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Kapitel 10: Schlechte Gewissen
»Glenna!«
Glenna streckte den Kopf aus der Küche.
Janet stand im Speisesaal, elegant gekleidet in einem Zweiteiler, aber sie wirkte etwas durch den Wind. An der Hand hielt sie ihren Sohn Aidan.
Der Junge sah nicht sonderlich glücklich aus.
»Ist etwas passiert?«, fragte Glenna alarmiert und trat aus der Küche.
Janet schüttelte den Kopf, dann nickte sie aber.
»Aidans Babysitter ist ausgefallen. Ausgerechnet heute und morgen, während dem Fest.«
»Mum«, murrte Aidan. »Ich bin kein Baby.«
Sie winkte ihn ab und blickte stattdessen Glenna flehend an. In Glennas Kopf schrillten die Alarmglocken.
»Oh«, brachte sie nur hervor.
»Ich weiß, du bist heute schon ausgelastet mit der ganzen Pressesache, aber ich wüsste wirklich nicht, auf wen ich sonst zugehen sollte. All die anderen Damen sind ebenfalls eingespannt und du weißt doch, wie Aidan ist. Ich kann ihn nicht den ganzen Tag neben sie setzen am Kuchenstand.«
»Die Pressesache …«, begann Glenna tonlos.
»Mum«, sagte Aidan nochmals intensiver. »Ich bin zehn. Ich kann auf mich selber aufpassen.«
»Wann du alt genug bist, bestimme immer noch ich, junger Mann.« Sie wandte sich wieder an Glenna. »Bitte Glenna, kannst du ihn mitnehmen? Es ist bestimmt spannender, mit dir für die Presse unterwegs zu sein.«
»Janet, ich …« Glenna brach ab, als ihr nichts in den Sinn kam.
Zugegeben sie hatte absolut verschwitzt Janet Bescheid zu sagen, dass sie die Arbeit nicht machen würde. Gleichzeitig hatte Janet aber auch nicht nochmals nachgefragt.
Selbst das etwas zu großzügig aufgetragene Make-up konnte Janets Augenringe nicht gänzlich überdecken. Sie hatte sie schon länger, aber dieses Mal schienen sie dicker als sonst.
Glenna dachte an das nicht angetastete Whiskyglas zurück und seufzte.
»Natürlich, Liebes. Wir beiden schaukeln das schon.«
Sie streckte die Hand in Richtung Aidan aus.
»Gott sei Dank«, sagte Janet erleichtert und war mit wenigen Schritten bei ihr.
Sie drückte ihr Aidans Hand in die Finger, als wäre er ein Drache, der sofort wegwehen würde, wenn man ihn nur einen Moment losließ.
»Mum«, protestierte er weiter, aber Janet gab ihm einen Kuss auf die Wange und hob dann belehrend einen Zeigefinger.
»Du benimmst dich heute und morgen, verstanden? Wenn alles gut geht und du keinen Ärger machst, können wir darüber reden, ob wir den Babysitter noch länger brauchen oder nicht, ja?«
Aidans Gesicht erhellte sich und er nickte euphorisch.
Zugegeben, Janet mochte etwas übervorsichtig sein, aber bei der Menge an Ärger, die sich der Junge schon eingehandelt hatte, war das für eine alleinerziehende Mutter auch nicht weiter wunderlich.
»Vielen lieben Dank, Glenna. Du hast wirklich etwas gut bei mir.« Sie hastete zurück zum Eingang des B&Bs, drehte sich aber noch einmal um. »Viel Spaß euch beiden!«
Die Türe fiel hinter ihr ins Schloss und das ungleiche Paar war alleine.
Glenna blickte auf den Jungen hinunter, der als erstes seine Hand aus ihrem Griff entwand und ein Mobiltelefon aus der Tasche zog.
»Du hast so eins?«, fragte Glenna überrascht und Aidan blickte sie schräg von unten her an.
»Klar. Sie nicht?«
Schlagfertig war der Kleine ja.
»Ich hab eines«, antwortete sie, musste aber eingestehen, dass sie keine Ahnung hatte, wo es war.
Es war ebenfalls so ein modernes Smartphone und zu Beginn war sie begeistert von den Möglichkeiten gewesen. Irgendwann hatte sie aber eingesehen, dass das kleine Ding auch nicht mehr konnte als ihr Laptop. Und ihre TripAdvisor-Bewertungen für das B&B musste sie nun wirklich nicht von überall her einsehen können.
Der Knirps hatte irgendein Spiel gestartet und setzt sich auf einen freien Stuhl.
»Ich bin gleich soweit«, erklärte Glenna und zögerte, ob sie ihn alleine hier unten lassen sollte.
Andererseits gab es nicht viel, was er hier anstellen konnte.
Sie räumte den Rest der Küche auf, dann stieg sie nach oben in ihre Wohnung. Im ersten Stock verharrte sie kurz, als sie gerade noch sah, wie die Tür zu einem der Gästezimmer ins Schloss fiel.
Es war das Zimmer von diesem Herrn Judge, der am Sonntag erst spät eingecheckt hatte. Sie hatte ihn bisher noch nicht zu Gesicht bekommen, da er das Frühstück jeweils ausließ und sich ihre Tagesplanung offenbar auch sonst nicht wirklich deckte.
Glenna überlegte sich, kurz bei ihm anzuklopfen, um ihn doch noch persönlich willkommen zu heißen, als sie plötzlich eine Stimme von weiter oben hörte.
»Bonnie. Bonnie, Bonnie, Bonnie!«
Der Singsang ihres Bühnenamens wurde von unkontrolliertem Kichern unterbrochen.
