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Es ist schwierig, einen Zuger an seinem Dialekt zu erkennen. Nicht zuletzt, weil dieser zwischen Luzern, Schwyz, dem Aargau und Zürich kaum auffällt. Auch das sogenannte «Chochichäschtli-Orakel» hilft da nicht weiter. Hand aufs Herz: Ist der Dialekt von Zug schlicht und einfach nicht existent?
Gabriela Bart arbeitet an der Universität Zürich an einer Studie über die Eigenheiten des Schweizerdeutschen. zentral+ hat die Baarerin in Zug getroffen. Und damit, wie sich später herausstellen sollte, bereits die erste Dialektgrenze überschritten.
zentral+: Frau Bart. Wenn ich als Baarerin das «Chochichäschtli-Orakel» im Internet mache, will mich das System zu 100 Prozent in Winterthur beheimaten. Ich bin ein wenig beleidigt.
Gabriela Bart: Das Chochichäschtli-Orakel beruht auf dem Sprachatlas der Schweiz. Dessen Daten wurden bereits zwischen 1939 und 1958 gesammelt. Und weil nur zehn Wörter zur Auswahl stehen, die man in seinem Dialekt angeben muss, ist das Programm nicht ganz präzise. Dazu kommt die Besonderheit des Baarer Dialekts. Dieser hat Ähnlichkeiten zum Zürcher Dialekt, anders als beispielsweise jener aus Cham.
Die Baarer sagen «Abig», die Chamer «Obig». Mittlerweise gibt es aber Apps, die genauer arbeiten. Beispielsweise die «Voice Äpp», die von Zürcher Forschern entwickelt wurde. Bei dieser muss man 15 Wörter direkt in sein Handy sprechen und wird dann dialektal verortet.
«Wie Sie bestimmt schon selber gemerkt haben, passiert es kaum je, dass jemand aus dem Kanton Zug aufgrund seines Dialekts erkannt wird.
zentral+: Ist das Resultat, das ich erzielt habe, ein Indiz dafür, dass Zug keinen klaren Dialekt hat?
Der Kanton Zug ist ein Spezialfall. Er bildet sprachlich gesehen keine Einheit. Früher hat man jeder der elf Zuger Gemeinden einen eigenen Dialekt zugesprochen. Später hat man den Kanton in vier Dialektgruppen eingeteilt. Die Gruppe Baar und Steinhausen, zu der auch Neuheim und Menzingen dazugezählt werden und die vom Zürcher Dialekt gefärbt ist. Die Gruppe Cham, zu der die Ennetsee-Gemeinden Hünenberg und Risch gehören und die sich stark am Luzernischen orientiert.
Die Gruppe Ägeri, zu der auch Walchwil gehört und die sich am Kanton Schwyz orientiert. Die Ägerer sagen beispielsweise «buue» für bauen oder «schniie» für schneien. Und dann gibt’s noch den Stadtzuger Dialekt. Aber wie Sie bestimmt schon selber gemerkt haben, passiert es kaum je, dass jemand aus dem Kanton Zug aufgrund seines Dialekts erkannt wird.
zentral+: Warum hat Baar denn einen anderen Dialekt als beispielsweise Zug? Das liegt ja so nah aneinander ...
Bart: Das hat wohl historische Gründe. Zwischen Zug und Baar lag früher ein grosses Sumpfgebiet. Politik und Kirche waren eigenständig, man hat sich lange Zeit wenig miteinander verständigt, und die Dialekte haben sich nicht vermischt. Das Besondere am Kanton Zug ist wirklich, dass es hier mehrere wichtige Dialektgrenzen gibt, die genau durch unseren Kanton führen und verschiedene Gründe haben können. Beispielsweise geografische: Zug liegt am Fusse der Alpen, was durchaus einen Einfluss auf die Sprache hat. Das höher gelegene Ägerital hat ältere Sprachstände eher bewahrt als die Talgemeinden. Oder die Säuliämtler reden beispielsweise einen ganz anderen Dialekt als die Baarer und Steinhauser, obwohl diese geografisch sehr nahe beieinander liegen.
zentral+: Wohin muss man denn im Kanton Zug, um «de verrecktischt» Dialekt zu hören?
