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Schätzungen zufolge leben in der Schweiz heute ungefähr 200'000 Menschen in interreligiösen Ehen und Partnerschaften, gehören also nicht derselben Religion an. Einer von ihnen ist Moataz Salah Eldin: Er hat seine Frau Madlaina vor über 13 Jahren in Zürich kennengelernt.
Ähnliche Kindheit in Ägypten und im Engadin
«Obwohl ich am Meer in Ägypten aufgewachsen bin und Madlaina in den Bergen im Engadin, merkten wir rasch, wie ähnlich unsere Kindheit war», sagt Salah Eldin. Sie beide stammen aus Grossfamilien mit mehreren Geschwistern, die Väter arbeiteten und die Mütter kümmerten sich ums Haus und die Kinder.
Salah Eldin wuchs in den 1970er-Jahren in Alexandria auf. Damals habe er oft mit den christlichen Nachbarskindern bei der Kirche neben seinem Elternhaus gespielt. Sein multikulturelles Umfeld und seine liberale Erziehung prägen ihn bis heute. Die Verbindung von Religion und Politik trägt seiner Meinung nach nur zur Spaltung der Gesellschaft bei.
Zahlen zu interreligiösen Paaren in der Schweiz
- Insgesamt gab es zwischen 1991 und 2019 68'521 interreligiöse Eheschliessungen in der Schweiz. Im Durchschnitt sind das 2'363 pro Jahr, 6 pro Tag.
- Bis 2001 stieg der Anteil der interreligiösen Ehen an der Gesamtzahl mit einem Höchstwert von 10 Prozent an. Seitdem ging er auf 4 Prozent zurück. Im Durchschnitt waren es 6 Prozent im Jahr.
- Die Christlich-Muslimische Paarkonstellation macht etwa 50 Prozent aller interreligiösen Ehen aus.
- Etwa 17 Prozent der Muslime und Muslima heiraten nicht-muslimische Partner und Partnerinnen. Zu 71 Prozent ist der Partner oder die Partnerin christlich.
Quelle: Zahlen des Bundesamtes für Statistik für den Zeitraum 1991-2019
Ein Mensch trifft auf einen Menschen
Beim Kennen- und Liebenlernen hätten die unterschiedlichen Religionen der beiden keine Rolle gespielt, erzählt er. «Ich habe einen Menschen gesucht und einen Menschen gefunden.»
Auch in den beiden Familien wurde das Liebesglück – trotz der Kultur- und Religionsunterschiede – sehr positiv aufgenommen. «Madlaina hat meine Familie um eine Kultur reicher gemacht», sagt der ägyptisch-schweizerische Doppelbürger stolz.
Halal, aber mit Alkohol
Geheiratet wurde auf dem Standesamt und anschliessend in einer Bar. Christen und Muslime feierten zusammen das Fest der Liebe mit arabischen, deutschen und englischen Liedern. «Das Essen war halal, aber wir hatten auch Alkohol. Auch aktuell liegt in unserem Kühlschrank Schweinefleisch. Ich esse es einfach nicht.»
Der Sohn soll selbst wählen
Salah Eldins Sohn aus erster Ehe soll seine Religion selbst wählen dürfen. Der Vater hat mit ihm zusammen die Bibel und den Koran gelesen. Dass der Student noch mit der Entscheidung ringt und zudem Veganer ist, hat den Vater zuerst gestört.
Mittlerweile hat er sich aber damit abgefunden. «Sein Weg ist nicht mein Weg. Ich möchte nur, dass er glücklich wird. Hauptsache er ist und isst gesund».
«Beide Religionen haben das gleiche Gesicht»
«Ich bete fünfmal am Tag und faste während dem Ramadan. Meine Religion liegt mir sehr am Herzen. Aber Madlainas Freude auch.» Manchmal begleite er seine Frau in die Kirche.
Der Islam und das protestantische Christentum hätten viel gemeinsam, sagt Salah Eldin. Das Problem sei aber, dass sich einige Leute viel lieber auf die Unterschiede, als auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren.
«Beide Religion haben das gleiche Gesicht. Wir sind alles Menschen und somit gleich vor Gott. Der Glaube hat meine Frau und mich zusammengeschweisst», sagt Salah Eldin mit Überzeugung.
Von religiösen Konflikten keine Spur
Sein Rezept für ein harmonisches Zusammenleben sind Liebe, Kommunikation und Investition. «Wir haben aus Liebe geheiratet, nicht wegen Geld oder einer neuen Staatsangehörigkeit. Madlaina hat Arabisch gelernt und meine Familie und Kultur akzeptiert, und ich habe Deutsch gelernt und Dürrenmatt und Frisch gelesen.»
Die Religion könne Konflikte verstärken oder verringern, sagt Salah Eldin: «Wenn wir uns unserer Liebe zueinander bewusst sind, vergessen wir die Unterschiede. Wenn wir aber die Liebe vergessen, bemerken wir sie.»
Worüber gleich- und interreligiöse Paare streiten
In der Schweiz läuft derzeit ein Forschungsprojekt zu interreligiösen Paaren. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass in den Bereichen Zufriedenheit und Belastung in der Partnerschaft, Religiosität/Spiritualität und sozialer Unterstützung von aussen, zwischen inter- und intrareligiösen Paaren keine Unterschiede festzumachen sind.
Unterschiede sind lediglich bei der Reihenfolge der Konfliktbereiche feststellbar, nicht jedoch in der Konflikthaftigkeit insgesamt.
Folgende Konfliktkategorien wurden von den interreligiösen Paaren am meisten genannt:
- Kommunikationsprobleme
- Unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe/Distanz
- Allgemeine Unzufriedenheit
Bei intrareligiösen Paaren hingegen:
- Konsumverhalten (Essen, Fernsehschauen, Internet, Rauchen)
- Sexualität/Zärtlichkeit/Intimität
- Kommunikationsprobleme
Die Studie steht kurz vor dem Abschluss. Eine Studienteilnahme ist hier , Link öffnet in einem neuen Fensternoch möglich.