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aus: Informationsblatt Nr. 3/1996
Seit einigen Jahren ist die grösste charismatische Kirche Brasiliens, die Igreja Universal do Reino de Deus (IURD), dabei, den in ihrem Namen ausgedrückten internationalen Anspruch umzusetzen und sich weltweit missionarisch zu betätigen. In gut 30 Ländern ist die 1977 vom ehemaligen Lotteriemitarbeiter Edir Macedo in Rio de Janeiro gegründete Kirche, die lehrmässig dem "Wort des Glaubens"-Flügel der charismatischen Bewegung zuzurechnen ist, mittlerweile mit eigenen "Tempeln" vertreten, so auch in der Schweiz.
In den Städten Genf, Lausanne und Zürich bestehen momentan Gemeinden der IURD mit eigenen vollzeitlichen Pastoren. Die Gemeinde in Genf, domiziliert in einem recht zentral gelegenen Geschäftslokal an der Rue de Prieuré 19, ist die grösste der Schweizer IURD-Niederlassungen und richtet sich praktisch ausschliesslich an ansässige Menschen portugiesischer Muttersprache. Die Gottesdienste werden denn auch in dieser Sprache gehalten. Auskünfte über die Anzahl der Gottesdienstteilnehmer werden vom zuständigen Pastoren, einem sympathischen jungen Mann mit noch recht limitierten Französisch-Kenntnissen, allerdings verweigert. Meiner Schätzung auf zwei- bis dreihundert widerspricht der Prediger nicht, sie dürfte demnach eher zu hoch sein. Die Ausstattung des Gemeindelokals und insbesondere des Schaukastens macht einen eher provisorischen Eindruck, die Gemeinde befindet sich offensichtlich noch in einer Aufbauphase, an deren Ende als Ziel wohl eine Ausweitung der missionarischen Bemühungen auf das französischsprachige Publikum steht.
Die Kreise der Portugiesisch-Sprachigen bereits überschritten hat die Gemeinde in Zürich, seit dem 1. August niedergelassen an der Neugasse 68, ebenfalls in einem Geschäftslokal. Sie wird neuerdings von einem ebenfalls jungen, etwas weniger sympathischen, dafür deutlich auskunftsfreudigeren Pastoren geleitet, der, ebenfalls portugiesisch-sprachiger Herkunft, über rechte mündlilche Deutschkenntnisse verfügt. Die Gottesdienste werden seither praktisch ausschliesslich in deutscher Sprache gehalten. Gegründet wurde die IURD-Niederlassung in Zürich schon 1994, dannzumal noch als rein portugiesisch-sprachige Gemeinschaft. Die zahlenmässig besten Zeiten, zweihundert regelmässige Gottesdienstteilnehmer, hat die Gemeinschaft allerdings schon hinter sich. Im Moment finden sich noch rund 40 Personen zu den Gottesdiensten ein. Dieses Phänomen des recht schnellen Wachstums, verbunden mit einer kurz darauf folgenden rapiden Abnahme, ist für "Wort des Glaubens"-Gemeinschaften recht typisch und begründet sich in deren Lehre, insbesondere in den hochgeschraubten Versprechungen, die sich aus derselben ableiten (s. dazu unten). Der Ausweitung der missionarischen Bemühung auf das deutschsprachige Publikum war bisher kaum Erfolg beschieden, wobei der Pastor als guter Vertreter der "Wort des Glaubens"-Bewegung sich in "Positivem Denken" übt und einen Gottesdienst mit fünf Nicht-Portugiesisch-Sprachigen als grossen Erfolg verkauft. Einen an der Wand des Gottesdienstlokals angebrachten Zeitungsartikel mit dem Bild eines mit IURD-Anhängern angefüllten Fussballstadions in Rio de Janeiro kommentiert er mit den Worten: "So wird es auch in Zürich werden". Die Kraft des ausgesprochenen Wortes soll die Realität schaffen.
