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Spencer Gore war ein exzellenter Athlet, aber kein Prophet. Der erste Wimbledon-Champion glaubte nicht, dass sich das Rasentennis durchsetzen würde. Dafür sei es zu eintönig. Dabei hatte der Londoner mit dem markanten Bart ja selber gezeigt, wie vielfältig es sein kann, bei der Premiere der Championships anno 1877 die Konkurrenz mit seinen zahlreichen Netzangriffen überrascht.
Das Turnier war ins Leben gerufen worden, um die Reparatur der vom Pferd gezogenen Walze («pony roller») zu finanzieren, mit der die Rasenplätze geebnet und bespielbar gemacht wurden.
Text: Simon Graf
Spencer Gore war ein exzellenter Athlet, aber kein Prophet. Der erste Wimbledon-Champion glaubte nicht, dass sich das Rasentennis durchsetzen würde. Dafür sei es zu eintönig. Dabei hatte der Londoner mit dem markanten Bart ja selber gezeigt, wie vielfältig es sein kann, bei der Premiere der Championships anno 1877 die Konkurrenz mit seinen zahlreichen Netzangriffen überrascht.
Das Tableau mit 22 Teilnehmern war abenteuerlich, mit diversen Freilosen in unterschiedlichen Runden. Aber die Briten verstanden sich ja schon immer darauf, Regeln für Wettkämpfe und Sportarten aufzustellen.
200 Schaulustige wohnten dem ersten Wimbledon-Final bei, der an einem Dienstag stattfand. Das Gelände an der Worple Road, zwei Kilometer Luftlinie entfernt von der heutigen Anlage, wurde als ideal erachtet, weil es an der Bahnlinie lag – also gut erschlossen war. Es gab Zeiten, da hatte das Turnier sogar seine eigene Bahnstation.
Crocket-Enthusiasten hatten die 1,6 Hektaren 1868 gekauft, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Doch der All England Croquet Club wurde zusehends von Anhängern des Rasentennis unterwandert. Unter anderem vom Waliser Major Clopton Wingfield, der mit seinen Tennissets (Rackets, Bälle, Netz und Netzpfosten) das Spiel einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte.
Wer sich heutzutage beim Besuch des Wimbledon-Turniers zwischen zwei Spielen einen kurzen Lunch gönnt, tut das vielleicht im Wingfield-Restaurant. Die Geschichte wird im All England Club sorgsam gepflegt.
Major Wingfield war ein Mann mit einem ausgeprägten Geschäftssinn, importierte die Bälle aus Deutschland und die Darmsaiten, mit der Holzrackets bespannt wurden, aus Lyon.
Kein Platz blieb frei: Frauentennis an der Worple Road 1919.
Aus den Anfängen an der Worple Road hat sich vieles erhalten. Die Farben Dunkelgrün und Violett im Logo etwa, das zuerst zwei gekreuzte Crocketschläger zeigte. Heute sind es Tennisrackets. Oder der Begriff Centre Court. Der Hauptplatz lag im Zentrum, umgeben von neun anderen Courts.
Doch auch der All England Club erlebte schwierige Zeiten. Wegen des Fahrradbooms in den 1890er-Jahren, begünstigt durch neue, sicherere Velos, brach die Produktion von Tennisschuhen ein.
Zudem erwuchs der Golfsport als Konkurrenz. 1895 schrieb der Club rote Zahlen, es drohte die Übernahme durch den wohlhabenderen Queen's Club aus dem Stadtteil West Kensington.
Solche Themen werden an der alljährlichen History Conference in Wimbledon debattiert, mit Teilnehmern aus ganz Europa. Wäre es zur Übernahme gekommen, Queen’s wäre heute vielleicht das prestigeträchtigste Rasenturnier.
Doch im Vorort Wimbledon wehrte man sich, trieb etwa zusätzliche Mittel auf, indem man die Crocketspieler wieder als Mitglieder zurück in den Club lockte, mit der Konzession, ihn wieder umzubenennen in All England Lawn Tennis and Croquet Club. So heisst er auch heute noch, obschon niemandem in den Sinn kommen würde, Crockettore in den Rasen zu stecken. Schon gar nicht Neil Stubley, dem Chefgärtner. Doch zu ihm später.
Innovation gepaart mit Pflege der Tradition ist die Zauberformel Wimbledons. Ein wichtiger Schritt war 1922 der Umzug an die Church Road, weil es an der Worple Road zwischen Strasse und Bahnlinie zu eng geworden war und auch eine seitliche Ausdehnung nicht möglich war, weil dort Häuser standen.
Der neue Centre Court am Fusse des Hügels mit seinen 14’000 Sitzen war eine riesige Investition. Viele befürchteten, er werde zu einem weissen Elefanten – einem überdimensionierten Stadion, das verwaise.
Die Anlage an der Worple Road wurde für 6000 Pfund von der Wimbledon High School erworben, als Sportplatz für die Mädchenschule. Noch heute wird dort fleissig Sport getrieben. Rasenplätze sucht man aber vergeblich. Deren Unterhalt wäre zu aufwendig.
