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MÜTTER
Meine Großmutter hat mit siebzehn geheiratet. Zusammen mit meinem Großvater bekam sie vier Kinder, und irgendwann wanderten die beiden nach Altea aus, eine Küstenstadt in Spanien. Sie leben dort, so lange ich mich erinnern kann. Meine Mutter spricht selten von ihnen, aber ab und zu kommt eine Postkarte, an Weihnachten und Geburtstagen auch mal ein Paket, das wir dann von der Post abholen müssen. Die beiliegenden Karten sind mit der akkuraten Schreibschrift meiner Großmutter versehen, zu mehr alsHerzlichen Glückwunsch,Fröhliche Weihnachten oderFrohes Neues Jahr reicht es allerdings selten. Ich weiß, dass meine Großmutter malt und dass mein Großvater gern liest, aber das war’s auch schon. Als Teenager wollte ich sie unbedingt mal in Spanien besuchen, ein halbes Jahr lang lag ich meinen Eltern damit in den Ohren, aber sie ließen sich nicht erweichen, auch nicht, als ich ihnen vorschlug, selbst für den Flug zu bezahlen. Damals verstand ich nicht, dass meine Großeltern keinen Besuch wollten, nicht von mir, von keinem von uns. Sie haben viele Freunde, aber Kinder waren nie ihr Ding. Als ich klein war, habe ich meine Mutter mal gefragt, warum meine Großeltern Enkelkinder hatten, wenn sie ihnen vollkommen egal waren. »Aus dem gleichen Grund hab ich mich gefragt, warum sie überhaupt Kinder bekommen haben«, antwortete meine Mutter leise und dann, etwas lauter, meine Großeltern hätten einander, und das sei ihnen genug.
Meine andere Großmutter hatte sich immer Kinder gewünscht. Nach ihrer Hochzeit mit neunzehn malte sie sich aus, dass sie fünf kriegen würde. Die Fünf würden sich ein Zimmer teilen müssen, denn für ein größeres Haus fehlte das Geld, aber sie würden sich alle gut verstehen und eine glückliche Familie sein. In der oberen Etage schufen Oma und Opa ein zusätzliches Zimmer, indem sie im Wohnzimmer eine Wand einzogen, aber es stand viele Jahre lang leer – es kamen nämlich keine Kinder. Das leere Zimmer wurde zu einer Last, zur ständigen Erinnerung an Kinder, die nicht geboren wurden. Deshalb füllte meine Oma es mit Dingen, sie kaufte feines Geschirr für besondere Anlässe, das sie aber nie benutzte, Dekorationsgegenstände, die zu kostbar und zerbrechlich waren, um sie offen zu präsentieren. Das auf Hochglanz polierte Silber verstaute sie in einer Kommode, den Festtagsschmuck in sorgfältig beschrifteten Schachteln. An Weihnachten und Ostern, im Sommer und im Winter dekorierte sie sorgfältig das Haus, obwohl Opa und sie allein dort lebten. Im Sommer verreisten sie, fuhren mit dem Campingwagen quer durchs Land, tranken Kaffee aus Thermoskannen, posierten bei strahlendem Sonnenschein vor Schneewällen im Fjell, angelten – ohne Erfolg – und sonnten sich auf Campingplätzen, während um sie herum etliche Familien für die klangliche Untermalung des Urlaubs sorgten. Morgens wurden sie von spielenden Kindern geweckt. Oma stand auf und machte Kaffee, brachte Opa eine Tasse ans Bett, setzte sich anschließend vor den Wohnwagen und sah den Kindern aus den Nachbarwohnwagen bei deren Klatschspielen zu.
»Wir hätten es verdient, ein Kind zu bekommen«, sagte sie zu Opa.
»Ich weiß«, sagte er.
Die Jahre vergingen, und es kam kein Kind. Oma fand sich damit ab, dass sie niemals Mutter werden würde, da war nichts zu machen. Die zahlreichen Untersuchungen waren erniedrigend, die Ärzte konnten nichts finden. Bei manchen Frauen funktioniere es eben nicht, hieß es. Von den Nachbarskindern wurde Oma trotzdem heiß und innig geliebt. Die Tür zu dem Reihenhaus, in dem Opa und sie seit vielen Jahren lebten, stand jederzeit offen. In der Küche im Erdgeschoss tummelten sich ständig Kinder, die wussten, dass sie hier willkommen waren. Sie kamen auf einen Plausch, eine mit Sirup bestrichene Brotscheibe, ein Glas Wasser mit