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Die urbane Schweiz
Herausforderungen für den Lebensraum Stadt
75 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leben in einer Stadt, was zu ökologischen und sozialen Problemen führt. Weil die Städte gleichzeitig die Wirtschaftsmotoren der Schweiz sind, greifen einseitige Lösungen zu kurz.
Von Daniel Lay.
Neben Käse und Schokolade ist die Schweiz im Ausland vor allem für ihre schönen Landschaften bekannt. Ein Bild, das auch durch den Tourismus geprägt wurde. In Wirklichkeit ist die Schweiz ein städtisch geprägtes Land. Denn immerhin 75 Prozent der Bevölkerung leben in Städten. Sei es in einer der 50 Agglomerationen oder in einer der fünf isolierten Städte (Definitionen siehe Box).
Drei Phasen des Städtewachstums
Die Entwicklung zum urban geprägten Land hat schon früh begonnen. Bereits in den Jahren 1880 bis 1910 kam es im Zuge der Industrialisierung zu einem Wachstum der Städte sowohl was die Einwohnerzahl als auch die Fläche betrifft. Dieses wurde durch den Ersten Weltkrieg gestoppt und kam bis 1945 – bedingt durch die Wirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg – zunächst nicht mehr richtig in Gang.
Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg liess auch die Städte wieder grösser werden. In einer ersten Phase bis etwa 1970 wuchsen vor allem die Gemeinden rund um die Kernstädte, was zu den typischen Agglomerationen führte. Diese Entwicklung wird als Suburbanisierung bezeichnet. Im Zeitraum von 1970 bis heute veränderte sich das Wachstum der Städte; sie dehnen sich seither vor allem noch an ihren Rändern aus, mit grösseren, weniger dichten Einheiten (Einfamilienhäuser). Auslöser dafür ist einerseits die laufend verbesserte Verkehrsinfrastruktur. Sie ermöglicht den Erwerbstätigen in der gleichen Zeit immer weitere Strecken zurückzulegen. Andererseits wuchsen die Ansprüche der Schweizerinnen und Schweizer mit dem gestiegenen Wohlstand. Sie wünschten sich mehr Wohnfläche und mehr Privatsphäre.
Der Trend lässt sich durch Zahlen belegen: In der Zeit von 1940 bis 1970 nahm die Bevölkerung in den Agglomerationen um über zwei Millionen Einwohner zu, während sich die Fläche der Städte um knapp 181’000 Hektaren ausdehnte. Im Zeitraum von 1970 bis 2000 betrug der Bevölkerungszuwachs nur noch eine Million Personen, die Agglomerationen dehnten sich aber um rund 589’000 Hektaren aus.
Städte: Wirtschaftsmotoren, Wohnräume und Gefahren für die Umwelt
Eine Entwicklung, die es einzudämmen gilt, weil in der Schweiz nicht unbegrenzt Bauland zur Verfügung steht. Allerdings darf das Städtewachstum nicht radikal eingeschränkt werden, denn dies würde den Wirtschaftsmotor abwürgen, den die Städte darstellen. Die gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur in den Städten macht das Dilemma deutlich: Um attraktiv für neue Unternehmen zu sein, ist eine gute Erschliessung unerlässlich. Auf der anderen Seite erleichtert das dichte Strassennetz das Pendeln.
Die Agglomerationspolitik des Bundes
Der Bund hat die Gefahren erkannt, welche das ungebremste Wachstum der Städte mit sich bringt.. Gleichzeitig weiss er, wie wichtig Städte als Zentrum der Wirtschaft und als Wohngebiete sind. Im Rahmen seiner Agglomerationspolitik plant er eine nachhaltige Entwicklung des urbanen Raums. Dabei stellt er sowohl die wirtschaftliche Attraktivität als auch die Lebensqualität für die Bewohner sicher. Dazu ist es wichtig, verschiedene politische Sektoren wie Raumordnung, Verkehr, Umwelt, Sozialpolitik, Finanzen aufeinander abzustimmen.
Konkret unterstützt der Bund innovative Projekt in den Agglomerationen. Als Modellvorhaben sollen diese auch in anderen Agglomerationen Anwendung finden . Zudem regt er die Agglomerationen an, eigene Programme zu entwickeln, die möglichst viele der Herausforderungen umfassen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei vor allem die Umweltprobleme wie Luftverschmutzung oder Kulturlandverlust, die durch den Verkehr und die Ausdehnung der Städte entstehen. Aus diesem Grund spricht der Bund nur noch Gelder für den Agglomerationsverkehr, wenn die Agglomerationen ein Konzept zur Siedlungsentwicklung vorgelegen.
Ein weiteres Ziel besteht darin, durch eine Aufwertung der Kernstädte ein Wachstum nach innen zu erreichen. Gelänge dies, würde zudem ein soziales Problem entschärft: Durch die Abwanderung der besser gestellten Einwohner in die Einfamilienhaussiedlungen an den Rändern der Agglomerationen nimmt in den Kernzonen die Zahl der wirtschaftlich Benachteiligten ständig zu. Neben der unerwünschten räumlichen Trennung von sozialen Gruppen sind vor allem die finanziellen Folgen für die Kernzonen beträchtlich, wo die Steuereinnahmen zurückgehen. Wenn in den Zentren attraktiver Wohnraum entsteht, dehnen sich nicht nur die Agglomerationen weniger stark aus, auch die soziale Durchmischung in den Kernstädten verbessert sich.
Vermehrte Zusammenarbeit nötig
Wachsen mehrere Gemeinden zusammen, stellen sich neue Herausforderungen. Denn jede Gemeinde besitzt noch ihre eigenständigen politischen Institutionen. Wichtige Probleme wie der Stopp der Siedlungsausdehnung lassen sich jedoch nur mit einem Gesamtkonzept für die ganze Agglomeration regeln. Der Bund fördert deshalb auch die so genannte horizontale Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gemeinden einer Agglomeration und den Agglomerationen untereinander.
Er will aber auch die vertikale Zusammenarbeit zwischen Bund, den Kantonen und Gemeinden sowie den Nachbarländern verbessern. Letztere Form der Zusammenarbeit ist für die Schweiz besonders wichtig, weil sie mit Basel, Genf und Lugano über Agglomerationen verfügt, die sich über mehrere Länder erstrecken. Erstmals informierte der Bund 2006 in einem Zwischenbericht über durch seine Agglomerationspolitik angestossene Projekte. Für dieses Jahr eine vertiefte Evaluation geplant.
Literatur zum Thema
Antonio Da Cunha, Jean-François Both: “Metropolisierung, Städte und Agglomerationen” (Bundesamt für Statistik)
Basierend auf den Daten der Volkszählung 2000 analysieren die Autoren die Entwicklung der Städte und Agglomerationen.
Im Netz
http://www.agglomeration.ch
Homepage des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) zum Thema Agglomeration mit vielen Texten als Download.
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen.html
Auch das Bundesamt für Statistik (BFS) bietet auf seiner Homepage viele interessante Daten zum Thema Agglomeration.
Definitionen
Städte: Gemeinden mit mindestens 10’000 Einwohnern gelten in der Schweiz als Städte.
Agglomerationen: Agglomerationen sind urbane Ballungsgebiete aus mehreren Gemeinden, die sich durch eine hohe Dichte an Arbeitsplätzen und Einwohnern auszeichnen. Sie bestehen aus einer Kernzone und einem sie umgebenden Gürtel von Gemeinden. Die Einteilung erfolgt in der Schweiz über statistische Werte wie die Pendlerströme.
Kernzone: Zentralbereich der Agglomerationen.