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Der Wanderfalke ist ein Vogel der Superlative.
Viele Superlative zum Vogel des Jahres 2018! Wir wollen in diesem kurzen Portrait der Frage nachgehen, was denn diesen Vogel so speziell auszeichnet.
Der Wanderfalke ist der grösste Falke Mitteleuropas, der zudem mit seinem kräftigen Körperbau beeindruckt. Sein Rücken ist blaugrau, und die dunkel quergebänderte Unterseite hell weisslich. Die Kopfplatte und die ausgeprägten Bartstreifen erscheinen schwarz und die Füsse goldgelb. Jungvögel wirken generell dunkler. Oberseits sind sie braun und am rostgelblichen Bauch dunkel längsgestreift.
Der Wanderfalke ist der grösste Falke Mitteleuropas.
Interessant ist, dass die Weibchen grösser und schwerer sind als die Männchen, was bei Greifvögeln oft der Fall ist und mit ihrer Jagdtechnik im Zusammenhang steht.
Der grösste europäische Falke ist übrigens der Gerfalke Falco rusticolus, der im hohen Nordeuropa aber auch in den Polarregionen Amerikas und Asiens lebt. Und etwas kleiner, aber immer noch grösser als der Wanderfalke, ist der in den Steppen Osteuropas und Asiens vorkommende Würg- oder Sakerfalke Falco cherrug.
Der Wanderfalke hat mit Ausnahme der Antarktis alle anderen Kontinente erobert. Grosse Ansprüche an seinen Lebensraum stellt er keine, solange ausreichend freier Luftraum, genügend Beutevögel und geeignete Nistplätze zur Verfügung stehen. Nur wenige andere Vogelarten wie zum Beispiel der Fischadler oder der Uhu haben es zu ähnlich grosser geographischer Verbreitung gebracht. Sie alle waren in ihrer Entwicklung flexibel genug, sich unterschiedlichsten Umweltbedingungen anzupassen.
Wanderfalken ernähren sich fast ausschliesslich von kleinen bis mittelgrossen Vögeln. Welche Arten zum Beutespektrum gehören, hängt von den lokalen Bedingungen ab. Im Landesinnern sind es hauptsächlich Drosseln und Stare, in Küstengebieten Möwen, Rallen und Watvögel. Und in Siedlungsgebieten, Grossstädte eingeschlossen, sind Strassentauben die bevorzugten Opfer. Allein in Europa wurden über 210 Vogelarten gezählt, die zum Beutespektrum der Wanderfalken gehören.
Wanderfalken sind auf ihrer Jagd nach fliegenden Vögeln nur dann erfolgreich, wenn sie ihre Beute mit grösstmöglicher Geschwindigkeit überrumpeln können. Dabei wenden sie zwei Jagdtechniken an: den Steilstoss aus grosser Höhe und den Flachstoss ab einer Warte.
Beim Steilstoss wählt der hoch oben kreisende Falke ein unter ihm fliegendes Opfer aus. Er schiesst dann mit mindestens 180 km/h mit eng angelegten Flügeln senkrecht auf seine Beute hinunter, erschlägt sie durch den Aufprall und fängt sie weiter unten im Flug auf. "Der Falke fiel wie einem Bombe vom Himmel" hat ein erfahrener Beobachter diesen Vorgang beschrieben. Meldungen von Spitzengeschwindigkeiten von über 300 km/h und sogar bis zu 400 km/h konnten aber nie belegt werden.
Er schiesst mit mindestens 180 km/h auf seine Beute hinunter.
Beim Flachstoss ab einer Warte jagt der Wanderfalke seiner fliegenden Beute von hinten und etwas unterhalb mit einer Geschwindigkeit bis zu 100 km/h nach. Da er so jeden anderen Vogel im Geradeausflug schnell ei-holen kann, bleibt dem Opfer meist kaum Zeit, dem Angriff auszuweichen. Entdecken die Beutevögel den Falken trotzdem einmal rechtzeitig, stehen die Chancen ihm zu entkommen relativ gut. Kleinere Vögel wie Stare lassen sich dann sofort fallen, grössere wie Tauben versuchen durch Steilstösse oder Fliegen enger Kurven dem Jäger zu entkommen.
Beide Jagdtechniken werden in unterschiedlichster Weise variiert und kombiniert, indem vor allem ausserhalb der Brutzeit Paare oft gemeinsam ein Beutetier auswählen, es einkreisen und dann überwältigen.
Im Gegensatz zu den rasanten Jagdflügen erreicht der Wanderfalke im normalen Flug nur Geschwindigkeiten zwischen 40-60 km/h.
Wanderfalken brüten im Mittelland und im Jura hauptsächlich im oberen Teil von Felswänden. In grösseren Städten nehmen Paare auch künstliche Nisthilfen an hohen Gebäuden und Hochkaminen an und ziehen dort erfolgreich ihre Jungen auf.
Das Brutgeschäft beginnt relativ früh im Jahr ab Ende Februar/Anfang März. Dann legt das Weibchen jeweils im Abstand von 2 Tagen meist 3-4 gelblichweisse und dicht rot gefleckte Eier in eine einfache Mulde ohne weiteres Nistmaterial. An der Bebrütung beteiligen sich beide Partner. Das Weibchen sitzt aber deutlich länger auf dem Gelege und wird dann vom Männchen mit erlegter Beute versorgt. Die Brutzeit beträgt in der Regel 29-32 Tage.
