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Text: Florian Schwab
Fotos: z. V. g.
Diese Geschichte beginnt bei Intertabak in Pratteln (Basel- Landschaft), bekannt als offizielle Direktimporteurin kubanischer Zigarren für die Schweiz. Die Firma gehört zur Hälfte dem kubanischen Staat und zu je einem Viertel dem Unternehmer Heinrich Villiger und der Genfer Familie Lévy.
Seit Kurzem importiert Intertabak auch die dominikanische Zigarrenmarke Vegafina. In Pratteln wird der Neuzugang in Szene gesetzt. Er ist eine willkommene Ergänzung des Sortiments, denn im Gegensatz zum traditionellen Habanos-Portfolio aus Kuba sind die Longfiller von Vegafina in ausreichender Menge verfügbar und überzeugen durch freundliche Preisgestaltung. Trotzdem: Wenn die in kubanischer Wolle gefärbte Intertabak plötzlich dominikanische Zigarren verkauft, lässt dies aufhorchen. Hergestellt wird Vegafina, deren Name auf Deutsch feine Tief- ebene bedeutet, in La Romana.
Die Fahrt dorthin gleicht einem Bootsausflug durch ein endloses Meer von monokulturell angebautem Zuckerrohr. Die lokale Wirtschaft befindet sich zum Grossteil unter der Kontrolle der Central Romana Corporation, eines vor gut 100 Jahren entstandenen Konglomerats, zu dem neben dem Zucker auch viel Viehwirtschaft, der Flughafen, der Hafen und das High-End-Resort Casa de Campo gehören.
Für eine Zigarrenfabrik ist die Küstenstadt eher keine natürliche Wahl. Ge- legen im Süden des Landes, befindet sie sich geografisch in polarer Opposition zu den Tabakanbaugebieten im Norden der Insel, die überwiegend in der Gegend von Santiago de los Caballeros konzentriert sind — mehrere Autostunden entfernt.
Trotzdem steht hier die weltweit grösste Fabrik für handgemachte Zigarren mit über 2000 Mitarbeitern, davon mehr als 1000 Rollerinnen und Roller: Tabacalera de García. Output: über 40 Millionen Stück pro Jahr, fast das Volumen der aktuellen kubanischen Pro- duktion. Rechnerisch verlassen jeden Tag über 110 000 Zigarren die Rollpulte dieser massiven Institution. Gross wurde die Tabacalera de García mit ursprünglich kubanischen Marken wie Montecristo, Romeo y Julieta, H. Upmann und Trinidad, die sie seit den Achtzigerjahren für den US-Markt herstellt, wo Zigarren aus Kuba nicht verkauft werden dürfen.
Schon aufgrund ihrer eindrucksvollen Dimensionen ist die Tabacalera de García eine Reise wert. In vier gigantischen Produktionshallen, sogenannten Galeras, verrichten jeweils etwa 250 Rollerinnen und Roller ihren Dienst. Es riecht nach würzig-süssem Tabak. Die Atmosphäre ist professionell und konzentriert, die Abläufe sind effizient orga- nisiert. Wir erfahren, dass die Fabrik immer das Äquivalent einer Zweijahresproduktion an Tabak vorrätig halte. Während andere Hersteller im Zuge der Pandemie ihre Kapazitäten herunterfuhren, steigerte der Hersteller aus La Romana seinen Output durch Wochenendarbeit und die Einführung eines Mehrschichtenbetriebs.
Zurzeit macht die Tabacalera de García vor allem mit der Marke Vegafina von sich reden. Diese wurde Ende der Neunzigerjahre von José Seijas erfunden, dem späteren Direktor der Fabrik. Seijas ist ein zentraler Architekt des weltweiten Aufstiegs von Longfillern aus der Dominikanischen Republik, ein Grand Old Man der Zigarrenindustrie.
Seine Kreation Vegafina war, in der bis heute erhältlichen klassischen Linie, ein Erfolg. Mit ihrem fein abgestimmten, milden Bouquet traf die neue Marke den Nerv ihrer Zeit und setzte in puncto Preis-Leistungs-Verhältnis Massstäbe bei milderen Zigarren. Gleichwohl führte Vegafina lange ein eher unauffälliges Dasein in den Verkaufsregalen. Mit der Ausnahme Spaniens, wo die Marke seit vielen Jahren den Spitzenplatz bei den Verkäufen von Premiumzigarren belegt.
Derzeit explodieren auch anderswo die Bekanntheit und die Verkäufe. Bereits kratzt Vegafina bei der Anzahl verkaufter Zigarren an der Nummer zwei des Produkte-Universums der Tabacalera de García. Und die Manager in La Romana rechnen damit, dass sie schon bald die bisherige Nummer eins, die für den US-Markt bestimmte dominikanische Romeo y Julietas, einholen wird.
Mitverantwortlich für das Wachstum ist, dass Vegafina beim Sortiment über das klassische Ursprungsprodukt hinausgewachsen ist und dabei auch die Trends zu kräftigeren Zigarren sowie zu Nicaragua-Tabaken mitgemacht hat. Heute kann der Aficionado aus insgesamt vier Linien wählen. Neben der klassischen sind dies die kräftigere Fortaleza 2, eine Nicaragua-Linie (ausschliesslich aus Nicaragua-Tabak), sowie die zum 20-jährigen Bestehen der Marke geblendete Linie 1998. Dazu kommen Ediciones Limitadas – eine pro Linie und Jahr.
Die Verkaufserfolge von Vegafina stehen für ein frisches globales Selbstbewusstsein der dominikanischen Tabakindustrie, wie man es am diesjährigen Procigar Festival, einer Art Genfer Uhrensalon für dominikanische Zigarren, mit Händen greifen konnte. Alle Hersteller, mit denen wir gesprochen haben, verzeichnen massives Wachstum. Sie stossen in das Vakuum vor, das die Konkurrenz aus dem nahe gelegenen Kuba mit ihrer Verknappung und Verteuerung geschaffen hat.
Wobei der Begriff Konkurrenz in Anführungszeichen zu setzen wäre. Denn seit über 20 Jahren führen die Tabacalera de García und die kubanische Export-Monopolistin Habanos S.A. nämlich eine symbiotische Beziehung als Bestandteil ein und desselben Konzerns. 1999 kaufte die französische Seita die Produktionsanlage in La Romana (als damaliger Bestandteil der US-Gesellschaft Consolidated Cigars), zuvor im Besitz des amerikanischen Milliardärs Ron Perelman. Kurze Zeit später fusionierte Seita mit dem ehemaligen spanischen Tabakmonopol Tabacalera zu Altadis. Im folgenden Jahr kaufte Altadis 50 Prozent von Habanos S.A., womit der französisch-spanische Konzern, der auch ein substanzielles Portfolio von maschinell hergestellten Marken und Zigaretten umfasste, zum Platzhirsch bei den Premiumzigarren mutierte. 2007 wurde Altadis für 12,6 Milliarden Euro von der britischen Imperial Tobacco (heute Imperial Brands) übernommen und als Sparte für Premiumzigarren positioniert. Seit 2019 verkaufte Imperial Brands sukzessive die Premium-Sparte an Investoren aus Hongkong zum Preis von 1,44 Milliarden Euro.
Sowohl die Tabacalera de García als auch der 50-Prozent-Anteil an der kubanischen Habanos S.A. landeten im Zuge dieser Transaktionen bei der Allied Cigar Corporation, einer Investment- Gesellschaft aus Hongkong, während die amerikanischen Bestandteile des Altadis-Firmenportfolios (mit den US- Markenrechten für diverse ursprünglich kubanische Marken, hergestellt in La Romana) an eine ebenfalls in Hongkong domizilierte Holding-Gesellschaft namens Gemstone Investment gingen.
Für die Tabacalera de García bedeutet die neue Konstellation eine Chance, sich auf handgerollte Zigarren zu konzentrieren. Bis vor Kurzem wurden in La Romana zusätzlich auch maschinell hergestellte Rauchwaren produziert. Dieses Geschäft ist nach dem Altadis-Verkauf bei Imperial verblieben; die Produktion findet jetzt aber anderswo statt.
Erkennbar ist eine klare Premium- Strategie der neuen Eigentümer. Für einen zweistelligen Millionenbetrag wurde die Tabacalera de García instandgesetzt und ganz auf handgemachte Zigarren ausgerichtet. Und mit dem «grupo de maestros» besteht ein spezieller Lehrgang für besonders talentierte Rollerinnen und Roller. Sie lernen und perfektionieren sämtliche Schritte der Tabak- und Zigarrenherstellung und sollen dereinst international als Botschafter für die verschiedenen Marken des Hauses eingesetzt werden.
Die neuen Eigentümer aus Hongkong (oder China, aber das ist ein anderes Thema) haben die Tabacalera de García bei der spanischen Tabacalera angesiedelt, dem früheren spanischen Monopol, das innerhalb von Altadis noch als Distributionsgesellschaft für den iberischen Markt fungiert hatte. Neue Zigarren entstehen in enger Abstimmung zwischen dem Blending-Team der Tabacalera de García in La Romana sowie der Marketing-Abteilung von Tabacalera in Madrid.
Architektin des Markterfolgs von Vegafina in Spanien war seit den frühesten Anfängen die Habanos-Importeurin Altadis. Ist das nun eine Vorlage für Länder wie die Schweiz? Jedenfalls sieht es so aus, als werde die ausserhalb Spaniens bislang relativ strikte Dichotomie zwischen Kuba und Nicht-Kuba in der neuen Eigentümerstruktur etwas aufgeweicht.