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An einer Universität wird ständig geforscht, das heisst, es wird auch ständig «gefunden», und zwar ganz viel Neues. Forschen ist ein grosses Abenteuer voller Spannung und Freude, aber auch mit Enttäuschung und Frustration, wenn es mal nicht klappt wie geplant.
Ich erinnere mich da an meine Doktorarbeit vor rund 30 Jahren. Die mir von meiner Doktormutter aufgetragene Herausforderung war, erstmalig in der Welt eine Doppelbindung zwischen den chemischen Elementen Molybdän und Phosphor (Mo=P) herzustellen. Man erhoffte sich davon katalytische Eigenschaften, die für spezielle Anwendungen höchst interessant sein sollten. Meine Chefin drückte mir ein paar Publikationen in die Hand und schlug mögliche Synthesewege vor. Es war zu erwarten, dass die neue Substanz luftempfindlich sein würde. Also musste man unter Luft- und Feuchtigkeitsausschluss arbeiten. Ich testete die vorgeschlagenen Synthesen, aber egal, was ich probierte, ich erhielt über ein Jahr lang nichts als «Schlunz» – also einen nicht identifizierbaren, dunklen Schlamm. Es war frustrierend!
Schliesslich probierte ich ein paar unkonventionelle Ideen aus, und nach anderthalb Jahren glitzerten endlich ein paar analysierbare Kristalle im Reaktionsgefäss. Es war zwar nicht das ersehnte Produkt, aber wir lernten, was anders lief als erwartet. Diese Erkenntnis half, die Synthesestrategie zu ändern, um doch noch das Ziel zu erreichen. Allerdings hatten wir wertvolle Zeit verloren: Eine Forschungsgruppe in England war schneller und berichtete von einer ersten Mo=P-Verbindung. Ich war dennoch stolz, als ich kurz danach auch endlich eine Substanz mit einer Mo=P-Bindung in Händen hielt. Sie war anders als die «englische» Verbindung, und so konnten wir trotzdem unsere Ergebnisse publizieren.
Später, als ich meine eigene Gruppe aufbaute, hatte ein sehr etablierter Forscher einer bekannten Hochschule in einer wichtigen Zeitschrift zwei neue Verbindungen beschrieben und die Hypothese aufgestellt, dass eine dritte, analoge Substanz wohl genauso aussehen würde. Wir konnten in meiner Gruppe das fehlende Bindeglied herstellen und zeigen, dass diese Substanz sich von den anderen beiden durchaus signifikant unterschied. Diesmal waren wir also schneller und konnten die Hypothese des Kollegen entkräften.
Auch heute stehen wir im Wettbewerb mit anderen Gruppen weltweit. Zum Beispiel arbeiten wir derzeit an einem molekularen Kettenhemd. So etwas zu synthetisieren, ist extrem herausfordernd. Molekulare Ringe müssen so miteinander verkettet werden, dass eine zweidimensionale Struktur entsteht. Bisher gelang dies noch nicht.
Allerdings kam gerade mein Doktorand recht frustriert mit einer Publikation von einer Gruppe in Kalifornien, die eine dreidimensionale Kettenhemd-Struktur erhalten hat – nicht mit Ringen, sondern mit einer Art Käfig-Struktur. Der Chef dieser mehr als 20-köpfigen Forschergruppe ist für den Nobelpreis nominiert und besuchte Freiburg vor drei Jahren. Ich tröstete den Doktoranden mit der Tatsache, dass es ja nicht unser Zielmolekül sei, das er beschrieb. In Freiburg arbeiten wir also weiter am molekularen, zweidimensionalen Kettenhemd – dies im Bewusstsein, dass wir in direkter Konkurrenz zu solch prominenten Forschern stehen. Es fühlt sich ein bisschen wie ein Marathon an, der gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfindet: Man weiss nicht genau, wie schnell und wo die anderen gerade sind, und hofft, dass man gewinnt.
Fazit: Wir Forschenden stehen ständig in einem weltweiten Wettbewerb – und in Freiburg passiert Top-Forschung auf vielen verschiedenen Gebieten – da dürfen wir schon auch ein bisschen stolz sein!