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Der Ökonom Thomas Kuczynski hat «Das Kapital» von Karl Marx neu editiert. Im Gespräch erklärt er, warum wir Marx immer noch genau lesen sollten.
WOZ: Thomas Kuczynski, warum braucht es eine neue «Kapital»-Ausgabe?
Thomas Kuczynski: Das «Kapital» ist ein schwieriges Buch, Aufbau und Lesbarkeit lassen sich immer noch verbessern. Karl Marx selbst war nie ganz zufrieden damit, hat bei Neuauflagen und Übersetzungen Verbesserungen vorgeschlagen und an eine grundsätzliche Überarbeitung gedacht. Dazu ist er dann nie gekommen.
Und das leisten nun Sie?
Nein. Umwälzendes habe ich nicht zu bieten, der Grundansatz bleibt natürlich. Aber ich glaube doch, dass diese Neuausgabe ihre Vorzüge hat.
Und die wären?
Zuerst einmal ist sie lesefreundlicher. Alle fremdsprachigen Zitate sind ins Deutsche übertragen, die Fussnoten in den Text eingefügt, was diesen flüssiger macht. Weiter habe ich alle bibliografischen Nachweise überprüft und ergänzt. Dazu ist vor allem in den späteren Kapiteln die Argumentation logischer aufgebaut.
Worauf stützen Sie solche Veränderungen?
Meine Ausgangspunkte sind die zweite deutsche Auflage von 1872/73, die französische Übertragung von 1872/75 sowie Marx’ Anmerkungen dazu. Friedrich Engels hat die französische Übersetzung gering geschätzt und deshalb für die von ihm verantwortete vierte Auflage von 1890 die meisten Anregungen von Marx nicht übernommen. Ich beziehe mich wieder stärker auf Marx und habe einige Überarbeitungen von Engels rückgängig gemacht.
Die ersten Kapitel werden auch in Ihrer Fassung nicht einfacher zu verstehen sein …
Tatsächlich, manche lassen sich von den ersten 150 Seiten abschrecken. Marx hat in einem privaten Brief einmal vorgeschlagen, die Lektüre des «Kapitals» mit dem 13. Kapitel, «Maschinerie und grosse Industrie», zu beginnen. Ich empfehle gelegentlich, mit dem 5. Kapitel, «Arbeitsprozess und Verwertungsprozess», anzufangen, weil das näher bei alltäglichen Arbeitserfahrungen liegt.
Das sind beides Kapitel, in denen Marx mit konkreten Beispielen und historischem Material arbeitet. Doch die Analyse von Ware, Geld und Kapital zu Beginn kann man ja nicht einfach weglassen.
Natürlich nicht, diese Kapitel sind essenziell. Man muss sie auf alle Fälle nachlesen. Aber es schadet ja nichts, wenn man das Buch in mehrfachen Durchgängen liest. Man muss, wie der berühmte Ökonom Eugen Vargas einmal gesagt hat, Marx immer wieder konsultieren.
An wen richtet sich die neue Ausgabe?
Ich möchte Studierende, Gewerkschafter und Betriebsräte erreichen. Es war ein gemeinsames Anliegen des Verlags und von mir, eine günstige Ausgabe herzustellen. Dank eines Mäzens ist das möglich geworden.
Sie denken an Leute, die das «Kapital» zum ersten Mal lesen?
Ja. Wobei ich zur Einführung in die marxsche ökonomische Theorie kleinere Schriften empfehlen würde, etwa «Lohn, Preis und Profit» von 1865 oder «Lohnarbeit und Kapital» von 1849.
Sie haben auch inhaltliche Veränderungen vorgenommen. Beispielsweise haben Sie gleich im ersten Kapitel einen Passus über die Erscheinungsweise des Tauschwerts gestrichen. Warum?
Nun, das ist eine nachträgliche Erläuterung von Engels. Marx bemüht sich ja ellenlang darum, bei der Ware die verschiedenen Formen zu differenzieren, und da hat Engels offenbar gefunden: Nun ist aber genug, hier muss mal ein klarer Satz her.
In meinem Exemplar ist der Satz grün unterstrichen und mit Bleistift annotiert.
Ja, da haben Sie es. Der Passus ist eingängig, aber er entspricht an dieser Stelle nicht dem marxschen Vorgehen – das vorsichtige Abwägen ist durch ein forsches Erstens/Zweitens ersetzt.
Braucht es das «Kapital» überhaupt noch?
Marx wird, so scheint mir, immer aktueller. Man muss natürlich tief in sein Werk eindringen und es gegen den Strich lesen.
Wie liest man es gegen den Strich?
Marx betont beispielsweise im Vorwort zum «Kapital», dass es bei der Kritik von Kapitalisten und Grundeigentümern nicht um die konkreten Personen, sondern um Personifikationen ökonomischer Funktionen gehe. Das ist hilfreich gegenüber jenen 95 Prozent der aktuellen Kapitalismuskritik, die sich so moralinsauer geben.
Aber ist eine ökonomische Kategorie wie das Proletariat noch brauchbar?
Natürlich, das Proletariat hat sich in den westlichen Industriegesellschaften wesentlich verändert. Ich rede nicht von Gesellschaften des Südens; da bleibt ein riesiges Proletariat bestehen. Aber bei uns muss man mit anderen Kategorien arbeiten. Auch da gibt es Ansätze bei Marx.
