Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03285.jsonl.gz/820

Die Atomausstiegs-Initiative, die am 27. November 2016 zur Abstimmung kommt, verlangt die schrittweise Abschaltung der Kernkraftwerke sowie die Förderung erneuerbarer Energien und Energiesparmassnahmen. Japan sah sich nach dem Unfall in Fukushima gezwungen, praktisch über Nacht aus der Kernenergie auszusteigen. Das gelang vor allem dadurch, dass der Stromverbrauch um 20% gesenkt wurde. Erklärungen dazu in einem Gespräch mit einem Experten.
Vor dem Unfall vom 11. März 2011 waren in Japan insgesamt 54 Kernkraftwerke in Betrieb. Die vom Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami betroffenen vier Reaktoren in Fukushima wurden sofort abgeschaltet. Danach wurden Schritt für Schritt auch die restlichen 50 Reaktoren stillgelegt, damit sie vertieften Kontrollen unterzogen werden konnten. Das führte dazu, dass Japan – nach 45 Jahren der Nutzung der Nuklearenergie – im Mai 2012 den ausserordentlichen Moment von "Null-Atomenergie" erlebte.
Nach der Katastrophe von Fukushima wurde zudem eine neue Kommission für nukleare Sicherheit ins Leben gerufen, die neue Vorschriften ausarbeitete, die viel strikter waren als die bisherigen. Ohne eine Bewilligung dieser Kommission durfte keines der abgestellten Kernkraftwerke seinen Betrieb wieder aufnehmen. Und in der Tat wurde erst nach dem Sieg der Liberal-Demokratischen Partei (pro Kernenergie) bei den Parlamentswahlen der erste Reaktor des Kraftwerks Sendai wieder hochgefahren, im August 2015. Der zweite Reaktor folgte drei Monate später.
Heute sind wieder drei Kernkraftwerke in Betrieb, trotz andauernden Protesten der Bevölkerung. Allein in Tokio demonstrieren seit April 2011 jeden Freitag zwischen 4000 und 10'000 Menschen.
Eine Umfrage im Auftrag der Tageszeitung Asahi Shimbun im März 2016 kam zum Schluss, dass fünf Jahre nach Fukushima 60% der Befragten ein Land ohne Atomkraftwerke wollen. Und dafür gibt es Lösungen, die zudem im japanischen Archipel bereits weit verbreitet umgesetzt werden, wie der Physiker Tetsunari Iida erklärt. Er ist Experte für Nuklear- und erneuerbare Energien und Verfechter einer Energiewende in seinem Land.
swissinfo.ch: Wie hat Japan die Nuklearenergie ersetzt?
Tetsunari Iida: Es war vor allem Energie aus Gas und Erdöl, die dazu beigetragen hat, das plötzliche Verschwinden der Nuklearenergie aufzufangen, die vor der Katastrophe 30% der Stromproduktion des Landes abgedeckt hatte.
Aber auch die Produktion von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz spielten in diesen vergangenen fünf Jahren eine bedeutende Rolle. Die beste Alternative zur Kernkraft sind vor allem Stromsparmassnahmen.
swissinfo.ch: Wie hat es Japan konkret geschafft, soviel Strom zu sparen?
T.I.: In den ersten zwei Jahren mussten grosse Anstrengungen unternommen werden. Da uns das notwendige Know-how noch fehlte, litten alle Menschen in Japan darunter, dass sie Strom sparen mussten. So hatte die Regierung angeordnet, dass alle Unternehmen, die mehr als 500 kW Strom verbrauchten, ihren Verbrauch im Zeitraum zwischen 8 und 18 Uhr gegenüber dem Vorjahr um 15% senken mussten.
Gewisse Fabriken stellten ihren Betrieb ganz ein, die Beleuchtung in Büros wurde reduziert und viele Rolltreppen und Lifte wurden stillgelegt. Die grossen Elektrizitätsfirmen gaben sogar ein "Strom-Wetterbulletin" heraus, um die Leute darüber zu informieren, wie viel Elektrizität jedes Unternehmen verbrauchte.
2011 gelang es in der Region Tokio, der Hochburg des Unternehmens Tepco [Besitzerin von Fukushima], im Sommer, der Saison mit dem höchsten Verbrauch, rund 20% Elektrizität einzusparen.
Ab dem Jahr darauf hatte Japan sich schon daran gewöhnt, beim Stromverbrauch zu sparen, und begriffen, dass sich dies mit einfachen Mitteln leicht tun liess. In der Präfektur Tokio zum Beispiel entwickelten die Regierung sowie die Besitzer der grossen Bürogebäude, die zusammen für 60 bis 70% des Stromverbrauchs verantwortlich sind, gemeinsame Lösungen.
Die erste besteht darin, die Temperatur der Klimaanlage im Sommer auf 28 Grad einzustellen, statt auf 26-27 Grad. Bei der zweiten geht es um eine geringere Helligkeit in den Büroräumen in Tokio: Die Beleuchtung aller Büroräume in Tokio wurde von 1500 Lux auf 300 Lux gesenkt, eine Norm, die im Gesetz festgeschrieben, aber vor dem Unfall generell nicht respektiert worden war. Um dies zu schaffen, wurden überflüssige Neonleuchten entfernt.
Diese zwei Massnahmen senkten den Verbrauch bereits um 40 bis 50%. Das Beste daran: Mit dieser Massnahme spart man nicht nur Energie, sondern gleichzeitig auch Geld! Allerdings ist Japan seit 2015 bei seinen Zielen für Energiesparmassnahmen wieder weniger ambitiös geworden.
Parallel zu den Sparmassnahmen bauten wir unsere Solarstromproduktion massiv aus: Um die Mittagszeit im Sommer können wir mit 20 Millionen kW Sonnenenergie rechnen, was 10% der gesamten Energiekapazität des Landes entspricht.
Vom Sommer 2011 bis zum Sommer 2016 hat Japan es geschafft, gegenüber dem Stand von 2010 jedes Jahr 20% seines Stromverbrauchs einzusparen. 2015 und 2016 sanken die Einsparungen um 10%, doch das konnte mit der Produktion von Sonnenenergie kompensiert werden.
swissinfo.ch: Allgemeiner betrachtet, wie sieht die Situation der erneuerbaren Energien in Japan heute aus?
T.I.：Erneuerbare Energien machen 14,5% der gesamten Stromproduktion des Landes aus. Davon stammen 8% aus Wasserkraft, 6% aus der Sonnenenergie, der Rest verteilt sich auf Wind und Biomasse.
Die grossen Elektrizitätsunternehmen, die das Netz zur Stromverteilung besitzen, sind allerdings der Produktion von erneuerbaren Energien gegenüber nicht sehr positiv eingestellt. Und das ist ein bedeutendes Problem in Japan. Die Bevölkerung ihrerseits hat jedoch unterdessen angefangen, Solarenergie zu produzieren und diese selbst zu nutzen. Es handelt sich hierbei um ein Off-Grid-System [unabhängig vom Netz], und ich denke, dessen Zukunft ist sehr vielversprechend.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch