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1. Elija und die Propheten des Bá‘al auf dem Karmel (1 Kön 18)
Unter den vielen dramatischen Erzählungen des Alten Testaments spielt sich eine auf dem Berg Karmel ab. Dieser Gebirgszug erstreckt sich südlich der Bucht von Akko und steigt steil vom Mittelmeer zu einer Höhe von ca. 546 Metern empor.1 An dem in die Küstenebene vorragenden Kap zieht sich heute die moderne Hafenstadt Haifa hinauf. Hier kommt es zum Schlagabtausch zwischen dem Propheten Elija und den Propheten des Bá‘al. Der Stier, den die Propheten des Bá‘al opfern, wird von ihrer Gottheit nicht angenommen.
Anders bei Elija. Er «heilt» einen «zerstörten JHWH-Altar» (1 Kön 18,30). Dazu verwendet er zwölf unbehauene Steine nach der Zahl der zwölf Stämme Israels. Dann bereitet er den Stier vor, begiesst ihn zusätzlich noch mit Wasser und ruft JHWH an. Im nächsten Augenblick verzehrt ein Feuer den Stier, das Brennholz, die Steine, die Erde und das Wasser. Ergriffen bekennt sich das Volk zu JHWH (18,31–39). Klares Ergebnis: Der Gott Israels ist wirkmächtig, der Gott Bá‘al völlig ohnmächtig. Historisch gehört Elija in die Zeit zwischen 870 und 850 v. Chr. Die zugespitzte Erzählung propagiert das theologisch spätere Programm eines intoleranten Monotheismus (Exilszeit).2 Der Karmel wird damit zu einem besonderen Berg, an dem sich der Gott Israels offenbart. «Berge spielen in zahlreichen Religionen der Erde eine mythische Rolle. Insbesondere dort, wo ein Massiv aus seiner Umgebung steil aufragt und über grössere Entfernungen sichtbar wird, legt sich urtümlichen Kulturen nahe, dem Berg eine numinose Bedeutung beizulegen».3
2. Der den Einwohnern Ugarits beistehende Gebirgsgott Bá’al
Die Gottheit Bá‘al kommt im Alten Testament ca. 76-mal vor. Aus Sicht der alttestamentlichen Erzählungen ist dieser Gott zwar ein ohnmächtiger, aber doch bedrohlicher Gott, weil das Volk Israel immer wieder in Gefahr stand, zu ihm abzufallen. Über Jahrtausende kannte man Bá‘al nur aus der Sicht der alttestamentlichen Texte.
Als im März 1928 ein Bauer beim Pflügen an der nordsyrischen Mittelmeerküste auf eine unterirdische Grabkammer gestossen war, wurden nach und nach französische Archäologen auf dieses Areal aufmerksam. Sie gruben die Ruinen einer internationalen Hafenstadt aus, die um 1200 v. Chr. zerstört worden war und den Namen Ugarit trug. Man machte zahlreiche Funde: Keramikarbeiten, Gegenstände des Alltags und des Kultes, kunstvoll gestaltete bronzene Figuren und Statuen von Gottheiten. Für die Forschung besonders bedeutsam sind «rund 161 religiöse[n] Texte (Mythen, Epen, Opfer- und Götterlisten)»4 in einer bis dahin noch unbekannten Schrift mit 30 Keilen als Buchstaben.
Nachdem das ugaritische Alphabet schon zwei Jahre nach seiner Entdeckung5 entziffert werden konnte, wurde deutlich, dass sich unter den religiösen Texten Erzählungen fanden, welche von der Gottheit Bá‘al handelten. Diese symbolisch zu lesenden Texte galten den Bewohnern von Ugarit als heilig. Bá‘al kam innerhalb der Versammlung der Göttinnen und Götter die herausragende Position zu. Er ist ein jugendlicher und kraftvoller Gott. Nach dem Kampf mit dem konkurrierenden Meeresgott Jam kann er die Position des Königs der Göttinnen und Götter erringen.
Von einem göttlichen Schmied aus Kreta lässt sich Bá‘al einen himmlischen Palast auf einem Gebirgsmassiv errichten, das 30 Kilometer nördlich von Ugarit liegt und vom Meer auf 1770 Meter Höhe aufsteigt. Dieser Berg hiess Zafon und wurde nicht nur von den Einwohnern Ugarits, sondern auch von den Nachbarvölkern als heiliger Berg verehrt, z. B. von den Hetitern in der heutigen Türkei oder von den Hurritern am Vansee nahe dem riesigen Araratmassiv. 6 Dem evangelischen Alttestamentler Otto Eissfeldt aus Halle war es 1932 gelungen, den in der Antike als «Mons Casius» (übersetzt «Berg des Zeus») weithin bekannten Berg mit dem Zafon zu identifizieren. Heute trägt dieser Gebirgsstock den arabischen Namen Dschebel al-Aqra‘ / «der kahle Berg».7 Der römische Gelehrte C. Julius Solinus, der etwa Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. lebte, rühmt den Mons Casius als einen Berg, von dessen Gipfel aus man früh morgens während der vierten Nachwache im Osten den aufgehenden Sonnenball bestaunen könne, während man nach Westen zugleich noch gänzlich in das Dunkel der Nacht hineinblicke.8
Die berühmteste Götterstatue, die gefunden wurde, zeigt Bá‘al. Einst stand sie in seinem Tempel in der Stadt Ugarit. Heute kann sie in Paris im Louvre betrachtet werden. Man bezeichnet sie als «Baal au foudre» = «Baal im Blitzschlag». Die 1,42 m hohe Kalksteinstele stellt Bá‘al dar, wie er über das aufgewühlte Meer und eine Bergkette schreitet. Von seinem auf dem Zafon in phantastische Wolkentürme gehüllten Palast aus sorgt Bá‘al dafür, dass sich nach der langen Zeit der Sommerdürre im Herbst wieder Wolken bilden, es zu Gewittern kommt und schliesslich Regen fällt.
Daher seine Waffen, mit denen er ausgestattet ist: In seiner Rechten erhebt er eine Donnerkeule. In seiner Linken hält er – nach dem ikonografischen Vergleich des Luzerner Alttestamentlers Urs Winter – eine Zedernlanze,9 welche zum Ausdruck bringt, dass Bá‘al mit seinem Regen das Leben und die Fruchtbarkeit der Pflanzen, Tiere und Menschen ermöglicht. Im Hintergrund verschränkt eine betende Person in syrischer Gewandung ehrfurchtsvoll ihre Hände auf der Brust. Bá‘al ist ein den Menschen des 2. Jahrtausends v. Chr. in Syrien und Kanaan naher Gott. Er sorgt sich um das Leben und Überleben der Menschen. Symbol seiner unbändigen Kraft ist der Stier.10
Den Mythos über Bá‘al hat der Priester Ilimalku zur Zeit des Königs Niqmaddu II. (um 1350 v. Chr.) niedergeschrieben, wie dem Kolophon (eine Art «Unterschrift») am Ende des Bá‘al-Anat- Zyklus entnommen werden kann.11
3. Der dem Volk Israel beistehende Gebirgsgott JHWH (Buch Exodus)
Nach der biblischen Erzählung im Buch Exodus findet das Volk Israel zu seinem Gott JHWH über Mose. Nachdem Josef, der Lieblingssohn Jakobs, gestorben war, musste das Volk Israel unter einem neuen Pharao im Ostnildelta in Ägypten harte Sklavenarbeit leisten (Gen 50; Ex 1). Mose, ein hebräischer Säugling, wurde auf wunderbare Weise im Papyruskörbchen errettet und von der Pharaonentochter adoptiert, musste dann aber in eine Landschaft namens Midian fliehen (Ex 2). Mose kommt zum Gottesberg Horeb (3,1), wo Gott im brennenden Dornbusch seinen Namen JHWH offenbart bzw. theologisch deutet: «Ich werde sein, der ich sein werde» (3,14).
