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Der Vorläufer aller Tierschutzgesetze dürfte der «Cruelty to Animals Act» gewesen sein. Dieses Gesetz hat sich mit Tierquälerei, v.a. bei Versuchstieren, beschäftigt und wurde 1876 vom Parlament des Vereinigten Königreichs verabschiedet. Seit 1924 kümmert sich die World Organisation for Animal Health (OIE, Office International des Epizooties) in Paris um Tierschutzbelange. Es ist die einzige staatliche Organisation, die in diesem Bereich weltweit tätig ist.
Die Gründung der OIE war aber nicht ethisch, sondern seuchenpolitisch motiviert. Auslöser war ein Ausbruch der Rinderpest 1920 in Belgien, bei dem Zebus auf ihrem Weg von Indien nach Brasilien die Seuche nach Antwerpen schleppten. Erst seit 2002 beschäftigt sich die Organisation auch mit dem Tierwohl.
Seuchenpolitisch motiviert war auch das 1968 vom Europarat in Strassburg verabschiedete Übereinkommen über den Schutz von Tieren auf internationalen Transporten. Ihm folgte 1976 das Übereinkommen zum Schutz von Tieren in landwirtschaftlichen Tierhaltungen, 1979 das Übereinkommen über den Schutz von Schlachttieren, 1986 das Übereinkommen zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Wirbeltiere und 1987 das Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren.
Bis 1978 nur im Strafgesetz
In der Schweiz war der Tierschutz bis 1978 lediglich im Strafgesetzbuch geregelt. In Artikel 264 stand damals: «Wer vorsätzlich ein Tier misshandelt, arg vernachlässigt oder unnötig überanstrengt, wer Schaustellungen veranstaltet, bei denen Tiere gequält oder getötet werden, insbesondere wer derartige Tierkämpfe oder Kämpfe mit Tieren oder Schiessen auf zahme oder gefangengehaltene Tiere abhält fällt unter Strafe.» Es ging also nicht in erster Linie darum, das Leiden des Tieres zu verhindern, sondern eher darum, den unschönen Anblick aus der Welt zu schaffen.
Die Basis für einen ethisch motivierten Tierschutz und den Schutz des Tieres um des Tieres willen, legte vermutlich Albert Schweitzer 1923 mit seiner Forderung nach «Ehrfurcht vor dem Leben». In den Tierschutzgesetzen Deutschlands (1972), der Schweiz (1978) und Österreichs (2004) sind ähnlich lautende Grundsätze verankert. So heisst es z.B., dass Tieren «keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfen» (Deutschland, Schweiz, Österreich), dass sie nicht «in Angst versetzt» werden dürfen (Schweiz, Österreich) und dass man ihnen «nicht ungerechtfertigt» Leiden zufügen darf (Schweiz, Österreich), bzw. nicht "ohne vernünftigen Grund" (Deutschland).
Faktor Tiergesundheit
Tierwohl beruht auf den folgenden fünf Freiheiten: der Freiheit von Hunger und Durst, physischen Belastungen, von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten, Furcht und Gefahr sowie der Freiheit, normales artgemässes Verhalten zeigen zu können. Eine Schlüsselstellung nimmt dabei die Tiergesundheit ein. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Auswirkungen auf den Menschen haben kann. Wenn Stressfaktoren und eine nicht artgerechte Tierhaltung die Tiere krankheitsanfälliger machen, steigt gleichzeitig das Risiko, dass Krankheitserreger wie Salmonellen, Campylobacter und E.coli verbreitet werden und in Lebensmittel gelangen.
Seit 1973 ist der Tierschutz in der Schweiz auf Ebene Bundesverfassung verankert: Art. 80 BV weist dem Bund die Kompetenz zu, Vorschriften zum Schutz von Tieren zu erlassen. Dabei geht es insbesondere um die Tierhaltung und Tierpflege, Tierversuche und Eingriffe am lebenden Tier, die Verwendung von Tieren, Einfuhr von Tieren und tierischen Erzeugnissen, den Tierhandel, Tiertransporte und das Töten. Dem Verfassungsauftrag ist der Gesetzgeber mit dem Erlass des Tierschutzgesetzes (TSchG) und der darauf basierenden Tierschutzverordnung (TschV) nachgekommen.
1992 hielt die Würde der Kreatur in die Bundesverfassung Einzug. Art. 120 Abs. 2 lautet: «Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten.»
