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Die funktionale Bedeutung der Computernetze für
assoziative Vereinigungen und Verbände
Release 1.0 (Sept. 1998)
Bibliographische Zitation:
Freiwillige Vereinigungen aller Art haben die Gemeinsamkeit, dass sie zur Sicherung ihres inneren Zusammenhalts und ihrer Handlungsfähigkeit nach aussen sehr vielfältige Kommunikationsformen benötigen. So ist es erforderlich, die vom Zentrum an die Peripherie verlaufenden Nachrichtenströme durch (oft mehrstufig organisierte) Aufwärtskommunikationen (von Lokalgruppen über Delegiertenkonferenzen zu Vorstand und Geschäftsleitung) zu ergänzen und die vertrauliche Binnenkommunikation in den formellen Gremien durch öffentlichen multilateralen Diskurs zu komplettieren.
Ein Blick in die Mediengeschichte zeigt, dass sich diese Modi der Kommunikation in sehr unterschiedlichem Masse technologisch entwickelt haben. Im Vordergrund standen eindeutig die der Diffusion vom Zentrum an die Peripherie dienenden "One-to-Many" - Technologien, die seit dem Aufkommen des Buchdrucks in Führung gegangen sind, um dann durch die Massenpresse, Radio und Fernsehen nochmals eine immense Steigerung zu erfahren. Im Bereich dezentral-interaktiver Kommunikation ist eigentlich nur das Telefon als wesentliche Neuerung aufgetreten. Dieses aber hat nichts zur Erleichterung von sozialen Integrationsprozessen beigetragen, weil es aufgrund seiner objektiven technischen Eigenschaften praktisch ausschliesslich für diadische Dialoge Verwendung findet. Wahrscheinlich hat es dadurch, dass es diadische Kommunikationsbeziehungen strukturell isoliert, manche Kollektivierungsprozesse behindert und damit auch in Parteien und Verbänden zu einem Übergewicht der Führung gegenüber der Mitgliederbasis beigetragen.
Demgegenüber sind die für horizontal-multilaterale Kommunikation verfügbaren Hilfsmittel wie auch die für Aufwärtskommunikation erforderlichen "Many-to-One - Technologien auf einem viel primitiveren Niveau haften geblieben. So sind nach wie vor fast 10'000 Voten (oder Rundbriefe) nötig, wenn jeder von 100 Diskussionsteilnehmern allen andern etwas mitteilen will; und die von Tagungsteilnehmern an die Leitung gesandte Informationsmenge beschränkt sich auf undifferenzierte Äusserungen des Applaus oder Murrens oder - im Falle von Abstimmungen - auf ganz wenige Bits. Hinzu kommt, dass das Zusammenwirken dieser Kommunikationsformen durch die vielfältigen Transformationskosten (Protokollführung, Transkription, Vervielfältigung u.a.) behindert ist, die durch den andauernden Wechsel der Trägermedien notwendig werden.
Solche technische Ungleichgewichte haben sich auf die Vereine und Verbände in doppelter Weise verhängnisvoll ausgewirkt. Erstens sind sie mit ein Grund dafür, warum die Führungsrolle in der modernen Gesellschaft nicht den Parteien, Gewerkschaften oder anderen assoziativen Vereinigungen zugewachsen ist, sondern jenen autoritäreren Gebilden, die für die Entscheidungsfindung weniger Horizontal- und Aufwärtskommunikation benötigen, und die über jene umfangreichen Ressourcen verfügen, wie sie z. B. für die Produktion weitverbreiteter Presseorgane oder den Betrieb von Fernsehprogrammen die Voraussetzung bilden. So hat die Kontrolle der Massenmedien durch Staatsorgane und Privatunternehmen in vielfältiger Weise zur Schwächung der Arbeiterbewegung (und ihrer Organisationen) beigetragen (Lee 1994; 1995). Zweitens hat der Vorrang der radialen Einwegmedien Zentralisierungstendenzen innerhalb der Vereinigungen verstärkt, weil die Führungsorgane gegenüber der Mitgliederbasis zusätzliche Möglichkeiten der Selbstdarstellung, Themenkontrolle und konkreten Einflussnahme erhielten. So ist das von Robert Michels am Beispiel deutscher Gewerkschaften exemplifizierte "eiserne Gesetz der Oligarchie" wesentlich in der kommunikativen Zentralstellung der Berufsfunktionäre begründet - so wie der Führungsanspruch leninistisch-bolschewistischer Avantgarde-Parteien nicht ohne das "Zentralorgan" zu denken ist, das monologische Indoktrination und Propaganda an die Mitgliederbasis transportiert.
Im Lichte dieser bisherigen Entwicklungen muss das Internet als eine für Vereinigungen und Verbände besonders bedeutsame und nützliche Innovation betrachtet werden, weil es alle Formen bi- und multilateraler, horizontaler und vertikaler, formeller und informeller, öffentlicher und vertraulicher Kommunikation in gleichem Masse technisch unterstützt und erlaubt, sie alle - kostengünstig, speditiv und in beliebigem Umfang - im selben Medium stattfinden zu lassen.
Paradoxerweise liegt die grösste Sprengkraft der globaler Computernetze gerade darin, dass sie es sehr viel weitgehender als konventionelle Medientechnologien möglich machen, die faktischen Kommunikationsstrukturen der Assoziationen mit ihren formell schon lange propagierten Zielsetzungen in Übereinstimmung zu bringen: mit dem Anspruch auf basisdemokratische Mitwirkung und Entscheidungslegitimierung ebenso wie mit den Zielen zwischenverbandlicher Solidarisierung und weltweiter Kooperation.
