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Agrarfrage,
die einem unbefriedigenden
Stande der ländlichen, insbesondere der landwirtschaftlichen Verhältnisse
entspringende Frage, wie die empfundenen Mängel des herrschenden Zustandes, unter Erforschung ihrer
wahren
Ursachen, wirksam zu bessern seien. Eine solche
Agrarfrage hat sich seit Ende der siebziger Jahre unsers Jahrhunderts
für Europa
[* 2] entwickelt und mehr und mehr die verschärfte Form einer
Agrarkrisis angenommen, die teilweise sogar die Grenzen
[* 3] Europas überschritten und andere
Weltteile in Mitleidenschaft gezogen hat.
I. Die Ursachen der Agrarkrisis. Die Hauptursachen liegen für Europa in dem Umstande, daß seit längerm die Preise mancher wichtiger Agrarprodukte, vor allem des Getreides, mehr und mehr gesunken sind, während die Produktionskosten im landwirtschaftlichen Betriebe, besonders die Arbeitslöhne, nicht nur den erhöhten Stand, den sie während der vorangegangenen Periode erlangt hatten, behaupteten, sondern teilweise sogar eine weitere Steigerung erfuhren. Die sich daraus ergebende Verringerung der Rentabilität des landwirtschaftlichen Betriebes machte sich bei denjenigen Landwirten besonders fühlbar, welche in der vorangegangenen günstigen Wirtschaftsperiode, die bis gegen das Ende der siebziger Jahre dauerte, ihre ¶
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Wirtschaften übernommen oder gepachtet hatten, also zu Preisen, welche sich für die nachfolgenden ungünstigen Konjunkturen als zu hoch erwiesen. Dieselben kamen in um so größere Bedrängnis, als sie oft genug in Erwartung einer Fortdauer der steigenden Tendenz in der Bewegung der Produktenpreise und der Rente höhere Boden- und Pachtpreise gewährt hatten, als den jeweiligen Ertragsverhältnissen entsprach.
Verschärft wurde die Lage, wenigstens auf einem großen Teil des europ. Kontinents, dadurch, daß die Verschuldung der Landgüter seit Durchführung der Bodenmobilisierung meistens, wenn auch in verschiedenem Grade, in ständiger Zunahme begriffen war, was teils aus zu geringen Anzahlungen bei der käuflichen Übernahme und bei Erbteilungen, teils aus andern Ursachen, wie Meliorationen, Konsumtionsaufwänden u. s. w., herrührte. Die wachsende Last wurde leicht getragen, solange die Entwicklung der Rentabilität im Fortschreiten begriffen war.
Sie wurde zu einer um so größern Gefahr für die Besitzer, je stärker der Rückgang der Rente wurde. Die ungünstige Lage der Landwirtschaft wurde schließlich in wachsendem Umfange selbst die Ursache einer weitern Schuldenzunahme. Die Entlastung infolge des sinkenden Zinsfußes vermochte den Rückgang der Renten nur zum kleinern Teile aufzuwiegen. Nicht wenig trug zur Verschlimmerung der Schuldverhältnisse die mangelhafte Kreditorganisation bei, infolge deren auf dem Gebiete des Realkredits die private kündbare Hypothekenschuld durchaus vorherrschte, der Personalkredit aber überhaupt unentwickelt geblieben war.
Die Ursache des zunehmenden Rückganges der Agrarproduktpreise liegt zweifellos in erster Linie in der gewaltigen Entwicklung des Transportwesens, insbesondere in dem schnell fortschreitenden Ausbau des Eisenbahnnetzes in allen in den Kreis [* 5] der modernen Kulturwelt einbezogenen Ländern der Erde, in der rapiden Entwicklung des Dampfschiffverkehrs und der Herstellung wichtiger Kanäle, vor allem des Sueskanals. Die hierdurch sowie durch die mit der Entwicklung des Transportwesens in engster Verbindung stehende Vervollkommnung der Handelstechnik herbeigeführte außerordentliche Verbilligung des Warenbezuges und der Warenlieferung aus der Ferne, welche den Waren um so mehr zu statten kommt, je voluminöser sie sind, gestaltete den Verkehr mit agrarischen Massenprodukten, der bis dahin an verhältnismäßig enge Grenzen gebunden war, in kurzem zu einem den ganzen Erdkreis umspannenden Welthandel.
