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MOMA-Bücher für den November 1998
MOMA-Bücher für den November 1998
Bücher, die ich langweilig oder gar überflüssig finde, lese ich weder zu Ende noch bespreche ich sie. Dies gilt für fiction ebenso wie für wissenschaftliche Literatur, wobei in der zweiten Kategorie die Kriterien vielfältiger sind. Es liegt mir jedoch sehr, Bücher weiter zu empfehlen, die mich begeistern.
Double
Ein Bericht. Von Daniel de Roulet. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle. Limmat Verlag, Zürich 1998.
Warum bloss musste ich, wenn mir als Schnellleserin ein Zeilensprung unterlief, wieder zurückfinden auf die obere Linie und dort mit ungewohnter Genauigkeit von neuem ansetzen und weiterlesen, so wie bei einem brennend wichtigen Quellenstudium? Warum nur wollte ich die Geschichte des Architekten, Schriftstellers und Informatikers R., seiner Doppelgänger und seiner Zeitgenossen so genau kennen, dass ich das Buch erst wieder aus der Hand legte, nachdem ich es bis zur letzten Zeile gelesen hatte?
Warum bloss? Die Dokumentation des fichierten, beobachteten, verwechselten, ausspionierten, polizeilich dokumentierten, zum Staatsfeind gemachten, wieder fallengelassenen und erneut verdächtigten Daniel de Roulet selbst, von Anfang der Sechzigerjahre bis in unser Jahr 1998, ist zugleich eine Dokumentation des Rechtsstaates Schweiz und dessen Paranoia von Subversion und Sicherheitsgefährdung durch ihre eigene Bevölkerung, dieser dummen, schlecht orchestrierten, aber mit enormem Aufwand durch alle Organe und Institutionen des Establishments umgesetzten Ausschnüffelei, deren Opfer über eine Million Männer und Frauen waren und und weiterhin sind, rund ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner unseres Landes, zum Teil definitiv, wie jene Frau mit dem Namen Die Sybille und Fritz Angst alias Zorn und Leo alias Werner Sauber oder Renato, die einen vom Krebs getötet, die anderen von der Polizei exekutiert.
Das Besondere ist, dass diese Dokumentation als literarische Collage daherkommt, wie mit leichter Hand in einem schmalen Band zusammengefügt, mit Einstiegszitaten über den einzelnen Kapiteln aus der grossen Weltliteratur, von Dante über Molière, Chamisso und Kafka zu Philip Roth, mit einem Prolog und einem Epilog und zugleich mit einem Register, in welchem sich der Quellennachweise jedes einzelnen Zitats ob aus Zeitungen oder aus Fichen findet – ein faszinierend gescheiter, atemlos und nachdenklich stimmender Bericht der Geschichte der 68er-Generation, der erstickenden Siebzigerjahre, der 80er-Bewegung bis heute, ein Bericht des Kriegs der offiziellen Schweiz, d.h. des Filzes von Behördenapparat und Privatwirtschaft, gegen die Jugend und gegen Intellektuelle, kurz gegen die Selberdenkenden, zugleich aber auch ein Zeugnis der Zärtlichkeit derjenigen, die für einander und miteinander zu leben versuchten und es weiterhin versuchen, gegen den absurden Popanz und gegen die menschenverachtende Gewalt der Apparate.
„Ist es an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen?“
Philosophische Briefe von Christoph Dejung und seinen Schülerinnen und Schülern. Haffmans Sachbuch Verlag, Zürich 1998.
Ich bin der Ansicht, dass Menschen nie gescheiter sind als in der knappen Frist zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter. Mit „gescheit sein“ verstehe ich lern- und reflexionshungrig sein, fähig zu fragen, weiterzufragen und selber zu denken. Später im Leben kommen im besten Fall Bildung, Wissen, manchmal sogar Gelehrheit hinzu, auch die Kompetenz des Zuhörens und Antwortens.
