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von Wolfgang Morgenroth
Der Weise Vidura erzählt: “Nachdem ich mich vor Brahma, dem Schöpfergott, verneigt habe, will ich dir erzählen, was die grossen Weisen über das Dickicht des Geburtenkreislaufes sagten.
Ein Brahmana - so heisst es - geriet, während er den Kreislauf der Geburten durchwanderte, in einen riesigen, schwer zugänglichen Wald, in dem es von Raubtieren nur so wimmelte. Auf allen Seiten war er von gefrässigen Wesen umgeben, die wie Löwen, Tiger und Elefanten aussahen. Selbst der Tod hätte sich vor ihnen gefürchtet.
Als der Brahmana diesen Wald sah, klopfte ihm das Herz bis zum Hals, und die Haare standen ihm zu Berge. Er war ganz verwirrt, durchstreifte den Wald, lief hierhin und dorthin und hielt ringsum Ausschau nach einem Platz, der ihm Zuflucht hätte bieten können. Von Furcht geplagt, stürzte er los und suchte eine Lücke zwischen den wilden Tieren. Doch er konnte ihnen nicht entkommen und sich nicht von ihnen befreien.
Er bemerkte, dass der ganze Wald in ein Netz gehüllt war und von einer schrecklichen Frau mit beiden Armen umfasst wurde. Er sah auch, dass der grosse Wald von Schlangen umzingelt war, die fünf Köpfe trugen und sich hoch emporreckten wie Berge mit Bäumen, die bis zum Himmel reichten. Und in der Mitte des Waldes befand sich, versteckt, ein Brunnen, der mit Schlingpflanzen überzogen war, die sich unter einer Grasschicht verbargen.
Der Brahmana fiel in die verborgene Wasserstelle hinein und blieb im Gewirr der Lianenranken hängen. Mit den Füssen nach oben und dem Kopf nach unten hing er dort in der gleichen Weise, wie die grosse Frucht des Brotfruchtbaums an ihrem Stengel befestigt ist.
Und eine weitere, noch grössere Gefahr drohte ihm dort: Am Rande des Brunneneingangs sah er einen riesigen schwarzgescheckten Elefanten, der sechs Mäuler und zwölf Beine hatte und langsam um den von einem Lianenbaum beschatteten Brunnen herumlief. In den Zweigen dieses Baumes sassen verschiedenartige, schrecklich anzusehende, furchterregende Bienen, die aus einem Bienenstock kamen. Sie hingen an den Ästen des Baumes und bereiteten Honig. Immer wieder strebten sie nach Honig, der für alle Wesen schmackhaft ist und nicht nur Kinder sättigt. Dieser Honig ergoss sich in unaufhörlichem ergiebigem Strom in die Höhle. Und der Mann, der dort hing, trank immerfort davon, denn dem Trinkenden war auch in der Gefahr der Durst nicht vergangen. Unersättlich verlangte er wieder und wieder nach ihm. Niemals erlitt er Verdruss am Leben. Und dieses Menschen Lebenshoffnung versiegte selbst dann noch nicht, als schwarze und weisse Mäuse das Gerank annagten, an dem er hing. Gefahr drohte ihm durch die schlimmen Schlangen auf dem Boden des Brunnens und von dem Elefanten am Brunneneingang. Als fünfte Gefahr nennt man, dass er durch die Tätigkeit der Mäuse in den Brunnen fallen konnte, und als sechste, dass die Bienen ständig nach Honig verlangten.
So harrte er dort aus, nachdem er in den Ozean der Wiedergeburten geworfen war. Unverdrossen hoffte er darauf, dass das Leben weitergehe.”
Der König Dhritarashtra fragte den Weisen: “Der Mann erfuhr grosses Unglück und hatte ein hartes Leben. Sage mir daher, weshalb er so am Leben hängt und weshalb es ihm Freude macht! Wo ist die Gegend, in der er lebt mit seinen Schwierigkeiten? Wie kann dieser Mann aus der grossen Gefahr, in der er steckt, befreit werden? Sag es mir, so dass wir Gutes tun können! Ich sorge mich sehr um seine Errettung.”
Vidura entgegnete: “Diejenigen, die über die Befreiung aus dem Kreislauf der Geburten unterrichtet sind, sagen, dass diese Geschichte ein Gleichnis ist, und der Mensch, der es kennt, findet nach dem Tode Befreiung und Wohlergehen. Was als gefährliche Wildnis beschrieben wird, ist der grosse Kreislauf der Geburten. Der schwer zugängliche Wald ist das Dickicht des Samsara. Die Raubtiere sind die Krankheiten (Vyadhi), die uns heimsuchen. Und die Frau mit dem riesigen Körper, die dort lebt, sie ist nach Meinung der Weisen das Alter (Jara), das uns Farbe und Schönheit raubt. Was den Brunnen anbelangt, er ist der materielle Körper der Lebewesen. Und die Riesenschlange, die auf dem Grund des Brunnens wohnt, das ist die Schicksal bedeutende Zeit (Kala); sie zerstört alle Wesen, die einen Körper besitzen, und sie ist die Vernichterin aller Dinge. Und die Liane in der Mitte des Brunnens, an deren Ranken der Mann hängt, ist die Lebenshoffnung der Geschöpfe. Der Elefant mit den sechs Mäulern, der den Baum umwandelt, welcher an der Brunnenöffnung steht, gilt als das Jahr; seine sechs Mäuler sind die Jahreszeiten, seine zwölf Beine die Monate. Die Mäuse, die eifrig bemüht sind, an der Ranke zu nagen, sie sind die Nächte und Tage - so erklären es diejenigen, die über die Lebewesen innerhalb der materiellen Welt nachgedacht haben. Die Bienen schliesslich gelten als unsere Wünsche, und die vielfältigen Honigströme sind als Wunschsäfte bekannt, in die die Menschen eintauchen. Diejenigen, die so über den Kreislauf der Geburten Bescheid wissen, zerschneiden die Fesseln, mit denen sie an ihn gebunden sind.”