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Rückblick auf eine Pioniertat
Während 9 Jahren, von 2002 bis 2011, regelte ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) die Arbeitsbedingungen der Musiklehrpersonen des Zürcher Konservatorium Klassik und Jazz. Im Gespräch erläutert Zentralvorstandsmitglied Markus Hochuli Hintergründe und Errungenschaften des Vertragswerks
Lucas Bennett: Was versteht man unter einem Gesamtarbeitsvertrag?
Markus Hochuli: Ein Gesamtarbeitsvertrag wird zwischen der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite ausgehandelt und definiert Aspekte der Arbeitsbedingungen, die auf gesetzlicher Ebene, also im Obligationenrecht, nicht oder ungenügend geregelt sind. Man stellt sich darunter gerne Verträge vor, die ganze Branchen verbindlich erfassen, was je nach Grösse der Arbeitgeberseite möglich ist. Es ist aber wichtig zu wissen, dass ein GAV auch im Kleinen, also beispielsweise innerhalb einer Musikschule ausgehandelt werden kann.
L.B.: Welche Voraussetzungen müssen für einen GAV gegeben sein, und wie können die Verhandlungen initiiert werden?
M. H.: Die betreffende Institution muss privatrechtlich organisiert sein, also zum Beispiel als Stiftung. Auf Seiten der Arbeitnehmenden ist eine unabhängige Organisation notwendig, dies ist meist eine Gewerkschaft, da diese das notwendige Wissen und die notwendige Unterstützung bieten kann, es würde aber theoretisch auch ein freiwilliger Lehrerkonvent genügen. Es können auch mehrere Organisationen bzw. Gewerkschaften zusammen die Träger des Vertrags sein. Es sollte mindestens die Hälfte der Arbeitnehmenden in einer oder mehreren dieser Gruppierungen organisiert sein. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, müssen zwingend Verhandlungen aufgenommen werden, wenn sie verlangt werden. Würde dies verweigert, hätten die Angestellten das Recht, in Streik zu treten.
L.B.: Was gab den Anstoss zur Ausarbeitung des Zürcher Gesamtarbeitsvertrages?
Der Prozess begann mit der Trennung von Zürcher Musikhochschule und Konservatorium. Diese Umstrukturierung machte neue Arbeitsverträge nötig. Die Leitung des Konservatoriums unterbreitete den Lehrpersonen damals einen Vorschlag, der von diesen als ungenügend erachtet und zurückgewiesen wurde. In darauffolgenden Gesprächen mit Sibylle Schuppli vom MusiklehreInnen-Verband (MuV, Anm. d. Red.) und Martha Gmünder, der damaligen Präsidentin der Sektion Zürich des SMPV, entstand die Idee, einen Gesamtarbeitsvertrag auszuarbeiten. Die eigentlichen Verhandlungen mit der Schule dauerten dann bis 2002. Neben der Unterstützung durch MuV und SMPV leistete der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD, Anm. d. Red.) mit Urs Loppacher, der zusammen mit François Thurneysen und mir an den Verhandlungen teilnahm, einen wichtigen Beitrag zum ganzen Prozess. 2002 trat der Gesamtarbeitsvertrag dann in Kraft.
L.B.: Welches sind aus deiner Sicht die bedeutendsten Fortschritte, die damals durch den GAV erzielt wurden?
M. H.: Zunächst sicher die Gewährung einer Pensengarantie, welche übrigens auf einem Vorschlag der Schulleitung beruhte und den Unterricht an der Hochschule miteinschloss sowie die Festlegung verbindlicher Fristen, ab wann ein vereinbartes Pensum gilt. Auch die Einführung eines Dienstaltersgeschenks für alle Lehrpersonen, der Anspruch auf eine Woche bezahlten Urlaub pro Jahr für Weiterbildung oder künstlerische Tätigkeit oder die Regelung des Stufenanstiegs waren wichtige Punkte. Zudem beinhaltete der Vertrag ein fortschrittliches Qualitätssicherungssystem, welches ohne Lehrerbeurteilungen auskam. Daneben brachte ganz allgemein die grundsätzliche Orientierung des Vertrags am öffentlichen Recht viele Verbesserungen.
L.B.: Mit der Zusammenführung von Konservatorium und Jugendmusikschule Zürich im Jahre 2011 wurden die Arbeitsverhältnisse ins öffentliche Recht überführt und der GAV trat ausser Kraft. Erlangte das Zürcher Pionierprojekt Vorbildcharakter in dem Sinne, dass andernorts Gesamtarbeitsverträge abgeschlossen wurden?
M.H. Nach Zürich führte das Konservatorium Winterthur einen Gesamtarbeitsvertrag ein. Abgesehen davon sind mir in der ganzen Schweiz keine entsprechenden Verträge bekannt, was mich eigentlich erstaunt. Denn es spricht vieles für Gesamtarbeitsverträge. Sie bieten eine rechtlich abgestützte Möglichkeit, auf vorhandene Mängel und Unzufriedenheit zu reagieren und auf den Arbeitsplatz bezogende Verbesserungen zu erzielen, wobei es gar nicht in erster Linie nur ums Geld gehen muss. Es können ganz unterschiedliche Bereiche erfasst werden. Ein Gesamtarbeitsvertrag muss auch nicht notwendigerweise aus einer als negativ empfundenen Situation hervorgehen. Es ist ja absolut denkbar, dass eine Schule ihre bestehenden Errungenschaften in einem Gesamtarbeitsvertrag festschreiben und damit gegen politisch bedingte Verschlechterungen absichern möchte. Zudem sind paritätisch besetzte Kommissionen ein geeignetes Instrument, um den konstruktiven Dialog an einer Schule zu initiieren und aufrechtzuerhalten. Auf der Seite der Lehrpersonen ist es sicher wichtig, dass sie sich für die Arbeitsbedingungen an ihrer Musikschule interessieren und auch möglichst alle am gleichen Strick ziehen.
-Für weitere Informationen und Beratung zum Thema Gesamtarbeitsverträge steht der Zentralvorstand gerne zur Verfügung.