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Das Gedankenexperiment
Albert hat ein Fahrrad bekommen und hat sich vorgenommen, damit zu fahren. Er besorgt sich einen Stapel technischer Bücher und liest darin nach, wie ein Fahrrad konstruiert ist und wie die einzelnen Teile funktionieren. Danach weiss er, dass die Funktion der Pedale auf dem Hebelgesetz beruht, er weiss, dass die Kraft von den Pedalen mithilfe einer Kette auf das Hinterrad übertragen wird und nach welchen Gesetzen die Übersetzung funktioniert. Er begreift auch, dass es am Drehmoment der Räder liegt, dass das Fahrrad während der Fahrt nicht umkippt. Er kann das alles sogar mit physikalischen Formeln berechnen! Da er nun alles über das Fahrradfahren weiss, ist er bereit für die erste Fahrt: Er muss ja bloss noch aufzusteigen und losfahren. Also steigt Albert auf sein Fahrrad (so wie es im Buch steht) und tritt in die Pedale und – stürzt.
Als Albert ratlos neben seinem Fahrrad auf dem Boden liegt, kommt Marie vorbei. Marie hat keine Ahnung von Mathematik, Physik und Technik. Vom Hebelgesetz hat sie noch nie gehört, auch nicht von der Kraftübertragung mit einer Kette, „Drehmoment“ sagt ihr gar nichts. Aber sie weiss, wie man Fahrrad fährt. Sie steigt auf Alberts Fahrrad und fährt davon.
Das Gedankenexperiment legt nahe, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Albert und Marie gibt. Und zwar ist dieser Unterschied entscheidend dafür, dass es Marie gelingt, mit dem Fahrrad zu fahren, Albert hingegen nicht: Marie weiss, wie man Fahrrad fährt, Albert weiss es nicht. Da das Gedankenexperiment davon ausgeht, dass Albert alles über das Fahrradfahren weiss, stellt sich die Frage: Was weiss Marie, was Albert nicht weiss, wenn Albert doch alles über das Fahrradfahren weiss?
Den Unterschied kann man genauer fassen, wenn man zwischen zwei Formen des Wissens unterscheidet, dem „Wissen, dass“ (knowing that) und dem „Wissen, wie“ (knowing how). Wissen-Dass kann man als „propositionales Wissen“ bezeichnen, Wissen über Dinge oder Sachverhalte, das man in Sätzen der Form wiedergeben kann: „S weiss, dass p“, wobei „p“ für eine Proposition steht (z.B. „Albert weiss, dass Fahrräder zwei Räder haben.“). Sätze, die ein Wissen-Wie ausdrücken, haben offenbar eine andere Form: „S weiss, wie man T tut“, wobei „T“ für eine Tätigkeit steht (z.B. „Marie weiss, wie man Fahrrad fährt“). Die These, die das Gedankenexperiment nahelegt, lautet dementsprechend: Albert hat ein vollständiges Wissen-Dass über das Fahrradfahren, aber es fehlt ihm das Wissen-Wie. Das vollständige Wissen-Wie ist nicht hinreichend, um Fahrrad zu fahren, es braucht auch Wissen-Wie.
Aus dieser Gegenüberstellung von Wissen-Dass und Wissen-Wie ergeben sich zwei philosophisch interessante Fragen:
1) Wissen-Dass und Wissen-Wie sind offenbar zwei Typen von Wissen – sind diese beiden Typen aber wesentlich voneinander verschieden oder lässt sich der eine auf den anderen zurückführen?
2) Wenn Wissen-Dass und Wissen-Wie tatsächlich wesentlich voneinander verschieden sind, wie lässt sich der wesentliche Unterschied genauer erfassen?
Wenn man auf Frage 1) antwortet, dass sich Wissen-Wie immer auf Wissen-Dass zurückführen lässt, vertritt man einen reduktionistischen Standpunkt. Demzufolge kann man „S weiss, wie man T tut“ immer durch einen Satz ersetzen von der Form „S weiss, dass p und dass q und dass…“. In Bezug auf das Gedankenexperiment kann man dann sagen: Wenn Albert wirklich alles über das Fahrradfahren weiss, dann weiss er auch, wie man Fahrrad fährt. Das Problem bei diesem Standpunkt ist aber, das propositionale Wissen vollständig anzuführen, das hinreichend wäre, um von Wissen-Wie zu sprechen. Ausserdem kann man dagegen einwenden: Auch wenn man alles nötige propositionale Wissen aufzählt, hat man mit einem Satz wie „S weiss, dass p und dass q und dass …“ nicht den Sinn eines Satzes der Form „S weiss, wie man T tut“ erfasst – den Reduktionisten entgeht gerade das Wesentliche.
