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Prinz-Alfred-Hirsch - Cervus alfredi
Visayas-Pustelschwein - Sus cebifrons
© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Im Westpazifik zu Hause
Die Philippinen, ganz im Westen des Pazifiks, am Rand des Südchinesischen Meers gelegen, setzen sich aus über 7000 Inseln zusammen, welche eine Gesamtfläche von 300 000 Quadratkilometern aufweisen. Zwei Drittel der Landesfläche entfallen allerdings auf lediglich zwei Inseln - Luzon mit 104 688 Quadratkilometern und Mindanao mit 94 630 Quadratkilometern - und lediglich 860 Inseln sind gross genug, um einer menschlichen Bevölkerung ganzjährig eine Lebensgrundlage zu bieten.
Biologisch gesehen sind die Philippinen ein ausgesprochen interessantes Land, denn zum einen liegt der Archipel in den Tropen, wo die Artenvielfalt allgemein erheblich grösser ist als in den gemässigten Klimazonen, und zum anderen ist er Teil von «Wallacea», jener «Kontaktzone» zwischen Asien im Westen und Australien im Osten, wo seit Jahrmillionen komplexe tierliche und pflanzliche Wechselbeziehungen bestehen, die zur Ausbildung einer höchst interessanten Fauna und Flora geführt haben.
Von den Zoologen werden die Philippinen in vier verschiedene tiergeografische Regionen gegliedert. Es handelt sich je um eine Gruppe von Inseln, welche während der Eiszeiten, als der Meeresspiegel mehr als hundert Meter tiefer lag als heute, zu einer grossen Insel zusammengewachsen waren und die deshalb viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer Tiergemeinschaften aufweisen. Luzon und seine Nachbarinseln bilden faunistisch gesehen die Luzon-Region; Mindoro und seine Nachbarinseln die Mindoro-Region; Mindanao, Samar, Leyte, Bohol und ihre Nachbarinseln die Mindanao-Region; und Panay, Negros, Cebu, Masbate und ihre Nachbarinseln die Negros/Panay-Region, welche auch als Westvisayas-Region bezeichnet wird. Einer fünften faunistischen Region, der Sunda-Region, gehören im übrigen die isoliert im Südwesten liegenden Inseln Palawan und Calamianes an: Sie sitzen ebenso wie Borneo, Sumatra und Java dem sogenannten «Sunda-Schelf» auf, einem untermeerischen Festlandsockel, der während der Eiszeiten aus dem Meer ragte und die genannten Inseln untereinander und mit der Malaiischen Halbinsel verband.
Leider ist ein Grossteil der vielgestaltigen Tierwelt der Philippinen heute im Fortbestand gefährdet. Mit 66 Millionen Menschen, also rund 220 je Quadratkilometer, gehört die Inselrepublik zu den dichtestbesiedelten Ländern Südostasiens. In dementsprechend grossem Umfang sind in unserem Jahrhundert die einst inselweiten Tropenwälder abgeholzt, die landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgedehnt und die Wildtiere zurückgedrängt worden.
Besonders stark von dieser Entwicklung betroffen sind die Westvisaya-Inseln. Dort sind die natürlichen Lebensräume inzwischen auf ein paar klägliche Reste zusammengeschrumpft - und mit ihnen die Populationen der heimischen Wildtiere. Zu diesen gehören der Prinz-Alfred-Hirsch (Cervus alfredi)
und das Visayas-Pustelschwein (Sus cebifrons)
, von denen auf diesen Seiten berichtet werden soll. Der Prinz-Alfred-Hirsch wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «bedroht», das Visayas-Pustelschwein gar als «kritisch bedroht» eingestuft.
Der Prinz-Alfred-Hirsch
Der Prinz-Alfred-Hirsch gehört innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Familie der Hirsche (Cervidae) und da zur Gattung der Edelhirsche (Cervus),
welche weltweit zehn Arten umfasst, darunter auch «unseren» Rothirsch (Cervus elaphus)
.
Der Prinz-Alfred-Hirsch ist ein eher zierlicher Hirsch mit einer Schulterhöhe von nur 60 bis 70 Zentimetern, einer Kopfrumpflänge um 110 Zentimetern und einem Gewicht von 40 bis 50 Kilogramm. Wie bei fast allen Hirschen trägt nur das Männchen ein Geweih, wobei es sich zumeist um ein ziemlich schwaches, ungefähr 25 Zentimeter langes Sechsendergeweih handelt.
Über die Lebensweise des Prinz-Alfred-Hirschs in freier Wildbahn wissen wir erst wenig. Er hält sich vorzugsweise im üppigen Unterholz des Regenwalds auf, besucht aber auch waldnahe Grasflächen und Gebiete mit Sekundärwuchs. Vom Körperbau her ist er denn auch ein typischer «Schlüpfer»: Das Rückenende ist überhöht, das Geweih klein. Als Nahrung dient ihm hauptsächlich das Blattwerk von Büschen, Sträuchern, Jungbäumen und Stauden, doch nimmt er auch Gräser und Früchte zu sich.
Wie die meisten tropenwaldbewohnenden Huftiere sind die Prinz-Alfred-Hirsche keine Herdentiere, sondern leben mehr oder weniger einzelgängerisch. Am häufigsten werden einzelne Männchen oder einzelne Weibchen mit ihrem abhängigen Nachwuchs angetroffen. Die Tragzeit dauert rund acht Monate, und je Wurf kommt fast stets ein einzelnes Junges zur Welt.
Über die ursprüngliche Verbreitung des Prinz-Alfred-Hirschs auf dem philippinischen Archipel herrscht ziemliche Unklarheit. Aufgrund verschiedener Hinweise in historischen Berichten darf man annehmen, dass er einst auf allen grösseren Westvisaya-Inseln (darunter Panay, Negros, Cebu, Masbate, Guimaras und Siquijor) weitverbreitet vorkam. Ob er einst auch auf den Ostvisayas (Samar, Leyte und Bohol) zu finden war, lässt sich hingegen nicht mehr feststellen. Wir wissen lediglich, dass heute allein der Philippinensambar (Cervus mariannus)
, ein nah verwandter Hirsch, dort vorkommt.
Anlässlich einer wissenschaftlichen Erhebung, welche Mitte der achtziger Jahre durchgeführt wurde, zeigte sich, dass der Prinz-Alfred-Hirsch nur noch in winzigen Beständen in ein paar entlegenen Waldgebieten auf den Westvisaya-Inseln Panay und Negros überlebte. Wahrscheinlich gab es auch noch einen Restbestand auf Masbate, dem jedoch keinerlei Überlebenschancen zugestanden wurden, da die Insel schon damals praktisch vollständig entwaldet war. Er dürfte inzwischen ausgestorben sein.
Der grösste verbleibende Bestand des Prinz-Alfred-Hirschs findet sich heute in der Mount-Madja/Mount-Baloy-Region im Westen von Panay. Die Tiere leben dort in mehr oder weniger ursprünglichen Waldstücken, welche an steileren Berghängen stehengeblieben sind. Selbst in diesen Rückzugsgebieten sind sie aber nicht sicher: Zum einen wird inzwischen zunehmend auch in steilem Terrain Holz geschlagen und Pflanzland geschaffen. Zum anderen ist der Jagddruck massiv.
Kleinere Hirschbestände finden sich ferner in ein paar Schutzgebieten auf Negros, darunter dem 245 Quadratkilometer grossen Mount-Canlaon-Nationalpark, dem 450 Quadratkilometer grossen North-Negros-Waldreservat und dem 200 Quadratkilometer grossen Mount-Talinis/Lake-Balinsayao-Reservat. Die Bewachung dieser Schutzgebiete ist allerdings mangelhaft, weshalb illegaler Holzschlag und Wildabschuss innerhalb ihrer Grenzen verbreitet vorkommen.
