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|ANNE WANNER'S Textiles in History / publications|
|Cotton in Switzerland.
In: Stoffe und Raeume, catalogue of an exhibition in
the castle of Thunstetten near Langenthal, Switzerland,
1986, 15 May to 27 July

by Anne Wanner-JeanRichard, in german language
|Baumwolle in der Schweiz,

in: Stoffe und Räume, 1986, S. 91 108
von Anne Wanner-JeanRichard

Baumwollpflanze, Kupferstich aus: Prosper Alpino, "De plantis Aegypri liber", Leyden 1735
|Baumwolle in der Schweiz,

in: Stoffe und Räume, 1986, S. 91 108
von Anne Wanner-JeanRichard
Baumwollkulturen
gab es in verschiedenen Teilen der Erde; sehr weit lassen
sie sich in Indien zurückverfolgen. Griechische
Schriftstellererwähnen die Baumwolle, Alexanders des
Grossen Züge machten sie ihnen vertraut, und später
galt sie bei den Römern als Luxusartikel. Man vermutet,
Anbau und Verarbeitung habe sich langsam vom Orient in
den Mittelmeerraum verbreitet (Stromer 1978; Wescher
1940).
|England aus verbreiteten.
Der vorliegende Aufsatz hat zunächst den frühen
Fernhandel und das Bekanntwerden der Baumwolle
in Oberdeutschland zum Thema. Darauf kommen
Verarbeitungsmöglichkeiten von Baumwolle, nämlich
Spinnen, Weben, Färben, Drucken, Sticken von der
Handarbeit bis zur Industrialisierung, zur Sprache.
Soweit sich das verfolgen lässt, sind die meisten
Baumwollgewebe und ihre Verzierungen massenweise und zum
Verkauf gefertigt worden und gehören nicht in den Kreis
der im Bürgerhause oder im Kloster verzierten
Handarbeiten.

Die Ausführungen können nur einen Überblick über die genannten Gebiete vermitteln; Vollständigkeit in der Darstellung der einzelnen Techniken oder auch Erwähnung aller Unternehmungen oder Handelshäuser würde den Umfang des Aufsatzes sprengen.
In den vorliegenden Studien sind die erhaltenen Baumwollstoffe von zentraler Bedeutung; leider haben trotz ehemals enormen Produktionen nur wenige Stickereien die wechselnden Zeiten überdauert. Um so wichtiger sind deshalb, zur genaueren Bestimmung und Datierung, Dokumente aus Wirtschaft und Handel. Falls die wenigen erhaltenen feinen Weissstickereien besser bekannt würden, so liessen sich vielleicht zusätzliche Beispiele davon finden.
Handelsstrassen und Messeplätze
Seit Cäsar bildeten die Verkehrswege über die Alpen wichtige Verbindungen zwischen Italien und dem nördlichen Gallien mit seinen Garnisonen am Rhein. Eine neue Bedeutung erlangten diese alten Strassen im Mittelalter, als sich in Europa das städtische Leben entwickelte und der Warenverkehr sich vervielfachte.
Das Tuchgewerbe Flanderns war an einem auswärtigen Kaufkreis besonders interessiert und leitete einen Austausch mit italienischen Seidenstoffen in die Wege. Wie keine andere Gegend Frankreichs war die Champagne geeignet,
|Umschlagplatz für
Kaufmannsgüter zu werden, erleichterten dort doch
Flüsse und Nebenflüsse den Warentransport. Die Grafen
der Champagne verfügten als erste Vasallen der
französischen Könige über eine grosse Machtstellung.
Dazu kam, dass Bernhard von Clairveaux,
der sein erstes Zisterzienserkloster auf dem Gebiet der
Champagne errichtet hatte, ein leidenschaftlicher Apostel
der Kreuzzüge war, und vor allem der zweite Kreuzzug von
1147-1149 brachte Frankreich eine direkte Verbindung mit
dem Orient

Die Messen der Champagne sind erstmals in einer Urkunde von 1114 erwähnt; Italien lieferte Damaste, Brokate, auch Baumwollstoffe, aber an erster Stelle stand der Handel mit flandrischen Wolltuchen (Wescher 1947).
Hauptbestimmungsort dieser Tuche war Genua, und man weiss, dass im Zusammenhang mit den sechs grossen Messen, die sich in einem bestimmten Turnus über das ganze Jahr verteilten, sechs Transporte pro Jahr über die Alpen durchgeführt wurden.
Auch bestand zwischen den Messestädten und den wichtigsten Städten Italiens ein regelmässiger Kurierdienst: Ein Bote legte die Strecke zwischen Lagny und Florenz in 20 Tagen zurück. Im ausgehenden 13. Jahrhundert ging die Bedeutung der Champagne als Messeplatzzurück. Der italienisch-flandrische Handel suchte nach neuen Wegen und verlegte sich auf die Verkehrsstrasse dem Rhein entlang.
Zu dieser Zeit ermöglichte die über den Reusskatarakt errichtete Teufelsbrücke den Übergang vom Urserental in die Schöllenen Schlucht. Diese neue Gotthardstrasse verkürzte die Verbindung von Genua oder Mailand nach Basel und zog bald einen beträchtlichen Teil des Handels an sich. Weitere Strassen, wie die Splügen-, die Septimer-, die Lukmanierstrasse, entstanden im Bündnerland und vermittelten zwischen Venedig und Schwaben (Wescher 1946).

|Die günstige Lage am See
machte aus Genf zwischen 1400 und 1463 einen
Messeplatz von europäischer Bedeutung (Ammann
1921; Wescher 1946). Schon zur Zeit der Champagner Messen
hatten sich hier die Strassen von Flandern nach Venedig
und diejenigen von Oberdeutschland nach Südfrankreich
und Spanien gekreuzt. Bereits 1261 sind Messen in Genfer
Urkunden erwähnt; der grosse Aufschwung jedoch erfolgte
zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Auf bis zu sieben
grossen Messen jährlich handelte man mit Waren von
Antwerpen bis Köln und Nürnberg, von Venedig, Rom,
Barcelona, Bourgos/Rouen; Baumwollstoffe aus
Mailand, Leinen aus Konstanz, Barchent aus Biberach,
Memmingen und Ulm, Seiden und Brokate aus Florenz, Lucca,
Pisa und Venedig Hessen liessen sich hier erwerben. Für
die italienischen Käufer bedeutete das flandrische
Wolltuch immer noch den Hauptanziehungspunkt. Anwesend
waren auch italienische Geldleute, bildete Genf doch den
Platz für den internationalen Zahlungsverkehr.

Karl VII. (1422-1461) beabsichtigte, den blühenden Handel auf sein Land umzulenken, und bewilligte Lyon vier Messen pro Jahr. Zudem untersagte er die Ausfuhr aller französischer Waren nach Genf. Ludwig XI. (1461-1483) brachte die Genfer Messen endgültig zum Erlöschen, als er 1463 die Termine der Lyoner Messen auf die überlieferten Genfer Termine festsetzte.
Der grosse Handel konzentrierte sich nun auf Lyon.
Am Rhein konnte sich vom 14. ins 19. Jahrhundert Zurzach als Messeplatz behaupten (Ammann 1923, 1929; Wescher 1946), denn für Basel, Konstanz und Zürich war der Ort günstig gelegen: In der Nähe befand sich nicht nur das Strassennetz, das die schwäbischen Städte mit dem Süden verband, sondern auch die wichtigen Kreuzungen von Baden und Brugg, welche die Verbindung mit Zürich und Genf sowie mit der Gotthardstrasse gewährleisteten. Viele Wasserverbindungen sicherten den Zugang zum schweizerischen Hinterland.
|Einen entscheidenden
Aufschwung brachte die Eroberung des Aargaus durch die
Eidgenossen 1415. Nun konnten etliche Zollschranken
beseitigt werden, und für den Kaufmann galt er als
sicheres Gebiet. Schliesslich fügten sich die Messen
zeitlich gut ins System der nächstgelegenen Messeplätze
ein. In Zurzach fand ein wichtiger Güteraustausch aus
dem Gebiet der ganzen Eidgenossenschaft statt. Auf der
Aare gelangten Waren des Berner Gerber-Gewerbes und
Freiburger Wolltuche zum Messeort, das Fricktal lieferte
Eisen und Stahl, Sargans Nägel. Die Augsburger und
Memminger boten Barchenttücher zum Verkauf an, die St.
Galler ihre Leinwandballen. Das Einzugsgebiet
reichte vom Piemont bis Nürnberg, von Genf bis nach
Vorarlberg und Venedig. Wie in Genf wurden auch
in Zurzach Geldgeschäfte getätigt, die Messen dienten
oftmals als Zahlungstermine.

Im 16. Jahrhundert erschienen am Rhein die grossen Importeure mit ihren englischen, lombardischen und französischen Tuchen. Auch Niederländer und Kölner boten Wollstoffe an. Im 17. Jahrhundert lebte der Textilmarkt weiter, es kamen nun Zürcher Seiden und Schleier dazu, sowie Genfer FlorettSeiden und Spitzen. Basel schickte Bänder, Knöpfe, Strumpfwaren, gestrickte Hosen und Garne. Bis ins 19. Jahrhundert behauptete sich das Messeleben.
Die wirtschaftliche Lage Basels wurde in erster Linie vom durchgehenden Warenverkehr bestimmt (Wescher 1946). Schon im 13. Jahrhundert leitete man in dieser Stadt die italienischen Stoffballen aus der Lombardei über Lothringen nach den Champagner Messen weiter. Auch Leinwandsendungen vom Bodensee gelangten per Schiff rheinabwärts und wurden von Basel nach Frankreich weiterverfrachtet. Aber zum Schutz des einheimischen Handwerks blieb die Einfuhrerlaubnis beschränkt, und nur wenige der Güter blieben in der Stadt. Eine Ausnahme bildete die Baumwolle. Bereits 1375/76 kauften Basler Kaufleute in Mailand weissen und gefärbten Barchent und dazu Rohbaumwolle für die einheimische Schürlitzweberei.
|Das Konzil von
1431-1449 gab Basel internationales Gepräge.
Mit seinen 10000 Einwohnern war es damals die
bevölkertste Stadt im Gebiet der heutigen Schweiz. Für
1461 ist die Eröffnung einer ersten Messe bezeugt, diese
zog jedoch mehr Leute aus der Umgebung an als grosse
Kaufherren. Für jene blieb Frankfurt entscheidender
Messeplatz, und im ausgehenden 15. Jahrhundert wurde
Basel als Messeort wieder unbedeutend.

Zürcher Messen gab es ebenfalls, sie konnten sich aber nicht entwickeln, weil der alte Zürichkrieg den Aussenhandel der Stadt beeinträchtigte (Wescher 1946).
Die Verbreitung der Baumwolle im Mittelalter
Als Barchent bezeichnete man im Mittelalter ein Mischgewebe aus leinener Kette und baumwollenem Schuss. Barchent und das lateinische fustaneus kommen aus dem Arabischen, dort bedeutet barrakan grober Stoff und fustan Gewand. Schon im ausgehenden 12. und im 13. Jahrhundert verarbeiteten die Oberitaliener aus Bologna, Venedig und der Lombardei dieses Material. Diesseits der Alpen entwickelte sich im Laufe des 14. Jahrhunderts ein oberdeutsches Barchentrevier, welches für die italienischen fustagni eine bedrohliche Konkurrenz bedeutete. Nun kauften die oberdeutschen Händler nur noch die Rohbaumwolle in Italien. Sie bevorzugten Venedig, denn diese Stadt liess sich über die östlichen Alpenpässe leichter erreichen als Genua. Erste schriftliche Dokumente finden sich in den Geschäftsbüchern der Nürnberger Fernhändler Schürstab aus den Jahren 1351/53 und 1363/64. Zu dieser Zeit kannte man die neuen Stoffe auch in Nördlingen, in Augsburg und in Ulm.
Im Geschäftsbuch der Venezianer Firma Soranzo & fradelli von 1406-1436 sind als Hauptimporteure syrischer Baumwolle 27 Ulmer, 30 Nürnberger, 15 Augsburger und 9 Ravensburger Kunden genannt. Aus Biberach und aus Konstanz stammten je sieben, aus Basel, Freiburg und St. Gallen je ein Kunde (Bodmer 1960; Stromer 1978).
|Die
Barchent-Industrie scheint in Oberdeutschland innerhalb
von sehr kurzer Zeit Fuss gefasst zu haben und zu grosser
Bedeutung gelangt zu sein. Verschiedene Autoren bemühten
sich, die Anfänge der Industrie zu finden, und glauben,
dass diese in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts
liegen müssen, denn um 1385 ist die Industrie vielerorts
voll ausgebildet.

W. v. Stromer behandelt in seinem Buch Neuerungen, die, wie er glaubt, zu dieser raschen Entwicklung beigetragen haben (Stromer 1978). Zunächst weist er auf Unterschiede in der Webtechnik hin. Die Leinenweber standen sozial sehr tief, hatten eher ein niedriges Bildungsniveau und würden Neuheiten nicht vorbehaltlos eingeführt haben. Für ihre Arbeit verwendeten sie vor allem einfache zweitrittige Webstühle. Die technisch anspruchsvolleren Barchent Stoffe verlangten dagegen Webstühle mit mindestens vier Schäften, denn nur so liess sich die für Barchent übliche Köperbindung herstellen. Mit der neuen Technik mussten wohl auch neue Handwerker an der Arbeit gewesen sein. Vielleicht traf die Pest, welche seit 1347 in mehreren Wellen Mitteleuropa überrollte, vor allem die schlecht ernährten, unter ungünstigen hygienischen Bedingungen lebenden unteren Bevölkerungsschichten, also möglicherweise gerade Leinenweber. Aus Angst vor Ansteckung verbrannte man ganze Inventare der Handwerker. Eine solche tabula rasa könnte die Voraussetzung gebildet haben für eine neue, teilweise sogar aus der Lombardei zugewanderte Generation von Webern. Dafür findet von Stromer interessante Anhaltspunkte in der Geschichte der Familie Visconti: Karl IV. beabsichtigte, den Handel von Venedig nach Brügge, der bisher über die Lombardei und die Bündnerpässe lief, in den Osten, über Prag und die Elbe zu leiten. Dagegen scheint sich der Mailänder Bernabo Visconti mit einer besonderen Strategie gewehrt zu haben. Er vermählte nämlich sechs seiner Kinder mit süddeutschen Fürsten und band diese so an seine Interessen. Es ist denkbar, dass nach dieser Hochzeit auch die Fachleute der Barchentweberei zum Anlernen nach Deutschland reisten.
|Ein Teil vom Erfolg der
neuen Industrie muss einhergegangen sein mit der
wirtschaftlichen Organisation, nämlich mit dem Aufkommen
des Verlages und dem genossenschaftlich organisierten
Gewerbe, der Handelskorporation. Eine Massenproduktion
von Textilien war nur durch die Vorfinanzierung über das
Verlagsystem möglich. Die Verleger lieferten den
Rohstoff meist auf Kredit, oft auch zusätzlich das
Werkzeug, nicht selten das Wissen um neue Web-,
Appretier- und Färbetechniken. Mit Zunft und
Stadtobrigkeit sorgten sie für qualitätsvolle und
wettbewerbsfähige Markenartikel. Mit den Vorschüssen
waren zwar Arbeitsplatz und Lebensunterhalt gesichert,
die Weber begaben sich aber damit in eine
wirtschaftliche, oft auch soziale Abhängigkeit. Bei
wachsender Nachfrage spielte dies eine weniger grosse
Rolle als in Zeiten der Depression, in denen ein Verleger
das wirtschaftliche Leben beherrschen konnte. Die
besonders geschulten und hauptberuflich tätigen
Barchentweber waren von ihnen abhängiger, als die oft
nur im Nebenerwerb und mit billigem einheimischem
Rohstoff arbeitenden Leinenweber.

Als letzte Begründung für die rasche Entwicklung der oberdeutschen Baumwollindustrie erwähnt von Stromer eine neue Produktions- und Marktstrategie der grossen Verlagshäuser: in Venedig hatten sich die obrigkeitlichen Gütekontrollen schon früh ausgebildet, und Güter, welche die Kontrollen bestanden, erhielten eine bulla, eine Marke, meist mit dem Bild des Markuslöwen. Dennoch bedeuteten diese Marken private Zeichen und gaben dem Verbraucher nur bedingt Gewähr für eine dem Preis entsprechende Qualität, musste doch der Kaufmann auf der Messe Ballen für Ballen prüfen. In Oberdeutschland setzte sich mit den Güteklassen «Ochse - Löwe - Traube» ein neues Prinzip durch, dessen Kernstück der standardisierte Markenartikel bildete. Hier genügten für Bestellungen die abstrakten Bezeichnungen: «Augsburger Trauben Fardel» oder «Ulmer Löwen Fardel». Mit einer solch vereinfachten Order liess sich besser voraus und schneller umdisponieren. Die Ware brauchte nicht mehr auf den Markt oder Messestand, sondern konnte direkt vom Produktionszentrum
|zum Absatzmarkt gesandt
werden. Die Qualitätsmarken der Leinwandschau folgten
übrigens demselben Prinzip.

