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Chamomilla
ZENTRALE BEGRIFFE
Fokus der inneren Aufmerksamkeit
Im Zentrum des Erlebens von Chamomilla steht die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, in dem absolutes Glück und vollkommene Geborgenheit vorherrschen. Damit verbunden ist die Unzufriedenheit mit der menschlichen Bedingtheit, der Weg zum Glück scheint viel zu lang und mit Hindernissen bestückt. Chamomilla hat ständig das Gefühl, es müsse mit angezogener Bremse leben. Die Vertreibung aus dem Paradies in die menschlichen Lebensbedingungen ist für Chamomilla eine Beleidigung, welche sich in seinem ganzen Wesen niederschlägt. Als Strafe erlebt Chamomilla selbst die normalen körperlichen Funktionen schmerzhaft und beschwerlich, der Schmerz erreicht ein unerträgliches Mass.
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Die Themenliste umfasst eine inhaltlich gruppierte Sammlung von Original Prüfungssymptomen
Wie zeigt sich das Leiden des Patienten? (Sekundäre Psora)
Wie kompensiert er sein Leiden? (Egotrophie, Egolyse, Alterolyse)
Wie lautet die eigentliche Hypothese „nach Masi“? (Primäre Psora)
Hier finden Sie spannende Interpretationen von einzelnen Themen oder Symptomen
Hauptthemen
Die Themen können zwei Gruppen zugeordnet werden:
Die erste Gruppe kreist um das verlorene Paradies, den Zustand des absoluten Glücks. Unzufriedenheit, Ärger und die Beleidigung gehören hierzu. Musik und Witze sind unerträglich. Die Schlaf- und Traumsymptome drücken aus, dass Chamomilla in eine Traumwelt flüchtet. Weiter gehören zu dieser Gruppe das Thema des mütterlichen Schutzes ( will getragen werden), die Angst vor dem Wind, die Angst vor einem Unheil, das Erschrecken, das Gefühl, durch ein Hindernis gebremst zu werden und die Ergebung in sein Schicksal.
Der zweite Themenstrang beschreibt die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, dass Chamomilla den mühsamen menschlichen Weg zum Glück durch zielgerichtetes Handeln zurückweist. Das Denken, der Willensakt, die Wahrnehmung und die vegetativen körperlichen Funktionen sind gestört. Die hypochondrische Angst und die Vorstellung, ein totes Tier liege unter dem Bett, sind von daher verständlich.
1. Unzufriedenheit, Ärger, schlechte Laune
Weinerliche Unruhe; das Kind verlangt dies und jenes, und wenn man`s ihm gibt, so will es dasselbe nicht, oder stösst es von sich. RAL 433
Jämmerliches Heulen des Kindes, weil man ihm das Verlangte abschlug. RAL 435
Mürrische Verdriesslichkeit; alles, was Andre machen, ist ihm nicht recht; Niemand macht ihm etwas zu Dank. RAL 446
Er ärgert sich innerlich über jede Kleinigkeit. RAL 447
Er ist immer verdriesslich und zum Ärger geneigt. RAL 448
Ärgerlichkeit über alles, mit Engbrüstigkeit. RAL 449
Von mürrischer Natur, nichts ist zufriedenstellend. He 1.38
2. Beleidigung
Heulen wegen geringer, auch wohl eingebildeter Beleidigung, die wohl gar von alten Zeiten her ist. RAL 440
Kann nicht aufhören über alte, ärgerliche Sachen zu reden. RAL 441
Argwohn, man möchte ihn beleidigt haben. RAL 442
Jammert über eine sehr unwesentliche Kränkung, die vor langer Zeit passierte. He 1.16
3. Musik
Sie kann keine Musik vertragen. RAL 451
4. Wind
Grosser Abscheu vor dem Winde RAL 311
5. Unheil
Sehr depressive Stimmung, mit Angst und Bedrückung, als ob Unheil bevorstünde. A 15
6. Erschrecken
Zitterige Schreckhaftigkeit. RAL 437
Er ist geneigt, zu erschrecken. RAL 438
Sie erschrickt über die geringste Kleinigkeit. RAL 439
7. Hindernis
Er schwatzt unverständlich im Schlafe, dass man ihm dieses oder jenes Hinderniss wegschaffen soll. RAL 364
