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Eine Geschichte über Bäume, die uns helfen, den Weg zu finden
Indra lebte mit ihren Grosseltern seit vielen Jahren in einem kleinen Haus am Rand des Dorfes. Der Grossvater war ein begnadeter Schuhmacher, die Grossmutter eine grosse Geschichtenerzählerin. Als die beiden Grosseltern kurz nacheinander starben, war Indra sehr betrübt. Eines Tages hielt sie es nicht mehr aus in ihrer Einsamkeit und entschied sich, in die Welt hinauszuziehen. Sie nahm das Geschichtenbuch der Grossmutter aus dem Bücherregal, zog die robusten Schuhe an, die der Grossvater ihr kurz vor seinem Tod angefertigt hatte und marschierte los.
Gegen Mittag erreichte sie auf eine farbenfrohe Blumenwiese, auf der die Grillen zirpten und die Insekten eifrig surrten. In der Mitte der Wiese stand ein stattlicher Apfelbaum, dessen Früchte jetzt, im Sommer, knapp vor der Reife standen. Müde von der Wanderung breitete Indra ihre Decke aus, legte sich unter den Baum und schlief sofort ein. Im Traum erschien ihr ihre Grossmutter, die sich zu ihr legte, ihr zärtlich über das Haar strich und ihr leise ihre Lieblingsgeschichte erzählte. Sie handelte von einem König, der seine Stimme verlor:
«Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Stimme. Er sang von morgens bis abends, mal traurige Melodien, mal fröhliche Hymnen. Sein Volk liebte seine Gesänge und arbeitete im Takt seiner Lieder auf dem Feld. Nirgens auf der Welt waren die Tomaten so rot, die Kartoffeln so dick und die Karotten so saftig wie in diesem Königreich. Eines Tages jedoch war alles anders: Keine Stimme erklang aus dem Schloss. Der Tag war stumm. Der König hatte keine Stimme mehr. Sie war krächzend und rau. Der König liess alle Ärzte seines Landes rufen und versprach grosszügige Geschenke für den, der seine Stimme retten konnte.
Die Heilkundigen kamen mit Pflanzenessenzen, mit Pasten für Umschläge und mit Amuletten. Nichts half. Im Gegenteil, seine Stimme wurde immer schlimmer, der König von Tag zu Tag verzweifelter und auch das Volk arbeitete schlechtgelaunt und missmutig auf den Feldern.
Eines Tages bat eine einfache Frau um Einlass. Sie kam ohne Medikamente, trug in ihrem Beutel jedoch eine handliche Harfe. Man liess die Frau nicht ins Schloss, weil sie keine Ärztin war. Da setzte sie sich kurzerhand vor dem Schloss auf die Schlossmauer aus Stein, nahm die Harfe, schloss die Augen und setzte zum ersten Ton an. Welch prachtvolle Klänge erstreckten sich über das ganze Königreich! Die Menschen hoben ihre Köpfe und liessen erstaunt ihre Werkzeuge sinken. Sie setzten sich auf die Erde und lauschten.
Nach einiger Zeit trat endlich der König aus dem Schloss und näherte sich der Harfenspielerin. Er setzte sich zu seinem Volk auf den Boden und liess sich vom Zauber dieser Klänge einhüllen. Irgendwann öffnete die Frau ihre Augen und blickte zum König. Sie nickte ihm zu und stimmte eine fröhliche Melodie an, die der König und sein Volk über alles liebten. Da ging Bewegung durch die Menschen. Sie erhoben sich lachend, wippten im Takt und sangen voller Inbrunst mit. Ach, wie hatten sie das vermisst! Der König erhob sich zögerlich. Er begann zu summen. Erst ganz leise, dann etwas lauter, bis sich Worte und Klänge formten. Und – welch Wunder! Der Klang seiner Stimme war hell und rein. Seine Stimme war zurückgekommen! Nicht nur er selbst war überrascht. Die vielen Menschen, welche rund um das Schloss und die Harfenspielerin standen, zeigten auf den König, lachten und klatschten. Der Klang der Harfe hatte den König geheilt! Bis tief in der Nacht erfüllte der Gesang der Menschen das ganze Tal.
Zum Dank heiratete der König die Harfenspielerin noch im selben Jahr. Viele glückliche Jahre lebten und musizierten die beiden zusammen. Jeden Abend erfreute sich das Volk an den Harfenklängen und dem Gesang des Königs. Und wenn du ganz achtsam in die Stille lauschst, hörst du vielleicht sogar bei dir zu Hause eine Harfe und einen bezaubernden Gesang».
Als Indra erwachte, klangen die Geschichte, die Stimme ihrer Grossmutter und die so vertraute Nähe wohlig nach. Sie schluckte tapfer ihre Tränen der Wehmut herunter, streckte sich und blickte einige Minuten zu den vollen Ästen des Apfelbaumes empor. Mit einem Mal wurde ihr klar, was sie aus ihrem Leben machen musste: «Ich muss Geschichten erzählen. Wie Grossmutter. Und immer wenn ich eine Geschichte erzähle, ist ihr Geist bei mir. So kann ich mein Leben lang mit meiner Grossmutter zusammen sein».
«Ich muss los, lieber Apfelbaum!», rief sie zum Baum empor, während sie ihr Hab und Gut zusammenpackte. «Dank dir habe ich meine Bestimmung gefunden. Ich bin dir unendlich dankbar!».