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Vor einigen Wochen erhielt das Hochschularchiv die Anfrage, ob in den Akten der ETH Zürich Informationen zu finden seien über einen Mann namens Krause. Es gebe Hinweise auf einen deutschen Studenten in Zürich, der sich während des Zweiten Weltkriegs, ca. 1944, in der Schweiz aufgehalten haben soll und bei dem es sich weder um einen Flüchtling noch einen Internierten handelte.
Die verlässlichste historische Quelle, die über den Werdegang von Studierenden an der ETH Zürich Auskunft gibt, sind die Matrikel. Dort finden sich Informationen über Ein- und Austritt, Studienrichtung, besuchte Veranstaltungen und absolvierte Zwischen- und Diplomprüfungen von Studierenden. Teilweise enthalten die Matrikel aber auch Beilagen, die einen etwas tieferreichenden Blick in das Leben der Studierenden erlaubt.
Tatsächlich findet sich in den Beständen des Hochschularchivs die Matrikel eines deutschen Staatsbürgers mit Namen Joachim Krause, der zur genannten Zeit an der ETH Zürich immatrikuliert war.
Krause, Joachim [Hans-Georg], geb. 24.10.1919. Matrikel zum Studium an der ETH Zürich (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/25121)
Aus der Matrikel geht hervor, dass Krause, im April 1943 in die ETH eingetreten war und das 1. Vordiplom im zweiten Anlauf bestanden hatte, bevor er die ETH Ende Sommersemester 1944 ohne Diplom wieder verlassen hat.
Aber wie kommt es dazu, dass während des Zweiten Weltkriegs, ein junger Mann aus dem Dritten Reich, der offensichtlich kein Flüchtling war, in Zürich studierte? In seinem Gesuch um Aufnahme an die ETH vom 20. Oktober 1942 begründet Krause seinen Antrag wie folgt:
„Leider war es mir nicht möglich die gegebenen Termine einzuhalten, da ich als Soldat an der Ostfront stand, verwundet wurde und nach längerem Lazarettaufenthalt jetzt erst zum Studium freigegeben wurde.
Mit dem Semester in der Schweiz […] will ich eine volle Wiederherstellung meiner Gesundheit durch die erlittene Verwundung (noch vorhandene Granatsplitter im Schultergelenk und Nähe Lunge) erreichen.“
Joachim Krause an das Rektorat der ETH Zürich, 20.10.1942 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/25121 Beilage in Krause, Joachim [Hans-Georg], geb. 24.10.1919. Matrikel zum Studium an der ETH Zürich)
Aus dem Schreiben geht ebenfalls hervor, dass Krause zuvor „1 Semester Maschinenwesen (Luftfahrt)“ an der Technischen Hochschule in Berlin studiert hatte. So ist es auch nur logisch, dass er an der ETH Zürich in die damalige Abteilung IIIA – Maschineningenieurwesen – eintrat.
Über die 16 Monate als Student an der ETH ist den Matrikeln nichts Auffälliges zu entnehmen. Etwas lapidar erscheint aber die Form des Austrittsgesuchs.
„Der E.T.H.
Infolge Einberufung zum Militärdienst nach Deutschland bitte ich um meinen Austritt aus der E.T.H.
Hochachtend
Joachim Krause“
Antrag Joachim Krauses um Ausstritt aus der ETH Zürich, 4.8.1944 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/25121 Beilage in Krause, Joachim [Hans-Georg], geb. 24.10.1919. Matrikel zum Studium an der ETH Zürich)
Eine Erklärung für die Eile, mit der das Schreiben hingeworfen zu sein scheint, liefert die letzte Beilage der Matrikel des Studenten Joachim Krause – ein Schreiben der Schweizerischen Bundesanwaltschaft an die ETH.
„[Wir] beehren uns Ihnen mitzuteilen, dass Krause vom 10. Juli bis 5. August 1944 bei der Kantonspolizei Zürich wegen dringenden Verdachtes des verbotenen Nachrichtendienstes zugunsten Deutschlands verhaftet war. Diese Strafsache konnte jedoch mangels Tatbestandes dem Gericht nicht überwiesen werden. Da sich andererseits ergeben hat, dass Krause durch sein Verhalten die innere Sicherheit der Schweiz gefährdet hat, ist unsererseits gegen ihn die Ausschaffung nach Deutschland sowie die Grenzsperre verfügt worden.“
Chef des Polizeidienstes der Schweizerischen Bundesanwaltschaft an den Sekretär des Schweizerischen Schulrats, 10.08.1944 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/25121 Beilage in Krause, Joachim [Hans-Georg], geb. 24.10.1919. Matrikel zum Studium an der ETH Zürich)
Ein ETH-Student als Spion? Was hat er denn ausspioniert? Informationen hierzu fänden sich vermutlich in den beiden Dossiers über Joachim Krause im Schweizerischen Bundesarchiv. Leider war es in der gegebenen Zeit nicht möglich, die Dossiers einzusehen. Damit kommen wir aber zurück zur Anfrage, über die der Autor auf Krause aufmerksam wurde. Der Historiker Florian Altenhöner forscht derzeit über eine Abteilung des militärischen Nachrichtendienstes des Dritten Reichs. Aus einem Vernehmungsbericht der Alliierten weiss Altenhöner, dass Krause Unteroffizier, Informant und Angestellter der Abteilung I T/Lw war. Die Abwehrabteilung I war der Geheime Meldedienst, der eigentliche Spionagedienst. Die Aufgabe der Gruppe I T/Lw bestand darin, Informationen über die Technik (v.a. die Entwicklungsabteilungen) gegnerischer Luftwaffen zu sammeln.
Über Krauses Aufgaben könne er bei seinem gegenwärtigen Wissensstand nur spekulieren, meint Altenhöner, der ebenfalls noch keine Gelegenheit hatte, die Akten im Bundesarchiv zu konsultieren. „Möglicherweise war er ein ‘Forscher’, so nannte die Abwehr V-Männer, die Ausschau nach möglichen weiteren V-Männern halten sollten. Eine andere mögliche Aufgabe war die Beschaffung technischer Fachliteratur, Fachzeitschriften usw., die im Reich nicht zu beschaffen waren. Inwieweit Krause auf explizit Schweizer ‘Geheimnisse’ angesetzt war, lässt sich nicht beurteilen. Grundsätzlich waren die neutralen Staaten eine Drehscheibe für Waren, Informationen und Menschen. […] Gegenwärtig ist Krause aber der einzige Student, den ich als VM für diese Gruppe in der Schweiz nachweisen kann. Ausgehend von der Aufgabenstellung der Gruppe I T/Lw ist aber z.B. auszuschließen, dass Krause seine Kommilitonen überwachen sollte.“
Literatur
Hans Rudolf Fuhrer. Spionage gegen die Schweiz: Die geheimen deutschen Nachrichtendienste gegen die Schweiz im Zweiten Weltkrieg 1939-1945. Frauenfeld 1982.
Weiterführende Quellen im Schweizerischen Bundesarchiv: