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Der Mundtabak wird in der höchsten Liga von rund einem Drittel der Spieler konsumiert,
nun will Swiss Icehockey mit einer Präventionskampagne dagegen ankämpfen
VON STEPHANIE REBONATI
ZÜRICH Die Namen der beiden Schweizer Eishockeyprofis, die arrivierte Spieler in der National League A sind, dürfen nicht genannt werden. «Vollumfängliche Anonymität» lautete ihre Bedingung. Man trifft sich in einem Zürcher Szenelokal, stilles Wasser und Rindstatar werden bestellt. Der eine trägt eine Baseballmütze, der andere ein T-Shirt, das Muhammad Ali in Siegerpose abbildet.
Jener mit der Baseballmütze kramt ein graues Döschen aus seiner Jeans und kippt ein Häufchen des bräunlich-schwarzen Inhalts in seine Handfläche. Gekonnte Fingergriffe kneten den fein gemahlenen Tabak zu einer kleinen Kugel, die er hinter der Oberlippe versteckt und zehn Minuten dort lässt. Das Nikotin gelangt über die Mundschleimhaut direkt ins Blut. Was der 27-Jährige konsumiert, heisst in Schweden Snus, in Nordafrika Shammah und im Eishockeyslang «camelshit» – das Verb dazu ist eine Wortneuschöpfung: snusen.
Während der Spiele ist Snus tabu, im Training nicht
Snusen ist nichts Verbotenes. Nikotin steht nicht auf der Dopingliste, und der Konsum von Kau- und Lutschtabak ist in der Schweiz legal. «Ich snuse 15-mal täglich, und das seit zwölf Jahren», sagt der Spieler mit der Baseballkappe. «Als Jugendlicher rutschte ich einfach da rein. Beim ersten Mal musste ich erbrechen, heute spüre ich den Nikotin-Flash nicht mehr. Es ist voll die Sucht.»
Während der Spiele snust er nie, beim Training schon, und wenn er zu viel konsumiert, lösen sich bei ihm Hautfetzen im Mund. Verletzungen an der Mundschleimhaut sind nur der Anfang. Bösartige Tumore an der Lippe und in der Mundhöhle können potenzielle Langzeitfolgen sein, wie der Zürcher Zahnarzt Bernhard Knell erklärt.
Der zweite Spieler, 26-jährig, hat nach zehn Jahren «exzessiven Snus-Konsums» aufgehört. Sein Puls ist heute ruhiger, seine Ausdauer besser und seine Zähne wieder «schneeweiss». Einen Schlussstrich gezogen hat er aus eigenem Antrieb: «Es verlangt niemand von dir, dass du aufhörst. Aussenstehende können sich gar nicht vorstellen, wie normal Snus im Eishockey geworden ist. Präventionsaktionen bringen da ebenso wenig wie Schockbilder auf Zigarettenverpackungen.»
Das sieht man bei Swiss Icehockey anders. Die gemeinsam mit dem Präventionsprogramm «cool and clean» von Swiss Olympic durchgeführte Kampagne «Respect on and off the Ice» widmet sich dieses Jahr der Aufklärung über Snus beim Nachwuchs. Alle 400 Nachwuchsteams im Schweizer Eishockey wurden angefragt. Angemeldet haben sich bis dato 180 – eine beachtliche Resonanz.
Jene, die mitmachen, erhalten einen Flyer mit Informationen zum Umgang mit Snus und je eine Powerpoint-Präsentation für Spieler und Eltern. «Viele Eltern schicken ihre Kinder ins Eishockeytraining und sehen sie der Gefahr ausgesetzt, dort mit einem Suchtmittel konfrontiert zu werden», erklärt Reto Balmer, Kampagnenverantwortlicher bei «cool and clean». Die Eltern müssten für diese Risiken sensibilisiert werden.
Sportler, Bankiers und Jugendliche als Klientel
In der Schweiz sind zwei Arten Mundtabak im Umlauf: Snus aus Schweden und Shammah aus Nordafrika. Letzteres ist bei Eishockeyspielern beliebt, weil es in Tabakwarengeschäften für 7.50 Franken pro Dose legal erwerblich ist. Eine Dose mit 25 Gramm hält gemäss den Eishockeyprofis zwei Tage. Bei Zigarren Dürr am Zürcher Bahnhofplatz werden wöchentlich 350 Dosen der beliebten Marke Makla Africaine Bentchikou verkauft. Die Klientel besteht zur Mehrheit aus Sportlern, vor allem Eishockeyspielern, Bankiers und Jugendlichen zwischen 16 und 30 Jahren, wie Filialleiter Niklaus Wilhelm seit 13 Jahren beobachtet.
