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Der brasilianische Sportminister Aldo Rebelo verteidigt den Entscheid, in Brasilien die Fussball-WM 2014 zu organisieren und 12 neue Stadien zu bauen. Nur so könne das ganze Land einbezogen werden. Die Entwicklung des Weltfussballs sieht Rebelo kritisch. Und er blickt mit einer gewissen Nostalgie auf Zeiten, als die besten brasilianischen Spieler in ihrer Heimat blieben.
Das grossräumige Büro des brasilianischen Sportministers liegt an der Esplanada dos Ministério von Brasilia. Die Tür öffnet sich und Aldo Rebelo begrüsst uns mit einem Lächeln. Er reicht uns die Hand, als ob wir alte Freunde wären, und bittet uns ins Büro.
Der amtierende Sportminister, ein Kommunist, ist informal; er trägt eine "Guayabera", ein traditionelles Leinenhemd und ein Paar Ledersandalen ohne Strümpfe.
Es ist Mitte April, und in der Hauptstadt Brasiliens beginnt eine Trockenperiode. Farbige Malereien verzieren einige Mauern. Ein Murales bildet die Statue Cristo Redentor (Jesus der Erlöser) in grün-goldenen Farben ab.
swissinfo.ch: Dem Weltfussballverband FIFA hätte der Bau von nur acht neuen Stadien gereicht. Wäre Brasilien dieser Vorgabe nachgekommen, wären viele Dinge leichter gewesen, beispielsweise die logistische Infrastruktur für die Zuschauer. Warum wollte Ihr Land zwölf neue Stadien bauen?
Aldo Rebelo: Der Grund ist, dass Brasilien ein riesiges Land mit einer Fläche von 8,5 Millionen Quadratkilometern ist. Die Grenze ist 16'000 Kilometer lang, wir haben zehn Nachbarländer, mehrere Kulturen und viele geografische Unterschiede zwischen den Landesteilen.
Wir konnten die WM nicht nur in einem Teil des Landes organisieren. Wenn wir Deutschland, Frankreich oder die Schweiz wären, hätten wir uns auch mit vier Stadien begnügen können. Wir hätten diese alle im Bundesstaat São Paulo errichten können.
Doch wir haben anders entschieden. Wir konnten nicht zwei Drittel unseres Landes, etwa das ganze Amazonasgebiet, ignorieren. Daher wird in Manaus gespielt. Diese Stadt stellt eine einzigartige Realität dar. Sie repräsentiert einen Bundesstaat mit einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern, der zu 98 Prozent aus Wald besteht. Das ist drei Mal so gross wie ganz Frankreich.
Genauso einzigartig ist das Pantanal-Feuchtgebiet im Bundesstaat Mato Grosso. Die Hauptstadt Cuiabá hat eine über 300-jährige Geschichte. Sie wurde von Pionieren erbaut. Wie konnten wir diese Region von der WM ausschliessen?
In Brasilien haben wir interne Grenzen zu den Hinterland-Regionen. Genau deshalb wollten wir, dass das ganze Land durch die Austragungsorte repräsentiert ist, und nicht nur die Gebiete Mitte-Süd, Süd-Ost und die Küste.
swissinfo.ch: Wie erklären Sie sich das extrem schlechte Image der FIFA in Brasilien?
A.R.: Die FIFA wird bis uns nicht grundsätzlich abgelehnt. Aber es stimmt, dass einige Medien mit der FIFA hart ins Gericht gehen. Das passiert aber auch in England.
Unsere Beziehungen sind institutioneller Art. Wir anerkennen die FIFA als Organisatorin. Wir bekamen die Weltmeisterschaft nicht geschenkt. Wir mussten hart kämpfen und uns gegen Mitbewerber durchsetzen. Doch schliesslich erhielten wir den Auftrag zur Austragung dieser WM.
Wir versuchen, mit der FIFA kooperativ zusammenzuarbeiten, im Interesse der Grossveranstaltung. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, lösen wir die Probleme auf zivile Art und Weise und in gegenseitigem Respekt. Wenn wir keine Einigung finden, versuchen wir die Position der Regierung und des öffentlichen Interesses durchzusetzen. Doch ich muss festhalten: Wir haben keine Konflikte gehabt.
Aldo Rebelo
José Aldo Rebelo Figueredo wurde 1956 geboren.
Er war Studentenführer und trat 1977 in die Kommunistische Partei Brasiliens ein. Er arbeitete als Journalist.
1988 wurde er ins Parlament gewählt. Zwischen 2005 und 2007 war er Präsident der Abgeordnetenkammer.
Am 27.Oktober 2011 wurde er zum Sportminister ernannt.
swissinfo.ch: Wenn man mit Fans auf der Strasse spricht, hört man von gewissen Problemen, zum Beispiel den Frauen, die keine Acarajé (frittierte "Feuerbällchen" aus gemahlenen Bohnen) vor den Stadien verkaufen können. Fliegende Händler und Strassenverkäufer werden vertrieben.
A.R.: Wir haben mit dem Verband der Verkäufer von Acarajé eine gute Lösung gefunden. Es gab keine Divergenz. Unternehmen beziehungsweise Marken, die nicht als Sponsoren der WM auftreten, können ihre Produkte nicht in den Stadien oder in für die WM reservierten Zonen vermarkten, aber sie können Werbung machen. Die Vorschriften des internationalen olympischen Komitees sind in dieser Hinsicht noch viel strenger, denn sie betreffen beispielsweise auch Werbeflächen in den Flughäfen.
