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Albert Anker
Fanny, lesend, Juli 1875
Die grossformatige Kohlezeichnung war ein Geschenk Albert Ankers an die Familie Rummel und fand sich lange im Besitz von Fanny Sahli-Rummel aus Biel. Seit 1982 gehört sie der Stiftung Lindenhofspital Bern, von wo aus sie 2010 als Dauerleihgabe ins Kunstmuseum Bern gelangte. Das dargestellte lesende Mädchen ist Fanny Louise Rummel im Alter von circa 12 Jahren. Sie war das Patenkind von Ankers Ehefrau, Anna Anker, welche ihren Mann 1875 gebeten hatte, Fanny zu malen. Denn Fanny war die Tochter einer Jugendfreundin, bei der Anna Anker auf ihren Besuchen in Biel jeweils logierte. Mit der Zeichnung sowie einem kleinen Porträt in Öl revanchierte sie sich dafür. In der Zeichnung trägt Fanny ein schickes, gestreiftes Kleid und sitzt auf einem eleganten, weich gepolsterten Stuhl. Sie liest mit aufgestütztem Arm ein Buch.
Bürgerliche Eltern betrachteten damals die Lektüre ihrer Töchter oft eher skeptisch. Deshalb sollte sie zeitlich begrenzt sein und inhaltlich nicht nur unterhalten, sondern der Gemütsbildung dienen. Sie durfte nicht im Widerspruch zur (späteren) Aufgabe der Frauen als Hausfrauen und Mütter stehen. Lesestoff fanden Mädchen in den Volksbibliotheken. Manche Bibliothekare klagten über eine regelrechte «Lesewuth und verdorbenen Geschmack, besonders bei der weiblichen Jugend». Andererseits dienten gerade die Volksbibliotheken der Bereitstellung von «sinnvollem» Lesestoff. Dazu gehörten Werke zur Schweizergeschichte, Biografien, Volkskalender, Gedichte, Novellen und natürlich Romane von Jeremias Gotthelf oder Johann Heinrich Pestalozzi.