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Vorträge MWS HS 2014
Alle Vorträge finden im Vortragssaal des Musikwissenschaftlichen Seminars statt.
Wenn nicht anders angegeben, beginnen die Vorträge jeweils um 18.15 Uhr.
29. Oktober 2014 - Thomas Schmidt (Manchester)
Vom Werk zum (und im) Buch: Verschriftlichungsstrategien als Abbild kompositorischen Handelns in der Renaissance
Für die Musik seit dem Barockzeitalter gilt es als selbstverständlich, dass notierte Quellen, vor allem Entwürfe und autographe Handschriften, grundlegende Aufschlüsse über den kompositorischen Prozess ermöglichen, ja sich dieser in ihnen primär materialisiert. Für die Musik für 1600 stellt sich die Situation anders dar: Autographe oder ‹Kompositionshandschriften› fehlen zumeist, und selbst die wenigen, die durch die Forschungen von Jessie Ann Owens und anderen mittlerweile bekannt sind, dokumentieren kompositorisches Arbeiten nicht in einer Weise, die die Methoden der Skizzen- und Quellenforschung späterer Epochen anwendbar erscheinen lassen. Was wir haben, sind erstens Kopistenabschriften (aus zweiter, dritter, vierter Hand), deren Zweck mutmaßlich entweder die praktische Ausführung oder die Archivierung ist; zweitens Publikationen, an deren Drucklegung der Komponist nur in Ausnahmefällen beteiligt war; und drittens musiktheoretisches Schrifttum, dessen Relevanz für die kompositorische Praxis seit jeher umstritten ist. Der Prozess des Komponierens, ja bis zu einem gewissen Grad die Auktorialität überhaupt scheint hinter dieser Art der Überlieferung weitgehend zu verschwinden - aber eben nur weitgehend, und vielleicht auch nur scheinbar: Ich möchte in meinem Vortrag auf eine Spurensuche gehen, wo und wie sich in der Aufzeichnung von Musik in (autornahen wie autorfernen) Quellen um 1500 ‹trotz allem› kompositorische Prozesse und Intentionen dingfest machen lassen.
Prof. Dr. Thomas Schmidt studierte Musikwissenschaft, Geschichte und Italianistik an den Universitäen Heidelberg und North Carolina (Chapel Hill) und wurde 1995 in Heidelberg mit einer Arbeit zu Mendelssohns Musikästhetik promoviert. Nach einer Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsprojekt ‹Cappella Sistina› und einem Humboldt-Forschungsstipendium an der University of Illinios/Urbana-Champaign wurde er 2001 in Heidelberg habilitiert (Textdeklamation in der Motette des 15. Jahrhunderts, publiziert Turnhout 2003) und folgte nach einer Vertrertungsprofessur in Frankfurt einem Ruf auf den Lehrstuhl für Musik an der Bangor University (Wales). Seit 2012 hat er eine Professur and der University of Manchester inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Überlieferung der Musik des 15. und 16. Jahrhunderts und deutsche Instrumentalmusik des 18. und 19. Jahrhunderts; er ist Mitarbeiter an der Leipziger Mendelssohn-Ausgabe (zuletzt Edition der ‹Italienischen› Sinfonie) und leitet das vom Arts and Humanities Research Council geförderte Projekt ‹Production and Reading of Music Sources, 1480-1530›). Ferner ist er Mitglied der Academia Europaea und des Editionsbeirats von Early Music, des Journal of the Alamire Foundation und der Serie Epitome Musical.
Der Vortrag findet um 18.15 Uhr im Vortragssaal des Musikwissenschaftlichen Seminars statt.