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Manchmal kamen für ein, zwei Stunden fremde Männer in die Schule. Es hiess, sie seien Schriftsteller und stammten aus der Region, einer nannte sich Earnie Hearting. Er hatte neben einer Vielzahl weiterer Indianerbücher eine Biografie Geronimos verfasst, die ich gern gelesen hatte, obwohl mich Indianerbücher sonst nicht interessierten. Ein anderer war Adolf Heizmann, der den Roman «Kopf hoch, Gunnar» geschrieben und den Anerkennungspreis des Schweizerischen Jugendschriftenwerks erhalten hatte (er war der Verfasser zahlreicher SJW-Hefte). An Hearting, der in Wirklichkeit Ernst Herzig hiess, erinnere ich mich gar nicht, an Adolf Heizmann kaum. Hermann Schneider jedoch, von dem ich bis zum Augenblick, da er unser Klassenzimmer betrat, nie gehört hatte, hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt.
Er sei der Onkel einer Mitschülerin, hiess es. Eine Bemerkung, die darauf schliessen liess, dass er uns sonst wohl kaum mit seinem Besuch beehrt hätte. Er hatte schlohweisses, dichtes Haar und war mittelgross, er trug einen dunkelblauen Anzug und eine silberfarbene Krawatte. Er wirkte elegant, was für Riehen, wo er wohnte, eher ungewöhnlich war. War er also etwas Besseres? Dem widersprach der Umstand, dass er vor Viertklässlern auftreten musste. Hatte er das nötig? Ich schwankte zwischen Mitleid und Interesse. Am Ende seines Besuchs sollte das Mitleid überwiegen, und wenn es meinen Mitschülern ebenso erging, weiss ich, woher die fehlende Achtung vor Schriftstellern bei Männern meines Alters rührt.
Anders als ich und die anderen Schüler erwartet hatten, zog er nicht etwa ein Buch hervor, das er geschrieben hatte, sondern ein leeres Blatt Papier, was ihn in meinen Augen höchst verdächtig machte. Hatte er etwa kein Buch vorzuweisen? Schrieb er womöglich nur kleine Geschichten für die «Riehener Zeitung»? Märchen für den Privatgebrauch? War er also gar kein echter Schriftsteller?
Er zog es vor, seine Kunst auf andere Weise zu beglaubigen, indem er jeden der etwa zwanzig Schüler bat, ihm ein beliebiges Wort zu nennen. Er schrieb die Wörter auf und würde, wie er sagte, vor unseren Augen aus ihnen eine neue Geschichte entwickeln, und so kam es auch. Wörter wie Auto, Haus, Katze, Hund, Apfelbaum, Flugzeug, Eisenbahn, Schokolade wurden zu einer verschlungenen Geschichte gestaltet, die überzeugender war, als ich vermutet hatte, was allerdings nicht darüber hinwegtröstete, dass kein Buch den Beweis für den Erfolg dieses Mannes als Schriftsteller liefern konnte. Was er tat, brachte im Grunde auch ein begabter Lehrer zustande, davon war ich überzeugt. Was er tat, war nichts weiter als eine Spielerei. Es hatte rein gar nichts mit den Büchern zu tun, die in den Regalen meiner Eltern standen, von denen ich glaubte, dass ich sie alle lesen würde: Sartre, Maupassant, Frisch, Hesse und wie sie alle hiessen. Hermann Schneider war nicht darunter, ich habe das später nachgeprüft.
Je länger er sein Taschenspielerstückchen vollführte, desto tiefer sank der arme Mann in meiner Achtung. Er sah übrigens nicht aus, als ob es ihm Vergnügen bereitete, Wörtern wie Schmetterlingen nachzujagen, die eine Schulklasse aus einem unsichtbaren Käfig befreit hatte, damit er sie wieder einfangen und aufspiessen konnte.
Er hat, wie ich später erfuhr, tatsächlich ein paar Bücher und Theaterstücke geschrieben; damals war er ausserhalb Basels kaum im Gespräch, heute ist sein Name vergessen. Aber welchen bedeutenderen Autor, der 1973 starb, hat nicht dasselbe Schicksal ereilt? Selbst Patrick White, der in Schneiders Todesjahr den Nobelpreis erhielt, ist nur noch ein paar Eingeweihten ein Begriff.
Alain Claude Sulzer
ist Schriftsteller und Übersetzer. Dieser Text ist ein exklusiver Vorabdruck aus seinem im September 2017 bei Galiani erscheinenden Werk: «Die Jugend ist ein fremdes Land». Wir danken dem Autor für die Zusammenarbeit.