8. Auf dem Arm getragen werden.
Nur wenn man es auf dem Arme trägt, kann das Kind zur Ruhe kommen. RAL 434
9. Gewissensskrupel
Sie macht sich Gewissensscrupel über alles. RAL 459
10. Streit
Mürrisch, zum Zank aufgelegt. RAL 454
Das Gemüth ist zu Zorn, Zank und Streit aufgelegt. RAL 455
Zank - Ärgerlichkeit; sie sucht alles Ärgerliche auf. RAL 456
11. Ergebung ins Schicksal
Ernsthaftes Insichgekehrtseyn; gelassene Ergebung in sein tief empfundenes Schicksal. RAL 460
12. Abkehr von der Realität, Leben im Traum
Ein Brennen in der Brust, mit Dummheit des Kopfes, als wenn er nicht wüsste, wo er wäre, mit Ängstlichkeit. RAL 232
Flimmern vor den Augen; sie sah nicht, wo sie war. RAL (6)
Wachende Schlummerbetäubung, oder vielmehr Unvermögen, die Augen aufzuthun (...) RAL 383
Nächtliche Schlaflosigkeit, mit Anfällen von Angst begleitet; es schweben ihm sehr lebhafte Visionen und Phantasiebilder vor. RAL 361
Schlaf voll phantastischer Träume. RAL 366
Helle, lebhafte Träume, als wenn eine Geschichte wachend vor ihm ausgeführt würde. RAL 367
Er hält im Traume Reden mit lebhaftem Gedächtnisse und Nachdenken. RAL 368
13. Überempfindlichkeit für Schmerz
Wenn der Schmerz anfängt, ist gleich Schwäche zum Niedersinken da; er muss sich legen. RAL 346
Ungeheurer reissender Kopfschmerz in der Mitternacht, der jedoch wegen des allzutiefen Schlafs nur auf Augenblicke aus dem Schlafe aufweckt. RAL 30
Sie wird fast rasend wegen des Schmerzes; sie kann es nicht ausstehen, wenn ihre Kleider die betroffene Stelle berühren. He 1.56
Überempfindlichkeit gegenüber Schmerz, welcher unerträglich scheint und zur Verzweiflung treibt. He 1.67
Nicht passend für Personen, die trotz Schmerzen geduldig sind. He 1.53
Die Schmerzen sind sehr qualvoll, sie hat das Gefühl, dass sie sie kaum ertragen kann; sie möchte von sich selber wegkommen. He 1.54
14. Gestörte Sinneswahrnehmung
Äusserst empfindlich gegen alle Gerüche. RAL 452
Gereiztes Gemüth. RAL 453
In dem schlaftrunkenen Zustande des Erwachens hält er die anwesende Person für eine ganz andere (dickere). RAL 362
Nachts kommt es ihm vor, als höre er die Stimme abwesender Personen. RAL 363
Abends, beim Niederliegen, Kälte, eine Art Taubhörigkeit, wobei der Schall ganz von der Ferne zu kommen scheint, Brecherlichkeit, Unruhe, Umherwerfen im Bette, eine Art Kopfbetäubung und vermindertes Hautgefühl, so dass die Haut beim Kratzen wie boll und taubfühlig ist. RAL 390
Gefühl, als wenn Feuer und Hitze aus den Augen käme. RAL 61
Gesichtsverdunkelung seitwärts, wenn man den Blick auf einen weissen Gegenstand heftet. RAL 63
Augen trübe und blöde, des Morgens, seltner des Abends; beim Lichte scheint ein Lichtstrahl aus den Augen bis in die Lichtflamme zu gehen. RAL 64
Kälte des ganzen Körpers, mit brennender Gesichtshitze, welche zu den Augen herausfeuert. RAL 393
15. Willensschwäche, Entschlussunfähigkeit
Weinerliche Unruhe; das Kind verlangt diess und jenes, und wenn man`s ihm giebt, so will es dasselbe nicht, oder stösst es von sich. RAL 433
Sehr ängstlich; alles, was sie machen will, ist ihr selbst nicht recht; sie ist unentschlüssig; dabei fliegende Hitze im Gesichte und kühler Schweiss in den flachen Händen. RAL 436
Sie wackelt mit dem Kopfe vor- und hinterwärts. RAL (30)
16. Leiden an den vegetativen Körperfunktionen
Seine hypochondrischen Grillen und seine Ärgerlichkeit über die geringsten Kleinigkeiten scheinen ihm von Dummlichkeit und Schwere des Kopfs und von Leibesverstopfung herzurühren. RAL 443
Verdriesslichkeit nach dem Essen, dem Mittagsmahle. RAL 444
Folgende Repertoriumssymptome:
Angst nach dem Essen.
Angst während eines Fieberschubes.
Angst vor und nach dem Stuhlgang.
Wut auf die Schmerzen.
Erregung vor und nach den Menses.
Erregung nach der Geburt.
Wechselhafte Launen nach dem Essen.
Wechselhafte Launen während des Zahnens.
Streitsüchtigkeit vor den Menses.
Aufgeregtheit bei den Menses.
Schreien während der Schmerzen.
Seufzen bei Fieber.
Seufzen beim Schwitzen.
Weinen beim Fieber.
Weinen bei Schmerzen.
Weinen beim Stuhlgang.
