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Ist der Schriftsteller Carl Spitteler für den heutigen Leser noch zu retten? Seine epischen Dichtungen «Prometheus und Epimetheus» und der «Olympische Frühling» werden kaum mehr gelesen; sie waren schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens Fremdkörper in einer dem kritischen Realismus verpflichteten Literatur. Spittelers Roman «Imago» ist vor allem deshalb bekannt geblieben, weil Sigmund Freud den Titel für die von ihm herausgegebene Zeitschrift übernommen hat. Zwar beeindruckt der Roman noch immer durch die Eigenwilligkeit seiner Sprache und das feine psychologische Porträt der Hauptfigur; aber sein Thema, den Gegensatz zwischen Bürger und Künstler, finden wir in Thomas Manns «Tonio Kröger» gültiger abgehandelt. Gewiss sind Spitteler einige bedeutende Gedichte gelungen; aber wir suchen sie in den gängigen Sammlungen deutschsprachiger Lyrik vergeblich.
Wenn Dominik Riedo seiner eben erschienenen Auswahl von Spittelers Texten den Titel «Unser Schweizer Standpunkt» gibt, so stellt er mit Bedacht jenen Text des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers in den Vordergrund, der auch heute nichts von seiner Eindringlichkeit verloren hat und zum dauernden Bestand unseres politischen Schrifttums zählt. Es handelt sich um eine von Spitteler im Dezember 1914 gehaltene Rede. Vier Monate zuvor war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, und die Auseinandersetzung im Westen hatte nach der Marne-Schlacht den Charakter eines mörderischen Stellungskrieges angenommen. Mit Besorgnis stellte Spitteler fest, dass der deutsch-französische Konflikt in unserem Land zu einer Polarisierung zwischen Deutsch und Welsch geführt hatte, die die Einheit der Nation zu gefährden drohte. In beschwörendem Tonfall wies er auf die staatserhaltende Bedeutung der schweizerischen Neutralität hin und stellte fest, dass der Solidarität zwischen den Schweizer Bürgern der verschiedenen Landesteile die weit wichtigere Bedeutung zukomme als der Parteinahme für eine der sich befehdenden Nationen. Die Rede ruinierte Spittelers Ruf in Deutschland auf Dauer. Es widerfuhr ihm Ähnliches wie dem im Schweizer Exil lebenden französischen Schriftsteller Romain Rolland, dessen Schrift «Au-dessus de la mêlée» ihn bei seinen Landsleuten in Verruf brachte. «Unser Schweizer Standpunkt» ist, über seinen Inhalt hinaus, ein Manifest für das politische Engagement des unabhängigen Schriftstellers geworden – so hat es der Historiker Jean Rudolf von Salis gesehen, der dem Text 1965 einen schönen Essay gewidmet hat.
Neben «Unser Schweizer Standpunkt» und «Imago» enthält Riedos Auswahl noch einen Ausschnitt aus dem «Olympischen Frühling», ein paar hübsche Prosaskizzen sowie einige Proben von Spittelers Lyrik. Gerne liest man Gedichte wie «Die Ballade vom lyrischen Wolf» und «Das bescheidene Wünschlein». Und man freut sich am ganz und gar unpreussischen Patriotismus der «Jodelnden Schildwachen», eines Gedichts, dessen Reiz nicht darunter gelitten hat, dass ganze Schülergenerationen es auswendig lernen und vor der Klasse rezitieren mussten.
vorgestellt von Urs Bitterli, Gränichen
Carl Spitteler: «Unser Schweizer Standpunkt. Hrsg. von Dominik Riedo. Luzern: Pro Libro, 200