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Die kulturellen Gemeinsamkeiten der Völker des Oberen Xingu, welche durch Tausch, Heiraten und intergruppale Rituale gepflegt werden, drücken sich auch noch in einer Reihe von anderen Aspekten aus, wie zum Beispiel der Bevorzugung des Fischs vor dem Fleisch, vielen gemeinsamen Verhaltensformen und vor allem einem Ideal, welches der Grosszügigkeit besonderen Wert beimisst (gemeint ist die Bereitschaft zu geben) und der Kontrolle des Temperaments.
Neben den Spezialitäten eines jeden Volkes, gibt es Dinge, die in jedem Dorf am Oberen Xingu angefertigt werden – zum Beispiel Sitzbänke mit geschnitzten Tierköpfen oder – körpern aus einem einzigen Stück Holz, der Propulsor für Pfeile des Kampfspiels “Jawari“, der “Uluri“, eine Art weiblicher Keuschheitsgürtel, der aus einem kleinen dreieckigen Stück Palmfaser besteht und über die Pubis-Region (Schambein-Region) getragen und von einem Bastgürtel gehalten wird, der kurze Xingu-Haarschnitt, rundum für die Männer, hinten lang und vorne Fransen, für die Frauen, die gleichen Schmuckutensilien und Körperbemalungen, der Grundriss ihrer Dörfer und deren grosse, ovale “Malocas“ (Häuser) – alle haben den Käfig mit der gefangenen Harpye und das Männerhaus mit den heiligen Flöten (verboten für die Frauen) auf dem zentralen Platz.
Trotz alledem ist diese Gemeinsamkeit nicht vollkommen: ihre Sprachen sind verschieden, es gibt kulturelle Eigenheiten, die jedes Volk vom anderen unterscheiden und, vor allem, die Identität einer jeden Ethnie wird gepflegt, um sich auf keinen Fall in der Gesellschaft des Oberen Xingu aufzulösen.
Besonders im Vergleich mit den im Norden des Parks lebenden Völkern beweist die Gesellschaft des Oberen Xingu ihre Unterschiede, gewinnt sie an definierenden Zügen, denn jene Anderen halten entweder freundschaftlichen oder feindlichen Kontakt mit dem Oberen Xingu, niemals jedoch haben sie den Versuch gemacht, sich in ihr gesellschaftspolitisches System zu integrieren. Die vom Oberen Xingu ihrerseits reservieren diesen Gruppen des Nordens einen getrennten Platz in ihrer Kosmologie, indem sie dieselben in der Kategorie “Wilde Indianer“ einstufen.
Es gibt trotz allem ein Bestreben der Artikulation zwischen allen Völkern, die den Park bewohnen, wenn es um gemeinsame Probleme geht, und der Vermittler ist in solchen Fällen die ATIX (Associação Terra Indígena do Xingu), deren Meetings sämtliche Führer aller Ethnien versammeln (auch das beschreiben wir näher unter “Eingeborene Vereinigungen“).
Der Fisch, das Beiju-Fladenbrot und ein Brei (die beiden Letzten sind aus Maniok gemacht) bilden die Grundnahrungsmittel der Völker im Süden des Parks. Die Ethnien des Nordens und der Mitte geben rotem Fleisch den Vorzug und besitzen eine differenziertere Landwirtschaft. Alles in allem repräsentieren Fischfang und Ackerbau den Kern der produktiven Aktivitäten. Am Oberen Xingu wird die Maniok auf Feldern erwirtschaftet, die von den Kern-Familien bearbeitet werden, und die mit der Unterstützung der gesamten Bewohnergruppe rechnen können, koordiniert vom “Hausherrn“. Die Männer bereiten den Boden vor und die Frauen stecken die Setzlinge und ziehen die reifen Wurzeln später auch aus dem Boden. Die Verarbeitung der Wurzeln geschieht auch durch die Frauen im Dorf, die aus ihr das Fruchtfleisch und die Stärke extrahieren – beides grundlegende Stoffe für die Zubereitung des Fladenbrotes. Den giftigen Manioksaft presst man mittels eines aus Palmblättern geflochtenen Pressschlauches aus. Ein weiteres Nahrungsmittel aus der Maniok ist das “Mohete“ (in der Sprache der Kamayurá), ein dickflüssiger, gesüsster Brei, den man aus dem Wasser gewinnt, mit dem man das von der Rinde befreite Maniok-Fruchtfleisch gewaschen hat.
