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«Nie, selten, manchmal, immer» – mit diesen Worten soll Autumn die Fragen der Sozialarbeiterin in der Abtreibungsklinik beantworten. Die Fragen könnten sehr persönlich werden, fügt sie an.
Die 17-Jährige, die der Sozialarbeiterin gegenübersitzt, schweigt. Nickt müde.
Ungewollt schwanger und jetzt?
Autumn hat eine anstrengende Reise hinter sich. Aus einer kleinen Stadt in Pennsylvania ist sie mit ihrer Cousine Skylar nach New York gereist. Hier sind die Gesetze liberaler. Denn Autumn ist ungewollt schwanger. In ihrem Heimatstaat ist eine Abtreibung bei Minderjährigen ohne die Einwilligung der Eltern aber illegal.
Während ihres zweitägigen Aufenthalts in New York erdulden die beiden allerlei mühsame Situationen. In der U-Bahn müssen sie vor einem unheimlichen Typen flüchten, der sich vor ihnen in die Hose greift, im Bus einen aufdringlichen Jungen abschütteln.
Dramatisch ohne Drama
Es passiert in «Never Rarely Sometimes Always» nichts Dramatisches. Es sind alltägliche sexistische Handlungen, auf die Hittman in diesen Momenten den Fokus legt und damit zeigt, wie feindlich die Welt jungen Frauen eingestellt ist.
Ohne je einer ihrer Figuren die Worte «rape culture» oder «Feminismus» in den Mund zu legen, macht Hittman deutlich: Es kann verdammt beschissen sein, eine junge Frau zu sein. Wir erleben es mit Skylar und Autumn hautnah mit.
Die Regisseurin Eliza Hittman
Nach ihrem Masterabschluss an der Video- und Filmschule des California Institute of the Arts, drehte die in Brooklyn aufgewachsene Eliza Hittman mehrere Kurzfilme. Darunter etwa «Second Cousins Once Removed» (2010) und «Forever’s Gonna Start Tonight» (2011). Ihr Langfilm-Debut «It Felt Like Love» (2013) wurde für zwei Independent Spirit Awards nominiert und feierte seine Premiere am Sundance Film Festival.
«Wünschst du dir nicht manchmal ein Typ zu sein?» fragt Skylar Autumn einmal. «Die ganze Zeit» antwortet diese.
Wer der Vater von Autumns Kind ist, wird nie angesprochen. Hittman lässt ihr Publikum selber konstruieren, wie Autumn schwanger wurde. Man ahnt schon früh, dass sexuelle Gewalt im Spiel war.
Hittman zeigt nichts explizit, bleibt während des ganzen Films bei den Mädchen. Damit umgeht sie klug die Gefahr bei dem schweren Thema sensationalistisch zu werden.
Verständnis ohne viele Worte
Überdramatisiert wird auch die Beziehung zwischen den beiden Protagonistinnen nicht. Ausser dem gelegentlichen «Are you ok?» von Skylar reden die beiden nicht viel miteinander.
Das Verständnis, das Skylar ihrer Cousine entgegenbringt, sieht man in ihrem Blick. Die verschlossene Autumn mag nicht auf jede und jeden sympathisch wirken, gegenüber Skylar verhält sie sich oft auch abweisend. Trotzdem hält ihre Cousine während des ganzen Trips zu ihr.
Es ist Skylar, die das Geld für die Reise klaut, die den viel zu grossen Koffer durch das verregnete New York schleppt, sich schliesslich sogar auf den Typen aus dem Bus einlässt, damit die beiden zu Geld für die Rückreise kommen.
Scharfe Kritik und berührender Lösungsvorschlag
Diese kommentarlosen Liebesbeweise berühren. Auch wenn Geschichte über diese schmerzhafte Erfahrung beklemmend ist, traurig und oft auch wütend stimmt: «Never, Rarely, Sometimes, Always» ist kein hoffnungsloser Film.
Denn Eliza Hittman liefert nicht nur einen kritischen Kommentar zum Sexismus im Alltag und der amerikanischen Gesetzgebung. Sie zeigt mit der Beziehung zwischen Skylar und Autumn gleichzeitig auch, was gegen diesen hilft: die Solidarität und der unerschütterliche Zusammenhalt zwischen Frauen.