Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/488

Lok Yiu Wing Chun:
Wing Chun ist eine Körperschule. Sie zeigt Wege auf, wie der Körper zu nutzen, einzusetzen oder einfach zu bewegen ist. Dazu dienen drei Grundlagen:
- Bewegungsmuster (= einzelne Bewegungen), die das Wing Chun in seinen sechs Formen bereitstellt
- Bewegungsabläufe, die in den Trainingsprogrammen zu den Formen als Übungen vermittelt werden
- Ideen, nach welchen die Bewegungsmuster zu Bewegungsabläufen koordiniert werden können, die in den fünf Prinzipien des Wing Chun enthalten sind.
Ziel und der Zweck dieser Körperschule ist es, mit dem Üben der Bewegungsmuster, der Bewegungsabläufe und deren Koordination das Verständnis für den eigenen Körper zu wecken, ihn kennen und spüren zu lernen. Das Bewegen des Körpers geht von den Armen und Beinen, seinen Gliedmassen, aus, während der Rest des Körpers, Kopf und Rumpf, als relativ starre Einheiten diesen Bewegungen folgen. Zieht man jemanden so stark am Arm, dass er einen Schritt tun muss, kommen Kopf und Rumpf automatisch mit. Am Ende der Körperschule sollen die Teilnehmer fähig sein, Arme und Beine mit dem Rest des Körpers koordiniert zu bewegen.
Der Weg des Wing Chun ist jenem vom Alphabet zur Schriftstellerei zu vergleichen. Den Anfang der Körperschule bilden die Bewegungsmuster und ihre Formen.
Die erste Form ist die des Siu Lim Tau (= die kleine Idee). Der Anfänger wird mit dem basalen Bewegungsrepertoire für die Arme bekannt gemacht. Siu Lim Tau ist der erste Teil des Alphabets. Zum seinem Training gehören aber auch schon erste Bewegungsmuster und Koordinationsübungen.
Die zweite Form – Cham Kiu – erweitert die bisher geübten Bewegungsmuster vor allem in Bezug auf die Beine. Neben einigen Bewegungen für die Arme kommt vor allem das basale Bewegungsrepertoire für die Beine hinzu. Der Bewegungsradius wird auf 180° ausgeweitet. Mit der Vertiefung der Schrittarbeit kommt die Distanz, der Raum zwischen den Kontrahenten, ins Spiel.
Mit der dritten Form – Biu Tze – wird das Bewegungsrepertoire für Arme und Beine abgeschlossen, der Bewegungsradius umfasst nun 360°. Jetzt wird zusammengeführt, was bisher getrennt geübt worden ist.
Mit der vierten Form, der Holzpuppenform, wird das gesamte Bewegungsrepertoire noch einmal zusammengefasst und mit Hilfe eines perfekten virtuellen Trainingspartners (der Holzpuppe) geübt. Die Perfektion der Puppe besteht darin, dass sie keine Fehler macht. Auf diese Weise bekommt der Übende jede noch so kleine Unkorrektheit unmittelbar aufgezeigt.
Diesen vier waffenlosen Formen folgen noch zwei Waffenformen: die fünfte Form für den Langstock, die den Gebrauch einer langen, zweihändig zu führenden Waffe vertraut macht, und die sechste Form für die Doppelmesser, die lehrt, wie man zwei kurze, einhändig zu führende Waffen handhabt.
Die Formen sind das Alphabet des Wing Chun.
Zu jeder Form gibt es spezifische Übungen: Bewegungsabläufe, die die Bewegungsmuster der jeweiligen Form miteinbeziehen, damit diese in ersten Abläufen geübt werden können.
Sie stellen die ersten Wörter und Sätze im Wing Chun dar.
Texte zu schreiben lernt man durch die Übung, den Körper nach den fünf Prinzipien des Wing Chun zu koordineren: 1. Weiche der starken Kraft aus, weil du ihr nicht entgegenhalten kannst und sie grundsätzlich besser für dich nutzest. 2. Kombiniere die Stärke, indem du immer jede Stelle deines Körpers zu deiner Sicherheit einsetzest. 3. Nutze die Körperstellung in dem Sinne, dass du immer vorteilhafter zu deinem Gegner stehst als er zu dir. 4. Sei direkt, denn der kürzeste Weg ist der schnellste. 5. Beschränke die Bewegung.
Übung und Durchhaltevermögen verhelfen dem Kampfkünstler zu ständig wachsender Fähigkeit, seinen Körper frei im Wing Chun zu bewegen und sein eigenes persönliches Wing Chun zu schaffen. Wie in der Schriftstellerei lässt sich auf diesem Weg der Anstieg zu Kunst und Kultur ablesen.