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«Mr. Irrelevant» – Brock Purdy und das Märchen eines Vergessenen
Nach der High School erhielt er Stipendiums-Angebote von den besten Football-Universitäten des Landes. Im College brach er einen Rekord nach dem anderen. Trotzdem wollte ihn im NFL-Draft 2022 keiner, bis ihn die San Francisco 49ers doch noch an allerletzter Stelle auswählten. Am Sonntag kann Brock Purdy sein Team in den Super Bowl führen. Ein Porträt des relevantesten «Mr. Irrelevant» der NFL-Geschichte.
Die Rahmenerzählung
Drei Tage und 261 Draft-Picks muss Brock Purdy warten, bis sein Name doch noch aufgerufen wird: Iowa-State-Quarterback Brock Purdy wird am 30. April 2022 mit dem letzten Pick des NFL-Drafts von den San Francisco 49ers ausgewählt. Aus Tradition erhält er damit den ironischen Spitznamen «Mr. Irrelevant». Der Name ist Programm – eigentlich. Nur wenige seiner Vorgänger können sich in der Liga durchsetzen, viele scheitern bereits im ersten Trainingscamp und werden noch vor der Saison aussortiert. Doch Purdy übersteht nicht nur das Trainingscamp, seit acht Spielen startet er für die 49ers und ist dabei ungeschlagen. Jetzt trennt ihn nur noch ein Spiel vom Super Bowl. Dass der 23-Jährige den belächelnden Titel «Mr. Irrelevant» längst ablegen konnte, daran zweifelt mittlerweile keiner mehr, denn er schreibt gerade eine Märchengeschichte, wie sie nur in der NFL geschrieben werden. Doch der Reihe nach.
Brock Richard Purdy kommt in der Kleinstadt Queen Creek in Arizona zur Welt. 2015 beginnt er seine Football-Karriere als Quarterback für die Perry High School in Gilbert und führt sie in zwei Jahren zweimal ins Final der Staatsmeisterschaft. 2017 wird er zum Arizona-High-School-Football-Spieler des Jahres ernannt. Als mit drei von fünf Sternen bewerteter Prospect buhlen zahlreiche Colleges um den jungen Purdy, darunter grosse Unis wie Alabama und Texas A&M. Er entscheidet sich schliesslich für die Iowa State University.
Der 18-jährige Purdy startet als dritter Quarterback in seine erste Saison für die Cyclones, doch wird auch damals unverhofft früh zum Starter, als beide Quarterbacks vor ihm auf dem Depth-Chart im Verlauf der Saison ausfallen. Der Freshman weiss zu überzeugen, startet neun Spiele, gewinnt sieben und bricht den langjährigen Quarterback-Rating-Rekord seiner Universität (169.9). ESPN kürt ihn am Ende der Saison zum Freshman des Jahres der BIG-12-Conference.
2019 ist sein Breakout-Jahr. Trotz einer mässigen Bilanz von 7 Siegen zu 6 Niederlagen bricht er in seiner Sophomore-Saison ganze 18 Schulrekorde und war einer von nur vier Quarterbacks im gesamten Land mit mindestens 27 Passing- und acht Rushing-Touchdowns. Die drei anderen? Trevor Lawrence, Jalen Hurts und Justin Fields. Einige Draft-Experten stufen ihn daraufhin als Erstrundenpick im NFL-Draft 2021 ein.
Seine dritte Saison ist weniger spektakulär, dennoch führt er die Cyclones ins Big-12-Championship Spiel und wird zum besten Quarterback der Conference gewählt. Nicht nur auf dem Feld, auch im Klassenzimmer erzielt Purdy derweil Bestnoten. 2020 wird er ins zweite Academic-All-American-Team gewählt, eine Auszeichnung für universitäre Athleten mit den ausserordentlichen akademischen Leistungen. Der pflichtbewusste Purdy entschiedet sich daraufhin, 2021 noch nicht beim NFL-Draft anzutreten und damit den Sprung zu den Profis zu wagen, stattdessen hängt er noch eine College-Saison dran, um sein Studium in Kommunikationswissenschaften abzuschliessen. In seinem Senior-Year ist er erneut der beste Quarterback der BIG 12, schafft es zum zweiten Mal ins zweite Academic-All-American-Team und beendet seine College-Karriere als bester Quarterback in der Geschichte der Iowa State University. Am 8. Januar 2022 gibt er schliesslich bekannt, dass er sich für den NFL-Draft 2022 aufstellt.
