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In seinen 47 Lebensjahren hat US-Schauspieler Joaquin Phoenix schon dramatisch viel erlebt. Nach seiner Geburt im Oktober 1974 wuchs er zunächst in der berüchtigten Sekte «Children of God» auf, bis seine Familie der Gemeinschaft 1978 den Rücken kehrte und nach Los Angeles übersiedelte. Er und seine Geschwister begannen schliesslich als Kinderdarsteller zu arbeiten. Die grösste Bekanntheit erlangte zunächst sein älterer Bruder River, der 1993 allerdings an einem Drogencocktail verstarb. Ein Schicksalsschlag, der den bei der Tragödie anwesenden Joaquin Phoenix schwer erschütterte.
Den Durchbruch in Hollywood bescherte ihm die Rolle des Kaisersohnes Commodus in Ridley Scotts Sandalenfilm «Gladiator» (2000), für die er erstmals eine Oscar-Nominierung erhielt. Nach vielen weiteren eindringlichen Darbietungen durfte er 2020 den begehrten Goldjungen für seine Performance in «Joker» (2019) mit nach Hause nehmen. Die Ausstrahlung dieser eher ungewöhnlichen Comic-Adaption am 26. März auf ORF 1 nehmen wir zum Anlass, um die 5 besten Rollen von Joaquin Phoenix aufzulisten. Deutlich wird dabei, dass er nicht nur, wie manchmal behauptet, kaputte und düstere Figuren überzeugend verkörpern kann.
«Walk the Line» (2005)
James Mangolds Filmbiografie über die Anfangsjahre des legendären US-amerikanischen Country-Sängers Johnny Cash und seinen Aufstieg in der Musikszene mag erzählerisch nicht sehr wagemutig sein, sich oft an Konventionen klammern. Zu einem Erlebnis wird sie aber dank ihrer beiden formidablen Hauptdarsteller. Reese Witherspoon brilliert als Sängerin June Carter, die am Ende von «Walk the Line» Cashs Heiratsantrag annimmt, und wurde für ihre energiegeladene Interpretation mit einem Oscar prämiert.
Ihr Kollege Joaquin Phoenix spielt den Protagonisten mit einer fiebrigen Intensität, die auch die dunklen Seiten zum Vorschein kommen lässt. Lob und Anerkennung brachte ihm auch seine musikalische Leistung ein. Ist er es doch, der Cashs Songs in Mangolds Biopic erstaunlich nah am Original zum Besten gibt. Auch deshalb holte sich Phoenix verdientermassen seine zweite Nominierung bei den Academy Awards ab. Geschlagen geben musste er sich bei der Verleihung 2006 jedoch Philip Seymour Hoffman, der den wichtigsten Filmpreis Hollywoods für seine Darstellung des exzentrischen Schriftstellers Truman Capote in Bennett Millers «Capote» (2005) erhielt.
«The Master» (2012)
Neben eben jenem Philip Seymour Hoffman tritt Joaquin Phoenix in Paul Thomas Andersons Psychodrama «The Master» auf und liefert sich mit seinem begnadeten Leinwandkollegen ein echtes Schauspielduell. Zu sehen ist Phoenix hier als seelisch versehrter Veteran Freddie Quell, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dem charismatischen, von Hoffman verkörperten Lancaster Dodd begegnet und in dessen sektenartiger Gemeinschaft namens «Der Ursprung» ein Zuhause findet. Das komplexe Verhältnis zwischen neuem Schützling und Guru zeichnet der von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard inspirierte Film auf faszinierende Weise nach.
Mit seiner eindringlichen, die seelischen Leiden nach aussen kehrenden, immer wieder auch an physische Grenzen gehenden Performance erkämpfte sich Phoenix, im wahrsten Sinne des Wortes, seine dritte Oscar-Nominierung und fügte seiner schon beachtlichen Liste an gebrochenen, zu Extremen neigenden Figuren einen weiteren Eintrag hinzu. Für eine Auszeichnung bei den Academy Awards reichte es auch dieses Mal nicht. Spätestens jetzt stieg er aber in die erste Liga der Charakterdarsteller Hollywoods auf.
