Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03241.jsonl.gz/2789

Apartment 258 – Das dreidimensionale Gemälde in der Berliner Wohnmaschine
Das 53 Meter hohe Betongebäude ragt hoch über den Bäumen des Berliner Stadtteils Charlottenburg auf. Es ist die Unité d’Habitation Typ Berlin, welche Le Corbusier 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung entwarf. Noch während der Bauphase musste er sich mit dem Abgeordnetenhaus von Berlin in vielen Diskussionen auseinandersetzen, da nach deren Meinung eine Verletzung der Deutschen Bauordnung stattfand. So wurde Le Corbusiers Wohnmaschine in Berlin nicht nach den Originalplänen fertiggestellt und unterscheidet sich von ihren französischen Schwestern, welche Le Corbusier unter den Regeln seiner ‹5 Punkte einer neuen Architektur› erbaute. Doch dem Architekt Philipp Mohr gelang nun was Le Corbusier nie vollenden konnte und verwirklichte die Pläne des großen Architekten in einem Apartment der Berliner Unité.
In der Flatowallee 16, auf der südlichen Stirnseite des Corbusierhauses, befindet es sich – das Apartment 258. Eine zwei Zimmer-Küche-Bad-Maisonette-Wohnung. Als sich Philipp Mohr nach Kauf- und Investitionsimmobilien in Berlin umsah fand er das Apartment rein zufällig. Da er schon als Kind Le Corbusier Ausstellungen besuchte war in ihm früh das Interesse an dessen architektonischer Ästhetik erwacht. «Ich war mein Leben lang voller Fragen zum Modernismus und meine Leidenschaft lag immer schon darin die Moderne erträglich und bewohnbar zu machen. Zeitlebens empfand ich eine Abneigung, wenn historische Gebäude modern renoviert oder durch Anbauten ergänzt worden sind. Ich wusste um die tragische Geschichte des Corbusierhauses und dass Le Corbusier das Innere des Gebäudes nicht ganz nach seinen Vorstellungen fertigstellen konnte.» Auch wegen dieser Herausforderung erwarb Philip Mohr das Apartment, mit dem Ehrgeiz es wieder in den Originalzustand zu versetzen. Dabei versuchte er so detailgetreu wie möglich vorzugehen.
Mohr begann seine Recherche im Archiv der Fondation Le Corbusier in Paris, wo er Le Corbusiers Schiften zu den verschiedenen Wohnmaschinen studierte. Er fand Originalentwürfe und stützte seine errungenen Informationen auf intensive Recherchen an der Unité d’Habitation in Marseille, in der er temporär wohnte. Durch den Besuch von Vergleichswohnungen in Nantes-Rezé, Marseille, Firminy und Briey erlangte er ein immer fundierteres Verständnis über die Intention hinter Le Corbusiers architektonischem System. «Ich habe einige Originalwohnungen besucht um den Effekt zu erleben, die ineinandergeschobenen Wohnungen sind wirklich genial! Le Corbusier hat sehr lange daran gearbeitet, um die perfekte Lösung für Hochhauswohnungen zu finden. Der wichtigste Effekt der zwei Geschosse ist der hohe Wohnraum am Fenster. In späteren Wohnungsbauten, beispielsweise in Berlin, wurde diese doppelte Raumhöhe wegrationiert. Das ist ein grundlegender Fehler in der Entwicklung der Moderne. Jeder Architekt der heute modern planen möchte sollte den Unité-Bau in Marseille besuchen und studieren. Es ist tatsächlich ein vorbildliches Beispiel von sozialem Wohnungsbau auf sehr hohem Niveau und mit vielen zukunftsweisenden Ideen.»
Als er die Wohnung erwarb, fand er das originale Interior von 1958 vor. Alles war komplett in Weiß gehalten und sah wie in einem Gefängnis oder einer typisch Deutschen Sozialwohnung aus. Nichts war wie Le Corbusier es jemals entworfen hätte, erzählt er. Durch Recherchen erfuhr Philipp Mohr, dass Deutsche Architekten ihr eigenes Interior entwerfen mussten, das zudem noch billiger in der Herstellung war. Das Resultat ist, Mohrs Meinung nach, nicht mehr proportional, so sei der ganze Charakter, das Gefühl sowie die Qualität und Funktion verloren gegangen.
