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Fritz Sauter, Unternehmer
Fritz Sauter (* 17.7.1877 in Grindelwald (Kanton Bern) / † 26.1.1949 in Basel) war ein schweizerischer Unternehmer.
Inhalt
Leben
Fritz Sauter war Sohn des Ledergerbers Jakob Sauter (1844-1916) und dessen Ehefrau Susanna geb. Bohren (1843-1910). Sauters Eltern betrieben in Grindelwald die Dorf-Gerberei und eine kleine Berglandwirtschaft. Von Sauters drei Geschwistern erreichte nur die um zwei Jahre ältere Schwester Ida das Erwachsenenalter. Sauter heiratete 1914 in Grindelwald die aus dem gleichen Dorf stammende Rosalie geb. Bernet (1884-1965). Aus der Ehe gingen die Töchter Margaretha (1915-2003) und Susanna (1916-2015) hervor. Die Erstgenannte verheiratete sich später mit Roland Brückner, Augenarzt in Basel, die Zweitgenannte mit Walter Merker, Fabrikant in Baden (Kanton Aargau).
Nach dem Besuch von 7 Jahren Primar- und 2 Jahren Sekundarschule in Grindelwald bildete sich Sauter am Technikum Burgdorf zum Elektro- und zum Maschinenbauingenieur aus. Von 1898 bis 1910 arbeitete er bei der Firma Brown Boveri & Cie. AG (BBC) in Baden, zunächst in der Wicklerei, dann in der Versuchsabteilung und ab 1899 als Inbetriebsetzungs-Ingenieur.
Diese Funktion war verbunden mit einer fast pausenlosen Reisetätigkeit an Orte im nahen und fernen Ausland, an denen die von BBC hergestellten Dampfturbinen-Elektrogeneratoren zu installieren waren. Der längste Auslandaufenthalt von Mitte 1906 bis Februar 1907 führte Sauter nach Chile zwecks Installation eines 800-kW-Generators für die städtische Strassenbahn in Santiago. Sauter sah in dieser Tätigkeit nicht seine Lebensaufgabe. Wiederholt bewarb er sich bei anderen Firmen um Stellen als Betriebsleiter oder als Betriebsingenieur.
In Baden befreundete er sich mit dem um vier Jahre älteren Ingenieur Gottfried Grossen. Nachdem dieser Direktor des Elektrizitätswerks Aarau geworden war, weckte er - offenbar beeindruckt von Sauters technischem Talent - dessen Interesse für elektrische Zeitschalter. Deren damals marktgängige Ausführungen waren nach Grossens Erfahrungen mangelhaft. Grossen stellte Sauter die verschiedenen Produkte zur Verfügung, damit Sauter deren Technologien und Mängel studieren konnte. Ab 1908 beschäftigte sich Sauter intensiv mit der Idee eines perfekten Zeitschalters.
Mitte 1910 kündigte er seine Anstellung bei BBC und zog sich zurück ins Elternhaus in Grindelwald, um sich als Erfinder und Hersteller eines solchen Zeitschalters selbständig zu machen. Als er 1912 mit der Produktion begann, berief er seinen späteren Schwager Christian Bernet (1890-1979) als Mitarbeiter an seine Seite. Im September 1912 konnte er die ersten Pilot-Exemplare verkaufen. Es handelte sich um ein Gerät, das elektrische Systeme, insbesondere Strassen- und andere Beleuchtungen, zu den jahreszeitlich wechselnden Abend- und Morgenstunden automatisch an- und abschaltete. Das Gerät war mechanisch programmierbar.
