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Nie mehr schlechte Zukunft
von Cedric Weidmann
Es gibt gar
nicht soviele Worte zu verlieren.
Es war einmal
ein König eines grossen Königreichs, der hatte drei gesunde Söhne.
Der
älteste Sohn war ein aufstrebender, kräftiger junger Mann in seinen
besten Jahren. Er war selbstbewusst und gewinnend, an Frauen mangelte es ihm
nicht. Er spielte beim FC Thun auf der Auswechselbank, Fussball war seine
Leidenschaft. Wenn immer es ging, traf er sich mit seinen Dienern im Vorhof und
kickte Bälle durch die Scheiben der Blockhäuser.
Der mittlere
Sohn war ein aufgeweckter, Kreativität versprühender Bursche, der
alles mit Photoshop machen konnte. Oft fuhr er abends mit dem Bus nach Dänikon
und zeichnete solange er durfte auf einem
Bänkchen am Waldrand Fallstudien für einen Sonnenuntergang, den er
dann nachzeichnete, auf Poster bedruckte und an seine Fangemeinde verkaufte.
Nur der
jüngste Sohn machte seinem Vater ein wenig Sorgen. Statt abends mit den anderen
zu feiern, bevorzugte er es, Computerspiele zu spielen, auf dem Internet zu
surfen und Joy Division-Platten zu hören. Bis er volljährig war,
hatte er sich nie mit einem Mädchen vergnügt, nie einen anderen
Adligen im Wettkampf besiegt, nie etwas verkauft, produziert, geschaffen,
bewiesen, erreicht oder bewirkt. Er sass immer nur in seinem Gemach und spielte
Sims.
„Und dann spielt er auch noch Sims“, beklagte sich der König
oft bei der Königin, „Ein Spiel für kleine Mädchen! Wenn
er doch wenigstens Call Of Duty oder F.E.A.R. oder Doom oder etwas zocken
würde, das beweisen würde, dass in ihm sowas wie Energie steckt.“
Heimlich klebte der König einmal eine Vorrichung an die WC-Schüssel,
um zu schauen, ob sich sein Sohn hinsetzte, um zu pinkeln. Er war erleichtert,
aber verwirrt, als er feststellte, dass es nicht so war.
„Weißt du, mir ist egal, wenn er schwul wäre. Aber dann
müsste er es sich eingestehen und damit selbstbewusster auftreten, nicht
sich im Dunkeln verkriechen.“
Es war an einem
ruhigen Sommertag, an dem jeder der drei Söhne seiner Lieblingsbeschäftigung
nachging, als ein Bote beim König eintraf und die Nachricht
überbrachte, dass eine Prinzessin von grosser Schönheit und hoher
Gnade einen würdigen Gemahlen suche. Sie habe allerdings gewisse Standards
um festzustellen, ob die Bewerbungen nicht zu average seien. Normalerweise
würde sie ja gerne qualitative Vorstellungsgespräche vornehmen, doch
das sei heute ja sowieso etwas old-fashioned und man müsse halt mit dem
Lifestyle gehen. Ihr sei nichts anderes übriggeblieben, als die
Anforderungen hochzuschrauben. Als Mitgift fordere sie eine Perle, die nach der
Legende in der Regionalzeitung nur einmal am Boden des Ozeans existiere und in
einer gefährlichen, blutrünstigen Muschel gefangen sei.
Der König freute sich sehr über diese Aufgabe: endlich konnten sich
seine Söhne beweisen. Er trommelte sie alle zusammen, um ihnen die
Nachricht zu überbringen. Der älteste Sohn liess sofort seinen
Fussball liegen und der zweitälteste stellte seinen Computer auf Standby.
Nur der jüngste liess sich nicht blicken und war nirgends zugegen.
Kaum erfuhren sie von der Aufgabe, beschlossen die beiden Brüder zum Ozean
zu fahren und die Perle zu holen. Sie nahmen beide eine Limousine und fuhren
ans Ufer.
Der ältere
Bruder wusste, dass er körperlich weitaus besser in Form war, als sein
kleiner Bruder und sprang kurzerhand ins Wasser, um nach der Perle zu tauchen.
Doch der jüngere Bruder war gar nicht dumm und beschloss, einfach auf das
Auftauchen seines Bruder zu warten, einen Blick auf
die Perle zu werfen und ein 3D-Abbild der Perle nach dem Original herzustellen.
Die zerstochenen Reifen an der Limousine seines Konkurrenten würden
dafür sorgen, dass er ohne Probleme als Erster der Prinzessin die Perle
überreichen könnte.
Doch der
Älteste tauchte ohne Perle auf. Die Muschel sei leer gewesen, jemand
müsse die Perle bereits entwendet haben. Schnell fuhren die beiden nach
Hause, der eine laut über seine platten Reifen fluchend und
fürchteten sich vor der Enttäuschung ihres Vaters.
Diese erwartete sie bereits, als der Vater auf seinem Thron hockte und sie
verwirrt anschaute. Ihr kleiner Bruder, behauptete er, hätte die Perle
schon längst nach Hause gebracht.
Wütend und ohne anzuklopfen stiessen die beiden die Tür zur
Dunkelkammer ihre Bruders auf. Sie waren vom Anblick ganz entrückt. Der
Raum war eingedunkelt, die Fenster mit dicken Tüchern behängt, einige
Räucherstäbchen liessen das Zimmer dunstig erscheinen. Das
lächelnde Gesicht ihres Bruders wurde vom Blau des Computerbildschirms
angeleuchtet und hinter ihm auf dem Bett, gelangweilt und abwesend, lag die
schönste Frau, die sie je in ihrem Leben gesehen hatten: die
Prinzessin.
„Wie hast
du das nur gemacht?“, fragten sie, „Wie hast du die Perle
gekriegt?“
Ihr kleiner
Bruder schaute sie an. „Ach, wisst ihr, das war nicht so schwierig. Der
Blog Ozeanplattform hat vor zwei Tagen schon getwittert, man solle mal bei der
Facebookgruppe „Perlenfreunde“ vorbeischauen und die Google Earth
Oceanic Application herunterladen, um dort Neuigkeiten über die wichtigsten
Erkenntnisse der Tiefseeforschung zu erfahren. Hab das natürlich kurz mal
im Blog hingepostet, bei einem Schiffsvermieter hingepinnt, der hat mir als
Gegenleistung für ein MySQL-Packet gleich ein HDR-Bild seiner Yacht
geschickt und mir angeboten, es zu vermieten. Hab ich natürlich nicht
gezögert, sondern in der Mailinglist und in Foren rumgefragt, ob die mir
helfen können, kurz bei Google Maps ausgedruckt, hingefahren,
Tauchausrüstung ran, abtauchen, Gift in die Muschel, Perle raus,
Prinzessin holen und das Ganze dann bei Ebay versteigert. Die Bilder bei Flickr,
wie ich die Perle heraushole, sind übrigens sehr beliebt.“
Die anderen
beiden Brüder nickten nur und schlossen die Türe wieder.
Das
Königreich sollte fortan ein starkes 2.0-Imperium werden und die beiden
älteren Brüder suchten ihr freiwilliges Exil, flüchteten vor einer
Welt, die sie nicht verstanden.