Die verbindende Kraft [* 6] der weit ausgreifenden Handels- und Transportverhältnisse ermöglichte es, daß die großen, bisher ungenügend ausgenützten Vorräte weit entfernter alter Wirtschaftsgebiete sowie der überschüssige Bodenreichtum überseeischer, bis dahin schwach besiedelter Kolonialländer den Märkten des dichtbevölkerten industriereichen westlichen und mittlern Europas sich zur Verfügung stellten, und daß die Agrarprodukte jener Gebiete in immer schärfere, Konkurrenz mit denjenigen der näher gelegenen Landstriche traten, welche bis dahin diese Märkte ausschließlich versorgt und beherrscht hatten.
Die Folge war eine größere Ausgleichung der Vorräte und der Preise zwischen den verschiedenen Märkten. Indem die einzelnen Märkte mehr und mehr wechselseitig voneinander abhängig wurden, hörte die Versorgung und die Preisbildung des einzelnen Marktes auf, durch den Ernteausfall des umliegenden Produktionsgebietes bestimmt zu werden, vielmehr gerieten sie immer mehr unter den herrschenden Einfluß der jeweiligen Konjunkturen des ganzen Weltmarktes. Umstände verschiedener Art, teils enorm niedrige Löhne oder niedrige Lebenshaltung der Produzenten, teils niedrige Bodenpreise und Jungfräulichkeit des Bodens, in Verbindung damit extensiver Betrieb sowie umfassende Verwendung von Maschinen auf ausgedehnten Betriebsflächen, welche selbst den Nachteil hoher Löhne in weitem Maße ausglich, vielfach sogar umfangreicher Raubbau ermöglichten es den neuen Konkurrenten, die einheimischen Landwirte trotz der relativ bedeutenden Transport- und Handelsspesen auf den west- und mitteleurop. Märkten in einem Maße zu unterbieten, daß diese auf der bisherigen Grundlage immer weniger die Konkurrenz zu bestehen vermochten.
Zunächst bemächtigte sich der Welthandel desjenigen Produkts, welches die größte Transportfähigkeit besitzt, des Getreides, worunter die Hauptrolle der Weizen spielt, als das wichtigste und am meisten verbreitete Brotgetreide. Daneben bildet Roggen einen Haupthandelsartikel fast nur im Verkehr zwischen Deutschland [* 7] und Rußland, indem letzteres in zunehmender Ausdehnung [* 8] mit seinen Überschüssen den mit wachsender Bevölkerung [* 9] sich vergrößernden Fehlbedarf Deutschlands [* 10] in erster Linie deckt.
Dagegen beanspruchen größere Bedeutung im gesamten Weltverkehr Gerste [* 11] und Hafer, [* 12] die zwar gegenüber dem fast die Hälfte aller Exporte umfassenden Artikel Weizen und Weizenmehl noch zurücktreten, aber mit immer steigenden Prozentsätzen am Gesamtumsatze teilnehmen. Mais behauptet zwar die nächste Stelle nach dem Weizen, bereitet aber dem europ. Getreide [* 13] nur indirekte Konkurrenz. Später als beim Getreide kam der Wettbewerb beim Vieh und bei den tierischen Produkten zur Entwicklung.
Die überseeische Einfuhr von lebendem Vieh, die sich in der Hauptsache auf die Einfuhr von Rindern beschränkt, setzte in der Mitte der siebziger Jahre ein. Aber obwohl im Verkehr zwischen England und dem amerik. Kontinent zu erheblicher Entwicklung gelangt, bleibt sie doch weit zurück hinter dem gewaltigen Aufschwung, welchen der vorher schon aufgenommene Verkehr mit tierischen Produkten erlangte. Zur vollen Entwicklung reifte dieser Verkehr erst heran, seitdem man mittels Einrichtung großer Kühlräume das frische Rind- und Hammelfleisch in gefrorenem Zustande über See zu transportieren lernte.
