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In den 1960er-Jahren, als Winkler mehr oder weniger heimlich Karl May verschlungen hat, war das in seiner Kärntner Bauernfamilie nicht sehr gerne gesehen. Die Mutter schlug damals Alarm: «Karl May verdirbt ihn! Er wird verdorben.» Auch Vater Winkler strafte seinen Sohn mit bösen Blicken, wenn er ihn beim Karl-May-Lesen ertappte. Eines Tages hörte dieser Argwohn abrupt auf. Denn «der Tierarzt, der vornehme Dr. Weber [...] sagte: ‹Sehr gut! Sehr gut!›»
Befreiung durch Karl May
Man wusste durchaus um die Bedeutung von Karl May bei Winklers Auszug aus der bäuerlichen Sprachlosigkeit seiner Umgebung. Schon in der Trilogie «Das wilde Kärnten (1979–1982)» gab es Hinweise darauf. In «Winnetou, Abel und ich» berichtet Winkler nun ausführlich darüber, wie ihm die Identifiktation mit Winnetou und Old Shatterhand bei seiner Ich-Findung geholfen hat. Die Leseabenteuer stillten auch seine Sehnsucht nach der weiten, grossen Welt.
Aber die Lektüre war eben weit mehr. Winkler spricht in seinem jüngsten Buch von seiner Sozialisation durch die Karl-May-Lektüre. Es gibt ein Wiedersehen mit der sprachlosen Mutter, die verkündete, es gäbe kein Geld für Bücher im Haus und dem hartherzigen Vater, der seinen regsamen Jungen völlig verkannte. Aber für Winklers «Kärntner Indianerkindheit» bot May weitere Identifikationsmöglichkeiten. Den Tod Winnetous und seiner Schwester Ntscho-Tschi konnte der Teenager Winkler mit seiner eigenen Gefährdung und Randständigkeit verbinden.
Homoerotische Projektionen
Auch die homoerotisch getönte Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand hat den jungen Josef angezogen. Dies dokumentieren die Winklerschen Nacherzählungen von Winnetous Mord und Tod. Da lässt Winkler die Zügel los und schreibt: «Winnetou umarmte und küsste Old Shatterhand, schwang sich auf sein Pferd und ritt [...] zum Rio Pecos hinunter.» Echt witzig ist, wenn der Karl-May-Adept von der «Weiterbildung» Nscho-Tschis, der Schwester Winnetous, in einem Pensionat für höhere Töchter schreibt.
Die Rothäute feiern Weihnachten
Die komischste Geschichte ist eine Variation auf den wenig bekannten Winnetou-Roman «Weihnacht» von May. Da sitzen am Ende die Indianer um einen improvisierten Weihnachtsbaum. Winnetou legt ein paar Goldstücke unter den Baum. Die Bleichgesichter intonieren ein Weihnachtslied und die Schoschonen fallen derweil auf die Knie. Wenn der Teenager Josef Winkler schon zu Zeiten über soviel Ironie verfügt hätte, dann wäre wohl seine Adoleszenz im bigotten Krähwinkel weniger schmerzhaft verlaufen, als wir es aus seinem späteren Werk kennen. Deutlich weniger.
Buchhinweis
Josef Winkler: «Winnetou, Abel und ich». Suhrkamp Verlag, 2014.