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Meine Damen und Herren, wir haben noch zwei Doppelstunden vor uns, und für diese Stunden schränke ich das Bezugsfeld für diese Vorlesungen erneut ein, und zwar diesmal auf soziale Systeme. Das bedeutet nicht, dass die Theorie aufgegeben wird, aber es gibt eine Art Trichtereffekt. Wir hatten nach einer kurzen Einleitung über das Sichfestlaufen der Systemtheorie in der Soziologie eine ganz allgemeine Diskussion gehabt über Systemtheorie in der neueren Entwicklung, in den letzten 20, 30 Jahren, dann war ein Teil gefolgt, wo es darum ging, vom Sinnbegriff und vom Zeitbegriff ausgehend, psychische und soziale Systeme zu vergleichen, also den Horizont noch auf zwei ganz verschiedene Systemtypen zu beziehen, und jetzt möchte ich den letzten Teil der Vorlesung einschränken auf soziale Systeme, das heißt, es gibt eine Art Überleitung zu einer Vorlesung, die dann den Titel Soziale Systeme führen müsste. Dabei sind die Theorieoptionen, die Theoriefestlegungen der vergangenen Stunden weiterhin verbindlich. Das gilt vor allen Dingen für den zentralen Punkt, den man in der Literatur selten so hervorgehoben findet, dass das System völlig von der Operation her produziert und dann auch in der Beobachtung so definiert wird. Wir haben eine Operation als den Systemproduzenten, wir müssen die Theorie so einstellen, dass sie auf diese Operation bezogen wird, und das heißt, dass Systemtheorie und Kommunikationstheorie zusammengedacht werden müssen. Denn diese Operation, das hatte ich bereits gesagt, ist die Kommunikation.
Systemtheorie und Kommunikationstheorie treten also in einen engen Zusammenhang. Das bedeutet, dass wir zunächst einmal unser Vorverständnis von Kommunikation befragen und dass wir die weitläufige Literatur - inzwischen gibt es ja Lehrstühle für "Kommunikations-wissenschaft", und von "Kommunikation" ist in ganz verschiedenen Disziplinen die Rede - auf ihre Begrifflichkeit hin untersuchen müssen und, wie mir scheint, in eine Minderheitenposition geraten. Denn im Allgemeinen werden Sie - und wenn man nachliest, findet man das auch in der Literatur - Kommunikation als einen Übertragungsvorgang denken. Sie selbst sind ein Autor oder ein Empfänger einer Kommunikation, und der andere, der Partner, übernimmt die Mitteilung, die Nachricht, die Information, wie immer man das formulieren will. Erst ist sie hier, dann ist sie dort, und Sie sind aktiv oder passiv daran beteiligt. Das war auch in der kybernetischen Literatur der 50erjahre eine unbefragte Voraussetzung. Viel technische Forschung ging dahin, die Störanfälligkeit und das Transportvolumen von solchen Ubertragungsvorgängen zu berechnen.
Inzwischen gibt es Kritik an diesem Übertragungsmodell, aber relativ versteckt. Maturana zum Beispiel will ganz eindeutig Kommunikation oder Sprachbenutzung, wie es bei ihm heißt, nicht als Übertragungsvorgang verstanden wissen, sondern als eine Superkoordination der Koordination von Organismen.
Bei Gregory Bateson finden Sie in verschiedenen Schriften, Aufsätzen, Vorträgen die Vorstellung, dass es bei Kommunikation um die Erzeugung von Redundanz geht, also von überflüssigem Wissen, überflüssig vom Gesichtspunkt desjenigen, der es erfragen möchte.2 Wenn A dem B etwas mitteilt, kann C entweder A oder B fragen. Wenn etwas im Fernsehen gesendet wurde, können Sie anschließend nahezu jedermann danach fragen. Es wird ein Ubermaß an Wissen produziert, das Wissen multipliziert sich selbst, und der Effekt ist, dass die Vergessensquote oder die Deaktualisierung dieses Kommunikationsinhaltes entsprechend groß ist. Das Wissen von gestern interessiert heute schon nicht mehr. Diese Redundanzerzeugung ist eine Beschreibung von Kommunikation, aber das bedeutet noch nichts für das Verständnis der Operation. Mit was für einer Operation haben wir es zu tun? Wie beschreiben wir die Operation, die diesen Effekt des Uberflüssigen und der dann selektiven Behandlung, also Uberschuss und Selektion, erzeugt? Darüber ist in dieser wichtigen Kritik des Ubertragungsmodells noch nichts gesagt.
