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Seit etwa 50 Jahren ist klar, dass die Gesellschaft dringend wechseln muss zu ausschliesslich nachhaltigen, dezentralen Nutzungen erneuerbarer Energien. Das gegenwärtige Geschnorre um Energie-Mangellagen etwa am Beispiel eines möglichen Strom-Blackouts dokumentiert einmal mehr das Mehrgenerationenversagen in grundlegenden Fragestellungen.
Eine sichere (und nachhaltige) Energieversorgung ist gesellschaftlich zentral
Nicht erst seit dem Technik-Thriller «Blackout – Morgen ist es zu spät» von Marc Elsberg ist offensichtlich, dass alles daran zu setzen ist, einen Strom-Blackout zu vermeiden.
Politische Druckversuche – wie etwa der OPEC-Staaten im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg, der zur Erdölpreiskrise 1973 führte, oder angedrohte und zum Teil umgesetzte Erdgas-Lieferbeschränkungen aus Russland im Zusammenhang mit dem militärischen Angriff auf die Ukraine ab Februar 2022 – verstärkten einerseits die Notwendigkeit des Ausstiegs aus den nicht-erneuerbaren Energien, zeigten andererseits aber auch die Verflechtung der verschiedenen Energieträger innerhalb der Energieversorgung.
Liberalisierter Strommarkt verkennt die Risiken der Stromversorgung
Die sogenannt bürgerlichen Parteien, eher als rechts-nationale und/oder neo-neoliberale Lügenpropaganda-Organe zu bezeichnen, haben die Herausforderungen der zukunftsfähigen Energieversorgung bis weit in den Sommer 2022 hinein ignoriert.
Wer heute noch davon schwafelt, dass man einfach wieder Atomkraftwerke bauen müsse, dass der Naturschutz oder der Gewässerschutz zur Sicherung der Energieversorgung irrelevant sein müsse, hat schlicht keine Ahnung von den aktuellen Fragestellungen. Und wer an den aktuell höheren Energiepreisen das vorgebliche Scheitern der (schweizerischen) «Energiestrategie 2050» erkennen will, stellt eine erhebliche Gefahr für den demokratischen Rechtsstaat dar.
Der durch die EU liberalisierte Strommarkt hat sich aus dem physikalischen Stromnetz verabschiedet und aus der Stromversorgung eine virtuelle Handelsplattformen gemacht. Billigststrom war die Absicht, unter Einbezug der direkten und indirekten Subventionierungen diverser konventioneller Stromerzeugungsarten. Beispiele: die Kosten der Luftverschmutzung bei der Verbrennung fossiler Energieträger werden von der Allgemeinheit übernommen. Die Kosten für eine sichere und dauerhafte Lagerung von Atommüll werden zukünftigen Generationen überlassen.
Der liberalisierte Strommarkt ging und geht davon aus, dass dauerhaft ausreichend Kraftwerksleistung verfügbar ist. Dies führte etwa dazu, dass viele der Schweizer Wasserspeicherseen nicht mehr der Spitzenabdeckung des Schweizer Strombedarfs dienen, sondern für die Abdeckung kurzfristiger Stromnachfrage-Spitzen im Sinne der finanziellen Ertragsoptimierung eingesetzt werden.
In einigen Ländern leisten Gaskraftwerke relevante Beiträge zur Stromversorgung; wegen der angedrohten russischen Erdgas-Lieferbeschränkungen könnte somit einiges an Stromversorgungsleistung wegfallen. In Frankreich stehen derzeit diverse Atomkraftwerke aus diversen Gründen still und stehen somit zur Stromversorgung nicht zur Verfügung. Auch wenn die Schweizerische Stromversorgungsinfrastruktur schon lange mit der gesamten (europäischen) ENTSO-E-Infrastruktur verbunden ist, setzt derzeit die EU den Strommarktzugang der Schweiz in geradezu erpresserischer und/oder nötigender Art als politisches Druckmittel zum Verhältnis der EU und der Schweiz ein.
Als Folge der bisherigen Ignoranz der Thematik und der sich daraus ergebenden objektiven Überforderung ist mindestens die Politik ab Mitte bis Rechts nur noch am Schnorren.
Was ist zu tun?
