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Die Mondlandung gilt als der grösste Meilenstein der Raumfahrt. Ein wenig vergessen geht dabei, wie wichtig es für die Menschen war, erstmals einen Gesamtblick auf den eigenen Planeten zu bekommen. In den Köpfen entstand das Bild vom «Raumschiff Erde».
Derzeit ist die erste Mondlandung wieder in aller Munde, weil sie sich am 21. Juli zum 50. Mal jährt. Doch die Raumfahrt der 60er- und frühen 70er-Jahre brachte einen weiteren Meilenstein mit sich, der für das Bewusstsein der Menschen möglicherweise noch wichtiger war: Die ersten Fotos des Planeten Erde.
Versetz dich in die Zeit um 1965: Eine Welt ohne Internet, Digitalfotografie und Computergrafiken. Jedes Foto kostete Geld und musste erst entwickelt werden, nach wenigen Bildern war der Film voll. Es gab im Vergleich zu heute extrem wenige Fotos und fotorealistische Grafiken.
Was es aber schon gab, waren Massenmedien: Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften. Relativ wenige Fotos und relativ gute Verbreitungsmöglichkeiten – diese Kombination führte dazu, dass ein einzelnes Foto in der damaligen Zeit viel mehr bewirkte als es das heute tut. Zudem besassen Fotografien eine extrem hohe Glaubwürdigkeit, konnten sie doch im Vergleich zu heute sehr schlecht manipuliert werden.
Der Planet erkennt sich selbst
Am 20. September 1967 wurde vom DODGE-Satelliten aus das erste Farbfoto geschossen, das die Erdkugel voll erleuchtet zeigt. Es ist qualitativ noch sehr unbefriedigend. Eine TV-Kamera nahm drei Fotos mit je einem Farbfilter (Rot, Grün, Blau) auf, die anschliessend zu einem Farbbild zusammengesetzt wurden. Das rote runde Ding unten ist eine Farbkarte.
Das Bild wurde am 10. November 1967 im Magazin «Life» abgedruckt. An genau diesem Tag machte der ATS-3-Satellit der NASA ein viel besseres Foto der Erde.
Dieses Foto landete auf der Titelseite des ersten «Whole Earth Catalog» vom Herbst 1968. Und dieser Abdruck hatte eine sehr viel grössere Wirkung als das Bild im «Life»-Magazin. Steve Jobs hat seinen Spruch «Stay hungry. Stay foolish.» vom Whole Earth Catalog und bezeichnete diesen rückblickend als «Google in Papierform» und «Bibel meiner Generation». Dabei war das Magazin nicht viel mehr als eine Sammlung sorgfältig ausgewählter Tools rund um Do it yourself, Selbstversorgung und Nachhaltigkeit. Um den Erfolg zu verstehen, musst du dir den Zeitgeist von 1968 vergegenwärtigen.
Bewusstsein: Wir sind alle eins
1968 war die Welt durch den Kalten Krieg in zwei Teile geteilt. Ebenso war die Gesellschaft gespalten: In die junge und die alte Generation, die sehr unterschiedliche Ziele und Vorstellungen hatten. In den USA auch in Weisse und Schwarze. Die Zeichen standen auf Krieg und Krawall.
Die Hippie-Bewegung war eine Gegenreaktion auf diese Verhältnisse. Ein Foto des Erdballs bringt die Kernidee der Hippie-Bewegung treffend auf den Punkt. Denn das Bild zeigt: Wir leben alle auf demselben Planeten. Wir sitzen im selben Boot. Wenn wir Teile dieses Planeten zerstören, zerstören wir auch uns selbst. Daraus ergeben sich Forderungen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit, sorgsamer Umgang mit Ressourcen. Die Erde als Raumschiff mit begrenzten Ressourcen – diese Idee verankerte sich in den Köpfen.
Auch die Friedensbewegung lässt sich durch den Erdball symbolisieren: Alle Menschen sind miteinander verbunden. Es gibt keine Erste, Zweite und Dritte Welt.
Befeuert wurde dieses Verbundenheitsgefühl von der Droge LSD, ohne die die ganze psychedelische Kultur undenkbar gewesen wäre. LSD hebt bei vielen Konsumenten die klaren Grenzen zwischen dem eigenen Ich und dem Rest der Welt auf – gleichzeitig wird die Wahrnehmung nicht benebelt, sondern eher erweitert. Es entsteht der Eindruck einer universellen Erkenntnis. Auch das symbolisiert das Bild des Blauen Planeten perfekt.
Steward Brand, der Gründer des Whole Earth Catalog, schaffte es, die 1968 kursierenden Ideen miteinander zu verbinden und zu verbreiten. Er war an spannenden Ereignissen unterschiedlichster Art beteiligt. Unter anderem war er bei der LSD-Bewegung Merry Pranksters dabei und half mit bei der legendären «Mother of all demos». An dieser Computer-Demonstration von Douglas Engelbart wurden bereits 1968 Konzepte wie Computer-Maus, Textverarbeitung, Copy-Paste, Hyperlinks und sogar Real-Time Collaboration und Videokonferenzen demonstriert. Engelbart war seiner Zeit so weit voraus, dass Zeitgenossen das Potenzial seiner Ideen verkannten.
Das Foto unseres Planeten verwendete Steward Brand keineswegs nur, weil es halt grad verfügbar war. Schon 1966 startete er eine Kampagne, um von der NASA ein Foto «der ganzen Erde» zu fordern.
Je besser, desto eindrücklicher
In der Folge entstanden immer mehr und bessere Fotos, die den gesamten Erdball zeigten. Das bekannteste stammt vom letzten Apollo-Flug 1972 und hat sogar einen Namen: Blue Marble, zu Deutsch blaue Murmel. Es wurde mit einer Hasselblad-Mittelformatkamera aufgenommen. Klar: Je schöner die Bilder unserer Erde, desto grösser die Wirkung, die Stewart Brand mit seiner Whole-Earth-Bewegung beabsichtigte.
Auch dieses Bild wurde für die Umwelt- und Friedensbewegung intensiv genutzt. Ebenfalls aus dem Jahr 1972 stammt die Studie «Die Grenzen des Wachstums», welche die Probleme des exponentiellen Wachstums wissenschaftlich untermauerte und ein Umdenken bewirkte.
Noch viel eindrücklicher als jedes Foto ist natürlich, die Erde in echt aus dem Weltall zu sehen. In der Kurzdoku «The Overview Effect» erzählen Astronauten, wie sie dieses Erlebnis geprägt hat.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
Echt schade das wir die Unterlagen der Mondflüge verloren haben, währe toll nochmals dort hin zu fliegen in 4K. Naja ist halt das gleiche mit den Ägyptern und ihren Pyramiden. Menschheit du vergisst so schnell.