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Märchen vom Glück
Die Suche nach dem Glück beschäftigt die Menschen seit jeher. Die Märchen erzählen von dieser Suche, vom Mut, der Hoffnung und den verschiedenen Wegen, das Glück zu finden. Es kann ein Glück sein, Trost zu finden, die Angst zu verlieren oder einen Helfer im Leben zu treffen. Lassen Sie sich von den Märchen aus verschiedenen Kulturen insprieren.
- Von der Kraft der Geschichten
• Der Glückliche und der Unglückliche
• Jakobs Glückstraum
• Der Steinhauer
Von der Kraft der Geschichten
Vor langer Zeit lebten die Menschen einmal in grosser Gefahr. Da ging ein Weiser in den Wald zu einem alten Baum, entzündete eine Kerze und sprach heilsame Worte. Die Menschen schöpften Mut daraus und konnten die Gefahr besiegen. Eine Generation später drohte wieder Gefahr und ein Schüler des Weisen ging in den Wald zu dem alten Baum. Er kannte die Worte nicht mehr, doch er entzündete eine Kerze und die Menschen bekamen genug Kraft und Trost, um die Bedrohung abzuwenden. Als eine Generation später wieder Unheil drohte, wussten die Menschen den Weg zu dem Baum nicht mehr, die heilsamen Worte waren verloren, doch sie entzündeten eine Kerze und fanden die Kraft, um das Unheil abzuwehren. Jahre vergingen, und als die Menschen wieder in Bedrängnis kamen, kannten sie den Platz im Wald nicht mehr, die heilsamen Worte waren verloren gegangen und sie hatten auch keine Kerze, die sie entzünden konnten. In ihrer Not erzählten sie sich jedoch diese Geschichte und fanden die Kraft, die Gefahr zu bannen.
Parabel nach einer jüdischen Legende © Mutabor Märchenstiftung
Der Glückliche und der Unglückliche
Es waren einmal zwei Bauern, die lebten nicht weit voneinander. Der eine war reich, der andere arm. Der Arme war freilich auch ein fleissiger Arbeiter, aber dennoch wurde er nicht reicher, als er war. Einmal ging er in der Nacht noch auf sein Feld, um dort nach dem Rechten zu schauen, aber - o Wunder - was war das! Er sah, wie ein Mann auf dem Feld des Reichen Roggen säte. „Was tust du hier?“, fragte der Arme. „Ich säe Roggen!“, war die Antwort. „Und wann kommst du auf mein Feld Roggen säen?“, fragte der arme Mann. „Niemals!“
„Weshalb säest du denn auf dem Feld des andern?“
„Ja, ich bin eben sein Glück.“
„Nun, wo ist denn mein Glück?“, fragte der Arme.
„Dein Glück schläft dort neben dem grossen Stein“, sprach der Sämann.
Der Arme eilte zum Stein, um sein Glück zu wecken.
„Höre, Mann, steh auf und geh Roggen säen!“
„Ich gehe nicht“, antwortete der Schläfer.
„Ja, warum gehst du denn nicht?“ fragte der Arme.
„Nun, ich bin eben nicht das Glück eines Landwirts.“
„Aber du bist doch mein Glück!“
„Ja freilich“, sagte der Schläfer, „wähl dir nur ein anderes Handwerk, dann werde ich schon dein Glück sein.“
„Was soll ich denn werden?“, fragte der Arme.
„Was wolltest du denn immer sein?“
„Kaufmann!“ - „Dann werde Kaufmann!“
Sogleich ging der Mann nach Hause, verkaufte sein Haus und eröffnete in der Stadt einen Laden. Nun kam sein Glück zu ihm und blieb bei ihm bis an sein Lebensende.
Märchen aus Estland
Aus: Zeitschrift Märchenforum Nr. 63
Jakobs Glückstraum
Vor Zeiten lebte ein Hirte, der auf einer entlegenen Alp den Bauern das Vieh sömmerte. Sein Name klang nicht sehr lieblich, obwohl er zu seinem Dienst passte. Jakob Kuhschwanz, so hiess er, und mit Gütern war der Mann wenig gesegnet. Seine Arbeit brachte ihm nur geringen Lohn, und oft wusste er kaum, woher das Brot nehmen.
