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|Archäobotanische Forschungsprojekte|

Letzte Änderungen: 2008
Archäobotanische
Untersuchungen prähistorischer Seeufersiedlungen (Neolithikum,
Bronzezeit)
und früher 'human impact'
Seit dem 6./5. Jahrtausend vor Christus haben menschlichen Eingriffe in die Umwelt die Landschaft in Mitteleuropa stark verändert. Durch die verschiedenen Bewirtschaftungsformen entstand eine Vielzahl von Landschaftselementen mit einer deutlichen Zunahme der Biodiversität. Archäobotanische Untersuchungen an neolithischen und bronzezeitlichen Feuchtbodensiedlungen aus dem nördlichen Alpenvorland erbrachten in den letzten beiden Jahrzehnten grundlegende neue Erkenntnisse zu Landwirtschaft und Umwelt dieser Epoche. Diese Ergebnisse sind international von herausragender Bedeutung, da im Bereich der zirkumalpinen Seen und Moore die Erhaltung von organischen Materialien im Feuchtbodenbereich ausgezeichnet ist (Jacomet et al. 1989). Das Schwergewicht unserer Untersuchungen lag bei neolithischen und bronzezeitlichen Ufersiedlungen des Zürich- und Bielersees; weitere Untersuchungen liegen vom Zugersee vor (Jacomet & Karg 1996; Jacomet (Fundstelle Risch), in Bearb.). Der Raum Zürich ist mit 1000 untersuchten Kulturschichtproben (Makrorestanalysen) die am besten archäobotanisch untersuchte Siedlungskammer Mitteleuropas aus dem Neolithikum (Brombacher & Jacomet 1997, Brombacher 1997), wobei nicht alle Siedlungsplätze repräsentativ untersucht sind.
1998 begann ein durch den Schweizerischen NF finanziertes Projekt, welches die interdisziplinäre Auswertung der Seeufersiedlung Arbon-Bleiche 3 am Bodensee (Kanton TG) zum Ziel hat (1253-063539.00/1). Dort werden neben den "traditionellen" Makroresten auch tierische Exkremente und Mikro-Pflanzenreste aus angebrannten Speisekrusten im Inneren von Keramikgefässen untersucht. Um die Exkremente einer Tierart (oder dem Mensch?) zuordnen zu können, werden auch DNA-Analysen durchgeführt. Pollenanalytische Studien ergänzen das Bild. Für eine Zusammenfasssung der wichtigsten Ergebnisse: siehe.
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass bereits im Neolithikum die Viehwirtschaft einen wesentlichen Einfluss auf die Umwelt hatte. Durch intensive Waldweide und Laubfütterung im Winter kam es zu grösserflächigen Eingriffen ins Landschaftsbild. Zum Nachweis solcher Viehwirtschaftssysteme sind insbesondere Exkrementanalysen (Makroreste und Pollen) wichtig. Diese wurden bereits in früheren Projekten begonnen und werden nun im Arbon-Projekt intensiv fortgesetzt (vgl. dazu Akeret & Jacomet 1997, Akeret et al. 1999, siehe auch).
Das Projekt Arbon-Bleiche ist interdisziplinär, es erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der Kantonsarchälogie Thurgau, die als Hauptgesuchstellerin auftritt, der Arbeitsgruppe Archäozoologie an unserem Institut sowie mehreren auswärtigen Institutionen.
Pollenanalytische Untersuchungen (on-site und off-site Studien), aus dem Raum Zürich, welche vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurden (NF-31-25689.88) haben ebenfalls zu einer grundlegenden Erweiterung unserer Kenntnisse zu frühen Eingriffen des Menschen in das Landschaftsbild beigetragen. Insbesondere gibt es Hinweise auf einen frühen 'human impact' und Ackerbau bereits im Übergangsbereich vom Spätmesolithikum zum Frühneolithikum im schweizerischen Mittelland (Haas 1996, Erny-Rodmann et al. 1997).
Weitere Publikationen vgl. Publikationsliste
Tabelle mit den wichtigsten untersuchten Fundstellen :
Legende:
Jacomet, S. (in press) Neolithic plant economies in the northern alpine foreland (Central Europe) from 5500–3500 BC cal. In: Colledge, S. & Conolly, J.. (Eds.) Archaeobotanical perspecitives on the origin and spread of agriculture in southwest Asia and Europe. UCL Press, London. (an up to date chronology table of the Central European Neolithic is available here)
Jacomet, S. (in prep.) Plant Economy in the Northern Alpine foreland in the 4th and 3rd millennia BC (presentation at the 25th anniversary of the AEA in Bad Buchau in September 2004 and publication in the Conference Proceedings).
Jacomet, S., Brombacher, Ch. (in Vorb.) Untersuchung biologischer Materialien (Botanische Reste, Zoologische Kleinreste) in neolithischen Seeufer- und Moorsiedlungen: Forschungsstand – Methoden – zukünftige Forschungsstrategien. Will be submitted (Sept. 2004) to Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte.
Dr. Marlu Kühn
Wichtigstes Projekt ist derzeit die Begleitung der laufenden Autobahngrabungen "Nordtangente" in Basel. Dort werden laufend Teilbereiche der spätlatènezeitlichen Siedlung "Basel-Gasfabrik" ausgegraben. Bisher konnten mehrere Hundert Bodenproben untersucht werden. Diese lieferten ein reiches Spektrum an Nahrungspflanzen, vor allem aber auch an Wildpflanzen. Insbesondere Grünlandtaxa sind reich vertreten. Aus verschiedenen Gruben sind in jüngster Zeit grosse Mengen mineralisierter Fäkalien aufgetaucht. Spektren der Untersuchungen bis 1999 in SPM 4.
Prof. Stefanie
Jacomet,
Dr. Marlu Kühn, Dr.
Angela
Schlumbaum, Patricia Vandorpe MSc, Dipl. Biol. Britta Pollmann, Dr.
Lucia Wick, Dipl. Biol. Petra Zibulski
In der römischen Zeit wurde die Versorgung mit Nahrungsmitteln von landwirtschaftlichen Betrieben, den Gutshöfen, wichtig. Auch der regionale und überregionale Import gewann stark an Bedeutung. Wie die Ernährung der Bevölkerung, die Produktion und Verteilung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse aussah, wird an diversen militärischen, städtischen und ländlichen Siedlungen in Zusammenarbeit mit der Archäozoologie untersucht. Wichtige grössere römische Siedlungen, die von uns laufend bearbeitet werden, sind die Colonia Augusta Raurica (Kantone Basellandschaft und Aargau; Jacomet et. al. 1988, Petrucci-Bavaud/Jacomet 1996, Petrucci-Bavaud 1999, Jacomet 2000 u.a.m.), das Legionslager Vindonissa (Kanton Aargau; Jacomet 2003) sowie das Kastell und der Kastellvicus von Biesheim-Kunheim im Dép. Haut-Rhin (F). Derzeit laufen ausserdem Untersuchungen im vicus von Eschenz (Tasgetium), Kt. Thurgau (Diplomarbeit B. Pollmann).
Die Bearbeitung von römischen Gutshöfen u.a. Neftenbach (Kanton Zürich; Klee 1999) und Biberist (Kanton Solothurn; Jacomet, im Druck) sollen Rückschlüsse auf den Gutshofbetrieb, eventuell auf die Nutzung einzelner Gebäude und vor allem Hinweise auf die römerzeitlichen Anbaumethoden ermöglichen. Ebenfalls möchten wir wissen, welche Agrarprodukte in unserem Gebiet produziert wurden und wie das Spektrum der angebauten Pflanzen im Vergleich zu anderen Fundorten aus den römischen Provinzen aussieht. Die Untersuchung von Holzkohlen soll Aspekte der Waldnutzung erhellen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Nahrungsbeigaben in römerzeitlichen Brandgräbern. Vergleiche dieser Nahrungsbeigaben mit den übrigen Grabbeigaben (Tierknochen, Keramik, Lampen, Metallgegenstände, persönliche Gegenstände, etc.), sollen die Funktion und Bedeutung dieser Funde und ihre Bezüge zu Geschlecht, Alter und sozialer Stellung der Verstorbenen erhellen. Die Untersuchungen zum Gräberfeld Dägerli, dem Südfriedhof von Vindonissa, wurden kürzlich publiziert (Petrucci-Bavaud & Jacomet 2000; Schumbaum & Jacomet 2000). Durch die Untersuchung von Brandgräbern verschiedener Fundorte wird versucht, ethnologische wie auch regionale Unterschiede in der Schweiz herauszuarbeiten. (Petrucci-Bavaud & Jacomet 1998).
