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Rotspiegelamazone
Amazona agilis
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Rotspiegelamazone (Amazona agilis) ist ein Mitglied der Familie der Papageien (Psittacidae), welche rund 330 Arten in 80 Gattungen umfasst. Zwar bestehen zwischen den verschiedenen Papageienarten erhebliche Grössenunterschiede. Das Spektrum reicht vom 8,5 Zentimeter langen, also knapp zaunköniggrossen Blauscheitel-Spechtpapagei (Micropsitta pusio), welcher auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel zu Hause ist, bis zum fast 100 Zentimeter langen, hauptsächlich in Brasilien heimischen Hyazinthara (Anodorhynchus hyacinthinus). Ansonsten bilden die Papageien jedoch eine recht einheitliche, unverkennbare Vogelsippe: Zu den typischen Merkmalen gehören der kräftige, stark gekrümmte Oberschnabel, welcher gelenkartig mit dem Schädel verbunden ist, und die kräftigen Greiffüsse, deren zwei mittlere Zehen nach vorn, die beiden äusseren dagegen nach hinten gerichtet sind.
Die Gattung Amazona
, welcher die Rotspiegelamazone angehört, umfasst - je nach Einschätzung der Experten - 27 bis 31 Arten an. Mit Längen von 25 bis 45 Zentimetern sind die Amazonen mittelgrosse bis grosse Mitglieder der Papageienfamilie. Typisch für ihr Erscheinungsbild sind der verhältnismässig kurze, abgerundete Schwanz, die breiten, gleichfalls abgerundeten Flügel und das überwiegend grün gefärbte Gefieder mit den roten, gelben oder blauen «Abzeichen» an Kopf, Flügeln und/oder Schwanz.
Die Rotspiegelamazone ist das kleinste Mitglied ihrer Gattung: Die Männchen, welche im Durchschnitt eine Spur grösser sind als die Weibchen, weisen eine Länge von ungefähr 25 Zentimetern und eine Flügellänge von etwa 17 Zentimetern auf. Beide Geschlechter sind überwiegend grün gefärbt, haben aber gewöhnlich vereinzelte rote Federchen im Bereich der Stirn und zudem ein Feld aus roten Federn im Bereich der Handdecken. Dieser so genannte «Spiegel», dem die Art ihren deutschen Namen verdankt, ist nur im Flug gut sichtbar. Er wirkt als optisches Signal, welches den Vögeln das Halten des Kontakts untereinander erleichtert, wenn sie in Trupps durch das grüne Blattwerk der Bäume streifen. Der Schnabel der Rotspiegelamazone ist grauschwarz. Dadurch lässt sie sich leicht von der anderen auf Jamaika heimischen Amazone, der ungefähr 28 Zentimeter langen Jamaika-Amazone (Amazona collaria)
, unterscheiden, denn diese hat einen gelben Schnabel.
Scheue Walddachbewohnerin
Papageien sind rund um den Globus herum vor allem in den tropischen und subtropischen, selten auch in den gemässigten Zonen verbreitet. Die Amazonen sind in der Neuen Welt heimisch - von Mexiko im Norden bis Argentinien im Süden. 16 Arten kommen im Bereich der Westindischen Inseln vor, und davon sind 9 endemisch, also nur gerade hier zu finden. Zu diesen «eingeborenen» westindischen Amazonen gehören auch die Rotspiegelamazone und die Jamaika-Amazone. Ihre Heimatinsel, Jamaika, weist eine Fläche von 10 991 Quadratkilometern (Schweiz: 41 285 km2) auf.
Insgesamt leben vier Papageienarten auf Jamaika: Neben den beiden Amazonen handelt es sich um den im mittelamerikanischen Raum weit verbreiteten Aztekensittich (Aratinga nana)
und den aus Südamerika stammenden, 1918 eingebürgerten Grünen Sperlingspapagei (Forpus passerinus)
. Bei einer mysteriösen weiteren Papageienart, welche gewöhnlich als Gelbstirnara (Ara gossei)
bezeichnet wird und gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausgestorben sein soll, ist fraglich, ob sie jemals existiert hat.
Die beiden jamaikanischen Amazonen kommen zur Hauptsache in den feuchtwarmen, immergrünen Urwaldstücken vor, welche in Höhen zwischen 100 und 1400 Metern ü.M. vor allem noch in den John Crow Mountains ganz im Osten Jamaikas und im Cockpit Country im nördlich-zentralen Bereich der Insel übrig geblieben sind. Mit einer Fläche von ungefähr 450 Quadratkilometern und einer maximalen Höhe von 748 Metern ist das Cockpit Country ein besonders wertvolles Rückzugsgebiet der jamaikanischen Vogelwelt. Es beherbergt 27 der insgesamt 28 endemischen Vogelarten und rund 95 Prozent des Gesamtbestands der Rotspiegelamazone.
Bei der Nahrungssuche hält sich die Rotspiegelamazone meistens hoch oben im Kronendach des Waldes auf und verzehrt dort Früchte, Blüten, Nüsse und Samen aller Art. Mitunter besucht sie aber auch Pflanzungen in Waldnähe und tut sich dort an Bananen, Papayas, Mangos und weiteren Früchten gütlich. Wenn sie im Geäst eines Baums Nahrung zu sich nimmt, ist sie schwer zu entdecken, denn zum einen wirkt ihr grünes Gefieder als Tarnkleid. Zum anderen klettert sie stets sehr langsam und unauffällig umher, äussert höchstens ein weiches, leises Brummen und verharrt sofort regungs- und lautlos, wenn sich ein Mensch nähert.
Gewöhnlich streift die Rotspiegelamazone in kleinen Trupps von fünf bis sechs Individuen umher, bei denen es sich um ein erwachsenes Paar und dessen Nachwuchs handelt. Solche Familientrupps können sich zeitweilig, insbesondere wenn saisonal ein reiches Früchteangebot besteht, mit weiteren Trupps der eigenen Art wie auch solchen der Jamaika-Amazone zusammenschliessen und Schwärme von zwanzig bis dreissig Individuen bilden. Wenn solche Schwärme bei Gefahr laut kreischend auffliegen, ist die Rotspiegelamazone am ehesten zu beobachten.
Nistbaum als Territorium
Wie die meisten Papageienarten führt die Rotspiegelamazone ein monogames Leben: Die jungerwachsenen Vögel gehen mit einem Vertreter des anderen Geschlechts einen festen Paarbund ein, den sie gewöhnlich ihr Leben lang aufrechterhalten. Während der Brutsaison verhalten sich die Paare ausgesprochen territorial. Sie besetzen einen Nistbaum und liefern sich in der Folge heftige Kreischduelle mit benachbarten Paaren. Territoriale Kampfhandlungen konnten allerdings noch nie beobachtet werden.
Jeweils Anfang März, gegen Ende der winterlichen Trockenzeit, beginnen die Paare, mögliche Nistbäume auszukundschaften und schliesslich einen davon für sich zu beanspruchen. Wie die meisten Papageien sind sie Höhlenbrüter. Sie schaffen die Nisthöhlungen allerdings nicht selbst, sondern verwenden im Allgemeinen natürliche Höhlungen, welche durch Verwitterung, Verpilzung oder Insektenfrass entstanden sind. Auch leer stehende Höhlungen, welche vom Jamaika-Specht (Melanerpes radiolatus)
geschaffen wurden, sagen ihnen zu. Hat sich das Amazonenpaar für eine Höhlung entschieden, so säubert es sie von Mulm und etwaigem pflanzlichem Abfall. Bei Bedarf vergrössert es die Nestkammer und den Einstieg.
