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Seit ein paar Jahren ist es anders. Das Männlein in meinem Hals ist nicht mehr da. Was ich damit meine? Nun, lass mich erzählen:
Wahr Sprechen? Nein.
Seit ich denken kann, schönte ich meine Meinungen. Ich hielt zurück, was an- und ausgesprochen werden sollte und brachte nicht über die Lippen, was mich verletzt oder wütend machte. Ich äusserte meine Ansicht nur, wenn ich ganz direkt danach gefragt wurde; dann aber ehrlich und klar.
Das Männlein
Für mich fühlte sich das so an, als ob ein Männlein mit einer wichtigen Aufgabe in meinem Hals wohnen würde. Dieses war äusserst wachsam, schlief nie und schickte sofort alle nicht genehmen Worte zurück in den Schlund. Dieses Männlein war sehr routiniert, es führte seine Aufgabe seit Jahr und Tag zuverlässig und unbestechlich aus. Es entschied zielsicher, welche Worte bei meinem Gegenüber irgendeine Form der Verletzung oder anderen unangenehmen Gefühle wie Zorn oder Wut hervorrufen könnten.
Wohlwollen
Das Männlein meinte es gut mit mir. Es war ein Teil von mir, den ich aus Selbstschutz im Laufe meines Lebens ausgebildet hatte. Es war dafür besorgt, Gewalt oder andere Arten der Bestrafung von mir fernzuhalten, damals, als das für mein Überleben nötig war. Seine Aufgabe war es, die Verbindung zu den Bezugspersonen zu stärken und zu bewahren, um mir ein grösstmögliches Mass an Zuwendung zu sichern.
Authentischer Ausdruck
Mit der Zeit waren das Männlein und ich so verwachsen, dass ich es kaum noch wahrnahm. Es erledigte selbstverständlich seine Aufgabe, um mich zu schützen. Inzwischen war ich längst erwachsen und hatte mehr und mehr das Bedürfnis, mich authentisch auszudrücken. Sei es im Schreiben oder im Sprechen. Ich erinnere mich gut an den verhaltenen Ausdruck meiner ersten Blogposts im Jahr 2016. Das Kunstschaffen war glücklicherweise mein Schlüssel, um dieser Zensur zu entgehen. Doch mit wahren Worten tat ich mich immer noch schwer. Mir fehlte der Mut.
Das Männlein geht in die Ferien
Und ohne, dass ich gross selbst dafür gesorgt hätte, ging das Männlein in die Ferien. Ich schickte es nicht aktiv fort, doch auf einmal hörte ich mich Worte sagen, bei denen mir klar wurde, mein Männlein hat offensichtlich gerade Pause. Ich erinnere mich gut an diesen Moment; mir wurde heiss und kalt und ich dachte "Barbara, Himmel, das kannst du nicht sagen! Dein Gegenüber wird das nicht akzeptieren."
Ich lauschte erstaunt dem, was sich da den Weg bahnte. Es waren keine bösen oder gemeinen Worte, es waren nur wahre Worte. Klar geäussert, jedoch freundlich und aus dem Herzen. Und was ich befürchtete, trat nicht ein: Mein Gegenüber brauste nicht auf, griff mich nicht an, wurde weder zornig noch beleidigt noch brach die Beziehung. Jedenfalls nicht sogleich. Echtes Sprechen führte erst später zu Klärungen in meinen Beziehungen und es trennte sich die Spreu vom Weizen.
Wahr Sprechen
Ich dachte mir, nun gut, das Männlein wird wieder zurückkommen. Doch nein, es ist nicht mehr wieder gekommen. Inzwischen sind drei Jahre vergangen und ich habe viele wahre Worte geäussert. Gegenüber Freundinnen, Partnern, Ärzten und Therapeuten. Ich äusserte meine Grenzen und meine Wünsche, meine Hoffnungen und meine Befürchtungen. Ich stand und stehe zu mir und bin mir erstmals näher als meinem Gegenüber.
Türkis und das Halschakra
Das Männlein war der Wächter des Türkis. Es zensierte mein Halschakra. Körperlich zeigte sich das darin, dass ich seit dem jungen Erwachsenenalter ständig entzündete Mandeln hatte. Die wurden mir mit Mitte dreissig entfernt. Doch natürlich ging es weiter mit anderen Beschwerden: verschwundenen Bandscheiben in der Halswirbelsäule, Zähneknirschen und chronische Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit. Auch wenn dieser Bereich nun viel freier ist als früher, sind strukturellen Veränderungen da.
Das Halschakra ist das energetische Zentrum für den Ausdruck. Für die Kommunikation, das Sprechen, die Sprache, die Stimme, das Klingen. Es steht farbpsychologisch gesehen für die verbalen Kommunikation, während das Sakralchakra mit der Farbe Orange für die nonverbale Kommunikation steht.
Ein Geburtstagsgeschenk
Dieses Jahr schenkte ich mir zum Geburtstag den Kurs "Chakren und Stimme" bei Denise Steiner. Er ist ein Teil des Kurszykluses "healing & voice". Wir beschäftigten uns in einer kleinen Gruppe mit dem frei werden des Halschakras. Denise zeigte uns auf, wie die organischen und energetischen Zusammenhänge zwischen dem Sakral- und dem Halschakra sind. Auch das Herzchakra ist wichtig beim Aktivieren des wahren und freien Sprechens und Tönens: Lass deine Worte aus dem Herzen frei.
Freudvolles Erkunden
Ich erlebte grosse Freude beim Erkunden der Chakren mit der Stimme. Klingen, tönen und etwas bewegen und dabei den ganz ureigenen Ausdruck achtsam und neugierig erforschen ist hochspannend. In der ersten Meditation wurde sichtbar, was ist. Nach dem "Löschen" in der zweiten Meditation wurde "auf null" gestellt, was nicht mehr benötigt wird. Diese Arbeit brachte alle Farben meiner Chakren zum Verblassen; ich konnte nur noch schwach glühende Pastelltöne wahrnehme. Danach aktivierten wir in einer weiteren, geführten Meditation all unsere Energiezentren. Nun war die Veränderung für mich deutlich wahrnehmbar: Alle Chakren waren grösser, farbiger, strahlten, glühten und glimmten. Nach diesen Übungen und Wahrnehmung zu sehen, wie sich der eigene Ausdruck über die Stimme bei jedem von uns ein Stück weit mehr befreit hat, ist wunderbar.
Frei und farbig
Der Kurs bei Denise ist eine gute Sache, um deinem Männlein eine Pause zu schenken. Möglicherweise erkennt es und du auch, dass seine Unterstützung nicht mehr so nötig ist. Du machst die Erfahrung, dass es eine Bereicherung ist, die Worte und Töne aus diesem Bereich frei fliessen zu lassen. Du erkennst, wie schön es ist, wenn jeder Mensch sich in seiner Eigenart zeigt. Wie farbig, frei und frisch unsere Welt wird und würde, wenn all unsere Männleins pensioniert würden. Wahre Worte aus dem Herzen geäussert tragen Liebe in sich. Sie sind echt, schön und durchaus gut anzunehmen.
Alles Liebe, Barbara