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Zu Beginn des Jahres 2020 dominierte das Coronavirus innert kurzer Zeit den öffentlichen Diskurs in der Schweiz. Andere Themen, auch anstehende Abstimmungen, gerieten vorläufig in den Hintergrund. Die folgende Analyse zeichnet den öffentlichen Diskurs zu Abstimmungen im letzten Jahr nach.
Mit der Verbreitung des Coronavirus in Europa im Februar 2020 wurde das Virus rasch auch in den Medien zum vorherrschenden Thema. Am 18. März 2020 hat der Bundesrat beschlossen, die anstehenden eidgenössischen Abstimmungen im Mai nicht durchzuführen. Dadurch wurde auch der mediale Diskurs zu den geplanten Vorlagen sistiert, und erst wieder aufgenommen, als der Bundesrat am 29.04. ankündigte, dass am 27. September eidgenössische Abstimmungen stattfinden werden und dass dabei über fünf eidgenössische Vorlagen abgestimmt werden soll. Diese waren die Begrenzungs-initiative, das Jagdgesetz, die steuerliche Berücksichtigung der Kinder-Drittbetreuungskosten, der Vaterschaftsurlaub sowie die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge.
Corona verdrängt die Abstimmungen zwischenzeitlich aus den Medien.
Anzahl Artikel in den 20 grössten Schweizer Print- und Onlinemedien, pro Tag und Abstimmungsthema
Wenn man sich den Verlauf der Berichterstattung zu den fünf Vorlagen in der obigen Grafik anschaut, werden mit der Anzahl Artikel die Ereignisse rund um die Abstimmungsvorlagen nachgezeichnet. Während zu Beginn des Jahres 2020 bereits einige wenige Artikel zu den Abstimmungsvorlagen publiziert worden waren, ist von Mitte März bis Ende April eine Lücke ersichtlich, in der lediglich eine Handvoll Artikel dazu erschienen waren. Durch Absage der Abstimmung wurde somit auch der mediale Diskurs zu den fünf Vorlagen sistiert. Erst mit der Ankündigung des Bundesrates Ende April wurden wieder mehr Artikel publiziert, jedoch nicht in sehr grosser Anzahl. Mit Ende des „politischen Sommerlochs“ wurde die Berichterstattung zu den Vorlagen Ende Juli wieder aufgenommen und stark ausgebaut. Mit Abstand am meisten Artikel zu den fünf Vorlagen wurden rund um den Abstimmungstag publiziert.
Die Vorlage zu den Kinderzulagen wurde in den klassischen Medien am wenigsten behandelt, die Kampfjet-Vorlage am meisten. Zu den drei anderen Vorlagen gab es ungefähr gleich viele Publikationen. Dass die Vorlage zu den Kinderzulagen nicht oft in den Medien erwähnt wurde kann dadurch erklärt werden, dass die Vorlage bereits früh als chancenlos bezeichnet wurde, während die Kampfjet-Vorlage als umstritten galt. Die knappe Annahme der Kampfjet-Vorlage resultierte in einer Vielzahl Artikel am Abstimmungstag und an den Tagen danach.
Doch neben den klassischen Medien wurden die anstehenden Abstimmungen auch in den sozialen Medien diskutiert, was im Folgenden anhand von Twitter-Daten veranschaulicht wird. Die Twitter-Daten zu den Abstimmungsvorlagen wurden erst ab Juni erhoben, weshalb die frühe Phase des Abstimmungskampfes nicht nachgezeichnet werden kann. Äquivalent zu den klassischen Medien wird auch hier ersichtlich, dass im Juli weniger zu den Abstimmungen publiziert wurde. Im August wurden über den gesamten Monat hinweg sehr viele Tweets abgesetzt, die höchste Dichte an Tweets ist aber auch hier rund um den Abstimmungstag zu finden.
Auf Twitter dominieren Vaterschaftsurlaub und Begrenzungsinitiative
Anzahl Tweets zu den Abstimmungsvorlagen, pro Tag und Abstimmungsthema
Die Abstimmung zum Vaterschaftsurlaub wurde am meisten auf Twitter besprochen, mit einem Spitzenwert von 742 Tweets am Abstimmungstag. Die Begrenzungsinitiative wurde am Abstimmungssonntag in 590 Tweets erwähnt. Im Unterschied zu den klassischen Medien wurden somit zwei Vorlagen, welche an der Urne recht deutlich angenommen (Vaterschaftsurlaub) bzw. abgelehnt (Begrenzungsinitiative) wurden, deutlich häufiger diskutiert als die Kampfjet-Vorlage, welche schlussendlich nur sehr knapp angenommen wurde. Die vermuteten Erfolgsaussichten scheinen somit auf Twitter weniger massgeblich zu sein. Es bietet sich deshalb an genauer hinzuschauen, in welchem Zusammenhang auf Twitter Abstimmungsvorlagen diskutiert werden. Die am häufigsten verwendeten Begriffe für jede Vorlage sieht man im Folgenden in Wortwolken dargestellt. Je grösser der Begriff, desto öfter wurde er erwähnt.
