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Das St. Alban-Tor
Debatten um Rüstungsausgaben und Kampfwertsteigerung dürfte es wohl seit den ersten Tagen des organisierten Heereswesens gegeben haben. Auch wenn sich die Mittel im Laufe der Zeit wandelten, so blieben manche Streitpunkte im Wesentlichen unverändert. Ein Beispiel für den Drahtseilakt zwischen Wehrwille und Sparsamkeit bildet die Basler Stadtbefestigung. In einer kleinen Artikelreihe werden die drei noch bestehenden Stadttore Basels vorgestellt.
Nach dem verheerenden Erdbeben, welches Basel am Lukastag 1356 schwer traf, rang sich die Stadt zu einer längst fälligen Massnahme durch – den Bau einer neuen Stadtmauer. Der alte Mauerring aus dem 13. Jh. wurde über weite Teile auf der so genannten Burckhardschen Stadtmauer (benannt nach dem federführenden Bischof) aus dem 11. Jh. errichtet. Zwischenzeitlich war die Stadt erheblich angewachsen, vor den alten Toren erstreckten sich, etwa zu Spalen oder um das Kloster St. Alban, florierende Vorstädte. Um nicht ganz wehrlos vor den Mauern zu sitzen, umgaben sich diese Vorstädte mit der Zeit mit eigenen Vorstadtbefestigungen.
Nur eine Vermutung
Das St. Alban-Tal am Rhein spielte eine besondere Rolle, denn dort lag beim gleichnamigen Kloster ein mittelalterliches Industriequartier. Ein Grossteil der Basler Dächer war mit Schindeln aus dem St. Alban-Tal gedeckt, wo die Wasserkraft des vom Kloster angelegten Kanals vielfach genutzt wurde. Auch hier existierte eine Vorstadtbefestigung, die sowohl zum Schutze des Klosters, aber auch zur Sicherung der wirtschaftlichen Einrichtungen und der auf dem Plateaurand über dem Tal liegenden Vorstadt diente. Ober den genauen Verlauf dieses Schutzwalls gibt es bis heute verschiedene Theorien, und in diesen Bereich gehört auch die Vermutung, dass es anstelle des St. AlbanTores schon früher ein Tor der Vorstadtbefestigung gab.
Das St. Alban-Tor war ein Teil der zwischen 1362 und 1398 erbauten äusseren Grossbasler Stadtmauer. Da nach dem Erdbeben von 1356 ohnehin vieles neu aufzubauen war, schien man sich angesichts der unausweichlichen gewaltigen Ausgaben wesentlich williger in den längst nötigen Bau eines solchen Befestigungswerks zu schicken, als es zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Fall gewesen wäre. Man plante folglich grosszügig und umschloss reichlich unbebautes Gelände, wo landwirtschaftliche Produkte wie etwa Weinreben gediehen und wo man zugleich Bauland für das weitere Wachsen der Stadt innerhalb der Mauern in Reserve hatte. Man wollte nicht in 200 Jahren wieder eine neue Mauer bauen müssen, und es sollte in der Tat die letzte der errichteten Basler Stadtmauern sein.
Am Anfang stand ein Turm
Zu Beginn des Mauerbaus erhob sich am Ende der St. Alban-Vorstadt bald ein Turm. Er wird in einer Wachtordnung von 1374 genannt, wobei festgehalten ist, dass er von den Bewohnern der Vorstadt zu bewachen sei. Erst 1387 nennt ein Waffeninventar das "sant Albansthor", womit als sicher gelten darf, dass es zu diesem Zeitpunkt als Tor in Gebrauch stand. Merkwürdig mutet die Tatsache an, dass der Turm der Tores sich hinter der eigentlichen Stadtmauer erhob, was erklären dürfte, wieso vorerst noch nicht von einem Tor die Rede war.
Man geht heute davon aus, dass als Fixpunkte erst Tore und Türme in groben Teilen am Rande eines zunächst ausgehobenen Grabens erbaut wurden und erst danach die Mauer schrittweise entstand. Eine Weile lang mag der Turm also einsam am Graben gestanden haben, darauf wartend, dass er und die Mauer so weit fertig gestellt waren, dass man ihn zum Tor umfunktionieren konnte. Dann verband man ihn mit zwei hässlichen Winkeln im Mauerzug mit der abgesetzt vor ihm verlaufenden Stadtmauer – keine elegante Lösung, aber sie erfüllte einige Jahrhunderte ihren Zweck.
