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Du planst deinem oder deiner Angebeteten ein Candlelightdinner aufzutischen, bist dir aber noch nicht sicher, wie’s um den Musikgeschmack dieser Person steht. Du denkst dir: “Ruhig muss es sein, ja – aber was ist da der ideale Kompromiss?” Die Lösung für die musikalische Untermalung dieses Unterfangens: “Tearing Sky” von Piers Faccini.
Wenn sie/er auf Jack Johnson oder meinetwegen halt James Blunt steht – oder anders gesagt, wenn du ellbogentief in die Scheisse gegriffen hast – werden diese Songs ankommen, ohne sich auf deren/ihr/sein Niveau herunterzulassen. Deine Boxen werden keine schrägen Blicke ernten, die implizieren: “Was hörst denn du für krankes Zeug?”, denn Faccini’s Debut hat keine Ecken und Kanten, an denen man sich verletzen kann. Alles ist weich und kuschlig. Und so werdet ihr’s ziemlich bald auch haben. Findet sie/er Ben Harper toll, seid ihr gar noch schneller im Bett. Doch zuerst wird sie/er dir tief in die Augen schauen und sagen: “Das ist ja schön. Wer ist denn das?”. Ist sie/er ein(e) AuskennerIn wird sie/er zwar nicht danach fragen, aber Piers Faccini fast so schön wie Nick Drake finden und sich sich dafür schämen, diese Musik nicht zu kennen, während sie/er mit dir schläft. Sollte sie/er hingegen eher so der analytische Indie-Typ sein, wird sie/er ein wenig näher rücken und sagen: “Hey, der singt ja eigentlich fast so ein bisschen wie der Sänger von Radiohead, wenn der ausnahmsweise mal nicht rumjammert.” Mag sie/er Jeff Buckley, wird sie/er in dir ziemlich schnell einen Seelenverwandten sehen und zusammen mit dir und Piers Faccini “Hallelujah” singen.
Übrigens: Nummer 7 ist der Song, wo’s allerspätestens klappen sollte und ihr euch küssen müsst – denn sonst wird’s allmählich peinlich: “For a taste of your lips and a glimpse of your smile / The space in your eyes is an infinite mile / And I was wondering if you knew of a better way to say – und jetzt dein Einsatz! – I LOVE YOU.”
Machen wir uns nichts vor: Wenn dieser Plan nicht aufgeht bist ganz allein du Schuld. Dann bleibt dir noch eine erniedrigende letzte Chance.
Chan Marshalls Darbietung vom letzten Dienstagabend lässt sich getrost in zwei Akte unterteilen. Den Ersten in einen faden Akt von Rhythm and Blues Kaskaden mit einer kaum anwesenden Chan Marshall und den Zweiten in einen Akt der Offenbarung.
Die Memphis Rhythm Band (ehemals Begleitmusiker des legendären Al Green) eröffnete, das mit solch grosser Spannung erwartete Konzert (einziges Konzert in der Schweiz) mit unsäglich langweiligen Standards, die sowohl inadäquat per- formed wurden, als auch das Konzert in ein ödes Replikat verwandelten, das irgendwo in der Peripherie, unter dem Motto “Ich bin auch ein Südstaatler”, hätte stattfinden können. Frau Marshall war eine leblose Hülle, von Zuckungen gepeinigt. Kurzum ein Graus. Dem Pöbel wars egal, den der kennt nur “The Greatest”.
Sowie die Band das Parkett verlassen hatte, sich Marshall ans Klavier setzte, um die Tasten zu streicheln, füllte sich der Konzertsaal mit einer solch schönen Magie, die selbst im Jenseits nur schwer zu finden sein würde. Marshalls Stimme tanzte durch den Raum, erhob sich, fiel in sich zusammen, zitterte, ja machte eins klar: diese wunderbare Künstlerin ist nur fähig, ihr Potential vollends auszuschöpfen, wenn sie sich exponiert, alleine. Und alleine auf der Bühne musizierend, ist dieses Mädchen eine musikalische Offenbarung.
Die Band kehrte zurück und der Abend war gelaufen. Fazit: Bitte liebe Chan, komm nie wieder mit Band und wenn Du eine brauchst, dann ruf doch die Johnsons vom Antony an, die können sicher weiterhelfen. Ganz sicher.
Ende Oktober hat sich der Tod des legendären BBC Radio-DJs John Peel (MySpace, Wikipedia) zum zweiten Mal gejährt. Noch immer gilt er vielen als gutes Gewissen des Musikgeschäfts und Schutzheiliger aller unterbewerteten Künstler. Dazu – und das darf man durchaus auch mit einem kritischen Auge sehen – dient er seitdem ungezählten Bands als Verkaufsargument. Denjenigen Bands nämlich, die ihre Peel Sessions veröffentlichen, jüngste Beispiele sind die Isländer Mùm und die Briten Pulp.
