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Beim Schreiben des kleinen Artikels zum 90. Geburtstag von John Scott ist uns aufgefallen, dass wir seine Filmmusiken bisher kaum besprochen haben. Das liegt einerseits daran, dass Scott einerseits nach unserem Gang ins Internet nur noch wenig komponierte und andererseits so manch eine Rezension in unseren Magazinen The Film Music Journal schlummern. Wir holen also zumindest www-mässig ein wenig auf und präsentieren hier eine frisch verfasste Auswahl von Filmmusiken des britischen Komponisten.
THE NORTH STAR wurde 1996 vom Norweger Nils Gaup inszeniert, der sich insbesondere mit dem originalen PATHFINDER (1987, kein besonders gelungenes Remake machte sich Hollywood 2007 zu eigen) einen Namen machte. Mit SHIPWRECKED (1990), den Disney mitproduzierte, wäre ihm fast der Sprung ins gelobte Filmland gelungen, doch der Film floppte. THE NORTH STAR spielt während des Goldrushs in Alaska Ende des 19. Jahrhunderts. Sean McLennon (James Caan) versucht jede Menge Minen aufzukaufen, bekommt es aber schliesslich mit einem Halbblut (Christopher Lambert) zu tun, der Rache an McLennon und seinen Handlangern nehmen will.
Haupt- und Angelpunkt von THE NORTH STAR ist das majestätische Hauptthema, zu hören in «North Star Main Theme». Zuerst wird es von den Hörnern intoniert, danach übernimmt das ganze Orchester und die Hörner werden als Kontrapunkt eingesetzt. Ein atemberaubender Track ebenso wie das tolle «North Star End Credits». Bereits im zweiten Stück verwertet Scott ein erstes Spannungsthema. Ein weiteres Spannungsmotiv ist in «The Sacred Cave» zu hören, den man mit dem Ostinato der tiefen Holzbläser und dem Einsatz der Perkussion als typisch John Scott beschreiben kann. Nur kurz ist indianisch getünchte Musik zu vernehmen, ehe Scotts Hauptthema seine romantische Seite offenbart («Indian Lament») – ansonsten verarbeitet Scott «Indianisches» geschickt in seine orchestralen Stücke. Die unvermeidliche Saloonmusik ist in «McLennon’s Saloon Tune» zu vernehmen, später wird sie Scott in «McLennon’s Piano» romantisieren. THE NORTH STAR enthält dem Ambiente und der Story geschuldet natürlich einige atemberaubende Actionstücke wie «Escape with Sarah» oder «Blizzard chase (Pursuit)». Eine tolle Variation des Hauptthemas gibt es in «With the Indians» und vom English Horn gespielt in «The Cabin».
Scotts Musik ist ein durchaus unterschätzter Hingucker, toll gemacht, üppig orchestriert und in einer Zeit entstanden, in der solche Scores ab und zu noch ohne elektronische Beihilfen auskommen durften. Aufgenommen wurde THE NORTH STAR in den Angel Road Studios mit dem The Philharmonia Orchestra, die Einspielung ist erstklassig. Veröffentlicht wurde der Score zunächst bei Touchstone/Sony und später auf Scotts eigenem JOS Label. Wie mir Klaus Post kürzlich mitteilte, fand hier das berühmt berüchtigte LEGEND/Goldsmith-Syndrom Anwendung, soll heissen: Für die amerikanische Version wurde ein anderer Komponist angeheuert, der Australier Bruce Rowland.
Phil
Die vom Berner Pfarrer Johann David Wyss für seine Kinder geschriebene Geschichte um eine Schweizer Familie, die im indischen Ozean Schiffbruch erleidet und auf einer einsamen Insel strandet, wurde mehrfach verfilmt. Am bekanntesten ist vielleicht die 1960er-Version von Ken Annakin mit ihrem William Alwyn-Score. Wie der modifizierte Titel der Adaption von 1998, um die es hier geht, bereits suggeriert, wurde wohl an der Vorlage herumgeschraubt, um beispielsweise durch Einbezug von Piraten mehr Spektakel zu bieten. Und Amerikaner sind die neuen Schweizer, oder so. Definitiv kein Oscar-Material, aber die Besetzung mit Jane Seymour, David Carradine und James Keach kann sich immerhin sehen lassen.
