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Von der Arbeit der schweizerischen Schnee- und Lawinenforschung
Von M. de Quervain
Mit 1 Bild ( 25Davos/Weissfluhjoch ) Vor rund zehn Jahren bildete das neu erstellte schmucke Schnee- und Lawinenforschungsinstitut mit seinen in den Berg eingelassenen Kältelaboratorien und den hell getäfelten Büro-räumen an sich schon eine Attraktion, und es genügte, dem Besucher noch etwas von den Aufgaben und Zielen dieser Forschung zu erzählen, um ihn in gehobener Stimmung zu entlassen. Im Lauf der Zeit hat das Getäfer unter der Höhensonne eine dunkel-goldene Färbung angenommen, und anderseits ist der Zauber des Neuen verblasst. Mit Recht wird heute nicht nur nach den Aufgaben und Zielen gefragt, sondern auch nach Greifbarem, das geleistet worden ist. Der wissenschaftlich Interessierte erwartet wohl in erster Linie eine Erweiterung unserer allgemeinen Kenntnisse über Eis, Schnee und Lawinen, während der Praktiker sich nach gültigen Rezepten zur Bekämpfung der Lawinennot oder zur Meisterung anderer wirtschaftlich bedeutsamer Schneeprobleme erkundigt. Beide möchten schliesslich ein Gleichgewicht zwischen Aufwand und Ergebnis feststellen. Der Verfasser ist nicht in der Lage und auch nicht befugt, eine solche Bilanz zu ziehen. Indessen sei versucht, einige Marksteine der Entwicklung aufzuzeigen und kurz die gegenwärtige Front der Probleme zu skizzieren.
In den Pionierjahren 1934-1939 der organisierten schweizerischen Schnee- und Lawinenforschung - individuelle Leistungen auf diesem Gebiet datieren bekanntlich viel weiter zurück - legten R. Haefeli, H. Bader, E. Bucher und eine Reihe weiterer Mitarbeiter eines Forschungs-teams die Grundlage zur Schneemechanik. Sie brachten Licht in das allgemeine Verhalten des so gewöhnlichen und doch so eigenartigen Materials, das uns bald als starrer, spröder Festkörper, bald als plastisch weiche Masse und in der stiebenden Lawine sogar als Stoff von gasähnlichen Eigenschaften begegnen kann. In glücklicher Weise wurde das Studium des abgelagerten einzelnen Schneekristalls und seiner Umwandlung vom feingegliederten Schneestern zum massigen Korn in die Betrachtung einbezogen. Als erste Folgerung und wesentliche Voraussetzung für eine systematische Weiterarbeit drängte sich zunächst eine neue Schnee-klassifizierung auf, die sich auf direkt mess- und beobachtbare Eigenschaften stützte und Abstand nahm von ungenauen und elastischen Begriffen wie Pulverschnee, Neuschnee etc. Diese Art der Beschreibung diente später als Grundlage für die heute auf internationaler Ebene ein- geführte Schneeklassifikation. Der nächste bedeutsame Schritt auf dem Weg zum Verständnis der Lawinenbildung bestand in einer Analyse des Spannungs- und Bewegungszustandes der Schneedecke.
In den Kriegsjahren 1939-1945 trat die Schneeforschung erstmals in Berührung mit einer weiteren Öffentlichkeit. Unsere Alpen erlebten damals eine Invasion von militärischen « Touristen », die nicht um des Vergnügens willen, sondern in Erfüllung ihrer Pflicht sich oft in lawinengefährdetem Gelände aufzuhalten hatten. Die Schulung der Armee in der richtigen Einschätzung der Lawinengefahr und im korrekten Verhalten ihr gegenüber erwies sich als lebenswichtige Forderung und wurde zur zentralen Aufgabe des Teams vom Weissfluhjoch. In dieser Zeit gelang es, die Schneeforschung als eine permanente der Eidgenössischen Inspektion für Forstwesen unterstellte Institution aufzuziehen und mit einem eigenen Gebäude zu beschenken. Begünstigt durch die neu entstandenen Kältelaboratorien erhielt die Grundlagenforschung frischen Auftrieb. Sie wartete bald mit Berechnungsgrundlagen für den Schneedruck auf ( R. Haefeli, E. Bucher ). Dies bedeutete eine befreiende Errungenschaft auf dem Gebiet des Lawinenverbauungswesens, denn sie beseitigte die bisherige Ahnungslosigkeit über die Druckkräfte, denen Verbauungswerke ausgesetzt sind, und schuf freie Bahn für die heute bevorzugten statisch berechenbaren gegliederten Konstruktionen.
Schon die erste Forschergruppe auf Weissfluhjoch hatte begonnen, den Auf- und Abbau der Schneedecke, ihre Struktur und alle begleitenden meteorologischen Faktoren täglich zu beobachten und aufzuzeichnen. Mit den Jahren ist nun ein unschätzbares Beobachtungsmaterial zusammengetragen worden, das Aufschluss gibt über die zeitliche Variation der Schneeablagerung. Ähnliche Erhebungen in verschiedenen Gegenden und Höhenlagen vervollständigen mehr und mehr das Bild auch bezüglich der regionalen Schneeverteilung. Solche Unterlagen sind nicht nur wertvoll als Beitrag zur Klimatologie der Alpen, sie können auch gute Dienste leisten bei der Projektierung von Lawinenverbauungen und in der Wasserwirtschaft.
Als im Januar und Februar 1951 die katastrophalen Lawinen niedergingen, war die Schneeforschung noch mit der Bereinigung einer Reihe bisher nur oberflächlich angeschnittener Fragen beschäftigt. Nun galt es, alle bereits verfügbaren Erfahrungen zum Nutzen des Lawinenschutzes zu mobilisieren. Als erste Massnahme neben der genauen Erhebung über die Katastrophenursachen und die Lawinenschäden wurde ein Ausbau des aus dem militärischen Lawinendienst hervorgegangenen Lawinenwarndienstes vorgenommen, worüber an anderer Stelle noch berichtet wird. Sodann war es möglich, die schon lange geforderte Ver-suchsverbauung zu verwirklichen, die der freien Erprobung verschiedenster Verbauungskon-struktionen dient. Wie nicht anders möglich, beginnt dieser auf Jahre hinaus angelegte Gross-versuch erst heute Resultate abzuwerfen. Inzwischen durfte natürlich mit der Erstellung neuer Verbauungen nicht zugewartet werden, wollte man nicht die bedrohte Bergbevölkerung weiteren Ängsten aussetzen. So ergab es sich, dass man in verschiedenen Verbauungsprojek-ten neue Methoden wagen musste, die zwar vielversprechend erschienen, aber noch keine Bewährungszeit hinter sich hatten. Diese Anlagen sind in einem gewissen Sinn auch zu Ver-suchsverbauungen geworden, was durchaus nicht als Deklassierung zu verstehen ist. Seit 1951 nimmt also die Verbauungsforschung im Programm des Institutes eine bevorzugte Stellung ein, obgleich die alten Kapitel keineswegs geschlossen sind. Erfreulicherweise konnten im Schatten der Lawinennot doch noch einzelne Arbeiten gedeihen, die allgemeinsten Fragen nachspüren. Erwähnt sei eine Untersuchung über die Verformbarkeit von Eis, die möglicherweise Antworten auf einige noch ungelöste Fragen der Gletscherbewegung geben wird ( S. Steinemann ).
Und immer wieder melden sich neue Aufgaben. So ist noch zu wenig bekannt über den Bewegungsmechanismus von Lawinen und ihre dynamischen Wirkungen. Ein weiteres bis dahin nicht gemeistertes Problem ist die Bekämpfung der Schneeschäden in den alpinen Aufforstungen. In absehbarer Zeit soll ein breit angelegtes Untersuchungsprogramm über dieses Thema durch die Eidgenössische Anstalt für das forstliche Versuchswesen und das Schnee-forschungsinstitut gemeinsam in Angriff genommen werden. Mit den Aufgaben regeneriert sich ständig auch die Hingabe der kleinen Forschergruppe an ihr Werk, und sogar das Institutsgebäude machte jungt diesen Erneuerungsprozess mit. Die der Schneeforschung seit kurzem angegliederte Hagelforschung hat eine Erweiterung notwendig gemacht, die dem ganzen Betrieb zugute kommt. Damit ist auf Weissfluhjoch doch wieder frisches weisses Getäfer anzutreffen. Der Kreis scheint sich zu schliessen. Oder ist es erlaubt, von einer Spirale zu sprechen, die sich in den Raum der Erkenntnis emporschraubt ?!