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In der Ausgabe vom 15. September hat «10vor10», die tägliche «Infotainment»-Sendung (ein Euphemismus für Boulevard-Sendung) des Schweizer Fernsehens einen kurzen Beitrag über eine an Epilepsie leidende Frau ausgestrahlt, deren Hund angeblich in der Lage ist, sich anbahnende Epilepsie-Anfälle zu spüren und das Frauchen zu warnen.
Der Moderator, Stephan Klapproth, eröffnet den Beitrag mit der Erklärung, schon «unsere Eltern» hätten gewusst, dass Hunde «ganz unglaubliche Dinge tun können», wenn sie sahen, wie der Fernseh-Hund Lassie «dafür sorgte, dass immer alles gut ablief». Danach fragt er: «Haben Sie gewusst, dass es im richtigen Leben Hunde gibt, die noch viel Unglaublicheres können? Nämlich ihren Besitzer vor Epilepsie-Anfällen zu warnen».
Es ist also Tatsache, dass Hunde ihre Besitzer vor Epilepsie-Anfällen warnen können? Leider nein: So eindeutig wie in der simpel gestrickten «10vor10»-Welt gestaltet sich die Situation nicht.
Weiter im «10vor10»-Film wird Eva Bankwitz vorgestellt, die seit drei Jahren an Epilepsie leidet. Für ihre Hünding Larissa meint der «Voice over»-Erzähler: «Larissa spürt nämlich im Voraus, wenn ein Epilepsie-Anfall droht». Woher stammt diese Erkenntnis? «Eva Bankwitz hat das zufällig herausgefunden bei ihrem ersten Anfall».
Ich möchte Frau Bankwitz' Gebrechen und das damit verbundene Leiden in keiner Weise verspotten, aber: Was sie mit der Hünding Larissa erlebt, ist nichts als anekdotische Evidenz. Das bedeutet nicht, dass Hunde die Fähigkeit, nahende Epilepsie-Anfälle wahrzunehmen, nicht besässen, sondern nur, dass dieser einzelne Fall darüber keinen Aufschluss gibt - und die Hauptaussage dieses «10vor10»-Filmes, dass nämlich Hunde Epilepsie-Anfälle bei Menschen spüren können, durch eine Anekdote begründet wird und entsprechend ungültig ist.
Später im Film (ca. 01:50) fragt der «Voice over»-Erzähler «Ein Hund, der vor Epilepsie Anfällen warnt - gibt es das?». Diese Frage irritiert, wird doch, wie oben erwähnt, zu Beginn des Filmes festgestellt «Larissa [der Hund] spürt nämlich im Voraus, wenn ein Epilepsie-Anfall droht». Entweder erklärt sich dieser Widerspruch durch einen verdeckten philosophischen Exkurs über Sein und Nicht-Sein, oder durch Journalismus, welcher nur das Primat einer «packenden» Story kennt - ich tippe auf Letzteres.
In diesem Abschnitt wird der medizinische Direktor des schweizerischen Epilepsiezentrums, Günter Krämer, vorgestellt. Günter Krämer untersucht, ob Hunde menschliche Epilepsie-Anfälle voraussagen können, und bemerkt «Bisher, kann man sagen, spricht Einiges für die Möglichkeit; noch nicht bewiesen».
«10vor10» verdreht aber prompt das Ansinnen Krämers: «Diesen wissenschaftlichen Beweis würde er gerne erbringen». Es ist zwar nur ein Detail, aber was Günter Krämer machen möchte, ist, untersuchen, ob Hunde diese Epilepsie-Frühwarnfunktion haben - und nicht beweisen, dass Hunde diese Frühwarnfunktion haben. Wie gesagt, ein Detail nur, aber eines, welches den Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ausmacht.
Bisherige Studien
An dieser Stelle bietet es sich an, einen kurzen Blick auf bisher durchgeführte Studien zu diesem Thema zu werfen. Meine Recherche dazu ist keinesfalls erschöpfend, aber mir fiel auf, dass für diesen Bereich nicht erdrückend viel Forschung vorhanden ist - wie ich weiter unten argumentiere, ist weitere Forschung durchaus angebracht.
