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Traditionelle Städte lassen sich in einem Vergleich mit der Geologie als Konglomerate bezeichnen: Sedimentgestein, das durch eine feinkörnige Matrix verkittet ist. In Siedlungen der Neuzeit sind eher Formen der Fragmentierung evident – die Kleinstadt Arbon am Bodensee bietet ein spannendes Anschauungsbeispiel.
Arbon ist alt; den Namen führt man gern auf die römische Bezeichnung «Arbor felix» zurück. Die dichte, kleinteilige Altstadt liegt am westlichen Ende eines Hügelrückens, der als Halbinsel in den Bodensee hinausragt und eine sanft geschwungene Bucht nach Norden abschliesst. Mit der Industrialisierung liessen sich verschiedene Fabriken in Arbon nieder, die Einwohnerzahl erhöhte sich zwischen 1844 und 1900 von 660 auf über 10’000. Der Eintrag in de.wikipedia spricht von einer wirtschaftlichen Entwicklung zum Fabrik- und Arbeiterort.
Die Industrie war stärker als die «Zivilgesellschaft». Dies hatte Auswirkungen auf die Entwicklung des Siedlungsgebietes; die Fabriken wurden zu ausgedehnten, kompakt und rational bebauten Arealen. Um sie herum erschloss man das Gelände entlang historischer Strassen und Wege zögerlich in der Fläche, zumeist mit frei stehenden Mehr- oder Einfamilienhäusern. Da und dort gab es Versuche einer urbanen Blockrandbebauung, diese Ansätze von «Stadterweiterungen» blieben aber meist Fragmente – ein besonders faszinierendes Beispiel ist ein «Schloss» aus der Gründerzeit mit Etagenwohnungen: Am östlichen Rand der Altstadt dringt es in diese ein und beteiligt sich trotz einem beträchtlichen Massstabssprung am engen, kleinräumigen historischen Gefüge. Zu einer durchgehenden, stringenten baulichen Ordnung, welche Arbon jenseits der Altstadt eine Identität hätte geben können, kam es allerdings nie. Heute ist die Gemeinde der westliche Teil einer locker gestreuten Grossagglomeration ohne eigentliches Zentrum. Entlang des Seeufers reicht sie bis Rorschach, ja eigentlich bis nach Bregenz in Österreich und Lindau in Deutschland.
Eine neue Phase der Fragmentierung läutete zu Beginn dieses Jahrhunderts der endgültige Abschied des grossen Industriebetriebs Saurer ein. Alleine auf dem Areal der Textilmaschinen- und Autofabrik südwestlich der Altstadt (Saurer WerkZwei) wurde ein Areal von rund 14 Hektaren mit einem ausgedehnten Gebäudebestand frei. Und auch der direkt östlich an die Altstadt anschliessende zweite Saurer-Standort (Saurer Werk 1, ZIK-Areal) stand zur Verfügung. Verschiedene Entwickler führen diese Grundstücke und Immobilienbestände jetzt in eine neue Zukunft. Teilweise findet eine Umnutzung des Bestands statt, teilweise locken Ersatzneubauten neue Investitions- oder Umzugswillige an – wobei die Funktion Wohnen eine wichtige Rolle spielt.
Mit der massiven Deindustrialisierung muss sich Arbon gewissermassen neu erfinden. Als Wohnort hat die Stadt ein attraktives Seeufer mit Promenaden, Parkanlagen und einem schönen Strandbad zu bieten. In einem schönen Fabrikbau wurde eine interessante Kunsthalle eingerichtet. Doch es stellt sich die Frage nach der «richtigen Grösse», nach den Schwerpunkten im weit gestreuten Siedlungsgebiet.
Wenn ein Reisender die Überreste der riesigen, teilweise leerstehenden Industriehallen bestaunt, mag er sich fragen, wo die Nachkommen der Hundertschaften von Beschäftigten heute zu einem Verdienst kommen. Bringt es Arbon fertig, gleichzeitig Ort des Wohnens und Ort der Arbeit zu bleiben? Oder muss die Gemeinde damit rechnen, dereinst primär Menschen zu beherbergen, die pendeln oder Anspruch auf eine Rente haben? Wird der Kitt entstehen, welcher zu einem Konglomerat führt? Oder bleibt es bei einer Ansammlung von Fragmenten?
von Manuel Pestalozzi