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Rossini: Der Barbier von Sevilla
Gioachino Rossinis 1816 in Rom uraufgeführte Verwechslungskomödie „Der Barbier von Sevilla“ steht exemplarisch für die Opera buffa.
© Gemeinfrei
Die Gewitterszene aus dem zweiten Takt des „Barbier von Sevilla“
„Ich gebe zu, dreimal in meinem Leben geweint zu haben: als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.“ (Gioacchino Rossini)
„Il barbiere di Siviglia“ („Der Barbier von Sevilla“) gilt als Opera buffa par excellence und rangiert unter den zwanzig meistgespielten Opern weltweit. Ihr Schöpfer Gioachino Rossini war bereits zu Lebzeiten sehr erfolgreich. 1792 wurde er in eine Musikerfamilie aus Pesaro hineingeboren und entwickelte sich früh zum produktiven Vielschreiber. Mit achtzehn Jahren hatte er neun Opern für das Theater in Venedig fertiggestellt, insgesamt brachte er es auf fast vierzig Werke für dieses Genre. Außerdem war er eine Ikone des italienischen Lebensstils, ein Lebemann, der als geselliger Gastgeber brillierte. Ein Gericht aus Rinderfilet, Gänsestopfleber und Trüffel ist nach ihm benannt. Unvergessen ist er jedoch in erster Linie für seine Ouvertüren und Arien, vor allem die Komödie war sein Steckenpferd. 1816, er war 24 Jahre alt, wurde „Der Barbier von Sevilla“ in Rom uraufgeführt, damals noch unter dem Titel „Almaviva o sia L’inutile precauzione“ („Almaviva oder Die nutzlose Vorsicht“).
Beachmarchais› gleichnamiges Schauspiel diente als Vorbild
Die Verwechslungskomödie nach Art der Commedia dell’arte ist an sich wenig außergewöhnlich. Das Libretto stammt von Cesare Sterbini, der wiederum das Schauspiel „Le barbier de Séville“ von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais als Vorlage benutzte. Viele Figuren dieser Opera buffa sind der Theaterform gemäß überzeichnet, zeigen aber in der Musik durchaus Charakter. Vor allem neigen die Gesangspartien bisweilen zur Stimmakrobatik, ganz wie es die Commedia dell’arte erfordert.
Allen Intrigen zum Trotz siegt am Ende die Liebe
Der Held der Geschichte ist Graf Almaviva, der sich in die junge Rosina verliebt. Um ihr Herz zu gewinnen, reist er nach Sevilla, wo seine Angebetete seit dem frühen Tod ihrer Eltern bei ihrem Ziehvater, dem alternden Apotheker Doktor Bartolo, lebt. Unterstützung bekommt Almaviva dabei von seinem Diener Fiorello und von seinem alten Freund Figaro, dem Barbier von Sevilla. Der macht viele Hausbesuche und geht auch bei Doktor Bartolo ein und aus. Rosina wird bald volljährig und damit heiratsfähig. Ihr strenger Vormund hat sich selbst als Bräutigam auserkoren, um an ihr Vermögen zu kommen. Nun sieht er in Almaviva, der als Student Lindoro verkleidet erfolgreich um Rosina wirbt, einen Konkurrenten und streut Gerüchte gegen ihn. Mit seinem Freund Don Basilio, dem Musiklehrer Rosinas, besingt er im Duett die Macht der Intrige. Überdies sperrt er Rosina ins Haus ein und bereitet die Hochzeit vor. Als falscher Musiklehrer verschafft sich Almaviva alias Lindoro Zugang zu Rosinas Haus, um sie mit Figaros Hilfe zu entführen. Bartolo erwischt die beiden und versucht mit allen Mitteln, Rosina von der Heirat mit „Lindoro“ abzuhalten. Erst als Figaro ein zweites Mal interveniert, kommt es zur opernhaft schnellen Eheschließung der beiden Liebenden.
Nur Rossinis unbeschwerte Vertonung des Sujets hält sich auf den Bühnen
Frühere Vertonungen dieses Opernstoffes, etwa von Giovanni Paisiello oder Friedrich Ludwig Benda, sind heute nahezu in Vergessenheit geraten – im Gegensatz zu Rossinis „Barbier“: Prägnante Rhythmen, eingängige Melodien mit volkstümlicher Harmonik und turbulente Ensemble-Szenen mit Chor sorgen für Unterhaltung im unbeschwerten Rossini-Stil. Regisseure und Regisseurinnen weltweit trieben den Siegeszug dieser Oper bis heute immer weiter voran, etwa Jean-Pierre Ponnelle, Kirill Serebrennikov oder Brigitte Fassbaender.
Die wichtigsten Daten und Fakten zu Rossinis „Der Barbier von Sevilla“:
Personen:
Graf Almaviva (Tenor)
Bartolo, Doktor der Medizin, Vormund Rosinas (Bass)
Rosina (Mezzosopran)
Figaro, Barbier (Bariton)
Basilio, Musikmeiser Rosinas, Heuchler (Bass)
Berta, Alte Haushälterin Bartolos (Sopran)
Fiorello, diener des Grafen Almaviva (Bariton)
Ambrogio, Diener Bartolos (Bass)
Offizier (Bass)
Alcade
Notar
Musikanten & Soldaten
Spieldauer: ca. 2,5 Stunden
Uraufführung: 20. Februar 1816 am Teatro Argentina in Rom
Opern-Kritik: Das Meininger Theater – Der Barbier von Sevilla
Tempo, Tempo!
(Meiningen, 14.10.2016) Lars Warnecke inszeniert Rossini als abendfüllendes Tanz- und… weiter
(UA Rom 1816)
Die Ouvertüre klatscht in die Hände, und alle dienstbaren Geister trippeln herbei und verneigen sich: Worum geht es bitte? Graf Almaviva will die junge, begüterte Rosina aus den Fängen ihres gierigen Vormunds Don Bartolo befreien und zu seiner Gräfin machen. Figaro, der gewitzte Barbier, und Basilio, der schmierige Gesangslehrer, sollen dabei helfen. Mit Marzelline, Haushälterin und Gouvernante, wird man schon fertigwerden – geht in Ordnung! Wie fangen wir an? Mit einer Morgenmusik für Rosina – Musikanten her! Almaviva muss zahlen.
Rossini war als Komponist so einfallsreich wie als Koch – man nehme: Eine saftige, leicht fassliche Melodie, eine würzige, muntere Begleitung, schüttele beides zwischen Tonika und Dominante hin und her, dann koche man es unter ständigem Umrühren des Dirigenten auf, bis es schaumig wird. Jede Nummer ist ein musikalischer Leckerbissen!
In der Zeit des Belcanto gehörte es zum guten Ton, Arien auszuzieren. Dabei beriefen sich die Sänger/innen auf barocke Praktiken. Rossini soll gelegentlich seinen Hut gelüftet haben, wenn er eine seiner Arien noch wiedererkannte. Aber er war eine zufriedene Natur: Er duldete, dass von Anfang an die Koloratursopranistinnen seine für einen Koloraturmezzo geschriebene Rosina adaptierten. Dafür müssen Passagen punktiert (höhergelegt) oder ganze Nummern transponiert werden. Als Mezzo ist Rosina natürlich und sinnlich, als Sopran ist sie brillant und frech – wer die Wahl hat …
Das Personal kennen wir! Beaumarchais, der „Sturmvogel der französischen Revolution“, hatte zwei Komödien vorgelegt: Der Barbiert von Sevillia (1775) und Die Hochzeit des Figaro (1784). Mozart vertonte letztere 1784, Rossini erstere 1816 – die Handlung bei Rossini geht der Handlung bei Mozart voraus – verwirrend!
Almaviva ist bei Rossini Tenor, „wird“ bei Mozart Bariton, Rosina ist bei Rossini Mezzo, „wird“ bei Mozart Sopran, Bartolo bleibt Bass, wechselt aber beruflich vom Apotheker zum Advokaten, Basilio bleibt Gesangslehrer, wechselt aber vom Bass zum Tenor, Marzellina wechselt vom Sopran zum Alt, Figaro schließlich ist bei Rossini Bariton, „wird“ bei Mozart Bassbariton und macht – aufgrund seiner Verdienste um Graf Almavivas Vermählung – Karriere vom Barbier zum Kammerdiener. Noch Fragen? Ja, diese: Haben (bei Rossini) Bartolo und Marzelline ein Verhältnis gehabt? Denn „später“ (beim „früheren“ Mozart) stellt sich heraus, dass Figaro beider Sohn ist.
Die modernste Erfindung Rossinis ist die „musikalische Dampfmaschine“: Lagen im zweiten Finale des Figaro aller Nerven blank, so wird im ersten Finale des Barbier daraus eine Maschine, die in rasendem Tempo und idiotischem Leerlauf Silben und Töne produziert. Die Maschinenassoziation wird vom Sistrum ausgelöst, einem schellenähnlichen Schlaginstrument, das auf jeder letzten Zählzeit dieses „Viertakters“ zischt, als wäre ein Ventil undicht – und in der Tat scheinen alle Personen dieser akrobatisch virtuosen Buffa nicht ganz dicht zu sein.
(Mathias Husmann)