Einige mehr oder weniger aktuelle Studien und Texte zu «Epilepsie-Hunden» sind folgende:
«Seizure-alerting and -response behaviors in dogs living with epileptic children» (Download-Link)
«Seizure-alert dogs: a review and preliminary study» (Download-Link)
«Seizure-alert dogs: a review and preliminary study» (Download-Link)
Bevor ich auf die einzelnen oben verlinkten Texte eingehe, soll erwähnt sein, dass, darin sind sich alle Texte einig, praktisch alle an Epilepsie Leidende eine erhöhte Lebensqualität geniessen, wenn sie einen Hund an ihrer Seite haben - der Spruch, der Hund sei der beste Freund des Menschen, scheint nicht unwahr zu sein.
«Pseudoseizure Dogs» (Download-Link) beinhaltet drei Kurz-Untersuchungen zum Thema Epilepsie, von denen zwei mit Hunden zu tun haben. Die erste, «Pseudoseizure Dogs», beschreibt vier Patienten, welche der Meinung sind, ihre Hunde könnten Anfälle voraussagen. Die Autoren kommen aber zum Schluss, dass es sich dabei um eine bestimmte Form von Anfällen handelt «PNES»: «Psychogenic non-epileptic seizures». D.h., es handelt sich in diesem Fall um Patienten, deren Anfälle psychischer, nicht organischer Natur sind, also nicht die Krankheit Epilepsie darstellen. Warum das relevant ist, erklären die Autoren folgendermassen:
One study reported a patient who was alerted by his dog 7 minutes prior to having psychogenic seizures.4 Though the predictions were accurate, they concluded that the dog’s behavior was misleading since it only reinforced the patient’s psychogenic events.
Anfälle von an «PNES» Leidenden werden also, gemäss dieser Erklärung, nicht wirklich von Hunden vorausgesagt, sondern (mit-)verursacht - ein Fall selbsterfüllender Prophezeihungen.
Die zweite Untersuchung in diesem Paper, «Wag the dog: Skepticism on seizure alert canines», widmet sich ebenfalls dem Thema «PNES»:
Lots of questions are raised: If dogs can predict PNES, could events be viewed as conditioned responses to stereotyped dog behaviors? If teddy bears present during adult VEEG telemetry correlate with PNES, might SADs similarly prove red flags for potential patients with PNES?7 Do the dogs perceive a stimulus, perhaps an audible frequency or a peculiar odor, that represents seizure (or pseudoseizure) onset? Are dogs detecting early ictus, and are the families or patients under the impression this is preseizure? Given the costs of training SAD dogs, should patients inquiring about SADs be specifically screened with VEEG for PNES? Do SADs change the frequency of PNES?
Auch hier wird die Möglichkeit diskutiert, dass nicht Hunde «PNES» voraussagen, sondern verursachen - Hunde als Frühwarnsystem für Epilepsie-Anfälle aber sind, gemäss diesen zwei Studien, gar kein Thema.
Die nächste Studie trägt den Titel «‘‘Seizure-alert dogs’’: Observations from an inpatient video/EEG unit» (Download-Link). In deren Rahmen wurden zwei Epilepsie-Patienten mit «Epilepsie-Hunden» stationär beobachtet. Die Resultate beschreiben die Autoren wie folgt:
In this study of two patients with seizure-alert dogs, one seizure dog did alert in advance of one of eight seizures. Overall, the dogs performance in alerting before a seizure was poor for patient 1 and misleading for patient 2. However, for patient 1, the seizure-alert dog was helpful to the family because the dog alerted the family members to the seizure while it was occurring. We believe that the seizure-alert dog of patient 2 contributed to her nonepileptic seizures by alerting and increasing the frequency of her events.
Bei dem Epilepsie-Patienten war der Hund also keine wirkliche Hilfe für das Voraussagen der Anfälle, bei der «PNES»-Patientin hat der Hund, wie in der zwei vorherigen Untersuchungen, die Anfälle mitverursacht bzw. verstärkt.
Die Studie «Seizure-alerting and -response behaviors in dogs living with epileptic children» (Download-Link) widmet sich der Frage, ob Hunde Epilepsie-Anfälle bei Kindern voraussagen können. Die Resultate dieser mittels Befragung durchgeführten Studie beschreiben die Autoren wie folgt:
There is little evidence for the ability of dogs to anticipate human seizures. Families of epileptic children were surveyed to investigate seizure-related behaviors in dogs. Approximately 40% of families owned a dog, about 40% of these had seizure-specific behavior, and about 40% of these (approximately 15% overall) showed anticipatory ability. Anticipation occurred early and was both sensitive and specific. Quality of life was higher in families with a dog that responded to seizures.
