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Obwohl Honoré-Victorin Daumier (1808-1879) ein bedeutendes malerisches Werk geschaffen hat, ist er vor allem durch seine gegen 4‘000 Lithographien und 1000 Holzschnitte bekannt geworden. Das Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten in Winterthur besitzt fast die Hälfte seines lithographischen Werkes. Mit 90 Blättern hat es nun eine Ausstellung ausgerichtet, die den schonungslosen Umgang des Zeichners mit den Helden und Göttern der Antike illustriert. Diese eigneten sich hervorragend für die politische und gesellschaftskritische Karikatur, die zur Zeit des Bürgerkönigtums in Frankreich ihren Siegeszug antrat. Bei Daumier ist nichts Göttliches mehr in den Physiognomien des verstörten Mars und der verschmitzt lächelnden Venus zu erkennen, der schnarchende Held Odysseus und seine mollige Penelope sind Sinnbilder des Profanen, und auch den abgebildeten Philosophen und «Prominenten» der Antike fehlt jegliche Spur der Erhabenheit. Daumier war die Lavatersche Physiognomienlehre nur zu geläufig: Gesichtsform und -ausdruck lassen lückenlose Schlussfolgerungen auf die Charaktereigenschaften der Dargestellten zu.
1798 wurde die Lithographie in Deutschland entdeckt. Sie war billig, erlaubte eine fast unbegrenzte Anzahl von Abzügen und ermöglichte ein relativ rasches, direktes Arbeiten mit den verschiedensten Zeichenutensilien. Daumier verhalf dieser Technik, die für die neue politische Karikatur wie gerufen kam, in Frankreich zum Durchbruch. Anfänglich als Mitarbeiter bei der Zeitung «La Silhouette» tätig, dann, von 1830 bis 1835, für die politisch-satirische Zeitschrift «La Caricature» und – nach deren Einstellung durch die Zensur – für das an fünf Tagen pro Woche erscheinende Blatt «Le Charivari» (1833-1872), nahm er Woche für Woche das Umfeld von Louis-Philippe und später jenes von Napoléon III. gnadenlos aufs Korn und Bussen und Gefängnisstrafen in Kauf. Mit der Serie «Physionomies tragico-classiques» (1841) und den 50 Blättern der «Histoire ancienne» (1841 – 1843) versuchte Daumier, die Zensur zu beschwichtigen.
Das Winterthurer Ausstellungskonzept ist anspruchsvoll und mutig. Nicht nur müssen die karikierten antiken Protagonisten in ihrem mythischen und historischen Kontext bekannt sein, sondern es werden auch Kenntnisse der französischen Politik und der wichtigsten kunsthistorischen Strömungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwartet. Unter diesen Voraussetzungen allerdings sind die Lithographien mit den zugehörigen französischen satirischen Vierzeilern ein Genuss. Wie schade wäre es zum Beispiel, die Überraschung des zersausten Pygmalion zu verpassen, wenn sich die von Aphrodite zum Leben erweckte marmorne Schöne, die George Sand nicht unähnlich sieht, plötzlich herunter beugt, um von dem Bildhauer als erstes eine Prise Schnupftabak zu erbitten.
Juliana Schwager-Jebbink berichtet für die Schweizer Monatshefte über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.