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Mehr Mut zu weniger Pflege
Autor: Jacques Studer (Text und Bilder)
Seit den 1990er-Jahren müssen die Landwirte, um Direktzahlungen zu erhalten, mindestens sieben Prozent ihrer Nutzfläche als ökologische Ausgleichsflächen bewirtschaften. Zu den Ausgleichsflächen gehören unter anderem die extensiv genutzten Wiesen, die nicht gedüngt werden und in der Tal- und Übergangszone ab dem 15. Juni, in den Bergzonen zwei bis vier Wochen später gemäht werden.
Dieser Schnittzeitpunkt entspricht etwa dem Schnittzeitpunkt in den 1950er-Jahren – also in einer Zeit, bevor die Wiesen intensiv gedüngt wurden. Der späte Schnittzeitpunkt der ökologischen Ausgleichsflächen hat einerseits zum Ziel, die Samenbildung der Pflanzen zu ermöglichen. Andererseits sollten auch die in Wiesen brütenden Vögel die Zeit haben, vor der Mahd ihre Jungen aufzuziehen, und die verschiedenen in der Wiese lebenden Wirbellosen, um ihren Entwicklungszyklus, zum Beispiel von der Raupe zum Schmetterling, abzuschliessen.
An die Mahd angepasst
Bei uns sind die Wiesen mit den ersten sesshaften Bauern vor etwa 7000 Jahren auf Kosten des Waldes entstanden. Im Verlauf der Jahrhunderte entwickelten sie sich zu einem artenreichen Lebensraum. Pflanzen und Tiere haben sich der regelmässigen Mahd angepasst und konnten sich optimal entwickeln.
In den letzten 50 Jahren konnten sie aber mit dem technischen Fortschritt nicht mehr Schritt halten. Die vermehrte Düngung der Wiesen beschleunigte das Wachstum des Grases, und es wurde früher und häufiger gemäht. Auch die Mähtechnik hat sich entwickelt. Konnten früher viele Tiere der Sense oder dem Balkenmäher ausweichen, ist das mit den neuen Mähgeräten häufig nicht mehr möglich.
Mahd als Gefahr
Nicht nur für den Feldhasen oder das Rehkitz stellt das Mähen eine Gefahr dar, sondern auch für kleinere Tiere wie Schmetterlingsraupen, Heuschrecken oder Bienen. Eine Studie der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) hat gezeigt, dass mit den heutigen Maschinen nur wenige Kleintiere den Grasernteprozess überleben.
Verschiedene Massnahmen erhöhen die Überlebenschancen der Wiesenbewohner. Die erste besteht darin, ein wildtierfreundliches Mähwerk zu verwenden und auf den Mähaufbereiter zu verzichten, der das Gras und auch die Kleintiere darin zerquetscht. Weiter sollte immer von innen nach aussen gemäht werden, so dass die beweglichen Tiere nach aussen fliehen können. Und schliesslich ist bei jedem Schnitt eine Fläche von fünf bis zehn Prozent als Altgras stehen zu lassen. In diesem ungemähten Streifen finden zahlreiche Kleintiere Unterschlupf und Nahrung und können sich weiterentwickeln.
Die Studie der ART hat gezeigt, dass in ungemähten Streifen die Heuschreckendichte nach der Mahd drei- bis fünfmal grösser ist als davor. Auch die Wespenspinne ist auf ungemähte Flächen angewiesen. In den trockenen Grashalmen webt sie ihr Netz. Die Eier werden in einen kugelförmigen Kokon gelegt, der an dürren Gräsern befestigt wird. Die jungen Spinnen verbringen den Winter im Innern des Kokons und verlassen ihn erst in den ersten warmen Frühlingstagen des Folgejahres.
Die Raupen vieler Kleinschmetterlinge benötigen mehrere Jahre, bis sie sich zum Schmetterling entwickeln. Viele Arten leben in selbstgebauten Säcken, die an Pflanzenstängeln befestigt werden. Der Schachbrettfalter seinerseits überwintert als Raupe, versteckt in der ungemähten Grasschicht. Und letztlich gibt es viele Heuschrecken, die ihre Eier im Spätsommer in Pflanzenstängeln legen; darin verbringen die Jungen den Winter, bevor sie im Frühling schlüpfen.
Auch in privaten Gärten
Wenn also vermehrt in der Landschaft ungemähte Wiesenstreifen angetroffen werden, dann ist das nicht etwa, weil ein fauler Landwirt am Werk war oder weil der Mäher ausgefallen ist, sondern einfach, weil diese Flächen bewusst zur Förderung der Kleintiere angelegt wurden. Und auch wenn diese ungemähten Streifen ungepflegt aussehen und gegen den Ordnungssinn gewisser Leute verstossen, sind sie aus ökologischer Sicht sehr wertvoll und sollten gefördert werden. Es ist anzunehmen, dass sie künftig häufiger in unseren Landschaften auftreten werden, da immer mehr Landwirte bei Vernetzungsprojekten mitmachen, die diese Massnahme verlangen. Doch nicht nur auf den landwirtschaftlichen Flächen sollte Altgras einen Platz haben, sondern auch an Strassenböschungen, auf öffentlichen Grünanlagen oder in privaten Hausgärten. Ordnungsdrang und Sauberkeitsfimmel sind wohl die grössten Feinde der biologischen Vielfalt. Wer den Mut zu weniger Pflege aufbringt, leistet einen grossen Beitrag für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt.
Jacques Studer ist Biologe.
Literatur: «Ungemähte Streifen in Wiesen verbessern die Lebensbedingungen für Kleintiere», AGRIDEA, 2010; «Erntetechnik und Artenvielfalt in Wiesen», AGRIDEA, 2011; «Wiesenernteprozesse und ihre Wirkung auf die Fauna», ART-Bericht 724, April 2010.
Altgrasstreifen werden künftig vermehrt zum Landschaftsbild gehören.
Wespenspinne mit Netz.
Köcher, in dem die Raupe eines Kleinschmetterlings lebt.
In Altgrasstreifen finden Heuschrecken Unterschlupf.
Kokon mit jungen Wespenspinnen im Altgras.
Wenn also vermehrt ungemähte Wiesenstreifen
angetroffen werden, dann ist das nicht etwa, weil ein fauler Landwirt am Werk war.
Schachbrettfalter auf Flockenblume.