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S. wurde in der frühen Neuzeit in einigen ländl. Regionen der Schweiz betrieben, so in den Freien Ämtern, im Freiburger Sensebezirk, im Onsernonetal, im Wallis und im Zürcher Unterland (v.a. Rafzerfeld). Insbesondere im südöstl. Teil des heutigen Kt. Aargau, in den Freien Ämtern, erlangte sie eine grosse wirtschaftl. Bedeutung. Ihren Ursprung hatte sie bei Taunerfamilien (Tauner), die Strohhüte für den eigenen und den lokalen Gebrauch herstellten.
Im Zinsbuch des Frauenklosters Hermetschwil finden sich ab 1644 Einträge, wonach Tauner ihren Bodenzins u.a. mit Schinhüten bezahlten. Diese breitkrempigen Strohhüte mit kleinem Kopf wurden ursprünglich von Bäuerinnen und Bauern bei der Feldarbeit getragen. Im 18. Jh. wurden sie, verziert mit Baumwollbändern, auch zu einer Kopfbedeckung von Städterinnen.
Zu Händlern avancierte Tauner in Wohlen (AG) gingen im 18. Jh. zum Verlagssystem über. Sie intensivierten den Handel mit Strohhüten und Geflechten und weiteten ihn auf Europa sowie ab 1820 auf andere Kontinente aus. Nach 1800 förderten die Firmen die Arbeitsteilung und dehnten die Produktionsregion, in der Heimarbeiterinnen für sie arbeiteten, über das angestammte Gebiet (Freie Ämter, Reuss- und Seetal) hinaus aus. Hilfsarbeiten wurden u.a. im Entlebuch, in der Region Lindenberg (Bayern) und im Schwarzwald geleistet.
In der Mitte des 19. Jh. florierte die S. Als die Fabrik- die Heimarbeit zu ersetzen begann, flochten 1857 allein im Aargau rund 24'000 Heimarbeiterinnen und mindestens ebenso viele in anderen Kantonen für die Wohler Exporteure. Ausserdem waren 4'400 Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter in der Strohindustrie beschäftigt. In den Dörfern rund um das Strohzentrum Wohlen, u.a. in Dottikon, Fahrwangen und Meisterschwanden, entstanden Strohfabriken. 1900 gab es im Kt. Aargau über 100 Firmen der Strohindustrie, 31 davon mit Sitz in Wohlen. Im 20. Jh. betrugen die Exporte bis zu 98% der produzierten Ware. Wohler Handelsfirmen unterhielten Filialen in Florenz, Wien, Paris, London sowie New York und waren in vielen Ländern mit Agenten präsent.
Wie in der Heimarbeit wurde auch in den Fabriken v.a. im Winterhalbjahr gearbeitet, um für die Sommermode zu produzieren. Diese saisonalen Schwankungen wurden zeitweise durch konjunkturelle und modebedingte zusätzlich verschärft. Rund zwei Drittel der Fabrikarbeiterschaft waren Frauen, wovon jede bis zu 100 Flechtmaschinen überwachte. Die Heim- und Fabrikarbeit in der Strohindustrie war im Vergleich zur Arbeit von Textilarbeitern tief entlöhnt. Erst 1946 erkämpfte sich die Arbeiterschaft einen Gesamtarbeitsvertrag mit in der Textilindustrie üblichen Bedingungen.
Verwendete Rohstoffe, Verarbeitungsarten und Produkte wandelten sich. Zu Beginn des 19. Jh. trat an die Stelle des einheim. Roggenstrohs das importierte Weizenstroh, und neue Materialien wie Bast, Hanf und Rosshaar kamen hinzu, wobei Letzteres erstmals den Einsatz von Flechtstühlen erlaubte. Als nach 1900 halbsynthet. und synthet. Rohmaterialien (Kunstfaserindustrie) das Stroh zu ersetzen begannen, wurde der ab 1890 bestehende Verein der aarg. Strohindustriellen 1916 in Verband Aarg. Hutgeflechtfabrikanten umbenannt und 1972, als Hüte nicht mehr in Mode waren, in Verband Aarg. Geflechtfabrikanten. 1974 wurde der Verband aufgelöst.
Für den Erfolg in der Modewelt war v.a. die Entwicklung der Bleicherei und Färberei entscheidend. Ursprünglich wurde das Stroh auf den Feldern gebleicht, später mittels Schwefel. Erstmals gefärbt wurde es 1810, vorerst nur schwarz, ab 1828 auch farbig. Ab 1850 entstanden firmeneigene und selbstständige Färbereibetriebe in Wohlen und den umliegenden Gemeinden.
Neben Geflechten und Hüten wurden in der S. ab dem 18. Jh. auch feinste Garnituren geschaffen. Dies zeigt etwa ein im Kloster Hermetschwil 1750 gefertigtes Messgewand (heute im Strohmuseum, Wohlen). Im 19. Jh. entwickelten sich blumenartige Hutgarnituren zum Hauptexportartikel. In den 1850er Jahren waren die auf Handwebstühlen hergestellten Bordüren bedeutend, ebenso Klöppelspitzen aus Rosshaar, die im Erzgebirge hergestellt und in Wohlen mit feinsten Strohgarnituren verziert wurden. Ab 1880 nahm die Bedeutung der auf Flechtmaschinen hergestellten Hutgeflechte zu. Der Erfolg in der Nachkriegszeit brach nach 1965 ab. Seit 1991 werden in den Freien Ämtern noch in einem Betrieb Geflechte hergestellt.
Literatur
– A.-M. Dubler, J.J. Siegrist, Wohlen, 1975, 523-590
– D. Kuhn et al., Strohzeiten, 1991 (mit Bibl.)
Autorin/Autor: Dieter Kuhn