Sowohl in Vindonissa Breite als auch in Biesheim-Kunheim
wurden sehr
reiche Funde von importierten Pflanzen gemacht (Granatäpfel,
Pfeffer,
Oliven, Datteln, Melonen usw.; Jacomet et al. 2002; Jacomet 2002 und
2003; Bakels & Jacomet 2003).
Nicht
ganz zufällig stehen diese Fundorte im Zusammenhang mit dem
römischen
Militär. Ein erster Vorbericht zu den archäobiologischen
Untersuchungen
von Biesheim wurde publiziert (Jacomet & Schibler
2001),
zusätzlich läuft eine Dissertation (Patricia Vandorpe,
Makroreste).
Im Umfeld der Römerstadt Augusta Raurica werden derzeit
erste paläoökologische off-site-Analysen durchgeführt
(Pollenprofile Bergsee bei Bad Säckingen) (L. Wick). Dadurch
erhoffen wir uns genauere Einsicht in die Beeinflussung der Umwelt im
Umkreis einer römischen Stadt.
Publikationen vgl. Publikationsliste
In den Bänden 2 (Neolithikum; 1995), 3 (Bronzezeit; 1998), 4 (Eisenzeit; 1999) 5 (Römerzeit; 2002) und 6 (Frühmittelalter; 2005) wurden zusammen mit KollegInnen aus unseren und verwandten Fachbereichen (M. Magny, Ch. Maise, C. Burga, H. Zoller, A. Schneider Rachoud, M. Winter) Artikel zur Umwelt und Nahrungswirtschaft dieser Epochen in der Schweiz verfasst. Im Neolithikum gehört die Schweiz mit ihren Seeufersiedlungen zu den am besten untersuchten Plätzen in Mitteleuropa; insbesondere sind die Erhaltungsbedingungen wegen der Feuchtbodenerhaltung sehr gut. Die Geschichte des Ackerbaus von der Mitte des 5. Jt. v. Chr. bis gegen das Ende des 3. Jt. v. Chr. kann nachgezeichnet werden (Brombacher 1995). Die Bronzezeit ist gekennzeichnet durch zahlreiche Neuerungen auf dem Nahrungsmittelsektor, besonders, was die Pflanzen betrifft: in grossen Mengen tauchen Hülsenfrüchte auf (vor allem Ackerbohnen, Linsen). Unter dem Getreide entwickelt sich der Dinkel (Triticum spelta) zur ökonomisch wichtigsten Weizenart. Interessant ist, dass in den Alpen bereits ab der frühen Bronzezeit Ackerbau bis an seine obere Grenze betrieben wurde (Unterengadin bis über 1600 m!). Auch was die Bronzezeitlich betrifft, gehört die Schweiz in Mitteleuropa zu den archäobotanisch am besten untersuchten Regionen. Insbesondere hervorzuheben ist auch hier die gute Erhaltung des Materials in den Seeufersieldungen (Jacomet et al. 1998). Im Gegensatz zur Bronzezeit ist der Forschungsstand in der in der Eisenzeit in der Schweiz extrem schlecht. Weniger als 10 Fundstellen sind bis heute archäobotanisch untersucht. Trotzdem zeichnet sich z.B. ab, dass unter den Kulturpflanzen neu Saathafer auftritt. Offensichtlich wurden auch erstmals intensiv Wiesen bewirtschafet: Reste von Heu deuten auf Mähwiesen hin (Jacomet et al. 1999).