Aber warum ist der Mundtabak vor allem im Eishockey so populär? Dies hat mit dem regen Austausch mit schwedischen Spielern zu tun, die ans Snusen aus ihrer Heimat gewöhnt sind und es in den 1980er- und 1990er-Jahren in den Schweizer Teams einführten. Inzwischen dürfte rund ein Drittel der NLA-Spieler snusen. Und weil die Cracks Vorbilder für die Jungen sind, verbreitet sich Snus schon auf der Stufe der Novizen und Elitejunioren. Ähnlich stark verbreitet ist der Mundtabak wohl nur noch im Unihockey, das ebenfalls unter starkem nordischem Einfluss steht. In einem Dokument des Bundesamtes für Sport werden zudem (Tisch-)Tennis, Ski, Telemark, Langlauf, Golf und Orientierungslauf als Sportarten aufgeführt, in denen Snus gerne konsumiert wird.
In Schweden gehört Snus zur Kultur – auch bei den Frauen
Der Handel mit schwedischem Snus ist in der Schweiz und in allen EU-Ländern, mit Ausnahme von Schweden, verboten. Beim Beitritt 1992 erkämpfte sich der Wohlfahrtsstaat eine Ausnahmegenehmigung: Snus ist in Schweden Kultur. «Bei uns», so der schwedische Botschafter Per Thöresson in Bern, «gibt es rosafarbene Snus-Dosen mit Vanille- und Erdbeergeschmack für die Frauen.» Schweizer müssen schwedischen Snus übers Internet bestellen. Eine Einfuhr von 1,2 Kilogramm alle 60 Tage ist gemäss dem Bundesamt für Gesundheit für den Eigengebrauch erlaubt. 2006 wurden 1045 Kilogramm schwedischer Snus importiert, von Januar bis Juli 2011 waren es bereits 15 276 Kilogramm, wie Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung belegen.
Afrikanischer Snus erhältlich, obschon er gefährlicher ist
Auch wenn nordafrikanischer Mundtabak mit schwedischem vergleichbar ist, wird er vom Bundesamt für Gesundheit nicht als unerlaubtes Tabakprodukt eingestuft. «Beim Snus-Verbot 2004 ging es nicht darum, ein mehr oder minder gefährliches Produkt vom Markt fernzuhalten», erklärt Nicole Disler vom Bundesamt für Gesundheit. «Sondern darum, kein neues Tabakprodukt zuzulassen.» Das Verbot fusste also nicht auf der Schädlichkeit von schwedischem Snus im Vergleich zum nordafrikanischen.
Eine Übersichtsarbeit in der Schweizer Monatszeitschrift für Zahnmedizin aus dem Jahre 2009 macht den Vergleich: Mundtabak aus Nordafrika zeigt eine 100-fach höhere Dosierung krebserregender Substanzen im Vergleich zu schwedischem Snus. Dies bedeutet aber nicht, dass Snus aus Schweden gesund ist. Tabakprodukte sind in jeder Konzentration, Häufigkeit und Form schädlich, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klarstellt.
«Ich höre auf, sobald mein Zahnarzt mich warnt oder Nikotin auf der Dopingliste steht», sagt der 27-jährige Eishockeyprofi. Sportliche Gründe gebe es keine, jetzt damit aufzuhören. Jüngst haben Dopingforscher in Lausanne herausgefunden, dass Nikotin die Wachheit und das kognitive Vermögen ankurbelt.
Schon 2013 könnte Snus auf der Dopingliste stehen
Aktuell steht Nikotin nicht auf der Dopingliste, was sich gemäss Marco Steiner von der Stiftung Antidoping Schweiz jedoch ändern könnte: «Nikotin wird 2012 im Überwachungsprogramm der Welt-Anti-Doping-Agentur figurieren, was ab 2013 zu einer Aufnahme in die Dopingliste führen könnte.»
Man darf gespannt auf die Reaktionen aus Schweden warten, wo Snus Kultur und der Handel erlaubt ist. Die schwedische Tabakindustrie betreibt intensives Lobbying, um Snus als «gesunde Alternative» zu Zigaretten zu vermarkten. Das könnte ein spannendes Duell werden: Tabakkonzerne sind bekanntlich keine leichtgewichtigen Gegner.