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Von den Anfängen der Riehener Familie Wenk
Michael Raith
Von den vierzig schon über hundert Jahre in Riehen blühenden Familien steht die Sippe der Wenk weder hinsichtlich ihres Alters noch in Anbetracht der Zahl ihrer Angehörigen an erster Stelle. Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung teilt sie aber kaum mit einem anderen einheimischen Geschlecht. Diese Aussage wird durch zwei Umstände eingeschränkt: erstens gehörten lange nicht alle Träger des Namens Wenk zum «Dorfadel», und zweitens sorgte die bis in unser Jahrhundert hinein zu beobachtende Riehener Endogamie - das «Ineinanderheiraten» der alten Familien - dafür, dass in den Adern sozusagen aller Abkömmlinge von Urgrossvätern und Urgrossmüttern aus den baselstädtischen Landgemeinden Wenksches Blut fliesst. In Ahnentafeln aus unseren Dörfern findet sich der Name von Meister Philipp, dem ersten Wenk in Riehen, recht oft. Und mancher Angehörige einer anderen Altriehener Familie trägt eine weit grössere Wenksche Erbmasse mit sich, als diejenige seines eigentlichen Vaterstammes. Diese an die den Erzvätern im Alten Testament zuteil gewordenen Verheissungen gemahnende Fruchtbarkeit (z.B. Genesis 22,17) wirft biologische Fragen auf: warum blüht die eine Familie, während die andere arm an Gliedern ist und vielleicht ausstirbt? Der Historiker kann als Antwort höchstens Spekulationen anbieten, was er aber unterlassen soll. Jedenfalls bildet das Thema Wenk nicht einfach Unterhaltungsstoff von und für die Angehörigen einer bestimmten Familie, sondern ein Kapitel von gesamtriehenerischer Bedeutung.
Der Wenkenhof
Der Wenkenhof blickt auf ein weit höheres Alter zurück als die Riehener Familie Wenk. Schon kurz nach der um 600 erfolgten Siedlungsgründung der Alemannen in unserer Gegend - damals entstanden Riehen als Hof des Riocho, Bettingen als Hof des Betto und Inzlingen als Hof des Enzilo - berichten in den Jahren 715 und 800 Urkunden von Vahcinchova bzw. Uuahcincoua, also vom Wenkenhof oder vom Hof des Wacho. Dieser bildete bis zum Ausgang des Mittelalters einen Weiler mit eigenem Gemeindegebiet. Später ging es in demjenigen von Riehen auf. Die Bedeutung des Wenkenhofs unterstreicht eine ganze Anzahl von Flur- und Strassennamen. Sie haben verhindert, dass - im Gegensatz zu den David, Grasser, Mory, Seidenmann, Sieglin, Siegwald und Unholz - ein Riehener Weg nach dem Geschlecht der Wenk oder einem seiner Vertreter benannt werden konnte.
Der Wenkenhof und die Familie Wenk sind also zwei verschiedene Dinge. Haben sie etwas miteinander zu tun? Am Anfang der Geschichte beider stand ein Träger des Namens Wacho. Die Vermutung, es könne sich um die gleiche Person gehandelt haben, überzeugt nicht. Die Familiennamensbildung begann erst Jahrhunderte nach der ersten Nennung des Wenkenhofs. Also muss der Familienstammvater Wacho Generationen nach dem Hofgründer Wacho gelebt haben. Abgesehen davon hiessen viele Leute Wacho, sie brauchten deswegen genausowenig in einem verwandtschaftlichen Zusammenhang zu stehen, wie das heute etwa bei Trägern der Vornamen Hans, Fritz, Maria oder Anna der Fall ist. Zudem finden sich die ersten Angehörigen unserer Wenk über hundert Kilometer Luftlinie vom Wenkenhof entfernt, für eine Zeit, in welcher der Durchschnittsbürger seine Reisen zu Fuss zurücklegte, eine enorme Distanz.
Zur Bedeutung des Namens Wenk
Der erbliche Familienname als Identifikationsmerkmal eines Menschen geht in unseren Breitengraden vor allem auf das 14. Jahrhundert zurück. Der Vorname allein genügte nicht mehr. Trotzdem entwickelten sich oft aus Vornamen Nachnamen: wer vom gleichen Vater, Grossvater oder einem anderen Sippenältesten abstammte, erhielt als Unterscheidungszeichen dessen Namen, ein Vorgang, der sich auch nach Abschluss der Familiennamenbildung in den Dörfern erhalten hat: «'s Fritzihanse» und ähnlich.
