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Energieanwendung
12.03.2020
Kochen in der Kiste
In vielen Teilen der Welt ist Energie nicht so billig wie in Europa. Das macht selbst simples Kochen zu einer teuren Angelegenheit. Die neue alte Lösung dafür ist die Kochkiste.
Die Kochbuchanweisung «Auf niedrigster Stufe köcheln lassen» muss den Menschen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vorgekommen sein wie: «Lassen Sie Ihren Chauffeur die Radmuttern regelmässig kontrollieren» – eine Instruktion, die Reichtum voraussetzt. In einer Zeit, als Holz mühsam in leergefegten Wäldern zusammengesucht werden musste und sich der Gashahn nur öffnete, wenn am «Groschengrab» des Gaszählers eine Münze geopfert wurde, konnte sich das «Köchelnlassen» niemand leisten.
Dafür gab es die Kochkiste. Reis, Bohnen, Kartoffeln oder Eintöpfe wurden nur kurz angekocht. Es funktioniert aber auch mit Polenta, Gulasch, Chili con Carne und vielem mehr. Die heisse Pfanne stellte man in die isolierte Kiste, wo das Essen mehrere Stunden lang fertig garen konnte. Wer keine Kiste hatte, stellte den Kochtopf ins Bett und wickelte ihn mit dem Duvet dick ein. Mit geschicktem Timing hatte man dann gleich auch noch ein vorgewärmtes Bett und konnte sich noch einmal die eine oder andere Münze fürs Heizen sparen.
Erfunden hat die Kochkiste 1834 Freiherr Karl von Drais, dem wir auch das Laufrad verdanken. Doch erst ab den 1890er-Jahren wurde die Brennmaterial sparende Garkiste richtig populär, als immer mehr Frauen berufstätig waren, studierten und sich nicht mehr stundenlang an den Kochherd binden lassen wollten. Die Kochkiste verdankte ihre Verbreitung deshalb auch der Suffragetten-Bewegung, jenen engagierten Frauen, die damals für das Stimm- und Wahlrecht für Frauen kämpften und sich nicht mehr von Männern dominieren lassen wollten. Entsprechend zeigten illustrierte Bauanleitungen aus jener Zeit Frauen, die sich mit Hammer und Nägeln ihre eigenen Kochkisten zimmerten.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt man die Kochkiste schliesslich für so elementar für die moderne, rationalisierte Haushaltsführung, dass die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky sie 1926 in ihrer legendären «Frankfurter Küche» als festes Element einplante. Die Frankfurter Küche gilt als erste Einbauküche der Welt, wurde als «Labor der Hausfrau» konzipiert, mit industriell-effizienten Arbeitsabläufen. Und sie sollte mit ihren winzigen Dimensionen von sechs bis neun Quadratmetern den Lebensmittelpunkt der Familie in neuen Sozialwohnungen von den proletarischen Wohnküchen ins bürgerliche Wohnzimmer verlagern. Die handwerklich aufwendigen Elemente der Frankfurter Küche mit ihrer eleganten Gestaltung sind heute gesuchte – und teuer bezahlte – Klassiker. Vor allem der charakteristische Schrank mit den Schüttbehältern aus Aluminium für Reis, Nudeln, Zucker oder Mehl, beschriftet mit gravierten Schildern, ist sehr gesucht.
Mittlerweile kennen viele Leute die Kochkiste bestenfalls noch aus der Schweizer Armee, wo das Essen auf dem Rücken eines Trainpferds unterwegs auf einen verschneiten Pass fertig garen konnte. Dagegen feiert die Kiste vor allem in afrikanischen Sahel-Ländern ein Comeback – oft in der Variante der Solarkochkiste. In Gegenden mit viel Sonne, schwindenden Wäldern und hohen Preisen für Brennstoffe wie Holz, Holzkohle, Gas oder Paraffin sparen Kochkisten und vor allem auch Solarkochkisten und Solarkocher Geld und Zeit.
Das solare Kochen ist noch älter als das Garen mit Kochkisten. Das Prinzip wurde bereits 1767 vom Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure entdeckt. Er baute drei hölzerne Schachteln, stellte sie ineinander, isolierte sie und deckte jede mit einer Glasscheibe ab, sodass sich eine Dreifachverglasung ergab. Seine Kiste richtete er auf die Sonne aus und konnte so in der innersten Schachtel problemlos Gemüse garen. Die Idee wurde weiter ausgebaut zu modernen Solarkochern mit Glasbehältern und Parabolspiegeln, die nun auch sehr hohe Temperaturen erzeugen können und weltweit eine engagierte Anhängerschaft haben.
Solarkochkisten sind innen isoliert und verspiegelt. Oft gibt es zwei Deckel, einen mit einer Glasscheibe und einen zweiten mit einem Spiegel, der zusätzlich Licht und Wärme in die Kiste leitet. In Solarkochkisten sind ohne zusätzliche Energiezufuhr Temperaturen bis zu 160 Grad möglich, vorausgesetzt, die Sonne scheint. Und wenn sie nicht scheint, taugen die Kisten als normale Kochkisten fürs angekochte Essen.
Die Entwicklung steht nicht still. Die südafrikanische Firma «Wonderbag» hat als Reaktion auf häufige Stromausfälle im Land Kochsäcke entwickelt, die nach demselben Prinzip funktionieren wie die Kochkiste, aber weniger sperrig sind. Zudem stellt man die Pfanne mitsamt dem Wonderbag auf den Tisch, wo er das Essen weiterhin warm hält. Die Firma verkauft die Säcke mittlerweile weltweit und unterstützt mit dem Ertrag bedürftige Familien.
Bauanleitung für eine moderne Kochkiste:
strom-sparen.com
Historische Bauanleitung für eine Kochkiste von 1918 im Buch «Die Kochkiste, Selbstanfertigung, Behandlung, Rezepte»:
schmalenstroer.net
Die Kochsäcke von Wonderbag sind eine moderne Variante der Kochkiste:
wonderbagworld.com
Solares Kochen hat eine weltweit wachsende Fangemeinde mit einer grossen Anzahl von Geräten und Bauanleitungen:
solarcooking.fandom.com
Postelektronische Do-it-yourself-Küche
Solarkocher und Kochkisten gibt es in Outdoorläden oder im Internet, ebenso wie Kochkisten der Schweizer Armee. Kochsäcke kosten zwischen 30 und 100 Franken. Verschiedene Hilfsorganisationen bieten zudem Baukurse für Solarkochkisten an oder veröffentlichen online Bauanleitungen. Die ultimative Solarkochkiste fürs postelektronische Zeitalter besteht aus einem entkernten Flachbettscanner oder einem ausrangierten Fotokopierer, ergänzt mit Isolationsmaterial, Spiegeln und Alufolie.