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Recensione
di Alexandra von Arx
Pubblicato il 28/10/2013
6. August 1943: Der jüdische Maler Chaim Soutine wird in einem Leichenwagen versteckt von Chinon an der Loire nach Paris ins Spital gefahren. Sein Geschwür hat die Magenwand durchbrochen, eine Operation ist unvermeidlich und dringend. Doch aufgrund der vielen Strassenkontrollpunkte müssen Umwege in Kauf genommen werden. Die Fahrzeit verlängert sich auf 24 Stunden. Für den Kranken werden sie zu einem Höllentrip. Im Morphinrausch beginnt ein sprunghafter Galopp durch sein bewegtes Leben. Die Erinnerungen tragen ihn aus dem Wageninneren hinaus in die Vergangenheit. Erneut durchlebt er Episoden seiner Kindheit im kleinen weissrussischen Schtetl Smilowitschi. Trotz Bilderverbot bemalt er noch einmal die Wände der Kellertreppe mit Kohle und kassiert dafür Schläge. Ein andermal kauft er sich mit unrechtmässig erworbenem Geld Farbstifte und wird zur Strafe zwei Tage in den Keller gesperrt ohne Licht, Wasser und Brot. Von allem Anfang an ist Chaim Soutine durch nichts vom Malen abzuhalten «aber das Gefühl einer uralten Schuld» bleibt ihm für immer. 1913 gelangt er nach Paris, ins Paradies der Maler. Hier lernt er Picasso kennen und Henry Miller und freundet sich mit Modigliani an, der ihn portraitiert, ihm Verse Dantes rezitiert, ihn zum Alkohol und den Opiaten führt aber auch zu einem Galeristen. Trotz alledem ist Soutine ein Aussenseiter. Er gilt als grosser Schweiger und wird das «Etikett des heillosen Unglücksmalers» und «Mörders» seiner eigenen Bilder nicht mehr los. «Douleur» und «Couleur» – Schmerz und Farbe: Soutine ist der Maler des Schmerzes und der Schmerz gehört zu seinem Leben wie das Atmen; seine Religion aber heisst Farbe, sie betet er an. Er malt ums Überleben und überlebt dank der Malerei. Doch das entsetzliche «Räderwerk» des Nationalsozialismus rollt näher, die Bedrohung steigt und Soutine sieht sich gezwungen ab 1940 mit seiner Gefährtin Marie-Berthe Aurenche in Chinon unterzutauchen.
Soutines letzte Fahrt ist Ralph Dutlis erster Roman. Bisher hat der 1954 geborene Autor vorwiegend Essays und Lyrik geschrieben und sich insbesondere mit der Übersetzung der Werke Ossip Mandelstams einen Namen gemacht. Der Roman fügt sich stimmig in dieses Oeuvre ein. Ihm liegt eine genaue Recherche zugrunde, die sich jedoch nicht einengend auf die Gestaltung auswirkt: Fakten aus dem Leben des jüdischen Malers zeichnen ein atmosphärisch dichtes Gesellschaftsbild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Paris und Weissrussland. Sie werden ergänzt und poetisch erweitert durch intensive, fiktive Traumsequenzen, die in einem weissen Gebäude fern der Realität spielen. In einem weissen Bett unter einem weissen Laken erwacht Soutine erstmals seit Jahren ohne Schmerzen. Aber es ist, als seien ihm nicht nur der Schmerz, sondern damit auch gleich alle Farben genommen worden. Auf einer Erkundungstour durch die weisse Klinik trifft er in einem Zimmer auf eine Zusammenkunft aller von ihm porträtierten Menschen. In einem anderen Raum stösst er auf eine Ansammlung seiner Werke. Beim Nähertreten muss er jedoch mit Schrecken erkennen, dass es sich dabei um all jene Bilder handelt, die er «in seinem Leben eigenhändig zerstört hat, aufgeschlitzt in der Wut des Ungenügens, verbrannt im unbändigen Furor des Auslöschens.» So wird er kurz vor seinem eigenen Tod mit den Opfern seiner Taten konfrontiert. Mit diesen deliriösen Visionen fügt Ralph Dutli dem Porträt von Chaim Soutine eine weitere Farbe hinzu. Zwischendurch trägt er etwas dick auf und die Bildgewalt und die Kraft seiner präzisen Sprache unterliegen einer allzu üppigen Wendung. In diesem farbenreichen, vielschichtigen, differenzierten und faszinierenden Werk bleibt das jedoch ein Detail.