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Die schweizerisch-französische Familie Hottinger/Hottinguer gehörte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Bankiersfamilien Frankreichs. Sie wurden 1810 in den französischen Adel aufgenommen und stellen seither Barone. Der französische Zweig trägt den Namen Hottinguer und der schweizerische Zweig den Namen Hottinger.
Die Familie gehörte bereits im 16. Jahrhundert zur gesellschaftlichen Elite der Stadt Zürich in der Schweiz. Ab dem 18. Jahrhundert stieg die Familie in den Handel ein und war über Heiraten mit weiteren Zürcher Händlern verbunden.
Jean-Conrad Hottinger (1764-1841) machte eine Bankenausbildung bei der Genfer Bank der hugenottischen Familie Passavant. Als die Hugenotten im 16. Jahrhundert in Frankreich verfolgt wurden, flohen viele in die Schweiz. Die hugenottischen Geschäftsleute brachten wichtige Kenntnisse im Bankwesen und in der Uhrmacherei in die damals noch arme Schweiz. 1688 waren etwa 10% der Bevölkerung Zürichs Hugenotten. (Quelle) Somit hatte auch die Hottinger Familie ziemlich sicher Kontakt zu hugenottischen Kaufleuten. Die Hottinger waren ebenfalls Protestanten. Klaus Hottinger (starb 1524) gilt als der erste Märtyrer der Reformation in der Schweiz. Der Basler Familienzweig der Hugenottenfamilie Passavant gründete zusammen mit anderen Baslern Bankiers den Basler Bankierverein, der ein Vorläufer der heutigen Schweizer Grossbank UBS war. Auch die Bank der Merian Familie gehörte zu den Mitgründern (Quelle).
Französische Zentralbank
1784 zog Jean-Conrad Hottinger nach Paris und gründete dort 1786 die erste Bank der Familie. Er änderte den Namen zu Hottinguer. Nach seiner Ankunft in Paris hatte er zuerst noch für die Pariser Bank „Le Coulteux & Cie“ gearbeitet (Quelle). Die Bank hatte Kontakt zum US-Gründervater Thomas Jefferson (Quelle). Geführt wurde die Bank von Graf Jean-Barthélemy aus der Bankiersfamilie Le Couteulx, die in den französischen Adel aufgenommen wurde. Jean-Barthélemy gehörte im Jahr 1800 zu den Mitgründern der Banque de France, die bis heute die Zentralbank Frankreichs ist. Von 1800 bis 1804 gehörte er zu den Regenten, welche die Zentralbank führten. Auch die Hottinguer Familie gehörte zu den Mitgründern der Banque de France (Quelle). Sie stellten zudem vier Regenten der Zentralbank, darunter auch Jean-Conrad Hottinguer, der 30 Jahre lang zur Führung der Zentralbank gehörte (Quelle). 1810 wurde er zum Baron geadelt. Über ihre Posten als Regenten kannten sie auch die bekannte Rothschild Familie, die ebenfalls zwei Regenten stellte (Quelle).
Osmanische Zentralbank
Die Hottinguer waren mit der Ottomanischen Bank verbunden, welche die Zentralbank des Osmanischen Reiches war. Sie war zudem die erste moderne Bank im Osmanischen Reich. Sie wurde 1856 mit britischem Kapital gegründet und hatte ihren Sitz in London. 1863 stiegen auch die Franzosen ein (darunter auch Hottinguer) und stellten weiteres Kapital zu Verfügung. Die Bank wurde fast komplett von den Briten und Franzosen finanziert (Quelle: 1 und 2). Rodolphe Hottinguer (1835-1920) war von 1902 bis 1919 Präsident der französischen Abteilung der Osmanischen Zentralbank (Quelle). Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches wurde sie privatwirtschaftlich aktiv. Sie ist heute Teil der Garanti BBVA, eine der grössten türkischen Banken.
Aufbau der französischen Finanzindustrie
Die Hottinguer und ihre Bank war in die Gründung von wichtigen französischen Finanzunternehmen involviert:
- Sie gehörten 1818 zu den Gründern der „Caisse d’Epargne de Paris“, die zu einer der wichtigsten französischen Banken wurde (Quelle). Mehrere Hottinguer waren im 19. Jahrhundert in der Führung der Bank vertreten. 2009 fusionierte sie mit der Banque Populaire zur heutigen Groupe BPCE, die derzeit zu den zwanzig grössten Banken der Welt gehört.
- Sie gründeten „Drouot“ (Quelle). Drouot war das führende private Versicherungsunternehmen in Frankreich (Quelle). 1982 fusionierte Drouot mit der Mutuelles Unies und änderte 1985 den Namen in AXA um. Seither ist das Unternehmen unabhängig von der Familie. In den letzten Jahren gehörte die AXA stets zu den drei grössten Versicherungskonzernen der Welt und zu den drei grössten Unternehmen Frankreichs. Im Jahr 2011 erstellten Wissenschaftler der ETH Zürich eine Liste der mächtigsten Unternehmen, die den Kern der Weltwirtschaft bilden. Die AXA belegte Platz 4 auf der Liste (Quelle). In den letzten 20 Jahren waren Baron Henri Hottinguer (1934-2015) und sein Sohn Rodolphe Hottinger (*1956) in Vorständen von Tochterfirmen der AXA (Quelle: 1 und 2).
