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Hundert Jahre schweizerische Gebirgsartillerie
Von Adolf Kunz
« Achtung — fest»Bern ) Nun ist der Motor auch in unsere Gebirgsbatterien eingedrungen, hat dort das Saumtier ersetzt, den Säumer verdrängt. Die Säumerei, einst bei der Gebirgsartillerie allein heimatberechtigt, hat längst auch bei den übrigen Gebirgstruppen Gastrecht erworben. Heute ist sie vollends dorthin abgewandert. Darüber grämen sich die alten Gebirgsartilleristen und freuen sich die jungen.
Eine Rückschau auf das Werden und Wirken unserer säumenden Gebirgsbatterien soll die vielen dem SAC angehörenden Gebirgsartilleristen an die aus ihrer Waffe auf immer entschwundene Säumerromatik erinnern.
Nicht auf Grund theoretischer Erwägungen, sondern aus den Kriegs-erfahrungen heraus ist die Gebirgsartillerie entstanden. Im Jahre 1799 hatten Franzosen und Österreicher bei den Kämpfen in unserm Alpengebiet leichte Bergartillerie verwendet. Auch die Armee Suworoffs führte auf ihrem Zuge über Gotthard und Kinzigkuhn Gebirgsgeschütze mit sich, bediente sich ihrer in wirksamer Weise zur Abwehr der Angriffe der Franzosen im Muotatal, musste sie dann aber auf dem Rückzug am Fusse des Panixerpasses im Stiche lassen.
Im Gegensatz zu den fremden Armeen verfügte das durch das Militär-reglement von 1817 neu geschaffene Bundesheer über kein besonderes Gebirgsgeschütz. Doch schon 1825 verlangte der Basler Oberst Johannes Wieland, der den Krieg in Spanien bei den Franzosen mitgemacht hatte, von der Tagsatzung, « dass für Bergartillerie, nemlich für leichtes Geschütz, welches von Packpferden durch alle Gebirgspfade getragen werden kann, gesorgt werde ». Und 1836 machte der bernische Artilleriehauptmann Louis Napoléon, der spätere Franzosenkaiser, auf die Notwendigkeit aufmerksam, im Gebirge kämpfende Truppen durch leichte Artillerie, die ihnen überall hin müsse folgen können, zu unterstützen. Er empfahl hiefür die im Jahre 1828 in der französischen Armee eingeführte, in den Eroberungskämpfen in Nordafrika verwendete Gebirgshaubitze.
Zusammen mit der Revision des Militärreglementes von 1817 beschloss die Tagsatzung am 21. Heumonat 1840 die Aufstellung zweier Bergbatterien; Bestand der Batterie: 114 Mann, 44 Saumtiere und 4 Haubitzen. Die Eidgenossenschaft hatte das Geschütz zu liefern, der Kanton Zürich die Offiziere und Kanoniere, Wallis und Graubünden die Trainsoldaten mit den Saumtieren zu stellen. Fürwahr eine recht komplizierte Organisation. Die Anschaffung der ersten 10 Geschütze erfolgte 1844 durch den eidgenössischen Oberstartillerieinspektor Louis Foltz aus Morges. Es waren französische kurze Haubitzen — bei uns als 8-Pfünder-Gebirgshaubitzen 1844 bezeichnet — mit glattem Bronzerohr, Kaliber 12 cm und hölzerner Blocklafette. Gewicht des Rohrs 100 kg, der Lafette 114 kg, Spurweite 77 cm. Die Geschütze konnten gefahren oder gebastet werden ( 2 Tragtierlasten ). Sie entsprachen den Anforderungen, die damals an ein Gebirgsgeschütz gestellt wurden. Schussweite und Treffsicherheit waren beschränkt; die Schusstafel reichte nur bis 1400 Schritt.
Der Gebirgsartilleriedienst war neu. Erfahrungen im Basten der Geschütze und in der Überwindung der mannigfachen Geländeschwierigkeiten des Gebirges waren keine vorhanden. Die Versuche, die vorerst mit dem neuen Material gemacht werden mussten, erstreckten sich denn auch bis in das Jahr 1850.
Im Sonderbundskrieg brachten die beiden Parteien im Kampfe um Airolo einige Geschütze ins Feuer, die Urner u.a. zwei kleine tragbare Mörser. Das neu beschaffte Bergartilleriematerial aber kam nicht zur Verwendung.
