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Voraussetzungen und Motivation für Exerzitien im Alltag nach hl. Ignatius von Loyola
Schon Ignatius von Loyola sah, dass sich nicht jeder Zeit und Mittel für geschlossene 30tägige Exerzitien hatte. Er war offenbar auf Männer und Frauen gestossen, die durchaus die notwendigen Voraussetzungen und eine entsprechende Motivation mitbrachten, die sich aber nicht für geschlossene Exerzitien freimachen konnten. In der 19. Anmerkung des Exerzitienbuches (EB) skizziert er deshalb eine Weise, die Exerzitien in vollem Umfang zu machen: „Wer von öffentlichen Dingen oder angebrachten Angelegenheiten behindert wird, sei er gebildet oder begabt, der soll anderthalb Stunden nehmen, um sich zu üben. Man lege ihm dar, wozu der Mensch geschaffen ist. Man kann ihm ebenfalls für die Dauer einer halben Stunde die besondere Erforschung und danach die allgemeine vorlegen und eine Weise, zu beichten und das Sakrament zu empfangen. Er soll drei Tage lang jeden Morgen eine halbe Stunde lang die Besinnung über die erste, zweite und dritte Sünde (n. 45ff) halten; danach an weiteren drei Tagen zur gleichen Stunde die Besinnung über die Aufeinanderfolge der Sünden (n. 55ff); danach halte er während dreier weiterer Tage zur gleichen Stunde die Besinnung über die Qualen, die den Sünden entsprechen (n. 66ff). Man lege ihm bei allen drei Besinnungen die zehn Zusätze vor (n. 73ff), und man führe die gleiche Folge bei den Geheimnissen Christi unseres Herrn durch, die weiter unten und ausführlich bei den Übungen selbst erläutert wird (EB 19).
Es gibt echte Vorteile, wenn man die Exerzitien so in der gewöhnlichen Situation des Lebens macht:
- Die Gewohnheit, im Alltag regelmässig zu beten, wird dadurch wesentlich gestärkt.
- Man wird ständig darauf verwiesen, in den Begegnungen und Ereignissen des Alltags Gott zu suchen und zu finden. Dies ist eine Einübung in die Unterscheidung der Geister (Regeln zur Unterscheidung der Geister I: EB 313-327 und Regeln zur Unterscheidung der Geister II: EB 328-336).
- Arbeit und Gebet können besser miteinander integriert werden.
- Der „Treibhauseffekt“, den geschlossene Exerzitien haben können, wird vermieden, weil man ständig mit allen Realitäten des eigenen Lebens in Verbindung bleibt.
Es gibt aber auch Nachteile:
- Es ist schwierig, sich täglich die Zeit zu nehmen, die ein solcher Prozess eben erfordert.
- Der Druck, der von den Anforderungen der Arbeit ausgeht, kann einen daran hindern, sich Gott und seiner Heilsgeschichte, sich selbst und seinen eigenen langfristigen Fragen und Probleme zuzuwenden.
Man wird Exerzitien im Alltag nur durchhalten, wenn man sich von diesem Mittel wirklich etwas erhofft und bereit ist, sich auch bei auftretenden Schwierigkeiten nicht abschrecken zu lassen, sondern im Vertrauen auf Gottes Gnade sich mit ganzem Herzen einzubringen. Darum ist eine klare und ehrliche Entscheidung für solche Exerzitien sehr wichtig.
Zeit und innere Einstellung
Wie wichtig uns eine Sache ist, zeigt sich gewöhnlich daran, wie viel und welche Zeit wir dafür verwenden. Exerzitien im Alltag tendieren zwar darauf hin, den ganzen Tag mit Gott zu leben; dennoch verlangen sie ein gewisses Mass an Zeit für die Übungen, die uns helfen sollen, Gott näher zu kommen. Ignatius spricht in EB 19 von „anderthalb Stunden, um sich zu üben“. Diese Zeit verteilt er offenbar auf die zweimalige Erforschung (je eine Viertelstunde: EB 19 und 24) und auf die längere Gebets- und Meditationszeit (von einer Stunde: EB 19), wohl zusammen mit der abschliessenden Reflexionszeit (nach EB 77 eine Viertelstunde).
