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‚Es gibt einen wahnwitzigen Willen, die Sprache noch im geringsten Satz zu erschöpfen. Wahrscheinlich hängt das mit dem Ungleichgewicht zusammen, das zwischen Sprache und Diskurs besteht. Die Sprache ist das, womit man eine absolut unendliche Anzahl an Sätzen und Aussagen bilden kann. Der Diskurs, so lang, diffus, nachgiebig, atmosphärisch, protoplasmatisch er auch sein mag, so denkbar stark er auch auf die Zukunft gerichtet sein mag, ist ganz im Gegenteil, immer endlich, immer begrenzt. Mit einem Diskurs wird man nie ans Ende der Sprache gelangen, so lang man ihn sich auch träumen mag. Diese Unerschöpflichkeit der Sprache, die den Diskurs immer über einer Zukunft, die niemals enden wird, in der Schwebe hält, lässt die Verpflichtung zum Schreiben auf eine ganz andere Weise spürbar werden. Man schreibt, um ans Ende der Sprache zu gelangen, um folglich ans Ende jeder möglichen Sprache zu gelangen, um schliesslich durch die Fülle des Diskurses die leere Unendlichkeit der Sprache abzuschliessen. —
Man schreibt auch, um kein Gesicht mehr zu haben, um sich selbst unter seinem Schreiben zu vergraben. Man schreibt, damit das Leben, das man rund um das Blatt Papier hat, neben, ausserhalb, fern von ihm, das überhaupt nicht lustig ist, sondern voller Sorgen und eher langweilig, das den anderen ausgesetzt ist, von diesem kleinen papiernen Rechteck aufgesogen wird, das man vor Augen hat und dessen Herr man ist. Schreiben ist im Grunde der Versuch, jede Substanz nicht nur der Existenz, sondern des Körpers dazuzubringen, sich über die mysteriösen Kanäle des Federhalters und der Schrift in diese winzigen Spuren zu ergiessen, die man auf das Papier setzt.—–
Und doch immer wieder beginnt das Leben ausserhalb des Papiers, immer geht es weiter. Niemals kann es sich auf dieses kleine Rechteck festlegen, niemals kann sich das schwere Volumen des Körpers auf der Oberfläche des Papiers entfalten, niemals geht man zu diesem zweidimensionalen Universum über, zu dieser reinen Diskurslinie, niemals gelingt es einem, sich klein und zart genug zu machen, um nichts anderes zu sein als die Linearität eines Textes. Und doch ist das genau das, was man erreichen will. So lässt man nicht ab, es immer wieder aufs Neue zu versuchen, sich zusammenzunehmen, sich zu konfiszieren, in den Trichter der Feder und der Schrift zu gleiten. Man würde sich gerechtfertigt fühlen, wenn man nur noch in diesem winzigen Beben existieren würde, diesem winzigen Kratzen, das erstarrt, und zwischen der Spitze des Federhalters und der weissen Oberfläche des Papiers der Punkt ist, der fragile Ort, der sofort wieder vergangene Moment, in dem sich eine endlich fixierte, endgültig etablierte, nur noch für die Andern lesbare Spur einschreibt, die jede Möglichkeit verloren hat, von sich selbst Bewusstsein zu erlangen. Auch diese Art der Tilgung, der Abtötung seiner selbst im Übergang zu den Zeichen verleiht dem Schreiben seinen verpflichtenden Charakter.‘
Dies ist erstaunlich: Michel Foucault nennt sich nicht Ecrivain (Schriftsteller), sondern einen Schreibenden. Dieses seltene persönliche Gespräch, das Bonnefoy mit ihm führt, und in dem es um ihn selbst und sein Verhältnis zum Schreiben geht, war ihm nicht ganz geheuer, weil er, wie er immer antönt, seine Biografie für seine Arbeit für unwichtig hält. Was also ist er? Philosoph? Soziologe? ….er nennt sich „Diagnostiker“, ähnlich, wie der Arzt und Chirurg (sein Vater). Aber in den Gesprächen, die man hier lesen kann, erkennt man, dass der „Diagnostiker“ und „Strukturalist“, der „Systemtheroretiker“ und Vermesser voll und ganz als Sprachkünstler (und auch bis zu einem Grad als Narzisst) in seiner Arbeit drin steckt. Er sagt, er sei kein Dichter, weil er es nicht geschafft hat, Novellen zu schreiben, weil er keine Phantasie hat. Aber davon hängt es doch nicht ab, oder?!
Ich habe selten so etwas sprachlich Grossartiges gelesen, wie diese Gespräche von Bonnefoy mit Foucault. Es ist ja nicht die Phantasie oder eine Story, die den Dichter ausmacht, meiner Meinung nach, dies muss nicht sein! Es kann die Art sein, wie er denkt, das Denken einsetzt und wie er davon seine Sprache ableitet …. es ist die Leidenschaft, die Radikalität, das Zeichen der Unverkennbarkeit, der Ton …!!!!
diese foucautsche Sprache wird in den Werken u.a. „Ordnung der Dinge“ und „Analytik der Macht“ allerdings sehr sehr abstrakt und schwierig (für mich und wohl jeden andern, der nicht Philosophie, Geschichte und andere wissenschaftliche Fächer studierte), er bindet so viele wissenschaftliche Begriffe wie Rattenschwänze aneinander, und jeder Begriff enthält ein verborgenes Wissen, so dass man die einzelnen Begriffe zuerst öffnen muss und verstehen, was sie für sich allein bedeuten, zb., der Begriff: Episteme ….
Ich lese Foucault, obschon ich dies von meinen intellektuellen Fähigkeiten her nicht kann. Ich lese ihn, weil es mich fasziniert, wie er denken kann, reden kann, schreiben kann. Weil er, weder links noch rechts, mit seiner Analyse der Psychiatrie und des Wahnsinns die sogenannt Verrückten rehabilitiert und den Einzug der Medizin als Machtinstrument in Frage stellt. Allerdings ist er kein Kritiker, er vermisst nur, zeigt auf. Und immer ist eine Antwort auf eine elementare Frage komplexer und schwieriger bei ihm, zb., die Frage wie macht funktioniert; nicht von Oben nach unten. Eher quer. Aber sie sickert durch den ganzen Gesellschaftskörper. (wieder so ein Wort!)
Was er hingegen hier über sein Verhältnis zum Schreiben selbst sagt, ist mir teilweise sehr nahe. Viel näher, als das, was ein zeitgenössischer Romanschreiber über sein Schreiben sagen würde …..
Seine Arbeit scheint sein Leben gewesen zu sein (da hätte er wohl wieder widersprochen wegen dem Bezug zu ihm) …. dies ist in jedem seiner Sätze, hier, unverkennbar.