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Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich es das erste Mal gesehen habe. Es hing an einer schlichten, weissen Wand im Kunstmuseum Musée Marmottan Monet in Paris. Irgendetwas daran hatte mich in seinen Bann gezogen. Vielleicht waren es die feinen Pinselstriche, die auch jeden noch so kleinen Grashalm präzise gemalt hatten, vielleicht war es aber auch das Gefühl, die Welt würde jeden Moment von einem Sturm verschlungen werden. Einige Wochen später las ich zufällig die Meldung: Fünf Gemälde waren aus dem Museum Marmottan Monet entwendet worden. Vier Monets und Fünf Linden von Cézanne.
Die Gemälde von Monet wurden nach kurzer Zeit wiedergefunden, doch das Gemälde von Cézanne blieb verschollen.
Émilien kippte den Lichtschalter. Spinnen und Staubhasen hatten sich zwischen den ranzigen Büchern im Regal eingenistet und es muffte nach moderigem Holz. Seine Grossmutter hatte ihn gebeten, im Keller nach ihrer Katze zu suchen. Das dumme Ding habe sich sicher wieder mal da unten versteckt. Er griff nach seiner Taschenlampe und beschloss, erst mal einige Kisten aus dem Weg zu räumen. und dann überhaupt den ganzen Krempel in eine anständige Ordnung zu bringen. Nachdem er eine kleine Kommode zur Seite geschoben hatte, entdeckte er einen Stapel von eingerahmten Gemälden. Kniend griff er danach und betrachtete sie. Die meisten zeigten irgendwelche dramatischen Szenen von Schiffen oder kitschigen Obstkörben. Als er das letzte in den Händen hielt, fiel ihm das Herz fast aus der Brust. Fünf Linden von Cézanne. Das kann doch nicht sein. Das muss eine Kopie sein. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er vorsichtig auf die Leinwand und inspizierte sie. Die Farben, Schattierungen, der Rahmen und, ja, sogar die Signatur stimmen überein mit dem Original. Wie kommt Oma nur zu so einem Fund? Weiss sie überhaupt, dass das hier unten liegt? Nein, bestimmt nicht. Die kann sich ja nicht mal mehr an ihr heutiges Frühstück erinnern. Er musterte jedes noch so kleine Detail. Dann dämmerte es ihm. Er könnte das Gemälde zum nächsten Auktionsmarkt bringen und prüfen lassen. Er würde nichts Verbotenes machen. Er hätte wenigstens die Bestätigung, dass es eine Kopie war. Aber was, wenn nicht? Was, wenn dieses Gemälde das Original war und er es verhökern könnte? Das Geld wäre meins, oder? «Logisch, Finderlohn!», murmelte er zu sich selbst. Ich könnte endlich ein neues Auto kaufen. Quatsch, ich könnte damit zwanzig neue Autos kaufen! Aber das darf niemand wissen. Émilien richtete sich auf, griff nach dem Gemälde und schlich sich, ohne zu zögern, aus dem Haus.
Am darauffolgenden Tag hatte Émilien das Gemälde zu einem Auktionshaus im Stadtzentrum gebracht. Nun wartete er bereits seit Tagen auf einen Anruf. Mal fantasierte er über sein potenzielles Vermögen, dann wieder plagte ihn sein schlechtes Gewissen. Er weigerte sich, Telefonate entgegenzunehmen, getrieben von der Angst, den Anruf seines Kollegen zu verpassen. Er hatte sich sogar für einige Tage Urlaub von der Arbeit genommen. Meinen Chef kann ich eh nicht leiden und bald habe ich es ja gar nicht mehr nötig, mir das anzutun. Das Elend der Ungewissheit verdarb ihm den Appetit. Nichts konnte ihn sättigen wie die Vorstellung des riesigen Geldbetrags, der nur ein Telefonat von ihm entfernt war.
Vier Tage später wurde Émilien auf ein Gespräch im Auktionshaus eingeladen. Er kleidete sich mit den schönsten Kleidern und tanzte förmlich zur Tür hinaus. Eine dreiviertel Stunde später sass er im Büro des Gutachters und Kunstspezialisten James Coleman. Sein Herz pochte. «Nun, beginnen wir mit dem Geschäft», sagte Coleman. Émiliens Kopf schoss in die Höhe. Er starrte dem korpulenten Mann direkt in die ausdruckslose Miene. «Dieses Gemälde, welches Sie uns eingeschickt haben, ist ein Aquarell von Paul Cézanne aus dem Jahre 1907.» Émilien nickte unsicher. Etwas an der Ausdrucksweise und Haltung des Mannes gab ihm ein unangenehmes Gefühl. «Das könnte man zumindest denken.» Émilien startete seine Hände an. «Denn das ungeschulte Auge wird leicht ausgetrickst. Eine verflucht gute Kopie. Sogar die chemische Zusammensetzung der Farben stimmt.» Niedergeschlagen von den Neuigkeiten, passte Émilien lediglich noch halbherzig auf. Er wollte dem seltsamen Mann nicht mehr zu hören. Kurz bevor er sich erheben konnte, wechselte der gleichgültige Gesichtsausdruck des Mannes zu einer dunklen, unheilvollen Mine. Der Mann rückte näher und begann nun ruhig auf ihn einzureden: «Diese Kopie, die Sie gefunden haben, ist ein Unikat. Noch nie habe ich eine dermassen überzeugende Kopie gesehen. Ich würde sogar behaupten, dass dieses Stück in der Kunstwelt als Original durchgehen könnte. Sie würden sicherlich auch eine sehr schöne Summe dafür bekommen.» Der Mann starrte Émilien eindringlich in die Augen. Er wurde hellhörig. Schlägt dieser Spinner mir wirklich das vor, was ich denke? Émilien wusste, er sollte sich dankend verabschieden und gehen; stattdessen kamen andere Wörter aus seinem Mund: «Wie viel liegt drin?»-«Mindestens dreissig Millionen, wenn nicht sogar mehr.»Émilien prüfte den Ausdruck des Mannes. Nichts in seinem Gesicht verriet irgendeine Art von Zweifel. «Und Sie sind sich sicher, dass niemand es merken würde?». «Ja, natürlich. Ich weiss, wovon ich rede.» Émilien war noch nicht überzeugt. «Was ist mit dem Original?», fragte er nach. «Ach, das wurde in den letzten dreissig Jahren nicht gefunden und es wird auch nie wieder auftauchen», winkte er ab, «in der Kunstwelt gibt es viele solcher Fälle.» Dreissig Millionen also, dachte sich Émilien …
Das Gemälde haben wir für fast fünfzig Millionen Euro versteigert. Coleman hat die Hälfte genommen. Ich habe jeden einzelnen Cent meines Anteils ausgegeben. Ich zog in eine Villa am Strand, verbrachte dort meine besten Jahre. Einen Cocktail in der Hand, die warme Sonne auf der Haut – und jetzt blendet mich dieses grelle Licht der Deckenleuchte.
«Herr Émilien? Sind Sie bei uns? Es folgt jetzt das Plädoyer des Staatsanwalts. Da sollten Sie genau hinhören.»