Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/2348

Stefan (*1966) war Präsident des STE von 1998 bis 2004. Er absolvierte eine Lehre als Schreiner mit BMS und schloss das Studium in Biel im Jahr 1992 ab. Nach dem Studium führte ihn sein Weg zu Fermacell als Technischer Berater für Architekten. Bald suchte Willy Menig, der Inhaber seines ersten Praktikums-Betriebs für sein gleichnamiges St. Galler Holzbau-Ingenieurbüro einen Nachfolger. Leider zerschlug sich diese Aussicht, nachdem Willy Menig unerwartet verstarb. Ein Tipp von Willy Menig ist mir aber geblieben. «Benenne nie eine Firma nach Deinen Namen. Denn dann kannst Du zeitlebens nie mehr aussteigen. Und die Kunden sind unzufrieden, wenn sich nicht der Chef selbst um sie kümmert». Diesen Tipp habe ich mir zu Herzen genommen und meine Firma nicht «Stefan Zöllig AG», sondern «Timbatec, Timber and Technology» genannt. Damit kann ich alles tun, was mit Holz und Technologie zu tun hat, wie zum Beispiel Holzbau-Ingenieurarbeiten, aber auch Produktentwicklung und anderes. So kann sich das Unternehmen in verschiedene Richtungen entwickeln. Nach der Zeit bei Fermacell baute er 1995-1996 in einem 80%-Teilpensum die Ingenieurabteilung von Boss Holzbau in Thun auf. In der restlichen Zeit begann er mit Produktentwicklungen und meldete 1995 sein erstes Patent für hochschalldämmende Trennwände an. 1997 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete das Ingenieurbüro Timbatec, zunächst noch als Einzelfirma, später als GmbH, letztlich als AG. Man plante und realisierte Schulgebäude, Hallen, Brücken und Wohnüberbauungen. Ein ungelöstes Problem waren hochbeanspruchte flache Geschossdecken bei Gewerbe- und Industriebauten, die nur mit viel Stahl und Beton realisierbar waren. Stefan Zöllig setzte sich in den Kopf, punktgestützte Flachdecken nur aus Holz zu entwickeln. Anfänglich schien es unmöglich, Kräfte aus Flachdecken direkt in Stützen einzuleiten und ebenso unmöglich, Platten steif miteinander zu verbinden. Nach mehreren Forschungsprojekten mit tausenden von Versuchen entstand daraus TS3, das 2014 als Spin-off und Startup in eine eigene AG ausgelagert wurde. TS3 entwickelt, patentiert und lizenziert Technologien für punktgestützte Flachdecken aus Holz. Später kamen die Timber Finance Initiative und die Scrimber CSC AG dazu. Die Gruppe beschäftigt heute rund 80 Mitarbeiter.
Was und wie hast du den STE vor deinem Präsidium wahrgenommen?
Urs Steinmann hatte mit Absolventen des ersten Jahrganges einen Verein gegründet. Dies war vor allem ein Ehemaligenverein. Später übernahm Reinhard Wiederkehr das Präsidium und ich kam in den Vorstand. Wir waren noch stark damit beschäftigt, unseren Status in der Holzbranche zu erlangen. Da schien es uns sinnvoll, uns nicht nur als Ehemaligenverein, sondern uns als Berufsverband aufzustellen. So würden wir wahrgenommen werden und ein Gewicht in der Branche bekommen.
Wie ist es dazu gekommen, dass du das Präsidentenamt beim STE übernommen hast?
Reinhard Wiederkehr hat mich bereits als Nachfolger in den Vorstand geholt. Nach einem Jahr übernahm ich die Position. Sowohl Urs Steinmann wie auch Reinhard Wiederkehr waren schon damals Persönlichkeiten, und ich hatte grossen Respekt vor der Aufgabe. Aber es musste genügen, wenn ich mein Bestes gebe. Man soll etwas richtig anpacken und dann auch wieder richtig loslassen, sodass der nächste die Chance packen kann.
Gab es einen Wandel beim STE während deiner Amtsperiode?