Bei den Beratungen, die zu der Militärorganisation von 1850 führten, spielte auch die Raketenartillerie eine Rolle. In seiner Botschaft an die Bundesversammlung schrieb der Bundesrat, « dass die Raketenbatterien wesentlich geeignet sein dürften, die Bergartillerie zu unterstützen und zu ergänzen ». Die nationalrätliche Militärkommission, deren erstes Mitglied General Dufour war, teilte diese Ansicht. Sie schlug vor, den Gebirgsbatterien einen Raketenzug zuzuteilen. Die Bundesversammlung aber beschloss die Aufstellung getrennter Gebirgs- und Raketenbatterien. Durch die Einführung gezogener Kanonen verlor das Raketenkorps schon bald seinen Wert. Bereits in den sechziger Jahren wurde es wieder aufgelöst.
Durch die Militärorganisation von 1850 war die Zahl der Bergbatterien von zwei auf vier erhöht worden. Der Eidgenossenschaft oblag die Beschaffung des vermehrten Geschützbedarfes, den Kantonen Graubünden und Wallis die Stellung je einer Auszugs- und einer Reservebatterie, nunmehr aber des gesamten Personals, der Offiziere, Kanoniere und Trainsoldaten, wie auch der Saumtiere ( Graubünden Pferde, Wallis Maultiere ).
Die Aufstellung der Gebirgsbatterien ging langsam von statten. Wohl musste für tatkräftige Naturen die Frage, inwieweit menschliche Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit der Hochgebirgsnatur zu trotzen vermögen, Reiz und Interesse bieten. Trotzdem stiess in den beiden Kantonen die Rekrutierung der Offiziere und der Mannschaft auf Abneigung. Die Gebirgsbatterien galten als Strafkompanien. Anfänglich wurden die Gebirgs-artillerierekruten mit den Kanonieren und Trainsoldaten der fahrenden Batterien gemeinschaftlich instruiert. Der ihnen gegen den Schluss der Schule erteilte Spezialunterricht genügte aber bei weitem nicht, sie auf ihre Aufgabe im Gebirge richtig vorzubereiten. Erst von 1859 an hatte die Bergartillerie ihre eigenen Rekrutenschulen.
Im Jahre 1857 trat die Walliser Gebirgsbatterie 27 ( Auszug ) zum erstenmal als taktische Einheit in den Dienst. Sie marschierte von Leuk über die Gemmi nach Thun und über Château-d'Oex–Les Mosses ins Wallis zurück. 1860 überschritten die Bündner Gebirgsbatterien, der kleinen Bestände wegen zu einer Batterie vereinigt, den Panixerpass, wobei sie sich für den Geschütz-transport über die grossen Schneefelder mit Vorteil einiger zerlegbarer, leichter Schlitten bedienten.
Die Alpen - 1949 - Les Alpes26 Bis dahin hatte sich der Unterricht hauptsächlich auf Marsch und Schiessen erstreckt. Gelegenheit, die taktische Führung und den Gefechtswert der Gebirgsbatterien zu erproben, bot der grosse Gotthardtruppenzusammen-zug im Sommer 1861, zu welchem im Rahmen einer 3000 Mann starken, gemischten Division auch die beiden Walliser Gebirgsbatterien aufgeboten waren. Die Auszugsbatterie 27 beteiligte sich zunächst am Vormarsch der von Oberst Aubert kommandierten Division das Reusstal aufwärts, wo sie öfters Gelegenheit hatte, in die Manöverkämpfe einzugreifen. Bei Göschenen- und in der Schöllenen wurde scharf geschossen. Dann überschritt sie mit der 1 Manöverbrigade die Furka, damals noch Saumweg. Inzwischen war auch die Reservebatterie 55 von Sitten her über die Furka nach Andermatt gelangt, hatte sich dort mit der 2. Brigade vereinigt und marschierte mit ihr über den Gotthard und Nufenenpass ins Goms. Dabei legte sie die Strecke Andermatt-Airolo–Brig an drei aufeinanderfolgenden Tagen in 35% Marschstunden zurück. Beide Batterien ertrugen die Strapazen des Gebirgsdienstes an-standlos. Sie verbrachten 11 Nächte in Schirmzelten im Biwak, meist ohne Stroh und nur mit 2 Decken auf 3 Mann versehen. Die Truppe erhielt jeden Tag einen Schoppen guten Wein und eine auf ein Pfund erhöhte Fleischportion. Der Gesundheitszustand war gut. Für Materialverluste hatte die Reservebatterie am Schluss des Dienstes Fr. 1.50, die Auszügerbatterie überhaupt nichts zu bezahlen. Die Abschatzungen beider Batterien zusammen betrugen für 9 Tiere Fr. 198.. Auf alle Fälle haben die Gebirgsartilleristen das vom hohen Bundesrat der Manöverdivision gespendete Lob vollauf verdient.
Im Jahr darauf war die Reihe an den beiden Bündner Batterien 26 und 54, ihre Gebirgstüchtigkeit zu beweisen. Unter dem Kommando des Majors im eidgenössischen Artilleriestab Hertenstein, des spätem Bundesrates und Chefs des eidgenössischen Militärdepartementes, marschierten sie, 140 Mann mit 15 Reit- und 31 Saumpferden und 5 Haubitzen, in 6 Tagen von Chur nach Cresta im Avers, über die Forcellina nach Casaccia, die Maloja nach Bevers und über den Albulapass und die Lenzerheide zurück nach Chur. Auf 19 Saumpferden waren Geschütze, Munition und Material gebastet, auf 12 der Proviant, anderthalb Saum Wein inbegriffen, die Fourage und das Gepäck. Der Marsch wurde mehrere Male durch Scharfschiessen unterbrochen. Die Glanzleistung war das Überschreiten der Forcellina ( 2673 m ü. M. ). Die Leute von Casaccia sollen grosse Augen gemacht haben, als sie die Kolonne Herten-steins mit Pferden und Geschütz jenen Weg, der damals für Saumtiere als unpassierbar galt, heruntersteigen sahen. Der Kommandant bezeugte am Schlüsse des Wiederholungskurses seine Zufriedenheit mit den Worten: « Es hat dieser Ausmarsch in allen Beziehungen gezeigt, was die Gebirgsbatterien von Bündten punkto Wegschwierigkeiten, bezüglich Ausdauer, Willen und Genügsamkeit zu leisten im Stande sind, und dass gerade die ihnen hierin zukommenden Eigenschaften sie zu ihrem Dienst bei dieser Waffengattung gar sehr befähigen. Das Materielle kam ohne nur einigermassen erhebliche Beschädigungen von dieser Tour zurück, auch die Pferde hatten wesentlichen Schaden nicht genommen. » Bereits 1851 hatte die Schweiz begonnen, die Scharfschützen mit einem kleinkalibrigen Gewehr mit gezogenem Lauf auszurüsten. Die Nachbarstaaten folgten bald auf diesem Wege. Gegenüber den gezogenen Gewehren hatten die glatten Geschützrohre ihre Rolle ausgespielt. Das galt auch für unsere Gebirgsartillerie. Wollte man sie beibehalten, so mussten wirkungsvollere Geschütze her. Versuche mit einem nach dem System des Obersten Müller in Aarau aus der Gebirgshaubitze hergestellten, gezogenen 4-Pfünder-Vorder-lader, Kaliber 8,4 cm, fielen hinsichtlich Schussweite und Streuung befriedigend aus. Die Bundesversammlung beschloss die Umänderung der vorhandenen Gebirgshaubitzen. Die Blocklafetten wurden beibehalten, die Haubitzrohre umgegossen und die vier Gebirgsbatterien mit dem neuen 4-P f linder-Gebirgs-geschütz 1864 ausgerüstet.
Das neue Geschütz brachte neues Leben in die Gebirgsartillerie, namentlich gewann das Schiessen an Interesse. Aber auch die taktische Ausbildung wurde gefördert und dabei das Hauptgewicht auf die sichere Leistung ganzer, wenn möglich kriegsstarker Einheiten gelegt. Wie vorsichtig und zurückhaltend man übrigens in den damaligen Zeiten das Hochgebirge betrat, geht aus dem Gebirgsartilleriereglement von 1862 hervor, in welchem die Empfehlung enthalten ist: « Ohne Not oder besonders dazu erhaltenen Befehl soll man bei voraussichtlich nahem Eintritt ungünstiger Witterung den Übergang über ein hohes Gebirge nicht wagen. » Als 1866 der italienisch-österreichische Krieg die Bewachung der Graubündner Grenze notwendig machte, bot der Bundesrat am 20. Juni nebst 3% Infanteriebataillonen auch die Bündner Gebirgsbatterie 26 auf. Sie leistete Dienst im Unterengadin und im Münstertal. Unsern Truppen blieb der Einsatz im Ernstkampf erspart. So auch der Batterie 26; doch erntete sie für ihre Marschleistungen die Anerkennung des kommandierenden Divisionärs, des Obersten Eduard von Salis.
