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Kathrin Halter
06. April 2021
An einer Wand sind Gitarren aufgereiht, etwa fünfzehn kleine und grosse, akustische und elektrische, daneben stehen ein Cello, balinesische Gongs und ein Klavier. Und was bedeutet das Klanggestell auf vier Sockeln, das aussieht wie eine zum Salontisch umfunktionierte Harfe? Es ist das Innere eines weiteren Pianos, das Marcel Vaid mit Klammern und anderen Gegenständen präpariert und für seine Klang-Experimente nutzt.
Der Musiker arbeitet gerne mit akustischen Instrumenten; Klangbilder, die er beim Improvisieren findet, bearbeitet und verfremdet er dann am Computer. Sein wichtigstes Instrument ist auch in der Filmmusik die Gitarre. Eine seiner liebsten Techniken beschreibt er so: Mit Hilfe einfacher Klangverstärker oder Echomaschinen bearbeitet er Klänge zu Loops – Techniken, die er seit 20 Jahren auch live mit seiner Band Superterz praktiziert. Überhaupt liefert die Band mit ihrer elektroakustischen Experimental- und Ambientmusik immer wieder wichtige Inspiration für die Filmmusik.
Am Computer zeigt der Komponist Arbeitsproben, erzählt von seiner Arbeitsweise. Bei einem Engagement wird Vaid üblicherweise zum Zeitpunkt der Dreharbeiten miteinbezogen. Zunächst bringt er jeweils Musik aus dem eigenen Archiv an den Schnittplatz mit: hochwertig produzierte Reststücke, die einst für andere Anlässe entstanden sind und die er teils auch für Fernsehproduktionen zweitverwertet – eine wichtige Einnahmequelle dank Tantiemen. Beim gemeinsamen Aussuchen von provisorisch platzierten Stücken spüre er meist schon deutlich, «in welche Richtung es gehen soll» für die Regie. So entsteht ein erster «Guide-Track» und eine Terminologie, eine gemeinsame Sprache für neue Entwürfe, die wiederum den Schnitt beeinflussen können.
Ein Klang für Verlorenheit
Marcel Vaids jüngste Vertonung läuft im Internationalen Wettbewerb von Visions du Réel: «Ostrov – The Island» (2021) von Laurent Stoop und Svetlana Rodina zeigt das karge, isolierte Leben von Fischern und ihrer Familien auf einer Insel im Kaspischen Meer, die dort als unerwünschte Wilderer zu überleben versuchen. Marcel Vaid hat dazu einen feinen Klangteppich entworfen, der im Film punktuell zurückhaltend Akzente setzt.
Vaid kam bei «Ostrov» beim Schnitt hinzu. Co-Regisseurin Svetlana Rodina suchte nach einem ganz bestimmten Klang für die Verlorenheit und das Fernweh der Inselbewohner, etwas Dunkles, unterschwellig Unheimliches auch. Vaid spielte Rodina zuerst lange auf der Gitarre und am Klavier vor und begann schliesslich mit Filtern zu experimentieren, bis er plötzlich fand, was ihr vorschwebte. Solche Filter, die er auch auf der Bühne mit Superterz verwendet, begrenzen das Frequenzspektrum: Höhen und Tiefen werden dabei so gekappt, so dass Klänge abgedämpft wirken, wie hinter einem Tuch. Zudem benutzte er ein Echogerät, das den Effekt von leicht scheppernden, kaputten Instrumenten erzeugte. Insgesamt schuf Vaid für «Ostrov» etwa zwei Stunden Musik, wovon schlussendlich nur 13 von insgesamt 40 Stücken verwendet wurden.
Diese Art von Zusammenarbeit liebt Marcel Vaid: Inspirierend findet er Regisseurinnen und Regisseure, die auf der Suche nach einer ganz bestimmten Klanglichkeit sind, die die Atmosphäre des Films weiterträgt oder unterläuft. Leute, die zugleich anspruchsvoll sind und offen für Vorschläge; die sich nicht schnell zufriedengeben, um den Wert von Filmmusik wissen und die intensive Zusammenarbeit für ein gutes Resultat schätzen.
Ein interessantes Beispiel diesbezüglich war auch die Arbeit für «Not Me. A Journey with Not Vital» (2020) von Pascal Hofmann, die soeben für den diesjährigen Schweizer Filmpreis für die Beste Filmmusik nominiert wurde – es ist bereits Vaids siebte Nomination für einen Quartz.
Als der Musiker davon erzählt, lacht er mehrmals auf, erneut begeistert über die verrückten Ideen von Hofmann, springt impulsiv von einer Erinnerung zur nächsten, und während man noch versucht, dem assoziativ mäanderndem Gedankenfluss zu folgen (und den Faden nicht zu verlieren), begreift man etwas von Vaids Leidenschaft für seine Arbeit.
Ganz anders als bei «Ostrov» ist die Musik zu «Not Me» eine Musik, die nicht diskret im Hintergrund bleibt. Sie soll etwas transportieren, das sich nicht in Worte fassen lässt. Vaid nennt es: Eine Interpretation des Künstlers Vital und seiner Arbeit. Zu Beginn der Zusammenarbeit war Vaid zuerst einmal schockiert über Hofmanns Vorgehen. Dieser verschnitt kurzerhand Stücke aus dem Soundtrack von «The Revenant» mit Ausschnitten aus Stücken von Superterz, Vaids Band. Zuerst fand Vaid, das geht gar nicht – dann verstand er plötzlich, was Hofmann suchte: eine Art kakophonische Montage, die etwas vom Geist von Vitals Arbeit transportierte und diese zugleich auflud. Der Soundtrack wurde bewusst nicht auf den Schnitt hin angelegt, sondern, so Vaid, darüber hinweg «wie eine Maschine in Gang gesetzt».
Der Tipp von Valerie Fischer
Der 53-Jährige wollte eigentlich zuerst Maler werden, hatte aber immer schon eine Affinität zur Musik. Gitarre spielt er, seit er fünfzehn ist. Aufgewachsen ist Vaid in Klingnau (Aarau), nach dem Gymnasium begann er unter anderem ein Architekturstudium. Daneben spielte er immer in diversen Bands. Mit 26 studierte er für drei Jahre an der Akademie für zeitgenössische Musik, einer Privatschule. Zum Film kam er gewissermassen dank Valerie Fischer, der Produzentin (Cobrafilm), die ihn 1999 an einem Konzert von Superterz sah und meinte, daraus könnte einmal gute Filmmusik werden. Befreiend war für Vaid auch die Entdeckung, dass man mit Gitarre – wie es der Gitarrist und Filmkomponist Gustavo Santaolalla im Film «21 Grams» bewies – auch Filme vertonen kann. Sein erster Auftrag als Filmkomponist erhielt Vaid beim ZHdK-Abschlussfilm «Josua» (2002), mittlerweile hat er Filmmusik für über 80 Filme komponiert – und kann, so behauptet er wenigstens, immer noch keine Noten lesen, auch wenn er es an besagter Akademie einmal gelernt hat. Das ist auch gar nicht nötig: Partituren für Studiomusiker oder Orchester lässt er jeweils vom Orchestrator Jonas Zellweger schreiben.
Ein «Hollywood-Orchester» für «Chris the Swiss»
Dass auch ein Schweizer Film hollywoodesk auftrumpfen kann, zeigt Vaids Filmmusik für «Chris the Swiss» (2018). Es ist der für Vaid bislang aufwendigste Soundtrack. Der semi-dokumentarische Animationsfilm von Anja Kofmel setzt in der Musik auf Emotionen und Klanggewitter – mittels Orchester, wobei die Musik im Film fast durchgehend zu hören ist. Die besondere Herausforderung bei «Chris the Swiss» lag darin, dass sich der Film aus verschiedenen Zeit- und Darstellungs-Ebenen zusammensetzt: aus Rahmenhandlung und Rückblenden, Archivbildern und animierten Sequenzen, dokumentarischen und imaginierten Szenen. Also sollte die Musik ein erzählerisch verbindendes Element werden. Sogar die meisten Dialoge wurden mit Musik unterlegt – was eine besondere Schwierigkeit darstellt, da die Tonfrequenzen von Stimmen und Musik ausreichend kontrastieren müssen.
Ungewöhnlich war die Zusammenarbeit mit dem Budapest Art Orchestra unter der Leitung von André Bellmont: Nur die Hälfte der Filmmusik existierte als Partitur, die Vaids Orchestrator Jonas Zellweger aufgezeichnet hatte, im übrigen wurde mit dem Orchester improvisiert. Dass sich ein Orchester überhaupt auf so etwas einliess, war ein Glücksfall. Wie die «Improvisation» aussah, zeigen Filmaufnahmen: Vaid singt den Musikern teils vor, um seine Vorstellungen zu verdeutlichen, André Bellmont dirigiert vor einem Bildschirm in Abstimmung auf Filmszenen und deutet mit gleitenden Handbewegungen, einer Zeichensprache namens «Soundpainting», Tonhöhen und Lautstärken an, die die 60 Orchestermusiker dann in klangliche Wirbel übersetzen: bedrohliche Wirbel, die jeweils dann im Film hörbar werden, sobald sich Chris dem Tod nähert. Die Freiheit und das Vertrauen, das Vaid bei dieser Produktion genoss, erwies sich für alle Beteiligten als Glücksfall. Und passt zu seiner Ambition, für jeden Film eine eigene musikalische Sprache zu entwickeln.
▶ Originaltext: Deutsch
Svetlana Rodina & Laurent Stoop
Visions du Réel: Intern. Wettbewerb
Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur (BAK)
06 April 2021