Eine andere Kritik ist weniger verbreitet, jedoch, wie ich glaube, gravierender. Hier geht es um die Frage, ob das Übertragungsmodell nicht für einen Beobachter und auch für einen Teilnehmer voraussetzt, dass man die Zustände der Beteiligten kennt, dass man also weiß, was Wissen bestimmter Art in Kopf A bedeutet und was Wissen in Kopf B bedeutet. Man müsste ja wissen, was da eigentlich drin ist, um feststellen zu können, das ist dasselbe. Denn wenn das Wissen in Kopf B und das Wissen in Kopf A ganz verschieden ist, wäre es schwierig, von Kommunikation zu sprechen. Aber wie wollen Sie wissen, was jemand weiß? Oder wie wollen Sie wissen, dass eine bestimmte Information, zum Beispiel mit welchem Bus man zur Universität fährt, in allen Köpfen dieselbe Information ist? Die einen fahren gerne Bus, die anderen fahren nicht gerne Bus. Die einen vergessen es immer wieder, müssen fragen und ärgern sich über sich selber. Die anderen haben dieses Problem nicht. Je konkreter man sich systemtheoretisch Systeme empirisch in ihren jeweiligen Zuständen vorstellt, umso schwieriger wird es, zu denken, dass eine Art Gleichheit oder zumindest Ähnlichkeit vorhanden ist. Oder, anders formuliert, wieder mit Rückgang auf den Beobachter: Ein Beobachter kann natürlich sagen, das sei dasselbe, so wie wir die Verlegung dieser Vorlesung aus einem Raum in einen anderen als sozusagen angekommen behandeln können. Wir haben kommuniziert, und was wir wissen, ist, dass wir kommuniziert haben. Ich weiß nicht, wie Sie es empfinden, wenn Sie umziehen müssen, oder welche Mühe es in Ihrem psychischen Haushalt macht, das zu begreifen, obwohl letztes Mal gesagt worden war, der Umzug werde nicht stattfinden. Wir erinnern uns an Kommunikation. Warum sollte man es dann nicht gleich von vornherein auf Kommunikation beschränken, zumal es außerordentlich schwierig wäre, wenn die Kommunikation darauf angewiesen wäre, immer feststellen zu müssen, mit welchem konkreten empirischen Zustand Subjekte, Individuen oder auch ganze soziale Systeme, Gewerkschaften zum Beispiel, an der Kommunikation beteiligt sind. Welcher Zustand der Gewerkschaft ist aktuell, wenn eine Unterschrift unter einen Vertrag vollzogen wird? Wozu müsste man das wissen? Welche Mühe hätte man, welche Zeitverzögerung würde es bedeuten, wenn man das sowohl im psychischen als auch im sozialen Bereich feststellen müsste? Würde eine ständige Selbstbeschäftigung mit ihren eigenen Voraussetzungen die Kommunikation in eine Sackgasse laufen lassen? Aber vielleicht ist das gar nicht nötig.
