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Die deutsche Sprache ist im Umbruch. Grund dafür sind vor allem zwei Dinge: die ursprüngliche Forderung des Feminismus, das Weibliche in der deutschen Sprache sichtbarer zu machen und das generische Maskulinum. Unter generischem Maskulinum versteht man Begriffe wie Lehrer, Bäcker oder Arzt, die zugleich eine geschlechtsneutrale Berufs- oder Rollenbezeichnung sind als auch spezifisch Männer diesen Berufs bezeichnen. Der Vorwurf des Feminismus lautet so, dass diese spezielle Form des generischen Maskulinums Frauen ignoriere. Frauen seien jeweils nur "mitgemeint", wenn man von Lehrern spreche. Sei die Rede davon, dass sich zwanzig Lehrer im Lehrerzimmer befinden, wisse man nicht, ob es sich dabei nur um Männer handle oder auch um Frauen. Streng genommen könnten 19 Frauen und ein Mann im Lehrerzimmer sein und die sprachlich korrekte Form wäre immer noch "Lehrer".
Diese Form des generischen Maskulinums ist deshalb seit 40 Jahren unter Beschuss. Inzwischen wird es im öffentlichen Raum möglichst vermieden (auch wenn es vielerorts unbemerkt bestehen bleibt), in der Alltagssprache und im privaten Raum ist es aber weiter vorherrschend. Grund genug dieser speziellen Sprachform auf den Grund zu gehen und detailliert zu analysieren, warum es diese Doppelform überhaupt gibt und ob die Vorwürfe berechtigt sind.
Genus und Sexus
Um das generische Maskulinum genauer zu verstehen ist es sinnvoll, sich zuerst einmal den Unterschied zwischen Sexus und Genus klarzumachen. Mit Genus bezeichnet man in der deutschen Sprache die drei Artikel "der", "die" und "das". Diesen drei Artikeln werden in der Regel je ein "Sexus" zugeordnet: "der" steht scheinbar für die männliche oder maskuline Form, "die" für die weibliche oder feminine Form, "das" für die sächliche oder neutrale Form. Diese Zuordnung, so offensichtlich sie erscheint, ist allerdings alles andere als unproblematisch. So sind das Messer, die Gabel und der Löffel alles Sachen, trotz ihres unterschiedlichen Genus. Und diese Beispiele sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ist also die Kirche weiblich, der Mond männlich und das Meer geschlechtslos? Genus und Sexus scheinen bei Sachen nicht wirklich übereinzustimmen.
Wie sieht das aber bei zweigeschlechtlichen Wesen aus, also zum Beispiel Tieren? Gibt es hier eine eindeutige Verbindung zwischen Sexus und Genus? Die Antwort muss hier differenzierter ausfallen. Die Giraffe ist nicht ausschliesslich weiblich, der Löwe nicht ausschliesslich männlich und das Wildschwein kennt durchaus zwei Geschlechter. Bei Gattungs- oder Artbezeichnungen gibt das Genus also weiterhin keinen direkten Hinweis auf den Sexus. Es handelt sich dabei um geschlechtsneutrale, generische Bedeutungen. Soll jedoch speziell der Sexus eines Tieres hervorgehoben werden, wird die Sprache etwas differenzierter, aber immer noch uneinheitlich: das weibliche Wildschwein wird auch als "die" Bache, das männliche als "der" Keiler bezeichnet, unter einjährige Ferkel (das) allerdings (der) Frischling. Auch ein erwachsenes Giraffenweibchen behält das Genus "das", wird aber auch als (die) Giraffenkuh bezeichnet, das Giraffenmännchen als (der) Giraffenbulle, das Jungtier als (das) Giraffenkalb. Die weibliche Löwin ist zugleich ein Löwe (der), der männliche Löwe aber auch.
Wie diese Beispiele zeigen, gibt es zwar eine Korrelation zwischen entsprechendem Genus und Sexus, diese ist aber alles andere als eindeutig. Dies deutet darauf hin, dass das Genus ursprünglich keine Bezeichnung für den Sexus darstellte. In gewissen Fällen scheint er sich angepasst zu haben. Wie sieht das also beim Menschen aus? Auch hier ist die Zuordnung alles andere als eindeutig. Die Person, der Mensch, das Baby bezeichnet stets alle Menschen, unabhängig vom Sexus. Wenn es um die Leiche geht sind damit genausowenig nur Frauen gemeint wie nur Männer bei der Verwendung vom Wort (der) Leichnam. Ein Mensch bleibt auch als (die) Vollwaise das Kind seiner Eltern. Die Hand kann das Bein auch dann halten, wenn der Rachen entzündet ist. Der Neuling im Beruf kann als die Fachkraft betrieblich das Ass werden. Das Baby ist definitiv keine Sache und auch kein "Neutrum", wo der Sexus keine Rolle spielt, was nur schon die Frage nach "ist es ein Junge oder ein Mädchen" zeigt. Ein Säugling kann auch ein Mädchen sein, dessen Sexus trotz des "das" eindeutig nicht derselbe ist wie jener eines Jungen. Dasselbe gilt für das Männchen oder Weibchen, die trotz des "das" definitiv nicht sexusneutral sind.
Genus und Sexus können also übereinstimmen, in vielen Fällen ist das aber nicht so. Es scheint deshalb offensichtlich, dass das Genus nicht vom Sexus abstammen kann wie es Jacob Grimm einst behauptet hatte. Diese Vorstellung hat sich leider bis heute durchgesetzt und Genus wird allzuoft mit Sexus gleichgestellt, respektive als Ableitung davon verstanden. Und es scheint ja auch in vielen Fällen zu stimmen. Die Vagina ist weiblich, der Penis männlich, das Bein "geschlechtslos". Warum aber ist dann der Arm maskulin und die Kehle feminin? Brüste beziehen sich zwar meist auf Frauen, aber eine Hühnerbrust haben vor allem Männer. Auch ist es schwer den Busen oder den Uterus mit einem männlichen Sexus in Übereinstimmung zu bringen. Möglicherweise wurde das Genus bei manchen Dingen explizit an den Sexus angepasst wie es Jacob Grimm angenommen hat, bei den vielen Ausnahmen wäre es aber auch nicht erstaunlich, wenn es zwischen Genus und Sexus fast ausschliesslich zufällige Korrelationen gäbe.
Kurz: Vom Genus lässt sich nicht zwingend auf den Sexus schliessen, auch wenn dies manchmal funktioniert. Das bedeutet aber auch, dass die Sonne nicht weiblich ist (le soleil...), der Mond nicht männlich (la lune...). Wäre dem so, dann wäre auch die Lehrperson ausschliesslich weiblich und der Lehrer ausschliesslich männlich. Sprache funktioniert aber anders, auch wenn sich so viele Schwierigkeiten hätten vermeiden lassen. Im Idealfall würde das Genus den Sexus bezeichnen, was viele heutige Diskussionen beenden liesse. Das Bäcker wäre dann beispielsweise die Berufsbezeichnung, die Bäckerin das weibliche Bäcker und der Bäcker (oder auch z.B. der Bäckerer) der mänliche Bäcker. Da aber Genus und Sexus nicht wirklich zusammengehören haben sich verschiedene generische Formen entwickelt, die zu zusätzlicher Verwirrung geführt haben.
Generische Formen
Unter generischen Formen versteht man Begriffe, die zwar einem eindeutigen Genus (der, die oder das) zugeordnet sind, die aber explizit auch Personen des anderen Sexus umfassen (respektive bei "das" beide Sexus). "Die Person" hat als Begriff zwar ein weibliches Genus, ist zugleich aber eindeutig geschlechtsneutral. Dasselbe gilt für die Majestät oder die Fachkraft etc. Umgekehrt gibt es auch "männliche", ausschliesslich generische Formen: Es heisst zwar der Mensch, der Gast, der Bösewicht, es gibt aber keinen direkten Bezug zum Sexus, es gibt nur Menschen, Gäste und Bösewichte und keine Menschinnen, Gästinnen und Bösewichtinnen, obwohl dies sprachlich wie hier gezeigt leicht möglich wäre. Zudem gibt es wenige generische Formen mit "das": das Mitglied ist ebenfalls geschlechtsneutral, es gibt keine Mitgliederinnen. All diesen generischen Formen gemein ist, dass es keine explizit sexus-bezogenen Formen gibt. Es gibt keinen eigenen Begriff für die weibliche oder männliche Fachkraft (keine "Fachkräftin" und keinen "Fachkräfterich"), will man beim generischen "Mensch" den Sexus bezeichnen, verwendet man eigene Begriffe wie Mann und Frau.
