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Wer sich mit politischer Theorie und linken Strategien beschäftigt oder das Programm des Rotpunktverlags verfolgt, kennt mittlerweile André Gorz. In den letzten Jahren hat der Zürcher Verlag gleich mehrere Werke des Haupttheoretikers der politischen Ökologie publiziert oder neu aufgelegt: Seine «Kritik der ökonomischen Vernunft» etwa, seine «Auswege aus dem Kapitalismus», seine Liebeserklärung an Ehefrau Doreen Keir, mit der er 2007 aus dem Leben schied («Brief an D.») oder seine frühen autobiografischen Notizen («Der Verräter»).
Mit «André Gorz oder der schwierige Sozialismus» hat der Verlag inzwischen ein neues Buch herausgegeben, einen schmalen Band, geschrieben von Arno Münster. Der Sozialphilosoph Münster hatte Gorz 1971 persönlich kennengelernt und danach dessen Denken und Wandlungen aufmerksam beobachtet. Münster beschreibt Gorz’ Entwicklung vom Existenzialisten sartrescher Prägung zum Marxisten, der sich rasch vom orthodoxen Vulgärmarxismus löste und dann eine Theorie des ökologischen Sozialismus entwarf, die auf eine Überwindung des Produktivismus durch Arbeiterselbstverwaltung setzt. Münster schildert im Detail und anhand zahlloser Zitate, wie Gorz am Sozialismus «als Negation des Kapitalismus» festhielt, wie er zwischen realistischem Pessimismus und militantem Optimismus changierte – und mit welchen Argumenten er die linke Gretchenfrage «Reformismus oder Revolution» beantwortete (Gorz plädiert für einen Mittelweg, der aber nur von Basisbewegungen eingeschlagen werden dürfe und systemüberwindend sein müsse).
Gorz hatte sich mit seinen wegweisenden Ansätzen nicht nur FreundInnen geschaffen. Die traditionelle Linke reagierte empört auf sein Buch «Abschied vom Proletariat» (1980), in dem er aufgrund seiner Analysen der veränderten Produktionsverhältnisse der Arbeiterklasse die ihr von Marx zugeschriebene Rolle des revolutionären Subjekts absprach. Münster kontextualisiert Gorz’ Konzepte und verknüpft dessen Überlegungen (das ist eine Stärke des Buchs) mit den Entwicklungen in Frankreich – vom Pariser Mai 1968 über die Selbstverwaltung der Lip-UhrenarbeiterInnen 1973 bis zu den sozialistischen Regierungen ab Anfang der achtziger Jahre. Eine leicht lesbare «Einführung in Leben und Werk» (so der Untertitel) ist das Buch nicht. Es setzt viel voraus (wie vielleicht auch diese Besprechung). Aber es bietet trotz mancher Leerstellen einen guten Überblick über das Schaffen eines persönlich bescheidenen, gesellschaftlich engagierten und für die heutige Linke überaus wichtigen Intellektuellen.