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Der Name ist schlüssig, ein langes Gedicht. Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch an sich. Und doch: Die Verdichtung der Sprache, die Gewichtung der einzelnen Wörter, das Knappe – massgeblich für die Lyrik – verschwindet im Langgedicht oft. Dies gibt Ausdehnung, Bildern und epischen Strukturen neuen Raum und lässt es sich in anderem Modus bewegen, in andere Richtung als die kurze Dichtung.
Im deutschen Sprachraum etabliert hat sich der Begriff «Langgedicht» ab Mitte der Sechziger Jahre, als Walter Höllerers sechzehn «Thesen zum langen Gedicht» in der Literaturzeitschrift Akzente erschienen und in Deutschland erstmals ein intensiver Diskurs über lange Lyrik entstand. Wenige Jahre später trug der zweite Teil in Allen Ginsberg’s «The Fall of America» den Übertitel «Continuation of a Long Poem of these States». Dennoch ist das Langgedicht, die Bekennung dazu oder die Bezeichnung eines eigenen Texts als solches, bis heute noch nicht Mode geworden. Vielleicht morgen, wer weiss, wird’s der heisse Scheiss.
Einige Beispiele aus dem englischen Sprachraum sind T. S. Eliot’s «The Waste Land» (1922), jünger und etwas bekannter das bereits erwähnte «The Fall of America» (1972) von Allen Ginsberg. Und in den letzten Jahren ist fantastische neue lange Lyrik erschienen, wie: «Brand New Ancients» (2013) von Kae Tempest oder «Bezüglich der Schatten» (2020) von Levin Westermann aus der Schweiz. Es scheint, als würde das Langgedicht gemächlichen Schrittes nun auch seine Ausdehnung im deutschen Sprachraum finden.
Erklärt von: Julia Toggenburger, Autorin und Radiomacherin aus Winterthur