Auch im Tierreich werden gerne generische Formen verwendet. Die Drossel, der Fuchs, das Schwein sind geschlechtsunabhängige Begriffe. Bei manchen Tieren gibt es für den Sexus eigene Begriffe (Fähe / Rüde beim Fuchs, Sau / Eber beim Schwein), bei anderen muss der Zusatz "weiblich" oder "männlich" ergänzt werden wie etwa bei der Drossel. Für das Folgende von Bedeutung sind zwei weitere Fälle. Der Begriff "Katze" wird zugleich als Femininum wie auch generisch verwendet, bezeichnet also sowohl die weibliche Katze als auch Katzen als Gattungsbegriff. Damit dies überhaupt möglich ist, benötigt es hier ein entsprechendes Maskulinum - den Kater. Umgekehrt ist es beim Löwen und vielen anderen Tierarten. Hier ist der Überbegriff "Löwe" sowohl generische Bezeichnung für alle Löwen wie auch für den männlichen Löwen. Das Weibchen wird als Löwin bezeichnet, was typisch ist für das generische Maskulinum.
Das Generische Maskulinum
Die Doppelbedeutung des generischen Maskulinums
Generische Formen sind immer geschlechtsneutral. Doch nicht selten umfasst ein Begriff sowohl eine generische als auch eine maskuline Bedeutung. Man spricht dann vom generischen Maskulinum. Lehrer, Bäcker, Ärzte, Bürger oder Taucher haben sowohl eine generische als auch eine ausschliesslich maskuline Bedeutung. Mit "Bürger eines Landes" bezeichnet man einerseits geschlechtsneutral alle weiblichen und männlichen Bürger eines Landes, zugleich aber auch nur die männlichen Bürger. Will man sichergehen, dass nur Männer damit bezeichnet werden, gibt es nur die Möglichkeit das "männlich" zu ergänzen und von allen "männlichen Bürgern des Landes" zu reden. Bei Frauen ist das einfacher, da es für sie den Begriff der Bürgerin gibt. Und dies ist gerade das Spezielle am generischen Maskulinum, es umfasst diese Doppelrolle, weil es stets eine einfach abgeleitete Form gibt, die den weiblichen Sexus anzeigt: Lehrerin, Bäckerin, Ärztin, Bürgerin, Taucherin etc. Will man also hervorheben, ob jemand eine Frau ist, geht das sprachlich im Deutschen meist sehr leicht. Das Hervorheben des Männlichen geht oftmals nur über einen Zusatz: der männliche Arzt, der männliche Lehrer etc. Es gibt zwar das Analogon zum "-in", den "-rich", diese Form wird aber nur selten verwendet, beispielsweise beim "Enterich".
Diese Doppelbedeutung führt nun zu Problemen. Das generische Maskulinum umfasst im Gegensatz zum generischen Femininum stets zwei unterschiedliche Bedeutungen: Lehrer bezeichnet sowohl männliche Lehrer wie auch Lehrer als Berufsbezeichnung (ohne Geschlechtszuordnung), die Lehrerin hingegen ist stets eindeutig eine Frau. Es verhält sich damit von der Sprachlogik her wie beim Wort "Bank": ein Begriff bezeichnet zwei unterschiedliche Dinge: Sitzbank oder Bankinstitut, beim Lehrer: männlicher Lehrer oder alle Menschen, die Lehren als Beruf haben. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass es zwar in vielen Fällen klar ist, ob man von Frauen spricht, nicht aber ob man ausschliesslich von Männern oder von Menschen spricht, wo der Sexus keine Rolle spielt. Die Frage stellt sich nun, wie und warum sich diese Doppelbedeutung herausgebildet hat. Setzte man ursprünglich einfach Mann und Beruf gleich oder ist die Etymologie des generischen Maskulinums komplexer?