Ungefähr zwei Wochen später, gewöhnlich Mitte bis Ende März, beginnt das Weibchen mit dem Eierlegen. In Intervallen von ungefähr 48 Stunden legt es zwei bis vier Eier. Gleich nach dem Ablegen des ersten Eis beginnt es mit dem Brüten. Das Männchen beteiligt sich nicht am Bebrüten des Geleges, versorgt aber das Weibchen mit Futter, während dieses auf den Eiern sitzt. Interessanterweise erfolgt die Futterübergabe jeweils nicht auf dem Nistbaum, sondern auf einem anderen Baum, der bis hundert Meter entfernt liegen kann. Vermutlich soll hierdurch vermieden werden, dass etwaige Fressfeinde auf die Nisthöhle aufmerksam werden.
Die Jungen schlüpfen nach einer Keimlingsentwicklungszeit von ungefähr 24 Tagen aus den Eiern. Erwartungsgemäss schlüpfen sie gestaffelt, wobei zwischen dem Schlüpfen des ersten und des letzten bis zu sieben Tage verstreichen können. Entsprechend gross sind in der Folge die Grössenunterschiede zwischen den Nestlingen.
Das Weibchen hudert seinen Nachwuchs fast ununterbrochen während rund zwei Wochen und wird derweil vom Männchen regelmässig mit Futter versorgt. Danach verbringt es mehr und mehr Zeit ausserhalb der Nisthöhle und trägt ebenfalls zur Versorgung der nimmersatten Jungen bei. Im Alter von etwa acht Wochen sind die jungen Rotspiegelamazonen flugfähig und verlassen dann das Nest in Begleitung ihrer Eltern. Mit ungefähr drei Monaten können sie sich selbstständig ernähren, bleiben aber noch bis zum Beginn der nächsten Brutsaison mit ihren Eltern zusammen.
Ende der 1990er-Jahre führte Susan Koenig im Rahmen des «Jamaican Parrot Project» (siehe unten) eine drei Jahre währende Feldstudie über das Verhalten und die Ökologie der Rotspiegelamazone durch. Dabei zeigte sich, dass nur ungefähr ein Drittel aller Nestlinge bis zum flugfähigen Alter überlebt. Dies hat zwei Ursachen: Einerseits kommen auch bei Dreier- und Vierergelegen in der Regel bloss zwei Junge auf; die jüngeren, kleineren gehen früher oder später ein, weil sie im Nahrungswettstreit zwischen den Nestlingen stets unterliegen. Andererseits erfolgen nicht selten Nestplünderungen durch natürliche Fressfeinde; zu nennen ist vor allem die bis zu 3,5 Meter lange und geschickt kletternde Jamaika-Schlankboa (Epicrates subflavus)
.
Schwindende Wälder
Die Westindischen Inseln wiesen einst eine überraschend reiche Papageienfauna auf. Zur Zeit der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus und andere europäische Seefahrer lebten mindestens 28 Papageienarten auf den Westindischen Inseln (exkl. den vor Venezuela liegenden Festlandinseln Trinidad, Tobago, Margarita, Bonaire, Curaçao und Aruba), nämlich 7 Aras (Gattung Ara
), 9 Keilschwanzsittiche (Gattung Aratinga
) und 12 Amazonen (Gattung Amazona
). Heute, 500 Jahre später, überleben hiervon nur noch 12 Arten. Vollständig verschwunden sind die Aras, von den Keilschwanzsittichen sind 5 ausgestorben, und von den Amazonen existieren 3 nicht mehr. Kommt hinzu, dass die überlebenden Arten allesamt mehr oder weniger stark in ihrem Fortbestand gefährdet sind. Die Vernichtung der Inselwälder und damit der Papageienlebensräume gilt als die Hauptursache für diese unschöne Entwicklung.
