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Lange galt er als der grosse Unbekannte der Weltliteratur: Otto Feige alias B. Traven war im März 1919 an der Münchner Räterepublik beteiligt und landete auf verschlungenen Fluchtwegen in Mexiko, wo er am 26. März 1969 starb. Eine Spurensuche mit dem Traven-Forscher Jan-Christoph Hauschild.
WOZ: Herr Hauschild, Sie schildern B. Traven als Aufschneider und Plagiator. Er habe abgeschrieben, sich in Eigenlob ergossen, Fiktion als reale Ereignisse verkauft. Man könnte es allerdings auch umgekehrt ausdrücken: Der Schriftsteller Traven war ein Gesamtkunstwerk. Er hat sich selbst als Figur erfunden.
Jan-Christoph Hauschild: Ich habe befürchtet, dass Sie mir das vorwerfen. Meine Absicht war nicht, Traven vom Sockel zu stossen. Es ist nur so, dass er ein Mann mit enormen Widersprüchen war und man ihn daran messen muss, was er gesagt und gewollt hat. Dass er ein wenig abgeschrieben hat, ist kaum der Rede wert. Und es stimmt auch, dass Traven eine erstklassige Performance hingelegt hat. Doch man darf ihm eben auch nicht auf den Leim gehen. Traven liefert keine authentischen Schilderungen des indigenen Lebens in Mexiko, und er war auch nicht der Seemann des «Totenschiffs», der sich danach als Wanderarbeiter von einem Job zum nächsten hangelte.
Ich finde das ja sehr kreativ: 1882 als Otto Feige geboren, benannte er sich als junger Mann in Ret Marut um und behauptete von da an, in den USA geboren zu sein. Dieser Identitätswechsel bewahrte ihn vor dem Ersten Weltkrieg. Er wurde nicht eingezogen.
Allerdings konnte er vom Weltkrieg noch gar nichts wissen, als er 1907 die neue Identität annahm. Aber ja, er hatte immer ein wahnsinniges Gespür – auch was Kunst, Kino, Theater anging. Er hatte die Nase im Wind.
Wieso brach er die Brücken zu seiner realen Herkunft ab? Sie sagen ja, es sei gar nicht darum gegangen, sich als Fahnenflüchtiger oder Revolutionär eine falsche Identität zuzulegen. Was waren dann Travens Motive?
Es gibt aus Travens früher Schaffenszeit einen Roman, in dem ein Identitätswechsel geschildert wird. Da geht es um einen jungen Künstler, der für einen schöpferischen Neuanfang alle Brücken hinter sich abbricht. Als Biograf kann ich allerdings nicht einfach behaupten, dass diese Romanfigur mit B. Traven identisch ist.
Wir können uns also nur vergegenwärtigen, was wir über Traven wissen: Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, wurde Maschinenschlosser und Gewerkschaftssekretär und hatte dann irgendwann genug. Offenbar hatte er Spass am Theater und wollte als Schauspieler leben. Sein Geburtsname Otto Feige war nicht sehr attraktiv, also nahm er einen anderen Namen an: Ret Marut. Die Idee, sich als Amerikaner auszugeben und zu behaupten, seine Geburtsurkunde sei 1906 beim grossen Brand in San Francisco verbrannt, muss nicht unbedingt eine spontane Entscheidung gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er sich das genau überlegt.
War es ein Versuch, sich aus der proletarischen Enge zu befreien?
Sich als Künstler ein Pseudonym zuzulegen, ist ja nicht ungewöhnlich. Wenn Sie Theater spielen wollen und nur sagen können: «Ich bin Maschinenschlosser, mein Vater war Ofensetzer, meine Mutter Fabrikarbeiterin», dann ist das sicher nicht die beste Referenz. Traven konnte nur vorweisen, dass er mit Metallarbeiterkollegen in Gelsenkirchen Theater gespielt hatte.
Wie kommt der Schauspieler Feige-Marut 1919 zur Münchner Räterepublik?
