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Dank dem Führungssimulator 95 verfügt die Schweizer Armee über ein modernes und wirksames Ausbildungsmittel für heute und morgen
10. April 1999
Der im Rüstungsprogramm 1995 enthaltene Führungssimulator steht seit 1996 im Taktischen Trainingszentrum (TTZ) in Kriens in Betrieb; die zweite Anlage in Yverdon, auf der die Truppe seit September 1997 ausgebildet wurde, wurde ab Dezember '98 nach Kriens überführt.
Software von Tsahal
Dieser Simulator ist kein schweizerisches Erzeugnis: es handelt sich um ein Produkt der israelischen Firma Rafael, vertrieben durch die schweizerische Filiale der deutschen Gruppe Siemens unter dem Namen ABS2000 (Army Unit and Battle Group Simulator) und ist den Besonderheiten unserer Armee angepasst. Die Grundlagen der Software stützen sich auf die umfangreiche Kriegserfahrung der Streitkräfte des hebräischen Staates. Das Informatik-System von Siemens basiert auf UNIX (Solaris) für den Kern und X/MOTIF für das Human Machine Interface (HMI).
Auch wenn der Simulator primär für die Stäbe von Kampfverbänden gedacht ist (Brigade, Regiment und Bataillon), so fordert er gleichermassen den Einsatz von Kompaniekommandanten; Aus diesem Grund ist er besonders auch für Taktisch-Technische Kurse (TTK) geeignet - wie dies Mitte Oktober 1998 der Fall war für das Infanterie Regiment 9, wo der Autor eingeteilt ist.
Nötiger Bestand: mehr als 120
Die beübte Truppe verfügt während den Übungen über zwei Strukturen: Die Stäbe einerseits halten sich in ihren KP auf (oder Kommandopanzer für die mechanisierten Truppen) und sind über ein simuliertes Funknetz mit ihren Untergebenen verbunden; diese Einheitskommandanten andererseits befinden sich in verschiedenen Räumen und verfügen je über ein Steuerpult, das den Zugang zum System ermöglicht.
Der Gegner agiert über dasselbe Human Machine Interface, während die Übungsleiter das Ganze mit eigenen Bildschirmen und Funkverbindungen überwachen und kontrollieren können.
So beläuft sich das für den Ablauf einer solchen Übung benötigte Personal auf eine beträchtliche Zahl: über die beübte Truppe hinaus (ungefähr 80 Offiziere für ein Inf Rgt) bedarf die Simulation Übungsleiter, Schiedsrichter und Markörs, aber auch Bediener der Steuerpulte (am System ausgebildete Soldaten), nicht zu vergessen den vom TTZ geforderten Bestand; alles in allem mehr als 120 Personen. Ein riesiges Unternehmen!
Zoom bis 1:2000P>Das Human Machine Interface ist ergonomisch: Jeder Kommandant verfügt über eine Karte des gesamten Sektors, mit einem Zoom, das von 1:50'000 bis zu ungefähr 1:2000 geht; auf dieser Karte sind alle Bestandteile seiner Einheit in Form von blauen Quadraten eingezeichnet. Jedes Quadrat weist mehrere Symbole und Beschriftungen auf, welche die Grösse des Elements (Zg, Gr, Fz), seine Funktion (Füs, PAL, etc.), seine Tätigkeit (Bewegung, Beobachtung, Hinterhalt, etc.) und seinen Zustand beschreiben. Aber auch die anderen für die Einheit sichtbaren Truppen sind auf dem Bildschirm in Form eines grauen Rechtecks vorhanden; ein Mausklick genügt, um die verfügbaren Auskünfte darüber zu erhalten (Freund/Feind, Typ und Umfang der Formation, Tätigkeit).
