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Dieser Gastbeitrag von Livio Raccuia geht davon aus, dass sich Abstimmungsergebnisse mithilfe impliziter Messungen besser voraussagen lassen als mit ausschliesslich herkömmlichen Fragetypen. Weitere Untersuchungen sind jedoch notwendig.
Vor jedem Urnengang werden in der Schweiz Trendumfragen durchgeführt mit dem Ziel Entwicklungen in der Unterstützung einer Abstimmungsvorlage zu erfassen und abzubilden. Dabei stellt sich jeweils eine zentrale Frage: Was passiert mit der Gruppe der unentschlossenen Stimmbürger? Wechseln diese in das Lager der Vorlagenbefürworter oder doch eher zum gegnerischen Lager? Selbst drei Wochen vor einer Abstimmung geben im Durchschnitt 10 Prozent der befragten Personen an, sich bezüglich ihres Stimmentscheids noch nicht sicher zu sein.
Gerade bei umstrittenen und dementsprechend knappen Abstimmungen kann die Gruppe der unentschlossenen Stimmbürger entscheidend sein. Folglich wäre es sowohl für die Praxis wie auch die politikwissenschaftliche Forschung wichtig zu wissen, inwiefern sich der Meinungsbildungsprozess unentschlossener Personen von jenem entschlossener Bürger und Bürgerinnen unterscheidet. Ebenfalls hilfreich wären alternative Messinstrumente, welche es erlauben würden, auch für Personen, die keine Stimm- oder Wahlabsicht angeben können (oder wollen), statistisch eine Präferenz zu berechnen.
Der Implizite Assoziationstest (IAT)
Implizite Assoziationstests (IAT) setzen an letzterem Punkt an. Sie messen implizite, d.h. automatische, Einstellungen bzw. Präferenzen.[2] Im Unterschied zu den in der Sozialforschung gängigen expliziten Massen (z.B.Stimmabsicht des Befragten) haben sie den Vorteil weniger reaktiv zu sein. Das heisst, dass sie von der befragten Person nicht so einfach durchschaut werden können und folglich nicht von sozialer Erwünschtheit betroffen sind. Gerade bei heiklen politischen Themen und Vorlagen wie zum Beispiel der anstehenden Durchsetzungsinitiative (28. Februar 2016) könnten IATs also den gängigen Fragen nach der Stimmabsicht einer Person überlegen sein.
Nebst diesem Vorteil wurde in den letzten Jahren auch argumentiert, dass IATs bzw. implizite Einstellungen besonders gut in der Lage seien, den Stimmentscheid unentschlossener Personen vorherzusagen.[3] Die Idee dahinter ist, dass implizite Einstellungen eine Art Vorstufe zu den expliziten Einstellungen darstellen. In der Tat haben wir alle gewisse implizite Einstellungen bzw. Präferenzen, ohne dass wir uns deren aber notwendigerweise bewusst sind. Genau dies könnte bei unentschlossenen Stimmbürgern der Fall sein. Sie mögen sich zwar ein paar Wochen vor einer Abstimmung ihrer Präferenz noch nicht bewusst sein und die Frage nach der Stimmabsicht mit «weiss nicht» beantworten, eine mehr oder weniger ausgeprägte implizite Einstellung zu einer Vorlage oder einer Partei haben aber auch sie. Warum aber sollte sich diese spontane Präferenz schliesslich im Stimmentscheid niederschlagen? Die Forschung hat gezeigt, dass sich vor allem unentschlossene Personen Informationen beschaffen, die mit ihrer impliziten Einstellung in Einklang sind.[4] Dieser selektive Konsum von Informationen führt schliesslich dazu, dass die implizite Präferenz im Verlaufe des Meinungsbildungsprozesses zu einer expliziten Einstellung wird und damit das Stimmverhalten entscheidend beeinflusst.
Der IAT als Prognoseinstrument bei Eidgenössischen Abstimmungen?
Meine bisherige Forschung zeigt, dass sowohl die klassischen reaktionszeitbasierten IATs wie auch die einfacheren «paper-and-pencil» IATs gute Prädiktoren sind für das Stimmverhalten der Schweizer Bürger. Erstere wurden im Vorfeld der Abstimmung zur Mindestlohninitiative und des Gripen Referendums (18. Mai 2014) an der Universität Zürich getestet. Wie in der untenstehenden Abbildung zu sehen ist, waren beide IATs gute Prädiktoren für das tatsächliche Stimmverhalten der befragten Personen (N=268).
Nicht-parametrische Regressionen für den Zusammenhang zwischen dem ST-IAT Wert und der Wahrscheinlichkeit für die Mindestlohninitiative und das Gripen Referendum zu stimmen.
Dieselbe Untersuchung wurde auch für die Volksinitiative für eine Einheitskrankenkasse (28. September 2014) durchgeführt, diesmal jedoch mit einer in eine Online-Umfrage (N=352) eingebauten «paper-and-pencil» IAT Version. Auch dieser implizite Assoziationstest konnte das Stimmverhalten der befragten Personen akkurat vorhersagen.
Schliesslich zeigte eine im Vorfeld der Ecopop-Abstimmung (30. November 2014) durchgeführte Studie, dass implizite Einstellungen für die Gruppe der unentschlossenen Stimmbürger in der Tat leicht bessere Prädiktoren sind als für entschlossene Stimmbürger.[5] So konnte mithilfe der impliziten Einstellungen das Stimmverhalten von 78% der unentschlossenen Stimmbürger richtig vorhergesagt werden. Bei den entschlossenen Personen betrug der Anteil lediglich 73%. Eine mitunter auf den impliziten Einstellungen der unentschlossenen Stimmbürgern basierende Vorhersage ergab für die Ecopop-Initiative zudem einen Ja-Stimmenanteil von 33%.[6] Dieser Wert wich zwar 7 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis ab, war aber dennoch präziser als die Umfragen- und Prognosewerte führender Umfrageinstitute.
Angesichts dieser Erkenntnisse wären weitere Forschungsbemühungen sicherlich wünschenswert. In erster Linie sollte untersucht werden, unter welchen Umständen implizite Einstellungen für die Gruppe der unentschlossenen Stimmbürger gute Prognoseinstrumente sind. Eidgenössische Abstimmungsvorlagen unterscheiden sich oft stark bezüglich ihrer Komplexität und der Vertrautheit der Stimmbürger mit der jeweiligen Thematik. Diese Faktoren können sich wiederum auf die Vorhersagevalidität impliziter Einstellungen auswirken. Aus diesem Grund sollten IATs bei möglichst vielen verschiedenen Abstimmungsvorlagen in Kombination mit expliziten Massen zum Einsatz kommen.
Von Livio Raccuia