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«Heute ist Freitag, lass uns ein Schaf kaufen gehen, einen Vogel vielleicht, ein Huhn ist teuer, also lass uns gehen und unsere Probleme vergessen», singt ein ägyptisches Kind mit hoher Stimme – ob Junge oder Mädchen ist nicht klar. Ein Schaf blökt zu den federnden Reggaerhythmen. Die Musik dazu ist dem Song «Brigadier Sabari» entlehnt, der als erster afrikanischer Reggaetitel gilt. Alpha Blondy, ein Reggaesänger von der Elfenbeinküste, hat ihn 1982 für seine erste LP «Jah Glory» aufgenommen. Blondy besingt darin eigene Erfahrungen mit der Polizeigewalt in Abidjan. «Brigadier Sabari» machte ihn auf dem ganzen Kontinent berühmt, und er bekam den Ehrentitel «Bob Marley Afrikas» verliehen.
Christopher Kirkley ist ein Hobbymusikethnologe – so bezeichnet er sich selbst – aus den USA. Vor drei Jahren, auf einer Reise im Sahel, hat er den Song des ägyptischen Kindes, dessen Namen nicht bekannt ist, aufgespürt. Er hat ihm den Titel «Friday» gegeben. Auf einer Busreise zur nordmalischen Wüstenstadt Kidal kamen ihm erstmals die regionalen Pophits zu Ohren. Sie schepperten – oft mehrere gleichzeitig – aus den an Handys gekoppelten kleinen Lautsprechern der Reisenden. Gespeichert waren sie als MP3-Dateien auf den Mobiltelefonen.
Das Handy als Aufnahmegerät
In Kidal, einem kleinen Ort etwas abseits der Hauptrouten durch die Sahara, leben vor allem Tuareg und NomadInnen. Menschen auf der Suche nach Arbeit machen Zwischenstation. Sie kümmern sich kaum um die Grenzen zu Algerien und Niger, sie sind unterwegs. Die seit einigen Jahren international bekannte Tuareggruppe Tinariwen nennt Kidal ihre Heimat und hat den regionalen Gitarrensound stark mitgeprägt.
Kirkley beobachtet, wie das Mobiltelefon genutzt wird. Es dient als multimediales Gerät, eine Kamera ist integriert, ein Display zeigt Fotos und Videos. Doch hauptsächlich wird das Handy zum Speichern und Abspielen von MP3-Dateien genutzt. So ist ein inoffizielles Mobiltelefonnetzwerk entstanden, das unabhängig vom Internet funktioniert. Die einzelnen Files werden unter NutzerInnen über Bluetooth getauscht oder gehandelt. Bei Einzelnen sind die MP3-Dateien zu eigentlichen Sammlungen angewachsen, die die unterschiedlichsten Musikstile versammeln: Hausa-Filmsoundtracks aus Niger, algerischer Raï, Coupé Décalé von der Elfenbeinküste, Hip-Hop aus Bamako, Jagwa aus Mauretanien. Reisende, Lastwagenfahrer, Migrantinnen und Flüchtlinge tragen zu dieser bunten Vielfalt von Musik bei. Einige Songs sind von Kassetten und Platten überspielt, andere mit billigster Do-it-Yourself-Technologie produziert worden. Beats werden zusammengesetzt, und oft dient das Handy als Aufnahmegerät. Die meisten Songs sind nur mit Mühe zu identifizieren, die in die MP3-Dateien integrierten Informationen oft die einzigen.
In Kidal macht sich Kirkley Anfang 2010 auf die Suche nach diesen Musikstücken und freundet sich mit der lokalen Szene an. Er bietet Songs von seinem kleinen Computer zum Tausch an, kommt mit den Kids auf der Strasse ins Gespräch, besucht den Fussballplatz. Er trägt unzählige Songs zusammen.
Einen Teil davon veröffentlicht er auf seinem Schallplattenlabel Sahelsounds. So zum Beispiel «Alghafiat», einen erdig-schweren Blues von Amanar, einem Kollektiv aus Kidal. Die klassische elektrifizierte Tuareggitarre dominiert, Flöten, Perkussionsinstrumente und die Rhythmusgitarre bilden das Fundament für den Sänger.
Zum Cellphone-Hit in der Sahelzone wurde Mdou Moctars Song «Tahoultine». Moctar stammt aus einem kleinen Dorf in Niger und ist ausserhalb seines Landes kaum bekannt. Sein in Nigeria aufgenommener und unveröffentlichter Song fand auf verschlungenen MP3-Wegen Verbreitung. Moctars Stimme klingt, nachdem sie durch Autotune-Software gejagt wurde, wie aus einer anderen Galaxie. Sie verbindet sich kontrastreich mit der traditionellen Begleitung, die an einen entspannten Kamelritt erinnert.
Die einzige Sängerin auf den beiden Schallplatten «Music From Saharan Cellphones» ist Cheba Wassila. Auch ihre Stimme wurde für den Song «Hwa Heda» der Autotune-Prozedur unterzogen. Die zur Zeit der Aufnahme erst Fünfzehnjährige tritt inzwischen nicht mehr auf, aber ihr Heimatort Guercif in Nordmarokko ist als Raï-Guercif zur Stilbezeichnung geworden.
Klänge aus der Vergangenheit
Inzwischen ist die Region, sind die abgelegenen Wüstenstädte besser ins globale Netz integriert, Facebook und Youtube gehören zum Alltag. Der Austausch ist dadurch einfacher geworden. Die Bloggerszene bietet ihre Raritäten, die sie auf Kassetten und Schellacks aufgespürt hat, meist gratis und nicht ganz legal weltweit an. Die grossen Speicher werden zwar gelegentlich gerichtlich geschlossen. Die gleiche Musik taucht allerdings meist relativ schnell auf anderen Servern wieder auf.
Religiöse Extremisten haben in den von ihnen kontrollierten Gebieten der Sahelzone MP3s ohne Bezug zum Koran auf Mobiltelefonen verboten. Die von Kirkley zusammengetragenen Songs auf den beiden Schallplatten sind bereits Klangdokumente aus der Vergangenheit. Wenn immer möglich, lässt er die beteiligten MusikerInnen am Ertrag teilhaben. Das ägyptische Kind, das davon singt, ein Schaf kaufen zu gehen und die Probleme zu vergessen, hat jedoch bis jetzt kein Geld erhalten.
Christopher Kirkley: Music from Saharan Cellphones. Sahelsounds 003, 2011
Christopher Kirkley: Music from Saharan Cellphones, Vol. 2. Sahelsounds 003, 2011