Mose kehrt nach Ägypten zurück und führt sein Volk unter spektakulären Umständen durch das Schilfmeer. Israel gelangt nach 45 Tagen Wüstenwanderung an den Berg Sinai und bereitet sich auf die Begegnung mit Gott vor. Am dritten Tag erscheint er unter den Zeichen von Rauch, Feuer und Beben (19,1– 15). Einen Tag danach schliesst Gott mit Israel seinen Bund. Wenige Tage später steigt Mose auf den Berg Sinai auf und verweilt dort 40 Tage und Nächte.12
Gott unterrichtet Mose auf dem Berg Sinai in einer Rede über sieben Kapitel (Ex 25–31) hinweg darüber, dass er ein Zeltheiligtum anfertigen solle, eine Art mobiler Tempel, den man auf der weiteren Wüstenwandung praktischerweise auf- und abbauen kann: ein äusserer Hof, der den heiligen Bezirk abgrenzt; auf der Ostseite ein Brandopferaltar für die Tiere, auf der Westseite das Zeltheiligtum. Das Zeltheiligtum selbst besteht aus drei Räumen: der Vorhalle im Osten, dem Hauptraum und im innersten Bereich dem Allerheiligsten. Dort soll Mose die Bundeslade hineinstellen.
Bei der Bundeslade handelt es sich um einen tragbaren Kasten aus Akazienholz. Oben auf seiner Deckplatte sitzen zwei geflügelte Keruben, also ägyptische Mischwesen mit Menschenkopf, Löwenkörper und Flügeln, sog. Sphingen. An der Lade wird sich Gott von Mose treffen lassen (25,22; 29,42 f.; 30,6.36).
Wenn das Volk Israel unten am Fusse des Berges nicht zu einem goldenen Jungstier abgefallen wäre, hätte Mose gleich nach seinem Abstieg das Zeltheiligtum ausgeführt. So aber musste er ein zweites Mal 40 Tage und Nächte auf dem Sinai verbringen. Anschliessend steigt er hinab und führt das Zeltheiligtum aus. Jetzt kommt JHWH herab auf das Zeltheiligtum und erfüllt es mit einer Wolke. Von jetzt an wohnt er inmitten Israels und begleitet sein Volk im Zeltheiligtum auf dem weiteren Weg über 39 Jahre in das Gelobte Land (Ex 32–34).
Diese phantastische Theologie des Buches Exodus stammt in ihrer Endfassung aus einer relativ späten Zeit. Sie wurde etwa im 6. Jahrhundert v. Chr. während des Babylonischen Exils in dieser Form ausformuliert. Bis zum heutigen Tag bestimmt sie zentrale Inhalte des jüdischen, des christlichen und des islamischen Glaubens.
Man geht davon aus, dass sich im Buch Exodus alte Traditionen über den Auszug der Mose- Gruppe finden. In den vier poetisch-hymnische Stellen Dtn 33,2; Ri 5,4–5; Hab 3,3–4; Ps 68,8–9 lassen sich vermutlich alte lokale Traditionskerne greifen, die darauf hindeuten, dass sich das Gebiet des Sinaigebirges und die Landschaft Midian wahrscheinlich auf der östlichen Seite des Roten Meeres befunden haben, also in Nordwestarabien.13
Fazit: Der syrische Gebirgsgott Bá‘al und der midianitische Gebirgsgott JHWH weisen erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Beide erscheinen auf einem hohen Gebirgsmassiv: dem Zafon bzw. dem Sinai. Beide erscheinen unter ähnlichen Phänomenen: Wolken, Blitz, Donner und Regen bzw. Rauch, Feuer, Beben und Wolken. Beide sind ihrer Gruppe nahe: den Einwohnern von Ugarit bzw. dem Volk Israel. Beide haben einen Palast bzw. ein Heiligtum.
4. Die Eroberung Jerusalems durch David (2 Sam 5)
Nach Moses Tod führt Josua das Volk Israel in das Gelobte Land, erobert es Zug um Zug und verteilt es an die zwölf Stämme (Buch Josua). Den Stämmen Israels werden die Philister an der Mittelmeerküste zu einer immer grösseren Gefahr. Zunächst wird Saul von Samuel zum ersten Heeresführer eines kleinen, mittelpalästinischen Stämmeverbundes berufen, um sich den Philistern entgegenzustellen. Nach einigen bemerkenswerten Siegen über die Philister endet er tragisch (1 Sam 9–15; 31).14
Auf Saul folgt David, der Sohn Isais aus Bethlehem im Stamm Juda, ca. 5 Kilometer südlich von Jerusalem. David war ein überaus gefährlicher Guerillataktiker, der zunächst im Süden in der Stadt Hebron im Alter von dreissig Jahren zum König gesalbt wurde (2 Sam 5,1–4). Zur Zeit Davids befand sich die als uneinnehmbar geltende Stadt Jerusalem in der Hand einer alten kanaanäischen Gruppe, der Jebusiter. Offensichtlich gelingt es David um das Jahr 1000 v. Chr., diese Stadtfestung handstreichartig zu erobern.
