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Auch hier in Spanien macht man es jenen, die noch an der guten alten Zeitung hängen, nicht gerade leicht. Spätestens seit der Pandemie gibt es ausserhalb der Städte praktisch keine Möglichkeit mehr, die gedruckte Presse zu kaufen. Wer auf der Autobahn durch Spanien fährt, kann sich auf keiner Raststätte mehr mit Zeitungen eindecken. Auch nicht, wer eines der riesigen Einkaufszentren besucht.
Weil aber besonders die Sonntagszeitungen mit grossem Aufwand und mit viel Sorgfalt gedruckt werden, nahm ich es auch am letzten Wochenende auf mich, in das nahe Städtchen zu fahren, um dort, die für mich zur Seite gelegten Zeitungen «El Pais» und «La Vanguardia» abzuholen. Es war aber kein gewöhnliches, sondern wegen des auf den 12. Oktober fallenden Nationalfeiertages ein sogenannt „langes Wochenende», was bedeutete, dass das attraktive historische Städtchen Morella touristisch überflutet wurde und dass ich deshalb weit weg vom Zeitungsladen parken musste. Es kostete mich zu Fuss 15 Minuten hin und 15 Minuten zurück. Aber was tut man nicht, wenn es sonst im Umkreis von mehr als 30km keine andere Möglichkeit gibt, zu den geliebten Blättern zu kommen?
Vergleichsweise besorgniserregend waren aber die Schwierigkeiten, einen Kiosk zu finden, die ich vor wenigen Tagen im Zentrum der sonst so schönen Stadt Valencia hatte. Unser Hotel befand sich direkt an dem grossen Platz beim Rathaus, aber dort wurden Marktstände aufgebaut und die in Valencia beliebten Blumenverkäuferinnen öffneten gerade ihre Häuschen, von den verschiedenen Kiosken, die ich mit ihren bunten, auf das Trottoir ausufernden Auslagen von Zeitungen und Zeitschriften jeder Art in bester Erinnerung hatte, keine Spur mehr. Sie waren seit dem vorangegangenen Besuch allesamt verschwunden. Als ich schon zwei Seitengassen vergeblich danach abgesucht hatte, fragte ich einen Mann nach einem Zeitungsladen. Un kiosco? fragte er zurück und verwies mich an eine Dame mit einer Einkaufstasche, mit der er gerade gesprochen hatte. Diese winkte mir freundlich zu, führte mich in eine dritte Seitengasse und zeigte auf die nächste Kreuzung. Dort vorne links befinde sich eine Bäckerei und auch ein Kiosk, sagte sie. Sie wünschte mir auch noch einen schönen Tag, aber fündig wurde ich erst, als ich durch eine vierte Seitengasse zu einer verkehrsreichen Durchgangsstrasse gelangte.
Der Inhaber dieses Kioskes war noch gerade mit einer Kundin in ein Gespräch über das Wohlergehen seiner Mutter verwickelt, aber als er definitiv und abschliessend versichert hatte, mit dem vermaledeiten Knie gehe es wohl weiter bergab, aber sonst sei seine Mutter insgesamt im Altersheim sehr gut aufgehoben, und die Kundin ihre Zeitschrift aufgerollt von der kleinen Verkaufsfläche nahm, wo sich auch der Teller für das Wechselgeld befand, konnte ich meine Zeitungen zum Bezahlen dort hinlegen. Natürlich fragte ich dann noch, ob mein Eindruck, dass in Valencia die Zeitungskioske am Verschwinden seien, zutreffe? Und ob! sagte der Kioskmann und fügte noch hinzu: Spätestens in einem Jahr sei er auch nicht mehr hier.
Um Gottes Willen! dachte ich. Wenn das bloss gut kommt! Ist es möglich, dass das Bedürfnis, sich seriös zu informieren, weiter schrumpft? Dabei sind es in meinem Fall überhaupt nicht nur die Berichte und Reportagen, die mir als unentbehrlich erscheinen. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend, wenn nicht mehr Frauen und Männer, auf deren Kolumnen, Glossen und Meinungsbeiträge ich mich immer freue und ohne deren Gesellschaft ich mir richtig beraubt vorkäme, helfen mir diese klugen Köpfe doch beim Einordnen und beim Ertragen der Fluten von schwierigen bis unerfreulichen Nachrichten und Informationen.
Ich bin auf ihren fundierten Überblick, auf ihre nachvollziehbaren Gedankengänge, auch auf ihre Ehrlichkeit im Umgang mit der Gegenwart angewiesen, manchmal auch auf ihren Trost. Ohne sie würde ich mich einsam fühlen wie ein ausgesetztes Kind und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum es nicht allen so geht. Ein Leben ohne Zeitungen? Nein! Nein! Bitte nicht. Und nein, es ist kein Widerspruch, dies im Journal B zu behaupten. Bei längeren Artikeln sind die Netzversionen einfach kein vollwertiger Ersatz. Weil ich zu zwei Tageszeitungen auch elektronischen Zugang habe, weiss ich es genau: Auf dem Bildschirm fehlt mir die Übersicht und die Einordnung und ich lese zweifelsfrei alles ein bisschen flüchtiger, wenn nicht sogar sprunghaft.
Würde mich sehr wundern, wenn das nur mir so ginge.
Und fast wie an eine Drohung erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview, in welchem sehr sachkundig vorausgesagt wurde, dass sich die Menschen in Zukunft politisch nicht mehr auf Grund ihrer Lebensanschauung oder auf Grund ihrer ideologischen Vorlieben und Überzeugungen unterscheiden würden, sondern nur noch durch den Grad ihrer Informiertheit. Kurz gesagt hiess es da, es wird die geben, die sich informieren und diejenigen, die dies nicht tun. Die Populisten und die Populistinnen lassen grüssen. Wenn die Kioske und mit ihnen die gedruckten Zeitungen weiter verschwinden, weiss ich jetzt schon, dass nicht nur ich mich, sondern wir uns alle auf der Verliererseite befinden.
Und was hat Guillermo Marti Ceballos damit zu tun?
Der 1958 in Barcelona geborene Künstler entdeckte früh in seiner Laufbahn grosse, mit Farbe lustvoll umgehende Künstler wie Van Gogh und Gauguin. Später auch Matisse und schliesslich Macke und Kirchner. Als ob es heute nicht zur Entwicklung jedes Künstlers und jeder Künstlerin gehören würde, sich mit den ganz Grossen auseinanderzusetzen, wenn auch nur, um dann weiterzugehen. Dass Guillermo Marti Ceballos von seinen Vorbildern nicht mehr loskommt ist zwar offensichtlich, es handelt sich dabei aber um einen sehr verbreiteten Makel und immerhin hat er noch einen, wie mir scheint, ziemlich ansprechenden Zeitungsleser gemalt, bevor dieser vielleicht für immer verschwindet.