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Stell dir folgendes Szenario vor: In einem mausarmen Gebiet gründen Menschen einen Verein. Sein Zweck besteht einzig und allein darin, die Auswanderung der Vereinsmitglieder in die Vereinigten Staaten zu strukturieren, zu organisieren und durchzuführen; eine klassische Konstellation für Selbsthilfe. Keine Fiktion, sondern eine verbürgte Tatsache. Ein solcher Verein konstituierte sich tatsächlich am 7. März 1845 in Schwanden, Kanton Glarus, Schweiz. Sein Name: Glanerischer Auswanderungs-Verein. Die Motivation dazu lag auf der Hand. Man lebte sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Das Leben bzw. Überlegen im «Ziegerschlitz» gestaltete sich in jenen Tagen als schwierig und herausfordernd zugleich. Zeitzeugen berichteten darüber wie folgt:
«Ist der Glarner von jeher geneigt gewesen, auszuziehen im die weite Welt, um von dem grossen Handelsverkehr auch irgend einen Gewinn für sich zu erhaschen, so muss ihm das Scheiden von der Heimat, dem Erbe seiner Väter noch leichter fallen, wenn er in derselben keine Auswege mehr zu finden weiss, wie er seine Familie ehrlich und redlich ernähren kann, wo zehn Familienväter sich um den einen Taglohn bewerben, der kaum einer Haushaltung die Möglichkeit der Existenz verschafft.
Der will es selbst dem Bürger des Mittelstandes verargen, der trotz Einschränkungen und Entbehrungen n, nur Verminderung des Wohlstandes für sich oder seine Nachkommen in Aussicht hat, wenn er dem Vaterlande den Rücken kehrend, sich den Gefahren einer langen und beschwerlichen Seereise aussetzt, (…).»
Business-Modell mit klaren Zielsetzungen und innovativem Element
Die Vereinsmitglieder bildeten eine handfeste Schicksalsgemeinschaft. Die Familien und Einzelpersonen liquidierten ihr Hab und Gut. Sie setzten alles auf eine Karte. Zusammen kam ein Betrag von rund 6'720 Gulden zusammen. Damit galt es, die Kosten für Organisation, die Reise und den Landkauf in den USA zu decken. Letztere beanspruchte fast 57 Prozent, sprich 3'821 Gulden, des Gesamtbudgets. Auch waren weitere Landkäufe vor Ort angedacht.
Ein beauftragter Experte war für den Kauf der Ländereien zuständig. Er wurde im Bundesstaat Wisconsin fündig. Dort erwarb er im Namen des Glanerischen Auswanderungs-Verein 1'200 Acres Prärieland und 80 Acres Wald, im Total rund 5,18 Mio. Quadratmeter Landfläche (Vgl. Karte links im Titelbild). Vor der Abreise einigten sich die Vereinsmitglieder darauf, dass die Zuteilung der einzelnen Parzellen vor Ort per Losentscheid zu erfolgen habe. John Rawls lässt avant la lettre grüssen.
New Glarus: Neue Heimat und Ort der (ökonomischen) Hoffnung
Aus dem abstrakten Codenamen «New-Dorf» wurde de facto New Glarus (Vgl. Karte rechts im Titelbild). Am 20. November 1846 zählte die Kolonie «Neu-Glarus» 120 Bewohner, wobei seit der Abreise aus der Schweiz zwei Kinder geboren wurden und sieben Menschen seither gestorben waren. Aufschlussreich war in diesem Zusammenhang die folgende Anweisung an die ursprünglich 128 Auswanderer:
«Ist der Auswanderer im Seehafen von Nordamerika angekommen, so säume er nicht, sofort die Reise in’s Innere des Landes fortzusetzen, damit die ihm gebliebenen Ueberreste seines Vermögens nicht noch die Beute der Betrüger werden, die überall die Auswanderer umlagern.» Manches ändert sich nie. Migration aus einer Notsituation heraus war noch nie ein Zuckerlecken.