In diesem frühen Barchenthandel nahm Basel eine bedeutsame Stellung ein (Stromer 1978; Wescher 1946). Dank eines Schutzzolls konnte sich ein eigenes Baumwollgewerbe entwickeln, denn nur der Warentransit, nicht aber die Baumwolle, welche die Basler zur Weiterverarbeitung behielten, wurde mit hohen Abgaben belastet. Man weiss, dass 1392 der Stadtrat Baumwolle an arme arbeitslose Frauen zum Spinnen ausgab. Das Mischgewebe hiess Schürlitz, ein Name, der sich vielleicht von scorlicium, Überkleid von Geistlichen und Frauen, herleiten lässt, oder, wie andere meinen, mit dem Namen des roten Farbstoffes Schirwitz, für Kermes oder Johannisblut, zusammenhängt.
Die Basler Weber stellten zwei Qualitäten her, und sie verwendeten die Schauzeichen der Städte, deren Produkte sie nachahmten.
Seit 1406 entstand hier Biberacher Barchent, der mit dem Biberacher Ochsen gekennzeichnet wurde. Feinere Stoffe, die dem Mailänder Markt angepasst waren, der sog. geripplechte oder cordollati, trugen das Agnus Dei als Marktzeichen.
In Basel gelang es aber nicht, ein Grossgewerbe ins Leben zu rufen, und trotz dem Auftrieb, den die Konziljahre dem Gewerbe ganz allgemein gaben, ging die Zahl der Meister bis zur Jahrhundertmitte von 93 auf 53 zurück. In der ersten Jahrhunderthälfte entstanden die sogenannten Bördlitücher, das sind weisse Kopftücher, und in den sechziger Jahren ersann man ein neues Erzeugnis, das den Modeansprüchen besser gerecht würde, und stellte einen gemusterten Barchent mit Vogelmotiv in Blau, den Vogelschürlitz, her.
Auch die Färberei erhielt dadurch neuen Aufschwung; Indigo erscheint in grösseren Mengen in den Kaufhausbüchern. Steuerlisten nennen für das Jahr 1471 allein in den Vierteln St. Alban und St. Peter sechs Färber.

|Neben dem gewöhnlichen
bedeutete der Frankfurter Vogelschürlitz eine besondere
Qualität, und das "öiglichte Tuch" wies im
gemusterten Gewebe punktartige Vertiefungen auf. Der
Erfolg dieser Gewebe zeigt sich darin, dass man zur
Blütezeit die Stempelung mit dem Biberacher Zeichen
aufgab und der Rat den Aufdruck des Baslerstabes
vorschrieb. Die qualitative Steigerung brachte aber keine
Erweiterung des Gewerbes, denn die Absatzschwierigkeiten
vergrösserten sich, und um die Jahrhundertmitte
rentierte das Gewerbe kaum mehr. Im 16. Jahrhundert
geriet die Baumwolle bald ganz in Vergessenheit.

In Zürich entwickelte sich eine selbständige Baumwollindustrie ebenfalls bereits im 15. Jahrhundert. Es handelte sich hier vor allem um Tüchliweberei. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wollte man zudem Stoffe in der Art des Mailänder Bombasin, eines Doppelbarchents mit teilweise seidener Kette, herstellen. Der 1555 aus Locarno zugezogene E. Zaino übermittelte seine Erfahrungen mit der italienischen Technik. Seit
1589 entstand mit der Firma Locher das erste grössere Unternehmen, welches die Baumwollstoffe in Verlag nahm.
Konstanz, das bis ins 15. Jahrhundert wichtigste Zentrum der Bodenseeleinwand, gewann mit der Erzeugung von Barchent noch an Bedeutung. Seit 1382 sind hier Baumwollschauen genannt, und die Zeit des Konzils (1414-1418) brachte einen wirtschaftlichen Höhepunkt. In einem Streit über die Bearbeitung der Baumwolle fiel die Entscheidung zugunsten der Konstanzer Leinenweber, und die Barchent-Produktion entwickelte sich in Konstanz vorerst nicht weiter.
Auch in St. Gallen konnte sich in dieser frühen Phase die Baumwollweberei neben der Leinenweberei nicht durchsetzen. Zwar ist für das Jahr 1427 der Versuch einer Barchent-Schau bezeugt, aber später werden keine weiteren mehr erwähnt.
|Eine
Handelsgesellschaft von Bedeutung

Wegen seiner Kostspieligkeit liess sich für das neue Produkt Barchent in der näheren Umgebung keine breite Käuferschicht finden (Bodmer 1960). Zur Organisation des Absatzes auf fernen Märkten bildeten sich deshalb Handelsgesellschaften. Zum Beispiel die grosse Ravensburger- oder Humpissgesellschaft, tätig ca. 1380-1530, die Imhof-Gesellschaft aus Nürnberg oder die Augsburger Gesellschaften der Welser und der Fugger. Auch in Basel gab es Handelsvereinigungen, wie etwa in der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts die Halbysengesellschaft.
H. Ammann fand 1928 die Spuren einer bedeutenden Vereinigung, die er nach den beiden Hauptvertretern Diesbach-Watt-Gesellschaft benannte (Ammann 1928). Neben einer Lebensbeschreibung Niklaus von Diesbachs haben sich einige Briefe in verschiedenen Stadtarchiven erhalten. Die Handelsleute und ihre Güter sind zudem mehrfach erwähnt in den Zollbüchern für die Deutschen aus Barcelona der Jahre 1425-1445. Aus diesen Dokumenten lässt sich das folgende Bild gewinnen:
Niklaus l. von Diesbach (ca. 1370/80-1436) zog als verwaister Knabe nach Frankreich und lernte dort die französische Sprache und das Handwerk eines Goldschmiedes. Um 1400 muss er wieder in Bern gewesen sein, denn in Urkunden erscheint er verheiratet, mit Kindern.
Schon früh tätigte er offenbar umfangreiche Geldgeschäfte, auch sind grosse Güterkäufe überliefert und von 1434 ist ein Wappenbrief von Kaiser Sigismund erhalten. Aus dem armen Waisenknaben war bald nicht nur ein reicher Berner, sondern einer der vermögendsten Männer des oberdeutschen Gebietes geworden. Dieses Vermögen erwarb er als Kaufmann, denn seine Sprachenkenntnisse hatten ihm einen umfangreichen Handel mit Frankreich ermöglicht.
Sein Enkel, Niklaus 2. von Diesbach (1430-1475) leistete ebenfalls Bedeutendes. Mit 14 Jahren schickte man ihn nach Barcelona, damit er Sprache und Handel erlerne. Scheinbar interessierte ihn die Politik mehr, denn 1465 treffen wir ihn als Schultheissen von Bern. In den Burgunderkriegen spielte er eine wichtige Rolle, starb jedoch 1475 vor deren Ende durch die Pest. Wie die von Diesbach in Bern, so waren auch die von Watt in St. Gallen hervorragende
|und vermögende Bürger: ein
Stammvater, Konrad, Bürgermeister, fiel 1403 bei
Vögelinsegg. Unter seinen drei Söhnen betätigte sich
vor allem Hug (1402 zum ersten Mal erwähnt - 1460/61)
für die Handelsgesellschaft. Sein Vetter, Peter von Watt
(-1462), zog 1427 nach Nürnberg, arbeitete dort als
Kaufmann und wurde bald in den Kreis der leitenden
Geschlechter aufgenommen.

