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Täbriz, zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer am südlichen Fuss der kaukasischen und armenischen Bergen, aber im Nordwesten des Irans gelegen, ist die Hauptstadt der iranischen Provinz Azerbeidjan. Ihre Lage, 310 km von der türkischen und 160 km von der russisch-azerbeidjanischen Grenze entfernt, sowie die fruchtbaren Täler, die sie umgeben, sind die Gründe für ihren Reichtum, aber auch für ihr Unglück.
Ihren Wohlstand verdankt sie, am einzigen Durchgangsweg zwischen Orient und Okzident gelegen, dem regen Handel und den damit verbundenen Zöllen, die sie von den der Seidenstrasse folgenden Karawanen einziehen konnte. Aber dieser gleichen Route folgten auch die Horden der Barbaren und die russische Armee. Da die Stadt zudem noch auf einer tektonischen Grenzzone steht, wurde sie von diversen Beben dem Erdboden gleichgemacht (in den Jahren 858, 1041 sowie 1780, als 40'000 Personen ihr Leben verloren).
Obwohl die Stadt eine lange Geschichte hat, findet man sehr wenige alte Monumente oder aber diese nur als Ruinen.
Die Situation als Grenzstadt hat indes den Vorteil, dass sie bei den Einwohnern eine grosse Anpassungsfähigkeit, geistige Flexibilität und ein reges Unternehmertum förderte.
Täbriz ist zweisprachig. Auf der Strasse hört man Azeri, einen türkischen Dialekt, und Farsi, die offizielle Landessprache Irans.
In einem Tal von sanften Hügeln umgeben, wird Täbriz vom Fluss Talkeh Rud durchquert, der sich 60 km weiter im Norden in den Urmia-See ergiesst. Das Klima ist kontinentalmit mildem Sommer und kaltem Winter. Die Niederschläge sind meist gering, und der Schnee wird von den die Stadt umgebenden Bergen aufgehalten. Die Täler sind Oasen, in denen eine reiche Vegetation zu finden ist. An den Flanken rund um die Dörfer herum wächst Gerste, Korn, Reis, Tee und Tabak. Man nennt Azerbeidjan darum die Kornkammer Irans.
Das Klima ist gesund und es scheint, dass die Stadt ihren Namen vielen therapeutischen Erfolgen zu verdanken hat. Der Legende nach brachte Kalif Harun Al-Rachid seine vom Fieber geplagte Frau Zobeida nach Täbriz. Und da sie dort ihre Gesundheit wieder fand, bekam die Stadt den Namen «Tab-riz», was «Heilerin des Fiebers» bedeutet.
Der Name der Provinz, Azerbeidjan, wurde – gemäss griechischen Historikern – vom Namen eines persischen Generals abgeleitet, der die Region erfolgreich gegen die mazedonischen Eindringlinge verteidigte. Der, der sich Aturpat nannte (was «der, der das Feuer bewacht» bedeutet und Feuer heisst im persischen «Azar»), wurde 328 vor Chr. zum Führer der Region gewählt. Dadurch gelang es ihm, dieser Region die Unabhängigkeit gegenüber Alexander dem Grossen zu sichern. Seine Nachkommen, «Aturpatgan» genannt, regierten sie autonom bis zum Beginn unserer Zeitrechnung.
Alle Bedingungen, damit sich die Kunst und sicherlich auch das Teppich-Kunsthandwerk entwickeln konnten, waren in Azerbeidjan vereint. Eine grosszügige Natur erlaubte sehr früh die Entfaltung einer fortgeschrittenen Zivilisation. Bis zur Invasion der Mongolen lebte diese Kunst (oder die Stadt? Oder die Region?) im Schatten derjenigen aus Khorassan und Fars. Aber seit dem 14. Jh. bewies sie ihre Überlegenheit und dominierte politisch und kulturell den Iran. Durch den Kontakt zum Okzident stimuliert, bildete sie das Fundament der persischen Hochblüte des 15. und 16. Jh.
Die Herstellung von Teppichen war sicherlich ein Bestandteil dieser Zivilisation, obwohl man praktisch keine Spuren davon gefunden hat. In Anbetracht der Kontakte, die europäische Händler mit dieser Stadt hatten, ist es durchaus möglich, dass die ersten im 15. Jh. in Europa aufgetauchten Teppiche aus Täbriz stammten. Der Beweis, um diese These zu untermauern, fehlt allerdings. Wie wäre es möglich gewesen, dass die Herrscher Ismail und Thamasp – beide grosse Teppich-Liebhaber – in der Wiege der Hochperiode der Safaviden nicht auch die Teppich-Knüpfkunst entwickelten? Sie besassen die Rohmaterialien, die Mittel und die besten Miniaturmaler.
Wie anders könnte die Existenz der überragenden Stücke aus dem Anfang des 16. Jh. erklärt werden, welche die Herkunftsbezeichnung «Nordwest-Iran» trugen?
Seit Mitte des 19. Jh. exportierten Händler aus Täbriz Teppiche, die sie aus ganz Persien zusammentrugen, nach Istanbul. Sehr schnell überstieg die Nachfrage nach alten Teppichen die Kapazitäten der Händler, die diese Stück für Stück in den besseren Häusern Irans aufkauften. Dies brachte einige Händler dazu, selber Produzenten zu werden. Sie richteten in Täbriz und den umliegenden Dörfern wie Marand, Marangeh, Khoy oder Sarab, Ateliers mit Dutzenden von Knüpfstühlen ein.
Der Nachfrage des westlichen Marktes folgend, stellten sie Teppiche mit Herati- oder Blumen-Muster – mit und ohne Medaillon – her. Daneben knüpften sie Gebetsmotive im Stile der Giördes oder auch bildliche Darstellungen.
Zu Beginn des Jahrhunderts wurden zudem Seidenteppiche hergestellt, die zu den schönsten Exemplaren der iranischen Produktion der letzten hundert Jahre gezählt werden können.
Nach seiner Musterung nicht einfach erkennbar, ist seine Struktur charakteristisch.
In Täbriz wird der türkische (symmetrische, Giördes-) Knoten angewendet, bei dem beide Florfaden-Enden von der Schlaufe überdeckt sind. Die Kett- und Schussfäden sind aus robuster Baumwolle und der Flor von mittlerer Höhe. Der Teppich hat einen steifen Griff, und die Knoten sind sehr regelmässig. In Täbriz ist die Knüpfung nicht «getürkt», die Knoten werden korrekt ausgeführt. Aus diesem Grund sind Täbriz – bei gleicher Knotendichte – im Regelfall teurer als Teppiche, die im persischen (asymmetrischen, Senneh-) Knoten geknüpft wurden, haben aber eine längere Lebensdauer und zeigen bei fortgeschrittener Abnutzung nicht diese hässlichen Spuren der weissen Baumwoll-Kette.
Die Wolle der günstigeren Qualitäten vom Ufer des Urmia-Sees ist rauer, aber widerstandsfähig, diejenige der feineren Qualitäten ist weicher und geschmeidiger und heute meist in einigen Motiven mit reiner Seide verziert.
Die normalerweise metallenen Knüpfstühle werden vertikal aufgestellt. Die Produktion erfolgt seltener als Heimarbeit, aber meist in Ateliers, in denen sie zu Dutzenden stehen können.
Die Qualität eines Täbriz wird in Raj (Reihen) angegeben, und zwar die Anzahl Knotenreihen in einem Punzeh, der 7 cm misst.
Ein Täbriz in der Qualität 35 Raj hat also 35 Knotenreihen auf 7 cm, was 5 Knotenreihen auf 1 cm ergibt. Auf das Quadrat übertragen sind dies 25 Knoten auf 1 cm2, was eine mittlere Knotendichte von 250'000 Knoten/m2 ergibt.
Eine Qualität von 50 Raj hat also 50 Knotenreihen auf 7 cm, oder rund 7 Knotenreihen auf 1 cm. Im Quadrat ergibt dies 49 Knoten/cm2 bzw. 490'000 Knoten/m2, was bereits einer feineren Knotendichte entspricht. Heute werden bereits die ersten Teppiche auf Seidenketten geknüpft.
Die feinsten Stücke werden mit 70 Raj angegeben, also mit rund 1 Mio. Knoten/m2, weisen aber meist nur 65 Raj (ein wenig mehr als 800'000 Knoten/m2) auf. Diese feinen Teppiche werden fast immer auf Seidenkette geknüpft.
Im Moment werden im Iran die feinen Täbriz sehr geschätzt. Auf meiner letzten Reise konnte ich kleine figurale Teppiche in der Qualität 140 Raj, also rund 4 Mio. Knoten/m2, finden (ein Knoten misst lediglich einen halben Millimeter, es sind also 4 Knoten in einem mm2!).
Seit einigen Jahren trifft man vereinzelt die Verwendung von Kunstfasern für den unsichtbaren gestrafften Schussfaden an. Obwohl aus Sicht der Tradition bedauerlich, wird dieser Ersatz nicht aus ökonomischen Gründen verwendet, sondern vielmehr um die Mass-Stabilität der Teppiche zu erhöhen. Es ist praktisch unmöglich – ohne den Teppich aufzuschneiden – die wahre Natur dieses Fadens zu erkennen, da er sich komplett im Innern des Knotens befindet.
Effektiv sind Verzug und Wellenbildung die grössten Probleme, die bei der Wäsche eines Teppichs auftreten können. Ein Spannen erlaubt die Korrektur dieser Verformungen, aber leider meist ohne die Garantie, dass diese nicht wieder auftreten können.
Seit der islamischen Revolution hat sich die Qualität der Teppiche von Täbriz verbessert, obwohl einige Ateliers wie z.B. dasjenige von Tabatabaï inzwischen verschwunden sind.
An die ständige Berührung mit dem Okzident gewöhnt, haben sich die Einwohner von Täbriz als sehr flexibel erwiesen. Sie verstanden es, einen Musterstil und Farbenkombinationen zu finden, die sich auf dem Markt bewährten. Als kluge Händler wussten sie auch, dass sie ihre Produkte rar machen mussten. In den siebziger Jahren fand man in den Bazaren von Täbriz noch riesige Stapel Teppiche; heute muss man fast einen Ausweis präsentieren, damit einem Ware gezeigt wird. Zu gewissen Zeiten ist es sogar fast einfacher, feine Stücke in Teheran als am eigentlichen Produktionsort zu finden.
Ihr Beispiel zeigt uns einmal mehr, dass es möglich ist, mit ein wenig Mut und Kreativität einer neuen Kundschaft zu gefallen, die der traditionellen Teppiche müde ist.