Heimtiere und Nutztiere
Wildtiere leben in erster Linie in der Wildnis. Haustiere leben dagegen in der Nähe von Haus und Hof. Zu den Haustieren im Sinne der Gesetzgebung gehören alle domestizierten Tiere der Pferde-, Rinder-, Schweine-, Schaf- und Ziegengattung (ausgenommen exotische Arten); domestizierte Yaks und Wasserbüffel; Lamas und Alpakas; Hauskaninchen, Haushunde und Hauskatzen; Haustauben sowie Hausgeflügel wie Haushühner, Truthühner, Perlhühner, Hausgänse und Hausenten. Zu den Wildtieren gehören alle Wirbeltiere (ausser Kopffüssern und Panzerkrebsen), die von der Verwendung her nicht unter die Haustiere fallen.
Die Tierschutzverordnung unterscheidet bei den Haustieren zwischen Heim- und Nutztieren. Nutztiere werden in irgendeiner Form wirtschaftlich genutzt. Sie liefern Fleisch, Milch, Wollfasern, Fell, Fett, Eier oder werden als Zug- und Lasttiere eingesetzt. Im weitesten Sinn kann ihr Nutzen auch nur darin bestehen, dass sie Gras fressen und so Grünland vor der Verwaldung schützen und die Landschaft offenhalten.
Heimtiere werden laut Tierschutzverordnung dagegen «aus Interesse am Tier oder als Gefährten im Haushalt» gehalten. Dazu kommt im Gesetz die dritte Kategorie Versuchstiere. Die Einteilung in Nutz-, Versuchs- und Heimtiere hat nichts mit der Tierart an sich zu tun, sondern mit ihrer Funktion. Ob z.B. ein Pferd ein Heimtier oder ein Nutztier ist, entscheidet allein sein Besitzer.
Nicht alles was kreucht und fleucht fällt unter die Tierschutzgesetzgebung. Die Tierschutzverordnung regelt nur den Umgang mit Wirbeltieren, Kopffüssern (Cephalopoda) und Panzerkrebsen (Reptantia). Seit 2008 werden auch Fische durch die Tierschutzgesetzgebung geschützt. Wirbellose Tiere wie Schnecken, Würmer oder Insekten - auch wenn diese seit einiger Zeit für die Produktion von Lebensmitteln verwendet werden können - fallen nicht unter das Tierschutzgesetz.
Tierschutz beginnt vor der Haltung
Tierschutz beginnt bereits weit vor der eigentlichen Haltung, nämlich bei der Züchtung. Bei der Heimtierhaltung sind die Zuchtziele wenig fassbar, sie erfolgen teilweise nach rein optischen Merkmalen, was in der Vergangenheit zu diversen Qualzuchten geführt hat. In der Nutztierzüchtung sollte das Ziel eigentlich auf gesunde und leistungsfähige Tiere abstellen, die in einem gegebenen Lebensraum das verfügbare Futter mit hohem Wirkungsgrad in dienstbare Leistungen und Produkte für den Menschen umwandeln können.
Doch auch in der Nutztierhaltung werden die Grenzen zur Extremzucht gestreift. Merinoschafe haben z.B. die Fähigkeit, Hautfalten zu bilden. Diese Eigenschaft wurde züchterisch so sehr forciert, dass die Falten rund um den Schwanz vielerorts prophylaktisch und ohne Betäubung weggeschnitten werden (Mulesing), nur damit sich in den Hautfalten am Hinterteil keine Fliegen einnisten.
Kühe der Rasse Weissblaue Belgier setzen so viel Fleisch an, dass sie nicht mehr selbst kalbern können, sondern per Kaiserschnitt entbunden werden müssen. In der Schweiz ist deren Haltung in Reinzucht verboten. Bei Truten wurde das Wachstum unter Berücksichtigung eines hohen Brustfleischanteils so sehr gesteigert, dass das Skelett der Tiere in der Entwicklung nicht mehr mitkommt. Die Tiere leiden unter Beinschwächen bis hin zu Skelettschäden.
Tierschutz endet mit dem Tod
Tierschutz beginnt also schon vor der Geburt. Und er hört erst mit dem Tod auf: Mit Vorschriften zum Tiertransport und der Schlachtung. In diesen Bereichen gab es bei der Betäubung, besonders der Elektro- und CO2-Betäubung, einige Fortschritte. Weniger positiv sieht es mit den Transportdistanzen aus. Diese wurden grösser, weil die Schlachthöfe zentralisiert wurden, was letztlich eine Folge des hohen wirtschaftlichen Drucks auf die Schlachthöfe ist.
