Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/3058

Die Zunft und ihre bewegte Kostümgeschichte
Gleich nach dem Sechseläuten 1925 musste sich die Vorsteherschaft mit der Beschaffung der Zunftabzeichen, der Kopfbedeckung sowie der Laternen für den Auszug am Abend beschäftigen. Zeugwart Hans Zollinger war bereit, die Laternen in seiner Werkstatt zu einem Spezialpreis anzufertigen. Diese sollten das Zürcher und das Oberstrasswappen und den Namen des Besitzers zeigen. Natürlich nahm die Vorsteherschaft an, dass mindestens fünfzig Zünfter sich bereit erklären würden, eine Laterne anzuschaffen. Mit etwa fünfzig Laternen, so glaubte sie, könnte die Zünfterschar für den Auszug am Abend ausgerüstet sein. Leider ging der Verkauf sehr mühsam voran, sodass die Zunft gezwungen war, mehr als die Hälfte der bestellten Abendlichter vorerst in Verwahrung zu nehmen. Ferner benötigte jeder Zünfter ein Abzeichen und einen Hut oder eine Kappe. Der silberne Turm mit dem roten Dach auf blauem Grund fand durchweg Anklang. Viel zu reden gab die Kopfbedeckung. Sollte es ein Bauernhut, eine Kappe oder gar eine elegante Mütze sein? Man war sich über Form und Farbe ganz und gar nicht einig. Die einen wünschten einen breitrandigen Hut, die anderen eher eine leichte Mütze. Nach eingehendem Studium entschlossen sich die Vorsteher, den Obersträsslern die blauweisse Hadlaubmütze aus der Zeit des Mittelalters anzubieten.
Stiche mit den Gardeuniformen ‚Roi soleil‘
Da die Zeit drängte und auch keine besseren Vorschläge vorlagen, wurde diese Schnabelmütze in Arbeit gegeben. Nicht alle Zünfter waren glücklich und erfreut über diesen Entscheid. Der Zunftmeister, das wussten alle, setzte sich nur knurrend seine „Narrenkappe“, wie er sie nannte, auf und wünschte ein paar Mal im Laufe der Jahre, dass nach einer besseren Kopfbedeckung gesucht werde. Für einen Wechsel war es jedoch immer der falsche Zeitpunkt! Während fast vierzig Jahren pflegten die zivilgekleideten Zünfter die Hadlaubmützen am Sechseläuten hervorzuholen. Irgendwann hatten sich alle daran gewöhnt!
Ein kleiner Einblick in die Kostümgeschichte
Auszug aus dem Jubiläumsbuch „75 Jahre Zunft zu Oberstrass“
Die Schweizergardisten ziehen in Oberstrass ein
1951 schuf die Zunft unter Dr. Hugo Schneider die Kostüme der Schweizergardisten unter König Ludwig XIV. für die Obersträssler. Obwohl der geschichtliche Hintergrund nichts mit Oberstrass zu tun hatte, entschlossen sich die Zünfter, den vorgeschlagenen Wunsch ihres Statthalters anzunehmen. Die Musketiere und Pikeniere der Schweizergardisten aus dem 16. Jahrhundert ersetzten die Landmiliz aus der „Wacht Oberstrass“. So stellten die „Obersträssler Söldner“ – die einen mit Pike und Helm, die anderen mit Hellebarden und Dreispitz, ein weiteres Stück Schweizergeschichte dar. Die 35 Gardisten aus dem Zug der 100 Schweizer sollten an das eidgenössische Soldbündnis mit Frankreich unter der Führung Zürichs im Jahr 1663 erinnern. Die Eskorte, die in jenem Festumzug noch als Ambassador Jean de Ia Barde und Marechal d’Aumont mit drei Garde-Offizieren den Bürgermeister Heinrich Waser an den Hof nach Paris begleiteten, bildete den bescheidenen Anfang der zukünftigen Reitergruppe. Während der folgenden 25 Jahre blieben diese Söldnerkostüme unverändert. Nur die Pikeniere mit ihren unbequemen Helmen machte man zu Musketieren. Schneider und der Kommission kam es in jenem Umzug in erster Linie auf den farblichen Gesamteindruck der verschiedenen Gruppen an, historische Genauigkeiten an Kostümen und Gewändern standen nicht unbedingt im Vordergrund.
Die Gardeuniform wird noch edler
Für das 50-Jahr-Jubiläum der Zunft, das 1975 stattfand, wurde diese prächtige Uniform historisch genau dem Gewand der Füsiliere des 17. Jahrhunderts nachempfunden. Dieses Mal konnte Historiker und Zünfter Jürg A. Meier sein Wissen einbringen. Er war zu Recht der Meinung, dass die Kostüme der Gardisten und die der Bauerngruppe aus der gleichen Epoche stammen sollten, damit die Zunft ein zeitlich einheitliches Umzugsbild darstellte. So tragen die Gardisten zum roten Mantel mit den blauen Armaufschlägen ebenfalls eine blaue, bis zu den Knien reichende Weste. Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten geblieben zu sein, doch der Kenner bemerkt sofort die kleinen, wichtigen Änderungen an der Uniform. Für die Zünfterssöhne wurden die zu ersetzenden Kostüme weiter nach der einfachen Version von Schneider angefertigt. Was zählt, ist wie gesagt der Gesamteindruck des Umzugsbildes. Und der ist gut!
Die Reiter, ebenfalls nach dem Muster Schneider, ersetzten ihre arg lädierte Uniform, an der wahrhaftig das Spitzenjabot noch das Edelste war, erstmals 1968. Die leuchtend rote Uniform, gefiel so wie sie war. Abgesehen davon sah man keinen eigentlichen Grund diese zu ändern. In den Neunzigerjahren kam noch ein kurzes Gilet dazu, denn die Reiter waren es leid, auf der Stube im umständlichen Rock am Tisch zu sitzen. Dieses Kleidungsstück wurde ihnen ohne historische Nachforschungen zugestanden. Es reichte schon, dass die dicken Wollhosen mit der unmöglichen Verschnürung an den Beinen zwackten . . . Und einer, der seit bald dreissig Jahren darunter litt, überzeugte seine langjährigen Reitkameraden von der Notwendigkeit einer neuen, leichten Uniform. So beschlossen die reitenden Zünfter in einer Sitzung bei ihrem Reiterchef zu Hause, dem Kaufvorschlag jenes besonders Geplagten zuzustimmen, und sie hatten es nicht zu bereuen. Am Sechseläuten 1998 ritten sieben neu gewandete Zünfter mit ihrer Gruppe vor dem Banner mit dem Krattenturm. Ohne sich zu beklagen übernahm jeder die Kosten, für ein paar das zweite Mal, für die Uniform mit der bequemen Hose. Die Zunft spendierte die fünfzig Silberknöpfe am Mantel dazu. Der Dreispitz blieb ebenso der alte wie die falschen Locken. Manch einer mochte seufzend festgestellt haben: „Zu einer Elitetruppe zu gehören, das verpflichtet!“