Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03631.jsonl.gz/343

Emmas Frage nach der MachtVeröffentlicht am 23.6.2019, zuletzt geändert am 31.1.2024 #Dialog
Wer hatte in Basel das Sagen?
fragte Emma bei unserem Besuch in der Isaak Iselin Schule. Marcus Sandl und Daniel Sidler von Stadt.Geschichte.Basel antworten.
Liebe Emma,
Historikerinnen und Historiker interessieren sich sehr für die Fragen, die Du gestellt hast! Wer durfte in Basel regieren, also die Politik der Stadt bestimmen und wie wurde das entschieden? Wer hatte die Aufgabe, für Ordnung zu sorgen? Wer setzte sich dafür ein, dass es gerecht zuging? Mit all diesen Fragen beschäftigen wir uns auch in der Basler Stadtgeschichte. Wir interessieren uns besonders für die Zeit zwischen dem Mittelalter und der Moderne, also zwischen etwa 1500 und 1800. Wir möchten Dir also erklären, wie es diesbezüglich in Basel vor, sagen wir, 400 Jahren aussah.
Um Deine Fragen zu beantworten, müssen wir zuerst einmal feststellen, dass die Stadt Basel damals ganz klar abgegrenzt vom Land war und zwar durch eine Mauer. Man konnte die Stadt nur durch die Stadttore betreten, an welchen tagsüber kontrolliert wurde, wer hereinkam und hinausging, und die in der Nacht geschlossen wurden. In der Stadt selbst herrschte ein eigenes Recht und eine eigene politische Ordnung. Die Stadt verstand sich also als etwas anderes als das Land.
Damals lebten schon viele Menschen in der Stadt, die sich mit ganz unterschiedlichen Dingen beschäftigten. Einige sind Kaufleute gewesen, andere Handwerker; es gab Pfarrer und deren Familien, Wirte, die Gasthäuser betrieben, Professoren der Universität und Studenten, die z.T. von weit herkamen. Viele haben ihren Lebensunterhalt aber auch damit verdient, dass sie als Gesinde in einem reichen Haus angestellt waren, oder sie hatten gar keine Arbeit und mussten sich deshalb mit Betteln durchschlagen. Nicht alle diese Menschen hatten in der Stadt die gleichen Rechte.
Marcus Sandl
Nehmen wir einmal an, ich wäre ein Bäcker. Ich hatte also einen wichtigen Beruf, denn ich habe dafür gesorgt, dass Einheimische und Fremde in der Stadt etwas zu essen bekamen. Brot war eines der wichtigsten Nahrungsmittel zu dieser Zeit. Aber konnte ich als Bäcker auch mitreden in der Stadt?
Daniel Sidler
Als Bäcker war Deine Situation eigentlich ganz gut. Du warst nämlich Mitglied in der Zunft zu Brotbecken. In einer Zunft Mitglied zu sein, war damals sehr wichtig. Weil nur als Mitglied in einer Zunft konntest du in der Stadt Bürger werden. Und als Bürger konntest du wählen und über wichtige Fragen mitentscheiden.
Mitglied in einer Zunft zu werden, war aber gar nicht so einfach. Denn die Zünfte nahmen nur sehr wenige auf. Sie waren also sehr streng. Wer in eine Zunft wollte, musste Geld haben und er musste einen Beruf bzw. einen Handwerksbetrieb haben. Und als Bäcker hattest Du ja einen Beruf!
Marcus Sandl
Okay, ich durfte also wählen und mitbestimmen. Das finde ich schon einmal gerecht. Aber Emma hat ja danach gefragt, ob es so etwas wie einen Bürgermeister oder einen Bundesrat gab. Wen habe ich als Bäcker denn wählen dürfen?
Daniel Sidler
Als Bürger und Mitglied in einer Zunft durftest Du den Rat wählen. Der Rat war eine Versammlung von Bürgern, die zusammen über die Geschicke der Stadt entschieden. Er war also in der Stadt so etwas wie das, was für die Schweiz jetzt der Bundesrat ist. Allerdings bestand der Rat wiederum aus vielen unterschiedlichen Personenkreisen und Abteilungen. Da gab es zum einen den «Grossen Rat» mit 200 Mitgliedern. Der Grosse Rat trat aber nicht oft zusammen. Wichtiger und mächtiger war der «Kleine Rat», der sich heute «Regierungsrat» nennt. Er bestand nur aus gut 60 Personen. An seiner Spitze standen zwei Bürgermeister. Diese haben sich von Jahr zu Jahr in ihrem Amt abgewechselt. Ihnen halfen zwei Vertreter der Zünfte, die sogenannten «Oberstzunftmeister», die sich ebenfalls von Jahr zu Jahr abwechselten. Die Bürgermeister, Oberstzunftmeister und der kleine Rat entschieden über fast alle wichtigen politischen Fragen.
Marcus Sandl
Zwei Bürgermeister, zwei Oberstzunftmeister, etwa 60 Kleinräte. Ich sehe also, letztlich war es ein kleiner Kreis von Personen, der in der Stadt das Sagen hatte. Wie gut waren denn meine eigenen Chancen, Mitglied in diesem kleinen Kreis zu werden? Konnte ich als einfacher Bäcker auch Bürgermeister werden?