Zur Gründung der Handelsgesellschaft muss es gekommen sein, weil zwei Parteien im Zusammenschluss eine Vermehrung der Kräfte suchten. In St. Gallen hatte sich das Leinwandgewerbe seit dem 14. Jahrhundert zur eigentlichen Industrie entwickelt; die Leinwand errang Weltruf und überflügelte Konstanz. Bern dagegen lag für einen Aussenhandel ungünstig, der Handel beschränkte sich dort auf die Versorgung der Stadt. Viel grösser waren Berns politische Interessen, bildete es doch Mittelpunkt eines weiten Landgebietes mit ansehnlicher Bevölkerung, und die Familien widmeten sich den Staatsgeschäften und dem Landbesitz.
Vielleicht spielte Niklaus l. bei der Gründung der Gesellschaft die entscheidende Rolle, denn der Sitz der Gesellschaft war Bern. Die erhaltenen Zollbücher von Barcelona zeigen, dass die Gesellschaft hauptsächlich mit Textilien Handel trieb, und St. Gallen muss den Haupthandelsgegenstand, die Leinwand, geliefert haben. Mit den Leinwandballen transportierte man auch Barchent-Stoffe nach Spanien, ausserdem Wolltücher und Filzhüte. In Spanien kaufte man vor allem Safran ein, währenddem aus dem Osten Wachs und Pelzwerk nach Mitteleuropa gebracht wurden.
Nach den überlieferten Dokumenten können neben Niklaus von Diesbach und Hug von Watt eine lange Reihe weiterer Teilhaber nachgewiesen werden, welche neben Bern und St. Gallen auch in Basel, Nürnberg, Breslau ihre Sitze hatten.
Schon mit 12-14 Jahren kamen die Lehrlinge mit der Gesellschaft in Kontakt. Nach vielen Jahren Lehrzeit begann für einen Gesellen ein anstrengendes wochenlanges Reisen, erstreckte sich doch das Handelsgebiet von Spanien bis nach Polen. Innerhalb der Gesellschaft hatten nicht alle dieselbe Stellung; viele legten einzig ihr Kapital an, denn das Vorhandensein von Kapital war von entscheidender Bedeutung.
|Die grössten
Risiken des Fernhandels lagen im Transport;
Überfälle drohten immer und überall. Diese geschahen
in selteneren Fällen aus reiner Raubgier, häufiger
gingen Kaufleute, die glaubten, gegen einen anderen
Ansprüche zu haben, zu offener Gewalt über, sahen sie
doch damals im Kampf ein Mittel privater
Rechtsverwirklichung.

Wahrscheinlich gab es innerhalb der Diesbach-Watt-Gesellschaft drei «Hauptherren» oder «Regierer», die mit den übrigen Teilhabern in Briefkontakt standen. Der schriftliche Verkehr gestaltete sich sehr umfangreich, und von allen Seiten liefen bei diesen Hauptherren die Nachrichten zusammen. Von Zeit zu Zeit fanden Gesellschaftstage statt: 1442 einer in Bern, 1450 einer in St. Gallen.
Die Auflösung der Gesellschaft erfolgte gegen 1460. Gründe sind unbekannt; in den fünfziger Jahren wird sie einfach immer weniger genannt. Verhängnisvoll wirkte sich zum Beispiel der alte Zürichkrieg von 1443-1446 aus, welcher das Gebiet zwischen Bodensee, Aargau und Basel jahrelang unsicher machte.
Die Bedeutung der Gesellschaft lag vor allem in ihrer Organisation. Eine bestehende Handelsform war zu bisher unerreichter Höhe entwickelt worden, und St.Gallens Leinenindustrie konnte auf dieser Grundlage weiterhin erstarken. Durch die Tätigkeit der Gesellschaft hatte sich der europäische
Nordosten erschlossen, und diese Beziehungen blieben auch nach deren Auflösung erhalten. Verschiedene Zweige des Watt'schen Geschlechts betätigten sich weiterhin im Handel. Ähnliche Nachwirkungen fehlten in Bern, und die Familie Diesbach ging rasch auf in Staatsgeschäften und im Patriziat.
Die erhaltenen Baumwollstoffe
Wie sahen die mittelalterlichen BarchentGewebe aus? Vermutlich handelte es sich in erster Linie um Gewebe für Kleidung und Wäsche, also für den täglichen Gebrauch. In unserer Zeit ist sozusagen nichts erhalten geblieben. Vielleicht stösst man bei der Restaurierung von mittelalterlichen Behängen zu-
fällig auf Futterstoffe aus Barchent. So fanden sich bei den Engelberger Antependien (ca. 1318; im Textilmuseum St. Gallen) kleine Reste von blau-weissen Stoffen, die aber keine Marken und wenig charakteristische Merkmale aufweisen und
|in allen Zeiten hergestellt
sein könnten. Ein besseres Bild vermitteln die Decken
mit eingewebten Tiermotiven. Seit dem 15.
Jahrhundert kannte man sie in der Gegend um Augsburg
herum, und wir finden sie abgebildet auf Tafelbildern
kleinerer Meister (Endrei 1985).

In verschiedenen Museen sind solche Tücher noch heute anzutreffen; zum grössten Teil stammen sie zwar aus dem 17. und 18. Jahrhundert, in ihren Motiven haben sie sich jedoch seit dem 15. Jahrhundert wenig verändert. Sie bestehen weitgehend aus Leinwand, aber die Zierleisten oder Musterstreifen, vor allem die blauen Partien, sind aus Baumwolle. Die Musterungen sind wohl von den Perugiatüchern beeinflusst, gewoben wurden sie im süddeutschen Barchent-Gebiet, manche im Tirol, wo man sie als Brixner-Tücher kennt (Ringler 1956). Die eingewobenen Buchstabenreihen mit den Wörtern «maria, ihs, aver (ave regina), o virgo» usw. deuten auf eine ursprüngliche Verwendung für kirchliche Zwecke. Erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhundert dürfte das Muster auch für profane Tücher Verwendung gefunden haben. Leintücher weisen meistens wenige Streifen auf, bei Tischtüchern kommen mehrere und breitere Streifen vor. Häufig erscheinen Rosen, stilisierte Blumen, Lebensbäume und Tiere, vor allem Hirsche und Hunde. Abstrakte geometrische Formen, Flecht- und Zickzackbänder gehören zum Formenschatz.
Einige dieser Decken sind in schweizerischen Sammlungen erhalten. Vielleicht führten Engadiner Familien sie via Inntal vom Tirol oder auch von Süddeutschland her ein.
Ein Einfluss auf die Engadiner Weberei lässt sich vor allem im Münstertal feststellen, denn hier webte man stilisierte Motive in ähnlicher Technik. Die Musterschüsse bestehen jedoch aus dunkler oder farbiger Wolle. Zeugnisse für das Barchent-Gewerbe aus Basel und Konstanz fehlen nach den heutigen Kenntnissen, und einzig aus Dokumenten von Wirtschaft und Handel erfahren wir, dass es sie gegeben haben muss.
Spinnen und Weben
Verschiedene Gebiete der Schweiz zeichneten sich in der Verarbeitung von Baumwolle aus. Im Kanton Zürich hatte man das Material bereits im 16. Jahrhundert gekannt, förderte die Obrigkeit doch damals das Baumwoll- und Bombasin-Gewerbe
|und legte zur Bekämpfung
der Armut 1570 ein Baumwollager an (Bodmer 1960; Wescher
1946). Das Verspinnen der Rohbaumwolle bildete vielerorts
eine Beschäftigung der armen Bevölkerung, wie eine
Studie über Armenberichte im Zürcher Oberland aus dem
17. Jahrhundert eindrücklich belegt. In einem solchen
Bericht heisst es: ...seine Frau ist zu Hause, «thut ihr
bestes mit Bouwelen spinnen» (Braun 1960: 28), oder im
Gemeindebuch von Dürnten um 1660: Jageli Wirth sei
gezwungen, mit seiner Frau und seinen Kindern zur
Winterszeit zu spinnen. Seine Frau vermöge in der Woche
mit den Kindern 15 Batzen zu erarbeiten. Sie spinne
zusammen mit dem 12jährigen Anneli. Der 15jährige
Hans-Jakob «spint und holzet», während der 21 jährige
Hans «diesmahl bey dem Vetter uff dem Tagwen ist»
(Braun 1960:24).

