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Ein Tabu des Dokumentarfilms
Sie sind keine Schauspieler, doch sie sind bereit, ihre Zeit und ihre Persönlichkeit in einen Film einzubringen. Sollen Protagonisten also bezahlt werden? Am Festival Visions du Réel luden Cinébulletin und SSA/SUISSIMAGE die Filmemacher Stéphane Breton und Lech Kowalski sowie die Produzentin Franziska Reck zu einem Gespräch über diesbezügliche Praktiken und Ansichten ein. Moderiert wurde die Runde von Pascaline Sordet, Co-Chefredakteurin von Cinébulletin.
Von Laure Gabus
In seinem letzten Film I pay for your story fordert Lech Kowalski die Einwohner seiner Heimatstadt Utica im Staat New York auf, ihm ihre Lebensgeschichte zu verkaufen. Er versucht auf diese Weise, den Kapitalismus anzuprangern, indem er seine «Überlebenden» bezahlt, diejenigen also, denen «das System keine Chance auf einen Job bietet». Der Filmemacher hat rund 200 Personen interviewt: «Ich habe ihnen 15 Dollar für eine Viertelstunde bezahlt, also wesentlich mehr als den Mindestlohn.»
Allerdings räumt Kowalski ein, dass es vermutlich nichts geändert hätte, wenn er seine Protagonisten nicht bezahlt hätte, denn «das Wichtigste war für diese Leute, ihre Geschichte erzählen zu können.» Lech Kowalski kommt aus dem Journalismus, wo es als unethisch gilt, für eine Geschichte und das Leiden der Menschen zu bezahlen. Indem er die Frage nach der Entlöhnung der Protagonisten bereits im Titel aufwirft, rüttelt der Regisseur an einem Tabu des Dokumentarfilms. Müssen Personen, die sich zu einer Aussage in einem Film bereit erklären, dafür entlohnt werden? Und wenn ja, wie und wofür?
«Das Vertrauen nicht zerstören»
Wie Lech Kowalski arbeitet auch der Filmemacher und Ethnologe Stéphane Breton allein und verbringt jeweils viele Monate vor Ort. Während der Dreharbeiten bezahlt er für seine Unterkunft und Verpflegung oder für einen Mietwagen, weigert sich aber, Menschen nur dafür zu bezahlen, «vor der Kamera stehen», um «ihr Verhalten nicht zu beeinflussen». Er verfolgt eine klare Linie: «Meine Protagonisten sollen aus meiner Anwesenheit einen Nutzen ziehen, aber nicht aus der Tatsache, gefilmt zu werden».
Die Produzentin Franziska Reck bezahlt gelegentlich Protagonisten, insbesondere Künstler, «wenn sie eine Performance darbieten und eigens für den Film arbeiten». Es gehört zu ihrer Rolle, mit den Personen, die im Film auftreten, über Geld zu sprechen und ausserdem sicherzustellen, dass die Rechte vertraglich geregelt werden. Sie tritt erst in Erscheinung, nachdem der Regisseur eine Beziehung zu seinen Mitwirkenden aufgebaut hat: «Es ist wichtig, den richtigen Moment zu finden, um über Geld zu sprechen, damit das Vertrauen nicht zerstört wird».
Kann die Entlohnung der Protagonisten das Vertrauen zerstören? Für Lech Kowalski ist dies unvermeidlich, denn «Geld ist der Teufel». Stéphane Breton sieht es etwas differenzierter: «Die Entlohnung kann in gewissen Fällen eine Tatsache legitimieren und der Stimme der Menschen mehr Gewicht verleihen. Das hängt sehr vom Kontext und den lokalen Bräuchen ab». In Eux et moi filmte der französische Regisseur einen Stamm in Neuguinea. «Sie zu fragen, ob sie bezahlt werden oder über ihre Rechte sprechen möchten, hätte absolut keinen Sinn gemacht, denn sie hätten mich für verrückt gehalten. Dort darf man anderen kein Geld anbieten, das würde als Beleidigung aufgefasst».
«Sie arbeiten für uns»
Wenn die Dreharbeiten die Protagonisten hingegen daran hindern, normal zu arbeiten, müssen sie dann für ihren Lohnausfall und die Störung entschädigt werden? «Ja, denn sie arbeiten für uns», erwidert Franziska Reck. «Wenn wir Leute bei der Arbeit filmen, müssen wir ihnen diese Zeit nicht bezahlen, doch wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Anwesenheit ihre Arbeitsroutine stört. Sie können nicht gleich arbeiten wie sonst, und für diesen Unterschied entschädigen wir sie». Stéphane Breton unterbricht sie: «Wenn man die Leute stört, dann sollte man sie nicht filmen.» «Wir machen unterschiedliche Filme», gibt Franziska Reck zurück, «ich drehe keine ethnologischen Filme, sondern Filme, deren Thema für uns genauso wichtig ist wie für die Protagonisten selbst. In Namibia baten wir eine Gruppe von Musikern, fünf Konzerte für uns zu spielen, und der Film hat ihre Karriere gefördert.»
«Das ist eine Frage der persönlichen Ethik. Wir alle brauchen Geld, um zu leben», wirft Lech Kowalski ein. «Wir alle wollen den besten Film über Lebensgeschichten drehen. Ab und zu gebe ich eine Runde Bier aus oder stecke jemandem zehn Dollar zu. Auf die eine oder andere Weise bezahle ich immer. Die Leute sollen vor allem spüren, dass sie mit ihrer Energie einen wertvollen Beitrag leisten können.» Und müssen diese Zahlungen an die Protagonisten im offiziellen Budget eingeplant werden? Die Frage löst Gelächter aus. «Da muss man lügen», meint Kowalski.
«Eine gleichgestellte Beziehung schaffen»
Lech Kowalski ist der Meinung, jeder Dokumentarfilmer müsse «seine eigene Ethik entwickeln. Das Schlimmste wäre, zu filmen und dann einfach zu verschwinden». Als Beispiel nennt er einen Fernsehsender, der sich weigerte, seinen Film On Hitler’s Highway in Polen zu unterstützen, nachdem der Regisseur erklärt hatte, er wolle die dort arbeitenden Prostituierten entlohnen. «Das sind Mütter, die ihre Kinder in der Stadt zurückgelassen haben, um dorthin zu kommen; natürlich wollte ich ihnen etwas geben! Pech für die Fernsehsender, wenn sie dies nicht verstehen.»
«Was wir Ethik nennen, ist oft vielmehr Ethnozentrismus», unterstreicht Stéphane Breton. «Was wirklich zählt, ist, eine gleichgestellte Beziehung zu schaffen, indem man sich an den lokalen Bräuchen orientiert. Gleichstellung ist das Gegenteil von Paternalismus.» In Neuguinea bezahlte der Regisseur seine Verpflegung, indem er den Leuten im Gegenzug Medikamente gab. In Polen schenkte Lech Kowalski einem Bauern ein Schwein, das für die Dreharbeiten benötigt worden war. «Ich bezahle lieber das Schwein, das ich während Monaten filmte, als seinem Besitzer Geld zu geben, denn Geld verändert die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das sieht man auch bei Erbschaften in Familien». Stéphane Breton fasst zusammen: «Geld ist hilfreich, um eine Beziehung aufzubauen, doch wenn die Beziehung nur auf Geld basiert, so hat man etwas falsch gemacht».