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Vor sechzig Jahren gründete Moses Asch in den USA das legendäre Folkways-Label. Über 2000 Schallplatten dokumentieren alles von den Gesängen des Ewe-Volkes in Ghana bis zum Quaken der Schmalmundkröte.
Um die Vinylplatte «Broadside Ballads, Vol. 1» von 1963 ranken sich Legenden. Unter den Beteiligten sticht ein Musiker besonders hervor: Blind Boy Grunt. Der Name hört sich an wie jener eines Blues-Troubadours aus dem Mississippidelta. Die anderen Beteiligten, Protestsänger wie Phil Ochs und Pete Seeger, sind bekannt. Doch wer um alles in der Welt ist Blind Boy Grunt?
KennerInnen wissen, dass sich hinter dem Pseudonym Bob Dylan verbirgt, der mit dem Decknamen seine vertragliche Bindung an Columbia Records unterlief. Die «Broadside»-LP war bei Folkways Records erschienen, einem winzigen New Yorker Schallplattenlabel, das unter Folkfans einen legendären Ruf geniesst. Folkways war die Heimstatt für Giganten wie Woody Guthrie und Pete Seeger. Bluessänger wie Leadbelly und Big Bill Broonzy gaben bei Folkways ihre Schallplatten heraus. Kein Wunder, dass auch Bob Dylan versessen darauf war, dort zu veröffentlichen.
Von Asch Records zu Folkways
Folkways, 1949 gegründet, war das Lebenswerk von Moses Asch, der die Plattenfirma quasi im Alleingang zu einem riesigen Klangarchiv der Menschheit machte. Als Folkways 1986 nach dem Tod seines Gründers den Betrieb einstellte, hatte das Label die sagenhafte Zahl von 2168 Schallplattenveröffentlichungen erreicht und dabei jeden nur erdenklichen Musikstil auf dem Globus abgedeckt. Ohne Pioniere wie Asch und sein Folkways-Label wäre der aktuelle Folk- und Weltmusikboom kaum vorstellbar.
Asch war als Neunjähriger bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit seinen Eltern von Polen nach Amerika ausgewandert. Sein Vater war der bekannte Schriftsteller Sholem Asch, der auf Jiddisch schrieb, mit Albert Einstein befreundet war und in die politischen Debatten der Zeit eingriff.
Nach einem Studienaufenthalt Mitte der zwanziger Jahre in Deutschland kehrte Asch in die USA zurück, um als Radioingenieur zu arbeiten, bevor er 1940 in New York sein erstes Label gründete. Wegen der Schellackknappheit im Zweiten Weltkrieg ging Asch Records allerdings bald der Schnauf aus.
1949 nahm er einen neuen Anlauf. Mit Folkways machte Asch den Versuch, eine Enzyklopädie der klingenden Welt zusammenzutragen, weshalb sich das Spektrum seiner Einspielungen extrem weit spannte. Folkways-Schallplatten waren einerseits Hörbücher. Sie enthielten bahnbrechende Vorträge über Kunst und Architektur, Reden an politischen Demonstrationen, griechische Tragödien, Theaterstücke von Shakespeare und Tschechow (auf Russisch) und Rezitazionen von Gedichten von Bertolt Brecht, Wolf Biermann sowie französischer, englischer und US-amerikanischer Lyrik.
Gezwitscher aus fünf Kontinenten
Die Musik machte den Löwenanteil der Produktionen aus. Im Katalog standen Blues-, Gospel- und Oldtimesongs neben Avantgardesounds, Renaissancetänze neben Jazz, frühe Computerelektronik neben jüdischen Kantorgesängen. Allein die ethnischen Einspielungen umfassten mehrere Hundert Platten. Ob koreanische Hofmusik oder Kultgesänge des Ewe-Volks aus Ghana - Folkways hatte es im Repertoire. Im Kuriositätenkabinett stiess man auf noch skurrilere Produktionen: Vom Quaken nordamerikanischer Frösche («performed by: Various Artists») über Vogelgezwitscher aus fünf Kontinenten bis zu einer LP mit «An Actual Story in Sound of a Dog’s Life» war hier alles vertreten. Die Neugierde, Leidenschaft und Fantasie von Asch kannte keine Grenzen.
