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Bis 1968 war das Marzili eine Insel – dann wurde der innere Flussarm zugeschüttet. Die Gaswerkareal-Planung
ist eine historische Chance, die Aare wieder durchs Marzilibad fliessen zu lassen.
Ein Plädoyer. Simon Jäggi
Der «Bueber», der Tümpel am unteren Ende des Marzilis, ist ein Stummel. Ein Stummel der Geschichte. Geht es so weiter, wird er bald verlanden und vielleicht verschwinden. Ich plädiere fürs Gegenteil: Die Geschichte wieder aufleben zu lassen – und den «Bueber» wieder zu dem zu machen, was er einmal war: ein Seitenarm der Aare, der durchs Marzili floss. Es ist nämlich fast schon in Vergessenheit geraten:
Das Marzili war einst eine Insel.
Noch bis 1968 zog sich der «Löifu» oder die innere Aare, wie der Seitenarm genannt wurde, durchs heutige Marzilibad. Sie zweigte kurz vor der Monbijoubrücke ab, führte entlang des heutigen Parkplatzes, floss zwischen Dampfzentrale und ehemaliger Ryff-Fabrik durch, weiter durchs Marzilibad, etwa dort, wo sich heute das Badi-Beizli befindet – und verband sich beim Männerbad mit dem Hauptarm. Die historische Siegfriedkarte dokumentiert den Flusslauf, wie er sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert präsentierte.
Um die ursprüngliche Situation zu eruieren, muss man in den Geschichtsbüchern noch einige Kapitel zurückblättern – erste Veränderungen des Flussbetts geschehen gegen Ende des 18. Jahrhunderts und dienen da bereits dem Badevergnügen. So wird aus dem Rinnsal, das mitten durch die Insel führt, Berns erstes Schwimmbecken. Der private Besitzer lässt die kleine Giesse an beiden Enden auffüllen – der «Füferweiher» (später «Chrotteweiher») soll sich grosser Beliebtheit erfreut haben, wie Peter Gygax in seinem Buch «Marzili» aus historischen Quellen zitiert. Seit 1838 offizieller Bade-Hotspot Auch die innere Aare ist schon im natürlichen Zustand ein beliebter Badeplatz: 1782 wird der Seitenarm hergerichtet und Abteile für Nichtschwimmer und Schwimmer erstellt. Die Gatter werden zwischenzeitlich wieder entfernt, weil sie die Schiff fahrt behindern. 1838 geschieht aber eine mentalitätsgeschichtliche Zäsur, die bis heute gültig ist: Der Badespass erhält endgültig Priorität gegenüber der gewerblichen Nutzung – in der inneren Aare wird das Holzflössen verboten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich mit der Industrialisierung auch das Marziliquartier rasend schnell – so erstellt die Stickerei Wiesmann & Ryff 1890 den ersten Teil des Backsteinhauses an der Sandrainstrasse 3. Und das heutige Marzili-Areal geht stückweise in den Besitz der Stadt über, welche die öffentlichen Badeanstalten ausbaut. Nachdem der gesamte Seitenarm lange Zeit als «Bubenseeli» bezeichnet wird, entstehen durch die verschiedenen Abteilungen neue Namen: Badeanstalt «Grosse Aare», Männerbadeanstalt («Bueber») und Frauenbadeanstalt («Mojer»). Der Wasserstand des Aarelaufs wird mit Rechen und Schleusen reguliert, die Becken werden teils betoniert und mit Ufermauern versehen. Die innere Aare bereitet den Behörden aber zusehends Sorge: Da ist etwa die Gewässerverschmutzung, die sich in den 1950er-Jahren zuspitzt und sich im Seitenkanal besonders auswirkt – sie verstärkt den Ruf nach Schwimmbassins mit Wasseraufbereitung. Und auch sonst ist der «Löifu» aufwendig im Unterhalt, etwa weil Ufermauern unterspült werden. Um Platz für die neuen Schwimmbecken und Liegewiesen zu gewinnen, wird der Lauf im Zuge der letzten grossen Sanierung schliesslich zugeschüttet. Das Marzilibad erhält seine vier Schwimmbecken, planierte Liegewiesen, Wege mit Zementplatten. 1971 zeigt es bei der Eröffnung sein Antlitz, das wir heute noch kennen. Höchste Zeit für Visionen Heute, über vierzig Jahre danach, ist es Zeit, die historischen Pläne wieder hervorzunehmen. In der unmittelbaren Nachbarschaft des Marzilibads wird im nächsten Jahrzehnt viel geschehen – auf dem Gaswerkareal werden die Bagger und Kräne auffahren. Wohnüberbauungen werden entstehen, vielleicht ein Hallenbad. Jetzt ist der Zeitpunkt, um sich auch Gedanken übers Marzili zu machen. Jetzt ist der richtige Moment, um diese Vision aufs Tapet zu bringen – und wohl die letzte Chance:
Stellen wir den ursprünglichen Zustand wieder her!
