Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03436.jsonl.gz/966

Angenommen, Sie werden gebeten, den allgemeinen Zustand der Schweizer Volkswirtschaft im Jahr 2050 anhand der im Jahr 2020 verfügbaren Daten abzuschätzen. Vermutlich werden Sie antworten, das sei eine kühne Aufgabe, verbunden mit grossen Unsicherheiten. Für viele wirtschaftspolitische Fragestellungen – beispielsweise zur fiskalischen Nachhaltigkeit, bei der Planung von Infrastrukturausbauten, zu Auswirkungen von Strukturreformen oder für die Formulierung von Klimazielen – ist eine langfristige Perspektive allerdings unerlässlich.
Vorweg sei klargemacht: Die Unschärfe kurzfristiger Wirtschaftsprognosen, einschliesslich jener des Bundes, sollte nicht als Argument herangezogen werden, um über Sinn und Unsinn von Langfristszenarien zu urteilen. Der Unterschied zwischen einer kurzfristigen Prognose und einem langfristigen Wirtschaftsszenario ist vergleichbar mit jenem zwischen einer Wettervorhersage für morgen und einem Klimaszenario. Beide sind mit beträchtlicher Unsicherheit verbunden, aber trotzdem wichtig.
Seco setzt neue Methode ein
Die meisten der üblicherweise verwendeten Prognoseverfahren für die kurze Frist sind für die Formulierung von Szenarien bis in die ferne Zukunft irrelevant und unbrauchbar. Dennoch gibt es methodische Werkzeuge, die es erlauben, die mögliche zukünftige Wohlstandsentwicklung zu skizzieren.
Dabei liegt der Fokus im Folgenden insbesondere auf der Identifizierung und der Projektion langsam verlaufender Trends. Diese hängen von einer Reihe von Hypothesen ab und veranschaulichen einige der Kräfte, welche die mittel- und langfristigen Aussichten der Schweizer Wirtschaft prägen könnten. Einige wichtige Faktoren, wie zum Beispiel die Klimaentwicklung, werden aber ausser Acht gelassen, um die Komplexität zu reduzieren.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat vergangenes Jahr eine neue Methode entwickelt, welche die Kurzfristprognose, die Mittelfristprognose und Szenarien in der langen Frist miteinander verknüpft (siehe Abbildung 1).[1] Im Fokus steht das künftige Wirtschaftswachstum in der Schweiz. Neben dem Referenzszenario zeigen alternative Szenarien die Entwicklung bei unterschiedlichen Annahmen zur Erwerbsbevölkerung und der Arbeitsproduktivität.
Ausgangspunkt bilden die vierteljährlich aktualisierten Kurzfristprognosen des Bundes. Die daran anschliessende Mittelfristprognose basiert auf einem Produktionsfunktionsansatz, wie er auch von der Europäischen Kommission zur Anwendung kommt. Dabei wird unterstellt, dass das reale, Sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) innerhalb der auf die Kurzfristprognose folgenden sieben Jahre zu seinem Produktionspotenzial konvergiert.
Die Langfristszenarien schliessen wiederum unmittelbar an die Mittelfristprognose an. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich ab diesem Zeitpunkt das BIP entsprechend dem Potenzial der Wirtschaft entwickelt. Die Szenarien in der langen Frist orientieren sich an der historischen Entwicklung der Arbeitsproduktivität sowie den Szenarien des Bundesamtes für Statistik (BFS) zur Bevölkerungsentwicklung. Der gesamte Zeithorizont reicht aktuell bis ins Jahr 2070. Die Referenzreihe ist das reale, jährliche BIP der Schweiz.
Abb. 1: BIP-Entwicklung der Schweiz (Referenzszenario, Juni 2020)
Corona: Langer Nachhall
Nebst dem Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion kann aus den langfristigen Szenarien des Seco auch das Pro-Kopf-Einkommen berechnet werden. Dieses gilt gemeinhin als Mass für den Lebensstandard der Bevölkerung. Angesichts der Tatsache, dass wir momentan wohl gerade eine der grössten Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre erleben, stellt sich die Frage: Wie wird die Corona-Pandemie unsere Wohlstandsentwicklung in den nächsten Jahren beeinflussen?
