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(Schweizer Monatshefte – Heft 9, 1997 – Seite 14-17)
KONTROVERSE
Von König Midas zu «Hans im Glück»
Kapitalismus, Bürgergesellschaft und offener Ldeenmarkt sind in subtiler Weise miteinander verknüpft — teils bedingen sie sich gegenseitig und teils geraten sie miteinander in Konflikte. Es wäre anmassend, in diesem Spannungsfeld abschliessende Lösungen aufzuzeigen, es wäre aber auch kleinmütig, sich in den entscheidenden Fragen hinter unbegrenzt interpretierbaren Allerwelts- und Kompromissformeln zu verstecken.
Als überzeugter Liberaler stimme ich mit dem Grundtenor von Tito Tettamantis Lagebeurteilung des Kapitalismus überein, und wer von meiner Seite hier eine prinzipielle Gegenposition erwartet, wird enttäuscht sein. Meine Einwände betreffen eher Nuancen und Formulierungen, und die Kritik zielt in erster Linie darauf ab, das Thema Kapitalismus in einen grössern Zusammenhang zu stellen.
Menschheitsgeschichtliche Ursprünge
Auf die Frage nach den historischen Wurzeln des Kapitalismus gibt es — wie Tettamanti unterstreicht — mehr als eine Antwort. Luciano Pellicanis Hinweis auf die entscheidende Rolle des mercator, d.h. des Händlers, eröffnet meines Erachtens wichtige Perspektiven. Händler gab es aber in verschiedensten Kulturen schon seit Jahrtausenden. Auch die Verwendung des Geldes, jenes «grossartigsten Werkzeugs der Freiheit, das der Mensch je erfunden hat» (F.A. von Hayek), reicht weiter zurück als ins 13. und 14. Jahrhundert. Möglicherweise sind verschiedene Bausteine des Kapitalismus an verschiedenen Orten und in verschiedenen Epochen und Kulturen überlappend «erfunden» bzw. «entdeckt» und auch wieder «vergessen» worden oder aus bestimmten Konstellationen hervorgegangen (Eigentum, Vertrag, Geld, Wertpapier, Zins, juristische Person, Aktiengesellschaft). Es kann nicht genug betont werden, dass der Kapitalismus historisch sehr tiefe Wurzeln hat und ohne Berücksichtigung seiner anthropologischen Ursprünge in der Arbeitsteilung, im Tauschprinzip, im Eigentums-, Freiheits-, Geltungs-, und Gewinnstreben, sowohl in bezug auf seine Nutzen als auch auf seine Gefahren falsch eingeschätzt wird.
Schwierigkeiten mit der Terminologie
Es gehört zu den Vorzügen von Tettamantis Beitrag, dass er den Begriff «Kapitalismus» ohne Berührungs¬ ängste verwendet und nicht etwa in Watte verpackt. Eine kompromisslose Terminologie birgt aber auch Risiken – besonders in der deutschen Sprache, d.h. in der Sprache zahlreicher prominenter sozialistischer Schriftsteller. Kapitalismus ist ein polemisch gefärbter Begriff. Er ist in der Literatur allzu oft verwendet worden, um zu kritisieren, anzuklagen und zu verurteilen. Ludwig von Mises weist in seinem Klassiker «Die Gemeinwirtschaft» (Jena 1932) darauf hin, dass mit dem Begriff unwillkürlich «die Vorstellung blutsaugerischer Ausbeutung armer Lohnsklaven durch erbarmungslose Reiche» verbunden wird und dass der Begriff so unklar und vieldeutig sei, dass er überhaupt keinen Erkenntniswert mehr besitze. Er erwägt sogar, auf den Begriff in der nationalökonomischen Fachsprache gänzlich zu verzichten und ihn «ganz den Matadoren der volkstümlichen Hassliteratur zu überlassen». In der Folge kommt er aber doch zum Schluss, dass man dem üblichen Sprachgebrauch durchaus folgen sollte, der den Begriff «Kapitalismus» dem Begriff «Sozialismus» gegenüberstellt. Die gebräuchliche Alternative, dem Sozialismus den Individualismus gegenüberzustellen, verwirft er mit guten Gründen. Diese Gegenüberstellung verleite zu dem folgenschweren Irrtum, der Sozialismus stelle das Gemeinwohl ins Zentrum, während der Individualismus den Sonderinteressen der Einzelnen diene.
