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Die Verkehrswege sind die Lebensadern unserer Zivilisation:
Sie stellen die Versorgungssicherheit für die Bevölkerung, den Waren- und Produktefluss für Handel und Industrie sowie den freien Personenverkehr sicher.
Bis Ende des 19. Jahrhunderts führten die wichtigsten Verkehrs- und Transportwege nicht übers Land, sondern übers Wasser.
Das verbreitetste Transportschiff war die Lädine (vom mhdt. "Lede" = Last), kleinere Schiffe nannte man Segner (das Wort hängt wahrscheinlich mit der "Segi", dem Gemeinschafts-Fischerboot, zusammen).
Das waren sehr einfache Last-Segelschiffe, wie diese Fotos und Modelle aus dem Seemuseum Kreuzlingen zeigen.
Bemannt waren die Lädinen neben dem "Schiffsmeister" mit drei bis acht Knechten, die das Schiff mit langen Rudern oder Stangen vorwärtsbewegen mussten, wenn man nicht segeln konnte.
Gegen den Wind kreuzen konnten sie ohne Kiel nicht. Im "Querverkehr" blieben die Lädinen bei ungünstigem Wind oft tagelang liegen.
Es war ein raues Leben auf dem Schiff: sommers wie winters war man dem Wetter ausgesetzt, geschlafen wurde gleich auf der Ladung oder auf dem Boden, die Verpflegung musste im "Brotsack" selbst mitgenommen werden.
Der Besatzung stand aber bei den häufigen Weintransporten immer ein gewisser Anteil zu: zuweilen durfte bis zu einem Zehntel (!) des transportierten Weines unterwegs getrunken werden.
Stellen Sie sich das bei diesem Transport einmal vor!
Da scheint ja ein reger Schiffsverkehr rund um die Insel Reichenau geherrscht zu haben!
Salz, Korn, Holz, Wein und 1000 andere Dinge:
Was sonst noch so alles auf den Lädinen transportiert wurde, lesen Sie auf diesen beiden Tafeln des Seemuseums Kreuzlingen:
Im Gredhaus neben jeder Anlegestation wurden die Handelswaren (zum Beispiel Salz, Wein, Korn oder Baumaterialien) umgeschlagen und gelagert - und dafür wurde natürlich ein Zoll erhoben.
Das Konzilsgebäude in Konstanz oder die Kornschütte in Kreuzlingen waren besonders grosse Gredhäuser.
Gredhaus Ermatingen; Postkarte 1920.
Foto: Vinorama Ermatingen
das Haus heisst heute "Zollhaus"
Schloss Arenenberg 1825; Radierung von Niklaus Hug
Lithographie aus Pinterest; ca. 1870
Sie haben den feinen Unterschied zwischen diesen beiden Gemälden vom Schloss Arenenberg sicherlich bemerkt: im 19. Jahrhundert liefen die neuen Dampfschiffe den Lädinen den Rang ab.
Dampfschiffe kommen auf
Königin Hortense war 1817 Gründungsmitglied der ersten Dampfschifffahrts-Gesellschaft auf dem Bodensee:
Viele Schiffleute verloren so ihre Arbeit und ihr Einkommen; im 20. Jahrhundert verschwanden alle Lädinen.
1832 gaben die "Schiffsleute" am Bodensee eine Petition beim Thurgauer Kantonsrat ein:
(Originial im Staatsarchiv TG)
Herr Präsident!
Herren Kantonsräte!
... Diese Dampfschifffahrt droht nun denjenigen, die bis anhin den Beruf der Schifffahrt auf dem Bodensee betrieben haben, nach und nach allen Erwerb zu entziehen. So mancher Hausvater, des-sen Erwerb in der Schifffahrt bestand, wird hierdurch brotlos, während Fremd-linge sich einen Verdienst aneignen, der seit Jahrhunderten das Eigentum unserer Vorfahren war ...
... denn die ökonomische Existenz einer grossen Zahl thurgauischer Familien ist auf dem Spiele; und führwahr! diese muss höher stehen als das Interesse speculativer grössentheils auswärtiger Actionairs.
Dampfschiff "Jura"; 1864 im Nebel kollidiert und gesunken
Modell aus dem Seemuseum
Kreuzlingen
eine ganze Reihe Unglücksfälle...
Tafel aus dem Seemuseum
1869 explodierte der Dampfer "Rheinfall" vor Berlingen
Gemälde von Adolf Dietrich;
Infotafel am Dampfkessel in Berlingen
Hier gelangen Sie zu einer detaillierten Beschreibung des Unglücks.
Der Dampfkessel der "Rheinfall" wurde 1995 gehoben und an der Schifflände Berlingen ausgestellt.
Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana, einer Karte der römischen Strassenverbindungen
(Ad fines = Pfyn, Arbor felix = Arbon)
Original in der österreichischen Nationalbibliothek, Wien
Die erste nachweisbare Strasse im Thurgau war die Römerstrasse Winterthur-Pfyn-Arbon-Bregenz. Wahrscheinlich überquerte sie bei Bussnang die Thur, wo noch Holzpfähle einer Brücke aus dem 2. Jahrhundert gefunden wurden.
