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Das Angebot an Frachtschiffreisen, gerade nach Übersee, ist seit der Pandemie zusammengebrochen. Die wenigen grösseren Reedereien, die noch Frachtschiffpassagen auf ihren Schiffen anboten, haben aus verschiedenen Gründen entschieden, keine Passagier*innen mehr mitzunehmen.
Durch den Suezkanal: Frachtschiffreise im Jahr 1 nach der Pandemie
Als sich abzeichnet, dass das Fracht- und Passagierschiff «St. Helena» im Frühling 2023 die Mitfahrt von Passagier*innen wieder ermöglicht, ergreift Ship'N'Train Travel-Teamleiter Urs Steiner die Gelegenheit. In seinem Bericht nimmt er Sie mit auf seine Fahrt durch den Suezkanal.
Die Vorgeschichte
Ursprünglich war geplant, die Passagier*innen im saudischen Hafen Duba, nahe der Grenze zu Jordanien, einzuschiffen. Da die Hafenbehörden in Saudi Arabien jedoch Schwierigkeiten machten, wurde die Einschiffung nach Suez verlegt.
Nach einem für Frachtschiffreisende gewohnten Hickhack mit einem Einschiffungsdatum, das vom 26. zum 27., dann zum 23. und schliesslich wieder zum 26. sprang (und mich den Totalverlust eines Flugtickets nach Kairo kostete, ich hätte es ja wirklich besser wissen müssen…), wurden eine weitere Schweizer Passagierin und ich an einem Flughafenhotel in Kairo vom Agenten abgeholt und in einer klimatisierten, mit bequemen Ledersitzen ausgestatteten, Limousine in knapp zwei Stunden nach Suez gefahren, zur Einschiffung auf die «St. Helena».
Das Schiff
Die «St. Helena» wurde 1990 in Schottland als Versorgungsschiff gebaut: Für Fracht und Passagiere für die im Südatlantik gelegene Insel St. Helena. Nachdem im Herbst 2017 auf St. Helena ein Flughafen eröffnet wurde, wurde sie Anfang 2018 ausser Dienst gestellt. Nach einem Intermezzo als Basisschiff für eine Sicherheitsfirma im Roten Meer, die zusätzliches Wachpersonal auf Frachtschiffe schickte, um diese vor den zu jener Zeit häufigen Piratenüberfällen zu schützen, nahm die elektrische Rallye-Serie «Extreme E» die «St. Helena» unter Vertrag. Seit 2021 wird das Schiff nun an den Veranstaltungsorten als Hauptquartier genutzt. Sie dient Fahrern, Technikern, Sponsoren und Gästen als Unterkunft und Eventschiff für verschiedene Hospitality-Anlässe. Nachdem sie alle wieder abgereist sind, nimmt die «St. Helena» ihre zweite Funktion wahr: Sie transportiert die Infrastruktur der Rennserie von einem Veranstaltungsort zum anderen.
Die Einschiffung
Die Einschiffung von Passagieren auf ein Frachtschiff in Ägypten wird von den Reedereien schon seit vielen Jahren nicht mehr angeboten. Neben den hohen Kosten ist die Willkür, sprich Korruption, unberechenbar. Im Grossen und Ganzen verläuft unsere Einschiffung aber problemlos. Zwar nimmt unser Agent vor der Sicherheitskontrolle mein Schweizer Taschenmesser und meine Spiegelreflexkamera zu sich – da könne der Zoll ein Riesending draus machen mit Formularen und Kosten. Gleichzeitig wünscht er, dass ich ein Paket mit neuen Seekarten in mein Gepäck verstaue (was ich schon eher bedenklich finde und höflich ablehne).
Die nächste Etappe
Das Gepäck wird kommentarlos geröngt. Bei der Immigration werden wir zwar wie Verbrecher*innen vor eine weisse Leinwand gestellt und aus acht Metern Entfernung von einem in einem abgedunkelten Büro sitzenden Beamten misstrauisch begutachtet. Schliesslich: Der Ausreisestempel wird ohne Fragen in den Pass gerammt und wir sind somit bereit für die nächste Etappe.
Es geht los: Unsere zehntägige Passage durch den Suezkanal bis nach Gibraltar
Mit einem Motorboot fahren wir rund 15 Minuten zur vor Anker liegenden «St. Helena». Über eine seitliche Gangway gelangen wir an Deck, wo uns Iwan, der kolumbianische Food & Beverage Manager, erwartet und begrüsst.
