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Die hübsch herausgeputzte Einkaufsstrasse in der Neuenburger Altstadt führt direkt zu ihm: zu David de Pury. Der «Stadtvater von Neuenburg», der von 1709 bis 1786 lebte, steht in Stein gemeisselt hoch oben auf einem Sockel. Elegant sieht er aus, mit seinen eng anliegenden Hosen, die knapp über die Knie reichen, seinem Frack und dem leicht gewellten, zurückgekämmten Haar. Die Statue steht mitten auf dem Platz, der seinen Namen trägt. «Er hat seiner Geburtsstadt sein Vermögen vermacht, das er mit Handel erworben hat», ist auf einer Tafel unter der Statue zu lesen. «Das Einkommen konnte verwendet werden für Wohltätigkeitszwecke, öffentliche Bildung sowie zur Verschönerung der Stadt.»
Dank de Purys Erbe konnte Neuenburg den Abwasserkanal, der offen und stinkend mitten durch die Stadt in den See hinunterfloss, unter die Erde verlegen. Heute ist dort, wo der Kanal früher war, die erwähnte Einkaufsstrasse. Ausserdem hat de Purys Geld der Stadt den Bau eines Gymnasiums, der ersten öffentlichen Bibliothek der Schweiz sowie eines Spitals ermöglicht. Kein Wunder, ist de Pury in der offiziellen Geschichtsschreibung der «Wohltäter Neuenburgs» – ohne ihn und sein Geld sähe die Stadt wohl ziemlich anders aus.
Für Rum, Kaffee und Kakao
Doch am Geld von de Pury klebt Blut: «Ein Teil des Fundaments der Stadt Neuchâtel ist auf Sklavenhandel gebaut», sagt Marianne Naeff, Geschäftsleiterin von Cooperaxion. Die 2005 gegründete Stiftung für nachhaltige Entwicklung und interkulturellen Austausch engagiert sich für die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im atlantischen Dreieckshandel des 17. bis 19. Jahrhunderts zwischen Europa, Afrika und Amerika. Neben Dokumentationen zu den Verstrickungen der Schweiz im Sklavenhandel sowie einer Datenbank bietet die Stiftung auch einen Stadtrundgang zum Thema an.
«Auf den Spuren schwarzer Geschäfte» lautet der Titel des Rundgangs durch die Neuenburger Altstadt an diesem Freitagnachmittag Ende August. In den nächsten neunzig Minuten werden die TeilnehmerInnen erfahren, wie die Schweiz vom Sklavenhandel profitiert hat. «De Pury war ab 1730 Angestellter der South Sea Company in London, die über 40 000 Sklaven verschleppte», berichtet Naeff vor der 1843 errichteten Statue des «Wohltäters Neuenburgs». Aktionär der South Sea Company war übrigens der Kanton Bern, der somit auch in den Sklavenhandel involviert war.
Wie das Dreiecksgeschäft genau funktionierte, erläutert Naeff zu Beginn des Rundgangs. Die Tauschwährung der Schweizer im Sklavenhandel waren die Indiennes: Baumwollstoffe, die mit orientalischen und indischen Motiven bedruckt waren und in der Schweiz oder in Schweizer Tochterbetrieben im nahen Ausland hergestellt wurden. Indiennes wurden in afrikanischen Königshäusern gegen Menschen getauscht, die wiederum in die Neue Welt verschifft und dort verkauft wurden, um mit dem Erlös Rohstoffe wie Rum, Kaffee, Kakao, Baumwolle oder Kautschuk nach Europa und in die Schweiz zu bringen.
Nach dieser Einleitung führt Naeff zu den herrlichen Prunkbauten, die mit dem Geld aus «schwarzen Geschäften» errichtet worden sind: das heutige Zivilstandsamt, das Collège Latin, das Rektorat der Universität Neuenburg oder das herrschaftliche Hôtel du Peyrou. Am Ende des Rundgangs schmerzen die Füsse – dafür sieht man die Stadt mit anderen Augen.
Zu Fuss statt aus dem Bus
Die Stadtgeschichte aus einer anderen Sicht erzählen – dieses Ziel verfolgen nebst Cooperaxion auch andere alternative Stadtrundgänge. Fast in jeder Schweizer Stadt bieten heute grössere oder kleinere Veranstalter solche an (vgl. «Frauenrundgänge überall» im Anschluss an diesen Text). Die Idee, mit einem anderen Blick durch die (eigene) Stadt zu gehen, ist noch relativ jung. Entstanden ist sie Ende der achtziger Jahre, quasi aus einem Gefühl des Mangels heraus: Die Einzigen, die in Schweizer Städten damals Stadtrundgänge anboten, waren die Tourismusbüros. Sie verfrachteten die zumeist ausländischen Gäste in einen Bus und fuhren sie zu den – aus Perspektive des Stadtmarketings – wichtigsten historischen Schauplätzen, Denkmälern und Gebäuden.
«Wir wollten weg von dieser Busfensterperspektive und ein Angebot schaffen, bei dem man zu Fuss und mit wachen Augen durch die eigene Stadt geht und gesellschaftskritische Erkenntnisse aus ihrer Entwicklung und Geschichte erhält», sagt Christian Lüthi. Der Berner Historiker gehört zu den MitbegründerInnen von «StattLand», dem ersten Verein, der in der Schweiz alternative Stadtrundgänge organisierte.
Die Stadt von unten und aus ungewohnten Blicken zeigen – das war das erklärte Ziel von sieben Berner Geschichts- und GeografiestudentInnen, als sie Ende 1989 den Reiseladen «StattLand» gründeten. Lüthi studierte damals Geschichte mit Schwerpunkt Stadtentwicklung und arbeitete ausserdem – wie seine sechs KollegInnen – als Reiseleiter in der Schweiz sowie im Ausland. Die Idee eines alternativen Reiseladens entstand nach einer Exkursion nach Berlin: In der damaligen BRD waren in den achtziger Jahren mehrere Vereine gegründet worden, die sich mit nachhaltigeren Tourismusformen auseinandersetzten und alternative Stadtrundgänge anboten. Eine weitere Inspirationsquelle der «StattLand»-GründerInnen war der Berner Tourismusforscher Jost Krippendorf, dessen visionäre Vorlesungen über einen ökologisch und sozial verträglichen Tourismus fast alle besuchten.
Hinzu kam ein Unbehagen gegenüber städtebaulichen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Stadt Bern, die ausserhalb von Fachkreisen kaum diskutiert wurden. Das wollten Lüthi und seine KollegInnen an die Öffentlichkeit tragen. «Berner Brücken: Ästhetische, technische, kommerzielle Konflikte um Berns Brücken» oder «Altstadt heute: Die Altstadt als Konfliktraum, der unterschiedlichen Nutzungsansprüchen genügen muss.» So lauteten zwei der insgesamt fünf Rundgänge, mit denen «StattLand» startete und die BernerInnen für neue Perspektiven auf ihre Stadt zu sensibilisieren suchte.
Historische Informationen sollten neue Bezugspunkte zu aktuellen Diskussionen bieten. Vor dem herrschaftlichen Haus an der Junkerngasse 20 in der Berner Altstadt erfuhr man etwa, dass es den reichen BernerInnen in früheren Zeiten gerade einmal gut genug für die Unterbringung von Tieren gewesen war und dass auf dem Heuboden im Zwischengeschoss die Angestellten hausten.
«Natürlich waren wir von einem aufklärerischen Geist getrieben», sagt Lüthi, «und es ging uns auch um einen kritischen Blick auf die Gesellschaft, der in den achtziger Jahren im Stadttourismus kaum vorhanden war.» Da die Führungen nicht nur für ExpertInnen gedacht waren, bestand die Herausforderung darin, die wissenschaftlich erarbeiteten Themen verständlich und in geniessbarer Form zu vermitteln. Das schien zu funktionieren: Bot der Verein «StattLand» zu Beginn nur private Buchungen für Gruppen an, stiessen seine Stadtrundgänge bald auf eine so grosse Nachfrage, dass er sie auch öffentlich ausschrieb.
Basler Traumfrauen im Wandel
Dass alternative Stadtrundgänge Ende der achtziger Jahre auf grosses Echo stiessen, war kein Zufall. Ihren Nährboden bildeten neue historische Ansätze, die seit den siebziger Jahren auch die Geschichtsforschung in der Deutschschweiz beflügelten. Hatte Geschichte bis dahin vor allem aus der Erzählung von grossen Männern und Kriegen bestanden, rückten nun soziale und ökonomische Strukturen und Prozesse in den Vordergrund. Ausserdem verlagerten immer mehr HistorikerInnen ihren Fokus auf die sogenannt kleinen Leute und ihren Alltag. Ein bestimmtes Milieu, ein Berufsstand oder ein Wohnviertel standen bei den Forschungen im Mittelpunkt, noch lebende ZeitzeugInnen wurden befragt. Es ging auch darum, den eigenen Lebensraum zu erforschen, die eigene Stadt, das eigene Quartier oder das eigene Geschlecht.
Frauengeschichten sichtbar machen und vermitteln – das war auch die Motivation mehrerer feministischer Historikerinnen in Basel, die den ersten Frauenstadtrundgang der Schweiz ausarbeiteten. Auch ihnen diente Deutschland als Vorbild. An der Historikerinnentagung in Bern 1988 hatten Frauen aus Köln von ihren Erfahrungen mit Frauenstadtrundgängen erzählt. Zum Hundertjahrjubiläum des Zugangs von Frauen zum Studium an der Universität Basel erarbeiteten 1990 die Basler Historikerinnen einen ersten Rundgang. Die Nachfrage war so gross, dass sie beschlossen weiterzumachen.
Speziell an diesem Rundgang war, dass sowohl eine Historikerin wie auch eine Schauspielerin durch den Rundgang führten – ein Konzept, das Jahre später auch von «StattLand» übernommen wurde und das beide Vereine noch heute brauchen. «Wir waren die Ersten, die mit szenischen Einlagen arbeiteten», sagt Nadja Müller, Koordinatorin vom Verein Frauenstadtrundgang Basel. «Der Vorteil an dieser Methode ist, dass man auf niederschwellige Art etwas vermitteln kann und der Rundgang aufgelockert wird.» Dabei soll der historische Hintergrund aber zentral bleiben: «Die Verkleidung ist immer sehr reduziert, und die Erarbeitung wird stets von Studierenden mit wissenschaftlichem Anspruch gemacht.»
Der Verein Frauenstadtrundgang Basel wurde 1989 im Departement Geschichte gegründet; er entstand im Zusammenhang mit der Forderung nach kontinuierlicher Frauenforschung sowie einem Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte. Als dieser Jahre später errichtet wurde, eroberte ihn Regina Wecker als Erste – sie, die bereits bei der Ausarbeitung des ersten Frauenstadtrundgangs dabei gewesen war.
Noch heute ist der Verein Frauenstadtrundgang Basel der Universität angegliedert, die Rundgänge werden zum Teil von Studierenden in Seminaren ausgearbeitet. «Wir wollen die Forschung aus der Universität heraustragen», sagt die heutige Koordinatorin Nadja Müller. Entsprechend den aktuellen Forschungsthemen verändern sich so auch die Themen und Inhalte der Stadtrundgänge. War in den ersten fünfzehn Jahren vor allem die Vermittlung von Frauengeschichte und -geschichten zentral, hat sich der Fokus seither auf die Geschlechtergeschichte und damit auf die soziale und kulturelle Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit verlagert. So geht der neu ausgearbeitete Stadtrundgang «Objekte des Begehrens: Traumfrauen und Traummänner der Basler Geschichte» auf das sich wandelnde Bild der Schönheit ein und zeigt, dass das, was eine Traumfrau oder einen Traummann ausmacht, immer vom jeweiligen Zeitgeist abhängt.
Mehr als Unterhaltung
Mit dem Zeitgeist haben sich auch die Themen der Rundgänge bei «StattLand» erweitert und verändert. Stand zu Beginn die kritische Betrachtung der eigenen Gesellschaft im Vordergrund, vermittelt heute der grösste Teil der rund zwanzig Rundgänge auf unterhaltsame Art Information vor Ort. Beim Rundgang zu Mani Matter wird gesungen und Gitarre gespielt, bei «Bern giggerig» tritt Casanova persönlich auf, und durch den Rundgang «Bern Elfenau» führt gar die russische Grossfürstin Anna Feodorowna.
Sowohl «StattLand» als auch der Verein Basler Frauenstadtrundgang sind mittlerweile etabliert. Aber auch andernorts haben seit den neunziger Jahren viele engagierte Gruppen und Einzelpersonen neue Stadtrundgänge ins Leben gerufen, die sich mit aktuell politisch und gesellschaftlich relevanten historischen Themen auseinandersetzen. So führen zum Beispiel in Zug die Alternativen, die Grünen sowie die Erklärung von Bern gemeinsam in einem Rohstoffrundgang durch die Stadt. In Basel organisiert die WOZ mit dem Rotpunktverlag und dem Seminar für Soziologie an der Universität Basel einen Stadtspaziergang zum Thema «Raum und Macht. Und urbaner Widerstand».
Cooperaxion in Neuenburg macht derweil die Rolle der Schweiz im Sklavenhandel einer breiter werdenden Öffentlichkeit bekannt. Dass für die Führung «Auf den Spuren schwarzer Geschäfte» mittlerweile sogar im offiziellen Tourismusführer der Stadt geworben wird, zeugt von einer erfreulichen Offenheit der Stadt gegenüber dem so lange verschwiegenen Thema. Vielleicht wird in ein paar Jahren sogar die Aufschrift auf der Steintafel unter der Statue von David de Pury mit ein paar kritischen Informationen ergänzt.
Frauenrundgänge überall
«Vom Chindsgi bis zum Altersheim: 200 Jahre wohltätiges Wirken in Winterthur», «Und endlich wollen wir ganz und gar verboten haben …: Zürcherinnen und Zürcher im Konflikt mit dem Gesetz» oder «Der Nase nach: Luzerner Gerüche um die Jahrhunderte» – so die Titel von Rundgängen, die dieser Tage in Winterthur, Zürich und Luzern angeboten werden. Organisiert werden sie von den Frauenstadtrundgangsvereinen der jeweiligen Stadt. Sie waren in vielen Schweizer Städten die Ersten, die eine Alternative zu den offiziellen Rundgängen der Tourismusbüros boten. Nach Basel (vgl. Haupttext oben) bot Zürich ab 1991 Frauenstadtrundgänge an, ein Jahr später folgten Freiburg und Luzern, Zug kam 1995 hinzu, Winterthur 1997 und der Thurgau 1999. Zum 150-jährigen Bestehen des Bundesstaats 1998 arbeiteten die Vereine gemeinsam unter dem Titel «Femmes Tour» in neun Städten Rundgänge auf den Spuren von Frauen aus.