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Was in der Ukraine derzeit passiert, das beobachtet China ganz genau. Denn China hat mit Taiwan ähnliche Pläne wie Russland mit der Ukraine, es möchte Taiwan vollständig annektieren. Der unabhängige Sicherheitsexperte Michael Haas erläutert, wie gross er die Gefahr eines militärischen Angriffs von China auf Taiwan einschätzt.
Michael Haas
Unabhängiger Sicherheitsberater
Michael Haas ist unabhängiger Sicherheitsberater. Von 2013 bis 2021 war er am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich tätig und verfolgte Trends in der Militär- und Weltraumtechnologie. Heute beschäftigt er sich mit der Nutzung von Satelliten- und Drohnenbildern für die raumbezogene Aufklärung.
SRF News: Wie gross die Gefahr, dass China Taiwan angreift, tatsächlich?
Michael Haas: Aus meiner Sicht wird es im Fahrwasser des Ukraine-Konflikts auch in China zuerst eine Art Atempause geben.
Nun wird auch in Peking überlegt, welche Lehren man zunächst aus diesem Versagen der russischen Streitkräfte in der Ukraine ziehen muss und was das für die chinesische Volksbefreiungsarmee unter Umständen bedeuten kann.
Dadurch scheint mir die Gefahr einer Invasion Taiwans kurzfristig eher abgenommen zu haben. Nun wird auch in Peking überlegt, welche Lehren man zunächst aus diesem Versagen der russischen Streitkräfte in der Ukraine ziehen muss und was das für die chinesische Volksbefreiungsarmee unter Umständen bedeuten kann.
Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Krieg konkret auf Chinas Überlegungen?
Es gab in der militärischen Entwicklung Chinas einige wichtige Einschnitte, bei denen es zu einer wirklichen Veränderung der Kalkulationen der chinesischen Führung gekommen ist. Einer war zum Beispiel der chinesische Rückschlag gegen Vietnam 1979, als man sich mit hohen Verlusten zurückziehen musste.
China wird sich damit abfinden müssen, dass die Ergebnisse einer militärischen Intervention nur anhand des Rechnens mit Kräfteverhältnissen auf dem Papier nicht verlässlich vorherzusagen sind.
Ein anderer war der strategische Schock durch den Golfkrieg 1991, wo die USA gegen eine letztlich ähnlich ausgerüstete und auch nach sowjetischem Vorbild organisierte irakische Armee eine haushohe Überlegenheit entfaltet haben. Mir scheint es wahrscheinlich, dass der Krieg in der Ukraine in China einen ähnlichen Effekt haben wird. Man wird innehalten und einen Prozess der Reflexion und der Anpassung anstossen.
Das wird dazu führen, dass die militärischen Modernisierungsanstrengungen weiter erhöht werden dürften, dass man eine mögliche US-Intervention nun als noch wahrscheinlicher in die Kalkulationen einbezieht und dass man sich darauf einstellt, dass die Verluste höher sein werden, als man das zuvor erwartet hatte. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass die Ergebnisse einer solchen militärischen Intervention nur anhand des Rechnens mit Kräfteverhältnissen auf dem Papier nicht verlässlich vorherzusagen sind. Hier hat sich auch Russland verrechnet, als man davon ausging, dass man die Ukraine in kurzer Zeit und mit relativ geringen Kosten überrollen kann. Das wird die chinesische Führung aus meiner Sicht in ihre Planungen für ein mögliches Taiwan-Szenario in der Zukunft einrechnen.
Die Bedeutung dieses Staatsziels der Volksrepublik China, sich Taiwan wieder einzuverleiben, wird über die Zeit nicht abnehmen.
Akut hat der Ukraine-Konflikt die Gefahr eines Angriffs von China auf Taiwan verringert. Aber China will die Taiwanfrage bis 2049 lösen, bis zum 100-jährigen Jubiläum der Volksrepublik. China hat also keinen Zeitdruck?
Die Bedeutung dieses Staatsziels der Volksrepublik, sich Taiwan wieder einzuverleiben, wird über die Zeit nicht abnehmen. Und China wird sicherlich auf den günstigsten Moment warten, um eine allenfalls militärische Lösung dieser Frage anzustreben. Und diese Gefahr wird bis 2049 einmal höher sein und einmal etwas niedriger sein. Aber es wird niemals ganz auszuschliessen sein, dass China eine militärische Lösung anstrebt. Gerade wenn wir in die späteren 2020er-Jahre schauen und auch, wenn die militärische Modernisierung in den 2040er-Jahren wirklich ihren Höhepunkt erreicht, sieht man sicherlich gefahrenreiche Perioden auf uns zukommen.
Das Gespräch führte Sandra Witmer.