In Deutschland findet sich die IURD bisher erst in Frankfurt am Main. Es bestehen jedoch Projekte zur Gründung weiterer Niederlassungen.
Während für die französische Sprache bereits eine offizielle Uebersetzung des brasilianischen Namens der Gemeinschaft besteht, scheint eine solche fürs Deutsche noch nicht vorzuliegen. Die Niederlassung in Zürich ist beschriftet mit: "KIRCHE UNIVERSAL REICH GOTTES" (sic!). Der Pastor besteht auf Nachfrage hin darauf, dass dies der offizielle deutsche Name der Kirche sei und lässt Einwände grammatikalischer Art nicht gelten. Dies wird allerdings wohl noch nicht das letzte Wort in der Sache gewesen sein. Ein Problem ist in diesem Zusammenhang die mögliche Verwechslungsgefahr mit der theosophischen Gemeinschaft "Universale Kirche" (s. Infoblatt Nr. 4/95), mit welcher keinerlei lehrmässige oder gar organisatorische Verwandtschaft besteht.
Nach seinen Schriften (s. unten) steht Edir Macedo eindeutig in der Tradition der "Wort des Glaubens"-Bewegung, eine Seitenlinie der charismatischen Bewegung, die grosse Anleihen beim Denken der "New Thought"-Bewegung des Amerika des letzten Jahrhunderts macht. Im New Thought, einer Bewegung, der etwa die Christian Science der Mary Baker Eddy sowie im Grunde auch die Ideen der "Positives Denken"-Autoren entstammen, ist grundlegend die Idee der Herrschaft des Gedankens über den Körper, die Vorstellung, dass die geistige Welt das eigentliche Sein darstellt, während die mit den Sinnen wahrnehmbare Welt nur Schein oder gar Täuschung ist. Krankheit zum Beispiel ist für die Christian Science keine Realität, sondern falsches Denken, und erledigt sich durch richtiges, "positives" Denken von selbst.
Diesen Grundgedanken der Herrschaft des Geistes über die sinnlich wahrnehmbare Welt übernimmt die "Wort des Glaubens"-Bewegung und bringt sie in ihr charismatisches Glaubensgebäude ein. Allerdings bestreiten die "Wort des Glaubens"-Vertreter ihre Abhängigkeit vom New Thought vehement, da die New Thought-Gruppierungen im evangelikal-charismatischen Umfeld als irrgläubige Sekten gelten. Der Traditionszusammenhang ist aber schlagend nachgewiesen worden durch D.M. McConnell (1). Schnittstelle zwischen New Thought und "Wort des Glaubens"-Bewegung ist der amerikanische Bibellehrer E. W. Kenyon, der die Schriften von Baker Eddy und anderer New Thought-Lehrer studiert und ihre Gedanken in seine evangelikale Lehre eingebracht hat. Kenyons Schriften wiederum flossen reichlich (zum Teil wörtlich) in die Verkündigung des führenden Leiters der "Wort des Glaubens"-Bewegung, Kenneth Erwin Hagin, ein, allerdings ohne dass Hagin darüber Rechenschaft ablegen würde. Auf Hagins Schrifttum endlich basiert Edir Macedos Verkündigung, wiederum ohne Angabe der Quelle.
Der New Thought-Gedanke von der Herrschaft der geistigen Welt über die physische gewinnt in der IURD wie in der ganzen "Wort des Glaubens"-Bewegung eine christliche Gestalt, indem diese geistige Welt mit dem Reich Gottes, dem wesentlichen Inhalt der Verkündigung Jesu nach den ersten drei Evangelien, identifiziert wird. Während der nichtchristliche Mensch nur in der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit existiert, hat der Christ Zugang zum wahren Sein hinter dem Schein, zum Reich Gottes, das im Sündenfall verlorenging, aber seit der Auferstehung Christi für den Christen wieder zugänglich ist. Das Reich Gottes wird also nicht zukünftig, sondern gegenwärtig gedacht, weshalb die "Wort des Glaubens"-Lehre auch Kingdom Now-Theologie genannt wird.