Das sind Argumente, zu denen noch ein drittes hinzukommt, das allerdings wieder aufgelöst werden wird, sobald wir zur schriftlichen Kommunikation kommen. Man könnte sagen, dass Kommunikation auf Zeitgleichheit von Mitteilungen und Verstehen angewiesen ist. Es kommt also nicht vor, dass ich etwas sage und ein anderer dies nach einer gewissen Verzögerungszeit versteht, sondern dadurch, dass die Akustik, das Geräusch, gleichzeitig vorhanden ist, höre ich mich in dem Moment sprechen, in dem ich spreche. Die Verzögerung ist minimal und wird psychisch nicht registriert. Ich nehme an, dass auch Sie in dem Moment, in dem ich etwas sage, hören, was ich sage. Die Zeitgleichheit der Kommunikation ist zumindest für mündliche Kommunikation, an sie denkt man automatisch zuerst, ein essenzielles Moment, an dem man die Einheit der Operation erkennen kann. Kommunikation ist gleichzeitig und findet in einem Raum statt, der überschaubar ist oder der durch die Kommunikation identifiziert ist. Wer immer etwas hört, wer immer vor dem Fernsehapparat sitzt, bekommt in dem Moment, in dem etwas gesagt wird, das mit, was gesagt wird, sodass uns weiteres Nachdenken über die Einheit eigentlich erspart wird.
Wenn wir die Fragestellung auf das Problem zuschneiden, was eine Kommunikation ist, was ihr unit act ist, worin die elementare Einheit eines Systems besteht, dann kann man diese Unterscheidung von Information, Mitteilung und Verstehen benutzen, allerdings in der Form von Komponenten einer Einheit. Das würde die These implizieren, dass eine Kommunikation nur dann zustande kommt, wenn diese Einheit aus Mitteilung, Information und Verstehen zustande kommt
Das lässt sich am Begriff der Information verdeutlichen. Dabei stoßen wir wieder auf Aspekte, die Maturana herausgearbeitet hat, um die übliche, auch biologische Informationstheorie, etwa wenn man von "genetischer Information" spricht, zu kritisieren. Information ist immer Moment einer Kommunikation, wenn wir sie in diesem Kontext behandeln. Sie ist nur etwas, was innerhalb des Systems als Information fungiert, auch innerhalb der Autopoiesis so funktioniert, dass die Information den Anlass bieten kann oder immer dazugehört; wenn es darum geht, eine nächste Operation ausfindig zu machen. Das kann man relativ gut einsehen, wenn man sich überlegt, was mit Informationen gemeint ist. Umgangssprachlich spricht man manchmal von "Daten", manchmal von "Informationen", so als ob das dasselbe sei, und denkt dabei automatisch an Zettel, an kleine Notizen, an Stückchen, kleine Einheiten, die hin und her geschoben werden. Man bekommt Informationen von irgendwoher und gibt sie weiter, nachdem man das Eigene hinzugetan hat, nachdem man deformiert, verfälscht oder was immer hat, aber es ist eine Art Handelsware, die von Hand zu Hand geht. Das passt natürlich zu einer Übertragungstheorie. Wenn man sich aber genauer ansieht, wie Information definiert ist, dann hat man es immer mit einer Uberraschung zu tun oder mit einer Auswahl aus mehreren Möglichkeiten. Wenn man einen bestimmten Satz spricht, ist dieser eine Auswahl aus der Menge der sprechbaren Sätze, die eingeschränkt ist durch das, was man vorher gesagt hat. Wenn man eine Nachricht bekommt, zum Beispiel in der Zeitung liest, etwa eine Sportnachricht, dass jemand gewonnen oder verloren hat oder so krank war, dass er gar nicht mitwirken konnte, hat man es von vornherein mit einem Kontext zu tun, in dem so etwas passieren kann. Man weiß im Voraus nicht, wann, man weiß nicht, wer gewinnt und wer verliert, aber ein Tennisspieler kann nicht beim Fußball gewinnen, sodass die Selektionshorizonte von Information immer irgendwie und normalerweise eng definiert sind und man nicht immer die gesamte Breite des Möglichen abtasten muss, bevor man die Nachricht verstanden hat. Es geht immer um eine zweiteilige Sache, um ein Woraus von Möglichkeiten und dann um die Selektion, der gemäß dies und nichts anderes der Fall ist.
