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Bananen-Boom in der Dominikanischen Republik – vor allem Haitianer arbeiten in den Plantagen.
Bananen: Verletzen Produzenten Fairtrade-Label?
Eine britische Reportage über Bananen-Plantagen in der Dominikanischen Republik wirft Fragen auf. Max Havelaar Schweiz antwortet.
Jan Luis Moneta wartet auf seinen Traum: ein Arbeitsvisum. Er zog aus dem benachbarten Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, in die Dominikanische Republik, als er 14-jährig war. Nach 30 Jahren in den Plantagen gilt er noch immer als illegaler Arbeiter. Mit seinem kargen Lohn kann er sich als Unterkunft nicht mehr leisten als eine Wellblechhütte ohne Wasser und Toilette und Elektrizität.
Geschätzte 90 Prozent kommen aus Haiti
Moneta ist einer von Tausenden «unsichtbaren» Migranten aus Haiti, die in den Plantagen arbeiten, wo sie laut Gewerkschaften geschätzte 90 Prozent der Arbeitskräfte ausmachen, wie Reporter Tom Levitt von «The Ecologist» schreibt. Die Regierung spricht von 65 Prozent. Mehr als die Hälfte des Bananen-Exports geht nach Grossbritannien. Die Bio- und Fairtrade-Bananen haben einen Ausfuhr-Anteil von 60 (Bio) respektive 25 (Fairtrade) Prozent.
Fairtrade ist ein Soziallabel. Der Katalog des fairen Handels beinhaltet aber auch Umweltkriterien. Fairtrade-zertifizierte Betriebe müssen nicht, können aber nach biologischen Kriterien bewirtschaftet werden. Und immer mehr sind es auch. Den Produzenten wird ein Fairtrade-Mindestpreis garantiert, und mit der fixen Fairtrade-Prämie sollen sie die Arbeits-und Lebensbedingungen verbessern.
Erdbebenopfer haben kaum Job-Chancen
Ein Schlüsselfaktor des allgemeinen Bananen-Booms in der Dominikanischen Republik ist der Rückgriff auf Arbeitskräfte aus Haiti. Nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 flohen Zehntausende Haitianer über die Grenze ins Nachbarland, wo sie in den Bananen-Regionen im Nordwesten strandeten. Aber ein stabiles Einkommen können sie auch hier kaum erwarten, weil schon ihre Landsleute die Jobs besetzen. Reporter Levitt von «Ecologist» schildert seine Recherchen wie folgt:
• Hunderte von Haitianern leben oft zusammengepfercht abseits der Hauptstrassen in Ansammlungen von Wellblech-Hütten ohne Wasser, Toiletten und Elektrizität. Die meisten von ihnen sind junge Männer. Einige haben einen Job in Bananen-Plantagen gefunden, darunter auch in gut bekannten Bio-Plantagen.
• Die haitianischen Plantagen-Arbeiter erhielten 250 bis 300 Pesos pro Tag (ca. 7 Franken). Das reiche für eine tägliche Mahlzeit aus Bohnen und Reis, aber es sei nicht genug, um ein Haus zu mieten oder eine Familie zu ernähren, wird Levitt gesagt.
Emmantel Audige: Vertrag wird nicht eingehalten
• Arbeitsverträge würden nicht eingehalten. Emmantel Audige sagt, er arbeite auf einer Fairtrade-zertifizierten Plantage. Er und andere hätten einen Vertrag für einen achtstündigen Arbeitstag unterzeichnet. In Tat und Wahrheit schufteten sie von 6 Uhr morgens bis 5 Uhr abends für 250 Pesos, ohne Pause und ohne bezahlte Überzeit.
• Laut der britischen Fairtrade Foundation werden aus der Prämie für Fairtrade-Bananen Pässe und Aufenthaltsbewilligungen mitfinanziert. Audige sagt, er habe keine Ahnung davon. Er möchte Zugang zu medizinischer Versorgung, wenn er sich bei der Arbeit verletzt habe. Nach einem Jahr sollte ein Arbeiter im Rahmen von Fairtrade 14 Tage bezahlte Ferien einziehen können. Audige erklärt, er erhalte keine Ferien.
