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Bisher erschienen aus der Autobiografie von Miribal Ciséan:
Was bisher geschah:
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verschlägt es die junge Miribal Ciséan nach Paris in ein Kriegshospiz, wo sie einen schwer verletzten Soldaten pflegt. Als dieser stirbt, nimmt dessen Mutter Ophelia Catilleaux, die Besitzerin des Etablissements Scheherazade, Miribal zu sich. Sehr gerührt von Miribals aufopferungsvollen Arbeit bietet sie ihr eine Stelle als Assistentin an.
Der «Salon bleu» im Scheherazade ist einer jener Orte in Paris, wo Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik verkehren. Und es ist der Ort, an dem Miribal d’Aciel Arbogast kennenlernt. Durch ihn wird Miribal mit der Nienetwiler Kultur und dem daraus abstammenden Volk der Skandaj vertraut gemacht und beginnt, sich mit der Sprache der Skandaj, dem Alaju, zu beschäftigen. Ihre auch anderweitig breiten Sprachkenntnisse machen sie zu einer gefragten Dolmetscherin im Scheherazade, wo Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, auch Agenten. Die zunehmende Gefahr, die vom Deutschen Reich ausgeht, durchdringt alles, was in Paris passiert.
Als Ophelia nach einem Anschlag deutscher Agenten stirbt, tritt Miribal ihr Erbe an und übernimmt das Scheherazade – allerdings nicht für lange, denn die politischen Verhältnisse zwingen sie zur Schliessung.
Durch Vermittlung von d’Aciel Arbogast lernt sie Amot Nussquammer kennen und zieht mit ihm zusammen. Als sie 1940 schwanger wird, emigrieren die beiden zunächst zu d’Aciel in die Schweiz und kurz darauf nach Chicago.
Das Sein im Nichtsein
Das Jahr 1941 bescherte uns nicht nur unseren geliebten Sohn Amot junior, es bescherte uns auch Hoffnung und Angst, denn nach dem Wahlsieg von Roosevelt und dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour war der Krieg, der nun der Zweite Weltkrieg genannt wird, auch zu einem Krieg der USA geworden.
Mein Mann Amot arbeitete zu Hause und ordnete seine Unterlagen über die Nienetwiler Forschung, die uns aus der Schweiz nachgeschickt worden war, versuchte, über verschlungene und von Aciel eingefädelte diplomatische Wege Post mit ihm in der Schweiz auszutauschen, und ich kümmerte mich um unser Baby. Es war mein Glück, dass sich nicht nur unsere neuen Freunde von der Universität ab und zu blicken liessen, sondern sich vermehrt auch Besuch verschiedener Skandaj einfand, die in den USA oder Kanada lebten. Ich war mit meinem kleinen Baby haltlos überfordert und mein Mann, alle wissen es, ich liebte ihn, aber er war mir kaum eine Hilfe.
Unser Kind betrachtete er ab und zu, wie er wohl die Affen seiner ersten Frau beobachtet haben mag, und vom Führen eines Haushaltes verstand er etwa ebenso viel wie jene Affen. Aber dafür konnte er sich herzlich um mich und den «Junior» kümmern, organisierte Ausflüge und Besuch, und er liess Gärtner unseren Garten neu machen mit Schaukel und allem, was so ein amerikanischer Garten offensichtlich haben musste.
Im Dezember 1941 trat die USA offiziell in den Krieg ein und wir rutschten in ein neues Jahr und bangten darauf, dass das alles ein gutes Ende nehmen würde.
Wer sich für den Zweiten Weltkrieg interessiert, soll sich bitte ein Lexikon kaufen. Ich sehe es nicht als notwendig, hier das ganze Kriegsgeschehen zu kommentieren. Nicht dass wir nichts davon mitbekommen hätten, aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass sich alles nur um den Krieg gedreht hätte. Theater wurden aufgeführt und Filme gezeigt (immer mit den neuesten Kriegsberichterstattungen als Vorspann). Künstlerinnen und Künstler stellten ihre Werke aus und in Museen wurde mit den neuesten Ausstellungsobjekten geworben.
Natürlich war der Krieg allgegenwärtig, aber man fand auch Mittel und Wege, ihm ab und zu aus dem Weg zu gehen. Und, ich möchte das betonen, es gab in Chicago viele Leute, für die der Krieg Thema war, denn sie waren damit beschäftigt, zu überleben. Opfer der Wirtschaftskrise der 1920er-Jahre, die nicht von der zaghaften Erholung in den 1930ern profitieren konnten.
Das Jahr 1941 kam also und ging und das Jahr 1942 tat es ihm gleich.
1943. Unser Sohn konnte inzwischen gehen und sprechen – zu Amots gleichzeitigem Ärger und Vergnügen war sein erstes Wort ina (Alaju für Mutter) und nicht etwa ata (Alaju für Vater) oder gar Daddy, wie hier alle Väter genannt werden.
Aus meinem Tagebuch
«Montag, 17. Mai 1943: Mo [Kosename für Amot jun., Anm. d. Hrsg.] spielt gerade im Garten. Er sitzt nur da und murmelt etwas mit der kleinen Roteiche und lacht ab und zu, als hätte er einen Witz gehört. Ich muss auch lachen, denn ich kann mir lebhaft vorstellen, was das für ein Gespräch ist.
Amot ist ‹in der City›, wo er sich wegen seiner Schmerzen behandeln lässt. Manchmal vergesse ich, dass er schon dreiundachtzig ist, und dann schmerzt es mich umso mehr, wenn ich sehe, wie vieles für ihn immer schwerer wird. Wir haben eine Haushaltshilfe engagiert, die sich, wenn es ihm sehr schlecht geht, etwas um ihn kümmert. Es tut mir so leid, dass ich nicht ganz für ihn da sein kann, aber Mo nimmt mich so in Anspruch, dass mir einfach die Kraft fehlt, mich auch noch um Amot zu kümmern. Er lächelt das weg und sagt, dass alles gut sei. Ihm gehe es gut und ich solle mir keine Sorgen machen.
Und nun möchten die Leute von der Uni auch noch, dass ich für sie arbeite. Wie soll das gehen? Die wenigen Übersetzungsaufträge im letzten und in diesem Jahr gingen ja noch, aber jetzt soll ich regelmässig Texte übersetzen. Offenbar sind alle Übersetzer gerade in die Army eingezogen worden und es fehlen Leute, die wissenschaftliche Texte übersetzen können. Als ob ich eine Ahnung von Kybernetik hätte!
Andererseits. Andererseits …»
Als ich noch in Paris war (ach, Paris!) erzählte mir mein Vater, dass es einen Zustand der – wie er es nannte – «Verspieltheit» bei den Kindern gebe, der ganz ähnlich dem Wesen der Nienetwiler sei. «Es gibt einen Zustand des Seins im Nichtsein. Das Nichtsein meint nicht, dass man nicht existent wäre, es meint, dass man mit allem, was einen umgibt, verbunden ist, ohne etwas von allem zu wollen. So wie Nienetwil nicht nirgendwo, sondern überall ist. Man wartet nicht, man ersehnt nicht, man ist einfach. Und in diesem Sein ist man nicht, weil man eben keine Interaktion hat.
Plötzlich erkennen die Sinne einen Zusammenhang zwischen diesem und jenem und schon ergibt sich die Möglichkeit für eine Sammlung. Ihr mögt Fussball oder Schach ein Spiel nennen; für uns ist dieses je-ne-je [Alaju: Sein-Nicht-Sein, Anm. der Hrsg.] das Spiel. Nur dass wir es nicht so nennen.»
«Und wie immer, Eure Unklarheit, macht Ihr Nebel, wo Klarheit sein könnte!», lachte ich ihn an. «Ich verstehe nichts von dem, was du da erzählst. Was ist das? Tao? Buddhismus? Irgendein esoterischer Hokuspokus?»
«Was Esoterik? Du erstaunst mich, Miribal! Solche Schimpfwörter in meinem Haus!»
«Deiner dreckigen, unaufgeräumten Absteige meinst du wohl.»
«Dem Skandaj ist jedes Loch lieb, wenn es mit Lachen erfüllt wird!»
«Aha, soso. Und also was willst du mir nun erklären mit diesem Sein im Nichtsein?»
«Ach, Prinzessin. Du bist immer so hartnäckig!» Er schmunzelte und schenkte sich (mir nicht) noch Wein ein.
«Tao!», rief er lachend aus. «tao ist ein Alaju-Wort und bedeutet Punkt. Dieser Punkt ist aber ein Punkt, der nicht ist. In einem Sinnspruch, den sich, wie ich anmerken möchte, Laotze oder Jautze [Jautze sind chinesische Teigtaschen; Anm. der Hrsg.], wie ich ihn lieber nenne, ‹ausgeliehen› hat, heisst es:
Me’tscha·arra·medan·den·o’tao:
(Dreissig Speichen treffen den Punkt)
Od·den·hom·ar·den·ker:
(Das Nichts dazwischen macht das Rad.)
Es ist also etwas, das nicht ist, das das Sein ermöglicht. Eine Leere, deren Bestimmung von dem ausgeht, was rund um sie entsteht. So ist auch das Wort kukut zu verstehen, das fälschlicherweise oft mit ‹Spiel› übersetzt wird. Das Spiel ist keine Tätigkeit, es ist ein Zustand! Es ist das Sein im Nichtsein, und damit das Allessein. Klar so weit?»
Ich bin nicht sicher, ob ich den genauen Wortlaut wiedergegeben habe. Aber ich weiss, dass ich es mir sinngemäss sicher richtig gemerkt habe. Wenn ich meinen Sohn betrachte, wie er ganz allein im Garten spielt, dann kommen mir diese Worte wieder in den Sinn und ich denke mir, dass er, auch wenn er manchmal verloren und einsam aussieht, scheinbar doch mit allem ist. Er lächelt und plappert und ist ganz in seinem Spielen. Kukut, muss ich wohl sagen.
Kybernetik, Gesellschaft und
die Weisse Feder
Amot war nicht mehr der gesündeste, aber ich nahm trotzdem einige Aufträge von der Universität an. Es war spannend zu lesen, was diese Leute sich ausdachten, und es war eine Abwechslung zu meinem Alltag.
Ich vermisste das Scheherazade, und so veranstaltete ich bei uns kleine Treffen, zu denen ich allerlei verschiedene Leute einlud, die ich in meiner neuen Heimat kennengelernt hatte.
