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von Barbara Kopp / 9. 12. 2013: Bildergeschichten IV. An ihrer neuen Arbeitsstelle tat Dorli Kielholz, was die anderen Sekretärinnen ebenso taten. Sie zog die Schuhe aus, nahm Anlauf und glitt auf den Socken durch den Gang bis zum Büro, in dem sie Briefe zur Unterschrift vorbeibringen oder unterschriebene holen musste, auf den Socken weiter zum Raum, in dem es stets nach Spiritus roch, und eine Angestellte am Matrizendrucker Abzüge für den Versand herstellte. Keine Zeit für Schicklichkeit und Eleganz, die Arbeit drängte, im kommenden Sommer 1958 begann die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, kurz SAFFA genannt. Beim Fototermin mit der Pressechefin Laure Wyss trug Dorli Kielholz Schuhe.
Das Organisationskomitee hatte in Zürich am Bahnhofplatz Räume gemietet, vier Sekretärinnen nahmen Anrufe entgegen, gaben Auskunft, stenographierten und tippten. Der Arbeitstag der angestellten Sektretärinnen endete häufig um neun Uhr abends. Das Organisationskomitee arbeitete hingegen ehrenamtlich. Die Präsidentin Erika Rikli diktierte die Briefe nach ihrem Arbeitstag als Vorsteherin der Hauswirtschaftlichen Fortbildungsschule der Stadt Zürich ins Diktaphon. Das Diktat beendete sie meist mit dem Satz, es sei drei Uhr morgens und nun gehe auch sie ins Bett.
Dorli Kielholz war die jüngste im Sekretariat, noch keine zwanzig. Die Briefe schlitzte sie stapelweise auf, den Massenversand steckte sie am schnellsten in Umschläge, sie war gewitzt und gelehrig. Hätte sie nicht aufbegehrt, sässe sie immer noch in der Kohlehandlung, nähme Bestellungen auf und schriebe Rechnungen. Öde, fand sie. Vom Leben nach der Handelsmittelschule hatte sie mehr erwartet. Keine zwei Wochen waren vergangen, seit sie die Stelle im Heizkohlenhandel angetreten hatte, als sie zuhause ankündigte, sie wolle am Bellevue Marroni verkaufen, das sei wesentlich interessanter. Der Protest wirkte, der Vater sah die gute Ausbildung gefährdet und schickte seine Tochter zur SAFFA-Präsidentin Erika Rikli.
Zackig und unwirsch sei Henriette Cartier, die Generalsekretärin des Bundes Schweizerischer Frauenorganisationen, mit den Sekretärinnen ungesprungen, sagt Dora Binet-Kielholz. Zum Diktat bei der Juristin Verena Lüdi sei sie ungern angetreten. Schmiss habe die gehabt, allzu freundlich sei sie jedoch nicht gewesen. Dagegen sei die Präsidentin Erika Rikli eine offene, freundliche Person gewesen, die sich in die Mitarbeiterinnen habe hineindenken können. Tüchtige Berufsfrauen seien sie alle gewesen. Für Dorli Kielholz Vorbilder.
Die Präsidentin erkannte das Potenzial der jüngsten Sekretärin und schlug sie der neu eingestellten Pressechefin Laure Wyss als persönliche Mitarbeiterin vor. Laure Wyss wollte selbst entscheiden, musterte alle Sekretärinnen und erklärte das Anforderungsprofil: Selbständiges Verfassen von Presseberichten und sicheres Präsentieren vor Journalisten. Das habe sie begeistert, eine neue Perspektive, ein neues Berufsgebiet, sagt Dora Binet-Kielholz. Laure Wyss entschied sich für die Jüngste. Sie wolle, habe sie zu ihr gesagt, die Karten gleich auf den Tisch legen, sie sei Mutter eines unehelichen Buben, erziehe ihn alleine und wohne in Zürich an der Winkelwiese.
Die Pressechefin zog mit Schachteln am Bahnhofsplatz in ihr Büro ein, hing Plakate mit moderner Kunst auf und stellte Blumen auf den Tisch. Die Pulte von Chefin und Mitarbeiterin standen sich gegenüber.
Sie organisierten zusammen im Herbst 1957 die erste SAFFA-Pressekonferenz und führten die nationale Presse am Ufer des Zürichsees durch das zukünftige Ausstellungsgelände. Im kommenden Sommer sollte eine künstliche Insel im See liegen, am Ufer ein Aussichtsturm aufragen und eine Seilbahn über die Ausstellungshallen schweben.
Die Pressekonferenz lag noch nicht lange zurück, als die Chefin ihre Mitarbeiterin bat, doch bitte zu bleiben, bis sie von der Sitzung zurückkomme. Nach der Sitzung habe Laure Wyss gleich die Schachteln verlangt und gesagt: „Ich komme morgen nicht mehr“. Sie habe durchblicken lassen, hier könne sie nicht arbeiten, wenn man ihr als Chefin vorschreibe, was sie zu tun habe, sagt Dora Binet-Kielholz.
Für Dorli Kielholz zerschlug sich die Hoffnung, einen anderen Beruf erlernen zu können. Sie zog wieder, wenn es eilte, wie die anderen Sekretärinnen im Gang die Schuhe aus.
Quelle: Interview mit Dora Binet-Kielholz, 27.11.2013.