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Eine neue Studie zeigt, dass die Einkommensanteile der Mittelschicht durch ökonomische Globalisierung geschrumpft sind. Auch bei der bereits ärmeren Bevölkerung kam es zu Verlusten in den Einkommensanteilen, während die Anteile der hohen Einkommen gestiegen sind. Angetrieben wird der Effekt von Entwicklungen in Transformations- und Entwicklungsländern.
Die Globalisierung und ihre weitreichenden Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind heute nicht mehr wegzudenken. Allerdings hat die bisherige Forschung noch keine abschliessenden und deckungsgleichen Resultate bezüglich der Effekte auf Einkommen und ihre Verteilung geben können. Für eine tiefgreifende Analyse genügt es nicht, sich lediglich auf herkömmliche Ungleichheitsmasse wie den Gini-Koeffizienten zu berufen.
Der Gini-Koeffizient ändert sich hauptsächlich, wenn die wohlhabende Bevölkerung reicher, die arme Bevölkerung ärmer wird oder beides. Eine Verschiebung von mittleren Einkommen hat selten einen Einfluss auf den Koeffizienten. Deshalb ist es wichtig, die Einkommensverteilung im Detail zu untersuchen und dabei die Veränderung in der Mittelklasse zu beleuchten, wie in der vorliegenden Studie beschrieben.
Mittelschicht in den USA schrumpfte deutlich, ehemalige sozialistische Staaten als Sonderfall
In den Vereinigten Staaten gab es – gemessen am Anteil der Personen oder Haushalte mit mittlerem Einkommen – einen stetigen, jahrzehntelangen Rückgang der Grösse der Mittelschicht. Das mittlere Einkommen wird dabei als Einkommen zwischen 75% und 125% des Medianeinkommens definiert. Die beiden Linien in Grafik G6 zeigen auf, dass die Mittelklasse in den USA zwischen 1970 und 2017 deutlich geschrumpft ist, ob nun gemessen an Individual- oder Haushaltseinkommen. 1970 zählten etwa 27% der Bevölkerung zur Mittelschicht, während sich der Anteil 2015 nur noch auf etwa 20% beschränkte.
Ein anderes Mass für die Grösse der Mittelschicht berücksichtigt den Anteil der mittleren Einkommen am gesamten Einkommen eines Landes. Mittlere Einkommen sind als Einkommen zwischen dem 20. und 80. Perzentil oder die mittleren 60% definiert. Um den Anteil am Gesamteinkommen zu berechnen, werden die Einkommen innerhalb dieser Grenzen aufaddiert und durch das Gesamteinkommen geteilt. Somit berücksichtigt dieses Mass nicht die Grösse der Mittelschicht gemessen an der Anzahl von Personen, sondern den Einkommensanteil.
Die relative Grösse der Mittelschicht bleibt bei diesem Mass unverändert. Der durchschnittliche Anteil weltweit beträgt 42%. Die Schweiz liegt dabei mit 50% deutlich über dem Durchschnitt. Den niedrigsten Anteil findet man in Burkina Faso und Mauretanien in den 1960er Jahren mit etwa 18%. Die höchsten Anteile sind in Schweden und Österreich ebenfalls in den 1960er mit Werten von über 55% zu verzeichnen. In den 1970er Jahren findet man Anteile von über 50% meist nur in den ehemaligen Ostblockstaaten.
In Grafik G7 sind die Anteile für 1970 und 2010 abgebildet. Generell sind diese Anteile über die Zeit gefallen. In Europa, Kanada und Australien sind die Werte jedoch relativ stabil geblieben. Die grössten Unterschiede finden sich in Asien und Lateinamerika. Ein besonderer Fall sind die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Diese verzeichneten sehr hohe Anteile von mittleren Einkommen bis zum Zerfall der Sowjetunion. Seitdem sind die Anteile rückläufig, vor allem für die Nachbarstaaten von Russland wie Kasachstan und die Ukraine. Auch in den Vereinigten Staaten ist ein Rückgang der Anteile von mittleren Einkommen deutlich sichtbar.
Ökonomische Globalisierung mit starkem Effekt auf mittlere Einkommensanteile
Grundsätzlich kann der Rückgang der Einkommensanteile der Mittelschicht auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. Eine Begründung hat sich jedoch in den Daten herauskristallisiert, nämlich die der ökonomischen Globalisierung. Diese beinhaltet jeglichen ökonomischen Austausch zwischen den Ländern, wobei man gezielt zwischen de facto und de jure Massen unterscheidet. De facto Masse umfassen tatsächliche Ströme wie Importe, Exporte und ausländische Direktinvestitionen. Dagegen werden de jure Globalisierungsmasse mit regulatorischen Prinzipien wie Importrestriktionen und finanzieller Regulierung assoziiert.
Die Analyse von 132 Ländern im Zeitraum von 1970 bis 2014 ergab, dass de facto Masse der ökonomischen Globalisierung einen signifikanten Effekt auf die Einkommensanteile der Mittelschicht aufweisen. Im Zuge der erhöhten Globalisierungswellen konnte ein Rückgang der Einkommensanteile gemessen werden. Dieser Effekt kann jedoch lediglich auf tatsächliche Waren- und Dienstleistungsströme zurückgeführt werden. Regulatorische Änderungen, wie die Einführung von Importzöllen, haben keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Einkommensanteile und somit die Einkommensverteilung. Dieser Unterschied ist soweit nicht überraschend. Eine Erhöhung von de jure Globalisierung, in Form von Regulierungsminderungen, kann zwar zu erhöhter de facto Globalisierung führen, muss es aber nicht zwingend.
Hohe Einkommen absorbieren Verluste bei tiefen und mittleren Einkommen
Eine weitergehende Analyse zeigt zudem, dass eine erhöhte de facto Globalisierung ebenfalls Einkommensverluste der bereits ärmeren Bevölkerung nach sich zieht. Die hohen Einkommen können hingegen einen statistisch signifikanten Anstieg verzeichnen. Die Einkommensverluste in den tiefen und mittleren Einkommen werden also von den hohen Einkommen absorbiert. Ökonomische Globalisierung führt somit zu mehr Ungleichheit.
Grafik G7 zeigt deutlich auf, dass sich die grössten Veränderungen in den Anteilen von mittleren Einkommen zwischen 1970 und 2010 in den einkommensschwächeren Ländern ergaben. Mittlere Einkommen in den entwickelten westlichen Ländern blieben weitestgehend unverändert. Im Einklang mit diesen Befunden wurden statistisch signifikante Effekte von ökonomischer Globalisierung auf die Anteile der mittleren Einkommen lediglich in weniger entwickelten Ländern gefunden. Länder, die von der Weltbank als Länder mit mittlerem Einkommen eingestuft werden, erleben dabei grössere Effekte als Entwicklungsländer. Dies kann unter Umständen auf den sehr starken Rückgang der Einkommensanteile in den ehemaligen Ostblockstaaten und China zurückgeführt werden. In den entwickelten Ländern konnte kein statistisch signifikanter Effekt gefunden werden.
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