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Sulzerareal Lokstadt
Arealgeschichte
Die prägenden Elemente von Industriearealen sind ihre direkt aneinander gebauten Hallen. Zusammen bilden diese einen Cluster von orthogonalen Strukturen mit grossen zusammenhängenden Flächen im Erdgeschoss, welche einst die Produktion und Herstellung von Gütern und Maschinen ermöglichten. Nur Stützen und Wandfragmente strukturieren den fliessenden Raum und dienen als Auflager der Dächer und der Kranbahnen. Sie sind die einzigen und unumgänglichen Hindernisse der ansonsten flexiblen, für die Produktion notwendigen Flächen. Über den immensen, zusammengebauten Hallenstrukturen fällt die bewegte Dachlandschaft auf, mit Flachdächern, Sheddachkonstruktionen und konventionellen Satteldächern in unterschiedlichen Höhen.
Die Erweiterung des Denk- und Planungsperimeters durch die bestehenden Hallenbauten im Osten sehen wir deshalb als notwendigen Bestandteil unserer Überlegungen zur Zonierung, Adressierung und Erschliessung des zukünftigen Konglomerates aus bestehenden und neuen Bauten, welche folgerichtig aus dem Charakteristikum der aneinandergebauten Hallen abgeleitet sind. Im Norden, unmittelbar an die Neubauten angrenzend, liegt die schützenswerte „Draisine“, im Osten die beiden aneinandergebauten, grossmassstäblichen Shedhallen.
SLM, „Loki“
Während die Sulzer-Werkstätten um einen grossen Handwerksbetrieb wuchsen, planten Brown und seine Mitgründer für die SLM von Anfang an eine grosszügige, orthogonale Industrieanlage mit einer eigenen Werksiedlung. Mit ihren drei Arealen, die viel mehr unüberbauten Raum umfassen als die Sulzer-Gelände, begrenzte die SLM die Expansion des Konkurrenten im zentralen Standort der Stadt. Ab 1907 musste Sulzer in das Zweigwerk Oberwinterthur aussiedeln. Die ältesten grossen Hallenkomplexe der SLM weisen hölzerne Dachkonstruktionen auf, einerseits mit Parallelgiebeln und andererseits mit Sägezahnformen. Diese Hallen grenzen im Nordwesten und Nordosten direkt an den Neubau an. Dieses in England entwickelte „Shed-Prinzip“ weist steilere Glasflächen im Norden auf, während die Südflächen mit Ziegeln gedeckt und so gegen die Sommersonne geschützt sind.
(Winterthur, Industriestadt im Umbruch, Hanspeter Bärtschi, 1990, Buchverlag der Druckerei Wetzikon AG)
Die nutzbaren Hallenflächen werden nur durch die Tragwände der Neubauten unterteilt. Auf die Planung des arealuntypischen Innenhofs zwischen Neubauten und Draisine wird verzichtet und stattdessen ein Flachdach mit Oblichtkonstruktion gesetzt.
Passagen
Die Umnutzung des ehemaligen Industrieareals in einen Wohn- und Arbeitsort führt zu bedeutenden Veränderungen innerhalb der Arealstruktur. Das vormals abgeschlossene, entlang der Perimetergrenze umzäunte Areal wird durch die Öffnung für den Langsamverkehr umgedeutet. Die Überlagerung der grossmassstäblichen Hallenstrukturen mit einem arealinternen, feinmaschigen Wegenetz führt zu einer neuen Wahrnehmung der ehemaligen Anlieferungs- und Entsorgungsgassen.
Die winkelförmige Erweiterung des Hauptmagazins des Sulzer-Gebäudes Nr. 48 ist über das bestehende Normalspurgeleis hinweg gebaut worden. Es zeigt eine typische Passage im Industrieareal und diente der direkten Erreichbarkeit weiterer, verborgener Gebäudekomplexe.
Das Motiv dieser Passagen haben wir in den Neubauten aufgenommen. Zwei Passagen, eine unter dem Tender-Hochhaus und eine unter dem Tender-Langhaus ermöglichen eine direkte Anbindung der Draisine an die Emil-Krebs-Strasse und den Dialogplatz im Süden sowie an die Emil-Jung-Strasse im Westen. Somit ist die Halle der Draisine von allen vier Seiten her an das neue Wegenetz des Areals angebunden und erhält eine eigene Adresse.
Draisine
Über die Passagen adressiert, kann die Hallenfläche der Draisine in eine, zwei oder sogar vier kleine Nutzungseinheiten unterteilt werden. Die Flexibilität unterschiedlicher Mieter mit unterschiedlichen Flächenansprüchen, aber mit eigener Adresse (Single-Tenant / Multi-Tenant) ist damit gewährleistet.
Wie bereits an der Zwischenbesprechung erwähnt, könnte über eine zusätzliche Erschliessung, in der hallenseitig erweiterten Passage, die Dachfläche entlang der Neubaufassade als zusätzlicher, offener Laubengang genutzt werden. So könnten in der Shedkonstruktion des Daches zusätzliche Wohn- oder Arbeitsräume angeboten werden.
