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Am Sonntagnachmittag im formidablen Kulturzentrum philosophe in D. wurde wieder einmal der schöne Brauch des Büchertauschs gepflegt: also mitzubringen, was man selbst nicht mehr möchte und doch anderen dienen könnte, und mitzunehmen, was einen so gelüstet. Die Auswahl reichte von vielfältiger Belletristik über Kochbücher bis zu, ja, Politliteratur. Zumeist gut gepflegte neue Bücher. Dazwischen dann allerdings doch ein paar ältere Ausgaben, darunter von Erich Mühsam: «Publizistik. Unpolitische Erinnerungen». Aus dem Verlag Volk und Welt in der untergegangenen DDR, die zweite Auflage von 1985, nach der ersten Ausgabe von 1978. Mühsam war schon früher in der DDR wieder aufgelegt worden, was doch für einen unermüdlichen Anarchisten einigermassen erstaunlich ist; aber er wurde wohl, wenn es auch zynisch klingt, durch seine Ermordung 1934 im KZ Oranienburg für würdig befunden, in die kommunistische Tradition integriert zu werden.
Jedenfalls, im Buch, schon etwas zerlesen, mit wenigen Anstreichungen, fanden sich ein paar eingesteckte Beilagen: eine Einladung zu einer «Taufkreisefete» aus dem Jahr 1986, eine Einkaufsliste («Milch, Butter … Malzkaffee»), und dann eine ältere, leicht zerfledderte «Zahlkarte». Offensichtlich ein Einzahlungsschein für das Postscheckamt Berlin-Britz. Ausgestellt für «Herrn Erich Mühsam». Wie, was? Ein Originalrelikt (eine Reliquie)? Tatsächlich, das Verzeichnis der Studienbibliothek des verstorbenen Theo Pinkus in der Zürcher Zentralbibliothek verzeichnet eine gleichartige Zahlkarte, beiliegend dem «Fanal», der anarchistischen Monatsschrift, die Mühsam zwischen 1926 und 1931 in Berlin herausgab und verlegte und weitgehend schrieb. Was zeigt, dass ein Fanal selbst das beschauliche D. erreichen kann.