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Spielverlage greifen bei der Titelvergabe für Brettspiele oft auf echte Städtenamen zurück. Wir haben uns durch fünf Beispiele gespielt.
Auf der Suche nach Titeln für Spiele war und ist die Verwendung von echten Städtenamen bei Verlagen beliebt. Manchmal ist das tatsächlich sinnvoll, oft hat das Spiel dann aber nicht wirklich viel mit der echten Stadt zu tun. Es gibt Ausnahmen. Einige solche Spiele waren sehr erfolgreich, zum Beispiel «Istanbul», «Die Quacksalber von Quedlinburg» oder «Las Vegas». Andere verschwanden rasch wieder in der Versenkung.
Im heutigen Beitrag beschränken wir uns auf europäische Städte: Die Auswahl besteht aus zwei aktuellen Neuheiten, zwei meiner persönlichen «All-Time-Favourites» und einem ewigen Klassiker. «Brügge» und «Die Fürsten von Florenz» sind leider im Moment nicht in Verlagsprogrammen auf dem Markt. Dank Internet-Suchmaschinen findet man heutzutage aber ja immer irgendwo jemanden, der gerade ein gebrauchtes oder sogar ein ungespieltes Exemplar anbietet, das irgendwo in einem Regal vergessen ging.
Wir müssen neue Fassaden im berühmten Quartier Nyhavn (Neuhafen) in Kopenhagen gestalten, das für seine bunten Giebelhäuser entlang des Wassers berühmt ist. Die Fassaden sollen sich nahtlos in die Hafenkulisse einfügen.
«Tetris» lässt grüssen: Wir wählen Fassadenkarten aus einer offenen Auslage und tauschen sie gegen Fassadenplättchen ein, die verschiedene geometrische Formen haben. Die Plättchen müssen die gleichen Farben wie die abgegebenen Karten haben. Die Grösse des Plättchens entspricht der Anzahl abgegebenen Karten. Dann bauen wir die Fassaden in ein eigenes Spieltableau, das von unten nach oben aufgefüllt werden muss. Für komplett überbaute Reihen und Spalten gibt es zum Schluss Punkte. Reihen und Spalten, die nur aus Fenstern bestehen, geben doppelte Punkte.
Vorbildliche, reich bebilderte Spielregeln. Reichhaltiges, zweckmässiges Spielmaterial. Als Siegpunktemarker dienen kleine Holzfigürchen mit der Silhouette der kleinen Meerjungfrau. Man hat allerdings nie das Gefühl, dass das wirklich etwas mit Kopenhagen zu tun hat.
Alle, die «Tetris» mögen, aber Kartonteile zwischen den Fingern spüren möchten und Lust haben, das gleiche Grundprinzip in Form eines leichten, eingängigen Legespiels abgewandelt im nicht-digitalen Leben anzuwenden.
Legespiel von Daniel Skjold Pedersen und Asger Harding Granerud für 2 bis 4 Spieler ab 8 Jahren, ca. 20 bis 40 min; Verlag: Queen Games, ca. 55 Franken.
Zeitsprung: Die Stadt York soll mit dem Bau mächtiger Mauern vor dem Angriff der «grausamen Wikinger» geschützt werden. Doch alles mauern hilft nichts: Nach der ersten Runde wird die Stadt zerstört und in der zweiten Runde neu errichtet.
Jeder Spieler spielt auf einem eigenen Spielplan. Darauf sind quadratische Felder mit verschiedenen Gebäudearten, Wikingern und Münzen aufgedruckt. Das Spiel geht über zwei Zeitalter: Zu Beginn jedes Zeitalters werden drei Würfel in einen Würfelturm geworfen. Sie zeigen die Anzahl jeder Gebäudeart an, die sich zum Schluss des Zeitalters mindestens in jeder Stadt befinden muss. Ab dann wird jeweils Runde für Runde ein Bauwürfel gewürfelt und alle Spieler müssen Mauerstücke gemäss der auf dem Würfel angezeigten Form auf ihre Spielfläche setzen.
Zusätzlich zu den erforderlichen Gebäuden sollten sich Münzen zum Schluss innerhalb der Stadtmauer und Wikinger, die plündern und Abzug geben, ausserhalb der Mauer befinden. Wer früher fertig ist, erhält mehr Münzen. Wer nach zwei Zeitaltern am meisten Münzen hat, ist Sieger.
Ein dreidimensionaler Würfelturm und 150 kleine Plastik-Mauerstücke. Die Spielpläne sind zwar variabel gestaltbar. In einer Partie haben aber alle Spiele genau den gleichen identischen Stadtplan. Theoretisch könnte man bei den anderen abgucken, das passiert aber kaum, weil jeder konzentriert mit seiner eigenen Bastelei beschäftigt ist.
Taktische Planer, die ein gutes Vorstellungsvermögen haben, eher ein lockeres Spiel suchen, bei dem man aber trotzdem ein bisschen tüfteln muss. Dabei darf man sich durch suboptimale Würfelwürfe in seinem Schöpfungsdrang nicht demotivieren lassen. Wer zudem findet, dass es sowieso zu wenig Mauern auf dieser Welt hat und unbedingt ganz dringend mehr davon errichtet werden sollten, ist hier richtig.
Legespiel von Emiliano «Wentu» Venturini für 2 bis 4 Spieler ab 8 Jahren, Verlag: Cranio Creations/Asmodee; ca. 50 Franken.
Die belgische Hansestadt Brügge ist im 15. Jahrhundert eine der wohlhabendsten Metropolen Europas. Die Spieler schlüpfen in die Rollen von Kaufleuten und konkurrieren um Einfluss, Macht und Status und versuchen, nicht Opfer der Pest, von Überschwemmungen, Bränden oder von Intrigen zu werden.
