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Zwölf Millionen Hektar «Ödland» will die indische Regierung zur Biotreibstoffgewinnung mit Jatropha-Sträuchern und Indischer Buchen bepflanzen. Damit verlieren Millionen von Landlosen und pastorale Gemeinschaften ihre Existenzgrundlage. Gleichzeitig werden Kleinbauern mit Unterstützungszahlungen geködert, um als Versuchskaninchen Biotreibstoffpflanzen anzubauen.
Die Reisfelder von Nalgonda, einem Distrikt im südindischen Staat Andhra Pradesh, sind vollkommen verdorrt. Es scheint, als hätte der Monsun die Region, die nur durch Regen bewässert wird, in diesem Jahr ausgelassen. Mit ihrer Anfälligkeit für Dürren ist sie damit ein geeigneter Kandidat für den von der Regierung geförderten Anbau von Biotreibstoff-Pflanzen.
2006 und 2007 überzeugten die lokalen Behörden im Rahmen des nationalen Biotreibstoff-Programms 88 Bauernfamilien, auf ihren Äckern und auf dem Gemeindeland Jatropha (Purgiernuss) anzupflanzen. Unglücklicherweise erwies sich der gesamte Anbau auf den 62 Hektaren als Reinfall. Verschiedene Bauern rissen die Pflanzen aus, die einfach nicht gedeihen wollten. Dies hielt die Regierung aber nicht davon ab, denselben Bauern über eine private Firma Setzlinge von Pongamia Pinnata (Indische Buche), einer anderen Biotreibstoff-Pflanze, abzugeben.
Weidefläche verdrängt
Eines der Dörfer des Distrikts ist Theriala. Hier hat die indische Regierung 26 Hektaren Land, die 1992 den ärmsten und landlosen Kasten und Stämmen zugeteilt worden waren, mit der Indischen Buche bepflanzt. Indrala Ailiya ist einer der Betroffenen Bauern: «Wir haben auf diesem Land regelmässig Sesam und Mungbohnen angepflanzt. In Dürrejahren nutzten wir es als Weideland für unser Vieh», erklärt er. Mehrmals hätten die Bauern des Dorfes vergeblich um staatliche Hilfe für den Anbau von Mango- und Orangenbäumen gebeten. «Für den Anbau der Indischen Buche erhalten wir nun plötzlich Unterstützung und fixe Abnahmepreise. Natürlich machen da die meisten mit», sagt Indrala Ailiya. Doch was, wenn der Anbau fehlschlägt? Darauf weiss er keine Antwort.
«Biotreibstoff-Pflanzen waren bis vor Kurzem nicht gefragt», sagt K. Chari von der lokalen NGO SHARP. «Doch angesichts der desolaten Situation in der Landwirtschaft lassen sich die in Bedrängnis geratenen Bauern mit Unterstützungszahlungen ködern, zumal sie auch die Risiken nicht abschätzen können.» «In den letzten Jahren ist sehr viel Weidefläche durch andere Nutzungen verdrängt worden», ergänzt Sagari Ramdas von Anthra, einer Organisation, die mit pastoralen Gemeinschaften arbeitet.
Früher hätten die Bauern von Nalgonda brachliegendes Land oder Ödland an die pastoralen Gemeinschaften verpachtet. «Heute pflanzen sie auf dem Land Jatropha oder Pongamia an, was einen direkten Einfluss auf die Lebensgrundlagen der Viehalter hat». Hinzu kommt der immense Wasserverbrauch: Jede Hektare Pongamia benötigt rund 2500 Liter Wasser pro 15 Tage. In einer trockenen Gegend ist das eine enorme Wassermenge.
Keine «Wundernuss»
Die Erfahrungen in Nalgonda zerstören den Jatropha-Mythos, wonach die «pflegeleichte Wundernuss» in der Lage sei, in ariden Zonen ohne Bewässerung und Pflege zu gedeihen. Gemäss Mohammed Osman vom Central Research Institute for Dryland Agriculture (CIDRA) in Hyderabad zeigen die landesweiten Erfahrungen mit Jatropha, dass diese wie jede andere Feldfrucht fruchtbares Land, Bewässerung, Dünger und Pestizide benötigt. «Der Pestizideinsatz bei Jatropha ist teilweise sogar noch höher, da sie für sehr viele Schädlinge anderer Feldfrüchte ebenfalls anfällig ist.»
Die Anbau-Praktiken des nationalen Instituts zur Erforschung von Energie (TERI) im östlichen Küstendistrikt Godavari bestätigen die Aussagen von Osman. TERI hat für 9,4 Millionen Dollar ein Investmentabkommen mit BP (British Petrolium) abgeschlossen. Geplant ist der Anbau von 8000 Hektaren mit Biodiesel-Pflanzen. Rund 525000 Jatropha-Setzlinge wurden bereits verteilt. TERI hat mit den lokalen Bauern Rückkaufverträge abgeschlossen und stellt genetisch modifizierte Setzlinge zur Verfügung, die schnelleren Ertrag versprechen. «Für den ertragreichen Anbau braucht es Pestizide», stellt der TERI-Koordinator Bramhananda klar.
Deutlich zeigt sich dies auch im Gebiet von Rotulapi Mandal, wo die Jatropha-Pflanzen gemäss TERI gut gedeihen. Die vielen Felder mit Mango- und Bananenbäumen, Palmen und Tabakpflanzen machen jedoch deutlich, dass es sich hier in keiner Weise um Ödland handelt. In einem der Dörfer hat ein Bauer, der bei TERI unter Vertrag steht, Jatropha angepflanzt. Die Pflanze gedeiht prächtig, doch auch sie benötigt den üblichen Einsatz von Pestiziden.
«Alle bisherigen Probleme wurden mit dem Argument abgetan, dass man sich noch in der Experimentierphase befinde. Die Frage ist allerdings, auf wessen Kosten», gibt R.P. Kumar, Vertreter einer lokalen NGO, zu bedenken. «Solange die Risiken hoch sind, werden die Bauern als Versuchskaninchen beigezogen. Sobald sich Profit abzeichnet, stehen die internationalen Konzerne vor der Tür.» Dass seine Befürchtungen nicht unbegründet sind, zeigt die Tatsache, dass globale Konzerne wie BP, Daimler-Crysler und andere sich gewaltig bemühen, in der indischen Biotreibstoffszene Fuss zu fassen.
Existenz gefährdet
Die Beispiele sind exemplarisch für das, was zurzeit in vielen Regionen Indiens wie Chattisgarh, Uttarakhand und Rajasthan geschieht, den Vorreitern der nationalen Jatropha-Welle. Hier haben grosse Monokulturen auf Agrarland, Waldfläche und Naturschutzgebieten die Besorgnis geweckt, dass die Energiepflanzen einen sehr negativen Einfluss auf die Biodiversität haben könnten. «Trotz der Befürchtungen und der Tatsache, dass es sich eigentlich um eine ‹Experimentierphase› handelt, fährt die Regierung damit fort, zweckbestimmtes Land für den Anbau von Biotreibstoffpflanzen abzuzweigen und neue Behördenstellen für Biotreibstoffprogramme zu kreieren», sagt Ashok Sharma, ein erfahrener Journalist.
Als die nationale «Biotreibstoffmission» 2003 begann, wurde die Bepflanzung von 11 Millionen Hektaren Ödland als Ziel definiert. Regierung und Biotreibstoffbefürworter hatten behauptet, dass es in Indien wegen der Nutzung von Ödland weder zu Vertreibungen noch zu Nahrungsmittelkonkurrenz kommen werde. Zahlreiche NGOs kritisieren dagegen, dass gerade das sogenannte Ödland für die Ernäh-rung von Millionen von InderInnen wichtig sei. Über 70 Prozent der indischen Bevölkerung leben von der Landwirtschaft.
Für Millionen von Kleinbauernfamilien hat sich die Liberalisierung der Agrarmärkte seit den 1990er-Jahren als katastrophal erwiesen. Seit 1997 haben in Indien 15 0000 Bauern Selbstmord begangen. Der grossräumige Anbau von Biotreibstoffpflanzen auf Kosten der traditionellen Landwirtschaft wird die Existenzprobleme unzähliger Familien zusätzlich verschärfen.
Von Manshi Asher
Sie ist Journalistin und unabhängige Forscherin in Indien.
Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion