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Im Interview mit jackson.ch berichtet Brad Sundberg über seine Zeit mit Michael Jackson im Studio und auf Neverland: «Er war unglaublich dankbar.»
Am 18. Mai 2019 kam Brad Sundberg mit seinem «In The Studio with Michael Jackson» Seminar erstmals nach Zürich. Michael Jacksons «technische Direktor» gewährte den Besuchern einmalige Einblicke in die Entstehung der legendären Alben «Bad», «Dangerous» und «HIStory». Anhand diverser Anekdoten teilte er seinen Eindruck vom Menschen hinter der Fassade des «King of Pop». Abschliessend nahm Brad Sundberg die Fans mit auf eine Tour durch Neverland. Der Toningenieur hatte auf der riesigen Ranch dutzende Musikanlagen installiert – und dies an allen möglichen und unmöglichen Orten.
Brad Sundberg arbeitete 1984 anlässlich der Aufnahmen für «Captain EO» erstmals als technischer Assistent für ein Jackson-Projekt. Als Michael Jackson bald danach erste Ideen für das «Bad»-Album im Privatstudio in Hayvenhurst aufnahm, wurde er erneut angeheuert. Ebenso, als Quincy Jones das «Bad»-Projekt übernahm. Brad Sundberg assistierte der Produzentenlegende und dem grandiosen Toningenieur Bruce Swedien, der die Aufnahmen abmischte und genau wusste, wofür sich welches Mikrofon in welcher Position am besten eignete.
Für «Dangerous»- und «HIStory» war Brad Sundberg als technischer Direktor für sämtliche Studiotechnik und vieles mehr verantwortlich.
jackson.ch: Seit du mit «In The Studio with MJ» unterwegs bist – Wie würdest du die Fans von Michael Jackson beschreiben?
Brad Sundberg: Ich versuche nicht allzu oft zu verallgemeinern, aber ich habe festgestellt, dass MJ-Fans bemerkenswert nett, freundlich, hilfsbereit, intelligent, und natürlich gegenüber Michael Jackson loyal sind. Sie haben einen tollen Sinn für Humor und sind wissbegierig.
Wie hat sich dieses Bild der Fans verändert, verglichen mit den Tagen, als du mit dem Künstler selbst im Studio warst?
Das ist eine schwierige Frage, denn ich hatte fast keine Interaktion mit der Fangemeinde. Damals waren sie einfach Fans, die vor dem Studio, oder vor Hayvenhurst, oder wo auch immer er war, warteten. Jetzt spreche ich sehr oft mit MJ-Fans. Damals fast nie.
Hat Michael je über seine Fans gesprochen in deiner Anwesenheit?
Ja, ziemlich oft. Vor allem in New York während des «HIStory»-Projekts. Er wollte sicherstellen, damit sie etwas zu Essen hatten, also liess er ihnen manchmal Pizzas liefern, oder bei einigen Gelegenheiten, brachte er sie ins Studio. Er liebte die Fans und sprach immer, immer mit grossem Respekt von ihnen.
Einige Leute meinen, MJ sei nur ein Interpret gewesen, oder, dass er sogar «Ghostswriter» benutzte und seine Songs nicht selbst schrieb. Was war die Realität?
Jeder Song war anders, aber er hat viele der Songs selbst geschrieben. Es gab keine «Ghostwriter» in meinen Jahren mit Michael Jackson, von denen ich Kenntnis hätte.
Wie sehr war er in den kreativen Prozess involviert?
Er war zu 100-Prozent darin involviert, wie der Song klang, welche Instrumente benutzt wurden, wer diese spielte, wie der Mix klang, etc.
Wie sah ein typischer Studio-Tag mit ihm aus?
Nochmals, da jedes Album anders war, werde ich das «Dangerous»-Album als Beispiel nehmen. Typischerweise hatten wir während «Dangerous» drei oder vier Studios in Betrieb, mit drei verschiedenen Produzenten-Teams. Die Sessions begannen in der Regel um 12 Uhr mittags und dauerten bis etwa 10 oder 11 Uhr nachts – aber das konnte sich von Tag zu Tag ändern.
Es wurde nicht jedes Lied auf einmal aufgenommen. In anderen Worten, «Will You Be There» entstand nicht in zwei Tagen. Als erstes waren beispielsweise Schlagzeug und die Percussion da, dann die Keyboards und Michael sang ein «Scratch Vocal» ein. Dann begannen wir womöglich ein paar Tage später mit den Background Vocals – alle von Michael gesungen.
Aber dann arbeitete Michael vielleicht für einige Tage mit Bill Bottrell an «Black or White», also wurde «Will You Be There» beiseite gelegt und Bruce Swedien arbeitete womöglich an «Jam».
Es war kompliziert, da Michael in drei Studios gleichzeitig sein musste. Dann mussten wir die Musiker aufbieten, den Chor, etc. Doch dann wollte er plötzlich mit einem neuen Song beginnen! Daher war alles sehr unstet, falls das verständlich ist.
Wie hat die Zusammenarbeit mit Michael Jackson deine eigene Arbeitsweise als Tontechniker beeinflusst?
Eine weitere schwierige Frage, denn es gibt so viele Antworten. Lasst mich einige auflisten: Scheue keinen Aufwand, gib dich nicht mit weniger als Perfektion zufrieden, und: Übe, übe, übe, übe – dann wiederhole.
Klar, das sind nur Worte, aber mit Michael zu arbeiten unterscheidet sich vom Arbeiten mit Anderen, weil er derart talentiert war und mit grossartigen Ideen aufwartete. Es war unglaublich, ein Teil des Teams zu sein, in dem Michaels Ideen, Bruce Swediens geschickte Abmischen, und unsere Gruppe wunderbarer Musiker, all das zum Leben erweckte.
Was hat dich an MJ am meisten beeindruckt?
Auch da gäbe es so viele Antworten, aber ich sage: Seine Arbeitsmoral. Wenn er Gesangsaufnahmen machte, tauchte er zwei volle Stunden vor seinem geplanten Start im Studio auf, nur um sich mit Seth Riggs (Stimmtrainer) aufzuwärmen. Er bliebe lange, um an einer Idee zu arbeiten. Er übte sein Tanzen, seine Mimik, dann setzte er sich auf den Boden und las ein Buch, während er sich einen Mix anhörte. Er hörte nie auf, zu arbeiten, zu lernen oder zu lachen – und das zu sehen, war verblüffend.
Wie würdest du ihn als Menschen beschreiben?
Ich habe das schon gesagt und darüber geschrieben, aber er war unglaublich dankbar/erkenntlich. Wenn er den Raum betrat, begrüsste er mich mit Namen und erkundigte sich über meine Familie, wie mein Wochenende gewesen sei, etc. Er sagte immer, immer «Danke dir» für deine Arbeit, zur Person, die ihm das Abendessen brachte, zum Team. Er gab allen eine Umarmung am Ende der Nacht. Er war seinem Team dankbar, was viel bewirkt bei Menschen.
Was denkst du über die «Leaving Neverland»-Kontroverse? MJ und die Robson-Familie trafen sich womöglich das zweite Mal im Record One Studio.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich bin mir dessen sehr bewusst. Der Teil, der mich am meisten verärgert, ist der, in dem Wade Robson behauptet, im Record One geschädigt worden zu sein, während das Personal – inklusive mir – dort war. Das ist eine unglaubliche Behauptung, da die meisten Studiomitarbeiter Familienmenschen waren, mit Kindern. Wenn ein Kind verletzt worden wäre – dann gab es viele Leute, die es gewusst hätten. Das Studio war sehr klein, und während Michael seine eigene Lounge hatte, waren Techniker und Sicherheitsleute nur ein paar Schritte entfernt. Abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht glaube, dass Michael einem Kind Schaden zufügen könnte oder würde. Wade Robsons Behauptungen sind abscheulich, insbesondere, wenn er behauptet, schreckliche Dinge seien in unserem Studio passiert.
Zurück zur Musik; Welcher Kollaborateur hatte deiner Meinung nach am meisten Einfluss auf Michael Jacksons Kunst?
