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28.10.2021 10:00:21

Senior Emerging Markets Economist
Der fast exponentielle Preisanstieg von Erdgas in Europa beträgt im Jahresvergleich knapp über 100 %. Daher werden Preissteigerungen und Engpässe in der Energieversorgung befürchtet.
Die chinesische Wirtschaftstätigkeit wurde unterbrochen, da Versorger aufgrund der steigenden Kohlepreise den Strom abstellten. Zudem kletterte der Ölpreis weiter in die Höhe, weil die OPEC trotz der steigenden Nachfrage an den unlängst beschlossenen Produktionsquoten festhält.
Es gibt viele Einflussfaktoren, was eine Prognose der Preisentwicklung erschwert. China versucht, durch die Anordnung einer erhöhten Förderung im Bergbau die Energiekrise abzumildern. Präsident Putin plant allem Anschein nach, mehr Gas nach Europa zu leiten. Der bevorstehende Winter auf der nördlichen Erdhalbkugel wird vermutlich hohe Energiepreisen mit sich bringen.
Der Umstieg auf erneuerbare Energien bedeutet einen enormen Rückgang der langfristigen Nachfrage nach fossilen Brennstoffen. Die mangelnde Bereitschaft, kurzfristig in neue Kapazitäten zu investieren, macht zeitweise hohe Preise für fossile Brennstoffe wahrscheinlich. Daher sollte man sich überlegen, welche Schwellenländer von höheren Preisen profitieren und welche nicht.
Welche Schwellenländer zählen zu den Gewinnern bei hohen Energiepreisen?1
Die Gewinner liegen klar auf der Hand. Schwellenländer, die bedeutende Nettoexporteure fossiler Brennstoffe sind, werden von höheren Einnahmen profitieren. Die Abbildung zeigt, dass die grössten Gewinner Länder der Golfregion sind. In den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Kuwait entsprechen die Nettotreibstoffexporte fast 50 % des BIP. In Saudi-Arabien machen sie 25 % der nationalen Förderung aus. Russland und einige Frontier-Märkte zählen ebenfalls zu den grossen Gewinnern.
Höhere Energiepreise werden die Handelsbedingungen sowie das Verhältnis von Export- zu Importpreisen der Exporteure bei gleichen Voraussetzungen verbessern. Davon dürften das Wirtschaftswachstum und die Zahlungsbilanzen profitieren, und die freien Wechselkurse dürften vom aktuellen Stand ansteigen. Voraussichtlich wird Kolumbien aufgrund der strukturell schlechten Zahlungsbilanz einer der Hauptnutzniesser sein.
Regierungen, die erheblich von Erlösen aus fossilen Brennstoffen abhängig sind, dürften durch die Preissteigerungen ihre Haushaltslage aufbessern. Somit ist entweder der Schuldenabbau bzw. eine Erhöhung der Ausgaben möglich. Um die öffentlichen Haushalte auszugleichen, benötigen die meisten grossen Erdölexporteure der Schwellenländer laut unseren groben Schätzungen einen Preis von 60 US-Dollar pro Barrel. Blieben die Ölpreise für einen längeren Zeitraum daher auf dem aktuellen Stand von ca. 80 US-Dollar pro Barrel, würde sich für diese Schwellenländer ein Haushaltsüberschuss ergeben.
Wohlhabende Nationen sparen vermutlich einen Grossteil des unerwarteten Gewinns. In hochverschuldeten Frontier-Märkten werden die Auswirkungen hingegen grösser sein. In Angola und Ecuador könnte beispielsweise die nachteilige Schuldendynamik abnehmen und engere Spreads bei Hartwährungsanleihen rechtfertigen.
Für welche Schwellenländer wären höhere Energiepreise nachteilig?
Zahlreiche grosse Schwellenländer sind Nettoimporteure von Treibstoff. Für sie sind höhere Energiepreise von Nachteil.
