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Wenn Bargeld und Altersvorsorge fehlen
Paul Ignaz Vogel
Die bäuerliche Landbevölkerung lebt mit Erbschaft von Generation zu Generation. Dieses Prinzip ist Teil einer Gesellschaft mit archaischem Ursprung. Daneben basiert die Industrie-und Dienstleitungsgesellschaft auf der Lohnarbeit und den Lohnprozenten. Letztere sind Grundlage des modernen Sozialstaates geworden. Dazwischen klafft eine Lücke.
Joachim X. (Pseudonym) und seine Schwester bettelten bei Bekannten und Verwandten um farbiges Schokoladepapier. Und klebten dann die Verpackungen in ein Schulheft. Aber auch der Leim fehlte. Also verwendeten sie einen mit warmem Wasser angemachten Mehlbrei als Ersatz-Klebestoff. Die Besitzerin der Spezereihandlung im Dorf gab ihnen auch einen Tupfen echten Leims. So entstand ihr eigenes Bilderbuch. Die Eltern hatten kein Geld, um Märchenbücher zu kaufen.
Das Schicksal einer Kleinbauerfamilie
Joachim X. wuchs in der Familie eines Kleinbauern in den Alpen auf. Sein Vater, ein grosser und starker Mann mit einem prächtigen Tellenbart, wurde eines Tages tot nach Hause gebracht. Ein betrunkener Autofahrer hatte ihn beim Dorfeingang erwischt. Die Mutter musste darauf die Familie allein durchbringen. Trotz aller Widerwärtigkeiten konnte Joachim den Beruf eines Maurers erlernen. Er nutzte sein Talent, um das familiäre Heimwesen zu renovieren, steckte alles Geld, das er sich während Jahren erspart hatte, in das kleine Bauernhaus und in ein Maiensäss. Später pflegte Joachim seine betagte Mutter zu Hause, bis sie starb.
Weniger Arbeit, schwindende Kräfte
Joachim arbeite seit fast dreissig Jahren als selbständig Erwerbender. Heute ist er 61-jährig. Den letzten Auftrag beendete er vor zweieinhalb Monaten. Wenn er krank wird, kann er keinen Verdienstausfall beziehen. Im Winter bunkert er sich ein, hängt alle Wolldecken vor die Fenster und heizt zweimal in der Nacht, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren. “Ich muss mich halt einteilen“, meint Joachim lakonisch. Kollegen bringen ihn im Auto zurück von der Baustelle. Er ist dann meist schon eingenickt. Zu Hause wirft er die Kleider ab, fällt ins Bett ohne die Zähne zu putzen und schläft erschöpft ein. Seit Jahrzehnten leidet Joachim an chronischen Rückenschmerzen.
Alter als schwarzes Loch
Lohn-Bauarbeiter können heute mit 60 Jahren in die Frühpension gehen. Ihnen winkt eine Rente durch den flexiblen Altersrücktritt (FAR) mit einem Sockelbeitrag von Fr. 6‘000 pro Jahr plus 65 Prozent des letzten Jahreslohnes. Dazu kommt noch die volle AHV. Am 1. Juli 2008 schrieb dazu die NZZ: „Bevor der FAR eingeführt wurde, hatte eine Studie des Genfer Arbeitsinspektorates festgestellt, dass 43 Prozent der Bauarbeiter das gesetzliche Rentenalter 65 gar nicht oder nur als Invalide erleben.“ Diese soziale Errungenschaft gilt nicht für Joachim, weil er nominell begütert, faktisch jedoch arm ist. Er besitzt Land und Haus aus dem elterlichen Erbe. Also kommen für ihn kaum Ergänzungsleistungen zur AHV in Frage. Wenn er sich in zwei Jahren früh pensionieren lassen möchte, kommt es zu einer empfindlichen Einbusse in der AHV-Rente. Es bleiben ihm dann bis am Lebensende rund Fr. 1500.- monatlich.
Keine Lobby in Bundesbern
Joachim sagt: „Die kleinen Leute, die sich ihr Leben lang als Selbstständigerwerbende abrackern und sparen, haben keine effiziente Vertretung von 30, 40 Personen in den eidgenössischen Räten“. Also werden sie in der Sozialgesetzgebung übergangen. Es gibt eine Kluft im sozialen Netz. Die Bürokratie des Sozialstaates findet Joachim pervertiert: „Das ist dort, wo die Storen bei Sonnenschein sich automatisch senken und die Kaffeemaschine daneben steht.“ Sein Rentengesuch wurde von der Invalidenversicherung abgelehnt