Aus Vornamen entstandene Riehener Familienbezeichnungen lauten etwa Bertschmann (von Berthold), David, Götschin (von Gottfried), Gysin (von Giesebrecht), Häner (von Johannes), Martin, Peter und Wenk. Die Schreibweise von Vor- und Familiennamen schwankt, blieb lange dem Gutdünken des Einzelnen überlassen und wurde erst mit der Einführung des Zivilstandes (1870) definitiv festgelegt. Bis dahin lesen wir immer wieder auch «Wenkh», «Wenck» und «Wenckh».
Emil Iselin («Geschichte des Dorfes Riehen», Basel 1923, S. 24) deutet den Namen Wenk als Verkürzung von Wahink und dieses als Bezeichnung der Nachkommen eines Wacho. Es handelt sich dabei um einen alten und von der Nordsee bis zu den Alpen verbreiteten Vornamen. Schon 1263 erscheint bei Überlingen am Bodensee ein Heinrich genannt Wenke. Andere Erklärungsversuche in der Fachliteratur wirken weniger wahrscheinlich.
Warum ist uns der Vorname Wacho nicht mehr bekannt? Abgesehen von der zu allen Zeiten blühenden Vornamenmode spielt im vorliegenden Fall ein besonderer Umstand mit. In «Wacho» steckt eine sprachliche Wurzel mit der Bedeutung «glänzend schön». Es dürfte sich hier aber nicht um die Schilderung des ersten Wenk handeln, sondern um ein germanischen Göttern zugedachtes schmückendes Beiwort, was vielleicht erklärt, weswegen der Vorname im christlichen Mittelalter verlorenging.
Wo der Name Wenk vorkommt
Neben dem Ortsnamen Wenkenhof verzeichnet das Geographielexikon auch Wenkau, Wenkbach, Wenkendorf, Wenkerschlag, Wenkhausen, Wenkheim und zwar sowohl Gross- als auch Kleinwenkheim (alle in der heutigen Bundesrepublik Deutschland und im früheren Böhmen gelegen). Was den Familiennamen Wenk anbetrifft, so beschränke ich mich auf das süddeutsch-deutschschweizerische Gebiet. Er kommt, wie erwähnt, im Bodenseegebiet vor. Von dort erstreckt sich das Verbreitungsgebiet halbmondförmig bis ins Toggenburg. Aber auch in der Basler Region findet sich der Name früh und zwar im Markgräflerland und im Bereich Hotzenwald-Fricktal. Mappach und Welmlingen in der heutigen Gemeinde Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach) dürften ursprüngliche Heimatgemeinden des ersten Zweiges sein. Ob die Hotzenwälder Wenk zu den Markgräflern gehören oder einen eigenen Stamm bilden, lässt sich auf Grund der vorhandenen Unterlagen nicht beantworten.
Die ersten Wenk in Riehen dürften Markgräfler gewesen sein: von 1573 bis 1585 erscheinen eine nicht näher bekannte Brigitta Wenk und 1579 ein Hieronymus Wenk als Taufpaten. Im Jahr 1608 bürgert sich dann mit Philipp ein Vertreter der Ostschweizer Wenk in Riehen ein. Nachkommen der Hotzenwälder Wenk Hessen sich ebenfalls in der Gemeinde nieder: zu ihnen gehören die beiden Ständeräte Gustav Wenk, der Vater (1884-1956, Regierungsrat) und Willi Wenk, der Sohn (* 1914, Rektor), Bürger von Basel und Lampenberg BL. Unser Artikel beschränkt sich im Folgenden auf diejenige Familie Wenk, welche in Riehen heimatberechtigt ist.
Die ursprüngliche Heimat der Riehener Wenk: Homburg im Thurgau
Homburg ist ein kleines Dorf im thurgauischen Bezirk Steckborn. Es Hegt auf dem Seerücken zwischen dem Untersee und Weinfelden. Als Dorf zählt es lediglich gut hundert Einwohner. Dazu kommen die Bauern auf den Einzelhöfen, was eine Gesamtbevölkerung von 573 Personen (1980) ergibt. Homburg ( = hohe Burg) ist ein bekannter Name von Befestigungsanlagen und in diesen sitzender Geschlechter. Auch unser Homburg ist als «Hohenperc» 889 erwähnt und trug noch 1449 an Stelle der heutigen St. Peter und Paul-Kirche - der ursprünglichen Schlosskapelle - eine Burg.
