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«L’aigle noir» von Barbara Songs und ihre Geschichten
Ihre poetischen Lieder erzählen ihr ganzes Leben: Mit ihrer schönen Stimme und eingängigen Melodien hat Barbara von der Verfolgung im Krieg, vom Missbrauch durch ihren Vater, ihren Krankheiten, aber auch von Liebe, Leidenschaft und Freundschaft gesungen.
Barbara, 1930 als Monique Serf in Paris geboren, geniesst in Frankreich den Status einer Legende. Zusammen mit Edith Piaf und Juliette Gréco gehört sie zu den grossen Chansonnières des 20. Jahrhunderts.
Während des Zweiten Weltkriegs musste sie mit ihrer jüdischen Familie -–ihr Vater war Elsässer, ihre Mutter Russin – vor der deutschen Besatzung fliehen und überlebte in einem Versteck in Südfrankreich. Nach dem Krieg, in Paris, lernte sie klassischen Gesang und Klavier. Mit 20 zog sie nach Brüssel, nannte sich Barbara (nach Varvara, ihrer geliebten Grossmutter), tingelte durch Bars, verliebte sich, heiratete, kehrte zurück nach Paris, liess sich scheiden.
Sie erhielt ein Engagement im Cabaret «L› Ecluse» und interpretierte Chansons von Jacques Brel, Léo Ferré und George Brassens. Doch erst als sie 1960 eigenen Lieder sang, wurde sie bekannter. Gefeierte Auftritte im Pariser «Bobino» und im «OIympia» brachten den Durchbruch und machten Barbara zum Star.
International berühmt wurde Barbara durch das Lied «Göttingen», entstanden 1964 nach einem Konzert in der gleichnamigen Stadt. Ein Plädoyer für die Völkerverständigung, das zur Hymne der deutsch-französischen Freundschaft werden sollte. In ihrem Chanson singt Barbara von den Brüdern Grimm, von den schönen Rosen, die in Göttingen blühen, von dem Wunsch nach einem neuen Miteinander:
«Mais les enfants ce sont les mêmes
à Paris ou à Göttingen».
Und sie wendet sich gegen den Hass, der die Welt zerstört:
«Ô faites que jamais ne revienne
le temps du sang et de la haine
car il y a des gens que j`àime
à Göttingen, à Göttingen».
Drei Jahre später sang sie das Lied auch auf deutsch.
«La dame en noir», wie Barbara aufgrund ihrer stets dunklen Kleidung genannt wurde, nutzte ihr persönliches Leben als Inspiration für ihre Songs. Sie könne nur schreiben, was sie erlebt habe, nichts erfinden, sagte sie in einem Interview: Erinnerungen an die Besatzung («Mon enfance»), der Tod ihres Vaters («Nantes»), traumatische Erfahrungen («Amours incestueuses», «L`aigle noir»).
Als ihr grosser Hit «L`aigle noir» im Sommer 1970 erschien, wusste man noch nichts von der eigentlichen Bedeutung des Textes. Manche sahen im «Schwarzen Adler» eine politische Botschaft, die Angst vor der Rückkehr des Nationalsozialismus. Andere deuteten das Lied als traumhaftes Delirium, als erotische Träumerei. Erst in ihren 1998 posthum veröffentlichten Memoiren «Il était un piano noir… Mémoires interrompus» sprach Barbara über den wahren Hintergrund der Geschichte. Plötzlich erscheinen die Zeilen in einem anderen Kontext:
Un beau jour, ou peut-être une nuit
Près d’un lac je m’étais endormie
Quand soudain, semblant crever le ciel
Et venant de nulle part
Surgit un aigle noir
Eines schönen Tages oder vielleicht auch eines Nachts
bin ich in der Nähe eines Sees eingeschlafen,
als plötzlich der Himmel aufzubrechen schien
und aus dem Nichts ein schwarzer Adler auftauchte.
Barbara erkennt im schwarzen Adler ihren Vater:
De son bec il a touché ma joue
Dans ma main il a glissé son cou
C’est alors que je l’ai reconnu
Surgissant du passé
Il m’était revenu
Mit seinem Schnabel berührte er meine Wange,
seinen Hals liess er in meine Hand gleiten.
In diesem Moment erkannte ich ihn wieder.
Aus der Vergangenheit wiederaufgetaucht, war er zu mir zurückgekehrt.
Barbara war zehneinhalb als der Vater sie zum ersten Mal missbrauchte. Es geschah während des Zweiten Weltkriegs, als sich die Familie versteckt hielt. Als sie ihn anzeigte, glaubte ihr niemand. Der Inzest dauerte Jahre. Trotz der Grausamkeit wünscht sie ihn sich als fürsorglichen Vater:
Dis l’oiseau, ô dis, emmène-moi
Retournons au pays d’autrefois
Comme avant, dans mes rêves d’enfant
Pour cueillir en tremblant
Des étoiles, des étoiles
Sag Vogel, oh bitte sag, dass du mich mitnimmst.
Lass uns in das Land der Vergangenheit zurückkehren.
Wie früher in meinen Kindheitsträumen,
um zitternd Stern für Stern vom Himmel zu pflücken.
Später erfuhr man, dass Barbara nie den vollständigen Text ihres Liedes gesungen hatte: Die Zeilen
«J’avais froid, il ne me restait rien,
l’oiseau m’avait laissée seule avec mon chagrin.»
«Mir war kalt, es blieb mir nichts.
Der Vogel hatte mich allein mit meinem Schmerz zurückgelassen.»
fehlten, sie waren ihr zu explizit. Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg von «L`aigle noir» leistete der Filmmusikkomponist Michel Colombier mit seiner üppigen Orchestrierung, die dem Repertoire von Barbara eine neue, symphonische Breite verlieh.
Zeit ihres Lebens arbeitete sie sich an ihrem Vater, der die Familie früh verliess und als Wohnungsloser starb, ab. 1974 unternahm sie einen Suizidversuch. In ihren Memoiren schrieb Barbara an ihren Vater: «Du kannst ruhig schlafen, ich komme damit klar, weil ich singe».
Inzestopfer treten an die Öffentlichkeit
Unter dem Hashtag #MeTooIncest veröffentlichen seit Wochen tausende Inzestopfer in Frankreich ihre Geschichte. Auslöser war ein im Januar erschienenes Buch, in dem die Juristin Camille Kouchner ihrem Stiefvater, dem bekannten Politikwissenschafter Olivier Duhamel, vorwirft, ihren Zwillingsbruder als Jugendlichen missbraucht zu haben. In dem Podcast «Ou peut-être une nuit» (benannt nach der Eröffnungszeile aus Barbaras «L`aigle noir»), erklärt die Journalistin Charlotte Pudlowski, es gebe eine ganze Bewegung, die darauf abziele, Missbrauch- und Inzest-Vorwürfe von Kindern als Manipulation kontrollsüchtiger Mütter darzustellen.
Am 24. November 1997 verstarb Barbara im Alter von 67 Jahren. 250 000 Menschen kamen zur Beerdigung, Tausende sangen ihr Chanson
«Dis, quand reviendras-tu?»
«Sag, wann kommst du wieder?».
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/