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Am 2. Mai 1930 hatte der Bankrat der Zürcher Kantonalbank über den Kreditantrag der neuen Baugenossenschaft Neubühl zu entscheiden. Sie plante eine «Wohnkolonie an der Nidelbadstrasse, Grenze Kilchberg» im Stil des Neuen Bauens (auch Bauhaus-Stil oder Werkbundstil genannt). Das Projekt ordnete 193 Wohnungen in Ein- und Mehrfamilienhäusern zeilenförmig am Hang an, so dass alle Wohneinheiten in den Genuss von Besonnung und Aussicht kamen. Auf diese Weise wollte die sogenannte «Werkbundsiedlung» Antworten auf aktuelle Fragen des neuen Bauens und Wohnens geben.
«Bolschewistische» Flachdächer finanzieren?
Als die Zürcher Kantonalbank in den 1930er Jahren Kreditanfragen zu ersten Bauhaus-Projekten erhielt, wurde dieser neue Stil kontrovers diskutiert: «Für unsere Zürcher Bevölkerung taugt diese Bauweise nichts», so das Urteil eines Bankrates.
Ob sich’s wohl bewährt?
Auch wenn es bei der Vergabe von Bau- bzw. Hypothekarkrediten nicht primär um ästhetische Entscheide ging, machte sich Vizedirektor Dr. Hans Peter doch Gedanken, inwieweit der geplante Baustil die Belehnungsentscheide beeinflussen sollte. Anlässlich eines Referats bei der Sitzung des Verbandes Schweizerischer Kantonalbanken im Oktober 1930 sagte er unter anderem: «Neben der Unsicherheit über die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber dem neuen Stil besteht die Unsicherheit in technischer Hinsicht.» Problematisch erschienen ihm das Flachdach und die grossen Fenster sowie die funktionalen Grundrisse der Wohnungen, die ein bis sechs Zimmer umfassten. Auch die zentralen Treppenhäuser oder die kleinen Schlafzimmer stellte er in Frage.
Vorsichtige Unterstützung des Projekts
Im Bankrat der Zürcher Kantonalbank wurde die Kreditvergabe an die Genossenschaft Neubühl kontrovers diskutiert. Ein Bankrat äusserte sich überzeugt, «dass mit dieser Liegenschaft Fiasko gemacht wird (…) Für unsere Zürcher Bevölkerung taugt diese Bauweise nichts.» Andere äusserten sich weniger negativ. Vizedirektor Peter meinte: Für die Kantonalbanken sei es nicht vorteilhaft, einen Baustil von vornherein abzulehnen. Die wiederholt geäusserten «Bedenken gegen die bolschewistischen Flachdachhäuser, die dem gesunden Heimatstil zuwiderlaufen», relativierte er anlässlich eines Vortrags vor Kantonalbankvertretern: «Das Neue ist stets revolutionär im Verhältnis zum Altgewohnten.» Er riet aber die hypothekarische Belehnung dieser Objekte vorsichtshalber etwas geringer zu bemessen. Die Differenz solle gegenüber herkömmlichen Bauten etwa fünf bis zehn Prozent betragen.
Nach eingehender Diskussion im Bankrat entschied sich die Zürcher Kantonalbank schliesslich für eine vorsichtige Beteiligung. Sie übernahm – zusammen mit zwei anderen Banken – einen Drittel des Baukredites für die Werkbundsiedlung Neubühl, sprach sich aber dezidiert gegen die Umwandlung in einen Hypothekarkredit nach Baufertigstellung aus. Dieser Vorbehalt aber wurde wegen der herrschenden gesamtwirtschaftlichen Notlage schliesslich 1937 zurückgenommen und auch ein Hypothekarkredit gewährt.
Werkbundsiedlung Neubühl, Gästewohnung, 2015. Einzelne Häuser dieser historischen Siedlung, als Denkmal von nationaler Bedeutung klassifiziert, konnten in ursprünglichem Erscheinungsbild bewahrt oder wieder hergestellt werden.
Titelbild: Die 1931 erbaute Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen.