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Der geogr. Begriff N. für die Gebiete um Schelde, Maas und Niederrhein (die heutigen N. und Belgien) kam im 11. Jh. auf. Im 14. und 15. Jh. vereinigten die burgund. Herzöge die niederländ. Territorien zwischen Somme und Ems. Nach den Burgunderkriegen fielen die N. an die Habsburger und bei der Reichsteilung nach dem Tod Karls V. 1558 an die span. Linie. Der Streit um ständ. Mitspracherechte und Bekenntnisfreiheit für die Protestanten führte ab 1568 zum niederländ. Unabhängigkeitskampf (auch "Achtzigjährigen Krieg") gegen Spanien. In der Union von Utrecht (1579) trennten sich die sieben Provinzen der nördl. N. von den kath. oder rekatholisierten südl. N.n, dem späteren Belgien. Die vorwiegend ref. Generalstaaten ("Vereinigte Provinzen") erhielten 1648 im Westfäl. Frieden ihre Unabhängigkeit und verteidigten sie auch gegen Frankreich unter Ludwig XIV. und England (vier Handelskriege). Die republikan. Verfassung kannte eine weitreichende Autonomie der Provinzen, den Gesandtenkongress der Generalstaaten als zentrale Institution in Den Haag und die Fürsten aus der Dynastie der Oranier als weitgehend erbl. stathouder. Im 17. Jh. stiegen die Generalstaaten dank des weltweiten Handelsnetzes, v.a. der Niederländ. Ostindien-Kompanie, aber auch der Niederländ. Westindien-Kompanie, zur Kolonialmacht auf. Nach dem "goldenen Zeitalter" sanken sie im 18. Jh. politisch und wirtschaftlich zu einer europ. Mittelmacht herab, während die südl. N. 1713 vom span. auf den österr. Zweig der Habsburger übergingen.
Die 1795 mit der Eroberung der Vereinigten N. durch Frankreich errichtete Batav. Republik wurde 1806 in das Königreich Holland unter Napoleons Bruder Louis umgewandelt und 1810 Frankreich einverleibt. Auf dem Wiener Kongress wurden die nördl. und südl. N. zum Königreich der Vereinigten N. unter Wilhelm I. aus dem Haus Oranien-Nassau zusammengeschlossen, doch führten die Sprachenpolitik, der Konfessionsgegensatz sowie das stark verankerte belg. Nationalbewusstsein im Süden 1830 zur Abspaltung Belgiens. 1866-68 kam es unter Wilhelm III. zu liberalen Verfassungsreformen, wodurch die N. zu einer konstitutionellen Monarchie wurden. 1917-19 folgte die Einführung des allg. Wahlrechts, des Verhältniswahlrechts und des Frauenwahlrechts. Aussenpolitisch blieben die N. im 1. Weltkrieg neutral und traten 1920 dem Völkerbund bei. Trotz strikter Neutralitätspolitik wurden sie 1940 von dt. Truppen überfallen und besetzt, ab 1944 von allierten Truppen wieder befreit. In der Nachkriegszeit traten die Westintegration (Gründungsmitglied der Nato) und die Bemühung um die europ. Einigung an die Stelle der Neutralitätspolitik. Im Zuge der Entkolonialisierung verloren die N. grosse Teile des ehem. Kolonialreichs (1949 Unabhängigkeit Indonesiens, 1975 Surinames) und behielten nur ein kleines Überseegebiet, die Inselgruppe der niederländ. Antillen (Kleine Antillen), die 2010 aufgelöst wurden.
Autorin/Autor: Thomas Maissen, Kathrin Marthaler
Seit dem 15. Jh. entwickelten sich entlang der Rheinroute rege Kontakte zwischen den N.n und den eidg. Städten, zunächst v.a. mit Basel. So war Otto Klingen aus Utrecht 1472 Rektor der Univ. Basel, Andreas Oudorp aus Alkmaar 1484 und 1491. Von 1532 bis 1676 wurden rund 400 niederländ. Studenten in Basel immatrikuliert, v.a. für Promotionen in Jura und Medizin. Einige dieser Studenten wirkten später wie Johannes Acronius auch als Professoren an der Univ. Basel. Erasmus von Rotterdam kam dagegen wegen des Buchdrucks nach Basel, wo er 1516 Huldrych Zwingli begegnete. Andreas Vesalius aus Brüssel druckte während des Studiums 1543 bei Johannes Oporinus in Basel das epochale "De humani corporis fabrica", Bonaventura Vulcanius aus Brügge eine Ausgabe der Isidor-Enzyklopädie.