Nach dem Trocknen werden Maniokstücke und Mehl innerhalb des Hauses in zylindrischen Reservatorien aufbewahrt, sie sind die Vorratsbehälter für den täglichen Gebrauch aller Hausbewohner. Man isst Beiju zu jeder Zeit: mit gebratenem oder gekochtem Fisch, nur mit Pfefferschoten, pur oder in Wasser eingeweicht und sogar als Brei.
Der Fisch, wie gesagt, ist die bedeutendste reguläre Quelle tierischen Proteins. Die Techniken zu seinem Fang sind unterschiedlich, die meisten sind abhängig von einer Kooperation der Hausbewohner. Zum Beispiel die Timbó-Fangtechnik, mit der man das vorher leicht gestaute Wasser eines kleineren Fluss- oder Bachlaufs vorübergehend vergiftet – hier werden die meisten Männer des Dorfes eingesetzt. Die toten Fische – die kleineren erledigt das Gift, die grösseren werden zusätzlich per Pfeil erlegt – werden an Ort und Stelle geräuchert (oder gedörrt). Eine geringere Menge Männer ist für das Fischen mit dem Nylonnetz nötig. Und die verschiedenen Arten des Fischfangs mit Pfeil und Bogen, kleinen, selbst gebastelten Netzen und Fangreusen oder mit eingetauschten Stahlhaken unternehmen die Mitglieder einer Kern-Familie schon allein.
Während in der Trockenperiode der Fisch jeden Tag mit “auf den Tisch“ kommt, wird sein relativer Mangel während der Regenzeit durch eine vielseitigere Ernährung ausgeglichen, wie Mais, Papaya, Kürbis, Melone und andere Gemüse und Früchte. Ihr Ackerbau kennt darüber hinaus noch die Kultivierung einiger anderer Pflanzen, zum Beispiel für den zeremoniellen Gebrauch (Urucum und Tabak), oder um die Produktion von verschiedenen artesanalen Artikeln zu unterstützen (der Cabaça-Kürbis und die Baumwolle).
Die Jagd einiger Grossvogelarten und kleinerer Tiere, wie auch das Sammeln von Früchten des Waldes, tragen ebenfalls zu einer vielseitigen Ernährung bei, ihnen kommt allerdings eher eine untergeordnete Rolle in der Lebensmittelproduktion zu. In Hinblick auf die Jagd ist dies eine reine Männersache, die wichtigsten Objektive sind Futter für die Harpye zu beschaffen (die Präsenz dieses grössten Greifvogels Südamerikas gehört zum Prestige eines jeden Dorfes am Oberen Xingu – er befindet sich in einem grossen konischen Käfig aus Holzstäben), den Fisch im Speiseplan von Personen zu ersetzen, die entsprechenden Nahrungstabus unterliegen und Federn von geschossenen Vögeln für den Körperschmuck zu erhalten.
Bei sammlerischen Aktivitäten wird in der Regel im Kollektiv gearbeitet, Frauen und Kinder nehmen daran teil. Die beliebtesten Produkte sind: Honig, Pequi (Palmfrucht), Mangaba (säuerliche, kirschgrosse Frucht), Ameisen, Schildkröteneier und Brennholz. Unter diesen Produkten nimmt die Nuss aus der Pequi-Frucht eine Sonderstellung ein: sie wird als zeremonielles Nahrungsmittel während des “Kwarup-Festes“ an die Anwesenden verteilt, wo sie zusammen mit geräuchertem Fisch, dem Maniok-Brei und dem Fladenbrot das begehrteste zeremonielle Nahrungsmittel darstellt. Pequi isst man roh, gebraten oder zerkleinert im Maniokbrei.
