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Veganerinnen und Veganern werden immer wieder kritische Fragen gestellt, weil viele Leute der Ansicht sind, dass Veganismus zu weit geht. Ob das wahr ist oder nicht, muss jeder selber entscheiden. Jedoch sollte man seine Entscheidung informiert fällen. Das finden jedenfalls Laura, Kim und Irène, drei Veganerinnen der Universität Fribourg. Im Interview erzählen sie, weshalb Bio-Produkte für sie nicht tierfreundlich genug sind und worin sie das eigentliche Problem sehen.
Wie steht ihr diesem Vorwurf gegenüber, dass Veganismus zu extrem ist? Machen wir ein Beispiel: Ihr kennt einen Bio-Bauern, der Hühner und Milchkühe besitzt und diese auch gut behandelt. Würdet ihr dennoch auf die Bio-Milch und die Bio-Eier verzichten und falls ja, aus welchen Gründen?
Irène: Hier stellt sich die Frage, was eine gute Behandlung der Tiere bedeutet. Auch die Bio-Kuh wird zwangsbeschwängert und später wird ihr das Kind weggenommen. Zudem ist die Lebenserwartung des Tieres durch dessen Nutzung wesentlich kleiner.
Laura: Theoretisch gibt die Milchkuh genug Milch für das Kalb und darüber hinaus, aber dies ist nicht mehr profitabel. Doch auch ein Bio-Bauer muss profitabel sein und wird seinen Betrieb entsprechend führen. Und bei der Hühnerzucht werden wahrscheinlich immer noch alle männlichen Küken getötet, damit man nur die Weibchen hat, die Eier legen können. Das ist auch bei Bio-Bauern so. Daher sehe ich auch hier immer noch ein Problem.
Kim: Ein Bio-Bauernhof ist sicher besser als ein konventioneller Betrieb, aber das Tier lebt dennoch nur aus dem Grund, damit wir davon profitieren können. Darin sehe ich das Problem. Der einzige Zweck dieses Lebewesens ist, das wir uns an ihm bereichern können.
Gibt es denn eine Form von Viehzucht, die für euch in Ordnung wäre? Zum Beispiel gibt es in verschiedenen Regionen der Welt Völker, die vor-industriell leben, wie beispielsweise gewisse Nomadenvölker, die mit ihren Tieren leben und reisen. Wäre dies für euch immer noch eine Ausnutzung des Tierlebens oder macht ihr da eine Differenzierung?
Kim: Ich sage immer, dass ich nicht Veganerin geworden wäre, wenn ich in einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern aufgewachsen wäre. Da finde ich eine nicht-vegane Lebensweise völlig in Ordnung. In so einer Gesellschaft gibt es eine Wechselbeziehung zwischen Mensch und Tier. Da lebt man miteinander in der Natur, es gibt ein Geben und Nehmen. Das ist ganz anders als in unserer Gesellschaft, wo man Tiere einfach überzüchtet und alle Aspekte des Tierlebens zu unseren Gunsten verändert, damit wir davon profitieren können.
Irène: Die Frage ist auch, wie oft in solchen Gesellschaften wirklich Fleisch gegessen wird. In der Antike lag die Frequenz für die breite Bevölkerung bei drei Mal pro Jahr im Zusammenhang mit Opferfesten. Ausserdem fallen in solchen Gesellschaften die ganzen Umweltaspekte weg. Es handelt sich um ganz andere Dimensionen. Zudem ist es auch eine andere Frage, wenn es um das Überleben geht. Heute kennen wir den Luxus, dass wir im Supermarkt eine grosse Auswahl an pflanzlicher Nahrung haben, ohne dass wir grösseren Aufwand betreiben müssen.
Laura: Ich sehe das recht ähnlich. Die Umweltauswirkungen sind massiv kleiner und diese Lebensform ist heute auch recht selten. Dort werden Tiere und ihr Nutzen auch noch wirklich geschätzt, nicht so wie heute, wo alles selbstverständlich und industrialisiert ist. Ich lebe nicht in so einem Volk, ich lebe hier, wo ich eine andere Wahl habe. Wäre ich in einem Nomadenvolk aufgewachsen, würde ich das auch anders sehen, aber dann hätte ich auch eine ganz andere Beziehung zu meinem Essen und zu den Tieren. Ich würde es viel mehr schätzen.
Geht es euch also nicht bloss um eine Ablehnung von Fleisch und sonstigen Tierprodukten, sondern vielmehr um die Ablehnung des heutigen Systems, welche das Verhältnis zwischen Mensch und Tier massiv verändert hat?
