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Bürgerrat Heinrich von Wartburg aus Rohrbach (BE) fragt mich, was die Namen «Amerika» und «Jungfernblick» bedeuten. Blicken wir zunächst in Richtung Amerika: Das Landstück befindet sich ausserhalb des Dorfkerns, südlich des Weilers Sossau, am Fusse des Trittebergs am Waldrand.
Warum erkläre ich die Lage so genau? Mit dem Namen «Amerika» werden in der Schweiz meistens Geländegebiete bezeichnet, die sehr weit vom Dorfkern entfernt sind und somit abgelegenes, siedlungsfernes Land, das neu erschlossen wurde benennen. Beispiele dazu gibt es zahlreiche, etwa das «Amerika» in Amriswil und Bussnang (beide TG), Hölstein und Lupsingen (beide BL). Alle vier Namen liegen in abgelegenem Gebiet. In der Wahrnehmung der Bevölkerung also so weit weg, wie eben das Land über dem Teich selbst.
Von Solothurn nach Nord-Amerika
Tatsächlich gibt es aber auch Flurnamen, die einen noch direkteren Zusammenhang mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben. In Hägendorf (SO) gibt es den «Amerikanerblätz». Der Goldrausch und das billige Land in Kalifornien stellten für die Einwohner von Hägendorf eine verlockende Alternative dar. Um Geld zu sparen, beschloss die Gemeinde, die weniger vermögenden Menschen nach Amerika zu verschiffen. Auf dem sogenannten Amerikanerplatz warteten die Einwohner von Hägendorf auf die Kutsche, die sie zunächst nach Paris und danach an die Küste zum Schiff bringen sollte.
Im Jahr 1854 wanderten insgesamt 128 Personen von Hägendorf nach Nord-Amerika aus. Doch nicht nur Amerika, auch Kanada kommt in der Flurnamenlandschaft vor. In Welschenrohr (SO) heisst ein abgelegenes Waldstück «Kanada», da es in der Wahrnehmung der ortsansässigen Bevölkerung so weit abgelegen ist, wie das Land «Kanada» - diesem Namen kommt also die gleiche Bedeutung wie «Amerika» zu.
Die «Jumpfere» von Rohrbach
Beim Namen «Jungfernblick» ist es schon ein wenig schwieriger. Das Flurstück liegt zwischen «Amerika» und der «Altburg» unterhalb des Weilers Kasern. Flurnamen mit dem Element «Jung-« bezeichnen allgemein neu urbar gemachte Grundstücke oder solche mit jungem, frischem Bewuchs. Mehr dazu weiss aber Bürgerrat Heinrich von Wartburg, der mir sagt, dass er eine alte Schreibung des Namens kennt, nämlich: «Jumpfereblick». Das schweizerdeutsche Wort «Jumpfere» entspricht dem neuhochdeutschen Wort «Jungfer, Jungfrau» und geht auf das mittelhochdeutsche Wort «juncvrowe» zurück, das «junge Herrin, Edelfräulein» meint.
Damit werden also unverheiratete Personen eines höheren Standes oder allgemein erwachsene heiratsfähige Frauen bezeichnet. Jungfrau-Flurnamen werden meist in Verbindung mit einem bestimmten Ereignis oder einer sagenhaften Begebenheit bei der jeweiligen Örtlichkeit, an der eine «Jumpfere» mitbeteiligt war, gebracht. In Hünenberg (ZG) gibt es etwa den Jungfrauenbrunnen, bei dem angeblich einige Jungfrauen von einem Twingherren erwürgt worden sind.
Spielraum für Rätselraten
Die passende Geschichte zum «Jungfernblick» in Rohrbach fehlt mir leider, aber auch hier konnte mir Heinrich von Wartburg weiterhelfen. Er weiss dazu, dass aus dem Zins des Landstücks «Jungfernblick» den vier ältesten ledigen Burgerinnen (meist Mädge im elterlichen Heimwesen) einen Beitrag ausbezahlt worden ist. Gut möglich! Kann auch sein, dass das Landstück, mit Blick auf die Altburg, im Besitz einer jungen Burgherrin war und somit zu seinem Namen kam. Ganz sicher können wir hierbei nicht sein – aber es lässt doch Spielraum für Rätselraten.
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin. Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.
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