Eben: seit 1973, seit also bald 50 Jahren, ist bekannt, dass wir global zu nachhaltig nutzbaren erneuerbaren Energien wechseln müssen. Wer also nach wie vor fossile und atomare Energien braucht, hat in dieser Zeit viele, viele falsche Entscheidungen gefällt und/oder wurde falsch beraten, inklusive erheblicher Manipulation durch Propaganda-Lügen. All dies ist umfassend dokumentiert.
Es ist mir allerdings bekannt, dass Fehleranerkennung und Lernfähigkeit erstens nicht nur in der Schweiz nicht eingefordert werden können und zweitens zumindest kurzfristig nicht weiterführen. Dazu kommt: aus verschiedenen Gründen, etwa einem eigenartigen meritokratischen Verständnis, haben viele Menschen den Eindruck, dass sie nichts zur Lösung beizutragen haben, sondern dass andere für sie handeln müssen.
Ein Einschub: Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich hat angedeutet, dass gebundene Stromkund*innen, also solche ohne Zugang zum liberalisierten Strommarkt, wenn überhaupt von allenfalls bescheidenen Stromerhöhungen ausgehen können. Offenbar ist der diesen Kund*innen gelieferte ewz-Strom nicht von Erdgas und Atom abhängig, es könnte sich also tatsächlich um Strom aus nachhaltig genutzten erneuerbaren Energien handeln. Von Stromnetzausfällen schützt allerdings auch dies nicht, denn dies wird durch den gesamten Stromverbrauch und die gesamte Stromproduktion bestimmt!
Kurzfristig: Energie sparen und «Murkse»?!?!
Zitat aus einem @WWF_Schweiz-Tweet: «Ja, wir können Energie sparen! Vor 30 Jahren lebten 22% weniger Menschen in der Schweiz – aber sie verbrauchten 5% mehr Energie als wir heute. Pro Kopf verbrauchen wir heute 26% weniger als damals. Und es geht noch mehr …»
Wir alle wissen: Suffizienz und Effizienz bieten auch kurzfristig vielfältige Möglichkeiten zur Verminderung des Endergieverbrauchs. Wir alle wissen dies seit mindestens 1973. Einfach so passiert dies allerdings nicht. Allenfalls braucht es noch einen Bonus, eine Belohnung. Kreativität ist gefragt!
Murksmässig müssen auch bereits vorhandene Energie-Infrastrukturen genutzt werden. Wenn dies Treibhausgasemissionen zur Folge hat, müssen die Klimaschutzziele angepasst werden: die Absenkpfade müssen zeitlich betrachtet steiler werden. Null respektive Netto Null muss dann früher erreicht werden. Zudem:11 «Murkse» dürfen etwa die Restwassermengen oder den Schutz naturnaher Gebiete nicht vermindern!
Dazu gehört deshalb auch die klare Aussage, dass kürzere oder allenfalls auch längere Stromunterbrüche nicht ausgeschlossen werden können. Es braucht somit Empfehlungen zu Anpassungen an Stromausfall-Situationen. Nein, private Dieselgeneratoren gehören NICHT dazu!
Endlich Sprint für erneuerbare Energien starten!
Sowohl zur Vermeidung von Stromausfällen als auch als Reaktion auf die Klimakrise braucht es bei der Energieversorgung dringlich die «schnellen, umfassenden und beispiellosen Veränderungen» – ein «System Change» ist längst fällig!
Zur Illustration ein weiterer Einschub: An den Lärmschutzwänden der Nationalstrasse (heute) A13 zwischen Felsberg und Domat/Ems wurde 1989 dank der engagierten Initiative des Solarexperten Thomas Nordmann eine grosse Solaranlage realisiert. Diese Anlage wurde nach 28 Jahren umfassend erneuert und steht somit weiterhin in Betrieb.
Allerdings war dieser Impuls trotz Erfolgen kein Start zu einem Spurt. Erst am 18. August 2022 – 33 Jahre später!!! – teilte der Bundesrat der Öffentlichkeit mit: «Bund stellt Flächen entlang von Nationalstrassen kostenlos für Produktion erneuerbarer Energien zur Verfügung». Es geht dabei in erster Linie um Flächen wie «Lärmschutzwände oder Rastplätze»!