Bart: Das ist schwierig zu sagen, aber sicher muss man ältere Personen aufsuchen. In den 1960er-Jahren, als die Zuger Dialekte zuletzt flächendeckend erforscht wurden, hielt man sich an sogenannte «NORM», was abgekürzt «non-mobile, old, rural, man» bedeutet. Ältere Männer also in ländlichen Gebieten, die kaum mobil sind. Deren Dialekt galt als eigentümlich. Damals hat man jeweils nur einen dieser NORM pro Gemeinde befragt. In der heutigen Forschung ist es viel wichtiger geworden, auch grosse Samples von Informanten mit unterschiedlichen Sozialdaten zu generieren.
«Die Befürchtungen, dass Dialekte verloren gehen, gab es bereits vor hundert Jahren und sind bis heute unbegründet geblieben.»
zentral+: Es gibt die Angst, dass Dialekte verloren gehen und plötzlich alles zu einem Einheitsbrei verkommt. Eine begründete Befürchtung?
Bart: Diese Befürchtungen gab es bereits vor hundert Jahren und sind bis heute unbegründet geblieben. Dialekte gibt es noch immer, und ich denke auch nicht, dass die Zuger Dialekte leiden, obwohl die Gefahr, dass man sich sprachlich anpasst, grösser ist, wenn man interkantonal keine sprachliche Einheit bildet und von den angrenzenden Dialekten beeinflusst wird.
Was sich in den Dialekten sicherlich ständig verändert, ist der Wortschatz. Alte Wörter verschwinden, neue kommen hinzu. Diese sind häufig in Englisch, wie etwa Computer. Oder aber Wörter werden des Verständnisses wegen angepasst. So bedeutet «brüele» beispielsweise in einigen Dialekten weinen, in anderen schreien. Damit keine Verwechslungen entstehen, versucht man Bedeutungsunterscheidungen auszugleichen. Was dagegen ziemlich stabil bleibt, ist einerseits der Satzbau der Dialekte, andererseits die Aussprache.
Im Sommer wurde eine Studie veröffentlicht, die besagt, Zürichdeutsch sei beliebter als Berndeutsch. Darauf folgte eine ausführliche, emotionale Diskussion in den Medien – mit vielen Leserkommentaren. Dass die Schweizer Dialekte ein so emotionales Thema sind, werte ich ebenfalls als Zeichen dafür, dass diese nicht so schnell aussterben. Oder auch in der Politik sind die Dialekte immer ein viel diskutiertes Thema, zum Beispiel in Bezug auf die Sprache im Kindergarten.
zentral+: Was gibt es denn eigentlich für Wörter, die Zugerischen Ursprungs sind?
Bart: Ich habe ehrlich gesagt nur zwei spezielle Wortbildungen in älteren Dokumenten gefunden, die ausschliesslich im Kanton Zug verwendet wurden. Zum einen ist das «Bilgerig», was Zahnfleisch bedeutet, zum anderen «Ooremugerli», ein Synonym für Mumps. Diese Begriffe sind aber wohl bereits ausgestorben. Was bei «Ooremugerli» ganz praktische Gründe hat, weil es heute viel weniger Erkrankungen davon gibt.
«Im Ersten Weltkrieg hat man sich besonders auf bodenständige Werte wie die Sprache zurückbesonnen.»
zentral+: Dialekte scheinen sehr stark mit Stolz verbunden zu sein. Nun haben die Zuger aber offenbar weder eigene Wörter, noch erkennt man sie an ihrem Dialekt. Haben die Zuger keinen Dialektstolz?
Bart: Dass Dialekte mit Stolz verbunden sind, ist durchaus so. Denn jeder hat etwas zum Thema bzw. zu seinem eigenen und anderen Dialekten zu sagen. Wenn sich zwei Menschen treffen, ist der Dialekt oft das Erste, worüber man miteinander spricht. Man erkennt daran die Herkunft seines Gegenübers. Es ist nicht so, dass die Zuger nicht stolz wären auf ihren Dialekt.
Es gibt alte Dokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, in denen zum Beispiel der Ägeri-Dialekt als «ganz aparte Spezies» bezeichnet wird. In dieser schwierigen Zeit hat man sich besonders auf bodenständige Werte wie die Sprache zurückbesonnen. Bereits davor und auch danach haben Sprachforscher unseren Dialekt aber mehrheitlich als «Wirrwarr», «strukturlos» oder gar als «Trümmerfeld» betitelt, was der dialektalen Uneinheitlichkeit im Kanton Zug geschuldet ist. Diese macht die einzelnen Sprecher der Dialektgruppen aber nicht weniger stolz.