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Der schweizerische Generalkonsul in Manila, W. Hofer, an den Direktor der Handelsabteilung des Volkswirtschaftsdepartements, H. Schaffner1
HANDELSVERKEHR MIT UNTERENTWICKELTEN LÄNDERN
Ich beehre mich, den Empfang Ihres Zirkularschreibens vom 20. April 19552, betreffend die Ausweitung des Warenverkehrs mit unterentwickelten Ländern, zu bestätigen und Ihnen mitzuteilen, dass ich von Ihren Ausführungen mit Interesse Kenntnis genommen habe.
Was die Philippinen anbetrifft, so zeigt sich der Warenaustausch dieses Landes mit Drittstaaten unter einem besonderen Gesichtswinkel, nämlich unter demjenigen der ihnen bekannten speziellen Bindungen an die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Diese schlossen eine wirkungsvolle Konkurrenz weitgehend aus. Dazu kam in den letzten Jahren die strenge Einfuhrkontrolle.
Mit dem geplanten intensiven Auf- und Ausbau der Industrie, eröffnen sich indessen gerade für Maschinen aller Art fabrizierende Drittstaaten besondere Perspektiven, umsomehr, als der revidierte Bell Trade Act vom 15. Dezember 19543 zwischen den Vereinigenten Staaten und den Philippinen diesen im Aussenhandelsgebiet grössere Freiheit gibt. Bereits ist er vom philippinischen Parlament dieser Tage genehmigt worden und es wird gehofft, dass auch Washington die Genehmigung bald erteilt und zur Ratifizierung schreitet. In diesem Falle könnte das Abkommen, wie vorgesehen, auf den 1. Januar 1956 in Kraft treten.
Es ist nicht zu verkennen, dass einige Staaten seit geraumer Zeit und im Hinblick auf den revidierten Bell Trade Act vermehrte Anstrengungen zur Eroberung des philippinischen Marktes machen. Abgesehen von Japan, das seine frühere Position überall im Fernen Osten auf wirtschaftlichem und industriellem Gebiet zurückzuerringen trachtet, strengt sich auch Deutschland auf den Philippinen sehr an. Soweit dies beurteilt werden konnte, bedient es sich dabei eines guten Vertreternetzes und im Zusammenhang damit besonders aktiver Propaganda. Es ist im übrigen, wie ich dies früher in andern Gebieten des Ostens schon habe feststellen können, darauf bedacht, bei guter Qualität, annehmbare Preise zu offerieren. Der Preisfaktor spielt übrigens eine bedeutende Rolle, ist es doch zur Genüge bekannt, dass im allgemeinen im Osten der Preis vor der Qualität geht, d. h. wegen niedriger Preise häufig minderwertigere Waren und Güter erworben werden.
Deutschland hat, wie Sie wissen, kürzlich in Bonn mit einer philippinischen Delegation Wirtschaftsverhandlungen gepflogen4, die bald zu einem formellen Warenaustausch-Abkommen führen sollen. Dies ist ein anderer wichtiger Punkt. Die östlichen Völker und mit ihnen die Philippinen fühlen sich gehoben und aufgewertet, wenn mit ihnen verhandelt wird und Verträge geschlossen werden. Die Erfüllung der Verpflichtungen bildet indessen jeweils eine Sache für sich. Bei geschicktem Verhalten sollte es aber immer möglich sein, etwas herauszuholen.
Deutschland strebt ferner nach der Herstellung diplomatischer Beziehungen mit den Philippinen5. Auch darüber wurde in Bonn gesprochen und kürzlich hat der deutsche Botschafter in Japan6 auf der Durchreise in Manila erklärt, dass Deutschland zur Vertiefung seiner Beziehungen mit den Philippinen, insbesondere derjenigen wirtschaftlicher und industrieller Natur, die baldige Errichtung eines diplomatischen Postens in Manila vorsehe.
