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|Peter Meier-Classen
im Gespräch mit

David Hume
über Ursache und Wirkung.

Meier-Classen: David Hume, Sie haben den mathematischen Wissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften den Vorteil zugesprochen, dass mathematisch begründete Vorstellungen stets klar und bestimmt sind, dass kleinste Unterschiede sofort bemerkt werden können und es keinerlei Zweideutigkeit gebe.
Hume: Ja. Ein Eirund wird nie mit einem Kreis, eine Hyperbel nie mit einer Ellipse verwechselt. Sie sind durch genauere Grenzen unterschieden als Laster und Tugend oder als Recht und Unrecht.
Meier-Classen: Apropos - ob Sie da den Geisteswissenschaften nicht etwa Unrecht tun ?
Hume: Wenn man die beiden Wissenschaften im rechten Lichte betrachtet, heben sich die Vorzüge und Nachteile nahezu auf und machen beide einander gleichwertig. Die Herleitung in geisteswissenschaftlichen Untersuchungen sind stets viel kürzer als in den Wissenschaften, die von Grösse und Zahl handeln. Es gibt bei Euklid kaum einen noch so einfachen Lehrsatz, der nicht aus mehr Teilen bestünde als jeder geisteswissenschaftliche Gedankengang, der nicht in Hirngespinste und Phantasien einmündet.
Meier-Classen: Sie meinen, dass wir in geisteswissenschaftlichen Belangen sehr rasch ins Spekulative gelangen?
Hume: Das ist so. Wo wir die Prinzipien des menschlichen Geistes durch ein paar wenige Stufen wirklich verfolgen können, da dürfen wir mit unserem Fortschritt bereits zufrieden sein. All unseren Untersuchungen über Ursachen schiebt die Natur schon bald einen Riegel vor.
Meier-Classen: Und die Ursache dieser Tatsache?
Hume: Das Haupthindernis unseres Vorwärtskommens in den Geistes- und metaphysischen Wissenschaften ist die Dunkelheit der Vorstellungen und die Zweideutigkeit der Bezeichnungen. Die Hauptschwierigkeit in der Mathematik dagegen besteht in der Länge der Ableitungen und dem Umfang des Gedankenkreises, die es braucht, bis man zum Schlussergebnis kommt.
Meier-Classen: Ich möchte auf die Schwierigkeiten der Geisteswissenschaften zurückkommen, insbesondere auf die von Ihnen als besonders dunkel und ungewiss bezeichneten metaphysischen Vorstellungen wie Kraft, Macht und Energie und allem, was damit verbunden ist. Wie lassen sich solche Ideen oder Vorstellungen näher untersuchen?
Hume: Alle unsere Ideen sind Abbilder unserer Sinneseindrücke. Es ist uns unmöglich, ein Ding zu denken, das wir nicht zuvor durch unsere äusseren oder inneren Sinne empfunden haben. Es geht darum die Eindrücke oder ursprünglichen Gefühle aufzuzeigen, die unseren Vorstellungen zugrunde liegen. Diese Eindrücke sind alle stark und sinnfällig. Sie lassen keine Zweideutigkeit zu. Sie liegen nicht nur selbst in hellem Licht, sondern könnten auch auf die ihnen entsprechenden Vorstellungen, die im Dunkel liegen, Licht werfen.
Meier-Classen: Um uns also mit der Vorstellung beispielsweise der Kraft oder was immer mit ihr verbunden ist, vertraut zu machen, muss man den ihr zugrunde liegenden Eindruck prüfen.
Hume: Wir müssen die Quellen aufsuchen, aus denen der Eindruck möglicherweise herstammen könnte.
Meier-Classen: Möglicherweise ?
Hume: Kein Stück Materie zeigt uns je durch seine sinnlichen Eigenschaften irgendeine Kraft oder Energie. Es gibt keine Veranlassung anzunehmen, dass ein Stück Materie irgendetwas hervorbringen könnte, das wir als eine Wirkung bezeichnen dürften. Dennoch sind wir uns jeden Augenblick einer inneren Kraft bewusst - durch das Empfinden, dass wir durch den blossen Befehl unseres Willens die Glieder unseres Körpers bewegen und durch unseren Geist lenken können. Der Einfluss unseres Wollens auf unsere Glieder ist uns einzig aus unserer Erfahrung bekannt. Der unmittelbare Gegenstand der Kraft ist nicht das bewegte Glied selbst, sondern es sind gewisse Muskeln, Nerven, Lebensgeister und vielleicht etwas noch Zarteres und Unbekannteres, wodurch sich die Bewegung fortgesetzt mitteilt, bevor sie das Glied selbst erreicht, das zu bewegen wir gewollt haben.