17. Hypochondrie
Hypochondrische Ängstlichkeit. RAL 429
Seine hypochondrischen Grillen und seine Ärgerlichkeit über die geringsten Kleinigkeiten scheinen ihm von Dummlichkeit und Schwere des Kopfs und von Leibesverstopfung herzurühren. RAL 443
18. Störung des Denkens und Verstehens
Er versteht die Frage unrecht und antwortet verkehrt, mit gedämpfter Stimme, als wenn er delirirte. RAL 15
Es wird leicht vom Nachdenken angegriffen. RAL 16
Er versteht und begreift nichts recht, gleich als wenn ihn eine Art Taubhörigkeit, oder ein wachender Traum daran hinderte. RAL 17
Ein zerstreutes Wesen; er sitzt wie in Gedanken. RAL 18
Die Gedanken vergehen ihm. RAL 19
Grosse Zerstreutheit des Geistes, welche sogar zum Ideenverlust führt sowie zur Unfähigkeit, für längere Zeit ernsthaft nachzudenken, am Nachmittag. A. 69
19. Reden
Beim Schreiben und Reden lässt er ganze Worte aus. RAL 20
Er stammelt, er verredet sich und verspricht sich. RAL 21
20. Schreiben
Beim Schreiben und Reden lässt er ganze Worte aus. RAL 20
21. Kommunikation
Er kann es nicht ausstehen, wenn man ihn anredet, ihn im Reden unterbricht, vorzüglich nach dem Aufstehen vom Schlafe, bei wenig beweglichen, schwer sich erweiternden und zusammenziehenden Pupillen. RAL 450
Er versteht die Frage unrecht und antwortet verkehrt, mit gedämpfter Stimme, als wenn er delirirte. RAL 15
Er versteht und begreift nichts recht, gleich als wenn ihn eine Art Taubhörigkeit, oder ein wachender Traum daran hinderte. RAL 17
Beim Schreiben und Reden lässt er ganze Worte aus. RAL 20
Er stammelt, er verredet sich und verspricht sich. RAL 21
22. Zerstreutheit und Gleichgültigkeit
Sie sitzt steif auf einem Stuhle, wie eine Bildsäule, und scheint nichts zu bemerken um sich her. RAL (31)
In sich gekehrt; man kann kein Wort aus ihr bringen. RAL (32)
Redet mit Widerwillen, abgebrochen, kurz. RAL (33)
Er ist still vor sich hin und redet nicht, wenn er nicht auf Fragen antworten muss. RAL 458
Ernsthaftes Insichgekehrtseyn; gelassene Ergebung in sein tief empfundenes Schicksal. RAL 460
Ein zerstreutes Wesen; er sitzt wie in Gedanken. RAL 18
Unachtsamkeit, Unaufmerksamkeit; äussere Dinge machen keinen Eindruck auf ihn; er ist gegen alles gleichgültig. RAL 22
Öfteres, sehr starkes Gähnen, ohne Schläfrigkeit, bei lustiger Munterkeit. RAL 355
23. Zähne
Ziehender Zahnschmerz, man weiss nicht, in welchem Zahne eigentlich, welcher während des Essens vergeht, und vorzüglich die Nacht tobt, wobei die Zähne wie zu lang sind. RAL 99
Folgende Repertoriumssymptome:
Zahnung schwierig.
Zahnung schwierig mit Diarrhoe.
Reizbarkeit bei der Zahnung.
Husten bei der Zahnung.
Fieber bei der Zahnung.
24. Weichlichkeit
Weichlichkeit ums Herz. RAL 351
Art von Ohnmacht: Es wird ihm übelig und weichlich um‘s Herz (...) RAL 353
25. Schwäche und Kraftlosigkeit vor dem Tagwerk
Schwäche; sie will immer sitzen. RAL 341
Scheut alle Arbeit. RAL 342
Die grösste Schwäche früh, die ihn nicht aus dem Bette aufstehen lässt. RAL 344
Nach dem Frühstück erst Wohlbefinden, nach einigen Minuten aber ohnmachtartiges Sinken der Kräfte. RAL 345
26. Unfähigkeit, etwas anzupacken
Eine Steifigkeit des Arms, als wenn er einschlafen wollte, wenn man mit der Hand zugreift. RAL 276
Die Arme schlafen ihr gleich ein, wenn sie derb zufasst; sie muss es gleich sinken lassen. RAL 277
Schmerz des Daumens und Zeigfingers, wie von Vergreifen, Verstauchen, oder wie von zu grosser Anstrengung, oder als wenn er zerbrochen wäre, bei Bewegung derselben fühlbar. RAL 281
27. Der Leib ist hohl
Empfindung, als sey ihr der ganze Leib wie hohl, und dabei eine immerwährende Bewegung in den Gedärmen (bei blauen Ringen um die Augen), und wenn der Anfall des Abends kommt, so ist auf kurze Zeit eine Ängstlichkeit damit verbunden. RAL 173
28. Ablehnung der Ernährungsfunktion
Er hat keinen Appetit, und es schmeckt ihm nichts; die Speisen wollen nicht hinunter. RAL 121
Kein Verlangen auf Speisen; nichts schmeckt ihm gut. RAL 122
Es schüttelt ihn, wenn er das Essen vor sich hat; es ist ihm zuwider. RAL 123
Mangel an Appetit, als wenn ihn die Speisen anekelten, ob sie ihm gleich keinen unrechten Geschmack haben. RAL 124
Ein ziehender Schmerz oder Empfindung, als wenn die rechte Brust wiederholt einwärts gezogen würde. RAL 237
29. Lokomotorik
Nächtliche, lähmige Kraftlosigkeit der Füsse; sie haben keine Macht, er kann nicht auftreten, und wenn er aufsteht, so sinkt er zu Boden, unter ziehendem Schmerz im Schenkel und Bollheit und Taubheit in der Fusssohle. RAL 301
Das Kind will nicht auftreten, noch gehen; es weint jämmerlich. RAL 348
Einfacher Schmerz aller Gelenke bei der Bewegung, als wenn sie steif wären und zerbrechen wollten. RAL 326
Alle Gelenke thun weh, wie zerschlagen, wie abgeschlagen; es ist keine Kraft in Händen und Füssen, doch ohne ordentliche Müdigkeit. RAL 327
30. Vogel im Ohr
Empfindung wie von Verstopfung der Ohren, und es war, als wenn ein Vogel darin ruschelte und scharrte. RAL 72
31. Brot schmeckt sauer.
Das Brod schmeckt sauer. RAL 113
32. Abneigung gegen Bier
Bier stinkt ihn an. RAL 127
33. Kindheit
Erkrankungen bei Kindern. Rep.
