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«Manchmal werden die Filme irrsinnig. Sie haben erschreckende Gesichte, sie schleudern Bilder hervor, die das wirkliche Antlitz der Gesellschaft zeigen,» schreibt Siegfried Kracauer 1927. 20 Jahre später erscheint seine Geschichte des Weimarer Kinos «Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films», in der er das Kino der Weimarer Republik zukunftsbezogen, d. h. als einen der Wegbereiter des «Dritten Reiches» analysiert.
Der Filmwissenschaftler Anton Kaes hat Kracauers Thesen erneut auf den Prüfstand gelegt und 2009 unter dem Titel «Shell Shock Cinema. Weimar Culture and the Wounds of War» eine Gegengeschichte vorgelegt. Kaes betrachtet das Kino vergangenheitsbezogen, d. h. im Hinblick auf Nachwirkungen des «Granatenschocks», der traumatischen Erfahrungen des 1. Weltkriegs.
Im Vortrag der Frankfurter Publizistin Marli Feldvoss werden die beiden Positionen als Streitgespräch gegeneinander geführt und mit Filmbeispielen belegt. Als beider Schlüsselfilm steht Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) im Mittelpunkt, ergänzt durch Ausschnitte aus Fritz Langs Dr. Mabuse, der Spieler (1922), Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) und anderen. Der Vortrag beleuchtet auch den Werdegang Siegfried Kracauers, dessen Bedeutung als Filmtheoretiker und Kulturphilosoph erst in den letzten Jahren eine adäquate Wertschätzung erfahren hat.
Texte von Marli Feldvoss sind publiziert in «Unterwegs im Kino. Kritiken und Essays», Stroemfeld Verlag, 2013.