Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/1820

Tutorial: Dezimensatz - contrapunto de dezenas
Drei- und vierstimmige Improvisation mit Dezimen in den Aussenstimmen.
Historische Einführung
Wenn mehrere Kontrapunktisten gleichzeitig zu einem Choral improvisieren, dann stellt sich die Frage nach der Koordination der Stimmen untereinander. Denn selbst wenn jeder regelkonform zum Choral improvisiert, können sich unerwünschte Dissonanzen oder Parallelen zwischen den improvisierenden Sängern ergeben.
Im Laufe der Musikgeschichte haben sich verschiedene Techniken und Strategien entwickelt, um mit der Koordinationsfrage umzugehen. Eine Lösung, die im 16. und 17. Jahrhundert beliebt war, ist der Dezimensatz oder Contrapunto de Dezenas, bei dem die Oberstimme konsequent in Dezimen zum Choral (im Bass) singt. Die Mittelstimme kann dadurch Probleme mit der Oberstimme vermeiden und hat zugleich ein Gestaltungsspielraum.
Der Dezimensatz ist anspruchsvoller als manche populäre Improvisationstechniken, die auch von Laien praktiziert wurden. Dennoch stellte er im Vergleich zum ehrgeizigen Contrapunto concertado (siehe Tutorial dazu) eine Art "Notlösung". In den Worten von Pedro Cerone:
"Bemerken Sie, dass man manchmal aus Mangel an Sängern, die kontrapunktieren können, folgenden dreistimmigen Kontrapunkt zu machen pflegt: Der Sopran singt immer in Dezimen zum Choral, [...]. Und auch wenn einige solche Art von Kontrapunkt wegen den vielen Dezimen nicht ganz mögen, kann man es trotz allem im Notfall so machen, wenn man es nicht besser machen kann. Denn manchmal, in der Not, ist das Roggen- oder Hirsebrot, das man hat, viel besser und schmackhafter, als das Weizenbrot, das man nicht haben kann." Cerone 1613, S. 593
Quellen, die den Dezimensatz beschreiben oder hilfreiche Information dazu liefern sind:
- Vicente Lusitano: Arte de Contrapunto, c.1550, (Paris, Bibliothèque national de France, Espagnol 219; Ausgabe: Philippe Canguilhem 2013)
- Vicente Lusitano: Introduttione facilissima, et novissima, di canto fermo, figurato, contraponto semplice, et in concerto, Roma 1553
- Pedro Cerone: El Melopeo y Maestro, Napoli 1613
- Pablo Nassarre: Escuela Musica, Segunda Parte, Madrid 1723
Es sei hier noch kurz auf frühere Sorten von Dezimensätzen verwiesen, die in Guilielmus Monachus' De praeceptis artis musicae (c.1480) zu finden sind. In einer Sorte handelt es sich quasi um ein Fauxbourdon mit vertauschten Oberstimmen (durchgehende Quintparallelen!). In der anderen improvisiert man die Aussenstimmen koordiniert in Dezimen ausgehend von einer gegebenen Mittelstimme. Diese Sorten sind nicht Gegenstand dieses Tutorials.
Dreistimmiges Gerüst
Der Contrapunto de dezenas wird meistens mit einem Canto llano (Choral) im Bass praktiziert, auch wenn dieser auch über eine mensurale Melodie improvisiert werden kann (siehe letzten Abschnitt dieses Tutorials). Grundsätzlich wäre es auch möglich, eine gegebene Melodie in der Oberstimme zu nehmen und drunter zu improvisieren.
Wir erklären im Folgenden den Regelfall mit dem Canto llano im Bass in langen Takten (alla breve). Auch wenn Ober- und Mittelstimme gleichzeitig improvisiert werden können, werden wir aus methodischen Gründen zuerst die Oberstimme und dann die Mittelstimme behandeln.
Oberstimme
Die Oberstimme kann entweder einfach Dezimen zum Bass bilden (Puntos llanos), oder den Dezimengerüst diminuieren.