Allerdings war diese Strasse nicht so ausgebaut, wie wir die Via Appia bei Rom aus den Asterix-Büchern kennen; sie war wohl nicht viel mehr als ein bekiester Feldweg. Feuchte Stellen wurden mit Prügeln und Ästen ausgelegt.
Die Strassenverhältnisse waren bis ins 19. Jahrhundert prekär: Landstrassen als Verbindung zwischen Ortschaften waren bestenfalls Karrwege; in den Dörfern überwuchs Gras die schmalen Gassen, und schmale Wege führten als Baustrassen zu den Feldern.
Der Unterhalt der Landstrassen wurde in wenig geliebter Fronarbeit der Dorfgemeinschaft besorgt; für den Zustand der Dorfgassen und Baustrassen sorgten die Anwohner meist nicht viel motivierter ("und jeder that dafür so wenig als immer möglich"; J.A. Pupikofer 1837)
Noch 1889 schrieb der derselbe Historiker J. A. Pupikofer in seiner "Thurgauer Geschichte":
Stellen Sie sich eine Landstrasse vielleicht so vor wie auf diesem Ausschnitt eines Ölgemäldes von Semen Fedorov um 1900.
"Es bestanden überhaupt keine eigentlichen Strassenzüge, sondern nur aneinander hängende Bruchstücke von Saumwegen und Fahrsträsschen, die von Dorf zu Dorf sich fortschleppten, und deren Hauptrichtung hin und wieder durch eine Hohlgasse, eine Bachrunse oder durch einen Knüppeldamm gekennzeichnet war... Zu Lande waren lauter Hohlwege, und auch durch die Dörfer hindurch konnte man die Strasse von den Düngerstätten kaum unterscheiden."
(Karte aus "Historische Verkehrswege im Thurgau"; Bundesamt für Strassen ASTRA)
Im Mittelalter bildeten sich dann die wichtigsten Verkehrsachsen, die die grossen (ausserkantonalen) Zentren miteinander verbanden.
Im Thurgau wurden Kreuzungs- und Brückenorte wichtig.
Und: die wichtige Fernverbindung Frauenfeld-Konstanz führte nun durch Wäldi.
Nach wie vor wurden Güter wenn irgend möglich auf dem Wasser transportiert: Bei einem Transport von Frauenfeld nach Konstanz schickte man die Waren nach Stein am Rhein, wo sie per Schiff nach Konstanz gefahren wurden. Die Reisenden selbst nahmen den Landweg über Wäldi.
Diese Landstrasse Frauenfeld-Konstanz wurde nun so bedeutend, dass sie im Strassengesetz von 1805 als damals einzige Kantonsstrasse eingestuft wurde und heute ins Bundesinventar der historischen Verkehrswege aufgenommen worden ist, sogar mit dem Zusatz "von nationaler Bedeutung".
Entdecken und erforschen Sie weitere historische Verkehrswege im Thurgau hier!
Screenshot aus www.ivs.admin.ch/
(auf der Grundlage von www.map.geo.admin.ch; Autor: ViaStoria/Universität Bern im Auftrag des Bundesamts für Strassen ASTRA)
(Die Grundlagen des Inventars historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) wurden in den Jahren 1983 bis 2003 im Auftrage des Bundes unter dem Namen IVS am Geografischen Institut der Universität Bern (ab Mitte 2003 unter dem Namen Viastoria am Historischen Institut der Universität Bern) geschaffen.)
Strassenplan mit Strasse durch Wäldi 1777; Staatsarchiv TG, Pl 1823
Die drei T vor, in und nach Wäldi sind Stellen, "wo eine Tolen erfordert wird", also eine Entwässerung.
Wäldi bekam an einer so wichtigen Passage sogar eine Zollstation. Ein Pächter nahm zuhanden des Staates den Passanten täglich 2-3 Gulden ab (ich habe aber leider nicht herausgefunden, wie hoch die Summe für eine einzelne Durchreise war).
Die armen Reisenden wurden allerorten geschröpft: erst nach der Bundesverfassung von 1848 wurden alle Binnenzölle in der Schweiz aufgehoben.
Zollstationen im Thurgau
(nochmals aus den "historischen Verkehrswegen" des ASTRA):
W = Weggelder und Zölle
B = Brückenzölle
G = Gred- und Kaufhausgebühren
Da lobe ich mir die heutige Autobahnvignette, wo ich nur einmal fürs ganz Jahr zahlen muss!
Leider nicht - der Bahnhof Wäldi und die Eisenbahnstrecke Ermatingen-Wäldi-Weinfelden wurden zwar 1899 in einer gewissen Eisenbahn-Euphorie projektiert, aber nie verwirklicht.
Es wäre zu schön gewesen, mit der Eisenbahn nach Wäldi und zum Napoleonturm reisen zu können - dann wären auch unsere Parkplatzsorgen beim Turm elegant gelöst gewesen!
