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"VICTORIA LOMASKO – OTHER RUSSIAS"
22.08.2019 Ausstellung im Cartoonmuseum Basel, vom 24. August bis am 10. November 2019
Bild: © Victoria Lomasko, "Die Unsichtbaren und die Zornigen", 2018
Die international renommierte russische Zeichnerin und Reporterin Victoria Lomasko beobachtet und kritisiert die Bevormundung der russischen Bürgerinnen und Bürger durch die zunehmende Zensur, den Erlass von einengenden Gesetzen und die fortschreitende Vereinigung der Russischen Orthodoxen Kirche mit dem Staatsapparat. Victoria Lomasko zeigt im Cartoonmuseum Basel ihre erste Retrospektive und arbeitet einen Monat lang als Artist in Residence im Atelier Mondial der Christoph Merian Stiftung.
Die 1978 im südlich von Moskau gelegenen Serpuchow geborene Victoria Lomasko hat 2003 an der Staatlichen Universität für Druckwesen in Moskau Grafik und Buchdruck studiert. Inspiriert von dokumentarischen Zeichnungen aus der Zeit der Leningrader Blockade (1941-1944), aus Straf- und Arbeitslagern und dem Militär hat sie die Grafikreportage zu ihrem künstlerischen Werkzeug gemacht.
Die Grafikreportage ist eine Bildsprache, die von allen Menschen verstanden werden kann, und daher ideal für Victoria Lomasko, die zugängliche, verständliche und politische Werke schaffen will: "Ich wollte das Land und die Zeit, in denen ich lebe, verstehen, wollte Kunstwerke schaffen, die Menschen mit unterschiedlichster Vorbildung zugänglich sind, und wollte nicht zuletzt auch an sowjetische künstlerische Traditionen anknüpfen, anstatt sie zu verleugnen."
Mit diesem Rückgriff auf Elemente der sozialistischen Kunst grenzt sie sich auch von der vom Westen inspirierten Gegenwartskunst in Russland ab und sucht nach künstlerischen Formen, um breite Gesellschaftsschichten zu erreichen.
Eines ihrer ersten international veröffentlichten und beachteten Bücher war die in Zusammenarbeit mit dem Autor Anton Nikolajew entstandene Bildreportage zum Gerichtsprozess gegen die Veranstalter der Ausstellung "Verbotene Kunst 2006". In dieser Reportage beleuchtet das Autorenduo mit beissender Satire einen Gerichtsprozess gegen die Macher einer Ausstellung, die alle in einem Jahr aus politischen oder weltanschaulichen Gründen in Moskau aus Galerien und Museen verbannten Werke durch kleine Gucklöcher sichtbar machte.
Auch den viel beachteten Prozess von 2012 gegen die Aktivistinnen von "Pussy Riot" dokumentierte die Künstlerin.
Heute liegt der Fokus von Victoria Lomaskos Arbeiten auf verschiedenen Subkulturen und benachteiligten Schichten Russlands: von LGBT-Aktivisten und Sexarbeiterinnen, Insassen von Straflagern, Schülerinnen und Schülern in halbverlassenen Dorfschulen bis hin zu herumziehenden Wanderarbeitern und in der Landwirtschaft der Provinzen des Landes Beschäftigten.
Ihr in mehrere Sprachen übersetztes Buch "Die Unsichtbaren und die Zornigen", das in Reportagen, die zwischen 2008 bis 2016 entstanden sind, soziale Missstände und politische Unterdrückung in Russland aufzeigt, erschien 2018 auf Deutsch. Die englische Version unter dem Titel "Other Russias" wurde 2018 mit dem Pushkin House Prize for the Best Book in Translation ausgezeichnet. "Ich habe versucht, mich weg von der Reportage hin zu einem gewissen Symbolismus zu bewegen, um gewisse Situationen in Bildern, die meine Gefühle und Erfahrungen zum Ausdruck bringen, zu verallgemeinern. Jede einzelne Zeichnung ergänzt das grosse Ganze, das Leben der Frauen in der russischen Provinz, um eine neue Klangfarbe, um Traurigkeit, Ironie und Wut." Sie widmet dieses Buch denjenigen, die, obwohl sie einen Grossteil der Bevölkerung ausmachen, keine oder kaum eine Stimme haben und denjenigen, die ihre Stimme erheben, aber nicht gehört oder eingeschüchtert werden. Sie knüpft damit in ihren Werken aktiv Verbindungen zwischen isolierten sozialen Gruppen und bringt deren Ängste und Wünsche in einen Dialog miteinander.
Hiesigen Lesenden gewährt Lomasko mit ihren Büchern eine unvoreingenommene, gleichzeitig witzige und tragische Einsicht in das Leben im von Putin und seinem Apparat als "Gelenkte Demokratie" geführten Russland.
Victoria Lomasko sieht sich als zeichnende Journalistin. Ohne technische Gerätschaften mit Block und Stift unterwegs, erfährt sie als Beobachterin und fragende Zuhörerin Dinge, die nicht in ein Mikrofon gesagt werden. Sie beobachtet Menschen und Situationen genau und hält sie mit einer gekonnt spontanen und kraftvollen Linie fest.
Aus den suchenden, feinen Strichen der Anfänge ist mit der Zeit eine stark stilisierende, satte und entschiedene Ligne claire geworden, die Hintergründe und Ausschmückungen sind noch reduzierter gezeichnet. Lomasko zeichnet nie nach Fotos oder Filmen, es ist ihr wichtig, dass ihre Zeichnungen am Ort des Geschehens entstehen und beendet werden und so den Moment und die Situation lebendig und präzise aufnehmen und repräsentieren.
Gleichzeitig widmet sie dem Lauftext, der die Bilder inzwischen gleichberechtigt begleitet, höchste Aufmerksamkeit. Text und Bild kommen bei ihr jedoch nicht wie beispielsweise beim Comicreporter Joe Sacco zu einem klassischen Comic zusammen, sondern laufen nebeneinander her.
Mit ihrer konsequenten und engagierten Arbeit ist Lomasko zu einer bedeutenden oppositionellen Chronistin der wichtigsten gesellschaftlichen Bewegungen Russlands der letzten 15 Jahre geworden. Neben ihrer Arbeit an verschiedenen Publikationen und Ausstellungen in Russland und im Ausland engagiert sich Lomasko in diversen Organisationen für Menschenrechte, zum Beispiel mit Zeichenworkshops für in Russland inhaftierte Jugendliche.
Die Künstlerin wird einen Monat im Atelier Mondial der Christoph Merian Stiftung arbeiten und im Cartoonmuseum Basel Wandbilder für ihre erste grössere Einzelausstellung anfertigen.
Kuratorin:
Anette Gehrig, Basel
Eröffnung der Ausstellung "Victoria Lomasko. Other Russias"
Freitag, 23.8.2019, 18.30 Uhr - Es sprechen: Lilli Strassmann, Präsidentin des Stiftungsrats Cartoonmuseum Basel, Victoria Lomasko, Zeichnerin und Autorin, Moskau, sowie Anette Gehrig, Direktorin und Kuratorin Cartoonmuseum Basel.
cmb
Kontakt:
https://cartoonmuseum.ch/ausstellungen/wiktoria-lomasko
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Bild: © Victoria Lomasko, "Die Unsichtbaren und die Zornigen", 2018 ("Gottesmutter, vertreibe Putin!", "Bleiben Sie ruhig")