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Sarah Vögtli, Maturandin in Interlaken, stellt folgende Fragen:Wie würden Sie Spoken Word definieren?
Spoken Word steht für einen Umgang mit literarischen Texten, der sich an der Mündlichkeit orientiert. Was übrigens vor der Erfindung des Buchdruckes für die ganze Literatur selbstverständlich war.
Welche Bedeutung geben Sie der Mundart, welche der Schriftsprache im Spoken Word?
In der Mündlichkeit hat die Schriftsprache, wie schon der Name sagt, nichts zu suchen. Hochdeutsch schon, wenn das die Sprache ist, die man im Alltag benützt. Man dichtet und schreibt in der Sprache, in der man denkt und lebt. Man freut sich über die eigene Sprache, man erfreut sich am eigenen Wort.
Was macht einen Spoken-Word-Text aus; welche Besonderheiten besitzt er gegenüber sonstiger Literatur?
Spoken Word muss klingen, geht durchs Ohr, das heisst, die Wörter müssen Körper haben. Spoken Word wird bestenfalls zu Musik und Musik lebt stark von Rhythmus. Spoken Word ist wie das alltägliche Reden sofort verständlich. Geht es um komplizierte Sachverhalte, gewährleisten Wiederholungen das Verständnis.
Tipps für einen eigenen Text?
Schreiben Sie einfach Listen zu irgendwelchen Themen und achten Sie darauf, dass die Wörter klingen und dass Sie dazu einen Rhythmus entwickeln. Jandel hat das Vortragen seiner Texte mit einem Metronomen geübt.
Spoken Word ist primär keine politische Bewegung. Würden Sie trotzdem sagen, dass politische Themen vermehrt in den Texten vorkommen?
Ja, weil öffentliches Auftreten ist an sich politisch, das merkt man daran, dass es vielerorts verboten ist oder zensuriert wird. Wer aber reden darf, also Öffentlichkeit hat, hat auch die Verantwortung und die Pflicht, etwas zu sagen. Und dass man das in der Alltagssprache tut, ist politisch, weil es demokratischer ist als in einer elitären, weniger leicht zugänglichen Sprache zu dichten. Für uns in der Schweiz kommt noch die Tatsache hinzu, dass man bei uns im öffentlichen Raum eine Reihe von Sprachen häufiger hört als die offiziellen Landessprachen. Albanisch und Portugiesisch zum Beispiel, werden häufiger gesprochen als Romanisch oder Italienisch. Für die Vielfalt der Sprachen gibt es nirgends so viel Interesse und Neugier wie in den sogenannten Spoken-word-texten, die bestrebt sind, alle Sprachen als gleichwertig zu betrachten und mit allen zu arbeiten.
In anderen Worten:
Das literarische Vorgehen von Bern ist überall beschreibt Alexandra von Arx in der NZZ vom 19. April 2011 folgendermassen:
„Das Resultat ihrer Auftritte könnte als stark reduzierte Poesie der Alltagssprache bezeichnet werden, die auch darum über sprachliche Grenzen hinweg funktioniert, weil der Übergang von Sinn zu Unsinn fliessend erfolgt. Die Texte, die sie auf der Bühne lesen, sind kurz, direkt und pointiert und arbeiten typischerweise mit dem Klang, dem Laut und dem Rhythmus. Sie erfinden neue Wörter und lassen alte wieder aufleben, bauen abstrakte Lauttürme auf, kleben vertrackte Silbencollagen zusammen und kreieren sprachliche Kleinode. Mittels mantrischer Wortwiederholungen und Satzumstrukturierungen komponieren sie Figuren, die an musikalische Formen wie die Fuge oder den Kanon erinnern, deren Sprachmelodik den Hörer sogartig mitreisst.“
Ein Gespenst geht um in der Literatur!
Diese Bestandesaufnahme der Spoken-Word-Szene in der Schweiz wurde im Autrag der SDA verfasst. Er ist unter anderem am 19.03.2015 im Bündner Tagblatt unter dem Titel "Die Schweizer Literatur im Wandel" erschienen.