Chamomilla. leidet an seinem Schicksal, unter irdischen Bedingungen als Mensch leben zu müssen. Es fühlt sich aus dem Paradies vertrieben, das ein Ort der absoluten Geborgenheit, “des tragenden Armes" oder der schützenden Gebärmutter war. Auch als Erwachsene bleiben Chamomilla-Menschen ausserordentlich bedürftig nach (mütterlicher) Geborgenheit, Zuwendung und Umsorgung. Bei der Auswahl ihrer Lebenspartner, ihres Berufes, ihrer Arbeitsstellen und Lebenssituationen wird die „Suche nach der mütterlichen Brust“ sichtbar. Elternschaft und Kinderbetreuung können zu einem grossen Problem werden: Die eigene Bedürftigkeit schürt die Angst, den Kindern nicht genügend Geborgenheit geben zu können. Die Welt ausserhalb von Geborgenheit und Umsorgung ist eine feindliche, unwirtliche Welt, in der ein garstiger Wind weht und ständig ein Unheil droht, was sich in der extremen Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit des Chamomilla-Menschen ausdrückt.
Die Vertreibung aus dem Paradies kommt einer Entwertung und Entwürdigung gleich. Der Chamomilla-Mensch ist ausserordentlich schnell beleidigt. Dieses Gefühl hält so lange an, dass häufig die Ursache dafür nicht mehr erkennbar ist.
Im Vergleich zum verlorenen Paradies ist jeder Ort auf Erden mit schrecklichen Mängeln behaftet. Der Chamomilla-Mensch ist deshalb ständig auf der Suche nach etwas Besserem. Wie immer er sich einrichtet - in Beruf, Partnerschaft, Wohnungssituation - es bleibt ein Rest von Unzulänglichkeit. Eine tiefsitzende Unzufriedenheit mit der bestehenden Situation durchzieht deshalb das Chamomilla-Leben.
Chamomilla-Menschen empfinden das Leben als eine schwere Last. Alles ist mühsam, anstrengend, schmerzhaft. Die kleinsten alltäglichen Aufgaben türmen sich zu einem riesigen Berg, der unüberwindbar scheint. Die kleinsten Dinge erheischen eine riesige Anstrengung, daher das Bild, mit angezogener Handbremse fahren zu müssen. (Diese Vorstellung tauchte bei zwei vom Verfasser erfolgreich mit Chamomilla behandelten Patientinnen auf, sowohl in Träumen, als auch spontan geäussert.)
Weil das erreichte Ziel nie genügen kann, wird der richtige Entscheid zu einer unlösbaren Aufgabe: Chamomilla wird unentschlossen und weiss nicht, was es will. Es lebt mit der ständigen Unsicherheit, ob es richtig handelt.
Da Chamomilla das Leben als Mensch zurückweist, leidet es auf allen Ebenen der menschlichen Existenz:
Das Denken ist anstrengend, die Sinne sind überempfindlich, alle vegetativen Körperfunktionen sind beschwerlich und häufig schmerzhaft, Funktionen, die bei andern Menschen unbemerkt ablaufen, werden für Chamomilla unangenehm spürbar, Fehlfunktionen führen zu übermässig empfundenen, unerträglichen Schmerzen. Es ist die Situation, die in der Bibel nach der Vertreibung aus dem Paradies beschrieben wird: „Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder (...). Zu Adam sprach er: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden.“ (Genesis 3, 16-19)
Egotrophie
In der Verneinung des Verlustes gibt der Chamomilla-Mensch sich absolut glücklich: Er lebt in der besten aller Welten und betont, dass er rundum zufrieden ist mit seiner Lebenssituation. Er versteht nicht, wie die anderen sich abrackern und doch ihr Glück nicht erreichen, ihm fällt alles leicht. Ohne grosse Anstrengung und Schwierigkeiten erreicht er seine Ziele. Er weiss allerdings auch, was er will. Er zweifelt keinen Moment daran, dass er die richtigen Entscheide getroffen hat und dass diese auch zum Erfolg führen werden.In dieser Welt gibt es keinen Platz für Unglück, Krankheit, Trauer. Da nichts Schlimmes passieren kann, bleibt er gleichmütig selbst angesichts reeller Gefahren.
In der Wiederholung der Übertretung ist der Chamomilla-Mensch nicht leicht zufriedenzustellen. Er ist unersättlich in seiner Begierde nach irdischen Gütern und jagt ständig nach einem umfassenden und dauerhaften Glück. „Denn alle Lust will Ewigkeit“ (Nietzsche) ist seine Devise. Nur die besten und teuersten Güter sind für ihn gut genug. Dabei möchte er sein Glück möglichst ohne Arbeit, Mühe und Anstrengung erreichen. Sein wirkliches Leben spielt sich in seinen Phantasien ab, in denen es um das grosse Glück geht. Da lebt er auf, wird wach und strotzt vor Einfällen und Ideen.
Egolyse
In der Egolyse kann der Chamomilla-Mensch den Alltag so beschwerlich und mühsam erleben, dass er in eine schwere Depression mit Suizidgedanken fällt. Er gibt jegliche Suche nach Glück auf. Er akzeptiert sein Elend und Unglück. Er ist in keiner Weise mehr anspruchsvoll, nichts kann ihn mehr beleidigen.