Konkreter Vorschlag für den Tagesverlauf
90 Minuten Morgens
- 15 Minuten Gebetsvorbereitung
- 60 Minuten Gebet (Besinnung, Betrachtung, 5 Sinne, etc.)
- 15 Minuten Abschlussreflexion
15 Minuten Abends
- Allgemeine (inkl. besondere) Erforschung
Ebenso wichtig wie die Quantität der Zeit, die wir für die Gebetsübungen verwenden, ist auch ihre Qualität. Wertvoll wird eine Zeit dadurch, dass wir etwas Gutes in ihr erfahren. Diese Erwartung kann uns überdies motivieren, eine günstige Zeit dafür vorzusehen: Eine Zeit, in der wir wach, aufmerksam und gesammelt sein können. Diese Zeit wird individuell zu verschiedenen Stunden gegeben sein. Noch einmal kann sich das ändern je nachdem, ob man zu Hause oder auf Reisen ist. So muss jeder entsprechend seinen Erfahrungen mit sich selbst, mit seiner Arbeit und deren Rhythmus Umfang und Zeitpunkt der Übungen bestimmen.
Dauer und Stoffverteilung der Exerzitien im Alltag
Ignatius sagt nichts über die Dauer von Exerzitien im Alltag. Bei 30tägigen Exerzitien sagt er in Bezug auf die einzelnen Wochen:
EB 4
Zwar nimmt man für die folgenden Übungen vier Wochen, um den vier Teilen zu entsprechen, in welche die Übungen eingeteilt werden, nämlich:
• den ersten, die der Erwägung und Betrachtung der Sünden ist;
• der zweite Teil ist das Leben Christi unseres Herrn bis zum Palmtag einschliesslich;
• der dritte ist das Leiden Christi unseres Herrn;
• der vierte die Auferstehung und Himmelfahrt; und es werden drei Weisen zu beten aufgestellt.
Dennoch soll es nicht so verstanden werden, dass jede Woche mit Notwendigkeit sieben oder acht Tage umfasst. Denn wie es vorkommt, dass in der ersten Woche manche langsamer sind, zu finden, was sie suchen, nämlich Reue, Schmerz, Tränen wegen ihrer Sünden, und wie manche wieder eifriger als andere sind und mehr von verschiedenen Geistern bewegt und geprüft werden, so ist es manchmal erforderlich, die Woche abzukürzen, und andere Male, sie zu verlängern; und so in allen folgenden Wochen, indem man die Dinge je nach dem zugrunde liegenden Stoff sucht. Aber sie sollen doch in ungefähr dreissig Tagen abgeschlossen werden.
Entsprechend dem „Tantum-quantum“ (soweit etwas gebrauchen als es für das Ziel hilft) des Fundaments (EB 23) bemisst Ignatius also die zeitliche Dauer primär vom Ziel her. Wenn das Ziel erreicht ist, ist es nicht mehr sinnvoll, weitere Übungszeit dafür zu verwenden; umgekehrt, wenn das Ziel noch nicht erreicht ist, ist es sinnlos, weiter voranzugehen; dies gilt umso mehr, als der weitere Weg auf dem aufbaut, was vorher erfahren worden ist.
EB 4 (siehe oben) weist darauf hin, dass für das Tempo des Voranschreitens sowohl der Eifer des Exerzitanten als auch die entstehenden inneren Regungen von Trost und Trostlosigkeit bestimmend sein können. Daraus folgt jedenfalls, dass das Voranschreiten nicht willkürlich von aussen durch ein inhaltliches Schema vorgegeben werden kann, wenn man im Sinne des Ignatius vorgehen will.
