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Brunos Tramnotizen – N°75
Die beiden Eltern sahen so aus, wie man sich rechtschaffene, bürgerliche Eltern vorstellt. Der Mann knapp 50, seine Frau ein paar Jahre jünger. Die Tochter, sie stand schmollend zwischen den beiden, war vielleicht eben 17 geworden, man sah ihr an, sie war neugierig auf das Leben, das sie erwarten würde, wenn sie nur endlich volljährig sein würde. Die drei warteten an der Höschgasse aufs Tram, ihr Gespräch hörte sich recht anstrengend an, die Tochter schien um irgend etwas zu bitten, wofür weder Mutter noch Vater Gehör zu haben schienen. Doch, doch, es sei ihr sehr wichtig, wiederholte die Tochter immer wieder, Vanessa hiess sie. Auch für die Zukunft sei dies ein enormer Vorteil. Der 2er hielt, die drei stiegen ein, blieben nahe an der Türe stehen, debattierten gesittet weiter. Der Vater presste derweil die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, schüttelte nur verneinend oder bejahend den Kopf, zu allem was seine Frau sagte. Die Mutter wollte partout nicht einsehen, warum Vanessa plötzlich Französisch-Intensivkurse nehmen und während der Sommerferien zwei Wochen nach Aix-en-Provence reisen wollte. Als Vanessa merkte, dass alles Betteln nichts nutzte, versuchte sie es mit überzeugenden Argumenten. Deutsch und Englisch alleine würden später wenig bringen, das könnten alle, aber mit Französisch als dritte Sprache hätte sie gegenüber anderen enorme Vorteile. Die Mutter kramte in ihrer Handtasche herum, solche Kurse gebe es auch hier, da müsse sie nicht nach Aix. Doch, doch, nervte sich Vanessa, die Kurse hier würden dazu nicht reichen. Jetzt hüstelte der Vater, er sehe das wie Mutter, sie, Vanessa bleibe hier, mache hier einen Kurs und solle gleichzeitig noch im Tennis mehr trainieren. Vanessa schien den Tränen nahe, holte Luft, spitzte die Lippen und trötzelte schnippisch, okay, dann bleibe sie hier, das sei auch gut, Lorenzo würde sich freuen... Der Vater erschrak, Lorenzo, der Musikstudent! Das dürfe wohl nicht wahr sein, der komme ihm nicht ins Haus und auf keinen Fall während sie die nächsten zehn Tage weg seien. Vanessa tat erstaunt, es sei doch nichts dabei, wenn Lorenzo sie besuche, schon gar nicht, wenn sie alleine zuhause bleiben müsse. Der Vater wurde sichtlich aufbrausend, raufte sich mit der Linken durchs Haar, schwieg einen Moment, zischte schliesslich leise: nur dieser Lorenzo nicht!... also Aix,... ehm Aix, ja dann, Aix sei okay. Die drei schwiegen bis zum Stadelhofen, Vanessa zitterte vor Aufregung, ihre Augen fielen ihr schier aus dem Kopf, sie glaubte wohl nicht, was der Vater da eben gesagt hatte. Am Stadelhofen stiegen die Eltern aus. Als das Tram wieder losfuhr, entfuhr Vanessa ein lautes Yeah! Sie kramte ihr Mobile hervor, tippte eine Kurzwahl ein, hüpfte von einem Bein aufs andere und schrie aufgeregt ins Telefon, ihr Vater habe soeben das Okay gegeben, ja, sie käme mit nach Aix!... ja, es habe geklappt, hey! Lorenzo, je t’aime!
25. Juli 2016