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Trotz moderner Therapieoptionen erreichen viele Typ-1-Diabetiker die empfohlenen Blutzuckerziele nicht. Eine Ernährung, in der die Kohlenhydrate stark reduziert werden, kann den Therapieerfolg merklich verbessern.
An der Studie nahmen 316 erwachsene Typ-1-Diabetiker bzw. Eltern von betroffenen Kindern teil. Die Probanden wurden mittels Umfrage aus einer Facebook-Community rekrutiert. Mitglieder dieses sozialen Netzwerks befolgen eine stark kohlenhydratreduzierte Diät. Alle Patienten wurden mit Insulin behandelt und hielten sich seit durchschnittlich 2,2 ± 3,9 Jahren an eine extrem kohlenhydratarme Diät (Ziel ≤ 30 g pro Tag). Im Schnitt waren die Teilnehmer (57 % weiblich) bei Erhalt der Diabetesdiagnose 16 ± 14 Jahre alt; die Diabetesdauer betrug 11 ± 13 Jahre. Im Rahmen der Diät verzehrten die Probanden täglich durchschnittlich 36 ± 15 g Kohlenhydrate.
Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Der HbA1c-Wert der Patienten betrug 5,67 ± 0,66 %, und nahezu alle erfüllten die von der American Diabetes Association (ADA) empfohlenen Blutzuckerziele. Der HbA1c-Wert hatte seit Diätbeginn im Mittel um 1,45 ± 1,04 % abgenommen. Unerwünschte Nebenwirkungen waren selten: Nur 2 % mussten im vergangenen Jahr aufgrund von Diabeteskomplikationen (Ketoazidose, Hypoglykämie) stationär behandelt werden.
Sollten sich diese vielversprechenden Ergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnte aus Sicht der Autoren künftig eine extrem kohlenhydratarme Ernährung sowohl für Kinder als auch für Erwachsene mit Typ-1-Diabetes eine effektive Therapiemassnahme darstellen. (red)
Quelle | Lennerz BS, et al.: Management of type 1 diabetes with a very low-carbohydrate diet. Pediatrics 2018; 141(6). pii: e20173349.
Kommentar von Dr. med. Stefan Fischli
Vor der Entdeckung und dem klinischen Einsatz von Insulin war die konsequent eingehaltene kohlenhydratreduzierte Diät der einzige therapeutische Ansatz bei Betroffenen mit Typ-1-Diabetes, um Blutzuckerspiegel und Prognose zu beeinflussen. Heutzutage bleibt trotz Einsatz moderner Insulin-Analoga sowie technischer Hilfsmittel die Behandlung des Diabetes mellitus eine Herausforderung. Längst nicht alle Patienten erreichen die geforderten Zielwerte, und Hypoglykämien können die Stoffwechseleinstellung komplizieren. Diese methodisch interessant gemachte Studie mit dem Fokus auf den therapeutischen Effekt einer stark kohlenhydratreduzierten Diät hat in den USA ein grosses Medienecho ausgelöst. Auf den ersten Blick sind die daraus gewonnenen Erkenntnisse – das Erreichen fast normaler HbA1c-Werte ohne vermehrte Komplikationen – durchaus beachtenswert. Der neuere Forschungsansatz, nämlich das Rekrutieren von Probanden aus Netzwerken sozialer Medien, birgt in sich jedoch auch gleich eine der Schwächen dieser Arbeit: Durch einen – wahrscheinlich erheblichen – selection bias handelt es sich bei den Probanden um eine hoch selektionierte Patientengruppe: Durchschnittlich mehr als zwei Jahre hielten sich die Patienten bei der Befragung bereits schon an eine extrem restriktive Diät mit durchschnittlich nur 36 Gramm Kohlenhydraten pro Tag! Es kann davon ausgegangen werden, dass diese sehr motivierten Personen mit grosser Wahrscheinlichkeit auch andere Belange ihrer Diabetesbehandlung (z. B. Insulinapplikation, Häufigkeit der Blutzuckermessung, regelmässige körperliche Aktivität) zuverlässig umsetzten. Dies kann den primären Effekt der Intervention (Diät) durchaus abschwächen und ist per se mit einer tiefen Rate an Komplikationen wie beispielsweise der diabetischen Ketoazidose assoziiert. Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht gefolgert werden, dass diese Art von Diät ein tiefes Risiko für akute Komplikationen beinhaltet. Im Gegenteil, die strikte Kohlenhydratreduktion mit fehlender Anpassung der Insulindosis in Situationen mit gesteigertem Insulinbedarf (z. B. bei akuter Erkrankung) kann bei non-complianten Patienten potenziell fatale Folgen haben. Für eine generelle Empfehlung, die Kohlenhydrate bei Typ-1-Diabetikern stark einzuschränken, besteht momentan also keine Evidenz, und es braucht – wie von den Autoren in den Schlussfolgerungen ausgeführt – mehr randomisierte Studien an einem breiteren und grösseren Patientenkollektiv.
Dr. med. Stefan Fischli
Co-Chefarzt Endokrinologie/Diabetologie
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16
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