Sauter bezog die Uhrwerke, die er in seine Geräte einbaute, von verschiedenen Uhrenfabriken. Nach den ersten Verkaufserfolgen mit seinem qualitativ überlegenen Produkt setzte die Konkurrenz Sauters Uhrenlieferantinnen unter Druck, sodass diese Sauter mit einem Boykott belegten und ihm keine Uhrwerke mehr verkauften. Einzige Ausnahme bildete die Wanduhrenfabrik Angenstein bei Basel. Von ihr war Sauter nun auf Gedeih und Verderb abhängig. Er sah sich gezwungen, ab Januar 1914 als Werkmeister in deren Dienste einzutreten zu Konditionen, die einer Knebelung gleichkamen: Er musste seine Erfindung als ein Produkt der Wanduhrenfabrik vermarkten, seine künftigen Erfindungen der Arbeitgeberin überlassen und ein Konkurrenzverbot akzeptieren, das seine Anstellung um zwei Jahre überdauert und bedeutet hätte, dass Sauter während dieser Zeit die von ihm selber entwickelten Produkte nicht auf eigene Rechnung hätte vertreiben dürfen. Als Gegenleistung stellte ihm die Wanduhrenfabrik die benötigten Uhrwerke und eine Betriebsabteilung zur Verfügung, die ab Januar 1914 unter Sauters Leitung Zeitschalter herstellte. - Damit verlor er seine Selbständigkeit auf unabsehbare Zeit.
Die für Sauter bittere Situation dauerte jedoch nicht lange. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Ende Juli 1914 stellte die Wanduhrenfabrik vorübergehend ihren Betrieb ein und entliess alle Mitarbeiter. Durch die arbeitgeberseitige Kündigung wurde Sauter von allen Verpflichtungen befreit. Nach der Rückkehr der meisten Wehrmänner ins Zivilleben konnte er Anfang 1915 die Herstellung seines Produkts in den Räumen und mit Leuten der Wanduhrenfabrik fortsetzen unter neuen Konditionen, die seine Selbständigkeit nicht mehr beschränkten. Die kriegsbedingte Schliessung der Grenze für deutsche Produkte bewirkte eine hohe inländische Nachfrage nach Sauters Zeitschaltern. Im Januar 1916 verlegte er den Betrieb nach Basel in gemietete Räume im St. Albanquartier. Das Elektrizitätswerk Basel war damals Sauters wichtigste Kundin. Rudolf Gengenbacher, ein leitender Mitarbeiter des Elektrizitätswerks, war von Sauters Fähigkeiten derart beeindruckt, dass er und seine Familie sich auch finanziell an Sauters Unternehmen beteiligten, zunächst mit einer Kommandite, später mit einer Aktienbeteiligung.
Aufbau des Unternehmens
Im gleichen Jahr 1916 erhielt Sauter vom Elektrizitätswerk Basel den Auftrag, einen Boiler zu konstruieren. Angesichts der akuten Energieknappheit während des Ersten Weltkriegs sollte der überschüssige Nachtstrom für die Warmwasser-Bereitung in den Haushalten genutzt werden. Sauters Konstruktion eroberte ab 1917 unter der Marke "Cumulus" zunächst den schweizerischen Markt, nach dem Krieg auch ausländische Märkte. Der Erfolg war so durchschlagend, dass die Marke in Frankreich zur Sachbezeichnung, das Wort "Cumulus" gleichbedeutend mit Boiler wurde. Zu diesen Produkten kamen bis zu Sauters Tod viele weitere hinzu, so Thermostaten, Wärmeschränke, Wasserdestillierapparate, kleine Dampfkessel, Relais, Fernschalter, Magnet- und Motorventile. Während des Zweiten Weltkriegs wurden auch Haushaltgeräte, Armeescheinwerfer für die Luftabwehr und andere Produkte hergestellt.
Im Frühjahr 1917 kaufte Sauter ein Baulandgrundstück nördlich des Basler Badischen Bahnhofs, und zwar - im Vertrauen auf seinen künftigen Geschäftserfolg - in der Grösse von fast 9000 m2. Für sein erstes, zweigeschossiges Fabrikgebäude brauchte er nur einen kleinen Teil desselben. Hierhin verlegte er 1919 seinen Betrieb. Das restliche Gelände behielt er in Reserve. Es wurde in den Jahren 1925, 1935, 1942 und 1947 schrittweise überbaut und war ab 1965 vollständig betrieblich genutzt.
