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© Alexander Schwab
„Stendhal“ ist der Künstlername des französischen Schriftstellers Marie-Henri Beyle (1783–1842). Sein Buch „Über die Liebe“, erschienen im Jahr 1822, wird bei Wikipedia als eines der am schlechtesten verkauften Bücher aufgeführt. 191 Jahre soll es gedauert haben, bis die erste Auflage vergriffen war. Das konnte ich durch eigene Recherchen nicht bestätigen. Trotzdem spielt «Über die Liebe» als „Worstseller“ sicher in einer eigenen Liga. Nach Stendhals eigenen Angaben wurden zwischen 1822 und 1833 siebzehn Exemplare verkauft und bis 1842 an die hundert. Das ist eine Marke, an die nicht einmal die „Worstseller“ des Eichelmändli Verlages herankommen, wobei die Eichelmändli doch genau in dieser Nische tätig sind. Die Eichelmändli nehmen in Kauf, dass einige Produkte gar keine Freunde finden, und freut sich über andere, die ihren Weg machen. Stendhals „Über die Liebe“ wird trotz Anlaufschwierigkeiten heute noch gelesen – zumindest befindet es sich im Angebot grosser Verlage. Tatsächlich ist es ein lesenswertes Buch, in dem Stendhal mit dem Begriff „Kristallisation“ Folgendes umschreibt:
„In den Salzbergwerken von Salzburg wirft man in die verlassenen Tiefen des Stollens einen winterlich kahlen Baumzweig; zwei oder drei Monate später zieht man ihn wieder heraus, bedeckt mit glitzernden Kristallen: die kleinsten Ästchen, nicht dicker als eine Meisenkralle, sind besetzt mit einer Unzahl beweglicher, blendender Diamanten; man kann den ursprünglichen Zweig nicht wiedererkennen. Was ich Kristallisation nenne, ist die geistige Tätigkeit, die an allem, was sich darbietet, die Entdeckung macht, daß das geliebte Wesen neue Vorzüge hat. “ Stendhal weiter: „Der Liebende kommt bald dahin, seine Geliebte so, wie sie ist, schön zu finden, ohne an die wahre Schönheit zu denken.“ Aus Stendhals Sicht existiert sie also „real“, die wahre Schönheit, die Schönheit an sich. Im gleichen Zusammenhang sagt Stendhal: „Vor der Entstehung der Liebe ist die Schönheit notwendig als Ladenschild; […].“
Typisch spektakuläre Ladenschilder der Natur sind zum Beispiel blühende Bäume, Blumenwiesen, verschneite Berglandschaften, ein röhrender Hirsch in der Waldlichtung oder Sonnenuntergänge. Unter dem Titel „Der Kitsch des Sonnenunterganges“ ist bei Focus Online zu lesen: „Der Sonnenuntergang: Die Sonne verwandelt sich von einem grellen Ball am Himmel in eine blutrote Scheibe, die langsam im Meer versinkt. Das ist kitschig – und reine Physik.“ Das ist Unsinn in Reinkultur. Wenn man sich schon so „wissenschaftlich“ gibt, so müsste als Erstes klargestellt werden: Es gibt keinen Sonnenuntergang. „Sonnenuntergang“ schliesst selbstverständlich den „Sonnenaufgang“ mit ein, von dem aber bei Weitem seltener die Rede ist. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Die Leute, die sich bezüglich „Kitsch“ am weitesten zum Fenster hinauslehnen, müssten etwas früher aufstehen, um einen „Sonnenaufgang“ zu Gesicht zu bekommen. Die Natur kennt keinen Kitsch, der findet sich lediglich im Wertelabyrinth innerhalb einer sozialen Blase. Aber auch die ist im Grunde genommen ‘Natur’ – ‘reine Physik’ (und etwas Chemie dazu). Stendhal sagt: „Die Liebe ist das Wunder der Zivilisation.“ Kitsch und Kunst sind es ganz sicher.
Grenzenlose Schönheit
Jäger, Dichter, Denker und Wissenschaftler unterschiedlichster Herkunft kommen früher oder später bei der Schönheit an. Es führt sozusagen kein Weg an der Schönheit vorbei. Mit Aksakow, Bose, Tagore und Einstein treffen verschiedenste Welten aufeinander.
