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Arbeitslosigkeit
Die Arbeitslosigkeit figuriert im Sorgenbarometer der schweizerischen Bevölkerung regelmässig auf einem der ersten Ränge. Sie wird in der Schweiz als dringendes soziales Problem wahrgenommen, obgleich die Arbeitslosenquote im internationalen Vergleich niedrig ist. Im Schnitt der letzten zwanzig Jahre (1991–2011) lag sie bei drei bis vier Prozent – je nachdem, welche Definition verwendet wird.
Eine erste, offizielle Definition der Arbeitslosigkeit umfasst jene Personen, die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) eingeschrieben sind, keine Stelle haben und sofort vermittelbar sind – ungeachtet dessen, ob sie Anrecht auf Arbeitslosenentschädigung haben oder nicht. Im politischen Alltag der Schweiz wird dieser Indikator verwendet, den das SECO monatlich für den Bund und die Kantone kommuniziert.
Ein zweiter Indikator der Arbeitslosigkeit stützt sich auf die Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO). Als arbeitslos gelten dabei jene Personen, die in der Referenzwoche nicht erwerbstätig waren, in den vergangenen vier Wochen eine Arbeit gesucht haben und für eine Arbeitsaufnahme verfügbar wären. Dieser Indikator wird vom Bundesamt für Statistik jährlich mithilfe der Schweizerischen Arbeitskräftestatistik erhoben und als Erwerbslosigkeit bezeichnet. Er wird für den internationalen Vergleich der OECD verwendet.
Die offizielle Arbeitslosenquote des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) hat gegenüber der IAO-Definition den Vorteil, auf Registerdaten und nicht einer Stichprobe zu beruhen. Zudem ist sie entscheidend für die finanzielle Lage der Arbeitslosenversicherung. Dagegen schliesst der Indikator der IAO auch SchulabgängerInnen, ausgesteuerte Arbeitslose und Erwerbslose in der Sozialhilfe ein, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben und sich daher selten in einem RAV einschreiben. In der Folge liegt die Arbeitslosenquote, die nach IAO-Definition gemessen wird, um etwa einen Prozentpunkt über der offiziellen Quote der Schweiz.
Über Jahrzehnte hinweg war die Arbeitslosigkeit in der Schweiz praktisch inexistent. Zwischen 1950 und 1990 sorgte die Kombination von Hochkonjunktur, Absenz einer obligatorischen Arbeitslosenversicherung und flexibler Ausländerpolitik für eine offizielle Arbeitslosenquote, die unter einem Prozent verharrte. Mit der Rezession der frühen 1990er Jahre kam dieser Ausnahmezustand zu einem Ende. Seit Mitte der 1990er Jahre fluktuiert die Arbeitslosenquote in der Schweiz zwischen 2 % und 4 % (Definition SECO) beziehungsweise 3 % und 5 % (Definition IAO). Im Schnitt der letzten zwei Jahrzehnte übertraf die Arbeitslosenquote in den Westschweizer Kantonen Genf, Neuenburg und Waadt das nationale Mittel um ein bis zwei Prozentpunkte, während sie in den Ost- und Innerschweizer Kantonen um einen Prozentpunkt darunter lag.
Im internationalen Vergleich gehört die Schweiz zu den Ländern mit der tiefsten Arbeitslosigkeit. In Europa hatten nur wenige Staaten wie Dänemark, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen oder Österreich über eine längere Zeit ähnlich tiefe Arbeitslosenquoten wie die Schweiz. Vergleicht man hingegen die Schweiz mit den anliegenden Regionen wie Baden-Württemberg, Bayern oder dem Vorarlberg, sind die Unterschiede gering.
In den Medien kursiert regelmässig die Befürchtung, dass den Industrieländern mit dem technologischen Fortschritt die Arbeit ausgehen würde. Ein Blick auf die Entwicklung der Erwerbsbevölkerung deutet auf das Gegenteil hin. 1900 zählte die Schweiz 1,55 Millionen Erwerbstätige. Trotz einem rasanten technologischen Wandel verdoppelte sich diese Zahl auf 3,15 Millionen in 1970 und verdreifachte sich auf 5 Millionen in 2015. Offensichtlich finden heute – trotz des Einsatzes von Automaten, Computern und Robotern – wesentlich mehr Leute Arbeit in der Schweiz als zu Beginn des 20. Jh. Aber natürlich tun sie dies in anderen Bereichen: 1900 arbeiteten 31 % aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, 2015 sind es drei Prozent. Insbesondere die weibliche Erwerbsarbeit hat stark zugenommen.
