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Cabaret Voltaire, Zürich ZH
Von Februar bis Juni 1916 bestehende Bühne der Dada-Bewegung
Während des Ersten Weltkriegs beeinflussten die zahlreichen Emigranten in Zürich das damalige geistige und künstlerisch-avantgardistische Klima der Stadt: Im Januar 1916 erhielt Jan Ephraim, der Wirt der holländischen Weinstube "Meierei" an der Spiegelgasse 1 im Zürcher Niederdorf-Quartier, die Bewilligung, ein kleines Cabaret zu betreiben, das auf Initiative des Emigranten →Hugo Ball in dem der Gaststätte angegliederten Saal eingerichtet und am 5.2.1916 eröffnet wurde. Die von Ball verfasste Pressemeldung zur Eröffnung rief Kunstschaffende auf, an den täglich stattfindenden Zusammenkünften teilzunehmen und "sich ohne Rücksicht auf eine besondere Richtung mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden". In dem Lokal mit schwarz gestrichenen Wänden und blauer Decke hingen Werke zeitgenössischer Künstler, an den Tischen fanden rund fünfzig Personen Platz. Mit den Protagonisten, dem Initiator Ball, den Mitbegründern Hans Arp, Emmy Hennings (→Emmy Ball-Hennings), Marcel Janco und Tristan Tzara, alle ebenfalls Emigranten und künstlerisch und/oder literarisch tätig, sowie Richard Huelsenbeck und Hans Richter, die sich bald dazugesellten, kam im C. jene Bewegung in Gang, die später Dada genannt wurde. Setzten sich die Programme zunächst noch entsprechend dem damals üblichen Cabaret aus Chansons, Musikdarbietungen, Marionettentheater, Vorträgen und Lesungen zusammen und waren teilweise als russische, schweizerische oder französische Soiree einem bestimmten Herkunftsland der Auftretenden verpflichtet, so entstand schon bald, zunächst noch ohne Programm und Theorie, eine dem Rauschhaften und Tumultuösen verpflichtete Aufbruchstimmung: Huelsenbeck trug seine die Syntax aufbrechenden Gedichte, "Pseudo-Negergedichte", zu stark rhythmisierter Trommelbegleitung vor, Tzara rezitierte zusammen mit Huelsenbeck und Janco so genannte Simultangedichte, indem sie von Lärm begleitet gleichzeitig Texte auf Deutsch, Englisch und Französisch lasen. Auf Anregung Jancos verwendete Masken verleiteten durch "ihre motorische Gewalt" zu absurden Gesten und Bewegungen sowie zu spontanen, grotesken Tänzen. Und schliesslich trug Ball, gekleidet in ein von ihm verfertigtes, kubistisches Kartonkostüm, das kaum eine Bewegung ermöglichte, seine Klanggedichte aus erfundenen Wörtern vor. Die kollektiv entwickelten Aufführungen wurden zum künstlerischen "Totalereignis". Sprache vermittelte keine Bedeutung; sie war in der rein sinnlichen Verkörperung als akustisches und rhythmisches Phänomen präsent, ohne darüber hinaus Sinn zu machen. Auch Musik und Tanz waren kollektive, im Einzelmoment erlebte Prozesse, die sich jeder Erklärbarkeit entzogen. Die Protagonisten stellten Theorien und Programme auf, um sie, entsprechend ihrer Ablehnung aller regelhaften, normierten Kunst, sogleich wieder zu negieren. In der Anthologie "Cabaret Voltaire", die im Mai 1916 herauskam, erschien das Wort "Dada" erstmals gedruckt. Die Protagonisten des C. interessierten sich weniger für den lexikalischen Gehalt, den das Wort "Dada" in verschiedenen Sprachen aufweist, als für dessen Signalwirkung. Das Wort und die Bewegung "Dada" sollten später internationale Bekanntheit erlangen. In der kurzen Zeit des Bestehens des C. von Februar bis Juni 1916 bildete sich bereits Wesentliches der Dada-Bewegung heraus, und sie erreichte sogleich einen ersten Höhepunkt. Anschliessend verlagerte sich das dadaistische Geschehen vom Zürcher Niederdorf auf die andere Seite der Limmat, wo am 14.7.1916 im Zunfthaus zur Waag der erste Dada-Abend ausserhalb des C. stattfand. Im März 1917 übernahmen Ball und Tzara die Galerie Corray, die im Januar die erste Dada-Ausstellung gezeigt hatte, und eröffneten sie am 17. März mit einer Sturm-Ausstellung unter dem Namen Galerie Dada neu. Im Vergleich zum Vorjahr traten nun die bildenden Dada-Künstler entschiedener in den Vordergrund, Publikationen und Ausstellungen erhielten mehr