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Im Sinne des nationalen Anspruchs des Wakkerpreises war der Schweizer Heimatschutz auf eine regionale Verteilung der Auszeichnung bedacht. 1973 ging der Preis erstmals ins französischsprachige Gebiet. Zwei Jahre später wurde mit Guarda eine Gemeinde aus dem rätoromanischen Raum berücksichtigt. Nach drei Kleinstädten – Stein am Rhein (SH), St-Prex (VD) und Wiedlisbach (BE) – war Guarda gleich auch das erste Dorf, das den Wakkerpreis erhielt.
Während der Bündner Wirren war Guarda 1622 durch österreichische Truppen in Schutt und Asche gelegt worden. Dem Wiederaufbau nach den verheerenden Kriegszerstörungen verdankt das Dorf heute seine homogene Gestalt. Obwohl als Strassensiedlung angelegt, stehen die Häuser nicht in Reih und Glied. Vielmehr bilden sie eine Kette von in sich geschlossenen Gebäudegruppen mit dem Brunnenplatz als jeweiligem Mittelpunkt. Wie im Engadin üblich, sind Wohn- und Ökonomietrakt zum grossdimensionierten Einhof zusammengefasst und durch interne Strassen miteinander verbunden.
Durch Guarda führte einst die Handelsroute zwischen der Lombardei und dem Tirol, die dem hoch gelegenen Bergbauerndorf einen gewissen Wohlstand brachte. Nach dem Bau der «Kunststrasse» im Talboden 1865 geriet Guarda ins Abseits des lukrativen Transitverkehrs. Auch vom touristischen Aufschwung, der andernorts grosses Wachstum auslöste, vermochte Guarda kaum zu profitieren. In der verarmten Gemeinde wurde die historische Bausubstanz nur mehr dürftig unterhalten.
In den Kriegsjahren 1939–1945 wurde das Dorf Guarda in einer systematischen Kampagne renoviert. Schlüsselfigur des von der Pro Campagna geförderten und von Bund, Kanton und Heimatschutz unterstützten Unternehmens war der einheimische Architekt Iachen Ulrich Könz (1899–1980). Sein ganzheitliches, praktisch alle äusseren Aspekte des Dorfes beachtendes Erhaltungskonzept war für die damalige Zeit aussergewöhnlich. Neben massgeschneiderten Vorschlägen für die einzelnen Häuser umfasste es auch die gesamte Dorfanlage mit Gassenpflästerung, Einfriedungen, Beleuchtung, Telefon- und Stromleitungen sowie Brunnen und Blumenschmuck.
Die Auffassung, wonach die Gesamtrenovation von Guarda im Kontext der «Geistigen Landesverteidigung» zu sehen sei (mehr), wurde jüngst revidiert. In seiner 2012 publizierten Lizentiatsarbeit belegte der Historiker Simon Bundi das gross angelegte Projekt als apolitischen, lokal-regionalistisch motivierten Eingriff.
Graubünden und der Heimatschutz. Von der Erfindung der Heimat zur Erhaltung des Dorfes Guarda
(Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte, Bd. 26; hrsg. vom Staatsarchiv Graubünden), Chur 2012
Guarda war das erste Dorf in der Schweiz, das nach einem Gesamtkonzept restauriert wurde. Die denkwürdige Aktion erhielt landesweite Beachtung. Weit über den Erhalt von Einzelbauten hinausgehend, setzte sie einen Markstein im modernen Ortsbildschutz, wie er in den 1970er-Jahren zum denkmalpflegerischen Standard werden sollte.
Guarda, ein auferstehendes Engadiner Dorf
Heimatschutz 36 (1941), Heft 1, S. 5–23
Die Renovation des Dorfes Guarda im Unterengadin
Bündner Kalender für das Jahr 1944, S. 49–52
Nach dem Willen von Könz, sollte Guarda als «stilreines Engadiner Dorf» wiederauferstehen. Bei der Aussenrenovation der Gebäude strebte er teilweise einen ursprünglich und traditionell erscheinenden Zustand an. Ein besonderer Fokus galt den Sgraffitodekorationen und Fassadenbemalungen, die erneuert, ergänzt oder, im Sinne einer schöpferischen Denkmalpflege, neu geschaffen wurden. Bei einigen Häusern wurden jüngere Eingriffe durch traditionelle Elemente wie Trichterfenster und Rundbogentore ersetzt.
