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«Weil Gott Frauen ins Amt will – auf dem Weg zu einer geschwisterlichen Kirche», so lautet der Titel einer Diskussionsveranstaltung der Paulus Akademie in Zürich am 27. Juni. Der Kirchenhistoriker und Priester Albert Gasser geht hier der Frage nach, wie viel Frauenpower schon früher in der Kirche herrschte.
Das Bild von Familie und Frau, das uns geprägt hat, stammt aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ein Bauernhof oder ein Herstellungsbetrieb war im Mittelalter oft ein grösseres Unternehmen mit vielem Personal, wo die Frau des Besitzers oder Pächters auch leitende Funktionen hatte und auch nach dem Tod des Ehemanns das Geschäft selbstständig weiterführen konnte. Dann haben wir die unzähligen Frauenklöster im Mittelalter, die nicht bloss dem Gebet oblagen, sondern oft Institutionen mit grossflächigen Ländereien waren, wo die Äbtissinnen als Managerinnen schalteten und walteten. Ein herausragendes Beispiel: die Fraumünsterabtei in Zürich mit gewaltigem Besitz in der Stadt und in vielen benachbarten und entfernteren Städtchen und Dörfern, bis ins Urner Reusstal hinauf. Die politische und wirtschaftliche Macht der Äbtissin in Zürich war unvergleichlich höher als jene der gegenwärtigen Stadtpräsidentin. Die Nonnen, wenn man sie so noch nennen kann, entfernten sich mit der Zeit immer mehr von der Benediktinerregel. Sie residierten in selbstständigen Wohnungen mit Personal, trugen weltliche Kleidung, durften austreten und heiraten und zwar – man lese und staune – mit ausdrücklicher Bewilligung des Papstes Innozenz VII. in einer Bulle von 1406. Der Papst bezeichnete die Abtei im Fraumünster als Ecclesia Saecularis (weltliche Kirche). Einzig auf das Chorgebet wurde nicht verzichtet. Nach dem Auftreten Zwinglis in Zürich dankte die letzte Äbtissin Katharina von Zimmern 1524 ab, übergab das Kloster samt Besitz der Stadt und heiratete. Damit wurde Zürich in der Reformationszeit eine reine Männerkirche.
Mit Blick auf den grosszügigen Umgang des Papstes mit der Fraumünsterabtei fragt man sich, warum die Päpste in der Reformationszeit sich in Sachen Priesterehe so unnachgiebig zeigten. Hätten sie sich in dieser Frage und in der Reform der Messe und des Abendmahls flexibel gezeigt, wäre die Kirchenspaltung wohl vermeidbar gewesen. Diese konkreten und lebensnahen Dinge brannten den Menschen mehr unter den Nägeln als die Spitzfindigkeiten um die Lehre von der Rechtfertigung, die nicht kirchentrennend war, wie schon das Konzil von Trient aufgezeigt hatte.
Wir wenden uns heiligen Frauen mit grosser Ausstrahlungskraft zu. Hildegard von Bingen (gest. 1179) war auch Äbtissin einer Benediktinerabtei mit überragenden Fähigkeiten und so etwas wie eine Universalgelehrte. Bleibend bekannt geworden ist sie vor allem durch ihre Kenntnisse der Heilkräuter und damit für ihre Sorge um die leibliche Gesundheit. Sie war eine selbstbewusste und charismatische Frau und nahm sich auch die Freiheit, öffentlich zu predigen.
Brigitta von Schweden (1303–1373) brachte acht Kinder zur Welt, reiste durch Europa, setzte sich für den Frieden zwischen Frankreich und England im sogenannten Hundertjährigen Krieg ein, forderte die Päpste wiederholt zur Rückkehr von Avignon nach Rom auf.
Teresa von Ávila (1515–1582), ursprünglich jüdischer Herkunft, war eine grosse spanische Ordensfrau, Reformerin und Mystikerin mit Bodenhaftung und Humor. Wir lassen sie mit zwei Sätzen zu Wort kommen: «Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.» Und: «Tu deinem Leib des Öfteren etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.» In Teresa von Ávila begegnet uns wahrhaftig keine bigotte Frau.
