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Fortschritte in der Kartographie
Begleitwort zu der Karte der Kurfirsten-Säntisgruppe ' ).
Von Professor F. Becker, Ingenieur ( Sektion Tödi ).
Im Band XXIV des Jahrbuches des S.A.C. vom Jahre 18881889 ist eine kleine Abhandlung über „ Neuere Bestrebungen auf dem Gebiete der Kartographie " erschienen, als Erläuterung zu der jenem Jahrbuche beigegebenen Karte des Kantons Glarus.
Diese Karte, die nicht als eigentlich neue Arbeit an und für sich, sondern nur als eine Neubearbeitung der bereits vorhandenen Karte des Kantons Glarus von Dr. M. Ziegler herausgegeben wurde, sollte dartun, wie in der Kartographie Fortschritte anzubahnen und zu verwirklichen wären, und zwar speziell in bezug auf die Ausbildung der graphischen Darstellung unter Beiziehung der Mittel der Kunst. Schon Ziegler hatte versucht, seinem geometrischen Kartenbilde durch eine weitere zeichnerisch-plastische Ausführung mehr Naturähnlichkeit und damit unmittelbarere Wirkung zu verleihen. Es fehlten ihm aber noch die Mittel dazu, einmal die entsprechend ausgebildeten Kartographen und dann namentlich auch die geeigneten Reproduktionsverfahren; die Chromolithographie, die heute so entwickelt ist, stand damals noch zurück. Die plastische Zeichnung, als Schattierung der Hänge nach irgend einem Systeme der Beleuchtung, mußte in einem rauhen Kreidetone, als sogenannte Schummerung, gegeben werden, worunter die Sauberkeit und Klarheit der Strichzeichnung litt, während man ja eigentlich durch die Tonbehandlung die Kartenzeichnung verbessern wollte. Nach dem mangelhaften Erfolge mit der Schummerung kam Ziegler in einer zweiten Ausgabe der Karte wieder auf die Schraffen zurück, ersetzte also die Kreidetöne wieder durch eine Strichzeichnung; das war wohl eine technische Verbesserung, aber im Prinzip wieder ein Rückschritt. Die Lösung mußte doch in der Weise gesucht werden, daß im kartographischen Bilde durch Strichzeichnung gegeben wird, was durch Striche dargestellt werden kann und muß, daß aber eine weitere plastische Ausführung als Unterlage und Verbindung, wie als Scheidung der Strichzeichnung durch ein anderes Mittel, durch Töne erreicht werden sollte, die aber so klar sind, daß sie die Strichzeichnung nicht verwischen und schädigen, sondern im Gegenteil heben und erst recht zur Geltung kommen lassen. Man denke hierbei an die Verdeutlichung und Markierung des Horizontaihurvenbüdes durch die diese Kurven zusammenbindenden und -ordnenden sogenannten Relieftöne.
Ferner schwankte man zu Zieglers Zeiten noch unsicher hin und her zwischen der sogenannten senkrechten und der schiefen Beleuchtung. Auch darüber hat sich allmählich eine Abklärung vollzogen, indem sich, wenigstens bei uns, die Anschauung durchbrach, daß man im Kartenbilde soviel als möglich die Natur nachzuahmen und, wo es angeht, natürliche Mittel anzuwenden habe, da es in der Karte noch genug Dinge gibt, wo zu künstlichen oder unnatürlichen Mitteln gegriffen werden muß.
Die Bestrebungen derjenigen, welche Zieglers große Gesichtspunkte in der Kartographie aufnahmen, im oben angeführten Sinne das Kartenbild weiter auszugestalten, daß die Karte unbeschadet ihres mathematisch-geometrischen Charakters als Abbild des Landes mehr Naturwahrheit und unmittelbare Vergleichsfähigkeit erhalte, mußten also dahin gehen, einmal das Original der Karte zeichnerisch-malerisch vollkommener auszugestalten und dann nach Reproduktionsverfahren zu suchen, welche geeignet waren, das Original vollkommener wiederzugeben. Diese Bestrebungen verwirklichen zu helfen, boten sich der Nachfolger Zieglers, Joh. Randegger, und der Verfasser dieser Zeilen die Hand, und Redaktion und Verlag des Jahrbuches unter Beihülfe der Zentralkasse ermöglichten die Ausführung des Versuches, der von nachhaltigem Einflüsse sein sollte.
Die neue Karte des Kantons Glarus, als sogenannte Reliefkarte in der Natur entsprechenden Tönen, erregte um so mehr Aufsehen, als ihre Herausgabe in eine Zeit fiel, da man noch lebhaft darüber diskutierte, ob die Karte nicht nur eine Grundrißdarstellung des betreffenden Landes oder Landesteiles sein soll, sondern auch ein Bild desselben, eine Oberansicht. Die einen suchten in der Karte mehr ein wissenschaftliches, statistisches Bild, eine geometrische Darstellung der Formengestaltung zunächst der Grundrißentfaltung nach, dann auch, in mehr abstrakter Weise, nach der Höhe zu; die andern sagten, die Karte soll auch ein natürliches Bild geben, denn sie soll uns die Darstellung der Natur bieten, und das kann sie um so mehr, je direkter wir im Kartenbild das Naturbild wiedererkennen und je unmittelbarer wir umgekehrt aus dem Kartenbilde das Naturbild herauslesen können, was ja doch schließlich der erste Zweck der Karte ist.
