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Sollten Wesen aus einer fremden Welt je die Raumsonde Pioneer 10 abfangen, wäre das erste, was sie über Menschen lernten, eine Lüge. Die Botschaft, die die Sonde auf einer Plakette mit sich trägt, wurde nämlich in einem entscheidenden Punkt manipuliert. Zwischen den Beinen der Menschenfrauen, müssten die Bewohner ferner Planeten annehmen, ist nichts. Anders lässt sich die gravierte Zeichnung nicht interpretieren: Beim Mann hängt etwas herunter, bei der Frau hingegen: Leere.
Und das kam so: Anfang der 1970er Jahre bereitete die Nasa eine unbemannte Mission zu den äusseren Planeten vor. Ein Wissenschaftsjournalist, der den Tests der Pioneer-Sonden beiwohnte, erkannte als erster, welch einzigartige Stellung diese Raumfahrzeuge in der Geschichte der Menschheit einnehmen: Nach ihrer Mission zum Jupiter verliessen Pioneer 10 und 11 als erste von Menschenhand gebaute Objekte unser Sonnensystem. Damit waren sie gleichzeitig die ersten Artefakte unserer Spezies, die mit einer ausserirdischen Intelligenz in Kontakt kommen konnten.
Also schlug der umtriebige Astronom Carl Sagan der Nasa vor, den Sonden eine Botschaft mitzugeben, eine A4-grosse Plakette, auf der unter anderem auch die Absender dargestellt werden sollten: ein Mann und eine Frau, beide nackt. Das machte die Nasa-Oberen nervös. Sie stimmten nur unter der Bedingung zu, dass die kurze Linie, die die Vulva andeutete, entfernt würde. Und so kam es, dass die erste Flaschenpost für Ausserirdische, die wir in die Weiten des Alls entliessen, bewusst in die Irre führte.
Unsere Kommunikationsversuche mit Ausserirdischen lassen sich in drei grossen Fragen bündeln: Was wollen wir sagen? Wie sollen wir es sagen? Und wie kommt das Ganze zu Hause an? Wobei die letzte oft zur wichtigsten wird. Den Grund dafür fasste Bernhard M.Oliver, einer der Pioniere bei der Suche nach Aliens, so zusammen: «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Plakette je von einem einzigen Ausserirdischen gesehen wird, ist verschwindend klein, sicher ist, dass Milliarden von Erdbewohnern sie sehen werden.»
Die Nasa-Führung war übrigens zu Recht alarmiert. Auch die zensurierte Version des nackten Paares erntete Entrüstung. Ein Leserbriefschreiber konnte es nicht fassen, dass die Nasa jetzt «solchen Schmutz über das eigene Sonnensystem hinaus verbreitete». Selbst die Zeitungen wollten kein Risiko eingehen. Der «Philadelphia Inquirer» deckte die Brustwarzen der Frau und die Genitalien des Mannes vorsorglich ab.
Die ersten Vorschläge, mit Ausserirdischen in Kontakt zu treten, reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Der deutsche Mathematiker Karl Friedrich Gauss schlug vor, in Sibirien Felder als geometrische Figuren anzulegen. Der österreichische Astronom Joseph von Littrow wollte in der Sahara einen kreisförmigen Graben ausheben, ihn mit Kerosin füllen und in der Nacht anzünden. Beide waren überzeugt, dass die Bewohner des Mondes geometrische Figuren als Intelligenz deuten würden. Die Felder von Gauss – ein Dreieck und drei anschliessende Quadrate – ganz besonders, weil sie die pythagoreische Formel abbildeten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wollte man mit Scheinwerfersignalen in Richtung Mars Kontakt suchen.
Mit der Erfindung der Funktelegrafie, die Informationen über weite Distanzen übermitteln konnte, erhielten die Versuche neuen Schub. Der Erfinder des Radios, Guglielmo Marconi, war 1920 überzeugt, Signale vom Mars empfangen zu haben. In einem Artikel in «Scientific American» wurde daraufhin erörtert, welche Botschaft die Menschheit zurückschicken sollten.
Das offensichtliche Problem war, dass die vermeintlichen Marsianer und wir keine gemeinsame Sprache hatten. Eine Idee, diese Schwierigkeit zu überwinden, bestand darin, eine aus 400 Zeichen bestehende Botschaft zu schicken – angelehnt an den Morsecode entweder kurze oder lange. Die Gelehrten auf dem Mars müssten dann auf die Idee kommen, diese 400 Zeichen in Reihen à 20 Zeichen untereinander zu einem Quadrat anzuordnen. So liesse sich ein grobes Bild übermitteln. Diese Technik kam etwas abgewandelt 50 Jahre später zum Einsatz, als das grösste Radioteleskop der Welt in Arecibo, Puerto Rico, eine 1679 Zeichen lange Botschaft verschickte, die sich in einem 23 Zeichen breiten und 79 Zeichen hohen Bild darstellen liess.
