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KÖLN – Das Hotel und ich: Wir sind beide Besucher auf Zeit. Portrait eines ungewöhnliches Hauses in Köln.
Als ich das erste Mal vor dem Hotel stehe, bin ich unsicher, ob ich den richtigen Ort gefunden habe. Ich befinde mich in einem versteckten Hof in der Innenstadt Kölns vor einem mächtigen neugotischen Gebäude, das mit seinen glatten Steinquadern und grossen Fenstern etwas Unnahbares ausstrahlt. Es liegt am Rande eines kleinen Parks, der nur über schmale, unauffällige Gassen erreichbar ist; in meinem Rücken spüre ich den Schatten der stolzen gotischen Kirche am anderen Ende des kleinen Platzes; sie wirkt, als ob sie den Hof bewacht. Das Haus vor mir trägt keinen Namen, wirkt als ob es sich um ein ehemaliges Kloster handelt und ich drehe mich schon auf dem Absatz um, als ich im letzten Augenblick auf der im Schatten liegenden, gläsernen Eingangstüre den goldenen Schriftzug entdecke: THE QVEST. Es ist das Hotel, das ich gesucht habe. Ich trete ein. Und verliebe mich.
Das war vor zwei Jahren. Das Hotel fesselte mich aber nicht, weil ich wegen meiner Buchung, die irgendwo in den Tiefen des Internets verloren gegangen ist, die Suite beziehen konnte (obwohl dies das Gefühl fördert, ein besonderer Gast zu sein): Es war die Atmosphäre von Grandesse, die mich beim Eintreten umfing – die mächtige Halle mit der breiten Steintreppe, die hinauf in eine Galerie zum Verweilen führte, überdacht von einem gotischen, spitz zulaufenden Himmel, mindestens drei Stockwerke hoch; die schönen, zweifarbigen Fliesen zwischen den mächtigen Säulen; in allen Ecken erlesene Möbel und Ausstellungsstücke; die im Gegensatz dazu fast bescheidene Rezeption mit den USM-Möbeln und dem nonchalanten Rezeptionisten. Hier sprach alles von Design, Geschmack und Liebe für Details.
Ich erfuhr, dass das Haus zwischen 1894 und 1897 erbaut worden war, bis in die 1970er-Jahre als Stadtarchiv gedient hatte, in die Hände eines Privatunternehmens übergegangen war, bis es vom Herausgeber des Design-Magazins «The Qvest», Michael Kaune, und seinen Partnern entdeckt, renoviert und in ein Hotel umgewandelt worden war – um eine Heimat für Kaunes gesammelten Design-Stücke zu finden. Das Hotel war, so las ich, Teil einer kompletten Design-Welt inklusive Magazin, Online-Shop mit erlesenen Stücken und dem Hotel. Welch ungewöhnliche Kombination! Welch ein Wagnis, die Welt der Medien mit der Welt der Gastfreundschaft zu vereinen!
Es gab aber noch etwas anderes, das mich faszinierte und dazu verleitete, bei einem weiteren Besuch Kölns trotz des teuren Preises wieder dieses Hotel zu wählen – etwas Verborgenes, das sich zwar bereits beim ersten Eindruck ins Unterbewusstsein geschrieben, mir aber erst auf den zweiten Blick enthüllt hat: Das Hotel mit seinem Personal, der Hotelführung und allen Einrichtungsgegenständen wirkt, als wäre es selbst nur Gast in diesem beeindruckenden, altehrwürdigen Gebäude: Das Hotel und ich, wir beide sind Besucher auf Zeit! Dass die Designliebhaber und Magazinherausgeber dieses Wagnis eingegangen sind, wirkt wie ein verrücktes und dennoch unglaublich leichtfüssiges Spiel.
Der Mut zu dieser eleganten und ungewöhnlich modernen Grandesse, die sich in einem feinen Zusammenspiel mit dem Temporären, ja Flüchtigen verbindet, nahm mich unbewusst ein, als ich den ersten Fuss über die Schwelle des Hotels setzte. Jetzt, da ich den Grund meiner Faszination kenne, kann ich es kaum erwarten, wieder nach Köln gerufen zu werden.
Jan Graber, September 2017