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Geht der Rassismusstreit im SAC weiter?
Es war eine der heissesten respektive hitzigsten Hauptversammlungen einer Sektion des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) seit langem: Bei den St. Gallern stand vergangene Woche Louis Agassiz auf der Traktandenliste, was im Raum dicke Luft verursacht habe «wie in einer Sauna», berichtet das «Tagblatt». Gegen 120 Personen erschienen.
Im Fokus stand ein Antrag des Historikers Hans Fässler, der sich seit Jahren für die «Demontage» von Louis Agassiz einsetzt (wir berichteten). Agassiz (1807–1873) stammte aus dem Kanton Freiburg und war Gletscherforscher. Nach ihm wurde das Agassizhorn (3946 m ü. M.) im Grenzgebiet Bern-Wallis benannt. 1865 verlieh ihm der SAC die Ehrenmitgliedschaft. Doch Agassiz war auch Rassentheoretiker. Er emigrierte in die USA und nutzte seine Berühmtheit, um Behauptungen populär zu machen, die selbst zu damaliger Zeit extrem waren. Etwa: «Das Hirn des Negers entspricht dem unvollständigen Hirn eines siebenmonatigen Fötus im Mutterleib einer Weissen.»
Für Fässler ist Agassiz ein «Vordenker der Apartheid und des Rassenwahns», darum initiierte er die Diskussion, dass der SAC Agassiz die Ehrenmitgliedschaft aberkennt. Darüber befinden kann jedoch nur die Abgeordnetenversammlung – und nur dann, wenn ihr ein Antrag einer Sektion vorliegt. Fast wäre das Fässler gelungen: Er hatte seiner St. Galler Sektion an der letztjährigen Hauptversammlung den Antrag gestellt. Die anwesenden Mitglieder entschieden mit 49 zu 34 Stimmen und 16 Enthaltungen dafür. Im Nachhinein erhoben allerdings zwei Mitglieder Einsprache, weil Fässlers Antrag nicht «statutenkonform traktandiert» war. Die Abstimmung wurde als ungültig erklärt.
Erst ja, jetzt nein
Vergangene Woche stand der Antrag schliesslich formell korrekt auf der Traktandenliste der St. Galler – und wurde mit 65 Nein- zu 50 Ja-Stimmen bei 9 Enthaltungen abgelehnt. Der Entscheid fiel eher gegen die Person Fässler, den «Linken», als für Agassiz, den Rassisten. Wie das «Tagblatt» berichtet, hätten sich die Nein-Stimmer daran gestossen, dass Fässler zuletzt kaum noch an den Sektionsversammlungen erschienen sei, dass er den SAC für seine Zwecke «instrumentalisiert» und die Sektion «ins Rampenlicht gezerrt» habe.
Fässler selber sagt gegenüber dem Outdoorblog, er habe aufgrund der «aggressiven Stimmung der Gegenseite» mit der Ablehnung des Antrags rechnen müssen. Enttäuscht sei er wegen der Argumentation, wonach der SAC nicht «verpolitisiert» werden dürfe und dass Agassiz’ Rassismustheorien zu lange her seien. Er findet, es wäre ein Zeichen gewesen, «damit sich der SAC mit seiner rechtsextremen Geschichte in den 1920er- und 1930er-Jahren auseinandersetzt» – notabene wie das auch der Deutsche und der Österreichische Alpenverein machen.
Gibt es eine mutigere Sektion?
Zwar könnte Fässler den Antrag an der nächsten Sektionshauptverhandlung erneut stellen, doch er rechnet mit keiner Unterstützung von den St. Gallern. Er hofft darum auf eine andere «mutige und weniger konservative» Sektion, die sein Ansinnen zuhanden des SAC-Zentralvorstands stellt. Tatsächlich wäre es für uns Mitglieder interessant zu erfahren, wie der SAC seine «dunklen Kapitel» aufarbeiten würde.
Das äusserst formschöne Agassizhorn wollten die Standortgemeinden nicht umbenennen. Nun trägt es unter Alpinisten den Übernamen «Rassistenhorn», (fast) jeder weiss jetzt, dass es nicht nach einem Tennisspieler benannt ist. Ganz verloren hat Fässler seinen Kampf nicht.
Was ist Ihre Meinung? Finden Sie es wichtig, dass die Vergangenheit aufgearbeitet wird, oder sollte man sie ruhen lassen? Diskutieren Sie mit!