Beispielsweise erfüllen sich mit ihrer Hilfe die utopischen Hoffnungen eines Charles Levinson (Präsident der ICF), der in seinem Buch "International Trade Unionism" bereits 1972 eine vorgeschlagen hat, telematische Technologie für die internationale Gewerkschaftsbewegung : nutzbar zu machen: "Data banks could be linked by telex to ICF headquarters and information rapidly transmitted to affiliates upon request." (3) Deshalb kann es nicht erstaunen, dass im Gewerkschaftsbereich bereits in den frühen 80er Jahren relativ umfangreiche Netzprojekte gestartet wurden: zu einem Zeitpunkt, als in den meisten Firmen noch der unverbundene "Stand alone-Computer" vorherrschend war, und dass bereits seit 1990 internationale Konferenzen, die dem Austausch diesbezüglicher Erfahrungen gewidmet sind, abgehalten werden. (4) Nach einem ersten kühnen Experiment in British Columbia (1981) wurde der Einsatz der neuen Netztechnologien seit 1985 vor allem das britische "Popular Telematics Project" (poptel) und durch die Einführung von Email in den Internationalen Gewerkschaftssekretariaten auf eine breitere Basis gestellt, und danach sind unabhängig voneinander in verschiedensten Ländern (USA, Dänemark, Südafrika, Australien, Neuseeland, Korea, Russland) sog. "Labournets" entstanden.
Paradoxerweise hat sich das Netz ausgerechnet auf den relativ organisationsschwachen Ebenen gewerkschaftlicher Organisation (bei Lokal- und Regionalverbänden einerseits und Internationalen Verbänden andererseits) zuerst ausgebreitet, während die viel potenteren nationalen Verbände sich erst nach 1990 zunehmend eingeschaltet haben. Daraus mag man schliessen, dass nationale Verbände aufgrund ihres Reichtums an konventionellen Kommunikationsmitteln weniger auf Online-Kommunikation angewiesen sind - oder auch: dass Computernetze aufgrund ihres niederschwelligen Zugangs dazu beitragen, die das Gewicht infra- und supranationaler Gewerkschaftsniveaus gegenüber der nationalen Verbandsebene zu verstärken.
Bezeichnenderweise hat eines der wichtigsten Projekte (Solinet) in Kanada begonnen, wo die "Canadian Union of Public Employees" 1986 versucht hat, die im weiträumigen Land in 2200 Lokalgruppen verstreuten (und durch sechs Zeitzonen voneinander getrennte) Aktivisten via Email-Verbindungen sowohl miteinander wie auch mit der Zentrale in Ottawa in regelmässige Verbindung zu bringen. In analogem Sinne dient das (in Moskau 1990 etablierte) russische "Labour information Center" (KASKOR) dazu, einerseits die gigantischen Raumdistanzen zwischen Gewerkschaftssektionen verschiedener Landesteile zu überbrücken und andererseits die ausgeprägte geographische Isolation Russlands gegenüber den westlichen Industrieländern zu überwinden.(5) Besonders nützlich erweist sich das Netz für Berufsgewerkschaften, die bisher oft sehr zentralistisch geführt wurden, weil die in verschiedensten Betrieben arbeitenden Mitglieder nicht in der Lage waren, untereinander (sowie mit der Zentrale) intensiv zu kommunizieren. (6) Demgegenüber sind Betriebsgewerkschaften besser der Lage, sich auf traditionellem Weg (über Versammlungen und informelle Gruppenkommunikation) zu integrieren. Dies mag ein Grund sein, warum gewerkschaftliche Netzanwendungen in den USA (wo Betriebsgewerkschaften vorherrschen) bisher relativ wenig ausgebreitet haben.
Eine besondere Bedeutung hat die Netzkommunikation für Gewerkschaften, deren Aktivisten und Funktionäre aufgrund ihrer Berufsarbeit oder ihrer nebenamtlichen Stellung geographisch sehr mobil sind und sich unberechenbar von Ort zu Ort bewegen. Personen, Individuen, die ihre Rolle dauerhaft (z. B. hauptberuflich) wahrnehmen und regelmässig am selben Arbeitsplatz (oder zu Hause) anzutreffen sind, können gut per Postbrief, per Telefon oder Fax miteinander verkehren. Wenn sie hingegen zu ganz unregelmässigen, unberechenbaren und ungewohnten Zeiten tätig sind und/oder ihren geographischen Standort häufig wechseln, erweist sich die Email als eine Kommunikationsform, die auch unter solch erschwerten Bedingungen noch am beten funktioniert, weil Meldungen prinzipiell jederzeit und überall abgerufen und beantwortet werden können. So hat sich das Internet beim kanadischen Solinet für die Durchführung von Bildungskursen gut bewährt, weil auch Arbeiter mit wechselndem Arbeitsplatz und unregelmässiger Schichtarbeit daran teilnehmen können. (7)
Generell erhöht das Internet die Chance, dass nebenamtlich tätige und vielleicht nur abends oder am Wochenende abkömmliche Aktivisten und Funktionäre vollwertig an innergewerkschaftlicher Kommunikation teilnehmen können: so dass sich der bisherige Vorsprung vollamtlicher, regelmässig in Büros der Zentrale sitzenden Berufsfunktionäre etwas reduziert.
In diesem Zusammenhang wird es zukünftig immer wichtiger werden, dass jedes Individuum lebenslang seine eigene Email Adresse behält und dank einem portablen, (mit dem Handy verbundenen) Internet-Anschluss überall und jederzeit in der Lage ist, sich (als Sender und Empfänger) ins Netz einzuschalten.
