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Der Rundturm von Geristein (Bolligen BE): ein frühes Bollwerk oder ein Zierturm
Startseite: www.dillum.ch
Über weitere Burgen im Kanton Bern vgl.: http://www.dillum.ch/html/dillum_burgen_artikel_be_so_vd_fr.htm
Vergleiche auch: Burgen rund um Bern
Über die Figur des Elefanten von Geristein vgl.: Der Elefant von Geristein
Geristein wird auch mehrmals in dem folgenden Buch des Autors erwähnt:
Die Ursprünge Berns. Eine historische Heimatkunde Berns und des Bernbiets. Mit besonderer Berücksichtigung der Burgen und mit einem autobiographischen Anhang (2013).
Geristein: Detail des Rundturms. Sicht von Nordosten.
Foto: Autor, 17.6.2013
Man beachte die von der Renovation in den 1970er Jahren stammenden unpassenden Anfügungen, nämlich die Blöcke oben rechts und der Mauersockel unten links.
Geristein: Detailansicht des Rundturms mit seinen charakteristischen Buckelquadern
Foto: Autor, 1997
Wie schon auf den Bildern von Kauw, Lory und Wagner, so wächst auch heute auf der höchsten Stelle des Turmstumpfs ein Bäumchen.
Geristein: Detail der Basis des Rundturms
Foto: Autor, 10.6.2016
Geristein: Ansicht des Rundturms in einer Aufnahme von 1941
aus: Die Burgen und Schlösser der Schweiz. Die Burgen und Schlösser des Kantons Bern; Lieferung 10a: Mittelland, Emmental, Oberaargau, Teil 1, Basel 1942, S. 85
Geristein: Der Rundturm in einer Aufnahme vom beginnenden 20. Jahrhundert
Man beachte die damals noch größere Höhe des Turmstumpfs und die heute nicht mehr vorhandene Annehmlichkeit einer Sitzbank auf dem Plateau.
Geristein: Die offenbar älteste Photographie des Turms von Geristein, datiert 1875
Man beachte die damalige Höhe des Turmstumpfs, die nicht viel weniger hoch erscheint als bei Lory, fünfzig Jahre früher.
Die auf der Innenseite des Turms sichtbare, rundbogig abgeschlossene Mauernische wurde bei der Renovation in den 1970er Jahren zugemacht.
Geristein: Plan von 1911
Der scheinbar sehr exakte Plan der Burgstelle von 1911 mutet aus heutiger Warte skurill an: Er zeigt Mauerzüge, die auch vor hundert Jahren kaum bestanden haben.
aus: Die Burgen und Schlösser der Schweiz. Die Burgen und Schlösser des Kantons Bern; Lieferung 10a: Mittelland, Emmental, Oberaargau, Teil 1, Basel 1942
Geristein: Blick auf den südlichen Halsgraben
Foto: 8.2012
Die Inschrift von J.R. Wyss findet sich auf der hellen Felsfläche rechts.
Der Abend zu Geristein von J.R. Wyss als Anlaß zur Neubetrachtung von Geristein
Die vom Autor neu herausgegebene Novelle von Johann Rudolf Wyss dem Jüngeren Der Abend zu Geristein von 1825 (zusammen mit der Dichtung Der Ritter von Ägerten von 1814) gab Anlaß, sich von neuem mit Geristein, jenem sagenumwobenen und faszinierenden Ort ca. 7 km nordöstlich von Bern zu befassen.
Geristein: Überall einsam, doch nirgends verlassen
Foto von 2012
Inschrift an der äußeren Felswand des südlichen Halsgrabens von Geristein (vgl. Abbildung oben). - Es ist dies ein Zitat aus J.R. Wyss: Der Abend zu Gerenstein (1825)
Bei der Herausgabe der Novelle wurde auch die an der äußeren Wand des südlichen Halsgrabens von Geristein sichtbare Inschrift (siehe Abbildung) interessant: Diese wurde zweifellos von Wyss veranlaßt, stellt ein Zitat aus seiner Erzählung dar.
Geristein: Jahrzahl am Fuß der östlichen Felswand unterhalb des Rundturms
Foto: Autor, 17.6.2013
Die Jahrzahl ist deutlich als I744, nicht als 1744 zu lesen.
Der Rundturm von Geristein
Die Burg Geristein ist in der Gehrung eines spitzwinkligen Sandsteingrats angelegt, wobei zwei künstlich ausgebrochene Gräben den Platz abgetrennt haben. – Der Einschnitt nach Osten ist teilweise natürlich, aber künstlich vergrößert. - Der Graben gegen Süden ist gänzlich aus dem Felsen gehauen.
Die Ruine besteht aus den Resten eines Rundturms und einem Stück einer daran anliegenden Umfassungsmauer. Einige Mauerspuren im Süden und Westen sind auszumachen.
Vom Rundturm ist heute noch ein beachtlicher Stumpf auf der Ost-Seite erhalten. - Alte Abbildungen und Fotos zeigen, wie der Turm kontinuierlich durch den Zahn der Zeit und die vielen Begehungen abgetragen wurde.
Der Burgenmaler Albrecht Kauw schuf das älteste Bild von Geristein, es zeigt einen noch bis zur Krone erhaltenen Turm, der aber schon ruinös war und aus welchem schon Vegetation sproß. - Angeblich soll das schlichte Aquarell "1659" entstanden sein. Aber Kauw gehört in die Zeit nach 1760, wie der Autor in einer kunstgeschichtlichen Analyse nachweist.
Kauws Bild zeigt als Eigentümlichkeit des Turms eine pultartig abgetreppte Mauerkrone mit durchlöcherten Zinnen.
Die erdichtete Geschichte der Burg kann man glatt vergessen: Es hätte ein "Geschlecht derer von Geristein" gegeben. Und die Berner hätten die Burg „1298" zerstört. – Wie kommt man zu dieser Behauptung einer absurd frühen Zeit? – Ganz einfach deshalb, weil der Chronist „Justinger" das so erwähnt.
Doch "Justinger" ist ein historiographischer Gallimathias. Er wurde im 18. Jahrhundert - etwa gegen 1750/60 - vom Historiographen Michael Stettler verfaßt, wie ich in meinem Buch Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik und die Rolle Berns (213) nachweise.
Die Burg muß viel jünger sein. Drei bauliche Eigentümlichkeiten beweisen dies.
1) Der Rundturm von Geristein hat sehr dicke Mauern, mit 3.3 Metern an der Basis.
2) Der Turm wurde in Sandstein als Baumaterial gefügt. - Der weiche Sandstein wurde vorher nicht gebraucht.
3) Die Quader sind gegen außen mit Buckeln (Bossen) versehen. - Die Bossierung war eine neue Art der Steinbearbeitung, von der Gotik entwickelt.
Diese Eigenschaften sprechen für eine späte Entstehungszeit des Turms. Es muß die beginnende Zeit der Feuerwaffen gewesen sein. - Vor dem Beginn des zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts - etwa in den 1740er Jahren - ist das nach der neuen Chronologie unvorstellbar.
Ein breiterer baugeschichtlicher Vergleich ergibt noch mehr: Der Rundturm von Geristein war keine Burg im klassischen Sinne, sondern ein Bollwerk, genauer gesagt ein Artilleriebau. - Für diese typologische Einordnung gibt es in ganz Europa Vergleiche (vgl. die untenstehenden Abbildungen von Lichtenstein D).
Merkwürdig beim Rundturm von Geristein ist auch das völlige Fehlen von Fenstern, Schießscharten oder einem Eingang. Auch auf den alten Abbildungen von Kauw und Lory ist nichts Derartiges zu erkennen.
Diese Merkwürdigkeiten führen zu folgendem Schluß:
Der Rundturm von Geristein hatte keine besondere Funktion: Er wurde um seiner selbst willen erbaut.
Türme ohne Zweck sind in der Renaissance häufig. Man vergleiche als anderes Beispiel den Turm der Seeburg in Luzern.
Der Artilleriebau von Lichtenstein bei Ebern in Unterfranken
Angeblich "1455" = gegen 1750 anzusetzen.
aus: Joachim Zeune: Burgen; Regensburg 1996, S. 104
Die Burg Lichtenstein bei Ebern in Unterfranken
Bild: Internet
Wurde die Burg Geristein 1744 errichtet?
Dann beschäftigt sich der Autor von neuem mit der Jahrzahl, die am östlichen Fuß des Rundturms an der Felswand eingemeißelt ist. Die Zahl liest sich nicht als 1744, sondern als I744. - Jahrzahlen mit vorangestelltem großem oder kleinem J oder I kamen in alten Zeiten häufig vor.
Obwohl 1744 die Anno Domini-Jahrzahlen mit vier arabischen Zahlen eingeführt waren, ist das Datum noch unsicher. Aber vielleicht stellt es gleichwohl die erste plausible Jahrzahl in Stein auf Berner Gebiet dar.
Nach Meinung des Autors ist der Rundturm von Geristein in der Epoche der Gotik, in den 1740er Jahren entstanden.
Im Bernbiet ist ebenfalls die Jahrzahl J755 am Lychleustein bei Möschberg (Gemeinde Oberthal) zu erwähnen. - Auch diese hat einen hohen Grad an chronologischer Plausibilität.
Die Höhle auf der Burg Geristein
Geristein: die Höhle unter dem Burgplateau von Geristein. Ansicht von Westen.
Geristein: die Höhle unter dem Burgplateau von Geristein. Ansicht von Westen.
Fotos: 27.7.2012
Fragen zu Geristein
Geristein: die Nische auf der Innenseite des südlichen Halsgrabens von Geristein
Foto: 7.2012
Die Nischenform ist überdeutlich. Ebenfalls sind darin noch die Spuren einer Verankerung für ein Kultbild zu erkennen.
Geristein birgt viele Rätsel:
Der Rundturm selbst steht irgendwie fast deplaziert in der recht einsamen Gegend.
Die Nische an der Innenwand des südlichen Halsgrabens (siehe Abbildung) verweist auf einen Pilger- und Kultort.
Die künstlich geschaffenen bizarren Felsformen am südlichen Felsgrat von Geristein, besonders der Felstorbogen "Elefant" und der mächtige Felszahn (oder Phallus?) belegen die Bedeutung des Ortes in der jüngeren Vorgeschichte.
Doch auch die Höhle unter dem Westrand des Burgplateaus von Geristein (vgl. die obigen Abbildungen) stellt Fragen, die sich nicht beantworten lassen: War dies eine Kult-Höhle; wurde sie als Geburtsstätte eines Gottes angesehen?
Die schön ausgemeißelte Öffnung von rundlicher Form, aber auch das Innere mit dem ovalen Grundriß lassen keinen Zweifel, daß die Kaverne von Geristein alt ist und in den gleichen Zusammenhang wie der Turm, die Nische und die Felsformen gehört.
Der Ortsname beweist diese Zuschreibung: GEREN kommt von hebräisch ger, MZ: ger'im = Pilger
Die Höhle von Geristein hat eine Verwandtschaft mit dem Maul des Monsters im sogenannten Parco dei Mostri von Bomarzo in Mittelitalien.
2004 - 2016