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«Eine Grippepandemie», schrieb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2007, «ist die am meisten gefürchtete Sicherheitsbedrohung» der heutigen Zeit. Die Weltbank beziffert die möglichen ökonomischen Auswirkungen eines schweren weltweiten Influenzaausbruchs auf drei Billionen US-Dollar. Und auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) hält das Szenario einer sich global ausbreitenden übertragbaren Krankheit aktuell für eine der grössten Gefahren für die Schweiz. Zahlreiche Buchneuerscheinungen, Dokumentarfilme und Zeitungsartikel, die in diesem Jahr an die Spanische Grippe von 1918 erinnerten, schüren zudem die Angst vor «unsichtbaren Feinden» und «entfesselten Seuchen».
Tatsächlich hat der weitverbreitete Glaube an den medizinischen Fortschritt zumindest auf dem Gebiet der übertragbaren Krankheiten Risse erhalten. Bereits Anfang der 1990er Jahre warnten Forscher des US Institute of Medicine vor dem Hintergrund der globalen HIV/Aids-Krise, dass mit dem Ausbruch neuer sowie mit der Rückkehr bereits besiegt geglaubter übertragbarer Krankheiten gerechnet werden müsse. Wissenschafter und Wissenschafterinnen führen diesen Anstieg der Infektionskrankheiten zurück auf ein komplexes Ursachengeflecht aus veränderten menschlichen Lebensbedingungen, der Zerstörung natürlicher Lebensräume durch Klimawandel, Ressourcenabbau und Bevölkerungswachstum, aber auch auf sozioökonomische Faktoren wie Armut, fehlende Gesundheitsversorgung und gewaltsame Konflikte. Verflechtungen durch Waren- und Handelsströme, Migration und Tourismus machen eine schnelle weltweite Verbreitung von Krankheitserregern möglich.
Die im Jahr 2002 erstmals identifizierte Atemwegserkrankung Sars, die sich innert kurzer Zeit entlang stark frequentierter internationaler Flugrouten von Hongkong nach Singapur, Vietnam und Kanada ausbreitete, gilt als Paradebeispiel eines solchen Ausbruchs. Innerhalb weniger Monate erkrankten mehr als 8000 Personen in 25 Ländern auf fünf Kontinenten, 800 starben an der Erkrankung. Der Ebola-Ausbruch in Westafrika im Jahr 2014 und die dramatischen, wirkmächtigen Bilder von Gesundheitspersonal und Soldaten in Seuchenschutzanzügen schienen unsere Ängste und die Prophezeiungen der Wissenschaft ein weiteres Mal zu bestätigen. Allein in den drei am schwersten betroffenen Staaten Sierra Leone, Liberia und Guinea erkrankten 30 000 Menschen, 11 000 fielen der Epidemie zum Opfer.
Neue Risiken treffen auf mehr Angst und Vorsorge
Dass der Ausbruch, der von der WHO lange unterschätzt wurde, vor allem drei der ärmsten Länder traf, deren Gesundheitssysteme und Infrastruktur durch jahrelange Bürgerkriege dezimiert waren, und dass eine Ansteckung anders als etwa bei einer Grippe seltener ist, ging in der Berichterstattung meist unter. Denn obwohl eine weitere Ausbreitung der Krankheit über die westafrikanische Region hinaus verhindert werden konnte, so dass es in Ländern ausserhalb Afrikas zwar zu einzelnen Übertragungen durch bereits infizierte Patienten, nicht aber zu Krankheitsausbrüchen kam, war die medial transportierte Angst vor einer Pandemie, also einer globalen Ausbreitung des «Killervirus», wie es schnell genannt wurde, gross. Auch in der Schweiz beherrschte das Thema wochenlang die Nachrichten.
Unsere angstgesteuerte Wahrnehmung des Ebola-Ausbruchs ist vielleicht geradezu sinnbildlich für den paradoxen Umgang mit Risiken in den wohlhabenden Ländern Europas. Wir erfreuen uns einerseits der höchsten Lebenserwartung, profitieren von hochspezialisierter Spitzenmedizin, haben Zugang zu funktionierenden Gesundheitssystemen, zu Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen und leben in einer Weltregion, die frei ist von vielen der gefährlichsten übertragbaren Krankheiten. Andererseits hat die Beschäftigung mit drohenden Gesundheitsrisiken in unseren «somatischen Gesellschaften», wie der Soziologe Bryan S. Turner sie nennt, ein bislang ungekanntes Ausmass erreicht. Tausende heute erhältliche (seriöse und unseriöse) Gentests zur Diagnose individueller Krankheitsrisiken, aber auch zu Lifestylefragen (von der «Treuefähigkeit» des Partners bis zum sportlichen Talent der Kinder) lassen erahnen, wie sehr wir darum bemüht sind, unsere gesundheitliche Zukunft zu antizipieren und möglichst zu optimieren.
Dieser Trend scheint eng verwoben mit veränderten Risikodiskursen, die in den Gesellschaften vieler Industrieländer seit einigen Jahrzehnten feststellbar sind. So beschrieb Ulrich Beck bereits Ende der 1980er Jahre, dass die industrielle Modernisierung und die Lebensumstände global vernetzter Industriegesellschaften neuartige, unkontrollierbare und für den einzelnen kaum fassbare Risiken – und damit einhergehend auch eine neue Risikosemantik – hervorbrächten. Beispiele sind etwa die Sorge um die Freisetzung radioaktiver Strahlung,…