Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/136

Anthropologenkongreß.
Die 21. allgemeine Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte tagte vom 11.-14. Aug. 1890 in Münster. [* 2] Die erste Sitzung wurde von dem Vorsitzenden Prof. Waldeyer - Berlin [* 3] mit einer Ansprache eröffnet, welche die Beziehungen Westfalens zur Urgeschichte kennzeichnete. Das Land der roten Erde sei eins der ältesten Kulturgebiete unsers deutschen Vaterlandes, das Land, in welchem sich wie kaum irgendwo anders bei uns verbriefte Geschichte und Urgeschichte die Hand [* 4] reichen, es sei aber auch das Land, in welchem zum erstenmal das Deutschtum als geschlossen wirkende Macht in der Abwehr gegen die Fremden erfolgreich in die Schranken trat, so erfolgreich, daß die Varusschlacht im Teutoburger Walde die ganze damalige Kulturwelt erschütterte.
Jener Waffenklang töne heute noch an unser
Ohr
[* 5] und solle immerdar daran tönen, nicht mehr mahnend zum
Krieg, sondern zur Einigkeit aller deutschen
Stämme in festem Zusammenhalten zu friedlicher
Arbeit. Redner gab nun eine kurze
Geschichte der
Gesellschaft. Auf der
Naturforscherversammlung in
Innsbruck
[* 6] 1869 entstand in der
anthropologischen
Sektion der
Plan, eine deutsche
anthropologische
Gesellschaft zu gründen. 1870 gelangte diese
Gründung in
Mainz
[* 7] zum
Abschluß.
Von den Leistungen der
Gesellschaft ist, abgesehen von ihrem Korrespondenzblatt, anzuführen die in
Arbeit befindliche prähistorische
Karte von
Deutschland,
[* 8] die Vereinbarung über die
Methoden der Körpermessung, namentlich betreffs des
Schädels, die Katalogisierung
der sämtlichen in deutschen
Museen befindlichen
Schädel, die Anregung zu der erfolgten Untersuchung der
germanischen
Völker auf die
Farbe ihrer
Haut,
[* 9]
Haare
[* 10] und
Augen, die Verständigung mit den deutschen Staatsregierungen behufs
Schutzes der
Altertümer und behufs Erweiterung der ethnologischen Sammlungen mittels Inanspruchnahme der
Marine etc. Was den
Stand der urgeschichtliche Forschung in
Westfalen
[* 11] betrifft, so sind zwar beachtenswerte Ergebnisse gewonnen: es
besteht eine westfälische
Gruppe der
Deutschen
anthropologischen
Gesellschaft, die namentlich in
Hamm,
[* 12]
Iserlohn
[* 13] und
Letmathe ihre
Pflegestätten besitzt, es sind über die westfälischen
Höhlen, so neuerdings über die Bilsteiner
Höhle bei
Warstein, ausführliche
Untersuchungen angestellt; die bei
Hamm gefundenen Totenbäume (Baumstämme, so ausgehöhlt, daß ein
Leichnam gerade hineinpaßt)
waren schon früher Gegenstand der
Verhandlung in der
Anthropologischen
Gesellschaft, von
Schaaffhausen
sind viele
Ausgrabungen veranlaßt, aber doch bleibt gerade in
Westfalen noch viel zu thun übrig. - Nach den üblichen Begrüßungsreden
begannen die wissenschaftlichen
Verhandlungen mit einem
Vortrag von Prof.
Hosius -
Münster über die
Geognosie von
Westfalen mit
besonderer Berücksichtigung der für vorgeschichtliche Fundstellen wichtigen Formationsglieder.