© Museum Abramzewo
Sergei Timofejewitsch Aksakow (1791 – 1859) obwohl bei uns kaum bekannt, ist ein Autor von Weltrang und er war ein leidenschaftlicher Jäger und Angler. Aksakows Aufzeichnungen über das Jagen und Angeln sind Zeitdokumente und Weltliteratur in einem. Von Aksakow in Deutsch gibt es beim Eichelmändli Verlag: „Über die Jagd – Erinnerungen und Betrachtungen eines leidenschaftlichen Jägers“.
Aksakow sagt an einer Stelle: «Oft widerfährt es einem auf der Jagd, dass gerade das, was man sucht, nicht gefunden wird, und umgekehrt: Man findet eine wertvolle Beute da, wo man sie nicht vermutet hätte.» Der aufmerksame Aksakow-Leser wird genau das erfahren: Die realistischen Beschreibungen längst vergangener Ereignisse, vorgestriger Methoden und veralteter Gerätschaften kippen oft unversehens ins Poetische und verdichten sich zu tief stimmigen, zeitlosen Bildern, Gedanken und Einsichten. Diese Bilder und Gedanken haben kein Verfalldatum. Die Erinnerungen über die Schmetterlingsjagd während seiner Studententage fasst Aksakow so zusammen:
„Kurz, aber brennend berührte die Leidenschaft, Schmetterlinge zu fangen und zu sammeln, meine Seele. Sie hatte sich in eine Opulenz gesteigert, die bis zum Äußersten, gar Absurden ging. Es mag sein, dass sie mich monatelang daran hinderte, den Vorlesungen aufmerksam zu lauschen. Doch das hatte keine Not! Ich bereue nichts. Alles selbstlose Streben, jede Anstrengung der seelischen Kräfte ist moralisch gut für den Menschen. Mein ganzes Leben bewahrte ich mir freudige Erinnerungen an jene Zeit, an die vielen glücklichen, ja gesegneten Stunden. Denn dieses Vergnügen fand unter freiem Himmel statt, wurde stets von vielen verschiedenen Begebenheiten, den Schönheiten und Wundern der Natur begleitet. All die Berge, Wälder und Wiesen, durch die ich mit meinem Kescher streifte, die Abende, an denen ich den Dämmerfaltern auf der Lauer lag, die Nächte, in denen ich die Nachtfalter mit Licht anlockte, waren, als habe ich mich selbst nicht wahrgenommen. Meine ganze Aufmerksamkeit – so schien es mir – richtete sich nur auf die wertvolle Beute. Aber die Natur mit ihren ewigen Schönheiten spiegelte sich, für mich selbst ganz unbemerkt, in meiner Seele wider. Und jene Eindrücke, die mir in späteren Jahren so lebhaft und harmonisch erschienen, sind von göttlicher Gnade erfüllt, und die Erinnerungen an sie erwecken solch freudige Empfindungen, die nur aus der Tiefe einer menschlichen Seele hervorgerufen werden können.“
Aksakow sagt, dass wir wahrnehmen können, ohne uns bewusst zu sein, dass wir dies tun. Dadurch, dass die Beute die Aufmerksamkeit vollkommen beansprucht, wechseln alle Sinne in den maximalen Empfangsmodus. Die ganze Aufmerksamkeit auf einen „Gegenstand“ zu richten, bedeutet nicht, diesen in seiner Einzigkeit zu isolieren, sondern mit ihm im realen Zusammenhang zu stehen. Jeder Jäger und Angler erfährt diesen Zustand der Selbstvergessenheit auf dem Ansitz, auf der Pirsch, bei höchster Konzentration auf den Schwimmer oder der Präsentation der Fliege. Die Psychologen nennen das ‘Flow’ (Fluss). Meditierende verschiedenster Richtung versuchen den ‘Flow’ sozusagen herbeizukonzentrieren, indem sie versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf einen ‘Gegenstand’ zu richten. Meditation ist so gesehen eine Art von Jagdersatz. Hobbymeditierende und Berufsmönche aller Gattung sind ebenso Jäger nach Schönheit und Licht wie es die richtigen Jäger und Angler sind.
