Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03423.jsonl.gz/2842

Jede Stunde verlor das brasilianische Amazonasgebiet im Jahr 2020 96 Hektar seiner Waldfläche. Am Ende eines Tages waren 2.309 Hektar abgeholzt. In einem Jahr, das von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie geprägt war, nahm die Abholzung des größten Regenwaldes der Welt, im Vergleich zu 2019, weitere 9 % zu. Von zehn Hektar abgeholzter Fläche in ganz Brasilien entfallen sechs auf das Amazonasgebiet. Das Ergebnis ist, dass im vergangenen Jahr 842.983 Hektar verwüstet wurden.
Der gegenwärtige Umweltminister Ricardo Salles, gegen den wegen Umweltkriminalität und illegaler Bereicherung ermittelt wird, befürwortete eine „Weiterreichen der Verantwortung“ die von der Regierung Bolsonaro ernst genommen wurde. Der von “MapBiomas“ erstellte zweite Jahresbericht zur Entwaldung 2020 zeigt, dass Brasilien von Januar bis Dezember 74.218 Entwaldungswarnungen für eine Fläche von mehr als 1,3 Millionen Hektar ausgab. Es ist, als ob eine Fläche von der doppelten Größe der Gemeinde Macapá abgeholzt worden wäre. Im Vergleich zu 2019 betrug die Zunahme 14 %.
“MapBiomas“, eine Initiative, die verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen zusammenbringt, die sich mit Umweltschutzstudien und -aktionen befassen, fand heraus, dass 99 % aller Abholzungen im Land illegal, d. h. ohne ordnungsgemäße Genehmigung der Umweltbehörden, erfolgen. Im Zuge der Verwüstung blieben nicht einmal Schutzgebiete wie Naturparks und indigene Territorien von der Abholzung verschont.
„Wir wollen sicherstellen, dass für jede Meldung, die bestätigt wurde, und von der man weiß, wer der Auftraggeber ist, irgendeine Art von Maßnahme ergriffen wird. Ob es sich um eine Benachrichtigung oder eine Sperrung des Gebiets handelt, es wird nur ein Bußgeld folgen, und das wird oft nicht bezahlt. Wir möchten betonen, dass dies mit dem Gefühl der Straffreiheit endet. Wir haben die Informationen, sie sind da“, sagt der Forscher Marcos, einer der Autoren des MapBiomas-Berichts, in einem Interview mit “Amazônia Real“.
Rosa, die an der Universität von São Paulo (USP) in Geografie promoviert hat, erklärt, dass es inzwischen möglich ist, die Urheber jeder einzelnen Abholzung in Brasilien anhand der in Datenbanken verfügbaren Informationen, beim “Rural Environmental Registry“ (CAR), zu ermitteln. Von den mehr als 5,5 Millionen in Brasilien registrierten ländlichen Grundstücken, so erklärt Rosa, wurden nur 0,99 % abgeholzt.
„Nur ein Prozent wurde abgeholzt, was ausreicht, um nicht nur der Umwelt, sondern auch unserem Image im Ausland zu schaden. Und es ist dieses “Eine Prozent“, das Lärm macht, das Vertreter im Kongress hat, das Gesetze macht, um die Abholzung zu verstärken, Gesetze, um illegale Besetzungen zu amnestieren“, fügt die Forscherin hinzu.
„Die Umweltverbrechen hören nicht auf“
Frederico Machado, Leiter von “Zero Conversion“ des WWF-Brasilien, einem der institutionellen Partner von “MapBiomas“, ist der Ansicht, dass die durch die Pandemie verursachte Fragilität der Feldinspektionen nur eine weitere Gelegenheit für die Abholzer war.
„Die Kriminalität hört nicht auf. Sie wird sogar durch den Rückgang der Kontrollen gefördert. Mit den Worten unserer Behörden, die eine Gesetzgebung vorschlagen, die in die entgegengesetzte Richtung, nämlich zur Kontrolle der Umweltzerstörung geht. Es gibt eine Demontage unserer Umweltbehörden. Das ist alles sehr ernst, und die Pandemie war eine weitere Chance zur Zerstörung“, sagt Machado.
Unter den fünf brasilianischen Biomen konzentrierte das Amazonasgebiet 60,9 % der abgeholzten Fläche in Brasilien im Jahr 2020. Es folgen der Cerrado (31 %), die Caatinga (4,4 %), das Pantanal und der Atlantische Wald mit jeweils 1,7 % und die Pampa (0,1 %). Zwischen 2019 und 2020 hat die Entwaldung im Amazonasgebiet um 9 % zugenommen, von 770.452 Hektar auf 842.983 Hektar.
