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Vom Jugendstil bis zum ComputermodellDer Jugendstil zum Beispiel bricht die schematische Gründerzeitarchitektur auf: Letztere war verschachtelt und unwohnlich, die Wohnungen jenseits der repräsentativen Fassaden an der Strasse zu den Hinterhöfen und entsprechenden Häusern schlecht zu lüften. In den 1920er Jahren werden die ersten Fenster dann auch querformatig statt im Kreuzstockhochformat angelegt, da die Decken effizienter – das heisst niedriger – angesetzt wurden und man dennoch für ausreichend Licht und Belüftung im Stockwerk sorgen will. Die langen Bandfensterreihen des Neuen Bauens orientieren sich in ihrer visuellen Dynamik an den Autofahrenden statt an den Passantinnen und Passanten.
Jahrzehnte später baut die DDR monumentale Häuserreihen, im Westberliner Tiergarten entstehen zur Internationalen Bauausstellung 1958 dagegen 33 freistehende Hochbauten, inklusive des heutigen Hauses der Kulturen der Welt und der „Wohnscheibe“ von Walter Gropius: „Das Hansaviertel war auch ein politisches Statement“, schreibt Fröbe, „und gilt als Westberliner Antwort auf die Ostberliner Stalin-Allee“ (S. 94).
Die 1960er verhelfen dem Rohbeton dann zum selbstbewussten Stilmittel und dem Brutalismus zu seinem nur vermeintlich brutalen Namen (Rohbeton, en francais: béton-brut). Durch den Dekonstruktivismus des ausklingenden 20. Jahrhunderts wird der Zivilisationsbruch der Shoah auf der Fassade des Jüdischen Museums zeichenhaft erkennbar. In der „Landmark-Architektur“ der 1990er und der Gegenwart mit ihren skulpturalen Grossbauten, die keinen ästhetischen Bezug zur angrenzenden Umwelt aufweisen, scheint ihre technologische Bedingung durch: Den Gebäuden ist „im fertigen Zustand noch anzusehen [...], wie sie sich als animierte Grafiken auf dem Bildschirm gedreht haben“ (S. 142). Ihre schöpferische Bedingung war die neue Rechenleistung des Computers.
Vom Glück der BausündeTurit Fröbe, Berliner Urbanistin und Gastprofessorin an der Universität der Künste, dürfte manchen bereits seit ihrem Überraschungserfolg aus dem Jahr 2013, dem Bildband „Die Kunst der Bausünde“, bekannt sein. Vom Alexa bis zu den Streitigkeiten zwischen Eigentümer*innen von Doppelhaushälften, die oft in der Fassade ablesbar sind, hat Fröbe das vermeintlich Hässliche der Architektur hervorgehoben. Ihre These:
„Eine gut gemachte, originelle Bausünde zeichnet sich durch Mut, Einfallsreichtum und eine beherzte Entschlossenheit aus. Sie verfügt über eine herausragende Bildqualität und hebt sich souverän aus dem unendlichen Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab.“ (Fröbe 2013, S. 8)
Eine einzigartige Schönheit und ein ureigener Charme gehen von der guten Bausünde aus, so Fröbe, wenn man sie nur zu lesen und zu verstehen lerne. Eine schlechte Bausünde verrate jedoch nicht weniger über die Schöpfenden und ihre Zeit. Diesen verstehenden Blick systematisiert Fröbe nun also in einem gut tragbaren Bestimmungsbuch.
Dieses ist deutschlandweit anwendbar. Die technologischen, kulturellen und sozio-ökonomischen Bedingungen von Architektur sind nicht nur in Berlin, sondern etwa auch in München, Offenbach oder Jena ablesbar. „Alles nur Fassade?“ wird so zum Handbuch für Flanierende des 21. Jahrhunderts.
Jedes Kapitel vertieft zunächst die Gründe für die epochemachenden Fensterformen, für das typische Material der Fassaden und für die Formensprache der urbanen Häuser und Siedlungen, und endet dann mit ikonischen Beispielen (wie dem Hansaviertel, dem expressionistischen Chilehaus in Hamburg oder dem ICC am Berliner Zentralen Omnibusbahnhof) und Gegenbeispielen der DDR.
So werden auch Teilung und NS-Vergangenheit architektonisch erkennbar. Die steinernen Fensterkreuze einiger Fensterreihen in Berlin Tempelhof sind beispielgebend für den Nationalsozialismus; natürlich sind die strenge Achsensymmetrie und der übertrieben monumentale, aber detaillose Rückbezug auf die klassische Antike, wie sie paradigmatisch am Flughafen Tempelhof ersichtlich sind, deutliche Zeichen der NS-Architektur.
In der DDR wurden mit Bezügen auf die Vergangenheit ganz anders gearbeitet: Das Nikolaiviertel am Alexanderplatz wurde zum Beispiel nur teilweise historisch rekonstruiert, sondern auch durch jene verrückten Plattenbau-Eigenwilligkeiten futurisiert, die bereits in Fröbes Bausündenbuch als „Erker-Eier“ ihren Platz fanden. Selbiges gilt für den Friedrichstadtpalast in Mitte: Von ihm könnte man meinen, er sei eine exakte Rekonstruktion. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Fantasie-Dekor, das historisierend, aber frei mit Elementen des Jugendstils umgeht – DDR-Postmoderne par excellence. Wie nebenher kommt die Erkenntnis, dass im Osten mitnichten alles graue Platte war.
In den Ruinen der BourgeoisieMittelkreuzstockfenster, horizontale und vertikale Skelettfassaden, Schubladenbalkone, Reduktionsklassizismus, Schiessschartenfenster in axialer achsenverschobener Setzung – all das wird im Fassadenbuch erstaunlich intuitiv erklärt. An seltenen Stellen scheint aus Fröbes Neologismen, wie dem „Balkontypus Whirlpool“, dann auch noch der trockene Humor durch, der schon die „Kunst der Bausünde“ zur erkenntnisstarken und vor allem witzigen Lektüre machte.
Schon bald entfaltet sich denen, die das dünne Buch beim Spazieren mehrfach durch haben, die Stadt fast von selbst – das Nachschlagen wird immer seltener nötig, das Fassadenbuch internalisiert sich. Und die Stadt wird zum Code. „Alles nur Fassade?“ ermöglicht damit, was Walter Benjamin fürs kritische Denken einmal skizziert hat, nämlich
„die grossen Konstruktionen aus kleinsten, scharf und schneidend konfektionierten Baugliedern zu errichten. Ja in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken“ (Benjamin 1982, S. 575).
Dann kommt man vom historischen Wissen zur aktuellen Kritik, etwa im Berliner Regierungsviertel: Das über die Spree gespannte „Band des Bundes“, bestehend aus dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, dem Bundeskanzleramt und dem Paul-Löbe-Haus, macht Schluss mit der „expliziten Bescheidenheit und programmatische[n] Anti-Monumentalität“ des Regierungsviertels in Bonn (S. 148). Doch schon sickert, wie im November 2018 berichtet wurde, regelmässig das Regenwasser durch die Risse im Gebäudetrakt. Wir beschauen die Glanzstücke der Gegenwart und wie Walter Benjamin „beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen, noch ehe sie zerfallen sind“ (ebd., S. 59). Fröbe kritisiert die herangezogenen Bauten zu keinem Zeitpunkt. Und für ein Bestimmungsbuch ist diese Neutralität auch geboten. Aber mit ihm gibt sie den Lesenden ein mächtiges Werkzeug an die Hand, die Kritik historisch-dialektisch selbst zu leisten.