Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/1946

mehr
zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege und Morde, wie viel Elend und Greuel hätte der dem Menschengeschlecht erspart, der da die Pfähle ausgerissen oder die Gräben zugeschüttet und jenen Menschen zugerufen hätte: Hütet euch, diesem Betrüger zu glauben, ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde niemand.» Die einflußreichsten und bedeutendsten Socialisten vor und zur Zeit der großen Französischen Revolution sind Morelly, Mably, Brissot und Babeuf.
Morelly, der Verfasser der Utopie «Naufrage des îles flottantes», war wegen dieser Schrift von der Kritik heftig befehdet worden und antwortete durch das 1755 erschienene Buch «Code de la nature», worin er das Eigentum heftig angreift, weil es die Quelle [* 2] aller Laster, insbesondere des Hochmuts und des Eigennutzes sei; er verlangt eine kommunistisch organisierte Gesellschaft und stellt den Grundsatz auf: «Tout citoyen sera homme public, sustenté, entretenu et occupé aux dépens du public».
Mably (s. d.) preist in seinen Werken «Doutes proposés aux philosophes - économistes sur l'ordre naturel et essentiel de sociétés publiques» (1768) und «De la législation ou principes des lois» (1776) die Vorzüge der Gütergemeinschaft. Auf den Einwand, daß das persönliche Interesse notwendig sei als Triebfeder zu emsiger wirtschaftlicher Thätigkeit, antwortet Mably mit der Lehre [* 3] von der dem Menschen angeborenen Neigung zur Arbeit. J. P. Brissot de Warville bezeichnet bereits 1780, also 60 Jahre vor dem von Proudhon verfaßten Buch über das Eigentum, in seiner Schrift «Sur la propriété et le vol» das Eigentum als Diebstahl. Das Maß unserer Bedürfnisse, erklärt Brissot, muß das unsers Vermögens sein, und wenn 40 Thlr. hinreichen, um unsere Existenz zu erhalten, so ist der Besitz von 200 Thlrn. ein Diebstahl, eine Ungerechtigkeit. - Babeuf hat nicht nur während der Revolution die vollkommene Gleichheit auch des Besitzes als die einzig richtige und letzte Konsequenz der Egalität verkündet, sondern auch einen praktischen Versuch zur Verwirklichung seiner Ideen unternommen, indem er mit seinen Freunden, den «Gleichen», wie sie sich nannten, 1795 eine geheime Gesellschaft gründete zum Sturze der Direktorialregierung und zur Verwirklichung der neuen socialen Principien. Schon war alles zum Losschlagen bereit, als die Verschwörung verraten, Babeuf nebst seinen Helfershelfern verhaftet und hingerichtet wurde. (S. Babeuf und Buonarotti.)
Alle bisher genannten socialistischen Systeme können jedoch nur als Vorläufer des modernen wissenschaftlichen S. bezeichnet werden; dieser selbst aber ist erst um die Wende unsers Jahrhunderts zuerst in Frankreich zur Ausbildung gelangt. Von franz. Socialisten seien namentlich genannt: Saint-Simon, Fourier, Cabet, Louis Blanc und Proudhon.
Saint-Simon wies besonders, namentlich in seiner zuerst im «Organisateur» (1819) veröffentlichten Parabel [* 4] auf den Gegensatz zwischen dem unproduktiven Adel und Klerus einerseits und den produktiven Ständen (Landwirtschaft, Industrie und Handel) andererseits hin. Er wollte die Arbeit im weitesten Sinne des Wortes gegenüber den auf Besitz beruhenden Privilegien als die wichtigste Quelle alles kulturellen Fortschritts betrachtet wissen. Näheres s. Saint-Simon.
