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Wenn es die Bibliothek von Babel des Argentiniers Jorge Luis Borges nicht gäbe, kein Mensch ausser einigen an französischer Literaturgeschichte Interessierten würde Jean Marie Mathias Philippe Auguste Graf von Villiers de L’Isle-Adam (der meist als Villiers de l’Isle-Adam publizierte) heute noch kennen. Dabei war er zu seiner Zeit (er lebte von 1838 bis 1889, meist in Paris) ein zumindest unter Kollegen durchaus be- und anerkannter Schriftsteller. Gemäss Borges‘ Vorwort im vorliegenden Band der Bibliothek von Babel war er mit Baudelaire und Mallarmé befreundet; er gehörte zur gleichen Tischgesellschaft, die Edmond de Goncourt frequentierte, der 1889 auch seinen Tod notierte.
‚Tischgesellschaft‘ ist denn auch gleich das Stichwort. Von den in Der Tischgast der letzten Feste versammelten Kurzgeschichten schildert die wohl beste genau so eine Tischgesellschaft unter (Theater-)Autoren – Düster die Erzählung, düsterer noch der Erzähler. Man feiert den Erfolg eines Kollegen und kommt dabei ganz zwanglos auf verschiedene Motive zu sprechen, die mehr oder minder geeignet sind für die Bühne, eines davon das Duell. Hier beginnt die Geschichte des namenlosen Ich-Erzählers. Ein Freund, ebenfalls Autor, der ihn besucht, erzählt ihm von einem bevorstehenden Duell. Lange hält der Ich-Erzähler die Geschichte des Freundes für die Skizze eines neuen Theaterstücks und kritisiert Form und Inhalt. Vor allem, dass ein Duell ausgefochten werden soll, weil der andere die Mutter des Freundes mit beleidigenden Worten geschildert habe, hält der Ich-Erzähler für ein absolut unmögliches Motiv. Dann aber begreift er, dass er hier nicht ein Theaterstück, sondern die Realität vor sich habe. Er erklärt sich bereit, als Sekundant zu fungieren. In dieser Funktion macht er dann auch das Duell mit und erzählt der Tischgesellschaft davon. Doch immer wieder kommt ihm seine Phantasie in den Weg, und er erzählt vom Duell und vom Tod seines Freundes wie von einer Theateraufführung, wie ein Theaterkritiker. Diese Inkongruenz von Form und Inhalt macht die Geschichte erst makaber. (Und nebenbei haben wir hier eine schöne Satire auf die Déformation professionelle der damaligen Schriftsteller vor uns.)
Auch eine andere hier aufgenommene Erzählung, die dem Gesamten titelgebende Der Tischgast der letzten Feste, spielt in einer Tischgesellschaft. Auch hier bezieht sich vieles vom Gruselig-Makabren der Erzählung aus der Inkongruenz von Form und Inhalt. Es geht um eine Gruppe junger Pariser und Pariserinnen, die einmal mehr die Nacht zum Tag machen, und bei Austern, Hummer und Champagner in kleinem Zirkel zusammen sitzen, und so sprudelnd wie der Champagner ist auch der Ton, in dem Villiers de l’Isle-Adam erzählt. Es ist ein Fremder bei dieser Gesellschaft, eine Zufallsbekanntschaft des Ich-Erzählers. Der Fremde will unbedingt um 6 Uhr morgens die Gesellschaft verlassen, und erst spät fällt dem Ich-Erzähler ein, wo er ihn, angeblich ein deutscher Baron, zum ersten Mal gesehen hat: auf dem Weg zu einer Hinrichtung, ganz offensichtlich als Scharfrichter. Ein später hinzu gekommener Freund korrigiert ihn: Der Fremde ist tatsächlich ein deutscher Baron, steinreich sogar. Aber er leidet an der fixen Idee, Oberscharfrichter Europas werden zu wollen. Wo immer jemand hingerichtet wird: Der Baron reist an und will die Hinrichtung in höchsteigener Person ausführen. Wo man ihn nicht lässt, versucht er zumindest so nah wie möglich an die Hinrichtungsstätte zu gelangen und das Spektakel aus nächster Nähe zu sehen. Hier endet die Geschichte, die schon längst ihren sprudelnden Ton verloren hat. Hier endet wohl auch das kleine Fest unserer Freunde.
Die übrigen Geschichten sind vielleicht nicht ganz so gelungen. Die Hoffnung – von Borges mit Poes The Pit and the Pendulum verglichen – ist zwar schaurig genug, reicht aber in ihrem Horror nicht an den namenlosen Horror bei Poe heran, gerade weil bei Villiers de l’Isle-Adam der Horror in einer Person symbolisiert ist. Die übrigen Geschichten drehen sich alle um menschliche Schwächen wie Eifersucht, Herrschsucht etc., die ins Unermessliche gesteigert werden, worin der Horror dann wurzelt. Dass Villiers de l’Isle-Adam als einer der Ahnherren des Symbolismus gilt, lässt sich anhand dieser Geschichten nicht immer nachvollziehen – Horror-Stories gehören halt prinzipiell mehr zum Arsenal der Schwarzen Romantik.
Alles in allem aber eine faszinierende und befriedigende Lektüre.