Erklärung der Doppelbedeutung mancher Formen des generischen Maskulinums
Es spricht vieles dafür, dass das generische Maskulinum ursprünglich eine generische Bedeutung hatte. Das generische Maskulinum bezeichnet nämlich primär eine Rolle, einen Beruf oder eine Hauptaufgabe. Das "-er" zum Beispiel in "der Bäcker" verweist nicht auf einen Mann (wir können nicht vom Genus auf den Sexus schliessen), sondern auf eine Rolle. Es handelt sich um ein Substantivierungssuffix. Das "-er" hat die Funktion aus dem Verb "backen" ein Substantiv zu bilden und es neutral mit einem Träger zu verbinden. Der Bäcker ist also eine Person (neutral), welche backen als Haupttätigkeit ausübt. Der Taucher ist eine Person (neutrum), welche Tauchen als wesentliche Tätigkeit oder Beruf ausübt. Das "-er" macht aus einem Verb, das eine Tätigkeit ausdrückt ein Substantiv und fügt ihm eine neue Bedeutungsebene hinzu: ein Bäcker ist nicht jemand, der einfach backen als Tätigkeit ausübt, sondern jemand, der diesen Beruf verfolgt. Ein Taucher ist nicht jemand, der nur einmalig die Tätigkeit des Tauchens ausübt, sondern jemand, der dies als Beruf hat - oder als ernsthaftes Hobby, also als wesentliche Tätigkeit seines Lebens.
Diese Herleitung existiert auch im Englischen. "Teacher" ist ein Mensch, der lehren als Haupttätigkeit ausübt, "butcher" ein Mensch, der metzgen als Beruf ausübt etc. Auch hier ist das "-er" das Substantivierungssuffix für ein Verb. Anders als im Deutschen gibt es im Englischen aber nur den genusneutralen Artikel "the". Gleichwohl handelt es sich dabei um ein generisches Maskulinum, was sich dadurch zeigt, dass auch feminine Ableitungen möglich sind. Wie im Deutschen lässt sich aus einem teacher eine teacheress machen, aus einem butcher eine butcheress, aus einem actor eine actress. Ironischerweise fordern Feministen im englischen Sprachraum anders als jene im deutschen Sprachraum nicht die Betonung beider Formen, sondern bezeichnen die feminine Form gerne als "diskriminierend". So soll explizit nicht gesagt werden "she's a good actress", sondern "she's a good actor". Begründet wird diese Forderung unter anderem dadurch, dass "actress" nur Frauen meint, es aber eben wichtig ist zu betonen, dass eine Frau auch unabhängig vom Geschlecht einfach ein guter "actor", ein guter Schauspieler ist. Der Fokus soll nicht auf dem Geschlecht, sondern auf der Tätigkeit liegen. Auch im Deutschen gibt es diese Diskussion, so zum Beispiel wollen viele weibliche Köche nicht Köchinnen genannt werden. Schliesslich ist "Koch" eine Berufsbezeichnung, "Köchin" aber umfasst je nach Sichtweise alle Frauen (Betonung des Geschlechts), welche die Tätigkeit des Kochens ausüben.
Spannend ist diese unterschiedliche Herangehensweise deshalb, weil der einzige relevante Unterschied zwischen englischer und deutscher Sprache diesbezüglich darin besteht, dass es im Deutschen anders als im Englischen drei Genera gibt. Wie wir aber weiter oben gezeigt haben, kann vom Genus nicht auf den Sexus geschlossen werden, vom "der" kann nicht auf ein Maskulinum, vom "die" nicht auf ein Femininum geschlossen werden. Wäre dies möglich, wäre die Ersetzung beispielsweise von "Lehrer" durch "Lehrperson" die Ersetzung einer maskulinen durch eine feminine Form.
Das Substantivierungssuffix "-er" gibt es nicht nur bei Tätigkeiten und Menschen, sondern auch bei Sachen. Ein Schalter ist (unter anderem) ein Gegenstand, dessen Hauptaufgabe es ist, zu "schalten". Die Hauptaufgabe eines Weckers ist es - zu "wecken", der Staubsauger hat die Hauptaufgabe "Staub zu saugen". Die Hauptaufgabe eines Druckers ist es, zu "drucken" und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Gegenstand oder einen Menschen handelt. Der Unterschied zwischen Gegenstand und Mensch kann man aber sprachlich wiederum nachvollziehen: Die Druckerin bezeichnet stets eine Frau, der Begriff Staubsaugerin (oder Tintenstrahldruckerin) würde zwar der Form nach passen, ist aber sinnlos, wenn es um unbelebte Geräte geht. Diese Beispiele zeigen, dass sich das Suffix "-in" nur auf belebte Substantive anwenden lässt. Die Kirche ist deshalb nicht Arbeitgeberin, sondern Arbeitgeber, eine Zeitung hat einen Herausgeber und keine Herausgeberin - ausser, es handelt sich bei der Herausgeberin explizit um eine Frau.
