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Seit über 20 Jahren befassen wir uns mit akuten Hufrehepferden und möchten Ihnen unsere Erfahrungen nachstehend weitergeben. Wir erkären die erfolgreiche Anwendung der Kryotherapie (Kältetherapie) bei akuten Hufrehepferden - Schritt für Schritt - und versichern Ihnen:
Immer wieder teilen uns Pferdebesitzer mit, dass sie sich nach der Diagnose "akute Hufrehe" absolut überfordert und hilflos fühlen. Dann wird im Internet gesucht, jedoch überall stehe etwas anderes. Am Schluss habe man 100 Meinungen - was zur Entspannung der Lage auch nicht gerade förderlich sei. Wir wurden gebeten, aufgrund unserer langjährigen Erfahrung einen Notfallplan zu erstellen und Ratschläge abzugeben. Es soll aufezeigt werden, wie mit einer solchen Situation umgegangen werden muss. Ferner wäre es von Vorteil, genau zu erklären, was in der Akutphase eines Hufrehepferdes eigentlich abläuft.
Das machen wir doch gerne!
Sobald ein Pferdebesitzer feststellt, dass bei seinem Pferd irgendetwas nicht mehr ganz stimmt - beispielsweise: "mein Pferd bewegt sich schlecht", "mein Pferd ist plötzlich sichtlich verspannt", "mein Pferd bewegt sich wie wenn es auf einer heissen Herdplatte steht", "mein Pferd steht nur noch apathisch herum", "mein Pferd ist so ganz anders und unruhig" usw. - sollte das Tier in jedem Falle unverzüglich in eine Boxe verbracht werden. Achten Sie darauf, dass Sie das Pferd nicht in eine Boxe mit Matrazeneinstreu stellen. Diese gibt Wärme ab und beschleunigt die sich anbahnenden Probleme. Stellen Sie - wenn immer möglich - Ihr Pferd an den kühlsten Ort im Stalle. Ziehen Sie nun einen erfahrenen Pferdetierarzt bei.
Messen Sie bis zu dessen Ankunft die Temperatur Ihres Pferdes. Wird dann tatsächlich eine akute Hufrehe diagnostiziert, verabreicht der Tierarzt dem Pferd in der Regel als Erstversorgung ein Entzündungshemmer/Schmerzmittel.
Dies Kurzvideo zeigt im Zeitraffer ein akuter Hufreheschub. Ich danke Andrew van Eps von der University of Queensland in Australien für die Bewilligung zur Veröffentlichung des Videos.
Von nun an ist der "Mist am dampfen" und es gilt keine Zeit zu verlieren - Ihr Pferd befindet sich in diesem Zustand in akuter Lebensgefahr.
Lassen Sie uns also sofort mit der Behandlung beginnen...
1. Hufeisen entfernen
Damit erreichen wir, dass der Huf vollständig durchblutet werden kann. Schützen Sie Ihr Pferd gegen den Druck vom Boden her auf das Hufbein mit zwei 12mm dicken Comfortpads.
Dieses wird mit Klauenband an der Hornkapsel befestigt. Ihr Pferd wird es Ihnen danken und es ist nicht ausser Acht zu lassen, dass so bis zu einem gewissen Grad einer Deformation der Hufbeinspitze vorgebeugt werden kann.
Nicht in jedem Falle ist es möglich, die Eisen abzunehmen. Ist das Pferd nicht in der Lage, seine Beine zu heben, darf nicht "herumgemurxt" werden. Belassen Sie die Eisen und fahren Sie in einem solchen Falle direkt mit Punkt 3 weiter.
2. Höherstellen der Trachten
Gegebenenfalls wird das Pferd auf den Trachten erhöht. Dies kann ebenfalls mit Confortpads gemacht werden und ist auch gemäss unseren Erfahrungen absolut richtig. Es erleichtert dem Pferd das Stehen, da entsprechend Last aus der Tiefen Beugesehne genommen wird. Diese führt bekanntlich hinter dem Strahlbein durch und ist an der Hufbeinspitze befestigt. Ein Höherstellen der Trachtenenden mindert somit den Zug auf die Tiefe Beugesehne, entlastet den Strahlbein- resp. den Hufrollenbereich und verringert somit den Zug auf das Hufbein selbst.
