Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/396

mitgeteilten
Beobachtung, nach welcher mit
Schwefelsäure
[* 2] behandeltes
Öl der alten Weißbeize sehr ähnlich wirkt. Derartiges
Fabrikat ist jetzt unter dem
Namen Türkischrotöl in verschiedenen
Sorten im
Handel und wird in Baumwollfärberei und
Zeugdruck
in größter
Menge verwendet. Ausschließliche Verwendung von Ölbeize ohne gleichzeitige Anwendung andrer
Beizen ist indes
nicht mehr möglich. Man wendet das
Öl nur als Vorbeize zur
Erhöhung desGlanzes und der
Schönheit der
Farben an und hat die eigentliche Fixierung der
Farbstoffe durch Ölbeize verlassen, weil diese Färbungen liefert, die überaus
lichtempfindlich und vergänglich sind.
Man hat in den Ölbeizen die Gegenwart gepaarter Ölschwefelsäuren oder von
Sulfosäuren der
Ölsäuren angenommen. Nach den
Untersuchungen von Liechti und
Saida sind aber die Ölbeizen ziemlich komplexe Gemische und enthalten Glycerinschwefelsäureester
von Oxyfettsäuren. Dieser
Anteil der Ölbeize ist in
Wasser löslich, während in dem unlöslichen Teil
unveränderte
Ölsäure, Oxystearinsäure, auch wohl Oxyölsäure vorhanden ist.
BeimKochen der Ölbeize mit
Alkalien zerfallen
die
Ester unter
Bildung von Oxystearinsäure und Oxyölsäure.
Diese
Säuren sollen sich auch beim Verhängen mit Ölbeize gebeizter
Stoffe abscheiden und mit der
Faser verbinden, und Fischli
hat gezeigt, daß sie in der That die wirksamen
Bestandteile der Ölbeize sind. Nach Fischli liefert gewöhnliche,
durch alkalische Verseifung von
Rizinusöl hergestellte Rizinolsäure genau ebenso gute
Resultate wie das aus
Rizinusöl hergestellte
Sulfoleat. Bei der Herstellung des letztern findet also einfach eine Verseifung des
Rizinusöls statt, u. die Rizinolsäure
ist höchst wahrscheinlich eine Oxyfettsäure.
Die gewöhnlichen Fettsäuren sind als solche nicht wirksam, sie werden es erst durch Behandlung mit
Schwefelsäure unter
Bildung von Oxystearinsäure und Oxyölsäure. Fischli hat auf
Grund seiner Untersuchungen empfohlen, die
Benutzung der
Schwefelsäure fallen zu lassen und eine aus
Rizinusöl bereitete Natronseife einzuführen.
WerdenGewebe mit solcher
Seifenlösung getränkt und der
Luft ausgesetzt, so wird die
Seife durch die
Kohlensäure der
Luft zersetzt
und die freiwerdende Nizinolsäure von der Baumwollfaser waschecht gebunden. Bei nachfolgender Behandlung mit
Thonerdesalzen
entsteht auf der
Faser
basisches Thonerdenzinoleat, Al2(C18H33O3)2(OH)4,
welches die eigentliche Grundlage des
Türkischrot bildet.
Das letztere entsteht, indem ein Teil der in dem
Thonerdesalz noch vorhandenen Hydroxylgruppen (OH) durch
Alizarin ersetzt wird. Basische Anilinfarbstoffe werden von der Ölbeize als Nizinoleate in der
Faser niedergeschlagen. Da
diese wie alle
Seifen amorph sind, so überziehen sie in zusammenhängender
Schicht die
Faser und erscheinen glänzender als
die in kristallinisch-körniger Form ausgeschiedenen sonstigen
Verbindungen der gleichen
Farbstoffe.
