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Nischen sind in der Regel unbeabsichtigte Ergebnisse bei der Bildung von Räumen. Im Falle des Baus von Häusern mögen sie geplant sein, um aufzunehmen, was sonst im Wege wäre, haben also etwas mit den Optionen von Restnutzung zu tun; bei der Bildung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Räume sind sie dagegen nicht intendiert und ergeben sich nicht selten aus geographischen Konstellationen. Nischen können etwas Wohliges und Ruhiges haben, zumal dann, wenn die weiten und offenen Räume von Konflikten erschüttert werden.
Der Begriff der Nische unterscheidet sich von dem des Bunkers oder des Unterstandes dadurch, dass die grossen und weiten Räume nicht um die Nische herumgebaut oder nach deren Erfordernissen gestaltet worden sind; und das hat zur Folge, dass die Nischenbewohner bzw. Nischennutzer nicht oder nur teilweise über die Voraussetzungen zum Fortbestand der Nische verfügen. Sie sind vielmehr auf günstige äussere Konstellationen angewiesen. Auf deren Veränderung haben sie nur begrenzten Einfluss. Kurzum, gibt es im staatspolitischen Bereich so etwas wie eine «Nischenstrategie», so handelt sie vom intelligenten Umgang mit Konstellationen, über die man selbst nicht verfügt.
Die Verwechslung
Nischenbewohner laufen stets Gefahr, die Nische mit einem Bunker oder verschanzten Unterstand zu verwechseln. Selbstverständlich lassen sich Nischen auch zu Bunkern und Verschanzungen ausbauen, aber sie verändern dadurch ihren Charakter und ihre Überlebenschancen. Nischen zeichnen sich durch den Austausch mit einer prinzipiell als freundlich wahrgenommenen Umwelt aus; aus der Bunkerperspektive hingegen wird die Umwelt als bedrohlich, wenn nicht feindlich wahrgenommen. Die Verwandlung der Nische in einen Bunker folgt der Vorstellung, man könne sich durch eine entsprechende Ausgestaltung des Innenraums von den unbeherrschbaren äusseren Konstellationen unabhängig machen und gegen sie abschotten.
Zwischen Ohnmachtserfahrung und Allmachtsphantasie schwankend, ist die Bunkermentalität ein Mittleres; sie ahnt, dass sie auf Dauer nicht durchhalten kann, sondern eine zeitlich begrenzte Zwischenetappe ist, will das aber nicht wahrhaben und verdrängt darum immer wieder diese Ahnung. Mit dem Imperativ der Nachhaltigkeit konfrontiert, imaginieren sich die Bunkerinsassen als Bewohner des berühmten gallischen Dorfes, das von Asterix und Obelix mit Hilfe des Zaubertranks gegen die römische Übermacht verteidigt wird. Literarische Ironie wird für eine realistische Option gehalten. Vermutlich gibt es keine grössere Selbstgefährdung der Nischenplayer als diese Selbsttäuschung in Form von Bunkermentalität.
Auf die Schweiz als klassischen Nischenplayer bezogen heisst das: Der Wandel der Nischenbedingungen im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert kann auch als ein Bedeutungsverlust der politischen Geographie beschrieben werden. Bis 1989/91 hat es in der Konfrontation der Blöcke einen geographischen Streifen der Neutralität gegeben, der vom östlichen Balkan, also von Jugoslawien, bis in die Westalpen und in die Schweiz reichte.
Die Akzeptanz dieses Neutralitätsstreifens, der tief in beide Bündnisräume hineinragte, resultierte aus der Geographie, nämlich dem Umstand, dass dieses Gelände für einen militärischen Offensivstoss in die Tiefe des gegnerischen Raumes ungeeignet war. So «tolerant» in der Akzeptanz von Neutralen waren die Hegemone der Bündnisse sonst nicht: Trotz der Berufung der Nato auf demokratische Werte störte der (zeitweilig) diktatorische Charakter der Bündnismitglieder Portugal, Griechenland und Türkei nicht, da es darum ging, dem gegnerischen Bündnis den Zugang zum «warmen Wasser» zu verwehren, und im Warschauer Pakt wurden alle Versuche von Bündnisländern, grössere politische Spielräume zu bekommen, mit Waffengewalt niedergeschlagen. Die geostrategische Tolerierbarkeit des Neutralitätsstreifens durch die beiden Blöcke wurde durch den politischen Mehrwert der Neutralen komplementiert, die als Mediatoren in bestimmten Konflikten genutzt werden konnten. Mit anderen Worten: man profitierte politisch davon, dass die geographischen Konturen des Bündnisses offen gestaltet waren. So bekam die Nische für die sie umgebenden politischen Räume einen Wert, und die Nischenplayer wurden dementsprechend zuvorkommend und rücksichtsvoll behandelt.
