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Genf besitzt seit jüngst einen neuen Strand mitten in der Stadt. Dass es möglich wurde, trotz strenger Gesetze und widersprüchlicher Interessen den Seegrund aufzufüllen und ein neues Ufer zu schaffen, grenzt an ein Wunder.
Zu Beginn standen alle Signale auf Grün: Im Dezember 2009 sprach sich der Genfer Grosse Rat fast geschlossen – mit 76 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen – für ein aussergewöhnliches Vorhaben aus: die Anlage eines neuen Badestrandes und eines Parks am Quai Gustave-Ador am linken Seeufer, nicht weit vom Stadtzentrum, sowie für den Ausbau des benachbarten Hafens der privaten Société Nautique de Genève. Das Programm umfasste 400 Meter neuen Strand, begleitet von einem Park in der Grösse von 3 Hektaren, über 600 neue Bootsplätze, eine Unterhaltsplattform im Umfang eines Fussballfeldes, ein Gebäude für die Berufsfischer, ein Seerestaurant und öffentliche Toiletten. Für die Aufschüttung sollte der Aushub aus der nahe gelegenen Tunnelbaustelle der CEVA-Bahnverbindung dienen (vgl. wbw 12 – 2019) – die gesparten Entsorgungsgebühren hätten einen substanziellen Teil der Arbeiten finanziert.
Doch plötzlich tauchten Hindernisse auf: 2010 rekurrierte der WWF gegen die Baubewilligung, und das erstinstanzliche Verwaltungsgericht hob diese im Juni 2013 wegen Planungsmängeln auf. Es kritisierte unter anderem, es sei nicht ernsthaft genug nach Alternativen gesucht worden, um die Menge des in den See einzubringenden Materials zu verringern.
Trotzdem ist der Strand im Juni 2019 eingeweiht worden, und das Publikum strömte zu Tausenden herbei, obwohl erst ein Teil zugänglich war. Hafen, Seerestaurant und Fischerhäuschen befanden sich noch im Bau. Hätten nicht die Covid-19-Massnahmen den Bau gestoppt, wäre das ganze Projekt seit Mai 2020 fertig, nun hofft man auf Sommer 2020.
Eine Seeaufschüttung und ein ganz neuer Strand mitten in der Stadt! Dass dies gelang, ist alles andere als selbstverständlich. Die Bedingungen für ein solches Unternehmen sind heute viel strenger als in der Vergangenheit, vergleichbare Projekte liegen weit zurück: In den Fünfzigerjahren wurde im Zürichsee die künstliche Saffa-Insel geschaffen1 und noch in den Siebzigern die Luzerner «Ufschötti», ein öffentlicher Strand auf Bauschutt aus dem Autobahntunnel; beides wäre heute kaum mehr möglich, denn seit 1992 verbietet Artikel 39 des eidgenössischen Gewässerschutzgesetzes grundsätzlich jede Seeaufschüttung. Ausnahmen sind zwar möglich,2 das Bundesgericht hat jedoch mehrfach bestätigt, dass diese nur sehr selten gewährt werden.
Bis nach Lausanne musste der Kanton Genf allerdings auch nicht gehen. Stattdessen hat er das Projekt unzählige Male umgestaltet und verfeinert. In buchstäblich Hunderten von Sitzungen haben sich Akteure und Stakeholder aller Art immer wieder abgesprochen und gemeinsame Lösungen definiert. Erholungssuchende und Naturschutzorganisationen, Berufsfischer und Bootsbesitzer,3 Denkmal- und Landschaftsschutz brachten widersprechende Anliegen ein. Eine zentrale Figur war dabei Franck Pidoux vom kantonalen See- und Gewässerschutzamt.4 Als Pilot und Projektleiter hat er das komplexe Bauvorhaben seit 2008 vorangetrieben. Diese Kontinuität der Verantwortung war ohne Zweifel ein Schlüssel zum Erfolg.
Ab 2011 lieferten umfangreiche juristische Abklärungen und fächerübergreifende Studien einen Planungsrahmen. Eine Erhebung der Zahl frei zugänglicher Badestellen rund um den Genfersee zeigte auf: Um den Durchschnittswert der Nachbarregionen zu erreichen, müsste der Kanton mindestens zwei Kilometer Strand neu schaffen. Eine weitere Untersuchung kam zum Schluss, dass das Projekt nur geringen Einfluss auf die Biodiversität habe – grössere Sorgen bereiteten den Experten die Plastikabfälle im Wasser und die zu milden Winter, die eine tiefreichende Durchmischung der Wasserschichten verhindern. Die Raumplaner schlugen vor, durch die Anlage einer renaturierten Flachwasserrzone im Bereich der Aufschüttung ein neues Naturreservat zu schaffen.
