Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/2235

Nicht die italienische Hauptstadt ist Titelgeberin für diesen Film, sondern ein Stadtteil von Mexiko-City. Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hatte zuletzt mit Gravity ein wunderbar deliriöses Weltraum-Kammerstück mit George Clooney und Sandra Bullock gedreht und dafür einen Oscar gewonnen. Sein neuer Film Roma, im Wettbewerb von Venedig, unterscheidet sich komplett vom Vorgänger.
Dieser Film ist sehr persönlich und inspiriert von Cuaróns eigenen Kindheit, die er in einer mittelständischen Familie in ebendiesem Stadtteil verbracht hat. «Roma» ist eine Erzählung über soziale Gräben zwischen spanischstämmigen und indigenen Mexikanern, die tief in der Gesellschaft verankert sind. Und über Mütter, über Frauen und ihren Kampf, den sie – egal auf welcher Seite des Grabens – führen müssen.
Der Film spielt 1970/71, mitten in einer unruhigen Zeit, als Studierende für Freiheit demonstrieren und von einer von der Regierung finanzierten Miliz zusammengeschossen werden. Hauptfigur des Films ist die junge Mixtekin Cleo, die für die Familie von Sofia den Haushalt macht und die vier Kinder versorgt, zusammen mit ihrer Freundin Adela. Während die Familie in einem hellen, grossen Haus wohnt, teilen sich die beiden Freundinnen eine winzige Kammer, die auch noch als Wäsche- und Bügelzimmer dienen muss.
Cleo verliebt sich in Fermín, von dem man nur weiss, dass er Martial Arts betreibt, und sie wird schwanger. Aber als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt, lässt er sie – mitten in einer Kinovorstellung (Louis de Funès‘ La grande vardrouille) sitzen.
Aber nicht nur Cleo hat Probleme: Sofias Mann, ein wohlhabender Arzt, verlässt die Familie, ohne sich auch nur zu melden. Cuarón fokussiert nicht auf einen Konflikt zwischen Herrin und Dienstmädchen. Deren Umgang ist meistens respektvoll, freundlich. Aber der gesellschaftliche Graben ist gross, unüberwindbar – «auf perverse Art in die Gesellschaft eingeschrieben», schreibt Cuarón im persönlichen Statement zum Film.
Alfonso Cuarón, der nicht nur die Geschichte geschrieben und Regie geführt hat, sondern auch für die Kameraarbeit verantwortlich war, hat Roma in hellem Schwarzweiss gedreht – und das steht dem Film gut. Auch so sind die Hundehäufchen, die sich im Lauf des Films in der Toreinfahrt ansammeln, plastisch genug, wirkt die Wäsche, die von unzähligen indigenen Dienstmädchen auf den Dächern des Viertels mühsam gewaschen und aufgehangen wird, überaus bunt.
Schon die erste Einstellung des Films ist voller Schönheit und Symbolik. Die Kamera zeigt einen schmutzigen Plattenboden, zu hören sind Wischgeräusche. Bis plötzlich ein Schwall Wasser über den Boden gegossen wird. Und nun spiegeln sich im Boden das Tor nach Aussen und der Himmel, an dem gerade ein Flugzeug vorbeifliegt – die unerreichbare Freiheit spiegelt sich im Putzwasser. Am Wischen ist natürlich Cleo, die einmal mehr die Einfahrt von den Hundehäufchen befreit.
Alfonso Cuarón hat gesagt, dieser Film sei ein intimes Porträt der Frauen, die ihn erzogen hätten, eine Liebeserklärung an sie. Und damit meint er sowohl seine Mutter wie auch sein indigenes Kindermädchen. Auf beiden Seiten dieser Zweiklassengesellschaft sind es im wunderbaren, traurigen Roma die Frauen, die unter der grausamen Zweigeschlechtergesellschaft leiden.