Nachdem das gesamte Innere entkernt war, setzte Mohr die Deckenhöhe von 2,50 m auf die ursprünglich geplanten 2,26 m, einem Modulor-Maß, herab. Weiterhin sah sein Plan das Umpositionieren von Wänden vor, um dem originalen Grundriss zu reproduzieren. Mohr findet es schade, dass der Berliner Senat sich damals gegen die Galerie entschieden hat den vorderen Teil am Fenster zu zubetonieren, um mehr Quadratmeterfläche zu erhalten. «Das Besondere an der doppelten Raumhöhe und der Galerie ist, dass man das Gefühl bekommt in einem großzügigen Wohnhaus zu leben. Man kann Wohnraum nicht beschreiben, nicht in Bildern, Plänen, Schnitten oder sonst irgendwie. Wohngefühl lässt sich leider weder beschrieben noch argumentieren», meint der Architekt. Der Deckendurchbruch, der die Wohnung, wie im Original, mit einer luftigen Galerie versehen sollte, wurde von der Eigentümergemeinschaft nicht genehmigt...es scheint fast, als ob sich die Geschichte wiederholen würde.
Durch weitreichende Praxiserfahrung in den USA hat Philipp Mohr gelernt Gebäudestile zu assimilieren, was ihm bei der Rekonstruktion des Apartments in Berlin half. So konnte er mithilfe seines Wissens um die Modulor Dimensionen und seinen Studien an den Originalen, die Details für Küche, Fenster, Schränken und der Treppe rekonstruieren. Mohr erstand einzelne Originalteile einer Küche aus der Wohnung der UH in Marseille und rekonstruierte die fehlenden Stücke anhand der Originalpläne. Was ihm zugutekam: Die Dimensionen in der UH Berlin waren alle sehr stark verändert worden, nur im Südteil waren die breiten der Wohnungen im Originalmaß geblieben. Dadurch passte eine originale Küche genau in die Berliner Wohnung. Elemente wie Lampen und Möbel wurden nach Fotografien der Modellwohnung von 1952 ausgesucht. Hierbei ging Mohr in Paris, Berlin, Marseilles und Online auf die Suche nach originalen und authentischen Möbeln. Das spiegelt sich schlussendlich auch in der Wohnung wieder: eine stimmige Kombination aus Originalen (u.a. Charlotte Perriands schwenkbaren Wandleuchten und Tischlampen) und unter Lizenz hergestellten Möbeln (wie Metallstühle von Jean Prouvé und Pierre Jeanneret / Cassina).
Farbe und Architektur – ein dreidimensionales Gemälde
Davon, dass Farbe und Form die Grundbausteine der Architektur sind, ist Philipp Mohr überzeugt. Seiner Meinung nach ist in der heutigen Moderne jedoch einiges problematisiert worden: «In den 70ern setzte man überschwänglich Farbe auf beispielsweise Tapeten und Gardinen ein. In den 80ern dann, traute man sich nicht mehr Farbe zu verwenden und seitdem gibt es kein globales Farbkonzept mehr.» Doch bei Le Corbusier sind Farbe und Architektur eins: Das Gebäude bzw. seine Räume sind ein dreidimensionales Gemälde und die Farbgebung ist der Leitfaden, fand Mohr in Schriften der Fondation Le Corbusier heraus. So ging er bei der Wahl des Farbkonzepts sehr genau vor und verglich die Wandfarben in verschiedenen Unités mithilfe des Farbfächers und den Bänden über die Polychromie Architecturale von Arthur Rüegg. Es gelang ihm in den Besitz von Farbabkratzungsproben zu kommen, die aus der Museumswohnung im Le Corbusierhaus in Marseille stammten. Eine große Hilfe war ihm ebenfalls die Nachbildung eines Marseiller Unité Apartment im Pariser Museum Cité de l'architecture & du Patrimoine des Architekten Pascal Mory, der ebenfalls lange Zeit mit der Rekonstruktion der Farben und mit der Architektur des Apartments verbrachte. Die Tatsache, dass Philipp Mohr vor dem Umbau selbst in dem Apartment wohnte, half ihm sehr bei der Farbwahl, da er die unterschiedlichen Tageslichtsituationen im Apartment betrachten konnte. Der Architekt denkt, dass Licht einen großen Einfluss auf Form und Farbe hat. Es war für ihn ein großer Schritt nach vorne, als er auf die Farben der Polychromie Architecturale stieß. Mohr begann anhand der Farbenklaviatur von 1931 die passenden Farben auszuwählen, doch erst der Einbau der originalen Küche gab ihm das nötige Selbstvertrauen. Ausgehend von den Farben der Küche kombinierte er nun die Farben und entschied sich schließlich für die Atmosphäre Samt. Mohr findet, dass sich dies auch im Charakter der Wohnung mit seinen samtigen Oberflächen und Materialien, Möbeln und Stoffen widerspiegelt.
