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«Am 29. Oktober erhielt Mussolini in Mailand ein Telegramm des Königs mit der Einladung, die neue Regierung zu bilden. Der Duce bestieg den Zug und kam am nächsten Morgen in Rom an (...) Die faschistischen Marschkolonnen fassten neuen Mut. Doch lagen sie noch gute hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Es war ein zeitraubendes und kompliziertes Unternehmen, sie nach Rom zu bringen.»
Die Machtübernahme der Faschisten in Italien im Herbst 1922 war alles andere als eine heldenhafte Tat, der später verklärte «Marsch auf Rom» eine stümperhafte Angelegenheit, die dem Duce nur wegen seiner skrupellosen Taktik und der Verwirrung um König, Regierung und Parlament zum Erfolg verhalf. Eine der besten Darstellungen jener fatalen Entwicklung bietet das Erinnerungsbuch des Antifaschisten Emilio Lussu (1890-1975). Sehr verdienstvoll, dass der Folio-Verlag dieses wichtige Zeugnis in der mustergültigen Übersetzung des Südtiroler Historikers Claus Gatterer (1924-1982) neu herausgab.
«Marcia su Roma e dintorni» ist ein Augenzeugenbericht, der erstmals 1933 in Paris, im Exil seines Autors, erschienen war und seither nichts von seiner Frische verloren hat. Aus einer noch ganz archaischen sardischen Hirten- und Bauernwelt stammend, engagierte sich Lussu früh in der Politik, er brachte den Ersten Weltkrieg als Frontoffizier mit vielen Auszeichnungen hinter sich, gehörte hernach zu den Gründern der autonomistischen Sardischen Aktionspartei, wurde nationaler Parlamentarier und eine der Hauptfiguren des antifaschistischen Widerstands. 1927 auf die Insel Lipari verbannt, gelang ihm 1929 die Flucht nach Frankreich, von wo er seinen Kampf gegen Mussolini weiterführte. Ab 1943 befand er sich wieder auf italienischem Boden, an der Spitze der Bewegung «Giustizia e Libertà». Nach dem Krieg gehörte Lussu mit seiner Aktionspartei zu den MitbegründerInnen des neuen Italien, wurde Minister und rang vergeblich um eine föderalistische Verfassung. Bis 1968 wirkte er als Schriftsteller und Senator der linkssozialistischen Partei PSIUP.