Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03204.jsonl.gz/974

Krankheit lässt den Wert der Gesundheit erkennen. - Heraklit
Cambridge/Boston – Sowohl eine kalorienreduzierte Diät als auch eine ketogene Diät führten in einer Mausstudie dazu, dass Tumore mit weniger Zucker versorgt wurden. Die Menge an verfügbaren Fettsäuren reduzierte sich aber nur bei der kalorienreduzierten Diät, was vermutlich dazu führte, dass sich nur mit dieser Diät das Wachstum der Tumore verlangsamte. Eine Diätempfehlung leiten die Forschenden des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge nicht daraus ab.
Ihre Experimente führten sie im Mausmodell für nicht-kleinzelligen Lungenkrebs und Pankreastumore durch. Die Ergebnisse wurden in Nature publiziert (2021; DOI: 10.1038/s41586-021-04049-2).
Da Krebszellen sehr viel Glukose verbrauchen, hatten Wissenschaftler unlängst die Hypothese aufgestellt, dass eine ketogene Diät oder eine Kalorienrestriktion aufgrund ihrer reduzierten Glukosemenge das Tumorwachstum verlangsamen könnten. Im Vergleich der beiden Diätformen hemmte jedoch nur die um 40 % kalorienreduzierte Diät das Tumorwachstum, nicht aber eine kohlenhydratarme Ernährung mit viel Fett und Eiweiß.
Um dem Mechanismus auf den Grund zu gehen, analysierten das Team aus Massachusetts das Tumorwachstum und die Nährstoffkonzentration. Bei den kalorienreduzierten Mäusen sanken nicht nur die Blutglukosespiegel sondern auch die Lipidwerte, während letztere bei den Mäusen mit ketogener Ernährung stiegen.
In den vergangenen Jahren gab es einige Hinweise darauf, dass bestimmte Diäten dazu beitragen können, das Wachstum von Tumoren zu verlangsamen. Im Fokus stand dabei vor allem ein niedriger glykämischer Index, der sich auf den Blutzucker- und Insulinspiegel auswirkt (unter anderem Nat Rev Cancer 2018; DOI: 10.1038/s41568-018-0061-0).
Ein Lipidmangel beeinträchtigt das Tumorwachstum, da Zellmembranen aus Lipiden bestehen. Wenn keine Lipide verfügbar sind, können Zellen diese selbst herstellen. Dabei müssen sie das Gleichgewicht zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren aufrechterhalten, wofür das Enzym Stearoyl-CoA-Desaturase (SCD) erforderlich ist. Dieses Enzym ist für die Umwandlung von gesättigten Fettsäuren in ungesättigte Fettsäuren verantwortlich.
Sowohl die kalorienreduzierte als auch die ketogene Diät verringern die SCD-Aktivität. Bei einer ketogenen Diät verfügten die Mäuse im Gegensatz zur kalorienreduzierten Diät jedoch über ausreichend Lipide aus der Nahrung, so dass das geschwächte SCD nicht zum Einsatz kommen musste. Dieser Mechanismus könnte der kalorienreduzierten Diät den entscheidenden Vorteil bringen.
Ein Heilmittel seien Diäten deshalb aber nicht, betonte Matthew Vander Heiden, Direktor des Koch Institute for Integrative Cancer Research am MIT und Letztautor der Studie. Die Studienautoren raten Krebspatienten daher auch von einer Diät ab. Stattdessen sollte weiter daran geforscht werden, wie diätetische Maßnahmen mit bestehenden oder neuen Medikamenten kombiniert werden können, heißt es in der Pressemitteilung des MIT. Viele Ernährungsratschläge für Krebspatienten würden auf einer unzureichenden wissenschaftlichen Grundlage basieren, warnte Evan C. Lien, Erstautor vom MIT.
Diese Meinung vertreten auch Expertinnen und Experten aus Deutschland. Im Jahr 2018 kamen Forschende von der Technischen Universität München (TU) zu dem Schluss, dass prospektive randomisierte Studien, die eine ketogene Diät rechtfertigen würden, fehlten. In einem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) aus dem Jahr 2016 zog Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena das Fazit, dass bis Dato keine Diätform nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin als wirksam nachgewiesen worden sei. Ein weiterer Beitrag aus 2019 stellte ebenfalls fest, dass der wissenschaftliche Beweis für Krebsdiäten fehle.