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Krisen sind ein guter Nährboden für Verschwörungstheorien. Aktuell sind viele über die angeblichen Ursachen der Corona-Pandemie im Umlauf, befeuert durch Social Media.
Faktenbasierte Argumentation ist wichtig, sagt Adrian Bangerter, Psychologieprofessor an der Universität Neuenburg.
Adrian Bangerter
Psychologe
Adrian Bangerter ist Professor für Psychologie an der Universität Neuenburg. Er forscht zu Verschwörungstheorien.
SRF: Im Zusammenhang mit Corona kursieren wilde Verschwörungstheorien. Zum Beispiel, es handle sich angeblich um eine biologische Waffe, um ein Komplott der Eliten. Es wird sogar behauptet, das Virus sei erfunden. Weshalb entstehen solche Verschwörungstheorien?
Adrian Bangerter: Es ist nützlich, Verschwörungstheorien als Geschichten zu betrachten, die Erklärungen in Krisensituationen bieten. Wenn man an Epidemien denkt, die in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen sind, gibt es oft ähnliche Erklärungsmuster. Etwa bei der Pest im 14. Jahrhundert oder beim Auftauchen von Aids in den frühen 1980er-Jahren.
Verschwörungstheorien entstehen also aus Verunsicherung?
Man hat festgestellt, dass Verschwörungstheorien in verschiedensten Krisensituationen aufkommen, weil diese mit einem Gefühl von Kontrollverlust und mit emotionalem Stress verbunden sind.
Doch im Alltagsleben brauchen wir das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Solche Erklärungen vermitteln den Eindruck, die Herrschaft über die Situation wiederzugewinnen.
Wie soll man Verschwörungstheorien im Alltag begegnen? Hat es überhaupt einen Sinn, mit Wissen und Fakten zu argumentieren?
Es kann tatsächlich schwierig sein. Aber meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, Verschwörungstheorien in Alltagsgesprächen kritisch zu hinterfragen. Es ist ein kleiner Akt der Zivilcourage.
Studien zeigen, dass wissensbasierte Argumentation eine Wirkung haben kann. Es ist auch nützlich, kritische Fragen zu stellen und so systematisch die Mängel der Theorie an den Tag zu bringen.
Das ist nicht immer einfach: Eine aktuelle Verschwörungstheorie besagt, der Sars-Covid-Erreger sei angeblich im Labor erzeugt und absichtlich verbreitet worden. Als Laie habe ich die wissenschaftlichen Argumente nicht zur Hand, um das zu widerlegen.
Sie können aber darauf verweisen, dass diese Verschwörungstheorie bei jeder neuen Krankheit oder Epidemie auftaucht. Man kann auch rückfragen, ob es nicht doch eine einfachere Erklärung gibt als diese Art von Theorie.
Verschwörungstheoretiker glauben doch gerade, die einfache Lösung könne nicht richtig sein und die Mehrheit der Leute sei nicht skeptisch genug. Wie kann man dieser Haltung begegnen?
In solchen Fällen wird es schwierig. Überzeugte Verschwörungstheoretiker sind sehr gewieft in der Diskussion, weil sie sehr viel Zeit in das Thema investieren. In solchen Fällen hat Argumentieren in einem Alltagsgespräch tatsächlich wenig Sinn.
Befürchten Sie, dass während der aktuellen Pandemie Verschwörungstheorien in Umlauf kommen, die eine schädliche Auswirkung auf das Verhalten haben?
Man weiss aus der Forschung, dass Verschwörungstheorien zu gesundheitlichen Themen tatsächlich eine schädliche Auswirkung haben können. Man denke nur an die Theorien der Impfgegner, die fatale gesundheitlichen Konsequenzen haben. Ebenso Verschwörungstheorien zu Aids, die zu weniger Schutz bei Geschlechtsverkehr führen.
Es ist daher wichtig, weiterhin gegen solche Theorien zu kämpfen und zu argumentieren.
Das Gespräch führte Irene Grüter.