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Maria Antonietta Terzoli
Corona am Rande der Strassen: Zeichnungen aus dem lockdown
Vom 16. März bis zum 11. Mai 2020 war in der Schweiz der Lockdown in Kraft, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wie auch in anderen Ländern, welche diese drastische Massnahme umgesetzt haben, wurde das alltägliche Leben abrupt angehalten: Kontakte und Bewegungsfreiheit wurden auf das Allernötigste reduziert, die Produktionstätigkeiten wurden angehalten, die Universitäten, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen und alle kulturellen und sportlichen Veranstaltungen aufgehoben. Die unkontrollierbare Verbreitung der Epidemie hat uns plötzlich mit einer nie geahnten Tragödie unvorstellbaren Ausmasses konfrontiert und das Risiko eines Verlustes der über Jahrhunderte erworbenen und gefestigten Werte wurde real. Es war eine dramatische Wasserscheide für unsere gesamte Zivilisation.
Während dieser forcierten Schliessung und der notwendigen Asozialität haben wir alle mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit neue Formen der Kommunikation entwickelt: direkt aus einem sehr privaten Raum in einen noch privateren Raum jedes Einzelnen. Die Auseinandersetzung mit dem, was vor sich ging, wurde schnell zu einer dringlichen Notwendigkeit und die Wiederspiegelung dessen, wurde in Worten, mündlich oder schriftlich, festgehalten.
Es gab jedoch eine Altersgruppe in der Schweiz, welche weniger dramatisch von den Isolationsmassnahmen betroffen zu sein schien: die Kinder. Sie konnten in diesen Monaten nicht zur Schule gehen, aber sie konnten zusammen in den Parkanlagen und plötzlich autoleeren Strassen spielen. Das Wegfallen der üblichen Regeln, das Spielen mit Gleichaltrigen anstatt in die Schule zu gehen, die Verschiebung von allen Aktivitäten könnte von den Kleinen anfangs auch euphorisch als ungewöhnliche, unwirkliche Form von Ferien wahrgenommen worden sein. Als man durch die surrealen Strassen der Quartiere eines verlassen anmutenden Basels spazierte, traf man in der Tat viele Kinder an, welche zu ungewohnten Uhrzeiten die Häuser verliessen, in welche die Erwachsenen verbannt waren.
Es war aber auch für sie wichtig zu verstehen, was um sie herum geschah und ihre Gefühle in dieser Situation von unverhoffter und erschreckender Freiheit auszudrücken. Ob sie sich zuhause darüber unterhielten, ist nicht bekannt. Mir ist aber aufgefallen, dass sie ihren Gefühlen auf der Strasse anhand von Zeichnungen freien Lauf liessen und dazu jeden Raum und Gegenstand genutzt haben, auf welche sie vertraute oder beängstigende Gestalten gemalt haben. So haben sie alle möglichen Orte wie Strassen und Gehwege (Abb. 1, 2 und 3), Garten- und Blumenbeetmauern (Abb. 4 und 5), Ping Pong Tische (Abb. 6), Baumstrünke (Abb. 7) und sogar Kanalschachtdeckel (Abb. 8) verziert.
Es war vor allem eine unvorhersehbare Beschäftigung während einer unüblichen Zeit, aber es war auch eine Ausdrucksform, eine notwendige Sublimierung von Emotionen und von alten und neuen Ängsten. Einige Zeichnungen waren sehr schlicht, andere wiederum sehr komplex mit ausgearbeiteten Formen, Farben und sogar komplex in der Ikonographie. Alle Zeichnungen gehören aber zur kurzlebigen Kunst, welche dem Asphalt der Strassen und Gehwegen übergeben wurde und durch Regen, Strassenreinigung, durch Menschen, die darüber liefen und viele andere Vorkommnisse und Zwischenfälle wieder gelöscht wurden. Die Zeichnungen sind einem sehr kurzen Überleben geweiht (sie existieren nun schon viele Monate nicht mehr): eines Tages habe ich begonnen sie zu fotografieren, zu sammeln und in Gruppen zu sortieren. Hier stelle ich einige der Interessantesten vor.
