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Die nachfolgende Reportage ist dem Bioadeiro (Ochsentreiber) gewidmet, jenem besonderen Menschschlag aus dem Herzen Brasiliens. Die Wirtschaftskraft des kolonialen Brasiliens stützte sich einst weitgehend auf die “Engenhos“, die Produktionsstätten für Alkohol und Zucker – damals hatte Brasilien das Zucker-Monopol auf dem Weltmarkt – und zur Bearbeitung ihrer Felder, zum Transport des Zuckerrohrs und zum Bewegen der Zuckerpressen war die tierische Kraft der “Bois“ (Ochsen) unerlässlich – so wie heutzutage die elektrischen oder dieselbetriebenen Motoren.
Um die Ochsen und anderen Tiere auf der Weide zu betreuen, sie vor die Karren zu spannen und zu führen und ihre Arbeit an den Pressen zu kontrollieren, entwickelte sich ein neuer Berufsstand – der des so genannten “Carreiro“ (Karrenfahrers) oder “Bioadeiro“ (Ochsentreibers).
Eigentlich müsste man diese mit ihrer Herde und der Natur verwachsenen Mestizen der nordöstlichen “Sertões“ auch heute noch im eigentlichen Wortsinn als “Ochsentreiber“ bezeichnen – aber erstens gehen sie nicht mehr nur mit Ochsen um, sondern mit gemischten Rinderherden, und zweitens betrifft die Tätigkeit des Treibens dieser Herden nur einen Bruchteil ihrer anstrengenden, verantwortungsvollen Tätigkeit. Immer noch repräsentieren sie allerdings die urwüchsige Natur, den einfachen, romantischen und ausdauernden Menschen des halbtrockenen “Sertão“, den “Caboclo Sertanejo“, der sich in jener Halbwüste des nordöstlichen Interiors auskennt, wie kein anderer, und der in der menschenfeindlichen Natur zu überleben weiss.
Das Volk hat ihm viele weitere Namen gegeben, wie “Vaqueiro“ (Kuhhirte), “Laçador“ (Lassowerfer), “Peão“(Bauer) oder “Tocador de viola“ (Gitarre-Spieler). Dieser brasilianische Mestize – Sohn weiss/indigener oder afrikanisch/indigener Eltern – repräsentiert die Essenz brasilianischer Rassenmischung: den Ursprung der brasilianischen Sitten und Gebräuche, unserer Mystik, unseres Glaubens und Aberglaubens.
Der Boiadeiro ist vor allem ein starker, männlicher Typ, er ist pure Natur, die er über alles respektiert, naiv und einfältig wie ein Baby, aber auch mutig, ehrlich und widerstandsfähig, ein harter Arbeiter, guter Kamerad, unverbesserlicher Charmeur, wenn er mal einer Frau ansichtig wird – und begeisterter Festteilnehmer. Sein Besitz beschränkt sich auf sein Lieblingspferd, seine Hängematte aus trockenem Gras, einen Himmel voller Sterne und seine “Viola“ (Gitarre) an der Wand seiner Hütte, klagende Zeugin seines harten Lebens und seiner hoffnungsvollen Lieder.
Wenn der Morgen graut, sattelt er sein Pferd und treibt die Herde auf die Weide – erst gegen Sonnenuntergang ist er zurück, und mit ihm die Herde im Pferch. Unterwegs auf dem Trail setzt er das “Berrante“ an die Lippen – ein gewundenes Büffelhorn, dessen dumpfer Ton die Herde zusammenhält, und dem sie folgt. Seine besondere Zuneigung drückt er mit einer “Modinha“ aus, begleitet seinen Gesang auf der Gitarre, während seine Angebetete im Fensterrahmen des Farmhauses ihm zulächelt – immer auf der Hut vor dem Patron, der solche gewagte Tändelei zwischen den groben Boiadeiros und seinen Familienangehörigen nicht duldet.
Untertags in glühender Sonne geht er seiner gewohnten Arbeit nach – treibt die Herde zur nächsten dürftigen Weide, fängt die Kälber mit dem Lasso und markiert sie mit dem Brenneisen. Hie und da veranstaltet der Fazendeiro (Besitzer der Fazenda) einen “Churrasco“ – ein Grillfest, an dem nicht nur seine Familie, sondern alle seine Angestellten teilnehmen dürfen – dann gehen auch die Boiadeiros ganz aus sich heraus – man singt und tanzt gemeinsam, der Cachaça (Zuckerrohr-Schnaps) kreist und beschwingt. Vergessen sind alle Vorurteile in diesem Moment, die den Boiadeiro oft als “homem sem raça“ (Mensch ohne Rasse) und ohne Herkunft verurteilen.