Auch auf Jamaika wurden schon bald nach der Entdeckung (1494) und Besetzung (ab 1509) zunächst die tief liegenden, flacheren Inselbereiche gerodet, um Platz für Siedlungen und Pflanzungen zu schaffen. Später wurden auf breiter Front höher gelegene Inselteile abgeholzt, teils um weiteres Land für Pflanzungen und als Viehweide zu gewinnen, teils um Holzkohle zu erzeugen, teils um die reichen Vorkommen von Bauxit, eines wichtigen Rohmaterials zur Herstellung von Aluminium, abbauen zu können. Heute sind rund 75 Prozent der einstigen Inselwälder gerodet, und von den verbleibenden Waldstücken gelten lediglich 8 Prozent als einigermassen intakt. Letztere, in den abgeschiedensten, unzugänglichsten Inselbereichen gelegen, sind für das Überleben der heimischen Vogelwelt von grösster Bedeutung. Auch die beiden Amazonen sind auf solche Waldungen angewiesen, unter anderem weil sich nur hier geräumige, als Kinderstuben geeignete Baumhöhlungen finden.
Im Jahr 2001 wurde der Gesamtbestand der Rotspiegelamazone auf ungefähr 7500 bis 9500 Paare geschätzt, derjenige der Jamaika-Amazone auf 5500 bis 7500. Diese Zahlen liegen zwar beträchtlich höher als jene, welche 1980 aufgrund sehr pessimistischer Schätzungen bekannt gegeben worden waren (2500 bzw. 1500 Paare). Dennoch gelten beide Arten weiterhin als «Verletzlich». Dies hat zum einen damit zu tun, dass auf Jamaika noch immer Waldstück um Waldstück verschwindet. Zum anderen ist diese Einstufung auf das Risiko zurückzuführen, dass aufgrund des massiven Fremdenverkehrs leicht gefährliche Krankheitserreger wie das West-Nil-Virus (Familie Flaviviridae), welches in Nordamerika bereits weit verbreitet vorkommt, oder das praktisch weltweit verbreitete Vogelpockenvirus (Familie Poxviridae) nach Jamaika eingeschleppt werden können. Epidemien haben für Inselarten oftmals verheerende Auswirkungen, weil ihre Bestände begrenzt sind und sie kaum über Abwehrkräfte verfügen. Nachdem beispielsweise die Vogelpocken nach Hawaii eingeschleppt worden waren, starben dort innerhalb kurzer Zeit mehrere Vogelarten aus.
Dass hie und da einzelne Amazonen illegal für den Vogelhandel gefangen oder - teils für den Verzehr, teils weil sie sich als Ernteschädlinge betätigen - abgeschossen werden, birgt hingegen keine nennenswerte Gefahr für den Fortbestand der beiden Arten.
Jamaican Parrot Project
Erfreulicherweise gibt es auf Jamaika diverse Anstrengungen, welche die Erhaltung sowohl der Rotspiegelamazone als auch der Jamaika-Amazone und ihres Waldlebensraums zum Ziel haben. Unter anderem werden seit 1995 im Rahmen des von verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen und Organisationen getragenen «Jamaican Parrot Project» wissenschaftliche Feldstudien durchgeführt, um die Bedürfnisse der beiden Vögel genauer kennenzulernen. In den Blue Mountains und den John Crow Mountains ist ferner ein Nationalpark eingerichtet worden, welcher auch Amazonenlebensraum umfasst. Des Weiteren wird alles daran gesetzt, dass das Cockpit Country, das Hauptrückzugsgebiet der beiden Amazonen, ebenfalls den Status eines Nationalparks erhält. Gelingt es, dieses Waldgebiet zu retten, so erhalten die grünen Papagei eine gute Überlebenschance - und mit ihnen die meisten anderen endemischen Vogelarten Jamaikas.
Ein sehr wichtiger Schritt in dieser Richtung ist kürzlich erfolgt: Die Regierung Jamaikas hat einem Aluminium-Konzern, welcher im Cockpit Country Bauxit suchen und abbauen wollte, die Lizenz entzogen. «Weil», so Diana McCaulay, die Direktorin der jamaikanischen Umweltbehörde, «der Wald im Cockpit Country für die Grundwasserreserven wichtig, Lebensraum vieler bedrohter Arten und eine kulturelle Gedenkstätte ist.»
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