Gewicht. Die grossen Dada-Soireen zwischen Juli 1916 und April 1919 waren geplante und geprobte Ereignisse und fanden in etablierten Lokalen, etwa im Zunfthaus zur Waag, im Zunfthaus zur Meisen und im Saal zur Kaufleuten, sowie in der Galerie Dada statt. Zwar wurden weiterhin Simultan- und Lautgedichte aufgeführt, die unterschiedlichsten Texte vorgetragen, moderne Lieder gesungen und kurze Stücke inszeniert, doch die spontanen Performances des C., die das Publikum bisweilen vor den Kopf gestossen hatten, wichen nun einem organisierteren und bisweilen auch didaktischeren Programm, zu dem beispielsweise Vorträge über zeitgenössische Kunst von Tzara und Ball gehörten. Unter den theatralen Elementen erhielt insbesondere der Tanz mehr Gewicht, umso mehr, als in der Galerie Dada nun auch Schülerinnen und Assistentinnen der →Labanschule für Bewegungskunst auftraten, beispielsweise Sophie Taeuber (→Sophie Taeuber-Arp) und →Katja Wulff. Nachdem es im Kreis der Dadaisten zunehmend zu Spannungen gekommen war, wurde die Galerie bereits Ende Mai 1917 wieder geschlossen und die Protagonisten des C. verliessen Zürich: Huelsenbeck war bereits im Januar 1917 nach Deutschland zurückgekehrt, wo er an der Entstehung der Berliner Dada-Szene beteiligt war, Ball und Hennings verliessen Zürich im Juni 1917, Arp ging im Herbst 1919 nach Köln und gehörte zu den Initianten von Dada Köln, Tzara zog Anfang 1920 nach Paris, wo er seinerseits die Dada-Bewegung fortsetzte. Im C. hatte also eine Bewegung ihren Anfang genommen, die sich in verschiedenen europäischen Städten und unterschiedlichen Ausprägungen fortsetzte und die den Auseinandersetzungen über Kunst und Literatur wesentliche neue Impulse verlieh. Die Dada-Aufführungen im C. und auch in der Galerie Dada zogen eine lange Wirkungs- und Theoriebildungsgeschichte nach sich, sie verkörperten in ihrer antirationalen Theaterform eine besonders radikale Revolte gegen traditionelle europäische Werte. Die bestehenden Kunstbegriffe wurden nicht wie in anderen Avantgardebewegungen ausser Kraft gesetzt, um sie anschliessend durch neue zu ersetzen; in der Dada-Bewegung wurden Systeme und Ordnungen zertrümmert, Sinnzusammenhänge endgültig aufgelöst. Bereits die das C. prägenden Protagonisten verwarfen die Idee des Künstlers als autonomes Subjekt, das ein objektives, organisch aufgebautes Kunstwerk schafft; sie zelebrierten den unmittelbaren Vollzug in der Gegenwart. Es ging ihnen um Direktheit, Ursprünglichkeit, Intensität und Spontaneität. Mit den Aufführungen im C. wurde eine Form des Kunstschaffens gefunden, die als grundlegende Möglichkeit bis heute fruchtbar geblieben ist und im Theater als Living-Theatre, Performance, Happening oder Event immer wieder neu aufscheint. Nachdem die Liegenschaft an der Ecke Spiegelgasse/Münstergasse lange Zeit leer gestanden und nur eine 1966 angebrachte Gedenktafel, der so genannte Nabel von Arp, an das einst hier untergebrachte C. erinnert hatte, wurde man sich der historischen Bedeutung des Hauses erst wieder bewusst, als ein Immobilienunternehmen dieses 2001 kaufte, um dort neue Wohnungen und ein Verkaufslokal einzurichten. Nach einer Hausbesetzung Anfang 2002 und einer Unterschriftensammlung durch die Stadtzürcher Sozialdemokratische Partei im folgenden Sommer entschied sich die Stadt, die Liegenschaft zu mieten und mit der Swatch AG als Hauptsponsor ein Dada-Haus einzurichten. Nach einem Umbau konnte am 29.9.2004 das "Dada-Haus Cabaret Voltaire" als Dokumentationsstätte, Ausstellungsraum und Plattform für Kunstschaffende eröffnet werden.
Literatur
- Meyer, Raimund: Dada in Zürich, 1990.
- Riha, Karl/Wende-Hohenberger, Waltraud (Hg.): Dada Zürich. Texte, Manifeste, Dokumente, 1992.
- Riha, Karl/Schäfer, Jörgen (Hg.): Dada total, 1994.
- Pichon, Brigitte/Riha, Karl (Hg.): Dada Zurich. A Clown’s Game from Nothing, 1996.
Archiv
- Dada-Archiv im Kunsthaus Zürich.
Autorin: Ursula Pellaton
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Pellaton, Ursula: Cabaret Voltaire, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 322–323.