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«Ich bin nur ein Schatten / der im Gras spielt»
Florian Vetsch erinnert sich an einen guten Freund und «Outlaw of the Spirit»: den US-amerikanischen Dichter, Fotografen und Filmemacher Ira Cohen, der am 25. April 2021 vor zehn Jahren gestorben ist.
Ira Cohen war eine grosse Inspiration für mich. Ich habe von niemandem so viel über das Machen von Poesie gelernt wie von ihm. Und so denke ich heute mit grosser Dankbarkeit an ihn zurück.
Welches mein Lieblingsgedicht von Ira Cohen ist? – Dies hier:
MEMORY
This music was meant to be
played for the Gods. When kings
wanted to hear it, it began
to die.
Annapurna Devi
Once when I was in India
it occured to me that if I sat
by the Ganga & wrote a poem
every day & offered it to the river
it would be a great thing to do –
I did do it at least once & then
some years later I wrote a poem
in NYC & threw it out the window
for the sake of the wind & for
the memory of days gone by.
(I am nothing but a shadow
which plays in the grass.)
ERINNERUNG
Diese Musik war ursprünglich nur
für die Götter bestimmt. Als die Könige
sie zu hören begehrten, begann sie
unterzugehen.
Annapurna Devi
Einst kam ich in Indien
auf den Gedanken, dass es eine grossartige Sache wäre
Tag für Tag am Ganges ein Gedicht
zu schreiben & es dem Fluss zu opfern –
Mindestens einmal hab ich’s getan & dann
schrieb ich Jahre später in New York
ein Gedicht & warf es aus dem Fenster –
als Gabe für den Wind & zur
Erinnerung an verflossene Tage.
(Ich bin nur ein Schatten
der im Gras spielt.)
Cohens Memory handelt von ephemerer, flüchtiger, transitorischer Kunst. Es erinnert an die Praxis des chinesischen Zen-Dichters Ku Yün, der seine Gedichte auf Bäumen und Mauern publiziert oder auf ein Rindenstück ritzt und dem Wasser anheimgibt. Es widerspiegelt zugleich die Eitelkeit und Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns, wenn es die Feststellung des altgriechischen Dichters Pindar anklingen lässt: «Schattens Traum, das ist der Mensch.»
Wir wissen nicht, wann der Traum abbricht, wann unser Schatten erlischt und die Erde die Stelle nicht mehr kennt, auf die er einst fiel…
Ira Cohen sah ich zum letzten Mal im April 2010. In meinem vergriffenen Tagebuch Im Ledig House – Ein Frühling in New York (Books Ex Oriente, München 2012) steht über den Besuch bei dem damals 75-jährigen Dichterfotografen Folgendes:
New York City, JFK, Fr, 23. April 2010
Von der Penn Station mit einem Yellow Cab zu Ira Cohen. Bondi, die liebenswürdige Schlafmütze, machte auf. Das Wiedersehen war ungemein herzlich. Ira nahm gerade sein Mittagessen ein. Wir sprachen über die anstehenden Bücher. Auf dem Taifor lag ein altes schwarzes Notizbuch mit versilbertem Rücken und versilberten Coverecken aus den 70er Jahren. Es barg Fotos aus Iras Kindheit, Fotos von seinen Eltern, deren Hochzeitseinladung von 1929, Gedichte aus Amsterdam, Kathmandu, den Beginn des «Stauffenberg Zyklus», Fotos von Petra Vogt, von Ira in Tanger, Notizen eines Gesprächs mit Ganesh Baba… Hieraus liesse sich mit den entsprechenden Mitteln leicht ein schönes Faksimile machen. Kopierte von Hand in der knappen Zeit von einem in das schwarze Notizbuch eingelegten hauchdünnen Blatt dieses mit lila Tinte geschriebene Poem:
The Poet Has Lost His Tongue & Bells Are Ringing In His Ears
July 28, ´78
And in the midst of that secret rhetoric
spoke a truer tongue graved in gardens
of stone
addressing black mouth pieces
Akbar never guessed the price
of his throne
What ravishments of shanghaied
souls
would break on his head in pose after remembered
pose
as Akbar sought to escape the miracle
of the worm eaten by the rose
and the rhetoric of the heart hid
as only Akbar knows silent
the sibilance of silenced sirens
under the weight of epochal close
Ira las das Gedicht für mich. Dann rezitierte er auswendig eine ganze Strophe aus Song to Nothing. Ich hoffe, dass er seine ungebrochene Erinnerungskraft zurückerhält! In den letzten fünf Minuten unseres Zusammenseins organisierte Ira noch ein Telefon mit Bobby (Robert) Yarra, in dessen Verlag eine Biografie über Vali Myers erschienen ist, die ich unbedingt lesen will.
