Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03215.jsonl.gz/963

Lieber Dr_Hans, liebe Forenmitglieder,
mich beschäftigt seit einiger Zeit folgendes Thema:
Es gibt - unverändert seit dem Konzept der "Hysterie" - in der Medizin eine Tendenz, dass manche Ärzte dazu neigen, Symptome, die sie nicht verstehen, automatisch als psychisch bedingt einzustufen. Das geht sogar so weit, dass "positive Kriterien" gesucht werden, also bestimmte Ausprägungen von Symptomen, bei denen die Diagnose einer psychogenen Störung gestellt werden soll, statt weiter auf mögliche körperliche Ursachen zu untersuchen.
Menschen neigen dazu, Muster zu sehen - aber was, wenn Symptome rein deswegen ins Muster "psychogen" einsortiert werden, weil in der Vergangenheit keine Ursache für diese Symptome gefunden werden konnte (weil z.B. die üblicherweise in der Klinik angewandte Radiologie nicht in der Lage ist, zuverlässig Distorsionsverletzungen des Rückenmarks darzustellen bzw. weil Instabilitäten der Wirbelsäule schwer darstellbar sind)?
Nun habe ich den Eindruck, dass bei vielen Ärzten recht wenig Erfahrung und Wissen hinsichtlich Rückenmarksverletzungen vorzuliegen scheint. Wenn ich in anderen Foren quer lese, erschrecke ich immer wieder, wie teilweise Patienten mit HWS-Stenosen bzw. Instabilitätszeichen sowie Symptomen, die vom Rückenmark kommen könnten, von Ärzten weggeschickt werden mit den Worten, die Symptome könnten nicht von der Wirbelsäule kommen und das sei alles nicht so schlimm. Ist das Rückenmark ein Stiefkind der Medizin?
Kürzlich bin ich in einer Publikation über folgenden Satz gestolpert:
"The diagnosis of psychogenic movement disorder has been met with some skepticism [Palmer et al., 2016], but is distinguished from malingering, and thought to result from psychological causes [Hallett, 2016]; it is characterized by involuntary, disabling movements, abrupt in onset, a waxing/waning course, changes in the nature of the movement over time, worsening with stress, anxiety or depression, and improvement with distraction; they are difficult to diagnose and treat. Prognosis for improvement is better in patients with a shorter duration of illness [Lang, 2006]."
Quelle: Link zur Publikation
Ich übersetze einmal den Anteil der Publikation, in dem es um die "positiven Kriterien" geht:
"Die Diagnose psychogener Bewegungsstörungen [...] ist charakterisiert durch unwillkürliche, invalidisierende [also stark einschränkende] Bewegungen, die abrupt einsetzen, im Verlauf zu- bzw. abnehmen, sich in ihrer Art im Verlauf der Zeit verändern, sich bei Stress, Angst oder Depression verschlechtern und bei Ablenkung verbessern; sie sind schwierig zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Prognose hinsichtlich einer Verbesserung ist besser bei Patienten mit kürzerer Erkrankungsdauer [...]"
Mich irritiert dieser Abschnitt der Publikation vor allem deswegen, weil es kurz zuvor noch darum gegangen war, dass bei der vorgestellten Patientengruppe Wirbelsäuleninstabilitäten, Chiari Malformation und Tethered Cord vermehrt aufzutreten scheinen.
Meine Frage ist:
Welche dieser "positiven Kriterien" würden ebenso auf Kloni und andere Bewegungsstörungen, die durch Verletzungen des Rückenmarks ausgelöst werden, zutreffen? Inwiefern besteht Verwechslungsgefahr, z.B. wenn Dysautonomie nicht erkannt und stattdessen als Stress oder Angst interpretiert wird, oder wenn Positionsveränderungen nicht mit einbezogen werden und stattdessen als Ablenkung interpretiert werden?
Und, falls mein Verdacht stimmt, dass es da einige Überschneidungspunkte gibt: Gibt es Publikationen, die sich mit der Problematik beschäftigen und Empfehlungen geben, wie damit umgegangen werden sollte, um rückenmarksbedingte Bewegungsstörungen nicht zu übersehen?
Danke!
Viele Grüße,
odyssita