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| Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])

Dreizehnte Homilie
3.
Wir haben also schon neulich zur Genüge bewiesen, daß wir ein natürliches Gesetz in Bezug auf das Gute und Böse besitzen. Damit aber der Beweis für uns noch deutlicher werde, wollen wir uns bemühen, denselben Stoff heute neuerdings zu behandeln. Daß nämlich Gott dem Menschen, als er ihn im Anfang erschuf, eine solche Einrichtung gegeben, daß er Beides zu unterscheiden vermochte, das beweisen sämmtliche Menschen; denn wenn wir sündigen, scheuen wir uns alle selbst vor denen, die uns Unterthan sind. Oft geht ein Herr einem unkeuschen Weibsbilde nach; erblickt er dann einen seiner bravern Diener, so schämt er sich dessen und kehrt von diesem ungeziemenden Wege zurück. Ferner, wenn uns Andere Namen beilegen, die unsere Laster bezeichnen, so nennen wir das einen Schimpf, und geschieht uns Unrecht, so fordern wir die Thäter vor das Gericht. So wissen wir also, was Laster, was Tugend ist. Dieses lehret auch Christus und zeigt, daß er nichts Neues, Nichts, was unsere Natur übersteige, gebiete, sondern nur das, was er schon lange im Voraus unserm Gewissen eingepflanzt hat. Nachdem er also so oft das: „Selig seid ihr” gesprochen, sagte er: „Was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut auch ihr ihnen.” 1Es bedarf da nicht vieler Worte, sagt er, keiner langen Gesetze, keines weitläufigen Unterrichts: dein Wille sei dein Gesetz. Willst du, daß man dir Gutes erweise? Thue Andern Gutes! Willst du, daß man sich deiner erbarme? Erbarme dich deines Nächsten! Willst du gelobt werden? Lobe Andere! Willst du geliebt werden? Liebe! Willst du die ersten Stellen einnehmen? Überlasse [S. 267] sie zuerst einem Andern! Sei du der Richter, sei du der Gesetzgeber deines eigenen Wandels! Und wieder: „Was du nicht willst, 2 das thue auch einem Andern nicht.” 3Durch diesen Ausspruch treibt er uns an, das Laster zu fliehen, durch den erstern, die Tugend zu üben. Was du nicht willst, das thue auch einem Andern nicht! Willst du nicht beleidiget werden? Beleidige du Andere nicht! Willst du nicht beneidet werden? Beneide du Andere nicht! Willst du nicht betrogen werden? Betrüge du Andere nicht! Und das gilt ohne Ausnahme in allen Fällen: Wenn wir diese zwei Grundsätze festhalten, so werden wir keiner weitern Belehrung bedürfen; denn die Erkenntniß der Tugend hat Gott unserer Natur eingepflanzt, ihre Ausübung aber und die Vervollkommnung darin unserm Willen überlassen. Vielleicht ist dieser Satz etwas dunkel; ich will ihn also mehr zu verdeutlichen suchen. Um zu wissen, daß die Mäßigkeit etwas Löbliches sei, bedürfen wir keiner belehrenden Worte; denn diese Erkentniß liegt in unsrer eignen Natur; es ist nicht nöthig, mit Anstrengung und Mühe sich herumzutreiben und Umfrage zu halten, ob die Mäßigkeit etwas Gutes und Heilsames sei, sondern wir alle bekennen es einstimmig, und Niemand zweifelt an dieser Tugend. So halten wir auch den Ehebruch für etwas Böses und bedürfen auch hier, um die Bosheit dieser Sünde kennen zu lernen, keiner Anstrengung und keiner Belehrung, sondern wir fällen da alle aus uns selber das nämliche Urtheil: wir preisen die Tugend, wenn wir sie auch selber nicht üben, gleichwie wir das Laster hassen, wenn wir gleich selbst es begehen. Und das ist uns zur größten Wohlthat Gottes geworden, daß er unser Gewissen und unsern Willen im Voraus und vor der That der Tugend geneigt, der Bosheit aber abgeneigt machte. Es liegt also, wie ich gesagt, die Erkenntniß dieser beiden Gegensätze schon im Gewissen aller Menschen, und wir brauchen [S. 268] gar keinen Lehrer, sie kennen zu lernen; die Übung der Tugend hingegen ist dem Willen, dem Eifer und den Bemühungen anheimgestellt. Warum denn? Weil wir, hätte Gott Alles der Natur überlassen, ohne Krone und Belohnungen blieben; und gleichwie die Thiere für die guten Eigenschaften, die sie von Natur aus besitzen, weder Lob noch Belohnung empfangen, so würden auch wir von all dem Nichts zu genießen bekommen; denn die Geschenke der Natur gereichen nicht dem Besitzer, sondern dem Spender zum Lob und zum Preise. Darum hat Gott nicht Alles der Natur überlassen. — Aber auf der andern Seite hat er auch dem Willen nicht die ganze Last, nämlich die der Erkenntniß und der Vollführung aufbürden wollen, damit er nicht vor der Mühsal der Tugend erschrecke; sondern das Gewissen diktirt dem Willen, was er zu thun hat, bei der Ausführung aber ist dieser selbstständig thätig. Daß die Mäßigkeit etwas Löbliches sei, begreifen wir ohne jegliche Mühe; denn diese Erkenntniß gibt die Natur; wir können aber diese Tugend nicht üben ohne uns anzustrengen, ohne die Genußsucht zu zügeln, ohne uns viele Mühe zu geben; denn Dieß ward uns nicht, wie die Erkenntniß, von Natur aus zu Theil, sondern es ist dazu Fleiß und Eifer erfordert. Gott hat uns aber die Bürde nicht nur auf diese, sondern auch noch auf eine andere Weise erleichtert, dadurch, daß er uns gewisse, wirklich verdienstliche Naturanlagen verlieh. Es ist uns nämlich allen natürlich, mit den Beleidigten zugleich zornig zu werden (denn wir hassen die Schmäher alsbald, wenn uns auch selber Nichts zu Leide geschehen); sich mit Denen zu freuen, die Schutz und Hilfe erlangen; Mitleid zu fühlen, wenn Andere leiden; an gegenseitiger Liebe Vergnügen zu finden. Denn wenn auch die Lebensverhältnisse zuweilen scheinbar einen gewissen Mißmuth erzeugen, so tragen wir dennoch zu einander eine gemeinschaftliche Liebe, was auch jener Weise mit den Worten andeutet: „Jedes Thier liebt seinesgleichen, so auch der Mensch seinen Nächsten.” 4 [S. 269]
1: Matth. 7, 12.
2: Ὃ μισεῖς ═ was du hassest.
3: Tob. 4, 16.
4: Pred. 13, 19.