Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03431.jsonl.gz/3092

Alle folgenden Fotos sind Lorenz Perincioli, alle Texte zur Rubrik Kunst am Bau sind Esther Maria Jungo zu verdanken; sie recherchierte 1989 für ihre Seminararbeit über ,Aspekte der Architektur der 20er Jahre‘ am Kunsthistorisches Seminar der Universität Bern. Sie schreibt:
«In der vorliegenden Arbeit beschränke ich mich auf die dekorativen Auftragsarbeiten, die Perincioli während den 20er Jahren – als wohl wichtigster Bildhauer im Raume Bern – geschaffen hat.
Brunnenfiguren im Garten der BKW, Viktoriaplatz Bern, um 1916
Wohl aus dem Jahr 1915/16, der Entstehungszeit des Verwaltungsgebäudes der Bernischen Kraftwerke (Arch. W. Bösiger) stammen die von Perincioli geschaffenen plastischen Arbeiten im Garten des Bauwerks:
Im Zeitalter von Wasserkraft und Elektrizität wählt Perincioli das uralte Symbol des Widders als Ausdruck von Kraft und Fruchtbarkeit, der, beidseits des Brunnens sich befindend, auf einer Welle reitend, einen Putto auf seinem Rücken trägt. Die barocken Brunnenanlagen mögen wohl für Perinciolis wasserspeiende Figuren als Anregung gedient haben. Die Frösche oder Kröten am Beckenrand und das menschenähnliche Antlitz des zentralen Wasserspeiers zeugen, wie dies bei einem grossen Teil seiner Auftragsarbeiten der Fall ist, von einer heiteren, spielerisch fabulierenden Art in der Themenwahl und Formgebung.
Kentaur, Kirchenfeldbrücke Bern, 1918
Am Brückenkopf der Kirchenfeldbrücke, Seite der Kunsthalle, schuf Perincioli 1918 die überlebensgrosse Kunststeinplastik des Kentaur.
Das Fabelwesen mit menschlichem Oberkörper und Pferdeleib Cheiron oder Chiron ist im Gegensatz zu den meisten ungezähmten, triebhaft zerstörerischen Kentauren von weisen, gerechten und menschenfreundlichen Eigenschaften geprägt.
„Dagegen ist ‚Chiron‘, der Starke und Weise, der Erzieher der ‚Jeunesse héroique‘ ein Werk, aus dem man die väterliche Freundschaft, das Wohlwollen eines edlen Herzens gegenüber dem nachwachsenden Geschlechte spürt.“ In warmer freundlicher Zuneigung wendet sich Chiron seinem Schützling zu, hält seine Hand und umfasst stützend seine Schulter. Sein kräftiger, liegender Pferdekörper dient dem Jüngling als Liegefläche, um welchen er sich hingebungsvoll windet und aufmerksam lauschend sich dem Antlitz seines Lehrers zuwendet.
Nicht nur das Material – die grobe Struktur des zu dieser Zeit sehr beliebten und oft verwendeten Kunststeins – sondern auch die Formgebung, die vereinfachende massive Art der Körperbildung, wo nur wenig plastische Ausbildung der Details zugelassen wird, lassen den Zeitgeist deutlich spüren. Zudem ist eine gewisse Derbheit und der Hang zur Monumentalisierung von Details, wie Haare, Bart und Pferdeschweif zu erwähnen.
Friese an Wohnhaus, Egghölzlistrasse 40 Bern, nach 1926
1925/26 ließ Perincioli an der Egghölzlistrasse 40 in Bern vom Architekten Max Kuhn ein traditionelles Wohnhaus mit Atelier bauen, welches er am Eingang und an den Fassaden mit reichem Schmuck verzierte. Am Garteneingang befinden sich zu beiden Selten auf massiven Sockeln je zwei liegende Rehe, die sich einander zuwenden.
Auf ähnliche Weise wie bei der Industriellenvilla in Kanderbrugg schmückte Perincioli seinen Hauseingang. Anstelle des fettleibigen Schutzengels befindet sich oberhalb der Tür – als Schlussstein sozusagen – ein kahlköpfiges, bärtiges Männergesicht. Voller Aufmerksamkeit und zugleich auch Belustigung lauscht er den winzigen Figuren zu seinen Seiten: eine nackte Dame, wiederum mit modischem Pagenschnitt, und ein Satyr flüstern ihm Geheimnisse ins Ohr. Die dekorative Gestaltung des Türrahmens ist voller Witz und Charme; ein Affe, der sich an die Stirn tippt, Vögel, die sich füttern, eine Ente oder Gans und sonstiges Kleingetier in spielerischer Zweisamkeit bereichern die Eingangstür. Die Südwestseite und Südostseite des Hauses wurde als Veranda verglast, mit einfachen Pfeilern und zarten, von Perincioli bearbeiteten Kapitellen umgeben.
