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Vier Fliegen mit einer Klappe|
Mit der neu deutenden Uraufführung des abendfüllenden Handlungsballetts "Cinderella" zur Musik von Sergej Prokofjew ist dem Züricher Ballettdirektor Heinz Spoerli ein einhelliger Publikumserfolg gelungen. Wenn sich Spoerli einen Ballettklassiker vornimmt, was er gerne macht, dann kommt dabei stets eine Fassung heraus, die einerseits die Liebhaber traditionellen Tanzes nicht vor den Kopf stößt, andererseits aber auch jenen Respekt abnötigt, die es gerne dramaturgisch etwas stringenter und zeitgemäßer hätten. So ist es auch diesmal bei seiner neuen "Cinderella". In Zürich ist Aschenputtel eine begabte Tänzerin, die von einer bösen Primaballerina (Stiefmutter) unterdrückt wird, weil sie zwei untalentierten Mädchen (Stiefschwestern) eine Rolle an der Seite eines berühmten Solotänzers (Prinz) verschaffen will. Die Ballettmeisterin (gute Fee) schenkt Cinderella ein Paar Spitzenschuhe, in dem sie bei einer Benefizgala den Star sozusagen um die Zehen wickelt. Auf der Suche nach ihr durchstreift der Ballerino die großen Opernhäuser der Welt und findet sie schließlich in einem kleinen. Der zweite Schuh passt. Happy End.
Diese Version schlägt gleich vier Fliegen mit einer Klappe. Sie bietet viele Gelegenheiten zu klassischem Tanz, sie ist in sich logisch, sie ordnet die Handlung dem eigenen Metier zu, ohne dass sie ihre ursprüngliche Substanz verliert, und vor allem ist dieses Werk ein Stück über das Ballett selbst. Weil es nämlich auf des Ballerinos Reisen die Traditionen des Bolschoi-Balletts, des Balletts der Pariser Opéra und des Royal Ballet in London behandelt und demonstriert.
Spoerli lässt die Partien der Stiefmutter (köstlich distinguiert: Jozef Varga) und der Stiefschwestern von Männern tanzen. Das ist die einzig relevante Schwachstelle der Produktion. Zwar führt der Choreograf damit die Tradition fort, aber indem die hinreißenden Sprung- und Gesichtsakrobaten Nicolas Blanc und Kinsun Chan als Tölpel auftreten, was selbst unbegabte Tänzerinnen nicht sind, verlässt Spoerli seine dramaturgische Linie. Jiri Kylián hat zum Beispiel in seiner "Sinfonie in D" gezeigt, wie man so etwas machen könnte.
Die Wendung in die klassische Tanzszene bietet Spoerli unzählige Möglichkeiten zu Zitaten aller Art und zu bissigen Anspielungen aufs Milieu, die er weidlich und vergnüglich nutzt, bis hin zu Prokofjews lustig kullernden drei Orangen. Und sie erlaubt es ihm, für die beiden Hauptrollen das Star-Ehepaar Agnes Oaks und Thomas Edur aus England zu engagieren, das zwar vor allem in Spoerlis meisterlichen Pas de deux mit technisch nahezu makellosen Leistungen erfreut, hingegen in Sachen Darstellung so sehr dem kühlen, britischen Stil anhängt, dass es kaum Herzklopfen im Saal hervorruft. Insoweit durchaus schlüssig.
Dafür legen die Züricher Tänzer los, dass einem die Augen übergehen. Alle Solopartien sind glänzend besetzt, und wenn das Corps an der Reihe ist, ob die wie eineiige Vierlinge springenden Kavaliere, die bezaubernden Balldamen oder die exquisiten Akteure der Divertissements - Hut ab! Johan Engels großzügiges Ballettsaal-Bühnenbild, mit dem die Technik noch einige Probleme hat, und seine farblich erlesenen Kostüme bilden einen höchst attraktiven Rahmen für diese gelungene Produktion, die durch den feinsinnigen Vladimir Fedoseyev am Pult auch musikalisch ihre Meriten hat.