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«So achte man nicht auf den Stoff, sondern auf die Form, in der ich ihn wiedergebe: plaudernd, reflektierend und bald fürs Pro plädierend, bald fürs Kontra.»
Michel de Montaigne, Über Bücher
«Die zweite Fassung der Schöpfungsgeschichte, die vom Einblasen des Odems erzählt, berichtet zugleich, der Mensch sei aus Erde gemacht worden. Dies ist in der ganzen Schöpfungsgeschichte die einzige Stelle, an der von einem Material des Schöpfers die Rede ist, in welchem dieser seinen Willen, der sonst doch wohl unmittelbar schaffend gedacht ist, ausdrückt. Es ist in dieser zweiten Schöpfungsgeschichte die Erschaffung des Menschen nicht durch das Wort geschehen: Gott sprach – und es geschah –, sondern diesem nicht aus dem Worte geschaffenen Menschen wird nun die Gabe der Sprache beigelegt, und er wird über die Natur erhoben.»
Walter Benjamin, Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen
Seit einiger Zeit werden fast ausschliesslich freie Verse gedichtet. Das allgemeine Gesetz des freien Verses lautet: Die Form des freien Verses erweist sich a posteriori als a priori gegebene, d.h. vor-gegebene, Form. Im Nachhinein ist eine Notwendigkeit der Form wahrnehmbar. Im Vornherein war sie dies nicht. Die formale Bestimmung des freien Verses ist keine allgemeine sondern eine besondere. Jedes Gedicht in freien Versen hat seine besondere – aber deshalb nicht weniger notwendige – Form. Der freie Vers markiert den äussersten Fall und stellt das poetische Verfahren schlechthin dar!
Erführe der freie Vers mit dem Postulat dieses Gesetzes nicht eine Überhöhung als Paradigma des poetischen Verfahrens und wäre er nicht ein allzu limitiertes oder limitierendes Beispiel für die Vielzahl von möglichen Gedichten? Der freie Vers als Ursprungsort dieses Gesetzes leitete sich vom metrisch eindeutig bestimmten, im Vortrag erklingenden Vers ab und verstünde sich auch nur in Abgrenzung zu diesem, insofern wäre er ein Vers für das Gehör – das Gedicht würde vor seinem Erscheinen bereits gehört; doch gäbe es selbstverständlich auch andere Parameter des Gedichts, die durchaus relevant und unter dem Aspekt dieses Gesetzes zu betrachten wären. Es müsste prinzipiell angenommen werden, dass – was durchaus plausibel klänge – alles eine Form hat; eine Form, die, wenn es sich um Kunst handelte, in ihrer Notwendigkeit transparent sein müsste. Kunst wäre Gesetzmässigkeit, was sonst?
Dem freien Vers wiederfuhr eine bedauerliche Geschichte. Er öffnete Tür und Tor für die Willkür. Danach ist alles ein Gedicht, was aussieht wie ein Gedicht. An die Stelle der Freiheit kam der Zufall. Das Gedicht wird eine blosse Ansammlung von Worten. Die Absetzung in sichtbare Verse erheischt Pathos. Sie gibt den Anschein von Tiefe. Damit ist nichts gewonnen – ausser natürlich, dass sich jemand ausgedrückt hat. Das ist psychologisch nett, therapeutisch legitim und künstlerisch banal!
Form? Ach, die ginge ob dem Pathos vergessen. Tatsächlich verschöbe sich die Qualität des Gedichts mit der Absetzung in Augenverse und die Wahrnehmung des Gedichts obläge dann nicht mehr dem Gehör, sondern dem Gesicht, sobald die Verse einzig für das Auge abgesetzt erschienen und das Gedicht damit zu lesen und nicht mehr zu hören wäre. Diese Verschiebung, könnte vielleicht gesagt werden, kehre sich mit dem spoken word schon beinahe wieder um. Unabhängig davon stellte sich die Frage trotzdem: Woher müsste denn diese vor-gegebene Form kommen? Sie müsste schliesslich im Vor- aus sichtbar gewesen sein, wenn sie a posteriori doch als a priori gegeben erscheint. – Sie käme natürlich aus dem Kopf, nur weiss niemand, wie es dort tatsächlich aussieht. Jeder billigte, danach gefragt, der Musikerin zu, ihre Koordination und ihre Schnelligkeit üben zu müssen; jede hörte und anerkennte, wenn der Musiker bis zum Wahnsinn Tonleitern wiederholte. Nur weil aber der Übungsprozess des Musikers wahrnehmbar und deshalb nachvollziehbar ist, heisst das nicht, dass dieser, weil er weniger wahrnehmbar ist, für die literarische Produktion nicht auch grundlegend wäre. In der Musik spräche man von Etüden, in der Malerei von Studien – und in der Dichtung? Warum durchdringt die Geniepoetik immer noch die Dichtung? Warum sprechen Dichterinnen und Dichter von ihren Einfällen aus dem Nichts, von vagen und unerhört persönlichen Inspirationsquellen, statt von den Stunden und Stunden des Übens, des Lesens und Schreibens? Stunden und Stunden die erst zu guten Einfällen verhelfen? Warum sagen sie nicht, an welchem Massstab sie ihre Gedichte messen oder eben nach welchem Gesetz ihre Gedichte zu beurteilen wären? Warum verbergen sie ihr Gesicht hinter den geschriebenen Worten? Und was besagt die Hypostase vom «gelungenen» Gedicht?