Unter der Tür meinte Bondi, Ira sei seit langem nicht mehr so gut drauf gewesen!
Freilich blieben Cohen und ich in ständigem Kontakt bis kurz vor seinem Tod: telefonisch und postalisch, wie wir dies seit vielen Jahren getan hatten. Ihn begeisterte im Sommer 2010 die Neuauflage des zweisprachigen Buches Wo das Herz ruht (Stadtlichter Presse, Wenzendorf), seines letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichtbandes.
Und ich wusste und sah, dass er an den Folgen diverser Attacken litt; auf eine frühere Hospitalisierung wegen eines Hirnschlags bezieht sich denn auch diese Dedikation aus meiner Sammlung 43 neue Gedichte (Songdog, Wien 2009):
Rosenblätter
27. Jan. 2008
Rosenblätter auf dem Tisch
Erinnern mich für immer an dich
Filzte Ira Cohen vor Jahren in sein Notizbuch
Ira, der jetzt im Jewish Home, Manhattan, liegt
Seit Wochen am Genesen, zäh
Nur 3 Blocks entfernt von seiner uralten Bleibe
In der schon sein Vater & seine Mutter starben (beide
Taub, deshalb gehen beim Klingeln des Telefons
Noch immer Lämpchen an, völlig
Irr inzwischen). Diese unvordenkliche Wohnung
Mit den fussschmalen Gängen zwischen Haufen
Stapeln, Türmen von Aufnahmen, zwischen in die
Zimmer wuchernden Regalen, dort
Thront er in der Sofa-Ecke, den Reichsapfel
Eine Frauenbrust in der Hand – hatte ihn heute
An der Strippe, den maladen Zauberer von Oz
Seine Zunge, schwer von Medikamenten
Charmierte: «It’s never too late for kisses.»
Ira Cohen (1935 – 2011) war ein US-amerikanischer Dichter, Fotograf und Filmemacher aus der Post-Beat-Ära und wuchs in der Bronx als Kind tauber jüdischer Eltern auf. Er verbrachte die 1960er-Jahre in Marokko und Amerika, die 70er in Kathmandu und kehrte, nach einem dreijährigen Aufenthalt in Amsterdam, nach New York City zurück, wo er bis zu seinem Tod, unterbrochen von vielen Reisen, lebte.
Doch dass Cohens Ende so nah sein würde, hätte ich nicht vermutet. Genau ein Jahr nach meinem Besuch, am 23. April 2011 – ich war gerade aus den Frühlingsferien in Marokko zurückgekehrt –, las ich in einer E-Mail von Bobby Yarra, Ira Cohen sei ins Rehabilitationszentrum Isabella an der 515 Audubon Avenue eingeliefert worden, gleich beim Harlem River Park, in eine der qualifiziertesten Kliniken landesweit, er befinde sich in guten Händen.
Auf meine bohrende Nachfrage antwortete Bobby am Tag darauf plötzlich, es gehe Ira sehr schlecht, er glaube aber nicht, dass Ira in Todesgefahr schwebe, obschon er gesagt habe, er würde gerne sterben; er sei gestürzt und habe sich einer Knieoperation unterziehen müssen, dann sei eine Infektion aufgetreten…
Mich überraschte es nicht, zu hören, dass Ira ans Sterben dachte; im Gespräch hatte er Suizid in den letzten Jahren schon öfters in Erwägung gezogen, jedes Mal aber wegen seiner Kinder Lakshmi und Raphael Aladdin verworfen – er konnte schon länger nicht mehr so leben, wie er es wollte und seit seiner Jugend getan hatte: ein rollender Stein, stets auf Achse, in Nordafrika, Äthiopien, Kambodscha, Indien, Nepal, Japan, in Sydney, Paris, Amsterdam, London, den USA…
Auf Bobbys Nachricht schickte ich meine besten Wünsche, erhielt jedoch am Ostermontag, den 25. April 2011, tief in der Nacht diese Zeilen von ihm:
Working at the Buddha
factory
I dreamt that one day
I would be free!
