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Die Seegfrörni von 1962/63
Der Winter 1962/63 ist ungewöhnlich kalt. Bereits im Dezember 1962 sinkt die Temperatur auf sehr tiefe Werte. Die Kälteperiode dauert während Wochen bis Mitte Februar 1963. Nachdem sich der See genügend abgekühlt hat, begünstigt eine lang anhaltende Windstille nach der Jahreswende die Bildung der ersten ausgedehnteren Eisflächen. Der Untersee friert zuerst zu. Mitte Januar werden die Wege übers Eis von Allensbach zur Reichenau und von Hemmenhofen nach Steckborn freigegeben. Zwei Tage später bricht die Stromversorgung für kurze Zeit im Thurgau, in St. Gallen sowie am deutschen Seeufer zusammen. Schuld daran ist ein Kabelbruch wegen der Kälte.
Ende Januar ist der Überlingersee soweit vereist, dass der Bootsverkehr eingestellt werden muss. Am 5. Februar ist auch die Strecke Konstanz–Meersburg blockiert, einzig die Fährverbindung noch offen, allerdings nurmehr einen Tag, dann ist auch für die starken Fährschiffe kein Durchkommen mehr. Die Lufttemperatur liegt bei 21 Grad unter Null.
Nun wagen sich auch die ersten Wanderer über den Obersee, noch bevor die Behörden dies erlauben. Sechs Hagnauer werden nach gut zweistündigem Marsch von Bezirksstatthalter Otto Raggenbass am schweizerischen Ufer willkommen geheissen. Am selben Tag erscheinen auch fünfzig Schulkinder aus Hagnau in Altnau. Sie dürfen aber nicht über den See zurück, sondern werden per Bus zur Konstanzer Fähre gefahren. Es ist die letzte, welche noch das jenseitige Ufer erreicht, danach schliesst sich auch hier der Eispanzer.
Am 8. Februar begrüsst Robert Senn, der Ortsvorsteher von Scherzingen, die Mitglieder der Immenstaader Narrengesellschaft, welche über das Eis marschiert sind, um symbolisch den geschuldeten Zehnten an das Kloster Münsterlingen abzuliefern, wie dies bis zum Ende der Gerichtsherrenzeit im Thurgau gefordert war, denn das Kloster Münsterlingen soll angeblich früher in Immenstaad etliche Rechte besessen haben. Neben Wein, Schnaps, Speck und anderen Zehntgütern mussten auch sogenannte Fasnachtshühner abgeliefert werden, weshalb sich die Immenstaader Narrengesellschaft «Hennenschlitter» nennt.
Ein eindrückliches Ereignis ist die Eisprozession vom 12. Februar 1963, bei der das Johannesbildnis von Hagnau nach Münsterlingen zurückgebracht wird. Kurz danach schlägt das Wetter um, das Ende der «Eiszeit» kündigt sich an. Noch bevor der Monat zu Ende ist, müssen die Markierungen auf dem Eis entfernt werden. Es ist gefährlich geworden, den See zu Fuss zu überqueren.
Ein Zufrieren des Sees bedeutet heute ein Vergnügen für Jung und Alt. Tausende finden sich von weit her ein, um sich auf dem Eis zu tummeln. Unseren Vorfahren brachte ein langer, kalter Winter bittere Not. Aus dem Jahre 1830 wird berichtet: «Am 30. Januar fror der See so zu, dass er mit Lastwagen befahren werden konnte. An die Armen wurde Holz verteilt. Es trat Not an Brot und Mehl ein, da nur noch wenige Mühlen schwach gingen. Auch das Trinkwasser fing an zu mangeln.»
(Quelle: Buch „Wir sind Münsterlingen - Geschichten und Leben einer Seegemeinde“)