Zwei geognostische Gebiete kommen allein für die Urgeschichte in Betracht: das Höhlengebiet und das Diluvium. [* 14] Die westfälischen Höhlen finden sich sämtlich im Stringocephalenkalk (Eifelkalk, Elberfelder Kalk, Massenkalk), einem festen, zähen, in sehr mächtigen Lagen anstehenden Kalkstein, der eben dieser Eigenschaften halber für Höhlenbildung besonders geeignet erscheint. Der Massenkalk, eins von den obern Gliedern des mittlern Devon, [* 15] kommt an vier gesonderten Stellen vor, und zwar zieht sich die eine von Hagen [* 16] über Letmathe, Limburg [* 17] und das Gönnethal ¶
forlaufend
nach Balda hin, die zweite, übrigens weniger zu Höhlen geeignete, ist das Plateau von Brilon, die dritte die Mulde von Attendorn, die vierte die Insel von Warstein. Zwischen 30 und 40 Höhlen sind erschlossen, alle mehr oder weniger voneinander verschieden, manche ganz trocken, andre mit Tropfstein oder Schlamm und Tropfstein in wechselnden Verhältnissen erfüllt. Manche enthalten organische Reste, andre wieder nicht. Der Lehm in den Höhlen enthält keine nordischen Geschiebe, das vorkommende Geröll entstammt sämtlich den in der Nähe anstehenden Gesteinen, und die gefundenen Feuersteine sind bearbeitet ebenso wie die vereinzelt auftretenden Bernsteinstücke.
Meist enthält der Lehm 8-9, selbst 14 Proz. phosphorsauern Kalk. Die organischen Reste umfassen 30-35 Säugetiere, 5-6 Vögel, [* 19] einige Amphibien und Schnecken, [* 20] sämtlich aus der Fauna der Gegenwart oder der ihr unmittelbar vorhergehenden Periode. So findet sich der Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne, der Höhlenwolf und Höhlenbär, letzterer besonders häufig. Der Riesenhirsch ist zweifelhaft, ebenso Bos priscus, dagegen mit Sicherheit erkannt das große und kleine Renntier, Bos primigenius, Pferd, [* 21] Nashorn, Elefant [* 22] und Mammut.
Hippotherium und Hippopotamus sind mehr als zweifelhaft. In den Höhlen der Lenne, dem erstbezeichneten Höhlengebiet, sind die genannten Tiere sämtlich vorhanden, in den übrigen nur teilweise und in wechselnden Verhältnissen. Reste menschlicher Thätigkeit, rohe Topfscherben, Holzkohle, bearbeitete Kieselschiefer, finden sich in verschiedenen Schichten, zuweilen gerade in den tiefsten, jedenfalls nie derart neben Mammutresten, daß man berechtigt wäre, eine gleichzeitige Existenz von Mensch und Mammut anzunehmen. Im Diluvium finden sich überhaupt keine Gegenstände aus der Hinterlassenschaft des Menschen, bez. scheint es, als wenn die hier und da gefundenen Geräte und Waffen [* 23] erst nachträglich in die betreffenden Erdschichten hineingeraten sind; erst die jetzige geologische Epoche zeigt sichere Spuren des Menschen.
Das Diluvium erfüllt einen großen Teil des Münsterschen Beckens und findet sich ferner am Teutoburger Wald, wo es bis 190 m aufsteigt. Von N. bis zur Lippe [* 24] enthält es nordische Geschiebe, südlich dieses Flusses Rheingeröll. Die Tierreste des Diluviums umfassen in der Hauptsache die großen Pflanzenfresser des Diluviums. Sie sind sicher in jener Zeit dort gewesen und nicht nachträglich hineingeraten; die Knochen [* 25] sind besser erhalten als die Knochen der Höhlentiere; merkwürdigerweise kommen sie gerade in den untersten Schichten zahlreich, in den mittlern spärlich, in den obersten gar nicht mehr vor.
Dies deutet auf ein Aussterben, eine Vertreibung der Tiere, jedenfalls veranlaßt durch die Eisverhältnisse der Diluvialzeit. Aus den eben angedeuteten Verhältnissen der Geschiebe ergibt sich, daß das nordische Eis [* 26] in der Vergletscherungsperiode mit den Gletschern der rheinischen Mittelgebirge etwa an der Lippe zusammengestoßen ist; diejenigen Tiere, welche nicht einen Ausweg nach der rheinischen Ebene fanden, gingen aus Mangel an Nahrung und Wärme [* 27] zu Grunde.
Nach dem wissenschaftlichen Jahresbericht des Generalsekretärs Prof. Ranke - München [* 28] erläuterte Landesbauinspektor Honthumb das Modell eines westfälischen Bauernhauses aus der Nähe von Osnabrück. [* 29] Nach langem Suchen hatte er das betreffende Haus als ein den reinen Typus des schon mehr entwickelten niedersächsischen Hauses noch möglichst getreu wiedergebendes ermittelt, genau vermessen und in 0,05 der natürlichen Größe nebst allem Mobiliar und Inventar in den entsprechenden Materialien nachbilden lassen.
