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Seit Mitte November attackieren die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen aus dem Jemen immer wieder Schiffe im Roten Meer, die auf der Handelsroute durch den Suezkanal unterwegs sind und in Verbindung mit Israel stehen. Die Huthi fühlen sich der selbsternannten «Achse des Widerstands» zugehörig – ein vom Iran unterstütztes Netzwerk, das gegen Israel und den Westen gerichtet ist.
Die Angriffe der Miliz haben massive Auswirkungen auf den Handel zwischen Asien und Europa. Das über den Suezkanal abgewickelte Handelsvolumen sei laut dem UNO-Vertreter Jan Hoffmann in den vergangenen zwei Monaten um 42 Prozent gesunken.
Die Zahl der wöchentlich durch den Suezkanal fahrenden Containerschiffe habe um 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr abgenommen, sagte Hoffmann weiter. Der Öltransit sei um 18 Prozent gesunken.
Der Suezkanal ist eine für den Welthandel zentrale Handelsstrasse, die jährlich rund 20'000 Schiffe passieren. Die Alternative besteht darin, um die Südspitze Afrikas herumzufahren, was ein riesiger Umweg ist. Die Reise der Containerschiffe kann sich dadurch um ein bis zwei Wochen verzögern. Zudem entstehen durch die Alternativroute zusätzliche Treibstoffkosten in Höhe von Hunderttausenden Euro.
Aufgrund der Angriffe der Huthi-Rebellen sehen sich nun allerdings einige Reedereien dazu gezwungen, die Route durch den Suezkanal zu meiden, und sie nehmen den Umweg über Afrika in Kauf. Dadurch werden die Güter auf den Schiffen nicht rechtzeitig geliefert und es kommt zu Engpässen im Handel.
Pauschal lässt sich nicht sagen, welche Branche am meisten unter der aktuellen Situation im Suezkanal leidet, da über diese Handelsroute der Transport zahlreicher unterschiedlicher Güter erfolgt. Doch es gibt ein paar Branchen, die Alarm schlagen:
Die Autohersteller Tesla und Volvo haben angekündigt, die Produktion aufgrund der Einschränkungen in den Lieferketten für ein paar Tage zu unterbrechen. Volvo fehlt laut eigenen Angaben etwa das Getriebe, um weiter Autos produzieren zu können.
Auch der chinesische Autohersteller Geely hat bekannt gegeben, dass die alternative Handelsroute Verzögerungen bei Auslieferungen nach Europa zufolge hat.
Über die Seeroute werden ausserdem Rohöl und Flüssiggas (LNG) transportiert. Fünf Prozent der weltweiten Rohöltransporte über See gehen laut der Commerzbank-Rohstoffanalystin Thu Lan Nguyen durch den Suezkanal, wie sie der ARD-Finanzredaktion mitteilt. Das sei zwar «nicht irrelevant, aber auch nicht absolut essenziell».
Wichtiger als für Rohöl sei die Seeroute für den Gasmarkt, da Europa von Flüssiggasimporten abhängig sei, die unter anderem aus dem Mittleren Osten kommen. Es gebe laut Thu Lan Nguyen wenige Alternativen, weshalb die europäischen Gaspreise stärker reagiert hätten als die Rohölpreise.
Die Möbelketten Ikea, Mömax und XXXLutz informierten ihre Kunden ebenfalls über mögliche Engpässe. Neben klassischen Möbeln seien auch bestimmte Einzelteile und Fronten zeitweise nicht verfügbar.
Weitere Engpässe könnte es zum Beispiel bei Modeartikeln, Spielzeug und Haushaltswaren geben. Auch Bastelartikel wie Pinsel oder Leinwände könnten für einige Zeit schlechter verfügbar sein.
Ein weiterer Bereich, in dem Endkunden mit Engpässen rechnen müssen, ist die Elektronik. Das prognostiziert Handelsexperte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, Vincent Stamer, gegenüber der ARF-Finanzredaktion. Ganz allgemein erwarte er aber «keine Störungen wie vor zwei Jahren» – egal, in welcher Branche.
Das Problem sei eher, dass die Reedereien nun mehr Geld in die Hand nehmen müssten, da sie durch die längere Route deutlich höhere Kosten hätten. «Es geht um viel Geld. Das heisst aber nicht, dass das zwangsläufig in grossem Stil bei den Endkonsumenten ankommt», sagt Stamer.
Im Frühling 2021 sorgte der Containerfrachter «Ever Given» für eine fast einwöchige Blockade des Suezkanals. Hunderte Schiffe stauten sich an beiden Enden des Kanals, wodurch es weltweit zu Lieferverzögerungen kam.
Damals handelte es sich um eine plötzliche Blockade, die durch ein einzelnes Schiff verursacht wurde. Da die Blockade nicht vorhersehbar war, war es für die wartenden Schiffe aus Treibstoffgründen nicht möglich, den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen. Gleichzeitig wurde erwartet, dass sich die Blockade recht schnell wieder auflösen würde.
Die aktuelle Situation ist eine andere: Die Attacken der Huthi-Rebellen sind Teil eines grossen Konflikts und haben das Ziel, Druck auf Israel und die Welt auszuüben. Da die Angriffe schon seit November andauern, ist nicht absehbar, ab wann der Suezkanal wieder sicher befahrbar ist.
Zwar haben die USA und Grossbritannien in einer gemeinsamen Militäraktion Mitte Januar Ziele im Jemen angegriffen, um die Attacken der Huthi-Miliz auf die Schiffe im Suezkanal abzuwehren, doch ein Ende der Auseinandersetzungen ist derzeit nicht absehbar. Es wird unter anderem darauf ankommen, welche Massnahmen die westliche Staatengemeinschaft unter Führung der USA weiter gegen die Attacken unternehmen wird.
Allerdings können die betroffenen Firmen mit der neuen Route planen und sich anpassen, auch wenn das bedeutet, dass der Transport teurer wird und es zu Lieferverzögerungen kommt. Die Versorgung ist dieses Mal nicht komplett unterbrochen, wie es während der Pandemie der Fall war.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Haken, denn auch die Alternativroute um Afrika herum ist nicht ganz ungefährlich: «Gut möglich, dass die Piraterie vor der Küste Somalias wieder zunimmt, wenn sich die Handelsströme so stark verschieben», schätzt Ilja Bäumler, Logistik-Experte an der Hochschule Luzern, die Situation gegenüber der Luzerner Zeitung ein. Kurzfristig sei die Umleitung der richtige Schritt, doch auf Dauer sollten die Risiken nicht unterschätzt werden.
(hkl, mit Material der sda)
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