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Wegen Corona-Angst Herzinfarkt nicht behandeln?
Nicht nur in der Schweiz, in vielen Ländern hatten Spitäler während der Corona-Krise deutlich weniger Patienten. Auch Notfallaufnahmen verzeichneten einen deutlichen Rückgang, wie die NZZ anfangs April berichtete. Nun berichten Autoren aus England in der renommierten Zeitschrift „Lancet“ über einen deutlichen Rückgang von Notfallbehandlungen wegen Herzinfarkt in England (Mafham et al, Lancet, 2020).
Herzinfarkt als Messgrösse
Wie gross das Problem der wegen Corona-Angst vermiedenen Arztbesuche war, lässt sich besonders gut beim Herzinfarkt nachweisen. Beim Herzinfarkt können wir aufgrund der Elektrokardiogramm (EKG) Kurve erkennen, ob ein Infarkt die ganze Muskelwand des Herzens betrifft oder nur ein teil der Muskelwand betroffen ist. Wir sprechen im letzteren Fall von einem nicht-transmuralen Infarkt, einem sogenannten non-STEMI. non-STEMI-Infarkte verursachen oft etwas weniger Herzschmerzen. Sie sind vergleichsweise auch deutlich häufiger als die transmuralen STEMI Infarkte. Wenn jetzt Menschen aufgrund von Corona-Angst eine Notfalleinweisung vermeiden, so würden wir erwarten, dass dies eher bei Patienten mit non-STEMI der Fall ist.
Deutliche Veränderung bei non-STEMI Infarkten
Und tatsächlich: Die Autoren der Englischen Studie konnten in einem nationalen Infarkt-Register schön zeigen, dass besonders die Notfalleinweisungen wegen leichteren non-STEMI Infarkte während der Corona Zeit deutlich rückläufig waren, wie in der unten stehenden Abbildung gut erkennbar ist (die blauen Werte entsprechen den korrigierten Daten nach Korrektur von unvollständiger Kodierung der Daten).
Eindrückliche Datenlage
Die hier dargestellten Resultate sind insofern besonders wertvoll, weil sie ein sehr vollständiges Bild der medizinischen Unterversorgung in 147 Spitälern in ganz England darstellen. Die Studie zeigte, dass Ende März die Zuweisungen mit Herzinfarkt um rund 40% zurückgingen, und dieser Trend startete lange vor dem Lockdown in England. Dies ist ein starkes Indiz, dass es die Angst vor einer Ansteckung war, welche die Menschen die Notaufnahmen meiden liess.
Auch dass der beobachtete Effekt vorwiegend auf die milderen non-STEMI Infarkte beschränkt war, passt gut zu dieser Hypothese, eine Beobachtung die auch in einer anderen Studien in Italien (De Rosa et al.) gemacht wurde.
Was sind die Folgen?
Natürlich können wir aufgrund dieser Daten nicht abschätzen, was die Folgen für die Gesundheit der betroffenen Personen sind. Doch aufgrund der präsentierten Zahlen dürfen wir davon ausgehen, dass in den Monaten März bis Mai in England deutlich mehr als 5000 Patienten mit einem Herzinfarkt den Spitalaufenthalt vermieden haben. Längst nicht jeder Herzinfarkt verläuft tödlich. Aber die zu beginn potentiell tödlichen Rhythmusstörungen lassen sich beim Spitalaufenthalt viel besser vermeiden und die Behandlung zu Beginn eines Infarktes verbessert auch die Erholung des Herzmuskels, die Herzfunktion und die Rezidivgefahr. Die Autoren beschreiben, dass sie die Entwicklung der Infarkt Raten und auch die Folgen für die Gesundheit weiter beobachten werden.
Nicht alle Folgen unseres Handeln sind absehbar
Die hier beobachtete Verschlechterung der Gesundheitsversorgung als Folge der Angst vor einer Covid-Infektion ist eindrücklich. Das Schüren von Ängsten, wie dies durch Medien und überzeichnete Horrorszenarien erfolgte, kann durchaus auch unbeabsichtigte, negative Konsequenzen haben
Foto von Biomedicinskanalytiker.org