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«Innere Unruhe – Nervosität – ADHS: Ursprünge und Auswege?»
Schon vor 100 Jahren hat der Tiefenpsychologe Alfred Adler eine fundierte Abhandlung über den nervösen Charakter geschrieben und im weiteren anhand verschiedener Fallbeispielen in seinen Büchern «Kindererziehung» und «Technik der Individualpsychologie 2» erläutert, was hinter mangelnder Konzentration, mangelnder Aufmerksamkeit, Nervosität, Unruhe oder Verträumtheit stehen kann.
Ein Kind deutet die Erlebnisse in den ersten Lebensjahren nach einer eigenen Logik, mit der es das ganze Leben spontan und unbewusst versucht zu beurteilen. Die eigene Art zu leben folgt diesem mit Emotionen und Gedanken abgesicherten Lebensentwurf. Das Kind bildet sich ein unbewusstes Ziel, wie es meint, gut leben zu können. Kann es dieses Ziel vermeintlich oder tatsächlich nicht erreichen, so gerät es in Stress. Dann versucht es mit allen tauglichen und untauglichen Mitteln, dieses doch zu erreichen. Je aktiver und sicherer es ist, was es erreichen will, umso stärker. Es kann dabei sogenannt extrem unruhig, hyperaktiv werden, impulsiv sich wehrend gegen die scheinbar falsche Welt, deshalb auch unaufmerksam und unkonzentriert oder zurückgezogen verträumt. Dauert diese Unruhe, Impulsivität und verminderte Aufmerksamkeit durchgehend länger als 6 Monate und ist in 2 bis 3 Lebensbereichen vorhanden, sprechen heute einige von einem ADHS. Man nimmt an, dass 5 – 8% aller Kinder sich in einem solchen – unverstandenen – Zustand befinden. Interessanterweise stellt man jedoch fest, dass diese Stressreaktionen plötzlich nicht vorhanden sind, wenn ein Kind sich für eine Sache interessieren kann, es also glaubt, dass es erfolgreich sein kann.
Erlebt ein Kind zum Beispiel, dass es sich wohlfühlt, wenn es von liebenden Eltern umsorgt wird, ohne dass es sich selbst aktiv beteiligt, kann es sich vernachlässigt fühlen, wenn es diese Art der liebevollen Zuwendung nicht mehr in gleichem Masse bei der Geburt eines Geschwisters oder bei anderen Kindern oder in der Schule erhält. Es versucht unbewusst, die ursprünglich erlebte Gefühlswelt wieder herzustellen. Gelingt das nicht oder nicht vollständig, kann es nervös werden, sich dagegen auflehnen, heftig oder wütend werden, motorisch unruhig werden oder sich zurückziehen, wenn es in seiner Not nicht verstanden wird.
Durch jahrzehntelange Forschungstätigkeit weiss man inzwischen, dass bei diesem Stressvorgang weniger Dopamin, Serotonin und Noradrenalin vorhanden sind und dafür mehr Cortisol.
Leider leiten viele aus diesen bahnbrechenden Erkenntnissen fälschlicherweise ab, dass diese Veränderungen sogenannter Neurotransmitter die Ursache des Problems darstellen, die man durch Zufuhr verschiedener Mittel wieder verändern will.
Ich vertrete im Vortrag die Überzeugung, dass jedes Kind mit diesen langdauernden Stressreaktionen nicht einfach unter einer Reizüberflutung leidet, sondern sein Leben mit fehlangepassten (maladaptiven bzw. dysfunktionalen) Mustern zu bewältigen versucht, daran scheitert und deshalb gestresst ist. Unsere Aufgabe ist es deshalb, diese falschen Annahmen über das Leben und die verfehlten Gangarten zu erkennen und mit dem Kind zusammen die realitätsangepassten Lebensziele und Gefühlsübezeugungen zu entwickeln.
Weitere Vorträge 2021:
14. Sept: Zögern – Hinausschieben – Vertagen: Was tun?
5. Okt: Wie überwindet man die Ungeduld als Erzieher und als Lehrperson?
9. Nov: Schüchtern – zurückhaltend – vorsichtig: Auswege
7. Dez: Wie kann mehr Lebensmut als Grundlage von Glück und Zufriedenheit entstehen?