Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03568.jsonl.gz/881

Der Waadtländer Filmemacher Francis Reusser ist vergangene Nacht an seinem Wohnort in Bex gestorben, umgeben von seinen Angehörigen. Er war 78 Jahre alt. Die Cinémathèque suisse verliert einen Freund und einen der wichtigsten Filmemacher aus der Westschweiz. Seit vielen Jahren arbeiteten wir zusammen an der Restaurierung seiner Werke und hatten in dieser Zeit des Lockdowns soeben seinen Film Seuls als VOD ausgestrahlt. Unter den gegebenen Umständen wird der Film auf unserer Website frei verfügbar bleiben.
1942 in Vevey geboren, verlor Francis Reusser seine Eltern im Alter von zwölf Jahren. Das rebellische Kind verbrachte die späten Jugendjahre in einer Erziehungsanstalt und absolvierte eine Ausbildung als Fotograf an der Schule in Vevey. Der Pressefotograf für die Semaine Sportive in Genf liess sich bei der Télévision suisse romande zum Kameramann ausbilden. Er gehörte mit François Albéra zu den Gründern der Filmabteilung an der Ecole supérieure d’Arts visuel (ESAV) in Genf, der heutigen HEAD. Politisch sehr engagiert, war er bei allen sozialen und kulturellen Kämpfen mit dabei, und ab 1968 trugen viele Filmtraktate seine Handschrift. Anfang der 1970er-Jahre nahm er an den Demonstrationen des Comité Action Cinéma in Lausanne teil, was ihm eine vorübergehende Inhaftierung bescherte.
Seine Laufbahn als Filmer begann schon 1964 mit Antoine et Cléopâtre, für den er sich stark von Jean-Luc Godards ersten Filmen inspirieren liess. 1966 gründete er mit Yves Yersin, Jacques Sandoz, Claude Champion und dem Filmkritiker und späteren Produzenten Freddy Landry die Filmproduktionsfirma Milos Films und realisierte einen der vier Kurzfilme, Patricia, des Gemeinschaftswerks Quatre d’entre elles, das 1968 herauskam und in Cannes und Locarno vorgestellt wurde. Die im Titel genannte Patricia ist in der Tat Patricia Moraz, damals Schauspielerin, die später bei Reussers erstem und ebenfalls von Milos Films produziertem Langspielfilm, Vive la mort, die Koautorin des Drehbuchs und der Dialoge war. Vive la mort, lehnt sich mit Wut und Humor gegen die Gesellschaft und die Väter auf; der Film wurde 1969 an der ersten Quinzaine des réalisateurs in Cannes gezeigt.
Im folgenden Jahr realisierte er mit dem Kollektiv Rupture, gewissermassen in Weiterführung seiner Filmtraktate, den Dokumentarfilm Biladi, une révolution, einen der ersten Filme (vielleicht sogar der erste überhaupt), der in den Palästinenserlagern gedreht wurde. Ebenfalls mit Patricia Moraz für das Drehbuch entstand 1976 Le grand soir, eine desillusionierte Reflexion über jenen berühmten «grand soir», der 1968 nie wirklich stattfand. Noch im selben Jahr gewann der Film den Goldenen Leoparden in Locarno. Danach kam Seuls (1981), der am Zipfel des Genfersees so renommierte Schauspieler wie Niels Arestrup, Bulle Ogier, Michael Lonsdale, Christine Boisson und Olimpia Carlisi vereinte. Der poetische Film wurde an die Quinzaine des réalisateurs eingeladen und ebenfalls in Locarno präsentiert. Während der Restaurierung des Films, an der wir uns mit der RTS beteiligten, liess er uns mehrmals wissen, dass Seuls sein Lieblingsfilm war, der Film mit den schönsten Farben dank Renato Bertas Aufnahmen.
