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Familie Geilinger und ihre AG
Geilinger Fenster und Fassaden AG
Werkstrasse 20
8404 Winterthur
Die Familie Geilinger war anno dazumal als eine regimentsfähige Familiendynastie der Stadt Winterthur bezeichnet worden. Sie stammte aus dem abgegangenen Hof Geilikon südlich von Töss und wurde vermutlich um 1400 eingebürgert. Schliesslich stellen wir hier die Stammlinie vor, die das Grossunternehmen „Geilinger AG“ aufgebaut hat.
Vorgeschichte
Ueli Geilinger war 1412 Feuerschauer, Cueni Geilinger ab 1435 Mitglied des Grossen Rates. Die Geilingers gelangten in Behörden und Ämter, stellten indessen nur mit Wolfgang Geilinger einen Schultheissen und mit Rudolf Geilinger einen Stadtpräsidenten. Diese beiden Mandatsträger sind in separaten Artikeln vorgestellt. Beachten Sie die Links unter „Beziehungen“.
Heinrich Geilinger (1740-1832) war 1803 Zunftgerichtspräsident, Land- und Oberamtsschreiber Johann Rudolf Geilinger (1783-1842) wurde 1828 Stadtammann. Aus dem geistlichen Stand ragten die Magdenauer Äbtissinnen Elisabeth Geilinger(1536-1551) und ihre Nichte Dorothea Geilinger (1551-71) hervor. Johann Ulrich Geilinger(1744-1811) förderte in Winterthur Ende des 18. Jhdt. die Christentumsgesellschaft. Angesehen als Botaniker und Rektor der Kantonsschule Winterthur war Gottlieb Geilinger(1881-1956). Geilingers unterhielten im 17. und 18. Jh. mit den Familien Forrer, Hegner, Künzli, Meyer, Rieter und Sulzer Ehebeziehungen. Im 16. Jhdt. standen Geilingers im französischen Solddienst. In Handwerk und Gewerbe überwogen vor 1798 die Metzger, Gerber, Sattler und Schuhmacher. Im Baumwollhandel erlitt die Firma Geilinger und Graf 1796 erhebliche Verluste. Der Einstieg in die Industrie begann um 1770 mit der freilich nur vorübergehend blühenden Färberei der Gebrüder Geilinger zur Arch in Winterthur. Dagegen entwickelte sich aus der 1845 von Abraham Geilinger (1820-1880) gegründeten Schlosserei, seinem Sohn Gottlieb (1853-1927) und seinem Enkel Eduard (1885-1955) das Stahlbauunternehmen Geilinger & Co.
Geilinger Abraham, 1820-1880
Abraham Geilinger kam am 9.April 1820 in Winterthur-Wülflingen zur Welt und ist am 28.November 1880 verstorben. Er war ein Sohn des Heinrich Geilinger, Schneider in Wülflingen und ab zirka 1830 Bauakkordant und der Karoline geb. Scheibli, von Arlesheim. 1845 heiratete er Euphrosina Madlener, Tochter eines Zinngiessers, aus Lindau (Bayern). Nach einer Lehre bei Schlossermeister Forrer in Winterthur und Wanderjahren mit Beschäftigungen in Richterswil, Burgdorf, Neuenburg und Lindau (Bayern) gründete er nach seinen Wanderjahren 1845 im Königstor (Haus im Besitze seines Vaters) neben dem Restaurant Rössli an der Eulachstrasse (heute Technikumstrasse) eine Schlosserei.
Abraham Geilinger war ein Düftler und Konstrukteur. Sein Angebot führte von Waagen zu Wurstmaschinen, von Saftpressen zu Jauchpumpen und vieles anderes mehr. Das Kaufmännische kam eher zu kurz. So war der finanzielle Erfolg in der Grossfamilie (13 Kinder) eher mässig, aber doch vorhanden.
Geilinger Gottlieb, 1853-1927
Da seine zwei älteren Brüder Johann Heinrich und Heinrich mit vier und drei Jahren früh verstorben sind, war Gottlieb, der Fünftgeborene, der Stammhalter. Im väterlichen Betrieb erhielt er seine Ausbildung. Anschliessend waren München und Wien Stationen seiner Wanderjahre. Ab 1875 kehrte Gottlieb in den väterlichen Betrieb zurück. Es wurde eine unruhige Zeit. Einerseits waren es die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die allen Handwerkern in jener Zeit Schwierigkeiten machten und anderseits war ein Generationenkonflikt auszutragen. Vater Abraham war der traditionelle und konservative Handwerker. Sohn Gottlieb war in die rationelleren Produktions- und Geschäftpraktiken der deutschen Maschinen-Industrie eingeweiht. Es musste mechanisiert und das Produkteangebot gestrafft werden. Die Industrie konnte traditionelle Produkte, wie zum Beispiel Schlösser, billiger und schneller herstellen. Hingegen waren neu vom Schlosser Eisengegenstände für den Bau, wie Gitter, Geländer, Portale, Beschläge von der Bauklammer bis zum Tür- und Fensterband gefragt. Um 1876 setzte Geilinger junior die Mechanisierung des Betriebes durch. Er suchte aber auch nach Möglichkeiten die Winter-Auftragslücke, wenn die Baubranche mehr oder weniger ruhte, zu diversifizieren, wie man sich heute auszudrücken pflegt. Diese Möglichkeit ergab sich mit einer Zusammenarbeit mit dem Gaswerk Winterthur. Dessen Direktor, Jakob Isler, hatte die Idee zur Förderung des Gasabsatzes, Gaskochherde zu entwickeln. In der Zusammenarbeit zwischen den beiden Freunden Isler und Gottlieb Geilinger entstanden ab 1885 Gasherde in verschiedenen Grössen. Die Vorteile gegenüber den konventionellen Holzherden, schnelle und regulierbare Hitze, keine Holz und Asche schleppen, überzeugte zwar, und der Absatz stieg, blieb aber trotzdem ein Nebengeschäft. Schliesslich verzichtete man, zu investieren und eine Herdfabrik aufzuziehen. Bis ins erste Jahrzehnt des folgenden Jahrhunderts blieb der Gasherd im Produkteangebot. (siehe auch den Artikel „Gasversorgung“). Ab 1910 kam ein neues Nischenprodukt durch die Schlosserei Geilinger auf den Markt. Es waren Zugscheiben für Schiessanlagen. Für den begeisterten Schützen Gottlieb Geilinger war das ein Produkt, mit dem er sich voll identifizieren konnte. Er hatte dazu auch das nötige Netzwerk. 330 Anlagen mit 2500 Scheiben konnten in kurzer Zeit verkauft werden. Da aber das Produkt nicht geschützt werden konnte, verschwand es nach 1939 wieder aus der Kollektion. Ein neues Feld eröffnete sich mit dem aufkommenden Telefonnetz. Die Schlosserei konnte dazu Isolatorenträger, Stangengerüste und Verteilmaste liefern.
Die Entwicklung des Betriebes hatte natürlich auch auf die Raumverhältnisse seine Auswirkungen. 1884 waren vier Gesellen, zwei Handlanger und zwei Lehrlinge beschäftigt. 1886 konnte die links angrenzende Nachbarliegenschaft das „Graue Haus“ gekauft werden und damit die Raumnot etwas gelindert werden. Es wurde nun aber eine generelle Lösung in Angriff genommen. Ein Neubau musste her. Schräg gegenüber an der Ecke Technikumstrasse/Lagerhausstrasse wurde 1930 ein Neubau für die Bedürfnisse einer Bauschlosserei errichtet. Die Architekten Jung und Bridler waren dafür verantwortlich. 1891 konnten die neuen Räumlichkeiten bezogen werden. Hier entwickelte sich das Unternehmen zur Stahlbau-Werkstatt. Türen und Fenster für die Industrie und Schaufensteranlagen wurden nun zu den Hauptprodukten. Das Geschäft kam nun in Fahrt und florierte. Mehrmals mussten die Räumlichkeiten vergrössert werden und es wurde auch über die Eulach hinaus gebaut. In den neuen Räumen wurden auch die Maschinenparks erweitert.
Gottlieb Geilingers Schlosserei war aber immer noch ein reiner Handwerksbetrieb. Technisches oder kaufmännisches Personal kannte man nicht. Den kaufmännischen Teil erledigte die Ehefrau, Anna Geilinger. Sie war es, die das Geschäft wesentlich prägte und auf Erfolgskurs führte und hielt. Geilinger war der Patron alter Schule und sorgte sich aber stets um die Lehrlinge und auch ganz generell dem Lehrlingswesen. Er tat dies vor allem auch im Verband Schweizerischer Schlossermeister. Als vielseitig interessierter Mensch engagierte er sich in der 1870 gegründeten Schweizerischen Volksbank, im Kantonalen Gewerbeverband und in der städtischen Gewerbekommission. Auch in der Politik stellte er seinen Mann. 1889 bis 1919 vertrat er die Freisinnige Partei im Gemeindeparlament, ab 1912 war er zwei Legislaturperioden lang im Kantonsrat.
Eduard Geilinger, 1885-1955
Eduard Geilinger ist 1885 als zweiter Sohn Gottliebs zur Welt gekommen. Er besuchte in Winterthur die Schulen bis zur Industrieschule und machte dort den Maturitätsabschluss. Anschliessend studierte er Bauingenieur an der ETH Zürich. Kurz vor seinem Abschluss rief ihn sein Vater zurück ins Geschäft. Als 24-jähriger musste er 1909 für seinen Vater einspringen, da dieser mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Diesem väterlichen Rufe zu folgen fiel dem jungen Geilinger nicht leicht. Er hätte gerne noch etwas die Welt bereist. Nun wurde ihm sofort die operative Leitung des Betriebes übertragen. Für die rechtliche Situation wurde eine Kollektivgesellschaft unter dem Namen „Geilinger & Co.“ geschaffen. Die Entlastung von Verantwortung und Arbeitslast brachte Gottlieb Geilinger seine Gesundheit zurück und erlaubten ihm sich auch politischen Aufgaben zu widmen.
Bauingenieur Eduard Geilinger schlug langsam neue Wege ein. Zwar wurden die herkömmlichen Schlosserarbeiten nach wie vor ausgeführt, doch das Hauptgewicht verschob sich zu vorfabrizierten Produkten wie Industrietore, Türzargen und Fenster. Durch die gute Konjunktur, die die Winterthurer Maschinenindustrie viel bauen liess, konnte auch Geilinger wachsen und profitieren. Als neues Gebiet wurde der Stahlbau aufgenommen und weiter entwickelt.
Betrieberweiterung und Neubau in der Grüze
Skelettbau war ein weiteres neues Stichwort. Die neuen Fabrikbauten wurden immer höher und die Lasten, die die Kranbahnen zu tragen hatten, immer schwerer. Das Mauerwerk konnte da nicht mehr mithalten. Stahlstützen halfen weiter und konnten auch noch die Dachkonstruktion mittragen. Eduard Geilinger folgte dieser Entwicklung und baute auch das neue Werk in der Grüze für sich selber in dieser Bauweise. Ein massgebliches Bauwerk entstand 1916 mit dem Bau des neuen Kunstmuseums und Bibliothekgebäudes der Stadt Winterthur. Ein erstes Mal wurde die Skelettbauweise konsequent durchgezogen. Ein kompletter Erfolg oder Durchbruch gelang hingegen nicht. Mit der Weiterentwicklung von Stahlfenstern und der Verbesserung deren Konstruktion gelang es dem Unternehmen, zur führenden Stellung in der Schweiz zu kommen. Auch Marktnischen wurden gefunden und gepflegt wie grosse Schaufenster, Operationssaalfenster und Eingangspartien zu grossen Geschäfts- und Industriebauten. 1929 wurde der Betrieb in die neuen Stahlbau- und Schlossereiwerkstätten in der Grüze verlegt. Der Betrieb zählte damals rund 100 Mitarbeiter. Mit der Modernisierung der maschinellen und betrieblichen Ausrüstung wurde die Voraussetzungen geschaffen die Weiterentwicklung des Unternehmens zu sichern. Damit konnte als neue Sparte die Produktion von Stahl-Türzargen aufgenommen werden. Geilinger war eine der ersten Produktionsstätten in diesem Bereich. Die Weiterentwicklung von Toren und Türen war ein weiterer wichtiger Bereich. Die Ansprüche stiegen enorm an, galt es doch immer grössere Tore zu bauen. Bestellungen waren Eingänge zu Maschinenhäusern von Kraftwerken und Flugzeug-Werfthallen. Eines der grössten Tore das Geilinger liefern konnte, war 1970 das Tor für eine Halle auf dem Flughafen Zürich-Kloten. Mit 22.4 m Höhe, 148 m Breite und 480 t Gewicht ist es wohl noch heute eines der grössten Tore der Schweiz.
Nach dem zweiten Weltkrieg kam der Schritt zum Aluminiumfenster. 1950 kam die erste Serie der Alu-Fenster in Produktion. Weitere Diversifikationen waren aber gefragt. So war ein Teilbereich die Weiterentwicklung der Tür-Systeme (automatische Türen, Pendeltüren, PVC-Türen). Ab 1949 gelang der Einstieg bei der NOK für eine Jahrzehnte lange Zusammenarbeit für den Bau von Starkstromleitungen und der Masten.
Das Handwerker-Unternehmen hatte sich in der Zwischenzeit zum Grossbetrieb gewandelt.1928 liess Eduard Geilinger in der Grüze an der Werkstrasse 20 im Osten Winterthurs eine Fabrik bauen. Rund 100 Mitarbeiter zogen ins neue Fabrikationsgebäude ein. An der Lagerhausstrasse bleiben noch eine Reparatur-Abteilung und Teile der Administration. Im bisherigen Areal hatte sich zwischenzeitlich auch die von Geilinger mit gegründete Eulach-Garage (Winterthurs erste Auto-Garage) gut entwickelt. Auch sie konnte nach dem Bezug des Neubaus mehr Raum beanspruchen. Aber das Unternehmen Geilinger ging nicht nur mit der Produkt-Entwicklung mit der Zeit. Eduard Geilinger setzte auch Zeichen in der Mitarbeiterpolitik. 1943 unterzeichnete er das Friedensabkommen der schweizerischen Maschinen- und Metallindustrie und anerkannte die Gewerkschaften als Vertragpartner. Eine gewählte Personalkommission nahm 1948 ihre Arbeit auf.
Geprägt durch das eigene Erlebnis, als er 1909 kurzfristig ins väterliche Geschäft einsteigen musste, wollte Eduard Geilinger seine Nachfolge besser planen. Unter dem Motto „Zu viele Köche verderben den Brei“ bestimmte er, dass nur zwei seiner fünf Söhne ins eigene Unternehmen einsteigen sollten. Werner, der zweitälteste, sollte nach dem Willen des Vaters an der ETH Bauingenieur studieren, währen Peter, der zweitjüngste, das Handwerkliche, Praktische einbringen soll. Bei den beiden Söhnen herrschte dabei nicht grosse Begeisterung, aber sie folgten dieser Bestimmung. Peter Geilinger musste kurz vor dem Matura-Abschuss die Kantonsschule verlassen und eine Bauschlosserlehre antreten.
