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Auf Alpenblumen-Exkursionen sind Mauerpfeffer immer wieder faszinierende Entdeckungen. Hier deshalb eine kleine Einführung als „Hommage“ an die kleinen Wunder am Wegrand.
Mauerpfeffer ( = Fetthennen, Sedum) bilden eine Pflanzengattung in der Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae).
Die Mauerpfeffer sind mehr oder weniger sukkulent. Vor allem die fleischigen Laubblätter speichern Wasser.
Hier als Beispiele einige Informationen zu vier interessanten einheimischen Sedum-Arten:
Sedum acre – Scharfer Mauerpfeffer
(Foto auf Wikipedia)
Der Scharfe Mauerpfeffer eignet sich als Zierpflanze z. B. zur Dachbegrünung und ist auch für Wildpflanzengärten zu empfehlen.
Die Blätter der Pflanze schmecken nach einigem Kauen meist scharf, wovon sich auch der Name Mauerpfeffer ableitet. Der scharfe Geschmack geht beim Trocknen allerdings verloren.
Der Scharfe Mauerpfeffer ist eine alte Heilpflanze, die schon 300 v. Chr. genutzt wurde. Um das Jahr 70 n. Chr. beschreibt der griechische Arzt Dioscurides die Verwendung des reizenden und ätzenden Saftes der Pflanze. Im 16. Jahrhundert wurde der Scharfe Mauerpfeffer in verschiedenen Kräuterbüchern erwähnt, unter anderem bei Lonicerus, Matthiolus und Dodoneaus. In den nachfolgenden Jahren setzten berühmte Mediziner wie Albrecht von Haller und Christoph Wilhelm Hufeland die Pflanze als Heilmittel ein.
Das war möglicherweise nicht gerade ohne Risiko, denn durch Versuche des französischen Toxikologen Mathieu Orfila wurde die Giftigkeit von Sedum acre nachgewiesen. Durch Tierexperimente wies der Pharmakologe Jüngst 1888 nach, dass die Pflanze ein ausgesprochenes Gift für das Zentralnervensystem ist. Er isolierte ein Alkaloidgemisch, welches er Sedin nannte. 1945 isolierte der Kanadier Marion, geringe Mengen Nikotin und Sedamin, das erste Sedumalkaloid, aus dem Scharfen Mauerpfeffer. Danach wurden noch zahlreiche weitere Alkaloide in der Pflanze entdeckt. Als weitere Wirkstoffgruppen im Scharfen Mauerpfeffers wurden im 20. Jahrhundert Flavonoide bzw. deren Glycoside nachgewiesen.
Der Scharfe Mauerpfeffer ist eindrücklich austrocknungsresistent. Die Pflanze wächst nach dem Pressen im Herbarium weiter, wenn sie nicht vorher zum Beispiel abgebrüht wird.
Sedum album – Weisser Mauerpfeffer (Weisse Fetthenne)
Foto auf Wikipedia.
Der Weisse Mauerpfeffer dient verschiedenen Schmetterlingen als Raupenfutterpflanze. Dazu gehören vor allem folgende Arten: Fetthennen-Bläuling (Scolitantides orion) und Apollofalter (Parnassius apollo).
Der Weisse Mauerpfeffer ist gärtnerisch bedeutsam als Bodendecker für extreme Standorte. Er wurde früher auch als Salat- und Arzneipflanze angebaut.
Sedum atratum – Dunkler Mauerpfeffer
Der Dunkle Mauerpfeffer gehört zu den wenigen einjährigen Hochgebirgspflanzen (einjährig überwinternd). Seine Samen keimen schon im Herbst und überwintern als Keimlinge unter der Schneedecke.
Der Anteil der einjährigen Pflanzen nimmt im Gebirge mit zunehmender Höhe ab. Durch die kurze Vegetationszeit in den Bergen werden mehrjährige Pflanzen begünstigt, die im Frühjahr mit Reserven aus dem Vorjahr starten können. Einjährige Pflanzen starten dagegen als Samen mit sehr wenig „Proviant“ und müssen den ganzen Lebenszyklus in kurzer Zeit vollenden. Der Dunkle Mauerpfeffer ist im Gebirge daher ein Überlebenskünstler.
Sedum rupestre ( = Sedum reflexum) – Felsen-Mauerpfeffer ( = Felsen-Fetthenne, Tripmadam)
Der Name Tripmadam ( = Dickmadam) spielt wie „Fetthenne“ auf die dickfleischigen Blätter an.
Tripmadam spielt eine Rolle als säuerlich schmeckendes Küchenkraut (Blätter und Spitzen nichtblühender Triebe) für Suppen oder Salate. Sie wird dann auch als „Grüne Tripmadam“ bezeichnet.
Als Zierpflanze genutzt (Beeteinfassungen).
Anpassung an Trockenheit: CAM-Stoffwechsel
Die meisten Mauerpfefferarten sind CAM-Pflanzen.
Der Crassulaceen-Säurestoffwechsel (kurz CAM von Crassulacean Acid Metabolism) ist ein spezieller Stoffwechsel verschiedener Pflanzen.
Die meisten Pflanzen führen die Aufnahme und die Fixierung von Kohlenstoffdioxid am Tag durch. Bei CAM-Pflanzen sind diese Vorgänge zeitlich voneinander getrennt. Das für die Photosynthese benötigte Kohlenstoffdioxid wird dabei in der Nacht aufgenommen und chemisch in Form von Äpfelsäure in den Vakuolen der Zelle gespeichert. Am folgenden Tag wird das Kohlenstoffdioxid aus der Äpfelsäure wieder freigesetzt und dem Aufbau von Kohlenhydraten im Calvin-Zyklus zugeführt.
Der Vorteil des CAM-Mechanismus besteht darin, dass die Pflanze während der (heißen) Tagesstunden ihre Spaltöffnungen geschlossen lassen kann, wodurch sie deutlich weniger Wasser durch Transpiration verliert und trotzdem Kohlenstoffdioxid immer in genügender Menge im Calvin-Zyklus zur Verfügung hat.
Die Mauerpfefferarten sind spannende und zugleich schöne Pflanzen.
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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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