Um den Warenaustausch anzukurbeln, haben kürzlich auch Österreich und Belgien Gesandte in Manila ernannt. Der belgische Gesandte7 unterstrich bei seinen Antrittsbesuchen und vor der Presse die Bedeutung, die Belgien seinen Wirtschaftsbeziehungen mit den Philippinen beimesse. Er hoffe, diese fördern und ausbauen zu können. Deswegen, so liess der belgische Gesandte durchblicken, sei er nach Manila gekommen. Auch Norwegen trägt sich mit dem Gedanken, wieder einen Minister zu ernennen. Ferner erwägt Kanada die Errichtung eines diplomatischen Postens. Davon hat bei seiner kürzlichen Anwesenheit auch der irakische Ministerpräsident8 gesprochen, z. T. aus politischen, z. T. aber aus wirtschaftlichen Überlegungen. Der ägyptische Aussenminister9, der ebenfalls dieser Tage Manila besuchte, spielte u. a. ebenfalls auf die wirtschaftliche Seite der Beziehungen mit den Philippinen an.
Verschiedene Staaten sandten in der letzten Zeit «Goodwill» und Handelsmissionen zum Zwecke, Verbindungen anzuknüpfen, die Situation zu beurteilen und eine wirtschaftliche Intensivierung vorzubereiten. Dies trifft hauptsächlich zu auf Israel, Indien, Japan und Frankreich.
Bezüglich der Schweiz lässt sich sagen, dass sie über ausgezeichnete Pioniere und Vorposten auf den Philippinen verfügt. Die hier seit Jahrzehnten ansässigen Firmen, wie z. B. Ed. A. Keller & Co.10, F. E. Züllig Inc.11, Küenzle & Streiff Inc.12 und Otto Gmür Inc.13, sowie die in diesen Firmen tätigen Schweizerbürger, erfreuen sich eines ausgezeichneten Rufes und sind für ihre saubern Geschäftsmethoden bekannt. Die erwähnten Unternehmungen vertreten eine namhafte Zahl best reputierter Schweizerfirmen und sind, wie ich mich in der letzten Zeit in diesem oder jenem Falle vergewissern konnte, bestrebt, bei Konkurrenzausschreibungen, im Benehmen mit den vertretenen Firmen, Offerten einzureichen oder auch sonst wie ihre Handelstätigkeit zu intensivieren.
Ich glaube, dass mit einem noch mehr ausgebauten Vertretersystem und einer damit verbundenen Propaganda (Prospekte, Kataloge, Preislisten, Beschreibungen etc. in englischer Sprache, Muster) für Schweizergüter gute Ergebnisse sich erzielen lassen sollten. Es handelt sich m. E. darum, die Schweiz und ihre Produktion immer und immer wieder zu erwähnen und dafür zu werben. Ich habe deshalb angefangen, die mir von der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung zugestellten Mitteilungen wirtschaftlicher und industrieller Natur an Fach- und Tageszeitungen zu versenden. Bereits sind daraufhin schon Publikationen erfolgt. Ferner plane ich die Herausgabe eines Bulletins mit wirtschaftlichen und industriellen Nachrichten, wie ich es in Karachi14 tat. Dieses soll an Ministerien, Handels- und Industriekreise inkl. Handels- und Industriekammern, Banken usw. versandt werden15.
Notwendig wäre im übrigen nach meiner Überzeugung und nach derjenigen hiesiger massgebender Schweizer die Errichtung einer Gesandtschaft16, damit den namhaften schweizerischen Interessen auf den Philippinen, auch im Hinblick auf die Entwicklung des Warenverkehrs mit der Schweiz, ein längerer Arm zur Verfügung steht, als der bisherige konsularische.
Für die Schweiz wichtig erscheint mir die genaue Überprüfung der Preisfrage sowie die besondere Beachtung des Problems der Lieferfristen und desjenigen von Krediten. Es ist bekannt, dass alle unterentwickelten Staaten dort mit Vorliebe bei Warenaustausch einhaken, wo Aussichten auf Aufschubszahlungen oder die Einräumung besonderer Kredite bestehen.
Möglichst kurze oder nicht zu lange Lieferfristen sind für ein Land, das im Aufbau steht und dessen Industrie auf eine baldige Produktion abzielt, äusserst bedeutungsvoll. In einem Falle wie demjenigen, den ich kürzlich zu bearbeiten hatte, können Interessenten nicht bei der Stange gehalten werden, wenn ihnen mitgeteilt werden muss, die Lieferung der gewünschten Maschine könne vor 1959 nicht erfolgen.
