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Es gibt viele Gründe, um den Besuch der jurassischen Hauptstadt Delémont, deutsch Delsberg, ausgerechnet bei der Chapelle du Vorbourg zu beginnen.
In den Burgen neben der Kapelle sollen ursprünglich die Herren von Telsberg gehaust haben. Die Burgen hoch über der Schlucht, die der Fluss Birs in die Kalkfelsen gegraben hat, sind 1386 beim Erdbeben von Basel beschädigt oder zerstört worden. Heute bleiben Ruinen übrig.
Von 1271 an gehörte die Herrschaft Delsberg dem Fürstbischof von Basel. Die Chapelle du Vorbourg wurde nach dem Erdbeben wiederaufgebaut. Gemäss der Überlieferung wurde sie 1049 von Papst Leo IX geweiht, einem Papst, der aus dem Elsass stammte und sich oft auf der Alpennordseite aufhielt. Seit dem 17. Jahrhundert befindet sich eine wundertätige Statue der Madonna in der Kapelle.
Vor der Kapelle brennen Kerzen. In der Kapelle hängen Votivbilder. Ein Bild dankt für die Verschonung während des Stadtbrandes 1671. Es zeigt genau, wie die Stadt im 17. Jahrhundert ausgesehen hat.
Die Kapelle war ein Ort des katholischen Widerstands gegen die protestantisch-bernische Staatsgewalt anfangs der 1870er Jahre. Im Chor werden bis heute der Bischofsstab und die Mitra von Bischof Eugène Lachat aufbewahrt. Dieser hatte am Ersten Vatikanischen Konzil teilgenommen, als im Juli 1870 das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet wurde. 1872 exkommunizierte er zwei Geistliche, die das Dogma nicht anerkennen wollten (so Beat Juncker in seiner “Geschichte des Kantons Bern seit 1798”).
Lachat wurde darauf 1873 von fünf freisinnig regierten Kantonen seiner Diözese abgesetzt und aus seiner bischöflichen Residenz in Solothurn ausgewiesen. Er liess sich in Luzern nieder. Den Geistlichen im Jura wurde jeder Kontakt mit ihm verboten, sie protestierten, darauf wurden 97 Geistliche im Jura ihrer Funktion enthoben. Von einem kirchenrechtlichen Standpunkt aus hatte Bern nicht die Kompetenz für solche Massnahmen.
Die katholische Kirche funktionierte jedenfalls im Untergrund, bis 1878 das Kantonsparlament alle Geistlichen amnestierte. Nicht verbieten konnten die bernischen Behörden in dieser Zeit die Pilgerfahrten der Katholiken zur Chapelle du Vorbourg.
Pilger besuchen die Kapelle auch heutzutage, besonders am 15. August, also an Mariae Himmelfahrt.
Der Konflikt zwischen Staat und Papsttum fand auch ausserhalb der Schweiz statt, vor allem in Preussen, er ist unter dem Begriff «Kulturkampf» Thema für den Geschichtsunterricht. In Preussen und im Jura ging es dabei nicht zuletzt um die staatliche Kontrolle des Erziehungswesens.
Ein Aussichtspunkt mit Sitzbänken unter Bäumen bot die Gelegenheit, ein den meisten Schweizern nur ansatzweise bekanntes Staatswesen vorzustellen, das vom Jahr 999 an etwa achthundert Jahre lang existierte.
Das Fürstbistum Basel war Teil des Heiligen Römischen Reichs, territorial umfasste es in den letzten Jahrhunderten seiner Existenz das heutige Gebiet des Kantons Jura, den heutigen Berner Jura, die Stadt Biel, die gleichzeitig zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, das Laufental sowie die Herrschaft Birseck, in dem die heute bevölkerungsreichen Vororte im Südwesten von Basel liegen (Reinach, Oberwil, Ettingen, Allschwil, Therwil und Arlesheim), ausserdem die Herrschaft Schliengen nördlich von Basel.
Nach der Reformation musste der Fürstbischof die Stadt Basel verlassen. Er residierte von nun an in Pruntrut (Porrentruy), hatte aber in Delsberg ein Schloss im Stadtzentrum als Sommerresidenz.
Gewählt wurde der Fürstbischof aus den Reihen des Domkapitels, das seinen Sitz 1678 von Freiburg im Breisgau nach Arlesheim verlegte. Wer Mitglied des Domkapitels werden wollte, musste einen Stammbaum mit 16 adeligen Urahnen vorweisen. Das konnten vor allem Adelige aus dem Elsass.
