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Das Atomzeitalter begann in 1940er Jahren mit dem Abwurf der beiden Atombomben in Japan. Mit dem Ende des Krieges kam erneut der Gedanke auf, die Atomtechnologie friedlich zu nutzen, um Strom zu produzieren. Damals schien alles möglich: Vom kostenlosen Strom bis zum Atom-Flugzeug. Wissenschaftler, Politiker und die Bevölkerungen vieler Staaten träumten von diesen radioaktiven Möglichkeiten. Doch die Ernüchterung folgte rasch. Die Praxis war von der Theorie noch weit entfernt, denn ein grosses Problem blieb bestehen: Die Nutzung der Atomtechnologie zur Gewinnung von Energie ist ein wesentlich komplizierteres Unterfangen als eine Bombe explodieren zu lassen. Weltweit überstiegen die Kosten schnell das vorkalkulierte Budget. Schnell wurde klar, dass der kostenlose Strom, den man eben noch lauthals prophezeite, von der Atomkraft nicht geliefert werden konnte. War der Atomtraum schon ausgeträumt?
Die Hauptargumente der Befürworter des atomaren Zeitalters – preisgünstiger Strom und energiepolitische Autarkie - kamen erneut auf den Tisch, als während des Jom-Kippur-Krieges in Nahost die Ölpreise stiegen. Das kommerzielle Interesse an Atomkraftwerken wurde in den 1970er wieder geweckt. Die Hälfte der Kernreaktoren weltweit wurde zwischen 1970 und 1985 gebaut. Allein in Deutschland waren das 23 Reaktoren, und auch die 5 Reaktoren der Schweiz stammen aus dieser Zeit.
Die neue Technologie brachte eine Unmenge verschiedenster Reaktormodelle hervor. Siedewasserreaktor, der spätere Druckwasserreaktor oder doch ein Leichtwasserreaktor? Die Vorteile des letzteren: Er ist verfügbar zum Kauf, funktioniert und ist kostengünstig. Doch er ist bei Wissenschaftlern nicht sonderlich beliebt, denn er ist weder der sicherste noch der effektivste. Er setzte sich lediglich durch, weil er vergleichsweise unkompliziert und preisgünstig war. Sein Grundprinzip: Wasser wird durch die nukleare Kettenreaktion erhitzt.
Kernspaltung passiert bei dem Beschuss von sehr schweren Elementen mit Neutronen. Bei Uran235 wird viel mehr Energie freigesetzt als bei anderen chemischen Reaktionen. Nach dem Beschuss absorbiert der Atomkern das Neutron und wird instabil. Er spaltet sich meist sofort in leichtere Kerne, setzt 2-3 Neutronen und Energie in Form von Strahlung frei. Das angrenzende Wasser wird durch die Strahlung erhitzt. Die neu entstandenen Neutronen lösen in einer kontrollierten Kettenreaktion weitere Kernspaltungen aus: Im Gegensatz zum selben Ablauf in Atombomben, wo dies unkontrolliert geschieht.
Erste Unfälle und Störfälle zeigten, dass auch in einer streng überwachten und kontrollierten Umgebung bei der Kernspaltung einiges schiefgehen kann. 1969 konnte bei einer Kernschmelze in Three Miles Island (USA) einer grösseren Katastrophe nur knapp entgangen werden. Dass auch die friedliche Nutzung der Atomkraft zerstörerische Schäden anrichten kann, zeigte 1986 der GAU (Grösste Anzunehmende Unfall) in Tschernobyl. Trotzdem gingen in diesem Jahrzehnt über 200 neue Reaktoren ans Netz. Auch der Vorfall 2011 in Fukushima stoppte international den Bauboom und die Atombegeisterung nicht. Momentan befinden sich 61 neue Reaktoren im Bau, 154 weitere sind in Planung: Oft in Ländern mit schnellem Wirtschaftswachstum und hohem Energiebedarf.
Aktuell deckt die Atomkraft zirka 10% des weltweiten Energiebedarfs. Es stehen 446 Atomreaktoren in 31 Ländern. Die meisten Reaktoren wurden schon vor Jahren gebaut, mit einer schon damals veralteten und unsicheren Technologie. 80% der Reaktoren weltweit sind unterschiedliche Modelle der Leichtwasserreaktoren.
