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Der Untertitelmag befremden, hat jedoch einen guten Grund sowohl bezüglich der Geschichte desWerkes von Bernard Schultze wie auch bezüglich dieser Ausstellung selbst. BernardSchultze hatte, als er 75 wurde, sogar die geradezu das Schicksalherausfordernde Idee, jetzt seine Ausstellung zum 80sten zu malen. Jeder anderewäre froh über eine umfassende und gelungene Retrospektive, er aber malte seineJubiläums-Ausstellung und das auch noch in neuen übergrossen Dimensionen.Hieraus entstand die Ausstellung „Das Grosse Format“ mit ebenso opulentemKatalogbuch, welche 1994 und 1995 im Museum Ludwig in Köln und dann in weiterenMuseen Europas gezeigt wurde. „Das grosse Format“ ist für jeden Maler einebesondere Herausforderung, hat, wenn diese bewältigt wurde, jedoch in derModerne bisweilen erfolgreiche Rezeptionsgeschichte geschrieben, so bei denamerikanischen abstrakten Expressionisten der 50er Jahre des 20. Jhs. Die Kraftihrer Grossformate war überwältigend, so wie die derjenigen von BernardSchultze, welche 1990 bis 1994 entstanden, manchmal als Triptychen ein Formatvon 260 x 600 cm erreichend. Nur eines von solchen Dimensionen können wirzeigen, das Diptychon „Windhimmel“ von 1990, jedoch weitere vierzehn „Zweimeterbilder“aus der Sammlung der Galerie, die wir endlich einmal in dem dafürprädestinierten hohen und weiten Ausstellungsraum des KUNST-DEPOT zeigenwollten.
Bernard Schultze wurde am 31. Mai 1915 in Schneidemühl (heute Pila, Polen) geboren. Nach dem Abitur 1934 in Berlin studierte er bis 1939 dort an der Kunstschule für Kunsterziehung und an der Akademie Düsseldorf und war 1939 bis 1944 als Soldat in Russland und in Afrika. Beim Angriff auf Berlin verbrannten sämtliche bis dahin entstandenen Arbeiten. Dagegen konnte er durch einen Zufall (?) Walther Kirchner in Berlin helfen, Arbeiten des Bruders Ernst Ludwig vor den Bomben zu retten, wie er des öfteren erzählte. 1945 bis 1947 lebte er mit den Eltern in Flensburg und zieht mit diesen 1947 nach Frankfurt am Main, wo er 1949 seine Frau Ursula (Schultze-Bluhm) als Leiterin der Kulturabteilung des dortigen Amerika-Hauses kennen lernt, mit der er bis zu Ihrem Tod 1999 in einem Atelier zusammenarbeiten wird.
Bernard Schultze erlebte den Niedergang und Zusammenbruch Mitteleuropas hautnah in seinem prägenden dritten Lebensjahrzehnt. Er hatte zuvor einige sterile gleichgeschaltete Akademiejahre in Berlin und Düsseldorf absolviert. Seine Antwort auf das Kriegserlebnis und das seit 1948 wieder möglich erscheinende Menetekel eines dritten Weltmordens war die übliche seiner Generation, nämlich die Hinwendung zur Abstraktion in einem Tachismus und Informel eigener Prägung von vexierbildhaften Überlagerungen. Er wurde zu einem der Protagonisten der ab 1948 in der ganzen Welt sich rasant ausbreitenden Abstraktion, spezieller: des Informel. 1952 gründete er gemeinsam mit Karl-Otto Götz, Heinz Kreutz und Otto Greis in der legendären Frankfurter „Zimmergalerie“ von Klaus Franck die „Quadriga“. Ursula und er lebten und arbeiteten jedoch seit 1968 in Köln, wo er am 14. April 2005 starb. Beide waren auch immer wieder in Paris, wo sie lange Jahre ein Atelier hatten.
