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SIDI, Seidenstoffweberei AG
„Sidi“ steht für „Seidenstoffweberei Winterthur“. Sie wurde 1872 gegründet. Zur ältesten Substanz gehören der Hochkamin und das Kesselhaus mit den beiden Sulzer-Flammrohrkesseln. Auf dem ehemaligen Fabrikareal steht heute eine moderne Wohnüberbauung.
Ab 1866 entstand im Geiselweid ein neues Quartier. Östlich der Altstadt zwischen der Römer- und der Tösstalstrasse befanden sich grosse landwirtschaftliche Parzellen, die auch teilweise zu grossen Landgütern wie Flora, Lindengut oder Adlergarten gehörten. Ein Komitee der Landeigentümer formierte sich. Um eine Umnutzung der Landparzellen zu ermöglichen, entstand zuerst die heutige St. Gallerstrasse, damals hiess sie noch Geiselweidstrasse. Anschliessend entstanden die Querstrassen wie die Palm- und Pflanzschulstrasse. Auch die Seiden- und die Grüzestrasse wurden für die Feinerschliessung gebaut. 1875 war die Struktur des neuen Stadtteils gesetzt. Zeitgleich mit dieser Entwicklung begannen Geschäftsleute aus Winterthur die Idee zu entwickeln, eine Seidenstoffweberei zu gründen.
Die drei Winterthurer Kaufleute Johann Friedrich Bader-Wild, Carl Sulzberger-Ernst und vor allem Theodor Ziegler-Rothpletz (1832-1918, Enkel von Jakob Ziegler-Pellis, Stadtpräsident 1873-1875, Kantons- und Ständerat) gründeten anfangs 1872 eine Aktiengesellschaft. Die damals hohe Zahl von 400 Aktionären zeichneten ein Kapital von einer Million Franken. Der erste Präsident des Verwaltungsrates, Johann Friedrich Bader-Wild, hatte im Geiselweid-Quartier grossen Grundbesitz. Das gab den Ausschlag für den Standort der neuen Fabrik. Zwischen der Färberei Carl Weber AG an der Tösstalstrasse und den Landgütern zwischen St. Gallerstrasse und Seidenstrasse begann die stufenweise Entwicklung der SIDI.
1872 entstand der Verwaltungstrakt an der St. Gallerstrasse. Diesem angegliedert wurde die Weberei im Shedbau-System (Architekt Joseph Bösch). Wenige Monate später begannen der Bau des Kesselhauses mit Kamin und eine Erweiterung mit weiteren Sheds. Die quadratische Fabrik ermöglichte das Aufstellen von 400 Webstühlen unter der Shed-Dachlandschaft. 1874 war die Fabrikanlage fertig gestellt. Es wurden Kleiderstoffe aus reiner Seide hergestellt (Maulbeer und Tussah), sowie Kunstseidenartikel für Kleider, Krawatten und Kopfbedeckungen. Die grosszügige Planung bereitete aber bereits finanzielle Sorgen, die aber dann doch noch überwunden werden konnten. So verkauften die Besitzer Landparzellen auf der dann Arbeiterhäuser errichtet wurden (1875-1877 an der Pflanzschul- und Töpferstrasse durch den Architekten Vinzenz Schädler). An der Grüzenstrasse 28-42 hatte zuvor die Sidi durch den Architekten Ernst Jung eigene Arbeiterhäuser als zweigeschossige Reihenhauszeilen bauen lassen.
Die Fabrik entwickelte sich alsdann erfreulich, sodass sie schon bald als blühendes Etablissement galt. Um 1900 war bot die Sidi 850 Arbeitsplätze an. Sie hatte auch noch zwei Tochterfirmen in Lyon und im schottischen Dunfermline (gegründet 1937), wo dieselben Artikel hergestellt wurden. Während die Fabrik in Lyon 1958 geschlossen wurde, bestand jene in Dunfermline bis 1970.
1968 wurde die Sidi geschlossen. Das Management, darunter war auch Max Honegger, der Bruder von Bundesrat Fritz Honegger, hatte versagt. Die Fabrikgebäude waren heruntergekommen und eine rechtzeitige Sanierung wurde verpasst. Als schliesslich die Heizung versagte, war das nötige Münz für die Erneuerung nicht vorhanden. Auch rann Wasser durch das Dach und verschmutzte die wertvollen Stoffe auf den Webmaschinen. 250 Arbeiter mussten eine neue Anstellung suchen. 250 Webereimaschinen wurden per Eisenbahn ins schottische Werk verfrachtet. Schweizer Fachpersonal reiste mit. Mit Qualitätsseidenstoffen sollten die verlorenen Finanzen wieder eingebracht werden. Für zwei Millionen Pfund plante die Firma die Anschaffung einer neuen Webereianlage. 60 Prozent davon sollte der Staat bezahlen. Ein politischer Wechsel machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Ministerpräsident Harald Wilson (Labour) wurde durch Edward Heath (Konservative) abgelöst. Dieser strich die staatliche Unterstützung. Die Fabrik wurde im Juni 1970 an die englische Textilfabrik Brocklehurst-Whiston in Macclesfield verkauft und per Ende Jahr geschlossen. Wieder verloren 200 Arbeiter ihre Stelle.
Das ganze Areal und die Bauten der Winterthurer Sidi wurde 1970 durch den Kanton Zürich erworben. Den Ankauf durch die Stadt Winterthur hatte das Stimmvolk 1968 verworfen. Das Verwaltungsgebäude wurde weiterhin für Büros aller Art (städtische und kantonale) genutzt. Verschiedenste Schulprovisorien fanden unter diesem Dach ebenfalls temporären Unterschlupf. Die Fabrikbauten wurden der Gewerbe- und Lagernutzung zugeführt. Lange Zeit war auch das Theater für den Kanton Zürich mit Probe- und Aufführungsräumlichkeiten in der alten Sidi untergebracht. Im September 2006 begannen die Abbrucharbeiten für die alten Fabrikationsräume. Auf dem Areal entstanden sieben moderne und grosse Wohnblöcke mit total 150 Mietwohnungen. Als Bauherr trat die Kantag AG auf, als Architek wirkte Walter Ramseier. Die Kantag Liegenschaften AG ist das Dienstleistungszentrum für die operative Bewirtschaftung der im Eigentum des Kantons Zürich sowie der Beamtenversicherungskasse (BVK) stehenden Liegenschaften. Das 37 Meter hohe Hochkamin und das Kesselhaus blieben als Zeitzeugen umgeben von den neuen Wohnbauten bestehen.
Fotos der 2008/09 bezogenen Wohnbauten sind in der Fotogalerie zu finden.