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Niels Anderegg begründet in seinem neuen Beitrag Schulleitungen damit, dass die Inklusion (Integration der Schwachen und Auffälligen) nur unter deren starker Führung zu bewerkstelligen sei, dass es dazu die Gesinnungseinheit des Lehrkörpers brauche.
Dazu folgende Bemerkungen:
1. Die UNO-Konvention, auf die er sich beruft, verlangt mitnichten, dass Benachteiligte in Regelklassen unterrichtet werden müssten. Sie verlangt lediglich, dass sie vom Bildungswesen nicht ignoriert, ausgegrenzt und diskriminiert werden, wie das in vielen Ländern noch der Fall ist. Die Gleichsetzung von Nicht-Diskriminierung und Beschulung in Regelklassen ist eine rein ideologische Auslegung der Konvention. Hauptsache ist, dass sie gefördert werden, damit sie in der Gesellschaft ihren Platz finden können. Die Folge der radikalen Inklusion ist, dass heute viele Kinder, die in höheren Klassen wegen Personalmangel oder Sparmassnahmen nicht genügend betreut werden können, die im Unterricht nicht mithalten können, die die Arbeit für die Nicht-Benachteiligten dauerhaft stören oder insgeheim von den andern ausgeschlossen werden, stärker diskriminiert werden als bei separatem Unterricht in Kleinklassen, nämlich spätestens dann, wenn Arbeitgebende bemerken, dass sie nichts können.
2. Nicht die Schulleitungen müssen die Probleme der Inklusion lösen, sondern die Lehrpersonen. Die Probleme gehen nicht weg, wenn Schulleitungen Visionen verkünden, Konferenzen mit Durchhalteparolen abhalten, das Team mit Kajak-Fahrten stärken, Ratschläge mit Mätzchenpädagogik (Wer den Ball hat, darf sprechen; Wer dreimal stört, muss einen Kuchen bringen, etc.) abgeben. Es sind immer die Lehrpersonen, die im Klassenzimmer jeden Tag, jede Stunde, jede Minute handeln müssen. Anderegg müsste deshalb, bar jeder Ideologie, an praktischen Beispielen erläutern, wie Schulleitungen von ihrem Büro aus die Probleme lösen können, die jetzt viele Lehrpersonen in den Burnout treiben.
3. Wenn Herr Anderegg anführt, er habe in seinem Leben auch schon einmal zwei Wochen unterrichtet, sei an seine Grenzen gestossen, habe aber grosse Freude empfunden, so muss er sich sagen lassen, dass Lehrpersonen über Jahre hinweg diese Arbeit tun und die Verantwortung nicht nur für zwei Wochen übernehmen, sondern für die ganze schulische Laufbahn. Natürlich ist es dann leicht, von der höheren Warte der Fachhochschule die Inklusion, an der Lehrpersonen und Eltern vielerorts verzweifeln, weiterhin für umsetzbar zu erklären, wenn nur die Schulleitungen eingreifen. Es ist die Concorde-Falle (Roland Reichenbach): Ein Konzept scheitert, also hält man daran fest, indem man die Mittel verstärkt (in diesem Fall den Schulleitungen die Verantwortung zuschanzt).
4. Bei allem Respekt, aber die Schule hat in erster Linie die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen Kenntnisse und Fähigkeiten in Mathematik, in naturwissenschaftlichen Fächern, in Sprachen, Geschichte, künstlerischen Fächern und Sport zu vermitteln. So steht es in den Verfassungen der Kantone. Alles Erzieherische ergibt sich subsidiär aus der gemeinsamen Arbeit an diesen Inhalten. Die Priorität der Schule ist nicht die Therapie von psycho-sozialen Störungen und Behinderungen aller Art. Dafür müsste sie grundlegend anders aufgestellt sein. Man dürfte ihr auch nicht einen verpflichtenden Lehrplan 21 mit Tausenden von Kompetenzen hinknallen und dessen Einhaltung alle paar Monate mit irgendwelchen EDK-Tests überprüfen. Die Schule wäre als Klinik mit ergotherapeutischen Beschäftigungsräumen einzurichten.