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Ein «Chamäleon» nannte ihn Sergio Leone, der eine der beiden Hauptrollen von «Once Upon a Time in America» mit ihm besetzte. Ein «Wahnsinniger», der bei jeder Rolle, die er verkörpert «ein anderer Mensch» wird, ist er für seinen Freund Martin Scorsese: Robert De Niro ist bekannt für seine bisweilen extreme Praxis des «method acting», bei dem sich der Schauspieler jenseits der Vorstellungen von Stanislavsky in seine Figur hineindenkt und -fühlt, bis an die Grenze der Selbstaufgabe.
Robert De Niros eigentliches Ich bleibt weniger fassbar, da er sich in Interviews stets verweigert, wenn Fragen zu seinem Privatleben gestellt werden. Der Sohn eines Künstlerpaars wuchs in New Yorks Little Italy am Rande der Bandenszene auf und wurde wegen seines Bleichgesichts «Bobby Milk» genannt. Über diese Zeit drehte De Niro 1993 seinen ersten Film als Regisseur, «A Bronx Tale», der manchen Kritiker mit seiner Feinfühligkeit überraschte – vielleicht weil De Niro davor so viele Bösewichte und Raubeine verkörpert hatte.
Er selbst meinte dazu 1994 in einem Interview: «Bernardo Bertolucci (mit dem De Niro »1900« drehte) hat mir einmal gesagt, ich sei Schauspieler geworden, um bestimmte Gefühle rauszulassen, die ich im wirklichen Leben nicht rauslassen könne. Ich habe lange darüber nachgedacht, und... äh... hm... äh... ich glaube, das stimmt.» Aber: «Wenn ich Regie führe und spiele, kann ich etwas total nur für mich kreieren. Das bin dann wirklich ich.»
Denkwürdige Bösewichte geschaffen
1968 drehte De Niro seinen ersten Film mit dem damals noch unbekannten Brian De Palma; 1973 merkte die Kritik auf, als er in Scorseses «Mean Streets» den Kleinganoven Johnny Boy spielte. Schon im Jahr darauf gewann De Niro mit der Darstellung des jungen Vito Corleone in Coppolas «The Godfather, Part II» seinen ersten Oscar. Den gleichen Preis für die gleiche Rolle hatte zwei Jahre zuvor Marlon Brando erhalten, der in De Niro einen würdigen Nachfolger witterte.
Weitere schauspielerische Meilensteine folgten: «Taxi Driver» (1975), mit der legendären Einlage vor dem Spiegel, deren oft zitierter Satz «Are you talkin' to me?» laut De Niro nicht im Drehbuch stand, sondern improvisiert war. Den zweiten Oscar kriegte der Mime für «Raging Bull» (1980), für den er nicht nur boxen lernte, sondern auch zig Kilos zulegte, um den verfetteten Jake La Motta zu verkörpern. 1987 als Al Capone in «The Untouchables», 1990 als Mafioso in «Goodfellas» und 1991 als psychopathischer Max Cady in «Cape Fear» schuf De Niro denkwürdige Bösewichte.
Vor allem in den letzten Jahren war er aber oft auch in Komödien und Klamaukstreifen zu sehen, sei es als Partner von Billy Crystal («Analyze This», «Analyze That») oder an der Seite von Ben Stiller und Dustin Hoffman («Meet the Parents» usw.). In David O. Russells «The Silver Linings Playbook» gelang ihm die Balance zwischen Komik und Einfühlsamkeit immerhin so gut, dass er heuer dafür mit seiner siebten Oscar-Nomination belohnt wurde.
Er wollte nie ein Hollywood-Star sein
De Niro war nie ein Hollywood-Star und wollte auch keiner werden. Er ist mit Leib und Seele New York verbunden und nach Los Angeles geht er angeblich nur gegen Bezahlung. Er ist auch sehr skeptisch, was die Fähigkeiten der «suits» - der Anzug tragenden Manager - angeht, die in Hollywood das Sagen haben. De Niro meint nicht ohne Grund, so gut wie die könne er das auch.
1986 hat er deshalb sein kleines Kino-Imperium Tribeca gegründet, das ihm erlaubt, Filme nach seinem Gusto zu produzieren und in hauseigenen Sälen Werke aus aller Welt zu zeigen, die im kommerziellen Kinobetrieb keine Chance haben. Dass er das Geld für diese hehren Projekte (darunter «Wag the Dog», De Niros zweite Regiearbeit «The Good Shepherd» und Peter Bodgdanovichs Hollywood-Satire «What Just Happened?») verdient, indem er bisweilen in eher anspruchslosen Krimis und Komödien mitwirkt, darf man ihm nachsehen.
De Niros Leidenschaft bleibt der Film, aber seine Arbeit vor der Kamera ist ihm nicht mehr ganz so wichtig. Immerhin sagte er schon mit 50, Schauspielerei sei «doch eher was für junge Leute, die sexy und jugendlich sind.»
Sendehinweis
«Taxi Driver» (1975), am 23.8. um 00.15 auf SRF 1