Im Deutsch-Französischen Krieg musste im Januar 1871 unsere Grenzwacht im Jura verstärkt werden. General Herzog verlangte u.a. das Aufgebot der beiden Auszugs-Gebirgsbatterien 26 und 27. Diese vereinigten sich am 27. Januar in Biel und marschierten über Tramelan-Saignelegier nach Les Bois in den Freibergen. Dabei zeigte sich—wie General Herzog angenommen hatte —, dass die Saumtiere auf den tief verschneiten Jurastrassen weit besser vorwärts kamen als die fahrenden Batterien. In Les Bois alleinstehend, fiel den beiden Gebirgsbatterien die Aufgabe zu, eine kleine Abteilung Franzosen, die dort über die Grenze trat, zu entwaffnen.
Nach der Grenzbesetzung von 1870/71 gestalteten sich die Verhältnisse für die Gebirgsartillerie immer ungünstiger. Man stand unter dem Eindruck der in den Ebenen Frankreichs geschlagenen Schlachten. Der Krieg im Gebirge schien keine Bedeutung mehr zu haben. Dazu kam die Bewaffnung der Infanterie mit Repetiergewehren — bei uns mit dem Vetterligewehr 1869 mit Visierstellung bis auf 1200 m — und die Einführung der Hinterlader-Feldgeschütze. Die Gebirgsartillerie wurde von mancher Seite recht verächtlich angesehen, ihr Nutzen hauptsächlich wegen des grossen Embarras, den die vier kleinen Geschütze einer Batterie erforderten, bestritten. Grössere Märsche kamen keine mehr zur Durchführung; die taktische Ausbildung verkümmerte; die Schiessleistungen waren infolge der veralteten, abgenützten Rohre ungenügend. Man ging so weit, von 1873 an die Gebirgsartilleristen, nach Sprachen getrennt, wieder in die Feldartillerieschulen einzuberufen, wo sich die kleinen Rekrutendetachemente ganz verloren vorkamen.
Die Militärorganisation von 1874 brachte keine Besserung. Sie setzte im Gegenteil die Zahl der Gebirgsbatterien auf zwei herab, allerdings unter Erhöhung der Geschützzahl der Batterie auf sechs. Der Bestand der Batterie stieg auf 170 Mann und 71 Saumtiere. Graubünden stellte die Batterie 61, Wallis die Batterie 62.
General Herzog hatte im Sommer 1875 Gelegenheit, in Essen die neuen preussischen Kanonenmodelle zu studieren. Die darauf in Thun mit einer Krupp-Hinterlader-Gebirgskanone durchgeführten Schiessversuche ergaben bis auf Schussweiten von 3000 m sehr gute Resultate. Herzog empfahl die Neubewaffnung der Gebirgsartillerie, und die eidgenössischen Räte stimmten am 12. Brachmonat 1877 der Beschaffung von 18 7,5-cm-Gebirgskanonen 1877, Modell Krupp, zu. Das Rohr des neuen Geschützes, aus Gußstahl, wog 105 kg, die Stahllafette 145 kg.
Mit der neuen Gebirgskanone wurden ursprünglich nur Granaten verschossen, die aber im Gebirge nicht immer volle Wirkung hatten. 1882 trat neben die Granate ein Schrapnell mit Zeitzündung bis 2400 m.
Das Jahr 1883 brachte der Gebirgsartillerie die Rückkehr zu eigenen Rekrutenschulen, die allerdings der kleinen Rekrutenkontingente wegen nur jedes zweite Jahr abgehalten werden konnten.
In den Jahren 1880, 1882 und 1884 nahmen die Gebirgsbatterien an den Übungen der B. Division teil. Damit erhielten Offiziere und Mannschaft Gelegenheit, sich ein Bild ihrer Verwendung im höhern Truppenverband zu machen. 1888 übten die beiden Gebirgsbatterien im eigenen Regiments-verband. Sie marschierten, 240 Mann mit 130 Pferden und Maultieren und 12 Geschützen, in fünf Tagen von Thun über den Trüttlisberg, die Krinnen und den Sanetsch nach Sitten. In spätem Jahren wirkten Gebirgsbatterien abwechselnd an grossem Truppenübungen mit, so 1894 an den Manövern der 15. Infanterie-Brigade am Kinzigpass, 1901 im Gebiet von St. Maurice, 1904 am Lukmanier, 1906 an den Korpsmanövern im Toggenburg und am Ricken, 1911 an den Manövern des 1. Armeekorps im Gros de Vaud und der B. Division im Bündner Oberland.
