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Von der Glaubensgemeinschaft zum Sportverein
Rolf Spriessler
Der KTV Riehen wurde 1919 aus der katholischen Pfarrei Riehen heraus als Jünglingsverein ‹Audacia› gegründet und war zunächst ein stark religiös geprägter Verein, bevor er sich zu einem Sportverein mit Schwerpunkt Volleyball entwickelte. Dieses Jahr feierte der KTV Riehen sein 100-Jahr-Jubiläum.
Die Entstehung des Katholischen Turnvereins (KTV) Riehen ist eng verbunden mit der Geschichte der katholischen Kirche in Riehen. Am 19. Februar 1899 wurde zum ersten Mal seit der Reformation 1529 auf Riehener Boden wieder eine Messe gefeiert, und zwar in der Friedhofkapelle an der Mohrhaldenstrasse, wo kurz zuvor die Gemeinde Riehen ihren alten Gottesacker aufgegeben hatte. Erster vollamtlicher Seelsorger in Riehen wurde 1911 der vormalige Pfarrer und Dekan von Laufen, Joseph Wenzler, der umgehend am Chrischonaweg den Bau eines Pfarrhauses und der Herz-Jesu-Kapelle veranlasste. Joseph Wenzler wurde dann anlässlich der Einweihung der Herz-Jesu-Kapelle durch Bischof Jakob Stammler zum ersten katholischen Pfarrer von Riehen ernannt. Ein starkes Interesse von Pfarrer Joseph Wenzler galt der Jugend, sodass neben einem Männerverein auch bald ein Jünglingsverein und eine Töchterkongregation entstanden. Es war damals üblich, nicht für jeden Spezialzweck eigene Vereine zu gründen, und so wurden verschiedene Sektionen gegründet, die sozusagen der Kirchgemeinde angegliedert waren. Aus dem Jünglingsverein heraus bildete sich im Jahr 1919 eine turnerische Sektion mit dem Namen ‹Audacia›, was auf Lateinisch ‹Kühnheit› bedeutet, die mit ihren Läufern in Staffelwettbewerben bald für Furore sorgte und wohlwollend gefördert wurde – nicht nur von Pfarrer Wenzler, sondern auch vom damaligen Präfekten des Jünglingsvereins, Robert Greter. Erster Präsident der Turnsektion, die lange nur Knaben und Männern offenstand, war Jérôme Liechty, als Oberturner für den Trainingsbetrieb verantwortlich war zu Beginn Hans Cantalupi. Aus dieser Sektion heraus entwickelte sich in den frühen 1930er-Jahren ein selbstständiger Turnverein unter dem Namen ‹K.T.V. Riehen›. Als Gründungsjahr des KTV Riehen gilt bis heute das Entstehungsjahr der Sektion ‹Audacia›, also 1919. Folgerichtig feierte der KTV Riehen 2019 sein 100-Jahr-Jubiläum.
GEIST UND KÖRPER ALS EINHEIT
Heute ist der KTV Riehen ein konfessionell offener Verein für Männer und Frauen und pflegt insbesondere das Volleyballspiel. Die Frauen gehören als Erstliga-Spitzenteam zu den Topteams der Region und der Verein verfügt über eine breite Juniorinnenbewegung. Die Männer spielen in der 2. Liga. Der lange sehr rege und auch zuweilen sportlich erfolgreich gepflegte Handball wurde 2006 aufgegeben, als man nach Jahren der Unstimmigkeiten den Ausschluss der Handballabteilung beschloss, die sich umgehend unter dem Namen ‹Handball Riehen› als eigener Verein konstituierte. Bevor der KTV Riehen ein ganz ‹normaler› Sportverein wurde, war der Verein vor allem dem christlichen Glauben verpflichtet gewesen. Der KTV wurde als Teil der Pfarrei verstanden und er engagierte sich bewusst im Schweizerischen Katholischen Turn- und Sportverband (SKTSV). So betrieb man bei der ‹Audacia› beziehungsweise im KTV in den ersten Jahrzehnten der Vereinsgeschichte Sport, um neben der Seele auch den Körper zu bilden und zu pflegen. Zwar stand beim damaligen KTV im Training durchaus der Einsatz und die Leistungssteigerung jedes Einzelnen im Vordergrund, Spitzenleistungen im Sinne eines Profisports aber lehnte man dezidiert ab. Interessantes zeigt ein Blick in die frühen Vereinshefte des KTV Riehen. Diese wurden im Jahr 1948 mit dem Ziel ins Leben gerufen, mehr Mitglieder für den Verein zu interessieren. Schon damals machte man sich Sorgen um die Zukunft der Jugend und der Vereine allgemein. «Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Da ist es wohl richtig, dass Körperkultur und Seelenkultur gleichzeitig und in Verbindung miteinander gepflegt werden. Der Sport für den Leib, die Religion für die Seele, beides zusammen für den ganzen Menschen», brachte es der damalige Vereins- Präses im allerersten Artikel des ersten Vereinshefts 1948 auf den Punkt. Nicht die Leistung an sich solle im Mittelpunkt stehen, sondern die Gemeinschaft. Und Mitglieder, die in einer Sparte besonders gut waren, sollten sich im Interesse des Gesamtvereins auch in anderen Disziplinen versuchen. Die Teilnahme an kantonalen, regionalen und nationalen Turnfesten innerhalb des SKTSV gehörte fest zum Jahresprogramm. Als Sportarten standen damals beim KTV Riehen die Leichtathletik, das Sektionsturnen – Geräteturnen und Gymnastik in grösseren Gruppen – und der Handball im Vordergrund. Im Handball konkurrierten der traditionelle Feldhandball und der langsam aufkommende, auf viel kleinerer Fläche gespielte Hallenhandball. Man wurde sich nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst, dass das Fehlen einer Jugendriege die Zukunft des Vereins gefährdet. Der Verein versuchte, den Zusammenhalt der Mitglieder mit gemeinsamen Unternehmungen zu stärken. Das Vereinsleben ausserhalb des Sports bot deshalb wieder Vereinsausflüge, Besuche an auswärtigen Turnfesten, Unterhaltungs- und Fasnachtsabende. Auch die religiöse Bildung der Vereinsmitglieder spielte noch eine grosse Rolle, was die Lancierung einer Vortragsreihe über religiöse Themen dokumentiert. Der Startschuss zu diesen Anlässen der geistlichen Weiterbildung erfolgte am 24. April 1950 mit einem Referat des Vereins-Präses Vikar A. Ruggli zum Thema «Religion und Konfession» im Restaurant Lindenhof. Neben dem eigentlichen Präsidenten stand dem Verein als Präses jeweils auch ein Pfarrer oder Vikar als geistliches Vorbild vor. Obwohl der KTV Riehen mit der Grendelmatte über eine gute Heimanlage in Riehen verfügte, unterstützte er die aufwändige Instandstellung des damals völlig heruntergekommenen Sportplatzes Hörnli finanziell und mit Tatkraft als Gemeinschaftsprojekt des SKTSV-Kantonalverbands. Die Eröffnung der neuen Hörnli-Sportanlage erfolgte im Jahr 1951. In den 1950er-Jahren wurde auch die sportliche Ausrichtung des Vereins diskutiert. Die Jugend stellte die in den Turnvereinen damals üblichen Sektionsfreiübungen in Frage. Die älteren Mitglieder wollten diese beibehalten und sahen sie als wichtige Schule der Disziplin und Kameradschaft.