In allen Ländern kann das Internet nützlich sein, um die gewerkschaftlichen "Organisationsgefälle" und "Professionalitätsgefälle" zwischen Stadt und Land zu überwinden, die bisher einer Einheitlichkeit gewerkschaftlichen Denkens und Handelns entgegengestanden haben. Bisher war es Gewerkschaften häufig nur in hochindustrialisierten urbanen Regionen möglich, spezialisierte Beratung und Ausbildungskurse anzubieten, weil derartige Experten nur dort verfügbar, und weil die Mitglieder im ländlichen Raum zu dünn gesät sind, als dass ein solches Angebot lohnend gewesen wäre. Dadurch hat sich das Übergewicht städtischer Ballungsräume, das in der Geschichte der Arbeiterbewegung so markant hervortritt, andauernd verstärkt. Dank Online-Kommunikation wird es erstmals möglich, allen Mitgliedern unabhängig ihres Standorts Zugang zur selben Spezialexpertise zu verschaffen. So können kanadische Gewerkschaften dank "Solinet" ihre akademischen Lehrkräfte in Toronto rationeller einsetzen, weil es diesen gelingt, auch Arbeiter in fernen Nord- oder Westprovinzen in ihre Bildungskurse einzubeziehen. Andererseits zeigen die Erfahrungen des Solinet ebenfalls, dass solche Spezialisten nun auch leichter geographisch weiträumig verteilt werden können (statt allesamt in der Zentrale zu sitzen), weil dieselbe Netztechnologie es ihnen ermöglicht, trotz räumlicher Distanz in enger Verbindung miteinander zu bleiben. (9)
Generell erweist es sich also, dass Gewerkschaften dank der Computernetze mehr Freiheitsgrade hinsichtlich der Allokation ihrer Ressourcen und der Wahl ihrer Organisationsstruktur erhalten, und dass sie Dilemmas und Unvereinbarkeiten mildern, die zwischen dem territorialen und dem funktionalen Prinzip organisatorischer Differenzierung unweigerlich bestehen. Diese Raumunabhängigkeit der Netzkommunikation ist wohl auch der Grund, warum Gewerkschaften im Verkehrs- und Transportbereich besonders intensiven Gebrauch davon machen. (z.B. die International Transport Workers Federation ITF). So hat sich das Internet für jene Docker aus Liverpool bedeutsam erwiesen, die im Juni 1996 Hafenkräne in Montreal besetzten, um die dortigen Hafenarbeiter zur Unterstützung für ihren Kampf gegen die CAST-Reederei zu animieren. Das Problem bestand dabei darin, dass diese Aktion von der Britischen Presse totgeschwiegen wurde: so dass es nur durch elektronische Übertragung der in der "Montreal Gazette" erschienenen Berichterstattung gelungen ist, die Docker zu Hause zu informieren. Überdies ist es ihnen mit ihrer Website gelungen, eine völlig unerwartete materielle Unterstützung seitens der "Maritime Union of Australia" und einer Japanaischen Dockergewerkschaft zu mobilisieren. (10)
An diesen Beispielen wird deutlich, dass das Internet dazu verhilft, einer bereits bestehenden internationalen Solidarität, wie sie für Berufe der Schifffahrt und Luftfahrt besonders typisch ist), mehr konkreten Gehalt zu verleihen: indem es dank der speditiven und unaufwendigen Netzkommunikation gelingt, diese Solidarität nicht nur wie bisher rhetorisch an gelegentlichen Internationalen Kongressen verbal auszudrücken, sondern in ganz konkreten, teilweise auch durchaus bescheidenen Einzelaktionen zum Tragen zu bringen. So entsteht ein "pragmatischer Internationalismus", der sich nicht in der Form abstrakter Ideologien und ritueller Tagungsresolutionen, sondern im Medium ganz konkreter Alltagsaktionen manifestiert:
In einer Zeit, wo die Welt der Arbeit und der Sozialpartnerschaft durch die globale Liberalisierung der Märkte, durch Multinationale Konzerne und durch die Internationalisierung des Rechts zunehmend einheitlichere Züge gewinnt, bildet das Internet für Gewerkschaften ein hilfreiches Medium, um mit dieser Homogenisierung Schritt zu halten und um aus Erfahrungen, die an einem Ort gemacht wurden, an beliebigen anderen Orten Nutzen zu ziehen. So hat es sich für Australische Gewerkschaften neuerdings als wichtig erwiesen, sich bei amerikanischen Gewerkschaften über die Praxis des "enterprise bargaining" kundig zu machen, weil ihnen selber immer mehr dieses Verhandlungssystem aufgezwungen wird.
Besonders günstige Bedingungen für weltweit koordinierte Aktionen bestehen dann, wenn sie sich gegen überall in derselben Form vorkommende Ereignisse, Entwicklungen oder Problemsituationen richten. Ein Beispiel dafür bildet der von einer Schweizer Gruppe initiierte "Internationale Protesttag gegen Polizeigewalt" (vom 14. /15.März 1996), an dem sich dank einer Initiative kanadischer Aktivisten Gruppen in Spanien, Schweden, Kroatien, Serbien, Neu Seeland, Kanada, USA Brasilien, Südafrika, Bangladesh und Palästina mit Demonstrationen, Seminarien, Konzerten, Vortragsveranstaltungen u.a. beteiligt haben. (14)
Generell fällt auf, in welch hohem Masse ursprünglich für die Binnenkommunikation konzipierte Netzstrukturen nachher ohne weiteres auch (oder gar vorrangig) für die verbandsexterne Vernetzung Verwendung gefunden haben (oder umgekehrt). Während die frühen Gewerkschaftsnetze meist auf proprietärer Software beruhten und deshalb meist füreinander undurchlässig waren, so hat sich heute immer mehr der universelle Internet-Standard durchgesetzt, der bewirkt, dass der globalen Vernetzung der Gewerkschaften keine technischen Hindernisse mehr entgegenstehen und dass diese Netze selber in den umfassenden Internet-Kosmos eingebettet sind.
Diese Integration hat zur Folge, dass praktisch alle öffentlich zugänglichen Web-Angebote oder virtuellen Diskussionsformen ein heterogenes teilweise aus völlig unerwarteten Weltregionen, Statusgruppen und Interessenvereinigungen stammendes Publikum anziehen und im Falle gewerkschaftlicher Aktivitäten häufig zu neuartigen Querallianzen führt, die ohne Netzkommunikation kaum hätten entstehen können. Diese potentiell unlimitierte Öffentlichkeit des Internet nötigt die Gewerkschaften wie auch alle andern Nutzer dazu, ihre Publikationen sprachlich und inhaltlich in einer Weise zu gestalten, dass sie für möglichst verschiedenartige Rezipienten verständlich und akzeptierbar sind. Dies ist Grund dafür, warum extremistische und ausgeprägt "egozentrische" Positionen meist vermieden werden zugunsten von Formulierungen, in denen die Legitimität der Forderungen (im Lichte der UNO-Menschenrechte, der ILO-Normen oder anderer universalistischer Regelwerke) im Vordergrund steht. In Zukunft wird sich zeigen, ob die Netzkommunikation ihre Benutzer automatisch zu jener globalen Denkweise "erzieht", in der Eric Lee die unerlässliche Voraussetzung eines erfolgreichen gewerkschaftlichen Internationalismus sieht. (15)
Mittels Webpages und Email ist es auf einfachste Weise möglich, mit beliebigen in Frage kommenden Interaktions- und Allianzpartnern unverbindliche erste Kontakte aufzunehmen, um herauszufinden, ob man von ihnen etwas lernen kann und/oder ob sie an einer Kooperation Interesse haben. (16) So ist es eher die geographische Extensität als die soziale Intensität der neuen Kontakte, die für Internationale Gewerkschaften wie die ICEM bei der Netzkommunikation im Vordergrund steht:
Die problemlose Quantifizierbarkeit der "Hits" (und Identifikation ihrer nationalen Herkunft) mag leicht dazu verführen, den Erfolg einer Webpage eher an der Zahl und Vielfalt ihrer Besucher zu messen als an ihren (schwerer bestimmbaren) qualitativen Auswirkungen, die vielleicht nur indirekt entstehen und bloss längerfristig erkennbar werden. Daneben sind es aber auch die oft von völlig unerwarteter Seite und in unverhoffter Form eingehenden Sympathiebekundungen, Verbesserungsvorschläge und Unterstützungsangebote, die Web-Publikationen zu einem gewissen Abenteuer machen und für das taktische Gewerkschaftshandeln neue Horizonte eröffnen. So z. B. im Falle der von der ICEM ausgelösten Kampagne mit dem Ziel, die Weltöffentlichkeit auf die prekäre Situation der russischen Arbeiter, die seit Monaten keinen Lohn mehr ausgezahlt bekommen haben, aufmerksam zu machen:
Ebenso wird es möglich, bei unvorhersehbaren Ereignissen kurzfristig an irgendeinem Punkt der Erde Unterstützung oder Hilfe zu mobilisieren:
Bisherige assoziative Vereinigungen haben sich vorwiegend auf der Basis räumlicher Abgrenzungs- und Rekrutierungskriterien (lokal, regional oder national) gebildet.
Dies bedeutete z. B:
Die globalen Computernetze bewirken nun, dass dieses geographische Assoziationsprinzip zunehmend durch ein raumunabhängiges Integrationsprinzip überlagert wird, das sich aber umso stärker an Gemeinsamkeiten
orientiert.
Statusbedingte Assoziierungen entstehen beispielsweise dadurch, dass sich die Frauengruppen oder Jugendgruppen verschiedener Territorialverbände transnational vernetzen; das sozio-kulturelle Integrationsprinzip kann z.B. in der weltweiten Vereinigung türkischer, kroatischer oder philippinischer Gastarbeiter sichtbar werden; und die gesteigerte Integrationskraft gemeinsamer Ziele und Interessen kann beispielsweise dazu führen, dass sich beispielsweise linksmarxistische oder religiöse Splittergruppen, die innerhalb jedes Nationalverbandes hoffnungslos in der Minderheit sind, zu einem überaus sichtbaren und aktiven Weltverband vereinigen, oder dass sich die Arbeiter, die in Tochtergesellschaften desselben multinationalen Konzerns beschäftigt sind, zu einer weltweiten Unternehmensgewerkschaft zusammenschliessen.
Natürlich verlieren die territorialen Verbände dadurch an Kohärenz und Aktionskapazität, weil sie nun hinnehmen müssen, dass sich viele ihre Mitglieder ihre Loyalität an quer verlaufende transnationale Netzwerken gebunden haben und dadurch Spaltungen in den nationalen Raum importieren. Derartige "cross pressures" können zur generellen Milderung aller Konflikte beitragen, weil Interessendivergenzen an territorialen (und die letzten umgekehrt an interessenbedingten) Loyalitäten ihre Grenze finden,
In einer derart mehrdimensionalen Matrixstruktur, in der es gleichzeitig territorialbasierte, statusbasierte, ethnisch fundierte und interessenbedingte Assoziierungen gibt, ist das Gesamtvolumen an Mobilisierung und Partizipation mit grosser Wahrscheinlichkeit höher als in den traditionellen Territorialverbänden, in denen allzu viele Mitglieder keine Gesinnungsgenossen und/oder adäquaten Artikulationschancen für ihre spezifischen Anliegen gefunden haben. Sie garantiert, dass auch Mitglieder mit sehr ungewöhnlichen Merkmalen oder Denkweisen irgendwo genug Gesinnungsfreunde finden, um eine stabile Gruppe zu bilden und dadurch jenes Niveau an Kollektivierung zu erreichen, das bisher nur relativ wenigen Main-Stream - Interessen vorbehalten war.
Des weiteren bedeutet diese Mehrdimensionalität, dass Verbandsstrukturen und Verbandpolitiken eine äusserst flexible, wandelbare Form annehmen, die Dee Hock (der Gründer von VISA International) als "chaordisch" bezeichnet hat. (20) Dies kann bedeuten, dass je nach Problemsituation und Stimmung abwechselnd lokale, nationale und transnationale sowie interessenbedingte Allianzbeziehungen , ideologisch fundierte oder ethnisch basierte Solidaritäten in den Vordergrund treten. Vor allem müssen die Spitzen der Territorialverbände lernen, von ihrem angestammten Führungsmonopol über Verbandsstrategien Abschied zu nehmen und sich selber in Netzwerke einzufügen, in denen sie ihren Einfluss laufend neu erarbeiten müssen, weil er nicht mehr durch formale Kompetenzen generell gesichert ist.
Im Unterschied zu Versammlungsbesuchern, die sich beim Diskutieren oder beim Anhören von Vorträgen immer bereits in einer kollektiven Situation befinden, sind die Sender und Rezipienten von Online-Kommunikationen normalerweise Einzelne, die in sozialer Isolation vor ihrem Bildschirm sitzen. Umso stärker hängt es dann von verschiedensten "Offline-Faktoren" ab, ob derartige Kommunikationen überhaupt in soziale Interaktionsbeziehungen einfliessen oder gar in den formellen Prozessen innerhalb einer Organisation zur Geltung kommen. Dies ist völlig davon abhängig, ob die Computerbenutzer aus eigenem Antrieb motiviert sind, eine solche Brücke zu schlagen.