Wichtiger als diese ist das rund 2,2 Kilometer Wegs südwestlich der Kirche im Gemeindebann gelegene Schloss Klingenberg. Auf ihm sassen bis um 1360 die bischöflichkonstanzischen Ministerialien von Klingenberg, von 1448 bis 1651 das ebenfalls konstanzische Rittergeschlecht von Heidenheim, dann bis 1841 die Benediktiner-Fürstabtei Muri im Aargau und seit 1844 private Besitzer: heute beherbergt das Schloss einen Gasthof. Zur Herrschaft Klingenberg gehörte die niedere Gerichtsbarkeit und das Kirchenpatronat zu Homburg. Das blieb von Bedeutung, obwohl bekanntlich seit 1415 die Eidgenossen im Thurgau die tatsächliche Macht innehatten.
Die Anfänge der Reformation zeigten sich in Homburg durch Bilderverbrennungen bereits 1521. Der eigentliche Ubertritt von Pfarrer und Gemeindemehrheit erfolgte 1529. Die dem alten Glauben treu ergebenen Heidenheimer fanden sich damit nicht ab. Unter Ausnutzung von Spannungen in der Gemeinde und allgemeiner Verhältnisse zur Zeit der Gegenreformation setzten die Heidenheimer den katholischen Gottesdienst wieder durch: ab 1557 durfte in der Homburger Kirche nur noch Messe gelesen werden. Eine gewisse Zeit lang lebten im Dorfe noch Protestanten, es blieb ihnen aber zuletzt doch nur die Möglichkeit, sich entweder der Mehrheit anzupassen oder auszuwandern.
Philipp Wenk und die Gegenreformation
Obwohl die thurgauischen Quellen zur Geschichte der Familie Wenk keineswegs ausgeschöpft sind, lässt sich doch ungefähr soviel sagen: Philipp Wenk wurde 1575 in Homburg geboren. Seine Eltern hiessen Philipp Wenk und Elisabeth Pur ( = Bauer, das Geschlecht ist noch heute in Homburg verbürgert). Auch der Vater wirkte als Hufschmied. Geheiratet hat er um 1563, gestorben ist er vermutlich zwanzig Jahre später (also um 1583) und geboren um 1540. Weiter zurück kann der Stammbaum nicht verfolgt werden. Vielleicht war Gebhart (auch Stiger genannt) Wenk, ein Anhänger der Reformation und 1540 siegelnder Ammann, der Vater von Philipp Senior. Von 1510 bis 1525 erscheint ein Heinrich Wenk als Ammann der Gemeinde Homburg und 1465 - als Erster der Familie - Kleinhans Wenk, ebenfalls Bevollmächtigter der Gemeinde. Dass wir hier eine direkte Ahnenfolge vor uns haben, ist möglich, aber nicht sicher. Nachdem 1557 noch Ulrich und Tebiss Wenk in Homburg als Anhänger der Gegenreformation bezeugt sind, stirbt dort die Familie Wenk zu einem noch nicht festgestellten Zeitpunkt (die Kirchenbücher beginnen 1652) aus, während sie in der Nachbargemeinde Wigoltingen weiter blüht.
