Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03291.jsonl.gz/2531

Seiji Ozawa, fast drei Jahrzehnte lang Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra, verstarb am 6. Februar im Alter von 88 Jahren. «unisono» ist es ein Anliegen, dieser ikonischen Persönlichkeit der Musikwelt eine kleine Hommage zu widmen.
Er war der erste Asiate, der sich im Westen als Dirigent durchsetzte. Man sagt ihm nach, er habe die Figur des klassischen Maestros in der Tradition von Leonard Bernstein oder Charles Münch, zweier seiner Mentoren, erneuert.
Ein Fremder im eigenen Land
Seiji Ozawa wurde am 1. September 1935 in Mukden (heute Shenyang) in der Mandschurei geboren, einer damals von japanischen Truppen besetzten chinesischen Provinz. Seine Familie kehrte erst 1941 in die Heimat zurück. Der junge Seiji, der von seinen Mitschülern als Ausländer behandelt wurde, weil er kein Japanisch sprach, versuchte zunächst, mit dem Akkordeon zu musizieren und begann erst mit 10 Jahren, Klavier zu spielen – auf dem Schulinstrument, da seine Eltern ihm nicht sofort ein eigenes kaufen konnten.
Sein Traum von einer Pianistenlaufbahn platzte an dem Tag, an dem er sich bei einem Rugby-Match zwei Finger brach. Sein Lehrer riet ihm daraufhin zum Dirigieren. 1949 öffnete ihm ein Konzert des Japanischen Symphonieorchesters die Augen für den Weg, der vor ihm lag.
Münch, Karajan und Bernstein
Erste Erfahrungen sammelte Seiji Ozawa unter der Leitung des mütterlicherseits mit ihm verwandten japanischen Dirigenten Hideo Saito. 1959 reiste er mit einem Frachtschiff nach Besançon und gewann dort als erster Asiate den renommierten Wettbewerb für junge Dirigenten. Charles Münch lud ihn nach Tanglewood in den USA ein, wo der berühmte französische Dirigent, der das Boston Symphony Orchestra (BSO) leitete, ein Festival und eine Sommerakademie veranstaltete.
1960 wurden Seiji Ozawa, inzwischen Gewinner des Koussevitzky-Preises (historischer Dirigent des BSO), zwei Assistenzstellen angeboten. Auf Anraten Herbert von Karajans, den er einmal im Monat in Berlin traf, entschied er sich für Leonard Bernsteins New York Philharmonic. Den westlichen Standards passte er sich sehr schnell an. Als er nach Tokio zurückkehrte, um das NHK Radio Symphony Orchestra zu dirigieren, empfanden die Musiker seine Haltung als arrogant und boykottierten eine Probe. Verletzt wendete er sich von seiner Heimat ab und der internationalen Bühne zu. Von 1963 bis 1969 leitete er auf Einladung das Chicago Symphony Orchestra, von 1965 bis 1969 das Toronto Symphony Orchestra, 1964 und 1968 das BSO und 1973 wurde er zum Chefdirigenten ernannt. Er blieb 29 Jahre.
Martha Argerich und Charles Dutoit
Mit der Gestik eines Mediums in Trance verhalf Seiji Ozawa fortan einem neuartigen künstlerischen Stil zum Durchbruch. Er erntete jedoch nicht nur Begeisterung. Man warf ihm ¬– zu Unrecht – vor, die zeitgenössische Musik zu vernachlässigen. Sein Wunsch, sich ganz der Oper zu widmen, veranlasste ihn 2002 jedoch zur Trennung vom BSO. Seine Karriere als Operndirigent begann mit 30 Jahren in Österreich und führte ihn über Paris und die Mailänder Scala nach Wien, wo er bis 2010 Musikdirektor war. 1984 nahm er wieder Kontakt mit Japan auf, gründete das Saito Kinen Orchester und organisierte mit diesem ein Festival.
Im Januar 2010 zog er sich wegen gesundheitlicher Probleme vom Konzertbetrieb zurück. 2015 trat er mit der berühmten Pianistin Martha Argerich auf, mit der er eng befreundet war. 2022 besuchte er am Saito Kinen eine von seinem Freund Charles Dutoit dirigierte Version des «Sacre du Printemps».
Am 6. Februar 2024 ist Seiji Ozawa verstorben. Die Musik hat mit ihm einen sehr grossen Meister verloren.