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Tigerhai
Galeocerdo cuvier
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Der Tigerhai (Galeocerdo cuvier) aus der Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae) kann in Ausnahmefällen bis zu sieben Meter lang und über 800 Kilogramm schwer werden. Im Allgemeinen weisen die erwachsenen Individuen jedoch eine Länge von drei bis fünf Metern und ein Gewicht von 400 bis 600 Kilogramm auf, wobei die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer sind als die Weibchen. Der Name «Tigerhai» trifft vor allem auf die jungen Individuen zu: Sie haben auf den Flanken eine auffällige, dunkle Streifen- und Fleckenzeichnung, welche dann mit zunehmendem Alter allmählich verblasst.
Anzutreffen ist der Tigerhai rund um den Erdball herum in allen tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Zonen der Weltmeere. Bislang wurde er in den Hoheitsgewässern von über 120 Ländern verzeichnet. Auf der offenen, tiefgründigen See ist er ebenso anzutreffen wie in flachen Küstengewässern, und man kann ihm an der Meeresoberfläche ebenso wie in Tiefen von bis zu 350 Metern begegnen.
Der Tigerhai ist ein mächtiger Beutegreifer. Sein Nahrungsspektrum ist aussergewöhnlich breit, denn er überfällt so ziemlich alles, was er auf seinen Streifzügen antrifft. Selbst alte Reifen, Holzstücke und Tangbüschel wurden schon in seinem Magen gefunden. Zur Hauptsache ernährt sich der «Allesesser» aber von Knochenfischen, Meeresschildkröten, anderen Haien, Krebstieren, Meeresvögeln, Tintenfischen, Robben und Delfinen.
Bei der Nahrungssuche streifen die einzelnen Tigerhaie Tag für Tag weit umher und legen im Jahresverlauf enorme Distanzen zurück. Ob sie feste Wohngebiete haben, also regelmässig dieselben Meeresgebiete durchstreifen, oder ob sie nomadisch umherziehen, wissen wir nicht. Falls sie über feste Wohngebiete verfügen, müssen diese riesig sein. Denn es kommt hinzu, dass Tigerhaie mitunter weite, wahrscheinlich jahreszeitlich bedingte Wanderungen unternehmen. Ein mit einem Sender bestücktes Weibchen schwamm beispielsweise innerhalb von hundert Tagen mehr als 8000 Kilometer weit.
Soweit wir wissen, leben die Tigerhaie einzelgängerisch. Jedenfalls gibt es bislang keine Hinweise auf irgendwelche «persönlichen» Beziehungen zwischen den verschiedenen Individuen. Männchen und Weibchen kommen jeweils einzig zum Zweck der Fortpflanzung kurz zusammen. Wie bei den meisten Haien erfolgt die Befruchtung der Eier beim Tigerhai nicht im freien Wasser, sondern innerhalb des Körpers des Weibchens. Das Männchen überführt seinen Samen bei der Begattung mit Hilfe seiner Bauchflossen, deren hinterer Teil zu einem Begattungsorgan umgebildet ist.
Nach einer Tragzeit von 15 bis 16 Monaten bringen die Weibchen lebende Junge zur Welt. Nach der Befruchtung der Eier werden diese nämlich nicht abgelegt, sondern gelangen in spezielle Ausbuchtungen der beiden Eileiter und bleiben dort, bis sich die Keimlinge vollständig entwickelt haben. Letztere erhalten keine Nährstoffe von ihrer Mutter, sondern ernähren sich die ganze Zeit allein von ihrem Dottersack. Schliesslich schlüpfen sie in den mütterlichen Eileitern aus ihren Eiern und werden kurz darauf freigesetzt. Die Wurfgrösse beträgt typischerweise 30 bis 50 Junge, deren Länge bei der Geburt 50 bis 90 Zentimeter.
Die jungen Männchen erreichen die Geschlechtsreife, wenn sie 2,3 bis 2,9 Meter lang sind, während sich die jungen Weibchen gewöhnlich erstmals fortpflanzen, wenn sie eine Länge von 2,5 bis 3,3 Metern aufweisen. Wahrscheinlich dauert es sieben bis neun Jahre, bis sie diese Länge erreicht haben. Die natürliche Lebenserwartung ist nicht bekannt, dürfte aber bei mindestens 25 Jahren liegen.
Noch ist der Tigerhai ein weit verbreiteter Meeresbewohner, und noch kommt er vielerorts in grösseren Beständen vor. Die spät eintretende Geschlechtsreife, die lange Tragzeit und die verhältnismässig geringe Wurfgrösse haben allerdings zur Folge, dass seine Nachzuchtrate gering ist und seine Bestände somit schnell schwinden, wenn die Sterblichkeitsrate aufgrund der Machenschaften des Menschen über das natürliche Mass ansteigt.
Tatsächlich gibt es klare Hinweise darauf, dass die Tigerhaibestände vielerorts schrumpfen. Verantwortlich hierfür ist zweifellos der übermässige Fang, denn der Tigerhai ist von nicht geringer wirtschaftlicher Bedeutung. Unter anderem lässt sich aus seiner Haut ein ausgezeichnetes Zierleder und aus seiner Leber ein vitaminreicher Tran herstellen. Besonders wertvoll sind jedoch seine Flossen, welche für die Zubereitung von Haifischflossensuppe begehrt sind. Ursprünglich wurde diese Suppe einzig in Ostasien als seltene Delikatesse verspeist; heute wird sie weltweit zu hohen Preisen in asiatischen und anderen Restaurants angeboten.
In der 2007 von der Weltnaturschutzunion (IUCN) herausgegebenen Roten Liste wird der Tigerhai in der Kategorie «Nahezu gefährdet» geführt. Seine negative Bestandsentwicklung gibt also inzwischen offiziell zu Besorgnis Anlass.
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