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So wirklich eine Krankheit ist die Nobel Disease zwar nicht, aber ein Phänomen. Schon vor Michael Levitt haben einige Nobelpreisträger seltsame Ideen verbreitet. Meistens in fortgeschrittenem Alter – aber nicht nur.
Der Effekt wird in der Fachliteratur darauf zurückgeführt, dass Nobelpreisträger sich durch die Auszeichnung ermächtigt fühlen, sich auch zu Themen ausserhalb ihres spezifischen Fachgebiets zu äussern. Dies in Kombination mit der Tatsache, dass diese Forscher ja wohl gerade darum so brillante Entdeckungen machten, weil sie auf unkonventionelle Weise denken.
Séancen, Levitationen, Pyschokinese
Das älteste überlieferte Beispiel ist Pierre Curie. Er hat 1903 den Nobelpreis zusammen mit seiner Frau Marie Curie für die Entdeckung der Radioaktivität erhalten. Später hat er dann an Séancen teilgenommen, bei deren Gegenstände mit Gedankenkraft in die Höhe gehoben wurden.
Über solche Dinge kann man sich amüsieren, denn es ist Privatsache, wenn an sich gescheite Herren im Alter an Unsinn glauben. Auch wenn jemand die Evolution abstreitet und wie Richard Smalley zum Kreationisten wird, fügt er niemandem Schaden zu. Aber gefährlich wird es, wenn sich die Würdenträger in öffentliche Gesundheitsdebatten einmischen.
Ein Chemienobelpreisträger erzählt chemischen Unsinn
Zum Beispiel Linus Pauling. Er gewann 1954 den Nobelpreis für Chemie. Später behauptete er, hohe Dosen von Vitamin C können die Wahrscheinlichkeit und Schwere einer Erkältung reduzieren. Er selbst nahm täglich unglaubliche Mengen an Vitamin C zu sich: das 120-fache der empfohlenen Tagesdosis.
Heute wissen wir, dass ein Übermass an Vitamin C nicht vor Erkältung schützt, weil der Überschuss (an wasserlöslichen Vitaminen) einfach ausgeschieden wird. Trotzdem sind solche Präparate ein riesiges Geschäft: Auch während der Pandemie wurde Vitamin C gelegentlich als Mittel gegen Covid-19 angepriesen.
Immerhin hat Linus Pauling sich auch gegen Atomwaffen eingesetzt, wofür er 1962 auch noch den Friedensnobelpreis erhielt. Was ihn zusammen mit Madame Curie zu den Einzigen beiden macht, die Nobelpreise in zwei verschiedenen Kategorien gewonnen haben.
Gefahr für die öffentliche Gesundheit
Aber zurück zu Covid-19. Ausgerechnet der Mann, der die Polymerase Kettenreaktion PCR erfunden hat, die Methode, mit der heute das Sars-CoV-2-Virus nachgewiesen wird, machte später im Leben haarstäubende Aussagen zu viralen Erkrankungen. Kary Mullis stritt ab, dass das HI-Virus Aids verursacht. Er selbst hat nie zu dem Thema geforscht.
Solche Aussagen, die sich gegen die Präventionsmassnahmen richten, sind verheerend. Dass Nobelpreisträger Mullis ziemlich durchgeknallt war, zeigt auch die Tatsache, dass er die Schuld des Menschen auf den Klimaerwärmung bestritt.
Vom HIV-Leugner zu dem Mann, der massgeblich zur Entdeckung des HI-Virus beigetragen hat. Luc Montagnier behauptete nur ein Jahr nach dem Gewinn des Nobelpreises, dass Wasser ein Gedächtnis habe und sich an die DNA pathogener Bakterien und Viren erinnere, selbst wenn von dieser Erbsubstanz nichts mehr in der Lösung enthalten sei. Mit diesem «Wasser-Gedächtnis» rückt der Nobelpreisträger in die Nähe der pseudowissenschaftlichen Homöopathie. Später hat Montagnier auch die wissenschaftlich unhaltbare Ansicht unterstützt, dass Impfstoffe Autismus verursachen.
Der Tierforscher, der Autismus erklären will
Mit dem Thema Autismus ist auch Nikolaas Tinbergen abgestürzt. Er hat 1973 zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch einen Nobelpreis für seine Verhaltensstudien an Tieren erhalten. Bei ihm ist die Zeit zwischen Nobelpreis und Unsinn rekordmässig kurz. In seiner Dankesrede an der Nobel-Feier hat er behauptet, mangelnde Zuneigung der Mutter sei verantwortlich für Autismus. Diese unhaltbare These bedeutet das Ende seiner wissenschaftlichen Karriere.
Der Genetiker, der zum Rassisten wird
Unter den noblen Laureaten gab es auch noch die Rassisten. Einer war ausgerechnet der Mitentdecker der chemischen Struktur unserer Erbsubstanz, James Watson. Den Nobelpreis erhielt er 1962 zusammen mit Francis Crick und Maurice Wilkins. Im Alter von 72 Jahren begann er eine Verbindung zwischen Rasse und Intelligenz herzustellen: Juden seien intelligent, Afrikaner weniger. Ebenfalls intelligent seien Chinesen, aber nicht kreativ. Latinos hätten einen höheren Sexualtrieb aufgrund ihrer dunklen Haut. An solchen Aussagen hielt er immer fest, aber er ist nicht der einzige Rassist unter den Nobelpreisträgern.
Keine Frauen, keine Schweizer
Was auffällt in der Liste der Abgestürzten: dass keine Frau dabei ist. Nun gut, es gibt auch viel weniger Nobelpreisträgerinnen, aber auffällig ist es trotzdem.
Auch kein Schweizer ist auf der «Liste der Abtrünnigen», obschon die Schweiz gemessen an der Bevölkerung eine sehr hohe Zahl von Nobelpreisträgern hat. Allerdings sticht in den letzten Jahren einer unserer Würdenträger mit pointierten Aussagen aus der Masse heraus: Jacques Dubochet von der Universität Lausanne. Er hat im Jahr 2017 den Nobelpreis für Chemie für das von ihm entwickelte Verfahren der Kryo-Elektronenmikroskopie erhalten. Heute engagiert er sich politisch – vor allem unterstützt er die Klimajugend. Das tut er aber als Bürger mit einer politischen Meinung, wie er selbst sagt. Und er verbreitet keine faktisch falschen Behauptungen.
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Unklar ist, ob Nobelpreisträger anfälliger für Denkfehler sind als andere Wissenschaftler. Ich denke eher nicht. Was wir daraus lernen: erstens, dass auch eine hohe Intelligenz, die zweifelslos die Voraussetzung für einen Nobelpreisgewinn ist, nicht vor Irrationalität schützt. Und zweitens, dass jemand, der auf einem Gebiet eine Autorität ist, nicht notwendigerweise auch auf einem anderen Gebiet zur Autorität wird.