Eines Nachts hatte er einen wunderlichen Traum. Er stand im treibenden Nebel, da hörte er eine Stimme rufen:
n Thun auf der Brück’
machst du dein Glück.
Davon erzählte er beim Aufwachen seiner Frau und hatte nicht übel Lust, sich sogleich auf den Weg zu machen. Doch da fand er wenig Gehör. «Ach was», sagte die Frau, «du wirst dir doch nicht am helllichten Tag die Schuhe ablaufen wollen. Mach dich lieber an die Arbeit, zu tun gibt es überall genug!»
Jakob fügte sich, obwohl er ein saures Gesicht zog. Wohl oder übel ging er in den Schopf, flickte da an einer Sichel, setzte dort einem Rechen einen fehlenden Zahn ein. Aber als er sich zum Schlaf niederlegte, vernahm er genau die gleiche Stimme. Auch diesmal hielt ihn die Frau zurück. «Träume sind Schäume», sagte sie, «geh besser jetzt daran, mir Späne und Scheitholz fürs Feuer zu machen, es kann plötzlich kalt werden!» In der folgenden Nacht hatte Jakob den wunderlichen Traum zum dritten Mal. Noch deutlicher sprach aus dem Nebel heraus die Stimme in seine Ohren:
In Thun auf der Brück’
machst du dein Glück.
Jetzt gilt es, dachte der Hirte, und ganz leise, um ja seine Frau nicht zu wecken, schlüpfte er aus dem Bett und zog draussen in der Küche seine Kleider an. Dann steckte er ein Stück altbackenes Brot sowie eine Käseschwarte in seine Tasche und marschierte ohne nur einmal zu rasten nach Thun hinunter. Als die Sonne aufging, stand er schon mitten auf der Brücke. Sein Herz klopfte, so sehr war es mit Erwartungen geladen. Zunächst kam der Geisshirt, der seine glöckelnde Herde vorübertrieb und freundlich grüsste. Jakob blickte ihm nach, lief hin und her, indem er sich abzulenken suchte. Bald verfolgte er das Ziehen des Wassers, bald die Vögel, die über den Dächern schwirrten. Er nickte den Leuten zu, den Stadtfrauen, den Bauern und Marktfahrern. Als es endlich Mittag schlug, verzehrte er sein hartes Brot, nagte am Käse und streute den Rest zu den Enten hinunter. Um nichts in der Welt wäre er von der Brücke gegangen. Ein altes Sprüchlein, mit dem ihn manchmal die Grossmutter getröstet hatte, ging ihm durch den Kopf:
Wart ein Weilchen, lausch’ ein Weilchen,
setz dich ein Weilchen nieder,
und wenn du ein Weilchen gesessen bist,
so komm und sag’s mir wieder!
Aber ach, es war eine harte Geduldsprobe, auch wurden ihm die Beine immer schwerer. Grämlich schaute er zu den Bergen empor, es fiel ihm ein, wie seine Frau wegen der vertrödelten Zeit schimpfen würde und ihn obendrein auslachen, weil er so leichtgläubig war. Eine Weile legte er den Kopf aufs Geländer. Da war es ihm, als höre er nochmals die Traumstimme:
In Thun auf der Brück’
machst du dein Glück.
Also blieb er standhaft, bis die Sonne unterging. In diesem Augenblick erschien auch der Geisshirt wieder mit seiner Herde. Als er gewahrte, dass der Mann immer noch da stand, hielt er an und sagte: «Du studierst wohl das Gangwerk des Himmels, dass du stets auf dem gleichen Fleck wartest!»
Jakob schüttelte den Kopf, und um sich Luft zu machen, berichtete er von dem Traum, der ihm dreimal das Glück vorgegaukelt hatte. Da lachte das Hirtlein, dass ihm die Ohren wackelten. «Wie kann man sich nur so narren lassen. Mir hat es auch schon mehr als einmal geträumt, ich solle auf die Trichelalp hinauf ins Haus von Jakob Kuhschwanz. Da sei unter dem Küchenherd ein Kessi voll Gold vergraben. Nun sage, wer wollte auf solchen Unsinn achten, und wer in aller Welt könnte Jakob Kuhschwanz heissen!»