Eduard Geilinger prägte nicht nur den eigenen Betrieb sondern setzte auch ausserhalb Zeichen. Als begeisterter Liebhaber der klassischen Musik förderte und lenkte er das Winterthurer Musikkollegium, dessen Vorstand er seit 1913 angehörte und das er ab 1938 bis zu seinem Tode 1955 präsidierte. Weitere Engagements nahm er an im Vorstand des Gewerbeverbandes Winterthur ab 1919 im Vorstand, 1925 bis 1932 Präsident), als Vorstandmitglied in der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser, mit Verwaltungsratsmandate in der Elektrizitätswirtschaft EKZ und NOK, als Präsident der Hypothekarbank Winterthur und der Buchdruckerei Winterthur. Er bewegte sich auch auf dem politischen Parkett. Von 1921 bis 1946 war er als Vertreter der FDP im städtischen Parlament. Von 1938 bis 1946 stand er seiner Partei auch als Präsident vor.
Nach dem Tode seiner Frau erkrankte auch Eduard Geilinger und nur ein Jahr später verschied er ein halbes Jahr vor seinem 70. Geburtstag am 11. Januar 1955.
Nach 1946, die 4. Generation
1946 trat Werner Geilinger (1913-2009) und 1948 Peter Geilinger (*1918), die Söhne Eduard Geilingers (1885-1955) in das Geschäft ein. Gemeinsam gelang es in den wirtschaftlich guten Nachkriegsjahren die Firma zu einem führenden Unternehmen des Stahlhoch- und Metallbau zu machen. Der Generationenwechsel war genau geregelt. Werner und Peter Geilinger wurden voll verantwortliche Gesellschafter und Geschäftsführer. Die drei weiteren Brüder Eduard, Robert und Ulrich wurden als Kommanditäre mit einem festen Haftungskapital beteiligt. Die enorme Entwicklung des Unternehmens rief anfangs der 1960er-Jahre wiederum nach mehr Raum. Der Plan in Elgg eine Fabrik-Erweiterung zu errichten wurde vorerst zurückgestellt. Es ergab sich die Möglichkeit das Schweisswerk Bülach AG zu übernehmen. Diese war die grösste Konkurrentin. Durch diese Akquisition wurde Geilinger & Co. zum ersten Stahlbau-Unternehmen der Schweiz. Um das Management besser zu verteilen kehrte der jüngste der Geilinger-Brüder, Ulrich (*1922), in die Firma zurück. Er wurde Teilhaber und übernahm die Leitung der Fabrik in Bülach.
Expansion ins Ausland
1971 kam man auf den wenige Jahren zuvor geplanten Fabrikbau in Elgg zurück. Man baute dort ein Produktionsgebäude für normalisierte Bauelemente. Damit entstanden die vier selbständigen Geschäftsbereiche: Fenster-, Fassaden- und Torbau im Werk Winterthur; Normelemente im Werk Elgg; Stahl- und Apparatebau im vergrösserten Werk Bülach; Generalunternehmung, 1968 vom Schweisswerk Bülach übernommen und ausgebaut und ab 1973 im eigenen Bürogebäude an der Museumstrasse in Winterthur. Die Entwicklung ging aber weiter. Dank florierendem Stahlbau musste die Kapazität 1975 mit dem Bau eines zweiten Stahlbauwerk in Yvonand (VD) am Neuenburgersee erweitert werden. 1982 erarbeiteten 860 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Umsatz von 220 Millionen Franken. Dafür verantwortlich war unter anderem eine Exportoffensive während einer Rezessionsphase. Man baute in Algerien, Westafrika, im Mittleren Osten und vor allem in Saudi Arabien. Man baute Getreidemühlen, Stahlwerke, Verteilzentren mit Kühlanlagen, Sport- und Freizeitzentren. In dieser Zeit fiel auch die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen „Geilinger AG, Ingenieur- und Metallbauunternehmung“. Gescheitert ist man hingegen mit Beteiligungen an Stahlbauunternehmen in Nigeria und Ägypten. Dieser Rückschlag liess den Umsatz zusammenfallen und es resultierten erstmals wieder Verluste. Zusammen mit gleichzeitig vorgenommene Rationalisierungen und der Einführung der EDV mit computerunterstütztem Zeichnen musste der Personalbestand zurückgeführt werden. 1985 beschäftigte Geilinger aber immerhin noch 730 Personen.
Ab 1988 trat die fünfte Generation in die Firmenführung ein. Peter und Ulrich Geilinger übernahmen mit ihren Nachfolgern Diethelm (Sohn von Peter Geilinger) und Franz J. Albrecht (Schwiegersohn von Ulrich Geilinger) die Aktienmehrheit, nach dem die Rieter Holding ihre Viertelsbeteiligung abgetreten hatte. Wieder zeichnete sich eine Rezession ab. Auf Grund der zu teuren Produktion wurde 1991 beschlossen, das Werk Bülach aufzuheben und Yvonand auszubauen. Letzteres bedeutete, dass in Yvonand ausschliesslich am PC konstruiert und gezeichnet wurde. Die Maschinen wurden ebenfalls direkt vom Computer aus gesteuert. Das Werk Yvonand wurde die grösste und modernste Produktionsanlage der Schweiz. Eine erneute Rezession liess die Baunachfrage zurückgehen und die Preise zerfallen. Mitte der 1990er-Jahre kam das traditionelle Unternehmen in finanzielle Schieflage. Wegen Rezession und Immobilienkrise blieben Aufträge aus und Geilinger kam in rote Zahlen. Die neusten Filialen in Berlin, Leipzig, München und Stuttgart entpuppten sich als Fass ohne Boden. 1995 musste das Unternehmen, das damals mit 850 Mitarbeitern einen Umsatz von 350 Millionen Franken erzielte einen Verlust von rund 40 Millionen Franken hinnehmen. Im Sommer 1996 musste Geilinger AG in eine Nachlass-Stundung gehen. Einzelne Firmenteile konnten somit gerettet werden.
Neustart
An einem Freitag, dem 13. Februar 1998 wurde mit der Übertragung der Aktien auf neue Aktionäre ein Neuanfang gestartet. Unter dem Namen „Geilinger Fenster + Fassaden AG" wurde mit Geld des früheren Firmenchefs Werner Geilinger ein Geschäftsbereich aus der Konkursmasse heraus gelöst. Unter den neuen Aktionären befanden sich der Sohn von Werner Geilinger, Ulrich Geilinger und der bisherige Ressortleiter Roland Hof, der die Geschäftsleitung übernahm. Dass der Neustart gelang zeigt die Medienmitteilung im Landboten vom Mai 2006:
Gutes Jahr für die Geilinger AG
WINTERTHUR– Die Geilinger Fenster und Fassaden AG hat im letzten Jahr einen Umsatz von 28 Millionen Franken erzielt. Damit konnte das Winterthurer Unternehmen das Ergebnis von 2006 nochmals leicht übertreffen. Gemäss Medienmitteilung hat Geilinger das Ergebnis mit einem gleich hohen Personalbestand von 80 Leuten erreicht. Es hätten sämtliche Geschäftsbereiche zum guten Abschluss beigetragen. 2007 war das Unternehmen an der Aufstockung des Wintowers, am Projekt Eulachpassage und am Umbau des Sulzer Gebäudes in Oberwinterthur beteiligt. Die Renovation der Lichthöfe der ETH Zürich sowie der Neubau des Bezirksgebäudes in Dietikon sind gemäss Geilinger AG die herausragenden Projekte in diesem Jahr. (jl)
2010 trat Hof die Geschäftsleitung ab. Sie wurde übernommen von Harry Bienz. Das neue Unternehmen plant und montiert Glasfassaden im Werk beim Bahnhof Grüze. Das Unternehmen beschäftigte 2010 83 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 25 bis 30 Millionen Franken pro Jahr. Das Fassadengeschäft umfasst zirka 80 Prozent vom Umsatz. Daneben produziert man auch noch Holz-Metall-Fenster. Nach einigem Auf und Ab in den ersten Jahren hat sich das neue Unternehmen nun stabilisiert und schaut hoffnungsvoll und beruhigt in die Zukunft.
