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Als die Kleider von Liz Taylor im vergangenen Dezember im New Yorker Rockefeller Center vorgeführt wurden, begann eine hitzige Rangelei, die der verstorbenen Filmdiva gefallen hätte: Damen in Pelzmantel, Supermodels, Designer, Museumsdirektoren und Celebrities schubsten sich, um in den Saal zu gelangen und einen Platz in den vorderen Sitzreihen zu ergattern. Rund 400 Stücke aus Taylors zum Teil märchenhafter Garderobe wurden versteigert. Die Aufregung, welche die von Christie’s organisierte Veranstaltung auslöste, überraschte selbst Profis. Selten habe sie bei einer Vintage-Auktion einen solchen Rummel erlebt, sagte die britische Modejournalistin Suzy Menkes.
Das Wort «Vintage» bezeichnet eigentlich einen alten und besonders guten Wein – in der Mode wird es für edle, über 20 Jahre alte Couture gebraucht. Die Taylor-Auktion zeigte, was möglich ist: Das regenbogenfarbene Brautkleid, das die Diva 1975 anlässlich ihrer zweiten Hochzeit mit Richard Burton trug, erzielte 62 500 Dollar. Eine mit Strass eingefasste Pailletten-Abendjacke von Gianni Versace, Jahrgang 1992, bestickt mit Porträts von Liz Taylor in ihren bekanntesten Rollen, brachte 128 500 Dollar. Ein silbern schimmerndes Abendkleid mit passender Handtasche, 1968 von Dior entworfen und von Liz Taylor auf einem Ball im Landhaus der Rothschilds getragen, übertraf mit 362 500 Dollar Erlös selbst die kühnsten Erwartungen des Auktionshauses. «Wir hatten bestenfalls mit 5000 Dollar gerechnet», sagt Patricia Frost, die bei Christie’s die Abteilung für Kostüme und Textilien leitet. Insgesamt bezahlten private Sammler und Museen 5,5 Millionen Dollar für Couture-Kleider und Accessoires. Kein einziges der extravaganten Outfits blieb übrig.
Trendsetterin Julia Roberts. Warum kaufen Menschen alte Textilien? «Ein Dior-Kleid aus den sechziger oder siebziger Jahren ist bedeutend billiger als ein neues, und die Qualität ist immer gut», erklärt Patricia Frost. Dazu kommen das Gefühl, etwas Besonderes zu besitzen, sowie die Gewissheit, auf der trendigen Vintage-Welle mitzuschwimmen. Begonnen hat der Hype um historische Designerklamotten vor gut zehn Jahren, als Julia Roberts in einem schwarz-weissen Abendkleid von Valentino zur Oscar-Verleihung erschien. Das Modell war 1992 entstanden und eine Leihgabe – der Couturier hatte es eigens für die Veranstaltung aus seinem Archiv geholt.
Dass ein Kleid alt ist, reicht allerdings nicht. Es muss auch in einwandfreiem Zustand sein, Seltenheitswert haben und einen Chic, der es über jeden miefigen Secondhand-Verdacht erhebt. Steht dann noch ein berühmter Name auf dem Etikett, kann das, was früher im Altkleidersack landete, zu einem Investitionsobjekt avancieren. «In den letzten fünf Jahren haben sich die Preise für Vintage-Mode verzehnfacht», sagt Kerry Taylor von Kerry Taylor Auctions in London. Sie hat eine 23-jährige Karriere bei Sotheby’s hinter sich, machte sich 2004 selbständig und veranstaltet seitdem rund sechs Auktionen pro Jahr. Kerry Taylor handelt mit allem, was ihr interessant erscheint. Bekannt ist sie allerdings für Haute Couture, die sie häufig von Stilikonen wie Supermodel Jerry Hall, Bier-Erbin Daphne Guinness oder Schauspielerin Leslie Caron bekommt. Als Coup gilt der Verkauf des Abendkleides, das Lady Diana Spencer 1981 bei der Verlobung mit Prinz Charles trug und für das immerhin die Summe von 192 000 Pfund bezahlt wurde.
