Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/1005

Wie die Weisen den Geist erkundeten
von Swami Veda Bharati
Wir haben bereits die Ziele der indischen Psychologie beschrieben, bis zum zweitletzten.
Die rishis erforschten die Geheimnisse des Geistes nicht durch Beobachtung des tierischen und menschlichen Verhaltens. Sie benutzten sich selbst als Subjekte, um den Geist zu erforschen und zu analysieren.
Was geschieht mit dem Geist, wenn man sich eine Stunde täglich über sechs Monate hinweg auf eine Flamme konzentriert? Was geschieht mit ihm, wenn das Objekt der Konzentration fließendes Wasser ist, ein Punkt oder ein bestimmter Gedanke?
Sie beobachteten die Veränderungen der Bewusstseinszustände, die durch ein solches Experiment eintraten, dann erfassten sie ihre Beobachtungen in kurzen wissenschaftlichen Formeln, den Sutras. Wir können diese Formeln erst dann verstehen und replizieren, wenn wir ihre Methodik, die verschiedenen Schritte des Selbst-Experimentierens replizieren. Daher stellt die Praxis der Meditation die Laborarbeit der Spiritualität dar.
Diese Formeln über den Geist sind nicht in einem einzelnen Text zu finden. Sie sind weit verteilt über die gesamte Literatur und dienen als Leitfaden für verschiedene Lebensphasen. Die eigentliche Methodik und der Leitfaden für Experimente sind in der mündlichen Tradition der Meditationsmeister zu finden und ihre Ziele können durch Disziplin, anu-shasana, erreicht werden.
Sie zu lernen und zu beherrschen fördert die Bildung eines sattvischen, starken mentalen Felds, das uns wiederum durch unsere täglichen Genüsse, Wünsche, das praktische Leben, Beziehungen und Emotionen führen wird.
Die Zusammensetzung des Geistes
Wir können keine sattvischen mentalen Muster bilden, ohne vorher in Erfahrung zu bringen, wie unser Geist entsteht und was seine Quelle ist.
(1) Der individuelle Geist ist eine Welle des universellen Geistes. Er ist ein reiner Kristall, der schönste Ort im Universum; nichts kann schöner, herrlicher, strahlender oder ruhiger sein als dieses schwingende Feld. Es ist näher an atman, dem Selbst, als jede andere Entität im Universum.
(2) Zum Zeitpunkt der Empfängnis im aktuellen Körper bringen wir aus den vergangenen Leben alle unsere samskaras ein, Eindrücke von vergangenen Handlungen und Erfahrungen, ob sattvisch, rajasisch oder tamasisch.
(3) Der Geist der Mutter und der des Vaters durchfluten diese Welle des universellen Geistes, gebildet nach dem Muster der früheren samskaras, und bewirken eine subtile Veränderung der vorher existierenden Mustern, indem sie bis zu einem gewissen Grad die samskaras der Mutter und des Vaters einprägen.
(4) Ab dem Moment der Empfängnis, was auch immer in und mit dem Geist der Mutter geschieht, wird auf den Geist des Fötus übertragen. Der Fötus bekommt nicht nur Nahrung für den Körper durch den Körper der Mutter. Sein Geist wird ebenfalls ständig geformt und umgeformt.
(5) Die Art des sattvischen, rajasischen oder tamasischen Essens, das die Mutter zu sich nimmt, bestimmt ihr pranisches Feld, dessen Essenz weiter als Bestandteil des Geistes des Fötus „getrunken“ wird. So wird zum Beispiel das Essen, das durch Verursachen von Schmerz an anderen Lebewesen erzeugt wurde und von der Mutter gegessen wird, wiederum einen schmerzvollen Geist erzeugen, das dazu neigt, andere Lebewesen zu verletzen. Wurde das Essen mit einem Gefühl von Zorn gekocht, dann wird es dazu beitragen, einen wütenden Geist zu schaffen.
(6) Ab dem Zeitpunkt der Empfängnis befindet sich der Geist des Fötus in einem Zustand des ständigen Wandels und der Veränderung. Er verändert sich von Moment zu Moment. Ein Moment, kshana, wird von den Yoga-Sutras definiert als die Zeit, die ein atomares Teilchen benötigt, um den Raum zu einem unmittelbar angrenzenden Punkt zu durchqueren. In jedem und jenem Moment wird der Geist neu geformt und verändert seinen vorherigen Zustand.
Während die Mutter körperliche Ernährung sowie einen subtilen Tropfen ihres Geistes in den Fötus eingießt, wird der Geist des Fötus in einer bestimmten Richtung gelenkt. Dies ist die allererste Erziehung bzw. Bildung eines Menschen.