Beide Partner beiteiligen sich an der Bebrütung.
Die Küken sind nach dem Ausschlüpfen leicht bedunt, aber noch blind und werden die ersten zwei Wochen intensiv vom Weibchen gehudert. Nach 35-42 Tagen sind sie flügge und müssen von ihren Eltern in vielen praktischen Lektionen das Beuteschlagen durch Nachahmung erlernen. Im Lauf des Sommers löst sich dann die Familie auf.
Ab den 1950er-Jahren kamen die Bestände des Wanderfalken durch das Pestizid DDT europaweit unter starken Druck. Wegen DDT, einem wirksamen Kontakt- und Frassgift gegen Insekten, legten Greifvögel Eier mit viel zu dünnen Schalen, die während der Brut schnell zerbrachen. Weil damals die Bejagung von Greifvögeln noch erlaubt war, sanken die Bestände des Wanderfalken und anderer Greifvögel schnell gegen Null.
Das Pestizid DDT machte ihm fast den Garaus.
In vielen europäischen Ländern verschwand in der Folge der Wanderfalke als lokaler Brutvogel; in der Schweiz konnten sich aber wenige Paare halten. Nach dem Verbot von DDT erholten sich die Bestände in vielen Regionen Europas in den 1970er-Jahren wieder langsam; heute geht man in unserem Land von 300 Brutpaaren aus.
Leider machen nun neue Bedrohungen dem Wanderfalken arg zu schaffen: gewisse Taubenzüchter versuchen mit Giftpräparaten seine Bestände zu dezimieren, Windenergieanlagen in der Nähe von Horsten sind eine permanente Gefahr für schlimme Schlagunfälle, und die vielen grossflächigen Glasfassaden in den Städten führen leider zu tödlichen Kollisionen. Zudem hat sich der Uhu inzwischen so gut entwickelt, dass der Wanderfalke Felswände meidet, in denen unsere grösste Eule, sein natürlicher Feind, brütet.
Seine Feinde: Uhus und Kletterer!
Andererseits jedoch ungestörte Felswände zu finden, die nicht unter dem zunehmenden Druck von Sportkletterern und Erholungsuchenden stehen, wird immer schwieriger. Somit kann dem Vogel des Jahres 2018 durchaus drohen schon nach einem Jahrzehnt wieder auf die Rote Liste der Brutvögel zu geraten.
Ein ganz schlimmes Kapitel sind die über ein Dutzend registrierten Vergiftungsfälle von Wanderfalken in den letzten Jahren. Rücksichtslose Taubenzüchter brachten Falken und andere Greifvögel mit Tauben um, die mit hochpotentem Gift präpariert wurden. Berühmtestes Beispiel ist das Zürcher Wanderfalken-Weibchen, das im Jahr 2011 in seinem Nest mit zwei Küken vor laufender Webcam in kürzester Zeit qualvoll starb, nachdem es eine präparierte Gifttaube gefangen und gerupft hatte. Mehrere ähnliche Fälle sind inzwischen von Basel bis Bregenz dokumentiert.
Nachdem bereits Greifvogelhasser identifiziert wurden, ist nun kürzlich ein verantwor-tungsloser Taubenzüchter wegen Tierquälerei verurteilt und mit einer empfindlichen Gefängnisstrafe und ei-nem hohen Geldbetrag gebüsst worden. Leider ist von einer nicht unbedeutenden Dunkelziffer weiterer Vergiftungsfälle auszugehen, weil viele städtische Brutplätze von Wanderfalken inzwischen verwaist sind und der Schweizer Bestand in den letzten Jahren um rund 15 Prozent gesunken ist. Es ist deshalb von uns allen erhöhte Aufmerksamkeit gefordert, dem perfiden Treiben gewissenloser Greifvogelfeinde das Handwerk zu legen.
Habe ich Ihr Interesse auch am diesjährigen "Vogel des Jahres" geweckt, und Sie wollen noch viel mehr über diese interessante Vogelart erfahren? Dann empfehle ich Ihnen das ausgezeichnete, fünfminütige Video von BirdLife Schweiz.
Lehrpersonen möchte ich ganz besonders auf das "Arbeitsdossier Wanderfalke" für das 7.-8. Schuljahr auf-merksam machen, das im Shop von BirdLife Schweiz als Broschüre bestellt oder gleich gratis heruntergeladen werden kann.
Text: Peter Jascur*
Fotos: www.123.rf.com
*Peter Jascur ist der Kopf hinter den "Ornithologischen Steckbriefen".
Dieses ausführliche und doch handliche Taschenlexikon stellt die 234 häufigsten in der Schweiz be-obachtbaren Vogelarten vor. In 2-seitigen Portraits vermittelt es eine Fülle von Informationen zu Bestim-mungsmerkmalen, Verbreitung, Bestand, Zugstrategie, Gefährdung, Nahrung, Stimme, Verhalten und Fort-pflanzung jeder beschriebenen Art.
Das doppelbändige Werk ist beim BNV Basellandschaftlicher Natur- und Vogelschutzverband, Liestal, erhältlich. Preis Fr. 42.- plus Porto und Verpackung.