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Seit Jenatsch von 1987 arbeitet Daniel Schmid mit dem Drehbuchautor Martin Suter zusammen, einem ehemaligen Werbetexter und begnadeten Glosseur. Schon länger trieb die beiden der Wunsch um, eine Komödie zu realisieren. In einer Projektsitzung lancierte Produzent Marcel Hoehn schliesslich eine Drehbuchidee in Form einer Frage: Was wäre, wenn es in der Schweiz einen Staatsstreich gäbe? Suter und Schmid griffen den Einfall auf und schrieben Beresina, eine politische Satire im Gewand einer schwarzen Komödie.
Die russische Debütantin Elena Panova spielt die Prostituierte Irina aus dem Industriekaff Elektrostal irgendwo hinter dem Ural. Sie kommt in die Schweiz und wird von der Modeschöpferin Charlotte De (Geraldine Chaplin) für Schäferstündchen an Grössen in Staat und Wirtschaft «verliehen». Irina möchte nichts sehnlicher als durch Heirat Schweizerin werden und ihre Familie aus Elektrostal zu sich holen. Ihre Freier indes denken keineswegs an Heirat, vergessen aber, dass Irina bei ihren Liebesspielen hochbrisante Informationen mitbekommt. Von Alt-Divisionär Sturzenegger (Martin Benrath) etwa erfährt sie, dass in der Schweiz eine Geheimarmee existiert, die im Ernstfall handstreichartig die Elite auslöschen und aufrechtere Patrioten auf deren Positionen setzen soll. Und wie nun Irina verzweifelt ist und einsieht, dass sie den roten Pass nie bekommen wird, greift sie zum Telefon und spricht den Code, der das Komplott auslöst: die erste Zeile des «Beresina-Liedes».
Wie kein zweiter Schweizer Regisseur versteht sich Daniel Schmid auf die Erschaffung - oder die Beschreibung, wie in den Dokumentarfilmen Il bacio di Tosca (1985) und Das geschriebene Gesicht (1995) - von Kunst- und Gegenwelten. Dass ihn aber sein Talent zur Asthetisierung der Wirklichkeit nicht ohne weiteres zu deren satirischer Überhöhung befähigt, zeigen die ersten zwei Drittel von Beresina. Solange die Aufgabe darin besteht, einen gesellschaftlichen Istzustand zu karikieren, tut Schmid sich schwer, dem Film eine kohärente Perspektive zu verleihen. Von einer äusserst inspirierten Szene zwischen Irina und Sturzenegger in einem Réduit-Bundesratsbunker abgesehen, bleibt die satirische Schilderung der Schweizer Machtelite eher farblos. Wirklich zu gefallen weiss in den ersten Teilen des Films vor allem jene Figur, die dies ohnehin schon transzendiert: die Prostituierte Irina, eine Gestalt, die sich engelsgleich übers gesellschaftliche Parkett bewegt, naiv und weise zugleich, eindrücklich verkörpert von Elena Panova. In seinem Element ist Schmid hingegen, sobald der Staatsstreich losgeht und die bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt wird. Mit dem Schlusstableau - einer der Krönungszeremonie Napoleons von Jacques-Louis David nach- empfundenden Plansequenz, in der Irina als Königin der Schweiz inthronisiert wird - kommt Beresina schliesslich zu einem Höhepunkt, der zu den schönsten Momenten in Schmids Œuvre gehört. Und so verlässt man das Kino versöhnt. Denn wie sollte man dem Charme eines Filmers nicht erliegen, dem es so viel leichter fällt, die Leute zu verzaubern, als sich über sie lustig zu machen?