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Das Papiermacherehepaar Niklaus Heusler und Christina Pantaleon im St. Alban-Tal
Von Katrin Graf
sph-Kontakte Ausgabe Nr. 108| August 2020
Abb. 1: Scheibenriss Hüsler, Pantaleon 1591, Graphische Sammlung der Universität Zürich.
In der Graphischen Sammlung der Universität Zürich befindet sich ein anonymer grossformatiger Scheibenriss, auf dem der Papiermacher Niklaus Hüsler (1549–1616) und seine Frau Christina Pantaleon (1548–1613) zu sehen sind. Die Inschrift am unteren Bildrand lautet: «Niclaus Hüsler Der Papierer. Und Bürger zu Basel und Christina Pantaleonen, sein Gemahel 1591.» Ob die Scheibe je ausgeführt wurde, ist nicht bekannt.
In den unteren Bildecken ist links das Wappen der Heusler zu sehen, rechts dasjenige der Pantaleon. Ohne sie wären die beiden Personen nicht identifizierbar, denn es handelt sich keineswegs um Porträts, sondern um eine sogenannte Willkommscheibe, welche Ehepaare als Typen abbildet, die keine individuellen Züge tragen, sondern ihren Stand repräsentieren: Auf der linken Seite, welche in der Heraldik die wichtigere ist, erscheint der bewaffnete Mann, rechts begrüsst ihn die Ehefrau in Festtagskleidung, ihm einen Pokal mit einem Willkommenstrunk entgegenstreckend. An ihrem Gürtel hängen Beutel und Messer, die Utensilien der Hausherrin.
Der Scheibenriss ist insofern eine kleine Sensation, weil Papiermacher der Frühzeit sehr selten abgebildet wurden und weil wir es hier überdies mit dem einzigen Bild einer Basler Papiermacherin zu tun haben. In Basel sind mir nur zwei weitere Abbildungen von Papiermachern aus dem 16. Jahrhundert bekannt: Es handelt sich um zwei Wappenscheiben der Dürr im Schützenhaus. Ganz anders verhält es sich mit den Druckern, von denen zahlreiche Porträts erhalten sind und die ein weit höheres Prestige genossen, wie ich in meinen Ausführung zu einer Büste des Schlettstädter Frühdruckers Johannes Mentelin dargelegt habe (vgl. sph-Kontakte Nr. 106).
Die Tatsache, dass Niklaus Heusler neben Schwert und Harnisch auch noch Helm und Hellebarde trägt – also für den Krieg gerüstet ist und nicht etwa für ein Schützenfest, wie es andere Willkommscheiben zeigen –, scheint mir damit zusammenzuhängen, dass er in der Inschrift ausdrücklich als Bürger von Basel bezeichnet wird. Könnte es sein, dass der Scheibenriss aus Anlass seines Eintritts in die Safranzunft und die damit verbundene Wehrpflicht in Auftrag gegeben wurde? Eine spontane Vermutung, die wenig plausibel ist, denn 1591 war das Ehepaar schon dreizehn Jahre verheiratet. Und für beide war es ihre zweite Ehe. Sie war zu diesem Zeitpunkt 44 Jahre alt, er 43. Die Ehe blieb kinderlos. Christina hatte die Rychmühle, die sie zusammen mit ihrem verstorbenen Mann, dem Papierer Jakob Thurneysen, besessen hatte, mit in die Ehe gebracht, Niklaus Heusler die Zunziger Mühle und den grossen Klostergarten der St. Alban-Schaffnerei.
Der Anlass für den Auftrag der Willkommscheibe mag ein anderer gewesen sein: 1591 hatten die Basler Papierfabrikanten einen Vertrag untereinander abgeschlossen, dass keiner von ihnen ohne die Zustimmung der anderen eine Neuerung im Handwerk einführen dürfe, eine Zunftvorschrift also. Dieser Vertrag führte in den folgenden Jahren zu Streit zwischen Heusler und Dürr.
