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Mit Schmidt auf Reisen 2
Im Zug wie im Film
Überlegungen über die Relativität des Reisens auf der Fahrt von Caen über Le Mans nach Paris
Von Aurel Schmidt
Der Zug fährt in Frankreich durch weite, kaum besiedelte Gebiete. Jedes Mal, wenn er sich einer grösseren Ortschaft nähert, breitet sich eine öde, trostlose Agglomeration aus. Es ist unklar, ob die Welt hier aufhört oder anfängt. Foto: Aurel Schmidt, Basel © 2007
Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. In der neuen Folge sinniert er über das Verhältnis von Drinnen und Draussen, das sich einstellt, wenn man im Zug sitzend durch das Land fährt.
Zwischen Caen und Le Mans ist das Land flach und der Himmel gross und weit. Der Blick geht in die Ferne und wird irgendwo am Horizont angehalten. Dort liegt, wie ein Zaun, wie eine Markierung, eine ebenso geheimnisvolle wie heimliche Grenze, jenseits welcher, wenn sie überschritten ist, sich der Raum weiter und immer noch ein Stück weiter erstreckt. Er ist durchlässig geworden.
Beim Blick aus dem Zugfenster sieht man, dass die Erde aufgeschwemmt ist. Es muss viel geregnet haben in den letzten Tagen, immer wieder kommt man an Feldern vorbei, die unter Wasser stehen.
Landleben heute und vor 150 Jahren
Das Land ist kaum besiedelt. Hecken teilen es ein. Strommasten erheben sich in den Himmel. Die Bauernhöfe sind niedrig, als würden sie sich ducken und, nach einer bemessenen Lebensdauer, wieder in den Erdboden, dem sie entstiegen sind, versinken. Sie haben die Farbe der Erde. Die Ziegel auf den Dächern: Ich meine, jeden einzelnen zählen und von jedem anderen unterscheiden zu können.
Die Höfe machen einen erbärmlichen Eindruck, ihr Zerfall ist schon ein gutes Stück weit vorangeschritten. Landleben wie zur Zeit des Malers Jean-François Millet, vor 150 Jahren. Mit einem Mal sind seine Bilder trotz ihres Alters verständlicher. Hat sich wirklich so wenig seither verändert? Aber das stimmt auch nur bedingt, wenn man an die Tatsache denkt, dass das Fernsehen heute bis in die letzten Höfe dringt und das Land mental vereinigt.
Zwei gegenläufige Bewegungen
Draussen sehe ich das Land vorbeieilen. Oder das Land bleibt draussen stehen und ich bin es, der im Zug sitzt und vorbei eilt. Das lässt sich nicht genau unterscheiden, es kommt auf den Standort des Betrachters an, wie in der Quantenphysik. Je nachdem, was man anschaut, sieht man etwas anderes. Einmal flitzt das Land an mir vorbei, einmal sehe ich mich selbst im Zug durch das Land rattern.
Die Fahrt hat etwas Unwirkliches. Ich bin hier, zwischen Caen und Le Mans, aber ich bin auch in jedem Augenblick auch an dem Ort dort, wo meine Füsse sind. Das ist das unlösbare Rätsel des Reisens. Wo ich bin, bin ich zweimal. Ich unterliege so dem Unterschied von «hier sein» und «sein wo ich bin». Zuletzt bleibt der Körper immer stationär, so sehr er sich auch bewegt (zum Beispiel zu Fuss) oder bewegt wird (durch immer schnellere Transportmittel).
Ich bin, was ich sehe, und was ich sehe, was ich wahrnehme wie in einem Kino, bin ich. Ich bin ein Film, und ich sehe den Film, in dem ich auftrete und als der ich mir vorkomme.
Wie die Welt sich wandelt, so wandle ich mich. Die Welt geht, fliesst, strömt durch mich hindurch, während ich durch sie hindurch gehe, fahre, reise, mich bewege. Die Zugfahrt wird identisch mit der Kamerafahrt, die auf englisch «travelling» heisst.
Zwischen den Orten und Zeiten
Unterwegs sein. Was mache ich hier? Das ist die alte Frage aller Reisenden. Ich bin im gleichen Augenblick im Kommen und im Gehen. Aufbruch und Ankunft fallen zusammen und bilden eine schnelle Abfolge von Stills (um in der Filmsprache zu bleiben) oder Momentaufnahmen des Hier-Seins besteht. Weil dieser Ablauf so schnell erfolgt, verfalle ich der Illusion, alles bewege sich. In Wirklichkeit bleibe ich stehen. Die Wirklichkeit ist das, was ich mir einbilde.
Lagerhallen und Centres commerciaux, die wie Lande- und Startbahnen für Extraterrestrische aussehen. Parkplätze, die das Land wie eine Kolonialmacht besetzen. Vage Terrains, wie sie der französische Sozio-Ethnologe Marc Augé beschrieben hat, die das Land durchziehen. Das Territorium, durch das ich fahre, implodiert in den suburbanen Zonen, wenn der Zug sich Le Mans nähert.
18.05 Ankunft in Le Mans und umsteigen. Um 18.53 fährt der TGV aus Nantes in Le Mans weiter und kommt um 19.50 Uhr in Paris Montparnasse an. Eine knappe Stunde Halt in Le Mans, stationär, zwischen den Zeiten. Geht die Fahrt wieder weiter, verflüchtigt sich der Ort und reisst die Geschwindigkeit die Zeit mit sich fort.
Reisend bin ich nirgends und überall. Wo ich bin, bin ich nur vorübergehend.
Das ist das Ende der Geografie, der örtlichen Topografie, und der Anfang der universalen Chronografie, der Verschiebung der Reise auf das Plateau des Zeitraums, seitdem wir das ineinandergreifende Kontinuum von Raum und Zeit verstehen.
Von Aurel Schmidt