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Anlässlich der Eröffnung der Jahrestagung der Society for Longitudinal and Lifecourse Studies (SLLS) wurde Dr. Bram Vanhoutte der LIVES Best Paper Award for Early Scholars mit einer Dotierung von 2'000 Euro verliehen. In seinem Artikel gelingt es dem Forscher, anhand empirischer Indikatoren wie Dauer, Zeitpunkt und Abfolge von Wohnphasen auf gekonnte Weise drei wichtige Lebensverlaufskonzepte herauszuarbeiten. Die Ergebnisse belegen insbesondere eine bestehende positive Verknüpfung zwischen langfristigem Wohneigentum und späterem Wohlergehen. Zudem veranschaulichen sie, dass sich häufiges Umziehen je nach Lebenslage unterschiedlich auf das Wohlergehen im Alter auswirkt. Festgestellt wird, dass bei Umzügen in der Kindheit keine Verknüpfung, bei häufigem Umziehen im frühen Erwachsenenalter eine eher positive und bei Umzügen in der Lebensmitte eine eher negative Verknüpfung besteht.
Als junger Belgier, der in England arbeitet und wie viele andere im frühen Erwachsenenalter häufig den Wohnsitz wechselt, hat Bram Vanhoutte gute Chancen darauf, später ein glücklicher Mensch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit wird weiter steigen, wenn er irgendwann selbst Wohneigentum erwirbt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Manchester hat indessen derzeit einen sehr triftigen Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein: Sein Artikel zu Wohnphasen im Lebensverlauf wurde 2018 mit dem LIVES Best Paper Award for Early Scholars ausgezeichnet, was Bram Vanhoutte die Möglichkeit gibt, seine Arbeit auf der SLLS-Tagung in Mailand vorzustellen. Zudem ist der Preis mit 2'000 Euro dotiert.
Der 2017 in der Fachzeitschrift Longitudinal and Life Course Studies veröffentlichte Artikel von Bram Vanhoutte zeigt auf, wie das Wohlergehen im Alter mit Wohnformen in früheren Lebenszyklen, einschliesslich Auslandsaufenthalten, verknüpft ist. Aufbauend auf Daten der English Longitudinal Study of Ageing (ELSA) erbringt seine Studie zum Beispiel den Nachweis, dass eine positive Verbindung zwischen häufigen Umzügen im jungen Erwachsenenalter und Lebenszufriedenheit in späteren Jahren besteht. Demgegenüber kann häufiges Umziehen in der Lebensmitte mit weniger Zufriedenheit im Alter assoziiert sein. Nach Ansicht des Verfassers spiegelt die erste Situation das günstige Ergebnis von erfolgreichen und tiefgreifenden biografischen Übergängen im Lebensverlauf wider, wie beispielsweise Hochschulstudium, Partnerschaft und Familiengründung. Im zweiten Fall können die Umzüge im späteren Lebensverlauf ein Beleg für schwierige Situationen sein wie Scheidung, Verlust des Ehepartners/der Ehepartnerin, Arbeitslosigkeit und Behinderungen.
Vom Konzept zur Evidenz
Bram Vanhoutte greift zurück auf die Konzepte der Anhäufung von Vor- und Nachteilen, kritischen Perioden und sozialer Mobilität und überträgt empirisch diese drei gut bekannten Lebensverlaufsmechanismen mittels der messbaren Beobachtung von Dauer, Zeitpunkt und Abfolge auf den Aspekt der Wohnverhältnisse. Die Daten, die über die Life History Calendars von 7'500 britischen Einwohnern erfasst wurden, beziehen sich auf verschiedene Wohnarten wie Mietwohnung, Wohneigentum, nicht private Unterkunft oder Auslandsaufenthalt. Indem diese vier möglichen Wohnbedingungen anhand der drei genannten Dimensionen Dauer, Zeitpunkt und Abfolge kombiniert werden, können zehn verschiedene Typen von Wohnverläufen identifiziert werden.
Im Weiteren vergleicht Bram Vanhoutte den Grad des Wohlergehens der Befragten im Alter von 50 Jahren und älter mit dem der spezifischen Gruppe, der sie angehören. In diesem Zusammenhang wird das Wohlergehen unter drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet (affektiv, kognitiv und eudämonisch, d. h. in Verbindung mit der Lebensfreude der Befragten), wobei diese jeweils durch validierte Bewertungsskalen der Erhebungsmethodik erfasst werden.
