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In Brasilien kämpfen Kleinbäuerinnen für Anerkennung und die Erhaltung der Biodiversität, unterstützt auch von der Schweizerin Corinne Dobler. Ein Porträt.Dieser Inhalt wurde am 04. März 2005 - 13:56 publiziert
Am Internationalen Tag der Frau richten die Frauen der Bewegung ein Protest-Camp vor einem multinationalen Agrarkonzern ein.
"Die Frauen hier sind in erster Linie Ehefrauen und Mütter, die im Haushalt, in der Kindererziehung und im Garten arbeiten sowie ihren Männern in der Landwirtschaft aushelfen." So beschreibt Corinne Dobler die traditionelle Rolle der Frau rund um die ländliche Kleinstadt Passo Fundo ganz im Süden Brasiliens.
"Die Frauen sind dem Mann untergeordnet, und der Wert ihrer Arbeit wird nicht anerkannt", sagt die 32-jährige Schweizerin, die dort seit einem halben Jahr im Auftrag der Westschweizer Nichtregierungs-Organisation E-CHANGER als Entwicklungs-Arbeiterin tätig ist. Zur häuslichen Angebundenheit komme oft eine starke Kontrolle durch den Ehemann.
Mit ihrem Engagement in der feministischen Landfrauen-Bewegung Movimento de Mulheres Camponesas (MMC) unterstützt Dobler die einheimischen Frauen mit ihrem Know-how. Dieses hat sie nach ihrem Ethnologie-Studium als Journalistin und Mitarbeiterin beim Schweizerischen Roten Kreuz erworben.
Spitze des Eisbergs
Das Movimento zählt im Bundesstaat Rio Grande do Sul 30'000, in ganz Brasilien 180'000 Frauen. Sie sind quasi die Spitze des Eisbergs, denn in ganz Latein- und Mittelamerika sind es Millionen von Frauen, welche die Hauptarbeitslast tragen, denen aber die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung als Bäuerinnen verwehrt wird.
In Passo Fundo, wo sich auch das nationale Sekretariat der Landfrauen-Bewegung befindet, arbeitet Dobler im bundesstaatlichen und im nationalen Sekretariat der Landfrauen-Bewegung mit. Der Ort liegt vier Stunden Busreise im Landesinneren vom Küstenort Porto Alegre entfernt, bekannt durch das jährliche Weltsozial-Forum.
Monokulturen vs. Lebensgrundlagen
"Die MMC-Frauen kämpfen für rechtliche Gleichstellung, soziale Absicherung und eine ökologische Landwirtschaft", erklärt Dobler. Sie verstünden sich als "Hüterinnen der Biodiversität", deren Aktivitäten sich konkret gegen die internationale Agro-Konzerne und den Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO) richteten.
"Die zunehmenden Monokulturen machen die Natur als Lebensgrundlage der Frauen kaputt", erklärt sie weiter. Die Landfrauen könnten die Nahrungsmittel nicht mehr selber anpflanzen, sondern müssten diese auf dem Markt kaufen. Sie gerieten in Abhängigkeit von Multis, weil sie deren Saatgut und Herbizide einkaufen müssten.
Die Frauen pflanzen als Kleinbäuerinnen je nach Region Mais, Sojabohnen, Kürbis, Heilkräuter, Bananen und Früchte an. Die meisten haben laut Dobler auch zwei bis vier Kühe, wobei Melken und Käseherstellung ebenfalls Sache der Frauen sind.
Im MMC verstärkt Dobler das lokale Kommunikations-Kollektiv. "Es geht um klassische Kommunikation, also das Verfassen von Artikeln für unsere Zeitung 'Desperta Mulher' (Wach auf Frau), die Internet-Zeitung sowie Communiqués."
Einzige Profi-Frau
Im vierköpfigen Kommunikations-Kollektiv ist Dobler die einzige professionelle Journalistin. Als solche weist sie bei der Herausgabe der Zeitung etwa darauf hin, dass die Sprache nicht zu kompliziert sein darf, denn "viele Frauen haben keine lange Schulausbildung genossen".
Weiterer Schwerpunkt ist die Ausbildung, wo Dobler die Landfrauen mit Kommunikations-Strategien vertraut macht. Die nächste Aufgabe, die sie anpackt, ist beispielsweise die Ausarbeitung eines Konzepts, wie Frauen in den Regionen vermehrt in die Kommunikations-Arbeit eingebunden werden können.
"Es bleibt noch viel zu tun", ist sich Dobler bewusst. Denn je bekannter das Movimento in der brasilianischen Öffentlichkeit wird, desto mehr Mitglieder und gesellschaftlichen und politischen Einfluss gewinnt es. Verwechslungen der Landfrauen-Bewegung mit derjenigen der Landlosen, wie sie heute oft vorkommt, wären dann seltener.
Neben dem Kollektiv für die Kommunikation gibt es im MMC noch solche für Ausbildung, Gesundheitsförderung, Mitgliederwerbung sowie dasjenige für Kampf und Mobilisation.
Weites Land - schwierige Mobilisierung
Gerade die Mobilisierung der Mitglieder stellt im riesigen Land Brasilien - allein der Bundesstaat Rio Grande do Sul ist mehrere Male so gross wie die Schweiz - eine Organisation wie die MMC vor grosse Probleme. Klar, dass hier der Kommunikation eine Schlüsselrolle zukommt. "Reisen bedeutet zudem hohe Kosten, da die Frauen teilweise sehr abgelegen leben", sagt Dobler.
Sie wertet es deshalb schon als "grosse Errungenschaft, wenn eine Frau in der Bewegung überhaupt schon nur mitmachen kann und einen Tag weg von Zuhause ist". Es sei aber auch schon vorgekommen, dass ein Mann sein Veto eingelegt habe und dann die Frau nicht mehr habe mitmachen können, erklärt die Schweizerin.
Staatlich anerkannt
Besser sieht es für die MMC-Frauen bezüglich staatlicher Anerkennung aus: Die brasilianische Regierung, seit zwei Jahren unter Führung des linken Luiz Inácio Lula da Silva, unterstützt einzelne Projekte der Bewegung finanziell. Daneben wird sie auch durch Partnerorganisationen in Europa finanziert. Das MMC-Budget in Rio Grande do Sul beträgt rund 370'000 Reais (166'000 Franken) im Jahr.
An den MMC-Treffen, an denen auf lokaler Ebene jeweils 10 bis 20 Frauen teilnehmen und auf regionaler Ebene rund 500, wird aber nicht nur engagiert diskutiert und instruiert, sondern auch gesungen und Theater gespielt.
"Man merkt, dass die Frauen jeweils gestärkt nach Hause gehen und an Selbstbewusstsein gewonnen haben", beobachtet Corinne Dobler.
Dieses Selbstbewusstsein zeigen die Landfrauen des MMC auch am internationalen Tag der Frau, wo sie zwei Protest-Kundgebungen, unter anderem gegen den Agro-Multi Bunge, organisieren.
swissinfo, Renat Künzi
In Kürze
Die brasilianische Landfrauen-Bewegung Movimento de Mulheres Camponesas (MMC) zählt 180'000 Mitglieder.
Die Frauen kämpfen für die Anerkennung als Kleinbäuerinnen, soziale Sicherheit und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.
Ihre Aktivitäten sind gegen die internationalen Agrarkonzerne gerichtet (Monokulturen, Gentech-Pflanzen und –Saatgut).
MMC wird von der Regierung Brasiliens und Partnerorgansiationen unterstützt.
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