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Was geschah mit Amelia Earhart und ihrem Navigator Fred Noonan, als sie im Juli 1937 bei ihrem Flug über dem Pazifik verschwanden? Mehr als 80 Jahre nach dem tragischen Ende ihres Versuchs, mit ihrer Lockheed Electra als erster Mensch die Erde am Äquator zu umrunden, ist das Schicksal der Flugpionierin immer noch ein Rätsel.
Jetzt werfen Experten neues Licht auf die letzten Tage der wagemutigen Frau, die 1932 als erste Pilotin den Atlantik überflogen hatte. Richard Gillespie von «The International Group for Historic Aircraft Recovery» (TIGHAR) und sein Team haben alle Funksprüche Earharts analysiert, die nach ihrem Verschwinden in der Pazifikregion und in Nordamerika aufgefangen wurden.
Das Funkgerät der Lockheed Electra war zwar nur für Distanzen von wenigen hundert Kilometern ausgelegt, doch neben der gewählten Primärfrequenz sendete das Gerät die Funksprüche auch in höheren, sogenannten harmonischen Oberschwingungen aus. Diese Oberschwingungen können über bedeutend grössere Distanzen empfangen werden, doch die Tonqualität ist dabei unvorhersehbar.
Manche dieser Oberschwingungen wurden von Privatleuten auf dem Radio empfangen, als sie an der Kurzwellen-Wählscheibe drehten. 57 Berichte über solche aufgefangene Notrufe stuft Gillespie als glaubwürdig ein; die jeweiligen Empfänger befanden sich an verschiedenen Orten in Nordamerika und wussten nichts voneinander.
Im Gegensatz zur gängigen These, wonach Earhart in den Ozean abstürzte, nachdem ihr der Treibstoff ausgegangen war, glaubt Gillespie, es sei der Pilotin gelungen, auf einem Riff vor Gardner Island (heute Nikumaroro) zu landen. Von dort aus soll Earhart ihre Notrufe abgesetzt haben.
Und die wurden von Mal zu Mal hoffnungsloser. Mabel Larremore aus Amarillo in Texas, die am Abend des 2. Juli 1937 – an jenem Freitag, als Earhart und Noonan verschwanden – gerade ihr Radio ausschalten will, vernimmt die Stimme der Pilotin und hört eine gute halbe Stunde lang zu, wie Earhart ihre Lage schildert.
Die Maschine liege teilweise im Wasser, Navigator Noonan sei schwer verletzt und benötige sofortige Hilfe. Auch sie selber sei verletzt, aber nicht so schwer. Am 3. Juli fängt Nina Paxton aus Ashland in Kentucky einen Notruf Earharts auf:
Einen Tag später hört der 16-jährige Dana Randolph in Rock Springs, Wyoming:
Als Earhart die Koordinaten durchgibt, schwächt sich das Signal ab; es ist nichts mehr zu verstehen. Am Abend des selben Tages vernimmt Howard Coons in San Francisco:
Es ist schon der 5. Juli, als Betty Klenck aus St.Petersburg in Florida eine verzweifelte Earhart um Hilfe rufen hört. Das Wasser stehe schon auf Kniehöhe. Der vermutlich letzte Notruf wird am frühen Morgen des 7. Juli empfangen. Thelma Lovelace aus St.Johns in New Brunswick vernimmt Earharts Stimme:
Nach diesem Notruf fängt ein Funker auf Howland Island am frühen Abend noch ein schwaches Signal auf und vernimmt Sprachfetzen, in denen der Name Earhart fällt. Diese dürften aber – wie Gillespie glaubt – vom Funkverkehr eines Flugzeugs stammen, in dem sich das Gespräch um die Suche nach Earhart drehte. Ohnehin wäre die Flut zu diesem Zeitpunkt zu hoch gewesen; Earhart hätte das Funkgerät dann nicht in Betrieb nehmen können.
In der Tat folgen fast alle Notrufe dem Gezeitenwechsel, wie er auf der Insel stattfand: Earhart konnte nur dann Funksprüche absetzen, wenn der Motor ihres Flugzeugs in Betrieb war, ohne dass Gefahr bestand, dass er vom Meerwasser überschwemmt wurde. Dies war jeweils vom späten Abend bis zum frühen Morgen der Fall. Laut Gillespie ist dieses zeitliche Muster das stärkste Indiz, das für seine Hypothese spricht.
Gillespie vermutet, dass die Lockheed Elektra am Morgen des 9. Juli endgültig vom Riff ins Meer gespült wurde und versank – die Meeresboden fällt dort steil ab. An diesem Tag überflogen mehrere amerikanische Flugzeuge Gardner Island und sahen dort kein Flugzeug.
Gillespies Hypothese wird von einer Studie des Anthropologen Richard Jantz von der Universität von Tennessee gestützt, die dieser im März dieses Jahres in der Fachzeitschrift «Forensic Anthropology» veröffentlichte. Jantz verglich Messungen von Skelettüberresten, die auf Gardner Island gefunden wurden und später verloren gingen, mit überlieferten und zum Teil geschätzten Körpermassen von Earhart. Er kam zum Schluss, dass die gefundenen Knochen besser zu Earhart als zu 99 Prozent der Menschen aus einer Vergleichsgruppe passen.
Jantz' Hypothese kann nicht mit einer DNA-Analyse erhärtet werden, weil die angeblichen Überreste von Earhart verschwunden sind. Auch die Funkspruch-Analyse der TIGHAR-Experten dürfte noch kein wasserdichter Beweis dafür sein, dass Earhart und Noonan tatsächlich auf Garner Island notlandeten und dort einige Tage überlebten. Wie die berühmte Flugpionierin ihre letzten Stunden verbrachte, wird man wohl nie genau wissen.