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Einen Hund adoptieren: Rüde oder Hündin?
- Von med. vet. Bianca Valente
- 06.03.2023
Die Adoption eines Hundes ist eine wichtige Entscheidung, die Ihr Leben und das Ihrer Familie verändern wird. Es gibt daher viele Kriterien, die Sie berücksichtigen sollten, um ein Tier auszuwählen, das perfekt zu Ihrem Lebensstil passt. Hunde gibt es in einer grossen Vielfalt an Rassen und Grössen, an Temperament und Energiebedarf. Ein weiterer Faktor ist das Geschlecht. Was sollen Sie also wählen: Rüde oder Hündin?
In der Regel hat das Geschlecht eines Hundes nur wenig Einfluss darauf, ob er ein geeigneter Begleiter sein wird. Ob ein Hund und sein Besitzer gut miteinander harmonieren, hängt hauptsächlich von anderen Faktoren ab. Sie sollten vor allem einen Hund wählen, dessen Energielevel, Sozialverhalten, Pflegeaufwand und Charakter zu Ihrem Lebensstil passen. Die grösste Auswirkung auf die Persönlichkeit und das Sozialverhalten eines Hundes hat die Art und Weise, wie er aufgezogen wurde und welche Erfahrungen er in seinem bisherigen Leben gemacht hat. Das Geschlecht des Hundes, den Sie adoptieren werden, sagt also generell noch nicht viel darüber aus, ob er sich gut in Ihre Lebensumstände einfügen kann. Es gibt jedoch trotzdem einige charakteristische Unterschiede, über die Sie Bescheid wissen sollten.
Körperliches Erscheinungsbild und Anatomie
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Rüden und Hündinnen haben unterschiedliche Fortpflanzungs- und Genitalsysteme. Hündinnen urinieren in der Regel in der Hocke, während Rüden das Bein heben, um in die Höhe zu urinieren und so das Territorium besser zu markieren. Während Hündinnen eher dazu neigen, sich in ein oder zwei grossen Urinlachen zu erleichtern, tendieren Rüden dazu, alle paar Meter ihr Bein heben, um alles, was ihnen in den Weg kommt, mit ein paar Tropfen zu bespritzen.
Es gib auch subtilere Unterschiede: Rüden sind meist grösser und schwerer als Hündinnen - das sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn die Grösse Ihres Hundes eine Rolle spielt. Auch in Bezug auf den Körperbau neigen männliche Hunde dazu, breiter und muskulöser zu sein - während weibliche Hunde schlanker und spindelförmiger sind. Auch das Fell kann unterschiedlich sein. Dies ist besonders bei langhaarigen Rassen zu beobachten, bei denen Rüden oft ein dichteres Haarkleid haben. Generell kann man daher sagen, dass Rüden meist imposanter aussehen als Hündinnen.
Umgänglichkeit, Verhalten und Persönlichkeit
Als Begleiter haben sowohl männliche als auch weibliche Hunde Vor- und Nachteile.
Der Hauptunterschied im Verhalten der beiden Geschlechter liegt in ihrem Fortpflanzungstrieb. Männliche Hunde reagieren tendenziell territorialer und aggressiver gegenüber ihren Geschlechtsgenossen, da sie einen natürlichen Instinkt haben, ihr Revier zu markieren und zu verteidigen. Es kann deshalb auch eher mal zu körperlichen Auseinandersetzungen kommen, in denen sie ihre Dominanz zum Ausdruck bringen wollen. Rüden sind daher unter Umständen schwieriger mit anderen Hunden zu sozialisieren, was Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie mit Ihrem Hund an Orten spazieren gehen möchten, die häufig und von vielen anderen Hunden frequentiert werden. Ausserdem neigen männliche Hunde eher dazu, wegzulaufen, um eine Hündin zu finden, die sie decken können.
Hündinnen hingegen sind anderen Hunden gegenüber im Allgemeinen eher unkomplizierter und gefügiger, da sie nicht denselben Instinkt zur Sicherung des Territoriums haben wie Rüden. Oft ist die Sozialisierung mit Artgenossen etwas einfacher, was sie für eine Umgebung mit vielen Hunden geeigneter machen kann. Auch Hündinnen können aber, vor allem untereinander, Streit haben und wenn es hier zu Kämpfen kommt, sind diese oft ernsthafter und blutiger als solche zwischen Rüden.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese geschlechtlichen Verhaltensunterschiede keinesfalls absolut sind und je nach Rasse, Genetik, Temperament und Umgebung des jeweiligen Hundes können sie sehr unterschiedlich ausfallen. Darüber hinaus spielen auch Erziehung, Sozialisierung und Training eine erhebliche Rolle für das Verhalten eines Hundes. Tatsächlich können der Charakter und die Persönlichkeit eines Hundes so vielfältig sein, wie es unterschiedliche Hunde gibt. Jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit - unabhängig von seinem Geschlecht. Und auch wenn man bestimmten Rassen spezifische Verhaltensweisen zuordnet, muss man wissen, dass auch Hunde der gleichen Rasse grosse individuelle Unterschiede im Verhalten zeigen können.
