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Immer mehr Investoren aus der ganzen Welt kaufen Landwirtschaftsflächen in armen Ländern. Statt die Entwicklung und Beschäftigung in diesen Ländern anzukurbeln, stellt der Erwerb von riesigen Agrarflächen eine Bedrohung für die Nahrungsmittelsicherheit der einheimischen Bevölkerung dar. An der Universität Bern wurde die Datenbank "Land Matrixexterner Link" zu Landverkäufen erarbeitet, die das Phänomen des so genannten Land Grabbing dokumentiert.
"Die weltweite Aneignung von Land stellt eine neue Form von Neokolonialismus dar. Reiche Staaten erwerben zusehends fruchtbare Landstriche in armen Ländern. In zwei Dritteln dieser Länder leidet die Bevölkerung Hunger", sagt der Agronom und Insektenforscher Hans Rudolf Herren. Er hat mehrere internationale Auszeichnungen erhalten, darunter 1995 den Welternährungspreis, weil er eine drohende Hungersnot in Afrika vereitelte.
Herren gehört seit Jahren zum Kreis von Landwirtschaftsexperten, der das so genannte Land Grabbing scharf kritisiert. Es geht um die Übernahme von Ländereien durch Investoren. "Diese Ländereien werden im Regelfall für eine industrielle Landwirtschaft grossen Stils verwendet. Die Produkte sind häufig nicht für den lokalen Markt vorgesehen. Der Grossteil wird exportiert, um etwa Biotreibstoff oder industrielle Lebensmittel herzustellen", sagt Herren.
Land Matrix
Die Datenbank dokumentiert Grundstücks-Transaktionen ab einer Grösse von 200 Hektaren in Ländern mit einem sehr geringen Pro-Kopf-Einkommen (bis 1000 Dollar pro Jahr) oder einem mittleren Pro-Kopf-Einkommen (von 1000 bis 4000 Dollar pro Jahr), dies gemäss einer Auflistung der Weltbank.
Gesammelt werden Daten von regionalen Koordinatoren und Partnernetzwerken in Afrika, Europa und Lateinamerika, von Nichtregierungsorganisationen und regionalen Experten, offiziellen Gutachten, Unternehmenswebsites und Medienberichten. Seit der Jahrtausendwende wurden über 1000 Deals protokolliert (Stand: September 2015), die zusammen auf eine Landmasse halb so gross wie Europa kommen und von denen viele in Afrika abgewickelt wurden.
Die Website wurde von fünf internationalen Forschungszentren erstellt: Dem Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Umwelt der Universität Bern (CDE), dem Zentrum für internationale Zusammenarbeit in landwirtschaftlicher Forschung in Paris (CIRAD), dem German Institute of Global and Area Studies in Hamburg (GIGA), der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Bonn (GIZ) sowie der Internationale Land Coalition in Rom (ILC).Infobox Ende
Nahrungsmittelbedarf steigt
Das Land Grabbing wird seit dem Jahr 2012 von einer Online-Datenbank erfasst, die das Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Umwelt der Universität Bern gemeinsam mit vier weiteren europäischen Forschungsinstituten entwickelt hat. Die Initiative wurde ergriffen, weil das Land Grabbing besorgniserregende Dimensionen angenommen hatte. Ziel ist es, Regierungen, lokalen Gemeinschaften, Entwicklungshilfe-Organisationen und Wissenschaftlern zu helfen, damit das Geschäft mit dem An- und Verkauf von Land transparenter wird.
"Dieses Phänomen hat es immer gegeben, auch nach dem Ende der Kolonialzeit. Doch vor rund 10 Jahren kam es zu einem regelrechten Boom, der damals mit dem deutlichen Preisanstieg von Lebensmitteln und der gestiegenen Produktion von Biotreibstoffen zusammenhing. Auch die Finanzkrise von 2007 brachte viele Investoren dazu, in Böden und Agrarprodukte zu investieren", sagt Markus Giger vom Zentrum für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt der Uni Bern.
In den letzten beiden Jahren wurde diese explosionsartige Entwicklung allerdings ein wenig gebremst. Die Preise für Lebensmittel und Rohöl sind wieder gesunken. Dazu kam, dass die Produktion von Biotreibstoff international in die Kritik geriet. Gleichwohl wird das Geschäft mit fruchtbaren Böden wieder zunehmen: Das Wachstum der Weltbevölkerung sowie der steigende Lebensstandard führen zu einem Anstieg des Nahrungsmittelbedarfs, während gleichzeitig die Land- und Wasserreserven schrumpfen.