Ira flew away today at approx. 6:30 PM.
Als schliessliche Todesursache wurde Nierenversagen festgestellt.
Über die Beisetzung berichtete der Musiker Ira Landgarten: «Ira Cohen wurde am 27. April 2011 neben seinen Eltern und Grosseltern im Mount-Lebanon-Friedhof in Queens bestattet. Während der Beisetzung zog ein einzelner Falke seine Kreise über dem offenen Grab… etliche von uns Trauernden sahen, wie er sich vom Aufwind emportragen liess. Wie passend, dieser Seelenvogel, typisch Ira!»
Ja, welch schönes Zeichen beim Heimgang von einem Menschen, der eines der umwerfendsten Gedichte der Weltpoesie über Vögel geschrieben hatte; es ist der japanischen Dichterin Kazuko Shiraishi gewidmet und 2001 als Bodoni-Poesie-Blatt (Waldgut, Frauenfeld) erschienen:
TOKIO VOGELHAUS
Tokio, Juli ´88
Alles begann damit, dass Kazuko sagte:
«Ich möchte dich in mein Vogelhaus einladen»
Dann entdeckte ich jene Briefmarke
mit ihrem Abbild, einem rosa
Inka Kakadu mit 7 Punkten
auf dem weissen Kamm,
mit kleinem messerscharfem Schnabel, rotumsäumten
Augen & weissen Flügeln sitzt er auf einem Baum in
OCCUSSI-AMBENO
Ich wusste, ich war die braune Eule
von Kap Verde, dazu verdammt, die ganze Nacht
wachzubleiben
hungrig nach frischem Fleisch wie jene verletzte
Eule
die ich in Katmandu zwangsernährte, Tag für Tag
Bald konnte ich mir die Vögel nicht mehr aus dem Kopf
schlagen
erinnerte mich, wie sich die Schrift aus dem Flug
von Kranichen entwickelt hatte, aus kalligraphischen
Formationen & Vogelspuren im Sand
Palamedes & Valmiki –
Dann brachten mich Attars Vogelgespräche
durcheinander
auch ich wollte ins Zentrum der Sonne
fliegen/
Dann tauchte der magische Eisvogel
aus meiner Kindheit auf, die Krähe, die mit
brennendem Docht
im Schnabel durch die Lüfte flog & das Dharma beschrieb
Südindiens Pondicherry-Vogel
der die ganze Nacht rief: «Ich habe Fieber!
Ich habe Fieber!» – Fiebervogel
nannten wir ihn
Ich erinnere mich an die Feder, wie sie zu Boden
schwebte
an das leuchtende Federgewand, Quetzalcoatl
deine dreiäugige Pfauenfeder überreichte
der König von Nepal einem Kaiser von
China
Dies ist kein Gedicht, aber ein Pasticcio
aus Schwalben & Tukanen
eine Hymne aufs Fliegen
ein Zartgebinde für Tauben
deinen Specht, der die Baumgeister
aufscheuchte
grosse flügellahme Vögel
eine Hymne aufs Gesicht, das unter jedem Flügel steckt
auf den Falkenköder
geblendete Vögel, Leierschwänze
Vögel, die munden
Papageien & Elstern, Ziegen Melker
das Schlaf-Ei.
«Ich möchte dich in mein Vogelhaus einladen»,
sagtest du.
Wie ich auf Ira Cohen kam? – Im Sommer 1997 sprach mich die Künstlerin Lisa Schiess in ihrem Appenzeller Haus auf ihn an. Sie hatte ihn anlässlich einer Lesung mit Gerard Malanga in Manhattan kennengelernt und vermittelte mir, der ich Paul Bowles‘ Gedichte auf Deutsch im Erker Verlag herauszubringen (Nichtsnah, St.Gallen 1998) im Begriff war, seine Telefonnummer.
