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Dem Spinat sagte man in Seebach in den 1950er Jahre noch Binätsch und nach der bekannten Regel, wonach Nomen = Omen sei, grauste es zahlreichen Kindern vor diesem Gemüse. Schon beim blossen Hören dieses Wortes bekamen einzelne Kinder eine Hühnerhaut. Meine Wenigkeit hatte damit keine Probleme und dass meine Geschwister den Spinat nicht mochten, bedeutete jedes Mal ein ganz besonderes Festessen für mich, denn ich konnte mich wieder einmal so richtig satt essen. Nur die Eltern und gelegentlich der Grossvater spielten leider nicht immer mit, indem sie die Geschwister zwangen, den Spinat selber zu essen, obwohl ich doch bereit gewesen wäre, deren Resten aufzuessen.
Eltern und Grossvater standen alle noch unter dem Eindruck einer Fehlmeldung der Ernährungswissenschaftler aus dem frühen letzten Jahrhundert, als diese verkündeten, dass Spinat extrem gesund sei für die Blutbildung, weil er soviel Eisen enthalte. Erst viel später fand man dann heraus, dass sich die Forscher um eine Kommastelle verschrieben hatten und Spinat nicht gesünder sei, wie jedes andere Gemüse auch. Niemand starb daran, wenn er ihn Jahre lang mied.
Zurück zum Rahmspinat: Besonders glücklich waren jene Geschwister, die am Esstisch neben mir sitzen durften, denn jedes Mal, wenn die elterlichen Auspizien gerade nicht auf die Teller der Kinder gerichtet waren, wechselte wieder ein Esslöffel voll Spinat den Teller in Richtung zu mir. Voller Argwohn beobachteten die Eltern daher meinen Teller, weil sie einfach nicht begreifen konnten, dass ich ständig am Spinat essen war, ohne dass sich meine Portion nennenswert verkleinerte, während jene der Geschwister ständig kleiner wurden, obwohl sie selbige kaum berührten. Da meine Geschwister noch ein bisschen klein und unbeholfen waren, half ich meistens nach, indem ich selber bei ihnen einen Löffel voll schnappte, wenn die Eltern gerade nicht hin sahen. In der Beziehung war ich fast schneller als das Licht und überlistete die Eltern und manchmal auch den Grossvater.
Einmal aber war ich doch einen Tick langsamer als jenes Licht, welches auf die Netzhaut der Augen meines Grossvaters gelangte, sodass er überzeugt war, gerade noch gesehen zu haben, wie ich bei meinem lieben Bruder einen Löffel voll Spinat schnappte. Er reagierte ebenfalls mit Lichtgeschwindigkeit, ergriff die bereit gelegte Rute und schlug in wilder Wut auf den Tisch. Mit schier überschnappender Stimme schrie er dazu: "Jetz isch aber gnueg Höi dune!" Mit dem Heu hatte er wahrscheinlich jenen Spinat gemeint, den ich bei meinem Bruder einen Hauch zu langsam schnappte. Beim Rutenschlag auf den Tisch verfehlt er aber den freien Teil des Tisches und traf statt dessen den Rand des Tellers meines Bruders, worauf selbiger sich rotierend in die Luft erhob und den hauptsächlich aus Spinat bestehenden Inhalt in alle Richtungen verspritzte. Am grünsten wurden die erst kürzlich frisch geweisselten Küchenwände.
Meine Schwester hub schon zum Lachen an, doch als sie die steinerne Miene des Grossvaters sah, besann sie sich gerade noch rechtzeitig und beherrschte sich. Als der Grossvater sah, welchen Schaden er angerichtet hatte und welchen Ärger er beim Vater auslöste, zog er sich kleinlaut an seinen Platz zurück und begann mit dem Aufputzen. Dass sich der Teller meines Bruders in Scherben auflöste, machte die Sache auch nicht besser. Das Glück lag nun aber ganz bei meinem Bruder, denn er war seinen Spinat los, welcher nun fein verteilt an den Wänden herunterlief. Anders meine Schwester, welche nun auf die Zähne beissen und den grässlichen Spinat hinunter schlucken musste.
Dieses Ereignis blieb nicht das einzige dieser Art. Es gab noch welche mit Kutteln an Tomatensauce und mit Spaghetti napoletana. Die Eltern erlaubten fortan, dass ich die unbestrittene Nummer 1 war beim Spinat essen und es auch blieb, bis ich erwachsen war und weg zog. Wer danach den Spinat der Geschwister ass, weiss ich nicht, ausser dass ein Bergfreund meines Vaters namens Basil, der aus dem Oberwallis stammte, mit seinem Rezept für den gedeckten Fleischkuchen aus Hackfleisch, Spinat und Kartoffelstock das ganze Problem auf elegante Weise löste: Fortan lernte mein kleiner Bruder, dank diesem Rezept, den Spinat allmählich zu mögen und meine Mutter buk diesen Kuchen immer wieder. Mehr zu diesem Kuchen siehe unter Gedeckter Fleischkuchen!