Acht Mal die Fläche der Schweiz
Land Matrix hat im Oktober einen neuen Berichtexterner Link präsentiert. Bisher wurden Deals dokumentiert, die 27 Millionen Hektaren Agrarland – acht Mal die Fläche der Schweiz – betreffen. Dieses Land wurde seit der Jahrtausendwende von internationalen Investoren gekauft. Werden auch Ländereien mit anderen Zweckbestimmungen (Rohstoffabbau, Holzproduktion, Tourismus, etc.) dazugezählt, kommt man auf eine Fläche von 43 Millionen Hektaren.
Die Datenbank berücksichtigt nur Grundstücks-Transaktionen ab einer Fläche von 200 Hektaren. Und natürlich können nur bekannt gewordene Handänderungen registriert werden. Viele Transaktionen bleiben aber geheim.
Dreiviertel der 20 Staaten, die von Land Grabbing betroffen sind, befinden sich in Afrika oder Asien und gehören zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Rechte der Bewohner sind kaum geschützt. Gemäss Markus Giger lassen sich Landkäufe in Staaten mit einer schlechten "Governance" und schwachen Institutionen besonders leicht realisieren: "Die Behörden können hier ihren Willen leichter durchsetzen und, wie in Kambodscha, die Bevölkerung sogar zum Umsiedeln zwingen."
Diese Politik geht insbesondere zu Lasten der Kleinbauern. "Der überwiegende Teil der An- und Verkäufe erfolgt nicht in menschenleeren und unbewirtschafteten Gegenden. Der Erwerb geschieht generell in leichter zugänglichen Gegenden, wo es fruchtbares Land und Bewässerungsmöglichkeiten gibt. Das heisst, dass die Bauern um ihre Ackerflächen und ihre Subsistenzmöglichkeiten gebracht werden.
Hoffnung auf Entwicklung
Hinter dem Verkauf von Ländereien an ausländische Investoren stecken aber nicht nur die finanziellen Interessen von Oligarchen. Markus Giger betont, dass viele Länder unter Armut und fehlender Entwicklung leiden: "Sie versuchen, etwas Reichtum zu erwirtschaften. Land ist oft das einzige, was sie verkaufen können – die Ländereien gehören in der Regel dem Staat."
Viele Regierungen in Entwicklungsländern sind zudem überzeugt, dass ihre Landwirtschaft durch den Einsatz neuer Technologien modernisiert werden muss, selbst wenn damit der Einsatz von Pestiziden, chemischen Düngemitteln oder gentechnisch modifizierten Organismen verbunden ist. Sie hoffen, dass Investitionen in die Landwirtschaft zu einer Entwicklung der Infrastruktur führen, den Handel beflügeln und Arbeitsplätze schaffen.
Gemäss Markus Giger ist es tatsächlich möglich, dass der Kauf von Land durch ausländische Investoren positive wirtschaftliche Folgen hat: "Aber man muss sich Gedanken machen, welche Art von Landwirtschaft man will. Ausserdem muss garantiert werden, dass die Investitionen nachhaltig und sozialverträglich gemacht werden."
Fehlende Transparenz
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat 2012 internationale Normen erlassen, welche den Landkauf bestimmten Regeln zum Schutz der Bevölkerung und der Umwelt unterstellen. Bei diesen Normen handelt es sich aber um Empfehlungen; sie sind nicht bindend. Es ist schwierig festzustellen, ob diese dazu beigetragen haben, Regierungen und Investoren zu sensibilisieren. Gerade aus diesem Grund sind die von Land Matrix gesammelten Daten wichtig, denn sie erlauben in gewissem Ausmass, Licht ins Dunkel dieser Transaktionen zu bringen.
Der Datenbank lässt sich beispielsweise entnehmen, dass Malaysia, USA, Grossbritannien, Singapur und Saudi-Arabien die wichtigsten Käuferländer sind. China, das häufig im Zusammenhang mit Land Grabbing genannt wird, steht nur an neunter Stelle. Schweizer Firmen sind in diesem Business praktisch nicht vertreten. Doch die Schweiz spielt durchaus eine Rolle.
"Die Schweiz ist ein wichtiger Player im internationalen Finanzmarkt. Hunderte von Milliarden Franken werden nicht nur von den Banken verwaltet, sondern auch von Pensionskassen oder der AHV - der Alters- und Hinterlassenenversicherung. Und es ist wahrscheinlich, dass ein guter Teil dieses Geldes in Investitionsfonds verschwindet, die in Rohstoffe, Landwirtschaftsprodukte oder Böden investieren. Doch es gibt kaum Transparenz im Bereich der Fonds. Daher können wir diese Investitionen nicht genau dokumentieren", sagt Markus Giger.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch