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I.
Auf dem Bahnhofplatz von Derendingen, gegenüber dem Fabrikeingang zur Schoeller Textil AG, steht in einer kleinen, von Ahornbäumen umstellten Rasenfläche ein Brunnen. In einem niedrigen, schüsselförmigen Becken aus Granit sitzt auf einem Sockel eine knapp lebensgrosse Frauenfigur, dünn, eckig, den Oberkörper leicht zurückgeneigt, in einem engen knöchellangen Kleid. Merkwürdig ist die Haltung ihrer Arme. Ausgebreitet, in den Ellbogen nach vorn geknickt, die Hände gegen oben zu Kelchen geöffnet, leer. Als wollte sie auf ihrem schmalen Schemel, die Arme resigniert sinken lassend, sagen: Die machen ja doch, was sie wollen.
«Ich bin für 15 Uhr mit Herrn Wolf verabredet», sage ich durchs Schiebefenster der ANMELDUNG, das sich öffnet, noch bevor ich die Klingel betätigt habe. Die Receptionistin der Schoeller Textil AG Derendingen tritt in den Vorraum und bittet mich vis-à-vis ins EMPFANGSZIMMER 2: Der Direktor werde gleich kommen. Vor dem Fenster des kahlen Raums Schneegestöber, darin ein Konferenztisch, darauf ein graues Telefon mit rotem Durchschaltknopf, dann sechs einfache Polsterstühle, eine hohe Zimmerpflanze links. An der Wand gerahmte Fotografien von sechs imposanten Männerköpfen: Das ist die Schoeller-Dynastie. Ganz rechts der jüngste, Walter Schoeller, der – bis zum 16. Mai 1979, als er vier Tage nach seinem neunzigsten Geburtstag starb – die Schoeller-Gruppe dirigierte: insgesamt zehn Textilfabriken in der Schweiz, in Österreich, in der BRD und den USA; 3000 Beschäftigte, 450 Millionen Franken Umsatz (1986). Dazu war er Patron von Textilfachgeschäften in mehreren Schweizer Städten (Handar in Zürich, Baumwollbaum in St. Gallen, Wollenhof in Bern und Lausanne, Wollen-Sacher in Basel), dazu Chef von Vertriebs- und Immobiliengesellschaften, dazu Besitzer umfangreicher Plantagen in Tansania und Kenia (Sisal).
Für Direktor Walter Wolf, der unterdessen neben mich vor die Ahnengalerie getreten ist, war dieser Schoeller ein «Vorbild», «ein kolossaler Demokrat» und «Supermanager» in einem, dem es nie darum gegangen sei, recht zu behalten, sondern immer darum, in der Sache die beste Lösung zu finden und sie durchzuziehen. Zudem gehe dieser würdige Charakterkopf als «GC-Schoeller» zweifellos in die vaterländische Sportgeschichte ein. Bereits sein Vater Cesar Schoeller gehörte 1886 zu den Mitbegründern des Zürcher Grasshopper-Clubs; Walter Schoeller selber war dann als Besitzer des gesamten Hardturm-Areals – der GC-Sportanlagen – vierzig Jahre lang GC-Zentralpräsident; in jungen Jahren selber Spitzensportler und immerhin Schweizermeister im Rudern (Achter und Vierer mit), Tennis (1918, 1922), Fussball (1921) und Landhockey (Mitglied der Nationalmannschaft). «Ich war ein Schoeller-Fan», gesteht Direktor Wolf. Rechts neben den sechs Schoeller-Porträts steckt ein weiterer Nagel in der Wand. Ob der aktuelle Konzernherr schon verpackt sei, frage ich. Dort habe, bestätigt Direktor Wolf, der Doktor Ulrich Albers gehangen, aber der sei vor einiger Zeit verschwunden, gestohlen worden; ich wisse ja, wie das sei, wenn eine Fabrik aufgelöst werde.
