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Sofja Wassiljewna Kowalewskaja
3.1.1850 - 29.1.1891, Stockholm
Reisen dank Scheinehe
Die junge Russin hatte eine grosse Leidenschaft für Mathematik und träumte davon, studieren zu können. In Russland waren Frauen an Universitäten damals aber nicht zugelassen. Es zog sie also in den Westen, ihr Hürdenlauf begann. Ein persönliches Reisedokument stand ihr als Frau von Gesetzes wegen nicht zu, höchstens als Eintrag in jenem des Vaters oder des – noch inexistenten – Ehemannes. Also ging sie mit dem Studenten Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski eine Scheinehe ein und reiste mit ihm nach Wien. Die erste Hürde war genommen, die zweite stand schon bereit.
Weder in Wien noch in Heidelberg konnte sich Sofja Wassiljewna Kowalewskaja immatrikulieren. Auch in Berlin stand die Sache schlecht. Erst dank der Begegnung mit dem brillanten führenden Kopf der mathematischen Fakultät an der Berliner Universität, Karl Weierstrass, der in Form von Privatunterricht seine Hand für sie ins Feuer legte, gelang ihr ein erster Durchbruch. Dies ist umso bemerkenswerter, als Weierstrass selbst kein Freund des Frauenstudiums war, hingegen erkannte er die ausserordentlich hohe Begabung seiner Studentin und überwand seine konservativen Zweifel. Er unterstützte sie, damit sie ihre Dissertation fertigstellen konnte, erreichte aber nicht, dass sie diese in Berlin hätte einreichen dürfen. Die Universität Göttingen sprang in die Bresche, 1874 promovierte sie mit den Themen Theorie der partiellen Differenzialgleichungen, Gestalt der Saturnringe und Klassen Abelscher Integrale mit summa cum laude. Der Abschluss schien das Ende ihres Kampfes im Berufsleben zu bedeuten, zur grössten Hürde wurde nun ihr Privatleben.
Widerstand männlicher Kollegen
Sofja Wassiljewna Kowalewskaja wollte zurück in ihre Heimat Russland, um Mathematik zu unterrichten, was ihr nicht gelang. Auch das Privatleben wollte ihr kein Glück bescheren, weder die Ehe noch Finanzgeschäfte, in die sie involviert war, und die ihre Angehörigen an den Rand des Ruins trieben. 1882 traf sie schliesslich auf den Weierstrass-Schüler, den Schweden Magnus Gösta Mittag-Leffler. Er setzte sich an der Stockholmer Universität für sie ein – endlich kam ihre Erntezeit. Sie erhielt 1883 eine Stelle als Privatdozentin, die später in eine ordentliche Professur auf Lebenszeit umgewandelt wurde, dies trotz dem Widerstand männlicher Kollegen und der schwedischen Öffentlichkeit. Besonders der Schriftsteller August Strindberg legte sich – nicht zitierbar – ins Zeug gegen sie. Das stellten aber kleine Hürden dar im Vergleich zum ganzen Lauf. Sofja Wassiljewna Kowalewskaja wurde die erste Professorin für Mathematik weltweit.
Erstpublikation am 17.12.2015, Ruth Haener, Adventskalender NZZ