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Ein Entwicklungsland hat dann Erfolg, wenn eine nachhaltige, gerechte und demokratische Entwicklung eintritt, die sich auf die Steigerung des Lebensstandards und nicht bloss des messbaren Bruttoinlandsprodukts (BIP) konzentriert. Das BIP ist ein nützlicher Massstab für das Wirtschaftswachstum, aber es ist nicht die bestimmende Kennzahl für den Entwicklungsstand. Dennoch haben sich die Volkswirte auf das BIP kapriziert, weil es sich relativ leicht berechnen lässt. Dessen Wachstum ist aber oftmals mit einer Zunahme der Armut und manchmal sogar mit Einkommenseinbussen für die Mittelschicht verbunden. Wenn aber das Wirtschaftswachstum nicht allen Menschen zugute kommt, ist das Wachstum nicht nachhaltig und die Entwicklung gescheitert.
Die ostasiatischen Regierungen erkannten, dass der Erfolg gesellschaftliche und politische Stabilität erfordert und dass diese einen hohen Beschäftigungsgrad und eine begrenzte Ungleichheit zur Voraussetzung haben. Nicht nur der „Prestigekonsum“, sondern auch ein allzu grosses Lohngefälle wurden unterbunden. In China verdienten leitende Angestellte, zumindest in der Frühphase der Entwicklung, in der Regel höchstens das Dreifache dessen, was ein einfacher Arbeiter bekam, in Japan höchstens das Zehnfache. (Topmanager in den USA dagegen haben in den letzten Jahren mehrere hundert Mal so viel kassiert wie ein einfacher Arbeiter.)
Es ist wichtig, dass sich Länder um eine gerechte Verteilung der Früchte des Wachstums bemühen. Es gibt zwingende moralische Gründe für eine gerechte Verteilung; aber sie ist auch notwendig, um nachhaltiges Wachstum zu erzielen. Der wichtigste Produktionsfaktor eines Landes sind seine Menschen, und wenn ein hoher Prozentsatz der Menschen sein Potenzial nicht ausschöpft – wegen fehlenden Zugangs zu Bildungsangeboten oder wegen lebenslanger Folgen von Unterernährung im Kindesalter -, kann auch das Land insgesamt sein Potenzial nicht ausschöpfen. Länder, die ihr Bildungssystem vernachlässigen, werden für Firmen, die auf Fachkräfte angewiesen sind, kaum ausländische Investoren gewinnen. Die Lerninhalte, die in Schulen vermittelt werden, müssen auf die Kompetenzen, die am Arbeitsmarkt nachgefragt werden, und auf die Tätigkeiten, die den Schulabsolventen später offen stehen, abgestimmt sein. Schulen ohne Arbeitsplätze bringen keinen Entwicklungsschub, und eine Handelsliberalisierung ohne Verkehrswege und Häfen führt nicht zu einer Zunahme des Aussenhandels. China hat im Verlauf seiner mittlerweile dreissigjährigen Entwicklung geschickt immer wieder neue Schwerpunkte gesetzt.
Nicht nur das Einkommen zählt, sondern auch der allgemeine Lebensstandard. Beides kann auseinanderklaffen. Wirtschaftliche Entwicklung geht in der Regel mit Verstädterung einher, aber viele Städte in Entwicklungsländern sind schmutzig, und die Lebensqualität in diesen Städten wird durch Lärm, ständige Staus, sanitäre Probleme und Luftverschmutzung beeinträchtigt. Heute interessieren sich die Träger der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt für Gesundheit und Umwelt.
Die Bereitstellung ausreichender Finanzmittel und die Stärkung von Märkten sind wichtige Elemente erfolgreicher Entwicklung. Aber auch die Stärkung des Staates ist wichtig. Dabei kommt es natürlich nicht nur auf die Grösse der Staatsverwaltung an, sondern auch darauf, was sie leistet. Heute besteht weitgehend Einvernehmen darüber, dass der Staat die Grundschulbildung, rechtliche Rahmenvorschriften, Infrastruktur und einige Elemente eines sozialen Sicherungsnetzes bereitstellen und ausserdem den Wettbewerb, das Bankensystem und den Umweltschutz regulieren sollte.
Für jedes Land in jedem Entwicklungsstadium muss die optimale Mischung von Staat und Markt jeweils neu festgelegt werden. Märkte, Staat und Individuen sind drei Eckpfeiler einer erfolgreichen Entwicklungsstrategie. Der vierte Pfeiler sind die Gemeinschaften, also Menschen, die – oftmals mit Unterstützung von Regierung und Nichtregierungsorganisationen – zusammenarbeiten. In vielen Entwicklungsländern findet ein Grossteil des wirklich wichtigen kollektiven Handelns auf lokaler Ebene statt. Mit Hilfe von Mikrokrediten können solche lokalen Initiativen aktiv unterstützt werden. (Aus Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung, 2008, Seite 70-78)