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Ein Ping Pong der Gefühle
Rachel Moret (33) aus Morges ist die einzige Schweizer Athletin, die vom Tischtennis leben kann. Nun steht sie kurz vor ihrer dritten Teilnahme an den Europaspielen und erzählt hier von ihrem Alltag in Südfrankreich, ihren vielen Reisen zwischen französischer Meisterschaft und internationalen Turnieren – aber auch von den langen Monaten des Zweifelns nach den Olympischen Spielen in Tokio.
«Doha, März 2022. Open WTT Star Contender, ein internationales Turnier. Ich spiele gegen Huang Yu-Jie aus Taiwan, die auf Platz 870 der Weltrangliste steht. Eine angespannte, enge Partie, bei der der Vorteil hin und her geht. Ich habe zwei Sätze zu null verloren, aber bin wieder zurück. Wir spielen den entscheidenden Satz. Ich führe mit 10:6 – und habe vier Matchbälle. Ich vergebe den ersten. Dann den zweiten, den dritten und schliesslich auch den vierten. Am Ende verliere ich 13:15.
Es ist unfassbar. Das ist zu viel. Seit meiner Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer 2021 habe ich kein einziges Spiel bei einem internationalen Turnier mehr gewonnen. Sieben Niederlagen in Folge. Mein Selbstbewusstsein ist am Boden.
Ist es jetzt an der Zeit aufzuhören?
Eine lange Anreise auf sich zu nehmen, um ein Spiel innerhalb weniger Minuten zu verlieren und dann wieder abzureisen, ist anstrengend. Was müsste man ändern? Verschwende ich die Zeit aller Beteiligten? Mein französischer Coach hat eine Familie, eine Frau und zwei kleine Kinder. Manchmal begleitet er mich für mehrere Tage bis ans andere Ende der Welt. Und wofür? Niederlagen und noch mehr Niederlagen. Das ist auch für ihn nicht einfach. Ist es jetzt an der Zeit aufzuhören? Ich bin nicht mehr ganz jung, es ist zu hart, ich werde es nicht schaffen.
Noch vor ein paar Monaten war ich so glücklich, dass ich an meinen ersten Olympischen Spielen teilgenommen hatte, dass ich zwei Runden lang gut gespielt hatte und dann in der dritten Runde gegen die Weltnummer 1 antreten durfte. Ohne Frage der grösste Moment meiner Karriere! Daher war ich bei meiner Abreise aus Japan so euphorisch wie nie zuvor. Ich hatte nicht einmal besonders viel Lust auf Ferien. Nach weniger als zehn Tagen Pause bin ich wieder nach Nîmes gefahren, meinem aktuellen Zuhause, bereit, mich in der neuen Saison der französischen Meisterschaft zu behaupten. Doch es dauerte leider nur sehr kurz, bis die Enttäuschungen auf internationaler Ebene begannen.
Katar, Tschechische Republik, Slowenien, USA, Singapur, Kroatien, Ungarn, Tunesien, Bulgarien: In etwas mehr als einem Jahr, bis November 2022, muss ich schliesslich in neun verschiedenen Ländern 14 Niederlagen in Folge verzeichnen.
Das Turniersystem des internationalen Verbands, World Table Tennis, wurde kürzlich geändert: Es ist nun eine vollständige Auslosung mit Setzlisten und K.o.-System wie beim Tennis. Für Spielerinnen wie mich ist es komplizierter geworden, eine Runde weiterzukommen. Ich habe häufig gegen bessere Spielerinnen und – Pech gehört dazu – Asiatinnen gespielt, die sehr schwer zu besiegen waren. Früher ist mir ab und zu ein Überraschungssieg gelungen. Aber auch das passierte nicht mehr. Und wenn ich gegen eine schwächere Spielerin antrat, spürte ich den Druck, und ich sagte mir, dass ich unbedingt gewinnen musste. Ein echter Teufelskreis.
Der Weg zurück
In diesen langen Monaten des Zweifels habe ich viel mit meinen Coaches und meiner Mentaltrainerin gesprochen. Sie haben mir erklärt, dass für manche Athletinnen ihr Ziel so fest in ihnen verankert ist, dass es für sie, sobald sie das Ziel erreicht haben, sehr kompliziert ist, danach wieder erfolgreich zu sein. Mein Gehirn hatte sich vielleicht gesagt: «Mein Ziel sind die Olympischen Spiele und danach ist Schluss».
Also habe ich andere Sachen ausprobiert. Zum Beispiel einen zweiten Mentaltrainer, der mehr im Energiebereich arbeitet. Anfang glaubte ich nicht so recht daran: Es wird fast gar nicht gesprochen, er berührt meine Hand und je nachdem, wie mein Körper reagiert, bedeutet es dieses oder jenes. Aber viele Spieler hatten mir Gutes darüber berichtet und ich sagte mir, dass ich nichts zu verlieren hätte. Letztlich hat dies meiner Meinung nach einige interessante Elemente hervorgebracht.
Ich habe auch beschlossen, in Nîmes in eine eigene Wohnung ohne Mitbewohner umzuziehen – aber auch meine Familie häufiger zu sehen. Wenn es nicht gut läuft, sind die Trainer und der Verein natürlich eine enorme Unterstützung. Aber es ist nicht dasselbe wie die Familie.
In dieser Zeit habe ich auch entschieden, an Turnieren in Frankreich teilzunehmen, die keine grosse Bedeutung haben und an denen Spieler aller Leistungsstufen vertreten waren. Es hat mir gutgetan, wieder Spiele zu spielen, bei denen es um nichts geht – einfach nur zum Spass. Ich glaube, der Druck, gewinnen zu müssen, hatte mich zermürbt. Und ohne Freude geht gar nichts.
Als ich im November 2022 in Slowenien endlich wieder bei einem Open gewann, war meine Freude so gross, dass ich mich fühlte, als hätte ich die Olympischen Spiele gewonnen. Dieser Sieg war so wichtig für mich!
Nicht sehr lukrativ
Ich lebe nun schon seit über zehn Jahren ausschliesslich vom Tischtennis. Seit mehreren Saisons trainiere und spiele ich beim Verein ANMTT aus Nîmes-Montpellier in der französischen Frauenliga. Parallel dazu vertrete ich die Schweiz regelmässig bei internationalen Turnieren auf der ganzen Welt. Im Durchschnitt bin ich etwa 150 Tage im Jahr für Wettkämpfe unterwegs.
Ja, ich lebe vom Tischtennis – ich bin Profi-Tischtennisspielerin. Ich erwähne dies ausdrücklich, weil es überraschend sein mag, da unser Sport nicht so oft im Rampenlicht steht. In Frankreich verdient eine Spielerin wie ich den gesetzlichen Mindestlohn (SMIC). Ich werde also nicht lügen und nicht so tun, als wäre mir das Geld egal. Aber solange ich genug zum Leben habe und meine Eltern nicht jeden Monat um Hilfe bitten muss, ist das für mich in Ordnung. Für ein Leben in Frankreich reicht es. Der Verein stellt auch eine Unterkunft in einer WG zur Verfügung. Diese Möglichkeit habe ich viele Jahre lang genutzt.
Ohne die Unterstützung meines nationalen Verbands könnte ich aber nicht an den internationalen Turnieren teilnehmen. Swiss Table Tennis übernimmt meine Reisekosten und die Kosten für die Unterkunft vor Ort. Normalerweise gehe ich mit einem Preisgeld von 0 bis 250 Dollar nach Hause. Um mehr zu verdienen, muss man in den Turnieren sehr viel weiterkommen. Die Rechnung ist also ganz einfach: Es ist nicht sehr lukrativ ... Glücklicherweise erhalte ich neben den Zuwendungen von meinem Verein und meinem Verband auch wertvolle Unterstützung von anderen Organisationen, wie Vaud Générations Champions oder der Sporthilfe. Für mich ist das schon enorm.
Das Niveau der französischen Tischtennis-Liga ist sehr hoch – sie ist zusammen mit der deutschen Tischtennisbundesliga vielleicht die stärkste Liga in Europa. Daher gibt es viel mehr ausländische Spielerinnen als französische. In dieser Saison habe ich zum Beispiel mit einer Australierin mit koreanischen Wurzeln, einer Weissrussin und einer 19-jährigen Französin zusammengespielt. Bei Nîmes-Montpellier trainieren wir in der Regel fünf bis sechs Stunden am Tag – mit einer Einheit am Vormittag und einer am Nachmittag. Teil dieses Trainings sind auch körperliche Trainingseinheiten. In unserem Sport müssen wir nicht stundenlang an den Kraftgeräten arbeiten. Dafür müssen wir sehr schnell und agil sein. Die überwiegende Mehrheit der Punkte dauert nur 3 bis 4 Sekunden – das geht sehr schnell: Aufschlag, Rückschlag, erster Ball, Ende. Wir arbeiten sehr viel an der Explosivität, der Koordination und der Beinarbeit. Und wir müssen auch ausdauernd sein: Die Spiele dauern manchmal lange und auch die Tage können sehr lang werden.