Die alte Stadt der Jebusiter lag auf dem Südost- Hügel, «einem schmalen Felssporn, der östlich vom tiefen Einschnitt des Kidron-Tals und westlich vom Tyropoion-Tal [neuerdings als ‹Stadt-/Tal›15 bezeichnet] begrenzt war».16 Das Gelände stieg nach Norden weiter auf eine Höhe an. Auf diesem Südosthügel stand eine Befestigungsanlage, welche die Jebusiter die «Burg Zion» nannten. Nachdem David die Befestigung erobert hatte, benannte er die Siedlung mit dem Namen «Stadt Davids» um. Dort baute er seine Residenz (5,6–9).
Zu dieser Zeit stand die Lade in Baala (6,2), einem Ort westlich von Jerusalem im Hügelland zwischen der Küstenebene und dem aufsteigenden judäischen Gebirge (Schefela). David lässt dieses alte Symbol der Gegenwart Gottes nach Jerusalem überführen (2 Sam 6). Damit gelingt ihm ein weiterer «geschickter religionspolitischer Schachzug».17 Von jetzt an wird Jerusalem, das bisher noch gar nicht israelitisch besiedelt war, zur heiligen Stadt, zum religiösen Zentrum des Glaubens an JHWH.18
5. Salomo erbaut den Tempel (1 Kön 6–8)
Nach Davids Tod erbaut Davids Sohn und Nachfolger Salomo den Jerusalemer Tempel, etwa um das Jahr 960 v. Chr. (1 Kön 6). Als Bauplatz wählt er hierfür das Hochplateau oberhalb der Davidstadt: auf dem Nordosthügel. Nachdem der Tempel steht, wandert der Name «Zion» vom niedrigeren Südosthügel auf den höheren Nordosthügel: den Tempelplatz bzw. Tempelberg. Von jetzt an heisst der Tempelberg «Zion».19 Der Tempel Salomos zeigt denselben Aufbau wie das fiktionale Zeltheiligtum am Sinai: im Osten die Vorhalle, in der Mitte der Hauptraum und im Westen das Allerheiligste.
Im Allerheiligsten lässt Salomo zwei riesige geflügelte Keruben aufstellten, beide sind etwa 4,5 m (10 Ellen) hoch (6,23–28). Sie haben die Aufgabe, als (leerer) Thron für den darüber unsichtbaren Gott zu dienen.20 Ausserdem lässt Salomo die Lade überführen und zwischen die Füsse der beiden Keruben deponieren (1 Kön 8). Von jetzt an wohnt Gott im Jerusalemer Tempel auf dem Berg Zion. Von jetzt an thront Gott über den Keruben auf dem Berg Zion. Gott wird als darüber unsichtbar und in kosmischen Ausmassen thronend gedacht.21
Fazit: Ein drittes Mal findet sich ein ähnliches Szenario, welches schon für Bá‘al auf dem Zafon und JHWH auf dem Sinai gegeben war. Der Gott von Jerusalem wohnt auf dem Berg Zion. Dort steht sein prächtiger Palast bzw. Tempel.
6. Ps 48: «Zionslied» – «Zafonslied»
Im Laufe der Jahrhunderte entfaltet sich eine innige Beziehung zwischen dem Gott, der über den Keruben auf dem Zion thront, und dem Volk Israel. Viele Gebete und Lieder entstehen, welche den Berg Zion besingen. Innerhalb des Buches der Psalmen findet sich die von Hermann Gunkel und Joachim Begrich als «Zionslieder» bezeichnete Gruppe mit den Psalmen 46; 48; 76; 84; 87; 122; (132).22
In besonderer Weise verblüfft Ps 48 mit seinem Lobpreis auf den Berg JHWHs, den Zion. Die ersten drei Verse lauten:
1 Ein Lied, ein «Harfenlied» (M. Buber)/Psalm von den Söhnen Korachs.
2 Gross (ist) JHWH und sehr gepriesen in der Stadt unseres Gottes.
2/3 Der Berg seiner Heiligkeit (ist) schön an Höhe, die Wonne der ganzen Erde.
