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TCS MyMed
Autor: TCS MyMed
Professor François-Xavier Borruat, Chefarzt der Abteilung Neuroophthalmologie des Augenspitals Jules Gonin in Lausanne, zum Thema Farbenblindheit.
Prof. Borruat, was sind die häufigsten Beeinträchtigungen der Farbwahrnehmung?
Bei den Farbwahrnehmungsstörungen müssen zwei Arten von Beeinträchtigung unterschieden werden: Die häufigsten sind angeborene, genetisch bedingte und nicht evolutive Störungen. Am bekanntesten ist die Farbenblindheit. Aber es gibt zum Beispiel auch die sogenannte kongenitale Achromatopsie, eine extrem seltene Erkrankung, bei der keinerlei Farbwahrnehmung möglich ist. Hinzu kommen die erworbenen Störungen. Dabei handelt es sich um Beeinträchtigungen der Netzhaut, des Sehnervs oder des für das Farbsehen zuständigen Hirnbereichs, die zu einer teilweisen oder vollständigen Störung der Farbwahrnehmung führen können.
Wie hoch ist der Anteil der Farbenblindheit in der Bevölkerung?
Die Farbenblindheit ist die häufigste Störung der Farbwahrnehmung. Statistisch gesehen sind 5 bis 8% der männlichen Bevölkerung betroffen. Der hohe Anteil von Männern erklärt sich dadurch, dass das für die Erkrankung verantwortliche Gen auf dem X-Chromosom liegt (Männer sind bekanntlich XY und Frauen XX). Damit ein Mädchen/eine Frau betroffen ist, müssen daher der Vater farbenblind und die Mutter Trägerin des Gens sein. In diesem Fall besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50% für das Auftreten einer Farbenblindheit. Statistisch gesehen liegt das Risiko für Frauen bei 2 bis 4 Promille und ist damit zehnmal niedriger als bei Männern. Die kongenitale Achromatopsie ist eine Erkrankung, bei der die Zapfen komplett fehlen. Sie tritt deutlich seltener auf: Bei dreissig- bis fünfzigtausend Geburten ist lediglich ein Fall zu verzeichnen.
Was sind die häufigsten Symptome einer gestörten Farbwahrnehmung?
Das Sehen, insbesondere die Farbwahrnehmung, kann man sich als ein Fernsehsystem vorstellen. Dabei ist das Auge die Kamera, der Sehnerv das Kabel und das Gehirn der Bildschirm. Eine farbenblinde Person hat ein Problem mit dem «Kamerasensor», in diesem Fall den Zapfen, also den Strukturen im Auge, mit deren Hilfe Farben unterschieden werden können.
Über wieviele Zapfen verfügt das menschliche Auge normalerweise?
Normalerweise verfügt das menschliche Auge über drei Arten von Zapfen in der Netzhaut: blaue, grüne und rote Zapfen. Diese drei Arten von Photorezeptoren ermöglichen es, Farben zu erkennen. In der Realität sehen diese drei Zapfentypen nicht «nur eine Farbe», sondern reagieren unterschiedlich auf Farben mit bestimmten Wellenlängen. Die Kombination dieser drei Botschaften ermöglicht uns dann, im Hirn eine Vielzahl von Farben zu unterscheiden und sie nicht zu verwechseln. Wenn einer der Zapfentypen verändert ist oder fehlt, ist die Farbwahrnehmung gestört. Es gibt verschiedene Arten von Farbenblindheit, je nachdem, welche Art – oder Arten von Zapfen – betroffen ist/sind.
Wie wird Farbenblindheit erkannt? Und wann?
Im Allgemeinen wird Farbenblindheit relativ früh im Kleinkindalter erkannt, etwa durch ungewöhnliche Farbzuordnungen oder durch die Unfähigkeit, die von einer Lehrperson vorgegebenen Farben, beispielsweise für eine Zeichnung, zu verwenden. Dies kann dann mit speziellen Tests geprüft werden. Am bekanntesten ist der sogenannte «Ishihara-Test». Das Problem von farbenblinden Personen besteht nicht darin, «kein Rot oder Grün zu erkennen», sondern darin, bestimmte Farbpaare je nach Wellenlänge zu verwechseln: zum Beispiel ein bestimmtes Grün mit einem bestimmten Rot, nicht jedoch mit einem anderen Rotton. Der Ishihara-Test besteht aus einem farbigen Hintergrundbild mit einer Zahl oder Form, die in Farbtönen dargestellt wird, die bei Farbenblindheit verwechselt werden können.
Kann man die Farbwahrnehmung verlieren?
