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Datum: 31. Juli 2010
Website: www.pitchfork.de
Geschrieben von: Jasmin Stierli
Project Pitchfork haben vor kurzem ein neues Studioalbum herausgebracht, weswegen ich die Gelegenheit nutzte, um Peter Spilles per Mail einige Fragen zur neuen CD und auch zu anderen Themen zu stellen.
Jasmin: Bereits nach 1 ½ Jahren habt ihr wieder ein neues Studioalbum veröffentlicht, welches den Namen «Continuum Ride» trägt. Das Wort «Kontinuum» kennt man ja nicht nur aus der Physik, sondern es hat auch einen Zusammenhang mit der Relativitätstheorie (Raum-Zeit-Kontinuum) und mit der Theorie der sozialen Identität (das 1. – 4. theoretische Kontinuum). Hatten diese beiden Themen einen Einfluss auf die Namensgebung des Albums und den sich darauf befindenden Song «Continuum»? Und wenn ja, welchen?
Peter: Es besteht sicherlich ein Zusammenhang mit dem ersten von dir genannten Thema, aber das zweite Thema hatte keinen direkten Einfluss. Allerdings kann man erkennen, dass auch das zweite Thema irgendwie in das Album einfliesst, ohne von mir bewusst eingebracht worden zu sein. Das mag wohl an den in deiner zweiten Frage beantworteten Umständen liegen (siehe unten). Aber zuerst einmal die Frage nach dem Titel des Albums: nach unserer USA Tour im Jahr 2009 war ich von der Stadt Detroit und seinen Vorstädten in negativer Weise beeindruckt. Dort gibt es Skyscraper Ruinen, an denen riesige Plakate wie flehend «For Rent» in die teilweise verlassene und in Ruinen liegende Umgebung schreien. Dieses Bild und die daraus abgeleiteten Fantasien erschufen in mir den Gedanken an einen verfallenen Vergnügungspark, dessen Sinnbild für mich eine grosse Ähnlichkeit mit einem alten Friedhof besitzt. Beide Orte erinnern an die Vergänglichkeit und an das Ende des Lebens mit all seinen individuellen Inhalten. Da Achterbahnen in der englischen Sprache oft mit «Ride» bezeichnet werden (z.B. «Mountain Ride» oder «Thrill Ride» etc.), fühle ich in Hinblick auf unsere Welt einen losen Zusammenhang zwischen einem ewig währenden Ritt durch die Menschheitsgeschichte und den Problemen der heutigen Zeit, die nicht angepackt werden und das Leben auf unserem Planeten schmerz- und leidvoll machen, obwohl wir alle Macht hätten, die Existenz aller dem Mitgefühl und dem Glück zu widmen. So erscheint der Lauf unseres Planeten um die Sonne wie ein «Continuum Ride», in dem der Teilnehmende keinen Einfluss auf die Fahrt an sich und das Ende hat, sondern sich wie ausgeliefert in einem unveränderlichen System wieder findet. Dieser Gedanke widerspricht meinem Weltbild zutiefst, aber er inspirierte mich ungemein, um bereits nach so kurzer Zeit nach «Dream, Tiresias!» ein neues Album zu komponieren.
Jasmin: Des Weiteren bedeutet «Kontinuum» auch «zusammenhängendes Ganzes» und «ununterbrochener Zusammenhang». Denkst du…
– …dass alles irgendwie miteinander vernetzt ist?
Peter: Ich denke, das ist ein Naturgesetz, welches man durchaus auf das ganze Universum und die darin stattfindenden Gedanken übertragen darf, weil Gedanken ein Teil dieses Universums sind.
– …dass nur der Gedanke einer einzigen Person etwas verändern kann?
Peter: Sicherlich…, man muss es nur richtig betrachten. Zuerst ist jeder Gedanke unerheblich für andere. Wenn dieser Gedanke aber die Stimmung und das Verhalten des Denkenden verändert, so wirkt sich das natürlicherweise auf seine Umwelt aus und damit natürlich auch auf die Reaktion der anderen zurück auf den Denkenden.
– …dass es für alles, was passiert, einen Grund gibt?
Peter: Ja, zuerst ist da ein Gedanke (eine Theorie) und dann ein Wort (eine Aktion). Es gibt sogar einen Grund dafür, dass Planeten und Sonnen weitestgehend rund sind und nicht komplett anders. Genau so wird es einen Grund dafür geben, weshalb wir voller Fragen sind, die von aussen beantwortet werden müssen und wir gleichzeitig voller Antworten stecken, die wir kommunizieren möchten. Man könnte sich alles auch vollkommen anders denken, aber so ist es nicht, weil ein Grund gleichzeitig ein Fundament ist, auf dem alles aufbaut. Frei und zufällig, aber doch bestimmten Regeln folgend. Das Wort «bestimmt» macht in der deutschen Sprache besonders Sinn im Zusammenhang des ersten Satzes meines Gedankens auf deine Frage.
