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Im Advent dieses Jahres blickt zmitz auf Bräuche und Anlässe, auf Geschichten und Sehenswürdigkeiten, die in der Weihnachtszeit unsere Region prägen. Heute erzählt Reto Stampfli die vielleicht letzte Weihnachtsgeschichte.
Im Jahr 2091 hatte der Weltaufsichtsrat des westlichen Universalsektors den einst christlichen Brauch, allgemein als «Weihnacht» deklariert, mit der Gesamtnetzwerkbestimmung 11036 global aufgehoben. Keine Einwände waren zu vernehmen, noch wurde gar Empörung laut, denn auch die zuständige Konsumkoordinationsstelle unterstützte diesen Entscheid. Es war offensichtlich: Die wirtschaftlichen Verhältnisse und der wissenschaftliche Fortschritt liessen keine rückständigen, emotional bedingten Welterholungstage mehr zu.
Regelmässig wurden auch Sprachreformen und Wortschatzreduktionen durchgeführt. Nachdem die Vorsilbe «Un-» verboten worden war, lebte auch der aufstrebende Gebärtechniker Oskar Weiss in Ruhe und Zufriedenheit am Rande eines durchschnittlichen Niederlassungsgebiets. Seit zwei Jahren war er in der Agglomerationsklinik seines Konsumbezirks beschäftigt. Er kannte keine offensichtlichen Sorgen und war froh, dass ihm sein Leben reichlich Vergnügen bot. Seine Vorfahren gehörten noch zu den Gelehrten der alten Klasse. Die Mutter erzählte ihm oft von seinem Grossvater – der hatte seine Informationen noch in Papierform aufbewahrt. Solche Dinge waren heutzutage unvorstellbar. Bücher wurden lediglich im Geheimen gelesen. Informationen mussten ständig im Fluss sein und täglich erneuert werden. Das universale Datennetzwerk bot keine Gelegenheit, sich intensiv und längere Zeit mit einem Text auseinanderzusetzten.
Auch Oskar Weiss plädierte offen für den Fortschritt. Eines Nachts, in einem überdurchschnittlich kalten Winter, reagierte sein Alarmgerät kurz nach Mitternacht. Widerwillig zwang er sich in seine Kleider und mühte sich in die glasklare, frostige Dunkelheit hinaus. Die ihm mitgeteilte Adresse befand sich in einem jener Wohngebiete, die Oskar Weiss noch nie vorher betreten hatte. Was ihn jedoch zusätzlich verwirrte. Er wurde zu einer Hausgeburt gerufen, einer Angelegenheit, die nach medizinischen Grundsätzen als völlig veraltet und unsinnig erachtet wurde. Er hätte den Auftrag ablehnen sollen. Als aufstrebender Gebärtechnologe konnte er sich jedoch keine Beschwerden im Netzwerk erlauben.
Es bereitete ihm einige Mühe, die genannte Adresse zu finden. Die öde Gegend verunsicherte ihn. Nach kurzem Zögern betätigte er die automatische Türanlage der gesuchten Wohneinheit. Der Lebenspartner der hochschwangeren Frau öffnete die Sperre zum Aufenthaltsbereich. Der Mann war sichtlich erregt und gestikulierte wild mit seinen Händen. Oskar Weiss folgte ihm in das enge und schlecht geheizte Schlafquartier. Das schweissbedeckte Gesicht der Frau funkelte im spärlichen Licht der Deckenlampe. Die Schwangere atmete in Stössen und schien nicht bemerkt zu haben, dass ein Fremder den Raum betreten hatte.
Oskar Weiss verspürte ein sonderbares Gefühl der Beklemmung. In der Klinik war eine Geburt ein Routineeingriff, von denen er ohne weiteres fünf bis sechs am Tag abwickeln konnte. Hier in dieser ärmlichen Umgebung fehlte ihm die gewohnte Distanz. Eigentlich hätte er diesen Auftrag noch immer verweigern können, doch irgendetwas an den aussergewöhnlichen Umständen dieses Notfalls liess ihn nicht mehr los. Die Frau schrie, was in der Klinik nie vorkam, denn dort wurden die Patientinnen von Beginn weg ruhig gestellt. Die Frau schrie, und der verzweifelte Blick des Vaters traf den Gebärtechnologen wie eine Ohrfeige.
