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Die «technische Zusammenarbeit» sollte die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg aus der internationalen Isolation führen. In Ländern wie Nepal oder Ruanda fand sie vorzügliche Projektionsflächen für ihre Selbstdarstellung.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich für die Schweiz die Frage, wie sie sich in der Nachkriegsordnung positionieren sollte. Mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 setzten sich Normen internationaler Kooperation durch, die das nationale Selbstverständnis auf die Probe stellten. Ein Verharren im Status quo war keine Option: Die Neutralitätspolitik war aufgrund des Verhaltens der Schweiz während der Kriegsjahre in die Kritik geraten, die Reputation des Landes erheblich angekratzt. Gleichzeitig wurde eine Idee schlagartig bedeutsamer, die einen Zugang zur Weltpolitik ermöglichte, ohne formal das Prinzip der Neutralität aufgeben zu müssen: die Idee der Entwicklung. An ihr konnte sich die Schweiz mittels «technischer» Zusammenarbeit beteiligen, ohne sich auf «politische» Zusammenarbeit einlassen zu müssen, wie die BefürworterInnen damals argumentierten.
Mit dem Marshallplan der USA wurde die Entwicklungsidee zum grundlegenden Konzept beim Wiederaufbau Westeuropas. Aber in der Form, wie die Entwicklungsidee nach dem Zweiten Weltkrieg propagiert wurde, war sie auch ein Kind des späten Kolonialismus: Die europäischen Kolonialmächte sahen in ihr einen Weg, ihre Überseebesitztümer in Wert zu setzen, indem deren wirtschaftliche Produktivität durch Investitionen verstärkt werden sollte. Nach Kriegsende wandelte sich die Entwicklungsidee aber rasch von einem kolonialen Akt in die Vorstellung einer Entfaltung universeller sozialer Prozesse – umgesetzt von Menschen, aber angetrieben durch den unaufhaltsamen Gang der Geschichte.
Zwei historische Forschungsarbeiten zeichnen nach, wie die Schweiz damals das Parkett der internationalen Entwicklungszusammenarbeit betrat. Zunächst diejenige von Sara Elmer, die im Sammelband «Postkoloniale Schweiz» (2012) erschien. Elmer beschreibt darin, wie die Schweiz gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte, die internationale Isolation zu durchbrechen, in die sie sich vorher aufgrund ihrer Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zu den Achsenmächten hineinmanövriert hatte. Aussenminister Max Petitpierre entwarf die Maxime der «Neutralität und Solidarität»: Der Status der Schweiz als politischer «Sonderfall» sollte wieder internationale Anerkennung und Legitimation erhalten, indem sie sich auf die Forderungen der Uno nach der Mitfinanzierung ihres globalen Entwicklungsprojekts einliess. So entstand unter Beteiligung mehrerer Bundesbehörden und Vertreter der Privatwirtschaft die Koordinationskommission für technische Hilfe – präsidiert vom Rektor der ETH. Durch den Einbezug technischer Expertise in das unerfahrene Gremium sollte sich die Schweiz von anderen europäischen Staaten abheben, deren Entwicklungsprogramme noch immer Teil ihrer Kolonialpolitik waren.
«Spielfeld» Nepal
In dieser Kommission sei viel über das wirtschaftliche und politische Potenzial für die Schweiz diskutiert worden, schreibt Elmer, während die Implikationen für die Zielländer keine Rolle gespielt hätten. Trotzdem wäre es verfehlt, «den Beginn der Schweizer Entwicklungshilfe als neokoloniales Projekt zur Erschliessung neuer Absatzmärkte und Aufbesserung der Reputation im Ausland» zu beschreiben, so Elmer. Um die Vielschichtigkeit der Beweggründe zu veranschaulichen, beschreibt sie detailliert eine «Expertenreise» nach Nepal, die eine Schweizer Delegation im Jahr 1950 nach antrat. Das Königreich hatte die Schweiz um technische Beratung gebeten. Während die Bundesbehörden diese Mission aus aussenpolitischen – also vor allem wirtschaftlichen – Eigeninteressen unterstützten, waren die teilnehmenden ETH-Wissenschaftler geprägt von den Dekolonisierungsbewegungen, die weltweit Fahrt aufgenommen hatten. Sosehr sie sich aber neokolonialen Bestrebungen verwehrt hätten, so unverkennbar träten in ihren Reiseberichten dennoch tief sitzende koloniale Denkmuster hervor, schreibt Elmer: Deren exotisierende Darstellung liessen Nepal als «Spielfeld» erscheinen, «auf dem sie ihren Jugendträumen und ihrem Forschungsdrang nachgehen konnten».