Laura: Ja, auch. Ich finde beispielsweise auch Wild viel weniger problematisch, solange das Tier in freier Wildbahn geschossen wurde. In diesem Fall wurde das Tier nicht dafür gezüchtet und nicht das ganze Leben auf etwas hin gefüttert. Das finde ich noch am ethisch vertretbarsten, auch wenn es eigentlich nicht nötig wäre. Ich selbst habe überhaupt kein Bedürfnis, Fleisch zu essen. Es widerstrebt mir immer noch sehr, ein totes Tier zu essen.
Irène: Auf jeden Fall. Es ist in unserer Position einfach nicht nötig, Tierprodukte zu konsumieren. Daher kann ich in meinem Alltag problemlos darauf verzichten.
Kim: Ja, genau. Heute geht man mal kurz in den Supermarkt und kauft sein Fleisch. Vielen ist jedoch gar nicht bewusst, was alles dahintersteckt, wie beispielsweise die Ausmasse der Massentierhaltungsindustrie.
Was würdet Ihr euch in Bezug auf Veganismus für die Zukunft wünschen?
Kim: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen offener gegenüber Veganerinnen und Veganern sind. Viele haben einfach ihre Vorurteile und glauben, dass wir bei den übrigen Leuten missionieren gehen und jeden sofort verurteilen, der ein Stück Fleisch isst. Dabei werden wir einfach als stereotypische Veganer abgestempelt, ohne dass man die Beweggründe kennt. Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr Fragen stellen und sich erst dann eine Meinung bilden. Niemand sollte jemanden wegen der veganen Lebensweise verurteilen, ohne sich vorher darüber zu informieren. Hier wünsche ich mir wirklich mehr Offenheit. Ausserdem wäre es wirklich toll, wenn an unserer Universität ein veganes Menü angeboten werden würde.
Irène: Allgemein fände ich es toll, wenn auf einer Speisekarte die veganen und vegetarischen Menüs nicht als «Menüs zweiter Rangordnung» dargestellt werden würden. In den Köpfen vieler Menschen besteht immer noch die Vorstellung, dass ein gutes Menü Fleisch beinhalten muss. Es würde mich freuen, wenn sich dieses Denken etwas ändern könnte.
Laura: Ich finde es in diesem Kontext auch schade, dass die Leute nicht kreativer werden. Ich meine, ich bin froh, wenn ein Restaurant überhaupt etwas Veganes anbietet, aber gerade wenn ich in ein gutes Restaurant gehe, frage ich mich, ob es nicht zum Spass des Berufs gehört, mit neuen Lebensmitteln zu experimentieren. Wenn ich ein guter Koch bin, kann ich sicher auch ein cooles veganes Menü anbieten. Zum Beispiel gingen wir bei unserer Weihnachtsfeier in ein schönes Restaurant und es war angemeldet, dass ich vegan esse. Erst vor Ort fragte man mich, was ich denn überhaupt esse. Schliesslich tischte man mir allerlei Gemüsevariationen auf. Das war zwar alles schön und lecker, aber es war eben bloss Gemüse und nicht kreativ. Man hätte sich die Zeit nehmen können, um mir ein richtiges veganes Gericht zu kochen. Ich würde mir wünschen, dass die vegane Küche mehr zur Selbstverständlichkeit wird. Vegane Leute wollen auch schön essen gehen und nicht einfach einen Teller mit Beilagen bekommen. Die Möglichkeiten sind noch überhaupt nicht ausgeschöpft. Davon abgesehen: Ich kann es gut akzeptieren, wenn nicht-vegane Leute sagen, dass sie ihren Lebensstil nicht so ändern wollen. Jedoch erwarte ich auch, dass mein veganer Lebensstil akzeptiert wird. Schliesslich hat dieser Lebensstil positive Auswirkungen auf alle.
Weiterführende Links:
Facebookgruppe „Vegane Produkte Schweiz“ – Vor allem am Anfang eine grosse Hilfe: Hier gibt es unter anderem Listen, welche Produkte in Migros und Coop vegan sind, wo es Spezialitäten wie vegane Fasnachtschüechli zu finden gibt und vieles mehr.
vegan-taste-week.de – Ebenfalls Infos zum Veganismus und ein Newsletter mit Tipps, die den Anfang erleichtern.
Vegan: Ganz oder gar nicht? – Guter Artikel für alle, die denken „Hundert Prozent vegan schaff ich nicht“.
albert-schweitzer-stiftung.de – Informationen und Kampagnen, um Tierleid zu verhindern.
avesu.ch – Onlineshop, der vegane Schuhe und Accessoires in die Schweiz liefert.
Buchtipps
„Ab heute vegan“ von Patrick Bolk: Erhält nicht unbedingt Informationen, die nicht auch auf den oben genannte Webseiten stehen würden, ist aber schön übersichtlich und erleichtern dadurch erheblich den Einstieg in ein veganes Leben.
„Tiere Essen von Jonathan Safran Foer“: Gibt es als Hörbuch auf Youtube
Interview von Evelyn Frischknecht / Bildquelle: Evelyn Frischknecht