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Wie so viele ältere Menschen in städtischen Gebieten Kirgistans hat Aitbubu Soltonalieva keine Angehörigen, die sich um sie kümmern, und lebt in grosser Armut. Zum Glück hat der Kirgisische Rote Halbmond ihre Not erkannt. Eine junge Freiwillige schenkt der alleinstehenden Frau lebensnotwendige Zuwendung.
Jahrzehntelang war Aitbubu Soltonalieva alleine an Weihnachten. Ihr ganzes Leben hat die 64-Jährige in der kleinen kirgisischen Stadt Tokmok verbracht. Heute zeigt sie uns stolz ein Foto. Inmitten älterer Menschen lächelt sie in die Kamera für das Weihnachtsfoto. Sie ist das jüngste Mitglied des Elderly Club des Kirgisischen Roten Halbmondes. Dort singt sie, fertigt Handwerk und feiert Weihnachten mit den anderen Seniorinnen und Senioren.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor sie wie so viele Landsleute ihre Arbeit und erhielt nie mehr ein ausreichendes Einkommen.
Vor zwei Jahren haben Mitarbeitende des Kirgisischen Roten Halbmondes ihre Not erkannt. Seit sie vor acht Jahren an Polyarthritis erkrankt ist, plagen sie immer wieder qualvolle Schmerzen. Ohne Gehhilfe kann sie nicht mehr aus dem Haus. Die Hausarbeit wuchs ihr über den Kopf. Die eigentlich unternehmenslustige Frau hatte kaum mehr Kontakte zu anderen Menschen.
Sie hat früh geheiratet, mit 17 Jahren. Ein Jahr später gebar sie ihr einziges Kind. Nach vier Jahren zerbrach ihre Ehe. Erinnerungen, die schmerzen. Während Sowjetzeiten hatte sie eine gute Anstellung als Sekretärin und wurde sogar zur stellvertretenden Direktorin einer lokalen Firma befördert. Doch nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor sie mit 39 Jahren wie viele ihrer Landsleute ihren Job. Die kirgisische Wirtschaft erlitt einen schweren Einbruch. Seither hat sie Verschiedenes ausprobiert, konnte aber nur knapp davon leben.
Niemanden zum Reden
Heute lebt Aitbubu Soltonalieva in einem Zwei-Zimmer-Häuschen, das früher ein kleiner Laden war. Das schmale Schlafzimmer dient gleichzeitig als Vorratskammer, hinter dem Bett stapeln sich Lebensmittel. Auch der Kühlschrank steht hier, in der Küche fand er keinen Platz. Gekocht wird im Sommer draussen auf einer behelfsmässigen Herdplatte. Fliessend Wasser hat sie keines. Man muss das Wasser mühsam über eine alte Wasserpumpe hochpumpen. Das Plumpsklo befindet sich ebenfalls draussen, eine Dusche gibt es nicht.
Die kirgisischen Winter sind sehr kalt, unter minus zwanzig Grad kann es werden. Vor zwei Jahren gingen Aitbubu Soltonalieva bei Eiseskälte die Kohlen aus. Sie hatte kein Geld, um neue Kohlen zu kaufen und erfror fast. Mitarbeitende des Roten Halbmondes sorgten dafür, dass sie Kohle erhielt, um den Winter durchzustehen. Bis zur Lieferung der Kohle wurde sie im vom Roten Halbmond geführten Pflegeheim untergebracht.
Um über die Runden zu kommen, baut Aitbubu Soltonalieva etwas Gemüse an. Ihre karge Rente von umgerechnet 59 Franken pro Monat reicht trotz ihres bescheidenen Lebensstils nicht aus. Allein ihre Medikamente kosten bis zu 75 Franken monatlich. Öfters lässt sie in der Apotheke ihre Schulden aufschreiben. Manchmal erhält sie dann von ihrem jüngeren Bruder einen Zustupf. Der Kirgisische Rote Halbmond unterstützt sie mit Lebensmittelpaketen. «Ja, der Rote Halbmond hilft mir sehr», sagt Aitbubu Soltonalieva sichtlich dankbar. «Sie waren da, als meine Not am grössten war.»
Die 16-jährige Freiwillige erledigt zwei Mal die Woche was nötig ist im Haushalt und ruft ansonsten an.
Am meisten zu schaffen machte ihr die Einsamkeit, dass niemand da ist, der ihr zuhört. «Wenn ich traurig bin, dann oft, weil ich alleine bin», sagt sie. Warum sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter habe, darüber möchte sie nicht reden. Der Schmerz sitzt tief. «Für meine Tochter habe ich alles gegeben, um ihr ein gutes Leben zu ermöglichen», sagt sie nur.
Sich wieder gebraucht fühlen
Umso grösser ist ihre Freude, wenn Ayana Kadyrova sie besucht. Ayana Kadyrova ist eine erst 16-jährige Freiwillige des Kirgisischen Roten Halbmondes. Die Schülerin betreut Aitbubu Soltonalieva seit sechs Monaten. Zweimal die Woche besucht sie die Seniorin, schenkt ihr Zuwendung und greift ihr unter die Arme mit dem Haushalt. Wenn sie nicht vorbeikommen kann, ruft sie sie abends an. Ayana Kadyrova hat beim Roten Halbmond ein Training in Erster Hilfe sowie einen Betreuungskurs absolviert. Dort lernte sie, wie man kommuniziert, wenn Menschen an Demenz erkrankt sind oder ihre Seh- und Hörkraft beeinträchtigt ist. Die junge Freiwillige erledigt für Aitbubu Soltonalieva die Einkäufe, zahlt Rechnungen, besorgt Medikamente, hilft die Wohnung zu putzen und das Wichtigste: Sie verbringt Zeit mit ihr.
Als es an das schwere Eisentor zum Garten klopft, erstrahlt ein Lächeln auf dem Gesicht von Aitbubu Soltonalieva. In freudiger Erwartung öffnet sie das Tor und begrüsst ihre Helferin aufs Herzlichste. Es fällt ihr sichtlich schwer, das Mädchen nicht zu umarmen. «Ayana ist an meinem Leben interessiert. Sie gibt mir das Gefühl, wieder gebraucht zu werden», sagt die alte Frau. Innert kurzer Zeit haben die beiden Nähe zueinander aufgebaut. «Aitbubu ist wie eine zweite Grossmutter für mich», erwidert die junge Freiwillige. Sie schätzt die grosse Lebenserfahrung der älteren Frau, die ihr in schwierigen Situationen gute Ratschläge erteilt. Ausserdem lernt sie von ihr, wie man Blumen wässert, im Garten arbeitet und den Haushalt erledigt. Ayana ist zwar noch jung, aber hat ein grosses Herz und Einfühlungsvermögen. Von ihrer Mutter hat sie früh gelernt, sich für ihre Mitmenschen einzusetzen.
Dank dem Roten Halbmond hat Aitbubu Soltonalieva wieder Zuversicht und viele lebenswerte Momente. Sie trifft sich nun regelmässig mit ihresgleichen im Seniorenclub des Roten Halbmondes. Besonders mag es Aitbubu Soltonalieva, wenn dort Tanzmusik erklingt. Dann wippt sie mit dem gesunden Bein und dem Stock im Takt. Für für einen Moment vergisst sie ihre Sorgen und Gebrechen.