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«Aufhören ist schwieriger als Rennen zu gewinnen.» Diese Aussage von Fabian Cancellara, mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger im Radsport, verdeutlicht die Bedeutung des Karriereendes im Spitzensport. Während Spitzensportler*innen oft einen sehr strukturierten Alltag mit klar definierten Lebenszielen haben, bringt ihnen ihr Rücktritt oft so viele Freiheiten, dass sie sich überfordert fühlen können. Ausserdem stehen Sportler*innen nach ihrem Rücktritt der Tatsache gegenüber, dass die Wertschätzung schwindet, welche sie zumindest in sportnahen Kreisen erfahren, und dass sie wahrscheinlich nie mehr in einem Lebensbereich zur Weltspitze gehören werden, was ihr Kompetenzerleben und ihr Selbstwertgefühl in Frage stellen kann. Dieser Übergang verlangt deshalb von den Spitzensportler*innen eine Neudefinition der zentralen Lebensprojekte, ihrer Identität und vielleicht sogar der Quellen, aus denen sie den Sinn ihres Lebens schöpfen. Obwohl in der Fachliteratur eine Reihe von Risiko- und Schutzfaktoren (z. B. Verletzungen, Konflikte resp. Ausbildungszertifikate, soziale Unterstützung) für einen schwierigen beziehungsweise einfachen Übergang in das Leben nach dem Spitzensport zu finden sind, ist nur wenig über die psychologischen Prozesse und die Individualität dieser Transition bekannt. So ist die Situation beim Rücktritt so unterschiedlich, wie es der Verlauf der Sportkarriere schon war. Die geplante Längsschnittstudie untersucht diese Transition bei Schweizer Spitzensportler*innen, welche zwischen April 2022 und Dezember 2024 ihren Rücktritt bekanntgeben, und konzentriert sich darauf zu verstehen, (1) wie sich der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen der Sportler*innen, ihrer Lebenssituation und dem Rücktrittsprozess darstellt; (2) wie die berufliche Laufbahn von Sportler*innen nach dem Rücktritt mit ihrer Suche nach dem Sinn in der Arbeit interagiert; (3) wie Sportler*innen ihre Identität und ihre Beziehung zum Sport im Laufe der Zeit konstruieren; und (4) wie das Geschlecht die Karrierewege der Sportler*innen und die Neuausrichtung ihres Lebensentwurfs beeinflusst. Es finden zu drei Zeitpunkten Befragungen statt: (1) während der aktiven Karriere, (2) zum Zeitpunkt des Rücktritts aus dem Spitzensport und (3) ein Jahr nach dem Rücktritt.
Mit Hilfe des personenorientierten Ansatzes in Kombination mit narrativen Interviews sollen spezifische Typen und Narrative identifiziert werden, die individuelle Unterschiede in der Karriere- und Persönlichkeitsentwicklung während der Übergangszeit aufzeigen. Diese Erkenntnisse sollen dazu beitragen, dass Programme zur Unterstützung von aktiven zurückgetretenen Spitzensportler*innen entwickelt werden können. Da das Projekt positive Aspekte des Erlebens und Verhaltens (Sinn und Zweck im Leben, im Sport und Berufsarbeit, Resilienz, Lebenszufriedenheit) in den Mittelpunkt stellt, ergänzt es frühere Studien, die sich auf psychische Belastungen konzentrierten, und liefert dringend benötigtes Wissen, das zur Förderung des Wohlbefindens im Leben nach dem Spitzensport genutzt werden kann. Die Zusammenarbeit mit Swiss Olympic trägt dazu bei, dass die Forschungsergebnisse in die Praxis weitergegeben werden und für die Entwicklung eines sozial nachhaltigen Spitzensports für künftige Generationen genutzt werden können.
Aufgrund der Einschränkungen durch die COVID-19-Pandemie hat sich die aktuelle Lebenssituation von Spitzensportler*innen in der Schweiz massiv verändert. Die Einschränkungen betreffen sowohl das Privatleben der Sportler*innen (Ausgangsbeschränkungen, Kinderverantwortlichkeit etc.) als auch ihre leistungssportliche Karriere. Durch die veränderten Trainingsbedingungen, die Absagen von Wettkämpfen oder diversen finanziellen Einbussen (z. B. Ausfall von Wettkampfprämien/Sponsorengeldern) müssen sich viele Spitzensportler*innen völlig neu organisieren. Zudem wurden die Olympischen Sommerspiele 2020, der grösste und wichtigste Sportanlass der Welt, auf das Jahr 2021 verschoben. Viele Spitzensportler*innen haben sich in den letzten Jahren intensiv auf dieses Ereignis vorbereitet und ihr Leben komplett darauf ausgerichtet. Aufgrund dieser Verschiebung ist die Taktung der intensiven Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele suboptimal verlaufen und zusätzliche sportliche Verpflichtungen (ein weiteres Jahr Vorbereitungen) sind entstanden. Dies und die generelle Unsicherheit über die weitere sportliche Karriere dürften Aspekte wie die Athletenidentität, die Lebenszufriedenheit oder das subjektive Stressempfinden erheblich beeinflussen. Dementsprechend ist es besonders interessant, wie sich die psychische Lage dieser Sportler*innen in Zusammenhang mit ihrer neuen Lebenssituation verändert hat.
In Kooperation mit Swiss Olympic und der Stiftung Schweizer Sporthilfe wurde daher die Swiss Athletes Corona Study initiiert. Das Ziel dieser Studie ist es, die Auswirkungen der Einschränkungen auf die aktuelle Lebenssituation der Spitzensportler*innen ganzheitlich zu erfassen (sportliche, berufliche soziale, finanzielle, psychologische und gesundheitliche Aspekte).
Der Erhebungszeitraum erstreckte sich vom 22. Juni 2020 bis zum 20. Juli 2020. Die Daten aus der Swiss Athletes Corona Study beziehen sich auf die Zeiträume vom 13. März 2020 bis zum 10. Mai 2020 (kompletter Lockdown) und vom 11. Mai 2020 bis zum Start der Datenerhebung (Lockerungen). Teilnahmeberechtigt waren alle Athlet*innen mit einer Swiss Olympic Card (Gold, Silber, Bronze, Elite), welche eine Gesamtpopulation von 2'638 darstellen. Insgesamt haben 1'411 Schweizer Spitzensportler*innen (davon 1'036 vollständig) an der anonymen Online-Umfrage teilgenommen. Aufgrund der hohen Rücklaufquote als auch der proportionalen Verteilung über die Sportarten (olympische Sommer-/Wintersportarten, nicht-olympische Sportarten, Behindertensportarten) und Leistungsniveaus (absolute Weltklasse bis erweiterte Nationale Spitzenklasse) kann die untersuchte Stichprobe als repräsentativ für den Schweizer Spitzensport angesehen werden.
Die Befunde der Studie können in der veröffentlichten Medienmitteilung eingesehen werden.
Aufgrund der andauernden unsicheren Lage der Athletinnen und Athleten ist eine weitere Befragung im Frühjahr 2021 vorgesehen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen Swiss Olympic helfen, ihre Unterstützungsmassnahmen weiter zu optimieren.