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Text für den Katalog der Ausstellung "Antonio Ruiz" von Raoul Ris im Mai 2022. Bild: Toreilles von Raoul Ris
Ich kenne Antonio Ruiz nicht. Auch als er im Jahre 2015 nach einer Reise von Valencia quer durch Frankreich für eine Ausstellung nach Bern kam, habe ich ihn nicht getroffen.
Es könnte jedoch sein, dass ich in Südfrankreich, wo er offenbar zeitweise lebte und malte, ein Bild von ihm gesehen habe. Ich besuchte in Rivesaltes das grösste Internierungslager Europas, in dem Geflüchtete aus dem spanischen Bürgerkrieg, Roma, dann Juden, Deutsche und Italiener, später Kämpfer der algerischen Befreiungsfront, Harkis und schliesslich Flüchtlinge eingesperrt waren. Daraufhin wollte ich im nahen Opoul etwas trinken. Doch das Restaurant „Lézard“ hatte dicht gemacht. Durch das Glas der Eingangstüre konnte ich an der Wand gegenüber ein Bild sehen, das mich sehr an Antonios Bilder in Bern erinnerte. Vielleicht lag es am dämmrigen Licht, dass ich zuerst nichts erkennen konnte, weder Farben noch Formen, bis sich langsam horizontale Linien heraus kristallisierten und ich schliesslich realisierte, dass es sich um einen Strand handelte, an dem sich Meereswellen brechen wie am Strand gleich hinter dem Camp de Rivesaltes.
Vielleicht malt Antonio Ruiz jetzt Meeresstrände und es würde mich nicht wundern. Seit sieben Jahren ist nichts passiert. „Wir schaffen das“, hiess es damals und seit diesem Ausspruch hat sich Europas Unfähigkeit im Umgang mit Flüchtlingen immer stärker an seine Meeresstrände verlagert. Im gleichen Jahr wurden in Europa negative Zinsen eingeführt, ein Ausnahme-Zustand der vorher undenkbar war und doch bis heute andauert. Seither zahlen wir den Preis für die Rettung des Finanzsystems, und bald wird der Preis für den Umgang mit der Pandemie noch obendrauf geschlagen, erklärte mir kürzlich im Norden Schwedens an einer Tagung Kevin Casas-Zamorro, der Generalsekretär von IDEA, einer UNO-Organisation welche Forschung und Unterstützung für Demokratie und Wahlen anbietet. Ich fragte ihn auch nach Antonio, aber er konnte mir nicht helfen, denn er stammt aus Costa Rica. Seit 2015 hat sich die Anzahl Milliardäre und ihr Vermögen fast verdoppelt und die Börse steigt weiter, ebenso der CO2 Gehalt der Atmosphäre, doch es wäre unseriös, hier einen Zusammenhang zu sehen.
Meer und Strand fliessen ineinander und lösen sich in zahllose Tupfer von unterschiedlichem Grau auf. Man kann das Meer rauschen hören wie ein gleichmässiges, beruhigendes Murmeln, das Lärm und Dissonanzen überlagert als natürliches Gegenstück zum weissen Rauschen eines alten Fernsehers mit Bild- und Tonausfall. Wie endet weisses Rauschen: mit einem Klick, und dann ist der Bildschirm schwarz, oder Bild und Ton sind plötzlich wieder da? Ich weiss es nicht und weiss nicht ob ich das erhoffen oder fürchten müsste. Was bleibt ist das Meeresrauschen, die Unheimlichkeit der Zuneigung zur Welt.
Thomas Göttin 9.1.2022