Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03584.jsonl.gz/1003

Spätestens nach dem aktuellen Hochwasser scheint die Bezeichnung „Jahrhundertflut“ unpassend: Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte gab es in der Schweiz und ihren Nachbarländern einige „Jahrhundert“- oder sogar „Jahrtausend“-Wetterereignisse. Damit wurden innert kürzester Zeit alle Rekorde seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen wiederholt gebrochen! Extreme Wetterlagen nehmen statistisch auch auf globalem Niveau seit Jahrzehnten eindeutig zu, so z.B. auch die sogenannte „Fünf-B-Lage“, die das aktuelle Hochwasser in Europa verursachte. Die Jahre 2000 – 2011 gingen als Dekade der extremen Wetterverhältnisse in die Geschichte ein (siehe Wissenschaftsartikel A decade of weather extremes). 2011 galt sogar als globales Rekordjahr der Naturkatastrophen: Nie zuvor waren mehr Schäden durch Naturereignisse zu beklagen als in diesem Jahr. In Mitteleuropa beispielsweise nahmen in dieser Zeit die durchschnittliche Temperatur, ebenso wie die Luftfeuchtigkeit zu, was zu höheren Kondensationsmengen und vermehrten Niederschlägen führte. Zudem treten extreme Wetterverhältnisse häufiger und stärker auf.
Trotz harten Fakten, welche diese Entwicklungen belegen, wird der Zusammenhang zwischen den Extremereignissen und einem weitgehend menschgemachten Klimawandel noch immer vielerorts geleugnet. So trauen viele Menschen nach dem langen Winter und dem nass-kalten Frühling 2013 der „Geschichte“ um den Klimawandel nicht mehr recht – schliesslich sollte das Klima gemäss Prognosen trockener und wärmer, statt feuchter und kälter werden. Diese Sichtweise ist kurzsichtig, da sie weder den längerfristigen Klimatrend, noch das Wetter in anderen Weltregionen berücksichtigt. So lagen die Temperaturen im Frühjahr 2013 auf der gesamten Nordhalbkugel durchschnittlich 0,6 Grad über der Normale – trotz der unglücklichen Wetterlage in Mitteleuropa.
"Wir führen ein gewaltiges Experiment mit unserem Planeten aus, welches unserer alltäglichen Lebenspraxis komplett widerspricht. Kein Mensch würde in ein Flugzeug steigen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent abstürzt…"
Mojib Latif, Professor für Meteorologie
Die globale Erwärmungstendenz stagniert zurzeit (auf einem hohen Niveau), doch die Konzentration der Treibhausgase in der Erdatmosphäre steigt unaufhörlich an. Die präzisen längerfristigen Folgen sind tatsächlich ungewiss, es ist aber unbestritten, dass Treibhausgase die Atmosphäre erwärmen und dass die äusserst komplexen Klimasysteme der Erde aus dem Gleichgewicht geraten. Beispielsweise führen wärmere Lufttemperaturen grundsätzlich dazu, dass die Luft mehr Wasser aufnehmen kann und die Niederschläge dementsprechend stärker ausfallen. Dieses einfache physikalische Gesetz erhöht Niederschlagsmengen und fördert somit Extremereignisse wie Hochwasser und Überschwemmungen. Übernässte Böden geraten aus dem Gleichgewicht und gleiten als Murgänge die Talflanken hinab.
„Wir führen ein gewaltiges Experiment mit unserem Planeten aus, welches unserer alltäglichen Lebenspraxis komplett widerspricht. Kein Mensch würde in ein Flugzeug steigen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent abstürzt“ betont der Meteorologe Mojib Latif. Klimaschutzmassnahmen drängen sich auf. Diese verursachen zwar hohe Kosten, ebenso wie die Hochwasserschutz-Vorkehrungen. Die Prävention wäre aber allemal sinnvoller als die für die Behebung der Schäden notwendigen Milliarden-Investitionen.
Weiterführende Infos
TV-Sendung 'Hart aber Fair': Die Flut in Deutschland - Nur Laune oder Rache der Natur? 3. Juni 2013
Wissenschaftlicher Artikel zu den Wetterextremen der letzten Dekade. Dim Coumou, Stefan Rahmstor: "A decade of weather extremes", März 2012 (En)