Deshalb ist es bedeutsam, alle der genannten Faktoren bei der Beurteilung des Verhaltens und der Auswahl eines Hundes zu berücksichtigen, anstatt sich nur auf das Geschlecht zu stützen. Denn das Geschlecht sagt nichts darüber aus, wie anhänglich oder unabhängig ein Hund ist. Manche sind eher verschmust, andere verspielt und wieder andere sind eher Einzelgänger.
Erziehung
Es wird oft behauptet, dass Hündinnen mental schneller reifen und schneller erzogen sind als Rüden. Während der Pubertät sind junge Rüden häufig schwieriger zu kanalisieren. Hündinnen hingegen sind oft vor und während der Läufigkeit unkonzentrierter und weniger folgsam. Ansonsten gibt es jedoch keinen signifikanten Unterschied zwischen der Lernfähigkeit eines Rüden und einer Hündin.
Gesundheit
Was die Gesundheit betrifft, so haben männliche Hunde ein gewisses Risiko, an Prostataleiden und Hodenkrebs zu erkranken. Hündinnen haben ein relativ hohes Risiko, Gesundheitsprobleme wie Gebärmutterentzündungen (Pyometra) oder Gesäugetumore zu entwickeln. Auch bei der Fortpflanzung besteht ein erhöhtes Risiko für Komplikationen nach einer Trächtigkeit oder Geburt. Ausserdem wird eine intakte Hündin (d. h. eine Hündin, die nicht kastriert wurde) im Durchschnitt zweimal im Jahr läufig. Läufig zu sein bedeutet, dass die Hündin gedeckt und trächtig werden kann. Während dieser Zeit, die normalerweise drei bis vier Wochen dauert, kann die Hündin einen rosa-roten Ausfluss haben und ihr Körper schüttet Hormone und Pheromone aus, die Rüden anziehen, die gegenüber der Hündin sehr aufdringlich werden können. Die Hündin kann in dieser Zeit auch ablenkbarer und schwerer zum Gehorsam zu bewegen sein. Für die Besitzer kann es zur Belastung werden, während der Läufigkeit Orte zu meiden, an denen sich andere Hunde befinden, und die Hündin immer an der Leine zu halten, damit sie nicht wegläuft und ungewollt gedeckt wird. Die gefährliche Zeit, in der die Hündin deckbereit ist, erstreckt sich aber nur über ein paar wenige Tage.
Intakter Hund versus kastrierter Hund
Viele biologische Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Hunden hängen also mit ihren Fortpflanzungshormonen zusammen. Folglich werden die Unterschiede im Verhalten geringer, wenn Sie Ihren Hund kastrieren lassen. Durch diesen Eingriff kann auch das Risiko von Erkrankungen der Fortpflanzungsorgane (Mammatumore, Hodenkrebs, Pyometra usw.) drastisch gesenkt oder in einigen Fällen sogar gänzlich beseitigt werden. Dafür nimmt das Risiko für andere Gesundheitsprobleme wie zum Beispiel Gewichtszunahme und den damit verbundenen Beschwerden nach einer Kastration zu. In der Vergangenheit haben die meisten Tierärzte eine Frühkastration (bevor der Hund in die Pubertät kommt) empfohlen. Neuere Daten zeigen mittlerweile, dass es besser ist, mit dem Eingriff zu warten, bis der Hund seine körperliche Reife erreicht hat.
Wichtig zu wissen ist, dass die Unterschiede, die bei unkastrierten Tieren offensichtlich sind, bei kastrierten Tieren viel verschwommener und weniger bedeutsam sind, insbesondere bei Tieren, die sehr jung, sprich vor der Pubertät, operiert wurden. Wir empfehlen, die Entscheidung für oder gegen eine Kastration individuell zu treffen und sich dabei von einer Tierärztin oder einem Tierarzt beraten zu lassen. Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag «Kastration – was spricht dafür, was dagegen?»
Wie wählt man nun seinen Hund aus?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es zwischen intakten männlichen und weiblichen Hunden signifikante Unterschiede in Bezug auf Grösse, Verhalten und Gesundheit gibt. Diese Unterschiede sind jedoch nicht generell und können je nach individueller Persönlichkeit der Hunde variieren. Das Geschlecht spielt damit bei der Auswahl eines Hundes nur eine sekundäre Rolle. Am wichtigsten ist es, die Rasse, die Persönlichkeit, die Bedürfnisse (körperliche Bewegung, Gesellschaft, geistige Stimulation, Fellpflege, ...) sowie die Zuchtumgebung bei der Auswahl eines Hundes zu berücksichtigen. Wir empfehlen Ihnen daher dringend, den Hund bereits vor der Adoption kennenzulernen und so viel wie möglich über sein Umfeld und sein bisheriges Leben in Erfahrung zu bringen. Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeberbeitrag "Worauf achten beim Hundekauf?". Überlegen Sie sich gut, ob und wie er zu Ihrem Lebensstil passen wird. Der wichtigste Schritt besteht also darin, gut zu überlegen, ob die Persönlichkeit, das Aktivitätsniveau und die Psyche Ihres potenziellen neuen Haustiers Ihren Bedürfnissen und denen der eventuellen anderen Tiere in Ihrem Haushalt entsprechen.