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Zerstörung einer Ikone
Der Nagakin Capsule Tower in Tokyo vor dem Abriss
Astronomische Bodenpreise in Verbindung mit einer fast nichtexistenten Denkmalpflege führen in Japan immer wieder zum Abriss von architekturhistorisch bedeutenden Zeugnissen. Nun sind auch die Tage von Kisho Kurokawas Tokyoter Kapsel-Doppelturm aus dem Jahr 1972 gezählt.
Text: Hubertus Adam, 12. August 2021
Er fehlt wohl in keiner Architekturgeschichte Japans und auch in keiner des 20. Jahrhunderts: der Nagain Capsule Tower, der nach Plänen von Kisho Kurokawa 1972 am Südrand des Tokyoter Vergnügungsviertels Ginza errichtet wurde. Das ikonische Gebäude mit seinen 140 kleinen Wohneinheiten, die mit ihren runden Fensteröffnungen etwas wie Frontlader-Waschmaschinen wirken, gilt – so haben es Rem Koolhaas und Hans-Ulrich Obrist vor zehn Jahren formuliert – als «the icon of metabolism». Der Metabolismus beherrschte nicht nur die japanische, sondern auch die globale Architekturdebatte in den 1960er-Jahren; er wurde mit der World Design Conference in Tokyo 1960 publik und erreichte seinen Zenit mit der Weltausstellung in Osaka 1970. Die meisten Visionen des Metabolismus, etwa die Überbauungen der Tokyo Bay, blieben auf dem Papier; doch eine beträchtliche Anzahl von Gebäuden kleineren Massstabs, etwa Tanges Kuwait Embassy (1966/67) oder sein Shizuoka Press and Broadcasting Centre (1966-70) konnten realisiert werden. Kein metabolistisches Bauwerk aber ist so bekannt geworden wie der 54 Meter hohe Kapselturm von Kurokawa. Denn zumindest konzeptionell verkörpert er auf nachgerade ideale Weise die Idee einer organisch wuchernden, flexiblen und veränderlichen Architektur, wie ihn der Metabolismus propagierte: Über einem zweigeschossigen Sockel mit vergleichsweise konventionellen Geschäftsflächen erheben sich zwei Erschliessungs- und Versorgungstürme aus Stahlbeton, in welche die einzelnen Wohnzellen mit je vier Bolzen eingehängt wurden. Jede der Wohnzellen ist 2,30 Meter hoch, 3,80 Meter lang und 2,10 Meter breit und wurde von einer auf Schiffscontainer spezialisierten Firma aus Stahlplatten zusammengeschweisst. Bis zu acht Module wurden pro Geschoss und Turm montiert, dank der Vorfertigung benötigte der Bau des gesamten Gebäudes lediglich einen Monat. Die Zellen kamen vollinstalliert und möbliert auf die Baustelle, ausgestattet mit einer kleinen Nasszelle, Kühlschrank, Kochgelegenheit, Bett, ausklappbarem Schreibtisch und einer cockpitartigen Unterhaltungseinheit mit Telefon, Fernseher, Tonband und Radio. Hauptkunden waren Geschäftsleute, die in der City von Tokyo arbeiteten und ein Minidomizil für den Fall benötigten, dass sie den letzten Zug in die Vororte verpasst hatten. Auch wenn Kurokawas Projekt an die später entwickelten Kapselhotels erinnert: Es handelte sich nie um ein Hotel mit Wohneinheiten zur Vermietung, sondern um ein Haus mit 140 Mini-Eigentumswohnungen. Nach Vorstellungen von Kurokawa sollten sich bei Bedarf – etwa bei Heirat oder Partnerschaft – mehrere Zellen zusammenschalten lassen. Doch dazu ist es ebenso wenig gekommen wie zum intendierten Ersatz der Zellen nach einem prognostizierten Lebenszyklus von 25 Jahren. Hier hat sich wie auch anderenorts erwiesen, dass Flexibilität und Veränderbarkeit von Wohnungen zwar interessante Ideen und Optionen sind, in der Lebenswirklichkeit aber kaum in Anspruch genommen werden. Mag erschwerend hinzukommen, dass durch die disperse Eigentümer*innenschaft ein einheitliches Vorgehen – und das betrifft auch eine gesamthafte Renovierung – zum Problem wird. Über die Jahrzehnte wurde der Sanierungsstau immer stärker zum Problem: Korrosion und Eindringen von Feuchte beeinträchtigen die Wohnqualität. Seit 2007 schwebte der von einer Mehrheit der Eigentümer*innen favorisierte Abriss wie ein Damoklesschwert über der Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts, wobei die globale Finanzkrise zunächst als Moratorium wirkte. Hoffnung keimte auf, weil ein Teil der Nutzer*innen sich mehr und mehr des architekturhistorischen Werts ihres Gebäudes bewusst wurde, eine rührige Initiative zum Erhalt des Gebäudes gründete, internationale Aufmerksamkeit generierte und vor Ort versuchte, beim Verkauf einzelner Kapseln Personen mit einem ähnlich architekturaffinen Verständnis anzusprechen. Ihr Ziel: Eine Mehrheit an Eigentümer*innen zusammenzubekommen, die sich für den Erhalt ausspräche. Das ist nun nach langjährigen Versuchen gescheitert.
Erklären lässt sich das aufgrund der speziellen eigentumsrechtlichen Lage: Den Eigentümer*innen gehören zwar die Kapseln, nicht aber der Grund und Boden, auf dem der Nagakin Capsule Tower steht. Während die Kapseln aber aufgrund ihres Zustands nur einen geringen Wert darstellen, ist der Preis für den Boden seit 1972 astronomisch gestiegen. Und der Boden lässt sich ohne den Turm natürlich deutlich gewinnbringender ausnutzen. Wollte man die Parzelle kaufen und die Kapseln sanieren, so wird dafür laut Schätzungen eine Investitionssumme von ungefähr 76 Millionen Euro fällig. Das übersteigt das Potenzial der Kapseleigentümer*innen – und die Chance, einen interessierten Investor zu finden, gilt inzwischen als aussichtslos – obwohl das Interesse am Gebäude gewachsen ist, einige Kapseln inzwischen auch als temporäre Unterkünfte von Architekturtourist*innen monatsweise gemietet werden können und Führungen durch den Tower auf reges Interesse stossen.
Der japanische Umgang mit dem historischen Bauerbe ist ohnehin – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftig. Eine ernstzunehmende Denkmalpflege existiert so gut wie nicht –als ich mir vor wenigen Jahren einen kurz zuvor erschienenen Architekturführer zur Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Tokyo gekauft hatte, war ein erklecklicher Prozentsatz der dort vorgestellten Gebäude schon nicht mehr existent. Der Hype um die (dann pandemiebedingt zum Schatten ihrer selbst gewordenen) Olympischen Spiele hat den Immobilienmarkt in der Kapitale noch einmal verheerend angefacht.
Das eigentliche Ziel, den Turm zu erhalten, hat das Nakagin Capsule Tower Preservation and Rehabilitation Project leider verfehlt. Nun setzen die Aktivist*innen mit Hilfe von Crowdfunding auf den Erhalt von möglichst vielen Kapseln: Diese sollen abgenommen, in Zusammenarbeit mit dem Nachfolgebüro des 2007 gestorbenen Kisho Kurokawa restauriert und an interessierte Museen übergeben oder auch als Beherbergungseinheiten genutzt werden. Zumindest bleibt so noch eine Restidee der metabolistischen Wandlungsfähigkeit erhalten. Das mag ein schwacher Trost sein. Besser als die komplette Vernichtung ist es indes allemal.