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In der eidgenössischen Volkszählung 1900, kurz nach Gründung des SIG, bekannten sich knapp über 18'000 Menschen als Juden. 100 Jahre später, im Jahr 2000, waren es noch knapp 18‘000 - eine Abnahme von 3%. Im gleichen Zeitraum hat sich jedoch die schweizerische Gesamtbevölkerung mit 94% Zunahme fast verdoppelt. Wie ist dieser eklatante Unterschied in der Bevölkerungsentwicklung zu erklären?
Vorab müssen wir darauf hinweisen, dass in den Perioden 1910-1920, 1930-1940 und 1950- 1970 wesentliche jüdische Einwanderungswellen zu verzeichnen waren; in der ersten Periode Juden aus Osteuropa, in der zweiten vor allem solche aus Deutschland und Österreich und in der dritten Einwanderer aus den französisch dominierten Maghreb-Gebieten, welch letztere sich fast ausschliesslich in der Romandie ansiedelten. Dieser Zustrom hätte eigentlich über die ganze Zeitperiode hinweg ein noch stärkeres Wachstum als dasjenige der Gesamtbevölkerung erwarten lassen.
Wenn wir der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung unterstellen wie jene der übrigen Einwohner, so wäre unter Berücksichtigung der erwähnten Zuwanderung heute eine jüdische Einwohnerschaft von ungefähr 50'000 zu erwarten gewesen. Wo also sind - im Vergleich zu den knapp 18'000 in der Volkszählung 2000 ausgewiesenen Juden - die 32'000 Menschen "verschwunden"?
Zunächst können wir davon ausgehen, dass derzeit ungefähr 7'000 Schweizer Juden in Israel wohnen - sowohl Ersteinwanderer wie deren Nachkommen. Wenn wir dazu noch die Auswanderer aus der Schweiz in andere Länder berücksichtigen, so dürfte sich die Zahl der Juden, welche nicht mehr in der Schweiz wohnen, auf ca. 12'000 beziffern. Zusammen mit den in der Volkszählung ausgewiesenen sind dies demnach rund 30'000 jüdische Menschen.
Es bleiben uns demnach immer noch 20'000 Juden, welche bezogen auf die errechneten 50'000 fehlen. Die Zahl jener, welche sich in der Volkszählung nicht als jüdisch deklarieren oder in andere Religionen übergetreten sind, dürfte viel zu klein sein, um diese Lücke zu erklären.
Eheschliessungen
Wenn wir jedoch die Mischehenstatistik im 20. Jahrhundert betrachten, so ergibt sich klar, dass es sich hier um die Folgen des Verlustes von Juden in Mischehen und deren Nachkommen handelt.
Die Mischehenrate mit Nichtjuden hat sich im Laufe des Jahrhunderts von einzelnen Prozenten auf über 50% erhöht. Dabei geben die jüdischen PartnerInnen häufig von Anfang an ihre Identität auf, und zudem sind die Kinder solcher Ehen meist nicht mehr Juden - sei dies aus eigenem Entscheid oder aus halachischen (religionsgesetzlichen) Gründen.
Die seit manchem Jahr auch bei Juden erkennbare deutliche Zunahme von Lebenspartnerschaften ohne Trauschein entzieht sich der öffentlichen statistischen Messung, weshalb die publizierte Zahl der gemischten Eheschliessungen an Aussagekraft verliert. So müssen wir uns auf die verlässliche Zahl der jüdischen Eheschliessungen beschränken. Diese hat sich innerhalb von 50 Jahren von durchschnittlich jährlich 250 auf 125 neue Ehen halbiert. Dieser Niedergang hat für den Bestand von Juden in der Schweiz ebenso wie für deren
Nachkommenschaft wesentliche Konsequenzen.
Altersstruktur
Die verständlicherweise extrem niedrige Geburtenrate in den Jahren 1935-45 und der starke Anstieg kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte sich lange Zeit in der Altersstruktur der Juden aus. Die Zuwanderung hat dies zum Teil ausgeglichen. Die jüdische Minderheit der Schweiz ist heute ähnlich wie die Gesamtbevölkerung durch eine starke Überalterung gekennzeichnet.
Wie in der nichtjüdischen Bevölkerung ist ein deutlicher Rückgang der Geburten seit den 90er Jahren zu verzeichnen. Sie haben um über 20% abgenommen.
Schweizer und Ausländer
Die Zahl der Schweizerbürger unter den Juden nahm über das ganze 20. Jahrhundert kontinuierlich zu, von nur 34% im Jahre 1910 auf 79% anno 2000. Dies weist darauf hin, dass die verschiedenen Zuwanderungswellen sich einbürgern liessen, sobald dies möglich wurde.
Als Folge davon entspricht der Anteil Ausländer unter den Juden im Jahre 2000 mit 21% ziemlich genau jenem der Gesamtbevölkerung.
39% der Juden leben in der französischsprachigen Schweiz, also gegenüber der Gesamtbevölkerung mit nur 23% eine deutliche Überproportion. Dies ist eine klare Folge des Zustroms an Zuwanderern aus Nordafrika in den 60er/70er Jahren, welche sich fast ausschliesslich in der Romandie niederliessen.
SIG Mitglieder
Von den ca. 18‘000 deklarierten Juden sind die Mehrheit Mitglieder der 17 SIG-Gemeinden, weitere 2’500-3’000 gehören anderen, chareidischen (streng orthodoxen) oder liberalen jüdischen Gemeinden an. Die Übrigen bekennen sich zwar als Juden, gehören aber zu keiner Gemeinde; eine Mehrzahl von ihnen sind hier wohnhafte Israeli.
Ralph Weill, <email-pii>
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