Der Haager Advokat Cornelis Hoen beeinflusste Zwinglis Lehre, die Hinne Rode in den N.n vermittelte. Sie inspirierte ihrerseits die Bekenntnisschrift der ostfries. Prädikanten von 1528, die erste zwinglian. Schrift ausserhalb der Schweiz. In Basel fanden prominente Glaubensflüchtlinge Aufnahme, so - unerkannt - der Täufer David Joris. Heinrich Bullingers "Decades" (auch "Hausbuch", Sammlung von Predigten) wurden 1560 übersetzt und erlebten 1563-1622 zehn Auflagen in den N.n. Das "Zürcher Bekenntnis" von 1545 wurde mit Zwinglis "Fidei expositio" 1644 ins Niederländische übertragen und gedruckt, die "Confessio helvetica posterior" noch 1724 und 1736.
Bei den niederländ. Reformierten gingen um 1570 die Zürcher gegenüber den Genfer Einflüssen zurück, v.a. durch die Konfrontation des Zürcher staatskirchl. Modells mit der calvinist. Presbyterialverfassung, welche die kirchl. Autonomie betonte (Leidener Kontroverse zwischen Caspar Coolhaes und Lambert Daneau aus Genf, 1581-82). Der Begründer der staatskirchl. Remonstranten, Jacobus Arminius, der die calvinist. Prädestinationslehre ablehnte, hatte 1582-84 ebenso in Genf und Basel studiert wie etwa der Kontraremonstrant Caspar Heidanus. An der Genfer Akademie waren im 16. Jh. unter Theodor Beza rund 300 Niederländer immatrikuliert, u.a. Philips van Marnix van St. Aldegonde, Ubbo Emmius und Guido de Brès, der Verfasser der "Confessio Belgica" von 1561. Johannes Calvins "Institutio christianae religionis" erschien 1560 auf Niederländisch. Sammlungen in den N.n brachten in den 1590er Jahren beträchtl. Summen für Genf und seine Akademie zusammen, im 17. Jh. auch für die Stadtbefestigung.
Auf der Dordrechter Synode von 1618-19, an der die Kontraremonstranten in der Frage der doppelten Prädestination obsiegten, waren die ref. Orte gut vertreten, u.a. durch die Antistites von Schaffhausen und Zürich, Hans Conrad Koch und Johann Jakob Breitinger, der darauf angeblich den Buss- und Bettag nach niederländ. Vorbild einführte. Die Eidgenossen bestätigten die orthodoxe Entscheidung für die doppelte Prädestination noch 1675 in der "Formula consensus". In den südl. N.n wirkten vereinzelt kath. Kleriker aus der Schweiz wie z.B. Nicolas Dufour, während der aus Flandern stammende Thomas Henrici Domherr und Weihbischof im Fürstbistum Basel war.
In der 2. Hälfte des 17. Jh. verlor Basel rasch an Attraktivität für Studenten aus den N.n (1676 letzte Immatrikulation), während die neu gegr. Universitäten der N. insgesamt rund 700 ref. Schweizer anlockten, v.a. aus Bern, Zürich, Genf und Lausanne. An erster Stelle stand Leiden (u.a. François Turrettini, Lukas Gernler, Anton Klingler, 1682 Jacob Bernoulli und Samuel Frisching, Laurenz Zellweger). Johann Heinrich Hottinger (1620-67) wurde nach Studien in Leiden 1667 dorthin berufen, ebenso schon 1642 Friedrich Spanheim. Albrecht von Haller studierte ab 1725 in Leiden u.a. bei Herman Boerhaave Medizin. Die erwähnten Delegierten in Dordrecht, Breitinger und Koch, studierten in Franeker, andere Schweizer in Utrecht, so Hans Caspar Escher (1678-1762) und der Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733). Johann Bernoulli hatte 1695-1705 den Mathematiklehrstuhl in Groningen inne. Manche Studenten lernten in den N.n Werke umstrittener Autoren wie Hugo Grotius, René Descartes, Thomas Hobbes und Baruch Spinoza kennen. Die frühaufklärer. Geselligkeit folgte neben französischen auch niederländ. Vorbildern (Salonkultur, Zeitungslektüre des "Mercure politique").
