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Fünf Fragen an Bruder Bruno, den Leiter unserer Sozialstation in Mala Racha in der Ukraine
13. April 2017
Gemäss der letzten Volkszählung leben 30 Prozent der ukrainischen Bevölkerung auf dem Land, das sind 14 Millionen Menschen. Das Hauptcharakteristikum der ukrainischen Dörfer ist ihre Armut. 43 Prozent der ländlichen Bevölkerung müssen 60 Prozent ihres monatlichen Einkommens für Essen ausgeben. Das Einkommen in den Dörfern ist um vieles niedriger, als in den Städten. Tauschhandel und Selbstversorgung gehören zum Alltag vieler Menschen auf dem Land. Die mageren Einkünfte gehen oft für Gasrechnungen, Medikamente und Haushaltsbedarf drauf. Kleidung, medizinische Dienstleistungen, Bildung und Freizeit sind für die Mehrheit der Dorfbewohner undenkbar. Viele alte Menschen und kinderreiche Familien leben in existentieller Armut.
Eine aufmerksame Leserin unserer Website hat sich gefragt, wie der Alltag von Bruder Bruno wohl aussieht und uns einige Fragen zugeschickt, deren Beantwortung einen Teil seines Engagements für die Menschen in diesen Dörfern schildert.
"Wenn die alten Omas und Opas bald gestorben sind, hat das Sozialzentrum dann noch einen Sinn?"
In den Dörfern, in denen Bruder Bruno arbeitet, leben nebst den alten Menschen auch Familien, die ebenfalls von ihm betreut werden. Zur Zeit kümmert er sich vor allem um ältere Menschen (ab 70 Jahren) und kinderreiche oder verarmte Familien in einem Umkreis von 50km. Das umfasst nebst dem Dorf Mala Racha (18 alte Menschen und 20 Familien) auch die Dörfer Velyka Racha (24 betagte Menschen und 1 Familie) und Chudyn (18 alte Menschen und 10 Familien) sowie in Kiew 20 Flüchtlingsfamilien. Da geht die Arbeit nie aus.
Die Situation ist also nicht so, dass wenn die alten Menschen gestorben sind, es dort keine Menschen mehr gäbe, sondern ganz im Gegenteil. Die Arbeit des Sozialzentrum dient der ganzen Bevölkerung in einem grossen Umkreis und beinhaltet nebst der Betreuung von älteren Menschen auch die Unterstützung von kinderreichen oder verarmten Familien, Flüchtlingen und Kindern.
"Sind durch ihr Sozialzentrum die Region und die Dörfer wieder etwas belebt worden?"
Bruder Bruno bringt nicht nur Unterstützung für die ärmsten und alten Menschen in Form von Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe, sondern er repariert auch Häuser, hilft im Frühjahr die Äcker zu bestellen (mit dem Traktor und Pflug, welcher der Stiftung gehört), und macht Besorgungen für die alten Menschen in der Stadt und im Regionalspital. Im Sozialzentrum hat es eine Kapelle, ein Waschzentrum, Duschen und eine Küche die allen Menschen der Region zur Verfügung steht. Viele Menschen kommen hierher, um bspw. ihre Wäsche zu waschen, zu Duschen oder Nahrungsmitteln zu holen oder um in der Kapelle zu beten. Bei diesen Gelegenheiten ist die Küche immer besetzt mit Menschen, die hier mit Bruder Bruno ein Schwätzchen halten.
Die Gemeinschaft der Menschen in diesen Dörfern hat davon extrem profitiert, weil es bewirkt hat, dass sich Menschen wieder um das Gemeinwohl kümmern, was zu einer Verbesserung des sozialen Lebens aller geführt hat.
"Wie sterben die alten Leute, wenn Bruder Bruno nur einmal pro Woche bei ihnen vorbeischaut? Findet man Sie dann einfach tot? Oder haben Sie auch anderen Besuch in allen Tagen?"
Bruder Bruno besucht die älteren Menschen, welche teilweise pflegebedürftig sind und ist jeden Tag entsprechend unterwegs. Er arbeitet in den Dörfern mit 4 Sozialarbeiterinnen zusammen, welche in den Dörfern leben und Br. Bruno in seiner täglichen Arbeit unterstützen. Dieses Netzwerk berichtet täglich an ihn und er weiss eigentlich immer, was läuft. Br. Bruno arbeitet eng mit den sozialen Einrichtungen der Region zusammen, so dass er kritische Fälle sofort an das nächste Spital in Radomischl oder in schwerwiegenden Fällen auch nach Zhytomir überweisen kann.
Wenn jemand stirbt, erfährt er es entweder von einer seiner Sozialarbeiterinnen oder er bleibt vor Ort bei dem Sterbenden und kümmert sich anschliessend um die Benachrichtigung der Angehörigen und um eine angemessene Beerdigung. Da er die alten Menschen der Region über Jahre regelmässig besucht, ist er oftmals der engste Vertraute und Ansprechpartner für die Regelung der verbliebenen Habseligkeiten der Verstorbenen.
"Gehen die Kinder aus Kiew weiterhin auch zu den alten Leuten, oder jetzt nur noch Bruder Bruno?"