Das figurativ-gegenständliche Gestalten verliess Bernard Schultze um 1948, „Figur“ blieb ihm jedoch immer erhalten. Das zeigt vor allem die Zeichnung, die uns immer schon die hinter der Malerei liegenden Strukturen deutlich machte. „Figur“ drängt aber unweigerlich in die Dreidimensionalität, zunächst über die Collage in das Relief. Das ermöglichte es Schultze 1961, mit seinen bearbeiteten Schaufensterpuppen, den „Migofs“, auf den „Nouveau Réalisme“ künstlerisch zu reagieren. Als der weltoffene pictor doctus, der auch dichtete, schuf er zwar ein Werk von ganz ähnlicher Konsequenz und Koherenz wie z. B. Emil Schumacher, K. O. Götz oder Pierre Soulages, durch seine ungegenständliche „Figur“, die immer in dem Augenblick wieder flüchtig sich auflöst, wenn man ihrer visuell habhaft zu werden glaubt, gelang es Schultze aber, sich doch mit der Zeit und ihrem wechselnden Geist in seinem Werk auseinanderzusetzen. Das ist das besondere seiner Kunst, bis unmittelbar vor seinem Tod ungebrochen und äusserst produktiv, besonders in den letzten Zeichnungen und Aquarellen erkennbar.
So malt und zeichnet in unendliche Bildlandschaften, in denen wir lesen und mit den Augen wandern können. Ständig erkennen wir etwas. Doch bevor es ganz fassbar zu werden scheint, verkehrt es sich ins Gegenteil. Das Vorn und das Hinten, das Hell und das Dunkel, die Form und die Auflösung und ebenso jede Farbe sind bei ihm ambivalent. Groteskes führt er uns vor Augen, das einerseits den Verwesungen der Schlachtfelder des ersten Weltkrieges eines Otto Dix, den Reisen in das Selbst eines James Ensor sowie in die Abgründe der Seele eines Alfred Kubin verpflichtet ist und andererseits in das so Heitere der Fresken Tiepolos und in die Leichtigkeit eines Fragonard verweist. So malt er denn seinen „Windhimmel“ von 1990 wie ein spätbarockes Deckengemälde. Diese Leichtigkeit wird aber – genauso wie gegenständlich und formal - schon in seinen Titeln immer wieder sibyllinisch in Frage gestellt wie in „Ein Wispern des gestürzten Hercules“ desselben Jahres, in dem sich dunkle Gebilde in die Tiepolo-Farbigkeit schieben.
Diese Farbenwelt einer hellen, warmen Sonne beginnt 1989 in „Profil des Narren“, wird 1990 in „Innenseite der Welt“ unendlich leicht, kehrt, sich bräunend, 1995 wieder zu „Ein Migof der Frühzeit“ tatsächlich zurück. „Eine kopflose Szene“, „Eingang zum Orkus“ und „Vorgänge im Lichtkegel“ von 1996 und 1997 liegen in einem blauen, eher nächtlichen Licht, in „Halluzination“ und „Luzifers Sturz“ von 1997 und 1999 brechen dagegen die Farben wieder in allen Kontrasten expressiv hervor. Den Abschluss unserer Ausstellung bildet eine Grisaille „Auch ein heiliger Antonius“ von 1999. Wie schon in den frühen Grisaillen der Renaissance tritt auch in denen Schultzes die Zeichnung, das Relief in voller Plastizität hervor, das Skulpturale seines Formdenkens bekennt sich ohne farbige Hülle, das Ende von Allem in Entropie, in der wohl auch die langen „Untersuchungsreihen“ von Form und Farbe bei Schultze ihr unweigerliches Ende finden.
1990 zeigten wir noch in Campione d’Italia eine Retrospektive von Bernard Schultze mit Katalog und 1998 in Wichtrach/Bern eine Doppelausstellung gemeinsam mit dem Werk von Ursula. Diesmal ist unsere Ausstellung einer Besonderheit des Werkes von Schultze und einem ganz besonderen Raum gewidmet, unserem KUNST-DEPOT, 2004 von Gigon und Guyer, Zürich, erbaut und seitdem zu einem der meistpublizierten Architekturen des neuen Jahrhunderts avanciert.
Wolfgang Henze