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Selbst wenn er sich zum Frühstück ein Ei so zubereitet hätte, wie er es in Amerika kennen und lieben gelernt hatte — Upside down, ein Spiegelei, vor dem Servieren einmal kurz gewendet —, es hätte Marcos Besorgnis an jenem Morgen nicht zerstreut.
Ein triftiger Grund dafür, mit leerem Magen zur Arbeit gefahren zu sein war dies allerdings nicht.
Er blieb etwas unschlüssig vor seinem Schreibtisch stehen, startete den Computer, ohne sich auf den Stuhl zu setzen, kramte aus der Tasche seines Jacketts ein paar Münzen hervor und ging zum Kaffeeautomaten.
Dass er als Erster im Büro war, war nicht bloß ungewöhnlich, es war geradezu unsinnig, denn er wusste nicht, womit er die zwei Stunden bis zum Termin mit seinem obersten Chef ausfüllen würde.
Na ja, oberster Chef war er nun auch wieder nicht. Da gab es noch viel höhere am Hauptsitz, und den Verwaltungsrat natürlich; Leute, die er nie gesehen hatte, deren Namen und Gesichter er aus dem betriebsinternen Magazin und aus dem Fernsehen kannte, Leute, die so viel Macht besaßen, dass sie den Chef, der ihn um neun Uhr fünfunddreißig in sein Büro bestellt hatte, mit einem einzigen Telfonanruf hätten wegbefördern, frühpensionieren, wegrationalisieren können, wann immer ihnen der Sinn danach gestanden hätte. Nein, oberster Chef war er nicht. Aber es war immerhin der oberste im Haus — und was noch wichtiger und beunruhigender war, er war nicht sein direkter Vorgesetzter.
Marco schlurfte am Kaffee, dachte daran, dass er um die Zeit zu Hause einen anständigen Espresso hätte trinken können, und fragte sich, während er wie schlafwandelnd in sein Büro zurückkehrte, zum zehnten, zum zwanzigsten, vielleicht zum dreißigsten Mal, was der wohl von ihm wollen konnte um neun Uhr fünfunddreißig — was für eine merkwürdige Zeitangabe für ein Mitarbeitergespräch!
Marco deutete plötzlich Alltägliches oder Unbedeutendes als kleine Zeichen einer feindseligen Welt, als Vorboten einer Katastrophe. Es nützte wenig, wenn seine Vernunft ihm sagte, dass er immerhin um neun Uhr fünfunddreißig aufgeboten war und nicht um neun Uhr vierunddreißig oder um neun Uhr sechsunddreißig war.
Ihm war klar, dass eine Unterredung mit seinem direkten Vorgesetzten aus einem einfachen Grund nicht stattfinden konnte: Dieser war im Begriff seinen Arbeitsplatz zu räumen. Nach inoffiziellen Informationen war er ausgewählt worden, um eine Niederlassung irgendwo im Ausland aufzubauen. Er war also bestimmt nicht mehr der Richtige, um Personalgespräche zu führen und nötigenfalls Entscheidungen in einer Abteilung zu treffen, die er bald verlassen würde; vielleicht war er nicht einmal mehr da.
Und der Nachfolger — falls dieser bereits bestimmt worden war — hätte noch etwas Zeit gebraucht, um sich einzuarbeiten, um seine Untergebenen überhaupt kennen zu lernen.
Das hätte erklären können, warum sich eine höhere Stelle eingeschaltet hatte.
Doch gerade weil diese gegenwärtige Schwierigkeit bestand und weil man trotz allem den Termin nicht auf später, nicht auf ruhigere Zeiten verschoben hatte, musste es sich um etwas außerordentlich Wichtiges und Dringendes handeln. Und da ihm nicht bekannt war, dass im Betrieb in jenem Moment außerordentlich Dringendes anstand, musste die Sache ihn persönlich betreffen.
Vielleicht hatte es mit Martha Schneider zu tun.
Das Gerücht ging um, er habe sie wochenlang erfolglos angebaggert und habe sich dann für die zahllosen Körbe gerächt, indem er sie traktiert, schikaniert und nie darauf Rücksicht genommen hatte, dass sie eine allein erziehende Mutter zweier Kinder war, die mitten in einer berufsbegleitenden Ausbildung steckte. — Das war natürlich alles Quatsch: Um sich an der blasierten Ziege zu rächen, hatte es wirklich keinen Anlass gegeben, und schließlich war er nicht der Typ, dem so etwas auch nur eine Sekunde lang durch den Kopf ging. Wenn er an Begriffe wie «Erfolg», «Genugtuung» oder «Triumph» dachte, sah er nicht das gramvolle Gesicht eines geknickten, gedemütigten Verlierers, schon gar nicht einer Verliererin vor sich, sondern eine Excel-Tabelle mit einem bunten Diagramm. Erfolg war messbar und — abhängig vom Tageskurs — in irgendeiner beliebigen Währung präzis auszudrücken.