Daniel Sidler
Das war eher schwierig. Letztlich wurden in Basel die Ämter als Bürgermeister oder die Mitglieder des Kleinen Rates in einem kleinen Kreis von wenigen Personen vergeben. Du musstest also sehr gute Beziehungen haben, um in der Stadt Bürgermeister zu werden. Meistens waren dies reiche Kaufleute und Fabrikanten. Diese waren aber nicht Mitglied in der Zunft zu Brotbecken, sondern in der Zunft zum Schlüssel. Wer dort Mitglied war, gehörte zu denen, die in Basel am meisten zu sagen hatten.
Marcus Sandl
Aha! Das ist anders als heute! Dass die Reichsten auch am meisten bestimmen durften, heisst ja, dass nicht alle gleich waren. Nun interessiert mich aber noch, was der Bürgermeister und der Rat gemacht haben, damit in der Stadt Ordnung herrschte, damit es also gerecht zu und herging. Als Bäcker ist mir beispielsweise wichtig, dass ich gute «Schwööbli» mache und die dann auch gut und für einen gerechten Preis verkaufen kann. Was haben Bürgermeister und Rat dafür unternommen?
Daniel Sidler
Bürgermeister und Rat haben sich mit ganz unterschiedlichen Themen des täglichen Lebens beschäftigt und dazu Ordnungen und sogenannte Mandate erlassen. Sie haben auch dafür gesorgt, dass für alle Bäcker die gleichen Bedingungen galten und es keinen gab, der sich auf unerlaubte Art und Weise Vorteile verschaffte. In dieser Bäcker-Ordnung aus dem Jahr 1625 hat er geregelt, welche Auflagen Bäcker von ausserhalb erfüllen mussten, die in der Stadt Brot verkaufen wollten. Darin wird gesagt, wann und wo sie ihr Brot verkaufen dürfen und dass sie der Stadt eine Abgabe dafür zahlen müssen. Jeder Bäcker von aussen musste die Ordnung lesen und sich daran halten, damit auch die einheimischen Bäcker von ihrem Gewerbe leben konnten.
Marcus Sandl
Und wenn sich mal einer nicht daran hielt? Was ist dann passiert?
Daniel Sidler
Wer sich nicht an die städtischen Ordnungen und Mandate hielt, der riskierte, dass er vor ein städtisches Gericht gestellt wurde. Er konnte dann zu einer Geld- oder – bei schwereren Verstössen – gar zu einer Bannstrafe verurteilt werden. In letzterem Fall durfte die Person dann nicht mehr nach Basel kommen. Wenn es um noch schlimmere Vergehen und Verbrechen ging, dann konnte auch der Rat selbst als Gericht amten. Auch das ist ein Unterschied zu heute. Es gab, wie man das heute nennt, keine Gewaltenteilung, also keine Trennung zwischen der Regierung der Stadt und dem Stadtgericht.
Marcus Sandl
Manches war also anders als heute! Waren die Menschen, die Einwohner von Basel, aber dennoch zufrieden mit der Politik der Stadt? Fanden sie, dass der Rat richtig handelte und für Gerechtigkeit sorgte?
Daniel Sidler
In der Regel schon! Nur sehr selten kam Unmut auf über die Besetzung des Rates oder auch über seine Politik. Einmal, nämlich 1691, kam es deshalb zu einem richtigen Aufstand. Viele Basler hatten damals das Gefühl, dass die Ratsmitglieder nicht mehr im Interesse aller handelten. Sie warfen ihnen vor, dass sie nur noch auf ihre eigenen Vorteile schauten und versuchten, immer reicher und mächtiger zu werden. Viele Basler forderten deshalb Reformen, damit alle Bürger die gleiche Chance hatten, in den Rat gewählt zu werden. Es gab deshalb 1691 viele Diskussionen und auch gewalttätige Auseinandersetzungen. Viel veränderte sich aber letztlich nicht. Erst sehr viel später, in der Moderne, wurden Regelungen geschaffen, die die Gleichheit aller Bürger herstellten.
Gespräch
Maia aus der Primarschule Isaak Iselin hat ihre Frage der Webredaktion gestellt und unsere Mitarbeiter Marcus Sandl und Daniel Sidler und haben sie für uns beantwortet.
Gespräch
Portrait
Bildnis des Bürgermeisters Hans Rudolf Huber von Basel, 1601. Hans Bock d. Ä. zugeschrieben. 110x73cm. Kunstmuseum Basel Inv 88.
Der Basler Bürgermeister Hans Rudolf Huber (1545–1601) ist als Halbfigur gegeben. Seine Linke umschliesst den Knauf einer Waffe, die Rechte hält einen Handschuh. Das Porträt nennt das Todesjahr Hubers, könnte jedoch auch postum gemalt worden sein (vgl. auch den Fall des Porträts von Hubers Vorgänger im Amt, Lukas Gebhart, Inv. 778). Eine Beurteilung der malerischen Handschrift des nicht signierten Bildes fällt schwer angesichts des schlechten Erhaltungszustands.
Quellen
Bäcker-Ordnung. Mandat vom 24.12.1625. STA Bf 1 A 4-6