Seine und seiner Schüler Lehre (s. Enfantin und Bazard) ist der Saint-Simonismus (s. d.). Zins und Rente bezeichnen die Saint-Simonisten als eine Prämie, die der Eigentümer von der Arbeit anderer erhebe; das Eigentum bewirke die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die praktischen Reformvorschläge laufen darauf hinaus, daß eine allgemeine Association aller Menschen auf der Erde angestrebt werden solle; trotzdem sollen aber die einzelnen Staaten bestehen bleiben, und diese sollen die Regelung der gesamten Produktion und Konsumtion in die Hand [* 5] nehmen.
Eine Centralbank soll die Verfügung über allen Boden und alle Kapitalien haben; diese Bank hat alle gewerblichen und kaufmännischen Arbeiten zu verteilen und zu beaufsichtigen und dafür zu sorgen, daß die Produktionsmittel an diejenigen übertragen werden, die sie am besten verwenden können; sie hat den Bedarf an allen Produktionszweigen zu ermitteln und danach die Produktion einzurichten. Ferner sollte die Erbschaft aufgehoben werden; jeder sollte nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Leistungen bezahlt werden.
Bemerkenswert ist noch der theokratische Charakter des Saint-Simonismus. Neben Saint-Simon hat Fourier (s. d.) großen Einfluß auf die socialistische Ideenrichtung ausgeübt; schon in seiner Erstlingsschrift «Théorie des quatre mouvements» (1808) hatte Fourier das privatwirtschaftliche System scharf kritisiert und speciell die Kaufleute und die Zwischenhändler als Ausbeuter bezeichnet. In seinen Werken finden sich geistreiche und scharfsinnige kritische Bemerkungen neben vielen Bizarrerien und ganz wirren Ausführungen.
Von Fourier ist zuerst das «Recht auf Arbeit» (s. d.) in seiner heutigen Bedeutung vertreten worden. Er führt eine heftige Polemik gegen die Theorie von den angeborenen Menschenrechten in bloß polit. Beziehung, da die ökonomischen Grundrechte weit größere Bedeutung für die großen Volksmassen hätten. Im Naturzustand habe der Wilde das Recht, überall nach seinem Ermessen zu jagen, zu fischen, Früchte zu sammeln und sein Vieh zu weiden. In einem socialen Zustand, wo die Natur bereits occupiert ist, lasse sich freilich die Ausübung dieser vier ökonomischen Grundrechte nicht denken, dagegen müsse an die Stelle derselben ein Äquivalent treten.
Dieses Äquivalent nennt Fourier bald Recht auf Arbeit, bald Recht auf ein Existenzminimum. In Bezug auf die praktische Reform der Gesellschaft schlägt Fourier vor, daß die Menschen in großen, gemeinsamen Häusern wohnen sollen, den sog. Phalanstères (s. d.); dort sollen nach gemeinsamem, bis ins kleinste Detail gehendem Plane alle häuslichen, gewerblichen, wissenschaftlichen und kaufmännischen Arbeiten so organisiert werden, daß die Triebe der Menschen ihre harmonische Befriedigung finden und gleichzeitig den größten Produktionsertrag versprechen.
Doch soll nicht völlige Gleichheit in den Phalansterien herrschen. Vielmehr soll der Arbeitsertrag zwischen dem Kapital, der Arbeit und dem Talent geteilt werden und zwar etwa so, daß auf das Kapital 4/12, auf die Arbeit 5/12 und auf das Talent 3/12 des Gesamtertrags entfällt. Eine gute Übersicht über den Fourierismus gab sein Schüler Considérant (s. d.). Dagegen war das von Cabet angestrebte Ideal die völlige Gütergemeinschaft, die er näher in seiner Utopie «Voyage en Icarie» (1842) beschreibt. Die Icarier sollen weder Eigentum noch Geld, weder Kauf noch Verkauf kennen; sie sollen in allem gleich sein, soweit sich dies überhaupt ermöglichen läßt. Alle sollen ¶
mehr
für die Gemeinschaft arbeiten; diese erhält auch alle Produkte des Ackerbaues und der Industrie und verteilt sie gleichmäßig unter alle Bürger; sie ist es, die alle nährt, kleidet, unterrichtet, die allen liefert, was sie bedürfen, erst das Notwendige, dann das Nützliche, endlich das Angenehme. Über seinen Versuch, sein System zu verwirklichen, s. Cabet.