Dann sitzen wir uns am Konferenztisch gegenüber. Lieber kein Kassettengerät, wünscht Wolf, geschult im Umgang mit Öffentlichkeit, stellt Blickkontakt her, referiert routiniert die Notwendigkeit der Derendinger Fabrikschliessung anhand von Grafiken und Statistiken, die er bei Bedarf aus einem dicken Ordner zupft. «Wir hätten eigentlich schon lange aufhören müssen», beginnt er. Als er 1962 nach Derendingen gekommen sei, habe man hier noch 800 Leute beschäftigt (in den dreissiger Jahren waren es sogar über 1200 gewesen). Danach stetiger Personalabbau, rasante technologische Entwicklung, Rezession Mitte der siebziger Jahre, starker Rückgang der Nachfrage im Inland, dazu die «EG-Regelung des passiven Veredelungsverkehrs für EFTA-Produkte», die die Derendinger Ware mittels Zöllen vollends konkurrenzunfähig gemacht habe. Bereits anfangs der achtziger Jahre sei nur noch die halbe Produktion kostendeckend gewesen, jene von Bunt- und Weissspinnerei hätte nur noch 80-90 Prozent der Kosten gedeckt. Was weiterhin rentiere, sei die Weberei, die sich auf elastische Sportkleider und Sicherheitsbekleidungen aus der stärksten aller synthetischen Fasern, Kevlar, spezialisiert habe (auf Kevlar-Anzügen schlittern gestürzte Töff-Rennfahrer auf dem Teer herum). Aber die Spinnerei: Solche betreibe die Schoeller-Gruppe auch in Österreich und in der BRD, und zwar 25 respektive 20 Prozent billiger als in der Schweiz. Deshalb sei es unumgänglich gewesen, die Derendinger Produktion früher oder später ins Ausland zu verlegen, zu Schoeller Textil Hard (Österreich) und Schoeller Eitorf AG (BRD). Das Gerücht, die Produktion werde in die Türkei ausgelagert, sei dagegen aus der Luft gegriffen, man habe lediglich die überzähligen Maschinen auf dem freien Markt verkauft, zum Teil eben in die Türkei, deshalb letzthin die Sattelschlepper mit türkischen Kennzeichen auf dem Fabrikgelände.
Vor anderthalb Jahren, im Herbst 1986, habe sich dann für die Schoeller Textil plötzlich eine Lösung abgezeichnet, erzählt Wolf: Er sei mit den Leuten der Elektro-Handwerkzeug-Firma Scintilla (einer Bosch-Tochter) im Nachbardorf Zuchwil ins Gespräch gekommen, die für die Erweiterung ihrer Produktion Bauland gesucht hätten. Bereits im Juni 1987 sei der Verkauf des gesamten Schoeller-Areals samt Gebäulichkeiten perfekt gewesen. Weil Scintilla aber alles oder nichts gewollt habe, habe Schoeller alles verkauft und nun von Scintilla bis Ende 1991 die Weberei zurückgemietet. So könne dieser Teil der Produktion (50 Arbeitsplätze) vorderhand noch weitergeführt werden. Wohin die Weberei – die einzige in der Schoeller-Gruppe – verlegt werde, sei zur Zeit noch offen. Bereits sei die Buntspinnerei abgestellt (200 Arbeitsplätze), auf 1. Juli 1988 schliesse die Weissspinnerei (50 Arbeitsplätze). Schon bald werde die Scintilla hier mit Abreissen beginnen, voraussichtlicher Baubeginn für die neuen Fabrikanlagen sei 1989.
