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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch
5. Wie läßt sich der Nachweis führen, daß die Mathematiker eine gegenstandslose Wissenschaft betreiben?
Selbst auch der Fall mit jenen beiden, deren Krankheit in ihrem gleichzeitigen Zu- und Abnehmen den Hippokrates vom ärztlichen Standpunkt aus auf die Vermutung brachte, daß sie Zwillinge seien, genügt schon zur Widerlegung derer, die das, was hier in der ähnlichen Beschaffenheit des Leibes seinen Grund hat, auf die Gestirne zurückführen wollen. Warum erkrankten sie gleichmäßig zur gleichen Zeit und nicht der eine früher, der andere später, in der Reihenfolge, wie sie geboren worden waren, da sie ja doch nicht beide auf einmal zur Welt gekommen sein konnten? Oder wenn der Unterschied der Zeit bei der Geburt keinen Einfluß in der Richtung hatte, daß sich in der Zeit der Erkrankung ein Unterschied bemerklich machte, mit welchem Recht behauptet man dann, daß der Unterschied der Zeit bei der Geburt die Verschiedenheiten in anderen Dingen erkläre? Warum konnten sie zu verschiedener Zeit auf Reisen gehen, zu verschiedener Zeit heiraten, zu verschiedener Zeit Kinder erzeugen und vieles andere nur deshalb, weil sie zu verschiedener Zeit auf die Welt kamen, und hätten nicht aus demselben Grund auch zu verschiedener Zeit krank werden können? Wenn nämlich die ungleiche Zeit der Geburt das Horoskop änderte und die Ungleichheit in den übrigen Verhältnissen verursachte, warum blieb die Gleichzeitigkeit der Empfängnis gerade allein für die Krankheiten maßgebend? Oder wenn die Wechselfälle der Gesundheit an der Empfängnis liegen, während die übrigen angeblich mit der Geburtsstunde in Zusammenhang stehen, so dürften die Astrologen nicht auf Grund der Einsichtnahme der Nativität über das körperliche Befinden Aussagen machen, wofern ihnen die Einsichtnahme der Empfängnisstunde nicht ermöglicht wird. Verkünden sie aber Krankheiten, ohne das Horoskop der Empfängnis einzusehen, weil der Moment der Geburt die Krankheiten anzeigt, wie hätten sie da aus der Geburtsstunde jedem dieser Zwillinge den Zeitpunkt der künftigen Erkrankung richtig angeben können, da doch auch der andere, der nicht die gleiche Geburtsstunde hatte, gleichmäßig der Krankheit unterworfen wurde? Eine weitere Frage: Wenn bei der Geburt von Zwillingen der Zeitabstand ein so großer ist, daß ihnen infolgedessen verschiedene Nativitäten gestellt werden müssen wegen der Veränderung des Horoskops und demnach auch aller Hauptpunkte1 , denen eine solche Bedeutung beigelegt wird, daß sich infolge ihrer Veränderung auch die Geschicke verschieden gestalten, wie konnte dies eintreten, da doch ihre Empfängnis nicht zu verschiedener Zeit stattgefunden haben kann? Und wenn zwei im gleichen Augenblick gezeugte Kinder bei der Geburt verschiedene Geschicke haben können, warum sollten zwei im gleichen Augenblick geborene Kinder nicht im Leben und im Sterben verschiedene Geschicke haben können? Denn wenn die Gleichzeitigkeit des Empfängnismomentes kein Hindernis ist, daß das eine Kind als erstes, das andere nachher zur Welt kommt, warum sollte dann bei zweien, die im gleichen Augenblick geboren werden, ein Hindernis vorhanden sein, daß der eine früher als der andere stirbt? Wenn die gleichzeitige Empfängnis es zuläßt, daß Zwillinge im Mutterschoß verschiedene Schicksale haben, warum sollte nicht auch gleichzeitige Geburt es zulassen, daß zwei Menschen in ihrem Erdenwandel verschiedene Schicksale haben? Womit denn freilich den Phantasien der astrologischen Kunst oder vielmehr Schwindelei der Boden entzogen wird. Man erkläre doch, wie es kommt, daß zwei, die zu gleicher Zeit, im selben Moment, unter der völlig gleichen Konstellation des Himmels empfangen worden sind, ein verschiedenes Fatum haben, durch das ihnen eine verschiedene Geburtsstunde zugeteilt wird, während zwei andere, die im gleichen Augenblick unter der völlig gleichen Konstellation des Himmels von zwei verschiedenen Müttern geboren worden sind, kein verschiedenes Fatum haben könnten, das ihnen die Notwendigkeit, verschieden zu leben und zu sterben, auferlegte? Oder haben die Kinder im Mutterleib kein Fatum und können sie ein solches erst mit der Geburt erlangen? Warum behaupten dann die Astrologen, sie könnten viel heller in die Zukunft sehen, wenn die Stunde der Empfängnis nachgewiesen wäre? Daher wird auch von einigen der Fall hervorgehoben, daß einmal ein weiser Mann die Stunde für die eheliche Beiwohnung sorgfältig ausgesucht und infolgedessen einen geradezu wunderbaren Sohn erzeugt habe. Und hieher gehört endlich auch, daß Posidonius, der große Astrolog und Philosoph zugleich, von den gleichmäßig erkrankenden Zwillingen äußerte, dies habe darin seinen Grund, daß sie zu gleicher Zeit geboren und empfangen seien. Denn die Empfängnis zog er natürlich deshalb noch mit herein, damit man ihm nicht entgegenhalte, sie könnten nicht genau zur gleichen Zeit zur Welt gekommen sein; dagegen stand eben fest, daß sie zur gleichen Zeit empfangen worden waren; so brachte er es fertig, die gleichartige und gleichzeitige Erkrankung mit der Konstellation der Gestirne in Zusammenhang zu bringen, statt sie, wie es doch so nahe lag, der gleichen körperlichen Beschaffenheit zuzuschreiben. Wenn also der Empfängnis eine solche Bedeutung zukommt für die Gleichheit der Schicksale, so sollten sich diese Schicksale nicht durch die Geburt verschieden gestalten. Wenn sich aber die Schicksale von Zwillingen dadurch verschieden gestalten, daß sie zu verschiedener Zeit zur Welt kommen, was hindert uns dann anzunehmen, daß sie bereits verschiedener Art gewesen sein müssen, damit die Zwillinge zu verschiedener Zeit zur Welt kämen? Sollte sich also nicht am Ende das durch die Geburt gegebene Fatum durch den Willen der Menschen verschieden gestalten, da die Reihenfolge der Geburt das durch die Empfängnis gegebene Fatum verschieden gestaltet?
1: Vier angenommene Punkte im Tierkreis, auf die es für die Stellung der Nativität vor allein ankam, der aufgehende, der untergehende, der kulminierende und der tiefste Punkt.