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Bauen und Wohnen als Konsumgut
Wenn man es historisch betrachtet, ist die Geschichte des Nachhaltigen Bauens in der Schweiz nicht von der des Wohnens und der privaten Wohnarchitektur zu trennen. Das experimentell-nachhaltige Bauen realisiert sich bis heute hauptsächlich im privaten «Solitär»; wobei der Bautyp des Wohnhauses weitaus komplexer ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Das private Wohnhaus umfasst, mit dem dazugehörigen Grund und Boden, dass sich frei entfaltende Einfamilienhaus im Grünen, das Reihenhaus beziehungsweise die Doppelhaushälfte in der Agglomeration oder Stadt, den Bungalow, das Chalet, das Ferien- bzw. Landhaus, das Kleinhaus, das Künstler- und Architektenhaus, das Terrassenhaus und die Villa beziehungsweise den Landsitz. Hinzukommen unterschiedliche stilistische Präferenzen, regionale Bauweisen oder auch besondere Konzepte, wie etwa die zum Niedrigenergie- oder Fertighaus. Ausgeschlossen von der Gebäudekategorie «Private Wohnarchitektur» sind hingegen Objekte mit Einliegerwohnungen oder Wirtschafts- oder Geschäftsräumen.
Nachfolgendes Beispiel: Joseph Furttenbach, Bürgerhaus von 1640, in: Harlander, T. (2001).
Das Einfamilienhaus hat seine Wurzeln im städtischen Bürgerhaus der Renaissance, welches die bis heute wichtige Verbindung zum gesunden und familiären Wohnen herstellte. Zuvor war dieser Anspruch allein der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten, die sich durch die Bautypen Villa oder Landsitz ausdrückte. Das heisst, dass die Entwicklung hin zum Bürgerhaus ein Mindestmass an Demokratisierung und Eigentumsstreuung bedurfte, um sich zu verankern. Diese wichtigen Voraussetzungen lagen erstmals in der Frührenaissance vor und wurden in den flämischen sowie französischen Bau- und Wohnformen des 17. und 18. Jahrhunderts weiterentwickelt. Mit dem 19. Jahrhundert, also dem Zeitalter der Industrialisierung, geht die Bedeutung des Bürgerhauses zurück. Die Bauaufgaben der (Fabrikaten-)Villa und die des Arbeiterwohnungsbau beziehungsweise des Siedlungsbaus rückten in den Fokus der Bauindustrie. Das Einfamilienhaus, als moderne Spielart des Bürgerhauses, kehrte als breite Strömung erst im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Es baute auf den Erkenntnissen aus Avantgardistischen Pionierprojekten der 1920er-Jahre sowie traditionell-funktionalistischen Konzepten der Gartenstadtbewegung auf und verband diese mit der neuen Mobilität breiter Bevölkerungsschichten.
Nachfolgende Beispiele: Gartenstadt und Villenarchitektur um 1900 (von li. nach re.), in: Will, T.; Lindner, R. (2012) und Baudin (1909).
Übereinstimmend mit anderen Wohnformen sind das Einfamilienhaus oder auch die Villa für die räumliche Organisation des Lebens ihrer Bewohner zuständig. Auf der Makroebene heisst das, dass sie soziale, gesellschaftliche und politische Veränderungen dokumentieren. Sie antworten auf neue Lebens- und Erwerbsformen, Eigentums-, Wirtschafts- und Herrschaftskonzepte oder auch Rechtssituationen. Gleichzeitig sind in die gebaute Umwelt Kulturpraktiken, Werte und Traditionen eingeschrieben, die eng an gesellschaftliche Identitäten oder auch klimatische beziehungsweise topografische Voraussetzungen gebunden sind. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff der Baukultur mit den Unterkategorien Wohn- oder Tischkultur. Auf der Mikroebene ist das private Wohnumfeld das persönliche Handlungs- sowie Interaktionsfeld für die Bewohner und Bewohnerinnen. Sie gestalten ihren Innenraum nach den eigenen Bedürfnissen und Werten aus. Damit grenzen sie sich nicht nur von der Aussenwelt ab, sondern ordnen sich gleichzeitig - durch die von ihnen gewählte Behausung - einer sozialen Gruppe mit deren spezifischen Ästhetik zu. Die Inszenierung von Bauen und Wohnen bezieht sich also auf das Individuum selbst, dessen Interaktionsradius und soziokulturelle Stellung im Kollektiv. Konkret heisst das, dass die spezifische Form und Ausstattung des Hauses, die Haltungen von Eigentümern beziehungsweise Besitzenden gegenüber ihrer Aussenwelt dokumentieren. Diesen Wunsch nach der Darstellung des eigenen Lebensstils und der eigenen Werte durch das «Bauen und Wohnen» nutzen unter anderem die Anbieter von Fertighäusern in ihren Einfamilienhaus-Katalogen seit den 1980er-Jahren. Gemäss unserer Untersuchung umfasst diese Typologie - Stand Ende 2023 - mindestens sieben Typen: die Traditionalisten, Individualisten, Modernisten, Luxusorientierten, umweltorientierten Unangepassten, Rationalisten und die kostenbewussten Materialisten. Getriggert werden damit Wertesysteme und Kulturdimensionen, wie die zu verlässlichen Leitbildern der Industriegesellschaft (Erfolg, Fortschritt, Komfort etc.) oder die zur Unsicherheitsvermeidung und Langfristorientierung.
Nachfolgende Beispiele: Musterhäuser gemäss oben genannter Typologie (lesbar von li. nach re.), in: Mein Wunsch (1978-1982), Schweizer Einfamilienhauskatalog (1981), Unser Haus (1985-1986).
Im Gegensatz zur Alltagskultur spielt im architektonischen Diskurs das private Wohnhaus eine untergeordnete Rolle. Für die Architektur und deren Theorie zählt es zur sogenannten Grauen Architektur. Gemeint ist damit, die «massenhaft» realisierte Alltagsarchitektur nach 1950. Während die Geschichts- und Kulturwissenschaft das Wohn- und Einfamilienhaus genau wegen dieser Charakteristik als ein zentrales baukulturelles Erbe des fordistischen Kapitalismus bewertet, dominiert in architektur- und designaffinen Kreisen schon früh die Kritik. Das kontinentaleuropäische Wohnhaus sei im Vergleich zu den USA oder Japan, so die Meinung, baukünstlerisch uninteressant. Zudem verschwende es unnötige Ressourcen, zersiedele die Landschaft und manifestiere überkommene Sozialstrukturen. Durchweg positiv für das Einfamilienhaus argumentieren hingegen seit den 1980er-Jahren die Banken, Bauspar- und Pensionskassen. Das «Wohnen im eigenen Heim» wird in diesen Beiträgen als sicherer Weg zur Wohlstandssicherung, ultimative Möglichkeit zur Selbstentfaltung und Plädoyer für ein weitsichtiges und gelassenes Handeln stilisiert. Spiegelt man diese Perspektive in die architektonische Debatte zurück, stösst man einerseits auf zahlreiche Handbücher zum Entwurf, zu Best-Practices oder Wettbewerben. Andererseits gibt es auch Kritik an der Kritik mit dem Argument, dass das Leitbild der Verdichtung als Lösung zur Minderung der Wohnungsnot sowie Ressourcenschonung die menschlichen Bedürfnisse nach Ästhetik/Schönheit, Freiheit oder auch Privatheit vernachlässige.
Nachfolgende Beispiele: Illustrationen aus Bauherren-Büchern der Kantonalbanken und Bausparkassen (1970er-Jahre), siehe: Theil, H.W. (1979), Laage (1979), Zürcher Kantonalbank (1978).
Der Ansatz der freien Entfaltung des Individuums durch Gestaltung drückt sich auch in der grossen Anzahl von Ratgebern, Hand- und Wohnbüchern für die breite Bevölkerung aus. Diese beschäftigten sich hauptsächlich mit dem «Modernen» Bauen und Wohnen. Die Autoren und Autorinnen verfolgten das Ziel die Leser zu informieren sowie gelungene Konzepte, Projekte und Produkte vorzustellen oder auch den Bedarf mittels Tests abzufragen. Ein weiteres wichtiges Anliegen war die Förderung der Geschmacksbildung, da die Anarchie des privaten Bauens immer wieder Anlass zu Expertendebatten gab. Ergänzt wurden diese Veröffentlichungen durch populäre Wohnausstellungen, Messen, Beratungsstellen und zahlreiche Bau- und Wohnzeitschriften. Allen voran «Das Ideale Heim» (1927-), «Schöner Wohnen» (1960-), «Das Einfamilienhaus» (1977-) oder «Raum & Wohnen» (1978-). Eine nicht zu unterschätzende Sonderrolle spielten populäre Frauenzeitschriften, wie Annabelle (1938-) und Elle (1945-). Diese richteten sich mit ihren Artikeln an die junge, moderne Klientel der Nachkriegsgesellschaft aus. Sie verknüpften das Thema «Bauen und Wohnen» fest mit den Bereichen «Mode und Lifestyle». Das Wohnumfeld wurde mit diesen Veröffentlichungen zum modischen Accessoire.
Nachfolgendes Beispiel: Dokumentation zur Architektur von Otto Glaus, in: Elle, 1962, Nr. 18.
Seit den 1960er-Jahren und mit dem Anstieg des gesellschaftlichen Wohlstands avancierte das Themenfeld «Bauen und Wohnen» immer mehr zum beliebten Konsum- und Luxusgegenstand. Dabei sind Konsum und Luxus nicht dasselbe. Konsum meint den Erwerb und Besitz von privaten Gütern. Die Formen reichen dabei vom «bescheidenen» bis hin zum «exzessiven» Konsum – je nach Motivation und finanzieller Möglichkeit der Konsumierenden. Selbst der derzeit populäre Minimalismus, so der Historiker Valentin Gröbner, ist am Ende eine «Konsumfantasie». Dagegen bedeutet Luxus im Kern nichts anderes als den Erwerb von entbehrlichen, hochpreisigen und sehr knapp verfügbaren Produkten. Darüber hinaus ist dem Luxus ein grundsätzliches Distinktionsmerkmal eingeschrieben, denn dessen Güter sind nur für eine monetäre Elite erreichbar und können vom Otto-Normalkonsumenten im besten Fall kopiert werden. Weiter unterscheidet man zwischen dem quantitativen und qualitativen Luxus. Im ersten Fall steht ein massloses; im zweiten Fall ein an hochwertigen Produkten orientiertes Luxusverständnis im Zentrum.
Nachfolgendes Beispiel: Ralph Rapson, Hypothetischer Enturf zu einem zeitgemässen Bungalow (um 1945), in: McCoy, E. (1962).
Elite, Luxus und Premium Architektur – nur drei aktuelle Beschreibung für hochwertige und damit auch hochpreisige Umwelten. Ihre Wurzeln hat die Premium Architektur im Schloss, in der Villa oder den repräsentativen Stadt- oder Landbehausungen der wohlhabenden Oberschicht. Am Ende des 19. Jahrhunderts öffneten sich diese Bautypen durch einen Demokratisierungsprozess für aufsteigende Eliten der Industriegesellschaft. Es entstanden repräsentative stadtnahe Villenquartiere mit imposanten Bauten, wie die bekannte Villa Patumbah in Zürich.
Im Gegensatz zum Einfamilienhaus war die Villa baukünstlerisch zu jeder Zeit interessant, da die Auftraggebenden über das notwendige Kapital für exklusive architektonische Experimente verfügten. Auch ermöglichten die Grundvoraussetzungen des luxuriösen Bauens der (Innen-)Architektur ein zweckfreies Gestalten. Damit sind gestalterische Rahmenbedingungen gemeint wie Exklusivität, Rarität, Gestaltung nach Mass mit einer grosszügigen Grundfläche, der privilegierte Zugang zur umliegenden Natur, die Verwendung von hochwertigen Materialien und detailreicher (Handwerks-)Kunst. Angesichts dieser Möglichkeiten erwartet auch der Bereich der Premium Architektur von den Bauherren und Bauherrinnen ein gewisses Mass an Expertise. Diese reicht von der Architekten-Auswahl bis hin zum Wissen über den symbolischen Wert einzelner Komponenten. Die Wissensaneignung erfolgt bis heute über luxusorientierte Traditionszeitschriften, wie Architectural Digest (1920-), Architektur und Wohnen (1968-), Harper’s Bazaar (1867-)
oder Homes & Gardens (1919-), kostspielige Dokumentationen zu internationalen Best-Practices, Homestories sowie individuelle Besichtigungstouren der Bauinteressierten. Hinzukommen, etwa im Fall eines Immobilienkaufs, rat gebende Unternehmen wie Christies International Real Estate (1987-) oder Sotheby’s International Realty (1978-).