Es braucht einen Sprint, um möglichst schnell das Solarstrompotenzial nutzen zu können, mit unter anderem der Herausforderung, wie die elektronischen Komponenten produziert und fach- und sachgerecht montiert werden können (auch am Mangel an Produktionskapazitäten und Fachpersonen zeigt sich das Scheitern der bisherigen Politik).
Sprint konkret
Flächen an und auf Gebäuden, Installationsorte an und auf Infrastrukturanlagen im Flachland und in den Bergen, zweckmässige Kombinationen mit agrarischer Nutzung (Agrofotovoltaik) sollen an erster Stelle der Realisierungsprioritäten liegen. Auch sind Überlegungen zur dezentralen, quartier- und stadtbezogenen Speicherung insbesondere des im Sommer produzierten Stromes erforderlich. Das eher neue «Prosumer»-Prinzip hat neben einer effizienten und suffizienten Energienutzung auch eine nachhaltige Produktion inklusive Speichermöglichkeiten mit unterschiedlichen Phasen von Stunden bis zu mehreren Monaten einzubeziehen.
Ein weiterer Einschub: Solaranlagen in alpinen Freiräumen sind trotz des Wissens um den Vorteil des höheren Winterstromanteils sehr zurückhaltend zu nutzen, und zwar möglichst in der Nähe bereits bestehender Infrastrukturen. Nach einem persönlichen Augenschein unter Einbezug umfassender Nachhaltigkeitsaspekte ist beispielsweise «Gondosolar» nicht realisierbar. «Saflischsolar» ist deutlich kleiner als diskutiert durchaus machbar.
Zum Spurt gehört auch eine nachweislich nachhaltige Nutzung des eher bescheidenen noch verfügbaren Wasserkraftpotenzials – die Ergebnisse des runden Tisches können dabei eine Hilfe sein, stellen aber eine umfassend nachhaltige Nutzung noch nicht sicher.
Die Solarenergienutzung wird neben dem Sprint zusätzlich einige Marathon-Komponenten erfordern; ähnliches gilt für die Nutzung des Windenergiepotenzials. Eine Positivplanung für nachweislich geeignete Standorte für eine umfassend nachhaltige Nutzung der Potenziale ist empfehlenswert.
Biogas (etwa aus Food Waste) oder «grüner» Wasserstoff werden voraussichtlich eine eher geringe Bedeutung haben. Kehricht/Abfall sollte angesichts der endlich startenden Kreislaufwirtschaft nicht mehr als Energieträger gelten.
Suffizienz und Effizienz gehören zwingend zu einer nachhaltigen Energieversorgung
Die umfassenden Überlegungen für eine fossil- und atomenergiefreie Energieversorgung setzen einen Einbezug umfassender Suffizienz- und Effizienzansätze voraus. Als Ergebnis dieser Ansätze reduziert ein in der Summe deutlich verminderter Energieverbrauch, mit einem relativ und absolut grösseren Stromverbrauch – siehe dazu mein Blogbeitrag «Erneuerbare Energien so rasch wie möglich».
«Das Leben im Jahr 2050 ist grossartig!»
Schweizer Klimaexpert*innen haben zusammen mit dem Verein Klimaschutz Schweiz – unter anderem Trägerschaft der Gletscher-Initiative – eine Zukunftsvision www.schweiz-2050.ch für eine klimaneutrale Schweiz erarbeitet, mit der klaren Aussage «Das Leben im Jahr 2050 ist grossartig!». Es werden Antworten auf die Fragen «Wie wird die Schweiz in Zukunft klimaneutral Energie produzieren?», «Wie werden wir in Zukunft klimaneutral die Welt bereisen?», «Wie wird die Schweizer Landwirtschaft mit netto Null Treibhausgasen aussehen?», «Wie wird unsere Mobilität mit netto Null Treibhausgasen aussehen?» und «Wie werden wir in der Schweiz klimaneutral Bauen und Wohnen?» gegeben, ergänzt mit schönen Illustrationen und guten Geschichten.
Auch mit «System Change» werden somit die Menschen, zum Beispiel die Enkel*innen, allenfalls auch bereits die Urenkel*innen sagen können: «Das Leben im Jahr 2050 ist grossartig!»