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Mit ihrer «unkonventionellen Geldpolitik» haben die Notenbanken der grossen Industrienationen die Finanzmärkte mit riesigen Geldmengen geflutet; trotzdem blieben die Konsumentenpreise im Keller. Bei diesem Problem der geldpolitischen Transmission setzt das Gedankenexperiment des «Helikoptergeldes» von Milton Friedman an. Er fragte sich, was wohl geschähe, wenn die Zentralbank das von ihr gedruckte Geld in einen Helikopter laden und über den Bürgern abwerfen würde. Friedman war überzeugt, dass dies steigende Preise zur Folge hätte, zumal Inflation – so das berühmte Credo des Monetaristen – immer und überall ein monetäres Phänomen sei. Mit dem Verweis auf angebliche Deflationsgefahren wird Helikoptergeld bisweilen als das letztmögliche Instrument der Geldpolitik bezeichnet. In einer Pro-und-Contra-Debatte in der neuen Zürcher Zeitung hat sich Rudolf Walser skeptisch zu dieser Idee geäussert. Den im Beitrag erwähnten Text von Michael Malquarty finden Sie hier.
Malquarty reiht sich mit seinem Vorschlag in eine Reihe ähnlicher Ideen. Ben Bernanke griff den Gedanken 2003 auf, im Zusammenhang mit Japan, um dessen Deflation zu überwinden; er erhielt dafür den Spitznamen «Helikopter Ben». In jüngster Zeit haben sich vor allem Willem H. Buiter, der heutige Chefökonomen der Citigroup, und der Oxford-Professor John Muellbauer für einen monetären Stimulus durch einen Geldtransfer an die Bürger starkgemacht. Würde die Europäische Zentralbank (EZB) nach den Vorschlägen von Muellbauer den 275 Millionen Erwachsenen der Euro-Zone mit einer Sozialversicherungsnummer einen Check über 500 Euro zustellen, würden deren Ausgaben um 34 Milliarden steigen und das BIP nähme um 1,4 Prozent zu. Das dadurch induzierte Steuereinkommen würde zudem das staatliche Haushaltdefizit signifikant reduzieren. Die Euro-Zone würde sich gleichsam wie der Lügenbaron Münchhausen am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen. Doch wo liegen die Schwächen des Vorschlages von Malquarty?
Die Zentralbanken im Allgemeinen und die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Besonderen haben die Deflationsrisiken überstrapaziert. Zwar steigt das Preisniveau bei den Konsumentenpreisen in vielen Industrieländern seit einiger Zeit kaum noch, zuletzt verzeichnete es in der Schweiz und der Euro-Zone sogar negative Werte. Übersehen werden dabei aber zwei Aspekte: Erstens liegt die langfristig wichtigere Kerninflation, die volatile Energie- und Rohstoffpreise ausschliesst, immer noch im positiven Bereich. Zweitens hat es wegen der faktischen Nullzinspolitik der Notenbanken auf den Anlagemärkten (Wertpapiere, Immobilien) sehr wohl Inflation gegeben.
Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die strenge monetaristische Sichtweise, wonach eine Ausdehnung der monetären Basis durch die Notenbank mit zeitlicher Verzögerung unmittelbar zu Inflation führt, unter den Bedingungen der Globalisierung noch zutrifft. Trotz expansiver Geldpolitik sind Preiserhöhungen auf den Warenmärkten offensichtlich nicht ohne weiteres durchsetzbar. Dagegen schlägt diese Politik rasch auf die Vermögensmärkte durch. Aus diesem Grund müssten die Notenbanken ihre einseitige Fixierung auf das Konsumentenpreisniveau lockern und der Entwicklung der Vermögenspreise mehr Aufmerksamkeit schenken. Da die Notenbanken die Inflation ohnehin nicht punktgenau steuern können, sollten sie sich durch deren kurzfristige Schwankungen um ihren Trend auch nicht irremachen lassen.
Für die Schweiz kann kaum behauptet werden, der private Konsum habe jüngst gelahmt. Trotz praktischer Nullinflation verzeichnete unser Land «thanks to a solid domestic demand» (OECD 2013) ein stärkeres Wachstum als die meisten Länder der EU. Der private Konsum ist seit 2011 praktisch die stabilste Nachfragekomponente. Selbst nach Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses zeichnet sich weder eine Konsumverweigerung ab, noch dürfte die Erwartung billigerer Güterpreise das Konsumverhalten gross beeinflussen. Zudem ist die Inflationserwartung in der Schweiz kaum derart labil, dass sie gleich aus der Verankerung fällt. Statt dauernd den Teufel der Deflation zu bemühen, wäre der Begriff der Disinflation, verstanden als ein Trend sinkender Inflation, passender.
Malquarty will zwar die individuelle Geldration nicht als bedingungsloses Grundeinkommen, sondern als geldpolitisches Instrument zur Konjunkturstabilisierung verstanden wissen. Faktisch läuft es aber auf dasselbe hinaus, weshalb sich die Einwände gegen das bedingungslose Grundeinkommen auch hierauf anwenden lassen. Eine individuelle Geldration ist unliberal, weil sie die Eigenverantwortung des Individuums schwächt, die Sparer bestraft und damit falsche Anreize setzt. Zudem würde eine jährliche Geldration von 1,5 Prozent des BIP wegen des grossen Abflusses von Konsum ins Ausland kaum mehr als ein Strohfeuer entfachen. Dies zeigt auch die Erfahrung der Bush-Regierung, die 2001 Steuer-Checks über 300 Dollar an die amerikanischen Haushalte verteilt hatte.
Fatal wären die Auswirkungen einer Geldration für die SNB. Geld ohne Gegenleistung an die Bevölkerung zu verteilen, würde nicht nur ihre Glaubwürdigkeit beschädigen, sondern sie auch einem permanenten politischen Druck aussetzen. Da es nach Friedman keinen «free lunch» gibt, müsste das Loch in der SNB-Bilanz nach Logik der doppelten Buchhaltung irgendwie gedeckt werden. Aufs Spiel gesetzt würde auch der Ruf der Schweiz als solide Volkswirtschaft. Die Schweiz würde dem Ausland damit kaum das von Malquarty erhoffte positive Beispiel geben. Es wäre vielmehr zu befürchten, dass mit Blick auf andere fragwürdige wirtschaftspolitische Vorhaben der vergangenen Zeit der Eindruck sich verfestigen würde, die Schweiz habe endgültig ihre wirtschaftspolitische Vernunft und ihren liberalen Kompass verloren.
Der Instrumentenkasten der Notenbanken ist seit Ausbruch der Finanzkrise schon stark erweitert worden. Statt die Geldpolitik noch mehr zu überfordern, ist die Wirtschaftspolitik in die Pflicht zu nehmen. Sie muss die Voraussetzungen schaffen für eine auf Vertrauen und Zuversicht basierende Wirtschaftstätigkeit, indem sie regulatorische, steuerliche und strukturelle Barrieren für Wettbewerb, Innovation und Produktivität beseitigt.
Dieser Artikel erschien in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 16. Februar 2015.