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Zürich 29 April 1870.
Hochgeachteter Herr!
Im Besitze Ihrer verehrl. Zuschrift vom 25. dss. Mon. will es mir vorerst scheinen, daß Herr Ingr Stamm, von dessen vollständiger Vertrautheit mit der Gotthardfrage ich mich mittlerweile überzeugt habe, ganz befähigt ist, der Commission des Provinzialrathes von Mailand & dem Berichterstatter des dortigen Municipalrathes alle Aufschlüsse, deren sie bedürfen möchten, zu ertheilen, & daß unter diesen Umständen die Abordnung des Hrn. Ingr Koller nach Mailand in der That überflüssig wäre.
Die Commission des Parlamentes in Florenz sodann anlangend, an welche die Gotthardangelegenheit gewiesen werden soll, | so maße ich mir selbstverständlich hierüber kein Urtheil an. Dagegen muß ich doch hervorheben, daß ich vor Hrn. Feer-Herzog, der die Gotthardangelegenheit mit Ratazzi einläßlich besprochen hat, gehört zu haben glaube, daß Ratazzi zwar dem Gottharde in Vergleichung mit andern Alpenpässen günstig gestimmt, aber hinsichtlich der Subventionen sehr karg gesinnt sei. Ich denke also, es werde hier mit großer Vorsicht zu Werke gegangen werden müssen.
Ihre Berichte aus Italien lauten günstig. Seit einer Reihe von Tagen habe ich aber eine Menge schlimmer Nachrichten den Zeitungen entnommen. So soll der Provinzialrath von Florenz nicht nur jede Subvention für den Gotthard abgelehnt, sondern im Gegentheile 1 Million à fonds perdu für den Splügen, bez.weise Septimer votirt haben. Turin, Bologna, Li| vorno, Neapel & noch andere wichtige Städte hätten sich gegen den Gotthard erklärt. Bergamo soll proprio motu 1 Million à fonds perdu & ½ Million in Actien für den Splügen votirt haben. Sind diese Nachrichten unwahr & haben Sie mir deshalb keine Kenntniß davon gegeben oder hatten Sie keine Wissenschaft von denselben?
Eine Äußerung, die Sie in Ihrem Vortrage in der association constitutionelle gethan haben, wird in Italien & bei uns in der Schweiz sehr gegen den Gotthard ausgebeutet. Nach den Berichten der Italienischen Blätter hätten Sie in jenem Vortrage bemerkt, Bismark habe einem Ihrer Freunde gesagt, Gotthard oder Splügen sei ihm sehr gleichgültig; wenn er sich für den Gotthard erklärt habe, so sei es geschehen, pour etre agréable à l'Italie. Ich kann nicht glauben, daß Sie sich in solcher Weise ausgedrückt; denn, wenn auch Bismark | so etwas gesagt haben sollte, so hätten Sie es als nicht in unserm Interesse liegend gewiß nicht reproduzirt. Nach den vorliegenden offiziellen Actenstücken & nach den Äußerungen, die Bismark vor etwa 6 Wochen gegen mich selbst gethan, ist es aber gar nicht möglich, daß er sich je in solcher Weise ausgesprochen habe. Da, wie gesagt, die Ihnen, dem Abgeordneten der Gotthard vereinigung, wie es dann ironisch heißt, in den Mund gelegte Äußerung sehr ausgebeutet wird, so sehen Sie sich vielleicht veranlaßt, etwas dagegen zu thun. Der Ausschuß der Gotthardvereinigung ist mit Hrn. Ingr Stamm in Unterhandlung, um ihn zu unserm in Italien residirenden Agenten zu machen. Es wird Ihnen gewiß angenehm sein, einen so sachkundigen & gewandten Mann zum Gehülfen Ihrer Bestrebungen zu erhalten. Wollen Sie indessen diese Mittheilung einstweilen als eine ganz confidentielle zu behandeln die Güte haben.
Hochachtungsvoll Ihr ergebene
Dr A Escher