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Für Trump hat Obama gerade mal drei Sätze übrig
Barack Obama erinnert sich bei Markus Lanz an seine Tage im Oval Office. Dabei zeigt sich der frühere US-Präsident als kluger, eloquenter Analytiker. Nur bei seinem Nachfolger bleibt er einsilbig.
«War Barack Obama in der Lage, die Komplexität der Welt zu vermitteln?», fragt Markus Lanz zum Schluss die beiden Studiogäste. Sie reden über das Interview, das Lanz mit Obama vor ein paar Wochen in Washington geführt hatte. Gestern Nacht wurde es ausgestrahlt.
«I've heard, you have a great fanbase in Germany», schmeichelte Obama seinem Interviewer im kurzen Vorgespräch, das mitgesendet wurde. Ich kenne eigentlich nur Leute, die Lanz geschwätzig, schmierig und etwas beschränkt finden. Aber diese Leute irren sich.
«Yes, we can»
Also nochmals: War Obama in der Lage, die Komplexität der Welt zu vermitteln? Indirekt hat er selbst die Antwort gegeben. Sie lautet: Man gewinnt die Menschen weniger mit Fakten oder sogar mit einem Wahlprogramm, sondern mit einer «guten Story».
Es ist die Antwort auf die Frage, warum Trump die Wahl jetzt zwar verloren, aber doch mehr Stimmen geholt hat, als prognostiziert wurde. Trump hatte also keine so schlechte Story. Als Obama 2008 zum 44. Präsidenten der USA gewählt wurde, hatte auch er eine pretty good story. Sie lautete in der Kurzform: «Yes, we can».
Das Problem dieser Art von Politikvermittlung: Narrative sind immun gegen Fakten. Es folgt ein Exkurs über die zunehmende Abkapselung der Bevölkerung in ihren eigenen Medien-Universen, die oft diametral konträre «Wahrheiten» erzählen (zum Beispiel über Covid). Ein grosses Problem für die Demokratie, führt Obama aus, der wie ein Politikwissenschaftler klingt, der zufällig auch noch so viel Charisma hat, dass er damit locker Präsident eines der grössten Länder der Welt werden konnte.
Man kann sagen, dass es zwei gute und eine weniger gute Phase in Obamas Karriere gab: Die erste Phase war der Aufstieg zur Macht, als er seine Empathie, seine Vision und seinen Witz voll entfalten konnte. Die zweite, weniger gute Phase waren die acht Jahre Amtszeit, in dem ihm die Republikaner alles Mögliche verhagelten, nicht nur weil diese seit 2010 die Mehrheit im Repräsentantenhaus hatten, sondern schlicht auch, weil er schwarz war – wie Obama, der erstaunlich unsentimental über Rassismus spricht, selbst findet.
Der Mann kann erzählen
Und nun also die dritte Phase: Die einträgliche Verarbeitung seiner beiden ersten Phasen in Buch und Vortrag. Anlass des Interviews mit Markus Lanz war die Erscheinung des ersten Teils seiner Biografie. «A Promised Land» heisst sie elegant auf Englisch, «Ein verheissenes Land» holprig auf Deutsch, seit gestern ist sie in den Läden.
Und man muss sagen, dass Obama hier noch einmal voll aufdreht. So wie er damals die Leute begeisterte mit seinen Reden, begeistert er heute die Lesenden (jedenfalls mich). Der Mann kann erzählen. Und er kann tatsächlich einen Eindruck von der Komplexität von Politik vermitteln. Aber so, dass man es lesen will. Bei Lanz sprach er von der Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen. Er klang wie eine Umsetzung eines berühmten Spruchs von Max Weber: «Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass zugleich.»
Da war zum Beispiel der Krieg in Afghanistan, wo er zwischendurch sogar die Truppen aufstocken musste. Menschen starben. Ob er schlaflose Nächte gehabt habe, fragt Lanz. Es sei eine ständige Belastung gewesen, das ja, schlaflose Nächte aber nicht, dafür sei er viel zu müde von der Regierungsarbeit gewesen, antwortet Obama. Was für ein cooler Typ.
Als sich Obama über Trump lustig machte
Und natürlich vergleicht man ihn ständig mit Donald Trump. Und natürlich kommt Trump kläglich weg. Und natürlich will ihn Lanz zu ein paar bösen Sprüchen über Trump verführen, vielleicht war auch abgesprochen, dass er drei Sätze bekommt, nicht mehr.
Viel besser das eingespielte Material aus dem Archiv: Als Trump 2011 die Geschichte in die Welt setzte, Obama sei gar kein echter Amerikaner, weil nicht auf Hawaii geboren, sah jener sich genötigt, die Geburtsurkunde ins Netz zu stellen. Und zahlte es ihm dann auf dem Korrespondentenball heim, wo Trump auf Einladung der «Washington Post» (!) sass. Obama verspottete Trump so brillant, dass er ihn von da an als Erzfeind hatte.
Das ist natürlich auch «Politzirkus», wie Obama selbst sagt. Nun, er war der beste Teil dieses Zirkus und ist nun dessen guter Analytiker. Und wer glaubt, Obama wisse nicht, was Trump hervorgebracht hat, nämlich die viel beklagte Spaltung in die Abgehängten (vor allem weisse Arbeiter) und die kosmopolitischen Eliten, der irrt sich. Diese Analyse bekommt Obama locker hin, machtlos dagegen war er trotzdem.
Joe Biden dürfte ebenfalls an diesen Verwerfungen scheitern, allerdings mit deutlich weniger Charisma. Es sei denn, er schafft – nach Covid – das, was Obama als Grundvoraussetzung betrachtet: Die ökonomischen Verhältnisse so zu verändern, dass viel mehr Menschen in den USA eine echte Perspektive haben.
Das komplette Interview mit Barack Obama kann unter diesem Link angeschaut werden.
Zum Autor: Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele schreibt für die Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».Zurück zur Startseite