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Letzthin sass ich in einer abendlichen Tischrunde. Für Munteres war ich nicht disponiert, weil mich an jenem Tag meine berufliche Situation wieder einmal stark beschäftigte. Statt im gewünschten Ton mitzuplaudern, begann ich deshalb unpassenderweise über den Zustand des freien Printjournalismus zu lamentieren. Der mir gegenüber sitzende Schriftsteller versuchte zum munteren Ton zurückzukehren, indem er mir freundschaftlich zuprostete und ironisch sagte: «Na, dann hast du ja jetzt Zeit, einen Roman zu schreiben!» Bevor ich wusste, was ich darauf antworten sollte, sagte es aus mir heraus in spontaner Empörung: «I wett mi gschämt ha!» Nach einem Moment des betretenen Schweigens ging der muntere Abend am anderen Tischende weiter.
In der kurzen Stille mag der eine oder die andere gedacht haben: Hoppla, da hat einer ein Problem. – Ja, sicher. Bloss welches? – Zwar stimmt es ja vermutlich wirklich, dass die Romanindustrie übers Ganze gesehen eine riesige Schrott- und Müllhalde produziert, in der bloss vereinzelt Grossartiges zu finden ist. Eine solche Halde ist aber zweifellos auch der Printjournalismus, zu dem ich mich mit meinem Gejammer bekannt habe. Schlechte Arbeitsbedingungen, steigender Zeitdruck und fehlendes Geld machen Grossartiges auf dieser Halde vermutlich noch seltener.
Es ist etwas anderes, und das beschäftigt mich seit Jahren: Mir scheint die Produktion von narrativen Strukturen in literarischen Texten ein sinnloses Unterfangen zu sein. Ich gehöre deshalb zu jenen, die sagen: Hier und heute ist der Roman als literarische Form tot (die historische Entwicklung in anderen Kontinenten überschaue ich nicht). Mein Argument: Der europäische Roman war in jener Zeit wichtig und bedeutend, in der Erzählende sich zum Sprachrohr jener gesellschaftlichen Wirklichkeit machten, zu deren Milieu sie gehörten. In Europa war die hohe Zeit des Romans deshalb das 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg – die Zeit, in der eine gesellschaftliche Ordnung in Klassen zusammentraf mit Garantien der Redefreiheit. Und weil die Arbeitsbedingungen auch für die Literaten in der bürgerlichen Klasse komfortabler waren als in der proletarischen (und sich die Aristokraten auf den verbliebenen Pfründen still hielten), sind die besten Romane aus jener Zeit bürgerliche Männerromane. (Die Frauen wuschen in aller Regel die Socken ihrer Genies.)
Im 20. Jahrhundert hat die literarische Moderne die Form des Romans unter verschiedenen Aspekten dekonstruiert. So spannend und innovativ dieser Dekonstruktionsprozess oft gewesen ist und so lesenswert viele Romane bleiben mögen: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist es trotzdem eine Tatsache, dass Fiktion, dass narrative Strukturen und inhaltliche Wirklichkeitsfragmente, die heute zu «Romanen» konstelliert und kompiliert werden, über die Bildungsprivilegien und die psychische Disposition des Autors oder der Autorin hinaus nicht mehr viel aussagen. Niklaus Meienbergs Vorwurf des Subrealismus an die Adresse von Otto F. Walter (1984) wirkt heute nicht deshalb so verstaubt, weil er einfach falsch gewesen wäre, sondern weil heute unverständlich geworden ist, welche publizistische Qualität und Redlichkeit Meienberg damals überhaupt verteidigt hat. Seit dem probaten linguistic turn, kann die Welt den Roman nicht mehr störn.
Einen Roman zu veröffentlichen heisst heute, auf seinem Recht zu bestehen, die eigene, öffentlich durchgeführte Psychoanalyse als logozentrisches Spektakel für interessant zu halten. Ich finde eine solche Inszenierung emotionaler Bedürftigkeit peinlich. Und dass ich als Buchkonsument dafür auch noch bezahlen soll, ärgerlich.
Sicher kann man die Sache auch anders sehen, und ich gebe zu, dass ich insbesondere in den letzten Jahren zu wenig Romane gelesen habe, um mich selber mit meinem Argument definitiv überzeugen zu können – darum beschäftigt es mich seit Jahren. Aber es zeigt, warum für mich die Frage, einen fiktiven Text zu schreiben, ein schambesetztes Thema ist. Im Sinn meines Romanverständnisses ist es tatsächlich genau so, wie es unbedacht aus mir herausgeredet hat: I wett mi gschämt ha, einen Roman zu schreiben.
Peinlich bleibt natürlich, dass mir meine unbedachte Antwort gegenüber dem Verfasser des Romans «Blösch» herausgerutscht ist. Exgüsi, Beat. (Und erzähl mir bei nächster Gelegenheit doch, warum Du seit 1983 keinen Roman mehr veröffentlicht hast.) (31.12.2013)
Nachtrag:
Kurz nachdem ich diesen Text aufgeschaltet hatte, bin ich in meinem elektronischen Archiv auf eine Rede gestossen, die sich auf die Buchvernissage von Beat Sterchis Reportageband «Going to Santiago» von Ende September 1995 bezieht. Laut diesem Text habe ich aus meiner Sicht schon damals eine Antwort gesucht auf die Frage, die ich nun hier erneut gestellt habe, nämlich, warum Sterchi nach dem Roman «Blösch» nicht zielstrebig versucht hat, mit einem zweiten grossen, fiktiven Text seine Position als erfolgreicher Romancier zu konsolidieren.
Weil ich keine Erinnerung daran hatte, diesen Text tatsächlich vorgetragen zu haben, mailte ich ihn am 16. Januar 2014 an Sterchi mit der Frage, ob er sich an die Vernissage erinnere und allenfalls daran, ob ich diesen Text dort vorgetragen habe.
Tags darauf hat Sterchi wie folgt geantwortet: «Lieber Fredi, ja, das hast Du, und zwar war es auf der Redaktion, und weil der Text mir sehr schmeichelt, habe ich ihn auch gefunden. ‘Gehalten an WoZ-Apero’ steht darauf. Ich bin natürlich längst nicht mit allem einverstanden, vor allem glaube ich nicht, dass ich an den ‘Anforderungen der Romanform’ gescheitert bin, sondern an mir, an meinen persönlichen Umständen und an meinen enttäuschenden Erfahrungen mit dem Betrieb. Mittlerweile glaube ich auch, dass ich wie nebenbei, ohne grosse Absicht, mehrere Romane geschrieben habe, ohne es zu wissen. Mir ging nach ‘Blösch’ einfach diese Publikationswut ab, der Leute, wie jetzt wieder Walser, auf Biegen und Brechen erliegen. Neulich las ich zum Beispiel ein paar Hefte meiner Aufzeichnungen aus dem Jahr 1987. Das las sich mindestens so spannend wie das neuste Buch von Handke, wo alles nur behauptet wird und nichts gestaltet ist und der Betrieb merkt es nicht einmal, redet von schönen Sätzen, was auch nicht stimmt und feiert es sogar als Meisterwerk. Es ist eben vor allem die Welt um die Literatur herum, die auf dem Kopf steht. Ja, da würde mir noch viel einfallen. / Hoffe, es ergibt sich bald wieder mal eine Gelegenheit für ein Gespräch oder ich lade Dich bald mal zum essen ein. / Mit bestem Dank für den Text und mit herzlichen Grüssen / Beat». (21.1.2014)