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Oh, wenn nur jemand etwas über das Gehirn wüsste! Unsere Seele, unser Selbst, das wie ein Fisch die Tiefsee bewohnt und zwischen Dunkelheiten hin- und herschwimmt, sich seinen Weg sucht zwischen Anemonen und Ungeheuern immer weiter durch düsteres Dämmer, kaltes, tiefes, unerforschliches; plötzlich steigt es hinauf an die Oberfläche und tummelt sich auf den windgekräuselten Wellen eines Bettes, sieht sich im Spiegel, erschrickt – und schon verschluckt es sich selbst. Schon zappelt und windet es sich, schon klatscht es an die Scheibe und vertrocknet im Ufersand der Wirklichkeit.
Zum Beispiel: die Betten
Ich bin hier
Ich sehe mich um
Ich zähle die Betten
Es sind 13
13 Möbel, von denen ich vermute, dass es Betten sind.
Immer wieder und über die Jahre tauchen sie auf,
als schwere Rechtecke,
als weiche Behälter
für Schweiss und Träume
besetzten sie die Räume.
Ich sage mir, dass sie etwas zu bedeuten haben,
dass diese Häufung ein Hinweis ist.
Und ich sage mir:
ja,
zu den Betten kann ich etwas sagen.Ganzer Text anzeigen
22.10.2022
von Agnes Siegenthaler
Ich bin hier
Ich sehe mich um
Ich zähle die Betten
Es sind 13
13 Möbel, von denen ich vermute, dass es Betten sind.
Immer wieder und über die Jahre tauchen sie auf,
als schwere Rechtecke,
als weiche Behälter
für Schweiss und Träume
besetzten sie die Räume.
Ich sage mir, dass sie etwas zu bedeuten haben,
dass diese Häufung ein Hinweis ist.
Und ich sage mir:
ja,
zu den Betten kann ich etwas sagen.
Es war einmal zum Beispiel: George Perec
Er behauptete, sich abgesehen von seinen frühen Kindheitsbetten, erinnern zu können an alle seine Schlafstätten.
Sich erinnern an jedes einzelne Bett und die Geschichte, die dazugehört.
Das Bett als Kapsel für eine Zeit, ein Gefühl, eine besondere Geschichte.
Ich liebe mein Bett, schreibt er in Träume von Räumen. Und ich stimme ihm heftig zu. Fatalistisch kann ich mich verbinden mit einem der sagt, ich liebe mein Bett.
Welches ist das erste Bett, an das du dich erinnerst?
Welches war dein Liebstes?
Welches das Gefährlichste?
Mein Bett ist der Ort in meinem zu Hause, den ich am meisten liebe, an den es mich zieht, der mir tagsüber zuflüstert, komm zu mir, leg dich hin, fühl, fühl, wie weich ich bin, wie warm, ich bin der beste Ort. Du brauchst nirgends sonst zu sein, bloss hier.
Doch andere Betten, andere Geschichten.
Zum Beispiel: Die 13 Betten hier.
Hier sehen alle Menschen aus,
als wollten sie
aus den Betten raus,
als läge in ihnen ein Fluch,
ein Schmerz.
Niemand liebt hier sein Bett,
so wie ich das tue.
Ich sehe:
gepflegte, frisch bezogene Matratzen
leuchtende Stoffe
in Falten liegende Decken
zerknautschte Kissen,
gespenstige Leintücher
Ich glaube,
die Visionen der Betten
zu erkennen:
Abgestossene Leiber
gequälte Geister
wiedergängerische Träume
Aus der Weiche der Betten entfliehen die Körper
oder fallen sie aus der plötzlich enthobenen Zimmerdecke in sie hinein?
Etwas sagt mir, die Menschen hier, die wollen raus.
Der Einzige, der wohl gebettet liegt,
ist der Hase.
Entsprungen scheint er einem kindlichen Albtraum.
Ein Beispiel:
Das eine Bett, das seinen Menschen an den Spiegel verrät.
Vom Bett sanft und freundlich
in den Schlaf gezogen, dicht gefesselt in die Decke
schläft vertrauensvoll ein Mensch.
Und dies, obwohl doch die Sonne scheint.
Und der Spiegel, als würde ihm das Spiegeln nicht reichen,
als wollte er endlich nicht nur Spiegelung, sondern konkrete Materie sein, zieht den Menschen in sich herein, verschlingt ihn in seinem flachen, gläsernen Körper, zieht ihn aus der festen Welt herüber zu sich, macht aus ihm blosse Projektionen.
Und das Bett? Das Bett lässt es geschehen, nimmt es hin.
Sie nehmen es hin die Betten,
die Liebe, das Sterben, das Kranksein, die schlechten Träume und die Guten.
All das, was in ihnen geschieht.
Nie greifen sie ein, sagen dem Spiegel:
Sei nicht so gemein,
Oder zu der Fensterscheibe:
Lass die Vögel
Fische sein,
sei nicht so hart,
lass doch auch einmal einen
ohne Genickbruch durch dich
hindurch.
Ein Beispiel:
Ein anderes Bett, oder ist es eine Couch?
Beschworen wird die Vision des fliegenden Fischs,
wie ein unheilvolles Schwert schwebt er über
dem vergeblich Schlafsuchenden.
Da hilft kein freundliches Licht der Ständerlampe,
da hilft kein weiches Kissen.
Schwebt einmal ein solcher Fisch über dir,
dann vergiss es mit dem Schlaf.
Dann bist du allein mit dem furchtbaren Fisch
Und vielleicht, nur vielleicht, knabbert er an deinen Zehen die Häutchen ab.
Überhaupt sind hier alle schrecklich allein.
Allein mit ihren Visionen:
Heraushängenden Gedärmen
Treibsandwänden
Intriganten Spiegeln
Geisterhaften Decken
Und auch mit der Schwerkraft scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.
Es war einmal zum Beispiel: George Perec, der wie ich sein Bett liebte.
Und doch benennt er das zerstörerische Potential von diesem minimalen Raum.
Er schreibt:
Das Bett: Ort unausgesprochener Bedrohung, Ort der Gegensätze, Raum des einsamen Körpers, der bedrängt wird von seinen vergänglichen Harems, ausgegrenzter Raum der Begierde, unwahrscheinlicher Ort der Verwurzelung, Raum des Traums und der ödipalen Sehnsucht.
Ich bin hier
Ich sehe all das.
Ich denke:
Vielleicht ist ein Mensch an keinem Ort so allein
wie in seinem Bett.
* literarische Annäherung an die Ausstellung durch eine Drittperson, wird jeweils an der Vernissage vorgelesen, kann von den Besuchenden gratis mitgenommen werden.
Andreas Jenni
*1984
Bern
<email-pii>
andreasjenni.com