Wolf ist mit dieser Lösung zufrieden. Scintilla bringe mehr Arbeitsplätze ins Dorf als die 350 (davon 50 in den Büros), die jetzt bei Schoeller verlorengingen, vermutet er. Und die Schliessung sei «bis jetzt schmerzlos» abgelaufen. Von den 300 Leuten, die bis zum nächsten Sommer gehen müssten, müsse nicht mehr als 45 gekündigt werden. Die restlichen vermittle man laufend an benachbarte Industriebetriebe. «Im grossen Ganzen» werde sich für das Dorf durch die Schliessung der Fabrik wenig verändern, sagt Wolf. Er hat sich nun in seinem Sessel zurückgelehnt, kommt ins Plaudern, Lachfalten um die Augen: «Ich wäre auch gern einmal Gewerkschaftssekretär, um zu schauen, welche Lösungen für die Leute wirklich möglich sind.» Wie der grosse Schoeller ist er immer auf der Suche nach der besten Lösung; Wolf, der Freisinnige, der mitentschied, als 1978 die Schoeller Textil AG Schaffhausen (zuletzt 70 Arbeitsplätze) und 1980 die Wollspinnerei Rüti im Kanton Glarus (60 Arbeitsplätze) geschlossen und deren Produktion nach Derendingen verlegt wurden, «um eine bessere Wirtschaftlichkeit zu erreichen»; der in Derendingen vor 25 Jahren mit 800 Leuten angefangen hat und bis zum nächsten Sommer 750 von ihnen entlassen haben wird. Direktor Wolf hat an Schoellers Textilfront immer defensive Aufgaben erfüllen müssen: Er half, geordnete Rückzüge überall dort zu organisieren, wo nichts mehr zu verdienen war – in Schaffhausen, in Rüti und jetzt in Derendingen.
II.
Der Brunnen hinter dem Derendinger Bahnhof, vor dem tagsüber geparkte Autos stehen, heisst «Industriebrunnen». Im Auftrag der Gemeinde hat ihn der Bildhauer Heinz Schwarz erstellt. Bezahlt wurde er aus einem 1941 geäufneten Industriebrunnen-Fonds, in dem bis 1951 9781 Franken zusammengekommen waren. Am 22. Januar 1955, einem Samstagnachmittag, um 16 Uhr, als in der Fabrik drüben die Maschinen stillstanden, haben Gemeindebehörden und die Belegschaft der Fabrik den Brunnen feierlich eingeweiht, «unter grosser Beteiligung und denkwürdigen Ansprachen», wie der Chronist berichtet.
Ein viereckiger Betonbau an der Weissensteinstrasse in Solothurn. Hier organisiert das Berufs- und Weiterbildungsinstitut ECAP unter anderem «Deutschkurse für FremdarbeiterInnen» mit den Hauptzielen «Spracherwerb und Vermittlung sozialer Informationen». Zur Zeit läuft ein «Deutsch-Intensivkurs für fremdsprachige Arbeitslose», zu dem das Kantonale Arbeitsamt wie folgt einlädt: «Sie sind aufgefordert, an diesem Deutschkurs teilzunehmen. Sollten Sie trotzdem die Teilnahme verweigern, wird Ihnen für diese Zeit kein Arbeitslosengeld ausgerichtet oder das Arbeitslosengeld kann Ihnen ganz entzogen werden. (…) Es soll gezielte Stellenvermittlung im Kurs betrieben werden. Zeitungen, Inserate, Stellenausschreibungen werden gemeinsam gelesen.» Die Chancen auf eine neue Arbeitsstelle seien für die Leute hier nicht sehr gross, erzählt die Sprachlehrerin Monika Grossenbacher. Wenn jemand nicht Deutsch und kaum lesen und schreiben könne, dazu schon fünfundvierzig oder älter sei, gebe es kaum noch Möglichkeiten. In ihrer jetzigen Klasse sitzen vor allem Türkinnen, dazu zwei Jugoslawinnen. Sie kommen alle aus den Schoeller-Spinnereien in Derendingen, arbeitslos, schwer vermittelbar.
