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Die Architekturbüros von Simon Schudel und Julietta di Filippo Roy haben 2020 in Biel ein Wohnhochhaus von Max Schlup renoviert. Seither präsentiert sich das Haus von 1957 wieder mit der bauzeitlichen Sichtbetonfassade und bisher nicht vorhandenen Loggien.
Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?
Wohne besser! Dies war der Initialgedanke der 1955 gegründeten Genossenschaft Wobe, welche für neuartige Wohnformen stand. Mangelnder Unterhalt und Eingriffe ohne langfristiges Konzept, wie die Wohnungszusammenlegungen, der Rückbau der prägenden Sonnenblenden über den Fenstern und die Eternitverkleidung mit lückenhafter Dämmung der Fassade (beides 2005 ausgeführt), führten zu einem Verlust der Identität und der sozialen Durchmischung.
Der schlechte Gebäudezustand sollte behoben, der Energieverbrauch gesenkt, ein zeitgemässer Wohnungsmix geschaffen und die Erscheinung des Hochhauses wieder näher an seinen Ursprung herangeführt werden.
War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?
Im Rahmen einer strategischen Planung untersuchten wir für das gesamte Portfolio der Wohnbaugenossenschaft verschiedene Szenarien, von der Erneuerung bis zu Ersatzneubauten für die einzelnen Gebäude. Diese Studie bildete die Grundlage für die Erarbeitung einer Entwicklungsstrategie der Genossenschaft.
Da ein Ersatzneubau des Hochhauses zu einer Reduktion der Ausnützung geführt hätte und sich der Zustand der Tragkonstruktion als gut erwiesen hat, war ein Abbruch des Hochhauses kein Thema. Die Parzelle der angrenzenden Reihenhäuser der Genossenschaft verfügt über ein grosses Verdichtungspotential und eignet sich besser für Ersatzneubauten. Das Hochhaus sollte als Wahrzeichen für das Quartier erhalten bleiben und zusammen mit den geplanten Ersatzneubauten mit Familienwohnungen ein belebtes Ensemble bilden.
Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?
Für die Projektentwicklung prägend war der ursprünglich monolithische Baukörper, die Sichtbetonfassade mit den Fensterbändern und die für die damalige Bauzeit zukunftsweisenden Grundrisse. Der Wohnungszugang erfolgte nämlich direkt in das Wohnzimmer mit offener Küche. Die Anordnung der Erschliessungsschicht der Zimmer entlang der Fassade ermöglichte eine Durchsicht über bis zu drei Raumfolgen und verleiht der Raumstruktur eine Grosszügigkeit. Ebenso erhalten wollten wir die reiche Materialität. Sichtbeton, Glas, Klinker, Linoleum und Holzausbauten sind exemplarisch für den Geist der Zeit und die architektonische Vision des Architekten Max Schlup.
Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?
Die tragenden Innenwände ermöglichten nur minimalste Eingriffe in die Tragkonstruktion und bedingten den Erhalt der kleinteiligen Raumstruktur. Durch die Wiederherstellung der ursprünglichen Wohnungszugänge der zusammengelegten Wohnungen kann die mittige Raumschicht flexibel als Zusatzzimmer oder Gemeinschaftsraum genutzt werden und bietet Platz für bisher fehlenden Aussenraum in Form von vorgelagerten Loggien und für Stauraum im rückwärtigen Bereich.
In den kleineren Wohnungen wurde das Zimmer vor dem Lift in eine Loggia umgewandelt und dazwischen mittels Réduitschränken minimaler Stauraum für die Wohnungen erstellt. Durch den Rückbau der Steigzonen in den Badzimmern konnten diese vergrössert werden. Nebst dem Ersatz der Küchen und Badezimmer umfassten die Eingriffe Massnahmen zur Komfortsteigerung und zur energetischen Optimierung. Der Energieverbrauch konnte so halbiert werden. Es wurde ein neuer Bodenaufbau mit Wärme- und Trittschalldämmung erstellt. An der Decke wurden die von den Mietern hinzugefügten Schichten (zum Teil bis zu sieben Farbschichten, Deckenkassetten aus Styropor, etc.) entfernt und der Beton sandgestrahlt. Die Sichtbetonfassade wurde hervorgeholt und die schadhaften Stellen instandgesetzt; die Bauherrschaft entschied sich bereits in der Machbarkeitsstudie für dieses Vorgehen. Der fehlende Teilbereich des Attikageschosses wurde wieder ergänzt und als zusätzlicher Wohnraum ausgebaut.
Die kleinen Eingriffe ermöglichten einen breit gefächerten Wohnungsmix zu gestalten – von der Atelierwohnung bis zu Clustergeschossen – und eine Anpassung der Grundrissse an die heutigen Bedürfnissen bei einer Wohnfläche unter 30m² pro Person bei voller Belegung.
Worin bestand die grösste Herausforderung?
Die Gestaltung der Fassade, welche durch den Rückbau der feinen horizontalen Betonsonnenblenden das prägende und strukturierende Gestaltungsmerkmal verloren hatte. Wir haben versucht mit einer Hierarchisierung der einzelnen Schichten – Sichtbeton / Storenblende und Pfosten / Fensterrahmen / Loggien – und einer abgestuften Materialisierung der ursprünglichen Sichtbetonfassade wieder mehr Tiefe zu gegeben und den Sichtbeton als prioritäre Schicht zu stärken.
Eine weitere Herausforderung waren die brandschutztechnischen Vorgaben, welche eigentlich eine Aufdoppelung der Stützen, eine Verkleidung der Sichtbetondecke und einen Feuerwehrlift verlangten. Dank rechnerischem Nachweis konnte aufgezeigt werden, dass die bestehende Tragkonstruktion trotz ungenügender Bewehrungsüberdeckung die Tragfähigkeit im Brandfall gewährleistet. Und mit einem Brandmelder in jeder Wohnung wurde eine für alle involvierten Amts- und Fachstellen vertretbare Lösung gefunden, um auf den platzintensiven Feuerwehrlift verzichten zu können.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?
Die heutigen Normen und Vorschriften orientieren sich insbesondere an Neubauten und bedingen für die rationellen und schlanken Konstruktionen der 50/60er und insbesondere für Hochhäuser eine vertiefte Auseinandersetzung. Es braucht individuelle Lösungen unter Einbezug aller Involvierten. Einfach gesagt: kleine Eingriffe müssen grossen Nutzen erzeugen. Ein Beispiel sind da sicher die Küchen, wo man nach intensiven Disskusionen zum Schluss gelangte, dass eine Küchenzeile ausreicht, ohne Eingriff in die Struktur.
Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?
Nebst der erwähnten strategischen Planung umfassten die Vorarbeiten eine Machbarkeitsstudie mit Prüfung von verschiedenen Szenarien und vertieften Vorabklärungen, Nachweisen und Sondagen zum Zustand der Sichtbetonfassade, als einem der Schlüsselkriterien zur Festlegung des Sanierungsstrategie.
Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?
Wir hatten nicht ein grosses Vorbild oder ein Referenzobjekt. Wir haben uns intensiv mit den späteren Bauten vom Architekten Max Schlup auseinandergesetzt, um seine architektonischen Visionen und seinen stimmigen Einsatz der Materialien besser zu verstehen. Daneben haben wir themenspezifisch Referenzobjekte angeschaut, wie zum Beispiel verschiedene Betonsanierungen und Siedlungen mit neuen Wohnformen.
Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?
Die Instandstellung der Sichtbetonfassade und das Schliessen der rund 8’000 Ankerstellen der vorgehängten Fassade würden wir rückblickend pragmatischer angehen. Wir führten anfangs etliche Bemusterungen durch mit verschiedenen Flickspachteln, Arten der Auftragung und Farbtönen für die Lasur. Nach dem vollständigen Rückbau der Verkleidung zeigte sich, dass die Betonqualität sehr unterschiedlich war (teilweise schon ursprüngliche Flickstellen, Unterschiede der Betonieretappen und der verschiedenen Fassaden, Verwitterung oben/unten und Ausrichtung der Fassaden etc.). Wir gingen auf diese Unterschiede mit unterschiedlichen Flickmörteln ein (Farbe, Qualität, Auftragungsart, etc.). Vermutlich hätte eine pragmatischere und einheitlichere Herangehensweise keine grossen Auswirkungen auf das optische Erscheinungsbild gehabt. Die Bauherrschaft war jedoch um ein möglichst homogenes Erscheinungsbild der Sichtbetonoberfläche besorgt, woraus sich dieses Vorgehen ergab.
Zudem würden wir eine offenere Ausgestaltung des Clustergeschosses verfolgen, trotz der einschränkenden Brandschutzvorschriften.