Von sehr großem Einfluß auf die Ereignisse der Februarrevolution und die ihr folgende Arbeiterbewegung waren namentlich die Theorien von Louis Blanc und Proudhon. Louis Blanc (s. d.) gehörte zu einer Gruppe von jungen Leuten, welche sich nach der Julirevolution (1830) um Philipp Buonarotti, den Genossen Babeufs, gesammelt hatten. Er erblickte die Hauptquelle alles Übels in der freien Konkurrenz, durch welche der Arbeiter deshalb so sehr gegenüber dem Kapitalisten benachteiligt sei, weil er machtlos sei gegen die Konkurrenz des Kapitals; der Zins sei nichts Ungerechtes, aber es müßten Einrichtungen getroffen werden, die es dem Arbeiter ermöglichen sollen, auf leichte Weise Kredit zu erlangen, um mit dem Kapital erfolgreich konkurrieren zu können; zu dem Zwecke schlägt Blanc in seiner Schrift «Organisation du traveil» (1839), ähnlich wie später Lassalle, die Gründung von Arbeiterproduktivgenossenschaften mit Staatskredit vor.
Von dem Gewinn der auf Staatskredit gegründeten Genossenschaften sollen zunächst alle Auslagen der Produktion, einschließlich der Arbeitslöhne, ferner die Zinsen der vom Staat vorgeschossenen Kapitalien bestritten werden; von dem Rest ist ein Viertel auf die Amortisierung der vorgeschossenen Kapitalien selbst, das zweite Viertel zur Gründung eines Unterstützungsfonds für die Arbeitsunfähigen, das dritte Viertel zur Verteilung unter den Genossenschaftern zu verwenden.
Das letzte Viertel endlich soll in einen allgemeinen Reservefonds fließen, der alle Arbeiterassociationen im Falle einer Krisis unterstützen soll. Den Wünschen Louis Blancs entsprechend bestimmte auch ein Dekret der Konstituierenden Versammlung vom einen Betrag von 3 Mill. Frs. zur Unterstützung von Arbeiterassociationen, welche in der Weise verwendet wurden, daß Kredite unter 25000 Frs. mit 3 Proz., Kredite in einem höhern Betrag mit 5 Proz. zu verzinsen waren.
Die 3 Mill. Frs. wurden auch fast vollständig an 50 Associationen in Paris [* 7] und in den Provinzen verteilt; doch fiel der Bericht, der im Febr. 1850 über die Verwendung der Gelder abgestattet wurde, so ungünstig aus, daß von da ab keine weitern Staatsgelder mehr an Associationen gegeben wurden. Die zahlreichen Arbeiterproduktivassociationen, die sich zur Zeit der Februarrevolution in Frankreich bildeten, gingen fast alle in kurzer Zeit wieder zu Grunde, namentlich weil sich in der Regel Uneinigkeit zwischen den einzelnen Mitgliedern über die Art und Weise der Produktion, der Leitung der Geschäfte u. s. w. herausstellte.
