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Die erste Fluggesellschaft von Santa Lemusa wird dann erst 1962 von Aristide Bagnolle gegründet, der sie zu Ehren seines Grossvaters «Air Leonard» nennt. Mit einem Wasserflugzeug, das neben dem Piloten Platz für fünf Passagiere bietet, fliegt Bagnolle täglich zwischen der Baie des Italiens und verschiedenen Inseln der Karibik hin und her. Tatsächlich gleicht die «Air Leonard» mehr einem Lufttaxi, das man für seine Bedürfnisse mieten kann, denn einer Fluggesellschaft mit festen Routen und Zeiten. Das ändert sich 1966 als mit Jakob Hellmann ein ebenso finanzkräftiger wie geschäftstüchtiger Partner ins Geschäft mit einsteigt. Durch den Zukauf eines zweiten Flugzeuges und die Zusammenarbeit mit zwei weiteren Piloten wird das Angebot erheblich erweitert. Die «Air Leonard» fliegt nun drei Mal wöchentlich nach Martinique sowie zwei Mal nach Barbados.
Wasserflugzeuge sind sehr flexibel – die Betriebskosten allerdings sind generell erheblich höher als bei vergleichbaren Landlandemaschinen. Gegen Ende der 60er Jahre tritt die «Air Leonard» deshalb in Verhandlungen mit der Regierung von Santa Lemusa und der Gemeinde Bitasyon Francelle ein – auf dem Territorium dieses kleinen Dorfes am südlichen Ufer der Miosa nämlich haben Ingenieure ein Gelände ausgemacht, das sich für die Anlage einer Piste zu eignen scheint: ein flacher Landstrich zwischen der Küste und dem Flüsschen Tigout. Im Verlauf der Verhandlungen formiert sich eine Gruppe von Parlamentariern um Aristide Bronner (MoDeL – siehe Parteien), welche die Schaffung einer nationalen Fluggesellschaft fordert. Obwohl diese Idee auf der Insel schnell viele Anhänger findet, scheiterten alle diesbezüglichen Pläne zunächst am Widerstand der damaligen Präsidentin Henriette Beauvoir (PS).
Erst 1973, unter Präsident Hector Sumas (MoDeL), kommt es zur Gründung einer nationalen Fluggesellschaft mit dem Namen «Lemusair». Den Betrieb dieser Gesellschaft überlässt man zunächst ganz der ehemaligen «Air Leonard», die anfänglich zu einem Drittel an der neuen Gesellschaft beteiligt ist. Noch 1973 beginnt man südöstlich der Hauptstadt, auf dem von den Ingenieuren der «Air Leonard» ausgewählten Gelände, mit dem Bau einer 1.2 Kilometer langen, asphaltierten Piste und eines kleinen Flughafengebäudes. Die Anlage wird zu Ehren des einstigen Königs der Insel Airport Oscar I. getauft.
Gleichzeitig wird Lucie Sanse (Atelier Alizé) beauftragt, ein Logo für die neu gegründete Fluggesellschaft zu schaffen - ihr Entwurf mit dem kühn in die Länge gezogenen Triskel aus derFlagge von Santa Lemusa, ziert bis heute die Maschinen der Lemusair.
Erst 1976 kauft die Lemusair ihr erstes Flugzeug – eine Fairchild Aerospace Metro II, die 19 Passagiere befördern kann. Zunächst werden nur zwei Piloten engagiert. Am Boden operieren eine Technikerin, ein Lotse mit Assistentin und eine Hostesse. In den ersten drei Jahren ihres Betriebs fliegt die Lemusair nur zwei bis drei Mal pro Woche - abwechselnd nach Martinique, St. Lucia und Barbados.
Ab 1980 wird der Betrieb erweitert. Lemusair kauft sehr günstig eine Fokker F-27-200 mit Baujahr 1966, die 52 Passagiere an Bord nehmen kann. Gleichzeitig werden zwei bis vier weitere Piloten und zusätzliches Bodenpersonal engagiert. Die Lemusair fliegt nun täglich nach Martinique sowie zwei Mal wöchentlich nach St. Lucia, ein Mal nach Guadeloupe und ein Mal nach Barbados. Die Fokker erweist sich aus verschiedenen Gründen als ungünstig für die Bedürfnisse der Lemusair, sie wird deshalb eher selten eingesetzt - und 1982 verkauft. Gleichzeitig reduziert sich das Angebot der Lemusair auf den Stand von vor 1980 mit nur drei Flügen pro Woche. Zwei Jahre lang fristet die Lemusair so ein ziemlich tristes Dasein - erst 1984 zeichnet sich eine Verbesserung der Lage ab.
