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1.1 Frühere Versicherungen gaben wieder auf
Die ersten schriftlichen Berichte über Hagel liegen ab 1277 vor. Vom 6. August 1576 wird von riesigen Schäden im ganzen Mittelland berichtet. Im 20. Jahrhundert gelten der 26. August 1971 und der 21. Juli 1992 als schlimme Tage. Im alten Testament zählte Hagel zu den Plagen, die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen interpretierten Hagel als göttliche Strafe – kein Wunder also, dass ein Hagelbrauchtum, wie das Läuten der Kirchenglocken oder Prozessionen, entstehen konnte.
Von Geldsorgen in der Landwirtschaft im Anschluss an Hagelwetter ist in Geschichtsbüchern und Erzählungen öfters die Rede. Damals wurden nach Unwettern Sammlungen veranstaltet. Diese bedeuteten für die Geschädigten aber nicht mehr als einen finanziellen Zustupf. Besonders wenn es sich nicht um ein regionales Ereignis handelte, sondern grössere Gebiete in Mitleidenschaft gezogen wurden, vermochten die gesammelten Beträge die entstandenen Schäden bei weitem nicht zu decken.
Eine erste geregelte Deckung von Hagelschäden erfolgte durch die vom Finanzrat 1818 in der Ajoie geschaffene Hilfskasse: Der mit der Grundbesitzsteuer erhobene Zuschlag diente zur Deckung von 10 Prozent der festgestellten Hagelschäden. Im Kanton Bern wurde 1825 nach einem schweren Hagelwetter im Vorjahr eine Hagelassekuranz gegründet, welcher sich Bauern aus 11 weiteren Kantonen anschlossen. Diese "Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft für Hagelschäden", wie sie später hiess, musste Ende der Fünfzigerjahre die Tätigkeit wieder einstellen: Die Versicherten hatten infolge der häufigen Kürzungen der Entschädigungen das Vertrauen in die Versicherung verloren. Auch den verschiedenen lokalen Kassen, welche in den dreissiger Jahren entstanden, war kein Erfolg beschieden.
Um die Jahrhundertmitte begannen verschiedene ausländische Gesellschaften in der Schweiz zu arbeiten, die sich mit Ausnahme der "Magdeburger" aber bald wieder zurückzogen; die Magdeburger gab 1887 den Versicherungsbetrieb ebenfalls wieder auf. Auch die kantonale Hagelversicherungsanstalt des Kantons Waadt, die 1929 ins Leben gerufen wurde, stellte 1943 ihre Tätigkeit wieder ein. Doch stellte sie in der Zwischenzeit eine ernsthafte Konkurrenz zur damals bereits bestehenden Schweizerischen Hagel-Versicherungs-Gesellschaft dar.
1.2 Die Gründung der heutigen Schweizer Hagel
Am 1. August 1875 trafen sich in Schlieren ZH etwa 50 Landwirte, um über die Gründung einer Hagelversicherung zu diskutieren. Fünf Jahre später, am 4. April 1880, nahm die Schweizerische Hagel-Versicherungs-Gesellschaft als Selbsthilfeorganisation der Landwirtschaft und Gärtner ihren Betrieb auf. Angestrebt wurden risikogerechte Prämien, wozu eine detaillierte Hagelstatistik benötigt wurde. Ein Reservefonds, um die verschiedenen Ergebnisse auszugleichen, wurde ebenfalls errichtet. Der Verwaltungsrat war zudem ermächtigt, Rückversicherungsverträge zum Schutz der Reserven abzuschliessen. Um eine möglichst grosse Risikoverteilung zu erlangen, umfasste das Geschäftsgebiet auch das benachbarte Ausland. 1883 wurde das Auslandgeschäft wegen der hohen Kosten jedoch wieder eingestellt.
