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«Die Kommune, in der ich jetzt wohne»
Warum die Waldegg eine Kommune sein wollte, aber keine war, warum sie auch kein Zuhause sein konnte – und warum ich der Kirche für immer verloren ging. Serie «ALS ICH MICH IN DIE WELT VERLIEBTE – Chronik einer Leidenschaft» #63 von Nicolas Lindt.
«Waldegg» hiess die Wohngemeinschaft, in die ich einzog und die sich wie alle WGs in jener Zeit nach ihrer Adresse benannte. Kaum war ich dort, wollte ich Elias, meinem ehemaligen Schulfreund, der jetzt das Lehrerseminar absolvierte, von meinem neuen Zuhause erzählen. Ich gab den Brief, den ich ihm schrieb, in der Post von Uitikon auf, damit Elias schon am Stempel erkannte, dass ich nicht mehr zu Hause wohnte. Mein zwanzigster Geburtstag lag erst wenige Wochen zurück. Dass ich so kurz nach Erreichen der Volljährigkeit mein Elternhaus hinter mir liess, erfüllte mich durchaus mit Stolz – und auch Elias sollte davon erfahren. Ich schrieb:
«Lieber Elias, statt in Küsnacht bin ich in einer anderen Bonzenoase gelandet, nämlich in Uitikon-Waldegg am Fusse des Uetlibergs. Ein weniger protziger Wohnort wäre mir lieber gewesen, aber das Haus der Kommune, in der ich jetzt wohne, befindet sich nun einmal hier. Es ist ein großes weisses Haus mit zehn Zimmern und einem riesigen Garten mit Obstbäumen, Fischteich und Gartenhaus, und die Kommune hat neue Mitbewohner gesucht, nachdem ein paar Leute gegangen sind, weil sie politische Differenzen mit den anderen hatten.
Gott sei Dank sind sie weg, denn mit politischen Fanatikern hätte ich nicht zusammenziehen wollen. Eine Gurukommune, wo die ganze Zeit Haschisch geraucht wird, ist die Waldegg aber auch nicht. Wir sind einfach 9 Leute zwischen 20 und 32, und wir fühlen uns nicht als Untermieter, die zufällig im gleichen Haus wohnen, sondern möchten wirklich eine Gemeinschaft sein: Alexander, der Grafiker und heimliche Künstler, Barbara von der Drogenberatungsstelle, Bruno von der Post und vom «Focus», seine Freundin Deita, eine Kindergärtnerin, Speck, der Comic-Zeichner und Grafiker, Stefan, der Kunstmaler, Susann, die Seminaristin, Helen, die Lehrerin und Peter der Journalist, der den «Focus» gegründet hat. Peter und Helen sind übrigens verheiratet. Zwei Hunde, Tramp und Sita, gehören auch zur Kommune.
Jeder von uns muss 220 Franken Miete zahlen und hat ein eigenes Zimmer. Die Küche ist der Gemeinschaftsraum. Im Garten spielen wir manchmal Fussball oder werfen den Hunden Stecken. Der einzige Nachteil ist, dass wir direkt an der Birmensdorferstrasse wohnen. Zwischen uns und dieser vielbefahrenen Rennbahn sind nur ein paar Bäume und der Garten. Schon mehrmals schaffte ein Auto die Kurve nicht und landete in unserer Wiese. Uitikon-Waldegg ist tot und steril, weil es hier abgesehen von ein paar Bauernhöfen fast nur Einfamilienhäuser mit Bonzen gibt. Das Dorf hat 17 private Hallenbäder, und trotzdem wurde sogar noch ein öffentliches gebaut, das sehr feudal ist.»
Aufschlussreich an diesem Brief ist zunächst, dass ich die Waldegg als Kommune bezeichnete. Damit wollte ich bei Elias zweifellos Eindruck schinden – obwohl ihm allein schon meine Beschreibung bewies, dass wir keine Kommune waren. Weder verzichteten wir auf Privateigentum noch legten wir unser Geld zusammen, weder schliefen wir kreuz und quer durcheinander und miteinander noch lebten wir von vermögenden Eltern oder von der Hand in den Mund: Wir waren bloss eine Wohngemeinschaft. Jeder von uns verdiente irgendwie Geld, keiner wohnte auf Kosten der andern, alle schrieben sich in den Putzplan ein, und von allen wurde erwartet, dass sie bei der Haussitzung sonntagabends am Küchentisch anwesend waren.
Gelegentliches Haschisch rauchen und eine oppositionelle Einstellung machten aus einer Wohngemeinschaft noch keine Kommune. Wir waren «bürgerlicher» und braver, als wir es sein wollten, und das galt auch für mich. Meine gute Kinderstube hatte ich nicht im Elternhaus zurücklassen können, sie begleitete mich überallhin, und wenn Alexander, der nie vor dem Mittag aufstand, die Küche wieder nicht aufgeräumt hatte, weil er das «bürgerlich» fand, tat ich die Arbeit an seiner Stelle.
Um so wortradikaler gab ich mich in meiner Gesinnung und in meinem Brief an Elias. Dass ich nach Küsnacht auch Uitikon eine «Bonzenoase» nannte, war eine Wortschöpfung, die eigentlich nicht zu mir passte. Aber ich wollte dem politisch weniger radikalen ehemaligen Schulfreund beweisen, wie schonungslos ich die Welt inzwischen schon in zwei Hälften teilte.
Je klarer ich weltanschaulich Stellung bezog, umso grösser war mein Bedürfnis geworden, nur noch mit Gleichgesinnten zusammenzuwohnen. In meinem Brief an Elias schrieb ich: «Auf eine Art bin ich froh, dass ich von Küsnacht weg bin, denn der Punkt war erreicht, wo mir das elterliche Zuhause nichts Neues mehr geben konnte. Man dreht sich nur noch im Kreis, weil die Rollen in einer Familie verteilt sind und von aussen nur wenig Neues hereinkommt. Das habe ich vor allem in den Diskussionen mit meinem Vater gemerkt. Ich zog mich dann immer mehr in mein Zimmer zurück, um zu schreiben – was ich jetzt, beim Zusammenwohnen mit jungen Leuten nicht länger nötig habe.»
Das Wohnen in einer WG begeisterte mich. Immer war jemand da, der die gleiche Musik hörte, die gleichen Flugblätter las, die gleiche Meinung zum aktuellen Geschehen vertrat, dieselben Spaghetti kochte, denselben Algerierwein für 2.50 Franken pro Liter trank und vor Mitternacht nie ins Bett ging. Bis in den späten Abend hinein sassen wir in der Küche und palaverten im Qualm der Selbstgedrehten und Filterlosen. Obwohl ich selber weder rauchte noch kiffte, kann ich mich nicht erinnern, mich jemals über die dicke Luft in der Küche beklagt zu haben. Es wurde geraucht und es wurde geredet, bis uns die Köpfe rauchten und die Augen vor Müdigkeit brannten. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie man stundenlang soviel reden kann.
***
Einmal noch erwähnten die Veteranen in der Waldegg ihre ehemaligen, kollektiv ausgezogenen Mitbewohner. Alexander verriet mir nach ein paar Gläsern Wein, warum sie alle gegangen waren. Sie hatten sich einer geheimen kommunistischen Partei angeschlossen. Einer von ihnen war sein älterer Bruder, deshalb wusste er es. Um das Proletariat für die Revolution zu gewinnen, hätten sie sich entschieden, nicht länger in einer Kommune zu leben, denn die Arbeiterklasse lebte nicht in solchen Verhältnissen. Sein Bruder und dessen Freundin, erzählte mir Alexander, hätten nun auch geheiratet, weil im Proletariat geheiratet werde. Das Paar lebe inzwischen ganz kleinbürgerlich in einer Genossenschaftssiedlung, und die Treffen der kommunistischen Gruppe in der Wohnung des Bruders seien geheim.
Alexander offenbarte mir das in verschworenem Flüsterton. Irgendwie imponierte ihm die Entschlossenheit seines Bruders, und mir ging es ähnlich. Die Aura des Klandestinen hatte auch für mich etwas Verlockendes. Doch die Verbürgerlichung des Bruders von Alexander empfand ich als schreienden Widerspruch zu seiner politischen Überzeugung. Ein wahrer Revolutionär, glaubte ich, wollte auch im privaten Leben kein Spiesser sein. Deshalb überzeugte mich auch die neue Lebensform einer Wohngemeinschaft. Wie die Durchschnittsmenschen zu wohnen und ein Durchschnittsleben zu führen, war für mich eine schreckliche Vorstellung. Das proletarische Milieu der Katholiken in Nordirland lag schon weit hinter mir. Ich war wieder ganz zurückgekehrt in mein junges, unkonventionelles, materiell sorgloses Leben. Noch ahnte ich nicht, dass ich wenige Jahre später den fanatischen politischen Weg des Bruders von Alexander mit anderen Augen betrachten würde.