In der zweiten Sitzung sprach Prof. Nordhoff über eine Reihe wichtiger vorgeschichtlicher Funde aus Westfalen, die er vorlegte, und gedachte dabei einer neuerdings mehrfach aufgetauchten Ansicht, der zufolge die Hünengräber (Riesenbetten) erst nach der Römerzeit errichtet sein sollen. Zur Begründung dieser Ansicht, die schon um deswillen nicht sehr wahrscheinlich ist, weil bei so jugendlichem Alter jener Denkmäler wohl noch Überlieferungen über ihre Entstehung und Bedeutung im Volk aufzuspüren sein würden, wird angeführt, daß auffallenderweise die römischen Schriftsteller, welche über Deutschland berichten, der Hünengräber nirgends Erwähnung thun, obschon vielfach die Römerstraßen gerade mitten durch die Steinsetzungen hindurchführen, daß ferner aber neben ältern Gegenständen solche neuern Ursprungs, namentlich auch Eisengerät, in den Hünengräbern gefunden werden.
Nach Tischler - Königsberg [* 30] sind aber diese Begründungsversuche hinfällig. Zunächst charakterisieren sich die megalithischen Denkmäler in ihren Einschlüssen an keramischen Gegenständen und Steingeräten so augenscheinlich als der jüngern Steinzeit [* 31] angehörig, daß die vereinzelten jüngern Gegenstände, die hin und wieder gefunden sein mögen, dagegen gar nicht in Betracht kommen. Die Denkmäler sind so oft (von den alten Schatzgräbern) durchwühlt, daß bei diesen Besuchen sehr wohl Geräte, Werkzeuge [* 32] u. dgl. von den Schatzgräbern verloren, bez. zurückgelassen sein können.
Daß die römischen Schriftsteller über die Hünengräber schweigen, erklärt sich leicht, da in damaliger Zeit überhaupt noch nicht eine so eingehende, umfassende und objektive Art der Reisebeschreibung üblich, zudem aber schon damals im Volksbewußtsein nichts mehr über Entstehung und Bedeutung der Steinmassen übriggeblieben war, also auch dieser Anreiz zur Aufmerksamkeit fehlte. Daß Römerstraßen durch die Riesenbetten gehen, mag durch die Lage mancher der letztern bedingt, oft aber auch Werk des Zufalls gewesen oder durch Kuriositätensucht veranlaßt worden sein, insofern die Erbauer die Steine möglicherweise aus der Nachbarschaft an die Straße versetzten.
Den zweiten Vortrag hielt Prof. Virchow - Berlin über kaukasische und kleinasiatische Prähistorie. Anknüpfend an die alte Anschauung, als hänge der Kaukasus zusammen mit der Wiege des Menschengeschlechts, als sei von ihm alle Kultur ausgegangen und auch die Bronzedarstellung habe von dort ihren Ausgang genommen, gedachte Redner neuerer Beobachtungen auf dem Gebiete des Bergbaues in der Gegend von Batum, [* 33] dem alten Chaldäa, wo Werner Siemens ein Kupferbergwerk errichtet hat.
Man ist dort auf ausgedehnte Halden, von altem Bergbau [* 34] herrührend, gestoßen, aber auch dieser alte Bergbau war auf Kupfer [* 35] beschränkt, und nirgends hat man eine Spur von Zinn, dem zweiten Bestandteil der antiken Bronze, [* 36] gefunden, wenn nicht die Erzählung eines Aufsehers, er habe bei einem Streifzug ins Daghestan ein Stück Zinnerz gefunden, für bedeutungsvoll erachtet werden soll. Gegenwärtig kennt man Zinnerzlagerstätten nur in England und Ostindien, [* 37] und es bleibt daher unklar, woher das Zinn zu der Bronze gekommen, da man doch kaum annehmen wird, daß von England Zinn nach dem Schwarzen Meer oder andern Stätten der Kupferverhüttung gebracht worden sei. Und das müßte doch für den Kaukasus der Fall gewesen sein, wenn dort wirklich Bronze gemacht worden wäre. Bei der Suche nach ¶
forlaufend
Zinn an prähistorischen Fundstätten ist man nun aber auf Antimon gestoßen. Antimonknöpfe fanden sich in Gräbern am Nordrande des Gebirges, ferner ist Antimon aus assyrisch-babylonischen Fundstätten bekannt geworden und im Mestem, der Augenschminke der alten Ägypter, enthalten. Hierdurch widerlegt sich die frühere Annahme, als sei das Antimon erst im Mittelalter bekannt geworden. Bessere Aufschlüsse über den Gang [* 39] der kaukasischen Kultur erhält man bei Berücksichtigung der Ornamente [* 40] auf den kaukasischen Bronzen.
Obenan steht der Gürtelschmuck für Männer aus Bronzeblechen, die vorn durch ein Schloß von beträchtlicher Größe zusammengehalten werden. In den Funden aus dem Norden [* 41] des Gebirges zeigen die Bleche keine oder nur ganz unbedeutende Verzierungen, das Schloß dagegen zeigt reiche, eingepunzte und oft mit Email gefüllte Ornamente. Die Gürtel [* 42] aus dem Süden besitzen rundherum eine sehr ausgebildete, künstlerische Verzierung, die jedoch so zart ist, daß sie bei der Zerbrechlichkeit der sehr dünnen Bleche oft schwer sichtbar zu machen ist. Die Motive des Ornaments sind stets dem Tierreich entnommen und weisen auf den mandschurischen Hirsch [* 43] und den Grunzochsen hin. Ein Anhalt, [* 44] daß diese Tiere jemals im Kaukasus gelebt haben, besteht nicht, und somit weisen die Ornamente nach dem östlichen Asien [* 45] hin, wo jene gegenwärtig vorkommen. Im zweiten Teil seines Vortrags berichtete Virchow über die neuesten Ausgrabungen Schliemanns am Hügel Hissarlik.
Prof. Schaaffhausen - Bonn [* 46] sprach über das Alter des Menschengeschlechts. Nach der mosaischen Überlieferung ist das Menschengeschlecht 6000 Jahre alt, nach Lyell 200,000 Jahre. Am wahrscheinlichsten dürfte ein Alter von 15-20,000 Jahren sein; immerhin beruht auch das auf bloßer Schätzung. Als man die Spuren der Eiszeit [* 47] entdeckte, meinte man zunächst, der Mensch könne erst nach dieser entstanden sein. Aber die Funde von Wetzikon, welche Beweise für das gleichzeitige Dasein von Mensch und Moschusrind zeigten, bewiesen, daß der Mensch schon während der Eiszeit gelebt habe.
Seine Spuren im Tertiär bleiben allerdings zweifelhaft, obwohl man doch annehmen muß, daß der Mensch auch bereits der Tertiärzeit angehörte. Lage und Funde sprechen dafür, daß der Mensch zusammen mit dem Mastodon in Amerika [* 48] gelebt hat, und einen sichern Beweis seines gleichzeitigen Vorkommens mit dem Mammut in Europa [* 49] liefern die des Markes wegen frisch ausgeschlagenen Knochen aus den Höhlen von Krakau [* 50] und Mähren. [* 51] Die Rassen entstehen unter dem Einfluß von Klima [* 52] und Kultur, die niedrigsten Rassen sind die ältesten, und die Merkmale roher Rassen kehren in fossilen Funden wieder; dem kinnlosen Unterkiefer von La Naulette gleicht der Kiefer der Wilden von Neuguinea.
Die große Alveole der letzten Mahlzähne bei jenen entspricht den letzten großen Mahlzähnen der Australier. Die Männer der Höhle von Spy lassen erkennen, daß der aufrechte Gang des Menschen sich allmählich entwickelt hat. Dem entsprechend gehen die rohesten Wilden mit vorgebeugtem Körper und gebogenem Knie. Die Lage des Hinterhauptloches, die hinten abgerundete Tibia, die geringe Entwickelung der Wadenmuskeln, die mehr ausgehöhlte hintere Gelenkfläche des Metatarsus der großen Zehe beim Wilden wie beim vorgeschichtlichen Menschen - das alles steht im notwendigen Zusammenhang.
