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Bauen der Zukunft: Gibt es bald Jetpacks auf der Baustelle?
Die Vision von Jetpacks existiert seit fast 100 Jahren. Im Laufe der Geschichte gab es verschiedene Ansätze für die Rucksack-Gadgets, sowohl in Fiktion als auch Realität. Und die Ideen nehmen auch heute nicht ab: Ein Start-up will Jetpacks nun auf die Baustelle bringen.
Der Roman «The Skylark of Space» (links) und die Illustration von «Amazing Stories» (rechts).
Der Traum vom Fliegen mit einem handlichen Rucksack-Gadget begleitet die Menschheit seit langem. Genauer seit fast 100 Jahren: Es wird angenommen, dass 1928 die Vision und die Idee der heutigen Jetpacks erstmals Gestalt angenommen hat. Ein Grund dafür war unter anderem der Science-Fiction-Roman «The Skylark of Space» des Schriftstellers Edward E. Smith.
Dieser handelt von einer Abenteuerreise durchs Weltall, wobei sich der Autor eine Zukunft im Orbit vorstellt und im Verlauf der Geschichte einen interstellaren «Space-Flyer» – also ein Jetpack – erfindet. Die Geschichte erschien ursprünglich 1928 in der Zeitschrift «Amazing Stories», die dafür als Cover die Illustration einer Szene mit dem «Space-Flyer» abdruckte (siehe Bilder oben).
Bell Rocket Belt in Thunderball
Mit der Zeichnung war sicherlich bereits die Inspiration für das Aussehen von Jetpacks gelegt. Aber nicht nur der Roman zählte zu den ersten, der solche Flugobjekte in konkreter Form zum Thema machte. Auch der James-Bond-Klassiker «Thunderball» verband um 1965 erstmals die Fiktion mit der Realität: 007 schnallte sich dort einen frühen Prototypen des «Bell Rocket Belt» um. Dabei handelte es sich um einen Raketenrucksack, der in den 50ern unter anderem für die US-Armee entwickelt wurde.
Die damals neuartige Erfindung von Bell Aerosystems wurde 1961 erstmals vorgestellt. Da der spezielle Rucksack jedoch gerade mal 21 Sekunden «schweben» konnte und dafür rund 19 Liter Wasserstoffperoxid als Treibstoff verbrauchte, beeindruckte das Gerät eher weniger. Zudem hatte auch die Entwicklung des Jetpack-Systems bereits 200‘000 US-Dollar verschlungen, wodurch das Projekt schlussendlich aufgrund der hohen Kosten aufgegeben wurde.
Quelle: Bell Aerosystems
1968 entwickelte Bell Aerosystems für die Apollo-Missionen der Nasa das sogenannte «Bell-Pogo»-System.
Raketentriebwerke im Jetpack
Für Bell Aerosystems war dies jedoch kein Todesstoss, im Gegenteil: Im Laufe der Jahre stellte das Unternehmen weitere Modelle von Jetpacks vor, darunter das «Bell-Pogo»-System, das für die Nasa entwickelt wurde und während der Apollo-Missionen als Transportmittel für die Astronauten auf dem Mond vorgesehen war. Die US-Weltraumbehörde entschied dann aber dazu, dass ein Rover-Fahrzeug für diesen Aspekt der Mission die sicherere Option war.
Um 1969 stellte Bell daraufhin den neuen «Jet Flying Belt» vor. Dieser profitierte von den Fortschritten in der Raketentechnologie in den 50er- und 60er Jahren und war ein Experiment, bei dem Raketentriebwerke in ein Jetpack integriert wurden. Bei Versuchen konnte das Gerät seinen «Piloten» mit einer Geschwindigkeit von knapp 48 Stundenkilometern sieben Meter in die Luft befördern und war sogar in der Lage, 25 Minuten am Stück zu fliegen.
Trotz erfolgreicher Tests verkaufte Bell Aerosystems die damit verbundenen Technologien und Patente schlussendlich aber an das Unternehmen Williams International, nachdem es mit solchen Projekten nicht weiter kam.
Quelle: Williams International
Der «Jet Flying Belt» war ein Experiment, bei dem Raketentriebwerke in ein Jetpack integriert wurden.
Individuelle Raketengürtel für Privatpersonen
Nebst Bell Aerosystems boten auch andere Unternehmen Jetpacks an. 1994 wurden so etwa an einem Konzert von Michael Jackson diverse Stunts auf der Bühne mit dem «Rocketbelt» von Powerhouse Productions vorgeführt. 2006 wurde weiter der «Tecaeromex»-Raketengürtel auf den Markt gebracht, der je nach Gewicht und Grösse des Piloten in unterschiedlichen Layouts hergestellt und mit zusätzlichen Optionen ausgestattet wurde.
Ein Jahr später präsentierte die US-Fima Jet Pack den «Jet Pack H202». Auch diese Variante bediente sich hinsichtlich des Antriebs Wasserstoffperoxid und absolvierte mehrere Demonstrationsflüge vor grossem Publikum. Das Gerät konnte einen Piloten mit einem Gewicht von bis zu 81 Kilogramm tragen. Es erreichte eine Maximalgeschwindigkeit von 112 Stundenkilometern sowie eine Höhe von 36,5 Metern und konnte eine Strecke von 402 Metern zurücklegen.
