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11. Mai 2022 – Zollikon wählt seit 1799 eigene Gemeinderäte. Der erste Präsident starb nur wenige Tage nach der Wahl. 1958 bewarben sich 16 Kandidaten um die 7 Sitze – ein Rekord. Selbstredend nur Männer. Die erste Frau schaffte es 1978 ins Amt.
Zum ersten Gemeindepräsidenten im Rahmen der modernen demokratischen Ordnung wird 1799 der Kleinunternehmer Hans Rudolf Bleuler gewählt. Als «Seidenträger» besorgt er den Verkehr zwischen den Seidenhäusern der Stadt und den Heimarbeitern auf dem Land. Bleuler wohnt nicht im Dorf, sondern im «Gugger» am See. Nur schon deshalb gehört er nicht zum Zolliker Establishment. Er stirbt wenige Wochen nach der Ernennung.
Der erste Gemeindepräsident, von dem ein Foto existiert – das Jahr 1839 gilt als Geburtsjahr der Kamera –, ist der gleichnamige Hans Rudolf Bleuler. Dazu der Zolliker Dorfhistoriker Walter Letsch: «Im Jahr 1839 fand in Zürich der Züri-Putsch statt, bei dem die Liberalen abgesetzt wurden. Das führte in Zollikon 1839/40 zum Rücktritt von 6 Gemeinderäten samt Präsident. Hans Rudolf Bleuler wurde 1840 als erster Präsident nach dem Umsturz gewählt. Wie sein verwandter Vorgänger war er Seidenträger und Bauer. Er wohnte in der Mühlehalde.»
Nach dem Verkauf des Gesellenhauses «Rössli», wo die Zolliker Gemeinderäte gerne getagt und getafelt haben, müssen sie sich für ihre Sitzungen mal da, mal dort in Wirtshäusern treffen. Noch haben sie kein amtliches Zuhause. Erst 1893 wird das Haus «Felsengrund» an der Oberdorfstrasse 16 vom Sekundarschulhaus in ein Gemeindehaus umfunktioniert; das heutige Gemeindehaus kann erst 1940 bezogen werden.
20 teils turbulente Jahre
Kurz vor der Wahl 1938 – in Deutschland sind seit fünf Jahren die Nazis an der Macht – warnt der «Zolliker Bote» nach einem Blick über die Gemeindegrenzen präventiv, «dass unserer Zeit der würdige Ernst vielfach abhanden gekommen ist». Da und dort werde ein Ton angeschlagen, «der von Anstand und Gerechtigkeit weit entfernt ist». Bis jetzt habe man in Zollikon diesen Ton gemieden, «gewiss zum Vorteil aller».
Gleichwohl stehen turbulente Zeiten an. Wenige Wochen vor den 1942er-Wahlen – mitten im Zweiten Weltkrieg – schreibt der ortsansässige Professor Karl Beck dem Gemeinderat, Zollikon sei «trotz verdienstlicher Bemühungen der Behörden ein Dorf mit verhältnismässig geringem inneren Zusammenhang, dessen politisches Eigenleben sich auf ziemlich enge Kreise beschränkt». Der Professor schlägt vor, die Gemeindeversammlung durch ein Parlament abzulösen. Der Gemeinderat weist das Ansinnen entrüstet zurück: so ginge «der direkte Kontakt des Gemeinderates mit dem Aktivbürger vollständig verloren».
Kurz darauf brechen 5 von 7 Gemeinderäten ihren «direkten Kontakt mit dem Aktivbürger» trotzdem ab und erklären ihren Rücktritt, darunter Gemeindepräsident Ernst Utzinger. Die «Konferenz der politischen Parteien» Zollikons fleht ihn an, die Demission zurückzunehmen; der kollektive Abgang bedeute «unter den heutigen, schwierigen Verhältnissen eine grosse Belastung». Utzinger lässt sich breitschlagen, kandidiert noch einmal und wird glanzvoll gewählt. Auf der Strecke bleibt unter anderen der vom «Zolliker Mittelstand» portierte Busunternehmer Hans Baumgartner.
