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Kulturtechnik,
das landwirtschaftliche Meliorationswesen, soweit sich dasselbe mit der Ent- und Bewässerung der Grundstücke, mit der Korrektion kleinerer, nicht schiffbarer Wasserläufe, mit der Anlage von Reservoirs für Bewässerungszwecke sowie der Wasserversorgung für kleinere Ortschaften befaßt. Im weitern Sinn würde man alle im Interesse der Bodenkultur auszuführenden technischen Arbeiten, ¶
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welche auf den Gesetzen der Ingenieurwissenschaft basieren, als in das Gebiet der
Kulturtechnik gehörig bezeichnen können.
Letztere Definition würde aber bedingen, daß auch der Hochbau, der Wegebau und das landwirtschaftliche Maschinenwesen in die
Funktionen des
Kulturtechnikers (Kulturingenieurs) einbezogen würden. Da sich jedoch hierdurch die Thätigkeit der
Kulturtechniker
zu vielseitig gestalten würde, so pflegt man gemeinhin die Arbeiten des landwirtschaftlichen Wasserbaues
als
Kulturtechnik zu bezeichnen.
Erst in neuerer Zeit wurde die Frage, in welcher Weise die
Kulturtechnik am besten zu fördern sei, von den verschiedensten Seiten beleuchtet.
Bis vor etwa einem Jahrzehnt bestand insofern eine strenge Teilung der Arbeiten, als die größern landwirtschaftlichen
Meliorationen, d. h. die Zu- und Ableitung des Wassers bei den Anlagen für Be- und Entwässerung, von den Wasserbauingenieuren
(Meliorationsbaumeistern) ausgeführt wurden, welche in der Regel in keiner oder nur sehr geringer Beziehung zur Landwirtschaft
standen und somit ihre Anlagen ausschließlich mit Berücksichtigung der hydrotechnischen Regeln herstellten.
Landwirtschaftliche Gesichtspunkte, z. B. über den Wasserbedarf, über die Wirkung des Wassers auf die verschiedenen Kulturen, über den mutmaßlichen Ertrag nach ausgeführter Melioration, konnten in der Regel nicht beantwortet werden, da hierzu alle erforderlichen Grundlagen fehlten. Die rein technischen Arbeiten, wie die Tracierung und Erbauung der Kanäle, Schleusen, Wehre, Überleitung etc., wurden dagegen zumeist in entsprechender, freilich auch häufig in übermäßig kostspieliger Weise ausgeführt.
Die lokalen Arbeiten bei der Ent- und Bewässerung, d. h. also die Anlagen von Drainagen und Wässerwiesen, erfolgten in früherer Zeit durch Draintechniker, Wiesenbaumeister und Geometer, welche sich die erforderliche Routine für diese Arbeiten erworben hatten. Für die Drainage [* 3] erwies sich die Übertragung der Arbeiten an derartige Praktiker meist als zulässig; es bildeten sich im Lauf der Zeit in fast allen Distrikten Persönlichkeiten aus, welche die ihnen übertragenen Arbeiten zur Zufriedenheit lösten.
Anders lag jedoch die Sache in betreff der Bewässerungen. Die Ansichten über das Wesen derselben, über die Wirkung des Wassers auf Boden und Vegetation, über den Einfluß des Bodens und des Klimas gingen noch vor einem Jahrzehnt so weit auseinander, daß es unzulässig erschien, eine Schablone aufzustellen, nach welcher Bewässerungsanlagen auszuführen seien. Es kam hierzu noch, daß sich eine Anzahl der verschiedensten Systeme der Bewässerung schroff gegenüberstand und lebhafte Kontroversen über den Wert derselben unter den Fachmännern entstanden.
