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Die Schöne und der Bass
Präsentiert von NZZ am Sonntag
Präsentiert von NZZ am Sonntag
Die erst 20-jährige polnische Musikerin Kinga Glyk begeistert nicht nur die Jazzwelt.
Mutterseelenallein sitzt die anmutige junge Frau, schwarz gewandet und mit beigem Stetson, auf einem Dachboden. Eine Lampe und ein altmodischer Wecker bilden das einzige Mobiliar. Kinga Glyk spielt selbstvergessen im Schneidersitz ihre Fender-Bassgitarre. «Tears in Heaven» von Eric Clapton, mit raffinierten Griffen und filigranem Finger-Picking.
Natürlich ist das nur eine von vielen Inszenierungen. Kinga Glyk ist ein Star. Man kann ihr im Internet auch dabei zusehen, wie sie in der freien Natur auf einem Baumstrunk oder auf der Dachterrasse eines Wolkenkratzers Bass spielt. Ihr Videoclip zu «Tears in Heaven» ist auf dem Facebook-Portal «Bass Player United» 20?Millionen Mal angeklickt worden - eine schlicht unglaubliche Zahl für ein reines Bass-Solo.
Kinga Glyk ist in gewisser Weise die weibliche polnische Antwort auf Jaco Pastorius (1951–1987), den stilbildenden, leider viel zu früh verstorbenen amerikanischen E-Bassisten, der mit der Gruppe Weather Report Musikgeschichte schrieb.
Kinga Glyk ist in gewisser Weise die weibliche polnische Antwort auf Jaco Pastorius (1951-1987), den stilbildenden, leider viel zu früh verstorbenen amerikanischen E-Bassisten, der mit der Gruppe Weather Report Musikgeschichte schrieb. Sie hat bisher zwei Alben veröffentlicht, «Rejestracja» und «Happy Birthday». Dem Blues war sie nach eigenem Bekunden schon als kleines Mädchen zugetan. Wesentlich gefördert wurde sie von ihrem Vater, dem Jazzschlagzeuger und Vibrafonisten Irek Glyk. Er holte sie in sein Trio, in dem auch ihr Bruder Patrick mitwirkt, als sie zwölf Jahre alt war. Die professionellen Auftritte halfen ihr nicht nur, sich technisch weiterzuentwickeln; sie lernte auch früh, mit der Anspannung und dem Lampenfieber umzugehen, und sie erfuhr, dass Musizieren zu einem grossen Teil im Zuhören und im Interagieren besteht.
Kinga Glyk hat schon mit etlichen profilierten Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern wie Junior Robinson, Ruth Waldron, Natalia Niemen, Jorgos Skolias, Apostolis Anthimos und Leszek Winder zusammengearbeitet. Besonders dankbar denkt sie an eine Begegnung mit Cory Henry in Bratislava zurück, der im Publikum sass, als sie dort spielte. Sie bewundert ihn als Improvisator. Und eine zweite Begegnung ist ihr unvergesslich: diejenige mit dem Pianisten Adam Makowicz, einer lebenden Legende im polnischen Jazz. Er sagte zu ihr nach einem ihrer Auftritte: «Versuche nie, besser zu spielen, als du es kannst. Gib einfach dein Bestes.» Sie hat die Worte für sich so interpretiert, dass sie auf der Bühne der naheliegenden Versuchung widerstehen solle, ihre Virtuosität dem Publikum zuliebe zu sehr herauszustellen, es zu übertreiben und eine Brillanz um ihrer selbst willen zu pflegen, statt an die Innigkeit der Musik zu denken.
Kinga Glyk bewegt sich stilistisch zwischen Jazz, Blues und Funk. Ihr im März 2015 erschienenes Debütalbum «Rejestracja» umfasst Eigenkompositionen, aber auch eine überzeugende Interpretation von Bob Dylans «Gotta Serve Somebody», auf der Jorgos Skolias singt. Die Arrangements der jungen Bassistin überzeugen durch ihre Kernigkeit, ihr pulsierendes Bassspiel ist technisch makellos, aber auch sehr sinnlich. Und immer erzählt diese Musik Geschichten.
Ihr zweites Album, «Happy Birthday», nahm Kinga Glyk im Februar 2016 auf. Sie stellte es in einem vielbeachteten Konzert im Teatr Ziemi Rybnickiej vor. Für ihre Begriffe war es der gelungenste Auftritt ihrer bisherigen Karriere. Auf der CD, die von Publikum und Medien mit grossem Lob bedacht wurde, spielen Pawel Tomaszewski, Andrzej Gondek, Kuba Gwardecki and Ireneusz Glyk mit.
Etliche Jahrzehnte lang war der Bass im Jazz eine reine Männerdomäne. Doch das ist zum Glück längst nicht mehr so. Kinga Glyk sagt denn auch, sie sei wegen der Wahl ihres Instruments noch nie kritisiert worden, sondern habe stets Anerkennung erfahren. Und auf die Frage, was sie täte, wenn sie eine Zeitmaschine zur Verfügung hätte, hat sie einmal gesagt, dann würde sie bei Jaco Pastorius in die Musikstunde gehen. Da stünden wir gern hinter dem Vorhang! In St. Moritz tritt Kinga Glyk mit Rafal Stepien (Klavier) und Irek Glyk (Schlagzeug) auf.
Fotos von Dominika Czyż-Kufel.