Lassen wir die Aare wieder durchs Marzili fliessen! Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich meine nicht den «Löifu», wie er sich im 20. Jahrhundert präsentiert hat – kanalisiert und zubetoniert. Ich meine einen renaturierten Seitenarm, ein Bach mit einigen Becken und schnelleren Abschnitten, mit grossen Steinen und kleinen Kiesbänken, mit Weiden und Wasserpfl anzen. So wie der «Löifu» vielleicht vor dreihundert Jahren bei niedrigem Wasserstand aussah. Unrealistisch? Vielleicht. Aber man bedenke auch Folgendes: Noch wäre der Platz für die Wiederherstellung vorhanden. Bei der Abzweigung unter der Monbijoubrücke gingen wohl Parkplätze verloren, im Marzili freilich Liegefläche. Aber es gäbe auch Möglichkeiten, Fläche zu gewinnen: etwa, wenn man eines der beiden Nichtschwimmerbecken aufheben würde. Sense-Feeling in der Stadt Teuer? Bestimmt. Aber buddeln wird man ohnehin, zumindest beim Gaswerkareal, wo der Boden saniert werden muss. Dagegen ist einer der Hauptgründe, dass der Seitenarm weichen musste, kein Problem mehr: die Gewässerverschmutzung. Stattdessen ist man allerorts bemüht, den Flüssen ihr natürliches Bett zurückzugeben – doch das ist meistens nicht mehr möglich. Und das Marzilibad? Wäre enorm aufgewertet. Man stelle sich an einem Sonntag an den Krebsbach bei der Elfenau, um sich vorzustellen, wie es im Marzili dereinst aussehen könnte: Kinder planschen im knietiefen Wasser, der Grossvater hält die Füsse ins kühle Nass und beobachtet die Elritzen, Bachstelzen jagen Köcherfliegen, Libellen fliegen aus dem Schilfgürtel. Ein kleiner Flecken Natur – mitten in der Stadt. Sense-Feeling unter dem Bundeshaus.
Gemeindrat prüft die Wiederherstellung des Marzili-Seitenarms
Das Plädoyer für die Renaturierung des Marzilis löste einiges aus, nachdem es im September im «Bund» erschienen war. Der grünliberale Stadtrat Claude Grosjean nahm die Idee auf und gab zusammen mit Parlamentariern von SP, GFL und EVP einen Vorstoss ein, in dem er die Stadtregierung aufforderte, die Wiederherstellung des «Löifu» in die laufende Gaswerkarealplanung zu integrieren. Das Gaswerkareal schliesst sich auf Höhe der Dampfzentrale unmittelbar ans Marzili an.
Am 15. November debattierte der Stadtrat über den Marzili-Seitenarm – die Idee stiess von links bis rechts auf Wohlwollen. Zu diskutierten gab aber vor allem die Vorgehensweise: Eine Mehrheit des Stadtrates war dagegen, den Gemeinderat jetzt schon zu verpflichten, die Wiederherstellung des Seiten-Arms planen zu müssen. Lieber will das Parlament eine landschaftsarchitektonische Studie abwarten, welche ab nächstem Jahr erarbeitet wird – diese wird sich auch mit der Renaturierung des Marzilis befassen. Die Motion wurde daher vom Parlament in ein unverbindliches Postulat umgewandelt.
Der Raum Marzili/Gaswerkareal steht
ohnehin vor grossen Veränderungen.
So möchte der Gemeinderat hier die grosse Schwimmhalle bauen, die seit Jahrzehnten geplant ist – der Mangel an gedeckter Schwimmfläche wird in der Bundesstadt immer virulenter. Die Regierung hat zwei Standorte im Visier: Auf der Industriebrache im Gaswerkareal oder beim Eingangsbereich des Marzilis. Derweil läuft auch die Gaswerkareal-Planung auf Hochtouren, eine Arbeitsgruppe unter der Führung des Bauunternehmens Losinger (vertreten durch den grünen Nationalrat Alec von Graffenried) will schon im nächsten Jahr Ergebnisse präsentieren. (jäg)
Diese Artikel von Simon Jäggi sind bereits im Bund erschienen, doch fanden wir, dass diese Artikel von unserem "Nachbarn Marzili" ganz gut in den Mattegucker passt. Merci Simon für dein Engagement und mercvi für das zur Verfügung stellen des Artikels.