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Herkunft
Johann Michael Beer wird am 17. August 1700 in Bezau als Sohn des Vorarlberger Baumeisters Franz Beer II und der Katharina Eberlin geboren. Er ist das achte von zehn Kindern des Ehepaars. Der Vater ist um diese Zeit mit den Klosterbauten in Obermarchtal und in Salem und mit dem Neubau der Stiftskirche von Irsee beschäftigt. Die Mutter stirbt 1703. 1705 zieht sein Vater mit der Familie nach Konstanz, wo er 1706 erneut heiratet. Die Familie darf sich 1722 Beer von Bleichten[1] nennen, nach dem Namen einer Alp im Bregenzerwald.
Trotz dem Wechsel nach Konstanz ist sein Vater stark in der Auer Zunft verankert, auch durch prägende Verwandtschaften. So ist Peter Thumb, der bekannte Vorarlberger Baumeister, sein Schwiegersohn und damit Schwager von Johann Michael.
Ausbildung
Der junge Johann Michael besucht die Schulen in Konstanz. 1714 beginnt er die Lehre bei seinem Vater, der um diese Zeit am Kirchenneubau von St. Urban und am Klosterneubau von St. Katharinenthal und Rheinau arbeitet. An diesen Bauten muss der Lehrling mitgewirkt und einen guten Eindruck hinterlassen haben, den später wird er als Baumeister wieder beigezogen. In St. Katharinenthal ist er dank Verehrungen des Klosters 1715 und 1717 auch als Planer nachgewiesen. 1718 hat er die Lehre beendet und ist bis 1723 Palier am Klosterneubau in Oberschönenfeld. 1726 kehrt er von einem Italienaufenthalt zurück. Grund ist der Tod seines Vaters, dessen Arbeiten er nun selbstständig weiterführt.
Familie
1729 heiratet er in Konstanz Maria Theresia Gerthner. Sie bringt das Schlossgut Hertler im thurgauischen Tägerwilen in die Ehe ein.[2] Nachkommen aus dieser Ehe sind nicht bekannt. Später wird das Schlossgut Rückzugsort aus seinen militärischen Kampagnen.
Werke im Gebiet des Bistums Konstanz
Das erste eigenständige Bauwerk des aus Italien zurückgekehrte Baumeisters ist der Südflügel des westlichen Klosterhofs der Benediktinerabtei Rheinau, das sogenannte Männergasthaus mit dem Mühlesaalbau. Den Auftrag erhält er 1726 vom Bauabt Gerold II Zurlauben, der ihn schon als Lehrling während des Klosterneubaus kennen gelernt hat. Er muss ihn auch nach St. Blasien empfohlen haben, denn 1727 zieht ihn der dortige neugewählte Fürstabt für den grossen Klosterneubau bei, der 15 Jahre dauert. Der Bekanntheitsgrad des jungen Beer ist nun gross. 1729 zeigt er beim Wettbewerb für das Damenstift Lindau einen hervorragenden Entwurf, der eine völlig neue Anlage in T-Form mit begleitenden Pavillons zeigt. Er kann diesen Entwurf nicht ausführen, denn der Vorschlag ist zu radikal und nimmt auf die praktischen Erfordernisse der Stiftsdamen wenig Rücksicht. Ebenfalls kein Glück hat er im gleichen Jahr in Engelberg, wo der Abt aus Spargründen auf den guten Architekten verzichtet. Aber nun erhält er von der Abtei St. Urban den Auftrag für den Klosterneubau. Begonnen hat die Anlage 1716 noch sein berühmter Vater. Nach dem Tod von Franz Beer und des Bauabtes Malachius Glutz lässt der neue Abt nach kurzem Bauunterbruch den ihm von der früheren Tätigkeit bekannten Sohn des Vorarlbergers weiterbauen. Um diese Zeit wird Johann Michael Beer auch vom St. Galler Fürstabt für die Planung des Kirchenneubaus beigezogen. Er liefert ein Projekt ab, das ihn als den damals sicher begabtesten Architekten des Bodenseeraums und als den fortschrittlichsten der Vorarlberger ausweist. Alle späteren Projekte von Johann Caspar Bagnato und dem Schwager Peter Thumb für St. Gallen basieren auf den Vorarbeiten von Beer. Als die St. Galler Planung 1749 endlich weiterverfolgt wird, überlässt der schon nicht mehr in der Bauausführung tätige Johann Michael Beer das Feld seinem Schwager. In der Zwischenzeit hat er in St. Katharinenthal einen weiteren Klosterneubau seines Vaters mit der neuen Stiftskirche vollendet und wird vom Abt von St. Blasien nochmals für Neubauten beigezogen. Für die Abtei Rheinau kann er 1741 nebst dem Frauengasthaus auch eine Schlosskirche in der Statthalterei Ofteringen bauen.
Ingenieur-Offizier in kaiserlichen Diensten
1738 ist Johann Michael Beer erstmals in militärischen Diensten anzutreffen. Als Ingenieurhauptmann beteiligt er sich am Balkanfeldzug der kaiserlichen Armee gegen das osmanische Heer. Vermehrt ist er ab jetzt als tätiger Ingenieur-Offizier nur noch für Planungen und Gutachten abkömmlich. Der 1722 erworbene Titel eines Edlen von Bleichten erleichtert ihm den Zugang zu Militärkreisen und zur vom Adel begehrten Offizierslaufbahn. Die Tätigkeit als Militäringenieur scheint ihm zu behagen. Ende der 1740er Jahre begibt er sich in die Dienste von Kurmainz, wo er vorerst Ingenieur-Major, dann 1754 Ingenieur-Oberst wird. Beer trifft hier auf eine französisch orientierte Architekturszene. Berührungspunkte mit den beiden ehemaligen Mitarbeitern des Generalmajors Maximilian von Welsch, dem Obristwachtmeister Johann Valentin Thomann und dem Fähnrich und späteren Hauptmann Johann Valentin Schick, vielleicht sogar mit dem erst 1750 vom Hofdienst zurückgetretenen Hofkavalierarchitekten Anselm Franz Reichsfreiherr von Ritter zu Groenesteyn[3] sind nicht sichtbar, müssen aber stattgefunden haben. Im Gegensatz zu diesen in Mainz tätigen Architekten der gleichen Generation ist von Johann Michael Beer kein einziges Bauwerk im Kurfürstentum bekannt. Hat er wirklich nur noch Festungen gebaut? Umso mehr müsste man den Verlust bedauern, der mit der Abwanderung des Vorarlbergers und den Verlockungen eines gesellschaftlichen Aufstiegs entstanden ist.
Am 26. August 1767 stirbt er in Mainz.
Pius Bieri 2014
Literatur:
Knoepfli, Albert: Beiträge zur Ermittlung der Architekten der barocken Kirchen- und Klosterbauten in St. Gallen und Fischingen, in: ZAK 14, Heft 3-4. Zürich 1953.
Lieb, Norbert und Dieth, Franz: Die Vorarlberger Barockbaumeister. München-Zürich 1966.
Oechslin, Werner (Hrsg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Ausstellungskatalog, Einsiedeln 1973.
Gubler, Hans Martin: Der Vorarlberger Barockbaumeister Peter Thumb. Sigmaringen 1972.
Booz, Paul: Bau und Kunstgeschichte des Klosters St. Blasien und seines Herrschaftsbereichs. Freiburg 2001.
Tomaschett, Michael: Die Benediktinerklosterkirche in Engelberg. Dissertation Zürich 2005.
Anmerkungen:
[1] In schweizerischen Quellen meist «Blaichten».
[2] Das Schloss fällt 1972 Spekulanten in die Hände und wird 1986 abgerissen. 1740 behandelt die Eidgenössische Tagsatzung den Erbfall des Freisitzes Hertler an den Ingenieurhauptmann Beer (Abschiede Art. 791 und 792). Der Wohnsitz ist 1740 noch Konstanz.
[3] Maximilian von Welsch (1671–1745) ist vor seinem Tod an der Kirche von Amorbach tätig. Das Bauwerk wird von Johann Valentin Thomann (1695–1777) geleitet. Anselm Franz Reichsfreiherr von Ritter zu Groenesteyn (1692–1765) ist bis 1750 an allen wichtigen Bauwerken des Kurfürstentums mindestens beratend tätig. Wenig ist von Johann Valentin Schick bekannt, der 1774 als Ingenieur-Hauptmann stirbt.
|Jahr||Arbeitsort und Werk||Bemerkungen||Quelle|
|1726–