Es waren selten mehr als sechs oder acht. Sie hielten sich dann gegenseitig Vorträge, rezitierten Gedichte oder spielten ein Musikstück vor. Wunderbar war das, und meine beiden Amots waren jedes Mal glücklich.
Ich mache diese Treffen noch heute. Irgendwie ist es zu einer Art Tradition geworden.
Im Spätherbst 1943 hatte ich das Vergnügen, eine ganz und gar illustre Runde einladen zu dürfen. Es gaben sich die Ehre: Norbert Wiener, Mathematiker, Philosoph und einer der Mitbegründer der Kybernetik (nicht dass ich damals auch nur ansatzweise verstanden hätte, was Kybernetik ist, und nebenbei bemerkt glaube ich, dass er das sogar selber nicht wusste), der sich gerade für einige Tage in Chicago aufhielt; John von Neumann, Mathematiker und ebenfalls Begründer der Kybernetik (und ebenso ahnungslos, was die Kybernetik betraf); Abraham Maslow, ein Psychologe, der über die Bedürfnisse der Menschen und der Gesellschaft nachdachte und forschte; Nancy Montgomery, Künstlerin (glücklos, wie ich leider sagen muss, denn niemand kennt ihre Werke, die von zauberhafter Schönheit sind); Lars Onsager, ein Physiker, der ursprünglich aus Norwegen stammte (ein dicklicher, sehr ernster und distinguierter Herr – wie man so sagt –, der kaum sprach, aber wenn, dann kamen Worte von Bedeutung. Und dann war da noch ein junger Mann, John «White Feather» Goodfellow, ein «Halbblut», wie die «Indianer» hier abschätzig genannt wurden. Sein Grossvater war John «Whitecolt» Goodfellow, ein US-Marshall, der sich zeitlebens für die Ureinwohner Amerikas eingesetzt hatte und dann, wie hätte es anders kommen sollen, eine Ojibwe geheiratet hatte. John ist ein Mann von manchmal ungestümem, aber eigentlich sanftem Wesen, und wir sind uns bis heute sehr (sehr) nahe.
Der Abend war kurios, wunderlich, manchmal langweilig, dann wieder faszinierend und letztlich einfach verwirrend. Es ging, natürlich wegen des Kriegs, eine Diskussion los, wie denn eine «gute» Gesellschaft zu sein hätte. Nancy, eine ungemein hübsche junge Frau, die ich an einer Vernissage getroffen hatte und fand, dass sie an einem solchen Abend doch etwas Leichtigkeit in die tiefsinnigen und Whiskey-triefenden Gespräche der Herren bringen könnte, beflügelte die Gäste in ungeahnten Massen und ich ahnte, dass die Männer bald alle Probleme der Welt, einschliesslich der Beendigung des Krieges, lösen würden, nur um ihr ein Lächeln abzuringen.
Aber da hatten sie sich in ihr getäuscht. Nancy war nicht eines dieser Mädchen. Sie war eine schöne, ja bezaubernd schöne junge Frau in den Dreissigern. Aber sie war auch ausgesprochen klug. Ein abgeschlossenes Studium in Soziologie und gleich im Anschluss in Kunstgeschichte. Sie war, was man geringschätzig eine «Emanze» nannte, und sie wusste in politischen und gesellschaftlichen Fragen sehr gut Bescheid.
John (Goodfellow) hörte sich die Diskussion mit regungsloser Miene an, bis ihn Maslow fragte: «Und, Mr. Goodfellow, wie sehen Sie das?»
Der lächelte und sah mich mit einem Blick an, der sagte: «Rette mich!»
«Ich weiss nicht, Mr. Maslow. Ihre Diskussion scheint mir sehr spannend. Wie sollte eine Gesellschaft sein! Aber, und es tut mir leid, wenn ich das so sage, mir scheint das Gespräch doch sehr einseitig zu sein.
Sie sagen Worte wie ‹Zivilisation›, ‹Ordnung›, ‹gerechtes System›, ‹Sozialbedürfnis› oder ‹Selbstverwirklichung›. Das sind Worte, wie sie in letzter Zeit oft gesprochen werden. Gleichzeitig, und als hätte unser Land sonst nicht schon genug zu tun, werden Menschen, die einmal ein gutes und geordnetes Leben gehabt haben – und ich sage damit nicht, dass alles wirklich gut war –, noch immer wegen ihrer Herkunft diskriminiert.
Sie stellen Berechnungen auf, wie Ihr System funktionieren soll, doch Sie haben dabei nicht alle Parameter in die Gleichung genommen.
Schwarze Menschen werden immer noch wie Leute zweiter Klasse behandelt, wir amerikanischen Ureinwohner werden ‹Rothäute› genannt und in euren Filmen dargestellt, als wären wir zurückgebliebene, blutrünstige Idioten. Italiener, Polen und all die anderen, die früher, und heute erst recht, Europa verlassen, sind in diesem Land nichts als praktische und billige Arbeitskräfte, die so schnell ausgenommen werden wie Fische an einem warmen Tag.
Sie zerstören das Land, die Wälder und die Seen, und vor allem: Es gibt in diesem Land keinen Respekt vor irgendetwas.
