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Der
Marathon Corgi

Teil II - Teil I
Andrew Bushnell, Schweiz
Die Gletschertour
Sierre ist der sonnigste und trockenste Ort in der Schweiz, sodass man geneigt ist, pessimistische Wetterprognosen zu ignorieren. So zogen ich und mein Corgi Bryn am Samstagmorgen los zusammen mit zwei enthusiastischen Bergsteigern, Malcolm und Lorena. Sie hatten eine Trainingstour zur Berghütte Moiry geplant, welche den Blick auf einen Gletscher und einen grossen Stausee gleichen Namens gewährt. Lorena fuhr uns in ihrem Wagen bis zum Fuss des Moiry Gletschers, aber sobald wir uns zu Fuss auf den Weg machten, begann es wie aus Kübeln zu regnen.
Moiry Stausee und Gletscher
Beim Überqueren der Weiden war Bryn gerne bereit, die Kühe für uns aus dem Weg zu räumen; dann folgten wir einer Moräne, einer vom Gletscher abgelagerten Schuttansammlung aus Erde und Steinen. Wir bewegten uns wie auf dem First eines Dachs, mit einer dem Moiry Gletscher zugewandten Klippe auf der einen Seite. Weil auf dem schmalen Weg kein Platz zum Überholen ist, musste Bryn hinter uns laufen, damit keiner über ihn stolperte. Beim Verlassen der Moräne überquerten wir den Rest einer kleinen Schneelawine. Bryn benutzte die Gelegenheit, am Schnee zu knabbern und sich darin zu wälzen.
Als der Weg eine schräge Felswand hinauf führte, waren die Felsbänder zu Beginn für die kurzen Beine und den langen Körper eines Corgis ziemlich weit auseinander und Bryn, der nun voraus ging, hielt an und schaute zu mir zurück. Die Lücke offenbarte einen unschönen Felsrutsch, der nach mehreren Metern auf dem harten Schnee endete. Um einen Unfall zu vermeiden, legte ich Bryn ein Geschirr um, um ihm falls notwendig mit der Leine Halt zu geben. Alsdann sprang er völlig unbeschwert über die Spalte.
Bryn zeigte seine Sicherheit ganz unerwartet an der gleichen Stelle auf dem Rückweg von der Hütte. Es regnete immer noch in Strömen und Malcolm trug Bryn über die Spalte, um Zeit zu sparen. Sobald Bryn wieder auf dem Boden war, schaute er zurück und sah, dass ich mich immer noch auf der anderen Seite befand. Prompt sprang er von selbst über den Felsrutsch zu mir zurück, um mich zu holen!
Es hatte aufgehört zu regnen und als wir zum Auto zurückkehrten, schien Bryn weniger durchnässt zu sein als wir: das Fell eines Corgis ist tatsächlich wetterfest.
Wenn wir auf ein unvorhergesehenes Hindernis stossen, das Bryn nicht bewältigen kann, setze ich ihn in einen grossen Rucksack. Er hat nichts dagegen, denn er wurde auf Wanderungen schon als Welpe daran gewöhnt. Fremde Leute sind immer ganz überrascht und amüsiert, wenn er sie aus einem Rucksack anschaut, der für einen Hund mit so grossem Kopf und Ohren viel zu klein scheint.
Drei Starts bei einem Schweizer Alpenmarathon
Ein paar Monate vor dem Sierre-Zinal Lauf trainiere ich mit Bryn fleissig auf den ersten 600 m des Aufstiegs. Diese Strecke folgt den alten Saumpfaden, die sich den bewaldeten Berghang hinauf winden. Wir üben auch die Bewältigung von Felsbrocken und anderen Hindernissen auf der restlichen Strecke.
Erster Start: Touristen
Es ist 5 Uhr morgens. Im gleissenden Scheinwerferlicht und dem durchdringenden Geruch von Kampfersalbe, mit der sich Hunderte von Läufern die Beine einreiben, schicken die lokalen Tambouren und Pfeifer die rund 2000 "Touristen" los. Es sind die lockereren, nicht klassifizierten Läufer, denen eine Laufzeit bis zu 12 Stunden gewährt wird, was der Zeit eines Standardläufers entspricht; die Hälfte von ihnen wird das Ziel jedoch innerhalb von 6 Stunden erreichen, was ich auch von mir und Bryn erwarte.
Wenn sie mit ihren Taschenlampen den steinigen Weg mit einer 1:4 Steigung hinauf straucheln, haben sie Zeit, die Ironie der vierzehn kleinen Bildstöcke mit dem Kreuzweg Jesus wahrzunehmen, bevor sie 400 m weiter oben eine Steinkapelle erreichen.
Im Morgengrauen tauchen langsam die schneebedeckten Gipfel auf allen Seiten auf, und schliesslich enthüllt sich das ganze Panorama bis hinunter zur Rhone, welche sich unmittelbar senkrecht unten zu befinden scheint.
Zweiter Start: Elite
Es ist 8.30 Uhr. Die Tambouren und Pfeifer konkurrieren mit dem Schwirren der Helikopter mit der TV Filmcrew und dem Bergrettungsdienst. Die 1500 "Eliteläufer" starten wie eine menschliche Flutwelle. Ich befand mich jeweils in deren Mitte mit einer Zeit von 4 Stunden und 15 Minuten, aber jetzt nehme ich mir mehr Zeit, weil ich mit 40 als Veteran teilnehme.
