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Am 18. Oktober 1356 legte ein Erdbeben die Stadt Basel in Schutt und Asche. Es gilt als das stärkste Erdbeben Zentraleuropas in historischer Zeit. Seine Stärke wird heute auf 6,0 bis 7,1 auf der Richterskala geschätzt. Das Erdbeben in der Region Fukushima vom 11. März 2011 erreichte den Wert von 9,0.
Das AKW Mühleberg ist das 17-älteste von 437 Atomkraftwerken, die zurzeit weltweit in Betrieb sind. Keines liegt näher an einer Stadt von der Grösse Berns. Weil jenes in Mühleberg kaum einen Kilometer unterhalb der Wohlenseestaumauer steht, fragt sich bei einem schweren Erdbeben nicht bloss, ob die rund 45-jährige, versprödete Infrastruktur des Werks standhalten würde. Bräche die Mauer, käme es im schmalen Aaretal zu einer Tsunami-artigen Flut, ein Aarewasser-unabhängiges Kühlsystem existiert nicht.
Als noch der Kühlturmschatten Politik machte
Als das AKW Mühleberg am 1. Juli 1971 ans Netz ging, war die Erdbebensicherheit kein grosses Thema. Hätten die politisch Verantwortlichen damals den Beweis gefordert, dass die AKW-Projekte einem Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala standhalten müssten, wären sie anders geplant und gebaut worden. Noch Jahre später diskutierte man beim Projekt in Kaiseraugst nicht vorab über die Erdbebengefährdung durch die Risse der vor Jahrmillionen abgesunkenen Birs- und Rheinebene, sondern über die Frage, ob wegen des Schattenwurfs der Bau eines Kühlturms verantwortbar sei.
Wichtiger wurden Sicherheitsfragen nach der Kernschmelzkatastrophe im US-amerikanischen AKW Three Mile Island vom 28. März 1979. Das AKW Gösgen hatte seinen Betrieb im Monat zuvor aufgenommen, beim im Bau befindlichen AKW Leibstadt konnten gewisse Erkenntnisse aus den USA berücksichtigt werden. Insbesondere wurde die «Redundanz» der Sicherheitssysteme erhöht, das heisst: Man baute Systeme für den Krisenfall drei- oder mehrfach parallel ein.
Auch in Mühleberg versuchte man, auf diese Sicherheitsdebatte, so gut das noch ging, zu reagieren. 1989 zum Beispiel baute man ein Nebengebäude für das zusätzliche Sicherheitssystem SUSAN (Spezielles Unabhängiges System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme). Dann bebte am 17. Januar 1994 die Erde in Südkalifornien (Richterskala: 6,8) und, auf den Tag genau ein Jahr später, in der Region der japanischen Grossstadt Kobe (7,2).
«Auch in der Schweiz sind schwere Erdbeben nicht auszuschliessen.»
«elektrotechnik», Nr.109/1995
Zu einer AKW-Katastrophe kam es zwar in beiden Fällen nicht, aber auch in der Schweiz war man aufgeschreckt. Die AKW-freundliche Fachzeitschrift «elektrotechnik» brachte einen Beitrag zur «Erdbebensicherheit von Kernkraftwerken»: «Auch in der Schweiz sind schwere Erdbeben nicht auszuschliessen. […] Beben können weder verhindert noch örtlich und zeitlich verlässlich vorausgesagt werden. Daher konzentriert sich der Erdbebenschutz auf das Mildern der Folgen.» (Nr. 109/1995)
Die unerwünschten Pegasos-Ergebnisse
In diesem Zusammenhang beauftragte 1999 die Aufsichtsbehörde HSK (heute ENSI) die AKW-Betreiber, von internationalen ExpertInnen eine neue Erdbebenanalyse durchführen zu lassen: die PEGASOS-Studie («Probabilistische Erdbebengefährdungsanalyse für die KKW-Standorte in der Schweiz»). 2004 lagen die Ergebnisse vor, wurden aber nicht publiziert, weil die WissenschafterInnen ein bisschen arg unabhängig gearbeitet hatten und der Reaktor Beznau II eben eine unbefristete Betriebsbewilligung brauchte, die dann auch erteilt wurde.
Von 36 geprüften Systemen halten 17 dem SSE-Erdbeben nicht stand.
Aufsichtsbehörde HSK, 2007
Dann meldete sich beim schweizerischen Energiedepartement UVEK die BKW, sie wolle aus Gründen der Rechtsgleichheit für Mühleberg auch eine unbefristete Bewilligung. Das Bewilligungsverfahren wurde eingeleitet, die BKW lieferte 2005 einen Sicherheitsbericht. Die HSK prüfte ihn und veröffentlichte 2007 ihre Stellungnahme; unter anderem eine Tabelle zur «Sicherheitstechnischen Einstufung von mechanischen Ausrüstungen» im AKW Mühleberg. Diese Tabelle nennt 36 Systeme der technischen Ausrüstung und beantwortet für jede – «ja» oder «nein» –, ob sie einem «Sicherheitserdbeben» (Safe Shutdown Earthquake, SSE) standhalten würde. Das SSE ist das stärkste anzunehmende Erdbeben innert 10000 Jahren. Von den 36 aufgeführten Systemen erhielten 17 ein Nein.
Die BKW beharrte trotzdem darauf, eine unbefristete Betriebsbewilligung zu bekommen. Im Dezember 2009 wurde sie schliesslich vom UVEK erteilt. In Bern gründete man daraufhin den Verein «Mühleberg Ver-fahren» mit dem Zweck, mit Direktbetroffenen rund um das AKW auf juristischem Weg die Widerrufung der Bewilligung zu erreichen. Als Argumente dienten neben der HSK-Tabelle von 2007 zum Beispiel Studien des Ökoinstituts Darmstadt oder Jürg Aernis Studie zum «Mangelnde[n] Erdbebenschutz im Maschinenhaus des AKW Mühleberg». Der Verein siegte vor dem Bundesverwaltungsgericht und verlor danach am 28. März 2013 vor dem Bundesgericht. Seither hat das AKW Mühleberg die definitive Betriebsbewilligung.
Die ideologische Schlacht um die Erdbebenstärken
Beim Bau des AKWs Mühleberg um 1970 ging man für das SSE-Erdbeben von einem Beschleunigungswert von 0,12 g aus (die Erdbebenkräfte werden als ein Vielfaches der konstanten Erdbeschleunigung g angegeben). Für Laien wichtig: Je tiefer dieser Wert, desto sicherer das AKW, respektive: desto billiger die Nachrüstungen.
Nach Three Mile Island und Tschernobyl (26. April 1986) stieg der Wert bis Ende der neunziger Jahre auf 0,15 g. Die unabhängigen ExpertInnen der Pegasos-Studie kamen 2004 dann aber dummerweise nach jahrelangen Berechnungen zum Schluss, g sei für den Standort Mühleberg auf 0,387 zu erhöhen. Die Lobbyorganisation Swissnuclear war verstimmt. Beim HSK kam es daraufhin zu einer kleinen politischen Erschütterung, die den Wert um 20 Prozent auf 0,31 g hinunterschüttelte. Zu wenig. im Herbst 2008 startete Swissnuclear das «Pegasos Refinement Project» (PRP) und fand, dass für die Berechnungen ein g-Wert von 0,24 ausreiche. Auch für Mühleberg war das eine ausgesprochen glückliche wissenschaftliche Erkenntnis: Zufälligerweise liegt die horizontale Erdbebenstärke, die der Wohlenseestaudamm voraussichtlich aushält, exakt bei 0.24 g.
Zurzeit prüft die Aufsichtsbehörde ENSI den im Dezember 2013 eingereichten PRP-Schlussbericht, um danach «neue Gefährdungsannahmen festzulegen». Gut möglich, dass das ENSI herausfinden wird, g könne noch weiter gesenkt werden: Seit der EU-Stresstudie für das AKW Mühleberg vom Oktober 2011 ist nämlich bekannt, dass verschiedene Systeme des Werks weniger als 0,24 g aushalten.
Die Sache mit dem Abschalten und mit dem Stilllegen
Man könnte vor diesem Hintergrund schon auf die Idee kommen, abzuschalten sei vielleicht vernünftiger als auszusitzen. Das ist wohl auch der Grund, warum BKW-CEO Suzanne Thoma ab und zu insinuiert (zuletzt in der SRF-Samstagsrundschau vom 20.9.2014, dort ab 23’30’’), die Abschaltung des AKWs Mühleberg müsse jahrelang vorbereitet werden: Bis Ende 2015, sagt sie, liege hoffentlich ein «Stillegungskonzept» vor, und das Ziel sei, Ende 2019 soweit zu sein, dass man abschalten könne.
Tatsache ist: AKW’s können selbstverständlich jederzeit abgestellt werden, ob routinemässig für Revisionsarbeiten oder notfallmässig bei Störungen. Das Problem ist kein technisches, sondern ein ökonomisches: Sobald definitiv abgestellt ist, gibt es nichts mehr zu verdienen, im Gegenteil: Danach wird es sehr, sehr teuer.
Und was die Sicherheit betrifft: Weil die hochradioaktiven, abgebrannten Kernbrennstäbe nach dem definitiven Abschalten fünf Jahre lang im Reaktorgebäude zwischengelagert werden müssen, bevor sie abtransportiert werden können, gilt: Geht Mühleberg jetzt vom Netz, lebt die Region noch fünf Jahre mit dem Risiko einer Kernschmelze. Wird das AKW erst Ende 2019 abgeschaltet, dann halt noch zehn.