An den Wehrgängen gespart
Der heute erhaltene Turm des Tores misst bei einer Seitenlänge von 8 mal 8 Metern bis zur Spitze des Pyramidendaches 30 Meter. Das Dach wechselte mit der Zeit mehrfach seine Gestalt. Zunächst dürfte der Turm mit einer holzverkleideten und überdachten Wehrplatte ausgestattet gewesen sein. Dort stand im 14. Jh. ein Pfeile verschiessendes Geschütz, genannt "Springolf" oder auch "Espringal", ausserdem hatten auf der Wehrplatte Armbrustoder Bogenschützen ihre Verteidigungsstellung. Hier liegt ein wesentlicher Teil des Verteidigungskonzepts der äusseren Stadtmauer -die Verteidigung sollte von den rund 40 Türmen der Mauer aus erfolgen.
Die Mauer selber wies keinen durchgehenden Wehrgang auf! Die Zinnen, welche die ganze Mauer krönten, waren reines Blendwerk, kein Bogenschütze lauerte hinter ihnen auf unvorsichtige Feinde; die Mauer bot stadtseits denselben nackten Anblick wie feldseits. Basel liess über 30 Jahre einen Mauerring zum Schutz errichten und schmälerte mit dem Weglassen des Wehrganges am Ende den Verteidigungswert aus traditioneller Sparsamkeit. Der Dachaufbau verschwand bis ins 16. Jh. und wurde durch ein im Zinnenkranz liegendes Pultdach ersetzt, was auch bei vielen der für die Verteidigung wichtigen Wehrtürme geschah. Damit hatte man dem Turm einen wesentlichen Teil seines Verteidigungswertes geraubt, die Zinnen waren nur noch Zierrat. Stellt sich die Frage, wie die Stadt sich eine Verteidigung ohne Wehrgänge und kampfbereite Türme vorstellte? Vielleicht hatte man auch erkannt, dass die vorangeschrittene Artillerietechnik hohe Türme zu verlockenden Zielscheiben degradierte und somit jeden ernsthaften Wehrgedanken zum Mauerring aufgegeben.
Neuerungen späterer Jahrhunderte
Der Turm des St. Alban-Tores wies aus seinen frühen Jahren feldseitig einen Fachwerkerker auf, eine so genannte Pechnase. Angreifer, die sich am Tor zu schaffen machten, konnten aus dem Erker heraus mit heissem Pech oder siedendem Wasser begossen werden. Aus dem späten 14. Jh. stammte auch das Fallgatter, welches als ein einziges kompaktes Element gefertigt worden war. Neben den mächtigen Torflügeln bot das Gatter einen zusätzlichen Schutz.
Es wurde um 1583 durch eine flexible Konstruktion mit Rammpfählen ersetzt. Diese Pfähle waren einzeln im zweiten Obergeschoss aufgehängt und konnten bei Gefahr schwungvoll niedergelassen werden. Hatten sie sich mit ihren eisenbeschlagenen Spitzen in den Boden gebohrt, ragten ihre Enden ins erste Stockwerk, wo man sie mit Hammerhieben zusätzlich in den Boden trieb. Mit einer Zugwinde im zweiten Stockwerk konnten die Pfähle wieder zur Aufhängevorrichtung emporgezogen werden.
Als der Burgunderkrieg heraufzog, errichtete man 1473 zur Kampfwertsteigerung feldseits des Tores ein Vorwerk mit Zugbrücke. Dieses Vorwerk war ein gemauerter Hof mit den gleichen Grundrissmassen wie der Turm, da aber die Werksmauern nicht so dick waren, fiel der Hof etwas geräumiger als das Torinnere aus. Inwendig gab es hier einen Wehrgang, von dem aus durch die neuartigen schlüsselförmigen Schiessscharten mit Feuerwaffen auf Angreifer geschossen werden konnte. Sinnigerweise nannte man diesen Wehrgang auch "Mordgang".
Allerdings vermochte diese Neuerung mit der voranschreitenden Waffentechnik nicht lange Schritt zu halten. Die Mauern, in welche das Tor eingebettet war, hätten der Artillerie um 1600 nicht mehr widerstanden. Der Dreissigjährige Krieg von 1618 bis 1648 machte deutlich, wie verstaubt das alte Stadtmauerkonzept war. Das Torvorwerk wurde in der ersten Hälfte des 17. Jh. überdacht und ebenfalls mit einer Pechnase versehen. Damals erhielt auch der Turm wieder ein Dach, diesmal in flacher Pyramidenform.
Die St. Alban-Schanze
1622 wurde talseitig vor dem Tor ein Ravelin angelegt. Dieses Festungswerk, das man St. Alban-Schanze nannte, war eine vom Mauerverlauf abgetrennte "Insel", als vorgeschobene Schanze allseitig selbst von breiten Gräben umgeben. Dazu hatte die Stadt sich vom französischen Festungsexperten Theodore Agrippa d’Aubigne beraten lassen. Er war als geflohener Hugenotte in der Schweiz tätig. Bald legte er einen Plan vor, der zur effektiven Verteidigung der Stadt 22 Bastionen im Stile unseres Ravelins vorsah. Basel liess lediglich vier davon bauen und glaubte sich auch mit diesem kümmerlichen Effort vor Feinden sicher.
Der Ravelin erhob sich in Stufen, sein krönender Wall war mit kleinen Türmchen versehen, welche als Wachthäuschen gedient haben mochten. Der neue Zugang zum eigentlichen Tor verlief nun von der Landstrasse über eine erste Brücke, um durch einen kleinen Torbogen auf den Ravelin zu führen. Der letzte Teil der Brücke konnte hochgezogen werden. Dann passierte man die Häuser der Wache auf dem Ravelin, und schliesslich erreichte man mit einer zweiten Brücke über den Graben das eigentliche Tor.
Beinahe abgerissen
Das St. Alban-Tor und sein wehrhaftes Umfeld waren im Laufe von Jahrhunderten entstanden, aber es bedurfte nur einiger Jahrzehnte, um beinahe alles zu beseitigen. Bis 1812 war der Zugang zum Tor über die beiden Brücken durch einen Fahrdamm ersetzt worden, dabei hatte man auch die Vorwerke abgerissen. Bis 1861 verschwand die Stadtmauer zur einen Seite des Tors, 1863 fiel sie auch rheinseits. Die Schanze von 1622 wurde 1864 teilweise abgetragen, ihre Reste gestaltete man fünf Jahre später zu einer Parkanlage um. Ein letzter Teil der Bastion verschwand 1871.
Das Tor selber sollte gemäss den Vorstellungen besonders fortschrittlich Gesonnener auch abgerissen werden, sie sprachen von einem "Steinhaufen" den man weghaben wollte, da er "trotz allen Aufstützens eine plumpe Erscheinung bleibe". Glücklicherweise blieb der Stadt jedoch die "plumpe Erscheinung" erhalten, auch wenn sie nach wunderlicher Neugestaltung von 1871/73 bis zur historisch korrekten Renovation 1976/77 ein kitschiges Bild bot. Heute ist das St. Alban-Tor ein historisches Bijou, das eine Besichtigung wert ist.
Literatur:
Rudolf Kaufmann, Basel das alte Stadtbild, 1936, Birkhäuser Verlag
C.A. Müller, Die Stadtbefestigung von Basel, 1956, Helbing & Lichtenhahn
Jahresbericht 1989 der Archäologischen Bodenforschung EIS, Katalog der landseitigen Äusseren Grossbasler Stadtbefestigungen
Guido Helmig, Jahresbericht 1985 der Archäologischen Bodenforschung BS in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde
C.H. Baer, Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 1, 1932/71, Birkhäuser Verlag
Eugen A. Meier, Basel Einst und Jetzt, 3. Auflage, 1995, Buchverlag Basler Zeitung,
Helmi Gasser und Fritz Lauber, St.Alban-Tor Einst und Jetzt, 1977, Christoph-Merian-Verlag
Mehr zu Basels historischen Baudenkmälern im Internet unter www.altbasel.ch