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Luftaufnahmen von Raron
Unterhalb der Lötschbergrampe erhebt sich der Gebäudekomplex der Burg von Raron auf einem schroffen Felskopf. Dieser fällt talseits in einer jähen Fluh zum gleichnamigen Dorf ab und wird bergseits durch einen tiefen, natürlichen Einschnitt geschützt. Der ursprünglich dominierende Wehrcharakter der Baugruppe auf dem felsigen „Biel“ ist heute durch den zu beginn des 16. Jahrhunderts erfolgen Umbau des einen Burggebäudes zur Pfarrkirche etwas verwischt. Eine wohl wehrhafte Sakral- und Siedlungsniederlassung prähistorischer Zeitstellung auf dem nahen „Heidnischbiel“ belegt die Anwesenheit menschlicher Bewohner ein der Ur- und Frühgeschichte. Die Möglichkeit, dass auch der Burghügel bereits in vormittelalterlicher Zeit besiedelt war, ist nicht auszuschliessen. Dank archäologischen Untersuchungen, die 1970 bis 1972 vorgenommen worden sind, lässt sich die Baugeschichte der mittelalterlichen Burganlage in den grossen Linien rekonstruieren.
Ursprünglich war das felsige Plateau von einer unregelmässigen wehrhaften Ringmauer umgeben. Bergseits, von wo die Anlage noch heute betreten wird, befand sich eine Toranlage, über deren genaues Aussehen vorläufig allerdings keine gesicherten Angaben möglich sind. Über die Überbauung dieser ältesten, wohl ins 11. oder frühe 12. Jahrhundert zu datierenden Burganlage ist nichts bekannt. Der beträchtliche Innenraum lässt an eine nur temporär benützte Fluchtburg mit einfachen Holzbauten denken. Immerhin ist die Möglichkeit im Auge zu behalten, dass innerhalb des nur bei Kriegszeiten benützten Refugialbereiches ein lokaladliges Geschlecht oder ein bischöflicher Dienstmann dauernden Wohnsitz hatte.
Die Umwandlung der Gesamtanlage in eine ganzjährig bewohnte Adelsburg erfolgte im späten 12. Jahrhundert mit der Errichtung des quadratischen Turmes im Zentrum des Beringes. Es handelt sich um den Sitz des Viztums, des bischöflichen Verwaltungsbeamten. Sein Treppengiebel, seine gekehlten Fenster sowie sein Treppen- und Latrinenanbau auf der Nordseite gehören zu einem Umbau des 16. Jahrhunderts. Zum ursprünglichen Bestand ist das Mauerwerk mit seinen aus hochkant gestellten Platten bestehenden Eckverband zu zählen, ferner der rundbogige, nachträglich zugemauerte Hocheingang in der Höhe des dritten Geschosses. Vor diesem Umbau des 16. Jahrhunderts werden die Fenster aus schmalen Scharten bestanden haben.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts erfolgte ein weiterer Ausbau der Burganlage. Damals entstand in der Südwestpartie des Areals ein gewaltiger, annähernd quadratischer Bau vom Typ des „wehrhaften Palas“. Dieses Gebäude es diente dem bischöflichen Meier als Amtssitz kam so nahe an die ursprüngliche Westringmauer zu liegen, dass deren Verlegung an die äusserste Felskante nötig wurde.
Die Bauuntersuchungen von 1970 bis 1972 haben im Mauerwerk verschiedene Spuren der ursprünglichen Bewohnbarkeit aufgedeckt, Reste der Zwischenböden, des Hocheingangs sowie verschiedener Fenster. In der Ostmauer kam ein Schüttstein zum Vorschein. Hinweise auf eine gewaltsame Zerstörung wurden nicht beobachtet, was für die Geschichte des Bauwerks im Spätmittelalter von Bedeutung ist, befand sich die Anlage zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einem ruinösen Zustand.
