Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03252.jsonl.gz/1321

Seit drei Monaten wütet die Cholera in dem vor einem Jahr von einem schweren Erdbeben heimgesuchten Haiti. Die Lage ist katastrophal. In Grand-Goâve haben Schweizer Organisationen ein Modell-Dispositiv aufgezogen, um die Krankheit zu bekämpfen.
Marie-Claude kennt das Empfangszelt des Cholera-Behandlungszentrums Grand-Goâve bereits zu gut.
Es ist nun schon das zweite Mal in weniger als einer Woche, in der sie ein Familienmitglied ins Zentrum begleiten muss.
Heute ist es ihr Vater, der auf einem behelfsmässigen Holzbett liegt, das lediglich mit einer Plastikplane mit einem Loch in der Mitte bedeckt ist.
Unter der Öffnung im Bett füllt sich der Eimer fast ununterbrochen mit schaumigen Exkrementen, die aussehen wie das schaumige Wasser, das beim Kochen von Reis entsteht – eines der Symptome der Cholera.
Dank der Infusion mit einer Salzlösung, die den Verlust von 15 bis 20 Litern Wasser pro Tag kompensiert, sollte der Vater von Marie-Claude in drei bis vier Tagen wieder auf den Beinen stehen können.
Wie auch das Dutzend anderer Patienten, die sich täglich im Zentrum melden, das einer Bevölkerung von 110'000 Menschen in der Region Grand-Goâve zur Verfügung steht.
In dieser Küstenstadt 50 Kilometer westlich von Port-au-Prince hatte das Erdbeben vom 12. Januar 2010 eine verheerende Wirkung.
Krankheit der Angst
In Grand-Goâve traten die ersten Fälle von Cholera Mitte November auf. Es handelte sich um zwei Personen, die aus der Region Artibonite kamen, in der die ersten Menschen vom Bakterium Vibrio cholerae befallen worden waren. Dieses war vermutlich von nepalesischen Soldaten der UNO-Friedenstruppe MINUSTAH ins Land eingeschleppt worden.
Nach vier Tagen im Spital konnten diese beiden Patienten wieder nach Hause. Doch einer der beiden starb kurz danach. "Aber nicht an der Cholera", unterstreicht Milord Jean Webert Jocelyn, der Zivilschutz-Delegierte der Stadt. "Seine Angehörigen schoben ihn in eine Hütte ab, wo er wohl an Hunger oder Durst gestorben ist."
Danach hat sich, wie im ganzen Land, die Krankheit rasend ausgebreitet; sie profitierte von sehr "günstigen" Bedingungen: Kein abgefülltes Trinkwasser, fehlende Latrinen, ungesunde Verhältnisse und Promiskuität in den Flüchtlingslagern, Unterernährung.
Dazu kommt eine ganze Serie von diffusen Ängsten und Befürchtungen, die in Haiti gegenüber der bisher unbekannten Krankheit grassieren. Um diese kulturell bedingten Ängste in der Gesellschaft auszuräumen, sind enorme Anstrengungen zur Sensibilisierung und Prävention unternommen worden.
Aufrufe am Radio, Diskussionsgruppen in der Gemeindepflege, Plakate, die die Bevölkerung dazu aufrufen, ihre eigenen Massnahmen zum Ausgleichen der Flüssigkeitsdefizite zu treffen: Eine wichtige Entmystifizierungs-Kampagne, bevor Behandlungszentren gegen die Krankheit eingerichtet werden.
Rasch Verantwortung übernommen
Seit 15 Jahren in der Region tätig ist die Organisation Médecins du Monde Suisse. Sie ist derzeit Dreh- und Angelpunkt im Kampf gegen die Krankheit.
"Unsere profunde Landeskenntnis, die sehr gute Zusammenarbeit mit anderen Nichtregierungs-Organisationen (NGO) und die zahlreichen Netzwerke, über die wir verfügen, haben uns bis jetzt erlaubt, die Epidemie einzudämmen und – anders als im Norden des Landes – gewalttätige Angriffe gegen unsere Behandlungszentren zu verhindern", sagt Hervé Manaud, Verantwortlicher des Zentrums in Grand-Goâve.
Die Präsenz zahlreicher humanitärer Organisationen in der Region erlaubte eine rasche Reaktion auf die Epidemie. Das war in Artibonite nicht der Fall, einer Region, die vom Erdbeben nur wenig betroffen war und wo daher keine medizinischen Organisationen tätig waren. Dort hätte ein früheres Eingreifen das Errichten einer sanitären Sperre erlaubt, was die Epidemie vom Rest der Insel hätte fernhalten können.
