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Silsersee – das Projekt eines Stausees scheiterte.
In den vergangenen Jahren sind einige Buchpublikationen über das Oberengadin erschienen, meist fokussiert auf St. Moritz und die Entwicklung des Wintersports (genannt seien die Publikationen von Michael Lütscher zum Wintersport, die Publikation von Christoph Sauter und Cordula Seger, der Leiterin des Instituts für Kulturforschung Graubünden, oder auch Heini Hofmanns Buch zur Heilbadentwicklung in St. Moritz). Nun hat sich der Raumplaner Erwin Bundi im Auftrag der Vereinigung ESOS (Entwicklung und Schutz der Oberengadiner Seenlandschaft) darangesetzt, eine umfassende Darstellung der Entwicklung des gesamten Oberengadins zu verfassen.
Natürlich ist die Darstellung der Geschichte des Oberengadins hier nur sehr pauschal und zusammenfassend dargestellt. Denn eigentlich geht es Erwin Bundi um etwas anderes: um die Entwicklung der Landschaft, um den Umgang mit der Natur und damit um die Raumplanung. Doch auch hier finden sich interessante Details zur Architektur beispielsweise: das Engadiner Haus und das Bergeller Haus – das eine in Stein (im lombardischen Stil), das andere aus Stein und aus Holz (Engadiner Haus).
In der Tat gibt es viele Aspekte, die in diesem Umfang noch nie dargestellt wurden. Das beginnt mit den Funden aus der Steinzeit, geht über die Römer, die die Pässe im Oberengadin als Übergänge von Süden in ihre besetzten Gebiete in Germanien benutzten und dabei die Provinz Rätia gründeten, und führt über die gleichen Pässe, die dann auch für die Entwicklung des Transportgewerbes im Mittelalter mit den Säumern, die Waren aus dem Norden nach Süden und vice versa transportierten, entscheidend waren.
Karl der Grosse, der auch als Gründer des Klosters in Müstair gilt, hat die Neuordnung der ehemaligen römischen Provinz Rätia gestaltet und die Provinzen Unter- und Oberrätien gebildet, die dann im 10. Jahrhundert unter die Herrschaft des deutschen Kaisertums bzw. der Landesherrschaft Schwaben fiel. Die Bewohner der Provinz Rätien genossen den Status der Königsfreien, die später als Gemeindefreie die Drei Bünde gründeten. Von da an gehörten das Oberengadin und das Bergell zum Hoheitsgebiet des Bistums Chur, das seine Interessen und die Gerichtsbarkeit durch Amtsleute (sogenannte Meier bzw. mastrels) ausüben liess, so beispielsweise durch die Familie von Planta aus Zuoz.
Natürlich ist die Darstellung der Geschichte des Oberengadins hier nur sehr pauschal und zusammenfassend dargestellt. Denn eigentlich geht es Erwin Bundi um etwas anderes: um die Entwicklung der Landschaft, um den Umgang mit der Natur und damit um die Raumplanung. Doch auch hier finden sich interessante Details zur Architektur beispielsweise: das Engadiner Haus und das Bergeller Haus – das eine in Stein (im lombardischen Stil), das andere aus Stein und aus Holz (Engadiner Haus).
St. Moritz mit seinem See und mit Blick nach Osten Richtung Samedan.
Bereits im 18. Jahrhundert und vor allem im 19. Jahrhundert wurde das Engadin touristisch entdeckt, mit nachhaltigen Auswirkung auf Natur und Landschaft. Strassen wurden anstelle der Säumerwege gebaut, so 1826 die Julierpassstrasse, 1828 der Malojapass bis Casaccia oder 1842 der Berninapass, was vor allem beim Malojapass massive Eingriffe in die Natur bedeutete. Gleichzeitig veränderten sich die Dorfbilder: Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren die traditionelle Bauerndörfer charakteristisch, zum Teil in Streusiedlungen, der aufkommende Tourismus führte zu Neubauten, teils in grossen Dimensionen. Hatte Pontresina im Jahr 1850 40 Gästebetten in Hotelunterkünften, so waren es 1940 bereits 2354, in St. Moritz ist das Bild noch weit eindrücklicher: 1850 waren es 80, 1940 6000. Das war den Neubauten zu verdanken, die vor und um die Jahrhundertwende entstanden, sei es das Palace in St. Moritz, das Kurhaus in St. Moritz-Bad oder das Waldhaus in Sils-Maria. Landschaftliche Eingriffe in die Natur waren aber auch die Erschliessung der Region in St. Moritz mit einer Strassenbahn. Ein nächster weiterer wichtiger Eingriff in die Natur war der Ausbau der Rhätischen Bahn (RhB), der der Region zwar ein ungeahntes Wachstum ermöglichte, gleichzeitig aber auch der Natur Zugeständnisse abverlangte.
