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Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind eine spezielle Zeit; sie scheinen weder zum alten noch zum neuen Jahr zu gehören. Zu Beginn der siebziger Jahre verbrachte ich sie regelmässig in London, als Gast der legendären Schauspielerin Elisabeth Bergner. Die Aufenthalte in ihrer wunderschönen Wohnung am Eaton Square sind mir unvergesslich.
Ihre Hausangestellten weilten über die Festtage jeweils in Deutschland. Meistens gingen wir deshalb zum Essen aus. Manchmal kochte ich selber in der kleinen Küche ein Abendessen. Denn Elisabeth Bergner war zwar sicher die bedeutendste deutschsprachige Schauspielerin ihrer Tage aber so grossartig sie auf der Bühne war, so wenig konnte sie kochen!
So sass sie, die erst im Lauf des frühen Nachmittags aufzustehen pflegte, während meiner Kocherei jeweils auf einem Stuhl an der Herdseite, betrachtete mein Tun mit ihrem listigen Blick, fragte dies und erzählte jenes. Ich schnipselte und sott, briet und schichtete. Mit Sicherheit fragte sie mich mittendrin: «Meinst du nicht, dass ich das alles auch lernen könnte?» Dann schaute ich zu meiner um so viele Jahrzehnte älteren Freundin hin und meinte: «Klar, aber man muss irgendwann damit beginnen!» Worauf die Schauspielerin sich tatsächlich daranmachte, Karotten oder Zwiebeln zu schälen. Allerdings hörte sie bald wieder damit auf. Dann pflegte sie zu sagen: «Ich denke, dass ich morgen damit beginne!»
Mit Marlene Dietrich am Kochherd
Dann kam das Jahr, in dem ich nicht bei ihr logieren konnte, weil das Gästezimmer belegt war. Aber zum Kochen solle ich selbstverständlich kommen, sagte sie mir am Telefon. Ihr Gast wolle nämlich unbedingt den «Neujahrskoch» kennen lernen. Auch der Gast koche leidenschaftlich gern und gut!
Mit Kalbfleisch aus der Schweiz kam ich in London an und machte mich nach Mayfair auf, wo Elisabeth Bergner wohnte. Wie immer war das Wetter von wunderbarer Milde. Im Park vor dem Haus streckten die Tulpen ihre ersten Blätter aus der Erde. Dann führte mich die Schauspielerin durch den Salon in die Küche und sagte: «Darf ich dir Marlene Dietrich vorstellen?»
Eine kleine, drahtige, blonde Person in weisser Arbeitsschürze drehte sich um. Sie war unverkennbar jene Frau, die als «die Dietrich» Weltruhm erobert hatte. Wie «die Bergner» hatte sie ein altersloses Gesicht. Und die eine wie die andere wusste mit dem Alter äusserst kokett umzugehen.
Melone, Suppe, Kalbfleisch und Eis
Marlene Dietrich erwies sich als bestens organisierte, sehr gute Köchin, und das gemeinsame Kochen wurde äusserst amüsant. Später nahmen wir am ovalen Glastisch im lindgrünen Speisezimmer ein seltsames Nachtessen ein: Wir assen als Vorspeise vollreife Melone, gewürzt mit viel Pfeffer angerichtet von Elisabeth Bergner! Die Dietrich schöpfte ihre dampfende Nudelsuppe, und ich trug meine Saltimbocca auf.
Als strikte Antialkoholikerin trank Elisabeth Bergner Traubensaft, Marlene Dietrich auch bloss gab diese unter dem vorwurfsvollen Blick der Freundin jeweils noch einen grosszügigen Schuss Wodka dazu. «Was würde deine Mutter sagen?», fragte Elisabeth Bergner dann und Marlene Dietrich senkte den Blick. Ihr Respekt vor der grossen Kollegin, in deren Produktionen sie einst als Elevin ihre Karriere begonnen hatte, war nach wie vor gross.
Als Uberraschung trug Marlene Dietrich dann ein Jasmin-Eis auf, träufelte Kumquat-Kompott darüber und schenkte sich grosszügig Wodka nach. Die Weihnachtsguetsli, die ich aus der Schweiz mitgebracht hatte, passten perfekt zur Nachspeise. Es wurde ein langer Abend mit reichem Austausch von Anekdoten.