Genau wie die Nutzung der Online-Medien hängt also auch die Wirkung der dort getätigten Kommunikationen völlig von Faktoren ab, die nicht in den Computernetzen selber erzeugt werden können: z.B. von Effekten kollektiver Mobilisierung und Emotionalisierung, wie sie nur im Rahmen konventioneller Protestaktionen erreichbar sind.
Bei keinem anderen Medium ist die Gefahr so gross, dass eine schiere Ausweitung im "Zugang", die Einrichtung von Diskussionsforen oder auch eine Expansion des publizierten Informationsmaterials völlig wirkungslos bleiben: wenn sich nicht gleichzeitig auch die sozialen Erwartungen und Verhaltensnormen verändern, die für eine faktische Nutzung solcher Angebote erforderlich sind. Vor allem Web-Publikationen, aber auch Newsgroups und Diskussionsformen werden von den Mitgliedern eines Verbands nur dann rege benutzt, wenn diese bereits vorgängig (d.h. aufgrund ihrer konventionellen Offline-Beziehungen zur Vereinigung) hoch motiviert sind, sich über den Verband zu informieren und an seinen Aktivitäten zu partizipieren. (22) Ist diese Bedingung erfüllt, kann die Vereinigung aus den Vorteilen virtueller Kommunikation (niedrige Kosten, Schnelligkeit u.a.) vollen Nutzen ziehen. Ein Beispiel dafür bilden religiöse Gruppen, die gerade dank der Stärke ihrer traditionell-gemeinschaftlichen Kohäsionskräfte für eine Online-Vernetzung besonders günstige Voraussetzungen besitzen:
Mit andern Worten: Die neuen Netztechnologien begünstigen
Gruppierungen, die über viel Idealismus und Engagement, aber wenig Geld
verfügen, während reichliche Geldmittel allein keinen Erfolg
verbürgen. Unter ihrem Einfluss wird die Binnenmobilisierung und das
Mitgliederengagement zu den bestimmenden Kriterien, die die innere
Kohäsion eines Verbands einerseits und seine externen Artikulations- und
Handlungsfähigkeiten andererseits determinieren.
Daraus erklärt sich das Paradox, dass die Netzkommunikation oft
ausgerechnet bei jenen Gewerkschaften am besten floriert, die dank einer
Vielzahl anderer Kommunikationsgelegenheiten (z.B. an regelmässigen
Tagungen und Sitzungen) am wenigsten auf sie angewiesen sind. Nicht zufällig war es eine rein lokale Gruppierung (Die "American
Federation of Musicians in New York City), die 1986 den ersten
gewerkschaftlichen "Bulletin Board Service (BBS) der USA etablierte.
(24)
Die periphereren Mitglieder werden nach wie vor auf Plakataktionen, Direct Mailings oder andere Push-Medien angewiesen sein, um durch die Vereinigung wenigstens minimal informiert und beeinflusst zu werden. So tragen die Computernetze dazu bei, bereits bestehende Differenzen zwischen Kern- und Periphermitglieder (z.B. Unterschiede im Informationsniveau) zu akzentuieren.
Eine weitere Implikation dieser Gesetzmässigkeit besteht darin, dass Online-Kommunikation vor allem während bestimmter Zeitphasen - z.B. in Perioden des akuten Arbeitskampfes - erfolgreich stattfinden kann, in denen ein ungewöhnlich hohes Niveau der Mobilisierung besteht. Daraus erklärt sich, warum anlässlich von Streiks herausgegebene Tagesnachrichten einerseits bisher zu den erfolgreichsten gewerkschaftlichen Netzanwendungen gehören, warum diese andererseits aber das Ende des Streiks praktisch nie überdauert haben. (26)
Generell ist deshalb der Auffassung Kubicek's zuzustimmen, , dass das Internet - als "anschmiegsamstes" aller Medien - je nach der sozio-kulturellen Umwelt, in die es hineinwächst, völlig unterschiedliche Wirkungen entfalten wird: indem es bestehende Tendenzen verstärkt und manche etablierten Strukturen verfestigt, ohne die sozialen und organisatorischen Verhältnisse ursächlich zu verändern. (27) Ebenso ergibt sich der Schluss, dass konventionelle Sozialbeziehungen durch Online-Kommunikation keineswegs überflüssig werden: man muss sie vielmehr noch zusätzlich ausbauen, damit diese computergestützten Beziehungen hinreichende Entfaltungschancen erhalten.
Gerade dank der Online-Kommunikation als Kontrastfolie wird deutlicher sichtbar, in welchem Masse Demonstrationen, Streikaktionen, Boykotte und andere Kampfmassnahmen nie bloss dem instrumentellen Zweck (der Durchsetzung von Forderung) dienen, sondern immer auch dem expressiven Ziel, der Existenz, inneren Kohäsion und äusseren Handlungsfähigkeit der Arbeiterorganisation sichtbaren Ausdruck zu verleihen und die konsensuellen Werte und Normen rituell zu vergegenwärtigen, welche die Identität des Verbandes konstituieren.
Generell fördern die Computernetze äusserst dezentralisiert gestaltete Protestkampagnen, die ihre Wirkung z. B. dadurch entfalten, dass sehr zahlreiche Individuen (oder kleine Gruppen) unabhängig voneinander bestimmte Entscheidungsträger mit Protestbriefen eindecken und dadurch eine summative Gesamtwirkung erzielen. Eine derartige Summierung von Einzelprotesten hat sich in manchen Fällen aus durchaus wirkungsvoll erwiesen: denn ein Abgeordneter, der 1000 Bittschreiben von verschiedenen Einzelbürgern erhält, wird sich davon eher stärker beeindrucken lassen als einer, der ein offizielles Protestschreiben eines Grossverbandes mit vielleicht 100 000 Mitgliedern bekommt. Denn im ersten Fall muss er davon ausgehen, dass diese 1000 Einzelnen nur eine Stichprobe aus einer noch viel grösseren Zahl von Stimmbürgern darstellen, die ihm bei der nächsten Wahl vielleicht verloren gehen könnten, während er im zweiten Fall vielleicht denkt, dass es sich bloss um eine Meinungsäusserung der Verbandsspitze handelt, die vielleicht unabhängig von der Mitgliederbasis agiert.
