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Frauen im Investmentgeschäft – ein Thema mit bisher wenig Beachtung. Das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern (das sich zum Glück verringert) ist zwar in aller Munde. Über einen weit grösseren geschlechterspezifischen Unterschied wird weniger gesprochen: die Art und Weise, wie Frauen ihr Geld anlegen.
Nehmen wir zum Beispiel eine Person, die mit 25 Jahren beginnt, jeden Monat 200 Franken anzusparen, nach 15 Jahren damit aufhört und das Geld bis zum Alter von 65 Jahren mit 5 Prozent Zinsen pro Jahr anlegt. Schauen wir uns nun eine Person an, die mit 40 Jahren über einen Zeitraum von 25 Jahren exakt den gleichen Betrag (200 Franken/Monat) anspart. Die erste Person spart insgesamt 36’000 Franken an, die zweite 60’000 Franken. Beim Übergang in den Ruhestand (im Alter von 65 Jahren) summiert sich das Sparguthaben der ersten Person auf 180’000 Franken bzw. auf 50 Prozent mehr als im Fall der zweiten Person, deren Sparguthaben rund 120’000 Franken beträgt.
Zinseszins als «achtes Weltwunder»
Diese Differenz ist auf den Zinseszins zurückzuführen, der manchmal als das «achte Weltwunder» bezeichnet wird. Im Grunde bedeutet diese Aufzinsung, dass man im Laufe der Jahre sowohl auf die angesammelten Zinsen als auch auf das ursprünglich angelegte Kapital Zinsen erhält. Je früher man anlegt, desto mehr wächst das Sparguthaben bzw. desto grösser ist der Zinseszins-Effekt. Warum verbirgt sich hier ein Ungleichgewicht? Weil es in aller Regel Männer sind, die früh mit dem Anlegen beginnen. Frauen tendieren dazu, erst viel später zu investieren (wenn überhaupt).
Maxime Carmignac ist seit 2013 Managing Director der britischen Niederlassung von Carmignac und für die langfristige Strategie des Unternehmens im Vereinigten Königreich verantwortlich. Sie ist Mitglied des Strategic Development Committee von Carmignac, in dem sie massgeblich an der Entwicklung der Strategie des Unternehmens mit besonderem Schwerpunkt auf verantwortlichem Investieren und Anlagelösungen beteiligt ist. Sie ist zudem Vorsitzende des Strategic Product Committee. Sie begann ihre berufliche Laufbahn im Investmentbanking in London und Paris und ging dann für zwei Jahre zu McKinsey, bevor sie 2006 als Analystin für die Sektoren Energie und Konsumgüter zu Carmignac kam. 2008 setzte Carmignac ihre internationale Laufbahn fort, indem sie zu Visium Asset Management, einer Verwaltungsgesellschaft für alternative Anlagen in New York, ging. 2010 kehrte sie als Portfoliomanagerin zu Carmignac in Paris zurück. Maxime Carmignac hat einen Abschluss der ESSEC Business School.
Auch wenn ich persönlich nichts von Geschlechterstereotypen halte: Ich war doch sehr überrascht darüber, wie bedeutend der Gender-Gap ist, wenn es um den Umgang mit Geld geht. Ich habe mir eine Reihe von Erhebungen und Zahlen angesehen, die alle auf das Gleiche hinauslaufen: Frauen haben andere Erwartungen und Bedürfnisse als Männer.
Andere Erwartungen und Bedürfnisse
Nachfolgend eine – unvollständige – Liste der Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Thema Investitionen: Frauen erwarten gezieltere Anlageberatungsdienstleistungen, die sich auf ihre Ziele im echten Leben konzentrieren. Sie verstehen tendenziell, warum sie anlegen sollten, interessieren sich aber weniger dafür, wie sie dabei vorgehen sollten. Sie sind allgemein weniger risikofreudig als Männer und interessieren sich mehr für langfristige Anlageoptionen mit einem nachhaltigen Ansatz. Ausserdem vertrauen Frauen meistens weniger auf ihr Wissen darüber, wie sie ihre Ersparnisse anlegen können und welche Möglichkeiten es gibt, um ihr Geld zu mehren.
Eine weitere Erklärung liegt darin, dass die Finanzbranche von Männern dominiert wird, einen eigenen Jargon verwendet und gewiss nicht auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen eingeht. Es ist eine traurige Tatsache, dass im Jahr 2022 zwei von drei Frauen den Eindruck haben, dass ihr Finanzberater sie missversteht.
Eine Frage der Unabhängigkeit
Machen wir uns nichts vor: Die Vermögensverwaltungsbranche ist sehr schlecht darin, auf Frauen zuzugehen. Verbesserungen in diesem Bereich wären jedoch mehr als sinnvoll, denn aufgrund des schnell steigenden Anteils arbeitender Frauen, des abnehmenden Lohngefälles zwischen den Geschlechtern und der Tatsache, dass Frauen länger leben als Männer, nimmt die Wirtschaftskraft der Frauen schnell zu. Die Zahlen sprechen für sich: Erwartungen zufolge werden Frauen in den nächsten 40 Jahren 70 Prozent des gesamten Vermögens in den USA kontrollieren (gegenüber 51 Prozent zurzeit) und weltweit wird ihr Einkommen in den nächsten fünf Jahren wahrscheinlich um 5 auf 18 Billionen Dollar steigen.
Es gilt, unter anderem das Bewusstsein von Frauen dafür schärfen, dass sie frühzeitig mit dem Sparen beginnen müssen. Dann können sie sich den Zinseszins-Effekt zunutze machen. Frauen müssen ihre langfristige finanzielle Planung besser in die Hand nehmen, denn dies hat sehr viel mit ihrer Unabhängigkeit zu tun. Finanzielle Unabhängigkeit von Sparerinnen bedeutet mehr Unabhängigkeit für alle Frauen – und der Schlüssel zur finanziellen Unabhängigkeit liegt in dem Wissen darum, wie sich Anlegen lohnt.
Dies ist umso notwendiger, wenn sich die Lebensumstände verschlechtern. Dass ihre Finanzplanung unzureichend war, wird vielen Frauen erst bewusst, wenn sie sich scheiden lassen oder ihr Ehemann verstirbt und sie ihre Lebensgewohnheiten ändern müssen, weil sie vor einem Berg versteckter Schulden stehen oder das Ersparte nicht ausreicht.
Frauen müssen ihre finanzielle Zukunft selbst in die Hand nehmen. Es geht dabei um nichts Geringeres als ihre Unabhängigkeit. Die Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz zu fördern, ist notwendig; das allein reicht jedoch nicht aus. Die Finanzbranche muss ausserdem mehr für das Empowerment von Anlegerinnen tun – das heisst, sie muss sich noch mehr anstrengen, um sie zu ermutigen, zu informieren und zu beraten. Meine Botschaft an Frauen lautet: Haben Sie keine Angst, klein anzufangen. Beginnen Sie jetzt mit dem Sparen und Anlegen, um Ihre finanzielle Zukunft zu sichern. Es ist in Ihrem eigenen Interesse.