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Das bulgarische Kino ist im Westen angekommen – die Mentalität der Schauspieler offenbar noch nicht. Am Stadtrand von Sofia treffen Avé und Kamen aufeinander. Er macht Autostopp nach Ruse, um dort an der Beerdigung seines besten Freundes teilzunehmen, sie will ihren Bruder finden und schliesst sich Kamen ungebeten an. Bei jeder neuen Mitfahrt erfindet Avé neue Lebensgeschichten und zieht Kamen ohne seinen Willen mit hinein. Der Roadmovie führt in den Norden Bulgariens und in die Gegenwart eines Landes, das den Anschluss an die Welt noch sucht. Dazu passt auch, wie der Regisseur auf Anjela Nedyalkova, die Avé spielt, stiess.
Ich hatte sie in einem Film in einer kleinen Rolle gesehen und wollte sie zuerst für eine Nebenrolle engagieren – eine der Drogenabhängigen –, doch gefiel sie mir so gut, dass ich sie nochmals anrief, um ihr die Hauptrolle anzubieten. Nur erschien sie dann nicht zu unserem Treffen. Ich suchte in der Folge sechs oder sieben Monate lang nach einer Darstellerin für Avé und wählte schliesslich vier Mädchen aus, mit denen ich alle Szenen x-mal durchspielte, doch nie ganz zufrieden war. Mir schien, irgendetwas stimme nicht. Ich bat also den Castingverantwortlichen, Anjela ausfindig zu machen, im Wissen, dass sie an einer Kunstschule studierte. Man erklärte ihm jedoch, sie fehle systematisch in den Klassen und niemand wisse, wo sie sei. Einige Tage später trafen wir sie in einem Café. Wir vereinbarten wieder ein Treffen und sie versetzte uns aufs Neue! Als wir dann in der Kunstschule waren, um für eine Szene den Dreh vorzubereiten, sah ich sie wieder. Sie erzählte mir, dass ihrer Mutter am Abend vor dem Casting etwas Schreckliches zugestossen war und sie deshalb nicht hätte kommen können.
Ich weiss bis heute nicht, ob sie mir damals die Wahrheit erzählte. Jedenfalls warnten mich alle um mich herum, ich sei ja total verrückt, zehn Tage vor Drehbeginn eine Schauspielerin zu engagieren, die praktisch noch keine Dreherfahrung hatte. Aber ich glaubte an sie und es hat sich ausbezahlt.
Der Film im Verleih von Trigon Film startet am 12. April in den Schweizer Kinos.
Ein Krimiautor mit Schreibstau (welcher Blogger kennt dies nicht?) begibt sich auf die Suche nach Inspiration ins “No Mans Land” im Jura, ganz in der Nähe der Schweizer Grenze, ins Dörfchen Mouthe. Schon auf der Anreise begegnet er der Sanität, die eine Leiche aus dem Schnee brigt. Es ist Candice Lecoeur, eine junge Frau, die ihr Leben mehr als nur Marilyn Monroe verschrieben hat. Als Werbespot-Darstellerin und TV-Wetterfee war sie eine regionale Berühmtheit. Und der Autor wittert bald einmal eine Verschwörung und ein Verbrechen. Als er beginnt, im Umfeld der toten Schönheit zu recherchieren, entdeckt er immer mehr verblüffende Parallelen zwischen den Tragödien von Candice und Marilyn. Und gerät prompt in lebensgefährliche Situationen. “Poupoudipou” ist ein spannender und intelligenter Thriller mit wunderbar französischem Flair. Der Film von Gérald Hustache-Mathieu startet in der Schweiz am 22. März. Mein Tipp: Nicht verpassen.
Die Kinder vom Napf fahren mit der Seilbahn zur Schule – zu abgelegen sind ihre Höfe im Entlebuch um Romoos. Dabei kann passieren, was jeder Stadtmutter die Haare zu Berge stehen lässt: Eines der Kinder erzählt, wie einmal der Herger Pauli zu früh aus dem Gondeli stieg und in einer Baumkrone landete. Es ist eine von vielen Anekdoten und Lebensweisheiten, die die Kinder vom Napf der Filmerin Alice Schmid berichten.
Die Kinder wissen noch viel mehr: Wie man sich vor dem Blitz schützt, wie die Seelen böser Landvögte den Donner entstehen lassen oder wie der Wolf statt sich an einem Schaf satt zu fressen immer gleich mehrere anknabbert. Ein Jahr lang beobachtete Alice Schmid mit ihrer Kamera die Kinder vom Napf auf ihren Schulwegen, im Unterricht und zuhause auf den isoliert gelegenen Bauernhöfen. Der Film kommt ohne eine einzigen Kommentar aus dem Off aus und zieht sich als Augenweide ruhig dahin. Besser kann man für die Region nicht werben. Alice Schmid hat ein Idyll gefunden – und ich habe mich köstlich dabei unterhalten. Der Film läuft im Moment im Kino Riffraff in Zürich.