Zuerst wollten es die Arbeiterinnen nicht glauben, als die Schoeller Textil AG Anfang Januar 1987 zuhanden der Öffentlichkeit mit dürren Worten festhielt: «Obwohl mit Rücksicht auf den damit verbundenen Abbau von Arbeitsplätzen in Derendingen die Produktionsverlegung bis heute nicht durchgeführt wurde, musste aufgrund der weiter zunehmenden grossen finanziellen Belastung eine angemessene Lösung ins Auge gefasst werden.» Schoeller will zumachen? Nicht doch! Es hatte seit Jahren schon geheissen: Zwar habt ihr in diesem Jahr gut gearbeitet, aber wir sind immer noch nicht aus den roten Zahlen; da hörte schon gar niemand mehr hin. Und seit dem 8. September 1986 hatte man in der Fabrik kurzgearbeitet, und Kurzarbeit darf von Gesetzes wegen «nur bewilligt werden, wenn sie voraussichtlich vorübergehend ist und erwartet werden darf, dass durch Kurzarbeit die Arbeitsplätze erhalten werden können.» Schoeller machte zu. – «Donnerschlag aus Derendingen», titelte in ihrer nächsten Ausgabe die Zeitung der «Gewerkschaft Textil Chemie Papier» (GTCP) und schrieb, die Schliessung von Schoeller sei «eine Folge von innerbetrieblichem Fehlverhalten der Betriebsführung», kurz eine «Pleite durch Missmanagement». An einer Mitgliederversammlung der GTCP-Sektion Derendingen am 8. Januar 1987 wurden vor allem die zu kurzen Anlernzeiten für neue Arbeiter und Arbeiterinnen und die schlechte Koordination in der Produktion kritisiert. Ein unterdessen pensionierter Arbeiter erzählt, nie hätten in den letzten Jahren genug Meter und Kilo hergestellt werden können: «Aber nach der Qualität hat niemand mehr gefragt.» – «Reklamationen gibt es immer», sagt dagegen Jürgen Hübner, Verkaufschef bei Schoeller Derendingen, aber der Grund für die Schliessung der Spinnereien liege sicher nicht hier – «sonst hätte man die Leute auswechseln müssen» –, sondern vor allem in den Lohnkostendifferenzen zum Ausland. Textilindustrie in der Schweiz könne heute nur noch überleben, wenn sie auf Exklusivität oder High-Tech, Kevlar zum Beispiel, setze.
Die Türkin A., Schülerin in der ECAP-Klasse, gibt zu Protokoll, wie sie bei Schoeller rausgeflogen ist: Als Schoeller Textil Ende 1986 mit der Stillegung der Buntspinnerei die Schliessung des Werks Derendingen einleitet, gehört A., die sieben Jahre hier gearbeitet hat, zu den ersten, die an die Maschinenfabrik Scintilla vermittelt wird. Da es ihr als Analphabetin unmöglich ist, die neue Arbeit zu verrichten, kehrt sie zu Schoeller zurück, wo ihr der Personalchef Hugo Fröhlicher bereits am 7. Januar 1987 mit folgenden Worten auf 31. März kündigt: «Am 14. Januar 1986 mussten wir Sie wegen Ihrer Arbeitsleistung verwarnen. Leider ist Ihre Arbeitsleistung immer noch langsam, obwohl wir Ihnen auch die Gelegenheit gaben, in anderen Abteilungen zu arbeiten. Aus diesem Grund kündigen wir Ihr Dienstverhältnis.» Auf 1. 3. 1987, für A. zu spät, tritt der Sozialplan, den die GTCP mit Schoeller ausgehandelt hat, in Kraft. Darin steht: «Bei Stellenwechsel im gegenseitigen Einvernehmen ist die Wiederaufnahme bei der Schoeller Textil AG zugesichert, wenn die Stelle im neuen Betrieb innerhalb dreier Monate vom Arbeitgeber gekündigt wird oder die Arbeit unzumutbar ist.» Durch die Kündigung verliert A. das Anrecht auf die im Sozialplan festgeschriebene Abfindung (in ihrem Fall gut 200 Franken).