Die Erscheinungen, die wir im Naturbilde erkennen, namentlich die Bodenbedeckung, die Gestaltung der Verhältnisse auf diesem Boden, sind in so unmittelbarer Verbindung und Wechselwirkung mit der Bodenart und der Bodenform, daß wir auch über letztere um so reichern Aufschluß bekommen, je besser dasjenige dargestellt ist, das durch sie bedingt ist. Es ist nun klar, daß gerade derjenige, der die dem Auge zunächst sichtbaren Objekte der Bodenbedeckung deutlich und naturwahr darstellen will, selbst danach streben wird, auch Bodenform und Bodenart richtig darzustellen, weil er weiß, in welchem Zusammenhange alles steht. Die Anhänger dieser Richtung verkennen den Wert der Analyse nicht, die darauf ausgeht, einerseits die Bodenform in scharfen Zügen — in wissenschaftlicher Form — zu geben, anderseits in ebenso charakteristischer entprechend gewählter Manier die Objekte der Bodenbedeckung nach Art, Anordnung und Ausdehnung zu demonstrieren, aber sie beobachten nur zu oft, wie solche Kartenbilder ungenießbar werden, weil alles auseinandergerissen ist, weil die Bodenform in ihrer Darstellung der Zeichnung der Bodenbedeckung nicht die richtige Unterlage bildet, und die letztere fremd auf der erstem sitzt 1sie wissen, daß je besser der Kartograph den Zusammenhang von Bodenbedeckung und Boden erkannt und gesucht hat, denselben im Kartenbilde richtig hervortreten zu lassen, ihm um so besser die Darstellung beider gelingen wird. Sie lösen also zunächst nicht auseinander, sie verbinden, um aus dieser Verbindung wieder beide besser lösen und herauslesen zu können. An diesem Umstände kranken auch alle Kartenwerke, bei denen die Kartendarstellung auf einer vorhandenen Katasteraufnahme beruht, wo die Verhältnisse des Grundrisses und der Bodengestaltung unabhängig voneinander aufgenommen werden, als ob sie einander nichts angingen, anstatt gleichzeitig miteinander, durch das nämliche Auge, das ihren Zusammenhang erkennt, ihn aber auch nur darstellen kann, wenn es ihn erkannt hat.
Der Erfolg mußte lehren, ob die von uns vertretene Anschauung, daß die Karte um so besser sei, je reiner sie die Naturerscheinung wiedergebe, selbstverständlich mit allen Zeichen und Darstellungsmitteln für Dinge, wo die Natur selbst nicht deutlich genug sprechen kann, die richtige sei und ob diese neue Richtung Verständnis finde.
Die nachfolgenden Ausführungen sollen darüber Auskunft geben.
Zunächst ist zu konstatieren, daß der gleiche Versuch, wie er mit der Karte des Kantons Glarus gemacht worden ist, vielfach wiederholt und die dabei angewendete Darstellungsmanier weiter ausgebildet wurde, diese letztere also in der Kartographie Boden gefaßt hat. Vor allem haben sich dabei der S.A.C. mit seinen Exkursionskarten und das eidgenössische topographische Bureau mit seinen Reliefkarten verschiedener Gebiete betätigt, wie sie unter der Mitwirkung der lithographischen Anstalt Kümmerly in Bern, von R. Leuzinger und der topographischen Anstalt Winterthur geliefert wurden.
Es zeigten sich nun allerdings auch bei diesen Arbeiten die Schwierigkeiten und Schattenseiten der neuen Darstellungsart in einer Weise, daß man daran denken mußte, die Versuche zum Teil wieder einzustellen oder wenigstens auf dem eingeschlagenen Wege teilweise umzukehren. So hat sich gezeigt, und es war dies vorauszusehen, daß die Zeichnung der Karten im Maßstab 1: 50,000 und 1: 25,000 in unserm Siegfriedatlas nicht dazu angetan ist, ohne weiteres sogenannte Relieftöne aufzunehmen; dann verträgt auch ihr spezifisch wissenschaftlicher und technischer Charakter allzuviel künstlerische Beitat nicht. Man stand vor Schwierigkeiten, die nicht anders zu lösen waren, als durch etwelche Umformung der Zeichnung der Karte, wodurch ihre Schärfe und Reinheit namentlich in den Felspartien verloren ging. Die größte Gefahr aber bestand darin, daß die weitere artistische Ausführung der Kartenzeichnung durch eine Hand, die nicht selbst die grundlegende Originalaufnahme auf dem Terrain selbst bearbeitet hat, durch einen Zeichner, dem die direkte persönliche Bekanntschaft mit der darzustellenden Gegend oder wenigstens die topographische Fertigkeit und Befähigung mangelte, um nach der Zeichnung eines andern das richtige auch von diesem gewollte Naturbild hervorzurufen, zu Willkürlichkeiten führte, wo im Trachten nach einer gefälligen artistischen Gestaltung des Bildes dasselbe an Naturwahrheit zu leiden begann. Je feiner die kartographischen Mittel sind, die angewendet werden, je natürlicher die gewählte Darstellung wirkt, desto mehr sind wir gezwungen, absolut richtig zu zeichnen und in die Zeichnung zu malen; je „ in die Augen springender " die Darstellung ist, um so wahrer muß sie sein, sonst geben wir gerade mit der größten Kunst die falschesten Bilder. Es leuchtet ein, daß ein wirklicher Fortschritt nur dann erzielt werden kann, wenn derjenige, der die Naturaufnahme, die Vermessung, gemacht hat, oder wenigstens die Arbeit eines andern Vermessenden vollständig zu erfassen im stände ist, das topographische Bild auch in der künstlerischen Bearbeitung weiter ausbaut, es fertig macht, wobei er in erster Linie bedacht sein wird, daß nichts von der geometrisch-geologisch-geographischen Darstellung verloren geht. Je feiner die letztere ist, desto höheres Verständnis für sie muß der die Karte weiter ausbildende Artist haben. Dieses Verständnis wird aber nur ein topographisch-naturwissenschaftlich gebildeter Zeichner haben.