Natürlich bilden solche Grassroots-Aktionen für die etablierten Führungskader der Verbände eine Gefahr, weil deren Behauptung, sie würden im Namen der gesamten Verbandsmitgliederschaft sprechen, dadurch einem risikoreichen empirischen Test unterzogen wird. Jedenfalls müssen sie zukünftig damit rechnen, dass die Politiker weniger als bisher auf ihre Informationen angewiesen sind und auf ihre Ansichten hören, weil sie via Email in der Lage sind, sich einen direkten Eindruck über das Meinungsbild in der Bevölkerung (oder in der Gewerkschaftsbasis) zu verschaffen. Dementsprechend sind es sowohl in der Politik wie innerhalb der Verbände meist die bisher relativ marginalen, an der Führungsmacht bisher wenig beteiligten Kräfte, die dieses "basisdemokratische" Potential der Computernetze begrüssen, während etablierte Eliten darin eine Statusbedrohung sehen. (28)
Dank dieser dezentralen Struktur erweist sich das Internet vor allem bei jenen Kampagnen als wirkungsvoll, bei denen der Erfolg davon abhängt, dass zahlreiche voneinander unabhängige Decision Makers (z.B. Abgeordnete von Parlamenten oder die Exekutiven verschiedener Gemeinen, Provinzen und Staaten) in derselben Richtung beeinflusst werden. Ein Beispiel dafür bot 1995 die Kampagne für das Verbot von Landminen, die dazu beigetragen hat, dass 123 Staaten das entsprechende internationale Abkommen unterzeichnet haben:
Auch im Gewerkschaftsbereich wird das Internet eher bei dezentralen wirtschaftlichen Machtverhältnissen Anwendung finden, wo es darauf ankommt, auf zahlreiche verschiedenen Unternehmen, regionale Wirtschaftskammern oder lokale Behörden Einfluss zu nehmen: und nicht im klassischen Sektor korporatistischer nationaler Entscheidungsfindung, wo das konventionelle Lobbying weiterhin vorherrschend sein wird. Ein gutes Illustrationsbeispiel dafür bildet die von der ICEM (International Federation of Chemical, Energy, Mine and General Worker's Union) initiierte "Bridgestone - Kampagne" (1996), bei der es darum ging, durch Demarchen bei Aktionären, Kunden, Lieferanten usw. der Firma einen möglichst grossen Gesamtdruck auf die Unternehmensleitung zu generieren. (30) Analog dazu ging dieselbe ICEM bei ihrem weltweiten Internet-Protest gegen die ausstehenden Lohnzahlungen an russische Arbeiter (1997) realistischerweise davon aus, dass neben der russischen Zentralregierung noch viele andere Akteure (z.B. Internationale Banken) dafür verantwortlich waren:
Die Computernetze schaffen den Zugang zu neuartigen, äusserst
niederschwellig zugänglichen Artikulationsformen für Dissens und
Protest.
Alle bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass derartige Sendungen sehr wenig Wirkung haben:
Tatsächlich wirkt ungebetene elektronische Post eher kontraproduktiv, weil sie - als "spamming" verschrieen - allzu häufig von dubiosen Akteuren stammt, die für andere Kontaktnahme entweder kein Geld haben oder darauf ausgehen, im Schutz von anonymen oder pseudonymen Absendeadressen unerkannt zu bleiben.
Als wichtige praktische Folgerung ergibt sich daraus, dass auf dem WWW nur jene Protestseiten Erfolg haben, die ihre Nutzer dazu animieren, auf die angezielten Gegner auf konventionellem Weg (z.B. durch Brief, Telefon oder Fax) Einfluss zu nehmen. Ein Beispiel dafür bietet die Bridgetown-Kampagne, wo die ICEM-USWA auf dem Internet eine Liste mit den Telefon- und Fax-Nummern der Firmen-Manager publiziert hat, welche in der "Days of Outrage" - Aktion im Juli 1996 rege benutzt worden ist und wahrscheinlich dazu beigetragen hat, dass ausgesperrte Arbeiter wieder in die Firma zurückkehren konnten. (32) Solche "action alerts", die den Zweck haben, möglichst zahlreiche Einzelsympathisanten und Gruppen zu einem summativen Gesamtprotest zu mobilisieren, gehören zu den häufigsten und bisher erfolgreichsten politischen Netzanwendungen überhaupt. So ist es z. B. 30 Umweltaktivisten in Süd-Utah 1995 gelungen, im amerikanischen Kongress eine Gesetzesvorlage zur Aufhebung von Naturschutzzonen zu Fall zu bringen, indem sie per Email über 30 000 Gesinnungsgenossen im ganzen Land angeschrieben haben, von denen sehr zahlreiche per Brief oder Telefon ihre Abgeordneten kontaktierten. (33)
Die Organisation konventioneller Gewerkschaften ist "bürokratisch" in dem Sinne, dass sich die meisten Angestellten an rein internen Regeln und Weisungen orientieren, weil die Pflege der Aussenbeziehungen (mit Arbeitgebern, andern Gewerkschaften, Parteien u.a.) in der Monopolkompetenz der Spitzenfunktionäre und der ihnen zugeordneten Stabsstellen verbleibt. Vor allem sind die Internationalen Gewerkschaftsbeziehungen bisher praktisch ausschliesslich durch solch kleine Eliten gestaltet worden: weil es ihnen allein vorbehalten war, an internationale Kongresse zu reisen und zu Hause je nach ihren Gutdünken über die dort erzielten Erfahrungen und Ergebnisse zu berichten.
Natürlich erleichtert dieser Zentralismus es einer Gewerkschaft, nach aussen einheitlich aufzutreten, auf Umweltereignisse speditiv zu reagieren und ihre knappen Ressourcen auf wenige, wichtige Zielsetzungen hin zu fokussieren. Andererseits macht es schwierig, ja unmöglich, den divergenten Interessen und Zielpräferenzen verschiedener Mitgliedersegmente Rechnung zu tragen und gleichzeitig in sehr unterschiedlichen externen Problembereichen und Interaktionsfeldern (z.B. im nationalen und internationalen Raum, in Tarifverhandlungen und in sozialpolitischen Diskussionen) ein hohes Aktivitätsniveau zu entfalten.
Mit den Computernetzen eröffnet sich nun zusätzlich auch allen gewerkschaftsinternen Subgruppen und Faktionen eine niederschwellige Möglichkeit, mit andern Organisationen, Gruppen oder Gruppen über Landesgrenzen und Kontinente in Kontakt zu treten und weit unterhalb der Organisationsspitze quer verlaufende Allianzen zu schmieden. Allerdings bleiben auch im faktischen Gebrauch von Online-Kommunikationen vielerlei Ungleichheiten bestehen, die nicht mit dem formalen Status in der Organisation, sondern Unterschieden persönlicher Qualifikation zusammenhängen. So erstaunt es wenig, dass Email-Diskussionsgruppen vorwiegend von jüngeren männlichen Mitgliedern dominiert werden, die aufgrund ihres gehobenen Bildungsniveaus nicht den Durchschnitt der Gewerkschaftshängerschaft repräsentieren. (34) Im Falle von Gewerkschaften wird die Demokratisierung transnationaler Beziehungen vor allem durch die Dominanz des Englischen behindert, weil Arbeiter nicht-angelsächsischer Länder diese Sprache meist nicht beherrschen. So konnten beispielsweise die streikenden Hafenarbeiter in Santos (Brasilien) nur deshalb erfolgreiche weltweite Kontakte knüpfen, weil ihre Textpublikationen vom Britischen Labournet ins Englische übertragen worden sind. (35)
Die Effektivität gewerkschaftlicher Aktionen hängt stark vom öffentlichen Aufmerksamkeitswert ab, den sie in der Berichterstattung von Presse, Radio und Fernsehen gewinnen. Oft ist es so, dass die Medien gewissen Aktionen, die für Gewerkschaften von grosser Bedeutung sind, kein Gewicht beimessen, oder dass über länger dauernde Streiks nichts mehr publiziert wird, weil sie spätestens nach ein paar Tagen jeden "News-Wert" verlieren. Die Berichterstattung im Internet kann helfen, dass auch über solch wenig beachtete Gewerkschaftsaktionen laufend aktuelle Informationen öffentlich überhaupt zugänglich sind: auch wenn die Frage berechtigt ist, ob sie überhaupt jemand zur Kenntnis nimmt. Am ehesten scheint es zumindest zu gelingen, die Streikenden selbst (und ihre unmittelbaren Sympathisanten) über Verlauf und Wirkungen ihrer Aktion zu informieren, und allenfalls die Medienpublizität dadurch zu stimulieren, dass man Journalisten auf die Online-Informationen aufmerksam macht. Dies kann durchaus bewirken, dass Gewerkschaften und andere Verbände mit dem Blick auf derartige Verwertungen zusätzlich ermuntert werden, attraktive und dauernd aktualisierte Web-Angebote aufrechtzuerhalten. Jedenfalls gehört es zu den empfehlenswerten taktischen Grundregeln, Listen von Medienreaktoren und Journalisten zu erstellen, um via Email diese über neue Netzpublikationen regelmässig zu informieren.
Ein wichtiger Vorzug von Online-Publikationen gegenüber konventionellen Medienpublikationen besteht darin, dass ein Verband seine Werthaltungen, Positionen, Handlungspläne u.a. unvermittelter, authentischer zum Ausdruck bringen kann.
Dies hat zwei Gründe:
Erstens wird die Publikationstätigkeit meist nicht - oder
höchstens teilweise - an interne Spezialisten oder gar an externe Firmen
(Werbeagenturen u.a.) übertragen, sondern amateurhaft von eigenen
Mitgliedern und -funktionären bereitgestellt , die daneben mit anderen
Verbandaktivitäten beschäftigt sind und deshalb aus der Perspektive
unmittelbar Mitbeteiligter wahrnehmen, denken und schreiben.
Zweitens hat die Flexibilität des neuen Mediums zur Folge, dass
öffentliche Kommunikationen sehr spontan aus den jeweils gegebenen
Ereignissen und Situationsbedingungen heraus getätigt und nachher
jederzeit aktualisiert (d.h. mit den momentanen Bedingungen in
Übereinstimmung gehalten) werden können.
Natürlich können aus dieser raschen Spontaneität auch manche Gefahren entstehen: z. B. wenn es darum geht, im Interesse längerfristiger Ziele nicht aus momentanen Stimmungen heraus (d.h. taktisch unüberlegt) zu reagieren.
