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Ein paar Dinge ändern sich nicht bei Kevin Schläpfer. Im Wohnzimmer hängt immer noch eine Collage, die er einst geschenkt bekommen hat. Die ihn lichtumrankt zeigt, Hände gegen den Himmel, vor ihm die Fans.
«Kevin Schläpfer Hockeygott» steht darunter. Auch den Disney-Figuren ist er treu geblieben, die auf einem schmalen Tisch vor dem Fernseher aufgereiht sind.
Die für ihn dazugehören, seit er sich vor zehn Jahren scheiden liess und er die drei Kinder irgendwie ablenken wollte, sie in diese heile Welt von Micky, Pluto und Donald mitnahm.
Er ist ungewöhnlich
Ein Zimmer ist für die Sammlung von Eishockey-Shirts, Pins und Wimpeln reserviert. Und neben seinem Bett steht wie immer ein Hammer. Falls jemals einer einbricht, fliegt der. Schläpfer grinst. Er weiss, das ist etwas ungewöhnlich. Er ist etwas ungewöhnlich.
Einiges ist auch anders in seinem Leben. Das neue Haus zum Beispiel. Von der Terrasse aus überblickt er Sissach BL, seine Heimat. Er kann hinunterschauen auf seine alte Wohnung im Dorf und auf sein neues Auto, das vor der Garage steht und auf dem das Logo mit dem «K» prangt. K für Kloten.
Dort hat er vor drei Wochen einen Vertrag unterschrieben. Er ist endlich wieder im Geschäft. «Mit den Spielern auf dem Eis zu sein, sie zu spüren, mit ihnen reinzulaufen – das ist ein ganz anderes Leben.» Er ist dankbar.
Kleiner Fehltritt beim Tennis
«Denn ich musste eineinhalb Jahre unten durch. Es war Wahnsinn.» Seitwärts steigt er die Treppe hinunter. Das gestreckte rechte Bein voraus. Dann setzt er sich neben seinen Sohn Elvis, 16, an den Tisch und isst.
Es ist Mai 2016, als Schläpfer zum Arzt fährt. Beim Tennisspielen machte er einen Fehltritt. Das Knie schmerzt. Der Arzt diagnostiziert eine Kapselentzündung, zieht ihm Wasser aus dem Knie, injiziert Kortison. Schläpfer geht nach Hause.
Es tut mir leid, wenn ich gehen muss
Eigentlich will er bald in die Ferien. Aber die Schmerzen werden nicht weniger, sondern mehr. Nach drei Tagen bringt ihn seine Partnerin Nicole morgens um vier in die Notfallaufnahme. Denn das Knie ist stark angeschwollen. Sie spülen es aus.
Die Blutwerte sind dramatisch. Ein Entzündungswert von über 300 wird gemessen. Es gibt Menschen, die bei solchen Werten sterben. «Das Schlimmste war für mich, dass ich Nicole sagen musste: Es tut mir leid, wenn ich gehen muss.» Sein Sohn Elvis merkt von allem nichts. Er schläft zu Hause.
«Ich bin ein Mensch, der nicht sterben will»
Die normalen Schmerzmittel nützen nichts mehr, auch die ersten beiden Dosen an Morphium schlagen nicht an. Schläpfer wird an den Antibiotika-Tropf gehängt. Dann wirkt die dritte Dosis Morphium.
«Der Moment war für mich eindrücklich. Denn ich bin ja ein Mensch, der nicht sterben will. Ich habe drei Kinder. Man hält sich am Leben fest. Und doch habe ich gemerkt, dass man einen so ruhigstellen kann, dass man ohne Panik denkt: Okay, ich könnte gehen. Einerseits machte das Angst, andererseits beruhigt es.»
Ich habe drei Kinder. Man hält am Leben fest.
Statistisch gesehen hat Schläpfer Pech. Bei einer von 10 000 Spritzen, so sagt man ihm, kann man einen bakteriellen Infekt auflesen. Er war die eine Ausnahme.
Aber er hat auch Glück. Weil das Labor ein passendes Antibiotikum findet. Weil sie schon einmal einen ähnlichen Fall hatten. Sein Körper reagiert positiv. Hätte er nicht darauf angesprochen, wäre die Amputation des rechten Beins wahrscheinlich gewesen.
«Leute standen an meinem Bett und erzählten mir Episoden von Bekannten, die auch gut ohne dieses oder jenes Körperteil leben. Es war eine schreckliche Vorstellung.»
Zwei Monate im Rollstuhl
Ein paar Tage lang ist der Schmerz unbeschreiblich. Auch als er nach Hause gebracht wird, darf sich niemand abrupt zu ihm aufs Sofa setzen. Jede Vibration sticht wie ein Messer. Er schläft in der Stube, damit er sich nicht zu oft bewegt. Wenn er mal muss, dann in die Flasche.
«Ich war wie die Spitex für ihn», sagt Nicole. Fast zwei Monate lang ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Und der Heilungsprozess geht nur schleppend voran. Dazu probiert er Tabletten, Salben und eine Bioresonanz-Therapie.
Spezialsitz für den Coach
«Und weil ich von einem Heiler aus Nepal hörte, der gerade in der Schweiz war, kam der auch noch vorbei und sang zwei Stunden lang vor meinem Knie – vergebens!»
Der Sommer geht vorbei, die Saison mit dem EHC Biel steht bevor. Sie bauen ihm an der Bande einen Spezialsitz, damit er das Knie entlasten kann. Doch seine Wirkung ist nicht die gleiche.
Schläpfer leuchtet nicht
Schläpfer, von dem man sagt, er sei wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt, leuchtet nicht. Er kann die Türe in der Garderobe nicht zuknallen, wenn es nicht läuft – er ist schon froh, wenn er überhaupt hineinkommt.
Im November 2016 wird er entlassen. «Das ging ans Ego», sagt er. «Aber dann war der Druck weg. Ich konnte mich aufs Knie konzentrieren, machte viel mit den Kindern.» Nach nochmal drei, vier Monaten an den Stöcken darf er sie im Frühling 2017 abgeben.
Durch eine Wand von Schmerz
Wenn er geht, dann immer durch eine Wand von Schmerz hindurch. «Ich habe dem Knie gesagt, du musst jetzt funktionieren.» Der Sommer kommt. Er erholt sich. «Es ist ein riesiger Energieunterschied. Jetzt erst habe ich gemerkt, in welcher Verfassung ich damals bei Biel arbeitete.»
Er steigt ins Auto, macht sich auf den Weg nach Kloten. Alle fünf Minuten telefoniert er. Sitzungen, Spielerverträge, ein Interview. Zu seinem Sohn, der die nächsten Tage mit der U17-Nati unterwegs ist, sagt er über einen Kloten-Spieler: «Den sehe ich nächste Saison nicht auf dieser Position. Das reicht nicht.» Der «Tages-Anzeiger» titelt: «Kevin ändert alles». Er brennt wieder.