Die Hufbeinspitze wird durch diese Massnahme nicht noch zusätzlich gegen den Boden gezogen.
Wichtig: lassen Sie das Pferd nicht länger wie 14 Tage in der erhöhten Position stehen. Die Bänder und Sehnen passen sich dieser Stellung an und beginnen sich in der Folge zu verkürzen. Beim Zurückführen in die ursprüngliche Position ist äusserste Vorsicht geboten. Das Vorgehen gleicht der Methode, welche bei Bockhufen angewendet wird. Gehen Sie dabei unbedingt schrittweise und sehr, sehr langsam vor.
Achtung: Auf gar keinen Fall darf - aus welchen Gründen auch immer - ein akutes Hufrehepferd im Trachtenbereich "heruntergenommen", sprich die dortige Höhe eingekürzt werden.
3. Kühlen, kühlen, kühlen...
Das Pferd befindet sich bei einem akuten Hufreheschub in einer Entzündungsphase im betroffenen Huf. Bekanntlich ist das Hufbein an der Weissen Linie in der Hornkapsel aufgehängt - also im Normalfalle optimal stossgedämpft. Diese "Aufhängung" beginnt nun, hervorgerufen durch die sich im Huf befindliche Entzündung, immer mehr zu zerreissen und dies solange, wie sich das Pferd in der Akutphase befindet. Diesem Umstand muss nun schnellstens Einhalt geboten werden. Wir können belegen, dass durch das sofortige und langanhaltende, ununterbrochene Kühlen bei einem akuten Hufreheschub wesentlich kleinere - oder im günstigsten Falle gar keine Schäden am Hufbeinträger (Weisse Linie) festzustellen sind.
Ein Hufbein rotiert oder sinkt so lange, wie ein starkes Pulsieren in der Fesselbeuge und erhöhte Temperaturen an der Hornkapsel und am Kronsaum festzustellen sind.
Unsere bis dato gemachten Erfahrungen an über 350 Pferden haben ebenfalls gezeigt, dass durch starkes Kühlen - dabei muss die Temperatur 2°Celsius oder weniger betragen, also mit Eis - die Tortur der Pferde wesentlich abgekürzt werden kann. Entsprechend schneller kann auch mit dem Entzündungshemmer/Schmerzmittel "heruntergefahren" werden. Bitte beachten Sie, dass das Kühlen mit Leitungswasser nicht ausreicht, da dies im Normalfalle bestenfalls eine Temperatur von 4°Celsius aufweist.
Sollte dem Pferdebesitzer kein Eis, oder dies nicht in genügender Menge zur Verfügung stehen, ist das Kühlen mittels Hahnenwasser immer noch die wesentlich bessere Notfallversorgung, als gar keine Kühlung.
Ziehen Sie Ihrem Pferd an den betroffenen Hufen eine Socke über und füllen Sie die Socke mit blanken Eisstücken. Verwenden Sie bei der Kühlung ausschliesslich Socken (keine Plastiktüten), das geschmolzene Eiswasser muss abfliessen können!
Der zu kühlende Bereich ist in der nachstehenden Abbildung aufgezeigt.
Richtig ausgeführt sieht die Sache dann so aus...
Achtung: In der Fesselbeuge dürfen sich keine Eisstücke befinden. Sollte Ihr Pferd anfällig auf Mauke sein, muss die Region der Ballen und Fesselbeuge mit Vaseline geschützt werden.
Achten Sie ferner darauf, dass Sie keine kantigen Eiswürfel verwenden. Ideal sind Eiswürfel, welche für Drinks von Grossverteilern angeboten werden.
Und nun ist der Pferdebesitzer gefordert!
Sobald die Eisstücke geschmolzen sind, müssen Neue nachgelegt werden. Erfahrungsgemäss wird dies zu Beginn der Therapie jede 1-1 1/2 Stunden der Fall sein - Tag und Nacht! Es ist ganz wichtig, dass der Kühlprozess niemals unterbochen wird. Je nach Schweregrad der Entzündung werden dafür 24 - 72 Stunden benötigt. Eine lange Zeit - aber es lohnt sich!
Kontrollieren Sie dabei immer wieder den Pulsschlag oberhalb des Fesselkopfes.
