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Neptuns Landsitz
Bei der «Casa Nettuno» wachsen Architektur und Landschaft zusammen: Meer und Felsen bilden das raue Fundament aus denen der italienische Architekt Michele Busiri Vici kunstvoll Haus und Garten herausgeschält hat.
100 Kilometer südlich von Rom, direkt an der Küste, ragt der sagenumworbene Monte Circeo aus der pontinischen Ebene. Der Berg ist eine beindruckende Erscheinung – dichte Wälder auf der kühlen, dem Meer abgewandten Seite, karge Felsen auf der heissen Küstenseite. Südlich schmiegt sich der historische Kern des Dörfchens San Felice Circeo an die Ausläufer des Berges, nördlich grenzen die weiten Dünen des mondänen Sabaudia daran an. 1955 wurde der römische Architekt Michele Busiri Vici (1894-1981) eingeladen, einen Masterplan für die Bebauung des Lidos von Sabaudia zu zeichnen. Die Reissbrettstadt wurde 1934 als Vorzeigeprojekt des Faschismus aus den trocken gelegten Sümpfen gestampft. Ihr Zentrum ist sehr gut erhalten, deshalb gilt Sabaudia noch heute als ein lebendiges Musterbeispiel des italienischen Rationalismus. Busiri Vicis Masterplan für das 20 Kilometer lange Küstenstück wurde zwar nur in Fragmenten umgesetzt, trotzdem hinterliess der Architekt bauliche Spuren am Monte Circeo. Denn bei seinen Besuchen in Sabaudia entdeckte Busiri Vici das «Quarto Caldo», damals noch ein rauhes, unbebautes Landstück am Fusse des Berges mit sensationellem Blick aufs Meer und die pontinischen Inseln. 1958 konnte Busiri Vici hier die erste von zahlreichen Villen bauen – die «Casa Nettuno». Ein gutes Dutzend weitere Villen und eine kleine Kirche im San Felice Circeo sollten bis in die siebziger Jahren folgen.
Zur spektakulären Felsnase im Meer führt eine schmale kurvenreiche Küstenstrasse um den südlichen Teil des Monte Circeo herum. Rund 300 Meter unter der Zufahrtstrasse hat der Architekt die Villa winkelförmig auf eine enge Felsterrasse gesetzt. Exakt so, dass der Hauptraum, das sechseckige Wohnzimmer, abends direkt auf den spektakulären Sonnenuntergang orientiert ist. Der Zugang erfolgt über ein im typischen Busiri-Vici-Grün gehaltenes schmideisernes Tor, das auf eine grosszügige tiefer gelegene Terrasse führt. Von hier geht der Weg durch einen windgeschüzten, weiss getünchten Patio, der hangseitig von den beiden Seitenflügeln der Villa gefasst wird. Der Grundriss ist einfach und funktional: Im Knick liegt das Entrée, das sich auf den weiten sechseckigen Wohnraum mit seiner grossen Fensterfront aufs Meer und eben den Sonnenuntergang öffnet. Rechts führt ein Gang zur Küche, links zu den Schlafräumen mit jeweils eigenen Bädern. Grosszügige Schrankräume entlang des Korridors machen, dass die kompakten Zimmer nicht vollgepackt werden müssen. Die Zimmerfenster sind unerwartet klein – die Aussicht soll man draussen von den vielen Terrassen aus geniessen. Liebevolle Details verleihen der reduzierten Architektur Geschmeidigkeit: fischförmigen Türfallen aus Messing, von rosa zu weiss changierende Keramikplatten am Boden, geschwungene Fisch- und Krebsgitter vor den Türfenster, mahagonifarbene Fensterrahmen, kunstvolle Mosaike und Reliefs mit Sujets rund ums Meer. Ursprünglich lagen die Wohnräume auf einer Ebene, heute gibt es weitere Schlafräume im Sockel des Hauses.
In der einzigen Monographie, die es zum eigenständigen Werk von Busiri Vici gibt, schreibt die Architektin Marina Natoli, dass er eine «mediterrane Moderne» geprägt habe. Sie meint damit den Brückenschlag zwischen Architektur und Landschaft, für den die Casa Nettuno ein Paradebeispiel ist. In vielen kleinen Details seines Entwurfs hat der Architekt darauf Bezug genommen. Etwa im Grundriss: Busiri Vicis Entwurf basiert zwar auf dem rechten Winkel, doch der Architekt folgt dem Diktat des rechten Winkels nicht sklavisch, sondern weicht dort davon ab, wo es der Einbettung des Hauses in die Landschaft hilft. Auch in der Vertikalen prägen weiche Linien das Haus: Wenige und kontrolliert gekurvte Mäuerchen, etwa rund ums Solarium, der begehbaren Dachterrasse, lassen Bau und Landschaft sich einander annähern. Auch das Grün der üppigen Vegetation hat der Architekt aufgenommen: Mobile Elementen wie Türen, Fensterläden, Tore oder auch die Pergola-Konstruktion liess er leuchtend Türkis anmalen. Die Farbe setzt die wenigen, sorgfältig gesetzte Farbtupfer an der weiss getünchten Raumskulptur. Diese ruht auf einem unverputzten Bruchstein-Sockel – geschichtet aus dem gelblichen Gestein des Felsens auf dem die Villa steht. Vom Haus weg führen schmale Weglein zu subtil in die Landschaft eingepasste Pergolen, Sitzbänken, Terrassen oder Aussichtsbalkone, die es in der üppigen Vegetation zu entdecken gilt. Rund 30 Meter tiefer, auf Meereshöhe, sind über kleine Treppchen grosse und kleine Badeterrassen miteinander verbunden. Sie zeigen vielleicht am besten, wie direkt und kraftvoll Busiri Vici die Brücke zwischen Natur und Architektur zu schlagen wusste: Für die Sonneninseln hat der Architekt einfach dort, wo bereits natürliche Senkungen in den karstigen Felsformationen vorhanden waren, diese mit Zement ausgiessen lassen – inklusive Loch für den Sonnenschirm.
2002 wurde die Casa Nettuno sorgfältig und mit Flair für die zahlreichen Details renoviert. Man spürt, wie sehr die Besitzerfamilie ihr Architekturjuwel verbunden ist: Die Räume sind liebevoll und persönlich eingerichtet, trotzdem fühlt man sich auch als Feriengast nicht fremd.
Literatur: Michele Busiri Vici. Paesaggio e architettura nel litorale laziale 1941-1973. Fratelli Palombi Editori, Rom 2001 (vergriffen)