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Einleitung – Vom Sand zugeschüttet, vergessen und wiederentdeckt – Die ägyptologische Erforschung des Tempels beginnt – Der Tourismus beginnt – Dem Tempel droht Gefahr, aber er wird gerettet
Einleitung
Ca. 280 km südlich von Assuan, direkt am westlichen Ufer des Nils, liess Ramses II. die Tempelanlage von Abu Simbel errichten. Ramses II. (1279-1213 v. Chr.) war der dritte König der 19. Dynastie und gilt als einer der bedeutendsten Herrscher Ägyptens. Während seiner langen Regierungszeit (66 Jahre) entwickelte er eine ausserordentlich rege Bautätigkeit – nachdem er 1279 v. Chr. den Pharaonenthron bestiegen hatte, begann er sofort mit seinen umfangreichen Bauvorhaben. Allein in Nubien liess er an sechs Orten sieben verschiedene Neugründungen von Tempeln vornehmen: Akscha, Derr, Wadi es-Sebua, Gerf Hussein, Beit el-Wali und die beiden Tempel von Abu Simbel. Nubien (das „elende Kusch“) ist das Gebiet südlich des Ersten Kataraktes, der heute weitgehend unter Wasser gesetzte Abschnitt des Niltals. Die an Rohstoffen (Gold, Edelsteine) und Handelsgütern aus afrikanischen Ländern (Gewürze, Holz) reiche Region war für Ägypten besonders aus wirtschaftlichen Gründen interessant, und der Reichtum des Landes veranlasste die Ägypter, dieses zu kolonialisieren. In der XVIII. Dynastie wurden dort Provinzialregierungen eingerichtet, deren Aufgabe hauptsächlich darin bestand, die Rohstoffquellen des Landes zu nutzen. Der vom Pharao eingesetzte Verwalter wurde zum Vizekönig von Kusch ernannt. Es wurden Festungen errichtet und Kultstätten für Götter erneuert, wobei besonders lokale Gottheiten neue Tempel erhielten. Um seine immensen Bauvorhaben finanzieren zu können, liess Ramses II. gewaltige Mengen an Gold in den nubischen Goldminen abbauen. Der Abbau in den Bergwerken erfolgte unter härtesten Bedingungen. Auf der so genannten Quban-Stele (nach dem Fundort der Stele benannt) ist ein Text verzeichnet, in welchem der Vizekönig von Kusch anlässlich einer Besprechung des Kronrates vom Wassermangel im 64 km langen Wadi Allaqi in der Ostwüste Unternubiens berichtete. Ramses II. ordnete daraufhin den Bau eines Brunnens an: „… Er [Ramses II.] bedachte Möglichkeiten, Brunnen an den Wegstrecken zu graben, die an Wassermangel litten, nachdem man sagen hörte, dass es in der Wüste von Allaqi viel Gold gäbe, jedoch der Weg zu ihm wegen des Wassermangels sehr schwierig sei. Gingen einige von den Goldschürfern dorthin, so erreichte nur die Hälfte von ihnen das Ziel, [die anderen] starben vor Durst auf dem Weg zusammen mit ihren Eseln, die vor ihnen hergingen …“; „… [das Land] war seit der Zeit Gottes in einem schlimmen Zustand des Wassermangels; die Menschen verdursteten in ihm, und jeder frühere König wollte dort einen Brunnen anlegen, aber sie hatten keinen Erfolg …“. Offensichtlich konnte das Vorhaben erfolgreich durchgeführt werden, denn der Stelentext endet mit dem Satz: „Der Name des Brunnens soll sein: Brunnen, Ramses II. ist stark an Taten“.
Ramses II. wählte für die Errichtung der Tempelanlage von Abu Simbel einen Platz, der in altägyptischer Zeit vermutlich Meha hiess. Wahrscheinlich wurden in dieser Gegend schon früh der Falkengott Horus und die Göttin Hathor verehrt. Felsinschriften nennen mehrfach die Namen Horus, Herr von Meha, und Hathor, Herrin von Ibschek.
