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Der 19-jährige Amerikaner Hans Niemann ist beinahe kometenhaft in die Schach-Spitze vorgestossen. Er gilt als schräger Typ, als Sonderling, aber wegen seines rasanten Aufstiegs auch als Wunderkind. Er ist die aktuelle Nummer 41 der Welt.
Von der These des Wunderkinds hält Magnus Carlsen offenbar wenig. Der Norweger ist amtierender Weltmeister und seit Jahren der beste Schachspieler der Welt. Er wirft Niemann vor, betrogen zu haben. Der Konflikt begann Anfang September, als Niemann Carlsen überraschend besiegte. Bei einer weiteren Begegnung kurz darauf gab der Norweger aus Protest nach dem ersten Zug auf.
«Ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt, wie auch immer sie aussehen mag», schrieb Carlsen nach Tagen, in denen er nur Andeutungen machte, am Montag. Er glaube, Niemann habe häufiger betrogen, als er es öffentlich zugegeben habe. Beweise habe er allerdings keine.
Carlsen will für sich Konsequenzen ziehen: «Wir müssen etwas gegen Betrug im Schach unternehmen. Ich werde dazu beitragen, indem ich nicht mehr gegen Spieler spiele, die in der Vergangenheit betrogen haben, da ich mir nicht sicher sein kann, was solche Spieler in der Zukunft noch tun werden.»
Bei der Niederlage gegen Niemann habe er den Eindruck erhalten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zu und hergehe. «Ich hatte den Eindruck, dass er in den entscheidenden Phasen nicht vollständig fokussiert und auf das Spiel konzentriert war, während er mir mit den schwarzen Spielsteinen auf eine Art und Weise überlegen war, die ich nur von einem kleinen Personenkreis kenne. Das Spiel hat dazu beigetragen, dass sich meine Perspektive auf das Thema geändert hat.»
Nach diesen jüngsten Aussagen Carlsens ist noch keine Reaktion Niemanns bekannt. Nach dem Bekanntwerden des Skandals gab er in einem Interview zu, bei zwei online ausgetragenen Partien beschissen zu haben, einmal als 12-Jähriger, einmal mit 16. «Ich wollte ein höheres Rating, stärkere Gegner, also habe ich betrogen. ‹Chess.com› hat mich damit konfrontiert, ich habe gestanden und bin bestraft worden.»
Er habe während der Corona-Pandemie als 16-Jähriger alleine in New York gelebt und irgendwie seine Miete bezahlen müssen, gab Niemann als Grund für sein Handeln an. «Das war der grösste Fehler meines Lebens. Ich schäme mich dafür, es tut mir leid.» Bei Partien am Brett habe er nie betrogen.
Er habe seine Lektion gelernt, betonte Niemann. «Darum trainiere ich jetzt zwölf Stunden am Tag, darum lebe ich seit zwei Jahren aus dem Koffer. Ich will es jetzt besser machen als früher.» Die Vorwürfe von Carlsen und anderen in der Szene bezeichnete Niemann als «einen gezielten, koordinierten Angriff gegen mich. Das ist unfair.» Er sprach vom Versuch, seine Karriere zu zerstören und kündigte an, diese «Verschwörung und Manipulation gegen mich nicht stillschweigend» hinzunehmen.
Das kommt darauf an, wen man fragt. Grundsätzlich lässt sich wohl festhalten, dass viele Spitzenspieler die Bedenken Carlsens nachvollziehen können. Jan Nepomnjaschtschi, im letzten Jahr der bislang letzte Herausforderer um den WM-Titel, kam Niemann auch schon verdächtig vor. Andere, wie der beste Schachspieler Österreichs, Markus Ragger, sagen: «Ich tendiere dazu, dass Carlsen irgendwelche Beweise hat. Sonst würde er es nicht öffentlich machen.» Es gibt auch Spieler wie den amerikanischen Star Fabiano Caruana, der noch vor dem 15. Geburtstag Grossmeister wurde. Der sagte, Niemann habe beim Sieg über Carlsen «nicht besonders auffällig» gespielt und sei zweifelsohne ein talentierter Spieler.