Das Arbeitsjahr bei erwachsenen Männern wird häufig bezeichnet mit «Geht uff den Tagwen, Winterszeit muss er spinnen». Im 18. Jahrhundert hat sich das Bild etwas verändert, ein anonymer Verfasser schreibt zum Beispiel: «an einigen Orte gebe es nur zu viele Leute, welche lieber spinnen, weben, lismen, als aber auf dem Felde zu arbeiten, weil sie in guten Zeiten ein ziemlich Stück Geld alle Wochen verdienen» (Braun 1960: 104).
Währenddem Pestalozzi Not und Elend der Spinner und Weber im Zürichbiet hervorhebt (Schläpfer 1984: 103), ist im Bericht Goethes alle Armut und Bedrückung verschwunden (Goethe 1885: 229). In seiner wohl etwas allzu idyllisch dargestellten Webstube läuft der Webstuhl, gehen Spinnund Spulräder, am Ofen sitzen die Alten und führen mit Nachbarn und Bekannten Gespräche, man singt auch oder lacht über witzige Einfälle. Neben diesem allgemeinen Stimmungsbild vermittelt der Dichter aber eine genaue Beschreibung der Arbeitsvorgänge: Zuerst erklärt er, wie die Baumwolle auf Maultieren über die Berge transportiert wird, dann spricht er vom Handelsmann, auch Sammler oder Garnträger genannt, der regelmässig in den abgelegenen Gebieten erscheint, neues Material in kleinen Partien bringt und das gesponnene Garn einsammelt. Neben der Baumwolle vermittelt er auch Nachrichten aus der ganzen Welt, und die Leute versammeln sich um ihn, wenn er ankommt.

|Die Frauen arbeiteten
vielfach mit der Handspindel. Beste Baumwollqualität mit
den längsten Fasern wurde lockenweise (die Einheit hiess
ein Schnitz) in Papiertüten (Briefen) aufbewahrt, und
daraus spannen sie das Brief- oder Löthligarn, einen
besonders feinen und eng gedrehten Faden. Nach dem
Spinnen wickelten sie das Garn auf einen Haspel mit Rad
und Zeiger. Tausend Umgänge hiessen ein
Schneller, und je nach Gewicht eines solchen
Schnellers rechneten sie die Feinheit des Garnes aus. Die
Spindelspinnerin bei Goethe bemerkte, sie spinne 120
Schneller aus einem Pfund, dies entspricht etwa 120
Kilometern. Die Radspinnerin verarbeitete aus derselben
Menge je nach Drehung der Garne 25-80 Schneller. Mit
ihrem Hand- oder mit dem Tretrad konnte sie in derselben
Zeit die doppelte Fadenlänge herstellen. Sie behauptete,
pro Tag würde sie etwa 4-5 Schneller spinnen, das sind
etwa 5000 Meter.

Im Kanton Glarus ist die Einführung des Baumwollspinnens auf Pfarrer Andreas Heidegger zurückzuführen, der sich 1714 von der Baumwollspinnerei im Kanton Zürich anregen liess (Blumer).
Eine enorm wichtige Erweiterung der traditionellen Textilzweige bedeutete die Baumwollspinnerei und Weberei in den Kantonen St. Gallen und Appenzell (Wartmann 1870).
Im 15. Jahrhundert hatte sich die Baumwolle hier nicht festsetzen können. Dies änderte sich im 18. Jahrhundert, als der aus einer Hugenottenfamilie stammende Peter Bion, um 1721 in St. Gallen als erster Barchent-Stoffe verkaufte. Das Material verarbeitete man vor allem im Kanton Appenzell, wo später die feinen Mousseline-Gewebe zur Spezialität wurden. H. Wartmann meint, die beiden
Kantone hätten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Fabrikation leichter Baumwollgewebe unbestritten an der Spitze der gesamten europäischen Baumwollweberei gestanden.
Im Toggenburg verspann und verwebte man ebenfalls Baumwolle, berichtet doch Ulrich Bräker (1735-1798) in seiner Lebensgeschichte (Bräker 1945), dass das Baumwollspinnen in seinem Dorf zu Ende der dreissiger Jahre eingeführt worden sei. Seine Mutter sei wohl eine der ersten Löthligarn Spinnerinnen gewesen. Auch über das Weben finden sich bei Bräker Notizen: «In meinem eigenen Häusgen machte ich einen Webkeller zurecht, lernte selbst weben,
|und lehrte es nach und nach
meine Brüder, so, dass zuletzt alle damit ihr Brot
verdienen konnten.» (Bräker 1985: 26). Die Webstühle
standen in der Ostschweiz im Gegensatz zum Kanton Zürich
in Kellern, denn vor allem die Mousseline erforderte bei
der Verarbeitung eine hohe Luftfeuchtigkeit (Schläpfer
1984).

Schliesslich sei der bernische Unteraargau genannt, der sich ebenfalls zu einem ausgedehnten Baumwollzentrum entwickelte (Bodmer 1960). Hier stellte man auch halbbaumwollene Zeuge her, und eine Buntweberei gab es bereits bevor sich diese im Toggenburg entwickelte.
In all den genannten Baumwollgebieten entstanden aus gröberen und mittleren Garnen Druckböden für Indiennes und aus den feinen Garnen Stoffe zu Krawatten, Halstüchern, Mouchoirs.
Mechanisierung
In England bahnt sich eine Entwicklung an, die für ganz Europa von grösster Bedeutung sein sollte. Der von John Kay 1733 erfundene Schnellschütze für den Webstuhl ermöglichte ein schnelleres Weben. Dadurch stieg der Garnverbrauch, die Handspinnerinnen konnten jedoch nicht Schritt halten und lieferten nicht genügend Garn. Nach jahrelangen Versuchen erfand J. Hargreaves 1764 die Mule-Jenny, eine Spinnmaschine, die sich nach der Verbesserung durch Samuel Crompton 1779 rasch verbreitete.
Englisches Maschinengarn fand bereits 1790 wegen seiner vortrefflichen Qualität auch Absatz in der Schweiz. Wenn die Schweizer Textilindustrie nicht untergehen wollte, so war eine Mechanisierung der Spinnerei dringend notwendig.
Die ersten Mule-Jennies konnten durch Vermittlung des Schweizer Konsuls in Bordeaux im Jahre 1801 im Kloster St. Gallen aufgestellt werden. Bald arbeiteten hier 120 Personen, meist Frauen und Kinder. Wenige Jahre später baute Zellweger in Trogen eine mechanische Spinnerei. Viele folgten, so auch Escher-Wyss in Zürich, welcher die Mule- Jennies weiterentwickelte und seit 1828 ausschliesslich Maschinen fabrizierte. Eine eigentliche Gründerwelle von mechanischen Spinnereien lässt sich in der Schweiz seit 1806 verfolgen (Bodmer 1960; Schläpfer 1984; Tanner 1982). Wichtige Fabrikzentren bildeten sich in den östlich Zürichs gelegenen Gebieten um Wald und Uster.
|Wohl hatte man die ersten
Spinnereien noch mit menschlicher Muskelkraft zum Laufen
gebracht; bald erkannte man, dass bereits ein kleines
Wasser-

rad ein Vielfaches davon leistet. Spinnereien entstanden nun an Wasserläufen, und bis ins 20. Jahrhundert bildeten Wasserräder die zahlenmässig am weitesten verbreiteten Kraftquellen.
Zwischen 1812 und 1838 entwickelte sich die Region des Aabachs zwischen Pfäffiker- und Greifensee zum wichtigen und wegweisenden Industriegebiet (Hanser 1985). Der Aabach ist ein kleiner Fluss, kaum 3 Meter breit, und er weist von einem See zum andern nur etwa 100 Meter Gefälle auf. Doch entstanden an seinen Ufern rund 30 Fabriken.
Die hohe Fabrikdichte erklärt sich daraus, dass der Pfäffikersee als grosses Regulierbecken wirkte und eine kontinuierlich fliessende Wassermenge gewährleistete. Niederschlagsarme Perioden mussten kaum, wie anderswo, mit Dampfmaschinen und teurer Kohle überbrückt werden.
In den Anfängen hatte die Kontinentalsperre Napoleons gegenüber England die Industrialisierung in der Schweiz gefördert, und erst als die Engländer wieder exportierten, ab 1816/17, zeigte sich ein Stillstand. 1813 gab es allein im Kanton Zürich 60 Spinnereien, und 1844 waren in 131 Betrieben über 10000 Menschen beschäftigt. Der Bezug von ausländischen Garnen hörte fast vollständig auf.
Ebenfalls ein Engländer, E.Cartwright, entwickelte 1784 den mechanischen Webstuhl, aber bis zu seiner Einführung in der Schweiz vergingen einige Jahre. Vor allem im Zürcher Oberland bildete sich ein vehementer Widerstand, und um 1830 wurde «die Hinterhaltung der mechanischen Webereien» und «die Beseitigung der Webmaschinen» gefordert. Als Trümpier & Gysi ihrer Spinnerei eine Maschinenweberei angliedern wollten, kam es 1832 zum Fabriksturm. Dadurch verzögerte sich die Mechanisierung der Weberei um Jahre (Hanser 1985).
Im Kanton Aargau entstanden die mechanischen Webereien mit geringerem Widerstand, und 1835 stand das Mittelland in der maschinellen Fabrikation an der Spitze (Bodmer 1960).
Im Kanton Appenzell liess die Mechanisierung auf sich warten. Die Tendenz ging vorerst in Richtung Spezialisierung der Heimindustrie. Nach 1820 verwendete man in der Ostschweiz die
|Schaftmaschine oder
Rotiere, welche Joseph Maria Jacquard 1805 in Lyon
erfunden hatte. Damit wurde die Produktion von
gemusterten Geweben vereinfacht, und die Buntweberei, vor
allem im Toggenburg, entwickelte sich (Bodmer 1960;
Schläpfer 1984; Tanner 1982).

Eine weitere wichtige Erfindung tätigte Johann Konrad Altherr aus Teufen (AR) mit seinem Plattstich-Webstuhl um 1832 (Schläpfer 1984). Mittels einer Broschierlade liessen sich einfache Stickdessins mit dem Webstuhl täuschend nachahmen. Um 1843 waren im Appenzellerland 7000 bis 8000 Handwebstühle mit Broschierlade in Betrieb, und von 1905 bis 1907 erlebte die Industrie noch einmal eine Blüte. Die Krise nach dem Ersten Weltkrieg überlebte sie jedoch nicht. Plattstichgewebe verwendete man als Gardinenstoffe und als Kleiderstoffe. Diese Art der Weberei konkurrenzierte die Kettenstich- oder Grobstickerei.
Der Zeugdruck
Seit den 1680er Jahren wanderten mehr und mehr Hugenotten in die Schweiz ein, und als 1685 das Edikt von Nantes widerrufen wurde, mussten die französischen Protestanten ihre Heimat endgültig verlassen. In der Schweiz fanden die meisten keine bleibende Zuflucht, doch viele von ihnen gaben Handel und Gewerbe neuen Auftrieb. Auf dem Gebiet der Textilien brachten sie neue Artikel und neue Fabrikationsprozesse. So führten sie in Bern zum Beispiel die Strumpfwirkerei ein, bemühten sich um Seidenraupenzucht, und ihr Einfluss auf dem Gebiet der Baumwollverarbeitung war gross. In vielen Fällen gründeten Hugenotten Manufakturen, in denen sie die hauptsächlich in der
Schweiz produzierten Baumwollgewebe mit neuen Verfahren bemusterten. Diese komplizierten Druck- und Färbevorgänge konnte ein Einzelner zu Hause nicht ausführen, und eine Heimindustrie war auf diesem Gebiet von Anfang an undenkbar.
Die neuen Manufakturen entwickelten sich zunächst vor allem in der Westschweiz: Daniel Vasserot stellte schon seit 1691 am Genfersee prachtvolle Indigoartikel her, und andere Firmen holten sich bei ihm Ratschläge über Blaudruckverfahren. Der Kaufmann Jacques Deluze und der Indiennes-Drucker Jean Labran gründeten 1734 das Unternehmen in Le Bied bei
|Colombier, und im Jahre 1750
liegen die Anfänge der Fabrique neuve bei Cortaillod,
die sich im 19. Jahrhundert zur grössten Indiennes
Druckerei der französischen Schweiz entwickeln sollte.

Die hugenottischen Kaufleute Jeremie Pourtales, Schwiegersohn von Deluze, und später dessen Sohn Jacques Louis Pourtales trugen wesentlich dazu bei, dass die toiles peintes neuchâteloises ihren Weg in die Welt fanden (Deonna 1930; JeanRichard 1968). Im Kanton Aargau erlangten die Unternehmen der Gebrüder Brütel Bedeutung, in Basel war es die Familie Ryhiner, die sich um die Technik des Zeugdruckes bemühte.
Um Baumwolle einzufärben, musste sie, anders als Wolle oder Seide, umständlich vorbehandelt werden. Auch gestaltete sich das Färben von ganzen Geweben komplizierter als das Einfärben von Garnen. Es scheint, dass man zuerst farbige Garne verwebte, denn die frühen Baumwollstoffe sind sehr oft blaugestreift (JeanRichard 1968). Gute Waschechtheiten brachten Waid oder Indigo. Letzterer wird aus Blättern und Stengeln der Indigopflanze in langwierigen Verfahren gewonnen, und nicht minder schwierig gestaltete sich die Applikation der Farbe. Zunächst wurde ein blaues Farbbad entwickelt, in welchem sich alle Gewebeteile blau färbten, die mit diesem in Berührung kamen. Sollte nur eine bestimmte Zeichnung diese Farbe annehmen, so war es nötig, den ganzen übrigen Stoff mit einem Schutzkleister abzudecken. Solche Reservemusterungen bedeuteten einen grossen Arbeitsaufwand, und man suchte nach einfacheren Druck- oder Pinselfarben. Der Erfinder dieser Direktdruckmethode ist nicht bekannt, aber man weiss, dass schon im beginnenden 18. Jahrhundert in Neuenburg ein Pinselblau, auch Englischblau genannt, verwendet worden ist. Im Rezeptbuch des Baslers Jean Ryhiner finden sich seit 1746 mehrere datierte Rezepte für diese Pinselfarbe.
Für einen weiteren Höhepunkt, den die Stoffdruckerei in den Jahren 1850-1860 im Kanton Glarus erreichte, sind die Hugenotten nicht mehr direkt zuständig. Zwar hatten sich die Glarner gute hundert Jahre früher mit hugenottischen Färbemethoden auseinandergesetzt, und Friedrich Streiff lernte bei Jean Labran in Genf, indigogefärbte Tücher herzustellen. Aber der eigentliche Grund zu diesem Aufschwung im 19. Jahrhundert, zu einer Zeit, in der sich die Kattundruckerei in den
|anderen Kantonen bereits
stark im Niedergang befand, muss die Herstellung
von Spezialitäten für fremde Märkte gewesen
sein. Für die Türkei fabrizierten die Glarner
Turbantücher, die Yasmas oder Türkenkappen, und Conrad
Blumer nahm nach seiner Indienreise um 1840 den
Batikdruck in sein Fabrikationsprogramm auf. Vor allem
die in Java beliebten Sarongs wurden mittels Druck
nachgeahmt. Die gesuchten Batik Merkmale liessen sich
jedoch nur erhalten, wenn man die charakteristischen
Wachsadern und Risse in die Druckplatten aus hartem
Buchsbaumholz miteinbezog und die Musterung zudem
beidseitig auf den Stoff aufdruckte (Blumer; JeanRichard
1968).

Ein weiterer wichtiger Fabrikationszweig war der Buntätzdruck (Blumer). Es sei hier kurz auf die Geschichte dieses Druckverfahrens eingegangen. Mit der Krappwurzel liess sich eine braunrote Farbe erzielen; Baumwolle aber leuchtend rot zu färben bedeutete eine besondere Kunst, musste doch die Faser vor dem Färbeprozess in bis zu 20 Operationen vorbehandelt werden; eine Arbeit, die zwei Monate dauern konnte.
Das Färbeverfahren muss zuerst in Persien, in der Türkei und in Griechenland bekannt gewesen sein; darauf gelangte die Kenntnis nach Frankreich, wo man seit 1747 Garne türkischrot einzufärben wusste. Seit 1784 ist in Zürich im Drahtschmidli eine Türkischrotfärberei bekannt. Später, als es möglich war, auch Gewebe einzufärben, entstand der Wunsch, diese zu bemustern und sie weiss und bunt zu ätzen. Die Methode ist auf Daniel Köchlin aus Mülhausen zurückzuführen, der 1811 den Stoff mit verdickten organischen Säuren bedruckte. Ein anschliessendes Chlorkalk-Bad zerstörte an diesen Stellen den roten Farbstoff augenblicklich. Nun liessen sich andere Farben einfärben: zuerst Gelb, später Blau und auch Grün.
Als erster Betrieb im Kanton Glarus nahm die Firma Egidius Trümpy & Cie 1817 die Türkischrotfärberei und den Buntätzdruck auf. Hier entstanden ausserdem die Lapisartikel, das war eine Kombination von Indigo-Reservedrucken und Türkischrot-Buntätz-Verfahren. Man vermutet, diese Firma habe auch als erste in den 1820er Jahren aus England eine einhändige Rouleauxdruckmaschine eingeführt, welche zum Druck der Indiennes und Meubles Verwendung fand.
|Druckstoffe haben sich in
Privatbesitz und in Museen von Kanton Neuenburg und
Kanton Glarus erhalten. (In diesem Katalog werden einige
im Kapitel über Wandbespannungen erwähnt.)

Handel zur Zeit der Industrialisierung
Die Handelsbeziehungen, welche die Ostschweiz seit dem 15. Jahrhundert mit den europäischen Städten gepflegt hatte, erwies sich auch im Zeitalter der Industrialisierung als sehr wichtig. Seit 1463 fanden in Lyon pro Jahr vier Messen zu je 15 Tagen statt. In dieser Zeit waren alle Abgaben aufgehoben, und es bestand Freiheit der Niederlassung.
1516 hatten die Schweizer Kaufleute Zusicherung freien Handels und Wandels erhalten, und um die Erhaltung dieser Privilegien kämpften sie bis ins 18. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert dominierten die Schweizer unter den fremden Kaufleuten in Lyon, und die Ostschweizer traten mehr und mehr hervor.
Genannt sei Laurenz Wetter (1654-1734) aus Herisau, der sein Handelszeichen um 1699 ins Markenbuch von Lyon eintragen liess. Aus Trogen stammt die erfolgreiche Kaufmannsdynastie der Zellweger. Das Handelszeichen von Conrad Zellweger-Tanner (1659-1749) ist seit 1717 in demselben Markenbuch vorhanden. Schon Zellwegers Vater hatte in Lyon eine Handelsniederlassung gegründet, und seine Söhne schickte er zur gründlichen kaufmännischen Ausbildung hierher. Weitere Zellweger Generationen gründeten Handelsniederlassungen in Barcelona und in Genua, und sie wurden als hervorragende Kaufleute in ganz Europa bekannt. Johannes Zellweger-Hirzel (1730-1802) galt als einer der erfolgreichsten Appenzeller seiner Zeit. Seine drei Söhne erreichten nicht immer ihr gewünschtes Ziel.
Erwähnt sei Jakob Zellweger-Zuberbühler (1770-1821), der sich als Landammann ganz der grossen Politik hingab. In seinen späteren Jahren setzte er sich für Hortense, Mutter von Napoleon III., ein und ermöglichte ihr 1816 eine Molkenkur in Gais, ja bot ihr 1820 sein Haus in Trogen an, als man ihr drohte, sie müsse Arenenberg verlassen. Sie soll dankend abgelehnt haben, da ihr das Trogener Klima zu kalt war! (Schläpfer 1984) Zeugnis von den guten Jahren zwischen 1750 und 1798 und den wohlhabenden Bürgern legt auch die
|Bautätigkeit ab. Vor und um
1770 entstanden die prachtvollen steinernen Häuser auf
den Dorfplätzen. Ausgezeichnete Stukkateure, wie Andreas
Moosbrugger, arbeiteten hier. Einheimischer, bedeutender
Baumeister der Epoche war Joh. Ulrich Grubenmann.

In der Ostschweiz entwickelte sich die Textilindustrie auf der Grundlage der Heimindustrie (Bodmer 1960; Schläpfer 1984; Tanner 1982). Flachsanbau und Flachsverarbeitung bedeutete für den Kleinbauern eine ideale Ergänzung zu seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit. Man spann mehr, als man brauchte, und brachte den Überschuss zum Verkauf in die Stadt.
Zur Zeit des Leinenanbaus existierten Verkaufs- und Verlagssystem nebeneinander. Seit dem 18. Jahrhundert und dem aufkommenden Baumwollgewerbe setzte sich das Verlagssystem immer mehr durch und mit zunehmender Industrialisierung erwies es sich als sehr flexibel. Die Verlagsarbeiter verkauften nicht mehr in erster Linie die Früchte ihrer Arbeit, sondern ihre Arbeitskraft selber. Wenn die Sticker Einzelsticker waren und zu Hause ihre eigene Stickmaschine besassen, bedeutete dies für den Kaufmann ein Angebot an Arbeitskraft und Produktionsanlagen, die weder Investitionen verlangten noch Betriebskosten verursachten. Zudem konnten sie, wenn nötig, die vorhandenen Arbeitskräfte voll ausschöpfen, ausweiten oder unbeschäftigt stehen lassen. Die Heimindustrie ermöglichte, die Arbeitskosten zu senken und die Profitrate oder zumindest die Konkurrenzfähigkeit zu steigern. Neben dem Kaufmann hatte der von ihm instruierte Mittelsmann, der Fergger, eine wichtige Stellung. Diese Fergger konnten für verschiedene Häuser arbeiten und besassen manchmal selber Maschinen.
Auch sie waren von den Kaufleuten nicht fest angestellt, sondern übernahmen Bestellungen unter Festsetzung des Lohnes und der Lieferfrist.
Das Verlagssystem eignete sich bei reiner Handarbeit oder dort, wo Anschaffung und Unterhalt von Maschinen für den Einzelnen tragbar waren. Sobald aber komplizierte technische Einrichtungen nötig wurden, wie z. B. bei der Herstellung von Indiennes, so lohnte es sich, diese an einem Ort zu konzentrieren. Die Arbeit vollzog sich in der Manufaktur oder später in der Fabrik.
|Die Stickerei
(vergleiche auch cotton,
2003 und Schweizerische Weissstickereien, 1989)

Seit jeher verzierte man gewebte Stoffe, und seit dem 13. Jahrhundert haben sich aus dem Bodenseegebiet bestickte Leinendecken erhalten. (vgl. Leinenstickereien 1990)
In unserem Zusammenhang sollen lediglich Stickereien auf Baumwollgeweben behandelt werden.
Eine ganz neue Auffassung im Besticken von Geweben lässt sich ab etwa 1750 für weisse Baumwollwaren feststellen. Das früheste heute bekannte Datum liefern Dokumente, aus denen hervorgeht, dass das St. Galler Haus Gonzenbach, Schlumpf Söhne im Jahre 1753 ostindische Mousseline im Vorarlberg besticken liess (Wartmann 1870). Anregung zu diesen Kettensticharbeiten sollen von St. Galler Kaufleuten in Lyon beobachtete türkische Stickerinnen gegeben haben.
Mit einem Häklein und mit dem Tambourierrahmen arbeiteten diese Türkinnen offenbar ungewöhnlich rasch, und es ist anzunehmen, dass die St. Galler Kaufleute vor allem von dieser frühen Form der Mechanisierung beeindruckt waren. Seit 1801 verwendeten die Stickerinnen den unterlegten, also reliefartigen Plattstich, wie man ihn in Genua kannte. Zu den beiden Ziertechniken gesellten sich Durchbruchverzierungen, in der Schweiz Zughöhl genannt, in der Art des Point de Saxe, der sich im 18. Jahrhundert in Sachsen (Deutschland) zu hoher Perfektion entwickelt hatte. Im 19. Jahrhundert lernten die Frauen zudem Spitzenstiche in französischer Art ins Gewebe einzufügen. Nicht nur Sticktechniken, auch Mustervorlagen kamen aus Paris nach St. Gallen und Appenzell. Für die Stickerinnen bedeutete dies zunächst eine Schule des guten Geschmackes; sie lernten rasch und zeichneten ihre Entwürfe bald selber.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind in der Stickerei zwei Strömungen sichtbar: Die ältere Kettenstich- oder auch Grobstickerei spezialisierte sich mehr und mehr auf die Vorhangstickerei. Seit etwa 1830 gab es daneben die Feinstickerei, die einen wirtschaftlichen und qualitativen Höhepunkt zwischen 1840 und 1857 erreichte. Die feinen Plattstich- und Durchbruchstickereien liessen sich nach Frankreich und England und seit 1820 zudem nach Nordamerika verkaufen.

|In der Mitte des
Jahrhunderts nahm die Konkurrenz von billigen
Arbeitskräften zu, der amerikanische Bürgerkrieg zu
Ende der fünfziger Jahre brachte eine Verminderung des
Exportes und damit einen Rückschlag in der Produktion.
Schliesslich verdrängte die aufkommende
Maschinenstickerei die feine Handstickerei nach
Appenzell-Innerrhoden. Hier lebte sie als
Spezialitäten-Stickerei bis weit ins 20. Jahrhundert
hinein weiter.

Von den Stickereien des 18. Jahrhunderts haben sich in der Schweiz nur wenige Beispiele erhalten, da man sie ja zum überwiegend grössten Teil ins Ausland verkaufte. Weisse, mit Kettenstich verzierte Trachtenhauben sind fast die einzigen Zeugnisse von Kettensticharbeiten der frühen Epoche. Erhaltene Dreieck-, Halstücher, Tauftücher, Schürzen können ebensogut im beginneden 19. Jahrhundert entstanden sein.
Von H. Wartmann erfahren wir (Wartmann 1870), dass im 18. Jahrhundert eine grosse Menge dieser Stickereien hergestellt wurden, denn er spricht von 30000 bis 40000 Personen, die in der Stickerei tätig waren. In seinem Brief von 1797 an Christiane Vulpius erwähnt Goethe ein Kleid mit Blümchen und Halstüchern, die der Dichter für sie und die Kinder bestellt habe «...erwarte es von St. Gallen, wo die Fabrik ist...». Ein datiertes Beispiel aus dem frühen 19. Jahrhundert ist der Schleier oder Schal, den Zellweger etwa 1806 für Kaiserin Josephine in Auftrag gab. Er hatte sich um Zollerleichterungen bemüht, diese kamen aber nicht zustande, und deshalb blieb der Schal im Kanton Appenzell (heute Trogen, Kantonsbibliothek).
Schriftliche Quellen erwähnen bereits für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Produktion von Vorhängen (Wartmann 1870). Von den erhaltenen Beispielen sind jedoch keine mit Sicherheit so früh datierbar. Die beiden Vorhänge mit Rütlischwur und Wilhelm Tell im Schweizerischen Landesmuseum könnten aus jener Epoche stammen, sichere Anhaltspunkte fehlen. Ein grosses Stück in New York ist um 1853 datierbar, wegen seines Zusammenhanges mit der dortigen Weltausstellung.
In der Feinstickerei stellte man seit den 1830er Jahren eine grosse Menge von fein verzierten Taschentüchern her und bestickte Teile von Kleidungsstücken, wie Kragen, Manschetten, Haubenböden. Eine sichere Datierung in dieses frühe 19. Jahrhundert ist hier ebenfalls unmöglich.
|Erst eine Tischdecke
im Textilmuseum St. Gallen gibt genauere
Anhaltspunkte. Sie wurde gewissermassen als Musterdecke
und zur Demonstration der Fähigkeiten für die Londoner
Weltausstellung von 1851 gearbeitet. Bei einigen
im Appenzeller Heimatmuseum aufbewahrten Mustertüchern
lässt sich die Herstellungszeit etwa abschätzen, weil
die Lebensdaten der Stickerinnen bekannt sind. Frau
Büchler-Fässler (1819-1872) probierte 124
Stickerei-Effekte aus, Frau M.Antonia Fässler-Dörig
(1827-1908) stickte 65 Motive auf mehrere
Stoffstücklein. Ebenfalls zu der

feinen Handstickerei gehört das prachtvolle Leintuch und die Kissen mit Reliefstickereien aus Privatbesitz. Solche Reliefarbeiten galten als besondere Schweizer Spezialität und wurden an verschiedenen Weltausstellungen lobend erwähnt.
Im 20. Jahrhundert lebte die Feinstickerei in Appenzell weiter, und unter dem Einfluss des Kunstmalers H. C. Ulrich bekam sie von ca. 1914-1920 neue Bedeutung. In Weissbad bei Appenzell beschäftigte dieser Künstler in seinem Atelier Stickerinnen, die sich im Figurensticken und in der Wiedergabe von Profilansichten übten. Zu dieser Zeit waren die Zughöhl-Techniken bereits etwas in Vergessenheit geraten, aber auf Anregung des Malers verwendete man sie wieder vermehrt. Die Decke mit der stickenden Appenzellerin vor der Alphütte, aus Privatbesitz, mag aus dieser Zeit stammen.
Im 20. Jahrhundert bis gegen 1930 entstanden runde, kleinere Tischdecken, die zum Teil sehr reich mit Stickereien verziert sein können. Die schönsten Beispiele mit Darstellungen von Hofanlässen und Hauskonzerten befinden sich im Ausland, einige einfachere, zum Beispiel die Decke mit Darstellung der Jahreszeiten, konnte das St. Galler Textilmuseum in den letzten Jahren erwerben, weitere erhielt es geschenkt.
Die Mechanisierung hinterliess ihre Spuren auch in der Stickerei. Ein mechanischer Stickstuhl wurde bereits im Jahre 1828 gekauft, er bedurfte aber noch der Weiterentwicklung und Verbesserung. Seit 1855 erhielt diese sogenannte Handmaschinenstickerei immer grössere Bedeutung, dies vor allem wegen der amerikanischen Absatzmärkte, die sich für die neuen, billigen Entre-Deux und Bandes sehr interessierten. Die Arbeit an der Handstickmaschine war Männerarbeit. Auf langen Stickstühlen entstanden Motive je nach Grösse gleichzeitig 100- oder 200mal.
|Diese ersten Stickstühle
betrieb man von Hand, zum Teil half Wasserkraft und
später Elektrizität.

Eine Weiterentwicklung der Handmaschine ist die von Isaak Gröbli (1822-1907) aus Uzwil im Jahre 1865 erfundene Schifflimaschine, die vor allem seit den 1890er Jahren weite Verbreitung in der Ostschweiz und im Vorarlberg fand.
Eine andere Art der Mechanisierung entwickelte sich mit der einnadligen Maschine. Hier stickte die Stickerin ein Motiv nach dem anderen, arbeitete aber wesentlich schneller als von Hand. Die erste Maschine, die sog. Cornely-Maschine, eignete sich für die Kettenstichstickerei und wurde 1867 in Paris erworben. Andere, Nähmaschinen gleichende
Stickmaschinen bezeichnet man heute noch als Lorraine-Maschinen. Auf ihnen lassen sich Plattstichstickereien ausführen. Die Cornely-Maschine verwendete man vor allem für die Verzierung von Vorhängen. Als Beispiel sei der bei der Herisauer Firma J. G. Nef & Co. AG entstandene Vorhang mit dem Gebirge «Jungfrau» genannt, welcher an der Pariser Weltausstellung von 1889 gezeigt wurde und sich heute im Heimatmuseum von Herisau befindet.
Über die Blütezeit der Maschinenstickerei berichtet der St. Galler Textiler Otto Alder (1849-1933) in seinen Lebenserinnerungen (Alder 1933). Er machte eine kaufmännische Lehre in einem Exportgeschäft, das unter anderem mit Baumwollstoffen, mit Kettenstichvorhängen und buntgewobenen Toggenburger Artikeln handelte. Als Zwanzigjähriger reiste er nach Singapore und arbeitete dort vier Jahre lang in einem Stoffgeschäft. Im Frühling 1873 kehrte er in seine Heimat zurück und wunderte sich sehr über die vielen, während seines Auslandaufenthaltes entstandenen Stickfabriken.
Mit dem Bekannterwerden der Maschinenstickereien änderten sich die Handelsformen, und die Fabrikanten versuchten in diesen Jahren selber zu exportieren. Als Teilhaber eines solchen Fabrikanten hatte Alder die Aufgabe,
den Export der Firma zu organisieren, und es gelang ihm ziemlich rasch, in England Fuss zu fassen. Seine Tätigkeit beschränkte sich nicht auf den blossen Verkauf, er entwickelte ein feines Gefühl für aufkommende Moden, und das Herausfinden und Herausbringen von Nouveautés prägte seine berufliche Laufbahn.

|Bibliographie bis zum Jahr 1986:|
|Einen weiteren Wandel auf
dem Gebiet der Maschinenstickerei zeigte sich
darin, dass die grössten amerikanischen Kunden in St.
Gallen selber Geschäftshäuser mieteten oder bauten. Sie
errichteten sogar Fabriken in Stadtnähe oder auf dem
Lande.

Wegen der Kompliziertheit und des Risikos, das mit dem Herstellen von Nouveautes verbunden war, blieben diese Firmen aber weiterhin gute Kunden der angestammten St. Galler Stickereiunternehmer.
Eine bedeutende Neuerung dieser Jahre, die der Maschinenstickerei einen Höhepunkt brachte, war die Erfindung der Aetzspitze, auch Dentelle de Saint-Gall genannt. Charles Wetter und sein Chemiker in Herisau fanden 1883, dass Seide in Chlorlösung zerstört werden kann. Sie liessen also mit Baumwolle auf Seide sticken und ätzten darauf dieses Grundgewebe im Chlorbad weg, so dass nur die Stickerei übrigblieb. Otto Alder machte eine zusätzliche Erfindung, dank welcher die festonnierten Partien nach dem Aetzbad glatt und frisch blieben. Sein Spezialgebiet wurde die Filetspitze. In Pariser Antiquariaten stöberte er alte Spitzen auf und ahmte diese so perfekt nach, dass sogar Fachleute den Unterschied zwischen echter und Maschinenspitze kaum erkannten.
|Alder, Otto:
Weltausstellung in Paris 1889, Schweiz, Stickerei

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|content||Last revised 25 June, 2011|