Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03355.jsonl.gz/2221

Navigation auf uzh.ch
Hernando de Soto ist um anschauliche Beispiele nicht verlegen: Als er am Sonntagabend in seinem Zürcher Hotel eincheckte, fragte ihn der Receptionist, wie er seine Rechnung bezahlen wolle. – «Properly», («So wie es sich gehört»), antwortete der Ökonom in seinem geschmeidigen Englisch, «ich wurde schliesslich in der Schweiz erzogen». – «Sehr wohl, Sir, aber darf ich trotzdem Ihre Kreditkarte sehen!», insistierte der Receptionist.
Was de Soto damit sagen will, führt er sogleich selber aus: Es sei die Kreditkarte, die bescheinige, dass er tatsächlich über das Kapital verfüge, das er vorgebe zu haben. Erst dank dieser Bescheinigung könne er sein Kapital gewinnbringend einsetzen. So ähnlich, sagt de Soto, verhalte es sich mit Eigentumstiteln an Haus und Land: Erst der rechtliche Nachweis erlaube es einem Kleinstunternehmer in einem Entwicklungsland, sein Eigentum als Sicherheit zur Beschaffung von Krediten einzusetzen und es damit als produktive Ressource zu nutzen. «Ohne formalen Besitz kann eine Marktwirtschaft nicht existieren, weil die Vermögen unsichtbar sind.»
Nun verfügen aber die wenigsten Menschen in Entwicklungsländern über solche formalen Besitzrechte. De Soto belegt dies mit eindrücklichen Zahlen, die er in jahrelangen Feldstudien in den Slums von Lima bis Kairo erhoben hat. 88 Prozent aller Unternehmen in Ägypten seien nicht registriert, 92 Prozent aller Immobilien in Gross-Kairo schwarz gebaut. Auf 250 Milliarden Dollar schätzt der Ökonom in ganz Ägypten den Wert des über die Jahre aufgebauten illegalen Kapitals. Das ist achtmal mehr als der Marktwert aller Unternehmen an der Börse in Kairo – ein gigantisches Wohlstandspotenzial, das, weil es nicht legalisiert ist, nicht in den normalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust werden kann. De Soto nennt es deshalb auch «totes Kapital».
Marode oder gänzlich inexistente Rechtssysteme sieht der einflussreiche Ökonom als die Hauptursache dafür, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung von der Weltwirtschaft ausgeschlossen sind. Ihnen bliebe nur der informelle Sektor, die Schattenwirtschaft, und diese sei mit so hohen Kosten verbunden, dass effizientes Wirtschaften unmöglich sei. Korruption und Polizeiwillkür seien nur zwei der unwägbaren Kostenfaktoren. Aber auch der Schritt in die legale Wirtschaft werde den Kleinunternehmern nicht leicht gemacht: 289 Tage dauerte es etwa, bis de Soto im Selbstversuch die Lizenz zum Betrieb einer kleinen Schneiderei in Lima erhielt. Unterentwicklung sei nicht die Schuld des Nordens, beteuert der Ökonom. «Sie ist unser Problem». Es liege in der Verantwortung der jeweiligen Regierungen, ihren Bürgern den Zugang zum Rechtssystem zu gewährleisten.
Im anschliessenden Hearing fühlten vier hiesige Wirtschaftsfachleute dem eloquenten Redner auf den Zahn. Dr. Rolf Jeker etwa wies darauf hin, dass der informelle Sektor durchaus Vorteile habe: Man bezahle keine Steuern. Was man den Leuten offeriere, damit sie die Schattenwirtschaft verlassen? – «Wir müssen die Kosten, die Bürokratie und Schattenwirtschaft verursachen, so weit senken, dass Steuern zahlen billiger kommt», entgegnet de Soto. «Was denken Sie, was all die Migranten aus Afrika und Lateinamerika in Ihrem Land suchen?», schloss er seine so humorvollen wie kernigen Ausführungen. «Sie wollen Steuern bezahlen – das ist das kleinere Übel.»
Hernando de Soto weilt in den nächsten Tagen am Weltwirtschaftsforum in Davos. Der 63-jährige Ökonom, der auch als «Kapitalist der Armen» bezeichnet wird, ist eine integrative Figur: Liberale lieben sein uneingeschränktes Bekenntnis zur kapitalistischen Marktwirtschaft, Linke sein Engagement für die Benachteiligten. Seine Thesen hat er im Buch «The Mystery of Capital» im Jahr 2000 ausführlich dargelegt. Hernando de Sotos Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe «Sustainability Dialogue with Leaders and Pioneers». Sie wird gemeinsam vom CCRS (Center for Corporate Responsibility and Sustainability) der Universität Zürich, der ETHsustainability, novatlantis sowie des TSF (The Sustainability Forum) durchgeführt.