Der Architekt ging von folgendem Grundsatz aus: Der Innenraum muss aus rechteckigen Flächen bestehen. Er griff ebenfalls Le Corbusiers Idee auf, dass starke Farben als Akzente in kleineren Flächen verwendet werden (wie dem blauen Regal im Wohnzimmer), während weiche Farben die großen Flächen dominieren und so in den Hintergrund treten. Für die Wände der unteren Etage entschied sich Mohr für das reinweiße 4320B blanc ivoire und dem Cremeweiß 32001 blanc für die Ostwand. In der oberen Etage strich er die Westwand in 32121 terre sienne brique welches das Siena der Loggia aufgriff. Auch das Grün der Loggiawand wurde in der Küche fortgesetzt. «Es schien mir sinnvoll die gleichen Farben auch innen zu verwenden, umso eine Brücke zwischen Innen und Außen zu schaffen. Nun hatte ich meine Grundfarben».
Im Eingangsbereich fällt dem Betrachter sofort die rote Decke (32090 rouge vermillon 31) auf, die sich bis in das kleine Zimmer, das gegenüber der Eingangstüre liegt, erstreckt. Das Wandgemälde dort erinnert stark an Le Corbusiers kubische Kunst – eine Hommage an den Architekten. Der professionell rekonstruierte Einbauschrank ist der originalen Farbkombination aus der Unité in Marseille nachempfunden und zeigt kontrastreiche Farben wie Grün, Braun (32120 terre sienne brûlée) und Rot. Diese Farbkombination wird ebenso in der gesamten Küche fortgesetzt, wobei die Farben hier durch ein klares Weiß und Naturholz kontrastiert werden. Das 32040 vert anglais der Küche findet sich ebenfalls auf der dahinterliegenden Wand und repetiert so das Grün der Loggia. Die luftige Treppe in die obere Etage wurde bewusst in 32021 outremer moyen gestrichen, eine Farbe die den Himmel repräsentiert und die nahezu mit jeder Farbe kombinierbar ist. Um eine Balance im Raum zu erschaffen entschied sich der Architekt dafür das in die Wand eingelassene Regal ebenfalls in diesem Ton zu streichen. Betritt man die obere Etage des Apartments erwartet den Besucher eine große Fensterfront, die durch eine Heizung in 4320W le jaune vif bis zum Boden hin erweitert wird. An den Wänden setzt sich das 32001 blanc aus der unteren Etage fort, während an der gegenüberliegenden Wand das helle Ziegelrot der Loggia mit 32121 terre sienne brique in den Raum verlängert wird. Das Badezimmer erlebt eine relativ unscheinbare Farbgestaltung im Vergleich zu dem Rest des Apartments: 4320B blanc ivoire, die Decke im luftigen 32021 outremer moyen und Partien in 32011 gris 31. Mohr setzte hier Akzente: Eine Deckenleiste und die ovale Türe zur Dusche sind in weichem, zurückhaltenden 32042 vert anglais pâle gehalten und der Türrahmen zum Bad leuchtet in strahlendem 4320S orange vif. Auch die Fußleisten und Fensterrahmen konnten von Le Corbusiers Polychromie Architecturale profitieren und wirken mit ihrem dunklen, braun-grauen 32140 ombre naturelle 31 wie ein klar begrenzender Rahmen zwischen Boden und Wänden.