EineEinteilung der Farbstoffe nach ihrer Nuance erweist sich bei näherer Betrachtung als
unfruchtbar, da die verschiedenartigsten in eine
Gruppe zusammengestellt werden müssen und bei
Färbstoffen von gemischter
Nuance die Zugehörigkeit zu einer oder der andern
Gruppe oft zweifelhaft bleibt. Viel rationeller ist die
Einteilung nach
der chemischen
Beschaffenheit, doch hat diese damit zu rechnen, daß noch nicht von allen
Farbstoffen die
chemische
Konstitution erkannt ist. Die erste Gruppierung der Farbstoffe nach chemischen Merkmalen hat
Witt angegeben, indem er sich
auf folgende Gesetzmäßigkeiten stützte:
2) Damit ein aromatischer
Kohlenwasserstoff in einen
Farbstoff übergehe, ist es notwendig, daß in demselben mindestens zwei
Wasserstoffatome durch zwei verschiedene Seitenketten ersetzt werden.
3) Von diesen neu eintretenden Seitenketten ist die eine das zur Farbstoffbildung befähigende
Prinzip: chromophore
Gruppe.
Sie kann ein- oder mehrwertig sein, d. h. sie kann ein oder mehrere Wasserstoffatome
am Kohlenstoffkern vertreten. Welchen Atomgruppierungen chromophore
Eigenschaften zukommen, darüber entscheidet die
Erfahrung.
Bis jetzt kennt man etwa 17 chromophore
Gruppen, denen sich von Zeit zu Zeit neue hinzugesellen.
5) Die
Bildung des Farbstoffs erfolgt erst durch den
Eintritt einer zweiten
Gruppe, welche
an sich unfähig ist, einen
Kohlenwasserstoff
zum
Farbstoff umzugestalten. Weil sie somit, ohne selbst farbgebend zu sein, dem
Chromogen behilflich ist, seine Farbstoffnatur
zu entwickeln, so bezeichnet man sie als auxochromeGruppe.
Allen auxochromen
Gruppen ist die Fähigkeit
eigen, den
Kohlenwasserstoff in eine
Base oder eine
Säure umzugestalten. Doch ist der
Grad ihrer farbenentwickelnden
Wirkung
auf das
Chromogen keineswegs proportional der
Energie dieser salzbildenden
Kraft.
[* 4] Nach ihrer auxochromen
Natur lassen sich die
bisher bekannten, zur Salzbildung befähigenden Seitenketten von
Kohlenwasserstoffen etwa in folgende
Reihe einordnen, wobei die stärker wirkenden vorangehen: NH2
(Amid, mit seinen Abkömmlingen, wie NHCH3, N(CH3)2
2c. - OH
(Hydroxyl) - NH3OH
(Ammonium) - SO?H (Sulfoxyl) - COOH (Carboxyl). Den drei letzten
Gruppen kommt die auxochrome
Natur in viel geringerm
Maße zu als den beiden ersten. Aus diesen Verhältnissen ergibt sich, wie ungeheuer
groß die Zahl der möglichen Farbstoffe ist; jede Berechnung führt zu
¶
mehr
unabsehbaren Reihen. Unter Zugrundelegung der entwickelten Anschauungen unterscheidet man heute die folgenden Farbstofffamilien:
1) Nitrofarbstoffe. Die chromophore Gruppe ist der einwertige, ein oder mehrere Male in das Molekül eintretende Komplex -NO2
(Nitrogruppe).
3) Hydrazonfarbstoffe. Chromophore Gruppe =C=N-NH-. Schließen sich den vorhergehenden sehr nahe an und
gehören vielleicht zu denselben.
4) Azoxyfarbstoffe. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel] (Azoxygruppe).
5) Nitroso- oder Chinonoximfarbstoffe mit den tautomeren einwertigen NO, OH, oder zweiwertigen O, NOH, Gruppenpaaren.
6) Ketonfarbstoffe. Chromophore Gruppe CO (Ketongruppe), welche zweiwertig ein oder mehrere Male in das
Molekül eintritt.
7) Ketimidfarbstoffe. Chromophore Gruppe C=NH, zweiwertig.
8) Diphenylmethanfarbstoffe. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel], die mit zwei aromatischen Radikalen verbunden ist.
9) Triphenylmethanfarbstoffe, enthalten als chromophore Gruppe eine der drei mit aromatischen Kohlenwasserstoffresten verbundenen
Gruppen ^[chem. Formel]. Die Farbstoffe, welche die dritte Gruppe enthalten, die Phtaleine, behandelt man auch als
besondere Familie für sich.
10) Indophenole. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel], zweiwertig.
