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Über ein AKW im Üetliberg fantasiert
Einst hatte man über einen Kernreaktor unter dem Hausberg von Zürich nachgedacht. Historikerin Sonja Furger machte sich für den «Weihnachts-Kurier Uitikon 2021» auf Spurensuche.
Von: Lukas Elser
Ein Atomkraftwerk unter der Gesteinsmasse des Üetliberg? Heute scheint diese Idee absurd. Doch in der Mitte des 20. Jahrhunderts dachte man über eine solche Möglichkeit nach. Der Elektrotechnikkonzern Brown Boveri & Cie. (BBC), der später mit der Asea zur ABB fusionierte, sah im Inneren ein Kraftwerk mit einer Leistung von 50000 Kilowatt vor. Das lässt sich jetzt in einem Artikel nachlesen, den Historikerin Sonja Furger für den neusten «Weihnachts-Kurier» der Gemeinde Uitikon geschrieben hat.
Die Idee entstand 1948. Eine Skizze aus diesem Jahr zeigt, wie man sich im Üetliberg ein System aus Hohlräumen und Verbindungsgängen für eine Turbinenanlage und einen Atomreaktor vorgestellt hatte.
Man dachte über zwei Atomreaktoren in Zürich nach
Zwar wurde der Standort Üetliberg nach wenigen Jahren wieder verworfen. Trotzdem war es mehr als ein Hirngespinst von ein paar verrückten Wissenschaftlern. Denn ein paar Jahre später dachte man bereits über ein zweites Atomkraftwerk nach – und zwar sollte dieses mitten in Zürich erstellt werden.
In Zusammenarbeit mit namhaften Firmen wie Escher-Wyss, Sulzer oder die Maschinenfabrik Oerlikon plante ein ETH-Professor unterhalb seiner Hochschule eine weitere Atomanlage. Wie das Üetlibergprojekt sollte auch dieses im Untergrund gebaut werden, genauer: 40 Meter in den Fels hinein. Im Unterschied zum Üetliberg-Kraftwerk sollte die Anlage der ETH allerdings keinen Strom, sondern Heizwärme für die Hochschule produzieren.
Historikerin Furger vermutetet, dass man den Standort Üetliberg einerseits wegen seiner Nähe zur Stadt Zürich und andererseits aus Sicherheitsüberlegungen gewählt hatte. So hätte die Felsmauer die Bevölkerung vor der radioaktiven Strahlung aus dem Inneren des Üetlibergs bewahrt. Und umgekehrt wäre auch das Kraftwerk selbst geschützt gewesen. Im Kriegsfall hätte die Felsmasse den Reaktor vor feindlichen Angriffen geschützt.
Fortschrittsglaube der Physiker war nicht zu bändigen
Wie Furger aufzeigt, entstammen beide Projekte dem Zeitalter der Atomeuphorie. Wissenschaftler wie der Physiker Paul Scherrer hatten für eine «energische Förderung» der Kernenergieforschung geworben: «Weder das Wissen um Risiken noch gegenwärtige und zukünftige Unwägbarkeiten minderte Scherrers Zuversicht in die technologische Beherrschbarkeit der Atomkraft», schreibt Furger in ihrem Artikel zu den historischen Umständen.
Auch der Bund investierte zu dieser Zeit Millionen in die Erforschung der neuen Technologie. Und die Schweizer Armee strebte sogar eine eigene Uranbombe an. Die BBC forschte schon seit Mitte der 1940er-Jahre im Bereich der Kernenergie. Verwaltungsratspräsident Walter Boveri sprach von «einer ungeheuren Rolle», die die Atomenergie eines Tages haben würde und stellte Scherrer deshalb auch bereitwillig Mitarbeitende für die Forschung zur Verfügung.
Sicherheitsbedenken gab es damals offenbar kaum. Einer der von der BBC finanzierten Physiker wusste zwar um die Gefahren, die von einem Reaktorunfall ausgehen konnten. Doch bis das Projekt mitten in der Stadt verworfen wurde, vergingen einige Jahre. Erst als in den ausgehenden 1950er-Jahren wegen zunehmend durchgeführter Atomtests Kritik an der neuen Technologie laut wurde, liess man von den Plänen ab. Und damit wurde das Atomvorhaben endgültig aus der Stadt Zürich verbannt.
Selbst ein Spital war vorgesehen
Die Idee, den Üetliberg auszuhöhlen, kam damals nicht zum ersten Mal auf. Historikerin Furger hat in der mittlerweile nicht mehr publizierten Zeitschrift «Zürcher Illustrierte» eine Skizze gefunden, die eine städtebauliche Vision des Zürcher Architekten Jakob Haller aus dem Jahr 1938 zeigt. Um sich vor den bereits in den Vorkriegsjahren befürchteten Bombenangriffen zu schützen, plante Haller im Üetliberg ein mächtiges Réduit mit ausgeklügeltem Tunnelsystem. Die Anlage, die eine Direktverbindung vom Albisgüetli zum Reppischtal beinhaltet hätte, sollte 16000 Mann und eine Wagenkolonne von 450 Militärfahrzeugen aufnehmen können. Es waren Speicherräume für Lebensmittel, Munitionsmagazine und Wasserreservoirs vorgesehen. Der Visionär dachte selbst an einen Raum für die Dekontaminierung im Falle eines Giftgasangriffs – und an ein Notspital. Als Spinner wurde Haller deshalb nicht angesehen. Zur Durchsetzung seiner Pläne gründete man sogar ein Initiativkomitee.
Was das AKW-Projekt im Üetliberg anbelangt, unterstreicht Historikerin Furger aber, dass dieses von Anfang an hypothetischen Charakter hatte. Das Vorhaben sollte den Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, sich mit der Materie auseinanderzusetzen und Erfahrungen für konkrete Projekte zu sammeln. Nicht einmal bei der Auftraggeberin BBC selbst dürfte man an eine tatsächliche Realisierung der Pläne geglaubt haben. In einer Aktennotiz der BBC-Direktion zu einem Reaktorprojekt, das auf die Üetlibergstudie folgte, heisst es: «Wir machen uns keine Illusionen darüber, dass ein solches Projekt in keiner Weise auch nur annähernd ausführbar wäre.» Dass es sich bei den Üetlibergplänen letzten Endes nur um ein Gedankenspiel gehandelt hatte, zeigt sich auch am Umstand, dass die Wissenschaftler bereits wenige Jahre später fern von Zürich nach einem Standort für ihren Reaktor Ausschau hielten.
Erste ausführliche Studie zum Thema
Historikerin Sonja Furger ist die erste, die umfassend über den Üetliberg-Reaktor geschrieben hat. Wie sie in ihrem Artikel schreibt, ging ihr der Reaktor «nicht mehr aus dem Kopf», seit sie zum ersten Mal von der Geschichte erfahren hatte. Und so wurde aus der anfänglichen Neugier eine spannende Spurensuche, die sich nicht allein an Technikinteressierte richtet.
Furger gewährt dem Leser nicht nur einen Einblick in die Anfänge der Schweizer Atomgeschichte. Im Artikel finden sich auch Anekdoten. Zum Beispiel, dass der ehemalige BBC-Direktor und «Pionier der Schweizer Kernenergie» Rudolf Sontheim einst ein stattliches Haus in Uitikon erworben hatte. Und dass der Verkauf ebendieses Hauses nach einem beruflich bedingten Umzug nach Baden für seine Gattin Nancy der «einzige unverzeihliche Fehler» in ihrer gemeinsamen Ehe gewesen sei.