Die aussergewöhnliche funktionale Vielseitigkeit der Computernetze kommt auch darin zum Ausdruck, dass sie in gleichem Masse für öffentliche und private Kommunikation benutzt werden können, und darüber hinaus auch für ein ganzes Spektrum von "halböffentlichen" Zwischenformen, die auch in der verbandsinternen Kommunikation neuartige Differenzierungen möglich machen. In seinem Buch "Fundraising in the Internet" empfiehlt Michael Stein z. B. den Gewerkschaften neben ihrer allgemein zugänglichen Website einen etwas exklusiveren informationellen Binnenraum zu schaffen, der nur eingeschriebenen und zahlenden Mitgliedern mittels Passwörtern zugänglich ist. (36)
Auch Websites müssen nämlich die Botschaft transportieren, dass es einen Unterschied macht, ob man Mitglied ist oder nicht: z. B. indem man die Chance erhält, in die vertraulicheren Programmpapiere des Verbandes Einblick zu nehmen, sich an speziellen Diskussionsforen zu beteiligen, Beratungsstellen um Auskünfte zu bitten oder mit obersten Spitzenfunktionären in direkten Email-Kontakt zu treten. Noch exklusiver sind "mailing lists", mit denen z. B. Spitzenfunktionäre einen von ihnen selber gewählten Personenkreis regelmässig mit Information bedienen oder in Konsultationen einbeziehen können. Und völlig der Öffentlichkeit entrückt sind schliesslich die bilateralen und multilateralen Email-Kommunikationen, dank denen die Mitglieder des Exekutivgremiums in der Lage sind, auch zwischen den Sitzungen (bzw. bei reisebedingter Abwesenheit) gewissermassen "auf dem Formularweg" gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
Die Ausgestaltung solch vielstufiger Kommunikationssysteme stellt von jetzt an eine neue anspruchsvolle Verbandsaufgabe dar, die nicht nur unter dem Blickwinkel sachlicher Effizienz, sondern immer auch unter dem Gesichtspunkt, was damit symbolisch ausgedrückt wird, bewältigt werden muss. Beispielsweise hat die Schaffung eines den Mitgliedern reservierten "inneren Kreises" die symbolische Wirkung, die Relevanz des Mitgliedschaftsstatus auf neue Weise ins Licht zu rücken, und das Wissen um exklusive "Mailing-Lists" kann sehr wohl frustrierenden Gefühle des Ausgeschlossenseins Auftrieb verleihen... Weil es technisch mühelos möglich ist, gegebene Botschaften mit demselben schieren Mausclick entweder nur einem Partner, den Mitgliedern eines Gremiums oder einer Arbeitsgruppe, der Gesamtheit eingetragener Mitglieder oder der gesamten Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen, braucht es mehr Reflexionen, Argumente und Normen darüber, wann was wem bekanntgemacht werden soll. Mit andern Worten: während sich Privatheit und Vertraulichkeit von Kommunikationen früher allein aus physischen Gründen (z.B. dank dicker Wände von Sitzungszimmern oder infolge des Fehlens von Kopiermöglichkeiten) ergab, so muss sie im Zeitalter digitalisierter Information durch normative Disziplin artifiziell erzeugt und durch spezielle Argumente legitimatorisch abgesichert werden.
Ein paar Erfolgsrezepte im Ringen um "Netznutzeraufmerksamkeit"
Generell gilt, dass die Webangebote von Gewerkschaften - in rein quantiativer Hinsicht - meist sehr wenig Beachtung finden. Besonders dramatisch zeigt sich dies an der Site des amerikanischen Dachverbandes AFL-CIO, die bis vor kurzem pro Tag nicht mehr als ca 300 bis 400 Besucher anzuzuziehen pflegte.
Und weil das Angebot an Websites heute schneller wächst als die Zahl der Surfer, darf auch in Zukunft nicht mit einem stark wachsenden Beachtungsgrad gerechnet werden.
Umso wichtiger ist es für eine Gewerkschaft, durch eine möglichst attraktive und aktuelle Gestaltung ihres Angebots in der allgemeinen Konkurrenz um "Nutzeraufmerksamkeit" erfolgreich zu bestehen. Vor allem muss man die Nutzer dazu animieren, die Site in möglichst kurzen Abständen wiederholt anzuwählen.
Die folgenden zwölf Empfehlungen können dazu beitragen, im neuen weltweiten Universalwettbewerb um "User-Attention" erfolgreich zu bestehen:
Generell sollte der Verband in jeder nur möglichen Weise zeigen, dass er das Internet als Kommunikationsmedium ernst nimmt und längerfristig auch daran denkt, heutige Papierpublikationen überhaupt nur noch über das Netz zu verbreiten. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass die Leser von Papierpublikationen nicht nur auf die Website hingewiesen, sondern auch ermuntert werden, ihre Reaktionen via Email an die Redaktion zu senden. Oder man kann Prämienvergünstigungen gewähren für diejenigen, die ihre Jahresbeiträge übers Internet entrichten.
Schliesslich ist es von grösster Bedeutung, die zwei hauptsächlichen Netzfunktionalitäten (Email und WWW) in ein möglichst enges Komplementärverhältnis zueinander zu bringen. (38) Email ist eine "Push-Technologie", die es Sendern ermöglicht, ähnlich wie mit dem Telefon unaufgefordert jemandem Informationen, Bitten, Aufforderungen u.a. zuzusenden. Das WWW ist hingegen eine "Pull-Technologie", bei der es völlig von der Eigeninitiativ der Rezipienten abhängt, ob irgendwelche Veröffentlichungen überhaupt wahrgenommen (oder gar verhaltenswirksam) werden.
Entsprechend können Emails selbst dann ihr Ziel erreichen, wenn sie bloss aus nacktem ASCII-Text bestehen und von unvorhergesehener, unautorisierter Quelle stammen, während die Wirksamkeit von Webangeboten viel stärker davon abhängig ist:
a) dass sie attraktiv und informativ gestaltet sind (unter Einsatz von
Bild, Farbe, Ton und anderen multimedialen Ausdrucksmitteln)
Wer das Internet erfolgreich gebrauchen will, sollte deshalb für eine möglichst enge Verzahnung dieser beiden funktional komplementären Medien sorgen. So ist es wichtig, via Emails die Adresse von Webpages bekanntzumachen und in den Webpages eine Rückantwortmöglichkeit per Email anzubieten.(39)
Ein häufiger Fehler besteht darin, all die Ausgestaltung multimedialer Websites zu verschwenden und dort jene monologischen Formen der Werbung und Propaganda zu reproduzieren, die man sich in Jahrzehnten konventioneller Pressearbeit zur Gewohnheit gemacht hat. Mühevoller und risikoreicher - aber langfristig wohl bedeutungsvoller - ist es, sich auf die interaktiven Funktionalitäten des Internet (Email, Mailing Lists und Newsgroups) einzulassen, die trotz ihrer technischen Anspruchslosigkeit geeignet sind, die Strukturen, Prozessabläufe und Aussenbeziehungen von Verbandsorganisationen grundlegend zu verändern.
Fussnoten:
Last update: 06 Mrz 17

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