Die Arbeit der Dichterinnen und Dichter ist wesentlich systematischer, als sie den Anschein macht. Dem allgemeinen Gesetz des freien Verses zu entsprechen, heisst, sein eigenes Gesetz aufstellen zu müssen. Das Gesetz des freien Verses ist ein Doppeltes. Die Form des Gedichts ergibt sich aus diesem Gesetz. Notwendigkeit der Form bedeutet Gesetzmässigkeit. Das Gesetz verbürgt der Form Notwendigkeit. Die Form muss umgekehrt das Gesetz transparent machen. Keine Maskerade mehr! Der freie Vers lässt keinen Raum der Vogelfreiheit zu. Das Gedicht in freien Versen schafft Raum – seinen eigenen Raum, nach seinem eigenen Gesetz! Darüber hinaus gibt es nichts!
Darüber hinaus gäbe es nichts? Gäbe es darüber hin- aus nicht doch etwas? Das Gedicht in freien Versen wäre in seiner ganzen Ambivalenz zu denken. Sein Besonderes würde zum Allgemeinen, weil die Form als gesetzmässige Objektivitätsanspruch erhöbe, selbst wenn das Gesetz nie gefunden würde – und möglicherweise liesse es sich, insbesondere aus der Position der Rezeption, auch nicht finden – sollte dieses Gesetz, wie beispiels- weise das Schöne, ein inhaltlich ewig suspendierter Begriff sein. Aber wäre deshalb das Bemühen – vor allem der Dichterinnen und Dichter – darum aufzugeben? Wäre nicht dieses Bemühen der Ort der Freiheit – der Freiheit des freien Verses – selbst? Wäre dieses Geheimnis nicht ebenso betörend wie der Geruch des absoluten Parfums?
Zwischen Literaturproduktion und Literaturrezeption ist zu unterscheiden. Für den Leser steht das subjektive Gefallen am Text im Vordergrund. Für die Autorin, den Autor muss das Objektive der Form – selbst als Sisyphusarbeit – entscheidend sein. Sonst warten Herr Autor und Frau Autorin tatsächlich nur auf die zündende Idee – oder auf einen «spontaneous overflow of powerful feelings»! Aber selbst der Romantiker Wordsworth, der Solches zum Besten gab, arbeitete sich bis zur Krankheit an seinen Gedichten ab.
Würde nicht die Form umso wichtiger, wenn schon der Stoff unklar oder beliebig bliebe? Erst die Objektivität der Form ermöglichte dem Leser, die gleichgültige Distanz ästhetischen Wohlgefallens auf selbstermächtigende, selbstständige (Geistes-)Tätigkeit hin zu öffnen. Die propositionale Sprache als Sprache der objektiven Erkenntnis läge bei Gedichten in ihrer Form, die – Ort der gestalterischen Freiheit – die Aussage des Gedichts bildete. Was keine deutliche Form hätte, bliebe ununter- scheidbar – es wäre dann fraglich, ob das Postulat der Singularität – der vielgelobten Individualität unserer Zeit – so aufrechterhalten werden könnte. Ein Klumpen Knetmasse bliebe ein Klumpen Knetmasse – so oft er auch mit geballter Faust kraftvoll oder mit feinem Gespür einfühlsam zusammengedrückt würde. Aber ein Klumpen wäre wenig – es sei denn, es wäre ein Klumpen darzustellen gewesen. War vielleicht bloss ein Klumpen darzustellen?
Wir sind seit einiger Zeit an einem Punkt, wo die Richtung geändert werden muss. Was an negativer Freiheit zu erkämpfen war, ist in positive Freiheit umzumünzen. Positive Freiheit ist nur möglich, wenn Gesetze gefunden werden. Nicht so sehr Verbote und Gebote als der ständige Prozess der Autonomie: eben Selbstgesetzgebung. Keine Besitzstandswahrung. Wer sich darüber keine Rechenschaft zu geben weiss, greift zu kurz.
Bestünde die Freiheit des freien Verses nicht gerade darin, der Assoziation freien Lauf zu lassen? Die Bilder vor dem inneren Auge in bunter Reihenfolge vorbeiziehen zu lassen? Solange diese Assoziation in ihrer Darstellung von der Autorin oder dem Autor unreflektiert bliebe, wäre sie blosser Ausdruck, so als hätte jemand der Reflexion die eine Hand abgeschlagen. Aber die Reflexion hat zwei Hände, von denen eine weiss, was die andere tut, und umgekehrt. Die Reflexion tastet sich mit der einen Hand an ihren Gegenstand heran, um mit ihrem feinen Gespür a posteriori dessen Gesetz zu erkennen – dessen Form, dessen Begriff. Mit der anderen Hand modelliert sie ihren Stoff kraftvoll, um a priori ihren Gegenstand zu setzen – Gesetz als Selbstgesetzgebung. Im Wechsel der Perspektive erfolgt bei freien Versen der Zugang zum Gedicht bei aller Verschränkung von Form und Stoff über die Form. Die Reflexion müsste es also sein, die die Gesetzmässigkeit jener freien Assoziation als Stoff zu erkennen und dem Gedicht daher in der Form diese Gesetzmässigkeit einzuschreiben vermöchte, damit die freie Assoziation, der Klang der Euphorie, die nötige Stabilität erhielte und auch ihre Freiheit zum Ausdruck bringen könnte – und nicht nur die Willkür oder den Zufall. – Denn wer einmal hineingeworfen wurde, dem fällt das Leben zu. Die Kunst ist der einzig reale Ort für die Autonomie! Wer dachte schon, Gedichte seien nur Geschmackssache: sind sie nicht vielmehr – eine Frage des Geschmacks?
Fabian Schwitter