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Der junge Mann kann gut erzählen. Er spricht mit solchem Ernst, dass man sich ständig fragt, ob er alles so meint oder nicht gleich einen Lachanfall kriegt. Denn seine Geschichte klingt zu komisch. Doch Dagobert lacht nie. Zum ersten Mal erzählte er seine Geschichte in einem Dokfilm mit dem werbewirksamen Titel «Dagobert – Schnulzensänger aus den Bergen». Sie handelt von einem jungen Aargauer, der nach der Schule zwei Jahre in einem Probenkeller als Penner lebte und sich dann, wie er sich ausdrückt, «in die Musikwelt hineinfuchst».
Kulturelle Fördergelder eröffneten dem Mann den Ausweg aus dem Probenkeller, er konnte nach Berlin fahren. Dort verliebte er sich – schon am ersten Tag, wie könnte es anders sein – in eine Frau, doch sie wies ihn ab. Der Mann zog sich enttäuscht zurück in ein Haus in den Bündner Bergen, wo er sich jahrelang nur von Reis ernährt haben will. Die Geschichte ist wirklich zu gut, das «Magazin» fuhr mit Dagobert kürzlich für eine Reportage nach Panix, um die Frage zu klären, ob er wirklich, wie er behauptet, einmal dort gelebt hatte. Die Antwort: Vielleicht schon, und die Geschichte war ein weiteres Mal erzählt.
Der Künstlername «Dagobert» ist passend gewählt. Erinnert an den alten Erpel, der im Comic manisch jeden Taler sammelt, um im Geld schwimmen zu können, und auch der gleichnamige Erpresser klingt nach, der in den neunziger Jahren in Deutschland Kaufhäuser bedrohte und trickreich die Polizei ausspielte. Einen Hang zur Nötigung scheint auch dieser Dagobert zu haben: In den Bergen schrieb er der Geliebten hundert Liebeslieder, bis sie ihm nach dreieinhalb Jahren beschied, es sei nun genug. Der Mann kehrte zurück nach Berlin, tingelte durch Bars und sang mit Play-back seine Liebeslieder. «Es ist wunderbar, solche Menschen auf unserer Welt zu haben», sagte TV-Moderator Kurt Aeschbacher gerührt zum Abschied, als Dagobert zuletzt auch ihm die Geschichte erzählt hatte. Dagobert lachte nicht, er steckte Aeschbacher das neue Album «Afrika» zu.
Begehren und begehrt werden
Ob die Geschichte wahr ist, halbwahr oder erfunden: Das ist die falsche Frage, schliesslich geht es hier um Pop und damit um das Spiel mit Identitäten. Also fragen wir doch, was in Dagoberts Musik zum Ausdruck kommt.
Das Album «Afrika» ist keine eineinhalb Songs lang, als die erste Sologitarre aufheult: «Wir sollten uns zusammentun, sonst kommen wir nicht voran. Und das bereuen wir bestimmt irgendwann. Denn wir leben aneinander vorbei», hat Dagobert gesungen. Und nun schraubt sich diese Gitarre in einsame Höhen. Es wird nicht dabei bleiben: Bläser folgen auf Synthesizer, Marschmusik auf Chorgesang. Markus Ganter, der Produzent des Albums, ein Popakademieabsolvent, setzt jeden Taktwechsel so geschickt, dass es schon wieder verschult klingt. Dass Dagobert früher Fan der Scorpions war, hört man der Musik nur zu gut an. Sie klingt so schmierig wie das Gel, das er sich vor seinen Auftritten ins Haar klebt.
Pathetisch wie auf dem Debüt von 2013 bleiben auch die Texte. Es geht um Männer, die manchmal stark und meist verzweifelt Frauen begehren, natürlich nur Frauen. Den Frauen wiederum bleibt in dieser heteronormativen Setzung die Rolle, begehrt zu werden. Wohl können sie die Liebesangebote annehmen oder ablehnen, doch in beiden Fällen nur reagieren. Im simplen Ergebnis klingt das dann so: «Frauen sind zum Heiraten da. Dacht ich mir, als ich eine sah, und sagte ihr: Wie wärs mit dir und mir? Sie war süss und meinte: Vielleicht, in zehn Jahren, wenn dir das reicht. Für mich ging das klar, denn sie war wunderbar.» Das frauenfeindliche Bild, das in den Songs angelegt ist, wird in den Videoclips deutlich: In «Ich bin zu jung» geht Dagobert im Frack gekleidet durch die Strassen, seine Stilikone ist der Dracula-Darsteller Bela Lugosi. Immer neue Frauen tauchen weinend neben ihm auf und prügeln mit der Handtasche auf ihn ein. In «Verstrahlt» von Regisseur Klaus Lemke, trotz Protesten an den Kurzfilmtagen Oberhausen in der Auswahl bester Musikvideos gezeigt, findet sich eine explizite Vergewaltigungsszene.
Eins zu eins ist nicht vorbei
In Dagoberts Inszenierung ist kein doppelter Boden erkennbar. Nicht einmal Ironie blitzt auf. «Dagobert – Schnulzensänger aus den Bergen»: Die Inszenierung bleibt an dieser Oberfläche oder ist gar keine und eins zu eins gemeint. Deshalb wird Dagoberts Geschichte in einer Gegenwart, die kulturell auf Sicherheit schielt, wohl gerne weitererzählt. Dass im Titelsong «Afrika» der südliche Kontinent auch noch zum postkolonialen Sehnsuchtsort wird, wo der Mensch sich der Zivilisation entledigen kann und zum Tier wird, ist da nur folgerichtig: «Ich singe mit den Affen. Ua-ua-ah.»
So kann sich Dagobert nur in die Kulisse flüchten, in der sein übersteigerter Schlager spielt. Auf dem Independent-Label Buback, auf dem seine Alben erscheinen, wirkt der Sound reaktionär. Als Dagobert einmal in der ZDF-Liveshow «Sommergarten» auftrat, führte er hingegen alle Schlagerklischees vor: Karierte Hemdenträger klatschten begeistert, als Dagobert singend durch die Menge spazierte. Der Regisseur setzte die Szenerie auf Schwarzweiss, und als das Lied ausklang, erschien der Sommergarten wieder in seiner beklemmend farbigen Biederkeit.
«Afrika» ist bei Buback erschienen. Dagobert spielt am 19. Mai 2015 in der Dampfzentrale in Bern, am 20. Mai 2015 im Exil in Zürich und am 22. Mai 2015 im Palace St. Gallen.