Im Unterschied zur ihrer Parteigenossin Henriette Beauvoir setzt sich Clelia Robin (PS - siehe Parteien), die 1984 das Präsidentenamt übernimmt, von Beginn an für einen «sinnvollen Ausbau der Lemusair ein – um den Tourismus zu fördern und eine Isolation der Insel zu verhindern». Sie macht sich dafür stark, dass die Fluggesellschaft 1986 eine Aerospatiale ATR 42-300 des französisch-italienischen Herstellerkonsortiums Avions de Transport Régional kauft, die 50 Passagiere an Bord nehmen kann. In den folgenden Jahren wird der Betrieb der Gesellschaft erheblich ausgebaut und neu organisiert: Die Lemusair beschäftigt nun zwischen 20 und dreissig Personen (ab 1986) unter der Leitung eines Direktors. Sie fliegt die verschiedensten Destinationen im karibischen Raum an und übernimmt auch Frachtaufträge. 1987 wird die Piste um 300 Meter auf 1.5 km verlängert, das Flughafengebäude wird ausgebaut und ein Restaurant eröffnet, das sich im Auftrag der Lemusair auch um die Verpflegung der Passagiere an Bord der Maschinen kümmert. Das «Volvit», wie der Wirt Stephane Trikot sein Etablissement nennt, erfreut sich bald allgemeiner Beliebtheit in der Gegend.
Auch unter Staatspräsident Oskar Klipfel (LiLi - siehe Parteien) investiert die Regierung weiter in den Ausbau der Lemusair. 1990 wird die Flotte um eine Aerospatiale ATR 42-320 (eine leicht verbesserte Version der Aerospatiale ATR 42-300) erweitert – gleichzeitig wird zusätzliches Personal angeheuert. 1991 wird ein Hangar errichtet, in dem die Flugzeuge professionell gewartet werden können. 1993 wird die Piste erneuert und leicht verbreitert. 1995 baut man einen neuen Tower und 1996 kauft Lemusair eine Aerospatiale ATR 42-500dazu. Der Betrieb läuft einwandfrei und die Einheimischen wie auch die Touristen beanspruchen das Angebot der Kleinen Fluggesellschaft mehr und mehr – was vielleicht auch damit zusammenhangt, dass der Service und das Essen an Bord einen ausgezeichneten Ruf geniessen.
1999 allerdings folgt dann der grosse Schock: Im Dezember leitet das Restaurant «Volvit» ein Betreibungsverfahren gegen die Lemusair ein – offenbar hat die Fluggesellschaft seit mehr als einem Jahr die Rechnungen für die Bordverpflegung nicht mehr bezahlt. Wenig später ist Jean-Charles Boursin, seit 1986 Direktor der Lemusair, plötzlich verschwunden. Das Verkehrsministerium setzt eine Kommission ein, welche die Buchhaltung der Lemusair unter die Lupe nimmt. Es stellt sich heraus, dass Boursin in den letzten Jahren nicht nur regelmässig in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, sondern auch sonst (durch unnötige Ankäufe und ungünstige Verträge) einen riesigen finanziellen Schaden angerichtet hat. Die Lemusair steckt so tief in den roten Zahlen, dass der Betrieb vorübergehend eingestellt werden muss. Für die knapp 50 Mitarbeiter, denen die Firma teilweise mehrere Monatslöhne schuldet, wird ein provisorischer Sozialplan entwickelt.
