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Klangwelten unter Wasser
Für Wale und Delfine, aber auch für andere Meerestiere ist die Wasserwelt keineswegs stumm. Im Gegenteil, Töne sind für die Kommunikation vieler Meerestiere ausserordentlich wichtig. Der Mensch gefährdet ihre Klangwelt unter Wasser jedoch zunehmend.
Buckelwale ziehen jedes Jahr aus den tropischen Meeren, wo sie sich zur Niederkunft und zur Paarung eingefunden haben, zu ihren Nahrungsgründen in die kälteren nördlichen oder polaren Meere. Sie wandern nicht als geschlossene Gruppe, sondern ziemlich weit voneinander verstreut. Oft werden die Walmütter während der Wanderschaft mit ihrem Kalb von eigenartigen Klängen begleitet. Es ist der Gesang eines Männchens, das in einiger Entfernung schwimmt und mit seinen pfeifenden, winselnden bis knarrenden Lauten die Gunst des Weibchens zu gewinnen sucht.
Der Gesang der Buckelwale zählt zu den differenziertesten Lautäusserungen, die man von Tieren kennt. Forscher, welche die geheimisvollen Buckelwalgesänge mit mathematischen Methoden untersuchten, fanden Regelmässigkeiten darin, die einem grammatikalischen Satzbau nahekommen. Dabei hat jeder Sänger seine eigene Interpretation, wobei sich die Sangesweisen von Walen unterschiedlicher Herkunftsorte deutlich voneinander unterscheiden. Die abwechslungsreichen Gesänge sind erlernt, und können sogar einer gewissen „Modeströmung“ unterliegen. Jedenfalls schafften es 1996 ein paar verirrte Buckelwale aus dem Indischen Ozean, an der Pazifiküste Australiens einen wahren Hit einzuführen: Innert etwa eines Jahres sangen praktisch alle ansässigen Buckelwale in der neuen Weise der Zugewanderten.
Buckelwale zählen zu den begnadetsten Sängern der Weltmeere, sind aber bei weitem nicht die einzigen. Auch die weissen Belugawale der Arktis, bekannt als „Kanarienvögel der Meere“, haben ein enormes Repertoire. Pottwale wurden dabei beobachtet, wie sie eigentliche Duette mit Artgenossen führten, wobei die Klicklaute zweier duettierender Partner einem echten Rhythmus folgten. Blauwale gelten als die lautesten Sänger der Meere, liegen aber mit ihren Frequenzen meist unterhalb der menschlichen Hörschwelle. Und ein mysteriöser Walgesang, der in kein Muster von bekannten Arten passte, wurde 2004 beschrieben. Offenbar handelte es sich dabei um einen allein umherstreifenden Wal, der über die Jahre hinweg eine ganz eigene Sprache entwickelt hat.
Erst seit etwa den siebziger Jahren sind die Walgesänge einem breiteren menschlichen Publikum bekannt. Seither üben sie auf viele Menschen eine grosse Faszination aus und werden auch immer wieder für musikalische Produktionen genutzt. Den frühen Walschützern erleichterten es die beeindruckenden Gesangsaufnahmen sehr, Sympathien für die Wale zu gewinnen und gegen den brutalen Walfang vorzugehen. Für die Wale selbst sind die Laute und der Hörsinn von allergrösster Wichtigkeit, denn nur mit Hilfe des Schalls können sie über grössere Distanzen miteinander kommunizieren.
Zunehmender Lärm
Rufe und Gesänge der Wale heben sich von einer natürlichen Geräuschkulisse ab. Ein stetes Hintergrundrauschen erfüllt die Weiten der Ozeane, hervorgerufen durch Wellenbewegungen, Stürme oder unterirdische Seebeben. Lärm und Donner aus menschlichen Aktivitäten stören diese Klangwelten unter Wasser jedoch in immer erschreckenderem Ausmass. Das tiefe Brummen schwerer Tanker oder Frachtschiffe, die mit steigendem Verkehrsaufkommen ständig zunehmen, ist im offenen Ozean Hunderte von Kilometern weit zu hören. Unterwasserbohrungen und andere Bauarbeiten, Erkundungen von Gas- oder Ölvorkommen sowie militärischer Sonar führen stellenweise zu extremen Lärmbelastungen.
Schon relativ geringer Lärm stört Kommunikation und Orientierungsvermögen der Wale, oder zwingt sie zum Abwandern aus einem betroffenen Gebiet. Kälber können von ihren Müttern getrennt werden, wenn sie diese nicht mehr hören. Grosse Lautstärken führen zu schweren Gehörschäden und anderen Verletzungen, worauf die Tiere orientierungslos stranden oder mit Schiffen kollidieren. Selbst Riesenkalmare aus der Tiefsee sind nach seismischen Tests mit Schallkanonen vermehrt mit zerstörtem Gehör am Strand angeschwemmt worden. Dass die Lärmbelastung Wale, Fische und andere Meerestiere gefährdet, in ihrem Verhalten stört oder gar tötet, ist mehrfach nachgewiesen worden.
Der Klimawandel könnte weiteren Einfluss auf die Akustik in den Meeren haben, wie Forscher vermuten. Mit zunehmendem Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre werden die Meere saurer. Weil Schall bei höherem Säuregrad im Meerwasser weniger abgedämpft wird, breiten sich vor allem die weitreichenden tieffrequenten Schallwellen weiter aus. Bartenwale, die viel mit tiefen Tönen kommunizieren, könnten dadurch wahrscheinlich die Rufe ihrer Artgenossen über weitere Distanzen hinweg wahrnehmen. Doch gleichzeitig würde der menschgemachte Lärm durch diesen Effekt verstärkt.
Für etliche Fische sind die Hörwelten im Meer offenbar ebenfalls von grösster Bedeutung. Junge Korallenfische, die sich im offenen Meer entwickelt haben, finden dank der Geräusche von Riffbewohnern ins Riff zurück. Als Forscher die Geräuschkulisse eines Riffs aufnahmen und bei Fischfallen abspielten, gingen etwa doppelt so viele Jungfische in die Falle als ohne diese Geräusche.
Publiziert in: Tierreport, Nr. 4/2008
© E. Wullschleger Schättin