So ergibt sich ein ganz wichtiger Hinweis für en Gebrauch dieser schriftlichen Hilfe für die Exerzitien im Alltag: Der einzelne muss mit Hilfe seiner Begleitung jeweils entscheiden, ob er nach den Textvorschlägen vorangehen soll, ob er etwas überspringt oder wiederholend länger verweilt oder ob überhaupt andere Aspekte und Gebetsweisen ihn besser zum Ziele führen. Dieser allgemeine Hinweis ist zu beachten, wenn
- 10 Wochen für die Fundamentphase und für die Erste Woche
- 13 Wochen für die Zweite Woche
- 05 Wochen für die Dritte Woche
- 04 Wochen für die Vierte Woche und die ‚Betrachtung, um Liebe zu erlangen‘
im Buch „Mit Jesus auf dem Weg, Exerzitien im Alltag“ von Gundikar Hock SJ (Hrsg.), 1. Auflage, Vier-Türme-Verlag 1998, vorgesehen sind. In der gesamten Länge ist der Weg dieser Exerzitien im Alltag auf 32 Wochen angesetzt. Durch die Erweiterung der Fundamentphase und der Ersten Woche (gegenüber der amerikanischen Vorlage) ist es möglich geworden, Schriftstellen und Übungen einzufügen, die dazu helfen können, das eigene Leben vor allem auch in der affektiven Seite intensiver in den Exerzitienprozess einzubeziehen. Hoffnung und Enttäuschung, Verwundungen und Heilung, Widerstände und Versöhnung werden dadurch direkter angesprochen, als es im Original-Exerzitienbuch geschieht. Die Erfahrung spricht dafür, das dies vielfach helfen kann, um die Früchte der ersten Woche zu erlangen, die Ignatius so eindeutig benennt und die Grundlage für den weiteren Weg der folgenden Wochen sind.
Wenn man will, kann man der Liturgie des Kirchenjahres für die beiden Hauptfeste Weihnachten und Ostern folgen und im Oktober mit den Exerzitien im Alltag beginnen und darin der vorgesehenen Einteilung der Hilfe folgen. Allerdings ist der bewegliche Termin des Osterfestes zu berücksichtigen.
Die Begleitung der Exerzitien
In der Nummer 15 des Exerzitienbuches (EB 15) heisst es, dass der Exerzitienbegleiter „sich weder zu der einen Seite wenden oder hinneigen soll noch zu der anderen, sondern in der Mitte stehend wie eine Waage unmittelbar der Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen soll und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn“. Für Ignatius ist also Gott selbst der eigentliche Leiter der Exerzitien. Dennoch gehören für ihm zwei Personen zu den Exerzitien: „Der, der sie gibt, und der, der sie empfangt“ (EB 1). Der menschliche Begleiter soll den Exerzitienprozess durchsichtig machen, Anleitung zum Gebet geben, dabei helfen, die verschiedenen „Geister“ zu unterscheiden, die guten Ansätze beim Exerzitanten zu verstärken und den Stoff für das Gebet vorzuschlagen. Vielleicht ist es die wichtigste Aufgabe des Begleiters, dem Exerzitanten durch sein Zuhören zu helfen, seine Gebetserfahrungen anzuschauen, Täuschungen aufzudecken und Gnadenanregungen anzunehmen.
So ist es sicher sehr hilfreich für die Exerzitien im Alltag, einen Begleiter oder eine Begleiterin zu haben, mit dem oder der sich der Exerzitant wöchentlich, vierzehntägig oder wenigstens alle drei bis vier Wochen trifft, von seinen Erfahrungen berichtet und im Gespräch darüber Hineise und Anleitung für die kommende Zeit empfängt. Wenn dieser Begleiter den Betreffenden schon vor den Exerzitien geistlich begleitet hat, kann es von Vorteil sein.
Wenn man keine Begleitung findet, der man sich anvertrauen möchte, kann eine der folgenden Möglichkeiten helfen:
- Zwei Exerzitanten treffen sich einmal in der Woche, um einander mitzuteilen, was sie auf ihrem Exerzitienweg erfahren haben und wie sie glauben, dass Gott sie geführt hat. Auf diese Weise wird zwar der eine Partner nicht Begleiter des anderen im vollen Sinn, aber indem sie sich gegenseitig einander öffnen und zuhören, kann etwas von dem geschehen, was auch in der eigentlichen Begleitung geschieht (EB 326).
- Eine Gruppe von Exerzitanten trifft ich regelmässig, wöchentlich oder vierzehntägig, um sich über die Erfahrungen in den Exerzitien auszutauschen. Damit es eine Hilfe für die Exerzitien bleibt, ist es wichtig, dass eine Mitteilung von persönlicher Erfahrung stattfindet und nicht eine Diskussion über dem Exerzitienstoff. Ein Klima der Ehrfurcht von dem Weg des einzelnen kann durch ein gemeinsam geformtes oder freies Gebet gefördert werden. Ein solcher Austausch kann auch in einer gemeinsamen Eucharistiefeier geschehen.
