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(der folgende Text ist eine leicht gekürzte Fassung der Anmerkungen von Beat W. Zemp)
Anlässlich einer internationalen Vergleichsstudie zur Ausbildungsqualität angehender Lehrpersonen im Fach Mathematik ist mir plötzlich bewusst geworden, dass ich in den letzten 20 Jahren keine einzige Studie über das Schulfach Musik oder den Ausbildungsstand der Musiklehrpersonen an den Primar- und Sekundarschulen gesehen habe. […] Die Ergebnisse für die Schweiz wären mit Sicherheit nicht so erfreulich ausgefallen wie im Fach Mathematik. Wie schwach die Stellung des Schulfachs Musik ist, sieht man auch daran, dass es im Fach Musik keine Bildungsstandards oder Minimalkompetenzen gibt. Und ich bin mir sicher, dass es diese Standards auch in fünf Jahren noch nicht geben wird, wenn wir hier nicht Druck aufsetzen.
Sie können nehmen, was Sie wollen: PISA, Klassencockpit, Stellwerk, Multicheck oder die Bildungsstandards der EDK – überall werden immer die gleichen vier Fächer evaluiert: Mathematik und Naturwissenschaften, die Unterrichtssprache und die erste oder zweite Fremdsprache. That’s it! Das ist kein Zufall, sondern hat etwas mit dem Stellenwert des Faches Musik im Lehrplan zu tun: Musik gehört zu den «phil. III»-Fächern (also zu den Kunstfächern) und ist damit ein Randfach, ein «nice to have»-, aber nicht ein «must have»-Fach! Lehrpersonen in diesen Fächern sind sogar auf der Sekundarstufe II oft doppelt diskriminiert: Sie verdienen deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in den sogenannten wissenschaftlichen Fächern und sie haben zudem auch noch ein höheres Pflichtpensum.
Es ist schon eigenartig: Während in den Medien und im gesellschaftlichen Leben Musik, Kunst, Design und Sport einen enormen Stellenwert haben, spielen diese Fächer im Bildungswesen nur die zweite Geige. Schuld daran ist der historische Fehler, Schulfächer in Haupt- und Nebenfächer aufzuteilen, wobei die Hauptfächer für die beruflichen Kompetenzen wichtig sind und die Nebenfächer quasi nur das «Supplement» bilden.
Bildung lässt sich aber nicht in Einzelteile zerlegen. Und Bildung ist mehr als das, was man in ein paar Mathematiklektionen oder im Sprachunterricht vermittelt bekommt (und das sage ich als Mathematiklehrer). Am meisten habe ich am Gymnasium von meinem Latein- und Philosophielehrer und von meinem Musiklehrer fürs Leben gelernt. Sie haben mir ganze Kulturbereiche neu erschlossen, die mein Leben ungemein bereichern.
Was wäre das Leben ohne Musik? Ohne Kunst und Design? Ohne Sport, Spiel und Bewegung? Ohne Kulinarik und die Lust in fremde Kulturen einzutauchen? Solche Sitzungskaskaden, wie wir sie hier alle aushalten müssen, sind ja nur halbwegs erträglich, weil wir danach noch andere Dinge tun können, die unser Leben bereichern. Und diese Regeneration der Seele und des Körpers ist es, die uns dann wieder fit für die geistige Arbeit macht. Und jetzt betrachten Sie mal bitte das Ganze aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen: Lernen in der Schule ist nicht immer nur Spass. Da ist auch viel geistig anstrengende Arbeit dabei. Und daher brauchen Schülerinnen und Schüler einen genügenden Ausgleich auf der seelischen und körperlichen Ebene. Die Volksinitiative «jugend + musik» setzt sich für diesen dringend nötigen Ausgleich ein. Deshalb unterstützen wir sie.
Pestalozzi hat es mit seinem Leitsatz, dass Kopf, Herz und Hand gleichwertig gebildet werden müssen, einprägsam formuliert. Er hat aber auch gesagt: «Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, sondern nur mit sich selbst». Es gibt nämlich Schülerinnen und Schüler, die lieber Sport als Musik machen und solche, die mit Sport nur sehr wenig anfangen können, dafür aber möglichst viel musizieren wollen.
Wie auch immer: In der Zeit, in welcher Kinder und Jugendliche musizieren, Sport treiben oder sonst ein Hobby intensiv ausüben, machen sie nichts Dümmeres, konsumieren keine Drogen, spielen keine Killergames und schauen sich keine gewaltverherrlichenden Brutalos oder Pornos an.
Daher ist es wichtig, dass wir auch in der Schule diese teambildenden und sozial integrierenden «phil. III-Fächer» pflegen und nicht als Randfächer verkümmern lassen. Denn viele Schülerinnen und Schüler kommen nur dank diesen Schulfächern überhaupt in Kontakt mit solchen für ihre seelische, körperliche und soziale Entwicklung wichtigen Lerngelegenheiten. Ich appelliere daher an Sie: Stärken Sie für einmal die «Herz- und Handdimension» der Schülerinnen und Schüler durch eine Verbesserung des Musikunterrichts. Denn davon wird letztlich auch der Kopf profitieren!
Die Wiedergabe der obenstehenden Ausführungen wurde von Beat W. Zemp autorisiert.
Nachtrag: Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK-N) hat an ihrer Sitzung vom 20. Mai beschlossen, dem Parlament vorzuschlagen, die Volksinitiative «jugend + musik» – entgegen der Haltung des Bundesrates –Volk und Ständen zur Annahme zu empfehlen.
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