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Der Begriff R. bezeichnet eine polit. Auseinandersetzung zwischen dem Kt. Tessin und der Eidgenossenschaft. Diese begann 1924, als der Tessiner Staatsrat eine Reihe von Forderungen zur Unterstützung der kant. Wirtschaft und zum Schutz der ital. Sprache und Kultur (Svizzera italiana) stellte, die in einer 1925 veröffentl. Schrift festgehalten wurden. Die Tessiner Regierung verlangte darin u.a. die Aufhebung der Zuschläge für Bergbahnen, die Zurückgewinnung der Kontrolle über die Wasserkraftnutzung in der Leventina, eidg. Subventionen für die kant. Landwirtschaft, bessere Dienstleistungen, mehr Staatsstellen für Tessiner sowie die Schliessung der deutschsprachigen Schulen im Kanton. Auf diesen Forderungskatalog folgten 1938 die "Nuove R." ähnl. Inhalts, wobei der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre ein besonderes Gewicht beigemessen wurde. 1946 bekräftigte die Regierung ihre Haltung mit der Veröffentlichung des Dokuments. Die R. wurden erhoben, weil der mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels durch den Gotthard 1882 erhoffte Wirtschaftsaufschwung ausblieb und der Kanton nicht aus seiner wirtschaftl. Randstellung herauskam. Teile der Tessiner Führungsschicht sahen zudem die ital. Kultur durch das demograf. und wirtschaftl. Vordringen v.a. der Deutschschweizer bedroht. Diese Minderheit, die wirtschaftlich einflussreich war, oft Kaderstellen in der Bundesverwaltung besetzte, über eigene Schulen verfügte und mit der "Tessiner Zeitung" ein eigenes Sprachrohr besass, galt als integrationsunwillig. Die Diskussionen um die R. wurden von der Angst begleitet, der Irredentismus könnte an Gewicht gewinnen. Der Vorschlag einer kleinen Gruppe, die Zollgrenze ähnlich den Genfer Freizonen bis an die Alpen zu verschieben, verstärkte solche Befürchtungen. Obwohl die Tessiner mit ihren Anliegen vieles erreichten, änderte sich nichts daran, dass der Kanton wirtschaftlich eine Randregion blieb. Deshalb wurden in den 1960er und 70er Jahren weitere Forderungen nach einer Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur (Autobahntunnel und schnellere Eisenbahnverbindungen) und höheren Subventionen für die ital. Kultur erhoben, die der Bund grösstenteils erfüllte.
Literatur
– M. Cerutti, Fra Roma e Berna, 1986, v.a. 110-134
– L. Saltini, Il Canton Ticino negli anni del Governo di Paese (1922-1935), 2004, v.a. 174-178
Autorin/Autor: Silvano Gilardoni / CHM