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Wir alle haben diesen anerzogenen Drang zum Wassersparen. Nicht zuletzt, weil uns diese Bilder von trockenen Wüsten, austrocknenden Seen und Dürrekatastrophen regelmässig vorgesetzt werden. Tagein, tagaus Wasser zu sparen ist aber nicht die Lösung. Da sind auch die Gemeinden gefragt.
Der Wasserkreislauf, haben wir in der Schule gelernt, beginnt mit Regenwolken. Diese regnen ganz besonders gerne in der Nähe von Bergen aus. Das Wasser versickert im Grundwasser und wird über Flüsse und Seen in die Meere gespült. Dort (und auch zwischendurch) verdunstet das Wasser durch die Sonnenenergie und der Kreislauf beginnt von vorne. Im Mittelland beträgt der Jahresniederschlag rund 1000mm/m². Anders gesagt: Ein leeres Schwimmbecken, aus dem nichts verdunstet, ist am Ende des Jahres 1m hoch mit Wasser gefüllt.[1]Fun fact: England gilt als verregnet. Und trotzdem fällt dort im Jahr nur rund halb so viel Regen.
Wasserverbrauch
Im Haushalt verbraucht jeder Schweizer ca. 140 l pro Tag (52’000 l/Jahr) oder etwa das Wasser, das auf gut 7 m*7 m regnet. Entsprechend würde der Niederschlag in Obwalden für alle Haushalte der Schweiz ausreichen. Der nächstgrössere Kanton, Basel-Landschaft, könnte mit seinem Niederschlag den Trinkwasserverbrauch der Industrie decken.
Obwalden und Baselland könnten den Trinkwasserverbrauch der gesamten Schweiz decken.
Wasserverbrauch?
Wie wird Wasser im Haushalt „verbraucht“? Zum Blumengiessen, Reinigen und Kochen. Ersteres geht im Garten ins Grundwasser oder verdunstet durch die Blätter; zweiteres in die Kanalisation, aus der es gereinigt ins nächste Gewässer geht und letzteres regnet ein paar Tage später wieder aus.
Das heisst, Wasser wird gar nie „verbraucht“,[2]Zumindest kaum im Haushalt. Als Ausgangsstoff bei chemischen Reaktionen oder bei biologischen oder physikalischen Prozessen wie Photosynthese oder Elektrolyse wird es natürlich in andere Verbindungen umgewandelt. sondern wieder dem Kreislauf zugefügt. Natürlich gibt es Aufwände für die Trinkwassergewinnung (Bau von Reservoirs und Wassernetzen, Strom für das Hochpumpen ins Reservoir) und die Abwasserreinigung. Diese sind aber zu einem Grossteil unabhängig von der real genutzten Menge.
Dagegen kann es zu Schäden an der Kanalisation kommen, wenn die Leitungen nicht genug ausgelastet sind. Ganz abgesehen davon, dass sie dann im Sommer ganz arg stinken können.
Im Übrigen führt das Wassersparen häufig dazu, dass der Preis pro Liter dann einfach steigt, damit die Grundkosten weiterhin gedeckt sind.
„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ gilt. Aber nicht für Trinkwasser.
In der Schweiz macht es deshalb für Haushalte nur während Trockenperioden Sinn, die genutzte Wassermenge zu reduzieren. Natürlich soll man es aber auch nicht unnötig verschwenden. Und Wasser unnötig aufzuheizen, macht auch keinen Sinn. Das heisst, Warmwasser sparen ist sinnvoll.
Wasser in der Welt
Hier Wasser sparen, nur damit es in wasserarmen Gebieten verbraucht wird? Nein, danke!
In anderen Gegend der Welt sieht das anders aus: Da gibt es Seen, die austrocknen, weil ihre Zuflüsse für Industrie oder Landwirtschaft herhalten müssen; Steppen- und Wüstengebiete, in denen jeder Tropfen wichtig ist. Dort sollte sparsam mit Wasser umgegangen werden. Insbesondere sollten wir Mitteleuropäer darauf verzichten, Produkte zu kaufen, die in diesen Gegenden ohne nachhaltige Wassernutzung produziert werden. Leider sieht man dies den Produkten nicht an und auch der „Wasserfussabdruck“ sagt nichts darüber aus.