Jedes Land muss sich die Frage stellen: Sollen diese alten Reaktoren für viel Geld durch vielleicht effektivere, aber weniger erprobte Modelle ersetzt werden? Oder soll die Atomtechnologie schon bald durch ganz andere Technologien abgelöst werden? Auch dies wird hohe Kosten verursachen und Umweltauswirkungen mit sich bringen...
In Kanada wird momentan ein neuer Reaktortyp entwickelt. Statt Wasser soll flüssiges Salz als Kühlmittel benutzt werden, um die Sicherheit zu erhöhen. China und Indien sehen in der Atomkraft die Chance, nicht nur ihren gewaltigen Energiehunger zu stillen, sondern auch der Luftverschmutzung Herr zu werden. Denn Atomstrom gilt als CO2-emissionsfreie Energie und damit als klimafreundlich. In unserem Nachbarland hat die Katastrophe in Fukushima zum Atomaustieg geführt: 7 Reaktoren sollen innerhalb der nächsten 2 Jahre in Deutschland vom Netz gehen. Momentan deckt der Atomstrom 13% des deutschen Energiebedarfs.
Wurde mit der Stilllegung des AKW Mühleberg 2019 auch in der Schweiz eine Energiewende eingeläutet?
In der Schweiz liefern die 4 Reaktoren rund 40 Prozent der Stromversorgung. Die Schweizer Atomkraftwerke erzeugen zusammen jährlich rund 25 Milliarden Kilowattstunden Strom. Die jährliche Stromproduktion des abgeschalteten Kraftwerks lieferte 5% des Schweizer Strombedarfs. Der Wegfall ist laut Experten verkraftbar. Mit dem Ausbau und der verstärkten Nutzung von Sonnenenergie und Windkraft soll die Energieversorgung hierzulande unabhängig von Gas- und Ölimporten und klimaneutral werden sowie zusätzliche neue Arbeitsplätze schaffen. Doch ist die Versorgungssicherheit auch noch gewährleistet, wenn zusätzlich noch die AKW Beznau, Leibstadt, Gösgen vom Netz gehen? Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom ist besorgt, vor allem wegen der Situation im Winter: Seit Jahren importiert die Schweiz in den kalten Monaten Strom – umso mehr natürlich ohne AKWs.
Als nächstes dürfte Beznau vom Netz gehen – laut Plan der Betreiberin Axpo im Jahr 2030. Nach heutigem Kenntnisstand dauert eine gesamte Stilllegung ungefähr fünfzehn Jahre. Der Rückbau startet mit der endgültigen Einstellung des Leistungsbetriebs, beinhaltet den nuklearen sowie den konventionellen Rückbau und endet, wenn auf dem Gelände eine Umnutzung oder eine naturnahe Nachnutzung gewährleistet ist. Für die Stilllegung des Kraftwerks Mühleberg sind rund 20 Jahre veranschlagt. Der atomare Müll jedoch wird länger ein Problem bleiben. Swissnuclear wirbt immer noch mit sicherem, zuverlässigem, umweltfreundlichem sowie wirtschaftlich produziertem Strom. Hauptargument der Atombefürworter ist die Versorgungssicherheit, denn keine andere Art der Stromversorgung scheint so kostengünstig für eine klimaschonende Grundlast zu sorgen. Die Schweizer Kernkraftwerke gehören vollständig oder mehrheitlich der öffentlichen Hand, die meisten (bis zu sämtlichen) Anteile an den Schweizer Energieversorgungsunternehmen halten die Kantone. Die Besitzerkantone beziehen deshalb Strom zu Tiefstpreisen, teilweise unter Marktwert.
Zur Umwelt- und Klimafreundlichkeit des Atomstroms ist anzumerken, dass sie einzig eine verhältnismässige ist. Ja, AKWs sind umweltfreundlicher als Kohlekraftwerke, aber Abbau und Zulieferung der benötigten, nicht erneuerbaren Rohstoffe Uran und Plutonium stellen namhafte Umweltbelastungen dar. Ebenso belastet die Abwärme der Kraftwerke Flüsse und Ökosysteme, und auch Wasserdampf ist ein Klimagas. Doch selbst wenn wir diese Einwürfe beiseitelassen: Ist diese Art der klimafreundlicheren Stromerzeugung es wert, jahrtausendelang verstrahltes Material zu hinterlassen? Denn ein sicheres Endlager ist weltweit auch weiterhin nicht gefunden. Dazu bald mehr.