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Zurück in die Heimat
Der drastische Anstieg der Mindestlöhne drängt sicherlich jene Unternehmen in Billiglohnländer wie Bangladesch oder Kambodscha, die billige, arbeitsintensive Produkte in grosser Zahl herstellen. Dazu zählen Bauwoll-T-Shirts für den Massenmarkt, Sportschuhe, Plüschtiere und mehr.
Es ist auch ein Fakt, dass viele internationale Unternehmen wieder den Weg in die Heimat suchen. Laut einer Umfrage der Boston Consulting Group verlegen 21 Prozent der amerikanischen Firmen in China die Produktion wieder zurück in die USA oder planen diesen Schritt. BCG vermutet, dass mindestens 200 Firmen bereits zurückgezogen sind. Auch japanische Grossunternehmen machen denselben Schritt: Panasonic hat im Januar bekannt gegeben, dass das Unternehmen den Grossteil der Herstellung von Haushaltsgeräten von China nach Japan verlagern wird.
Als Hauptgrund für diese Schritte werden wachsende Lohnkosten angegeben. Wenn es aber nur um wachsende Lohnkosten ginge, würden solche Unternehmen eher in Billiglohnländer wie Vietnam ziehen. Oder zum Beispiel nach Indonesien, das sogar noch niedrigere Lohnkosten als Vietnam vorweist.
Trotz den schnell wachsenden Lohnkosten sind die Löhne im chinesischen Binnenland immer noch vergleichbar mit Vietnam. Zum Beispiel Anhui, mit dem Hochgeschwindigkeitszug in wenigen Stunden von Shanghai erreichbar, hat nur um 20 Prozent höhere Lohnkosten als Vietnam. Es müssen also auch andere bestimmende Faktoren im Spiel sein.
Stark wachsender Export
Wenn der Anstieg der Lohnkosten ein kritischer Faktor für die Abwanderung von produzierenden Unternehmen wäre, müsste man annehmen, dass chinesische Ausfuhren an Boden verlieren. Es passiert aber das Gegenteil. Chinas Export-Performance ist aussergewöhnlich. Nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 wuchsen die Ausfuhren in schwindelerregende Höhen auf fast 1,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2009. China löste Deutschland als Top-Exporteur der Welt ab. In derselben Zeitperiode wuchs Chinas Anteil an den weltweiten Exporten von 4,3 Prozent auf 9,6 Prozent.
Dazu kommt, dass dieses Wachstum sowohl bei arbeitsintensiven Produkten vom Fliessband als auch in der Schwerindustrie und im Bereich Hightech passierte. Chinas Anteil an den Weltexporten stieg in der Kleidungsbranche von 17,4 auf 32,1 Prozent, bei Möbeln von 7,5 auf 25,9 Prozent, bei Schiffen von 4,1 auf 19,5 Prozent, in der Telekommunikation von 6,5 auf 27,8 Prozent und bei Bürogeräten und Computern von 4,9 auf 32,6 Prozent.
Seit 2009 nimmt Chinas Anteil am Welthandel weiterhin zu. Das Land hat die Exporte seit 2007 verdoppelt: Damals wurden pro Monat Waren im Wert von 100 Milliarden US-Dollar exportiert, Ende 2014 waren es Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar. Damit hat China das durchschnittliche Exportwachstum der Weltwirtschaft ständig übertroffen. 2009 war China für 9,6 Prozent der weltweiten Exporte (in US-Dollar) verantwortlich, 2013 bereits für 11,7 Prozent (siehe Abb. 4).
Gesunde Textilindustrie
Zieht man alle Faktoren in Betracht, wird schnell klar, dass die stark gestiegenen Löhne weder Chinas Produktionskosten gesteigert noch die Konkurrenzfähigkeit im Export gemindert haben. Deswegen sind die steigenden Lohnkosten auch nicht der Hauptgrund für die Abwanderung aus China und die Verschiebung der Produktion in andere Billiglohnländer.
So erwirtschaftet zum Beispiel die Textilindustrie in China ständig wachsende Profite. Und das, obwohl die Textilbranche zu den sensibelsten gehört, was die Steigerung der Lohnkosten anbelangt. Aufgrund der Arbeitsintensität zählen Textilunternehmen normalerweise zu den ersten, die in Billiglohnländer abwandern. Im Jahr 2013 war China für 37,1 Prozent der weltweit produzierten Textilien verantwortlich. 80 Prozent aller handgemachten Fasern werden ebenso in China hergestellt. 2013 wuchs Chinas Textilindustrie um 8,3 Prozent, für 2014 wird ein Wachstum von 7,4 Prozent prognostiziert.