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Letzte Woche wartete ich in einem Restaurant auf eine Bekannte. Am Nebentisch ass eine vierköpfige Familie Pizza und Pasta.
Ich kam nicht umhin, ihr Gespräch mitzuhören, das in etwa so verlief.
'Nächste Woche beginnt das Schuljahr, bis du vorbereitet?', fragte der Vater das etwa dreizehnjährige Mädchen und schob sich eine Gabel Spaghetti in den Mund.
Die Tochter schnitt den Pizzarand in zuckerwürfelgrosse Stückchen und schob sie unter ein paar Rucolablätter, die sie von der Pizza zum Tellerrand verschoben hatte.
Sie schüttelte den Kopf.
'Lenny', mischte sich Mama ins Gespräch, 'hat heute alles für den ersten Schultag bereitgelegt.'
'Hörst du' – vorwurfsvoll der Papa zur Tochter.
'Ja', die Mama, 'Lenny wird es in der Schule einfach haben. Er kann vor- und rückwärts bis hundert zählen und das Lesen geht auch ganz flott.'
Lenny, dem offenbar der erste Schultag bevorstand, schaufelt Pasta in den Mund:
'Ich werde der Beste sein!', rief er, ich sah rote Pasta in seinem Mund, ein paar halbzerkaute Spaghettifäden flogen der Schwester ins Gesicht.
'Igitt, schliess den Mund wenn du isst', raunzte sie ihn an.
Er erwiderte, dass Mädchen dumm seien. Im Allgemeinen und die Schwester im Besonderen.
Die Mutter schüttelte nachsichtig den Kopf.
'Was hast du heute gemacht? Mathe repetiert? Dein Zeugnis war nicht so, dass du es dir leisten kannst, nichts zu machen. Also, erzähl,' doppelte Papa an die Tochter gewandt nach.
Der ganze Pizzarand lag nun unter den Rucolablättchen.
'Ich bin mit Carla um den Murtensee geradelt und in der Broye schwimmen', gab sie Auskunft.
'Ach', meinte Mama, 'übrigens, wir waren im Schwimmbad, und stellt euch vor, der Junge hat zwei Längen geschafft, er schwimmt hervorragend, sein Stil ist sehr gut, das hat sogar der Bademeister zugegeben.'
'Und', schob das Mädchen nach, 'ich habe die Zeichnung eingereicht für den Wettbewerb'.
'Das ist nett, Nina' rief Mama, 'aber gell, du machst dir nicht zu grosse Hoffnungen. Es werden sicher unzählige Kinder teilnehmen.'
'Frau Meier, meine Zeichnungslehrerin, meint, ich sei talentiert', warf Nina ein und wischte sich das lange Haar - oder den Schweiss - aus – respektive von - der Stirn.
'Die', sagte Papa gedehnt und Mama seufzte und meinte, 'ach, die Frau Meier...'
Ja, das Mädchen tat mir leid – wie Ihnen wohl auch. Aber ich bedauerte den Jungen nicht weniger.
Wie, so überlegte ich mir später, muss ein Lob ausfallen, damit es ein Kind fördert, wie anerkennt man seine Leistung adäquat? Ein Lob soll Ansporn sein, wertschätzend und ehrlich. Ich anerkenne seine Leistung, seine Bemühung, seinen Fortschritt; ich messe es nicht an anderen.
Und so kann man halt zuviel, zuwenig und falsch loben.
Wie werden sich Lenny und Nina entwickeln? Sagt sich das Mädchen: 'jetzt zeig ich es allen erst recht!'. Oder resigniert es, legt Zeichenstifte und Papier für immer zur Seite, kapituliert als ewige Mathe-Niete? Wird Lenny durchs Leben gehen in der Überzeugung, immer und überall der Beste zu sein, sich selbst nie in Frage stellen, sich nie bemühen? Oder wird er lernen, dass auch er Schwächen hat?
Um aufrichtig und überlegt zu loben, braucht es unsere ganze Aufmerksamkeit und vielleicht liegt auch hier ein Körnchen Wahrheit in der Aussage: weniger ist mehr.