Und auch den Ohren wird dank John Scott, dessen Musik thematisch wie immer gut aufgestellt ist, viel geboten. Das fängt unvermittelt im ersten Track «Leaving Hong Kong» an, wo er seine zwei primären Themen, die eher für die sonnige Seite der Handlung stehen, in seefahrerischer Atmosphäre präsentiert: ein liebliches, getragenes Thema und das Hauptthema – mit seinem herzerwärmenden Abenteuerfeeling ein Ohrwurm, dem man sich schwerlich entziehen kann. Unbedingt zu erwähnen ist auch das erlesene Thema für Françoise, ein Mädchen, das als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes schon jahrelang auf der Insel lebt. Im Laufe des Scores wechseln die Stimmungen wie die Gezeiten; während der Sturm und die Piraten dramatische Klänge mit sich bringen, ist die Insel mit ihren tierischen Bewohnern Inspiration für idyllische, romantische, nachdenkliche, verspielte und humorvolle Momente. Beim Prager Radio-Sinfonie-Orchester unter Alan Wilson ist diese facettenreiche und fachkundig erstellte Musik gut aufgehoben.
Andi
MAN ON FIRE (1987) ist der eigentliche Vorgänger des gleichnamigen Tony Scott Films mit Denzel Washington. Hier spielt Scott Glenn (SILVERADO, 1985) den ehemaligen CIA-Agenten Creasy, verstört und desillusioniert nach einem Einsatz in Afghanistan. In Italien übernimmt er einen Job als Bodyguard für ein Mädchen. Er wird zur unerbittlichen Killermaschine, als dieses entführt wird. Nebst Scott spielen Joe Pesci, Jonathan Pryce, Dani Aiello und Jade Malle (die Tochter von Regisseur Louis Malle). Das Drehbuch sollte eigentlich zu einem nächsten Sergio Leone Film werden, durchlief mehrere Anläufe und fusste ganz zu Beginn gar auf einem Script von Marlon Brando. Der Film floppte kolossal, insbesondere in den USA wollte diese internationale Produktion kaum jemand sehen. MAN ON FIRE bleibt bis heute eine wenig beachtete Besonderheit.
Mit MAN ON FIRE sah John Scott die Gelegenheit, der Emotionalität in einem düsteren Thriller Platz einräumen zu können. Im ersten Stück «Man on Fire» fasst er dies mit den zwei Hauptthemen, die die Beziehung zwischen Creasy und dem Mädchen, das er beschützen soll, zusammen (im Gegensatz zur CD wird dieser Track im Film während den End Credits eingesetzt). Diese zwei Themen lässt er alternierend mal von einer Oboe, Querflöte, Klarinette, einem Saxophon und Streichern intonieren. Auf die Spitze treibt er die Gefühlswelt im grossartigen und mitreissenden «Sam Wins the Race», welcher im Film schliesslich aber keinen Platz fand. Die Spannungs- und Actiontracks bewegen sich von energiegeladen («The Search Begins») und intensiv («Sam Runs into Danger») zu brodelnd («The Kidnapping»). Scott setzt das deutsche The Graunke Symphony Orchestra ein und lässt da und dort E-Bass, Drums und eine E-Gitarre erklingen. Einen wichtigen Teil nimmt die Perkussionssektion ein, sei es in Suspensemomenten oder in actionbetonten Szenen (Snares, Tom Toms). Das 1987er Album wurde 2012 von Varèse Sarabande im Encore-Programm neu aufgelegt. Scott hatte es damals selber produziert und legte Wert darauf ein musikalisches, anstatt ein chronologisches Programm abzubilden. Leider endet die CD bereits nach 35 Minuten recht abrupt, hier wäre eine CD mit mehr Musik absolut wünschenswert.
Kurz ist Scotts MAN ON FIRE übrigens im Finale von DIE HARD (1988) zu hören, ohne Erwähnung im Titelspann wie Andreas Ullrich auf der Facebook-Seite «Filmmusik (deutschsprachige Fangruppe)» anmerkte.
