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«Tennis ist verrückt.» Tennys Sandgren brachte es auf den Punkt, was die 15’000 Zuschauer und Millionen vor den TV-Bildschirmen am Dienstagnachmittag in der Rod Laver Arena miterlebt hatten. Der 28-Jährige aus Tennessee spielte den tragischen Helden in einem dreieinhalb Stunden dauernden Drama, in dem einmal mehr Roger Federer die Hauptrolle gehörte.
In der 3. Runde hatte Federer den Australier John Millman in einem Fünfsatz-Thriller niedergerungen, nachdem er im Super-Tiebreak bereits 4:8 zurückgelegen hatte. Gegen Sandgren setzte der 20-fache Grand-Slam-Sieger dem Ganzen noch einen drauf. Sichtlich handicapiert durch eine Adduktorenverletzung wehrte Federer im vierten Satz bei 4:5 und eigenem Aufschlag drei Matchbälle ab, ehe er im Tiebreak bei 3:6 und 6:7 noch einmal vier Mal nur einen Punkt vor dem Ausscheiden entfernt war.
Den Glauben verloren
Doch Federer, der zwischenzeitlich den Glauben an die Wende verloren hatte, schaffte es noch einmal, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. «Als ich gemerkt habe, dass der Match nicht so läuft, wie ich mir erhoffte, entspannte ich mich, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nichts mehr verlieren kann», sagte Federer. Sandgren hingegen schaffte es mit dem grössten Sieg vor Augen nicht, sein Level zu halten.
Erst einmal, 2003 in Cincinnati, hatte Federer schon einmal sieben Matchbälle abgewehrt. «Dass dies nun an einem Grand Slam passiert ist, macht es umso schöner.» Im Gegensatz zur Partie gegen Millman konnte Federer sein erstes Duell mit Sandgren aber nicht geniessen. Er sei wegen der Verletzung enttäuscht und frustriert gewesen. Ein kurzer Wutausbruch führte Mitte des dritten Satzes zu einer Verwarnung, ehe er ein Timeout nahm und sich in der Garderobe vom Physiotherapeuten behandeln liess.
Für einmal klarer Aussenseiter
Nach seinem 102. Einzel-Sieg in Melbourne trifft Federer in seinem 46. Grand-Slam-Halbfinal auf Novak Djokovic. In das 50. Duell der beiden, die zusammen 13 der letzten 16 Titel in Melbourne gewonnen haben, steigt Federer für einmal als klarer Aussenseiter. Während Djokovic in dieser Saison in elf Partien noch ungeschlagen ist, kämpfte sich Federer mit Ach und Krach in die Halbfinals, ohne dabei einen Spieler aus den Top 40 schlagen zu müssen. Zudem stellt sich die Frage, wie fit Federer am Donnerstag antreten kann.
Die letzten Duelle sprechen auch nicht für den Schweizer Herausforderer, der zwar an den ATP-Finals in London Djokovic besiegte, die letzten fünf Begegnungen gegen den Serben an Grand-Slam-Turnieren aber alle verlor, zuletzt 2019 im epischen Wimbledon-Final nach zwei vergebenen Matchbällen.
Der Aufschlag als neue Stärke
Djokovic war als Titelverteidiger und Rekordsieger in das Turnier gestartet und wurde bislang seiner Favoritenrolle vollauf gerecht. Seit dem Viersatzsieg zum Auftakt gegen den Deutschen Jan-Lennard Struff gab er keinen Satz mehr ab. Im Viertelfinal gegen Milos Raonic hatte Djokovic mehr mit seinen Kontaktlinsen und leichten Magenproblemen zu kämpfen als mit dem Gegner, den er 6:4, 6:3, 7:6 (7:1) besiegte.
Besonders auffällig ist Djokovics verbesserter Service. Den ersten Aufschlag schlägt er durchschnittlich mit fünf, den zweiten im Vergleich zur vergangenen Saison mit zehn Stundenkilometern mehr. «Mein Aufschlag wurde jahrelang etwas unterschätzt», sagte Djokovic. So stark wie in Melbourne habe er aber noch nie aufgeschlagen. In den letzten vier Partien kassierte er insgesamt nur noch ein Break. Ein Grund für die neue Stärke ist Goran Ivanisevic, der seit Wimbledon 2019 zu Djokovics Coaching-Team gehört.
Federers Marschroute ist klar: «Ich muss gut aufschlagen, am Limit spielen und ein gewisses Risiko eingehen.» Sowohl 2018 in Paris-Bercy, als auch in Wimbledon und an den ATP-Finals agierte er mit der Weltnummer 2 auf Augenhöhe. «Wichtig ist, dass ich befreit aufspiele», so Federer. Nach der Partie gegen Sandgren hat der Entfesselungskünstler von Melbourne nicht mehr viel zu verlieren.