Mit dem vorhandenen Budget waren keine grossen Sprünge möglich. Ich sah also meine Aufgabe zunächst darin, die Kasse aufzupolieren. Dies war mit den Mitgliederbeiträgen alleine wohl noch für einige Jahre nicht zu schaffen. Wir begannen also, Sponsoren aufzutreiben. Bald konnten wir 2/3 des Budgets aus anderen Quellen füttern. Eine andere wichtige Aufgabe war es, unsere Leute in wichtige Positionen zu bringen. Man kannte uns noch nicht, und mancher hatte Mühe, nach dem Studium eine Stelle zu finden. Wo immer also eine Position bei einem Verband oder einer Institution zu besetzen war, nutzten wir unsere Netzwerke. Auch dort, wo Gelder vergeben wurden, wie Fonds etc. Da wir noch nicht so professionell aufgestellt waren und keiner vom Vorstand die Verwaltung in seinem Büro machen wollte, beauftragten wir ein professionelles Verbandsbüro mit einem Geschäftsführer in Bern.
Wir mussten erkennen, dass die anfängliche Loyalität der Mitglieder abnahm. Trat anfänglich noch jeder Diplomierte «selbstverständlich» dem Verband bei, nahm dies mit der Grösse der Schule und des Verbandes ab. Nicht mehr alle traten ein, und es gab auch zunehmend Austritte oder solche, die nicht mehr zahlten und die wir deshalb ausschliessen mussten. Sie sahen den Nutzen des Verbandes nicht mehr. Wir haben aber gemerkt, dass Vergünstigungen wie zum Beispiel vergünstigte Eintritte an Tagungen und Kurse guten Zuspruch fanden. Damit konnten wir den Mitgliederbestand wieder steigern.
Welche Meilensteine wurden während deiner Präsidentschaft im STE gelegt?
Wir hatten etwas Pech mit unserem ersten Namen. Die Abkürzung VSHI für «Verband Schweizer Holzingenieure» wurde bereits vom VSHI, dem «Verband Schweizer Holzimprägnierwerke» verwendet. Wir mussten ihn also ändern und nutzten die Gelegenheit auch gleich für ein neues Erscheinungsbild. So entstand STE Swiss Timber Engineers mit dem heute noch verwendeten Logo. In meine Amtszeit fiel auch die Expo-02, mit vielen herausragenden Holzbauten. Eine Reihe unserer Mitglieder war da beteiligt und wir konnten uns gut präsentieren. 2001 wurde ich in den Lignum-Vorstand gewählt, wo ich die Lignum-Einzelmitglieder und – ohne Auftrag – natürlich auch die Holzingenieure vertreten und vernetzen konnte. In den Ingenieurs-Verbänden der Ingenieure hingegen waren wir schlecht vernetzt. Der SIA akzeptierte nur ETH-Absolventen und keine HTL Abgänger. Wir schlossen uns dann 2003 als Fachgruppe dem STV an. Unser mittlerweile 10-Jahres-Jubiläum feierten wir mit der Inserateserie «Holz mit Kopf», wo wir beispielhafte Ausprägungen unserer Mitglieder zeigten.
Was gab es für grosse Herausforderung im Amt zu bewältigen?
Ich habe gelernt, dass niemand mehr als 10 Zeilen liest. Also musste ich das wichtigste in den Kreisschreiben jeweils in 10 Zeilen packen. Als grosse Herausforderung, aber auch als Freude empfand ich, die jährlichen Generalversammlungen mit Rahmenprogramm vorzubereiten. Einzelne Mitglieder äusserten sich jeweils sehr kritisch an der GV, sodass wir uns im Vorfeld jeweils gut überlegen mussten, was wir bringen und was nicht. Während meiner Präsidentschaft habe ich etwas (zu) viel Einsatz gezeigt. Entsprechend schwierig war es, einen Nachfolger zu finden, denn kaum jemand traute sich ein solches Engagement zu, auch wenn das überhaupt nicht gefordert wurde. Schliesslich fand sich mit Markus Meili aber ein sehr würdiger und fähiger Nachfolger.
