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Wir Kinder
Maxim Gorki “Kinder der Sonne” | Schauspielhaus, Zürich
Am 15. Dezember feierte „Kinder der Sonne“ unter Regie von Daniela Löffner Premiere im Pfauen. Das Stück vermag nicht zuletzt durch ein raffiniertes Bühnenbild und eine Geschichte von erschreckender Aktualität zu überzeugen.
Von Tamara Schuler.
„Kinder der Sonne“ ist ursprünglich ein Drama des russischen Schriftstellers Maxim Gorki (1868- 1936). Der in ärmsten Verhältnissen aufgewachsene Gorki eignete sich sein umfangreiches Wissen selbst an – zu Schulen und Universitäten blieb ihm der Eintritt verwehrt. Bereits im Alter von zehn Jahren musste er sich sein Geld selbst verdienen, bis zu seinen ersten literarischen Erfolgen im Jahr 1902 hatte er unter anderem als Lumpensammler, Vogelhändler, Ikonenmaler und Schiffsentlader gearbeitet. Sein gesellschaftlicher Hintergrund und Werdegang wird auch in “Kinder der Sonne“, erschienen 1905, sehr deutlich, ebenso mag seine Freundschaft zu Anton Tschechow durchschimmern.
Verblendete Sonnenkinder
Hinter dem Titel verbirgt sich die Geschichte von zehn Protagonisten, Denker und Intellektuelle, die zurückgezogen in einem Haus ihren Theorien und Experimenten nachgehen, während draussen eine Cholera-Epidemie grassiert. Da wäre zunächst einmal Hausbesitzer Pawel (fabelhaft: Rainer Bock), ein unentschlossener Chemiker, der sich ganz und gar seinen Experimenten widmet. Seine Frau Jelena (Friederike Wagner), die zwar unter der mangelnden Aufmerksamkeit ihres Mannes leidet, aber gleichzeitig im gemeinsamen Freund und Maler Dmitrij (Nicolas Rosat) eine vergnügliche Gesellschaft findet. Pawels Schwester Lisa (Julia Kreusch), die sich elbst als „emotionaler Krüppel“ bezeichnet: Seit sie Zeugin eines brutalen Vorfalls wurde, hat sie den Glauben an das Gute im Menschen verloren. Ihre aufkeimende Liebe zum Tierarzt Boris (hervorragend: Sean McDonagh) lässt sie deshalb erst zu, als es bereits zu spät ist.
Und überhaupt spielt die Liebe – und deren Unmöglichkeit – eine zentrale Rolle in diesem Stück: Melanija (Isabelle Menke), die Schwester von Boris, hat aus strategischen Gründen einen reichen Alten geheiratet. Jetzt, da dieser tot ist, verliebt sie sich Hals über Kopf in Pawel. Doch als ihr das Hausmädchen Fima (Franziska Machens) von ihrer bevorstehenden Zweckheirat mit einem rubelschweren Geschäftsmann erzählt, wird Melanija wiederum an ihre eigene Vergangenheit erinnert.
Hölzerne Phantasten
Im Verlauf des Stückes wird deutlich, dass die dahin fantasierten Entwürfe eines besseren Menschen, eben einem “Kind der Sonne“ wie es die Hausbewohner bereits zu sein glauben, illusorisch sind. Mehr und mehr versinken die Figuren in ihren eigenen Problemen, während die armen, kranken Massen vor der Haustüre immer lauter revoltieren. Der Schlosser Jegor (Ludwig Boettger), als Repräsentant der Unterschicht, erscheint zuweilen betrunken und brüllend bei Pawel und wird damit zum unbeliebten Mahnmal an die Welt “da draussen“.
Mehr und mehr spitzt sich die Situation zu, bis sie vor lauter unausgesprochener und gestandener Liebeserklärungen zu eskalieren droht. Doch es kehrt noch einmal eine vermeintliche Ruhe ein, denn im Dienste von Wissenschaft, Kunst und Freiheit sollte kein Platz sein für persönliche Konflikte.
Blinde Bienenkönige
Aber “Die Kinder der Sonne“ steuern unaufhaltsam auf die Tragödie zu. Ob jedoch ein Selbstmord Pawel, Melanija und die anderen aus ihrer geistigen Fixiertheit zu lösen vermag, bleibt am Ende unbeantwortet.
Und auch das Bühnenbild (Claudia Kalinski) bleibt fix: Während des gesamten Stückes sind die Schauspieler im selben Raum: Drei gelbe, mit Bienenwaben-Muster verzierte Wände schränken die Bühne ein. In dieser isolierten Wabe gibt es keinen Rückzugsort, einzige Requisiten sind einige Bücher und Reagenzgläser Pawels sowie ein goldener Samowar.
Der Rest des Bienenstockes, die arbeitenden, fleissigen Bienenmassen, werden ausgeblendet zugunsten der regierenden Bienenkönige und -königinnen, die an der strahlenden Zukunft arbeiten. Die Tatsache, dass am Ende des Stückes eine kleine Sonne in Form eines gleissend hellen Lichtstrahles die Rückwand der Königszelle zum Schmelzen bringt, strotzt – wie auch das gesamte Stück– nur so vor Ironie und Genialität. Trotz seiner tragikomischen Elemente ist dieses Drama von einer Aktualität, die betroffen macht. Passend erscheint da auch Tierarzt Boris‘ Aussage: “Es ist so lustig, dass man heulen könnte“.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten
Weitere Aufführungen im Dezember 2012 und Januar 2013.
Besetzung
Rainer Bock, Julia Kreusch, Friederike Wagner, Nicolas Rosat, Sean McDonagh, Isabelle Menke, Milian Zerzawy, Ludwig Boettger, Barbara Lotzmann, Franziska Machens
Regie
Daniela Löffner
Im Netz
www.schauspielhaus.ch