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Frage: Als der Gymnasiallehrer Thomas G. seine Klasse übernimmt, fällt ihm der 17-jährige Klaus auf: Dem Pädagogen scheint, dass der Junge untergewichtig ist. Doch die Lehrerkollegen winken ab: «Magersucht haben nur Mädchen.»
Medgate-Ärzteteam: Die Kollegen von Thomas G. liegen falsch: Auch Männer erkranken an Essstörungen. Während man vor dreisig Jahren glaubte, das Verhältnis von erkrankten Frauen und Männern betrage 15:1, wird heute vermutet, dass der Männeranteil bei weit über zehn Prozent liegt.
Männer leiden häufig länger
Bei den Essstörungen, die mit Untergewicht verbunden sein können, werden die Magersucht (Anorexia nervosa) und die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) unterschieden. Von Anorexie spricht man bei einem Body-Mass-Index (BMI) von unter 17,5. Bulimie geht nicht immer mit Untergewicht einher. Typisch sind Essattacken mit anschliessendem Erbrechen oder anderen extremen Massnahmen zur Gewichtsreduktion. Bulimie ist bei Männern und Frauen häufiger als Anorexie.
Seit ein paar Jahren gibt es Studien, die sich mit dem Thema «Männer und Essstörungen» beschäftigen. Noch gibt es wenig verlässliche Zahlen dazu, wie oft Männer von Anorexie und Bulimie betroffen sind. Meist werden die Essstörungen bei ihnen später erkannt als bei Frauen. Das bedeutet, dass Männer im Durchschnitt sieben Jahre – Frauen vier Jahre – an einer Bulimie oder einer Anorexie leiden, bis eine erste Therapie erfolgt. Am meisten betroffen sind Männer zwischen 18 und 26 Jahren.
Männer mit Essstörungen finden sich in allen Gesellschafts- und Berufsgruppen. Hochleistungssportler, Tänzer und Models gelten als besonders gefährdet. Der Wunsch nach dem Idealkörper, der zunehmend auch die Männerwelt erfasst, beeinflusst wahrscheinlich die Entwicklung von Essstörungen. Wie oft Männer mit Essstörungen zu Abführmitteln, Appetitzüglern oder Medikamenten zur Entwässerung (Diuretika) greifen, ist noch unbekannt.
Erkrankte lehnen hilfe oft ab
Menschen mit Essstörungen beurteilen sich meist nicht als krank. Für Angehörige ist es oft schwierig, das Thema anzusprechen. Erkrankte fühlen sich ausgegrenzt und lehnen fordernde Hilfeleistungen ab. Dass Essstörungen als typisches Frauenleiden bezeichnet werden, macht betroffenen Männern die Akzeptanz und die Auseinandersetzung mit der Krankheit nicht einfacher.
Lehrer Thomas G. haben wir ermutigt, seine Besorgnis ernst zu nehmen und sich beim schulpsychologischen Dienst Rat zu holen.