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Die Ziegler Papier AG in Grellingen ist mit mehr als 150 Jahren das älteste Familienunternehmen der Schweizer Papierindustrie.
Der Firmengründer Josef Maria Ziegler-Thoma (1818-1887) stammte aus einer Papiermacherfamilie, die seit 1798 die Papiermühle (später Papierfabrik) in Kriegstetten (SO) betrieb. Um 1860 gründete er zusammen mit dem Berner Grossrat und Nationalrat Niklaus Kaiser, Besitzer einer Säge und Mühle mit Wasserkraftanlagen an der Birs, die Papierfabrik Kaiser Ziegler & Co. in Grellingen. Die Fabrik nahm ihren Betrieb am 22. Juni 1861 unter der Leitung von Josef Maria Ziegler-Thoma auf. Der Standort eignete sich besonders wegen der Lage an der Birs, aus der Wasserkraft für den energieintensiven Papierherstellungsprozess gewonnen werden konnte, aber auch die Nähe zu Basel erwies sich als günstig, da die Seidenbandindustrie mit ihrem Bedarf an Papier für Zwischenlagen in Bandrollen zur Grossabnehmerin der Produktion wurde. Weitere wichtige Kunden waren der Tabakwarenhersteller J. Burrus in Boncourt und die Bundeskanzlei in Bern (letztere bis heute). Unter Josef Maria Ziegler-Thomas Führung wurde die erste Papiermaschine installiert, neue Wasserrechte und Gelände erworben und eine betriebseigene Krankenkasse eingerichtet (1865). 1878 konnte Ziegler dank Vorkaufsrecht alle Firmenanteile von seinem Partner erwerben. 1881 zerstörte ein Hochwasser die Wehranlage und die Firma geriet auch nach dem Untergang einer geschäftlich involvierten Bank in finanzielle Schwierigkeiten.
Der Sohn des Firmengründers, Albert Ziegler-Frölicher, der bereits 1876 in die Firma eingetreten war, kaufte die Firma 1883 seinem Vater ab, nachdem sein vermögender Schwiegervater, J. F. Frölicher-Lack, die Firma aus finanzieller Not gerettet und den Führungswechsel zur Bedingung gemacht hatte. Der neue Besitzer wandelte das Unternehmen in die Kommanditgesellschaft Albert Ziegler & Cie um. Unter seiner Leitung hatte die Firma einerseits mit Schwierigkeiten zu kämpfen (Grossbrand von 1911, Rohstoffmangel während des Ersten Weltkriegs und der Einbruch der Nachfrage infolge des Niedergangs der Seidenbandproduktion in der Region Basel) und wurde andererseits innovativ modernisiert und stark erweitert (Experimente für die Zubereitung von Zellulose ab 1885, Einbau einer Girard-Turbine 1887, Ankauf von Gebäuden und Wasserrechten 1920, Einrichtung einer Pensionskasse durch die Albert Ziegler Stiftung 1922 und einer Arbeitslosenversicherungskasse 1927). Insbesondere gelang die Umstellung des Produktionsschwerpunkts von Pack- auf hochwertiges Feinpapier, was sich als zukunftsweisende Pioniertat erweisen sollte. 1923 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit Namen Albert Ziegler AG umgewandelt (Präsident war Albert Ziegler-Frölicher).
1929 verstarb Albert Ziegler-Frölicher. Sein Sohn, Siegfried Ziegler-Steiner, der erstmals 1904 in der Firma tätig und seit 1908 Kommanditär war, übernahm die Geschäfte als Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats. Zusammen mit seinem Bruder Franz Ziegler-König (seit 1924 in der Firma) passte er den Betrieb den sich verändernden Produktionsanforderungen an (u.a. 1953 durch Inbetriebnahme einer neuen Feinpapiermaschine und Elektrifikation des gesamten Betriebs), erweiterte die Gebäude (1932 neues Ausrüstgebäude, 1942 Ausbau der Birskraftwerke zur Versorgung mit Eigenstrom) und richtete das Sortiment neu aus, u.a. auf Formatpapiere und Lochkartenpapier. All diese Schritte führten zu einer Verdreifachung der Produktion und zogen weiteren Ausbaubedarf nach sich.
