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Filmkonservierung und Filmrestaurierung stehen in einer engen wechselseitigen Beziehung: Das eine ergibt ohne das andere keinen Sinn. In diesem Aufsatz beschäftige ich mich dennoch fast ausschliesslich mit der Restaurierung, genauer: mit der Filmrestaurierung in der Schweiz. Ich beschränke mich zudem auf den Kinofilm und auf die Bearbeitung des Bildes und werde also weder die Problematik der Tonspur noch jene der Amateurfilme anschneiden. Ich beschränke mich auch auf die fotochemischen Methoden der Restaurierung, die digitalen berücksichtige ich hier nicht.1 Und schliesslich gehe ich davon aus, dass das Spektakel Kino in einem Saal, auf einer Leinwand und vor einem Publikum stattfindet: Der Film «lebt» nämlich nur während der Projektion.
Wann ist ein Film gesichert?
Von jedem Film sollte es mindestens ein gutes Konservierungselement und eine spielbare Vorführkopie geben. Nur so ist das Werk sowohl heute projizierbar als auch für die Zukunft gesichert, das heisst weiterhin in seiner ursprünglichen Form benutzbar. Um dies langfristig zu gewährleisten, sollte idealerweise folgendes Paket vorliegen:
• ein Konservierungselement, das kühl und trocken eingelagert wird (in den Kulturgut-Lagerräumen der Cinémathèque suisse herrschen zum Beispiel 5 ± 2 ºC und 35 ± 5% relative Luftfeuchtigkeit, was neuen Filmen eine Lebenserwartung von mehr als vier Jahrhunderten verspricht),
• ein Negativ, von dem bei Bedarf neue Vorführkopien gezogen werden können, ohne das Konservierungselement zu gefährden,
• eine spielbare Kopie, die der unausweichlichen Abnutzung durch die Projektion im Saal und durch Sichtung auf dem Bearbeitungstisch ausgesetzt ist.
All dies kann gegenwärtig in der Schweiz nur gewährleistet werden, wenn als Ausgangsmaterial Negative zur Verfügung stehen. Wenn es aber nur ein Positiv gibt (meist eine einstige Vorführkopie), dann muss aus Spargründen das Duplikat-Negativ nicht nur für die Herstellung von Vorführkopien, sondern auch als Konservierungselement dienen. Weder Cinémathèque noch Memoriav haben bis anhin eine Regelung für dieses so genannte Sicherungspaket gefunden.
Die Filme sollten unter optimalen Bedingungen eingelagert werden, und immer wenn die natürlich Zersetzung des Trägers und/oder der Schicht einen Film gefährdet, muss er auf neues Material umkopiert werden. Für Spielfilme herrscht darüber meist Konsens. Obwohl viele Leute meinen, dass im Dokumentarfilm der Informationsgehalt in der Regel über der formalen Gestaltung stehe, bleibt es ein festes Ziel, auch den Dokumentarfilm für die Zukunft zu sichern. Angebote, die versprechen, Filme auf VHS oder DVD zu «retten», sind perfid, vor allem weil gewisse Anbieter die Originale zerstören oder unter der Hand weiterverkaufen.
Vom Nitro-Berg zum Essig-Syndrom
Von Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang der Fünfzigerjahre war Nitrofilm, ein mit Salpetersäure verestertes Zellulose-Trägermaterial, als Kinofilm in Gebrauch. Dieses Material ist zwar äusserst durchsichtig und sehr geschmeidig, aber es ist vom Zeitpunkt seiner Herstellung an in Autokatalyse begriffen und extrem feuergefährlich. Die Restaurationsarbeiten müssen also so schnell wie möglich in Angriff genommen werden.
In zahlreichen ausländischen Archiven und Sammlungen warten zudem noch weitere Filme schweizerischer Herkunft auf ihre Sicherung. Einige davon sind in den Katalogen aufgeführt und bekannt, andere warten auf eine klare Identifizierung und gelten in der Schweiz sogar als verschollen. So konnten wir zum Beispiel Le cirque de la mort (Arena des Todes, Alfred Lind, 1918) in Rom und Das Wolkenphänomen von Maloja (Arnold Fanck, D 1925) in Wien finden. Heute liegen beide restauriert vor. Sie sind somit dem Forscher wieder leicht zugänglich und stehen für Kinovorführungen oder Fernsehausstrahlungen zur Verfügung.
Die begrenzten Mittel verpflichten zu einer besonders kritischer Auswahl von Titeln, die bearbeitet werden können. Die Cinémathèque hat allerdings dabei keinen so grossen Spielraum, wie oft angenommen wird. Nur bei wenigen der festgestellten Zersetzungsfälle kann sofort mit der überfälligen Konservierungsaktion begonnen werden. Im fortgeschrittenen Stadium der Zersetzung kann aber eine Verzögerung von wenigen Monaten bereits den Totalverlust des Werkes oder des Dokumentes bedeuten. Die für Umkopierungen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel und der zu bearbeitende NitroBerg stehen nach wie vor in einem krassen Missverhältnis. Die Rettung der Nitrofilme geht viel langsamer, als es fachlich erforderlich wäre. In den letzten Jahren standen der Cinémathèque jährlich etwa 300’000 Franken via Memoriav vom Bund zur Verfügung (ohne Personalkosten, Beschaffung und Unterhalt von Geräten sowie Baumassnahmen). Um die «Helvetica» aus dem Nitro-Berg abzubauen, der heute in der Cinémathèque lagert, wären aber etwa 8,7 Millionen Franken nötig. Und neue Sparmassnahmen zeichnen sich ab!