Am häufigsten sind Tiere abgebildet: Haustiere, Wildtiere, Fantasietiere oder Monster. Hier findet man friedlich zusammen einen Igel, eine Schnecke, ein Mäuschen, ein Vogel, ein Fisch und ein Flamingo (Abb. 9 und 10). Auf anderen Zeichnungen sind Katzen (Abb. 11 und 12), Haifische (Abb. 13), imaginäre Pferde (Abb. 14 und 15), aber auch ein Elefant (Abb. 16), ein Krokodil (Abb. 17) und ein sympathischer Dinosaurier (Abb. 18) zu sehen. Beunruhigender sind Bilder mit einer spottenden Maus (Abb. 19), einem Monster mit komischen Farbflecken (Abb. 20), einem grossen Drachen, welcher an den Basilisken, das Symboltier Basels, erinnert (Abb. 21), und zwei Quallen, eine davon neben menschlichen Köpfen (Abb. 22 und 23).
Ein entzückender Storch − vielleicht inspiriert durch die Störche, welche sich auf den naheliegenden Wiesen aufhalten − hält ein Säckchen mit einem Kind im Schnabel, von welchem nur der Kopf zu sehen ist (Abb. 24). Ein weiteres häufig vorkommendes Thema sind die menschlichen Gestalten: einige werden zusammen mit Tieren abgebildet (Abb. 25 und 26) oder sind in eine ländliche Umgebung eingegliedert (Abb. 27). Andere sind während diversen Tätigkeiten (Abb. 28, 29 und 30) oder Gruppengesprächen (Abb. 31) abgebildet. Andere wiederum sind isoliert, obwohl mehrere Gestalten abgebildet sind, und scheinen finstere Züge zu haben. Es scheinen beinahe leblose Körper auf dem Asphalt (Abb. 32 und 33) oder gar Konturen von Körpern nach einem Unfall (Abb. 34) zu sein.
Ostern und andere festliche Anlässe fielen aufgrund des Lockdowns aus. Wie allen bekannt ist, fanden weder religiöse Festivitäten, noch gemeinschaftliche Feste statt. Jeder hat, oft in Einsamkeit, diese Tage im eigenen Heim verbracht. Jedoch genau während dieser schmerzhaften und unwirklichen Zeit sind auf den Schwellen der Häuser und auf Gartenmauern viele festliche Glückwunschzeichnungen entstanden: Eier (Abb. 35), Kaninchen (Abb. 36 und 37), fantasievolle Formen österlicher Gestalten (Abb. 38). Auch andere individuelle Anlässe, wie beispielsweise Geburtstage, welche nicht mit Freunden gefeiert werden konnten, wurden teils mit prächtigen und farbenfrohen Zeichen auf den Gehwegen vor dem Haus festgehalten (Abb. 39 und 40).
Unter den Zeichnungen, welche Menschen abbilden, gibt es eine sehr schöne und komplexe Zeichnung (Abb. 41): ein grosses Landhaus mit seinen Bewohnern, welche eine grosse Munterkeit ausstrahlen. Auf der rechten Seite erscheint Pippi Langstrumpf, zusammen mit ihrem gepunkteten Pferd und dem Äffchen auf der Schulter, neben zwei Kindern, welche im Roman ihre Freunde werden (Abb. 42). Vor dem Haus halten sich einige Kinder auf einem sonnenbeschienenen Blumenfeld bei der Hand. Auf den ersten Blick scheint es eine unbeschwerte Szene des Familienlebens darzustellen. Aber ein Detail auf der linken Seite bringt uns die schwere Realität dieser Zeit wieder zurück: von allen anderen getrennt, sitzt ein erwachsener Mann auf der linken Seite hinter einer Mauer und öffnet traurig seine Arme. Er trägt eine Schutzmaske (Abb. 43), so als würde er die anderen vor der eigenen Krankheit schützen müssen. Es handelt sich womöglich um den Vater und es ist davon auszugehen, dass die Mutter die grösste Figur in der Reihe der Personen ist, welche sich vor dem Haus an der Hand halten. Die Realität der Krankheit und der Isolierung wird in das idyllische Landleben eingeschleust und liefert somit die dramatische Deutung einer ansonsten glücklichen Szene.
