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Ungläubig schaute ich auf das Blatt, dass vor mir auf dem Tisch lag. Das konnte doch nicht meine Prüfung sein! Doch auf dem Titelblatt der Prüfung stand neben einer ungenügenden Note, die mit einem fetten roten Stift aufgetragen war, klar und deutlich mein Name. Diese Note schien doch viel eher zu meinem Banknachbarn zu passen, der so gut wie gar nichts gelernt hatte. Ich schaute mich um, hoffentlich war ich nicht der Einzige, der eine schlechte Note erwischt hatte. Aber ich sah nur glückliche Gesichter. Ich drehte mich wieder um und schaute mir die Prüfung an. Vielleicht hatte sich der Lehrer ja verrechnet… Nachdem ich die wenigen vorhandenen Punkte nachgezählt hatte, musste ich nicht nur feststellen, dass der Lehrer richtig gerechnet hatte, sondern auch, dass ich es eine Woche zuvor bei der Prüfung nicht getan hatte. Vor Frust hätte ich am liebsten die Prüfung zerknüllt und vor den Augen des Lehrers angezündet. Denn ich erkannte, dass meine frühere Lernmethode nicht mehr aufging. Ich war bis jetzt gut damit durchgekommen, wenn ich mir den Prüfungsstoff in ein bis zwei Abenden ins Kurzzeitgedächtnis paukte. Die erhöhten Stoffmengen und ein angehobener Schwierigkeitsgrad hatten zur Folge, dass diese Strategie nicht mehr aufging.
Um zu Lösungsansätzen der Veränderung zu kommen, hilft es, hinter mögliche Ursachen zu blicken. Ich stellte mir nach dem Frust dieser Note folgende Fragen:
- Was geschah vor der Prüfung (auf emotionaler Ebene)?
- Wann begann ich, zu lernen?
- Wie gut verstand ich den Stoff, bevor ich mit dem Lernen begann?
Schlechte Noten sind vielfach ein Resultat von nicht aufgearbeiteten Dingen aus dem Unterricht oder falschen Lernstrategien, denen Faulheit zugrunde liegt.
- Wieso habe ich abgehängt? Was war der entscheidende Moment, an dem ich den Faden verloren hatte?
- Mit welchen Ausreden habe ich mich vor dem Aufholen des Unterrichtsstoffes und dem Lernen für die Prüfung gedrückt?
Es ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass man den Selbstwert nie aufgrund von Noten definieren sollte. Das gilt sowohl für schlechte, aber auch für gute Noten. Mache einen Gedankenstopp, wenn dich der Ärger einer ungenügenden Leistung erneut packen will und bitte Gott um Vergebung für deine Faulheit. Notiere ein paar Lernpunkte (wie zum Beispiel: «Ich muss nächstes Mal die Aufträge genauer lesen»). Gehe nach einem Rückschlag sofort wieder an die Arbeit, anstatt dich der Enttäuschung hinzugeben und nichts zu ändern.
An die Eltern:
Ich rate euch davon ab, gute Noten zu belohnen und schlechte Noten zu bestrafen.
Wenn ihr gute Noten belohnt, kommuniziert ihr, dass die Noten der Kinder einen ausserordentlich hohen Stellenwert bei euch haben und verhindert, dass eure Kinder lernen, auch ohne Belohnung für eine Prüfung hart arbeiten zu können. Dazu seid ihr gengenüber den Geschwistern unfair, die ihre Begabungen an einem anderen Ort haben, oder das Glück bzw. Pech haben, einen Lehrer mit höheren Anforderungen an seine Schüler zu bekommen. Das bewusste Wertschätzen und Loben von Engagement gehören natürlich nicht in diese Kategorie.
Das Bestrafen von schlechten Noten schafft Distanz, schadet der Beziehung und untergräbt das Vertrauen. Ich habe viele Klassenkameraden, die ihre Noten aus Angst vor Schelte den Eltern nicht mitteilen.
Darüber hinaus machst du deinem Kind klar, dass deine Liebe nur bedingt (auf Leistungen gegründet) ist. Frage dich, weshalb dir die Noten deines Kindes so wichtig sind. Geht es wirklich nur ausschliesslich um dein Kind? Oder willst du dich in deinem Kind selbst verwirklichen?
Ein Geschäftsmann sagte einmal: «Verlasse einen Ort der Erkenntnis nie ohne einen nächsten Schritt». Ich hoffe, dass das Lesen dieses Artikels genau das in dir angestossen hat. Dass du die nächste ungenügende Note nicht zusammengeknüllt in den Müll steckst, sondern nach einer Enttäuschung einen Schritt vorwärts machst.