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Onyx
Kayode schlüpfte ins düstere Zelt. Gleichzeitig lauschte er angestrengt auf das wütende Gezeter eines Erwachsenen, der ihn entdeckt hatte. Im Zelt des Schamanen hatte er nämlich nichts zu suchen.
Zu seinem Glück blieb alles ruhig. Wie der Junge es geplant hatte, waren alle Dorfbewohner mit Azazhie auf den Hügel gepilgert, um dort das Ritual der dunklen Sonne zu feiern. Zwar hatte Kayode dieses Ereignis noch nie erlebt, aber das Schamanenzelt übte eine grössere Faszination auf ihn aus als ein Sonnenritual. Schliesslich sah er die Sonne jeden Tag aufs Neue. Eine Gelegenheit im Reich von Azazhie zu stöbern, das hingegen war seiner Meinung nach ein einzigartiges Phänomen.
Kayode konnte sich nicht erklären, was ihn dazu antrieb, in das Heim des Schamanen einzudringen. Er wusste einfach, dass er ihm gehorchen musste – egal was die Konsequenzen waren.
Nun hatte er es geschafft. Langsam drehte er sich im Kreis und versuchte alle Details in sich aufzusaugen. Im Zelt roch es nach Leder, Kräutern und altem Pfeifenrauch. Das Sonnenlicht wurde von den Zeltwänden gefiltert, sodass ein gelbes Zwielicht herrschte. Der Boden war mit weichen Fellen ausgelegt.
Während andere Jungs sofort zu den rituellen Waffen gestürzt wären, fiel Kayodes Blick auf eine kleine Schachtel aus Ebenholz. Im Gegensatz zu den anderen kostbaren und aufregenden Gegenständen, war sie geradezu schlicht. Schnitzereien verzierten das harte Holz und seltene blaue Perlen verzierten den Deckel. Kayode wusste, welche Gegenstände sich darin befanden: die magischen Würfel des Schamanen.
Nur an den Tagundnachtgleichen holte Azazhie die Würfel hervor, um die Zukunft für die nächsten Monate zu deuten. Ansonsten war es verboten, diese zu benutzen. Ein Verstoss bedeutete für Erwachsene eine öffentliche Auspeitschung am Pfahl. Kayode wusste nicht, was die Strafe für ein Kind war. In diesem Moment interessierte es ihn jedoch auch nicht.
Ehrfurchtsvoll kniete er sich mit der kleinen Schachtel nieder. Er war so darauf fixiert, dass er auch nicht wahrnahm, dass die Umgebung merklich abgekühlt hatte und das Licht der Sonne abgenommen hatte, obwohl es mitten am Tag war.
Mit angehaltenem Atem öffnete er den Deckel. Da lagen sie. Die Würfel waren aus Knochen geschnitzt. Blaue Einschlüsse funkelten darin. Eine berühmte Geschichte erzählte dass die Knochen von Wesen stammten, die einst über die Erde geherrscht hatten. Es waren mächtige Geschöpfe gewesen, die die Elemente beherrschen konnten und die Gabe hatten, in die Zukunft zu blicken. Ein kleiner Resten Magie war in ihren Knochen noch zurückgeblieben.
Kayode ließ seine Hand für den Bruchteil eines Herzschlages über den Würfeln schweben, dann hob er sie hoch. Vom Himmel fuhr kein Blitz herunter, um ihn für seine frevlerische Tat zu bestrafen – erleichtert atmete er aus.
Kayode zögerte, aber insgeheim wusste er was er tun musste. Er schloss die Hände um die Würfel, sodass ein Hohlraum entstand, dann schüttelte er die Würfel ordentlich. Das Licht schwand nun rasch und für einen Moment, konnte er die Umgebung nicht mehr erkennen. Aber bevor er sich fragen konnte, warum dies passierte, lenkten seine Hände alle Aufmerksamkeit auf sich.
Durch kleine Zwischenräume seiner verwobenen Finger sickerte hellblaues Licht, das immer heller wurde. Ehrfürchtig öffnete Kayode die Hand und starrte die strahlenden Würfel an. Einer plötzlichen Eingebung folgend holte er aus und warf sie schwungvoll auf den Boden.
Die Würfel flogen um ihre Achse rotierend durch die Luft ehe sie in den Pelzen kullernd liegen blieben. Kayode konnte die Runen auf der Oberseite eingeritzt waren, nicht deuten. Trotzdem beugte er sich darüber, um sie eingehend zu betrachen. Geblendet vom blauen Licht, blinzelte er einige Male.
Es geschah in diesem Augenblick, als die Welt rund um die Würfel in finaler Finsternis versank: Die Würfel begannen zu Beben, die Runen erzitterten und ihre klar leuchtenden Linien verschwammen. Erstaunt starrte Kayode auf die heiligen Gegenstände hinunter. War er ihnen so nah gekommen, dass sein Atem die Würfel bewegt hatte? Doch nein, das Beben weitete sich immer mehr aus und erfasste nun auch seinen Körper. Die Würfel purzelten nun munter auf der Erde herum, ihr Licht einer Fackel gleich flackernd.
Zum immer heftig werdenden Beben gesellte sich ein tiefes Grollen, das Kayode in der Brust resonierte. Allmählich steigerte es sich zu einem Dröhnen; dann war es plötzlich weg. Einen Moment lang herrscht absolute Stille. Nichts rührte sich. Kein Vogel sang, keine Grille zirpte. Auf einmal senkte sich der Untergrund, so, als ob Kayode sich plötzlich an einem Berghang befinden würde. Verzweifelt streckte er eine Hand nach den davonspringenden Würfeln aus, doch er war zu langsam. Zeltstangen fielen aus ihrer Halterung und rissen die Zeltwände mit sich.
Kayode merkte, wie er selbst allmählich den Halt verlor. Hektisch tastete er nach etwas, an dem er sich festhalten konnte. Doch alles schien in Bewegung zu sein, strebte dem Abgrund zu, zu dem der Boden sich neigte.
Bevor auch er in die Finsternis schlittern konnte, merkte Kayode verblüfft, dass der Boden wieder in seine ebene Ursprungsposition zurücksprang; mehr noch, er hob sich, also ob eine gewaltige Blase sich formen würde. Es gab ein ohrenbetäubendes, Berge zu Mehl zermalmendes Geräusch, als die Erde platze. Heisse, nach Schwefel stinkende Luft strömte daraus hervor und riss die zerfetzten Überreste des Zeltes mit sich in den Himmel.
Rauchende Erdteile stürzten neben Kayode zu Boden. Noch hatte die Sonne ihr Licht nicht hergegeben, stattdessen wurde die Welt von einem geisterhaften, unsteten Blau erleuchtet, das aus den neu entstandenen Furchen und Kratern der Erde strahlte. Schatten bewegten sich darin, bis sich eine gewaltige Klaue an den Rand einer Klippe krallte. Der Klaue folgte eine schwarzbeschupptes Bein und dann der Rest des Leibes. Das Wesen war schwarz wie Onyx aber zwischen den Schuppen leuchtete das geisterhafte, blaue Licht hervor.
Es sah aus wie eine Echse, mit angewinkelten Beinen, einem kräftigen Schwanz und einem schmalen Kopf mit seitlich anliegenden, blau strahlenden Augen. Mit ebendiesen Augen starrte es nun Kayode an, drang tief in seine Seele ein und brannte sein Zeichen in den Geist des Jungen. Dann erhob es sich, entfaltete vorher auf seinem Rücken verborgene Flügel aus und schwang sich in die Luft.
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.