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Über lange Zeit war der Name Lohner-Zürcher hier ein Begriff. Er geht auf eine Familie zurück, die vor einem Jahrhundert in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte und trotzdem den Grundstein der Lohnerhütte in Adelboden legte.
Peter Zürcher, geboren 1857, wurde «Lohner- Zürcher» genannt. Den Lebensunterhalt verdiente der im Jahr 1857 geborene Peter Zürcher als Holzhacker und «Tagwaner» (Taglöhner). Der magere Lohn genügte knapp, die Familie finanziell über Wasser zu halten. Die Arbeit auf der alten Säge im Birchi, die mit Wasser aus der Engstligen angetrieben wurde, brachte zusätzlich einige Franken ein. Es kam immer wieder vor, dass nach einem Gewitter oder der Schneeschmelze der Kanal zum Wasserrad verstopft war, weil weggerissene Sträucher und Bäume in den Wasserkanal gelangten und die Wasserzufuhr blockierten. Hier waren Zappi (ein im Alpenraum verwendetes Mehrzweckgerät, eine Kombination aus Hammer und Wendehaken), Schaufel und Pickel gefragt, um Geröll und Holz aus dem Kanal zu entfernen. Diese Arbeit war nicht ganz ungefährlich.
FOTO ADELB.BUCH© / FOTOARCHIV F. INNIGER
Eine Behausung wird gebaut
Peter Zürcher konnte 1903 ein von niemandem benutztes felsiges Gebiet von der Alpschaft Bunder zur Nutzung als «Schafbergli im Lohnergebiet» erwerben. Zwischen Felspartien in fast unzugänglicher Höhe sah er saftige und grüne Weideflächen, auf welchen bisher
nur Gemsen grasten. Peter Zürcher wollte das grüne Gras auf den «Sässen» für seine Ziegen und Schafe nutzen. Von den Schrickmatten her suchte er sich eine einfach begehbare Route durch Felsen hinauf zu den Sässen aus. Unterhalb des Zürchertrittes (der Name stammt
von ihm) baute er eine kleine Hütte mit Stall und Gemach für Tiere und Familie für den Sommer. Erst musste ein Weg gemacht werden und zur Überwindung einer Felspartie brauchte es zwei Leitern. Alles Material wurde auf dem «Buggel» hinaufgetragen. Das fertig gestellte Häuschen war keine Residenz, in der die Familie Ferien machte. Im Gegenteil, den ganzen Sommer über wurde Gras gemäht, Heu zusammengerecht und dann auf dem Rücken über schwindelerregend schmale Felsbänder in die Nähe der Hütte getragen, um dort um einen Holzmast birnenförmig zu einer Triste geformt zu werden. Auch der Kartoffelacker musste besorgt und gepflegt werden.
Ein langer Schulweg
Sobald Sonne und Föhn die letzten Schneeresten auf den Sässen aufgeleckt hatten, zog die Familie mit Schaf und Ziegen in ihre Hütte und blieb bis in den Herbst. Einmal soll sie schon Ende März zum Lohner hinaufgezügelt sein, da auf den «Sässen» schon so viel Gras gewachsen war, dass man weiden konnte. Viel Platz gab es in der Hütte nicht. Die Kinder schliefen zum Teil über dem Stall auf dem Heuboden. Es gab eine Kochstelle und zwei kleine «Stübeni». Man ernährte sich von Ziegenmilch und etwas Käse. Weiter baute man unweit der Hütte Kartoffeln an, die dort oben gut gewachsen sein sollen. Geregelte Schulferien kannte man nicht. Vom Sommer bis zum Herbst mussten die Kinder im Bergbauernbetrieb helfen; Schule wurde in dieser Zeit nur bei schlechtem Wetter abgehalten. Die Zürcherkinder mussten an Schlechtwettertagen den langen Schulweg vom Lohner über den nicht ungefährlichen Felsweg zum Schulhaus Hirzboden gehen. Da die Familie sehr arm war, gingen die Kinder meist barfuss oder trugen «Holztschüggeni», die sich nicht dem felsigen Untergrund anpassten. Zudem waren diese mit den glatten Holzböden bei nassem Wetter gefährlich. Deshalb nagelte man dicke Lederstücke auf die Holzsohlen. Über vier Stunden dauerte der lange Schulweg hin und zurück. Die Kinder waren jeweils froh, wenn sie im Herbst wieder in ihr Heim auf der Grabenmatte zurückkehren durften. Sohn Jakob war ein kräftiger Junge. Weil er im Schulhaus den Ofen aufheizen musste, begab er sich jeweils schon früh auf den Weg. Schritt für Schritt bahnte er sich in seinen «Holztschuggen» einen Weg durch den tiefen Schnee, von der Grabenmatte zum Schulhaus Hirzboden. Oft wurden dabei seine Füsse so nass, dass er seine Strümpfe am Ofen trocknen musste. Seinen Eltern fehlte das Geld, um Schuhe zu kaufen. Für seinen Dienst schenkte ihm die Schulpflege ein paar gute Schuhe, in denen er nicht mehr so nass wurde.