Auf der politischen Ebene entbrennt ein heftiger Streit zwischen den verschiedenen Lagern. Die bürgerlichen Parteien (MoDeL, LiLi - siehe Parteien) werfen der Linken vor, sie habe bei der Neuorganisation der Lemusair nach 1984 ein mangelhaftes Betriebskonzept entwickelt und ungenügende Massnahmen zur Kontrolle angelegt. Die Linke wirft den bürgerlichen Parteien und der Regierung ungekehrt vor, sie hätten ihre Aufsichtspflicht nicht mit genügender Sorgfalt wahrgenommen und die Anzeichen der bevorstehenden Krise nicht erkannt oder nicht erkennen wollen. – Bis tief in das Jahr 2000 hinein blockieren die Auseinandersetzungen jede Massnahme. Im April 2000 schliesslich einigt man sich darauf, den Betrieb der Lemusair in reduzierter Form wieder aufzunehmen. Ein dreiköpfigen Leitungsteam wird eingesetzt, das ein provisorisches Betriebskonzept entwickelt und mit den ehemaligen Angestellten der Lemusair neue, ebenfalls provisorische Verträge aushandelt. Nach einer sechs Monate dauernden Pause braust im Juni 2000 endlich wieder ein Flieger über die Piste bei Bitasyon Francelle. Die Probleme der Firma sind damit allerdings noch längst nicht aus der Welt geschafft: die Lemusair ist hoch verschuldet, desorganisiert und ihre Reputation hat arg gelitten.
In seinem Kampf um die Wiederwahl zum Staatspräsidenten im Jahr 2002 macht Lucien Trebeau die baldige Sanierung der Lemusair zu einem seiner zentralen Themen. Trotzdem dauert es weitere zwei Jahre, in denen die Gesellschaft auf äusserster Sparflamme fliegt, bis er dem Parlament im Mai 2004 einen Sanierungsplan zur Begutachtung vorlegen kann. Trebeaus «Plan ciel ouvert» sieht einen massiven Ausbau der Lemusair und vor allem des Flughafengeländes vor. Er will den Airport für andere Gesellschaften öffnen und (nach einer Verlängerung der Piste) sogar für die Anbieter von Charterflügen aus den USA und Europa interessant machen. Bisher wurde der Airport Oscar I. ausschliesslich von der heimischen Gesellschaft oder Privaten angeflogen. Trebeaus ehrgeiziger Plan findet vor allem in den Reihen seiner eigenen Partei und der Liberalen Liste begeisterte Befürworter - er wird jedoch auch kritisiert. So stellen sich die PCL und das MRL (siehe Parteien) in einer seltenen Links-Rechts-Koalition gegen den Plan weil er das Budget über Jahre hinweg stark belasten würde. Die Sozialisten fürchten eine Überschwemmung der Insel durch den Massentourismus und die Ile Verte sieht eine ökologische Katastrophe auf Santa Lemusa zufliegen. Die PS und die Ile Verte geben verschiedene Gutachten in Auftrag, die zum Schluss kommen, dass die Luftbelastung für die Plage du Grillon und vor allem die Lärmbelastung für die Hauptstadt im Fall einer Realisierung des «Plan ciel ouvert» doch ganz erheblich wären. Gleichzeitig räumen sie ein, dass ein Betrieb des Flughafens ausschliesslich mit Regionalverkehr und die Beschränkung auf die staatliche Fluggesellschaft wirtschaftlich schwierig sind. Die Verhandlungen ziehen hin – Gutachter und Gegengutachter geben sich die Klinke in die Hand. Die PS (siehe Parteien) legt mit dem «Plan ciel bleu» im Januar 2005 ihrerseits einen Vorschlag zur Sanierung vor – der indes von den bürgerlichen Parteien als wirtschaftlich zu heikel abgelehnt wird.
Die Debatte nimmt erst im Dezember 2006 mit dem Auftritt von Bernadette Josephine Ericsson ihr Ende. Die äusserst wohlhabende Französin liess sich 1988 nach dem Tod ihres Mannes auf der Insel nieder – ihr erhebliches Vermögen, so heisst es, soll aus dem Ölgeschäft und einer Reederei stammen. Bernadette Ericsson gilt als reichste Frau der Insel. Im Dezember 2006 stellt sie der Lemusair einen ganz erheblichen Betrag in Aussicht (wie viel genau, ist unbekannt, je nach Information schwanken die Angaben zwischen 100 und 200 Millionen US-Dollar oder Euro). Der Betrag ist indes an drei zentrale Bedingungen geknüpft: Erstens muss die neue Lemusair mindestens einem wöchentlichen Flug nach Paris anbieten (in die Heimat von Frau Ericsson also), zweitens dürfen weiterhin keine nicht-lemusischen Gesellschaften auf der Insel landen, und drittens muss sich der Staat von Santa Lemusa verpflichten, den Betrieb der Lemusair unter den genannten Bedingungen mindestens bis in das Jahr 2040 zu garantieren. Dass die Villa von Bernadette Josephine Ericsson im Anfluggebiet des Airport Oscar I. liegt, dürfte das grosszügige Angebot der alten Dame möglicherweise beflügelt haben - wobei anzumerken ist, dass sich Ericsson bereits zuvor für diverse ökologische Projekte finanziell eingesetzt hat, etwa für das Projet Palu.
