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Kennst du den Begriff Pluralistische Ignoranz? Es ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie und beschreibt eine Situation, in der eine Mehrheit eine Norm insgeheim ablehnt, jedoch fälschlicherweise davon ausgeht, dass die Mehrheit diese Norm akzeptiert. So quasi – jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben, während in Wirklichkeit keiner daran glaubt. Heute erzähle ich, was mich zu diesem Begriff geführt hat, warum er relevant ist und was ich dir für einen Film weiterempfehle. (danke Nando von „Spiel dein Leben“ für den wertvollen Hinweis!)
Arbeit ohne Sinn?
Unterbrich die Arbeit so oft wie möglich.
Setze Meetings an, wenn wichtigere Arbeit zu tun wäre.
Vervielfache den Papierkram.
Alle Entscheide werden von einem Komitee getroffen.
Halte Ansprachen und erörtere irrelevante Aspekte.
Drei Leute müssen zustimmen, wo einer reichen würde.
Kommt dir das bekannt vor? Insbesondere, wenn du in einem klassisch hierarchisch geführten Corporate Umfeld tätig bist? Das verblüffende ist, dass diese Sätze nicht aus einem schlechten Managementbuch stammen, sondern aus einem Handbuch für Widerstandskämpfer im besetzten Europa während des 2. Weltkriegs. Das Ziel war die Sabotage der feindlichen Kriegsmaschinerie.
Wie kam es nur dazu, dass wir dies in unseren Büroalltag übernommen haben? Und dies weiterführen und uns daran orientieren auch wenn die Folgen daraus nicht gerade „gesund“ sind – so ganz im Sinne von pluralistischer Ignoranz. Dieser Frage und insbesondere den Folgen daraus, geht der empfehlenswerte Dokumentarfilm “Arbeit ohne Sinn” nach. David Graeber sel. (der Autor von Bullshit Jobs, den ich in diesem Blogpost erwähnt hatte) und weitere Personen erforschten Gründe, warum Manager/innen veraltet-abstrusen Managementmethoden folgen, irgendwelche Phrasen dreschen ohne verständlich darzulegen was sie darunter verstehen und einzig den Werten der Wirtschaftswelt folgen, anstatt denjenigen, welche wohl die meisten Menschen im Innersten fühlen. Das Tragische daran ist, sie opfern dafür oft nicht nur ihre eigene psychische und physische Gesundheit, sondern auch diejenige der Mitarbeitenden.
Wo wird New Work zunehmend Realität?
Dass wir Arbeitsfelder benötigen, in denen Menschen “menschlich” wachsen können, ist längst bekannt. Bereits Ende der 70er Jahre hat Frithjof Bergman den Begriff “New Work” begründet, welcher ein philosophisches System und damit verbunden ein Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt beschreibt. Und hat sich was bewegt?
Meine Antwort ist ein zwar noch verhaltenes und doch zuversichtliches JA. Und zwar auf verschiedenen Ebenen. Woran ich das festmache? An meinen Erfahrungen in unzähligen Coaching und Begegnungen im Wirtschaftsumfeld im 2022.
Es gibt bereits einige Unternehmen und Führungspersonen, die sich in einem neuen Arbeitsumfeld-Paradigma bewegen. Ein Beispiel ist das durch Robert J. Stadler mitgegründete Unternehmen foryouandyourcustomers. Sein Credo: Menschliches SEIN mit wirtschaftlichem TUN verbinden. Der Erfolg gibt ihm und seinen Kollegen/innen recht.
Doch nicht nur jüngere Unternehmen – auch in bestehenden Unternehmen wandelt sich einiges – und somit auch die Themen und Herausforderungen in den Leadershipcoachings. Es geht meinen Coachees vermehrt darum, sich ganzheitlich als Mensch einzubringen und für mehr Lebendigkeit, Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit zu sorgen. Und darum, Verantwortung zu übernehmen. Insbesondere für sich selbst – und daraus dann für andere und die “Welt”.
Darum, die Zügel (wieder) in die Hand zu nehmen, ging es stets auch in den Standortbestimmungen. Siehst du dich als Opfer der Umstände und der Systeme oder erkennst du, dass es auch an dir liegt, welche Weichen du stellst? An deinen Entscheiden? An deinem Glauben? Daran, wo du deine Energie (Arbeitskraft und dein Sein) zur Verfügung stellst und damit den entsprechenden Systemen zum Wachsen verhilfst?
Es ist einfach, das System, die Anderen, die Chefs, die Umstände etc. für dein Wohlbefinden und den Weltuntergang verantwortlich zu machen. Und manchmal tut solches Klönen ja auch ganz gut. Nur – diese Projektionen bringen uns nicht weiter.
Was ich empfehle, wenn du dich gerade als Opfer der Umstände fühlst? Du ahnst es allenfalls: versuche, in Bewegung zu kommen – zumindest in Gedanken.
Wann ist die Zeit da, die Schleier des Ignorierens wegzuziehen?
Sowohl im Kollektiv als auch uns Selbst erzählen wir Geschichten darüber, was geht, was richtig ist, was moralisch verwerflich ist und was sowieso nicht geht oder nie funktionieren kann.
Die Geschichte, die du dir über DICH erzählst, umfasst die Räume innerhalb deren du dir deine (Un-)Möglichkeiten absteckst. Wie wäre es, wenn du dir diese Räume mal anschaust, insbesondere wenn du glaubst, feststecken? Was erzählst du dir über dich und was darf allenfalls neu ausgeleuchtet und besonnt werden?
Mögliche Fragen, die du dir stellen kannst, gibt es in dieser Nachricht der Ältesten der Hopi. Ihre Kernaussage: “Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.”