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Debatte um den «Hungerkanzler»
Mit der Verschärfung der Eurokrise ist die Frage nach der Parallele mit der Grossen Depression der 1930er Jahre wieder aktuell geworden. In diesem Zusammenhang wird vor allem ein Name öfters genannt: Heinrich Brüning, der «Hungerkanzler», dessen Wirtschaftspolitik die deutsche Wirtschaft von 1930 bis 1932 in eine tiefe Depression ritt und dadurch den Aufstieg der Nazis begünstigt hat. Paul Krugman sprach zum Beispiel davon (hier), Markus Diem Meier hat den Ball aufgenommen und Krugmans Gedanken übersetzt (hier).
Brünings Politik war in der Tat verheerend. Durch Sparprogramme und eine restriktive Geldpolitik schnitt er die deutsche Wirtschaft vom Sauerstoff ab. Während seiner Regierungszeit von März 1930 bis Mai 1932 schrumpfte die Industrieproduktion um ein Drittel. Die Zahl der Arbeitslosen verdoppelte sich nahezu von 3 auf 5,5 Millionen – rund 30 Prozent aller gegen Arbeitslosigkeit versicherten Arbeiter waren nun arbeitslos. Bei den Reichtagswahlen im Juli 1932, die zwei Monate nach Brünings Entlassung durch Reichspräsident Hindenburg stattfanden, konnte die NSDAP ihren Stimmenanteil auf 37 Prozent erhöhen (19 Prozent mehr als 1930). Politische Verwerfungen sind nie automatisch das Ergebnis von ökonomischen Krisen, aber Brüning hat zweifellos zur Radikalisierung beigetragen.
Weniger eindeutig sind die Motive Brünings. Unter den Historikern herrscht seit Ende der 1970er-Jahre eine äusserst interessante Debatte, die unter dem Namen «Borchardt-Kontroverse» geführt wird (hier eine exzellente Zusammenfassung). Der deutsche Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt stellte 1979 die Hypothese auf, dass Brüning gar nicht anders konnte, als zu sparen, weil er einen Überschuss erwirtschaften musste, um die Reparationen (Kriegsschulden) an die Alliierten bezahlen zu können. Anders formuliert: Deutschland befand sich 1930 bis 1932 in einer ähnlichen Zwangslage wie Griechenland heute.
Linksliberale Historiker dagegen argumentieren, Brüning habe die deutsche Wirtschaft vorsätzlich ruiniert, um die Alliierten davon zu überzeugen, die Kriegsschulden zu erlassen. Er habe ein nationalistisches Programm verfolgt, um Deutschland wieder zu alter Stärke zu verhelfen. Er hätte problemlos die Währung abwerten und ein Investitionsprogramm starten können, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln und die politische Radikalisierung zu verhindern. Borchardt unterschätze die politischen Motive des deutschen Reichskanzlers.
Mir haben Borchardts Argumente immer eingeleuchtet (zum Beispiel hier). Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in der Eurozone sieht man, dass Schuldnerländer wenig Spielraum haben, wenn die Gläubiger nicht zu Konzessionen bereit sind. Damals erkannten die Alliierten zu langsam, wie gefährlich das Schuldenregime war. Im Sommer 1932 konnte sich Deutschland an der Lausanner Konferenz von den Reparationen befreien, aber es war schon zu spät. Brüning war weg, die Nazis hatten die Wahlen bereits gewonnen, und Reichspräsident Hindenburg näherte sich kurz darauf Hitler an.