In der Regel spielen wir vor einem Publikum von 200 bis 300 Personen. Aber da wir eine Allianz mit der Herrenmannschaft von Montpellier bilden, kommt es vor, dass wir gleichzeitig mit den Männern spielen – und dann ist das ganz anders. Die Brüder Alexis und Felix Lebrun sind sehr bekannt. Mit nur 16 und 19 Jahren belegen sie bereits die Plätze 18 und 30 der Weltrangliste. Kürzlich kamen zu einer Begegnung in Lille 1800 Zuschauer und am Ende warteten rund 1500 Fans, die auf Autogramme hofften. Ich hatte mich bereits mit ihnen am Flughafen in Paris getroffen: Sie wurden von vielen Leuten erkannt. Das ist sehr positiv für unseren Verein – und für unseren Sport. Wir sind das nicht gewohnt. Mir ist es schon passiert, dass ich kurz nach den Olympischen Spielen in Tokio in meiner Heimatstadt Morges angesprochen wurde. Das hat nicht lange angehalten, aber es war cool.
Was Olympia angeht, so sind die Spiele in Paris 2024 mein nächstes grosses Ziel. Die Olympischen Spiele sind wohl der grösste Traum fast aller Sportlerinnen und Sportler auf der ganzen Welt. Ich weiss jetzt schon, dass es kompliziert wird, mein Kalender ist sehr voll. Aktuell stehe ich auf Platz 155 der Weltrangliste. Ich muss also eine verdammt gute Saison hinlegen, um es zu schaffen; die acht besten Ergebnisse der nächsten Monate zählen für die Qualifikation. Aber ich werde wie immer mein Bestes geben. Und nach dieser schwierigen Phase bin ich jetzt besser gerüstet, um mit Enttäuschungen umzugehen – das hoffe ich jedenfalls. Ich möchte nicht denselben Fehler noch einmal begehen – nur noch Wettkampf, ohne Ruhe und Familie. Ich habe Zeit gebraucht, aber ich glaube, dass ich jetzt das richtige Gleichgewicht gefunden habe.
Wie die Olympischen Spiele, nur etwas kleiner
In wenigen Tagen werde ich an meinen dritten Europaspielen teilnehmen. Das ist immer eine grosse Freude und es macht mich stolz, das Trikot von Swiss Olympic zu tragen. Das ganze Jahr über reise ich allein mit meinem Trainer. Es wird also eine Freude sein, wieder in einem Team zusammen mit Athletinnen und Athleten aus anderen Sportarten zu sein. Ich habe eine wunderbare Erinnerung an die Europaspiele 2019 in Minsk. Ich hatte gut gespielt und die Gelegenheit, mir zusammen mit anderen Athletinnen und Athleten viele andere Sportarten anzusehen. Es war eine Atmosphäre wie bei den Olympischen Spielen – nur etwas kleiner.
Während des Zeitraums, in dem die Europaspiele 2023 stattfinden, werden zwei weitere wichtige Turniere abgehalten, bei denen Qualifikationspunkte für die Spiele in Paris 2024 vergeben werden. Ich musste mich also fragen: Sollte ich diesen Turnieren oder den Europaspielen, die nicht so wichtig für Paris sind, den Vorrang geben? Letztlich habe ich mich für die Europaspiele entschieden. Vielleicht sind die besten Spielerinnen nicht dabei und ich schaffe noch einmal eine Spitzenleistung. Das wird sich zeigen und hängt von der Auslosung ab. Eines ist sicher: Ich freue mich darauf, die Europaspiele sind eine tolle Veranstaltung!
Ich weiss noch nicht, was ich nach meiner Karriere als Spielerin machen werde. Im Moment konzentriere ich mich noch voll und ganz auf meinen Sport. Aber ich habe mehrere Eisen im Feuer, die mir Türen öffnen können. Ich habe ein Lehrerdiplom von der Pädagogischen Hochschule und ich ausserdem zwei Trainerausbildungen absolviert – in Frankreich und in der Schweiz. Wir werden sehen, ob sich Gelegenheiten ergeben.
Und bis dahin, das Ende meiner Karriere? Nein, ich bin mir wieder ganz sicher: Der Zeitpunkt zum Aufhören ist noch nicht gekommen.»
Aufgezeichnet von Fabio Gramegna, Medienteam Swiss Olympic
Rachel Moret wurde 1989 in Morges geboren. 2021 in Tokio war sie erst die zweite Schweizer Tischtennisspielerin in der Geschichte, die an den Olympischen Spielen teilnahm nach der chinesischstämmigen Spielerin Tu Dai Yong an den Spielen 1996 in Atlanta. Die beste Platzierung ihrer Laufbahn war Rang 68 in der Weltrangliste. Sie gewann 27 Schweizer Meistertitel (9 im Einzel, 9 im Mixed-Doppel, 9 im Frauen-Doppel) und einen Titel auf internationaler Ebene (Chile Open).
Ungefiltert – Geschichten aus dem Schweizer Sport
Offen gesagt: Im Blog «Ungefiltert» erzählen Persönlichkeiten aus dem Schweizer Sport in eigenen Worten von aussergewöhnlichen Momenten und prägenden Erfahrungen. Von Siegen und Niederlagen, im Leben und im Sport. Wir freuen uns über Inputs für gute Geschichten, gerne auch die eigene: <email-pii>