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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
60. Für den Vater bedeutet es ein Unrecht, dem Sohn Unkenntnis aufzuladen.
[S. 138] In welcher Weise soll man von dem Herrn der Herrlichkeit auch glauben, er besitze wegen des ungekannten Tages seiner Ankunft ein unausgeglichenes und unvollkommenes Wesen, das einerseits der Notwendigkeit des Kommens unterliegt und anderseits das Wissen um seine Ankunft nicht erlangt hat? In diesem Fall ist es eher angängig, Gott ein Nichtwissen zuzuschreiben, das es ihm nimmt, die Kraft zur Erkenntnis (dieses Tages) zu haben.
Wie wird vollends aber der Anlaß zur Falschgläubigkeit verdoppelt, wenn man, abgesehen von der Schwachheit Christi, auch Gott dem Vater einen Mangel aufbürdet, (diesen,) daß er den eingeborenen Gott und den Sohn seiner Liebe um die Kenntnis dieses Tages betrogen habe und ihm im Aufwallen von Böswilligkeit das Wissen um die kommende Vollendung geneidet habe, zumal er doch nicht gewollt hat, daß er über Tag und Stunde des Leidens in Unkenntnis sei! Den Tag seiner Kraft und die Stunde der Verherrlichung unter seinen Heiligen (zu wissen) soll er verweigert und die Erkenntnis der seligen Vollendung demjenigen entzogen haben, dem er das Vorherwissen des Todes zugedacht hat?
Das Erzittern des menschlichen Gewissens vermag das nicht zu tragen, diese Meinung über Gott sich anzumaßen und ihm die Verfehlungen menschlichen Wankelmutes zuzuschreiben, daß entweder der Vater dem Sohn etwas verweigere oder der geborene Sohn etwas nicht wisse.