Während die Kommission auf die Anfrage aus dem Himalajaland mit der Entsendung der «Expertenmission» reagierte, liess sie zur selben Zeit andere Anfragen – etwa aus Sri Lanka und aus dem Iran – versanden. Das ist kein Zufall, und es verweist auf eine wichtige Komponente der frühen Entwicklungspolitik der Schweiz: den Drang, das eigene Selbstbild anderswo in der Welt wiederzuerkennen. Den «Experten» aus dem Alpenland habe Nepal nicht zuletzt «eine Bestätigung des Eigenen im Fremden» geboten, schreibt Elmer, «sahen sie im fremden Land doch eine Art primitive, unverdorbene Version der Schweiz, wo sie – anders als in der Heimat – noch wahre Pioniertaten vollbringen konnten».
Ruanda: Klein, hügelig, bäuerlich
Etwas mehr als zehn Jahre später war diese Sehnsucht nicht verflogen, wie ein Artikel von Lukas Zürcher zu Ruanda zeigt, der im Sammelband «Entwicklungswelten» (2009) publiziert wurde. Die Vorzeichen waren aber neu: Die Schweiz hatte ihre Entwicklungspolitik 1961 durch die Gründung des Dienstes für technische Zusammenarbeit – ein Vorläufer der heutigen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) – institutionalisiert. Immer mehr ehemalige Kolonien erlangten die Unabhängigkeit, wodurch sich auch die Möglichkeiten bilateraler Zusammenarbeit vervielfältigten – und mit ihnen das Potenzial, wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf die «Dritte Welt» zu nehmen. Die wirkmächtige Modernisierungstheorie versprach damals, dass sich «Entwicklungsländer» im Schnellverfahren aus einer «primitiven» Gegenwart in eine «moderne» Zukunft würden hieven lassen. Ein Versprechen, das die jungen Staaten überdies davon abhalten sollte, in die Arme des Kommunismus zu fallen.
Auf die Entscheidungsträger hat das ostafrikanische Binnenland Ruanda eine ähnliche Faszination wie Nepal ausgeübt: «Wir waren uns bewusst, dass wir uns nicht in einem sehr grossen Land engagieren konnten, wo man sehr leicht den Überblick verliert», zitiert Zürcher den damaligen Delegierten für technische Zusammenarbeit des Bundes, August R. Lindt, aus einem Fernsehinterview von 1986. Man habe dann auf der Landkarte «dieses kleine Land» gefunden, das erst 1962 die Unabhängigkeit erlangt hatte. Es war eine vorzügliche Projektionsfläche für Schweizer Selbstdarstellung: klein, hügelig, landwirtschaftlich geprägt. Zudem sei die Regierung unabhängig von Grossmächten und erst noch sparsam, wurde 1963 im Rahmen einer Analyse festgehalten. Als die Schweiz 1964 ihr Engagement in Ruanda begann, habe das folglich nicht zuletzt der «nationalen Selbstvergewisserung in einer sich verändernden Welt» gedient, schreibt Zürcher.
Das mag harmlos klingen. Aber die Selbstversessenheit, mit der die Schweiz ihr Entwicklungsprojekt startete, brachte eine frappante Blindheit gegenüber der politischen Realität in Ruanda mit sich – sowie gegenüber den Implikationen des eigenen Wirkens vor Ort. Auch das zeigt Zürcher in seinem Artikel schonungslos auf: Er zeigt, wie das Kernstück des Schweizer Entwicklungsprogramms in Ruanda – die Verkaufsgenossenschaft Trafipro – bereits im Lauf der sechziger Jahre von der damaligen Hutu-Regierung von Präsident Grégoire Kayibanda als Propagandavehikel vereinnahmt wurde. Und schon zu diesem Zeitpunkt lud dieser seinen Kampf um den Machterhalt gezielt ethnisch auf. Um ihren Verbleib in Ruanda trotz wiederholter Massaker mit Tausenden Todesopfern zu rechtfertigen, beriefen sich die Schweizer Verantwortlichen auf damals gängige Schablonen: Ihr Engagement wirke einer Ausbreitung des Kommunismus in Afrika entgegen. Und mit ihrem Beitrag zur Beschleunigung des «Entwicklungsmechanismus» würden sie helfen, den Gewaltausbrüchen dereinst ein Ende zu bereiten. Gerade die Geschichte Ruandas sollte später beweisen, dass es sich dabei in erster Linie um Wunschdenken handelte.