Patric Marino ist ein junger Autor. Er hat ein schönes kleines Buch mit dem Titel Nonno spricht geschrieben und mit beachtlichem Erfolg publiziert. Wie andere Autoren und Autorinnen schreibt er weiter, aber plötzlich ist das zweite Buch nicht mehr der einzige ihm offene Weg, denn es ist nicht zu übersehen, in der Literaturszene tut sich etwas. Wie andere Konsumgewohnheiten auch, wandeln und erweitern sich die Rezeptionsformen von Texten.
So ist Patric Marino weiter daran interessiert, sein Buch an der klassischen Lesung unter die Leute zu bringen, aber gleichzeitig schreibt er auch Texte, die zwar gedruckt werden können, die aber eigentlich vorrangig für den mündlichen Vortrag, also für die Bühne gedacht sind.
Und damit ist er nicht alleine.
Der Vormarsch von Veranstaltungen, an welchen sich Autoren und Autorinnen mit Ihrer Sprachkunst direkt, ohne den Umweg über das gedruckte Buch an das Publikum wenden, ist quer durch das Deutsche Sprachgebiet festzustellen. Weil sich diese Bewegung hin zur Mündlichkeit in vielen verschiedenen Formen manifestiert und weil dieses Kind da war, noch bevor man Zeit hatte, den richtigen Namen zu finden, kann man auch behaupten, ein Gespenst gehe um in der Literatur. Denn zweifellos herrscht ein Begriffsnotstand, genau genommen, ein Riesendurcheinander. Auch Journalisten werfen oft alles, was mündlich daherkommt in einen Topf. Natürlich sind die Grenzen fliessend, aber eine Textperformance ist nicht unbedingt ein Poetry-Slam, denn geslamt wird immer im Wettstreit. Das heisst, die Dichter und Dichterinnen kämpfen am Mikrophon um den ersten Preis, der traditionellerweise aus einer Flasche Whisky besteht. Spoken-Word dagegen, ist eigentlich der Sammelbegriff für alles, was primär von der Mündlichkeit lebt.
Im Falle von Patric Marino, handelt es sich um eigentliche Songs mit Balladencharakter, die er von einem Musiker begleitet vorträgt.
Relativ neu und sehr bezeichnend ist dabei, dass er dort, wo er sich direkt ans Publikum wendet, diesem durch die Bühnensituation auch näher ist, für seine Texte die lokale Alltagssprache, also die Mundart benützt.
Und auch damit ist er wiederum nicht allein.
Genau wie er tanzen sprachlich auch andere junge Autoren und Autorinnen auf zwei Hochzeiten. Umgangssprachlich auf der Bühne, hochsprachlich im Druck, denn anders als dies bei den vorangegangen Generationen der Fall war, scheint es den jungen Schreibenden bewusst zu sein, dass sie eine Wahl haben. Das mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass man mittlerweile mit der Alltagsprache nicht einfach automatisch ins berühmte "blüemlete Trögli" fällt, sondern zu Erfolg und Ehre kommen kann, wie dies beispielsweise Guy Krneta und Pedro Lenz beweisen. Der Wandel hängt aber sicher
auch damit zusammen, dass sich im Bezug auf unsere eigentlichen Sprachen gesamtgesellschaftlich ein neues Selbstbewusstsein beobachten lässt.
Wer aber wie Patric Marino und andere zweisprachig arbeitet und dabei auch ein Ohr für die im Alltag gesprochene Sprache entwickelt, verändert notgedrungen auch sein Verhältnis zur Hochsprache.
Es lässt sich denn auch nicht übersehen, wie neue Schreibende, ihre hochsprachlichen Text stärker lokal verankern, wie sie in ihrem "guten" Deutsch plötzlich mit Helvetismen spielen, anstatt sich vor ihnen zu fürchten, wie das lange der Fall war.
Zweifellos trägt die Spoken-Word-Bewegung dazu bei, dass etwas passiert, was schon der späte Dürrenmatt propagandierte: Nämlich anstatt einfach ein konventionelles Schriftdeutsch zu schreiben, aus der bei uns gegebenen Spannung zwischen gesprochener Alltagssprache und der literarischen Hochsprache poetisches Kapital zu schlagen. Es darf sogar angenommen werden, dass die Tage der Konvention gezählt sind, gemäss welcher in Nieder- oder Oberwangen genau verortbare Figuren einfach drauflos parlieren als wären sie aus Hannover.