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Einst war Mbene Mwambene der erste afrikanische Student an der Hochschule der Künste in Bern. Heute ist er fester Bestandteil der freien Theaterszene.
Warum bist du ausgerechnet nach Bern gekommen? Diese Frage wurde dem Schriftsteller Vincent O. Carter in den Fünfzigerjahren immer wieder gestellt. Er selbst bezeichnete sich ironisch als den «ersten Schwarzen Berns».
Der malawisch-sambische Theaterschaffende Mbene Mwambene ist aktuell in einem auf Carters Roman «Das Bernbuch» beruhenden Stück von Bühnen Bern zu sehen. Er verleiht seine Stimme dabei den unterschiedlichsten Figuren: Carter selbst, Bünzlis und Hotelbesitzer.
Zum Fototermin trifft sich der Bärnerbär mit dem Darsteller auf der Kirchenfeldbrücke. Diese spielt im «Bernbuch» eine wichtige Rolle. «Vielleicht mochte ich sie so sehr, weil sie das Erste in der Stadt war, das mir ans Herz wuchs, weil ich sie so oft überqueren musste, wenn ich in die Stadt ging oder von der Stadt nach Hause kam, weil mir die Gesichter begegneten, die ich wiedererkannte und unter denen ich mich wohlfühlte, auch wenn sie mir fremd waren», schrieb Carter im Kapitel «Kirchenfeld».
Nähe zu Bern dank YB
Mwambene kam ähnlich wie Carter per Zufall nach Bern. «Ich kannte die Stadt nicht, aber den Fussballklub YB wegen des sambischen Spielers Emmanuel Mayuka» verrät er. Mwambene mag die Einfachheit und Langsamkeit der Stadt. «Langsam, aber effektiv», wie er nachschiebt. «Sie erinnert mich an Städte wie Chitipa in Malawi oder Mindolo in Sambia.»
In Deutschland hatte Mwambene bereits verschiedene Projekte als Theaterschaffender realisieren können, als er sich für ein Masterstudium an der Hochschule der Künste in Bern (HKB) bewarb und als erster afrikanischer Student im Bereich «Expanded Theater» aufgenommen wurde. «Das vielfältige Studium entsprach mir, weil ich mich nicht gerne einschränke und meinen Körper als Vehikel für alle möglichen Ausdrucksformen verstehe.» In Malawi hatte Mwambene Journalismus studiert und bei einem Radiosender gearbeitet. Sein Studium an der HKB konnte er dank verschiedener Stipendien und einem Crowdfunding finanzieren.
Mittlerweile ist er aus der freien Theaterszene nicht mehr wegzudenken, hat in zahlreichen Projekten als Regisseur und Schauspieler mitgewirkt. «Ich bin wohl im Fonduetopf steckengeblieben», witzelt er. Auch wenn seine Identität als schwarzer Mann in Europa sowie postkoloniale Themen in vielen seiner Stücke eine Rolle spielen – in eine Schublade stecken lassen möchte sich Mwambene nicht. «Ich will über diese Themen sprechen, aber nicht ausschliesslich.»
Einst bei den Zeugen Jehovas
Seinen Durchbruch hatte Mwambene mit seinem Solostück «The Story of the Tiger» (2011), eine Performance basierend auf einem Text des italienischen Mimen Dario Fo (1926-2016). In Dario Fos Gleichnis geht es um einen chinesischen Revolutionskämpfer, der «den Tiger hat», was im Chinesischen bedeutet, dass er niemals aufgibt. Nach einer schweren Verletzung wird er von einer Tigerin gesund gepflegt. Mwambene hat seine eigene Version daraus gemacht, gleichzeitig den Widerständigen und den Tiger dargestellt.
Für seine Masterarbeit an der Hochschule der Künste kreierte er «Whisper» (2018), ein Stück, in dem es um Verdrängtes und Ungesagtes geht, um Dinge, die in der Schweiz nicht laut gesagt werden, um die indirekten Verstrickungen in Kolonialismus und Sklaverei.
Wie hat der Kolonialismus Mwambene selbst geprägt? «Ich spreche Englisch und wurde christlich erzogen. Je mehr dein Akzent britisch oder amerikanisch ist, desto mehr wirst du in Malawi und Zambia respektiert, als gebildet wahrgenommen.»
In seinen frühen Zwanzigern begann er, die Religion zu hinterfragen. Während acht Jahren hatte er bei den in Afrika stark missionierenden Zeugen Jehovas mitgemacht. «Wir brauchen wohl alle etwas, woran wir glauben können, irgendeine Hoffnung.»
Das Theater habe ihm neue Welten eröffnet. Mwambene hat seine eigene Art von Spiritualität gefunden, die kirchlichen Institutionen hinter sich gelassen. «Ich glaube, die Kunst ist meine Religion geworden.»
Helen Lagger