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Frühling 2004
Immer wieder fragen Kunden und Freunde unserer Firma, woher der Name Settelen stamme. Auswärtige sind oft erstaunt, dass es sich nicht um einen Fantasienamen, sondern um einen realen Familiennamen handelt.
In der heutigen Schreibweise taucht er erstmals nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) im Elsass auf. Im süddeutschen Raum trifft man häufig auf die Familiennamen Sättele, seltener auf Settele oder Settelin - die Verkleinerungsform von Sattel. Unser Name ist dort unbekannt. Es ist durchaus plausibel, dass sich damals Angehörige eines solchen Geschlechtes im gebrandschatzten und weitgehend entvölkerten Oberelsass niederlassen. Im 18. Jahrhundert treffen wir die «Settelen» häufig im Dreieck Wittenheim, Guebwiller und Thann an. Meist sind sie Bauern oder Schmiede, also selbstständige Unternehmer.
Gründervater der Basler Settelen-Familien ist Franz Anton Settelen (1819-1878), Sohn des Hans Adam Settelen-Tischmacher (*1779), Hufschmied in Wittenheim. Letzterer erleidet bei der Belagerung von Hüningen 1813/14 eine Schussverletzung, von der er sich nie richtig erholt. Er heiratet spät und stirbt 1828. Der damals neunjährige Franz Anton und seine vier unmündigen Geschwister werden mehr schlecht als recht von ihrer Mutter über die Runden gebracht. In einem Nachbardorf kann «Toni» eine Schneiderlehre machen. In den anschliessenden Wanderjahren durchzieht er ganz Frankreich und perfektioniert sein Handwerk vor allem in Paris. 1847 lässt er sich in Basel nieder - mit wenig mehr als seiner Zuschneider-Schere im Gepäck. Er schafft sich in der rasant wachsenden Stadt schnell einen zufriedenen Kundenkreis. Dies ermöglicht ihm, bereits 1851 Franziska Theresia Settelen (*1832) zu heiraten. Die Tochter des Schmiedemeisters Ignaz Settelen (1793-1847) und der Anne Marie Thomas (1806-1866) wächst in einem günstigen wirtschaftlichen und geistigen Umfeld in Guebwiller auf. Ihr wird eine weiterführende Schulbildung in Colmar und Epinal ermöglicht; eine gute Voraussetzung, um ihrem Gatten bei der Führung des Betriebes tatkräftig an die Hand zu gehen.
Bereits 1854 kauft das junge Ehepaar die Liegenschaft Freie Strasse 13 «zum Hermelin». Als das Gebäude für den rasch wachsenden Betrieb 1871 zu klein wird, verkaufen sie es und erwerben das wesentlich modernere Haus Freie Strasse 17 «zur kleinen Sonne» vom Sattlermeister Johann Langmesser. Auf der 611 m2 grossen Parzelle, die über einen Sodbrunnen verfügt, stehen vierstöckige, unterkellerte Steingebäude mit einem Laden und einem weiteren Verkaufsraum gegen die Strasse.
Franziska schenkt zwischen 1852 und 1867 zehn Kindern das Leben, drei Knaben sterben im frühen Kindesalter, die verbleibenden sechs Buben und das einzige Mädchen wachsen alle zu erfolgreichen und allseitig geschätzten Bürgern heran. Die Mehrfachbelastung durch Geschäft, Familie sowie Kost- und Schlafgängerei (Kost und Logis für die ledigen Mitarbeiter) ist Franziskas Gesundheit abträglich. Zu ihrer Entlastung nimmt sie ihre 1847 verwitwete Mutter auf und überlässt ihr weitgehend die Führung des Haushaltes und die Erziehung der Kinder. Nur 44-jährig, verstirbt Franziska Settelen am 30. Dezember 1876. Ihr Ehemann Franz Anton, der sich wegen des frühen Todes seiner Ehefrau schwerste Vorwürfe macht und apathisch wird, folgt ihr am 10. Januar 1878 58-jährig ins Grab.
Vier der sieben Kinder sind noch minderjährig, die Tochter Emma (1856-1917) führt nun den Haushalt für ihre jüngeren Brüder bis zu ihrer Heirat 1880. Die «Blätter und Blüten aus meiner Jugendzeit» der späteren Emma Imhoff-Settelen sowie der Briefwechsel zwischen dem Medizinstudenten Ernst Rippmann - einem Freund der Familie - und seinem Vater, dem Arzt Christian Rippmann, Rotenfluh, zeichnen ein klares Bild der Familie; der Vater, sehr zielstrebig und eher einsilbig, die Mutter konsequent, aber herzensgut und verzeihend. Über die Produktionsabläufe, die Grösse der Belegschaft oder gar die Zahl der Kostgänger ist nichts Konkretes überliefert.
Wie erfolgreich Franziska und Franz Anton in ihrer 25-jährigen beruflichen Tätigkeit sind, zeigt der Erbvertrag vom 18. März 1878: Nach Abzug der Schulden und fälligen Erbschaftssteuer beträgt die Erbmasse 385 200 Goldfranken; ein Riesenvermögen, wenn man bedenkt, dass die Stundenlöhne für Arbeiter damals bei 20 bis 25 Rappen liegen! Das «Waarenlager» mit einem Wert von Fr. 79 179.90 ist ein Hinweis, dass den Kunden eine reiche Auswahl an modischen Stoffen und Konfektions- oder Masskonfektionsanzügen zur Verfügung stehen. Letztere werden in den stilleren Zeiten vorgefertigt.
Schneider gibt es damals in jedem Dorf oder Quartier, denn die industrielle Fertigung von Kleidern existiert noch nicht. Die amerikanische «Singer»-Zweifaden-Nähmaschine, die dies ermöglicht, drängt erst in den 1870er-Jahren auf den Markt. Die Dorfschneider verfügen nur über eine sehr beschränkte Stoffauswahl und auch modisch dürften sie nicht immer auf dem neusten Stand sein. Der Erbvertrag beziffert den Kellervorrat - Nahrungsmittel und Wein - mit Fr. 3 170.85, ein Hinweis, dass hier deutlich mehr als nur eine neunköpfige Familie zu versorgen ist.
Franz Anton Settelen verdankt seinen Erfolg nicht nur seinen Fähigkeiten als Massschneider. Mit seinem grossen Sortiment an Herrenanzügen zeigt er auch die kommende Entwicklung zum Herrenkonfektionshaus auf. Die Lage seines Geschäfts im Stadtzentrum ist zudem für auswärtige Kunden attraktiv.
Die Schneiderei wird durch die Söhne Victor (1853-1933) und Julius (1857-1907), den späteren Gründer unserer Firma, gemeinsam weitergeführt, ab 1883 von Victor alleine. Ihm folgt sein Sohn Victor Settelen-Nussbaum (1883-1970). In der vierten Generation führt der heute 87-jährige Urenkel des Gründers, Peter Settelen, das traditionelle Familienunternehmen weiter, zuletzt am Fischmarkt 1. Leider ist er dem ständig wachsenden Preisdruck der Konfektionsindustrie nicht mehr gewachsen und liquidiert 1961 den Betrieb. Damit endet die 110-jährige Firmengeschichte von Basels erster Adresse für Herrenmassanzüge!
Die Porträts des jungen Ehepaares wurden 1853/54 vom in Basel gut bekannten Porträtisten Johann Bucher gemalt.
Der Briefwechsel wurde der Redaktion freundlicherweise von PD Dr. med. Ernst Rippmann, Basel, zur Verfügung gestellt.