«Zu klein», «zu schwach», «zu wenig Selbstvertrauen»
Purdy konnte in seinen letzten beiden College-Jahren zwar nie an die Glanzleistungen seiner Sophomore-Season anknüpfen, gleichwohl stellte er in vier Jahren als Starter zahlreiche Bestmarken auf, staubte eine Auszeichnung nach der anderen ab und brillierte mit herausragender Intelligenz, sowohl auf, als auch neben dem Platz. Nur wenige Quarterbacks haben in vier Jahren am College so viel Spielerfahrung gesammelt wie er. Wieso wollte ihn dann im Draft trotzdem niemand?
«Zu klein», «Armstärke limitiert», «Selbstvertrauen ein Problem». Das steht in Analysen über Brock Purdy im Vorfeld des letztjährigen NFL-Drafts. Mit 1,85 Meter sei Purdy eher kurz geraten für ein Quarterback, seine athletischen Fähigkeiten könnten seine fehlende Körpergrösse und Mangel an Talent derweil nicht kompensieren, heisst es. Der Experte Lance Zuerlein stuft ihn darum als „Priority Free Agent“ ein, mutet ihm also nicht zu, überhaupt gedraftet zu werden.
Acht Quarterbacks werden in einem eher schwachen QB-Jahrgang vor ihm ausgewählt. Erst als 31 Teams längst ihre Draftboards radiert und Feierabend gemacht haben, setzt ein Team mit dem letzten Pick der siebten Runde doch noch auf Brock Purdy. Es sind die San Francisco 49ers. Am Telefon entschuldigt sich General Manager John Lynch, dass Purdy so lange warten musste und versichert ihm: «Du magst damit zwar Mr. Irrelevant sein, aber wir finden dich sehr relevant.»
Obwohl man als «Mr. Irrelevant» vielerorts Mitleid und Hohn erntet – man erhält beispielswiese eine Trophäe, auf der ein Spieler abgebildet ist, dem ein Ball aus den Händen gleitet – hat der Titel auch so seine Vorzüge. So erhält der jeweilig letzte Pick des Drafts seit 1976 eine Reise nach Los Angeles, wo er an diversen öffentlichen Veranstaltungen teilnimmt, unter anderem in der Halbzeit-Show eines Baseball-Spiels. Purdy nimmt’s nach dem Draft mit Humor, zeigt sich aber auch bestrebt: «Von außen betrachtet ist es wohl eine lustige Sache, und ich werde die Rolle annehmen und sicher etwas Spaß dabei haben. Aber am Ende des Tages versuche ich, einem Team zu helfen, den Super Bowl zu gewinnen.»
Das Märchen nimmt seinen Lauf
Bei den 49ers angekommen, setzt er sich im Sommertrainingslager gegen Nate Sudfeld (2 NFL-Starts) durch und schafft es als dritter Quarterback hinter Trey Lance und Jimmy Garapollo in den 53-Mann-Kader. Lange hält er diese Position jedoch nicht inne, denn bereits in Woche 2 bricht sich Starter Trey Lance den Knöchel und fällt bis Saisonende aus. Purdy rückt nach und ist neue Nummer zwei hinter Garapollo, bis sich auch dieser in Woche 13 im Spiel gegen die Miami Dolphins den Fuss bricht. Jetzt lasten die Playoff-Hoffnungen der Niners auf «Mr. Irrelevant». Die Saison scheint verloren. «Brock at Quarterback?», fragt ein Assistenztrainer der Niners an der Seitenlinie sichtlich verwirrt, als der Stadionsprecher Purdys Namen nach der Einwechslung aufruft. Purdy bleibt unbeirrt und führt seine 49ers überraschend zum 33-17 Sieg. Dabei wirft er zwei Touchdowns und eine Interception.