Philipp Junior trat gegen Ende des 16. Jahrhunderts seine Lehr- und Wanderjahre an. Sie führten ihn in die Basler Spitalschmiede, wo Matthias (1555-1601) und Nikiaus Falkeisen (1556-1610, Sohn eines Cousins des Matthias) seine Meister waren. Ein verlockendes Angebot zog ihn dann an den Hof des zu Pruntrut residierenden Fürstbischofs von Basel. Es war dies damals Jakob Christoph Blarer von Wartensee (1542-1608), im Amt seit 1575, ein erfolgreicher Förderer der Gegenreformation. Philipp geriet nun in die gleichen Schwierigkeiten, welche er schon von Homburg her kannte. In seinem Bürgerrechtsgesuch von 1608 schreibt er darüber: «Demnach ich mich um mehr ein Zeit lang alls uff die 6 Jaren in diser Loblichen Statt Basel meines Handwerks verhalten und mich disentlichen befinden lassen, alls uff die 4 Jahren bey Mathis und Claus Falkisen, die Spittalschmidte, wie auch am Bischofflichen Hoff zu bruntrut, für ein Meisters weiss alls ein Hofschmidt, laut und urkhund[lich] meines Loblichen Abscheides daselbsten gehalten, und do ich mich ihres glaubens halber hette wellen einlassen nach Catholischen Sitten mich verhalten wellen, ich nach daselbsten gutte glegenheit statt und blatz befunden, umb Willen aber ich nit dess Sinnes habe ich mich Widerumben alhero und gon Riechen uf dem Handwerckh daselbsten under Herren Oberuogt Herren Hagenbach [Beat Hagenbach (1557-1631), Obervogt 1602-1626)] Hindersäss weiss verhaltten.» Daraus ergibt sich: im Jahr 1600 kam Philipp Wenk nach Basel und wirkte in der Spitalschmiede ( = Freie Strasse 91). Von 1604 bis 1606 hielt er sich in Pruntrut auf, wo er als Evangelischer aber nicht bleiben konnte. So kehrte er nach Basel zurück und liess sich in Riehen nieder. Warum es gerade Riehen war, kann lediglich vermutet werden, bot doch damals die Stadt in verschiedenen Hinsichten grösseren Anreiz als das Dorf. Vielleicht wollte Philipp zuerst in Basel bleiben, denn im Dezember 1603, also vor seinem Wegzug nach Pruntrut, liess er sich auf Schloss Klingenberg, in seiner Heimat, je einen Manumissions- und einen Mannrechtbrief ausstellen. Beide haben sich im Original erhalten.
Im Manumissionsbrief bestätigt der 1610 im Gachnangerhandel - es handelt sich hier auch um einen Versuch, Evangelische wieder der katholischen Kirche zuzuführen zu schweizergeschichtlicher Bekanntheit gelangte Urner Junker Hector von Beroldingen als Vogt der Heidenheimer, dass sich Philipp Wenk aus der Leibeigenschaft losgekauft habe. Hans Eichhorn (Aichhorn), Statthalter und geschworener Weibel der Herrschaft Klingenberg, bezeugt im Mannrechtsbrief die eheliche Geburt Philipps. Beide Urkunden tragen das Siegel des Beroldingers und bilden die Voraussetzung zur Einbürgerung an einem neuen Ort. Dazu kam es bekanntlich noch nicht. Das Pruntruter Angebot lockte wohl zu sehr. Aber eben: die Bischofsresidenz war Meister Philipp keine Messe wert. Der einzige mir einleuchtende Grund, warum er dann nach Riehen und nicht nach Basel ging, muss die wirtschaftliche Attraktivität der hier zu erwerbenden Schmiede gewesen sein. Für Basel hätte alles andere gesprochen, nicht zuletzt die Bürgerstochter Elisabeth Knöpflin (1576-1645 ), Ehefrau Philipps seit vermutlich 1606. Der Vater Hans Knöpflin, ein «husfürer» ( = Beck) hatte, aus Ravensburg kommend, sich 1565 das Basler Bürgerrecht erworben. Elisabeth entstammte seiner 1573 geschlossenen zweiten Ehe mit Anna Linder (nicht aus Basel).
Einsitz in Rieben
Nach Philipp Wenks eigenen Angaben im Bürgerrechtsgesuch wohnte er seit 1606 in Riehen. In den Akten erscheint sein Name erstmals am 30. August 1607: damals wurde in der noch kleinen Riehener Kirche - die Vergrösserung des Chores und die Erhöhung des Turmes fand erst 1693 ihren Abschluss - das erste Kind auf den Namen des Vaters getauft. Dieser erscheint als «Philip Wenck von Frauwenveldt ein Huffschmid alhie». Dem damaligen Pfarrer Johannes Müller (1561-1631), bekannt als Förderer des Riehener Schulwesens, waren Details der thurgauischen Geographie offensichtlich unvertraut. Bei der nächsten Taufe am 15. Januar 1609 heisst es beim Vater Philipp schon: «burger ... alhie». In der Tat hatte der Basler Rat dem erwähnten Gesuch entsprochen und am 24. Februar 1608 Philipp Wenk den bürgerlichen Einsitz zu Riehen bewilligt, allerdings unter dem zwar selbstverständlichen und nicht besonders gravierenden Vorbehalt, dass er leibeigen bleibe. Von Meister Philipp hören wir nun weiter nichts mehr, ausgenommen bei den Taufen seiner insgesamt sieben Söhne. Die Taufpaten kamen meistens aus der Stadt und weisen womöglich auf Geschäftsverbindungen hin. Eine private Familienchronik vermeldet den am 13. Dezember 1645 zwischen elf und zwölf Uhr nachts in Riehen erfolgten Tod Philipp Wenks.