Die Kritik an der Gebirgsartillerie verstummte nie vollständig. Immer wieder wurde geltend gemacht, das Gebirge spiele im Kriege keine so grosse Rolle wie vielfach angenommen werde, die Feldartillerie könne in den grossen Alpentälern ohne unüberwindliche Schwierigkeiten verwendet, das Hochgebirge auf unsern vorzüglichen Paßstrassen von ihr fast überall überschritten werden, die Leistungsfähigkeit der Gebirgsartillerie sei überhaupt sehr gering und werde durch die Wirkung der verbesserten Infanteriebewaffnung herabgedrückt.
Anderer Ansicht war der Bundesrat. Schon im Jahre 1893 hatte er vorgeschlagen, die Gebirgsartillerie — weil in den Alpen und im Jura unentbehrlich — zu vermehren. Die beiden Gebirgsbatterien der Organisation von 1874 könnten mehr nur als ein Probestück denn als eine den Kräften des Heeres angemessene Stärke dieser Truppengattung angesehen werden, schrieb er in einer Botschaft an die Bundesversammlung. Sein Antrag wurde zurückgelegt. Die Revision der Militärartikel der Bundesverfassung sollte vorerst abgewartet werden. Sie kam nicht zustande. Im Frühjahr 1896 erneuerte der Bundesrat seinen Antrag, die Zahl der Gebirgsbatterien von 2 auf 4 zu erhöhen und für den Munitions- und Lebensmittelnachschub im Gebirge aus der Land-wehrmannschaft der Gebirgsartillerie Saumkolonnen zu bilden. Durch das Bundesgesetz vom 19. März 1897 genehmigte die Bundesversammlung den bundesrätlichen Vorschlag. Das Gebirgsartillerieregiment, das im Jahr darauf aus der Umorganisation hervorging, setzte sich aus 4 Gebirgsbatterien zu 6 Geschützen und 4 Saumkolonnen zu 80 Tragtieren zusammen.
Beinahe 30 Jahre hat die Gebirgskanone 1877 gedient. Dann aber war sie veraltet, die Rohre ausgeschossen, das ganze Geschütz abgenützt. Sie durch ein modernes Geschütz zu ersetzen, war kein Luxus mehr, um so weniger als inzwischen die Feldartillerie das Schnellfeuergeschütz 1903 und die Infanterie das Gewehr 1889 mit Visierstellung bis 2000 m erhalten hatten.
An Stelle der 77er Kanone trat das Krupp-7,5-cm-Gebirgsgeschütz 1906, mit Rohrrücklauf; grösste Schussweite 4500 m. An die Stelle der 4 Gebirgsbatterien zu 6 Geschützen traten 6 Batterien zu 4 Geschützen, an die Stelle der 4 Saumkolonnen 6 Munitions- und 4 Verpflegungskolonnen.
Sechs Gebirgsbatterien und einige wenige Festungsbataillone waren damals unsere einzigen Gebirgstruppen. Ihre Vermehrung drängte sich auf. Die Militärorganisation von 1907 brachte die grundsätzliche Lösung des Ge-birgstruppenproblems, die Truppenordnung 1911 die praktische Verwirklichung durch die Formierung von 4 Gebirgsbrigaden. Die Gebirgsbatterien wurden auf neun, die Saumkolonnen auf siebzehn vermehrt. Jeder Gebirgsbrigade wurde eine Gebirgsartillerie-Abteilung zu 2 bis 3 Batterien und eine aus 2 bis 3 Munitions- und 2 Verpflegungs-Saumkolonnen zusammengesetzte Saumpark-Abteilung zugeteilt.
Durch die Eingliederung in die Gebirgstruppenverbände verlor die Gebirgsartillerie ihr Eigendasein. Sie teilte von da an Freud und Leid der übrigen Gebirgstruppen, machte ihre Märsche und Übungen mit und stand mit ihnen auf Grenzwacht.
