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Eine Wanderung in acht Jahreszeitenvon Susanne Leuenberger In der Ausstellung «Mygration» erzählen die schwedische Malerin Stina Folkebrant und der Samikünstler Tomas Colbengtson die Geschichte der Rentiere, der Sami – und ihrer Wanderungen. Zu sehen im Museum Cerny.
Veranstaltungsdaten
Es ist eine Geschichte der Wanderung, auf verschiedenen Ebenen, die die schwedische Malerin Stina Folkebrant und der Samikünstler Tomas Colbengtson in ihrer gemeinsamen Ausstellung «Mygration» erzählen.
Rentiere für den Goldrausch
Es geht um die Wanderbewegung der Rentiere, die diese in arktischen Breiten im Laufe des Jahres auf sich nehmen. Auf der Suche nach Nahrung bewegen sich die Tiere saisonal tausende Kilometer. Mit ihnen über Jahrtausende hinweg unterwegs: Die Sami, die indigene Bevölkerung in den nördlichen Breiten Skandinaviens und Sibiriens. Bis heute leben Gemeinschaften von Sami von der Rentierwirtschaft: trotz der Unterdrückung ihrer Lebensweise, die in der Neuzeit einsetzte, trotz der Landnahme durch Minengesellschaften heute, und trotz des Klimawandels, der den Lebensraum der Rentiere und Sami für immer verändert.
Es geht aber schliesslich auch um eine grosse Umsiedlung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Hunderte von schwedischen Sami mit ungezählten Rentieren über den Atlantik nach Alaska und Kanada brachte. Die damalige US-Regierung regte die Einwanderung der Sami zur Zeit des Goldrauschs an, um die Rentierhaltung unter den Inuit zu etablieren: Die Tiere sollten Goldsuchern und Siedlern als Nahrung und Lastentiere dienen.
Diese forcierte Migration, ein eigentlicher Bruch mit der natürlichen Wanderbewegung der Sami und ihrer Rentiere, steht im Fokus der Schau: Die fotografischen Porträts, die Tomas Colbengtson als Vorlage für die Plexi glasdrucke dienten, zeigen nach Alaska und Kanada emigrierte Männer, Frauen und Kinder der Sami. Eine der Frauen trägt die traditionelle Kleidung und scheint angstvoll in die Kamera geblickt zu haben. Die Bilder entstanden zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Rahmen einer rassisch-ethnografischen Erfassung der Indigenen. Lange Zeit galten die Sami in Colbengtsons skandinavischer Heimat, aber auch in Amerika, als Wilde, die es zu zivilisieren galt.
Colbengtson fand die Fotografien in Museen und Archiven, aber auch in Privatsammlungen. «Viele der Sami blieben, integrierten sich in die Gemeinschaft der Inuit oder nahmen die Lebensweise der europäischen Siedler an. Ab den 1930er-Jahren verbot die US-Regierung den Sami die Rentierhaltung und zwang sie zur Assimilation», erklärt Colbengtson. Auf einer Reihe der Vorlagen tragen die Abgebildeten tatsächlich westliche Kleidung. In den Gesichtern glaubt man eine Spur des Schmerzes zu erkennen, den der erzwungene Abschied von der alten Lebensweise und den Rentieren mit sich gebracht haben muss.
Zyklen der Natur und menschliche Geschichte
Die Rentiere: Stina Folkebrants grossformatigen Tableaus zeigen ihre Herden im Laufe der acht Jahreszeiten der Sami, die ihre saisonale Wanderung prägen. Mit schwarzer Acrylfarbe im Stile chinesischer Tuschezeichnungen gemalt, entwerfen sie ein Panorama, das die vielschichtigen Wanderungen, Dislokationen und die Selbstbehauptung der Sami im Laufe der Geschichte zusammenhält. «Menschen sind wie Herdentiere. Sie wollen spüren, wohin sie gehören», sagt Folkebrant.
Es ist die erste Ausstellung, die sie gemeinsam mit Colbengtson macht. Die beiden in Stockholm basierten Künstler*innen arbeiten in derselben Ateliergemeinschaft: «Wir beide interessieren uns für die natürlichen Zyklen der Natur und die Überlagerung durch menschliche Geschichte», erklären die zwei. Colbengtson ergänzt: «Ohne die Rentiere gibt es auch keine Sami. Unsere Kultur ist ohne sie nicht denkbar. Mit ihnen zu wandern macht uns aus.»
Die begehbare Installation, die 2021 erstmals im Ájtte Museum im nordschwedischen Jokkmokk gezeigt wurde, wird bis Anfang Oktober im Museum Cerny zu sehen sein. Nach Bern wird sie im National Nordic Museum in Seattle halt machen. «Mygration» ist auch die Abschiedsausstellung von Kurator und Museumsdirektor Martin Schultz, der Bern im April verlässt. Auch ihn zieht es weiter.