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Raphaël Thiémard wohnt in Belgien und möchte einen Parlamentssitz in Bern ergattern. Er ist der einzige grüne Kandidat aus den Reihen der Fünften Schweiz.
Für einen Auslandschweizer ist der Weg ins Bundeshaus noch beschwerlicher als für jene Kandidaten, die in der Schweiz leben.
swissinfo: Bis jetzt wurde noch nie ein Auslandschweizer-Kandidat ins Schweizer Parlament gewählt. Ist da eine Kandidatur nicht zwecklos?
Raphaël Thiémard: Da gibt es verschiedene Probleme zu beachten. Erstens muss sich ein Kandidat aus dem Ausland gemäss Wahlsystem einem bestimmten Kanton anschliessen. Das hat zur Folge, dass die Chance, gewählt zu werden, praktisch gleich null beträgt.
Der zweite Aspekt ist das mögliche Engagement im Fall einer Wahl. Wenn jemand zu weit von der Schweiz entfernt wohnt, bedeutet dies, dass der Gewählte umziehen muss. Damit geht aber die Besonderheit des Auslandschweizers verloren. Oder aber der Parlamentarier muss Reisen auf sich nehmen, die nicht einfach zu managen sind.
Trotzdem aber bleibt die Möglichkeit, als Expat gewählt zu werden, interessant. Es müssen aber Möglichkeiten gefunden werden, die dieses Engagement erlauben.
swissinfo: Sollten Sie gewählt werden, würde Sie das nerven?
R.T.: Daran habe ich natürlich gedacht (lacht). Aber wenn man kandidiert, tut man das natürlich nicht, um nicht gewählt zu werden.
Was mich betrifft, habe ich das Glück, in Belgien zu leben, in der Nähe einer grossen Eisenbahnlinie. In sechs Stunden bin ich in Bern, was nicht unüberwindbar ist. Für mich ist es also konkret möglich, gewählt zu werden.
swissinfo: Wie führen Sie von Belgien aus Ihre Wahlkampagne?
R.T.: Da gibt es zwei Probleme. Da ich auf der Liste der Grünen des Kantons Freiburg figuriere, ist es wichtig, Kontakt mit Personen zu haben, die in diesem Kanton leben. Das ist aus der Ferne schwierig. Ich bin mehrere Male dorthin gereist, um mit der dortigen Bevölkerung zusammenzutreffen.
Ich muss mich aber auch an ein Auslandschweizer-Publikum richten. Das ist meine Besonderheit. Die Fünfte Schweiz muss sich mit mir identifizieren können. Das ist ebenfalls schwierig, weil diese Gemeinschaft sehr verstreut lebt. Es gibt nicht dutzende Lösungen - man muss via Homepage kommunizieren.
swissinfo: Ja, aber nur eine Minderheit der Auslandschweizer wählt im Kanton Freiburg.....
R.T.: Das ist das Problem, das ich eben erwähnte. Die Auslandschweizerinnen und -schweizer haben Mühe, einen Auslandschweizer-Kandidaten zu wählen.
swissinfo: Sie wären also für die Schaffung eines speziellen Wahlkreises für Auslandschweizer.
R.T.: Es gibt verschiedene Vorschläge in dieser Richtung. Alle sind interessant.
Was man meiner Meinung nach vermeiden sollte, ist, in Bern eine Art Lobby für die Fünfte Schweiz einzurichten. Man braucht im Parlament keine Leute, die nur dann die Ohren spitzen, wenn es um die Anliegen der Auslandschweizer-Gemeinde geht. Das würde wenig Sinn machen.
Man muss ein System finden, das erlaubt, Auslandschweizern einige Sitze zuzugestehen, ohne dadurch einzig und allein die Interessen der Landsleute im Ausland zu verteidigen.
swissinfo: Sie kandidieren auf einer Liste der Grünen und interessieren sich für den Umweltschutz. Haben Sie andere Dossiers, die Ihnen am Herzen liegen?
R.T.: Ich interessiere mich insbesondere für Energiefragen. Nicht unbedingt für technische, sondern auch für soziale Fragen. Es ist klar, dass wir uns auf eine Energiekrise zubewegen. Daher ist es wichtig, bereits heute zu handeln.
Man weiss zum Beispiel, dass Erdöl knapp wird, oder zumindest Erdöl zu einem erschwinglichen Preis. Das wird sich auf jeden Einzelnen, auf die Wirtschaft, aber auch auf den Staat auswirken. Ich plädiere dafür, dass sich die Regierungen jetzt dessen bewusst werden und entsprechend handeln.
Eine weitere Vorliebe von mir sind die Beziehungen der Schweiz zum Ausland sowie alles, was das Image der Schweiz betrifft. Denn ich denke, dass dieses Image zur Zeit einige Probleme hat.
swissinfo: Belgien erlebt zur Zeit eine neue Krise zwischen Flamen und Wallonen. Führt das bei Ihnen zu einem speziellen Blick auf die Schweiz, wo das Zusammenleben zwischen verschiedenen Sprachen relativ gut funktioniert?
R.T.: Dazu werde ich von den Belgiern häufig befragt. Das hat mich dazu bewogen, über diese Frage nachzudenken. Eine grosse Mehrheit der Belgier suchen nach einem Weg, der ein Zusammenleben all dieser unterschiedlichen Kulturen ermöglicht. Jene, die nicht mehr zusammen leben wollen, stellen eine Minderheit dar.
Die Belgier wenden sich also Ländern zu, die auch in multikulturellen Situationen leben, aber auf offensichtlich friedliche Art und Weise. Dabei denkt man sehr schnell an die Schweiz, die nicht so weit von Belgien liegt.
Ich versuche, gewissen Parallelen zu ziehen, wenn ich antworte. Das ist jedoch nicht einfach, weil es viele Unterschiede gibt. Das sind zum Beispiel historische Gründe, die dazu führten, dass die Schweiz solider ist als Belgien.
Zudem ist Belgien sehr polarisiert, im Gegensatz zur Schweiz. In der Schweiz gibt es 26 Kantone, in Belgien sind es zwei grosse Regionen, was alles viel schwieriger macht.
Interview swissinfo, Olivier Pauchard
(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein)
Fakten
Raphaël Thiémard stammt aus dem Kanton Freiburg und lebt seit 15 Jahren in Belgien.
Er ist mit einer Belgierin verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Thiémard ist gelernter Obstgärtner, hat sich später jedoch in Informatik weitergebildet.
Der Auslandschweizer besitzt eine eigene Internetfirma, kreiert Homepages für KMU und arbeitet für die belgischen Grünen.