Doch der Ort versprüht immer noch einen Hauch von Geschichte. 1908 fanden hier die Tenniswettkämpfe der Olympischen Sommerspiele statt. Das ursprüngliche Gebäude mit den Garderoben wurde behutsam renoviert und gemahnt an frühere Zeiten. Selbst eine einsame, rostige Walze steht hier noch, an eine Mauer gelehnt.
Lawn Tennis ist die Urform dieses Sports, wie wir ihn heute kennen. Sandplätze kamen erst später auf. Die Legende besagt, dass die britischen Zwillingsbrüder Ernest und William Renshaw in den 1880er-Jahren den Anstoss dafür gaben, als sie in Cannes Krümel aus einer Töpferei auf die Rasenplätze streuten, damit die gleissende Sonne die Halme nicht verbrannte. 1891 wurden die ersten französischen Meisterschaften, die später zu Roland Garros wurden, auf Sand ausgetragen.
Ein Pony Roller steht noch heute an der Worple Road.
Bis 1974 fanden drei von vier Grand-Slam-Turnieren auf Rasen statt. Das US Open wechselte danach für drei Jahre auf Sand, seit 1978 wird auf Hartplatz gespielt, das Australian Open wechselte zehn Jahre später.
In jüngerer Zeit hat Rasentennis aber wieder einen Aufschwung erfahren. Dank Wimbledon, vielleicht auch dank Roger Federer, dem Herrscher über die Rasencourts. 2015 wurde die Rasensaison erweitert, von vier auf fünf Wochen. Auch in Gstaad prüfte man einen Umzug von Sand auf Rasen, doch wegen der Feuchtigkeit auf 1050 Meter Höhe musste man die reizvolle Idee fallen lassen.
Die Aufwertung der Rasensaison freut Belinda Bencic, die in Paris sagte, am liebsten würde sie zwei Rasenturniere gleichzeitig spielen. Und natürlich auch Neil Stubley, den Chefgärtner Wimbledons.
«Wir geben anderen Rasenturnieren gerne technische Ratschläge», sagt der 49-Jährige. Stubley ist Chef von 17 Festangestellten, die sich das ganze Jahr hindurch um die Rasenplätze kümmern. Während des Turniers sind rund 30 Leute im Einsatz – für 38 Plätze, davon 18 Matchcourts.
In Wimbledon wird nur noch Weidelgras verwendet.
Stubley übernahm 2012 von Eddie Seaward, dem etwas schrullig wirkenden, sehr liebenswerten «Grasflüsterer». Im Mai dieses Jahres verstarb Seaward, er war demenzkrank. Wer Stubley zuhört, der merkt schnell: Auch er hat sie gerne, diese Halme.
Bis 2000 wurde in Wimbledon eine Mischung aus 70 Prozent Weidelgras und 30 Prozent Rotschwingel verwendet, seitdem ausschliesslich Weidelgras, weil es dauerhafter ist.
Das führte dazu, dass die Courts härter wurden und der Ball höher abspringt, was das Defensivspiel begünstigt und Aufschlag-Volley-Spieler auch hier zur aussterbenden Art gemacht hat. «Wir probieren nie, ein gewisses Tempo möglich zu machen», betont Stubley.
«Wir wollen einen Rasen, der nicht zu rutschig ist und sich in zwei Wochen nicht zu sehr abnützt. Aber logisch, er verändert sich ständig. Das ist ja das Schöne am Rasentennis: Die Spieler kämpfen nicht nur gegeneinander, sie kämpfen auch mit dieser Unterlage.»
Das neue Prunkstück im All England Club ist Court 1, der nun wie der Centre Court mit einem schliessbaren Dach ausgerüstet wurde. Bis zu 700 Arbeiter waren gleichzeitig am Werk, im Mai wurde die Arena eingeweiht von Tennislegenden wie Martina Navratilova und John McEnroe.
Und die nächsten Projekte stehen schon an. Im Dezember konnte der AELTC die Mitglieder des benachbarten Golfclubs Wimbledon Park mit 65 Millionen Pfund davon überzeugen, den bis Ende 2041 laufenden Pachtvertrag schon 20 Jahre früher zu beenden. Was bedeutet, dass der All England Club ab 2022 fast über dreimal so viel Terrain verfügen wird.
Aktuell umfasst die Anlage 17 Hektaren, dann werden es 46 sein. Und der All England Club hätte zusätzlich die Option, weitere neun Löcher des Golfplatzes zu übernehmen und sich auf über 65 Hektaren auszudehnen.
Das zusätzliche Land werde primär für Trainingsplätze und Courts fürs Qualifikationsturnier gebraucht, heisst es momentan noch. Doch der Fantasie, was darauf alles gebaut werden kann, sind kaum Grenzen gesetzt. Wie sagte doch einst US-Tennisspielerin und Frauenrechtlerin Billie Jean King: «Alles verändert sich in Wimbledon, und doch bleibt es gleich.»