Meine eigenen Schwierigkeiten bei der unbefangenen Verwendung des Begriffs Kapitalismus zur Kennzeichnung einer auf offenen Märkten basierenden Gesellschaftsordnung haben vor allem zwei Ursachen. Einmal suggeriert die Gegenüberstellung von zwei Gesellschaftsformen, die beide als «-ismen» erscheinen, eine Vergleichbarkeit, die ich nicht akzeptiere. Sozialismus beruht – wie Tettamanti zu Recht in Erinnerung ruft – auf einer bestimmten Vorstellung über den Menschen und seine geschichtliche Bestimmung, auf einem Entwurf, der zwar interpretierbar ist, aber in den Grundzügen feststeht, während Märkte einfach Aspekte der jeweiligen Realität widerspiegeln, einer Realität, die in ihrer unendlichen Komplexität von keinem Beteiligten und Betroffenen je ganz erkannt und durchschaut werden kann und die sich darum letztlich auch dem Wahn der Machbarkeit immer wieder entzieht. Market happens. Diese Grundauffassung, nach welcher der Markt — wie der Igel in der Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel – immer «schon da ist», weil in der Tat am Start und am Ziel zwei Igel mitspielen, während der arme Hase sich zwischen zwei Zielen zu Tode rennt, hat auch Konsequenzen für die Strategie des sogenannten Systemwechsels. Es geht bei der Transformation von Gesellschaftsformen nicht in erster Linie darum, ein bisheriges sozialistisches System A durch ein künftiges kapitalistisches bzw. marktwirtschaftliches System B zu ersetzen, es geht lediglich darum, politische Zwänge und Fehlsteuerungen, Dirigismen, Interventionen und Subventionen, fatale Täuschungen und gefährliche Illusionen möglichst rasch und vollständig abzubauen. Ob diese radikale Auffassung von anthropologisch verankerten Marktprozessen, die sich hinter der Fassade und unter der Oberfläche von allen Verhinderungs- und Verfälschungsversuchen unerbittlich ihren Weg bahnen, allzu optimistisch oder allzu pessimistisch ist oder ob man sie zu Recht auch unter die von Tettamanti erwähnten Utopien einreihen könnte, bleibe hier dahingestellt. Für mich ist diese Überzeugung ein Grund, lieber von der Idee offener Märkte zu reden und von Unternehmern, die darauf agieren, von Konsumenten und Produzenten, die dabei ihre materiellen und ideellen Präferenzen einbringen, Chancen und Risiken abwägen und die Folgen ihres Handelns und Verhaltens tragen, als von einem Kapitalismus, den man einführen, ausbauen, eindämmen oder auch abschaffen kann und der den Kapitalisten ihr Aktionsfeld bietet, um ihren Wohlstand zu mehren und damit gleichzeitig auch dem Allgemeininteresse zu dienen. Ich respektiere aber den Mut zur Transparenz und zur Unpopularität beim Versuch, den Begriff Kapitalismus von seiner moralisch negativen Färbung zu befreien. Ein zweiter gewichtiger Nachteil des Begriffspaars Kapitalismus und Kapitalist besteht darin, dass die Bezeichnung Kapitalist für eine bestimmte Gruppe erfolgreicher Akteure reserviert bleibt, während man beispielsweise Wissenschafter und Publizisten, die sich zu den Befürwortern und Anhängern des Kapitalismus zählen, kaum als Kapitalisten bezeichnen kann. Ob dies nur ein unwesentliches terminologisches Detail ist oder ob es für die Schwierigkeiten, das Wesen des Kapitalismus zu erklären, eine Rolle spielt, bleibt eine offene Frage. Der Kapitalismus hat bei erfolgreichen Kapitalisten keine Akzeptanzprobleme. Sie bleiben aber stets eine von allen beneidete, unbeliebte Minderheit. Die grosse Herausforderung, der sich Tettamanti stellt, besteht darin, aufzuzeigen, dass der so unpopuläre Kapitalismus einen überlebenswichtigen Beitrag zur Erhöhung der Produktivität leistet, an der letztlich alle, auch die Nicht-Kapitalisten, partizipieren.
Gefahr der Verabsolutierung
Die Gefahr einer Überschätzung und Verabsolutierung rein materieller Werte ist nicht von der Hand zu weisen.
Kapitalismus ist die Bezeichnung für eine Wirtschaftsweise, «in der wirtschaftliche Handlungen nach den Erkenntnissen der Kapitalrechnung ausgerichtet werden» (von Mises), wobei die Mehrung des Vermögens und nicht das Sammeln von Geld im Zentrum steht. Die Gefahr einer Überschätzung und Verabsolutierung rein materieller Werte ist aber (trotzdem) nicht von der Hand zu weisen, vor allem, wenn der Begriff Kapitalismus in einem engeren, nicht fachterminologischen Sinn verstanden wird. Dass Geld, das «grossartige Werkzeug der Freiheit», im Menschen auch Sucht und Gier auslösen kann, war schon in der Antike bekannt. Die Sage von König Midas, der sich wünschte, dass alles, was er berührt, zu Gold werde, ist vor über 2500 Jahren entstanden. Sie enthält nicht nur eine ausserordentlich tiefsinnige Kritik an einer schrankenlosen Vermehrung des materiellen Vermögens, sondern auch eine bemerkenswerte Gegenstrategie. König Midas hat einen Satyrn, ein ungezügeltes, trinkfreudiges Naturwesen gefangen und gefesselt, d.h. es ist ihm gelungen, Naturkräfte, Emotionalität und Spontaneität eine Zeitlang zu beherrschen und den Wunsch nach sofortiger Befriedigung aufzuschieben. Mit anderen Worten: Er hat das Prinzip des Leistens und des Sparens entdeckt. Als Entgelt dafür, dass er den gefesselten Satyrn schliesslich wieder frei lässt, darf er sich etwas wünschen. Midas, der Protokapitalist, äussert den verhängnisvollen Wunsch, dass sich in Zukunft alles, was er berührt, in Gold verwandle. Der Mensch, der das Sparen, den Befriedigungsaufschub entdeckt hat, läuft Gefahr, dass er seine ganze Umwelt nur noch unter dem Gesichtspunkt des Tauschwertes in Gold bzw. in Geld wahrnimmt. Er koppelt sich damit von den natürlichen Lebensfunktionen ab, d.h. er verhungert und verdurstet — buchstäblich oder im übertragenen Sinn – indem er einen einzelnen Aspekt der Realität verabsolutiert. Glücklicherweise nannte ihm aber der Satyr ein Gegenmittel, das ihn von der verhängnisvollen Gabe, alles in Gold zu verwandeln, befreien konnte. Es wurde ihm geheissen, in einen Fluss einzutauchen, um sich vom Fluch zu reinigen. Ohne grosse Interpretationskunstgriffe erkennt man, dass der Fluss ein Symbol der Zeit und des dauernden Wandels ist. Während die Verwandlung der Natur in Gold (durch Leistung und Konsumverzicht) die Realität auf ihrem Tauschwert reduziert und fixiert, hat das Eintauchen in den Strom der Zeit (das spontane Gewährenlassen) eine lösende und erlösende Wirkung. Zeit ist Geld und Geld ist Zeit, aber Zeit lässt sich nicht restlos in Geld verwandeln, und mit Geld kann letztlich Lebenszeit zwar möglicherweise intensiver genutzt, aber per Saldo nicht verlängert werden. Auf den Zusammenhang von Zeit und Geld weist auch der vielsagende Schluss der Geschichte hin (der möglicherweise auch ihr Ursprung ist), dass nämlich der Sand des Flusses seit jenem legendären Bad Gold führt.
