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Wirbelsturm Lothar Grosse Zerstörungen auch in der Gemeinde Riehen
Andreas Wyss
Dem Jahrhundertsturm «Lothar», welcher am 26. Dezember 1999 über weite Leile Westeuropas fegte, hielten verschiedene Wälder in Frankreich, Südwestdeutschland und der Schweiz nicht Stand. Europaweit wird der Sturmholzanfall auf mehr als 160 Millionen Kubikmeter geschätzt. Das entspricht rund einem Drittel einer normalen europäischen Jahresernte. Der Orkan verursachte in der Schweiz die grössten je ermittelten Waldschäden. In einzelnen Gemeinden liegen bis zu 70 Jahresnutzungen am Boden. Der Gesamtschaden wird auf eine Milliarde Franken geschätzt. In der Region Nordwestschweiz sind die Waldbesitzer unterschiedlich betroffen, allerdings grundsätzlich weniger extrem als im Mittelland und in den Voralpen. Mit einer zweieinhalbfachen Jahresnutzung ist das Schadenausmass in den Wäldern der Gemeinde Riehen im Vergleich zur Region durchschnittlich. Auf kleineren Privatwaldparzellen wurde teilweise der gesamte Holzvorrat zerstört.
Böenspitzen von 147 Stundenkilometern Die Messstation Basel-Binningen der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt registrierte am 26. Dezember 1999 Böenspitzen von 147 Stundenkilometern. Es war der enorme Luftdruckunterschied, der an jenem Tag die ungeheure Wucht der Windböen auslöste. Sie prallten gegen Mittag des zweiten Weihnachtsfeiertages von Westen her auf die bewaldeten Ausläufer des Dinkelbergs und zerstörten innert Minuten in der Gemeinde Riehen rund 15 Hektaren Wald (4,5 Prozent der Gesamtwaldfläche) vollständig oder beschädigten sie durch Streuschäden. Das Naturereignis veränderte das gewohnte Waldbild nachhaltig. Die grossen Flächenschäden liegen in den Gräben und an den Flanken der nach Westen exponierten Hänge und Hügelkuppen der Waldkomplexe «Maienbühl», «Mittelberg» und «Ausserberg». Als Beispiel ist die etwa 1,5 Hektaren umfassende Kahlfläche am «Britzigerberg» zu nennen. Insgesamt 3000 Kubikmeter beträgt der Sturmholzanfall im Forstrevier Riehen-Bettingen: eine Menge, welche normalerweise innerhalb von zweieinhalb Jahren zur Nutzung aus dem Wald geholt wird. Betroffen sind Bestände aller Arten und jeglichen Alters. Zerstört wurden keineswegs nur künstlich begründete Nadelholzbestände, sondern wider Erwarten vor allem standortgerechte Buchenwälder. Die Schadenbilder sind vielfältig und lassen keine Schlüsse bezüglich der letzten Forsteingriffe zu. Die Bäume wurden je nach Exposition ihres Standortes zur Windrichtung durch die Sturmböen erfasst und mit ihren Wurzeln zu Boden geworfen. Kronen mit grosser Angriffsfläche wurden abgedreht und einige Meter über dem Boden vom Stamm abgebrochen.
Wenige Tage nach «Lothar» war klar, dass sich ein grosses überangebot auf dem Holzmarkt abzeichnen wird. Negative Auswirkungen auf den Holzpreis waren absehbar. Das wertvollste Holz musste mit sicheren und rationellen Arbeitsverfahren, der Priorität entsprechend, aufgerüstet werden. Gleichzeitig sollten die grossen Holzmengen der bestmöglichen Verwendung zugeführt werden, um den wirtschaftlichen Schaden in Grenzen zu halten. Erschwert wurde dies durch den gleichzeitigen Anfall von viel Windwurfholz in der gesamten Region und im umliegenden Ausland. Um mit dieser schwierigen Situation zurechtzukommen, zog man Erfahrungen aus der Schadenbewältigung nach dem Sturm «Vivian» vom 28. Februar 1990 heran.
Für Besucher gesperrt
Unmittelbar nach dem Sturm musste der Wald vorübergehend für Besucher gesperrt werden, da geknickte Bäume und hängengebliebene Kronenteile Waldgänger gefährdet hätten. Einige Tage später waren die Hauptschadengebiete bekannt. Dringlichkeiten, zeitliche Staffelung und Mittelbeschaffung mussten festgelegt werden. Erst dann konnte die Aufarbeitung des Sturmholzes in Angriff genommen werden. Vorrang hatten die Freilegung und Sicherung der Verbindungsstrassen, der Waldwege und der Erholungseinrichtungen. Die normalen Holzschläge wurden nach dem Sturm sofort zugunsten dieser Aufarbeitung eingestellt. Die Zwangsnutzung erfolgt nun gestaffelt über mindestens zwei Jahre. Zur Marktentlastung wurde die Ernte von Laubholz an Wurzelstöcken mit gutem Bodenkontakt zurückgestellt. Zusätzlich bleiben mindestens 15 Prozent des verwertbaren Sturmholzes unbearbeitet im Bestand zurück. Dies vor allem im Gebiet des Waldreservats «Horngraben», wo seit nahezu 30 Jahren keine wirtschaftliche Nutzung erfolgt ist. Durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den angestammten Holzkäufern wurde eine Mehrübernahme von Nutzholz ermöglicht. Für durchschnittliche und schlechte Sortimente konnten durch eine verwendungsorientierte Sortierung und mit einer Preisreduktion von rund 20 Prozent zusätzliche Abnehmer gefunden werden. Als weitere Massnahme wurden auf gut zugänglichen, zentral gelegenen Lagerplätzen grosse Brennholzlager eingerichtet und mit Folien abgedeckt. Auf diese Art kann der Energiegehalt des Holzes erhalten werden, bis dieses in der nächsten Heizperiode zu Hackschnitzeln verarbeitet und in den Holzheizanlagen der Gemeinde verbrannt werden kann.
Für die Bewältigung der Sturmschäden im Forstrevier Riehen-Bettingen waren die Forstequipe der Einwohnergemeinde Riehen, private Forstunternehmer mit Fahrzeugen und Forstmaschinen für eine mechanisierte Holzernte eingesetzt. Zusätzlich leistete das Reintegrationsprogramm der Gemeinde Riehen mit rund 400 Mannstunden Hilfe. Die schwierige Aufrüstung des Sturmholzes auf den unübersichtlichen Schadenflächen sowie der Transport des Holzes zu einem geeigneten Lagerplatz an den Waldwegen sind Arbeiten, die im Forstrevier Riehen-Bettingen ausschliesslich durch ausgebildetes Forstpersonal ausgeführt werden. Das sichere Aufrüsten von Sturmholz erfordert viel Erfahrung; insbesondere das Abtrennen des Stammes vom entwurzelten Stock bedingt eine genaue Beurteilung der Situation und der wirkenden Kräfte. Und viele solcher Beurteilungen kann der Förster an seinem Computer effizient vornehmen.
Die Natur hilft sich selbst
Seit jeher verursachen Sturm, Schnee, Eisregen und Hagel Schäden in unseren Wäldern. Dabei bezieht sich der Begriff «Schäden» vor allem auf den entgangenen wirtschaftlichen Nutzen. Aus der Sicht der Natur jedoch muss man solche Katastrophen anders beurteilen. Vieles gleicht sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wieder selber aus. Entscheidend zur Erhaltung der Stabilität des Waldes ist die Artenvielfalt; daher müssen möglichst vielfältige und natürliche Lebensräume gefördert werden. Deshalb sind für die Wiederherstellung der Schadenflächen im Riehener Wald je nach Standort verschiedene Vorgehensweisen geplant. So werden beispielsweise am «Britzigerberg» nach der Räumung Eichen und andere seltene Baumarten gepflanzt. Im Gegensatz dazu bleibt im «Horngraben» das Sturmholz unbearbeitet liegen und dem natürlichen Abbau überlassen.