TOKYO 1964 ALS INSPIRATION
Die Olympischen Spiele 1964 in Tokyo erwiesen sich als entscheidend für die weitere Entwicklung des KTV Riehen. Die damaligen Mitglieder liessen sich faszinieren von der neuen Olympiasportart Volleyball, die sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen Premiere feierte. Also begann man beim KTV umgehend mit dem Aufbau einer eigenen Volleyballabteilung. In diesem Zusammenhang wurden erstmals auch Frauen als Vereinsmitglieder zugelassen. Es erfolgte auch sonst eine sportliche Neuausrichtung beim KTV. Die Leichtathletik, die man vor allem im Rahmen von Sektionswettkämpfen innerhalb der Turnfeste gepflegt hatte, verschwand aus dem Repertoire des Vereins, während sich der TV Riehen zum eigentlichen Leichtathletikverein der Gemeinde zu entwickeln begann. Mit der zunehmenden Spezialisierung auf den Volleyballsport trat der KTV Riehen dem Schweizerischen Volleyballverband bei und verliess den SKTSV. Die Religion hatte stark an Bedeutung verloren und der KTV Riehen war inzwischen zu einem religiös völlig offenen Verein geworden. Die Frauen waren es dann, die dem KTV Riehen den bisher grössten sportlichen Aufschwung seiner Vereinsgeschichte bescherten. Kurz nachdem Walter Werz 1995 von Ruedi Buholzer das Vereinspräsidium übernommen hatte, wurde er von Rolf Schwer darauf aufmerksam gemacht, dass sich ein sehr talentiertes junges Frauenvolleyballteam zu formen begann, mit dem viel möglich sein werde. Der Verein engagierte 1997 mit der ehemaligen Spitzenspielerin Ksenja Zec eine hochqualifizierte Trainerin. Das Frauenvolleyballteam schaffte schon in der Saison 1997/98 den Aufstieg in die 1. Liga, marschierte direkt durch in die Nationalliga B und erreichte dort 1999/2000 auf Anhieb Platz 2. Für den Aufstieg in die Nationalliga B war das Team mit dem Sportpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 1999 ausgezeichnet worden. Nun hatte der Verein Lunte gerochen: Er holte den erfahrenen Chinesen Chuanlun Liu als Trainer, verstärkte das Kader mit der Chinesin Yunshu He und der US-Amerikanerin Gracie Santana und schaffte in der Saison 2000/01 tatsächlich den Aufstieg in die Nationalliga A. Der KTV qualifizierte sich in jener Saison als B-Ligist mit einem 3:0-Heimerfolg über den A-Ligisten KSV Wattwil auch für die Schweizercup-Viertelfinals, wo es gegen den A-Ligisten VBC Cheseaux in einem Spiel auf Augenhöhe eine knappe 1:3-Niederlage gab. Ausserdem organisierte der KTV Riehen im Dezember 2000 in der Sporthalle Niederholz ein internationales Turnier mit sechs Teams, das der VBC Glaronia mit einem Finalsieg über das französische Spitzenteam ASPTT Mulhouse für sich entschied, während der KTV Riehen im Spiel um Platz 3 Voléro Zürich zu schlagen vermochte.
PLAYOFF-HALBFINALS IN DER NATIONALLIGA A
Mit den Schwestern Lea und Rahel Schwer sowie Diana Engetschwiler standen in der Nationalliga A immer noch drei Spielerinnen im Kader, die schon ihre ganze Jugendzeit beim KTV Riehen verbracht hatten. In der ersten Nationalliga-A-Saison schafften es die Riehenerinnen auf Anhieb in die Playoff-Halbfinals und belegten am Ende den 4. Platz, womit sich das Team für den Europacup qualifizierte. Riehen lag im Volleyballfieber. Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauern strömten jeweils zu den KTV-Heimspielen in der Sporthalle Niederholz. Auch in der Folgesaison gelang nochmals die Playoff-Halbfinal-Qualifikation, und abermals beendeten die Riehenerinnen die Nationalliga-AMeisterschaft auf Platz 4. Dann folgte die Ernüchterung: Weil der damalige Hauptsponsor relativ kurzfristig ausstieg und dadurch auch das Kader auseinanderzufallen drohte, musste der Team-Manager Rolf Schwer das Team nach zwei erfolgreichen Saisons in der höchsten nationalen Spielklasse schweren Herzens zurückziehen. Den frei gewordenen Platz in der Nationalliga A übernahm der RTV Basel. Mit einem frisch aufgebauten Team gelang den KTV-Frauen 2012 nochmals der Aufstieg in die Nationalliga B, gegenwärtig spielen sie als Spitzenteam in der 1. Liga. Heute ist der KTV Riehen im Prinzip ein Volleyball- Verein, der über ein intaktes soziales Vereinsleben verfügt, was sich nicht zuletzt an der Jubiläumsfeier vom 6. April in der Reithalle Wenkenhof eindrücklich zeigte, und führt eine rund zehnköpfige Gymnastikgruppe mit ‹älteren Semestern›. Präsidentin ist seit 2015 Flavia Müller, die das Amt von Stefan Keller (Präsident 2005–2015) übernommen hat. Der KTV Riehen zählt aktuell rund 130 Mitglieder.
QUELLEN
50 Jahre Katholischer Turnverein Riehen 1919–1969,
Festschrift zum Vereinsjubiläum, [Riehen 1969].
Rolf Spriessler: Vom Jünglingsverein «Audacia» zum
KTV Riehen, in: Riehener Zeitung, 12.04.2019.
Vereinshefte des KTV Riehen, 1948–2008, in:
Haus der Vereine Riehen, Vereinsarchiv des KTV Riehen.