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Interview: Tobias Hüberli
Fotos: Njazi Nivokazi
Sie waren in Ihrer Karriere sehr früh erfolgreich. Wie kam es dazu?
Christian Eiroa: Als ich fünf Jahre alt war, verunfallte mein Vater mit einem Flugzeug und war anschliessend gelähmt. Danach musste ich vieles allein machen. Als Siebenjähriger lernte ich, auf der Tabakplantage Suzuki-Jeeps zu fahren. Als ich elf war, schickten mich meine Eltern über die Sommerferien in ein französisches Internat. Sie setzten mich einfach in den Flieger, ohne Begleitung. In allem, was ich tat, war ich sehr jung.
Wollten Sie auch schon jung ins Zigarrengeschäft einsteigen?
Im Gegenteil. Vor allem versuchte ich es zu vermeiden, mit meinem Vater zu arbeiten. Er war sehr militärisch und temperamentvoll.
Dieser Plan ging offensichtlich nicht auf.
1995 kehrte ich von Miami nach Honduras in die Firma zurück, eigentlich nur für ein paar Monate. Aber nach zwei Wochen fühlte ich mich wie ein Fisch im Wasser. Die Manufaktur, die Tabakfelder, alles faszinierte mich. Aber ich wollte aus dem Schatten meines Vaters treten und nicht nur als sein Sohn bekannt sein. Das war wie ein Rauschen, das ich konstant im Hinterkopf hatte. Während des Zigarrenbooms, als niemand mehr Tabak hatte, sah ich die Chance, meinen eigenen Weg zu gehen.
Erzählen Sie!
Ich war jung und wollte der Grösste sein, am meisten Zigarren herstellen. Wir hatten in Honduras eigene Tabakfelder. Aber in der Anbauplanung damit liegt man immer zwölf bis 18 Monate zurück, während sich die Zigarrenverkäufe damals alle sechs bis acht Monate verdoppelten. Es war schlicht unmöglich vorherzusagen, wie viel Tabak wir anpflanzen sollten. Kaufen konnte man sowieso fast keinen mehr. Wir brauchten also neue Quellen. Über den deutschen Tabakhändler Wolfgang Kohne kam ich in Kontakt mit einem Broker, der die indonesische Tabakproduktion kontrollierte. Also flog ich nach Bremen – ich war 23 Jahre alt – und brachte den Broker nicht nur dazu, mir Tabak zu verkaufen, sondern mir auch eine Kreditlinie von sechs Millionen Dollar zu gewähren. Ab dann florierte unser Unternehmen wie verrückt.
Was sagte Ihr Vater dazu?
Ich hatte ihm nichts davon erzählt. Und er war ziemlich wütend, als der erste Container mit Tabak ankam. Aber dann sagte er mir, dass ihm klar sei, dass ich ihn nie als Boss respektieren würde, so wie er mich nie als seinen Angestellten respektieren würde. Er meinte auch, dass nur Menschen, die nie Entscheidungen treffen, nie Fehler begingen, und er mir darum mit diesem Projekt vertraue. Das war eine grosse Erleichterung für mich.
Zurzeit befinden wir uns wieder in einem Zigarrenboom. Was haben Sie aus dem letzten gelernt?
Die wichtigste Lektion war, dass man in diesem Geschäft keine Abkürzungen nehmen darf. Wenn die Nachfrage sprunghaft ansteigt und man in der Produktion nicht mehr nachkommt, ist die Versuchung dafür gross. Wir produzierten damals viele Marken, etwa Romeo y Julieta für den US-amerikanischen Markt. Für weniger renommierte Brands verwendeten wir dann unter anderem den indonesischen Tabak. Dessen Qualität war zwar nicht gut genug, aber das spielte während des Booms keine Rolle. Mit der Zeit nahmen diese Marken allerdings Schaden, die Verkaufszahlen gingen zurück. Unternehmen wie Davidoff oder Fuente, die stets auf Qualität setzten, waren nach dem Boom viel besser dran.
Für Sie ging es da mit der Marke Camacho aber eigentlich erst richtig los.
Als der Zigarrenboom vorbei war, schickte mich mein Vater 1998 in die Staaten, ich sollte lernen, wie man Zigarren verkauft. 1997 begann er, mit dem Corojo-Tabak zu arbeiten. Früher war diese Sorte auf Kuba weit verbreitet, wurde aber durch andere ersetzt, da sie anfällig auf Tabakblauschimmel war. Mein Vater musste genau die richtige Zeit für den Anbau erwischen, damit die Ernte erfolgreich sein konnte. Aber wir wussten eines: Der Geschmack dieses Tabaks ist einzigartig, fantastisch.
Woher hatte er den Samen?
Die Tabakfarm meines Grossvaters in Kuba hiess Victoria de Corojo. Die Hauptfarm in der Corojo-Region hiess Santa Ines del Corojo und gehörte der Familie von Diego Rodriguez. Er und mein Vater waren sich sehr nahe. Sie verliessen Kuba gemeinsam, und als Rodriguez aus dem Tabakgeschäft ausstieg, überliess er meinem Vater diesen Samen. Es gibt nur den einen. Alle anderen Sorten sind Hybriden.
Warum war Camacho so erfolgreich?
Damals gab es in den USA vorwiegend Zigarren aus der Dominikanischen Republik. Und die waren alle mild. Da kam Corojo rein, mit viel Kraft und einem süsslichen Finish. Als wir im September 1999 erstmals Samples an Kunden ausgaben, flippten die Leute regelrecht aus.
2008 verkauften Sie die Marke an Davidoff. Sind Sie glücklich damit, was aus Camacho geworden ist?
Wenn man seine Firma verkauft, muss man bereit sein loszulassen. Ich war jung damals, wollte unbedingt gegen die kubanischen Zigarren antreten, keine Ahnung, wieso. Und ich wusste, die einzige Firma, mit der das möglich sein wird, ist Davidoff. Weil sie das beste Netzwerk hat. Ich dachte, sie könne sich am besten um die Marke kümmern. Letztlich half mir auch, dass Davidoff das Erscheinungsbild änderte. Für mich ist Camacho heute wie jede andere Marke, ich habe keine Meinung dazu.
2011 kehrten Sie mit einer neuen Firma zurück. Es war wohl noch zu früh für den Ruhestand?
Als Unternehmer können Sie nicht einfach aufhören. Wir produzieren dieses Jahr fast vier Millionen Zigarren. Und ich kaufe immer noch viel Tabak von meinem Vater. Er ist ein Bauer durch und durch. Ich glaube, er weiss von den meisten Dingen nicht, was sie kosten. Er ist einfach auf den Feldern und glücklich. Darum beneide ich ihn.
Wie unterscheiden Sie sich eigentlich von Ihrem Vater?
Wir haben immer komplett andere Ansichten von allem. Ich mag boxgepresste Zigarren, er runde – und so weiter. Ironischerweise haben wir einen sehr ähnlichen Charakter. Das treibt mich bisweilen in den Wahnsinn. Der Unterschied zwischen uns ist, dass mein Vater die Dinge alleine lernen muss, jedes Mal. Ich habe im Gegensatz kein Problem damit, jemanden zu fragen, der es besser kann. Aber je älter ich werde, desto ähnlicher werden wir. Mittlerweile bin ich auch am liebsten in der Tabakproduktion, auf den Feldern oder bei der Fermentation. Dort entstehen die Ideen für neue Blends. Dort ist es aufregend.
Mit Cle, Asylum 13 und Eiroa produzieren Sie drei sehr erfolgreiche Marken. Was bedeuten Ihnen diese Zigarren?
Letztlich spiegeln sie unterschiedliche Facetten meiner Persönlichkeit. Die Asylum 13 ist die Zigarre, um in T-Shirt und Jeans in eine Bar zu gehen, eins zu trinken und in einen Faustkampf zu geraten. Cle ist eher fürs Büro, für ein edles Dinner oder für die Momente, in denen man einen Anzug tragen muss. Oder nehmen Sie die Zigarre Eiroa First 20. Die blendete ich, als die Firma 2017 erstmals schwarze Zahlen schrieb. Ich war in einem sehr entspannten Zustand und finde, das merkt man ihr an.
Welche Strategie verfolgen Sie in Europa?
Anfangs betrachtete ich das Europageschäft als reine Marketingmassnahme. Ziel war, dass US-amerikanische Touristen meine Zigarren in den Duty-free-Shops von Paris, London oder Madrid antreffen. Aber nach ein paar Jahren, auch wegen Covid-19 und den Preiserhöhungen der Kubaner, zogen die Verkaufszahlen an. Wir wurden viel populärer, als ich mir das je erträumt hatte.
Was braucht es, um Erfolg zu haben?
Mittlerweile weiss ich, wie hart es ist, eine Zigarrenmarke aufzubauen. Asylum 13 ist ein gutes Beispiel. Sie können sagen, ich sei ein Genie, weil ich eine Zigarre im Format 70 × 7 Inch für sieben Dollar das Stück kreiert habe. Aber das stimmt nicht. Es war einfach Glück. Diese Zigarre entstand nur, weil Tom Lazuka nicht locker liess und ich ihm beweisen wollte, das sich so ein Format nicht verkaufen lässt. Dann lancierten wir die Zigarre genau in der Zeit, als Social Media Fahrt aufnahm. Jeder kaufte sich einen fetten Longfiller, rauchte das Teil während Stunden und veröffentlichte dabei Bilder auf Instagram. Das Ganze wurde ein Selbstläufer. Hätten wir die Zigarre zehn Monate früher lanciert, wäre das vielleicht nie passiert.
Christian Eiroa (50) wuchs in Honduras auf. Seine Familie besass Tabakfelder und stellte Zigarren für den US-amerikanischen Markt her. Sein Vater Julio war es, der Ende der Neunzigerjahre den in Vergessenheit geratenen Corojo-Tabak wieder anpflanzte. Mit den damit geblendeten Zigarren der Marke Camacho begründete Eiroa den Trend zu kräftigen Zigarren. 2008 verkaufte er Camacho an Davidoff, blieb noch zweieinhalb Jahre beim Schweizer Zigarrenhersteller, bevor er sich 2011 mit einem neuen Unternehmen wieder selbstständig machte. Ein Jahr später lancierte er zwei neue Marken, einerseits die Cle (steht für Christian Luis Eiroa), andererseits die in Nicaragua gefertigte Asylum 13 im Format 70 × 7 Inch. Damit befeuerte Eiroa einen weiteren Trend, jener zu übergrossen Formaten. Etwas später kam mit Eiroa ein weiterer Brand hinzu. Insgesamt produzierte das Unternehmen 2021 3,6 Millionen Zigarren, dieses Jahr werden es nahezu vier Millionen Stück sein. Als Schweizer Importeurin von Christian Eiroas Marken fungiert die in Solothurn ansässige Firma Cigarmundi GmbH.
clecigars.com, cigarmundi.com