Den Namen Ira Cohen kannte ich bereits, wusste, dass er mit Burroughs zu tun gehabt und ein langes Interview mit Bowles geführt hatte. Doch bald sollte sich herausstellen, dass ich lediglich die Landzunge des Kontinents erahnte, den Ira Cohens Schaffen bestellte. Noch am selben Abend hatte ich ihn am Apparat.
Florian Vetsch, 1960, lebt in St.Gallen. Er übersetzte von Ira Cohen den Essay DAS GROSSE REISPAPIER-ABENTEUER VON KATHMANDU (Books Ex Oriente, 2011) und die Gedichtsammlungen BRIEF AN KALIBAN & ANDERE GEDICHTE (Altaquito, 1999), WHERE THE HEART LIES/WO DAS HERZ RUHT (Rohstoff, 2001, Stadtlichter Presse, 2010) sowie, zusammen mit Axel Monte, ALCAZAR (Moloko Print, 2021). Zudem co-edierte Vetsch, zusammen mit Etrit Hasler, IRA COHEN – IN MEMORY OF (Fabrikzeitung Nr. 272, Juni 2011) und brachte A NIGHT IN ZURICH heraus, eine postume Kollaboration mit Ira Cohen und Jürgen Ploog (Der Kollaboratör 2012, Gonzo 2018).
Das Gespräch war die Initialzündung einer enorm produktiven Freundschaft, der zahlreiche Fotos und Gedichte, Beiträge in Literaturzeitschriften von den entwürfen bis zur MAULhURE sowie fünf zum Teil mehrfach aufgelegte Bücher entspringen sollten.
Und bereits das erste Gespräch war typisch für all die zahllosen Telefonate, die ich mit ihm noch führen sollte: Es dauerte etwa anderthalb Stunden und Ira sprach in einer Art ekstatischen Logorrhoe, während ich gespannt lauschte, denn er war ein unerhört faszinierender Erzähler.
Wenige Tage danach trudelte ein Umschlag mit Fotos und Gedichten ein; in dem Stapel mit den Gedichten waren viele von Hand geschrieben. Der Umschlag wies Stempel, originelle Briefmarken, Textsprengsel und wuchtige leuchtende Lettern auf: Ira Cohen war auch ein Mail-Artist; seine Korrespondenz allein mit mir wuchs über die Jahre auf weit über eine Elle an: Jede Postkarte, jeder Briefumschlag, jedes Couvert daraus ist ein Unikat – selbst Pakete manipulierte er.
1998 lernte ich Cohen in Erlangen persönlich kennen. Er tourte mit der belgischen Nadine Ganase Dance Group durch Europa und hatte gerade seine marokkanische Textsammlung Minbad Sinbad bei Didier Devillez, Brüssel, herausgegeben. Eindrücklich schloss er die multimediale Performance im Erlanger Opernhaus mit ein paar Sentenzen in der Gebärdensprache ab, um der Community, der er als Sohn tauber jüdischer Eltern entsprossen war, zu zeigen, dass er zu ihnen gehörte.
Im Hotel redeten wir noch bis in die Frühstunden – Ira litt an Insomnia. Ich erinnere mich, dass er mich in jener Nacht mit einer subversiven Aussage zur Frage nach der Qualität von Texten, die für eine Anthologie oder ein Magazin ausgewählt werden, überraschte: «It doesn’t matter if it is not that good.»
Ich hatte den Kopf noch zu voll von der Akademie, um nicht total verblüfft zu sein. Doch der anarchisch gestimmte Ira lag völlig richtig: Wer qualitative Standards setzt, stellt Hierarchien auf – und diese sind im kulturellen Kontext oft der Spiegel herrschender Machtverhältnisse und sozialer Ausschliessungsprozesse.
Unter Kennern gilt Cohen als Post-Beat-Dichter ersten Ranges; er selbst, der mit literarischen Schnitttechniken experimentierte und Brion Gysin, den Erfinder der Cut-up-Technik, seinen grössten Inspirator nannte, bekannte sich lieber zur Wortalchemie, zu Dada und dem Surrealismus, zu Dante und Rimbaud.