Während Iachen Ulrich Könz die architektonische Dorferneuerung leitete, schrieb seine Frau Selina Chönz (1910–2000) am «Schellenursli». Das von Alois Carigiet (1902–1985) gestaltete Kinderbuch erschien 1945, zeitgleich mit dem Abschluss der Renovationskampagne. Alois Carigiets Bilderwelt des Schellen-Ursli ist von Guarda und seiner Umgebung inspiriert. Gemeinsam mit den Aufwertungsmassnahmen verbreitete es den Ruf von Guarda als idealtypisches, unberührtes und urtümliches Alpendorf.
Der 1971 erschienene Kunstführer durch die Schweiz rühmte Guarda als «eines der charaktervollsten und besterhaltenen Ortsbilder der Schweiz». Im Vergleich mit den in den Boomjahren der Nachkriegsjahre rücksichtslos modernisierten Siedlungen bot sich das nach allgemeiner Auffassung «mustergültig» renovierte Bergdorf als Vorbild für die Bewahrung der gebauten Identität an.
Bei der Wakkerpreisvergabe 1975 lobte der Schweizer Heimatschutz die historische Bausubstanz des Dorfes und würdigte die grossen Anstrengungen, die zu ihrer Rettung in den 1940er-Jahren unternommen worden waren. Doch war er auch um einen Brückenschlag in die Gegenwart bemüht. So rühmte man die zeitgemässe Ortsplanung, welche Ortsbildschutz mit einer moderat-fortschrittlichen Entwicklung zu verbinden trachtete. Dabei ging es vornehmlich um die Sanierung und Rationalisierung der Bauernbetriebe, um deren Überleben zu sichern, und die Förderung eines sanften, landschaftsschonenden Tourismus, der auf den Bau neuer «Streu»-Ferienhäuser verzichtet.
Feiertag zu Guarda im Unterengadin
Heimatschutz, 4/1975, S. 20–23
Aus heutiger Perspektive erscheint der Preisträger Guarda als Postkartenidyll – und seine Auszeichnung als Zelebrierung einer heilen Welt. Die Verleihung des Wakkerpreises an die Unterengadiner Gemeinde stand im Zeichen des Europäischen Jahres für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975, einer Kampagne, die in besonderer Weise den Ensembleschutz propagierte und der Denkmalpflege zu nie da gewesener gesellschaftlicher Akzeptanz verhalf – die aber auch einen Ästhetik-betonten Blick auf Siedlungsräume beförderte.
Im Rahmen der europaweiten Aktion, die unter dem Motto «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit» stand, und an der sich auch die Schweiz beteiligte, wurde Guardas Nachbardorf Ardez als eine von vier so sogenannten «réalisations exemplaires» (Musterbeispielen einer Rehabilitation und Revitalisierung) einer umfassenden Renovation unterzogen. Dass hierbei die Könz'sche Dorferneuerung von Guarda während des Zweiten Weltkriegs Pate stand, ist offensichtlich.
1980 wurde die Fundaziun Pro Guarda gegründet. Sie machte sich zum einen die Bewahrung der Siedlung und der Landschaft von Guarda im Sinne einer «zukunftsgerichteten Denkmalpflege» zum Ziel. Zum andern wollte – und will – die Stiftung laut Statuten dazu beitragen, das Dorf «lebensfähig zu erhalten, insbesondere durch Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und günstigem Wohnraum». Dank verschiedenen Massnahmen gelang es der Stiftung, die Bevölkerungszahl innerhalb einer Generation von 134 (1980) auf 207 (2016) zu erhöhen.
Mit dem Verein Anna Florin steht der Pro Guarda seit Kurzem eine politische Bewegung zur Seite, die in konstruktivem Dialog mit Behörden sowie Ein- und Zweitheimischen den Konsequenzen von Gemeindefusionen und dem Druck des Zweitwohnungs-Immobilienmarkts entgegenzuwirken sucht.