Oh Mann, eine weitere unmögliche Frage. (Lacht.) Ich denke, verschiedene Leute haben verschiedene Stile und Sounds aus Michael herausgeholt. Zum Beispiel denke ich, dass Bill Bottrell ein erstaunlicher Produzent und Techniker für Michael war. Er liess Michael mit Songs wie «Monkey Business» und «Who is It» experimentieren. Aber zur selben Zeit kreierten Bruce Swedien und Brad Buxer das Meisterwerk «Will You Be There». Wen kürst du? Michael umgab sich mit einem Team von sehr talentierten Leuten und es war ihre Aufgabe, zu liefern. Nach alledem hätte ich ein weiteres Projekt mit Bill Bottrell wirklich geliebt.
Welches MJ-Lied magst du besonders und wieso?
Sorry, ich werde euch drei nennen – aus drei unterschiedlichen Gründen.
1 – «Human Nature». Ich habe diesen erstmals in der Schule gehört, ungefähr drei Jahre bevor ich Michael kennengelernt habe. Die Musik von Steve Porcaro und der Text von John Bettis sind perfekt. Dann füge Michaels Gesangsdarbietung hinzu und du hast einen Klassiker, den ich von Anfang an liebte.
2 – «Stranger In Moscow». Dies war der erste Song, an dem wir gearbeitet hatten, als wir 1994 das «HIStory»-Projekt in New York City begannen. Die Einfachheit, der Schmerz, die Einsamkeit – er ist wunderschön. Ich kannte Michael seit fast neun Jahren, als wir anfingen, an «Stranger» zu arbeiten. Es war bemerkenswert, wie sehr er in dieser Zeit als Performer und als Mensch gewachsen war. Bruces Mix ist perfekt und die Produktion ist subtil. Ein unglaubliches Lied.
3 – «Streetwalker». Bevor ihr eure Augen verdreht, lasst mich erklären. Ich hatte mit Bill Bottrell an «Streetwalker» gearbeitet, als ich 1986 zum Team stiess. Es war einer der Anwärter für das «Bad»-Album, und gleichzeitig nahm Bill «Come Together» auf. «Streetwalker» hatte einen Groove und einen Swagger, der sowohl nervös als auch lustig war. Er mag kein klassischer MJ-Song sein, aber ich habe ihn immer geliebt!
Danke für dieses Interview und das interessante Seminar, mit dem du einen wichtigen Beitrag leistest, Michaels Vermächtnis am Leben zu erhalten. Sogar wir Fans entdecken nun einige seiner Songs neu, von denen wir dachten, dass wir sie längst auswendig kennen. Wir können es kaum erwarten, dich hoffentlich bald erneut in Zürich zu begrüssen!
Eine «Streetwalker»-Version aus dem Jahr 1988 wurde auf der 2001 Special Edition von «Bad» als Bonus-Song veröffentlicht:
Brad Sundberg mit jackson.ch Gründer Tom und Ueli, sowie mit Laura, die seit März die News mitbetreut:
Brad Sundberg mit Hansueli, Claudia und Carolina vom jackson.ch Event-Team:
(Claudia, links auf dem Foto, war bis vor einigen Jahren auch im News-Team aktiv.)
«Remembering Michael»
Für am 20., 21. und 22. Juni 2019 organisiert Brad Sundberg eine «Remembering Michael»-Eventreihe in Los Angeles, an der weitere ehemalige Mitarbeiter Michael Jacksons teilnehmen: Neverland-Wartungsdirektor Big Al’Scanlan, Choreograph Vincent Paterson, Musiker Brad Buxer, sowie die Toningenieure Brian Vibberts, Matt Forger und Michael Prince.
Big Al’Scanlan arbeitete von 1990 bis 2005 als Wartungsdirektor auf Neverland und pflegte eine Freundschaft mit Michael Jackson. Hier ein Interview mit ihm:
(bei «all4michael» gibt es eine deutsche Übersetzung)
Brad Buxer sprach zuletzt im «The MJ Cast» über seine musikalische Zusammenarbeit (1989 bis 2008) und die Freundschaft mit dem King of Pop:
Vincent Paterson schrieb eine Kolumne für «arts meme» als Reaktion auf «Leaving Neverland»:
Auch er sprach mit «The MJ Cast»:
(bei «all4michael» gibt es eine deutsche Übersetzung)
Michael Durham Prince, der seit Mitte der 1990er-Jahre bis 2009 mit Michael Jackson arbeitete, weiss ebenso interessantes zu berichten:
Brad Sundberg gab für die Kurzdoku «Neverland Firsthand» weitere Statements zu «Leaving Neverland» ab: