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Der Weg des Respekts: Interview mit Saito Sensei
Auf Einladung der Taisho-Karateschule unterrichtete Del Shigeo Saito Sensei, 10. Dan Okinawa Karate, am Lehrgang vom 21./22. März 2015 in Luzern und stand Magdalena Zurfluh für ein Interview zur Verfügung.
Saito Sensei, wie kamen Sie zum Kampfsport (Judo/Karate)?
In Hawaii, wo ich aufwuchs, begann ich mit Judo wie alle meine Freunde. Nur waren meine Judokollegen alle grösser und schwerer und so kam ich bei den Wurftechniken immer unten zu liegen. Da meine Eltern Jammern über Schmerzen, Müdigkeit oder Überdruss nicht tolerierten, blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Judo weiterzumachen. Das war so eine Art Abmachung mit ihnen. Als ich – nach etwa einem Jahr Unterricht – mit meinen Freunden im Freien Judotechniken übte, schaute uns ein Karate-Lehrer zu. Anschliessend fragte er, ob jemand Interesse hätte, bei ihm Karate zu trainieren. Ich dachte mir, wenn ich ins Karate gehen könnte, wäre ich Judo los. Aber wie konnte ich das meinen Eltern beibringen? Da kam mir die zündende Idee. Ich erzählte meinem Vater von der Begegnung mit dem Karatelehrer und dass ich da gern hingehen würde. Die Schule sei zudem hier in der Stadt, was viel bequemer für ihn sei, da er mich nicht mehr ständig in das weiter entfernte Judotraining chauffieren müsse. Mein Vater fand die Idee gut und so begann ich mit Karate.
Was unterscheidet den Shotokan-Karatestil vom Shito-ryu-Karate-Stil?
Die Philosophie. Funakoshi Sensei brachte Karate nach Japan. Er unterrichtete in seinem Dojo in Okinawa und später auch in Tokyo. Seine späteren Schüler nannten das von Funakoshi entwickelte Karate nach dem damaligen Trainingsort «Shotokan». Etwa zur gleichen Zeit unterrichtete Mabuni Sensei Karate in seinem Dojo in Osaka. Zu dieser Zeit gab es auch noch viele andere Lehrer, die Karate unterrichteten und deren Stile sich unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen entwickelten. Man musste nun den einzelnen Stilen einen Namen geben. Mabuni Sensei nannte seinen Karate-Stil «Shito-ryu», aus Respekt gegenüber seinen beiden Lehrern Itosu und Higashionna.
Wie lautet Ihr Leitsatz?
Die Tugenden Integrität, Vertrauenswürdigkeit, Mut und Mitgefühl zu pflegen. Körper, Geist und Seele in diesem Sinne schulen und es den Studenten weitergeben. Karate ist Kampfkunst – nicht einfach nur Sport oder Selbstverteidigung. Kara-te heisst leere Hand. Damit man die Leerheit erreichen kann, muss man den richtigen Weg (Do) gehen und man muss Karate machen, um das Gelernte im Leben umzusetzen. Man sollte die Leerheit umarmen, um schlechte Gewohnheiten loszulassen und durch gute zu ersetzen. «Do» ist nicht irgendein Weg. Es ist der Weg des Respekts, der Etikette und der Manieren.
Was ist die Essenz aus der jahrelangen Kampfkunst-Praxis für Ihr persönliches Leben?
Dank Karate bin ich aufmerksamer und sensibler geworden. Es hilft mir, mich nicht auf Prestige und Geld zu konzentrieren. Mein Wohlbefinden ist nicht abhängig von diesen materiellen Dingen. Es macht mich glücklich, wenn ich meinen Schülern geben kann, was sie brauchen.
Wieso haben Sie den Weg des Unterrichtens gewählt?
Ich lehre Karate, damit ich der Gesellschaft etwas zurückgeben und damit ich dienen kann.
Ich war im Vietnam-Krieg bei der Air Force. Danach hatte ich eine Konstruktionsfirma und später eine Firma, die Produkte herstellte. Trotz diesem beruflichen Engagement unterrichtete ich immer Karate. Ich experimentierte im Leben, weil ich herausfinde wollte, was mich glücklich macht und was mich erfüllt. Dabei habe ich gespürt, dass mir das Unterrichten von Karate wichtig ist. Im Austausch mit den Studenten, entsteht eine besondere Energie. Da viele meiner Schüler aus schwierigen Verhältnissen stammen, ist Karate ein Hoffnungsträger für sie.
Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt in Ihrer Karriere?
Dass ich den Studenten Hoffnung geben kann und sie damit die Möglichkeit erhalten, in ihrem Leben etwas zu verändern. Es funktioniert sichtbar. Und es funktioniert bei den Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig vom Herkunftsland. Zudem habe ich grosse Freude am Unterrichten.
Saito Sensei, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.
Altdorf im April 2015, Magdalena Zurfluh