Der Bericht des Chefs des Generalstabes der Armee, Oberstkorpskommandant von Sprecher, über den Aktivdienst 1914-1918 wies auf die beschränkte Zahl unserer Gebirgsbatterien, ihre geringe Schussweite und Geschoss-wirkung hin. Gelänge es —wird dort ausgeführt —, die 7,5-cm-Feldkanone und die 12-cm-Haubitze derart umzuändern, dass sie auch im Gebirge zu verwenden wären, so könnte unter Umständen von einer besondern Ge- birgsartillerie ganz abgesehen und damit der unverhältnismässig grosse Tross an Führern und Tragtieren eingespart werden. Die Gebirgsgeschütze würden sich als Infanteriegeschütze, die dringend notwendig seien, aber noch vollständig fehlten; vorzüglich eignen. Damit wurde eine Frage aufgegriffen, die schon vor dem Kriege wiederholt diskutiert worden war, insbesondere 1911 nach den Manövern der B. Division im Bündner Oberland, wo die Gebirgs-artillerieabteilung 2 gegen eine geschickt geführte Feldartillerieabteilung nicht aufzukommen vermocht hatte. Nach dem Kriege machte man die Feld-kanonen zerlegbar und schaffte Traggeräte an. Ihre Verwendung im Gebirge abseits der Strassen aber blieb Utopie. Die Entwicklung schlug andere Wege ein. Die Truppenordnung 1924 schuf die Grundlage für eine Vermehrung der Gebirgstruppen. Zwei weitere Gebirgsbrigaden, von welchen die eine sofort, die andere 1930 zur Aufstellung kam, mussten mit Artillerie versehen werden. Das erforderte die Vermehrung der Gebirgsbatterien auf 12 und der Abteilungen auf 6. Die Abteilungen bestanden nun einheitlich aus 2 Gebirgsbatterien, 1 Gebirgsartillerie-Parkkompanie und 1 Artillerie-Saumkolonne. Die Gebirgsinfanterie erhielt eigene Saumkolonnen; die Verpflegungs-Saum-kolonnen verschwanden, die Zugpferde der Verpflegungskompanien sollten mit dem Hilfsbastsattel ausgerüstet werden.
Als besonders dringlich erklärte der Bundesrat in seiner Botschaft, mit der er im Jahre 1933 die Aufrüstung der Armee einleitete, den Ersatz des Gebirgsartilleriematerials. Auf unsere wenigen Gebirgsbatterien dürfe nicht verzichtet werden, da wir Batterien brauchten, die der Truppe im Gebirge folgen, deren Geschütze gebastet werden können. Die Zusammenarbeit im Tale stehender Batterien mit den auf Pässen und Kämmen kämpfenden Truppen sei auch dann in Frage gestellt, wenn die Aufgabe rein schiesstech-nisch zu lösen wäre. Das entsprach der damals in unserer Armee herrschenden Auffassung. Das Kaliber von 7,5 cm sollte beibehalten, jedoch eine Schussweite von 9 bis 10 km erreicht werden. Zwei Modelle, eines der Skodawerke ( Tschechoslowakei ), das andere von Bofors ( Schweden ) standen in Konkurrenz. Sie entsprachen nur teilweise unsern Anforderungen. Von beiden wurde eine Versuchsbatterie angeschafft und während mehrerer Jahre in Rekrutenschulen und Wiederholungskursen gehörig ausprobiert. Daraus entstand ein eigenes Modell, die 7,5-cm-Gebirgskanone 1933, mit Schussweiten bis 10 500 m. Zum erstenmal besass nun die Gebirgsartillerie ein der Feldkanone überlegenes Geschütz.
Das neue Material verlangte eine Vermehrung der Geschütztiere, die neue Munition eine solche der Munitionstiere. Der Bestand der Batterie stieg auf 292 Mann und 136 Saumtiere.
Ein neuer Zeitabschnitt begann mit der Truppenordnung 1936/37. Die Gebirgstruppen, nochmals vermehrt, wurden in 3 Gebirgsdivisionen und 3 selbständige Gebirgsbrigaden zusammengefasst. Jede dieser Gebirgsheeres-einheiten erhielt eine der 6 Gebirgsartillerie-Abteilungen zugeteilt. Dazu ver- fügten die Gebirgsdivisionen über Feld- und Motorartillerie, die Gebirgsbrigaden über eine Anzahl Motorbatterien.
Im Aktivdienst 1939-1945 blieben Zahl und Bestand der säumenden Gebirgsbatterien ( 12 Batterien zu 4 Geschützen ) und Zahl und Zusammensetzung der Gebirgsartillerie-Abteilungen unverändert. Bedeutend verstärkt ging dagegen die Motorartillerie der Gebirgstruppen aus der Grenzbesetzung hervor.
Wie stark die Zahl der Saumtiere für den Transport von Geschütz und Munition seit dem Jahre 1844 zugenommen hat, sei durch einige Zahlen festgehalten. Die Gebirgshaubitze 1844 und das Gebirgsgeschütz 1864 benötigten zwei, der Hinterlader 1877 drei, das Rohrrücklaufgeschütz 1906 mit Schutzschild fünf Saumtiere; für die Gebirgskanone 1933 stieg die Zahl auf neun. Ein Munitionstier trug 16 Schuss der Gebirgshaubitze 1844, 18 des Gebirgs-geschützes 1864, 20 Granaten oder 18 Schrapnells des Hinderladers 1877, 12 Schuss des Gebirgsgeschützes 1906, aber nur 10 der Gebirgskanone 1933.
Wichtig in der säumenden Gebirgsbatterie ist der Bastsattel. Von ihm hängt in hohem Masse die Marschtüchtigkeit der Batterie und ihre rasche Feuerbereitschaft ab.
Mit den ersten Gebirgshaubitzen wurden im Jahre 1844 französische Maultierbastsättel angeschafft. Sie befriedigten nicht. Es wurden eigene Modelle in der Art des Bündner Bastsattels ausprobiert. Aber auch diese — wenn auch besser als die französischen — waren noch sehr mangelhaft. Die einen wie die andern waren zu schwer, dazu schwierig und umständlich anzupassen; die Vollkissen verursachten starkes Schwitzen der Tiere in der Sattel-lage.1880 kam ein Stegbastsattel mit Stegkissen, der Urtyp unseres heutigen Ordonnanzbastsattels, zur Einführung. Verschiedene Verbesserungen, hauptsächlich Herabsetzung des Gewichtes von 30 auf 18 kg und die grössere Ver-stellbarkeit der untern Sattelstege führten zum Modell 1906, mit welchem heute die Saumtiere und Karrenpferde unserer Armee ausgerüstet sind, während für die Fuhrwerkbespannungen, um sie nötigenfalls zum Säumen verwenden zu können, ein Hilfsbastsattel ( Mod. 1931 ) vorhanden ist.
Die persönliche Bewaffnung des Gebirgsartilleristen bestand anfänglich aus dem kurzen Säbel, später dem Faschinenmesser, die des Offiziers und des berittenen Unteroffiziers aus dem langen Säbel und einer Faustfeuerwaffe, Pistole oder Revolver. Mit diesen Waffen konnten weder die Marschkolonnen noch die Feuerstellungen der Gebirgsartillerie gegen feindliche Patrouillen geschützt werden. Solange die Gebirgsartillerie für sich allein übte, war sie sich dieser Gefahr wenig bewusst. Als im ersten Weltkrieg die Kriegsführung im Gebirge aktivere Formen annahm, wuchs das Schutzbedürfnis. Der infanteristische Rahmen, der die Gebirgsartillerie vor Überfällen sichern sollte, genügte für die Batterien auf dem Marsche nicht mehr. Er musste durch Selbstschutz ergänzt werden. Zu diesem Zwecke wurden in den Jahren 1914-1918 den Gebirgsparkkompanien und Saumkolonnen und später auch den Gebirgsbatterien Gewehre als Korpsmaterial zugeteilt. Das war eine " S "? » halbe Lösung, denn es fehlte die Schiessfertigkeit der Träger dieser Gewehre. Nur gründlicher Schiessunterricht in den Rekrutenschulen, die Abgabe der Waffe auf den Mann und seine Unterstellung unter die ausserdienstliche Schiesspflicht konnten zum Ziele führen. 1938 erhielten die Kanonierrekruten der Gebirgsartillerie erstmals den Karabiner als persönliche Waffe; 1939 folgte die Bewaffnung aller in den Einheiten der Gebirgsartillerie eingeteilten Kanoniere und 1940 diejenige der Führer ( Säumer ). Es war höchste Zeit, da mittlerweile mit dem Auftreten feindlicher Fallschirmjäger auch in den Bergen gerechnet werden musste.
