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Orthographie und Rechtschreibereform
Die im deutschen Sprachraum Mitte der 1990er Jahre neu ausgebrochene Debatte um die richtige Rechtschreibung ist ein Lehrstück ganz besonderer Art, wobei die moral von der Geschichte von der Mehrheit der sich streitenden Experten und Expertinnen bisher offenbar noch nicht begriffen wurde. Sonst hätte man die Schlacht um das neue umfassende System und die Grabenkämpfe um die zugelassenen und die nicht zugelassenen Varianten, das Geschrei über begründete und nicht begründete Ausnahmen und das ganze übrige Hick Hack längst als eine Art lächerlicher Übertreibung erkannt und die ganze Übung abgeblasen. Die Tatsache, dass dies nicht geschehen ist, hat zwar bedauerliche Nebeneffekte für diejenigen, die von Amtes wegen dazu verknurrt sind, sich den ganzen Regelkram zu unterwerfen -, aber für einen weniger direkt betroffenen Zuschauer wie mich hat das ganze Theater doch auch einen gewissen Unterhaltungs- und Bildungswert, und es fordert mich heraus, mir in der Sache meine eigene Meinung zu bilden. Diese Meinung ist mittlerweile gebildet, und da ich die Sache für interessant genug halte, und da der Streit vermutlich noch einige Jahre andauern wird, möchte ich hier kurz einige Gedanken zum Thema vorbringen.
Die Bemühungen um eine einheitliche Rechtschreibung und Grammatik verlaufen historisch gesehen parallel mit anderen gesellschaftlichen Rationalisierungs- und Standartisierungsvorgängen. Zur Zeit Shakespears gab es keine verbindliche englische Rechtschreibung. Ja es scheint sogar eine Zeit gegeben zu haben, in der es für stillos galt, dasselbe Wort in einem Text mehrmals auf dieselbe Weise zu schreiben.1
Die Gründung der Academie Française, welche sich neben anderen Aufgaben auch um die Normierung der französischen Grammatik und Rechtschreibung zu kümmern hatte, fällt in eine Zeit, als sich die französischen Herrscher, allen voran Ludwig XIV daran machten, die verschiedenen Herzogtümer früherer Jahrhunderte in einen einheitlichen, zentral geleiteten Nationalstaat modernen Zuschnitts umzuformen.2 Der französische Ansatz entspricht dem Zentralismus, durch welchen sich die französische Verwaltung bis heute von den meisten, wenn nicht allen europäischen Ländern unterscheidet. In Italien und Spanien folgten in den folgenden Jahrzehnten ähnliche Bemühungen, wobei die damals festgelegten Rechtschreiberegeln fast unverändert bis heute beibehalten wurden.
In Deutschland dauerte die Vereinheitlichung der Sprache länger. Luther hatte mit seiner Bibelübersetzung im 16. Jahrhundert zwar auch in Bezug auf grammatikalische und orthographische Fragen die allgemeine Marschrichtung angegeben, doch in der 1545 erschienenen Neuauflage seiner Übersetzung des alten Testaments finden wir auf ein und derselben Seite beispielsweise vier Schreibweisen für das Wort Zweifel, so neben der heute geltenden auch Zweiffel, Zweyffel und Zweivel, und in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konnte das Wort Amt auch als Ambt, Ammbt, Ampt, Ammpt oder als Amptt geschrieben werden. Der Geheimrat Goethe, der Inbegriff deutscher Kultur und Geistesbildung, konnte es sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch leisten, Mädgen statt Mädchen und dicktiren statt diktieren zu schreiben. 3
Es gab damals zwar auch in Deutschland verschiedene Regelbücher für die Rechtschreibung und jeder Verlag und jede Schule hielt sich an bestimmte hausinterne Normen, doch von einer allgemein verbindlichen Rechtschreibung für das gesamte deutsche Sprachgebiet war man noch weit entfernt. Erst nach der von Bismark gemanagten politischen Einigung Deutschlands und der Gründung des deutschen Reiches im Jahr 1871 gab es erste Fortschritte in der Richtung, die mit dem Erscheinen der 9. Auflage des nach seinem Schöpfer Konrad Duden benannten Wörterbuches 1915 zu einem vorläufigen Abschluss kamen. Progressive Kräfte waren mit den gefundenen Regelungen allerdings nicht zufrieden, denn es gab viel zu viele Ausnahmen und die Vereinheitlichung der Rechtschreibung hatte bei weitem nicht die Vereinfachung gebracht, die sie sich erhofft hatten. So hatte man sich damals nicht dazu entschliessen können, die umstrittene Grossschreibung über Bord zu werfen oder dem Beispiel der deutschsprachigen Schweiz zu folgen und die Unterscheidung von ss und sz aufzugeben. Von weitergehenden Massnahmen wie dem generellen Verzicht auf das Denungs-h oder dem Ersatz des v durch f oder w, wie sie von Jakob Grimm bereits 1854 forgeschlagen worden waren, war natürlich erst recht keine Rede. Damals wie heute reagierten konservative Kreise mehrheitlich mit Ablehnung aufderartig radikale, imgrunde aber ganz fernünftige Forschläge. Sie sprachen und sprechen von Kulturzerfall und vom Verlust von Sprachbewusstsein und Sprachgefühl. Sie wurden und werden deshalb als elitär angegriffen, und es wird ihnen unterstellt, dass sie ihre persönlichen (alt)-philologischen Neigungen auf Kosten zahlloser Kinder und Erwachsener ausleben, für welche die bestehende Rechtschreibung eine Hürde darstellt, an der viel zu viele von ihnen scheitern.