Hütte fällt Lawine zum Opfer
Zweimal setzten starke Schneefälle Peter Zürchers Hütte zu. Im Frühling 1928 wurde der Wohnteil seiner geliebten
Lohnerbehausung komplett durch eine Lawine zerstört. Nur der Stall blieb unversehrt. Schon einige Jahre vorher war
seine Hütte durch eine Lawine zerstört worden und er baute sie deshalb an einer vermeintlich lawinensichereren
Stelle wieder auf. Aber er stand auch im Frühling 1928 vor einer Ruine. Als über siebzig Jahre alter Mann fand er nicht mehr die Kraft, diese wieder aufzubauen. Da immer mehr Touristen nach Adelboden kamen, eröffnete Bergführer Fritz Hari in seiner Alphütte auf der Engstligenalp ein kleines Restaurant. Damit wollte er Gäste aus Adelboden anlocken und ihnen das Bergsteigen schmackhaft machen. Touristen, die in der kleinen Hütte übernachtet hatten, führte er am frühen Morgen auf den Wildstrubel. Diese Sennhütte wurde dann zur Klubhütte umgetauft. Als Nebenberuf liessen sich Männer als Bergführer ausbilden, um die Adelbodner Berge mit Touristen zu besteigen. Auch der Lohner war ein attraktives Bergsteigerziel. So gründete man bereits 1919 die Sektion Wildstrubel des schweizerischen Alpenclubs.
Ideen für SAC-Hütte am Lohner
Immer mehr zog Zürchers Behausung am Lohner Menschen an. Nebst Gemsjägern kamen manchmal auch andere Leute den Weg heraufgekraxelt, um dort oben die Aussicht zu geniessen; vielleicht war es auch der «Gwunder», der sie hochtrieb, um nachzusehen, was die Leute dort oben machen. Inzwischen waren auch Zürchers Kinder erwachsen geworden und sie
kamen im Sommer nicht mehr hoch. So gab es zum Übernachten mehr Platz. Ab und zu kamen Bergführer mit Bergsteigern,
die bei Zürcher einen Unterschlupf fanden, um am nächsten Tag eine Tour auf den Lohner zu machen. Die SAC-Sektion
Wildstrubel erwog deshalb den Bau einer eigenen Clubhütte am Lohner. Wahrscheinlich im Jahr 1923 waren Hotelier Zurbuchen vom Hotel Regina und Baumeister Hermann Jaggi bei Peter Zürcher zu Besuch. Zürcher kannte den Lohner wie seine eigene Westentasche. So stieg er mit ihnen über die Zürchertritte hinauf und überquerte den Sitzbachgraben an einer Stelle, die wie eine grosse felsige Sprungschanze aussah, an deren Südwesthang gemähtes Gras an der warmen Sonne trocknete und wie Teekraut roch. Diese Stelle muss die beiden Gäste beeindruckt haben. Zurbuchen war Hotelier und Präsident der SAC-Sektion und er erzählte den Architekten Vivian und von Moos aus Interlaken und Luzern von seinem Vorhaben. Zurbuchen war als strebsamer und cleverer Man bekannt. Er bat die Architekten, einen Entwurf für eine neue Klubhütte nach seinen Vorstellungen zu zeichnen. Am 1. Mai 1924 wurde ihm dieser zugestellt. Kurz darauf lag auch schon ein Baukostenvoranschlag über 15800 Franken plus 3000 Franken Wegarbeiten vor. Das Vorhaben scheiterte am dazu benötigten Geld. 1926 nahm der Vorstand noch einmal einen Anlauf und sandte Zeichnung und Kostenvoranschlag an das Zentralsekretariat des SAC. Dieser fand die Idee zwar gut, sagte aber, dass am Lohner eine kleine Kletterhütte genügen würde.
