Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03609.jsonl.gz/35

Anny Rayher, Trudy Häusler und Marie Hari (von links) an ihrer Konfirmation am Palmsonntag 1918. Während die Schleifen in den Haaren den Konfirmandinnen etwas Mädchenhaftes verleihen, markieren die knöchellangen dunklen Damenkleider und die Bibel den Übergang ins Erwachsenenalter, der mit der Konfirmation vollzogen wurde.
Anny Rayher (1902–1989), Trudy Häusler (1902–1988) und Marie Hari (1902– 1994) besuchten 1909–1918 die Primarschule in Thun, zuerst im Aarefeld-, dann im Pestalozzischulhaus.
Anny Rayher, die Tochter eines Drechslers, verbrachte nach der Schule eineinhalb Jahre im Welschland. Nach ein paar Jahren Aushilfe im elterlichen Geschäft trat sie in die Handelsschule Ruedy in Bern ein. Das erneute Lernen und Streichespielen mit Schulkameraden bedeutete für sie eine «zweite Kindheit». Nachdem sie in Bern, Zürich und Thun gearbeitet hatte, heiratete sie 1933. Die ersten Ehejahre wurden von Krankheit und Arbeitslosigkeit überschattet. Da das Paar keine eigenen Kinder bekommen konnte, nahm es Kriegskinder bei sich auf.
Trudy Häusler ging am Osterdienstag 1918, also kurz nach der Konfirmation, nach Bern in einen gut situierten Haushalt, um eine «tüchtige Köchin» zu werden. Nach zwei Jahren in Bern folgten Stellen in Basel, Montreux, Lausanne, Zürich, Freiburg und Madrid, von wo aus sie zur Pflege ihrer kranken Schwägerin nach Thun zurückgerufen wurde. Mit 29 Jahren heiratete sie einen Steffisburger und gebar in den folgenden Jahren drei Kinder. Weil das jüngste früh starb, nahm das Paar noch ein Pflegekind auf. 14 Jahre nach dem Tod ihres Mannes heiratete Trudy Häusler mit 72 Jahren nochmals. Fünf Jahre später verstarb auch ihr zweiter Mann.
Marie Hari kam als zweites von fünf Kindern eines Kleinbauern und patentierten Bergführers in Frutigen zur Welt. Die Familie zog nach Thun, als Marie Hari in der dritten Klasse war. Ihr Vater suchte Arbeit in der Stadt. In der Schule, wo vor dem Unterrichtsbeginn noch gebetet wurde, hatte Marie Hari als Auswärtige zuerst Mühe, sich anzupassen. Anschluss fand sie bei Anny Rayher, mit der sie bis an deren Lebensende befreundet blieb. Nach der Schule arbeitete Marie Hari für 13 Monate in einem Spital in Vevey, wo sie auch Patienten pflegte, die an der Spanischen Grippe erkrankt waren. Sie selbst blieb von der Krankheit verschont. Nach Thun zurückgekehrt, kümmerte sie sich während dreieinhalb Jahren um eine geisteskranke ältere Dame. Nach deren Tod fand Marie Hari zuerst Arbeit in einem Kleinhotel auf dem Beatenberg und versah danach eine Saisonstelle im Berghotel Engstligenalp bei Adelboden. 1927 heiratete sie, zog nach Luzern um und wurde zweimal Mutter eines Sohnes. Mit über 80 Jahren engagierte sie sich in der Stiftung für das Alter.50
Die Lebensläufe der drei Freundinnen sind typisch für ihre Generation. Wie viele Frauen ihres Jahrgangs machten sie keine Berufslehre, sondern traten gleich nach der Schule eine Arbeitsstelle im pflegerischen oder häuslichen Bereich an, vorzugsweise im Welschland, damit sie die französische Sprache lernten und andere Landesteile zu sehen bekamen. Nach den Lehr- und Wanderjahren kehrten sie zu ihren Eltern zurück, welche die Hilfe der ledigen Töchter im Haushalt, in der Pflege oder im eigenen Betrieb beanspruchten. Zwei Weltkriege und die krisenhaften Zwischenkriegsjahre prägten ihr Berufs- und Familienleben. Ihre Arbeitsstelle gaben die Frauen mit der Heirat auf. Kinder grosszuziehen, wenn nicht die eigenen, dann fremde, war praktisch eine Pflicht.