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Handwerk oder Gewerbe
Als Handwerk werden zahlreiche gewerbliche Tätigkeiten bezeichnet, die Produkte meist auf Bestellung fertigen oder Dienstleistungen auf Nachfrage erbringen. Der Begriff bezeichnet auch den gesamten Berufsstand. Die handwerkliche Tätigkeit steht der industriellen Massenproduktion gegenüber. Bei Handwerk und Gewerbe handelte es sich um eine an den Kundinnen und Kunden des regionalen oder lokalen Marktes orientierte Form der Güterproduktion (Handwerk) und der Güterveredelung und -verteilung (Gewerbe).
Handwerk und Gewerbe in früheren Zeiten
Schneider gehörten neben dem Schuhmacher seit dem Mittelalter zu den am zahlreichsten vorkommenden Handwerkern im Dorf. Viele Berufsbezeichnungen von damals ergaben auch den passenden Familiennamen wie etwa Schneider, Müller, Schmied, Wagner, Brotbeck, Schuhmacher, Spengler, Metzger, Kuttler, Hafner, Weber oder Fischer. Im Laufe der Geschichte dominierten Gewerbebauten wie Mühlen, Sägen, Ziegeleien und Schmieden in den Dorfkernen oder liessen sogar ganze Dorfteile oder Gewerbequartiere in der Stadt entstehen. Beispiele dafür sind Mahl- oder Papiermühle Laufen, Mühle von Buus, Mühlerweiher Maisprach, Mühle-Diegten, Säge Rothenfluh, Industriesiedlung Nieder-Schönthal bei Füllinsdorf.
Das Zunftwesen in der Stadt
Seit der Mitte des 14. Jh. war der überwiegende Teil der mündigen männlichen Basler Stadtbevölkerung in 15 Zünften organisiert. Die elf Handwerkszünfte unterschieden sich in ihrem Aufbau voneinander: Einige umfassten nur ein Gewerbe, andere mehrere (z. B. Gartnernzunft). Neben ihrer Funktion als handwerkliche Korperationen zur Durchsetzung berufseigener Interessen hatten die Zünfte für die Stadt zentrale Aufgaben im Wach- und im Kriegsdienst wahrzunehmen. Die Zünfte waren Träger der städtischen Verfassung und bildeten den Kern des städtischen Lebens in religiöser, gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und verwaltungstechnischer Hinsicht. Die Zünfte besassen eigene Zunfthäuser, welche als Versammlungsort dienten. Erst mit der Einführung der Gewerbefreiheit in Basel-Stadt im Rahmen der Verfassungsrevision von 1875 ging die Vorherrschaft der Zünfte zu Ende.
Handwerk und Gewerbe im 19. Jh.
Viele handwerkliche Betriebe waren an die Wasserkraft gebunden. Deshalb gab es in Basel eine grosse Zahl von Mühlen unterschiedlicher Art. Sie waren alle im Bereich der Gewerbekanäle angesiedelt: St. Alban-Teich, Riehen-Teich und Rümelinsbach. «1823 trieb der Teich insgesamt 64 Räder, wovon 34 auf Getreidemühlen entfielen, die übrigen verteilten sich wie folgt: sechs Tabakstampfen, vier Sägen, vier Farbholzmühlen, vier Ölmühlen, drei Gipsmühlen, je zwei Bleichewalken, Farbholzschneiden, Giftmühlen, Sandelstampfen, Schleifen und je eine Wollenruchwalke, Gewürzmühle, Indigomühle, Lohstampfe, Strumpfwalke, Walkfass für Leder, Hammer zum Bedarf der Gerber. .» (altbasel.ch).
Der sich im 19. Jh. anbahnende Umbruch zeigte sich, indem sich expandierende (Färberei-)Betriebe in älteren Gewerbeliegenschaften oder grösseren Gebäudekomplexen breitmachten: in der Utengasse, der Rheingasse, im Bläserhof, im Clarakloster und im Rappoltshof. Die Hochkamine ihrer Kesselhäuser wurden mit jenen der nicht mehr von Wasserkraft abhängigen Mühlen zum neuen Kennzeichen der Stadtsilhouette.