Nach Siegfried Zieglers plötzlichem Tod im Jahr 1955 ging die Geschäftsleitung an die vierte Generation über, zunächst mit Karl von Blarer-Ziegler (Präsident), Albert Ziegler-Jermann (Mitglied des Verwaltungsrates und Delegierter) und Christoph von Blarer. Eine Statutenänderung sicherte jedem Zweig der Nachkommen von Albert Ziegler-Frölicher einen Anspruch auf einen Sitz im Verwaltungsrat zu. Die von der vorherigen Geschäftsleitung projektierten Erneuerungen wurden zum Abschluss gebracht. Ab 1957 gab die Firma die Zeitschrift Ziegler Papier und wir heraus. 1961 wurde das 100-jährige Jubiläum mit einer Festschrift, einer kirchlichen Feier und einem Kinderfest begangen. In dasselbe Jahr fiel der Kauf der Walke AG in Herisau (AR) zur Herstellung von gestrichenem Papier, was sich später als folgenschwere Fehlinvestition erwies und der Firma zusammen mit einem erschwerten Umfeld (Öffnung der europäischen Märkte und Zunahme des Papierimports in die Schweiz) bis in die frühen 1980er Jahre zu schaffen machen sollte. Gleichzeitig standen teure Investitionen an, so z.B. die Installation der Papiermaschine PM3 mit 330cm Bahnbreite und einer Kapazität von 80-100 Tonnen pro Tag (1964), die anfänglich mit technischen Problemen zu kämpfen hatte, sowie ein dazugehöriger Neubau für insgesamt rund 30 Mio Franken. Die Turbulenzen wirkten sich auch auf die Zusammensetzung der Geschäftsleitung aus. 1965 übernahm Albert Ziegler-Jermann (Firmeneintritt 1944) das Verwaltungsratspräsidium, 1968 trat sein Bruder Bernhard Ziegler-Auf der Maur in die Geschäftsleitung ein. 1970 kam es zu weiteren Spannungen in der Geschäftsleitung, die zum Rücktritt von Christoph von Blarer führten. Ein Betriebsunfall löste im selben Jahr ein Fischsterben in der Birs unterhalb von Grellingen bis zum Rhein aus.
1972 wurde die Produktion von gestrichenem Papier von der verlustreichen Auslagerung in Herisau nach Grellingen verlegt. Das Werk in Herisau wurde verkauft. Im weiteren Verlauf der 1970er Jahre fand die Firma keinen Ausweg aus den Schwierigkeiten. 1973 führte ein Hochwasser der Birs zu Schäden, später gab es Probleme wegen der Ölkrise und der Rezession. Doch auch in den Folgejahren konnte die Firma den Investitionsbedarf, die wachsenden Anforderungen der Umweltvorschriften und die enge Personal-Lage (Konkurrentin auf dem Markt für Fachkräfte war vor allem die chemische Industrie) kaum meistern. Es musste zeitweise Kurzarbeit eingeführt werden und es kam zu Personalabbau. 1975 trat Robert Ziegler-Fritzsche (Firmeneintritt 1962) der Geschäftsleitung bei. 1976 erfolgte die Trennung der patronalen Wohlfahrtsstiftung von der Albert Ziegler-Stiftung. Am Ende des Jahrzehnts befand sich das Unternehmen in verzweifelter finanzieller Schieflage und es wurde nach Käufern Ausschau gehalten.
Erst die fünfte Generation konnte das Familienunternehmen aus den Schwierigkeiten führen. 1981 übernahmen Urs Ziegler-Abderhalden und sein Cousin Bernhard Ziegler-Mroczyk die Geschäftsleitung. Innert fünf Jahren erreichten sie, dass das Unternehmen wieder schwarze Zahlen schrieb und schuldenfrei dastand. Mit den Banken erarbeiteten sie ein rigoroses Restrukturierungsprogramm, das 50 der damals 350 Angestellten den Arbeitsplatz kostete. Nicht betriebsnotwendige Immobilien wurden abgestossen. Wegweisend für den nachhaltigen Erfolg der Sanierung war vor allem die Internationalisierung und die Neuausrichtung des Produktionsschwerpunktes weg von der Massenware und hin zu qualitativ hochstehendem Spezialpapier (z.B. Packungsbeilagen für die Pharmaindustrie, Basispapier für Tachoscheiben, grafische Produkte etc.), womit weltweit Nischenmärkte bedient wurden. Auch der Aufbau eines modernen Qualitätsmanagements ab 1984 und die Erhöhung der Produktivität trugen wesentlich zum Erfolg bei. 1986 wurde die alte Papiermaschine PM2 verkauft und die PM3 auf Vierschichtbetrieb 24 Stunden / 7 Tage pro Woche umgestellt. In der Folge wurden nochmals 50 Arbeitsplätze abgebaut. Ab 1986 stand die Z. auf soliden Beinen und war bereit für neue Investitionen. 1988 wurde der Name des Unternehmens von Papierfabrik Albert Ziegler AG in Ziegler Papier AG umgewandelt.