Schlussendlich erschienen die finanziellen Risiken für dieses Bahnprojekt zu gross - kurz zuvor war nämlich die Nationalbahn auf der Seeline Konkurs gegangen.
Pläne im Staatsarchiv TG
Kurz vor 1900 gab es noch weitere Eisenbahnprojekte im Thurgau.
Karte aus A. Schoop; Geschichte des Thurgaus
Eisenbahnanschlüsse gewährten nicht nur die Versorgungssicherheit, den Handel und den wirtschaftlichen Aufschwung, sondern bildeten damit auch die Voraussetzung für die einsetzende Industrialisierung.
Viele grössere Betriebe liessen sich gleich ans Schienennetz anbinden.
Heute werden dort Lastwagen be- oder entladen, auffallend oft osteuropäische.
Foto Martin Knöpfel,
Thurgauer Tagblatt
- 1855 eröffnet
- ab 1907 Doppelspur
- 1927 elektrifiziert
Pfyn hatte auf die ihr zugedachte Station verzichtet, weil es einen "ungünstigen Einfluss des Steinkohlenrauchs auf die Blüten" befürchtete.
Unmittelbar nach der Eröffnung wurde auf Drängen Tägerwilens die Landstrasse Tägerwilen-Märstetten durch Wäldi aufwändig ausgebaut, damit Tägerwilen besser ans Eisenbahnnetz angebunden wurde.
© Foto Thurbo; aus der Bilddatenbank von Thurbo
- 1875 eröffnet
- die "Nationalbahn" ging aber bald Konkurs
- grosse Verluste der beteiligten Gemeinden
- Übernahme durch die Nordostbahn
- 1898 Betrieb durch die SBB
- ab 2002 durch Thurbo, einer Tochtergesellschaft der SBB
Tender-Dampflok MThB, "Choli";
Foto aus www.mthb.ch
- 1911 Einweihung der "Mittel-Thurgau-Bahn"
- mit Erlaubnis des Grossherzoglich Badischen Staatsministeriums bis zum Bahnhof Konstanz geführt
- Betrieb mit Dampf- und später Dieselloks
- erst 1965 elektrifiziert
- 2002 verschuldet und von Thurbo übernommen
Das scheint ja ein trübes Fest gewesen zu sein, die Einweihung des neuen Girsbergtunnels.
(Foto aus www.swissinfo.ch)
2002 ist auch das letzte Teilstück der Nationalstrasse A7 von Winterthur nach Kreuzlingen bis zur Gemeinschafts-Zollanlage und zur deutschen B33 dem Verkehr übergeben worden - allerdings ohne Ein- resp. Ausfahrt bei Engwilen.
Wie wäre das wohl herausgekommen?
Die Schweizer Einkaufstouristen, die jeden Samstag vor der Gemeinschaftszollanlage im Stau stehen, sind sicher froh, dank der A7 einige Minuten schneller nach Konstanz gekommen zu sein.
(Bild: Keystone / Ennio Leanza)
Das Tiefbauamt veröffentlicht jährlich den "durchschnittlichen täglichen Verkehr" im Kanton Thurgau.
Da kommt ja Wäldi noch vergleichsweise glimpflich davon - wie sieht denn das bei Ihnen zuhause aus?
Aus dem Statistischen Jahrbuch des Kantons TG 2015 ersehen wir, dass ...
- ein Thurgauer 85 min täglich unterwegs ist
- dabei ca. 40 km zurücklegt
- 40% davon auf Freizeitaktivitäten entfallen
- und 26 % auf Pendelverkehr entfällt
- 40 Mio Fahrgäste im öV befördert werden
- 218'000 Fahrzeuge immatrikuliert sind
- und das Verkehrsaufkommen jedes Jahr 1% zunimmt
Studieren Sie das Mobilitätsverhalten von uns Thurgauern:
Wie soll resp. wird sich das Verkehrsnetz im Thurgau denn weiter entwickeln?
Dazu schreibt das Kantonale Tiefbauamt Thurgau:
Der Kanton und die Gemeinden sorgen für eine effiziente Verkehrsabwicklung, die sich an den Mobilitätsbedürfnissen der Bevölkerung und den Grundsätzen der nachhaltigen Entwicklung orientiert.
Dies bedingt, dass Verkehr vermieden oder wo immer möglich auf ressourcen- und klimaschonende Mobilitätsformen verlagert wird.
Das Kantons- und Gemeindestrassennetz dient dem Gesamtziel der thurgauischen Raumordnungspolitik, die Attraktivität des Kantons als Lebens- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern.
Es gewährleistet sichere und leistungsfähige Verbindungen zwischen allen regionalen und kantonalen Siedlungszentren sowie zu den Nachbarkantonen.
Was das genauer heisst, lesen Sie hier:
Falls Sie gerne einmal mit einer Lädine fahren (Sie brauchen nicht zu staken), können Sie das von Immenstaad aus: www.laedine.de