Der Studie zufolge war der 30. Juli der Tag im Jahr 2020, an dem die Verwüstungen im Amazonasgebiet am größten waren. An diesem Tag verlor der Biome 3.784 Hektar an Wald. Ende Juli und Anfang August sind Höhepunkte des „Amazonas-Sommers“, die heißesten und regenreichsten Tage der Region. In dieser Zeit kommt es dort zu den meisten unkontrollierten Abholzungen und Bränden.
Die größte abgeholzte Fläche in Brasilien, die von den von “MapBiom“ untersuchenden Überwachungssystemen erfasst wurde, befand sich in einer Gemeinde des Amazonasgebiets – in Altamira im Südwesten von Pará. Insgesamt wurden 6.469 Hektar Wald abgeholzt. Unter den 27 Bundesstaaten führen jene, die im legalen Amazonasgebiet liegen, auch die Rangliste der Entwaldung an. Allein Pará war für 26,4 % der landesweit festgestellten Entwaldung verantwortlich.
Es folgen Mato Grosso (12,9%), Maranhão (12,1%), Amazonas (9,2%) und Rondônia (8,3%). Es sei darauf hingewiesen, dass sowohl Mato Grosso als auch Maranhão von anderen Biomen geprägt sind. Im Mittleren Westen des Landes gibt es noch den Cerrado und das Pantanal.
Die Rolle der Gouverneure
Dem MapBiomas-Bericht zufolge waren fünf Bundesstaaten im legalen Amazonasgebiet für 68,9 % der gesamten Entwaldung in Brasilien verantwortlich. Sie sind: Pará, Acre, Amazonas, Rondônia und Mato Grosso. Von den zehn Bundesstaaten, die im Jahr 2020 durchschnittlich 100 Hektar abgeholzte Fläche pro Tag registrierten, liegen sieben im legalen Amazonasgebiet, was das Ausmaß des Drucks auf das wichtigste brasilianische Biotop verdeutlicht und der internationalen Gemeinschaft Anlass zu berechtigter Sorge gibt.
Von den sieben Einheiten der Föderation, in denen die Entwaldung im Vergleich zu 2019 zurückging, liegen nur zwei im Norden: Roraima (-9 %) und Rondônia (-4 %). Trotz einer Verringerung der abgeholzten Waldfläche um 2 % wurde Acre als stabil eingestuft. Auf der Liste der 50 Gemeinden mit der größten Entwaldung befinden sich neun in Amazonien: Altamira (Pará), São Félix do Xingu (Pará), Porto Velho (Rondônia), Lábrea (Amazonas), Novo Progresso (Pará), Itaituba (Pará), Apuí (Amazonas), Pacajá (Pará) und Portel (Pará).
Für den Techniker des WWF-Brasilien, Frederico Machado, liegt die Verantwortung für den Schutz des Amazonasgebietes nicht nur bei der Bundesregierung, sondern auch bei den lokalen Regierungen. Für ihn “ist es notwendig, dass die Gouverneure größere Anstrengungen unternehmen, um eine Politik zum Schutz der Wälder in ihrem jeweiligen Hoheitsgebiet zu betreiben“!
„Die gesamte Umsetzung des Waldgesetzes fällt in die Zuständigkeit der Bundesstaaten. Und wir sehen, dass in dieser Agenda sehr wenig passiert. Die Überwachung der Abholzung, die Genehmigung der Abholzung und auch die Sanktionen fallen ebenfalls in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten“, sagte Machado.
Bedrohte Schutzgebiete
Der Bericht weist darauf hin, dass nicht einmal die Schutzgebiete von der Abholzung verschont geblieben sind. Nach Angaben von “MapBiomas“ wurden 171.185 Hektar auch innerhalb von Schutzgebieten abgeholzt. Wenn man die Umweltschutzgebiete (APAs), eine Kategorie, die landwirtschaftliche Produktionstätigkeiten erlaubt, ausschließt, sind die Auswirkungen geringer: 89.724 Hektar. Auch hier sind die Schutzgebiete im legalen Amazonasgebiet am stärksten betroffen.
Unter den zehn Schutzgebieten mit der größten Entwaldung befinden sich sieben im Amazonasgebiet; die “APA Triunfo do Xingu“ führt die Rangliste erneut an: 29.141 Hektar Waldfläche gingen verloren. An zweiter Stelle steht der “Rio Preto-Jacundá Extractive Forest“ in Rondônia, mit 29.94 Hektar. In Rondônia wurden im Rohstoffreservat “Jacy-Paraná“ 8.023 Hektar Wald abgeholzt.