Hortus conclusus
Das Bildmotiv des Hortus conclusus geht zurück auf eine Interpretation des Hohenliedes des Alten Testamentes. Eine bekannte, jedoch nicht in sich schlüssige und gebrochene Darstellung des Hortus conclusus ist das sogenannte Paradiesgärtlein, das etwa um 1410 entstand und vom Oberrheinischen Meister stammt. Sie zeigt Maria in einem von einer Mauer umfriedeten Garten, umgeben von Engeln und Heiligen.
(Hortus conclusus, Wikipedia, 20. Mai, 2018)
Unser Hortus conclusus liegt vor dem Kindergarten und ist ein von der Aussenwelt abgeschlossener, gestalteter Garten, der zum kontemplativen Verweilen auffordert. Tagsüber wird der Hortus conclusus von den Kindern und Betreuern zum Spielen genutzt und ist über eine kleine Brücke vom Aussenbereich des Kindergartens erreichbar. Am Mittwochnachmittag und jeweils abends und an den Wochenenden wird er dann über einzelne Gartentore für das Publikum geöffnet.
Fassaden
Das Hochhaus des Sulzer-Kesselhauses, das – der Kommandobrücke eines Ozeandampfers gleich – die ganze Anlage überragt, dient uns als Referenz für die strukturelle Gliederung der Neubau-Fassaden. Der mit Ziegeln ausgefachte Betonskelettbau liefert uns hierfür das Bildmotiv. Allerdings werden die geplanten, der inneren Tragstruktur und der Deckenstirnen folgenden, Sichtbetonelemente nicht mit Ziegeln ausgefacht, sondern mit zementgebundenen Schallschutzsteinen. Zusammen mit den roh belassenen Aluminiumprofilen der Fenster soll die Direktheit der alten Konstruktionen aufgenommen werden – roh, rauh, aber robust.
Zange, Zahnrad und Hammer, die Symbole der noch als Manufaktur organisierten Maschinenfabrik, zieren die Schlusssteine am Direktionsgebäude. Über dem Betonelement der Hauseingänge sollen die drei Symbole als Spolien eingearbeitet werden.
Tender-Hochhaus
Die ersten fünf Wohngeschosse sind als 6-Bünder um ein zentrales Treppenhaus organisiert. Die 1-Zimmer-Studios sind auf diesen Geschossen zur Draisine hin orientiert und eine 2-Zimmer-Loftwohnung erstreckt sich über die gesamte Gebäudetiefe entlang der Brandmauer zum Tender-Langhaus. Das Wohnzimmer liegt demzufolge an der Südwestseite. Die übrigen Geschosse sind als konventionelle 4-Bünder konzipiert. Die Wohn- und Esszimmer liegen jeweils an den Gebäudeecken.
Tender-Langhaus
Grundsätzlich als klassische 2-Bünder organisiert, weisen die Grundrisse an der Südwestecke eine Besonderheit auf. Dort schiebt sich ein weiteres Studio zwischen Brandmauer und Treppenhaus; durchaus unkonventionell, mit einem etwas verborgenen Schlafzimmer in einen augenfälligen Tages- und Nachtbereich unterteilt.
Bigboy
Die über Baulinien und Tragstruktur begrenzte Grundfläche wird mit Hilfe von vier Lufträumen auf exakt 900 m2Geschossfläche begrenzt.
Das zentral gelegene Treppenhaus erschliesst in den ersten fünf Wohngeschossen pro Etage jeweils 10 Wohnungen. Die grösseren Wohnungen besetzen die drei freien Ecken, die kleinen 2-Zimmer-Studios liegen an der Nordwestfassade mit Weitsicht, über das Sheddach der Draisine hinweg, gegen den Brühlberg. An der Brandmauer zum Tender-Langhaus schiebt sich erneut ein kleines Studio dazwischen.
Vom 6.-15. Geschoss ist in die Grundstruktur ein 8-Bünder eingewebt. Diese Typologie erlaubt unterschiedliche Aufteilungen innerhalb der grösseren Eckwohnungen. Es können, um einen doppelgeschossigen Luftraum über der Küche, verschiedene Wohnkonfigurationen angeboten werden: ein Eckzimmer als Arbeits- oder Schlafzimmer, ein zusammenhängendes Wohn- und Esszimmer oder eine verdichtete Variante mit einem zusätzlichen Schlafzimmer anstelle eines Esszimmers.
Adressen
Alle Zugänge für die drei Hauseinheiten – Tender-Hochhaus, Tender-Langhaus und Bigboy, inklusive der Draisinenhalle – sind zu den öffentlichen Räumen hin adressiert. Sowohl der Kindergarten unter dem Tender-Langhaus als auch die publikumsorientierten Dienst- und Gewerbeflächen unter dem Tender-Hochhaus und dem Bigboy liegen zwischen den Brandmauern und sind den jeweiligen Einheiten der Grundeigentümer zugeordnet.