Die Trancemusikerin, Sanskrit-Übersetzerin und Dichterin Louise Landes Levi hatte ihren alten Freund in Manhattan wenige Wochen vor seinem Tod besucht. Dabei nahm sie auf, wie er I Am Not A Beat las, das Gedicht, in dem Cohen sagt, wie er sich selbst sieht:
I AM NOT A BEAT
I am not a Beat
though I have performed
with them all etc.
I am an Electronic
Multimedia Shaman,
a Naga Hipster
an Akashic Agent
an Outlaw of the Spirit
I am the One out of
a Hundred
I am the Bearded Iris,
the flower of chivalry
with a sword for a leaf
& a lily for a heart,
I am the Rainbow – –
a hybrid of celestial
hues
blue in the end,
a message between
Gods.
I am your shadow in the
darkness,
your reflection in the
mirror
I am the Jack in your box.
ICH BIN KEIN BEAT
Ich bin kein Beat
obschon ich mit allen
von ihnen
auf der Bühne stand etc.
Ich bin ein Elektronischer
Multimedia Schamane,
ein Naga Hipster
ein Agent der Akasha-Chronik
ein Gesetzloser des Geistes
Ich bin der Eine
aus einem Hundert
Ich bin die bärtige Iris,
die Blume der Ritterlichkeit
mit einem Schwert als Blütenblatt
& einer Lilie als Herz,
Ich bin der Regenbogen – –
eine Mischung ätherischer
Farbtöne
blau zuletzt,
eine Botschaft zwischen
Göttern.
Ich bin dein Schatten im
Dunkel,
deine Reflexion im
Spiegel
Ich bin dein Schachtelteufel.
Die Audioaufnahme, die Louise Landes Levi wenige Wochen vor Ira Cohens Tod gemacht hat.
Das aus dem Sanskrit stammende Wort «akash» ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis von Ira Cohens Schaffen: Ursprünglich bedeutet es «Himmel, Äther, die alles durchdringende Substanz», in Cohens Lesart jedoch auch «lichtwärts, der Offenbarung entgegen, die Wolkendoktrin, die ungeschriebene Geschichte der Menschheit, Gottes Memorabilien, das universelle Radio, die sublime Kassette, der verborgene Sinn des verborgenen Sinns». Vor diesem vielschichtigen Hintergrund verstand sich Ira Cohen als «Agent der Akasha-Chronik».
Sein eingangs zitiertes Gedicht Memory schliesst mit der Klammerbemerkung «I am nothing but a shadow / which plays in the grass», und auch in I Am Not A Beat begegnen wir einer Selbstcharakterisierung, die mehr auf die Kraft, die Energie, die Transformation und den Augenblick setzt als auf die Form, das Werk, das Definitive und die Dauer.
Cohen hinterlässt ein weit verstreutes Werk. Er wirkte als Fluidum, Energizer und Katalysator – insbesondere in seinem Mylar-Studio in Manhattan und an der Reispapier-Handpresse in Kathmandu. Und er war als Dichter unübertrefflich im Verbinden des Hohen mit dem Niedrigen, des Surrealen mit dem Banalen, des Ästhetischen mit dem Politischen, der Geschichte mit der Gegenwart.
Er baute einfach alles in seine Poesie ein – sogar einen Strafzettel, wie das Gedicht Hip Hip Harass zeigt, das auf eine Ausgabe des Thurgauer Literaturmagazins «Harass» anspielt und einen Blick auf einen Tag im Leben von Ira Cohen freigibt (Ira gefiel an dem Titel des Thurgauer Magazins übrigens, dass er, englisch ausgesprochen, wie «her ass» klingt!):
HIP HIP HARASS
Dienstag 27. Febr. 2001, NYC
Was für ein Tag! Stinkbesoffen bin ich aufgewacht
mit umgedrehtem Magen, tauben
Füssen, geschwollenen Beinen, einem Schmerz
im Arm – einige fruchtlose
Telefongespräche, ein Streit über
gar nichts, mit einem guten Freund
& dann kommt ein Polizeiwagen
auf einer leeren Strasse angefahren (16. Str. & 10. Ave.)