Die Crew
Die «St. Helena» ist auf unserer Reise mit 39 Personen besetzt – eine deutlich grössere Crew, als ein normales Frachtschiff hat. Je nach Stand der Technik werden zwischen zwölf und 24 Personen benötigt. Die «St. Helena» ist mit Baujahr 1990 für ein Schiff schon eine «ältere Lady». Während die Innenräume optisch massiv aufgewertet wurden und auch die Technik auf der Kommandobrücke modernsten Anforderungen genügt, ist das technische Innenleben des Schiffes zum Teil doch in die Jahre gekommen. Deshalb ist auf der «St. Helena» neben der nötigen nautischen und Maschinenraum-Crew, auch ein Elektriker und ein Sanitär an Bord, um die «alte Lady» in Schuss zu halten. Zudem bleibt auch ein Teil des Hotel- und Restaurantpersonals während diesen Überführungsfahrten an Bord. Neun Nationalitäten kommen zusammen: Philippinen, Ost- und Südosteuropa bis hin zu Grossbritannien und Kolumbien.
Der Suezkanal
Nach der Einschiffung informiert uns der norwegische Kapitän Heltberg, dass wir voraussichtlich um 04:30 Uhr nachts mit der Suezkanalpassage starten. Voraussichtlich. Tatsächlich ist es so: Kurz vor Mitternacht «verholen» wir an einen neuen Ankerplatz näher am Kanaleingang. Kurz vor zwei Uhr in der Früh dann, startet der Motor und wir beginnen bereits mit dem ersten Teil des Suezkanal-Transits.
Warten
Während die Sonne im Dunst über dem Horizont erscheint, liegt die «St. Helena» im Bitter Lake vor Anker, umgeben von einer Vielzahl von Massengutfrachtern, die, wie wir, auf die Weiterfahrt nach Port Said warten. Im Verlaufe des späteren Vormittags und Mittags schlängeln sich verschiedene Container-, Massengut- und Spezialschiffe ihren Weg durch die wartenden Schiffe. Auch die «CMA CGM Champs Elysee» der französischen Reederei CMA CGM passiert uns. Sie ist eines aus einer Serie modernster Containerschiffe mit Flüssiggas-Antrieb.
Nord-Süd oder Süd-Nord?
Am frühen Nachmittag nehmen wir Fahrt auf: Durch die Wüste in Richtung Norden geht es. Durch den stetigen Ausbau des Suezkanals, mit zwei Kanälen, kann seine Kapazität laufend gesteigert werden. Während man bei einer Nord-Süd-Passage durch den alten Kanalteil fährt, vorbei an der ägyptischen Stadt Ismailia, kann man bei einer Süd-Nord-Passage Ismailia nur in der Distanz erahnen. Dafür sieht man, neben unzähligen windschiefen Wachtürmen des ägyptischen Militärs, «Neu Ismailia», eine aus der Wüste gestampfte Retortenstadt. Eindrücklich. Sie besteht aus 57 000 Wohneinheiten für rund 75 000 Bewohner*innen. Unter anderem soll sie mit einer modernen U-Bahn, die unter dem Kanal durchgeht, mit der alten Stadt verbunden werden.
Als sich die Sonne im Westen langsam dem Horizont nähert, rauscht auf der Backbordseite ein Schnellzug aus Port Said in Richtung Ismailia. Und auf der Steuerbordseite joggt eine Einheit des ägyptischen Militärs im Sporttenue dem Kanal entlang.
Die Passagiereinrichtungen
Diese duale Funktion des Schiffes – einmal als Transportschiff und einmal als stationäres Hotelschiff – erklärt den edlen Look der Innenräume. Die Tintin-Lounge (basierend auf dem Comic Tim & Struppi) auf dem A-Deck zum Beispiel wirkt hell, modern und ist mit bequemen Sesseln und Sofas ausgestattet. Auf dem Fernseher kann man sich Filme, die man auf seinem Laptop gespeichert hat, anschauen. Die hellen Teppiche, die Lichttechnik und die eigens für diese Lounge angefertigten Tim & Struppi-Comics tragen das ihre dazu bei, dass die Lounge einladend wirkt. Schade natürlich, dass die Sicht nach vorne durch die Container verstellt ist, aber eben, wir reisen auf einem Frachtschiff.
Auf dem Promenaden-Deck liegen sowohl das grosszügige Aussendeck sowie die zweite Lounge, die Blue Parrot-Lounge. Während an der Steuerbord- und Backbordseite der Lounge Sofas für die Frachtschiffpassagier*innen stehen, dient die Mitte des Raums als Zwischenlager für die nur während den erwähnten Veranstaltungen verwendeten Sesseln und Sofas. Auch das Aussendeck dient als Veranstaltungsort mit gemütlichen Lounges, die über das gesamte Deck verteilt sind. Während der Frachtschiffreise werden diese wettergeschützt hinter der Blue Parrot-Lounge aufbewahrt, was eine für Frachtschiffreisende ungewöhnlich grosse und freie Deckfläche ergibt.