«Es war ein für US-amerikanische Verhältnisse eindeutig linkes Programm, was aber nicht bedeutet, dass es ideologisch links war, sondern einfach working-class-orientiert,» stellt Achim Bergmann von der Münchner Plattenfirma Trikont fest, der bis heute einen Stapel Folkways-Platten als Leitstern in seinem Büro stehen hat. «Es ging darum, zu dokumentieren, wie die Leute wirklich leben, was sie wirklich machen und denken, und wie sich das in ihrer Musik ausdrückt. Asch war an allem interessiert, was in der Gesellschaft an Musik existierte. Da sind wir vor Respekt niedergekniet.»
American Folk Music
Finanziell war so ein Programm ein Hochseilakt, und Asch wäre ein paarmal beinahe abgestürzt. Nur Bestseller wie Woody Guthrie oder Gutenachtlieder für Kinder hielten ihn über Wasser und ermöglichten es, die schwerer verkäuflichen Produktionen zu realisieren. Zum Volltreffer wurde die «Anthology of American Folk Music», eine Serie mit drei Doppelalben, die 1952 vom exzentrischen Filmemacher, Volkskundler und Schellacksammler Harry Smith zusammengestellt worden war. Die Schallplatten umfassten die ganze Palette früher US-amerikanischer Volksmusik von Blues über Spirituals bis Hillbilly und wirkten als Initialzündung des US-Folk-Revivals. Dadurch lernten viele junge MusikerInnen die alten Stilformen des Südens kennen, wobei Dylan nur der prominenteste Liedermacher war, den die «Anthology» massgeblich beeinflusste.
Das Hauptquartier der Firma befand sich in einem alten Klinkerbau in Midtown Manhattan. «Es ging einen klapprigen Aufzug hoch und dann in ein Büro rein - holzgetäfert, alt und schon recht abgenutzt», erinnert sich Achim Bergmann, der «Moe» Asch Anfang der achtziger Jahre besuchte. «Da standen überall Masken herum, Mitbringsel von Feldforschern, die Aufnahmen in Afrika oder Polynesien gemacht hatten. Hinter einer Tür sah man ein Riesenlager mit Tausenden von Titeln. In einem anderen Raum waren all die Beihefte gelagert - Stapel neben Stapel. Ich war tief beeindruckt, wie Asch das alles mit nur ein paar Angestellten bewerkstelligte.»
«Musik plus Information»
Folkways operierte wie eine kleine Heimindustrie. Die meisten Platten wurden in kleinen Auflagen gepresst. Die Cover bestanden immer aus den gleichen braunen Pappkartons, die für jede Produktion nur mit einem anderen bedruckten Blatt beklebt wurden - fertig! Dazu kam ein ausführliches Beiheft, das detaillierte Erläuterungen zur Musik, den MusikerInnen und ihrem kulturellen und sozialen Hintergrund enthielt. «Musik plus Information» lautete Aschs Motto.
Im Laufe ihres knapp vierzigjährigen Bestehens hat Folkways über eine Million Schallplatten verkauft - von manchen nur ein paar Dutzend, von anderen mehrere Tausend. Doch um wirtschaftlichen Erfolg ging es Moses Asch letztlich nicht. Geld einzuspielen war nur nötig, um weitere Produktionen machen zu können. Seine Motivation speiste sich aus anderen Quellen. Er hatte eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Als Archivar der klingenden Welt ging es ihm um nicht weniger als darum, das akustische Gedächtnis der Menschheit zu bewahren.
Als Asch drei Monate vor seinem Tod Folkways an die Nationalstiftung Smithsonian übergab, stellte er eine Bedingung: Jede der 2168 Schallplatten sollte für immer erhältlich bleiben. Das digitale Zeitalter hat die Einlösung dieses Versprechens leichter gemacht. Auf der Website von Smithsonian kann jedes einzelne Musikstück, das jemals auf einer Folkways-Platte erschienen ist, gegen eine kleine Gebühr heruntergeladen oder als individuell gebrannte CD-R erworben werden - selbst das Quaken der östlichen Schmalmundkröte und des südlichen grünen Baumfroschs ist dort für ein paar Cents zu haben!