Es ruft dies einer Trennung der Arbeit, die noch nicht genügend durchgeführt ist, die man zu sehr glaubte unterlassen zu können, die aber immer mehr durchgeführt werden muß, je feiner die Arbeit wird: auf der einen Seite der entwerfende schaffende Topograph und Geograph, auf der andern der allerdings verständige, aber mit sklavischer Treue nur einfach reproduzierende Lithograph.
An diesem Punkte, wo die Naturwahrheit der artistischen Behandlung, so sehr sie sich auch gehoben und trotz aller Kunst, nicht äquivalent war der Naturtreue der topographischen Zeichnung, sind wir mit unsern Clubkarten auch stille gestanden. Man muß dabei allerdings billig anerkennen, daß die Treue der Wiedergabe der topographischen Verhältnisse leichter zu erreichen ist, da diese Verhältnisse durch geometrische Messung festgestellt werden können, und daß sie auch nicht wechseln, während die malerische Ausgestaltung nicht nach festen Momenten, z.B. der Färbung zu einer bestimmten Zeit und unter einer bestimmten Beleuchtung durchgeführt werden kann, sondern mehr eine ideelle sein muß. Aber auch da wird man erkennen, daß der Topograph, der ungezählte Sommer im Gebirge weilte und fortwährend beobachtete, sich ein richtigeres Nor-malbild der Farben und Töne der Natur macht, als der Artist im Atelier, mag derselbe auch noch so emsig Naturstudien getrieben haben; bei diesem wird unwillkürlich die Sucht nach malerischem Effekt die ängstliche Respektierung des topographisch-geometrischen überwiegen, und man kommt dann eben auf dem Punkte an, wo sich die wissenschaftlich-technische Arbeit des Topographen mit der künstlerischen Atelieravbeit nicht mehr verträgt. Oberstes Gesetz aber muß sein, wenigstens für solche Spezialkarten, welche eine so feine und ausgebildete Terrainzeichnung haben: Wahrung der Zeichnung und Anwendung von Tönen und Schattierungen nur insoweit, als die Zeichnung selbst nicht nur nicht leidet, sondern im Gegenteil gehoben und verdeutlicht wird. Das war bis zu einem hohen Grade erreicht in der Karte des Kantons Glarus, welche dank des vorzüglichen Farbendruckes auch in den dunkelsten Schatten noch die Zeichnung erkennen läßt.
Eine interessante Lösung der Frage, wie Plastik in das geometrische Kartenbild gebracht und die Zeichnung nicht nur rein erhalten, sondern noch unterstützt werden kann, bietet die vom Verfasser dies bearbeitete Karte der Ferwallgruppe des D. und Ö.A.V. Leider ist nur wegen mangelnder Übung des betreffenden Graveurs im Terrain, namentlich Felsstich die Zeichnung selbst noch nicht vollkommen genug. Als prinzipielle Lösung eines Problems verdient aber diese Karte alle Beachtung, und es ist dem D. und Ö.A.V. zu gratulieren, daß er in dieser Weise zur Reform des Kartenwesens beigetragen und zurzeit vielleicht die rationellste Lösung der wissenschaftlichen und zugleich populären Gebirgskarte geliefert hat.
Will der S.A.C. gelegentlich wieder Reliefkarten auf Grund der Zeichnung der Siegfriedblätter herausgeben, so kann es jedenfalls nur in der Weise geschehen, daß die Reliefbehandluug demjenigen zugewiesen wird, der allein die nötige Qualifikation dazu hat, dem Topographen, denn — wir wiederholen es — je mehr wir mit unsern zeichnerisch-malerischen Mitteln nach der Darstellung der Naturerscheinung trachten, desto feiner und gründlicher muß die itaturbeobachtung sein, und die ist zunächst dem eigen, der selbst in der Natur gearbeitet hat.
Was auf diesem Wege erreicht werden kann, hat X. Imfeid mit seiner Karte der Mont Blancgruppe gezeigt, wo der Maler in weiser Ökonomie und richtiger Berechnung seine malerischen Mittel so angewendet hat, wie es auch dem Zeichner diente und der Zeichnung frommte, wo alles nach einer Vorstellung aufgebaut und zusammengestimmt war, und der reproduzierende Künstler all seine Kunst darauf konzentrieren konnte, die Vorlage getreu nachzubilden, ohne etwas dazu oder davon zu tun.
