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Titel
Saccharimĕtrie
(Saccharometrie, grch., d. i. Zuckermessung), die Bestimmung des Gehalts einer festen Substanz oder einer Flüssigkeit an irgend einer Zuckerart. Besonders wichtig für die Praxis ist die Bestimmung des Rohrzuckergehalts im Safte der Runkelrüben, des Zuckerrohrs, des Sirups, des Rohzuckers, der Füllmassen, der Dünnsäfte und der Melasse. Die Methoden der S. sind:
1) die Gärungsmethode, bei der man die Zuckermenge berechnet aus der entwickelten Kohlensäure, die man erhält, wenn man eine gegebene Zuckerlösung durch Hefe [* 3] vollständig vergären läßt;
2) die Fehlingsche Zuckerprobe, wonach man den in der gegebenen Lösung enthaltenen Zucker [* 4] durch Sieden mit verdünnter Säure in invertierten Rohrzucker verwandelt, Fehlingsche Lösung (s. d.) zusetzt und die dabei sich abscheidende Menge von Kupferoxydul bestimmt;
3) die Bestimmung mittels des Aräometers (Saccharimeters, s. d.);
4) die Polarisationsmethode, die auf dem Vermögen der Zuckerarten beruht, das Licht
[* 5] cirkular zu polarisieren. Man
benutzt dazu die Polarisations
saccharimeter von
Mitscherlich,
Soleil-Ventzke und von Wild.
Das
Saccharimeter des letztern heißt Polaristrobometer. Diese
Apparate bestehen, wie die nachstehende
[* 1]
Figur zeigt, im wesentlichen aus einer auf dem Gestell K liegenden gläsernen
Röhre m, die zur Abhaltung fremden Lichts mit
einer Messinghülle umgeben und bei der Füllung mit der zu untersuchenden Lösung aus dem
Apparat herausgenommen und von
zwei Spiegelglasplatten verschlossen wird, die auf die eben geschliffenen Ränder der
Röhre durch Schraubenmuttern
fest aufgedrückt werden.
Das Licht kann also die Flüssigkeitssäule in der Röhre nur in deren Längsrichtung passieren. In den vor den beiden Enden der Röhre befindlichen, gewissermaßen dessen Fortsetzung bildenden Teilen S und T des Apparats ist je ein Nicolsches [* 6] Kalkspatprisma angebracht. Das dem Auge [* 7] zunächst liegende Prisma [* 8] T dreht man so lange, bis das Licht einer hellen Flamme, [* 9] nach der man visiert, verschwindet, d. h. bis die Polarisationsebenen beider Prismen senkrecht aufeinander stehen. Dann legt man die gefüllte und verschlossene Röhre in den Apparat ein. Es wird nun beim Hindurchblicken das Gesichtsfeld nicht mehr dunkel, sondern in irgend einer Farbennuance des prismatischen Spektrums gefärbt erscheinen.
Dreht man jetzt beim Hindurchblicken das mit einem Zeiger und einer Kreisteilung versehene Okularprisma T bei Rohrzuckerlösung rechts herum, so erscheinen nach und nach alle Spektralfarben in der Ordnung, wenn man vom Rot anfängt, durch Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett, und so bei jeder vollen Umdrehung wieder von neuem. Der Farbenwechsel zeigt sich besonders auffallend bei dem Purpur, das beim Übergange des Violetts in Rot entsteht. Man hat diese Farbe die Übergangsfarbe (teinte de passage) genannt und bezieht auf diese in der Regel die Angabe des Ablenkungswinkels.
Die Richtung der Drehung oder Ablenkung hängt ab von der Natur des Zuckers. Rohrzucker (Saccharose), Traubenzucker (Dextrose), Maltose und Milchzucker drehen die Polarisationsebene rechts herum, Fruchtzucker dagegen links. Die Stärke [* 10] der Ablenkung hängt von der Stärke der Zuckerlösung und der Länge der Flüssigkeitssäule ab. Bei gleicher Länge der letztern wird man, damit man die Übergangsfarbe erhält, das Okularprisma um so weiter drehen müssen, je mehr Zucker in der Lösung befindlich ist.
Aus der Größe der Drehung läßt sich dann die Stärke des Zuckergehalts berechnen. Bei dem am meisten gebrauchten Saccharimeter von Soleil dient zur Hervorbringung der Übergangsfarbe bei parallel fixiertem Nicolschem Prisma eine im Polarisator S befindliche doppelte Quarzplatte, von der die eine rechts, die andere links drehend ist. Die Farbenänderung wird jedoch hier nicht durch Drehung des Analisators oder Polariskops T aufgehoben, sondern durch einen Ausgleicher oder Kompensator [* 11] e, der aus zwei senkrecht zur Achse geschliffenen Keilplatten von Bergkrystallen besteht.
Der eine dieser
Keile dreht die Polarisationsebene rechts, der andere links, so daß sich durch ihre gegenseitige Verschiebung
mittels des
Triebes b die nach rechts drehende Wirkung der Zuckerlösung ausgleichen läßt. Um den Schwierigkeiten bei der
Beurteilung der
Farben zu entgehen, haben Laurent u. a. m. in neuerer Zeit Halbschatten
saccharimeter
konstruiert, bei denen die leichter zu beurteilende gleiche
Beschattung der beiden Hälften des
Gesichtsfeldes statt jener
gleichen
Farbentöne herzustellen ist.
Saccharimeter zur Bestimmung des Zuckers im
Urin heißen
Diabetometer. –
Vgl. Frühling und Schulz, Anleitung zur Untersuchung der für die Zuckerindustrie in Betracht kommenden Rohmaterialien (4.Aufl.,Braunschw. 1891);
Stammer, Wegweiser in der Zuckerfabrikation (ebd. 1876).
[* 1] ^[Abb. Saccharimeter]