Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03280.jsonl.gz/1452

Er war ein wandelndes Lexikon der Popgeschichte. Chrissie Hynde von den Pretenders meinte mal: «Er kennt jeden Text zu jedem Song den du je in deinem Leben gehört hast.» Seymour Stein lebte für die Musik.
Seine Obsession für den Pop zeichnete sich bereits früh ab. Er soll als Teenager ins «Billboard»-Büro gegangen sein, um alle Pop-, Country- und Black-Music-Charts zurück bis zu seiner Geburt im Jahr 1942 von Hand abzuschreiben. Zwei Jahre brauchte er dafür.
Musikbusiness oder gar kein Job
Durch seine Liebe zur Musik wurde Syd Nathan, damals Boss bei King Records, auf Stein aufmerksam. Er wollte sein Mentor werden. Doch dazu mussten zuerst die Eltern überzeugt werden.
In Steins Memoiren heisst es zu dieser Episode: Seymour sass mit seinem Vater in Nathans Büro in New York. Nathan sagte: «Ihr Sohn hat Schellack in seinen Venen», eine Anspielung auf das damalige Material, mit dem Platten hergestellt wurden. «Kommt er nicht ins Musikbusiness, wird sein Leben ruiniert. Er wird nie einen anständigen Job machen», soll Nathan gesagt haben.
Dank Kuchen zu den besten Deals
Nach Jobs bei «Billboard» und King Records gründete er 1966 zusammen mit Richard Gottehrer das eigene Plattenlabel: Sire, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen.
Stein konzentrierte sich auf den europäischen Markt. Er sollte die richtig grossen Namen in die USA bringen. Sein Trick: Er reiste jeweils mit einem Stapel Cheesecakes nach London und «bestach» so die Agenten der Musikerinnen und Musiker. «Ich bekam damit immer einen guten Deal», schreibt er in seiner Biografie.
20 Songs in 20 Minuten
1975 verliess Gottehrer das Label, Stein entschied ab diesem Zeitpunkt alleine, wer einen Vertrag bekam. Zumindest fast alleine. Eines Abends kam seine Frau Linda nach dem Ausgang nach Hause und schwärmte von einer kleinen Band, die sie in einer Bar gesehen hatte: die Ramones.
Stein hörte sich die Gruppe an und war sofort von ihnen angetan. «Ich hatte ein Studio für eine Stunde gemietet, damit sie mir vorspielen können. Innert 20 Minuten spielten sie 20 Songs. Ich liebte es!»
Er bezeichnete den Ramones-Sound als «Beach Boys durch den Fleischwolf gedreht». 1976 brachte er ihr Debutalbum raus, es gilt als ein Stück Punk-Geschichte. Stein glaubte an die Band, auch wenn der kommerzielle Erfolg ausblieb: «Die Radiostationen hätten die Ramones nicht mal mit einer WC-Bürste berührt», sagte er. Es dauerte 38 Jahre, bis das Album Goldstatus erlangte.
Nach den Ramones nahm Stein Talking Heads unter Vertrag, ein weiterer Meilenstein in der Musikgeschichte. Doch der grosse Coup sollte später folgen.
Mit Madonna am Spitalbett
1982 lag Seymour Stein wegen Herzproblemen im Spital. Zur gleichen Zeit machte ein Demotape die Runde. Eine junge Sängerin und Tänzerin hatte darauf ihren eingen Song «Everybody» aufgenommen. Der Name der jungen Frau: Madonna Ciccone.
Stein wusste, dass alle Plattenchefs diese Frau sofort verpflichten wollten. Also liess er sie zu sich ins Spital bringen. Dort sagte Madonna laut seiner Biografie zu ihm: «Sag mir einfach verdammt noch mal, was ich machen muss, dass ich einen Plattenvertrag in dieser Stadt bekomme.» Stein: «Mach dir mal keine Sorgen, du hast einen Vertrag.»
45'000 Dollar für drei Singles mit einer Option auf ein Album. Das war der erste Plattenvertrag, den Madonna bei Sire unterschrieb. Es war der Anfang einer riesigen Karriere.
1983 gründete Stein zusammen mit anderen Leuten aus der Musikindustrie die Rock'n'Roll Hall of Fame – 2005 wurde er als «Nonperformer» darin aufgenommen.
«Ich liebe einfach die Musik»
Für Stein ging es immer um die Musik und die Menschen dahinter. Er liess sich nie auf ein Genre reduzieren, arbeitete auch mit The Cure, Lou Reed, Seal, Brian Wilson und Ice-T zusammen. In einem Interview mit «Rolling Stone» sagte er: «Ich liebe einfach die Musik und ich liebe dieses Business. Das Unglaubliche daran? Ich kann einfach nicht glauben, dass ich dafür sogar bezahlt werde!»
Seymour Stein ist am Sonntag in seinem Haus in Los Angeles an Krebs gestorben.