Unter den Getreideexportländern stehen die Vereinigten Staaten [* 14] von Amerika [* 15] und Rußland im Vordergrunde. Ihnen folgen nach der Größe der Exportziffern die Balkanstaaten. Eine rapid steigende Bedeutung hat in allerjüngster Zeit Argentinien gewonnen, während die ostind. Zufuhren, die eine Zeit lang eine erhebliche Rolle auf dem Getreidemarkte spielten, in den letzten Jahren wieder abnahmen. Weiter kommen Ungarn, [* 16] Canada, Australien [* 17] und Afrika [* 18] in Betracht. Noch vor dem Bürgerkriege und während desselben war der nordamerik. Kontinent für den internationalen Getreidehandel ohne jede Bedeutung. Aber bald nach Beendigung jenes Krieges begannen die Vereinigten Staaten infolge des Ausbaues ihres großartigen Eisenbahn- und Kanalnetzes und der hiermit in Verbindung stehenden Erschließung und schnellen Besiedelung ¶
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des waldarmen und eminent fruchtbaren Prairiegebietes die westeurop. Märkte mit immer gewaltiger anschwellenden Getreidemassen zu überschütten. In dem Zeitraum von 1879 bis 1881 belief sich ihre Getreide- und Mehlausfuhr durchschnittlich pro Jahr auf 102 Mill. hl, 1880/81-88/89 auf 63,1 Mill hl, 1891/92-93/94 wiederum auf 98,2 Mill. hl. Wenn auch die Exporte der einzelnen Jahre unter dem Einfluß der Ernteschwankungen und der angesammelten Vorratsmengen stehen, so ist doch unverkennbar seit einiger Zeit ein Stillstand oder Rückgang in den Ausfuhrmengen eingetreten, da nicht nur die gestiegenen Landpreise auf die weitere Ausdehnung des Anbaues hemmend wirken, sondern auch die schnell wachsende Bevölkerung des Landes immer größere Mengen der einheimischen Ernte [* 20] absorbiert. Im Export des wichtigsten Welthandelsproduktes, des Weizens, hat, von vorübergehenden Schwankungen abgesehen, Rußland in dem Maße, wie sein Eisenbahnnetz sich vervollständigte, in den letzten Jahren die Vereinigten Staaten immer mehr überflügelt, wie es denn überhaupt weitaus den Vorrang auf dem Gesamtgebiet der Getreideausfuhr behauptet.
Seitdem die russ. Regierung 1889 gar noch die Regelung des ganzen Eisenbahntarifwesens an sich gezogen hat, wird überdies der Getreideexport durch eine planmäßige Tarifpolitik gestützt. Diese befolgt nicht nur die möglichste Verbilligung des Exportes als obersten Grundsatz, sondern verwirklicht diesen Zweck insbesondere noch in der Art, daß sämtliche Getreideexportgebiete des Inlandes in Bezug auf die Transportkosten in eine gleiche Lage versetzt werden, so daß auch die entferntesten Produktionsbezirke für die Ausfuhr herangezogen werden. In jüngster Zeit hat die Regierung, nachdem sie die Beleihung der Getreidevorräte in der weitgehendsten Weise direkt wie indirekt befördert hatte, sogar Agenturen an den Hauptgetreidemärkten des Auslandes eingerichtet, deren telegr. Berichten durch Anschlag auf sämtlichen größern Stationen des Ausfuhrgebietes die weiteste Verbreitung verschafft wird. Dem schnellen Wachstum der russ. Ausfuhr liegt indessen weniger eine fortschreitende Ausdehnung der Anbauflächen zu Grunde als eine fortschreitende Heranziehung der im Innern des Landes vorhandenen Vorräte.
Erst seit dem Anfang der achtziger Jahre gewinnt die ostind. Weizenausfuhr, die sich seit Beginn der siebziger Jahre zu entwickeln begann, zusammen mit der Reisausfuhr eine stärkere Ausdehnung. Auch hier handelt es sich wesentlich nur um Flüssigmachung vorhandener Vorräte durch eine allmählich fortschreitende Verkehrsentwicklung. Von einem plötzlichen Emporschnellen der Exportziffer im J. 1893 abgesehen, ist die Weizenausfuhr nach der Mitte der achtziger Jahre wieder erheblich zurückgegangen.
Nachdem sie längere Zeit auf einem gleichmäßigen Niveau sich behauptet hatte, ist sie in den letzten Jahren abermals stark gesunken. Während die Reisausfuhr auf 136,9 Mill. Rupien 1895 stieg, fiel die Weizenausfuhr infolge der guten amerik. Ernte auf 25,6 Mill. Rupien gegen 143,8 Mill. Rupien 1892, und das trotz der beispiellos niedrigen Löhne, die in der Landwirtschaft für Männer 6,60 M., für Frauen 4,40 M., für Kinder 2,20 M. monatlich betragen.