Jetzt gibt es auch Befürchtungen, dass illegale haitianische Migranten bald ausgewiesen werden könnten. Die Regierung möchte, dass das Personal einer Firma mindestens zu 80 Prozent aus Einheimischen besteht - was im Widerspruch zur Realität in der Bananen-Industrie steht. Regierungsleute erklärten «Ecologist», damit sollten die Arbeitskräfte «regularisiert» und sichergestellt werden, dass alle Haitianer sich legal im Land aufhalten könnten. Aber es gefährdet umgekehrt Tausende illegaler Migranten.
Max Havelaar: endlich legaler Rahmen für Haitianer
In der Schweiz vergibt die Max-Havelaar-Stiftung das Gütesiegel für fair gehandelte Produkte. Die Stiftung ist Mitglied der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO). Im schweizerischen Bananen-Markt stammen über 55 Prozent aus dem Fairtrade-Handel, das ist weltweit einmalig. Migros und Coop sind Grossabnehmer von Max Havelaar. Der Anteil Fairtrade-Bananen aus der Dominikanischen Republik liegt im Gegensatz zu Grossbritannien hierzulande bei weniger als 10 Prozent.
In einer Stellungnahme zuhanden von Infosperber weist Max Havelaar darauf hin, dass bis Ende Mai 2012 haitianische Migranten in der DomRep gar keine Aufenthalts- und Arbeitsvisa hätten erwerben können, auch wenn sie über Jahre im Land lebten. Jetzt sei dafür aber endlich ein legaler Rahmen vorhanden, auch aufgrund des FLO-Lobbyings.
Im übrigen hält die Stiftung zu den Recherchen von «Ecologist» fest:
• Auf Fairtrade-Plantagen verdienten Haitianer und Arbeiter aus der DomRep im Bereich des Mindestlohnes gleich viel. Die Haitianer wohnten oft in «akzeptablen Verhältnissen», zum Teil auch als Untermieter bei Dominikanern. Die Haitianer sparten aber praktisch jeden Rappen, um möglichst viel Geld nach Hause schicken zu können.
• Die Arbeiter auf Fairtrade-Plantagen hätten einen Vertrag, seien krankenversichert und hätten bezahlte Ferien. Überstunden würden ausbezahlt. Zum Fall von Emmantel Audige sagt Martin Blaser, Fachverantwortlicher für Bananen bei Max Havelaar: «Wenn unsere Kontrollen Audiges Vorwürfe bestätigen, wären die Fairtrade-Standards verletzt worden und gegen die Produzentenorganisation müssten Sanktionen ergriffen werden. «
• Fairtrade International verlangte schon bisher, dass auf zertifizierten Plantagen 85 Prozent der Haitianer einen Pass haben mussten und 10 Prozent im Prozess stehen, um einen zu erhalten (100 Prozent sei wegen Fluktuationen unmöglich). Es sei aber sehr aufwendig und teuer, einen Pass zu erhalten. Ein Pass ist nötig, damit man nun das Arbeits-und Aufenthaltsvisum erhalte. Dass Fairtrade-zertifizierte Plantagen für ihre Haitianer jetzt rasch Visas beantragen würden, «versteht sich von selbst».
Schmiergelder für Beschaffung von Papieren
Das Problem: Die meisten Haitianer hätten nicht einmal eine Geburtsurkunde. Die müssen sie zuerst in ihrer Heimat beschaffen, um danach dort auch einen Passantrag stellen zu können. Dabei seien bisher auch immer wieder Schmiergelder geflossen. Fairtrade-Betriebe wie SAVID (beliefert die Schweiz) hätten darum Pass-Programme ins Leben gerufen, die Haitianer administrativ und finanziell unterstützten. Es gebe hier massive Unterschiede zwischen Fairtrade-Plantagen und konventionellen Farmen.
Man könne FLO vorwerfen, es unterlassen zu haben, Bananen-Produzenten die Zertifizierung zu entziehen, die Haitianer beschäftigt hätten. Weil das aber bei praktisch allen zertifizierten Betriebe der Fall sei, hätte Fairtrade die Dominikanische Republik ganz verlassen müssen, schreibt Max Havelaar. Das habe man nicht gewollt, denn die Arbeiter hätten nicht nur ihren Job, sondern auch eine Lobby-Organisation verloren.
Doch auch die Stiftung weist auf nach wie vor ungelöste Probleme auf der Karibikinsel hin, wenn sie gegenüber Infosperber festhält: «Aber es gibt schätzungsweise zwei Millionen illegale Haitianer in der Dominikanischen Republik, wo viele keinen Job und somit kein Einkommen haben und die Lebensbedingungen sicher sehr schwierig sind.»
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
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