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Bericht über die Vermessungsarbeiten am Rhonegletscher 1886
Von Prof. Dr. L. JRütimeyer ( Section Basel ).
Die Arbeiten von 1886, oder der dreizehnten Campagne am Rhone-Gletscher, sind die ersten unter dem neuen dreijährigen Schlußvertrage zwischen dem S.A.C. und dem eidgen. topographischen Bureau. Infolge des hiedurch reducirten Crédites mußten sie sich denn auch von vornherein auf die üblichen Controlmessungen beschränken.
Aber auch ihrer eigenen Natur zufolge nähert sich die im Jahre 1874 durch Auflegen der vier Steinreihen angelegte Messungsmethode allmälig dem Abschluß ihrer ursprünglichen Aufgabe. Der Gletscher hat sich im Verlauf des Jahres 1884 soviel als gänzlich unter der schwarzen oder untersten Steinreihe zurückgezogen; diese letztere ist also fossil geworden bis auf die Zeit, da etwa jüngeres Eis, das höchst wahrscheinlich schon seit Langem auf der Reise be- 14 griffen ist, diese jetzt bewegungslos auf dem Strandboden zurückgelassene Meßschnur in Gemeinschaft mit allerhand anderem und keine aufgelegten Marken tragendem Gestein wieder in Bewegung setzen und vor sich herspülen wird.
Auch von der grünen Reihe liegen nur noch sechs Nummernsteine am linken Gletscherufer auf dem Eis, und auch diese beginnen zu stranden, noch ehe sie die ursprüngliche Linie des schwarzen Profiles erreicht haben.
Von den beiden oberhalb des Einsturzes angelegten Steinreihen ist die untere oder die gelbe mit ihren äußersten Vorposten ( Stein 22 ) nur noch um die Strecke von zwei voraussichtlichen Jahresreisen von der unterhalb des Sturzes liegenden ursprünglichen grünen Reihe entfernt, und die obere, die rothe, hat bereits mit fünf ihrer Vorläufer die Linie de » gelben Profils überschritten.
Leider tragen die Eisschichten, welche allmälig* unter diesen caudinischen Jochen durchfließen, die Jahrzahl ihres Entstehens auf den Firnhöhen und des Anhebens ihrer Wanderung so wenig an sich, als die Stromwellen, welche sich hier in Basel unabläsbig unter der alten Rheinbrücke durchdrängen, ein Datum von Ort und Zeit ihres Niederträufeins aus der Atmosphäre des Rheinwald- oder des Finsteraarhorn-oder des Sanetsch-Gebirges mit sich führen. Auch haben wir allerdings noch keinen Farbstein auch nur die relativ kleine Strecke von der in 2560 m Höhe liegenden rothen Linie bis nach dem um etwa 800 m tiefer gelegenen Gletscher-Delta in deren Gesammt- heit durchwandern sehen alle haben nur je ein Stück derselben zurückgelegt. Zudem dürfen wir kaum zweifeln, daß die Eisschichten, welche diese Farbsteine auf ihre Schultern luden, um sie von einer der aufgelegten Brücken nach der nächsten weiter abwärts mitzunehmen, soweit als sie selber nicht etwa schon unterwegs in viel beweglicherer, flüssiger oder flüchtiger Form vorauseilten oder davonflogen, nur für relativ kurze Zeiten, wie etwa unter dem Winterschnee, dieselben blieben, sondern daß sie ihre Last stets neu nachrückenden Nachfolgern, vermuthlich aus immer um so altern Niederschlagsperioden, übergaben.