Der rechte Teil der Aufzeichnung geht mehr ins Detail, indem das Organigramm der Einheit vollständig ersichtlich ist: der Kommandant (der grossartig "SimTaktiker" genannt wird) kann nicht nur Auskünfte über den Bestand und die Verfassung seiner Truppe (Moral, Müdigkeit, Ausbildungsstand) anfordern, sondern auch über seine Waffenbestände und Fahrzeuge, seinen Munitionsbestand für sämtliche Waffen sowie über den zur Verfügung stehenden Treibstoff - auf die Patrone und den Liter genau!
Modelliertes Gelände
Die gesamte Simulation ist bemerkenswert plastisch dargestellt. Die Software ist zerteilt in vier Elemente: das erste ist eine Datengrundlage von statischen Parametern bezüglich dem Gelände. Dieses Gelände ist dreidimensional geformt, jeweils in Blöcke von 50m auf 50m, nach der Art des Geländes - Bauzone, Wald, etc. Objekte wie Brücken, Strassen und Flüsse sind ebenfalls modelliert und mit mehreren Eigenschaften versehen: Für einen Wasserlauf zum Beispiel, sind Breite, Tiefe und Abflussmenge angegeben.
Das zweite Element besteht aus dem Basis-Simulationsmodul. Es erlaubt dem Computer, die grundlegenden Verhaltensweisen - Bewegung, Identifizierung oder Feuereröffnung - auszuführen, das bedeutet die Wechselwirkung der gegenwärtigen Streitkräfte unter Berücksichtigung der Umwelt. Kurz, das Programm kann den Einsatz von über 20'000 Soldaten simulieren, aufgeteilt in Tausende von untrennbaren Systemunterteilungen (Gr, Fz, Pz, Heli, etc.).
Das dritte Element ist das taktische Modul, das besonders die Transporte, die Feuerunterstützung, die Unterstützungselemente und den Sanitätsdienst behandelt. All diese Aspekte werden von der Simulation berücksichtigt. Die damit verbundenen Befehle sind Bestandteil der Optionen des vierten Elementes.
Befehle in Sequenzen geben
Ohne Untergebene dafür verstärkt durch einen Operateur am Computer müssen die Kommandanten die Befehle an jede Unterabteilung ihrer Einheit geben. Mittels der ablaufenden Menüs kann eine ansehnliche Menge an Befehlen zu jeder Sequenz übermittelt werden: Bewegung wird in das Legen eines Hinterhalts gebracht, durch Verladen, Stellungen graben, beobachten, sich in Deckung begeben, eine Minenschnellsperre errichten, die Versorgung vorbereiten, Verletzte evakuieren, einen Geländeabschnitt verminen und sogar ... Ausbildung betreiben!
Die Option Kapitulation existiert im Programm nicht, ebenso wenig die Weigerung gegen selbstzerstörerische Befehle: Der Computer verlangt einen Kampf ohne Rücksicht auf Verluste. In regelmässigen Abständen von zehn Minuten werden in einem Fenster für Botschaften unten am Bildschirm Beobachtungsberichte, Bestätigungen über Verschiebungen und Kontaktmeldungen übermittelt.
Reale Zeitverhältnisse - alle 150 Sekunden
Da der Führungssimulator mit realen Zeitverhältnissen arbeitet, konstruiert er Zeitabschnitte von 600 Sekunden, genannt "time step", danach sind alle gegebenen Befehle zur Kenntnis genommen und die Berechnungen ausgeführt, nach Massgabe von 4 Abschnitten an 150 Sekunden. Ein Feuerkampf zwischen zwei Elementen ermöglicht also während einem time step 4 Einschätzungen.
Dieser Abschnitt von 10 Minuten von der Befehlsausgabe bis zur Funkübermittlung erweist sich oft als äusserst kurz. Zumal die sich plötzlich ereignenden Veränderungen von Bedeutung sein können, wie zum Beispiel das Auftauchen von Feinden oder Artillerie-/ Minenwerferfeuer, welche auf dem Bildschirm violette Flecken verursachen und umso unangenehmer sind, wenn sich die eigenen Leute darunter befinden! Dies unterbleibt besonders dann nicht, wenn Ihr, wie das Inf Rgt 9, den rasenden Angriff zweier feindlicher mechanisierter Brigaden und einer feindlichen Luftbrigade erleidet...