- Der einzelne Exerzitant nimmt sich zusätzlich zu den Gebetszeiten einmal in der Woche Zeit, um den Erfahrungsweg der zurückliegenden Woche anzuschauen, einen roten Faden darin zu entdecken oder immer wiederkehrende Störungen nachzuspüren. So kann er versuchen, etwas von dem, wozu Begleitung helfen soll, im Dialog mit sich selbst und mit Gott zu erreichen, was ihn weiterführt (Gott selbst ist ja der eigentliche Leiter der Exerzitien, siehe obiges Buch S. 15 EiA).
Aufbau des Leitfadens
Der folgende Text ist ein Auszug aus einen Leitfaden. Er enthält neben der Einführung für jede Woche
- Eine thematische Zielsetzung: Worum geht es?
- Hinweise für die ersehnte Gnade: Worum bitte ich?
- Auf Wochentage verteilte inhaltliche Gebetshinweise: Womit bete ich?
- Fragen für die Erforschung oder die Auswertung des Tages: Worauf achte ich?
Ausserdem sind unter dem Stichwort „Empfohlene Lesung“ Verweise auf jeweils passende Stellen zu finden:
- aus der hl. Schrift,
- aus dem Exerzitienbuch,
- aus der Autobiographie, dem geistlichen Tagebuch und den Briefen des hl. Ignatius,
- aus den Dekreten der letzten Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (SJ),
- aus den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Für manche kann es auch eine Hilfe sein, ein Gebet, ein Lied oder einen poetischen Text zu lesen, die zwischen die Wochen eingestreut sind. Sie können dabei helfen, Vorstellungskraft und Gefühle in unserem Gespräch mit dem Herrn einzubeziehen, wozu Ignatius uns ja ermutigt.
Bei der Benutzung der schriftlichen Hilfe ist es sehr nützlich, auf die Entsprechung zwischen Stoff und Verlangen des Exerzitanten zu achten. Die praktische Anordnung als Leitfaden kann nämlich dazu verleiten, der Reihe nach die Texte zu nehmen und zu meditieren, ohne viel auf das zu achten, „was ich will und wünsche“. Wenn man aber darauf sorgfältig achtet, wird das in vielen Fällen dazu führen, vielleicht weniger Texte zu nehmen und mehr zu wiederholen, ja auch andere Texte und Gebetsweiseen oder Begegnungen und Ereignisse aus dem Leben zu wählen, weil sie jeweils mehr dem entsprechen, wovon der einzelne spürt oder mit Hilfe seines Begleiters herausfindet, dass sie jetzt für ihn wichtig sind.
Geistliche Prägung des Alltags
So bedeutend die Zeiten ausdrücklichen Betens für die Exerzitien im Alltag sind, so sehr gilt auch, dass sie nicht alles, nicht einmal das Wichtigste sind. Wie alle Gebetsübungen darauf abzielen, das Leben immer mehr Leben in und mit Gott, also immerwährendes Gebet wird, so wollen die Übunszeiten bei Exerzitien im Alltag erreichen, dass der ganze Tag mit all seinen Begegnungen, Beschäftigungen, Ereignissen, Leiden und Freuden Ort und Mittel der Begegnung mit Gott wird.
Ausser den ausdrücklichen Übungen, zu denen weiter unten im einzelnen etwas gesagt werden wird, sind dafür einige Augenblicke im Alltag von besonderer Bedeutung, Sie sind sozusagen Schaltstellen, durch die ganze Abschnitte des Tages in ihrer Ausrichtung geprägt werden können. Solche Augenblicke scheinen vor allem zu sein:
- die letzten Minuten des Tages vor dem Einschlafen;
- die ersten Augenblicke nach dem Aufwachen;
- die Momente, bevor eine Tätigkeit oder Begegnung stattfindet;
- die unmittelbare Zeit danach;
- der Anfang von freier oder leerer, wenn auch nur kurzer Zeit.