Meier-Classen: Da geht dem schliesslichen Resultat eine ganze Kettenreaktion voraus.
Hume: Der Geist will einen bestimmten Erfolg oder ein Resultat, und also gleich wird ein anderer Erfolg hervorgerufen, uns selbst unbekannt und gänzlich verschieden von dem beabsichtigten -
Meier-Classen: Dieser ruft eine andere, ebenfalls unbekannte Wirkung hervor, bis schliesslich durch eine lange Reihenfolge das gewünschte Ereignis, also das Heben des Armes, eintrifft. Dies alles spielt sich unbewusst - ungewusst - von uns ab?
Hume: Wir haben kein Gefühl und kein Bewusstsein von einer Kraft. Dass unser Arm beim Anheben unseren Willen befolgt, ist eine Erfahrung, gleich anderen Naturereignissen. Die Kraft selbst ist, wie in allen Naturvorgängen, unbekannt. Wir können sie nicht sehen und sie uns nicht vorstellen. Wir können nie etwas anderes entdecken, als dass ein Ereignis dem andern folgt. Wir sind nicht imstande, irgendwelche Kraft oder Macht zu begreifen, durch welche die Ursache wirkt.
Meier-Classen: Dasselbe, schreiben Sie, lässt sich auch feststellen hinsichtlich des Geistes auf den Körper.
Hume: Wir beobachten, dass die Bewegung des Körpers der Willensregung des Geistes folgt, aber wir sind ausserstande, das Band zu beobachten oder uns vorzustellen, dass die Bewegung an die Willensregung knüpft, oder die Energie, vermittels deren der Geist diese Wirkung hervorbringt. Wenn sich uns ein Gegenstand oder Ereignis in der Natur darbietet, so ist es uns ohne Erfahrung unmöglich, mit noch so eindringlichem Scharfsinn zu entdecken, was für ein Ereignis aus ihm folgen wird.
Meier-Classen: Somit wäre jede Voraussage unmöglich ?
Hume: Wenn eine besondere Art von Ereignissen immer in allen Fällen im Zusammenhang mit einer anderen aufgetreten ist, so scheuen wir uns nicht, beim Erscheinen der einen die andere vorherzusagen. Wir nennen dann das eine Ursache, das andere Wirkung. Wir nehmen an, dass es irgend eine Verknüpfung zwischen beiden gibt.
Meier-Classen: Nehmen wir das nur an, oder besteht eine solche Verknüpfung tatsächlich?
Hume: Wenn ein Mensch zum ersten Mal den Zusammenprall zweier Billardkugeln beobachtet, kann er zwar sagen, dass das eine Ereignis mit dem andern in Zusammenhang steht, aber nicht, dass sie miteinander verknüpft sind. Erst nachdem er dasselbe mehrmals beobachtet hat, erklärt er sie für verknüpft. Was hat sich so geändert, dass diese neue Vorstellung der Verknüpfung entstand? Weiter nichts, als dass er nun diese Ereignisse als in seiner Einbildung verknüpft empfindet und nun leicht das Dasein des einen aus dem Auftreten des andern vorhersagen kann.
Meier-Classen: Wenn wir also behaupten, dass ein Gegenstand mit einem anderen verknüpft ist, so meinen wir nur, dass sie in unserem Denken eine Verknüpfung eingegangen sind?
Hume: Ein etwas aussergewöhnlicher Schluss, tatsächlich. Wir können nun die Ursache definieren als einen Gegenstand, dem ein anderer folgt, wobei allen Gegenständen, die dem ersten gleichartig sind, Gegenstände folgen, die dem zweiten gleichartig sind. Oder mit anderen Worten: wobei, wenn der erste Gegenstand nicht bestanden hätte, der zweite nie ins Dasein getreten wäre.
Meier-Classen: David Hume, besten Dank für dieses Gespräch!
Hume: Ich weiss nicht, ob dieser Gedankengang leicht zu fassen
ist. Nur fürchte ich, wenn ich mehr Worte darüber verlöre
oder den Gegenstand noch von verschiedenen Seiten beleuchte, so würde
er dadurch nur dunkler und verwickelter werden.