Der Personalchef heisst also Hugo Fröhlicher und steht mit 64 ein Jahr vor der Pensionierung. Seit 37 Jahren ist er bei der Schoeller Textil angestellt und will sich später kein Gewissen machen müssen: «Wir machen hier gar nichts Unsauberes. Wenn etwas anderes gestreut wird, ist das total falsch. Wem aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wird, kommt in den Sozialplan. In jedem Fall orientiere ich Betriebskommissionspräsident Jakob. Wenn jemand seine Pflicht erfüllt, fleissig ist, schau ich nicht darauf, ob er aus der Schweiz, aus Italien oder aus der Türkei kommt. Für mich stehen die Leute im Vordergrund. Ich bin ja auch nur Arbeitnehmer, es könnte mich auch einmal so treffen. Darum ist es meine grösste Freude, wenn ich Leute vermitteln kann. Gerade heute können sich wieder sechs bei der Autophon vorstellen gehen. Ich habe nun sicher bereits 250 Leute vermittelt, an Scintilla, Von Roll, Sulzer, Autophon: Das ist ein Erfolg. Ich bin wirklich stark sozial eingestellt. Wenn aber in einem Einzelfall etwas nicht stimmt, müsste ich den Namen haben, dann könnte ich der Sache nachgehen.» – Der Betriebskommissionspräsident heisst Hans Jakob. Über die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die sich ungerecht behandelt fühlen, hat er eine klare Meinung: «Es gibt immer Leute, die nicht zufrieden sind. Es gibt welche, die bekommen 30000 Franken Abfindung und sind nicht zufrieden. Aber Fröhlicher ist sauber. Er zahlt eher mehr, als er muss. Er ist wahnsinnig zuvorkommend, darum gibt es mit dem Sozialplan keine Probleme. Bis jetzt sind wir tipptopp über die Runden gekommen. Das ist nicht in jedem Betrieb so wie bei uns.»
Der Türke B. gibt zu Protokoll, wie er bei Schoeller herausgeflogen ist: In der Nacht auf den 23. Juni 1987 steht der 23jährige B. seine Schicht nicht durch. Er ist fiebrig, muss erbrechen. Um 02.45 Uhr meldet er sich beim Meister ab und geht nach Hause. Noch gleichentags schreibt ihn sein Arzt wegen einer Grippe eine Woche 100 Prozent arbeitsunfähig. Trotzdem steht er bereits am nächsten Morgen um 05.00 Uhr wieder in der Garderobe der Fabrik, weil er an diesem Morgen für die Frühschicht aufgeboten ist. Er schickt einen Arbeitskollegen nach seinem Meister, um mit ihm über seine Grippe zu reden. Der Meister lässt ihm ausrichten, er erwarte ihn auf der Abteilung. Weil ihm in der Zwischenzeit ein anderer Meister gesagt hat, er müsse direkt im Personalbüro vorsprechen, gibt er sein Arztzeugnis dort ab und geht nach Hause, um sich wieder hinzulegen. Gleichentags wird seine Kündigung verschickt: »Unter solchen Umständen können wir Ihr Dienstverhältnis nicht mehr fortführen. Aus diesem Grund kündigen wir Ihnen Ihr Dienstverhältnis. Sollten Sie sich in dieser Zeit nicht an unsere Fabrikordnung halten, wären wir gezwungen, Sie fristlos zu entlassen.» Für B. entfällt mit dieser Kündigung das Anrecht auf die Abfindung (in seinem Fall etwa Fr. 800.–).