Aufgrund derselben Begründung heisst es auch korrekterweise Frau Bundesrat (Rollenbezeichnung) oder Bundesrätin (Geschlechtsbezeichnung) XYZ, aber keinesfalls Frau Bundesrätin XYZ. Letztere Form wäre eine Verdoppelung des Femininums und würde quasi bedeuten "Frau Frau Bundesrat". Anders ist das bei Männern, da hier das Wort Bundesrat eine Doppelfunktion umfasst: ohne den Zusatz "Herr" (oder eine andere Hervorhebung) ist nie klar, ob es sich um einen männlichen Bundesrat handelt oder um die generische Bedeutung. Die korrekte Anrede lautet demnach für eine Bundesrätin und einen männlichen Bundesrat: Herr und Frau Bundesrat. Wie wichtig diese generische Bedeutung ist, zeigt auch das folgende Beispiel. Angela Merkel war möglicherweise die beste Regierungschefin der Welt. Das ist aber nicht gleichlautend mit der Aussage, Angela Merkel war möglicherweise bester Regierungschef der Welt.
Bei unbelebten Gegenständen, deren Bezeichnung auf "-er" endet gibt es - wenig erstaunlich - keinen Bezug auf einen Sexus. Sie sind geschlechtsneutral. Dies gilt auch für reine Rollen-, Tätigkeits- oder Berufsbezeichnungen. Der Bäcker ist nicht primär ein Mann, sondern eine Berufsbezeichnung. Schauspieler ist primär eine Rollenbezeichnung ohne Bezug auf einen Sexus. Es scheint allerdings so zu sein, dass solche Rollen und Berufe historisch gesehen vor allem von Männern ausgeübt wurden. Ihre explizit maskuline Bedeutung erhielten sie aber erst durch die Herausbildung einer explizit femininen Form. Während Bäcker ein Beruf ist, macht erst die Bäckerin den Bäcker zum Mann. Dies zeigt sich gut in Abgrenzung zu anderen generischen Formen: Die Person ist deshalb rein generisch, weil es keine männliche Form dafür gibt. Der Mensch deshalb, weil es keine weibliche Form dafür gibt. Das Spezielle an vielen Formen des generischen Maskulinums ist nun aber, dass es eine einfache Möglichkeit gibt, Frauen speziell hervorzuheben. Es genügt ein "-in" an die generische Form anzuhängen, um anzuzeigen, dass nur Frauen damit bezeichnet werden. Dies funktioniert auch bei Worten ohne "-er" wie Arzt oder Pilot, nicht aber bei reinen generischen Maskulina wie Mensch oder Leichnam.
Die Doppelbedeutung des generischen Maskulinums lässt sich auf diese Weise leicht erklären. Mit der Herausbildung der explizit femininen Form mit "-in" hätte streng genommen auch eine explizit maskuline Form entstehen müssen. Bäcker wäre so die generische Berufsbezeichnung geworden, die Bäckerin ein weiblicher Bäcker - und ein männlicher Bäcker hätte beispielsweise Bäckerer heissen können. Vermutlich aus sprachökonomischen Gründen ist dies nicht geschehen, weshalb viele Formen des generischen Maskulinums heute eine Doppelbedeutung haben.
Könnte es aber nicht doch auch umgekehrt gewesen sein? Dass also zuerst das Maskulinum war und dann die generische Bedeutung? Dass also Bäcker ursprünglich "Mann, der backen als Haupttätigkeit ausübt" und nicht "Person"? Das wäre die Deutung, welche vom Feminismus vorgeschlagen wird. Sprache als Machtinstrument des Patriarchats, welches die primär maskuline Bedeutung einfach auch für Frauen "geöffnet" hat, weshalb Frauen beim generischen Maskulinum eben nur "mitgemeint" sein sollen. Ganz auszuschliessen wird dies ev. nie sein, weil die Ursprünge der Sprache im Dunkeln liegen. Es gibt aber zusätzlich zu den bereits vorgebrachten Argumenten noch weitere, welche sehr deutlich zeigen, dass die generische Bedeutung praktisch sicher die ursprüngliche Bedeutung war und sich die maskuline Bedeutung erst durch die Explizierung einer femininen Form herausgebildet hat.
