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Ursula Rudnick zum Evangelium am 16. Sonntag im Jahreskreis: Lk 10,38–42 SKZ 26/2010
Zwei Frauen, ein Mann: Marta übt die klassischen Tätigkeiten der Hausfrauenrolle aus. Ihre Schwester Maria lässt die Arbeit ruhen, um dem Meister zuzuhören. Marta wendet sich nicht an ihre Schwester mit der Bitte, ihr zu helfen, sondern an den Meister. Er möge ihrer Schwester mitteilen, dass sie ihr helfe. Dieser erteilt ihr jedoch eine Abfuhr.
Die Geschichte von Marta und Maria zählt zum lukanischen Sondergut. Sie ereignet sich auf der Reise Jesu nach Jerusalem. Ihr geht die Geschichte des barmherzigen Samariters voran, und es folgt die Anweisung zum rechten Gebet. Es liegt nahe, die Geschichte nicht allein im Hinblick auf die Rollenverteilung von Männern und Frauen zu lesen, sondern zugleich die Bedeutung der Beschäftigung mit der Tora zu betonen.
Stolperstein
Eine der Gefahren in der Auslegung dieses Textes besteht darin, Jesus als Emanzipator von Frauen zu zeichnen und ihn ausserhalb der jüdischen Tradition des ersten Jahrhunderts zu verorten. Eine Gegenüberstellung von vermeintlich frauenfreundlichem Frühchristentum und vermeintlich rabbinisch negativer Haltung gegenüber Frauen entspricht nicht dem komplexen historischen Sachverhalt.
Jüdische Kontexte
Maria setzt sich zu Füssen Jesu, um seine Worte zu hören. Jesu Worte, das ist die Auslegung der Tora, der Weisung Gottes für ein gelingendes Leben. Im Verständnis der jüdischen Tradition meint Tora nicht allein das Studium der fünf Bücher Moses, sondern umfasst die ganze schriftliche und mündliche Lehre. Der Begriff Tora wird auf ähnliche Weise wie der Begriff «Evangelium» verwendet. Damit können konkrete Schriften gemeint sein; zugleich steht dieser Ausdruck jedoch für die ganze Botschaft der jüdischen bzw. der christlichen Tradition. Die ganze Tora wurde – gemäss der traditionellen Überlieferung – Moses auf dem Sinai «gegeben». Ein Teil wurde niedergeschrieben, ein anderer Teil, die «mündliche Lehre», wurde mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Später wurde auch die «mündliche Lehre» niedergeschrieben: Im Jahr 200 wurde die Mischna von Jehuda Ha-Nasi zusammengestellt. Mischna und Gemara, der Kommentar der Mischna, bilden zusammen den Talmud, dessen Studium bis heute eine zentrale Rolle vor allem im traditionellen Judentum einnimmt.
Talmud und Tora zu studieren hat einen religiösen Eigenwert. Es geht dabei nicht allein darum, die Gebote der Tradition und ihre Ausführungsbestimmungen kennen zu lernen, denn dies könnte auf effektive Weise anders geschehen. Dvora Weisberg, die Rabbinerin und Professorin für rabbinische Texte am Hebrew Union College in Los Angeles, der liberalen Ausbildungsstätte, beschreibt ihren Weg des Studiums der Tora sehr anschaulich als eine religiöse Erfahrung.
«Als ich sechzehn war, entschloss ich mich, nach einem Sommer in Israel, mehr über das Judentum zu lernen. Ich ging zu meinem Rabbiner und bat ihn um Hilfe. Er sagte mir, ich solle die Bibel lesen. Also ging ich zur Bibliothek der Synagoge, nahm den ersten Band der Bibel vom Regal und begann zu lesen. Mein Neuhebräisch war gut, aber die Kenntnisse meines biblischen Hebräisch waren auf das Auswendiglernen der zwanzig Verse für meine Bat-Mizwa beschränkt. Die englische Übersetzung klang archaisch … Ich las einen Satz auf Hebräisch, dann die englische Übersetzung und dann den Kommentar: von Genesis bis zum Ende der 2. Könige. Die Welt der Bibel begeisterte mich.
Zwei Jahre später belegte ich meinen ersten Talmud-Kurs. Die Sprache und die Terminologie des Textes verwirrten mich … Aber wieder war ich begeistert.
