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Inflation: Kaufkraft sichern, Löhne erhöhen
Die Inflation hat eine Höhe erreicht wie seit 2008 nicht mehr. Mit den anziehenden Nahrungsmittelpreisen werden tiefe und mittlere Einkommen zunehmend stärker belastet. Es braucht deshalb jetzt bedeutende Lohnerhöhungen um die Kaufkraft zu sichern.
Die Inflation ist im März im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2.4% gestiegen. Eine Zunahme der Konsumentenpreise in dieser Höhe wurde zuletzt vor Ausbruch der Finanzkrise vor 14 Jahren verzeichnet. Verschiedene Ursachen erklären diesen Anstieg: Die wirtschaftliche Erholung nach Corona und der Krieg in der Ukraine haben zu einem massiven Anstieg der Energiepreise geführt. Als Folge davon sind die Kosten für Benzin und die Heizkosten deutlich gestiegen. Die Gaspreise haben sich innerhalb von 12 Monaten um 40%, die Heizölpreise um 55% erhöht. Die Benzinpreise sind um 24% höher als noch vor 12 Monaten. Auch die anhaltenden Produktionseinschränkungen durch die Corona-Krise führten zu Preiserhöhungen in verschiedenen Bereichen, beispielsweise bei Möbeln, Autos oder elektronischen Geräten.
Steigende Nahrungsmittelpreise – tiefe und mittlere Einkommen stark betroffen
Trotz Preissteigerungen bei einzelnen Nahrungsmitteln, sind die Nahrungsmittelpreise im März im Durchschnitt stabil geblieben. Dies wird sich in den kommenden Monaten voraussichtlich ändern. Grund dafür sind die Treibstoffpreise, welche bei der Nahrungsmittelproduktion eine wichtige Rolle spielen (Diesel, Dünger). Zudem führen der Krieg in der Ukraine, sowie Dürren in verschiedenen Regionen zu sinkenden Ernteerträgen. Dies hat dazu geführt, dass bereits im März 2022 Personen mit tiefen und mittleren Einkommen einen deutlich höheren Teil ihres Einkommens für die gleiche Anzahl an Gütern aufwenden mussten. Die Ausgaben dürften bei diesen Personen aktuell bereits mehr als drei Prozent höher liegen als noch vor 12 Monaten, während sie bei Personen mit hohen Einkommen ungefähr zwei Prozent höher liegen. Neben den gestiegenen Heiz- und Benzinpreisen liegt der Hauptgrund für diese unterschiedlichen Auswirkungen in der Tatsache, dass Personen mit tiefen und mittleren Einkommen einen grösseren Teil ihres Einkommens für Güter und Dienstleistungen ausgeben. Personen mit hohen Einkommen können hingegen einen wesentlichen Teil ihres Einkommens sparen beziehungsweise an den Finanzmärkten anlegen. Diese Entwicklung, dass Personen mit tiefen und mittleren Einkommen stärker von der Inflation betroffen sind, dürfte sich in den kommenden Monaten weiter akzentuieren. Ein Anstieg der Nahrungsmittelpreise um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr würde die Ausgaben für tiefe Einkommen um etwa 3.7% ansteigen lassen, bei hohen Einkommen um etwa 2.3%, wie Berechnungen von Travail.Suisse zeigen. Dies verdeutlicht, dass tiefe und mittlere Einkommen in den kommenden Monaten einen deutlich höheren Preis für die weltpolitischen Entwicklungen tragen werden.
Muss jetzt die Nationalbank die Zinsen erhöhen?
Bei steigenden Konsumentenpreisen ist es zur Gewohnheit geworden, die Nationalbank um Hilfe zu rufen. Steigende Zinsen könnten die Preise dämpfen, da sie über eine geringere Kreditvergabe und eine Währungsaufwertung die Wirtschaftsentwicklung dämpfen und die Importpreise senken. Sinnvoll könnte eine Zinserhöhung beispielsweise im Falle von Vollbeschäftigung, zunehmendem Arbeitskräftemangel und einer Unterbewertung des Schweizer Frankens sein. Im März 2022 waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren 194'000 Stellensuchende gemeldet. Damit ist die Schweiz von einem Zustand der Vollbeschäftigung noch weit entfernt. Der Schweizer Franken wurde zudem in Folge des Ukrainekriegs erneut deutlich aufgewertet. Eine Zinserhöhung würde somit zwar den Schweizer Franken weiter stärken und dadurch die Importpreise senken. Sie würde aber gleichzeitig die Löhne und Margen in wesentlichen Teilen der Industrie stärker unter Druck setzen und zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland führen. Die Branchenvielfalt in den exportorientierten Branchen hat sich in der Schweiz in den vergangenen 20 Jahren bereits bedrohlich reduziert. Die Schweiz konzentriert sich immer mehr hauptsächlich auf den Export von Pharmagütern, den Rohstoffhandel und den Verkauf von Finanzdienstleistungen. Dies ist nicht zuletzt eine direkte Folge der langanhaltenden Frankenstärke. Die drei genannten Branchen sind zudem allesamt wenig beschäftigungsintensiv. Sie machen die Schweiz zwar reich, schaffen aber vergleichsweise wenig Arbeitsplätze. Somit verfügt die Nationalbank aktuell kaum über die richtigen Instrumente, um die Inflation ohne schmerzhafte Nebenwirkungen in Schach zu halten.
Lohnerhöhungen als wirksames Mittel gegen die Inflation
Zwar kann auch die öffentliche Hand über kostendämpfende Massnahmen die Inflation reduzieren oder die Kaufkraft stärken. Als probatestes Mittel zur Sicherung der Kaufkraft erweisen sich in der aktuellen Situation aber Lohnerhöhungen, mit einem Schwerpunkt bei den tiefen Löhnen. Die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale ist schon deshalb nicht berechtigt, weil im vergangenen Jahr die Produktivität in verschiedenen Branchen wesentlich gesteigert werden konnte, ohne dass sich dies in einem realen Lohnzuwachs gezeigt hätte. Viele Betriebe konnten somit – vereinfacht gesagt – mit gleich vielen Arbeitnehmenden deutlich höhere Erträge erzielen. Somit bestehen in den meisten Branchen bedeutende Spielräume für Lohnerhöhungen, ohne dass dadurch die Preise weiter erhöht werden müssten.