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Polozker Fürstentum
Als Quellen zur Geschichte alter Städte und Fürstentümer, die sich auf belarussischem Territorium befunden haben, dienen sind vor allem Annalen und Chroniken, die bis heute zum Teil erhalten geblieben sind. Dies sind unter anderem die Nestorchronik, die Hypatiuschronik, die Chronik von Bychowiec und andere. In den aufgeführten Chroniken wurden die 35 größten Städte des ostslawischen Frühmittelalters erstmals erwähnt und beschrieben.
Die Entstehung der meisten europäischen wie ostslawischen Fürstentümer vollzog sich zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert. In der Mitte des 9. Jahrhunderts bildeten sich in Osteuropa zwei große Territorialbündnisse. Ein nördliches in Weliki Nowgorod im heutigen Russland und ein südliches in Kiew in der heutigen Ukraine. Zwischen beiden befand sich Polozk (belarussisch: Polazk). Im Jahr 862 wurde die Stadt erstmals erwähnt. Sie ist damit die älteste Stadt in Belarus und wird deshalb auch Mutter aller belarussischen Städte genannt. Polozk war stets eines der Zentren der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Nowgorod und Kiew und schuf ein zusätzliches Gegengewicht. Das Polozker Fürstentum war das erste Herrschaftssystem, das sich auf belarussischem Territorium herausbildete. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehörte Polozk bis Mitte des 9. Jahrhunderts zum Nowgoroder Fürstentum. Infolge der Eroberungen der Kiewer Fürsten Dir und Askold fiel das Polozker Fürstentum um 960 Kiew zu. Historische Realien des 10. Jahrhunderts verweisen darauf, dass die Abhängigkeit vor allem machtpolitisch war und geringen Einfluss auf die administrative Führungsstruktur des Fürstentums hatte.
Ein günstiger Umstand für das Polozker Fürstentum war die Nähe zu den Flüssen Dnepr und Düna. Die beiden Flüße waren Haupthandelsrouten vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, über sie verlief aber auch reger Handel zwischen den slawischen Stämmen und Fürstentümern. Polozk befand sich so direkt an der Schnittstelle zwischen den aus Skandinavien stammenden Warägern und Byzanz.
Der erste durch Quellen belegte Fürst des Polozker Fürstentums war Rogwolod (Ende des 10. Jahrhunderts). Angeblich kam er „von jenseits des Meeres“, seine genaue Herkunft ist nicht überliefert. Rogwolod jedenfalls war ein entschiedener Herrscher. Unter ihm wurden die Grenzen des Fürstentums befestigt, und das administrative und politische System des Fürstentums gestärkt.
Als die Stammesfürsten von Polozk die Siedlungen ihren Territorien ausbauten, errichteten sie am rechten Ufer des Flusses Polota, der der Stadt ihren Namen gab, eine Festung. Allmählich ordnete sich Polozk die lokal angrenzenden Gebiete unter und belegte sie mit der Abgabe von Tributen. So begann sich das Fürstentum zu entwickeln. Die weitere Ausbreitung führte allerdings zu unumgänglichen Konflikten und Zusammenstößen mit angrenzenden Fürstentümern wie Turau, Pskow, und Smolensk, die um die Vorherrschaft über die Territorien rivalisierten.
Die politische und gesellschaftliche Struktur Polozks war derer von Kiew und Nowgorod sehr ähnlich. Während sich in Polozk ein stabiles Herrschaftssystem etablierte, entwickelte sich auch die Stadtarchitektur. In den 50er Jahren des 11. Jahrhunderts wurde die Sophienkathedrale erbaut, die als eine der ersten orthodoxen Kirchen in Osteuropa gilt. Der mächtige Sakralbau war in erster Linie ein Symbol der Macht des Fürsten.
Nach dem Tod des Fürsten wurde das Fürstentum an seine Nachkommen jeweils nach der Realteilung vererbt (historische Bezeichnung für die Aufteilung von Landbesitz unter den jeweils Erbberechtigten zu gleichen Teilen). Dadurch kam es zu einer langsamen Zersplitterung des Gebiets.
Der mächtigste Fürst von Polozk war Wsjeslaw von Polozk, er wurde oft mit dem Zusatz „Zauberer“ betitelt, weil ihn sich das Volk als Werwolf vorstellte. Während seiner 57-jährigen Amtszeit erlebte Polozk seine Blütezeit. Nachdem der Fürst 1101 gestorben war, schritt die Zersplitterung des Fürstentums fort. Die Söhne des Fürsten begannen sich untereinander zu bekriegen, was zum weiteren Niedergang beitrug.
Eine Person die das 12. Jahrhundert im Fürstentum maßgeblich prägte war Euphrosyne von Polozk, eine der Enkelinnen von Wsjeslaw. Obwohl Fürstin, entschied sie sich für ein Leben im Kloster. In der Schreibwerkstatt der Sophienkathedrale schrieb sie Bücher, außerdem führte sie eine aktive Friedens- und Religionspolitik. Sie gründete zwei Klöster mit Bibliotheken und einem Skriptorium. Die Klöster galten als Zentren der Aufklärung im Polozker Fürstentum.