Hast du zu deiner Amtszeit einige lustige Anekdoten oder schöne Erinnerungen, die dir einfallen?
Im Sommer machten wir jeweils eine Vorstandssitzung im Bootshaus meiner Schwiegereltern am Thunersee. Es wurde getagt, gebadet und grilliert. Spätnachts musste alles wieder zurück zum Auto, das über ein benachbartes Grundstück zu erreichen war. Ich bat jeden, etwas mitzunehmen und im Auto zu verstauen. Es sei direkt an der Strasse parkiert und offen. Einer kam dann zurück, um erneut etwas zum Auto zu tragen und sagte dann: «Das ist aber schon ein kleines Auto. Muss das wirklich alles da rein?» Nun ja, es war ein Kombi. Ich habe dann gemerkt, dass sie alles in das kleine Auto der Nachbarin gestopft hatten, das ebenfalls offen war. Sie hatten die Heckklappe abmontiert und die Sitze runtergeklappt. Hm. Es sah aus, wie wenn Holländer in die Ferien fahren :-). Leise packten wir alles in mein Auto um und stellten das Auto der Nachbarin wieder her.
Gibt es auch unschöne Erinnerungen, die du mit dem Präsidium in Verbindung bringst?
Der Holzbau wie er heute ist, basiert sehr stark auf dem Forschungsprojekt «Brandsicherheit und Holzbau». Für ein solches Projekt benötigt es Weitsicht und diese hatte Edgar Kürsteiner, damaliger Lignum-Direktor mit Banker-Hintergrund. Er ermutigte Reinhard Wiederkehr und Josef Kolb, ein vergleichsweise riesiges Projekt zu kreieren und die Finanzierung von 8 Mio. CHF auf die Beine stellen. Dies trug massgeblich dazu bei, die Brandschutznorm 2005 für den Holzbau positiv zu beeinflussen. Damit wurden bis zu 6-geschossige Holzbauten möglich, und wenn man bedenkt, dass der grösste Teil aller Gebäude weniger als 6 Geschosse hoch ist, so war es dieses Projekt, das dem Holzbau zum Durchbruch verhalf. Es war mir unverständlich, dass sich Edgar Kürsteiner und die Lignum wegen Differenzen danach trennten, obwohl er solch einen Fortschritt in der Branche herbeigeführt hatte. Er hatte die Weitsicht für solch ein Projekt und keine Angst vor grossen Zahlen. Er dachte vom Ziel her: «was wollen wir erreichen?», anstatt vom Start her: «wer bin ich und was kann ich?» Ich empfand seinen Abgang als sehr schmerzhaft.
Aus welchem Grund hast du das Amt als Präsidenten niedergelegt?
Ich war 6 Jahre Präsident und hatte das Gefühl, dass ich mein «Pulver» verschossen hatte und es Zeit für neue Kräfte wäre. Dabei half meine vorerwähnte Überzeugung, man solle etwas richtig anpacken und dann auch wieder richtig loslassen.
Hast du für die Zukunft des STE einen Wunsch, Erwartung oder auch eine Hoffnung?
Der STE ist auf einem guten Weg. Zu meiner Zeit waren wir «nur» ein Personen-Verband. Dies wurde uns bei der Lignum auch angekreidet. Wir seien ein Arbeitnehmerverband, also eine Gewerkschaft. Die anderen in der Lignum vertretenen Verbände seien aber Arbeitgeberverbände. Deshalb ist es nur folgerichtig, die mittlerweile erstarkten Ingenieurs-Unternehmungen im STE-AoC zu bündeln und zum Lignum-Trägerverband zu machen. Auch wenn ich den Eindruck habe, dass Arbeitnehmer-/Arbeitgeber-Thema sei bei uns nicht so relevant, sondern eher das Fachliche.
Beim Brandschutz wäre es mein Wunsch, die unsinnige Kapselung wegzubringen. Kurz gesagt: Grips rein, Kapselung raus.