Im Gang hörte man inzwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einander «Guten Morgen» zumurmeln und die Resultate der Championslegue herunterbeten, und Marco wunderte sich darüber, dass es ihn — wohl zum ersten Mal im Leben — kein bisschen interessierte, ob seine Mannschaft weitergekommen war.
Oder ging es bei der Unterredung um Luc, um den Franzosen, dem er wegen seiner mangelhaften Sprachkenntnisse und seiner unerträglichen Langsamkeit das Leben dermaßen zur Hölle gemacht hatte, dass dieser nach wenigen Monaten von selbst gegangen war? — Aber der oberste Chef, sofern er von der Sache überhaupt je erfahren hatte, wusste Disziplin als eine Qualität zu schätzen und hätte nicht ausgerechnet ihn, Marco Merz, gerügt, der nach dem Grundprinzip gehandelt hatte, welches Effizienz, Produktivität und Konkurrenzfähigkeit optimierte, kurz: nach den Prinzipien des Marktes — nein — nach den Prinzipien der Natur, nach den Prinzipien der Welt überhaupt: Der Schwächere bleibt auf der Strecke!
Was hätte man ihm denn vorwerfen können? Dass er tüchtiger war als Martha Schneider und Luc Wieauchimmer?
Marco scrollte und klickte in Internetseiten herum, die er nicht las, als wollte er den Anschein eines arbeitenden Menschen wahren. Dann warf er einen Blick in die Mailbox — und: Dr. Järmann erinnerte ihn auch mittels elektronischen Post daran: Neun Uhr fünfunddreißig.
Und wenn es ganz anders war? Und wenn es weder um Rügen noch um Kürzungen ging, weder um den unfähigen Franzosen noch um die bockige Martha Schneider, weder um eine Beanstandung noch um einen viel schlimmeren freundschaftlichen Ratschlag? War es etwa denkbar, dass der oberste Chef ihn als Nachfolger für den scheidenden Vorgesetzten ausgewählt hatte? Ihn, Marco Merz?
«Verdient hätte ich’s schon», sagte er sich, aber er verwarf den Gedanken sofort. Das war weder der Zeitpunkt noch die Art, wie man so etwas mitteilen würde. Man hätte es ihm viel früher gesagt; vor allem hätte man es ihm gesagt, oder man hätte es ihm geschrieben. Eine solche Geheimniskrämerei hätte doch gar keinen Sinn ergeben, wenn man ihn befördern wollte.
Marco sah auf die Uhr in der Menüleiste. Er hatte zwei Stunden lang alle erdenklichen Spekulationen angestellt, war zu keinem Ergebnis gekommen, und die Zeit war herangerückt, den Lift ins fünfte Stockwerk zu nehmen.
Mit einem Mal war seine Beklemmung weg. Er war zu müde, um länger darüber nachzudenken. Er hatte keinen Espresso und kein Frühstücksei gehabt. Was ihm der oberste Chef um neun Uhr fünfunddreißig, in drei Minuten also, sagen würde, machte ihn nicht einmal mehr neugierig. Viel lieber hätte er jetzt erfahren, ob das, was er aufgeschnappt hatte, nämlich dass Yakins Freistoß in der 88. Minute bloß an die Latte geknallt war, letztlich das Spiel entschieden hatte.
Er musste nicht anklopfen. Die Tür zu Dr. Järmanns Büro stand bereits offen.
«Ach ja! Sie müssen Herr… wie war der Name?»
«Merz.»
«Richtig. … Herr Merz sein. — Sie hätte ich fast vergessen. Welche Zeit hatten wir denn vereinbart? Aber bitte, treten Sie doch ein.»
«Neun Uhr fünfunddreißig», leierte Marco, wie wenn man das Geburtsdatum angibt.
«Neun Uhr fünfunddreißig?», lachte Järmann ungläubig, «Sagen Sie, sind Sie immer so buchhalterisch? Ha, neun Uhr fünfunddreißig! — Tja, Merz, hat sich eigentlich schon erledigt. Ich wollte Ihnen die Nachfolge Ihres Vorgesetzten vorstellen, habe aber eben erfahren, dass Sie Frau Schneider bereits kennen… —
Hallo, Herr Merz, ist Ihnen nicht gut?»
Marco sah in Martha Schneiders Gesicht und stammelte: «Nein. Ja. Alles in Ordnung. Es ist bloß so, dass ich heute mein Frühstücksei nicht gegessen habe. Upside down, wissen Sie, mag ich’s am liebsten.»