In der Arbeitsmarkttheorie werden verschiedene Typen der Arbeitslosigkeit unterschieden, so unter anderem die friktionelle, saisonale, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit. Weitgehend unproblematisch ist die friktionelle Arbeitslosigkeit, die beim Wechsel zwischen zwei Stellen entsteht und sich auf kurze Transitionen beschränkt. Die saisonale Arbeitslosigkeit ist eine Folge der Nachfrageschwankungen zwischen den Jahreszeiten und tritt in Branchen wie dem Bau, dem Gastgewerbe oder der Landwirtschaft auf. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit entsteht in der Folge einer ungenügenden Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen und ist eng mit Rezessionen verknüpft. In diesen Krisen obliegt es dem Bund und den Kantonen, mit vorgezogenen öffentlichen Investitionen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stützen und so den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Begleitend kann die Geldpolitik der Nationalbank mittels Zinssenkungen private Investitionen ankurbeln und somit einen aktiven Beitrag zur Beschäftigungspolitik leisten.
Mit struktureller Arbeitslosigkeit bezeichnet man den Mismatch zwischen dem Profil der Stellensuchenden und den Anforderungen für die offenen Stellen. Dieser Mismatch kann sich auf die Ausbildung, Region oder Branche beziehen. Verharrt die Arbeitslosigkeit trotz eines längeren starken Wirtschaftswachstums auf einem hohen Niveau, handelt es sich um strukturelle Arbeitslosigkeit. Gegen die strukturelle Arbeitslosigkeit helfen individuelle Karriereberatung, Einarbeitungszuschüsse, Weiterbildungen und Umschulungen. Der zentrale politische Akteur sind die RAV, die in den Kantonen eine Vielzahl an arbeitsmarktlichen Massnahmen anbieten.
In der Schweiz sind im Jahresschnitt rund 150 000 Personen bei einem RAV als arbeitslos registriert. Hinter dieser scheinbar konstanten Anzahl arbeitsloser Personen verbergen sich starke Flussbewegungen in die Arbeitslosigkeit hinein und heraus. So melden sich jeden Monat rund 20 % der Arbeitslosen vom RAV ab – und werden durch rund 20 % Neueintritte abgelöst. Diese steten Zu- und Abflüsse schlagen sich in der Dauer der Arbeitslosigkeit nieder: In der Schweiz liegt der Mittelwert (Median) für die Arbeitslosendauer bei weniger als vier Monaten (111 Kalendertage).
Die Dauer der Arbeitslosigkeit unterscheidet sich nach Altersgruppen. Während die Jungen ein höheres Risiko aufweisen, arbeitslos zu werden, ist ihre Arbeitslosigkeit im Schnitt von kurzer Dauer. Im Gegensatz dazu sind ältere Beschäftigte seltener arbeitslos, haben jedoch ein höheres Risiko, langzeitarbeitslos zu werden. Die Wiedereingliederung von älteren Arbeitssuchenden stellt denn auch eine der Hauptherausforderungen der Arbeitsmarktpolitik dar.
Trotz der Dynamik des Arbeitsmarkts finden 10 bis 15 % aller Arbeitslosen keine Stelle während der 18 bis 24 Monate, während welchen sie Arbeitslosenversicherung beziehen können. Sie werden ausgesteuert. Rund die Hälfte der Ausgesteuerten findet eine Arbeit innerhalb eines Jahres – und rund ein Fünftel findet sich in der Sozialhilfe wieder. Die anderen Ausgesteuerten leben von Ersparnissen oder dem Einkommen der Partnerin oder des Partners.
Literaturhinweise
Bonoli, G. & Champion, C. (2013). Reintegration statt Endstation. Panorama, 6, Online-Ausgabe.
Flückiger, Y. (2002). Le chômage en Suisse: causes, évolution et efficacité des mesures actives. Aspects de la Sécurité Sociale, 4, 11–21.