Es gab in dieser Hinsicht aber keine Konflikte. Im Falle eines Problems versuchen wir, dieses zum Wohl der Allgemeinheit zu lösen. Das gilt nicht nur für Acarajé, die Teil der Identität aus Bahia im brasilianischen Nordosten sind. Ein Fest in Bahia ohne Acarajé ist undenkbar.
Übrigens: Wissen Sie, welcher Snack am meisten an die Länderdelegationen verteilt wurde, als die Gruppenauslosung in Costa do Sauipe stattfand? Acarajé.
swissinfo.ch: Wegen der Verzögerungen beim Bau von Infrastrukturen für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 ist das Internationale Olympische Komitee (IOC) unzufrieden. Ein unabhängiger Verwalter soll berufen werden, um den Fortschritt der Bauarbeiten zu kontrollieren. Ist das nicht ein negatives Zeichen für Brasilien?
A.R.: Dieser Verwalter wird die Arbeiten des IOC kontrollieren. Die Bauten der Bundesregierung werden von der Regierung selbst kontrolliert. Es wird keine externe Kontrolle geben.
Das IOC kann im Rahmen des Komitees Rio 2016 eingreifen, das es selbst auf die Beine gestellt hat. Ausserhalb dieses Gremiums gibt es keine Möglichkeiten.
Darüber hinaus gibt es aber auch Druckversuche von Sponsoren der Organisatoren (IOC und FIFA), die ihre kommerziellen Interessen verfolgen. Die brasilianische Regierung ist in jedem Fall offen für Kritik, wenn sie begründet ist.
swissinfo.ch: Während ihres Besuches in Brasilien zusammen mit Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann haben viele Schweizer Unternehmer ihre Gesprächspartner gefragt, ob es während der WM zu Protesten kommen wird. Was denkt die Regierung?
A.R.: Es wird einige Kundgebungen, aber keine grösseren Proteste während der WM geben. Davon bin ich überzeugt. Abgesehen davon muss man mit Protesten leben.
Vor den Olympischen Spielen in London explodierte die Gewalt in einigen Aussenquartieren der englischen Hauptstadt. Es gab gewalttätige Proteste. Auch in den Banlieues von Paris gab es Jugendrevolten mit Vandalenakten und Brandsätzen. Vor der Olympiade in Peking brachen gewalttätige Proteste in einer chinesischen Provinz aus.
Diese Kundgebungen sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Unruhe und Unzufriedenheit, sie entstehen nicht durch das Sportereignis an sich. Die Fussball-WM ist nicht der Grund für die Ungleichgewichte in der heutigen Welt. Da es sich aber um ein Event von globalen Dimensionen mit grossen Auswirkungen handelt, versteht es sich von selbst, dass sich gesellschaftlicher Unrast manifestiert und Debatten stattfinden.
swissinfo.ch: Als Beobachter hat man den Eindruck, dass der Fussballsport in Brasilien eine dekadente Phase durchläuft. Die Stadien sind leer, die Meisterschaften ein grosses Durcheinander, junge Talente emigrieren massenweise. Wie sehen Sie das?
A.R.: Brasilien verfügt immer noch über ausgezeichnete Athleten, aber der Fussball als strukturierte Sportdisziplin erlebt effektiv einen gewissen Niedergang. In den 1960er-Jahren waren unsere Klubs als Marken in der ganzen Welt bekannt. Der FC Santos aus Sao Paolo stand für Pelè und andere grossartige Spieler, der Klub Botafogo aus Rio de Janeiro hatte Garrincha, Milto, Santos, Zagalo…
Doch das ist Geschichte. Heute haben die europäischen Vereine die Nase vorn. Und Stars, die früher bei uns, in Argentinien oder Uruguay gespielt hätten, sind heute in Europa.
Daher kann man – wie gesagt – von einem gewissen Niedergang sprechen. Das ist keineswegs nur ein brasilianisches Problem, sondern ein Problem der ganzen Welt. Ich habe die FIFA darauf aufmerksam gemacht, dass der frühzeitige Transfer von jungen Talenten dem Weltfussball schadet.
Die FIFA kann doch nicht der Auffassung sein, dass der Fussball einzig in Europa mit grossem Prestige behaftet sein sollte. Prestige entstand ja gerade aus der Rivalität zwischen der südamerikanischen und europäischen Schule des Fussballs.
Wenn der Fussball in Südamerika seiner Substanz beraubt wird, ist das nicht nur ein Verlust für uns, sondern auch für den Weltsport. Fussball befindet sich am Abgrund einer Risikozone, seit er zum Ziel von Habgier grosser Unternehmen geworden ist. Denken wir nur an das Sponsoring und die TV-Rechte.
Wenn der Fussball aber seinen Zauber verliert und nur noch merkantilen Charakter hat, wird es keine Zukunft geben. Fussball wurde nicht als Ware erfunden. Mehr noch: Er entstand als Institution im 20. Jahrhundert – ausserhalb des Marktes und ausserhalb des Staates.
(Übertragung: Gerhard Lob), swissinfo.ch