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Philip Auslander belegt, dass Authentizität(1) und Liveness durch Medialisierung immer schon miteinander verklammert waren. Reproduktionsmedien wie das Fernsehen erzeugen selbst den Eindruck von Liveness, von Verschwinden und Präsenz. Eine Übertragung eines Fussballspiels wird heute ganz und gar als Liveerlebnis empfunden. Besonders deutlich wird diese Verschränkung auch am Beispiel des Liveauftritts eines Rockstars, wenn das Publikum erwartet, dass das Konzert so klingen muss wie die Plattenaufnahme, welche die Authentizität vorgibt.(2)
Den herrschenden Authentizitätshype verortet Imanuel Schipper(3) in seinem Dissertationsprojekt unter anderem historisch im Systemverfall der westlichen Welt nach 1989. Als weitere Gründe, die zu einer Sehnsucht nach dem Authentischen führten, zählt er die virtuellen Welten, die Globalisierung, die Verunsicherungen nach 9/11 und den Wirtschaftscrash auf. Durch die verschiedenen Medialisierungsschritte und die Entwicklung der Technologien (Foto, Video, Computer) hat sich der Begriff der Authentizität immer wieder verschoben und bleibt fluide, jedoch stets performativ. Er stellt sich also her in dem Moment, wo er benutzt wird. Die erlebten Authentizitätsgefühle sagen, so Schipper, mehr über die Produzent/innen selbst aus als über das rezipierte Objekt. Diesen Effekt hat auch die Marktwirtschaft entdeckt.
Heute werden innerhalb und ausserhalb des Kunstkontextes Gefühle des Authentischen anstatt ‹authentische Fakten› verkauft. Um es nochmals mit Steyerl zu sagen: «Im Zeitalter der digitalen Reproduktion wirken dokumentarische Formen nicht nur auf individueller Ebene ungeheuer emotionalisierend – sie stellen auch einen wichtigen Bestandteil zeitgenössischer Ökonomien des Affekts dar ... In der Verschiebung vom dokumentarischen Sehen zum dokumentarischen Fühlen, ... wird die Realität zum Event.»(4) Aus diesen Gründen empfiehlt es sich, den Begriff zu vermeiden oder bei Gebrauch zu erwähnen, in welchem Sinn man etwas als authentisch bezeichnet.
1 Von griechisch «echt»; spätlateinisch «verbürgt, zuverlässig», bedeutet Echtheit im Sinn von «als Original befunden», laut Wikipedia (aufgerufen am 22.4.2012).
2 Vgl. Auslander, Philip, Liveness: Performance in a mediatized culture, Routledge London and New York 1999, S. 160.
3 Imanuel Schipper (Theaterwissenschaftler, Schauspieler, Dramaturg) untersuchte im SNF-Forschungsprojekt «Sehn-Sucht nach Authentizität» die Inszenierung der Authentizität in zeitgenössischen Inszenierungen blog.zhdk.ch/authenticity. Sein Dissertationsprojekt «Authentizität als genuin performativer Begriff» ist am Institut für Theaterwissenschaft der Uni Bern angegliedert (gemäss Gespräch am 13.03.2012).
4 Ebd., Steyerl 2008, S. 13