Die Qualitäten des Systems
Der Führungssimulator 95 erlaubt unbestreitbar eine wirksame und packende Ausbildung, realistisch für die Generalstäbe und bereichernd für die Einheitskommandanten. Die Berücksichtigung sehr zahlreicher Faktoren wie u.a. aller Elemente des Dispositiv eines Kampfverbandes, darin eingeschlossen auch jene der weniger Bekannten - Artillerie Schiesskommandanten, Kommandanten der Festungspionniere oder von Stinger Feuer Einheiten - führt sehr viel weiter als grossangelegte Manöver, die im übrigen noch umweltschädlich und für die Truppe kaum von Interesse sind.
Das System ermöglicht darüber hinaus eine benutzerfreundliches Erlernen des Einsatzes der nichtorganischen Unterstützungswaffen (Art, FestungsMw) wie auch der Führung eines Sperrungseinsatzes (Sprengobjekt), und bringt in aller Deutlichkeit die Notwendigkeit der Genauigkeit und der Prägnanz der Übermittlung zum Ausdruck. Schliesslich ermöglichen die Genauigkeit der Details sowie die gute Qualität der Basisdaten realistische taktische Situationen, hergeleitet von einer kriegsähnlichen Bedrohung.
Einige Mängel trotz allem
Das Prinzip der Simulatoren dieses Typs weist dennoch eine Schwäche auf. Sie verleiten nämlich zur Illusion, dass die Übermittlungen von selber geschehen. Während die Übermittlungsoffiziere des Bataillons (Mech Inf) oder des Regiments sich mit akuten Problemen herumschlagen müssen, wie zum Beispiel 3 Stationen für 4 Frequenzen zu haben oder Relais installieren zu müssen. Ganz zu schweigen von der Führung des elektronischen Kriegs...
Das Programm seinerseits leidet noch unter einigen lästigen Mängeln. Der bedauerlichste darunter besteht in der Befehlssequenz Verschiebung zu Fuss-Verladen-motorisierte Verschiebung, bei der die Fahrzeuge abfahren, bevor die Soldaten eingeladen sind! Konsequenz: Ein time step Wartezeit für jeden Verlad, was dem Feind bei Weitem genügt um das tödliche Artilleriefeuer anzufordern...
Ein anderer Mangel besteht darin, dass eine Infanterie-Gruppe, die zu Fuss unterwegs ist, durch ihre eigene Minenschnellsperre aufgehalten werden kann: was voraussetzt, dass ein Füsilier 300 kg wiegt (soviel beträgt der benötigte Druck um die Panzermine 60 zum Explodieren zu bringen)!
Ein ideales Ausbildungsmittel für heute und morgen
Diese Kinderkrankheiten hindern den Führungssimulator 95 jedoch nicht daran, ein ideales Mittel für die Ausbildung der Kader zu sein. Auch wenn wegen der Konzentration der Mittel in Kriens nichts wird aus seiner ursprünglich vorgesehenen Einführung in der Westschweiz, so hat sich die Schweizer Armee hier mit einem hochleistungsfähigen Simulator ausgestattet, der ihre Entwicklung während der 90er Jahre deutlich widerspiegelt.
Anzumerken bleibt, dass das VBS im Jahre 2000 erwägen sollte, einen Führungssimulator zu entwickeln, der besonders zugeschnitten ist auf grosse Einheiten wie Brigade, Division und Armeekorps.
Oblt Ludovic Monnerat & Lt Christian Theler
Quellen
VBS, Dokumente Siemens und Rafael, TTK Inf Rgt 9 im TTZ Yverdon
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