Der Beginn verlief alles andere als rosig: 1881, im ersten Versicherungsjahr hagelte es dermassen stark, dass die Prämien nicht einmal zur Vergütung der Hälfte der Schäden ausreichte. Ein Nachschuss von 200 Prozent musste erhoben werden; die Aufnahme eines Bankkredits von 180,000 Franken unter solidarischer Bürgschaft des Verwaltungsrats und des Direktors ermöglichten die rechtzeitige Auszahlung der Entschädigungen. Jedoch kam bereits 1885 erneut ein Katastrophenjahr; der Schadenverlauf war unbefriedigend und das Fortbestehen der Gesellschaft schien zeitweise in Frage gestellt. Die Hagelgefahr war zu optimistisch beurteilt und die Verwaltungskosten waren nicht berücksichtigt worden. Verschiedene Sanierungsmassnahmen wie die Änderung des Selbstbehalts, das Festlegen eines "Flurmaximums", und so weiter, wurden vorgenommen, was einen Rückgang des Versicherungsinteresses der Landwirte zur Folge hatte.
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Entwicklung der Schweizer Hagel in absoluten Zahlen. Quelle: Schweizer Hagel
1.3 Beiträge von Bund und Kantonen
Dies veranlasste interessierte Kreise, Kantone und Bund um eine Beteiligung an der Prämie anzugehen. Ein Gutachten betreffend Förderung der Landwirtschaft, das vom Bundesrat in Auftrag gegeben wurde, schlug vor, der Schweizerischen Hagel-Versicherungs-Gesellschaft ein Darlehen von 500,000 Franken zur Bildung eines Reservefonds zu gewähren. Dies scheiterte aber an verfassungsmässigen Gegebenheiten. In zahlreichen Gesuchen, Memoranden und Motionen wurde jedoch immer wieder auf eine Beteiligung an der Prämie durch den Staat gepocht. Durch einen Bundesbeschluss im Jahr 1898 wurden erstmals Prämienbeiträge gewährt; die Kantone hatten einen Beitrag in gleicher Höhe zu leisten. Mit der Einführung dieser Beiträge entfielen die früher recht häufigen Hilfsaktionen zugunsten der Geschädigten. Immer mehr Landwirte versicherten sich in der Folge.
Die starke Zunahme der Preise für landwirtschaftliche Produkte und der Anbauzwang währen der Weltkriege steigerte das Bedürfnis nach einer entsprechenden Deckung und der Versicherungsbestand vergrösserte sich. Ab den Siebzigerjahren wurde die Ackerfläche wieder verkleinert, was sich auch auf die Hagelversicherung auswirkte: Zwar stiegen die Versicherungssummen aufgrund der steigenden Produktepreise noch rasant an, aber die Anzahl Versicherter nahm stetig ab. Aus Spargründen strich der Bund 1967 die Beiträge an die Hagelversicherung und mit der Zeit stiegen nach und nach verschiedene Kantone ebenfalls aus. Heute werden noch in den Kantonen Appenzell Innerrhoden, Basel- Landschaft, Nidwalden, Schwyz, Zug und im Fürstentum Liechtenstein Prämienbeihilfen ausgerichtet.
Im letzten Herbst forderte der Schweizerische Bauernverband SBV, dass die Prämien für die Versicherungen gegen Hagel- und andere Elementarschäden wieder durch den Bund zu verbilligen seien. So könnte die Gefahr gebannt werden, dass immer mehr Landwirte infolge des enormen Kostendrucks auf den Abschluss solcher Versicherungen verzichteten und damit bei einem Hagelschlag oder anderen Elementarereignissen vor einer finanziellen Katastrophe stehen.
1.4 Die neue Agrarpolitik
Durch die Diversifizierung der Landwirtschaftsbetriebe in früheren Jahren ergab sich eine Risikominimierung. Ein Unglück kam meistens allein und eine Kultur blieb davon sicher verschont. Doch in der heutigen Zeit haben sich die Betriebe spezialisiert, zum Beispiel auf Getreideanbau in der Westschweiz oder den Obstanbau in der Ostschweiz. Ein Hagelunwetter zur falschen Zeit kann da schon verheerende Ausmasse annehmen.
Der Umbau der Agrarpolitik in den Neunzigerjahren mit der Trennung der Preis- und der Einkommenspolitik machte sich für die Hagelversicherung stark bemerkbar. Die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte nahmen ständig ab – und sie tun es weiterhin. Mit dem sinkenden Ertrag aus dem Verkauf der Produkte reduzieren sich auch die versicherten Werte und Prämien. Bei verschiedenen Produkten, beispielsweise beim Wein, ergaben sich infolge eines erleichterten Importes Absatzprobleme, was ebenfalls zu einem Preisdruck führte. Im Gartenbau dagegen führten die vermehrten Investitionen in moderne Produktionstechniken zu einem erhöhten Versicherungsbedürfnis.
