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Morgane und Tim Bürgin haben sich bei der Arbeit im Rennstall kennen und lieben gelernt. Heute sind sie verheiratet und arbeiten als Freelance-Rennreiter für verschiedene Trainer. Doch ihre Wege hin zum Rennreiterberuf waren zwei ganz verschiedene.
Nachgefragt bei Morgane und Tim Bürgin
Herzlichen Dank, dass ihr euch für dieses Interview die Zeit nehmt. Könnt ihr als erstes einzeln ein bisschen erzählen, wie euer Weg war? Du, Tim, hast ja soweit ich weiss die Jockeyschule in Paris gemacht. Wie ist diese Ausbildung abgelaufen und wie war es für dich als Schweizer unter den vielen Jockeyanwärtern aus Frankreich?
Tim Bürgin: Richtig, ich habe die Jockeyschule in Gouvieux besucht. Ich begann mit der Ausbildung ein Jahr später als Michael Huber und wir waren dann ein Jahr gleichzeitig an der Schule, was für mich eine Hilfe war. Für mich waren die ersten Wochen hart. Die neue Sprache, weg von der Familie und Freunden… Ich musste mich einleben und gleichzeitig schnell französisch lernen. Zum Glück war «Huebi» da, wir konnten einander helfen. Ansonsten war ich bei Mathieu Boutin im Trainingsbetrieb gut aufgehoben. Er war zwar streng, kümmerte sich aber super um mich und entsprechend habe immer noch Kontakt mit ihm. Aber zurück zur Ausbildung: Schnell lernte ich die täglichen Abläufe im Internat und im Trainingsbetrieb.
Mir gefiel es sehr gut und ich konnte mich nach kurzer Zeit gut Integrieren und neue Freunde finden. Wir sassen ja alle im gleichen Boot. So lernte ich Mickaël Barzalona, Pierre Charles Boudot, Flavien Prat und Theo Bachelot kennen bevor sie zu Jockey-Stars wurden. Im Internat war immer etwas los, es wurde nie langweilig, aber meistens war man müde von der Stallarbeit und vom Training und kam dadurch nicht auf dumme Gedanken. Na ja, ein paar Ausnahmen gab es… (lach) Im zweiten Lehrjahr durfte ich bereits für meinen Trainer Rennen reiten. Das zweite war auch schon das letzte Jahr meiner Ausbildung und ich blieb dann noch ein Jahr als normaler Angestellter bei Mathieu Boutin und konnte total etwa 23 Rennen für ihn reiten und etwa 10 für seinen Vater Jean Jacques Boutin. Danach kehrte ich wieder zurück zu meiner Familie in der Schweiz. Ich fühlte mich in Chantilly ein bisschen einsam. Beruflich war ich zwar zufrieden, aber das private Umfeld war nicht immer optimal.
Und wie bist du Rennreiterin geworden, Morgane? Hast du die Lehre in der Schweiz gemacht?
Morgane Bürgin: Ich habe meine Lehre bei Christina Bucher gemacht und es war eigentlich ein Zufall. Ich kam vom Concours-Sport und suchte Arbeit in Avenches. Da hat mir Peter Scotton eine Ausbildung zur Rennreiterin angeboten. Mir gefiel die Idee und ich machte die Lehre, die ich im Sommer 2015 erfolgreich abgeschlossen habe. Im Rennstall Bucher/Scotton konnte ich oft mit den Pferden auf Reisen gehen, vor allem an die Rennen in Frankreich. Das war sehr interessant. Der Umstieg vom Springsport zum Rennsport war nicht einfach, aber ich denke, ich konnte mich gut anpassen. Im Gegensatz zu Tim in Frankreich, war es für mich schwierig als frisch ausgebildete junge Reiterin Rennen zu bekommen. Erst nach ein paar Jahren durfte ich regelmässig für Karin Suter und andere Trainer gute Pferde reiten und konnte mich so als Rennreiterin verbessern und zeigen was ich kann.
Schweiz oder Ausland?
Wenn ihr nun eure beiden verschiedenen Wege mit etwas Abstand anschaut, welchen Weg würdet ihr jungen Schweizern, die Jockey werden wollen, empfehlen?
Morgane und Tim: Wir empfehlen zukünftigen Rennreitern die Ausbildung im Ausland, mit dem Argument, dass es in der Schweiz schlicht kaum möglich ist, als junge Rennreiter einen «korrekten» Lohn zu erreichen. Man kann hier so wenige Rennen reiten, dass man kaum über das Salär eines normalen – nicht rennreitenden Stallangestellten hinaus kommt. Allerdings müssen sich junge Jockeyanwärter im Klaren sein, dass es im Ausland auf andere Art sehr schwierig ist, weil die Konkurrenz viel grösser ist als hierzulande. Es braucht so oder so viel Leidenschaft, Motivation und Ehrgeiz um als Rennreiterin oder Rennreiter bestehen zu können.
Tim, hattest du während oder nach deiner Ausbildung in Frankreich die Idee, dort zu bleiben und dein Glück zu versuchen oder war immer klar, dass du deinen Weg in der Schweiz machen wirst?
