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MMK 2019 AG2 Moderationspapier: Unterschied zwischen den Versionen
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<h4><br>Moderations"papiere" zur [[MMK 2019 |AG 2: Kybernetik]]</h4>
Wir schreiben die Moderationspapiere als Hypertext. Längere Erläuterungen lagern wir in eigene Hypertextteile aus.
Wir schreiben die Moderationspapiere als Hypertext. Längere Erläuterungen lagern wir in eigene Hypertextteile aus.
Aktuelle Version vom 20. November 2019, 10:17 Uhr
Inhaltsverzeichnis
Moderations"papiere" zur AG 2: Kybernetik
Wir schreiben die Moderationspapiere als Hypertext. Längere Erläuterungen lagern wir in eigene Hypertextteile aus.
Um die Biodiversität hochzuhalten schreiben beide Moderatoren separate Moderationspapiere. So werden auch verschiedene Ansätze und Interessen sichtbar. Leicht sichtbar scheint mir in den beiden Papieren der Unterschied zwischen einer in der Pädagokik angewendeten Kybernetik und einem Unterrichtsfach Kybernetik. Ersteres heisst heute e-learning und letzteres eher MINT-Fächer (auch wenn an beiden Orten von Kybernetik kaum die Rede ist, weil es modernere Modebezeichnungen à la Digitalisierung gibt).
Wir werden über beides - und hoffentlich noch über weiteres nachdenken.
Kybernetik und Pädagogik
Was hat ein Wissenschaftszweig wie Kybernetik, der als "Steuer- und Regelungstechnik" doch aus der eher Ingenieurs-Ecke zu kommen scheint, eigentlich mit Disziplinen wie Pädagogik oder Psychologie zu tun? Nun, einerseits hat Norbert Wiener, der den Begriff "Kybernetik" in seinem Aufsatz "Cybernetics" von 1948 prägte, Kybernetik als "den Versuch [...] eine Theorie zu entwickeln, die den gesamten Bereich von Steuerung und Kommunikation in Maschinen und lebenden Organismen abdeckt" (Wiener, 1948, 2002) bezeichnet. Er formuliert also einen Anspruch, der sehr weit reicht.
Andererseits traf er damit wohl auch einen Nerv der Zeit, wenn man sich Disziplinen anschaut, die mit (menschlichem) Lernen, Denken, Verhalten etc. zu tun haben. Denn etwa zur Mitte des 20. Jh. verdrängte die Reflexologie im Osten (Pawlow) und der Behaviorismus im Westen (Skinner), also zwei naturwissenschaftlich grundierte Ansätze, die eher "bürgerlichen" bzw. geisteswissenschaftlich orientierten Herangehensweisen in den Humanwissenschaften wie die Tiefenpsychologie oder stellten sie zumindest in Frage.
In der Psychologie, die sich sowohl als Natur- als auch als Geisteswissenschaft versteht, haben wir es wohl auch mit wiederkehrenden Wissenschaftsmoden zu tun. Ganz grob skizziert: nach der Phase der Etablierung als Wissenschaft mit stark naturwissenschaftlicher Ausrichtung, als Meilenstein diene hier die Gründung des ersten Psychophysik-Labors durch Wilhelm Wundt in Leipzig 1879, ging die Entwicklung später eher in Richtung Introspektion, Betrachtung des Erlebens und subjektiver Theoriebildung, beispielsweise in den tiefenpsychologischen Modellen von Freud, Adler oder Jung, dann verlief die Entwicklung mit dem Behaviorismus wieder in Richtung Naturwissenschaft anhand beobachtbarer, messbarer Reiz-Reaktions-Ketten und der Innerlichkeit, dem Erleben als "black box", über die man keine Aussagen treffen kann oder will.
Auch der Allgültigkeitsanspruch in Bezug auf Systeme mag zur Attraktivität und schnellem Aufstieg der Kybernetik als erhoffte Meta-Wissenschaft beigetragen haben. Interessant ist hier z. B. die Betrachtung der Entwicklung in der DDR (Schönpflug, 2015), die einerseits einen raschen und steilen Aufstieg der Kybernetik als Gegenpol zur "bürgerlichen" Wissenschaft verzeichnete, später dann aber auch einen "Niedergang" in der Beschneidung des Gültigkeitsanspruchs auf rein technische Problemstellungen. Es wurde nämlich klar, dass ein solcher Anspruch auch mit politischen Implikationen einhergehen musste, vor allem aber, weil der Allgültigkeitsanspruch bereits durch die materialistische marxistisch-leninistische Philosophie abgedeckt war.
Kybernetik wurde auch in der Pädagogik Westdeutschlands zunächst ein großes Thema, dort aber eher auf der Basis der behavioristischen Ansätze (Skinner, Thorndike etc.). Ab 1963 fanden regelmäßige Tagungen statt, die sich mit "Lehrmaschinen in kybernetischer und pädagogischer Sicht" (so der Titel der ersten vier Tagungen bis 1966) beschäftigten. Auch hier scheint ein Nerv der Zeit getroffen worden zu sein - nur zur Illustration: an der ersten Tagung in der baden-württembergischen Kreisstadt Nürtingen 1963 nahmen 120 Personen teil und hörten dort 15 Referate, 14 davon von bundesdeutschen Referent_Innen, eines von einem französischen Kollegen. Drei Jahre später, Ort des Geschehens war nun die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf, wuchs die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf über 800 an, die 50 Referate von Kolleginnen und Kollegen aus der Tschechoslowakei, aus Frankreich, Großbritannien, Schweden, der Sowjetunion und den USA hörten. Die Tagungen wurde unter anderen Namen weitergeführt, die Kybernetik verschwand dabei erst aus den Titeln und dann auch allmählich aus den Tagungsbeiträgen. Stattdessen ging es mehr um technische Medien, Programmierte Instruktion (der Ausrichter der Tagungen hieß 1970 schon "Gesellschaft für Programmierte Instruktion"), Informationspsychologie, Lehrprogramm-Entwicklung etc., außerdem hatte als neues "Über-Thema" der Computer in die Diskussion Einzug gehalten, der als frei programmierbare Maschine die eher starr algorithmisierten Lehrmaschinen ablösen sollte.
Warum aber entstand ein "plötzliches" Interesse an der Kybernetik im Zusammenhang mit pädagogischen Themen? Wie auch heute noch zu beobachten hängten sich Hoffnungen, Projektionen und Machbarkeitsphantasien an Geräten auf, in diesem Fall an den sogenannten Lehrmaschinen. Und damals wie heute wurde der Technikeinsatz ökonomisch begründet und als Möglichkeit geschildert, die Lehrperson von eher repetitiven, automatisierbaren Aufgaben zu entlasten und mehr Zeit und Energie in den eigentlichen pädagogischen Auftrag fließen zu lassen. Und damals wie heute hätte das einen Rollenwechsel der Lehrkraft hin zur Lernbegleitung erfordert. Und damals wie heute ist die Thematik auch stark "angstbesetzt", Lehrkräfte befürchteten, durch den Einsatz von Übertragungstechnik und Lehrmaschinen überflüssig zu werden.
In der AG könnte das spezielle Feld "Kybernetik und Pädagogik" näher beleuchtet und in den Auswirkungen bis heute analysiert werden. Hilfreich wären dazu eigene Erfahrungen - viele der "babyboomer" haben Erfahrungen mit algorithmisierten Unterrichtstechniken und der dazu verwendeten Übertragungstechnik (Stichwort "Fernsehmathe") - und Fallberichte aus dem eigenen Umfeld.
Literatur: Wiener, Norbert; Dotzler, Bernhard J.; Kassung, Christian (Hrsg.): Futurum exactum. Ausgewählte Schriften zur Kybernetik und Kommunikationstheorie; Wien: Springer, 2002 Schönpflug (2015): Psychologie im Kontext der Kybernetik und im Kontext des Sozialismus. Ein Beitrag zur Geschichte der Wissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik; in: Psychologische Rundschau 66(2), 91-113
Kybernetik als Lehre
Als Kybernetik bezeichne ich eine Lehre, die während des sogenannten 2. Weltkrieges im Rahmen des Manhatten-Projektes entwickelt wurde. Im Manhatten-Projekt erarbeitete die technische Intelligenz im Auftrag der US-Regierung Rüstungstechnik bis hin zur Atombombe und entsprechende Technologie. Ein wichtiger Aspekt war die Regelung, die als zirkulär-kausale Rückkoppelungsmechanik begriffen wurde. Das grundlegende Buch zur Theorie hat N. Wiener 1943 geschrieben. Da es kriegstechnisch relevant war, wurde es - wie viele andere Bücher aus diesem Lager, etwa die vermeintliche Informationstheorie von C. Shannon - erst 1948 veröffentlicht. N. Wiener nannte die Lehre in Anlehnung an Maxwells Governor Kybernetik.