Beide Tempel, die D. Arnold als „Höhepunkte des nubischen Tempelbauprogramms … und Meisterwerke der Felsbaukunst“ bezeichnet, sind so genannte Felstempel, d.h. sie wurden im Untertagebau in das bzw. aus dem Gestein geschlagen. Die Statuen vor den Fassaden, die Pfeiler im Tempelinneren sowie die Statuen der Sanktuarien sind vollständig aus dem Fels gehauen. Die Dekoration des Tempels beschränkt sich auf die Fassaden und die Innenräume der Tempel. Das Gestein ist Sandstein, die Reliefs wurden in der Technik des versenkten Reliefs ausgeführt und bemalt. Die Ausrichtung der beiden Tempelachsen war so gewählt, dass sich diese an einem imaginären Schnittpunkt auf dem Nil kreuzten. Christiane Desroches-Noblecourt glaubt, dass die beiden Tempel errichtet wurden „… im Zusammenhang mit dem nährenden Nil und der besonderen Rolle, welche der Pharao spielt als Bürge für das Leben und den Reichtum Ägyptens und als derjenige, der gewissermassen für die Überschwemmungen verantwortlich war. In den Tempeln von Abu Simbel wurden sicher diejenigen Riten gefeiert, die am günstigsten waren für die Rückkehr der Wassermassen, die jedes Jahr das Leben des Doppellandes sicherten.“
Vom Sand zugeschüttet, vergessen und wiederentdeckt
Wie lange in den beiden Tempeln Kultausübungen stattgefunden haben, ist nicht genau bekannt – über das Schicksal der Tempel wissen wir wenig. Nachdem der Kultbetrieb eingestellt worden war, dienten sie Reisenden und Jägern als Unterschlupf, die Bewohner der Gegend suchten bei kriegerischen Auseinandersetzungen hier Zuflucht. Sicher ist, dass die Tempel niemals in eine christliche Kirche umfunktioniert worden waren. Durch seine Lage war besonders der grosse Tempel von Anfang an durch die ständige Berieselung mit Sand gefährdet, der kleine Tempel lag im Hinblick auf Sandverwehungen günstiger und war dieser Gefahr weniger ausgesetzt. Manch einer, der an diesem Ort auf seinem Weg vorbeikam, verewigte sich an der Fassade oder im Tempelinneren mit einem Graffito. Die Position solcher Graffiti – in hebräischer, griechischer oder phönizischer Schrift – gibt wertvolle Hinweise auf den Stand der allmählichen Versandung.
Man nimmt an, dass bereits in der 26. Dynastie (ca. 600-500 v. Chr.) der Tempeleingang mit Sand verschüttet war, da es imTempelinneren aus der nachfolgenden Zeit keinerlei Graffiti mehr gibt. Eine genaue Datierung ist nicht möglich, aber generell wird als Zeitpunkt für die endgültige Versandung des Tempels das siebte nachchristliche Jahrhundert angenommen. Die Tempel gerieten in Vergessenheit. Erst zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts entdeckte der Basler Forschungsreisende Johann Ludwig Burckhardt, bekannt unter seinem Pseudonym Sheikh Ibrahim Ibn ʿAbd Allah, den Tempel wieder, d.h. das, was vom Tempel aus den Sanddünen ragte (1813). Bald nach Burckhardts Entdeckung brach ein regelrechtes Jagdfieber unter Archäologen und den diplomatischen Vertretern verschiedener Länder aus; Abenteuerlust sowie der Wunsch, wertvolle Objekte für die eigene Sammlung oder für die Sammlung eines Museums im eigenen Land zu ergattern, veranlasste Leute unterschiedlicher Provenienz eine Entdeckungsreise ins ferne Nubien zu unternehmen. Burckhardt selbst starb an den Folgen einer Fischvergiftung, erst zweiunddreissigjährig, 1817 in Kairo und konnte nichts mehr von den Anstrengungen in Bezug auf die Erforschung der Tempel miterleben. Burckhardt hatte fliessend arabisch gesprochen, war zum Islam übergetreten und war einer der ersten Europäer, die nach Mekka und Medina pilgerten. In Kairo fand er seine letzte Ruhestätte.
Die ägyptologische Erforschung des Tempels beginnt
Im Auftrag des britischen Konsuls Henry Salt arbeitete der Italiener Gianbattista Belzoni. Nach unendlichen Schwierigkeiten und Strapazen konnte er am 1. August 1817 den Tempel betreten. Er fertigte einige Skizzen an, verfasste eine allerdings unvollständige Liste der im Tempel gefundenen Objekte und verliess aber schon vier Tage nach der Tempelöffnung den Ort wieder. Ein vollständiges Verzeichnis stammt von seinen beiden Begleitern, den Kapitänen Irby and Mangels. Trotz der Versandung war der Tempel ausgeraubt worden, und nur wenige Objekte hatten die räuberischen Eindringlinge nicht mitgenommen. Diese Gegenstände gelangten zunächst in den Besitz von Henry Salt und befinden sich heute im Britischen Museum (Salt Collection). Bei der Öffnung des Grossen Tempels waren die Figuren im Sanktuar noch unbeschädigt und die Farben der Reliefs so frisch gewesen, wie wenn die Künstler gerade die Pinsel zur Seite gelegt hätten. In der Folgezeit kamen viele Reisende zum Tempel – Archäologen, Dichter, Maler und gewöhnliche Sterbliche. Sie fertigten Zeichnungen und Pläne an, schrieben Tagebücher und Reiseberichte, und bei ihrer Abreise hinterliessen sie Graffiti. Teilweise wurden diese Dokumente veröffentlicht, teilweise von Bibliotheken und Museen erworben und dort aufbewahrt. Alle Besucher hatten mit dem Problem der Versandung zu kämpfen, teilweise mussten sie wieder abreisen, ohne das Innere des Tempels gesehen zu haben. Als Ägyptologen in modernem Sinne kann man diese Leute noch nicht bezeichnen, auch wenn man ihnen wertvolle Dokumentationen verdankt.
