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David Philip Hefti
In den Hallräumen der Tradition
Von dem Schweizer Schriftsteller Felix Philipp Ingold stammt ein Gedicht, das sich zugleich auflöst und verdichtet. In insgesamt drei Strophen werden nach und nach immer mehr Worte der ursprünglichen Fassung ausgespart, wird der Ausgangstext fragmentiert; zugleich eröffnen die entstehenden Lücken Durchblicke auf neue Sinnebenen des Textes, die durch das Verfahren der Aussparung gleichsam freigelegt werden. Das ist eine starke poetische Idee, und wer, wie der Komponist David Philip Hefti, sich die Aufgabe stellt, dieses Gedicht zu vertonen, der braucht einen ebenso starken musikalischen Zugriff. Hefti verfügt darüber. Bergwärts, so der Titel des Gedichts, wird bei ihm zu einer Folge von „3 Aggregatzuständen für Sopran, Flöte, Violine, Violoncello und Klavier“ mit den Überschriften „fest“, „flüssig“ und „gasförmig“. Die literarische Idee, einen Sinnüberschuss durchs Weglassen zu erzeugen, wird einerseits aufgegriffen, andererseits aber charakteristisch abgewandelt, so dass die Vorlage tatsächlich nicht bloß vertont, sondern durch Heftis Musik neu und spannungsvoll gedeutet erscheint.
Ohnehin scheint es, als entzünde sich das kompositorische Schaffen Heftis mit Vorliebe an externen Referenzen: sein 1. Streichquartett Ph(r)asen (2007) lehnt sich nicht nur an zwei herausragende Exempel der Gattung an – an Robert Schumanns Streichquartettop. 41,1 und an Leos Janáceks 2. Streichquartett „Intime Briefe“ –, es musikalisiert auch ausgewählte Textpassagen aus den Briefwechseln der Komponisten mit ihren Geliebten. Die in die Partitur notierten Texte sollen freilich nicht rezitiert werden, sondern erklärtermaßen den Interpreten als Inspiration dienen. Mit dieser doppelten, musikalischen und semantisch-biographischen Anwesenheit älterer Vorbilder wird das Quartett zu einer Musik über Musik. Und Metamusik stellt es auch noch in einem weitern Sinne dar: Es nimmt seinen Titel zum Anlass, um die technischen Bedingungen des Musikmachens auf Streichinstrumenten zu hinterfragen. Der im Titel mitklingende Terminus „Phasen“ meint in diesem Fall auch die Verteilung der Aktionen von linker und rechter Hand und deren Verschiebung bzw. Entkoppelung – eine besondere Herausforderung für die Interpreten!
Dieselbe Phantasie und Gewandtheit, mit der sich David Philip Hefti in den Hallräumen der Tradition bewegt, steht ihm auch beim Entwerfen und Realisieren musikalischer Strukturen zur Verfügung. In den Interaktionen für Klavierquartett (2010) schlägt sich der die Komposition tragende Gedanke einer facettenreichen Wechselbeziehung von Instrumenten, Formabschnitten, Motiven und Rhythmen schon im Titel nieder. Die Musik entwickelt sich hier aus einem einzelnen Klang, letztlich aus einem einzelnen Ton heraus, der zunächst klangfarblich differenziert und dann auch rhythmisch konturiert wird. Aktionen lösen dabei Reaktionen aus, die sich zu einer übergeordneten Struktur ergänzen. Diesem Prinzip folgt auch das Orchesterwerk Klangbogen (2009). Auch hier entwickeln sich aus einem einzigen Klangfaden verschiedene, zunehmend konturierte Klangflächen. In demselben Maße aber, wie sie sich entfalten, treten Störelemente auf den Plan, eine Folge von außen andrängender Ereignisse, die den immanenten Entwicklungsprozess der Musik zum Stillstand bringen und letztlich umkehren. Am Ende stehen Auflösung und äußerste Reduktion.
Das spannungsvolle Ineinander von organischer Entwicklung und Unterbrechung, von Entfaltung und externem Eingriff bildet offensichtlich ein formales und darüber hinaus ein allgemein dramaturgisches Grundmuster im Komponieren David Philip Heftis. In seiner allgemeinsten Form regiert dieses Prinzip auch die Interaktion von Individuum und Gruppe, musikalisch gesprochen: von Solist und Ensemble. Kein Wunder also, dass das Genre des Solokonzerts für Hefti eine große Attraktivität besitzt, wie seine zahlreichen Arbeiten gerade in diesem Genre dokumentieren. Doch nicht nur hier, auch in seinen zahlreichen übrigen Werken erweist sich David Philip Hefti als dramaturgisch gewiefter, klangbewusster und strukturell denkender Komponist, der den Kontakt zur Tradition nicht scheut sondern vielfältige Inspiration aus ihr zieht.
Markus Böggemann