Das führt im Übrigen dazu - das hatte ich bei der Vorstellung des Sinnbegriffs auch gesagt, - den Sinnbegriff von der Information zu unterscheiden, denn eine Information ist immer eine Art Überraschung im Auswahleffekt. Wenn sie wiederholt wird, ist höchstens die Information noch da, dass jemand es für nötig hält, das zu wiederholen. Bei einem militärischen Befehl muss der Soldat immer wiederholen, was ihm gesagt worden ist, und dann hat man eine Information, ob er es verstanden hat oder nicht und nur so tut, als ob, oder ob er der Anweisung gehorcht oder nicht - und was immer dann Information sein kann. Aber man muss immer einen neuen Erwartungskontext aufbauen und eine erneute Reduktion vornehmen.
Das ist ein starkes Argument für die These, dass das nur innerhalb eines Systems geschehen kann, denn wie wollen wir vorab sicherstellen, dass der Erwartungshorizont, die Zahl der Möglichkeiten und damit der Informationswert, der Überraschungswert innen und außen - oder in einem System und in einem anderen System -dasselbe ist? Sofern man sich handelbare Stückchen vorstellt, kann man sich das noch irgendwie denken, aber wenn man sich die Struktur des Informationsbegriffs genauer ansieht, diese duale Struktur von Selektionshorizont und Auswahl, wird es immer schwieriger, sich vorzustellen, wie das gehen soll. Man muss dann den Informationshorizont ermitteln können, wenn man beobachten will und das ist natürlich möglich -, um herauszufinden, was für ein bestimmtes System Information ist. Wenn man zum Beispiel beobachten will, wie die früheren sozialistischen politisch-ökonomischen Systeme Informationen über die Wirtschaft erzeugt haben, muss man sehen, dass das zum Beispiel anhand von Produktionsplänen erfolgte. Soundsoviel Tonnen von dem sollte produziert und sollte dahin gebracht werden, und dann sah man, es wurde weniger, oder es funktionierte nicht. Man sah also die eigene Planvorgabe als Apparat der Informationssammlung. Eine Information über wirtschaftliche Rationalität war in diesem Apparat nicht enthalten. Es gab nur die Information über den Plan, und Sie müssen das politische System beobachten, wenn Sie feststellen wollen, welche Information über Wirtschaft in der Politik gehandelt wird. Wir haben, darüber hatten wir schon einma gesprochen, andere Arten, uns über Wirtschaft zu informieren, jedoch dasselbe Problem in anderer Weise. Wenn wir uns zum Beispiel an Arbeitslosenziffern, am Bruttosozialprodukt oder am Außenhandelswert der Währung orientieren, dann sind das zwar aggregierte Wirtschaftsdaten, aber ich nehme nicht an, dass sich . Grossunternehmen ebenfalls an diesen Daten orientieren werden. Der Rahmen dessen, was bilanzmässig in einem Unternehmen zählt und deswegen in großen Mengen wirtschaftliche Rationalität steuert, einerseits und der Rahmen dessen, was politisch relevante Information aus der Ökonomie ist, andererseits unterscheiden sich deutlich. Man muss immer wissen, was der Auswahlkontext ist, aus dem heraus Daten, Irritationen, Nachrichten, wie immer man das nennen will, Informationswert haben.
Dasselbe würde dann, da braucht man nicht so viele Argumente, auch für Mitteilung gelten, denn ohne Mitteilung kommt keine Information zustande, ohne Mitteilung kommt auch kein Verstehen zustande. Es muss also jemand die Kopplung zur Information herstellen und dabei beobachtbar sein. Ich glaube, das brauche ich jetzt nicht weiter auszuführen, denn wahrscheinlich hat sich noch niemand eine Kommunikation ohne Mitteilung vorstellen können, wenn man konzediert, dass es sich dabei auch um unabsichtliche Mitteilungen handeln kann und dass die Konstruktion von Absichten für bestimmte Zwecke nötig, aber normalerweise nicht nötig ist.