Durch seine Verbindung mit dem Reich Gottes eröffnen sich dem Christen ungeahnte Möglichkeiten. Macedo formuliert es so: "Christsein bedeutet Sohn Gottes und Jesu Miterbe zu sein; der Christ ist durch Erbschaft Eigentümer aller Dinge, die auf dieser Welt existieren, und Besitzer des ganzen Universums. Dies ist weder Anmassung noch Utopie, sondern ganz im Gegenteil das Einnehmen der Stellung, die Gott für uns vorgesehen hat, es bedeutet, im königlichen Rang der Gottessohnschaft zu leben und dadurch Gottes Ruhm und Reichtum zum Ausdruck zu bringen" (11, s.17; Uebersetzung os.). Dem Christen als "Besitzer des ganzen Universums" sind irdische Sorgen natürlich fremd, Macedo meint denn auch: "Verabschiede dich von Krankheiten, von Elend und von allem Leid, komme wieder zu Gott und nimm erneut deine Position in der göttlichen Familie ein" (11, s.27).
Wie wird nun dieses wahre Sein ohne Krankheit, Elend und Not in der phyischen, sinnlich wahrnehmbaren Realität wirksam? Die "Wort des Glaubens"-Bewegung meint, in der Bibel verschiedene "geistliche Gesetze" wahrzunehmen, welche diese sichtbare Wirklichkeit prägen und mit deren Handhabung diese auch zu verändern ist.
Eines dieser Gesetze ist der übernatürliche Glaube, welcher dem Christen innewohnen soll. Ueber diesen übernatürlichen Glauben meint Macedo: "Durch ihn kann der Mensch das Unmögliche möglich machen, auch wenn dieses Unmögliche wirklich unmöglich ist. Durch ihn können die Berge einem Befehl gehorchen und gehen, wie wenn sie Ohren und Beine hätten..." (6, s.67). Leitend ist hier der Vers Markus 9, 23 ("Alles ist möglich dem, der glaubt"), nach Maleachi 3,10 (s.u.) wohl einer der meistzitierten in Macedos Gesamtwerk. Vermittelt wird der übernatürliche Glaube durch den Heiligen Geist anlässlich der Geistestaufe: "Wenn eine Person mit dem Heiligen Geist erfüllt wird, wird sie zur selben Zeit mit dem übernatürlichen Glauben erfüllt" (6, s.78).
Den übernatürlichen Glauben zur Wirksamkeit bringt die Kraft des Wortes. Das Wort, der wahren geistigen Welt zugehörig, schafft Realitäten in der untergeordneten sinnlich wahrnehmbaren Welt. Macedo schreibt: "Die Mehrheit der Menschen hat keine Ahnung von der unbegrenzten Macht des Wortes. Sie wissen nicht, dass ein Wort exakt einem Samenkorn entspricht..." (12, s.50). Aus diesem Samen entwickelt sich die Realität. Dass durch das Aussprechen von Worten Wirklichkeit geschaffen wird, ist für die IURD ein universales Gesetz, universaler gar als Gott selbst. Dies zeigt sich darin, dass sich Gott bei der Schöpfung der Welt daran hält. Er schafft durch sein Wort. In selbem Masse sind auch Christen in der Lage, durch ihr Wort zu schaffen (12, s.51). (Diese wirkmächtigen schöpfungsmächtigen Worte, eben "Worte des Glaubens", werden in der "Wort des Glaubens"-Bewegung ausserhalb der IURD auch "Rhema" genannt, weshalb der Begriff Rhema auch abkürzend für die ganze Bewegung stehen kann).