Die rasche Ausweitung des Geschäfts erforderte frisches Eigenkapital. Zu dessen Beschaffung wandelte Sauter die Rechtsform des Unternehmens Ende 1920 um, indem er die Aktiengesellschaft Fr. Sauter AG Fabrik elektrischer Apparate gründete und an ihr seine wichtigsten Geldgeber als Aktionäre beteiligte. Als Verwaltungsratspräsidenten gewann er den Industriellen Alexander Clavel (1881-1973), der das Amt während 36 Jahren (bis 1956) ausübte.
1922 stellte Sauter den begabten jungen Kaufmann Paul Riesen (1894-1957) als kaufmännischen Leiter an. Nach Sauters Tod übernahm Riesen bis 1954 die Gesamtleitung des Unternehmens. Sauters Schwager Christian Bernet (1890-1979), der Sauter schon in Grindelwald unterstützt hatte, übernahm in der Firma in Basel ebenfalls Leitungsfunktionen.
In den 1920er-Jahren breitete die Firma ihren Vertrieb über ganz Europa aus, vorwiegend mit vertraglichen Vertretern. Tochtergesellschaften wurden zunächst nur in Frankreich und Deutschland gegründet, nämlich im Jahr 1923 die Boilerfabrik Société pour l'exploitation des Procédés Sauter Sàrl, als deren Präsidenten Sauter den elsässischen Industriellen Godefroy Schlumberger gewinnen konnte, und 1925 die Cumulus-Werke GmbH in Freiburg im Breisgau. Deren erster Geschäftsführer war Willi Becker. Becker stand mit Sauter bis zu dessen Tod in einer freundschaftlichen Beziehung. Die Gesellschaft wurde später in "Sauter-Cumulus GmbH" umbenannt.
1927 schuf Sauter für die Mitarbeiter in der Schweiz eine berufliche Vorsorge, die der Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus war, indem sie die Anforderungen des Pensionskassen-Obligatoriums von 1982 (BVG) in einzelnen Belangen übertraf (Altersrenten in Höhe von 60% des letzten Lohnes, zwei Drittel der Finanzierung zu Lasten der Arbeitgeberin, ein Drittel zu Lasten des Arbeitnehmers).
Sauters väterliche Fürsorglichkeit für die Mitarbeiter aller Stufen bescherte ihm im Betrieb den Spitznamen "Papa Sauter". Er betrachtete sein Unternehmen als eine grosse Familie, in die er Verwandte und Freunde einbezog, so den bereits erwähnten Schwager Christian Bernet, ferner die Enkel seiner älteren Schwester, Oswald und Jakob Zumwald. Der Zweitgenannte sowie Walter Grossen und Erwin Gengenbacher, die Söhne von Sauters frühen Förderern, übernahmen leitende Funktionen. Dem familiären Arbeitsklima war wohl auch die stattliche Anzahl 50-jähriger Dienstjubiläen zu verdanken, die voraussetzten, dass jemand 15jährig als Lehrling eingetreten und bis zur Pensionierung bei Sauter geblieben war. Prominentester Jubilar war Willy Langbein, der 1932 seine Lehre bei Sauter begonnen und von 1945 bis 1982 als Chef der Lehrwerkstätte mehr als 700 junge Menschen zu Berufsleuten ausgebildet hatte.
In den Jahren 1931/32 ersetzte Sauter das baufällige Elternhaus in Grindelwald, in dessen Räumen er von 1910 bis 1913 seinen ersten Zeitschalter entwickelt und hergestellt hatte, durch ein modernes Chalet mit dem Namen "Auf der Gerbi". Er empfing und beherbergte dort Geschäftsfreunde im Rahmen familiärer Behaglichkeit. Während des Zweiten Weltkriegs diente ihm die "Gerbi" zur Aufbewahrung wichtiger Geschäftsakten und als "Home office", von wo aus er zeitweilig die Firma führte.
