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Es war irgendwann im Jahr 1988, als mein Vater mich mitnahm, um im Haus eines Bekannten einen Videorekorder zu kaufen. Wir waren in Rumänien, einem kommunistischen Land unter der Herrschaft von Nicolae Ceausescu. Das Fernsehprogramm dauerte nur zwei Stunden am Tag und zeigte ausschliesslich Propaganda. Ich erinnere mich, wie ich das VHS-Gerät ausprobierte. Als der Verkäufer die Auswurftaste drückte, hörten wir ein elegantes Zischen und das Kassettendeck öffnete sich wie die Klappe einer Weltraumkapsel. Seitdem wurde uns das Videoschauen zuhause zur Gewohnheit.
Wir schauten US-amerikanische Filme, Cartoons und Kabarettsendungen. In der Schule herumzuerzählen, dass wir ein Videogerät besassen, war uns nicht erlaubt, wenngleich wir ganz plötzlich mit der Welt verbunden waren. Diese Geschichte ereignete sich in zahlreichen rumänischen Haushalten. Die Leute kauften Kassetten auf dem Schwarzmarkt, tauschten sie untereinander und schufen so ziemlich gut funktionierende, illegale Netzwerke. Während wir Videos schauten, achteten wir darauf die Jalousien der Fenster herunterzulassen, um sicherzustellen, dass kein Nachbar sah, was wir taten.
Technik hat die Macht, Gesellschaft zu verändernWas auch immer wir heute tun, ob arbeiten oder spielen, scheint mit Technologien verflochten zu sein. Im antiken Griechenland galt „techne“ als die Kunst, die Welt zu (er)kennen. Technik hat die Macht, Gesellschaft zu verändern und sie leistet ihren Beitrag zu den verschiedensten Revolutionen: Man denke etwa an Bücher und Zeitungen, welche erst die Druckschrift für die Massen zugänglich machte. Oder an den Dampfmotor als Bedingung der industriellen Revolution. Aber Technologien können auch ein Mittel sein, um Dinge einzuhegen und im Besitz weniger zu halten.
In unserem heutigen Gesellschaftssystem ist Eigentum ein zentraler Wert. Lässt sich da noch eine andere Ordnung denken, in der Dinge besitzlos geteilt werden? Ich fand das Beispiel von Altruria, einen utopischen Ort ohne Geld. Er wird beschrieben in dem Roman „Der Reisende aus Altruria“ von William Dean Howells, welcher in den Jahren 1892/93 in den USA veröffentlicht wurde. Einige Jahre später wird Altruria auch in The Quest for an Arts and Crafts Utopia von Gustav Stickley erwähnt. Stickley war ein amerikanischer Handwerker, ein Bastler und Designer, der ganze Generationen des amerikanischen und englischen Arts and Crafts Movements inspirierte.
Diese Bewegung lässt sich als eine Reaktion auf die Industrialisierung und die damit einhergehende Prekarisierung breiter Bevölkerungsschichten lesen: Ihre Anhänger wollten die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen und gestalten. In Stickleys Buch heisst es daher: „Alle BürgerInnen arbeiten einige Stunden, um die ganze Gesellschaft zu befreien, mit dem Ziel höherer Sinnesfreuden, die ihnen die Bildung ihrer Jugend beibrachte zu geniessen.“
Es liest sich wie ein altes Rezept, in dem der Sinn des Lebens vom Zirkel der Kapitalakkumulation befreit ist. Keiner müsste sich Sorgen um die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse machen, freie Zeit könnte dafür genutzt werden, sich den geistigen Dingen zu widmen. An diesem utopischen Ort wäre der Zugang zu Wissen, Kultur und Unterhaltung ein grundlegendes Bedürfnis, weit oben in Maslow’s Bedürfnispyramide.
Heute befinden wir uns im Informationszeitalter und sehen uns mit virtuellen Gütern konfrontiert. Im Fall von physisch vorhandenen Gütern kann ein Eigentümer Profit machen, in dem er Wohnungen vermietet, aber der Wert unterliegt dem Wert des Gebäudes und auch die Anzahl der Wohnungen ist begrenzt. Ein digitaler Wert kann nahezu ohne Kosten vermehrt werden.
Eine Dienstleistungsplattform wie Uber kann Millionen von Shareholdern generieren und ein ansehnliches Einkommen für die Anbieter der Transportdienstleister und Autovermietungen. Die Digitalisierung würde eine gute Gelegenheit bieten, das Thema des Eigentums neu zu überdenken. Aber davon ist weit und breit nichts zu sehen. Wie sieht die Situation in Rumänien heute aus?
