Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03315.jsonl.gz/200

Es war leicht verdientes Geld: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Experiment mussten lediglich angeben, wie oft sie bei vier Würfen mit einer Münze «Zahl» geworfen hatten. Pro Zahl-Wurf gab es fünf Franken bar auf die Hand. Das Spezielle daran: Die Würfe wurden nicht kontrolliert. Niemand ausser der Versuchsperson wusste, was bei den Würfen wirklich herauskam.
Mit diesem Spielprinzip, welches bereits durch verschiedene Labor-Experimente in der Verhaltensökonomie etabliert wurde, wollten die drei Wissenschaftler vom Institut für Banking und Finance testen, wie ehrlich die Probandinnen und Probanden mit der Angabe ihrer Würfe «in freier Wildbahn» sind – wobei vergleichsweise hohe Anreize zum Lügen geboten wurden.
Überproportionales Glück
Auch wenn sie das individuelle Verhalten dabei nicht beobachten konnten: Die Wahrscheinlichkeit, mit welcher die Verteilung der Würfe zu erwarten ist, erlaubt dennoch eine Aussage darüber, wie (un)ehrlich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Ganzen waren. Demgemäss müsste am häufigsten zweimal Zahl geworfen werden, nämlich in 37,5 % der Fälle. Viermal Zahl – und somit die maximale Auszahlung von 20 Franken – sollten laut Wahrscheinlichkeit lediglich rund sechs Prozent der Probandinnen und Probanden erreichen. Genauso viele sollten keine Zahl geworfen haben und somit gänzlich leer ausgehen.
Tatsächlich gaben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Basisgruppe aber nicht nur in sechs Prozent, sondern in 30% der Fälle die höchste Anzahl, sprich vier Zahlwürfe, an. In dieser Gruppe führten die Probanden nur die Münzwürfe durch. Die Versuchspersonen nahmen es angesichts des verlockenden Geldes mit der Wahrheit offenbar nicht so genau, denn auch Dreier-Würfe wurden deutlich zu viele angegeben.
Was unterstützt Ehrlichkeit?
Dieses Resultat war teilweise erwartet. Noch mehr interessierte jedoch die Forscher, welche Faktoren die Neigung zur Unehrlichkeit beeinflussen können, bzw. unter welchen Umständen die Probanden ehrlicher antworten. Deshalb änderten sie das Experiment bei anderen Gruppen jeweils leicht ab.
Ein Teil der Teilnehmenden etwa musste sich mit Unterschrift verpflichten, keine überhöhte Anzahl Zahl-Würfe anzugeben. Dies, so zeigte sich, reduzierte zwar die Zahl der angegebenen Vierer-Würfe auf rund 22 Prozent, was aber immer noch deutlich zu viele sind. Eine bessere Wirkung erreichte die Konfrontation der Probandinnen und Probanden mit Werten und Normen. Anhand einer Frage musste sich ein Teil damit befassen, wie stark unehrliches Verhalten verbreitet ist. Bei diesen Probanden lag der Zahl der gemeldeten Vierer-Würfe ziemlich genau im erwarteten Bereich. Nur wenig über den erwarteten Zahlen lagen auch die Probanden, denen mittels Regeln verboten wurde, überhöhte Angaben zu machen und solche, denen in Erinnerung gerufen wurde, dass in einer vorab durchgeführten Befragung es rund 60 Prozent für verwerflich hielten, bei den Angaben schummeln.
Zu viel Moral ist kontraproduktiv
«Das Experiment zeigt, dass schon die Reflexion über Normen eine bessere Wirkung erzielt, um Unehrlichkeit zu vermeiden, als Verpflichtungen», sagt Sascha Behnk. Dies gilt jedenfalls für Lügen, die zu den höchstmöglichen Auszahlungen führen. Bei den kleineren Beträgen ist die Wirkung geringer. Interessant ist auch, dass man es mit der Appellation an Normen und Werte auch übertreiben kann. Wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, sich sowohl über die Verbreitung von Unehrlichkeit als auch über die Akzeptanz unehrlichen Verhaltens Gedanken zu machen, so erreichten die falschen Angaben zu den Vierer-Würfen deutlich höhere Werte.
Offener Ausgang
Das Live-Experiment war für die Wissenschaftler ein Versuch mit offenem Ausgang. «Wir wussten nicht einmal, ob wir während der Ausstellung genug aussagekräftige Daten sammeln können», erklärt Behnk. Mit rund 250 Teilnehmenden kamen genügend Daten zusammen, welche die Forschenden übers vergangene Wochenende in einem analytischen Kraftakt – quasi ebenfalls live – für erste Ergebnisse auswerteten. «Es war uns ein Anliegen, dass wir im Rahmen der Ausstellung nicht nur Daten erheben, sondern auch erste Ergebnisse präsentieren können», so Behnk. Ihr Ziel, den Besucherinnen und Besuchern ihre wissenschaftliche Arbeit zu vermitteln und dabei noch Daten zu sammeln, haben die Wissenschaftler mit diesem speziellen Experiment auf jeden Fall erreicht.
Das vom Swiss Finance Institute unterstützte Experiment wurde in den ersten drei Wochen mit 248 Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung «Transactions – Geld, Glück, Gesundheit, Gerechtigkeit» durchgeführt. Die detaillierten Resultate der Studie sind noch bis am Sonntag, 10. Juli in der Ausstellung zusehen. Online sind sie hier verfügbar.
«Transactions» ist ein Parallel-Event zur Kunstbiennale Manifesta 11. Die UZH bringt in dieser Ausstellung Kunst und Forschung zum Manifesta-Thema «What People do for Money» zusammen.
Kommentar schreiben
Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.