Textil-Revue 5/87: «Eingedenk der Einstellung des verstorbenen Inhabers Walter Schoeller und seines Nachfolgers Dr. Albers kann Walter Wolf nunmehr die notwendige, etappenweise Strukturanpassung der Schoeller Textil AG an die veränderten Marktbedingungen aller Voraussicht nach weitgehend ohne soziale Härten in die Tat umsetzen.» Ulrich Albers heisst also der Schoeller-General, ein Dr. sc. techn., der sich nicht in die hässlichen Grabenkämpfe mischt, die für die kostensparenden Begradigungen an der Konzernfront notwendig geworden sind. Er sitzt weg vom Schuss im Hauptsitz, der «Schoeller & Co. Handelsgesellschaft» an der Schanzengasse in Zürich, behält die Übersicht und trägt die Verantwortung. Seinerzeit ist er vom kinderlosen Walter Schoeller quasi an Sohnes Statt zu seinem Nachfolger als Konzernchef erkürt worden. «Wie ein Stern vom Himmel gefallen» sei Albers für ihn, habe Schoeller jeweils erzählt. «Die Mutter von Ully Albers, der das Schoeller-Imperium leitet (…), heisst Elisabeth Albers-Wille», notiert Niklaus Meienberg in seinem Buch über den Wille-Clan. Natürlich hätte Albers heute gar keine Zeit, sich um den Rückzug aus Derendingen im einzelnen zu kümmern: Er sitzt zur Zeit in 28 Verwaltungsräten, in 20 davon als Präsident (vor allem Textil und Immobilien). Deshalb hat man Verständnis, dass sich Ulrich Albers in Zurückhaltung übt (1983: Einkommen Fr. 490000.–, Vermögen 179 Mio.) und meistens schweigt (1984: Einkommen 0, Vermögen 195,2 Mio.), dafür die Übersicht behält (1985: Einkommen 0, Vermögen 205,6 Mio.), resp. die Verantwortung trägt (1986: Einkommen 0, Vermögen 205,6 Mio.) und vorausschauend plant (1987: Einkommen 0, Vermögen 205,6 Mio., provisorische Einschätzung). – «Herr Albers, Sie haben sich zur Schliessung der Schoeller Textil AG in Derendingen nie öffentlich geäussert, tragen aber die Verantwortung dafür. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Fabrikschliessung auf das Dorf und die entlassenen Leute?» Antwort des Generals Ulrich Albers: «Wir sind uns von Anfang an bewusst gewesen, dass die Schliessung ein Eingriff in die Gemeinde sein würde. Darum haben wir uns mit der Schliessung mehr Zeit genommen, als wirtschaftlich gut war. Die Lösung mit der Scintilla beurteile ich für die Gemeinde als sehr positiv, so sind schlimme Nachwirkungen vermieden worden. Dass wir bis auf 150 Leute alle haben vermitteln können, würde ich doch als Erfolg einschätzen, vor allem, weil man berücksichtigen muss, das sich gar nicht alle Leute vermitteln lassen wollten. Ich bin im übrigen natürlich froh, wenn Sie in Ihrem Artikel versuchen, auch den Standpunkt und die Probleme der Unternehmer zu sehen.» Wir danken dem General für dieses Gespräch.
III.
Auf dem Industriebrunnen, so der Chronist in der Broschüre «50 Jahre GTCP-Sektion Derendingen» (1983), sitze «die bronzene Figur einer Spinnerin mit der Handspindel in den ausgebreiteten Armen». Das ist eine schöne Idee: Die Brunnenfigur ist eine Arbeiterin, und in ihren Händen hat sie ihr Werkzeug, ihr Produktionsmittel, mit dem sie ihren Faden macht, den sie verkauft, um vom Erlös leben zu können. Aber die Derendinger Spinnerin hat keine Handspindel in ihren Händen (haben das die Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik geglaubt, all die Jahre?). Ihre Hände sind leer.
Im Säli des Restaurants «Metzgerhalle» in Derendingen sitzen jetzt, am frühen Nachmittag des 26. Januar 1988, die Pensionierten der Gewerkschaftssektion dichtgedrängt. Zum Treffen hat das GTCP-Sekretariat Solothurn eingeladen. Die Vorhänge sind gezogen, die Sonne steht warm vor den Fenstern. Auf den Tischen Rotwein, Mineralwasser. Wer heute aus dem Dorf hierhergekommen ist, hat einen schönen Teil seines Lebens drüben in der Fabrik zugebracht. Eigentlich sei der Grund des Treffens ein trauriger, sagt der Gewerkschaftssekretär aus Solothurn, Fritz Gfeller, zur Begrüssung, es gehe heute auch um die Schliessung der Schoeller. Daneben ist aber «Gedankenaustausch, gemütliches Zusammensein und Erinnerungen auffrischen» auf dem Programm, zu Beginn gleich ein wenig Unterhaltung mit dem Marionettentheater SODANO! Auf der kleinen, improvisierten Bühne die strahlend blonde Artistin, tschechoslowakischer Herkunft, wie sie erzählt, aber schon seit zehn Jahren in Derendingen wohnhaft, mit charmantem Akzent begrüsst sie die Anwesenden, winkt ihrer Nachbarin vom Block zu, wünscht viel Vergnügen (Applaus). Dann stellt sie ihre hüfthohen Puppen auf die Bühne, streicht mit virtuosen Fingern durch die Fäden, gibt ihnen lustiges Leben zu greller Jahrmarktsmusik. Eine spanische Tänzerin wirbelt über die Bühne, durch die Lautsprecher scheppert «Eviva España», die Pensionierten klatschen den Rhythmus, einzelne singen mit. «Der Faden ist das ganze Leben der Marionetten», erklärt die Artistin zwischendurch das Funktionieren ihrer Figuren (Applaus).