Unter den anderen Völkern des Xingu stechen die Kaiabi hervor durch eine hoch entwickelte Feldwirtschaft. Sie kultivieren diverse Spezies, wie Erdnüsse, Macaxeira (ungiftige Maniok), Cará (ebenfalls eine Wurzel), Süsskartoffel, Mangos und Bananen. Ausserdem backen sie andere Arten von Fladenbrot. Die Kaiabi verstehen sich auch auf die Zubereitung einer ganzen Reihe verschiedener Breis aus Feldprodukten und Früchten. Die Yudjá ihrerseits sind bekannt wegen ihrer “Caxiri“-Produktion, einem fermentierten Getränk aus gegorener Maniok, dem auch die Kaiabi, Trumai und Suyá huldigen. Unter diesen vier Völkern und den Ikpeng wird mehr gejagtes Wild gegessen – inklusive Wildschwein und Tapir, die von den Indianern des Oberen Xingu verschmäht werden.
Was die Produktion ihrer Gebrauchsgegenstände und ihres Körperschmucks betrifft, so haben Metallwerkzeuge und -geräte, von denen fast die gesamte Arbeit der Männer abhängt, nicht vollkommen das Kunsthandwerk der Indianer verdrängen können – besonders bei der Arbeit der Frauen zur Produktion von Nahrungsmitteln: hier wetteifern Töpfe und Kessel aus Metall mit Behältern aus Kalebassen-Kürbisschalen zum Transport und Aufbewahren von Wasser, aber die vorrangige Position der Keramiktöpfe und –pfannen, die man von den Waurá eintauscht, ist immer noch unbestritten.
Ein grosser Teil der in ihrem Kunsthandwerk applizierten Materialien stammt aus ihrer eigenen Produktion – Holz, Embira- und Buriti-Fasern, Baumwolle etc. Aber inzwischen setzen sie auch Industrieprodukte ein, wie Glas- und Porzellanperlen, Wolle und Baumwollfäden, Blech, Nägel, Farben etc. Unter diesen Materialien wetteifert der Wollfaden mit der nativen Baumwolle und tendiert in einigen Fällen dazu (zum Beispiel bei der Herstellung von Hängematten), diesen vollkommen zu verdrängen. Andere dagegen, wie Perlen und Schmuckplättchen – sehr geschätzt bei der Herstellung von Halsketten und Gürteln – haben die Bedeutung ihrer nativen Vorgänger, der Plättchen von Schneckenhäusern, die von Kuikuro und Kalapalo angefertigt werden, nicht mindern können.
Das indianische Kunsthandwerk stellt eine wichtige wirtschaftliche Alternative in Richtung Aussenwelt dar. Über die familiären Initiativen hinaus hat die ATIX (Associação Terra Indígena do Xingu) die Herausforderung übernommen, solche Transaktionen mit den Kommunen der Kaiabi, Yudjá und den Suyá zu vermitteln, Strategien zu entwickeln, durch die jene Stämme ebenfalls von dem Markt des indianischen Kunsthandwerks profitieren können. Allerdings verlangt eine solche Initiative, die von der ISA unterstützt wird, auch eine Aufklärung aller Beteiligten hinsichtlich der von ihnen benutzten pflanzlichen Rohmaterialien (sie sollten immer wieder nachwachsen können) und über den Einsatz von Vogelfedern, von dem man bei seltenen Spezies ganz absehen sollte.
Neben dem Handel mit Kunsthandwerk haben viele Dorfgemeinschaften alternative wirtschaftliche Projekte entwickelt, die auf einem Markt ausserhalb des Parks abgesetzt werden sollen. Zwei Beispiele sind die Bienenzucht und die Pequi-Ölproduktion, beide mit Unterstützung der ISA. Am Honig-Projekt beteiligen sich die Dörfer der Suyá, Trumai, Ikpeng, Yudjá und Kayabi. Jede dieser Kommunen produziert und sammelt den Honig, der dann zu einer so genannten “Honig-Zentrale“ transportiert wird, auf dem Posten Diauarum, wo er eingepackt und nach “Canarana“ transportiert wird – von dort läuft sein Vertrieb in die grossen Zentren São Paulo und Rio de Janeiro. Ein derzeitiger Mittelwert sind zwei Tonnen Honig pro Jahr.
