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Das (Sportler-)Leben nimmt oft seltsame Wendungen. Reto Berra erlebt in der NHL bei den Colorado Avalanche in der neuen NHL-Saison einen unverhofften Höhenflug.
Noch im August wurde Reto Berra von (Selbst-)Zweifeln geplagt. «Drei Goalies sind einer zu viel», sagte der 28-Jährige angesprochen auf die vertrackte Torhütersituation bei seinem Arbeitgeber, den Colorado Avalanche. Zusammen mit Stammgoalie Semjon Warlamow und Calvin Pickard bildete Berra in der letzten Saison ein Torhütertrio beim NHL-Team. Wobei der Schweizer zumeist der Mann war, dem die Rolle des dritten Rads am Töff blieb. Das ging zwischenzeitlich so weit, dass Pickard, wenn er nicht gebraucht wurde, ins Farmteam in die AHL geschickt wurde. Sobald aber Warlamow eine Pause brauchte, wurde Pickard wieder nach Denver geholt, um zu spielen, während Berra einfach immer zuschauen musste.
Doch was tun, wenn man einen noch zwei Jahre dauernden, mit jährlich 1.45 Millionen US-Dollar dotierten Vertrag besitzt? Für Berra, dem es an Angeboten für eine Rückkehr in die Schweiz nicht mangeln würde, war klar, wie das Motto lautet: «Augen zu und durch.» Der Bülacher ging mit dem festen Plan zurück nach Nordamerika, sich durchzubeissen und seinem Trainer, dem ehemaligen Superstar-Goalie Patrick Roy, zu zeigen, dass er sehr wohl in der Lage ist, ein guter NHL-Torwart zu sein. Dies, obwohl er von Roy im Verlauf der letzten Saison in aller Öffentlichkeit verbal bös in den Senkel gestellt worden war («Ich denke, dass Reto im Training nicht hart genug arbeitet. Er ist nicht hungrig.»). Gift für den sensiblen Berra, der nur funktioniert, wenn er das uneingeschränkte Vertrauen seines Trainers spürt.
Aber eben: Das Leben nimmt oft seltsame Wendungen. Und so kam es, dass Reto Berra zunächst das Schicksal erspart blieb, wieder zu dritt um nur zwei Plätze zu kämpfen. Konkurrent Pickard wurde vor dem Saisonstart ins Farmteam geschickt. Und Berra erhielt nach ein paar mehr als durchwachsenen Vorstellungen Warlamows schon im vierten Spiel der neuen Saison die Chance, sein Können von Anfang an unter Beweis zu stellen.
Und wie er das tat! In Anaheim hielt er alle 35 Schüsse des Gegners und feierte seinen zweiten NHL-Karriere-Shutout. «Ich fühle mich wirklich gut und bin glücklich. Ich habe in den letzten paar Monaten sehr hart gearbeitet für diesen Sieg, besonders auf mentaler Ebene. Ich war so zuversichtlich und habe jeden Puck gesehen. Der Spielstand war mir egal, ich konzentrierte mich nur auf den Puck. Das wichtigste punkto Selbstvertrauen sind Siege», erzählte Berra nach seiner Glanzleistung.
Auch Patrick Roy rieb sich aufgrund von Berras starken Leistungen verwundert die Augen. «Aus irgendeinem Grund wirkt er fast unverwundbar und hat alles im Griff.» Kein Wunder, durfte der Schweizer Nationalgoalie nach seinem grandiosen Auftritt gegen Anaheim gleich auch beim nächsten Spiel der Avalanche bei den Los Angeles Kings von Anfang an spielen. Colorado verlor zwar 1:2, dennoch zeigte Berra mit 38 Paraden erneut eine exzellente Darbietung. So stark, dass in den sozialen Medien schon der Slogan #Berracade (eine Anspielung auf das Wort Barrikade) die Runde macht.
Trotz des guten Laufs der Dinge ist nicht zu erwarten, dass Reto Berra seinen russischen Partner Warlamow als Colorados Nummer eins ablöst – und zwar nur schon aus politischen Gründen: Der Russe verfügt über einen mit jährlich 5.9 Millionen US-Dollar dotierten Vierjahresvertrag. Kein Trainer der Welt lässt einen seiner teuersten Angestellten über eine längere Zeit auf der Ersatzbank versauern. Für den Schweizer geht es in den nächsten Wochen aber darum, mit weiteren starken Leistungen bei den Einsätzen, die er von Roy zweifellos erhalten wird, immerzu Werbung in eigener Sache zu betreiben.
In der NHL spielt neben dem Können oft auch das Glück eine entscheidende Rolle, ob ein Spieler in der besten Liga der Welt Karriere macht. Berra hat nun die Gelegenheit, seine bereits ins Stottern geratene Laufbahn wieder auf Kurs zu bringen. Noch im August schien der NHL-Traum mittelfristig zu platzen. Jetzt hat er die Chance, sich auf der grossen Bühne zu etablieren. Gerade bei Reto Berra hängt das Gelingen dieses Unterfangens vom Kopf ab. Im Wissen, dass das (Sportler-)Leben oft seltsame Wendungen nimmt.