Die UserInnen Rumänien wollen Access – komme, was wolle…In einer Zeit maximalen autoritären Drucks wurde in Rumänien alles Ausländische aus dem „Westen“ als unmoralisch gebrandmarkt. Just dann blühte der Schwarzmarkt, auf dem Produkte wie Salami, Jeans oder kulturelle Waren, wie die genannten raubkopierten Videokassetten, zu haben waren. Diese Atmosphäre ist festgehalten worden in dem Dokudrama Chuck Norris vs. Communism aus dem Jahr 2015. Sie erzählt die Geschichte von Irina Margareta Nistor, die einzigartige und berühmte Stimme, welche alle Filme dieser Zeit synchronisierte.
Die Kassetten waren Teil eines Kreislaufs, mal wurden sie für Geld kopiert, andererseits wurde auch getauscht. Das Arsenal bestand nicht nur aus Videos, sondern umfasste auch Audiokassetten und Magnetbänder mit „moderner“ Musik, wie die von CC Catch oder Sabrina.
Die Menschen akzeptierten die Verbote des Staates einfach nicht, die den Zugang zu kulturellen Gütern betrafen. Die Musik und die Filme eröffneten Einblicke in eine andere Welt und dies säte die Hoffnung, dass wir eines Tages wie Leute in den Filmen leben würden. Möglicherweise handelte es sich dabei nur um eine weitere Variante sanfter Propaganda, die in den Köpfen der Leute spross, um ihnen die Idee eines anderen Lebens zu geben.
Eine Nation von BastlerInnenUnter der Motorhaube eines Dacias zu werkeln, gilt als eine Lieblingserinnerung vieler Väter des kommunistischen Rumäniens. Auf dem Balkon zu basteln, konnte den Wohnraum vergrössern, eine Garage vor dem Plattenbau aus einem Zusammenflicken dieser und jener Materialien entstehen lassen: Kurzum, die Umstände machten die Rumänen kurzerhand zu „Makern“.
Dann kam das Internet. Das Netz wuchs rasant. Junge Unternehmer verkabelten ganze Treppenhäuser mit High Speed Internet. Und dies war wiederum der Beginn einer neuen Revolution: einer Film Access Revolution 2.0, in der sich jeder und jede innerhalb weniger Minuten Filme aus dem weltstädtischen Netz runterladen konnte. Selbstverständlich waren all diese Dinge illegal, aber unsere schlagende Ausrede war stets, dass wir ohnehin zu arm waren, um für urheberrechtlich geschütztes Material zu zahlen.
Es gab diesen Witz von Tetelu, ein rumänischer Comic, in dem ein erfundener Politiker zitiert wird. Der sagt: „Ich wünschte, ich wäre so reich, dass ich all die Filme kaufen könnte, die ich besitze.“ Merke: Wenn der Durst zu gross ist, finden die Leute immer einen Weg, die vorgeschriebenen Regeln und Gesetze des Staates und des Marktes zu umgehen.
Fast 30 Jahre sind seit dem Ende des Kommunismus in Rumänien vergangen und das Land weist eines der schnellsten Internetgeschwindigkeiten der Welt auf. All dies aufgrund des Handwerks am Netz um das Jahr 2000 herum. Während es ungefähr acht Stunden dauert, um 600 km mit dem Auto von der Westgrenze bis nach Bukarest zurückzulegen, ist unser Internet spitzenmässig. Das Bedürfnis nach Unterhaltung und Informationen, schuf quasi automatisch eine entsprechende Infrastruktur, während sich die 750 Kilometer Fernstrasse in den letzten 20 Jahren kaum erweitert hat.
Aber andere Baumeister haben auch ihren Job gemacht. Bald legte sich jeder einen Yahoo! Messenger Account zu, als Yahoo! angesagt war, und danach einen Gmail Account. Jetzt ist jeder auf Facebook, von den Sechzigjährigen bis zu den Jugendlichen: laut Facebrands die Hälfte der Gesamtbevölkerungszahl des Landes, das sind 9,6 Millionen Accounts. Mit grosser Hingabe überflutete die Bevölkerung die vorhandene Infrastruktur mit Worten, kommentierte Fussballspiele, Politik oder den letzten Familienurlaub, ohne jede Sorge, was das gigantische Monopol mit ihren Daten machen könnte. Die Nutzung all dieser Plattformen ist vor allen Dingen erstmal eine Frage der Bequemlichkeit. In dieser Hinsicht könnte ich sogar behaupten, dass der Deal fair ist: Man gibt etwas, man bekommt etwas.
Obwohl Leute noch immer Inhalte von Torrents oder Filme über diese merkwürdigen Seiten mit der Porno-Werbung streamen, wächst die Gruppe der Netflix-Abonnenten und HBO Go. Das ist dieses kleine Anzeichen der Marktreife, die wahrscheinlich ebenso einer Bequemlichkeit entspringt. Die Leute bezahlen lieber eine kleine Summe, um sich die Sachen in besserer Qualität anzuschauen.
