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Adolf Wölfli
Adolf Wölfli kam am 29. Februar 1864 als jüngster Sohn einer verarmten Familie in Bowil zur Welt. Als er 8 Jahre alt war, brachte ihn die Gemeinde zusammen mit der Mutter und weiteren Geschwistern an den Verdingkindermarkt in Schangnau, wo er einem Bauern zugeschlagen wurde. Nach einer gewaltbesetzten Kindheit bei verschiednen Bauern versuchte sich Adolf Wölfli als Knecht, Wanderarbeiter und Taglöhner. 1895 wurde er nach Verbüssung einer Zuchthausstrafe und eines erneuten Rückfalls in die psychiatrische Klinik Waldau in Bern eingewiesen, die er bis zu seinem Tod 1930 nicht mehr verliess. Als Geisteskranker schuf er in 35 Jahren ein immenses künstlerisches Werk, das nach seinem Tod internationale Beachtung fand. Das Leben Adolf Wölflis und seiner Herkunftsfamilie ist ein einzigartiges dokumentiertes Exempel für die politischen, juristischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts mit der gravierenden Verelendung der armen Bevölkerung.
Biografie:
Adolf Wölfli wurde als jüngstes von sieben Kindern am 29. Februar 1864 in Bowil geboren. Der Vater war Maurer ohne feste Arbeit und deshalb häufig nach Arbeit unterwegs. 1870 verliess er die Familie, die Mutter starb 1873. Adolf Wölfli wurde früh Verdingbub bei verschiedenen Bauernfamilien in Schangnau. Überall erlebte er Gewalt und Misshandlung. Als Jugendlicher blieb er weiter Knecht und Taglöhner. 1890 wurde er wegen versuchter Vergewaltigung an einem 5- und einem 14-jährigen Mädchen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Als er drei Jahre nach seiner Entlassung rückfällig wurde, ordnete man eine Untersuchung seiner Zurechnungsunfähigkeit an. In der Psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern wurde die Diagnose Schizophrenie gestellt. Wölfli lebte von 1895 bis zu seinem Tode in der Nervenheilanstalt Waldau. Während seines 35-jährigen Aufenthalts schuf er ein umfassendes Werk aus rund 1460 Zeichnungen, etwa 1560 Collagen und 25.000 zu Heften gebundenen Seiten mit Erzählungen, Gedichten und Musikkompositionen. Das produktive Werk entstand überwiegend in seiner 7-Quadratmeter-Kammer mit Bunt- und Bleistiften auf dünnem, holzhaltigem Makulaturpapier. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art Brut. oder Outsider Art. Sein Psychiater Walter Morgenthaler widmete ihm 1921 das Buch Ein Geisteskranker als Künstler, das erstmals einen an Schizophrenie leidenden Patienten als Künstler ernst nahm. Erst lange nach seinem Tod wurde sein bildnerisches und dichterisches Werk, das sich gängigen ästhetischen Kategorien entzieht, einem breiteren Publikum bekannt. Der französische Maler Jean Dubuffet stellte 1948 120 Zeichnungen Wölflis in der Compagnie de l'Art Brut in Paris aus; auf der Documenta 5 in Kassel 1972 wurde ihm der Bereich Bildnerei der Geisteskranken gewidmet. Wölflis Werk wird seit 1975 in der Adolf Wölfli-Stiftung im Kunstmuseum Bern verwahrt, wissenschaftlich bearbeitet und ausgestellt. Wölfli starb am 6. November 1930 in der Waldau. Sein Grab auf dem Berner Schosshaldenfriedhof ist inzwischen aufgehoben.
