Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/3297

Nachdenken über das Komische ist bis heute eher eine Ausnahme im philosophisch-ästhetischen Diskurs. Helmut Bachmaier geht in seiner 2005 zum ersten Mal erschienenen Anthologie den Spuren dieses Nachdenkens nach. Auszüge aus wichtigen Werken werden historisch gegliedert. So fällt dem Leser rasch auf, dass es im Grunde genommen – mit Ausnahme des einzigen Jean Paul – bis weit ins 19. Jahrhundert dauern sollte (in etwa bis Charles Baudelaire), bis sich das Komische als vollgültiges Objekt philosophischen Denkens etablieren konnte. Und es fällt auf, dass weder Bachmaier noch seine Autoren in jedem Fall , Komödie‘, ‚Komik‘, ‚das Komische‘ und ‚Witz‘ so genau von einander unterscheiden. Nur der Humor wird, v.a. in Bachmaiers Nachwort, als Disposition, über sich selber lachen zu können, von der Komik als Grund des Lachens über einen anderen, unterschieden.
Bachmaier beginnt mit Homer. Der ist nun zwar kein Theoretiker, aber der Herausgeber zählt die Stellen aus seinen Epen auf, denen wir den Begriff ‚homerisches Gelächter‘ verdanken. Gemäss Bachmaier sind das immer Stellen, wo ein Gott (Zeus) über die andern lacht. Immer noch gemäss Bachmaier haben wir hier das Phänomen vor uns, dass der unendliche und unbeschränkte Gott sich in der Konfrontation mit andern Göttern als doch beschränkt erfährt und dieses Paradoxon im Lachen auflöst. (Was seiner Meinung nach auch erklärt, warum im Christentum – wo dem Gott kein ebenbürtiger entgegensteht – keine Komik und kein Humor zu finden ist.) Mir will diese Interpretation etwas gewagt scheinen.
Auf Homer folgt Aristoteles, der in seiner Poetik, ganz gegen Ende, sich kurz über die Komödie auslässt, als Nachahmung von schlechteren Menschen. Was im Grunde genommen eine moralische Minderwertigkeit nicht nur des dargestellten Menschen beinhaltet, sonder auch der Darstellung und wohl (mit) erklärt, warum nach Aristoteles eine Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Komik‘ lange Zeit marginal bleiben wird.
Horaz beschäftigt sich in seiner Ars poetica mehr mit den sprachlichen Formen, die die Komödie und das Satyrspiel anzunehmen haben, indem er auch bei diesen für eine Angemessenheit der Form plädiert.
Dann folgt eine grosse Lücke in der Zeitlinie der theoretischen Beschäftigung mit der Komik. Der nächste ist Opitz, der Aristoteles so versteht, dass die Komödie ausschliesslich niederen Themen und Personen zuzuordnen sei.
Der Engländer Thomas Hobbes löst die Diskussion um die Komik als erster aus poetologischen Überlegungen heraus. In Vom Menschen behandelt er sie in seiner Affektenlehre, also in der Moralphilosophie. Es ist die Über- oder Unterlegenheit des Lachenden, die Bestätigung der Fremdheit und Differenz – mit andern Worten: Ausüben von Macht. Hobbes‘ Position sollte den Diskurs über Komik nachhaltig prägen.
Mit Boileau kehren wir noch einmal in die Poetik zurück: Natürlichkeit, Allgemeingültigkeit, Moralität und Vernunft sollen nach ihm die komische Darstellung in der Dichtung prägen. Boileaus Einfluss auf die poetologischen Überlegungen Gottscheds wird in der Einführung des Herausgebers zum Ausschnitt aus Boileaus L’Art Poétique erwähnt; Gottsched selber erscheint nicht mit einem eigenen Text.
Francis Hutcheson hat in der Nachfolge Shaftesburys die Ethik der Ästhetik untergeordnet und als erster dem Lachen einen eigenen Text gegönnt. Lachen als Sittenverfeinerung und Konversation, wie es Bachmaier betitelt.
Es folgt Immanuel Kants berühmtes Diktum aus der Kritik der Urteilskraft, wonach das Lachen ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts ist. Das weist zwar auf Freud voraus, ist aber in gewissem Sinne selbstreferentiell: Der Leser erwartet eine kluge Definition, und diese gespannte Erwartung löst sich ebenfalls in nichts auf. Im Übrigen beschränkt sich Kant vor allem auf die Theorie des Witzes.
Jean Paul, der seine grosse Ästhetik bescheiden eine Vorschule derselben genannt hat, bringt als erster das Lächerliche mit dem Erhabenen in Verbindung und weist so weit ins 20. Jahrhundert voraus.
Das Subjekt als (freier) Meister aller Verhältnisse – so fasst Bachmaier die wenigen Abschnitte zusammen, die Hegel in seinen Vorlesungen zur Ästhetik zur Komödie fallen liess. Hegel kombiniert somit Aristoteles mit Hobbes.