Nennen Sie mich einen jungen, zornigen Indianer, aber Ihr ganzes Denken ist auf Ihre europäische Kultur bezogen. Es kommt kein Wort, wie das die Frauen sehen oder wir Ureinwohner oder die Flüchtlinge, die zu Abertausenden in dieses Land strömen. Was soll ich dann von Ihren Gedanken halten? Selbstverwirklichung? Für wen? Die weisse Oberschicht? Wenn Sie diese Welt besser machen wollen, müssen Sie zuerst Ihre Herkunft vergessen. Wenn Sie das System verbessern wollen, dann müssen Sie zuerst die Parameter kennen.
Der Mensch, und erst recht nicht die Menschen können als System betrachtet werden! Herr Neumann spricht – und ich will nicht verhehlen, dass ich das sehr spannend finde – von Berechnungen über Systeme und dem Wunsch, dass wir Maschinen bauen können, die diese Berechnungen für uns machen. Ich meinerseits würde denken, dass es schon ausreichen würde, alles, was auf dieser Welt ist, als Teil meiner Selbst zu begreifen.
Ich will es Ihnen an einem Beispiel aus meinem Leben erklären und sie in den Wald meiner Kindheit mitnehmen. Darin gab es einen Ameisenhaufen, der mir heute bis zu den Schultern reichen würde. Nun könnten Sie sicher den Ort bestimmen, die Art der Bäume rundherum und die klimatischen Verhältnisse.
Sie könnten die Ameisen zählen, die rauskommen und wieder reingehen, erfassen, was diese in den Bau tragen, und Sie könnten lange Statistiken erstellen, wie das alles funktioniert.
Sie könnten den Haufen mit Wärmebildsensoren, Röntgen oder anderen Maschinen durchleuchten und sehen, was sich in seinem Inneren abspielt.
Sie könnten einen Ihrer Computer nehmen und ihm sagen, er solle all diese Informationen in eine Simulation umwandeln.
Wenn der Computer es heute nicht schafft, dann schafft er es vielleicht in einigen Jahren.
Was aber wird dabei herauskommen? Werden Sie das System, in dem diese Ameisen leben, auch nur zu einem Bruchteil ergründet haben? Nein! Sie müssten noch detaillierter forschen, jede Kammer des Haufens durchleuchten und jede Ameise darin erfassen. Wohin gehen sie? Wann gehen sie? Wozu gehen sie? Was ereignet sich drinnen und draussen? Was und wie sind die Interaktionen der Ameisen miteinander?
Sie müssten noch einen grösseren Computer bauen, der das alles berechnen kann. Vielleicht würden Sie das schaffen. Nehmen wir an, wir haben einen Computer, der hunderttausend Ameisen-Informationen berechnen und eine Simulation erschaffen kann.
Hätten Sie dann etwas über das Wesen der Ameisen entdeckt? Natürlich nicht.
Die Gesellschaft der Ameisen besteht aus hunderttausend Individuen, längst nicht so komplex wie wir Menschen, aber dennoch Individuen. Sie tun, was sie tun, um zu überleben. Sie sind Teil eines grossen Ganzen und sie haben als Individuum nicht die intellektuelle Möglichkeit, nach einer «guten» Gesellschaft zu fragen, denn sie tun einfach das, wozu sie geboren wurden. Verkrüppelte Ameisen werden getötet, verletzte Ameisen werden getötet. Ameisen, die nicht ihre Aufgabe erfüllen, werden getötet. Das ist deren Gesellschaft. – Sie haben die wohl gute Absicht, eine Gesellschaft zu schaffen, die gerecht und gut ist.
Aber was soll das für eine Gesellschaft sein, und wer bestimmt, was gut und was nicht gut ist? Die christlichen Werte, die mit so viel Leidenschaft Blutvergiessen in die ganze Welt getragen haben? Ihre Aufklärung, die alle Ureinwohner als ungebildete Wilde abtat? Oder gar die Menschenrechte, die, wenn ich das so sagen darf, von Weissen aus der Oberschicht definiert wurden und nur gerade dann eingehalten werden, wenn es beliebt?
Es gibt meiner Ansicht nach kein gutes System. Sie werden mit dieser Idee scheitern, weil Sie einen der wichtigsten Parameter in Ihrer Gleichung vergessen haben: das Individuum Mensch. Hundert-tausend Menschen lassen sich in eine Gleichung packen – zwei jedoch nicht.
Ich hörte einen Wissenschaftler am Radio sagen, dass eines Tages der Mensch frei sein werde, weil er nicht mehr arbeiten müsse. Maschinen würden dann diese Arbeit übernehmen. Das hat mich sehr traurig gemacht, denn ich habe erkannt, dass ihr das, was ihr tut, nicht tun wollt. Dass ihr es tun müsst. Und weil ihr es nicht mehr tun wollt, wollt ihr es Maschinen machen lassen. Denn Maschinen sind für euch leblose, seelenlose Objekte. Ihr versteht nicht, dass die Maschine euch gleich beeinflusst wie ihr die Maschine.
Ihr habt weniger Zeit, weil ihr schneller unterwegs seid. Ihr seid schneller unterwegs, weil ihr Automobile und Flugzeuge habt. Also gebe ich die Frage zurück, Herr Maslow, denn ich halte es nicht für eine gute Frage.»
Einen kurzen Moment lang überschattete ein betretenes Schweigen die Runde. Dann lachte Onsager laut auf: «Wie recht der junge Mann doch hat! Wir haben tatsächlich nicht alle Parameter in Betracht gezogen!»
Und schon plapperten diese alten Herren wieder von Systemen, wie sie zu analysieren wären und ich weiss nicht mehr was.
John war etwas verblüfft über diese Reaktion, lächelte dann aber und nickte mir zu: «Ich gehe schnell in den Garten eine rauchen.»
Ich ging in die Küche, holte zwei Aschenbecher, tauschte den übervollen auf dem Tisch aus, stellte den vollen beiseite und ging, in der einen Hand ein Glas Wein und in der anderen den Aschenbecher, John voraus. «Folgen Sie mir, Mr. Goodfellow, ich begleite Sie gerne.»
Ich nickte dem bereits schläfrigen Amot zu und wir gingen hinaus.
«Ma’am, ich muss mich entschuldigen für vorhin.»
«Ach du meine Güte, hören Sie auf, mich Ma’am zu nennen, ich bin Miribal! Und Sie brauchen sich für gar nichts zu entschuldigen. Diese Herren sind allesamt Wissenschaftler. Die sind harte Diskussionen gewohnt.»
Er drehte sich eine Zigarette (er drehte sie sich selber!). «Machen Sie mir auch so eine?», fragte ich etwas schüchtern, denn ich war mir nicht sicher, ob ich das überhaupt wollte.
Er tat es mit einem Lächeln. «Dann lassen Sie uns gemeinsam den Rauch in den Himmel blasen, Miribal, und an eine ‹gute› Gesellschaft denken.»
«Ach wissen Sie, John, ich bin gerade in guter Gesellschaft. Lassen Sie uns einfach Rauch in den Himmel blasen.»
Das Nichtsein im Sein
Als ich begann, meine Geschichte aufzuschreiben, wusste ich eigentlich nicht recht, was ich wollte. Sicher, es war mir ein Bedürfnis, die Hintergründe der Nienetwiler Forschung und der Skandaj bekannt zu machen. Und ja, es war mir auch ein Bedürfnis, die Erkenntnisse, die ich durch die Skandaj und die Nienetwiler Forschung erlangte, ohne viel Aufhebens um die Wissenschaft zu erzählen. Ich wusste nicht, dass ich an einen Punkt gelangen würde, der persönlich wurde. Der von mir handelte. Aber so ist es nun, denn es hat, wie halt alles, auch mit allem zu tun!
Aus meinem Tagebuch:
«3. September 1943: Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben verliebt. Gewiss, ich liebe Amot, aber ich war nie verliebt in ihn. Aber in John. Und John in mich. Als wir vor zwei Tagen fröstelnd gemeinsam Rauch in den Himmel bliesen, war es bestimmt.
Doch ich bin gewiss nicht die Frau, die heimliche Affären anfängt! So hat mich Ophelia nicht erzogen. Also sagte ich es gestern Amot. ‹Das geht in Ordnung, mein Schatz. Mach dir keine Gedanken. Ich bin ein alter Mann und du eine junge Frau. Das Leben wartet auf dich, nicht auf mich!›
Oh, ich weiss nicht. Die Schamesröte steigt mir wieder ins Gesicht und ein Zorn, dass er so lieb war oder dass er schon abgeschlossen hat mit dem Leben. Mir rannen Tränen über die Wange und ich versuchte, mich dagegen zu wehren. Ich küsste ihn auf die Wange und rannte heulend weg. Das darf doch alles nicht wahr sein, das ist ja wie eine schlechte Dime Novel!»
John und ich trafen uns wieder. Mehrmals.
Meine Tochter Jennifer Marie (Marie war der Name meiner Mutter) kam am 14. Mai 1944 zur Welt.
Was es bedeutet, zwei Kinder grosszuziehen, nebenher zu arbeiten und den privaten und gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen, habe ich mir nicht ausdenken können, bis es so weit war. Die Jahre rasten über uns hinweg und so will auch ich sie überfliegen, denn ganz ehrlich, ausser Arbeit, Haushalt und Kinder war da nicht viel. Natürlich bin ich bei Amot geblieben. Das war mit ihm und mit John so abgesprochen. John war in der Politik so aktiv, wie man als «Indianer» in den 40ern überhaupt sein konnte.
Ich tat also, was es zu tun gab, und erfuhr, was es bedeutete, zu sein, ohne nicht zu sein.
Aber ich will nicht jammern, gewiss nicht. Ich liebe meine Kinder und tat es auch damals. Ebenso Amot und John. Ich organisierte, seltener zwar, aber immerhin, noch immer die Treffen in unserem Haus.
Die Jahre gingen so schnell dahin, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, aber sollte ich mich wieder erinnern, werde ich von den wichtigeren berichten. Mein Vater Aciel hat sowieso immer gesagt, dass eine chronologische Abfolge in einer Erzählung für einen Skandaj keinen Sinn ergebe.
