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Augen in der Nacht
22. Juli 1994 von Patrick Armbruster
Ich sass in meinem Sessel und blickte über die Stadt. Der Sessel befand sich auf dem Dach eines Wohnblockes unter einer plexigläsernen Kuppel, die meinen Lebensbereich vom Draussen abschirmte.
Ich fixierte die Lichter der Stadt. Da eine Leuchtreklame, dort eine lange Reihe Autos, und in den Häusern vereinzelt Licht, weil ein paar Menschen nicht schlafen konnten.
Es war drei Uhr nachts. Der Himmel war schwarz, die Abwesenheit von Licht. Ich konnte nur die Stadt sehen, und auch dort nur die beleuchteten Dinge. Ich sah am Himmel nicht die Wolken, die den Mond verdunkelten, ich sah nicht den Smog, der kein Sternenlicht durchdringen liess, ich sah nicht die Milchstrasse, wie sie sich über den ganzen Himmel hinzog, ich sah nur Schwärze. Schwärze und das künstliche Licht der Stadt. Kein Ton drang durch die Kuppel, in der ich sass. Auch ich sass im Dunkeln, damit ich beobachten konnte.
Wahrscheinlich war ich der letzte Mensch auf dieser Erde, der noch eine andere Nacht kannte. Anderes Licht in der Nacht. Andere Geräusche, und vor allem andere Gerüche. Nicht die toxischen Schwaden, die jetzt durch die Atmosphäre trieben, sondern Düfte!
Ich erinnerte mich genau an eine Nacht, die ich in meinem ganzen Leben keinen Augenblick vergass...
Es war ein warmer Sommerabend im Juli gewesen. Wir hatten den Unabhängigkeitstag gefeiert und hatten an einem langen Festtisch gesessen und gegessen. Wir hatten gelacht und Feuerwerk in den Himmel steigen lassen. Dann hatte mich plötzlich der Blick eines Mädchens gefangen. Ihre Augen liessen die meinen nicht los, und meine die ihren auch nicht. Schliesslich standen wir beide zur gleichen Zeit auf, als hätten wir uns abgesprochen. Wir trafen uns am einen Ende des Tisches und hielten uns an der Hand. Dann gingen wir in die Nacht hinaus.
Wir folgten zuerst dem Weg, der vom Haus weg zu den Feldern führte. Dann bogen wir, ohne miteinander zu sprechen, auf die Wiese mit dem hohen Gras ab. Unser Weg stieg leicht an, und als wir die kleine Anhöhe bewältigt hatten, blieben wir stehen und sahen einander in die Augen. Es war nicht ganz dunkel, die Lichter der feiernden Leute, Freudenfeuer und das Licht des Mondes erhellten unsere Gesichter. Lichtreflexe flackerten in ihren Augen. Ich versank immer tiefer in ihrem Blick und schliesslich legten wir uns nebeneinander ins hohe Gras. Es war feucht und kühl, aber ihre Augen wärmten mich. Ich spürte die Wärme ihrer Hand, ihrer Augen und ihres Herzens.
Nach einer Weile kuschelte sie sich an mich, und wir schauten in den Himmel. Wir sahen den Mond, die Sterne und die Milchstrasse. Wie Millionen kleiner Augen schienen die Sterne uns zuzuzwinkern. Der Mond schaute uns auffordernd an. Wir sahen einander wieder in die Augen und unter dem Schutz des hohen, feuchten Grases, des friedlichen Mondes und der übermütigen Sterne liebten wir uns schliesslich.
Ich öffnete die Augen und blickte wieder auf die Stadt. Die Leuchtreklamen, die Autos und die wachen Menschen. Ein tiefes, schwarzes Loch bildete sich in meinem Bauch, als ich in den giftigen Himmel hinaufblickte. Ich wünschte mir die Zeit zurück. Ich wünschte mir die Sterne zurück - und den Mond als treuen Begleiter des Menschen.
Dies war nicht meine Welt. Ich wollte sie nicht - sie wollte mich nicht. Ich öffnete die Tür auf die Veranda, und der Lärm der Stadt brach über mich herein wie eine Woge übelriechenden Wassers. Ich lehnte mich ans Geländer und blickte über die Stadt. Dies ist nicht meine Welt. Als mein Blick über die Häuser meiner Umgebung streifte, blieb er auf dem Kuppeldach des Nachbarwohnblockes, wo auf der Veranda der Plexiglaskuppel eine Frau stand, hängen. Ihr Blick hielt mich gefangen. Es war nicht ganz dunkel. Das Licht der Leuchtreklamen, der Autos und der Wohnungen beleuchteten unsere Gesichter. Lichtreflexe flackerten in ihren Augen. Ich versank immer tiefer in ihrem Blick und ich sah in ihren Augen die Erinnerung an eine Zeit, in der die Sterne noch lustig am Himmel tanzten und in der der Mond ein treuer Begleiter des Menschen war. Ich liebte diese Frau in diesem Moment für die Erinnerung, die uns verband. In einer kalten Welt voll kalter Menschen gab es sie, die gleich mir vergeblich in den Himmel starrend auf der Veranda stand. Und ich erkannte, dass unsere Liebe nur diesen kurzen Moment Bestand haben sollte. Wir lehnten uns vor und machten aus dem Moment die Ewigkeit.
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