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Seit 2012 können Wind- und Solarparks in Deutschland ihre Energie an Grosshändler verkaufen. Diese nutzen ihre Kompetenzen in der Prognose und Vermarktung von Elektrizität, um den unsteten Windstrom optimal ins Energiesystem zu integrieren. In Deutschland ein riesiger Erfolg, hat die Direktvermarktung in der Schweiz noch kaum Anlauf genommen.
Produzenten von Elektrizität aus Biomasse, Wind und Sonne werden in vielen Ländern Westeuropas mit Preisgarantien gefördert: In der Schweiz heisst der Mechanismus Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), in Deutschland sind die langfristigen Preisgarantien im Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG) festgelegt. Bis 2011 erhielten deutsche Produzenten von den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) einmal im Monat die Vergütung für den erzeugten Strom ausbezahlt. Seit 2012 können sie wählen, ob sie beim ÜNB bleiben wollen oder einen anderen Marktteilnehmer mit der Vermarktung ihrer Energie beauftragen wollen. Letzteres geschieht dann im Rahmen der Direktvermarktung: Der Produzent verkauft seine erneuerbare Elektrizität an einen Händler. Dieser bezahlt ihm wie bisher die Einspeisevergütung plus eine individuell ausgehandelte Prämie.
Die Abbildung oben stellt die beiden Modelle einander gegenüber: In der klassischen Einspeisevergütung erhält ein Windpark pro erzeugter Megawattstunde den Einspeisetarif. Der ÜNB wiederum erhält diesen aus dem nationalen Subventionsfonds rückvergütet. Zusätzlich erhält der ÜNB für die Abwicklung und die Ausgleichsenergiekosten eine pauschale Entschädigung.
In der Direktvermarktung verkauft der Händler den Strom an der Börse. Dafür erhält er den Marktwert des Stroms. Dazu kommt die Differenz zur Einspeisevergütung, welche er ebenfalls aus dem Subventionsfonds erhält. Für seine Vermarktungsarbeiten erhält der Händler die Direktvermarktungsprämie (blau dargestellt). Einen Teil davon gibt er an den Produzenten weiter (violett).
Die Vorteile der Direktvermarktung sind leicht erkennbar:
- Die Produzenten sind finanziell besser gestellt
- Die Volkswirtschaft profitiert davon, dass die Direktvermarktungsprämien in der Summe kleiner sind als die pauschalen Entschädigungen an die ÜNB
- Der Wettbewerb führt zu Innovationen in den Bereichen Messwesen, Datenübertragung, Erzeugungsprognosen und Abrechnung
- Die Produzenten kommen in den Genuss eines besseren Kundenservices und massgeschneiderter Dienstleistungen
- Die Netzbetreiber können sich wieder voll auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: Bau, Betrieb und Unterhalt von Verteil- und Übertragungsnetzen
- Die Versorgungssicherheit nimmt zu, da die volatile Erzeugung aus erneuerbaren Energien genauer prognostiziert wird
Zahlreiche Evaluationen, darunter auch eine des renommierten Fraunhofer-Instituts, haben gezeigt, dass die Direktvermarktung in Deutschland eine grosse Erfolgsgeschichte ist. Das zeigt sich unter anderem daran, dass seit ihrer Einführung die Menge der direkt vermarkteten Erzeugung von Null auf 54‘000 Megawatt (Stand Februar 2016) gestiegen ist (Quelle: ÜNB-Informationsplattform).
Und worauf wartet die Schweiz?
Wie sieht es in der Schweiz aus bezüglich Direktvermarktung? KEV-Produzenten liefern ihren Strom an die Bilanzgruppe Erneuerbare Energie, welche von der Firma Energiepool betrieben wird. Das Mandat dafür wurde 2008 vom Bundesamt für Energie (BfE) vergeben und nach Ablauf ohne öffentliche Ausschreibung verlängert. Im Januar 2014 hat das BfE ein Faktenblatt zur Direktvermarktung veröffentlicht. Darin steht: «Mit der Direktvermarktung wird den Anlagebetreibern mehr Verantwortung für die Systemstabilität übertragen, bei gleichzeitiger Sicherung der Investitionskosten über eine variable Einspeiseprämie.» In den FAQs zur Direktvermarktung beantwortet das BfE die Frage nach dem Zeitpunkt der Einführung wie folgt: «Dies hängt davon ab, wann und mit welchen Inhalten das neue Energiegesetz verabschiedet wird. Denkbar ist eine Einführung per 1.1.2016, dies ist jedoch abhängig vom Verlauf der parlamentarischen Beratung.» Der Januar 2016 ist mittlerweile vorbei, die Beratung dauert noch an und ein neuer Termin wurde noch nicht genannt.
Je nach Ausgang der Energiestrategie 2050 könnte die Direktvermarktung auch losgelöst und ohne den zweiten Schritt der Marktöffnung eingeführt werden. Sie bringt Wettbewerb in einem wichtigen Teilmarkt und ermöglicht der Schweiz, auch ohne EU-Stromabkommen, ihren Rückstand auf die Nachbarländer zu verringern. Gewinner werden die Produzenten von erneuerbarer Energie, die international tätigen Energiehändler und die gesamte Volkswirtschaft der Schweiz sein. Worauf noch warten?