Wenn Meditierende die ‚ewige Schönheit‘ erahnen oder erfahren, flüchten sie nicht vor der Wirklichkeit, sondern sie kommen dort an. Sie sind dann aus der Tiefe ihrer menschlichen Seele heraus Natur wie es die Fibonacci-Zahlen sind und die Dinosaurier waren. Was auch immer der Fall: der Grund, warum Jagderlebnisse nachhaltig in Erinnerung bleiben und sich oft bis zur Verklärung entwickeln ist nichts anderes als die ‚ewige Schönheit‘. Es muss aber nicht Jagd oder Meditation sein: die ewige Schönheit wirkt auch bei einem Spaziergang oder einer Wanderung in der Natur auf den Menschen ein. Vielleicht nicht so intensiv, aber sie wirkt. Die ‘Naturerholungsforschung’ belegt dies X-fach.
Im Westen ist Sir Jagadish Chandra Bose (1858 – 1937) etwa so bekannt, wie der nach ihm benannte Bose-Krater auf der Rückseite des Mondes sichtbar ist. J C Bose entdeckte und erforschte die Millimeterwellen , Grundlage vieler moderner Anwendungen (Radio, Radar etc.). 1894 gelang es ihm mit einem Funksignal eine in ca. 1,5 km (Daily Chronicle: ‘nearly a mile’) entfernte Klingel einzuschalten. 1895 schaffte es Marconi 1 Kilometer weiter, aber vor allem schaffte er es als erster zum Patentamt und damit zu Geld und Ruhm. J C Bose wurde angeboten seine Ergebnisse und Verfahren patentieren zu lassen, was er aber kategorisch ablehnte. Sir Neville Mott Nobelpreisträger für Physik 1977, fasste Boses Bedeutung für die Wissenschaft so zusammen : ‘Bose war seiner Zeit 60 Jahre voraus’.
Etwa um die gleiche Zeit, also Anfang des 20. Jahrhunderts, entwickelte J. C. Bose seinen Crescographen: ein Gerät zur Messung des Pflanzenwachstums. Der Crescograph war eine Sensation und machte in bis zu 10.000-facher Vergrösserung das Unsichtbare sichtbar, nicht mikroskopisch, sondern durch Messung und Aufzeichnung des Wachstums unter verschiedenen Bedingungen. Seine allgemeinen Erkenntnisse aus den Forschungen mit dem Crescographen fasste J. C. Bose so zusammen:
„Die Grenzwälle, die zwischen verwandten Erscheinungen aufzusteigen schienen, verschwanden und wir sehen Pflanze und Tier als vielförmige Einheit auf dem einen grossen Ozean des Seins. Durch solche Erkenntnisse wird das Geheimnis der letzten Dinge nicht verflacht, sondern mächtig vertieft. Es ist nicht minder ein Wunder, dass der Mensch durch die Unvollkommmenheit seiner Sinne ringsum beschränkt, sich ein Gedanken-Fahrzeug schafft, um Eroberungszüge ins unbekannte Meer zu unternehmen. Auf seiner Entdeckungsfahrt gewahrt er hie und da einen Schimmer von jenem Wunderland, das seinen Augen verborgen ist. Solche flüchtigen Blicke befreien ihn aus seiner Selbstbeschränktheit und lassen ihn den mächtigen Pulsschlag ahnen, der das Universum durchdringt.”
Die aksakowsche ‚ewige Schönheit‘ ist nichts anderes als der der mächtige Pulsschlag des Universums. Bose bemerkt an anderer Stelle, dass er durch seine Forschungen ‚ eine alles durchdringende Schönheit‘ erkannte, die alles vereint. Boses Freund der Dichter Tagore (1861 – 1941) erhielt 1913 den Nobelpreis für Literatur und das verbindet ihn mit Einstein, der 1921 mit dem Physiknobelpreis 1921 geehrt wurde.
J C Bose gehörte auch, wie Albert Einstein (1879 - 1955) und andere führende Wissenschaftler der damaligen Zeit, dem ICIC, dem ‘International Committee on Intellectual Cooperation’ an. Das ICIC war eine Institution des Völkerbundes. J C Bose war dort zwischen 1926 und 1939 aktiv, Einstein zwischen 1929 und 1939. Bose und Einstein haben sich also wahrscheinlich gekannt. Sicher ist, dass sich Boses Dichterfreund Tagore (1861 - 1941) und Einstein 1930 in der Nähe von Berlin getroffen haben, wo dieses Gespräch aufgezeichnet wurde.