Während die Ausfuhr der Balkanstaaten in den letzten Zeiten ziemlich gleich bleibende Verhältnisse aufweist, hat Argentiniens Export in kurzem sich mit einer geradezu beispiellosen Schnelligkeit entwickelt. Seine Weizenausfuhr, die 1889 sich erst auf 228000 Doppelcentner belief, hob sich bis 1894 auf den Betrag von 16,1 Mill. Doppelcentner, und es ist schwer abzusehen, wann sie die Höhe ihrer Entwicklung erreicht haben wird. Von der gesamten zum Weizenbau geeigneten Fläche, die in dem vorwiegend ebenen Lande nach sorgfältigen Berechnungen gegen 60 Mill. ha, mithin mehr als die Gesamtfläche des Deutschen Reichs beträgt, sind bisher nicht viel mehr als 1 Mill. ha mit Weizen bestellt.
Dabei besitzen die bessern Distrikte einen unvergleichlichen Reichtum an mineralischen Pflanzennährstoffen bei großer Stärke [* 21] der Ackererde. Das Klima gestattet nicht nur zwei Ernten im Jahre einzuheimsen und das ganze Jahr hindurch landwirtschaftliche Arbeiten vorzunehmen, sondern gewährt auch eine mehrmonatige Saatzeit für das Getreide, was eine bedeutende Ersparnis an Arbeitskräften und geringere Gefährdung der Ernte zur Folge hat. Die Möglichkeit, das Vieh das ganze Jahr über im Freien laufen zu lassen, und der Reichtum an natürlicher Weide, [* 22] der den Futterbau überflüssig macht, verbilligt die Viehhaltung und dadurch mittelbar auch den Ackerbau in ganz außerordentlichem Maße. Das Fehlen des Waldes und Buschwerks endlich, das die Kolonisierung von der schweren und langwierigen Rodungsarbeit befreit, sichert dem Gebiete die gleichen Vorteile, wie sie die Kultivierung der nordamerik. Prairiegebiete genossen hat.
In Bezug auf den Transport lebender Tiere und tierischer Produkte behauptet die Nordamerikanische Union noch immer weitaus den Vorrang, obschon die bis 1880 dauernde rapide Entwicklung der Ausfuhr für die meisten dieser Artikel seitdem ebenfalls zum Stillstand gekommen ist, oder gar einen mäßigen Rückgang erfahren hat. Die Ausfuhr umfaßt vorwiegend, außer lebenden Rindern und Schafen, Schinken und Speck, Rindfleisch frisch und gesalzen, Butter, Käse, Schmalz, konserviertes Fleisch und gesalzenes Schweinefleisch.
Neben ihr sind seit einiger Zeit andere Hinterländer stärker hervorgetreten, wie Australien mit Neuseeland, Canada, Argentinien u. s. w. Insbesondere hat Australiens und Neuseelands Ausfuhr von frischem Rind- und Hammelfleisch seit Mitte der achtziger Jahre einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die austral. Wolle hat im Verein mit der Kapwolle schon seit den sechziger Jahren die Wollproduktion Europas nach und nach vernichtet, indem sie dieselbe unrentabel machte.
Von 1862 bis 1888 stieg die Wollausfuhr Australiens von 81 Mill. Pfund auf 473 Mill. Pfund. Bis 1891 waren die Schafherden Australiens und Neuseelands auf 120 Mill. Stück angewachsen. Neuseeland allein exportierte, Rinder [* 23] und Lämmer auf Schafe [* 24] rechnerisch reduziert, 1891 nicht weniger als 2153000 Stück Schafe in Gestalt von frischem Fleisch. In schneller Zunahme befindet sich die Ausfuhr von Molkereiprodukten Neuseelands und Canadas, die für Neuseeland 1890: 3,6 Mill. Pfund Butter und 3,7 Mill. Pfund Käse, für Canada 8,4 Mill. Pfund Käse umfaßte.
Das wichtigste Einfuhrland für alle vorgenannten landwirtschaftlichen Produkte war von jeher und ist auch gegenwärtig immer noch England, das hieraus eine erhebliche Förderung seiner großartigen industriellen und Handelsentwicklung empfängt, und dessen bedeutende Aufnahmefähigkeit bis dahin ¶