Puntos llanos
Cerone beschreibt den Contrapunto de dezenas so, dass sich die Oberstimme auf Dezimen beschränkt, während die Mittelstimme diminuiert ist.
"Der Sopran singt immer in Dezimen zum Choral, indem er sich den Schlüssel des Canto llano vorstellt, jedoch eine Linie tiefer; so dass jede einfache Note (Punto llano) eine Dezime zum Canto llano ist. Dann soll der Dritte, der den diminuierten Kontrapunkt in der Mittelstimme macht [...]" (Cerone 1613, S. 593)
Man beachte, wie Cerone einen Lesetrick für die Oberstimme gibt: Wenn man sich den Schlüssel des Canto llano eine Linie tiefer vorstellt, dann singt man automatisch eine Terz höher. Da die Oberstimme aber von Knaben (oder Frauen) gesungen wird, klingt das eine Oktave höher, also eine Dezime über den Canto llano.
In diesem Video kann man beobachten, wie man dieses Prinzip über das weihnachtliche Alleluia dies sanctificatus anwendet. Stellt sich die Oberstimme den F-Schlüssel auf der zweiten Linie vor (statt auf der dritten), dann ist ihre erste Note ein E.
Man kann in diesem Beispiel hören, wie die Oberstimme Musica ficta (Akzidenzien) singt, in dem sie über die 4., 5. und 7. Note des Canto llano (G) B statt H singt. Da sie vom A (hier solmisiert als la) einen einzigen Schritt aufwärts und dann abwärts fortschreitet, greift hier die Solmisationsregel, die sagt "una nota supra la semper est canenda fa", was zu einer Halbtonfortschreitung führt. Die 11. Note ist ebenfalls ein G, schreitet aber weiter aufwärts vor. Somit muss die Oberstimme in ein anderes Hexachord wechseln und ein H (mi) singen.
Ein weiterer Fall, wo Musica ficta erforderlich sein kann, ist die Schlusskadenz: Die letzte Note (ultima) muss eine grosse Dezime sein, da die kleine Dezime nicht als "perfekt" (schlussfähig) genug gilt. Resultiert aus der diatonischen Skala eine kleine Dezime, dann soll sie akzidentiell erhöht werden ("picardische Terz"). Bei der ultima einer Binnenkadenz ist die Anwendung dieses Prinzips nicht obligatorisch, aber möglich.
Diminution
Während Cerone eine undiminuierte Oberstimme vorschlägt, zeigt uns Lusitano in seinen Beispielen (c. 1550 und 1553) eine diminuierte Oberstimme. In diesem Video können wir nochmal das Alleluia dies sanctificatus hören, aber mit einer solchen diminuierten Oberstimme.
Um eine gute Fortschreitung der Oberstimme zu sichern, ist es ratsam, Ortizs Empfehlung zu folgen:
"Die vollkommenste Art [zu diminuieren] ist, dass man nach der Glossa (Diminution) noch einmal zur Hauptnote [...] zurückkehrt, bevor man zur nächsten Hauptnote fortschreitet." (Ortiz, Trattado de Glossas, Napoli 1553, Vorwort)
Dadurch bleibt dort, wo der Canto llano von einer Note zur nächsten wechselt, die Intervallfortschreitung in Dezimen erhalten.
Eine Möglichkeit der melodischen Ausgestaltung ist, in der Taktmitte zur Oktave oder zur Duodezime zu gehen und dann noch in der letzten Minima des Taktes zur Dezime zurückzukehren.
Während die Oktave problemlos funktioniert, muss man bei der Duodezime drauf achten, dass die Mittelstimme nicht gleichzeitig zur Sexte geht, sonst ergibt sich eine unerwartete Dissonanz zwischen den beiden Kontrapunktisten.
Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung der Undezime als Vorhalt (Quartvorhalt), wenn die Bedingungen dafür gegeben sind - dies werden wir später bei den Kadenzen behandeln.