Um den Fortbestand des Prinz-Alfred-Hirschs zu sichern, wurde 1991 ein Programm zur Rettung der Art an die Hand genommen, welches drei hauptsächliche Ziele verfolgt: Erstens wird intensiv auf die Schaffung eines 400 Quadratkilometer grossen Nationalparks im Westen von Panay hingearbeitet, welcher dem oben erwähnten grössten Restbestand des Prinz-Alfred-Hirschs eine sichere Heimat bieten soll. Noch lässt die Ausweisung des Parks durch die philippinische Regierung leider auf sich warten. Zweitens wird alles daran gesetzt, dass das Management der bestehenden Schutzgebiete auf Negros endlich entscheidend verbessert wird. Auch hier konnten allerdings noch keine handfesten Ergebnisse erzielt werden. Drittens wurde ein internationales Zuchtprogramm in Menschenobhut gestartet. In der Erkenntnis, dass die Art beim gegenwärtigen Ausmass an Lebensraumzerstörung und Bejagung wohl höchstens noch etwa zehn Jahre in freier Wildbahn überleben dürfte, soll wenigstens versucht werden, sie in Menschenobhut vor dem Aussterben zu bewahren.
Das Zuchtprogramm hat vielversprechend begonnen: Ende 1995 lebten 14 Prinz-Alfred-Hirsche in einer Zuchtstation an der Silliman-Universität auf Negros, 12 in einer Zuchtstation an der West-Visayas-State-Universität auf Panay und 3 in einer Zuchtstation der Negros-Forest-and-Ecology-Stiftung. Eine vierte Zuchtgruppe mit ungefähr 12 Tieren befindet sich ferner im Zoo von Mulhouse in Frankreich. Alle Mitglieder dieser Zuchtgruppen bleiben mitsamt ihren Nachkommen das Eigentum der Philippinen und werden züchterisch als eine einzige «Weltherde» gehandhabt. Zuerst sollen nun weitere Zuchtgruppen in anderen Tiergärten ausserhalb der Philippinen aufgebaut werden. Später will man dann Gruppen überzähliger Tiere an geeigneten Orten innerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets wieder auswildern.
Das Visayas-Pustelschwein
Das Visayas-Pustelschwein ist eines von 17 Mitgliedern der Schweinefamilie (Suidae), welche wie die Hirschfamilie zur Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehört. Die grösste der insgesamt sieben Gattungen, in welche die Schweinefamilie gegliedert wird, ist die der Wildschweine (Sus)
, zu der nebst «unserem» Wildschwein (Sus scrofa)
, dem in der östlichen Himalajaregion heimischen Zwergwildschwein (Sus salvanius)
und dem auf den Sundainseln lebenden Bartschwein (Sus barbatus)
fünf Arten von Pustelschweinen gehören. Es sind dies das Javanische Pustelschwein (Sus verrucosus)
, das Celebes-Pustelschwein (Sus celebensis)
, das kürzlich in Zentralvietnam wiederentdeckte Vietnam-Pustelschwein (Sus bucculentus)
, das Philippinen-Pustelschwein (Sus philippensis)
und das Visayas-Pustelschwein. Alle fünf Pustelschweine besitzen drei Paare warzen- oder pustelartiger Schwellungen im Gesicht (vor den Augen, unter den Augen und am hinteren Unterkieferwinkel), welche besonders bei den erwachsenen Männchen stark ausgebildet sind - daher ihr Name.
Das Visayas-Pustelschwein ist etwas kleiner als sein nächster Vetter, das auf den Inseln Luzon, Mindoro, Samar, Leyte, Mindanao und ein paar kleineren Nachbarinseln heimische Philippinen-Pustelschwein: Es hat eine Schulterhöhe von ungefähr 60 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von 80 bis 100 Zentimetern und ein Gewicht von gewöhnlich 30 bis 70 Kilogramm. Die Männchen unterscheiden sich von den Weibchen durch ihren grösseren Wuchs und zusätzlich durch eine auffällige Nackenmähne, die sich entlang der Rückenmitte fortsetzt.
