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Überblick
Eine Vielfalt von Definitionen
Es existiert keine einheitliche Definition für multiplen Substangebrauch. Je nach Quelle unterscheiden sich die Definitionen hinsichtlich der berücksichtigten Substanzen und der Art des Gebrauchs.
- Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den multiplen Substanzgebrauch als - oft gleichzeitigen oder aufeinanderfolgenden - Gebrauch von mehr als einer psychoaktiven Substanz oder einem Substanztyp durch ein Individuum, in der Regel mit der Absicht, die Effekte einer anderen Substanz zu verstärken oder zu mindern.
- Die psychischen und Verhaltensstörungen in Verbindung mit multiplem Substanzkonsum werden im Code F19 des ICD-10 restriktiver definiert: es handelt sich dabei um den Gebrauch von mindestens zwei psychoaktiven Substanzen, ohne dass es möglich wäre zu bestimmen, welche in erster Linie die Störung verursacht hat. Dieser Code wird auch für die Fälle benutzt, bei denen die genaue Art mancher - oder die Gesamtheit - der verwendeten psychoaktiven Substanzen nicht klar oder unbekannt ist.
- Der Gebrauch multipler Substanzen wird auch weiter gefasst verwendet, definiert durch die Benutzung über einen bestimmten Zeitraum, jedoch nicht unbedingt von zwei oder mehr Substanzen gleichzeitig durch dieselbe Person.
Da sich die Kombinationen der festgestellten Substanzen in der Regel unterscheiden oder auf unterschiedlichen Schwellenwerten basieren, sind Vergleiche zwischen verschiedenen Quellen nur beschränkt möglich.
Sowohl auf Schweizer als auch auf internationaler Ebene sind die Prävalenzen des Gebrauchs multipler Substanzen und die mit dem Konsum einhergehenden Risiken und Folgen (z.B. Verkehrsunfälle, Vergiftungen, Todesfälle) bisher kaum dokumentiert; dies vor allem wegen der Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten und der Schwierigkeit, im Alltag alle potenziell beteiligten Stoffe festzustellen.
Darüber hinaus hängt die Menge der verfügbaren Informationen von den in der Studie verwandten Untersuchungsmethoden ab. So sind die Statistiken zu den Beschlagnahmungen durch die Polizei oder die jährliche Anzahl der Hospitalisierungen wegen multiplen Substanzgebrauchs in der Regel gut dokumentierte Quellen, die im Rahmen einer telefonischen Befragung ermittelte Prävalenz multiplen Substanzgebrauchs ist deutlich weniger zuverlässig.
Gegenwärtige Situation
Multipler Substanzgebrauch in der Schweizer Wohnbevölkerung
Die Daten der CoRolAR-Befragung (2011-2015) zeigen, dass in der Bevölkerung die Substanzen Tabak und Alkohol in Kombination am häufigsten vorkommen (jeweilige Schwelle: täglicher Tabakkonsum und durchschnittlicher täglicher Konsum von 40 Gramm reinen Alkohols oder mehr für Männer (Frauen: 20g+) und/oder pro Monat mindestens einmaliger Konsum von 5 oder mehr Gläsern bei einer Gelegenheit für Männer (Frauen: 4+)). Auch wenn eine Mehrheit der Bevölkerung nicht in erhöhtem Ausmass Substanzen konsumiert und erst recht nicht mehrere Substanzen gleichzeitig, scheinen gewisse Kombinationen wie "Alkohol + Medikamente", "illegale Drogen + Medikamente", "Cannabis + Alkohol", "Cannabis + illegale Drogen" sowie "illegale Drogen + Alkohol", relativ gesehen, eine bedeutende Anzahl von Personen zu betreffen. Insgesamt haben eher junge Erwachsene und Männer einen erhöhten Konsum verschiedener Substanzen; davon ausgenommen ist der Gebrauch multipler Substanzen, die psychotrope Medikamente einschliessen, denn diese Kombinationen kommen häufiger bei Personen ab 65 Jahren vor.
