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WOZ: Ihor Pilipenko, in einem kürzlich publizierten Text warnten Sie eindringlich davor, die russische Armee könnte im Falle eines Rückzugs den Kachowka-Staudamm sprengen. Aus heutiger Sicht liest sich der Beitrag fast prophetisch. Wie haben Sie reagiert, als Sie vom Dammbruch erfuhren?
Ihor Pilipenko: Den Text schreiben wollte ich schon seit dem Tag im November, an dem Cherson befreit wurde. Bedenkt man die Grösse des Kachowka-Stausees – er fasst achtzehn Milliarden Kubikmeter Wasser – dachte ich, die Zerstörung sei eine, wenn ich das so sagen darf, passende hydraulische Bombe, um die ukrainische Armee vom Vorrücken abzuhalten. Hinzu käme eine millionenschwere ökonomisch-soziale Bombe für die Ukraine, die auf viele Jahrzehnte hinaus wirkte. Also ging ich davon aus, die Russen würden den Staudamm vor einem potenziellen Rückzug auf die Krim sprengen.
Vergangenen Dienstag ist der Damm dann tatsächlich eingebrochen.
Wie viele andere Ereignisse in diesem Krieg habe ich auch das erst einmal verschlafen. Als ich um 5.40 Uhr geweckt wurde, hörte ich, ich solle mir schnell die im Internet kursierenden Videos anschauen. Ehrlich gesagt hat mich nicht die Zerstörung des Damms an sich überrascht, sondern der Zeitpunkt. Als Geograf verfolge ich die Kampfhandlungen genau, beobachte bestimmte Knotenpunkte entlang der Front. Als ich das Video vom zerstörten Damm sah, schaute ich also zuerst nach, ob sich über Nacht an der Front etwas getan hat, ob bestimmte strategisch wichtige Orte eingenommen wurden – das war aber nicht der Fall. Stünde die ukrainische Armee schon kurz vor Melitopol, wäre das etwas anderes. Aber dass das gerade jetzt passiert ist, ergibt für mich keinen Sinn, ich verstehe es wirklich nicht.
Während die einen Expert:innen eine Sprengung als Ursache der Zerstörung sehen, gehen andere von schlechter und inkompetenter Wartung und strukturellem Versagen aus.
Ich bin mir sicher, die Besatzer haben um den Zustand des Damms gewusst – die entsprechenden Behörden beider Seiten stehen ja im Austausch miteinander. Und falls man ein Problem registriert, kann man sich immer an einen Spezialisten wenden, das ist nicht so schwer. Die Verantwortung liegt also klar bei den Besatzern. Das Kraftwerk wurde zudem so gebaut, dass es einem Atomschlag standhalten würde, ist also sehr robust. Ich glaube nicht daran, dass die Natur den Staudamm zerstört hat, dafür ist der Druck dort zu klein. Eher gehe ich davon aus, dass die Russen ihn – ob willentlich oder aus Versehen – von innen gesprengt haben.
Sie haben die Situation rund um den Staudamm in den vergangenen Monaten eng verfolgt. Wie war der Zustand?
Da muss ich kurz etwas technisch werden. Der Hydrograph eines Wasserlaufs, also die grafische Darstellung der Abflussmenge, zeigt saisonale Unterschiede auf: Von April bis Juni steht das Wasser in einem Fluss für gewöhnlich am höchsten. Ein Kraftwerk nutzt diese Zeit also, um Energie zu produzieren. Ich gehe davon aus, dass die Besatzer nach dem Winter den Wasserstand nicht richtig reguliert haben. Das Wasser stieg und stieg, bis es im Mai einen historischen Höchststand von 17,5 Metern erreicht haben soll. Das sind 1,5 Meter mehr als gewöhnlich – also viele zusätzliche Kubikkilometer Wasser, die sich nun mit voller Wucht über die Landschaft ergossen haben.
Der Bau des Kachowka-Staudamms war ein sowjetisches Prestigeprojekt. Welche Funktion sollte er erfüllen, welches Ziel wurde damit verfolgt?
Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele Menschen in der Sowjetunion Hunger litten, wollte Stalin die landwirtschaftliche Produktion ankurbeln. 1950 erliess der Ministerrat der UdSSR deshalb ein Dekret zum «Bau des Wasserkraftwerks Kachowka am Dnepr, des Südukrainischen Kanals, des Nord-Krim-Kanals» – mit dem Ziel, Strom zu erzeugen und die Südukraine und den Norden der Krimhalbinsel zu bewässern, sehr sonnenreiche, aber auch trockene Steppengebiete. Nachdem der Stausee den vorgesehenen Pegel erreicht hatte, begann man mit dem Bau des Kanals zur Krim samt zahlreicher kleiner Abzweigungen, später verlängerte man diesen bis nach Kertsch im Osten der Halbinsel. Nachdem Russland die Krim 2014 annektiert hatte, sperrte die Ukraine übrigens den Kanal, nach dem Einmarsch öffnete die russische Armee ihn wieder.
Welche Gebiete wurden noch mit dem Wasser aus dem Kachowka-Stausee versorgt?
In den sechziger Jahren entstand ein Kanal nach Melitopol – ein Ort mit klimatisch sehr günstigen Bedingungen und die Kirschenhauptstadt der Ukraine. In den nuller Jahren erhielt auch der Chemieindustriestandort Berdjansk Wasser, weitere Kanäle versorgen die Region um Krywyj Rih, Europas Eisenerzzentrum. Neben der Bedeutung für die Industrie könnte auch diejenige für die Landwirtschaft nicht grösser sein: In der Region werden Erdbeeren, Melonen, Kartoffeln, Auberginen, Weizen und vieles mehr angebaut. Für viele Menschen ist die Landwirtschaft identitätsstiftend. Und wenn das Gemüse aus Cherson fehlt, merken es alle in der Ukraine, weil die Preise stark steigen. Dass jetzt das Wasser fehlt, hat also fatale Folgen für die Wirtschaft. Auf Wasser angewiesen sind auch das AKW Saporischschja und das dortige Kohle- und Gaskraftwerk sowie das Wasserkraftwerk Kachowka – die zusammen bis zu dreissig Prozent des ukrainischen Stroms produzierten.
Der Bau eines Staudamms ist ein schwerer Eingriff in die Natur. Welche Folgen hatte er für das örtliche Ökosystem?
Statt von einem Ökosystem würde ich persönlich von einem Sozioökosystem sprechen, weil der Mensch für mich an der Spitze der Pyramide steht – und er ist stark von der Wasserversorgung abhängig. In den Jahrzehnten seit dem Bau des Staudamms ist in jenen Regionen, in denen der Anteil landwirtschaftlich nutzbarer Flächen stieg, auch die Bevölkerung stark gewachsen. Und jetzt fehlt bis zu 400 000 Menschen die Lebensgrundlage. Eine sozioökologische Katastrophe! Dabei ist der erste Schlag noch verständlich: Das Wasser kommt, Menschen sterben, ihre Häuser und die Infrastruktur werden zerstört, irgendwann fliesst das Wasser dann ab. Schrecklich, aber klar. Doch die gewaltigen langfristigen Folgen machen mir grössere Angst. Was wird in ein paar Jahren sein?
Was hören Sie aktuell aus Cherson, was aus den besetzten Gebieten am linken Ufer? Wie ist die Situation dort?
Wie erwartet sinkt der Wasserpegel, in zwei Wochen sollte er, so hoffe ich zumindest, wieder normal sein. Dann wird man überlegen müssen, wie man das Wasser aus den Kellern pumpt. Wie bei jeder Überschwemmung ist das Schlimme, dass du überall um dich herum Wasser siehst, aber keines zur Verfügung hast, zumindest kein Trinkwasser. Deshalb ist es grossartig, dass jetzt Millionen Flaschen Wasser in die Region gebracht werden. Was wir von Augenzeug:innen aus dem Gebiet auf der linken, russisch besetzten Seite des Dnipro hören, ist derweil so schrecklich, dass ich gar nicht weiss, ob ich es Ihnen erzählen soll. Etwa am zweiten Tag stand das Wasser am höchsten – und als es wieder zu sinken begann, sollen 400 Leichen im Wasser getrieben haben. Und das allein in Oleschki, wo bloss 20 000 Menschen leben. Der Ort war komplett überschwemmt. Ich bin völlig schockiert.
