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50 Jahre Frauenstimmrecht 2021: Alma Bacciarini wurde erste Tessiner Nationalrätin
Alma Bacciarini kämpfte an vorderster Front für die politischen Rechte der Frauen im Tessin. Als sie 1979 als erste Tessinerin in den Nationalrat gewählt wurde, setzte sie sich auf nationaler Ebene für die tatsächliche Gleichstellung und insbesondere für die politische Partizipation der Frauen ein. Dabei betonte sie stets, die Verantwortung der Parteien, die Politikerinnen stärker zu unterstützen.
Alma Bacciarini wuchs im kleinen Dorf Cabbio im Tessin auf. Sie besuchte das Gymnasium in Biasca, anschliessend das Lehrerseminar in Locarno. Ab 1945 unterrichtete sie an verschiedenen Schulen. Zwischenzeitlich verliess sie das Tessin, um in Zürich und Genf italienische und französische Literatur zu studieren. In dieser Zeit erwachte ihr Interesse für die Situation der Frauen und sie begann mit ihrer journalistischen Tätigkeit.
Alma Bacciarini schrieb unzählige Artikel zu gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen, die in den Zeitungen La Nostra Voce, Gazzetta Ticinese, Cooperazione, Il Dovere oder La Regione Ticino veröffentlicht wurden. Regelmässig war sie auch in der Radiosendung Per la donna zu hören, einer wichtigen Diskussionsplattform für die Emanzipation der Frauen im Kanton Tessin.
Alma Bacciarini engagierte sich auf kantonaler wie nationaler Ebene für die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen. 1954 – 1963 war sie Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht und 1976 – 1992 der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, 1992 – 1995 präsidierte Baccarini den Verband der Tessiner Frauenvereine. Sie war Mitglied und Präsidentin zahlreicher weiterer Organisationen, in denen sie sich für die Rechte der Frauen und die Frauenförderung einsetzte.
In den 1950er und 1960er Jahren dominierte der Kampf für die politische Gleichberechtigung. Dabei wies Alma Bacciarini immer wieder auf die Verantwortung der Parteien hin, die Frauen innerhalb der Partei zu fördern und das Frauenstimm- und -wahlrecht zu propagieren. Im Vorfeld der dritten Tessiner Abstimmung über das kantonale Frauenstimmrecht vom 19. Oktober 1969 arbeitete sie intensiv mit der Associazione Ticinese per il voto alla donna zusammen.
Nachdem die Tessinerinnen 1969 auf kantonaler und 1971 auch auf nationaler Ebene die politischen Rechte erkämpft hatten, begann für Alma Bacciarini die «offizielle» parteipolitische Karriere: 1972 – 1980 war sie für den Partito Liberale-Radicale (PRD, dt. FDP) Gemeinderätin in Breganzona, 1975 – 1991 politisierte sie als Tessiner Grossrätin und 1979 wurde sie als erste Frau aus dem Tessin in den Nationalrat gewählt. Im Parlament setzte sie sich für gesellschaftliche Minderheiten und Benachteiligte ein. So verhalf die Vollblutpolitikerin den Tessiner Anliegen sowie der italienischen Sprache zu mehr Gehör und betonte die sprachliche Vielfalt als wichtiges Element des nationalen Zusammenhalts.
Zentrales Thema von Alma Bacciarinis Engagements blieb immer die Gleichberechtigung der Frauen. Nach der politischen Gleichberechtigung forderte sie schliesslich auch die tatsächliche – das heisst die juristische, soziale und gesellschaftliche – Gleichstellung der Geschlechter. Sie wies auf die mangelnde politische Teilhabe der Frauen hin: Trotz formalem Wahlrecht wurden Frauen nur selten in politische Ämter gewählt. Dabei scheute Bacciarini keine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen und den anderen politischen Parteien. Sie kritisierte die Praxis der Parteien, Frauen als Lückenfüllerinnen auf die Wahllisten zu setzen, ohne sie konkret zu unterstützen.
Als 1983 erneut Nationalratswahlen anstanden und sich abzeichnete, dass, die Leitung der FDP, statt Alma Bacciarini, den Staatsrat Ugo Sadis lancieren würde, zog sie sich aus dem Rennen um den Tessiner Nationalratssitz zurück. Ugo Sadis wurde jedoch nicht gewählt und Alma Bacciarini musste sich nach vier Jahren aus dem Nationalrat verabschieden. Rückblickend kommentierte sie: «Wenn es eine Enttäuschung gab, dann vielleicht von meiner Partei, der es zwar gelang, die erste Tessinerin nach Bern zu wählen, die aber dieses Ereignis politisch nicht nutzen konnte oder wollte.»
Die politische Partizipation der Frauen blieb für Alma Bacciarini ein wichtiges Thema. In ihrer Zeit als Vizepräsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen veröffentlichte die Kommission den Bericht Nehmen Sie Platz, Madame (1990), der die politische Repräsentation der Frauen in der Schweiz untersuchte. Bis 1991 blieb sie Tessiner Grossrätin, stellte sich dann aber nicht mehr zur Wahl. Dieser Verzicht entsprach ihrer Überzeugung, Jüngeren und anderen Frauen eine politische Laufbahn zu ermöglichen. Nach ihrer politischen Karriere präsidierte sie den Verband der Tessiner Frauenvereine (1992 – 1995) und widmete sich in dieser Funktion der Übersetzung und Veröffentlichung von Lotti Ruckstuhls Buch Frauen sprengen Fesseln: Hindernislauf zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Dabei erweiterte sie gemeinsam mit Iva Cantoreggi und Emma Degoli den Text und das Bildmaterial zum Kanton Tessin. 2007 starb Alma Bacciarini, im Alter von 85 Jahren (Quelle: EKF).