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Futuristische Ideen, technische Spielereien, raffinierte Tricks: Filmarchitekt Ken Adam prägte die wichtigsten James-Bond-Filme.
Als Ronald Reagan im Januar 1981 ins Weisse Haus einzog, verlangte er den War Room zu sehen. Der neue Hausherr musste enttäuscht werden. Einen Kriegsraum gibt es im Weissen Haus nicht. Das Bild einer imposanten Kommandozentrale für Krisensituationen, das der Präsident und mit ihm Millionen von Kinogängern im Kopf herumtrugen, ist reine Fiktion und entstammte einem Film: dem Stanley-Kubrick-Klassiker «Dr. Strangelove» aus dem Jahre 1963.
Erschaffen hat den Raum Ken Adam, der wohl berühmteste Filmarchitekt der Welt. Adam war für die visuelle Gestaltung von sieben der wichtigsten Bond-Filme verantwortlich. Er prägte den Stil, der die glamouröse Welt von 007, dem Geheimagenten Ihrer Majestät, für Generationen zum Inbegriff cooler Lebensart machen sollte.
Rechtzeitig zur Lancierung des neusten Bond-Epos wird der gestalterische Kopf einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Die Londoner Serpentine Gallery, eines der führenden Museen Europas für zeitgenössische Kunst, präsentiert Adam als «visionären Künstler».
«Kein anderer war in unserer Zeit wichtiger für die populäre Kunst Grossbritanniens» sagt Ausstellungsmacher David Sylvester.»
Ken Adam, 78-jährig, gut aussehend und vital, ist sichtlich zufrieden mit sich und der Welt. Er geniesst den Rummel um seine Person. Es ist elf Uhr morgens. Der gefeierte Gestalter sitzt in seinem Büro, nippt an einem Campari und pafft eine lange kubanische Zigarre, sein Markenzeichen, das seine 50-jährige Filmkarriere stets begleitete.
Obwohl seit bald 15 Jahren im Pensionsalter, ist Adam nach wie vor ein gefragter Gestaltungsprofi. Zurzeit pendelt er zwischen London und Berlin, wo er den zentralen Teil einer grossen Millenniums-Schau kreiert. Selbstverständlich war Adam an der Premiere von «The World Is Not Enough» in London zugegen, dem Bond-Film Nummer 19.
Der 007-Pionier äussert sich höflich über die Arbeit seiner Nachfolger. Nur in einem Punkt kann er mit offener Kritik nicht zurückhalten: «Den heutigen Bond-Machern ist es ziemlich egal, wie die Schlupfwinkel ihrer Bösewichte aussehen.» Wie anders ging Adam selbst ans Werk! Den Hightech-Verstecken der Bond-Widersacher hat er seine eindrücklichsten Visionen gewidmet. Futuristische Architektur pur.
In «You Only Live Twice», 1966, siedelte er das Hauptquartier der Schurken in einem erloschenen japanischen Vulkan an. Adam baute das Vorbild auf dem Studiogelände in England nach – inklusive aufklappbaren Kratersees. Die Konstruktion verschlang 700 Tonnen Stahl und gilt bis heute als die grösste je für einen europäischen Film geschaffene Kulisse.
Für «The Spy Who Loved Me», 1976, dachte sich Adam als Heim des Dämonen eine raffinierte Unterwasserstation aus. Ein modernes Atlantis. Die Privaträume des Bösewichts sind allerdings mit Eichenmöbeln und einem Kaminfeuer versehen, die der futuristischen Szenerie einen Hauch Nostalgie verleihen.
Ken Adams letzter Auftritt als Bond-Architekt war «Moonraker», 1978. Visueller Höhepunkt war die Raumstation, von der aus eine neue Herrenrasse die Weltherrschaft erobern sollte. Der Gestalter hatte für die Kulisse die realen Konzepte der Nasa für das Wohnen im All recherchiert, verwarf sie aber als «visuell eher langweilig» und liess seiner Fantasie freien Lauf.
Danach machte Adam als Produktionsdesigner der immer erfolgreicheren 007-Filme Schluss.
«Nachdem wir mit Bond im Weltraum waren, hatte ich das Gefühl, so ziemlich alle Möglichkeiten ausgelotet zu haben», begründet er seinen Ausstieg. Und dann seien auch die Leute weggegangen, mit denen er gern zusammengearbeitet hatte. 007 Sean Connery zum Beispiel oder der Produzent Harry Saltzman.
Der «grösste lebende Filmarchitekt der Welt», wie ihn Julia Peyton-Jones, Leiterin der Serpentine Gallery, rühmt, hat das Dekor für insgesamt 88 Filme entworfen. 75 davon wurden realisiert. Für Adams selbst war «der wichtigste Film» nicht etwa ein Bond-Abenteuer, sondern Stanley Kubricks bitterböse Komödie «Dr. Strangelove».
Adams eigenes Leben liest sich wie ein Drehbuch. Er kam 1921 als Klaus Adam in Berlin zu Welt. Die Adams zählten als reiche Warenhausbesitzer zur jüdischen Oberschicht. Mitte der Dreissigerjahre musste die Familie vor der wachsenden Verfolgung durch die Nazis nach England flüchten. Als der Krieg ausbrach, meldete sich Ken, wie sich der Teenager nannte, als Freiwilliger. Er wurde von der Royal Air Force angenommen, zum Jagdbomberpiloten ausgebildet und machte sich einen Ruf als tollkühner Vernichter deutscher Panzer.
Nach dem Krieg studierte Adam in London Architektur mit dem Ziel, Entwerfer von Filmwelten zu werden. Tatsächlich fand er einen ersten Studiojob als Zeichner und mauserte sich seines herausragenden Talents wegen bald einmal zum Architekten von Filmsets und schliesslich zum Verantwortlichen für alle Gestaltungsfragen. Endgültig lanciert war seine Karriere 1961 mit «Dr. No». Die Produktion des ersten James-Bond-Films stand von Anfang an unter Zeitdruck. Während Produzenten und Filmcrew auf Jamaica mit Aussenaufnahmen beschäftigt waren, baute Adam in London nach eigenem Gutdünken die verschiedenen Studiosets.
«Die exotischen Destinationen waren für uns eine totale Wirklichkeitsflucht», erinnert sich Adam. In den Sechzigerjahren waren Luxusgüter wie Champagner und Ferien unter Palmen eine richtige Sensation.» Was den jungen Gestalter am Entwurf der Scheinwelt neben dem Luxus mindestens ebenso interessierte, war der Aufbruch der Gesellschaft ins technische Zeitalter.
«Ich dachte lange darüber nach, wie sich unsere neurotische elektronische Zeit im Film darstellen liesse, und zwar möglichst ironisch», sagt Adam. «Dr. No» gab ihm die Gelegenheit, und so habe er unabsichtlich den Stil der kommenden Bond-Filme vorgegeben.
Adam wurde für seine Arbeit mit zwei Oscars ausgezeichnet. Sie stehen frisch poliert neben Filzstiften und Linealen auf seinem makellos aufgeräumten Pult. Hollywood ehrte den Architekten für seine Arbeit in «Barry Lyndon», 1976, und «The Madness of King George», 1995. Für Adams Schaffen sind die beiden vorwiegend im Freien gedrehten Filme allerdings untypisch.
Adams bevorzugtes Tätigkeitsfeld war immer das Studio. Seine Bauten waren für einen Film fast ebenso wichtig wie die Schauspieler. Realitätsnähe war dabei von untergeordneter Bedeutung. Was für Adam zählte, war einzig die visuelle Kraft seiner Welten. «Kino ist dazu da, die Fantasie zu verstärken», sagt er.
Berühmtestes Beispiel unter Adams fantasieanregenden Kreationen: Das Goldlager der amerikanischen Nationalbank, Fort Knox, im Bond-Film «Goldfinger», 1964. Der Architekt türmte darin Goldbarren zu zehn Meter hohen Stapeln auf – in der realen Welt ein Ding der Unmöglichkeit, da Gold dafür viel zu schwer ist. Das Publikum aber nahm die Darstellung für bare Münze. Hunderte von Zuschauern beschwerten sich in Briefen darüber, dass die Bond-Crew an einem Ort filmen konnte, zu dem nicht einmal der amerikanische Präsident Zutritt hat.