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Wer Madagaskar kennt, kennt auch das Bild mit den grünen Reisfeldern, ein paar Zebus und den Bauern, die Ihre Rinder herumtreiben, um die Felder bereit zu machen für die nächste Reiseernte. Oder das Bild mit den gebückten Frauen, die die neue Reissaat aussetzen. Manchmal sieht man sie bis über die Taille verschlammt im Wasser herumstapfen.
Die Reisfelder in Madagaskar verbergen mehr, als man beim Vorbeifahren erst denkt. Dass sie für den Reisanbau benutzt werden, versteht sich von selbst, aber für was sie sonst alles benutzt werden, ist weniger bekannt.
Speziell im Hochland von Madagaskar, wo man nur eine Reisernte pro Jahr machen kann, werden die Felder in den (Süd-)Wintermonaten Juni, Juli und August oft für andere Zwecke eingesetzt.
Wenn man unterwegs ist zwischen der Hauptstadt Antananarivo und Fianarantsoa, sieht man fast die ganze Strecke lang links und rechts viele Reisfelder und Reisterrassen. Die Felder sind zu dieser Jahreszeit mehr bräunlich als grün und es sieht manchmal aus, als lägen sie alle brach.
Aber plötzlich fährt man an einem Feld vorbei und beobachtet, dass viele Frauen im schlammigen Wasser irgendwas einsammeln und in Ihre Körbe werfen, die sie am Rücken oder auf dem Kopf tragen. Was kann es sein, denkt man, vielleicht sammeln sie Reste der letzten Ernte ein oder sie nehmen Steine weg, um die Felder für die nächste Ernte vorzubereiten? Es ist keines der beiden. Die Frauen sind am Fischen. Ja richtig, es wird in den Reisfeldern gefischt. Nicht armlange Fische wie Tilapia, die man sonst auf den Märkten im Hochland von Madagaskar kaufen kann, sondern ganz kleine Fische. Diese Fische werden anschliessend getrocknet und viel später dann erst im Wasser eingeweicht und danach in heissem Öl frittiert. Diese – laut den Madagassen – Delikatesse nennt man Pirna und sie schmeckt ähnlich wie der Trockenfisch im hohen Norden Europas.
Ein weiterer Anwendungsbereich für die Reisfelder ist die Produktion von Backsteinen.
Die Bauern vermieten Teile ihrer Felder an kleine Familienbetriebe, die mit dem Lehm Backsteine herstellen. Die Felder werden dadurch umgegraben und die Bauern sparen sich nebst den Mieteinnahmen auch Arbeit. Die Backsteine werden direkt auf dem Feld geformt und an die Sonne gelegt, um zu trockenen. Danach werden sie mauerartig aufgestapelt. Später müssen die Steine noch gebrannt werden. Je nach Region und Geldbeutel der Produzenten wird Holz oder Reisspreu benutzt, um die Steine zu brennen. Der Brennprozess geht über mehrere Tage und es ist sehr wichtig, dass das Feuer nicht auslöscht bevor die Steine richtig gebrannt sind. Während dieser Zeit wohnen die Arbeiter direkt neben dem Meiler und hüten das Feuer. Ihre geübten Augen sehen auch, wenn die Steine fertig sind. Dies erkennen sie an der erreichten Endfarbe, die sich je nach Region unterscheiden kann und sich zwischen grau und dunkelrot bewegt.
Auf Ihrer nächsten Reise durch Madagaskar ist es interessant zu beobachten, was alles auf den Reisfeldern passiert. Machen Sie einen Stopp, reden Sie mit den Frauen, die am Fischen sind oder mit den Männern, die Backsteine produzieren. Probieren sie selber mitzuhelfen, vielleicht nicht bei den fischenden Frauen, aber warum nicht bei einem der Backsteinproduzenten. Sie bekommen dann nicht nur ganz schmutzige Hände, sondern auch ein Erlebnis, das lange bleiben wird und gleichzeitig locken Sie bei ihrem ersten Versuch garantiert ein Schmunzeln über die Lippen der Männer, die es nicht glauben können, das ein Vazaha (Fremder) nicht nur mit ihnen Kontakt aufgenommen hat und Interesse an ihrer Arbeit zeigt, sondern auch bereit ist, etwas von ihnen zu lernen ohne Angst, seine Hände dreckig zu machen…