Jeden Morgen stellt die Crew zwei bequeme Sessel an die Rückwand, in denen man, während einem die Sonne das Gesicht wärmt, wunderbar lesen und dösen kann. Der Unterschied zur alten, eher bieder eingerichteten RMS (= Royal Mail Ship) «St. Helena», ist frappant. Gerade in der Tintin-Lounge fühle ich mich ausserordentlich wohl.
Die Seereise
Die Tage auf See verlaufen so, wie sie auf jedem Frachtschiff ablaufen: Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind die einzigen Fixpunkte des Tages. Das Schiff fährt oft lange Strecken auf See; man muss sich also genau überlegen, wie man die Zeiten zwischen den Mahlzeiten füllen möchte. Natürlich gibt es den Schwatz auf der Kommandobrücke mit dem wachhabenden Offizier oder einen kurzen Austausch mit einem anderen Besatzungsmitglied, was aber nicht tagfüllend ist. Mein Tipp: Nehmen Sie lieber zu viele Projekte mit an Bord als zu wenige. Wenn Sie am Schluss nicht alles davon gemacht haben, umso besser.
Ankunft
Unsere geplante Ankunft in Gibraltar wird nicht ganz so funktionieren, wie ursprünglich angedacht. Zahlmeisterin Alina erklärt uns, dass wir im nahegelegenen spanischen Hafen Algeciras am 5. frühmorgens ankommen. In Algeciras kommt ein neuer Passagier an Bord. Und wir können den Shuttle nehmen, der den neuen Passagier an Bord bringt. Für mich passt der neue Ankunftsort perfekt. Denn ich reise mit dem Zug zurück in die Schweiz. Algeciras hat – im Gegensatz zu Gibraltar – einen Bahnhof.
Später heisst es aber, dass wir Algeciras am 3. am frühen Nachmittag erreichen und am 4. nach dem Frühstück ausschiffen (perfekt, das reicht locker, um bis nach Barcelona zu kommen!). Aber noch sind wir nicht dort. Gerade fahren wir zwischen Sizilien und Malta durch. Trotz schönstem Wetter sehen wir die Inseln aber nicht.
Schöner Abschluss
Das erste Land, das wir nach Port Said wieder sehen, ist die vor der tunesischen Küste liegende Insel La Galite. Einige Tage später ist auf unserer Backbordseite während eines ganzen Tages die gebirgige Küste von West-Algerien zu erkennen. Am letzten Tag fahren wir entlang der südspanischen Küste, staunen über dessen schneebedeckte Berge, sehen durch das Fernglas die Küstenorte Málaga und Marbella und erblicken kurz vor dem Ziel Delfine, die entspannt den Kurs unseres Schiffes kreuzen. Was für ein schöner Abschluss dieser Frachtschiffreise.
Das Essen und Trinken an Bord
Einen Wandel Richtung Moderne, im Vergleich zu den RMS-Zeiten, fand auch im Speisesaal statt. Vor allem am Abend, wenn der Tisch für die Passagier*innen weiss gedeckt ist und die Vorhänge gezogen sind, sieht das ganze edel aus. Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Frachtschiff mit Silberbesteck esse. Trotz der Grösse des Raumes fühlen wir zwei uns nicht verloren, denn die Offiziere und die Crew essen in ihren eigenen Speiseräumen. Sollte sich nur ein Passagier an Bord befinden, kann das unter Umständen komisch wirken. Es ist zu vergleichen mit früher. Auf den Containerschiffen, unter französischer Flagge der Reederei CMA CGM, wurde ein einzelner Passagier immer an den Passagiertisch gesetzt, der Kapitän und die Offiziere dinierten in einigen Metern Entfernung.
Ähnlich wie auf den französisch geführten Containerschiffen können wir auf Wunsch zum Mittagessen und Abendessen Wein trinken. Einige Personen im Team, die uns bedienen, sind sogenannte Trainees, also neu im Bedienen von Gästen. Entsprechend sind wir Teil des Trainings. Einmal schenkt mir ein Trainee so grosszügig Rotwein nach, dass mein Glas WIRKLICH gut gefüllt ist (zu 90 Prozent voll). Der Grund: Der Trainee hat gesehen, dass nur noch wenig Rotwein in der Flasche übrig gewesen ist und hat diesen Rest einfach nachgeschenkt. Ich nehme es mit Humor, denn ausnahmslos alle, die uns bedienen, sind äusserst freundlich, herzlich und zuvorkommend. Und nicht vergessen: Wir sind auf einem Frachtschiff und nicht auf einem 5-Sterne-Kreuzfahrtschiff unterwegs.
