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Mit seiner Serie «Leben in Tokyo» versucht Silvan Binotto das Leben in der japanischen Metropole besser zu verstehen. Seine Fotos sind digitale Montagen. «Die Verfälschung ist Absicht und betrifft gelegentlich den Bildinhalt, immer aber die Komposition des Bildes», schreibt der Fotograf.
Die Montage sei grundlegend für seine Arbeitsweise, schreibt der Zürcher Fotograf Silvano Binotto. «Die Fotografie ist für mich Mittel zum Zweck. Das heisst, wenn ich Aufnahmen mache, entstehen diese immer bereits mit der Überlegung, wie sie anschliessend bearbeitet und zusammengefügt werden.»
Die Verfälschung sei Absicht. Sie betreffe gelegentlich den Bildinhalt, immer aber die Komposition des Bildes. «Die Perspektive wird bei der Arbeit abgeschwächt, steile und stürzende Linien entzerrt sowie die Aufsicht der Bodenfläche reduziert», präzisiert Binotto. «Es geht nicht um ein Verbessern der Perspektive, sondern um das Gestalten eines Bildes als zweidimensionales Objekt.»
Beim hier gezeigten Bild handelt es sich um eine Szene im Yoyogi-Park im Zentrum Tokyos. Den Fotografen hat das Bild an «Zwei Männer betrachten den Mond» von Caspar David Friedrich erinnert. Binotto schreibt: «Zwei in Mäntel gekleidete Personen stehen unter einem Baum im Gegenlicht. Die Situation wirkt bei schneller Betrachtung romantisch. Schaut man genauer hin, erkennt man eine Tasche mit einer Kamera darauf, und bei der rückseitig gesehenen Figur sieht man einen Kameragurt am Arm herunterhängen. Das Bild zeigt also nicht ein romantisches Liebespaar, sondern vermutlich zwei Bekannte, die sich auf einer Fototour befinden.»
Das Bild gehört zu einer Serie langer, hochformatiger Fotos. Die Bilder dieser vertikalen Serie bestehen gemäss Silvan Binotto im Schnitt aus drei bis vier Fotos. «Der untere Bildteil wurde dabei jeweils aus einer anderen Höhe aufgenommen als der obere Teil. Dadurch wird die Bodenfläche kleiner und die Komposition lässt einen anderen Bildbeschnitt zu», schreibt der Fotograf. So konnte er zum Beispiel das Bild aus dem Park näher an den Baumwurzeln schneiden. «Dadurch wird der Baum zu einem grafischen Element, welches das Bild fasst.»
Das hohe Format habe sich im Prozess ergeben: «Zu Beginn meines Japanaufenthalts habe ich mich vor allem mit grossen Kompositionen beschäftigt. Als Teil eines grösseren Bildes entstehen unter anderem diese hochformatigen Bilder. Da in vielen Situationen ein grösseres Bild an sich nicht nötig ist, habe ich mich entschieden, kleinere Szenen mit dieser Methode einzufangen.»
Die Ähnlichkeit mit Formaten der traditionellen Tuschmalerei und des Ukiyo-e seien seien ihm mir zwar bewusst gewesen, stünden jedoch nicht im Vordergrund. «Wichtiger war mir, dass die Menschen als kleiner Teil von etwas Grösserem wahrgenommen werden.»
«Leben in Tokyo» ist noch bis am 4. Dezember 2021 in der Galerie 94 in Baden ausgestellt.