Kybernetik als Lehre beschreibt die Funktionsweise von Automaten - damit ist allerdings noch nicht gesagt, wozu die Kybernetik dient.
Kybernetik in der Lehre
In der Ausbildung der Ingenieure ist Kybernetik unter verschiendenen Namen wie Regelungstechnik oder Automatik ein wichtiges Fach. Wer Automaten herstellt, braucht kybernetisches Wissen. Es ist für Ingenieure Berufswissen, nicht Allgemeinbildung.
In der eigentlichen Schule - wozu Hochschulen, die Ausbildungen anbieten, natürlich nicht gehören - geht es um Bildung, nicht um Ausbildung. Eine diesbezüglich unsägliche Diskussion behandelt die Frage, ob Informatik ein Schulfach werden sollte oder ob Informatik im Gegensatz zu Mathematik und Grammatik lediglich brauchbare Fähigkeiten erzeuge und damit das humanistische Bildungsideal, wonach nichts Brauchbares gelernt werden sollte, gefährde.
Als Ausbildung bezeichne ich die Entwicklung der Fähigkeit, etwas zu machen, während Bildung die Fähigkeit entwichkelt, etwas theoretisch reflektiert abzubilden. Natürlich ist das Abbilden immer auch ein Herstellen von Text oder Zeichnungen und umgekehrt kann jeder Gegenstand auch als Abbild seiner selbst aufgefasst werden. Gleichwohl unterscheide ich einen Konstruktionsplan von einer hergestellten Maschine und in diesem Sinne das Abbilden als Wissen und das Herstellen als Können.
Schreiben und Rechnen gelten zwar als brauchbare Fähigkeit, sie werden aber in der Schule nicht als berufsspezifische Fähigkeiten gesehen, sondern vielmehr als Voraussetzung für Bildung schlechthin. Nebenbei, wenn ich erwachsene Menschen frage, was sie in der Schule gelernt haben, fällt den meisten nur Schreiben und Rechnen als nachhaltig ein.
Kybernetik als Technik
Als Technik bezeichne ich in Artefakten konservierte Verfahren, die mich effizient machen. Ich unterscheide Werkzeuge, Maschinen und Automaten. Kybernetik beschreibt Automaten, die immer auch Maschinen und Werkzeuge sind. Die praktische Entwicklung der Automaten-Technik brachte anfänglich vor allem Computer mit programmierbaren Prozessoren hervor. Das Programmieren wurde zu einer eigenen Disziplin, die als Informatik oder als Comuputerwissenschaft bezeichnet wurde, wodurch der Name Kybernetik weitgehend verschwunden ist.
In der Schulfachdiskussion wird Informatik kaum als Maschinen-Technik wahrgenommen, zumal auch die Informatiker sich lieber als Mathematiker denn als Ingenieure sehen. Dem entsprechend ist sehr viel mehr von Algorithmen als von Automaten und sehr oft von digitalen Medien die Rede. Die Schulfachdiskussionen widerspiegeln einen politischen Diskurs, in welchem Technik verdrängt wird. Prozessoren sind aber als materielle Artefakte der Inbegriff des Gegenstandes der Kybernetik.
Kybernetik als Wissenschaft
Kybernetik wurde als Wissenschaft konzipiert, obwohl ihr Ursprung im Engineering liegt. Der Legende nach ging es am Anfang um Flugzeugabwehrgeschütze. N. Wiener schreibt in seinem Buch "Die Versuchung" aber, wie ein Mathematiker wesentliche Prinzipien der kybernetischen Kontrolle entwickelt hat, die in der Technik ebenso wie in der Natur zu finden waren. N. Wiener hat mit Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zusammengearbeitet und sein Werk als Kontrolle im Tier und in der Maschine genannt. W. Ashby, der die wichtigste Einführung in die Kybernetik geschrieben hat, erläutert die Prinzipien an einem spukenden Haus, um deutlich zu machen, dass es weder um Tiere noch um Maschinen geht, sondern um eine allgemeine Theorie.
