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Eisenzeitliche Begräbnisstätte
Begraben mit dem Haustier?
In einer italienischen Nekropole der späten Eisenzeit wurden Menschen und Tiere gemeinsam begraben. Forschende der Uni Bern liefern neuen Erkenntnisse zu Bestattungspraktiken und Glaubensvorstellungen einer keltisch-gallischen Kultur.
Das Seminario Vescovile in Verona, Norditalien, ist eine der grössten Begräbnisstätten der keltischen Völker, die die Alpen überquerten und auf die italienische Halbinsel einwanderten. Die Nekropole wurde in der späten Eisenzeit, zwischen dem dritten und ersten Jahrhundert v. Chr., von Cenomani-Galliern, einem keltisch-gallischen Volksstamm, genutzt und umfasst 161 Grabstätten. Diese bestehen weitgehend aus einfachen Gruben, die mit Steinen bedeckt wurden, und sind gelegentlich mit Grabbeigaben versehen. Rund 10 Prozent der Gräber weisen sowohl Bestattungen von Menschen als auch Überreste von Tieren auf. Eine internationale Studie unter Berner Leitung, die im Journal Plos One veröffentlicht wurde, hat nun diese Tier-Mensch-Bestattungen untersucht.
Komplexe Beziehungen zwischen Mensch und Tier
«Gemeinsame Bestattungen von Menschen mit Tieren sind aus verschiedenen eisenzeitlichen Grabstätten bekannt. So ist etwa die Bestattung von Tieren weit verbreitet, die als Nahrungszweck dienen und auf Opfergaben an die Verstorbenen hinweisen. In diesen Gräbern handelt es sich meist um bestimmte Teile von Tieren», erklärt Zita Laffranchi, Erstautorin der Studie vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Bern. Weitgehend unbekannt ist jedoch die Bedeutung von Tieren, die kaum eine Rolle bei der Ernährung spielten, wie Hunde und Pferde.
Während Pferde als Statussymbol galten und seit der Bronzezeit (2200-800 v.Chr.) in Begräbnissen auftauchen, sind Bestattungen von Hunden bereits seit der Altsteinzeit vor 12'000 Jahren bekannt. «Bisherige Erkenntnisse von Bestattungen von Menschen mit Pferden und Hunden zeigen, dass die Interpretation schwierig ist, da die Beziehungen von Menschen und ihren Tieren kulturell bedingt sind und viele Facetten haben, wie symbolische, religiöse, ökologische und affektive», sagt Marco Milella vom Institut für Rechtsmedizin, Leiter der Studie.
Begleiter im Leben nach dem Tod
Bei den Personen, die in Seminario Vescovile mit Tieren bestattet wurden, handelte es sich um eine erwachsene Frau, zwei erwachsene Männer und ein neugeborenes Mädchen. Im Grab der Frau fanden sich nebst einem vollständig erhaltenen Pferdeskelett noch Skelettteile von vier weiteren Pferden, ein Hundeschädel sowie Reste von anderen Tieren, die wohl als Nahrungsbeigabe dienten. Das wenige Wochen alte Neugeborene befand sich neben dem Skelett eines Hundes. Der Mann in mittlerem Alter wurde zusammen mit einem kleinen Hund bestattet, während bei dem jüngeren Mann Skelettteile eines Pferdes gefunden wurden.
«Bestattungsrituale sind hochgradig formalisierte und symbolträchtige Handlungen, in denen Gemeinschaften ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenschaften repräsentieren», sagt Laffranchi. «Dass bei den Hunde- und Pferdeskeletten Schnittspuren fehlen und sie oftmals vollständig erhalten sind, deutet darauf hin, dass sie nicht für den rituellen Verzehr vorgesehen waren», fügt sie hinzu. Die Forschenden vermuten, dass die Tiere einer Symbolik dienten, die mit Hunden und Pferden in dieser Kultur verbunden war.
