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Beginn eines besseren Lebens
Ich wuchs in den fünfziger Jahren in China auf, studierte, wurde Professor und erlebte hautnah mit, wie sich das Land drastisch veränderte.
Ich wurde im August 1952 in Schanghai geboren, knapp drei Jahre nach der Gründung der Volksrepublik China. Ich gehöre also zur Generation von Präsident Xi Jinping, der fast gleich alt ist wie ich. Wir haben die Entwicklung des modernen China in ihrer ganzen Länge und Vielfalt erlebt und mitgestaltet. Meine Vorfahren stammen ursprünglich aus Ningbo in der Provinz Zhejiang, etwas südlich von Schanghai, aber schon meine Eltern haben ihr ganzes Leben in Schanghai verbracht. Mein Vater arbeitete als Modedesigner, meine Mutter war Hausfrau, sie hatte nur einen Grundschulabschluss. Ich habe einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, die auch in Schanghai gelebt haben und nun pensioniert sind.
Meine Kindheit war nicht speziell, ich war immer neugierig auf die Zukunft. Zu Beginn der Kulturrevolution war ich vierzehn Jahre alt. Damals habe ich mich nicht um aktuelle Ereignisse gekümmert, sondern hauptsächlich um die Schule und um meine Freunde. Wir haben die Paraden der Rotgardisten in den Strassen zwar gesehen, aber nicht daran teilgenommen. Zu Hause hat meine Familie nur selten darüber diskutiert, nicht weil es heikel gewesen wäre, sondern weil meine Eltern hauptsächlich damit beschäftigt waren, zu arbeiten, uns Kinder zu erziehen und für uns zu sorgen. Ich wurde zusammen mit anderen Gleichaltrigen aufs Land geschickt, das war ganz normal, und ich empfand das nicht als speziellen Eingriff in mein Leben. Wir mussten auf dem Land die lokalen Bauern und Arbeiter bei der Arbeit unterstützen und ihnen helfen, ihr kulturelles Wissen zu verbessern.
Vom Bauernhof zur Uni
Meiner Ansicht nach ist die Geschichte der Volksrepublik China von zwei wichtigen Etappen gekennzeichnet: Die erste Phase ist die Zeit unter Mao Zedong, die zweite begann mit der wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping ab 1979. Mao hat zwischen 1949 und 1966 das Fundament für das moderne China gelegt. Er hat das Land aus dem totalen Chaos und der völligen Zerstörung durch den Bürgerkrieg zur Stabilität zurückgeführt. Er hat ökonomische Strukturen aufgebaut und die Basis für Schulen und die medizinische Versorgung geschaffen. Auch wenn die Zeiten des «Grossen Sprungs nach vorn» und der Kulturrevolution für viele Bürger sehr schwierig waren, ist das chinesische Volk immer noch sehr dankbar für Maos Leistungen. Die dritte Plenarsitzung des elften Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im Dezember 1978 markierte dann den Wendepunkt. Deng schlug eine Reform und Öffnung vor. Das war der Auftakt zu der unglaublichen wirtschaftlichen Entwicklung Chinas – und zugleich der Beginn eines besseren Lebens für unzählige Chinesen.
Zur Zeit der Kulturrevolution arbeitete ich auf einem Bauernhof in der Provinz Yunnan. Es gab damals keine Möglichkeit, eine Aufnahmeprüfung für eine Universität zu machen, der sogenannte Prozess des «Gaokao» war ausgesetzt. Die Regierung erkannte jedoch, wie wichtig es war, Talente zu fördern und auszubilden. Deshalb wurden von den Universitäten Kundschafter aufs Land geschickt, um Studenten mit Ausbildungspotenzial ausfindig zu machen. Anscheinend waren sie dabei sehr beeindruckt von mir. Mein Landwirtschaftsbetrieb musste mich beurteilen, und nach seiner Absprache mit dem Aufnahmegremium der Tongji-Universität in Schanghai wurde mir 1974 empfohlen, dort Bauingenieurwesen zu studieren.
