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1890, mit gerade mal 20 Jahren, verliert die spätere deutsche Gewerkschafterin Paula Thiede ihren Mann. Ein Schicksalsschlag, denn für mittellose Witwen gibt es weder Versicherungen noch staatliche Unterstützung. Paula zieht aus ihrer Berliner Mitwohnung aus, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten kann, und um nicht obdachlos zu werden, bleibt der Mutter zweier kleiner Kinder nur eines: Sie wird Trockenwohnerin.
In nur 20 Jahren, zwischen 1870 und 1890, hatte sich die Berliner Wohnbevölkerung auf 1,6 Millionen Menschen verdoppelt. Die stark wachsende Arbeiterklasse litt unter permanentem Wohnungsmangel und überhöhten Mieten, und so wurde überall gebaut. Mietskasernen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Wände wurden mit Kalkmörtel verputzt, der Wasser freisetzte und auch nach der Fertigstellung Monate brauchte, bis er vollkommen trocken war. Weil man aber eine müffelnde, feuchte Wohnung zahlenden Mietern nicht zumuten konnte, pflegten Bauherren den Wohnraum in dieser Zeit zu einem stark reduzierten Mietzins oder gar kostenlos zur Verfügung zu stellen. Nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern aus ganz praktischen Überlegungen: Die Menschen beheizten die Neubauten allein schon mit ihrer Körperwärme, und das ausgeatmete Kohlendioxid liess den Mörtel schneller aushärten.
Keine Frage, dass das Trockenwohnen klammer Neubauten der Gesundheit alles andere als zuträglich war. Paula Thiedes zweitgeborenes Kind wurde krank und starb kurze Zeit später.