Natürlich hatte er während der Ausbildung gelernt, wie eine ungedämpfte Geburt vor sich ging, doch jetzt war er wie gelähmt. Wie sollte er beginnen, er schien die einfachsten Handgriffe vergessen zu haben. Die Frau schrie, und ihre Hände krallten sich in den Bettbezug. Oskar Weiss fühlte sich wie ein junger Mediziner, der vor seinem ersten selbstständigen Eingriff stand. Er musste etwas unternehmen. Doch eine Hilflosigkeit nahm Besitz von ihm, wie er sie seit seiner Kindheit nie mehr erlebt hatte.
Später hätte Oskar Weiss kaum mehr Einzelheiten der Geburt zu erzählen vermocht. Seine Hände agierten automatisch, und seine Gedanken schwirrten im kahlen Raum umher. Auf einmal hielt er das neugeborene Kind in seinen Händen. Es krähte wie wild. Ein bloss wenige Sekunden altes Leben, der Welt vollkommen ausgeliefert und doch so energisch. Die Mutter streckte ihre Hand nach dem Neugeborenen aus. Der Vater war auf das Bett niedergesunken und weinte hemmungslos. Oskar Weiss hielt den warmen Körper noch in seinen Händen. Er hatte schon einige Hundert Babys gesehen, doch dieses Kind war etwas ganz Besonderes.
Eine Geburt war ein alltäglicher, rein biologischer Vorgang. Doch Oskar Weiss wollte in diesem Moment diesem nüchternen Lehrsatz keine Beachtung schenken. Er staunte, unerwartet durchdrang ihn eine wohltuende Dankbarkeit. Die Mutter nahm das Baby in den Arm und betrachtete es voller Zuneigung. Oskar Weiss fühlte sich wie ein Dieb, der mit einer Brechstange eine Tür aufgebrochen hatte und feststellen musste, dass die Bewohner noch zu Hause waren. Er wollte sich davonstehlen, das junge Paar in seiner grenzenlosen Freude zurücklassen. Doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Tief in ihm erwachte ein bis anhin unbekanntes Gefühl der Verbundenheit mit fremden Menschen.
Dieses Kind war ein Geschenk. In ihm steckten zweifellos mannigfache und unvorhersehbare Begabungen. Es würde vielleicht einmal die Kraft besitzen, in der Welt etwas zu bewirken. Oskar Weiss war ein wenig beschämt, dass ihn plötzlich so starke Gedanken überkamen. Sein Körper wurde von Wärme durchflutet. Es regte sich etwas in seinem Geist, das er lange nicht mehr verspürt hatte. Hier, in dieser engen Kammer, wurde er plötzlich ganz bescheiden. Er lächelte und setzte sich neben den Vater. Dieser drückte ihm herzhaft die Hand. Oskar vergass seinen Auftrag und die kalte Welt um ihn herum. Die kleine Familie hatte ihn aufgenommen, alles was ihm vorhin so fremd erschien, war nun verschwunden.
Als Oskar zu seinem Wagen zurückstapfte, berieselten feine Schneeflocken sein Gesicht. Der zerflossene Himmel trug jetzt helle Sterne. Bei der Rückfahrt durch die weiss gepuderte Stadt weilten seine Gedanken noch immer in der bescheidenen Wohnung. Dieser Hauch eines Menschenlebens hatte ihm auf einen Schlag seine Überheblichkeit und die Dumpfheit seines Alltags vor Augen geführt. Was konnte er, der aufstrebende Gebärtechnologe, allein in dieser Welt ausrichten? War ihm nicht alles geschenkt worden, wie vor einigen Stunden jenem Kind das Leben? Sein Leben erschien ihm oberflächlich, wie eine geschickt vertuschte Art von Zeitverschwendung. Doch noch besass er die Kraft, das zu ändern. Das Erlebte gab ihm Zuversicht.
Er wollte diese Geschichte weitererzählen. Seine Frau sollte davon erfahren – alle seine Bekannten mussten unbedingt von der Geburt des Kindes hören. Tief in seinem Innern spürte er die Eingebung, dass er diese Geschichte unbedingt weitererzählen musste.
erschienen in «Tatsächlich Solothurn», erhältlich bei buchhaus.ch.