Nun kann man in der Sache ja tatsächlich verschiedener Meinung sein, und es gibt sicher trifftige Gründe Mayonnaise und nicht Meionese oder Maionnese zu schreiben, und ich persönlich sympathisiere mit Allen, die in der Diskussion um die richtige Schreibweise von im Grunde die traditionelle Linie verfechten und das platt moderne, unphilosophische imgrunde am liebsten wieder in die Illegalität abdrängen würden; aus Ordnungsliebe und Gerechtigkeitsempfinden bin ich auch dafür, dass dem Telefon sein ph zurückgegeben wird ... Über all das lässt sich wie gesagt trefflich streiten, doch scheint mir über dem Gezänk die wichtige Frage verloren zu gehen, wer überhaupt bestimmen darf und soll, was richtige Schreibweise, richtige Grammatik und richtige Sprache ist und an welchem Punkt das Bemühen um Normierung zu einem lebensfeindlichen Akt und zu einem durch und durch undemokratischen Mittel der Machterhaltung degeneriert. Anders gefragt: müssten und sollten wir diese Dinge nicht einfach dem "freien Markt", auf dessen Kräfte wir sonst so gerne vertrauen, überlassen? Wäre dies nicht humaner und demokratischer? Ich denke, ja, doch wer so etwas sagt hat mit einem Mal die Rechtschreibefans aus allen Lagern gegen sich. Selbst für die Schweizer ErziehungsdirektorInnenkonferenz, die sonst in der Sache keinen grossen Lärm gemacht haben, ist es klar: „Die Sprachgemeinschaft, und vor allem auch die Schule, braucht solche Regeln des richtigen Schreibens. Die Reform soll die wichtige Aufgabe der Schule erleichtern, Schülerinnen und Schüler zur Rechtschreibung zu führen."4
Recht-Schreibung ist jetzt ein wesentliches Mittel zur gesellschaftlichen Selektion und zur Stabilisierung bestehender Hierarchien. Dabei setzt eine relativ kleine Oberschicht ihre Ansprüche auf Kosten einer breiten Masse durch, die auf diese Weise tendenziell in die Sprachlosigkeit gedrängt wird. Statt sprachliche Ausdrucksfähigkeit zu fördern wirkt der Kult, den wir im deutschen Sprachraum mit der Recht-Schreibung betreiben, lähmend auf die Schreiblust all derer, die mit dem Übermass an Regeln und Regelungen nicht zurecht kommen, und die sich keine Ghost Writer und Sekretäre leisten können, um sich auf diese Weise in der Welt zu produzieren.
Die Befürchtung, dass die deutsche Sprachgemeinschaft auseinanderbrechen könnte, wenn die Obrigkeit sich nicht mehr für die Reglementierung der Sprache einsetzen würde, ist sachlich gesehen unbegründet, denn zum einen war diese "Sprachgemeinschaft" nüchtern betrachtet schon immer ein ziemlich elitärer Club einiger sogenannt "gebildeter" Menschen, während der Grossteil des "Volkes" ausserhalb dieser Gemeinschaft lebte, sich vergnügte und litt. Zum andern würde sich im Bereich der Schriftlichkeit nach dem Verzicht auf eine staatlich sanktionierte, verbindliche Regelung sehr bald eine Art sich selbst regulierender Ordnung einstellen, da alle Schreibenden ja ein ursprüngliches Interesse daran haben, verstanden zu werden. Wer sich aus Gleichgültigkeit oder Experimentierfreude zu weit von den Schreibgewohnheiten seines Publikums entfernt, würde dies bald zu spüren bekommen und entsprechend reagieren. Vermutlich wäre die Situation in der Praxis nicht viel anders als sie es bereits heute ist; der Verzicht auf zentrale Kontrolle würde allenfalls zu Beginn zu einiger ungewohnter Bewegung führen. Doch schon jetzt haben ja viele Verlage ihre eigenen Regelungen, und auch im privaten Bereich ist die Bandbreite der Schreibstile und Recht-Schreibungen nicht zuletzt deshalb bereits jetzt gross, weil sich niemand mit den tausend neuen und alten Regeln auskennt, und weil ausserhalb der einschlägigen Kommissionen auch wenig Interesse an diesen Bestimmungen besteht. Verlage und ähnliche Institutionen würden über Printmedien und Angebote im Bereich von Software u.ä. gewisse Standarts setzen und damit als strukturierende Kräfte wirken. Wir würden uns wieder daran gewöhnen, das der Inhalt letztlich wichtiger ist als die möglichst hohe Übereinstimmung mit den jeweils neuesten Rechtschreibregeln. Wir würden anfänglich vielleicht etwas stoken, wen wir auf etwas ungewonte sriftbilder stossen würden, doch würden wir bald merken, das wir damit imgrunde durchaus zurecht komen, wen wir uns erst einmal daran gewönt haben, mehr auf den inhalt als auf die forrm zu sehen, und wen wir uns abgewöhnt haben, beim anblik einer ungewonten sreibweise im geist sofort zu unserem Duden zu greifen oder unserer alten lererin anzurufen, um uns bestätigen zu lassen, dassman dis und das tatsächlich nicht so, sondern so sreibt. Dieser Prozess könnte allerdings länger dauern als wir meinen, und möglicherweise ist er auch nicht allseits beliebt. Denn in der Theorie halten wir ja viel von Emanzipation und demokratischem Miteinander, aber in der Praxis hängen wir doch sehr an unseren grossen und kleinen Privilegien, und da könnte es wirklich unangenehm werden, wenn plötzlich alle das Gefühl haben, mitreden zu können. Da hat sich die Rechtschreibung doch als ganz nützliche Bastion bewährt, hinter der wir uns versteken und unseren status als höher gebildete wesen genissen können.
Nein. In der Praxis könnten wir problemlos auf eine allgemein verbindliche Rechtschreibung verzichten. Auch die Öffnung und Demokratisierung der Gesellschaft, die durch diesen Schritt möglicherweise in Gang kommen könnte, würde vermutlich nicht so stürmisch und so bedrohlich verlaufen, wie ich es eben skizziert habe. Sogar die Schulen würden den Schock überleben. Denn natürlich wäre Rechtschreibung in ihnen immer noch ein Thema, sie wäre aber nicht mehr Selbstzweck und inoffizielles Selektionsmittel, sondern Teil einer an konkreten gesellschaftlichen Gegebenheiten und Bedürfnissen ausgerichteten Bildungsarbeit.