Im Ackerbau sind drei Viertel der offenen Ackerfläche versichert; während das Getreide seit jeher in Deckung gegeben wurde, konnte der Anteil von Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben erhöht werden. Im Weinbau (ausser Wallis und Tessin) sind gegen 73 Prozent der Fläche versichert; 1980 waren es jedoch gut 10 Prozent mehr. Die teilweise schlechten Preise für die Trauben veranlassten manchen Betrieb, auf den Abschluss einer Versicherung zu verzichten. Im Obstbau (ausser Wallis) ist gut die Hälfte der Produktion versichert; beim Tabak liegt der Anteil der versicherten Fläche bei 91 Prozent. Für Frostschäden an Wein und an Aprikosen im Wallis werden separate Versicherungen abgeschlossen.
1.5 Geografische Besonderheiten
Das Wallis ist topografisch ein hagelarmes Gebiet, und deshalb gibt es dort wenig Versicherte. Im französischen Teil, wo Reben und Aprikosen angebaut werden, finden sich hingegen mehr Versicherte; die Aprikosen sind hauptsächlich gegen Frost versichert. Im Gegensatz dazu ist das Tessin ein hagelintensives Gebiet, vor allem der Süden. Von der Struktur her wird die Landwirtschaft dort auf kleinparzellierten Flächen betrieben. Diese verzettelten Parzellen bieten einen gewissen Schutz, dass von durch ein Hagelunwetter nicht die ganze Fläche eines Betriebs zerstört wird. Deshalb finden sich im Tessin ebenfalls wenig Versicherte. Auch im Bündnerland ist mit wenig Hagel zu rechnen.
1.6 Nicht nur Hagel ist versichert
Versichert werden alle landwirtschaftlichen Kulturen wie Getreide, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und andere, der Gartenbau (Gemüse und Blumen), die Reben, das Obst und das Gras. Ausser Hagel, welcher das Hauptrisiko darstellt, sind Überschwemmungen, Abschwemmungen, Übersarrungen, Blitzschlag, Brand, Erdbeben und Erdrutsch gedeckt; bei einigen Kulturen ausserdem das Sturm- bzw. das Schneedruckrisiko sowie der Frost beim Wein. Übersarrung ist ein altes Wort und beinhaltet Geröll (grosse Steine, Felsbrocken), Schlamm und was sonst noch mitgerissen wurde (z.B. Gerätschaften etc.). Ausser dem Kulturschaden sind auch noch eventuelle Wiederherstellungskosten als Folge eines versicherten Schadenereignisses gedeckt – sofern sie mindestens 500 Franken pro Schaden und Versicherten erreichen.
Bei der Prämienberechnung werden die Schadenempfindlichkeit der Kultur, die Schadengefahr in der Region und die Schadenhäufigkeit beim einzelnen Betrieb berücksichtigt. So zahlt jeder Betrieb die Prämie, die seinem Risiko entspricht. Die Schweiz – vor allem der Jura, die Zentralschweiz und das Tessin – zählt zu den hagel- und elementarschadengefährdetsten Ländern Europas.
Die Beurteilung der Schäden erfolgt durch Landwirte, also Berufskollegen. Den Experten stehen Richtlinien zur Verfügung, die in wissenschaftlichen Versuchen in Zusammenarbeit mit den Eidgenössischen Versuchsanstalten ausgearbeitet wurden. Bei Meinungsverschiedenheiten steht ein einfaches und kostengünstiges Rekursverfahren zur Verfügung.
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Hagelhäufigkeit in der Schweiz. Quelle: Schweizer Hagel
1.7 Auch im Ausland tätig
Die Schweizer Hagel ist auch im Ausland tätig: Seit 1993 in Frankreich und seit Anfang dieses Jahres auch in Mailand, Italien. Es handelt sich dabei um Filialen, bei denen den örtlichen Verhältnissen und den Erfahrungen der Schweizer Hagel Rechnung getragen wird. Mittelfristig müssen die Geschäfte im Ausland mindestens selbsttragend sein.