Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/2031

Unübersetzbar, das darf nicht sein. Als Übersetzer setze ich mir in den Kopf: Alles ist übersetzbar – oder dann eben nichts. Nur allzu oft widerspricht jedoch das Resultat dem Anspruch. In einer vor kurzem erschienenen Übersetzung eines Gedichts von Pierre Chappuis stiess ich auf «stummen Schnee, der als Täufer den Weg ebnet». Das lässt sich leicht in andere Sprachen übersetzen – aber wie ist es gemeint? Auch der Kontext hilft nicht weiter:
OHNE FAHRSPUREN
Womit auf einen unsichtbaren Stein treffen, auf eine Baumwurzel unterm stummen Schnee, der als Täufer den Weg ebnet, ihn weithin ausdehnt, unmerklich das Unterholz, entlastet des Nachts, vom Erdboden hebt.
Offenbar steckt hinter dem «Täufer» ein Übersetzungsproblem. So lautet das Original:
SANS ORNIÈRES
De quoi heurter un caillou, une racine d’arbre invisibles sous la neige muette, baptismale qui aplanit le chemin, l’étend de part et d’autre, soulève insensiblement de terre le sousbois, délesté de la nuit.
«Neige baptismale»: Soll man es auch in der Übersetzung mit einem Adjektiv versuchen, «täuferisch»? Nein, das geht nur mit Bezug auf die Täuferbewegung, und als Metapher ist «täuferisch» ungeeignet. Der Übersetzer wählt ein Substantiv: «Täufer». Dieses jedoch versperrt uns den Weg. Gibt es andere Möglichkeiten, das deutsche Adjektiv zu umgehen? Ja, und es ist gerade das französische «baptismal», das uns den Weg weist: «Fonts baptismaux» – Taufbecken, «eau baptismale» – Taufwasser. Nun, «Taufschnee» gibt es nicht, doch es gibt eine Taufdecke, und diese lässt sich mühelos an die Schneedecke anfügen. Sie «ebnet den Weg» zu unserem Verständnis – und zu einem nächsten Versuch:
OHNE FAHRSPUREN
Leicht träte man auf einen Stein, eine Baumwurzel, unsichtbar unter der stummen Schneedecke – Taufdecke; sie ebnet den Weg, dehnt ihn beidseitig aus, hebt unmerklich über den Erdboden das von der Last der Nacht befreite Unterholz.
Wie so oft bei Pierre Chappuis liegt der Schnee als weisses Blatt vor dem Dichter. Bald werden sich darin die Fahrspuren der Schrift abzeichnen.
Luzius Keller
übersetzt aus dem Französischen und dem Rätoromanischen und ist insbesondere als Kenner und Übersetzer Prousts bekannt. Zuletzt trug er zur viersprachigen Ausgabe von Pierre Chappuis’ «Pleines marges» (éditions d’en bas, 2017) die deutsche Übersetzung «Erfüllte Ränder» bei.