Produktive und destruktive Kräfte
Was hat nun diese uralte Sage von Midas mit dem heutigen Kapitalismus zu tun? Der versöhnliche Schluss mit dem durchaus produktiven goldführenden Strom verbietet die Deutung als antike Vorwegnahme einer radikalen Kritik der Geldwirtschaft und des Kapitalismus. Die heilende Wirkung des Stroms unterstreicht vielmehr die Überlegenheit des dynamisch Vielfältigen: das Prinzip der permanenten Revolution in der unendlich komplexen immer wieder neuen Kombination von Optionen. Möglicherweise kann aber daraus doch eine Lehre gezogen werden, die in Tettamantis Vortrag zwar angetönt, aber nicht weiter ausgeführt wird: Der Kapitalismus kann produktive und destruktive Kräfte freisetzen, und es ist im konkreten Fall nicht einmal so leicht, die jeweiligen Potentiale nach allgemeingültigen Kriterien zu unterscheiden. Kapitalismus kann destruktiv werden, wenn er einzelne (beispielsweise rein materielle oder ganz kurzfristige) Wertvorstellungen isoliert, verabsolutiert und verallgemeinert. Möglicherweise ist es auch eine Frage der Deutung, was unter übergeordneten Gesichtspunkten als produktiv und was als destruktiv zu werten ist.
Vielfalt der Optionen
Tettamanti weist mit guten Gründen daraufhin, dass der Kapitalismus «aus unendlich vielen Aktivitäten, aus Tausenden von nicht koordinierten und nicht als Gesamtheit geplanten Handlungen» hervorgegangen sei, «oftmals widersprüchlich und den Notwendigkeiten, Erfordernissen und Absichten Einzelner gehorchend». Was er als Entstehungsgrund einer unendlich komplexen Gesamtheit, die man chaotisch oder «spontan geordnet» nennen kann, muss gleichzeitig auch als Bedingung des nachhaltigen Weiterexistierens gewährleistet werden. Ein Verlust der Vielfalt kann zu gefährlichen Einseitigkeiten führen, bei denen ausgerechnet die langfristig produktiven Impulse geschwächt oder ausgeblendet werden, da ja niemand mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit sagen kann, welches Handeln bzw. Unterlassen welche produktiven bzw. destruktiven Folgen hat. Vielleicht ist Tettamantis begründete Kritik an den Utopisten in diesem Zusammenhang zu pauschal. Gefährlich sind nicht Utopien an sich, gefährlich wird es, wenn bestimmte Utopien und bestimmte Utopisten ein Monopol beanspruchen und sich mit der staatlichen Ordnungsmacht verbünden. Dadurch wird die stets notwendige und für den Kapitalismus überlebenswichtige Vielfalt im Wettbewerb zahlloser utopischer Kleinexperimente gestört oder vereitelt. Auch der Kapitalist verfolgt Ziele, die möglicherweise utopisch sind, und die für den Kapitalismus so wichtigen Innovationen und Erfindungen sind in einem frühen Stadium oft nichts anderes als Utopien. Es trifft zwar zu, dass der Kapitalismus als Ganzes ausser der Optimierung von Aufwand und Ertrag (was immer das heissen möge) keinen idealen Endzustand anstrebt, der einzelne Akteur verfolgt aber in aller Regel sehr konkrete Ziele.
Auch zu dieser Beobachtung gibt es eine Geschichte, welche man sowohl als Kritik als auch als Bestätigung kapitalistischer Denkweisen deuten kann: Grimms Märchen von «Hans im Glück». Es beginnt mit einem buchstäblich kapitalen Goldklumpen «gross wie der Kopf», den Hans als Lohn für sieben Jahre Arbeit nach Hause trägt. Auf dem Heimweg zur Mutter macht er aber Bekanntschaft mit den Tücken des Tauschprinzips, und als mercator zeigt er offensichtlich weniger Geschick wie als Handwerker. Er tauscht das Gold zunächst gegen ein Pferd (Mobilität), dann tauscht er das Pferd gegen eine Kuh (dauernder Ertrag), dann die Kuh gegen ein Schwein (Konsum), dann das Schwein gegen eine Gans (Genuss) und schliesslich die Gans gegen einen Schleifstein (Werkzeug) und diesen lässt er aus Versehen in einen Brunnen fallen, um letztlich frei und unbeschwert Glück und Geborgenheit in den Armen der Mutter zu finden. Es gibt eine Lesart, die in diesem Märchen einfach eine Parodie auf den Handel nach dem Tauschprinzip sieht. Der naive, gutgläubige, schlecht informierte Mensch wird zum Opfer des raffinierten «Marketings», die Welt des Tauschs ist eine Welt des Betrugs, und das zunehmende Glück, das Hans dabei empfindet, ist das Resultat einer besonders perfiden Illusion. Lincolns Feststellung, man könne zwar alle Leute für begrenzte Zeit und einige Leute für alle Zeit, aber nicht alle Leute für alle Zeit zum Narren halten, ist in dieser Situation ein schwacher Trost. Hans gehört möglicherweise zur ersten oder zur zweiten Kategorie. Man kann heute mit Gründen auch behaupten, dass in einer massenmedial beeinflussten, demokratischen Konsumgesellschaft die beiden ersten Kategorien stets eine Mehrheit bilden, – keine angenehme Vorstellung, denn man verzichtet ungern auf den Trost, den Lincolns optimistisches Diktum spendet!