Ja. In unserem Beispiel Kamera-Kabel-Fernseher haben wir gesehen, dass ein Problem mit dem Sensor im Rahmen genetischer Störungen zu Beeinträchtigungen der Farbwahrnehmung führt. Bei einem erworbenen Problem kann eine Erkrankung der Netzhaut zu der gleichen Art von Beeinträchtigung führen (entzündliche, vaskuläre oder degenerative Retinopathie). Auch eine Störung des «Übertragungskabels», also des Sehnervs, kann sich auf die Farbwahrnehmung auswirken (Entzündung, Gefässvorfall oder Trauma des Sehnervs). Ebenso kann der Sehbereich im hinteren Teil unseres Hirns, der für das Sehen benötigt wird (Occipitallappen), durch eine Schädelverletzung oder einen Schlaganfall geschädigt werden. Konkret ist der Teil «V4» für die Wahrnehmung und Erkennung von Farben zuständig.
Ist eine Behandlung oder Korrektur möglich?
Bei einer angeborenen Störung ist das Problem von Geburt an vorhanden und verändert sich nicht. Eine erworbene Störung tritt als Folge einer Erkrankung, eines unfallbedingten Traumas oder eines neurologischen Problems, beispielsweise eines Schlaganfalls, auf. In allen Fällen ist eine Beeinträchtigung oder ein Verlust der Farbwahrnehmung jedoch irreversibel. Ebenso gibt es kaum Möglichkeiten für eine Korrektur. Wir alle kennen sicherlich diese Werbespots für Brillen, mit denen Menschen «zum ersten Mal in ihrem Leben Farben sehen» konnten. Wir haben uns eine dieser Brillen für unser Spital besorgt und getestet: Sie haben keine andere Wirkung, als den Kontrast zu modifizieren und die Farben ein wenig zu verändern. Aber sie können auf keinen Fall eine Farbenblindheit oder Achromatopsie «korrigieren».
Welche Auswirkungen hat eine solche Erkrankung auf das Leben der Patienten?
Auch hier hängt alles von der Art der Störung ab. Bei Farbenblindheit sind die Auswirkungen relativ begrenzt, da die Person mit dieser Beeinträchtigung geboren wurde und die Art der optischen Wahrnehmung ihr daher völlig «normal» erscheint. Bei krankheits- oder traumabedingten Verlusten der Farbwahrnehmung hängt alles vom Schweregrad dieses Verlusts ab. In jedem Fall müssen die Patienten lernen, mit dieser Behinderung zu leben, die sehr oft als kaum störend empfunden wird. Und im Fall der kongenitalen Achromatopsie ist das Fehlen der Farbwahrnehmung letztlich nur «sekundär», da das Sehvermögen der Betroffenen generell sehr schlecht ist.
Ergeben sich daraus Einschränkungen in bestimmten Lebensbereichen oder kann das «kompensiert» werden?
Für den Zugang zu bestimmten Berufen, wie beispielsweise Linienpilot, Zugführer oder – in einigen Kantonen – Polizeiinspektor, wird eine ausführliche Untersuchung auf Farbenblindheit verlangt. Bei leichter bis mässiger Farbenblindheit wird der Zugang zu diesen Berufen von entsprechend akkreditierten Fachärzten verweigert/gewährt. Aber es gibt noch andere interessante Fälle. So dachte die FIFA beispielsweise eine Zeit lang darüber nach, die Farbe des Balls oder der Spielfeldbegrenzungen zu ändern, damit sie im Fernsehen besser sichtbar sind.
Warum?
Da 5 bis 8% der Bevölkerung an Farbenblindheit leiden, sind aber auch 5 bis 8% der Fussballspieler betroffen. Es wurde dann festgestellt, dass einige Spieler bei anderen Farben des Balls oder der Spielfeldbegrenzungen je nach Beleuchtung nicht mehr in der Lage waren, die Linien oder den Ball zu erkennen. Andererseits sind viele farbenblinde Menschen in Berufen erfolgreich, die sich eigentlich nicht für Menschen mit einer veränderten Farbwahrnehmung zu eignen scheinen (Lackvorbereiter, Fahrzeuglackierer etc.). Das zeigt, dass diese farbenblinden Menschen spontan andere Methoden zur Analyse des Farbspektrums entwickelt haben.
Wie sieht es mit dem Autofahren – auch im Rahmen der beruflichen Tätigkeit – aus?
Farbenblindheit bringt keine Einschränkungen beim Führen eines Fahrzeugs mit sich. In der Bundesverordnung für den Erhalt des Führerausweises ist von Sehschärfewerten, der Grösse des Sichtfeldes und der Augenbeweglichkeit, nicht jedoch von Farbenblindheit die Rede. Wie gesagt, sind farbenblinde Personen im Allgemeinen nicht in ihrem Alltag eingeschränkt. Dies ist ihr «normales» Sehvermögen, sie haben ebenso wie nicht farbenblinde Menschen gelernt, Schilder und Ampeln zu erkennen und richtig zu identifizieren.
Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.
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