Die Gewerkschaft besitzt in Derendingen einen Sechsfamilien-Wohnblock. Im Keller dieses Blocks ist ein Veloabstellraum, darin steht ein alter zweistöckiger Küchenschrank mit verglasten Türen. Sämtliche Tablare dieses Schranks sind überfüllt mit Büchern, sauber und einheitlich eingefasst in blaues Packpapier: Das ist die vergessene Handbibliothek der Gewerkschaftssektion. Jedes Buch trägt im Innern einen Stempel. Jene mit dem Schriftzug «Gewerkschaft der Kammgarnspinnerei Derendingen» sind vor 1933 in die Bibliothek gekommen, zum Beispiel das «Wirtschaftliche Kampfbuch für Betriebsräte» aus dem «Buchverlag ’Räte-Bund’», Berlin 1920. Oder «Die Frau und der Sozialismus» von August Bebel, 22. Auflage, Stuttgart 1893. Oder Karl Marx: «Ökonomische Lehren gemeinverständlich dargestellt und erläutert» von Karl Kautsky, Stuttgart 1893. 1933 trat die unabhängige Derendinger Gewerkschaft mit 500 Mitgliedern in den nationalen Verband ein. Nun trugen die Bücher den Stempel «Schweizerischer Textil-Arb.-Verband Sektion Derendingen». Aus dieser Zeit viel sogenannte Weltliteratur: Dumas, Stendhal, Montpassant, Balzac, Hugo; Romane von Upton Sinclair, Selma Lagerlöf, B. Traven; sozialkritische Belletristik aus der Schweiz von Otto Steiger, Elisabeth Gerter, C.A. Loosli, Jakob Bührer; völlig zerlesene Exemplare von Casanovas Leben und Langhoffs «Moorsoldaten – 13 Monate im Konzentrationslager». Eigentlich hat die Gewerkschaft bereits 1936 ihren Namen wieder, wenn auch geringfügig, in «Schweizerischer Textil- und Fabrikarbeiterverband» geändert, aber in der Derendinger Gewerkschaftsbibliothek tat’s weiterhin der alte Stempel. Bis anfangs der sechziger Jahre ist die Bibliothek weitergeführt worden. Neben gedruckten Protokollen der Verbandstage kamen jetzt viele Reisebücher zusammen, illustrierte Bücher über ferne Länder, hohe Berge, Ferienziele. Auch als sich die Gewerkschaft 1963 erneut umbenennt – diesmal in «Gewerkschaft Textil Chemie Papier» – muss die Derendinger Gewerkschaftsbibliothek keinen neuen Buchstempel mehr machen lassen: Unterdessen haben Fernsehen, Ferien und Fortschritt das Lesen ersetzt. Die Handbibliothek geriet in Vergessenheit.