Eine eindrückliche Gestalt aus der Neuzeit: Edith Stein (1891–1942). Eine jüdische Frau aus Breslau, eine Philosophin mit atheistischen Phasen und grossen denkerischen Fähigkeiten. 1922 liess sie sich katholisch taufen, und das in einer Zeit, wo der braune Spuk bereits sein Unwesen trieb. Sie trat später in den Karmelitenorden ein. Bereits im Frühjahr 1933, also wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung, wo alsbald die jüdische Bevölkerung Schikanen und Ausgrenzung zu erleiden hatte, schrieb sie an Papst Pius XI. In diesem Brief steht ein Satz, der die Weitsicht von Edith Stein und ihren Scharfsinn unüberbietbar erhellt: «Wir alle, die wir Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält.»
Als letzte Frau in dieser Galerie nennen wir Mutter Teresa von Kalkutta (1910–1997). Die aus Mazedonien stammende Frau gründete 1950 die Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe, die sich um Waisenkinder, Obdachlose, Kranke und Sterbende kümmert. Sie erhielt 1979 den Friedensnobelpreis. Auch wenn sich unterdessen auch kritische Stimmen an gewissen Formen ihrer Praxis erhoben, eine Powerfrau war sie auf alle Fälle. Aber ein Aspekt ihrer Biografie macht nachdenklich und mitfühlend. Ihren Tagebüchern vertraute sie an, dass sie sehr unter dem Erleben der Gottferne litt. Die Abwesenheit Gottes war für sie persönlich das Kreuz, das sie bei ihrer Tätigkeit begleitete. Ein Phänomen, das nicht nur zeitgemäss erscheint, sondern als eine Last, die viele Mystiker begleitete.
Eine Schweizer Spezialität war die Mobilisierung vieler Frauen im 19. Jahrhundert durch den Kapuzinerpater Theodosius Florentini (1808–1865). Bei den Radikalen als Aufwiegler gejagt und verhasst, ging er mit unermüdlichem Eifer daran, den Bildungsnotstand in der katholischen Schweiz zu bekämpfen durch die Schwesternkongregation von Menzingen. Das beinhaltete auch eine gezielte Frauenförderung als Lehrerinnen, während in anderen Regionen der Schweiz der Lehrerberuf noch längere Zeit eine Männerdomäne blieb. In Ingenbohl gründete er eine neue Kongregation von Schwestern für die sozialen Aufgaben an Kranken, Bedürftigen, Waisenkindern und vielem mehr. Der übereifrige Seelsorgepionier überforderte viele und schliesslich sich selbst.
Ein Wort zur Gegenwart. Im deutschen Sprachraum gibt es an den Theologischen Fakultäten eine grosse Zahl von Frauen als Professorinnen. Dies wird an Kongressen deutlich sichtbar und hörbar. Und das geht bestens ohne Quotenregelung. An der Theologischen Hochschule in Chur haben wir seit Jahren drei hauptamtliche Professorinnen. Eine von ihnen, Eva-Maria Faber, war auch Rektorin. Sie haben also hohe Ämter inne.
Auch im Bildungssektor sind viele theologisch gebildete Frauen im Ordensstand und ausserhalb tätig. Ein hervorragendes Beispiel ist das Kloster Ilanz von den Predigerschwestern. Eine spirituelle Atmosphäre mit Bodenhaftung verbreitete im Schweizer Fernsehen Schwester Ingrid Grave mit der «Sternstunde Religion». Viele Gemeindeleiterinnen mit hohem Ansehen und grossen Erfahrungen gestalten seit Jahren unsere Pfarreien und Seelsorgeräume, profilieren sich in Liturgie, Predigt und Pastoration. Auf dem grossen Feld der Kranken- und Spitalseelsorge sind viele Frauen führend. Das ist auch Frauenpower.
Mit diesen Ausführungen soll nicht gegen die Anliegen auf Frauenordination argumentiert werden. Aber es wäre heilsam, wenn man sich nicht allein auf diese fokussiert, sondern den Blick weitet und würdigt, was in Geschichte und Gegenwart möglich war und ist und welche weiten Felder der Wirksamkeit Frauen heute offenstehen.