Auch Schelling diskutiert die Komödie, wenn er das Komische als eine Verkehrung von Freiheit und Notwendigkeit sieht (seine Philosophie der Kunst). Dem Schicksal als Notwendigkeit wird so die Furcht genommen und alles löst sich im Wohlgefallen auf.
Der Hegelianer Solger sieht im Komischen die Idee (als Einheit) aufgelöst in der mannigfaltigen Wirklichkeit. Man fragt sich heute ein wenig, wie so etwas als Ästhetik bekannt werden konnte.
Mit Schopenhauer nähern wir uns der Moderne. Inadäquate Subsumtion nennt er seine Inkongruenz-Theorie des Komischen. Die strenge Vernunft wird darin ihrer Unzulänglichkeit überführt, und das sorgt für Vergnügen. Das 20. Jahrhundert sollte Schopenhauers Ideen wieder aufnehmen.
Vischer, der grosse Praktiker des Komischen (Auch Einer, Faust der dritte Teil), hat in seinen theoretischen Schriften zwar dem Komischen die Habilitationsschrift Über das Erhabene und Komische (man hört Jean Paul!) gewidmet, aber in seiner grossen Ästhetik wenig darüber gesagt. In dieser Anthologie finden wir denn auch Ausschnitte aus Vischers Habilitationsschrift, wo Vischer den Kontrast zwischen Idee und sinnlicher Erscheinung als Hauptmerkmal des Komischen bezeichnet.
Ganz in den Bereich des Religiösen zieht dann Kierkegaard das Komische. (Er zieht ja alles ins Religiöse!) Das Komische dient dem Menschen dazu, seine ideale Forderung als Innerlichkeit bewahren und von den Relativierungen der Welt abgrenzen zu können. Ironie war bei Kierkegaard schon früh ein Stichwort; er sah in Sokrates Leben und Denken eben diese Ironie am Werke, die Sokrates dazu verhalf, sich von der Welt fernhalten zu können, indem er sich unter die Menschen mischte.
Baudelaire sieht das Lachen als etwas Verwerfliches und Satanisches.
Kuno Fischer, wieder im Rückgriff auf Jean Paul, kennt eine erhebende und eine erheiternde Betrachtungsweise der Welt.
Für Bergson ist die soziale Komponente des Lachens zentral: Die Gesellschaft verlangt vom Menschen Flexibilität und Geschmeidigkeit, jede Form von Starrheit oder Mechanik wird verlacht. Grob gesagt also Hobbes x Shaftesbury / Hutcheson.
Mit Bergson sind wir endgültig in jener Zeit angelangt, in der dem Lachen oder dem Komischen nun grosse, eigene Abhandlungen gewidmet wurden. Theodor Lipps, im Rückgriff auf Kant diesmal, sprich von einer enttäuschten Erwartung als Quelle des Komischen.
Nicht fehlen darf natürlich Sigmund Freuds Theorie des Witzes als einer Ersparung psychischen Aufwands, wie er sie in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten geliefert hat.
Auch Luigi Pirandello betont den Kontrast, diesmal von Gefühlen untereinander, die von der Reflexion vermittelt werden.
Friedrich Georg Jünger greift in vielem wieder auf Hobbes zurück, Joachim Ritter auf Kant. Plessner sieht den Antagonismus zwischen Lachen und Weinen, Ambivalenz und exzentrischer Position.
Nicolai Hartmann unterscheidet als erster (zumindest in der vorliegenden Anthologie) Komik und Humor: Die Komik liegt im Gegenstand, Humor ist Sache der Auffassung des Gegenstandes.
Für Wolfgang Iser ist das Komische ein Kipp-Phänomen: Wir kippen in die Ohnmacht des Begreifens – wir lachen. Mit Iser sind wir im Jahre 1976 und am Ende der Anthologie.
Erst in seinem Nachwort erwähnt Bachmaier Nietzsches Theorie, dass das Komische im Übergang aus augenblicklicher Angst in einen Zustand kurzdauernden Übermuts statt findet. Eben dort auch Hinweise auf medizinische Anwendungen von Witz und Humor (der Spitals-Clown) oder auf unterschiedliche Lachkulturen, z.B. das Lächeln der Erleuchtung im Buddhismus.
Es hätte wohl den Umfang des vorliegenden kleinen Bändchens gesprengt, aber mir fehlt jeder Hinweis auf die Ästhetik des Surrealismus, der als erster die Inkongruenz gerade nicht als Mittel des Komischen einsetzt. Lautréamonts zufällige[s] Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch ist das Paradebeispiel einer Ästhetik der Inkongruenz, die zwar das Komische als Kollateralschaden akzeptiert, es aber keineswegs anstreben will. Auch der Dadaismus (als Spätfolge des Surrealismus) wird mit Schweigen übergangen, während Ernst Jandl (eine Spätfolge des Dadaismus) immerhin im Nachwort Erwähnung findet.
Aber das ist Jammern auf relativ hohem Niveau, denn zumindest kann das Bändchen Appetit machen auf eine ausführlichere Lektüre des einen oder andern Autors.