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10.08.2022, 16:49 Uhr
Bei der Erreichung von Klimazielen spielen Infrastrukturunternehmen eine zentrale Rolle. Auf den Anlagemärkten werden sie jedoch oft übersehen – dabei sind sie gemäss Jeremy Anagnos, Portfoliomanager der Global...Artikel lesen
Die Gewissheit des Klimawandels in Kombination mit der Ungewissheit geopolitischer Entwicklungen bedeuten, dass die Risiken für die Lieferketten grösser denn je sind. Natalie Falkman von Robeco erläutert, wie Kreislauflösungen Unternehmen dabei helfen können, die Rohstoffbeschaffung sicherer zu machen, die Komplexität der Lieferketten zu reduzieren und nachhaltigen langfristigen Wert zu schaffen.
Den Auswirkungen von Unterbrechungen der Lieferketten konnten Unternehmen, Verbraucher und Volkswirtschaften nicht entgehen. Corona-Ansteckungen sorgen nach wie vor in einigen Regionen der Welt für Turbulenzen. Dadurch veranlasste Lockdowns bewirken Fabrikschliessungen, Staus in Häfen, Lähmungen bei Lkw-Flotten und verringern den internationalen Güterverkehr.
"Angebotsknappheiten unterstreichen lediglich, wie fragil und verletzlich die Lieferketten der Industrie geworden sind. Sie sind so lang, komplex und fragmentiert geworden, dass nachgelagerte Kunden keinen wirklichen Überblick über die Ursachen von Engpässen und Ausfällen haben", sagt Natalie Falkman, Portfolio Managerin bei Robeco. Typischerweise würden Vorprodukte von mehreren Produzenten in verschiedenen Ländern abgebaut, verarbeitet und zusammengebaut, bevor sie schliesslich an die Endkunden gesandt werden. Beispielsweise stehe am Anfang der Herstellung einer Solarzelle die Gewinnung von Quarzsand in China. Dieser werde anschliessend geschmolzen und in Blöcke gegossen, die wiederum in Wafer geschnitten werden, bevor diese von Arbeitern in Fabriken in Malaysia, Kambodscha, Vietnam und Thailand zu Solarpanelen zusammengesetzt werden.
Wie Falkman weiter erläutert, hat in den letzten 20 Jahren die Bedeutung von China als Produktionsstandort erheblich zugenommen. Das Land ist mittlerweile die grösste Exportnation der Welt und steht für 12% des globalen Markts für Handelswaren mit einem Wert von 28,5 Mrd. USD im Jahr 2021. Obwohl die Verbraucher weltweit von mehr Waren zu niedrigeren Preisen profitierten, bedeute dies auch, dass sich die globale Produktion zunehmend auf chinesische Zulieferer konzentriere und in gefährlicher Weise von diesen abhängig sei.
"Im Unterschied zur linearen Produktionsweise zeichnen sich zirkuläre Geschäftsmodelle durch Kreislaufproduktion aus. Produkte werden nicht entsorgt, sondern stattdessen wieder in die Produktlieferketten integriert. Infolgedessen sind Produktion und Vertrieb weniger abhängig von der Beschaffung von Offshore-Quantität und stärker auf die Innovation zur Erhöhung der Onshore-Qualität fokussiert. Dies bedeutet, Produkte zu entwickeln, welche nicht nur von Dauer sind, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil aufweisen", erklärt Falkman.
Zirkuläre Lösungen gebe es in unterschiedlichen Erscheinungsformen und Ausmassen, welche an die Besonderheiten jeder Branche und die Warenströme angepasst werden können. Im Rahmen von Products-as-a-Service (PaaS)-Modellen erfolge das Leasing physischer Produkte, sodass Kunden ein Produkt als Dienstleistung mieten können, anstatt dieses selbst zu besitzen. "Manufacturing & Repair-Organizations" (MROs) halten grosse Lagerbestände von Kleinteilen bereit, sodass Kunden Maschinen reparieren können, anstatt sie zu ersetzen.