Die Pulsation sollte, je länger gekühlt wird, immer schwächer zu spüren sein. Auch das Eis wird immer langsamer schmelzen und die Abstände für das "Nachlegen" werden immer länger. Bei Hufschuhen ist Vorsicht geboten. Sie dürfen den Kühlvorgang nicht behindern und auf keinen Fall Wärme fördern. Nochmals - die Hitze muss aus dem Huf abgeführt werden. Es versteht sich von selbst, dass auch Verbände ein untaugliches Mittel sind und nicht verwendet werden dürfen. Auch bei Cool-Pads ist Vorsicht geboten - nach einer gewissen Zeit beginnen sie zu wärmen. Verwenden Sie aus diesem Grund ausschliesslich Eiswürfel oder Crushed-Eis.
Die Zeit wird kommen und es wird kein erhöhter- und kein pochender Pulsschlag mehr festgestellt. Nun ist ein grosser Teil geschafft. Ihr Pferd beginnt sich in der Regel aus eigenem Antrieb wieder vermehrt zu bewegen und es wird Ihnen deutlich anzeigen, dass nun das Kühlen nicht mehr angenehm ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Ihrem Pferd regelmässig Medikamente verabreicht. Nun beginnt die heikle Phase des Absetzens der Medikamente. Fahren Sie langsam die Medikamente herunter und kontrollieren Sie regelmässig den Puls. Konsultieren Sie zur Absetzung auch Ihren Tierarzt. Dieser kann Ihnen Angaben zur Dosierung der Schmerzmittel und Entzündungshemmer machen. Erst wenn der Puls als normal angeshen werden kann, und sämtliche Medikamente abgesetzt sind, ist die Schlacht geschlagen und gewonnen.
Wir sind uns bewusst, dass das Anbringen von Eiswürfeln jede Stunde - besonders in der Nacht - ein grosses Engagement erfordert. Es wird Ihre gesamte Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Achten Sie jedoch dabei auf sich selbst und organisieren Sie sich entsprechend. Nur mehrere Personen, welche sich - vor allem Nachts - ablösen, können erfolgreich eine solche "Uebung" über mehrere Tage und Nächte durchziehen. Beachten Sie ferner, dass das Anbringen von Eis an Ihrem Pferd auch Sie selber herunterkühlt. Insbesondere Nachts ist hier Vorsicht geboten. Das mehrmalige Verlassen des warmen Betts in übermüdetem Zustand, das Handieren mit Eis sowie das mehrmalige Aufstehen und Niederbücken zum Pferd, kann schlagartig zu einem Kreislaufproblem führen. Es ist Niemandem gedient, wenn der Pferdebesitzer auch noch medizinisch versorgt werden müsste. Auch hier sprechen wir aus Erfahrung...
Wichtig:
85% aller Hufrehepferde kehren beim langsamen "Ausschleichen" der Medikamente nochmals in einen akuten Hufreheschub zurück. Dies ist jedoch als der Normalfall anzusehen.
Verzweifeln Sie nicht - beginnen Sie nochmals mit dem Kühlprozess und erhöhen Sie sofort die Medikation. Erfahrungsgemäss wird dieser erneute Hufreheschub jedoch innert 24 Stunden überstanden sein. Danach beginnen Sie nochnals mit dem Absetzten der Medikamente. Wir haben es noch nie erlebt, dass Pferde ein drittes Mal in eine akute Hufrehe zurückgekehrt sind!
...und ebenfalls Wichtig!
Wir möchten daruf hinweisen, dass Pferde nach durchstandenem Hufreheschub mit einer Abszessbildung antworten können. Dies ist ebenfalls eine normale Reaktion auf die vorhandene Schädigung der Huflederhaut. Hier ist Vorsicht mit der Diagnose "erneuter Hufreheschub" geboten!! Das Problem als solches, wird mit einer normalen Hufabszessbehandlung gelöst.
Dabei sollte darauf geachtet werden, dass der Abszesshuf mit warmen Betadine-Verbänden gewärmt und gleichzeitig der andere Huf nochmals mit Eis gekühlt wird. Dies um einer eventuellen Belastungsrehe auf dem vom Abszess nicht betroffenen Huf vorzubeugen.
Und nachstehend ein ehemaliges Hufrehepferd - Kryotherapie sei Dank!
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