Gemäss den Ergebnissen der HBSC-Befragung 2014 gaben etwa 20% der 15-jährigen Jungen und 17% der gleichaltrigen Mädchen an, in den letzten 30 Tagen mindestens zwei der Substanzen Alkohol, Tabak oder Cannabis konsumiert zu haben (Marmet et al., 2015). Bei den 11- bis 13-jährigen Jugendlichen stieg der Anteil derjenigen, die im letzten Monat Alkohol und Tabak konsumiert haben mit dem Alter (Jungen: 11-jährige: 1.2%, 12-jährige: 2.9%, 13-jährige: 3.7%; Mädchen: 11-jährige: 0.2%, 12-jährige: 0.9%, 13-jährige: 2.9%). Generell haben Jungen in den letzten 30 Tagen etwa häufiger mindestens zwei Substanzen genommen als Mädchen.
Entwicklung und Tendenzen
Eine Analyse der Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung zwischen 1997 und 2007 von Maffli & Notari (2009) ebenso wie die neusten Ergebnisse der SGB-Befragung 2012 weisen auf eine Abnahme der Prävalenz des multiplen Substanzgebrauchs zwischen 1997 und 2012 hin. Allerdings konnten aufgrund der zu geringen Anzahl der Antwortenden eine Vielzahl an Substanzkombinationen nicht analysiert werden.
Im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Einnahme mehr54 die verschiedenen Kombinationen mehrerer Substanzen etwa 15% aller Verzeigungen ausgemacht haben. Die häufigsten Kombinationen von Substanzen entsprachen den Substanzen mit den höchsten Prävalenzraten ("Cannabis + Stimulanzien", "Cannabis + Opioide", "Stimulanzien + Opioide").
Indikatoren der Problemlast
Die zur Verfügung stehenden Informationsquellen zur Problemlast des multiplen Substanzgebrauchs lassen keine klaren Tendenzen erkennen.
Spezialisierter Behandlungsbereich
Die Daten des Monitoringsystems act-info (2004-2014) zeigen, dass der multiple Substanzgebrauch bei Personen, die eine Behandlung wegen Substanzgebrauchs begannen, häufig war. Im Jahr 2014 gaben 15.7% aller Personen multiplen Substanzgebrauch als Hautgrund für den Eintritt an. Und ungefähr vier von fünf Personen, die eine Behandlung wegen eines Hauptproblems mit Opioiden oder Kokain begannen, gaben an, Probleme mit einer oder mehreren anderen sekundären Substanzen zu haben.
Hospitalisierungen
Die Medizinische Statistik der Krankenhäuser zeigt, dass der Anteil der primären Diagnosen eines Abhängigkeitssyndroms von multiplen Substanzen seit 1999 abgenommen hat. Der Anteil der primären Diagnosen einer akuten Vergiftung ist jedoch stabil geblieben.
Verkehrsunfälle
Verkehrsunfälle (mit Opfern) unter angenommenem Einfluss von Alkohol + Medikamenten oder Alkohol + Drogen sind seit den 90er Jahren angestiegen, während die Anzahl der Verkehrsunfälle insgesamt zurückging.
Grenzen der verfügbaren Datenquellen
Es sei darauf verwiesen, dass viele Informationsquellen für dieses Kapitel schwierig auszuwerten sind. Da die Daten zu den Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz vom BFS in aggregierter Form zur Verfügung gestellt werden, ist es nicht möglich, die darin enthaltenen Kombinationen von Substanzen und ihre Häufigkeit zu kennen. Was im Übrigen die Todesursachenstatistik betrifft, ist es schwierig, die genaue Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Gebrauch mehrerer Substanzen zu schätzen. Tatsächlich werden zur Bestimmung, ob der Tod durch eine oder mehrere Substanzen verursacht wurde, nicht immer detaillierte Analysen zu den beteiligten Substanzen durchgeführt.
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