Das Problem bei dieser Studie ist offensichtlich: Die Eltern epilepsiekrenker Kinder sind kaum in der Lage, objektiv einzuschätzen, ob der jeweilige Hund wirklich «voraussagendes Verhalten» gezeigt hat. Der Wert dieser Studie liegt aber darin, dass auch bei subjektiver Einschätzung bloss in ca. 16% der befragten Familien mit Hunden die Eltern der Meinung waren, die Hunde würden Anfälle ihrer Kinder voraussagen. Die Autoren verweisen auf eine andere Studie, gemäss welcher dieser subjektiv eingeschätzte Wert für «Epilepsie-Hunde» bei Erwachsenen Epilepsiekranken bei ca. 5% liegt.
Die letzteren drei Studien, welche ich aufführe, sind mit deutlichen Problemen belastet. Es handelt sich um «The use of seizure-alert dogs» (Download-Link), «Effect of trained Seizure Alert Dogs® on frequency of tonic–clonic seizures» (Download-Link) und «Seizure-alert dogs: a review and preliminary study» (Download-Link).
Diese drei Untersuchungen gehen grundsätzlich davon aus, «seizure-alert dogs», also Hunde mit der Fähigkeit, Anfälle vorauszusagen, gebe es.
Als Erstes «Seizure-alert dogs: a review and preliminary study» (Download-Link). Diese Studie ist weniger heikel als die zwei, denen ich mich weiter unten noch widme, wenn auch von Beginn an mit Problemen behaftet - namentlich der Prämisse, einige Hunde könnten Epilepsie-Anfälle voraussagen. Die Ziele der Studie geben die Autoren folgendermassen an:
Als Erstes «Seizure-alert dogs: a review and preliminary study» (Download-Link). Diese Studie ist weniger heikel als die zwei, denen ich mich weiter unten noch widme, wenn auch von Beginn an mit Problemen behaftet - namentlich der Prämisse, einige Hunde könnten Epilepsie-Anfälle voraussagen. Die Ziele der Studie geben die Autoren folgendermassen an:
(1) measure the incidence of reported alerting and responding dogs within an identified population of people with seizures; (2) determine the characteristics of the dogs that were alerting or responding and their behavior prior to and during the seizures; (3) determine the characteristics of epileptic patients to whom dogs were alerting or responding; (4) identify and interview trainers of seizure-assist dogs and, where possible, visit and observe their programs.
Dass es Hunde gibt, welche vor Epilepsie-Anfällen warnen, ist für die Autoren scheinbar Tatsache.
Nicht alles an dieser Studie ist negativ. So schreiben die Autoren beispielsweise, es bestehe die Gefahr, dass teure «seizure-alert»-Hunde verkauft würden, obwohl der wissenschaftliche Nachweis für deren Wirksamkeit weitgehend fehle und die Art und Weise der der Ausbildung derartiger Hunde völlig unreguliert sei.
In den Texten «The use of seizure-alert dogs» und «Effect of trained Seizure Alert Dogs® on frequency of tonic–clonic seizures» sind Stephen W. Brown und Val Strong (Mit-)Autoren. In beiden Texten beschreiben die Autoren den angeblichen Effekt der Hunde, welche sie verkaufen.
Stephen Brown und Val Strong bilden zum Zeitpunkt des Erscheinens der Studien Hunde aus und behaupten, diese würden vor Epilepsie-Anfällen warnen. Nicht nur das: Sie behaupten sogar, die Hunde, welche sie verkaufen, würden die Anzahl der Epilepsie-Anfälle senken.Auf Seite 41 des Textes «The use of seizure-alert dogs» wird sogar ein zufriedener Kunde zitiert:
A WORD FROM A CUSTOMER . . .
One of our clients, whose trained support dog is called Rupert, said, ‘Before I had Rupert, I had a lot of epilepsy and a little bit of life. With Rupert I now have a lot of life with a little bit of epilepsy!’Das erinnert an Werbung für Haarshampoo oder Yoghurt. An nicht besonders gute Werbung für Haarshampoo oder Yoghurt.