Der Wandel
Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verlor die Existenz dieser Nische an Attraktivität. Im Falle der Schweiz hat sich dies in einer reduzierten Rücksichtnahme auf dem Land eigene Regeln und Befindlichkeiten niedergeschlagen: Die Raubgolddebatte war der Anfang, der Druck auf das Bankgeheimnis vor allem von Seiten der USA eine weitere Etappe, der Streit mit der EU über die Folgen der direkten Demokratie ist der vorläufige Endpunkt. Allgemein formuliert: die Nischenposition der Schweiz wurde von der politischen Umwelt zunehmend als eine Belastung und immer weniger als Vorteil angesehen. Man könnte auch sagen, dass die USA und die EU die zuvor eingeräumten Nischenrechte oder Nischenprivilegien zunehmend in Frage stellten bzw. kassierten. Dieser Wandel der Nischenbedingungen hat den Nischenplayer Schweiz überraschend getroffen. Die Veränderung in den Rahmenbedingungen der Nische scheint bis heute nur partiell begriffen worden zu sein und wird überwiegend der Willkür anderer Regierungen zugeschrieben. Das Willkürliche des Regierungshandelns ist jedoch nur die Erscheinungsform eines Wandels der strukturellen Faktoren nach dem Kalten Krieg.
Die strategischen Optionen des Nischenplayers ergeben sich aus der Analyse dieser strukturellen Entwicklungen und nicht aus dem Widerstand dagegen. Der Rückzug in den Bunker und seine vorgelagerten Verschanzungen ist dagegen ein Aufgeben der Nische und ein Verzicht auf die mit ihr verbundenen strategischen Optionen.
Die Analyse beginnt mit der Beobachtung, dass im Zeitalter der globalen Vernetzung Territorialität als eine spezifische Form von Räumlichkeit an Bedeutung verloren hat. Mit dem Aufstieg des Territorialstaats in Europa seit dem 15./16. Jahrhundert wurde sie zur wesentlichen Grundlage politischer Ordnungsbildung, und die Idee der Souveränität wurde an ein definiertes Territorium gebunden. Dementsprechend wurde auch das, was man als Nische begriff, wesentlich territorial definiert. Aber der Territorialstaat ist nicht länger der Monopolist des Politischen und damit auch nicht mehr der Regelgeber für Wirtschaft und Gesellschaft. Zu beobachten ist stattdessen die Dominanz eines neuen Typs von Imperialität, welcher nicht Territorien, sondern Ströme zu kontrollieren beansprucht: Ströme von Gütern und Waren, von Kapital, Daten und Informationen sowie nicht zuletzt von Menschen. Territorialität ist nicht bedeutungslos geworden, aber bei der Gestaltung von soziopolitischen Räumen ist sie inzwischen zweitrangig. Das zeigen Währungsspekulationen und Datenschutz. Gegen den Informationszugriff von Satelliten aus oder im Internet bieten die alten Staatsgrenzen keinen Schutz mehr.
Die Frage
Die für die strategischen Optionen eines Nischenplayers zentrale Frage lautet also: Wie lassen sich unter den Bedingungen eines Bedeutungsverlusts von Territorialität und der Verflüssigung von Ordnungen Nischen denken, bilden und sichern? Verflüssigung heisst, dass gegenüber dem Raum die Zeit deutlich an Bedeutung gewonnen hat; ergo sind Nischen nur noch zeitlich begrenzt vorhanden. Nischen sind prekär geworden, weil sie permanenten Veränderungen unterworfen sind. Das wiederum heisst, dass Strategien zu ihrem Aufbau und ihrem Schutz nicht langfristig angelegt sein können, sondern auf die sich ständig vollziehenden Veränderungen reagieren müssen. Diese Fluidität der Konstellationen und der permanente Reaktionszwang überfordern jedoch die meisten Menschen und führen zu einer rückwärtsgewandten Sehnsucht.
Wachsende Ungewissheit und steigende Unsicherheit betreffen freilich nicht nur die Nischen, sondern auch deren Umwelt. In Reaktion auf die Verflüssigung der Ordnung ist es zu einer Neubildung grossräumlich angelegter Politikstrukturen gekommen, die nicht auf den Vorgaben von Territorialität und Nationalität beruhen, sondern nach denen von Zentrum und Peripherie organisiert sind.
Ob eine Region im Zentrum der Entscheidungen steht oder nur am Rande, ist keine Frage der Geographie mehr, sondern eine, bei der Wirtschaftskraft und ein geordnetes Staatsbudget ausschlaggebend sind. Im Prinzip gilt dies auch für die Europäische Union als Umwelt des Nischenplayers Schweiz; die strategischen Optionen der Schweiz wachsen mit der Nähe zum Zentrum und schrumpfen mit der Abwanderung in die Peripherie. Die Schweiz muss also in einem Grossraum einen Platz finden, der die Effekte der Fluidität begrenzt, aber durch ein starkes Zentrum-Peripherie-Gefälle gekennzeichnet ist. Die EU mag eine solche quasiimperiale Struktur leugnen, zumal diese ganz und gar nicht ihrem in der Vergangenheit entwickelten politischen Selbstverständnis entspricht, aber dieses strukturelle Muster wird sich Schritt für Schritt durchsetzen. Daraus erwachsen Optionen für Nischenplayer; sie erwachsen freilich im wesentlichen im Hinblick auf die EU und nicht gegen sie.
Die Nische, die von der Schweiz genutzt werden kann, ist eine im Innenraum der EU und befindet sich nicht ausserhalb dieses Raumes. Ausserhalb dessen herrscht verstärkte Fluidität, und Nischen verschwinden so schnell, wie sie entstanden sind. Eine globale Nischenstrategie der Schweiz ist somit daran gebunden, dass die innereuropäische Nische als solche stabil bleibt. Das aber hängt nicht von der Schweiz, sondern von ihrer Umwelt ab.