Der Anarchosyndikalist Walter Borgius ging in seiner Analyse noch einen Schritt weiter: Das Gewicht, welches auf eine einheitliche Orthographie und Sprache gelegt wird, ist für ihn eine wichtige strategische Massnahme bei der Herausbildung und Aufrechterhaltung des Nationalstaates. Die vereinheitlichte Sprache erwecke, so Borgius 1930, den Anschein einer staatlichen Identität, welche klar gegen die Nachbarstaaten abgegrenzt werden könne. „Der Staat hat ein dringendes Interesse daran, bei seiner Untertanenschaft die Suggestion zu erwecken und zu erhalten, als ob sie ethnologisch alle Kinder der einen Mutter, Glieder einer großen Familie, hingegen die Nachbarvölker danebenstehende Fremdlinge seien. Daher geht seit Urzeiten stets das Streben des Staates auf „Nationalisierung der Sprache", auch in dem Sinne, daß Dialekte nach Tunlichkeit diskreditiert werden.5 Das staatlich Dekretierte und überwachte Hochdeutsch oder das Hochfranzösisch verschleiern also die Tatsache, dass klare ethnische und sprachliche Grenzen auf der Welt eher die Ausnahme als die Regel bilden. In einer Zeit, wo die reale Bedeutung des Nationalstaates rapide abnimmt mag diese Kritik überholt scheinen. Wenn wir jedoch nicht zu blossen Nummern einer überstaatlichen Administration und zu uniformen WeltbürgerInnen werden wollen, sondern an die Notwendigkeit einer diese Tendenzen ergänzenden, in konkreten Regionen verankerten Politik von Unten glauben, dann ist dieser Aspekt der Rechtschreibreform nach wie vor aktuell, geht es dabei doch um die Frage, wie ernst wir die Vielfalt real existierender Subkulturen mit ihren je verschiedenen Traditionen nehmen, und welches Gewicht wir ihnen im Vergleich zu den aktuellen Kompetenzen des Nationalstaates und einer dominierenden Weltkultur geben. Vom Blickpunkt der Biodiversität aus gesehen geht es dabei also um die politisch nach wie vor höchst aktuelle Frage, ob wir uns tendenziell eher für ein komplexes, vielfältiges Netz kleinerer Strukturen und ein Nebeneinander von unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen entscheiden, ein Netz, welches als System vermutlich stabiler, in Bezug auf einzelne Hochleistungen vielleicht jedoch tatsächlich weniger "leistungsfähig" ist als grössere Organisationen.
James C. Scott, der den brisanten, in Europa schon weit gediehenen Prozess der kulturellen Standartisierung u.a. bei seinen Feldforschungen in Südostasien beobachtet hat, schreibt dazu: "The great cultural barrier imposed by a separate language is perhaps the most effective guarantee that a social world, easily accessible to insiders, will remain opaque to outsiders. Just as the stranger or state official might need a local guide to find his way around sixteenth-century Bruges, he would need a local interpreter in order to understand and be understood in an unfamiliar linguistic environment. A distinct language, however, is a far more powerful basis for autonomy than a complex residential pattern. It is also the bearer of a distinctive history, a cultural sensibility, a literature, a mythology, a musical past. In this respect, a unique language represents a formidable obstacle to state knowledge, let alone colonization, control, manipulation, instruction, or propaganda. Of all state simplifications, then, the imposition of a single, official language may be the most powerful, and it is the precondition of many other simplifications." Am Beispiel der entsprechenden Vorgänge in Frankreich beschreibt Scott den Prozeß der sprachlichen Zentralisierung als einen Prozeß der auf die eigene Bevölkerung gerichteten Kolonialisierung, "in which various foreign provinces (such as Brittany and Oc-citanie) are linguistically subdued and culturally incorporated. In the first efforts made to insist on the use of French, it is clear that the state's objective was the legibility of local practice. Officials insisted that every legal document—whether a will, document of sale, loan instrument, contract, annuity, or property deed—be drawn up in French. As long as these documents remained in local vernaculars, they were daunting to an official sent from Paris and virtually impossible to bring into conformity with central schemes of legal and administrative standardization. The campaign of linguistic centralization was assured of some success since it went hand in hand with an expansion of state power. By the late nineteenth century, dealing with the state was unavoidable for all but a small minority of the population. Petitions, court cases, school documents, applications, and correspondence with officials were all of necessity written in French. One can hardly imagine a more effective formula for immediately devaluing local knowledge and privileging all those who had mastered the official linguistic code. It was a gigantic shift in power. Those at the periphery who lacked competence in French were rendered mute and marginal. They were now in need of a local guide to the new state culture, which appeared in the form of lawyers, notaires, schoolteachers, clerks, and soldiers."6
Ich will an dieser Stelle nicht weiter auf diese Fragen eingehen, ich denke jedoch, dass wir sie bei der Debatte um das wie und warum der Rechtschreibung nicht ignorieren sollten, denn wenn die entsprechenden Entscheidungen sich auch nicht eins zu eins auf unsere politische und kulturelle Realität auswirken, so beeinflussen sie diese doch in einem beträchtlichen Mass.
