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Durch das regelmässige Rumtreiben und Uebernachten im Freien hatte sich Emsy einen gefährlichen Schnupfen geholt. Dieser plagte ihn ungemein. Die Nase floss Tag und Nacht, ihm war elend zumute. Er bekam kaum noch Luft und röchelte ununterbrochen vor sich hin. Dennoch liess er sich nicht von seinen Streifzügen in der Umgebung abhalten.
Eines Tages, als er auf einem grossen Stein vor der nahe gelegenen Tennishalle hockte, kam eine nette Frau vorbei, die ihn streichelte. Sie schien ihn zu mögen und redete liebevoll auf ihn ein. Sie erzählte ihm, dass sie bis vor einem Jahr auch einen Kater gehabt hatte. Dieser sei aber sehr alt gewesen und gestorben. Während sie ihm dies alles berichtete, streichelte sie ihn ununterbrochen. Sie fuhr ihm durch sein dichtes Haar, kraulte ihn hinter den Ohren, nahm ihn auf die Arme und schmuste mit ihm. Dies gefiel ihm sehr und er setzte eine ganz traurige Miene auf. Dazu schnurrte er wie verrückt und drückte sein Köpfchen fest an ihre Wange. Die Frau öffnete ihr grosses Katzenherz und schmolz wie warme Butter. Es war schon herrlich, wie alle Leute den Streuner mochten. Nach einiger Zeit verschwand sie in der Halle. Emsy blieb sitzen und wartete geduldig auf die Rückkehr der netten Dame. Da plötzlich brach der Himmel auf und ein gewaltiges Gewitter überzog den morgendlichen Himmel. Es regnete fürchterlich. Sein zartes Fell wurde nass und glitschig. Dennoch blieb er beharrlich sitzen. Er wartete auf die Rückkehr der netten Dame. Er frohr leicht und spürte, wie seine Nase wieder zu tropfen begann.
Nach etwa einer Stunde war es mit dem Regen vorbei. Emsy sah aus, als ob er in einen Bach gefallen wäre. Die Haare klebten um seinen pummeligen Körper, der Kopf war tropfnass. Er begann sich trockenzulecken mit seiner rauen Zunge. Und weniges später stand die nette Dame von vorhin wieder da. Sie hatte grosses Mitleid mit dem kleinen Kerl, der zusammengerollt auf dem Stein sass und erbärmlich aussah. Es kam ihr sofort der Verdacht, die Katze sei vielleicht ausgesetzt und könne deshalb keinen Unterschlupf vor dem Regen finden. Für diese Tatsache sprach ja auch die triefende Nase. Und überhaupt war es ja nicht typisch für eine Katze, sich im Regen draussen aufzuhalten. Da konnte doch etwas nicht stimmen.
Als sie davonging, folgte ihr Emsy auf Schritt und Tritt. Sie waren bereits am Rosenweg angekommen, als sie sich nochmals umdrehte und den Verfolger entdeckte. Emsy schaute sie ganz lieb an und rieb seinen Körper an ihren Beinen. Er schaute sie mit seinen traurigen, nassen Augen an als wolle er sagen „Ich armer, armer Kater, niemand will mich“. Jetzt stand es für sie ganz fest, der kleine Kater brauchte ein Zuhause. Sie nahm ihn auf die Arme und trug ihn nach Hause, an ein Plätzchen, wo es warm und kuschelig war. Sie brachte am gleichen Tag noch ein Katzenklo, Futter (logischerweise von der besten Sorte), Milch und Gudi-Gudi für zwischendurch. Für Emsy war es wie im Urlaub. Er schlief den ganzen Tag, auch den nächsten. Am Abend durfte er neben ihr auf der Polstergruppe sitzen und sich dicht an sie drücken. Manchmal setzte er sich auf ihre Beine. Dann kraulte sie ihn hinter den Ohren und sprach liebevoll mit ihm.
Doch dann nahm ihn die Frau mit zum Tierarzt. Dieser sollte seine Nase mal anschauen. Er bekam Medizin, die er überhaupt nicht mochte. Die Tage vergingen und Emsy erholte sich von den Folgen des Gewitters und des Schnupfens. Allmählich wollte er wieder nach Hause und stand eines Abends miauend vor die Türe. Doch die Frau schüttelte nur den Kopf. Es gab keine Katzentüre und auch keinen Sitzplatz, wo er hätte die Sonne geniessen können. Die Dame wohnte in einem Hochhaus im 10. Stock und hatte keine Möglichkeit, Emsy nach draussen zu lassen.
Am kommenden Tag kam sie ganz traurig und verstört nach Hause. Sie nahm in fest ihn die Arme und erklärte ihm, dass sich sein Katzenmami gemeldet hatte. Sie vermisste ihn und hatte ihn überall gesucht. Die Frau war todunglücklich, musste sie nun einsehen, dass Emsy wohl ein Zuhause hatte und eben nur ein Streuner war. Am gleichen Abend nahmen sie Abschied voneinander. Emsy ging wieder zurück zu Smokie und seinen Stiefgeschwistern, die ihn aufgeregt begrüssten. Er genoss die Wiese vor der Parterre-Wohnung und die Freiheit, die er wieder erlangt hatte und legte sich gleich der ganzen Länge nach ins wohlriechende Gras. Er rollte sich auf den Rücken, schnupperte an den Blumen, die dort blühten. Dies war seine Welt, die Freiheit pur. Er realisierte plötzlich, dass dieser Abstecher leicht hätte ins Auge gehen können; Emsy, der Streuner, eingesperrt im 10. Stock. Er versprach dem Katzenmami, solche Albernheiten in Zukunft zu lassen und den Leuten nicht immer vorzumachen, er sei ein armer, vereinsamter, alleingelassener, ausgesetzter Kater. Er kam deshalb (mindestens vorübergehend) abends immer brav nach Hause und blieb über Nacht daheim.
Der Schnupfen war noch immer da und Emsy war ein armer Kerl. Die Nase lief und das Atmen machte ihm grosse Mühe. Tina nahm ihn deshalb mit und brachte ihn weit weg, an einen Ort, wo viele Tiere waren. Es war Emsy schon etwas mulmig ums Herz, als sie ihn einfach in einen grossen Käfig steckte und ins Auto verfrachtete. Er schrie aus lauter Kehle, zu mindest so laut wie das mit der havarierten Nase möglich war. Die Leute an diesem Ort, den das Katzenmami Tierarzt nannte, liefen in weissen Kitteln rum und rochen ganz komisch. Man stellte ihn auf einen Tisch, drückte an ihm rum und horchte seine Lunge ab. „Na na na“, sagte der Mann im weissen Kittel, „da gibt es keine andere Möglichkeit als eine Spritzenkur“. Noch bevor sich
Emsy vorstellen konnte, was das denn jetzt wieder heissen sollte, piekte ihn der Onkel Doktor in den Hintern. Bevor er sich mit seinen Krallen richtig rächen konnte, was alles vorbei, Gott sei Dank.
Was Emsy aber nicht ahnte, dass das Katzenmami noch ein grosses Set mit diesen langen Nadeln mit nach Hause bekam. So musste der kleine Kerl zwei Mal die Woche hinhalten und wurde gestochen. Das schlimmste war ja noch, dass Tina dazu auch immer noch sagte, dies sei für Emsys Wohlergehen. Warte nur, dachte er, ich werde mich rächen. Der Schnupfen heilte langsam aus und Emsy wurde zusehends lebhafter und verspielter. Bald ging es ihm schon wieder wunderbar und er konnte seine morgendlichen Streifzüge durch die Wiesen wieder aufnehmen.