1989 verursachte die Betriebsumstellung auf säurefreies Papier zur Zerstörung der Biologie in der örtlichen Kläranlage und zog eine milde Verurteilung nach sich.1991 trat Albert Ziegler-Jermann als Verwaltungsratspräsident zurück und die beiden erfolgreichen Geschäftsleiter übernahmen das Präsidium im Vierjahresturnus. Die Z. blieb in den 1990er und 2000er Jahren auf Erfolgskurs und passte sich den Neuerungen und Anforderungen der Zeit an, u.a. 2005 mit der Erreichung der FSC-Standards für ökologische und nachhaltige Forstwirtschaft oder 2007 mit der Auslagerung und dem Verkauf der firmeneigenen Wasserkraftwerke. 1994 konnte die millionste Tonne Papier (an die Bundesverwaltung) geliefert werden und 1997 erhielt die Z. den Innovationspreis der Basellandschaftlichen Kantonalbank. 2000 kam es zur Gründung der Tochtergesellschaft Ziegler Papier US Inc. in Elk Grove Illinois USA, nachdem ein Grosskunde (Océ-Gruppe, heute Canon) die Beschichtung von Inkjet-Papieren in die USA verlagert hatte. Seit 2004 vergibt Ziegler Papier jährlich den «Ziegler's best art & print work»-Preis an Profis aus der Druck- und Designbranche. 2007 übernahm Thomas Ziegler-Boos, von Bernhard Ziegler-Mroczyk das Präsidium des Verwaltungsrats.
Am 24. Juli 2009 erwarben Philipp und Isabel Kuttler-Frey sämtliche Aktien der Z. rückwirkend per 1. Januar 2009. Daraufhin wurde der Verwaltungsrat neu zusammengestellt, wobei Bernhard Ziegler-Mrozcyk und Urs Ziegler-Abderhalden Mitglieder blieben. Verwaltungsratspräsident wurde René L. Frey, Vizepräsidentin Isabel Frey-Kuttler. Am 1. Januar 2010 übernahmen die neuen Besitzer auch die Geschäftsleitung. Eine Änderung der Statuten wurde nach der Übernahme notwendig, da diese stark auf die Grossfamilie Ziegler ausgerichtet waren. Das Manager-Ehepaar sah in der Übernahme jedoch keinen Bruch mit der Tradition eines Familienunternehmens, da sie keinen fremden Grosskonzern vertreten und die für Familienfirmen typische Charakteristik der Personalunion von Geschäftsleiter und Eigner weiterhin bestehen blieb.
2011 übernahm Philipp Kuttler-Frey das Präsidium des Verwaltungsrats von seinem Schwiegervater. Im gleichen Jahr wurde das 150-jährige Firmenjubiläum mit einem Mitarbeiterfest gefeiert.
Um 2012 zählte die Z. als einzige noch bestehende Papierfabrik im Laufental rund 180 Mitarbeitende im Tages- und Schichtbetrieb. Die Papiermaschine PM3 hatte eine jährliche Leistung von 72'000 Tonnen. Mehr als die Hälfte der Produktion wurde weltweit exportiert, wobei Europa den grössten Marktanteil stellte.
In den Jahren darauf machten dem Unternehmen Überkapazitäten, Preisdruck und der Wechselkurs zu schaffen. Innovations- und Effizienzsteigerungsprogramme wurden zwar umgesetzt, brachten aber nach eigenen Angaben der Firma nicht genug. Im Januar 2016 kündigte die Z. an, dass sie die Produktionsstätte für Fein- und Spezialpapiere in Grellingen per Ende April desselben Jahres schliessen und für die 100 betroffenen Angestellten einen Sozialplan ausarbeiten werde. Das Firmengelände soll umgenutzt werden.
Autor*in der ersten Version: Kiki Lutz, 26/03/2012
Letzte Änderung: 10/03/2016
Archivbestände
SWA Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel, Dokumentensammlungen Ziegler Papier AG - Grellingen, Signatur: H + I Be 39 und Ziegler Siegfried (1882-1955), Signatur: Biogr. Ziegler, Siegfried
Bibliografie
Basler Zeitung, 18. November 2011, 12. August 2009
Basellandschaftliche Zeitung, 15. Februar 2011, 25. Januar 2007
Joseph Baumann et al.,100 Jahre Papierfabrik Albert Ziegler AG, Grellingen 1861-1961, Basel 1961
Biolex Personenlexikon des Kantons Basel-Landschaft, s.v. «Ziegler, Albert» und «Ziegler, Siegfried», Online-Version (Stand 02.02.2012): http://www.baselland.ch/main_z-htm.283480.0.html
Paul Dups, «Gedanken zum Firmenjubiläum», in Laufentaler Jahrbuch Nr. 2, 1987, S.98-99
René L. Frey (Hg.), Papier und Wir. Ziegler Papier. Spezialisierung und Innovation eines erfolgreichen Schweizer Familienunternehmens, Grellingen 2011
NZZ, 13.01.2016, Online-Version (Stand 10.03.2016)
www.srf.ch, 13.01.2016
Ziegler Papier AG, Website (Stand 29.02.2012, 13.01.2016): www.zieglerpapier.com
Zitiervorschlag
Kiki Lutz, «Ziegler Papier AG, Grellingen», Lexikon des Jura / Dictionnaire du Jura (DIJU), https://diju.ch/d/notices/detail/1000299-ziegler-papier-ag-grellingen, Stand: 06/12/2023.