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Eine traurige Nachricht geht um: Die sardische Autorin Michela Murgia gab kürzlich bekannt, an einem tödlichen Krebs erkrankt zu sein. Dieser sei so weit fortgeschritten, dass sie nur noch ein paar Monate zu leben haben könnte.
In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» äusserte sich die Autorin gewohnt politisch, philosophisch, mit klaren Worten: «Es stimmt nicht, dass die Welt schlecht ist; es kommt darauf an, welche Welt man sich schafft. Als ich in meinen Zwanzigern war, fragten wir uns, ob wir als Christdemokraten sterben würden. Es macht nichts, wenn ich nicht mehr viel Zeit habe: Das Wichtigste für mich ist jetzt, nicht als Faschistin zu sterben.»
Murgia möchte den drohenden Tod nicht als Ungerechtigkeit empfinden: «Ich bin fünfzig, aber ich habe zehn Leben gelebt.» Laut eigenen Angaben war sie nicht nur Kellnerin, Nachtconcierge und Telefonistin in einem Callcenter (die dortigen Erfahrungen hat sie in ihrem ersten Buch, «Camilla im Callcenterland», verarbeitet). Sie hat auch Theologie studiert, Religion unterrichtet, die Verwaltungsabteilung eines Wärmekraftwerks geleitet. 2014 kandidierte sie bei der Präsidentschaftswahl von Sardinien: Sie trat allein gegen alle Parteien an – und erhielt zehn Prozent der Stimmen. Damals, im Wahlkampf, habe sie den Krebs zum ersten Mal entdeckt, habe aber nicht öffentlich darüber sprechen wollen.
Ihr politisches Engagement gegen rechts liess die gefeierte Autorin auch zur «Zielscheibe» des Hasses werden: Sie sah ihren Namen an Wände geschmiert, wurde an der Supermarktkasse beschimpft. «Bevor Elly Schlein kam, war ich mit ein paar anderen Autor:innen wie Roberto Saviano darum bemüht, die Abwesenheit der Linken auszugleichen, indem ich Rechte und Freiheiten in der öffentlichen Debatte verteidigte. Eigentlich sollte ich kritische Dritte in der Diskussion sein, stattdessen wurde ich Gegenspielerin. Und ich war allein, mit der Kraft meiner Stimme.»
Nach dem 2018 erschienenen Pamphlet «Faschist werden. Eine Anleitung» folgt Ende Mai in Italien ihr neues Buch, «Tre ciotole», ein Roman, der mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit beginnt. Wie die Figur im Buch will Murgia nichts von «Kampf» gegen die Krankheit hören: Sie würde sich in diesem kriegerischen Vokabular nicht wiedererkennen. «Echter Krieg ist in der Ukraine», meint sie. «Ich kann und will keinen Krieg gegen meinen Körper, gegen mich selbst führen. Im Krieg gibt es Verlierer und Gewinner, aber ich fühle mich nicht als Verliererin.»
Sie habe alles getan, was sie wollte; zuletzt ein Haus gekauft mit zehn Schlafplätzen, wo ihre queere Familie zusammenleben könne. Zu dieser «atypischen Familieneinheit, in der Beziehungen mehr zählen als Rollen», gehöre etwa auch Saviano. Ausserdem möchte Murgia heiraten und sich und die Menschen, die ihr nahestehen, an den Übergang gewöhnen. Dazu werde sie weiter Koreanisch lernen und darin nach Worten suchen, «die noch nie jemand gegen mich verwendet hat und die ich noch nie gegen jemanden verwendet habe».
Das Leben nach dem Tod stelle sie sich als Gefühlszustand vor, als Beziehungen, wenig anders als diejenigen, die sie hier erlebe. «Im Jenseits wird es eine kontinuierliche Gemeinschaft sein, ohne Unterbrechungen.» Angst vor dem Tod habe sie keine – «ich hoffe nur, dass ich sterbe, wenn Giorgia Meloni nicht mehr Premierministerin ist».
Michelle Steinbeck ist Autorin. Von Michela Murgia empfiehlt sie ausser den erwähnten Werken besonders den Roman «Accabadora».