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«Wo liegt Derborence?» war das erste Feature, das ich allein produzierte. Wo fand ich nur diese alte Übersetzung des Romans «Derborence» von Charles Ferdinand Ramuz? In der Bibliothek des Radiostudios oder in einem Antiquariat? Die Sprache faszinierte mich, sie klang hart und kantig, wie die Felsbrocken und – meiner Ansicht nach – wie das französische Original. Sicher hatte ich mir überlegt, daraus ein Hörspiel zu machen, für einen Hörspielmitarbeiter ist das ja naheliegend. Und den alten Text mit den Verhältnissen der Gegenwart zu vergleichen.
Damals war es selbstverständlich, dass Aufnahmen vom Toningenieur gemacht wurden. Es war also klar, dass wir zu zweit ins Wallis fahren würden. Im Studiowagen, mit dem schweren Kudelski-Aufnahmegerät und Stereo-Mikrofonen.
Damals war es auch üblich, in solchen Fällen möglichst viele Originalton-Aufnahmen mit nach Hause zu bringen, um den Bestand des Geräuscharchivs zu vergrössern. Stereogeräusche waren noch Mangelware.
Sammlung von «Tatütatas»
Es ist wirklich lange her. Wie ich zu den Interviewpartnern kam? Keine Ahnung mehr. Glücklicherweise war der pensionierte Kantonsförster ein Oberwalliser, seine Aussagen mussten nicht übersetzt werden. Die Wirtin der echten Pension Derborence, Madame Delaloy, sprach nur französisch. Dafür hatte sie als Kind Ramuz noch persönlich erlebt, der nach seiner Alpwanderung aus dem Waadtland in Derborence übernachtete. Sie war wohl etwas nervös während der Aufnahmen, hatte vielleicht auch gedacht, das Fernsehen käme. Sie hatte einen Stapel Zeitungsausschnitte und alte Fotos zurechtgelegt und spielte immer damit herum. Meine Angst, das Tonmaterial wäre dieser Raschelgeräusche wegen nicht brauchbar, hat sich dann glücklicherweise nicht bewahrheitet.
Und der Postautochauffeur, der für uns das typische Hornsignal hupte. Obwohl er sicher zehn Minuten warten musste, bis wir die Mikrofone am Strassenrand aufgebaut hatten und aufnahmebereit waren. Der vorbeifahrende Wagen mit «Tatütata» von links nach rechts kam in sämtliche Tonarchive des Deutschschweizer Radios.
Mit dem Tonbandgerät auf dem Rücksitz
Oder der Wirt des nahe gelegenen Weilers, der uns voller Inbrunst die umliegenden Berge erklärte, alles Dreitausender, wie er behauptete. Was in der Sendung korrigiert werden musste, der höchste kam auf 2800 m.
Und dann die Rückfahrt. Damals gab es nur eine schmale Strasse in den abgelegenen Talkessel, im Winter war sie gesperrt. Und sie führte durch viele kleine Tunnel, die nicht beleuchtet waren. Ich wollte diese Talfahrt unbedingt aufnehmen, sass also mit dem Tonbandgerät auf dem Rücksitz des Wagens. Das Mikrofon hielt ich in der erhobenen Hand, um Nebengeräusche zu vermeiden. Als der Techniker in einer Tunneleinfahrt den Wagen abrupt bremsen musste, weil ihm ein Auto ohne Licht entgegen kam, sauste das Bandgerät über den Sitz nach vorn, knallte in die vordere Rücklehne und zu Boden. Wir befürchteten das schlimmste. Aber das Gerät funktionierte einwandfrei, und der Aufprall klang so eindrücklich, dass er danach für die meisten Hörspielautounfälle verwendet wurde. Man musste nur noch etwas Blech oder Glas dahinter montieren.
Walter Baumgartner gewann mit dem Feature «Wo liegt Derborence?» den Berner Radiopreis.
Buchhinweis
Charles Ferdinand Ramuz: «Derborence». Aus dem Französischen von Hanno Helbling, Limmat Verlag, Zürich.