Haben wir, wie wir gesehen, in unsern Clubkarten die Frage der weitern Ausbildung der kartographischen Darstellung noch nicht gelöst, was auch nach den Umständen nicht möglich war, so sind auf einem andern Gebiete mehr Fortschritte erzielt worden, und zwar auf dem Gebiete der Schul- und Verkehrskartographie. Hier hat sich, zunächst in der Schweiz, die neue Richtung das Feld erobert und schon mancherlei Früchte gezeitigt, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil das zu lösende Problem jeweilen von vornherein diejenigen Darstellungsmittel wählen ließ, die sich im gegebenen Fall am besten eigneten und die sich auch miteinander vertrugen.
Das Hauptprodukt dieser Richtung, gewissermaßen ein Monument, bildet die neue Schulwandkarte der Schweiz, welche die neue Anschauung über die Behandlung des Kartenbildes gewissermaßen offiziell aufnimmt und in ihren Konsequenzen durchführt und welche in ihrer Art weit herum Schule machen wird. Was dieser Karte noch vorzuwerfen ist, ist nicht die Manier ihrer Durchführung, sondern das System, nach welchem sie durchgeführt wurde, und wenn Widerspruch — in technisch-zeichne-rischer Richtung — gegen sie erhoben wird, so ist es der, daß der Zeichner, der nach seinen eigenen, oft unzulänglichen Anschauungen und denen einer vielköpfigen Kommission arbeiten mußte, sich vielfach in Willkürlichkeiten erging, welche sich mit der Natur nicht vertragen. Der Zeichner trägt keine Schuld daran, er hat sein Bestes gegeben; wohl aber liegt die Schuld an denen, welche diesen Weg eingeschlagen.
Hat der S.A.C. in der Reliefkartenfrage die Führung zeitweise aus der Hand gegeben, so kommt ihm immer ein hohes Verdienst um die Förderung der Kartographie zu, und er wird auch in Zukunft nicht zurückstehen, wo es sich darum handelt, mittelst immer vollkommener Karten der Gebirgs- und Landeskunde zu dienen. Diesen guten Traditionen folgend, hat auch das jetzige Zentralkomitee in Winterthur sich entschlossen, wieder einmal eine Reliefkarte herauszugeben und dabei einen neuen Weg zu betreten.
Mit den bisher erschienenen Karten, die meist ein bestimmtes, als sogenanntes offizielles Exkursionsgebiet gewähltes Gebiet behandelten, ist man so allmählich durch das ganze Hochgebirge gekommen. Damit war eine gewisse Aufgabe erschöpft. Die Erschließung der Alpen ist mit der Zeit so vorgerückt, daß es keinen großen Sinn mehr hat, neuerdings dem S.A.C. spezielle Erforschungsgebiete zuzuweisen, und so war man auch in der Wahl des Gebietes, von dem man eine Karte geben wollte, vollständig frei. Diese Wahl fiel auf die Säntisgruppe, mit der Kette der Kurfirsten und dem Wallensee einerseits und dem Appenzeller- und St. Gallervorland bis zum Bodensee anderseits.
Man wird sagen, namentlich in letzterer Richtung, dem Bodensee zu, sei das Gebiet, das den Alpenclubisten interessiere, etwas weit gezogen.
Kann das ein ernster Einwand sein? Kaum! Wir haben bisher in der Erforschung einzelner Gebirgsgruppen mehr in speziell topographischer Richtung gearbeitet; erweitern wir unsere Studien auch in geographischem Sinne. Da steht denn eine Gebirgsgruppe nicht bloß mit ihren Gipfeln und Tälern da, sondern auch mit ihrem Vorland, mit ihrer Basis, aus der sie sich aufbaut, die ihr ein bestimmtes Wesen aufdrückt und sie charakterisiert. Sollen wir beim Studium einer Gebirgsgruppe nicht zuerst ihr geographisches Wesen ins Auge fassen und auf ihm unsere Studien gründen, bevor wir an das spezielle topographische Studium schreiten? Kehren wir also einmal die Aufgabe um, und wir werden sehen, wie sehr das unserer Arbeit frommt. Wir erweitern damit gleichzeitig unser Wirkungsfeld, dadurch, daß wir, wo wir nicht mehr weiter in die Höhe gehen können, in die Breite gehen, nicht nur in den Bergen, sondern auch um die Berge uns bewegen und betätigen. In die Berge hinein können wir nicht mehr weiter vordringen, ziehen wir daher den Kreis nach außen größer.
Unser Verein nennt sich „ Alpencluber will also den Alpen leben, sie erkunden, zugänglich machen, sich in ihnen erfreuen. Müssen es aber immer hohe Berge und ewige Gletscher sein, an denen wir allein erfolgreiche Studien machen und in ihrem Anschauen genießen können? Können wir das nicht auch und oft noch besser in den Voralpen und in der Hügellandschaft? Ist erhabener Naturgenuß nur an hohe Formen gebunden? Werden wir nicht erst recht die Erhabenheit der Hochgebirgswelt erfassen und würdigen, wenn das Ansehen der Vorstufen uns dazu befähigt hat?