“ TAGORE: You have been busy, hunting down with mathematics, the two ancient entities, time and space, while I have been
lecturing in this country on the eternal world of man, the universe of reality.
Sie waren mit der Mathematik auf der Jagd nach den beiden alten Einheiten Zeit und Raum, während ich in diesem Land über die ewige Welt des Menschen und das Universum der Wirklichkeit (des Seins?) Vorträge hielt
[ … ]
EINSTEIN: Truth, then, or beauty, is not independent of man?
Ist dann Wahrheit oder Schönheit nicht unabhängig vom Menschen?
TAGORE: No, I do not say so.
Nein, das sage ich nicht.
EINSTEIN: If there were no human beings any more, the Apollo
Belvedere no longer would be beautiful?
Gäbe es keine Menschen mehr, wäre der Apollo von Belvedere nicht mehr schön?
TAGORE: No!
Nein!
EINSTEIN: I agree with this conception of beauty, but not with
regard to truth.
Ich bin mit diesem Konzept von Schönheit einverstanden, aber nicht im Hinblick auf die Wahrheit.
TAGORE: Why not? Truth is realized through men.
Warum nicht? Die Wahrheit wird durch den Menschen erkannt.
EINSTEIN: I cannot prove my conception is right, but that is
my religion.
Ich kann nicht beweisen, dass meine Auffassung richtig ist, aber das ist meine Religion.
TAGORE: Beauty is in the ideal of perfect harmony, which is in the universal being; truth is the perfect comprehension of
the universal mind. We individuals approach it through our own mistakes and blunders, through our accumulated experience, through our illumined consciousness. How otherwise can we know truth?
Schönheit liegt im Ideal der perfekten Harmonie, die dem universellen Sein eigen ist; Wahrheit ist das vollkommene Verständnis des universellen Geistes. Als menschliche Individuen nähern wir uns ihr durch unsere eigenen kleinen und grossen Fehler, durch unsere Erfahrung, durch unser erleuchtetes Bewusstsein. Wie sonst können wir die Wahrheit wissen?
EINSTEIN: I cannot prove, but I believe in the Pythagorean argument, that the truth is independent of human beings. It is
the problem of the logic of continuity.
Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube an das pythagoreische Argument, dass die Wahrheit unabhängig ist vom Menschen. Es ist das Problem der Logik der Kontinuität.
[ … ]
TAGORE: [ … ] if there be any truth absolutely unrelated to humanity, then for us it is absolutely non-existing.
[ … ] wenn es irgendeine Wahrheit gibt gänzlich ohne Bezug zur Menschheit, dann ist es für uns absolut nicht-existierend.
EINSTEIN: Then I am more religious than you are!
Dann bin ich religiöser als Sie es sind.“
Für Tagore existiert die Wirklichkeit nur über Menschen bzw. das universelle Wesen (Sein) und den universellen Geist. Gäbe es keine Menschen, gäbe es keine Welt in der Schönheit und Wahrheit existieren könnten. Einstein sieht das zumindest bezüglich der Wahrheit weniger eng und schliesst sich bezüglich Schönheit Tagore etwas arg schnell an. Schönheit kann auch Wahrheit beinhalten. Der Physiker Frank Wilczek erkennt: «Wenn die Naturgesetze nicht schön wären, hätte man sie nie gefunden.»
