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Lectio XXIX
29 Der Irrealis
Wie im Deutschen können wir im Lateinischen ausdrücken, dass die Aussage eines Satzes nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir nennen solche Sätze irreal.
29.1 Der Irrealis in Bedingungssätzen
Häufig wird der Irrealis in Bedingungssätzen verwendet. Durch den Konjunktiv wird dann ausgedrückt, dass die Bedingung nicht erfüllt ist. Der Irrealis der Gegenwart wird im Lateinischen mit dem Konjunktiv Imperfekt ausgedrückt; im Deutschen übersetzen wir mit Konjunktiv 2 Präsens.
Chrysus si liber esset, Manliis parere non deberet. — Wenn Chrysus frei wäre, müsste er den Manliern nicht gehorchen.
Der Irrealis der Vergangenheit steht im Lateinischen im Konjunktiv Plusquamperfekt; im Deutschen übersetzen wir mit Konjunktiv 2 Perfekt.
Nisi Romani oppidum petivissent, Chrysus captus non esset. — Wenn die Römer nicht sein Dorf angegriffen hätten, wäre Chrysus nicht gefangen worden.
29.2 Unerfüllbare Wünsche
Wie im Deutschen können wir im Lateinischen Wünsche so formulieren, dass wir sie als unerfüllbar bezeichnen. Anders als im Deutschen wird im Lateinischen allerdings für Wünsche eine andere Negation verwendet als für Aussagen: die Negation lautet immer nē. Ausserdem werden sie oft mit dem unübersetzbaren Wort utinam eingeleitet. Im Deutschen markieren wir solche Wünsche gern mit «doch» oder «doch nur».
Wie bei dem irrealen Bedingungssätzen stehen unerfüllbare Wünsche der Gegenwart im Konjunktiv Imperfekt:
Utinam liber essem! — Wäre ich doch frei!
Utinam nē servus essem! — Wäre ich doch nur kein Sklave!
Entsprechend stehen unerfüllbare Wünsche der Vergangenheit im Konjunktiv Plusquamperfekt:
Utinam nē captus essem! — Wäre ich doch nur nicht gefangen worden.
Utinam in patriā manēre potuissem! — Hätte ich doch in der Heimat bleiben können!