Phil
John Scott hat anscheinend ein Faible für die Vertonung mariner Dokumentarfilme. Nach diversen früheren Dokumentionen mit Bezug zum Meer u.a. für Jaques Cousteau gipfelte Scotts Schaffen in dieser Richtung im Jahr 2003 im Doku-Abenteuer L’EXPEDITION JULES VERNE, einer Expedition des historischen 3-Masters Belem an verschiedenste Schauplätze.
„Gipfeln“ deshalb, weil man beim Hören dieses Werkes tatsächlich das Gefühl bekommt, dass Scott hier all sein Können und all sein Herz hineingegeben hat. Das Doppelalbum strotz nur so vor melodischer Kraft. Es bietet neben dem majestätischen Hauptthema noch diverse weitere Themen, wobei das Spektrum sowohl dieser Themen als auch der Variationen des Hauptthemas von gefühlvoll, intim und melancholisch über mitreißend dramatisch bis hin zu ehrfurchteinflößend reicht.
Ohne Kenntnis des Films – der übrigens weit weniger abenteuerlich ist, als es die Musik vermuten lässt – käme man gar nicht auf die Idee, dass dieses symphonische Werk für eine Dokumention gedacht ist, sondern eher für einen großen Abenteuerfilm erster Güte.
Die Erklärung für eine derart inspirierte und inspirierende Komposition liegt vermutlich darin, dass Scott mit seiner Arbeit nicht erst anfing, als der Film schon fertig war. Vielmehr war er schon während der Entstehung dabei, denn er war selber mit an Bord der Belem und konnte die Expedition begleiten. So konnte er ungefiltert Eindrücke vom Geschehen einfangen, sich davon inspirieren lassen und unmittelbar in seiner Komposition umsetzen. Das Ergebnis gibt diesem Ansatz definitiv Recht.
An zwei Stellen wird kurz Charlotte Ramplings Erzählstimme eingespielt, was aber keineswegs störend wirkt, sondern im Gegenteil sogar noch die lyrische Qualität des Werkes fein unterstreicht.
Wenn es überhaupt etwas störendes an diesem Album gibt, sind es die drei traditionellen Lieder auf Disc 2. Aber die sind ja schnell mit der Skip-Taste übersprungen.
Freunden romantischer Symphonik kann man dieses Werk nur wärmstens empfehlen. Und wem zwei Stunden zu viel sind, dem sei ODYSSEY OF THE BELEM ans Herz gelegt. Hierbei handelt es sich um eine gut 50-minütige Symphonie, die Scott aus L’EXPEDITION JULES VERNE gemacht hat und die auf seinem eigenen Label JOS Records erschienen ist.
Klaus
THE FINAL COUNTDOWN (1980) wurde in einer Phase verfilmt und in die Kinos gebracht, in der Science Fiction der grosse Bringer war. Von 1977 mit STAR WARS bis Mitte der Achtziger war das Genre eines der einträglichsten für die Filmtheater rund um die Welt. Regie bei diesem Zeitreise-Film führte Don Taylor, der zwei Jahre zuvor DAMIEN: THE OMEN II (1978) und anfangs der 70er Jahre ESCAPE FROM THE PLANET OF THE APES (1971) inszenierte. THE FINAL COUNTDOWN konnte nur in enger Zusammenarbeit mit der Navy auf die Beine gestellt werden, die die USS Nimitz zur Verfügung stellte. Unvergessen sind die Szenen mit den F-14 Tomcats und den japanischen Zero-Kampfflugzeuge aus dem 2. Weltkrieg. Damit sind wir auch schon bei der Story. Die Nimitz gerät in einen Sturm, der sie ins Jahr 1941 zurückführt. Dies erfahren sie allerdings erst, als Aufklärungsflugzeuge ausgeschickt werden und mit Aufnahmen Hawaiis zurückkehren, die Captain Yelland (Kirk Douglas) und Warren Lasky (Martin Sheen) merkwürdig vorkommen. Als zwei F-14 auf die japanischen Zeros stossen, die gerade dabei sind ein Boot mit Senator Chapman (Charles Durning) anzugreifen, scheint Gewiss, dass die Nimitz samt Crew zurück vor den bevorstehenden japanischen Angriff auf Pearl Harbor transportiert wurde. Soll die Nimitz den Kampf aufnehmen und somit den Lauf der Geschichte ändern?
