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Was ein Algorithmus ist, braucht man Facebook-Freundinnen und -Freunden wohl nicht zu erklären. Wenn ich hier dennoch eine Definition davon gebe, will ich mir nicht anmaßen, jene zu belehren, die es weit besser wissen als ich, sondern tu es allein, um mir selbst klarzumachen, worüber genau ich hier schreiben möchte. — Ein Algorithmus ist eine eindeutige Anweisung oder Handlungsvorschrift zur Lösung eines bestimmten Problems. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, genau definierten Einzelschritten. Ein Beispiel wäre die alphabetische Ordnung einer Namensliste: Aristoteles kommt vor Boethius; Cassirer vor Diogenes, aber nach Boethius; Fichte kommt zwischen Epikur und Gödel. Und wenn zwei denselben Anfangsbuchstaben haben wie Aristoteles und Anaximenes, dann richtet man sich nach dem zweiten Buchstaben (wenn der auch gleich wäre, nach dem dritten und so weiter) und somit kommt Anaximenes vor Aristoteles, aber nach Anaximander. — Algorithmen braucht man zum Katalogisieren und Einordnen von Büchern in einer Bibliothek, von Akten der Polizei und des Steueramts, zum Verschlüsseln von Nachrichten, zum Knacken von Verschlüsselungen, zum Spielen mit dem Rubik-Würfel, zum Dosieren von Medikamenten, zum Erstellen von Wettervorhersagen und letztlich ist jedes Computerprogramm ein System von hierarchisch strukturierten Algorithmen, die von übergeordneten Algorithmen verwaltet werden.
Was hier aber vor allem interessiert, ist das Wort an sich, seine Verwendung und seine Geschichte. Das Wort sieht auf den ersten Blick nach einem klassischen wissenschaftlichen Kunstwort aus, das aus griechischen oder lateinischen Elementen zusammengebaut ist. Das erklärt wohl auch, warum es häufig falsch geschrieben und noch häufiger falsch ausgesprochen wird, nämlich ‹Algorhythmus›. (Dazu sage ich am Schluss noch etwas.) — Mit Griechisch und Latein hat der Algorithmus jedoch nichts zu tun. Es handelt sich hier um ein Deonym (siehe auch ‹Amuse-Bouche› 32), ein von einem Eigennamen abgeleitetes Wort. Obwohl es bereits in der Antike berühmte Algorithmen gab — etwa das Sieb des Eratosthenes zur Bestimmung von Primzahlen —, ist das Wort vom Namen des persisch-arabischen Universalgelehrten Al-Chwarizmi (الخوارزمی) abgeleitet, der Ende 8., Anfang 9. Jahrhundert in Baghdad lehrte. Nun scheinen ‹Algorithmus› und ‹Al-Chwarizmi› phonetisch weit auseinander zu liegen. Man muss aber bedenken, dass der Begriff erst im 13. Jahrhundert, also vierhundert Jahre nach dem Tod des arabischen Gelehrten, von einem Italiener, nämlich von Leonardo Fibonacci, auf Lateinisch geprägt worden ist. — Über vierhundert Jahre, viertausend Kilometer und drei Sprachen hinweg kann es schon zu phonetischen Verschiebungen kommen, wenn ich daran denke, wie viel Mühe den meisten die Aussprache meines Namens macht.
Und nun der oben versprochene Nachtrag zur Schreibung und Aussprache griechischstämmiger Wörter: Wenn man sich angewöhnen würde, in Wörtern griechischer Herkunft ‹y› konsequent als ‹ü› und ‹i› konsequent als ‹i› auszusprechen, würde man auch beim Schreiben weniger Fehler machen. Wer ‹Algorittmus›, ‹Ellipse›, ‹Sisüfoss› und ‹Libüen› sagt, wird auch richtig ‹Algorithmus›, ‹Ellipse›, ‹Sisyphos› und ‹Libyen› und nicht (falsch!) ‹Algorythmus›, ‹Ellypse›, ‹Sysiphos› und ‹Lybien› schreiben.