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Labels, die von Künstlern gegründet werden, um die eigenen Werke unter die Leute zu bringen, schiessen wie die Pilze aus dem Boden. Auch Alia Vox ist zu diesem Zweck von einem Interpreten ins Leben gerufen worden, bereits vor zehn Jahren − vom Gambenspieler und Dirigenten Jordi Savall. Dass auf Alia Vox nun eine Aufnahme von Händels Feuerwerksmusik mit Le Concert des Nations unter der Leitung Savalls auf den Markt kommt, scheint demnach nur natürlich. Hinter dem Release verbirgt sich allerdings ein bewegtes und bewegendes Stück französische Labelgeschichte, das bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht.
1954 gründete der 1931 geborene Produzent Michel Bernstein, der die Alte-Musik-Szene Frankreichs massgeblich prägen sollte, das Label Vendôme, das jedoch bereits nach fünf Produktionen den Geist aufgab. Mit einem zweiten, Valois, hatte Bernstein mehr Glück: Erste Erfolge konnte er unter anderem mit Aufnahmen des Végh Quartettes und des Pianisten Noel Lee verzeichnen. Sehr früh widmete er sich darüberhinaus bereits Künstlern wie der Cembalistin Blandine Verlet, dem Fortepiano-Spieler Paul Badura-Skoda, dem Lautenisten Hopkinson Smith und Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale.
Einen Coup landete Bernstein 1975, als es ihm gelang, für Astrée - ein weiteres eigenes Label - dem Giganten EMI Classics Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XX auszuspannen. Savall realisierte für Astrée die ersten Aufnahmen mit Werken von François Couperin und Marin Marais und schuf damit die Grundlage zu einem der erstaunlichsten Publikumserfolge, welche die Alte Musik im Laufe ihrer Renaissance verzeichnen konnte, den 1991 erschienenen Film «Tous les matins du monde» mit Gérard Depardieu in der Rolle Marais', der in den europäischen Arthouse-Kinos ein begeistertes Publikum fand.
Ausgerechnet Bernstein, der den Stein ursprünglich ins Rollen gebracht hatte, konnte von dem Boom nicht profitieren. Finanzielle Probleme hatten ihn kurz zuvor gezwungen, Astrée an den Konkurrenten Auvidis zu verkaufen. 1992 gründete er mit Arcana ein weiteres Label, mit dem er die Philosophie der Alten Musik bis in die Epoche Debussys ausweitete und Aufnahmen von dessen Klaviermusik auf Erard-Klavieren der Zeit herausgab. Arcana zeichnete sich aber auch mit einer Gesamtaufnahme von Haydns Streichquartetten durch das Festetics Quartett aus, und mit Produktionen des Ensembles Ars Antiqua Austria. Bernstein starb wie er gelebt hatte: Am 31. Oktober 2006 erlag er mit 75 Jahren einem Herzversagen − während Aufnahmen mit dem auf mittelalterliche Musik spezialisierten Pariser Ensemble Dialogos.
Die Odyssée der Savall-Aufnahmen setzte sich unterdessen fort. Der Astrée-Katalog wurde 1998 von Auvidis an Naïve Classique weitergereicht, während Savall sein eigenes Label Alia Vox gründete, auf dem er seine Aufnahmen mit den Ensembles Hespèrion XXI, La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations publiziert. Er hat die alten Astrée-Aufnahmen erworben und bringt sie nun nach und nach in neu gemasterten Einspielungen unter dem Brand «Alia Vox Heritage» neu heraus.
Im Falle von Händels Feuerwerksmusik ist dies unzweifelhaft ein Gewinn. Auch wenn das Hochkochen der ursprünglichen Aufnahme, die 1993 im katalonischen Schloss Cardona entstanden ist, auf eine hybride Mehrkanalfassung im SACD-Format nicht zwingend erscheint, bietet die Neubearbeitung höchsten Hörgenuss, und dies nicht nur technisch. Die Aufnahme legt nämlich seit 15 Jahren die Messlatte für andere Einspielungen der Händelschen Freiluft- und Tafelmusik sehr, sehr hoch. (wb)
Haendel: Water Music, Music for The Royal Fireworks, Le Concert des Nations, Jordi Savall (Leitung), Alia Vox 2008, AVSA 9860,