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Normalerweise läuft das in Hollywood so: Schauspielerin erkämpft sich einen gewissen Bekanntheitsgrad und bekommt eine Rolle, für die sie entweder sehr viel abnehmen oder sehr viel zunehmen muss. Mit ein bisschen Glück, mit ein bisschen Nachdruck beim richtigen Produzenten folgt im Frühjahr: ein Oscar. Danach sind ihr Rollenangebote und Werbedeals sicher.
Bei Anne Hathaway lief das ein bisschen anders.
Mit Beginn der Award Season 2012 wuchs der Hass auf sie; je mehr Preise sie gewann, desto furchtbarer fanden sie die Leute. Als sie schliesslich 2013 den Oscar als beste Nebendarstellerin in «Les Misérables» entgegennahm, redete kaum noch jemand über ihre Leistung, sondern nur über ihre angeblich pseudodemütige Dankesrede, ihre angeblich grässlichen Zähne und das angeblich grauenvolle Prada-Kleid. Der Höhepunkt ihrer Karriere war auch der Höhepunkt des Hasses.
Fast zwei Jahre lang verschwand Hathaway aus der Öffentlichkeit, gelegentlich tauchte ein Paparazzi-Bild von ihr und ihrem Ehemann auf. Ansonsten blieb es still um sie. Bis jetzt, ihr Weltraum-Blockbuster «Interstellar» läuft in den Kinos an. Der Film von Christopher Nolan soll die Massen anziehen, es gibt einen PR-Marathon. Und es gibt wohl kaum einen Event, auf dem Hathaway nicht auf ihre Kritiker angesprochen wurde, die sich selbst sogar einen eigenen Namen gaben: die Hathahaters.
«Wie ein Schlag in die Magengrube»
Hathaway startete das Rennen mit einer Titelgeschichte im US-Magazin «Harper's Bazar». Was sie dort erzählte, war geradezu traurig. Sie habe sich selbst gegoogelt und dann einen Artikel mit dem Titel «Warum hassen alle Anne Hathaway?» entdeckt. «Wie ein Schlag in die Magengrube», so habe sich das angefühlt. «Ich war schockiert, fühlte mich geschlagen und blossgestellt. Noch heute kann ich die Scham fühlen.» Die Wut und der Hass hätten sie wirklich getroffen, sagte Hathaway dem Magazin. Dann begann sie im Detail ihr Verhalten zu rechtfertigen. Das Kleid? Eine Last-Minute-Lösung. Die Rede? Sie könne nicht gut vor Leuten sprechen.
Wie wichtig ein gutes Image in Hollywood ist und wie schnell die Studios eine Schauspielerin wieder fallen lassen, zeigte sich in den Tagen nach der Oscar-Verleihung. Ihr Telefon habe still gestanden, erzählte Hathaway, die Angebote seien ausgeblieben. Von Regisseuren bekam sie zu hören: «Du bist perfekt für die Rolle, aber ich weiss nicht, ob das Publikum dich akzeptieren wird – wegen der ganzen Sache.»
Für ihr Comeback hat Hathaway also die Offensive gewählt, die «Ich-bin-auch-nur-ein-Mensch»-Taktik. Weiter ging es zu den grossen Talkshows, vergangene Woche war sie unter anderem bei Jimmy Fallon und Ellen DeGeneres zu Gast. Bei Fallon erzählte sie von ihren fünf peinlichsten Momenten im Showbiz, bei DeGeneres wiederholte sie, wie sehr die Kommentare sie verletzt hätten. Als sie während eines Pressetermins in London von einem Reporter auf die «Hathahaters» angesprochen wurde, kamen ihr sogar ihre Co-Stars Matthew McConaughey und Jessica Chastain zu Hilfe: Anne sei eine wunderbare, professionelle Kollegin.
Warum der Hass erneut aufflammte
In den Medien wurde nicht ganz abwegig von einer «Wiedergutmachungs-Tour» gesprochen. «Es ist brillant», lobte das «Daily Beast». «Sie bittet gleichzeitig um Vergebung und nimmt den Hassern den Wind aus den Segeln.»
Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Demuts-Runden kamen nur bedingt an. Als ein argentinischer Journalist twitterte, Hathaway habe ihm bei einem Interview aus Angst vor Ebola nicht die Hand gegeben, flammte der Zorn gegen sie erneut auf. Dass die Schauspielerin aus Rücksicht auf ihre ansteckende Erkältung niemandem die Hand schüttelte, interessierte nicht mehr. Dass sie mit «Interstellar» in einer der grössten Hollywoodproduktionen des Jahres zu sehen ist – geschenkt.
Das Bashing berühmter, erfolgreicher Frauen scheint eine Art Trend der vergangenen Jahre zu sein. Neben Hathaway hatte Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow zuletzt erlebt, wie schnell öffentliche Sympathie kippen kann, sobald man im Erfolg nicht mehr einem bestimmten Bild entspricht.
«Hathaway sollte keine Zeit verschwenden, ihren Hassern mit dieser ruhigen, reifen Einstellung zu begegnen», schrieb die «Washington Post». Der Grossteil der Zuschauerschaft lasse sich davon ohnehin nicht beeindrucken. Dies sei die Lehre der vergangenen Jahre: «Der Versuch, aufgebrachte Internet-Trolle zu überzeugen, dass sie falsch liegen, ist ein verlorener Kampf.»
Das wirkungsvollste Gegenmittel ist hier vermutlich Erfolg. Zumindest bei Christopher Nolan scheint Talent mehr zu zählen als ein schlechter Ruf. Der Film stieg weltweit hoch in den Kinocharts ein. Und auch das Telefon «klingelt dankenswerterweise wieder».