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Der Tsunami hat in Sri Lanka 40'000 Tote gefordert, auf den Malediven "nur" deren 100. Doch wirtschaftlich war der Schaden auf den Malediven proportional grösser.
Das sagt Bernardino Regazzoni, Schweizer Botschafter in Sri Lanka, im Gespräch mit swissinfo ein Jahr nach dem Tsunami. Der ethnische Konflikt bleibt das Hauptproblem.
swissinfo: Herr Botschafter, welche Erinnerung haben Sie an die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004?
Bernardino Regazzoni: Ich erinnere mich sehr gut, denn ich war selber zu diesem Zeitpunkt in Sri Lanka am Meer. Diese Welle – das war ein schreckliches Naturereignis.
swissinfo: In der Schweiz hatte sich angesichts dieser Naturkatastrophe grosse Betroffenheit breit gemacht und eine Spendenflut eingesetzt. Können Sie versichern, dass die Spendengelder, zumindest was Sri Lanka angeht, gut eingesetzt werden?
B.R.: Ich kann nur für den Teil sprechen, der von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und vom Konsortium der Schweizer Nichtregierungs-Organisationen (NGO) ausgegeben wird, das Mittel von der Glückskette erhält. Ich kann bestätigen, dass die Hilfsgelder äusserst zufrieden stellend eingesetzt werden. Dies trifft auf die Qualität der Hilfsleistungen zu, aber auch auf die Geschwindigkeit, mit der diese erbracht werden.
Aber es ist klar: Der Wiederaufbau ist ein mittel- und langfristiger Prozess über mehrere Jahre. In den beiden Distrikten, in denen wir besonders aktiv sind – Matara und Trincomalee -, haben wir bis anhin einen guten Stand beim Wiederaufbau erreicht: ca. 50 bis 60 Prozent.
swissinfo: Trotzdem sind viele Klagen zu hören, wonach ein Jahr nach dem Tsunami zu wenig Häuser bezugsbereit sind.
B.R.: Bei einer Naturkatastrophe wie dem Tsunami muss zuerst Not- und Überlebenshilfe geleistet werden. Wir haben uns daran beteiligt. Aber der Wiederaufbau ist wie gesagt ein langfristiges Projekt. In Sri Lanka geht man davon aus, dass 100'000 Häuser neu gebaut werden müssen. Das geht nicht von heute auf morgen.
swissinfo: Der Tsunami hat auf Sri Lanka mehrere Hundert Kilometer Küste verwüstet und Tausende von Menschenleben gekostet. Trotzdem scheint die Wirtschaft des Landes unter dieser Katastrophe nicht besonders stark zu leiden.
B.R.: 40'000 Tote in einer Viertelstunde: Das ist und bleibt eine menschliche Tragödie von riesigem Ausmass. Aber es stimmt, dass territorial "nur" vier Prozent des Landes betroffen waren. Und der Schaden für die Wirtschaft ist eher gering – gerade mal fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts.
Aber es gibt Wirtschaftsbereiche, die stärker als andere betroffen waren und sind, insbesondere der Tourismus. In diesem Bereich hat man fast alles wieder aufgebaut. Dazu kommt die Fischerei. Die Fischer wurden vom Tsunami am härtesten getroffen. Sie verloren in der Regel Familienangehörige, aber auch ihre Produktionsmittel wie Boote und Netze.
swissinfo: Sie sind auch für die Malediven zuständig. Wie sieht es dort aus?
B.R.: Auf den Malediven ist der "menschliche Schaden", wenn man das überhaupt so sagen darf, zum Glück eher gering ausgefallen. Es gab etwa hundert Tote. Dafür entstand ein enormer wirtschaftlicher Schaden, der 62 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreicht – eine wirtschaftliche Tragödie für das Land.
swissinfo: Liest man die Zeitungen auf Sri Lanka, scheint der Tsunami keine besondere Bedeutung zu spielen. Dafür ist der ethnische Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen omnipräsent.
B.R.: Dieser Konflikt ist zweifellos das wichtigste Thema im Land seit mehr als 20 Jahren. Und eine politische Lösung ist leider nicht in Sicht. Ich bin aber überzeugt: Erst wenn dieser ethnische Konflikt gelöst ist, kann dieses Land sein ganzes Potenzial entfalten. Denn viele Ressourcen liegen heute wegen dieses schweren Konfliktes brach.
swissinfo: Norwegen hat im Friedensprozess auf Sri Lanka die Rolle des offiziellen Vermittlers ("facilitator"). Was kann die Schweiz tun?
B.R.: Die Schweiz kann zusammen mit anderen Ländern diesen Prozess begleiten. Insbesondere kann unser Land in Bereichen aktiv werden, in denen wir besondere Kompetenzen haben. In unserem Fall ist das die Thematik Föderalismus. Wir müssen aufzeigen, dass die Dezentralisierung von Macht zur Entschärfung oder gar Lösung des Konflikts beitragen kann.
Auch die Suche nach geeigneten Mitteln für die Einhaltung der Menschenrechte kann den Respekt für die Vereinbarungen des Waffenstillstands-Abkommens verbessern.
swissinfo-Interview: Gerhard Lob, Colombo
Fakten
Bernardino Regazzoni ist 48-jährig.
Aufgewachsen in Lugano.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Regazzoni ist seit September 2002 Schweizer Botschafter in Sri Lanka und für die Malediven.
In Kürze
Im Rahmen der Hilfsleistungen ist Sri Lanka aus Schweizer Sicht ein Schwerpunktland. Mehr als 100 Millionen Franken an Wiederaufbauhilfe sollen allein aus der Schweiz nach Sri Lanka fliessen.
Aus der Schweiz sind etliche grosse Hilfswerke (SRK, Caritas, Helvetas, HEKS) vor Ort, ausserdem die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und Vertreter privater Initiativen.
Sri Lanka hat nicht nur unter den Tsunami-Folgen zu leiden, sondern auch unter einem ethnischen Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen. Seit 2002 gibt es nach einem 20-jährigen Bürgerkrieg einen brüchigen Waffenstillstand. Die Schweiz engagiert sich für einen Frieden.