«Her» (2013)
Dass Phoenix entgegen mancher Behauptungen auch die leisen Zwischentöne beherrscht, beweist Spike Jonzes Science-Fiction-Romanze «Her» in eindrücklicher Manier. In diesem Film schlüpft der Vollblutmime in die Rolle des melancholischen Ghostwriters Theodore Twombly, der für andere Menschen ergreifende Briefe verfassen kann, sich aber im Privatleben mit Gefühlen schwertut. Als er sich ein hochmodernes neues Betriebssystem zulegt, verliebt er sich in dessen Stimme (im Original gesprochen von Scarlett Johansson).
Nicht selten wird das Gesicht des Hauptdarstellers aus der Nähe eingefangen, auf dem sich die Sehnsüchte und die Zweifel des Protagonisten in wunderbaren Nuancen abzeichnen. Auch wenn das Begehren, das er entwickelt, skurril erscheint, sorgt Joaquin Phoenix mit einer feinfühligen Darbietung dafür, dass «Her» zu keinem Zeitpunkt abgehoben wirkt. Selten wurden das Verhältnis von Mensch und Technik und unsere Bedürfnisse nach Zuneigung im Kino derart originell und vielschichtig erforscht.
«Joker» (2019)
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte Phoenix‘ Leinwandkarriere mit seinem Auftritt in Todd Phillips‘ Thriller-Drama «Joker», das eine düstere Hintergrundgeschichte für Batmans grossen Widersacher entwirft. So atmosphärisch der Film dank seiner grimmigen Retrooptik und seiner pulsierenden Musikuntermalung auch sein mag, schleppt er doch einige Schwächen mit sich herum. Wiederholt werden küchenpsychologische Erklärungen bemüht. Und zuweilen wirken die apokalyptischen Zustände etwas behauptet. Mit einer einmal mehr auch körperlich herausfordernden Performance erschafft Joaquin Phoenix aber eine Figur, die eine im Drehbuch nicht immer vorhandene Ambivalenz bekommt.
Wie der von ihm gespielte Arthur Fleck, ein schmerzhaft ausgemergelter, erfolgloser, psychisch angeschlagener Clown, nach einer fatalen U-Bahn-Begegnung zum Rundumschlag ausholt, ist erschütternd und beklemmend. Erneut lebt der Hauptdarsteller mit jeder Faser seine anspruchsvolle Rolle und schafft es, das Publikum Mitleid und Verachtung gleichermassen empfinden zu lassen. Die vierte Oscar-Nominierung war die logische Konsequenz, und dieses Mal sollte es tatsächlich klappen. Stark war aber nicht nur seine schauspielerische Leistung. Auch seine politisch aufgeladene, nachdenkliche und selbstkritische Dankesrede während der Zeremonie stach heraus.
«C‘mon, C‘mon» (2021)
Auf seine furchteinflössende Tour-de-force-Performance in «Joker» folgte 2021 mit «C’mon, C’mon» ein echtes Kontrastprogramm. Das von Mike Mills geschriebene und inszenierte Roadmovie präsentiert Phoenix in der Rolle des Radiojournalisten Johnny, der einer kürzlich zerbrochenen Beziehung nachtrauert und für eine Reportage über die Ängste und Hoffnungen junger Menschen durch die USA reist. Unterwegs erklärt er sich bereit, kurzfristig auf seinen neunjährigen Neffen Jesse (Woody Norman) aufzupassen, den er schliesslich mit auf seine Interviewtour nimmt.
„C’mon, C’mon» betört mit poetischen Schwarz-Weiß-Bildern, lässt mit seiner unaufgeregten Erzählweise Platz für Stimmungen und eigene Gedanken und verzaubert mit dem starken Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller. Frei von jeglicher Effekthascherei begegnet der erfahrene Phoenix seinem kleinen Partner Woody Norman jederzeit auf Augenhöhe, was die sich langsam verfestigende Beziehung zwischen Johnny und Jesse so authentisch macht. In ihren berührenden Gesprächen tauchen immer wieder kluge Gedanken und berührende Einsichten zum Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern auf, die diesem leisen, aber nachhallenden Film eine zutiefst humanistische Note verleihen.