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Lesensarten zu Karl Mays Spätwerk.
Wollschläger hat sich Zeit seines Lebens, und immer mal wieder, mit Karl Mays Spätwerk auseinander gesetzt. Zusammen mit seinem zeitweiligen literarischen Mentor Arno Schmidt darf er dafür verantwortlich gemacht werden, dass May wenigstens ein bisschen, wenigstens für sein Spätwerk, heute nicht mehr als die leicht anrüchige Figur aus Kinder- und Jugendtagen gilt, für die er einmal gehalten wurde. ‘Spätwerk’ – das heisst im Falle Karl Mays alles, was er nach den ersten beiden Bänden von Im Reiche des Silbernen Löwen verfasst hat, so auch die Bände III und IV. Zeitlich lässt sich Mays erste und einzige Reise in den Orient als Wendepunkt festmachen, 1899-1900.
Der vorliegende Band aus Wollschlägers Werkausgabe, herausgegeben von Monika Wollschläger (†) und Gabriele Wolff, ist 2016 bei Wallstein erschienen. Er enthält 8 Essays und Reden Wollschlägers zu Karl May. Der erste Essay (»Herr Karl May von der anderen Seite«. Zur Text-Situation des Silbernen Löwen) ist dabei in Inhalt und Ton (bis hin zum Sprachduktus) völlig Arno Schmidt’sch gehalten. Es handelt sich auch um den frühesten in diesen Band aufgenommenen Essay; er stammt von 1962. Der jüngste Text (und der letzte dieses Bandes) ist ein Vortrag von 1992: »Dieser wunderlichen Erscheinung …«. Karl May zum Jubiläum 1992 – eine Kurzbiografie.
Die lebenslange Beschäftigung Wollschlägers mit Karl May entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Beschäftigung vor allem mit Mays Leben. Wollschläger teilt mit Arno Schmidt die Haltung, dass eine mögliche oder gelungene Interpretation des Werks ad hominem bereit die hohe Qualität des interpretierten Werks garantiere. Dies hat bei Schmidt gar sonderbare Blüten getrieben, war er es doch, der glaubte, Finnegans Wake entschlüsselt zu haben, indem er dieses literarische Monster als familiäre Auseinandersetzung James Joyce’ mit seinem Bruder Stanislas interpretierte. Die Joyce-Forschung hat Schmidts Lesart m.W. nicht einmal in der Abteilung ‘Curiosa’ abgelegt, sondern gänzlich ignoriert. In der May-Forschung hatte Schmidt mit seinen Interpretationen ad hominem mehr Glück – wohl auch, weil er die nicht zu unterschätzende Schützenhilfe von Wollschläger erhielt.
Wollschläger zwar trennte sich in Ton und Inhalt so weit von Arno Schmidt, dass die Verwechslungsgefahr der beiden nicht mehr bestehen konnte. Er begann, in psychoanalytischer Art und Weise zu interpretieren. Das war auch nichts anderes als eine spezielle Form der Interpretation ad hominem, aber sie klang wissenschaftlicher und seriöser als Schmidts Hau-ruck-Methode. Selbstverständlich darf auch bei Wollschläger die Selbstimmunisierung nicht fehlen, die die Psychoanalyse mit jeder Form sektiererischen oder religiösen Argumentation teilt, und so finden wir das beliebte Totschlag-Argument eines jeden Gläubigen auch bei ihm:
Daß die psychoanalytische Methode das literarische Werk wie Anamnesematerial behandelt und ihm Erkenntnisse über das Unbewußte seines Urhebers abzugewinnen weiß, begegnet heute immer noch stark formulierten Einwänden und Widerständen. Deren affektive Besetzung ist freilich zu auffallend, als daß sie nicht mit ihr zugleich entkräftet sein müßten; […] (»Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«. Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays I. S. 115 der vorliegenden Ausgabe).
