Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03621.jsonl.gz/1462

Die Sonne bringt es an den Tag
Aus Sonnenlicht Wärme zu gewinnen, ist viermal effizienter als Photovoltaik. Warum hat die Wirtschaft dieses grosse Potenzial bisher nicht genutzt?
Solarkochkisten waren der Hit der frühen Umweltbewegung. Die Garzeit für ein Risotto betrug zwar Stunden. Und wenn Wolken aufzogen, gab es das Mittagessen erst abends. Heute sind Kochkisten Museumsstücke aus der Urzeit des Solarzeitalters.
Aber etwas bleibt: Solarthermie, die Gewinnung von Wärme aus Sonnenlicht, ist mehr als viermal effizienter als die teure Photovoltaik. Das ist vor allem in Gebieten mit viel Sonne, wenig Geld, unsicherer Stromversorgung oder wenig Brennstoff ein entscheidender Vorteil. Also in den meisten Gebieten der Erde.
Das hat auch der Solothurner Bauernsohn Urs Riggenbach erkannt. Er war 16 Jahre alt, als er an einem Vortrag am örtlichen Gymnasium von der Möglichkeit erfuhr, die Matura an einer Einrichtung der «United World Colleges» (UWC) zu machen. Er kam nach Hause und eröffnete seinen erstaunten Eltern, er würde die letzten beiden Jahre an einem College in Indien absolvieren, was er nach einigen Diskussionen und mithilfe eines Stipendiums auch durchsetzte. Mit einer UWC-Matura kann man überall studieren, nur in der Schweiz sind Zusatzprüfungen nötig.
Also entschied sich Urs Riggenbach für ein Studium am «College of the Atlantic» in Bar Harbour in Maine, USA, an dem man ausschliesslich «Humanökologie» studieren kann. Ein solcher Abschluss hat bei den Personalchefs zwar keinen grossen Marktwert, dafür kann man sein Curriculum weitgehend selber bestimmen. Von Astrophysik über Solararchitektur bis zum Bierbrauen ist ungefähr alles möglich, solange sich genügend Studenten dafür interessieren und ein Dozent gefunden werden kann. Das College of the Atlantic wurde 1969 von lokalen Unternehmern und Friedensaktivisten gegründet, hat rund 300 Studentinnen und Studenten und wurde in einem Ranking des Magazins US News and World Report soeben als eine der innovativsten und wertvollsten («best value») Schulen der USA bezeichnet.
Nach vier Jahren Studium entschied sich Urs Riggenbach in seiner Abschlussarbeit den Bau einer Solaranlage für das Rösten und Mahlen von Landwirtschaftserzeugnissen in Nepal zu konzipieren. Als er dort 2012 auf Probleme stiess und nach Lösungen googelte, traf er auf den Finnen Eerik Wissenz, der schon einige Jahre an denselben Aufgaben tüftelte und zufälligerweise gerade in Indien war. Die beiden trafen sich, und es entstand weit mehr als nur eine Freundschaft.
Man muss den Leuten vor Ort zuerst zeigen, wie man mit der Technologie ins Geschäft kommt und erst dann eine lokale Produktion für den Bau der Geräte aufbauen.
Als erstes bauten sie auf dem Bauernhof der Eltern in Solothurn einen verbesserten Prototyp, der das Sonnenlicht über speziell angeordnete Spiegel sammelt und zum Backofen, Kochherd oder Röster leitet und Temperaturen bis zu 350 Grad und mehr erreicht. Damit konnten sie ein Crowdfunding über mehrere Tausend Dollar und Pilotprojekte in Haiti, Kenia, Tansania verwirklichen. Diese wurden zudem durch Sponsoren und Zuschüsse von gemeinnützigen Organisationen wie der Autodesk Foundation unterstützt. Die Pilotprojekte ergaben, dass der wirksamste Weg zur Verbreitung der Technologie über Kleinunternehmen, Bäckereien, Röstereien und Restaurants führt, die damit Geld und Energie sparen, einen direkten finanziellen Nutzen erzielen und erst noch CO2 reduzieren können.
Ein weiteres Ergebnis: Man muss den Leuten vor Ort zuerst zeigen, wie man mit der Technologie ins Geschäft kommt und erst dann eine lokale Produktion für den Bau der Geräte aufbauen. Ein besonderer Moment der zweiwöchigen Workshops sei jeweils der Tag, an dem die Teilnehmer mit ihren Backwaren auf den Markt gingen und mit selbst verdientem Geld wieder zurückkämen, erzählt Urs Riggenbach.
Getragen wird die «GoSol»-Initiative von der Firma «Solar Fire Concentration Oy» in Tampere/Finnland. Das neunköpfige Team besteht aus jungen Leuten aus Finnland, Kanada, Grossbritannien, Frankreich, Vietnam, Kenia und der Schweiz.
Bis jetzt wurden die Einrichtungen jeweils von GoSol-Leuten gebaut, allerdings mit vor Ort erhältlichem Material. In einem nächsten Schritt sollen die Geräte in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfswerken vor Ort hergestellt werden. Ihre Konstruktion ist relativ einfach, entscheidend sind die Berechnungen. Die Anlagen amortisieren sich in weniger als 18 Monaten.
Den grössten finanziellen Nutzen erzielt sie in Gebieten mit der grössten Abholzung und den höchsten Preisen für Holzkohle.
Enormen Schub erfuhr das Projekt durch die Zusammenarbeit mit den internationalen Hilfswerken «World Vision» und «Plan International», die die Technologie auf breiter Basis einsetzen wollen. Den grössten finanziellen Nutzen erzielt sie in Gebieten mit der grössten Abholzung und den höchsten Preisen für Holzkohle. Grossen Bedarf sieht Urs Riggenbach auch in Flüchtlingslagern. Dort legen die Bewohner immer grössere Strecken zurück, um noch an etwas Holz zum Kochen zu kommen. «Forest Trends», eine Organisation, die Naturschutzprojekte finanziert, will die Technologie auch bei Urwaldvölkern einführen, die 60 bis 80 Prozent der Regenwälder nachhaltig bewirtschaften, aber von Abholzung durch Konzerne und Regierungen bedroht sind. Mit den Sonnenöfen sollen nachhaltig geerntete Waldprodukte getrocknet, geröstet und veredelt werden, damit die Wertschöpfung bei den Indigenen bleibt und ihre Position auch wirtschaftlich gestärkt wird.
2018 hat GoSol die Pilotphase abgeschlossen. Die Technologie funktioniert, und man weiss auch, wie man sie unter die Leute bringt. Jetzt fehlt nur noch ein bisschen Kleingeld. Um welches zu finden, sind der GoSol-Gründer Eerik Wissenz und Urs Riggenbach, sein Chief Operating Officer, im Herbst nach San Francisco gereist und haben ihre Projekte an Konferenzen und Anlässen für Sponsoren und Investoren vorgestellt. In diesem Frühling soll es richtig losgehen.
Die ersten Autos fuhren noch mehrheitlich elektrisch, eine Technologie, die erst jetzt wieder für die Mobilität entdeckt wird. Solarthermie, wie sie GoSol entwickelt hat, hätte schon vor hundert Jahren das Verbrennen von Holz ersetzen können.
Warum die Sonnenwärme von der Wirtschaft bis jetzt nicht entdeckt wurde, weiss auch Eerik Wissenz nicht. Deshalb hat er einen Essay ausgeschrieben, der diese Frage beantworten soll. Vielleicht bringt es die Sonne an den Tag. Vielleicht hat es einfach an den jungen Leuten gefehlt, die daraus nicht ein Geschäft für sich, sondern einen Mehrwert für den Planeten machen wollen.
von:
Über
Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".