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Der glatt glänzende Frauentorso steht knietief in der Luft. Er schwebt, getragen von wirbligen Pinselschwüngen, dem Himmel entgegen. Als Kopf dient eine aufgeklebte kleine rechteckige Karton-Postkarte. Als «Leinwand» oder Hintergrund verwendet Mayo typischerweise eine aufgeraute Spanplatte, und die dezent gewählten Farben festigen die Collage. Die Arbeit wird durch eine Plexiglas Vitrine veredelt und geschützt. Die schöpferische Interaktion ist neuartig und ästhetisch grossartig gelungen. Die Betrachtung wird zu einem inspirierenden Museumsbesuch.
Die Frau (es könnte auch ein Mann sein) steigt über die abgrundtiefe Gletscherspalte aus dem versteinerten Idealbild zum befreienden Gipfel auf. Entstanden ist eine gesellschaftskritische Szene.
Lieber Mayo
Weisst du etwas über die Renaissancefigur?
Die Figur ist etwa lebensgross und befindet sich im (Lust-)Garten des Palazzo Bianco in Genova, Italien. Der Renaissancepalazzo gehört zum Unesco-Kulturerbe. Die Skulptur ist die Darstellung einer Venus oder Wassernymphe, die, über einem muschelartigen Brunnen thronend, Wasser aus einer ihrer Brüste herausspritzt.
Die Figur ist von einem unbekannten Meister aus Marmor gehauen worden.
Schon sehr bemerkenswert, wie unterschiedlich sich die herrschende Moral der jeweiligen Epochen in ihrer Kunst darstellt – in diesem Fall als sehr freizügige Allegorie.
Wie bist du auf diese aussergewöhnliche Kombination von Zeitzeugen gekommen?
Das grossartige Prinzip der Collage ist, dass diese Technik es erlaubt, bestehende Dinge wie fotografische Realitäten und andere Gestaltungselemente auf sehr spielerische und intuitive Weise miteinander zu kombinieren und daraus komplett neue Wirklichkeiten zu kreieren.
Bei der vorliegenden Arbeit «Überschreiten einer Gletscherspalte» handelt es sich um ein Werk, das ich als Serie konzipiert habe, wobei ich dieselbe Abbildung einer von mir fotografierten Renaissance-Brunnenfigur mit einem jeweils anderen Kopf (Postkarte) kombiniert habe. Das Postkartensujet hat allerdings immer etwas mit Wasser zu tun. Sei dies als Gletscher, Wasserfall, Geysir und auch dessen Gegenteil, nämlich einer Wüste oder etwa eines Kaktus.
Beim Betrachten kommen mir Emanzipation und Klimawandel in den Sinn. Was meinst du?
Auf jeden Fall.
Es geht mir in meinen Arbeiten jedoch niemals nur um ein einzelnes Thema. Bei der vorliegenden kleinen Collage fällt mir vor allem die feine und gleichzeitig radikale Sensualität auf. Es sind die Gegensätze, die mich faszinieren; wie die nackte Haut aus Stein, die ich mit der unwirklich schönen, doch kalten Gletscherwelt verbinde und das Offensichtliche dabei gleichzeitig «überschreite».
Zur Postkarte habe ich Folgendes gefunden:
Jean Gaberell, 1887 Arth SZ – 1949 Thalwil ZH
Jean Gaberell war eines von vierzehn Kindern des Buchdruckers Jean Gaberell und der Rosa Schaerer. Nach dem frühen Tod der Eltern übernahm er die Rolle des Vaters und kümmerte sich um die jüngeren Geschwister.
Im Betrieb der Gebrüder Wehrli absolvierte Gaberell eine Ausbildung zum Fotografen. Dort arbeitete er anschliessend noch einige Jahre als Angestellter, bis er schliesslich an der Sonnenbergstrasse in Thalwil sein eigenes Geschäft eröffnete. 1913 heiratete er Mathilde Scheller. Er blieb kinderlos.
Gaberell spezialisierte sich im Bereich der Bergfotografie. Er begab sich mit seiner schweren Ausrüstung auf Gipfeltouren und machte Aufnahmen von Landschaft, Bergsteigern oder SAC-Hütten.
Seine Fotografien und Postkarten zeigen hauptsächlich Sujets aus der Zentralschweiz und dem Gotthardgebiet.