Die helle Farbe von Haut und Haar [* 53] ist wie die blaue Iris ein Erwerb der Kultur. Sie finden sich bei keiner wilden Rasse, nicht bei den höhern Affen, [* 54] nicht bei den Säugetieren im freien Zustand, nur ausnahmsweise bei Haustieren, wie beim Hunde; [* 55] doch kommt die blaue Iris bei Vögeln vor, bei der Gans infolge der Zähmung. Wenn man den Ursprung betrachtet, gibt es nur zwei Rassen, die mongolische und die äthiopische; die kaukasische ist ein Erzeugnis der Kultur. Alte Schriftsteller schildern die heutigen Bewohner Europas als Barbaren, und die Schädelfunde entsprechen diesem Urteil.
Daß aber die Rassen als solche schon sehr alt sind, beweisen die ägyptischen Wandmalereien, die 1500 v. Chr. hellfarbige, blauäugige Menschen neben dem Neger, dem Juden, Mongolen und dem bezopften Chinesen zeigen. Neben diesen rohen Rassen geben sie aber auch edlere Züge in den Bildern der Herrschergeschlechter, die schon erkennbar auf das griechische Schönheitsideal hinweisen. In Fayum haben sich Abbildungen menschlicher Gesichter gefunden, die aussehen, als wenn sie Leuten von heutzutage angehörten.
In der Größe des Gehirns drückt sich der Unterschied zwischen Mensch und Tier am greifbarsten aus. Zwischen höhern und niedern Rassen beträgt der Unterschied in der Größe des Gehirns 150-200 ccm. Schon in der Vorzeit gab es Kurz- und Langschädel ebenso wie Mittelformen, aber der Schädelindex erschöpft die Eigenart der Schädelform nicht, also auch nicht die Bildung des Gehirns, und der große Fortschritt der Menschheit ist undenkbar ohne die Fortentwickelung des Gehirns, also auch des Schädels.
Der Gorillaschädel hat einen durchschnittlichen Inhalt von 485 ccm, der des Neanderthalmenschen einen solchen von 1099, der des Philosophen Kant einen solchen von 1730 ccm. Sicher hat das Klima Einfluß auf die Schädelbildung; ist der Mensch in den Tropen entstanden, so hat er doch seine höchste Ausbildung in den gemäßigten Klimaten erlangt. In Europa wohnte vor den Kelten ein den Lappen verwandtes Volk; wer vor diesem da war, wissen wir nicht. Der Neanderthaler hat nichts vom Kelten und nichts vom Lappen. Da der in ihm vertretene eigentümliche Formenbau in den Skeletten von Spy sich nahezu wiederfindet, so kann man mit Wahrscheinlichkeit schließen, daß dieser Formenbau der Typus einer eingebornen Rasse ist.
Amerika hatte keine ureingeborne Rasse; überall weist die Überlieferung auf erfolgte Einwanderung hin. Der Affe [* 56] brachte es in Amerika nicht über die geschwänzten Formen hinaus. Auch Australien [* 57] besitzt nur eingewanderte Bewohner, die Tierwelt leistet dort ihr Höchstes in den niedrigstehenden Beuteltieren. Was übrigens die Thatsachen der Brachy- und Dolichokephalie betrifft, so sind diese nicht so unveränderlich, wie es vielleicht scheinen könnte. Unter den kurzköpfigen Mongolen treten langköpfige Chinesen auf, und unter den langköpfigen Negern stößt man auf nicht wenige kurzschädelige Stämme und Individuen. Der Neanderthaler ist langschädelig, aber die große Länge wird hervorgebracht durch den Bau der Stirnteile und der Augenhöhlen; rechnet man diese Vorsprünge ab, so bleibt eine Mittelform, ja fast Kurzköpfigkeit übrig. Über alle diese Verhältnisse kann man auf keine andre Weise endgültigen Aufschluß gewinnen als mit Hilfe der Entwickelungsgeschichte. [* 58]
Den letzten Vortrag hielt Dr. Buschau über Heimat und Alter der europäischen Kulturpflanzen. Die älteste Halmfrucht ist der Weizen, schon, 3000 Jahre v. Chr. wurde er der Sage nach in China [* 59] eingeführt; bei uns, ebenso in Österreich, [* 60] Italien, [* 61] Frankreich, Ungarn, [* 62] der Schweiz, [* 63] kommt er schon recht häufig in der jüngern Steinzeit vor, häufiger noch in der Bronzezeit. Die Insel Laaland ist die nördlichste seiner alten Fundstellen; in den ¶