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Die erste Begegnung mit dem Regisseur Wes Anderson hatte ich mit seinem Werk «The Royal Tenenbaums» (2001). Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Wahrscheinlich war ich zu jung, um den Film gänzlich zu verstehen. Schnitt und Dialoge waren ungewohnt, die Figuren wirkten gekünstelt und nicht immer sympathisch.
Der Film liess mich aber nicht kalt. Ich blickte nicht immer durch und hatte das Gefühl, die Schauspieler:innen würden mich verhöhnen. Sie spielten nicht für mich, sondern für sich selbst.
Dann war es ein Crescendo, angefangen von «Die Tiefseetaucher» (2004, eine Hommage an Jacques-Yves Cousteau), über «Darjeeling Limited» (2007, eine abenteuerliche Zugreise dreier Brüder durch Indien) und «Moonrise Kingdom» (2012, eine Jugendromanze auf der fiktiven englischen Insel New Penzance), schliesslich «The Grand Budapest Hotel» (2014, mit einem grossartigen Ralph Fiennes als Concierge eines renommierten Hotels irgendwo in Osteuropa). Dazu kommen noch zwei Stop-Motion-Filme: «Der fantastische Mr. Fox» (2009) und «Isle of Dogs» (2018).
Authentische Karikaturen
Die Figuren in Wes Andersons Filmen sind oft überzeichnet, sie stellen nostalgische und kitschige Karikaturen dar. Gespielt werden sie von einem Schauspielerensemble, das im Verlauf der Jahre zum grössten Teil unverändert geblieben ist: Tilda Swinton, Bill Murray, Harvey Keitel, Jeff Goldblum, Edward Norton, Owen Wilson, Cate Blanchett, Adrien Brody, Frances McDormand, Léa Seydoux und Willem Dafoe sind einige dieser bekannten Namen.
Die Handlungen finden zumeist an fiktiven Orten in Europa statt, zeitlich verordnet werden sie kurz vor oder nach dem 2. Weltkrieg.
Obwohl die Szenografie mehr an Theaterbühnen als an Filmkulissen erinnert, fühle ich mich als Zuschauer in dieser doppelten Fiktion gut aufgehoben. Ich bin mit den Figuren emotional verbunden, leide und lache mit.
Eine Instagram-Community mit mehr als 1.5 Mio. Abonnent:innen zelebriert die Ästhetik des Filmemachers und sammelt Bilder in der ganzen Welt. Denn Wes Andersons Requisiten sind mit Liebe ausgesucht und die Kulissen jeweils mit Details vollgespickt. Aber auch seine Dialoge sind witzig und selten banal. Sehr oft habe ich das Gefühl, dass sich die Hauptfiguren beim Spielen richtig amüsieren.
«Es begann als ein Urlaub …»
Wes Andersons jüngstes Werk läuft aktuell in den Kinos und heisst «The French Dispatch». Die Hauptfigur Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) ist der Gründer und Herausgeber einer Depeschenagentur mit Sitz in der Kleinstadt Ennui-sur-Blasé (wie der Name suggeriert: eine etwas langweilige und verschlafene Stadt).
Das Magazin ist der französische Ableger der «Liberty, Kansas Evening Sun» und erinnert grafisch an «The New Yorker». Alles beginnt mit einem Urlaub im Nachkriegsfrankreich und mit einer Reisekolumne. Der Gründer bleibt in Europa und umgibt sich anschliessend mit (un-)abhängigen und verspielten Exiljournalisten.
Es ist ein poetischer und manchmal sarkastischer Film über die Avantgarde, über Qualitätsjournalismus, Kunst und Gastronomie, gespickt mit unzähligen Hommagen, die manchmal prominent daherkommen, aber oft untergehen, weil die imposanten Kulissen visuell kaum zu bändigen sind. Oder positiv formuliert: Man kann den Film mehrmals schauen und immer wieder neue Details entdecken.
«The French Dispatch» bietet verschiedene Handlungsstränge und kann als Kulturmagazin betrachtet werden:
Ich blättere durch die unterschiedlichen Ressorts und schätze diese mehr oder weniger, je nachdem, welche Journalistin/welcher Journalist den Artikel geschrieben hat. Ein bisschen Druckertinte bleibt aber immer an den Fingern kleben.
Die einzelnen Episoden des Films heissen in chronologischer Reihenfolge: «Der radelnde Reporter», «Das Beton-Meisterwerk», «Korrekturen eines Manifests» und «Das private Speisezimmer des Polizeichefs». Sie sind dramaturgisch kaum miteinander verbunden.
Die Machart und Ästhetik erinnert an eine kitschige Schneekugel: Die künstlichen Schneeflocken werden aufgewirbelt, man verliert den Überblick über Handlung und Figuren, die Sukzession von Kuriositäten kann mit der Zeit aber ermüden. Wenn sich die Flocken legen, sehen die Filmausschnitte jedoch wie einnehmende Bilder in einem Museum aus. In diesen Momenten der Ruhe strahlt der Film eine Schönheit aus, die in Hollywoodproduktionen selten zu finden ist.