Einmaliges Konsortium
Das Cholera-Behandlungszentrum (CTC) von Grand-Goâve, in nur zehn Tagen auf 700 Quadratmetern erstellt, kann 85 Patienten aufnehmen.
Fast 100 Personen arbeiten hier. Separate Zelte beherbergen Männer, Frauen und Kinder, die Schwächsten gegenüber der Krankheit.
Dieses Spital aus Zelten ist das Werk einer engen Zusammenarbeit zwischen Médecins du Monde, dem Schweizerischen Roten Kreuz, Terre des Hommes und dem Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe.
"Meines Wissens ist dies das erste Mal in der Geschichte der schweizerischen humanitären Hilfe, dass sich ein solches Konsortium zusammengetan hat, um möglichst rasch auf ein plötzlich aufgetauchtes Problem zu reagieren", sagt Manaud.
Das Dispositiv gilt heute als Modell, und andere NGO kommen oft aus Port-au-Prince vorbei, um sich inspirieren zu lassen.
Trotzdem tauchen täglich Probleme auf. Das dringendste ist der fehlende Zugang zu entlegenen Dörfern in den Hügeln des abgeholzten Hinterlandes. Der lange Transport auf Maultieren endet für Patienten oft tödlich.
Dank der Helikopter, die von der UNO zur Verfügung gestellt werden, ist Médecins du Monde nun daran, verschiedene Behandlungs-Einheiten einzurichten, die Kranke vor Ort vor der Austrocknung schützen sollen.
In der Stadt ist der Zugang leichter, aber die Chauffeure von Motorradtaxis und Bussen sträuben sich oft dagegen, Kranke ins Spital zu bringen.
Mangelnde Unterstützung
Die andere derzeit grosse Sorge ist die Wegräumung der Leichen, die von den Familien oft liegen gelassen werden.
"Es ist die Aufgabe der Behörden, ein Massengrab zu errichten", betont Hervé Manaud, der bisher lediglich drei Tote in seinem Zentrum zu beklagen hat.
Diskussionen sind im Gang, aber die Unterstützung der lokalen Behörden ist nicht leicht zu erhalten.
"Die Cholera ist eine Krankheit, die einen direkten Zusammenhang mit der Armut hat. Niemand hat Lust, dieses Problem anzugehen, besonders nicht in einer Wahlperiode", sagt François Zamparini gegenüber swissinfo.ch. Er ist der Koordinator der Hilfsorganisation Médecins du Monde Schweiz in Haiti.
In der Nachbargemeinde von Petit-Goâve weigern sich die Behörden, ein passendes Terrain zur Verfügung zu stellen, aus Angst vor negativen Folgen beim Urnengang. Am 20. November nannte der für die öffentliche Gesundheit Verantwortliche die Cholera "eine Philosophie". Diese "Philosophie" hat laut dem Gesundheitsministerium seit Mitte Oktober bereits über 3300 Todesopfer gefordert.
Diese Zahl ist laut allen Hilfsorganisationen dabei noch tiefer als die Realität. "Viele Menschen sterben, ohne dass sie jemals eine Krankenstation gesehen haben. Wenn man die Todesopfer in den ländlichen Gemeinden dazu zählt, ist die Zahl gut doppelt oder dreifach so hoch", sagt Manaud. Und für Zamparini "wird die Cholera in Haiti noch während Jahren eine Realität sein".
Cholera in Haiti
Gemäss der jüngsten Bilanz des haitianischen Gesundheitsministeriums sind in der Region von Artibonite seit Mitte Oktober mehr als 3000 Menschen an Cholera gestorben und über 100'000 erkrankt.
Die UNO nennt Zahlen, die deutlich höher liegen. Dr. Martin Weber vom Schweizerischen Roten Kreuz schätzt, dass man diese Zahlen verzehnfachen müsste.
Die Infektion erfolgt meistens über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. Die Bakterien führen zu starkem Durchfall und Erbrechen sowie zu gefährlichem Flüssigkeitsmangel. Ohne Behandlung kann Cholera innerhalb von 4 bis 8 Stunden zum Tod führen.
Eine einfache Behandlung mit Flüssigkeitsersatz (oral oder intravenös) genügt meistens, um Kranke zu heilen.
Für die Prävention sind sauberes Trinkwasser und hygienische Standards unabdingbar. Verschmutztes Wasser kann durch Chlorzusatz entseucht werden.
Gemäss FAO könnte die Cholera Auswirkungen auch auf die Reisernte haben, die im November 2010 bereits durch die Überschwemmungen als Folge des Orkans "Tomas" in Mitleidenschaft gezogen worden war.
Viele Bauern, die befürchten, dass die Flüsse und Bewässerungskanäle infiziert sein könnten, vermeiden es, ihren Reis zu ernten.Infobox Ende
swissinfo.ch