Alterolyse
In der Alterolyse macht Chamomilla die anderen für sein Scheitern verantwortlich. Sie sind schuld an seinem Unglück, weil sie ihm auf seinem schnellen Weg zum Glück hinderlich im Wege stehen.
Weil der Mensch in seinem Handeln notgedrungen mit den anderen Menschen kooperieren muss, dies aber eine Quelle von Ärger und Unglück sein kann, will Chamomilla überhaupt nicht in Austausch mit anderen Menschen kommen.
Chamomilla weist den menschlichen Weg zum Glück zurück. Es erlebt seine Situation als Vertreibung aus dem Paradies und sehnt sich nach einem Zustand der absoluten Geborgenheit, wie er z.B. in der Mutter-Kind-Symbiose im Säuglingsalter teilweise verwirklicht ist. Dabei verliert es seine Unabhängigkeit, Lebenstüchtigkeit und Handlungsfähigkeit. Der Körper funktioniert nicht mehr reibungslos. Der Alltag wird zur Last. Schmerz, Trauer, Ärger und Unzufriedenheit sind die vorherrschenden Empfindungen.
Transzendenter Wert
Chamomilla beneidet Gott darum, dass er jederzeit unmittelbar und vollkommen glücklich ist, ohne dass er handeln oder sich anstrengen muss.
Menschliche Daseinsbedingung
Es gibt zwei wesentliche Grundbedingungen des menschlichen Glücks:
Der Mensch kann erstens nie das absolute Gute, sondern nur vergängliche Teilgüter erreichen. Daher kommt seine Begierde nie voll zur Ruhe, sein Glück bleibt unvollkommen.
Zweitens fällt auch dieses unvollkommene Glück dem Menschen nicht in den Schoss. Er kann es nur über vernünftiges Handeln erlangen. Um glücklich zu werden, ist er deshalb auf seinen Leib angewiesen. Jede erfolgreiche Willenshandlung setzt die Sinneswahrnehmung und die lokomotorischen Fähigkeiten voraus. Diese beiden wiederum haben als Grundlage die körperlichen Funktionen Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung. Damit ist die Unvollkommenheit menschlichen Glücks gegeben: Der Verstand ist mangelhaft, die Begierde verwirrend und der Leib anfällig. Anstrengung, Schmerz, Trauer und Unglück sind in einem menschlichen Leben nicht auszuschliessen. Chamomilla erlebt es als Beleidigung, dass es das Glück über einen Willensakt anstreben muss, der auf unvollkommenen körperlichen Funktionen basiert. Es strebt einen kürzeren und sichereren Weg zum Glück an, der frei ist von den Anstrengungen, Risiken und Schwierigkeiten des Lebens.
Kerne
Schuld
Weil Chamomilla absolute Geborgenheit und vollkommenes Glück anstrebt, schätzt es zwei Dinge gering:
Erstens die bestehende Welt der unvollkommenen Güter, zweitens die mit dem Körper gegebene Möglichkeit, durch vernünftiges Handeln relatives menschliches Glück zu erlangen.
Verlust
Weil Chamomilla die in dieser Welt erreichbaren unvollkommenen Güter und die menschliche Handlungsfähigkeit geringschätzt, verliert es die Möglichkeit, auf dieser Welt glücklich und zufrieden zu werden. Es verliert erstrebenswerte Ziele für sein Handeln in der wirklichen Welt und wird so handlungsunfähig. Es wird unentschlossen und weiss nicht mehr, ob es richtig handelt oder nicht. Weil Chamomilla es ablehnt, als Mensch zu leben, verliert es seine Fähigkeiten auf allen Ebenen menschlicher Existenz: Die intellektuellen Fähigkeiten wie Denken, Aufmerksamkeit, Verstehen und Begreifen gehen verloren. Chamomilla kann die äussere Realität nicht mehr realistisch und wahrheitsgetreu wahrnehmen. Es verliert auch die lokomotorischen Fähigkeiten und kann sich nicht mehr erfolgreich auf Ziele in der Wirklichkeit hinbewegen.
Weil Chamomilla den mit Mängeln und Anfälligkeiten behafteten Körper ablehnt, zerfällt die Gewissheit, dass dieser reibungslos funktioniert. Von daher kommen die hypochondrische Angst und das Leiden während physiologischer Körperfunktionen.
Strafe
Chamomilla erlebt seinen Zustand als die Vertreibung aus dem Paradies und als Beleidigung und Verletzung seiner Würde.
Im Vergleich zum angestrebten vollkommenen Glück, kann nichts in der realen Welt befriedigen, alles macht Ärger und Verdruss. Musik und Spass werden nicht vertragen, weil sie an die vergangene Freude erinnern. Die Sinne sind überempfindlich, die zurückgewiesene äussere Realität meldet sich intensiviert zurück. Der Schmerz - das Übel am verschmähten Körper - wird übertrieben stark wahrgenommen. Angst, Unruhe und Schreckhaftigkeit sind die logische Folge der beeinträchtigten Fähigkeit, vernünftig handeln zu können.
Chamomilla erlebt den menschlichen Weg zum Glück über den Körper nicht als Geschenk, sondern als Behinderung. Es hat das Gefühl, mit angezogenen Bremsen leben zu müssen und nicht voranzukommen.
Sehnsucht
Chamomilla sehnt sich nach dem verlorenen Paradies. Es möchte getragen werden und im Schutz der Mutter verharren.
