Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03472.jsonl.gz/1097

In der Soziologie verwende ich der Terminus "Sozietät" zur bewussten Unterscheidung von "Gesellschaft" in der Alltagssprache, zur Kennzeichnung des Gegenstandes der Soziologie.
Ich bezeichne mit Sozietät eine Menge von Subjekten einer impliziten Verfassung, die durch gemeinsame Normen, Anschauungen und Interessen die Vorstellung einer "Zusammengehörigkeit" entwickelt haben, aber nicht durch ein gemeinsames Wohngebiet gekennzeichnet sein müssen.
Insbesondere verwende ich "sozietal", weil "sozial" in der Alltagssprache nicht gesellschaftlich meint, sondern vor allem "gemeinschaftlich in einem gut(gemeint)en Sinne". Wer andern hilft, ist sozial, wer andere belügt ist in diesem umgangssprachlichen Sinn asozial. Beides ist sozietal, als es gesellschaftliche Verhaltensweisen sind.
Ich spreche von Sozietäten, wenn die Gesellschaften noch keine bewusste Institutionaliseirung haben, also noch in einem Übergangsfeld zu einer Gesellschaft sind. Die Entstehung der hellenistischen Polis begreife ich als sozietale Prozess, in welchem sich verschiedene Haushalte zusammenraufen.
Bei uns gibt es eine inverse Verwendung des Ausdruckes für Partnerschaftsgesellschaften (vor allem bei Anwälten), die zwar ihre Geschäftfälle teilen, aber kein gemeinsames Unternehmen führen - was der Polis ziemlich gut entspricht. Die Inversion sehe ich darin, dass die Kanzlei entwickelt ist, aber von Sozietären nicht als Geschäftsform gewählt wird, während in der Zeit der Polis noch keine Gesellschaften existierten.