Die Produktion des Pequi-Öls dagegen begreift die Kommunen der Ikpeng, Trumai, Kamaiurá, Yawalapiti, Kalapalo, Waurá, Suyá, Matipu, Nafukuá, Kuikuro und Mehinako ein – einige Stämme also doppelt. Der besondere Typ der Pequi vom Xingu ist einzigartig – kommt also in anderen Regionen nicht vor – und ist ausserdem ein differenziertes Produkt durch seine gesellschaftliche und kosmologische Bedeutung für die Indianer. Das Ziel ist, die Arbeitskräfte sämtlicher Dorfgemeinschaften zusammenzubringen, um so die Ernte der Frucht in eine Grössenordnung zu erheben, welche für den Bedarf einer internationalen Kosmetikfabrik ausreicht – ohne deshalb die artesanale Ernte der Frucht für den Eigenbedarf zu vergessen.
Unter den Völkern des Oberen Xingu sind alle wegen einer besonderen kunsthandwerklichen Spezialität bekannt, die ihnen erlaubt, sich an einem Tauschhandel mit den Anderen zu beteiligen. So sind zum Beispiel die grossen Keramiktöpfe, mit flachem Boden und dicken, nach aussen gebogenen Rändern, eine Spezialität der Waurá. Die Bogen, aus einem harten, schwärzlichen Holz, wissen nur die Kamayurá so meisterhaft anzufertigen. Die Halsketten und Gürtel aus Jaguarkrallen und die mit Scheibchen aus Schneckenhäusern werden von den linguistischen Völkern der Karib-Sprache angefertigt (Kalapalo, Kuikuro, Matipu und Nahukuá). Das Salz (kein Sodiumchlorit sondern Potassium) wird von den Aweti, Mehinako und Trumai aus einer Wasserpflanze extrahiert und getrocknet. Vor Einführung der Metallwerkzeuge fertigten die Trumai die besten Steinäxte – sie hatte das beste Rohmaterial in ihrem Territorium – dann übernahmen die Suyá das Bergwerk nach einem Überfall.
Der Tauschhandel zwischen den einzelnen Stämmen des Oberen Xingu findet auch in einem grösseren Rahmen statt, den die Beteiligten “Moitará“ nennen – und zwar in zwei Formen: entweder zwischen den Häusern desselben Dorfes oder zwischen verschiedenen Dorfgemeinschaften. Im ersten Fall findet der Tausch auf Initiative der Männer oder der Frauen einer bestimmten Hausgemeinschaft statt, die im anderen Haus mit den Objekten erscheinen, welche sie tauschen wollen. Jeder Gegenstand geht dann von Hand zu Hand der interessierten Bewohner des besuchten Hauses, bis einer von ihnen seinerseits einen Gegenstand vor den Besuchern auf den Boden legt, den er zu tauschen beabsichtigt. Wenn der Tausch vom Besucher angenommen wird, hebt er den angebotenen Gegenstand vom Boden auf und nimmt ihn an sich. Ist die Tauschaktion beendet, verzehren die männlichen oder weiblichen Besucher die ihnen angebotenen Pequi-Nüsse oder den Maniok-Brei und ziehen sich dann wieder zurück. Und nun warten sie auf einen Gegenbesuch, der ihnen neue Tauschmöglichkeiten bringen wird.
Der “Moitará“ zwischen verschiedenen Dörfern findet in der Regel während der Trockenperiode statt und wird von beiden Geschlechtern bestritten. Das Dorf, welches die Initiative übernimmt, macht sich unter Führung ihres Häuptlings auf die Wanderung zum anderen, ausgesuchten Dorf, mit sich tragen sie die Objekte, die sie zu tauschen beabsichtigen. Obwohl diese Objekte individuelles Eigentum der Dorfbewohner sind, wird ihr Tausch von den Häuptlingen beider Dörfer vermittelt und geleitet. Als Tauschobjekte finden sich Keramik-Behälter, Halsketten, Gürtel, Federschmuck, Waffen, Kanus, Flöten, Hängematten, Fischnetze, Körbe, Kalebassen, Salz, Pfeffer, Nahrungsmittel und Tiere, besonders Hunde, sowie Gegenstände der Weissen. Vor Tauschbeginn sieht man sich den Ringkampf “Huka-Huka“ der gegnerischen jungen Männer an.