Zahnung (Thema 23)
Chamomilla. gilt als eines der Hauptmittel bei Beschwerden und Erkrankung im Zusammenhang mit der Zahnung. Mit der Zahnung des Säuglings beginnt der Übergang von der Brustnahrung zur normalen menschlichen Nahrung. Die Zahnung bedeutet deshalb die allmähliche Herauslösung des Säuglings aus der ursprünglichen symbiotischen Zweisamkeit mit der Mutter. Chamomilla möchte dieses ursprüngliche Paradies nicht verlassen, es leidet daher schrecklich unter der Zahnung.
Die Zähne zu verlieren bedeutet den Verlust aggressiver Stärke, ebenso Frustration, Kastration, Scheitern, den Verlust der Lebensenergie, während ein gesundes Gebiß ein Zeichen für männliche Stärke und Selbstvertrauen ist. (DDS S. 348)
Auf dem Arm getragen werden (Thema 8)
Der Zustand eines Chamomilla-Kindes bessert sich, wenn es herumgetragen wird. Das Kind erlebt so den Schutz und die Behütung durch eine erwachsene Person, die ihm die eigene Aktivität und Bewegung , die es zum Leben braucht, abnimmt. Wie sehr bei diesem Symptom die Assoziation an das Paradies anklingt, zeigt sich in den Synonymen zu „auf Händen tragen": Lieben, verehren, anbeten, vergöttern, hochachten, hochschätzen, alles für jemanden tun, jeden Wunsch erfüllen, immer zur Seite stehen, mit Liebe umgeben, verhätscheln, verwöhnen, verziehen, bevorzugen. (DtW)
Kindheit (Thema 33)
Chamomilla wird bei Erkrankungen von Kindern häufig mit Erfolg angewandt, weil der Lebensabschnitt und die Lebenssituation des Kindes einer Chamomilla-Problematik entspricht: Das Kind macht einen Wachstums- und Reifungsprozess durch, der die Grundlage darstellt für erfolgreiches menschliches Handeln. Es muss sich schrittweise aus der behütenden und beschützenden Geborgenheit der Eltern-Kind-Beziehung herauslösen und lernen, das Leben selbst zu meistern.
Wind (Thema 4)
Der Wind ist ein Symbol für Instabilität und Inkonstanz. (DDS) Chamomilla scheut davor zurück, sich dem rauhen Wind des Lebens auszusetzen.
Vogel im Ohr (Thema 27)
Da der Vogel fliegen kann, ist er dazu geeignet, die Beziehungen zwischen Erde und Himmel zu symbolisieren. Im Griechischen war das Wort gleichbedeutend mit Botschaft des Himmels. Im Taoismus nehmen die Unsterblichen die Gestalt von Vögeln an, um die Leichtigkeit, die Befreiung von der irdischen Schwere darzustellen. (DDS) Chamomilla lehnt die Zuwendung zum irdischen, menschlichen Leben ab, seine Ohren sind verstopft, der Vogel im Ohr symbolisiert die Sehnsucht, dem irdischen Leben zu entfliehen und ins Paradies zurückzukehren.
Das Brot schmeckt sauer (Thema 28)
Synonyme zu sauer sind: herb, scharf, hart, ätzend, brennend, unangenehm, unreif, grün, sumpfig, feucht, unhöflich, eisig. (DtW) Sauer drückt so einen unangenehmen, nicht paradiesischen Zustand aus. Das Brot ist eines der alltäglichsten Lebensmittel, man könnte also aus dem zitierten Symptom schliessen, dass der Alltag für Chamomilla unangenehm, hart und unfreundlich ist.
Abneigung gegen Bier (Thema 29)
Das Bier ist der kriegerischen Klasse vorbehalten. Im Gegensatz zur Milch, dem Getränk des Kindes, ist das Bier das Getränk der Erwachsenen, der Initiierten, derjenigen, die Verantwortung tragen müssen. (DDS)
Ablehnung der körperlichen Funktionen
Leiden im Zusammenhang mit vegetativen Körperfunktionen (Thema 16). Der Leib wird als leere Hülle empfunden, ohne Funktion (Thema 27) Bemerkenswert sind auch die Symptome, die die Ablehnung der Ernährungsfunktion ausdrücken (Thema 28).
Zuwendung zur Aussenwelt (Thema 29)
Das Symptom RAL 390 stellt deutlich dar, wie Chamomilla. seine Sinnesfunktionen, in diesem Fall das Hören und Fühlen, einstellt, um sich nicht der irdischen Wirklichkeit zuwenden zu müssen. Im Gegensatz dazu stehen die egotrophen Symptome, die eine besonders intensive Zuwendung zur Aussenwelt bedeuten könnten: Feuer, Hitze, ein Lichtstrahl kommt aus den Augen.
Lebensuntüchtigkeit
Diese Symptome zeigen, dass Chamomilla. die Härte und Kraft fehlt, um im irdischen und menschlichen Leben richtig zupacken zu können. (Thema 26) Es. kann nicht richtig auf seinen Füssen stehen, kann seine Gliedmassen nicht gebrauchen (Thema 29), es ist weichlich (Thema 24). Synonyme zu weichlich: verweichlicht, butterweich, verzärtelt, weibisch, nachgiebig, widerstandslos, energielos, hinfällig, kümmerlich, schwächlich, kraftlos, unsportlich. Gegensatz: hart (DtW)
ANDERE HYPOTHESEN
Die erste Hypothese stammt von Dr. Silvana Goninetti, Florenz, 1985, sie lautet:
Chamomilla. hat ein friedliches und geordnetes Universum verloren, weil es einen schlechten Entscheid getroffen hat in der Frage, wie richtig zu handeln wäre. Dadurch hat es die Ordnung verloren, das Absolute hat sich in Unsicherheit verwandelt, Chamomilla ist in die Unvollkommenheit des Relativen gefallen. Diese Strafe scheint ihm unverhältnismässig und daher ungerecht
1986 wurde diese Hypothese von Dr. Masi im grossen und ganzen bestätigt.
