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Glossen von Arthur Häny
Der alte Atlas
Das Haus meiner Grosseltern stand an der Klosbachstrasse in Zürich-Hottingen. Es existiert schon lange nicht mehr. Irgendein Betonblock ist an seine Stelle getreten. Es war ein dreistöckiges Gebäude mit flacher Zinne und steil abfallendem Schieferdach. Es gab da eine Veranda, von der man über wenige Stufen in ein lichtes Vorgärtchen hinunter stieg. Und dieses Gärtchen fiel sanft gegen die Strasse ab, auf welcher die alten Tramwagen fuhren, die ihre hohen, geschweiften Bügel dem Draht entlang schleiften. Das Grossvaterhaus hatte auch ein schattiges Hintergärtchen mit Moos und Farnen. Es war ein solider, schöner Bau, in dem wir Enkel uns wohl fühlten, wann immer wir nach Zürich kamen.
1936 war ich erst zwölf Jahre alt, nahm aber bereits die Unruhe wahr, die überall in der Welt herrschte. Es wetterleuchtete schon im fernen Osten und in Afrika, bevor das Gewitter über Europa hereinbrach... Die Japaner fielen in China ein, die Italiener in Abessinien – und dann wütete in Spanien jahrelang der schreckliche Bürgerkrieg. Das alles beschäftigte mich als Jungen schon lebhaft, und ich liebte auch die Atlanten, auf denen man all diese Ereignisse geographisch verfolgen konnte.
Unter den Kostbarkeiten der Grosseltern gab es einen ganz besonderen Atlas, der mich fesselte. Er hiess «Andrees Handatlas». Es war ein kartographisches Meisterwerk, das aber eine schon seit zwei Jahrzehnten vergangene Welt dokumentierte, nämlich «die Welt vor dem Ersten Weltkrieg». Und darin bestand für mich sein besonderer Reiz.
Zwei Kaiserreiche hatten damals die Mitte Europas dominiert, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn. Das Deutsche Reich erschien im Atlas als ein abgerundetes Gebilde; es umfasste im Westen und Norden Gebiete, die in den Dreissigerjahren schon zu Frankreich (Elsass-Lothringen), zu Belgien (Eupen-Malmedy), oder zu Dänemark gehörten (das nördlichste Schleswig-Holstein). Vor allem aber hatte sich das kaiserliche Deutschland vor 1918 noch weit nach Osten ausgedehnt. Es reichte zusammenhängend von Schlesien über Westpreussen nach Ostpreussen hinauf, umfasste weite Gebiete, die später, nach dem Zweiten Weltkrieg, sogar ihre deutschen Namen verlieren sollten, weil sie nun zu Polen oder zu Russland gehörten.
Ebenso imposant erschien auf den Karten im Atlas das Kaiserreich Österreich-Ungarn, ein grosses, ungefähr ovales Gebilde, das neben Österreich und Ungarn auch Südtirol, Istrien, Slowenien, die Tschechei, die Slowakei, Galizien, Siebenbürgen, Kroatien und Bosnien umfasste… Es war ein Vielvölkerstaat mit vorherrschender deutscher Sprache, der schon immer einige Mühe hatte mit seinen slawischen Provinzen. 1918 erfolgte der Zusammenbruch, der Umbruch in kleinere Nationalstaaten. Als ich den «Andree» studierte, gab es bereits ein Jugoslawien und eine Tschechoslowakei. Auch das riesige Zarenreich im Osten war zusammengebrochen und nach langem Bürgerkrieg in die Sowjetunion übergegangen.
Grosspapas «Andree» wusste noch nichts von alledem. Er hielt standhaft fest an der spätfeudalistischen Epoche zwischen 1872 und 1914, einer in Europa im grossen Ganzen friedlichen Zeit. Das Grossvaterhaus atmete selber den Geist jener Jahrzehnte, als die Welt noch in Ordnung schien. War es eine unbewusste Neigung zum Konservativen, die mich an diesen Atlas der Vergangenheit fesselte? Jene gleichsam behäbige Zeit stand in deutlichem Kontrast zur nervösen Gegenwart der Dreissigerjahre. Schon hatte Hitler in Deutschland die Macht ergriffen; in Russland herrschte der stählerne Stalin.
Stellte der Atlas eine Welt dar, die nicht hätte untergehen dürfen? Eine Welt, die Ruhe und Geborgenheit zu verbürgen schien? Ich erlebte im Anblick dieser historisch gewordenen Karten die Vergangenheit noch einmal mit. Auch das Haus meiner Grosseltern war ja noch von jener Zeit geprägt – dieses Haus mit dem dunklen Alkoven zwischen dem Vorder- und dem Hinterzimmer, mit der steilen Treppe bis unter den Estrich hinauf, den Mansarden, von denen man über die Wipfel der Bäume hinwegsah.
Doch liebte ich als Junge nicht nur «Andrees Handatlas», ich liebte auch den Schulatlas zu Hause, überhaupt alle Atlanten. Wenn ich über den Karten brütete, schweifte mein Geist in der ganzen weiten Welt umher, und die nebulösen Gebilde meiner Phantasie verschleierten mir die Wirklichkeit. Ich sprang über Wüsten, sprang über Meere hinweg, suchte entlegene Inseln auf, schwitzte am Äquator und fror in der Arktis. Ich führte sogar fiktive Kriege des einen Landes gegen das andere mit wechselnden Triumphen und Katastrophen... Ich war ein Träumer, und der Atlas überhob mich der greifbaren Gegenwart, versetzte mich in eine phantastische Freiheit.
Alles Unmögliche war da möglich, und ich ahnte noch nicht, dass die Zukunft mich dereinst festhalten würde an einem einzigen Ort, in einer einzigen Lebenslage. Und dass es, nach so vielen virtuellen Reisen, nur noch Ferienreisen geben würde, die, im Vergleich mit den geträumten, eher bescheiden waren. Ich ahnte noch nicht, dass ich dereinst, statt ungebunden in aller Welt herumzuschweifen, erst einmal mich selber und meinen eigenen Standort erkunden und erkennen musste.