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Martin County in Kentucky war schon immer bitterarm: In Inez verkündete Präsident Lyndon B. Johnson 1964 seinen «Krieg gegen die Armut». Heute ist selbst die Kohleindustrie grösstenteils verschwunden, und Aussicht auf Aufschwung gibt es nicht. Die Infrastruktur verwuchert und verrottet, die Bevölkerung verarmt.
Im Seniorenzentrum von Inez gibt das Hilfsprogramm «Meals on Wheels» jeden Mittag gratis Mahlzeiten für Bedürftige aus.
Den Service beanspruchen nicht Randständige, sondern die gepflegte Seniorin, der pensionierte Kohlearbeiter, die junge Mutter und der Lokal-Journalist.
«Wir trinken kein Leitungswasser», sagen die Anwesenden unisono, «auch wenn die Behörden nun behaupten, es sei alles wieder in Ordung». Ihr Trinkwasser kaufen sie im Supermarkt für teures Geld ein.
Gary Ball, Journalist und Redaktor des lokalen Wochenblatts «Mountain Citizen» schreibt seit vielen Jahren über das marode Wassersystem von Martin County.
Er weist die Schuld für die Trinkwasserkrise in Martin County den korrupten Lokalbehörden zu. Auf einer Fahrt durch das 600-Seelendorf zeigt er, wie sie Geld mit sinnlosen Bauprojekten verschleudert hatten. Das neue Regierungsgebäude kostete 20 Millionen Dollar.
Geld, das man dringend für eine Sanierung des Wassersystems hätte brauchen können. Das Trinkwasserproblem in Martin County begann im Jahr 2000, als der Abwasser-Damm einer Kohlemine brach. Das Grundwasser wurde durch den Vorfall für viele Jahre lang vergiftet. Dann verseuchten Chemikalien der Reinigungsanlage das Wasser. Heute sind die lecken Leitungen das Hauptproblem, denn bei den undichten Stellen dringen Bakterien und Gifte ins Leitungswasser. «Die Behörden haben die Zustände lange ignoriert», sagt Nina Mc Coy. «Heute fehlt uns das Vertrauen.»
Die Aktivistin ist Mitglied der Bürgergruppe «Martin County Concerned Citizens». Diese Gruppe begann 2016, öffentlich gegen das verseuchte Trinkwasser von Martin County anzukämpfen.
Schützenhilfe erhält die Bürgergruppe von der jungen Anwältin Mary Cromer vom «Appalachian Law Center».
Ihre gemeinsamen Aktionen fanden bei der Kommission für öffentliche Dienstleistungen des Gliedstaats Kentucky Gehör. 2016 eröffnete sie eine Untersuchung, die die Missstände bei der Wasserbehörde von Martin County aufdeckte. Die hoch verschuldete Wasserbehörde steht nun unter Aufsicht. Anfang Jahr brach das Wassersystem vollständig zusammen, neun Tage lang wurde das Wasser abgestellt.
Inzwischen haben die Flickarbeiten begonnen. Lecks werden gestopft, alte Hauptleitungen sollen bald ersetzt werden. «Das sind Verzweifungstaten,» sagt Wasser-Ingenieur Marc Edwards von der Technischen Universität Virginias. «Sie versuchen das anitquierte Wassersystem mit Klebeband und Draht aufrecht zu erhalten. Eigentlich bräuchten sie ein neues Wassersystem, aber können es sich nicht leisten.»
In den USA herrscht bezüglich Trinkwasser ein radikaler Infrastruktur-Föderalismus. Die lokalen Bezirke, die Counties, sind selber verantwortlich für ihre Infrastruktur. «Wir erhalten kein Geld vom Staat Kentucky, bloss Auflagen», sagt John Hensley. Er sitzt im neu besetzten Verwaltungsrat der Wasserbehörde von Martin County.
Die Wasserreinigungsanlage funktioniere wieder und das Wasser halte derzeit die gesetzlichen Grenzwerte ein, sagt Hensley. Bloss wie lange? Im Moment hält eine Bundesnothilfe von 8 Millionen Dollar den maroden Bezirk über Wasser. Ist das Geld aufgebraucht, steht er wieder alleine da mit seinen Armutsproblemen.
Hensley gibt zu, dass die Aussichten – trotz allen Bemühungen – schlecht sind: «Ohne Kohleindustrie haben wir kein Geld, um die Infrastruktur zu sanieren. Unsere politische Führung muss neue Industrien anziehen. Aber wenn wir kein sauberes Wasser haben, schreckt das ab», beschreibt Hensley die Abwärtsspirale, in der sich viele ländliche und post-industrielle Regionen in den USA befinden.