Dann die dritte Komponente, Verstehen. Auch hier ist von vornherein evident, dass man nur etwas verstehen kann, was gesagt worden ist, dass also das Verstehen nicht etwas ist, das herausgelöst aus der Kommunikation begriffen werden kann. Das kann man natürlich ändern, wenn man einen hermeneutischen Begriff von Verstehen hat und damit aus dem Bereich der für Kommunikation verwendeten Texten ausschert und die Welt als ein Verstehensproblem oder was immer behandeln will. Der Hermeneutiker tendiert dazu, mit dem Textbegriff zu starten, dann aber den Textbegriff über den Bereich des für Kommunikation Gebrauchten hinaus auszuweiten, und entsprechend hat man dann einen anderen Verstehensbegriff. Mindestens seit Schleiermacher hat man es hier mit einer engen Kopplung an psychisches Verstehen zu tun. Wenn man verstehen will, warum jemand so handelt, wie er handelt, braucht man nicht unbedingt Kommunikation und ist auch nicht unbedingt auf Kommunikation angewiesen. Man braucht Kenntnisse und muss das, was man beobachtet, ein Verhalten etwa, zurückrechnen können auf den internen Horizont des anderen, auf das, was er oder sie damit gemeint haben wollte und warum er oder sie das so sieht und nicht anders.
Der Verstehensbegriff ist in anderen wissenschaftlichen Kontexten ausweitbar, aber wenn wir für unsere Zwecke einer Kommunikationstheorie von Verstehen sprechen, ist immer eine Komponente gemeint, ohne die die Kommunikation nicht abgeschlossen werden kann und die zur Realisation, zur Aktualisierung von Kommunikation beiträgt. Hier ist ebenso wie bei dem Begriff der Information kein Außenzustand gemeint, also nicht der psychische Zustand des Verstehenden selbst, sondern eine Bedingung dafür, dass die Kommunikation weitergeht. Das heißt, dass man Verstehen und Nichtverstehen unterscheiden muss. Wenn jemand nicht versteht, was gesagt wurde, also zum Beispiel die Sprache nicht kann, läuft die Kommunikation nicht weiter oder auf ganz elementaren Grundlagen. Man versucht es mit Englisch, das geht auch nicht, dann versucht man es mit Körperzeichen, und irgendwie versteht man, dass man nicht versteht, und dann kann es immer noch ziemlich lange . weitergehen, wenn es gelingt, die Kommunikation auf andere Ebenen zu übertragen. Typischerweise jedoch ist das Nichtverstehen der Anlass zur Rückfrage und zur Klärung innerhalb des Kommunikationsprozesses, wird also in die Kommunikation selbst wieder eingespeist. Wenn jemand zu leise gesprochen hat und man gehört hat, dass er etwas sagen wollte, aber nicht deutlich verstanden hat, . was er sagen wollte, dann fragt man nach, und dann kann das korrigierbar sein.
Dieser Begriff des Verstehens schließt dann Missverstehen ein, sofern es der Autopoiesis keinen Abbruch tut. Man kann auf der Basis von Missverstehen sehr lange miteinander weiterkommunizieren. Es ist gar nicht nötig und wäre auch eine schwierige Belastung des Kommunikationsprozesses, wenn alle Missverständnisse geklärt werden müssten. Manchmal kommt es darauf nicht an, weil der nächste Akt ja auswählt. Man sieht zwar, ich habe nicht richtig verstanden oder möglicherweise ist das falsch, aber es genügt zu unterstellen, dass es so und so weitergeht. Oder umgekehrt merkt derjenige, der etwas gesagt hat, dass der andere dem einen anderen . Sinn unterlegt, aber es kommt ihm nicht darauf an, ständig zu korrigieren. Er ist nicht von Geburt oder Sozialisation her Lehrer, sondern meint,das geht, wir kommen auch mit diesen Missverständnissen zurecht. Sodawss die Frage, ob nachgebohrt wird, ob korrigiert wird, ob weitere Kommunikation gleichsam im Stillstand auf dieses Problem gelenkt wird, eine Frage ist, die im System entschieden wird. Als Beobachter kann man diesbezüglich sicherlich Regelmäßigkeiten erkennen, wenn man sich dafür interessiert.
Die zentrale Frage, nachdem wir diese drei Komponenten durchgegangen sind, ist, wie die Einheit der Operation konstituiert wird beziehungsweise was die Kommunikation zu einer Einheit macht. Es müssen ja nicht bloß Information, Mitteilung, Verstehen vorkommen, sondern es muss etwas passieren, das eine Synthese leistet. Wie kommt das zustande? Wenn man sagt, dass wir nicht zu hohe Anforderungen an richtiges Verstehen stellen, dass der Mitteilende nicht wirklich seinen inneren Zustand bekannt geben muss und dass man nicht unbedingt wissen muss, aus welchen Horizonten die Information ausgewählt wird - alle diese pragmatischen Abschwächungen zugestanden -, ist immer noch nicht klar, wie die Einheit zustande kommt. Hier würde ich - das unterscheidet uns recht deutlich von jeder Handlungstheorie - beim Verstehen ansetzen.
Sie erinnern sich vielleicht daran, dass ich bei der Behandlung der Zeichentheorie oder der Semiotik ein ähnliches Problem hatte. Es gibt Bezeichnendes und Bezeichnetes, und was ist die Einheit dieser Unterscheidung, was ist das Zeichen? Da haben wir auch so eine Trias, die in der Literatur seit Peirce diskutiert und in Richtung auf Pragmatik aufgelöst wird. Von einem unterscheidungstheoretischen, differenztheoretischen oder beobachtungstheoretischen Ansatz her fällt auf, dass die eine Komponente die zwei anderen gleichsam beobachtet beziehungsweise die Beobachterposition innerhalb dieses Modells hat. Wenn also in der Position des Verstehens zwischen Mitteilung und Information nicht unterschieden wird, kommt keine Kommunikation zustande. Die Kommunikation erzeugt in ihrer Verstehenskomponente überhaupt erst die Zweiheit: Information und Mitteilung, die sie zur Kommunikation macht. Entschuldigen Sie diese komplizierte Ausdrucksweise, aber ich glaube, in diesem Punkt kommt es auf Genauigkeit an.
Wir haben die Frage, wie Einheit zustande kommt, und wir können keinen Außenfaktor dafür verantwortlich machen, der als höhere Instanz gnädig eingreift und die Komponenten zusammenfügt, sondern das muss autopoietisch in der Operationsweise selber geschehen. Die Vorstellung ist, dass das im Verstehen geleistet wird, wie explizit, ist eine andere Frage, aber immer so, dass man Kommunikation nur wahrnimmt, wenn man sieht, feststellt, dass jemand etwas gesagt hat und dass man dieses "jemand" und das "etwas" unterscheiden kann. Das schließt ein, dass jemand über sich selber spricht, dass er sagt, "Ich bin heute aber müde" oder "Ich habe keine Lust" oder "Ich möchte gerne das tun". Dann teilt er eine Information über sich selber mit, und wir sind raffiniert genug, um Informationen, die jemand über sich selber gibt, nicht ohne weiteres abzunehmen, sondern sofort den Gedanken zu haben, wieso er das jetzt wünscht, wieso er in dem Zustand ist oder wieso er sich als jemanden bezeichnet, der in dem Zustand ist, dass er sich etwas wünscht....
Die These ist, dass der Unterschied zu den Informationen und Mitteilungen im Verstehen fundamental ist. Andernfalls erleben wir nur Verhalten. Das kann auch Aufschlüsse über andere Menschen geben, ist aber eben nicht Kommunikation. Im Verstehen wird die Verbindung zwischen Information und Mitteilung geleistet, und zwar weitgehend über Sprache, denn wenn jemand sich sprachlich ausdrückt, ist klar, dass er das, was er sagt, mitteilen will. Dann ist der Inhalt durch die Sprache fixiert, und das Sprechen macht deutlich, dass er es mitteilen will. Das Sprechen passiert einem nicht, jedenfalls im Normalzustand passiert einem das Sprechen nicht, sondern man will etwas mitteilen, und zwar das, was man gesagt hat - mit einer gewissen Zugabe an Unschärfe, natürlich kann es sich auch um eine Lüge handeln, und man kann, wenn man etwas sagt, zu verstehen geben, dass man in Wirklichkeit etwas anderes sagen wollte als das, was man gesagt hat. Hier bekommen wir wieder Zugang zu den Subtilitäten der Alltagskommunikation, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Synthese im Verstehen geleistet wird und auf eine Weise, dass das Verstehen sich selber einbezieht. Das Verstehen versteht, dass es versteht, wenn man so will. Es versteht, dass damit etwas anzufangen ist, dass es sich nicht einfach um eine Welterklärung, sondern um die Bedingung der Teilnahme an der Kommunikation oder, vom Kommunikationssystem her gesehen, um die Bedingung der Fortsetzung von Kommunikation handelt. Wenn man nicht so viel herausbekommt, dass man selber reagieren kann oder dass man dem weiteren Verlauf der Kommunikation folgen kann, schaltet man ab und schließt sich selber aus. Dann hat die Kommunikation in Bezug auf die Inklusion von Teilnehmern einen Teil ihrer Kapazität verloren. Und das ist im Verstehen bewusst. Man passt auf, man hört hin, man denkt mit, wie immer schwach oder, das hängt natürlich von dem Kontext ab, wie immer fasziniert, und schafft ständig die Möglichkeit, die Fortsetzung der Kommunikation mitzutragen. Diese Beschreibung klingt psychologisch, aber gemeint ist immer die Ebene der Kommunikation. Das heißt, wenn die Kommunikation läuft, kann unterstellt werden, dass ausreichendes Verstehen vorhanden war - immer eingeschlossen ausreichendes Missverstehen
Dies ist der Grund dafür, dass man Kommunikation auch als selbstbeobachtende Operation beschreiben kann. Sie erinnern sich an die Abstraktion des Begriffs der Beobachtung. Es geht darum, eine Unterscheidung zu benutzen, um etwas zu bezeichnen. Die Unterscheidung, die in der Kommunikation zur Selbstbeobachtung der Kommunikation benutzt wird, ist die Unterscheidung von Mitteilung und Verstehen. Ohne diese eingebaute Selbstbeobachtung würde Kommunikation überhaupt nicht laufen. Dies ist ein Merkmal, das in vielen Hinsichten nicht typisch ist, weil wir ja deutlich zwischen Operation und Beobachtung unterscheiden. In normale Lebensprozesse, biochemische Prozesse oder auch in organisches Verhalten ist die Selbstbeobachtung nicht in dieser Weise eingebaut. Es gibt komplizierte Feedbackapparate, die voraussetzen, dass Zustände diskriminiert werden können. Wenn man das Beobachtung nennen will, hat man einen anderen Beobachtungsbegriff und kann sich dann auch eine ständige Selbstbeobachtung etwas des Immunsystems oder des Nervensystems vorstellen, aber der Unterschied ist deutlich, und in der Kommunikation ist das eine Unvermeidbarkeit. Wir kommen, wenn wir die Begriffe so setzen, nicht mehr umhin zu sagen, dass Operation und Beobachtung nur uno actu, nur in einem Zug vollzogen werden können. Und die Frage ist, wozu das vorgesehen ist, warum das der Fall ist oder was das System davon hat, dass es mit solchen Operationen operiert. Die Antwort darauf hängt mit der Frage zusammen, was eine Kommunikation erreicht, bewirkt, was der Effekt oder die Funktion einer Kommunikation ist.
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