Inflationsschutz? Kaufkraft und Renditen von Prärieland im Realitätscheck
Werfen wir nun einen Blick auf den Landkauf von 1845: Die 1'280 Acres Land und Wald kosteten pro Acre im Mittel 1 ¼ Dollar. Erklärung zum Flächenmass: «Acre» beinhaltet 4'046.86 Quadratmeter an Fläche. Zur Einschätzung der Kaufkraft sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass für den Kauf einer Milchkuh Mitte der 1840er-Jahren mit 9 bis 10 Dollar zu Buche schlugen. Oder anders formuliert hatte eine Milchkuh den Tauschwert von mehr als 29'000 Quadratmetern an Prärieland.
Der Kaufpreis belief sich im Total auf exakt 1'600 US-Dollar. War das viel oder wenig? Eine Antwort darauf zu finden ist schwierig. Gleichwohl erlaube ich mir eine kleine Zahlenakrobatik. Die heutige Kaufkraft der ursprünglichen Kaufsumme beträgt im Jahr 2023 knapp noch 40 US-Dollar. Inflation vernichtet Kaufkraft von Einkommen, Ersparnissen und Vermögenswerten. Da die mittlere jährliche Inflationsrate zwischen 1845 und 2023 2,1 Prozent betrug, müssten allein zum Ausgleich der aufgelaufenen Teuerung die damals bezahlten 1'600 Dollar auf den Betrag von 64'773 Dollar angewachsen sein!
Machen wir die Probe aufs Exempel. Die aktuellen Angebotspreise für «Prärieland» in New Glarus bewegen sich zwischen 4 und 18 Dollar. Rein hypothetisch betrachtet resultiert daraus eine Bandbreite mit geschätzten Marktwerten. Sie reicht von 20.7 bis 93.2 Mio. Dollar. Daraus leitet sich eine Bandbreite der jährlichen Wertzuwächse von 5.45 bis 6.36 Prozent ab. Die Glarner Auswanderer hatten für ihre Verhältnisse auf die richtige Karte gesetzt. Sie erzielten eine deutlich positive reale Rendite. Well done. Die nominalen wie die realen Renditen für «Bauland» im Kanton Glarus dürften über die lange Zeit von 178 Jahren in derselben Grössenordnung, tendenziell aber etwas tiefer liegen. Diese Schätzung ist jedoch mit besonderer Vorsicht zu geniessen.
Die Moral von der Geschichte
Wir befinden uns in der Gegenwart. Das nominale Bruttoinlandprodukt (Gross Domestic Product, GDP) für den US-Bundesstaat Wisconsin schwankt zurzeit um die Marke von 70'000 Dollar pro Kopf und Jahr. Die vergleichbare Grösse «BIP pro Einwohner» für den Kanton Glarus wird für das Jahr 2021 als provisorischer Wert ausgewiesen. Er liegt bei 72'650 Franken. Fazit: Mit Blick auf die Wirtschaftskraft pro Kopf bewegen sich die beiden Territorien auf Augenhöhe. Eine nette Koinzidenz. So dürfte es zumindest aus meiner Sicht in den Sternen stehen, wer die besseren Karten für die (ökonomische) Zukunft besitzt: Die Nachkommen der 1845 daheimgebliebenen Glarner:innen oder diejenigen der mutigen Auswanderer des Glanerischen Auswanderungs-Vereins.
Tipp: Sollte eine Leserin oder ein Leser dieses Blogs einmal New Glarus besuchen, empfehle ich wärmstens einen Abstecher nach Spring Green. Dort kann man Frank Lloyd Wright’s Anwesen «Taliesin» besuchen. Die Autofahrt von New Glarus zum Campus des US-amerikanischen Stararchitekten (1867-1959) dauert weniger als eine Stunde, also selbst für Schweizer Verhältnisse ein Katzensprung.
Quellen:
Hauptquelle:
Der glanerische Auswanderungs-Verein und die Kolonie Neu-Glarus. Hauptbericht des Auswanderungs-Komité (Den 6. Hornung 1847) Glarus, 1847. (*)
Bild:
(*) und google maps; https://www.google.com/maps