Wie geschieht diese Veränderung der Realität durch die Kraft des Wortes konkret? Gut zu zeigen ist diese Umsetzung am Beispiel des Heilungsdienstes der IURD (6, s.140ff). Am Anfang jedes Heilungsdienstes steht die Abwägung, welchen Weg der Heilung der IURD-Anhänger gehen will: Den medizinischen Weg oder den der Glaubensheilung. Wer den Weg der Glaubensheilung gehen will, muss auf jede medizinische Hilfe verzichten, denn die Inanspruchnahme einer solchen würde heissen, dass an der Kraft des Glaubens gezweifelt wird, und wer zweifelt, kann keinen übernatürlichen Glauben haben. Wer eine Glaubensheilung sucht, wirft also als erstes alle Medikamente weg. Dann wird nicht etwa, wie man erwarten könnte, um Heilung gebetet, sondern die bereits erfolgte Heilung wird in Anspruch genommen. Leitgebend bei diesem "Wort des Glaubens"-Gedanken von der bereits erfolgten Heilung ist der Vers Jesaia 53,4 ("Unsere Krankheiten hat er getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen...") resp. dessen Anwendung in Mt 8,17. Für die "Wort des Glaubens"-Bewegung folgt aus diesen Stellen, dass Christen bereits geheilt sind, weil Jesus am Kreuz ihre Krankheiten trug. Diese Heilung muss nur noch in Anspruch genommen werden. So soll nach Vorschlag von Macedo ein Krebskranker in etwa beten: "Wenn der Herr Jesus unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat, dann hat er auch meinen Krebs getragen und auf sich geladen, und da das Wort Gottes nicht lügen kann, ist dieser Krebs eine Lüge des Teufels in meinem Leben. Ich lasse diese nicht mehr zu, im Namen meines Herrn Jesus" (6, s.143). Damit ist der Krebs als eigentlich inexistent erkannt und deshalb verschwunden.
Wenn sich nun aber, für den Nicht-"Wort des Glaubens"-Anhänger nicht ganz überraschend, nach erfolgter Inanspruchnahme der Heilung trotzdem noch Symptome der Krankheit zeigen? Dann kommt die Gelegenheit für den übernatürlichen Glauben, sich zu bewähren, es geht nun nämlich darum, "alle Symptome der Krankheit ausser acht zu lassen" (ebd.) und daran festzuhalten, dass man geheilt ist. Die anhaltenden Symptome sind eine Versuchung des Teufels, genau so wie die einsetzenden Ratschläge von besorgten Verwandten und Bekannten, angesichts der Symptome doch wieder auf den medizinischen Weg zurückzukehren, von der Hölle gesteuert werden, um den Glauben zu erschüttern. "Wenn die leidende Person allen diesen Hindernissen widersteht, wird sie mit Sicherheit wahrnehmen, dass alle Symptome sofort oder nach und nach verschwinden" (6, s.144), meint Macedo.
Aus der "Wort des Glaubens"-Bewegung in den USA sind auch tödlich ausgegangene Anwendungen dieser Heilungsmethode bekannt, z.B. durch Absetzen der Insulingabe bei einem "geheilten" Diabetiker mit anschliessendem Ignorieren der Symptome (2).
Der Christ, der im Reich Gottes lebt, hat als "Besitzer des ganzen Universums" auch Anspruch auf eine angemessene Lebensausstattung in finanziellem Sinn. Macedo verweist hier gerne auf die "reichen" Gottesmänner des Alten Testaments. Wie diese hat Gott auch die heutigen Gläubigen zum Wohlstand bestimmt, es geht nur darum, diesen Wohlstand in Anspruch zu nehmen. Diese Lehre, von Kritikern "Wohlstandstheologie" genannt, ist durchaus in der ganzen "Wort des Glaubens"-Bewegung verbreitet. Auch in Fragen des Wohlstands gibt es ein wichtiges Glaubensgesetz zu beachten, und dieses leitet sich von Maleachi 3,10 her.
