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Bergnotfälle Schweiz 1999
Extreme Witterungsverhältnisse prägten das Jahr 1999: der «Jahrhundertschneefall» mit grosser Lawinengefahr im Februar, die aussergewöhnlich intensiven Niederschläge im Frühjahr/Vorsommer mit grossflächigen Überschwemmungen und der verheerende Wintersturm in den letzten Tagen des Jahres. Im Berichtsjahr wurde die Regel, dass Schlechtwetterjahre tiefere Unfallzahlen aufweisen als solche mit guten Verhältnissen, grundsätzlich bestätigt. Der folgenschwere Canyoningunfall im Sommer, der mit einem einzigen Ereignis fast 20% aller Todesfälle des Berichtsjahres verursachte, beeinflusste aber die Gesamtbilanz in erheblichem Mass, was eine differenzierte Interpretation der vorliegenden Zahlen erfordert.
Im Kalenderjahr 1999 waren in der Schweiz 1311 Berggänger bei der Ausübung des Bergsports von einem Bergnotfall betroffen. Zusammen mit den Gleitschirm- und Deltafliegerunfällen haben damit insgesamt 1447 Personen die Bergrettung beansprucht, was im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme von 10% entspricht. An dieser Entwicklung sind die einzelnen Aktivitäten in sehr unterschiedlichem Mass beteiligt. Höhere Zahlenwerte weisen namentlich die Variantenabfahrten (+46%) und die Hochtouren (+29%) auf. Die extreme Zunahme von 190% in der Tätigkeitsgruppe «Anderes» ist vor allem auf den Canyoningunfall zurückzuführen. Im Gegensatz dazu waren beim Eisfallklettern (-33%), bei den Skitouren (-10%), beim Bergwandern (-4%) und beim Klettern (-2%) im Jahresvergleich weniger Personen betroffen (vgl. Grafik 1).
Auch bei den Ursachen sind zum Teil deutliche Unterschiede feststellbar. Zugenommen haben hier vor allem Gletscherspaltenunfälle (+114%), Blockierungen (+26%) und «Anderes» (+21%). Von «Blitzeinwirkung» waren im Berichtsjahr 6 Personen betroffen, während im Vorjahr zu dieser Ursache kein Ereignis bekannt wurde (vgl. Grafik 2). Signifikante Unterschiede ergaben sich auch bei den tödlich verlaufenen Unfällen: Kamen bei Lawinenunfällen 53% und bei Blitzeinwirkung 33% aller Beteiligten ums Leben, fanden bei Gletscherspaltenunfällen 10% (Vorjahr 14%) und bei Sturzereignissen 7% (Vorjahr 12%) der Betroffenen den Tod.
Bei der Schwere der Schädigung der betroffenen Berggänger zeigen sich gemäss dem medizinischen Index im Jahresvergleich keine markanten Unterschiede (vgl. Grafik 3).
Im Berichtsjahr (Kalenderjahr) 1999 sind in den Schweizer Alpen bei 85 Ereignissen insgesamt 115 Personen tödlich verunfallt (vgl. Tab. 1), was einer Zunahme von 8% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Wie bereits erwähnt, ist dies zu einem wesentlichen Teil auf den Canyoningunfall vom 27. Juli im Berner Oberland zurückzuführen, bei dem 21 Personen ums Leben kamen. Ohne dieses Ereignis hätte die Zahl der Bergtoten um 6% abgenommen. Der Canyoningunfall zeigt sich auch im höheren Anteil der betroffenen Ausländer von 58% (gegenüber 50% im Vorjahr). Nach Nationen aufgeteilt sind dies: Deutschland 18, Australien 14 (alles Canyoningunfallopfer), Italien 8, Frankreich 7, Grossbritannien 5, Österreich 4, Niederlande und Südafrika je 2 sowie Belgien, Japan, Neuseeland, Polen, Russland, Schweden und USA mit je einer betroffenen Person.
Bezogen auf die einzelnen Tätigkeitsgruppen ist die Zahl der Bergtoten bei allen klassischen Bergsportarten im Jahresvergleich geringer, was zu einem wesentlichen Teil auf die ungünstigen Wetterverhältnisse und den damit verbundenen Rückgang der Tourenaktivitäten zurückzuführen sein dürfte. Mehr Bergtote sind hingegen in den Tätigkeitsgruppen « Anderes » (Canyoningunfall) und «Variantenabfahrten» zu verzeichnen.
