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«Kronenhaufen», ist ein von Autorin und Regisseurin Elvira Plüss geschaffener Ausdruck für Märzschnee, der in der Sonne glitzert. Mit diesem Schnee wäscht der Verdingjunge (Walter Sigi Arnold) seine Hose, um nicht wegen der Flecken verprügelt zu werden. Von seinem Leben erzählt Jahre später seine erwachsene Tochter (Pascale Pfeuti), verdeutlicht wird das durch eine der wenigen Requisiten, ein riesiges Buch in ihren Händen. Mit nicht einmal fünf Jahren wurde der Junge von seiner Mutter getrennt, weil diese einen Mann heiratete, der ihre Kinder nicht akzeptierte. Nach einer Kindheit aus Isolation, Misshandlungen und Chancenlosigkeit scheitert er sowohl in drei Ehen als auch als Vater. Am Ende scheitert sogar sein Wunsch, dazuzugehören. Ihm wurde alle Hoffnung genommen und so bleibt er als Mensch ohne Wünsche zurück.
Die Bühne ist schlicht gehalten. Links und rechts rahmen zwei Musiker (Madeleine Bischof, Thomas K.J. Mejer) den Raum ein. In der Mitte fallen zwei Tücher von der Decke zu Boden, leicht hintereinander versetzt. Sie dienen als Projektionsflächen und Spiegel in die Vergangenheit. Hier entstehen die stärksten Bilder des Abends. Verloren blickt der Vater auf seine Vergangenheit, irrt in ihr und den Tüchern herum und findet sich schließlich seiner Tochter gegenüber, die seinen Schmerz ertragen musste; die er als Kind geschlagen und Gefühle der Isolation tief in ihr verwurzelt hat. Die Gesichter einander zugewandt, lediglich durch das transparente Tuch getrennt, stehen sich nun Vergangenheit und Zukunft gegenüber. In diesem Augenblick verwandelt sich der Hass der Tochter auf ihren Vater durch die Selbsterfahrung von Ausgrenzung in Verständnis.
Die im Untertitel angekündigte, clowneske Akrobatik unterbricht wiederholt die Handlung. Plüss will damit die Komödie in der Tragödie finden, was nicht immer funktioniert. Die beiden Clowns (Noah Egli und Cyrill Michel) greifen das Thema Ausgrenzung auf und versuchen einen anderen Zugang zu schaffen. Sie verhandeln die Thematik auf einem ganz anderen Niveau; sie versuchen, das Unbegreifliche begreifbar zu machen. In der Gegenüberstellung mit der Verdingkindheit wirkt das jedoch oft befremdlich. Gleichzeitig funktionieren sie dabei als Spiegelbild der Gesellschaft, die sich ebenso befremdlich verhält, wenn es um Ausgrenzung geht.
Ein Wechselspiel aus Erzähl- und Diskursebenen, akrobatischem Zwischenspiel und moralischen Ansätzen. Diese verschachtelte und sprunghafte Dramaturgie verwirrt an manchen Stellen durch ihre Fülle, in der alles gleichzeitig und nichts wirklich bestehen kann und so ein Gefühl der Zerrissenheit auslöst.
Zudem stützt sich die Erzählung auf wissenschaftliche Erkenntnisse des Mediziners Joachim Bauer, der in seiner Publikation «Schmerzgrenze» belegt, dass körperlicher und psychischer Schmerz im Gehirn gleich wirken und so beide potente Reize für Aggression und Gewalt darstellen. Dieser Prozess funktioniere beim Einzelnen gleichermassen wie bei ganzen Bevölkerungsgruppen. Teile dieser Erkenntnis liest Plüss als körperlose Stimme ein. Somit ist der Sprung in die Gegenwart getan. Die Ungleichverteilung von Lebenschancen im Angesicht des Wohlstands anderer ist Nährboden für Aggression und Gewalt. Damit wird eine spannende und aktuelle These vermittelt. Die erzählte Geschichte des Verdingjungens ist exemplarisch für Ausgrenzung jeder Art, die schlussendlich in einem Wechselspiel aus Macht und Ohnmacht mündet.
Die Inszenierung verhandelt so vieles, dass sie fast ein wenig hilflos wirkt und dem Zusehenden ganz schwindlig wird, aber das braucht der Kopf vielleicht, um vom Schmerz abzulenken. Der Zirkelschluss bringt ein wenig Ruhe und Hoffnung in das Chaos, er richtet seinen Appell an das Publikum. Der Anfangstext wird rezitiert: «Du gehörst zu uns», sagt die Erzählstimme versöhnlich.