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Wie das Hören sich im Horchen verstärkt, so vertieft sich das Sehen im Schauen. Ich erinnere mich nicht, wie ich als Kind ein Schauender geworden bin. Aber es gibt dafür ein Indiz. Meine Mutter erzählte mir folgende Geschichte: «Ich legte dich hie und da in die gute Stube, in den Korbwagen, der mit seitlich angebrachten Vorhängen geziert war. Du warst neugierig. Betrat jemand den Raum hast du aufgeschaut. Oft kam der Grossvater bei dir vorbei. Er besass einen mächtigen Schnauz und du gucktest ihn lange an, bis du lächeltest. Er ging dann vom Kinderwagen zum Spucknapf, der hinter dem Kanapee stand. Dort spuckte er mit lautem Geräusch in den Kübel. Du beobachtetest Grossvater und schliesslich ahmtest du ihn nach. Grossvater war dein Gött. Er freute sich, wie du dich im Wagen aufgezogen und ihn nachahmtest. Von dem kleinen Ereignis erzählte er lachend am Familientisch. So gingen dein Vater und ich zur Wiege und fragten: «Wie macht de Götti?» Du richtetest dich auf und gabst Spuckgeräusche von dir. Diese kleine Szene führten wir gerne und stolz unserem Besuch vor.» Das Sehen führte zum Schauen und vertiefte sich durch die Nachahmung.
Vor etwa zwei Wochen fuhr ich von Vitznau auf die Rigi. Mir gegenüber wies eine Mutter zwei Knaben an, Platz zu nehmen. Der ältere war in beständiger Bewegung. Ich begann mich in ihm als Kind zu sehen. Auf dem Berg hatte es geschneit. Als wir an einer Schattenwand vorbeifuhren, lag Schnee tief in den Felsenbändern. Der Knabe entdeckte das Weiss und begann darüber erregt zu plaudern. Die Mutter erklärte in fremder Sprache wahrscheinlich, dies sei Schnee. Der ältere der Buben, vielleicht vierjährig, war so neugierig, dass er seinen kleineren Bruder aufforderte auf die Bank zu steigen und zu schauen. Er selber drückte seine Nase an die Scheibe, dann verwarf er die Hände und brach in eine Art Jubel aus. Schnee hatte er noch nie gesehen, nahm ich an. Oben auf dem Berg stapfte er neugierig durch das neue Weiss. So muss es gewesen sein, als mich der erste Schnee überraschte. Die grüne Erde war über Nacht weiss geworden.
Ich glaube mich zu erinnern, dass ich mit offenen Augen staunte, als ich den Christbaum das erste Mal bewusst wahrnahm. Der Baum mit den leuchtenden Kugeln, dem farbigen Spitz auf dem Wipfel, den Silberfäden auf den Zweigen, den roten Schokoladeherzen und den Engelfiguren mussten mich gefesselt haben. Das Sehen wurde zum entdeckenden, zum empfangenden Schauen. Man durfte den Baum nicht berühren. Brennende Kerzen konnten gefährlich werden. Das vertiefte Schauen des Kindes wurde durch die Worte und Lieder der Erwachsenen noch einprägsamer. Spielzeuge lagen unter dem Baum. Das Schauen verband sich mit der Sprache und entfaltete die Anschauungskraft. Das Sehen des Kindes erregte zudem den Fortbewegungsdrang. Damit begann wie beim ersten Schnee die spielende Eroberung der nahen Winterwelt.
Wie kann ich heute, wo das schnelle Bild die Oberhand hat, das empfangende Schauen und das Erkennen finden? Wie schnell vergesse ich, was im raschen Bildwechsel vorbeihuscht. Ich muss mir Ruhe und Stille gönnen und hinnehmend die Welt betrachten und genau hinschauen. Das ist gar nicht leicht, denn stets stürzen Informationen auf mich ein, die mir kaum erlauben erkennend zu schauen. Das blosse Sehen hat verschiedene Funktionen. Es will wissen, ob alles in meiner Welt in Ordnung sei. Das Schauen begehrt nach mehr. Es will anschauen, betrachten, sich den Tatsachen hingeben, sie erforschen. Im hastig sich orientierenden Sehen verflüchtigen sich die Dinge. Sie werden oft überlagert von Meinungen anderer, die leicht täuschen können. Erst das wirkliche Schauen wird den Dingen gerecht.