Heerscharen von «Internet-Sheriffs» haben Berechnungen angestellt, die Niemanns Schuld oder Unschuld belegen sollen. Dazu gehört etwa die FIDE-Meisterin Yosha Iglesias. Sie analysierte mittels eines Programms Niemanns Partien und kam zum Ergebnis, dass er die Figuren mehrmals zu 100 Prozent so gezogen hat, wie es ein Computer getan hätte. Diese Präzision «hat mich schockiert», sagte sie dem norwegischen Fernsehen.
Auch andere, etwa der renommierte Professor Kenneth Regan, haben Niemanns Partien ausgewertet – und kamen teils zu einem anderen Resultat. Als Fazit lässt sich deshalb vermutlich festhalten: Alleine aufgrund dieser Indizien kann Niemann kein Betrug nachgewiesen werden.
Durch Zeichensprache, sei dies mithilfe anderer Menschen im Raum oder durch versteckte technische Hilfsmittel. Das kann etwa ein Gegenstand sein, der vibriert. Wird die Partie übertragen, kann ein Helfer vor einem wichtigen Zug ein Signal schicken. Der Spieler empfängt dieses und weiss zwar nicht direkt, welcher Zug ihm geraten wird – aber er weiss, dass er sich jetzt besonders fokussieren muss, um nichts zu übersehen und keinen Fehler zu begehen.
«Auf höchstem Niveau reicht ein Nicken als Signal: Jetzt musst du überlegen», erklärte im «Tages-Anzeiger» die beste Schweizer Schachspielerin, Lena Georgescu. «Wenn der Spieler die Information erhält, dass die aktuelle Stellung besondere Vorsicht verlangt, ist das ein riesiger Vorteil.»
Während ein Computer in der Lage ist, Dutzende Züge im Voraus zu berechnen, können sich die besten menschlichen Spieler etwa die Auswirkungen von beidseits fünf Zügen gedanklich vorstellen. Wer den Computer auf seiner Seite hat – egal wie –, hat einen Vorteil. Spitzenspieler können abschätzen, wie sehr sich der Gegner den Kopf zerbrechen muss bei einer Stellung. Ziehen sie zu schnell und scheinbar mühelos, ist das verdächtig.
Sollte Niemann betrogen haben, wäre er natürlich nicht der erste, der das versucht hat und dabei erwischt wurde. So wurde 2019 Igors Rausis in flagranti ertappt: Beim Gang auf die Toilette hatte er auf seinem dort versteckten Handy Informationen geholt. Rausis wurde für sechs Jahre gesperrt.
Es dürfte künftig so sein, dass wichtige Partien nicht live gestreamt werden, sondern um einige Minuten zeitversetzt. So soll der Hilfe von aussen ein Riegel vorgeschoben werden. Jan Nepomnjaschtschi fordert, dass Partien um dreissig Minuten oder mehr zeitversetzt gezeigt werden.
Der Weltverband FIDE äusserte zuletzt seine Besorgnis: «Ob online oder am Brett – Betrug bleibt Betrug.» Man habe in die Bildung einer Spezialistengruppe investiert, welche ausgeklügelte Präventivmassnahmen entwickelt habe, die bereits zur Anwendung gelangten. Für FIDE-Präsident Arkadi Dworkowitsch geht es darum, «das Risiko des Betrugs zu bekämpfen und zu verhindern, dass es zu einer echten Plage wird.»
Der Fall Niemann hat etwas ins Rollen gebracht. Das Bewusstsein, gegen Betrug etwas unternehmen zu müssen, ist noch deutlicher geworden.
Der konkrete Fall könnte zum Juristenfutter werden. Carlsens Anschuldigungen wirken wohlüberlegt, er legte auch nicht alle Karten auf den Tisch. Der Norweger betonte: «Es gibt mehr, was ich gerne sagen würde. Aber derzeit kann ich ohne ausdrückliche Erlaubnis Niemanns nicht offener sein.»
Fribourg-Gottéron bewältigte das eher enttäuschende Ausscheiden in den Achtelfinals der Champions Hockey League mit einem 2:1-Heimsieg gegen das zuletzt vier Mal in Serie siegreiche Luagano. Der finnische Verteidiger Juuso Vainio glänzte für Gottéron als zweifacher Vorbereiter. Für Lugano realisierte Marco Müller mit dem zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich den fünften Skorerpunkt aus den letzten drei Spielen. Gottéron feierte am Ende den dritten Liga-Erfolg am Stück.