Wichtig ist im übrigen auch, dass genügendes und zweckmässiges Propagandamaterial, wie ich es bereits oben erwähnte, zur Verfügung steht und, dass die schweizerischen Interessenten nicht aus Sparsamkeitsgründen damit zurückhalten. Es ist heute praktisch nicht mehr möglich, Waren und Güter ohne Anschauungsmaterial und Preisangaben anzubieten und Interesse dafür zu wecken.
Ich wollte nicht verfehlen, Ihnen die vorstehenden Tatsachen und Überlegungen schon jetzt bekannt zugeben. Nach genauerer Abklärung der Fragen unter Ziffer 4 A, B & C Ihres Rundschreibens vom 20. April 1955, werde ich auf die Sache gerne zurückkommen17.
- 1
- Schreiben (Kopie): E 2001(E)1970/217/483.↩
- 2
- Vgl. das Kreisschreiben Ouverture d’une enquête sur l’intensification des échanges avec les pays sous-développés der Handelsabteilung vom 20. April 1955, E 7110(-)1967/32/534.↩
- 3
- Zur Frage der Wirtschaftsbeziehungen der Philippinen zu den USA und zur Frage des Bell Trade Act vgl. E 7110(-)1967/32/1451 und den Bericht von W. Hofer an die Handeslabteilung vom 11. April 1955, ibid.↩
- 4
- Nach den Wirtschaftsverhandlungen in Bonn im April 1955, fanden in Bern am 26. und 27. April 1955 Besprechungen zwischen der, von L. M. Guerrero geleiteten, philippinischen Delegation und einer schweizerischen Handelsdelegation, unter der Leitung von O. Long statt. Vgl. den Antrag Handelsbesprechung mit den Philippinen (mit beigelegtem Protokoll der Verhandlungen) des EVD vom 14. Mai 1955, nicht abgedruckt.↩
- 5
- Schon im Mai 1955 stand die Schaffung einer philippinischen Mission in Bonn, als auch jene in Bern, auf der Geschäftsordnung des philippinischen Kongresses. Aus Zeitmangel konnten diese Traktanden aber nicht abschliessend behandelt werden. Am 9. Februar 1956 wurde der erste deutsche Gesandte für die Philippinen, F. L. von Fürstenberg, akkreditiert, vgl. E 2200.248(-)1970/243/9.↩
- 10
- Cf. E 2200.248(-)1969/50/4.↩
- 11
- Cf. E 2200.248(-)1969/50/4.↩
- 12
- Cf. E 2001(E)1972/33/197 et E 2200.248(-)1969/50/4.↩
- 13
- Cf. E 2200.248(-)1969/50/4.↩
- 14
- W. Hofer war vom 23. August 1951 bis 1. Januar 1955 als Schweizer Geschäftsträger in Karachi tätig.↩
- 15
- Das von W. Hofer angekündigte Bulletin erschien unter dem Titel Economic and other news from Switzerland, vgl. das Schreiben von W. Hofer an die Handelsabteilung vom 26. September 1955, E 7110(-)1967/32/534.↩
- 16
- Am 12. April 1957 wird W. Hofer zum Schweizer Gesandten auf den Philippinen ernannt, vgl. BR-Prot. Nr. 812 vom 12. April 1957, E 1004.1(-)-/1/600, und der philippinische Botschafter in Paris, S. P. Lopez, in Bern akkreditiert, vgl. BR-Prot. Nr. 810 vom 12. April 1957, ibid. Zur Frage der Errichtung einer Schweizer Gesandtschaft in Manila vgl. E 2200.248 (-)1970/243/1 und das Schreiben von W. Hofer an A. Zehnder vom 8. März 1955, E 2300(-) -/9001/268.↩
- 17
- Es konnten keine Hinweise auf ein weiteres Schreiben W. Hofers betreffend des Kreisschreibens der Handelsabteilung vom 20. April 1955 gefunden werden. Als Grundlage für die Auswertung der Verhältnisse in den Philippinen diente das hier publizierte Schreiben, vgl. die Enquête über die Förderung des Handels mit unterentwickelten Ländern, Philippinen vom 13. September 1955, E 7110(-)1967/32/534.↩