Aber generell gilt: Wer ökologisch leben will, der versorgt sich lokal. Das spart nicht nur Transport und damit Strassen, Erdöl und Abgase, sondern hilft, Verpackungen und Konservierungsmittel zu reduzieren. Darüber hinaus kann es auch Raubbau verhindern helfen, an Menschen, Wasser oder sonstigen Ressourcen.
„Think global, buy local“ ist auch bei Wasser eine gute erste Regel.
Gemeinden
Gemeinden und Wasserversorger sollten deshalb darauf achten, die richtigen Anreize zu setzen:
- Die den Haushalten verrechneten Gebühren sollten die entstandenen Kosten decken und zwar möglichst
- die Grundgebühren die Fixkosten (Amortisation und Unterhalt von Gebäuden, Leitungen und Einrichtungen) und
- die verbrauchsabhängigen Gebühren die variablen Kosten (Stromkosten für Pumpen und Kläranlage).
Sonst führen zu hohe Einsparungen bei den Haushalten zu Fehlbeträgen und damit zu Gebührenerhöhungen, welche die sparenden Haushalte nicht nachvollziehen können. Somit können auch falsche, weil künstlich hohe, Investitionsanreize in private Regenwasseranlagen verhindert werden.
- In Anbetracht der obigen Betrachtungen sollten Gemeinden sich überlegen, ob sie die Fixkosten—analog den Gemeindestrassen—statt wie bisher via Grundgebühr pro Haushalt nicht neu über die allgemeinen Steuern verrechnet werden. Dies gäbe auch bei Nutzungsänderungen Planungssicherheit und würde die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit berücksichtigen.
- Auch wenn die Überlegungen wirtschaftlich sinnvoll sind: Eine plötzliche vollständige Systemumstellung kann zu Verunsicherungen führen. Um diesen Schock zu reduzieren oder falls politische Lenkungsinstrumente weiterhin gewünscht sind, kann natürlich weiterhin ein Teil der Fixkosten über die nutzungsabhängigen Gebühren abgerechnet werden.[3]Wie bei jedem Verrechnungsmodell gilt aber auch hier: Je einfacher, desto besser. Perfekte Fairness wird es nie geben; sorgen Sie einfach dafür, dass keine Anreize zu grobem Missbrauch geschaffen werden. Dies gilt insbesondere für die hier ansonsten nicht berücksichtigten Grossnutzer, aus z.B. Industrie oder Landwirtschaft.
- Für Dürrezeiten kann über dynamische Preise nachgedacht werden. Ich befürchte allerdings, dass die Einführung bei Haushalten viel zu unwirtschaftlich ist, da dazu teurere Zähluhren sowie ein aufwändiger Ersatz nötig wäre. Da die bisherigen (seltenen) Aufrufe an die Bevölkerung ihre Ziele erfüllten (wenn die Menschen nicht sowieso schon selbst drauf kamen), rate ich hier von unüberlegten Schritten ab.
Weitere Informationen
Michael Scheurer: Wenn Wassersparen plötzlich schädlich wird, Der Bund, 11. März 2015. (Der Autor scheint sich hier bei mindestens einem Absatz sehr vom Zeit-Artikel oben inspirieren lassen zu haben. Vergleichen Sie selbst im rechten Bild.)
Daniel Huber: Die Schweiz ist spitze beim Wassersparen – doch das hat nicht nur positive Auswirkungen, Watson, 27. Mai 2014. (Sieh da, ein Schweizer Magazin, das eigenständig recherchiert!)
Proplanta: Wassersparen verursacht höhere Kosten, Interview mit Prof. em. Hans-Georg Frede, 25. Mai 2014. (Mit Material der dpa. Hat sich da Watson doch auch inspirieren lassen?)