Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/1784

Anatolij F. Koni (1844-1927): Zwischen Recht, Macht und Volk. Die autobiographische Praxis eines liberalen Juristen in spätem Zarenreich und früher SowjetunionCarla Cordin
Porträt A. F. Konis, Ilja Repin 1898, Tretjakov-Galerie Moskau
Erstgutachter: Benjamin Schenk, Universität Basel - Zweitgutachter: Heiko Haumann, Universität Basel - Externe Expertin: Claudia Verhoeven, Cornell University (USA)
In den Jahren zwischen dem Regierungsantritt Zar Alexanders II. (1855) und dem Untergang des Zarenreiches in den Revolutionen von 1917 vollzogen sich in Russland gewaltige politische und sozio-ökonomische Umwälzungen. Insbesondere die Berufsgruppe der Juristen, die an der durch die Justizreform von 1864 angestossenen Neustrukturierung des Gerichtswesens prominent beteiligt war, etablierte sich in dieser Zeit als wichtige Stimme der reformorientierten liberalen Intelligencija.
Dieses Dissertationsprojekt möchte über Selbstzeugnisse russischer Juristen der Reformgeneration die Wechselwirkungen zwischen übergeordneter Struktur und individueller Wahrnehmung besser verstehen und so den Grundlagen der Dynamik, die sich aus dem Agieren dieser Berufsgruppe ergab, auf die Spur kommen. Durch die Konzentration auf autobiographische Schriften will das Dissertationsprojekt versuchen, neue Perspektiven für Selbstverständnis und Handlungsspielräume von Akteuren zu eröffnen, die eng mit der Frage nach der Entwicklung des russischen Reichs verbunden waren.
Dabei steht die autobiographische Praxis des prominenten Juristen Anatolij Fedorovi? Koni (1844-1927) im Zentrum. Koni hat nicht nur aktiv an der Umsetzung der Gerichtsreform teilgenommen sondern auch später hohe Positionen im Justizsystem eingenommen und in grossem Ausmass Selbstzeugnisse hinterlassen. Diese sollen mit autobiographischen Schriften anderer Juristen seiner Generation in Beziehung gesetzt und nach kollektiven Leitbildern und Deutungsmustern sowie personenübergreifenden Formen der Selbstdarstellung befragt werden. Aussagekräftig für die Untersuchung sind dabei auch „Porträts“ - Personen- und Lebensbeschreibungen -, die die Juristen übereinander verfasst haben.