Da im ausgehenden 15. Jahrhundert durch eine Rüfi, die den grössten Teil des Dorfkerns von Raron verschüttet hatte, die alte Talkirche unbrauchbar geworden war und ein Ersatz notwendigerweise gefunden werden musste, wurde um 1515 die Ruine des wehrhaften Palas auf der Burg vom Architekten Ulrich Ruffiner zur spät gotischen Hallenkirche umgebaut. An die Ostwand fügte Ruffiner einen mehreckigen Chorbau mit Netzgewölbe sowie einen Glockenturm an. Das Innere des Schiffes, durch zwei mächtige Pfeiler gegliedert, erhielt einen monumentalen Freskenschmuck, dessen Darstellung des Jüngsten Gerichtes besondere Berühmtheit erlangt hat. Erst in nach mittelalterlicher Zeit ist das Pfarrhaus in der Nordwestecke des Burgareals entstanden. Es enthält in seinem Mauerwerk jedoch die Reste älterer Bauphasen.
Wie aus schriftlicher Überlieferung hervorgeht, gehörte Raron seit der Zeit des Königreichs Hochburgund den Bischöfen von Sitten. Auf deren Veranlassung dürfte denn auch im 11. oder 12. Jahrhundert die älteste Wehranlage auf dem Felsen über dem Dorf errichtet worden sein. Die herrschaftlichen Reste im Raume von Raron wurden von einem Viztum verwaltet. Dieser sass vermutlich auf dem Wohnturm des späten 12. Jahrhunderts. Nachweislich seit dem frühen 13. Jahrhundert waren die Herren von Raron Inhaber des Amtes. Das Meieramt, dem Viztum ursprünglich unterstellt und auf den Einzug von Steuern beschränkt, erlangte im Verlaufe des 13. Jahrhunderts immer grössere Bedeutung, zumal es schliesslich auch die Ausübung der hohen und niederen Gerichtsbarkeit umfasste. Gegenüber dem nur zeitweise anwesenden Viztum schwang sich der dauern präsente Meier zum wichtigsten Vertreter der weltlichen Gewalt des Bischofs auf. Äusseres Zeichen seiner Autorität war der zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtete wehrhafte Palas auf der Burg von Raron. Gewiss hatte bei dessen Erbauung auch der bischöfliche Landesherr seine Hand im Spiel, der verschiedentlich bei offiziellen Anlässen in den repräsentativen Räumen des Gebäudes verweilt haben mag.
Seit dem frühen 14. Jahrhundert befand sich das Meieramt zu Raron als Erblehen in den Händen der Familie Asperlin (oder Esperlin). Der wehrhafte Palas, von dem aus die Asperlin ihre Herrschaftsrechte ausübten, dürfte als Ziel des bischöflichen Amtslehens gegolten haben.
Die Herren von Raron, Inhaber des Viztumsamtes, spielten im bischöflichen Herrschaftsbereich von Raron gegenüber den Meiern im Spätmittelalter eine zweitrangige rolle. Dennoch erlangte das Geschlecht für die Geschichte des Wallis grösste Bedeutung, weshalb hier auf die Herren von Raron kurz eingegangen werden soll.
Die Familie gehörte einer weitverzweigten Sippe edelfreien Standes an, deren Kerngebiet im mittleren und oberen Aareraum lag und deren Vertreter sich meist nach Opelingen oder Ringgenberg nannten. Zweige des Geschlechtes verpflanzten sich in die Innerschweiz, ins Bündner Oberland und offenbar bereits im frühen 12. Jahrhundert ins Wallis, wo Eglolf von Opelingen noch vor 1146 Güter zur Raron sein eigen nannte. Die Niederlassung eines Seitenzweiges in Raron sowie die Übernahme des bischöflichen Viztumsamtes mögen zur Ableitung des Familiennamens vom Orte Raron geführt haben. Im bischöflichen Dienst stieg das Geschlecht rasch empor und vermochte sich durch die Bildung einer eigenen Herrschaft im Wallis eine recht unabhängige Stellung zu verschaffen.
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts sass mit Heinrich von Raron, dem politischen Gegenspieler Peters II von Savoyen, ein bedeutender Vertreter des Geschlechts auf dem Bischofsstuhl von Sitten. Ausser im Wallis hatten die Freiherren von Raron auch beträchtlichen Besitz im Simmental, wo ihnen die Herrschaft Mannenberg gehörte.
Das 14. Jahrhundert brachte dem Geschlecht weiteren Machtzuwachs. Sein wichtigstes Herrschaftszentrum war die kühn gelegene Feste Beauregard ob Chippis. In den Kämpfen des 14. Jahrhunderts zwischen dem Bischof und dem Hause Savoyen sowie den Herren vom Turn stellten sich die Raron entschieden auf die Seite des geistlichen Herrn und mussten dafür viel Ungemach erleiden. Um 1380 zog Graf Amadeus VII von Savoyen vor Beauregard, erstürmte die Feste und nahm die Söhne Peters von Raron gefangen. Ihre Hinrichtung in Sitten beendete dieses Unternehmen. Peter erholte sich von dem Schlag, stellte Beauregard wieder her und erweiterte seine Macht durch den Ausbau der Herrschaft über das Eifischtal.
Die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert sollte den Höhepunkt seiner Machtentfaltung bringen: Mit Wilhelm V und Wilhelm VI besetzten nacheinander Angehörige des Hauses Raron den Bischofsstuhl. Wilhelms V Bruder Gitschart übte als Landeshauptmann und Landvogt die weltliche Gewalt der Bischöfe aus. Verburgrechtet mit Bern, politisch verbündet mit Savoyen, strebten die Raron damals offenbar nach nichts Geringerem als nach der Aufrichtung eines erblichen Landesfürstentums. Die Erwerbung der erblichen Landeshoheit von König Sigismund im Jahre 1414 entfachte die seit langem glimmende Glut der Opposition zum Brande des offenen Aufruhrs. Zu Brig rottete sich unter Führung einflussreicher Geschlechter die „Gesellschaft zum Hund“ zusammen, die aus erbosten Talleuten zusammengesetzt war und nun mit Urgewalt über die Burgen und den übrigen Besitz der Raron und des Bistums herfiel. Beauregard wurde damals endgültig zerstört, und auch die Burg von Raron scheint verwüstet worden zu sein, auch wenn eine kriegerische Zerstörung nicht nachweisbar ist. Mit Berner Hilfe versuchten die Raron, ihre Position zurück zu erobern, allerdings ohne Erfolg. Wohl drangen Berner Oberländer Truppen ins Wallis ein, doch vermochten sie keinen greifbaren Erfolg zu erzielen. Die die aufständischen Walliser Landsleute mit den Innerschweizern im Bunde standen, drohte eine Ausweitung des Konfliktes, was der vermittelnden Tätigkeit der unbeteiligten eidgenössischen Orte zum Durchbruch verhalf. Unter Vermittlung des Herzogs von Savoyen kam ein einigender Schiedsspruch zustande, der die aufständischen Walliser zu bedeutenden Entschädigungsleistungen an die Raron und an Bern verpflichtete, dem Hause Raron die zerschlagene Machtstellung jedoch nicht zurückgab. Die Raron, wirtschaftlich schwer geschädigt und politisch ausgeschaltet, kehrten in der Folgezeit dem Wallis den Rücken.
Petermann, der letzte des Geschlechtes, vermochte einen Teil der Toggenburger Erbschaft für sich zu gewinnen. Er nahm zu Schwyz und Glarus Landrecht und wurde nach seinem Tode im Jahr 1479 im Kloster Rüti (ZH) begraben. Für die politische Emanzipation der Walliser bedeuteten die Raroner Kriege einen wesentlichen Erfolg.
Die auf Betreiben Kardinal Schiners um 1515 durch Umbau der Palastruine entstandene Kirche ist heute vor allem durch das an der südlichen Aussenwand gelegene Grab des Dichters Rainer Maria Rilke bekannt.
In Richtung des Rhonetales von der Terrasse aus
Bibliographie