Werner Geilinger 10.09.1913-15.06.2009
Zum Gedenken an Werner Geilinger (von Urs Widmer, alt Stadtpräsident) im Landboten vom 26. Juni 2009.
Ein hochverdienter Winterthurer
Hoch betagt ist in diesen Tagen Werner Geilinger verstorben. In der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen machte er in Winterthur seine Schulen und immatrikulierte sich 1934 an der ETH in Zürich. Nach dem erfolgreichen Bauingenieurstudium zog der knapp 25-Jährige direkt ins Ausland. Als Stahlbaukonstrukteur kam er nach Leipzig. Die Anstellung dauerte nur kurze Zeit, denn der nahende Krieg zwang den jungen Ingenieur wieder in die Schweiz zurück, wo er anschliessend zwei Jahre lang als Kalkulator bei der Firma Sulzer arbeitete. Bereits 1943 wurde er Teilhaber der traditionsreichen Stahlbaufirma Geilinger & Co., welche er vorerst zusammen mit seinem Vater und dann später mit seinem Bruder führte. In seiner Jugend war er während vieler Jahre Leiter bei den Pfadfindern in unserer Stadt. Noch sind mir die ursprünglichen Pfadfinderanlässe in lebhafter Erinnerung, welche der um ein paar Jahre ältere Werner Geilinger in kurzen Hosen begleitete und auch führte. Für das Gemeinschaftsgefühl sorgend war auch die Firma Geilinger, die sich an der Organisation der nach Kriegsende üblichen Erholungslager für ausländische Kinder aktiv beteiligte. Es gehörte zum ganz Natürlichen, dass der Firmenlastwagen samt Chauffeur dafür seine guten Dienste tat. Werner Geilinger hat sich während seiner aktiven Zeit als Firmenchef auch immer wieder eingesetzt für fortschrittliche Arbeitsbedingungen. So waren regelmässige Besuche in der Reformierten Heimstätte Boldern üblich, wo es darum ging, das Betriebsklima auf christlicher Ebene weiterzuentfalten. Werner Geilinger galt als bestimmter, entschiedener Patron in seiner Firma. Häufig wurde er als robust bezeichnet, wer ihn jedoch persönlich kannte, wusste um den weichen Kern. Bekannt war sein verschmitztes Lächeln, weshalb er auch bei den Pfadfindern «Maiechäfer» genannt wurde, ein Name, der ihm bis heute geblieben ist. Während acht Jahren war Werner Geilinger auch Mitglied des Grossen Gemeinderates. Engagiert nahm er jeweils mit seinen gründlichen Baukenntnissen an den Ratsdiskussionen über Bauvorhaben teil, und wenn er etwas gesagt hatte, dann galt das definitiv. Während Jahren war er Präsident des Vereins für Alterswohnungen und baute die ersten Alterswohnungen in Winterthur, die heute noch bestehen und geschätzt werden. Soweit es ihm möglich war, pflegte er die Jugenderinnerungen auch später, als er für einige Jahre nach Wallikon zog. So war sein Haus ob Pfäffikon ein geschätzter Treffpunkt für Winterthurer Freunde und seine Familie. Nach seiner Rückkehr nach Winterthur wurde es still und stiller um ihn. An der Alten Römerstrasse betreute ihn seine Frau liebevoll bis in die letzten Tage. Viele Winterthurerinnen und Winterthurer trauern mit der Familie um diesen hoch verdienten Mitbürger.