1960 begannen Wissenschafter, systematisch bestimmte Funkfrequenzen nach Signalen Ausserirdischer abzusuchen. Als dann die Pioneer-Sonden ihre Reise in den interstellaren Raum antraten, gab es Leute wie Carl Sagan, die sich schon grundsätzliche Gedanken zu einer Botschaft gemacht hatten.
Als erstes ging es immer darum, eine Gemeinsamkeit zu suchen, auf der die Kommunikation aufbauen konnte. Weil die herkömmliche Sprache wegfiel, blieben noch die Physik und die Mathematik: Physikalische Konstanten gelten überall, und auch bestimmte mathematische Konzepte wie Primzahlen oder Pi mussten in anderen Welten dieselben sein.
So war auf der Pioneer-Plakette mit dem nackten Paar als erstes Zeichen ein schematisches Wasserstoffatom dargestellt. Die Hoffnung war, dass die Ausserirdischen darin eine jedem Physiker bekannte Konstante für Länge und Zeit erkennen. Alles weitere war in diesen Masseinheiten angegeben.
Wie wenig Vorwissen man voraussetzen durfte, wurde klar, als der Vorschlag auftauchte, das Menschenpaar sollte sich die Hand reichen. Die Idee wurde fallengelassen, als jemand die banale Frage stellte, wie fremde Wesen merken sollten, dass sie hier zwei Menschen mit je zwei Beinen vor sich hatten und nicht einen Erdling mit vier.
Selbst der Einsatz von Pfeilen war heikel. Der Einwand: Eine Linie mit einem Dreieck an der Spitze würde nur von einer Gesellschaft richtig gedeutet, die von Jägern abstammte.
Beschränkten sich die ersten Kontaktversuche auf die Vermittlung nüchterner Fakten, wie der Position der Erde im Verhältnis zu anderen Sternen oder des Baus der DNA, kam 1977 bei der Raumsonde Voyager die Idee einer Schallplatte auf, die mit Hilfe eines speziellen Verfahrens auch 115 Bilder speichern konnte. Die Anleitung für den Bau des Plattenspielers war in Bildsprache auf die Hülle graviert.
Bei der Auswahl der Musikstücke gab der einzige Rocksong auf der Voyager-Platte, «Johnny B. Goode» von Chuck Berry, am meisten zu reden. Einem Musikspezialisten schien der Song bloss etwas für Teenager zu sein. Carl Sagan, der auch dieses Projekt leitete, entgegnete: «Weisst du, auf der Erde leben auch ziemlich viele Teenager.» Die Beatles vermasselten sich die einmalige Gelegenheit mit exorbitanten Forderungen – obwohl das Urheberrecht für Ausserirdische gar nicht geregelt war. «Johnny B. Goode» entpuppte sich als gute Wahl. Fernsehkomiker witzelten, die Antwort der Ausserirdischen habe aus nur vier Worten bestanden: «Schickt mehr Chuck Berry!»
Die 1970er Jahre waren die Blütezeit für Nachrichten an Ausserirdische. Zwar gab es auch danach viele Initiativen, aber keine faszinierte die Menschheit wie die Arecibo-Botschaft oder die Voyager-Platte.
Weil mittlerweile niemand mehr so genau weiss, was wir den Aliens schon alles mitgeteilt haben, hat der Wissenschafter Paul E.Quast von der Beyond Earth Foundation kürzlich einen Katalog erstellt. Er enthält 151 Botschaften, darunter Primzahlenserien, die Gensequenzen verschiedener Lebewesen, den Song «Across the Universe» von den Beatles mit dem Gruss «Schick den Aliens Liebe. Beste Grüsse von Paul» (McCartney), Gedichte, Kinderzeichnungen, SMS, das Bild eines Audi-Motors und für das Kunstprojekt «Poetica Vaginal» die in Text und Musik verwandelten Vaginalkontraktionen von Balletttänzerinnen.
Dass die Ausserirdischen viel davon verstehen werden, ist unwahrscheinlich. Die ausgeklügelten Botschaften aus den 1970er Jahren konnten selbst Kryptologen nicht entziffern. Und auch wenn die Aliens die Vaginalkontraktionen als solche erkennen sollten, welche Schlüsse würden sie daraus ziehen?
Doch falls es auf fernen Planeten auch Twitter gibt, dürfen wir Hoffnung schöpfen. 2016 veröffentlichte der Astrophysiker René Heller einen Code aus 1902341 Nullen und Einsen auf Twitter. Eine vermeintliche Botschaft von Ausserirdischen, die er selbst erfunden hatte. Er wollte herausfinden, ob die Nachricht mit Hilfe sozialer Medien entschlüsselt werden könne. Nach einem Monat waren 66 richtige Lösungen bei ihm eingetroffen. Das bedeutet zwar nicht, dass wir eine tatsächliche Nachricht von einem fernen Planeten decodieren könnten, aber es zeigt zumindest, dass die Menschheit sich selber versteht.
Reto U. Schneider ist stv. Chefredaktor von NZZ-Folio.