Kürzlich wurden in diesem Bundesstaat in einem staatlichen Naturreservat (UC) über 100.000 Hektar der ursprünglichen Fläche abgeholzt, nachdem die Legislativversammlung einen entsprechenden Gesetzesentwurf verabschiedet hatte.
Das “Resex Chico Mendes“ in Acre, das ebenfalls Ziel einer Gesetzesvorlage (PL 6.024/19) zur Entwaldung im Repräsentantenhaus ist, war im Jahr 2020 mit 6.448 Hektar das am stärksten verwüstete Naturreservat des Landes.
Anti-indigener Diskurs
Der MapBiomas-Bericht weist auf eine weitere besorgniserregende Tatsache hin: In der Hälfte (51,8 %) der 573 indigenen Gebiete (IT) in Brasilien, die sich in den verschiedenen Anerkennungsverfahren befinden, gab es im Jahr 2020 mindestens eine illegale Entwaldung. Der Vormarsch der Abholzung in den indigenen Gebieten ist auf den indigenen-feindlichen Diskurs von Präsident Jair Bolsonaro zurückzuführen. Bolsonaro, der den Abbau von Bodenschätzen in indigenen Gebieten verteidigt, erklärte auch, dass er keine neuen indigenen Territorien im Land genehmigen wird.
Der Bericht weist darauf hin, dass von 2019 bis 2020 die Anzahl der indigenen Gebiete mit Entwaldungsaufzeichnungen um 31 % gestiegen ist. Dennoch war der Anteil der Entwaldung in den traditionellen Gebieten der indigenen Bevölkerung im vergangenen Jahr mit 2,5 % am geringsten. Da sich dort die meisten indigenen Territorien befinden, war der Amazonas die Region mit den am stärksten zerstörten Gebieten.
Die indigenen Territorien, welche die meisten Waldflächen verloren haben, sind Apyterewa, Ituna/Itatá, Trincheira/Bacajá, Cachoeira Seca do iriri, Kayapó und Munduruku, die alle im Bundesstaat Pará liegen. Das indigene Land der Yanomami, das ständig von Goldsuchern heimgesucht wird, war mit einem Verlust von 797,4 Hektar Wald das am meisten abgeholzte Gebiet Brasiliens.
Im indigenen Territorium“ Vale do Javari“, im äußersten Westen des Amazonasgebiets, das für eine der höchsten Konzentrationen isolierter indigener Völker in der Welt bekannt ist, wurden 293,4 Hektar der Gesamtfläche vernichtet. Ebenfalls in Amazonas fällt das “Alto Rio Negro IT“ durch den Verlust einer großen Fläche Wald auf, die in diesem Zeitraum zerstört wurde: 423 Hektar.
„Dort wird sehr deutlich, dass der föderale Diskurs das Leben der Ureinwohner in Gefahr bringt – Anträge zur Genehmigung der Goldsuche in ihren Territorien, und dass die Indios nicht weiter “in ihren Umzäunungen“ belassen werden sollten – all das hat die Integrität der indigenen Gebiete stark bedroht und den illegalen Abbau von Bodenschätzen auf indigenem Territorium gefördert“, betont Rosa.
Wenn die Zahlen für 2020 schon besorgniserregend sind, so wird sich die Situation 2021 wiederholen und noch verschlimmern. Die Daten des Echtzeit-Erkennungssystems für die Waldabholzung (Deter) von “Inpe“ zeigen, dass in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits Entwaldungswarnungen für eine Fläche von 2.330 Quadratkilometern ausgegeben wurden.
Original by Fabio Pontes “AmazôniaReal”
Deutsche Bearbeitung/Übersetzung: Klaus D. Günther
Wer ist Amazônia Real
Die unabhängige und investigative Journalismusagentur Amazônia Real ist eine gemeinnützige Organisation, die von den Journalisten Kátia Brasil und Elaíze Farias am 20. Oktober 2013 in Manaus, Amazonas, Nordbrasilien, gegründet wurde.
Der von Amazônia Real produzierte Journalismus setzt auf die Arbeit von Fachleuten mit Feingefühl bei der Suche nach großartigen Geschichten über den Amazonas und seine Bevölkerung, insbesondere solche, die in der Mainstream-Presse keinen Platz haben.