Rekapitulieren wir zuerst einmal das bereits Erwähnte. Eine Bäckerin ist eine weibliche Person, welche die Tätigkeit des Backens zum Beruf hat. Ein Bäcker wiederum kann eine männliche Person bezeichnen, welche die Tätigkeit des Backens zum Beruf hat (maskuline Bedeutung). Oder in seiner generischen Bedeutung eine Person (geschlechtsneutral), welche die Tätigkeit des Backens zum Beruf hat. Bezieht sich nun die feminine Form auf die maskuline oder die generische Bedeutung? Ist Bäckerin die feminine Form des maskulinen Bäckers oder steht Bäcker für die generische Form, von welcher sich eine feminine, nicht aber eine maskuline Form abgeleitet hat? Stellt sich Ersteres als korrekt heraus, spräche das gegen die bislang vorgebrachte These. Doch auch hier stützt die sprachlogische Betrachtung die zweite Version.
Würde das Suffix "-er" auf einen Mann hindeuten (Bäcker = Mann, der Backen zum Beruf hat), dann wäre die korrekte feminine Ableitung davon: Bäckin. Das "-er" würde in diesem Fall für "Mann" stehen, das "Bäck-" für die Tätigkeit, für die feminine Form müsste also das "-er" durch "-in" ersetzt werden. Da es aber Bäckerin heisst, funktioniert die sprachlogische Ableitung wie folgt: das "Bäck" steht weiter für die Tätigkeit, das "-er" ist ein einfaches Substantivierungssuffix, das keinen Hinweis gibt auf den Sexus - wie es auch bei Gegenständen verwendet wird (z.B. Drucker). Das "-er" steht also für Gegenstand oder Person (geschlechtsneutral), welche Backen als Haupttätigkeit ausübt und enthält keinerlei Hinweis auf einen Sexus.
Korrekterweise wird davon dann die feminine Form durch das Movierungssuffix "-in" abgeleitet: Bäckerin ist eine Frau (-in), welche Backen (Back-) als Haupttätigkeit ausübt (-er). Analog dazu ist ein Drucker ein Gegenstand oder ein Mensch, welcher drucken (Druck-) als Haupttätigkeit (-er) ausübt. Ist ein Staubsauger ein Gerät, das hauptsächlich zum Staubsaugen verwendet wird. Würde sich das "-er" auf Mann beziehen wäre ein Staubsauger eher etwas wie ein Mann, der hauptsächlich zum Staub saugen verwendet wird. Und auch die Wöchnerin ist wohl kaum von einer maskulinen Bedeutung abgeleitet, wie auch die Partnerschaft nicht nur homosexuelle Beziehungen bezeichnet. Das generische Maskulinum meint also Frauen nicht in irgendeiner Weise nur "mit", sondern verschluckt quasi die maskuline Bedeutung.
Es gibt noch weitere Punkte, die diese Argumentation stützen. Wäre die maskuline Bedeutung ursprünglich und die feminine Bedeutung eine Ableitung davon, wäre es schwer zu erklären, warum das Maskulinum überhaupt auch eine generische Bedeutung entwickelt haben sollte. In indogermanischen Sprachen, zu denen das Deutsche gehört, gibt es viele Sprachen, welche nur ein Genus kennen. Es ist anzunehmen, dass dies dem Ursprung in der Sprache entspricht und sich die zwei anderen Genera erst danach entwickelt haben. Auch so lässt sich die Entstehung generischer Sprachformen leicht nachvollziehen.
Eine kleine Unschönheit dieser Herleitung haben wir bereits erwähnt. Es hat sich nur ein Femininum herausgebildet und kein Maskulinum. Währen das "-in" sich eindeutig auf ein Femininum bezieht, hat sich kein "-erer" oder so herausgebildet, das eindeutig ein Maskulinum bezeichnet. Dies lässt sich aber aus sprachökonomischen Gründen leicht nachvollziehen und lässt sich eventuell auch damit erklären, dass die meisten Berufe auch von Männern ausgeübt wurden und damit die generische faktisch meist mit der explizit maskulinen Form zusammengefallen ist.
Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit. Bäckerin könnte auch für "Frau des Bäckers" stehen. Bäcker stünde hier für Mann, der Backen als Beruf ausübt und die Bäckerin für die Frau des Mannes, der Backen als Beruf ausübt. Bei dieser Möglichkeit stünde Bäcker also definitiv für "Mann". Diese Version ist allerdings wenig wahrscheinlich, da das generische Maskulinum viel zu verbreitet ist und in den Fällen, wo nicht explizit Männer damit bezeichnet werden auch Frauen explizit umfasst.
Fazit
Eine sprachanalytische Betrachtung des generischen Maskulinums (auf "-er") zeigt, dass die generische Bedeutung der maskulinen vorhergegangen sein muss. Bäcker bezeichnet nicht primär Männer, welche backen als Beruf haben, sondern Personen, welche backen als Beruf haben. Die maskuline Bedeutung hat sich erst dadurch ergeben, dass Frauen mit dem Suffix "-in" speziell hervorgehoben worden sind. Frauen sind beim generischen Maskulinum also keinesfalls nur "mitgemeint", sondern im Gegenteil kann nur über Umwege klar gemacht werden, ob es sich bei einer Gruppe von Bäckern nur um Männer handelt. Im täglichen Sprachgebrauch steht denn auch nicht die maskuline Bedeutung im Vordergrund, sondern die generische. Wenn man von Bäckern, Tauchern oder auch Ärzten und Piloten spricht (die auch ohne "-er" dem gleichen Schema folgen) wird auf eine Rolle oder Haupttätigkeit bezug genommen und nicht auf das Geschlecht. Will man das Geschlecht spezifizieren, muss man von "männlichen" Ärzten sprechen - oder von "weiblichen" Ärzten oder einfacher: von Ärztinnen.
Doch ist dieses Fazit wirklich korrekt? Dagegen wird argumentiert, dass das generische Maskulinum alles andere als neutral sei. Wenn man von einer Gruppe von Lehrern spreche, würden sich die meisten Menschen darunter vor allem eine Gruppe von männlichen Lehrern vorstellen. Dies ist vielleicht das Hauptargument, das gegen das generische Maskulinum vorgebracht wird - ob das Argument überzeugen kann wird im Artikel »Bevorzugt das generische Maskulinum Männer? analysiert.
Weiterführende Gedanken
Das generische Maskulinum wird vor allem von Feministen gerne auf seine maskuline Bedeutung reduziert. Als Folge davon wird auf verschiedene Art und Weise versucht, das generische Maskulinum zu ersetzen, was bis heute eher schlecht als recht gelungen ist. Eine Übersicht über die verschiedenen Alternativen und ihrer jeweiligen Nachteile findet sich im Artikel »Wie soll ich gendern?. Eine radikale Alternative ist das "Entgendern nach Rey". Es fordert letztlich auf Basis der in diesem Artikel vorgebrachten Argumente eine Annäherung an das Englische. Anstatt permanent das Geschlecht zu betonen wie es die meisten Alternativen zum generischen Maskulinum tun (vgl. »Vergleich verschiedener Arten von "gendern"), fordert es die radikale Entgenderisierung der deutschen Sprache. Es sollen möglichst nur noch generische Formen verwendet werden und nur da, wo es absolut notwendig ist, soll das Geschlecht mit "männlich" respektive "weiblich" hervorgehoben werden. Der Eingriff in die Sprache wäre minimal, das Resultat wäre eine gendergerechte Sprache wie sie keine andere Form des "Genderns" erreicht. Mehr dazu im Artikel »Entgendern nach Rey (kurz: Reyvolution).
Weitere Artikel zum Thema »Sex and Gender
Auswahlliteratur
Payr, Fabian. Menschen und Mensch*innen. Springer 2021.
Türcke, Christoph. Natur und Gender: Kritik eines Machbarkeitswahns. C.H. Beck 2021.
Von Gersdorff, Mathias. Gender: Was steckt dahinter?. Media Maria 2015.