Trotzdem wird die Annahme gestattet sein, daß unter den seit 13 Jahren beobachteten Verhältnissen von Klima, von Mächtigkeit und Gefäll des Gletschers die große Mehrzahl der Steine des obersten rothen oder noch höher gelegener Profile bei weiterer Fortsetzung ihrer Reise die Fußstapfen der auf den weiter unten gelegenen Profilen postirten und in andere Farben gekleideten Vormänner eingehalten haben würden. Wir werden also berechtigt sein, den ganzen Weg, den wir nunmehr von den verschiedenen Ketten von Läufern, aus den Firnhöhen bis an den Fuß des Gletschers, wo die Wanderer jetzt höchstens noch dem Spiel thörichtei Touristen zum Opfer fallen, auf der Karte eingetragen sehen, nicht als das Werk des Zufalls, sondern als das Ergebniß von Bewegungs-kräften anzusehen, welche dem Gletscher für Existenzbedingungen, wie die dermal bestehenden, ohne allen Zweifel seit seinen Jugendjahren in Form von vereinzelten Firnhalden an den Kammhöhen inwohnten, und welchen er folgen wird, bis er etwa wieder auf solche von Wind- und Wetterlaune abhängige Ueberreste zurückgeschmolzen sein sollte.
Nur ganz ungewöhnliche Ereignisse würden also das aus dem Ueberblick der bisherigen Beobachtungen sich ergebende Bild vom Temperament des Eisstromes auf seinen verschiedenen Stellen abändern können. Sollten die Beobachtungen so weit'fortgesetzt werden können, bis die Stangen der obern Firnprofile die Linie des rothen Eisprofiles erreicht haben würden, so hätten wir also doch gewissermaßen die Eegungen eines Lebenstages des gesammten Gletscherstromes, soweit sich dieselben in der Verschiebung der Theile seiner Oberfläche abspiegeln, in graphischer Form niedergelegt. Unter allen Umständen werden also spätere Zeiten, von welchen sicherlich größere Ereignisse als die seit 13 Jahren beobachteten nicht ausgeschlossen sein werden, eine Einheit vorfinden, welche für Vergleichung veränderter Verhältnisse wird als Fixpunkt dienen können.
Laut dem Berichte von Hrn. Ingenieur Held ist im Allgemeinen die Beobachtungskette für 1885/86 lückenloser ausgefallen, als für irgend ein vorheriges Messungsjahr, und gibt daher bei der Gleichförmigkeit der Eisbewegung ein einheitlicheres Gesammtbild als frühere Jahresperioden.
Wie gewohnt, fiel die Feldarbeit in die zweite Hälfte des August; es betheiligten sich daran unter Leitung von Hrn. Ingenieur Held Hr. Geometer De-rendinger von Sumiswald und fünf Gehülfen von Oberwald. Vom 18. bis zum 27. August bei ungünstiger Witterung, die Tag für Tag Regen oder Schnee brachte; von da an bis zum Schluß der Arbeit ( 2. September ) war das Wetter schön; im Ganzen konnten 60 °/o der Tageszeit im Freien verwendet werden. Zwischen dem 1. Mai bis zum 26. October waren überdies unter dem Gehülfen Felix Im-Ahorn die Abschmelzstangen und Firnsignale eingemessen, frisch eingestellt und wo nöthig erneuert worden.
Im Ganzen erwiesen sich im August 1886 die unteren Eisgebiete als sehr schneefrei, nicht aber die obern. Seit 1883 war das Firngebiet nie mehr so arm an Stellen ohne Winterschnee, und auf Firn und Gletscher lagen starke Kegel von Lawinenschnee. Auf sämmtlichen Profilen des obern Gletschers hatte der Firn an Mächtigkeit zugenommen und zeigte wenige Spalten, und um die frei aufragenden Felsen wenig Randklüfte; die Firnebene zeigte nicht die Furchen, wie dies sonst bei starker Abschmelzung im Sommer der Fall ist. Alles das weist also auf starken Schneefall im Winter 1885 auf 1886 und auf geringe Abschmelzung im Sommer 1886, wenigstens für das Gebiet über 2500 m Meereshöhe.
Am 5. October 1885 fiel sogen, rother Schnee,, der sich dem Auge auf viele Kilometer weit bemerkbar machte.
