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18.03.2022
Die Entwicklung der Bundesschulden war von vier Wachstumsphasen geprägt. Seit Einführung der Schuldenbremse 2003 war die Schuldenlast tendenziell am Sinken. Nun steigt sie aber wieder an.
Im Zuge der Covid-19-Pandemie steigen Staatsschulden weltweit an. Die Massnahmen, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern, erforderten umfangreiche finanzielle Mittel aus den Staatskassen. Auch in der Schweiz wurden bisher rund 30 Milliarden Schweizer Franken für Kurzarbeit, Erwerbsersatz, medizinische Güter und weitere Stützungsmassnahmen ausgegeben, und die Staatsschulden steigen jüngst wieder an. Was bedeutet dieser Schuldenanstieg im historischen Kontext?
Die Entwicklung der Bruttoschulden1 des Bundes in absoluten Beträgen zeigt, dass der Schuldenberg zwischen 1910 bis zu Beginn der 2000er-Jahre bis auf die Nachkriegszeit und einzelne Jahren des Rückgangs stark angewachsen ist. Aus der Grafik wird ersichtlich, dass es insbesondere vier Phasen gibt, in welchen die Schulden in kurzer Zeit stark angestiegen sind.
Weltkriege als Schuldentreiber
Die erste und zweite Phase umfassen den Ersten und Zweiten Weltkrieg, also die Jahre 1914–1918 und 1939–1945. Die Ausgaben für die Landesverteidigung, Mobilisationskosten und Sozialausgaben (u.a. Lebensmittelverbilligung, Beiträge an Arbeitslosenkassen) nahmen jeweils sprunghaft zu, während die Einnahmen, die damals grösstenteils aus Zollabgaben bestanden, zurückgingen. Mit der Einführung einer Vielzahl von neuen Steuern wie der Kriegssteuer (erstmalige Erhebung einer direkten Bundessteuer), der Kriegsgewinnsteuer oder Warenumsatzsteuer (später Mehrwertsteuer) wurde versucht, Fehlbeträge zu vermindern oder verhindern. Trotzdem lag das Schuldenniveau 1945 rund sechsmal höher als noch 1918.
Quelle: EFV, BFS, eigene Berechnungen
Besonders deutlich zeigt sich der Anstieg der Bundesschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, dem nominalen Bruttoinlandprodukt. Die Schuldenquote wuchs von etwa 17 Prozent vor dem Ersten Weltkrieg auf rund 38 Prozent im Jahr 1922 an. Obwohl Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen wurden, als die Schweiz noch völlig unvorbereitet gewesen war, stieg die Schuldenquote gegen Ende des Zweiten Weltkrieg auf schätzungsweise über 60 Prozent: Die Schulden betrugen also mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung.
Gute Wirtschaftsentwicklung und neue Steuern halfen
Nach Kriegsende reduzierte sich die Schuldenquote bis zu den 1970er-Jahren wieder deutlich. Zurückzuführen war dies einerseits auf die gute wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit und meist negative Realzinsen sowie andererseits auf die Verstetigung einiger neu eingeführter Steuern. Deutlich ablesen lässt sich diese Entwicklung an der Schuldenquote, aber auch in absoluten Zahlen wurden die Bruttoschulden abgebaut.
Finanzierung von neuen Aufgaben und Entwicklung zu einem Transferhaushalt
Zu einem dritten Anstieg der Schulden kam es in den 1970er-Jahren. Dem Bund wurden in der Nachkriegszeit verschiedene Aufgaben übertragen. Die Beiträge an die soziale Wohlfahrt und der Bereich Unterricht und Bildung verzeichneten einen wachsenden Anteil an den Gesamtausgaben. Der Bundeshaushalt hat sich dabei mehr und mehr zu einem Transferhaushalt entwickelt. Während diese zusätzlichen Ausgaben in den 1960er-Jahren dank des hohen Wirtschaftswachstums noch finanzierbar waren, rutschte der Bundeshaushalt in den 1970er-Jahren in Defizite. Dies nicht zuletzt, weil mit der Rezession von 1974/75 die fast dreissigjährige Phase des Wirtschaftsbooms zu Ende ging.
Schliesslich haben in den 1990er-Jahren Defizite in der Finanzierungsrechnung und auch die Bereinigung von Altlasten und Sanierungen von Pensionskassen und Bundesbetrieben zu einem weiteren starken Anstieg der Bruttoschulden auf Bundesebene geführt.
Diese dritte und vierte Phase haben die Schuldenquote vorübergehend ebenfalls erhöht. Obwohl sich die Schweiz während diesen Phasen in einer Rezession befand, stieg die Schuldenquote aber nicht so stark an wie während den Kriegszeiten.
2003 kam die Wende
Der «Turnaround» erfolgte 2003: In diesem Jahr wurde die Schuldenbremse eingeführt, nachdem sie in einer Volksabstimmung von einer breiten Mehrheit gutgeheissen worden war. Sie hatte zum Ziel, den Bundeshaushalt vor strukturellen Ungleichgewichten zu bewahren, indem die nominalen Schulden über einen Konjunkturzyklus hinweg stabilisiert werden. Diese bindende Ausgabenregel, unterstützt durch ein relativ hohes Wirtschaftswachstum, machte es möglich, die Schulden seit der Jahrtausendwende auch absolut abzutragen.
Die umfangreichen Ausgaben zur Bewältigung der Covid-19-Pandemie haben nun dazu geführt, dass die Bruttoschulden erstmals seit den 1990er-Jahren wieder deutlich steigen.
1 Bruttoschulden umfassen laufende Verbindlichkeiten (insb. zu bezahlende Rechnungen), kurzfristige Finanzverbindlichkeiten (insb. Geldmarktschulden) und langfristige Finanzverbindlichkeiten (insb. Bundesobligationen)
Die Beschreibung der Entwicklung der öffentlichen Haushalte basiert auf dem Historischen Lexikon der Schweiz, siehe hls-dhs-dss.ch > Öffentlicher Haushalt
Letzte Änderung 28.03.2022