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Rundgang im heutigen Bophal
In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984 entwichen in Bhopal 40 Tonnen hochgiftiges MIC-Gas (Methylisocyanat) aus einem Tank der amerikanischen Pestizid-Fabrik von Union Carbide. Das Gas legte sich in einer schweren Wolke über die zentralindische Stadt und tötete auf der Stelle ungefähr 15'000 Menschen, eine halbe Million wurde verletzt.
Heute, dreissig Jahre nach dem Unfall, grasen Büffel auf dem ehemaligen Gelände von Union Carbide. Stählerne Fabriktürme ragen skelettartig aus den Büschen. Hunde liegen zusammengerollt im leeren Kontrollraum.
Tota Ram Chouhan hatte bis zum Unfall in der Fabrik gearbeitet. Für ihn ist klar, was zur Katastrophe geführt hat: «Fahrlässigkeit. Überall wurde gespart. Sicherheitsvorschriften wurden nicht eingehalten. Gut ausgebildete Arbeiter wurden durch Hilfsarbeiter ersetzt und niemand wusste, wie gefährlich das Gas ist.»
Union Carbide kam billig davon. Fünf Jahre nach der Katastrophe zahlte die Firma in einer aussergerichtlichen Einigung 470 Millionen Dollar an die indische Regierung: 1100 Dollar für die Angehörigen von Toten, 550 Dollar für Verletzte. Die meisten erhielten das Geld, als sie längst verschuldet waren. Ein paar Manager kamen Jahre später mit milden Strafen davon. Warren Anderson, der damalige Chef von Union Carbide, floh in die USA und wurde bis zu seinem Tod nicht bestraft.
Die Katastrophe dauert an
Die Katastrophe aber geht weiter. Fabrikarbeiter Chouhan zeigt auf grasbewachsene Hügel: «Union Carbide versenkte seinen Giftmüll seit 1969 in Gräben in und um das Fabrikgelände. Nicht ein Gramm des Giftmülls wurde seither weggeschafft. Er vergiftet weiterhin unseren Boden, unser Wasser und unsere Nahrung. Wir werden langsam vergiftet.»
Eine Studie des indischen Instituts für toxische Studien bestätigt das. Laut ihr liegen weiterhin 8000 Tonnen Giftmüll auf dem Gelände, 30'000 Menschen tranken in den vergangenen Jahren verseuchtes Wasser.
Wir werden langsam vergiftet.
Doch für Babulal Gaur ist das blanker Unsinn. Gaur war bis vor kurzem der Minister für die Gas-Opfer, um die er sich eigentlich hätte kümmern müssen. Für den 85-Jährigen ist das Kapital Chemie-Unfall Geschichte, Kranke gebe es keine mehr. «Auf dem Fabrikgelände gibt es kein Gift mehr. Das ist alles Propaganda von Aktivisten und Wissenschaftlern. Ich war oft auf dem Gelände, habe den Boden berührt und mein Gesicht mit der Erde gewaschen. Nach dreissig Jahren hat der Regen den Boden reingewaschen.»
Keine Entschädigung für Folge-Generation
Unweit von Gaurs grossem Haus liegt die Sambhavna Klinik. Hier warten die Gasopfer und ihre kranken Kinder geduldig bis sie an der Reihe sind. Satiyu Sarangi leitet die Klinik, die durch Spenden finanziert wird. «Die meisten Patienten kommen mit chronischen Krankheiten: Atem-, Augen- und Magenprobleme, Schwäche, Bluthochdruck, Krebs, Menstruationsprobleme und Depressionen. Es gibt Missbildungen bei Neugeborenen, zudem sind ihre Atem-, Immun- und Muskelsysteme oft geschwächt.»
Für diese nächste Generation von Opfer zahlte niemand Entschädigung. Union Carbide wurde 2001 vom amerikanischen Chemie-Riesen Dow Chemical aufgekauft. Dow weist jede Verantwortung zurück.
Wenigstens zwei Erfolge
Und doch: es gibt sie, die kleinen, hart erkämpften Erfolge. Unter dem Druck von Menschenrechtsaktivisten fordert die Zentralregierung in Delhi inzwischen zusätzliche 1,2 Milliarden Dollar von den USA. Dieser Rechtsstreit wird noch Jahre dauern.
Nach Protestmärschen, Hungerstreiks und öffentliche Kampagnen liess die Regierung vor einigen Monaten endlich Wasserleitungen in die verseuchten Viertel legen. Jetzt gibt es eine halbe Stunde sauberes Trinkwasser, jeden zweiten Tag. Genug zum Überleben, sagen die Bewohner. Im Kampf gegen die US-Multis und die Regierung sind sie bescheiden geworden.
Videos zur Katastrophe und den Folgen:
1984:
Die kommentarlosen TV-Bilder von 1984 erschüttern: Tausende von Familien erwachen hustend und keuchend, in Angst um ihr Leben. Mindestens 10'000 Menschen sterben einen qualvollen Tod, Hunderttausende leiden bis heute unter den Folgeschäden.
2004:
Tonnen von giftigem Material lagern heute noch auf dem verlassenen Fabrikgelände und belasten Böden und das Grundwasser. Schweizer Forscher haben nun einen Sanierungsplan vorgelegt. Die Sendung «Menschen, Technik, Wissenschaft» (MTW) blickt mit einem Wissenschafter in Bhopal auf die Chemiekatastrophe zurück.
2010:
26 Jahre nach der Katastrophe protestierten 10'000 Personen gegen das zu milde Urteil eines Gerichts im Falle Bhopal. 10vor10 berichtete darüber.
Die Stunden danach
Eine Reportage schildert die Ereignisse direkt nach dem Unfall. Eine Betroffene erinnert sich. Lesen sie hier.
Public Eye Award für Dow?
Der Konzern Dow Chemical ist nominiert, weil er auch dreissig Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal jede Verantwortung für den Chemieunfall ablehnt, wie die Erklärung von Bern und Greenpeace Schweiz mitteilten. Explodiert war ein Tank der US-Pestizid-Fabrik von Union Carbide, das heute eine Tochtergesellschaft von Dow ist.