Die Brüstungsflächen wurden von ihm mit plastischen Friesen bereichert. Wieder nimmt er hier die seit dem Hellenismus zum verspielt und schalkhaft tändelnden Kind verniedlichten Eroten auf, die jeweils in Gruppen mit verschiedenen Spielen und Tätigkeiten beschäftigt sind – Spiele mit Tieren oder Gegenständen, die Darstellung der Weinlese und anderes mehr.
Friese an Wohnhaus, Egghölzlistrasse 40 Bern, nach 1926
Obwohl Perincioli hier eigentlich ein antikes Bildthema wieder aufgenommen hatte, verpasste er es nicht, trotz deutlicher, auch formaler Übernahmen, den Zeitgeist, die mit der Tradition verbundene Formensprache der dekorativen Kunst der frühen 20er Jahre in seinem Werk sprechen zu lassen.
Brunnen im Bälliz, Thun, 1928
1928 schuf Perincioli die plastische Dekoration für den Simmenthaler-Hof im Bälliz in Thun vom Architekten Fahrni wie auch den im selben Jahr entstandenen Brunnen davor, welcher vor ein paar Jahren, da er zerstört war, durch eine Kopie ersetzt wurde.
Wiederum handelt es sich beim Simmenthaler-Hof um ein scheinbar zeitloses Bauwerk in traditionsverhafteter Manier. Dennoch, die scharfen Kanten und Enden der Gesimse, der Materialwechsel und die Verarbeitung, der rauhe Verputz und vor allem die ornamentale Ausschmückung Perinciolis bilden auffällige Merkmale für eine Datierung in die 20er Jahre.
Gleichzeitig wendet sich jedoch Perincioli, von der Formensprache wie auch der Motivwahl her – weiches Rankengebilde mit Reben und Blattwerk und sich ausbreitende, mit Früchten gefüllte Kelche – der ornamental-vegetabilen Weichheit des Jugendstils zu.
Die Ausschmückung der Kapitelle mit einer ins Kristalline erstarrten Pflanzenwelt, ein Motiv, das Perincioli während den 20er Jahren immer wieder variierend aufnimmt – hier an den Pilastern im Erdgeschoss des Simmenthaler-Hofs und am freistehenden Pfeiler, welcher als Basis für die Brunnenfigur dient – bildet einen reizvollen Akzent als Auftakt für den weiteren plastischen Schmuck.
Die Brunnenfigur, die einst von Perinciolis Sohn Marcel aus dem Stein gehauen wurde, wirkt nun in ihrer kopierten Form zu glatt, undifferenziert und etwas oberflächlich. Sie besteht aus einer Kugel als Sinnbild des idealen Universums oder der Welt schlechthin, auf welcher auf einem die Kugel umspannenden Weg kriechendes, schwimmendes und fliegendes Kleingetier sich folgt – Frosch, Eidechse, Falter und Fisch.
Auf der Kugel steht in leichtem Kontrapost eine junge Frau (Quellnymphe) in einfachem zeitlosem Gewand. Den Kopf etwas zu Boden gesenkt, trägt sie auf der linken Schulter einen Krug mit Wasser. Die geschlossene vereinfachte Form des Menschenbildes ist in der figürlichen Skulptur der Zeit nicht selten zu bemerken, und obwohl es sich hier um eine Kopie handelt, ist eine direktere Bezugnahme Perinciolis zu Barlachs Formenwelt nicht ausgeschlossen.
Reliefs, Beundenfeldstr. 2-14 Bern, 1928
Aus dem Jahr 1928 stammt das vierstöckige Mietshaus an der Beundenfeldstr. 2-10. Der Architekt Hans Dubacher schuf einen für diese Zeit typischen, schwerfällig anmutenden Wohnbaukomplex mit einfachen Mietwohnungen – das beliebte Rundbogen-Motiv erscheint hier als überdachte Balkonöffnung – durch den halbrunden Anbau an den Ost- und Westseiten des Gebäudes und den zarten verträumten Dekor Perinciolis lebt dieser Bau vom Charme seiner scheinbar unvereinbaren Gegensätze.
Reliefs, Beundenfeldstr. 2-10 Bern, 1928
Die einfachen Eingänge, Holztüren mit dekorativem schmiedeeisernem Zacken- oder Dreiecksmotiv, werden paarweise oder einzeln von einer Türumrahmung und einem massiven Türsturz in scharfer harter Form umgeben.