Jetzt ergreift im Säli der «Metzgerhalle» der sozialdemokratische alt Gemeindeammann und alt Ständerat Walter Weber das Wort und erzählt aus der Geschichte des Dorfes: Als die Kammgarnspinnerei 1872 ihren Betrieb aufnahm – 1907 wurde sie dann in die Schoeller-Gruppe eingegliedert – ist neben dem Fabrikareal, zwischen der Luterbach- und der heutigen Schoellerstrasse, die Arbeitersiedlung «Elsässli» geplant worden. Bis 1890 sind in geraden Reihen insgesamt 32 Häuser (aus Sichtsandstein und Holz) erstellt und zuerst von je vier, später, nach einem Umbau, von je zwei Familien bewohnt worden. Zum Quartier gehörten damals der «Bären», ein Coop, eine Metzgerei, eine Bank (die Geschäfte sind längst alle eingegangen). In den dreissiger Jahren trug das «Elsässli» den Übernamen «kleines Moskau»: Viele, die hier lebten, waren aktiv in der Gewerkschaft, in der SP, in der KP. In dieser Zeit gab es in Derendingen einen Arbeitermännerchor, einen Arbeiterschachclub, eine Arbeiterschützengesellschaft, eine Sektion der Satusturner, eine Arbeiter-Samariter-Kolonne, den Arbeiter-Touring-Bund, die Naturfreunde. Und im «Landhaus» war die Bücherausleihe der Gewerkschaftsbibliothek, geöffnet einmal pro Woche. Die meisten dieser Organisationen sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach verschwunden; heute gibt es lediglich noch die Satussektion. Das «Elsässli» steht unterdessen als eine der besterhaltenen Arbeitersiedlungen der Schweiz unter Denkmalschutz. Bei Schoeller Textil – nach wie vor Besitzerin der ganzen Siedlung – überlegt man sich heute, ob renoviert oder verkauft werden soll. – Weber schliesst seine Ausführungen: «Der Entscheid, dass Schoeller seine Tore schliesst, hat mir einen Stich versetzt. Wenn Walter Schoeller noch leben würde, es wäre vermutlich nicht so weit gekommen (lebhaftes Kopfnicken allenthalben). Es verschwindet jetzt in Derendingen auch ein Stück Dorfgeschichte. Wie es weitergehen soll, wissen wir nicht.»
Draussen Abenddämmerung, Schneeregen. Im überfüllten stickigen Säli der «Metzgerhalle» geht’s hoch her. Abwechselnd erheben sich drei oder vier alte Gewerkschafter und geben Witze zum besten. Bei jeder Pointe blühen die Gesichter der ehemaligen Arbeiterinnen und Arbeiter der Schoeller Textil AG auf: Gelächter, Klatschen. Eine junge, unverheiratete Frau sei beichten gegangen – beginnt jetzt einer ganz hinten an der Wand –, die habe zum Pfarrer gesagt, sie sei mit einem Mann zusammengewesen. Nun ja, habe der Pfarrer gesagt, heutzutage sei die Kirche in diesen Sachen auch nicht mehr so streng. Sie darauf: Aber der Jakobli sei ein Protestant. Der Pfarrer habe die Stirn gerunzelt, dann aber gesagt: Nun ja, im Zeitalter der Ökumene. Aber sie selber sei auch protestantisch. – Warum sie dann zu einem katholischen Priester gekommen sei? Darauf sie: «Ich habe es jemandem sagen müssen, Herr Pfarrer: Es ist so schön gewesen.»
1993 hat sich die Schoeller & Co. in «Albers Gruppe» umbenannt. Ihr Umsatz belief sich 1994 auf über 300 Millionen Franken (Textilproduktion, Modehäuser, Immobilien). Ulrich Albers hat mittlerweile seinen Neffen Franz und seinen Sohn Vincent als gleichberechtigte Partner ins Unternehmen geholt. Letzterer hat den Ehrgeiz, sich mit einem neuen, riesigen «Elsässli» zu verewigen: Er plant auf dem ehemaligen Schoeller-Areal im Zürcher Kreis 5 auf 36000 Quadratmetern eine Überbauung mit 340 Wohnungen, Dienstleistungs-, Geschäfts- und Gewerbehäusern, Restaurants, sowie Quartier- und Kulturtreffpunkten. («SonntagsZeitung», 8.1.1995). [Seit dem Sommer 2010 ist der «Hard Turm Park» entlang der Pfingstweidstrasse im Bau.]
Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 137-149.