Erst mit der 1828 von Jean-François Champollion und Ippolito Rosellini ausgerüsteten französisch-toskanischen Expedition begann die wissenschaftliche Untersuchung des Tempels. Die von den Wissenschaftlern erstellte Dokumentation zeigt den Zustand der Tempel vor ca. 150 Jahren. Die nächsten grossen wissenschaftlichen Expeditionen fanden unter Robert Hay (1830) und Carl Richard Lepsius (1844) statt. Robert Hay war der erste, der durch geeignete technische Massnahmen den Eingang zum Grossen Tempel vor der ständigen Zuschüttung mit Sand schützen konnte.
Der Tourismus beginnt
Unterdessen hatte die europäische Geld- und Adelsschickeria Ägypten und die Altertümer des Landes als Reiseziel entdeckt. Auf komfortablen Schiffen reiste man auf dem Nil. Die schrullige Engländerin Amalia Edwards beschreibt in ihren Tagebüchern die kuriosen Anstrengungen, die man unternahm, um den Reisenden den Aufenthalt in Ägypten so unterhaltsam wie möglich zu gestalten. Bereits erforschte Gräber wurden wieder zugeschüttet, und man liess diese von Touristen „neu entdecken“. Auch die Tempel von Abu Simbel waren vor den Feudaltouristen jener Zeit nicht sicher. Bereits 1869 beklagte Raoul Lacour, ein junger Advokat aus Paris, in seinem Reisejournal die schlechte Qualität der Farben auf den Reliefs. Die Luft, die Ausdünstungen der Besucher und der Rauch der Kerzen hatten ihr zerstörerisches Werk begonnen.
Dem Tempel droht Gefahr, aber er wird gerettet
Als 1902 der Nil erstmals gestaut wurde und als Folge davon das jährliche Eintauchen der Tempel in den Nil einem halbjährlichen Versinken gleichkam, entschloss sich der Service d’antiquité eine internationale Equippe damit zu beauftragen, eine vollständige Dokumentierung der Tempel in Nubien zusammenzustellen. Für die Tempel von Abu Simbel war Alessandro Barsanti zuständig. Er liess die Tempel reinigen, teilweise wurden die in situ gefundenen Objekte wieder aufgestellt, teilweise ins Archäologische Museum nach Kairo gebracht. Als man nach dem Zweiten Weltkrieg das Vorhaben, den bereits zweimal gestauten Nil in einen riesigen Stausee zu verwandeln, in die Tat umsetzte, drohte den beiden Tempeln das endgültige Versinken in diesem Stausee. Um die Tempel zu retten, wurde zunächst die Institution „Centre de documentation et d’étude sur l’histoire de l’art et de la civilisation de l’Ancien Egypte“ in Kairo gegründet, eine Stätte, die ausschliesslich für die Erforschung und die Unterbringung aller die beiden Tempel betreffenden Dokumentationen ins Leben gerufen wurde und welche jedermann zugänglich war. Mit Hilfe der Unesco wurde eine gewaltige Rettungsaktion gestartet. Die Tempelanlagen wurden in 1042 Einzelteile zerschnitten, die einzelnen Quader ca. 200 m weiter im Hinterland auf ein 65 m höher gelegenes Niveau gebracht und wieder zusammengesetzt. Am 22. September 1968 konnte man die Tempel an ihrem neuen Ort wieder betreten. Die grossartige technische Leistung ist nicht minder zu bewundern wie die Erbauung der Tempel vor mehr als 3000 Jahren. Der Werkstoff, der beim Zusammenfügen beziehungsweise bei der Verfestigung des porösen Gesteins verwendet wurde, ist ein von der Basler Firma CIBA-Geigy entwickeltes Epoxydharz, das unter seinem Handelsnamen Araldit® bekannt ist.
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