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«Der arme Poet» – um 1839 von Carl Spitzweg gemalt – gehört Umfragen zufolge seit Jahren zu den Lieblingsbildern der Deutschen. Spitzweg zeigt auf diesem Bild das Klischee des armen Künstlers allein in seinem Zimmer, dem die Konzentration auf das Schreiben und Lesen weit wichtiger zu sein scheint als seine räumliche Umgebung: Das Dach ist undicht und nur notdürftig mit einem Schirm abgedichtet, es fehlt Kohle für den Ofen und die Sonne, die draussen einen schönen Tag verspricht, beleuchtet das Zimmer durch ein kleines Fenster nur auf einer Seite. Der Poet ist in die geistige Arbeit vertieft: Neben seiner Matratze stapeln sich Bücher, in der Hand hält er Papier, im Mund eine Feder.
Er arbeitet allein. In seinem Zimmer gibt es keine Spuren von Freund*innen oder Familienmitgliedern, an der Wand keine Bilder, stattdessen Verse. Der marode Zustand seines Zimmers ist nicht nur Folge seiner alltäglichen Prioritätensetzung (nämlich sich um den Wohnraum nicht kümmern zu wollen), sondern auch das Ergebnis fehlenden finanziellen Erfolgs.1
Der Poet ist arm und offensichtlich nicht Teil des bürgerlichen Lebens Anfang des 19. Jahrhunderts, das Spitzweg auf vielen anderen seiner Bilder darstellt, auf denen über dicken Bäuchen die Gehröcke spannen. Er besitzt kein Bett, nur eine Matratze, seine Jacke ist geflickt, seine Manuskripte verwendet er zum Heizen des Ofens, ohne dass sie ihm vorher etwas eingebracht hätten.
Mit dieser Sozialstudie stiess Spitzweg auf Unverständnis: Als er das Bild 1839 dem Münchner Kunstverein präsentierte, wurde es als Ironisierung des bürgerlichen Ideals vom Künstler (dessen Glorifizierung als prophetischer Welterlöser in der Romantik ihren Höhepunkt erreicht) und seinen Werken (die hier nur zum Heizen taugen) kritisiert. Unwillig betrachtete man Spitzwegs Anspielung auf das Bild jenes «trotzig-besondere[n] und eben deshalb verzweifelt-einsame[n] Dichter[s]», das im Zuge der Individualisierung und der Ausdifferenzierung eines unabhängigen literarischen Systems sowie einer autonomen Künstlerrolle zum «repräsentativen Emblem der Moderne überhaupt» geworden war.2
«Die Disproportion des Talents mit dem Leben»
Das Originalgenie, das durch seine genuine Schöpferkraft dazu bestimmt ist, vom Althergebrachten abzuweichen, um Neues zu schaffen, muss sich von der Gesellschaft distanzieren, um sich – so Schiller – vor den «Verderbnissen seiner Zeit» verwahren zu können, die es kritisch zu reflektieren sich berufen fühlt. Dichtersein war – obwohl es sich seit Klopstock und Lessing auch als Beruf im unternehmerischen Sinne etablierte – zu einer Daseinsform geworden, die sich von derjenigen des Bürgers unterschied. Er wisse für «den poetischen Genius kein Heil», schreibt Friedrich Schiller 1795 an Johann Gottfried Herder, «als dass er […] auf die strengste Separation sein Bestreben richtet. Daher scheint es mir gerade ein Gewinn für ihn zu seyn, dass er seine eigne Welt formiret […], da ihn die Wirklichkeit nur beschmutzen würde.»
Was Goethe 1790 im «Torquato Tasso» behandelt hatte – die…