Bruder Bruno, der das Kinderzentrum in Kiew mitbegründet und in den ersten Jahren geleitetet hat, ist regelmässig mit den Kindern in die Dörfer der ländlichen Region zwischen Kiew und Zhytomir gefahren, um die älteren und bedürftigen Menschen zu besuchen und ihnen Hilfe zu bringen. Daraus hat sich mit den Jahren sein eigentliches Engagement für die Menschen dieser Region entwickelt. Die Kinder haben ihn dabei begleitet und ihm geholfen, die Gärten und Häuser dieser Menschen zurechtzumachen, Einkäufe zu erledigen und Nahrungsmittelpakete zu verteilen. Die Kinder des Zentrums haben dadurch eine eigene Bindung zu den zumeist älteren Menschen entwickelt und viele von ihnen besuchen auch heute noch ihre "Grossväter und Grossmütter" auf dem Land. Die meisten dieser Kinder, welche noch von Bruder Bruno in unserem Kinderzentrum in Kiew betreut wurden, haben jedoch in der Zwischenzeit einen Beruf erlernt und wohnen nicht mehr im Kinderzentrum.
Seit Bruder Bruno vor drei Jahren ganz nach Mala Racha gezogen ist, um dort ein Sozialzentrum aufzubauen, wird das Kinderzentrum in Kiew von unserem Niederlassungsleiter, Vitaly Tyron und seiner Frau geleitet. Das Kinderzentrum betreut über 70 Kinder, welche uns vom Sozialdienst der Stadt Kiew zugeteilt werden. Das sind mehr als doppelt so viele, wie in der Gründungsjahren unter Bruder Bruno. Die Kinder erhalten im Zentrum nebst der individuellen Betreuung primär eine zusätzliche schulische Ausbildung und haben dadurch eher selten Zeit, einen Besuch in Mala Racha zu machen. Die Kinder des Kinderzentrums in Kiew stellen aber jeden Monat rund 200 Lebensmittelpakete zusammen, welche durch unsere Stiftung finanziert und sowohl an die Menschen in der Region von Mala Racha, als auch den Flüchtlingsfamilien, welche durch das Zentrum in Kiew betreut werden, abgegeben werden.
Bruder Bruno arbeitet jetzt vorwiegend mit den Kindern in den Dörfern zusammen, welche an Wochenenden Besorgungen machen, Rasen mähen oder andere kleine Handreichungen besorgen. Die Kinder der Dörfer kennen die Grossmütter und Grossväter persönlich und sind deshalb sehr hilfsbereit und gehen Bruder Bruno gerne zur Hand.
"Wäre es nicht sinnvoll für die betagten Menschen in jedem Dorf 1-2 Häuser gut zu renovieren und dort die Alten aus dem Dorf zusammen wohnen zu lassen? Da wären Sie nicht allein und könnten sich untereinander besser helfen und versorgen?"
Ursprünglich dachte Bruder Bruno ebenfalls daran, eine Gemeinschaftszentrum einzurichten, als er die Sozialstation baute, weil es in den ländlichen Gebieten der Ukraine keine Altersheime gibt. Aber für eine solche Einrichtung hätte es eine Bewilligung des Sozialministeriums gebraucht, was nebst den bürokratischen Hürden auch unendlich viele Vorschriften und letztlich den Verlust der Unabhängigkeit der (privat finanzierten) Einrichtung nach sich gezogen hätte.
Dazu kommt der Widerstand der alten Leute, welche zumeist ein Leben lang in ihren Häusern gelebt haben und nicht bereit gewesen wären, ihre Häuser und Gärten zu verlassen um in eine gemeinsame Einrichtung zu ziehen. Viele der älteren Leute sind noch soweit rüstig, dass sie einen Teil ihrer Nahrung in ihren eigenen Gärten und Feldern anpflanzen können, was bei den niedrigen Renten von gerademal 30-40 € pro Monat eine überlebenswichtige Ergänzung ist.
Schliesslich wurde die Sozialstation so konzipiert, dass gewisse zentrale Dienste wie die Wäscherei, die Duschen und die Küche aber auch eine Werkstatt und gewisse Landwirtschaftsmaschinen (Pflug, Egge, etc.) für die Menschen der Region zur Verfügung stehen, was für den Anbau der brach liegenden Flächen eine grosse Erleichterung darstellt. Bruder Bruno beschränkt sein Engagement nicht auf die Besuche und Pflege der ältesten und bedürftigsten Menschen in den Dörfern der Region, sondern er hilft auch mit, Felder zu bestellen, Häuser zu reparieren oder gemeinsam mit den Dorfbewohnern Holz zu schlagen.
Im Zusammenhang mit der Errichtung der Sozialstation hat Bruder Bruno beim Sozial Ministerium vier Sozialarbeiterinnen angefordert, welche ihn bei der Betreuung der Menschen in der Region unterstützen. Der Antrag wurde bewilligt und Bruder Bruno konnte dadurch vier Frauen aus den Dörfern für diese Aufgabe gewinnen und anstellen. Die Arbeit dieser vier Frauen wird monatlich mit 40 € vom Staat entschädigt, wodurch eine regelrechte Sozialstruktur entstanden ist, die den Menschen in der Region in allen Belangen zur Verfügung steht.
Bruder Bruno hat letztes Jahr die ukrainische Staatsbürgerschaft erhalten, vermutlich nicht zuletzt auch aufgrund seines Engagements für die ukrainische Bevölkerung.
Bruder Bruno möchte sich ganz herzlich bei allen bedanken, welche seine Arbeit in Gedanken und durch Spenden unterstützen. Er weiss sich getragen von den Menschen, welche ihn unbekannterweise begleiten und ist dankbar für das Interesse, das man seiner Arbeit entgegenbringt.
Fotogalerie
In den nachfolgenden Bildgalerien sehen Sie einige Impressionen aus dem Alltag unserer Sozialstation in Mala Racha und den Dörfern der Region von Zhytomir. Zu vielen dieser Fotos könnte man jeweils eine kleine Geschichte schreiben, über die Menschen in diesen Dörfern und ihre Dankbarkeit, weil jemand da ist, der ihr Schicksal teilt und ihnen Unterstützung und Hilfe zuteil werden lässt.