Maleachi 3,10 ist die in Macedos Schriften wohl meistzitierte Bibelstelle. Der Vers lautet: Bringt den ganzen Zehnten ins Vorratshaus, dass in meinem Haus Speise sei, und versucht es doch damit bei mir, spricht der Herr der Heerscharen, ob ich euch dann nicht die Fenster des Himmels auftue und Segen über euch ausgiesse bis zum Ueberfluss.
Die "Wort des Glaubens"-Bewegung baut diese Stelle nun zu einem universalen Glaubensgesetz aus: Wer den Zehnten gibt (gemeint sind zehn Prozent des Brutto-Einkommens), dem schenkt Gott quasi automatisch Wohlstand. Wer den Zehnten verweigert, hat von Gott auch nichts zu erwarten (6, s.136ff).
Daraus folgt im Schrifttum der Bewegung eine Betonung der Notwendigkeit des Zehnten, die der übrigen charismatischen Bewegung in diesem Masse fremd ist. Macedo vermag die Penetranz der Zehntenforderung nochmals zu steigern, er kann sich in seinen Büchern seitenweise in diesem Thema ergehen (etwa: 7, s.129ff.; 8, s.95ff.; 11, s.77ff.; 12, s.31ff.) . Da die mündliche Verkündigung finanzieller Botschaft deren schriftliche Variante im allgemeinen noch wesentlich übersteigt, ist für Gottesdienste der IURD in dieser Sache nichts Gutes zu erahnen. Wie dem auch sei, ein weiterer Unterschied zwischen IURD und dem Rest der "Wort des Glaubens"-Bewegung wiegt wohl schwerer: Ist nämlich der normale "Wort des Glaubens"-Vertreter frei, welcher Gemeinde, welchem Werk, welchem Missionar oder welchen Bedürftigen er den ganzen oder Teile seines Zehntens spenden will, so macht Macedo durchaus klar, auf wessen Konto der Zehnten als ganzes zu fliessen hat: auf dasjenige der IURD nämlich. Die enormen finanziellen Mittel, über die die IURD offensichtlich verfügt, finden hier ihre Begründung.
Neben ihren "Wort des Glaubens"-Lehren vertritt die IURD eine recht deutliche pfingstlerische Theologie mit der Heilsnotwendigkeit der Geistestaufe (9, s.127; 12, s. 58) und der "Initial Evidence" (wer geistgetauft ist, redet zwingend in Zungen. Die Zungenrede ist notwendiges Zeichen der Geistestaufe; 8, s.181; 9, s.130). In den Werken Macedos findet sich auch einiges an Gesetzlichkeit, an recht detaillierten Vorschriften für das Leben als Christ (z.B. darüber, was im Ehebett zu tun und zu lassen ist; 10, s.19ff.).
Die IURD kennt offiziell drei, faktisch vier Amtsstufen. Ehrenamtliche Helfer heissen "obreiros", Arbeiter. Ueber ihnen stehen die "pastores", vollzeitlich angestellte Geistliche, die den "bispos", den Bischöfen, verantwortlich sind. Die Zahl der Bischöfe in der IURD liegt im Moment bei 150, ihr Rang und Renommé ist, für eine protestantische Gemeinschaft recht unüblich und nur durch den katholischen Hintergrund der meisten Gläubigen zu erklären, ausgesprochen hoch. So gelten Heilungsgottesdienste, die von einem "bispo" geleitet werden, als mit grösserem Segen behaftet als Gottesdienste mit dem Pastor. Kommt etwa der für Europa zuständige Bischof, der in Madrid residierende Bispo João Luiz, nach Genf, reisen die Zürcher Gemeindeglieder mit einem Car hin. Die weltweite Kirchenleitung liegt in den Händen eines Kollegiums von 24 Bischöfen mit Sitz in Rio de Janeiro, welches von Edir Macedo geführt wird. Macedo gilt neben seinem Titel als "bispo" auch als "líder", Führer der Kirche und steht damit faktisch über den übrigen Bischöfen. Dem Vernehmen nach leitet Macedo die Kirche im Moment telefonisch von New York aus, wohin er sich angeblich infolge von Auseinandersetzungen mit den brasilianischen Steuerbehörden zurückgezogen hat.
Im Gegensatz zu Brasilien, wo die IURD einen Fernsehsender und zwei Dutzend Radiostationen ihr eigen nennt, sind die Aktivitäten der Gemeinschaft in der Schweiz auf die Gottesdienste beschränkt. Diese finden allerdings jeden Tag, und zwar dreimal, um 10.00 Uhr, um 15.00 Uhr und um 20.00 Uhr, statt. Die Thematik ist im vorneherein festgelegt. So wird montags und samstags jeweils über den Wohlstand und damit verbundene finazielle Belange gepredigt, dienstags geht es um Inanspruchnahme von Heilung, mittwochs ist der Heilige Geist und der Empfang der Geistestaufe das Thema, donnerstags stehen familiäre Probleme im Zentrum und freitags findet der Befreiungsdienst, der Exorzismus statt, der im üblichen charismatischen Rahmen vollzogen wird (14, s.53ff.). Sonntags wird ein normaler Gemeindegottesdienst durchgeführt.
Die IURD selbst gibt über die Zahl ihrer Mitglieder keine Auskünfte. Sie will auch keine Statistik darüber führen. Die Schätzungen der kritischen Presse schwanken zwischen 3 Millionen und 10 Millionen Anhänger weltweit, wobei die erste Zahl der Wahrheit bestimmt näherkommt (möglicherweise ist schon diese erste Zahl zu hoch angesetzt). In der Schweiz dürften zweihundert bis dreihundert Menschen die IURD-Veranstaltungen regelmässig besuchen.
Eine kritische Besprechung der IURD hat zwei Fragestellungen im Auge zu behalten, die beide relevant, aber voneinander deutlich zu trennen sind: Zum einen sind die problematischen Punkte der "Wort des Glaubens"-Lehre in ihrer Ausprägung durch Edir Macedo zu benennen, zum anderen ist zu fragen, wieweit die IURD nach ihrer Struktur als Sekte zu bewerten ist.
1. Dass die "Wort des Glaubens"-Theologie nur bedingt biblisch begründbar ist und wohl auch nur mit Vorbehalt als christlich bezeichnet werden kann, wird schon durch ihre Abhängigkeit und ihre Lehrparallelen zum New Thought deutlich. Sie teilt denn auch die Problematik der letzteren Strömung, die etwa darin besteht, Krankheiten nicht ernst zu nehmen und notwendige medizinische Versorgung fahrlässig beiseite zu lassen.
Ein Wohlstandsevangelium liegt allenfalls in der Fluchtlinie des Alten, aber keinesfalls des Neuen Testaments. Hier wird nirgendwo materieller Wohlstand versprochen, im Gegenteil, viele neutestamentliche Schriften stehen finanziellem Reichtum äusserst kritisch gegenüber. Wenn "Wort des Glaubens"-Gemeinden den Anspruch erheben (wie die IURD es tut), in besonderer Weise dem Evangelium treu zu sein, dann ist dieses mit aller Schärfe zurückzuweisen. Dass eine Strömung zahlenmässigen Erfolg hat (wie die "Wort des Glaubens"-Bewegung als ganzes ihn verzeichnen kann), beweist noch keine Nähe zum Evangelium und keine göttliche Approbation. Es ist ja auch denkbar, dass eine Strömung deshalb erfolgreich ist, weil sie sich dem Zeitgeist anbiedert und christliche Ansätze, die diesem Zeitgeist widersprechen, eliminiert oder in ihr Gegenteil verkehrt.
Die hochgeschraubten Versprechungen betreffs Verbesserung der Lebensumstände, die den "Wort des Glaubens"-Lehrern vielerorts die Türen öffnen, kehren sich oftmals allzubald gegen die Lehre, dann nämlich, wenn die geweckten Erwartungen sich nicht realisieren.
