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Kwaito
Scheinendes Glitzern der Freiheit
Kwaito ist ein widersprüchliches Genre. Bis heute haftet der Musik und ihren Hörer/innen das Stigma an, sich nur an Partys und materiellen Werten zu orientieren und ein mangelndes politisches Bewusstsein aufzuweisen. Tatsächlich wirkt die Ästhetik von Kwaito sehr affirmativ: der Beat passend zum selbstvergessenen Tanz, die Texte eine Wiederholung der neuesten Slang-Catchphrases und die visuellen Repräsentationen – teure Autos und glänzende Ketten – der Kultur der US-amerikanischen Rapper entlehnt. Und doch ist Musik immer politisch. Sie bezieht sich implizit auf die Lebensrealitäten, ist in soziale Praktiken eingebettet und repräsentiert unbefriedigte Sehnsüchte.
Seinen musikalischen Ursprung hat Kwaito im House. Entwickelt in Chicago, erreichte diese elektronische Tanzmusik Ende der 1980er Jahre Südafrika. Zuerst wurden House-Platten von einzelnen weissen DJs gespielt und rudimentär kommerziell vertrieben, bevor schwarze DJs die Musik auf Tonbandcompilations mixten und an den Taxi-Ranks verkauften. An den Tapes haftete etwas Unfassbares: Die Kassettenhüllen waren unbeschriftet und der Entstehungskontext lag im Dunkeln. Klar war nur, dass die Musik aus dem Ausland kam. Deshalb wurde sie synonym zu House auch einfach International Music genannt.[74]
Der emanzipatorische Nimbus des Internationalen lässt sich für die Apartheidzeit nicht unterschätzen: Für Angehörige von unterdrückten Gruppen haftete an Musik von „ausserhalb“ etwas Hoffnungsvolles und Utopisches.[75] Für House-Musik aus Übersee entstand nebenbei ein weiterer Name: Kwaito. Der etymologische Ursprung könnte im Afrikaans-Ausdruck kwaai liegen, der im Sinne von „cool“ oder „hot“ verwendet wurde.[76] In der Phase des Umbruchs der 1990er Jahre, der neue Möglichkeiten zum Erwerb von Musikequipment brachte, begannen sowohl Laien als auch ausgebildete Musiker, sich die International Music anzueignen, selbst zu produzieren und mit eigenem Text zu begleiten – oft gleichzeitig in verschiedenen Sprachen. Besonders hervorzuheben sind Englisch und Tsotsitaal, die beide zur Zeit der Apartheid für schwarze Kultur verboten waren, jedoch – im Falle Tsotsitaal – in den Townships als Verkehrssprachen genutzt wurde.[77]
Diese Musik wurde fortan vornehmlich „Kwaito“ genannt, wenn auch „House“ noch immer als Nebenbezeichnung überlebte. Die selbstproduzierten Stücke unterscheiden sich von früherem House durch Tempo und Text. Während House üblicherweise etwa 120bpm aufwies, besassen Kwaito-Beats nur etwa 100bpm. Ein Ursprungsmythos besagt, dass ein Club-DJ eine House-Platte versehentlich mit 33,33rpm statt 45rpm gespielt und damit unerwartete Begeisterung ausgelöst habe. Eher hat es aber damit zu tun, dass in den 1990er Jahren britische Speed Garage-Platten zirkulierten. Weil Speed Garage unter den schwarzen Jugendlichen zwar geschätzt, das Tempo allerdings mit Rock – ein als genuin „weisse“ Musik erfahrenes Genre – assoziiert wurde, wurden die Platten ganz bewusst mit der „falschen“, heisst: geringeren Geschwindigkeit gespielt.[78]
Der Aufstieg von Kwaito begann um die ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994. In vielen Songs klingt an, dass das Land nun endlich die Geschichte aufgeholt hat. Doch hierin die offiziell propagierte Aufbruchsstimmung widerspiegelt zu sehen, wäre verkürzt: Es ist neben neuer Hoffnung auch die Nostalgie nach alten Hoffnungen. Mit der Demokratie wurde zwar die formale Freiheit der nichtweissen Bevölkerung errungen. Doch es wurde umso ersichtlicher, woran das freie Südafrika auch nach der Apartheid weiterhin krankte: Arbeitslosigkeit, Armut, HIV, Kriminalität.
Kwaito trägt ein dialektisches Versprechen von Freiheit in sich: Die Partyästhetik kollidiert nicht erst durch die kritischen Kommentare von Journalist/innen mit der makelhaften Realität. Und es braucht nicht erst die Ideologiekritik, um die angeblich entpolitisierte Jugend davon zu überzeugen, dass das Kwaito-Glitzern ein Schein ist. Vielmehr ist Kwaito dieser Widerspruch bereits inhärent: Die dargestellte Unbeschwertheit fungiert im Kontrast mit der Realität als Index für die faktisch verwehrte positive Freiheit im Post-Apartheid Südafrika. Und genau das macht die Musik wieder politisch.
Mandoza: Phunyuka Bamphete, auf: ebd.: Phunyuka Bamphete, CCP Records 2005.
Trompies: Celebrate, auf: ebd.: Mapantsula, Universal Music 2008.
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