Die allenthalben überhandnehmende Motorisierung der Armeen hat vor unsern Gebirgstruppen nicht haltgemacht und hier zuerst und mit voller Macht die Gebirgsartillerie erfasst. Die Gebirgsbatterien bisheriger Prägung verschwinden; sie werden motorisiert. So will es die Truppenordnung 1947.
Begründet wird diese Massnahme durch den Bundesrat in seiner Botschaft an die eidgenössischen Räte mit den Worten: « Da jedoch ihr ( der Gebirgsartillerie ) Aufwand an Mannschaft und Pferden in keinem richtigen Verhältnis zur Feuerkraft steht, erscheint es zweckmässig, auch diese Untergattung der Artillerie zu motorisieren. » Das Argument der « Unwirtschaftlichkeit » der Gebirgsartillerie ist nicht neu. Wir haben gesehen, dass es jedesmal auftauchte, wenn ihr Nutzen in Zweifel gezogen wurde. Eine gewisse Berechtigung muss ihm zugestanden werden, weist doch die säumende Gebirgsbatterie einen Bestand von 295 Mann, die motorisierte bei gleicher Geschützzahl dagegen nur einen solchen von 120 Mann auf. Überdies hatte sie trotz ihres grossen Trosses nur den Munitionsbedarf — in der Sprache der Generalstäbler ausgedrückt — eines halben Grosskampftages bei sich, während die motorisierte Gebirgs-Kanonen-Batterie auf ihren Geschütz-und Munitionsfahrzeugen mehr als die doppelte Munitionsmenge mit sich führt. Aber nicht nur die Schwierigkeiten des Munitionsersatzes, auch die unendlich langen, gegen feindliches Feuer so überaus empfindlichen, den Aufmarsch der Truppen im Gebirge verzögernden Marschkolonnen der Gebirgsartillerie sind Nachteile, die mit den sich der Saumtiere bedienenden Gebirgsbatterien unzertrennlich verbunden sind.
Möglich geworden ist die Motorisierung der Gebirgsartillerie aber erst, seitdem gewisse Voraussetzungen zutreffen, die früher gefehlt haben. Es sind dies:
— die Erhöhung der Wegsamkeit unseres Alpengebietes durch Anpassung der grossen Paßstrassen an den modernen Automobilverkehr und die Erstellung bis auf die Alpweiden hinaufführender Fahrwegedie Entwicklung der Geländegängigkeit der Motorfahrzeuge, die ihnen heute erlaubt, Geländeabschnitte zu überwinden, die noch vor kurzem für dieses Traktionsmittel als unpassierbar galtendie Verstärkung der Feuerkraft der Infanterie durch Vermehrung der Maschinengewehre und Zuteilung von Infanterie- und Flabkanonen, Tank- bü'chsen und Minenwerfern, wodurch sie nunmehr imstande ist, gewisse Feuer-aufgaben selbst zu übernehmen, die früher der Artillerie zugefallen sind.
Die Gebirgsartillerie hat keinen geradlinigen Aufstieg hinter sich. Anerkennung wechselte im Laufe ihres hundertjährigen Bestehens mit Kritik und Rückschlägen ab. Heute steht sie an einer Wende, die in eine neue Zeit hinüberleitet, in welcher der Motor regiert. Wie weit die Gebirgstruppen mit motorisierter Artillerie allein auskommen, wird die Zukunft zeigen. Ohne Zweifel wird bei künftigen Operationen im Gebirge Artillerie gelegentlich auch in Gebieten eingesetzt werden müssen, die nur mit gehastetem Geschütz zu erreichen sind. Für solche Fälle darf wohl mit den Gebirgstrainkolonnen gerechnet werden, die dazu da sind, da einzuspringen, wo behelfsmässig gesäumt werden muss. Allerdings — und das darf nicht übersehen werden — handelt es sich dann um Improvisationen.
Wandlung, die Weiterentwicklung bedeutet, ist besser als Beharrung auf einem überholten Standpunkt. Das sei auch von denjenigen bedacht, die bedauern, dass das ein Jahrhundert alte Kommando « Achtung — fest », das in der Gebirgsbatterie täglich wohl hundertmal ertönte, aus der Artillerie verschwindet. Es wird mit der Säumerei und als ihr Sinnbild bei den übrigen Gebirgstruppen weiterleben.