Auch da ist er reingerutscht. Nachdem er 1915 im Schauspielhaus in Düsseldorf gekündigt hatte, suchte er sich die künstlerisch interessanteste Stadt in Deutschland aus. Das war damals München – eine liberale Kunst- und Bohemestadt. Ein guter Ort auch, um seine anarchistische Zeitschrift «Der Ziegelbrenner» herauszugeben. Weil er nach dem Eintritt der USA in den Krieg Gefahr lief, als feindlicher Ausländer interniert zu werden, blieb er auch dort eine mysteriöse Figur.
Er war aber schon vorher, nämlich als Gewerkschaftssekretär 1905, als Anarchosozialist in Erscheinung getreten.
Genauer gesagt beantragte er damals auf einer SPD-Mitgliederversammlung, über Anarchismus und Generalstreik zu diskutieren. Und 1910 hat ihn ein Regisseur als «Anarchist und Bombenschmeisser» beschimpft. Das deutet darauf hin, dass er sich als Anarchosyndikalist sah, aber schlau genug war, das nicht an die grosse Glocke zu hängen. Die Texte aus dem «Ziegelbrenner» lesen sich dann allerdings eher individualanarchistisch.
In der Münchner Räterepublik im April 1919 hatte Marut dann sogar eine Führungsrolle inne: Er war für das Pressewesen zuständig. Wie kam er von dort nach Mexiko, um sich in den Schriftsteller Traven zu verwandeln?
Er war in beiden kurzlebigen Münchner Räterepubliken engagiert – als Leiter des Presseamts und in Revolutionstribunalen, die übrigens nicht so martialisch verfuhren, wie es klingt. Die zweite Räterepublik wurde blutig niedergeschlagen, Marut wurde offenbar erkannt, vor ein Feldgericht gestellt, konnte jedoch kurz vor seiner Verurteilung fliehen. Er lebte im Untergrund, hielt sich in verschiedenen europäischen Ländern auf und gelangte schliesslich nach England.
Weil er in kommunistischen Kreisen verkehrte und sich als Ausländer nicht bei den Behörden gemeldet hatte, wurde er festgenommen. Der Spionage verdächtigt, gab er in einem Verhör seine echte Identität preis: Er sei Otto Feige, das uneheliche Kind einer Fabrikarbeiterin, und stamme aus Schwiebus in Deutschland. Das konnte damals nicht bestätigt werden, und man wies ihn aus. Vom April 1924 gibt es dann die Heuerliste eines norwegischen Schiffs, auf der sein Name allerdings durchgestrichen ist, und von Mitte 1924 an das Tagebuch des B. Traven. Auf nicht mehr nachvollziehbaren Wegen muss er von London nach Tampico in Mexiko gelangt sein. Dort pachtete er ein Stück Land.
Traven hat ja immer damit geworben, dass er selbst als Landarbeiter und Schiffsheizer geschuftet habe. Sie arbeiten in Ihrer Biografie heraus, dass das nicht stimmen kann. In seiner fünfjährigen Untergrundzeit dürfte er sich aber doch auch mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten haben.
Traven hat sicherlich gewusst, wovon er spricht, weil er in manches hineingerochen hat. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass er noch bis 1922 den «Ziegelbrenner» herausgab, der als Zeitschrift bei Sammlern gefragt war. Wahrscheinlich hat sich Traven danach mit Ersparnissen und dem Verkauf seiner Bücher über Wasser gehalten. Wenn er ganz abgebrannt war, arbeitete er wohl auch mal wieder in seinem alten Beruf. Aber auch hier darf man sich nicht täuschen: Maschinenschlosser war ein Beruf der Handwerkerelite. Den Vorwurf mangelnder Authentizität hat er sich selbst eingehandelt. Denn ein Autor muss nicht erlebt haben, worüber er schreibt. Das zeichnet grosse Literatur ja gerade aus. Das Problem ergibt sich nur, weil Traven diese Authentizität immer behauptete.
Wie wird Traven in Mexiko zu einem erfolgreichen Schriftsteller?