Zum Beispiel?
Etwa in seiner Analyse des konkreten Arbeitsprozesses. Da beschreibt er, wie die Maschinerie und die grosse Industrie die Überwachung verstärken, was bei den Arbeitern wiederum zu nervlicher Überbeanspruchung führt. Genau das verstärkt sich heute durch die Digitalisierung. Den Begriff der Nervenarbeit neben der geistigen und körperlichen Arbeit habe ich bereits 1986 in einem Artikel in einer DDR-Zeitschrift aufgegriffen – das war damals noch häretisch. Marx definiert das nicht explizit, aber er beschreibt entsprechende Vorgänge, und deshalb muss man ihn erst wieder genau lesen und dann weiterentwickeln.
Marx’ Kernstück, die Arbeitswerttheorie, wird auch von linken Ökonominnen und Ökonomen als unhaltbar oder zumindest als irrelevant abgetan.
Das sind zumeist Missverständnisse. Herkömmlich bezieht man sich auf die ersten Kapitel im «Kapital», wo Marx den Tauschwert als die bei der Produktion eines Dings vergegenständlichte Arbeitskraft definiert. Aber in späteren Kapiteln geht er darüber hinaus und fasst im Tauschwert die zur Reproduktion von Dingen benötigte vergegenständlichte Arbeitskraft. Das ist ein entscheidender Unterschied. Naturstoffe hätten nach der einfachen Arbeitswertlehre keinen Wert, weil keine Arbeitskraft in ihre Herstellung eingegangen ist – Wasser, Luft und so weiter sind «gratis». Doch wenn wir von der Reproduktion ausgehen, bekommen die abgeholzten Regenwälder in Brasilien einen Wert, weil sie reproduziert, aufgeforstet werden müssen. Die Reproduktion von sauberer Luft oder von sauberem Wasser wird ein zunehmend wichtiger ökonomischer Faktor. Das muss in der gesamtgesellschaftlichen Kalkulation berücksichtigt werden. Marx hat schon deutlich davon gesprochen, wie der Kapitalismus die Wurzeln des stofflichen Reichtums, nämlich die Arbeiter und die Erde, untergräbt.
Sie wollen also die Arbeitswerttheorie nicht über Bord werfen, sondern modernisieren?
Ich würde eher von weiterentwickeln sprechen. Sie lässt sich beispielsweise mit neueren Input/Output-Theorien aus der Ökonomie verknüpfen. Die konzentrieren sich auf die Produktionssphäre, bis hin zur betrieblichen Ebene. Um die Verknüpfung mit der Tauschsphäre herzustellen, schlage ich vor, Arbeitswert und Tauschwert zu unterscheiden, obwohl Marx den Begriff «Arbeitswert» selbst nicht gebraucht. Ich meine jedenfalls, die Arbeitswerttheorie hat ihre Anwendbarkeit noch vor sich.
Dagegen wird kritisch eingewandt, Marx habe die überwiegend von Frauen geleistete Gratisarbeit, etwa im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder, vernachlässigt.
Nun, er hat diese Gratisarbeit durchaus berücksichtigt, allerdings nur im Rahmen der kapitalistischen Produktion. Die Hausarbeit dient der Reproduktion der Arbeitskraft und der Arbeiterklasse. Zugleich sah er, dass die Rekrutierung der Frauen für die Fabrikarbeit zur Verwahrlosung der Familie führte. Er hätte deswegen vermutlich ein Verbot der Frauenarbeit unterstützt – was historisch gesehen wohl die Frauenemanzipation behindert hätte. Er war ja nicht in allen Fragen revolutionär.
Haben sich nicht auch etliche seiner Analysen in politischen Umsetzungsversuchen blamiert?
Aus dem marxschen Werk lässt sich nicht direkt eine erfolgreiche Politik entwickeln. Der Wissenschaftler verhält sich zum Politiker wie zum Techniker: Die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist etwas Eigenständiges. Ich würde mich nie getrauen, in ein Auto zu sitzen, das von Physikern gebaut wurde. Natürlich, Wissenschaftler können Anregungen geben, und Techniker sind auf wissenschaftliche Grundlagen angewiesen. Doch die Anwendung verlangt ganz andere Fähigkeiten.
Marx hat sich doch durchaus als Politiker verstanden und als solcher betätigt.
Ja, aber als Politiker hat er ziemlich viel Unsinn gemacht, etwa im Streit mit Michael Bakunin, wodurch die Erste Internationale ab 1872 zerstört wurde. Nein, bedeutend ist Marx als Wissenschaftler.
Sie stellen Ihre neue Ausgabe in eine bestimmte historische Tradition …
Eine Revision der von Engels besorgten vierten Auflage war 1930/31 schon einmal im Moskauer Marx-Engels-Institut erwogen worden. Kurz darauf wurden das Institut und seine Mitarbeiter von Stalin liquidiert. In der DDR ist dann die Engels-Version sakrosankt geworden, und auch im Westen hat man sich meistens darauf abgestützt. Insofern tritt mein Unterfangen auch gegen vorherrschende Lesarten an.
Karl Marx: «Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals». Neue Textausgabe mit USB-Card. Bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski. VSA-Verlag. Hamburg 2017. 800 Seiten. 30 Franken.