Im Jahr 2019 wiesen Herr und Frau Schweizer durchschnittlich ein Einkommen von knapp 83’000 Franken aus. In der Konjunkturprognose vom Dezember 2019, also noch vor Ausbruch der Pandemie, wurde für das Jahr 2020 noch ein leichter BIP-Zuwachs pro Kopf erwartet. Verglichen damit dürfte im Jahr 2020 der Wohlstandsverlust pro Kopf im Referenzszenario der Juniprognose satte 6000 Franken betragen (siehe Abbildung 2). Fällt die Erholung schneller und stärker aus, dann dürfte der Wohlstandsverlust bei etwa 5000 Franken liegen. Im Falle einer schärfer als erwartet ausfallenden Rezession – mit Firmenschliessungen, einer erhöhten Arbeitslosigkeit und einer nur schleppenden Erholung – könnten dieses Jahr sogar bis zu 6700 Franken an Pro-Kopf-Einkommen verloren gehen.
Abb. 2: BIP pro Kopf je nach Szenario (real, in Franken)
Anmerkung: Stand Juni 2020.
Quellen: BFS, Seco / Die Volkswirtschaft
Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen über die kurze Frist hinaus: Mittelfristig dürfte sich insbesondere die Investitionstätigkeit verhalten entwickeln. Wir nehmen an, dass die heute nicht getätigten Investitionen nicht vollumfänglich zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Dies ist erstens auf die schlechtere finanzielle Situation vieler Unternehmen zurückzuführen. Zweitens dürfte es eine Weile dauern, bis die Nachfrage gerade im nahen Ausland wieder merklich anzieht. Viele Unternehmen könnten in der Folge auf Ersatz- oder Erweiterungsinvestitionen verzichten. Somit dürfte das Produktionspotenzial der Schweizer Wirtschaft im Jahr 2030 tiefer zu liegen kommen, als es ohne die Corona-Pandemie der Fall gewesen wäre.
Entsprechend diesen Annahmen dürfte das reale BIP pro Kopf im Jahr 2030 etwa 88’000 Franken betragen. Gegenüber der Vorkrisen-Prognose entspricht dies einem mittelfristigen Wohlstandsverlust von 3400 Franken pro Kopf. Tritt hingegen das Negativszenario ein, dann belaufen sich die Wohlfahrtsverluste mittelfristig sogar auf über 6900 Franken.
Langfristig – also über das Jahr 2030 hinaus – unterstellen wir jedoch, dass sich die Wirtschaft wieder gemäss dem Potenzialwachstum entwickelt. Die heutige Krise beeinflusst also das langfristige Wachstum der Arbeitsproduktivität und der Bevölkerung, und damit das Wirtschaftswachstum in der langen Frist, nicht.
Wichtige Stabilisierung
Um die Wohlstandsverluste mittelfristig einzudämmen, gilt es eine nachhaltige Schädigung der Produktionskapazitäten zu vermeiden. Hierbei spielen die Covid-19-Überbrückungskredite sowie die Ausweitung und Vereinfachung der Kurzarbeitsentschädigung eine zentrale Rolle. Diese Massnahmen helfen, die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Coronavirus abzufedern und die wirtschaftlichen Strukturen vor grösseren Schäden zu bewahren.
Darüber hinaus kommt der langfristigen Produktivitätsentwicklung in der Schweiz mehr denn je eine grosse Bedeutung zu. Die zielführendsten Ansätze, um deren Dynamik zu stärken, liegen in einem Abbau von Markteintrittshürden zur Stärkung des Wettbewerbs, im Abbau von administrativen Belastungen sowie in einer weiteren aussenwirtschaftlichen Öffnung.
- Seco (2020). Szenarien zur BIP-Entwicklung der Schweiz, 16. Juni.