Solche Gelegenheiten des Verweilens für einen möglichen Aufblick zu Gott, für ein Innehalten, benutzen wir oft als Fluchtmöglichkeit in eine andere Beschäftigung, Arbeit, Fernsehen oder sonst etwas. Wir sehen zu wenig die Chance, aufmerksam zu werden für verborgene Wünsche und Abneigungen und dadurch etwas für uns zu lernen. Wir sehen auch zu wenig die Chance, uns von Gott her zu prüfen oder einzustellen auf das, was als Nächstes auf uns zukommt. Im Exerzitienbuch finden sich verschiedene Hinweise auf solche Augenblicke:
- die Zusätze (EB 73-82; 130 160 206 229),
- die erste Zeit der besonderen Erforschung (EB 24),
- die Regeln, um sich beim Essen zu ordnen (EB 210-217).
Weil es Ignatius darum geht, Gott in allen Dingen zu finden, nicht nur in den ausdrücklichen Gebetsübungen, hat er einen besonderen Blick auf solche Momente. Die objektiv dichteste Begegnung unseres Lebens mit Gott geschieht sicherlich in der Eucharistiefeier. In den Exerzitien wird die jeweilige innere Situation auf dem Weg in die Mitfeier einfliessen.
Die täglich längere Gebetszeit oder Meditation
- Vorbereitung für das Gebet
Es ist gut, sich eine Vorbereitungszeit für das Gebet zu nehmen. Sie hat mit Grundhaltungen und Grundsatzentscheidungen zu tun. Während dieser Vorbereitungszeit ist zu entscheiden über den Ort und die Zeit (es ist gut, seinen festen Ort und eine feste Zeit zu haben, aber das ist im Alltag nicht immer möglich), die Dauer und die Haltung, die man während der Gebetszeit einnehmen möchte (auf dem Stuhl, Sitzkissen oder …) und über den Stoff des Gebetes.
- Das Gebet selbst
- Die Reflexion über das Gebet
Nachdem die Betrachtung mit dem Vaterunser oder einem anderen mündlichen Gebet abgeschlossen wurde, hilft es gewöhnlich, für die anschliessende Reflexion über die Gebetszeit die Körperhaltung zu wechseln (EB 77).
Da das Gebet sowohl das, was ich tue, als auch das, was mit mir geschieht, umfasst, versuche ich, die inneren Bewegungen in mir zu erspüren. Vielleicht ist es gut, sie niederzuschreiben, so dass sie als Grundlagen für das Gespräch in der Begleitung dienen können. Folgende Fragen können dabei helfen:
• Was geschah mit mir? Was hat mich besonders betroffen gemacht?
• Welche Gefühle hatte ich während des Gebetes?
• Wie war meine Stimmung? Hat sich meine Stimmung gewandelt?
• Was wollte der Herr mir in all dem sagen?
• Wieweit habe ich mich an das gehalten, was ich mir vorgenommen hatte (EB 6)?
• Gibt es irgendeinen Punkt, auf den ich bei der nächsten Gebetszeit zurückkommen sollte?
Es ist gut, diese Reflexion schriftlich unmittelbar nach dem Gebet zu machen und sie als Grundlage für die wöchentliche Rechenschaft über den Fortgang der eigenen Exerzitien zu nehmen.
- Einige Formen des Ignatianischen Gebetes
- Die Erforschung
EB 77
Der fünfte Zusatz: Nach Beendigung der Übung werde ich während der Dauer einer Viertelstunde, sei es sitzend oder umhergehend, schauen, wie es mir in der Betrachtung oder Besinnung gegangen ist; und wenn schlecht, werde ich die Ursache anschauen, von der es herkommt, und, nachdem ich sie angeschaut habe, bereuen, um mich fortan zu bessern; und wenn gut, werde ich Gott unserem Herrn danken und es ein andermal auf die gleiche Weise machen.
EB 6
Die sechste Anmerkung: Wenn der, welcher die Übungen gibt, spürt, dass dem, der sich übt, keinerlei geistliche Regungen in seiner Seele kommen, wie Tröstungen oder Trostlosigkeiten, und er auch nicht von verschiedenen Geistern bewegt wird, dann muss er ihn viel in Bezug auf die Übungen fragen, ob er sie zu ihren festgesetzten Zeiten hält und auf welche Weise; ebenso über die Zusätze, ob er sie mit Sorgfalt ausführt. Er soll über ein jedes von diesen Dingen im einzelnen nachfragen. Von Tröstung und Trostlosigkeit spricht n. 316f, von Zusätzen n. 73ff.
