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Wenn sie nicht schlafen, sind Teens online
Das Mädchen guckte kurz auf, als ich mich im Tram setzen wollte, und nahm mit der linken Hand die Tasche vom Sitz. Der Daumen der rechten Hand tanzte wie ein Irwisch über die Tasten ihres Handys. Als wäre er fernsgesteuert, tippte der Daumen, derweil das Mädchen, zu dem er gehörte, die Tasche auf ihrem Schoss durchwühlte und aus den Tiefen ein Kaugummipack holte. Und noch während ich mich fragte, wie es nun wohl den Kaugummi aus dem Pack befördern würde, ohne das Tippen zu unterbrechen, drückte das Mädchen mit dem Daumen der linken Hand einen Trident in ihren Mund, und mit dem Daumen der rechten ein «c u» in ihr Handy.
So sieht Multitasking bei den Vertretern der «Ditital Natives» aus, der ersten Generation also, die mit Email, SMS und MMS aufgewachsen ist. Überall sind sie zu beobachten und zuhause zieht man selber welche gross. Tochter II etwa kann so ziemlich jedes Gerät bedienen, das bei uns herumsteht. Sie kann die Waschmaschine starten und den DVD-Player, sie weiss, wie man mit einer Computermaus umgeht, das Menu von Youtube ist ihr so vertraut, wie mir in ihrem Alter vielleicht die Legos. Und sie ruft mich mühelos vom Festnetzanschluss an, obwohl sie zwar noch keine Abfolge von Zahlen richtig tippen kann, aber korrekt den Speicher des Telefons anzapft.
Trotzdem ist uns die Erlebniswelt der digitalen Teenager so fremd wie Grossmama facebook: Denn ausser alarmierenden Studien über das Verbreiten von Pornos via Handy oder das «Sexting», das Versenden von anzüglichen Textmessages, weiss man wenig darüber, wie die Welt ausschaut, wenn man sie sich von Geburt an digital erschliessen konnte. Ändert sich dadurch der Kontakt zu anderen Menschen? Wie sehen Freundschaften aus? Beeinflusst die digitale Kommunikation das Sozialleben?
Diese naheliegenden wenn auch nicht schlagzeilenträchtigen Fragen haben an Gewicht gewonnen, seit die Kaiser Family Foundation Ende März rapportierte, dass amerikanische Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 sich im Schnitt 7,5 Stunden pro Tag mit einem Handy, Computer, MP3-Player oder Game beschäftigen. Habe man vor fünf Jahren noch geglaubt, der Medienkonsum Jugendlicher könne kaum mehr steigen, schreibt die New York Times, so müsse man heute feststellen, dass viele Jugendlichen dank Smartphones nun sozusagen ihre ganze Wachzeit in der virtuellen Welt verbrächten. Mit anderen Worten: Wenn Teens nicht schlafen, sind sie online.
Gemäss der neusten PEW-Studie verschicken und erhalten drei von vier amerikanische Teens regelmässig SMS, und zwar durchschnittlich rund 50 Textmessages pro Tag. Das sind 1500 SMS im Monat! Ein Drittel der befragten Teenager zwischen 12 und 17 (insgesammt waren es 800 Teenager plus deren Eltern, die befragt wurden) gab sogar an, mehr als 100 SMS pro Tag zu verschicken, darunter signifikant mehr Mädchen als Jungen.
Die Studie bestätigt zudem die auch in der Schweiz von Fachleuten geäusserte Vermutung, dass Jugendliche, vorab die Girls, aus sozialen Gründen simsen, nämlich um Kontakte zu schliessen und zu pflegen. In den Staaten sind mittlerweilen fast alle Mädchen und Jungs zwischen 10 und 18, nämlich 93 Prozent, regelmässig online. «Manchmal», gab ein befragtes Mädchen zu Protokoll, «laufen auf meinem Laptop und Handy fünf Gespräche nebeneinander her.» Auch so sieht Multitasking der digitalen Jugend aus. Offensichtlich tippt sie lieber, als dass sie redet: Anrufe tätigten Teens nämlich nur fünf pro Tag, was sicher auch mit der Preispolitik der Aboanbieter zu tun hat. Aber nicht nur: Erste Auswertungen von qualitativen Studien in Princeton und California zeigen, dass das Interesse an der Face-to-Face-Kommunikation durch die schnellere, bequemere und letztlich auch unverbindlichere elektronische Kommunikation zurückgegangen ist. Noch sei es zu früh, daraus Konsequenzen zu ziehen, wird der Psychologe Jeffrey Parker in der New York Times zitiert. Doch Gespräche mit einem konkreten Gegenüber seien immens wichtig, um Empathie, den Umgang mit und die Interpretation von Emotionen, sowie die Codes der nonverbalen Kommunikation lesen zu lernen.
Gary Small, Neurowissenschafter und Psychiatrieprofessor in Kalifornien sowie Autor des Buches «iBrain» behauptet gar, dass die erste Generation der digital Natives ihren Eltern technologisch zwar haushoch überlegen sei, im persönlichen Umgang mit Menschen im Alltag aber an kommunikativer Kompetenz verloren hätten.
Stimmen Sie der Aussage zu? Kommunziert ihr Nachwuchs hauptsächlich via Mail und SMS? Ab welchem Alter ist ein Handy für die Teilnahme am sozialen Netzwerk unabdingbar? Und wie regulieren Sie dessen Gebrauch?
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