Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03155.jsonl.gz/790

Rolling Stones‘ Grössenwahn
Alle jubeln, nur ich muss wieder mal den Miesepeter spielen. «Die Stones waren super gestern Abend» heisst es überall. Das sollten sie auch besser sein. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen, wenn alternde Rockstars noch auf der Bühne stehen und ihre eigene Disney-Musical-Version ihres früher gelebten Rocknroll an die Leute bringen. Es ist völlig in Ordnung, noch lange übers Haltbarkeitsdatum die immer gleichen Songs zu präsentieren.
Aber ich lasse mich nicht gerne von Multimillionären abzocken. Sechs Millionen Franken Gage für die alten Männer. Das heisst zwei Millionen für Jagger und dann je eine pro Bandmitglied. Das sind 600 Bands mit je einer Gage von 10 000 Franken, die das ganze Jahr in der Stadt auftreten könnten. Das sind zehn (10!) Hafenkräne für ein Jahr an der Limmat. So bekommt der Klassiker «I can’t get no satisfaction» eine etwas andere Bedeutung. Das ist Grössenwahn.
Dafür wurde lastwagenweise Material und Publikum in die Stadt gekarrt, die VBZ richtete Sonderfahrten ein. 50 000 Leute wurden ins Stadion gepfercht, um den notwendigen Umsatz zu generieren. Natürlich könnten Fans jetzt einwerfen, dass die Leute freiwillig Ticketpreise zwischen 160 und 350 Franken bezahlten, um diese Show zu sehen. Natürlich. Komisch wird es nur, wenn man bedenkt, dass viele dieser Rockfans und Altrocker für die Abzocker-Initiative gestimmt hatten, aber nichts daran finden, wenn ein paar 70-Jährige für 5 Stunden Arbeit (Vorbereitung und Bühnenpräsenz) über eine Million pro Person bezahlt kriegen. Ich persönlich würde 350 Franken für ein Ticket nicht mal dann bezahlen, wenn sie Beethoven, Elvis, Kurt Cobain, John Lennon und Jimmy Hendrix aus den Gräbern gezerrt und auf die Bühne gestellt hätten.
Die Musikindustrie argumentiert für die teuren Konzertgagen, indem sie den Rückgang von CD-Verkäufen anführt. Einverstanden. Ich bin auch bereit für ein Ticket 80 Franken zu zahlen, wenn damit garantiert ist, dass die Bandmitglieder einen anständigen Lohn kriegen und nicht neben der Musik noch irgendeinem anderen Job nachgehen müssen, der den kreativen Output schmälert. Doppelt soviel an jemanden zu zahlen, der bereits 300 Millionen auf dem Konto hat (Mick Jagger), kann mir auch mit noch soviel Personenkult nicht schmackhaft gemacht werden.
Nein, im Gegenteil. Die Stones sind ja auch noch am Verkauf von Merchandising-Artikeln in und um das Stadion beteiligt, wo man ihnen für billige T-Shirts aus asiatischer Produktion nochmals Geld in den Rachen werfen kann. Und auch tut. Zum Beispiel für eine dünne Lederjacke für 1500 Franken.
Ich hab mir vorgenommen, für die 160 Franken, die ich nicht für dieses Konzert ausgegeben habe, einige CDs von lokalen Bands zu kaufen. Und offenbar bin ich nicht der Einzige, der den Grössenwahn der Uraltrocker nicht goutiert: Das Konzert war nicht ausverkauft. Bis zum Schluss waren Tickets zu erhalten, auf dem Schwarzmarkt vor dem Letzi brachen die Ticketpreise ein, um 20.30 Uhr war ein Stehplatz für rund 70 Franken zu ergattern. Ich habs trotzdem nicht gekauft.