Während Louis Blanc sein socialistisches System mit Hilfe des Staates verwirklichen wollte, wünschte P. J. Proudhon (s. d.) ohne Staatsunterstützung nur durch die eigene Initiative des Arbeiterstandes seine Pläne durchzuführen. Proudhon hatte sich zuerst berühmt gemacht durch sein 1840 erschienenes Buch «Qu'est-ce que la propriété?», worin er das Eigentum als Diebstahl bezeichnete; später entwickelte er ein neues System, das er Mutualismus (s. d.) nannte, und das eine Versöhnung zwischen Individualismus und S. darstellen sollte. Es sollte das Privateigentum nicht aufgehoben, auch die freie Konkurrenz nicht beseitigt werden, nur die nach Proudhons Ansicht bestehenden Hauptübel der modernen Gesellschaft sollten abgeschafft werden, nämlich das Geld und der Zins. Um beides zu beseitigen, schlug Proudhon die Errichtung einer Volksbank vor;
in dieser Bank sollten die Produzenten ihre Waren gegeneinander austauschen und zwar vermittelst Tauschnoten (bons d'échange);
die Waren sollten nach dem Maßstab [* 8] der auf sie verwandten Arbeit bewertet und ausgetauscht werden;
auf diese Weise sollte das Geld überflüssig werden;
aber auch der Zins sollte verschwinden;
denn die in der Volksbank vereinigten Produzenten sollten sich gegenseitig unentgeltlich Kredit gewähren, und dadurch würde allmählich der Privatkapitalismus mit seinem Zinsenbezug verschwinden.
Proudhon ist auch als der erste wissenschaftliche Vertreter des Anarchismus (s. d.) zu bezeichnen, der für ihn die einfache Konsequenz des mutualistischen Systems auf dem polit. Gebiet war. Doch ist diese ursprüngliche Art des Anarchismus, die ein bestimmtes ökonomisch-polit. System darstellt, sehr zu unterscheiden von dem modernen Anarchismus, der eine radikal-socialrevolutionäre Partei darstellt.
Unter den engl. Socialisten ist an erster Stelle Robert Owen zu nennen, dessen Lehren [* 9] eine Zeit lang einen bedeutenden Einfluß auf die engl. Arbeiterbewegung hatten. Den Irrtum der klassischen Nationalökonomie teilend, daß der Wert eines Erzeugnisses gleich der Summe der darauf verwendeten Arbeit sei, kritisierte Owen die heutige Gesellschaft, weil in ihr die zur Herstellung eines Gutes aufgewendete Arbeit nicht mehr der Wertmesser sei, und damit der Arbeit der ihr zukommende Lohn entzogen werde.
Von diesem Standpunkte aus greift Owen das System der Konkurrenz an, welchem die zahllosen Spaltungen der Menschheit in Sekten, Religionen und Parteien entsprungen seien. Es habe bewirkt, daß ein gewisser Reichtum zwar angesammelt sei, aber daß die Mehrzahl des Volks nichts besitze und die Besitzenden für ihren Besitz täglich zu zittern hätten; dabei vermindere es auch die Hervorbringung von Gütern. Sein Ideal war der Kommunismus, und Owen machte auch einen Versuch, eine kommunistische Gesellschaft zu gründen (s. Owen). Einen andern praktischen Versuch, um das Los der arbeitenden Klassen auf Grundlage der bestehenden Gesellschaft zu verbessern, machte er mit seiner Arbeitstauschbank (Labour Exchange).
Durch diese Bank sollte der theoretische Grundsatz, daß die Arbeit der natürliche Maßstab alles Werts sei, praktisch durchgeführt werden. Die Bank, welche im Sept. 1832 in London [* 10] eröffnet wurde, hatte folgende Einrichtung: Jedes Mitglied der Gesellschaft konnte in den Magazinen der Bank Waren deponieren und hatte das Recht, dafür Arbeitsgeld (labour notes) nach Maßgabe einer Schätzung zu empfangen. Die Werteinheit war eine Arbeitsstunde, welcher ½ Sh. Metallgeld gleichstehen sollte. Bei jeder Ware wurde einerseits der Wert des Rohmaterials, andererseits die von dem Arbeiter darauf verwandte Arbeit geschätzt. Jeder Deponent erhielt nicht etwa so viel Arbeitsstunden, als er an Zeitarbeit wirklich verwendet hatte, sondern jene Zeit, welche nach Ansicht der Taxatoren ein gewöhnlicher Arbeiter auf die betreffenden Waren verwenden würde. Diese Bank hat nur anderthalb Jahre bestanden; im Mai 1834 wurde sie wieder aufgelöst, ¶