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Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura
Die Anfänge der Konsumgenossenschaft BielStadt Biel - Arbeiterbewegung - Dienstleistungssektor - Konsum - Unternehmen
Gründung und Ausbau
Die Konsumgenossenschaft Biel geht auf eine Initiative der Arbeiterschaft zurück. Die am 6. November 1891 gegründete "Konsumgenossenschaft der Verkehrsangestellten von Biel und Umgebung" bestand hauptsächlich aus Arbeitern der SBB-Reparaturwerkstätte und ihren Angehörigen. Schon am 1. März 1892 konnte die Genossenschaft an der Zentralstrasse 48 ihren ersten Verkaufsladen eröffnen, der den Mitgliedern das Brot und die Milch etwa 10 Prozent günstiger verkaufte als die Konkurrenz. Die ab 1894 unter dem Namen "Konsumgenossenschaft Biel" (KGB) tätige Unternehmung erlebte sehr bald ein starkes Wachstum - zehn Jahre nach ihrer Gründung verfügte sie über 7 Filialen, 1913 bereits über 21. Im Jahr 1916 zählte die Genossenschaft bereits 6 138 Mitglieder. Auch die finanzielle Situation entwickelte sich erfreulich: Schon 1898 konnte die KGB 10 000 Franken beim Verband Schweizerischer Konsumvereine anlegen, nach 1908 gewährte sie der Genossenschaftsapotheke namhafte Darlehen. Zu einem Symbol für den raschen Aufschwung der KGB wurde das 1899 bis 1900 von Hans Bösiger erstellte Magazingebäude mit Bäckerei am Unteren Quai 50.
Ein sozialer Arbeitgeber
Die erste Verkäuferin der Bieler Konsumgenossenschaft verdiente 500 Franken pro Jahr - dazu kamen 1,5 Prozent Provision auf den Barablieferungen. Die Präsenzzeit betrug 13 Stunden täglich, und dies bei einem in der Regel regen Verkauf. Doch schon bald galt die KGB im Vergleich mit anderen Geschäften als sozialer Arbeitgeber. Ihre Löhne machten etwa 8 Prozent des Umsatzes aus, bei privaten Läden waren es nur 5 Prozent. Ab 1905 galt für das Verkaufspersonal der Zehnstundentag, 1920 wurde für das gesamte Personal der Achtstundentag eingeführt. In Fragen der sozialen Sicherheit ging die KGB mehrfach voran. Schon 1901 schuf sie eine Betriebsunfallversicherung für das Personal, und während des Krieges gehörte sie zu den wenigen Betrieben, die den Wehrmännern zwischen 45 und 75% Lohnfortzahlung gewährten. 1929 schuf die KGB eine Pensionskasse für das Personal.
Die Konsumgenossenschaft als Teil der Bieler Arbeiterbewegung
Als Gründung der Eisenbahn- und Postarbeiter stand die Konsumgenossenschaft Biel der Arbeiterbewegung nahe. Das zeigte sich zum Beispiel an den Generalversammlungen der Genossenschaft, wo die Vertreter der Bieler Arbeiterunion oft massgeblich Einfluss nehmen konnten. Wiederholt gelang es den Gewerkschaftsvertretern, von der KGB ausgesprochene Kündigungen wieder rückgängig zu machen. Die Verbindung mit der Arbeiterbewegung zeigte sich auch an einigen Konflikten vor dem Ersten Weltkrieg: 1910 verkaufte die KGB vorübergehend kein Flaschenbier, um den Streik der Brauereiarbeiter zu unterstützen, und 1911 trug ihre Unterstützung des Milchlieferanten-Boykotts dazu bei, den Anstieg des Milchpreises von 23 auf 24 Rappen zu verzögern.
Guido Müllers Engagement bei der KGB Biel
Im Verlauf des Ersten Weltkriegs geriet die KGB zum ersten Mal in finanzielle Schwierigkeiten, die 1916 eine Kreditaufnahme beim Verband Schweizerischer Konsumvereine notwendig machten. In dieser Situation übernahm Fürsprecher Julius Albrecht die Präsidentschaft des KGB. Dr. Guido Müller, ab dem 16 Juli 1917 Nachfolger Albrechts, amtierte vorerst als dessen Vizepräsident. Die neue Leitung der KGB kritisierte den zu hohen Bestand an Liegenschaften, die zu grossen Lagerbestände und die wachsenden Zinslasten. Sie betonte, angesichts der schwierigen Finanzlage seien die Rückerstattungen an die Mitglieder zu hoch. Leider lehnte die Generalversammlung einige der empfohlenen Sanierungsmassnahmen ab. Trotzdem verbesserte sich die finanzielle Situation der KGB deutlich, bereits 1919 konnten wieder Filialgründungen ins Auge gefasst werden.
Die Konsumgenossenschaft und die Radikalisierung der Arbeiterbewegung
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs führte die wachsende soziale Not zu einer Radikalisierung der Arbeiterschaft. Diese politische Entwicklung bekam auch die Konsumgenossenschaft zu spüren, obwohl sie den Angestellten mit Arbeitszeitverkürzungen und einem Teuerungsausgleich entgegengekommen war. So bemerkte der Sekretär des VHTL, er werde nicht ruhen, bis die den Konsumenten gebotene Rückvergütung schwinde, die aus den Angestellten herausgepresst werde. Auch wegen der Entlassung unzuverlässiger Angestellter geriet die KGB in Konflikt mit den Gewerkschaften. Das Personal verlangte, den Verwalter zu entlassen. Im Mai 1919 wurden diese Konflikte an einer Sitzung besprochen, an der die Kontrollstelle und die Vertreter von siebzehn Gewerkschaften und Vereinen teilnahmen. Dabei bemerkte der Aufsichtsrat, weitere Lohnforderungen gefährdeten die Existenz der KGB. Auch der Präsident der Genossenschaft mahnte die Arbeiterunion zur Zurückhaltung. In der Folge kam es nur noch vereinzelt zu Angriffen auf die KGB. So bemerkte ein Kritiker, die Konsumgenossenschaft sei eine Dividenden und Tantiemen ausschüttende kapitalistische Unternehmung, die lieber Kriegsgewinnsteuer zahle, statt das Personal richtig zu entlöhnen.
Strukturreform als Resultat des Wachstums
Im Jahr 1920 beschloss die KGB eine Strukturreform. Die Generalversammlung, an der inzwischen höchstens 10 Prozent der Mitglieder teilnahmen, wurde durch einen Genossenschaftsrat ersetzt. Der Aufsichtsrat hiess neu Verwaltungsrat, die Führung der Genossenschaft wurde einem Verwaltungsausschuss und einer Direktion anvertraut. Mit Paula Ryser hielt erstmals eine Frau in den Verwaltungsrat Einzug - sie wurde zudem in den Verwaltungsausschuss gewählt. Guido Müller stand der KGB noch einmal als Präsident vor, bevor er sein Amt auf den 1. Januar 1921 wegen Arbeitsüberlastung niederlegte. Müller versuchte noch, den tüchtigen, aber vom Personal abgelehnten Verwalter zu stärken - vergeblich: Auch der Verwalter legte auch Ende des Jahres sein Amt nieder.
Quelle: Kurz H. (1967). 75 Jahre Konsumgenossenschaft Biel 1891-1966, Biel, Konsumgenossenschaft.
Autor: Christoph Lörtscher / Quelle: Diverse 2012