Das bedeutete, dass ich nach der Kulturrevolution, als die Zulassung zu den Universitäten wieder eingeführt wurde, mein Studium bereits abgeschlossen hatte. Somit konnte ich von der wirtschaftlichen Öffnung in zweierlei Hinsicht profitieren: Die Wirtschaft benötigte qualifizierte Leute, und die Universitäten, die diese Fachleute ausbildeten, brauchten Lehrpersonen und Professoren. Ich hatte mir während des Studiums extrem viel Mühe gegeben, da ich an der Universität bleiben wollte. So erhielt ich meine erste Anstellung an der Tongji-Universität als Lehrassistent, später wurde ich Dozent und danach ausserordentlicher Professor. Die Universität hat meinen Horizont enorm erweitert, ich konnte in meinem Wunschberuf arbeiten.
Ich profitierte zudem von der Tatsache, dass das Departement des Bauingenieurwesens an der Tongji-Universität äusserst renommiert und beliebt und die Studienabgänger dementsprechend gefragt waren. Später war ich auch in der Verwaltung der Universität tätig und übernahm Management- und Zuteilungsaufgaben für Masterstudenten und Doktoranden. Um Topstudenten aus ganz China für die Universität zu rekrutieren, reiste ich auch häufig in andere Provinzen. Sowohl die akademische Arbeit als auch die administrativen Aufgaben gefielen mir sehr gut, und ich habe meine gesamte Berufskarriere an der Tongji-Universität verbracht. 2012 wurde ich pensioniert – kehrte aber kurz darauf an die Universität zurück. Definitiv in Pension ging ich erst 2018.
Endlich Klimaanlagen
Die Öffnung der chinesischen Wirtschaft ab 1979 brachte nicht nur mir, sondern dem ganzen Land enorme Vorteile. Unter der Führung von Deng verbesserte sich das tägliche Leben der meisten Chinesen rasant. Nach der erneuten Einführung der Aufnahmeprüfungen an die Universitäten erhielt die universitäre Ausbildung enormen Zulauf.
Zu Beginn wurden den Hochschulabsolventen die jeweiligen Arbeitsstellen noch von der Universität zugeteilt. Aber bereits sieben Jahre später gab es Stellenbörsen, die für alle Studienabgänger zugänglich waren. Nicht nur die Berufschancen entwickelten sich rasch, sondern die gesamte Infrastruktur des Landes wurde aufgebaut und modernisiert. Der Unterschied zwischen Stadt und Land verkleinerte sich, und auch die Lebensbedingungen der Bauern auf dem Land wurden besser. (1980 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in China 300 Dollar, heute sind es 10 000 Dollar, also mehr als 30-mal so viel. In der Schweiz hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in derselben Periode von 19 000 auf 83 000 Dollar vervierfacht, die Red.)
Ich heiratete 1984, und wir konnten nach unserer Hochzeit günstig eine Schulwohnung mieten. Meine Frau arbeitete am Designinstitut der Tongji-Universität. Zwei Jahre später wurde unsere Tochter Jing geboren. Das war der wichtigste Moment meines Lebens. Ob wir ohne die Einkindpolitik weitere Kinder gehabt hätten? Ich glaube, nicht. Meine Frau und ich arbeiteten immer, und die Betreuung von mehreren Kindern wäre schwierig gewesen. Unsere Tochter wuchs in der sehr guten Uni-Umgebung der Tongji-Universität auf, und sie hat an der ETH in Zürich studiert.
Einige Jahre nach der Geburt unserer Tochter wurde die nationale Wohnungsreform durchgeführt. Die ursprünglich gemieteten Häuser konnten zu einem niedrigen Preis gekauft werden. Das war einer der Bausteine für unseren künftigen Wohlstand. Viele Chinesen konnten damals mehrere Wohnungen günstig kaufen. Heute wissen sie das zu schätzen und werden immer reicher. Die Wohnung meiner Eltern vor dreissig Jahren war nur siebzig Quadratmeter gross. Es gab weder Heizung noch Klimaanlage. Meine erste Wohnung nach dem Abschluss an der Tongji-Universität war 35 Quadratmeter gross, ebenfalls ohne Klimaanlage. Mittlerweile sind alle Wohnungen mit Heizung und Klimaanlage ausgestattet.
Auch in den Schulen sind die Klassenräume heute klimatisiert, um eine angenehme Temperatur zu gewährleisten. Das war in meiner Jugend nicht so. Kleine Klassenzimmer sind in der Regel für dreissig bis sechzig Schüler konzipiert, grosse Unterrichtsräume für siebzig bis 150 Personen.
Die grösste Errungenschaft
In den letzten dreissig Jahren war das Land stabil, und die wirtschaftliche Entwicklung war gut. Mein erstes Gehalt betrug 65 Yuan pro Monat. (Heute verdient ein Hochschulprofessor an einer guten Universität in Schanghai 30 000 Yuan [4300 Franken] und mehr pro Monat, die Red.)
Bei meiner Pensionierung erhielt ich eine Monatsrente von 6500 Yuan. Die Regierung hat die Pension seither jedes Jahr erhöht, heute beträgt sie 9000 Yuan (1300 Franken). Unsere Lebensumstände verbesserten sich von Jahr zu Jahr. Es wurden auch viele U-Bahnen, Hochgeschwindigkeitszüge, Brücken und Tunnel gebaut, die das Leben und Reisen besser und bequemer machen.
Die grösste Errungenschaft Chinas seit der Gründung der Volksrepublik vor siebzig Jahren war die wirtschaftliche Entwicklung und die Verbesserung des internationalen Status des Landes. Auch die spirituelle Einstellung des Volkes hat sich gewaltig verändert. Vor Deng war es zuweilen schwierig, die Wahrheit auszusprechen. So wurden zum Beispiel während des «Grossen Sprungs nach vorn» überhöhte Produktionszahlen ausgewiesen, um der Obrigkeit zu gefallen. Heute werden die Wahrheit und die Vergangenheit jedoch schrittweise aufgearbeitet.
Die grössten Herausforderungen, die China in Zukunft meistern muss, sind die Korruptionsbekämpfung und die Verherrlichung von Geld. Die Zukunft gehört den Jungen, und wir müssen ihnen gute Umweltbedingungen bieten. Damit meine ich nicht nur die wirtschaftlichen Bedingungen, sondern auch Werte und Lebensperspektiven. Das kann durch eine weitere Verbesserung der Ausbildung erreicht werden. Ich war jüngst an einer Buchmesse und habe mich sehr gefreut, wie viele Kinder anwesend waren und sich für neue Bücher und neues Wissen interessierten. Sie sind die Hoffnung unseres Landes.
Wie ich Präsident Xi Jinping beurteile? Er hat ebenfalls einen grossen Beitrag zur Prosperität Chinas geleistet. Er ist sehr offen und volksnah, er kennt die Sorgen und Probleme der gewöhnlichen Leute. Speziell möchte ich erwähnen, dass Xi den Immobilienmarkt stabilisiert hat. Wohnungen sind zum Leben da, nicht zum Spekulieren! Dass er der überbordenden Spekulation rechtzeitig einen Riegel geschoben hat, finde ich gut. Ob Kontrolle und Zensur unter Präsident Xi zugenommen haben? Er hat viele neue Regulierungen und Massnahmen eingeführt. Weil wir pensioniert sind, surfen wir jedoch nur selten im Internet. Das ist ein Thema, das wahrscheinlich eher die jüngeren Generationen beschäftigt.
China hat eine 5000-jährige Geschichte. Seit der Antike ist es eine traditionelle Tugend Chinas, die Ältesten zu respektieren und die Eltern zu ehren. Zu unseren Stärken gehören Bescheidenheit, Höflichkeit und harte Arbeit. Meine Frau und ich waren schon in der Schweiz. Wir vermissen die schönen Tage in der Schweiz, die frische Luft und die malerische Landschaft. Die Schweizer haben sehr gute Manieren, sie sind kontaktfreudig, höflich und hilfsbereit. Schweizer Eltern fördern den Geist der Eigenverantwortung ab Kindesbeinen, und sie halten ihre Kinder auch zur Hausarbeit an. Das sind Dinge, die chinesische Eltern von Schweizer Eltern lernen können.
Aufgezeichnet von Elisabeth Tester.