Wie sich unsere Bauleute immer mehr erinnern, daß wir nicht nur Burgen und Schlösser, Paläste und Kathedralen haben, sondern auch Bauernhäuser, an denen die Gesetze und Forderungen der Baukunst ebensosehr und oft reiner sich offenbaren, als an den großen Bauten, so darf auch der Clubist erkennen, daß dieselben Formen und Erscheinungen, die das Hochgebirge aufweist, in anderer oft noch deutlicher ausgesprochener Ausbildung sich in unsern Vorbergen und Hügeln finden und daß, wenn wir die Erscheinungen der Hochgebirgswelt recht erfassen und würdigen wollen, wir mit unserer Erkenntnis bei den kleinern und einfachem Verhältnissen des Vorlandes beginnen sollten. Erziehen wir unsere jungen Clubisten richtig, wenn wir mit ganzen Schulklassen durch die Berge rennen, womöglich mit dem Eilzug gleich mittenhinein, anstatt ihnen vorher an den kleinern Objekten ihrer Heimat das Verständnis geweckt und ihnen an der Kiesgrube und dem kleinen Wasserlauf gezeigt zu haben, wie die Naturarbeit der Modellierung vor sich geht? Warum sind die Schilderungen der frühem Alpenforscher so anziehend und belehrend? Weil diese mit der nötigen Vorbereitung, mit dem nötigen Vorwissen in die Berge gegangen sind und ob dem Aufbau nicht das Piédestal vergessen haben, auf dem er sich erhebt.
Ist ein blauer See im Kessel der Voralpen, eine Schlucht im waldigen Niedergebirge oder eine Moränenlandschaft am Gestade des Tiefsees, die uns von der großen Vergletscherung unseres Landes zur Eiszeit erzählt, nicht auch ein Studienobjekt für Clubisten, die sich vorbereiten wollen, das Hochgebirge zu erforschen oder auch bloß sich in ihm zu erfreuen, wie für diejenigen, welche schon mitten in dieser Forscherarbeit und im Genüsse stehen oder sich bereits davon zurückziehen und nur noch zurückschauen?
Unsere Clubisten leben in ihrer Mehrzahl im Tieflande und in den Voralpen; wollen sie nicht die eigene Stube mit ihren Reizen, den Waldbach mit der lauschigen Schlucht kennen und schätzen lernen, bevor sie die großen Alpenpaläste mit den großen Wasserstürzen und Klüften bewundern? Wonach schaut der Zürcher zuerst, wenn er auf den Tödi kommt? Nach dem Ütliberg. Im großen Prunksaal denkt er an seine eigene Häuslichkeit, dort ist ihm zum erstenmal die Erkenntnis der Schönheit der Natur und der Bergwelt aufgegangen; an diese denkt er wieder zurück.
Unser Alpenclub entwickelt eine wissenschaftliche und eine sportliche Tätigkeit, neuerdings auch eine wirtschaftliche, indem er in vielen Beziehungen zu einem großen Verkehrsverein geworden ist. Das Umgekehrte beobachten wir an vielen Verkehrs- und Verschönerungsvereinen der Ebene; sie sind zu einer Art kleiner Alpenclubs geworden, indem sie sich die Erforschung und Zugänglichmachung ihrer engern Heimat zur Aufgabe gemacht haben, und wie dankbar hat sich ihre Arbeit gestaltet! Will da der große Alpenclub nicht etwas von ihnen lernen und damit auch verhüten, daß sich allmählich Zweige ablösen, daß sich Jura-, Randen-, Hörnlivereine oder Clubs bilden? Er kann es, wenn er seine eigene Mission etwas erweitert, wenn er wieder zurückgeht auf den Gedanken der ersten Gründer, die die Aufgabe des S.A.C. „ auf unsere Alpen, vorzüglich ( aber nicht allein ) das Hochgebirge " bezogen wissen wollten, wenn er nicht daran festhält, daß die ersten Statuten ewige Gültigkeit haben müssen, sondern auch zeitgemäß umgeformt werden dürfen.
Wir glauben, daß, wenn sich der S.A.C. daran erinnert, daß unsere Hochgebirgs- und Alpenwelt nicht nur für sich dasteht, sondern in einem Vorland fußt, daß die Erscheinungen der Hochwelt sich auch in der Niederung wiederholen und dort ebenso gut, wenn auch nicht in der gleichen gewaltigen Entwicklung beobachten lassen, daß eine innige Verbindung besteht zwischen Alpenland und Tiefe, das Verständnis und die Liebe zu den Alpen und damit das Leben im Alpenclub nur eine Bereicherung und Stütze finden wird und daß durch eine solche Vertiefung der Arbeit und Erweiterung des Gesichtskreises unser Club noch viel mehr befähigt sein wird, seine ethische Aufgabe zu lösen.
In dieser Hinsicht ist der Beschluß des Zentralkomitees, eine Säntiskarte zu veröffentlichen, in hohem Maße zu begrüßen, und es ist auch gleich das Programm für die Karte gegeben.
Also ein Gebiet außerhalb der eigentlichen Hochalpen wollen wir geben, dazu gleichzeitig ein geographisches Charakterbild. Dafür eignet sich die Säntisgruppe vorzüglich. Auf verhältnismäßig kleinem Raum und in gefälligem Rahmen erhalten wir ein Bild der Schweiz im kleinen: die große Talniederung mit dem See, Hügelland und Alpen, darin die Gliederung der Formen infolge gestörter oder ungestörter Lagerung der Schichten, mit einer Durchtalung allein durch die Gewässer wie auch nach innern Kräften ( Faltung ).
Die Säntisgruppe mit ihren Abdachungen ist ein geschlossenes geographisches Objekt; auf der einen Seite sammeln die Thur, Glatt und Sitter, auf der andern Rhein und Bodensee die Gewässer, welchen sie Ursprung gibt; soweit diese Abdachungen sich erstrecken, soweit muß die Karte reichen. Die Karte zeigt uns die Vegetation ( Bewaldung ) und die Siedelung, wie dieselben bedingt sind durch Bodenform und Bodenart; sie zeigt uns, wie sich der Verkehr einbohrt in die Täler, wie sich die Lebenstätigkeit des Menschen ausdehnt, der Höhe zu wie in die Tiefen hinein, und wie sich da ein Prozeß im kleinen abspielt, wie wir ihn im großen in der Schweiz beobachten, eine Vergrößerung des Wohnraumes, der Ökumene, nach innen, wo es der politischen Grenzen wegen nach außen nicht möglich ist.
Um die Verbindung mit der Säntisgruppe mit der eigentlichen Alpenkette darzutun, ist auch noch die Kurfirstenkette mit dem Südufer des Wallensees in die Karte einbezogen, womit dieselbe mit einem kleinen Unterbruch die ganze Basis der Kurfirsten-Säntisgruppe: Bodensee, Rhein, Wallenseetal und Toggenburg enthält.
Nach der Ausdehnung des Gebietes war auch der Maßstab der Karte gegeben. Vom Maßstab 1: 50,000 war der Größe des Gebietes wegen abzusehen; im Maßstab 1: 100,000 ist in der Dufourkarte schon eine Darstellung vorhanden; so kam nur derjenige von 1: 75,000 in Frage, in welchem auch das anstoßende österreichische Gebiet behandelt ist und der gegenüber dem 50,000stel und 100,000stel seine besondern Vorzüge besitzt. Zu einer Zeit, wo es sich darum handelt, eine neue Karte der Schweiz in einem einheitlichen Maßstabe, vornehmlich an Stelle der jetzigen Dufourkarte herauszugeben, ist es interessant, an praktischen Beispielen zu erproben, wie sich der Maßstab 1: 75,000 bewährt.
Da man in der Zeichnung nicht gebunden war an eine bereits bestehende Grundlage, wie es bei frühem Clubkarten zutraf, konnte von Anfang an ein eigenes Programm für die technische Ausführung der Karte aufgestellt werden, das ermöglichte, Zeichnung und Kolorit in den richtigen Einklang zu bringen. Die Terrainzeichnung ist durchgehends, auch in den Felsen, braun gehalten. Da von den vorliegenden Gebieten Spezialkarten in 1: 25,000 und teilweise 1: 50,000 bereits bestehen, konnte sich die neue Karte mehr auf den Standpunkt der Übersichtskarte stellen, was auch eine gewisse Beschränkung in der Namengebung mit sich bringt. Die Äquidistanz der Höhenkurven ist zu 30 Meter gewählt ( gegenüber den 100 Metern der österreichischen Spezialkarte ). Dadurch ist die Genauigkeit der Terraindarstellung genügend gewahrt. Eine ähnliche Reduktion findet sich ferner in bezug auf das Wegnetz, während die Örtlichkeiten mit aller durch den Maßstab gestatteten Detaillierung und Vollständigkeit wiedergegeben sind.
Und nun die Gesichtspunkte der Durchführung der kartographischen Arbeit: Es ist leicht, Anforderungen an eine Karte zu stellen, als da sind: genaue geometrische und charakteristische Darstellung der Formen der Erdoberfläche und der sie bedeckenden Objekte und gleichzeitig unmittelbare Wirkung des Kartenbildes als Nachbildung der Naturerscheinung; aber schwieriger ist es, diese Forderungen zu erfüllen, da sie sich teilweise widersprechen. Einmal müssen wir im Kartenbilde zur Darstellung der Bodenformeu Linien ( Höhenkurven oder Schraffen ) anwenden, beziehungsweise einführen, welche die Natur selbst nicht hat, und anderseits müssen wir Linien schärfer angeben und anders ausdrücken, als sie sich im Naturbilde finden, helle Wasserlinien dunkler, weiße Wege schwarz, weiche Wälder mit harten Rändern eingefaßt, viele Objekte in andern Dimensionen als den ihnen zukommenden; dazu die störenden Namen und sonstige Zeichen aller Art. Es kommt also in das Kartenbild allerlei, was dem Naturbilde fremd ist.
Dann können wir überhaupt das richtige Naturbild gar nicht wiedergeben. In Wirklichkeit treten bei den Formen der Erdoberfläche die vertikalen Dimensionen gegenüber den horizontalen so sehr zurück, daß bei einer Sicht von oben herab die Bodenerhebungen fast gar nicht oder nur bei sehr schiefer Beleuchtung zu einigem Ausdrucke kommen. Das zeigen alle Ballonfahrten, und es ist dies auch begreiflich. Die dichtere Luftschicht, welche durch ihre Abtönung einen gewissen Maßstab für die Bodenerhebungen geben könnte, ist zu wenig mächtig und kann nicht wirken, wie wir es bei unsern horizontalen Sichten zu beobachten gewohnt sind.
Nun sind aber gerade die vertikalen Erhebungen für unser Leben von besonderer Wichtigkeit, und auf ihre deutliche Darstellung in der Karte kommt es daher wesentlich an. Wir müssen sie also auf irgend einem andern Wege zum Ausdrucke zu bringen suchen, und das geht nicht anders als durch eine gewisse Übertreibung. Anstatt die absoluten Höhenverhältnisse kommen mehr die relativen in Betracht.
