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Es war Anfang der 1980er-Jahre. Meine Studentenbude, eine frühere Arbeiterwohnung, war abbruchreif, aber dafür spottbillig. Doch irgendwann kam die Kündigung, das Haus wurde renoviert, und die neuen Wohnungen waren unerschwinglich. Ich hatte keine Wahl und zog weg.
Das war meine erste Begegnung mit einem Phänomen, das man heute «Gentrifizierung» nennt. «Gentrifizierung» kommt vom englischen Wort gentry, auf Deutsch «niederer Adel». Es beschreibt die Veränderung von Stadtvierteln: Wohlhabende lassen sich nieder, Ärmere ziehen weg.
Die britische Soziologin Ruth Glass untersuchte 1964 den Londoner Stadtbezirk Islington. Hier hatten vor allem Arbeiter gewohnt, doch auf einmal begannen sogenannte «Pioniere» wie Studenten und Künstler herzuziehen. Mit kulturellen Aktivitäten begannen sie das Viertel zu beleben und aufzuwerten. Islington wurde hip. Aus den Studenten wurden gut verdienende Berufsleute, Mittelschichtfamilien begannen zuzuziehen. Alle hatten sie das Geld, Häuser aufzukaufen und zu renovieren. Sie eröffneten Geschäfte und Büros, sie kümmerten sich bessere Infrastruktur und bessere Schulen, und Islington begann sich grundlegend zu verändern. Die einfachen Arbeiter zogen weg, weil sie sich das Leben in ihrem angestammten Viertel nicht länger leisten konnten. Forscherin Glass, zeitlebens überzeugte Marxistin, sah in der Gentrifizierung die Verdrängung einfacher Menschen zugunsten von Ghettos für die Reichen.
Tatsache ist: Der Prozess verläuft nicht immer konfliktfrei. Im Sommer 1988 besetzten Jugendliche und Obdachlose den Tompkins Square Park in New York. Bevor die Polizei den Aufstand gewaltsam niederschlug, stand auf den Transparenten zu lesen:
Gentrifizierung ist Krieg der Klassen.