Wie kein anderer steht er seinen Mann im Sertão – sein Leben ist hart und steter Kampf gegen die Elemente und die oft grausame Natur, die er respektiert, und von der er lernt. Aus seinen indigenen Wurzeln hat er ein paar wertvolle Kenntnisse mitgebracht: über Pflanzen, Kräuter und ihre heilsamen Anwendungen – aus seinen afrikanischen Wurzeln das Wissen um die “Orixás“ (Gottheiten) und ihre Magie – und schliesslich die Einflüsse seiner weissen Wurzeln: seine Religion (nachträglich vermischt mit indigenen und afrikanischen Spuren) und seine Sprache, unter anderem. Der Boiadeiro repräsentiert die Willenskraft, die Freiheit und die Entschlossenheit eines Menschen, der mit der Natur und den Tieren koexistiert, stets in äusserster Bescheidenheit, aber in innerer Stärke und mit tiefem Glauben.
Er ist ein treuer Kunde der Zapfhähne aller Religionen, und seine “Geschmacksprobe“ wird umworben, garantiert sie doch, für den Fall, dass sie positiv ausfällt, den steigenden Absatz der lokalen Cachaça-Marke: Sein begeisterter Ausruf “Arre égua“, ergänzt von “essa é boa“, ist ein begehrtes Qualitätssiegel – er gibt dann ein bisschen Honig und ein paar Tropfen Limonensaft dazu, kippt sein Gläschen, und – nachdem er sich verzückt die Lippen geleckt hat – verabschiedet er sich clever: “Adeus, meu camarada, até de repente, até outro dia, até outra hora…” (Adeus mein Kamerad, vielleicht ein anderes Mal, an einem anderen Tag, einer anderen Stunde…“
Er ist ein eigensinniger Viola-Spieler, ein kompulsiver Tänzer und Sänger, ganz plötzlich ist er in Stimmung dazu, oder er ergeht sich in Provokationen und Anspielungen, die aber niemals verletzen oder grösseren Schaden bei den Betroffenen anrichten sollen. Seine höheren Gefühle gehören – ausser jenem “Mädchen der Fazenda“ – allen seinen Freunden, immer mit offenem Futtersack für jeden Kameraden, der vielleicht “Rapadura“ (Zuckermelasse), Maniokmehl oder eine der unentbehrlichen “Cigarros de palha“ (selbstgedrehte Zigaretten mit Maisstrohhülse) von ihm schnorren möchte.
Ein Boiadeiro macht sich auch hinsichtlich des Besitzes seiner Herden, der Fazenda und der Ländereien seines terrestrischen Patrons nichts vor – er weiss genau, dass der eigentliche Besitzer nur “Zambi“ sein kann, der Oberbefehlshaber und Boiadeiro General, dem alles gehört, was auf Erden und im Himmel existiert.
Selten genug, dass er mal in einer Stadt auftaucht – vielleicht, weil er eine Besorgung für seinen Patron, den Fazendeiro, machen muss, oder weil er an einer landwirtschaftlichen Ausstellung teilnimmt, um seine Ochsen zu präsentieren. Es berührt ihn zutiefst, wenn er Seinesgleichen in dunklen Strassenecken dahinsiechen sieht – Opfer der zunehmend industrialisierten Landwirtschaft und dem davon ausgelösten Arbeitsplatzverlust, Opfer multinationaler Landspekulanten, die gierig alle produktiven Güter der Erde vereinnahmen und die naiven, sensiblen Gemüter in den Ruin und in die Drogensucht treiben, um sich zu betäuben.
In der Regel trägt der Boiadeiro einen Hut aus Ziegen- oder Rindsleder mit breiter Krempe (um ihn vor der brennenden Sonne zu schützen), einen “Gibão“ (Rock) aus widerstandfähigem Leder und ebensolche Hosen, um sich mit dieser Bekleidung vor Dornen zu schützen, wenn er durch das Buschwerk hinter einem fliehenden Rind herjagt. Das Lasso benutzt er, dank seiner langen Erfahrung, mit unvergleichlichem Geschick – um den “Boi brabo“ (wilden Stier) zu bremsen, oder jenen aufzuhalten, der aus der Herde ausbricht, oder auch um ein Tier zum Schlachten einzufangen oder ein Kalb zur “Markierung“.
“Salve os Boiadeiros! Xetuá!” (Die Boiadeiros sollen leben – Xetuá”!)