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In der Oktoberausgabe 2017 des «Tanz» lasen wir von einem Handbuch für Tanzvermittlung für Jungen. Dabei bezog sich der Autor auf die Geschichte von Billy Elliot, dem Jungen, der in den 80er-Jahren entgegen gängiger Geschlechterrollen seinen Traum vom Balletttanzen wahr machte. Wir fragten uns, wie es heute um die Rolle des Mannes im klassischen Tanz steht. Drei ehemalige Tänzer des berühmten Béjart Ballet Lausanne schilderten uns ihre Sicht auf den Mann im Tanz – damals und heute.
Gabriel Otevrel tanzte unter Heinz Spoerli im Basler Ballett, später im Béjart Ballet Lausanne und im Boston Ballet. Nach einer Rückenverletzung gab er seine Tanzkarriere frühzeitig auf und arbeitete als Ballettmeister und Choreograf an diversen Theatern weltweit. 2009 übernahm er mit seiner Frau die Ballettschule City Ballett Halamka in Bern.
«Ich komme aus einer reinen Tänzerfamilie. Meine Eltern hatten nach ihrer Tänzerkarriere eine Ballettschule in Augsburg eröffnet. Früh zeigte mein Vater mir Stücke von Maurice Béjart. Das erste war «Sacre». Ich dachte sofort: das möchte ich irgendwann einmal tanzen. Mit 12 Jahren ging ich nach Stuttgart an die John Cranko Schule. Ich tanzte in verschiedenen Engagements. Als ich dann 1991 ans Béjart Ballet Lausanne kam, ging ein Traum in Erfüllung. Ich tanzte zwar nur eine Spielzeit, weil ich anschliessend unbedingt an ein klassisches Haus in den USA gehen wollte. Dieses eine Jahr aber war so erfüllend wie ganze fünf Jahre – für mich als Tänzer, Lehrer und Choreograf. Mit dieser Masse an Menschen auf der Bühne zu arbeiten und dennoch das Profil jedes Einzelnen hervorzuheben, das Entspricht einer genialen Begabung des Choreographen.
Der Tanz sei für den Mann, hatte Maurice Béjart einmal gesagt. Im Gegensatz zur gängigen Meinung, empfinde ich den Mann als Partner im Pas-de-Deux nicht in einer Nebenrolle. Dennoch kann ich sagen, dass Béjart den Mann im Tanz revolutioniert hat. Sie war unglaublich, diese geballte männliche Dominanz, die seine Produktionen transportierte. Auch wenn er bisweilen gern mit weiblichen Tänzerinnen arbeitete, blieb der Mann als Tänzer für ihn die eigentliche tragende Kraft seiner Choreografien.
Heute sind die Geschlechterrollen im Tanz fluider geworden. Ich habe Tänzer gesehen, die über einen femininen Ausdruck verfügen, der manch eine weibliche Kollegin in den Schatten stellt. Ich persönlich präferiere den Mann klassisch: männlich und stark. Für mich bleiben Technik und Ästhetik geschlechterspezifisch. Das schliesst Gleichberechtigung auf der Bühne keinesfalls aus».
[Bild: Gabriel Otevrel im Stück «Dionysos»von Maurice Béjart © Béjart Ballet Lausanne]
Thierry Deballe ist Tanzlehrer an der renommierten Schweizer Tanzschule Atelier le Loft in Vevey und Coach für verschiedene andere Tanzschulen sowie professionelle Compagnien. Er war Mitglied des Les Ballets de Monte Carlo und tanzte anschliessend für mehrere Spielzeiten bei Béjart. Dort wurden ihm diverse Solistenrollen zuteil:
«Reine Neugier trieb mich zum Tanz – da war ich acht Jahre alt. Es gab einige Jungen, die mit mir im Konservatorium tanzten, denen ich nacheiferte. Für meine Ausbildung ging ich an die Ballettschule der Opéra national de Paris. Dass ich vor allem klassischen Tanz tanzte, ergab sich von selbst. 1989 ging ich an das Les Ballets de Monte-Carlo. Neun Jahre später wechselte ich zum Béjart Ballet Lausanne. Maurice Béjart ist für mich ein Pionier: In seinen Inszenierungen hörte der Mann auf, nur Bühnenpartner zu sein und wurde zum eigenständigen Interpreten. Béjart brachte das künstlerische Potenzial einer jeden Person hervor. Es war ein grosses Glück, mit ihm zu arbeiten, dass merke ich, wenn ich mich an die Jahre mit ihm zurückerinnere.
Heute noch wird die Frau mehrheitlich als künstlerische Protagonistin klassischer Ballette inszeniert. Dies ist nicht zuletzt historisch bedingt: Klassische Stücke bedürfen klassisch-romantischer Rollen. Sie leben von der Leichtigkeit, die durch den Tanz auf Spitzenschuhen suggeriert wird. Die Rolle des Handlangers für den Mann ergibt sich dadurch automatisch. Der zeitgenössische Tanz aber hat diese Rollen aufgelöst. 2012 entschied ich mich, in die Nachwuchsförderung zu gehen. Als Ballettlehrer im Atelier le Loft in Vevey. Im Unterricht unterscheide ich zwangsläufig unter den Geschlechtern. Während bei jungen Tänzerinnen der Fokus auf dem Spitzentanz liegt, arbeiten junge Tänzer in der Regel stärker an der Sprungtechnik. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass der Mann im Tanz heute mehr Anerkennung geniesst – als Künstler und als Athlet. Das war vor 20 Jahren noch nicht der Fall».
[Bild: Thierry Deballe im Stück «Rumi» von Maurice Béjart © Béjart Ballet Lausanne]
Etienne Béchard kam mit 16 Jahren an die Ecole-Atelier Rudra Béjart und tanzte anschliessend vier Jahre lang im Béjart Ballet Lausanne diverse Hauptrollen. 2010 zog es ihn zur Choreografie. Seither setzte er diverse Produktionen um – in Bern etwa «Post Anima» (2016–2017). Aktuell ist sein «Bolero» am Konzert Theater Bern zu sehen.
«Zunächst war es mir unangenehm, meinen Freunden von meinem Ballett-Hobby zu erzählen. Das änderte sich, als ich mit 12 Jahren beschloss, Profitänzer zu werden. Ich identifizierte mich mit meiner Leidenschaft. Das schaffte Akzeptanz. Als ich 2006 mit 18 Jahren an das Béjart Ballet Lausanne kam, lag mein Fokus stark auf dem klassischen Tanz. Nach vier Jahren begann ich, den zeitgenössischen Tanz zu vermissen und es zog mich verstärkt zur Choreografie. Also gründete ich meine eigene Tanzcompagnie Opinion Public. Der zeitgenössische Tanz bietet mir unbeschränkte künstlerische Freiheit. Als Choreograf spüre ich natürlich den Einfluss meiner Jahre mit Maurice Béjart. Genau wie er, versuche ich das künstlerische Profil eines jeden in meinen Choreografien zu berücksichtigen. Was uns aber unterscheidet, ist die Geschlechterfrage: Béjart rückte den Mann erstmals unabhängig von der Frau ins Zentrum. Ich hingegen unterscheide nicht zwischen Tänzerin oder Tänzer. Meine Arbeitsweise ist völlig geschlechterunspezifisch. Natürlich darf man sich im heutigen Tanz immer noch klassischer Geschlechterrollen bedienen. Man darf aber auch mit ihnen spielen, sie hinterfragen oder gar vertauschen.
Der «Bolero», den ich für das Konzert Theater Bern inszeniert habe, erinnert wohl kaum an Béjarts Interpretation. Zwar ist auch meine Inszenierung im Crescendo aufgebaut, der Bewegungsraum aber ist grösser, der Ablauf dynamischer. Es ist eine Satire in Tanzform. Und auch das hat sich mit Béjart geändert: Der Tanz ist politischer geworden. Die Geschlechterfrage aber hat meiner Meinung nach darin nichts mehr verloren. Im 21. Jahrhundert wirkt sie nur noch konstruiert».
[Bild: Etienne Béchard in einer Eigenproduktion © Cie Opinion Public]
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[Text: Maja Hornik] [Titelbild: Die Produktion «Sacre» von Ivgy&Greben am Konzert Theater Bern © Philipp Zinniker]