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Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebte die Wilener Bevölkerung hauptsächlich von der Landwirtschaft, und dennoch haben insbesondere die Weberei und Stickerei einige noch heute sichtbare Spuren im Ortsbild hinterlassen.
Doch beginnen wir beim Anfang dieses Industrialisierungsprozesses: Die ältesten in der Schweiz gefundenen Spinnwirteln stammen aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. und wurden bei Untersuchungen von Seeufersiedlungen entdeckt. Mit Hilfe dieser Spinnwirteln wurden Fäden aus Flachs oder Wolle gesponnen. Erst im hohen Mittelalter kam dann das Spinnrad auf, und ab 1780 wurde das Spinnrad schliesslich auch in unserer Gegend eingeführt.
Nach dem Spinnen wurden die Fäden zu Stoffen gewoben. In Pfahlbausiedlungen finden wir auch heute noch Webgewichte, die darauf hinweisen, dass der Mensch bereits zu frühesten Zeiten in der Lage war, Tücher herzustellen. Bis ins Mittelalter wurde jedoch wohl in erster Linie Kleidung für den Eigengebrauch hergestellt. Doch dann begann für den Bodenseeraum ein grosser wirtschaftlicher Aufschwung, ausgelöst durch den Export von Leinwand (die durch die Faser der Flachspflanze hergestellt wurde), dem die Entdeckung neuer Seewege und Weltteile voranging.
Auch Wil profitierte von dieser grossen Nachfrage. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde dort eine grossflächige Bleicheanlage erstellt, auf welcher im Frühling und Sommer Gewebe zur Ausbleichung an der Sonne ausgelegt wurden. Wenn Sie das nächste Mal also den Wiler „Bleicheplatz“ passieren, dann versuchen Sie sich doch vorzustellen, wie dieser wohl einst ausgesehen haben könnte.
Mit der Ausweitung des Fernhandels kam es auch zu Entdeckung und Import von Baumwolle, die nach und nach die teurere Leinenproduktion zu verdrängen begann. Im Laufe des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Baumwollspinnerei als Hausindustrie in der Ostschweiz und wurde gar zum wichtigsten Industriezweig, Da Baumwolle jedoch schwieriger zu verarbeiten war als Flachs, wurden in England erste wasserbetriebene Spinnmaschinen erfunden, und die Arbeit verlagerte sich in die Fabrik. Dem Konkurrenzdruck unterworfen, nahm im Jahre 1801 in St. Gallen die erste mechanische Spinnmaschine ihre Arbeit auf, welche in den darauffolgenden 20 Jahren die Handspinnerei in Heimarbeit verdrängte und zur Massenarbeitslosigkeit führte, zu der in den Jahren 1816/17 auch noch der Hunger kam.
Mit der mechanischen Spinnerei nahm auch die mechanische Weberei in den 1820/30er Jahren ihren Anfang, die einigen Heimarbeitern eine Stelle in der Fabrik bot. Doch die meisten Arbeiter blieben nur so lange, bis sie sich einen eigenen Webstuhl leisten konnten, um wieder in Heimarbeit für den Export tätig zu sein, wobei auch hier die Leinwandweberei durch die Baumwollweberei ersetzt wurde. Da die ersten Webmaschinen nur grobe Stoffe herstellen konnten, war man noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auf Textilien angewiesen, die auf Handwebstühlen gefertigt wurden.
Der Aufschwung von Spinnerei und Weberei führte auch zum Aufschwung der chemischen Industrie, zu Druckerei und Färberei. Auch in unserem Dorfe wurde im Jahre 1889 eine solche gegründet, nämlich die „Chemische Kleiderfärberei und Waschanstalt Knecht“.
Mit dem Wunsch nach Verzierungen auf den gewobenen Stoffen ward auch die Stickerei geboren. Diese feinen Arbeiten konnten besonders gut in Heimarbeit von Hand ausgeführt werden, da sie nur in kleinen Mengen produziert werden mussten. Zudem stellte auch sie einen willkommenen Nebenverdienst dar, da sie dann ausgeübt werden konnte, wenn sich keine Feldarbeit verrichten liess. Zwischen 1840 und 1860 erlebte die Handstickerei ihren Höhepunkt. Einige Jahre später standen die ersten Handstickmaschinen zur Verfügung, und mit ihnen fasste die Stickerei auch im Thurgau und in unserem Dorfe Fuss. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten wurden in Wilen neue Wohnhäuser (beispielsweise an der Freudenbergstrasse) gebaut, die im Erdgeschoss Räumlichkeiten für Handstickmaschinen aufwiesen. Da diese ca. 6 x 2 Meter grossen Maschinen sehr viel Platz einnahmen und in vielen Häusern kein Raum dafür vorhanden war, wurde an manchen Orten gar ein Sticklokal angebaut. Einige von diesen Anbauten stehen auch heute noch. Sie zeichnen sich durch grosse Fenster aus, da für die feinen Sticker- und Fädelarbeiten viel Tageslicht benötigt wurde.
Von 1900 bis 1910 stieg die Einwohnerzahl in Wilen um über 60% auf 608 Personen an.
Mit dem Aufkommen der Schifflistickmaschinen, und somit mit der Massenproduktion, wurde die Handstickerei in den Hintergrund gedrängt. Doch mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ging auch die Luxusindustrie zu Ende, und die Weltwirtschaftskrise brachte die Textilindustrie schliesslich zum endgültigen Erliegen. Bis in die 1950er Jahre blieb die Einwohnerzahl in Wilen schliesslich praktisch unverändert.
Text: Daniela Wiesli