Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03475.jsonl.gz/1850

Meditation
Meditation stammt vom lateinischen
meditatio «nachsinnen, Mitte finden» und vom altgriechischen medomai «denken, sinnen». Zudem zeigt sich ein etymologischer Bezug zum lateinischen mederi «messen, das rechte Mass finden».
Meditation bezeichnet vorwiegend Geistesübungen, die insbesondere aus religiösen und spirituellen Traditionen seit Jahrtausenden überliefert sind und seit dem 20. Jahrhundert zunehmend wissenschaftlich erforscht wurden. Grundlegend kann Meditation als Hilfsmittel verstanden werden, einen vom Alltagsbewusstsein unterschiedenen Bewusstseinszustand zu üben, in dem das gegenwärtige Erleben im Vordergrund steht, frei von gewohntem Denken, vor allem von Bewertungen und von der subjektiven Bedeutung der Vergangenheit und der Zukunft. Viele Meditationstechniken sollen helfen, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem klares, hellwaches Gewahrsein und tiefe Entspannung gleichzeitig möglich wird – bis hin zu sogenannten Kernerfahrungen des «Eins-seins».
Arten der Meditation
Einerseits gibt es körperlich
passive Meditationen, bei denen Stille und Ruhe wesentlich sind, wie bei Sitz- oder Liegemeditationen, namentlich z.B. Kontemplation, Zazen, Shamatha, Vipassana, Transzendentale Meditation oder geführte Meditationen. Andererseits gibt es körperlich aktive Meditationen, bei denen Bewegungen oder Handlungen zur Meditationspraxis gehören, wie z.B. Yoga, Tai-Chi, Qi-Gong, Tanzritual, Kampfkunst, Bogenschiessen, Teezeremonie, Kin-hin, Tantra, Atemmeditation oder Mantrasingen. Etliche Meditationsformen bedienen sich passiver und aktiver Elemente, wie z.B. die Progressive Muskelrelaxation PMR oder Osho-Meditationen.
Im 20. Jahrhundert wurden geführte Meditationen im Westen unter dem Namen «Autogenes Training · AT» bekannter und wissenschaftlich untersucht. Anerkannt ist heute beispielsweise «Mindfulness-based Stress Reduction · MBSR». Der Meditierende wird (zumindest anfänglich) von den Anweisungen eines Meditationssprechers geleitet. Es gibt verschiedene Arten der Anleitung: Recht häufig verwendet werden körperbezogene Aufmerksamkeitsanleitungen oder ganze Fantasiereisen, bei der der Meditierende mithilfe einer Geschichte, die er durchläuft, entspannt. Unterstützt wird eine geführte Meditation häufig durch Entspannungsmusik, die im Hintergrund läuft oder Naturgeräuschen. Es gibt zahlreiche Audio-Aufnahmen solcher Meditationen, die beispielsweise von Meditations-Podcasts oder Smartphone-Applikationen kostenlos zum Meditieren angeboten werden.
Geführte Meditationen sind ein idealer Einstieg in die Welt der Meditation und haben im Westen eine alte Tradition. Bereits in den Mysterienkulten der Antike führten die Hierophanten die Einzuweihenden in geführte Reisen in deren eigene Innenwelt und bereiteten die notwendigen Entwicklungsschritte in innere Seelenlandschaften vor. Geführte Meditationen können auf die Ebenen des Unbewussten wirken und hier im therapeutischen Sinne für Weichenstellungen sorgen. Die Erfahrung zeigt, dass die Einsatzmöglichkeit von der reinen Entspannung über die gezielte Bearbeitung von Alltagsproblemen bis hin zu Heil-Reisen führen kann.
Über die Grenzen des Meditierens
Entgegen verbreiteter Annahmen führt Meditationspraxis nicht automatisch zu einem besseren Menschensein. Gerade in der gegenwärtigen Flut von Angeboten rund um den Begriff 'Achtsamkeit' lauern auch die Gefahren oder Schattenseiten der Meditation. Meditieren wird auch oft als Rückzug und Flucht (Dissoziation) vor unangenehmen Aufgaben, Entscheidungen oder Konflikten benutzt. Andere Meditierende wiederum sehnen sich nach göttlichen Visionen, übersinnlichen Sphären und spiritueller Zugehörigkeit, was zur Not auch bei niedrigem Selbstwertgefühl hilft. Eine weitere Gruppe scheint Zuflucht in die Leistung zu nehmen: Sie zählen die Praxisstunden und sammeln Daten als Qualitätsgarantie für ein besseres Leben. Spätestens wenn sich ein Anspruchsdenken einstellt, etwa: «Weil ich meditiere, habe ich ein Anrecht auf Bewunderung, … auf Zugehörigkeit, … auf Geld, … auf Gesundheit, ... auf Wahrheit, … auf Konfliktfreiheit oder auf Ruhe», ist es Zeit, sich klarzumachen, was Meditation nicht ist.
«Meditierende Menschen entwickeln Fähigkeiten, die ihnen helfen, zu meditieren.
Mehr nicht.» Marianne Bentzen (2020)
Oder in Form einer Zen-Geschichte:
Ein Meister und ein Schüler sitzen nebeneinander. Sie meditieren schon eine Weile. Der Schüler dreht sich zu seinem Meister und fragt: «Was kommt als Nächstes?» Der verblüffte Lehrer wirft ihm einen Blick zu und herrscht ihn an: «Was meinst du damit? Genau darum geht es. Mehr kommt nicht.»
Wenn wir also regelmässig meditieren, werden wir zwar besser im Meditieren, aber noch lange nicht besser im Streiten, Kochen, Holzhacken oder Fahrradflicken – und die WC-Schüssel wird dadurch auch nicht sauber!