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Das wirtschaftsliberale Dogma vom Wettbewerb ist ein Versprechen
von gesellschaftlichem Fortschritt und Glück. Doch so einfach ist das
nicht – eine Spurensuche.
Wettbewerb und Konkurrenz sind Prinzipien sozialen Handelns, die den Gesellschaften von jeher eingeschrieben scheinen. Der Soziologe Georg Simmel sah in der Konkurrenz eine zentrale soziale Kategorie, die er als wichtige vergesellschaftende Kraft, sowie als allgemeinen Funktions-
und Koordinationsmechanismus der modernen Welt beschrieb. Wettbewerb ist daher nicht primär ökonomischer Natur und auch nicht ausschliesslich ein Gestaltungselement der Wirtschaft.
Schon Perikles, einer der Urväter der Demokratie, hatte ein Gesetz zur Besoldung der Richter an Volksgerichten unter den Mitgliedern im «Rat der 500» nur vorgeschlagen, um sich gegenüber seinem Konkurrenten Kimon durchzusetzen, der versuchte, die Gunst des Volkes mit dem Einsatz seines Vermögens zu sichern.
Selbst wenn wir sprechen, behauptet der Philosoph Ludwig Wittgenstein, stehen wir in Konkurrenz zu anderen. Sprache wird dabei als Spiel verstanden. Das ständige Erfinden von Redewendungen und Wörtern hält die Sprache in einem Entwicklungsprozess. Jede neue Wortschöpfung bringt ein Erfolgsgefühl in Abgrenzung zu einem der Gegnern – den Anhängern der etablierten Sprache – mit sich. Dabei müssen wir uns allerdings an die Regeln des Spiels halten. Würden wir diese ändern, würden wir ein anderes Spiel spielen.
Bedeutungsoffen und
anschlussfähig
Um eine Definition zu geben: Unter Konkurrenz ist ein geregelter Wettbewerb um ein von mindestens zwei Interessenten erstrebtes knappes Objekt zu verstehen. Daraus folgt ein Zielkonflikt, der eine Handlungskonfiguration generiert, die sich vom sozialen Kampf durch die Einigung auf Spielregeln unterscheidet. Dennoch zeichnet sich der Wettbewerbsbegriff durch eine definitorische Offenheit aus, dessen Geschlossenheit durch die soziokulturelle Verwendung und Zielrichtung generiert wird. Joseph Schumpeter sah in der Konkurrenz einen ständigen Wettlauf zwischen Innovation und
Imitation, der im Konzept der «schöpferischen Zerstörung» seinen dialektischen Ausdruck findet und das für den Kapitalismus wesentliche Prinzip sei. Max Weber dagegen führt an, dass es sich um einen «friedlichen Kampf» handelt, der «als formal friedliche Bewerbung um eigene Verfügungsgewalt über Chancen geführt wird, die auch andere begehren». Gerade diese semantische Offenheit ist es, die den Begriff zum einen anziehend und zum anderen anschlussfähig für Gruppen und politische Zielvorstellungen macht.
Politisches Dogma
Vor allem im (Neo-)Liberalismus wird der Begriff gemeinhin zur Legitimation der eigenen politischen Ideologie herangezogen, um sich dem Vorwurf des Klientelismus zu entledigen und auf die prozessuale Komponente der Akkumulation von Eigentum im Kontext eines fairen Wettbewerbs zu verweisen. Privatwirtschaftlicher Wettbewerb ist Garant für Fortschritt und daraus folgt individuelles Glück.
Diese, in der öffentlichen Debatte vorherrschende Haltung zum Wettbewerb zeichnet sich allein dadurch als herrschend aus, dass gegenteilige Haltungen oft als gesellschaftlich destruierend wahrgenommen werden. Etwa wenn die NZZ titelt «Wettbewerb tut immer gut» oder wenn der luxemburgische Aussenminister Asselborn Vereinheitlichungen im europäischen Steuerrecht als «Hegemoniestreben» und Einschränkungen des Steuerwettbewerbs desavouiert. Da scheint es überflüssig zu erwähnen, dass selbst in der DDR der «Sozialistische Wettbewerb» ausgerufen wurde, um die notwendige Planerfüllung durch Anreize für die einzelnen «volkseigenen Betriebe» zu gewährleisten.