- 1904 gehörten sie zu den Gründern der „Banque de l’Union parisienne“ (BUP). Die BUP wurde zu einer der grössten französischen Investmentbanken. Zu den Mitgründern gehörten auch die französischen Bankiersfamilien Mirabaud, Neuflize, Mallet und Vernes (Quelle). Die Familien Mallet, Vernes und Mirabaud waren Hugenotten, die in die Schweiz nach Genf flüchteten und dort das Genfer Bankwesen mit aufbauten. Die Familie Mirabaud gehört bis heute zu den wichtigsten und reichsten Genfer Bankiersfamilien. Die Familien Mirabaud, Neuflize und Vernes stellten je zwei Regenten der französischen Zentralbank und die Familie Mallet stellte vier Regenten der Zentralbank (Quelle). Die Bank BUP wurde 1973 Teil der „Crédit du Nord“. Diese gehört heute zur „Société Générale“, die eine der grössten Banken der Welt ist.
Familienbanken
Wie bereits erwähnt gründete die Familie 1786 in Paris ihre erste Bank, die heute nicht mehr besteht. 1968 gründeten sie in Zürich die familiengeführte Privatbank Hottinger & Cie. Wie viele Privatbanken der Schweiz konzentrierte sie sich auf Anlageberatung und Vermögensverwaltung wohlhabender Kunden. Hier sollte noch erwähnt werden, dass die Schweiz als die gefragteste Steueroase der Welt gilt. 2015 ging die Bank Konkurs. Sie besitzen bis heute die 1790 gegründete „Banque Hottinguer“ in Frankreich (Quelle). Sie besitzen noch kleine Banken in Grossbritannien, USA und der Schweiz (Quelle). Die Hottinger hatten elf Unternehmen in der Steueroase Panama, die mit dem Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca verbunden waren (Quelle). Vertrauliche Unterlagen von Mossack Fonseca, die ungewollt den Weg in die Medien fanden, sind heute als Panama Papers bekannt.
Bemerkenswerte Familienmitglieder:
Rodolphe Hottinguer (1835-1920) gehörte von 1869 bis 1920 zur Führung der französischen Zentralbank (Quelle). Er gehörte auch zur Führung der PLM, die damals eine der wichtigsten französischen Eisenbahngesellschaften war. Er war von 1902 bis 1919 Präsident der französischen Abteilung der Osmanischen Zentralbank (Quelle).
Baron Jean-Henri Hottinguer (1803-1866) gehörte von 1833 bis 1848 zur Führung der französischen Zentralbank (Quelle). Er arbeitete für die britische Lloyds Bank, eine der ältesten Grossbanken der Welt. Er kannte daher vielleicht auch die Lloyd Familie, die damals noch die Bank führte. Er heiratete in die hugenottische Bankiersfamilie Delessert, die auch zwei Regenten der französischen Zentralbank stellte (Quelle).
Baron Rodolphe Hottinger (*1956) war über 20 Jahre in Vorständen von Tochterfirmen der AXA in den USA und 14 Jahre in Vorständen von AXA-Firmen in der Schweiz (Quelle). Einer der beiden Vorläufer des heutigen Versicherungskonzerns AXA wurde, wie oben bereits erwähnt, von der Hottinguer Familie kontrolliert.
Der Schweizer Historiker Johann Jakob Hottinger (1783-1860) war 1844 Mitgründer der schweizerischen Freimaurergrossloge Alpina und wurde ihr erster Grossmeister (Quelle). Es ist allerdings unklar, ob und wie eng er mit der Bankiersfamilie Hottinger verwandt war. Sein Vater war Kaufmann in Zürich. Seine Mutter hatte den Familiennamen Landolt (Quelle). Sie könnte demnach aus der Schweizer Bankiersfamilie Landolt kommen. Johann Jakob Hottinger heiratete in die Escher vom Glas Familie (Quelle), die vom 14. bis zum 19. Jahrhundert zu den mächtigsten Familien der Schweiz gehörte. Alfred Escher vom Glas war der Gründer der Credit Suisse, die heute zu den grössten Banken der Welt gehört.
Die Alpina Loge gilt bis heute als die führende Grossloge der Schweiz. Auch Jonas Furrer gehörte 1844 zu den Mitgründern der Grossloge Alpina. Nachdem 1848 der Schweizer Staat gegründet worden war, wurde Jonas Furrer der erste Bundespräsident der Schweiz (Quelle). Auch der zweite Bundespräsident Henri Druey war Freimaurer (Quelle).