Realisierung der SAC-Lohnerhütte
Eine Änderung gab es im Winter 1927/1928, im Jahr, als Zürchers Behausung von der Lawine total zerstört wurde. Nun wollte man den SAC-Hüttenbau realisieren. «Spenden für die Lohnerhütte» steht auf dem Deckel des Spendenbuches. Auf seiner Innenseite in goldenen Buchstaben «Das goldene Buch der Lohnerhütte». Auf der nächsten Seite klebt ein Foto vom Lohner. Ein rotes Kreuz zeigt den Standort der zu erstellenden Hütte an. Ein poetischer Text lädt Bergfreunde zur Zeichnung einer Spende ein: «Das Bild der weissen Berge, die mit ihren Spitzen hinein ragen in das Blau der Unendlichkeit, dieses Bild ist tief eingegraben in jedes Schweizers Herz …» Zurbuchen trug als Erster eine
Spende von 100 Franken ein. Darauf folgten Spenden von Hotels, Vereinen und Privatpersonen. Die Finanzkommission
konnte so 17500 Franken Spenden verbuchen. Am 19. Februar 1929 unterzeichnete die Baukommission der Lohnerhütte den Bauvertrag mit Hermann Jaggi. Peter Zürcher hatte seinen Söhnen, als diese noch Knaben waren, sein Grundstück am Lohner übertragen. Von ihnen wurde das Land mit Quellrecht für 50 Franken erworben. Im Frühling 1929 wurde mit dem Bau begonnen. Um Material zu transportieren, wurde ein Seil vom Lohner zum Bergläger gespannt, über welches in einer eigens dafür konstruierten Kiste nebst Kleinmaterial auch Kanthölzer hochgezogen werden konnten. Trotz ca. 60m3 Felsaushub ging der Bau zügig voran, so dass die neue SAC-Hütte schon am 29. September 1929 fertiggestellt war und eingeweiht werden konnte. Gegen 100 Personen schrieben sich am Einweihungstag ins Hüttenbuch ein.
Jakob Zürcher als Hüttenwart
Nach der Einweihung der Lohnerhütte, als der Schnee bereits die Gipfel des Lohners in Weiss gehüllt hatte, blieb nur noch wenig Zeit für die noch ausstehenden Umgebungsarbeiten. Erst am 15. Juni 1930 stand die Hütte für Touristen offen. Bergführer Stefan Bärtschi übernahm für zwei Sommer die Hüttenbewartung. Schon 1933 arbeitete Jakob Zürcher als Hüttenwartstellvertreter und ging mit den Führern als Träger über die Grate des Lohnermassives, die er aus seiner Jugendzeit wie seine eigene Westentasche kannte. Im Mai 1934 wurde er zum Hüttenwart gewählt. 1937 wurde er als Bergführer nominiert. Wenn er mit seinen Kindern über den Leiternweg zur Hütte hinaufstieg, erzählte er ihnen oft von seinen Erlebnissen aus seiner Jugendzeit. 37 Jahre bewartete Jakob Zürcher die Lohnerhütte und er wusste seinen Gästen viel vom Lohner zu erzählen.
FRITZ INNIGER
Die SAC-Lohnerhütte aus dem Jahr 1929 steht noch heute und ist Samstag und Sonntag bewartet.
Text und Bilder: FRITZ INNIGER
Text und Fotomaterial
Der Text wurde aufgrund von mündlichen Überlieferungen und Erzählungen von Grosskindern und Verwandten verfasst. Als Grundlage dienten auch Dokumente aus dem SAC-Archiv, Adelbodenbuch (Alf. Bärtschi), Grundbuchdokumente von Kaufverträgen und Befragung alter Leute. Bilder stammen zum Teil von Privatpersonen und vom Fotoalbum Hermann Jaggi sel., der den Hüttenbau realisierte und Aufnahmen machte. In diesem Sommer wird der Weg zur Lohnerhütte unter dem Titel «Auf den Spuren des Lohner-Zürcher» signalisiert und mit Fotos ausgeschildert. Ebenso wird auf einem Plan die Route eingezeichnet und an gewissen Punkten Fotos angeschlagen.