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Dienstwege

Wichtiger Hinweis:
"Raumnot". Hochschulwachstum und Krisenwahrnehmung
Die ETH ist über 150 Jahre hinweg mehr oder weniger kontinuierlich gewachsen. In der zeitgenössischen Wahrnehmung hinkte ihr Ausbau dabei meist den Bedürfnissen oder Zukunftserwartungen hinterher. Zwangsläufig wurde die Gegenwart deswegen als krisenhaft empfunden.
Wie die zeitgenössische Wortprägung "industrielle Revolution" in Anlehnung an die umwälzenden Ereignisse von 1789 veranschaulicht, wurde das 19. Jahrhundert als Epoche eines dynamischen Wandels erlebt. Die Technischen Hochschulen und ihre Wissenschaftsdisziplinen waren an diesen Veränderungen aktiv beteiligt. Zugleich gerieten sie unter dem Eindruck der allseitigen Beschleunigung selbst unter Zugzwang. Die regelmässig ausgerufene "Raumnot" illustriert die Probleme sehr gut. Denn an Gebäuden und Plänen für die Auslegung von Hochschulquartieren lassen sich die aktuell und mittelfristig für angemessen erachteten Bedingungen der Wissensproduktion ablesen. Die Geschichte des Eidgenössischen Polytechnikums kann als die Geschichte ihrer räumlichen Engpässe und bewilligten Baukredite verstanden werden: Auf diese Weise rückt das Vermögen der Hochschulverwaltung in den Blick, im Namen von Wissenschaft, Industrie oder Politik frühzeitig auf sozialen Wandel zu reagieren.
Die Naturwissenschaften Chemie und Physik machten den Anfang. Nach 1860 stellten die beiden Fächer ihre Disziplinenkultur sukzessive aufs Experimentieren um. Dies führte dazu, dass sie grössere Laboratorien benötigten. Als 1883 der Beschluss für ein neues Chemiegebäude fiel, hatte der Schulrat auch schon den Ausbau des Physikinstituts als "zweite Hauptsache für die Zukunft unserer Schule erkannt".
Zudem waren die Physiklaboratorien dort denkbar
schlecht untergebracht. Von störungsfreien Experimentalbedingungen war keine Spur.
Die an Decken und Pfeilern befestigten
Messapparate wurden durch den Studienbetrieb im oberhalb gelegenen Hörsaal "ins Schwanken" versetzt und durch das "Eisenreichthum und die in ihnen bewegten
Eisenmassen" der benachbarten Schmiede und des Dampfmaschinenraums abgelenkt.
Aber nicht nur die experimentellen Wissenschaften, auch die klassischen naturhistorischen Disziplinen der Botanik und Geologie mit ihren Sammlungen litten unter Platzmangel. Albert Heim, Geologieprofessor und seit 1882 geologischer Sammlungsdirektor am Polytechnikum, skandalisierte seit den 1890er-Jahren die anarchischen, jedem Ordnungssinn spottenden Zustände:
"Und nun das alte Lied immer wieder, schlechte staubende Böden in den Sammlungen, Kasten wegen Bodensenkungen nirgends schließend, selbst aufspringend, überall Staub einlassend, Schwanken und Zittern der Böden und der Kasten, so dass die Ordnung des Aufgestellten sich zur Unordnung verschiebt. Überall Drängung bis zur Unbenutzbarkeit und dem allweiligen Zugrundegehen der schönsten Sachen."
Zum knappen Baubudget kam der ordentliche Polytechnikumshaushalt, dessen unvermeidliche Erhöhung jedes Jahr aufs Neue begründet werden musste. Der Unterhalt der Laboratorien und Sammlungen, die Erneuerung von Mobiliar, Räumen und Infrastruktur, langsam aber sicher steigende Studierendenzahlen, die Ausdehnung der Studienzeiten und Studienpläne sowie die Schaffung neuer Professuren, in denen sich die Auffächerung des polytechnischen und naturwissenschaftlichen Fächerkanons spiegelte, verlangten nach immer neuen Aufstockungen. Auch mussten die steigenden Gehaltsansprüche der Professoren erfüllt werden, um international und gegenüber der Industrie konkurrenzfähig zu bleiben.