(7) Die Vorgänge, die zur Bildung des Geistes des Fötus beitragen, fahren fort auch nachdem das Kind aus dem Mutterleib kommt. Zunächst sind es die Eltern, die nahen Verwandten, die die Zusammensetzung unseres Geistes bestimmen, aber später, während des gesamten Lebens, treffen wir selbst die Auswahl der Bestandteile unseres Geistes, von Moment zu Moment. Unsere Einstellungen, unser Charakter, unsere Neigungen, unsere Verhaltensmuster, Süchte und mentalen Beschäftigungen, sie alle werden auf diese Weise festgelegt. Die Entscheidungen, die wir treffen, werden einige davon entkräften, andere wiederum stärken.
Womit auch immer wir unseren Geist füllen, das ist das, was wir werden – yo yachchhraddhah sa eva sah. Diese bestimmen unsere Umgänglichkeit oder Widerwertigkeit, unsere sozialen Kompetenzen oder ungeschickte Kommunikation, gewaltsamen oder friedfertigen Gewohnheiten, unseren Erfolg in der Ehe und im Beruf oder das Versagen. Alles hängt davon ab, wie wir ständig unseren Geist formen und umformen, nicht täglich, sondern von Moment zu Moment – durch die bereits erwähnte Definition von „Moment“. Unser Glück oder Leid, Erfolg oder Misserfolg wird nicht durch „die anderen“ verursacht, die wir beschuldigen. Sie sind unser eigenes Handeln.
Der freie Wille
Lasst uns jetzt nicht sagen, na gut, meine Eltern haben also meinen Geist gebildet und das ist der Grund, dass ich unglücklich bin oder erfolglos oder so weiter. Die Freiheit des Willens steht uns immer zur Verfügung und wir können jederzeit unsere eigene Zusammensetzung verändern und dadurch unsere Zukunft und unser Schicksal. Der Wille ist wie ein angeborenes Attribut unserer spirituellen Quelle […]. Freiheit bedeutet Freiheit von unseren psychologischen Mustern, durch die Anwendung der Ressourcen des geistigen Willens.
„Niemand liebt mich“ – wenn dies deine Beschwerde ist, dann lerne liebenswert zu werden.
„Niemand hört auf mich“ – wenn dies ist, was viele von dir häufig hören, dann stimme deinen Geist zu einem Zustand, bei dem andere deine Stimme hören wollen. Wähle, was du sein willst und beginne die Arbeit um diesen Zustand des Seins zu erreichen, durch Pflegen derjenigen Gedanken, die das fördern, was du sein willst. Wenn du auf eine bestimmte Art und Weise von anderen wahrgenommen werden möchtest, dann lass diese Art von Glanz durch deine Worte, Stimme, Körpersprache, deinen Blick ausstrahlen.
Wie und was sollte man wählen
Was wir sind ist vor allem, was unser Geist ist. Was willst du sein?
Fördere dieses Sein, indem du genau diese Art von Geist kultivierst. Wurdest du ignoriert? Nicht gemocht? Abgelehnt? Dann werde zu so einem, so dass keiner je wieder geneigt sein wird, dich zu ignorieren, dich nicht zu mögen oder dich abzulehnen.
Noch mal: Wie kann ich das erreichen? Wähle die Gedanken, die für dich förderlich sind, um diese Art von Persönlichkeit zu formen. Denke immer wieder diese Art von Gedanken, und mit der Zeit, ohne einen Aufwand deinerseits, werden andere feststellen: „er/sie hat sich verändert, ist sanfter, ist so sympathisch geworden, so liebenswert, so inspirierend, so ein liebevolles Vorbild.“
Während spiritueller Beratung höre ich oft Ehegatten und andere Menschen, die in Beziehungen leben, sagen „Oh, Swamiji, er/sie wird sich nie ändern.“ Meine Frage ist dann immer: „Würdest du dich ändern?“ Ergreife du die Initiative. Deine Handlung ist eben deine Handlung. Die samskaras, die du in dich selbst einprägen willst, sind deine Wahl. Die Art von Persönlichkeit, die du dir wünschst, steht dir zur Auswahl.
Durch dieses Sein wirst du die Antworten von anderen hervorrufen, die du dir von anderen wünschst. Und wenn du es so willst, wird dich niemand mehr zurückweisen.
Es gibt zwei Gründe, die Menschen dazu bewegen, Bedingungen zu erfüllen. Angst und Liebe.
Mögest du so eine(r) sein, in deren/dessen Anwesenheit die Herzen schmelzen und niemand geneigt ist, Nein zu sagen – nicht, weil sie sich fürchten, sondern weil sie dich lieben.
Dieser Text wurde übersetzt aus Swami Veda’s Buch “Mind – Playground of the gods” (“Der Geist – Spielfeld der Götter”).
Zurück zur Übersicht
Zurück zur Startseite