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Die tibetische Diaspora in der Schweiz gehört zu den grössten der Welt. Für tausende Menschen war der kürzliche Besuch des Dalai Lama in Bern und Zürich ein Moment der Begegnung und des Austauschs. Ein junger tibetischer Flüchtling erzählt über "einen der glücklichsten Tage" seines Lebens.
Sonam Lhakpa* hatte sich geschworen, nicht zu weinen. Doch dann begann sein Herz rasch zu schlagen, und das Atmen fiel ihm schwer. Mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch wenn "Seine Heiligkeit", der Dalai Lama, nur für einige Sekunden vor ihm stand.
Die Tibetergemeinschaft in der Schweiz hatte sich in einem Hoteleingang in Zürich-Oerlikon getroffen, um Tendzin Gyatsho zu empfangen, den gegenwärtigen Dalai Lama. Der etwas reservierte und unsichere Sonam Lhakpa hatte seine Schüchternheit überwunden und sich ganz vorne in der Menge platziert. "Ich war sehr nervös", erinnert sich der 23-Jährige, den wir in seiner Wohnung im Kanton Aargau treffen.
Den Dalai Lama hatte er bereits unzählige Male gesehen, aber nur auf einer Foto, die er in einem Anhänger um seinen Hals trug, als er noch mit seinen Eltern in seinem Dorf lebte. "Auf dem Anhänger war das Gesicht eines tibetischen Mönchs zu sehen. Wenn man es aber drehte, war in der Lichtreflektion das Gesicht des Dalai Lama zu sehen. Das war mein Geheimnis", erzählt er. In Tibet seien Bilder des Dalai Lama verboten. Niemand, auch nicht seine heute alt gewordenen Eltern, habe diesen je persönlich zu Gesicht bekommen.
"Ich bin unschuldig!"
Sonam Lhakpa wurde in einem Dorf der autonomen tibetischen Präfektur Garze geboren, im Westen der chinesischen Provinz Sichuan. Dem Bauernsohn gefiel die Schule nie wirklich. Nicht weil der Lehrer nur Chinesisch sprach, sondern eher, weil er lieber mit seinen Freunden unterwegs war und mit dem Fahrrad in die nächste Stadt fuhr. "Dort gab es ein grosses Basketballfeld", erinnert er sich.
Als er 20 war, änderte sich sein Leben fundamental. "Sie suchten nach mir. Es hiess, ich hätte etwas Schlimmes verbrochen. Doch ich war unschuldig!", betont er. "Sie", das war das chinesische Militär.
Wir fragen ihn, was geschehen sei, doch Lhapka möchte nicht weiter darauf eingehen. "Es tut mir leid, aber es sind Dinge, die ich nicht erzählen kann. Ich will meine Familie nicht gefährden." Seine Familie musste der junge Mann von einem Tag auf den anderen verlassen. "Mein Vater sagte mir, es sei besser für mich, wenn ich gehe."
Zu Fuss, mit einem Auto und wieder zu Fuss floh Lhapka durch die Himalaya-Täler nach Nepal. Nachdem er sich mit Hilfe eines Onkels einen falschen Pass besorgt hatte, sagte ihm dieser, er solle nach Amerika gehen. "Doch nach einigen Monaten des Wartens sagte mein Onkel, dass ich besser in die Schweiz gehen solle. Laut ihm würde ich in der Schweiz eine bessere Zukunft haben", erzählt er.
Ohne wirklich zu wissen, wo und was genau die Schweiz ist, machte sich der junge Flüchtling auf eine zweite Reise, die ihn über Thailand und einen Golfstaat – "ich weiss nicht mehr, wo genau, ich erinnere mich einzig daran, dass es viele Muslime hatte" – nach Europa brachte.
Schliesslich sass er allein in einem Zug in Richtung Kreuzlingen, eine Stadt im Kanton Thurgau an der Grenze zu Deutschland. Dort begab er sich zum Empfangszentrum für Asylbewerber und reichte sein Asylgesuch ein. Wenige Monate darauf wurde er als Flüchtling anerkannt. Das war im Februar 2015.