Glenna runzelte die Stirn und stieg weiter die Treppe hinauf. Dort stemmte die Hände in die Hüfte und funkelte den kleinen Kerl, der auf dem Absatz vor ihrer Wohnungstür saß, böse an.
»Wie bist du hier reingekommen?«, fragte sie ernst.
Der Wicht war kaum größer als ein Bierkrug und roch wie genauso einer, der schon einen Tag lang an der Sonne stehengelassen worden war. Sein Bart war unordentlich und die Knollennase gerötet. Er trug die Überreste eines roten Fracks und nur noch einen Schuh dazu.
»Wie wohl?«, kicherte er. »Reingeschlichen bin ich. Unter deiner Nase.«
Glenna seufzte.
›Da hast du wohl einmal kurz nicht aufgepasst‹, frotzelte Jamie über ihre Schulter.
»Sieht so aus. Vermutlich als Janet reinkam.« Sie machte einen Schritt auf den Cluricaun zu und dieser wich immer noch dümmlich kichernd zur Seite.
»Darf ich das so verstehen, dass ihr euch wieder einen Wettbewerb daraus macht, wer als erster an meinen Whisky-Vorrat rankommt?«, fragte sie den betrunkenen Kobold.
Dieser nickte und leckte mit der Zunge über seine Lippen.
»Ihr habt es letztes Jahr nicht geschafft, also schafft ihr es auch dieses Mal nicht«, sagte sie bestimmt und ging an ihm vorbei in Richtung ihrer Wohnung.
Sie hatte am Wochenende ihren Whisky in den abschließbaren Küchenschrank gezügelt, der inzwischen ja leer war.
»Ah, ah, ah«, sagte der Cluricaun und kletterte ihr hintendrein. »Du weißt, warum wir letztes Jahr aufgegeben haben.«
Glenna öffnete die Tür und ließ zu, dass der Kobold in die Wohnung spazierte.
»Ja ja«, sagte sie und ging als erstes in die Küche, wo sie eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank holte.
»Uuuuuuh«, machte der Kobold und klatschte freudig in die Hände.
»Du weißt schon, dass du reichlich früh dran bis, Kleiner«, sagte Glenna, während sie ein kleines Glas einfüllte. »Samhain ist erst morgen.«
Der Kobold wackelte mit den Ohren und grinste breit. »Wenn ihr Menschen euer Fest am Tag vorher beginnt, können wir auch schon etwas früher rüber schlüpfen, nicht?«
Glenna stellte das Glas vor ihm auf den Boden und verschränkte wieder die Arme. Wo der Knilch recht hatte, hatte er recht. Samhain dauerte von Sonnenuntergang des 31. Oktobers bis zum Sonnenuntergang des ersten Novembers. Einen Tag lang. Aber natürlich lohnte sich der Aufwand nicht, wenn man den Markt und all das nicht schon am 31. Oktober tagsüber laufen ließ.
Sie beobachtete mit einem säuerlichen Lächeln, wie der Cluricaun sich Kopf voran in das Bierglas stürzte und es in wenigen Schlucken leertrank.
»So hältst du dich aber nicht bis morgen Abend auf den Beinen.«
Er wischte sich mit dem Arm den Schaum vom Gesicht und kicherte.
»Du kennst uns schlecht, Bonnie. Boooooonie. Bahoooookie.«
Wieder verfiel er in einen Singsang. Dieses Mal drehte er ihr sogar sein Hinterteil zu und tätschelte ihn jedes Mal beim Wort ›Bahookie‹.
»Schöööööönhintern«, kicherte er dann.
»Nun reicht es aber«, sagte Glenna genervt und tat so, als machte sie einen Tritt in seine Richtung.
Sie würde sich hüten, einen Cluricaun richtig wütend zu machen, aber eine kleine Drohung hatte durchaus seinen Platz. Sie öffnete das Küchenfenster und deutet demonstrativ darauf.
»Kusch dich. Und unterstehe dich, den anderen zu erzählen, wo mein Bier lagert!«
Der Kobold kletterte auf das Fensterbrett, immer noch unkontrolliert kichernd. Dann machte er einen Satz und war verschwunden.
Glenna beeilte sich, das Fenster sofort wieder zu schließen. Natürlich würde er den anderen erzählen, wo das Bier war. Aber das war auch in Ordnung. Letztes Jahr hatte sie es geschafft, die Kobolde von ihrem teuren Whisky fernzuhalten, indem Glenna sie sich gottesjämmerlich mit dem Bier betrinken ließ, dass sie absichtlich angeschafft hatte. Sie hoffte, dass die Taktik auch in diesem Jahr fruchtete.
»Na schön«, sagte sie dann und blickte sich in der Küche um. »Was brauche ich heute?«
›Eine Kamera wäre vermutlich praktisch.‹
»Sehr hilfreich«, sagte Glenna.
Nach zwanzig Minuten hatte sie nicht nur ihre alte Kamera, sondern auch ein Notizbuch und Stifte sowie das Mobiltelefon gefunden.
Wenn Aidan schon so ein Telefon hatte, konnte es nicht schaden, sich seine Nummer zu notieren für alle Notfälle. Janets Nummer hatte sie bereits gespeichert, aber sie hatte schwer vor, sie heute ihr Ding machen zu lassen und sicherzugehen, dass sie sich zukünftig vielleicht etwas weniger Sorgen machte um Aidan.
Als sie alles beieinander hatte, seufzte sie schwer.
»Dann mischen
wir uns mal unter das Feenpack.«
Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:
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