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WOZ: Das Istoreco ist 1965 entstanden. Hat es damals eine Debatte über den italienischen Faschismus und die deutsche Besatzung gegeben – oder war ein anderer Anlass ausschlaggebend für die Gründung?
Stefan Kreuseler: Der Anlass war, dass in vielen Regionalhauptstädten, in denen es Widerstand gegen die deutsche Besatzung gegeben hatte, Material gesammelt worden ist, und dass dieses Material irgendwo beherbergt und der Forschung und der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden sollte. Und so entstanden ab Anfang der sechziger Jahre in vielen Städten diese Institute, die am Anfang reine Dokumentationszentren der regionalen Widerstandsbewegung waren. Es war oftmals nur ein Archiv und eine Sekretärin oder ein Sekretär, die sich um das Material kümmerten, das von der Resistenza übrig geblieben war. Im Falle von Reggio Emilia gehörten dazu auch alle Dokumente und Akten, die bei der Befreiung der Stadt in den faschistischen Organisationen und Büros sichergestellt worden warten.
Das Istoreco war zunächst also nur ein Archiv?
Ja, ein reines Dokumentationszentrum der Widerstandsbewegung. Davon gibt es in Italien 61.
Und von wem ging die Initiative aus?
Von der Associazione Nazionale Partigiani d'Italia, der Partisanenverband Anpi, der der kommunistischen Partei nahe stand. Es gibt ja auch Verbände der katholischen und der liberalen Partisanen, aber gegründet wurde das Istoreco von Anpi sowie der Provinz- und Stadtverwaltung von Reggio Emilia.
Beschränken sich die 61 Institute heute noch auf Dokumentationsarbeit?
Einige kümmern sich weiterhin hauptsächlich um den Archivbestand. Es gibt aber auch wesentlich aktivere Institute wie die in Turin, in Modena und unseres in Reggio.
Wie ist das Istoreco organisiert? Wer arbeitet dort? Wie finanziert ihr euch?
Beim Istoreco arbeiten zwanzig Personen, aber nur sechs sind fest angestellt; einige arbeiten ehrenamtlich. Darunter befinden sich Historiker, Lehrerinnen, Erinnerungsarbeiter, auch ein paar Rentnerinnen und Rentner. Getragen wird das Institut von einem Verein, der unabhängig agiert. Mitglieder des Instituts und des Beirats sind Repräsentanten der grössten Gewerkschaften, der Stadt, des Landkreises und Leute aus dem kulturellen Leben von Reggio Emilia. Beiträge zahlen rund 150 Privatpersonen sowie die Provinzverwaltung und alle Städte und Gemeinden; sie entrichten einen Pro-Kopf-Beitrag. Damit werden die Grundkosten gedeckt – Miete, Telefon, die gesamte Infrastruktur. Alle anderen Einnahmen, mit denen wir beispielsweise unsere Löhne bestreiten, kommen aus konkreten Kooperationsverträgen, aus Forschungsarbeiten für Gemeinden, Wohngebiete, Kooperativen – oder aus den Bildungsreisen, die wir organisieren.
Woher kommt es, dass auch Deutsche daran beteiligt sind?
Das ist Zufall. Matthias Durchfeld* ist vor zwanzig Jahren aus persönlichen Gründen nach Italien gegangen, und ich bin vor zwölf Jahren dorthin, weil ich an einem EU-Projekt für arbeitslose Jugendliche aus Berlin beteiligt war. Wir sind beide beim Istoreco gelandet, weil uns die Themen, mit denen sich das Institut beschäftigt, auch schon früher interessiert hatten.
Hat sich durch die politischen Verschiebungen der letzten Jahre – Stichwort Berlusconi – die Arbeit geändert?
Die Diskussionen und die Themen haben sich gewandelt. In Berlusconis regierendem Bündnis gibt es Parteien, die offen rassistische und faschistische Positionen vertreten – das schafft Platz in der Gesellschaft für Leute, die in Büchern, Zeitungen, im Fernsehen geschichtsrevisionistische Ansichten äussern. Damit müssen wir uns bei Podiumsdiskussionen und in unseren Forschungsarbeiten auseinandersetzen.
Betrifft das auch eure Region?