Der Erstflug des «JB-9» um die Freiheitsstatue von 2015. (Video: Jetpack Aviation)
Testflug mit Düsenrucksack um Freiheitsstatue
Neben der Nutzung von Treibgas als Antrieb wurde um das Jahr 2012 insbesondere auch eine Variante bekannt, die mit Wasserkraft arbeitete. Der sogenannte «Jetlev-Flyer», der vom Kanadier Raymond Li entwickelt worden ist, sieht äusserlich zwar wie ein Raketenrucksack aus, wird aber über einen Rückstoss mittels Wasserstrahlen betrieben, um den Piloten auf und über einer Wasseroberfläche zu halten.
Nebst dem Wasser-Jetpack existieren heute auch weitere, modernere Varianten der Fluggeräte: Ein Beispiel dafür ist der «JB-9», ein Düsenrucksack des amerikanischen Unternehmens Jetpack Aviation. Nachdem der CEO der Firma, Davis Mayman, mit dem Gerät im Jahr 2015 erstmals einen bewilligten Testflug um die Freiheitsstatue bei New York absolviert hatte, titelten begeisterte Medien bereits vom «Einzig wahren Jetpack» und der «Zukunft der Menschheit».
Die turbinenbetriebene Variante von Jetpack Aviation galt im Vergleich zu anderen Modellen als sicher, zuverlässig und einfach in der Bedienung. Seit der Vorführung von vor bald sechs Jahren wird der «JB-9» heute noch immer rege für private Veranstaltungen, militärische und industrielle Aufträge eingesetzt. Zudem bietet das Unternehmen auf seiner Homepage Flugstunden mit dem Düsenrucksack an und wirbt auch bereits für die nächste Innovation: fliegenden Motorrädern.
Start-up will Jetpacks auf Baustelle bringen
Neben dem grundlegenden Ziel all dieser Erfindungen – der Menschheit das individuelle Fliegen zu ermöglichen – gibt es heute auch weitere Aspekte, die diese Technologie erschliessen könnte. Zumindest, wenn es nach den Ingenieuren des britischen Start-ups Maverick Aviation geht. Diese haben nämlich vor Kurzem ein Jetpack vorgestellt, das an schwer zugänglichen Stellen auf Baustellen sowie bei anspruchsvollen Wartungs- und Inspektionsarbeiten eingesetzt werden soll.
Wie Antony Quinn, CEO und Mitbegründer, gegenüber dem Magazin «Constructionglobal» erklärte, funktioniert ihr Jetpack mit dersleben Art Düsentriebwerk wie ein Passagierflugzeug. Nur hätten jene des Geräts die Grösse eines Rugbyballs. Weiter verfüge die Entwicklung über ein computergesteuertes Autopilotsystem, welche das Fliegen präzise und sicher machen soll.
Quelle: University of Southampton Science Park
(v.l.n.r.) Matt Denton, CTO bei Maverick Aviation und CEO Antony Quinn mit ihrem Jetpack.
Einsatz in Onshore- und Offshore-Windindustrie
Quinn sieht vor allem in der wachsenden Onshore- und Offshore-Windindustrie Potenzial für die Anwendung seiner Jetpacks. Denn die Ingenieure müssten dort fast jeden Tag stundenlang auf Leitern die Strukturen erklimmen. Zudem sei es in einer Notsituation fast unmöglich, schnell wieder herunterzukommen. Genau hier soll das Gerät ansetzen.
Das Jetpack des Start-ups ist so konzipiert, dass es freihändig bedient werden kann. Laut dem Bericht der Constructionglobal nutzt es hierfür das Prinzip «Vertical Take-off and Landing» (VOTL), das für sichere Flüge sorgen soll und die Möglichkeit bietet, an bestimmen Orten wie etwa an Windturbinen, Gebäuden oder Bauprojekten mit beschränktem Zugang zu arbeiten.
Leichte Bauteile aus 3D-Drucker
Die Herstellung des Geräts erfolgt unter anderem mit 3D-Drucktechnologie. So besteht das Jetpack aus diversen 3D-Druck-Elementen sowie aus Bauteilen mit Materialien wie Aluminium, kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) und Titan, wodurch es im Gewicht sehr leicht sein soll. Je nach Aufgabe könne es zudem mit Geschwindigkeiten zwischen 16 und 48 Kilometer pro Stunde fliegen.
Für den Antrieb nutzt das Gerät laut der Homepage von Maverick Aviation nachhaltige Kraftstoffe. Um welche es sich hierbei genau handelt, wird jedoch nicht genannt. Weiter biete sich die Möglichkeit, das Jetpack zu einer Schwerlastdrohne umzubauen, die die zehnfache Nutzlast von derzeit auf dem Markt erhältlichen Modellen heben könne.
In einem nächsten Schritt will das Start-up kommenden Sommer nun einen ersten bemannten Testflug durchführen. Zudem wolle man sich um weitere Investitionen bemühen, um das Gerät dann auch auf den Markt bringen zu können. Die Geschichte der Jetpacks wird somit um ein weiteres Kapitel erweitert. Man darf gespannt bleiben, was die Zukunft in diesem Bereich noch bringt.
Linktipp: Geschichte der Jetpacks
Die Seite pocket-lint.com bietet einen umfassenden Überblick zu Modellen und Varianten von Jetpacks, die zwischen 1928 und 2017 in Fiktion und Realität erschienen sind.