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Die vielen Gottesreiche des EINEN
Walther Eidlitz schreibt, die Vorstellung von verschiedenen unendlichen Gottesreichen sei menschlicher Fassungskraft nur in einem Nacheinander oder in einem Nebeneinander und nicht in ihrer Gleichzeitigkeit zugänglich. In ihrer Gesamtheit sind sie unausdenkbar (acintya). Gemäß den Bhakti-Schriften, vor allem der Werke von Sanatana, Rupa, Raghunatha und Jiva Goswami aus der Chaitanya-Schule, kann man sich das unendliche ewige Reich als eine Kugel vorstellen, die nach keiner Dimension hin ein Ende aufweist, weder nach innen noch nach außen, und die unendlich viele Schnittflächen aufweist. Diese „Kugel“ ist gleichzeitig das unendliche Reich Radha-Krishnas, Lakshmi-Narayanas, Sita-Ramas usw.
Das Reich Gottes ist nicht ein einziges Reich, sondern zahllose Reiche, jedes von ihnen eine eigene Unendlichkeit. Alle diese Reiche sind am gleichen Ort, ohne dass das Geschehen in einem dieser unendlichen Reiche von dem gleichzeitigen Geschehen in den anderen Gottesreichen im Mindesten gestört würde. Die Gesetze physikalischer Mechanik gelten dort nicht. Es können sich dort zwei, drei, ja, es können sich dort unendlich viele Dinge am gleichen Ort befinden.
Man könnte hierzu ein aktuelles Beispiel geben: Hunderte von Kanälen des Kabel-TV oder Satelliten-TV befinden sich an demselben "Ort". Je nach Empfangsfrequenz sieht man ein bestimmtes, in sich geschlossenes Programm. Alle anderen Kanäle sind jedoch gleichzeitig auch im Empfänger „anwesend“. Die verschiedenen Kanäle stören sich nicht im Geringsten. Je nach Kanal (Frequenz) sieht man ein ganz bestimmtes Programm. Der Kanal oder die Frequenz wäre mit einer ganz bestimmten Art der Beziehung und der Liebe zu Gott vergleichbar. Je nach der Art der Liebe zu Gott, offenbart er sich auf eine bestimmte Weise mit dem dazu passenden Gottesreich, welches die bestimmte Art der liebevollen Beziehung zu Gott unterstützt und begleitet.
Shri Krishna kann auch gleichzeitig Kind, Knabe, Jüngling, Kuhhirte, Krieger und königlicher Held sein, doch ohne in all diesen Seinsweisen weder in Raum noch in Zeit die geringste Begrenzung zu haben. Seine zahllosen Reiche, seine ewigen Mitspieler, das Geschehen in jedem dieser ewigen unendlichen Reiche, es ist alles gleichzeitig da (sarva-vyapi) und es füllt alles in Zeit und Raum restlos aus, so dass außerhalb von ihm für gar nichts anderes Platz oder Zeit übrig ist.
Das unendliche Reich der göttlichen Allmacht von Lakshmi-Narayana wird Vaikuntha genannt. Doch dem Wesen nach sind alle Reiche Gottes Vaikuntha, das heißt ohne Bruch (vi-kuntha); die Zeit zersplittert dort nicht in jedem Augenblick schmerzhaft in Vergangenheit und Zukunft. Deshalb ist eine weitere Bedeutung von Vaikuntha, „frei von Angst“. Ewige Gegenwart ist dort.
Das Sanskritwort für Zeit (Kala) wird abgeleitet von der Wurzel kal, „dahintreiben“. Wie ein Schlächter eine Viehherde mitleidslos zum Schlachthaus treibt, so treibt „die gewaltige Kraft der Zeit“ (Kala) alle Wesen, von den lichtschimmernden Devas, die Millionen Jahre leben, bis zum geringsten Wurm und Insekt, unaufhaltsam dem Tode zu.
Die Zeit in den immerdar und überall gegenwärtigen Reichen Gottes ist nicht von solcher Art. Dort sind Zeit und Raum nicht die Herren, sondern die Diener allen Geschehens, Zeit und Raum werden dort von der Cit-Shakti liebevoll dienend, zur Steigerung oder Intensivierung des göttlichen Spiels (Lila), eingesetzt. „Zeit und Raum“ schrumpfen ein und dehnen sich aus, wie es am besten dem Fortgang des verborgenen göttlichen Geschehens entspricht. Es ist durch und durch unbegreiflich (acintya), dem Intellekt, der aus den Stoffen der Maya besteht, absolut unzugänglich.
Einer der Namen für das innerste aller unendlichen Gottesreiche (Goloka-Vrindavana) ist Vraja. Der Name „Vraja“ wird gedeutet: man kann in alle Ewigkeit schreiten (vraj), ohne jemals an ein Ende zu kommen.
Zwischen Krishna und seinen Mitspielern in jedem der Reiche besteht die Beziehung acintya-bheda-abheda, das heißt, sie sind in unausdenkbarer Weise getrennt und nicht getrennt, verschieden und nicht verschieden, geschieden und nie geschieden. In jedem der Reiche sind wieder unendlich viele Sichtbarwerdungen (Prakasha) des Einen, die Manifestation von unendlich vielen Krishnas und von Krishnas ewigen Begleitern, wobei alle diese Manifestationen voneinander unberührt sind. Obwohl jeder Krishna allwissend ist, so ist sich doch der eine Krishna dem anderen mit ihm identischen Krishna nicht bewusst.
Das Geschehen wird noch unergründlicher, weil mancher Gottgeweihte, Gott dienend, gleichzeitig in vielen Gottesreichen weilt, und mancher von ihnen überdies zuweilen von einem Gottesreich ins andere wandert oder von der Erde aus in ein Gottesreich gelangt, wie beispielsweise Narada Muni.
Wenn der Atma eines Gottgeweihten, der noch auf Erden lebt, dem Herrn unmittelbar begegnet, weil Krishna, der ewiglich überall Seiende, von der Art der Premabhakti dieses Bhakta angezogen worden war und sich sichtbar gemacht hat; wenn der Bhakta also in den Cit-Kosmos dieser „Kugel“ hineingenommen wird, findet er sich auf einer der unendlich vielen Schnittflächen der Kugel wieder. Er steht zum Beispiel Krishna in dessen ewiger Seinsweise als Kind gegenüber und Krishna ist von bestimmten ewigen Begleitern umgeben und der Bhakta dient ihm nun als dem ewigen Kind in dem Reiche der göttlichen Lieblichkeit und Schönheit und unbekümmerten Ausgelassenheit. Ein anderer Bhakta, der dem Majestätsaspekt Gottes zustrebt und ihm dienen will, findet sich im Reich der Gottesallmacht Narayanas und dient ihm in diesem Reich.
Der Nicht-Bhakta aber erlebt anstelle dieser Kugel eine Häufung von Weltsystemen der Materie (Brahmandas) und findet dort die Gesetze von Zeit und Raum.
Quelle: Krsna-Caitanya - Sein Leben und Seine Lehre; Walther Eidlitz, 1968
Zitiert aus und ergänzt in Gaurangas Bhakti-Lehre

Goloka
-Vrindavana
Die vielen Gottesreiche
des EINEN