Geboren wurden die Peel Sessions ursprünglich aus der Not. Ein Gewerkschaftsvertrag schränkte die Anzahl Songs ein, die Peel ab Platten (jawoll, damals gab es noch keine “Silberlinge”) durch den Äther senden durfte. Also holte sich der findige Moderator die Bands live ins Studio – die Peel Sessions waren geboren, am 21. September 1967 ging die erste mit Tomorrow über die Bühne. Die Namen der Bands aufzuzählen, die seitdem bei Peel gespielt haben, wäre müssig. Es sind unglaublich viele und unglaublich viele gute (nach Peels Tod 2004 wurden die besten 125 Sessions zusammengestellt).
Man mag sich glücklich schätzen, wenn nun diverse Bands ihre Auftritte bei Peel für die Ewigkeit auf Cd festhalten und öffentlich zugänglich machen. Andererseits handelt es sich bei den meisten Aufnahmen um einfache Live-Mitschnitte, die nicht besser klingen, bloss weil sie in Peels Studio aufgenommen wurden. Es ist die Legende des Radiomoderators, welche die jeweiligen Platten heller strahlen lässt. In der Ehrerbietung der Bands an einen grossen Fürsprecher schwingt also auch eine gute Portion betriebswirtschaftliches Kalkül mit.
Alleine Amazon listet 59 Platten auf, die im Namen Peels verkauft werden. Weitere werden folgen. Eins kann man den Bands immerhin zu gute halten: John Peel hätte es wohl so gewollt.
> Dieser Tage erscheinen die Memoiren Peels in Deutscher Übersetzung. Kauft Sie euch, auf englisch!
Wortspiele mit Bandnamen finden wir eigentlich scheisse. Für Fotos machen wir eine kleine Ausnahme. Wobei wir auch hier nicht lange rumspielen, sondern gleich zur Sache kommen: Die deutschen Senkrechtstarter Fotos werden auf 78s.ch ein Tourtagebuch führen – bestehend aus Fotos. Ein Tourfotoalbum also. Wir finden das super, ihr hoffentlich auch ein wenig. Tom Hessler, der Sänger der Band (2. v.l.), wird für uns in den kommenden Wochen die besten Momente ihrer grossen Deutschlandtour auf Bild festhalten.
Das ist mal eine Idee der Basellandschaftlichen Polizei: Zum dritten Mal nach findet am 11. November im Z7 in Pratteln der Poligroove statt, ein kleines Indoor-Festival, organisiert “vo dr Schmiir”. Geschmack haben die Ordnungshüter: Es werden Whysome, Mañana (Bild), 6er Gascho und Sepia spielen, alle aus der Region, bunt gemischt Rock, Pop, Grunge, Hip-Hop. Motto des Abends ist “Regle statt schlegle” – Falschparken und Saufen könnt ihr natürlich auch vergessen. Eintritt 10.-, 1
Kindersirup Getränk inklusive.
Ralphs Land of Talk-Eintrag liess mich über das kleine aber feine Unfamiliar-Label stolpern. Und ich bin so richtig auf die Fresse gefallen, denn auf dem Label gibt’s durchwegs nur sehr gute Musik zu finden. Kunststück bei nur drei vertraglich verpflichteten Gruppen wird man mir entgegnen wollen. Klar sind’s nur drei, sage ich in diesem imaginären Dialog und ergänze: aber diese drei Bands sind wirklich eine Klasse für sich. Kanada lautet auch hier wieder einmal das Stichwort, wenn es um gehobene Independent-Musik geht. The Paper Cranes (Indie-Folk) The Weather (Arty Indie á la Arcade Fire) und The Two Koreas (Garage Rock meets Indie) wären auf anderen Labes hoffnungsvolle Newcomer. Unfamiliar Records hat sie gleich im Dreierpack. Und nun noch zum Aufhänger: Bei Unfamiliar Records handelt es sich ebenfalls wie beim Catbirdseat-Label, das an dieser Stelle kürzlich vorgestellt wurde, um ein Blog, das zu einem Label mutiert ist. Sehr schön!
“Wer ist denn nun die beste Band des Universums? Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Radiohead und uns.” singrappen Saalschutz auf ihrer neuen Knaller-Scheibe Saalschutz macht’s möglich. Wer die unterhaltsamere Live-Band von den Beiden ist, steht ausser Frage. Und dass ich hier nicht nur die Gelegenheit zum Radiohead-Diss wahrgenommen, sondern Recht habe, davon kann man sich am Samstag auf dem Schiff überzeugen.
Und so geil wird das Wochenende:
10.11 Neoangin / Nova Huta, Wagenmeister, Basel
10.11 Zoot Woman / Coldcut / Mylo / Kate Wax, Schiffsbau, Züri
10.11 Chikinki / Protokoll, Albani, Winterthur
11.11 Räuberhöhle, Wagenmeister, Basel
11.11 Saalschutz, Das Schiff, Basel
11.11 The Lemonheads / Eugene Kelly, Abart, Züri
11.11 35 jahre TRIBE-MUSIC-Party mit Die Direktion + DJ’s Prince Polo, König Lü. Q. & Pop B. Sessen, Kofmehl, Solothurn
11.11 Lily Allen / The Servant, Metropol, Lausanne
12.11 Phoenix, Abart, Züri
12.11 Mando Diao / Johnossi, Fri-Son, Fribourg
Noch mehr Konzert-Daten gibt’s hier.
