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Autor: Nicole Jegerlehner
1989 hat das Ingenieurbüro GVH zusammen mit einer Ingenieurgruppe den Wettbewerb für die Poyabrücke gewonnen. Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte später, nimmt die Brücke langsam Form an. Wer auf der Schönbergseite steht, kann den Verlauf der Brücke über die Saane zum Palatinat erahnen: die sechseckigen Pfeiler mit Y-Spitzen ragen in unterschiedlichen Baustadien gegen den Himmel.
Der «H» im Büronamen
Entworfen haben die Brücke Bernard Houriet, Pierre Gorgé und ihr Team. Gorgé und Houriet repräsentieren das «G» und das «H» im Namen des Ingenieurbüros GVH. Seit den 1980er-Jahren haben die Studienkollegen Houriet, Gorgé und André Vaucher rund dreissig Brücken gebaut. Houriet stand bei etwa zwanzig dieser Bauten als Projektleiter im Einsatz. So nun auch bei der Poyabrücke: Der Ingenieur ist Leiter der Ingenieurgruppe, welche die Brücke baut, sowie des ganzen Bauprojekts, das sich vom Schönberg bis fast hin zur Autobahnauffahrt in Granges-Paccot erstreckt (siehe auch Kasten unten rechts).
«In der Schweiz haben wir sehr individuelle Brücken», sagt Houriet. «In Italien hingegen sind die Brücken standardisiert – der Staat gibt die Form vor.» In Frankreich sähen zwar die Autobahnüberführungen alle gleich aus, doch gebe es auch zahlreiche «grosse Brücken», die von Ingenieuren geprägt seien. Durch diese lässt sich Houriet inspirieren, wenn er sich daran macht, eine neue Brücke zu entwerfen. Er kennt Werke in allen möglichen Ländern. «Die Deutschen und die Amerikaner bauen beeindruckende Brücken.»
Die persönliche Note
Bei einem neuen Brückenprojekt zieht Bernard Houriet eine Synthese aus dem bereits Existierenden: «Wir erfinden nicht jedes Mal alles neu.» Denn eine Brücke brauche eine solide Basis. «Betrachten wir das bereits Gebaute, sehen wir, was möglich und was bezahlbar ist.» Und doch bringt der Ingenieur seine persönliche Note an: «Ich habe oft oktogonale Pfeiler gebaut. Einige Leute sagen, sie würden meine Brücken daran erkennen.» Das 1993 erbaute Löwenberg-Viadukt bei Murten beispielsweise ist eine solche Brücke – die erste notabene, die Houriet mit achteckigen Pfeilern zeichnete. Die Poyabrücke wird sechseckige Pfeiler haben. Dafür bieten die Pfeiler eine andere Spezialität Houriets: Sie sind in einer Ypsilon-Form gehalten. «Diese Pfeiler haben wir zusammen mit dem Architekten gezeichnet.»
Montage ist das Wichtigste
Bei einer Brücke kommt es aber nicht in erster Linie auf solche Details an. «Das ist nur der persönliche Anstrich», sagt Bernard Houriet. «Das Wichtigste an einer Brücke ist die Montage.» Bevor er eine Brücke zeichne, überlege er sich immer, wie sie gebaut werden könne. Dabei gibt es mehrere Verfahren – die Poyabrücke wird gleich in drei verschiedenen Vorgehensweisen erstellt. Denn die Brücke besteht aus drei Teilen: In der Mitte entsteht eine Schrägseilbrücke, von beiden Ufern führt je ein Viadukt auf diese Brücke.
Die Poyabrücke solle zwar modern sein, aber die Stadt Freiburg nicht erdrücken, sagt Houriet. «Darum werden die Masten für die Schrägseilbrücke die Kathedrale nicht überragen.» Länge, Höhe und Breite: das sind Kriterien, die für ein Brückenprojekt wichtig sind. «Und sie zeigen auch, ob es sich um eine aussergewöhnliche Brücke handelt oder nicht», sagt Houriet.
Schweizer Rekord
Die Poyabrücke ist ein solch aussergewöhnliches Projekt – auch für einen Ingenieur wie den 60-jährigen Houriet, der in seinem Leben schon manche Brücke gebaut hat. Sie wird mit einer Hauptspannweite von 196 Metern die grösste Schrägseilbrücke der Schweiz. Und einen solchen Rekord stellt auch ein routinierter Brückenbauer nicht jeden Tag auf.
Von der Schönbergseite aus ist der künftige Verlauf der Brücke bereits erkennbar.
