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Alle Jahre wieder führt der wohl bekannteste Schweizer Bildungsökonom Stefan Wolter die Forderung nach nachgelagerten Studiengebühren ins Feld. Die Idee: Der Staat bietet ein mehr oder weniger kostenloses Bildungswesen, das dadurch finanziert wird, dass Menschen mit höherer Bildung später mehr verdienen und deshalb auch mehr Steuern bezahlen werden.
Diese Rechnung geht aber nicht auf bei jenen, die nach dem Studium nicht voll arbeiten und deswegen nicht gemäss ihrer eigentlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Steuern bezahlen. Damit diese für die Kosten ihres Studiums aufkommen, sollen sie nachgelagerte Studiengebühren bezahlen, wenn die jährliche Steuerrechnung unter einen bestimmten Betrag fällt.
Dadurch würde verhindert, dass Lehrabgängerinnen für die tertiäre Bildung anderer aufkommen, die sich mit ihrer Bildungsrendite ein bequemes Leben mit Teilzeitpensum und viel Freizeit leisten können. Nachgelagerte Studiengebühren werden daher vordergründig gerne mit ausgleichender Gerechtigkeit motiviert.
Der Ansatz verkennt jedoch die Ursachen und Betroffenen von Teilzeitarbeit. Drei von vier Teilzeiterwerbstätigen sind Frauen. Hauptgründe sind Kinderbetreuung und andere familiäre Verpflichtungen, nicht Freizeit und Hobbys.
Die Minderheit der Akademikerinnen arbeitet Vollzeit
Obwohl für Frauen mit abgeschlossener tertiärer Ausbildung die Opportunitätskosten einer Teilzeitarbeit hoch sind und sie aufgrund der längeren Ausbildung bereits einige Jahre auf ein Einkommen verzichtet haben, arbeiten nur knapp 44 Prozent der Akademikerinnen Vollzeit. Sie verzichten damit offensichtlich auf Einkommen, bessere Karrierechancen mit höheren zukünftigen Einkommen und auf bessere Rentenleistungen.
«Unter den Männern arbeiten acht von zehn Vollzeit – unabhängig ob mit oder ohne Tertiärabschluss. Nachgelagerte Studiengebühren würden also vor allem Akademikerinnen treffen.»
Die finanziellen Anreize, nach einem abgeschlossenen Studium die Früchte der aufgewendeten Zeit zu ernten, scheinen damit doch bereits reichlich vorhanden zu sein. Jedenfalls arbeiten unter den Männern acht von zehn Vollzeit – unabhängig ob mit oder ohne Tertiärabschluss. Nachgelagerte Studiengebühren würden also vor allem Akademikerinnen treffen.
Dabei sind in den erwähnten Zahlen die Nichterwerbstätigen noch gar nicht enthalten. Obwohl die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen in der Schweiz vergleichsweise hoch ist, liegt sie rund 10 Prozentpunkte unter jener der Männer.
Befürworter nachgelagerter Studiengebühren verkennen damit jene Ungleichheit, die völlig unabhängig von persönlichen Entscheidungen ist, sich durch alle Lebensbereiche zieht und über das ganze Leben hinweg monetär am meisten ins Gewicht fällt: die zwischen Männern und Frauen. Hier sollten die Prioritäten der Politik liegen. Alles andere sind Nebenschauplätze.
In der Kolumne «Freie Sicht» schreiben neben Isabel Martínez, Ökonomin an der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, auch Reiner Eichenberger, Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg, der Ökonom Klaus Wellershoff, Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff Partners und Honorarprofessor an der Universität St. Gallen, sowie der «Handelszeitung»-Co-Chefredaktor Markus Diem Meier.