Warum war ich so gefangen genommen von Texten, die so weit von meinen eigenen religiösen Erfahrungen entfernt waren? …. Was macht das Studium der Tora in spiritueller Weise bedeutsam? Weshalb berührt es mich mehr als Kaschrut, der Schabbat oder selbst das Gebet? …
Tora wird in der jüdischen Tradition manchmal als ein Weg beschrieben. Das Studium der Tora stellt für mich einen Versuch dar, diesem Weg zu folgen, der, wie ich glaube, zu Gott führt. Ein Gelehrter des 20. Jahrhunderts antwortete auf die Frage, warum er ein kurzes davening (Gebet) vorziehe, um sich dann wieder seinem Studium der Texte widmen zu können: «Wenn ich bete, dann spreche ich zu Gott; wenn ich studiere, dann spricht Gott zu mir. Gottes Stimme existiert als ein Echo in den Texten, aber das Studium ist keine Einbahnstrasse. Das Studium der Tora bringt mich zu einem Dialog mit Gott; wenn Gott mir Fragen und Antworten anbietet, dann begegne auch ich meinen eigenen Anliegen. Das Studium der Tora ermöglicht mir nicht nur, in einen Dialog mit Gott einzutreten; es gibt mir auch die Möglichkeit, Gott nachzueifern.»
Dvora Weisberg zitiert dann eine Geschichte aus dem Talmud, in der Gott im Himmel auf die Unterstützung von Rabbah bar Nahmani angewiesen ist, um seine Ansicht in der himmlischen Akademie durchzusetzen. Hier zeigt sich eine Besonderheit der jüdischen Tradition: «Selbst Gott, der die Quelle und der Geber der Tora ist, benötigt menschliche Hilfe, um den Text zu verstehen. Dieser Text gibt Menschen die Autorität, Fragen des jüdischen Gesetzes zu entscheiden. Es gibt ihnen die Verantwortung, fortzufahren, die Tora zu studieren und sie zu erschaffen. Wenn ich studiere, dann wird mir bewusst, dass ich eine aktive Teilnehmerin in einem kontinuierlichen Prozess bin, der mit dem jüdischen Volk begann: einer fortgesetzten Suche nach dem Willen Gottes und unserem Platz im Universum.»
Folgender Aspekt verdient es, hervorgehoben zu werden. Weisbergs Erleben des Studiums von Talmud-Tora als einer Form von religiöser Erfahrung ist nicht ungewöhnlich. Hiermit steht sie in guter Tradition gelebter jüdischer Praxis von Männern durch die Jahrhunderte. Der Text von Weisberg wirft ein anderes Licht auf die Reaktion Jesu. An ihm können Christinnen und Christen die religiöse Bedeutung des Studierens und Diskutierens der Texte der Tradition erkennen. Lesen, Studieren und Diskutieren wird als ein spiritueller Akt erfahren, von Männern und auch von Frauen. Spiritualität kann ihren Ausdruck auch in Form von intellektueller Aktivität finden.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich im Judentum, analog zu den Entwicklungen im Christentum, ein grundlegender Wandel vollzogen. Frauen erforschen und lehren die Tradition: Dies bezieht sich auf alle Gebiete des Judentums: Bibel, Talmud, Halacha, Geschichte, Literatur und synagogale Musik. Wissenschaftlerinnen und Rabbinerinnen deuten und aktualisieren die Tradition auf höchst unterschiedliche Weise: im Rahmen der unterschiedlichen Strömungen des Judentums, von der Ultraorthodoxie bis hin zum liberalen Judentum und darüber hinaus. Das Spektrum jüdischer Auslegung reicht von radikal feministisch bis hin zu sehr traditionellen Formen.
Marta und Maria haben jeweils ihre eigene Stimme: Keine von ihnen schweigt. Jede von ihnen beteiligt sich an den Diskussionen der Gegenwart. Gottes Wort – so die jüdische Tradition – ist nicht im Himmel, sondern auf Erden und wird von Frauen und Männern ausgelegt.
Prof. Dr. phil. Ursula Rudnick ist Studienleiterin und Geschäftsführerin von Begegnung – Christen und Juden Niedersachsen e.V. und lehrt an der Leibniz-Universität Hannover am Institut für Theologie und Religionswissenschaft.