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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XVIII. Rede
35.
Wer sollte so weltfremd sein, aus der Geschichte meines Vaters nicht zu wissen, was zwar chronologisch erst spät geschah, der Bedeutung nach aber das Wichtigste ist und an den Anfang gehört? Wieder einmal gab es in der gleichen Stadt einen Aufstand aus gleichem Anlaß; es war nach dem rasch erfolgten Tode dessen, der zum Glück (bei der Wahl) [S. 383] vergewaltigt worden war, nach seinem Heimgang zu Gott, für den er ehrlich und mutig in den Verfolgungen gekämpft hatte. Je hitziger der Aufstand war, um so törichter war er auch. Wer Führer sein sollte, wußte man nämlich ebensogut, wie es bekannt ist, daß die Sonne die Führung unter den Sternen hat. Dies war durchaus klar, sowohl allen anderen, als auch besonders dem auserlesenen, reinsten Teile des Volkes, mochte er am Altare dienen oder zu unseren Nazaräern1 gehören, welchen allein oder doch vor allem im Interesse der Kirche die Wahl hätte zukommen sollen unter Ausschluß der reichsten und mächtigsten Leute, sowie der leidenschaftlichen und törichten Volksmasse und vor allem der käuflichsten Elemente unter ihr. Trotzdem komme ich nun in Verdacht, daß ich einer Volksherrschaft größere Ordnung zuschreibe als der kirchlichen Regierung, in der bekanntlich die Gnade herrscht, und daß ich Furcht als besseren Regenten erkläre, denn Vernunft. Welcher vernünftige Mensch hätte denn einen anderen wählen sollen, nachdem du2 übergangen worden warst3, du, das treffliche, heilige Haupt, du, der auf die Hände des Herrn gezeichnet ist, der auf Ehe und Besitz verzichtet, fast ohne Fleisch und Blut, als Mann des Geistes seine Stellung gleich nach dem Logos hat, weise unter den Mönchen, überirdisch unter den Weltkindern, du, mein Freund und Mitarbeiter, der - um es kühn zu sagen - ein Teil meiner Seele ist, mein Lebens- und Studiengenosse? Ich möchte vor anderen offen über dich sprechen können und wünschte, daß in deiner Abwesenheit diese Geschichte untersucht und durch weitere Berichte erläutert wird, da ich der Schmeichelei verdächtigt werde. Ich wollte erklären: Der Geist kannte - und das ist doch selbstverständlich! - seinen Mann. Der Neid aber arbeitete gegen ihn. Wessen Neid? Dies zu sagen, schäme ich mich. Auch von anderen soll man es nicht erfahren, mögen [S. 384] sie auch fleißig über uns spotten! Wie der Fluß über die Steine, die mitten in seinem Wege liegen, so wollen wir über diese Geschichte hinwegeilen, das, was vergessen werden soll, verschweigen, und das Thema weiterführen.
1: Darunter sind die Mönche zu verstehen, welche vor allem unter Führung des Basilius standen.
2: D.i. Basilius.
3: Nämlich bei der früheren Wahl.