Nachfolgendes Beispiel: Helmut Rauber, Exklusives Wohnhaus mit Innenhof in Kilchberg bei Zürich (Mitte der 1960er-Jahre), in: Deutsche Bauzeitschrift (1968).
In frühmodernen Gesellschaften diente der Konsum der physiologischen Existenzsicherung - man brauchte sprichwörtlich ein Dach über dem Kopf. Im Zuge fortschreitender Industrialisierung differenzierte sich die konsumierende Tätigkeit stark aus. Gemäss dem Soziologen Kai-Uwe Hellmann gibt es mindestens vier zusätzliche Gründe, um nach der Existenzsicherung zu konsumieren: Einmal der Konsum mit einer positiven Wirkung auf das innere Erleben des Konsumierenden selbst (Selbstbezug) oder als Akt der Kompensation (Konsum als Problemlösung). Hinzukommt der Konsum mit einer erhofften Wirkung auf das soziale Umfeld (Fremdbezug) oder als Unterscheidungsmerkmal innerhalb des sozialen Netzwerks.
Auf der Wertebene zeigt sich ein vergleichbar komplexes Bild. Interviews von Fertighaus-, Eigenheim- und Luxusimmobilienbesitzenden verdeutlichen, dass trotz erheblicher Unterschiede in den finanziellen Aufwendungen, dem «Privaten Heim» vergleichbare Wertkategorien eingeschrieben sind. Auf dem Grundbedürfnis «Wohnen» setzen materielle Werte wie der Vermögensaufbau durch Eigentum oder Investment auf, die wiederrum zentrale Parameter des Kapitalismus, wie Leistung und Erfolg, symbolisieren. Diese Basis wird in einen engen Zusammenhang mit postmateriellen Werten, wie Sicherheit und Unabhängigkeit, gebracht. Zentral in diesem Cluster sind auch die Selbstverwirklichung, Freiheit oder Liebe beziehungsweise Fürsorge gegenüber den eigenen Familienmitgliedern. Darüber hinaus zeigen die Debatten zur Premium Architektur, dass ästhetische Werte, wie die Schönheit, eine zentrale Rolle spielen. Das räumliche Umfeld wird, wie der Philosoph Lambert Wiesing analysiert, als Kontrapunkt zum Zweck und ausschliesslich für den privaten ästhetischen Konsum inszeniert. Er erkennt in dieser zweckfreien Stossrichtung eine enge Verwandtschaft zwischen Luxus, Design und Ästhetik. Erlebbar wird dieser Zusammenhang beispielsweise im ästhetischen Konsum des Natur- oder Stadtraums - inszeniert durch den exklusiven Aus- oder Panoramablick aus den eigenen Privaträumen heraus.
Nachfolgendes Beispiel: Pierre König, Stahl House (um 1959), in: McCoy, E. (1962) und Aufnahme Burbulla (2021).^
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich der Bereich «Bauen und Wohnen» seit den 1950er-Jahren zu einer lukrativen Sparte in einer breiten Konsumgüter-Palette sowie zu einem festen Bestandteil der privaten Vorsorge und des Investments entwickelt hat. Hinzukommt, dass das Erbauen und die Ausgestaltung des privaten Umfelds eng an Konzepte zu Lebensstilen und Werten mit den dazugehörigen Praktiken und Ritualen gebunden sind. Entschieden sich Architekten oder Bauherren und Bauherrinnen nach den Debatten zu den Grenzen des Wachstums westlicher Industriegesellschaften (1972) und der anschliessenden Internationalen Ölkrise (1973) für die Entwicklung eines umweltfreundlichen beziehungsweise nachhaltigen Wohnumfelds, stellten sie sich an den Rand der Konsumgesellschaft. Dies bezieht sich nicht nur auf Form, Stil und Ausstattung des Hauses, sondern auch auf interne Reformbemühungen in Architektur beziehungsweise Design oder Strategien zum Wissenstransfer.
J.B.