Aber an das Jahr 1945 kann ich mich erinnern. Eine Woche vor Jennifers erstem Geburtstag kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Wir feierten einen Tag und eine Nacht durch, auch wenn wir wussten, dass der Krieg damit noch nicht zu Ende war. Im August warfen die amerikanischen Flieger Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab, von da an mochte ich Werner von Neumann einige Jahre nicht mehr sehen.
Ansonsten weiss ich nicht viel zu berichten. Ich schaue in diese Jahre und denke, «war da sonst gar nichts?».
John hatte zu tun und war hier und dort. Die grossen Erfolge, welche die «Indianerregimente» im Krieg erzielten, wurden allesamt mit den Sioux in Verbindung gebracht. Denen gab man einen Orden und schickte sie in die Reservate zurück. Ansonsten wussten die Amerikaner von den «Rothäuten» nicht viel mehr als das, was ihnen billige Westernfilme im Kino boten. Aber die meisten Leute ignorierten sie einfach.
Aber dann kam das Jahr 1951 und meinem Mann Amot ging es immer schlechter. Er war inzwischen einundneunzig! 1948 bereits zog er in ein Pflegeheim, denn ich konnte mich nicht mehr so um ihn kümmern, wie er es gebraucht hätte. Ich nannte ihn inzwischen «mein kleines verschrumpeltes Männchen». Aber er mochte so verschrumpelt sein wie eine verdorrte Zwetschge, sein süffisantes Lächeln mochte er nicht ablegen. «Schreib deinem Vater, dass ich noch lebe», sagte er und lächelte sein Lächeln, «das wird ihn wütend machen, den alten Spinner!» Doch Aciel war nicht wütend. Er schrieb mindestens alle zwei Monate und erkundigte sich nach ihm.
Mein Mann starb am 2. Januar 1952. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Seine Beerdigung fand erst drei Wochen später statt, da Leute aus der halben Welt dabei sein wollten. Skandaj hauptsächlich, allen voran mein Vater, der natürlich nicht fliegen wollte und mit dem Schiff kam. Er war inzwischen selbst schon einundachtzig Jahre alt, aber kaum ruhiger geworden. Dass er, zum ersten Mal in seinem Leben, in die USA reiste, kostete er hemmungslos aus und liess sich hofieren wie ein Pascha. Doch als wir uns am Hafen in die Arme nahmen, rannen uns beiden die Tränen übers Gesicht, und dass mein Vater weinte, das war nun wirklich etwas Besonderes.
«Ich habe dir etwas mitgebracht, Prinzessin», schniefte er und zeigte hinter sich, wo eine dunkelhäutige junge hübsche Frau mit einem kleinen Jungen stand. «Das ist mein Sohn Nomis, Miribal, und die bezaubernde junge Frau hat sich anerboten, ihn auf dieser Reise zu begleiten.»
Nomis war zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt und schaute mich so ernst an, dass ich erst nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Er hatte ein langes schmales Gesicht und eine etwas zu grosse Nase. Seine Augen waren ernst und wach, aber als er mich anlächelte, drang der ganze verflixte Schalk seines Vaters aus ihm heraus, dass mir die Beine weich wurden.
Noch als ich ihn umarmend im vom Schneematsch nassen Boden des Hafens kniete, brach eine ganze Meute Menschen über mich herein. Sie rissen uns auf die Beine, umarmten und küssten mich, drückten mir Geschenke in die Arme und strömten wie eine laut lachende und plappernde Flutwelle an uns vorbei zu den Taxiständen.
Und dann sah ich mir das Mädchen, das mit Nomis und Aciel gekommen war, noch einmal an, und schon wieder – verdammt … schon wieder wie Dime-Novel-Niveau! Doch wie kann ich das loswerden, bei alledem? – rannen mir die Tränen übers Gesicht. «Rosalie!», rief ich und sah, wie sie lächelte. «Sie meinen Rosalie, meine Mutter, Madame. Ich bin, äh Ophelia, ihre Tochter», sagte sie und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. Ich ignorierte ihre Hand und umarmte sie und will jetzt den ganzen Kitsch lassen, das ist ja schrecklich!
Am Abend, es war der Tag vor Amots Beerdigung, sassen die meisten von der aus dem Schiff gequollenen Menschenflut bei uns im Haus. Es war laut. Mo jauchzte immer wieder vor Freude und spielte mit Ophelia (Ophelia!) und seinem Cousin Nomis. Sagte ich schon, dass es laut war? Es war laut. Manchmal etwas weniger laut, dann wieder etwas mehr, und dann wirklich laut, bevor es einfach wieder laut wurde. Manche hatten Musikinstrumente dabei und spielten, als wäre es eine Hochzeit! Die meisten anderen aber plapperten einfach drauflos. Im Garten hatten sie, trotz der bitteren Kälte dieser Januarnacht und gut einem halben Meter Schnee, zwei Feuer gemacht, um die sie herumstanden. Ein Glück, dass unsere Nachbarn mich inzwischen gut kannten.
Mein Vater sass drin am Kamin mit John und redete mit ihm, über mich, wie unschwer zu erkennen war, denn beide schauten sie immer wieder durch die Leute hindurch zu mir und lächelten mich an.
Am Tag der Beerdigung fuhren wir alle in einem riesigen Tross schwarzer Wagen zum Oak Woods Cemetery. Mein Mann hatte die «Ehre», direkt hinter dem Mausoleum von einem der berühmtesten Mafiosi der 20er-Jahre, nämlich James Colosimo, genannt «Big Jim», beerdigt zu werden, was trotz des traurigen Anlasses an diesem Tag den einen oder anderen Lacher verursachte.