Dabei verfällt Wollschläger in den typischen Fehler dessen, der aus dem Werk biografische Geheimnisse zu entschlüsseln sucht: Er muss, um überhaupt das Werk mit dem Autor verknüpfen zu können, einige Aussagen des Autors über sich selber unhinterfragt für wahr nehmen. In Wollschlägers Fall ist das vor allem die Blindheit, mit der das Kleinkind Karl gemäss Mays eigenen Angaben geschlagen gewesen sein soll. Wir haben dafür nur Mays eigene Aussagen. Aber wenn andere biografische Aussagen Mays als Teil eines mehr oder weniger psychopathischen Lügengebildes betrachtet werden, so wird dieser Teil von Wollschläger als unumstössliche Tatsache und Ursache der ganzen May’schen psychischen Verfassung betrachtet. Da wird eine Aussage des Ich-Erzählers aus Old Surehand I hinzugezogen, nach der er (der Ich-Erzähler) als Kind jahrelang blind und praktisch bewegungsunfähig gewesen war. Warum diese Aussage eines fiktiven Helden mehr Wahrheit beinhalten soll, als die am gleichen Ort getätigte Aussage, das er (der Ich-Erzähler) sich ungemein darüber freute, über die Prärie zu reiten, mit der wehenden braunen Haarmähne eines Old Surehand auf der einen, der ebenso wehenden weissen Haarpracht des Old Wabble auf der andern Seite – warum wir also Karl May nicht gleich seine ganzen Wild-West-Radomontaden glauben sollen – der Interpret schweigt darüber. Auch diese selektive Betrachtung des Materials teilt die Psychoanalyse mit andern religiösen und pseudowissenschaftlichen Sekten.
Im übrigen ist die Berücksichtigung eines May-Romans, der im Wilden Westen handelt, eine Ausnahme im Rahmen der vorliegenden Essays. Mays Orient taugt offenbar viel besser als Projektionsfläche. Ich will nicht leugnen, dass May vor allem die Bände III und IV des Silbernen Löwen unter grossem, von aussen verursachtem psychischem Stress verfasst hat, und dass er die Möglichkeit wahrgenommen hat, unter dem Deckmantel literarischer Figuren mit seinen journalistischen Gegnern abzurechnen. Das macht aber noch keine grosse Literatur aus. Und wenn May in einer Figur einen feindlichen Redaktur abgebildet haben soll – was Wollschlägers Interpretation stärkt – so muss er (Wollschläger) doch zugeben, dass Schmidts Interpretation dieser Figur als eine Auseinandersetzung mit Nietzsche ebenso stimmt. Das wird für eine psychoanalytische Interpretation ad hominem schwierig, weil es keinen analytischen Grund gibt, weshalb sich May mit Nietzsche auseinander setzen sollte, und man spürt Wollschlägers Unbehagen angesichts dieser für ihn doch unumstösslichen Tatsache.
Der gelungenste Artikel in diesem Band ist vielleicht »Sieg – Großer Sieg – – «: wo sich Wollschläger an die Ereignisse rund um Mays letzte, pazifistische Rede in Wien herantastet. Dieser Artikel ist gelungen nicht nur, weil Wollschläger sich hier der psychoanalytischen Volten so ziemlich enthält. Er ist vor allem gelungen, weil May hier einen Zeitgenossen Mays zu Worte kommen lässt, den Wiener Robert Müller mit einem Essay zu May und einem Nachruf zu May. Über den Literaten Müller gerät May dann plötzlich in die Nähe der damaligen literarischen Avant-Garde Wiens. Leider wird dieser Punkt nicht weiter verfolgt; der gemeinsame Nenner mag auch ganz banal Mays Alters-Pazifismus gewesen sein.
Fazit: Wollschlägers Versuch, Mays Spätwerk als literarisch wertvoll zu retten, muss als gescheitert betrachtet werden. Jeder, der von Literatur mehr erwartet, als die Lieferung von Schlüsselromanen, wird unbefriedigt zurück gelassen. Arno Schmidt und Hans Wollschläger haben der Karl-May-Philologie ans Tageslicht geholfen; sie haben sie aber mit ihrer Einschränkung aufs biografische Lesen auch zugleich verkrüppelt.