Zwanziger-Jahre-Revival. «Die Preise steigen, weil das Bewusstsein für den Wert eines Kleides von Yves Saint Laurent aus den siebziger Jahren oder eines Chanel-Kostüms aus den Dreissigern wächst und weil solche Stücke immer seltener zu finden sind», erklärt Kerry Taylor. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Im Moment macht sich in den Boutiquen ein Revival des Zwanziger-Jahre-Stils bemerkbar. Sofort schnellen die Preise für originale Modelle aus jener Zeit in die Höhe. Ist gerade der Hippie-Chic angesagt, verkaufen sich Pucci-Kleider, selbst eine Ausstellung oder ein Buch über einen Couturier beeinflussen den Wert von dessen Kreationen. Auch der Tod eines Designers wirkt verkaufsfördernd: «In meiner letzten Auktion hatte ich zwei Jacken aus der letzten Prêt-à-porter-Kollektion von Alexander McQueen», erzählt Kerry Taylor. «Eine verkauften wir für 28 000, die andere für 65 000 Pfund.»
Jeder weiss, dass es keine weiteren McQueen-Jacken mehr geben wird, und deshalb ist alles, was noch seine Handschrift trägt, heiss umkämpft. Das Gegenteil passierte mit John Galliano, dessen Wert in den Keller fiel, nachdem er sich durch antisemitische Äusserungen ins Abseits manövriert hatte. Doch der Markt ist auch immer für Überraschungen gut: Die Kreationen von Thierry Mugler waren bis vor kurzem keine paar hundert Pfund wert, jetzt schaukeln sich die Preise für seine Meerjungfrauen-Kleidchen locker auf 8500 Pfund hoch. Als «hot» gelten derzeit auch die Modelle des japanischen Labels Comme des Garçons aus den frühen achtziger Jahren. Bei Kerry Taylor wurde ein völlig unspektakuläres Baumwollkleid für 4500 Pfund verkauft – die Dame, die es gebracht hatte, hätte sich schon über 200 gefreut.
Richtig teuer wird es, wenn sich private Sammler, Museen und reiche Kunden, die Kleider kaufen, um sie zu tragen, um dasselbe Stück streiten. Besonders wertvolle Exemplare werden oft von Museen erworben, die häufig erst damit begonnen haben, eine Modesammlung aufzubauen, und dafür Modelle mit Symbolcharakter suchen – etwa den grafisch gestalteten Mondrian-Dress von Yves Saint Laurent, den Christie’s kürzlich für 30 000 Pfund an ein europäisches Institut verkaufte. Dass sich diese Investitionen lohnen, haben die Besucherrekorde an Modeausstellungen bewiesen: Über eine halbe Million kamen zu Alexander McQueens «Savage Beauty»-Ausstellung, die im letzten Frühjahr im New Yorker Metropolitan Museum of Art zu sehen war, immerhin 90 000 in das wenig bekannte Musée Bourdelle in Paris, als die Kreationen von Madame Grès gezeigt wurden.
Haute Couture ins Museum zu bringen, ist auch der Plan von BillyBoy* (der Asterisk ist Teil des Namens, Red.), einem Modeverrückten mit extravaganter Biografie. Er wuchs als Adoptivkind einer russischen Familie in New York auf, umgeben von Tanten, die sich bevorzugt in Balenciaga, Balmain oder Courrèges hüllten. Ende der 1960er Jahre entdeckte der gerade Neunjährige einen Hut von Schiaparelli, der ihn so faszinierte, dass er ihn aufhob. Der Hut ist das erste Stück einer heute mehrere tausend Teile umfassenden, äusserst wertvollen Sammlung. «Als ich in den siebziger und achtziger Jahren auf Flohmärkten in Paris nach alten Kleidern von Madeleine Vionnet und Valentino suchte, dachten alle, ich sei nicht bei Trost», erzählt er. «Damals wollte niemand den Plunder haben. Es gab weder Sammler noch ein Verständnis für den geschichtlichen Wert von Couture.»
Couture-Mekka Delémont. Nach einem Leben in New York, Paris und London zog BillyBoy* nach Delémont, «den fantastischsten Ort, den ich kenne». Zusammen mit dem Bürgermeister entwickelte er den Plan, seine Sammlung öffentlich zu zeigen. Noch gibt es dafür kein Gebäude, doch das Projekt steht, und so wird es nicht mehr lange dauern, bis in Delémont das erste Vintage-Museum der Welt eröffnet. Neben historischen Modellen von Jean Patou oder Paul Poiret werden auch frühe Teile von Galliano und Gucci gezeigt, die BillyBoy* selbst getragen hat.