Dinos, Angelhaken und Higgs
Die Schönheit, so das geflügelte Wort, sei im Auge des Betrachters, womit zwei Dinge gesetzt sind. Erstens, Schönheit braucht einen Betrachter und zweitens ist sie subjektiv, weil es so viele Schönheiten wie Betrachter gibt. Beides trifft wahrscheinlich nicht zu. Zu Zeiten der Dinosaurier gab es niemanden der wusste, dass es Dinosaurier gibt, weil es damals noch keine Menschen gab. Und auch später als der Mensch erschien, vergingen Jahrtausende, bis die Dinosaurier bzw. deren Fossilien entdeckt wurden, obwohl sie ja die ganze Zeit ‘da waren’. Die Tatsache Dinosaurier ist bzw. war real, ohne dass sie irgendjemand wahrgenommen hat. Oder anders herum: Tatsachen sind nicht auf Wahrnehmung angewiesen. Neuseeland war über Äonen da, wo es heute noch ist, ohne dass irgendjemand wusste, dass es dort ist. Ein anderes Beispiel ist der Angelhaken: Irgendwo weit in der Vergangenheit – die Wissenschaft sagt, etwa vor 20.000 – 30'000 Jahren – wurde der Angelhaken nicht erfunden, sondern entdeckt, weil er die ganze Zeit in Knochenform da war. Es müssen nicht Dinosaurier, Inseln oder Angelhaken sein: das Higgs-Teilchen war schon immer da und wartete auf Higgs, es zu entdecken. Und genau so verhält es sich mit der Schönheit. Sie kann da draussen vorkommen, ohne dass wir es wissen, weil wir sie noch nicht entdeckt haben.
Schönheit suchen und finden
‘Alles ist Zahl’ soll der von Einstein erwähnte Pythagoras erkannt haben und sollte dem so sein, so müsste auch die Schönheit in Zahlen zu fassen sein. Das gelingt tatsächlich zumindest der Spur nach mit den Fibonacci Zahlen. Auf unterschiedlichsten Wegen sind der Inder Pingala (2. Jh. v. Chr.?) und der Italiener Fibonacci (ca. 1170–1250 n.Chr.) auf folgenden Sachverhalt gestossen:
1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34 …
Die erste Zahl wird zur folgenden Zahl addiert, also 1 + 2 = 3, dann 2 + 3 = 5, 3 + 5 = 8, 8 + 13 =21, 13 + 21 = 34, 21 + 34 = 55 … 2584 + 4181 = 6765, 4181 + 6765 = 10’946 und so weiter. Dividiert man in dieser Reihe nun eine Zahl durch die vorausgehende Zahl, also zum Beispiel 8 : 5 = 1,6, so ergibt sich im Laufe der Reihe eine immer genauere Annäherung an die Zahl Phi, also 1,618. Zum Beispiel: 6765:4181 = 1,618003396. Phi wiederum ist im Zusammenhang mit dem Goldenen Schnitt die goldene Zahl. Der goldene Schnitt bringt ein Teilungsverhältnis zum Ausdruck:
---------------- -------------
a b
Das Verhältnis von a zu b ist gleich dem Verhältnis von a + b zu a. Das berechnete Teilungsverhältnis ergibt Phi. Zusammengefasst sind diese Verhältnisse in der Fibonacci-Spirale
----------------------/------------------------------------
a b
Die Fibonacci-Spirale beinhaltet den Goldenen Schnitt bzw. die Annäherung an Phi und genau diese Verhältnisse kommen in der Natur im ganz Grossen wie im ganz Kleinen vor. Ob Tannzapfen, Schnecken, Blüten, Sonnenblumen, Bauchnabel, Farne, DNA, Galaxien, Seepferdchen, Vogelfedern oder Hurrikan die Fibonacci-Zahlen und der goldene Schnitt sind fast überall in der Natur anzutreffen. Die Fibonacci-Zahlen und der goldene Schnitt stehen aber keineswegs allein auf weiter Flur, sondern ‘leben’ da draussen mit anderen mathematischen Gegebenheiten zusammen also z.B. mit Symmetrien oder der Kreiszahl Pi. Wie bei den Dinosauriern verhält es sich mit den Gegebenheiten in der Natur so, dass sie objektiv existieren, unabhängig davon, ob sie von den Menschen wahrgenommen oder erkannt werden. Die Fibonacci-Zahlen oder Pi sind auf keine Wahrnehmung angewiesen, sie waren bis sie entdeckt wurden, wie der Angelhaken, einfach da. Sie sind weder wahr noch unwahr, sie sind, und sie sind das absolut und immer und überall. Das intuitive und systematische Wahrnehmen, Erkennen oder Erahnen der Gesetzmässigkeiten in der Natur generiert im Menschen die „Schönheit“. Es ist darum kein Zufall, dass der Goldene Schnitt kulturübergreifend als „schön“ empfunden wird.
