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Ein Auszug von Ruth Aeberli. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.
«Kaufte mir ein Ticket nach Kathmandu. Weil wir eine Panne hatten, mussten wir in Prag zwischenlanden. […] In der ersten Nacht in Kathmandu hatte ich ein Hotelzimmer in der Nähe der Tempelanlagen gesucht. Ich hatte grosses Heimweh, und fragte mich was ich den so alleine hier auf Reisen soll. Am nächsten Tag traf ich andere Reisende, einen schönen Römer, mit dem ich den ganzen Tag umherzog. Immer wieder redete er mir gut zu, dass ich bestimmt bald langsamer würde und mich nach und nach von der europäischen Hektik distanzieren täte. Stundenlang hockten wir auf den Tempelstiegen und genossen das bunte Treiben von weit oben.
[…] Ich fuhr mit dem Bus Richtung Indien. Der Bus kam mitten in der Nacht in Gorakphur dem Grenzort zur nepalesischen Grenze an. Versuchte mit dem Zug weiterzukommen, was um diese Uhrzeit unmöglich war. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt gleich weiterreisen zu können, sogar mit irgendeinem Lastwagenchauffeur bis Delhi mitzufahren. Ich wollte unbedingt weiter. So stellte ich mich mutig an die Strasse und versuchte die Lastwagenchauffeure zu fragen ob einer nach Delhi führe. Diese verstanden gar nichts, sie konnten kein Englisch. Es gab einen Riesen-Auflauf, alle indischen Lastwagenchauffeure versuchten mich zu verstehen, während ich immerfort Delhi erwähnte. Nichts zu machen. […]
Mit einem Zugticket in der Hand bestieg ich am nächsten Tag den überfüllten Zug nach Delhi. Endlich fuhr der Zug in Delhi ein. Ich suchte mir ein günstiges Hotel. Fand ein angenehmes, mehrstöckiges Hotel, nicht zu teuer, gepflegt mit Innenhof, arabisch-orientalisch. Es war 50 Grad heiss. […] Ich wollte Delhi so schnell wie möglich verlassen und beschloss während des Sommers in die Berge zu fahren. […]
Mit [der Münchnerin Lisa] und zwei Australiern beschlossen wir ein Trekking über Ladakh nach Leh zu machen. Für mich war eine Bergtour dieser Art völlig ungewohnt, zudem hatte ich nur die alten Wanderschuhe meiner Mutter an. Die Luft auf den 5000ernden war speziell. […]
Ständig mussten wir Schmelzwasser überqueren, das hiess Schuhe ausziehen, durchs Schmelzwasser gehen und die Schuhe wieder anziehen. An jenem Abend hatte ich es satt, dieses ständige An-und Ausziehen. Wir wollten bald unser Nacht-Lager aufschlagen. Schon wieder mussten wir ein Schmelzwasser überqueren. Ich berechnete, dass ich es mit einem Sprung darüber schaffen würde, und sprang. Allerdings hatte ich nicht berechnet, dass es am gegenüberliegenden Bord sehr nass und glischtig sein würde. Ich rutschte aus und mein rechter Fuss schlug auf einen Stein. In meinem Fuss explodierte es förmlich. Innerhalb von Sekunden spürte ich einen höllischen Schmerz und gleichzeitig der Gedanke: hier gibt es weder Ärzte noch Strassen und ich kann nicht mehr gehen. Horror. Am nächsten Tag war der Sherpa mit seinen Lasttieren abgehauen. Der Australier, welcher der schnellste Läufer war, ging los um im drei Tage entfernten Dorf, Hilfe zu holen.
[…] Am Nachmittag des sechsten Tages, kaum zu glauben, hörte ich weit entfernt ein Surren, der Helikopter war da. Ein kleiner Militärhelikopter, nicht etwa die noble REGA. Lisa flog mit. Auf dem Rücksitz quetschten wir uns zusammen, inzwischen konnte ich mein Bein nicht mehr biegen. Ganz knapp, auf Millimeter genau konnte die Helikoptertür geschlossen werden.
Wir wurden noch weiter weg von grösseren Städten, noch mehr in den Nordosten über diese impressionante Bergwelt ins Militärspital nach Leh geflogen. Soldaten holten mich auf einer dürftigen Bahre aus dem Helikopter. Rücksichtslos unzimperlich trugen sie mich ins Spital, sie behandelten mich wie eine Ware. Die Bahre rumpelte und rüttelte das mein Schmerz sich wieder verstärkte.
[14 Tage später konnte ein Flugticket von Leh nach Srinagar erworben werden.]
Glücklicherweise hatte ein Reservationsangestellter in Srinagar ein gutes Herz. So konnten wir sofort nach Delhi fliegen. Dort landeten wir um ca. 17.00 Uhr an einem Freitagabend. Der Schweizer Botschafter empfing mich mit einem Flugticket. Er hatte ein Flugticket über Frankfurt nach Zürich besorgt und setzte mich ans Check-in. Auch er ging seiner Wege, schliesslich hatte er Wochenende. […]
In Zürich wartete keine Menschenseele auf mich. Ohne einen Rappen Schweizer Geld sass ich verloren im Rollstuhl. Eine Kioskfrau lieh mir -.50 Rp. [...] So bestellte ich ein Taxi und fuhr zu meiner Mutter nach Zürich-Seebach. Der Taxichauffeur musste mich vom Taxi in die Wohnung meiner Mutter tragen. Mama erschrak, ich war dünn, mit Gips, dreckig von der Reise und konnte nur kriechen. Sofort meldete ich mich beim Balgrist dem Spital für Orthopädie an. Es war Samstag, so hiess es, dass ich nach dem Untersuch wieder nachhause fahren müsse. Ich wusch mich. Rief erneut ein Taxi. Trotz Hinweis meinerseits, dass ich in den Wagen hinein getragen werden müsse, kam ein strenggläubiger Moslem. Als er mich sah, sagte er, dass er mich nicht berühren dürfe. Tant pis. Ich wollte bereits einen anderen Chauffeur bestellen. Dieser moslemische Chauffeur wickelte mich aber in Decken ein und hob mich in sein Taxi. Mama fuhr mit.
Im Balgrist schnitt der Arzt den Gips auf, erschrak und meinte, dass er so etwas noch nie gesehen hätte. Ich hätte enormes Glück, etwas später angereist, hätte die Infektion unter dem Gips meine Knochen angegriffen. Das wäre das Aus für mein rechtes Bein gewesen...
Im Militärspital Leh hatte der dortige Arzt während meiner Vollnarkose alles, ohne mein Bein zu waschen oder gar zu desinfizieren eingegipst, sämtlichen Dreck, alles was an meinem Bein klebte, plus kleine offene Wunden welche durch die stete Feuchtigkeit gar nie zuwachsen konnten. Im Balgrist behielten sie mich trotz Wochenende sofort. Operieren konnte der Arzt erst, wenn sich die Infektion zurück gebildet hatte. Vollgepumpt mit Antibiotika, wurde es mir schlecht und täglich hatte ich Durchfall. Ich war völlig geschwächt mit meinen übriggebliebenen 43 Kilo.»