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Was bedeutet es für jemanden, der literarisch schreibt, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Begriffe «Öffentlichkeit» und «Markt» von Jahr zu Jahr deckungsgleicher werden? Was bedeutet für ihn die alternativlose entöffentlichte Vermarktung seiner Arbeit?
Tendenziell vermutlich folgendes: Es entsteht auch in den differenzierteren Köpfen die Evidenz, dass es ausserhalb des Marktes keine Öffentlichkeit gibt. Daraus folgt: Wer veröffentlichen will, muss vermarktet werden wollen. Wer nicht vermarktet werden will, will nicht veröffentlicht werden. Oder anders: Wer auf den Laufstegen der Öffentlichkeit nicht als Mannequin oder Dressman seiner selbst auftreten will, kann nicht AutorIn sein.
Diese Evidenz bedeutet, dass junge Schreibende, deren verständlicher Ehrgeiz es ist, publiziert oder doch über den eigenen Bekanntenkreis hinaus wahrgenommen zu werden, es sich mit dem besten Willen nicht mehr leisten können zu denken, dass «Öffentlichkeit» und «Markt» zwei verschiedene Dinge sind und in einer Demokratie, die mehr wäre als eine Diktatur des «freien» Marktes, auch zwei verschiedene Dinge bleiben müssten.
Daraus folgt die Frage: Was bedeutet es für die Literatur, für die Publizistik überhaupt und für die politische Kultur, wenn auch die öffentlich schreibend Kommunizierenden den Markt als Teil der nicht-demokratischen Privatwirtschaft gleichsetzen mit der Öffentlichkeit als dem Ort, an dem eigentlich die Verständigung von grundsätzlich Freien und Unabhängigen stattfinden müsste? Was bedeutet es im speziellen für die kritische Funktion, die viele dieser öffentlich schreibend Kommunizierenden für sich in Anspruch nehmen?
(21.02.1999; 14.+15.02.2018)
In erster Linie bedeutet dies wohl, dass auch das Nicht-Demokratische der Privatwirtschaft immer weniger bedacht werden kann. An die Parole, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Demokratie vor den Fabriktoren halt macht (weil intern Mitsprache und Mitbestimmung und extern die Kooperation mit dem Gemeinwohl höchstens zur Imagepflege gewährt werden), erinnern sich schon heute nur noch Grosseltern mit 68er-Vergangenheit. Im Übrigen hat die postindustrielle Gesellschaft auf die Parole von der durch die Fabriktore halbierten Demokratie zugegebenermassen originell reagiert: Sie hat aus den Fabriken alternative Kulturzentren und damit Spielwiesen der Basisdemokratie machen lassen. Dafür hat sie ausserhalb der rostenden Fabriken eine deregulierte Dienstleistungswelt aufgebaut, in der die «altbekannte ‘Unsicherheit der Lebenslage’» als «einst hervorstechendste[m] Merkmal der Proletarität» zur neuen Normalität geworden ist.[1]
[1] Michael R. Krätke: Hat das europäische Sozialmodell noch eine Zukunft?, in: Widerspruch, Nr. 48/2005, S. 91.
(21.10.2005; 14.+15.02.2018)
Eine zweite Antwort auf die Frage des Werkstücks: Wenn Öffentlichkeit nur noch als Markt denkbar ist, ist veröffentlichte Spracharbeit nur noch als Propaganda denkbar, als Public relations für jene, die die Öffentlichkeit – also den Markt – kontrollieren. Das gilt auch für literarische Produkte, die in diesem Fall für ihre Geldgeber ungefähr die Funktion erfüllen, die Native Advertising in den Informationsmedien hat.
Dass seit den 1980er Jahren ein Entwicklungsprozess in diese Richtung im Gang ist, steht für mich ausser Zweifel. Er ist die Praxis der neoliberalen Ideologie, wobei gilt: In dem Mass, in dem staatliche Strukturen privatisiert werden, in dem Mass wird aus Öffentlichkeit Markt. Nicht nur der Service public, der den Sozialstaat garantiert hat, sondern auch die Öffentlichkeit verschwindet Jahr für Jahr mehr hinter den Fabriktoren der Privatwirtschaft. Die «Post-», «Schein-» resp. «Fassadendemokratie» kann’s gelassen nehmen: Wo die unternehmerische Freiheit beginnt, ist die Politik nicht mehr zuständig.
Und was bedeutet die Entwicklung für die Literatur? – Seit Literatur als unabhängig kritische Stimme in den neunziger Jahren aus der Öffentlichkeit verschwunden ist und von den Medien zunehmend nur noch als ökonomisch unbedeutender, aber immerhin ab und zu origineller Nischenmarkt abgebildet wird, kann auch sie es gelassen nehmen: Das letzte, was man von der heutigen Literatur verlangen würde, wäre, irgendwo zuständig zu sein.
(09.+14.02.2018)