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Hochverehrter Herr & Freund!
Wenn seit unserem letzten Zusammentreffen irgend etwas von gröberer Bedeutung in der Gotthardangelegenheit mir vorgekommen wäre, so würde ich selbstverständlich nicht ermangelt haben, Sie davon in Kenntniß zu setzen. Es war dieß aber durchaus nicht der Fall.
Heute habe ich das erste Lebenszeichen von Gonzenbach seit seiner Rückkehr nach Florenz erhalten.
Ich war zwar der Ansicht, daß es, nachdem Sella das Programm einer Modification der Subventionsquoten Itali| ens & Deutschland's aufgestellt, die weitere Entwicklung dieser Frage der diplomatischen Verhandlung zwischen den beiden betheiligten Staaten hätte überlassen & einstweilen in Bern bleiben sollen. Die Tücke verschiedener Zufälligkeiten (?) wollte aber, daß er Instructionen, die ich ihm in diesem Sinne ertheilt hatte, nicht erhielt & in Folge dessen «ahnungslos» die Schweiz verließ, um sich nach Italien zu begeben.
Das heutige Lebenszeichen nun besteht in einem Briefe & in einem Telegramme. In dem erstern ist eigentlich nichts anderes zu lesen, als daß Sella immer noch an dem Standpuncte festhalte, es müsse Grattoni von der Ratification des Berner Vertrages durch Italien die Zusicherung gegeben werden, daß der Bau des großen Tunnels ihm werde übertragen | werden. In dem Telegramm postulirt G., daß ich nach Florenz komme. Ich lege diesen Zeilen einen Brief an Röder bei, den Ich in Folge der Mittheilungen G.'s geschrieben habe. Unnöthig, hier den Inhalt dieses Briefes zu reproduziren. Wollen Sie mir ihn nach gemachter Gebrauche zu Handen meines Dossier's wieder zukommen lassen.
Stoll, mit dem ich die Situation besprochen & der mit dem Tenore meines Briefes an Röder ganz einverstanden ist, hat die Frage aufgeworten, ob es im Hinblicke auf die Krankheit Pioda's nicht am Platze wäre, einen staatlichen Vertreter der Schweiz speziell für die Wahrnehmung unserer Interessen in der Gotthard sache nach Florenz zu entsenden. Jedenfalls könnte es sich nur um einen Abgeordneten | des Bundesrathes & in diesem Falle nur um Sie handeln. Man bekommt freilich den Eindruck, daß wenn bei den gegenwärtigen politischen Constellationen die Verwendung Deutschland's nichts fruchte, diejenige der Schweiz kaum ein günstigeres Ergebniß haben werde!
Besten Dank für Ihre Mittheilungen in der Gotthardsache & für Ihre erfolgreiche Intervention hinsichtlich verschiedener Aargauischer Eisenbahnangelegenheiten.
Morgen früh reise ich für ein Paar Tage ab.
In freundschaftlicher Hochachtung
ganz Ihr
Dr A Escher
Zürich
12 Mai 71.