Silvaplana mit den Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren.
Der zunehmende Bedarf für elektrische Energie für Strassenbahnen, Rhätische Bahn oder auch für die Hotels förderte manch abstruse Idee auf den Plan: So gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein Projekt, den Silsersee zu stauen und ein Kraftwerk zu errichten. Dagegen bildete sich bereits 1911 Opposition. Alle betroffenen Gemeinden reagierten auf die Pläne mit einer Resolution an die Regierung in Chur, die Gemeinden machten sich Sorgen, dass «die geplante Stauung des Silsersees und die Innkorrektion vom Silser- zum Silvaplanersee zu einer unzulässigen Verunstaltung der Gegend führten». In der Tat wurde das Projekt begraben, hatte aber weiterführende Konsequenzen: 1944 gründeten die Gemeinden die Vereinigung «Pro Lei da Segl» (PLS), die die partizipierenden Gemeinden verpflichtet, Baueinschränkungen oder gar Bauverzichte rund um die Seenlandschaft zu erwirken. Um die Gemeinden für ihren Verzicht zu entschädigen, wurde auf nationaler Ebene 1946 der noch heute existierende «Schoggitaler» eingeführt. Diese Aktion des Schweizerischen Heimatschutzes und des Schweizerischen Bundes für Naturschutz – heute Pro Natura – hiess ursprünglich «Ecu d’Or» (Ecu war der geplante Name der heute Euro genannten europäischen Währung!), mit dem ersten «Schoggitaler» wurde also die Seenlandschaft im Oberengadin bedacht – zum Schutze der Natur, der Seenlandschaft, der Ufer. Die Gemeinden reagierten mit der Eintragung von Bauverboten im Grundbuch, die Vereinigung PLS bemühte sich um den Erwerb von Parzellen in gefährdeten Gebieten.
Hotelbad und Kurhaus in St. Moritz-Bad nach der Fertigstellung
Weit bevor der Natur- und Landschaftsschutz im Oberengadin griff, wurden, wie früher erwähnt, grosse Hotelpaläste errichtet. Christoph Sauter und Cordula Seger nennen denn ihr eingangs genanntes Buch auch «Die Stadt im Dorf». Es war vor allem die Dynastie der Familie Hartmann, die die Hotels für die anspruchsvollen und internationalen Gäste im Oberengadin baute und für die entsprechende Gestaltung der Umgebung sorgte.
Dieser Bauboom mit Hotels beschleunigte sich nach dem Zweiten Weltkrieg massiv, Sauter/Seger sprechen von einem Speckgürtel von Zweitwohnungen, der sich um die Dorfkerne gelegt hat. Musterbeispiel dafür ist Silvaplana, wo in den 60er-Jahren grosse Teile des Gemeindegebiets in Bauzonenparzel-len umgewandelt wurden. Zwar wurde das Seeufer ausgenommen, aber auf dem restlichen Gemeindegebiet wurde massiv investiert, es entstanden grosse Überbauungen als Zweitwohnungen (der Alpinist Reinhold Messner hat sie im Kontext mit dem Südtirol einmal als «Jumbo-Chalets mit Blümchenfassaden» bezeichnet). Erst ein dringlicher Bundesbeschluss zur Raumplanung aus dem Jahr 1971 ermöglichte eine Intervention und die Errichtung von Schutzgebieten.
Noch immer ist das Oberengadin eine Traumlandschaft für Gäste aus dem Aus- und Inland, seien es Hotelgäste oder Zweitwohnungsbesitzer. Das Zentrum ist die «Stadt im Dorf» St. Moritz, aber es ist vorsichtig umzugehen mit dem Landschaftsbild. Erwin Bundi als Ehrenmitglied der Schweizerischen Kantonsplanerkonferenz und der Bündner Vereinigung für Raumplanung ist dies mit seiner Publikation bestens gelungen.