1950 gibt es in Zollikon auf Einladung des «Interparteilichen Komitees» im Restaurant «Zur Höhe» erstmals eine Wählerversammlung, an der sich die Kandidaten den Stimmbürgern präsentieren können – Kandidatinnen und Stimmbürgerinnen gibt es noch keine, das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene wird erst 1969 eingeführt.
Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, heute SVP), die Christlichsoziale Partei (CSP, später CVP, heute Die Mitte), die Demokratische Partei (DP, fusioniert später mit der Freisinnigen Partei), die Freisinnige Partei (FP, heute FDP), der Landesring der Unabhängigen (LdU) und die Sozialdemokratische Partei (SP) dominieren wie gewohnt. Gewählt wird zur Überraschung aller aber auch der Parteilose Willy Bleuler, den vier Jahre zuvor «Wähler aus allen Schichten der Bevölkerung» und «verantwortungsbewusste Bürger» noch vergeblich vorgeschlagen haben.
Zuerst 14, dann 16 Kandidaten
1954 bewerben sich 14 Kandidaten um die 7 Sitze im Gemeinderat. Was die politische Kultur angeht, greifen die etablierten Parteien gegen den Kampfkandidaten des «Landesrings» zu grobem Geschütz: «Trotz seines unbestritten integren Charakters deuten die Wesenszüge des Gaudenz Tobler darauf hin, dass er den alltäglichen kampf- und spannungsgeladenen Anforderungen, die an einen Vertreter der Exekutive gestellt werden, kaum gewachsen wäre. Im Falle seiner Wahl wird der Landesring weder der Gemeinde noch ihm selbst einen Dienst erweisen.»
Die Wählerversammlung, besucht von 270 Stimmberechtigten, setzt Tobler ungeachtet der Schmähreden auf Platz 5, noch vor den Vertreter der Freisinnigen. Zwischen den beiden kommt es in der Kampfwahl um den siebten Sitz im Gemeinderat zu einem Patt. Daraufhin wechseln die Freisinnigen ihren Kandidaten aus. Er wird anstandslos gewählt, weil Tobler dem Druck nicht standhält und auf eine erneute Kandidatur verzichtet.
Sturm im Wasserglas
Als der Gemeinderat 1958 in Zusammenhang mit einem Landerwerb in der Rüterwis in den Verdacht der Vetternwirtschaft gerät, muss er unter öffentlichem Druck kollektiv zurücktreten. Nicht weniger als 16 Bewerber steigen ins Rennen um die vakanten Sitze. Nebst 8 von den Parteien nominierten Kandidaten stellen sich auch 2 «parteilose Zollikerbergler» sowie weitere «Wilde» zur Wahl. Die Diskussionen gehen so hoch, dass nicht weniger als 74 Prozent der Stimmberechtigen an die Urnen strömen – auch das ein Rekord.
Es kommt dann heraus wie meist: Die Aufregung legt sich so schnell, wie sie gekommen ist. Ein Wahlgang reicht, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Alle 7 Sitze gehen an die etablierten Parteien: 3 an die Freisinnigen und je einer an die EVP, die BGB, den LdU und die SP.
1978 wird Ursula Hildebrand (FDP) die erste Zolliker Gemeinderätin, obwohl «besorgte Mütter» im «Zolliker Boten» anonym davor warnen, sie zu wählen. Die Präsidentin des Frauenvereins zieht sieben Jahre nach Annahme des Frauenstimm- und -wahlrechts auf eidgenössischer Ebene ins Gremium ein – und bleibt dort während ihrer zwölfjährigen Amtszeit die einzige Frau. (rs)
Quellen: «Unser Zollikon», Wikipedia, Walter Letsch und Adrian Michael (Ortskundige), Gemeindewebsite, Zolliker Jahrhefte 1993, 2006 und 2020