Im September 2016 stimmte der Grosse Rat dieser Projektänderung zu. In der Folge wurde 2017 eine neue Baubewilligung erteilt, gegen die keine einzige Beschwerde einging. Der zuständige Staatsrat erklärte diese Wende zum «Sieg einer Methode». Er würdigte damit die «intensiven und aufeinander abgestimmten Arbeiten, die alle Beteiligten leisteten, um den hohen Anforderungen eines Eingriffs an einem Ort mit so grosser sinnbildlicher Bedeutung wie dem Genfer Seebecken gerecht zu werden».5 Das stimmt zweifellos, aber für den Erfolg war noch mehr erforderlich: die Hartnäckigkeit, aber auch das offene Ohr der Projektleitung für Anregungen aus den gemeinsamen Konsultationen und nicht zuletzt die Fähigkeit, immer wieder einen Weg zu finden, um das Projekt aus Blockaden herauszuführen.
Interessanterweise lag die Leitung nicht etwa beim Amt für Städtebau, sondern beim kantonalen Gewässerschutzamt. Tatsächlich geht die Idee zu diesem Projekt auf dessen Leiter, Alexandre Wisard und die Architekten Descombes Rampini (ADR) zurück. Sie war ihnen 2006 an einem Sommerabend in den Bains des Pâquis gekommen, inmitten des Gewühls von Menschen, die sich an dieser bislang einzigen offiziellen Badestelle des gesamten Seebeckens zusammendrängten. Sie sagten sich, dass die Genferinnen und Genfer doch einen öffentlichen Strand bekommen sollten. In einem ersten Schritt prüfte ADR die Eignung dreier Standorte im Seebecken: Perle du Lac, Quai Wilson und Quai Gustave-Ador.6 Das Potenzial des dritten erwies sich als das grösste. Bald fand eine Sitzung mit Staatsrat Robert Cramer statt, der sich die Realisierung des Vorhabens auf die Fahne schrieb.7
Überraschende Aspekte zeigt das Gestaltungskonzept bei seinem Verhältnis zwischen Naturnähe und Künstlichkeit: Der vermeintlich natürlichste Teil, der nicht zugängliche Wassergarten im Dreieck zwischen dem Quai aus den 1920er Jahren und dem Strand, erweist sich letztlich als der künstlichste Bestandteil des Projekts. Der scheinbar künstlichste hingegen, nämlich der Strand und sein geradliniger Verlauf, ist der natürlichste. Die Geometrie der neuen Uferlinie, die in einem 30-Grad-Winkel vom Quai absteht, entspringt nicht etwa dem Entwurfsgedanken eines Architekten oder einer Landschaftsgestalterin. Vielmehr leitet sie sich von der Dynamik der neuen Bedingungen ab. Eine Studie der EPFL über die Strömungen und die Wellendynamik an diesem Ort errechnete anhand eines Modells, welche Winkel die vier Bühnen und das Ufer aufweisen müssen, damit die Stabilität des Strandes und eine regelmässige Wassererneuerung gewährleistet sind und somit auch die nötige Wasserqualität für das Baden. Die Natur – besser gesagt: die Physik – entschied sogar über die Korngrösse des eingebrachten Kieses. «Was einen Strand ausmacht», erklärt Marco Rampini, «ist die Balance zwischen Gefälle und Kornverteilung in Abhängigkeit vom Wellengang.» Umgekehrt kann man den Wassergarten und seinen Schilfbestand als etwas durchaus Artifizielles begreifen. Hier wurde nicht Bestehendes geschützt, sondern ein seit über einem Jahrhundert verschwundener Lebensraum rekonstruiert, ja eigentlich neu erfunden – jener natürlich bewachsene Uferstreifen, der seit dem Bau der Quais im 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr bestand.
Die hinter dem Strand liegende Wasserfläche erlaubte es, die Masse der Aufschüttung zu verringern und einen Teil des Uferbereichs in ökologischer Hinsicht erheblich aufzuwerten. Dieser bot sogar Gelegenheit, einen der vielen unterirdischen Wasserläufe wiederherzustellen, die dem Quartier Eaux-Vives seinen Namen gaben – was nicht geplant war, da ihn die Blockschüttung verbarg und man ihn erst im Lauf der Arbeiten entdeckte. In diesem kleinen Reservat der Biodiversität (es wurden über zwanzig am Genfersee heimische Pflanzen eingebracht) dürften auch manche selten gewordenen Fisch- und Vogelarten wieder heimisch werden. So liess sich nach einem Jahr bereits der erste Eisvogel beobachten, während der eigens für Biber aufgeschüttete Erdhügel noch auf einen Gast wartet.