Wo hat Meister Philipp in Riehen gewohnt? Welches war seine lukrative Schmiede? Ein für den Zeitraum von 1638 bis 1648 gültiger Berain nennt als Bewohner der Liegenschaft Baselstrasse 60 den Schmied Hans (Johannes) Wenk (1609-1680), einen Sohn Philipps. Der Vater war damals wohl bereits tot. Vermutlich lebte er in derselben Liegenschaft. Sie erscheint erstmals 1591 und zwar in Händen des Schmieds Jacob Wiest, Riehener Untervogt von 1584 bis 1601. Es muss sich um einen bedeutenden und reichen Mann gehandelt haben. Zwei seiner Enkeltöchter heirateten Enkelsöhne Philipp Wenks, was den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der aus Homburg zugewanderten Familie unterstreicht.
Warum konnte ein Riehener Schmied zum wichtigen Mann werden? Ohne ihn gab's keine Pflüge und damit kein Brot, ohne ihn gab's auch keine beschlagenen Pferde und damit keinen Transport von Menschen und Gütern. Da der Schmied für seine Leistungen bezahlt werden musste, besass er - im Gegensatz zu den Bauern - Bargeld. Zudem profitierte die neutrale Schweiz wirtschaftlich vom Dreissigjährigen Krieg (1618-1648). Trotzdem war er als Auch landwirt Selbstversorger. Vielleicht hat Philipp Wenk die Schmiede direkt von der damals erlöschenden Familie Wiest übernommen. Zwar handelte es sich nicht um die einzige Esse in Riehen. Aber sie lag verkehrsmässig günstiger als andere: die damals schon rege befahrene Strasse ins Wiesental wurde 1591 eröffnet. Sofort baute Jacob Wiest sein Haus an diese wichtige Verbindungsstrecke. Man fühlt sich an spätere Entwicklungen nach dem Aufkommen der Motorfahrzeuge erinnert. Und es ist kein Zufall, dass die Liegenschaft Baselstrasse 60 heute zwar keine Esse mehr, aber dafür eine Autoreparaturwerkstätte mit Tankstelle beherbergt.
Söhne und Enkel Meister Philipps
Die Ehe Wenk-Knöpflin war mit sieben Kindern - alles Knaben - gesegnet, fünf davon wurden, soweit wir wissen, erwachsen. Philipp, der älteste (1607-1652), ebenfalls Schmied, starb, ohne weitere Nachricht zu hinterlassen, in Murten. Hans Ulrich (* 1612) erscheint 1629 als Taufpate und verschwindet dann. Martin (1619-1663), der Jüngste, zog als Rotgerber 1640 nach Basel, heiratete, wurde Bürger und 1655 Grossrat. Die heute vom Aussterben bedrohte Basler Familie Wenk verdient eine eigene Darstellung. Hier nur soviel: Martin Wenk (1692-1768), ein Enkel des ersten Martin, hatte eine Menge Ämter inne, so war er Zunftmeister zu Gerbern und als solcher Grossrat, dann Mitglied des Kleinbasier Stadtgerichtes, Syndikatsgesandter, Inspektor des Waisenhauses und Appellationsherr. Im Jahre 1717 heiratete er die Pfarrerstochter Anna Parcus (1684-1759). Sein Enkel hiess wiederum Martin (1751-1830), er diente dem Stand Basel als ehrenwerter, aber nicht sehr bedeutender Bürgermeister von 1817 bis zum Tod. Seine 15 Kinder wirkten fast alle in der von Niklaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) gestifteten Herrnhuter Brüdergemeine und zogen deswegen zum Teil in deren Stammlande nach Deutschland. Vielleicht blühen dort noch naturalisierte Zweige der Familie. Nach Riehen zurück kam der Bürgermeistersohn Lucas Wenk (1786-1859) als Pfarrer. Im alten Gottesacker an der Mohrhaidenstrasse ist sein Sohn Martin Emanuel (1820-1838) - seine Taubstummheit gab Christian Friedrich Spittler (1782-1867) Anlass zur Gründung der heutigen Sprachheilschule - begraben. Lucas Wenks Bruder Johann Conrad (1779-1831), Kaufhausschreiber, und sein Schwager, Peter Zäslin-Wenk (1776-1837), Pfarrer in Kilchberg BL, liegen ebenfalls auf dem Riehener Dorffriedhof begraben.
In Riehen blieben zwei Söhne Meister Philipps, nämlich die beiden Hufschmiede Hans (Johannes) und Jacob. Beginnen wir mit Jacob (* 1611). Seine Söhne Philipp (1646-1717) und Hans (1655-1737) betrieben zuerst die grossväterliche Schmiede an der Baselstrasse 60 weiter, sie brachten dort 1680 ihre Initialen sowie die Zeichen eines Hufeisens und eines Pfluges am Scheunentor an (1967 zerstört). Im Jahr 1685 trennten sich dann die Wege: Hans baute sich vor der heutigen Garage an der Rössligasse mit obrigkeitlicher Bewilligung eine eigene Esse (abgebrochen um 1940) und verewigte sich 1697 im Schlussstein dieses Gebäudes wieder mit Initialen und Hufeisenzeichen. Mit Simon Wenk (1747-1783), Schmied in der siebenten Generation, starb ein Zweig der Nachkommen des erwähnten Hans aus, ein anderer Zweig widmete sich dem Metzgerhandwerk, verpflanzte sich mit dem Chemiearbeiter Albert Wenk (1860-1930) nach Bettingen und blüht noch heute. Soviel zu den nicht sehr zahlreichen Nachkommen des 1611 geborenen Jacob.
Der Bruder Hans (Johannes) Wenk (1609-1680), der als Besitzer der Liegenschaft Baselstrasse 60 bereits genannt wurde, überliess das Anwesen seinen Vettern Hans und Philipp. Am 26. März 1655 kaufte er - zunächst mit sieben anderen Riehenern - der Stadt Basel (bzw. der Präsenz des Domstiftes) den Meierhof ab, seit 1662 befand sich dieser Gutshof mit Rechten und Gütern in seinem alleinigen Besitz. Sofort begann Hans zu bauen: er unterkellerte das Gebäude, was die Aufführung von massiven Stützpfeilern bedingte, und setzte sich mit Jahreszahlen und Initialen ein kleines Denkmal. Von seinen zehn Kindern wurden sechs oder sieben erwachsen (bei Jacob Wenk, der als Hutmacher nach Heidelberg zog und 1684 die Manumission erhielt, ist nicht klar, ob es sich um einen Sohn von Hans oder von Jacob handelt). Sie heirateten in regimentsfähige Riehener Familien ein und wurden so selbst regimentsfähig. Theoretisch stand der Zugang zu öffentlichen Ämtern zwar allen Bürgern offen, unter Nachahmung der Verhältnisse in der Stadt gelangte aber nur eine kleine und begüterte Auslese zur politischen Mitverantwortung. Diese bestand in der Regel in der Ausführung von Basler Befehlen. Trotzdem ist der unaufhaltsame Aufstieg des Hans Wenk zu wirtschaftli cher und politischer Bedeutung für den Sohn eines homo novus beachtlich: nachdem die Ehen der Söhne den Weg dazu geöffnet hatten, übernahm Hans 1670 die Statthalterschaft des Weibelamtes und schon 1675 das höchste im Dorf zu vergebende Amt, nämlich dasjenige des Untervogtes. Es blieb dann bis zu seiner Abschaffung 1798 ununterbrochen in der Familie.
Aufstieg zum Dorfpatriziat
Die Weichen waren damit gestellt. Als Untervogt durfte Hans Wenk zwar nicht Müller oder Wirt (der Meierhof besass seit 1656 eine Tavernengerechtigkeit) sein, doch hielt anderes ihn schadlos. Von Amtes wegen stand er dem Dorfgericht vor, überwachte die Gemeindebeamten, beaufsichtigte als Teichmeister die Wasserläufe, wirkte als Gantmeister, besorgte den Salzverkauf und kontrollierte den Einzug von Abgaben. Dafür war er frei von Lasten und besass in der Kirche einen Ehrensitz, auch erhielt er verschiedene Natural- und Geldentschädigungen. Als Inhaber des Meierhofs bezog er den Heuzehnten auf dem Brühl, 200 Kornund Haferstrohgarben aus dem Fruchtzehnten, dazu besass er die Kompetenz, 160 Schafe zu halten. Als Gegenleistung musste er der Gemeinde drei Stiere und einen Eber zur Verfügung stellen. Hans Wenk versuchte mit unterschiedlichem Erfolg, diese bedeutende Stellung seinen Nachkommen zu erhalten. Reichtum erzeugt aber auch Neid und die Rolle des obersten Befehlsempfängers Widerspruch. Dieses Odium hat vorab den Politikern aus der Familie Wenk bis in die Gegenwart manchmal zu schaffen gemacht.
