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Als in Spanien am 15. März 2020 der harte Lockdown begann, sass ich in einer 40 Quadratmeter grossen Wohnung am Meer fest. Der Blick aufs Meer war mir gewährt, nicht aber ein Spaziergang am Strand. Es schien, als habe sich eine dunkle Blende vor das Kameraobjektiv meines Lebens geschoben. Wie eine Kriminelle setzte ich mich jeden Abend auf einen Stein unter den Steg am Strand und starrte aufs Meer, um wenigstens eine halbe Stunde gesunde Meeresluft zu atmen. Allein in der Wohnung, allein auf der Schnellstrasse, allein im Büro, allein, allein, allein …
Meine einzigen Kontakpersonen und -tiere: Mein schwuler Nachbar Jesús, der sich gelegentlich mit zwei Bierdosen und frittierten Auberginen zu mir hinüberschlich, den ich ab und zu in den Arm nehmen musste, weil ihm aus lauter Einsamkeit Tränen über sein Gesicht flossen. Genau wie ich lebte er allein. Sonst hatte er jeden Tag mit seiner Schwester zu Mittag gegessen, nun ass er aus lauter Angst fast nichts mehr. Ab und zu reichte ich ihm einen Teller Pasta und Quarkspeise in einem Körbchen über die Balkonballustrade. Zum Dank warf er mir ein Büchlein über Buddhismus oder eine Packung Schokokekse zurück. Zu meinen tierischen Verbündeten gehörten meine dicke schwarze Katze und mein Pferd, das ich einmal pro Woche mit einem Bündel an Formularen vom Tierarzt und vom Stallbesitzer besuchen durfte.
Viermal buchte ich Flüge nach Deutschland, viermal wurden sie storniert. Die Familie sollte ich nun bis August nicht besuchen dürfen. Was geschieht mit einem Menschen, der auf sich selbst zurückgeworfen wird? Entweder er reitet weiterhin sein Ego und wartet nur darauf, dass die alte Realität mit materieller Sicherheit zurückkehrt oder er beginnt, sich mit seinen Ängsten, Träumen und seiner Aufgabe als Mensch in dieser Welt auseinanderzusetzen. Was in der Welt geschah, verfolgte ich durch alternative Kanäle im Internet. Die spanischen Fernsehnachrichten konnte ich mir nicht mehr antun.
Während des Lockdowns beschäftigte ich mich auch mit der imaginären Welt, Symbolen und dem Unterbewussten. Ich vernetzte mich in einem Online-Seminar mit acht Menschen, die genau wie ich ein Tagebuch führten, in das wir Gedanken und Gefühle eintrugen und in Form von Zeichnungen darstellten. Dabei bekamen wir Aufgaben des Seminarleiters. Es ging darum, jeden Tag achtsam zu sein und Gefühle und Gedanken zu dokumentieren.
Wir erhielten am Ende die Aufgabe, eine Karte, unsere persönliche Imago Mundi, zu erstellen, um anhand von Symbolen unsere Verbindung zu anderen Menschen, der Natur und Tieren und unseren Platz in dieser Welt zu beschreiben. Ich denke, es ist ein guter Weg, nicht nur in der Aussenwelt nach dem eigenen Wohlbefinden zu suchen, sondern es zu wagen, in das eigene Unterbewusstsein einzutauchen. Wer das Ego abstreift, kann sich mit anderen Menschen verbinden.
Herzlich,
Lena Kuder
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