Karten nachziehen und Karten ausspielen. Jede Karte zeigt einen Einwohner von Brügge und hat sechs (!) verschiedene Funktionen, wie sie ausgespielt werden kann. Nur eine Funktion darf man nutzen, dann ist die Karte verbraucht.
Man kann mit den Karten Häuser oder Kanäle bauen, Bedrohungen abwehren, Geld generieren oder Handwerker anheuern, die zum Bauen oder zum Aktivieren von Spezialfunktionen gebraucht werden. Und dann hat jede Karte noch eine eigene individuelle Spezialfunktion. Die Karten sind unterschiedlich stark, unterschiedlich teuer und unterschiedlich punkteträchtig. Es gibt fast unendlich viele sich verstärkende Kombinationen. Auch die Kartenfarben müssen beachtet werden. Eine Vielzahl von Faktoren ergibt zum Schluss Siegpunkte.
Wunderschöne, atmosphärische Grafik. 165 Karten mit von Michael Menzel völlig individuell gestalteten Porträts von Bewohnern der Stadt, was dem Spiel einen sehr charmanten Touch verleiht. Jeder einzelne Protagonist hat eine eigene Kartenfähigkeit. Reichhaltiges Material, darunter kleine Holzfigürchen.
Erfahrenere Spieler, die es mögen, hochtaktische Entscheidungen zu fällen und ständig im Dilemma zu stehen, welche Kartenfunktion sie benutzen wollen. Man muss aber auch Überraschungen, Schicksalsschläge und einen nicht unerheblichen Glücksfaktor mögen. Der Zufall, welche Karten man in die Hand bekommt, ist trotz aller Taktik sehr hoch. Und die Gegner können mit fiesen Personenfähigkeiten Übles tun, ohne dass man sich dagegen wehren kann.
Taktisches Aufbauspiel von Stefan Feld für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren; ca 60 Minuten. Verlag: Hans im Glück; vergriffen.
In der Blütezeit der Renaissance holen italienische Adelsdynastien wie die Medici oder Strozzi in Florenz Künstler und Gelehrte an ihren Hof und versuchen, für diese ein möglichst stimmiges Umfeld zu schaffen, damit die Gäste grandiose Werke vollbringen.
Haha, und nochmals «Tetris»: Plättchen mit geometrischen Figuren sollen möglichst effizient auf einem eigenen Spielplan angeordnet werden. Die Plättchen, aber auch Baumeister und Gaukler sowie Prestige- und «Abwerbekarten» holt man sich in Versteigerungen. Dann errichtet man Gebäude, holt neue Künstler oder Gelehrte an den Hof und lässt die Gäste Werke vollbringen. Alles was im Adelshaus des Mäzens läuft und herumsteht, beeinflusst die Qualität der Werke. Denn jeder Gast verlangt nach einem spezifischen Umfeld, um sich wohl zu fühlen.
Es braucht nicht nur geeignete Gebäude (der Botaniker will zum Beispiel ein Laboratorium), es müssen je nach Charakter auch Pärke, Seen und Wälder zur Erholung und Inspiration oder Gaukler zur Ablenkung vorhanden sein sowie besondere Privilegien wie Meinungs-, Religions- oder Reisefreiheit geboten werden. Je mehr Künstler und Wissenschafter am Hof anwesend sind, desto positiver beeinflussen sie sich gegenseitig und desto besser werden ihre Werke.
Sehr atmosphärische Grafik. Viel Material. Holzfigürchen. Das Spiel ist beliebt unter Sammlern.
Geübte, erfahrene Spieler, die es lieben, aus einer Vielzahl von unterschiedlichen strategischen Möglichkeiten auszuwählen, sich dabei aber effizient und minimalistisch auf wenige Objekte beschränken müssen. Jeder Spieler kann während einer Partie nur genau sieben Mal ein Objekt ersteigern und vierzehn Mal eine Aktion ausführen. Eine Mischung aus extremer Interaktion durch die Versteigerungen und stillem Basteln an seinem Fürstentum.
Versteigerungs- und Aufbauspiel von Richard Ulrich und Wolfgang Kramer für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren; ca. 75 bis 100 min. Verlag: Alea (Ravensburger); vergriffen.
Keine geringere Aufgabe als eine neue Welt zu erschaffen. Der Autor wurde zum Spiel durch die mittelalterliche, verwinkelte Festungsanlage der südfranzösischen Stadt Carcasssonne inspiriert.
Wir bauen Landschaften, Strassen, Klöster und Städte aus quadratischen Plättchen und setzen unsere Figürchen als Ritter, Wegelagerer, Mönche und Bauern ein, um Siegpunkte zu ergattern.
Millionenfach verkauft, trotzdem treffe ich immer wieder auf spielende Leute, die es nicht kennen (nebenbei bemerkt: ich hätte es vor Jahren auch nie für möglich gehalten, dass viele jüngeren Leute, die heutzutage meine Spielrunden besuchen, keine Ahnung haben, wer John Wayne war, ist aber so). «Carcassonne» wurde 2001 «Spiel des Jahres», begründete eine grosse Spielefamilie mit vielen verschiedenen Titeln, zu der nach wie vor regelmässig neue, eigenständige Spiele und Erweiterungen erscheinen. Das Spiel lancierte auch die speziell geformten hölzernen Spielfiguren, die später unter dem Namen «Meeple» weltbekannt wurden.
Alle und jeden.
Legespiel von Klaus-Jürgen Wrede für 2 bis 5 Spieler ab 7 Jahren; ca. 35 min; Verlag: Hans im Glück; ca. 30 Franken.