Hans Wenk besass drei verheiratete Söhne: den Schmied Philipp (1639-1708), seit 1675 als Nachfolger seines Vaters Untervogt, Samuel (1644-1705) und Hans (16521719), Untervogt nach dem Tod seines Bruders. Von Philipp stammt der Gemeindepräsident, Civilgerichtspräsi dent, Bezirksschreiber und Geometer Theobald Wenk (1804-1858) ab, nach dem die Linie «Wänkdiebolde» heisst, zu ihr gehörten der Bäckermeister und Gemeinderat Emil Wenk-Weissenberger (1879-1949) sowie seine Brüder Albert (1884-1975), Primarlehrer, und Wilhelm (1890-1956), Kunstmaler. Andere Linien sind nach Amerika ausgewandert oder ausgestorben. Samuels Nachkommenschaft teilte das politische Interesse anderer Stämme weniger, bewies aber in verschiedenen Hinsichten reiche Originalität, man denke hier nur an die beiden «Samelhanse» ( = Söhne von Hans, Sohn des Samuel) Johannes (1867-1938) und Wilhelm (1872-1949) Wenk. Die Familie Samuels blüht heute in zwei Linien: in einer vom «Schüt zengarten» ausgehenden Metzger- und Wirtslinie mit Simon Wenk (1864-1910) als letztem gemeinsamen Vorfahr sowie in einer 1779 durch Heirat nach Bettingen gekommenen Linie, deren letzter gemeinsamer Ahn der Landwirt Johannes Wenk-Bertschmann (1822-1892) ist. Den Meierhof und - wie erwähnt - 1708 die Vogtswürde übernahm Hans. Auch er betätigte sich als Bauherr. Besitz und Dorfamt blieben vor allem seinen Nachkommen. Zwei von überaus vielen Stämmen grünen noch jetzt: einer geht auf den Landwirt, Wirt und Armenschaffner Georg Wenk (1801-1874) und dessen Sohn Hans (Johannes) WenkMarder ( 1825-1898 ), 1876 erster vom Volk gewählter Gemeindepräsident, zurück, der andere über den als letzten Untervogt und Geschichtsschreiber bekannt gewordenen Johannes Wenk-Roth (1752-1820) im Meierhof, dessen Sohn Johannes Wenk-Singeisen (1782-1841), Kleinrat, und Enkel Johannes Wenk-Brand (1816-1891), Appellationsrat, zu dem Landwirt Johannes Wenk (1844-1875): dessen Sohn Otto (1872-1935) war Architekt und Gemeindepräsident, der Enkel Wolfgang (1906-1972) ebenfalls Gemeindepräsident, während ein anderer Enkel Paul Wenk (1900-1982) als Geschäftsinhaber und Lokalhistoriker bekannt geworden ist. Weit über 700 Wenk-Nachkommen Meister Philipps sind zu Jahren gekommen. Ein Jubiläums-Feiertag 1983 vereinigte 150 Personen. Und noch eine andere Zahlenangabe: ein Drittel aller Riehener Gemeindepräsidenten (seit 1798/1803) trug den Namen Wenk. Doch kann dieser Artikel die Entwicklung der Familie seit dem 18. Jahrhundert nicht abschliessend schildern. Hingewiesen sei immerhin auf ihre Bedeutung nicht allein für Politik und Wirtschaft, sondern auch als Bauherren und oft als Vertreter eines Typus reformierter Volksfrömmigkeit.
Die Wappen
Die Familie Wenk ist eines der wenigen Riehener Geschlechter, das seit alters ein Wappen führt. Schon in Homburg zeigt das erwähnte Siegel von Gebhart Wenk aus dem Jahr 1540 ein Wappenbild und zwar einen Schlüssel. In Riehen wurde erst - wie allgemein üblich - das Berufszeichen, nämlich ein Hufeisen, als Wappen geführt. Später erscheint in Basel und in Riehen in der oberen Schildhälfte ein aufwärts schreitender goldener Löwe und in der unteren drei goldene Sterne in Blau über einem grünen Dreiberg. Die Basler Wenk - und damit unterscheiden sie sich von den Riehenern - zeigen auf dem Dreiberg die silberne Majuskel W. Erhalten ist die Petschaft des Untervogtes Johannes Wenk-Roth, das Siegel ist im Empirestil gestaltet.
