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Ursula Kuczynski war eine Spionin, die ein atemberaubendes Leben geführt hat. Ben Macintyre versetzt sich in ihre vielschichtige Persönlichkeit und verfolgt ihren Weg vor dem Hintergrund der Geschichte des Zweiten Weltkrieges.
Man kann dieses Buch als spannenden Roman oder als akribisch rekonstruierten Lebensweg innerhalb der Zeitgeschichte lesen. Ben Macintyre verzahnt beides auf der Basis gründlichster Recherchen. Er setzt bei den Verfolgungen ein, denen sich die Familie Kuczynski mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft ausgesetzt sah.
Ihr Vater, Sohn des vermögenden Bankiers Wilhelm Kuczynski, war ein angesehener Ökonom und Demograph. Die Familie lebte in einer Villa am Schlachtensee in Berlin. Ihre Eltern und Geschwister, darunter der prominente marxistische Wirtschaftstheoretiker Jürgen Kuczynski, emigrierten nach London, wo sie unter den misstrauischen Augen des Inlandsgeheimdienstes in prekären Verhältnissen lebten. Ihr Vater fand schnell eine Anstellung an der renommierten London School of Economics, aber das änderte nichts an dem Misstrauen und ihrer schwierigen materiellen Existenz.
Unerschütterliche Loyalität
Schon als junges Mädchen wurde Ursula Kuczynski nach einem üblen Zwischenfall bei einer Demonstration zur glühenden Kommunisten. Mit ihrem ersten Mann, dem deutschen Architekten Rudolf Hamburger, ging sie 1930 nach Shanghai, wo sie den bis heute sagenumworbenen Richard Sorge kennen lernte. Der warb sie als Spionin an.
Nach dem japanischen Überfall auf China folgten für Ursula Kuczynski gefährliche Einsätze als Spionin und Funkerin in der Mandschurei. Diese Station und weitere werden von Ben Macintyre detailgenau geschildert. Er verbindet das individuelle Schicksal mit der Zeitgeschichte auf eine Weise, dass Ursula Kucynski zum Teil wie eine Ausgesetzte und Getriebene wirkt, auf der anderen Seite gerade unter diesem Druck ihre mentalen und intellektuellen Stärken entfalten konnte.
Zeitweilig hielt sich Ursula Kuczynski, die den Decknamen Sonja annahm, zur Ausbildung in Moskau auf. Sie erlebte, wie im Zeichen der grossen «Säuberungen» auch engste Mitstreiter verschwanden. Kritisch merkt Macintyre an, dass sie davor ganz kräftig die Augen verschloss. Um so entsetzter war sie, als der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen wurde. Aber an ihrer Loyalität gegenüber dem kommunistischen Regime unter Stalin änderte das nichts.
Liebesbeziehungen
Zeitweilig lebte sie unter prekären Umständen in der Schweiz. Sie heiratete dort ein zweites Mal, um auf diese Weise die englische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Im Laufe der Jahre und unter den extremen Lebenssituationen als Spionin hatte sie mehrere Liebesbeziehungen von unterschiedlicher Intensität. Sie sei, schreibt Macintyre, «keine Feministin» gewesen. Ihr erster Mann, von dem sie ihr erstes Kind hatte und der ihr in grosser Selbstgenügsamkeit über Jahre verbunden blieb, versuchte sich ebenfalls als Spion, aber Macintyre schildert ihn als einen höchst sympathischen, aber völlig weltfremden Dilettanten.
So ganz unrecht hatte der Inlandsgeheimdienst MI5 nicht, als er die Kuczynskis über Jahre mit Argusaugen betrachtete. Denn nach und nach verschrieben sich auch ihre Geschwister und schliesslich ihr Vater dem Geheimnisverrat. Der hing insbesondere mit dem neuen Programm zum Bau einer Atombombe zusammen. Im Zentrum dieses Kapitels steht der Atomphysiker Klaus Fuchs. Wunderbar versteht es Macintyre, das zum Teil spleenige akademische Milieu Englands ebenso zu schildern wie die Exzentrik des genialen Physikers Klaus Fuchs. Er gehörte zu den Ersten, die in der neu entdeckten Kernspaltung das Potential zum Bau einer Bombe sahen. Er sorgte dafür, dass die englische Regierung ein entsprechendes Projekt lancierte.
Klaus Fuchs
In der Folge des Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde die Sowjetunion zwar Teil der westlichen Allianz, aber das bedeutete nicht, dass man den Kommunisten nun über den Weg traute. So hielt England sein Atomprogramm gegenüber der Sowjetunion ebenso geheim wie die Amerikaner ihres. Am 19. August 1943 unterzeichneten Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt das «Quebec Agreement», das die beiden Atomprogramme unter amerikanischer Leitung zusammenführte. Entsprechend ging Klaus Fuchs nach Amerika.
Im akademischen Umfeld ihres Vaters hatte Ursula Kuczynski Klaus Fuchs kennen gelernt. Er war schon Kommunist, aber nun machte sie aus ihm einen Spion, der die Sowjetunion brühwarm mit den neuesten Erkenntnissen versorgte. Damit sorgte er dafür, dass auch dort ein Programm zum Bau von Atombomben mit höchster Priorität in Gang gesetzt wurde.
Als Klaus Fuchs 1949 enttarnt wurde, flüchtete Ursula Kuczynski nach Ost-Berlin. Sie verfasste unter dem Namen Ruth Werner mehrere Kinderbücher. Nach der Wiedervereinigung gehörte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 dem Ältestenrat der PDS an. In ihrem letzten Interview bekannte sie, dass der Zusammenbruch des Kommunismus in ihr «eine gewisse Hoffnungslosigkeit» ausgelöst habe, die sie in dieser Weise vorher nicht kannte.
Mit 469 Seiten ist das äussert dicht geschriebene Buch sehr umfangreich. Macintyre hat gründlich in Archiven recherchiert und noch lebende Angehörige und Freunde befragt. Für ihre Unterstützung dankt er ausdrücklich. Zu den einzelnen Kapiteln gibt es Quellenangaben, aber ein Namensregister fehlt. Das ist gerade deswegen schade, weil man diese spannenden Schilderungen auch wie ein höchst informatives Sachbuch lesen kann.
Ben Macintyre: Agent Sonja. Kommunistin, Mutter, Topspionin. Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. 469 Seiten, Insel Verlag 2022, ca. 26 Euro