Er hat alles Mögliche versucht, Kurzgeschichten, historische Anekdoten, Romane, Fotoreportagen, und ist auf verschiedenen Feldern auch gescheitert. Im Bundesarchiv habe ich beispielsweise eine entsetzlich schlechte Detektivgeschichte gefunden, die er dem «Vorwärts» angeboten hatte. Unterirdisch! Aber dann hat er «nebenbei» eben auch Weltliteratur gemacht – wie das «Totenschiff», mit dem ihm ein grosser Wurf gelang, oder «Der Schatz der Sierra Madre», der seine Lektoren richtig umgehauen hat.
Sie haben Travens Romane jetzt als «Weltliteratur» bezeichnet. Das ist bemerkenswert: Die Bücher sind sprachlich zwar oft eher bescheiden, aber doch packend. Warum funktioniert Travens Literatur bei so vielen Menschen?
Weltliteratur ist es schon deshalb, weil Travens Bücher in 33 Sprachen übersetzt worden sind. Der Erfolg hat einerseits mit der Spannung zu tun: Man fiebert mit den Figuren mit, es sind Abenteuergeschichten, die in einer klaren Sprache und ohne Abschweifungen erzählt sind. Zwar gibt es manchmal ethnografische Einschübe, aber nichts, was vom Fluss der Erzählung ablenkt. Andererseits hat der Erfolg aber auch damit zu tun, dass sich ein sozialdemokratischer Leser natürlich darüber freut, wenn es in einem Buch nicht um Fürsten und Grafen, sondern um Leute wie ihn selbst geht, Leute, die Schwierigkeiten mit den Vorgesetzten haben.
Ich denke, es ist diese Verbindung: Spannung, Exotik, die Darstellung proletarischer Verhältnisse und ein belehrender, aber nicht aufdringlicher Tonfall. Wenn dann noch Erkenntnisse dazukommen, zugespitzt in aphoristischer Manier, zum Beispiel: «Moral ist Butter für die, die kein Brot haben», dann ist das grandios.
Die Machtübernahme der Nazis schneidet Traven dann von seinem Publikum ab. Sein Verlag, die sozialdemokratische Büchergilde, wechselt in die Schweiz. Es kommen schwere Jahre, bis ihn die Verfilmung der «Sierra Madre» 1948 endgültig zum Weltschriftsteller macht. Just auf dem Höhepunkt seines Erfolgs verstummt er.
Es ist schwer, das zu erklären. Gut, bei seinem letzten Roman war er bereits 58, aber Theodor Fontane fing in diesem Alter erst an, Romane zu schreiben. Möglicherweise ist bei Traven der kreative Quell versiegt, vielleicht hatte er es auch einfach nicht mehr nötig.
Sie vermeiden es in Ihrer Biografie zu psychologisieren, aber vielleicht können Sie uns Travens Persönlichkeit doch noch ein wenig erklären. Er sprach über sich selbst in der dritten Person, war unter dem Namen Hal Croves bei der Verfilmung von «Der Schatz der Sierra Madre» anwesend und blieb auch privat in fremden Rollen. Als seine in Deutschland lebende Tochter Irene 1948 Kontakt zu ihm aufnahm, stritt er ab, ihr Vater zu sein. Das spricht für grosse Grausamkeit – und Einsamkeit.
Ich habe mir das natürlich auch auszumalen versucht. Durch seine beiden jüngeren Geschwister wissen wir, dass er offenbar schon als Kind die Fantasie hatte, nicht Kind seiner Eltern zu sein. Die ersten Lebensjahre hatte er ja bei den Grosseltern verbracht. Da er vieles in seinem Leben aus dem Stand machte, hatte er vielleicht Zweifel, ob man ihm das Können zutrauen würde, und legte sich deshalb eine biografische Legende zu. Als sich der Regisseur John Huston am Set von «Der Schatz der Sierra Madre» die Frage stellte, ob der schmächtige alte Mann namens Hal Croves wohl B. Traven sei, kam er zur Schlussfolgerung: «Das kann nicht sein.»
Traven ahnte wohl, dass sein Publikum von seiner wahren Identität enttäuscht wäre. Er bemühte sich sehr darum, dass diese Figur, der er als Legende Bedeutung verliehen hatte, unberührt blieb. Wenn er sich gegenüber seiner Tochter zu erkennen gegeben hätte, wäre die Geschichte aufgeflogen, und das glaubte er sich nicht leisten zu können.