Nettoenergieimporte machen in vielen mittel- und osteuropäischen Ländern und in Asien 2 % bis 5 % des BIP aus. Höhere Energiekosten können nachteilig sein, da sie zu einer Verschlechterung der Aussenbilanzpositionen führen. Ferner steigern sie die Produktionskosten für Hersteller und dämpfen die Nachfrage, weil Realeinkommen aufgrund der Kaufkraftminderung sinken.
Aus Sicht der Aussenbilanzpositionen ist es vorteilhaft, dass sie in den meisten Schwellenländern zum Zeitpunkt des Energiepreisanstiegs robust sind. Die meisten Schwellenländer haben einen Leistungsbilanzüberschuss, weil der Konjunktureinbruch als Folge der Covid-19-Krise zu sinkenden Importen führte. So haben Nettoenergieimporteure (in grün) Spielraum, um höhere Energiekosten zu verkraften, ohne besorgniserregende Aussenbilanzpositionen einzugehen.
Die grössten Ausnahmen (Quadrant oben links, in grün) sind Ägypten, die Türkei und Rumänien. Diese Länder haben Leistungsbilanzdefizite, die grösstenteils mit kurzfristigen Kapitalzuflüssen finanziert werden. Diese Schwellenländer werden künftig mit höheren Importkosten konfrontiert sein - einerseits, wenn die US-Notenbank Fed die geldpolitischen Zügel strafft, andererseits, weil die Bedenken zu Stagflation und Wachstum in China die Finanzierungsbedingungen erschweren.
Der anhaltende Druck auf die Aussenbilanzpositionen in diesen Schwellenländern könnte unter Umständen zu einer Underperformance der Währungen führen. Damit ginge auch ein gewisser Rückgang des Binnenwachstums einher, da sich die Finanzierungsbedingungen erschweren. Im schlimmsten Fall würden Zinsen steigen, um das Kapitalkonto zu schützen.
Die Lage in Indien ist zwar relativ gesehen besser. Doch Meldungen zu aufgebrauchten Kohlereserven erhöhen das Risiko grösserer Importe. Dadurch würde die Leistungsbilanz ein Defizit ausweisen, was wiederum die Rupie unter Druck setzt.
Meine Kollegin Piya Sachdeva hat sich die Situation in Indien hier genauer angesehen: What are the risks from power shortages in India?
Auf der Produktionsseite (siehe Abbildung unten) beeinflussen mechanistisch höhere Energiekosten die Herstellungskosten. Dies wird hier durch die Unterkomponente der Faktorpreise des EMI im verarbeitenden Gewerbe der Schwellenländer dargestellt. Die kräftige globale Nachfrage nach Industriegütern der vergangenen 18 Monate führte dazu, dass Unternehmen höhere Kosten an die Verbraucher weitergeben konnten. Wenn die Energiepreise jedoch die globale Nachfrage schmälern und sich gleichzeitig eine stagflationäre Tendenz durchsetzt, ist dies vielleicht nicht mehr möglich, sodass die Marge unter Druck gesetzt wird.
Höhere Energiekosten stellen eine Gefahr für die Inflation dar. In den Schwellenländern entfallen generell 5 % bis 10 % des Verbraucherpreisindex (VPI) auf Energie. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die Energiepreissteigerung der Schwellenländer zurückgehen dürfte, sofern die Ölpreise nicht auf 90 bis 100 US-Dollar pro Barrel ansteigen, da die starken Basiseffekte aus den VPI-Daten verschwinden. Da sich die Ölpreise langsam auf diesem Stand hinbewegen, ist der Ausblick inzwischen weniger günstig. Hinzu kommt die Erhöhung der Erdgaspreise, die für die mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften eine besondere Belastung darstellt.
Dadurch besteht die Gefahr, dass eine unerwartet hohe Inflation die Anleihemärkte wieder ins Wanken bringen und den aktuellen Zyklus der Zinsschritte verlängern könnte. Unter den Schwellenländern straffte vergangene Woche übrigens auch die polnische Zentralbank ihre Geldpolitik.
Hier erfahren Sie mehr: https://www.schroders.com/de/ch/asset-management/insights/
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