Kybernetik als Systemtheorie
Kybernetik wird auch Wissenschaft der Systeme oder als Systemtheorie bezeichnet. Der Ausdruck System wird in der Kybernetik (wohl) verwendet, weil er als umgangssprachlicher Begriff für komplizierte Dinge weniger verfänglich scheint als Mechanismus. In der Zeit, in welcher Kybernetik verbreitet wurde, gab es bereits soziologische Systemtheorien und die biologische Systemlehre von L. von Bertalanffy, die mit der Kybernetik beide nichts zu tun hatten. System wird in den einzelnen Disziplinen - wenn überhaupt - sehr verschieden definiert.
In der Kybernetik war zunächst von "zirkulären Feedbackmechanismen" die Rede. Als Mechanismus bezeichne ich einen Automaten, wenn ich dessen Funktionsweise hervorheben will. Wichtiger als die Ausdrücke ist, Kybernetik als eine Theorie darüber zu sehen , wie geregelte Mechanismen adäquat beobachtet und beschrieben werden. Kybernetik fragt nicht, was dieses Ding ist, sondern wie es funktioniert. Im naiven Verständnis der ersten Kybernetiker wurde das Ding noch benannt: Tier, Maschine, spukendes Haus - oder abstrakt eben System. Gemeint aber war immer eine Blackbox mit einem Regelungsmechanismus, quasi egal, was das Ding sein möge.
Kybernetik als Theorie
Als Kybernetik schon niemanden mehr interessierte, weil zu viel Unfug mit dem Wort verbunden wurde, hatte sie eine Renaissance, die durch H. von Foerster als Kybernetik 2. Ordnung eingeleitet wurde.
Ich unterscheide Theorie und Theorien im Sinne von Objekt und Instanz. Theorien befassen sich normalerweise nicht mit Theorie, sondern mit der Plausibilisierung von Erklärungen. Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion der Kategorien, die ich beim Beobachten von Sachverhalten verwende. Wenn ich mir etwas erkläre, betrachte ich es als Phänomen. Das Phänomen erkläre ich, indem ich einen Mechanismus beschreibe, mit welchem ich das Phänomen erzeugen kann. Wenn ich den Mechanismus nicht herstellen, sondern als Erklärung verwende, bezeichne ich ihn als System.
Ich gebe ein Beispiel. Wäre ich im alten Griechenland vor dem Tempel von Heron von Alexandria gestanden, hätte ich fragen können, weshalb sich wohl dessen Türen wie von Götterhand geführt oder automatisch öffnen, wenn der Priester vor dem Tempel das Feuer anzündet. Ich hätte das Phänomen damit erklären können, dass die Götter dem Priester dienen, etwa indem sie die Tür durch einen Windstoss oder durch magische Kräfte öffnen. Eine andere Erklärung wäre gewesen, dass der Priester ein Zauberer wäre oder mich hypnotisiert habe. Oder dass Sklaven des Priesters versteckt hinter den Tempeltüren sitzen. In all diesen Erklärungen beschreibe ich einen Mechanismus, aber natürlich keinen Automaten, den ich herstellen könnte. Heron hat das Phänomen mit einem unterirdischen Mechanismus erklärt.
In meinen Erklärungen beschreibe ich - kybernetische - Systeme.
In meiner Theorie - über mich - beschreibe ich, dass ich mir Erklärungen mache und wie ich diese Erklärungen konstruiere. Ich habe meine Theorie etwas ausführlicher als Systemtheorie 2. Ordnung beschrieben.
Die Arbeitsgruppe
Zur Arbeitsgruppe stelle ich mir einen Dialog vor, in welchem die Kybernetik im Zentrum steht. Mensch-Maschine-Kommunikation lese ich als Verweis auf die Kybernetik. Wir könnten darüber sprechen, wie wir diese Ausdrücke verwenden. Wir könnten auch darüber sprechen, warum Kybernetik so rasch wieder verschwunden ist, also darüber, warum sie nicht unterrichtet wird oder in den Massenmedien im Unterschied zur Worthülse Digitalisierung nicht erscheint.