Schweiz und Dalai Lama, eine besondere Beziehung
Heute lebt Sonam Lhakpa in einem kleinen Dorf in der Nähe von Aarau, der Kantonshauptstadt des Aargaus. Dank eines Vereins zur Unterbringung von Flüchtlingen hat er eine Familie gefunden, die ihn bei sich aufgenommen hat.
Der junge Tibeter hat gerade eine lange Behandlung der Tuberkulose hinter sich, eine Infektionskrankheit, die er irgendwo unterwegs aufgelesen hat.
Er besucht Deutschkurse und möchte die kantonale Berufsschule besuchen. Er träumt davon, Krankenpfleger zu werden. Momentan denkt er aber nicht an seine Zukunft. Seine Gedanken sind noch ganz beim Besuch des Dalai Lama vor wenigen Stunden.
Die Schweiz war eine besondere Etappe auf der aktuellen Europareise des geistigen Oberhaupts des tibetischen Buddhismus. Schliesslich lebt in der Eidgenossenschaft die grösste tibetische Gemeinde in Europa (etwa 4000 Personen), und nach jenen in Indien, Nepal, den USA und Kanada eine der grössten weltweit. Auch die Schwester des Dalai Lama, Jetsun Pema, lebt in der Schweiz.
Selbst ein Gott altert
Nach dem Treffen im Oerlikoner Hoteleingang konnte Lhakpa tags darauf "Seine Heiligkeit" gleich noch einmal sehen, anlässlich der öffentlichen Konferenz in einer Mehrzweckhalle der Stadt, die völlig ausverkauft war.
"Ich traf viele tibetische Freunde, die ich vom Aufnahmezentrum Kreuzlingen her kenne. Und ich lernte viel über den Buddhismus. Die wertvollste Lektion ist, dass es nicht reicht, Glauben zu haben: Man muss auch an sich selber arbeiten, Tag für Tag, um ein besserer Mensch zu werden."
Sein Herz sei jetzt "in Frieden", sagt er. "Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens. Ich möchte meine Eltern anrufen und ihnen alles erzählen. Ich bin wirklich glücklich. Für mich ist der Dalai Lama wie ein Gott."
Lhakpa ist aber auch ein bisschen traurig. In den Filmen, die er in seinem Dorf heimlich sehen konnte, wirkte der Dalai Lama, heute 81 Jahre alt, noch relativ fit. "Heute habe ich gesehen, dass er die Hilfe von zwei Personen braucht, um auf seinen Thron zu steigen. Er ist alt geworden."
Wenn er die Möglichkeit hätte, den Dalai Lama noch einmal zu sehen und vielleicht mit ihm sprechen könnte, würde er ihm "ein langes Leben" wünschen. Und er würde ihm wünschen, eines Tages nach Tibet zurückkehren zu können.
* Name von der Redaktion geändert
Tibeter in der Schweiz
Am 7. Oktober 1950, ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik China durch Mao Zedong, dringen 40'000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee in die östliche Region von Tibet ein und beenden dessen Autonomie.
Eine Woche nach dem blutigen Volksaufstand von 1959 flüchtet der damals 24-jährige Dalai Lama von Lhasa nach Indien, wo er eine Exilregierung bildet. Mehr als 80'000 Tibeterinnen und Tibeter folgen ihm durch die schneebedeckten Berge des Himalayas ins Exil.
Im Herbst 1960 kommt die erste Gruppe von Flüchtlingen in der Schweiz an, im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
1963 bewilligt der Bundesrat (Landesregierung) die Aufnahme von maximal tausend Tibeterinnen und Tibetern in der Schweiz. Ein Jahr später nimmt er den Wunsch des Dalai Lama auf, in Genf ein Büro für seinen persönlichen Vertreter in der Schweiz zu eröffnen, was eine wütende Reaktion von China provoziert.
Heute leben rund 4000 Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz, die grösste Exilgemeinde in Europa. Dreh- und Angelpunkt des geistigen und kulturellen Lebens der Tibeter in der Schweiz ist das Klösterliche Tibet-Institut Rikon im Kanton Zürich.
(Quelle Historisches Lexikon der Schweiz)
(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)