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Öffentlicher Raum und Medien
Der Raum der Medien ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie. Er erweitert und vertieft die Rolle des öffentlichen Raums, die darin besteht, den Austausch zwischen freien und gleichen Bürgerinnen und Bürgern zu garantieren. Der Medienraum ist sowohl Diskussionsarena, die es verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren erlaubt, ihre Forderungen offenzulegen, als auch Möglichkeit, das Handeln der Regierung zu kritisieren. Hauptsächlich aus Massenmedien bestehend ist er zudem zu einem Werkzeug avanciert, über das, wie es der Name anzeigt, die Beziehungen zwischen sozialen Gruppen «mediatisiert» werden. In einem modernen demokratischen Rechtsstaat tritt der mediale Raum an die Stelle «unmittelbarer» Beziehungen, das heisst von persönlichen Begegnungen zwischen Individuen; und fungiert als fundamentale Instanz über die sich die politischen Meinungen der Bürgerinnen und Bürgern formieren. Dieser Raum trägt zum Aufbau einer sozialen Wirklichkeit bei und er prägt die Wahrnehmung, die die Nutzerinnen und Nutzer dieser Wirklichkeit von ihr haben.
Über die normativen und ideellen Aspekte hinaus muss die Medienwelt schliesslich auch als ein Markt verstanden werden, innerhalb dessen Unternehmen miteinander konkurrieren und Produkte vertreiben, um Gewinne zu erzielen. Das Kriterium der Effizienz und der Rentabilität dieser Produkte hat Einfluss auf die Logik, nach der Themen ausgewählt und behandelt werden und kann zu einem besonderen Fokus auf Inhalte führen, die Skandale und starke Emotionen hervorrufen. Ein weiterer Aspekt, der in Bezug auf den Medienraum kritisch zu betrachten ist, betrifft die Zugangsbedingungen. Weil dieser Raum auch Spiegel der Machtbeziehungen innerhalb einer Gesellschaft ist, ist er für Minderheitengruppen schwieriger zugänglich. Dies gilt auch für religiöse Minderheitengruppen wie zum Beispiel die muslimischen Organisationen, die sicherlich sehr stark mediatisiert werden; über die aber zumeist Akteure berichten, die selbst ausserhalb dieser Gruppen stehen.
Die Medienberichterstattung über Musliminnen und Muslime in der Schweiz
In der Schweiz werden der Islam und die Muslime in den 2000er Jahren zu einem Thema in den Medien. Es war der Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001, der für die muslimischen Bevölkerungen in den Vereinigten Staaten und in Europa den Beginn einer neuen Ära markierte: ihre Religion wurde nun zunehmend zum Gegenstand eines grossen Medieninteresses.
Die Anzahl der Printmedienartikel, die in den wichtigen Tageszeitungen der Schweiz über Musliminnen und Muslime publiziert werden, ist stark von nationalen oder internationalen Debatten abhängig. So hatte die Abstimmung aus dem Jahre 2004, in der über die erleichterte Einbürgerung von Kindern der zweiten und dritten Einwanderergeneration entschieden wurde, Musliminnen und Muslime in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerückt. Die Volksabstimmung von 2009 über das Verbot des Baus neuer Minarette in der Schweiz sowie auch die diversen blutigen Ereignisse, die sich 2015 in Paris ereignet haben, sind weitere Beispiele für Themen, die das Interesse der Medien an Musliminnen und Muslimen in der Schweiz neu belebt haben. Es ist folglich wenig erstaunlich, dass die islambezogene Berichterstattung in den Printmedien der Schweiz sich zwischen 2009 und 2017 laut einer jüngeren Studie (vgl. Ettinger, 2018) hauptsächlich auf zwei Themenbereiche konzentriert: Zum einen auf die sichtbare Präsenz islamisch-religiöser Zeichen im öffentlichen Raum (25% der Artikel), und zum anderen auf Fragen von Radikalisierung und Terrorismus (28% der Artikel, beide Themen zusammen genommen). Positiven Integrationserfahrungen oder dem Alltagsleben der muslimischen Minderheit im schweizerischen Kontext werden hingegen nur wenig Raum gegeben (zusammen genommen 4% der Artikel).
Diese Tendenz scheint sich auch in Bezug auf das Verhüllungs- beziehungsweise das Burkaverbot widerzuspiegeln: Seitdem sich abzeichnet, dass das Schweizer Volk sich nach Zustandekommen einer 2016 vom Egerkinger Komitee lancierten Volksinitiative im Frühjahr 2021 zu diesem Thema äussern können wird, lebt das Interesse der Schweizer Medien an der «Muslim-Frage» in der Schweiz wieder deutlich auf.
Welchen Platz haben muslimische Akteure in den Medien?
Wenn Medien Musliminnen und Muslimen die Möglichkeit geben, ihre Positionen bezüglich von Ereignissen darzustellen, die mit dem Islam in der Schweiz in Verbindung stehen, so wird dabei oft den prononciertesten Meinungen Raum gegeben. Indem man Haltungen präsentiert, die sich einander dichotom gegenüberstehen, wird es möglich, hochemotionale Debatten in Gang zu setzen und Musliminnen und Muslime dabei zu einem Aufsehen erregenden Ereignis zu machen. So ist es nicht ungewöhnlich, dass man entweder mit Personen wie z.B. Saïda Keller-Messahli des «Forum für einen fortschrittlichen Islam» konfrontiert wird, die dem traditionellen Islam kritisch gegenüberstehen und auf die vermeintliche Überpräsenz radikaler Gruppen innerhalb von Moscheen hinweisen; oder, im Gegenteil, mit einer fundamentalistischen Vision, die einen monolithischen und verabsolutierten Islam vertritt, wie im Fall von Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats Schweiz. Muslimische Vertreter mit nuancierteren Positionen kommen in den Medien kaum vor, obwohl sie die Landschaft des organisierten Islam in der Schweiz stark prägen. Dies zeigt, dass mediale Diskurse über den Islam auch dann wenig offen für eine vielfältige Interpretation sind, wenn sie von muslimischen Akteuren selbst geführt werden (vgl. Trucco, 2020).
Die starke Präsenz von Musliminnen und Muslimen mit drastischeren Haltungen unterstützt die Polarisierung von Positionen, die die meisten Medien in der Schweiz durch ihre Auswahl ohnehin schon hervorbringen; der Leser und die Leserin wird in der Folge mit Interpretationsmöglichkeiten konfrontiert, die binär und spaltend sind.
Angesichts dieser Situation sind vor allem jugendliche muslimische Akteure aktiv geworden. Sie haben sich der Möglichkeit bedient, die ihnen das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) über die Plattform Jugend und Medien geboten hat und Erzählungen geschaffen, die Alternativen zu jenen von den Medien erzählten anbieten und die der Diversität der Erfahrungen und der Lebensläufe gerecht werden möchten. Beispiele hierfür sind Swissmuslimstories und Positivislam.