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Der Geist der Sahara
Aus dem Podcast «fünf Minuten» von Nicolas Lindt.
In einer Ecke meines Zimmers, zwischen anderen kostbaren Dingen, steht eine Colaflasche mit arabischer Schrift. Schon längere Zeit steht sie da. Ich nehme sie nie in die Hand, aber ich werfe sie auch nicht fort. Sie wird noch lange da stehen, denn sie bedeutet mir etwas.
Die Flasche ist mit Sand gefüllt. Und das kam so: Vor etlichen Jahren waren wir in Tunesien. Tunesien liegt am Meer, und das Meer ist auch im Oktober noch warm. Ich aber wollte nicht nur das Meer sehen. Das Meer kenne ich. Die Wüste dagegen kenne ich nicht, und im Süden des Landes beginnt die Wüste. Die grosse Sahara.
Früh am Morgen fuhren wir ab. Es war ein Tagesausflug. Wir fuhren in einem Bus, zwei Dutzend Touristen, die die Wüste besichtigen wollten. Nach vier Stunden Fahrt über staubige Strassen, durch flaches und karges, steiniges Land erreichten wir Douz. Douz ist eine Oasenstadt. Man nennt sie das Tor zur Sahara. Am Ende der Stadt hielt der Bus, und wir stiegen aus. Der Boden bestand auf einmal aus Sand. Wir waren da. Wir befanden uns am Rande der Wüste.
Meistens sind die Dinge, die man noch nie gesehen hat, anders als in der Vorstellung. Schäbiger sind sie, gewöhnlicher und ohne den Zauber der Phantasie. Meistens ist man ein wenig enttäuscht. Doch in Douz war es anders. Die Wüste sah genauso aus wie das Bild, das ich mir immer von ihr gemacht hatte. Dünen aus Sand, in unendlicher Folge, dazwischen Palmen, und über den Dünen das Flimmern des Himmels. Auf Kamelen durften wir in die Wüste reiten, und alle mussten ein Kopftuch tragen.
Junge Kameltreiber führten uns. Nach einer halben Stunde kehrten sie mit uns wieder um und wollten ihr Trinkgeld. Der Bus stand bereit, alles war genau programmiert, und ich wusste die ganze Zeit, dass ich nur ein dummer Tourist war, so wie Tausende vor mir und Tausende nach mir. Es störte mich nicht. Dieser Tag war für mich ein historischer Tag. Ich hatte die Wüste gesehen.
Als der letzte Passagier in den Bus stieg, drängte ich mich noch einmal hinaus. Das einzige, was ich bei mir hatte, war eine halbleere Colaflasche. Ich leerte sie aus und füllte sie mit dem Sand der Sahara. Ich schraubte sie zu und brachte sie mit nach Hause.
Seither blieb sie verschlossen. Ich würde mich nie getrauen, die Flasche zu öffnen.
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