Verglichen mit dem ausgesprochen schönen Bergsommer 1998 waren die Wetterbedingungen während der Hochtourensaison 1999 nicht besonders ideal. Auf Grund überdurchschnittlicher Schneemengen in den Hochalpen zu Saisonbeginn herrschten erst ab Mitte Juli akzeptable Bedingungen. Das im August wechselhafte Wetter bot dann nur an einzelnen Tagen gute Voraussetzungen für hochalpine Unternehmungen. Erst im September stellte sich eine längere Schönwetterphase ein, die jedoch zum Saisonende die Tourentätigkeit nicht mehr wesentlich zu stimulieren vermochte.
Von den insgesamt 33 Todesopfer starben 21 Personen durch Sturzereignisse. Dabei waren Mitreissunfälle (2 Ereignisse mit 5 Beteiligten und 4 Opfern) weniger häufig als in den Vorjahren, was zur Hauptsache auf die nur massige Ausaperung der Firn- und Gletscherzonen zurückzuführen sein dürfte. Auffallend sind hingegen in dieser Tätigkeitsgruppe sonst seltene Ursachen: 4 Personen starben bei Lawinenunfällen, und 2 Alpinisten kamen durch Blitzeinwirkung ums Leben. Im Weiteren fanden 2 Personen durch Eisschlag den Tod und 2 Alpinisten blieben im Lauteraargebiet (Studerhorn-N-Wand) verschollen. Je eine Person starb wegen Spalteneinbruch und infolge Erschöpfung (vgl. Grafik 5). Wie besonders im kombinierten 2 Hochtourengelände oftmals bereits = ein simples Ausrutschen oder eine £ kurze Unachtsamkeit zu einem j, schwerwiegenden Unfall führt, zeigt ö der folgende Unfallbericht:3 Nach der Begehung des Biancograts stiegen 28 eine Frau und ein Mann vom Gipfel der Bernina über den Spallagrat ab (Seilschaft A). An der ca. 20 m hohen Abseilstelle trafen sie auf eine andere Seilschaft (B, zwei Männer), die sich gerade zum Abseilen anschickte. Parallel dazu Hess der Mann der Seilschaft A seine Partnerin mittels einer Seilbremse über die Abseilstelle auf das darunter liegende Schnee- und Eisfeld ab. Am Fuss der Abseilstelle angekommen, verlor die Frau auf dem Eis den Halt. Der erste Alpinist der Seilschaft B, der sich bereits abgeseilt hatte, hielt sich unangeseilt in unmittelbarer Nähe auf und wollte diesen Sturz aufhalten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Seilpartner der Frau seine Sicherung an der Abseilverankerung bereits ausgehängt. Durch den Seilzug des verbindenden Seils wurde er mitgerissen und stürzte kopfvoran auf den zweiten Mann der Seilschaft B, der sich gerade am eigenen Seil abseilte. In der Folge stürzte die Seilschaft A zusammen mit dem ersten Mann der Seilschaft B ca. 250 m über die ca. 45 bis 50 Grad steile Firnwand ab. Dabei erlitt der Seilpartner der Frau schwere Verletzungen, denen er kurze Zeit später erlag. Seine Partnerin und der erste Mann der Seilschaft B blieben praktisch unverletzt. Der zweite Mann der Seilschaft B, der im Seil an der Abseilstelle hängen blieb, erlitt durch den Zusammenprall mittelschwere Verletzungen.
Auch bei den Bergwanderunfällen ist die Zahl der Bergtoten ( 27 ) tiefer als im Vorjahr. Wie im Vorjahr waren Sturzereignisse auf Bergwegen und in weglosem Gras- und Geröllgelände die häufigste Unfallursache ( 23 Tote ). Zwei Personen sind vermisst, ein Berggänger kam bei einem Lawinenunfall ums Leben, und ein Wanderer starb infolge Erschöpfung und Unterkühlung. Berücksichtigt man die Beliebtheit des Bergwanderns, kann für das Berichtsjahr 1999 durchaus von einer günstigen Unfallbilanz gesprochen werden. Dies umso mehr, als im Vorsommer durch die immer noch mächtige Altschneedecke in den Wandergebieten der Voralpen ein zusätzliches Gefahrenpotenzial vorhanden war.