Der Architekt war überrascht, als er das Endergebnis seiner Farbgestaltung sah. Ihm wären diese Farbkonstellationen vorher nie präsent gewesen und sind definitiv ein Resultat aus zwei Jahren intensiver Auseinandersetzung mit Le Corbusier, seinen Aufzeichnungen und Gebäuden. Mohr erzählt von seiner Erfahrung mit dem Anstrich des Treppengeländers: «Ich hatte bereits Beige, Weiß und Schwarz ausprobiert, war jedoch nicht zufrieden. Dann las ich in Le Corbusiers Aufzeichnungen, dass er neben Weiß und Schwarz nur Grau als geeignete Farbe für Metall hält. So strich ich das Geländer in einem dunklen Grau, wodurch eine sehr schöne farbliche Stimmung im Treppenbereich entstand: Das Cremeweiß im Hintergrund, das Blau der Treppe, das Grau des Geländers und die grüne Wand an der Kopfseite. Dazu das klare Weiß an der Decke – für mich war das tatsächlich eine Offenbarung! Durch die Kombination von pigmentreicher, rauer Farbe an den Wänden und den glatten Farben auf Holz und Metall erhielt der Innenraum eine unglaubliche Lebhaftigkeit und Harmonie!» Laut des Architekten ist die Farbe neben den Formen das zweitwichtigste Element in dem Unité Apartment, da die Architektur erst durch die Farbe zu leben beginnt. «Corbusiers Idee von dem Zusammenspiel von Farben und Formen ist ein Gesamtkunstwerk! Alles ist perfekt zusammengestellt, sodass der Bewohner nichts mehr ändern muss. Diese klassischen Farben sind zeitlos, einladend und wirken so dynamisch in der Wohnung! Es fasziniert mich immer wieder, dass das Apartment keinesfalls altmodisch wirkt. Durch den Gebrauch von Holz und anderen natürlichen Oberflächen empfindet man die Wohnung als gemütlich und die Proportionen in Bezug auf Blickwinkel und Licht wirken aufmunternd.»
Gestaltungsgrundsatz Tageslicht
Bei der architektonischen Farbgestaltung verfolgt der Architekt immer einen Grundsatz: «Ich beginne mit Weiß gestrichenen Wänden. Dann male ich Rechtecke der gleichen Farbe auf alle Wände und beobachte sie in verschiedenen Tageslichtsituationen. Es ist immer wichtig das Licht im Raum zu studieren, um zu wissen wo der Sonneneinfall auf Farbe trifft und sie zum Leben erweckt.» Bei einer Farbgestaltung sollte man sich ebenso darüber im Klaren sein, dass eine kräftige Farbe gegenüber einem Fenster ganz anders erscheint als in einer dunklen Ecke. Ein weiterer Tipp von ihm: Wenn eine weiße oder cremefarbene Oberfläche besonders lebendig aussehen soll, kann dies mit einer leichten Pinselstruktur erreicht werden.
«Die Modulor-Maße, Licht und Form, Form und Funktion, der offene Grundriss, Materialien und Farben, an all dem konnte ich mich ausprobieren und von Le Corbusier lernen.» Mohr findet, dass man spüren kann, dass Le Corbusier ursprünglich aus der Malerei kam. “In seine Architektur ließ er viel von seinem inneren Künstler einfließen. So konnte er die Brücke zwischen Farbe und Architektur erschaffen und eine Reihe von klassisch-modernen Farben kreieren, welche als Absolutes und Ideales auf den Menschen wirken.» Deswegen entschied er sich die originalen Les Couleurs® Le Corbusier Farben zu verwenden, welche von der Firma KEIMFARBEN vertrieben werden. «Das Schöne an den Farben von KEIM ist, dass alle ihre Bestandteile natürlich und mineralisch sind. Das sieht man direkt, wenn man vor der bemalten Fläche steht, da das Licht satt aufgenommen wird und die Farbe dadurch richtig strahlt.»
Der deutsch-amerikanische Architekt und Designer Philipp Mohr hat Büros in New York und Berlin. Mit seinem Team entwirft er unter anderem Wohnkonzepte und Designs für Stores wie BMW, Louis Vuitton oder Samsung. Aufgrund seiner akribischen Reproduktionsarbeit im Apartment 258 in Berlin, wurde Mohr für den Dezeen Award 2018 im Bereich Residential Design nominiert. Nach der Fertigstellung wurde das Apartment inklusive der Innenausstattung an ein Ehepaar verkauft, welches nach eigenen Angaben «ganz verliebt» in ihre Wohnung ist.
Lesen Sie weitere Artikel über die Unité d’Habitation Typ Berlin:
Photography Copyright
©Didier Gaillard
©Rainer Gollmer
Grundrisse und Skizzen
©Philipp Mohr Design
Kommentare
Keine Kommentare