Entgegen den nie abschwellenden Klagen brachte der schweizerische Schulrat die Bundeshochschule mit der Durchsetzung immer höherer Gesamtsummen nicht schlecht durch die Jahrzehnte. Er führte die Finanzverhandlungen im öffentlich gern herausgekehrten Wissen darum, dass das Polytechnikum von den "Opfern, die das Land zu bringen vermag", abhing. Das Eingeständnis der Abhängigkeit verpflichtete aber keineswegs zu Bescheidenheit. Opfer brachten schliesslich alle. 1893 wies der Schulrat etwa auf die Investitionen des "kleinen Hessen-Darmstadt" hin. Die dortige technische Hochschule bekam gerade einen Neubau und ein chemisch-technisches Institut für "volle zwei Millionen Franken" (ebd., 372). Und die Rhetorik liess sich problemlos auf die Hochschulangehörigen selbst anwenden, auf das Arbeitsethos der Professoren, ja sogar auf das streng kontrollierte und unbezahlte Engagement der Studenten: Die finanziellen Entbehrungen für Wahrheit und Selbstbildung machten aus der Wissenschaftsgemeinschaft eine Opfergemeinschaft par excellence.
Die Rede von der Krise hielt sich auch nach 1900. Immer öfter wurden die Hochschulkrisen nun mit nationalen Problemlagen in Verbindung gebracht. Der Erste Weltkrieg galt als Katalysator für gesellschaftliche und wissenschaftliche Transformationen und die Anpassung an diese Veränderungen blieb eine dauernde Herausforderung. So wurde 1920 zwar eine Stiftung zur Förderung der schweizerischen Volkswirtschaft durch wissenschaftliche Forschung an der ETH ins Leben gerufen (Botschaft des Bundesrates, Bundesblatt 1919 IV, 387-393). Dennoch warnte man auf parlamentarischer Ebene schon wieder Anfang der 1930er-Jahre vor volkswirtschaftlichen Folgeschäden, wenn die labortechnische Ausrüstung der ETH und der schweizerischen Industrie auf dem diagnostizierten niedrigen Niveau verharre (Amtliches stenographisches Bulletin der Bundesversammlung. Nationalrat, 13.12.1934, 942).
Nach 1945 konstatierte der Bundesrat des Innern mit Blick auf die vorangegangenen kriegsbedingten Sparmassnahmen endgültig eine "Wachstumskrise der Hochschule". Zudem machte der internationale Konkurrenzdruck die schweizerischen Führungskräfte nervös. Ihrer Meinung nach konnten die kriegführenden Staaten die Resultate der Rüstungsforschung nun in ziviles Kapitel ummünzen und sich so einen Vorsprung auf dem Weltmarkt verschaffen. Derart alamiert bewilligte die Bundesversammlung Anfang 1946 einen Baukredit von 27 Millionen Franken für die ETH. Kurz darauf machten Hochrechnungen von bald benötigten akademisch ausgebildeten Arbeitskräften die Runde. Sie bestätigten den vermeintlichen schweizerischen Rückstand erneut und riefen nach vermehrter Rekrutierung von Maturandinnen und Maturanden (Hummler 1955; Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die bauliche Entwicklung der ETH, Bundesblatt 1959 I, 201-202). Die Möglichkeiten, im städtischen Hochschulviertel mehr Studienplätze anzubieten, waren indes begrenzt.
Bis in die 1990er-Jahre hinein erfuhren die Ausbau- und Finanzwünsche der ETH nur einmal eine Absage: Vom 1974 beschlossenen Personalstopp für die Bundesbehörden war auch die Bundeshochschule betroffen. Die Krise als Chance begreifend verlegte sich die ETH auf qualitative Leistungssteigerungen, der damalige ETH-Präsident Heinrich Ursprung erinnerte aber mit der Rede vom "Wachstum in der Zwangsjacke" regelmässig an die Ausnahmesituation, die bis Mitte der 1980er-Jahre andauerte.
Andrea Westermann