2. Unter strukturellem Gesichtspunkt zeigen sich ein paar charakteristische Differenzen zwischen der IURD und den klassischen Freikirchen. So kennt die enorme Bedeutung des Bischofs in den letzteren keine Parallele. Insbesondere Edir Macedos eigene Rolle gemahnt doch eher an die eines Gurus denn denn an die eines Vorsitzenden eines Aeltestenrats, zu nennen wären etwa der Titel eines "líder", Führers; die Tatsache, dass Macedo in einer Person Verwaltungschef und Hauptlehrer der Gemeinschaft ist (diese Personalunion ist in Freikirchen unüblich), und nicht zuletzt der ehrfürchtige Ton, den IURD-Anhänger anschlagen, wenn vom "Bispo Macedo" die Rede ist.
Eine weitere Differenz stellt die Tatsache dar, dass die Anhänger gehalten werden, ihren ganzen Zehnten der IURD zur Verfügung zu stellen. Die individuelle Unterstützung anderer Werke ist nicht erwünscht.
Irgendeine Form der Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaften kennt die IURD nicht. Jene gelten zwar als in Ordnung, soweit sie "wirklich das Evangelium verkündigen", ob dieser Sachverhalt im konkreten Fall seitens der IURD dann aber als gegeben betrachtet wird, ist doch sehr fraglich. Ein Ausschliesslichkeitsanspruch ist in der Praxis wohl Tatsache.
Die zeitliche Inanspruchnahme der Mitglieder kann, durch die horrende Zahl der Gottesdienste bedingt, durchaus eine totale sein.
Zusammenfassend kann die IURD unter strukturellem Gesichtspunkt nur als haarscharf am Rande des Sekte-Seins stehend gewürdigt werden. Die weitere Entwicklung wird zeigen, in welche Richtung sich die Gemeinschaft fürderhin bewegt.
a) Zur "Wort des Glaubens"-Bewegung
(1) D. R. McConnell, Ein anderes Evangelium? C.M.Fliss, Hamburg 1990
(2) Larry Parker, Wir liessen unseren Sohn sterben, Schulte und Gerth, Asslar 1981
(2a) Charles Farah, Von der Zinne des Tempels, C.M.Fliss, Hamburg 1983
b) Quellen der IURD
(3) Bispo Macedo, Orixás, Caboclos e Guias, Editora Gráfica Universal (EGU), Rio de Janeiro 15. Aufl. 1992
(4) Bispo Macedo, Apocalipse Hoje, EGU 4. Aufl. 1992
(5) Bispo Macedo, A Libertação da Teologia, EGU 8. Aufl. 1992
(6) Bispo Macedo, O Poder Sobrenatural da Fé, EGU 4. Aufl. 1992
(7) Bispo Macedo, Alança com Deus, EGU 1993
(8) Bispo Macedo, Nos Passos de Jesus, EGU 1986, 9. Aufl. 1992
(9) Bispo Macedo, O Espírito Santo, EGU 4. Aufl. 1992
(10) Bispo Macedo, O Perfil do Homem de Deus, EGU 4. Aufl. 1994
(11) Bispo Macedo, Vida com Abundância, EGU 11. Aufl. 1992
(12) Bispo Macedo, Mensagens, EGU 1995
(13) Bispo Macedo, As Obras da Carne e os Frutos do Espírito, EGU 2. Aufl. 1990
(14) Bispo Macedo, O Diabo e seus anjos, EGU 1995
(15) Bispo Renato Maduro, A Dose mais forte, EGU 10. Aufl. 1993
(16) Bispo Renato Maduro, O Fim da Picada, EGU 1993
(17) Bispo Carlos Rodriguez, O Livro dos Milagres, EGU 1994, 2. Aufl. 1995
(18) Pastore Mario Luiz, Sete conselhos para o novo cristão, EGU 1995
Georg Otto Schmid, 1996
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