In der Schweiz müssen Wirbeltiere vor dem Töten/Entbluten wirksam betäubt werden. Das Schächten von Tieren ist in der Schweiz bereits seit mehr als 125 Jahren verboten - die einzige Ausnahme bildet das Geflügel. Dieses muss grundsätzlich zwar auch betäubt werden, doch Ausnahmen für rituelle Schlachtungen sind in diesem Fall erlaubt. Koscheres und Halal-Fleisch dürfen mit Zollkontingenten in die Schweiz eingeführt werden. In Schweden, Norwegen, Island, Dänemark und den Niederlanden ist das Schächten ebenfalls verboten, in nahezu allen anderen Ländern sind Ausnahmegenehmigungen erhältlich.
Strafverfahren und Sanktionen
Der Wandel im Umgang mit dem Tier spiegelt sich auch in der Anzahl Strafverfahren. Im Jahr 2019 wurden 1’933 Tierschutzstraffälle verzeichnet. Das war ein erneuter Anstieg nach dem Einbruch 2017, der dazumals auf die Aufhebung der Sachkundenachweispflicht für Hundehaltende zurückzuführen war. Meistens waren es Heimtiere (1049 Fälle), in rund jedem dritten Fall waren Nutztiere involviert (652 Fälle).
In 799 Fällen waren Hunde betroffen, auf 1'000 Hunde entfielen schweizweit 1,5 Strafverfahren. In den meisten Fällen handelte es sich, wie in den Vorjahren, um mangelhafte Beaufsichtigung eines Hundes. In der Nutztierhaltung kamen auf 1'000 Stück Rindvieh 0,24, auf tausend Schweine 0,08 Strafverfahren. Das kann man als Zeichen der Professionalität in der Nutztierhaltung und als Beweis für weitgehend funktionierende Kontrollen werten. Die Stiftung Tier im Recht sieht die tiefe Beanstandungsrate jedoch als ein Zeichen für eine höhere Dunkelziffer an.
Nicht jeder Verstoss ist ein Fall fürs Gericht. Im Gegensatz zu Heimtierhaltern können Nutztierhalter nämlich sanktioniert werden, zumindest wenn sie direktzahlungsberechtigt sind. Laut den Acontrol-Daten wurden im Jahr 2018 auf rund 13'555 Landwirtschaftsbetrieben Tierschutzkontrollen durchgeführt. Bei 2'027 (15 Prozent) kam es zu einem oder mehreren Verstössen, bei den Kontrollen der Sömmerungsbetrieben wurden 224 (19 Prozent) Mängel beanstandet. Diese Mängel führten im Jahr 2018 zu Direktzahlungskürzungen von insgesamt 9,7 Millionen Franken bei Ganzjahresbetrieben und rund 290'000 Franken bei Sömmerungsbetrieben.
Kontrollen entscheiden über Umsetzung
Bis vor wenigen Jahren wurden die Ergebnisse der Tierschutzkontrollen aufgrund von Jahresberichten der Kantone zusammengestellt und publiziert. Diese Berichterstattung wurde durch die zentrale Bundesdatenbank Acontrol abgelöst, in der die Kantone alle Kontrollen der Primärproduktion erfassen oder dahin übermitteln müssen. Diese Datenbank wies in der Anfangsphase bei einigen Kantonen Lücken auf. Die Bundesämter für Landwirtschaft (BLW) und für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) haben gemeinsam daran gearbeitet, dass die Veröffentlichung von Daten heute möglich ist.
Bei Betrieben, die gegen die Label-Vorschriften verstossen, werden zudem Sanktionen vom Label-Inhaber ausgesprochen. Diese können bis zum Lieferstopp oder zur Kündigung der Zusammenarbeit gehen. Der Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes führt im Auftrag von Coop und Migros/IP-Suisse für die Label Naturafarm (Coop) und Terrasuisse (Migros/IP-Suisse) auch schweizweit Tiertransport- und Schlachthof-Kontrollen durch.
