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Ende April fanden in Minsk und Kiew hochkarätige Konferenzen über die Folgen von Tschernobyl statt. Ein Lehrstück, wie man wissenschaftliche Resultate unterdrückt, um eine Katastrophe klein zu reden.
Da sitzen sie, die prominenten Experten, die der Welt Tschernobyl erklären. Es ist der 26. April, grosse Abschlusspressekonferenz im Haus der Ukraine, mitten in Kiew. In den zwei Tagen zuvor haben sich internationale ExpertInnen von -diversen Uno-Organisationen und wissenschaftlichen Instituten in diesem Haus getroffen, um die Folgen von Tschernobyl zu debattieren. In der Woche zuvor hatten dieselben ExpertInnen in Minsk und Gomel drei Tage lang über Tschernobyl diskutiert.
An der Pressekonferenz in Kiew soll nun Bilanz gezogen werden - an dem Tag, an dem vor zwanzig Jahren der Reaktor explodierte. Michail Balonow von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) ist da, Michael Repacholi von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ein Vertreter des Uno-Entwicklungsprogramms (UNDP), Wladimir Choloscha, der ukrainische Vize-Tschernobyl-Minister, und noch zwei Repräsentanten aus Weissrussland und Russland. Sie verkünden den JournalistInnen: Der Unfall sei schlimm, aber nicht so schlimm, wie man ursprünglich angenommen habe - es sei an der Zeit, wieder optimistisch nach vorne zu schauen.
Danach darf man Fragen stellen - zum Beispiel: «Wie sieht es aus mit dem Americium?» «Wird es überwacht?» «Gibt es eine Karte für Kiew?» Die Männer vorne an den Tischen beginnen zu tuscheln. Danach ergreift der Mann aus Russland das Wort: «Americium ist kein Problem», sagt er, da brauche man sich keine Sorgen zu machen. Choloscha müsste antworten, doch die Zeit ist um, die Pressekonferenz wird abgebrochen, die hohen Männer eilen davon.
Wie ist das nun mit dem Americium? Einer, der auch an der Pressekonferenz anwesend ist und es wissen müsste, heisst Sergej Schtscherbak. Auf seiner Visitenkarte steht Ökospezialist der UNDP. Er wiederholt, was der Russe schon gesagt hat: «Bezüglich Americium brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.»
«Kiew ist also nicht plutoniumverseucht?»
«Nein. Vielleicht gibt es noch ganz geringe Mengen Plutonium - aber das stammt von oberirdischen Atombombentests, die man früher gemacht hat.»
«Es gibt also kein Americium-Überwachungsprogramm?»
«Nein, das wäre sehr aufwendig und teuer. Dazu fehlt das Geld.» Vielleicht glaubt Sergej Schtscherbak wirklich, dass es in Kiew kein Plutonium gibt, schliesslich lebt er hier. Aber es hat reichlich Plutonium in der Hauptstadt.
Zu Beginn der Wissenschaftskonferenz erhielten die TeilnehmerInnen den «Nationalen Report der Ukraine» zu Tschernobyl. Darin findet sich eine Karte mit der Plutoniumkontaminierung. Der violett eingefärbte Fleck geht von Tschernobyl bis nach Kiew runter und darüber hinaus in den Süden. Interessant ist eine zweite Karte: Ein Ausblick auf die Americium-Verseuchung im Jahr 2056 - die violette Farbe ist noch dunkler, die Kontamination noch stärker als heute und Kiew liegt mitten drin.
Das unheimliche Americium
Americium-241 ist ein unheimliches Radionuklid - das beim Super-GAU gar nicht freigesetzt wurde. Radionuklide pflegen nach einer gewissen Zeit zu zerfallen, meistens in ungefährliche Elemente. Nicht so bei Plutonium-241. Man redet zwar viel von Plutonium, meint dann aber meistens Plutonium-239, das eine Halbwertszeit von über 24 000 Jahren hat und sehr gefährlich ist; atmet man geringste Mengen davon ein, kann dies zu Lungenkrebs führen.