Diesem beängstigenden Thema von Krankheit und Tod, welches während des Lockdowns sehr präsent war, sind viele Zeichnungen gewidmet, die ich fotografiert habe. Zwei Zeichnungen zeigen schematisch einen Mann und eine Frau, wobei die Lungen, das Organ, welches vom Coronavirus am schlimmsten angegriffen werden kann, hervorgehoben werden (Abb. 44 und 45). Jedoch ist bei dieser eigenartigen kindlichen Ikonographie nicht ausgeschlossen, dass die dargestellte Form auf der Höhe der Lungen nicht auch eine riesige, erschreckende Darstellung des Virus selbst ist.
Eine weitere Zeichnung von ausserordentlicher ausdrucksvoller Kraft zeigt die Skelette eines Erwachsenen und eines Kindes, welche verzweifelt versuchen sich kurz vor einem tragischen Sprung ins Leere bei der Hand zu nehmen (Abb. 46 und 47). Beinahe wie eine Kurzfassung eines makabren Tanzes. Das Bild, welches mit sicherer Hand am Rande der Strasse gezeichnet wurde, scheint die traditionelle Szene von Figuren (Erwachsene), welche in der Darstellung eines Totentanzes gefährlich mit dem Tod interagieren, an die kindliche Welt anzupassen. Es lehnt an die berühmten Freskomalereien eines antiken Totentanzes an, welche einmal auf die Friedhofsmauern der Predigerkirche gemalt waren und jetzt auf wenigen eindrucksvollen Fragmenten in einem Raum des Historischen Museums von Basel aufbewahrt werden.
M. A. T.
(übersetzt von Carmen Nägelin)
Die hier veröffentlichten Fotografien wurden von Maria Antonietta Terzoli zwischen dem 12. April und dem 17. Mai 2020 in den Basler Quartieren Bachletten, Gotthelf und Iselin aufgenommen.
Abbildungsverzeichnis:
1. Verzierung des Gehweges
2. Blumige und geometrische Elemente
3. Regen, Schirm und Blumen
4. Auf einer Gartenmauer
5. Auf dem Rand eines Blumenbeets
6. Auf einem Ping Pong Tisch
7. Auf einem Baumstrunk
8. Auf einem Kanalschachtdeckel
9. Igel, Maus, Vogel, Schnecke
10. Fisch und Flamingo
11. Rosa Katze
12. Blaue Katze
13. Zwei Haifische
14. Pferd mit rosa Schweif und Mähne
15. Pegasus
16. Elefant
17. Krokodill
18. Dinosaurier
19. Spottende Maus
20. Monster
21. Drachen
22. Qualle
23. Qualle mit zwei Köpfen
24. Storch
25. Weibliche Gestalt und Tiere
26. Weibliche Gestalt und Tiere (Detail)
27. Kind, Blumen und Bienen
28. Astronaut mit Flagge
29. Astronaut und Raupe
30. Skifahrer
31. Weibliches Gespräch
32. Drei Kinder
33. Zwei Kinder
34. Umrisse auf dem Asphalt
35. Frohe Ostern
36. Osterhase
37. Osterhase (Detail)
38. Österliche Figuren
39. Alles Gute zum Geburtstag
40. Alles Gute zum Geburtstag (Detail)
41. Haus
42. Haus: Pippi Langstrumpf, mit Pferd, Äffchen und Kindern (Detail)
43. Haus: Mann mit Maske (Detail)
44. Kranke männliche Person (?)
45. Kranke weibliche Person (?)
46. Zwei Skelette
47. Zwei Skelette (Detail)