Schlechter Wettbewerb
Wettbewerb passt so gut in unser heutiges soziales Leben, dass die Anzeichen für negative Externalitäten des Wettbewerbes vielfach übersehen werden. Die OECD ging in der Studie «Competitiveness at school may not yield the best exam results», die der Economist vorstellte, der Frage nach, inwiefern Wettbewerb in Schulen zu besseren Noten führe. Dabei wurde zwischen externer Motivation, die durch Druck von anderen erzeugt wird, und intrinsischer Motivation «sparked by an interest or enjoyment in the task itself» unterschieden. Schüler, die sich selbst ehrgeizig nennen – was von der OECD als intrinsisch motiviert interpretiert wird – sorgen sich weniger wegen eines zu bearbeitenden Textes als diejenigen, die sich nicht als ehrgeizig einstufen. Umgekehrt neigen Schüler, die in einer Klasse die besten sein wollen – was die OECD in erster Linie
aufgrund ihrer Stellung unter Gleichgesinnten interpretiert – zu mehr Angst als ihre weniger konkurrenzfähigen Klassenkameraden. Angst reduziert jedoch die akademische Leistung. Die meisten Länder, in denen hohe Werte von Angst und Wettbewerbsdruck angezeigt werden, hatten unterdurchschnittliche Ergebnisse im PISA-Test.
Des Weiteren ist es eine Utopie, zu glauben, alleine der Wettbewerb treibe den Kapitalismus voran. Im Marktgleichgewicht des perfekten Wettbewerbs gibt es keine Anreize für Unternehmen in Forschung und Entwicklung zu investieren, da dies ein Verlust für sie darstellen würde. Ganz anders im Monopol: Der Monopolist kann über den Preis Kosten in F&E auf den Konsumenten umwälzen. So sind es auch Internetunternehmen wie Google, Facebook und Twitter, die ihre Monopolstellung durch ihren ausgeprägten Erfindergeist selbst geschaffen haben und ihren Vorsprung dadurch bewahren, dass sie technisch den anderen stets einige Schritte voraus sind. Ob dieses Monopol in Forschung – oder allgemein Bildung – zwingend der Privatwirtschaft überlassen werden sollte, ist eine andere Frage. Fakt ist aber, dass die «Geschichte des Fortschritts eine Geschichte von alten Monopolisten ist, die durch bessere abgelöst werden», wie Peter Thiel, Co-Founder von Paypal und Investor, gegenüber der FAZ anmerkte.
Die soziale Wirkung von Wettbewerb ist ambivalent. Auf der einen Seite wirkt er vergesellschaftend, auf der anderen birgt er das Potenzial, die Gesellschaft zu destabilisieren, indem er ein Klima von radikalem Egoismus und Individualismus erzeugt.
Für eine differenzierte Sicht
Die wichtigste Komponente von Wettbewerb ist sicherlich die, dass er bindende Regeln schafft. Diese werden durch gesellschaftliche Zielvorgaben gesetzt. Ärzte etwa sollten eine gewisse Qualifikation nachweisen müssen, bevor sie in Konkurrenz zu anderen Ärzten treten können oder Unternehmen sich an Umweltvorgaben halten, bevor sie anfangen zu produzieren. Erst dadurch wirkt Wettbewerb gesellschaftlich fördernd.
Ebenso erscheint es kontraintuitiv, gesellschaftlich fördernde Aspekte wie Bildung oder Gesundheit dem privaten Wettbewerb zu überlassen. Zum einen, da die Investitionsbereitschaft in Wettbewerbsmärkten eher gering ist, zum anderen weil auch ein Monopolist nicht sozial optimal investieren würde. Insbesondere wenn es um die Entwicklung von Kindern und jungen Menschen geht, da nicht jeder in jungen Jahren dem Druck des Wettbewerbes standhält. Würde der Wettbewerb aufgrund der psychischen Belastung zu einer vorzeitigen Auslese führen, bedeutete dies, dass nicht die besten, sondern die in einem bestimmten Alter psychisch Widerstandsfähigen weiterkommen würden.
Es bedarf also einer ständigen Aktualisierung von Wettbewerb, durch die seine Grenzen immer wieder neu austariert und ausgehandelt werden.