Kaum hatte der Brückensteher diese Worte vernommen, lief er davon wie von einer Wespe gestochen. Der Geisshirt blickte ihm nach, schlug endlich den Finger an die Stirn und sagte: «Narren sind auch Leute, aber glücklicherweise sind nicht alle Leute Narren!» Darauf folgte er seiner drängenden Herde. Jakob aber lief, was seine langen Beine hergaben, bis er spätnachts in seine Hütte kam. Sogleich eilte er zum Herd und riss die Feuerplatte heraus. Und da stand wahrhaftig ein Topf randvoll mit Goldtalern. «Nun soll jemand noch sagen, Träume seien Schäume», schmunzelte er und weckte seine Frau, die schon im besten Schlafe lag.Von dem vielen Geld kaufte er einen stattlichen Bauernhof. Aber Kuhschwanz wollte er nun doch nicht mehr heissen. Das verstand auch der Landvogt, als er ihm ein paar schöne Taler unter die Augen hielt. Nur schade, dass nirgends geschrieben steht, was für einen neuen Namen er eingetauscht hat! Das würden wir doch eigentlich gerne wissen.
Märchen aus der Schweiz, siehe auch den Beitrag in der Zeitschrift Märchenforum Nr. 68
Der Steinhauer
Es war einmal ein Steinhauer, der ging täglich zu einem hohen Felsen und brach Steine aus ihm. Diese verkaufte er als Grabsteine und Hausschwellen. Und da er seine Arbeit verstand und die Steine stets sehr sorgsam bearbeitet waren, fand er auch immer Abnehmer dafür. Freilich war sein Verdienst gering und seine Last gross, aber er war lange Zeit zufrieden und wünschte nichts weiter.
Die Leute erzählten, da, wo er arbeitete, hause ein grosser Berggeist, der manchmal den Menschen erscheine und ihnen zu ihrem Fortkommen behilflich wäre; doch hatte er noch nichts von dem Berggeist entdeckt und schüttelte stets ungläubig den Kopf, wenn von demselben die Rede war.
Einstmals aber, als der Steinhauer bei einem reichen Manne einen Grabstein abgeliefert und gesehen hatte, wie schön dieser wohnte und auf was für einem kostbaren Bett der schlief, da rief er bei seiner sauren Arbeit, die ihm den Schweiss auf die Stirn trieb: «O, wäre ich doch ein reicher Mann, dann bräuchte ich mich nicht so zu plagen und könnte auch auf einem Bett mit rotseidenen Vorhängen und goldenen Quasten schlafen!»
Kaum hatte er die Worte gesprochen, so ertönte eine Stimme durch die Lüfte, welche ihm zurief: «Dein Wunsch ist dir gewährt, du sollst ein reicher Mann sein!»
Verwundert blickte der Steinhauer um sich; doch da er niemand gewahrte, nahm er sein Werkzeug und ging heim, denn er beschloss, für heute die Arbeit ruhen zu lassen. Als er zu Hause angelangt war, da staunte er aber erst recht, denn statt seiner kleinen Hütte fand er ein schönes, stattliches Haus mit einer herrlichen Einrichtung, bei welcher auch das gewünschte Bett nicht fehlte. Erfreut nahm er von allem Besitz, vergass sehr bald sein mühevolles Gewerbe und liess es sich gut gehen.
Doch eines Tages, als die Sonne vom Himmel brannte und es so heiss war, dass er nicht hinauszugehen wagte, da sah er einen stattlichen Zug von Menschen an seinem Hause vorüberziehen. Zwischen herrlichen Rittern hielten schön geputzte Diener einen Tragkorb, in dem ein Fürst sass, der sich einen goldglänzenden Schirm über das Haupt halten liess, um ihn vor der Sonne zu schützen. Missvergnügt blickte der ehemalige Steinhauer dem Zuge nach, und als er seinen Augen entschwunden war, rief er: «O, wäre ich doch ein Fürst, dann könnte ich mich auch so tragen lassen und hätte einen goldenen Schirm, der mich vor den Strahlen der Sonne schützte!»
Und als er die Worte gesprochen, da ertönte abermals die Stimme des Berggeistes: «Dein Wunsch sei erfüllt, du sollst Fürst sein!»
