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M.Sc. in Business and Economics der Universität Basel, ehemalige Praktikantin bei iconomix.
Themenbereich: Entwicklung, Wachstum, Umwelt; Staat und Gesellschaft
US-Präsident Donald Trump erklärte im Wahlkampf 2016 den amerikanischen Traum für tot. Ein grosser Teil der Bevölkerung scheint dies ähnlich zu sehen. Gemäss Timothy P. Carney, Journalist und Autor, hat ihm diese Aussage den Wahlsieg beschert.
Protestbewegungen wie Occupy Wall Street zeigten die Unzufriedenheit derjenigen, die den Glauben an den amerikanischen Traum verloren haben. Ihre Hauptkritikpunkte waren die soziale und ökonomische Ungleichheit. Insbesondere die Einkommens- und Vermögensungleichheit in den USA wurden von der Bewegung angeprangert.
Soziale Mobilität
Die Ungleichheit in den USA wurde unter anderem deshalb so scharf von der Occupy-Bewegung kritisiert, weil diese die soziale Mobilität erschwert.
Soziale Mobilität bezeichnet die Bewegung zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Positionen. Die sozioökonomische Position hängt von der Bildung, dem Beruf und Einkommen sowie vom Vermögen ab. Meist liegt der Fokus dabei auf dem sozialen Aufstieg, grundsätzlich ist aber auch ein sozialer Abstieg möglich. Soziale Mobilität im Sinne von sozialem Auf- oder Abstieg wird über Generationen hinweg betrachtet.
Es gibt verschiedene Faktoren, die sich auf die soziale Mobilität auswirken. Eine starke Elite, die die Politik zu ihren Gunsten beeinflusst, hat beispielsweise einen negativen Einfluss. Diskriminierungsverbote gegenüber unterprivilegierten Ethnien oder sozialen Schichten haben einen positiven Einfluss. In den Industrieländern wird heute vor allem Bildung als Einflussfaktor berücksichtigt.
Bildung als wichtiger Mobilisator
Bildung hat einen grossen Einfluss auf die Aufstiegschancen. Wer über eine höhere Bildung verfügt, qualifiziert sich für bessere Stellen und steigt dadurch sozial eher auf.
Die OECD hat letztes Jahr einen Bericht zu Bildung und ihrer Wirkung auf die soziale Mobilität veröffentlicht. Darin stellt sie fest, dass eine gute Schulbildung für arme Kinder das erfolgversprechendste Mittel ist, um soziale Ungleichheit zu verringern.
Dabei ist entscheidend, die Startunterschiede möglichst rasch auszugleichen. Mit früherer Bildung sollen die essenziellen sozialen und emotionalen Fähigkeiten gefördert werden, die bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien beim Schuleintritt oft weniger entwickelt sind als bei ihren Altersgenossen.
Eine weitere wichtige Massnahme ist die gezielte Förderung von benachteiligten Lernenden, damit sie Lernende, die mit einem Vorsprung starten, einholen können. Zudem ist es sinnvoll, wenn Schulen sozial durchmischt sind. Damit kann verhindert werden, dass sehr viele benachteiligte Lernende in einer Klasse sind und die individuelle Förderung dadurch zu kurz kommt.
Die gezielte Förderung von benachteiligten Lernenden hilft dabei, Chancengerechtigkeit herzustellen. Chancengerechtigkeit soll einen fairen Zugang zu sozialen Gütern wie z.B. Bildung ermöglichen. Der Unterschied zur Chancengleichheit besteht darin, dass nicht alle den gleichen Zugang erhalten, sondern dass Benachteiligte zusätzliche Unterstützung erhalten, um die Nachteile auszugleichen.
Die Situation in den USA
In den USA haben seit den 80er-Jahren die staatlichen Ausgaben für Schulen und Universitäten stetig abgenommen. Daneben bildete sich ein grosses Privatschulsystem, das die Elite finanzierte. Diese Zweiklassenbildung erschwert die soziale Mobilität.