11) Oxazine. Chromophore Gruppe, ein mit zwei unter sich wieder durch ein Sauerstoffatom verketteten aromatischen Resten verbundenes
Stickstoffatom.
12) Thiazine, entsprechen den Oxazinen, enthalten aber an Stelle des verbindenden Sauerstoffatoms ein Schwefelatom.
13) Induline, entsprechen den Oxazinen, enthalten aber statt des verbindenden Sauerstoff- ein Stickstoffatom,
welches an ein weiteres aromatisches Radikal gebunden ist.
14) Azine. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel], vierwertig, verbindet zwei zweiwertige aromatische Radikale.
15) Safranine. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel] (Azoniumgruppe), sechswertig, mit drei aromatischen Radikalen, zwei zweiwertigen
und einem einwertigen verbunden.
16) Acridinfarbstoffe. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel], vierwertig, mit zwei zweiwertigen aromatischen
Radikalen verbunden.
17) Indigofarbstoffe. Chromophore Gruppe ^[chem. Formel], vierwertig.
13) Chinolinfarbstoffe, keine natürliche Familie, verschiedenartige, zum Teil ihrer Konstitution nach ungenügend erforschte
Farbstoffe, die sich von den Basen der Chinolinreihe ableiten.
Diese Einteilung der Farbstoffe ist insofern berechtigt, als die chromophore Gruppe das die Natur des Farbstoffes
bestimmende Prinzip im Molekül der Farbstoffe ist und mithin alle Farbstoffe mit gleicher chromophorer Gruppe auch gewisse übereinstimmende
chemische Merkmale besitzen. Die weitere Teilung derGruppen erfolgt auf Grund der im Chromogen enthaltenen Kohlenwasserstoffreste.
Leider entziehen sich gerade die am längsten bekannten, von Pflanzen und Tieren fertig dargebotenen Farbstoffe der
Einreihung in das System, da ihre Konstitution bis auf wenige Ausnahmen noch nicht erforscht ist. Wo es aber gelang, die chemische
Natur der sogen, natürlichen Farbstoffe zu ermitteln, zeigte sich regelmäßig, daß dieselben den gleichen Gesetzen folgen wie die
natürlichen. Deshalb
ist es auch unberechtigt, wenn noch immer behauptet wird, daß die natürlichen
Farbstoffe gewisse unterscheidende Eigenschaften besäßen, welche den künstlichen abgehen. Soweit abweichende Eigenschaften in der
That vorliegen, sind dieselben lediglich darauf zurückzuführen, daß die meisten natürlichen Farbstoffe Chromogene zur Grundlage
haben, welche unter den künstlichen nicht vertreten sind, und umgekehrt.
Auch die Behauptung, daß die natürlichen echter sind als die künstlichen, ist falsch; es gibt sehr
unechte Farbstoffe unter erstern und sehr echte unter den Erzeugnissen der Farbenindustrie. Thöricht ist die Behauptung,
daß die mit natürlichen Farbstoffen erhaltenen Färbungen dem Auge
[* 6] angenehmer, »künstlerischer« seien. Die Farben der künstlichen
Farbstoffe sind vielfach grell und leuchtend, weil sich gerade die glänzendsten Farbstoffe unter
den künstlichen befinden, und weil sie dem Färber in großer Reinheit geliefert werden.
Die natürlichen Farbstoffe sind dagegen in dem Zustand, in welchem die Natur sie uns darbietet, meist sehr unrein, die Verunreinigungen
färben mit und stimmen den Glanz derFarbe herab. Nicht zu leugnen ist, daß die künstlichen Farbstoffe oft in
sehr unkünstlerischer Weise verwendet worden sind. Stellt man die reinen, leuchtenden, künstlichen Farbstoffe unvermittelt nebeneinander,
so gibt das oft schreiende Kontraste, während man leichter eine harmonische Färbung mit den natürlichen Farbstoffen erhält,
und zwar gerade wegen deren Unreinheit. In neuester Zeit hat man aber mehr und mehr gelernt, die glänzenden
künstlichen Farbstoffe richtig zu benutzen, auch sind so viele gebrochene Farben von der Industrie geliefert worden, daß wohl allen
künstlerischen Anforderungen Genüge geleistet werden kann.