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Hungersnot.
Der Mangel an den zur Ernährung erforderlichen Brotfrüchten infolge von Mißwachs, verursacht durch große Dürre, übergroßen Regenfall, Insektenfraß, Pflanzenkrankheiten [* 2] etc., hat für Europa [* 3] gegenwärtig keine Bedeutung mehr, trat aber früher in den verschiedenen Ländern unsers Erdteils häufig und zeitweise in verheerendem Umfang auf. Unter den beschränkten Wirtschafts- und Verkehrsverhältnissen, bei der Unterdrückung des Kornhandels und bei der Schwierigkeit, Getreidevorräte aufzuspeichern oder rasch für genügende Zufuhren zu sorgen, kehrten eigentliche Hungersnöte mit einer gewissen Regelmäßigkeit nach Mißjahren wieder.
Die außerordentliche Strenge, welche in der
Gesetzgebung der griechischen Städterepubliken in betreff
des Kornhandels herrschte, zeigt uns die
Größe der
Gefahr, vor welcher man bei jeder Mißernte in
Sparta und
Athen
[* 4] stand; ebenso
ist bekannt, daß die
Römer
[* 5] zur Zeit ihrer höchsten politischen Macht von den Getreidezufuhren aus
Sizilien
[* 6] und
Ägypten
[* 7] so
abhängig waren, daß das Ausbleiben der Getreideschiffe stets örtliche
Hungersnot brachte. Besonders
heftig und mit entsetzlichen sozialen
Erscheinungen traten Hungersnöte im
Mittelalter in jenen
¶
mehr
Teilen Europas auf, wo die Bevölkerung
[* 9] rasch zugenommen hatte und der Landwirtschaftsbetrieb noch ungenügend entwickelt war.
Im ganzen karolingischen Zeitalter folgten sich die Hungersnöte, teils durch natürliche Ursachen, teils durch Aberglauben
veranlaßt, mit erschreckender Raschheit; solche werden z. B. im J. 795, dann in den »Annales
Fuldenses« für die Jahre 850, 868, 873, 874, 880, 889 beschrieben; sie wiederholten sich in den
folgenden Jahrhunderten und zwar 990, 1100, 1187 etc. mit solchen begleitenden Erscheinungen, welche den grellsten Barbarismus
hervortreten lassen. So kam es bei der
Hungersnot in Frankreich 1030-32 vor, daß ein Mann 48 andre getötet und verzehrt hatte.
Ähnliche Grausamkeiten werden von einer
Hungersnot in Böhmen
[* 10] 1280-82 erzählt. Selbst in Kornländern, wie Preußen,
[* 11] hörte man bei
Hungersnot jener Zeit häufig, daß Leichen ausgegraben wurden, Eltern ihre Kinder schlachteten und Kinder ihre Eltern.
Die
Hungersnot von 1125 verminderte Deutschlands
[* 12] Bewohner angeblich um die Hälfte. Zahlreich findet man bei den Chronisten, daß
in einer einzigen Stadt viele Hunderte von Menschen gestorben sind, sich erhängt haben etc. Allgemein galt es im Mittelalter
als eine durch die Sitte nicht verurteilte Hilfe der Stadtverwaltungen, ihre Armen vor die Stadtthore zu treiben, wo sie der
Hungertod ereilte.
Bei einer
Hungersnot in Ungarn
[* 13] (1505) wurden hungernde Eltern, die ihre Kinder geschlachtet und gegessen hatten,
nicht bestraft;
noch um die Mitte des 17. Jahrh. waren in Deutschland [* 14] Hungersnöte eine sehr häufige Erscheinung, und selbst im 18. Jahrh. traten sie noch in der größten Ausdehnung [* 15] auf;
so starben z. B. 1772 in Kursachsen 150,000 Menschen aus Mangel
an Nahrung. 1817 trat in Deutschland die letzte Mißernte ein, welche örtlich noch mit dem Namen
Hungersnot bezeichnet
wird, und ebenso brachte noch die Mißernte von 1846 in manchen Teilen Deutschlands Folgen, welche an die alte
Hungersnot erinnern;
auch in Irland, wo die Getreidemißernte mit der Kartoffelkrankheit zusammenfiel, sollen im J. 1847 noch mehr als 1 Mill. Menschen der und den ihr folgenden Epidemien erlegen sein.
Seit der Mitte des 19. Jahrh. ist aber eine Wiederkehr solcher Erscheinungen unmöglich gemacht. Durch die völlige Umwälzung im Betrieb der Landwirtschaft und in der Zusammensetzung unsrer täglichen Nahrung, noch mehr durch die Regelung und internationale Organisation der Getreide- und Fleischzufuhr sowie die Verbesserung unsrer Handelsverhältnisse, welche eine rasche Ausgleichung von Wert und Bedarf sowie der Preise gesichert haben, sind wir jetzt vor Hungersnöten geschützt.
Für Amerika
[* 16] wird keine einzige allgemeine
Hungersnot aufgeführt; der neue Kontinent lernte bei der allmählichen Art seiner Besiedelung
nur Notstände kennen, wie sie Dürre oder andre klimatische Verhältnisse örtlich in kleinern Kreisen
bedingten. Anders liegen die Verhältnisse in Asien.
