Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03258.jsonl.gz/866

Herrschaft vom 13. Jh. bis 1475, dann gemeine Vogtei Berns und Freiburgs, seit 1798 Bez. des Kt. Waadt. 1141 wird der Name E. zum ersten Mal erwähnt. Gemäss diesem Zeugnis lag der Ort in einer waldreichen Gegend, die dem Bf. von Lausanne unterstellt war und in der versch. Herren wie z.B. die de Goumoëns begütert waren. Gegen Ende des 12. Jh. setzte sich das aus der Freigrafschaft Burgund stammende Haus Montfaucon, das seit 1170 die Stadt Orbe besass, hier fest. 1274 erscheint Amadeus III. von Montfaucon, der durch Kauf oder Huldigung viele verstreut liegende Güter und Rechte an sich gebracht hatte, als Herr von E. Seine Nachfolger erwarben 1290 Etagnières, 1291 Assens und Bioley-Orjulaz sowie 1348 die Kastlanei Bottens. 1410 fiel die Herrschaft an Ludwig von Chalon. Da das Haus Chalon burgund. Herkunft war, bemächtigten sich die Eidgenossen in den Burgunderkriegen kampflos der Herrschaft; in der Folge gaben sie diese nicht mehr heraus. Der Vertrag von Freiburg machte die Herrschaft 1476 zum gemeinsamen Besitz von Freiburg, Bern und sieben anderen Orten, bis Letztere 1484 im Vertrag von Beromünster gegen eine Entschädigung auf ihre Rechte an E. zugunsten Berns und Freiburgs verzichteten. Orbe und E. wurden daraufhin zu einer gemeinen Herrschaft; die Verwaltung leitete ein im fünfjährigen Turnus wechselnder Berner oder Freiburger Vogt, der in E. residierte. Appellationen gegen Rechtsentscheide eines Berner Landvogts wurden von Freiburg beurteilt, und umgekehrt solche eines Freiburger Landvogts von Bern. Alle zwei Jahre legte der Vogt in Murten vor den Abgesandten beider Städte Rechnung ab. 1537 beschlossen Freiburg und Bern, im Falle eines Streites einen Oberschiedsrichter zu ernennen: War Freiburg der Kläger, so sollte Uri oder Schwyz entscheiden, beschwerte sich Bern, so Zürich oder Basel. Nach dem Übertritt Berns zum neuen Glauben nahmen die konfessionell begründeten Konflikte zu. Bern, das weit mächtiger als Freiburg war, setzte durch, dass die Einwohner ihre Konfessionszugehörigkeit selbst bestimmen könnten; sie hatten nämlich das Recht, eine Abstimmung zu verlangen. Wenn die Mehrheit der Hausbesitzer einer Gemeinde gegen die Messe votierte, so wurde diese abgeschafft; entschied die Mehrheit jedoch für deren Beibehaltung, so durfte trotzdem weiterhin auch protestantisch gepredigt werden. Ausserdem konnten die Protestanten nach einiger Zeit erneut eine Abstimmung (ein "Plus") beantragen. Die Vogtei E. war die einzige bern. Vogtei, in der zwischen 1536 und 1798 Katholiken lebten. Oulens (1553), Mex und Goumoens (1575), Penthéréaz und Poliez-le-Grand (1619) gingen zum Protestantismus über. 1619 verzichtete Bern auf eine Durchführung des "Plus" in Assens, nachdem dort eine Reihe von Vorfällen zu Spannungen geführt hatten. Freiburg, das seit zwanzig Jahren die gemeinen Vogteien Grandson und Orbe-Echallens zwischen den beiden Städten aufteilen wollte, hatte sich an die verbündeten kath. Kantone gewandt. Nur das Eingreifen Frankreichs und Zürichs verhinderte damals den drohenden Krieg. Die konfessionellen Streitigkeiten dauerten an. 1726 z.B. weigerten sich die Protestanten, sich an den Kosten für die Aufstellung und den Unterhalt von Wegkreuzen zu beteiligen. Die Vogtei besass ein Vogteigericht in E., zwei Kastlaneigerichte in Orbe und E., ein Lehensgericht in E. sowie die vier alten Gerichte in Saint-Barthélemy, Mex, Goumoens-la-Ville und Goumoens-le-Jux. Erst 1715 wurde in E. der bereits 1577 von Bern veröffentlichte "Coutumier de Vaud" eingeführt, wobei jedoch einige der 1351 verliehenen Freiheiten weiterhin gültig blieben. Die kleine und arme Vogtei gehörte wie diejenige von Murten zur vierten Klasse.
Mit der Revolution 1798 wurde die Vogtei in den Bez. E. umgewandelt, dem auch der Westhang des Jorat und einige Dörfer der Vogtei Yverdon (Fey, Rueyres, Vuarrens) zugeschlagen wurden. 1803 wurde der Bezirk um Essertines-sur-Yverdon und Pailly erweitert; die Exklave Mex fiel dagegen an den Bez. Cossonay. Der Bez. E. umfasst den sog. Gros-de-Vaud, der bis heute das landwirtschaftl. Zentrum des Kt. Waadt bildet. Die Eisenbahnlinie Lausanne-E.-Bercher (1873, 1889) wurde die Verkehrsachse dieses Gebiets; sie war so wichtig, dass Bercher 1960 vom Bez. Moudon abgetrennt und dem Bez. E. zugeteilt wurde. Die Bevölkerungsbewegungen der 2. Hälfte des 20. Jh. brachten es mit sich, dass heute der Südteil des Bezirks bereits zum Einzugsbereich Lausannes gehört und der Anteil der Katholiken in diesem Bezirk kleiner ist (35,8%) als im Rest des Kantons (37,9%). Der Bezirk zählt heute 29 Gemeinden und drei Friedensgerichte (E., Bottens, Vuarrens). Die Bevölkerung (1850 10'164, 1880 9'868, 1960 8'871 Einw.) ist bis 2000 auf 19'867 angewachsen.
Literatur
– E. Dupraz, «Introduction de la Réforme par le "Plus" dans le bailliage d'Orbe-E.», in ZSK 9-10, 1915-16
– A. Jaquemard, «Le régime des deux Etats souverains à E.», in RHV 44, 1936, 276-290
– V. Nicod, Aspects de la grande dîme en graines de LL.EE. de Berne et de Fribourg dans le bailliage commun d'Orbe-E. au XVIIIe siècle, 1979
– V. Vaney et al., Le district d'E., 1985
Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / AW