1734
|Rheinau. Benediktinerabtei.

Männergasthaus-Flügel und Mühlesaalbau.
|Als verantwortlicher leitender Baumeister. Mithilfe leistet auch Peter Thumb. Die Innenräume werden nach 1862 zweckentfremdend umgebaut.||KDM ZH I|
|1727–

1742
|Benediktinerabtei St. Blasien. Neubau der Klosteranlage.||Stuck: Battista Clerici. Johann Georg Gigl. Maler: Jacob Carl Stauder, Joseph Spiegler und Christian Wentzinger. Erhalten ist nach dem Grossbrand von 1768 nur noch das Äussere des Westflügels.||Booz|
|1729||Lindau. Damenstiftskirche. Projektwettbewerb. Pläne im bayrischen Hauptstaatsarchiv.||Der Entwurf von Johann Michael Beer ist erfrischend unkonventionell, wird aber nicht aus-geführt.||Lieb|
|1729||Benediktinerabtei Engelberg. Klosterneubau. Baumeister-Wettbewerb.||Die Ausführung wird wegen den als zu hoch bezeichneten Lohnforderungen des eingeladenen Baumeisters Johann Michael Beer an einen Werkmeister aus Muri vergeben.||Toma-schett|
|1729||Baltersweil im Klettgau. Neubau der Kirche St. Martin durch die Benediktinerabtei Rheinau.||Die bescheidene Landkirche ist nach mehreren Renovationen nicht mehr von kunsthistorischem Interesse.||HLS|
|1729–

1733
|Zisterzienserabtei St. Urban. Neubau der Konventgebäude.||1722 fertigt Johann Michael Beer, der das Bauwerk schon als Lehrling kennt, eine Vedute der Gesamtanlage. Der Klosterneubau wird noch von seinem Vater begonnen.||KDM LU V|
|1731

(um)
|St. Gallen. Fürstabtei. Neubau der Stiftskirche. Planung.

Stiftsarchiv St. Gallen.
|Die Pläne Beers für den Neubau der Stiftskirche sind Angelpunkt aller späteren Planungen. 1749 ist er nochmals in St. Gallen, empfiehlt jetzt aber seinen Schwager Peter Thumb als Architekten.||Oechslin|
|1732–

1733
|Konstanz. Altes Rathaus am Fischmarkt. Neubau.||Das Gebäude ist nach einer 1863 erfolgten Aufstockung und einer Modernisierung von 1967 nicht mehr als barockes Gebäude erkennbar.||Lieb

Dehio
|1732–

1735
|Dominikanerinnenkloster St. Katharinenthal. Neubau der Klosterkirche.||Stuck: Nikolaus Schütz. Maler: Jacob Carl Stauder. Bildhauer: Johann Georg Machein. Am Bau der Klosteranlage 1715–1718 ist Johann Michael Beer als Lehrling beteiligt.||KDM TG IV|
|1733||Klingnau. Propstei der Abtei St. Blasien und Kloster Sion.

Planung.
Heute im GLA Karlsruhe.
|Planung für eine Zusammenlegung des Priorats Sion mit der Propstei. Der Plan wird nicht verwirklicht. Das Propsteigebäude baut 1745–1754 Johann Caspar Bagnato neu. Das Kloster wird vom Kanton Aargau 1810 übernommen und ist heute zerstört.||Booz|
|1733–

1736
|Todtmoos im Schwarzwald. Subpriorat der Abtei St. Blasien. Neubau.||Heute Pfarrhof. Stuck von Franz Anton Vogel 1748. Fresken Anton Morath. Falsche Angabe im Dehio über einen (nicht stattgefundenen) Umbau von Johann Caspar Bagnato.||Booz|
|1740–

1744
|Rheinau. Benediktinerabtei.

Frauengasthaus, Ostflügel.
|1995–1996 aussen restauriert.||KDM ZH I|
|1741||Ofteringen im Wutachtal. Statthalterei der Abtei Rheinau. Neubau der Schlosskapelle.||Heute Benediktinerinnenkloster Marienburg. Einbau eine raumzerstörenden Empore 1862. Originalausstattung nicht mehr vorhanden.||Dehio|
Achtung: Bei Lieb Verwechslungen mit Johann Michael Beer I von Bildstein!
Nicht von Johann Michael Beer II von Bleichten sind folgende Bauwerke:
Fruchtkasten (Kornhaus) in Ochsenhausen / Dominikanerinnenkloster Wörishofen / Klosterkirche Frauenalb (hier hat Beer 1726 nur zugesichert, im Falle des Ablebens von Peter Thumb den Bau zu übernehmen).
|Johann Michael Beer II von Bleichten (1700–1767)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|17. August 1700||Bezau||Vorarlberg A|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Vorderösterreich||Konstanz|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|26. März 1767||Mainz||Rheinland-Pfalz D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Kurfürstentum Mainz||Mainz|
|Kurzbiografie|
|Johann Michael Beer von Bleichten, der Sohn des Baumeisters Franz Beer, tritt als letzter wirklich schöpferischer Architekt der Vorarlberger im Jahrzehnt nach seiner Rückkehr aus Italien ans Licht, um sich dann im Streben nach weiterem sozialen Aufstieg der Militärkarriere zuzuwenden. Es scheint, dass der hochbegabte Baumeister-Architekt mit seinem Wechsel nach Mainz sich nur noch dem Bau von Festungen, Strassen und Kanälen widmet, jedenfalls ist im dortigen Umkreis nichts mehr von ihm zu hören. Der dadurch entstandene Verlust für die Bodenseeregion zeigt sich deutlich an seinem Projekt für die St. Galler Stiftskirche, das dann erst zwei Jahrzehnte später wieder aufgegriffen wird. Leider zeigt sich der inzwischen nicht mehr an Bauausführungen tätige Ingenieur-Offizier nun uninteressiert.|