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Baghira wird uns vorgestellt, weil sie schlecht riecht. Der ranzige Geruch verbessert sich nach Shampoonierung mit einem Medizinalshampoo; dafür berichten die Besitzer, dass der Hund vermehrt hustet und auch Durchfall zeigt. Ausserdem stellen wir fest, dass Baghira innerhalb von einem Monat ca 2 kg Gewicht verloren hat.
Der körperliche Untersuch ist weitgehend unauffällig, einzig die Leber fühlt sich vergrössert an. Auch eine Blutuntersuchung liefert keine schlüssigen Hinweise auf die Ursachen für die Symptome von Baghira, weshalb Röntgenaufnahmen des Brustkorbs angefertigt werden. Hier zeigt sich, dass die Lunge des Hundes diffus verdichtet erscheint. Für dieses Lungenbild könnten verschiedene Krankheiten verantwortlich sein, weshalb die Expertise eines Radiologen eingeholt wird. Neben einem Viralinfekt, Lungenblutungen oder einer sogenannten eosinophilen Pneumopathie erachtet der Röntgenspezialist insbesondere einen Befall mit Lymphkrebs als wahrscheinlich.
Die Gewebeentnahme aus der Lunge ist heikel und mit grossen Risiken behaftet. Da bei einem Lymphkrebs sehr häufig mehrere Organe betroffen sind, entnehmen wir stattdessen mittels sogenannter Feinnadelaspiration Zellen aus verschiedenen Lymphknoten sowie der Milz des Hundes, was einfach und recht risikolos ist. Bei der Punktion stellen wir fest, dass gewisse Lymphknoten nun im Gegensatz zu den vorherigen Konsultationen etwas vergrössert erscheinen, auch zeigt der Hund nun ein etwas reduziertes Allgemeinbefinden. Der Pathologiebericht bestätigt, dass Baghira an einem Lymphkrebs leidet (Grosszell-Lymphom). Da die Lunge offensichtlich auch befallen ist, handelt es sich um ein Lymphom Grad 5b.
Ohne Behandlung führt die Krankheit unweigerlich zum baldigen Tod. Nach einer kurzen Bedenkzeit entscheiden sich die Besitzer zu einer Chemotherapie, welche baldestmöglich begonnen wird. Während der Therapie erhält Baghira zuerst jede Woche, später jede zweite Woche ein Krebsmedikament per intravenöser Infusion oder mittels Tabletten. In den ersten Wochen wird ausserdem Cortison in Tablettenform verabreicht. Das bei Lymphom am häufigsten verwendete Therapieprotokoll ist das sogenannte "CHOP"- oder "Madison-Wisconsin"-Protokoll.
Husten und Allgemeinbefinden von Baghira verbessern sich sehr schnell und die Lymphknoten nehmen wieder normale Grösse an; nach Ausschleichen des Cortisons verschwindet auch der Durchfall. Die zweite Chemotherapiesitzung mit Cyclophosphamid verträgt der Hund aber schlecht, weshalb das Medikament für die restlichen drei Anwendungen durch ein anderes Präparat ersetzt wird, welches problemlos vertragen wird. Blutwerte, Appetit und Allgemeinbefinden von Baghira bleiben während der Chemotherapie sehr gut, so dass (Stand Ende Oktober 22) alle Behandlungen nach Plan durchgeführt werden können.
Das Wort "Chemotherapie" ist verständlicherweise stark negativ belastet. Viele Menschen haben selbst oder im nahen Bekanntenkreis Erfahrungen mit der medikamentellen Krebsbekämpfung gemacht; die Nebenwirkungen beim Menschen sind in vielen Fällen beträchtlich (Haarausfall, Übelkeit, allgemeines Krankheits- und Schwächegefühl, Appetitverlust). Beim Hund sind die Nebenwirkungen im Allgemeinen viel geringer - nicht zuletzt, weil die Therapie meist viel weniger intensiv ist als beim Menschen. Unbehandelt führt der Lymphkrebs beim Hund i.d.R. nach 1-2 Monaten zum Tod. Wird eine Chemotherapie durchgeführt, kann der Krebs zwar meist nicht komplett besiegt werden; die Tiere leben (je nach Zelltyp und betroffenem Organ) aber im Durchschnitt etwa ein Jahr bei gutem Allgemeinbefinden. Da die Chemotherapie selbst etwa ein halbes Jahr dauert, ist es wichtig, dass der Hund auch während der Behandlungsphase eine gute Lebensqualität aufweist. Sind die Kosten und er zeitliche Aufwand einer Therapie für die Besitzer tragbar und der Patient selbst in der Praxis nicht ängstlich oder unkooperativ, ist eine Chemotherapie beim Lymphom auch aus ethischer Perspektive durchaus vertretbar.
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet