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Die Geschichte vom Prinzen Genji, wie sie geschrieben wurde um das Jahr Eintausend unserer Zeitrechnung von Murasaki, genannt Shikubu, Hofdame der Kaiserin von Japan – so lautet der deutsche Titel meiner Ausgabe (Insel-Verlag. Nach der englischen Übertragung von Arthur Waley. Deutsch von Herberth E. Herlitschka – es war ein vor allem bei ‚exotischeren‘ Sprachen seinerzeit nicht unübliches Verfahren, eine Übersetzung zu übersetzen), gilt als einer der ältesten Romane der Weltliteratur, wenn nicht als der älteste.
Nun geht es mir meist ebenso, wie meinem Kollegen scheichsbeutel: Meine Liebe zu japanischer Literatur ist als gering anzusehen: Mensch und Gesellschaft bleiben mir häufig fremd […]. Im vorliegenden Fall ist das ganz sicher so. Wir tauchen mit dem Genji-Monogatari in eine ganz andere Welt ein. Die Barrieren, die dieser Roman vor uns errichtet, sind mehrfache. Zum einen ist es so oder so schwer, einen Roman zu verstehen, der eine Gesellschaft, eine Kultur, schildert, die 1’000 Jahre alt ist. Epen aus dem europäischen Mittelalter sind selbst für einen Europäer schwer verständlich – sie rekurrieren auf andere Auffassungen von ‚Ehre‘, ‚Liebe‘ usw. Wenn dann noch, wie im vorliegenden Fall, hinzukommt, dass wir uns in einer aussereuropäischen Kultur befinden, in einer dazu noch, die gerade dabei war, sich völlig von der Aussenwelt abzuschotten – dann sind Verständnisprobleme vorprogrammiert. Anmerkungen und erklärende Nach- oder Vorworte können da helfen und sind auch der vorliegenden Übersetzung beigegeben.
Prinz Genji, dessen Lebensgeschichte wir im Genji-Monogatari erfahren, ist der Sohn des Kaisers von Japan mit einer seiner Nebenfrauen. Polygamie war im alten Japan gestattet, auch wenn sie sich nur die Reichsten leisten konnten. Prinz Genji war der Sohn einer Nebenfrau, und um die Thronfolge nicht zu verkomplizieren, wurde er in eine Adelsfamilie ‚ausgegliedert‘, womit er seine Ansprüche auf eine Nachfolge im Kaiseramt verlor. Das hinderte ihn nicht daran, als Verwaltungsbeamter Karriere zu machen, bis er schliesslich de facto das Reich regierte. Der Kaiser war mehr eine ornamentale Figur, eine Figur hin- und hergeschoben auf dem Schachbrett der Macht, die von verschiedenen Zentren ausging: den grossen Adelsfamilien (die untereinander konkurrierten) und den abgedankten Kaisern (die erst nach der Abdankung, aus ihren Klöstern, Einfluss auf die Politik nehmen konnten). Das alles entspricht der japanischen Realität jener Zeit. Erst später (kurze Zeit tatsächlich nach der hier von Murasaki Shikubu geschilderten Epoche) konzentrierte sich die Macht für längere Zeit in einer Familie – bis sie in blutigen Bürgerkriegen von einer andern Familie abgelöst wurde. Das System der Shōgun, der Militärherrscher, und der Samurai, des Kriegeradels, ist also erst nach der von Murasaki geschilderten Zeit des Prinzen Genji entstanden (was unser Verständnis des Romans nicht erleichtert, ist doch unser Japan-Bild stark von dem der Samurai-Epoche geprägt – inkl. dem, was wir uns als japanischen Ehrbegriff vorstellen, und was bis heute auf die japanische Kulter Einfluss nimmt, mit Harakiri und so…).
Wir haben bei Murasaki Shikubu tatsächlich ein noch älteres Japan vor uns, in dem die Qualität eines Herrschers (auch) daran gemessen wurde, wie gut er zum Beipiel die zeremoniellen Tänze beherrschte, ein oder mehrere Musikinstrumente zu spielen verstand und sich (aktiv und passiv) in der Lyrik auskannte. Wir kennen das aus dem Kopfkissenbuch der Sei Shōnagon. (Tatsächlich müssen Murasaki Shikubu und Sei Shōnagon praktisch zur selben Zeit am Kaiserhof gelebt haben. Sei Shōnagon war etwa 10 Jahre älter; und man meint, im lächerlichen Bild einer ältlichen Hofdame, die sich dem Prinzen Genji als Geliebte anbietet, das Porträt der Sei Shōnagon zu sehen. Die beiden mochten sich nicht.)
Das Genji Monogatari schildert das Leben eines Prinzen, der im Grunde genommen nichts tun muss – wenn ihn da nicht die Ehre seiner Familie dazu verpflichten würde, Ämter am Hof zu übernehmen. Über seine Ämter erfahren wir wenig; selbst, als er das Land de facto regiert, wird uns nur mitgeteilt, dass er die eigentlichen Regierungsgeschäfte seinem Stellvertreter (und Freund und Schwager, dem Bruder seiner ersten Frau) überlässt. Umso mehr erfahren wir über Genjis Liebesleben. Er kann – ohne viel Übertreibung sei dies gesagt – keine Frau ansehen, die aus einer einigermassen akzeptablen Familie stammt und einigermassen akzeptabel aussieht, ohne spitz zu werden wie Nachbars Lumpi. Er selber nennt es Liebe – und die Autorin ebenfalls.
Leider laufen die einzelnen Liebesgeschichten recht unverbunden nebeneinander her. Das macht, dass der Leser nicht nur allmählich die Übersicht verliert, er verliert (jedenfalls als europäischer Leser des 21. Jahrhunderts) auch die Lust. Erst spät versucht Murasaki Shikubu, die einzelnen Stories zu verknüpfen – zu spät aber, um (jedenfalls) mein Interesse noch wecken zu können. Da auch kaum etwas Tragisches oder Spannendes geschieht, plätschert der Roman so vor sich hin. Das muss der damaligen japanischen Hofkultur entsprochen haben – im 21. Jahrhundert Europas würde ich empfehlen, nur ausgesuchte Kapitel zu lesen, z.B. das, in dem die erste Frau des Prinzen Genji im Kindbett stirbt, weil sie von der Eifersucht einer seiner Geliebten (die unterdessen zur Kaiserin aufgestiegen ist!) getötet wird. Oder die Beschreibung von Genjis Leben in der Verbannung (oh, auch er wird für kurze Zeit vom Hof verbannt), wo sich Genjis Inneres und seine äusseren Umstände in einer wahren Naturkatastrophe auflösen. Man hätte sich mehr davon gewünscht.