John Scott hatte, wie er beschrieb, das seltene Vergnügen, anstatt mit dem Regisseur, den er nach eigenen Angaben nie zu sehen bekam, direkt mit dem für den Schnitt Verantwortlichen, Robert Lambert, zusammenzuarbeiten.
Hauptaugenmerk dieses leitmotivisch geprägten Scores liegt auf dem herrlich eingängigen, patriotischen Hauptthema für Blech, Streicher, Timpani und Becken, das immer dann eingesetzt wird, wenn die modernen Flugzeuge starten, landen oder im Einsatz sind («The Final Countdown–Main Titles») und wenn das emsige Treiben auf dem Träger gezeigt wird. Abgeleitet davon ist eine Spannungsvariante, die u.a. gegen Ende des erwähnten Tracks zu hören ist. Mehrere Variationen des Hauptthemas durchziehen den Score («The USS Nimitz en route», «General Quarters» und «Operation Pearl Harbor»). Zwei ominös klingende Motive, zu Beginn von «Mr. Tideman» von den Posaunen gespielt und Tremolo-Streichern sowie Holzbläsern begleitet, sind für den geheimnisvollen Mr. Tideman und die Entdeckung, in welcher Ära sich die Nimitz befinden könnte, reserviert. Ein dazu gehörendes Thema, man darf es sicherlich als Liebesthema beschreiben, wird von Querflöte über Streichern und Oboe mit Horn gespielt: «Laurel and Owen». Für den Sturm selber komponierte Scott ein gefahrvoll klingendes Stück, ein wenig an JAWS erinnernd, für tiefe Streicher, Blechbläser und Klavier, dessen Tempo er anpasst, je näher sich der Sturm zur Nimitz hinbewegt («Pursued by the Storm»). Für den Zeitsprung («Into the Time Warp») experimentierte Scott zusammen mit Recording Engineer John Richards mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten seiner mit ethnischen Flöten aufgenommenen Tapes – auf Synthesizer, was durchaus eine (einfachere) Lösung gewesen wäre, verzichtet der Komponist. Dazu setzt er Tremolos der Violinen und lässt die tiefen Register in Ostinatos das Sturm-Motiv spielen. THE FINAL COUNTDOWN ist ein grossartiger, ungemein abwechslungsreicher und mitreissender Score von John Scott, ohne Umschweife eine seiner besten Arbeiten. Deshalb ist der Text dazu auch etwas länger als geplant ausgefallen.
Die Musik erschien u.a. bei Tarantula als Bootleg. Scott selber entdeckte die CD in einem Shop in London und musste, wie er meinte, sogar 20£ dafür bezahlen. Erst 2002 erschien die Musik offiziell bei Scotts eigenem Label JOS.
Phil
Als der kleine Mowgli in die Zivilisation kommt, wird ein Zirkus-Scout auf ihn aufmerksam, der ihn als Attraktion bei P. T. Barnum unterbringen will. Soweit der Haupthandlungsstrang dieses Streifens; ob und wie weit er Rudyard Kiplings zweitem Dschungelbuch gerecht wird, weiss ich nicht, da ich weder den Film noch dessen literarische Vorlage kenne. Wie dem auch sei, dieser Realverfilmung über das Dschungelkind und seine tierischen Gefährten war kein grosser Erfolg beschieden.
Was jedoch hinsichtlich der Musik keine Rolle spielt, denn deren Qualität ist beachtlich. John Scott geht sehr inspiriert zu Werk, und mit Freude lauscht man dem auf seinem Label veröffentlichten Score mit einer stattlichen Laufzeit von beinahe 70 Minuten. THE SECOND JUNGLE BOOK sprüht nur so von verschiedensten Stimmungen, die von lebhaft und verspielt, über lieblich und exotisch bis zirzensisch, majestätisch und dramatisch reichen. Da und dort werden kurzzeitig bekannte Melodien aus der Klassik fachgerecht eingearbeitet. Viele orchestrale Feinheiten prägen die Musik, und wie stets bei Scott sind einige ganz feine Themen zu verzeichnen. Es seien hier das Haupt- sowie insbesondere das Harmony-Thema als vielleicht einprägsamstes Element erwähnt, wobei beide nicht über Gebühr zum Einsatz kommen. Unter Leitung des Komponisten spielt das Seattle Symphony Orchestra.
Andi
25.11.2020