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WIR KONNTEN EINEN STANDARD FÜR NEUE SOFTWARE SETZEN
Interview mit DINAcon Keynote Speaker Simon Phipps (Präsident Open Source Initiative)
DINAcon: Wir feiern 20 Jahre Open Source Initiative. Open Source war sehr erfolgreich. "Mission erfüllt" oder gibt es noch Arbeit zu erledigen?
Simon Phipps: Die Antwort muss sowohl "ja" als auch "nein" lauten. Ja, denn wir waren ein effektiver Katalysator für Open Source, und konnten so einen Standard für neue Software setzen. Trotzdem gibt es immer noch Menschen ohne Verständnis dafür, wie Open Source funktioniert: sie versuchen Beschränkungen zu erzwingen, die Community-Genehmigung für Lizenzen zu umgehen, oder verwenden einfach den Begriff "offen", trotz der Tatsache, dass das, was sie beschreiben, alles andere als offen ist. Wir haben also noch viel zu tun, um den bisherigen Erfolg zu sichern und Neueinsteiger (und leider auch einige alte Hasen) darüber aufzuklären, warum und wie Open Source funktioniert.
Ist der ideologische Kampf zwischen den Lagern "Freie Software" und "Open Source" noch aktuell und relevant?
Nur in manchen Köpfen. Für die meisten von uns gibt es keinen Konflikt mehr. Bruce Perens, einer der Gründer von OSI und Autor der “Open Source”-Definition, beschreibt Open Source als eine Marketingkampagne für freie Software. Wenn Einzelpersonen diskutieren, kommen Ethik und Moral bei der Begründung für offene Software ins Spiel. Wenn die gleichen Personen dann aber auch über ihre Arbeit diskutieren, werden sie die Kosteneinsparungen, die Zusammenarbeit, die Innovation und den Nutzen einer agilen Methodik hervorheben. Der Krieg vorbei, wenn du es willst.
Die Open Source Initiative (OSI) dient vor allem als Schutz der vielen Open Source Lizenzen. Gelten die ursprünglichen 10 Kriterien von Open Source noch? Braucht es noch weitere?
Ja, sie sind alle so relevant wie eh und je. Ich würde eine weitere hinzufügen, die klar stellt, dass eine Open Source-Lizenz alle notwendigen Rechte zur Nutzung, Untersuchung, Verbesserung und Freigabe der Software beinhaltet und dass Bedingungen, die ausdrücklich Rechte reservieren (z.B. Patentrechte), die Lizenz nicht Open Source machen.
Sind Copyleft-Lizenzen für neue Geschäftsmodelle attraktiv? Wie relevant sind freizügige (permissive) Lizenzen im Vergleich?
Erstens sind alle Open Source-Lizenzen freizügig - sie geben die Erlaubnis, den Code für jeden Zweck zu verwenden, zu studieren, zu verbessern und zu teilen. Einige Lizenzen, als Copyleft gekennzeichnet, erzwingen jedoch die Erlaubnis zur Weitergabe zu gleichen Bedingungen, also reziprok.
Sowohl reziproke als auch nicht-reziproke Lizenzen können in Geschäftsmodellen eine Rolle spielen. Projekte mit reziproken Copyleft-Lizenzen, wie LibreOffice und der Linux-Kernel, sind zum grossen Teil deshlab erfolgreich, weil kein Teilnehmer mehr Rechte hat als andere und alle ihre Innovationen veröffentlichen müssen. Dadurch werden gleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen und Investitionen gefördert. Andererseits profitieren viele entwicklerorientierte und kleinere Projekte von nicht-reziproken Normen, da sie somit in vielen verschiedenen Lizenzkontexten kombiniert werden können.
Welche Rolle spielen derzeit grosse Unternehmen wie Microsoft, Oracle und Google im Open Source-Umfeld? Wie begegnet man dem "Open Washing" (Missbrauch des Labels “Open”)?
Grosse Unternehmen nutzen Open Source am effektivsten, wenn die Monetarisierungstrategie unabhängig von einzelnen Open Source-Projekten ist – so wie das beispielsweise Google, Facebook und Twitter machen. Dadurch sind sie frei, auf Augenhöhe mit den Communities an Innovationen zu arbeiten. Das ist der ideale Weg, um mit Open Source zu arbeiten. Microsoft befindet sich in einer Übergangsphase: die Zukunft in der Cloud, die davon abhängt, ein guter Open Source-Mitspieler zu sein - aber mit einer Vergangenheit, die das schlechtest mögliche Verhalten gegenüber Open Source überhaupt darstellt. Die jüngsten Entwicklungen sind aber äusserst vielversprechend und ich denke, sie gehen in die richtige Richtung. Es ist aber noch ein langer Weg, bis die Legacy-Angebote, die Patent-Erpressungen und das Streuen von FUD (Fear, Uncertainty and Doubt - Furcht, Ungewissheit und Zweifel) gegen Open Source aufhören.
“Open Washing” - oder “Fauxpen-Source” - ist nach wie vor ein Problem. OSI geht sowohl mit rechtlichen Massnahmen als auch mit der Mobilisierung der Gemeinschaft vor. Unternehmen sollen erkennen, dass die irreführende Darstellung ihrer Produkte eine wirklich schlechte Idee ist. Es ist ein Zeichen für den enormen Wert von Open Source. Wenn Open Source nicht wertvoll wäre, würden die Leute nicht so zu tun, als wären sie es!
Wir verwenden den Begriff digitale Nachhaltigkeit, um ein Ideal zu beschreiben, nach dem die Teilnehmer eines digitalen Ökosystems streben. Wie würden Sie den Beitrag der OSI zur Nachhaltigkeit der global digitalisierten Gesellschaft beschreiben?
Open Source bietet den ultimativen Rahmen für die Nachhaltigkeit von Software -wenn es denn richtig gemacht wird. Durch das Aufeinandertreffen der diversen Gemeinschaft von motivierten Entwicklern, Integratoren und Anwendern kann ein Open Source-Projekt einen sehr langen Lebenszyklus haben. Im Vergleich zu einem proprietären Ansatz erreicht Open Source nie den Punkt, an dem Investitionen durch zu kleine Renditen ihre Rechtfertigung verlieren oder an dem die Suche nach neuen Einnahmen oder Märkten dazu führt, dass bestehenden Anwender zurückgelassen werden. Dafür benötigt Open Source eine von der OSI anerkannte Lizenz, eine respektvolle Governance, die Chancengleichheit für alle bietet, eine integrierende Gemeinschaft, die sich diesbezüglich ständig selbst korrigiert und einen unabhängigen und gemeinnützigen Eigentümer um all dies zu bewahren. OSI hat bei der Umsetzung dieser Realität eine Schlüsselrolle gespielt.
Das Interview wurde auf Deutsch übersetzt. Hier ist die Originalversion.