Der neue Park ist durch das Biotop zu einem relativ schmalen Rasenstreifen geschrumpft, wenige Baumgruppen spenden Schatten. Die Strandanlagen selbst sind mit bemerkenswerter Zurückhaltung und Sinn für Angemessenheit gestaltet. Das einzige vertikale Element bilden die Duschen auf den vier Molen aus Jurakalk. Man duscht sich direkt auf dem Uferkies – selbstverständlich ohne Seife –, auf einer kleinen Tellerplatte. Die Trinkbrunnen sind in Sitzbänke integriert, in denen auch das Rettungsmaterial untergebracht ist. Für die Beleuchtung sorgen eine Reihe kleiner, in den Boden eingelassener LED-Leuchten sowie vier pilzförmige Poller, die den Boden ausleuchten. Drei Badehäuschen aus Spritzbetonschalen erinnern an übergrosse Kiesel. Sie sind die einzigen organisch geformten Elemente und beherbergen Toiletten, Umkleideräume sowie die technischen Installationen. Wie viel Aufmerksamkeit jedes Detail erhielt, beweisen auch die Bauten des Hafens: Allgegenwärtiges Baumaterial ist hier verzinkter Stahl. Das gilt für das vom Architektubüro LLJ entworfene Seerestaurant und für die Tausenden von Metallgitterrosten über dem Wasser, die unterseitig befestigt sind, um eine glatte Oberfläche zu bieten.
Diese sichtbaren Elemente lassen beinahe die Herkulesarbeit vergessen, die ihnen vorausging: den Einbau von über 2,5 Kilometern Spundwänden, die Errichtung der Kleinbauten und der vier Molen oder Buhnen zum Schutz des Strandes, das Setzen von fast 300 Pfählen zum Bau der grossen Plattform des Hafens, seiner Mole und der Passerelle zum Ufer. All das eingehend zu beschreiben, würde diesen Artikel sprengen. Zur Lektüre empfohlen seien deshalb die fünf Ausgaben des Baustellenjournals La Plage, welche die beteiligten Planer 2018 – 19 gemeinsam herausbrachten.8
Rückblickend hat der Rekurs des WWF die Gelegenheit geboten, zu beweisen, dass ein baulicher Eingriff im Uferbereich – selbst mit diesen Dimensionen – das Ökosystem sogar positiv beeinflussen kann. Der Heimatschutz hätte sich einen Strand gewünscht, dessen Gestalt und Geometrie sich an den Quais des 19. Jahrhunderts orientierte.9 Seine Argumente werden sich spätestens dann als leerer Formalismus erweisen, wenn die Bevölkerung erst einmal Gelegenheit hat, bei schönem Sommerwetter die neue Sicht auf Genf und sein Seebecken zu erleben, die sich vom Seerestaurant an der Nordspitze der neuen Hafenmole bietet: Ein Blick, der bis anhin den Mitgliedern des Privatklubs der Société Nautique vorbehalten war.
Anna Hohler (1972) studierte Philosophie und Linguistik an der Universität Lausanne. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin in den Bereichen Architektur und Theater.
1 Die Saffa-Insel in Zürich-Wollishofen wurde 1958 an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) eingeweiht.
2 Das Gesetz bezweckt, «die Gewässer vor nachteiligen Einwirkungen zu schützen» (Art. 1, Abs. g), aber es dient auch «der Benützung zur Erholung». Der neue Strand ist unter dieser Zielsetzung möglich geworden.
3 Im Gegenzug zur Erweiterung des Bootshafens wurden zahlreiche Boots-Liegeplätze an den innerstädtischen Quais aufgehoben, um freie Sicht aufs Wasser zu ermöglichen.
4 Service du lac, de la renaturation des cours d’eaux et de la pêche SLRP
5 Pressemitteilung des Departements für Umwelt, Verkehr und Landwirtschaft vom 13. Februar 2017.
6 ADR hatte sich zuvor durch die vielfach preisgekrönte Renaturierung des Flüsschens Aire einen Namen gemacht. In der Folge schlug das Gewässerschutzamt vor, zusammen mit den Ingenieuren der Firma EDMS ein interdisziplänes Team zu bilden, die Erfahrung von der Renaturierung der Haute-Seymaz mitbrachten.
7 Dem für das Strand und das Hafenprojekt zuständigen Departement standen seit 2009 vier Regierungsmitglieder vor: bis Ende 2009 Robert Cramer (Grüne), 2009-13 Michèle Künzler (Grüne), 2013-18 Luc Barthassat (CVP), seit 2018 Antonio Hodgers (Grüne).
8 Die fünf Nummern dieser Zeitschrift sind vergriffen, aber eine Auswahl der Beiträge ist auf www.espazium.ch/fr greifbar.
9 Stellungnahme des Komitees von Patrimoine suisse Genève: «A propos de la plage des Eaux-Vives», in: alerte 113, Herbst 2010