Zum Training der Oberstimme (ohne oder mit Diminution) empfehlen wir folgende Übungen:
Mittelstimme
offene Regeln
Cerone erklärt die Improvisation der Mittelstimme wie folgt:
Dann soll der Dritte, der den diminuierten Kontrapunkt in der Mittelstimme macht, beachten, dass er nie zwei imperfekte Konsonanzen gleicher Art hintereinander macht, ohne dass eine andere Konsonanz dazwischen ist, sei sie perfekt oder imperfekt. Denn wenn er mit der Unterstimme zwei Terzen macht, wird er mit der Oberstimme zwei Oktaven machen; und wenn er mit der Unterstimme zwei, drei oder mehr Sexten macht, wird er genauso viele Quinten mit der Oberstimme machen. (Cerone 1613, S. 593)
Anders gesagt: Die Mittelstimme kann alle Konsonanzen nehmen (3, 5, 6 und 8), kann aber keine davon parallel zum Bass bewegen - auch nicht die imperfekten Konsonanzen, die verbotenen Parallelen zur Oberstimme bilden (Terzen zum Bass ergeben Oktaven zur Oberstimme, Sexten zum Bass ergeben Quinten).
Auch Parallelbewegungen mit verschiedenen Intervallen sind problematisch, denn sie ergeben verdeckte Parallelen (zum Bass oder zur Oberstimme). Daraus folgt, dass die Mittelstimme stets in Gegen- oder Seitenbewegung fortschreiten soll.
systematischer Gebrauch von 8 und 5
Im Prinzip hat also die Mittelstimme (unter Beachtung des Parallelenverbots) die Wahl zwischen vier möglichen Konsonanzen. Erfahrungsgemäss ist es aber am Anfang nicht einfach, mit dieser "Qual der Wahl" zurecht zu kommen. Es hat sich als hilfreich erwiesen, eine bestimmte Standardlösung zu haben.
Eine solche Standardlösung finden wir bei Nassarre, der Grundregeln für die Stimmführung in der Dreistimmigkeit erklärt. Er unterschiedet je nachdem, ob der Bass kleinere Bewegungen (Sekunden, Terzen) oder grössere Sprünge (Quarten, Quinten) macht. Für die kleineren Fortschreitungen schreibt er:
„Schreitet der Canto Llano eine Sekunde oder eine Terz aufwärts, dann ist die gewöhnliche Disposition, dass die Oktave zur Quinte und die Dezime zur Dezime geht. [...] Bewegt sich der Canto llano eine Sekunde oder eine Terz abwärts, dann geht die Quinte zur Oktave und die Dezime zur Dezime." (Nassarre 1723, S. 232)
Für Sekund- und Terzfortschreirungen des Canto llano (die sowieso die gewöhnlicheren sind) bewegt sich also eine Stimme immer in Dezimen. Die andere Stimme kombiniert Quinten und Oktaven je nach Bewegungsrichtung des Canto llano:
- bei aufsteigendem Canto llano geht die Mittelstimme abwärts von der Oktave zur Quinte
- bei absteigendem Canto llano geht die Mittelstimme aufwärts von der Quinte zur Oktave
Wechselt der Canto llano ständig die Richtung (quasi zig-zag-artig), so ist der Ankunftsintervall beim neuen Ton automatisch der Ausgangspunkt der nächsten Fortschreitung. Dies kann man mit folgender Übung trainieren:
Geht der Canto llano mehrmals hintereinander aufwärts, so muss die Mittelstimme mitten im Takt immer wieder zur Oktave wechseln, um zum nächsten Taktanfang die Quinte wieder abwärts (=Gegenbewegung) anzusteuern. Dasselbe gilt entsprechend abwärts: man wechselt während des Taktes zur Quinte, um die nächste Oktave aufwärts zu erreichen.
Es empfehlt sich, solche Fortschreitungen über den Hexachord zu üben.
Danach kann man dieses Prinzip mit "echten" Cantos llanos üben, so dass die verschiedenen Fortschreitungsmöglichkeiten durchmischt sind: