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Zur Geschichte des Dachziegels
Dachziegel haben eine 6000-jährige Entwicklung hinter sich. Dabei wandelten sie sich von den ursprünglich handgeformten Lehmziegeln zu einem modernen Baustoff. Was blieb ist ihre Natürlichkeit
Römische Leistenziegel
Römisches Leistenziegeldach mit überwölbtem "imprex"
Antike
Die Römer hatten die Ziegeleitechnik massgeblich gefördert, weiterentwickelt und in ihrem ganzen Weltreich verbreitet. Auch das schweizerische Ziegeleiwesen begann mit der römischen Herrschaft in unserem Land. Die römischen Legionen, aber auch private Ziegler stellten verschiedenste Produkte aus Ton her, was zahlreiche archäologische Fundstellen belegen.
Das römische Leistenziegeldach setzte sich aus der “tegula“ und dem “imbrex“ zusammen. Die “tegula“ ist eine rechteckige Platte mit längsseitig aufgebogenen Leisten. Vom lateinischen Wort “tegula“ leitet sich unser heutiges Wort “Ziegel“ ab. Der “imbrex“ überwölbt die Stossfuge zweier aneinandergeschobener Leistenziegel. Er ist der Vorläufer des Mönchziegels.
Mit den Römern begann das schweizerische Ziegeleiwesen
Römisches Amphitheater in Arles
Mit dem Zerfall des römischen Reiches entfielen oftmals auch die ursprünglichen Funktionen von Bauten. Diese dienten dann als "Baustofflager" und wurden neuen Funktionen zugeführt.
Frühmittelalter
In der nachrömischen Zeit hatte das Zieglerhandwerk an Bedeutung eingebüsst. In den kleinen Kastellstädtchen, in die sich die einheimischen Romanen nach dem Abzug der Römerheere zurückgezogen hatten, florierte das Zieglergewerbe nicht mehr.
Neben diesen kleineren Siedlungen und Städten entstanden vermehrt Klöster. Diese hatten in bedeutendem Mass Wissenschaft und Technik überliefert, so auch die Ziegelherstellung. Zusätzlich waren Klöster sehr gut organisiert, was ihnen grosse Vorteile bei der Produktion von Grobkeramik verschaffte.
Da auf den Bauplätzen häufig auch römisches Ziegelmaterial wieder verwendet wurde, ist es heute ausserordentlich schwierig zu unterscheiden, ob die Ziegel römisch oder frühmittelalterlich sind. Die Form änderte sich jedoch langsam von rechteckigen Platten zu trapezförmigen Ziegeln.
Klöster pflegten und optimierten die Ziegeleitechnik
Kloster St. Urban
Dach des Unteren Tores mit Rechteck- Gotisch- und Spitzschnitten
Hochmittelalter
Im 12. Jahrhundert begann in Westeuropa der Wiederaufschwung der Ziegelbaukunst. Er stand im Zusammenhang mit der bedeutenden Vermehrung und der Vergrösserung der Städte und Klöster.
Diese Entwicklung führte auch zur Weiterentwicklungen der Ziegel. Das herkömmliche Leistenziegeldach hatte bei uns ausgedient. Einfachere und vor allem leichtere Elemente waren gefragt. Die schon seit der Antike bekannte Mönch-Nonnendeckung gelangte vermehrt zur Anwendung. In anderen Gegenden entstanden Vorstufen zum heutigen Falzziegel. Die für unsere Gegend bedeutendste Neuerung stellte der Flach- oder Biberschwanzziegel dar. Es waren grosse schwere Platten mit spitzem oder rechteckigem Zuschnitt.
Die Nase an den Ziegeln dürfte wohl im 11./12. Jahrhundert erfunden worden sein. Mit ihnen liessen sich Ziegel schnell und bequem an Querlatten aufhängen. Entsprechend steiler entwickelten sich die Dachformen der Gotik.
Mit der Vergrösserung der Städte wuchs der Bedarf an Dachziegeln
Biberschwanzziegel aus der Zuger Burg
Ältester bekannter datierter Ziegel aus der Schweiz aus dem Jahr 1489
Spätmittelalter
Auch Ziegel sind von allgemeinen Stilentwicklungen geprägt. Die damals neu eingeführten Finger- und Randstriche auf der Oberfläche entstanden zwar aus der praktischen Notwendigkeit, das Dachwasser möglichst schnell abzuleiten, wurden aber bald einmal schmückend gestaltet.
Ebenfalls aus der Gotik stammen Inschriften auf Ziegeln, welche vom zunehmenden Bildungsstand zeugen. Vermehrt wurden Ziegel auch datiert. Der älteste bekannte Ziegel mit Datum trägt die Jahreszahl 1489.
Die Ausprägung von Kunst schlug sich auch bei der Ziegelherstellung nieder
Schlickeysen Universal-Handziegelpresse
Handziegelpresse des Berliner Ziegelmaschinenfabrikanten Carl Schlickeysen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Neuzeit
Das Ziegeldach hatte sich in der Neuzeit gegen die Weichbedeckung mit Holz, Schilf oder Stroh in unseren Städten vollständig durchgesetzt. Insbesondere hatte der Flachziegel den Hohlziegel im 17./18. Jahrhundert überflügelt. Heute findet man nur noch äusserst selten Hohlziegeldächer nördlich der Alpen.
Im 19. Jahrhundert schuf das Bevölkerungswachstum eine vermehrte Nachfrage an Dachziegeln. In der Folge entstanden in den meisten Mittellandgemeinden Ziegeleien.
Parallel dazu revolutionierte die Industrialisierung das Zieglergewerbe. Mit Hilfe von Maschinen konnte der Ausstoss enorm gesteigert werden. Mit neuen Ofentypen wurde die Energie besser ausgenutzt. Mit der Eisenbahn war die Belieferung der Absatzmärkte kein Problem mehr. Dank der neuen mechanischen Verfahren wurde es möglich, Falzziegel zu produzieren.
Heutige Dachziegel unterscheiden sich kaum von ihren Vorgängern. Dies hat einerseits mit dem traditionsbewussten Dachdeckergewerbe zu tun, aber auch damit, dass Tondachziegel sehr langlebig sind. Neuentwicklungen konzentrieren sich auf grössere Ziegelformate und auf Spezialziegel. Beispielsweise zur Integration von Solarzellen.
Für alle Tondachziegelinteressenten - ein Besuch im Ziegeleimuseum Cham, Riedstrasse 9 lohnt sich. (Telefon 041-741 36 24)
Quellennachweis:
„Die Geschichte der Ziegelherstellung“, Erwin Rupp, 1988, Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie e.V.
„Ziegelgeschichte ist Kulturgeschichte“, Jürg Goll, 1987, Schweizer Baublatt Nr. 61/62
Die Industrialisierung revolutionierte auch die Herstellung der Dachziegel