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Was genau bedeutet die Parole «Recht auf Stadt» des französischen Soziologen Henri Lefebvre? Ein Gespräch mit dem Stadtforscher Klaus Ronneberger über das neue Interesse an Lefebvre und dem urbanen Raum.
WOZ: Klaus Ronneberger, seit einigen Jahren erfährt der französische Philosoph und Raumtheoretiker Henri Lefebvre, der von 1901 bis 1991 gelebt hat, vor allem an den Universitäten ein Revival. Wie erklären Sie sich das?
Klaus Ronneberger: Die Wiederentdeckung von Lefebvre erfolgte im Kontext des sogenannten «spatial turns», mit dem ein verstärktes Interesse an räumlichen Fragestellungen einherging. Seine Bücher inspirierten nicht zufällig eine postmodern ausgerichtete Geografie. Das «wilde Denken» von Lefebvre erleichterte einen sehr unterschiedlichen Zugriff auf seine Raumtheorien, allerdings unter weitgehender Ausblendung seiner revolutionstheoretischen Ambitionen. So «entschlackt» ist Henri Lefebvre inzwischen in den Olymp der Klassiker aufgestiegen und gilt nun als Vordenker einer Raumvorstellung, die zum festen Bestandteil der Sozialwissenschaften gehört. Die Wiederauflage von «Die Revolution der Städte» bietet jetzt die Möglichkeit, auch die militante und aktionistische Dimension seines Denkens wieder zur Kenntnis zu nehmen. Für Lefebvre, der sich in diesem Buch auch als «Partisan des Möglichen» bezeichnet, muss die Analyse des Bestehenden stets auf das Sprengende in der Gesellschaft verweisen.
Worin liegt heute noch die grundsätzliche Bedeutung von «Die Revolution der Städte»?
Gleich zu Beginn formuliert Lefebvre seine Hypothese von der umfassenden Urbanisierung der Gesellschaft: «Wir wollen also die Gesellschaft eine ‹verstädterte› nennen, die das Ergebnis einer vollständigen – heute potenziellen, morgen tatsächlichen – Verstädterung sein wird.» Im Lauf des 20. Jahrhunderts breitet sich nach Lefebvre ein «urbanes Gewebe» über die Landschaft aus. Sowohl die Stadt wie auch das Land werden Opfer der kapitalistischen Akkumulation. Dennoch verliert für Lefebvre die Stadt nicht ihre spezifische Funktion der Zentralität. Der vormalige Stadt-Land-Gegensatz verschiebt sich ihm zufolge zu einem neuen Gegensatz, demjenigen zwischen Zentrum und Peripherie.
Was passiert dabei mit den Städten?
Die Stadtkerne regenerieren sich als Orte des Konsums. Gleichzeitig steigen Metropolen wie New York und London, Frankfurt und Zürich zu Entscheidungszentren der multinationalen Konzerne und der Finanzökonomie auf. In solchen «Weltstädten» verdichten sich nach Lefebvre ökonomischer Reichtum, Macht und Wissen zu einer neuen Qualität. Allerdings unterscheidet er zwischen der herrschenden Stadt, die Entfremdung und regulierte Verhaltensnormen erzeugt, und dem «Städtischen», dem Bedürfnis nach einem vielseitigen, abwechslungsreichen Lebenszusammenhang.
Lefebvre betont sehr stark ein «Recht auf Stadt». Was heisst das?
Für Lefebvre beruht der Vorzug der städtischen Zentralität vor allem auf der «Gleichzeitigkeit»: Aus dem Zusammentreffen unterschiedlichster Elemente der Gesellschaft um einen Dichtepunkt könne etwas Unerwartetes, Neues und Produktives entstehen. Doch der Zugang zur gesellschaftlichen Ressource «Zentralität» werde vom Kapital und dem Staat kontrolliert. Das von ihm postulierte «Recht auf die Stadt» steht deshalb für eine Partizipation an der städtischen Zentralität, also Information, Soziabilität, Vergnügen et cetera. Letztlich kann sie nur durch soziale Kämpfe erstritten werden.
Die kontrollpolitische Offensive gegen Freiräume schreitet in den Städten voran, wie sich derzeit auch in der Schweiz in Zürich oder Basel zeigt. Gleichzeitig gilt die «creative city» als wichtiger Standortfaktor. Widersprechen sich diese beiden Strategien nicht?
Für die unternehmerisch orientierte Erlebnisstadt ist die offensive Umformung des Zentrums zu ausdifferenzierten Konsumräumen kennzeichnend. Insbesondere die City soll für eine urbane Lebensqualität bürgen. Um dies zu garantieren, findet auch eine verstärkte ordnungspolitische Regulierung von öffentlichen Räumen statt. In gewisser Weise wird hier die Gestaltungs- und Sicherheitslogik von Shoppingmalls zum Massstab. Gleichzeitig erhofft man sich von der Mobilisierung kultureller Ressourcen nicht nur eine städtische «Revitalisierung», die urbane Kultur wird vielmehr als dynamische Kraft eines neuen, kreativen Kapitalismus angesehen. Letztlich geht es um eine verstärkte Durchdringung von Kultur und Ökonomie als entscheidende Voraussetzung für die Prosperität der Städte. Insofern funktionieren beide Strategien nicht ganz widerspruchsfrei, aber insgesamt geht es um eine konsumorientierte Stadtvermarktung.
Inwiefern deckt sich Lefebvres Forderung nach einem «Recht auf Stadt» mit gegenwärtigen aktivistischen Initiativen, die gegen die neoliberale Stadtentwicklung ankämpfen?
Unter dieser Parole werden heute sehr unterschiedliche Themen der aktuellen Stadtentwicklung gebündelt: Privatisierung kommunaler Güter, Gentrifizierung und kontrollpolitische Durchdringung öffentlicher Räume. Auch viele globale NGO-Netze haben Agenden entwickelt, in denen dieser Slogan auftaucht. Dabei geht es vor allem um «good urban governance», sprich menschenwürdiges und umweltgerechtes Wohnen und eine ausreichende Infrastruktur. Solche pragmatischen Konzepte, deren Umsetzung in vielen Fällen zu einer Verbesserung des städtischen Alltagslebens beitragen würde, haben mit den Intentionen von Lefebvre allerdings wenig gemein.
Warum erscheint die Parole «Recht auf Stadt» als eine aktualisierte Form von Macht- und Herrschaftskritik wieder attraktiv?
Der Kampf um das «Recht auf die Stadt» in den europäischen Metropolen ist eben nicht nur eine Sache der Unterprivilegierten. Es sind eher diejenigen sozialen Gruppen, die das «urbane Versprechen» antreibt: also Jugendliche, Studenten und Kulturschaffende. Aus ihren Aktivitäten entstehen immer wieder Räume, in denen sich die subversiven Kräfte des «Bruchs» und des «Spiels» begegnen und – gegebenenfalls – gemeinsam versuchen, sich städtische Zentralität anzueignen oder neu zu erfinden.
Henri Lefebvre: «Die Revolution der Städte. La Révolution urbaine». Neuausgabe mit einer Einführung von Klaus Ronneberger. Europäische Verlagsanstalt. Hamburg 2014. 224 Seiten. 28 Franken.