Man hat die Übung der Erforschung die „wichtigste Viertelstunde des Ignatius“ genannt. Für Exerzitien im Alltag kommt ihr ganz besondere Bedeutung zu. Sie soll helfen, den ganzen Tag mit all seinen Begegnungen, Beschäftigungen und Ereignissen in den Pilgerweg mit Gott einzubeziehen, oder anders gesagt, das Leben im ganzen mehr in seinem Licht lesen zu lernen.
Es gibt verschiedene Namen für diese Übung: Gewissenserforschung, Examen, Tagesauswertung, Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Sie drücken verschiedene Aspekte dieser Übung aus. Manche Namen wollen auch dazu helfen, bestimmte Fehler zu vermeiden, welche die Übung unfruchtbar machen.
Ein falscher Ansatz wäre es, wenn wir diese Übung als Selbstbewertung ansehen würden, die wir vornehmen, um dann sozusagen gereinigt vor Gott zu treten. Es geht nicht um eine Prüfung, sondern um ein Gebet, in dem Gott uns unser Leben als Heilsgeschichte erkennen lässt; nur in diesem Kontext können wir auch Unheil und Sünde richtig erkennen.
Die „allgemeine Erforschung“ gibt mit ihren fünf Schritten einen Ablauf an, in den die „besondere“ aufgenommen werden kann. Diese fünf Schritte sind:
- Gott danken für die Gaben der Schöpfung und Erlösung;
- Gott bitten, den Tag oder Tagesabschnitt in seinem Licht sehen zu dürfen;
- den Tag, einzelne Ereignisse oder eine bestimmte Begegnung anschauen, Bewegungen wahrnehmen und identifizieren, eigene Stellungnahmen eingestehen;
- mit der Wahrheit, die Gott gezeigt hat, vor ihn treten und ihm danken oder um Verzeihung oder Versöhnung bitten;
- auf den kommenden Tag oder die kommende Zeit schauen und um Kraft und Entschlossenheit bitten.
Im dritten Schritt der „allgemeinen Erforschung“ geht es nicht zuerst um unser Tun und Lassen oder gar unsere Fehler und Sünden, sondern zunächst um unsere Regungen und die nach aussen tretenden Reaktionen, die daraus folgen. Um von einer allzu schnellen Bewertung wegzukommen, können folgende Fragen helfen:
- Was hat mich heute betroffen?
- Wie bin ich betroffen?
- Wie habe ich reagiert?
- Was hat mich zu dieser Reaktion bewegt?
Dieser dritte Schritt nimmt die „besondere Erforschung“ auf. Sie richtet sich aus auf ein bestimmtes Anliegen, ein klar umgrenztes Problem, eine immer wiederkehrende Reaktionsweise oder eine Abfolge im Verhalten (z.B. Ungeduld) und hält die Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit – vielleicht eine Woche oder einen Monat lang – bei dieser Sache. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, dafür nicht etwas auszuwählen, was einen stört, sondern eine positive Erfahrung mit Hilfe dieser besonderen Aufmerksamkeit wirklich anzuzielen. Im Einzelfall kann das wichtiger sein, als sich Negativem zuzuwenden. Das Gespräch in der Begleitung kann dabei helfen, den jeweils wichtigen Aspekt für zu „besondere Erforschung“ finden.
Wer so liebevoll sein Erleben befragt, kann allmählich immer mehr den „Geistern“ auf die Spur kommen, die ihn bewegen. Es kann schliesslich die Freiheit wachsen für den Hl. Geist und seine leisen Anregungen.
Was die Zeit für dieses Gebet angeht, schreibt Ignatius im Exerzitienbuch (EB 24): Es „umfasst die Zeiten …
- Am Morgen gleich beim Aufstehen“ (EB 24) einen Akt der Hinwendung zu Gott, verbunden mit der Aufmerksamkeit auf den Punkt, den ich für die besondere Erforschung ausgewählt habe.
- „Nach dem Mittagessen“ (EB 25) und
- „nach dem Abendessen“ (EB 26) jeweils das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit nach den fünf Punkten oder in anderer Weise.
