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NOCHMALS IM RAMPENLICHT (1945 bis 1959)

Vorwurf der Nazi-Kollaboration.
Nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 begibt Grock sich wieder auf
Tournee. Doch in der Presse wird er angefeindet, Schweizer Zeitungen werfen
ihm vor, während des Krieges mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. Auch
in Frankreich erscheinen gehässige Artikel. Als Beweise dienen die Fotos mit
Widmungen von Hitler und Goebbels in Grocks Villa und Pressebilder aus dem
Jahre 1942, die den Clown von Deutschen Soldaten umringt zeigen. Aber nichts
kann belegen, dass Grock für das Dritte Reich öffentlich Stellung bezogen
hat. Seinem Erfolg auf der Bühne schaden alle Berichte nichts. Wo immer
Grock auftritt übrigens wieder mit Max van Embden! sind die Theater
ausverkauft.
Im 2. Weltkrieg ist Grocks Reichtum verflogen.
1946 muss Grock realisieren, dass er kurz vor dem Ruin steht. Nicht nur hat
sich sein Geld auf italienischen und deutschen Konten in Luft aufgelöst,
auch sein Anwesen in Oneglia ist stark beschädigt, nachdem zuerst deutsche
Truppen, dann italienische Partisanen und schliesslich englisches Militär
darin gehaust haben. «Der arme Rentner», wie er sich nun selber nennt, muss
wieder an die Arbeit und Geld verdienen. Ein Leberleiden zwingt ihn aber,
vorerst auf jegliche Auftritte zu verzichten.
«Au revoir, Mr. Grock» im Kino.
1947 steht er wieder auf den Varieté-Bühnen, von denen es von Jahr zu Jahr
weniger gibt. Viele dieser Häuser sind im Krieg zerstört, andere danach
geschlossen oder in Kinos umgebaut worden. Da Grocks Nummer ausserdem nicht
mehr so recht ins Varieté der Nachkriegszeit passen will, spricht Grock
Anfang 1949 auf einer Presse-konferenz in Paris einmal mehr von seinem
definitiven Bühnenabschied. Gleichzeitig präsentiert er ein letztes
Filmprojekt, das unter dem Titel «Au revoir, Mr. Grock» sein Leben erzählen
soll. Dieser Film, 1950 mit grossem Aufwand uraufgeführt, wird zwar auch
kein Kassenschlager, trägt aber Grock immerhin keine Verluste ein.
Mut zum eigenen Zirkus.
Nach einer weiteren Erkrankung entwickelt Grock neue, grosse Pläne und
gründet einen Varieté-Zirkus. Mit seinem Neffen Jean-Jacques Bessire
erfindet er eine drehbare Manege von neun Metern Durchmesser, auf der man
ihn auf sämtlichen 4¹500 Plätzen von allen Seiten sehen können soll. Das
gigantische Unternehmen umfasst ein Viermast-Zelt, vierzig Wohnwagen, sieben
Traktoren, einen Kran- und unzählige andere Lastwagen.
Am 24. März 1951 hat Grocks Zirkus im vom Krieg verwüsteten Hamburg
Premiere. Das Zelt ist berstend voll, der Erfolg für ihn, seinen Partner
Alfred Schatz und die ganze Truppe überwältigend, der Start als
Zirkusdirektor ist geglückt!
Caterina Valente¹s erster Schritt zum Schlagerstar.
Im Vorprogramm des Zirkus Grock tritt der deutsche Jongleur Eric van Aro
auf, dessen Frau Sängerin und Tochter des Artisten-Ehepaars Maria und
Giuseppe Valente ist. Grock, der das Talent von Caterina seit ihrer Kindheit
kennt und bewundert, ermutigt sie, selbst ein paar Lieder vorzutragen. Auch
das Publikum in Zürich, wo sie zum allererstenmal singt und tanzt, ist
begeistert, und der zufällig anwesende Unterhaltungschef des Radiostudios
Zürich lädt sie zu Aufnahmen ein. Die neue Stimme kommt gut an und ist schon
bald auf vielen Sendern Europas zu hören. So beginnt nach dem Ende der
Zirkus-Tournee die steile und lange Karriere der Entertainerin Caterina
Valente.
Die letzte Schweizer Tournee.
Grocks Gastspiel in Zürich im Mai 1953 ist Teil seiner letzten Tournee durch
sein Heimatland. Es findet auf dem Milchbuck, in einem Aussenquartier statt,
weil ihm die Behörden die Erlaubnis verweigern, sein Zelt auf dem
Sechseläutenplatz aufzustellen. In der Lokalpresse wird der Entscheid des
Stadtrats heftig kritisiert, und auch das Zürcher Publikum stellt sich ganz
auf seine Seite. Es bereitet dem alten Clown einen grandiosen Empfang und
übersät die Manege mit Blumen. Aber nicht nur in Zürich, sondern auch in
Bern, Genf, Vevey und überall, wo Grock auftritt, feiert er Triumphe.
Der endgültige Abschied von der Bühne.
Mit 75 Jahren zieht Grock 1954 mit seinem Zirkus nochmals durch Frankreich
und Deutschland. Noch immer schafft er seine akrobatischen Einlagen, auch
den legendären Sprung aus dem Stuhl. Aber er ist müde geworden, am Schluss
der Saison will er aufhören. Ort und Datum stehen genau fest: Am 30. Oktober
steht er in Hamburg zum letzten Mal auf der drehbaren Manege, noch einmal
jubelt ihm das Publikum zu, danach verlässt «der Kerl, der gerne boxt und
rauft und sein Leben lang nie zimperlich war» weinend die Manege. Ein
allerletztes Mal ist der grosse Clown Grock am italienischen Fernsehen zu
sehen, er muss jetzt aber gewisse akrobatische Teile weglassen, und selbst
das Musizieren fällt ihm schwer.
«Ich würde wieder Clown!»
Einen weiteren Auftritt am italienischen Fernsehen lehnt er ab. Aber die
Gewissheit, nie mehr Grock zu sein, erträgt Adrien Wettach schlecht. Oft ist
er übel gelaunt, die Villa «Bianca» verlässt er kaum noch. Auch das
Komponieren, Basteln und Fotografieren, sein Garten, überhaupt alles macht
ihm keinen Spass mehr. Nur eines weiss er ganz bestimmt: «Gäbe es die
Möglichkeit einer Wiedergeburt, und man könnte sich wünschen, als was man
wiedergeboren würde, wäre für mich klar: Ich würde wieder Grock ein
Clown!»
Am frühen Morgen des 14. Juli 1959 stirbt Charles Adrien Wettach, die
Nachricht verbreitet sich in Windeseile um die ganze Welt: «Grock der
König der Clowns ist tot!»
© Raymond Naef, Switzerland