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Triggerwarnung
Es ist still, nur das Rauschen des Ozeans ist hinter den hohen Mauern hörbar. Die Sonne reflektiert an der Wand der weissen Kapelle, die im 17. Jahrhundert für die weissen Gouverneure gebaut wurde. Gleich darunter liegen die Verliesse, in denen Schwarze Menschen damals während mehreren Wochen gehalten wurden, bevor man sie in die «Neue Welt» transportierte. Jene, die überlebten, sollten dort als Versklavte ihren weissen Besitzer:innen dienen.
In den Verliessen ist es dunkel, der Boden besteht aus einer dicken Schicht menschlicher Fäkalien, der Geruch liegt noch immer in der Luft. In den sogenannten «slave holes» gibt es keine Lüftung, keine Fenster, keine sanitären Anlagen. Versklavte Menschen wurden bis zu drei Monate lang eng zusammengepfercht hier festgehalten, bevor sie durch die «door of no return» (Tür ohne Wiederkehr) auf die Schiffe gebracht wurden. Es herrscht eine drückende Hitze hier unten. Nur wer die Treppen zum Zimmer des Gouverneurs hinaufsteigt, fühlt den frischen Wind, der über den Atlantik zieht.
Cape Coast Castle an der Küste Ghanas erzählt die Geschichte ganz vieler Menschen. Von hier aus regierten die britischen Kolonialherren im 17. und 18. Jahrhundert Ghana – das damals noch Gold Coast (Goldküste) genannt wurde – und verkauften Menschen in die Sklaverei in die USA und in andere Gebiete dieser Welt. Die grauenvollen Verliesse unter dem Castle erinnern an die unvorstellbare Gräueltat. Ghana ist nicht nur meine zweite Heimat, sondern das Zuhause von ganz vielen Menschen, die längst nicht mehr wissen, dass dem so ist.
Die Rückkehr
Das Jahr 2019 war in Ghana das «year of return», das Jahr der Rückkehr. Zum Gedenken an den 400. Jahrestag der Ankunft der ersten versklavten Afrikaner:innen im US-Bundesstaat Virginia wurde ein einjähriges Programm mit Aktivitäten für Rückkehrer:innen gestaltet. Nur wenige Jahre zuvor waren die DNA-Tests populär geworden, aufgrund derer man seine eigene Herkunft nachvollziehen konnte.
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«Viele Schwarze US-Bewohner:innen erhielten erstmals Klarheit, woher ihre Vorfahr:innen stammen»
Für viele Menschen weltweit waren die Resultate überraschend, schmerzhaft, lehrreich oder gar inspirierend. So lernten fest überzeugte Patriot:innen von ihrer Herkunft aus einem anderen Land – oder eben viele Schwarze US-Bewohner:innen erhielten erstmals Klarheit darüber, woher ihre Vorfahr:innen stammen. 2019 kehrten einige dieser Menschen auf den Spuren ihrer Vergangenheit zurück nach Ghana.
Auch die erste Schwarze First Lady Michelle Obama interessierte sich für ihre Geschichte und die ihrer versklavten Vorfahr:innen und besuchte Cape Coast. Nebst vielen anderen Menschen aus der afrikanischen Diaspora durchschritt sie die neu errichtete «door of return» (Tür der Rückkehr) bei Cape Coast. Wie es sich anfühlen muss, zu erfahren, dass ein Mensch diese Verliesse überlebt haben muss, damit man selber Jahre später an einem ganz anderen Ort auf dieser Welt geboren werden konnte?
Ich weiss, woher ich komme
Ich gehöre nicht zu ihnen. Mein Vater wuchs in einer Lehmhütte in der Voltaregion auf und schaffte es mit viel Wille und Durchhaltevermögen, sich irgendwann ein Flugticket in die Schweiz zu kaufen. Er hatte die Schweizer Berge in einem Katalog der Basler Mission gesehen und sich das Land mitten in Europa zum Ziel gemacht. Dort angekommen absolvierte er nach einem einjährigen Vorbereitungskurs in Fribourg eine erweiterte Prüfung zur Anerkennung seiner Maturität aus Ghana und studierte schliesslich an der Universität Zürich, wo er meine Mutter kennenlernte.