Um die hohe Feuergefahr zu bändigen, wurde Anfang der Fünfzigerjahre der Nitrofilm vom Acetatfilm, einem mit Essigsäure verestertem ZelluloseTrägermaterial, abgelöst. Dieser Filmträger galt als länger haltbar, doch auch Acetatfilm zersetzt sich autokatalytisch und setzt Essigsäure frei. Der Prozess ist inzwischen näher untersucht worden, und wegen des stechenden Geruchs spricht man vom so genannten Essig-Syndrom. Doch der Schwierigkeiten nicht genug: Ein weiteres gravierendes Problem ist die Verfärbung der Farbfilme, die mittels substraktiven Farbverfahren hergestellt wurden. Deswegen ist es ebenfalls dringend, die Umkopierungen der frühen Acetatfilme aus den Fünfzigerund Sechzigerjahren einzuplanen.
Im Ausland ist alles besser
Als ich 1998 an der Cinémathèque suisse die Verantwortung für Filmkonservierung und -Restaurierung übernommen habe, wurde von verschiedenen Seiten Druck auf mich ausgeübt, die Laborarbeiten ins Ausland zu vergeben, entweder an das Labor Haghefilm in Amsterdam oder an das Labor L’Immagine Ritrovata in Bologna. Es war nicht einfach, die Position zu vertreten, dass auch Schweizer Werke in der Lage sind, in das Geschäft der professionellen Filmrestaurierung einzusteigen. Gut vier Jahre später ist festzuhalten, dass alle Arbeiten zufriedenstellend in der Schweiz ausgeführt werden können, was die Zusammenarbeit erheblich erleichtert. Die Cinémathèque arbeitet heute mit Egli Film in Zürich und Schwarz Film in Ostermundigen. Zudem ist der finanzielle Aufwand auch nicht viel höher, wenn man die zusätzlichen Kosten für Spedition und Zollgebühren einberechnet, die nun wegfallen.
Im Jahre 1999 war die Zeit endlich reif dafür, an der Cinémathèque ein archiveigenes Restaurierungsatelier einzurichten, in dem Filme professionell bearbeitet werden können. Die minimalsten Anforderungen bezüglich Ausrüstung und Gesundheitsschutz konnten erfüllt und seitdem stetig ausgebaut werden, trotz den äusserst beschränkten finanziellen Mitteln der Institution. Besonders schwierige Aufträge führen meine Kollegin Carole Delessert und ich in enger Zusammenarbeit mit dem Filmrestaurator Hermann Wetter in Genf aus, der die beste Umkopiermaschine der Schweiz besitzt, mit der auch schwer beschädigte Filme bearbeitet werden können. So konnten in den letzten fünf Jahren rund 200 Werke und Dokumente für die Nachwelt gesichert werden.2 Das ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was gemacht werden müsste. Obwohl mit der Professionalisierung der Filmrestaurierungen wichtige Fortschritte erzielt wurden, dürfen wir uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen: Ein langer Weg liegt noch vor uns.
Fast ebenso wichtig wie die Restaurierung und Konservierung der Filme ist die Dokumentation der Arbeitsprozesse. Dazu wurden neue Formulare entworfen, die es ermöglichen, alle getätigten Eingriffe und gefassten Entscheide transparent zu dokumentieren. Für Studierende der Fachhochschulen, die sich der Konservierung und Restaurierung widmen, und für Kollegen aus dem Ausland, die sich mit unseren Methoden auseinander setzen wollen, bieten wir Praktika an. Nur dank dem regen Austausch von Erfahrungen und Kenntnissen mit zahlreichen ausländischen Kollegen konnten wir den heutigen Qualitätsstandard erreichen.3
Das jährlich stattfindende Festival Le Giornate del Cinema Muto von Sacile (Pordenone) hat 2002 dem Schweizer Stummfilm eine Retrospektive gewidmet. Das war für uns eine willkommene Gelegenheit, die geleistete Arbeit einem breiten Fachpublikum zur Bewertung vorzulegen. Es wurden insgesamt 44 Titel gezeigt (Spielfilme, Dokumentarfilme und Aktualitäten), deren Katalogeinträge im Internet einzusehen sind.4 Zu diesem Ereignis wurde auch ein Sammelband aufgelegt, der den heutigen Stand der Kenntnisse zum Schweizer Stummfilm zusammenfasst.5 Der Erfolg war so gross, dass uns nun auch andere europäische Filminstitute Restaurierungsarbeiten anvertrauen.6