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Die Videowerkstatt Kanzlei Zürich entstand im Winter 1987 aufgrund des Bedürfnisses der Initianten, die Aktivitäten der „Szene“ zu dokumentieren. Die Wochenschauen berichten subjektiv über Demos, Veranstaltungen etc. Einerseits soll die Szene ihr eigenes „Familien Al bum“ haben, worin sie sich wiedererkennt. Andererseits wird versucht, die Ereignisse nicht nur eins zu eins festzuhalten, sondern eine Umsetzung in eine Sprache zu finden, die nicht dem Diktat des Aktualitäts-Journalismus unterworfen ist. Auch zu einem späteren Zeitpunkt soll die dokumentierte Realität in ihren verschiedenen Facetten erfahrbar und interpretierbar sein.
Die beiden im folgenden besprochenen Wochenschauen zeigen diese beiden Varianten der Video-Berichterstattung. Sie entstanden im Frühjahr 1987 rund um den Hungerstreik von Walter Stürm, Jacques Fasel und H.P. Günter und die Aktionen des Solidaritätskomitees in Zürich.
Um die Atmosphäre der ersten Wochenschau zu beschreiben, stelle ich ihr eine Verszeile des Gedichts von Ch. Geissler voran, das eingeblendet wird:
„... von halbhunderttausend minuten haben sechzig den Blick von Draussen“.
In diesem Video gelingt es der Werkstatt Kanzlei das Spannungsfeld „Draussen-Drinnen“ und „Drinnen-Draussen“ in eine Bildersprache umzusetzen, die für die Betrachterinnen das Zerfliessen der Grenzen visualisiert. Die Wochenschau strukturiert sich in drei Teile.
Draussen: Die klickende Kamera hält mit Schwarzweissfotos die Störaktionen des Komitees beim Wahlapero der SP fest. Die Betrachterin liest eine Videozeitung über eine Aktion von Draussen für Drinnen. Nach dieser Situationsbeschreibung kommt Farbe und Bewegung ins Bild, wir nähern uns im Auto dem Knast.
Drinnen schreibt der Gefangene mit dem Rücken zu uns einen Brief nach Draussen. Wie der Brief geschrieben wird, projiziert sich das Draussen in der Gestalt der Adressatin an die Zellenwand. Wir hören, was geschrieben und gelesen wird. Diese Sequenz scheint mir die am besten gelungene.
Im letzten und dritten Teil wird die Unerträglichkeit der Isolationshaft, die Dauer der Zeit, das Auf-sich-zurückgeworfen-sein des Gefangenen mit Geräuschen (Herzklopfen, Atmen, Tropfen) und Bildfetzen dargestellt. Es sind die Vorstellungen von Draussen her, wie es Drinnnen ist. Die Alptraum-Sequenz finde ich überflüssig, da mit dem Brief und dem Gedicht die Situation der Isolation authentisch von drinnen her vermittelt wird. Die Betrachterinnen haben zwar in dieser Sequenz die Zeit, das vorher Gesehene zu verarbeiten, sind aber zu stark in eine vorgebene Interpretation des Drinnen eingebunden.
An den Internationalen Kurzfilm-Tagen in Oberhausen BRD erhielt diese Wochenschau einen Preis.
Die zweite Wochenschau berichtet über die Besetzung des städtischen Sozialdienstes in der achten Woche des Hungerstreiks und über einen nächtlichen Feuerzauber vor dem Knast. Dieses Video ist lustig und lebendig, aber nicht mehr als eine Seite aus dem Szenenalbum.
Weitere Wochenschauen zu Themen wie Tschernobyl, Südafrika, Häuserkampf, Frauen-Kultur-Zentrum, Ethnologinnen-Kongress, Karthago etc. sind in der Bibliothek des Quartierzentrums Kanzlei in Zürich zu besichtigen. Die Videowerkstatt Kanzlei zeigt ihre Wochenschauen in Zürich im Sofakino Xenix, in St. Gallen im K 59, in Basel im Neuen Kino und in Bern in der Reithalle.