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Man möchte seine Bilder als «Linienspektakel» bezeichnen, als Feuerwerk einer dynamisch-gestischen Ausdruckskraft – und dahinter einen intuitiv arbeitenden Künstler vermuten. Doch Gaspare Otto Melcher ist ein Maler, der die Komplexität der Welt in eine präzise reflektierte Bildsprache übersetzt.
Zehn Werke des Künstlers befinden sich in der Sammlung der Mobiliar, und sie alle sind in den späten 1980er und in den 90er-Jahren entstanden. Die Grundzüge seiner künstlerischen Methodik hatte Melcher da längst entwickelt: Von 1970 bis 1975 hatte er sich, damals in Amsterdam lebend, intensiv mit Ideografien befasst, das heisst mit Schriften, deren einzelne Zeichen stilisierte Bilder sind, aber nicht auf einen konkreten Gegenstand, sondern auf eine Idee verweisen. (Wir kennen solche Zeichen beispielsweise aus der altägyptischen Hieroglyphenschrift.) Über die Verdichtung und Variation dieser Bild- bzw. Ideenkürzel gelangte Melcher zu hochkomplexen Figuren, die er teils in setzkastenähnlichen Reihen zu Papier oder auf die Leinwand bringt. In Werkserien durchdekliniert, erscheinen sie wie Texte, die – anders als unsere gesprochene oder geschriebene Sprache – nicht dem Nacheinander unterliegen, sondern alle Gedanken, Ideen und Assoziationen gleichzeitig abbilden.
Die zwischen 1997 und 2000 entstandene Werkgruppe The Roswell Series etwa, mit einem Gemälde in der Mobiliar-Sammlung vertreten, kreist um eine mysteriöse Geschichte: 1947 soll in New Mexico, in der Nähe der Kleinstadt Roswell, ein Ufo abgestürzt sein. In den 1990er-Jahren lebte der Roswell-Mythos wieder auf und ging in die Popkultur ein. Melcher bemerkte 1995, dass die Trümmer des vermeintlich ausserirdischen Flugobjekts mit Ideogrammen versehen waren, die jenen auffallend ähnlich sahen, mit denen er bereits seit Jahren arbeitete. Und so tut sich mit dieser Werkgruppe buchstäblich ein ganz neuer Kosmos auf …
Melcher, der 1975 in die Toskana übersiedelte und 2006 sowie 2014 für einige Monate in Kairo lebte, zeigt seine Werke regelmässig in Ausstellungen überwiegend in der Schweiz und in Italien. Werke des Künstlers befinden sich u. a. im Kunsthaus Zürich sowie im Aargauer Kunsthaus.
Gaspare Otto Melcher, geboren 1945 in Chur (CHE), lebt in Cecina (ITA).
Tätigkeitsbereiche: Malerei, Zeichnung, Collage, Radierung, Monotypie
Ich bin seit 1969 freischaffender Künstler. Nach Studien bei Emilio Vedova in Salzburg und Venedig,1968/69, wurde ich 1970 von Johannes Gachnang nach Amsterdam eingeladen, wo ich als Assistent in der Galerie Goetheinstitut-Provisorium mehrere Jahre arbeitete. Die Frage, welche Kunst mich weiterbringen würde hat mich dort vor 50 Jahren zu einer strategischen Antwort gezwungen. Angesichts der damaligen verworrenen und widersprüchlichen Situation der internationalen Kunstdebatte um das WIE, WARUM und WOHIN KUNST habe ich mich für die Erforschung ihres Ursprungs entschieden. Ich hatte in Amsterdam das Werk von A.R. Penck kennengelernt, der diesen Ausgangspunkt in den “StandArts” erstmals thematisiert hatte. IDEOGRAMME enthalten die älteste bildnerische Sprache, deren Wurzel in der Prähistorie liegt. Ihnen galt mein erstes Forschungsprojekt, die “ZEHNERSERIEN”, 1971 -75.
In den folgenden Jahren hat mich die Thematik “Figur und Ideogramm” zur Realisierung verschiedenster Werkgruppen angeregt. Nach 1990 haben Forschungen über die “ROSWELL SYMBOLS”, 1995 –2000 und die prähistorischen Funde von Glozel, “LITANIE PITAGORICHE” und “CANTO PITAGORICO”, 2001-2004 neues Arbeitsmaterial für Werkgruppen geliefert.
Ueber meine verschiedenen Arbeitsaufenthalte in Aegypten, 2006, 2008 und 2014/15 und die dortige Erforschung der altägyptischen Ideographie und Ikonografie habe ich mein eigenes ideographisches Material auf die geometrischen Grundstrukturen der antiken Technik der damaligen Malerei erweitert und arbeite auch heute an einer Vision, die einen Brückenschlag von der archaischen Wurzel zur Gegenwart wagt, dem “PROJECT MR”, 2006-2020.
Solange Kunst Visionen anstrebt erfüllt sie ihren Auftrag. Diesen Anspruch will ich wie in den vergangenen 50 Jahren meines künstlerischen Tuns weiterhin wahrnehmen, denn Kunst SOLL uns weiterbringen, um ihren Sinn zu erfüllen. Auch in einer technologisierten Gesellschaft ändert sich dieser Auftrag nicht sondern stellt eine völlig neue, stimulierende Herausforderung an uns Künstler.