Der Mensch überträgt die von ihm erahnte oder erkannte Schönheit in der Natur auch auf seine Werke in der Kunst, der Musik und der Architektur. Es gibt jedoch laut Wikipedia keinen Beleg dafür, dass die Pyramiden, der Parthenon oder das Alte Leipziger Rathaus absichtlich unter Verwendung des Goldenen Schnittes gebaut wurden. Es brauchte auch keine Absicht: Die Bauwerke entstanden sozusagen völlig natürlich aus dem Bauch heraus. Der Physiker Richard A. Dunlap weist in seinem Werk ‘The Golden Ratio and Fibonacci Numbers’ darauf hin, dass es viele Kunstwerke gibt die den goldenen Schnitt beinhalten aber wenige Belege dafür gibt, dass Künstler den goldenen Schnitt bewusst für die Komposition anwendeten: auch Bilder können völlig ‘natürlich’ entstehen.
Fibonacci & Co. entziehen den Überlegungen zur Schönheit in der Natur die subjektivistische Basis und legen nahe, dass die Selbstverständlichkeit des Satzes „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ lediglich einer oberflächlichen Bequemlichkeit geschuldet ist. Wer zum Suchen zu faul ist, wird nichts finden.
Fibonacci im Eichelmändliland
Das Eichelmändliland ist ein knapp einen Hektar grosser, geschützter Naturgarten. Dieses Inselchen mit seinen Eichen, Hecken, Kalkmagerwiesen, Obstbäumen, Teichbiotop und Hochstaudenflur wurde als solche in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts angelegt, gepflegt und weiterentwickelt, um einen Beitrag zum Naturschutz und zur einheimischen Artenvielfalt zu leisten.
Wenn sich im Frühling und Sommer die Hecken und Magerwiesen im Eichelmändliland ihre Pracht entfalten, so fassen Besucher ihre Eindrücke mit „schön“ zusammen. Das ist nicht einfach so hingesagt, denn die Hecken und Magerwiesen regen die sinnliche Wahrnehmung anders an, als dies ein englischer Rasen tut. Die Magerwiese „kommuniziert“ mit Farben (Blumen, Schmetterlinge, Vögel), mit Gerüchen (wilder Thymian, Majoran und andere Kräuter) sowie mit Geräuschen (Bienen, Rosenkäfer, Hornissen, Blätterrauschen, Hämmern des Spechtes etc.) und Geschmack (wilde Erdbeeren, Brombeeren, Mirabellen etc.). Die Botschaft von Bäumen, Hecken und Magerwiesen ist Schönheit, und dieser Schönheit kann sich kein Mensch mit offenen Sinnen entziehen. Wie das? Sehr vereinfacht gesagt: Je mehr Fibonacci, desto schöner. Fibonacci geht über die Sinne direkt in die Zentrale, die dann die Botschaft „schön“ empfängt. Das heisst, der Betrachter von Hecken und Magerwiesen muss nicht über Fibonacci, den Goldenen Schnitt oder über Symmetrien, und anderes Bescheid wissen, um ihre Schönheit wahrzunehmen. Die Schönheit, sofern vorhanden, kommt – wie bei Aksakow – ohne ein bewusstes Zutun über die Sinne zu ihm. Und „Je mehr Fibonacci, desto schöner” heisst auch: Je mehr Arten vorkommen, desto besser, weil es dann mehr Fibonacci gibt – denn viele Pflanzen „haben“ Fibonacci, aber nicht alle. Das heisst, die Schönheit lässt sich über die Artenvielfalt messen (‚Alles ist Zahl‘).