Von den 5 tödlich verunfallten Personen auf Klettertouren starben je 2 Personen infolge Steinschlags und beim Abstieg; ein junger Mann erlitt beim Bouldern in einem Klettergarten durch einen Sturz tödliche Verletzungen. Bei den durch Steinschlag verursachten Unfällen wurde in einem Fall ein Mann während der Vorbereitungen zu einer Erstbegehung am Wandfuss des Schwarzmönch von einem Stein getroffen. Trotz des Helms erlitt der Betroffene schwere Kopfverletzungen, denen er kurze Zeit später erlag. Im zweiten Fall löste das Seil einer Seilschaft beim Nachsichern einen Steinschlag aus. Ein Stein durchschlug das verbindende Seil zum nachsteigenden Seilzweiten, wonach dieser tödlich abstürzte.
Bei den Unfällen während des Abstiegs wurde in einem Fall das Seil am letzten Abseilstand vor dem Wandfuss in einen einfachen Schnappkarabiner eingehängt. Durch eine unglückliche Manipulation wurde der Schnappverschluss des Karabiners bei Beginn des letzten Abseilmanövers aufgedrückt, und der Mann stürzte mitsamt dem Seil bis an den Wandfuss ab. Beim zweiten Unfall verfehlte ein Alleingänger die geeignete Abstiegstelle vom Gipfel. Beim Versuch, sich mittels einer Reepschnur über eine Steilstufe abzulassen, stürzte der Betroffene tödlich ab.
Trotz vorerst massiger Schneelage herrschten im Januar recht gute Bedingungen für Skitouren. Der nachfolgende «Jahrhundertschnee» im Februar mit drei Wochen fast ununterbrochenem Schneefall in den Alpen brachte die Tourentätigkeit praktisch zum Erliegen. In der Folge waren im März die Verhältnisse bei einer nun weit überdurchschnittlichen Schneehöhe fast ideal. Neue Schneefälle im April und die nachfolgende Regenperiode sorgten wiederum für eine starke Beeinträchtigung der Tourentätigkeit. Diese Voraussetzungen prägten das Unfallgeschehen: Von den insgesamt 15 tödlich verunfallten Tourenskifahrern ( Vorjahr 16 ) starben 6 Personen bei Lawinenabgängen. Bemerkenswert ist hier die Tatsache, dass sich während der grossen Schneefallperiode im Februar kein Skitourenunfall mit tödlichen Folgen ereignete.
Überdurchschnittlich hoch ist die Zahl der Gletscherspaltenunfälle mit 5 Todesopfern. Bei 3 Ereignissen waren die betroffenen Personen nicht angeseilt. Bei einem 25 bis 30 m tiefen Spaltensturz kamen 2 Mitglieder einer Dreierseilschaft ums Leben, während der dritte Seilpartner praktisch unverletzt überlebte. Diese kleinräumig und zeitlich konzentrierten Unfälle -in den südlichen Walliser Alpen zwischen dem Zermatter Breithorn und dem Adlerpass in der Zeit zwischen 6. April und 2. Mai - zeigen einmal mehr, dass die lokalen Verhältnisse (trotz überdurchschnittlicher Gesamtschneehöhe unverfestigte Überdeckung der Spaltenzonen) ebenso berücksichtigt werden müssen wie die Wetterverhältnisse (2 der 4 Unfälle ereigneten sich bei schlechter Sicht).
Ursachen für weitere Skitourenunfälle mit tödlichen Folgen für je 2 Personen waren Stürze und Wechtenabbrüche ( vgl. Grafik 4 ).
Auch das Unfallgeschehen dieser Gruppe wurde vom aussergewöhnlichen Wetterablauf beeinflusst. Von den insgesamt 10 Opfern ( Vorjahr 8 ) starben 4 Variantenskifahrer bei Lawinenabgängen, wovon 3 dieser Unfälle sich während der kritischen Phase im Februar ereigneten. Dies bestärkt die Vermutung, dass Variantenfahrer Naturgefahren weniger beachten als Skitourenfahrer. Bei Sturzereignissen kamen je ein Skifahrer und ein Snowboarder ums Leben, und ein Snowboarder starb infolge eines Wechtenabbruchs.
Die 2 jungen Snowboarder, die seit Dezember im Skigebiet der Diablerets verschollen waren, sind nach Abschluss des vorliegenden Beitrags tot aufgefunden worden.