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Text und Fotos: Tobias Hüberli
Wo die Familie Perdomo politisch steht, wird einem bereits im Vorzimmer der Tabacalera Perdomo in Estelí glasklar vor Augen geführt. Dick umrahmt prangen die Fotos an der Wand, zum Beispiel eins von Rudolph Giuliani, dem ehemaligen republikanischen Bürgermeister New Yorks, oder eins von Nick Perdomo senior zusammen mit Ronald Reagan. Auch ein handsigniertes Foto von George W. Bush und Gemahlin ist zu finden. Von den Demokraten ist einzig Bill Clinton präsent, allerdings ziert kein Rahmen sein Konterfei und ist das Bild etwas lieblos in eine Ecke geklebt. Niemals in diese Ahnengalerie schaffen wird es der aktuelle amerikanische Präsident, vorher würde sich Nick Perdomo die Hand abhacken. «Vor der Regierung Obama bezahlte ich 42 500 Dollar Steuern pro Million Zigarren, die ich in die Staaten einführte, heute belaufen sich die Steuern auf 450 000 Dollar, das muss man sich mal vorstellen.»
Nick Perdomo ist ein Konservativer, durch und durch. «Das wären Sie auch, wenn Ihre Familie von den Kommunisten verfolgt und vertrieben worden wäre », pflegt er dem Europäer entgegenzuwerfen, den er – ohne gross nachzufragen – mal als linken Liberalen abstempelt. Nick Perdomos Familienstamm ist eng verflochten mit der kubanischen Tabakindustrie. Sein Grossonkel war 44 Jahre lang kubanischer Tabakminister. Sein Grossvater Silvio Perdomo arbeitete für H. Upmann und leitete später bis zur Revolution die Zigarrenfabrik Partagás. 1959 wurde er von den Revolutionären eingesperrt und erst 1974 freigelassen. Nick Perdomo senior arbeitete ebenfalls für Partagás und später in der Direktion von H. Upmann. Während der Revolution kämpfte er gegen Fidel Castro, wurde dabei zweimal angeschossen und entkam seiner Exekution nur knapp, indem er floh und über Uruguay nach Washington DC reiste.
Nick Perdomo wuchs in Miami auf, wo die Familie, wie so viele Exilkubaner, eine neue Heimat gefunden hatte. Er ging für fünf Jahre zur amerikanischen Navy, wurde Pilot und hatte bald einmal einen gut bezahlten Job als Fluglotse am Miami International Airport. Sein Vater fand nicht allzu viel Gefallen daran, dass Nick Perdomo 1992 kündigte und beschloss, in seiner Garage Zigarren zu produzieren. Im ersten Jahr verkaufte das Fünf-Mann-Projekt mit Sitz in Miami gerade mal 9400 Zigarren. Das Unternehmen wuchs jedoch rasant und verlagerte 1997 die gesamte Produktion nach Estelí, Nicaragua. Mit Hilfe seines Vaters – der dafür aus seinem Ruhestand zurückkehrte – stampfte Nick Perdomo eine Musterfabrik aus dem Boden. «Ich wollte die gesamte Produktionskette vom Samen bis zur fertigen Zigarre kontrollieren, nur so kann ich die Qualität erreichen, die ich mir vorstelle.»
Wer Nick Perdomo zuhört, merkt schnell, dass dieser Mann nicht nur ein Zigarrenmacher ist, sondern auch ein Gärtner, ein Bauer, ein Wissenschaftler und vor allem ein Qualitätsfanatiker. Das beginnt beim Saatgut. Mittels einer selbst gebauten Maschine selektioniert er dieses in drei Qualitäten. Nur die besten Samen schaffen es überhaupt auf die Felder. Davor werden sie jedoch unter der Lupe auf Schäden überprüft, in eine eigens für ihn entwickelte Erdmischung gesetzt und an einem von Umwelteinflüssen geschützten Ort aufgezogen. Wir reden hier von jährlich über 18 Millionen Setzlingen.