Bernard Houriet vor den Pfeilern, die in drei Jahren die Poyabrücke tragen werden.Bilder Charles Ellena
Koordination: «Wir wollen eine Einheit schaffen»
Das Bauprojekt Poyabrücke umfasst mehr als nur die Brücke – davon kann Bauingenieur Renaud Joliat vom Freiburger Büro SD Ingénierie ein Lied singen. Er ist stellvertretender Projektleiter und koordiniert die Aufgaben der verschiedenen Spezialisten und beteiligten Büros. Und das sind nicht wenige: Insgesamt 14 Büros, von den Verkehrsspezialisten und Geometern übers Umweltbüro bis hin zu Ingenieuren und Architekten sind die verschiedensten Berufsgruppen am Projekt Poyabrücke beteiligt. Der Kanton Freiburg ist Bauherr, aber auch die Gemeinden Granges-Paccot und Freiburg, auf deren Grund gebaut wird, reden mit.
«Der Aufwand für die Koordination ist riesig – er entspricht in etwa der Grösse des Bauwerks», sagt Joliat. Er kümmert sich seit Jahren um nichts anderes als die Poyabrücke. «Das ist ein grosses Mandat für unser Büro – auch wegen seiner Dauer.»
«Vor unserer Haustüre»
Seit 2004 ist Joliat am Poyaprojekt beteiligt. «Manchmal habe ich schon Lust, wieder einmal etwas anderes zu sehen», sagt er: Darum kümmert er sich gerne bei Ferienabwesenheiten um Projekte anderer Bauingenieure und übernimmt «wieder einmal etwas Kleines». Und gleichzeitig sei es etwas sehr Spezielles, an einem so grossen und wichtigen Projekt beteiligt zu sein, «und erst noch vor unserer Haustüre».
Das Poya-Projekt erstreckt sich von der Autobahnausfahrt in Granges-Paccot über die Murtenstrasse hin zur St.-Leonhard-Kreuzung, wo ein unterirdischer Kreisel entstehen wird. Es führt unter der SBB-Bahnlinie durch in einen Tunnel, der unter dem Palatinat-Quartier hindurchführt, und auf die Brücke Richtung Bellevue-Kreuzung im Schönberg.
Viele Herausforderungen
«Das Bauprojekt beinhaltet viele verschiedene technische Herausforderungen», sagt Joliat. Da müsse ein unterirdischer Kreisel erstellt, die Bahnlinie gequert, ein Tunnel gebaut werden – «es geht wirklich nicht nur um die Brücke». Seine Aufgabe sei es, dabei den Überblick und die Gesamtsicht zu bewahren, sagt Joliat. «Wir wollen eine Einheit schaffen und nicht verschiedene Bauprojekte aneinanderreihen.»njb
Zahlen und Fakten
Die grösste Schrägseilbrücke der Schweiz
Die Freiburger Poyabrücke und ihr Anschluss an die Autobahn in Granges-Paccot werden rund177 Millionen Franken kosten. Dabei rechnet der Kanton mit Bundessubventionen von 80 Millionen Franken. Nach Abzug von finanziellen Beteiligungen Dritter verbleiben für den Kanton95 Millionen. Das Projekt war einmal billiger veranschlagt gewesen: Im Jahr 2006 hatte das freiburgische Stimmvolk Ja gesagt zur Poyabrücke – und zu einem Kredit von 120 Millionen Franken. Im Februar 2009 kam ein Audit auf einen Kostenvoranschlag von 133 Millionen Franken. Und als die Arbeiten vergeben wurden, waren Kosten von 137,7 Millionen Franken absehbar. Hinzu kommen die Mehrkosten, welche das neue Projekt bei der Kreuzung St. Leonhard verursacht: Insgesamt kostet die unterirdische Verkehrsführung48,42 Millionen Franken. Somit wird das Bauwerk gut 57 Millionen Franken mehr kosten, als das Volk bewilligt hat. Die Brücke wird852 Meter lang; die Spannweite der Schrägseilbrücke beträgt196 Meter, was Schweizerrekord ist. Unter dem Poya-Park hindurch zur St.-Leonhard-Kreuzung entsteht ein272 Meter langer Tunnelabschnitt, durch den die Autofahrer von der Poyabrücke auf die Murtenstrasse gelangen werden. Die Brücke soll2014 eröffnet werden. Sie soll den Transitverkehr umleiten und das Freiburger Burgquartier von den täglich rund25000 Autos befreien. Erste Studien zur neuen Saaneüberquerung wurden bereits1959 durchgeführt. njb