Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03505.jsonl.gz/2035

Snacks und ein Gläschen Weisswein zum Anstossen: Der Start in den langen Wettkampftag beginnt für die acht Pflüger aus den Kantonen Baselland, Luzern, Thurgau und Zürich angenehm und gesellig. Alle tragen sie schweres Schuhwerk, robuste Hosen und die meisten auch eine Mütze. Die Stimmung ist aufgeräumt, es wird gefachsimpelt und gelacht. Guter Dinge ist auch Beat Sprenger. Der Mitorganisator des 26. Baselbieter Wettpflügens ist zwar noch mit letzten Vorbereitungen beschäftigt. Lachend erklärt der 38-jährige Landwirt: "Nein, nervös bin ich nicht." Das verwundert wenig. Sprenger ist einer der besten und routiniertesten Pflüger des Landes. Zweimal hat er bereits die Schweizer Meisterschaft gewonnen. Nach England, Dänemark und Irland ist er mit seinem 1'200 Kilogramm schweren Scharpflug bereits gereist, um an einer Europameisterschaft teilzunehmen. Und viermal ging er bisher an einer Weltmeisterschaft an den Start. Sprengers Gelassenheit erklärt sich wohl auch aus einem anderen Grund: Falls es so etwas wie einen Heimvorteil im Wettpflügen gibt, dann hat ihn Sprenger auf seiner Seite, denn das Feld, das sogleich bestellt wird, gehört dem Vize-Europameister von 2007.
Wettpflügen: Sport mit langer Tradition
Wettpflügen hat Tradition: In der Schweiz gibt es seit mehr als 30 Jahren entsprechende Wettkämpfe, die Weltmeisterschaft, die 2012 in Kroatien stattfindet, wird bereits zum 56. Mal ausgetragen. Das Kräftemessen im Pflügen hat seinen Ursprung in Grossbritannien. In den Staaten des ehemaligen britischen Kolonialreiches geniesst Wettpflügen denn auch eine prominente Stellung in der bäuerlichen Agenda. In der Schweiz gibt es fünf kantonale Ausscheidungswettkämpfe. Die jeweils besten drei Pflüger sind für die Schweizer Meisterschaft qualifiziert, wo gleichzeitig die Teilnehmer für die internationalen Wettkämpfe auserkoren werden. Die Pflüger auf den Rängen eins und zwei dürfen an die WM, diejenigen auf den Plätzen drei und vier sind an der EM startberechtigt. Letztere findet vom 16. bis 18. September 2011 im Elsass statt.
Übung macht den Meister
Wie auf jeden Wettkampf hat sich der Baselbieter, der 1991 mit dem wettkampfmässigen Pflügen angefangen hat, auch dieses Mal minuziös vorbereitet. Dazu gehört ein Trainingsprogramm, bei dem er einzelne Sequenzen oder den ganzen Ablauf eins zu eins durchspielt. Seinen Pflug hat er zusammen mit seinem Bruder Thomas, der Landwirtschaftsmaschinen-Mechaniker ist, auf die Bedürfnisse des Wettkampfpflügens angepasst. Damit kann Sprenger seinen Pflug noch schneller, vor allem aber noch genauer justieren.
Mit der grünen Fahne geht es los
Nach dem vergnüglich-lockeren Anfang gilt es um 12 Uhr ernst. Die Pflüger schreiten zu ihren Traktoren, die allesamt in einer Reihe vor dem gelben Stoppelfeld stehen. Und nehmen Mass. Bernhard Meier steht hinter seinem Pflug, kneift ein Auge zu und überprüft mit dem ausgestreckten linken Arm, ob Traktor und Pflug auch wirklich gemäss der von der Wettkampfordnung vorgesehenen Linie ausgerichtet sind. Danach kann es losgehen. Das Startzeichen erfolgt nicht als akustisches Signal, denn dieses würden die Pflüger in ihren Kabinen nicht hören, sondern in Form einer grünen Fahne. Als erstes gilt es, eine sogenannte Spaltfurche zu ziehen. Nur im Schritttempo geht es vorwärts. Denn die rund 80 Meter lange Furche muss schnurgerade und gleichmässig sein. Es geht um Zentimeter. Immer wieder schauen die Pflüger nach hinten, steigen ab und schrauben an ihrem Pflug herum. 20 Minuten stehen dafür zur Verfügung. Danach ist Pause für die Pflüger, an der Reihe sind nun die Schiedsrichter.
