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Als Industriellensohn mag Friedrich Engels (1820–1895) ein «Kommunist im Gehrock» (so der Titel einer Engels-Biografie des britischen Historikers Tristram Hunt) gewesen sein. Eitel war er aber nicht, wie ein Briefwechsel mit Georgi Plechanow belegt: Als sich der russische Philosoph einmal in unterwürfigem Ton an den deutschen Genossen wandte, erhielt er die Antwort: «Zunächst einmal verschonen Sie mich mit dem ‹Meister› – ich heisse ganz kurz Engels.»
Vermutlich hätte es Engels also nicht gestört, dass er im «Marxismus» stets nur der Mitgemeinte geblieben ist – ohne seinen Freund Karl Marx ist er kaum zu haben. Im Westen wurde er gar zum Prügelknaben, auf den die Entstellung des marxschen Erbes durch Dogmatiker zurückgeführt wurde.
Seit dem Engels-Jubiläum 2020 ist allerdings das Interesse an Marx’ Mitstreiter wieder erwacht, es gab damals einige Neuerscheinungen, etwa von Michael Krätke, der auch für die WOZ schreibt («Wie ein Cotton-Lord den Marxismus erfand», Dietz-Verlag, Berlin). Auch ein aktueller Suhrkamp-Sammelband versucht, Engels neu zu erschliessen. In dem vom Wuppertaler Professor Smail Rapic herausgegebenen Buch wird dieser unter anderem als Philosoph gewürdigt: In seinem Beitrag versucht Rapic zu zeigen, dass Engels’ originelle Bezugnahmen auf Hegels Wesenslogik in West und Ost völlig ignoriert worden sind.
Lesenswert auch, wie Andrea Maihofer angesichts der neoliberalen Kaperung des Freiheitsbegriffs versucht, diesen in Auseinandersetzung mit Engels neu zu durchdenken. Wolfgang Streeck wiederum würdigt Engels als Militärtheoretiker, der schon Jahrzehnte vor 1914 einen «Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung» antizipierte. Und Peter Hudis stellt Engels’ überraschend wechselhafte Auffassung von Marx’ Wertbegriff dar. Die Beiträge zeigen damit, dass man Autor:innen nicht vorschnell verabschieden sollte, weil da lange Übersehenes noch einer genauen Lektüre harren könnte. Jedenfalls gilt das für den, der ganz kurz Engels hiess.
Smail Rapic (Hrsg.): Naturphilosophie, Gesellschaftstheorie, Sozialismus. Zur Aktualität von Friedrich Engels. Suhrkamp Verlag. Berlin 2022. 393 Seiten. 38 Franken