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Schwule berichten von ihrem ersten Sex-Erlebnis
Über 70 Männer erzählen von ihrem ersten schwulen Sex: Die einen hatten ihn im Alter von fünf Jahren, die anderen erst mit 36. Um der Zeitspanne von über sechs Dekaden gerecht zu werden, hat der Herausgeber sechs sinnvolle epochale Kapiteleinteilungen vorgenommen. Die ersten Texte sind vor den bahnbrechenden Ergebnissen des Kinsey-Reports situiert (1930-1948), die zweite Gruppe beschreibt das erste Mal in der Nachkriegszeit (1949-1959), die dritte und vierte Gruppe werden durch die Stonewall-Ereignisse getrennt (1960-1969 und 1970-1977) und der Schritt von der fünften zur sechsten Gruppe markiert den Einschnitt, den Aids mit sich brachte (1978-1985 und 1986-1994).
Von einigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich hier um keine professionellen Schriftsteller, viele Texte sind anonym veröffentlicht. Es verwundert daher nicht, dass die meisten Geschichten sicherlich keinen literarischen Höchstgenuss bieten. Doch sie sind ansprechend für zwei unterschiedliche Lesergruppen. Für junge Leser, die einen fiktiven „Erfahrungsaustausch“ suchen, um ihre eigene Sexualität verorten zu können, bietet diese Sammlung jede Menge identifikatorisches Material. Und dem kulturgeschichtlich interessierten Leser gibt die Anthologie Aufschluss über die Entwicklung amerikanischer Sexualmoral, schwuler Sexualität und sexueller Praktiken. Erstaunlich sind besonders zwei Befunde: Es gibt nur eine einzige Schilderung, bei der das erste Mal mit einem Transvestiten stattfand, und es zeichnet sich ein Trend ab, demzufolge die früheren Erlebnisse generell optimistischer dargestellt werden als die aus jüngster Zeit. Es ist demnach gerade nicht so, dass mit einer zunehmenden schwulen Emanzipierung Sex zwischen Männern leichter wurde. Im Gegenteil: Früher durfte Mann relativ unbeschwert Sex untereinander haben, ohne darüber nachdenken zu müssen. Die gesellschaftliche „Unsichtbarkeit“ des Schwulen machte Homo-Sex leichter, das suggerieren die frühen Geschichten immer wieder. Mit der allmählichen gesellschaftlichen Aufklärung und Akzeptanz allerdings wuchs auch der Zwang, „sich zu bekennen“, d.h. ein Coming-out zu haben. Mag die „Frucht“ heute auch nicht mehr verboten sein, der erste schwule Sex ist deshalb noch lange nicht frei von Schuldgefühlen. „Paradiesisch“ wird es meist erst später, aber davon erzählt eher Jack Harts frühere Anthologie My Biggest O: Gay Men Describe „the Best Sex I Ever Had“. –RJ Poole
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