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Oliver Senn, Tages-Anzeiger (03.10.2006)
Emotionale Kälte gleicht sich überall. Dies zeigt eine gelungen kombinierte Produktion von Puccinis «Gianni Schicchi» und Bernsteins «Trouble in Tahiti» am Luzerner Theater.
Kälte herrscht im neunten und innersten Bezirk der Hölle, dort büssen die Verräter und Betrüger in einem vereisten See. Als einer der Betrüger wird im dreissigsten Gesang von Dantes «Inferno» ein Gianni Schicchi erwähnt, den Giacomo Puccini 1918 zum Helden seiner gleichnamigen, einaktigen Opera buffa macht (Libretto von Giovacchino Forzano). Schicchi schlüpft in die Rolle des eben verstorbenen steinreichen Oberhaupts der Familie Donati, diktiert dem Notar kurzerhand ein Testament zu Gunsten der eigentlich enterbten Familienmitglieder und schanzt sich zum allgemeinen Ärger selber die besten Pfründen zu. Verurteilt wird bei Puccini indes nicht der Betrug an sich; am Pranger stehen Gier, Bigotterie und Gefühlskälte.
Die Luzerner Inszenierung von Sandra Leupold vermag diese Rohheit gut zu vermitteln: Der Tote wird herumgeschubst, angespuckt und als Hocker missbraucht. Die Handlung spielt nicht in einem Florentiner Palazzo des Jahres 1299, auch wenn die Kostüme diese Zeit beschwören, sondern - eben - auf einem vereisten und zugeschneiten See (Ausstattung: Andrea Eisensee). Die Stadt Florenz erscheint lediglich klischeehaft in Filmsequenzen, in denen den Protagonisten alles zu gelingen scheint, während in der eisigen Bühnenrealität nicht einmal die Liebenden Lauretta (Simone Stock) und Rinuccio (Martin Nyvall) zueinander finden.
Geplatzter amerikanischer Traum
Ähnlich verfahren ist die Situation von Sam (Howard Quilla Croft) und Dinah (Caroline Vitale) aus Leonard Bernsteins Einakter «Trouble in Tahiti» (1952): Sie liebten sich vor 10 Jahren, haben einen Sohn und ein Haus im amerikanischen Vorstadtidyll. Ihre Partnerschaft ist indes zur emotionalen Eiswüste degeneriert, in der selbst der Streit zum eingeschliffenen Ritual geworden ist. Beide retten sich in ihre eigenen Tagtraumwelten: Sam fantasiert sich eine Bürokarriere zusammen, und Dinah betäubt ihre Verzweiflung im Kino mit schlechten Hollywoodproduktionen, etwa der Südseeschnulze «Trouble in Tahiti». Der geplatzte amerikanische Traum ist im Eissee genauso überzeugend situiert wie «Gianni Schicchi»: Kaum etwas in dieser Produktion wirkt so trostlos wie die Figur der Dinah, mit aufgedonnerter, zerdrückter Frisur und schickem Deuxpièces im Schneetreiben.
Die beiden Einakter unterscheiden sich in zentralen Aspekten: Puccinis «Gianni Schicchi» ist ein Ensemblestück, das dramaturgisch die Einheit von Ort, Zeit und Handlung respektiert. «Trouble in Tahiti» beschränkt sich weit gehend auf die beiden Protagonisten und ein Trio, das den American Dream besingt (Musikalische Leitung: John Axelrod). In einer Art Split-Screen-Technik mit zeitlich parallelen und musikalisch zum Duett verbundenen, örtlich aber getrennten Szenen wird Sams und Dinahs Entfremdung fast mit Händen greifbar. Die Luzerner Inszenierung vereinigt die beiden Stücke in der Einsicht, dass es die Lieblosen sind, die im innersten Bezirk der Hölle büssen.