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Jerusalem – Angesichts all der Ungewissheit sind dies schwere Zeiten für die arabisch-israelischen Beziehungen. Doch ein Mann besteht darauf, seine Füsse fest auf beiden Seiten dieser Kluft verwurzelt zu halten.
Sasson Somekh beschreibt sich selbst sowohl als Jude als auch als Araber, sowohl als Iraker als auch als Israeli. Dieser Dichter, Gelehrte, Schriftsteller und Übersetzer arabischer Literatur ins Hebräische lud mich ein, „einen halben Tag“ mit ihm zu verbringen, in einer geistreichen Anspielung auf eine wenig bekannte Kurzgeschichte des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Mahfuz. Geschrieben in den letzten Jahren von Mahfuz‘ produktiver Karriere, beziehen sich die Ereignisse dieser allegorischen Erzählung auf nur einen halben Tag, an dem der Erzähler morgens zum ersten Mal als kleiner Junge durch das Schultor tritt und nachmittags als alter Mann wieder herauskommt.
„Wie kann all dies an einem halben Tag geschehen sein, zwischen dem frühen Morgen und dem Sonnenuntergang?“ fragt der ältere Erzähler der Geschichte ratlos.
Ich fragte mich das Gleiche, als diese scharfsinnige Schildkröte von einem Mann, mit einem trägen Körper, aber mit einem flinken Geist, durch Raum und Zeit segelte, um mich auf eine fesselnde Reise mitzunehmen; vom Seniorenalter im gegenwärtigen Israel über die Literatursalons Ägyptens in seinen besten Jahren, bis zurück in die verschwundene Welt seiner Jugend, das jüdische Baghdad (das er im ersten Teil seiner Memoiren, Baghdad, Yesterday eloquent heraufbeschwört).
Im Jahr 1933 in Baghdad in eine gut situierte, jüdische Familie hineingeboren, erinnert sich Somekh an Sommer, die mit dem Schwimmen im und Picknicken am majestätischen Fluss Tigris verbracht wurden. „Das waren die schönsten Tage meines Lebens“, erinnert er sich wehmütig.
Zu dieser Zeit machten die Juden etwa ein Drittel der Bevölkerung der irakischen Hauptstadt aus. „Wenn man die Hauptstrasse Bagdads, al-Raschid, entlangging, war die Hälfte der Namen an den Geschäften und Büros jüdisch“, merkte er an.
Die alte jüdische Präsenz in Irak führte zu einigen interessanten kulturellen Symbiosen: Irakische Juden schrieben Arabisch traditionell in hebräischer Schrift und die Baghdader Juden sprachen eine Mundart, die unter Muslimen und Christen ausgestorben war. Die Juden beeinflussten auch den irakischen Alltag. Zum Beispiel erinnert sich Somekh an einige Schiiten, die für jüdische Geschäfte arbeiteten und ihren eigenen Feiertag auf den Samstag legten.
Während seiner Teenagerjahre war Somekh ein vielversprechender junger Dichter, der sich in den pulsierenden Literatursalons Bagdads herumtrieb und es schaffte, einige seiner Gedichte veröffentlichen zu lassen. Doch der Lauf der Geschichte und die geopolitischen Veränderungen bereiteten seinen Jugendträume von einer glanzvollen literarischen Karriere in seinem Heimatland ein jähes Ende.
Obwohl die überwiegende Mehrheit der irakischen Juden keinen Anteil daran hatte, was den Palästinensern widerfuhr, wurden sie dessen dennoch angeklagt. Und im Jahr 1951 war die Situation unhaltbar geworden.
Irakische jüdische Flüchtlinge in Israel waren, wie die Palästinenser, in provisorischen Lagern untergebracht, für die Somekhs ein gewaltiger Schritt abwärts aus dem Komfort und Prestige, die sie in Bagdad genossen hatten. Doch schliesslich kam die Familie wieder auf die Beine und der junge Sasson Somekh weigerte sich, seine literarischen Träume aufzugeben. „Literatur ist Literatur. Politik spielt dort nicht mit hinein“, sagte er mir mit entwaffnender Einfachheit.
Somekh engagierte sich nicht nur bei dem einzigen israelischen Literaturmagazin in arabischer Sprache zu der Zeit, er verdoppelte auch seine Bemühungen, Hebräisch zu lernen, damit er arabische Poesie in diese neue alte Sprache übersetzen konnte.
Somekhs Glanzleistung war es, zu einer der führenden Autoritäten in Bezug auf Nagib Mahfuz zu werden. Als Somekh sich zum ersten Mal für den ägyptischen Schriftsteller zu interessieren begann, war Mahfuz ausserhalb der arabischen Welt nahezu unbekannt.
Das intellektuelle Interesse erblühte bald in einer unwahrscheinlichen und angesichts des arabischen Boykotts gegen Israel kontroversen Freundschaft zwischen dem ägyptischen Schriftsteller und seinem israelischen Kritiker. Die beiden Männer unterhielten jahrelang einen Briefwechsel und als Somekh Mitte der 1990er-Jahre nach Kairo zog, konnten die beiden Brieffreunde ihre Freundschaft noch vertiefen.
„Unsere beiden Völker unterhielten eine aussergewöhnliche Partnerschaft“, vertraute Mahfuz einst Somekh an. „Ich träume von dem Tag, an dem diese Region, dank der Zusammenarbeit zwischen uns, eine mit dem Licht der Wissenschaft überfliessende Heimat, gesegnet mit den höchsten Prinzipien des Himmels, werden wird.“
Und es ist diese Vision einer etwaigen arabisch-israelischen Versöhnung, der Somekh – der sich selbst als der „letzte arabische Jude“ beschreibt, weil er zur letzten Generation von Juden gehört, die sich deutlich an ein Leben in Frieden unter Arabern erinnert – durch seine Versuche, Brücken der kulturellen Verständigung zu bauen, sein Leben gewidmet zu haben scheint.
Obwohl er zugibt, dass seine Bemühungen zu keinen bedeutenden Ergebnissen geführt haben, müht er sich ungeachtet dessen weiter ab. Und vielleicht werden wir eines Tages, in einer friedlicheren Zukunft, auf Somekh und Mahfuz und ihresgleichen nicht als fehlgeleitete Exzentriker, sondern als mutige Visionäre zurückblicken.
Originalversion: Half a day with the “last Arab Jew” by Khaled Diab © Common Ground News Service (CGNews), 31 July 2012. Deutsche Übersetzung © Audiatur-Online.