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Kai Wiedenhöfer sucht Mauern. Die sind sein Thema. Mauern auf der ganzen Welt. Mauern in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, die Flüchtlinge von Europa fernhalten sollen.
Mauern in Bagdad, die Schiiten und Sunniten vor einander schützen sollen. Die Mauer in Belfast, die Katholiken und Protestanten voneinander trennt.
Mauern als Wahlversprechen
Auch an die mexikanische Grenze ist Kai Wiedenhöfer schon mehrfach gereist. Dort sollen mexikanische Migranten daran gehindert werden, US-amerikanischen Boden zu betreten. Donald Trump hatte das zum Wahlversprechen gemacht: Eine Mauer zu bauen.
Als Wiedenhöfer im April dieses Jahres dort war, konnte er mit der Drohne Prototypen filmen, die dort für Trumps Mauer ausgestellt waren. Mauern, die dem amerikanischen Volk sagen sollen: Wir tun etwas für euch, wir beschützen euch.
Mauern lösen kein Problem
Für Wiedenhöfer ist das Konzept einer Mauer absurd: «Mauern können überflogen und untertunnelt werden. Sie sind kein wirklicher Schutz, sondern nur eine Abgrenzung. Mir geht es darum, eine im Prinzip einfältige Idee zu zeigen, die meint, man könne ein Problem mit einer Mauer lösen.»
Kai Wiedenhöfers Arbeit ist pragmatisch. Immer wieder reist er mit seiner handgefertigten Panoramakamera, einer Dr. Gilde 66-17 MST Super 3D, von der es weltweit nur 60 Stück gibt, an die Orte an denen Mauern stehen oder gebaut werden. Beobachtet. Spricht mit den Wachleuten, Ausgegrenzten, Ausgrenzenden.
Mauern erzählen Geschichte(n)
Kleine Alltagsmomente entstehen so. Ein Palästinenser, der durch die Mauer von seinem Landsmann getrennt ist und sich durch ein Loch in der Mauer mit ihm unterhält.
Eine Mauer, ebenfalls in Israel, die nur halb steht. Die Bewohner auf der einen Seite haben sie kunstvoll bemalt, sodass der Eindruck entsteht, sie gehe nahtlos in den dahinter liegenden Baum über.
Ein anderes Foto wirkt fast leer: Vorne Geröll, Armierungseisen als Überreste eines wegplanierten Hauses, dahinter ein mannshoher Eisenzaun.
«Links davon stand ein Überwachungsturm der Israelis, daraus wurde manchmal geschossen. Das war wirklich gefährlich», erzählt der Fotograf.
Die Gefahr ist Teil seines Alltags und er habe gelernt, die Situation einzuschätzen. Das klingt pragmatisch, doch Israel und Palästina, dieser schier unlösbare Konflikt, erschüttert ihn so nachhaltig, dass er immer wieder hinfliegt. Fotografiert. Gespräche führt. Das Land und seine Konflikte kennt er mittlerweile sehr gut.
Fokus Israel
Im Herbst nächsten Jahres wird er ein Fotobuch herausgeben, dass sich nur mit der israelischen Mauer beschäftigt. Zurzeit stellt er das Layout zusammen.
Es wird ein umfassender Band. Sein drittes Buch nach «Wall» (2007) und «Confrontiers» (2013), das sich mit Grenzmauern befasst.
Mauern präsenter denn je
Und wenn sein drittes Buch nächstes Jahr erscheint, dann jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Wiedenhöfer denkt auch heute noch oft an dieses Ereignis, diesen Moment, als er selber am 10. November 1989 nach Berlin gereist war.
Die Mauer stand zwar noch, sie hielt aber nicht mehr: «Die ersten Segmente waren schon herausgerissen, die Leute fluteten herüber. Diese vier Tage, das war politisch gesehen das Interessanteste, was ich je erlebt habe.»
Damals habe er gedacht: «Jetzt haben wir die freie Welt. Die Mauern sind ad absurdum geführt, sie liegen auf dem Müllhaufen der Geschichte.»
Heute wisse er, dass das genaue Gegenteil passiert ist.