Wo siehst du Schwierigkeiten und Risiken, die auf den STE zusteuern?
Wer heute als Verband seine Mitgliederzahlen halten kann, ist sensationell gut. Früher ging man in den Verband, um an aktuelle Informationen zu gelangen. Heute sind die meisten Informationen jederzeit und kostenlos im Internet verfügbar. Ich wünsche dem STE, dass er seine Mitgliederzahlen nicht nur halten, sondern ausbauen kann, um uns Ingenieure repräsentativ zu vertreten. Ich bin bereit, meinen Teil dazu beizutragen. Nicht mit direkter Mitarbeit, da gibt es genügend junge, die es besser können, aber bei Kontakten, Verbindungen herstellen, Mitmachen beim STE AoC oder Mitarbeiter freistellen für Verbandstätigkeiten. Ich glaube daran, dass wir zusammen mehr erreichen als jeder alleine.
Wo sieht du den STE in 10 Jahren?
Weitgehend gleich wie heute. Er hat einen Vorstand, der lässige Projekte durchführt und eine Studentenvertretung, der den Kontakt zu den Schulen aufrecht erhält. Er hat mit seinen Ideen und seinem Geist eine wesentliche Bedeutung in der Lignum, beim SIA und beim STV. Heute beträgt der Anteil der Holzbauingenieure vielleicht 2-4%. In 10 Jahren wird der Marktanteil des Holzbaus auf 20-30% gestiegen sein. Dasselbe wünsche ich mir auch bei den Holzbau-Ingenieuren und somit dem STE. Mit etwas anderem als mit Holz tragende Bauteile zu bauen macht ja auch keinen Sinn, oder?
Ein Anliegen hätte ich noch, weiss aber nicht, wie dies zu erfüllen wäre. Alle reden vom Fachkräftemangel. Wir bei Timbatec konnten bisher dazu nur lächeln. Wir konnten immer genügend Praktikanten und Mitarbeiter rekrutieren, auch wenn viele BFH-Abgänger zu anderen Firmen oder ins Ausland gingen, um dort Erfahrungen zu sammeln. Wenn wir jetzt sehen, wie wenige Studenten sich in Biel einschreiben, sehe ich Engpässe auf uns zukommen. Gleichzeitig fangen die grossen Bauingenieurbüros auch an, Holzbauingenieure einzustellen. Grundsätzlich wäre es ja eine gute Entwicklung, wenn die Holzbranche genügend Fachkräfte zur Verfügung stellen könnte, denn damit würde sich auch der Marktanteil des Holzbaus rascher entwickeln. Aber gleichzeitig wachsen auch unsere Ingenieurbüros stark und benötigen den Nachwuchs selbst. Wenn der STE hier den Nachwuchs fördern könnte, wäre das super. Wir müssen nicht den Zimmermann zum Holzbauingenieur fördern, das kommt von selbst. Aber wir müssen schauen, dass genügend Jugendliche den Beruf des Zimmermanns lernen. Die Holzbaubetriebe brauchen ja auch weiterhin gute Leute. Und: Aus einem Ingenieur kann alles werden, auch ein Betriebswirtschafter und Unternehmensführer. Aber aus einem Betriebswirtschaftler kann nie ein Ingenieur werden.
Wenn du ein Baum oder ein Holz wärst, welches ist dies und weshalb?
«Kriesi». Das kommt aus meiner Jugend als Bauernsohn und meiner Lehrzeit. Kirschen sind fein «lacht». Beim Pflücken muss man durchhalten bis der Kratten voll ist. Das Holz ist schön, und es kann alle Farben haben ausser Blau. Ja es gibt vielleicht auch blau «lacht».
Wenn du eine Holzbearbeitungsmaschine wärst, welche wäre das und weshalb?
Spontan am ehesten: ein Stechbeitel. Damit kann man etwas Genaues herstellen und er ist sehr flexibel. Er muss einfach «hauen» «lacht».
Ein Interview von Alois Räber vom Juni 2022.