Sieht man sich die am häufigsten verwendeten Begriffe zum Thema Vaterschaftsurlaub an, wird mit Abstand am häufigsten #vaterschaftsurlaub erwähnt. Dieser Begriff hört sich neutral an, im Abstimmungskampf und in den sozialen Medien wurde er aber meist als Zustimmung für die Vorlage verwendet. Neben einigen Begriffen zum Thema Vaterschaftsurlaub fällt auf, dass viele allgemeine Begriffe zu den Abstimmungen sowie hashtags zu den weiteren Vorlagen erwähnt wurden.
Bei den Tweets zur Begrenzungsinitiative ist der am häufigsten verwendete Begriff #bgi, welcher von Befürwortern und Gegners gleichermassen verwendet wurde und deshalb als neutral gilt. Im Gegensatz zur Wortwolke bei der Vaterschaftsurlaub-Vorlage stehen die meisten Begriffe in diesem Fall in Zusammenhang mit der Begrenzungsinitiative. Dies bedeutet, dass bei dieser Vorlage häufiger nur zu diesem Thema getwittert wurde, ohne auf weitere Vorlagen zu verweisen.
Bei der Kampfjet-Vorlage und bei den Kinderzulagen war hingegen der am meisten verwendete Begriff #abst20, was ein allgemeiner Begriff zu den Abstimmungen ist. Dies deutet darauf hin, dass bei beiden Vorlagen viele allgemeine Tweets zur Abstimmung abgesetzt wurden. Bei der Kampfjet-Vorlage stehen viele der häufig verwendeten Begriffe in Zusammenhang zur Vorlage, im Gegensatz zu den Begriffen zu Kinderzulagen. Interessanterweise werden bei vielen Tweets zu den Kinderzulagen mehrere Vorlagen erwähnt wurden, dabei aber oft die Vorlage zu den Kinderzulagen weggelassen wurde.
Das Jagdgesetz wurde auf Twitter besonders von den Gegnern behandelt. Der am häufigsten verwendete Begriff #jagdgesetz kann dabei erneut als neutral angesehen werden, die Mehrheit der weiteren Begriffe sind jedoch gegen das Gesetz gerichtet. Auffallend ist hier, dass häufig Verlinkungen zu Naturschutz-Verbänden wie WWF oder Pro Natura verwendet wurden, was bei den anderen Vorlagen nur selten der Fall war.
Die Coronakrise hat den öffentlichen Diskurs zu Abstimmungsvorlagen vorläufig unterbrochen, er wurde jedoch rasch nach Ankündigung der Abstimmungen im Herbst wieder aufgenommen. Die Kinderzulagen waren sowohl in den klassischen Medien wie auch auf Twitter eher selten Thema. Während die Häufigkeit der Berichterstattung zu den weiteren Vorlagen in etwa gleich war, stachen auf Twitter die beiden Vorlagen Vaterschaftsurlaub und Begrenzungsinitiative deutlich heraus. -jedoch wurden in den Medien wurde deutlich häufiger über die Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen gesprochen als dies auf Twitter der Fall war. In einer weiteren Analyse wäre es spannend, eine Sentiment-Analyse zu den einzelnen Vorlagen zu machen, um herauszufinden, wie emotional einzelne Vorlagen diskutiert werden. Ein Vergleich mit anderen, früheren Abstimmungen wäre ebenfalls wünschenswert, um festzustellen ob sich die Häufigkeit der Berichterstattung bzw. Häufigkeit von Tweets zu Abstimmungen während Corona stark von früheren Abstimmungskämpfen unterscheiden.
Informationen zum Blogbeitrag
Name: Camilla Herrmann
Matrikelnummer: 12-751-319
E-Mail: <email-pii>
Seminar: Politischer Datenjournalismus (FS 2020)
Leitung: Theresa Gessler, Alexandra Kohler, Bruno Wüest
Abgabedatum: 20. Juni 2021
Anzahl Wörter: 860
Quellen
Für den ersten Teil der Analyse wurden Daten der Schweizer Mediendatenbank SMD verwendet. Der vollständige Datensatz enthält 335’984 Artikel der grössten Schweizer Print- und Online-Medien, welche im Jahr 2020 publiziert wurden. Die folgenden Medien sind enthalten: 20 minuten, 20 minuten online, Aargauer Zeitung / MLZ, Basler Zeitung, Berner Zeitung, Blick, Der Landbote, Die Weltwoche, Die Wochenzeitung, Finanz und Wirtschaft, Luzerner Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Newsnet / Berner Zeitung, Newsnet / Tages-Anzeiger, NZZ am Sonntag, Sonntagsblick, SonntagsZeitung, srf.ch, Südostschweiz, swissinfo.ch, Tages-Anzeiger, watson.ch.
Der zweite Datensatz enthält Twitterdaten zu verschiedenen Themen, welche vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich gesammelt werden. Der komplette Datensatz enthält 981’548 Tweets, welche zwischen dem 19.05.2020 und dem 30.09.2020 publiziert wurden.Den Code zur Analyse und den Grafiken finden Sie hier.