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Die norwegische Gesundheitsbehörde zieht eine erste Bilanz aus den Massnahmen zur Verhinderung der Verbreitung des Coronavirus. Interessant: Gemäss dem Bericht wären einige Massnahmen in Norwegen nicht nötig gewesen, zum Beispiel die Schulschliessungen. SRF-Nordeuropa-Mitarbeiter Bruno Kaufmann erklärt die Details.
Bruno Kaufmann
Skandinavien-Korrespondent
Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.
SRF News: Fällt die norwegische Gesundheitsbehörde mit diesem Bericht der Regierung in den Rücken?
Bruno Kaufmann: Nein, aber sie hat die Regierung mit diesem kritischen Bericht sicherlich überrascht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass sich die Behörde in den letzten zwei Monaten nicht immer respektiert gefühlt hat.
Man hat keinen klaren Fall gefunden, in dem das Virus in der Altersgruppe unter 20 weiterverbreitet worden wäre.
Ist die Gesundheitsbehörde nicht in die Entscheide der Regierung involviert, wie bei uns das Bundesamt für Gesundheit (BAG)?
Nein. Das norwegische Volksgesundheitsinstitut ist unabhängiger von der Regierung als das BAG. Die Regierung kann zwar den Chef wählen, aber sonst ist deren Arbeit autonom.
Warum kommt die Behörde zum Schluss, dass die Schliessung der Schulen gar nicht nötig gewesen wäre?
In diesem 60-seitigen Bericht hat man alle 8000 Krankheitsfälle von Covid-19 nachverfolgt, die in Norwegen bisher registriert wurden. Man hat keinen klaren Fall gefunden, in dem das Virus in der Altersgruppe unter 20 Jahren weiterverbreitet worden wäre. Gleichzeitig hält man fest, dass die Schulschliessungen enorme Folgekosten für die Volksgesundheit, aber auch für die betroffenen Kinder und Familien gehabt haben.
Auf welche Massnahmen hätte Norwegen laut dem Bericht sonst noch verzichten können?
Über die Auswertung der Infektionsraten hat man auch festgestellt, dass die Schliessung gewisser Gesundheitsdienste wie Physiotherapie- oder Zahnarzt-Praxen nicht nötig gewesen wäre.
Die Auswertung zeigt, dass die Erwartungen der Behörden bei der Bekämpfung einer solchen Pandemie unrealistisch sein können.
Weiter sieht man die Reisebeschränkungen innerhalb Norwegens kritisch. Sogar die Reisebeschränkungen gegenüber Nachbarstaaten werden kritisiert.
Ist es nicht viel zu früh, um ein Fazit zu ziehen?
Es ist kein Schlussbericht, das hält die Behörde fest. Aber man hatte genug Material, um einen Bericht zu veröffentlichen. Er ist auch Ausdruck der Situation in Norwegen: Eine bürgerliche Minderheitsregierung hat sich an Dänemark orientiert, aber wenig auf die eigenen Behörden und auf die anderen Parteien gehört.
Viele andere Länder – auch die Schweiz – haben Schulschliessungen verfügt. Liegen sie in den Augen der norwegischen Gesundheitsbehörde einfach falsch?
Dazu sagt der Bericht gar nichts. Er hält daran fest, dass das Material, aufgrund dessen diese Konklusionen entstanden sind, das norwegische ist. Der Bericht sagt nicht, Massnahmen wie Schulschliessungen seien überall der falsche Weg. Die Auswertung zeigt, dass die Erwartungen der Behörden bei der Bekämpfung einer solchen Pandemie unrealistisch sein können.
Man dachte, man könne das Virus zum Verschwinden bringen, aber es wird dableiben. Der Bericht sagt aus, man müsse damit leben lernen, und das auf eine nachhaltige Art und Weise. Schulschliessungen werden demnach nicht als nachhaltige Massnahme erachtet.
Unterstützt dieser Bericht jene Kreise, die das Coronavirus für eine Erfindung halten und Schutzmassnahmen als Einschränkung der persönlichen Freiheit ablehnen?
Nein. Der Bericht hält fest, dass es dieses Virus und diese Pandemie gibt. Es ist nicht so, dass man das Virus mit schnellen Massnahmen zum Verschwinden bringt, sondern dass man auf Jahre hinaus damit leben lernen muss. Und das ist das Gegenteil der These, alles sei nur eine Erfindung.
Das Gespräch führte Hans Ineichen.