Ergebnisse der Controlmessangen.
i. Nivellement der acht Querprofile.
Im untersten, schwarzen Profil ist endlich die Abschmelzung der letzten Eisreste erfolgt. Sie entspricht L. Rütimeyer.
einer mittleren vertikalen Abnahme von 1.66 m. Auch das zweitunterste, grüne Profil zeigt eine vertikale Abnahme, alle andern Profile dagegen eine Zunahme von folgendem Belang:
Länge Ab- oder Zunahme ffl
-1.286 +0.280 +0.941 + 1.011 +0.770 + 1.484 +1.932 — 911.8 + 326.0 + 1006.1 + 676.6 + 1108.9 + 1100.4 +4952.9 Grünes Profil 1860 459.2 450.3 356 Gelbes Profi12410 1161.4 1165.1 Kothes Profi12560 1016.0 1069.1 Unteres Thäli-Profil 2750 660.0 669.0 Unteres Großfirnprofil 2820 1435.5 1439.6 Oberes Thäli-Profil 3020 741.2 731.7 Oberes Großfirnprofil 3130 2562.6 2563.8 367 370 371 371 371 372 Trotz der Totalabnahme im grünen Profil zeigt auch dieses im größten Stromstrich ein auf beschleunigte Bewegung deutendes Wachsthum auf einer Strecke von 67 w Länge.
Das untere Thäli-Profil durchschnitt im August 1886 nur eine einzige offene Spalte, statt 12 in 1885; das untere Großfirnprofil nur 4 Spalten statt 21 in 1885. Im obern Thäli-Profil zeigten sich keine Spalten ( im letzten Jahr 6 ), im obern Großfirn-Profil 3 statt 29 in 1885. Sowohl in den untersten als in den obern Teilen des Gletschers zeigen sich demnach Anzeichen von Wachsthum und die Profile im obern Thäli und im obern Großfirn haben bereits den bisher höchsten Stand von 1883 überschritten.
2. Einmessung von SteÄnreihen und Firnsignalen.
Auf der grünen Linie liegen nur noch sechs Steine des linken Ufers auf Eis; seit August haben sie einen Weg von 4—12 m zurückgelegt.
Die gelbe Reihe befindet sich dermalen gutentheils im Bereich des Sturzes, wo sich der 1070 m breite Gletscher in die Stromenge von 500 m eindrängt, um unterhalb des Sturzes sich wieder ruhig fortzubewegen. Von ursprünglich 52 Steinen sind auf dieser Linie noch 36 Steine aufgefunden worden. Ein kleiner Theil dieser Linie auf dem rechten Ufer des Gletschers Uberhalb des Sturzes, in der Nähe der sogen. Mo-rainenbucht, scheint einer vom übrigen Gletscher unabhängigen Bewegung zu folgen, an welcher der große Gletscherstrom wie an einem Ufer vorbeistreicht. Hierüber würde eine unerhebliche Zuthat zu den bisherigen Messungsmitteln wohl nähern Aufschluß bringen können. Die Jahresbewegung der einzelnen Steine der ganzen Linie schwankt selbstverständlich in überaus weiten Grenzen, von 2 bis über 70 m, und es wird vielleicht möglich sein, die Form der Jahresreise selbst im Sturz zu construiren. Unterhalb des Sturzes, wo dies Jahr 16 Nummernsteine aufgenommen wurden, zeigt die Reihe wieder eine große Regelmäßigkeit der Bewegung, am größten ( mit 72 m für Stein 22 ) im rechtsseitigen Dritttheil des Stromes. Nach dem bisherigen Maßstab der Bewegung wird die Spitze der gelben Reihe etwa im Jahr 1889 in die Linie des grüuen Profils gelangen.
Auf der rothen Reihe mit ursprünglich 53 Steinen sind wie im vorigen Jahre 34 Steine der Beobachtung zugänglich geblieben. In der Mitte dieser Reihe,, wo die Bewegung im Allgemeinen infolge geringeren Gefälles und größerer Breiten-Zunahme des Gletschers-hinter dem Maß des letzten Jahres zurückgeblieben ist, haben bereits fünf Steine die Linie des gelben Profiles überschi'itten. Maximum der Jahresbewegung 103 m bei Stein 30, welcher nunmehr innerhalb 12 Jahren von der ursprünglichen rothen Linie bis in den jetzigen Bereich der gelben Linie einen Weg von 1279™ zurückgelegt hat.
Im Firngebiet, wo es nicht gelang, alle Stangen unter dem Schnee wieder aufzufinden, erwies sich mit Ausnahme einer einzigen Stelle an der linken Seite des Thäli die Bewegung stärker als im vorhergehenden Jahr, am stärksten bei Stange 5 im untern Großfirn mit 89.8™.
3. Messung der Sommer- und Jahresbewegung im rothen und gelben Profil.
Zum Zweck der Messung der Eisbewegung aa gleichen Gletscherstellen in verschiedenen Jahren wurden 1885 im gelben und rothen Profil nummerirte Steine mit 40 m Abstand gelegt. Die erste Messung fand nach zwölf Tagen, die zweite nach einem Jahr statt. Aehnliche Beobachtungen wurden schon seit zwei Jahren an einzelnen Steinen im größten Stromstrich des gelben und rothen Profiles vorgenommen. Aus der Vergleichung der Bewegung in verschiedenen Jahren ergibt sich nun, daß dieselbe an der nämlichen Stelle nicht constant ist, sondern vermuthlich mit der Zunahme der Mächtigkeit des Eises zunimmt. Ende August 1886 entsprach die Tagesbewegung fast genau der durch Berechnung gewonnenen mittleren täglichen Bewegung des ganzen Jahres. Für das Jahr 1887 sind die Steine wieder auf ihren Ausgangspunkt zurückgelegt worden, um ihren Weg von Neuem, zum fünften Male, anzutreten.
4. Gletscherzunge.
Durch ihre Abschmelzung sind seit 1885 an Strandboden biosgelegt worden 6625 m2 und durch ein sehr locales Zuwachsen 325 m2 von Neuem zugedeckt worden. Gletscherthor und die Mündungen von Rhone und Oberalpbach haben sich seit einem Jahr nicht verändert.
5. Messung der Abschmelzung von Eis und Firn.
An der Hand der Abschmelzstangen und Firnsignale ergibt sich für das Jahr 1885/86 auf dem ganzen Gletscher, mit Ausnahme der jetzt zu unterst liegenden grünen und des rechten Ufers der gelben Linie, eine geringere Abschmelzung, und im Firngebiet eine um Erhebliches größere Zunahme an Mächtigkeit als im Jahr 188485, wie denn auch die Grenze des schneefreien Firns am Ende des Beobachtungsjahres 1885/86 um 1700 m weiter thalauswärts lag, als am Ende von 1884'85, und auch die Spalten und Bergschründe weniger zu Tage traten.
Grünes Profil in 332 Tag. 11.89 bis 13.45 Abschmlzg.
Gelbes4193.41 „ 7.26 „ Rothes3653.07 „ 3.44 „ Unterthäliprof. „ 3711.41j-0.25 Zunahme üntergroßfirnprof. 3712.431.Oberthäliprof. „ 371f 1.4 „ Obergroßflrnprof. 372f 2.004.05 „ Das Inventar der auf dem topographischen Bureau deponirten Acten ist vermehrt worden um den Jahresbericht von Hrn. Held über die Arbeiten von 1886, um die Aufnahme der Gletscherzunge für 20. August 1886 in 1:5000, um einige Photographien des Rhone-Gletschers im Sommer 1886, und um einige als Geschenk eingegangene Publicationen. Die Rechnung ergibt für das Jahr 1886/87 einen Activ-Saldo von Fr. 97.