Im ausgehenden 12. Jahrhundert erfuhr das gesellschaftliche Leben in Polozk eine starke Veränderung. Während die Polozker Fürsten neue Territorien eroberten und in das Fürstentum eingliederten, entwickelte sich eine völlig neue Form der gesellschaftlichen Mitbestimmung in der Stadt – das Wetsche. Das Wetsche war eine Volksversammlung, die die wichtigsten Fragen und Probleme der Stadt in offener Abstimmung zu lösen versuchte. Im 12. Jahrhundert begrenzte das Wetsche vielfach die fürstliche Macht, vor allem in größeren Städten. Es war das erste Organ für eine gewisse Form der Selbstverwaltung.
In Polozk spielte das Wetsche eine wichtige Rolle. Es konnte beispielweise einen neuen Fürsten wählen, er musste allerdings der lokalen Fürstendynastie entspringen. In der Polozker Geschichte ist ein Fall bekannt, als das Wetsche im Jahre 1151 seinen letzten Fürsten Rogwolod Borisowitsch vertrieb und den Minsker Fürsten Rostislaw einsetzte. Das Wetsche in Polozk war besonderes entwickelt und funktionierte als Institution bis zum Ende des 15. Jahrhundert, bis zum Zeitpunkt als Polozk das Magdeburger Recht erhielt.
Das Polozker Wetsche war auch in Fragen um Krieg und Frieden involviert und konnte beispielsweise selbst einen Friedensvertrag schließen. Es besprach zudem Fragen zur Verwaltung und der Gerichte, ohne aber direkte Beschlüsse abzugeben. Dieses Recht oblag immer noch den Fürsten. Der Fürst selbst hatte eine Gefolgschaft (russisch: Druschina), die ihn beriet. Mit ihrer Hilfe führte der Fürst die innere Verwaltung und hielt Gericht. Zugunsten des Fürsten mussten Steuern, Abgaben und Tribute abgeführt werden. Das System der Administrativ- und Militärverwaltung eines Fürstentums war mehrstufig und relativ komplex. Die höchste Gewalt oblag dem Fürsten, der die Städte des Fürstentums mit den angeschlossenen Siedlungen jeweils unter seinen Söhnen und Vertretern aufteilte. Sie verwalteten die Städte nach eigenem Ermessen.
Im Jahr 1161 übernahm die Witebsker Fürstenfamilie Wassilkowitsch die Macht im Fürstentum, der erste Fürst war Wseslaw Wassilkowitsch. Zu dieser Zeit begannen Fürsten aus der Region Smolensk (heutiges Russland) auf Polozker Territorien vorzudringen. Mit Unterstützung aus den Städten Witebsk, Logoschesk und Isjaslawl wurden diese 1180 zurückgeschlagen.
Um ihre Stadt zu verteidigen, versammelte sich die Opoltschenije (russisch für eine Militärgruppe aus Reihen der Stadtbevölkerung), die ein Tysjazkij (russisch für den Leiter einer Militärgruppe) kommandierte. Untergeordnete Vertreter des Fürsten nannte man Wirnik und Tiwun, die für die Stadtbewohner die Gerichtsgewalt verkörperten. Seine Gehilfen und Vertreter wählte der Fürst selbst. Es gab auch kirchliche Gerichte, die für die Verletzung der kirchlichen Rituale bzw. des Familienrechts verantwortlich waren. Die Kirche beschäftigte sich zudem mit Fragen der Bildung.
Die Truppen des Fürsten bestanden aus Bojaren und Söldnern. Bojaren waren Adelige unterhalb des Ranges eines Fürsten, und stellten im Fürstentum die herrschende Schicht der Großgrundbesitzer. Sie hatten zunehmend politischen Einfluß, den sie für ihre eigenen Interessen nutzten.
Mit Anfang des 13. Jahrhunderts entwickelte sich durch den Deutschen Orden eine neue Gefahr für das Polozker Fürstentum. Im Jahr 1201 gründeten deutsche Missionare und Kreuzritter mit Erlaubnis des Fürsten Wladimir an der Mündung der Düna die Stadt Riga. Von Riga aus begann sich der Deutsche Orden weiter auf ostslawisches Territorium auszubreiten. Damit war das Ende der Souveränität des Polozker Fürstentums eingeläutet. Der Polozker Fürst Brjatschislaw bat in weiterer Folge Alexander Newski sowie litauische Fürsten um Hilfe, die Polozk mit wechselndem Erfolg verteidigten.
Im Jahr 1307 wurde das Polozker Fürstentum dem Großfürstentum Litauen angeschlossen. Polozk war zu dieser Zeit die größte Stadt des Großfürstentums und mit besonderen Rechten und Privilegien ausgestattet. Diese musste es allerdings im Jahre 1383 endgültig an das Großfürstentum abtreten. In der Geschichte des Landes wurde damit eine neue Periode eingeläutet.