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Glencores Nachhaltigkeitsbericht nach wie vor ungenügend
Von Stephan Suhner
Wenige Tage vor der Aktionärsversammlung vom 2. Juni 2020 veröffentlichte Glencore den 97-seitigen Nachhaltigkeitsbericht für das Jahr 2019[1]. Zusammen mit zwölf weiteren Menschenrechts- und Umweltorganisationen hat die ask! in einem Communiqué ernsthafte Bedenken über die Glaubwürdigkeit dieses Berichts geäussert[2]. So hat Glencore verschiedene wichtige menschenrechtliche oder Umweltzwischenfälle nicht erwähnt oder herunter gespielt. Kritisiert haben wir insbesondere – wie schon letztes Jahr – die Definition der „ernsthaften menschenrechtlichen Vorfällen“. 2019 verzeichnete Glencore nach ihrer eigenen Einschätzung keinen einzigen ernsthaften Vorfall. Glencore definiert als ernsthafter menschenrechtlicher Vorfall ein „Todesfall der geschieht als Resultat von irgendeiner Interaktion mit der Gemeinschaft“. Internationale Menschenrechtsstandards definieren ernsthafte Vorfälle viel breiter. Darunter fallen unter anderem auch Verletzungen durch Gewalt, willkürliche Verhaftung, sexuelle Gewalt oder gewaltsames Verschwindenlassen. Die Verantwortliche für Nachhaltigkeit bei Glencore, Anna Krutikov anerkannte 2019 die Notwendigkeit, die Definition zu überarbeiten und andere Menschenrechtsaspekte aufzunehmen. Viel scheint sich seither nicht getan zu haben. Wenn Unternehmen selber definieren, was erwähnenswerte Menschenrechte sind, ist das gravierend.
Glencore verschweigt im Nachhaltigkeitsbericht verschiedene Vorfälle oder erwähnt sie nicht als Menschenrechtsverletzungen oder losgelöst von den Operationen des Unternehmens, so tödliche Unfälle mit handwerklichen Bergleuten auf Konzessionen von Glencore, toxische Abwässer die in benachbarte Felder flossen oder Lastwagenunfälle mit Gefahrenguttransporten. Wenige Informationen enthält der Report auch über Korruption und Good Governance, z.B. bezüglich der Untersuchungen der englischen, brasilianischen und US Behörden. Glencore kann nicht einfach nur behaupten, dass sie in Übereinstimmung mit Menschenrechts- und Umweltstandards arbeiten, die Beweislast, dies zu belegen, liegt beim Unternehmen, und der Nachhaltigkeitsbericht 2019 erfüllt dies nicht.
Zu Fragen Anlass geben insbesondere die Ausführungen zu Wassermanagement, Landverbrauch und Menschenrechten. So ist in Kolumbien die Umleitung von Flüssen und Bächen ein äusserst kontroverses Thema, ebenso wie die Wasserknappheit und die Verschmutzung von Wasserquellen allgemein. In der Guajira noch stärker als in Cesar ist die mangelnde Verfügbarkeit von sauberem Wasser eines der Hauptanliegen der Bevölkerung. Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht von NGOs verweist auch auf schwere Probleme mit Wassermangel und –Verschmutzung in Argentinien und Peru[3]. Im Kapitel über Wasser ist dazu nichts zu finden und die mehrheitlich positiven Ausführungen im Nachhaltigkeitsbericht kontrastieren mit dem Wassermangel und den seit Jahren fehlenden Antworten und Lösungen in der Guajira. Umstritten ist ebenso der Landbedarf der Kohleminen in Kolumbien und dessen Einfluss auf Landwirtschaft und Viehzucht, sowie die negativen Auswirkungen der Kohleminen auf tropische Trockenwälder die Fauna und Flora und die Qualität der Wiederbegrünung. Gegen den Mangel an nutzbarem Land und der Einengung des Lebensraums der Indigenen und AfrokolumbianerInnen wurden noch keine Lösungen gefunden. Auch in diesem Punkt zeichnet Glencore ein zu optimistisches Bild.
Im Kapitel zu Menschenrechte und auch unter dem Kapitel „Kohle“ verweist der Bericht auf die Partnerschaften, die Prodeco eingegangen ist, um Frieden und soziale Entwicklung in der Region zu fördern. Obwohl diese Programme durchaus positive Effekte haben können, spricht der Bericht jedoch nicht von den Herausforderungen und kaum vom Impact den die Kohleminen haben können. So wird weder auf die Drohungen gegen soziale Führungspersonen eingegangen, noch auf den Verlust von Einkommensquellen wie Verlust von Ackerland oder Fischen nach Flussumleitungen. Noch warten viele Opfer zudem auf wirkliche Versöhnung, Wahrheit und Wiedergutmachung. Die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht und menschenrechtliche Risikoanalysen respektive Folgeabschätzungen von Prodeco sind kontrovers diskutierte Themen seitens der ask!, macht doch Glencore Prodeco immer noch viel zu wenige Informationen über diese Arbeit publik, z.B. über die entdeckten Risiken und die dagegen getroffenen Massnahmen und Aktionspläne. Im Kapitel über Kohle wird eine menschenrechtliche Risikoanalyse in Südafrika erwähnt, diejenige in Kolumbien aber nicht.
Der Nachhaltigkeitsbericht behandelt auch die Umsiedlungen in Kolumbien und erwähnt, dass 2018 der Umsiedlungsaktionsplan für El Hatillo verabschiedet und 305 von 366 Familien individuelle Umsiedlungsvereinbarungen unterzeichnet haben. Seit 2011 engagiere sich Prodeco auch in der Umsiedlung von Boquerón. Nichts steht jedoch darüber, dass gemäss der Anordnung der kolumbianischen Regierung diese Gemeinschaften seit 2012 hätten umgesiedelt sein sollen, dass El Hatillo weiterhin Umwelt- und Gesundheitsrisiken ausgesetzt ist und die Bergbaukonzerne Boquerón überhaupt nicht mehr umsiedeln wollen. Die wirklichen Probleme und Herausforderungen werden also auch hier nicht erwähnt. Zudem fällt auf, dass weder unter Menschenrechten noch unter dem Kapitel Kohle das Joint Venture Carbones del Cerrejón erwähnt ist, wo es 2019 scharfe Konflikte mit Gemeinschaften und eine beispiellose Serie von Todesdrohungen gegen Bergbaugegner und ethnische GemeinschaftsführerInnen gab.
Im Kapitel über Kohle werden auch sehr positive Aussagen über Sicherheit am Arbeitsplatz und über ein neues Programm „Vida Segura“ gemacht, sowie über ein System zum Monitoring von Müdigkeit in den Lastwagen. Generell wird auch betont, wie Glencore die Gewerkschaftsfreiheit und die Verhandlung von Gesamtarbeitsverträgen weltweit hochhalte. Diese Ausführungen stehen in starken Kontrast zu den Klagen der beiden Gewerkschaften Sintracarbón und Sintramienergetica über mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz, über als diskriminierend empfundene Sicherheitsmassnahmen und über gewerkschaftsfeindliche Praktiken.