Der Scheibenriss repräsentiert nicht nur den Wohlstand des Ehepaars – wie Sandra Schultz gezeigt hat, gehörten die Papiermühlen in dieser Zeit zu den teuersten Liegenschaften Basels –, sondern im oberen Teil auch ihren Betrieb: Links sehen wir einen Papierschöpfer, der nach dem Vorbild von Jost Ammanns Ständebuch gezeichnet ist, rechts zwei Frauen beim Lumpenreissen und eine dritte mit einem Becher in der Hand. Es handelt sich um die früheste mir bekannte Darstellung geschlechterspezifischer Arbeitsteilung in einer Papiermühle. Solche Dokumente häufen sich erst im 17. und 18. Jahrhundert. Eine der bekanntesten Quellen ist das Werk Art de faire du papier von M. de Lalande von 1761, welches die Arbeitsgänge in den französischen Papiermanufakturen in Wort und Bild minutiös beschreibt: Schöpfen, Gautschen, Legen und Glätten des Papiers werden als Männerarbeit beschrieben, Lumpenreissen, Papieraufhängen auf dem Trockenboden, Papierprüfen und -verpacken als Frauenarbeiten. Es gibt in Lalandes Text gar keine männliche Form für diese Arbeiterinnen. Er spricht von «étendeuses», «trieuses», «compteuses», usw.
Abb. 2: Wappenscheibe der drei Bibliothekare, Kunstmuseum Basel, Inv. Nr. 614.
Nun ist nicht davon auszugehen, dass Niklaus Heusler und Christina Pantaleon selber Hand angelegt hätten bei der Papierfabrikation. Sie führten das Geschäft und waren für Beschaffung von Rohstoffen und für den Handel zuständig, und überdies auch für den Unterhalt ihrer Liegenschaften und ihrer Angestellten, die zum Teil bei ihnen wohnten.
Wenden wir uns zum Schluss noch Christina Pantaleon zu. Ihr Wappen ist nämlich nicht dasjenige der Thurneysen, sondern, weit prestigeträchtiger, dasjenige ihres hochgelehrten Vaters Heinrich Pantaleon, Professor und Bibliothekar an der Universität Basel, der in der Stadt Medizin, Physik und Dialektik unterrichtete. Auf einer der Universität gestifteten Wappenscheibe ist die aufgestreckte gelbe Löwentatze zwischen zwei Sternen zu sehen und darüber das Spruchband «Heinricus Pantaleon Medicus». Christina brachte ihrem Ehemann also nicht nur eine Mühle mit, sondern auch engste Beziehungen zu den bedeutendsten Gelehrten Basels. Eine prestigeträchtige Verbindung also, die einen sozialen Aufstieg für den Ehemann bedeutete. Sie zu repräsentieren, scheint mir ein plausibler Grund zu sein für den Auftrag des Scheibenrisses mit dem einzigen mir bisher bekannten Bild einer Papiererin.
Meine kurze Ausführung über den Scheibenriss des Ehepaares Heusler und Pantaleon bestätigt das Fazit von Gabriela Signori über die spätmittelalterliche Ehe: «Die Gesellschaftsbereiche, in denen Männer und Frauen gemeinsam agierten, sind im 15. Jahrhundert so zahlreich wie noch nie. Diese Bereiche, Memorialkultur, Renten- oder Liegenschaftsmarkt sind mit der einseitigen Berücksichtigung zunächst der Männer, dann der Frauen aus dem Blickfeld der Geschichtswissenschaft geraten.» (Signori, S. 177) Mir scheint, diese Bemerkung gilt auch für das 16. Jahrhundert.
Literatur
Baur, Esther; Nagel, Anne: St. Alban-Tal in Basel, Schweizerische Kunstführer GSK, Bern 2009
De Lalande, M.: Art de faire du papier, Paris 1761
Giesicke, Barbara: Glasmalereien des 16. Und 17. Jahrhunderts im Schützenhaus zu Basel, Basel 1991
Graf, Katrin: Einige Überlegungen rund um die Büste des ältesten Strassburger Druckers Johannes Mentelin. In: sph-Kontakte, Nr. 106, Juli 2019
Heusler, Karl: Chronik der Familie Heusler, Basel 1997
Mensger, Ariane u.a.: Lichtgestalten. Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler. Ausstellungskatalog Kustmuseum Basel, München 2020
Schultz, Sandra: Papierherstellung im deutschen Südwesten. Ein neues Gewerbe im späten Mittelalter. In: Materiale Textkulturen 18, 2018 (Open acces unter: https://www.degruyter.com/view/title/530498)
Signori, Gabriela: Von der Paradiesehe zur Gütergemeinschaft. Die Ehe in der mittelalterlichen Lebens- und Vorstellungswelt (Reihe «Geschichte und Geschlechter», Band 60), Frankfurt, New York 2011
www.vitrosearch.ch, Stichwort: Willkommscheibe
Zeller, Rosmarie: Heinrich Pantaleon. In: Historisches Lexikon der Schweiz (https:\hls-dhs-dss.ch).