Der einzelne muss sehen und entscheiden, welche Zeiten für ihn sinnig sind, und wie sie sich in das Ganze des Tages und der anderen Übungen einfügen. Für manchen ist es hilfreich, ein paar Notizen über die zurückliegenden Stunden zu machen, vielleicht weniger, um sie wieder zu lesen, sondern eher als Gebetsweise selbst. Gerade bei dieser Übung muss jeder seine eigene Weise finden und immer wieder neu suchen, wenn er spürt, dass eine bestimmte Weise ihn nicht weiterführt.
Damit wir in unserem Leben die Führung Gottes mehr und mehr entdecken, ist es von Zeit zu Zeit gut, über den einzelnen Tag hinauszuschauen. In Exerzitien im Alltag empfiehlt es sich, die Einheit von einer Woche zu überblicken, um Entwicklungen und Trends im Gebet und im Tun zu erkennen.
Die alte Übung des monatlichen Besinnungstages weist darauf hin, dass es hilfreich ist, einen ganzen Monat so anzuschauen. Gerade wenn die Tage von den äusseren Gegebenheiten her sehr unterschiedlich verlaufen, kann es sein, dass wir das Ganze unseres Lebens erst in solchen längeren Zeiträumem in Blick bekommen. Ein solches Wochen- oder Monatsexamen kann sich in den Exerzitien im Alltag gut mit der Reflexion über die Entwicklung im Gebet verbinden und so helfen, diese Exerzitien (geistliche Übungen) wirklich zu Exerzitien im Alltag zu machen. Man kann dann leichter wahrnehmen, was sich in den „leeren“ Augenblicken des Tages meldet, wie sich die Bitte um Gnade verändert, welche Fragen aus dem Alltag und welche Themen im Gebet wichtig werden. Dadurch kann man dann eine neue Woche und einen neuen Monat gezielter angehen.
Gemeinschaft als Stütze
Ignatianische Exerzitien sind etwas Individuelles, in dem es um den Weg des einzelnen mit Gott geht. Dennoch kann man sich dabei in einer Gruppe einander helfen. Die erste Hilfe besteht darin, sich bewusst zu machen, dass sich die Übenden bei Exerzitien im Alltag gemeinsam ermutigen können. Dazu kann das Gebet füreinander besonders in dieser Zeit kommen. Sie können sich auch in der Entscheidung bestärken, den Exerzitien Priorität einzuräumen, und dadurch eher Kraft zu finden, zu manchen Veranstaltungen oder manchen Engagement, die den Terminkalender belegen wollten, nein zu sagen. Auch durch den Austausch zu zweit oder in der Gruppe, z.B. in der Eucharistiefeier, lässt sich Gemeinschaft als Stütze erfahren.
Weitere Hinweise und Quellen
- Mit Jesus auf dem Weg, Exerzitien im Alltag (Ref. EiA), Gundikar Hock SJ (Hrsg.), 1. Auflage, Vier-Türme-Verlag 1998
- Geistliche Übungen (Ref. EB), Ignatius von Loyola, nach dem spanischen Urtext übersetzt von Peter Knauer SJ. 2. Auflage, Echter Verlag Würzburg 1999
- Jerusalemer Bibel, deutsche Ausgabe mit den Erläuterungen, 16. Auflage, Herder Verlag 1968
- Beispiel: Exerzitien im Alltag Inhaltsverzeichnis 19. Woche vom 16.-24. Dez. 2002 (PDF)
- Beten im Pulsschlag des Lebens (Ref. BiPdL) – Gott suchen mit Ignatius von Loyola, Willi Lambert, 3. Auflage, Herder Freiburg 1997
- Website: Exerzitien – Eine christliche Spiritualität für das Leben
- Website: Kommunität der Jesuiten von Bad Schönbrun
- Website: Netzwerk Katholischer Priester
- Ignatius von Loyola, Aus dem Exerzitienbuch PDFs:
Regeln 313-327 zur Unterscheidung der Geister I
Regeln 328-336 zur Unterscheidung der Geister II
Regeln 345-351 zur Unterscheidung der Geister III
- Praktische Regeln zur Erkenntnis der Antriebe und Eingebungen des göttlichen Geistes ⇒ Aus „De discretione spirituum“ von Kardinal Johannes Bona (1609-1674)