Ich sagte gerade oben, dass Bauwerke wie die Pyramiden völlig natürlich entstanden. Fibonacci und Co. sind Teil der Erdgeschichte und Evolution sind und dass Nutzen und Schönheit per evolutionärem Zufall offensichtlich oft Hand in Hand gehen. Mit dieser Sicht stehe ich nicht allein auf weiter Flur. Professor Adrian Bejan und J. Peder Zane (Design in Nature):“
«Die überragende Schönheit die Menschen in Objekten sehen, die den goldenen Schnitt aufweisen, ist keine abstrakte Qualität, die nur ästhetisch geschulten Geistern vorbehalten ist. Wir nehmen sie als angenehm und faszinierend wahr, weil sie in Übereinstimmung damit sind, wie wir die Welt sehen und damit nützlich sind. Wenn es ein zeitloses, mystisches Geheimnis bezüglich des goldenen Schnittes gibt, dann ist es die Tatsache, dass er die Menschheit mit der Natur verbindet …»
Eine kleine Komplikation gilt es dennoch zu beachten: Dem einzelnen Menschen wie der Menschheit ist ein Zeitfenster gegeben. Die Menschheit ist irgendwann erschienen, so geworden wie sie jetzt ist, um irgendwann wieder zu verschwinden. Die Menschen sind im irdischen wie universellen Geschehen eine Episode, wie es die Dinosaurier auch waren. Folglich sind die Menschen Teil eines Prozesses, der sich auch ohne sie weiter und immer weiter fortentwickelt. Im Zeitfenster „Menschheit – Mensch“ kann der Mensch die Gesetzmässigkeiten dieser Fortentwicklung oder zumindest einen Teil davon von innen heraus erkennen, wobei die Schönheit wahrscheinlich nichts anderes ist als die Wahrnehmung des Lebens in seiner Gesamtheit. Leben ist das wertvollste Gut, und das Erkennen oder Erahnen von Leben und Vielfalt wie im Eichelmändliland freut und berührt als „schön“. In einem Satz: Leben ist schön.
Schönheit in freier Wildbahn
Die Kulturlandschaft wie wir sie heute in West- und Mitteleuropa vorfinden, ist von Menschenhand gestaltet. Der gestalterische Wille war zweifelsohne vom Nutzen und von der Notwendigkeit getrieben, aber Nutzen und Schönheit schliessen sich nicht aus. Ob Naturschutzgebiete oder extensive Agrarflächen überall dort, wo die Artenvielfalt gepflegt wird, stellt sich Schönheit ein. Das Eichelmändliland ist eine Kulturleistung, ähnlich wie das Bild eines Malers oder das Musikstück eines Komponisten. Man kann das Eichelmändliland zwar nicht im Museum ausstellen, man kann keine Kulturpreise gewinnen, man kann es auch nicht kaufen und im Wohnzimmer aufhängen. Es ist geschaffen, um für sich selbst und um seiner selbst willen – das heisst mit all seinem Leben – zu sein. Und dieses Kunstwerk hat eine Botschaft, die fast alle Menschen verstehen und die fast alle Menschen freut: Schönheit.
Schönheit tangiert alle menschlichen Bereiche. Sie muss nicht gegenständlich sein: ein Vorgang, eine Entwicklung, ein Ereignis, eine Idee, eine Tat, eine Theorie und vieles mehr wird umgangssprachlich nicht ohne Grund als “schön” bezeichnet. Oft bringt die Poesie das Schöne zum Ausdruck. Dazu als Beispiel Morgensterns Palmström:
Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.
Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen –
er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.
Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.
Poesie entsteht jedoch nicht nur in der Dichterklause, sie kommt auch in freier Wildbahn vor. Es gibt poetische (schöne) Momente, Begebenheiten, Episoden oder Anekdoten. Zur Illustration zuerst die wunderbare Geschichte von Bertrand Russell und der alten Dame: Der berühmte Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell hält eine öffentliche Vorlesung über die Gegebenheiten des Universums und erklärt, dass sich die Erdkugel in einer Umlaufbahn um die Sonne befindet usw. Eine alte Dame im Publikum unterbricht ihn und sagt: „Alles nicht wahr, junger Mann. Die Erde ist flach und steht auf dem Rücken einer Schildkröte.“ Russell fragt: „Und worauf steht dann die Schildkröte?“ Darauf die alte Dame: „Du kannst mich nicht reinlegen Söhnchen … Es sind Schildkröten bis ganz nach unten.“ Das hat nie so stattgefunden, ist witzig, aber kein Witz, sondern hat eben etwas Poetisches (Schönes) weil es unter anderem die Dimension des Problems ohne viele Worte erkennen lässt.