Nick Perdomos Tabakfelder liegen in den Regionen Estelí sowie Jalapa und Condega. Insgesamt beläuft sich die Fläche auf 1013 Morgen, was ihn zu einem der grössten Tabakanbauern Mittelamerikas macht. Die drei Regionen haben sehr unterschiedliche Bodenqualitäten. Während die Erde in Estelí schwarz ist, weist jene in Jalapa eine rotbraune Farbe auf. In Condega wiederum ist der Himmel oft wolkig, der dort gedeihende Tabak ist deshalb dünner und eignet sich hervorragend für Deckblätter. Tabak aus Estelí ist stark, jener aus Condega süsslich und sehr aromatisch. Angebaut werden die Sorten Criollo 98 und Coroja 99, wobei ein Criollo aus Estelí völlig anders schmeckt als ein Criollo aus Condega. «Die Geschmacksvielfalt unserer Tabake ist so gross, dass wir damit alle unsere Zigarren fertigen können», schwärmt Perdomo. Er kauft einzig Connecticut-Shade- Deckblätter aus Ecuador zu.
Im Anbau ist der 49-Jährige ein Besessener, alte Traditionen verbindet er problemlos mit aufwendiger neuer Technik, sofern es einer besseren Qualität dient. So werden die Gräben zwischen den Tabakpflanzen mit einem Pflug und speziell dafür ausgebildeten Ochsen gezogen. So wie es in Kuba seit 100 Jahren gemacht wird. «Ein Traktor verletzt die Pflanzen.» Dafür gräbt Nick Perdomo in alle seine Felder mehrere Roboter ein, die während 114 Tagen den Fruchtbarkeitsgrad messen. Mittels Satellitenbildern weiss er zudem jederzeit, welche Flecken seiner Felder zusätzlichen Dünger brauchen. «Viele Leute sagen, ich würde es übertreiben, ich sage ihnen aber, unsere Erntequalität ist absolute Spitze, die Technologie hat unsere Zigarren eindeutig besser gemacht.»
Rund 18 Millionen Zigarren wurden letztes Jahr in der Tabacalera Perdomo hergestellt. 80 Prozent davon für die eigenen Marken. In seinem Lager hätte er genügend Tabak für 50 Millionen Zigarren. «Das Tabakgeschäft muss mindestens vier Jahre im Voraus geplant werden, wir brauchen so viel Tabak, weil wir einerseits wachsen wollen und andererseits nie wissen, ob uns mal eine Ernte ausfällt. Unser Lager reicht für 70 Monate Produktion.» Das ist ein Vermögen, denn nicaraguanischer Tabak von dieser Qualität ist gefragt wie nie. Verkaufen kommt für Nick Perdomo allerdings nicht in Frage. «Ich helfe meiner Konkurrenz ganz sicher nicht, da soll jeder selbst schauen.» Bei all seinen Zigarren kann Nick Perdomo übrigens die dafür verwendeten Tabake zurückverfolgen, auf das bestimmte Feld, den Schnitt, das Erntedatum, die Fermentationsdauer sowie die verantwortlichen Roller und Abpacker. «In so einem langen Prozess können viele Fehler passieren, da ist eine lückenlose Kontrolle absolut notwendig.»
Als hätte er nicht genügend zu tun, liess sich Nick Perdomo vor zehn Jahren zum Vize-Bürgermeister von Miami wählen. «Ich wollte etwas für die Gemeinschaft tun, aber in der Politik hat es zu viele unehrliche Leute.» Nach vier Jahren konzentrierte er sich darum wieder auf sein wachsendes Tabakimperium. Die Detailversessenheit des Patrons zeigt sich in allen Facetten der Produktion. Auch im langwierigen Fermentationsprozess verbindet er Tradition und Technologie. Chef der Fermentation ist Aristides Garcia Hernàndez, ein 85-jähriger Kubaner und Jugendfreund seines Vaters mit einer Erfahrung von über 70 Jahren. Die Dächer der insgesamt vier Fermentationshallen sind derweil mit Nasa-Technologie ausgerüstet, welche die Temperatur auf einem konstanten Niveau hält und trotzdem genügend Tageslicht reinlässt. Für die Luftfeuchtigkeit wird nur steriles Wasser verwendet.