Jasmin: «Continuum Ride» wurde von vielen Kritikern als euer bislang bestes Werk bezeichnet. Wie unterscheidet sich dieses Album deiner Meinung nach von den anderen (musikalisch wie textlich gesehen)?
Peter: Hm…, es ist neu und ich habe es in einer anderen Zeit und mit neuen Erfahrungen geschrieben. Im musikalischen Sinne vermeide ich es, mich zu sehr zu wiederholen, aber Noten wollen einer Regel folgen, um harmonisch zu wirken.
Jasmin: Die Songtitel haben ja eigentlich immer einen Bezug zum Inhalt. Auf diesem Album befindet sich unter anderem der Song «Ghosts Of The Past», welcher rein instrumental ist (abgesehen von dem Gesprochenen am Anfang und zwischendurch). Wie kamst du auf diesen Namen?
Peter: In diesem Song habe ich Sprachsamples vom damaligen US-Präsidenten Truman eingebaut, der sich bei einem Gott dafür bedankt, dass die USA die Atombombe besitzen. Ferner ist dort der Pilot des Nagasaki Atombombenabwurfes zu hören, für den diese Tat sein «greatest thrill» war. Im Prinzip habe ich mit diesem Song die Hoffnung verbunden, dass diese Geister in der Vergangenheit bleiben.
Jasmin: Ein weiterer Song auf dem Album ist «Star Child». Als «Sternenkind» werden unter anderem Kinder bezeichnet, die tot geboren wurden oder in den ersten Lebenswochen verstorben sind. Dies kann natürlich symbolisch auf die Menschheit übertragen werden: Menschen, die blind durch’s Leben gehen / die vor dem Leid auf der Welt ihre Augen verschliessen. Kurz gesagt: Menschen, die in einer gewissen Weise innerlich tot sind. Aber auch die «Kinder der neuen Zeit» werden Sternenkinder genannt. Sie (wie auch z.B. Indigos, Kristallkinder usw.) sollen uns, der Menschheit, in dem Transformationsprozess, in welchem wir uns anscheinend befinden, helfen.
– Inwiefern hatten diese beiden «Arten» von Sternenkindern Einfluss auf diesen Song?
Peter: Keinen. Menschenkinder bleiben Menschenkinder, egal von wo sie herkommen und wann sie geboren werden. Ich mag diesen trennenden Gedanken der Quantumplus-Kinder nicht, weil er verhindert, dass Menschen ihr Handeln aus sich selbst heraus verändern, wenn sie nicht zu einer Gruppierung gehören oder zugeordnet werden.
– Glaubst du, dass wir uns in einem Transformationsprozess befinden? Wenn ja, was denkst du darüber und hat dieser deiner Meinung nach etwas mit dem Jahr 2012 zu tun oder denkst du, dass im 2012 rein gar nichts passiert? (Damit meine ich jetzt nicht, dass dann die Welt untergeht, sondern dass sich für die Menschheit etwas grundlegend verändert.)
Peter: Wir befinden uns immer in einem Transformationsprozess…, er nennt sich «Zeit» und er verhindert, dass irgendjemand die Kontrolle über alles erlangen kann. Im Jahr 2012 wird jede Menge passieren, aber soweit ich weiss, leitet sich dieses Jahr vom Maja-Kalender ab. Wenn unsere Zivilisation heute untergehen würde, gäbe es von uns auch nur bis zu einem gewissen Jahr Kalendervordrucke.
– Ich denke jeder ist schon einmal einem «Kind der neuen Zeit» begegnet, war sich dessen aber nicht unbedingt bewusst. Hast du schon Leute getroffen, bei denen du wusstest oder das Gefühl hattest, sie gehören zu dieser «Gruppe» Menschen? Und wenn ja, war die Begegnung mit solchen Menschen irgendwie anders als mit «normalen» Leuten?
Peter: Es gibt faszinierende Menschen und Menschen, denen ich nicht wieder begegnen möchte…, beide Gruppen sind normale Menschen. Es gibt Menschen, die schneller laufen können als andere, ihre Menschlichkeit definiert sich durch das «auf die anderen warten können». Es gibt Menschen, die mehr haben als andere, ihre Menschlichkeit definiert sich durch das «teilen wollen».
Jasmin: Zum Song «43rd Floor»: warum 43?
– Besteht ein Zusammenhang mit der Bedeutung der 3, 4, 7 und 12 in der Zahlensymbolik?
– Im «I Ging» ist es die Zahl des Durchbruchs, der Entschlossenheit. Hat es damit was zu tun?
Peter: Nö. ;o) Ich habe diese Stockwerkzahl gewählt, weil sie die Höhe des Hauses beschreibt und offen lässt, was im 70sten Stockwerk geschehen könnte.
Jasmin: Dein Ziel ist es ja mit deiner Musik etwas zu bewegen, die Welt zu verändern. Hattest du dieses Ziel schon vor Augen, bevor du Project Pitchfork gegründet hast und war das der Hauptgrund, warum du mit der Musik angefangen hast?
