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| Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

8. Kapitel (23—25). Gründung eines Klosters bei Mididi. Plan des Fulgentius, nach Ägypten zu reisen; Aufenthalt in Syrakus.
Bei der Stadt Mididi1 also begannen sie die Errichtung eines neuen Klosters, wo sie sich kurze Zeit dem Dienst Gottes und den Werken der Nächstenliebe widmeten, bis plötzlich der selige Fulgentius durch die Lektüre des wunderbaren Lebens der ägyptischen Mönche und begeistert von der geistlichen Betrachtung der Institutiones und Collationes2 nach den darin erwähnten Gegenden zu reisen beschloß. Zwei Gründe leiteten ihn bei dieser Absicht: zunächst, um dort nach Ablegung der Abtswürde ein demütiges Leben als Mönch zu führen, ferner, um sich den Gesetzen einer härteren Abtötung zu unterwerfen. Da sein Verlangen hätte vereitelt werden können, wenn es in die Öffentlichkeit gedrungen wäre, suchte er zunächst eine Gelegenheit, um nach Karthago zu kommen. Als er nun vor den Mauern dieser Stadt angelangt war, bestieg er in Begleitung eines einzigen Bruders, Redemptus mit Namen, den er sich zum Reisegefährten erwählt hatte, ein Schiff, um nach Alexandria zu segeln. Er hatte kein Geld mitgenommen, wie es für eine so weite Reise nötig ist, sondern voll festen Vertrauens auf Gott, der da reich ist, sang er fröhlich mit David: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln!"3 Von günstigen Winden getrieben, erreichte das Schiff glücklich den Hafen von Syrakus.
Gottes Vorsehung hatte ihn in diese Stadt geführt, in [S. 72] der damals der selige Bischof Eulalius4 die katholische Kirche leitete, ein Mann von hervorragender Heiligkeit, bewundernswerter Gastfreundschaft und vollendeter Liebe; der Schatz der göttlichen Weisheit, den er, in seinem Herzen verborgen, treu verwaltete, bereicherte viele mit den ihm vom Herrn verliehenen Talenten. Vor allem zeichnete ihn aus die Tugend der Klugheit5 und eine einzigartige Liebe zum Ordensstand; er hatte selbst ein Kloster, in dem er sich aufhielt, so oft er von kirchlicher Tätigkeit frei war.
Zu diesem Mann also kam der heilige Fulgentius; gleich den übrigen Pilgern wurde er mit liebevoller Gastfreundschaft aufgenommen. Aber nicht lange konnte er unbekannt bleiben. Denn schon bald entspann sich, wie es bei den Mahlzeiten eines Priesters üblich ist, ein Gespräch über göttliche Dinge, bei dem seine Rede sofort den Mann von außergewöhnlicher Weisheit verriet. An den gewählten Ausdrücken und überlegten Antworten erkannte der Bischof, daß sich unter dem Mönchsgewand ein großer Gottesgelehrter verberge; er schob es jedoch hinaus, ihn während der Mahlzeit in Anwesenheit der Gäste nach seiner Persönlichkeit und dem Grund seines Kommens zu fragen. Als aber der Bischof nach dem Essen in den Nachmittagsstunden in seinem Hause auf und ab ging und durch das Fenster schaute, sah er, wie Fulgentius gleich den übrigen ihn beobachtete. Sofort rief er ihn zur Seite und sprach: „Während des Mahles hast du angefangen, von den Institutiones und Collationes zu sprechen; bring mir, bitte, das Buch, wenn du es bei dir hast!" Jener gehorchte der Aufforderung unverzüglich, brachte das Buch herbei und legte, als er darum gebeten wurde, mit seinen eigenen Worten den Inhalt dar. [S. 73]
Der heilige Eulalius bewunderte die Kenntnisse des jungen Mannes und fragte, erfreut darüber, einen solchen Gast in seinem Hause zu haben, ihn sorgfältig aus, warum er aus Afrika gekommen sei. Da jener fürchtete, für anmaßend zu gelten, wenn er den Plan «seiner Sehnsucht entdecke, gab er zur Antwort: „Ich suche meine Eltern, die, wie ich gehört habe, als Fremde in jener Gegend leben." In Wahrheit suchte er ja seine Eltern, deren bewundernswerte Lebensweise er nachzuahmen sich bemühte.