Ein weiterer Grund, weshalb die offizielle Politik und das (bürgerliche) Establishment so vehement für eine einheitliche Rechtschreibung eintritt liegt für Borgius paradoxerweise in der von vielen Menschen vor und nach ihm beklagten Tatsache, dass sie einen unverhältnismässig grossen Teil der Kräfte von LehrerInnen und SchülerInnen in Anspruch nimmt. Diese scheinbar paradoxe Feststellung entspricht Borgius' Überzeugung, dass die staatliche Schule aller gegenteiligen Propaganda zum Trotz nichts mit „Bildung" oder Emanzipation zu tun hat, sondern dass sie in erster Linie dazu da ist, die Menschen „zu bequem regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen".7 Zu diesem Zweck brauche der Staat Lehrgegenstände, „die mit dem Anschein sachlicher Unentbehrlichkeit eine möglichst weitgehende Inanspruchnahme von Zeit und Kraft des Schülers verbinden, damit genügend Anlaß ist, ihn zu „disziplinieren" und ihm alle Fähigkeit und Neigung vergeht, außerhalb der Schule seinen Geist noch mit Dingen zu befassen, die für den Staat „Allotria" sind." Borgius behauptet nicht, dass hier bewusster böser Wille im Spiel sei, doch sollten wir uns – uns selbst und anderen gegenüber – auch nicht naiver geben als wir sind. „Ich stelle mir natürlich nicht vor", schreibt er dazu, „daß an der Spitze der Schulverwaltung Männer stehen, die bewußt darauf hinarbeiten, den Lehrplan so zu gestalten und die Schulorganisation so einzurichten, daß der Schüler verblödet und Maschine wird. Aber das Zeitalter der Psychoanalyse hat uns ja gelehrt, die Triebkräfte menschlicher Handlungen nicht in den Motiven zu suchen, die der Handelnde in ehrlicher Meinung als solche angibt, sondern in jenen dunklen Regionen, des Unterbewußtseins, wo sich die dem Handelnden selbst unbekannten Vampyre der Tiefe tummeln. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse aber sind durchaus auch auf den Staat und seine Leiter anzuwenden. Glaubt nicht an ihre offenen Motive, sondern 'lest zwischen den Zeilen, die euch die Wirkungen ihres Handelns schreiben. Dort findet ihr die Wahrheit!"8
Ich will die politische Frage hier beiseite lassen, denn obschon die Verhältnisse in der real existierenden Welt oft mehr als eindeutig scheinen, kann und will ich mich nicht mit einem Verständnis der Welt anfreunden, in welchem die Grenzen zwischen den „Guten" und den „Bösen", den „Ausbeutern" und den „Ausgebeuteten" oder wie wir die Parteien immer nennen wollen, zu klar und endgültig gezogen werden. Ich halte es diesbezüglich eher mit Denkern wie Mahadma Gandhi oder Paolo Freire, für die jeder Unterdrücker auch ein Unterdrückter und jeder Unterdrückte auch ein Unterdrücker ist oder doch sein könnte. Damit sind klare Positionen immer nur von Moment zu Moment möglich und das oberste Prinzip der Politik ist zumindest der Idee nach nicht der (bewaffnete) Kampf und der verbale Schlagabtausch, sondern der (gewalt- und machtfreie) Dialog. Doch darin, dass wir in Sachen Rechtschreibung innerhalb und ausserhalb unserer Schulen masslos übertreiben besteht für mich kein Zweifel.
Copy 2007, Martin Näf
1 Keller, Olivier: Das Pharmakon Schrift: Gift oder Elixier? Über den verantwortungsvollen Umgang mit den Buchstaben. In Wörndl-Voggenhuber, Tanja (Hrsg),Wissen oder Gewissen. Über das kritische Verhältnis von Wissen und Verantwortung. Ulm 1997, S. 65
2 Claude Favre Baron de Vaugelas (1585-1650), wurde von der Academi Française mit der Aufstellung des ersten französischen Dictionnaires beauftragt. In seinen 1647 erschienenen «Remarques sur la langue francaise» hat er "mehr als jeder andere dazu beigetragen, die Regeln der modernen französischen Sprache festzulegen." - Vgl. dazu den entsprechenden Eintrag in Kleinert, Heinrich u.a. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik Band 3, Bern 1952
3 Geschichte der Rechtschreibung in Westeuropa, Im www gefunden am 24.1.1998
4 Moritz Arnet in: Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, EDK (Hrsg.): Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung / La nouvelle réglementation de l'orthographe allemande en un coup d'œil. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Bern 1999, S. 5
5Borgius 1981, S. 147-148
6 Scott, James C., Seeing like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed. New Haven and London 1998 S. 72
7 Borgius 1981, S. 7
8 Borgius 1981, S. 149
Martin Näf
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