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Das Identifizieren von Begabungen orientiert sich einerseits an Modellvorstellungen, was unter
→ Begabung verstanden wird und andererseits an der Frage, wer dazu autorisiert ist, Begabungen mit welchen Methoden zu diagnostizieren.
Initiiert durch die Arbeiten von Lewis Terman (1916) zur Intelligenzforschung wurden anfänglich vor allem herausragende kognitive Aspekte von Hochleistung anhand traditioneller Intelligenztests als Indikatoren für Hochbegabung beigezogen. Mit der Erweiterung der Intelligenzkonzepte durch Howard Gardner (Multiple Intelligences, 1983), Robert Sternberg (Successful Intelligence, 1986) und der gleichzeitigen Ausweitung der Begabungsmodelle auf künstlerisch-gestaltende, körperlich-sportliche, musikalische und soziale Hochleistungen ist in Fachkreisen jedoch unbestritten, dass die unterschiedlichen Begabungen nicht ausschliesslich mittels klassischer Intelligenztests erfasst werden können. Verstärkt wird diese Erkenntnis durch sämtliche anerkannten Begabungsmodelle ab 1978 (Renzulli’s Three-Ring Concept), die auch die weiteren (über messbare Intelligenz hinausführenden) persönlichen Eigenschaften und den sozialen Kontext für die Entstehung von Hochbegabungen mit einbeziehen. Auch aktuelle Forschungsergebnisse der Expertise und Exzellenzforschung relativieren die Bedeutung des IQ als alleinigen und zentralen Faktor für Hochbegabung.
Entsprechend wurden in den vergangenen Jahren breitere Verfahren entwickelt wie etwa das mehrdimensionale «Identification-Model» von Renzulli (1997), das «ENTER-Modell» von Stoeger und Ziegler (2003) oder breitere Screening-Verfahren, in denen ganze Klassen auf Begabungspotenziale der Schülerinnen und Schüler hin beobachtet werden. Alle diese neueren Identifikationsverfahren berücksichtigen sowohl kognitive Intelligenzleistungen als auch darüber hinaus gehende personale Potenziale (co-kognitive Fähigkeiten) sowie Affinitäten der Lernenden und Leistungen in allen unterschiedlichen Bildungs- und Leistungsdomänen.
Ein wesentlicher Unterschied der Identifikation von Begabungen besteht zwischen den deutschsprachigen Bildungssystemen Zentraleuropas und dem anglo- amerikanischen Ansatz. Während in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Identifikation von Begabungen seit Mitte der 90er-Jahre vielerorts der Schulpsychologie unterstellt wurde, ist die Identifikation von Begabungspotenzialen in den übrigen Bildungsnationen Aufgabe der Lehrpersonen und im Sinn einer → pädagogischen Diagnostik eine Grundaufgabe des regulären Berufsauftrages.
Aus dem Ansatz einer breiten und systemischen Begabungserfassung durch alle am Bildungsprozess Beteiligten heraus entstanden denn auch parallel zu den Testverfahren der Schulpsychologie (Intelligenztest, Kreativitätstest, u.a.) Erhebungsverfahren, die Lehrpersonen, Eltern und Lernende zentral einbeziehen. Dementsprechend existieren für die Hand von Lehrpersonen und Begabungsfachpersonen eine Vielzahl von Beobachtungsbögen und Checklisten, die das Ent- decken von Begabungspotenzialen im Schulalltag in heterogenen Schulklassen ermöglichen sollen.
Unbestritten bleibt die Auffassung, dass im speziellen Fall von Underachievement
(→ Minderleistung) oder → Twice Exceptional Students (Begabung und Behinderung) die spezifische Abklärung im Aufgabenbereich der Schulpsychologie liegt.