Ausblick
Familiengeschichten mögen heute etwas Befremdliches an sich tragen. Für viele ist ihr Stellenwert gering. Ob das gut oder schlecht sei, soll hier nicht beurteilt werden. Die Massstäbe unserer Zeit taugen aber oft wenig zum Verständnis des Vergangenen. Welt- und Lokalgeschichte können ohne Berücksichtigung genealogischer Verhältnisse gar nicht geschrieben werden. Auch die Riehener Dorfgeschichte erschliesst sich einem nur dann, wenn man Lebensschicksale wie dasjenige Meister Philipps oder seines Sohnes Hans begreift. So erweitert sich der Blick für das Werden der eigenen Umgebung und damit im besten Fall das Erfassen der eigenen Wirklichkeit. In diesem Sinne hat das Geschlecht der Wenk einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Dorfgemeinschaft geleistet.
Literatur und Quellen (auszugsweiseJ.Josef Karlmann Brechenmacher: «Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen», Limburg 1960-1963 Albert Bruckner (Redaktor): «Riehen. Geschichte eines Dorfes», Riehen 1972 «Familiennamenbuch der Schweiz», Zürich 21968-1971 Eduard His: «Basler Staatsmänner des 19. Jahrhunderts», Basel 1930 «Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz», Neuenburg 1921-1934 Historisches Grundbuch Riehen (im Aufbau) Wilhelm Hoffmann: «Encyklopädie der Erd-, Völker- und Staatenkunde», Leipzig 1864-1869 L(udwig) Emil Iselin: «Geschichte des Dorfes Riehen», Basel 1923 Fritz Lehmann: «Die Aufzeichnungen des letzten Riehener Untervogts Johannes Wenk-Roth im Meyerhof», RJ 1964, S. 37-70 Ortssippenbücher, diverse (für Gemeinden des Kreises Lörrach), sowie Auskünfte von Pfarrer Helmut Fehse, Egringen (EfringenKirchen) Michael Raith: «Aus der Geschichte des Gemeinderates von Riehen», RJ 1969, S. 45-85 (dort weitere Literatur) Michael Raith: «Zwei alte Grabsteine», RZ Nr. 53 vom 31. Dezember 1970 Michael Raith: «Johannes Stump und Samuel Wenk - zwei Riehener Politiker des beginnenden 19. Jahrhunderts», RJ 1971, S. 44-59 Michael Raith : «Vollständige Genealogie Wenk (Paul Wenk-Löliger zum 80. Geburtstag)», Manuskript, Riehen 1980 Michael Raith: «Gemeindekunde Riehen», Riehen 1980 Michael Raith: «Paul Wenk-Löliger zum Gedenken», RJ 1982, S. 183-188 Michael Raith: «Vier Jahrhunderte Riehener Kulturgeschichte dargestellt an der Familie Wenk», Ausstellungskatalog, Riehen 1983 StAB: Bürgerrecht F 2 Einzelne Bürgerrechtssachen Männer (1605-1638) Philipp Wenk von Homburg, verhört 24. Feb. 1608. Kirchenarchiv DD 34,1 Taufregister Riehen-Bettingen 1568-1601. Protokolle Kleiner Rat Bände 11 und 56. Privatarchive: 126 Philipp Wenk (Wenckh); 355 Arnold Lötz «Wenk» Nr. 558.
W(ilhelm) R(ichard) Staehelin: «Wappenbuch der Stadt Basel», Basel o.J. (1917-1928) Gustav Adolf Wanner: «Wolfgang Wenk zum Gedenken», RJ 1973, S. 77-79 P(aul) W(enk): «Stammbaum Wenk», (Riehen), >1938,21961 P(aul) W(enk): «Untervögte und Weibel von Riehen...», (Riehen) 1958 P(aul) W(enk): «Der Meyerhof in Riehen», (Riehen) 1965 (Paul Wenk: Nachlass) Rud(olf) Wigert: «Homburg und die ehemaligen Herrschaften von Klingenberg», Frauenfeld 1903