938807-96-5
- Was uns in die Krise führt – und wie wir wieder herauskommen. Ludwig, München 2013, ISBN 978-3-453-28054-0
- Reise ins Land der untergehenden Sonne. Japans Weg in die Postwachstumsgesellschaft. edition Zeitpunkt, Solothurn 2014, ISBN 978-3-9523955-1-6
- Arendt, Hannah, 1981. Vita Activa oder vom tätigen Leben. München: Piper.