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Vor zehn Jahren starb Ray Charles, der grosse Wegbereiter des Soul. Seine Musik indes lebt weiter – die sieben wichtigsten Stationen in der Karriere von Ray Charles Robinson.
Vor zehn Jahren starb Ray Charles, der grosse Wegbereiter des Soul. Charles war eine Ausnahmeerscheinung im Pop: Er war arm geboren, erblindete als Kind, war früh Vollwaise, doch entdeckte die Musik. Und wurde einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Seinen Namen hinterliess er gleichermassen im Rock’n’Roll, im Jazz, im Soul und im Gospel, noch zu Lebzeiten begann in Hollywood zudem die Verfilmung seines Lebens, mit Jamie Foxx in der Hauptrolle und Ray Charles persönlich als Berater des Filmteams. Die Premiere erlebte er nicht mehr: Ray Charles starb am 10. Juni 2004, wenige Monate bevor «Ray» in die Kinos kam. Seine Musik indes lebt weiter – voilà die sieben wichtigsten Stationen in der Karriere von Ray Charles Robinson.
1. Confession Blues (1949)
1948 zog Charles, 18-jährig und bereits mit einigen Jahren Erfahrung als Barpianist, nach Seattle, wo er mit einem Gitarristen und einem Bassisten das The Maxie Trio formte. Eines Abends sah ihn ein Vertreter einer landesweit operierenden Plattenfirma in einer Jazzbar spielen, am nächsten Tag lud er das Trio in ein Auto und karrte es ins nächste Aufnahmestudio. «Confession Blues» ist ein noch karg arrangierter Blues in der Tradition von Nat King Cole, in dem das überbordende musikalische Talent Charles‘ noch am Schlummern war. Dennoch, die Aufnahme war eine Wegmarke: die Single kletterte in den nationalen R&B-Charts bis auf Platz 5.
2. I Got A Woman (1954)
1954 holte ihn der legendäre Ahmet Ertegün zu Atlantic Records – ein Schritt, der sich für beide Seiten auszahlen sollte. Als erste Atlantic-Aufnahmen sang Charles noch Fremdkompositionen ein, doch 1954 erschien «I Got A Woman», sein erster wirklicher Hit: Er erklimmte wenige Wochen nach Veröffentlichung die Spitze der R&B-Charts. Wichtiger aber war die Pioniertat, die «I Got A Woman» darstellte: Der Song basiert auf dem Gospel «It Must Be Jesus» und war einer der ersten erfolgreichen Versuche, die spirituelle Gospel-Musik zu profanisieren: anstatt über Jesus sang Charles mit derselben Empathie über Frauen (und manchmal auch über die Liebe). Soul Music war mit «I Got A Woman» noch nicht geboren, schickte aber die ersten Beats voraus. Nicht erstaunlich, wurde diese Pioniertat unzählige Male gecovert – von den Beatles und von Elvis Presley bis in die Gegenwart: Kanye West verwendete für «Gold Digger» Samples des Songs, die an seiner Seite Jamie Foxx sang – der Schauspieler, der 2004 die Lebensgeschichte von Ray Charles im Kino verkörperte.
3. What’d I Say (1959)
Fünf Jahre liegen zwischen «I Go A Woman» und «What’d I Say», und in dieser Zeit hat der neue Stil von Ray Charles aus Jazz, Gospel und Blues seine Konturen entwickelt. Bei Atlantic Records liess man dem früh als Hochbegabten erkannten freie Hand in der Musik, und Charles vergrösserte seine Band stetig, holte mit den Raelettes einen starken weiblichen Backing-Chor hinzu – und gewann mit seinem ekstatischen Sound langsam das weisse Publikum, das bisher wenig mit dem Gospel der Schwarzen anfangen konnte, während seine afroamerikanischen Hörer stellenweise Bedenken anmeldeten, wenn Charles den von den Evangelien kündenden Gospel quasi aus der Kirche auf die Showbühne zerrte.
Inspiration für McCartney und Harrison
«What’d I Say» ist der Höhepunkt dieser Entwicklung – geboren als Improvisationsstück, als Charles zusammen mit Band und Chor am Ende eines Konzerts einen schmissigen Gospel-Jam improvisierte, der sofort begeisterte. «What’d I Say» gewann seine Ekstase aus dem Boogie-Woogie-Tempo, der perkussiven Wärme der Konga-Trommeln, vor allem aber dem Call-and-Response von Charles, den Raelettes und der Bläsersektion, das sich mangels Text in ein packendes Furioso steigerten. Kein Wunder, erkannten seine Produzenten sofort den Hit, fürchteten jedoch die Zensur: der Song war – im Text, vor allem aber in der Performance – anzüglich genug, dass die Radios in den USA der 1950er-Jahre ihn ablehnen würden.
