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Am 13. Januar könnte der in Wien geborene Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend seinen hundertsten Geburtstag feiern. Zur ETH, an der er von 1980 bis 1990 als Professor für Wissenschaftsphilosophie wirkte, hatte er ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits schätzte er das Renommee einer ETH-Professur und das gute Salär, andererseits konnte er es sich manchmal nicht verkneifen, den akademischen Betrieb an der Hochschule zu torpedieren. Am 24. September 1981 schrieb er an seinen Freund Hans-Peter Duerr:
Lieber Hans Peter
[…] Ich hab’ Dir geschrieben, dass ich an der ETH eine Inauguralvorlesung gab – das paper für Onkel Mircea [Eliade] ist die Nachwirkung davon. Ich habe hinterher erfahren, dass die Leute Wetten eingingen: wird er diesmal einen Anzug tragen, oder wird er wieder mit seinem löchrigen Pullover auftauchen, wie bei allen Vorlesungen. Nun, ich zog mir ein schönes Hemd an and a sweatshirt (grellrot) underneath (Hemden trage ich sonst nie). Keine Kravatte, kein Rock. Knapp vor der Vorlesung, an der der Rektor, der Präsident, der Abteilungsvorstand und andere Würdenträger teilnahmen und zwar alle in wunderschönen grauen Anzügen und wunderschönen grauen Kravatten (oder waren sie blau?), erzählte mir jemand von der Wette. Das brachte mich auf die Palme. Ich betrat den Vorlesungssaal, die grauen Würdenträger gleich hinter mir. Der Abteilungsvorstand begann mit einer französischen Laudatio. Während er dahindröhnte, zog ich mir langsam das Hemd aus und als er fertig war, sass ich nurmehr mit dem sweatshirt bekleidet da. Viele Leute mussten an diesem Tag bezahlen – sie hatten ihre Wette verloren (Duerr, S. 167).
Dass Feyerabend ein aussergewöhnlicher Akademiker war, zeigt auch der Nachruf, den Elmar Holenstein vom Departement Geisteswissenschaften der ETH nach seinem Tod am 11. 2. 1994 verfasste:
[…] Er hatte an der ETH weder ein Büro noch eine Sekretärin. Wer mit ihm wissenschaftlichen Kontakt aufnehmen wollte, forderte er auf, ihm zu schreiben. Er beantwortete die Briefe handschriftlich, mit grossen, einprägsamen Buchstaben. Auch seine Bücher schickte er als “Manuskript”, d.h. “handgeschrieben” an seine Verleger.
Henry Perschak: Paul Feyerabend an der ETH, 21.06.1985 (Bild aus dem Besitz von Paul Hoyningen)
Bei den Studierenden war Feyerabend sehr beliebt. So erinnern sich Zeitzeugen wie Sylvain Malfroy, damals Assistent von Prof. André Corboz am Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus, dass der grosse Hörsaal im HIL-Gebäude auf dem Hönggerberg bis auf den letzten Platz besetzt war, wenn Feyerabend seine Vorlesungen hielt.
Der Nachlass von Paul Feyerabend mit der umfangreichen Bibliothek ging nicht an die ETH, sondern an die Universität Konstanz. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zitierte Literatur:
Holenstein, Elmar: Zum Tode von Prof. Dr. Paul Feyerabend, in: ETH Intern 9/1994, S. 25.
Links:
Webseite der Paul K. Feyerabend Foundation mit Informationen zum Jubiläumsjahr: https://www.pkfcentennial.org/
Auf der Webseite finden sich auch zahlreiche audiovisuelle Materialien zu Feyerabend, so zum Beispiel die Aufnahmen der Vorlesungen an der ETH in den 1980er Jahren.
Die ETH Zürich organisiert vom 22.-23. Februar ein zweitägiges Symposium: https://phil.ethz.ch/en/news-events/philosophie-news-channel/2023/12/100th-birthday-of-paul-feyerabend.html