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Vorstadt
Mit dem modernen Wachstum der Städte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg kam neben die klassischen geografischen Zonen «Stadt» und «Land» eine dritte hinzu: die «Vorstadt», «the suburbs» oder «Suburbia». Dabei lassen sich verschiedene Typen unterscheiden: die charakterlosen Ansammlungen von aus dem Boden gestampften gleichförmigen Häusern ausserhalb der Stadtgrenzen, die konstruktiven, utopischen Neuen Städte und ehemalige Dörfer, die zu Kleinstädten in Ballungszentren gewachsen sind. Suburbia wurde als Wohnort von der hart arbeitenden und aufsteigenden (in den USA weissen) Mittelklasse bevorzugt. Ihre Häuser waren funktional und modern. Es gab nichts Überflüssiges, was die Bewohner unnötig beschäftigt hätte (wie etwas bei einem Landhaus).
Suburbia ist eine planwirtschaftliche und idyllische Welt, wie sie in den Sitcoms «Leave It to Beaver» oder «Father Knows Best» präsentiert wurden. Wer in diese Vorstädte zog, floh vor dem Schmutz der Städte, ihrer Kriminalität. Die Kinder, die dort aufwuchsen, entsprachen nicht dem Plan der Eltern und Autoritäten: sie tranken, nahmen Drogen, klauten in Supermärkten, richteten sich ein Leben in den Malls ein (so genannte «Malrats»), vandalisierten die Nachbarschaft und waren gewalttätig. Die Saat des Bösen wuchs in den gepflegten Vorstadtgärten: in den Schulen, Malls und Recs (Recreation Centers, Jugendzentren) von Suburbia. In den mit TVs und Plattenspielern ausgerüsteten Kinderzimmern von Suburbia grassierten Jahre vor dem Internet Horror, Gore und Pornografie als Produkt von Langeweile und mangelnder elterlicher Aufsicht.
An den Vorstädten wird kritisiert, dass ihre Funktionalität mit Leblosigkeit bezahlt werden müsse. Das Leben in ihnen war und ist nur mit einem oder mehreren Autos möglich. Die Häuser sind nach ähnlichen Plänen gebaut. Das förderte den Verdacht, dass Suburbianer unter erheblichem Konformitätsdruck aufwuchsen und lebten. Die Rolle der Frau in suburbanen Familien war speziell trostlos. Durch den automatisierten Haushalt und das klassische Rollenverständnis als Hausfrau waren Frauen Hausfrauen ohne rechte Herausforderung.
Suburbane Häuser beherbergten nicht nur moderne Menschen, sondern grosse Langeweile, Ängste und Neurosen, was in vielen Filmen (Komödien und Horror) thematisiert wurde.
Man kann die Zahlen von Drogenunfällen, Gewalttätigkeit, Kriminalität in Vorstädten interpretieren wie man will. politisch wirkungsmächtig geworden sind Ängste in der Vorstadt in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern: in der Jugendkultur, dem Umweltschutz und im Moralismus einer neuen Rechten (Ronald Regan).
Suburbia in der Populären Musik
Unbenutzte Garagen waren das Zuhause unzähliger amerikanischer Bands in den 1960er Jahren. Die Garagen waren ein Ersatz für den städtischen Übungskeller. In diesen Garagen wuchs ein eigenes musikalisches Genre heran: Garage Rock.
In England gab es Neue Städte (New Towns), die am Ende des 2. Weltkriegs entstanden. Basildon, die Heimat von Depeche Mode ist eine solche. Die futuristische, teils aber auch trostlose Musik der Gruppe kann als eine Funktion dieser Herkunft gehört werden.
Die Inszenierung der Songs der Gruppe Talking Heads können als die Neurotizismen von Suburbianer gelesen werden – Leute, die nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen.
Für das Aufkommen von Indie und Alternative spielt Suburbia eine grosse Rolle. Erstens zogen Misfits aus Suburbia in die Grosstädte und wurden dort erfolgreiche Künstler*innen, zweitens kam mehr und mehr Musik aus der Peripherie, aus suburbanen Räumen, in denen Clubs, Läden, Labels entstanden, die kurze Zeit erfolgreich waren.
Gangstarap fand vor allem bei weissen Suburbianern Resonanz. Für diese Kids war das Grossstadt-Ghetto eine Fantasiewelt, in der echte Abenteuer möglich waren.
Literatur
– A.C. Spectorsky: The Exurbanites (1955)
– William H. Whyte: The Organization Man (1957)
– Richard E. Gordon: Split-Level Trap (1961)
– Herbert Gans: The Levittowners (1965): eine soziologische Studie über Levittown, New Jersey
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