Plutonium-241 gilt als nicht so gefährlich und hat eine Halbwertszeit von 14,4 Jahren. Doch wenn Plutonium-241 zerfällt, entsteht Americium-241. Ein äusserst gefährliches, sehr giftiges und aggressives Radionuklid - mindestens so mörderisch wie Plutonium-239. Andere Radionuklide wie Cäsium oder Strontium werden langsam, aber sicher verschwinden - der Americiumgehalt wird jedoch sukzessive ansteigen. Hundert Jahre nach dem Unfall wird es etwa den Höchststand erreichen. Und es wurde viel mehr Plutonium-241 als Plutonium-239 freigesetzt. Der grosse Albtraum steht also noch bevor.
Organisierte Desinformation
Die Art, wie mit Americium umgegangen wird, ist bezeichnend für die Tschernobyl-Debatte: Wenn man etwas nicht weiss, sagt man nicht, dass man es nicht weiss - man sagt, dass das Problem nicht existiere und man sich nicht zu sorgen brauche. Und das führt zu einem gigantischen Informationsschlamassel. Da ist zum Beispiel der offizielle Bericht des Tschernobyl-Forums. Dem Tschernobyl-Forum gehören acht Uno-Organisationen an sowie VertreterInnen der ukrainischen, weissrussischen und russischen Regierung. Die IAEA, die WHO und das UNDP haben dabei die Federführung. Im September vergangenen Jahres publizierten sie eine Pressemitteilung unter dem Titel «Tschernobyl: Das wahre Ausmass des Unfalls. 20 Jahre später legt ein UN-Bericht definitive Antworten vor und zeigt die Wege zur Rückkehr zu einem normalen Leben.» Die Pressemitteilung beginnt mit dem Satz: «Insgesamt könnten bis zu viertausend Personen an der Strahlung sterben, die durch den Reaktorunfall in Tschernobyl vor zwanzig Jahren freigesetzt wurde. (…) Dennoch konnten bis Mitte 2005 weniger als fünfzig Tote direkt auf die Strahlung durch den Unfall zurückgeführt werden.»
Die Medien nahmen diese Information gerne auf - sie war auf Englisch und hochoffiziell. Die Wissenschaftskonferenzen in Minsk und Kiew fanden hingegen erst wenige Tage vor dem Jahrestag statt. Da hatten die ausländischen Medien schon seit Wochen üppig über Tschernobyl berichtet. Man hatte längst genug vom Thema und schickte keine JournalistInnen mehr dorthin.
Mächtiges Tschernobyl-Forum
Die IAEA trat auf und rapportierte sowohl in Minsk wie in Kiew die offiziellen 50 respektive 4000 Toten. Die WHO äusserte sich ebenfalls, ging aber nur wolkig auf die gesundheitlichen Folgen ein - keine Zahlen, keine Statistiken, keine Fakten. Der WHO-Vertreter sagte zum Beispiel in Minsk, er sei gefragt worden, welche Lehren man aus Tschernobyl ziehe: «Wir lernten, dass wir die Leute besser informieren müssen. Es ist zum Beispiel ein Problem, dass man die Leute als ‹Tschernobyl-Opfer› bezeichnete, man hätte sie ‹Tschernobyl-Überlebende› nennen müssen.» Jetzt kämen sie nicht aus diesem Opferstatus heraus, das müsse endlich überwunden werden, damit sie ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nähmen und ein erfülltes Leben aufbauen könnten.
Die weissrussischen und ukrainischen WissenschaftlerInnen hörten irritiert zu. An beiden Konferenzen legten sie die Resultate ihrer Studien vor - über steigende Krebsraten, andere schwere Krankheiten, Missbildungen und genetische Schäden (vgl. Kasten «Gesundheitliche Folgen»). Doch die internationalen VertreterInnen gingen nicht darauf ein. Ein Mitglied der ukrainischen Akademie der Wissenschaften meldete sich zu Wort und sagte, es sei für sie schon beschämend, wenn man ihre Ergebnisse einfach übergehe. Worauf ihm der WHO-Vertreter entgegnete: «Wir konnten nur qualitativ hochstehende Studien berücksichtigen. Ihre Studien erfüllen nicht die internationalen Standards.» Der Ukrainer schwieg - abgekanzelt wie ein Kind, das die Prüfung nicht bestanden hat.