Von einigen Seiten wurde dem Kunstwiesenbau, wie er im Siegener Distrikt seit länger als einem Jahrhundert eingeführt ist, das Wort geredet; ein seiner Zeit sehr verdienstvoller Techniker, L. Vincent in Regenwalde, entwickelte neue Grundsätze über die Anlage von Wässerungswiesen und bezeichnete seine Lehre [* 4] als den »rationellen« Wiesenbau. Ferner wurde durch den Gutsbesitzer Petersen in Witkiel ^[richtig: Wittkiel] (Holstein) ein neues System geschaffen, bestehend in der Kombination einer Oberflächenbewässerung mit einer Drainage.
Alle drei Systeme waren auf rein empirischem Weg entstanden und weiter ausgebildet worden; jedem derselben wurde von seinen
Anhängern ein genereller Wert zugeschrieben; eine auf wissenschaftlicher Grundlage nachgewiesene Berechtigung
existierte bei keinem dieser Systeme. Diese mußte in erster Linie geschaffen werden, wenn der Wiesenbau aus der bisherigen
Empirie in ein wirklich rationelles System übergeführt werden sollte, und hierzu sollte vor allem die
Kulturtechnik berufen sein.
Eine gedeihliche Förderung der
Kulturtechnik, d. h. eine Aufschließung der
Kräfte, welche in dem Boden und dem Wasser schlummern, zur Hebung
[* 5] der Bodenkultur, konnte aber nur in dem Fall ermöglicht werden,
daß dem Kulturingenieur eine zweckmäßig geordnete Thätigkeit überwiesen wurde, in ähnlicher Weise wie den Ingenieuren
des Wasserbaues, denen die Regulierung der Flüsse
[* 6] und Ströme obliegt. Es handelte sich somit um eine Organisation
des
kulturtechnischen Dienstes unter staatlicher oder gesellschaftlicher Autorität. In Bayern,
[* 7] Baden
[* 8] und Elsaß-Lothringen,
[* 9] in
Ungarn
[* 10] und einzelnen österreichischen Kronländern besteht eine derartige Organisation; die Kulturingenieure sind für bestimmte
Distrikte fest angestellt, unterstehen einer Zentralbehörde und haben die in ihrem Gebiet vorkommenden Meliorationsarbeiten
zu entwerfen, auszuführen, bez. bei minder bedeutenden Aufgaben zu überwachen,
zu welchem Zweck ihnen je nach Bedarf eine Anzahl von Unterorganen (Kreiswiesenbauaufseher, Kulturvorarbeiter) beigegeben werden.
Es mag nun die Organisation und Instruktion eine noch so vollkommene sein, so wird eine gedeihliche Entwickelung der
Kulturtechnik nur
unter Zusammentreffen folgender Umstände möglich sein:
1) wenn die Ingenieure ihr Fach vollständig beherrschen;
2) wenn in landwirtschaftlichen Kreisen das Verständnis für den Wert der kulturtechnischen Meliorationen immer mehr eindringt;
3) wenn den Grundbesitzern die Möglichkeit gegeben ist, gegen mäßige Verzinsung Gelder zur Ausführung der Meliorationen aufzunehmen;
4) wenn ein rationelles, speziell das landwirtschaftliche Meliorationswesen berücksichtigendes
Wasserrechtsgesetz besteht. In der neuesten Zeit ist man fast überall bestrebt, die Förderung der
Kulturtechnik nach diesen Gesichtspunkten
hin zu bewirken; namentlich wird das Studium des Faches an verschiedenen landwirtschaftlichen und technischen Hochschulen (Berlin,
[* 11] Wien,
[* 12] München,
[* 13] Poppelsdorf) ermöglicht; auch die Finanzierung wird durch Rentenbanken oder, wie in Österreich,
[* 14] durch
den mit dem Gesetz vom geschaffenen Meliorationsfonds wesentlich erleichtert.
Vgl. Dünkelberg, Encyklopädie und
Methodologie der
Kulturtechnik (Braunschw. 1883, 2 Bde.);
»Landeskulturzeitung«, Fachblatt für die gesamte
Kulturtechnik (hrsg.
von Müller-Köpen, Berl. 1886 ff.);
»Ausbildung und Prüfung der preußischen Landmesser und
Kulturtechniker. Verordnungen und
Erlasse« (das. 1887).