Bei der zweiten Studie, «Effect of trained Seizure Alert Dogs® on frequency of tonic–clonic seizures», gehen die Autoren noch offener vor: Der Produktname «Seizure Alert Dogs®» steht sogar im Titel, das Resultat spricht - was für eine Überraschung - ebenfalls ganz und gar für das Produkt.
Bei allen drei Studien fällt auf, dass das Copyright auf «BEA Trading Ltd.» lautet. Wer oder was ist «BEA Trading Ltd.» und warum sollte diese Firma an Studien zu «Epilepsie-Hunden» interessiert sein? Ein möglicher Anhaltspunkt sind die Angaben auf dieser Seite. Demnach könnte «BEA Trading Ltd.» die finanziellen Geschäfte v.a. der britischen Organisation «Epilepsy Action» betreuen - ob dies für das Thema «seizure-alert dogs» weiter wichtig ist, weiss ich nicht.
Bisherige Studien - Zusammenfassung
Angesichts der oben besprochenen, unvollständigen Auswahl an Studien, ergibt sich folgendes Bild: Die Fähigkeit von Hunden, Anfälle vorauszusagen, scheint in erster Linie bei an «PNES» leidenden Menschen vorzukommen. Dabei ist aber die Wirkungsrichtung umgekehrt: Nicht der Anfall alarmiert den Hund, sondern das Verhalten des Hundes verursacht oder verstärkt den psychogenen Anfall.
Die Fähigkeit von Hunden, tatsächliche Epilepsie-Anfälle vorauszusagen, ist unbewiesen. Fest steht, dass eine Minderheit von Epilepsie-Kranken bzw. deren unmittelbares Umfeld meint, der jeweilige Hund könne Epilepsie-Anfälle voraussagen. Wissenschaftlich sind dafür wenig Belege vorhanden, wobei zu bedenken ist, dass aussagekräftige Untersuchungen schwer durchzuführen sind, weitere Forschung also definitiv angebracht ist.
Einige Studien, welche sich dem Thema widmen, gehen fälschlicherweise von der Annahme aus, die interessierende Fähigkeit von Hunden, Epilepsie-Anfälle im Voraus zu spüren, sei gegeben, weil Betroffene von solchen Erfahrungen berichten. Eine Untergruppe dieser Studien ist blosse Werbung für den Verkauf von Hunden, welche angeblich Epilepsie-Anfälle voraussagen können.
Das Geschäft mit «Epilepsie-Hunden», oder:
Warum «10vor10» versagt
Der obige Blick in den Forschungsstand zu «Epilepsie-Hunden» ist unvollständig und darum vermutlich verzerrt. Eindeutig scheint mir aber, dass bisweilen pseudowissenschaftliche «Studien» durchgeführt wurden, um den Verkauf angeblicher «Epilepsie-Hunde» zu fördern. Dass der Verkauf solcher Hunde nach wie vor ein Problem ist, zeigt der letzte Teil des «10vor10»-Videos: Die Hundeschule «Le Copain» bildet «gezielt» «Epilepsie-Hunde» aus.
Was die Hundeschule «Le Copain» macht, lässt sich auch anders beschreiben: Es wird etwas verkauft, dessen Wirksamkeit nicht wissenschaftlich erwiesen ist, sondern auf anekdotischer Evidenz basiert.
Wenige Minuten vorher sprach Günter Krämer in diesem «10vor10»-Beitrag und erklärte, wissenschaftlich sei nicht erwiesen, dass Hunde Epilepsie-Anfälle voraussagen können. Die Verantwortlichen von «10vor10» scheinen keinen Kritikbedarf zu sehen, wenn die Hundeschule «Le Copain» unter Ignorierung dieser Expertenaussage für teures Geld letztlich Pseudowissenschaft verkauft.
Was die Hundeschule «Le Copain» macht, lässt sich auch anders beschreiben: Es wird etwas verkauft, dessen Wirksamkeit nicht wissenschaftlich erwiesen ist, sondern auf anekdotischer Evidenz basiert.
Wenige Minuten vorher sprach Günter Krämer in diesem «10vor10»-Beitrag und erklärte, wissenschaftlich sei nicht erwiesen, dass Hunde Epilepsie-Anfälle voraussagen können. Die Verantwortlichen von «10vor10» scheinen keinen Kritikbedarf zu sehen, wenn die Hundeschule «Le Copain» unter Ignorierung dieser Expertenaussage für teures Geld letztlich Pseudowissenschaft verkauft.