Hunderte von Studien wurden gemacht. Alle kommen zu ähnlichen Ergebnissen, und viele basieren auf enorm grossen Populationen, auf tausenden untersuchter Menschen, die entweder in den verseuchten Gebieten leben oder als AufräumarbeiterInnen - so genannte LiquidatorInnen - in Tschernobyl waren. Zudem verfügt Weissrussland seit Anfang der siebziger Jahre über ein Krebsregister. Die WissenschaftlerInnen sind deshalb in der Lage, die Krebserkrankungen nach dem Unfall zu vergleichen mit der Zeit vor dem Unfall. In der Schweiz könnte man das nicht, da es hierzulande kein flächendeckendes Krebsregister gibt.
Doch selbst wenn die Studien nicht genügten: Weshalb stand die WHO diesen WissenschaftlerInnen nicht bei? Warum ist es in zwanzig Jahren nicht möglich, Studien zu machen, die den Standards genügen? Will sie es gar nicht wissen?
Der IAEA-Skandal
Schaut man die Medienberichterstattung in der Schweiz an, erscheint Tschernobyl als abgehobener, diffuser ExpertInnenstreit. Die NZZ berichtete zum Beispiel am 26. April in einer Sonderbeilage über Tschernobyl. Die verantwortliche Wissenschaftsredaktorin Heidi Blattmann schreibt: «Das Ausmass der Folgen ist auch 20 Jahre danach noch schwierig zu bestimmen und entsprechend umstritten.» Blattmann beklagt, dass sich «mit Einzellfällen, so tragisch sie sind», nichts beweisen lasse. Und moniert, es gebe «nur äusserst selten genügend Daten für eine saubere statistische Analyse». Damit hat Blattmann Recht. Doch es gibt Gründe für die miserable Datenlage. Die NZZ wusste das, sah sich aber nicht genötigt, darauf hinzuweisen.
Bevor die Beilage erschien, nahm die NZZ Kontakt auf mit Claudio Knüsli, dem Präsidenten der ÄrztInnen gegen Atomkrieg, Schweiz (IPPNW/PSR). Man wollte von ihm eine Einschätzung über den angeblichen ExpertInnenstreit. Knüsli, Onkologe in Basel, belieferte die Redaktion mit den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Materialien, erklärte aber auch die Hintergründe des angeblichen Informationsdefizits: Die IAEA hält die WHO und alle anderen UN-Organisationen an der kurzen Leine.
In den fünfziger Jahren beschäftigte sich die WHO noch intensiv mit den Folgen der Strahlung. 1956 traf sich eine WHO-Expertengruppe, die sich mit der Wirkung «ionisierender Strahlung» beschäftigte. Die Experten kamen zum Schluss: Alle künstliche radioaktive Strahlung müsse vom genetischen Gesichtspunkt als für den Menschen schädlich angesehen werden - die Kernenergie bedrohe die künftigen Generationen. Dieses WHO-Papier wurde 1957 unter dem Titel «Strahleneffekte auf das menschliche Erbgut» in Genf veröffentlicht.
Zwei Jahre später unterzeichneten IAEA und WHO eine Vereinbarung, die die WHO zwingt, der IAEA alle Forschungsprojekte über Gesundheitsaspekte im Zusammenhang mit Strahlung zu unterbreiten - um allfällige «unterschiedliche Auffassungen» zu bereinigen. Zudem verpflichtet diese Vereinbarung die WHO zur Geheimhaltung, falls ihre Ergebnisse den Interessen der IAEA zuwiderlaufen. Die IAEA kann also definieren, was erforscht und was publiziert wird. Und in den Statuten der IAEA steht, dass sie verpflichtet ist, die «zivile Nutzung der Kernenergie zu fördern».