***
Mein Auszug aus dem elterlichen Nest war für mich von Anfang an endgültig. Ohne Rücksicht auf Verluste sprang ich ins kalte Wasser der Selbständigkeit. Ich dachte keinen Moment daran, dass ich immer noch heimkehren könnte, wenn ich mich in der Fremde verlor. Schon am Tag nach meinem Einzug auf der Waldegg begab ich mich in die Uitikoner Gemeindekanzlei, um mich anzumelden. Damit brach ich auch ganz formell die Brücke zum Elternhaus ab. Ich bin nie mehr zurückgekehrt.
Nur manchmal spätabends, wenn in der Waldegg alles still und die Küche für einmal leer war und ich mich nur noch in mein Zimmer zurückziehen konnte, fühlte ich mich schon etwas einsam. Dann empfand ich so etwas wie Heimweh nach einem Zuhause, das mich nie mit einer leeren Küche empfangen hatte. Eltern sind immer da. Und machten sie einmal Pause, dann war ihre Anwesenheit im Elternhaus trotzdem spürbar. So hatte ich es erlebt. Das elterliche Nest war ein Zuhause gewesen. Mein Zuhause. Die Waldegg war das nicht. Sie war ein Haus, in dem es sich leben liess. Mein neues Zuhause musste ich mir selber erschaffen. Wie viele Jahre ich dafür brauchen würde, konnte ich damals nicht wissen.
***
Als ich die Brücke zu meinem Elternhaus abbrach und auszog, nahm ich die Gelegenheit wahr, eine andere Brücke ebenfalls abzubrechen. Im Grunde ging es um eine Formsache. Doch dieser Schritt war längst fällig. Und als Volljähriger konnte mich niemand mehr daran hindern. Kaum angekommen in der Waldegg, setzte ich folgenden Brief auf:
«An die Reformierte Kirchgemeinde Küsnacht! Ich möchte Ihnen hiermit mitteilen, dass ich mich entschlossen habe, aus der protestantischen Kirche auszutreten. Ausschlaggebend für meinen Entschluss ist allein die Tatsache, dass ich sowohl zur katholischen wie auch zur protestantischen Kirche grundsätzlich Nein sage. Ich sage Nein zur Kirche als Institution, da sie der herrschenden bürgerlichen Gesellschaftsordnung untergeordnet ist und deshalb nicht als unabhängig bezeichnet werden kann. Ebenso wie ich dem schweizerischen Staat ablehnend gegenüberstehe, muss ich auch seine Machtinstrumente Armee, Schule und Kirche ablehnen. Darf ich Sie bitten, diesen Brief als leider notwendige Formalität zu betrachten und meinen Namen in Ihrer Kartei zu streichen. Damit werden auch meine Pflichten bezüglich Kirchensteuer entfallen. Ich danke Ihnen.»
Schon zwei Jahre vorher hatte ich im Kirchenorgan «Mein Unbehagen mit eurem Gott» formuliert. Ich hatte mit meiner Haltung zur Kirche gerungen. Sie hatte ihre Chance gehabt, mich für sich zurückzugewinnen. Doch es interessierte sie nicht. Mein Austrittsschreiben war der Brief eines definitiv verlorenen Schafes. Das Schaf begab sich jetzt auf seine eigene Suche nach Gott. Den Hirten brauchte es nicht mehr, und dabei ist es geblieben bis heute. Damals erkannte ich, dass man auch ohne Kirche an etwas Höheres glauben kann. «Mein Austritt», schrieb ich in einem P.S., «tangiert in keiner Weise meinen persönlichen Glauben.»
Der Präsident der Küsnachter Kirchenpflege muss die Ernsthaftigkeit meines Entschlusses gespürt haben. Er antwortete mir: «Mit Bedauern haben wir Kenntnis genommen von ihrem Entschluss. Auch wir wissen um Mängel und Ungenügen einer Staatskirche, aber jede Kirche wird eine gewisse Ordnung und Institution brauchen, um lebensfähig zu sein. Wenn wir aber durch unser Versagen an ihrem Austritt Mitschuld tragen, tut es uns leid und wir bitten Sie um Verzeihung.»
Nächste Folge am 17. Dezember
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