Ich weiss, woher ich komme, wer meine Grosseltern sind, dass ich Ewe bin und mein Familienname ursprünglich von einem englischen Gouverneur stammt, der in der Region meiner Vorfahr:innen tätig war.
Doch die Schweiz war am Kolonialismus nicht unbeteiligt. Schweizer Familien und Unternehmen machten Profit über direkte und indirekte Beteiligung am atlantischen Dreieckshandel. Schweizer Produkte wurden nach Afrika verschifft und dort gegen versklavte Menschen eingetauscht. Mit Isaac Miville leitete 1652 gar ein Basler das damals noch schwedische Sklavenhandelsfort Cape Coast.
Was bedeutet Zuhause?
Auch für mich ist Ghana eine Art Heimkehr. Aber ich habe ein Zuhause hier, eine Familie, eine Geschichte, ein Heim. Nach Ghana zu reisen, schien in den letzten Jahren kaum möglich oder gar legitim. Wenn wir alle so oft wie möglich zu Hause bleiben sollten, dann ist es doch absurd, zu reisen.
Aber was bedeutet Zuhause? Und wie viel Zeit haben wir, um dies herauszufinden? Während ich mir diese Gedanken mache, versteckt sich die Sonne hinter einem trockenen Staubwind aus der Sahara, sein Name ist Harmattan. Die weissen Vögel in der Abenddämmerung erinnern mich an den Sankofa-Vogel, der als kleines Zeichen an der Halskette meiner Mutter hängt. Er ist ein Symbol der Religion der Akan in Ghana und steht dafür, dass wir aus der Vergangenheit für eine bessere Zukunft lernen müssen.
Homecoming bedeutet für mich, zu mir selbst zu finden und damit zu verstehen, wie ich der Mensch geworden bin, der ich heute bin. Diese Reise wird wohl nie komplett abgeschlossen sein, aber solange wir Fragen stellen können, solange wir uns für uns selber und unsere Geschichte interessieren, lernen wir auch mehr über die Welt, in der wir leben, und ihre komplexen Zusammenhänge.
Das Recht auf Heimkehr
Homecoming bedeutet aber auch, zurück zur Natur zu finden. Zu dem Zuhause, das wir alle teilen: diese eine Erde. Auch heute müssen täglich Menschen ihr Zuhause verlassen. Ob wir damit lernen, dass Sicherheit keine Garantie ist? Dass nicht alle Menschen über dieselben Privilegien verfügen? Und hoffentlich lernen wir, dass es wohl nichts Menschlicheres gibt als das Bedürfnis, sich und seine Liebsten in Sicherheit zu wissen und einen Ort zu haben, den man Zuhause nennen kann.
«Was hier fassbar wird, ist die Tatsache, dass kein Mensch freiwillig sein Zuhause verlässt»
Wir sind alle Teil der kollektiven Geschichte dieses Planeten und schreiben aktuell die unsere und die unserer Kinder. Cape Coast ist nur eine Etappe auf meiner Reise auf den Spuren des Kolonialismus und der Geschichte von versklavten Menschen. Das Einzige, was hier wirklich fassbar wird, ist die Tatsache, dass kein Mensch freiwillig sein Zuhause verlässt, wenn es ihm gut geht.
Während ich auf meiner Reise bin, ist in Europa erneut die Rede von Flüchtlingsströmen und es wird die Frage gestellt, wer dabei richtig flieht und wer nicht. Ein Strom ist etwas, das unaufhaltsam fliesst und sich den schnellsten Weg, die einfachste Versickerungsmöglichkeit sucht – ohne Ausseneinwirkung. Aber fliehende Menschen, die ihr Heim, das ihnen Bekannte, verlassen, handeln aktiv oder werden dazu gezwungen. Sie suchen Sicherheit. Niemand flieht ungewollt an einen anderen Ort, an dem er nicht zu Hause ist. Und wir alle sollten die Möglichkeit haben, heimzukehren.