Vom Gründungsjahr der Aktiengesellschaft bis zu Sauters Tod erfolgte teuerungsbereinigt eine Verzehnfachung des Umsatzes.
In seinen späteren Jahren wurde Sauter in die Leitungsorgane der Basler Handelskammer, der Schweizer Mustermesse, des Arbeitgeberverbands Basel und des Arbeitgeberverbands der Schweizerischen Metall- und Uhrenindustrie berufen.
Die Bewunderung Aussenstehender für Sauters grosse unternehmerische Leistung wird illustriert durch einen Brief vom 16.2.1943 des baselstädtischen Finanzdirektors, Regierungsrat Prof. Carl Ludwig, worin sich dieser für eine Firmenpräsentation Sauters vom gleichen Tag bedankte und schrieb: "So klar wie heute ist mir noch ganz selten vor Auge getreten, was die private Initiative in der Wirtschaft bedeutet. [..] Wenn man eine solche Schilderung mitanhört, wird einem fast katzenjämmerlich zu Mute - katzenjämmerlich deshalb, weil man dann inne wird, wie wenig im Grunde die leisten, die sich irgendwo in die Verwaltung haben einpassen lassen, sei es auch an sog. leitender Stelle."
Aus Anlass seines 70. Geburtstags erhielt Sauter von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel Anfang 1947 die Würde eines Ehrendoktors verliehen. Die Laudatio ehrte ihn als einen Mann, "... der mit seltenem Geschick den Bau elektrischer Apparate entwickelt“ und der „mit der Begründung seiner erfolgreichen Apparate-Fabrik auch der Allgemeinheit einen bedeutenden Dienst erwiesen hat ...".
Aus dem gleichen Anlass machte Sauter mit allen Betriebsangehörigen im Juli 1947 einen Firmenausflug auf die Rütliwiese, den legendären Gründungsort der Schweizerischen Eidgenossenschaft am Vierwaldstättersee.
Fritz Sauter verstarb am 26.1.1949 in Basel an einem Herzinfarkt. Nachdem er zeitlebens geistig in Grindelwald verwurzelt und auch der Grindelwaldner Mundart treu geblieben war, wurden er und später seine Gattin in Grindelwald bestattet.
Entwicklung der Firma nach Sauters Tod
Ab 1970 verlagerte die Firma den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die Gebäudeautomation, d.h. auf die Herstellung von Anlagen zur klimaeffizienten Steuerung grosser Gebäude, wozu insbesondere Fritz Sauters Enkel Andreas Brückner beitrug, der in dieser Zeit die Entwicklungsabteilung leitete. 1990 entfernte die Firma demgemäss die Worte "Fabrik elektrischer Apparate" aus dem Firmennamen und nannte sich fortab kurz "Fr. Sauter AG". Ab 2000 kam aufgrund der Initiative des Sauter-Mitarbeiters Werner Ottilinger in Augsburg als weiterer Geschäftsbereich das Technische Facility Management dazu. Die Fabrikation von Hardware verlor an Bedeutung, wogegen die Entwicklung von Software und das Dienstleistungsgeschäft im Service-Bereich wichtiger wurden. Nachdem etwa vier Fünftel des Umsatzes im Euro-Raum erzielt wurden und der hohe Schweizerfrankenkurs ab 2015 den Export hemmte, verlegte die Firma ihre Fabrikation 2016 nach Deutschland. Die Rechnungslegung des Konzerns wurde 2017 auf den Euro umgestellt. Der Hauptsitz, Entwicklungsstandort, Logistik, Marketing und der Verkauf Schweiz blieben in Basel.
Die weitere Entwicklung der Firma ist dargestellt
im Buch "Aus eigener Kraft" sowie im
Basel, im Februar 2024