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Zwei seltene Mischfrankaturen auf einem Brief
Für den historisch interessierten Briefesammler sind Belege, die geschichtlich relevante Veränderungen dokumentieren, von ganz besonderem Reiz, und einen solchen Brief möchte ich heute vorstellen. Er belegt nämlich gleich zwei geschichtliche "Nahtstellen" des auslaufenden Jahres 1923 — den Übergang von der gigantischen Inflation zur neuen Goldwährung
im Deutschen Reich und die letzte Phase der etappenweisen Annektion des Memellandes durch Litauen.
Aufgegeben in Kohlfurterbrücke an der Wupper, wurde der Brief am 22. Dezember 1923 - drei Wochen nach der Währungsreform im Deutschen Reich, als Mischfrankaturen der Hochinflationsausgaben mit der Rentenpfennig-Ausgabe kurzfristig möglich (wenn auch recht selten) waren — mit 20 Milliarden Mark und 28 Renten- oder Goldpfennig frankiert. Der korrekte Portosatz wurde dabei gewahrt: Er betrug 30 Pfennig oder nach Infla-Rechnung 300 Milliarden Mark (Brief im Fernverkehr 100 Milliarden Mark plus Einschreibegebühr von 200 Milliarden Mark), wobei in der Übergangszeit (bis 31. Dezember 1923) 10 Milliarden Mark mit einem Rentenpfennig gleichgesetzt wurden. Dieser Mischfrankatur- Brief ging nun also nach Memel.
Memel ist jene nördlich von Ostpreussen gelegene deutsche Stadt vor dem Kurischen Haff, die nach dem Ersten Weltkrieg gemäss Versailler Vertrag samt dem Umland (Memelgebiet) an die Alliierten Mächte abgetreten werden musste und bis Anfang 1923 von Frankreich verwaltet wurde. Im Januar des selben Jahres wurde das Memelgebiet vom benachbarten, als eigener Staat in der Neuzeit erst 1918 wieder geschaffenen Litauen militärisch besetzt und - mit Billigung der Siegermächte im April vorerst provisorisch Litauen angegliedert (rechtskräftig wurde die sogenannte Memelkonvention erst 1925). Die litauische Postverwaltung gab für das (vorerst autonom verwaltete) Memelgebiet eigene Briefmarken heraus,
vorerst noch in deutscher Mark —, später durch Überdrucken der Marken in litauischer Litas-Währung. Von August 1923 an waren im Memelgebiet auch litauische Marken zugelassen, und allmählich lösten diese parallel zur fortschreitenden Integration des Gebietes in die südbaltische Republik — die speziellen Memel- Marken vollständig ab.
In Memel (litauisch: Klaipeda) am 24.12.1923 angekommen (Ankunftsstempel auf der Briefrückseite), verfehlte der Brief seinen Adressaten Fr. Blatter aus Bern, der — wie die Adresse belegt — bei einer Familie Jurkschat (tatsächlich oder vorgegebenermassen) abgestiegen, mittlerweile aber wieder nach Bern zurückgereist war. Der Gastgeber adressierte den Brief deshalb nach Bern um und frankierte ihn neu beziehungsweise zusätzlich mit zwei Memelüberdruckmarken und einer nun auch zugelassenen 10-Cent-Marke von Litauen, schuf also erneut eine Mischfrankatur (Stempel Klaipeda vom 25.12.1923).Am 28. Dezember (Ankunftsstempel auf der Rückseite) traf der Brief beim Adressaten in Bern ein.
Der Brief enthält wie gesagt zwei Mischfrankaturen, die je für sich schon ungewöhnlich sind (gemäss "MicheF'-Spezialkatalog Deutschland ist die Mischfrankatur von Memel-Marken mit solchen von Litauen "sehr gesucht"). In der vorliegenden Doppelkombination darf der Brief füglich als ausgesprochene Rarität bezeichnet werden. Das gilt auch dann, wenn stichhaltige Indizien daraufhindeuten (ich besitze einen zweiten, praktisch gleich frankierten Beleg an die selbe Adresse), dass der korrekt frankierte und ohne Zweifel echt gelaufene Brief kein Zufallsprodukt, sondern von philatelistischer Hand "gemacht" worden ist.
© Schweizerische Vereinigung für Postgeschichte / SVPg