Tim: Ich hatte eigentlich schon im Sinn in Chantilly zu bleiben. Ich habe aber nach drei Jahren ein bisschen die Motivation verloren und hatte auch ein wenig Heimweh. Das private Umfeld ist in meinen Augen sehr wichtig. Es braucht Menschen die einen motivieren, auch konstruktiv kritisieren. Mir hat das gefehlt. Aber vielleicht habe ich nach drei Jahren die Flinte etwas früh ins Korn geworfen. Sportlich gesehen lief es nicht schlecht. Ich durfte meistens ein- bis zweimal pro Woche für meinen Trainer reiten. Es waren keine grossen Favoriten, aber es waren immerhin Ritte. Ich habe mich dann aber entschieden zurück in die Schweiz zu kommen und wollte eigentlich aufhören Rennen zu reiten. Doch schon nach drei Wochen habe ich gemerkt, dass es mir fehlt nicht mehr im Stall zu arbeiten und so habe ich in der Schweiz bei Yvonne Studer und Christina Bucher angefangen in der Arbeit zu reiten.
Frühes Eheglück
Bitte erzählt den Lesern von galoppszene.ch wie ihr euch kennen gelernt habt und wie es dazu gekommen ist, dass ihr sehr jung schon geheiratet habt.
Morgane und Tim: Wir haben uns am Arbeitsplatz in Avenches kennen gelernt. Seit 2012 sind wir zusammen und haben dann am 1. September 2015 geheiratet weil es für uns beide das richtige war. Wenn wir uns mit unseren gleichaltrigen Freunden vergleichen, tanzen wir etwas aus der Reihe, aber wir sind beide zufrieden so wie es ist. Unsere Vorbilder sind unsere Grosseltern. Sie haben auch sehr jung geheiratet und feiern goldene Hochzeit.
Hattet ihr jemals Zweifel, ob es klappt, Privatleben und Beruf zu teilen und in gewisser Weise rund um die Uhr zusammen zu sein? Oder wirkt das nur von aussen so und ihr seid gar nicht ständig zusammen?
Tim: Es ist für ein junges Paar schon eine Herausforderung so eng zusammen zu arbeiten wie wir das tun. Es gibt öfter Auseinandersetzungen wenn ich auf mein Gewicht achten muss und nicht viel oder gar nicht esse. Dann habe ich schlechte Laune und nicht viel Geduld, egal was ansteht. Morgane ist aber auch dann meine verlässliche Partnerin und unterstützt mich. Positiv ist, dass wir unsere Rennen nach den Renntagen zusammen analysieren können, gegenseitig Fehler entdecken und uns so ständig verbessern. Wir versuchen aber auch beide, dem anderen freien Raum zu lassen so dass wir nicht ständig zusammen sind.
Businesspartner und Konkurrenten
Ihr seid als Freelancer tätig, habt euch also euer eigenes kleines Unternehmen aufgebaut. Ihr seid entsprechend Businesspartner aber irgendwo auch Konkurrenten. Wenn man immer gemeinsam an einem Strang zieht und dann im Rennen plötzlich gegeneinander antreten muss, kann man da im Kopf einfach umschalten und sich so richtig konkurrieren?
Morgane und Tim: Im Rennen sind wir Konkurrenten, aber es gibt auch da Momente wo man aufeinander Rücksicht nehmen kann. Wenn es aber ums Brot – sprich um die Siege – geht, dann gibt es kein Pardon und es wird gegeneinander gekämpft. Alles andere würde bei Trainern und Besitzern nicht gut ankommen. Für uns ist es kein Problem das korrekt umzusetzen.
Ist es schon einmal passiert, dass jemand von euch die oder den anderen behindert hat? Und wenn ja, wie geht ihr mit so Situationen um? Gibt es da auch mal heftige Diskussionen?
Morgane und Tim: Es ist schon passiert, ja. Und dann kann es nach dem Rennen in der Garderobe auch mal laut werden, was ja eigentlich nicht optimal ist… Wenn man mit anderen Jockeys nach dem Rennen Meinungsverschiedenheiten hat, lässt man diese Streitigkeiten abends auf der Rennbahn zurück. Bei uns hingegen ist dann das Problem, dass wir unsere Differenzen mit nach Hause nehmen, was manchmal eine ziemliche Herausforderung für uns beide ist.
Ihr macht einen sehr risikoreichen Job. Falls Kinder bei euch ein Thema sind, könnt ihr euch vorstellen, Eltern zu werden während ihr beide noch Rennen reitet?
Tim: Für uns sind Kinder ein Thema. Ich denke für mich ist es kein Problem, den Beruf mit Kindern weiterhin auszuüben. Bei Morgane sieht es ein bisschen anders aus. Sie kann es sich vorstellen, wenn Kinder da sind, den Rennreiterberuf an den Nagel zu hängen und etwas anderes im Pferdebereich zu machen.
Zwar gibt es Jockeys wie zum Beispiel Lester Pigott, die bis ins hohe Alter reiten. Tendenziell ist es aber ein Beruf, den man nicht allzu lange ausübt. Wo und als was seht ihr euch in 20 Jahren?
Morgane und Tim: Wir hoffen das wir in 20 Jahren immer noch den Virus vom Pferdesport in uns haben und noch immer leidenschaftlich mit Pferden arbeiten. Ich (Tim) könnte mir vorstellen Rennpferde zu trainieren, was aber noch schwieriger ist als Jockey zu sein, weil neue Besitzer im Schweizer Rennsport bekanntlich Mangelware sind. Egal ob als Rennreiter oder Trainer ist es im Rennsport sehr wichtig, dass man gute Partner (Trainer, Besitzer) hat und die Zusammenarbeit von Ehrlichkeit und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen bedanken, die uns unterstützen und uns beruflich wie auch privat weiter bringen.
Danke Morgane und Tim, dass ihr uns so viel über euer gemeinsames Leben erzählt habt. Ich und die Leser von Galoppszene wünschen euch für die Zukunft viel Glück und Erfolg.