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Ausstellungsansicht Galerie Béatrice Brunner, 2014
Vorne l.: Pas de deux I, 2014, Objekt mit gebrauchten Bergstöcken, MDF Box und Textil, 112 x 34,3 x 13,5 cm
Hinten l.: Là-haut, 2013/2014, 29 Originaldrucke ab Bergstock auf Hahnemühle 265 gm2, Linoldruckfarbe, je 25 x 19 cm, Unikate
Ausstellungsansicht Galerie Béatrice Brunner, 2014
Mobile, 2014, Installation mit gebrauchten Gehstöcken, Holz,
Schnur und Acrylfarbe

*1974 in Vancouver, Kanada, lebt und arbeitet in Bern
Gebürtig in Vancouver, übersiedelt Alain Jenzer bereits im Kindesalter in die Schweiz. Nach Studien der Landschaftsarchitektur, beschäftigt er sich parallel zu einer kaufmännischen Lehre als Künstler, zunächst autodidaktisch in den Medien Malerei, Objektkunst und Installation. Von 2008–2010 studiert er an der Hochschule der Künste Bern (HKB) und schliesst mit einem Master in Contemporary Arts Practice ab. Während zweier weiterer Jahre arbeitet er in der Forschung und in der Lehre an den Kunsthochschulen Luzern (HSLU, Kunst & Design) und Bern (HKB). Seit Abschluss des Studiums ist Alain Jenzer mit seinen Werken und ortsspezifischen Installationen in Ausstellungen in der Schweiz und im näheren Ausland vertreten.
Schon früh interessieren Alain Jenzer Themen rund um existenzielle Grenzerfahrungen, die er in seinen Arbeiten metapherhaft zum Ausdruck bringt. In der Serie Drifting (2007–2008) kommt das Schicksal von Flüchtlingen (Paradise, 2007; untitled, 2008) ebenso zum Tragen wie die ambivalente Bedeutung eines Rettungsrings, der in unerreichbarer Höhe hängt (untitled (Hope), 2008). Werke, die den philosophischen Zweifel heraufbeschwören oder Hindernisse implizieren (Climbing hurdle, 2008; Die Hürde, 2007; Doubteater, 2007 u.a.) sind unter dem Titel Obstacles (2006–2008) zusammengefasst. Manchen wohnt sowohl Ironie wie Tragik inne, zumal sie – ähnlich einer Sisyphos-Aufgabe – eine vergebliche Anstrengung erfordern, die letztlich in den Werken selbst angelegt ist: Ein Rennrad auf einem Laufband (Ohne Titel (So kommt man doch nicht weiter?), 2007) oder ein Laufrad für Hamster (Ohne Titel, 2007) bringen das Phänomen trefflich auf den Punkt.
Seit einiger Zeit beschäftigt Alain Jenzer ein vielfach tabuisiertes, jedoch omnipräsentes Thema unserer Gesellschaft: Der Tod und damit verbunden die Rituale des Abschieds und der Trauer sowie das Andenken an die Verstorbenen. Ausgehend von einem emphatischen, emotionalen Zugang klingt in den künstlerischen Arbeiten gleichsam das im Sterben implizite Leben an. So erinnern etwa Tassen mit Namensaufdruck an ihre früheren Besitzer (Tea Time, 2010), oder umgedrehte Fotos schützen nach einem fremdländischen Brauch das Andenken an die verstorbenen Ahnen (Protecting Sophie, Marguerite, Paul, Alexandra, Gérard, Hermine und Jakob, 2010). In den Motiven lassen sich ebenfalls Bezüge zur "Vanitas" (Vergänglichkeit des Irdischen) oder zum "Memento Mori" (Sinnbild des Todes) herstellen, die vor allem von symbolischen Darstellungen auf Stillleben seit dem 17. Jahrhundert bekannt sind. Bei Alain Jenzer handelt es sich gleichermassen um subtile, mitunter indirekte Verweise auf das Ableben und die Trauerarbeit. Beispielsweise schnitt er von Zeitungsseiten die Todesanzeigen aus und hinterliess diese als Leerstelle (Tracking the Gap, 2011). Für andere Arbeiten übermalte er die Anzeigen mit weisser Farbe (Blank, 2013) oder übertrug sie auf eine Linoleumplatte, um daraus einen Prägedruck herzustellen (Ohne Titel, 2013). Durch die künstlerischen Bearbeitungen kommen die Leere und die Angst um das Verschwinden und Vergessen sowie die Besinnung auf das täglich verkündete Sterben auf hintersinnige wie poetische Weise zum Ausdruck. Zudem führt die intensive Auseinandersetzung zu analytischen Untersuchungen. Besonders deutlich zeigt dies eine Reihe von Arbeiten, für die der Künstler über den Zeitraum eines Jahres die Todesanzeigen seiner Tageszeitung gesammelt und weiterverarbeitet hat (Archiv, 2007; Vokabular (Top 8), 2008).
