Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/1797

Der Stand Zürich war noch im 14. Jahrhundert praktisch ein Stadtstaat, d.h. eine Stadt ohne Landbesitz. Als Zürich 1351 dem eidgenössischen Bund beitrat, verzichtete es keineswegs auf eine eigenständige Politik. Weiterhin konnte die Stadt Bündnisse abschliessen und ihr Territorium erweitern. Auch die andern Bündnispartner verzichteten keineswegs auf ihre Eigenständigkeit. Vielmehr fühlten sie sich durch das Bündnis gestärkt, ihre meist eigennützige Politik zu betreiben.
Zürich versuchte seit 1300 seinen Einfluss auszudehnen, z.B. durch den Erwerb der Herrschaft Höngg und des Sihlwaldes. Im 15. Jahrhundert entwikkelte sich die Stadt — wie die übrigen eidgenössischen Orte — zu einem Territorialstaat. Es erwarb die Herrschaften Greifensee, Grüningen, Bülach, Regensberg und Andelfingen. Im Gefolge der Eroberung des Aargaus von 1415 kam das Knonauer Amt an die Stadt. Und mit dem Erwerb der Grafschaft Kyburg verschaffte sich Zürich 1424 die beherrschende Position im Osten der damaligen Eidgenossenschaft.
In den Streitigkeiten um das toggenburgische Erbe kam es zum erbitterten Streit mit den Bündnisgenossen, zum Alten Zürichkrieg. Das Zürcher Zweckbündnis mit den Habsburgern konnte die Niederlage nicht abwenden. Immerhin zogen die Eidgenossen aus diesem Konflikt die Lehre, künftig zu verhandeln und nicht gleich loszuschlagen. Diese Absicht spielte in den beiden Kappeler Kriegen eine Rolle.
Zürich beteiligte sich zusammen mit andern Orten aktiv am Erwerb von gemeinsamem Untertanengebiet, so z.B. bei der Eroberung des Thurgaus. Daneben ging die Stadt weiterhin selbständig auf Gebietserwerb aus und gewann die Herrschaft Stammheim und die Stadt Winterthur dazu. Damit hatte die Expansionslust Zürichs ihre realen Grenzen erreicht. Mit den Erwerbungen wuchs zwar die abhängige Bevölkerung erheblich an, der abzuschöpfende Gewinn blieb aber klein.
Seit 1336 bestimmten die zwölf Zünfte und die Gesellschaft zur Konstaffel die Zürcher Politik. Der Grosse und der Kleine Rat lenkten das politische Geschehen. Auf dem Land setzten die von der Stadt gewählten Landvögte die Interessen der Stadt durch.
Als Zwingli das Amt eines Leutpriesters am Grossmünster antrat, zählte Zürich nur rund 5'000 Einwohner. Infolge der verschiedenen Konflikte hatte es mehrere Absatzmärkte verloren. Der einst blühende Seidenhandel des 14. Jahrhundert war zusammen- gebrochen, und die noch vor wenigen Jahrzehnten blühende Handelsstadt war zu provinzieller Bedeutung verkommen. Das wird dann augenfällig, wenn man die Bevölkerungszahl von Zürich mit den 9'000 Einwohnern Basels vergleicht. Spätestens um 1521 war Zürich politisch isoliert, wirtschaftlich und kulturell schon Jahre vorher im Hintertreffen.