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Predigt
vom 30. April 2006, gehalten von Pfarrer Jakob Vetsch
in der Paulus- und in der Matthäuskirche, Zürich
ALLES
HAT SEINE ZEIT
"Alles hat seine Zeit. Jedes
Ding hat seine Stunde unter dem Himmel.
Das Geborenwerden hat seine Zeit, und das Sterben hat seine Zeit.
Das Pflanzen hat seine Zeit, und das Ausroden der Pflanzung hat seine
Zeit.
Das Töten hat seine Zeit, und das Heilen hat seine Zeit.
Das Niederreißen hat seine Zeit, und das Aufbauen hat seine
Zeit.
Das Weinen hat seine Zeit, und das Lachen hat seine Zeit.
Das Trauern
hat seine Zeit, und das Tanzen hat seine Zeit.
Das Steinewerfen hat seine Zeit, und das Steinesammeln hat seine Zeit.
Das Umarmen hat seine Zeit, und das Sich-meiden hat seine Zeit.
Das Suchen hat seine Zeit, und das Verlieren hat seine Zeit.
Das Aufbewahren hat seine Zeit, und das Wegwerfen hat seine Zeit.
Das Zerreißen hat seine Zeit, und das Zusammennähen
hat seine Zeit.
Das Schweigen hat seine Zeit, und das Reden hat seine Zeit.
Das Lieben hat seine Zeit, und das Hassen hat seine Zeit.
Der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat seine Zeit."
Prediger 3,1-8
Ein ungelegenes Wort, ein allzu freimütiges Lachen, ein
kleiner Irrtum, und schon zischt einem das Blut durch die Adern, das
Gesicht wird rot. Wir erhalten Signale, die unser Verhalten negativ
bewerten.
Ein passendes Wort, ein wohlwollendes Lächeln, ein
schöner Erfolg, und unser Gemüt setzt sich in
gelöster Entspanntheit, in zufriedener Ruhe. Wir erhalten
Signale, die unser Verhalten positiv bewerten.
Wir kennen solche Vorkommnisse aus dem alltäglichen
Leben. Wir beobachten und prüfen uns beharrlich. Wir sitzen
uns selber im Nacken und halten die eigene Person mit ihren
Aktionen und Reaktionen unter Kontrolle. Oftmals steht die Frage
"Verhalte ich mich auch richtig?" im Mittelpunkt unseres Lebens. Und
die
Antwort orientiert sich oft am Werteurteil von Mitmenschen, weil wir
uns nach Akzeptanz, nach Angenommensein sehnen.
Wir spüren im zwischenmenschlichen Umgang: Es gibt das rechte
Wort zur rechten Zeit; es gibt aber auch das unpassende Wort
zur
falschen Zeit. Da sind Augenblicke, in denen das Schweigen mehr als
tausend Worte sagt. Unsere Sprache findet ihre Grenze, sie kann niemals
alles mitteilen. - "Das Schweigen hat seine Zeit, und das Reden hat
seine Zeit!"
Wie wir in der Kommunikation mit unseren Nächsten darauf
bedacht sind, unser Handeln mit der passenden Zeit in Einklang zu
bringen, so bestimmt diese Verhaltensweise das Leben
überhaupt. Die Kreisläufe von Tagen, Wochen, Monaten
und Jahren, die Zyklen von Tag und Nacht, Sommer und Winter,
Sonnenschein und Regenguss fordern unser Tun heraus und verlangen
Einsatz zu
seiner Zeit. Der Bauer weiss, wann das Gras gemäht
wird. Er weiss, wann das Heu eingelegt wird. Der Prophet sagt:
"Es lehrte ihn sein Gott." (Jesaja 28,26) - "Das Pflanzen hat seine
Zeit, und das Ausroden der Pflanzung hat seine Zeit."
Wenn der Weise spricht: "Mein Sohn, achte auf die rechte Zeit!" (Jesus
Sirach 4,20), so
will er den Heranwachsenden einüben in ein Leben der Harmonie
von Tun und Lassen, Zeit und Unzeit.
Darin steckt Wahrheit. Wie wir uns der Zeit gegenüber
einstellen, so zeigt sie uns ihre Gesichtszüge. Wenn wir die
Zeit nicht kennen, wird sie uns überraschen. Sie wird uns
zuweilen sogar als unerbittliche Feindin entgegentreten. Wenn wir die
Zeit kennen, kommt sie mit uns des Weges und steht uns als
verlässliche Freundin zur Seite. - "Alles hat seine Zeit.
Jedes Ding hat seine Stunde unter dem Himmel." - Da geht es um
Harmonie,
auch wenn sie nie vollkommen sein wird; da geht es um ein
Zusammenwirken und ein Zusammenarbeiten der Kräfte, auch wenn
es nie perfekt gelingen wird. Das meint der weise Prediger Salomo mit
seiner allgemeinen Einleitung: "Alles hat seine Zeit. Jedes Ding hat
seine Stunde unter dem Himmel."
Als erstes konkretes Beispiel nennt er die Geburt und den Tod: "Das
Geborenwerden hat seine Zeit, und das Sterben hat seine Zeit." Er
beginnt in seiner Aufzählung, die richtig mathematisch,
geordnet, ausgewogen, harmonisch anmutet, mit dem Wichtigsten, dem
Geborenwerden und dem Sterben. Die Sprache legt es uns nahe: geboren
wird man, sterben tut man. Unser Weg ist ein Weg vom Passiven ins
Aktive, vom Getragenwerden ins Tragen. Da sind zwei Zeitpunkte, die den
Anfang und das Ende des Lebens auf Erden markieren, sagt uns der weise
Prediger Salomo. Und dazwischen ist eine Zeitspanne, für die
wir zunehmend Verantwortung übernehmen. So merken wir es der
Sprache
an. Jedes Ding hat seinen Zeitpunkt, und alle Geschehnisse haben auch
ihre Zeitspanne unter dem Himmel, oder eben: auf Erden. In die Zeit,
das sagt uns der Prediger nüchtern und ganz sachlich, ist
alles und sind alle mit hinein genommen, auch wir. Da gibt es kein
Entrinnen. Das hat etwas Einordnendes an sich, wir gewinnen unseren
Platz unter Gleichen. Es enthält auch eine soziale Komponente,
weil dies für alle gilt, für arm und reich.
Vielleicht trifft uns dieser erste Gedanke am meisten. Vielleicht ist
er aber auch der wichtigste und wertvollste für uns. Ein altes
koreanisches Lied, von dem mir einmal ein Studienkollege aus
Südkorea erzählt hat, geht so:
"Du steiler,
stolzer Bergbach!
Wie stürzest du dich doch so schnell ins Tal hinunter.
Wie rauschest du unaufhaltsam von der Höhe in die Tiefe.
Wie schlängelt sich dein reines Weiß durch alle
Hindernisse hindurch.
Bergbach, du musst gar nicht so stolz und schnell fliessen;
wenn du einmal im Meer angelangt bist, gibt es kein Zurück."
Wie dieser Bergbach aus der Zeit in die Ewigkeit
fliesst, so gehen auch wir unseren Weg. Stolz ist nicht
angebracht. Hetzen ist auch deplatziert. Mehr Genuss und Freude sind
aber vonnöten! Dazu ruft eben auch der Prediger auf. Etwas,
was wir in unseren Kirchen so selten hören. "Gehet hin, und
geniesst es!" So werden wir am Ende eines Gottesdienstes wohl
kaum entlassen. "Gehet hin in Frieden, und geniesst, was zu
geniessen ist!" So könnte es auch heißen.
Das läge auf der Linie des Verfassers unseres Bibeltextes.
Denn im selben Kapitel geht es so weiter:
"Alles hat Gott gar
schön gemacht zu seiner Zeit,
auch die Ewigkeit hat er den Menschen ins Herz gelegt." (...)
"Da merkte ich, dass es unter den Menschen nichts Besseres gibt,
als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben.
Dass aber ein Mensch essen und trinken kann
und sich gütlich tun bei all seiner Mühsal,
auch das ist eine Gabe Gottes."
Weiter unten wird nochmals zusammenfassend gesagt:
"Jedes Ding und jedes Tun hat seine Zeit."
Und dann wieder die eigentliche "Prediger-Parole":
"Es gibt nichts Besseres,
als dass der Mensch fröhlich sei bei seinem Tun;
das ist sein Teil."
Wir dürfen es ihm glauben, dem großen
Skeptiker und Zweifler, der am Anfang seines Büchleins
komplett resigniert ausgerufen hatte:
„Wie ist alles so nichtig! Wie ist alles so nichtig! Es ist
alles umsonst!“ (Prediger 1,2) Doch dann schaute er eben, was
Gott gemacht hat. Er merkte, dass alles seine bestimmte Stunde und
seine Zeit hat. Er erkannte das Werk Gottes, und dass Gott dabei auch
an den Menschen gedacht hat. Dieses
Werk steht, und Gott erneuert es jeden Tag für uns. Da ist
immer wieder eine Chance, die ergriffen werden kann. Der Rahmen ist
gesetzt. Es liegt auch an uns, wie wir ihn füllen. Vor vielen
Jahren hat dies einmal ein Nachbar zu einem jungen Pfarrer in den
Bündner Bergen so gesagt:
"Sinne täglich nach über Tod und Leben, ob du es
finden möchtest, und habe einen freudigen Mut; und gehe nicht
aus der Welt, ohne deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter
des Christentums durch irgendetwas öffentlich bezeugt zu
haben."
"Es ist im Menschenleben wie bei meinen Immi (Bienen): Ich stelle ihnen
im Frühling die Rähmli in den Kasten, bauen
müssen sie selber. Es ist mir, Gott gebe und bestimme jedem
Menschen seinen Lebensrahmen, ausfüllen muss ihn der Mensch
selber. Das Rähmli zeigt den Immi, wo sie anfangen sollen und
aufhören müssen. Die Rähmli aber
können sie nicht selber machen." (Aus "Mein Nachbar Hidschi",
von Pfr. Emil Marty, 1895-96 in Klosters-Serneus GR, zitiert in: Jakob
Vetsch, Das Gotteshaus zu Serneus, Klosters 1979, Schiers 2004).
Dazu der unvergessliche Wunsch des Matthias Claudius, den er als
letzten Satz in seinem Brief "An meinen Sohn Johannes" im Jahre 1799
geschrieben hat, und mit dem ich auch diese Predigt schliessen
möchte:
Wenn wir so leben, müssen wir nicht dermassen
gespannt sein
wegen Aktionen und Reaktionen. Dann müssen wir auch nicht so
abhängig sein vom Urteil anderer. Dann ruhen wir aktiv in
Gottes
Hand und suchen immer wieder dankbar den Gleichschritt mit der Zeit,
deren Rahmen wir mit Liebe zu füllen trachten; Liebe, die aus
dieser Zeit in die Ewigkeit quillt.
last update: 12.08.2015