wo ich gerade unter physischer Pressur pinkle
Glück gehabt, dass ich nicht gleich drei
Vorladungen gekriegt hätte, meint die Polizistin
Ich schätze, ich könnte den rosa Wisch rahmen lassen
den sie mir für öffentliches Urinieren aushändigte
Diogenes fällt mir ein, der zu seiner Zeit dafür
berühmt war, doch heute ist das, mehr noch
als damals, eine philosophische
Antithese
Bush Zwei sagt er wolle vorwärts schreiten
doch mir kommt’s wie rückwärts vor
Isn’t It Rich? schmettern die Schlagzeilen,
ein gutes Lied für einen, der arm ist
aber worüber soll ich mich mit 66
beklagen? Ich sitze im Tagine an der 40. Strasse
esse ein leckeres marokkanisches Mahl
& höre einem Jazztrio zu, das durch
die Nacht swingt
Eine Postkarte, die ich an Lakshmi schrieb
ist soeben in der Schweiz publiziert worden
von der Gruppe Thurgau, Bodensee
& Rhein
Danke Florian, danke Hamid
Ich erinnere mich an den Fisch,
ich glaube er hiess Felchen
und kommt nur im Bodensee vor,
schon die Römer hatten ihn
in einem anderen Millennium auf der Zunge
I Cover the Waterfront lautet der Titel
des Stücks & dank Adolphe Sax
geht der Beat weiter unter diesen farbigen Glas-
Lampen aus Tetuan
Erlesene Hirnfahrt nenne ich das
O Herr, deine Lampe ist mein Häubchen!
In der Tat besuchte Cohen St.Gallen zweimal. 2005 las er zur Eröffnung der Syrano Bar im Linsebühl (siehe Saiten, Februarheft 2008) – unvergesslich für alle, die dort waren! Und über die Lesetour 2000 habe ich in A Night in Zurich (Gonzo, Mainz 2018) folgende Episode über Cohen und die Bratwurststadt festgehalten:
Nach der Lesung in der Kunsthalle pickte ich Ira Cohen am 18. September 2000 vor dem Mittag im Hotel Dom auf. Ein Taxi sollte uns zum Bahnhof bringen. Doch Ira wollte unbedingt noch im Antiquariat von Louis Ribaux gleich neben dem Hotel stöbern. Also wartete das Taxi, bis der «Multimedia-Schamane» mit zwei, drei Trouvaillen zurückkam, darunter Franz Graf Poccis Viola Tricolor (Insel Bücherei Nr. 988), das er mir ausgiebig zeigte. In seiner Mail-Art verwendete Cohen mitunter Graf Poccis Einfall, Gesichter mit dem Motiv des Wilden Stiefmütterchens zu überkleben, etwa wenn er Postkarten oder Fotokopien manipulierte. Das Taxi brachte uns zum Bahnhof, wo wir gerade noch Zeit hatten, eine Bratwurst zur Stärkung zu ergattern, die wir genüsslich im Zug nach Zürich verzehrten.
Leute vom Kino Xenix standen am Bahnhof bereit und brachten uns ins Cinema, dann zum Hotel Franziskaner. Wir bezogen die Zimmer, ruhten etwas aus. An der Bar bestellte Ira gegen 18:00 Uhr einen Pastis, ich fand das eine gute Idee und tat es ihm gleich. Inzwischen war auch der deutsche Cut-up-Autor Jürgen Ploog im Franziskaner angekommen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich schätze, dass Cohen und ich in der Folge mindestens drei, wenn nicht vier Pastis an der Hotelbar tranken (der Boden bebte jedenfalls unter mir) und dass wir, obwohl die Lesung im Xenix auf 19:30 Uhr angesagt war und wir genügend Zeit gehabt hätten, ca. 20 Minuten zu spät kamen. Doch so gegen acht sassen Ira und ich vor den Mikrofonen. Es waren ungefähr 200 Leute da.