3 Der Berg Zion (ist) die Spitze des Zafon, (ist) die Stadt des grossen Königs.
Der Begriff «Zafon» ist im biblischen Hebräisch 153-mal belegt und bedeutet meist «Norden» (Allgemeinbegriff). Als Stellen für den Eigennamen des ugaritischen Gottesberges Zafon kommen innerhalb des Alten Testaments vier infrage: Jes 14,13; Ps 48,3; 89,13; Ijob 26,7.23 Wahrscheinlich ist V. 3 in Ps 48 so zu interpretieren, dass hier der Berg Zion mit dem Berg Zafon in Nordsyrien gleichgesetzt wird. Der Berg Zion in Jerusalem ist nicht besonders hoch: um die 740 m.24 Ps 48 steigert die Vorstellung von Gott dadurch, dass er dem Thronsitz des Gottes in Jerusalem die Qualitäten des hohen und im ganzen Vorderen Orient bekannten und verehrten Berges Zafon zuschreibt.25 Offensichtlich greift Ps 48 auf eine Strophe aus dem alten Mythos des Bá‘al zurück, den einst der Priester Ilimalku zur Zeit des Königs Niqmaddu II. um 1350 v. Chr. niedergeschrieben hat. Mit diesen poetisch besonders ausgestalteten vier Zeilen wendet sich Bá‘al an seine Gefährtin Anat und kündigt ihr an, sie in die Geheimnisse seines göttlichen Berges einzuweihen:
Z. 28/29 Komm doch, und ich werde es offenbaren
29 inmitten meines göttlichen Berges Zafon,
30 im Heiligtum, auf dem Berg meines Erbbesitzes
31 in der Lieblichkeit, auf dem Hügel meines Sieges!26
Beide Texte, Ps 48,1–3 und die Strophe über Bá‘als göttlichen Berg, gleichen sich so stark, dass viele Forschende davon ausgehen, dass man in den Text des Ps 48 bewusst jene viel ältere Strophe aufgenommen hat.27 So gesehen ist Ps 48 nicht nur ein «Zionslied», sondern auch ein «Zafonslied».
7. Theologie der Berge
Im religiösen Symbolsystem der Einwohner der nordsyrischen Stadt Ugarit steht der Gott Bá‘al im Zentrum. Er wohnt auf dem Berg Zafon und versorgt von dort aus die Menschen mit dem lebensnotwendigen Regen. Er ist ein den Menschen naher Gott.
Israel (die Mose-Gruppe) findet zu seinem Gott an dem Berg Sinai, der dort mit ihm einen Bund schliesst, fortan mit ihm in enger persönlicher Beziehung steht und in seinem Zeltheiligtum mitwandert. In einer späteren Phase nimmt der Gott Israels auf dem Zionsberg Wohnung inmitten seines Volkes. Der jüdische, der christliche und der muslimische Glaube sind bis zum heutigen Tag von diesen Grundvorstellungen geprägt, z. B. in der Gestaltung sakraler Bauwerke oder in ihren Gebetstexten. Religionen drücken ihren Glauben aus mit einer Theologie der Berge, auf denen sich ihre Gottheiten offenbaren. (Katholische) Gläubige brauchen nicht darüber verunsichert zu sein, wenn sie innerhalb des vierwöchentlich rotierenden Stundengebetes in den Laudes der ersten Woche Psalm 48, Verse 2 und 3, beten. In ihrem Beten sind sie eingebettet in den grossen Strom der altorientalischen religiösen Traditionen, auf deren Schultern das Abendland steht. Der weiteren exegetischen Forschung bleibt aufgegeben, Übereinstimmungen und Unterschiede der jeweiligen religiösen Traditionen aufgrund wechselseitiger Beeinflussung im Gespräch mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen herauszuarbeiten. Die Kenntnis dieser Entwicklungen leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Heiligen Schriften.
Der vorliegende Artikel gibt die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Martin Mark an der Theologische Fakultät der Universität Luzern vom Mittwoch, 1. Mai 2013, wieder.