Würden wir im vorliegenden Falle der Säntiskarte uns an das Bild halten, das uns die Natur bei hochstehender Sonne, aus einer 75,000fach größern Entfernung, als es die normale Distanz unseres Auges, zirka 40 Centimeter, von der Karte beträgt, also aus einer Höhe von rund 30 Kilometer, bietet, so erhielten wir im wesentlichen einen blaßgrünen Fleck, aus dem sich nach Wald und Weide dunklere und hellere Partien, nach den Felswänden graue Streifen scheiden würden, ein Bild, das uns kaum befriedigen würde. Um das Relief zu erkennen, müßte bei einem sehr tiefen Sonnenstande, entweder aus Südost oder Nordwest ( später Abend ) beobachtet werden, wobei alles in Selbst- und Schlagschatten Gehüllte verdunkelt würde. Man erkennt daraus, daß einfach ein Naturbild nicht gegeben werden kann, um so weniger, je kleiner der Maßstab wird. Und doch soll eine Karte eine Naturanschauung erwecken!
Es sind also verschiedene sich widersprechende Forderungen zu vereinen, und darin liegt eben die Schwierigkeit, daß es nicht so leicht gelingen will, eine Karte zu erstellen, welche allen Anforderungen genügt. Wir müssen aber unbedingt und trotz allen Einwendungen theoretischer Kartographen daran festhalten, daß dem Kartenbild eine gewisse Naturähnlichkeit anhafte, weil nur diese dafür bürgt, daß eine unmittelbare Vergleichbarkeit zwischen Original und Abbild, und damit eine direkte Übersetzung des einen in das andere, also auch umgekehrt der Karte in das Naturbild, erreicht wird. Und der Endzweck der Karte ist doch der, eine richtige, bei allen Beschauern womöglich gleiche Vorstellung von der Natur zu geben.
Daß dies erreicht werde, ist um so notwendiger, wo es sich um die Einführung in das Kartenwesen und um die Betreibung des landeskundlichen Unterrichts nach der Karte handelt, also im Schulunterricht und in den Führerkursen des S.A.C. Wie auf allen andern Gebieten, soll die erste Vorstellung, die man sich nach einem Bilde von einem bestimmten Objekte macht, eine möglichst richtige sein und nicht sofort umgestoßen werden müssen, wenn man einmal das Objekt, wenn auch in einer etwas andern Ansicht, vor Augen bekommt. ( Dafür istin negativem Sinne — lehrreich die 1899 erschienene Schulwandkarte von Tirol und Vorarlberg. ) Jalirtuch des Schweizer Alpenclub. 38. Jahrg.22 Das verlangt naturalistische Darstellung. Aber auch da setzen sich Schwierigkeiten entgegen. In hell beleuchteten Flächen — eine wirkungsvolle schiefe Beleuchtung angenommen — treten die Farbenunterschiede deutlich hervor, in beschatteten fließen sie zusammen, und doch hat der Bauer auf der Schattenseite das gleiche Recht, wie derjenige auf der Sonnenseite, seinen Hof deutlich dargestellt zu sehen. Ohne schiefe Beleuchtung geht es aber nicht ab, wenn man natürliche Reliefwirkung haben will.
Die Anhänger der sogenannten senkrechten Beleuchtung, die besser eine Belichtung genannt würde, werden zwar sagen, sie erreichen die Reliefwirkung mit ihrem Systeme auch; aber es geschieht dies doch mehr auf dem Wege der Abstraktion, denn die Natur macht es ihnen selbst nie vor.
Hält man ein eintönig, z.B. graues oder weißes Relief gegen ein zu seiner Grundfläche senkrecht auffallendes Licht, so erkennt man kaum die Formen; wendet man dagegen das Relief, daß die Beleuchtung zu einer schiefen wird, so treten sofort die Formen heraus, sie scheiden sich nach belichteten und beschatteten und scheiden sich damit überhaupt. Will man ein solches Relief ohne einseitige Beleuchtung doch in seiner Formgestaltung wirken lassen, so muß man es zuerst in einen Staubkasten setzen, in dem senkrecht von oben herab ein dunkler Staub fällt und sich je nach dem Grade der Neigung auf den verschiedenen Flächen verschieden absetzt; diese Flächen erscheinen dann getont nach dem Grade ihrer Neigung. Aber auf einen solchen Staubregen in der Natur wollen wir lieber nicht hoffen, sondern einstweilen der Naturleuchte, der Sonne, die Scheidung der Formen überlassen.
Ganz können wir allerdings auch hierin nicht der Natur folgen, sonst müßten wir für die Karte wesentlich Beleuchtung von Süden, also in den meist nach Norden orientierten Karten von unten herauf oder vom Rücken her annehmen. Für Karten, welche an eine Wand zu hängen kommen, geht das nicht gut, da ja dort das Licht mehr von oben oder seitlich oben kommt, also nach der gewöhnlichen Anordnung der Schulzimmer von links her, Front des Beschauers gegen die Karte. Setzen wir eine Karte mit guter Reliefwirkung in ein Licht, das demjenigen entgegengesetzt ist, welches bei ihrer Bearbeitung angenommen wurde, so wird um so sicherer das Negativ des Reliefbildes erscheinen, je besser dieses Bild an und für sich behandelt ist, denn eben dieses Negativ hätte die Licht- und Schattenseiten dort, wo sie die Karte hat. Die Karte soll aber das richtige Relief geben, nicht dessen Negativ.
