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Als hätte er bewusst an seinem Denkmal gemeisselt: Gary Anderson begeht im WM-Final gegen Adrian Lewis zwei krasse Rechenfehler – und wird dann doch Darts-Weltmeister.
Gary Anderson hat seinen Weltmeistertitel gestern Abend als erst dritter Spieler nach Phil Taylor und Adrian Lewis verteidigen können. Damit gesellt sich «The Flying Scotsman» zu den grössten Legenden seines Sports – auch dank der Art und Weise, wie er seinen Titel geholt hat.
Dass der mittlerweile 45-jährige Anderson früher als Bauarbeiter und nicht als Mathematiker seine Brötchen verdiente, zeigte er gestern im Final eindrücklich: Gleich zweimal verzählte sich der Schotte und zielte mit dem letzten Wurf auf das falsche Feld.
Bei einer 2:1-Satzführung und einem 1:0 in den Legs hatte Anderson noch 24 Punkte Rest, um auf 2:0 davonzuziehen. Reine Routine sollte man meinen. Doch erst verpasste Anderson die Doppel-12, traf stattdessen nur die 9 und musste den Rest von 15 aufteilen, weil nur ein «Double-Out» erlaubt ist.
Anderson warf also die 3 und hätte den Rest von 12 mit einer Doppel-6 erledigen sollen. Die Kamera war bereits auf diese Doppel-6 geschwenkt, als ein Gemisch aus Raunen und Gelächter durchs Publikum ging: Anderson visierte mit dem letzten Pfeil fälschlicherweise die Doppel-1 an und Lewis konnte anschliessend problemlos zum Leg-Ausgleich werfen.
Ein anderes Mal warf Anderson in die Dreifach-20, obwohl er nur noch 56 Punkte auf dem Konto hatte. Nach dem Spiel meinte «The Flying Scotsman»: «Ich weiss gar nicht, was heute los war. Ich habe zeitweise sehr gut gespielt, zeitweise aber auch sehr wirr.»
Legenden entstehen nicht bloss durch Erfolge, sondern vielmehr durch Geschichten. Dass sich Gary Anderson im WM-Final gleich zwei Mal verrechnet und trotzdem Weltmeister wird, ist die eine. Die Erzählung von der ersten Begegnung des Schotten mit dem Dartsport eine andere, die den Mythos Gary Anderson prägt:
Als ihn sein Onkel gefragt habe, ob er mitspielen möchte, warf Anderson mit den ersten neun Darts seines Lebens 140, 140 und 180 Punkte, um dann seinem erstaunten Onkel zu sagen: «Das ist aber einfach!»
So kam der Schotte, von dem man sagt, er habe einen der besten Wurfstile der Welt, zum Dart. Anderson gewann auf Anhieb Turniere und kam lange praktisch ohne Training aus – weil er es einfach konnte. «Ich trainiere wirklich nicht viel, manchmal wochenlang nicht», hatte er mal zugegeben.
Eben weil Anderson einer der begnadetsten Darts-Spieler der Welt ist, hat er 2006 doch noch beschlossen, seinen Kaminbauer-Job an den Nagel zu hängen, um Full-Time-Profi zu werden. Er schloss sich der BDO (British Darts Organisation) an, sein Spitzname damals: «Dream Boy»!
2009 schloss sich Anderson der PDC (Professional Darts Corporation), dem prestigeträchtigsten Welt-Dartverband, an. Die schottische Darts-Legende Jocky Wilson verpasste ihm nun den Spitznamen «The Flying Scotsman», unter dem Anderson seither antritt.
Die Entscheidung, voll auf Darts zu setzen, hat sich mehr als gelohnt: Das Palmarès von Anderson liest sich wie eine nicht enden wollende Pergamentrolle. Und auch finanziell hat sich die Darts-Karriere ausbezahlt. Bisher hat Anderson, Vater von drei Kindern, über zwei Millionen Pfund an Preisgeld gewonnen – alleine für den WM-Titel von gestern gab es 300'000 Pfund. Trotz Rechenfehler.