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Das einzige mir bekannte Buch, das das Übertrumpfen thematisiert, ist „Sacrifice and Initiative in Chess“ von Ivan Sokolov. Er nennt das selber „We ignore the opponent’s threat by imposing our own threat„. Im ersten Kapitel analysiert er einige Partien unter diesem Gesichtspunkt. Eine davon (Adams-Sokolov) stelle ich in „Eröffnungstheorie“ vor.
Es ist offenbar das Schicksal der Angriffsspieler, dass sie, wenn nicht belächelt, so doch als unseriös hingestellt werden. So gilt Sokolov unter Grossmeisterkollegen als „Kaffeehausspieler“. Schirow wurde von Kasparow als „enthusiastic amateur“ qualifiziert, und Tals Opfer wurden lange als unkorrekt belächelt, bis die Computer bewiesen, dass fast alle völlig korrekt waren. Auch Spielmann wurde von seinen Kollegen nie ganz ernst genommen, aber gerade er hat gegen grosse Gegner wie z.B. Aljechin gute Resultate, seine Bilanz gegen Capablanca steht sogar bei 6 zu 6.
Eine andere Partie, die Sokolov zitiert, ist die folgende. Vielleicht sollten Sie sie erst einmal ohne Kommentar nachspielen…
Levon Aronian – Anand Wishwanathan
Wijk aan Zee 2013
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 dxc4 7.Lxc4 b5 8.Ld3 Ld6 9.0–0 0–0 10.Dc2 Lb7 11.a3 Tc8 12.Sg5 c5 13.Sxh7 Sg4 14.f4 cxd4 15.exd4 Lc5 16.Le2 Sde5 17.Lxg4 Lxd4+ 18.Kh1 Sxg4 19.Sxf8 f5 20.Sg6 Df6 21.h3 Dxg6 22.De2 Dh5 23.Dd3 Le3 0–1
… und jetzt mit Kommentar.
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 dxc4 7.Lxc4 b5 8.Ld3 Ld6 9.0–0 0–0 10.Dc2 Lb7 11.a3 Tc8
Diese Stellung ist schon dutzende Male vorgekommen. Aronian bringt eine vorbereitete Neuerung.
12.Sg5
Die Idee ist 12…Lxh2+ 13.Kxh2 Sg4+ 14.Kg1 Dxg5 15.f3 Sgf6 16.e4 Dh5 17.g4 Dh3 18.Dg2 Dxg2 19.Kxg2 mit sehr schöner Kompensation für den Bauern. Auch 16.b4 scheint gut zu sein.
War der nächste Zug Anands vorbereitetes Gegengift? Ich vermute es stark, obwohl die Analyse zum 14. Zug zeigt, dass es eher ein Bluff war.
12…c5
Er nimmt weder den Bauern, noch bedient er die Drohung. Jedenfalls scheint er Aronian damit kalt erwischt zu haben. Computer sind von diesem Zug wegen 13.Lxh7+ Kh8 14.f4 gar nicht begeistert. Sie ändern aber ein paar Züge später ihre Ansicht. Die Hauptvariante lautet 14…cxd4 15.cxd4 Db6 16.Dd3 g6 17.Lxg6 fxg6 18.Te1 Tce8, und Schwarz sollte in allen Varianten mindestens Ausgleich haben.
13.Sxh7
Der logische Zug. Auf f8 hängt der Turm. Anand scheint sich mit 13…c4 14.Sxf6+ Sxf6 15.Le2 Dc7 zufrieden geben zu müssen. Aber er lässt den Turm Turm sein und setzt alles auf eine Karte.
13…Sg4
Das droht Lxh2+. Wenn es tatsächlich Anands Vorbereitung war, hätte er ziemlich viel Computerarbeit investiert haben müssen, um den Gegenangriff 14.h3 zu entschärfen: 14…Lh2+ 15.Kh1 Dh4 mit der fürchterlichen Dohung Dxh3, Jetzt scheint 16.d5 Tfd8 17.f4 Weiss in Vorteil zu bringen, aber dagegen ist 17…b4 knapp spielbar. 18.Le2 bxc3 19.Lxg4 Lxd5 20.Sg5 Lg3 und der weisse Vorteil hält sich im Rahmen. Allerdings braucht Weiss nicht 17.f4 zu spielen, sondern kann 17.Le2, 17.Lxb5, 17.De2 oder 17.f3 versuchen, immer mit kompliziertem Spiel. Sofern es ein vorbereiteter Bluff war, war es ein sorgfältig abgesicherter!
Aronian wählt die „solidere“ Version, indem er das Läuferschach auf h2 nicht zulässt…
14.f4? cxd4 15.exd4 Lc5!
…aber da wird er von einer neuen Keule getroffen. Der Zug wird vom Computer erst nach langer Rechenzeit entdeckt. 18.dxc5 Sxc5 19.Sxf8 Sxd3 20.h3 Dd4+ 21.Kh1 Sdf2+ 22.Txf2 Sxf2+ 23.Kh2, und Schwarz steht sowohl nach 23…Kxf8 als auch nach 23…Sd3 klar besser.
Trotzdem hätte er so spielen sollen. Sokolov merkt an, dass auch die allerbesten der Welt normalerweise Fehler machen, wenn sie unter Druck sind und zwischen verschiedenen Arten, schlecht zu stehen, wählen müssen.
16.Le2
Er scheint mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein: 16…Lxd4+ 17.Kh1 Sf2+ 18.Txf2 Lxf2 19.Sxf8.
16…Sde5!
Das droht ein ersticktes Matt mit Dxd4+ und Dg1+. Weiss hat nichts anderes als…
17.Lxg4 Lxd4+ 18.Kh1 Sxg4 19.Sxf8
… mit der Drohung Dh7(+), aber die macht Anand zunichte und er droht seinerseits ein zweizügiges Matt beginnend mit Dh4.
19…f5 20.Sg6 Df6
Endlich wird das tragische Ross zur Strecke gebracht. Nach 21.Dd3 Dxg6 22.Dxd4 Se3 23.Dd2 Lxg2+ beginnt das grosse Aufräumen.
21.h3 Dxg6 22.De2 Dh5 23.Dd3 Le3 0–1
Eine herzerfrischende Partie.
12…c5 übertrumpft die Drohung 13.Sxh7 nicht. Aber der Zug drückt gegen d4, welcher Punkt später mit Pauken und Trompeten fallen wird. Er schafft mit dem Bauernopfer erst die Voraussetzungen zur späteren Initiative. Auch wenn 12…Lxh2+ oder 12…h6 objektiv stärker sein sollten, so geriete Schwarz nach diesen Zügen in eine passive Verteidigung. Dem ist ein Gegenspiel immer vorzuziehen.
Auch 13…Sg4 übertrumpft nur einen Zug lang, da es in den Gegenangriff 14.h3 hineinläuft. Bei korrektem Spiel würde ein Hin und Her von Drohungen und Gegendrohungen entstehen, ein ziemlich sicheres Anzeichen von ungefährem Ausgleich. 13…Sg4 könnte man daher als eine gleichwertige Gegendrohung bezeichnen.
Statt mit 14.h3 zu kontern, macht Aronian mit 14.f4 einen passiven Verteidigungszug und damit den entscheidenden Fehler. Danach kann Anand tatsächlich sämtliche weissen Drohungen übertrumpfen, und er zwingt Aronian sogar dazu, die Uralt-Drohung 19.Sxf8 auszuführen.