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Vor einigen Tagen hat mir ein ehemaliger Schulkollege das Foto unserer Kindergartenklasse geschickt. Ich sitze in der zweiten Reihe, die zweite von links. In derselben Reihe, die dritte von links, ist Kinzom. Sie kam 1961 zusammen mit einigen tibetischen Familien in unser Dorf. Die Flüchtlinge lebten im Tibeterhaus, mitten im Ort. Ich erinnere mich gut an ihre Ankunft; wir standen am Strassenrand und winkten mit kleinen Fähnchen. Jahre später noch lief eine ältere Frau in tibetischer Tracht mit ihrer Gebetsmühle rund ums Dorf. Vieles ist möglich im Appenzellerland. Wohl aus dieser Zeit stammte meine Sehnsucht, in den Himalaya und nach Tibet zu reisen. Ich habe die Reise bis jetzt drei Mal unternommen.
Auch vor ein paar Tagen nahm ich das Buch ‚Unterwegs in die nächste Dimension‘ von Clemens Kuby wieder in die Hand. Er erzählt darin, wie er nach einem Sturz vom Dach querschnittgelähmt war und allein mithilfe seines Geistes wieder gesund wurde. Während seiner langen Krankheit hatte er sich vorgenommen, an einen Ort zu reisen, an dem es keine Strassen, keine Elektrizität, keinen Tourismus, kein weisses Mehl und keinen weissen Zucker gab. Er hatte keine Ahnung, wie er auf diese Kriterien gekommen war. Aber ein Freund verriet ihm, dass Ladakh so ein Land sei. Als Kuby tatsächlich 1985 nach Ladakh reiste, um dort einen Dokumentarfilm zu drehen, traf er auf den Dalai Lama – von dem er bis dahin nicht viel gewusst hatte – und blieb acht Tage mit ihm zusammen.
Kuby wollte später einen Film zum Thema Reinkarnation machen und zwar einen, in welchem man die Person vor ihrem Tod und ebenfalls ihre Reinkarnation sehen konnte. Und wieder hatte er ‚Glück‘. Er drehte einen Film über die Wiedergeburt des Karmapa, das Oberhaupt der tibetischen Kagypa-Schule, die seit 800 Jahren besteht. Der Film ist auf Youtube zu sehen: ‚Living Buddha‘. Er zeigt den 16. Karmapa, der auf einer Reise durch die USA in Chicago verstarb, und den 17. Karmapa, den die Mönche, die sich auf die Suche nach ihm machten, im Osten von Tibet fanden.
Jedes Mal, wenn ich einen Film über Tibet sehe, bin ich tief beeindruckt von den Menschen dort, die in wahrlich schwierigen klimatischen Verhältnissen (von den politischen nicht zu reden) leben. Da, wo Karmapa geboren worden ist, herrschen Temperaturen von minus 40 Grad in der Nacht und plus 40 tagsüber. Die Landschaften sind atemberaubend und ehrfurchtgebietend.
Ich habe auf meinen Reisen nur einen kleinen Teil von Tibet gesehen. Was mir als Bild immer in Erinnerung bleibt, ist die Sicht über den heiligen See Nam Tso auf die weisse Kette des Ningchen Tangla. Wenn ich daran denke, laufen mir jedes Mal kalte Schauer über den Rücken.
Es ist eindrücklich, was eine Kinderbegegnung bewirken kann. Kinzom und ich besuchten zusammen noch die erste Klasse. Wir sassen auch in derselben Bank. Sie schwarzhaarig und ich mit weissblondem Haar. Das hat den Erwachsenen gefallen, daran kann ich mich noch gut erinnern. Wir wurden auch fotografiert; das Foto steckt in meinem Album.