Es wird vielfach gefragt, warum für die Zeichnungen meistens das Licht von links oben her angenommen werde. Das kommt einfach davon her, daß der Zeichner bei seiner Arbeit sich in ein solches Licht setzt, da es für seine Arbeit das günstigste und angenehmste ist. Hat er seine Karte nach Norden orientiert, so wird das wirklich einfallende Licht für diese zu einem Nordwestlicht. Will er in der Karte Reliefwirkung erzielen, so muß er sich vorstellen, er hätte ein wirkliches Relief nachzuzeichnen, das nun eben seine Lichtseiten links oben und die Schatten rechts unten hätte. Er könnte allerdings, um bei einer angenommenen Beleuchtung von Südosten her nicht in einen Widerspruch zu kommen, während der Arbeit sein Blatt herumdrehen, und er tut es im gegebenen Falle auch; aber beim Gebrauch hält es der Beschauer wieder aufrecht, und dann ist der Widerspruch wieder da.
Die Orientierung der Karten nach Norden ist eine allgemeine Annahme, da der gemeinsame Orientierungspunkt im Nordpol, für uns also oben liegt. Für besondere Zwecke kann man allerdings von dieser Annahme abgehen und sollte es auch öfter tun, um sich zu gewöhnen, eine Karte auch in jeder beliebigen Orientierung lesen zu können. Ebenso kann man für Handkarten von einer für einen bestimmten Raum geltenden Beleuchtung abgehen und eine andere, vielleicht natürlichere oder günstiger wirkende wählen ( Beispiele dafür die Karte der Rigi 1: 50,000 und der oberitalienischen Seen 1: 150,000 des Verfassersfür den darstellenden Kartographen ist dabei immer maßgebend die Frage, in welcher Beleuchtung kommt das Relief am besten zum Ausdruck? So eignete sich gerade für die Karte der Kurfirsten-Säntisgruppe eine Beleuchtung von Nordwesten her wegen der orographischen Gestaltung des Gebietes auch besser als jede andere.
Aus all dem Gesagten geht hervor, daß dem Kartographen auf alle Fälle eine schwere, fast unmöglich zu lösende Aufgabe gestellt ist, namentlich wenn man noch bedenkt, daß sein Kartenbild auch noch eine sympathische Färbung erhalten, daß es einen Abglanz bieten sollte der herrlichen Farben, die wir in der Natur beobachten. Will man an solchen Karten ja gar das Schönheitsgefühl der Kinder und die Liebe zur Heimat wecken! Nun, man soll ja das tun, wo man es kann, und sicherlich studiert ein Kind lieber die Geographie seiner Heimat auf einer schönen Karte, als auf einer solchen, die es schon durch ihr Aussehen abschreckt.
Ist die Aufgabe groß und schwer, so soll sich der Kartograph immer mehr bestreben, sie doch zu lösen, d.h. sich selbst dafür immer mehr zu befähigen. Er wird seine Aufgabe um so besser lösen, je mehr er im stände ist, in seinem Kopfe sich ein Bild zu gestalten, welches das Naturbild und die geometrisch-geographische Darstellung richtig miteinander vereinigt und je vollkommener seine eigenen wissenschaftlichen und artistischen Mittel zur Wiedergabe dieses Bildes sind. Eine gewisse Subjektivität wird seinen Arbeiten immer anhaften, da sie ja doch zunächst in seinem Gehirn sich herausgestalten müssen. Man kann z.B. für die Farbengebung, wie es Peucker in geistreicher Weise tut, gewisse Gesetze schaffen und Skalen aufstellen; aber wer definiert, wann und für wen eine Farbe richtig und schön ist, die in tausend Beleuchtungen tausendfach sich ändert?
Wir können in der Kartographie nicht die Kunst voranstellen, sondern einzig und allein den Grundsatz, daß die geographische Natur, das geographische Bild eindeutig ist und möglichst scharf zum Ausdruck gebracht werden soll, und daß die Kunst nur eine Dienerin sein kann, dies zu erreichen. Weiser, ökonomischer in der Anwendung der Mitte! der Kunst werden wir sein, je mehr wir sie selbst beherrschen, je mehr sie uns — ob wir dabei bewußt berechnen oder unbewußt fühlen — die Mittel an die Hand gibt, die Naturerscheinung mit all den geographischen und technischen Daten wiederzugeben, wie wir dies von der Karte verlangen. Also Unterordnung, nicht Überordnug der Kunst.
Sind wir mit unserer kartographischen Technik und Kunst noch lange nicht am Endziel angelangt, so wollen wir doch unausgesetzt danach streben, und es soll auch die Karte der Kurfirsten-Säntisgruppe einen Beitrag dazu liefern. Haben wir uns bisher wesentlich nur an den großen und vielgestaltigen Formen des Hochgebirges versucht, wo die Aufgabe eine leichtere und dankbare war, wo die Motive für effektvolle Kartenbilder nicht mangeln, so schreiten wir nun auch hinaus ins Vorgebirge und ins Flachland, um die Aufgabe, unser Land kartographisch richtig und dem Urbilde entsprechend schön darzustellen, auch für alle seine Teile zu lösen.
Über die Fortschritte in der Topographie, speziell des Gebirges, werden wir uns in einem folgenden Jahrbuche aussprechen.
IV.
Kleinere Mitteilungen.