Die Favoriten spurten davon, so lange noch Platz zum Überholen da ist. Vom Helikopter aus hat die Filmcrew den Eindruck, dass die Läufer eine scheinbar senkrechte Felswand überqueren. Wird jemand die Rekordzeit von 2 Std. 35 Min. brechen?
In Zinal warten die Touristen, um den Läufern zuzujubeln, wenn sie nach 2000 m Aufstieg und 31 km Bergwege im Ziel eintreffen. Dann treffen sich alle zu einer Mahlzeit im Festzelt mit Unterhaltung und einer Stimmung wie auf einem Dorffest.
Dritter Start: Lauf der Organisatoren
Es wäre zu gefährlich, einen Hund auf einen Lauf mit 3500 Teilnehmern auf schmalen und steilen Bergwegen mitzunehmen. Viele Kilometer weit ist das Überholen schwierig und Schweizer Armeerekruten überwachen die Klippen, um eventuelle Unfälle zu melden. An kritischen Stellen lasse ich Bryn nie voraus laufen, denn er neigt dazu, plötzlich zu stoppen, um einen interessanten Geruch zu untersuchen. Es wäre äusserst gefährlich, wenn er das vor einem Läufer tun würde, der eine Klippe überquert oder bergab rast.
Aber die Organisatoren und freiwilligen Helfer, die mit der Abwicklung des Laufs beschäftigt sind, veranstalten einen Monat später ihren eigenen Lauf, und Bryn und ich werden an diesem Lauf teilnehmen, ohne die Menschenmenge oder die Tambouren und Pfeifen, sondern mit einer Gruppe von Freunden, die für die Zeitmessung, Erfrischungen und erste Hilfe unterwegs für uns da sind.
Ein Corgi rennt über die Alpen
Dutzende von Freiwilligen hatten während des Hauptlaufs verschiedene Dienste verrichtet und waren somit an der Teilnahme des Wettlaufs verhindert. Heute, einen Monat später, werden andere Freunde die Zeit messen und für Erfrischungen und erste Hilfe sorgen. Nun kann auch Bryn am Lauf teilnehmen, ohne dass 3500 Läufer über ihn zu stolpern riskieren.
Kurz vor dem Morgengrauen warten rund sechzig Teilnehmer auf den Start. Ich treffe mit Bryn gerade in dem Moment ein, als der Startschuss abgegeben wird. Schnell übergebe ich meinen Rucksack einer schattenhaften Gestalt für den Transport per Lastwagen zum Ziel und folge der Gruppe, die im Dunkeln verschwindet.
Bryn ist nur sichtbar dank dem breiten Halsband aus leuchtendem pink und gelbem Material, das als Stirnband für Jogger verkauft wird. Er wird dieses Halsband heute den ganzen Tag tragen müssen, weil es Jagdsaison ist und ein Corgi irrtümlicherweise für einen Fuchs erschossen werden könnte.
Nach einer halben Stunde bergauf Strampeln, tauchen im Morgengrauen mehrere Mitläufer im Gänsemarsch hinter mir auf, alle mit einer Nummer an ihr Leibchen geheftet. Ich hatte in der Eile vergessen, meine Nummer abzuholen. Dichter Baumbestand verdeckt den Horizont, sodass ich die Steigung in meinen Beinen fühle, ohne sie zu sehen. Da ich mich von einer Fussverletzung noch nicht ganz erholt habe, trage ich Wanderschuhe und habe bereits Blasen an den Füssen.
Zwei Stunden später erreichen wir die Baumgrenze: der anstrengendste Teil des Aufstiegs liegt hinter uns und es bietet sich uns eine prachtvolle Aussicht auf Gletscher und Berggipfel. Bei der nächsten Kontrollstelle begrüsst mich eine Frau und hält mir meine Nummer entgegen, und Helfer sorgen für Erfrischungen und erste Hilfe.
Auch Bryn erhält Erfrischungen: schwachen Tee - den er verächtlich beschnuppert, aber schliesslich akzeptiert - und dünne Scheiben von getrocknetem Fleisch, eine lokale Spezialität, die er mit Genuss verzehrt. Auf der restlichen Strecke gibt es für ihn genügend Wasserläufe, wo er seinen Durst löschen kann.
Nachdem wir den höchsten Punkt auf 2450 m passiert haben, erwartet uns eine Strecke von zwei Kilometern, die mit Felsbrocken übersät ist. Aber das hatten wir ja schon während des Trainings geübt und Bryn springt gewandt über diese Hindernisse.
Nach einem Spurt kommen wir nach 7 Std. 15 Min. ins Ziel, wobei wir in Wirklichkeit weniger als 6 Stunden gingen und rannten, denn ich hatte lange Pausen für erste Hilfe, Erfrischungen und Geplauder an den Kontrollstellen gemacht. Bryn war mir wie üblich fast die ganze Strecke voraus gelaufen, schien aber weder müde noch wund zu sein. Er könnte die Strecke bestimmt viel schneller laufen, aber ich würde Bryn nie dazu zwingen, schneller zu rennen, als es ihm Spass macht, selbst wenn ich könnte.
CH & Int. Ch. Cardwyn Gwylon, alias Bryn
Auf einer Corgi-Ausstellung lobte die Richterin Bryns gepflegte Pfoten mit den kurzen schwarzen Krallen, die zwischen den säuberlich getrimmten weissen Haaren hervorschauten. Ich verriet ihr nicht, dass seine Pfoten auf natürliche Weise "gepflegt" werden.
Aus CWCA Newsletter February 1991
Übersetzung: ANo mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Siehe auch: Bryns Wassertaufe