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Dass billige, qualitativ immer besser werdende Ware von anderswoher des Teufels sei, gehört seit je zum Repertoire der Protektionisten. Und man ertappt bald einmal den einen oder anderen, zuweilen auch sich selbst dabei, wie schnell die Falle protektionistischer Argumente zuschnappt. Die Falle ist zweistufig gebaut. Die erste Stufe liegt in der falschen Perzeption der Bedeutung von Produktivität. «Wirtschaftliche Leistung pro Arbeitsstunde» lautet eine der möglichen Definitionen, und insoweit scheint alles klar zu sein. Aber bereits hier beginnen die Irrtümer. Denn darüber, was «wirtschaftliche Leistungen» sind und was nicht, entscheidet nicht irgendein volkswirtschaftliches Planungsgremium, sondern einzig und allein der Markt, indem er über die Nachfrage die Preissteuerung wahrnimmt. «Wirtschaftliche Leistungen» waren einmal Kohle, Kerzen, Dampfmaschinen, Hufeisen, Hafersäcke und dergleichen. Heute sind es Mobiltelefone, DVD-Filme, Aufenthalte in Schönheitskliniken oder Disney-Parks und ähnliches.
Die Dynamik des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens wird es immer wieder mit sich bringen, dass verschiedene «wirtschaftliche Leistungen» unterschiedlich bewertet werden. Immer wieder setzt sich die falsche Vorstellung durch, nur das sei Arbeit, was ein physisches Gut hervorbringt. Ein operierter Tränensack würde dann kaum dazu gehören, die psychologische Telefonberatung für Übergewichtige schon gar nicht, und doch ist beides eine wertschöpfende Dienstleistung. Produziert wird immer, wenn für eine bestimmte Leistung ein Preis bezahlt wird.
Anderes, Neues, Höherwertiges
Die zweite Stufe der Falle der Fehlperzeption liegt dann darin, zu glauben, die gesteigerte Produktivität des einen müsse zwingend volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, weil die tiefere Produktivität des andern zu einem Wettbewerbsnachteil und am Schluss zur Produktionsaufgabe führen werde. Mit diesem Argument bekämpfte man früher den Bau von Eisenbahnen, weil sie nämlich die langsameren Kutschen zu verdrängen drohten, man bekämpfte die Elektrizität, weil sie die Kerzen- und Zündholzproduktion zum Einsturz brachte, man bekämpfte anfangs der siebziger Jahre den Computer, weil er viele repetitive Arbeiten zum Verschwinden brachte, und so bekämpft man heute den Aufstieg Chinas in produktivere Arbeitsweisen. Weshalb diese Angst vor höherer Produktivität? Weil das Absterben des Obsoleten konkret ist und beispielsweise am Verlust von Arbeitsplätzen gemessen werden kann, und weil der Wohlstandsgewinn, der durch den verminderten Arbeits- und Kapitaleinsatz entsteht, nur sehr indirekt und erst später sichtbar wird. Gesteigerte Produktivität, mehr Output pro Arbeitsstunde, weniger Aufwand pro geleisteten Output: Das setzt Kapazitäten für Anderes, Neues, Höherwertiges frei.
Es lohnt sich, ab und zu wieder einmal die Nase in die Belletristik des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu stecken. Ob Victor Hugo, ob Gerhart Hauptmann oder Charles Dickens, eines haben sie alle gemeinsam: Sie beschreiben die unglaubliche Armut, die damals in weiten Teilen Europas geherrscht hat. Das war die Zeit der Kutschen, der Kohle und der Kerzen. Es war aber auch die Zeit des Mangels und des Hungers, überlanger Arbeitstage und der Kinderarbeit. Produktivitätsfortschritte haben unsere Gesellschaft von der Geissel solcher Armut befreit. (Wer sich noch intensiver mit der Materie befassen möchte, dem sei das Werk «Was für ein Leben. Schweizer Alltag vom 15. bis 18. Jahrhundert» von Albert Hauser, Zürich 1990, empfohlen. Die vorindustrielle Zeit war in der Schweiz durch dramatische Mangelsituationen und die Notwendigkeit zur Emigration gekennzeichnet.)
Strukturerhaltung – leider populär
Produktivitätssteigerungen sind in der Regel nicht ohne Produktionsverlagerungen möglich. Die Wirtschaft, oder besser gesagt, die einzelnen Unternehmungen werden in der Regel ja nicht produktiver, weil sie das unbedingt wollen. Sie müssen es, weil ein naher oder auch fernerer Konkurrent auftritt, der aus irgendeinem Grund effizienter, das heisst billiger produzieren kann. Man muss sich anpassen, muss investieren, oder man geht irgendwann unter. Aus demselben Grunde muss es immer wieder zu neuen Arbeitsteilungen kommen – einmal lohnt es sich, Textilien im Zürcher Oberland herzustellen, später ist dies angesichts der Konkurrenz aus China nicht mehr denkbar, und lediglich das Design und der Verkauf können zu vertretbaren Bedingungen noch aus der Schweiz heraus betrieben werden. Später stellt man plötzlich fest, dass für eine ganz bestimmte, hochwertige Ware die hiesige Produktion doch wieder in Frage kommt. Wenn «hochwertig» zum Beispiel «time to market» bedeutet, dann sind die langen Wege nach Fernost und zurück und die schwierigere Kommunikation über die Kontinente hinweg allzu mühsam, zu kostspielig, zu wenig effizient.
Produktivitätsfortschritte werden immer eine sachliche und eine örtliche Komponente haben. Die örtliche Komponente, das Absterben ganzer Produktionskapazitäten in grösseren oder kleineren Regionen, wird auch immer Gegenstand erbitterter Gegenwehr sein und wird auch immer Objekt politischer Einflussnahme bleiben. Strukturerhaltung wird immer ein politisches Ziel bleiben, weil die Struktur konkret ist, der Wohlstandsgewinn aus dem Produktivitätsfortschritt und aus der internationalen Arbeitsteilung immer nur visionär sein kann. Wenn eine ganz grosse Gegend auf dieser Welt zu wirtschaftlichen Sprüngen ansetzt, dann darf man sich deshalb über den Widerstand nicht wundern. Ironischerweise, aber auch logischerweise kommt dieser nun aus dem Kreis von Nationen, die sich dem Freihandel verschrieben hatten und zu diesem Zwecke auch eine entsprechende internationale Organisation betreiben.
Arbeitsteilung ist eine äusserst dynamische Angelegenheit. China, so wird behauptet, sei im wesentlichen eine riesige Fertigungsstrasse für halbfertige Produkte, die andernorts produziert worden sind. Das stimmt vermutlich nur noch für eine kurze Zeit. Aus Kreisen schweizerischer Exportunternehmer verlautet ganz klar, dass in China enorme Anstrengungen im Gange sind, die Produktion in umfassenderer Weise in die Hand nehmen zu können. Das wird unter anderem bedeuten, dass die westliche Maschinenindustrie unter Druck geraten wird und dass man möglicherweise gut daran tut, durch Direktinvestitionen in China diesen Entwicklungen zuvorzukommen.
Konrad Hummler, geb. 1953, studierte an der Universität Zürich Jurisprudenz und in Rochester (N.Y.) Ökonomie. Er ist seit 1991 Teilhaber von Wegelin & Co., Privatbankiers, St. Gallen, Zürich und Lugano, und Autor verschiedener polit-ökonomischer Studien sowie der Wegelin-Anlagekommentare. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem Anlagekommentar 225 vom September 2003.