Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03118.jsonl.gz/74

Es gibt zwei grundlegende Motivationen für den Dialog: die Liebe zur Weisheit (Philia sophia) und die Liebe zum Sieg (Philia nikia).
Diese Motivationen wurden über Jahrhunderte hinweg strategisch entwickelt und in vielen Formen verwendet, um entweder Argumente zu gewinnen oder Weisheit zu erlangen. Ich bin sicher, Sie können erkennen, welche zu welchem Ergebnis führen wird.
Ich habe festgestellt, dass diese Denkweisen verschiedene Schlüssel zum Verständnis der Bibel sind, oder besser gesagt, sie führen zu zwei absolut unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Interpretationen der Bibel.
In der Kabbala ist das oberste Prinzip Weisheit, so dass man argumentieren könnte, dass Philia Sophia der Suche nach Wachstum und Gott als Quelle ähnelt. Ich definiere Weisheit jetzt einmal so, obwohl mir bewusst ist, dass Weisheit heute, aber auch schon bei den Griechen etwas anders gedeutet wurde.
Aber wie würde eine Bibel-Interpretation mit Philia Nikia aussehen? Sie können es sehen, wenn Sie einen Pastor sagen hören: „Ich habe das Ende des Buches gelesen, und weisst du was? Wir gewinnen!“
Eine Philia Nikia-Interpretation wird die Bibel als den Kampf zwischen Gut und Böse, richtig und falsch betrachten, und sie wird viel Zufriedenheit und Trost aus der Aussicht auf Rechtschaffenheit ziehen.
Gewinnen wie in Philia Nikia beinhaltet immer das Verlieren. Es basiert immer auf einer dualistischen Denkweise, die im Muster „wir gegen sie“ denkt. Die typischen Kategorien wären stark und schwach, gerettet und verloren, Erfolgreiche und Verlierer, tolerant und intolerant.
Die Liebe zur Weisheit denkt nicht in diese Richtung. Aber ja, im Laufe der Geschichte war Dualismus das treibende Weltbild.
Auch in Zeiten des Dualismus war die Liebe zur Weisheit immer offen, um zuzuhören, korrigiert zu werden, zu wachsen und sich zu verändern. Die Liebe zur Weisheit ist daher eine wichtige Kraft in der Entwicklung von Mensch und Menschlichkeit gegenüber der Vision, die Gott für uns hat.
Im Dualismus wurde die Liebe zur Weisheit aufgrund der etablierten Rahmenbedingungen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, war doch das vorherrschende Weltbild eher der Liebe zum Gewinnen verbunden.
Dies gilt insbesondere, weil die Liebe zur Weisheit auf kurze Sicht immer gegen die Liebe zum Gewinnen verliert. Dies kann auf zwei Arten geschehen: Entweder überwältigt der Anhänger der Philia Nikia die anderen durch schiere Machtdemonstration, oder die Frustration der Situation lässt mich selbst auf die Methoden der Philia Nikia zurückgreifen.
Das können wir im anhaltenden Kulturkrieg zwischen Tradition, Moderne und Postmoderne sehen. Die Postmoderne hat Harmonie als Ideal und sucht nach einem Konsens, um die Probleme zu lösen, mit denen sie konfrontiert ist, opfert aber ihre Liebe zur Weisheit wegen der wahrgenommenen Dringlichkeit dieser Probleme und der beobachteten mangelnden Bereitschaft anderer Wertmeme, ihren Begriff der Weisheit anzunehmen.
Dasselbe gilt für jede dualistische Weltanschauung. Modernisten glauben, dass Weisheit in den Märkten und im individuellen Verdienst liegt, und gehen in die Schützengräben, wenn sie sehen, wie Postmodernisten und Traditionalisten Märkten und Individuen aus verschiedenen Gründen Einschränkungen auferlegen.
Und wir alle wissen, dass der Traditionalismus Apologetik erfunden hat, die ultimative Form von Philia Nikia (abgesehen vielleicht vom „Kopf ab“ vor-rationaler Weltbilder), ein Werkzeug, um jemandem zu beweisen, dass er falsch liegt, um damit zu gewinnen. Ein Instrument, von dem ich sagen würde, das es nicht mit dem Geist des neuen Testament übereinstimmt, die andere Wange hinzuhalten, aber eingesetzt wird, um gerade die Gültigkeit dieses neuen Testaments zu beweisen.
Schlage ich hier vor, dass alles wahr, gültig, erstrebenswert sei? Was in allem, was ich gesagt habe, würde dich dazu bringen, das zu denken? (Paulus war freundlicher in seiner Antwort, als er sagte: auf keinen Fall.)
Ich schlage Dialog, die Suche nach Lösungen, die Einbeziehung anderer Ansichten und Meinungen vor. Ich schlage Non-Dualismus vor, der sich nicht in Form von Kompromissen zeigen kann, sondern zusammenwächst und den anderen liebt. Dies kann unsere Problemlösung verlangsamen, da wir den anderen weder durch Gewalt noch durch Mehrheitsentscheidungen niederfahren können. Aber es wird Wachstum und eine lebenswerte Welt hervorbringen.
Und am Ende wird die Liebe gewinnen. Die ultimative Form von Philia Nikia ist die beste Interpretation des letzten Kapitels der Offenbarung. Es muss kein „wir gegen sie“ geben, weil es kein „sie“ gibt. Die Grenze zwischen Liebe und Angst geht durch das Herz jedes Menschen, und Liebe vertreibt Angst.