«Der Dialog beginnt in der Kirche und endet im Bett», monierte ein Kritiker, und tatsächlich hörte man das Stück damals nicht oft über den Äther. Die Fusion, die Charles hier schweisste, war jedoch heiss genug: Dank der Schmelze von Spiritualität und Sexualität, musikalisch unterstützt vom fordernden Beat, schuf Charles die Schnittstelle von Soul und Rock’n’Roll – und schob die Rockgeschichte auch in Europa voran. «What’d I Say» wurde besonders in England heiss geliebt und verleitete ein paar Teenager unabhängig voneinander dazu, es mit dem Rock’n’Roll zu versuchen: Paul McCartney und George Harrison.
4. Georgia On My Mind (1960)
Ob dieser Song nun tatsächlich von Georgia Carmichael, der Schwester des Mitkomponisten Hoagy Carmichael, handelt, oder doch eher vom US-Bundesstaat Georgia tief im heissen Südosten der USA (zu dessen bekanntesten Söhnen zufälligerweise auch Ray Charles gehört) ist nicht geklärt. Berücksichtigt man, dass der Song und sein bekanntester Interpret noch dasselbe Geburtsjahr (1930) teilen, scheint klar, dass aus dieser Begegnung etwas Grosses entstehen musste. Es wurde schliesslich ein Nummer-Eins-Hit: «Georgia On My Mind», als besinnliche Jazzballade stilistisch ganz anders gelagert als «What’d I Say», stand 1960 eine Woche zuoberst der US-Billboardcharts. Auch wenn der Text der Ballade nicht verrät, ob mit «Georgia» eine Frau oder doch eher die Landschaft des Südens besungen werden, hat der gleichnamige Bundesstaat 1979 Fakten geschaffen: Er inthronisierte Charles‘ «Georgia On My Mind» als offizielle Hymne – und schloss damit einen Kreis zwischen Song, Staat und berühmtestem Sprössling.
5. I Can’t Stop Loving You (1962)
Das war die Platte, die die USA einte: 1962 fügte Charles seiner Stilschmelze mit dem Country eine neue Zutat hinzu. «Modern Sounds In Country And Western Music» war revolutionär und eine bedeutende Wegmarke des US-Pop, indem Charles die urweissen Genres Country und Folk mit dem schwarzen Soul und Gospel verband und eine kulturelle Fusion vornahm – zwei Jahre, bevor die schwarze Bevölkerung Amerikas mit dem Civil Rights Act die längst fällige rechtliche Gleichstellung erlangte.
Das Album, zusammen mit der Hitsingle «I Can’t Stop Loving you» (im Original von Don Gibson) vereinte eine von Charles vorgenommen Auswahl von Klassikern wie jüngerem Material der Country-Szene um Nashville, erlebte einen überwältigenden Erfolg und gilt noch heute als eines der meistverkauften Alben der Black Music. Und sorgte, dank dem Nimbus von Charles, der mittlerweile ein Popstar war, 1962 für ein Revival des Country. «Dieses Album hat mehr für den Country getan als jeder andere Musiker», sagte die Country-Legende Willie Nelson einst in einem TV-Interview.
6. America The Beautiful (1972)
Ab den späten Sechziger Jahren liess Charles‘ Erfolg langsam nach, neue Soulsänger wie Marvin Gaye und Stevie Wonder bedrängten den Meister. Charles war in den Folgejahren stärker auf Tournee als im Studio aktiv, bedingt unter anderem durch die Tatsache, dass er – und nicht seine Plattenfirma – Rechteinhaber der Songs seiner erfolgreichsten Jahre war. Eine zur damaligen Zeit höchst seltene Konstellation, die Charles seiner Firma abverlangen konnte, was dafür sorgte, dass regelmässig reichlich Ertrag floss und die Notwendigkeit, neue Platten zu liefern, abnahm.
Eine der Ausnahmen war «Message From The People» mit der hochpatriotischen Ballade «America The Beautiful», deren Text als inoffizielle zweite Nationalhymne der USA gilt. Charles hat den fast sakralen Geist der Zeilen mittels einem überirdischen Gospel erfasst, der noch den härtesten Antikapitalisten rührt. Nicht erstaunlich, war Charles mit diesem Lied regelmässig zu Gast an den Tafeln der US-Präsidenten.
7. Here We Go Again (2004, mit Norah Jones)
In den Achtziger und Neunziger Jahren konnte Ray Charles seine Bekanntheit für ein jüngeres Publikum wahren, allerdings nicht durch neue Platten, sondern durch Fernseh- und Filmauftritte. Er erschien in der legendären Komödie «The Blues Brothers» sowie in der Serie «The Nanny» oder sang für Pepsi. Sein letztes Album «Genius Loves Company», eine Anspielung auf seine koketten Plattentitel der Sechziger Jahre wie «The Genius of Ray Charles», war als Duettplatte konzipiert, erschien jedoch erst zwei Monate nach seinem Tod. Ihm im Studio zur Seite standen nicht nur Norah Jones, sondern vor allem Gefährten seiner oder der ihm nachfolgenden Generation: B.B: King, Van Morrison, Gladys Knight, Elton John, Natalie Cole. Sein Vermächtnis wurde mit acht Grammys geadelt, unter anderem als bestes Album des Jahres.