Die AFADH hat 1991 eine kurze Diskussion geführt und folgendes Bild entwickelt: Chamomilla. versteht die menschliche Art und Weise nicht, wie man zum Glück kommen kann, d.h. dass es wählen, leben muss, auf sich selbst gestellt ist, dass es aus dem Nest geworfen wird, um zu leben. Es akzeptiert die Unsicherheiten des Lebens nicht, die für denjenigen entstehen, der handeln muss, um weiterzukommen.
Der Hauptunterschied zwischen der vorliegenden Hypothese und den beiden früheren dürfte wie folgt lauten: Chamomilla wird nicht aus dem Paradies vertrieben, weil es einen Fehlentscheid getroffen hat, sondern weil es die vollkommene göttliche Glückseligkeit anstrebt, die weder ein willentliches Handeln noch einen vegetativen und sinnlichen Körper voraussetzt. Die Angst, nicht richtig entscheiden zu können, ist nicht die Folge eines falschen Entscheides, sondern die Konsequenz der Weigerung von Chamomilla, mittels willentlichem menschlichem Handeln ein unvollkommenes irdisches Glück anzustreben.
Opium
Die primäre Psora von Opium dreht sich auf einer allgemeinen Ebene um folgendes: Es strebt wie Chamomilla die vollkommene Glückseligkeit an und weist die irdische Realität zurück, es will nicht inkarnieren. Dr. Masi hat jedoch darauf hingewiesen, dass diese allgemeine Formulierung unter Umständen allen Halluzinogenen zukommen könnte.
Möglicherweise könnte man die Differentialdiagnose zwischen Opium und Chamomilla wie folgt fassen: Chamomilla. erlebt sich in einer Situation nach der Vertreibung aus dem Paradies. Es lebt auf der Erde im deutlichen Bewusstsein, das Paradies verloren zu haben. Opium findet sich dagegen eher vor der Vertreibung aus dem Paradies, es lebt im Himmel und fürchtet die Vertreibung. Es leidet nicht vor allem darunter, durch willentliches Handeln ein irdisches Teilgut anstreben und dabei die Mühseligkeit seines vegetativen und sinnlichen Körpers in Kauf nehmen zu müssen, es neidet vielmehr die Sicherheit von Gottes vollkommener Glückseligkeit: Da Gott sein eigener Endzweck, d.h. das vollkommene Gut ist und daher reine, unveränderliche Wirklichkeit, kommt ihm die vollkommene Vorsehung zu. Opium fühlt sich zwar im Himmel, da ihm aber die göttliche Vorsehung fehlt, ist sein paradiesischer Zustand ständig durch unvorhersehbare Ereignisse gefährdet. Daher das zentrale Thema Schreck oder Schock bei Opium.
Bromium
Bromium fällt in die Differentialdiagnose von Chamomilla, weil auch es die Mühe und Anstrengung der täglichen Arbeit, z.B. im Haushalt, zurückweist. Doch bei Bromium ist das beneidete Attribut nicht die vollkommene Glückseligkeit, sondern die vollkommene Erkenntnis, die bei Gott reine Wirklichkeit ist. Der Mensch kann sich im Unterschied zu Gott nur durch eine schrittweise tägliche Anstrengung zu einer höheren Erkenntnis emporarbeiten. Bromium weist diese Notwendigkeit zur Vervollkommnung zurück und möchte ohne Anstrengung und mit einem Sprung auf der gleichen Höhe wie die göttliche Vernunft stehen.
Argentum metallicum
Argentum metallicum weist es zurück, unter der Abhängigkeit seiner Umgebung zu stehen. Nicht, weil es das Handeln in dieser Umwelt als einen zu anstrengenden und mühsamen Weg zum Glück betrachtet, sondern weil es die höhere Erkenntnis Gottes und damit das vollkommene Glück erreichen möchte, indem es Gott aus sich heraus erkennt und nicht aus der Erkenntnis der Dinge in der äusseren Umwelt.
THOMAS VON AQUIN
Die vorliegende Hypothese von Chamomilla beruht auf folgenden Stellen der Summa theologica: Nur wer das vollkommen Gute besitzt, ist vollkommen glücklich. Gott ist jederzeit unmittelbar und vollkommen glücklich ohne dass er handeln oder sich anstrengen muss. Er ist selbst das vollkommen Gute. (ST I 26) Der Mensch kann in diesem Leben keine vollkommene Glückseligkeit erreichen: Er kann nie alles Gute, sondern immer nur vergängliche Teilgüter erlangen, darum kommt seine Begierde nie voll zur Ruhe. (ST II 2; II 5, 3) Der Mensch kann nur über vernünftiges Handeln zu der in diesem Leben möglichen relativen Glückseligkeit gelangen. (ST II 3, 2 - 5) Dazu ist er auf seinen Leib angewiesen, denn einsichtiges Handeln setzt die Sinneswahrnehmung und die lokomotorischen Fähigkeiten voraus. Diese wiederum haben als Grundlage die elementaren körperlichen Funktionen wie Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung. (ST II 4, 5) Damit ist die Unvollkommenheit menschlichen Glücks gegeben. Da der Verstand mangelhaft ist, die Begierde verwirrend und der Leib anfällig, können Anstrengung, Schmerz, Trauer und Unglück in einem menschlichen Leben nicht ausgeschlossen werden.(ST II 5, 3) Da Chamomilla. die menschlichen Lebensbedingungen insgesamt zurückweist, sind alle Seelenpotenzen gleichermassen gestört.