Präzision und Konzentration
Über welche Eigenschaften muss ein guter Wettpflüger verfügen? "Man muss sich während rund drei Stunden voll konzentrieren können. Und nebst Freude an der Technik braucht es vor allem ein präzises Auge, damit die einzelnen Furchen auch gerade werden", erklärt Willi Zollinger, Präsident der Schweizer Pflüger-Vereinigung. Wettpflügen werde nicht ausschliesslich von Bauern betrieben. Zwar seien Landwirte in der Mehrheit, es gebe aber auch Ingenieure, Agronomen und Handwerker, die das wettkampfmässige Pflügen als sportliche Betätigung betreiben. Einer von ihnen ist Bernhard Meier aus dem zürcherischen Rafz. Der gelernte Forstwart arbeitet als Chauffeur bei einer Baufirma. Als "Hobbybauer" bezeichnet er sich, weil er Schafe hält. Einen Wettkampfpflug – etwa mit hydraulisch verstellbaren Stützrädern – muss er sich jeweils ausleihen, was nicht immer leicht ist. Während für Bauern Pflügen Teil ihrer täglichen Arbeit ist, fragt Meier jeweils Landwirte an, ob er nicht auf ihren Feldern trainieren dürfe.
210 Punkte für den perfekten Acker
Inzwischen ist die halbstündige Pause zu Ende. Während die meisten Pflüger die Auszeit zur Verpflegung genutzt haben, hat Sprenger an seinem Pflug rumhantiert und ihn auf die kommenden Aufgaben eingestellt. In den nächsten rund zweieinhalb Stunden gilt es, die trapezförmige, rund 12 bis 18 Meter breite Parzelle umzupflügen. Zwischen Schlussfurche und dem Furchenbalken der ersten Fahrt darf kein ungepflügtes Land übrigbleiben, vor allem aber müssen die einzelnen Furchen – bei einer Toleranz von plus/minus zwei Zentimetern – exakt 18 Zentimeter tief sein. Und so fahren die Wettpflüger hin und her mit ihren schweren Maschinen und verwandeln das Stoppelfeld Schritt für Schritt in einen braunen Acker. Nach rund zwei Stunden ist der erste Pflüger fertig. Und wiederum sind die Schiedsrichter an der Reihe. Parzelle um Parzelle, Furche um Furche nehmen sie unter die Lupe: Sind die Furchen gleichmässig, gerade und sauber ausgeräumt? Stimmt die Tiefe? Wurde die Zeit eingehalten? Gibt es Löcher? 21 Kriterien kommen zur Anwendung, jedes wird mit maximal 10 Punkten bewertet. 210 Punkte gibt es somit für das perfekt gepflügte Feld.
Der Routinier gewinnt
Keiner pflügt an diesem wolkenverhangenen Tag besser als Beat Sprenger. Mit 188,5 Punkten gewinnt er die Baselbieter Kantonalmeisterschaft deutlich vor Walter Angst, der 171,5 Punkte erzielte. Sprenger ist mit seiner Leistung grundsätzlich zufrieden, sagt aber: "Ein, zwei Böcke waren noch drin." Kommendes Wochenende kann er es (noch) besser machen. An der Schweizer Meisterschaft im thurgauischen Frauenfeld muss er seinen Titel verteidigen.
Serie: Wettkampffieber in der Landwirtschaft
Der FC Basel ist es im Fussball, der HC Davos im Eishockey und Fabian Cancellara im Radfahren: Schweizer Meister. Schweizer Meister gibt es auch in der Landwirtschaft, nur sind diese ausserhalb der Branche kaum bekannt. Wir stellen ihnen diesen Sommer sportliche Wettkämpfe der besonderen Art vor, wo viel Herzblut, aber keine Millionen fliessen.