Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03272.jsonl.gz/201

Am 2. Oktober 1914 erblickte Katharina Jungo in der Goleta bei St. Silvester das Licht der Welt. Zusammen mit fünf Schwestern und vier Brüdern erlebte sie ihre Kindheit auf dem idyllischen Bauernhof von Vater Severin und Mutter Annemarie Jungo-Perriard. Der lange Schulweg nach St. Silvester war vor allem im Winter beschwerlich, wenn es galt, in den tief gefrorenen Holzschuhen durch den kniehohen Schnee zu stapfen. Nach der Schulzeit absolvierte Katharina in Riaz eine Lehre als Schneiderin. Die Liebe zur französischen Sprache, die sie hier entdeckte, begleitete sie ein Leben lang. Sie bezahlte allerdings auch einen hohen Preis, durfte sie doch ein halbes Jahr lang kein einziges Mal heimkehren. Nach der Lehre nähte und schneiderte sie zuhause in der Goleta für die Kunden und zu später Abendstunde noch für die Familie. Als Schneiderin ging sie auch auf die «Stör». In dieser Zeit absolvierte die junge Frau eine Samariter Ausbildung. Mit grossem Engagement übernahm sie anspruchsvolle Aufgaben im Samariterverein. Die Schweizer Armee stellte ihr ein Dienstbüchlein aus, um sie gegebenenfalls in den Kriegsjahren als Samariterin einsetzen zu können. Als der Zweite Weltkrieg begann, war Katharina 25 Jahre alt. Ihre Brüder mussten einrücken. Der jüngere Bruder Alois und die Schwestern mussten mit dem Vater weit über ihre Grenzen hinaus arbeiten. Noch vor Kriegsende verstarb Vater Severin im Alter von 65 Jahren. Kurz danach starb auch Bruder Alois an den Folgen der körperlichen Überarbeitung. Auf der «Stör» in Alterswil lernte Katharina den jungen Bauern Josef Fasel kennen, mit dem sie 1946 den Bund fürs Leben schloss. Vier Töchter und drei Söhne wurden den beiden geschenkt. Ihre ganze Kraft investierte die Frau und Mutter fortan in Familie, Heim, Hof und Feld. Daneben engagierte sie sich im Mütterverein. Da der Bauernhof direkt an der Hauptstrasse lag, kam Katharina bei der Gartenarbeit oft mit Frauen ins Gespräch. Sie ermunterte sie, das Gute im Leben zu sehen, und regte sie an, das Leben in ihre eigenen Hände zu nehmen. «Du muesch säuber wele», pflegte sie zu sagen, und sie wusste genau, wovon sie sprach, denn Katharina kannte die tiefen, sensiblen Seiten des Lebens sehr gut. Ihr Lebensmotto stand auf dem Kachelofen, dem Herzstück der Bauernstube: «Zwei Lebensstützen brechen nie, Gebet und Arbeit heissen sie.» Eine ausgesprochene Lebenskraft, Ehrlichkeit, ein tiefer Glaube und eine robuste Gesundheit ermöglichten es ihr, von morgens früh bis abends spät in Haus und Feld zu arbeiten. Dank ihrem feinen Humor war der Alltag aber nie nur saure Pflicht. In den letzten Lebensjahrzehnten widmete die Grossmutter der wachsenden Enkelschar mehr und mehr Zeit. Dank den Enkelkindern blieb sie selber in ihrem Geist jung und aufgeschlossen. Ihre Lebenskraft wurde stark erschüttert, als im Sommer 1998 ihr geliebter Gatte starb. Aber nochmals raffte sie sich auf, nochmals nahm sie ihr Leben entschlossen in die eigenen Hände. Als sie im Frühjahr 2004 stürzte, wurde sie pflegebedürftig. Gleichzeitig hatte sie den innigen Wunsch, zu Hause genesen zu dürfen. Als Katharina am 26. November 2004 zu Hause in ihrem Heim in den Tod hinüberschlief, tat sie das mit einem krank und schwach gewordenen Körper, aber mit einem – bis zur letzten Lebensstunde – wachen und klaren Geist. Das bewundernswerte Leben, das sie ihrer Familie vorgelebt hat, wird dieser helfen, den Verlust und die Trauer zu vergessen und allmählich zu besiegen. Eing.