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Der ehemalige Poch-Aktivist Werner Seitz leitet heute als Politologe und wissenschaftlicher Adjunkt im Bundesamt für Statistik den Bereich Wahlen und Abstimmungen. Seine Dissertation ist die akribisch aufgearbeitete Geschichte des Begriffs der «politischen Kultur» und der Versuch, ein geläufiges Schlagwort, das die psychologische, «subjektive» Dimension der Politik meint, politologisch sinnvoll zu deuten und abzugrenzen.
Zwei Schlüsse sind für Seitz zentral: «‘Politische Kultur’ ist kein moralischer Begriff» (269). Und: Zum Begriff führt «kein ‘Königsweg’», vielmehr würden die Konturen einer untersuchten politischen Kultur am ehesten sichtbar, wenn bei der wissenschaftlichen Annäherung ein «interdiszplinäres Akkumulieren und Vernetzen» angewendet werde (274). Das Fassen des Begriffs ist deshalb so schwierig, weil politische Kultur keine empirische Tatsache ist: «Sie ist weder sicht- noch messbar, und auch ihre konkrete Wirkungsweise kann nicht exakt nachgewiesen werden. Im politischen Leben eines Kollektivs sind einzig gewisse Spuren und Kontinuitäten feststellbar, die als Effekte der politischen Kultur verstanden werden können.» Diese Begriffsdeutung, die Seitz als Quintessenz aus seiner Untersuchung zieht, hat zur Folge, dass politische Kultur nur quasi post festum erläutert werden, niemals aber «in Bezug auf absehbare Wirkungen» definiert werden könne. (270)
Die politologische Auseinandersetzung mit der «politischen Kultur» nahm ihren Ausgang in den fünfziger Jahren in den USA. Von vorrangigem Forschungsinteresse waren damals Fragen, die sich aus jener nach der politischen Stabilität ergaben: Warum erwiesen sich in den zwanziger und dreissiger Jahren die angelsächsischen Demokratien gegenüber totalitären Strömungen als resistenter als die kontinentaleuropäischen? Und: Wie könnten die nach der Entkolonialisierung entstandenen neuen Staaten in Richtung einer liberalen Demokratie gefördert werden? Mit «The Civic Culture» entwarfen Gabriel A. Amond und Sidney Verba 1963 den Idealtypus einer politischen Kultur, der die Stabilität der liberalen Demokratie bestmöglich garantiere. Ihr Geheimnis sei die optimale Verbindung von modernen partizipativen und traditionellen «untertänigen» Verhaltensweisen der BürgerInnen. Diese Annahme lief darauf hinaus, dass Stabilität dann garantiert sei, wenn im Notfall die Mitsprache des Einzelnen zugunsten einer effizienten Regierungstätigkeit zurückgebunden werde.
In der deutschen Politikwissenschaft kam die Diskussion um den Begriff der «politischen Kultur» Ende der sechziger Jahre auf. Sie wurde in teilweiser Opposition zu den US-amerikanischen «founding fathers» geführt, deren Ergebnisse die kontinentaleuropäischen politischen Kulturen nur unter dem Aspekt des Defizits gegenüber der angloamerikanischen analysiert hatten. Statt die politische Kultur nur instrumental, bezogen auf ihren Beitrag zur politischen Stabilität zu fassen, suchten verschiedene WissenschafterInnen neue Zugänge zum Begriff. Für Seitz eines der interessantesten Konzepte ist jenes von Karl Rohe, der politische Kultur definiert als «die für eine soziale Gruppe massgebenden Grundannahmen über die politische Welt und damit verknüpfte operative Ideen, soweit sie sich mental und/oder habituell auskristallisiert haben». Nach Rohe besteht politische Kultur deshalb einerseits aus einer Sozialkultur, die es als undiskutierte Selbstverständlichkeit immer schon gibt und in die man «hineinsozialisiert» wird – und aus einer Deutungskultur, die die Selbstverständlichkeit der Sozialkultur einerseits dauernd in Frage stellen, andererseits dauernd neu schaffen muss.
Aus marxistischer Sicht hat Heide Gerstenberger Ende der siebziger Jahre argumentiert, die wichtigsten Elemente der politischen Kultur seien die «gängigen Anschauungs- und Verhaltensweisen»: «Die Traditionen der politischen Kultur eines Landes sind deshalb so einflussreich, weil sie fest in den Sozialisationsstrukturen verankert sind.» Mit anderen Worten: Politische Kultur werde massgeblich von dem geprägt, was man in Anschluss an Antonio Gramsci als «kulturelle Hegemonie» des Bürgertums bezeichnet. Jedoch: «Kultur hat Herrschaftscharakter, aber ihre Tradierung erfolgt nur durch die Beteiligung aller.»
Seitz’ Buch ist eine ausserordentlich klare und verständlich erklärende Darstellung der wissenschaftlichen Diskussion um die andere Seite der Politik. In einem kürzeren zweiten Teil wird sie ergänzt durch die Auseinandersetzung mit einem spezifischen Teil der schweizerischen politischen Kultur: den eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1874 respektive jenen Abstimmungsanalysen, die Informationen über die verschiedenen regionalen politischen Kulturen enthalten.
Dass sich Werner Seitz schliesslich nicht einer der dargestellten wissenschaftlichen Definitionen der politischen Kultur anschliesst, sondern sich für die weitere Problematisierung des Begriffs durch die interdisziplinäre Erforschung der politischen Kulturen ausspricht, hat einen klugen Grund: «Wer nur mit einer bestimmten wissenschaftlichen Fragestellung und mit einer einzigen Methode die politische Kultur untersucht, darf sich nicht wundern, wenn […] sich in den Ergebnissen nur die eigenen forschungsleitenden Prämissen und Fragestellungen spiegeln.»
Werner Seitz: Die politische Kultur und ihre Beziehung zum Abstimmungsverhalten. Eine Begriffsgeschichte und Methodenkritik, Zürich (Realotopia Verlagsgenossenschaft) 1997.