Das Märchen «Hans im Glück» ist auch als Parodie auf die Bemühungen der alchemistischen Goldmacher zu lesen, die Vorläufer der Kapitalisten. Sie wollten Gold (bzw. Geld) aus Erde (bzw. aus der prima materia) machen, während Hans seinen Verwandlungsprozess mit Gold beginnt und schliesslich zur «Mutter Erde» zurückkehrt. Für mich ist noch eine dritte Lesart aufschlussreich. Die Botschaft des Märchens kann auch so gedeutet werden, dass es keine allgemeinverbindlichen Werte gibt, welche das individuelle Glücksstreben bestimmen. Was für wen in welcher Situation besonders wertvoll ist und sein Streben nach Glück (the pursuit of happiness)) ausmacht, ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Glück kann nicht nach objektiven Kriterien verordnet oder produziert werden, und es gibt gute Gründe, das Glück des Habens gegen das Glück des Seins zu tauschen, bzw. die jeweils zuträgliche Kombination der beiden Bestrebungen, die sich übrigens nicht gegenseitig ausschliessen, selbst zu bestimmen. Eigentum, Mobilität, Naturalertrag, Konsum, Genuss, Aktivität, Musse und Geborgenheit sind schwer in eine allgemeingültige Präferenzskala einzureihen, und Umfrageergebnisse deuten daraufhin, dass bei alten Menschen rückblickend das allzu seltene Familienglück gemeinsam mit guter Gesundheit die höchsten Ränge der Lebenspräferenzen einnimmt, Güter, welche ein auf materielle Errungenschaften ausgerichteter Markt nicht tel quel offeriert und die für Geld nicht zu haben sind. «Hans im Glück» ist aus dieser Sicht kein Aussenseiter, und sein Verhalten ist weder dumm noch irrational. Er trifft zwar seine Entscheidungen — wie wir alle — aufgrund unvollkommener Informationen, aber er handelt durchaus wirtschaftlich, indem er immer wieder versucht, «die höchstmögliche Glückseligkeit zu erlangen, die unter den gegebenen Umständen erlangbar ist» (von Mises). Der lehrreiche Heimweg des «Hans im Glück» ist möglicherweise mit dem Flussbad des Midas zu vergleichen.
Vielfalt und Wettbewerb der Ideen?
Das Märchen «Hans im Glück» liefert keine prinzipiellen Argumente gegen den Kapitalismus im umfassenden Sinn, nämlich gegen ein Verfahren, das nicht nur die Vielfalt und den Wettbewerb im Waren- und Dienstleistungsangebot anerkennt, sondern auch im Bereich der Ideen, der Präferenzen und der Massstäbe. Der Kapitalismus ist und bleibt auf ein offenes, vielfältiges geistiges Unternehmertum angewiesen, das entdeckt, erfindet und kommuniziert, entlarvt, kritisiert, Utopien entwickelt und sich auf intellektuelle Abenteuer einlässt – ohne Rücksicht auf die Kapitalrechnung im engeren Sinn. Solche — für eine Gesellschaft im Wandel ebenfalls überlebenswichtigen – Aktivitäten treten erfahrungsgemäss selten in Personalunion mit dem typischen Kapitalisten in Erscheinung. Ausnahmen wie Tettamanti bestätigen die Regel. Die Bürgergesellschaft sollte immer wieder dafür sorgen, dass die aufs Materielle ausgerichteten Märkte mit den Ideenmärkten optimal kommunizieren.