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Rind und Huhn ja, Schwein und Meeresfrüchte nein. Wer im Judentum die Speisegesetze einhalten möchte, beachtet diverse Regeln – vor allem auch das zentrale Verbot, Milchprodukte und Fleisch zusammen zu essen. Es fußt auf dem biblischen Buch Exodus, in dem es heißt: “Koche nicht ein Böcklein in der Milch seiner Mutter.” Das, was den Regeln entspricht, wird koscher genannt. Spielen dabei auch ökologische und soziale Gesichtspunkte eine Rolle?
von Leticia Witte
“Manchen Menschen reicht es nicht, wenn etwas koscher ist”, sagt der Münchner Rabbiner Tom Kucera. Er verweist auf “Hechscher Zedek”, das vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten aufkam: ein Gütesiegel für “Gerechtigkeitskriterien”. Demnach sind Produkte koscher, die zusätzlich zu rituellen auch sozialen und ökologischen Anforderungen entsprechen. Dabei geht es zum Beispiel um faire Arbeitsbedingungen.
Kucera erinnert daran, dass 2007 in den USA ein Rabbiner der konservativen Masorti-Strömung “Hechscher Zedek” als Antwort auf unzumutbare Zustände sowohl für Tiere als auch für Arbeiter in einem US-Unternehmen für koscheres Fleisch geschaffen habe. Bis 2013, also vor zehn Jahren, sei das neue Gütesiegel in den USA auf dem Markt gewesen, bis es nach Protesten orthodoxer Rabbiner verschwunden sei.
Ein erlaubtes Tier muss geschächtet werden, um koscher zu sein. Dabei handelt es sich um eine Schlachtmethode, bei der ein Fachmann mit einem scharfen Messer und einem einzigen Schnitt Halsschlagader und Luftröhre eines zuvor nicht betäubten Tieres durchtrennt. Es heißt, dass das Tier rasch bewusstlos werde und schnell ausbluten könne, denn der Verzehr von Blut ist im Judentum nicht erlaubt. Das Schächten, das auch Muslime praktizieren und das durchaus umstritten ist, ist hierzulande als eine Ausnahme im Tierschutzgesetz geregelt.
Hintergrund des Verschwindens von “Hechscher Zedek” war, dass Rabbiner der orthodoxen Strömung die Aufsicht über die Kaschrut führten und nicht akzeptieren wollten, dass das Siegel aus der Masorti-Richtung kam, wie Kucera erläutert. Die Kaschrut – bestimmte Voraussetzungen für den Verzehr von Speisen – sei kein “totales System” und könne in einer modernen Welt durchaus modifiziert werden, so der liberale Rabbiner. Er spricht von einer Pyramide, bei der die “Öko-Kaschrut” die Spitze bilde.
In Gesprächen vor allem mit jungen Menschen stelle er fest, dass ihnen wichtig sei, mit ihrem Verhalten CO2 einzusparen und den Konsum tierischer Produkte zu reduzieren oder ganz zu meiden. In Deutschland sei die Nachfrage allerdings nicht groß genug, um hier eine Art “Gerechtigkeitssiegel” einzuführen. Kucera selbst ernährt sich vegan und empfiehlt, ganz auf Fleisch zu verzichten.
Dazu rät auch die Jewish Vegetarian Society (JVS). Die international tätige Initiative möchte ein Bewusstsein für eine gute Gesellschaft ohne Grausamkeiten gegen Mensch und Tier wecken. Sie beruft sich auf die Thora, die Wohlwollen gegenüber allen fühlenden Wesen lehre.
Seit eh und je Nachhaltigkeit
Die Organisation Vegan-Kosher mit dem israelischen Rabbiner Asa Keisar an der Spitze wirbt für Veganismus, also eine Ernährungsweise ohne jegliche tierische Produkte. Die Initiative hatte einst einen “Vegan-Kosher-Stempel” etabliert, um sicherzustellen, dass ein Produkt komplett vegan und koscher ist.
Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) betont, dass sich Kaschrut-Regeln nicht nur auf Hygiene beziehen: “Die Einhaltung der Kaschrutgesetze dient der Seele des Menschen und nicht unbedingt seinem Körper.” Die ORD hält auf ihrer Internetseite auch eine Koscherliste bereit, die zur Orientierung Lebensmittel und Hersteller aufführt.
Der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel ist Vorstandsmitglied der ORD – und Vegetarier. “Die jüdischen Speisegesetze ‘Kaschrut’ sind seit eh und je auf Nachhaltigkeit und dabei vor allem auf ökologische sowie soziale Nachhaltigkeit ausgerichtet. Das sind unsere Leitlinien seit tausenden von Jahren”, sagt er. Auch wenn wie bei der “Hechscher Zedek”-Bewegung eine “weitere Veredelung” des Nachhaltigkeitsbegriffs angestrebt und dessen Umsetzung gefordert werde, ersetze dies nicht die Rahmenbedingungen nach dem Religionsgesetz oder dürfe sie aus Gründen der Nachhaltigkeit lockern.
Zugleich betont Apel, dass er Ideen für mehr Nachhaltigkeit befürworte, um schonender mit Ressourcen umzugehen und den Konsum zu überdenken – “auch das lehren uns die jüdischen Gesetze”. Allerdings solle Nachhaltigkeit sozial verträglich sein, “um eine breite Akzeptanz in der Gemeinde und der Gesellschaft zu schaffen”.
KNA/lwi/pko