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Nachlässiges Sprechen und seine Auswirkungen
Als 84jähriger fleissiger Leser Ihrer «Mitteilungen», der in Bern aufgewachsen ist, sich hier für Rechtsgeschichte und Zivilrecht habilitiert hat und nach jahrzehntelangem Wirken als ordentlicher Professor für deutsche Rechtsgeschichte und bürgerliches Recht in Münster/Westfalen nach Bern zurückgekehrt ist, äussere ich mich zu den vielen Klagen über den mangelhaften Gebrauch oder gar Nicht-gebrauch der deutschen «Hochsprache» in der Schweiz wie folgt:
Ich bedaure unseren mangelhaften und weitgehend fehlenden Umgang mit der deutschen Schriftsprache, besonders in Gegenwart französischsprachiger Miteidgenossen, sehr, sehe aber seinen Hauptgrund, ausser in der allgemein üblich gewordenen Bequemlichkeit im Verhalten gegenüber andern, darin, dass die Schweizer durch das viele Sich-Berieselnlassen mit deutschen Radio- und Fernsehsendungen ständig eine deutsche Aussprache hören, die sie für «hochdeutsch» (im Sinne von mustergültig deutsch) halten, aber weder als leicht nachahmbar noch als leicht verständlich noch als schön empfinden, mit der Folge, dass sie das Reden in der Schriftsprache möglichst vermeiden. Bei dieser vermeintlich «hochdeutschen» Aussprache wird der «r» nach Vokalen unterdrückt und werden auch
die andern Konsonanten, besonders «s», undeutlich gesprochen. Das Verschlucken des «r» geht bei vielen Deutschen so weit, dass die Schüler gelegentlich Garten ohne «r» schreiben und ein Kollege mich einmal ernstlich fragte, wann «Nabe» eigentlich mit «r» geschrieben werde, als ob «Radnabe» und «Wundnarbe» gleich auszusprechen seien.
Leider wird auch von den deutschen Schauspielern, wenigstens in Bern, auf diese Weise gesprochen, so dass unser Publikum, vor allem das der älteren Generation, Aufführungen von Schauspielen (nicht aber auch von Opern) grossenteils meidet. Mustergültig (mit Zungenspitzen-r wie im Berndeutschen) war jahrzehntelang die Aussprache im Wiener Burgtheater, wo ich vor gut 40 Jahren an einer Aufführung von Schillers «Don Carlos» vom 4. Rang aus jedes Wort leicht verstand und genoss. Als aber später in Wien ein neuer Intendant die Leitung übernahm und neue Schauspieler aus den deutschen Bundesländern die bisherigen Wiener Schauspieler ablösten, wurde die Aussprache der Texte sogleich schlecht und erholte sich inzwischen kaum mehr. Dazu trug bei, dass neben klassischen Werken von Lessing, Schiller, Goethe, Kleist und Grillpanzer sowie von Shakespeare in den Übersetzungen von Schlegel und Tieck mehr und mehr moderne, naturalistische Stücke aufgeführt wurden, bei denen begreiflicher-weise nicht in bestem Bühnendeutsch, sondern in der im Alltagsleben üblichen Weise gesprochen wird. Zur Verschlechterung der Aussprache kam es auch, weil allmählich die Auffassung aufkam, beim Schauspiel sei ausdrucksvolles Handeln das allein Wesentliche und das Sprechen nebensächlich. Einen deutschen Schauspieler erfolgreich auf die Mangelhaftigkeit seiner Aussprache hinzuweisen,
fällt einem Schweizer schwer, da ihm gewöhnlich entgegnet wird, man könne doch nicht die hier übliche Sprechweise mit zu offen ausgesprochenen Vokalen oder gar mit grobem «ch» (in «ich» gleichlautend wie in «ach») zum Vorbild nehmen. Indessen pflegt die Aussprache der Schweizer wenigstens all-gemein verständlich zu sein und sollte nicht als «höchstens schriftdeutsch» und daher minderwertig bezeichnet werden, obwohl viele Deutsche sie für schweizerdeutschen Dialekt halten und sich nur darüber verwundern, dass dieser leicht verstanden werden könne.
Erstaunlich ist im übrigen, dass einzelne Schweizer Volksschulen, so diejenige im Turbach bei Gstaad, Theateraufführungen in fast vorbildlichem Schriftdeutsch zustande bringen, während Berufsschauspieler dazu nicht willens und vielleicht auch nicht fähig sind.
Auf eine Verbesserung dieser Verhältnisse hinzuwirken, sollte m.E. eine gewichtige Aufgabe der Bubenberg-Gesellschaft sein.
Rudolf Gmür