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Die Schweiz hatte keine Kolonien, profitierte aber vom Kolonialismus. Das zeigt die Geschichte der Indiennes, bunten Baumwolltüchlein: Der lukrative Handel mit ihnen war verbunden mit kolonialer Ausbeutung, religiöser Bekehrung und Sklavenhandel.
Im 17. Jahrhundert kam bedruckte Baumwolle aus Indien – nur hier hatte man das Know-How sie herzustellen. Doch dann wurde diese Technik zur Herstellung bunt bedruckter Baumwollstoffe von den Niederländern und Briten kopiert. Sie machten sie mithilfe der Mechanisierung billiger und raubten der indischen Textilindustrie so zunehmend ihre Grundlage. Die in Europa hergestellten hellen und erschwinglichen „Indiennes“-Stoffe wurden so beliebt, dass der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV sie auf Grund des Drucks einheimischer Woll-, Seiden- und Leinenhersteller verbieten musste.
Für die Schweiz wurde Frankreichs Verbot der Herstellung und Einfuhr von Indiennes im 17. Jahrhundert zum Glücksfall. Französische Protestanten, die vor religiöser Verfolgung in die Schweiz flüchteten, gründeten in Genf und Neuenburg Textilfabriken. Von hier wurden die Indiennes über die Grenze nach Frankreich geschmuggelt. Die Nachfrage erreichte damals ihren Höhepunkt: 1785 wurde das Werk Fabrique-Neuve in Cortaillod, Neuchâtel, der größte Hersteller von Indiennes in Europa. Es produzierte in diesem Jahr 160.000 Stoffbahnen.
Schweizer Boom und Sklavenhandel
Der Handel mit Indiennes brachte der Schweiz enormen Wohlstand, hatte aber eine dunkle Seite: Diese Stoffe wurden damals als eine Art Währung verwendet, um in Afrika gegen Sklaven eingetauscht zu werden – die man dann nach Amerika schickte. Auf dem Schiff „Necker“ beispielsweise, das 1789 nach Angola segelte, machten Schweizer Stoffe drei Viertel des Warenwerts aus, den man gegen Sklaven tauschte.
Schweizer Textilunternehmen investierten ihr Vermögen auch ganz direkt in den Sklavenhandel. Aufzeichnungen zeigen, dass das in Basel ansässige Textilunternehmen Christoph Burckardt & Cie zwischen 1783 und 1792 an 21 Sklavenschiffexpeditionen beteiligt war, die rund 7.350 Menschen aus Afrika nach Amerika transportierten. Ein Großteil des Wohlstands in Schweizer Textilzentren um Genf, Neuenburg, Aargau, Zürich und Basel war mit dem Sklavenhandel verbunden.
Ein koloniales Projekt
Die Schweiz entwickelte sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Handelszentren für Rohstoffe. Schweizer Kaufleute kauften und verkauften weltweit Waren wie indische Baumwolle, japanische Seide und westafrikanischen Kakao. Wenn auch diese Waren sich nie auf Schweizer Boden befanden, flossen die Gewinne doch ins Land.
Als die Sklaverei nach dem amerikanischen Bürgerkrieg auch in den USA abgeschafft wurde, führte das zu einer Rohstoffkrise, insbesondere bei der Baumwoll-Produktion, die stark als Sklavenhalterwirtschaft betrieben worden war. Der indische Markt wurde wieder wichtiger. Die Schweizer Firma Volkart, die seit 1851 von Indien aus tätig war, spezialisierte sich nun auf den Handel mit Rohbaumwolle. Dabei arbeitete die Firma eng mit dem Kolonialregime Grossbritanniens zusammen, um ihre Aktivitäten in Indien auszubauen.
Die Briten lenkten die Produktion: Unter britischer Kolonialherrschaft wurden indische Bauern gezwungen, Baumwolle anstelle von Nahrungspflanzen anzubauen, und mussten eine Grundsteuer zahlen, die direkt in die Kassen des britischen Kolonialregierung floss. Dank dieser unterdrückerischen Politik und der Ausweitung der Eisenbahn in die Binnenregionen Indiens konnte Volkart bald einen Zehntel aller indischen Baumwollausfuhren in die Textilfabriken Europas übernehmen. Durch die zentrale Lage der Schweizer Stadt Winterthur, in der Volkart ansässig war, konnte das Unternehmen Spinnereien in Nordfrankreich, Italien, Belgien, Deutschland und der übrigen Schweiz beliefern.
Obwohl die Mitarbeiter von Volkart aufgefordert wurden, sich nicht rassistisch zu verhalten, übernahm man in Indien einige Gepflogenheiten der britischen Kolonialherren: Inder waren in den Pausenräumen der sonstigen Angestellten unerwünscht.
Missionarischer Eifer
Ein weiteres Unternehmen, das während der Kolonialherrschaft florierte, war die Basler Mission. Das 1815 von Schweizer Protestanten und deutschen Lutheranern gegründete Unternehmen versuchte, „Heiden“ – Ungläubige – zum Christentum zu bekehren. Die Bemühungen waren in den heutigen südindischen Bundesstaaten Kerala und Karnataka recht erfolgreich, insbesondere unter Indern aus den unteren Gesellschaftsschichten, die zum ersten Mal Zugang zu Bildung und Ausbildung erhielten.
Mit der Konversion zu einer anderen Religion riskierte man jedoch von der Gemeinschaft gemieden zu werden und dadurch auch seinen Lebensunterhalt zu verlieren. Die Basler Mission reagierte mit dem Start kommerzieller Projekte in Indien. So beschäftigte man die auf Grund ihrer Konversion Verstossenen in Webereien – man löste ein Problem, das man erzeugt hatte. Mit Gewinn: In den 1860er Jahren betrieb die Basler Mission vier Webereien und exportierte Textilien in weit entfernte Winkel des britischen Reiches wie Afrika, den Nahen Osten und Australien.
Die Textilindustrie hat der Schweiz viel Wohlstand gebracht, aber namenlose Menschen in fernen Ländern hat sie hohe Kosten beschert. Die alpine Nation war somit keine eigenständige Kolonialmacht, aber sie profitierte enorm vom Kolonialismus.
Informationsquelle: „Indiennes: Material für tausend Geschichten“, veröffentlicht 2019 im Christoph Merian Verlag und herausgegeben vom Schweizerischen Nationalmuseum.
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Übersetzung: David Eugster