Wie beim Prinz-Alfred-Hirsch ist unser Wissen über die Lebensweise des Visayas-Pustelschweins in freier Wildbahn äusserst spärlich. Vorzugsweise bewegt es sich im Unterholz des Regenwalds umher, besucht aber auch Sekundärwuchsflächen und sogar Pflanzungen in Waldnähe. Wie die meisten Schweine ist es ein ausgeprägter Allesesser und stellt sich auf seinen Streifzügen eine reichhaltige Kost aus diversen pflanzlichen wie auch tierlichen Stoffen zusammen, darunter Wurzeln, Knollen, Pilze, Früchte, Schösslinge, Insektenlarven, kleine Wirbeltiere, Reptilieneier und Aas. Meistens zeigt es die von allen Schweinen bevorzugte Form der Nahrungsbeschaffung: Es gräbt mit der Schnauze im Boden und vertraut dabei auf seinen hochentwickelten Geruchssinn. Häufig wandert es aber auch zielstrebig durch seinen Lebensraum, um sich unter früchtetragenden Bäumen an «Fallobst» gütlich zu tun.
Gewöhnlich werden Visayas-Pustelschweine in Trupps von vier bis fünf Individuen abgetroffen. Es sind aber auch schon Gruppen von bis zu zwölf Individuen sowie einzelgängerische Männchen beobachtet worden. Die Jungenzahl je Wurf scheint meistens zwei oder drei zu betragen.
Da das Visayas-Pustelschwein von alters her häufig mit dem sehr ähnlichen Philippinen-Pustelschwein verwechselt wird, ist es sehr schwierig, die ursprüngliche Verbreitung der Art festzulegen. So dachte man lange Zeit, dass das Visayas-Pustelschwein auf allen Visaya-Inseln vorkommt, doch wissen wir heute, dass auf den Ostvisayas Samar und Leyte (und wahrscheinlich auch Bohol) das Philippinen-Pustelschwein zu Hause ist. Wir können daher nur mutmassen, dass das Visayas-Pustelschwein einst eine ähnliche Verbreitung hatte wie der Prinz-Alfred-Hirsch, also auf allen grösseren Westvisayas (Negros, Panay, Cebu, Masbate, Guimaras und Sequijor) vorkam.
Gewiss ist hingegen, dass sich das heutige Vorkommen des Visayas-Pustelschweins wenig von dem des Prinz-Alfred-Hirschs unterscheidet: Auf Cebu, Guimaras, Sequijor ist es mit Sicherheit ausgestorben, auf Masbate mit grosser Wahrscheinlichkeit. Die letzten Bestände überleben in den wenigen verbleibenden Waldfragmenten im Westen von Panay einerseits und in den erwähnten Schutzgebieten auf Negros andererseits. Wie die Hirsche leiden auch die Schweine weiterhin unter der fortschreitenden Vernichtung der Vegetation in ihren letzten Rückzugsgebieten sowie der massiven Bejagung seitens des Menschen.
(Im Gegensatz zum Prinz-Alfred-Hirsch ist das Visayas-Pustelschwein nicht Gegenstand eines gezielten Rettungsprogramms. Zwar würde es von einem besseren Management der bestehenden Schutzgebiete auf Negros und der Gründung eines Nationalparks auf Panay ebenso profitieren wie der Prinz-Alfred-Hirsch, zu dessen Gunsten diese Massnahmen geplant sind. Ob diese Naturschutzmassnahmen aber rechtzeitig greifen, ist fraglich. Es wäre deshalb auch zur Sicherung des Fortbestands dieser Art ein wissenschaftlich geführtes Zuchtprogramm dringend notwendig, scheint aber innerhalb nützlicher Frist nicht zustande zu kommen. Die Zukunft des sieht deshalb sehr düster aus.)
Aus diesen Gründen ist heute das Visayas-Pustelschwein ebenfalls Gegenstand eines gezielten Rettungsprogramms. Zum einen wird auch zu seinen Gunsten auf eine Verbesserung des Managements der bestehenden Schutzgebiete auf Negros und die Gründung eines Nationalparks auf Panay hingearbeitet. Zum anderen ist auch mit ihm ein wissenschaftlich geführtes Zuchtprogramm gestartet worden, um wenigstens den Fortbestand der Art in Menschenobhut zu gewährleisten. Seit 1993 besteht auf Panay und auf Negros je eine kleine Zuchtgruppe, die sich beide 1995 erstmals fortgepflanzt haben. Die Zukunft des stark bedrohten Visayas-Pustelschweins sieht somit wenigstens ein bisschen besser aus.
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