Aus dem Einfühlungsvermögen für die Trauer erwachsen in erster Linie stille, ruhige Arbeiten. Alain Jenzer umtreibt die Frage, was die täglichen Todesnachrichten bei ihm auslösen und wie er über die eigene Wahrnehmung zu künstlerischen Umsetzungen finden kann. Allerdings steht nicht die eigene Biografie im Vordergrund, sondern der allgemeine Umgang mit dem Thema, den er kritisch reflektiert. Dazu gehören auch Veränderungen von Ritualen und Symbolen im Laufe der Zeit: So besteht beispielsweise die ortspezifische Installation Au lieu et place de fleurs (2009, 2010) hauptsächlich aus Einzahlungsscheinen, mit denen der Künstler zuvor den von verschiedenen Trauerfamilien angegebenen Einrichtungen eine Spende überwiesen hatte. Im Gegensatz zu den Blumen, die früher dem Grab beigelegt wurden, macht sich im Gestus der Geldspende eine gewisse Distanz zu den Verstorbenen bemerkbar. Die Anteilnahme für den einzelnen hat sich gewandelt hin zu einer anonymen Transaktion von Geldern für das Gemeinwohl.
Anhand gesammelter Gegenstände verfolgt Alain Jenzer auch Spuren der Erinnerung an ihre früheren Besitzer/innen. Meistens sind sie ihm unbekannt und dennoch umgibt die Objekte eine sonderbare Aura der Anwesenheit von den eigentlich Abwesenden. Veränderungen und Gebrauchsspuren hinterlassen Zeichen des Umgangs und lassen nachdenken über einen möglichen Lebensabschnitt und die Umstände, die dazu führten, dass ein Gegenstand einer Sammelstelle oder einem Brockenhaus übergeben wurde. Eine Installation aus gebrauchten, kleinformatigen Fotorahmen (aide-mémoire, 2014) zeigt die Hinterlassenschaft quasi als "Rahmenerzählung", und obwohl die Porträtfotos entfernt wurden, erfahren die früheren Besitzer/innen in den ausgestellten Rahmen eine neuerliche Präsenz. Mehrere Arbeiten mit Gehstöcken (Mikado, 2011; Used Parts, 2012) erzählen ebenfalls die Geschichten ihrer ständigen Begleiter/innen. In einer Reihe von Abdrucken der auf Wanderstöcken angebrachten Motiven der Alpflora (Là-haut, 2013/2014) spiegelt sich ferner der Nachhall einer "grossen Wanderung". Bei einer weiteren Papierarbeit evoziert die aufgefaltete Innenseite eines Umschlags für Kondolenzkarten die Form eines Schmetterlings, daher der vieldeutige Titel Trouvé (Papillon; 2011). Nebst der findigen Schmetterlingsform, verweist "Trouvé" auf den künstlerischen Umgang mit dem objet trouvé, dem vorgefundenen Objekt, das zur Kunst gemacht wird. Das Vorgehen erinnert gleichsam an die Readymades der Surrealisten oder an die Arrangements gebrauchter Gegenstände der "Nouveaux Réalistes" in den 1960er Jahren. Seither beschäftigen sich unter anderem Vertreter der nach einem Kunsthistoriker benannten "Spurensicherung" mit dem Thema. Dies zeigt sich beispielsweise in den installativen Werken von Christian Boltanski rund um Erscheinungsformen der Erinnerung, der Zeitlichkeit und des Todes. Mit seinen Arbeiten setzt Alain Jenzer diese künstlerische Untersuchung unserer Erinnerungskultur gleichsam fort.
Mehrere Rauminterventionen zeugen ebenfalls von der Auseinandersetzung Alain Jenzers mit hinterlassenen Spuren: Beispielsweise übermalte er beim Kunstprojekt Transform (2012-2013) den Boden mit weisser Farbe, wodurch die Spuren der Künstler/innen, die dort zuvor und danach gewirkt haben, sichtbar wurden (Ohne Titel, 2013). Andernorts renovierte er die Gebrauchsspuren ehemaliger Bewohner/innen, und machte gerade dadurch auf sie aufmerksam (This is no white space, Palazzo Wyler, 2013). Mit einer zusätzlich eingebauten Katzentür legte er dagegen eine eigene, falsche Fährte, und mit dem Titel hinterfragte er sowohl die Situation vor Ort als auch den klassischen, weissen Ausstellungsraum.
In Zusammenhang mit den Rauminstallationen stehen auch Alain Jenzers kuratorischen Projekte. Interessiert am Schaffen anderer Künstler/innen und am regen Austausch, betrieb er zwischen 2008 und 2013 das Projekt NOMAD, wofür er Kunstschaffende an wechselnden Orten im In- und Ausland zu jeweils einer Intervention im öffentlichen Raum einlud. Seit Sommer 2013 kuratiert er unter dem Titel Felix eine Plakatwand bei den Vidmarhallen in Köniz bei Bern. Hierzu bittet er ebenfalls Künstler/innen zu einer Gestaltung für den stark frequentierten Ort in der Öffentlichkeit. Für seine künstlerische Arbeit und die die innovativen Projekte erhält Alain Jenzer regelmässig Unterstützungsbeiträge, Stipendien sowie Auszeichnungen.
Marc Munter, 2014
Website des Künstlers: www.alainjenzer.ch