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Sich biegen, ohne zu brechen: Dreizehn eingewanderte Filipinas blicken in einem Buch auf ihr Leben zurück. Ein gelungenes Beispiel für die Erzählung der Migrationsgeschichte der Schweiz.
Mitte der siebziger Jahre arbeitete Evangeline Bugayong als Krankenpflegerin im grössten Gefängnis der Stadt Manila. Manchmal musste sie Hinrichtungskandidaten betreuen. Der philippinische Präsident Ferdinand Marcos hatte das Kriegsrecht verhängt. Zehn Jahre später war die Diktatur noch nicht überwunden, Weni Gamboa gehörte zur grössten Theatergruppe des Widerstands. Catalina Weber, die damals noch anders hiess, verteilte tief in der Provinz das Nutribun, ein besonders nährstoffhaltiges Pausenbrot, das die Marcos-Regierung an Schulen eingeführt hatte. Susan Nagel begann mit achtzehn Jahren, als Kosmetikerin das Schulgeld für ihre jüngeren Geschwister zu verdienen. Bereits in den sechziger Jahren hatte Evelyn Steiner die Philippinen verlassen, weil ihr Vater in Bangkok das thailändische Tennisnationalteam trainierte. Dass sich diese fünf Frauen eines Tages in einem Schweizer Verein treffen würden, stand nicht in den Sternen.
1985 gründeten einige Frauen den Verein Samahang Pilipinas Switzerland – einen «philippinischen Zusammenschluss» –, und bald entstanden lokale Gruppen in mehreren Deutschschweizer Städten. Als sich 2015 langjährige und neuere Mitglieder zum Dreissig-Jahr-Jubiläum trafen, kam die Idee auf, selber über diese Geschichte zu schreiben. Nun liegt ein Buch vor: Es sind dreizehn mit Sorgfalt und Herzblut verfasste Lebensgeschichten, die auch Veränderungen in der Schweiz nachzeichnen.
Die meisten der Frauen, die hier Rückschau halten, kamen zu einer Zeit ins Land, als Arbeitsmigration aus aussereuropäischen Ländern auch noch für gewöhnliche Berufe möglich war. Aus den Philippinen kamen Krankenpflegerinnen oder Hebammen. Andere bewarben sich auf ein Inserat als Hausangestellte in einem Diplomatenhaushalt, lernten einen Schweizer Touristen kennen oder beantworteten eine Heiratsannonce.
Mitfiebern wie die Enkelin
Die Sammlung «Bending without Breaking», die auf Englisch erschienen ist, erlaubt auch den Blick auf ein internationales Feld von Expats, in dem sich sowohl Filipinas als auch Schweizer bewegen. Da verliebt sich eine Ingenieurin in Ghana in ihren Arbeitskollegen; irgendwo finden sich weitere Paare, reisen eine Weile gemeinsam um die Welt und lassen sich dann in der Schweiz nieder.
Der Titel, übersetzt «Sich biegen, ohne zu brechen», ist Programm. «Wir haben es geschafft», klingt als Grundbotschaft immer durch. Das Buch strotzt von Geschichten, die jemand im Kopf behält, um sie noch den Enkeln zu erzählen. Nur dass sich die Autorinnen entschieden haben, den Kreis möglicher Enkelinnen auf Unbekannte zu erweitern, auch Wildfremde können mitfiebern, wenn eine kleine philippinische Folkloregruppe die Rigi erklimmt, um dort im Film «Seldwyla ’91» mitzuspielen. Zwei Autorinnen machen Anleihen beim Märchen vom Aschenputtel, um ihren Weg aus der Armut in einen glamourösen Haushalt in einem der reichsten Länder der Welt zu beschreiben. Auch religiöse Erweckungsgeschichten finden sich in dem Band: Einsamkeit und Enttäuschungen münden in einen grossen Zusammenhang, der im Rückblick allem Leiden einen Sinn verleiht.
Ganz anders sind die Erzählungen von Anny Hefti und Lisa Ermerz, zwei Frauen, die als Beraterinnen und Aktivistinnen in der feministischen Bewegung der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie nennen den Verein eine neue Heimat. Samahang Pilipinas Switzerland wurde zum selbsterschaffenen Ort, an dem sich auch das Herkunftsland neu entdecken liess. Nach einer beruflichen Laufbahn, die sie rund um die Welt geführt hatte, heiratete Anny Hefti ins Emmental. Und dort, im Drittweltladen von Rüderswil, wurde sie auf die Situation der ArbeiterInnen auf philippinischen Ananasplantagen aufmerksam. Das Engagement für Entwicklungsprojekte und Frauenorganisationen in der alten Heimat prägte dann, neben sozialen und kulturellen Treffen, den Verein.
Nicht nur versöhnlich
In ihrem Vorwort dankt Anny Hefti den Herausgeberinnen Monette Bichsel, Lenny Kaye Bugayong und Lily C. Fen, die in Workshops die Frauen im Schreibprozess unterstützten. Sie gehören alle einer jüngeren Generation an. Man meint beim Lesen zu spüren, dass hier Fragerinnen und Kritikerinnen am Werk waren, die dafür sorgten, dass sich die Erzählungen von eingeschliffenen Migrationsgeschichten abheben. Es sind persönliche Reflexionen geworden, in denen der individuelle Stil immer auch etwas davon transportiert, was die Erzählerin im bisherigen Leben angetrieben hat.
Drei Texte scheren aus dem überwiegend versöhnlichen Tonfall aus. Weni Gamboa erstellt eine Montage aus Briefen und Tagebüchern und macht damit die schwierige Zeit der ersten Jahre gegenwärtig. Monette Bichsel und Lily C. Fen erzählen von einer Ankunft, die noch nicht lange zurückliegt. Verwirrung, berufliche Brüche oder drohende Depression stehen neben der anhaltenden Lust, die Welt zu entdecken.
Das Buch ist auch deshalb zu empfehlen, weil es LeserInnen ganz gewöhnliche Orte neu erschliesst: Zurzeit denke ich an jedem Kiosk an die Geschichte von Alice Javier, die vor langen Jahren heimlich in Illustrierten, die sie sich nicht leisten konnte, nach Rezepten suchte. Denn sie musste plötzlich Dinge kochen, von denen sie noch nie gehört hatte.