Pathologie auf der Ebene der Verstandesseele:
Der Mensch kann ein möglichst vollkommenes irdisches Glück nur erreichen, wenn er seine verstandesmässige Begehr (den Willen) auf die richtigen Ziele und Mittel zur Erreichung irdischer Teilgüter ausrichtet. Da Chamomilla. die vollkommene Glückseligkeit wie Gott haben möchte, weist es die Ausrichtung auf irdische Teilgüter zurück. Dadurch verliert es seine verstandesmässigen und willentlichen Vermögen, die für seine Handlungsfähigkeit und Lebenstüchtigkeit unabdingbar sind. Chamomilla. verliert seine Entschlusskraft, es weiss nicht, was es machen will, nichts ist ihm recht. Das Nachdenken selbst wird unmöglich, die Gedanken vergehen ihm. Es sind inbesondere jene verstandesmässigen Vermögen gestört, die der Kommunikation mit den anderen dienen. Chamomilla versteht die Fragen nicht, es begreift nichts richtig, es antwortet verkehrt, lässt beim Schreiben und Reden ganze Worte aus, stammelt, verredet und verspricht sich. Da Chamomilla die aktive Zuwendung zur irdischen Umwelt verweigert, ist auch seine intellektuelle und sensorische Aufmerksamkeit gestört. Es ist unachtsam, unaufmerksam, äussere Dinge machen keinen Eindruck auf es.
Pathologie auf der Ebene der Sinnesseele:
Lebenstüchtigkeit und menschliche Handlungsfähigkeit setzen ein gutes verstandesmässiges und willentliches Vermögen voraus. Verstand und Willen wiederum basieren auf den Aktivitäten der Sinnesseele: Die mit den Sinnen wahrgenommenen Objekte der Aussenwelt setzen den Willen und das Handeln des Menschen in Gang. Da Chamomilla das vollkommene Glück und damit auch das vollkommene Gut anstrebt, will es sich gar nicht von den unvollkommenen irdischen Teilgütern in Gang setzen lassen. Es verschliesst seine äusseren Sinne, die Ohren sind wie verstopft, es ist wie taubhörig, wobei der Schall ganz von der Ferne zu kommen scheint, die Pupillen sind verengt, das Hautgefühl ist vermindert. Auch der innere Sinn ist bei Chamomilla gestört. Der Sensor Communis, der Gemeinsinn, schafft es nicht mehr, die Informationen der verschiedenen Sinne so zu koordinieren, dass sie sich auf das gleiche Objekt beziehen. Chamomilla hält eine anwesende Person für eine ganz andere, und es kommt ihm vor, als höre es die Stimmen abwesender Personen. Zur Störung der Imagination gehört auch das Symptom „die Gedanken vergehen ihm".
Pathologie auf der Ebene der Vegetativen Seele
Die Sinnesseele, welche die Voraussetzung bildet für das verstandesmässige und willentliche Vermögen, hat ihrerseits die vegetative Seele als Vorbedingung: Erst wenn aus der befruchteten Eizelle ein differenzierter Organismus herangewachsen ist, der sich durch Ernährung und Stoffwechsel selbst erhält, ist die Sinnestätigkeit überhaupt möglich. Die vielen Prüfungssymptome von Chamomilla, welche Leiden und Ängste im Zusammenhang mit den körperlichen vegetativen Funktionen beschreiben, lassen vermuten, dass Chamomilla insbesondere folgenden Aspekt zurückweist: das Leben und Handeln des Menschen, das ohnehin nur zu einem unvollkommenen irdischen Glück führen kann, setzt die Tätigkeiten der vegetativen Seele voraus, die jederzeit Quelle von Leiden, Mühe und Anstrengung sein können.
QUELLEN
Autor: Peter Mattmann-Allamand, Materia Medica Homoeopathica – revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde
|RAL||Hahnemann Samuel, Reine Arzneimittellehre, 4. Nachdruck, Heidelberg 1989, Band 3, Symptomnummern in Klammer stammen aus dem Kapitel „Beobachtungen Andrer“|
|He||Hering Constantin, The Guiding Symptoms of our Materia Medica, New Delhi 1989, Band 3, S. 498|
|A||Allen T.F., The Encyclopedia of pure Materia Medica, New Delhi 1988, Band 3|
|DDS||Chevalier/Gheerbrandt, Dictionnaire des Symboles, Laffont, Paris 1982|
|ST||Thomas von Aquino, Summe der Theologie, Hrsg. von Joseph Bernhart, Kröner Stuttgart 1985|
|DtW||Peltzer/von Normann, Das treffende Wort, Ott Thun, 1993|
|Rep||Synthesis, Schroyens, Greifenberg 1994|
|Bild||Esther Ostermünchner|