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Anatolij Fedorovitsch Koni
Anatolij Fedorovič Koni und die Juristen der Reformgeneration im späten Zarenreich
Carla Cordin, Basel
In den Jahren zwischen dem Regierungsantritt Zar Alexanders II. (1855) und dem Ende des Zarenreiches (1917) vollzogen sich in Russland gewaltige politische und sozio-ökonomische Umwälzungen. Die Frage nach der Reformierbarkeit des Imperiums wurde seit den »Grossen Reformen« der 1860er Jahre umso virulenter, als diese die Schwachpunkte der Autokratie ins Zentrum der Debatte gerückt hatten. Insbesondere die Berufsgruppe der Juristen, die an der Neustrukturierung des Gerichtswesens prominent beteiligt war, etablierte sich in dieser Zeit als wichtige Stimme der reformorientierten liberalen Intelligencija. Aufgrund ihrer beruflichen Stellung waren die Juristen beständig in die Auseinandersetzung über die Reformierbarkeit der imperialen Herrschaftsstrukturen involviert. Sie sind daher von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, mehr über subjektive Deutungen imperialer »Wirklichkeit« im späten Zarenreich zu erfahren.
Ziel dieses Projektes ist es, über Selbstzeugnisse russischer Juristen der Reformgeneration die Wechselwirkungen zwischen imperialer Rahmung und individueller Wahrnehmung besser zu verstehen. Autobiographische Texte sollen im Hinblick auf die individuelle Auseinandersetzung mit der sozialen Umgebung sowie den Erwartungshorizont hinsichtlich der Zukunft des Imperiums untersucht werden. Dabei stehen autobiographische Praktiken des prominenten Juristen Anatolij Fedorovič Koni (1844-1927) im Zentrum. Koni schloss 1865 seine Ausbildung an der Juristischen Fakultät der Moskauer Universität ab und nahm aktiv an der Umsetzung der Gerichtsreform teil. Nachdem er diverse Karrierestationen absolviert hatte, stieg er 1885 zum Oberstaatsanwalt auf und nahm später Einsitz in hohe politische Gremien. Koni hat zahlreiche Selbstzeugnisse hinterlassen, die mit autobiographischen Schriften anderer Juristen seiner Generation in Beziehung gesetzt und im Hinblick auf kollektive Leitbilder, professionelle Legitimationsstrategien sowie Deutungen der imperialen Herrschaft geprüft werden.
Autobiographische wie biographische Schriften der Juristen in ihrer Textualität in den Mittelpunkt zu stellen und so deren Schreiben als Akt sozialer Kommunikation zu lesen, stellt bis anhin ein wichtiges Forschungsdesiderat dar. Das Projekt eröffnet neue Perspektiven, die Selbstverständnis und Handlungsspielräume einer Berufsgruppe beleuchten, die eng mit der Frage nach der Entwicklung des russischen Imperiums verbunden war. So wird der Blick geschärft für das Wechselspiel zwischen imperialen Strukturen und Prozessen einerseits sowie Identitätsentwürfen, Zukunftsvisionen und der Handlungsmacht wichtiger historischer Akteure andererseits.
Das Projektplakat finden Sie hier [PDF (2.7 MB)].