Peter: Ja. Aber ich liebe es zu spielen und dadurch zu lernen. Musik ist eine Sprache des Gefühls und ich bin begeistert von den Möglichkeiten der elektronischen Musik neue und bisher nie gehörte Farben zu erschaffen.
Jasmin: Deine Inspiration ziehst du ja hauptsächlich aus dem Weltgeschehen (Krieg, Leid, Streben nach Macht usw.). Leider passiert viel zu viel Schlechtes auf dieser Welt und vielen Leuten ist es egal oder sie sind zu beschäftigt, um mitzukriegen, was ausserhalb ihrer eigenen, kleinen Welt passiert. Nun versuchst du mit deiner Musik genau diese Leute wach zu rütteln. Was würdest du jemandem sagen, der dich fragt, warum es sich überhaupt lohnt «aufzuwachen»?
Peter: Weil die Sonne scheint und die Vögel den Himmel mit Tönen erfüllen. Ausserdem könnten wir an den Strand gehen und baden, … oder wir könnten uns ins Gras legen und über die abgedrehtesten Sachen sprechen. Wir könnten uns in die Augen schauen und uns darin selbst erkennen. Wir könnten an das andere Ende des Universums reisen, ohne uns zu bewegen, dafür müssten wir nur zuhören. «Schlafen» ist aber auch notwendig, um Kraft zu sammeln und zu träumen. Kein Schlaf dauert ewig. ;o)
Jasmin: Die Welt befindet sich zwar in einem stetigen Wandel, aber trotzdem ist in einer gewissen Weise seit Jahren bzw. Jahrhunderten alles gleich geblieben: es gibt immer wieder Kriege wegen den gleichen Gründen, die Menschen machen immer wieder dieselben Fehler usw. Denkst du, dass sich das in absehbarer Zukunft überhaupt ändern wird?
Peter: Ja. Nichts wiederholt sich im grossen Zusammenhang in genau der gleichen Weise und als die Könige entmachtet wurden, blieb nur noch die Macht des Zahlungsmittels. Aber diese Zuflucht wird verschwinden können, ohne dass wieder Köpfe rollen müssen. Der Mensch kann kommunizieren und diese Fähigkeit ist aus der Notwendigkeit entstanden über gemeinsame Ziele und Pläne zu sprechen. Das ist unsere grosse Stärke, aber auch unsere grösste Schwäche. Der Mensch will teilen und sich mitteilen. Zuerst in einer kleinen Gruppe und später dann in einer grossen Gemeinschaft. Wir sind kurz davor keinen Menschen mehr aus dieser Gemeinschaft auszugrenzen und wenn wir es verstehen auch die gesamte Natur in diese Gemeinschaft einzubeziehen, dann stehen wir vor einer mächtigen Veränderung. Wenn nicht, dann sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die Natur uns nicht braucht, um weiter zu existieren.
Jasmin: Ihr hattet ja schon einige Hits, unter anderem den Song «Souls», der schon älter ist. Nun eine allgemeine Frage dazu: es gibt Leute, die glauben, dass jeder nur einen Seelenverwandten hat. Einige denken, dass man mit mehreren seelenverwandt ist und wieder andere sind der Meinung, dass jeder mit jedem «verwandt» ist bzw. dass wir alle eins sind. Was glaubst du?
Peter: Wir stammen alle von derselben ersten Zelle auf diesem Planeten ab. Distanz ist eine Illusion, eine sehr gute, aber eine Illusion.
Jasmin: Ein Thema, über das sich immer wieder viele streiten: Glaube & Religion. Meiner Meinung nach muss Glaube und Religion nichts miteinander zu tun haben, da eine gläubige Person nicht unbedingt religiös sein muss. Wie siehst du das und an was oder wen genau glaubst du?
Peter: Ich glaube an mich, ich glaube an dich und ich glaube, dass wir keine Rituale wie Händeschütteln brauchen, um uns gut zu verstehen, obwohl es für andere hilfreich sein kann sich förmlich zu begrüssen.
Jasmin: Du glaubst ja an Reinkarnation. Denkst du, dass wir immer wieder inkarnieren oder dass dieser Inkarnations-Kreislauf einmal fertig ist und dann etwas anderes kommt?
Peter: Wenn ich in die Welt schaue, sehe ich genügend Beispiele dafür, dass es immer wieder Überraschungen geben kann.
Jasmin: Heutzutage sind leider viele Menschen, denen es eigentlich gut geht, unglücklich. Unter anderem, weil sie die kleinen Dinge des Lebens nicht mehr zu schätzen wissen. Was bedeutet für dich Glück und Zufriedenheit?
Peter: Glück bedeutet für mich, dass ich die kleinen Wunder des Lebens wahrnehmen kann und darf. Zufriedenheit bedeutet für mich, dass ich mich daran erinnern kann und darf.
Jasmin: Vielen Dank für deine Antworten! 🙂
Peter: Sehr gern geschehen. Dieses Interview, oder besser dieser Austausch, hat mir sehr gefallen. 🙂
Project Pitchfork spielen am 10. November 2010 im x-tra in Zürich. Nicht verpassen! 😉