1995 organisierte die WHO eine Konferenz und wollte auf den zehnten Tschernobyl-Jahrestag einen Bericht publizieren. Die IAEA untersagte der WHO die Publikation - womit die Ergebnisse für die Wissenschaft verloren sind. «De facto war hier die WHO der Zensur durch die IAEA unterworfen», sagt Knüsli. Er beruft sich dabei auf eine Äusserung des früheren WHO-Generaldirektors Hiroshi Nakajima von 2001. Dieser hatte vor laufender Kamera bezeugt, dass die IAEA die Macht besitzt, die WHO an der Veröffentlichung ihrer Resultate zu hindern.
Dass es diese Vereinbarung zwischen der IAEA und der WHO gibt, ist seit einigen Jahren bekannt. Die beiden Organisationen haben sie nie dementiert. Nach Aussagen von höheren Uno-Beamten - die aber nicht namentlich genannt werden möchten - sind auch andere UN-Organisationen in ähnlicher Weise an die IAEA gebunden und zum Schweigen verdammt. Die Medien ignorieren jedoch diese unheilvollen Verstrickungen systematisch. Man pflegt lediglich festzustellen, die wissenschaftlichen Daten fehlten - und ohne Daten keine Folgen.
«In den künftigen Geschichtsbüchern wird stehen, dass die WHO bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Gesundheitsschäden nach Tschernobyl durch die Förderer der Atomenergie massiv behindert wurde», konstatiert der Onkologe Knüsli: «Doch bevor dies der jungen Generation gelehrt werden kann, muss es die ältere Generation selber lernen.»
Die gesundheitlichen Folgen
• Zu erwartende Todesfälle: Die IAEA spricht von 4000 Menschen, die künftig noch an den Folgen von Tschernobyl sterben würden. Die Zahl beruht auf einer abstrakten Rechnung, die auf Erfahrungswerten der Atombombenopfern von Hiroschima und Nagasaki basieren. Nimmt man jedoch die Daten der UN-Strahlenschutzkommission UNSCEAR, kommt man auf 28 000 bis 69 000 zusätzliche Krebstote.
• Schilddrüsenkrebs: Offiziell sind viertausend Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Die IAEA und die WHO anerkennen Schilddrüsenkrebs als Folge von Tschernobyl, weisen aber immer wieder darauf hin, es seien nur neun Kinder an Schilddrüsenkrebs gestorben, die anderen seien wieder «gesund», was so nicht stimmt: Den Betroffenen hat man die Schilddrüsen entfernt, deshalb müssen sie ein Leben lang künstliche Schilddrüsenhormone zu sich nehmen.
• Andere Krebserkrankungen: Die Brustkrebsrate in den verseuchten Gebieten ist massiv angestiegen. Auch die Zahl anderer Krebserkrankungen wie Magen-, Lungen-, Nieren- oder Harnblasenkarzinome sowie Leukämie sind signifikant angestiegen.
• Genetische Schäden: In den höher kontaminierten Gebieten Weissrusslands ist die Rate an missgebildeten Säuglingen markant gestiegen. Basierend auf den UNSCEAR-Daten ist weltweit mit 30 000 bis 200 000 genetisch geschädigten Kindern zu rechnen. In der ersten Generation findet man allerdings nur zehn Prozent der insgesamt zu erwartenden genetischen Schäden.
• Andere Erankungen: Vor allem die LiquidatorInnen leiden an einer Vielzahl von unterschiedlichsten Erkrankungen - insbesondere unter Herz-Kreislauf-Beschwerden, massiven neurologischen Problemen und grauem Star. Bei Kindern in den kontaminierten Gebieten Weissrusslands ist Diabetes um das Dreifache angestiegen und tritt zum Teil schon im Alter von sechs bis zehn Monaten auf.
• Allgemeiner Gesundheitszustand: Laut ukrainischer Regierung sind 94,2 Prozent der LiquidatorInnen, 89,9 Prozent der Evakuierten und 84,7 Prozent der EinwohnerInnen in den verstrahlten Gebieten krank.
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