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Eine Via Ferrata namens Via Farinetta – das ist kein Wortspiel oder ankerscher Verschreiber, sondern ein literarisch umhauchter Klettersteig im Wallis. Hätte der Namensgeber im Jahr 1880 schon Eisenleitern und Ketten vorgefunden, wäre er seinen Häschern wohl entkommen. Merke: Klettersteige sind nicht nur senkrechte Wanderwege, sondern gelentlich auch historische Lehrpfade. Die neu erschienen Führerwerke liefern die Hintergründe.
„Inzwischen richte man das Seil ein, dann ging eine Patrouille auf die andere Seite der Schlucht. Drei Männer waren es, die man kaum sah, denn sie suchten gleich Deckung, weit voneinander, hinter Felsblöcken. Und der Mann mit dem Knebelbart fing an hinabzusteigen. Er tat seine Arbeit; er schien sich darauf zu verstehen. Die Wand war nicht genau senkrecht und nicht ganz gleichmäßig; im Gegenteil voller Vorsprünge, Einzüge, gleichsam Verzögerungen, die den Abstieg erleichterten, aber verlangsamten. Der Mann suchte einen Halt; dann fand er ihn, gab den Landjägern ein Zeichen, das Seil ein wenig zu lockern; das taten sie.“
Eine Szene aus dem 1932 veröffentlichten Roman „Farinet ou la fausse monnaie“ von Charles-Ferdinand Ramuz. Darin schildert der grosse Westschweizer Dichter das Leben und Sterben von Joseph-Samuel Farinet (1845-1880), der sich mit Falschmünzerei und Schmuggel durchzuschlagen versuchte und schliesslich in der Salentse-Schlucht oberhalb von Saillon im Unterwallis von der Gendarmerie gestellt wurde. „Mysterieusement“ sei er am 17. April gestorben, heisst es auf der Gedenktafel am Ausgang der Schlucht; erschossen, sagte die Bevölkerung, ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, sagte die Polizei.
Nun führt durch diese Schlucht ein sportlicher Klettersteig, der im Mai 2011 eingeweiht wurde und dessen Verlängerung in diesen Tagen eröffnet werden wird. Der erste Teil des Steigs führt von der Gedenktafel zur Bisse à Barman hinauf und weist zwei Seilbrücken und ein paar kurze abdrängende Stellen auf. Der zweite Teil ist deutlich schwieriger, ausgesetzter und verlangt gute Technik und Kraft in den Armen; zuerst folgt eine Schwindel erregende Querung der senkrechten Schluchtwand, dann geht man durch die Tunnel einer alten Wasserleitung, bevor man über eine hohe Wand mit leicht überhängenden Passagen zum Schluchtrand emporsteigt. Wo die Erweiterung verläuft, weiss ich noch nicht. Sicher ist: die Via ferrata in der Salentse-Schlucht ist stark wie der Name – Via Farinetta.
Weitere Infos zu diesem literarisch umhauchten Klettersteig, zu andern neuen hierzulande und natürlich auch zu den schon länger eingerichteten Steigen, aber ebenfalls Hinweise zu unbekannten und versteckten Eisenwegen, wie zum Beispiel im Infanteriewerk in den löcherigen Felsen des Achs zwischen Kemmeribodenbad und Schibengütsch, finden sich in der eben herausgekommenen zweiten Auflage des Führers „Die Klettersteige der Schweiz“. Da gibt es einiges zu tun in diesem Sommer, wenn einem dieses vertikale Wandern auf künstlichen Tritten behagt. Wer dann alle helvetischen Eisenwege begangen hat, nimmt den Führer „Toutes les Via Ferrata de France“ zur Hand, worin 130 Klettersteige zwischen Vogesen und Pyrenäen beschrieben sind. Zum Beispiel derjenige über die Demoiselles du Castagnet in den Alpes maritimes. Dort sollte man jetzt sein, da würde bestimmt die Sonne scheinen. Und man könnte nach der Tour am Alpenstrand liegen und Ramuz lesen. Zum Beispiel „Wenn die Sonne nicht wiederkäme“, „Die grosse Angst in den Bergen“, oder natürlich „Farinet“.
Eugen E. Hüsler, Daniel Anker: Die Klettersteige der Schweiz, AT/SAC-Verlag 2012, Fr. 34.90.
Jocelyn Chavy: Toutes les Via Ferrata de France, Éditions Glénat 2011, Fr. 26.50.