Die Geschichte der Familie Wölfli und ihr Niedergang im 19. Jahrhundert
Bettina Hunger hat in ihrer Lizentiatsarbeit 1987 an der historisch-philosophischen Universität Basel diese exemplarisch anhand der vorhandenen Quellen aufgezeichnet. Für das Buch «Adolf Wölfli – Porträt eines produktiven Unfalls» schrieb sie eine überarbeitete Version als Aufsatz. Nachfolgend sind ausschnittweise die wichtigsten Elemente daraus zitiert. Neben eigenem Verschulden durch Kleinkriminalität zeigt sich die zunehmende Verelendung anhand des wirtschaftlichen Wandels, wiederholten Hungersnöten, Ausbeutung, ungenügender Entlöhnung und Straffälligkeit (Diebstahl) aus purer Not. Dazu kamen die extrem engen Schranken des gesellschaftlichen Systems, welche den untersten Klassen weder materielle Sicherheit, soziale Akzeptanz, Unterstützung noch Entwicklungsmöglichkeiten bot. Schon der Vater Wölfli konnte in Zeiten des Mangels sich und seine Familie ohne Stehlen nicht über die Runden bringen. Er wurde dafür mehrfach verurteilt und verbrachte in Abständen insgesamt acht Jahre seines Lebens in Korrektions-Anstalten. Der Beginn einer «Verbrecherkarriere» ging mit dem Preisanstieg für Lebensmittel parallel. So in den Hungerjahren 1816/17, 1844 und 1846/47. Den illegalen Nebenerwerb betrieben Vater und Mutter Wölfli aus purer Not beide. Ihre Kinder wurden früh zum Betteln angehalten. Durch die Industrialisierung und das starke Bevölkerungswachstum entstand im 19. Jahrhundert ein riesiges Heer von Wanderarbeitern ohne festen Wohnsitz, welche auf der Suche nach temporären und saisonalen Arbeitsmöglichkeiten notgedrungen umherziehen musste. Auch Adolf Wölfli und seine Brüder trafen als Jugendliche und Erwachsenen eine ähnlich, trostlose Arbeitswelt an wie der Vater. In den Augen der besseren Gesellschaft waren sie Vaganten. Sie hatten keinen festen Wohnsitz, und niemand war ihnen irgendwie Vorbild. Die Behörden verschärften die Justiz, schufen zahlreiche neue Anstalten, ohne aber dem Problem nur ansatzweise Herr zu werden. Der wirtschaftliche Aufschwung schuf zwar zahlreiche Gewinner, aber eine Vielzahl von Verlierern. Gerade der strukturschwache Kanton Bern und vorab das Emmental gehörten zu den schweizweit am stärksten durch Unterstützungsbedürftige belasteten Gebiete. Am Anfang des 19. Jahrhunderts fanden auch in der Landwirtschaft durch Kunstdünger, Futterbau mit Klee, Esparsette und Luzerne eine Revolution statt, die eine grundlegende Umstellung auf Milchwirtschaft ermöglichte. Was von den Allmenden übrig blieb wurde privatisiert, Flurzwang und kollektiver Weidegang aufgehoben. Diese Bodenreform brachte die arme Bevölkerung um lebensnotwendige Rechte, weil sie aus Allmenden und Gemeindewald vertrieben wurden. Vieh konnte nur noch halten, wer eigenes Land besass. Viele Höfe waren zu klein, um über die Runden zu kommen. Das früher geachtet Recht zum Holzsammeln galt nicht mehr. Holzfrevel wurde nun massiv bestraft. Nach der verheerenden Kartoffelpest lebten1854 15,4% der Bevölkerung oder über 57'000 Menschen im alten Kantonsteil von der Armenfürsorge. Von 1850-1856 wanderten etwa 25'000 Berner nach Übersee aus, und eine noch viel grössere Anzahl liess sich in anderen Kantonen nieder. Trotz neuen Armengesetzen verharrte die Armenfürsorge auf einem hohen Stand. Auch die zahlreichen neuen Strafanstalten waren schnell überfüllt. 1850 wurde die Zwangsarbeitsanstalt Thorberg eröffnet. Neben männlichen und weiblichen Häftlingen, waren dort auch jugendliche Delinquenten und Irreverwahrt. 1872 war der Thorberg zeitweise sogar Familienresidenz der Wölflis als der Vater mit zwei Söhnen dort einsass. 1855 wurde die Irrenanstalt Waldau eröffnet. Ab 1883 St. Johannsen für Erstdelinquenten, 1892 Trachselwald für Jugendliche, 1895 die Irrenanstalt Münsingen und die Strafanstalt Witzwil. 1896 schliesslich die Frauenanstalt in Hindelbank. Ein dichtes Netz für alle Arten von Auffälligkeit. Armut wurde nun auch als Fehlverhalten hinter Anstaltsmauern verbannt. In künstlicher Umgebung lebten Männer und Frauen getrennt, die Kinder ohne die Eltern. Die Armen sollten als Individuen resozialisiert, im Korrektionshaus gebessert und in der Irrenanstalt mit Arbeit therapiert. Doch nach der Entlassung fanden sich die Meisten draussen nicht mehr zurecht. Die Ehen waren zerstört, die Familien zerstreut. Die Rückfallquote hoch. Nun gab es für Manche eine neue Wanderbewegung von Anstalt zu Anstalt. Man verkannte weitgehend die elementaren, sozialen Bedürfnisse dieser Entwurzelten. Statt sie mit geeigneten Modellen auf ein Leben in einer realen Welt hinzuführen, begnügte man sich mit rigiden Mustern von Zucht und Disziplin. Der Arme wurde zum Asozialen und war dadurch prädestiniert für die Internierung. Mit der wachsenden Psychiatrisierung fand auch eine Verschiebung der Klientel von den Juristen zu den Ärzten in die Irrenanstalten statt. Die auffälligsten und störendsten Mitglieder dieser Bevölkerungsschicht wurden aus dem Blick und dem Leben der Sesshaften entfernt. Aber einmal als Wahnsinnige interniert, verliessen die wenigsten Armen die Irrenanstalten wieder. Adolf Wölfli ist beredtes Beispiel dafür. Natürlich ist es hypothetisch, das Leben draussen mit demjenigen als Internierten zu vergleichen. Chancen hatte Adolf Wölfli aber in der realen Welt kaum. Die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen, überhaupt nicht.
Zusammenstellung: Walter Zwahlen