Der Bischof merkte, daß die Antwort unklar war, und fragte den anderen Bruder, der ein einfältiger Mann war, nach den Gründen der ganzen Reise. Da mußte Fulgentius, dessen Absichten nun zu seinem Heile verraten waren, ohne Umschweife die Wahrheit eingestehen; er sagte, er wolle sich in die äußerste Einöde der Thebais begeben, um dort, wie es in dem Buche heiße, für die Welt abgestorben zu leben, wo eine größere Zahl enthaltsamer Männer «einem Vorsatz keine Hindernisse in den Weg legen, sondern wohl vielmehr zum Ansporn dienen werde. „Du tust recht", erwiderte der Bischof, „wenn du dich bestrebst, nach größerer Vollkommenheit zu trachten; aber du weißt, daß es unmöglich ist, ohne Glauben Gott zu gefallen.6 Die Länder aber, in die du reisen willst, sind durch ein gottloses Schisma7 von der [S. 74] Gemeinschaft mit dem heiligen Petrus getrennt. Alle Mönche dort, deren bewundernswerte Abtötung gerühmt wird, werden die Geheimnisse des Altares nicht mit dir gemeinsam haben. Welchen Nutzen wirst du also davon ernten, deinen Leib mit Fasten zu züchtigen, während deine Seele, die doch viel wertvoller ist als der Leib, die geistigen Tröstungen entbehren wird? Kehre um, mein Sohn, damit du nicht im Streben nach größerer Vollkommenheit Gefahr leidest am rechten Glauben! Denn auch ich habe einst als Jüngling, bevor die Gnade mich Unwürdigen zum bischöflichen Ehrenamt berief, lange Zeit daran gedacht, meinen Vorsatz nach einem heiligen Ordensleben in den Klöstern eben dieser Gegend auszuführen, aber dieser Grund hat mich zurückgehalten, mein Vorhaben zu vollbringen.“
Der heilige Fulgentius stimmte den Mahnungen und dem klugen Rat des Vaters bei; er gab seinen heißen Plan auf und ließ sich überreden, einige Monate in Syrakus zu verbringen, indem der heilige Eulalius für seine Ernährung und entsprechende Unterkunft aufkam. Da aber große Seelen nie untätig sind, übte er unausgesetzt Werke der Nächstenliebe, indem er sogar in der kleinen Gastzelle, die ihm zugewiesen war, vielen Besuchern Gastfreundschaft erwies. Der Fremdling, der selbst auf die Hilfe eines anderen angewiesen war, nahm Fremde auf. Der heilige Eulalius bewunderte die übergroße Güte seines Herzens und ward von großer Freude erfüllt, wenn er sah, wie der heilige Fulgentius, dem er in seiner Dürftigkeit den täglichen Unterhalt reichte, andere Arme mit Lebensmitteln beschenkte. Und wenn man sagen darf, daß die Großen noch größer werden durch die Gegenüberstellung mit den Kleinen, so nahm auch der heilige Eulalius, so vollkommen er auch durchaus in seinem Verhalten gegen die Armen war, im Hinblick auf die Liebeswerke des heiligen Fulgentius von Tag zu Tag an Barmherzigkeit und Freigebigkeit zu. [S. 75]
1: Mididi, heute Henchir Medded oder Midid, nördlich von Telepte, war zu jener Zeit Sitz eines Bischofs.
2: Diese beiden Hauptwerke Cassians waren sehr geschätzt, besonders die Collationes, die von Benedikt und Cassiodor sehr empfohlen wurden.
3: Ps. 22, 1.
4: Eulalius, der Überlieferung nach der 21. Bischof von Syrakus, ist uns sonst nur noch bekannt als Teilnehmer der im Jahre 502 abgehaltenen römischen Synode, auf welcher die Wahl des Papstes Symmachus bestätigt wurde.
5: Über discretio als Inbegriff monastischer Tugend vergleiche Lapeyre, St. Fulg. S. 135.
6: Hebr. 11, 6.
7: Kaiser Zeno hatte im Jahre 482 versucht, die Anhänger und Gegner des Konzils von Chalcedon durch das sog. Henotikon zu einigen. Die Mehrzahl der orientalischen Bischöfe nahm diese Einigungsformel an. Da sie zwar die Irrlehre des Eutyches verwarf, aber das Chalcedonense ziemlich offen preisgab und über die Frage der beiden Naturen in Christus einfach hinwegging, wurde sie 484 von Papst Felix III. verworfen. Andererseits sagten sich trotz der Zugeständnisse an die Irrlehre viele strenge Monophysiten, besonders Mönche, von dem Patriarchen Petrus Mongus, der am Henotikon mitgearbeitet hatte, los und gründeten die monophysitische Sekte der Akephalen. Das Schisma wurde erst im Jahre 519 durch ein Edikt des Kaisers Justin I. beigelegt.