Kennwerte Wohnhochhaus Mettlenweg
|Mengen, nach SIA 416||vorher||nachher|
|Gebäudevolumen (GV), m³||15'170||15'250|
|Geschossfläche (GF), m²||5'580||5'760|
|Hauptnutzfläche (HNF), m²||3'250||3'215|
|Funktionale Einheiten (FE), Stk.|
* ursprünglich: 72 Wohnungen
|50*||54|
|BKP 1 Vorbereitungsarbeiten||300'000|
|BKP 2 Gebäude||12'450'000|
|BKP 4 Umgebung||435'000|
|BKP 5 Baunebenkosten||180'000|
|BKP 9 Ausstattung||105'000|
|BKP 1-9, CHF||13'470'000|
|BKP 2, CHF/m³ GV||820|
|BKP 2, CHF/m² HNF||3'870|
|BKP 2, CHF/Stk. FE||230'560|
|BKP 1-9, CHF/m³ GV||880|
|BKP 1-9, CHF/m² HNF||4'190|
|BKP 1-9, CHF/Stk. FE||249'440|
|Energiebezugsfläche EBF, m²||4'675||4'725|
|Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a||76||36|
|Grenzwert Qh, li für Umbauten, kWh/m²a||39||39|
|Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes, kWh/m2a||195 %||93%|
|Elektrizität, inkl. Wärmepumpe (falls vorhanden), kWh/m²a|
|Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität)||217||78|
|Energieerzeugung||Gas||Fernwärme (Holzschnitzel)|
|Eigenenergieversorgung erneuerbare Energie (PV, SK, Umweltwärme), kWh/m²a|
|Lüftungskonzept: |
Normgeschosse: Siwssframe Komfortlüftung in Vorsatzschale Badzimmer (1x Zuluft / 1x Abluft).
Gemeinschaftsgeschoss und Erdgeschoss: Komfortlüftung zentral (1x Zuluft / 1x Abluft)
|Luftschallschutz Decke Di, dB (mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)||48-51||53-59|
|Trittschallpegel Boden L', dB (max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181)||56-68||42-47|
|In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden?|
Neuer Bodenaufbau mit je 2 cm Wärmedämmung und Trittschalldämmung
|Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?|
* Reduzierte Anforderung an Tragwerk, da K-Objekt schützenswert. Rechnerischer Nachweis Brandfall Last, damit auf zusätzliche Brandschutzmassnahmen verzichtet werden konnte (1x Brandmelder pro Wohnung)
|Nein *|
|Erfüllungfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 2018|
* Ertüchtigungsmassnahmen nicht verhältnissmässig (Nach SIA 2018)
|0.3*|
|Nachhaltigkeitslabel||GEAK F/E||GEAK C/B|
|Nachhaltigkeitsfaktor gem. SIA-Merkblatt 2040|
|Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?||nein||nur neue Wohnungen*|
|Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?|
* nur die neuen Wohnungen im EG und 14. OG. Bei den bestehenden Wohnungen wurden die Anforderungen knapp nicht erreicht.
|nein||nur neue Wohnungen*|
Eckdaten
|Bauwerkname||Erneuerung Wohnhochhaus Mettlenweg – Kleine Eingriffe, Grosser Nutzen|
|Ort||Mettlenweg 66|
2504 Biel/Bienne
|Auftragsart||Direktauftrag|
|Jahr der Fertigstellung||2020|
|Baujahr Bestand||1957 (Architektur: Max Schlup)|
|Bauweise||Massivbau (Fassade und Decken in Beton, tragende Innenwände aus Durisol, Steigschächte aus Backstein)|
|Bauherrschaft||Wohnbaugenossenschaft Wobe, Biel/Bienne, BE|
|Architektur||sim Architekten GmbH, Nidau BE und JDF raum und kunst gmbh, Biel/Bienne BE|
Simon Schudel, Julietta Di Filippo Roy
Fabian Stalder, Flavio Antonello
|Bauleitung||itreas GmbH, Biel/Bienne BE|
|Fachplaner||Bauingenieur: WAM Planer und Ingenieure AG, Bern BE|
Bauphysik und Akustik: Weber Energie und Bauphysik AG, Bern BE
Elektroplaner: A. Schlosser AG, Biel/Bienne BE
Lüftungsplaner: Solvair GmbH, Niederwangen BE
Heizungs- und Sanitärplaner: NBG Ingenieure AG, Bern BE und Solothurn SO
|Spezialisten||Betonsanierung: Dr. dipl. ETH / SIA E. Brühwiler, Lussy-sur-Morges VD|
Prüfingenieur Brandschutz: NBG Ingenieure AG, Bern BE
Prüfingenieur Schadstoffsanierung: HSE Conseil, Marin Epagnier NE