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Auf die Frage, was der Mensch sei, antwortete der griechische Philosoph Aristoteles (384 – 322 v. Chr.): „Der Mensch ist das vernunftbegabte Lebewesen.“ Diese Definition des Menschen wurde zu einem der wirkmächtigsten Sätze der philosophischen Anthropologie, also der Lehre vom Menschen. Was aber besagt diese Bestimmung eigentlich? Die Definition einer Sache gibt eine Antwort auf die Frage nach deren Wesen, d.h. auf die Frage nach dem, was etwas im eigentlichen Sinne des Wortes ist. Zur Beantwortung dieser Frage geht Aristoteles den klassischen Weg, zunächst die nächsthöhere Gattung, den nächsthöheren Überbegriff zu bestimmen, der dann durch die Angabe des wesenseigenen Unterschieds, d.h. der spezifischen Besonderheit der unter diese Gattung fallenden gesuchten Sache eingeschränkt wird, um so das Wesen der Sache zu bestimmen. Der Überbegriff, unter den der Mensch fällt, ist der des Lebewesens, d.h. des Tieres; was aber ist der dieses Tier vor allen anderen Tieren auszeichnende Unterschied, d.h. die Eigenschaft, die nur dieses Tier unter allen Tieren besitzt? Aristoteles antwortet: Die Vernunft.
Das Problem, das dieses Schichtenmodell des Menschen aber aufwirft, ist die Frage nach dem Verhältnis der beiden Aspekte des Wesens des Menschen: In welcher Beziehung steht die Natur im Menschen zur Vernunft im Menschen?
Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass der Mensch zwar seinen Geist durch Erziehung und Bildung weiterentwickeln und manipulieren konnte, seine Natur, sein Körper hingegen unveränderlich gegeben sei. Mit dem Aufkommen der Biotechnologien im zwanzigsten Jahrhundert wird nun aber auch die Natur des Menschen formbar. Pharmakologische, transplantationsmedizinische und gentechnische Eingriffe eröffnen die Möglichkeit, den menschlichen Körper ebenso zu manipulieren wie den Geist.
Die Reaktionen auf diese Auflösung der Natur des Menschen sind dabei durchaus unterschiedlich. Denn während die einen den Verlust einer unverfügbaren Gegebenheit bedauern und fürchten, nun verliere der Mensch jeden Anhaltspunkt, begreifen die anderen diese Entwicklung als Befreiung des Geistes von den Grenzen der Natur und sehen in der Überwindung des Körpers einen Ausdruck des eigentlichen Wesens des Menschen, das für sie in radikaler Freiheit besteht. Bereits der italienische Humanist Pico della Mirandola (1463-1494) hatte die Definition des Aristoteles dahingehend verändert, dass er den Menschen als dasjenige Tier bestimmte, das kein vorgegebenes Wesen habe, sondern dessen Wesen gerade darin bestehe, selbst frei entscheiden zu müssen, was er sein wolle. Nach Pico besteht das Wesen des Menschen darin, kein vorgegebenes Wesen zu haben; das selbe meint Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), wenn er schreibt, der Mensch sei „das nicht festgestellte Thier“. In dieser emanzipatorischen Perspektive führen die Biotechnologien lediglich das klassische Programm der Aufklärung, das die Befreiung des Menschen mit der Beherrschung der Natur gleichsetzte, weiter, nur dass nun nicht mehr nur die Umwelt, sondern auch die Natur des Menschen selbst verfügbar wird.
Wenn das Wesen des Menschen aber darin besteht, kein unveränderliches Wesen zu haben, dann bedeutete die Möglichkeit des technischen Eingriffs in seine biologischen Grundlagen, nicht das Ende des Menschen, sondern seinen Beginn, insofern er erst jetzt seinem eigentlichen Wesen entspräche.
Literatur:
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Aristoteles: Nikomachische Ethik. Übersetzt von Olof Gigon. München. dtv/Artemis 1991.
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Giovanni Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen. Aus dem Neulat. übertr. von Herbert Werner Rüssel. Zürich. Manesse 1996.
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Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Kritische Studienausgabe Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Bd. 5. München. dtv 1985.