Der Saal war pumpenvoll. Und Ira trat die wahnsinnigste Lesung los, die ich je erlebt habe. Sie dauerte ca. zwei Stunden, war also ein definitiver Schlag gegen die Regel aus dem Literaturbetrieb, eine Lesung dürfe nicht länger als 40 Minuten dauern! «I’m a maximalist», beliebte Ira sich selbst zu bezeichnen. Er legte mit einer ausschweifenden Begrüssung los, stellte mich und ihn als Laurel & Hardy vor, las, zwischen frei eingestreuten Passagen, seine «killer poems» From the Moroccan Journal, Benares Poem, A Visit from Leonardo, Imagine Jean Cocteau etc., bezauberte das Publikum.
Neben ihm sitzend, spürte ich die immensen Vibes, die von ihm wie Stromschläge ausgingen. Er scheute sich nicht einmal davor, ein Gedicht (sic!) mitten im Vortrag zu unterbrechen, einen «rap», wie er es nannte, einzuflechten, also zu einem Wort oder einem Vers spontan etwas zu erzählen, und dann im Gedichtvortrag einfach fortzufahren, als wäre nichts gewesen. Solch einen souveränen Umgang pflegte Cohen mit angeblich fixen Grössen. Wie gesagt, die Leute waren aus dem Häuschen, und der Barde erntete einen langen, langen Applaus. Anschliessend wurden wie in St.Gallen die Filme gezeigt, und Cohen signierte Bücher, extensiv, wie er es liebte, auch noch draussen in der linden Nacht. Zufrieden zogen wir uns schliesslich zurück, assen irgendwo, assen gut.
Und kamen weit nach Mitternacht in den Franziskaner zurück, satt von dem reichen Abend.
(…)
Am nächsten Morgen schauten Ira und ich noch einmal im Xenix vorbei. Eine junge Arbeitskraft begleitete uns gerne zum Bahnhof. Unterwegs kamen wir an einer Mauer mit Graffitis vorbei, die Mickey Mouse, Snoopy, Woodstock und Donald Duck feierten, wobei Ira sofort die Gelegenheit ergriff, mich davor mit der Mitarbeiterin des Xenix zu fotografieren.
Nach dem Mittag fuhren wir denn zurück nach St.Gallen. Das Teuflische war, dass wir am Zürcher Hauptbahnhof erneut auf die Idee verfielen, eine Bratwurst zu essen. Denn die bekam Ira gar nicht. Unterwegs erklärte ich ihm, dass St.Gallen eine Hochburg für die Produktion qualitativ hochstehender Bratwürste sei und deswegen weit herum gerühmt werde, dass es in ganz Europa keine Stadt gebe, die ihre Bratwurstrezepte eifersüchtiger hüte als sie und die es, was Bratwürste betreffe, mit St.Gallen auch nur im entferntesten aufnehmen könne. Mit dem, was sich in seinem Magen abspielte – auch mir war ziemlich grummelig –, glaubte mir Ira das sofort.
Am Bahnhof von St.Gallen angekommen, fragte er nervös: «Where’s the bathroom?» Ira musste dringend auf die Toilette. Wir rannten mit all dem Gepäck die Gleise entlang, die Leute drehten sich nach dem bärtigen Hünen um, der schrie: «Where’s the bathroom? I’m exploding! I could shit the walls all over!» – und der sich gerade noch rechtzeitig ins WC am Ende des Bahnhofs retten konnte.
Soweit diese Episode. – Dem Geehrten, der mitunter mit «your favorite funambulist» zeichnete und über einen unglaublichen Humor verfügte, wäre es nicht Recht gewesen, wenn ich diese Handvoll Erinnerungen an ihn ohne ein Augenzwinkern geschlossen hätte.
Textnachweise
Ira Cohen: Memory / Gedichte; Tokio Vogelhaus; Hip Hip Harass. Aus Ira Cohen: Wo das Herz ruht (aus dem Amerikanischen von Florian Vetsch). Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2010
Ira Cohen: I Am Not A Beat / Ich bin kein Beat. Aus Ira Cohen: Alcazar (aus dem Amerikanischen von Axel Monte und Florian Vetsch). Moloko Print, Pretzien 2021