Wenn die Anti-Reduktionisten mit diesen Einwänden Recht haben, so haben sie die Aufgabe zu sagen, was denn eigentlich dieses Wesentliche ist, das den Reduktionisten entgeht. Sie müssen also eine Antwort auf Frage 2) geben. Die am meisten Erfolg versprechenden Antworten sind, dass es sich bei Wissen-Wie um Fähigkeiten oder Dispositionen handelt, also um Verhaltensweisen, die jemand unter bestimmten Bedingungen an den Tag legt. Eine Person, die weiss, wie man Fahrrad fährt, verfügt zum Beispiel über die Disposition mehr oder weniger geschickt zu fahren; jemanden zu korrigieren, der es falsch macht; jemandem Tipps zu geben, wie man es macht usw. Dagegen können die Reduktionisten nun wieder einwenden: Eine Disposition beruht auf den Eigenschaften des Dinges, das die Disposition hat (z.B. die Disposition von Glas, zerbrechlich zu sein, beruht auf den physikalischen Eigenschaften von Glas). Wenn Wissen-Wie als Disposition zu verstehen ist, kann man alle Eigenschaften aufzählen, über die eine Person verfügen muss, damit man sagen kann, sie weiss, wie man T macht. Eine solche Aufzählung repräsentiert das Wissen-Wie einer Person in propositionaler Form, d.h. in der Form des Wissen-Dass.
Wer hat nun Recht? Es scheint, dass es auf beiden Seiten gute, aber keine schlagenden Argumente gibt. Vielleicht hilft es aber, wenn man einen Aspekt betrachtet, der in der Diskussion kaum berücksichtigt wird: den körperlichen Aspekt. In den typischen Fällen von Wissen-Wie geht es um die Ausübung einer körperlichen Tätigkeit (Kochen, Fahrradfahren, Klavierspielen usw.). Geht man zurück auf die einfachsten körperlichen Bewegungen, die wir absichtlich ausführen können (sog. „basic actions“), kann kaum davon die Rede sein, dass propositionales Wissen im Spiel ist. Ich brauche nichts darüber zu wissen, wie zum Beispiel das Heben meines Arms zustande kommt, ich benötige dazu keine Anleitung und wir können auch gar nicht erklären, wie wir es machen. Die ganze Erklärung, wie man den Arm hebt, besteht darin, dass ich meinen Arm heben will und er sich daraufhin hebt.
Wie man den Arm hebt, müssen wir vermutlich nicht erst lernen. Hingegen muss man das Laufen lernen, das Fahrradfahren, das Kochen usw. Was man dabei lernt, ist aber nicht (oder nicht nur) Wissen über etwas (Wissen-Dass), sondern wir lernen, wie man bestimmte körperliche Tätigkeiten ausführt. Das heisst: Wir lernen, bestimmte Bewegungsabläufe bewusst, mit Absicht und mehr oder weniger kontrolliert zu aktivieren und auszuführen. Darin liegt meines Erachtens der Kern des Wissen-Wie. Es geht einerseits um etwas Körperliches, nämlich um das Beherrschen von Bewegungsabläufen; andererseits ist es etwas Mentales – deshalb kann man von „Wissen“ sprechen –, weil es um Bewegungsabläufe geht, die wir bewusst und mit Absicht ausführen, kontrollieren, korrigieren und erklären können.
Wie beim einfachen Heben des Arms ist es uns aber letztlich völlig schleierhaft, was zwischen dem mentalen Auslösen und der tatsächlichen Bewegung passiert, d.h. auf dem Weg vom Mentalen über unser Gehirn und die Nerven bis zu den Muskeln. Selbst wenn uns die Neurologie eine gute Erklärung dafür liefern könnte und wir alles darüber wüssten, wie wir mit Absicht eine körperliche Bewegung auslösen können (Wissen-Dass), wäre dies irrelevant, sowohl dafür, wie wir uns Wissen-Wie aneignen, wie auch für unser Verständnis davon, was Wissen-Wie ist. Wissen-Dass ist nicht wesentlich im Spiel, wenn es um die Beherrschung von Bewegungsabläufen geht. Genau darum geht es aber beim Wissen-Wie.
Worin besteht also der Unterschied zwischen Albert und Marie im Gedankenexperiment? Was weiss Marie, was Albert nicht weiss? Die einfache Antwort lautet: Albert kann die Bewegungsabläufe, die beim Fahrradfahren nötig sind, nicht bewusst, mit Absicht und kontrolliert aktivieren und ausführen; deshalb weiss er nicht, wie man Fahrrad fährt.
Ryle, Gilbert: „Knowing That and Knowing How“. In: The Concept of Mind. London (Penguin Books) 2000, Chapter 2, 26-60.
Fantl, Jeremy: „Knowledge How“. Edward N. Zalta (ed.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Edition), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/knowledge-how/>.