Die Mahlzeiten sind grösstenteils sehr gut und vielseitiger, als man es auf einem Frachtschiff erwarten würde. Zum Mittagessen und Abendessen stehen jeweils zwei Vorspeisen (einmal Salat, einmal Suppe), zwei Hauptgänge mit zwei Beilagen und drei verschiedene Desserts (Glace, Käse, Früchte und zwischendurch Tortenstücke) zur Auswahl. Plus vier Standardmenüs, die man immer bestellen kann, sofern man nichts im Tagesmenü findet.
Die Ausschiffung
Wir erreichen Gibraltar mit einigen Stunden Verspätung, da die Ausläufer eines Sturmtiefs im Golf von Lyon das Schiff etwas ausgebremst haben. Aber alles im grünen Bereich. Ich buche den Zug nach Madrid (15:03 Uhr Abfahrt), das Hotel in Madrid und die folgenden Zugfahrten ab Madrid nach Basel (wussten Sie, dass diese Reise in nicht viel mehr als 12 Stunden möglich ist?).
In der Zwischenzeit doch etwas misstrauisch geworden was Änderungen betrifft, buche ich Bahnbillette, die umbuchbar sind. Der neue Passagier sollte um 11 Uhr in Gibraltar landen. Wenn der Flug pünktlich ist, sollte er spätestens um 13 Uhr an Bord sein. Alina, die Zahlmeisterin, rechnet auf jeden Fall damit, dass wir um 13 Uhr mit dem Shuttle von der auf der Reede liegenden (vor Anker liegenden) «St. Helena» an Land gebracht werden.
Kommt der Shuttle oder kommt er nicht?
Um 12:30 Uhr taucht tatsächlich ein Boot auf, das zuerst zu einem in der Nähe liegenden Massengutschiff fährt, wo anscheinend bestelltes Material geliefert werden muss. Statt anschliessend auf dem Rückweg bei uns zu halten, fährt der Shuttle ungerührt an uns vorbei wieder in Richtung Hafen. 13 Uhr: kein Shuttle in Sicht, 13:15 Uhr: kein Shuttle in Sicht, 13:30 Uhr: kein Shuttle in Sicht, 13:45 Uhr: Da kommt er wieder und mit ihm die Hoffnung, dass doch noch alles gut kommt. Auch die seit fast einer Stunde bereitstehenden Seeleute, die uns beim Ausschiffen behilflich sein sollen, drücken ihre Zigaretten aus und machen sich bereit.
Kurz nach 14 Uhr bin ich und die ebenfalls ausschiffende Mitpassagierin an Bord des Shuttles und wir holpern über die aufgewühlten Wasser der Bucht in Richtung Hafen, wo wir kurz vor 14:30 Uhr an Land gehen und vom Agenten begrüsst werden. Er bringt uns zur Immigration und mich dann noch zum Bahnhof.
Die Fahrt zur Immigration ist kurz. Trotzdem steigt die Nervosität bei mir, als der freundliche Beamte am Schalter die Daten meines Reisepasses zum dritten Mal versucht ins System einzugeben, das offensichtlich nicht so funktioniert, wie es sollte. Nach einer kurzen Diskussion einigen sich der Beamte und der Agent darauf, dass wir einreisen dürfen und er in einer Stunde wieder vorbeikommen soll, um die Formalitäten abzuschliessen.
Pünktlich
Um 14:45 Uhr geht es wieder ins Auto und Richtung Bahnhof. Dass Rotlichter immer dann so lange rot sein müssen, wenn man es eh schon eilig hat ... Zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges hält der Agent vor dem Bahnhof von Algeciras. Eine hastige Verabschiedung und ab in Richtung Perron, denn der 15:03 Uhr-Zug ist der letzte Zug nach Madrid für heute.
Einmal abgefahren, gönne ich mir die Packung Erdnüsse und die Fanta, die ich vom Schiff mitgenommen habe. Die Rückreise in die Schweiz kann beginnen – übrigens, inklusive meinem Taschenmesser und meiner Spiegelreflexkamera, die mir der Agent in Suez nach den Behördenkontrollen unaufgefordert wieder zurückgegeben hat.
Das einzige Mysterium, das bleibt, ist, was aus dem Seekarten-Paket geworden ist, das ich für den Agenten in meinem Gepäck hätte mitnehmen sollen.
Schiffsbeschreibung und geplante Reisen
Die Reisen der «St. Helena» sowie die detaillierte Schiffsbeschreibung finden Sie hier.