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«Mein Name ist Moung Moung Shing Marma. Ich wurde am 2.1.1977 im Dorf Shandak im Distrikt Thanchi geboren, einem der abgelegensten und unterentwickeltsten Distrikte von Bangladesch. Meine Eltern waren einfache Bauern, welche aber den Wert der Bildung erkannten. Weil es in unserer Region keine Schule gab, brachten sie meine zwei Brüder, zwei Schwestern und mich in die nächste grössere Stadt, Bandarban. Da war ich sieben Jahre alt.
Ich erinnere mich, dass ich unglaublich aufgeregt war, als wir ein Boot bestiegen, um auf dem Fluss Sangu nach Bandarban zu reisen. ‹Ich werde die Stadt Bandarban sehen!› In der Nacht aber änderte sich unsere Stimmung. Unser Boot schaukelte im Wasser, Eulen schrien, Füchse und Schakale heulten, und wir Kinder bekamen Angst und begangen zu weinen. Wir verbrachten zwei Nächte auf dem Fluss, bevor wir nach Bandarban gelangten. Es war Winter und kalt. Bald würde das Schuljahr anfangen. Mein Vater wollte uns alle an der Regierungsschule einschreiben. Ein Bruder (6 Jahre) und eine Schwester (3 Jahre) waren aber zu jung, um angenommen zu werden. Mein Vater mietete ein billiges Bambushaus, in dem wir wohnen sollten. Als meine Eltern nach zwei Wochen wieder abreisten, sah ich meine Mutter weinen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich wollte nicht mehr essen. Irgendwann bekam ich Magenkrämpfe vom Weinen und Hungern. Dann konnte ich nicht mehr weinen und schlief ein.
Allein in der fremden Stadt
Unsere älteste Schwester wurde nun unsere Mutter und unser Vater. Sie war damals 14 Jahre alt. Wir hatten keine Verwandten in Bandarban und kannten niemanden. Wir Kinder mussten alles selber machen und selber auf uns aufpassen. Wenn ich mich richtig erinnere, kostete unser Haus 60 Rappen im Monat. Aber auch das war noch zu viel! Der bitterkalte Wind blies durch die vielen Ritzen in den Wänden. Die Umgebung war feucht und voller Mücken. Als Folge waren wir oftmals schlimm erkältet oder hatten Malaria, die lebensbedrohlich war. Aber unsere Schwester brachte uns wenn immer möglich zur Schule, selbst wenn wir erkältet waren oder Fieber hatten.
Wir gingen barfuss. Andere Schulkinder hatten Schuhe und schöne, saubere Schuluniformen. Wir sprachen nur unsere Muttersprache Marma. Bengali konnten wir nicht verstehen und folglich verstanden wir auch den Lehrer in der Schule nicht. Wie schmerzhaft diese Zeit war! Es hat uns geholfen, dass wir uns auf die Schule konzentrieren mussten. Wir mussten uns auf das Lernen konzentrieren, um den Anschluss zu finden. Im Verlauf der Zeit hat uns der Schulstoff immer mehr zu interessieren begonnen. Wir fanden Freunde und mochten die Schule und Bandarban schliesslich. Ich wurde ein immer besserer Schüler. Nach der Primarschule habe ich auch die Sekundarschule mit guten Noten abgeschlossen. Die ganze Familie war stolz auf mich. Ich war sehr gut in Bangla. Ich habe alles gelesen, was mir in die Finger kam: Zeitungen, Romane, Gedichte, Aufsätze… Bereits in der höchsten Primarschulklasse hatte ich einen Artikel geschrieben, der auf der ersten Seite der Lokalzeitung veröffentlicht wurde. Es ging darin um das gute Verhalten der Jugend, die sich vom Trinken und Spielen fernhalten solle. Das hat mich angespornt und seither habe ich immer geschrieben.
Aktivität für die Bewegung der Indigenen
Während meiner Jugendzeit war die politische Situation in den Chittagong Hill Tracts sehr kritisch. Die brutale Gewalt des Militärs und der Polizei gegen die indigene Bevölkerung nahm täglich zu. Ich konnte in dieser Situation nicht still sitzen bleiben. Ich habe mich der Bewegung der indigenen Studenten angeschlossen und mich aktiv engagiert. Mein Vater und meine Mutter hielten mich nie zurück, obwohl der politische Kampf gefährlich war. Wir haben gegen die Ungerechtigkeit protestiert und gleichzeitig studiert. Es war wirklich schwierig, mit der Studentenbewegung in Rangamati, Khagrachari und Bandarban aktiv zu sein und gleichzeitig das Studium fortzuführen.
Zu Fuss bin ich wochenlang durch alle Dörfer der Distrikte Thanchi und Ruma gereist, um den sozio-ökonomischen Zustand der Menschen zu dokumentieren. Schliesslich habe ich mein Wirtschafts-Studium aber abgeschlossen. Nach dem Abschluss haben mir viele Freunde und Bekannte Stellen angeboten. Ich aber lehnte dankend ab. Für mich war klar, dass ich nicht in der Privatwirtschaft oder der Regierung arbeiten wollte, sondern für eine NGO. Zusammen mit meinen Freunden aus der Studentenbewegung, Amar Shanti Chakma und Abraham Tripura, habe ich die NGO Humanitarian Foundation gegründet. Wir waren entschlossen, mit unserer Arbeit die Situation der indigenen Menschen zu verbessern. Unsere Mission lautete ‹eine positive Veränderung in das Leben der Menschen der Chittagong Hill Tracts› zu bringen. Seit der Gründung im Jahr 1997 haben wir viele Projekte realisiert.
Projektarbeit mit CO-OPERAID
Mit Hilfe von CO-OPERAID haben wir Primarschulen in Thanchi eröffnet, die von der Dorfgemeinde nachhaltig betrieben werden können. In Bandarban führen wir zwei Wohnheime für Jugendliche, die wir zu Sprungbrettern für talentierte Mädchen und Jungen aus armen Familien entwickeln konnten. Zudem haben wir eine Berufsschule aufgebaut, welche arbeitslosen jungen Erwachsenen eine neue Perspektive gibt. Diese Projekte haben in Bandarban Modellcharakter. Sie wurden durch eine gute Partnerschaft zwischen Humanitarian Foundation und CO-OPERAID möglich, in der wir voneinander lernen und uns gegenseitig motivieren.»
Moung Moung Shing Marma, Direktor von Humanitarian Foundation, Bandarban, Bangladesch