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Es war einmal ein barockes Städtchen, das von sich noch heute behauptet, barock zu sein, während andere lediglich die Behauptung, barock zu sein, für barock halten. Dieses Städtchen also, auf die eine oder andere Art barock, betritt Frau Begegnung durch das Westtor. Seit im Städtchen und vielleicht auch anderswo eine furchtbare Seuche wütet, hat Frau Begegnung ihr Haus nie verlassen. Jetzt aber, am Auffahrtswochenende, hält sie es daheim nicht mehr aus. Die Sonne scheint, der Flieder blüht, die Vögel zwitschern. Das alles verwirrt Frau Begegnung so sehr, dass sie sich vornimmt, den Erstbesten zu küssen, dem sie auf ihrem Spaziergang begegnet. Beim Gedanken daran muss sie kichern, was ihr in letzter Zeit oft passiert. Sie unterdrückt das Kichern, worüber sie wiederum kichern muss.
Derweil betritt ahnungslos Herr Dialog das Städtchen durch das Osttor. Da er auf seinen Spaziergängen seit geraumer Zeit niemandem begegnet ist, pflegt er Selbstgespräche zu führen, eine Angewohnheit, die er sich freilich nie eingestehen würde. Gerade rezitiert er einen Text, dem er vor vielen Jahren entsprungen ist. Zwischen zwei Sätzen hört er sich räuspern, worüber er erschrickt, denn seit Ausbruch der Seuche ist es verboten, sich im Städtchen zu räuspern. Verstohlen blickt er nach rechts, dann nach links. Schliesslich fährt er fort, den Text vorzutragen: «Das Publikum ist eingeladen». Dabei richtet Herr Dialog den Blick geradeaus, als würde er sich tatsächlich an ein Publikum wenden. Plötzlich zuckt er zusammen, denn auf der anderen Seite des Brunnens, von dem er nur noch wenige Schritte entfernt ist, kommt ihm Frau Begegnung entgegen. «Sie führen einen Monolog!», ruft sie Herrn Dialog kichernd zu. Dieser errötet und will rasch am Brunnen vorbeihuschen, um das Städtchen durch das Westtor wieder zu verlassen. Doch er zuckt erneut zusammen, als er auf der Bank neben dem Brunnen einen Dichter sitzen sieht, der die Szene beobachtet und in ein paar pfiffigen Versen festhält.
Das ist natürlich ein Märchen. Denn kein Dichter hält sich am Auffahrtswochenende im Städtchen auf. Auch keine Lyrikerin, kein Slam Poet und keine Schriftstellerin. Niemand vor Ort, um literarisch festzuhalten, was sich zwischen Frau Begegnung und Herrn Dialog ereignet. Und es wird sich zwischen den beiden auch nichts ereignen, wenn Sie nicht weiterlesen. Denn alles findet nur in Ihrem Kopf statt, vermittelt durch den Bildschirm, auf dem Sie mich lesen. Vielleicht haben Sie schon eine Ahnung, wie das Märchen enden könnte. Und vielleicht wären Sie sogar froh, es würde bald ein Ende nehmen, da Sie noch anderes zu tun haben als sich ein Märchen erzählen zu lassen. Und trotzdem lesen Sie weiter. Und noch weiter. Schon wieder vier Worte. Zwei dazu. Sie scheinen wissen zu wollen, was jetzt passiert.
Ich könnte Sie auf die Folter spannen, die Geschichte in die Länge ziehen und unnötige Figuren auftreten lassen, einen französischen König etwa, der den Besenwald sucht. Oder elf Zwerge, die sich auf einem weissen Stein versammeln. Weil in einem Märchen so ziemlich alles möglich ist, könnte am Fenster eines roten Turms Rapunzel erscheinen oder eine Hexe, die so tut, als sei sie Rapunzel. Ein Frosch könnte auf den Brunnenrand springen und quaken. Frau Begegnung würde ihn küssen wollen, doch Herr Dialog käme ihr zuvor. Und wer weiss, was dann geschähe. Vielleicht würde Dornröschen aufwachen, das im Brunnen schläft. In einem Märchen ist alles möglich. Auch ich als Autorin könnte mich ins Geschehen einklinken, mich auf den Brunnenrand setzen, die Beine baumeln lassen und dem Frosch zuhören. Oder ich könnte Frau Begegnung und Herrn Dialog bitten, mir in den Stadtpalast zu folgen, wo ich den beiden etwas vorlesen würde. Anschliessend könnte ich behaupten, es sei das beste Auffahrtswochenende in der Geschichte des Städtchens gewesen.
Doch das tu ich nicht, sondern überlasse den weiteren Verlauf Ihnen. Sie werden sich selber ausdenken müssen, was sich im Städtchen ereignen könnte. Stellen Sie sich vor, dass dieses Auffahrtswochenende wirklich stattfindet. Werweissen Sie, wen Frau Begegnung küsst. Raten Sie, ob Herr Dialog monologisierend die Flucht ergreift. Schauen Sie aus dem Fenster im roten Turm und beobachten Sie, was im Städtchen auf Ihrem Bildschirm passiert. Oder verlassen Sie den Turm, um sich ins Geschehen einzuklinken. Setzen Sie sich neben den Dichter auf die Bank und lesen Sie, was er schreibt. Kommentieren Sie, was er schreibt. Stellen Sie Frau Begegnung zur Rede. Fordern Sie Herrn Dialog heraus. Nehmen Sie dadurch am Märchen teil und tun Sie so, als wäre es ein Traum, kein Albtraum. Wagen Sie den Sprung aus dem Barock in die Zukunft, eine Kopfreise, von der Sie hoffentlich heil in die neue Gegenwart zurückkehren werden. Denn wenn Sie nicht gestorben sind, dann leben Sie noch heute.
Beitrag für die 42. Solothurner Literaturtage
(als Einstimmung für das Onlinefestival 2020)