Künstler. Importe aus Flandern, etwa Bildteppiche, gab es bereits im 15. Jh. Der Maler Jan Hackaert arbeitete für die Zürcher Werdmüller und beeinflusste seinen Zürcher Kollegen Conrad Meyer (1618-89) stark. Manche Künstler verbrachten wie David Herrliberger Lehrjahre in den N.n oder liessen sich, wie einige Goldschmiede oder die Genfer Medailleure Dassier, von niederländ. Motiven inspirieren. Benjamin Bolomey wirkte 1763-91 als Porträtist für die Fam. von Statthalter Wilhelm V. und als Direktor der Haager Malergilde.
Autorin/Autor: Thomas Maissen
Adam Petri druckte 1575 in Basel seine Geschichte des niederländ. Aufstands gegen Spanien. In diesen Kriegen dienten einzelne Schweizer Fähnlein ohne obrigkeitl. Erlaubnis im Heer Wilhelms von Oranien, während etwa Walter von Roll kath. Söldnertruppen auf span. Seite befehligte. Der anonyme Dialog "Emanuel-Erneste" lehnte 1580 das Modell der freiheitsliebenden und krieger. Schweizer Verfassung für die verweichlichten und höf. Niederländer ab. Dagegen empfahl der "Discours über die beste forme ende maniere van regieringhe" von 1583 das schweizer. imperium mixtum für die N. Umgekehrt inspirierte die oran. Heeresreform die neuen Dienstreglemente nicht nur in den ref. Städten Bern (Exerzierreglement 1615, Heeresreform 1628), Zürich (Reformen von Oberst Georg Peblis 1629; Johann Konrad Lavaters "Kriegs-Büchlein" 1644) und Genf, sondern auch im kath. Freiburg. Der um 1630 fassbare Zuchthausgedanke in Bern und Zürich dürfte auf das Vorbild des neuartigen Amsterdamer Tuchthuis zurückgehen. Die "Politica" des Neostoikers Justus Lipsius war z.T. wörtl. Vorlage für Hans Conrad Heideggers "Regentten Kräntzli" (1632).
Diplomat. Beziehungen begannen mit Pieter van Brederode, der nach Studien in Basel 1618 Gesandter der N. in der Eidgenossenschaft wurde. Während des Westfäl. Kongresses verfolgte der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein als Gesandter der ref. Orte aufmerksam den Auftritt der N., die sich 1648 ebenfalls vom Reich lösten. Der Schaffhauser Johann Jakob Stokar versuchte 1653 im Auftrag der ref. Orte erfolglos, einen Frieden zwischen den verfeindeten prot. Seemächten England und N. zu vermitteln. Rudolf van Ommeren führte 1655-56 Verhandlungen über eine Unterstützung der savoy. Waldenser und - erfolglos - der ref. Orte im 1. Villmergerkrieg. Im Vorfeld des Devolutionskriegs zwischen Frankreich und Spanien erbat er 1665-66 vergeblich Soldtruppen gegen den Bf. von Münster.
Im Holländ. Krieg (1672-78) protestierten Abraham Malapert als Resident in Basel sowie Gf. Friedrich von Dohna mit wenig Erfolg gegen den kapitulationswidrigen Einsatz von Schweizer Söldnern in franz. Diensten, die offensiv gegen die N. eingesetzt wurden. Bemühungen um eigene Werbungen von Soldaten scheiterten, obwohl individuelle Dienstleistungen immer wieder vorkamen und Traktate wie "L'affermissement des republiques de Hollande & de Suisse" (1675) die Nachkommen von Wilhelm Tell und Wilhelm von Oranien als Alliierte darstellten. Die Expansionspolitik Ludwigs XIV., v.a. aber die Aufhebung des Edikts von Nantes und 1686 die Vertreibung der savoy. Waldenser weckten zumindest unter den Reformierten ein Gefühl gemeinsamer Bedrohung. Die N. entsandten den Hugenotten Gabriel Convenant und den in Schaffhausen geborenen Heidelberger Prof. Johann Ludwig Fabricius 1689-90 in die Schweiz, um Savoyen zur Remigration der Waldenser zu veranlassen; Convenant war auch an der militär. glorieuse rentrée der Waldenser beteiligt.