Friesartig mit fortlaufenden Zackenmotiven und kristallartigen Gebilden krönt ein Ornamentband die Türeingänge unterhalb des Sturzes. Die doppelten Eingänge weisen in ihrer Mitte jeweils einen mit Menschen, Tieren und Pflanzen dekorierten Fries auf. Motive, Formensprache, Kompositionsweise und künstlerische Ausführung sind am ehesten mit den Splendid-Pilastern zu vergleichen.
Reliefs, Beundenfeldstr. 12-14 Bern, 1928
Dennoch, viel eindeutiger als im Splendid bildet hier an der Beundenfeldstrasse die Menschenfigur mit ihrer Standfläche – meist ein zur festen Struktur kristallisiertes florales Gebilde – und ihrer Beziehung zum Tier das eigentliche Kompositionsgerüst, während der flächige Hintergrund von spannungsvoll diagonal sich fortsetzenden Blumen und Blattwerk belebt wird.
Fragile Frauen mit modischem Haarschnitt, gekleidet in ein einfaches hautnahes Gewand, und zarte nackte Jünglinge befinden sich, behutsam umher schreitend, tanzend oder musizierend, in einer exotischen, elysischen Traumwelt, wo stille Heiterkeit, gelöste Ruhe und Unschuld herrschen. Das Einhorn, als Symbol der Reinheit, und die tanzende Frau (nehmen wir an, es handelt sich um eine Jungfrau) befinden sich – obwohl hier bereits in Zusammenhang gebracht – vorläufig noch in ihren eigenen Sphäern auf sich selbst bezogen.
Dass die Unschuld der Frau nach alten Erzählungen das wilde Tier zu bändigen vermag – es schlafe in ihrem Schoss ein – ist im besagten Fries nicht dargestellt worden.
Reliefs, Karl-Schenk-Haus, Spitalgasse 4 Bern, 1925
1924/25 wurde vom Architekten Franz Trachsel das Karl-Schenk-Haus erbaut. Beinahe unauffällig gliedert sich der traditionell anmutende Bau in den Straßenzug der Spital-, respektive Neuengasse ein, er wird jedoch von zarten Ornamenten und Formen Etienne Perinciolis bereichert und belebt.
Im ersten Stock werden die zwei äußersten Fensterachsen beider Seiten mit einer in der Mitte spitz zulaufenden Fensterbekrönung verbunden, welche mit einem ornamentalen Band zackenförmiger „Muscheln“ oder Ahornblättern geschmückt ist.
In einem schmalen, hochrechteckigen Feld zwischen den Fenstern hebt auf der rechten Fassadenseite eine auf den Zehenspitzen, in leichtem Kontrapost stehende, nackte schlanke Frau mit modischem Pagenschnitt, einen Kelch mit einem exotischen Vogel (oder einer Henne, als Pendant zum männlichen Gegenüber) in die Höhe. Sie ist von aufstrebenden Füllhörnern und Blumenblättern und abfallenden Blütenkelchen umgeben Die ideale Nacktheit der Antike wird hier Perincioli weniger unmittelbar inspiriert haben, als wohl vielmehr das Ideal der freien Körperkultur der Zeit.
Formensprache und Darstellungsweise des Bildhauers zeigen deutlich die Auseinandersetzung mit den dekorativen Künsten der 20er Jahre. An der vergleichsmäßig weniger bedeutsamen Neuengasse begnügte sich Perincioli in der ornamentalen Ausstattung mit einfachen, sehr schlanken und zart anmutenden Kapitellen, die den etwas gedrungeneren Kapitellen des Splendid in ihrer linearen Formensprache sehr ähnlich sind, und einem friesartigen Ornamentband.
Relief, Wohnhaus Marienstrasse 35 Bern
Das Mehrfamilienhaus an der Marienstrasse 35 vom Architekten E. Bertallo vereint die Baukunst des Neuen Bauens mit der Behäbigkeit und Schwere des traditionellen Wohnhauses. Der Bauschmuck an der Eingangstüre stammt von Perincioli. Der Eingang wird an der Fassade mit einzelnen reizvollen, ornamentalen Gebilden, in teils gegenstandsloser Weise, teils durchwebt mit floralen Elementen umgeben. An seinen oberen Enden neigt sich je ein Vogel mit langem Schweif zur Mitte hin, pickt an Trauben oder füttert seine Jungen.