Steigende Bevölkerungszahlen, Zentrumsbildung, Landesausbau, verstärkte Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Rohstoffen verschiedenster Art während des Mittelalters führen zu spezifischen Fragen, mit denen wir uns im Rahmen der Auswertung pflanzlicher Reste aus mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fundstellen befassen. Neben allgemeinen, die Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte betreffenden Themen stehen zur Zeit die folgende Fragen im Mittelpunkt unseres Interesses: Lässt sich die Trennung von Orten mit landwirtschaftlicher Produktion und solchen mit überwiegender Konsumation anhand der Untersuchung von Pflanzenspektren aus städtischen und ländlichen Fundstellen erfassen? Spiegelt sich der soziale Unterschied der BewohnerInnnen der mittelalterlichen Städte in einer unterschiedlichen Zusammensetzung des Fundgutes wider? Schlagen sich neue Methoden in der Landwirtschaft wie z. B. die Einführung der Dreifelderwirtschaft im Artenspektrum ländlicher Siedlungen nieder? Lässt sich ein Ausbau von Gemüse- und Obstgärten und der Sonderkulturbereiche in ländlichen Siedlung und deren Umgebung erkennen? Können durch einen Vergleich der Spektren gleicher Siedlungstypen aus verschiedenen Regionen z. B. unterschiedliche regionale Gewohnheiten und Gegebenheiten aufzeigt werden? Die zur Zeit in Bearbeitung befindlichen städtischen Befunde aus Basel, Schaffhausen, Winterthur sowie Stein am Rhein (Kt. Schaffhausen) sowie die ländlichen Siedlungen Develier/Courtételle (Kt. Jura) und Büren-Chilchmatt (Kt. Bern) werden wichtige Anhaltspunkte zur Beantwortung obiger Fragen liefern (Jacomet 1994, Kühn 1996, Brombacher, Jacomet & Kühn 1997).
Im Rahmen von zwei MGU-Forschungsprojekten: F24/93 "Nahrungs- und Nutzpflanzen" und das Folgeprojekt F14/95 "Garten" wurden wichtige Beiträge zur Geschichte des menschlichen Umgangs mit Ressourcen und zur sozialgeschichtlichen und ökonomischen Bedeutung der Pflanzen in einer vorindustriellen Gesellschaft erarbeitet. Dies erfolgte in interdisziplinärer Arbeit von Mittelalterarchäologie, Geschichte und Archäobotanik. Besonders interessierten dabei einerseits Pflanzen aus Gärten und Sonderkulturen und alles was mit deren Anbau, Verarbeitung und Lagerung zu tun hat. Anderseits sollte der Frage nachgegangen werden, wie weit der Wandel der mittelalterlichen Produktionsstrukturen in einem Ausbau von Gärten und Sonderkulturen auf dem Lande spürbar ist, und welchen Einfluss dies auf die stadtnahe Landwirtschaft und den dortigen Ausbau der Gärten hatte. Vgl. Irniger & Kühn 1997, 1999.
Prof. Dr. Stefanie Jacomet Zusammen mit A. Kreuz (Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden). Verlag E. Ulmer, Stuttgart (1999) Grosses UTB 8158. Dieses Buch soll nicht nur FachwissenschaftlerInnen, sondern z.B. auch NaturkundlerInnen oder LehrerInnen der Fachrichtungen Geschichte, Biologie und Geographie viel Wissenswertes über die Erforschung von Landwirtschaft und Umwelt in vor- und frühgeschichtlicher Zeit vermitteln. Es erläutert die Methoden, Aufgaben und Ergebnisse der aktuellen Forschungen zur Landwirtschafts- und zur Vegetationsgeschichte. Das Spektrum der archäobotanisch nachweisbaren Pflanzenarten reicht dabei von Kultur- und Nutzpflanzen über Unkräuter und Pflanzen der Wiesen und Weiden zu Arten natürlicher Standorte. Entsprechend weit gefächert sind die hier mit zahlreichen Abbildungen dargestellten Methoden, die bei der Bergung, aber auch bei der archäobotanischen Interpretation von Pflanzenfunden der letzten Jahrtausende zur Anwendung gelangen. Aus dem Inhalt: Ursprung und Grundlagen der Archäobotanik, Das Pflanzenmaterial, Erhaltungsformen pflanzlicher Reste, Typen pflanzenrestführender Ablagerungen, Feldmethoden und Labormethoden für die Pollenanalyse und die Analyse pflanzlicher Grossreste, Datierungsmethoden, Vegetations- und Kulturpflanzengeschichte.