Die komplizierte Geschichte des Juras ist im kollektiven Gedächtnis der Schweiz abwesend. Wer kennt die Fürstbischöfe, ihre Berater, ihre politischen Ziele, ihre Wirtschaftspolitik, ihre Freunde und Feinde, ihre Intrigen, ihre Erfolge, ihre Niederlagen?
Ende April 1792 besetzen französische Freiwilligenbataillone das Fürstbistum Basel. Der Fürstbischof flieht am 27. April aus seinem Schloss in Pruntrut nach Biel, später nach Konstanz. Es ist der Anfang vom Ende des Fürstbistums. Der Grund für den Angriff ist die Kriegserklärung des Kaisers in Wien an die Französische Republik am 20. April 1792. Die Kriegserklärung ist auch der Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reichs. (Genau genommen ist es wie oft etwas komplizierter: Franz II erklärt den Krieg als König von Böhmen und Ungarn, Kaiser wird er erst im Juli.)
Im Dezember 1792 wird die République rauracienne gegründet. Sie existiert drei Monate als erste Schwesterrepublik der revolutionären République française, dann wird sie ein Teil Frankreichs. Der protestantische Südjura, durch Verträge mit den Eidgenossen vorläufig geschützt, wird nicht Teil dieser Republik.
Über tausendachthundert Jahre früher erwähnte Caesar in seinem Bericht De bello gallico (“Über den gallischen Krieg”) den keltischen Volksstamm der Rauraci. Caesar berichtete, wie im Frühling des Jahres 58 vor Christus 263,000 Helvetier, 23,000 Rauraker und weitere Volksstämme versuchten, bei Genf in Richtung Südwesten auszuwandern. Sie wurden von Caesar aufgehalten, besiegt und zur Rückkehr gezwungen. Der Name der Rauraker ist in der Colonia Raurica enthalten, die im Jahr 44 vor Christus in Basel oder Augst (Augusta Raurica) gegründet wurde.
Im Nordjura suchte man 1792 nach einer eigenen Identität und sah sich als Nachfahren dieses Volksstammes. Dass die Rauraker je im Gebiet des Nordjuras gelebt haben, wird inzwischen selbst von jurassischen Historikern bezweifelt. Im Gebiet des heutigen Kantons lebten eher die Sequaner, wie in der benachbarten Franche-Comté.
Einer der bedeutendsten Politiker im Jura des 19. Jahrhunderts war Xavier Stockmar. Im Musée jurassien d’art et d’histoire in Delsberg findet man seine kleine Gipsbüste. Im Juli 1826 traf er sich mit Freunden in den Ruinen des Schlosses Morimont im Sundgau, etwa einen Kilometer von der Grenze entfernt, und schwor, den Jura von der Herrschaft der bernischen Oligarchie zu befreien.
War er der erste Separatist? Mit der liberalen bernischen Verfassung von 1830, an der Stockmar mitarbeitete, hatte er sein politisches Ziel erreicht – das Regiment der Stadtberner Patrizier war zu Ende. Stockmar selbst zog in die Regierung ein. Aber 1839 wurde er von seinem Regierungskollegen Charles Neuhaus aus Biel angeklagt, für die Trennung des Juras vom Kanton Bern zu arbeiten, und ohne Anhörung abgesetzt. Das Obergericht sprach ihn später vom Anklagepunkt des Hochverrats frei, und nach einer Zeit des Exils war Stockmar 1846 bis 1850 wieder Berner Regierungsrat, ausserdem war er 1848-51 und 1854-64 Nationalrat.
Stockmar war Verfasser der jurassischen Hymne La Rauracienne. Dieses Lied sieht die Befreiung des Juras in einem antifeudalen europäischen Kontext zwischen Lissabon und dem Baltikum. Der Text der Hymne wurde 1950 von Roland Béguelin und Roger Schaffter aktualisiert. Béguelin, später Generalsekretär des Rassemblement jurassien, war während Jahrzehnten der bestgehasste Mann im Kanton Bern. In Delsberg ist ein zentraler Platz in der Altstadt nach ihm benannt.
Heutzutage wird la Nouvelle Rauracienne gesungen, zum Beispiel an der jährlichen Fête du peuple jurassien. Besonders inbrünstig war der Gesang, als die jurassische Regierung die Aufnahme der Stadt Moutier in den Kanton Jura feierte – zu früh, die Abstimmung des 18. Juni 2017 muss wiederholt werden. Die Texte der beiden Gesänge findet man im Internet, eine genaue Lektüre der Texte lohnt sich.
1947 äusserte der langjährige sozialdemokratische Regierungsrat Georges Moeckli den Wunsch, das Baudepartement zu übernehmen, das frei wurde. Die gesamte Regierung unterstützte seinen Wunsch. Wahlgremium war aber der bernische Grosse Rat. Hans Tschumi, Grossrat der BGB, die später zur SVP mutierte, gab zu bedenken, man verstehe Moeckli schlecht wegen seiner Sprache. Ein Wiedererwägungsgesuch der Jurassier scheiterte mit 64 zu 62 Stimmen, diskutiert wurde es nicht. Die arrogante Haltung der bernischen Mehrheit führte zu Demonstrationen in Delsberg, zur Gründung der separatistischen Bewegung und zu politischen Auseinandersetzungen, die Bern und den Jura seit über siebzig Jahren beschäftigen, trennen und lähmen.
Als Zugeständnis an die Jurassier änderten die Berner anfangs der 1950er Jahre ihre Verfassung. Artikel 1 lautete neu: Der Kanton Bern «umfasst das Volk des alten Kantonsteils und dasjenige des Jura». Zwei Völker, das Berner Volk und le peuple jurassien? Als in Biel aufgewachsener Mensch lehnte ich es lange strikte ab, mich als «Berner» zu definieren, obwohl ich sonst ein loyaler Bürger meines Kantons bin. Vielleicht geht es anderen im Kanton ähnlich.
Die heute gültige bernische Verfassung spricht wieder nur vom «Volk des Kantons Bern», also nicht vom «Berner Volk», während die Verfassung des Kantons Jura so beginnt: «Le peuple jurassien… se donne la Constitution dont la teneur suit…».
Wie steht es mit dem Volk im bernischen Südjura? Gehören die Bernjurassier noch zum peuple jurassien, oder sind die jurassiens bernois inzwischen ein neues frankophones Volk mit einer eigenen Identität?
Zur Frage, was Bern im Jura verloren hat.
Ganz gewiss haben Berner Politiker schon im 19. Jahrhundert im Jura, ganz besonders im katholischen Nordjura, sehr viele Sympathien und Vertrauen verloren, ohne sich ernsthaft darum zu kümmern. Der Kanton Bern war, so scheint es, lange nicht in der Lage, die Diversität des Kantons als Chance zu begreifen und zu nutzen. So erstaunt es nicht, dass ein Teil der jurassischen Bevölkerung zur Überzeugung gelangte, dass der Jura sich nur als eigener Kanton frei entwickeln könne.
Verloren haben in diesem Konflikt aber auch die Separatisten. Ihr ursprüngliches Ziel, einen Kanton vom Laufental bis zum Bielersee zu gründen, haben sie nicht erreicht, und sie werden es auch nicht erreichen.
Lange haben die Separatisten argumentiert, der Südjura habe sich nur wegen der Einwanderung von Deutschschweizern, also wegen der «Germanisierung», gegen die Zugehörigkeit im neuen Kanton ausgesprochen. Die Argumentation ist verständlich. Es hat tatsächlich eine Einwanderung aus den deutschsprachigen Teilen des Kantons stattgefunden, schon zu Zeiten des Fürstbistums, als die von Bern verfolgten Täufer die Erlaubnis erhielten, sich auf den Jurahöhen niederzulassen. Aber spätestens die Kinder dieser Germanen haben sich integriert und sind längst Teil des peuple jurassien geworden.
Wie entscheidend ist die Sprache für Fragen der Identität und der Abgrenzung? Im Jura ist sie nicht entscheidend, denn die Sprachgrenze ist nicht die Kantonsgrenze. Die heutige Grenze zwischen den Kantonen Bern und Jura entspricht stattdessen ziemlich präzise (mit Ausnahme des ehemaligen Klosters Bellelay) der Grenze der Ausdehnung der Reformation im Jahr 1530. Das Gebiet «sous les Roches» machte die Reformation nicht mit, aber die traditionell protestantische Gemeinde Roches nördlich von Moutier hat sich vor kurzem für Bern entschieden.
Ist also die Religion entscheidend, wie in Bosnien? Sicher ist auch dies nicht. Vielleicht ist es die Geschichte, die gemeinsame Erfahrung. Vielleicht macht es einen Unterschied, ob ein Gebiet zur République rauracienne gehört hat. Der Südjura mit Moutier gehörte nicht dazu, weil das Gebiet mit Bern und Biel verbündet war, und weil Frankreich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Krieg mit den Eidgenossen riskieren wollte. Die französischen Truppen besetzten das Gebiet nicht wie den Nordjura im Jahr 1792, sondern erst Ende 1797, also kurz vor dem Ende der ganzen Alten Eidgenossenschaft.
Bleibt nun Moutier bei Bern oder wird die Stadt Teil des neuen Kantons? Wenn alte konfessionelle Grenzen und die langfristige Geschichte weiterhin wirken, wird Moutier nicht Teil des Kantons Jura. Allerdings wählt die Stadt seit Jahren autonomistische Stadtbehörden, die den Wechsel zum Kanton Jura propagieren. Ausserdem hat sich in Moutier die Konfession der Mehrheit verändert, wenn man dem Bundesamt für Statistik glaubt. Für einen Verbleib bei Bern könnte sprechen, dass die Stadt bei einem Kantonswechsel ihre Rolle als Zentrum einer Region riskiert, weil alle umliegenden Gemeinden sich nämlich schon für Bern entschieden haben. Der Ausgang bleibt offen.
Zurück zum Thema der Germanisierung. Das wertvollste Ausstellungsstück im Musée jurassien ist ein mit merowingischen Goldschmiedearbeiten verzierter Gehstock, la crosse de Saint Germain. Er soll dem im Jahr 675 bei Delsberg ermordeten Abt von Moutier-Grandval gehört haben. In der Stadtkirche Saint-Marcel sind die Gebeine des Abtes als Reliquien aufbewahrt. Sein Name: Germain, lateinisch Germanus. Geboren wurde er in Trier. Zeichen einer frühen Germanisierung? Saint Germain war ein in der spätrömischen Zivilisation aufgewachsener, kultivierter Germane. Und obwohl er Germane war, bleibt er bis heute einer der prominentesten Heiligen des Juras, und sein Gehstock wird im Museum sicher aufbewahrt.
Weniger Glück hatten andere Kulturgüter. Die Brunnenfigur der Gerechtigkeit in Bern, ein Werk aus dem 16. Jahrhundert, wurde 1986 von Mitgliedern des Groupe Bélier niedergerissen. Ähnlich erging es der neun Meter hohen Monumentalstatue La Sentinelle des Rangiers des neuenburgischen Bildhauers und Malers Charles l’Eplattenier, Lehrer von Le Corbusier, die 1924 auf Initiative von Pro Jura errichtet worden war. Der Statue wurde wohl der Übername Le Fritz zum Verhängnis, vielleicht auch sein strenger Blick Richtung Ajoie und Frankreich. Während des Festaktes zum 25-jährigen Bestehens des Kantons Juras im Jahr 2004 wurde sein Kopf von zornigen Mitgliedern des Groupe Bélier mit schweren Hämmern in Stücke gehauen. Die Zerstörungsaktion vor laufenden Fernsehkameras sollte zeigen, dass der Kampf um die Einheit des Juras weitergeht. Die Überreste des Denkmals gehören dem neuen Kanton. Sie warten in einem Lagerhaus in Delsberg auf ihre mögliche Auferstehung, zusammen mit den geschlossenen Restaurants des ehemaligen Ausflugsziels Les Rangiers.
Die Geschichte des Juras ist nicht nur kompliziert, sondern für Berner und Bieler auch bedauerlich und schmerzhaft. Unsere Vorfahren, so scheint es, haben versagt. Und die lebenden Generationen, was haben sie getan, um die gestörte Beziehung zu verbessern? Hat uns die Frage, was schief gelaufen ist, genügend beschäftigt? Gab es eine Vergangenheitsbewältigung? Sind Fehler identifiziert und bewusst gemacht, damit sie sich nicht wiederholen?
Den Besuch des Musée jurassien empfehlen wir jedenfalls sehr als Einstieg in die jurassische Geschichte, die ja über weite Strecken eine gemeinsame bernische und jurassische Geschichte ist.
Trotz einiger Gefühle des Bedauerns können wir uns über diesen 15. August nicht beklagen. Abbé Bernard Miserez in der Chapelle de Vorbourg hat unsere Fragen gutmütig und wohlwollend beantwortet. Und im Restaurant auf der Rue du 23 Juin fanden wir nette Angestellte, die sofort die letzten freien Tische zusammenschoben, so dass wir draussen unter Sonnenschirmen ausgezeichnet gegessen haben. Das Wetter war sonnig und warm, nicht zu heiss und nicht zu kalt. Le bonheur parfait.
Beklagen können wir uns auch nicht über die Teilnehmenden an unserer Exkursion, die sich für Delsberg und für das Thema interessiert haben.