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Das Gespräch führte Christian Pauli.
Bund: Fredi Lerch, wie sind Sie dazu gekommen, 700 Seiten über einen Menschen zu schreiben, an den sich heute wohl nur noch ganz wenige Berner erinnern?
Fredi Lerch: «Muellers Weg ins Paradies» handelt nicht nur von einer Person, sondern es geht darin um das nonkonformistische Bern der 60er-Jahre. Der Text sodann hat zwei Ebenen: Es geht erstens um die Biographie von René E. Mueller und zweitens um die Geschichte des Diskussionskellers Junkere 37. Diese Geschichte war bisher nicht geschrieben. Das musste jetzt passieren. Ich wollte mit den Leuten, die die damalige Zeit noch erlebt haben, reden.
René E. Mueller ist die Leitfigur, mit der Sie das aufmüpfige Bern der 60er Jahre beschreiben. Gäbe es andere Figuren, die für das Jahrzehnt hätten stehen können? Der ungleich populärere Sergius Golowin etwa?
Golowin hat für Berns Subkultur sicher die grössere Bedeutung gehabt als Mueller. Aber Mueller war der echtere Nonkonformist, weil er sich nie um bürgerliche Konventionen geschert hat. Er war ein Gammler, bevor es dieses Wort überhaupt gab. Mueller selber hat behauptet, er habe 1966 in London Jack Kerouac getroffen und sie hätten darüber gestritten, wer von den beiden der Urgammler sei. Golowin zum Beispiel war als Stadtbibliothekar von Burgdorf gesellschaftlich integriert.
Haben Sie Mueller selber gekannt?
Nein. Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen. Das war an den Solothurner Literaturtagen 1984, als u.a. Beat Sterchis Blösch diskutiert wurde. Mueller sass, zusammen mit Walther Kauer, ganz hinten im Saal des Restaurants Kreuz. Sie haben gebechert, während die anderen diskutiert haben.[1]
Können Sie ihn kurz beschreiben?
Mueller war zunächst ein Opfer der Administrativjustiz; das hat ihn asozial bis anti-sozial gemacht. Schreiben war seine Überlebensstrategie und er hatte Glück, dass Friedrich Dürrenmatt stets seine schützende Hand über ihn gehalten hat. Er war blitzgescheit und auch bauernschlau, hatte aber nie die Energie, seine Texte auszuformulieren. Mueller lebte sehr konsequent, hat fast nie gearbeitet, alles nur gemischelt. Am Schluss, in den 80er Jahren, wurde er ein Opfer seiner Biografie: Alkohol- und drogensüchtig, gesundheitlich angeschlagen, nicht mehr attraktiv für die Frauen geriert er in Vergessenheit.
Sie richten in «Muellers Weg ins Paradies» Worte direkt an den von Ihnen Biografierten. Für einen Journalisten oder Historiker ein ungewöhnliches Stilmittel.
Ich habe mich mit Absicht ins Bermudadreieck zwischen Journalismus, Geschichtsschreibung und Literatur begeben. Deshalb gibt es in «Muellers Weg ins Paradies» Elemente aus allen drei Gebieten. Die einzige wirkliche Fiktion ist allerdings die Begegnung mit Paul Nizon am Ende des Buches. Nizon, aufgewachsen in der Länggasse, hat sich 1970 mit dem «Diskurs in der Enge» lauthals vom «kulturellen Holzboden» Schweiz verabschiedet. Der berühmte Autor, der heute in Paris lebt, hat nie zur Kenntnis nehmen wollen, was in Berns Kellern in den 60er Jahren kulturell stattgefunden hat.
Sie selber sind in den 80er Jahren zur «Bewegung» gestossen, der damaligen Berner Subkultur. Hat sich während den Recherchen ihr Bild des kulturell-politischen Untergrunds in dieser Stadt verändert?
Es hat meinen Horizont erweitert. Meine Recherchen haben mich immer weiter in die Zeit zurückgeführt. Ich realisierte, dass die 68er auch in Bern die Welt nicht neu erfunden haben. Vom Kerzenkreis und der Junkere 37 über die Hippiekultur und die Härdlütli in den 70er Jahren bis hin zur Hausbesetzerszene und der Jugendbewegung gibt es eine Linie.
Ich hatte beim Lesen von «Muellers Weg ins Paradies» den Eindruck, dass sich eine gewisse Selbstgefälligkeit auch im kulturellen Aufbruch der Junkere 37 findet. Können Sie das bestätigen?
Man darf nicht vergessen: Die Junkere 37 war eine sehr kleine Gruppierung. und sie stand unter grossem Druck einer Gesellschaft, die für ihren Diskurs kein Verständnis aufbringen wollte. Bis in die 60er Jahre hinein verhinderte die geistige Landesverteidigung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als reiner Anti-Kommunismus äusserte, auch in Bern eine lebendige bürgerliche Öffentlichkeit. Die kulturpolitische Leistung der Nonkonformisten war, diese Öffentlichkeit wieder herzustellen. Die Junkere 37 musste ihren Weg allerdings gegen widrige Umstände finden und zuerst eine eigene Identität schaffen.
Am 2. Oktober 1966 referierte Theodor W. Adorno in der Junkere 37. Sie schreiben, wie der deutsche Soziologe erschrocken sei über die netten Kulturdebatten (Adorno: «diesen Abhub der bürgerlichen Kultur»), die die Opposition in der Provinzstadt verfolgte, derweil in den Metropolen die politische Revolution angezettelt wurde.
Im Vergleich zur radikaleren 68er-Bewegung war der Nonkonformismus tatsächlich eine brave Erscheinung. In Bern waren es Beamte, Pfarrer, Redaktoren und Lehrer, insgesamt also eine reine Männeropposition mit bürgerlich-liberaler Ausrichtung. Mit der SP und der neuen Linken hatten die Nonkonformisten in Bern wenig gemein. Übrigens auch umgekehrt. Die sozialdemokratische «Berner Tagwacht» hat mit der «Junkere 37» noch weniger anfangen können als der liberale «Bund», der die Anlässe von Anfang an misstrauisch bis kritisch begleitet hat.
Ihr Buch gleicht einer Parforce-Leistung: 700 Seiten, ganze 2602 Anmerkungen und an die 500 erwähnte Personen. Wer so was schreibt, muss von einer Mission getrieben sein.
Mich hat immer interessiert, wie subkulturelle Prozesse und Szenen entstehen. Die Frage ist: Wann ist ein solcher Prozess erfolgreich und wann nicht? Um dies zu beantworten, muss man ganz nah herangehen und die mikro-sozialen Strukturen studieren. ich glaube, es ist wichtig, dass auch heutige und kommende Generationen wissen oder zumindest nachlesen können, dass es schon Jahrzehnte vorher in dieser Stadt Menschen gab, die den Aufbruch suchten. Im besten Fall können sie dann ja gewisse Dinge lernen, die auch für die eigene Praxis relevant sind.
[1] Eine unbedachte Äusserung, für die ich mich bei den Herren Mueller und Kauer entschuldige. Die beiden haben ja beim Bechern zweifellos auch diskutiert, und eigentlich sieht man an den Solothurner Literaturtagen selten jemanden diskutieren, der nicht auch bechern würde.
Ich danke Christian Pauli für die Erlaubnis, den Beitrag an dieser Stelle zweitveröffentlichen zu dürfen. (Mail Pauli an fl., 26.7.2014)