Nun liegt ein Austausch von Briefen vor, zwischen dem Philosophielehrer Christoph Dejung und den Absolventinnen und Absolventen der letzten Klasse eines Zürcher Gymnasiums, der die seltene Qualität eines wirklichen Dialogs bietet zwischen den so und so Befähigten, der zugleich ein waches Interesse und Lust am Denken, Nachdenken, Neu- und Weiterdenken offenbart, nicht nur am eigenen Denken, sondern an jenem des/der anderen. Dieses Interesse und diese Lust wiederum bestimmen die Qualität des Dialogs. Der Philosophielehrer geht auf jeden Hinweis und auf jedes Anliegen ein, ob im Zusammenhang mit dem Unterricht, mit Lebensereignissen und Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, ob mit Lektüre oder mit dem „Zeitgeist“. Er klärt Begriffe und deren vielfache Verwendung, weist auf Autoren und Bücher hin, spricht von eigenen Erfahrungen und gesteht manchmal auch das eigene Unwissen ein. Immer ist der Respekt vor der Parität des Denken spürbar, manchmal sogar mehr, ein Staunen, ein Mitgerissensein, immer auch eine grosse Verantwortung für das Wort, für die Sprache, die alles, was Realität ist und sich dem Verstehen anbietet, wie auch alles, was sich dem Verstehen entzieht, symbolisch vermittelt und zur weiteren Klärung anbietet.
Es liegt hier ein Buch der dialogischen Denkschulung und Denkpraxis vor, durch welches sich zugleich eine Ethik der generationenübergreifenden Zeitgenossenschaft oder des für einander verantwortlichen Bezugsflechts im Zusammenleben kundtut, des „inter-esse“, wie Hannah Arendt zu sagen pflegte, das in dieser Weise vorbildlich ist.
Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen
Essays zur Kultur der Wirtschaft. Von Hans Christoph Binswanger. Gerling Akademie Verlag, München 1998. Fr. 32.50
Über Adam Smith und die „unsichtbare Hand“, die den „Reichtum der Nationen“ zum b
Blühen bringen soll, wurden schon ungezählte Abhandlungen geschrieben. Was aber der St. Galler Volkswirtschaftsprofessor vorlegt, ist neu: eine akribische Analyse des von der Stoa inspirierten Glaubenssystems des systematischen Eigennutzens, das sich, wie jedes Glaubenssystem, der kritischen Dekonstruktion verwehrt, weil es von den Gläubigen geglaubt werden will, allen inharenten Widersprüchen und Zirkelschlüssen zum Trotz. Auch wurde kaum je die Unersättlichkeit und Grenzenlosigkeit der Naturausbeutung, die heute endlich als ökologische Bedrohung erkannt wird, auf so geistreiche Weise symbolisch verständlich gemacht wie in Binswangers Rekurs auf den Königssohn Erysichthon in der Hymne des alexandrinischen Dichters Kallimachos, in den „Metamorphosen“ des Ovid sowie in einem Gedicht des französischen Renaissance-Dichters Pierre de Ronsard. Ebenso unüblich ist es, meine ich, für Ökonomen, Goethes „Faust“ und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ herbeizuziehen, um Adam Smith’s Fortschrittsoptimismus skeptisch zu lesen.
All diese Zugänge zur Ökonomie wie zur Ökologie, d.h. zu den Haushaltwissenschaften des In-der-Welt-seins und des Zusammenlebens, entbehren zwar der fachüblichen Sprödheit, bieten jedoch auf der symbolischen und literarischen Ebene Möglichkeiten des Verstehens an, die ich weiterempfehlen möchte. Binswanger gelingt es sogar, das – gar nicht einheitliche – Spektrum der tradierten chinesischen Haushaltphilosophien verständlich zu machen und diese mit Wirtschaftslehren aus dem europäischen Kulturbereich zu vergleichen. Für Nicht-nicht-Ökonominnen ein höchst erfreuliches Buch, für Fachleute ebenfalls, da ihnen – insbesondere im Studium – kulturelle Leckerbissen ja eher vorenthalten bleiben.