Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/2439

“We are here”. Das ist das Motto des Kinderspitals von Bethlehem. Das Spital wurde 1952 vom Schweizer Ordensmann Ernst Schnydrig (1912 – 1978) gegründet und behandelt jedes Jahr 30 000 palästinensische Kinder ohne Rücksicht auf deren Religionszugehörigkeit.
Bethlehem, Geburtsstätte von Jesus, ein wichtiger Wallfahrtsort im Heiligen Land und der Tourismus ist denn auch die wichtigste Einnahmequelle dieser Stadt sein. Bethlehem grenzt unmittelbar an Jerusalem und wäre auch innert wenigen Minuten zu erreichen. Wäre – denn Bethlehem ist eine palästinensische Stadt, sie liegt im Westjordanland und ist durch eine hohe Mauer von Jerusalem getrennt. Mit einem Schweizer Pass kommt man leicht über die Grenze. Für Palästinenser sieht es anders aus. Sie können hier nicht einfach ein- und ausreisen – und auch die Nähe des internationalen Flughafens von Tel Aviv, der in knapp einer Stunde zu erreichen wäre, nützt ihnen nichts. Sie dürfen nur über einen einzigen Grenzübergang bei Jericho das Gebiet verlassen und müssen von dort über jordanisches Gebiet zum Flughafen von Amman fahren. Alles in allem eine Tagesreise.
In unmittelbarer Nachbarschaft zur Mauer und auch zum Checkpoint liegt das Kinderspital von Bethlehem, offiziell Caritas Baby Hospital genannt. Gegründet wurde das Spital vom Schweizer Ordensmann Ernst Schnydrig (1912 – 1978) im Jahr 1952.
Pater Ernst Schnydrig war katholischer Priester und gehörte zum Orden Unserer lieben Frau von La Salette. Im Wikiwallis heisst es zur Gründungsgeschichte des Spitals “An Weihnachten 1952 war Pater Ernst Schnydrig auf dem Weg in die Geburtskirche, als er mit ansehen musste, wie ein Vater sein verstorbenes Kind begrub. Daraufhin mietete Schnydrig in Bethlehem eine 2-Zimmer Wohnung und stellte 14 Bettchen hinein – das Caritas Baby Hospital war gegründet worden.” Das Historische Lexikon der Schweiz schreibt über den engagierten Priester: “Im Auftrag der Caritas Schweiz setzte er sich für die palästinensische Flüchtlinge ein und warb für den Ausbau des Kinderspitals in Bethlehem. Seine sehr volksnahe publizistische Tätigkeit (16 Bücher) trug den Gedanken karitativer Zuwendung und Solidarität in weite Kreise.”
Die Beziehungen zur Schweiz sind für das Kinderspital von Bethlehem zentral. In der Kapelle des Spitals ist denn auch an prominenter Stelle eine schlichte Holzstatue von Bruder Klaus zu sehen. Niklaus von der Flüe (1417 – 1487), wie der Heilige auch genannt wird, gilt als Schutzpatron der Schweiz. Sein schützender Schirm soll – so will uns die Präsenz in Bethlehem sagen – bis nach Palästina reichen.
Besucher sind im Kinderspital willkommen, denn das Budget von 5.5 Millionen Euro pro Jahr wird zu einem wesentlichen Teil über Spenden abgedeckt. Anmelden kann man sich übrigens via Website des Spitals. Trotzdem ist es ein Privileg von der Chefärztin des Spitals begrüsst und informiert zu werden: Dr. Hiyam Marzouqa führt uns in ihr bescheidenes Büro. Die Chefärztin spricht fliessend Deutsch und das hat einen besonderen Grund: Sie hatte als zweitbeste ihres Jahrganges am Gymnasium Talitha Kumi in Beit Jala bei Bethlehem ein Stipendium für ein Studium ihrer Wahl in Deutschland gewonnen und studierte in Deutschland Medizin.
Unser Bild zeigt sie im Gespräch mit dem Radiojournalisten Martin Heule. Gleich darunter sieht man sie mit einigen ihrer jungen Patienten.
30 000 Kinder werden hier jedes Jahr behandelt, erklärt uns die Chefärztin im Gespräch: “Unsere Kinder leiden an den typischen Armuts-Erkankungen. Im Sommer Durchfall und im Winter Erkältungen und Erkrankungen der Atemwege”. Verantwortlich dafür sind unter anderem schlechte Heizungen. Das Spital hat auch Sozialarbeiter angestellt. “Es braucht viel Aufklärung bei den Leuten”, sagt uns die Ärztin. Beharrliche Aufklärung braucht es vor allem um die verbreiteten Erbkrankheiten zu bekämpfen. Heiraten innerhalb von Familien – etwa von Cousin und Cousinen – sind verbreitet. Schuld daran ist zum Teil die Rückständigkeit, zum Teil aber auch die äusserst eingeschränkte Bewegungs- und Reisefreiheit der Palästinenser in dem von Israel besetzten Westjordanland.
Enthusiasmus und Engagemnt auch bei den palästinensichen Angestellten des Spitals. Hier die Physiotherapeutin mit ihren Patienten.
Trotz aller Einschränkungen gibt es eine Zusammenarbeit mit israelischen Spitälern und Ärzten: “Wir besprechen uns und unterhalten uns regelmässig über Skype”. Theoretisch wäre es für sie möglich, nach Jerusalem zu reisen. Dafür braucht es eine Bewilligung. Die engagierte Ärztin weicht solchen Reisen aber aus: “Die Begegnungen am Checkpoint sind für mich nur schwer zu ertragen: “Da steht dann ein 18jähriger Russe oder Äthiopier in israelischer Uniform, der plötzlich über mich verfügen kann”.
Und so gilt für die Ärtzin Hiyam Marzouqa das Motto des Spitals “We are here” auch in einem doppelten Sinn. Im Gespräch weist sie darauf hin, wie wichtig die Spenden aus dem Ausland für den Betrieb des Spitals sind. Sie verschweigt nicht, was wir alle spüren: Eigentlich ist eine ganze Stadt auf Hilfe aus Europa angewiesen. “Die Kinder Palästinas haben ein Recht auf angemessene Pflege” sagt sie uns.
Es ist richtig und wichtig, dass das Kinderspital diese Hilfe erhält. Ein Hinweis muss trotzdem erlaubt sein: Israel ist im Westjordanland Besatzungsmacht. Völkerrechtlich gilt hier die vierte Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung. Israel hat dieses wichtige völkerrechtliche Abkommen unterschrieben. Demgemäss wäre es an der Besatzungsmacht, für angemessene Versorgung und medizinische Pflege zu sorgen.
Für den Patienten Ahmed ist heute ein Freudentag: Er wird endlich entlassen, seine hartnäckige Krankheit wollte lange nicht heilen. Gleich nach dem Foto gab es auf der Abteilung ein kleines Fest ihm zu Ehren.
Hier gehts zur mehrsprachigen Website der Kinderhilfe Bethlehem
Bildungszentrum Talitha Kumi bei Beit Jala/ Bethlehem (hat auch ein Gästehaus für Reisende!)
Alle Fotos: Dominik Landwehr – dlandwehr at bluewin.ch