Sein Nachfolger Petrus Valkenier erlangte im März 1693 aufgrund einer Privatkapitulation mit dem Flimser Hercules Capol (1665 Dr. med. in Leiden) die offizielle Werbung eines neuen Regiments von 1'600 Bündnern. 1693 sagte ihm Zürich die Aushebung von 800 Mann zu, 1696 folgte Bern; auch Schaffhausen, Neuenburg und Genf bewilligten Truppen. 1700 kämpften 11'200 eidg. Söldner für die N. im Span. Erbfolgekrieg und standen etwa in der Schlacht bei Malplaquet von 1709 gegen Schweizer in franz. Diensten im Feld. Valkenier setzte sich ebenfalls für die Waldenser ein, ebenso für die Täufer, die aus Bern und Zürich vertrieben wurden und die Hilfe der niederländ. Mennoniten erfuhren, so 1711 für eine Gruppe von 340 Flüchtlingen aus Bern.
1712 schlossen Bern und die N. ein Ewiges Bündnis, 1714 folgte eine durch François-Louis de Pesmes de Saint-Saphorin vereinbarte Truppenaushebung, während die N. für den Fall eines Angriffs auf den Vertragspartner Geldzahlungen zusagten. Auch die Drei Bünde schlossen trotz Widerstands von kath. Seite 1713 mit den N.n eine Defensivallianz. 1748 folgte eine Kapitulation mit allen ref. Orten (ohne Basel, mit Glarus, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Neuenburg) über ein Regiment Schweizergarde und vier Linienregimenter, so dass insgesamt 20'400 Mann für die nördl. N. dienten. In geringem Umfang kämpften eidg. Truppen auch für die südlichen österr. N. Nachdem Neuenburg noch 1781 der Niederländ. Ostindien-Kompanie ein Kolonialregiment zugesagt hatte, dankten die Schweizer Regimenter nach der Gründung der Batav. Republik 1795 ab.
Autorin/Autor: Thomas Maissen
Die Eidgenossenschaft lag auf der Achse, welche die Wirtschaftszentren in Flandern und den nördl. N.n über den Rhein mit Norditalien verband, und war auch ein - sekundäres - Absatzgebiet der niederländ. Exporteure, v.a. im Bereich Textilien und Kolonialwaren. Holländ. Kaufleute waren 1625 am gescheiterten Projekt der Idealstadt Henripolis in Neuenburg beteiligt, die dem durch den Dreissigjährigen Krieg geschädigten Fernhandel dienen sollte. In Basel verdankte die Seidenbandfabrikation ihren Aufschwung immigrierten holländ. Passementern, v.a. aber Emanuel Hoffmann, der 1667 den ersten Kunststuhl aus Holland importierte, der mehrere Seidenbändel gleichzeitig wob. Im 18. Jh. begannen Schweizer Textilexporte (Baumwolle, Leinen) in die N.
Mit der frühen Textilindustrie verbunden waren Handels- und Finanzgeschäfte, etwa durch die Genfer Banque protestante und die St. Galler Fam. Högger, die in Amsterdam wirkte und in Paul Ivan (1760-1816) einen Präsidenten der Holländ. Bank stellte. Bern investierte im 18. Jh. in Schuldbriefe von Holland und Friesland, nicht nur zugunsten der eigenen Staatskasse, sondern auch mit aussenpolit. Stossrichtung gegen Frankreich.
Autorin/Autor: Thomas Maissen
Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit errichteten die N. 1814 eine diplomat. Vertretung in Bern (Umwandlung in ein Generalkonsulat 1832). Ein Jahr darauf beschloss die Tagsatzung, aus wirtschaftl.-polit. Gründen in Amsterdam ein Konsulat zu eröffnen. 1847 folgte eine weitere konsular. Vertretung in Rotterdam. 1894 eröffneten die N. eine Gesandtschaft in Bern. 1904 beschloss der Bundesrat die Akkreditierung des Gesandten in London bei der niederländ. Regierung, 1917 folgte die Errichtung einer schweiz. Gesandtschaft in Den Haag. Entscheidend war der Wunsch des Bundesrats, einen Sitz im Verwaltungsrat des 1899 gegründeten internat. Schiedsgerichts einzunehmen. Ab 1874 unterhielt die Schweiz ein Konsulat in Batavia (heute Jakarta, Indonesien) und ab 1917 in Medan (Sumatra, heute Indonesien). Während des 1. Weltkriegs vertrat die Schweiz die Interessen der N. in Russland. 1940 folgte der Bundesrat der Aufforderung des dt. Auswärtigen Amts zur Schliessung der Gesandtschaft in Den Haag. Es folgten 1941 bzw. 1942 die Konsulate in Rotterdam bzw. Amsterdam. Auf Anordnung der japan. Besatzungsmacht wurden 1942 auch die Konsulate in Batavia und Medan geschlossen. Sowohl die Gesandtschaft als auch die Konsulate wurden nach 1945 wiedereröffnet. Die Schweiz übernahm während des Kriegs für die N. Schutzmachtsmandate in China (offiziell), in Bulgarien und Frankreich (de facto). 1957 erhoben die N. und die Schweiz ihre jeweiligen Gesandtschaften in den Rang von Botschaften. Zu Beginn des 21. Jh. unterhielten die N. neben der Botschaft in Bern Konsulate in Basel, Genf, Lugano und Zürich. Die Schweiz ist in den N.n durch die Botschaft in Den Haag, die Generalkonsulate in Amsterdam und Rotterdam und die Konsulate in Oranjestad (Aruba) und Willemstad (niederländ. Antillen) vertreten. Daneben unterhält sie eine Mission in Den Haag bei der Organisation für das Verbot chem. Waffen.
Autorin/Autor: Kathrin Marthaler
Obwohl der König der N. das 1814-15 abgeschlossene letzte Soldbündnis mit ref. und kath. Orten 1829 gekündigt und 1859 die Schweiz den Kriegsdienst im Ausland verboten hatte, dienten im 19. und 20. Jh. zahlreiche Schweizer bei den niederländ.-ind. Kolonialtruppen. Die Hafenstädte Amsterdam und Rotterdam galten im 19. Jh. als ein Ausgangspunkt der schweiz. Emigration nach Übersee und in die niederländ. Kolonien.
Schon Anfang des 20. Jh. bereisten viele Niederländer die Schweiz, unter ihnen auch die königl. Familie. Bei einer dieser Reisen (1926) übergab der Staat Genf Prinzessin Juliana einen Registerauszug, welcher ihr Genfer Bürgerrecht bestätigte. Die Schweizerkolonie in den N.n stieg im 20. Jh. bis 2008 auf rund 7'076 Personen an, während zur gleichen Zeit rund 17'788 Niederländer in der Schweiz lebten.
Autorin/Autor: Kathrin Marthaler
Im 19. Jh. erstarkte der Handelsverkehr zwischen den N.n und der Schweiz. Die Schweiz importierte v.a. Lebensmittel und Rohstoffe (u.a. Kohle), welche überwiegend aus den niederländ. Kolonien kamen, und exportierte Industrieprodukte. Die Häfen Amsterdam und v.a. Rotterdam dienten als Umschlagplätze für die Transitgüter aus Übersee. Der Ausbau der Rheinschifffahrt bis nach Basel förderte die niederländ.-schweiz. Handelsbeziehungen. Ein erstes Handelsabkommen scheiterte 1862 daran, dass einige Kantone den Juden das Recht auf freie Niederlassung verweigerten. Einzig die Konsularkonvention zur Errichtung schweiz. Konsulate in den niederländ. Kolonien wurde ratifiziert. 1875 schlossen die N. und die Schweiz einen Freundschafts-, Handels- und Niederlassungsvertrag ab (letzte Ergänzung 1996), nachdem die Schweiz 1866 alle Beschränkungen hinsichtlich der Niederlassungsfreiheit von Nichtchristen aufgehoben hatte.
Um die niederländ. Konsulate zu entlasten und die Handelsbeziehungen zu stärken, entstanden 1917 die beiden niederländ. Handelskammern mit Sitz in Zürich und Genf. 1933 wurde in Amsterdam eine schweiz. Handelskammer errichtet. Die Weltwirtschaftskrise veranlasste die N., dirigist. Massnahmen zu ergreifen, welche auch die Handelsbeziehungen zur Schweiz erschwerten. Nach dem 2. Weltkrieg konnte die Wirtschaft der N. mit Hilfe des Marshallplans wieder aufgebaut werden, und die N. beteiligte sich aktiv an der wirtschaftl. Integration Europas (1952 Montanunion, 1957 EWG und Euratom). In der Nachkriegszeit litten die Beziehungen zwischen den N.n und der Schweiz unter dem Raubgoldkonflikt. Gold der niederländ. Zentralbank, das während des Kriegs von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war, war im Umfang von 562 Mio. Fr. an die Schweiz Nationalbank gelangt. Die Rückzahlung von Raubgold regelte 1946 das Washingtoner Abkommen. Dennoch erhoben die N. Rückzahlungsforderungen, von denen sie aus völkerrechtl. Gründen und weil sie die guten niederländ.-schweiz. Beziehungen nicht belasten wollten, später wieder abrückten.
Der Ausbau der Handelsschifffahrt auf dem Rhein führte nach 1950 zu einer Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen den N.n und der Schweiz. Über Rotterdam erreichen auch Erdöl und Erdölfertigprodukte die Schweiz. 2005 stammten 25% der Einfuhrmenge von Erdölprodukten und 39% der Gasölimporte aus den N.n. Ausdruck für den Ausbau der Handelsbeziehungen sind auch das Doppelbesteuerungsabkommen (1951, Ergänzung 1966), das Handelsabkommen (1957), das Freihandelsabkommen zwischen der Efta und der EWG (1972) sowie die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU (1999). 2008 exportierte die Schweiz für 6,3 Mrd. Fr. nach den N.n und importierte für 9 Mrd. Fr. aus den N.n. Die schweiz. Direktinvestitionen in den N.n (hauptsächlich im Sektor Banken und Versicherungen sowie in der chem. Industrie) beliefen sich 2007 auf rund 34 Mrd. Fr., jene der N. in der Schweiz auf rund 84 Mrd. Fr. Unter den EU-Mitgliedstaaten sind die N. der wichtigste Investor in der Schweiz.
Autorin/Autor: Kathrin Marthaler
Die kulturellen Beziehungen erreichten nach 1800 nicht mehr die Intensität der frühen Neuzeit. Dennoch waren an den Universitäten jeweils Studenten des anderen Landes eingeschrieben, und die niederländ. Studenten in der Schweiz gründeten 1888 die Studentenverbindung Hollandia. Kulturelle Kontakte pflegten zu Beginn des 21. Jh. die 1947 in den N.n errichtete Stiftung Nederland-Zwitserland und die 1948 gegr. Gesellschaft Schweiz-Holland. Ferner bestehen in beiden Ländern aktive Freundschaftsvereine, u.a. die Nederlandse Vereniging (Zürich, Luzern, Ostschweiz, Genf, Wallis, Freiburg), die Vereniging Nederland (Basel) und die Vereniging De Nederlandse Club in Ticino.
Im 19. Jh. erreichten Impulse aus der Genfer Erweckungsbewegung auch die prot. Kirchen der N. Die engen kirchl. Kontakte zwischen den N.n und der Schweiz bezeugen die niederländ. Kirchgemeinden Nederlandse Evangelische Vereniging in Basel und Nederlandse Protestantse Gemeente in Genf und Lausanne. Die holländ. Landschafts- und Genremalerei des 17. Jh. diente für viele Schweizer Maler des 19. Jh., u.a. Alexandre Calame, Otto Frölicher und Albert Anker, als Anregung und Vorbild; sie war auch Sammelobjekt vieler bürgerl. Kunstsammlungen. Nach dem 2. Weltkrieg übten niederländ. Tanz- und Performancekünstler auch Einfluss auf Schweizer Künstler aus. Viele Schweizer Kulturschaffende lebten und arbeiteten in den N.n, angezogen von der Weltoffenheit, der anregenden Kulturlandschaft und den gut eingerichteten Institutionen. 2003 fand in Amsterdam die thematisch breitgefächterte Kulturveranstaltung Surprising Switzerland statt.
Autorin/Autor: Kathrin Marthaler