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Der Motorradrennfahrer wird Garagist und Fahrlehrer
Vor 75 Jahren Als der Motorradrennfahrer Julius Beer 1948 und 1950 die Seitenwagenrennen auf dem Rundkurs im Oltner Industriegebiet bestritt, ahnte er nicht, dass er sich dereinst dauerhaft in Olten niederlassen würde. Beide Rennen verliefen spektakulär, so dass man sich bleibend an sie erinnert.
Von: Urs Amacher
Lucas Beer, der im bündnerischen Tavetsch heimatberechtigte Vater von Julius, war 1895 als junger Käser nach Oberbayern ausgewandert. Der am 21. Juli 1911 geborene Sohn Julius Beer absolvierte eine Lehre als Schlosser und Fahrzeugmechaniker. So lernte er den berühmten Töffrennfahrer Toni Babl kennen. Dieser engagierte ihn zuerst als Rennmechaniker, dann als Beifahrer im Seitenwagen. Sie bestritten die Wettkämpfe anfänglich als privates Gespann, von 1935 an als Werksfahrer von DKW/Auto-Union. Zusammen gewannen sie mehrere Rennen, unter anderem auch den Grossen Preis der Schweiz 1936 im Bremgartenwald bei Bern.
Im gleichen Jahr verunglückte das Team auf dem Nürburgring derart schwer, dass Babl verstarb. Julius Beer hingegen überlebte den Sturz praktisch unverletzt. Er wechselte in den Seitenwagen von Hans Schumann und errang mit ihm als Krönung die Europameisterschaft 1937, ebenfalls auf der Rundstrecke in Bremgarten.
Als 1938 die Seitenwagenrennen verboten wurden und 1939 Deutschland den Krieg begann, war für Julius Beer die Karriere vorerst zu Ende. Er musste sich beruflich verändern und liess sich schliesslich im vorarlbergischen Feldkirch nieder.
Im Jahre 1946 nahm Julius Beer die Seitenwagenrennen wieder auf, jetzt aber stieg er selber auf den Töffsattel. Als Beifahrer engagierte er den damals bekannten Feldkircher Eishockeyspieler Gernot Zingerle. Zingerle war eher schlank und sehr beweglich; auf Beers Seitenwagen turnte er wie ein Artist hin und her. Das Duo Beer/Zingerle holte zahlreiche Siege und gewann auch den GP von Österreich 1947.
Julius Beer fiel durch seinen besonderen, kühnen Fahrstil auf. In Rechtskurven liess er mit der linken Hand den Griff am Lenker los und hielt sich mit beiden Händen an der rechten Lenkstange fest. Das erforderte Kraft und fahrerisches Können. Dadurch konnte der athletische Pilot aber das Gewicht stärker nach innen verlagern und die Kurve schneller passieren.
Zwei Mal, 1948 und 1950, bestritten Beer und Zingerle die vom Moto-Sport-Club Olten organisierten Internationalen Rundstreckenrennen für Motorräder und Seitenwagen im Oltner Industriequartier – beide Mal noch unter österreicher Flagge. Und mittendrin Julius Beers zwölfjähriger Sohn August «Gusti» Beer. «Da mein Vater als Töffpilot an den Rennen mitfuhr, hatten wir einen Pass, mit dem meine Mutter und ich reservierte Plätze auf der Tribüne bei Start/Ziel und Zugang zu den Boxen hatten», erinnert sich Gusti Beer. Er machte sich dort nützlich: «Während die Solo-Töff-Rennen in Gang waren, liess man im Fahrerlager bereits die Motoren der Seitenwagenmaschinen warm laufen. Ich half, die Motoren vor dem Start bei niedriger Drehzahl auf Idealtemperatur zu bringen. Unser Rennteam hatte auch einen Mechaniker. Dieser zeigte dem Fahrer jeweils die Position und Abstände auf Tafeln an. Mit Handreichungen half ich dabei, während des Rennens die Zahlen in die Tafeln einzuschieben.»
Pech verhindert Sieg
«Wie immer, dürfte das Seitenwagenrennen auch dies Jahr wieder spannenden Sport bieten», schrieb die Oltner Presse im Vorfeld des Internationalen Rundstreckenrennens vom 30. Mai 1948. In der Tat. «Dramatischer verlief das Rennen der Seitenwagen», berichtete der Reporter. «Der Schweizer [‹Jacques›] Keller kam mit seiner Gilera am besten weg und hielt bis zur 7. Runde die Spitze. Der Italiener [Alfredo] Milano schob sich hinter ihn, dann folgte der Italiener Clemenchic, der Österreicher Beer und der Schweizer Staerkle, der Held so vieler Schlachten. In der 7. Runde kollidierte der an der Spitze liegende Keller mit dem Italiener Clemenchic, die aber beide tapfer weiterfuhren. Milano benutzte diese Gelegenheit, um seinerseits die Spitze zu nehmen, hielt diese auch bis zur 16. Runde, wo er an der Boxe anhielt und seine Konkurrenten ziehen lassen musste. Dadurch kam das österreichische Tandem Beer auf Norton, das durch den akrobatischen Beiwagenfahrer auffiel, nach vorne und schien das Rennen machen zu wollen. Was niemand erwartete, traf ein. Der zähe Keller, der nach dem oben beschriebenen Zusammenstoss verbissen weiterkämpfte, holte Runde um Runde auf und lag in der zweitletzten Runde noch in zweiter Position, als der führende Österreicher [Beer] einige hundert Meter vor dem Ziel durch Blockierung des Motors zum Absteigen gezwungen wurde.» Als Beer nach der engen Dampfhammerkurve wieder beschleunigen wollte, war an seiner Maschine das Seil des Gaszugs gerissen. «Die tapferen Österreicher retteten ihren vierten Platz, indem sie ihr streikendes Vehikel mit Muskelkraft ins Ziel stiessen.»
Beim Oltner Rundrennen zwei Jahre später wurde Beer, diesmal auf einem BMW, erneut um den Erfolg geprellt. «Ein auserlesenes internationales Feld kämpft bei den Sidecars um den Sieg», orakelte die Presse am Vortag, doch sollte «in diesem Lauf ein Schweizer Sieg möglich sein, da sich Fahrer wie Hans Haldemann, Jakob Keller usw. nicht gerne von ausländischen Gästen verdrängen lassen werden». Und so kam es auch. Gegen Schluss des Rennens gab es einen Zweikampf zwischen dem führenden Jacques Keller und Beer. Auf der Eggerallee, der Geraden entlang der Aare, fuhr Keller mit seinem Seitenwagen immer im Zickzack und hinderte Beer am Überholen. Beer legte sofort Protest ein – aber ohne Erfolg.
Mit dem Verbot der Rundstreckenrennen 1955 gab Beer die Wettkämpfe auf. Er übernahm eine Garage zuerst in Oftringen und 1961 am Wilerweg in Olten, wo er auch eine erfolgreiche Autofahrschule betrieb.
Quellen: Freundliche Auskunft von August Beer; Andy Thoma.