Dass die Österreicher abseits der Skipisten so richtig loslegen, sieht man eher selten. Hier ein schönes Gegenbeispiel (mit Dank an die hervorragende Musikzeitung TBA; unterstützen!): Killed by 9V Batteries ist 1. ein super Bandname und bietet 2. richtig gute Rockmusik. Letzte Woche ist ihr selbstbetiteltes Album veröffentlicht worden, zumindest in Österreich. Ende der Durchsage.
Richard Ashcroft, du bist jetzt seit einiger Zeit unterwegs
Ja, das geht schon eine Weile so. Aber nicht so lange wie bei Neil Young oder Bob Dylan. Dylan veröffentlichte eines der besten Alben dieses Jahres. Das gibt mir Hoffnung, dass ich noch nicht einmal begonnen habe.
Denkst du das wirklich?
Ja, auf eine gewisse Art und Weise schon. Ich denke nicht, dass ich die besten Songs schon bereits geschrieben habe.
Du betrachtest diejenigen auf Urban Hymns also nicht als deine besten Songs?
Das sind meine Songs. Ich habe sie geschrieben. Wenn du Urban Hymns anschaust, dann steht da: Geschrieben von Richard Ashcroft. Es heisst nicht, dass die von The Verve stammen, sondern sie sind von mir. Es sind grossartige Songs, es geht auch nicht darum, diese zu toppen. Viel mehr geht es darum, sich in verschiedene Richtungen zu bewegen und verschiedene Farben auszuprobieren. Ich sage nie, dass jedes Album besser wird, es geht immer ums gleiche. Ich denke, dies ist das Problem: Jeder will ein Comeback, jeder will irgend etwas sein. Wenn ich sterbe, sollen alle Songs zusammen als eine Einheit wahrgenommen werden.
Und die Plattenfirma wird ein Greatest Hits Album daraus machen.
(lacht) Genau. Oder ein Box Set…
Du sagtest, dass 2006 ein gutes Jahr werden könnte, wenn wir alle die Vogelgrippe überleben. Das Jahr ist fast vorüber…
All die Vögel sind noch nicht angekommen. Musikalisch war es ein superbes Jahr, es ging nur vorwärts. Mit diesem Album habe ich einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Meine Gruppe an Fans ist weltweit angewachsen, was brillant ist. Das ist aufregend für die nächste Platte. Ich denke, die Geschichte wird sagen, wie merkwürdig es ist, dass ein Typ all diese Songs geschrieben hat. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, was passiert wäre, wenn die Songs auf Urban Hymns meine erste Solo-CD geworden wären. Ich freue mich auch aufs nächste Jahr, weil dann meine neue Platte rauskommen wird.
Es gibt mittlerweile unzählige legale und illegale Wege, die zur Musik führen. Der Musikkonsument der Gegenwart ist durch die angeblich unbegrenzte Verfügbarkeit der Musik wohl ähnlich verwirrt wie das Strichmännchen nebenan. Mit Orientierungslosigkeit, Übermut oder Verfolgungswahn hangelt er sich durch den Dschungel der Online-Musikdistribution.
Der Verschwörungstheoretiker fragt sich: Wieso soll ich für Musik bezahlen, wenn die Musikindustrie und nicht der Künstler das Geld macht? Profitieren von der Musik-Flatrate (bei der man beispielsweise bei Napster für 15 ‚¬ im Monat nach Belieben downloaden kann) nicht gerade diejenigen Bands, die ich gar nicht unterstützen will?
Der Fortschrittsgläubige fragt sich: Warum lernt die Musikindustrie nicht aus den verlorenen Schlachten gegen Raubkopien und nervt mich mit DRM-Verschlüsselungsverfahren, die verhindern sollen, dass ich meine Musik meinen Freunden weitergebe? Wieso jammert die Musikindustrie – wo ich bedeutend mehr Geld im iTunes-Store liegenlasse als damals im Plattenladen – anstatt von den Möglichkeiten des Web 2.0 zu profitieren?
Der Nostalgiker fragt sich: War es früher nicht einfacher gute Musik zu finden, als mir der Plattenverkäufer verlässliche Tipps gab, während ich mich heute auf Myspace in einem Wirrwarr von austauschbaren Bands verliere? Ist es nicht schade, dass Musik zu einem so vergänglichen Gut geworden ist, dass mir meine Lieblingsplatte in Zukunft nur noch gehört, so lange ich Abonnent bleibe (wie das bei der Musik-Flatrate der Fall ist)?
Der Blogger fragt sich: Wieso werde ich für MP3-Verlinkungen abgemahnt, die doch in erster Linie kostenlose Werbung für das Produkt sind?
Und alle fragen sich: Hat die Musikindustrie bald ausgedient, wenn sie ihre Kunden weiterhin bekämpft, statt mit fairen Angeboten zu bedienen? Euren Senf zum Thema könnt Ihr da oder noch besser hier dazugeben:
Liebe Musikpiraten und Vertreter der Musikindustrie, die Podiumsdiskussion ist eröffnet!