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Heustreik in Bosco Gurin
Das Projekt «Who is Who in der Sammlung des MKB» macht sich auf die Spuren von Personen und Institutionen, die dem Museum Objekte verkauft, vermacht oder geschenkt haben. Darunter der Lokomotivführer Alois Blättler, der sich ganz besonders für ein kleines Dorf im Tessin interessierte.
Lokomotivführer Alois Blättler verkaufte dem Museum in den 1940er- und 1950er-Jahren Objekte aus der ganzen Schweiz. Vor allem Bosco Gurin schien es ihm angetan zu haben.
Viele seiner Objekte erwarb er bei zwei betagten Schwestern der Familie Della-Pietra. Es handelte sich dabei um Dinge, die seit mehreren Generationen im Familienbesitz waren.
Der Erfolg von Blättler bei den beiden Frauen scheint kein Zufall gewesen zu sein, sondern war vielmehr den wirtschaftlichen Verhältnissen der alten Leute in Bosco Gurin geschuldet:
«Die jungen Guriner verkaufen überhaupt nichts insofern diese noch etwas haben + die Alten sind meistens auf dieses Geld noch angewiesen […]».
Aus einem Brief von Alois Blättler an Robert Wildhaber, vom 16.8.1958. Enthalten in: MKB Sammlungsakten, Signatur VI_2818.
Blättler erwarb die Sammlung unter anderem dadurch, dass er den Schwestern Della-Pietra beim Heuen aushalf.
«Ich habe alten Weibern beim Heuen geholfen, eine 90 Jahre die andere 82 Jahre alt. Ich wusste, dass bei diesen in ihren Kästen alte Sachen zu haben waren, ein schöner Teil hat das Museum schon + trotzdem keine näheren Erben da sind, konnte ich nichts erhalten + da habe [ich] das Heuen eingestellt.»
Aus einem Brief von Alois Blättler an Robert Wildhaber, vom 8.8.1958. Enthalten in: MKB Sammlungsakten, Signatur VI_2818.
An einer anderen Stelle schreibt er, dass er in einen «Heustreik» getreten sei.
Blättler und der Suppenknorrli
Blättler sah sich beim Sammeln immer wieder dem Misstrauen der lokalen Bevölkerung gegenüber. So blieb 1948 Bosco Gurin «für fremde Bauern gesperrt», da die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war. Zur selben Zeit wurde ihm auch ein Übernachten bei den Schwestern Della-Pietra verboten, worauf Blättler frustriert an das Museum schrieb:
«Entweder bin ich Mädchenhändler verdächtig oder Klauenseuche ansteckend gefährlich und so mach ich so gut es geht eine andere Gegend unsicher».
Aus einem Brief von Alois Blättler an Robert Wildhaber, 29.9.1948. Enthalten in: MKB Dokumentenarchiv, Signatur 04-0083, ID 679.
Widerstand gegen den sammelnden Blättler äusserte auch Hans Tomamichel. Der in Bosco Gurin geborene schweizweit bekannter Grafiker entwickelte unter anderem 1944 die Werbefigur Knorrli für die Firma Knorr. Blättler beschrieb die Begegnung mit Tomamichel folgendermassen:
«Er war mir immer auf den Fersen + drohte mir sogar mein Abreise-Gepäck zu kontrollieren.»
Aus einem Brief von Alois Blättler an Robert Wildhaber, 8.8.1958. Enthalten in: MKB Sammlungsakten, Signatur VI_2818.
Aus den Schilderungen von Blättler geht hervor, dass Tomamichel die historischen und volkskundlichen Objekte seines Dorfes als wertvoll erachtete und sie vor dem Weggang beschützen wollte.
Auf der Suche nach neuen Perspektiven
Die hier beschriebene Korrespondenz von Alois Blättler mit dem Museum ist interessant, weil sie einerseits Aufschluss auf Blättlers Sammlungsmethode gibt und andererseits zwischen den Zeilen die Perspektive der Einwohnerschaft von Bosco Gurin zulässt. Die Briefe offenbaren die Beziehung zwischen dem Sammler und der Urhebergesellschaft. Dabei erscheint Bosco Gurin nicht als passiver Raum in dem gesammelt wurde, sondern als Akteur, dessen Handlungsmacht direkten Einfluss auf die Sammlung haben konnte.
Die Bewohnerinnen und Bewohner von Bosco Gurin hatten ihre eigenen Vorstellungen und Beziehungen zu den Gegenständen und verfolgten ihre eigenen Interessen. Die Objekte waren nicht nur Alltagsgegenstände, sondern Erbstücke und Erinnerungsstücke. Während auf der einen Seite ein finanzielles Interesse (oder finanzielle Not?) bestand, die Gegenstände zu verkaufen, sollte auf der anderen Seite der Verlust der Objekte durch Widerstand oder eine Verkaufsverweigerung verhindert werden.
Provenienzforschung bedeutet, sich nicht nur mit den Sammlerinnen und Sammlern auseinanderzusetzen, sondern auch den Sammlungskontext und die Urhebergesellschaft der Objekte zu berücksichtigen, um so eine möglichst vielschichtige Perspektive auf eine Sammlung zu erhalten.