Eine Studie von Alberto Alesina et al. stellte fest, dass Amerikaner tendenziell optimistisch sind, was ihre Aufstiegschancen betrifft. Dieser Optimismus beeinflusst die Einstellung zu Chancengerechtigkeit und Umverteilung. Da viele Amerikaner denken, dass sie selbst oder ihre Nachkommen einmal zur Oberschicht gehören könnten, sind sie insbesondere der Umverteilung gegenüber sehr kritisch eingestellt.
Die negative Einstellung zur Umverteilung ist auch in der Politik bemerkbar. Das zeigt sich auch in den Gesetzen und Institutionen. So wird in Amerika vergleichsweise wenig umverteilt.
Die Situation in Europa
In Europa ist die Einstellung zu Umverteilung und Chancengleichheit deutlich positiver als in den USA. Das liegt unter anderem daran, dass die Europäer gemäss Alesina et al. weniger von ihren sozialen Aufstiegsmöglichkeiten überzeugt sind. Deshalb wird Einkommensungleichheit in Europa eher als Problem gesehen. Dies ist ein Grund, weshalb in Europa mehr umverteilt wird.
Chancengerechtigkeit wird in Europa als wichtiger Wert gesehen. Deshalb wird relativ viel investiert, um Unterschiede ausgleichen zu können und allen eine gute Schulbildung zu ermöglichen. In Kontinentaleuropa schneiden die öffentlichen Schulen in Vergleichen meist relativ gut ab und Privatschulen spielen eine weniger wichtige Rolle als in den USA oder in Grossbritannien.
Europa und die USA im Vergleich
Im oben erwähnten OECD-Bericht werden verschiedene Länder anhand ihrer PISA-Ergebnisse verglichen. Dabei zeigt sich interessanterweise, dass sowohl in den USA als auch in Europa rund 10 bis 15% der Leistungsunterschiede zwischen den Lernenden auf ihren sozioökonomischen Status zurückgeführt werden können. In den meisten Industrieländern ist dieser Einfluss tendenziell sinkend. Das Zweiklassensystem der USA scheint also in dieser Hinsicht nicht weniger erfolgreich zu sein als die untersuchten europäischen Systeme.
Die Bildungsmobilität, also die Chance, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen, als die eigenen Eltern, ist laut der OECD-Studie in den USA und in Europa etwa ähnlich hoch. Bildung ist ein wichtiger Antrieb für die soziale Mobilität, allerdings kann von der Bildungsmobilität nicht eins zu eins auf die soziale Mobilität geschlossen werden.
So ist die soziale Mobilität in Ländern mit grösserer Einkommensungleichheit tendenziell geringer. Sozioökonomisch benachteiligte Universitätsabsolventen erhalten in Gesellschaften mit grösserer Einkommensungleichheit oftmals weniger Lohn mit der gleichen Ausbildung als ihre Altersgenossen.
Gemäss Alesina et al. sind die Amerikaner tendenziell zu optimistisch, was ihre Aufstiegschancen angeht. Die Europäer sind dafür eher zu pessimistisch. Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» hat die Daten zur tatsächlichen und erwarteten sozialen Mobilität aus der Studie von Alesina et al. in zwei Grafiken veranschaulicht. Diese zeigen, dass die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in Europa im Allgemeinen leicht besser sind als in den USA.
Insbesondere die Wahrscheinlichkeit, dass man vom niedrigsten Einkommensquantil in das höchste aufsteigt, ist in Europa höher. Die Chance, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, ist allerdings dies- und jenseits des Atlantiks relativ klein.
Zum Thema
- NZZ. Der amerikanische Traum ist tot – der Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher (22.11.2018)
- Alesina et al. Intergenerational Mobility and Preferences for Redistribution (Januar 2017)
- OECD. Equity in Education (2018)
- The Economist. Daily Chart: Americans overestimate social mobility in their country (14.02.2018)
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
M.Sc. in Business and Economics der Universität Basel, ehemalige Praktikantin bei iconomix.