Und nun war er Fürst. Vor seinem Tragkorb ritten viele Reiter einher und ebenso viele folgten ihm, er hatte Ehre, Glanz und Reichtum vollauf, kurz alles, was er sich wünschte, und natürlich auch den goldenen Schirm, mit dem er sich schützte. Dennoch war er nicht zufrieden; stets blickte er umher und suchte herauszufinden, womit er seine Lage noch angenehmer machen könnte. Als er sah, wie die mächtige Sonne alles ringsumher verbrannte, als er sah, dass in ihren Strahlen das Gras verdorrte und sein Gesicht trotz des goldenen Schirmes von der Sonnenhitze immer stärker gebräunt wurde, da gefiel ihm sein Leben nicht mehr. Ärgerlich rief er: «Die Sonne ist mächtiger als ich; ich möchte die Sonne sein!»
Abermals rief der Berggeist: «Dein Wunsch sei dir gewährt, du sollst die Sonne sein!»
Und da war er die Sonne und fühlte sich sehr stolz in seiner Macht. Er sandte seine Strahlen nach oben und unten, nach rechts und links, er versengte das Gras auf der Erde und verbrannte den Fürsten die Haut so gut wie allen anderen Leuten. Doch als er seine Lust gekühlt hatte, da fing er schon an, seiner Macht überdrüssig zu werden, und als eine Wolke kam und sich schützend zwischen die Erde und ihn stellte, da rief er voll Zorn: «Was ist denn das? Die Wolke fängt alle meine Strahlen auf, sie ist ja mächtiger als ich! Das geht nicht an, ich will die grösste Macht besitzen und möchte die Wolke sein!» Und wie er diesen Wunsch ausgesprochen, da ertönte abermals die Stimme des grossen Berggeistes: «Dein Wunsch sei dir gewährt, du sollst die Wolke sein!» Und nun war er die Wolke und legte sich zwischen Sonne und Erde. Er fing die sengenden Strahlen der Sonne auf und sah zu seiner Freude, wie die ganze Erde grünte und blühte; doch das war ihm nicht genug, er wollte so recht seine grosse Macht zeigen, und deshalb sandte er den Regen in grossen, schweren Tropfen hinab, tage- und wochenlang. Da schwollen die Ströme und Flüsse gewaltig, die Dämme und Deiche brachen, und alle Felder wurden verwüstet. Die Wogen rissen alles mit sich fort, was sich ihnen in den Weg stellte. Nur der Fels blieb ruhig stehen und blickte spöttisch auf die entfesselten Fluten. Nicht ein Stückchen des harten Gesteins konnte das wütende Element ihm rauben. So kümmerte ihn all der Wirrwarr nicht. Da rief die Wolke voller Staunen: «Was ist denn das? Der Fels ist stärker als ich? Niemand soll mächtiger sein als ich, und deshalb möchte ich wohl der Fels sein!» Kaum hatte er diesen Wunsch ausgesprochen, so rief der Berggeist: «Was du dir wünschst, sei dir gewährt, du sollst der Fels sein!» Nun wurde er der Fels und freute sich seiner Macht. Stolz stand er da, wenn die Sonne heissglühend vom Himmel strahlte und wenn der Regen herabfiel. Ihn kümmerten die Elemente nicht; stark und fest war er mit der Erde verwachsen. Doch eines Tages hörte er ein merkwürdiges Geräusch zu seinen Füssen, und als er nach der Ursache forschte, sah er einen unscheinbaren Steinhauer, der eiserne Keile in sein Gestein eintrieb und grosse Brocken davon loslöste, die donnernd zur Erde fielen. Als er dies sah, da wurde er sehr entrüstet und rief aus: «Was ist denn das? So ein kleines Menschenkind ist mächtiger als ich, der starke Felsen? Das geht nicht an, da will ich lieber der Mann sein!» Und als die Stimme des grossen Berggeistes wiederum ertönte und ihm verkündete, dass sein Wunsch erfüllt werden sollte, da war er der arme Steinhauer von ehedem. Im Schweisse seines Angesichts verdiente er sich sein kärgliches Brot, aber er war damit zufrieden und wünschte sich niemals wieder eine andere Stellung als die, welche er seit früher Jugend gehabt hatte. Und da er keine vermessenen Wünsche mehr hegte und vom Schicksal nichts weiter forderte, so hörte er auch nie wieder die Stimme des grossen Berggeistes.
Märchen aus Japan
© Mutabor Märchenstiftung. Siehe auch den Beitrag zu diesem Märchen in Märchenforum Nr. 81