Die in Italien weit verbreitete Mir-ist-alles-egal-Haltung nimmt auch in der Provinz Reggio Emilia zu. Das führt dazu, dass wir mehr Arbeit haben und unsere Arbeit mehr gewünscht ist. So haben wir zum Beispiel vor zehn Jahren mit Anpi das Projekt Gedenkstättenreisen für Schüler und Schülerinnen der Oberstufe begonnen. In diesem Jahr fuhren rund 800 italienische Schülerinnen und Schüler in zwei Reisen für je eine Woche nach Berlin. Diese Kultur- und Geschichtsreise wird aufwendig vorbereitet; so trafen die vielen beteiligten Klassen in je mindestens vier Meetings auf Historiker und Zeitzeuginnen aus dem antifaschistischen Widerstand. So ein Programm funktioniert nur, weil es massiv von der Provinz Reggio Emilia, den Gemeinden, von Sparkassen, Stiftungen und Kooperativen unterstützt wird. Hundert Kilometer weiter, in Verona zum Beispiel, wäre ein solches Projekt nie zu realisieren, weil dort die politischen Verhältnisse ganz anders sind.
Gerade weil der gesellschaftliche Trend in Italien in die andere Richtung geht, werden manche Sachen im Landkreis Reggio Emilia ganz besonders gefördert. Hier wird viel Geld in die politische Bildungsarbeit investiert, besonders für Kinder und Jugendliche, hier tickt die Politik noch anders. Natürlich haben sich auch hier die Zeiten geändert, im Gemeinderat der Stadt Reggio Emilia geben Sozial- und Christdemokraten den Ton an, die Verhältnisse sind nicht mehr wie in den achtziger Jahren. Aber die Arbeit, die wir in Reggio tun, könnten wir in vielen Teilen Italiens nicht so tun. Da würde die politische und soziale Unterstützung völlig fehlen.
Eurem Programm ist zu entnehmen, dass ihr Weiterbildungskurse für Lehrer anbietet. Braucht es solche Kurse – und warum?
Ja, diese Kurse braucht es. Aber es sind nicht unbedingt Kurse, um den Lehrern endlich mal was beizubringen, sondern um sie auf dem Laufenden zu halten, ihnen eine Weiterbildung zu bieten, sie über die neusten Forschungsergebnisse zu informieren. Etliche der Geschichtsinstitute haben einen vom italienischen Bildungsministerium bezahlten Lehrer als Mitarbeiter, der sich ausschliesslich um Weiterbildungsmassnahmen für Lehrerinnen und Lehrer und um Workshops für Schülerinnen und Schüler kümmert. Das ist wichtig, weil in Italien der Schulunterricht über den Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus sehr von den Lehrern abhängt. Der Lehrplan sieht dafür nur eine sehr kurze Zeitspanne vor, und das auch nur in den letzten Schuljahren. Da gibt es einen grauen Fleck.
Ihr organisiert auch Bildungsreisen. Wer nimmt daran teil?
Interessiert daran sind vor allem jüngere Leute. Wir organisieren verschiedene Bildungsreisen, unter anderem zu Widerstand, Kriegsverbrechen, deutsche Besatzung – aber auch zu Themen wie Reggio-Pädagogik, Gewerkschaftsgeschichte, Geschichte der Genossenschaftsbewegung. Die ist in Reggio immer noch stark präsent, bis heute erwirtschaftet sie sechzig Prozent der lokalen Ökonomie. An den Resistanza-Reisen nehmen überwiegend junge Deutsche teil, viele aus der Gewerkschaftsjugend, von Antifa-Gruppen oder vermittelt über Bildungswerke oder städtischen Jugendeinrichtungen. Beispielsweise organisieren wir jeden September eine dreitägige Wanderung in den Bergen; daran nehmen Anfang September 75 Leute teil, die meisten aus Deutschland und fast alle im Alter von 25 bis 35 Jahren.
Ihr engagiert euch auch in antirassistischer Jugendarbeit. Wie sieht die aus? Und wen erreicht ihr damit?
In den Schulprojekten lassen wir das Thema immer wieder anklingen; auch bei den Vorbereitungskursen für die Gedenkstättenreisen thematisieren wir Rassismus und Diskriminierung, damit die Reisen keine reine Geschichtsveranstaltung sind. Ausserdem organisieren wir seit dreizehn Jahren mit dem Progetto Ultrà, einem Fussballfanprojekt in Bologna, die antirassistische Fussballweltmeisterschaft, die mittlerweile eine grosse internationale Veranstaltung ist. Dieses Jahr nahmen daran 6000 bis 7000 Menschen aus fünfzig Ländern teil, 200 Fussballteams traten an, Männer und Frauen kickten miteinander, hörten Konzerte und diskutierten über Solidarität und Engagement gegen den Rassismus.
* Matthias Durchfeld und Steffen Kreuseler begleiten in der zweiten Juni-Woche die WOZ-Reisegruppe.