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Isaac Albéniz war ein Wunderkind, ein virtuoser Pianist, ein nach Eigenklang erfolgreich strebender Komponist. Aber ein vom Missgeschick Verfolgter im Opernbereich. Grosse Komponisten reüssieren oft in der Instrumentalmusik mit unvergleichlicher Bravour, sind aber in geradezu unverständlicher Weise vom Glück verlassen, sobald sie sich der Bühne zuwenden.
So ist die Suite «Iberia» von Albéniz, geschrieben zwischen 1905 und 1908, ein Stück nicht abnehmender Verwunderung und Beliebtheit unter Freunden virtuosen Klavierspiels, geradezu ein Markstein spanischer Nationalmusik.
In den 4 Büchern von «Iberia» werden vor allem andalusische Örtlichkeiten, festliche Ereignisse, Tänze und Bräuche vorgeführt und in oft impressionistischer Manier gefeiert. Ein Meisterwerk voller folkloristischer Anspielungen, ohne solche je nur zu kopieren oder plakativ auszubreiten! Alles ist durch die unverwechselbare Handschrift des feinfühligen Komponisten verwandelt und veredelt.
Opernversuche
Als junger Mensch führte Albeniz ein sehr unstetes Leben und tingelte in Südamerika, Kuba und San Francisco durch Bars, Cafés, Etablissements und Salons der liederlichen Art. Erstaunlicherweise schaffte er es durch den Zuspruch guter Freunde immer wieder, auf die Beine zu kommen und sich ernsthaften Studien hinzugeben. Wichtig wurde für ihn eine Begegnung mit Franz Liszt, dem es gewiss auch zu verdanken ist, dass sein Virtuosentum den Weg zu ernster Musik einzuschlagen vermochte. In seiner letzten Lebensphase lebte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Paris, wo er Kontakte hatte zu einer ganzen Reihe bedeutender französischer Komponisten. Er starb im Mai 1909 erst 49-jährig an einem Nierenversagen in Cambo-les-Bains.
In England hatte Albéniz das Glück gehabt, einem reichen Schriftsteller aus einer Bankiersfamilie namens Francis Money-Coutts zu begegnen, dessen Hobby neben dem Schreiben etwas pompös-schwulstiger Gedichte das Verfassen von Librettos für Opernvertonungen war, natürlich in englischer Sprache. Von den unterschiedlichen operistischen Versuchen, die Albéniz im Verlauf seiner Karriere angepackt hat, hat sich «Pepita Jiménez» als jenes mit den besten Überlebenschancen erwiesen. Diese Oper gibt es nicht nur in der englischen Originalfassung, sondern auch in italienischen, spanischen, französischen und deutschen Varianten.
Die Geschichte dieser Pepita geht auf einen spanischen Roman von Juan Valera (1824–1905) zurück. Eine ziemlich triviale Geschichte, zu ihrer Zeit aber beliebt und viel gelesen in der im katholisch reaktionären Spanien als realistisch und modern betrachteten Darstellung des Schicksals eines jungen Seminaristen, der sich schwer tut mit der Entscheidung zwischen seiner Liebe zu Gott und zum Priesteramt und seiner irdischen Leidenschaft zu einer jungen Frau namens Pepita Jiménez, bereits in jungen Jahren eine auch von seinem eigenen Vater umworbene vermögende Witwe. Wie die Geschichte am Ende ausgeht, bleibt in der Oper offen, zumal die Frage, ob Pepita aus Verzweiflung über unerwiderte Liebe sich am Ende umbringt, oder doch an den Lippen und in den Armen ihres Liebhabers ihr neues irdisches Glück findet – und er die Erlösung aus den Fesseln zölibatärer Zwänge.
Musik, die bewegt
Albéniz arbeitete jedenfalls unermüdlich an diesem Werk, sodass insgesamt drei unterschiedliche Fassungen entstanden, die erste 1896, die er aber nach dem bescheidenen Erfolg in Barcelona sogleich umzuarbeiten begann. Im Juni 1897 kam das Stück in einer deutschsprachigen Version im Deutschen Landestheater von Prag zur Aufführung unter der Leitung des Dirigenten Franz Schalk, der später in London und New York, insbesondere aber an der Wiener Staatsoper Karriere machen sollte. Für das Theater La Monnaie in Brüssel schuf Albéniz 1905 eine zweiaktige französischsprachige Version, die mehr Anklang fand und inzwischen musikalisch als die definitive Form dieses Werkes angesehen wird.
