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Warum finden sich Menschen zu politischen Gemeinschaften zusammen? Aristoteles ging davon aus, dass der Mensch ein soziales Tier sei und sich deshalb von Natur aus politisch organisiere. Mit ihrem Gedankenexperiment des Naturzustandes, aus dem sich die Menschen in einem (zunehmend demokratischeren und verfassungsnormierteren) Staat verbinden, legitimierten die Sozialvertragstheorien von Hobbes bis Rawls eher eine politische Organisationsform, als dass sie diese wissenschaftlich erklärten. Ein mächtiges empirisches Gegenprojekt markierte die schottische Aufklärung mit ihrer Vier-Stadien-Theorie, nach der sich die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, und vor allem des Eigentums, in vier Stadien entwickelt: Jäger/Sammler, Hirten, (sesshafte) Agrikultur, Handel.
In Unkenntnis dieser schottischen Vorläufer beleuchtet nun Francis Fukuyama im ersten Band von «The Origins of Political Order» Entstehung, Entwicklung und Verfall politischer Ordnungen ebenfalls in vier Stadien: von den Horden über die Stämme zu den Stammesfürstentümern, zu den Staaten. Dabei verpflichtet sich Fukuyamas Antwort einer kulturell-institutionell angereicherten Evolutionstheorie: ihn interessieren die Faktoren, die es der Menschheit erlaubten, mittels des einen Prozents DNA, das sie von den bereits zu elementaren Formen der sozialen Kooperation fähigen Schimpansen unterscheidet, die entsprechenden Entwicklungsstufen zu durchlaufen. Zu den Verwandtschaftsverhältnissen und dem durch sie induzierten, entsprechend abgestuften gegenseitigen Altruismus kommen nach Fukuyama als weitere Faktoren hinzu: die Sprache mit ihren Abstraktions- und Speichermöglichkeiten, ein normengeleitetes Verhalten aus emotionalem Antrieb und transportiert durch mentale und rituell-religiöse Modelle, später auch durch Ideologie, sowie die hegelianisch inspirierte Suche nach Anerkennung.
Den ersten zentralisierten, meritokratisch und professionell verwalteten Staat finden wir in China; er wurde unter Aufwand enormer physischer Gewalt für eine neue Kriegsführung mit entsprechender Steuererhebung geschaffen. Indien hingegen ging den Weg einer gewollt durch Religion geschwächten politischen Ordnung, hat aber erste Ansätze einer rule of law. In (West-)Europa schuf das Christentum mit dem Lehenskontrakt, dem Zölibat und der vergleichsweise höheren rechtlichen und sozialen Stellung der Frau die Voraussetzungen für einen Staat, dem Rechtsfrieden mehr bedeutete als militärische Eroberung. Aber erst mit der Rechenschaftspflicht der Herrschenden, ob moralisch (Fürstenspiegel) oder in demokratisch-konstitutionellen Verfahren, sind die institutionellen Charakteristika moderner Staatlichkeit komplett.
Fukuyamas Sekundärquellen füllen Bibliotheken und seine Ambition ist gewaltig. Trotzdem gelingt es ihm, ein kohärentes und eindrücklich vergleichendes Gesamtbild zu vermitteln, ohne dabei ins Allgemeine abzugleiten. Gegen vereinfachende Monokausalitäten stellt er multifaktorielle Wechselwirkungen, die gleichzeitig auch die Varianz der möglichen Entwicklungen erweitern. Entgegen einer Vermutung, die man aus der Lektüre von «Ende der Geschichte» haben könnte, hat die herausgearbeitete Entwicklung politischer Ordnungen keine Finalität oder gar Perfektibilität. Natürlich lebt es sich heute ökonomisch, gesellschaftlich und politisch besser als in früheren Zeiten. Jeder Fortschritt kann aber unter extremen Bedingungen mit einem Rückfall in weniger zivilisierte Stadien oder Formen politischer Ordnung wieder zunichte gemacht werden. Konsequent warnt Fukuyama dann auch vor der Rückkehr der Stammesherrschaft sowie linken wie rechten «Phantasien» von «minimal or no-government societies». Und: der Zerfall von Staaten, historisch keine Seltenheit, tritt Fukuyama zufolge genau dann ein, wenn Institutionen sich wegen der ihnen inhärenten Rigidität und der Bewahrung durch organisierte Interessen nicht mehr den veränderten Bedingungen anpassen.