Gewinner und Verlierer
In Bezug auf die Dauer zeigen die Ergebnisse von Bram Vanhoutte, dass sich das affektive und eudämonische Wohlergehen einer Person im späteren Lebensverlauf parallel zur steigenden Anzahl der Jahre, die die Person in Miete wohnt, verringert. Längerfristiges Wohneigentum kann häufig mit weniger depressiven Symptomen (und somit einem hohen Grad an emotionalem Wohlergehen) und verbessertem eudämonischen Wohlergehen einhergehen, jedoch nicht unbedingt mit Lebenszufriedenheit (oder, anders ausgedrückt, kognitivem Wohlergehen). Wohneigentum ist in diesem Sinne ein klarer, im Lebensverlauf steigender Indikator für wirtschaftliche Sicherheit und stabile Familienverhältnisse. Der Aspekt der Dauer steht - so gesehen - für das wichtige Konzept kumulativer Nach- bzw. Vorteile.
Der Zeitpunkt bezieht sich auf kritische oder sensitive Perioden und legt nahe, dass bestimmte Wohnverhältnisse je nach Lebensphase als Risiko beziehungsweise günstiges Omen anzusehen sind. Bram Vanhoutte erbringt eindeutig den Nachweis, dass das frühe Erwachsenenalter der günstigste Zeitpunkt für Mobilität ist, während Mobilität im späteren Lebensverlauf vermehrt als schlechtes Zeichen zu werten ist. Im Gegensatz zu seiner Annahme konnten jedoch keine negativen Verknüpfungen zwischen Wohlergehen und häufigem Umziehen in der Kindheit belegt werden, was auch für die am stärksten benachteiligten Personen gilt. Der Verlust sozialer Ressourcen, der sich durch diese häufigen Ortswechsel hätte ergeben können, wurde unter Umständen durch den Ausbau und die Verbesserung des öffentlichen Wohnungswesens in den 1960er-Jahren kompensiert, in deren Folge sich die Lebensbedingungen der untersuchten Kohorten verbesserten, erklärt Bram Vanhoutte.
Letztendlich wird anhand der untersuchten Abfolge von Wohnphasen effektiv die aufwärts und abwärts gerichtete soziale Mobilität belegt, wobei den Worten des Verfassers zufolge Wohnen als „alternativer Indikator für die Position auf der sozialen Leiter“ erscheint. „Unsere Analyse zeigt eindeutig auf, dass das Anmieten von Wohnraum nach dem Aufwachsen in einem Eigenheim, also eine abwärts gerichtete soziale Mobilität, in späteren Jahren im Vergleich zu anderen Wohnverhältnissen mit dem niedrigsten Grad des Wohlergehens verknüpft ist“, fügt Bram Vanhoutte hinzu. Eine Kindheit im Ausland hat eine vorteilhafte Abfolge von Wohnphasen – mit kurzen Zeiten in Internaten und Mietwohnungen – sowie frühes Wohneigentum zur Folge und ist mit sehr grossem Wohlergehen im Alter verknüpft. Dies ist im Kontext des Zerfalls des britischen Weltreichs zu betrachten, in dessen Folge privilegierte englische Familien, die in den Kolonien beschäftigt waren, nach Grossbritannien zurückkehrten.
Relevant und doch kontextabhängig
Die Studie muss insgesamt im Kontext des Vereinigten Königreichs gesehen werden, in dem ein Grossteil der Bevölkerung im Lebensverlauf Wohneigentum erwirbt. Wir sind demnach aufgefordert, über die Bedeutung von Dauer, Zeitpunkt und Ablauf von Wohnphasen in anderen Zusammenhängen nachzudenken. In der Schweiz ist Wohneigentum weniger die Regel; lediglich einer von drei Haushalten bewohnt Eigenheime.
Unabhängig von oder vielleicht gerade aufgrund dieser sorgfältigen kontextuellen Einbindung verlieh die aus leitenden LIVES-Mitgliedern bestehende Jury des LIVES Best Paper Award for Early Scholars Bram Vanhoutte den Preis in Anerkennung der wissenschaftlichen Relevanz seines Artikels für Studien zum Lebensverlauf, seines Längsschnittansatzes und seines wichtigen Beitrags zum Thema der Verletzbarkeit. Bram Vanhoutte hat mithin einen fundierten Forschungsartikel vorgelegt!
>> Vanhoutte, B., Wahrendorf, M., Nazroo, J. (2017). Duration, timing and order: How housing histories relate to later life wellbeing. Longitudinal and Lifecourse Studies: International Journal. Volume 8, Issue 3, pp 227-243