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Sie ziert den Schweizer Pass, das Maillot der Nationalspieler und um den 1. August so manch einen Balkon: Die Schweizerfahne. Gerade die Kinder schwenken gerne das rot-weisse Fähnchen – und fragen zu Recht: Wer hat diese Farben gewählt, und warum?
Die schlechte Nachricht zu Beginn: wir wissen es nicht. Wie genau die Fahne entstanden ist, ist unklar. Und warum ausgerechnet rot und weiss ihre Farben sind, ebenfalls. Fahnen hatten vor allem eine militärische Funktion: sie zeigten, wer zu welcher Seite gehört. Allerdings ging es auf den Schlachtfeldern des Mittelalters oft ziemlich bunt zu und her, denn jede Stadt, jedes Herzogtum, jedes Adelshaus hatte sein eigenes Wappen. Das war möglicherweise der Grund, warum die Berner und die mit Bern verbündeten Truppen 1339 in der Schlacht von Laupen nicht nur mit dem Berner Bär in die Schlacht zogen, sondern zusätzlich ein weisses Kreuz auf rotem Grund mit sich führten. Eine andere Erklärung wäre, dass sich die Berner mit dem Kreuz unter zusätzlichen, göttlichen Schutz stellen wollten.
Sicher ist: die Berner haben das «Schweizerkreuz» damit nicht erfunden. Ein weisses Kreuz auf rotem Grund, das war bereits das Zeichen der Stadt Wien, des Herzogtums Savoyen, des Ritterordens der Malteser, des Königreichs Dänemark und es war eines der Zeichen des «Heiligen Römischen Reichs» (zu dem auch die Eidgenossenschaft damals gehörte). Und schliesslich wurde auch die traditionell blutrote Fahne von Schwyz in jener Zeit mit einem weissen Kreuz, Dornenkrone und Nägeln ergänzt.
1339 traten die Berner der Eidgenossenschaft bei und diese wurde im Lauf der Jahrhunderte immer grösser. Es kamen neue Kantone hinzu und damit auch neue Wappen. Viele junge Eidgenossen kämpften als Söldner auf fremden Schlachtfeldern – sie taten das aber meist unter der Fahne ihres Kantons, also von Bern, Zürich oder Fribourg. Nur bei gemischten Regimentern, wenn etwa Urner mit Luzernern kämpften, führten sie zusätzlich ein weisses Kreuz mit sich. Und die Schweizergarde, welche den König von Frankreich beschützte, benutzte ein weisses Kreuz auf einem Hintergrund, der fast wie ein Regenbogen aussieht (und die vielen Farben der Herkunftskantone der Söldner symbolisiert).
A propos Frankreich: 1798 wurde die Schweiz von den Truppen Napoleons besetzt. Die Franzosen bestimmten, dass die Schweiz eine zentrale Regierung brauchte, eine einheitliche Währung und auch eine allererste offizielle Fahne. Dafür wählten sie aber kein Schweizerkreuz, sondern eine grün-rot-gelbe Trikolore. Diese verschwand allerdings nach einigen Jahren wieder. Erst 1848 wurde die Schweiz als moderner Staat gegründet. Und dieser Staat brauchte Symbole, mit denen sich die Leute identifizieren konnten. Wilhelm Tell oder die 1891 eingeführten 1.-August-Feiern waren solche Symbole. Aber auch die Fahne. Sie wurde immer häufiger verwendet, vor allem vom Militär und von den Vereinen. Schliesslich wurde 1889 erstmals in einem Gesetz definiert, wie das Kreuz aussehen musste: mit Armen, die um einen sechstel länger sind, als breit.
Interessanterweise wurde die äussere Form des Wappens aber nicht festgelegt: rechteckig oder quadratisch, das war egal. Erst 1941 wurde ein Schifffahrtsgesetz erlassen, das definierte: Schweizer Hochseeschiffe müssen eine rechteckige Fahne tragen. Aber das Meer ist weit weg und die quadratische Form blieb weiterhin sehr populär. Gerade kürzlich wurde sie deshalb auch im Gesetz festgeschrieben. Seit dem 1. Januar 2017 ist die Schweizer Flagge offiziell quadratisch.
Unser Experte Damir Skenderovic ist Professor für Zeitgeschichte. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Populismus, Rechtsextremismus, politische Parteien, historische Migrationsforschung, Gegenkulturen und die 68er Bewegung. Insbesondere interessiert er sich für Identifikationsprozesse und Mechanismen der Ein- und Abgrenzung in Nationalstaaten. Dazu dienen auch Symbole wie Nationalflaggen, von denen er noch nie eine gehisst hat.