Wie viele Todesopfer die Flutkatastrophe gefordert hat, werden wir wohl erst viel später wissen. Was lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt über die kurzfristigen Folgen für Mensch und Tier sagen?
Am schlimmsten ist natürlich der Verlust von Menschenleben. Ein grosses Problem sind aber auch die vielen zerstörten Wohnhäuser, die stark in Mitleidenschaft gezogenen landwirtschaftlichen Nutzflächen. Wie die Obstbäume, Beerenkulturen und der Weinbau das Ganze überstehen, ist schwer zu sagen. Die Behörden müssen sich zudem auf die Verbreitung von Infektionskrankheiten vorbereiten; bereits wurde der Choleraerreger im Wasser gefunden. Wenn das Wasser zurückgeht, werden überall Tierkadaver und tote Fische herumliegen. Zwei grosse Herausforderungen werden schliesslich darin bestehen, die Wasserversorgung und das Kanalisationssystem wieder aufzubauen.
Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms ist die schlimmste Umweltkatastrophe in der Ukraine seit Jahrzehnten. Expert:innen vergleichen sie gar mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Lässt sich schon etwas über die Langzeitfolgen sagen?
Die hauptsächliche Langzeitfolge ist die Emigration: Vielen Menschen wird nichts anderes übrig bleiben, als die Region zu verlassen. Denn ohne Wasser kann man nicht leben. Das Einzige, was an dieser Katastrophe noch irgendwie tröstlich ist: dass in den vergangenen Monaten schon sehr viele gegangen sind. In Cherson etwa leben viel weniger Menschen als vor dem Krieg. Schon letzten Juli, als ich selbst die Stadt verliess, waren bis zu dreissig Prozent weg, später stieg der Anteil weiter. Und als nach der Befreiung der konstante russische Beschuss begann, verliessen noch einmal viele die Stadt. Insgesamt wird der Dammbruch aber riesige sozioökonomische Konsequenzen haben.
Die Lebensgrundlage in der Region ist also vollends zerstört?
Ja. Und ich möchte Ihnen noch eine Zahl nennen, die aus meiner Sicht atemberaubend ist. Der Staudamm diente als Brücke über den Dnipro, die beiden nächsten befinden sich in Cherson und Saporischschja. Dazwischen liegen über 300 Kilometer, rund ein Drittel der ganzen Ukraine von Nord nach Süd. Hin und zurück muss man dann schon mehr als 600 Kilometer fahren, das ist unglaublich – auch wenn es irgendwann sicher Fähren gibt. Im Moment laufen in der Ukraine Debatten darüber, ob man den Staudamm wieder aufbauen soll – ich bin auf jeden Fall dafür. Wir müssen aber auch genau beobachten, was mittelfristig rund um das AKW Saporischschja passiert. Im Moment ist dort alles relativ ruhig, das Werk ist zurzeit nicht ans Netz angeschlossen und auch die Kühlung ist gewährleistet. Aber lange wird das so nicht weitergehen können – und dann wächst die Gefahr.
Der Sozialgeograf
Ihor Pilipenko (48) ist Professor am Lehrstuhl für Biologie, Geografie und Ökologie der Universität Cherson, wo er zur sozialen Geografie und dem Verhältnis von Gesellschaft und Natur forscht.
Nachdem die russische Armee die Stadt Anfang März 2022 besetzt hatte, wurde die Uni Mitte April in die westukrainische Stadt Iwano-Frankiwsk verlegt. Mitte Juni wechselte die Besatzungsmacht in Cherson die Unileitung aus.
Pilipenko blieb noch bis Anfang Juli in der Stadt, inzwischen lebt er in Kolomyja. Der Unterricht an der Uni Cherson findet online statt, rund zwölf Prozent der Student:innen befinden sich noch immer im russisch besetzten Gebiet.