Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/2387

In Russland kommt der Nikolaus erst an Neujahr, und das Weihnachtsfest wird nach dem Dreikönigstag gefeiert. Weshalb?
Es ist schon merkwürdig: In Russland beschenken die Menschen Verwandte und FreundInnen zwar auch unter dem Tannenbaum. Aber sie tun das erst an Neujahr. Und Weihnachten ist dort noch später - das kirchliche Fest findet erst am 7. Januar statt.
Des Rätsels Lösung ist in der Vergangenheit zu suchen. Als viele Länder Europas im 16. Jahrhundert vom julianischen zum gregorianischen Kalender wechselten, blieb das christlich-orthodoxe Russland bei der alten Zeitrechnung. Der gregorianische Kalender ist nach Papst Gregor XIII. benannt, der eine Kalenderreform befahl. Diese Reform war schon seit längerem von Astronomen empfohlen worden. Da der alte julianische Kalender (benannt nach Julius Cäsar) das Jahr auf 365,25 Tage festgelegt hatte - mit einem alle vier Jahre wiederkehrenden Schalttag -, das Sonnenjahr aber nur 365,2422 Tage lang ist, tat sich mit der Zeit eine Lücke auf. Gregor XIII. stopfte dieses Loch, indem er 1582 kurzerhand ein paar Tage wegstrich. Auf den 4. Oktober 1582 folgte sogleich der 15. Oktober. Damit stimmte der Jahreskalender wieder mit dem Sonnenumlauf überein.
Die protestantischen Länder Europas lehnten die Kalenderreform zunächst ab - weil sie vom Papst befohlen worden war. Sie zogen erst später nach. In der Schweiz führten viele katholische Kantone den neuen Kalender 1584 ein, die protestantischen hingegen (mit drei Ausnahmen) erst 1700. Die Führung Russlands entschied sich erst 1918 - also nach der Revolution - für den Wechsel des Kalenders. Die Kirche hielt aber für die religiösen Feiertage am alten Kalender fest. Deshalb werden Feiertage wie Weihnachten und Ostern in Russland bis heute später gefeiert. Neujahr hingegen - als vom Staat festgelegter Feiertag - findet wie bei uns in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar statt.
Das erklärt noch nicht, warum die RussInnen am 31. Dezember unter dem Tannenbaum feiern - und nicht erst an Weihnachten, also am 7. Januar. Auch das hat mit der russischen Revolution zu tun. Nach 1918 wurden die religiösen Bräuche und Feiertage verboten, die Kirchen geschlossen oder zu Museen umfunktioniert. Die beliebten Weihnachtsbräuche - der Tannenbaum (die Jolka) und Väterchen Frost, der die Geschenke bringt - verschoben sich auf das Neujahr und mischten sich mit den Neujahrsbräuchen. In den ersten Revolutionsjahren war sogar die Jolka verboten. Erst Diktator Josef Stalin erlaubte die Bäume wieder. Der erste sowjetische Tannenbaum wurde im Januar 1937 im Säulensaal des Moskauer Gewerkschaftshauses aufgestellt. Bald darauf war der Tannenbaum wieder an vielen Orten zu sehen.
Bis heute ist in Russland Neujahr der wichtigere Festtag als Weihnachten. Man trifft sich am 31. Dezember mit der Familie und Freunden zu Hause oder auf der Datscha, beschenkt sich und isst und trinkt ausgiebig. Auch ein Tannenbaum gehört bei den meisten dazu - selbst bei Präsident Wladimir Putin. Vor seinem Arbeitszimmer, auf dem Kathedralenplatz im Kreml, steht eine 32 Meter hohe Jolka. Nach langem Suchen hat die Tannenbaum-Sonderkommission einen geeigneten Baum in Nordrussland gefunden und nach Moskau gebracht.
Der russische Nikolaus, Väterchen Frost, sieht unserem Nikolaus recht ähnlich. Wenn er die Geschenke bringt, wird er dafür bewirtet. Seine «Enkelin», ein Mädchen namens Snegurotschka, begleitet ihn. Böse Zungen behaupten, ihre Hauptaufgabe sei, Väterchen Frost zu stützen, wenn dieser dem Wodka zu stark zugesprochen hat …