Mehr risikobasierte Kontrollen
Es gibt Grundkontrollen und risikobasierte Kontrollen. Grundkontrollen für das Einhalten der Tierschutzgesetzgebung werden auf Bio- und IP-Suisse-Betriebe jährlich, auf allen anderen Betrieben mindestens alle drei Jahre durchgeführt. Werden Mängel festgestellt, so wird geprüft, ob der Betrieb einer von drei Risikostufen zugeordnet werden muss. Die Kontrolltätigkeit wird entsprechend verschärft und es werden Massnahmen angeordnet.
Für die Tierschutz- und Tierwohlkontrollen sind die Kantone zuständig. Sie führen diese Kontrollen entweder selber durch oder übertragen sie privaten Stellen, die akkreditiert sein müssen. Die Kantone müssen die Kontrolltätigkeit der privaten Kontrolleure stichprobenweise überprüfen. Die Kontrollpersonen, auch von beauftragten privaten Kontrollstellen, müssen die Weiterbildung zum amtlichen Fachassistenten bzw. zur amtlichen Fachassistentin absolvieren.
Die meisten staatlichen Kontrollen finden auf Voranmeldung statt, damit Tierhalter und Tiere tatsächlich anwesend sind. Mindestens 10 Prozent der Kontrollen müssen unangemeldet erfolgen. Die kantonalen Veterinärdienste, die für die Kontrollen zuständig sind, führen in den landwirtschaftlichen Tierhaltungen noch weitere Kontrollen durch, wie zum Beispiel Nachkontrollen, risikobasierte Kontrollen und Kontrollen auf Grund von Meldungen Dritter. Diese zusätzlichen Kontrollen erfolgen praktisch immer unangemeldet. Wenn man diese Kontrollen berücksichtigt, fanden letztes Jahr über alle Kantone hinweg rund 60 Prozent aller Kontrollen in Nutztierbetrieben unangemeldet statt.
Nachfrage bestimmt Programme
Die Schweiz zeichnet sich im internationalen Vergleich mit den beiden freiwilligen Tierwohl-Programmen für «Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme» (BTS) und dem «Regelmässigen Auslauf im Freien» (RAUS) aus. Die Beiträge werden dabei pro Grossvieheinheit (GVE) bezahlt, wobei eine GVE einem Tier mit einem Lebendgewicht von 500 kg entspricht.
Im Jahr 2019 war mehr als 86 Prozent des Tierbestandes (in GVE) im RAUS-Programm angemeldet und knapp 58 Prozent im BTS-Programm. Die höchste BTS-Beteiligung ist bei den Mastpoulets, dort werden 87% in BTS-Ställen gehalten. Seit 2020 geniessen alle Legehennen der Herkunftsmarke Suisse Garantie Zugang zu einem geschützten Aussenklimabereich, auch bei Bodenhaltung.
Den tiefsten BTS-Anteil gibt es bei der Pferdegattung: Dort sind es nur gerade 20%. Die grundsätzlich guten Zahlen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verbreitung von BTS und RAUS bei einzelnen Tierarten in der Schweiz noch tief ist: Vom RAUS-Programm profitierten 2019 zwar sehr viele Rinder, Pferde, Ziegen, Schafe und Legehennen, aber kaum säugende Zuchtsauen (10% RAUS), Mastpoulets (ca. 8% RAUS) und Zuchthühner (<9% RAUS).
Das liegt auch daran, dass bei gewissen Tierkategorien der Markt nicht spielt, sprich: Zu wenig Nachfrage nach Produkten aus solcher Haltung besteht. Vor dem Einbruch der Gastronomie aufgrund der Corona-Pandemie liefen rund 50% des in der Schweiz konsumierten Fleisches über den Gastrokanal - und dort wird eher selten die Frage gestellt, wie das Tier gehalten wurde, das auf dem Teller serviert wird. Dort zählt in erster Linie der Preis.
Allerdings ergeben die Tierwohlprogramme auch nicht bei allen Tieren Sinn. So erhöht beispielsweise RAUS beim Geflügel das Risiko von Krankheiten. Bei Junghennen stellt auch das Alter ein Risiko dar. Zudem ist das Huhn kein Weidetier, es lebte ursprünglich in Wald- und Buschgebieten. Es kann im Gegensatz zu Wiederkäuern wie Kühen oder Ziegen auch kein Gras verdauen.
Spitzenposition der Schweiz
Bei der Verbreitung der Weidehaltung dürfte die Schweiz im Vergleich mit den umliegenden Ländern führend sein. Auch bei der Beteiligungsrate an privatrechtlichen Label-Programmen nimmt die Schweiz eine Spitzenposition ein. So werden z.B. zwei Drittel der Mastschweine in Label-Ställen mit Mehrflächen-Buchten, Auslauf und eingestreuter Liegefläche gehalten.
Doch das Ausland schläft nicht. In Teilbereichen wurden die Schweiz in den letzten Jahren sogar überholt: So werden in der Schweiz rund die Hälfte der Milchkühe im Anbindestall gehalten, während es in Deutschland mit rund 30% deutlich weniger sind. Das hat in erster Linie arbeitswirtschaftliche Gründe: Ein Freilaufstall ist bei grösseren Tierbeständen arbeitstechnisch von Vorteil und so klein wie in der Schweiz sind die Tierbestände fast nirgends.
Das Stallsystem allein sagt nur begrenzt etwas über das Tierwohl aus. Eine Milchkuh, die ganzjährig im Laufstall gehalten wird, aber nie weiden kann, fühlt sich nicht unbedingt wohler als eine Kuh im Anbindestall, die im Sommer mindestens 26 Tage Weidegang im Monat hat und im Winter an mehr als 13 Tagen pro Monat Auslauf bekommt. Es kommt auch auf Platz und Licht an und nicht zuletzt hat die Tier-Betreuung einen wesentlichen Einfluss auf das Tierwohl. Dazu kommt, wie oben bereits angesprochen, die Züchtung.
Masse steht nicht vor Klasse
Noch hat sich hierzulande eine bäuerlich geprägte Tierhaltung halten können. Weil auf einem Hof meistens mehrere Tierkategorien gehalten werden, sind die Tierzahlen pro Stall resp. Betrieb moderat. Zudem ist die Futterfläche und der Hofdünger-Anfall relativ gut aufeinander abgestimmt, da Schweizer Bauern eine Nährstoffbilanz vorweisen müssen.
Im Ausland verlief der Spezialisierungs- und Konzentrationsprozess in der Tierhaltung dagegen ungebremst. Massentierhaltungen und Tierfabriken mit zehntausenden Schweinen und hunderttausenden Hühnern sind nicht nur in den USA, Brasilien und anderen Ländern gang und gäbe, sondern gehören auch in verschiedenen Regionen der EU zum Alltag.
Small ist nicht nur beautiful
Was ebenso gegen übergrosse Betriebe spricht, ist die Tatsache, dass häufig die Mensch-Tier-Beziehung leidet. Der modernste Freilaufstall und die grosszügigste Freilandhaltung ist fürs Tier stets nur so gut wie der Tierhalter, der zum Wohl und der Gesundheit der Tiere schaut.
Eine intensive Mensch-Tier-Beziehung ist nebst einer artgerechten Haltung das A und O in jeder Nutztierhaltung. Diese ist in einer professionell geführten bäuerlichen Tierhaltung mit überschaubaren Einheiten eher gewährleistet als in Massentierhaltung. Allerdings nur, wenn die Tierhalter sich die Zeit zur Tierpflege nehmen, oder vielmehr, wenn sie es sich leisten können, sich diese Zeit zu nehmen. Denn der häufigste Grund für Tier-Vernachlässigung ist Stress.
Es ist zu einfach, das Tierwohl auf die Bestandes-Grösse zu reduzieren. Zwar wird in grossen Beständen die Betreuung der Tiere häufig an Arbeitskräfte delegiert, die vielfach nicht über eine sachgerechte Ausbildung für eine optimale Tierbetreuung verfügen. Ansonsten kann man jedoch davon ausgehen, dass in grösseren Tierbeständen die Tiere professioneller betreut werden.
Das Tierwohl hat dann als Leistungskomponente einen höheren Stellenwert als in kleinen Tierbeständen, wo diese Professionalität mitunter weniger gegeben ist. Wenn der Betriebsleiter oder die Betriebsleiterin aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, den ganzen Tag auswärts zu arbeiten, mangelt es sowohl an Zeit für die Tierbetreuung als auch an Zeit für fachliche Weiterbildung. Beides kann sich negativ aufs Tierwohl auswirken.
Das ideale Mass dürfte nach wie vor der Familienbetrieb im Haupterwerb darstellen, der nicht mehr Tiere hält, als die Familie als Team betreuen kann. Aber auch nicht viel weniger, damit die Professionalität hochgehalten wird.
Massentierhaltung?
Obwohl die Schweiz im europäischen und weltweiten Vergleich kleine Tierzahlen pro Betrieb hat, steht die Initiative gegen Massentierhaltung vor der Abstimmung. Als Massentierhaltung wird darin jede Form von Tierhaltung bezeichnet, in denen das Tierwohl systematisch verletzt wird. Die Initianten orientieren sich an den Bestandesgrössen der Richtlinien von Bio Suisse.
Davon wäre vor allem die Geflügelhaltung betroffen. Hier sind in den Bio-Suisse-Richtlinien sowohl für Legehennen wie auch in der Poulet-Vormast maximal 2'000 Tiere erlaubt. Bei Legehennen sind höchstens zwei Ställe gestattet, bei den Poulets «mehrere Stalleinheiten», wobei in der Ausmast nur noch 500 Tiere in einem Stall gehalten werden dürfen. Die Höchstbestandes-Verordnung des Bundes sieht bei Legehennen einen Höchstbestand von 18'000 Tieren pro Betrieb vor. Für Mastpoulets gilt in der Ausmast (36. bis 42. Tag) eine Obergrenze von 21'000 Tieren. Zwei Drittel der Schweizer Mastpoulets leben in Hallen mit 8'000 bis 18'000 Tieren.
Verhältnismässig kleine Bestände
Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt ist das klein: In der EU und weltweit sind Betriebe mit mehreren 100'000 Tieren keine Seltenheit. In Deutschland leben z.B. 37 Prozent der Legehennen auf Betrieben mit mehr als 100'000 Tieren. Das gilt auch für alle anderen Tierkategorien. In den USA werden z.B. 60 % aller Schweine in Betrieben mit mehr als 5'000 Tieren gehalten. In der Schweiz sind gemäss Höchstbestandesverordnung max. 1'500 Mastschweine erlaubt.
Die Forderung nach einer Begrenzung der Tierbestände ist nicht neu. Ende der 1970er Jahre wurde die Höchstbestandesverordnung für Betriebe mit Schweinezucht, Schweinemast, Legehennenhaltung, Pouletmast, Trutenmast und Kälbermast in Kraft gesetzt.
Bio ist oft besser
Bei der Entwicklung des biologischen Landbaus stand das Tierwohl nicht an oberster Stelle. Nutztiere wurden in erster Linie als Düngerlieferanten angesehen, sie waren für das Schliessen der Kreisläufe auf dem Hof wichtig. Deshalb finden sich auch im Biolandbau-Regelwerk weniger Vorschriften fürs Tierwohl, als z.B. für die Biodiversität. Allerdings ist RAUS bei allen Tierarten in Biobetrieben zwingend. Zudem gibt es auch innerhalb von Bio noch weitergehende Programme, wie z.B. Bio-Weidebeef. Auch bei der Weideschlachtung, der Suche nach Zweinutzungshühnern oder muttergebundener Aufzucht, geht Bio Suisse voran.
Die Crux mit den Labeln
Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen der bei Umfragen deklarierten Zahlungsbereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten für tierfreundlich hergestellte Produkte und ihrem Kaufverhalten. Das liegt zum Teil daran, dass eine Menge Label-Produkte mit grossen Preisaufschlägen auf den Markt kommen - die Preisdifferenz zu konventioneller Ware ist gross. Damit wird die Zahlungsbereitschaft vieler Tierschutz-Interessierter überschritten.
Die umfangreiche deutsche Studie «Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung» stellt hier ein Funktionsproblem des Marktes fest. In der Wurstproduktion, der Herstellung von Fertigprodukten und der Gastronomie werden höhere Tierwohlstandards kaum nachgefragt. Deshalb können stets nur bestimmte Teile eines Tieres zu höheren Preisen abgesetzt werden. Der Konsument muss die anderen Teile quersubventionieren, was die Preisaufschläge für Frischfleischprodukte um den Faktor zwei bis drei erhöht.
Dazu kommt, dass die Mengen in manchen Marktsegmenten so gering sind, dass es zu hohen Mehrkosten für Schlachtung, Verarbeitung und Handel kommt. Hinzu kommen hohe Kosten durch die konsequente Warentrennung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette und das Interesse des Handels, möglichst viel Wertschöpfung abzuschöpfen. Die Autoren schliessen daraus, dass Label-Produkte nur einen begrenzten Beitrag zur Verringerung der gesellschaftlichen Konflikte um die Nutztierhaltung leisten können.