“Es tut mir ja furchtbar leid, aber es wird was mit uns”, sagt der Mann zur Frau. Ob er recht behält?
Ich mag sie einfach, diese Filme, in denen in die Zukunft geschaut wird und die Geschichten, in denen nichts ausgeschlossen wird, auch Das-in-die-Zukunft-Schauen nicht und die Vorsehung (dabei bin ich doch sonst im Leben ein Realist, der nicht einmal an Homöopathie glaubt). Der Film Sliding Doors ist mir in bester Erinnerung.
Und jetzt kommt “Fenster zum Sommer”, eine Geschichte über die Liebe und das füreinander Vorbestimmtsein – und das mitten im Winter. Worums geht: Juliane (Nina Hoss, Bild) und August (Mark Waschke, ein Jude-Law-Doppelgänger) fahren in ihren ersten gemeinsamen Urlaub, sie wollen Julianes Vater besuchen. Sie sind glücklich, verliebt, seelenverwandt. Im parkenden Wagen schläft Juliane in Augusts Armen ein. Als sie aufwacht, liegt sie im Bett in ihrer ehemaligen Wohnung in Berlin, wo sie mit ihrem Freund Philipp zusammenlebt. Juliane zieht die Vorhänge zurück: Sie ist in Berlin. Es ist Winter. Was ist geschehen?
Schnell stellt Juliane fest, dass das Schicksal sie um Wochen zurückgeworfen hat, aus dem Sommer in den kalten Februar, in eine Zeit, die sie schon einmal erlebte.
Sie versucht, August anzurufen, doch seine Sekretärin kennt ihren Namen nicht mehr und weigert sich, ihr weiterzuhelfen.
Sie versteht nichts mehr. Wird sich alles, was sie schon einmal erlebt hat, wiederholen? Auch die erste Begegnung mit August, Wochen später, bei der sie sich ineinander verlieben?
Um Klarheit zu bekommen, wartet Juliane vor Augusts Wohnung. Als er mit einer Frau aus dem Haus kommt, verfolgt sie die beiden und spricht August unter einem Vorwand an. Er erkennt sie nicht. Juliane schreibt August einen Brief, in dem sie viele Details schildert, die sie mit ihm erlebt hat, und bittet ihn um ein Treffen. Und sie redet mit Philipp. Nach einer traurigen Aussprache mit ihm zieht sie aus der gemeinsamen Wohnung in ein Hotel.
Das Treffen mit August im Restaurant verläuft jedoch nicht wie erwartet: Auch Augusts Freundin ist dort. Sie hat Julianes Brief abgefangen, bevor August ihn zu sehen bekam, und vermutet in ihr eine heimliche Geliebte. Der ahnungslose August wird von der aufgebrachten Rebecca nach einem Wortgefecht sitzen gelassen, Juliane folgt ihm bis zu einer Party. Hier lernen die beiden sich noch einmal neu kennen, tanzen, trinken und rauchen miteinander und landen in Julianes Hotel. Am nächsten Morgen schleicht sich August jedoch aus dem Zimmer.
Juliane beschliesst, nicht mehr zu intervenieren und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Sie will versuchen, alles genauso zu machen wie beim ersten Mal. Doch je verzweifelter sie das versucht, desto mehr verwirrt sie ihre Erinnerung: Hatte sie beim Kantinenessen eine oder zwei Kartoffeln genommen? Und dann ist er plötzlich da: der Tag, der alles verändern soll.
So kunstvoll die Erzählung des Regisseurs Hendrik Handloegten, so schwierig sind manchmal die Handlungsstränge auseinanderzuhalten. Offen lässt der Film die Frage, ob es denn nun so etwas gibt wie Schicksal oder Bestimmung. Aber das erwartet ja auch niemand. Fazit: Ein wunderbarer Film, den ich nur empfehlen kann.
Kinostart in der Deutschschweiz am 15. Dezember
DE/FI 2011, 96 Min.
Gibt es ein traumatischeres Erlebnis für einen Taxifahrer, als wenn ein Gast auf einer Brücke aus dem Fahrzeug steigt und sich in die Tiefe wirft. Genau dies ist dem Bosnienflüchtling Gavrilo in Belgrad passiert. Als er sich geschockt wieder ans Steuer setzt, realisiert er, dass die Passagiering ihr Baby im Taxi zurückgelassen hat. Von einem Tag auf den anderen ist der misanthropische Gavrilo für ein Baby verantwortlich.
Das Drama als Zeugen mitbekommen haben Biljana, der kurz vor Ihrer Hochzeit klar wird, dass sie einen anderen liebt, und die Lehrerin Anica, die an ihrer Familienvergangenheit zerbrochen ist.
Die drei Personen stehen im Zentrum des temporeichen Films “Woman with a Broken Nose”, der am Zurich Film Festival 2010 den Golden Eye Award für den besten Spielfim gewonnen hat. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder. Gavrilo kümmert sich um die Frau, die den Sprung überlebt hat. Zum ersten Mal in seinem Leben erlebt er das Gefühl, für jemanden wichtig zu sein.
