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Der Künstler Rafaël Rozendaal hat ein Browser-Plugin programmiert, das jede beliebige Website in bunte, abstrakte Bilder verwandelt («Abstract Browsing», im Bild oben von exteriority.ch). Alle Elemente einer Seite werden durch farbige Flächen ersetzt. So wird von allem Inhalt der Seite abstrahiert. Durch den Algorithmus des Plugins und die Struktur der Website ergibt sich ein einmaliges Farbmuster, das an die Bilder der malerischen Moderne erinnert.
Durch diese Abstraktion von den Inhalten (der Websites) steht Rozendaal in der Tradition der Moderne. Sie ist überall durch die Tätigkeit der Abstraktion geprägt. Sie sucht die Wirklichkeit dort, wo sich die Dinglichkeit der Wirklichkeit auflöst und auf ihre Grundelemente zurückgeführt wird. Die Moderne sucht die universelle, produzierende Tätigkeit auf, die das Produkt zustande bringt: in der Philosophie ist es das «Ich denke», in der Malerei z.B. sind es Form und Farbe. So wird das «Ich» zum Ort des Ereignisses der Wahrheit, die Form als Form und Farbe als Farbe zum Ort des Ereignisses des Schönen.
Das Digitale hat diesen Abstraktionsprozess fortgesetzt und für die Formen und Farben, wie für alle möglichen Denkergebnisse eine universelle Metasprache geschaffen, die deren Zustandekommen nachvollziehbar machen und auf dem Display reproduzieren können. Es ist dies aber bisher vor allem ein Zeigen, ein Anzeigen und Herstellen, das die Realität simuliert, so wie es der malerische Realismus des 19. Jahrhunderts tat. Da, wo das Digitale dies tut, ist es also in einem Realismus verhaftet. Ein Realismus, der das künstlerische Potential der Abstraktion und das kreative Potential der Autonomie noch gar nicht berührt. So ist das Digitale heute vor allem Digital-Realistisch und noch nicht Digital-Modern.
Eine Digital-Moderne müsste die Tätigkeit der Abstraktion fortsetzen und vom Realen des Digitalen selbst abstrahieren. Wie in der Moderne hiesse das, die Elemente aufzusuchen, die das Digitale konstituieren und von der Dinglichkeit und Materialität abzusehen, die sie simulieren und dann diese Elemente als solche zum Ereignis des Schönen werden lassen. Doch wo kommt man hin, wenn man vom Digitalen abstrahiert, das ja die extremste Form der Abstraktion vom Realen ist?
Rafaël Rozendaal macht hierzu einen Vorschlag. Er liess Bilder, die durch sein Plugin entstehen, an mechanischen Web-Stühlen als Wandteppiche herstellen.
Er verwendete dazu einen Jaquard-Webstuhl. Joseph-Marie Jacquard erfand Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich den mit Lochkarten steuerbaren Webstuhl – die erste mit Digitaltechnik steuerbare Maschine. Durch das Abtasten der Lochkarten mit Stiften wurde die Fadenhebung (O) und Fadensenkung (1) gesteuert. So konnte man beliebig komplexe Gewebe automatisiert herstellen.
So führt Rozendaals fortgesetzter Abstraktionsprozess vom Digitalen ihn an den Ursprung des Digitalen: Den Web-Stuhl, der Ursprung des Web. – Die fortgesetzte Abstraktion des Digitalen sucht hier, wie die Kunst der Moderne, die Wirklichkeit dort, wo sich der Realismus des Digitalen auflöst und auf seine Grundelemente zurückgeführt wird. Er produziert mit seinen Teppichen im Realen eine Abstraktion des Digitalen.
Abstraktion des Digitalen heisst hier Rückkehr zum Realen durch die Abstraktion. Die Moderne hat bisher durch Abstraktion vom Konkreten ein allgemeines Gesetz der Vielfalt gesucht. Digitalmodern wäre dagegen: durch Abstraktion die Vielfalt, die Pluralität des Konkreten zum Gesetz zu machen.
Nicht verpassen: “Digitale Abstraktionen” im HeK Basel, nur noch bis 22.5. 2016 (http://www.hek.ch/programm/events/event/digitale-abstraktionen-digital-abstractions.html)
Quellen:
Titel: www.exteriority.ch gesehen durch das Plugin «Abstract Browsing» von Rafaël Rozendaal, als gif-Animation gespeichert.
«Abstract Browsing» Plugin für Google Chrome Browser, kostenlos im Chrome Web Store
Jaquard-Webstuhl: de.wikipedia.org
http://www.hek.ch