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Der grosse, offenbare Tag
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Die meisten von uns hatten in der Armee genug Feldgottesdienste erlebt, um sich von dem äußeren Rahmen, in dem die göttliche Liturgie gefeiert wurde, nicht ablenken zu lassen. Die Schlafstellen in dem rechteckigen Raum zu beiden Seiten des langen Tisches in der Mitte ließen eine breite Gasse frei und an der Stirnwand des Raumes bei der Eingangstür konnte die ganze Gemeinde stehen, ohne daß unser Dazukommen sie eingeengt hatte. Die Alten und Abgängigen genossen hier zudem das Vorrecht, auf der Bank am Tisch sitzen zu dürfen - demselben Tisch, an dessen oberem Ende Vater Tichon die ganze Zeit stand. Doch indem er, wie es allabendlich geschah, nachdem alle sich versammelt hatten, in den angrenzenden Schlafsaal der Männer ging, dort aus seinem Bündel unter dem Bett das geweihte Buch der Evangelien nahm, das in eine geweihte Decke gehüllt war, und - während bei den Seinen zwei Kerzen am oberen Ende des Tisches angezündet worden waren -mit dem Buch hoch erhoben in den Händen und mit dem Epitrachelion über seiner dunkeln Joppe zurückkehrte, in eine mit der Stiftung des Neuen Bundes auch hier verwandelte Welt, darin der Tod seine Macht verloren hat und der Hölle ihr Sieg entrissen ward - da gewahrten die Augen der Andächtigen, was bislang unter dem Brokat des Messgewandes eher verborgen gewesen war und jetzt erst ganz ohne Dazutun und Gleichnis sichtbar wurde. Sie sahen es nicht mehr im Spiegel der ehrwürdigen Formen, sondern wie von Angesicht zu Angesicht und der Geist hatte kein Kleid mehr. Als ich später hörte, Vater Tichon sei, seitdem die Verfolgung des Glaubens ihm keine andere Wahl mehr gelassen, in den letzten fünfzehn Jahren Flößer gewesen und habe nur an Feiertagen sein Amt als Priester ausgeübt, wollte mich das eine Erklärung dünken für die apostolische Kraft, mit der er in jener Notherberge des Flüchtlingslagers die göttliche Liturgie vollzog. Jeder der bedeutungsvollen Riten, die er in diesem aller Pracht der Stätte entkleideten Obdach verrichtete, war wie die Regung eines entblößten Leibes: überdeutlich und wie zum ersten Male seit Anbeginn der Welt.
"Lasse scheinen, o menschenliebender Herrscher, in unsere Herzen das unvergängliche Licht deiner göttlichen Erkenntnis und öffne die Augen unsres Verstandes zur Erkenntnis deiner Bot-[77]schaft im Evangelium!", betete er mit allen, die sich noch nicht wieder aufgerichtet hatten, seitdem das Buch der Frohen Botschaft eingekehrt bei ihnen war. "Pflanze in uns ein die Frucht deiner beseligenden Verbote, auf daß wir nach deinem Wohlgefallen denken und tun.
Denn du bist die Erleuchtung unsrer Seelen und Leiber, o Christos, unser Gott, und zu dir senden wir die Lobpreisungen empor, und zu deinem anfangslosen Vater und deinem allheiligen und guten und lebendig machenden Geist, jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeiten, Amen."
Der gar nicht einmal große, knochige Mann mit dem angegrauten Haar und Barte blickte auf und schien sich in der Betrachtung der Kerzenflammen zu sammeln, deren flackernder Schein über sein Gesicht fiel, die Falten darin mit Schatten vertiefend, bevor er, Priester und Diakon in einer Person, sich gen Westen wandte, "Weisheit! Aufrecht! Friede Euch allen!" rief und von der ganzen Schar vor ihm und noch von der gebrechlichsten der Alten, die von einer Lagerstatt zur Rechten halb aufgerichtet, mit weit offenen Augen in die Kerzen starrte, die Antwort erhielt: "Und deinem Geiste!"
Vater Tichon kündigte, als sein eigener Diakon, die Schriftstelle an.
"Ehre sei dir, o Herr, Ehre!", dankte die Gemeinde, daß ihr die Frohe Botschaft geschenkt ward. Und dann las er, langsam, die Worte kamen ihm nicht geläufig. Es klang, als bedächte er jeden Satz schon, nachdem er ihn gelesen hatte.
"Friede sei mit dir, der du das Evangelium verkündigt hast!", nahm der Chor der Gemeinde ihm das Wort ab, das sonst der Priester dem Diakon spendet, und gab Gott die Ehre mit einem lauten und immer lauteren: "Ehre sei dir, Ehre!", das bis ins Dunkel der Nacht vor den Fenstern hallte und vom Winde weit mitgetragen ward. Seine Auslegung der Heiligen Schrift war sehr anschaulich und kurz, und während er sprach, konnte es geschehen, daß der Blick aus seinen Augen, die sehr hellgrau waren, von einem zum anderen wanderte, mit einem Ausdruck heimlicher Übereinkunft für jedes Wort, das er sprach. Ein Stamm allein, sagte er einmal, kann verloren gehen. Er kann von dem reißenden Wasser der Schmelze zersplittert werden, er kann das ganze Flusswasser sperren. Zu vielen vereint im Floß kommen die Stämme am sichersten ans Ziel, und der Flößer, der sie lenkt, [78] ist - wenn Menschen die Stämme sind - der Priester. Das Band aber, das sie alle vereint, die Stämme, ist der Glaube an den, der gesagt hat, sein Joch sei sanft und seine Last sei leicht.