So etwas, wie es der Autor Rufus Pollock nahelegt, also eine Art staatliches Netflix, ist im Falle Rumänien gänzlich unwahrscheinlich. Das Misstrauen gegenüber der Regierung hat gerade seinen historischen Höhepunkt erreicht. Die gegenwärtige Regierung und das Parlament kidnappen die Gesetzgebung, um sie nach Gutdünken zu modifizieren, um vergangene Korruptionen oder Amtsmissbräuche zu legitimieren. Diese Atmosphäre bringt die Leute verständlicherweise nur widerwillig dazu, zusätzliches Geld an den Staat abzugeben. Sogar die historische Fernsehsteuer, obwohl gering, gilt als ein dinosaurisches Gebilde, das den nationalen Fernsehsender finanziert, der von einer regierungsfreundlichen Agenda getragen wird, und das ist nicht demokratisch.
Für den Moment muss die Open Revolution also verschoben werden und wird ganz sicher not televised, sondern macht Platz für günstige Geschäfte, wem auch immer sich diese Gelegenheit bietet.
Währenddessen versucht die Gesellschaft damit umzugehen und lernt, sich selbst zu organisieren. Sei es, dass man an Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Swimmatons teilnimmt oder eine neue Partei finanziell unterstützt. Rumänien sieht sich herausgefordert, neue Wege durch gemeinschaftliche Organisation zu finden. Sogar eine Klinik für an Krebs erkrankte Kinder wird von einer privaten Initiative, der NGO „Daruieste viata“ (The Give Life Association) gestemmt.
Könnte Blockchain etwas beitragen?Da also Rumänien mit seiner Infrastruktur und etwa 100 000 Beschäftigten in der IT-Branche ein Hotspot an Technologien darstellt, können wir hier eine gewisse Offenheit gegenüber Systemen erwarten, die neue Technologien integrieren, unabhängig vom Staat, und ihren NutzerInnen Handlungsmöglichkeiten überträgt. So ein System ist Blockchain, das Modewort der Stunde, das noch Zeit brauchen wird, damit wir es verstehen und es sich in unserem Bewusstsein verankert.
Die Blockchain-Technologie steht für mehr als nur eine Kyptowährung und die Möglichkeit, über Nacht reich zu werden. Das Schlüsselwort dieser Technologie ist Vertrauen, denn die Information wird im gesamten System verteilt und virtuell für jeden zugänglich. Die Kontrolle ist dezentralisiert, die Steuerung auf alle NutzerInnen verteilt. Es ist einfach, Konsens zu erzielen, sodass Blockchain viele Anwendungen in Governance-Systemen und voraussichtlich sogar im Naturschutz nach sich ziehen wird.
Dasselbe System könnte somit die Zukunft für Vertragsschlüsse werden oder auch für das Urheberrecht. Um Blockchain besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich an die Ära von Peer-to-Peer File-Sharing auf Napster, Pirate Bay oder jeder anderen Torrent-Seite zu erinnern. So funktionieren Torrents: Eine Mediendatei wird auf vielen Computern gespeichert und wenn ein Nutzer sie kopiert, lädt er sie von vielen Quellen auf einmal herunter. Es macht den Download schneller.
Auf die gleiche Weise ist Blockchain eine grosse Datenbank, in der alle NutzerInnen gleichermassen Zugriff auf die darin enthaltenen Datensätze haben. Jede Änderung ist für jeden sichtbar und korrupte Handlungen werden durch Algorithmen unmöglich gemacht. Zwar könnte es für Bootlegs und Raubkopien schwerer werden, dafür könnten mit Blockchain faire Zugangs- und Verteilungssysteme geschaffen werden.
Momentan sind das Tracken der eigenen Arbeit durch eine digitale Signatur und Diebstahlschutz erste Anwendungen, aber auch Vergütungsmodelle für den direkten Kontakt zwischen KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen oder anderen HerstellerInnen von Inhalten und deren UnterstützerInnen sind denkbar. “Das bedeutet nicht, dass alle Macken ausgearbeitet sind – da Blockchain-Datensätze unveränderlich sind, müssen Fragen zur ersten Authentifizierung in den Uploads beantwortet werden”, heisst es in einem Artikel, der das Problem auf der Website Above the Law dokumentiert. Zensur bekämpfen, nerviger Werbung aus dem Weg gehen und unendliche Remixes sind einige der zahlreichen Möglichkeiten von Blockchain, wie sie in diesem Electronic Beats-Artikel beschrieben werden.
Jede Revolution bedarf der Zustimmung der Öffentlichkeit, welche sich als bemächtigt verstehen muss. Jedes einfache Modell, das den Menschen passt und Qualität zu einem fairen Preis liefert. stellt ein Los! dar. Die Fairness-Frage harrt einer Antwort. Die grossen Konzerne werden alles aus ihren Reserven locken, um ihre Vormachtstellung nicht zu verlieren, und dies unabhängig von ökonomischen oder technologischen Bedingungen.
Für Rumänien fühlt es sich momentan richtig an, den Staat nicht die Gelegenheit zur Zentralisierung zu geben. Er ist einfach nicht vertrauenswürdig. Also schauen wir, aus welcher Richtung die Open Revolution sonst noch kommen mag.