Dann verliess er die Ufer des Genfersees und ging in die Berge, wo er seine erste Adaption (1981) des Romans Derborence von Charles-Ferdinand Ramuz realisierte, mit Isabel Otero, Jacques Penot und Bruno Cremer. Der für den Wettbewerb in Cannes ausgewählte Film erhielt den César für den besten Film in französischer Sprache. Der Film ist sowohl ein historischer Rückblick als auch eine moderne Vision des Romans und beeindruckt durch seine Lyrik. Zurück in der Ebene machte er seinen nächsten Film, La Loi sauvage (1988) mit Lucas Belvaux und Michel Constantin. Ein illusionsloser Krimi rund um die Figur des Vaters, dessen Spuren vom Wallis entlang der Rhone bis nach Genf führen. Dann zog es Reusser wieder in die Höhe, wo er auf der Grundlage von Carlo Bollers Pauvre Jacques das Musical Jacques et Françoise (1991) realisierte, mit Geneviève Pasquier und François Florey, der ebenfalls kürzlich verstarb. Anschliessend widmete er sich wieder Ramuz und adaptierte La guerre dans le Haut-pays (1999) mit Marion Cotillard und François Marthouret in den Hauptrollen. Der Film spielt in den Jahren 1797/98, als die Truppen Napoleons das Waadtland besetzten. Der Film wurde an der Berlinale im Wettbewerb gezeigt und vertrat die Schweiz bei der Oscar-Verleihung für den besten ausländischen Film.
2003 blickt er in Les printemps de notre vie (2003) auf seine militanten Jahre zurück, und trifft auf seine alten Freunde und Mitstreiter in Zeiten kollektiver Projekte und Utopien – wo er die kollektive Wahrnehmung jener Zeit auf den Prüfstand stellt. Dann folgte ein Fernsehfilm, Voltaire et l’affaire Calas (2007) mit Claude Rich, und Ma nouvelle Héloïse (2012), eine Neuinterpretation des Textes von Jean-Jacques Rousseau, und der Dokumentarfilm La terre promise (2014), der den Chor des Kollegiums St. Michael aus Freiburg auf eine Konzertreise nach Palästina begleitet. Dabei sei erwähnt, dass Reusser nebst seinen Kinofilmen auch oft Dokumentarsendungen für die Télévision suisse romande realisierte.
Francis Reusser war schon seit einiger Zeit krank, weshalb er im letzten Sommer nicht nach Locarno reisen konnte, um sich die restaurierte Version von Le Grand soir, der 1976 den Goldenen Leoparden erhalten hatte, mit uns anzuschauen. Er sandte uns aber aus seinem Spitalzimmer eine Videopostkarte mit einer berührenden Nachricht, die heute wie ein letztes Zeichen vor der Nacht klingt, wie ein Postskriptum zu seinem letzten Film, La séparation des traces (2018), einem autobiografischen, teils bitteren, teils belustigten Essay, der uns Lust machte, sein ganzes Werk nochmals zu sehen.
Im September 2019 erhielt er an einem seiner letzten öffentlichen Auftritte den Grand Prix der Waadtländer Kulturstiftung aus den Händen des Regisseurs Lionel Baier und der Regierungsrätin Cesla Amarelle.
Letzten Dienstag, während eines Instagram-Live-Chats mit Lionel Baier, würdigte Jean-Luc Godard Francis Reusser und hob hervor, dass dieser im Gegensatz zu den Älteren der Groupe 5 seinem Geburtsort immer sehr nahe geblieben sei: «Er hat die Schweiz noch nie verlassen und lebt mit einem Fuss im Wasser, mit dem anderen in den Bergen. Er hat eine Hodler-Seite an sich – übrigens plant er etwas über den Maler Ferdinand Hodler.» Dieses Projekt (La passion Hodler) wird nun leider nie verwirklicht werden, doch auch ohne dieses war das ganze Leben des Filmemachers Francis Reusser von Bildern der Berge und des (Genfer-)Sees geprägt: Selten hat ein Schweizer Filmemacher den See so oft – und so schön – gefilmt wie er. Er war zweifellos einer der kritischen Zeitzeugen des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts in der Schweiz, und er liebte es, zu meckern, zu filmen und zu leben. Salut Francis, du wirst uns schmerzlich fehlen.
Frédéric Maire
Die Cinémathèque suisse wird Francis Reusser öffentlich Ehre erweisen, sobald die Kinos wieder geöffnet werden dürfen.
Seuls (1981), restaurierte Version, frei zugänglich (Code : cscinema)
Videobotschaft von Francis Reusser zur Einführung seines Films Le Grand Soir am 72. Filmfestival Locarno.
Francis Reusser in der Cinémathèque suisse, Mai 2018
Porträt von Francis Reusser von Pierre-Yves Borgeaud anlässlich der Preisverleihung der Waadtländer Kulturstiftung
Anzahl Bilder 1 / 6