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Politische Instabilität und Naturkatastrophen prägen das Land
Ein Auskommen als Straßenverkäufer verdienen (Foto: S. Preisch)
Die Republik Haiti liegt auf dem Archipel der Großen Antillen in der Karibik. Das Land nimmt die westliche Hälfte der Insel Hispaniola ein. Im Ostteil der Insel liegt die Dominikanische Republik. Die offiziellen Landessprachen sind Kreolisch und Französisch. Im Jahr 1804 war Haiti das erste Land in ganz Nord- und Südamerika, das seine Unabhängigkeit erlangte, gleichzeitig die französischen Kolonialmächte vertrieb und die Sklaverei abschaffte.
Als der Revolutionsführer Jean Jacques Dessalines die Macht ergriff, wurde Haiti die erste Republik der Welt unter einer schwarzen Herrschaft. Das Land hat jedoch seither jahrzehntelange Armut, wirtschaftliche Abhängigkeit, politische Instabilität und fast 30 Jahre einer brutalen Diktatur unter Francois Duvalier (“Papa Doc”) und seinem Sohn Jean-Claude (“Baby Doc”) durchleiden müssen. Es gehört mittlerweile zu den ärmsten Ländern in Nord- und Südamerika. Die Gesamtbevölkerung Haitis beläuft sich auf ca. 10 Millionen, ungefähr 900 000 Menschen leben in der Hauptstadt Port-au-Prince.
Im Januar 2010 wurde Haiti mit voller Wucht von einem schweren Erdbeben getroffen, das geschätzten 220 000 Menschen das Leben kostete. Hunderttausende verloren durch die Naturkatastrophe ihre Häuser und leben immer noch in provisorischen Notunterkünften oder auf der Straße und warten auf ein neues Zuhause. Zu allem Überfluss folgten dem Erdbeben der Ausbruch einer Cholera-Epidemie, der Hurrikan “Thomas” und schlecht organisierte Präsidentschaftswahlen, die in den Straßen von Port-au-Prince zu noch mehr Chaos führten. Die Wirtschaft des Landes ist zusammengebrochen und vollständig auf internationale Hilfe angewiesen, um sich wieder zu erholen. Seit dem Erdbeben Anfang 2010 konnte ein drastischer Anstieg von Migrationsbewegungen aus Haiti in die Dominikanische Republik verzeichnet werden.
Das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre
Haiti ist das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre. Ca. 80 Prozent der Haitianer leben von weniger als zwei US-Dollar pro Tag, die meisten von ihnen unter äußerst prekären Bedingungen. Sie fristen ihr Dasein in lähmender Armut ohne ordentliche sanitäre Einrichtungen, Elektrizität oder fließendem Wasser. Fast 40 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch in der Vergangenheit war Haiti schon immer ein Land mit einer sehr ungleichen Einkommensverteilung - nur ein Prozent der Bevölkerung besitzt ca. 50 Prozent der Reichtümer des Landes.
Haiti steht derzeit auf Rang 145 des Human Development Index (HDI), womit es von allen Ländern in der Region an unterster Stelle steht. Der HDI misst den Zustand von drei Variablen der menschlichen Entwicklung: Bildung, Gesundheit und Einkommen. Die Alphabetisierungsrate der Erwachsenen beträgt in Haiti 65,3 Prozent, das ist eine der niedrigsten Quoten in ganz Nord- und Südamerika.
Die HIV/AIDS-Infektionen stellten bereits vor dem Erdbeben eine der häufigsten Todesursachen dar. Durch die Katastrophe könnte HIV/AIDS zu einer noch größeren Bedrohung für dieses arme Land werden. Mit 1,9 Prozent zählt die HIV/AIDS-Infektionsrate zu einer der höchsten der Welt. Fast die Hälfte aller Menschen, die in der Karibik an AIDS erkranken, leben in Haiti. Trotz der Tatsache, dass die HIV-Infektionsrate in den letzten Jahren leicht gesunken ist, befürchten viele Gesundheitsexperten, dass in dem vom Erdbeben zerrütteten Land diese Zahlen in die Höhe schießen werden.
Hunderttausende Kinder in Gefahr
Aufwachsen in Haiti (Foto: S. Preisch)
Nach dem Erdbeben gingen Bilder von jungen haitianischen Kindern, die in Lumpen durch die Straßen von Port-au-Prince irrten, um die ganze Welt. Die Kinder sind nach einer Katastrophe dieses Ausmaßes zweifelsfrei nach wie vor das schwächste Glied der haitianischen Bevölkerung. Sie haben Traumata und schwere psychische Schäden erlitten.
Durch das Erdbeben wurden tausende haitianischer Kinder zu Waisen oder von ihren Eltern verlassen. Vor der Katastrophe wuchsen schätzungsweise 440 000 Kinder ohne elterliche Fürsorge auf. Diese Zahl ist vermutlich weiter gestiegen. Haiti hat die höchste Säuglings-, Mütter- und Kindersterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren in der gesamten westlichen Hemisphäre; knapp 72 Kinder sterben pro 1000 Lebendgeburten vor Erreichen des fünften Lebensjahres. Es ist zu erwarten, dass diese Zahlen mittlerweile durch die prekären Lebensbedingungen und das Fehlen einer medizinischen Infrastruktur in Haiti weiter gestiegen sind. Fast alle Krankenhäuser und Schulen wurden zerstört, und trotz internationaler Bemühungen zum Wiederaufbau gehen die Fortschritte in Haiti nur langsam voran.
Nach Angaben der Vereinten Nationen arbeiten ca. 300 000 Kinder in Haiti unter sklavenähnlichen Bedingungen. Die meisten von ihnen arbeiten als Hausangestellte für reichere Familien, in denen sie häufig körperlichen Übergriffen ausgesetzt sind. Einigen Berichten zufolge müssen viele diese Kinder im Freien auf einem Pappkarton schlafen. Diejenigen Kinder, die nicht als Hausangestellte arbeiten, werden häufig Schuhputzer, verkaufen Kleinwaren an Ampeln oder landen im kommerziellen Sexgewerbe. Weniger als zwei Prozent aller haitianischen Kinder haben die Chance, bis zum Abitur eine Schule zu besuchen.
Das zuvor genannte HIV/AIDS-Problem hat auch schwere Auswirkungen auf die Jugend in Haiti. Schätzungsweise 156 000 schwangere Frauen sind im Jahr 2010 positiv auf HIV getestet worden. Im Jahr 2009 betrug diese Ziffer 132 000 - das ist ein Anstieg von knapp 25 000 Fällen in nur einem Jahr. Infolgedessen sind ca. 100 000 haitianische Kinder unter 17 Jahren AIDS-Waise. Viele werden von ihren Müttern mit dem Virus angesteckt.
SOS-Kinderdorf in Haiti
Zurzeit unterstützt unsere Organisation Kinder und Jugendliche in Haiti durch Kindertagesstätten, Schulen, Berufsbildungszentren sowie medizinische Betreuung an zwei verschiedenen Standorten. Durch das jüngste Erdbeben wurde das SOS-Kinderdorf in Santo nur leicht beschädigt. Ungefähr 300 schutzlose Kinder mussten dort vorübergehend untergebracht werden. Im Jahr 2005 hat SOS-Kinderdorf ein SOS-Familienstärkungsprogramm ins Leben gerufen, das vom Verlust der elterlichen Fürsorge bedrohten Kindern die Möglichkeit bietet, in einer liebevollen familiären Umgebung aufzuwachsen. Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder nicht länger bei ihren Familien bleiben können, finden liebevolle Aufnahme in einer familiennahen Umgebung, der SOS-Kinderdorf-Familie.