"Im Zentrum jeder dieser Lösungen steht das Kreislaufprinzip, wonach Produkte länger in Gebrauch bleiben und sie so mehr Nutzen bei Kunden stiften und Erträge bei Unternehmen generieren können. Werden Produkte länger genutzt, hat dies ausserdem den Vorteil, die Lieferketten in der Industrie unabhängiger von Rohstoffen und risikoärmer zu gestalten", so Falkman.
Ihr zufolge wird eine Methode zunehmend von Herstellern weniger komplexer, aber dennoch fortschrittlicher Produkte in den Bereichen Gesundheit und Biotechnologie verwendet. Von MRI-Scannern für diagnostische Tests bis hin zu Massenspektrometern zur Arzneimittelentwicklung, ermöglichen es aufgearbeitete Maschinen Krankenhäusern und Forschungslabors, auf einfache Weise den Kostendruck zu verringern, ohne schlechtere Ergebnisse zu erzielen. Der globale Markt für gebrauchte Medizingeräte dürfte bis 2027 ein Volumen von 10,5 Mrd. USD erreichen (durchschnittliches Wachstum von 10,3% p.a.). "Des Weiteren übersteigen in einigen Branchen die Gewinnmargen für Kreislaufprodukte diejenigen neuer Produktlinien, und wir beobachten, dass grosse B2B-Unternehmen sich vornehmen, ihre Umsätze mit Kreislaufprodukten zu steigern", sagt die Portfolio Managerin.
Eingebettete Sensoren und Cloud-Technologien ermöglichten es Herstellern, die PaaS-Modelle verwenden, wie nie zuvor mit ihren physischen Produkten digital verbunden zu bleiben, um Daten zu erfassen und massgeschneiderte Dienste zu realisieren. Auf diese Weise würden Gewinne nicht durch Produktion grösserer Volumina an greifbaren Produkten erzielt, sondern durch Erhöhung der Qualität und des Mehrwerts der bereits im Umlauf befindlichen. Von alltäglichen Gegenständen (Glühbirnen, Teppiche und Reifen) bis hin zu komplexen Produkten (Düsentriebwerke, Stromnetze und Windturbinen) nutzten Unternehmen das PaaS-Modell. Daraus erwachsen laut Falkman verschiedene Chancen bei Zulieferern in den Bereichen Einzelhandel, Gewerbe und Industrie.
"Wartungs- und Reparaturunternehmen (MROs) sind für Industrieunternehmen wie Supermärkte, die alles aus einer Hand anbieten. Sie verfügen über riesige Lagerbestände mit Millionen von Teilen und über technisches Know-how in Form eines dichten Netzes von Ingenieuren und Technikern. Geht eine Maschine oder ein Teil davon kaputt, können Produzenten die Reparatur ihrem MRO anvertrauen, anstatt neuen Ersatz bei einem ferngelegenen Lieferanten zu bestellen", erklärt die Expertin weiter. Die lokale Präsenz bedeute, dass die Risiken der Beschaffung, Herstellung und Logistik im Fall von Offshore-Lieferanten ebenfalls verringert, wenn nicht sogar ganz vermieden werden können. Von den Bereichen Versorgung und Energielieferung bis hin zu Robotik und Industrieautomatisierung, vom Bausektor bis hin zu Chemie und Verpackung stellten spezialisierte MROs verschiedene Anlagechancen in diversen Sektoren dar.
Wie die obengenannten Beispiele zeigten, eigneten sich Kreislauflösungen am besten für Branchen mit margenstarken Produkten mit hohen Kosten für Forschung und Entwicklung sowie die Patentierung. "Für uns am interessantesten sind die Anlagechancen auf B2B-Ebene. Zirkuläre Lieferketten, die mit digitaler Intelligenz ausgestattet sind, könnten Unternehmen dabei unterstützen, diesen sich abzeichnenden Trends gerecht zu werden. Dadurch könnte es sogar im Einzelhandelsbereich zur Entwicklung innovativer Produkte kommen. Auf Kreislaufwirtschaft basierende Modelle erweisen sich nicht nur als dreifache Bedrohung, sondern als umfassendes Arsenal zur Bekämpfung zahlreicher Risiken und zur Entdeckung vielfältiger Chancen", betont Natalie Falkman abschliessend.