Die Beerdigung selber war, wie Beerdigungen immer sind: Man möchte woanders sein.
Am Abend, nach endlos langen Stunden des Essens und Trinkens, machten sich die Leute langsam auf den Weg. Sie drückten mir und Nomis Geschenke in die Hand, manchmal auch ein Couvert mit Geld, verabschiedeten sich und sickerten aus dem Haus, wie ein Traum am Morgen aus dem Gedächtnis rinnt.
Ophelia nahm Nomis, Jennifer und Mo mit ins Obergeschoss, wo die Kinderzimmer lagen, und brachte sie zu Bett.
John hatte sich im Wissen, dass ich mich noch mit Aciel unterhalten wollte, ebenfalls verabschiedet.
So blieben Aciel und ich allein zurück.
«Also», sagte ich, «reden wir.»
Und das taten wir. Ich kann und will hier nicht das ganze Gespräch wiedergeben, und werde das, wenn es passt, abschnittsweise an anderer Stelle tun.
Aus dem Tagebuch:
«Sonntag, 23. Februar 1952: Aciel ist mit Ophelia und den Kindern in den Park Schlittschuhlaufen gegangen. Ich traue ihm zu, dass er selber auch noch mitfährt.
Es ist still im Haus und ich bin allein. Erinnerungen treiben an die Oberfläche und vermischen sich mit den Bildern der Zukunft. Aber dafür ist morgen noch Zeit. Ich höre, dass die Leute, die mir beim Aufräumen helfen werden, schon in der Küche sind.»
Aciel, Ophelia und Nomis reisten vier Tage später ab, runter nach New York City und von da mit dem Schiff zurück.
Und damit genug von mir.
Travellers
Schon Ende der 40er-Jahre habe ich als Französisch-Englisch-Übersetzerin ab und zu den einen oder anderen Auftrag angenommen, nicht selten für Anwälte, die einen oder verschiedene Stämme der Ureinwohner Amerikas gegen die USA vertraten. Insbesondere dann, wenn sich diese nicht an die Landesgrenze Kanada–USA halten wollten. Nicht nur Cree oder Ojibwe hatten in beiden Ländern ihre Gebiete, und auch wenn sich diese im Lauf der Zeit an die Landesgrenzen anzupassen schienen: Mit dem Mut der Helden, den sie im Krieg bewiesen hatten und für den sie auch ausgezeichnet worden waren, nahmen sich manche das Recht heraus, auf «ihrem Land zu gehen, wohin sie wollten», und forderten dieses Recht auch ein.
Was ich nicht wusste und erst in den Staaten langsam begriff, war, dass in Kanada und dem nördlichen Teil der Vereinigten Staaten fast viertausend Skandaj lebten. Nur die wenigsten waren sesshaft. Die meisten von ihnen zogen wie schon seit Jahrtausenden dahin, wohin sie ziehen wollten. Sie wurden «Traveller» und «Gipsys» genannt, manche auch «Hobo» (eine Bezeichnung übrigens, die aus dem Alaju stammt und auf das Wort hoba zurückzuführen ist, welches wiederum zusammengesetzt ist aus hom «das Nichts / die Leere» und ba = «um etwas herum gehen/sein», also «das um die Leere sein». Es bedeutet Skandaj, die sich allein auf den Weg gemacht haben und oft die Kultur der Skandaj abgelegt hatten.)
Und die hatten hin und wieder Probleme. Na ja, wir wollen ehrlich sein, und als fast Aussenstehende fällt mir das vielleicht ein wenig leichter. Die Mentalität, dass alles auf der Welt auch allen auf der Welt gehörte, mochte die Zweifel an der Rechtmässigkeit von Gesetzen und Moral wohl ab und zu etwas aufgeweicht haben. Kurz gesagt: Manche Skandaj nahmen einfach mit, was sie brauchten. Natürlich wurden viele erwischt, und da, genau da, wurde mir dann ein Telegramm überbracht, in dem ich um Hilfe beim Übersetzen gebeten wurde.
Wie auch immer sich die Skandaj bewegten, eines war ihnen immer sicher: dass sie auf ein riesiges Netzwerk vertrauen konnten. Nicht nur unter Skandaj, sondern überhaupt. Ähnliches sah ich bei unseren jüdischen Bekannten und innerhalb der Staaten vielleicht noch bei Militärs der gleichen Truppengattung oder Politikern der gleichen Partei. Aber bei den Skandaj waren die Netzwerke viel breiter gefächert. Man kannte da einen, der das hatte oder jenes konnte oder der einen anderen, der helfen konnte, kannte – unabhängig von Stand oder Rang, Geschlecht oder Zugehörigkeit. Abertausende Jüdinnen und Juden, deren Urgrosseltern noch mit den Skandaj gezogen waren und die sich nun nach dem Krieg in den USA eine Existenz aufgebaut hatten, waren jederzeit zum Helfen bereit. Oder zum Handeln von Wissen oder Waren.