Der serbische Regisseur Srdan Koljevic erzählt in seinem Film eine Geschichte über das Streben nach Glück in einer Welt, die immer noch von den Balkankriegen geprägt ist, über Freundschaft, verpasste Chancen und neue Möglichkeiten mit dem typisch derben serbischen Witz. Und: Es ist ein Film, in dem noch geraucht werden darf. Auch nicht mehr selbstverständlich heute in der Schweiz. Alles in allem: Ein sehr sehenswerter Film, den ich wärmstens empfehlen kann.
The Woman with a Broken Nose, Deutschland / Serbien 2010. 101 Minuten. Der Film läuft ab 15. September 2011 in den Schweizer Kinos.
“Der Richter und sein Henker” von Friedrich Dürrenmatt ist nicht nur ein exzellenter Kriminalroman, sondern übt auch Kritik am eigenen Genre. Der Kommissar kennt nämlich schon alle Hintergründe und auch den Täter. Seine Ermittlungen setzt er nur fort, um den Täter zu überführen, dem auf legalem Weg nicht beizukommen ist. Der Krimi, der erstmals im “Schweizerischen Beobachter2 erschienen ist, wurde von Maximilian Schell in den 70er Jahren verfilmt. Dabei spielt der sich damals im Bau befindliche Tiefenau-Viadukt eine ganz besondere Rolle. Auch wenn die Schnitte und das Tempo des Filmes nicht mehr ganz zeitgemäss sind, an Spannung lässt der Krimi nichts zu wünschen übrig. Die jungen Jacqueline Bisset und Jon Voight, der Vater von Angelia Jolie, parlieren in breit gefärbtem Helvetisch. Bild und Ton wurden jetzt digital restauriert, der Klassiker ist nun auch auf Blu-ray Disc erhältlich. Die aktulle Dic enthält Informationen zum Restaurierungsprozess, ein aktuelles Interview mit der Film-Ikone Maximilian Schell sowie ein ausführliches Booklet machen lassen den Film wieder aufleben.
Zürich plant endlich ein neues Fussballstadion. Bloss: Wer füllt dieses, wenn die Grasshoppers spielen? Der Zürcher Fussballklub und der spanische Club Getafe FC leiden unter demselben Problem: Sie haben zu wenige Fans. Die Stadien sind halbleer. Der Versuch des spanischen Erstligisten, seine Fan-Basis zu vergrössern, könnte auch beim Schweizer Rekordmeister Schule machen.
In einem Video animiert Getafe seine Fans, Samenspender zu werden, um in ein paar Jahren mehr Dauerkarten verkaufen zu können. Das Video beginnt mit dem Statement eines Fans: “Wir haben ein Problem: es gibt nicht viele von uns.” In der nächsten Einstellung sieht man den Fan, wie er einen Plastikbecher für die Abgabe seiner Spermien empfängt sowie einen DVD mit dem Titel Zombies Calientes de Getafe. Der Fan hat sich erfolgreich reproduziert, denn später sieht man eine Frau mit einem Baby der nächsten Generation von Getafe-Fans. Der Zuschauer erfährt, dass man die DVD in jeder Fertilitätsklinik erhält. Bei Getafe ist man überzeugt: Schlägt die Kampagne ein, muss man demnächst ein neues Stadion bauen. Dieses Szenario dürfte auch in Zürich blühen, denn 19’000 Plätze werden kaum genügen.
Übrigens: Mit zwei Kindern habe ich meinen Beitrag für den GC bereits geleistet.
Es wäre schön, wenn Menschen, die wir für ihr Talent bewundern, auch mit ihrem Verhalten Vorbilder wären. Leider ist dies nicht immer der Fall. Bobby Fischer gilt als einer der grössten Schachspieler aller Zeiten. Er war nicht nur rästelhaft, sondern auch arrogant und paranoid und konnte ein wütendes Arschloch sein. Sozialkompetenz: Fehlanzeige. Liz Garbus’ “Bobby Fischer Against the World” bietet einen fundierten Überblick über das tragische Leben des Schach-Wunderkindes. Herzstück des Filmes ist der Wettkampf um die Weltmeisterschaftskrone gegen den Russen Boris Spasski in Reykjavik im Jahr 1972. Garbus versucht aufzuzeigen, dass die Komplexität des Schachs verbunden mit einer unglücklichen Jugend den Autodidakten in den Wahnsinn trieb – und scheitert. Es ist ein gut aufgebauter Dokumentarfilm, der einen Überblick über Fischers Persönlichkeit gibt. Aber für diejenigen, die einen neuen Blickwinkel auf Fischer zu erhaschen hofften, werden enttäuscht sein.
Am 4. August, 22 Uhr, ist der Dokumentarfilm “Bobby Fischer against the World” auf Arte zu sehen.