Tatsächlich macht das Angebot von Ericsson den Spagat zwischen einer wirtschaftlich sinnvollen und einer ökologisch erträglichen Lösung möglich, an dem sich Regierung und Parlament zwei Jahre lang vergeblich versucht haben. Deshalb kommen die Behörden schon im Januar 2007 überein, das Angebot anzunehmen. – Lucien Trebeau setzt eine ausserparteiliche Expertengruppe ein, die bis im April 2007 ein gänzlich neues Betriebskonzept für die Lemusair entwickelt. Auf der Ebene des Regionalverkehrs sieht dieses Konzept den Wiederaufbau eines Netzes mit regelmässigen Flügen nach Antigua, Barbados, Grenada, Guadeloupe, Martinique und St. Lucia vor – und auf der internationalen Ebene ab April 2008 zunächst zwei wöchentliche Flüge nach Paris. Die Debatte um das passende Langstreckenflugzeug wird schliesslich zu Gunsten eines zweistrahligen Airbus A330-300 entschieden – aus ökologischen Gründen, wie es heisst, soll die zweistrahlige A330 doch etwas weniger Kerosin verbrauchen als vierstrahlige Modelle wie die Boeing 747-400 oder der Airbus A340. Es heisst allerdings auch, Lemusair habe einen Airbus A330-300 zu sehr günstigen Bedingungen angeboten bekommen (für weniger als 60 Millionen Lemusische Francs). Der Airbus soll der Lemusair ab Februar 2008 zur Verfügung stehen und an Ostern soll dann der erste Flug von Santa Lemusa nach Paris stattfinden.
Der grosse Airbus verlangt auch nach einem Ausbau der Start- und Landebahn des Airport Oscar I., die im Juli 2007 angegangen wird. Die Piste wird nach Norden hin um 1200 Meter auf 2.7 Kilometer verlängert, insgesamt auf 55 Meter verbreitert und durch neue Zufahrtswege und Parkplätze ergänzt. Hierfür muss auch die Strassenführung der N1 leicht verändert werden.
Ab Mai 2007 werden die Geschicke der Lemusair von einer neuen Direktorin, Anne-Claude Moscardin, gelenkt, der ein sechsköpfiger Verwaltungsrat zur Seite steht. Bis zum vollendeten Neustart des Unternehmens im April 2008 soll die Lemusair knapp hundert Mitarbeiter beschäftigen - etwa zu gleichen Teilen am Boden und in der Luft. Eine neu Ära beginnt.
Was die Ausstattung ihrer Maschinen und die Besatzung angeht, setzt die Lemusair ganz auf Komfort – die Sitzreihen werden in allen Flugzeugen so positioniert, dass die Passagiere bei der Lemusair deutlich mehr Beinfreiheit haben als in vergleichbaren Modellen anderer Gesellschaften. Ausserdem werden sämtliche Kombüsen ausgebaut – denn zum neuen Konzept der Gesellschaft gehört auch die Einführung einer «Gourmet»-Klasse sowie damit zusammenhängend die allgemeine Neukonzeption der Verpflegung an Bord. Dabei arbeitet die Lemusair mit dem ursprünglich aus der Schweiz stammenden Koch Pascale Imhasli zusammen, dem Küchenchef des legendären «Lajwa» im Zentrum von Port Louis (HOIO bietet Neugierigen schon im September 2007 in Paris die Gelegenheit, eines jener Gerichte zu probieren, die ab April 2008 auf dem Linienflug der Lemusair zwischen Paris und Santa Lemusa serviert werden sollen: eine exotisch gewürzte Lasagne mit Crevetten - mehr dazu hier).
First Publication: 9-2007
Modifications: 25-2-2009, 1-11-2011