Peter Geilinger, 12.09.1918-18.06.2000
Zum Tod von Peter Geilinger schrieb Max Steffen im Landboten vom 26. Juni 2000:
Ein engagierter Demokrat
Letzten Freitag ist Peter Geilinger in der überfüllten Abdankungshalle das letzte Geleit erwiesen worden. Er war im 82. Altersjahr friedlich eingeschlafen. Peter Geilinger ist als vierter von fünf Söhnen einer alten Handwerkerfamilie an der Steinberggasse geboren worden. In Lausanne wurde er zum Schlosser ausgebildet und besuchte später das hiesige Technikum. Der junge Maschineningenieur trat nach Praxisjahren in Balsthal und Arbon in den eigenen Familienbetrieb ein. Nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1955 führte er zusammen mit zwei Brüdern die Firma zu neuer Grösse, neuen Produkten und in neue Marktgebiete. Auch ausserhalb des eigenen Betriebes setzte sich der Fabrikant Peter Geilinger für das industrielle Gedeihen ein, so zum Beispiel als Gründungsmitglied der Schweizerischen Zentralstelle für Fenster- und Fassadenbau, zu dessen Ehrenpräsidenten er später ernannt worden ist. Aber seine Arbeitskraft beschränkte sich nicht nur auf den Beruf. Dank der Unterstützung von seiner Gattin Lucienne und aus innerer Berufung war er noch mehr als ein Liberaler: Er war ein Demokrat. Er wollte der ganzen Bevölkerung dienen. Daher führte ihn sein Organisationstalent und seine Liebe zu Winterthur in das weite Feld politischer und kultureller Betätigungen in unserer Gemeinde. Wie schon sein Grossvater, Vater und Bruder – später auch sein Sohn – liess er sich ins Stadtparlament wählen. 1974/75 präsidierte er den Grossen Gemeinderat. Seine Leistung war gekennzeichnet durch Einsatz von Erfahrung, Arbeit und wenig reden. Im Vorstand der Freisinnig-Demokratischen Partei brachte er als Quästor die Finanzen wieder ins Gleichgewicht. Auch dem Schulwesen lieh er seine Dienste. Manche Jahre war er Präsident der Freien Schule Winterthur, und als Not am Manne war, übernahm er nach dem Rücktritt aus der Firma die Leitung der Berufs- und Fortbildungsschule der Stadt. Aus Überzeugung fühlte er sich der Kirche verbunden, folgte mit kritischem Interesse ihren Diskussionen der 80er Jahre und förderte im eigenen Betrieb die Fabrikseelsorge. Das Musik- und Kunstleben der Stadt bot ihm Freude und Erholung. Viele Jahre war er Mitglied im Vorstand des Kunstvereins. Die sportliche Betätigung war ihm Pflicht und Genuss. Als bevorzugte Skigebiete galten Obersaxen und das Toggenburg. Im SAC fand er Freunde auf gemeinsamen Wanderungen. In den 90er Jahren trafen ihn harte Schläge. Die Schwierigkeiten der Familienfirma und schliesslich deren Untergang belasteten ihn ausserordentlich stark. Altersbeschwerden und ein schwerer Herzinfarkt schränkten seine Bewegungsfreiheit ein. Aber sein Geist blieb rege. Treffen mit Freunden, sei es im Kiwanis Club oder bei den Mittagessen im Bruderhaus oder Eschenberg blieben ihm ein Bedürfnis. Ein besonderes Anliegen war ihm und seiner Gattin die Pflege der grossen Familie. Würde es nicht seiner Bescheidenheit widersprechen, hätte Peter Geilinger stolz auf sein Leben zurückblicken können. Seinen Freunden bleibt die Trauer und die Dankbarkeit.
Die Grundlage zu diesen Aufzeichnungen stammen aus der Publikationsreihe "Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik": 1997 Drei Generationen Geilinger. Autor ist René Mosbacher. Dieser hat auch im Winterthurer Jahrbuch 1996 zu diesem Thema einen Beitrag publiziert.
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