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Es war einmal … der Rütlischwur
Auf dem Rütli hätten 1291 nur Kühe geweidet, schrieb 1991 der Historiker Roger Sablonier im «Tages-Anzeiger» – und es stimmt: Das Rütli und der Rütlischwur sind keineswegs, wie oft gemeint, im Bundesbrief von 1291 erwähnt: Die Erzählung vom Schwur der drei Eidgenossen und von deren geheimen Zusammenkünften auf dem Rütli wird erstmals im Weissen Buch von Sarnen um 1470 überliefert. Im Originaltext des Weissen Buchs lautet die Passage vom Rütli (in neuhochdeutscher Übersetzung):
«Wenn sie beschlossen hatten, etwas zu unternehmen, so fuhren sie nachts am Mythenstein vorbei an einen Ort, heisst im Rütli (…). In dieser Zeit tagten sie nie anderswo als im Rütli.»
Wer hat diese Geschichten erfunden und das erste Mal erzählt? Es war der Obwaldner Hans Schriber, ein begabter Chronist. Von ihm schreibt Peter von Matt: «Kein Schweizer Autor hat je ein Werk von grösserer Wirkung hervorgebracht.» Ein seltsames Paradox sei nur, dass heute fast niemand den Namen Hans Schriber kenne. In England kennt jeder Shakespeare, der in seinem Hamlet – wie Schriber – Motive und Sagen aus der dänischen Geschichte des Roskilder Mönchs Saxo (+1220) übernommen und verarbeitet hat.
Ja, wer ist Hans Schriber, der die nordische Apfelschusssage von Saxo nach Altdorf verpflanzt hat?
Der Obwaldner Landschreiber
Schriber, aus Engelberg stammend, war im Rathaus zu Sarnen Landschreiber von 1434 bis 1478. Er war ein humanistisch gebildeter, politisch einflussreicher und angesehener Schreiber, Notar, Tagsatzungsabgeordneter und Schiedsrichter zur Zeit von Bruder Klaus. Um 1470 hat er, nach dem Brand von Sarnen, ein Kopialbuch mit Abschriften von wichtigen Urkunden der Staatskanzlei geschrieben.
Am Schluss dieses Kanzleibuchs, des Weissen Buchs von Sarnen, fügte Schriber eine Chronik über die Entstehung der Eidgenossenschaft bei und erzählt erstmals die Geschichte der Befreiung vom habsburgischen Joch durch den Tyrannenmord. Er schrieb diese tendenziöse, antihabsburgische Geschichte wohl nicht ganz ohne politische Absicht, da Obwalden wegen des Kollerhandels stets in offener Fehde mit Erzherzog Sigismund von Tirol lag und auch gegen einen Friedensschluss mit Habsburg-Österreich war (1474).
Schriber erzählt die «Befreiung» der Waldstätte vom Willkürregime der österreichischen Vögte mit episodenhaften Erzählungen: Die Blendung des Bauern im Melchi, das tödliche Bad in Altzellen, die Auseinandersetzung Stauffachers mit Gessler vor dessen Steinhaus in Schwyz, die Begründung des Geheimbunds in Uri mit den Beratungen und dem Schwur auf dem Rütli und die listenreiche Eroberung der unteren Burg von Sarnen. Der Obwaldner Landschreiber hat lokale Episoden, die damals im Umlauf waren, zu einer erzählerisch glänzenden Befreiungsgeschichte zusammengefügt, und sie in die ihm vertraute Kulisse um den Vierwaldstättersee hineingestellt – mitsamt dem Rütli und dem Schwur der drei Eidgenossen.
Durch diese hohle Gasse muss er kommen …
Höhepunkt der Erzählung ist die Tellsgeschichte. In der Tellsgeschichte kombiniert der Obwaldner brillant die nordische Tokosage und den Apfelschuss mit einer Urner Sage und dem unvermeidlichen, tödlichen Pfeilschuss auf Gessler in der Hohlen Gasse. Dazu wurde der Obwaldner offenbar durch einen zeitgenössischen Vorfall von 1465 angeregt, wo in einer hohlen Gasse im Schwarzwald der aus dem Zürichkrieg verfemte österreichische Hauptmann und Ritter Hans von Rechberg mit einem Pfeil erschossen wurde, zwar nicht aus politischen Gründen, sondern weil er der Braut des Schützen nachhielt.
Die Geschichten aus dem Weissen Buch sind via die gedruckte Fassung des Luzerner Chronisten Petermann Etterlin (1507) von Schiller in sein 1804 vollendetes Drama «Wilhelm Tell» übernommen worden. Schillers Tell wurde zur literarisch fixierten eidgenössischen Freiheitsgeschichte und das Rütli, das «stille Gelände am See», im 19. Jahrhundert zum patriotischen Wallfahrtsort.
Sogar der «Märchenkönig» Ludwig II. folgte den literarischen Spuren Tells. In mondhellen Nächten fuhr er 1885 von Brunnen aus wiederholt über den See aufs Rütli und liess sich vom Schauspieler Ludwig Kainz Verse aus Schillers Drama rezitieren. Tell wurde in der Schweiz im 19. Jahrhundert zum nationalen Schauspiel.
Das Erstaunliche – und kaum Bekannte: Der Anfang dieses nationalen Schauspiels liegt in Sarnen, in der Chronik des Weissen Buchs von Sarnen, geschrieben um 1470 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber. Ohne ihn und seine glänzend geschriebene Befreiungsgeschichte hätten wir vermutlich Schillers Tell und Rossinis gleichnamige Oper nie bekommen.