Der einfache hervorstehende Türsturz wurde von Perincioli mit einem ornamentalen Fries geschmückt. Beidseits unmittelbar vor dem Türeingang schuf der Künstler innerhalb eines Hochrechteckfeldes eine bemerkenswerte gegenstandslose Verzierung. Hieroglyphenartig setzt er lineare Zeichen in vertikaler, horizontaler Ordnung und geschwungener Arabeske zu einer Art Teppichstruktur zusammen. Dass bei dieser Ausschmückung die zeitgenössische Kunst, Klee und Kandinsky vor allem, befruchtend gewirkt haben mochte, ist offensichtlich.
Brunnen an Villa in Kanderbrück
Aus dem Jahr 1922/23 stammt die ornamentale Ausschmückung der Villa eines Streichholzfabrikanten, das heute dem Architekten Kaspar Giovanelli in Frutigen gehört.
Neben der eher anonymen bildhauerischen Arbeit zur Ausschmückung des Brunnenareals – die Weichheit der Formen gemahnt noch sehr an den Jugendstil – schuf Perincioli eine reizvolle ornamentale Verzierung des Haupteingangs. Mit derselben weichen, plastisch durchformten Manier schuf er oberhalb des Eingangs einen Schutzengel; an beiden Seiten des Türrahmens finden sich – übereinander angeordnet – ornamentale, vegetabile und florale Gebilde, sowie kleine Wald- und Wiesentiere: Hasen, Eichhörnchen und Schnecken.
Spital in Erlenbach im Simmental
Das Giebelfeld des traditionellen Dachs wurde mit einem zentralen Kelch versehen, aus dem, einer Hostie gleich, eine strahlende Sonne entsteigt. An beiden Seiten, in Adorationspose auf den Fersen sitzend, huldigt das Menschengeschlecht – eine junge Frau und ein junger Mann – der auratischen Erscheinung. Die Eule hält ein Buch, darin steht: ‚Hodler & Ziehler Architekten‘ daneben ‚Perincioli Bildhauer‘ darunter ‚1927‘.
Weitere Verzierungen schmücken den Fries der kleinen Säulenhalle des Spitals.
Nidaugasse 24 in Biel
Aus demselben Jahr (1925/26) wie die Dekoration am Lichtspielhaus Splendid stammen von Perincioli die Verzierungen am Geschäftshaus mit Lichtspieltheater Bell AG, erstellt von den Architekten Moser & Schürch.
Das Lichtspieltheater wurde vor einigen Jahren in Geschäftsraume umgewandelt. Das einst im Innern die gesamte Breite des Gebäudes einnehmende Kino bot auf seinen beiden Stockwerken (mit Balkon) rund fünfhundert Personen Platz. Die verhältnismässig schmale Eingangspartie mit dem anschließenden Foyer und Kasse, sanitären Anlagen und Treppenaufgang ist heute noch in seinen Dimensionen praktisch unverändert erhalten.
Ob Perincioli an der dekorativen Ausgestaltung des Innern beteiligt war, ist nicht bekannt. Das dreistöckige mit zusätzlichem Dachgeschoss versehene Bauwerk ist in seiner Grundform im Wesentlichen von einem spröden Neoklassizismus geprägt. Zwei prägnant scharfe Gesimse zwischen Erdgeschoss und den mittleren zwei Geschossen unterstreichen gemeinsam mit dem abschließenden Gesims, welches mit einem Zahnschnitt versehen ist und den Fensterreihen mit den ornamentalen Verzierungen, die Horizontalwirkung der Fassade.
In der Vertikalen ist die Fassade in sechs einfache Fensterachsen aufgeteilt. Der Bauschmuck von Perincioli wertet die an und für sich leblos anmutende Fassade um Wesentliches auf und verleiht dadurch dem Bau ein Gesicht: Die zwei mittleren Fenster im ersten Stockwerk werden von stark stilisierten Masken der Komödie und Tragödie – nun im Dienste der laufenden Bilder – verziert.
Zu ihren Seiten befinden sich – in dieselbe kreisförmige Schale eingebettet – the bells – als Hinweis auf den Besitzer. Oberhalb des zweiten Stockwerkes findet sich ein ornamentales durchlaufendes Band.
Die Formensprache, die harten, spitz zulaufenden, rhythmisiert ausschlagenden Zick-Zack-Linien, das beliebte Motiv des scharfen, gefächert sich ausbreitenden Blattwerks und die allgemein harte und spröde Handschrift besitzen ihre Wurzeln im frühen Art Deco.»
Esther Maria Jungo
Die Hochreliefs der Hausfassade in der Neuengasse Bern bildet ein russischer Fotograf genauestens ab – seine Erläuterungen hier mit deutscher Übersetzung.