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So ist eine Assoziation zwischen Hunden und dem Leben nach dem Tod bekannt, die sich sowohl im Alten Ägypten, Skandinavien als auch in der galloromanischen Kultur findet. So galten Hunde unter anderem als Wegbegleiter in ein Leben nach dem Tod oder als Wächter der Pforte ins Jenseits. Bei Pferden könnte eine Verbindung zur keltischen Göttin Epona bestehen, deren Name auf das keltische Wort für Pferd («Epos») zurückgeht und die für Fruchtbarkeit und Schutz von Personen nach dem Tod verehrt wurde. Dass das Neugeborene mit einem Hund bestattet wurde, könnte beispielsweise einen Zusammenhang mit dem Kult der römischen Göttin Genita Mana haben, die für Fruchtbarkeit stand und der von den Römern bei einer Geburt ein Hund geopfert wurde. Bestattungen von Neugeborenen und Frauen mit Hunden könnten auch mit Reinigungsritualen zusammenhängen, die nach dem Tod eines Neugeborenen durchgeführt werden, um Fehlgeburten oder vorzeitige Todesfälle zu verhindern. «Ebenso könnten aber Bestattungen mit Hunden ein Zeichen der Verbundenheit von Menschen mit ihrem Haustier sein», erklärt Milella.
Erkenntnisse schwierig zu deuten
Die anthropologischen, zooarchäologischen, paläogenetischen und isotopischen Analysen der Forschenden ergaben keine demografischen, Ernährungs- oder bestattungsspezifischen Zusammenhänge oder genetische Verwandtschaftsverhältnisse der mit den Tieren bestatteten Personen. Die Funde aus dem Seminario Vescovile weisen jedoch verblüffende Ähnlichkeiten mit Bestattungen in der gleichen Region, sowie mit französischen und britischen Gräbern aus der Eisenzeit auf. «Das deutet auf kulturelle Kontakte und den Transfer von Traditionen hin», sagt Milella.
Laffranchi ergänzt: «Begräbnisrituale sind von komplexen Faktoren beeinflusst und unsere Erkenntnisse werfen neue Fragen auf.» Die Forschenden sind überzeugt, dass ihr multidisziplinärer Ansatz geeignet ist, um Spuren vergangener Bestattungspraktiken zu interpretieren.
Angaben zur Publikation:
Laffranchi Z, Zingale S, Tecchiati U, Amato A, Coia V, Paladin A, Salzani L, Thompson SR, Bersani M, Dori I, Szidat S, Lösch S, Ryan-Despraz J, Arenz G, Zink A, and Milella M: "Until death do us part". A multidisciplinary study on human-animal co-burials from the Late Iron Age necropolis of Seminario Vescovile in Verona (Northern Italy, 3rd-1st c. BCE). PLoS ONE 18(11): e0293434. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0293434
Zur Person
Zita Laffranchi
Zur Person
Marco Milella
Die Abteilung Anthropologie am Institut für Rechtsmedizin
Am Institut für Rechtsmedizin in Bern untersucht die Abteilung Anthropologie Mumien, Skelette und Knochenfragmente vor dem Hintergrund rechtsmedizinischer und kulturgeschichtlicher Fragen. Im Vordergrund der Forschung stehen dabei Fragestellungen zur Identifizierung von unbekannten Toten und Ermittlung der Todesursache im forensischen Kontext. Im archäologischen Umfeld werden wissenschaftliche Fragestellungen zur Bevölkerungszusammensetzung, Krankheitsbelastung sowie Ernährung, soziale Stratifizierung und Herkunft von Populationen bearbeitet. Die Abteilung Anthropologie greift bei der Erforschung des aus unterschiedlichen Regionen und zeitlichen Kontexten stammenden Materials auf folgende Methoden zurück: anthropologisch-morphologische und histologische Diagnostik, Massenspektrometrie von stabilen Isotopenverhältnissen, ancient DNA-Analysen und bildgebende Verfahren. Die Ausgrabungen im Seminario Vescovile von Verona sind Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Projekts «CELTUDALPS».