Bis zu vier Jahren lässt Perdomo seine Tabake fermentieren. Wobei die dicken Ligero-Blätter aus Estelí am meisten Zeit brauchen. Die ecuadorianischen Connecticut-Shade-Deckblätter bekommen derweil noch eine Extrabehandlung; sie lagern während mindestens sechs Monaten in einem Bourbon-Holzfass aus französischer Eiche. «In den Fässern konservieren wir die Farbe und den Tabakgeschmack der Blätter.»
Immer wieder schweift Nick Perdomo eloquent vom Thema ab, wettert kurz über die miserable Arbeitsmoral der amerikanischen Jugend, Obamas Sozialprogramme oder über die Hersteller von Nikotinpflastern, für die er zwar Tabak liefert, die aber nicht funktionieren, da sie schlicht zu wenig Nikotin enthalten. Seine Tabacalera führt er mit fast schon militärischer Präzision. Ab der Ernte erhalten die Tabake Fantasienamen, sodass keiner seiner Mitarbeiter weiss, von welcher Farm die unterschiedlichen Tabake stammen und wie sich die einzelnen Zigarrenmischungen zusammensetzen. Im Gegensatz zu einem Grossteil seiner Konkurrenz lässt er den Zug jeder einzelnen Zigarre testen. Der Druck auf die Roller ist deshalb immens, denn Nick Perdomo bezahlt nur für einwandfreie Zigarren. «Ich habe Roller, die fertigten letztes Jahr 103000 Zigarren an, von denen nur 20 nicht zogen.» Perdomo ist hart, aber er ist auch bereit, für Qualität zu bezahlen. «Normalerweise werden Roller von schwierigen Formaten besser bezahlt, wenn aber ein Roller ein einfaches Format Jahr für Jahr perfekt rollt, dann bekommt er ebenfalls einen höheren Lohn.» Im Durchschnitt haben Perdomos Roller eine Erfahrung von zwölf Jahren.
In Europa ist fast das gesamte Premiumsortiment von Perdomo erhältlich. Rund 20 Prozent der Jahresproduktion verkauft Perdomo mittlerweile ausserhalb von Amerika. Für das Europageschäft hat er seit fünf Jahren in Frankfurt ein Zentrallager eingerichtet, sodass die Importeure innerhalb von 48 Stunden beliefert werden können. «Der europäische Markt wächst nicht so schnell wie der amerikanische, aber ich mag ihn, nur schon wegen den tieferen Steuern », sagt er. Und dann fängt er wieder an.
Nick Perdomo (49) hasst Steuern und liebt Qualität. Für Letztere ist er bereit, sehr weite Wege zu gehen. In seiner 1997 gegründeten Tabacalera Perdomo in Estelí produziert der Sohn kubanischer Emigranten pro Jahr 18 Millionen Premiumzigarren mit eigenem Tabak. Diesen lässt er in den Regionen Estelí, Jalapa und Condega anbauen. Mit einer Anbaufläche von insgesamt 1013 Morgen ist Nick Perdomo einer der grössten Tabakproduzenten Mittelamerikas. Er kontrolliert die gesamte Produktion vom Samen über die Trocknung und Fermentation bis hin zur fertigen Zigarre und fordert bei jedem der tausenden Arbeitsschritte ein Höchstmass an Qualität. Seine meistverkaufte Zigarrenlinie kennt man in Europa unter dem Namen «Perdomo 10th Anniversary Connecticut». Empfehlenswert ist auch die Linie «Lot 23».