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Wie wir alle wissen ist die Arbeitswelt in den meisten Branchen immer noch sehr männlich geprägt. Liegt das daran, dass Männer das darwinische Prinzip des Anpassens besser beherrschen als Frauen? Sind sie deshalb erfolgreicher im unternehmerischen Überlebenskampf?
„Survival of the Fittest” – welcher Arbeitnehmer hat die besten Überlebenschancen?
Biologie war in der Schule nie mein Lieblingsfach. Dennoch erinnere ich mich, zum ersten Mal die Begriffe Diversität und Artenvielfalt im Biologieunterricht gehört zu haben. Ich weiss auch, dass die Darwinische Lehre, die sich mit dem Überleben und damit Erfolg einer bestimmten „Art“ beschäftigt, auf dem Ausdruck des britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer „Survival of the Fittest“ aufbaut. Damit ist das Überleben der am besten angepassten Individuen gemeint.
Versuchen wir das Prinzip des „Survival of the Fittest“ ins heutige Geschäftsleben zu transferieren: Da gibt es Junge und Alte, Starke und Schwache, Autoritäre und Kooperative, Frauen und Männer. Es stellt sich also die Frage, welche Art von Arbeitnehmer hat die besten Chancen langfristig im Unternehmen zu überleben? Oder, anders gefragt: wer erweist sich im Unternehmensalltag als am besten angepasst?
Jungen Leuten sagt man nach, dass sie ziemlich ungeduldig seien und den starken Drang verspüren ihre Ideale durchzusetzen. Das klingt nicht nach angepasst. Anders die Alten: Sie kennen die bestehenden formellen und informellen Unternehmenskonventionen, haben einschlägige Erfahrungen gemacht, und es sich im Unternehmensgefüge gut eingerichtet.
Starke Charaktere, auch solche, die wir typischerweise als Patriarchen oder gar Narzissten kategorisieren, scheuen die Konfrontation nicht, zeichnen sich durch ein starkes Selbstbewusstsein aus, fühlen sich für vieles oder gar alles verantwortlich, sind auf ihre Rechte bedacht und des Öfteren kämpferisch unterwegs. Im Tierreich würden sie sogar ihr Leben im Zweikampf mit einem Rivalen riskieren. Ob das gut einhergeht mit „angepasst“?
Und wie steht es mit uns Frauen? Nach wie vor werden viele Mädchen von klein auf dazu ermuntert – in direkter oder indirekter Weise – sich möglichst gut anzupassen, oder gar unterzuordnen. Viele Frauen trauen sich deshalb auch später im Geschäftsleben nicht, sich zu exponieren. Vielleicht können oder wollen sie es sich auch nicht leisten. Weil sie alleinstehend, alleinerziehend und von ihrem Job abhängig sind. Nennen wir sie mal das grosse Heer der fleissigen Arbeiterinnen.
Frei nach Herbert Spencer und „Survival of the Fittest“ könnten wir nun folgern, dass der „angepassteste“ Arbeitnehmer alt und weiblich sein müsste.
Starke Frauen sind anders
Wenden wir uns kurz denjenigen Frauen zu, die sich die Karriereleiter empor gearbeitet haben und exponierte Führungspositionen bekleiden. Vielfach stelle ich fest, dass diese Frauen „noch maskuliner“ sind als Männer in vergleichbaren Funktionen und Hierarchien. Oft sind diese Frauen weniger diplomatisch. Sie sind non-konformistisch, konsequenter sowie härter in der Durchführung und Umsetzung von Projekten; wie auch von ihren eigenen Zielen. Da schliesse ich mich selbst ein Stück weit mit ein. Also, in der Summe, ziemlich „unangepasste“ Wesen. Nach dem Prinzip „Survival of the Fittest“ deshalb schlecht dazu geeignet, langfristig zu überleben. Es drängt sich die Frage auf, ob deshalb diese Frauen im Unternehmensalltag nur bis an eine gewisse „gläserne Decke“ heranrücken? Auch wenn diese gläserne Decke aktuell auf einer höheren Hierarchiestufe liegt als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten.
Und nun frage ich Sie: Wie viele dieser erfolgreichen Frauen kennen Sie persönlich? Ich jedenfalls kenne sehr viel mehr Männer als Frauen auf oberen und obersten Führungspositionen. Auch die Statistiken zeigen, dass Frauen – insbesondere weibliche Fach- und Führungskräfte – nach wie vor in den meisten Branchen und Ländern dieser Welt immer noch in der Minderzahl sind.
Wann ist Frau angepasst genug – und wollen wir das wirklich?
Lässt sich daraus ableiten, dass Frauen noch nicht die richtige Balance gefunden haben zwischen zu wenig und zu sehr angepasst? Mit anderen Worten: Um in noch grösserer Zahl noch erfolgreicher zu werden, müssen sich Frauen noch geschickter einordnen? Frage ich Sie: Wollen wir das wirklich? Ist es unser Ziel, uns so sehr der männlichen Geschäftswelt anzupassen? Wollen wir Frauen in einer Welt arbeiten, in der wir unsere Meinung nicht offen auf den Tisch legen, unsere Weiblichkeit nicht ausreichend ausleben, und unser Fähnchen regelmässig nach dem Wind richten müssen – um als angepasst genug zu gelten? „Food for thoughts“ – meine ich.
Und noch etwas: Wie kommt es, dass so viele männliche Patriarchen und Narzissten auf obersten Führungsebenen anzutreffen sind? Gilt für sie nicht das Prinzip „Survival of the Fittest“? Oder ist es eher so, dass sie die „am besten angepassten Wesen“ des jeweiligen Unternehmens sind, weil sie die Klaviatur der Systemregeln am virtuosesten von uns allen bespielen …?
(Bild: mohamed_hassan – pixabay)