Bei den Stämmen der Ureinwohner war es ähnlich. Viele hatten seit Generationen Kontakte mit den Skandaj gepflegt, sei es durch freundschaftliche Bande oder durch gute Tauschgeschäfte. Bei den Ureinwohnern überall auf der Welt war es nicht anders.
Und dann war da das Telefon. Das Telefon löste das Telegramm ab, das die Informationsboten von davor abgelöst hatte. Man konnte schnell ein Treffen vereinbaren oder Informationen einholen. Das Netzwerk der Skandaj vergrösserte sich – nicht nur wegen ihrer Zuverlässigkeit als Freunde, sondern auch wegen ihres Wesens – fast exponentiell. Nicht dass jemals der Name Skandaj gefallen wäre! Dieser Name wurde tunlichst verschwiegen, so wie er seit Jahrtausenden verschwiegen wurde. Es war einfach dieser oder jener nette Kerl oder diese oder jene nette Dame, es waren die kleinen Leute, die «Unsichtbaren», wie sie bei manchen Ureinwohnern auf der ganzen Welt genannt wurden. Man war nett zu ihnen, und sie waren nett zu dir.
Wie viel Platz die Skandaj in Märchen und Überlieferungen einnahmen, begriff ich erst, als ich «The Story Tales» ins Französische übersetzte. In Indien, Afrika, Asien, Europa, gar Australien und Neuseeland, Süd-, Mittel- und Nordamerika war immer wieder von ihnen in den Überlieferungen, Geschichten und Märchen die Rede. Ich erkannte sie jeweils sofort. Zu eindeutig waren die Übereinstimmungen mit den Skandaj.
Aber ich komme ganz und gar vom Thema ab, nämlich meiner Tätigkeit als Übersetzerin. Es machte mir grosse Freude, zu übersetzen – und das tut es auch heute noch –, denn da übersetzte ich am einen Tag vor Gericht und am nächsten Tag an einer Konferenz über irgend so ein wissenschaftliches Thema wie Kybernetik. Ganz besonders freute ich mich jedoch, wenn ich Forschende bei ihren volkskundlichen Studien zur Seite stehen konnte. So kam es, dass mich im Frühjahr 1953 Amanda Fox (heute Frau Professor Amanda Fox) bat, mich mit Leuten bekannt zu machen, die etwas über Spiele zu sagen hatten.
Sie wollte eine Studie über die «Ur-Spiele» machen. Also Spiele, die auf die Zeit vor der Kolonialisierung, ja selbst vor der grossen Wanderbewegungen der Völker bekannt waren. Um es vorwegzunehmen: Sie scheiterte kläglich und forscht daran noch heute ohne nennenswerten Erfolg. Ein «Ur-Spiel», so fand sie heraus, lässt sich nicht feststellen, da Spiele unterschiedlichster Art autochthon, das heisst in einem Volk oder Stamm ohne Beeinflussung durch andere, entstehen und sich dennoch gleich sein können. Mein Hinweis darauf, dass eventuell die Wanderbewegungen und Kontakte der Skandaj hierzu ein Schlüssel sein könnten, liess sie nicht gelten, da es keine fundierten wissenschaftlichen Beweise zu den Skandaj gebe.
Wie dem auch sei, es ist hier vielleicht der richtige Moment, um etwas über Spiele bei den Skandaj zu erzählen. Die meisten zeichnen sich dadurch aus, dass es nicht darum geht, jemanden zu besiegen. Es ist mir jedenfalls kein solches Spiel bekannt. Auch gibt es keine Spiele, in denen jemand ausgeschlossen wäre, so wie dies heute der Fall ist, wo viele Spiele nur von Männern gespielt werden (oder gar gespielt werden dürfen!).
Ebenfalls ist ihnen zu eigen, dass es mehr darum geht, gemeinsam eine Lösung zu finden oder ein Problem zu meistern, als allein gegen einen oder andere zu siegen. Ganz besonders interessant finde ich jedoch den Begriff, den die Skandaj für diese Tätigkeiten haben. Sie nennen es «sujar», also «lassen Zeit» oder die Zeit lassen. Das meinen sie ganz wörtlich und ich habe Skandaj nicht selten drei, vier Tage an einem Spiel gesehen. Einen ganz besonderen Reiz übt das Spiel «mutakol» auf sie aus. Dabei geht es darum, dass jemand etwas Absurdes behauptet – zum Beispiel, dass dieser oder jener Fluss bergauf fliesst.
Als Erstes wird dieser oder jene die die Behauptung aufstellte, dann mit überaus witzigen und wortreichen Beleidigungen überhäuft, die sich aber langsam zu ebenso witzigen und wortreichen Lobpreisungen für diese Behauptung wandeln. Und dann geht es erst richtig los. Indem sie sehr gewitzt die Behauptung der Lächerlichkeit preisgeben, fangen sie an, Argumente ins Feld zu führen, die letztlich darauf hinführen, dass die Behauptung richtig ist.
«mutakol» wird von Kindern ebenso gespielt wie von Erwachsenen, nur dass bei letzteren teils grössere, ja kaum noch bezifferbare Mengen an Alkohol und Tabak vernichtet werden.
Heutzutage denke ich oft, dass dieses Spiel vielleicht wieder vermehrt auch bei den Nicht-Skandaj gespielt werden sollte.
Probieren Sie es aus!