Von nun an zieht Brock Purdy die Fäden in der 49ers-Offensive. Gleich bei seinem ersten Einsatz von Beginn an muss er in Woche 14 gegen die Tampa Bay Buccaneers mit Tom Brady ran, gegen den noch nie ein Rookie in seinem ersten Spiel gewinnen konnte (Bilanz 0-6). Kein Problem für Purdy: Die 49ers fegen die Bucs mit 35-7 vom Platz, auch dank einer herausragenden Leistung von «Mr. Nicht-mehr-ganz-so-irrelevant», der zwei Touchdowns wirft und einen erläuft.
Purdy liefert munter weiter: Kein Quarterback der Liga wirft in den letzten fünf Spielen der Regular-Season mehr Touchdowns als Purdy (12), keiner weist ein so hohes Passer-Rating auf wie er (119.0). Seit Purdy das Ruder der 49ers übernommen hat, ist das Team aus Santa Clara in acht Spielen ungeschlagen, gewinnt auch in den Playoffs zunächst gegen die Seattle Seahawks und dann vergangenen Sonntag (Ortszeit) gegen die Dallas Cowboys. Seine Leistung gegen die bestechende Cowboys-Defenseive steht dabei sinnbildlich für seinen Erfolg. Purdy erzielt zwar selbst keinen Touchdown, bleibt allerdings während des gesamten Spiels fehlerlos und trifft in wichtigen Situationen die richtige Entscheidung. Die 49ers gewinnen mit 19-12.
Was Purdy so speziell macht
Unbestritten ist die Tatsache, dass Purdy in San Francisco von einem All-Star-Kaliber Umfeld profitiert. Mit einer lückenlosen Offensive-Line und Anspielstationen wie George Kittle, Deebo Samuel und Christian McCaffrey würde so mancher QB etwas anfangen können, doch was Purdy auszeichnet, ist, dass er genau das tut, was Niners-Cheftrainer Kyle Shanahan von ihm verlangt. Shanahans Offensive basiert auf präzisem Timing und dynamischem Kurzpassspiel. Durch seine Erfahrung im College wirkt Purdy kaum wie ein Rookie, viel eher wie ein langjähriger Veteran. Purdy spielt abgeklärt, präzise und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Wer Purdy zuschaut, der sieht Parallelen zu einem gewissen jungen Tom Brady, der seinerseits im NFL-Draft 2000 ebenfalls erst am dritten Tag von den New England Patriots ausgewählt wurde und sein Team ein Jahr später zum Super Bowl führte. Wenngleich Brady-Vergleiche zweifellos zu früh erscheinen, lässt sich nicht bestreiten, dass Purdys Märchen trotz idealem Supporting Cast keineswegs nur ein glücklicher Zufall ist. Nach solch fulminanten Leistungen würde es nicht verwundern, wenn Purdy auch in der nächsten Saison als QB1 fungiert.
Gewinnt Brock Purdy am Sonntag im NFC-Championship-Spiel gegen die Philadelphia Eagles zum neunten Mal in Folge, wäre er der erste Rookie-Quarterback in über 100 Jahren NFL-Geschichte, der sein Team in den Super Bowl führt. Doch unabhängig dessen, ob Purdy seinem Märchen ein weiteres Kapitel hinzufügen kann; die Position als zukünftigen QB1 der San Francisco 49ers hat er sich mehr als verdient. Und die leicht kitschige Moral seines Märchens: Brock Purdy hat gezeigt, dass auch der vermeintlich irrelevante Underdog Grosses vollbringen kann.
Bildquelle: IMAGO / USA TODAY Network