Nach der Trennung des Kantons Basel in zwei Halbkantone 1833 versuchten städtische Handwerkerkreise ihrer Interessenpolitik gemäss die alte Zunftordnung nochmals zu stärken. Die Polizeistrafordnung von 1837 sicherte den Zünften denn auch das städtische Produktions- und Absatzmonopol zu. Doch mit dem einsetzenden Bevölkerungswachstum der Stadt war diese Monopolstellung der zünftigen Handwerker immer schwieriger aufrechtzuerhalten. Eine umfassende Kontrolle zum Beispiel der eingeschmuggelten Waren war nicht mehr möglich. Das städtische Zunftsystem erwies sich als zu starr, um den Anforderungen der Zeit zu genügen: Berufswechsel waren ausgeschlossen, Preissenkungen fast unmöglich, Flexibilität in der Betriebsgrösse rührte an ein Tabu. Für den Konkurrenzkampf waren die billiger produzierenden und verkaufenden Handwerker aus dem Ausland und aus dem Baselbiet besser gerüstet. (M. Leuenberger, 2001)
Die Weber etwa, ebenfalls ein verbreitetes Dorfhandwerk, verloren gegen Ende des 19. Jh. zunehmend ihre Bedeutung durch das Aufkommen industriell hergestellter Stoffe. Dagegen konnten zum Beispiel die Schneider, die auch Stoff verkauften, weiterexistieren. Auch sie wurden aber durch industriell produzierte Kleidung zunehmend überflüssig und befriedigen heute vor allem noch den Luxusbedarf.
Während der Wirtschaftskrise, der grossen Depression von 1873 bis 1896, litt das Handwerk so sehr unter Auftragsmangel, dass der Untergang dieser Betriebsform voraussehbar schien. Doch dann folgte gegen Ende des 19. Jh. ein Wirtschaftsaufschwung. Er löste den längst fälligen Strukturwandel im Handwerk aus: Berufe verschwanden (z. B. Seifensieder, Kammmacher, Nagelschmied, Bierbrauer), wurden von der Industrie aufgesogen oder zu Flickberufen (u. a. Schuhmacher, Uhrmacher) verändert. Andererseits entstanden laufend neue gewerbliche Berufe vor allem in der Industrie und im Dienstleistungssektor wie Karosseriebauer, Installateur, Elektriker, Monteur, Garagist, Velomechaniker, Radioelektriker, Fotograf, Drogist und andere. Bedingt durch das Wachstum der städtischen Bevölkerung erfolgte eine Zunahme von dienstleistungsorientierten Betrieben wie etwa Coiffeure und eine Differenzierung und Spezialisierung im Baugewerbe, die mit der enormen Bautätigkeit einhergingen.
Vom Handwerk zur Manufaktur und zur Fabrik
Es war in den Jahren der frühen Industrialisierung schwierig, zwischen Gewerbe und Industrie klar zu unterscheiden. «Bezeichnet man als den massgebenden Unterschied zwischen einer Fabrik und einer Manufaktur
die Frage der Antriebskraft, so muss man in Rechnung stellen, dass viele der Baselbieter «Fabriken» eigentlich Manufakturen waren, weil sie weder über Dampf- noch Wasserkraft verfügten: zum Beispiel die Papierfabriken, die Saline, die Chemische Fabrik Schweizerhall und die Uhrmacherateliers. Demgegenüber kann man auch grössere Handwerksbetriebe wie Schmieden, Drahtzüge und Papiermühlen als Manufakturen bezeichnen, weil sie im Wesentlichen bereits auf der Arbeitsteilung basierten.» (M. Leuenberger, 2001)
HPM