Dennoch war damit die Missgeschick-Story dieses Werkes nicht zu Ende. Viele Musiker trauten der Instrumentationskunst von Albéniz zu wenig zu, weil sie ihn zwar für einen grossen Pianisten, aber für einen bescheidenen und unerfahrenen Orchestermusiker hielten. Deshalb begannen sie, die Orchesterstimmen umzuschreiben und in gut gemeinter, aber schlecht sich auswirkender Manier an seiner Instrumentierung herum zu doktern. Es dauerte bis zum Jahr 2006, bis endlich auf dem Markt eine von José de Eusebio verantwortete Neueinspielung des Werkes erschien, welche die Grundentscheidungen der letzten Fassung des Werkes von Albéniz in Detailtreue respektiert und umsetzt.
Da wird zum ersten Mal fassbar, was dieser Mann auch für ein Orchesterfarbenmusiker war. Die Klangmagie des Werkes ist durchgehend anwesend. Man spürt, dass da jemand am Schaffen war, der von den impressionistischen Tönen der Franzosen so angezogen war wie von den melodischen Linien des italienischen Verismus, dabei aber in keiner Art und Weise auf ein eigenes Idiom und auf spanisches Kolorit verzichtete. Entstehungsgeschichtlich ist die englische Fassung des Werkes zwar wichtig und unverzichtbar. Entwicklungsgeschichtlich jedoch gehört das Werk eindeutig zur spanischen Sprache und Kultur und ist ein Grundpfeiler iberischer Opernkunst.
Die Romanze der Pepita
Zu den ergreifendsten Szenen der Oper gehört die Klage der Pepita aus dem 1. Bild des 2. Aktes, in der sie uns gleichsam auf offenem Tablett ihre Befindlichkeit als eine körperlich Liebende offenbart, die sich nicht mit priesterlich-pastoralem Trost abfinden lässt. Wer Liebe nur predige, anstatt diese zu leben, sei falsch unterwegs. Denn er sehe keine Blumen mehr und höre nicht den Gesang der Vögel, die seinen Irrtum verspotten würden. Wer der Liebe entsage, sei dazu verflucht, diese nicht mehr wahrzunehmen, wie jede Sommerlichtung seiner spotte. Echte Liebe trage einen heiligen Namen, an ihr hänge nicht mehr Schuld als am Licht eines Glühwurms oder am Aprilgesang einer Amsel. Es ist eine hellsichtige weibliche Abrechnung mit zölibatären männlichen Komplexen und Selbstverstrickungen.
Pepitas Romanze wird gern von grossen Mezzo-Sopranistinnen gesungen und bringt dabei vor allem in der spanischen Variante das Publikum zum Schmelzen. Wir hören sie hier mit Teresa Berganza, in einer Produktion unter dem Dirigenten Pablo Sorozábal aus dem Jahr 1967. Die grosse Sängerin (1933–2022) starb im Mai des vergangenen Jahres in San Lorenzo de El Escorial nach einer weltweiten Karriere, nach wie vor bewundert von Musikfreunden, zumal aufgrund ihrer Erfolge beim Singen des spanischen Liederrepertoires zwischen 1983 und 1986.
Wer in die geniale Musik von «Pepita Jiménez» tiefer eindringen möchte, kann diese Aufführung auch in einer längeren, das Werk besser repräsentierenden Weise hören mit den verschiedenen Protagonisten des Werkes, vor allem aber mit dem Reichtum spanischen Kolorits.
Jeder schöpferisch tätige Mensch macht die Erfahrung, dass nicht alles, was er oder sie in die Welt schicket, dort so ankommt, wie man es sich erhoffte. Albéniz’ Oper «Pepita Jiménez» ist dafür ein so bewegendes wie nachdenklich stimmendes Beispiel. Die Gegenwart hat ja auch das Recht, schlecht gelaufene Versuche nach ihren eigenen Richtwerten neu einzuschätzen.