Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03504.jsonl.gz/596

Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura
Gottfried Reimann: Zu Unrecht vergessenStadt Biel - übrige Orte - Arbeiterbewegung - Lokalpolitik - Persönlichkeiten - Politische Organisationen - Räte
Herkunft
1862 in Veltheim-Winterthur geboren, verlor Reimann schon im Alter von elf Jahren seine Eltern. Nach der Schulzeit erlernte er den Beruf des Schriftsetzers. Reimann arbeitete mehrere Jahre als Schriftsetzer in der Romandie, so auch in Neuenburg, wo er dem Grütliverein beitrat.
In der Frühzeit der Arbeiterbewegung spielte der Grütliverein (1838-1925) eine wichtige Rolle. Anfänglich der Bildung und Erziehung verschrieben, entfaltete der Verein immer ausgeprägter eine politische Aktivität. So war der Grütliverein eine tragende Kraft im Kampf um das Fabrikgesetz von 1877. Grütlianer waren massgeblich beteiligt an der Gründung von Konsumvereinen, Gewerkschaften und Krankenkassen.
Eine wichtige Figur der Schweizerischen Arbeiterbewegung
Bald nahm Reimann in der Schweizerischen Arbeiterbewegung wichtige Funktionen wahr, vorerst als Herausgeber der Zeitung "L'ouvrier horloger". Nach dem Tod von Adhémar Schwitzguébel 1895 wurde er dessen Nachfolger als Mitarbeiter des Schweizerischen Arbeitersekretariats. 1902 zum Präsidenten der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz gewählt, übernahm Reimann 1903 auch den Vorsitz des Grütlivereins. Somit führte Reimann wichtige Organisationen der Schweizerischen Arbeiterbewegung in einem heiklen Moment - nach der "Solothurner Hochzeit", dem Zusammenschluss des Grütlivereins mit der Sozialdemokratischen Partei, kam es in der sprunghaft gewachsenen Sozialdemokratie naturgemäss zu erheblichen politischen Spannungen. Reimanns versöhnender Charakter half da, manche Wellen zu glätten.
Reimanns Bedeutung für Biel
Im Alter von 24 Jahren liess sich Reimann 1886 in Madretsch nieder, wo er den Grütliverein leitete, bevor er nach Biel weiterzog. Als Redaktor der "Solidarité horlogère" half er mit, die Uhrenarbeiter zu organisieren. Ab 1892 bis zu seinem Tod führte er die Arbeiterunion Biel, die in dieser Zeit einen beachtlichen Mitgliederzuwachs verzeichnete. 1893 wurde der Arbeiterführer als Grütlianer in den Stadtrat gewählt, ab 1894 vertrat er die Bieler Arbeiterschaft im Grossen Rat. 1899 wurde Reimann der erste rote Vertreter im Bieler Gemeinderat. 1907 wählten ihn die Bieler in einer Majorzwahl zu ihrem Stadtpräsidenten.
Rückblickend ist es verwunderlich, dass dieser Bieler Politiker vergessen worden ist. Doch der erste rote Stadtpräsident der Schweiz wurde bereits nach zwei Amtsjahren von der Tuberkulose dahingerafft. Und aus Sicht eines Teils seiner Wähler hatte er in diesen zwei Jahren auch nicht besonders viel geleistet. Die Erwartungen an den tüchtigen Verwaltungsmann waren zu hoch gesteckt. In einem Protokoll der Bieler Arbeiterunion von 1908 wird etwa darauf hingewiesen, «dass sich die ökonomische Lage des einzelnen Individuums in unserer Gemeinde im Vergleich zu anderen Städten noch bitterer stelle, trotz unseres Übergewichts bei Abstimmungen, trotz der ganzen Herde roter Stadträte, Grossräte und trotz der roten Oberleitung».
Zudem fand Reimann in seiner Partei nicht den vollen Rückhalt. In der internationalen Arbeiterbewegung war damals die Idee einer Regierungsbeteiligung noch sehr umstritten. Karl Kautsky oder Rosa Luxemburg vertraten die Meinung, dass in mehrheitlich bürgerlichen Regierungen die Gefahr der Anpassung und der Korrumpierung zu gross sei. Doch Politiker wie der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein oder der Zürcher Grütlianer Paul Pflüger unterstützten die Übernahme von Exekutivämtern durch Vertreter der Arbeiterbewegung. Auf diese Weise, glaubten sie, sei es möglich, in naher Zukunft praktische Verbesserungen für die Arbeiterschaft zu erringen.
Jedenfalls haben die Bieler für die Arbeiterschaft eine Lanze gebrochen und den ersten roten Stadtpräsidenten der Schweiz gewählt. Gottfried Reimann wurde zu Unrecht vergessen, auch wenn er damals keine politischen Wunder vollbringen konnte.
Autor: Matthias Nast / Christoph Lörtscher / Quelle: Diverse 2017