[* 17] Der Verkehr mit dem Innern ist nur in einigen Teilen von der Natur durch
schiffbare Flüsse
[* 18] erleichtert, Kanäle und Straßen bilden keine genügende Ergänzung, der Widerwille gegen Eisenbahnen oder
die Schwierigkeiten ihrer Errichtung sind nur in Ostindien
[* 19] und Japan
[* 20] überwunden. Im Innern und im hohen
Norden
[* 21] sind ungeheure Strecken Wüsteneien oder Steppen mit äußerst geringer Fruchtbarkeit, gute Ernten werden nur längs der
Flüsse oder durch künstliche Bewässerung erzielt. Im Süden mit seiner üppigen Vegetation hängen reiche Ernten von rechtzeitigem
Eintreten der Regenzeit ab. Klima
[* 22] und Religionsvorurteile bedingen eigentümliche Lebensgewohnheiten: Millionen
enthalten sich der Fleischnahrung oder
genießen nur Getreide
[* 23] bestimmter Art, z. B. Reis.
Dazu kommt stellenweise eine große Dichtigkeit der Bevölkerung, welche um so stärker von jedem Mißwachs berührt wird,
als sie an eine durchaus einseitige Ernährung gewöhnt ist und für einen Ausgleich mit dem Überschuß
andrer Gegenden alle Bedingungen fehlen.
Hungersnotjahre mit allen ihren Schrecken können hier in kurzen Zwischenräumen beobachtet
werden; seit dem Beginn unsers Jahrhunderts wurde Indien schon siebenmal, Persien,
[* 24] Türkisch-Armenien und China ebenfalls wiederholt
von
Hungersnot im strengsten Sinn heimgesucht.
Noch die
Hungersnot von 1866 soll in Ostindien nahezu 7½ Mill. Menschen als Opfer gefordert haben, dagegen bildet
eine der interessantesten Erscheinungen, welche einen Wendepunkt für die Lebensmittelversorgung Ostindiens bedeutet, die drohende
Hungersnot des Mißjahrs 1873/74 in Bengalen. Bei derselben äußerten sich die Erfolge einer freisinnigen Kornhandelspolitik und
der Verkehrsentwickelung so glänzend, daß damit wohl die Vorbeugungs- und Heilmittel für die Zukunft
vorgezeichnet sind.
Für eine Bevölkerung von 15 Mill. Menschen mußten Lebensmittel herbeigeschafft werden, sollte nicht ein großer Teil der
Bewohner dem Elend erliegen. Es gelang der britischen Regierung, durch vortreffliche Einleitungen von Zufuhren, durch einen
gut organisierten Staats- und freien innern Kornhandel den Ausbruch einer wirklichen
Hungersnot, zu deren Abwehr
die Bevölkerung niemals die eigne Kraft
[* 25] oder das richtige Verständnis hatte, zu verhüten; nur 26 Personen starben Hungers
oder an Entkräftung! Allerdings wiederholte sich bald die Gefahr viel dringender im südlichen Indien; Ende 1876 war im Dekhan
unter 23 Mill. Einw. der Präsidentschaften Bombay
[* 26] und Madras,
[* 27] dann der Provinz Maissur nur ein Sechzehntel
einer Durchschnittsernte erzielt worden.
Die Verkehrsverhältnisse lagen zwar günstiger: statt genötigt zu sein, Getreide selbst einzuführen, konnte die Regierung dies dem Privathandel überlassen und hatte nur durch Arbeits- und Almosenverteilung einzugreifen;
allein das Mißverhältnis
zwischen der Bevölkerung und dem Lebensmittelvorrat war ein viel größeres, die Sterblichkeit war eine
sehr große, und bis zum Ende der
Hungersnot (Januar 1878) erlagen 1,300,000 der Bevölkerung den Entbehrungen.
Die systematischen
Verwaltungsmaßregeln, welche von der Famine Commission besonders in Bezug auf das Netz der Verkehrsmittel und die Hebung
[* 28] der
Bodenkultur eingeleitet wurden, dürften auch Ostindien bald vor der häufigen Wiederkehr eigentlicher
Hungersnot bewahren. Persien brachte die
Hungersnot von 1870 bis 1872, die sich über das ganze Reich verbreitete, nach dem Urteil eines Augenzeugen
um 30 Jahre zurück; es verlor nicht weniger als 1½ Mill. Menschen, d. h. ein Viertel seiner Einwohner.
Die Kopflosigkeit und Habgier der Behörden trugen wesentlich die Schuld an dieser Größe des Elends. In Kleinasien wurden 1873-1875 die innern Provinzen Angora und das südlich daran anschließende Konia (Ikonion) schwer heimgesucht. In China war in den Nordprovinzen Schensi, Schansi und Honan eine Bevölkerung von 56 Mill. infolge anhaltender Dürre und Mißernte seit 1877 einem fürchterlichen Notstand jahrelang preisgegeben. In ihrer Verzweiflung griffen die niedern Volksklassen zu ganz unmenschlichen Mitteln, wie Kindermord und -Verkauf, plündernde Banden verwüsteten das Land. Man schätzte die Zahl der Opfer auf 4-6 Mill. Menschen. Die größte Schuld trugen die schlechten Verkehrswege, welche Zufuhren unmöglich machten.
Vgl. die Litteratur bei Getreidehandel, ¶
mehr
besonders Roscher, Kornhandel und Teurungspolitik (3. Aufl., Stuttg. 1852);
die Berichte der Indian famine Commission, die »Minutes« von R. Temple; Digby, The famine campaign in Southern India (Lond. 1878, 2 Bde.).