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In den 1960er Jahren definierte der Marschall der Sowjetunion Sokolowski die Militärdoktrin wie folgt: (1)
„Die Militärdoktrin ist die Darstellung der in einem Staat herrschenden Anschauungen in Bezug auf die politische Einschätzung der zukünftigen Kriege, die Einstellung des Staates zum Krieg, den Charakter des zukünftigen Kriegs, die wirtschaftliche und moralische Vorbereitung des Landes auf den Krieg und die Ausbildung der Streitkräfte sowie die Methoden der Kriegführung.“
„Folglich ist unter Militärdoktrin das im Staat bestehende System von Anschauungen über die wichtigsten, grundlegenden Fragen des Krieges zu verstehen.“
Die Definition von Sokolowski wies auf den grundsätzlichen Inhalt einer Militärdoktrin hin:
- Beurteilung der militärischen Gefahren und Bedrohungen
- Ziele der Militärpolitik und der Auftrag an die Streitkräfte
- Aufgaben der Streitkräfte und der Teilstreitkräfte in einem Krieg
- Militärorganisation
- Waffen und Aufrüstung
Der Begriff Militärdoktrin wurde 1996/97 durch die Russische Föderation neu definiert. Es folgten Überarbeitungen.
Die letzte Fassung der Militärdoktrin der russischen Streitkräfte unterzeichnete Wladimir Wladimirowitsch Putin am 26. Dezember 2014. (2)
Bei der Aufzählung der äusseren Gefahren steht in dieser Fassung an erster Stelle die NATO und die Annäherung der militärischen Infrastruktur der NATO an die Grenzen der Russischen Föderation.
Bereits damals bezeichnete Putin einen möglichen NATO-Beitritt der Ukraine als Bedrohung der Russischen Föderation.
Für die Bewältigung dieser und anderer Gefahren hat Putin nach dem Krieg gegen Georgien 2008 die konsequente Aufrüstung und Modernisierung der Streitkräfte gefordert.
Gemäss dieser Militärdoktrin ist die Hauptaufgabe der Streitkräfte in Friedenszeiten die „Gewährleistung der nationalen Interessen der Russischen Föderation“. (3)
Nuklearwaffen können entsprechend den früheren Berichten (4) „bei der Bedrohung der Existenz des Staates selbst“ in Kombination mit konventionellen Waffen eingesetzt werden.
Ein Ersteinsatz der Nuklearwaffen ist offenbar gemäss der russischen Militärdoktrin denkbar. In der Aufrüstung der Streitkräfte seit 2011 haben die strategischen Nuklearwaffen Priorität.
Zu 82 Prozent dürften diese über moderne Waffen verfügen. Dagegen ist das Heer nur zu gut 48 Prozent mit neueren Waffen ausgerüstet worden.
Bei diesen handelt es sich um bisherige Waffentypen, die verbessert worden sind, so die Kampfpanzer T-72B3M, T-90M und T-80BVM.
Die russische Kriegsindustrie dürfte nur bedingt in der Lage sein, moderne Waffensysteme wie die Kampfpanzer T-14 in genügender Zahl produzieren zu können.
Die Einsatzdoktrin der nichtstrategischen Nuklearwaffen (nukleare Gefechtsköpfe auf den ballistischen Boden-Boden-Flugkörpern Iskander u.a.) wird nicht eindeutig definiert.
Verfügbarkeit und Einsatzkompetenz könnten, wie zur Zeit der UdSSR, den Kommandanten der Kriegstheater und der Grossen Verbände zugewiesen sein.
Eine eine Art Nutzen-Kosten-Analyse betreffend den Einsatz dieser Waffen versus konventionelle Gefechtsköpfe bei einer geplanten Zerstörung wichtiger Ziele in einem Kriegstheater könnte bestehen.
Den Krieg in Syrien hat die Führung der russischen Streitkräfte für die Erprobung der Teilstreitkräfte benutzt. Dabei wurde die konsequente Zerstörung der syrischen Städte durch Freifallbomben und Artillerie demonstriert.
Was dabei nicht sichtbar wurde, waren die inhärenten Schwächen der russischen Streitkräfte. Dazu gehören Moral und Einsatzbereitschaft der einfachen Soldaten, die Logistik, die in einem desolaten Zustand ist, und die ungenügende Wirkung veralteter Waffensysteme wie die Kampfpanzer.
(1) Sokolowski, W.D., Militär-Strategie, Markus Verlag, Köln, 1969, S. 98.
(2) Schneider, E., Die neue russische Militärdoktrin, ISPSW, Februar 2015, S. 2.
(3) Schneider, E., S. 4.
(4) Schneider, E., S. 4.
(5) Westerlund, F. and S. Oxenstierna (eds), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2019, Stockholm, 2019, S. 118.
(6) Westerlund, F. and S. Oxenstierna, S. 67.