Wohin geht der Trend? «Aussergewöhnliche, ausdrucksstarke und seltene Stücke sind immer gesucht», sagt Françoise Sternbach, die zusammen mit Dominique Chombert in Paris ein Büro leitet, das auf Vintage spezialisiert ist. Die beiden Frauen beraten das Auktionshaus Drouot, sie schätzen den Wert von Couture-Kleidern und stellen Expertisen aus. Für Drouot haben sie ganze Hermès- und Louis-Vuitton-Vintage-Kollektionen gesammelt, erst kürzlich kamen dort 653 alte Chanel-Stücke unter den Hammer. «Es gibt aber auch Sonderfälle. Vor fünf Jahren hätte niemand Geld für ein Vintage-Modell von Azzedine Alaia ausgegeben. Heute verkaufen sich seine Sachen sehr gut. Hier zu investieren, lohnt sich, denn die Preise werden weitersteigen», rät Françoise Sternbach.
Franco Jacassi hat diverse Modelle von Alaia. Der Mailänder zählt zu den Stars der Branche, er sammelt seit über 30 Jahren. In seinem Laden Vintage Delirium hängt ein Sammelsurium, das unvorbereitete Besucher leicht um den Verstand bringen kann: Die einzigartige Kollektion mit Tausenden von Textilien umfasst Stücke vom französischen Spitzenjäckchen aus dem 18. Jahrhundert über Kleider von Vionnet und Chanel aus den zwanziger und dreissiger Jahren, Balmain- und Balenciaga-Kreationen von 1950 bis zu Modellen von Mila Schön oder Versace aus den achtziger und neunziger Jahren. Allein Yves Saint Laurent ist mit rund 400 Teilen vertreten, dazu kommen 200 von Valentino und gut doppelt so viele von Pucci. In Regalen liegen über 300 Badeanzüge, 500 Hüte, 1000 Paar Schuhe und über zehn Millionen antike Knöpfe.
Forum für Profis. Jacassi hat ganze Läden und Lagerräume aufgekauft, doch das meiste, was er im Angebot hat, stammt aus privaten Quellen: Irgendwo ist die Oma gestorben, ein Haushalt wird aufgelöst, der Estrich aufgeräumt. Nicht selten kommen dort wahre Schätze zutage, denn in grossen, wohlhabenden Familien sammeln sich im Laufe der Jahre beträchtliche Couture-Bestände an. Damit gehen die Nachfahren nicht zum Secondhand-Laden um die Ecke.
«Sie kommen alle zu mir», so Jacassi. Bei der Eröffnung seines Showrooms 1986 hatte er weniger an eine Verkaufsstelle denn an ein Forum für professionelle Besucher gedacht. Diese kamen auch: Karl Lagerfeld, Tom Ford, Marc Jacobs oder Jil Sander durchkämmen regelmässig Kleiderständer auf der Suche nach einer Schnitttechnik aus den vierziger Jahren, einem abgefahrenen New-Look-Design, einem Muster von Courrèges. Im modeverrückten Mailand sprach sich Jacassis Adresse schnell herum. Heute sind es vor allem Privatkunden, die mit einem giftgrünen Minikleid von Paco Rabanne in der Umkleidekabine verschwinden – Verkaufspreis: 15 000 Euro. Oder mit einem grellen Pop-Art-Modell von Ungaro, das aus Plastik und Seide gefertigt und mit verborgenen Glöckchen versehen wurde, die bei jeder Bewegung klingeln. Für 8000 Euro ist es zu haben.
Solche Raritäten sind selten geworden, weshalb sich Franco Jacassis Sammelleidenschaft auf noch lebende und arbeitende Designer ausweitet. Damit liegt er genau richtig, findet Suzy Menkes. «Wenn der Schuh passt, warum sollte man dann nicht ein Paar aprikosenfarbene Mules mit einer chiliroten Sohle von Jean Paul Gaultier kaufen? Oder rosarote Vivienne-Westwood-Pumps? Oder ein Paar psychedelisch gemusterte Stiefel von Thierry Mugler?», schreibt sie in einem kürzlich erschienenen Beitrag in der «New York Times». Ja, warum eigentlich nicht? «Die achtziger Jahre sind die neuen Dreissiger», glaubt auch Patricia Frost. Bald werden die neunziger Jahre eine wichtige Rolle spielen. Es kann sich also lohnen, die besten Stücke im Kleiderschrank aufzuheben.