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Die Strahlegghütte
Die Strahlegghütte
Dazu zwei Grundrisse, ein Schnitt und eine Ansicht, gezeichnet von Architekt W. Marcie
( Sektion Basel ).
Schon Ende 1905 hatte die Sektion Basel mit allen gegen eine Stimme den Beschluß gefaßt, den Klagen über unzureichende Raumverhältnisse in der Schwarzegghütte durch einen Neubau abzuhelfen. Wenn es fast fünf Jahre gegangen ist, bis dieser Gedanke zur Verwirklichung kam, so ist in erster Linie die Suche nach einem geeigneten Standort daran schuld gewesen. In der ganzen Umgebung der Schwarzegghütte ist nämlich, wenn man nicht weiter hinabgehen will, kein einwandfreier Bauplatz zu finden, und auch die Vergrößerung der alten Hütte hätte solche Schwierigkeiten geboten, daß ihr ein Neubau unbedingt vorzuziehen war. Die Platzfrage ist also hier so zäh und gründlich „ erdauert " worden, daß der Bau selbst dagegen dann verhältnismäßig leicht und rasch vonstatten ging.
Die erste, nur Bergsteigern dienende Unterkunft in dieser Gegend hatte zu Beginn der Sechzigerjahre der Kastenstein geboten, ein großer überhängender Felsblock im ersten grünen Hang, der sich rechts unmittelbar vor dem großen Abbruch gegen das obere Eismeer herunterzieht. Dort befindet sich eine schöne Quelle, und durch ein Mäuerchen und eine Holztüre war der Biwakplatz gegen außen abgeschlossen und etwas wohnlicher gemacht worden. Der Besuch dieses denkwürdigen Ortes, an dem der große Strom heute achtlos vorbeizieht, lohnt sich zweifellos für den, der mit etwas historischem Sinn Pietät für die ersten Eroberer unserer Bergwelt verbindet. Wenige Schritte führen vom Fußpfad zu ihm hinauf.
Im Jahre 1877 baute sodann die Sektion Oberland auf dem Vorsprung am Zusammenfluß des Kastensteinfirns mit dem Eismeer, d.h. am Fuße des Schwarzenegg-grates, die erste Hütte, einen niedrigen gemauerten Raum mit winzigem Fensterchen und geschindeltem Dach. Nachdem sie nach fünfjährigem Bestand in die Obhut der Sektion Basel übergegangen war, erfuhr die Hütte 1886 eine Vergrößerung auf das Doppelte und erhielt später eine innere Holzverkleidung. Sie hat sich auch die Jahre hindurch verhältnismäßig gut erhalten, allein das Lager für 8—10 Personen und der enge Raum davor mit dem schmalen Tisch und dem noch schmalern Bänklein genügten mit der Zeit nicht mehr. Sind doch öfters Touristen genötigt gewesen, aus Platzmangel vor der Türe im Freien zu übernachten. Auch auf andere Übelstände wurde schon 1900 und 1901 aufmerksam gemacht, so daß die Sektion im Hinblick auf einen kommenden Ergänzungsbau im Jahre 1902 eine Bausumme anlegte, die bis zu ihrer Verwendung durch jährliche Rückstellungen auf Fr. 3634. 30 angewachsen ist. Nachdem der Bau beschlossen war, arbeitete die dazu ernannte Kommission unter dem Vorsitz des unermüdlichen damaligen Statthalters Herrn R. Kummer in überraschend kurzer Zeit Pläne und Verträge aus, so daß mit den Arbeiten gleich hätte begonnen werden können. Gegen den in Aussicht genommenen Platz neben der Schwarzegghütte, der vom damaligen Hüttenwart des Zentralkomitees besichtigt, vermessen und befürwortet worden war, hatte aber hauptsächlich Herr Architekt Marck Bedenken, weil eine vorhandene Schmelzwasserrinne nicht unbedingt trockenen Boden versprach. Schon auf der Suche nach geeigneten Standorten in der nähern oder weitern Umgebung der Schwarzegg war von ihm als oberhalb einzig in Betracht kommender Platz ein Vorsprung an der Gabelung des Strahlegg- und Finsteraarjochweges bezeichnet worden, der alle denkbaren Vorzüge bot, außer daß ihn der Schreiber dieser Zeilen nicht sicher vor Lawinenwinddruck hielt.
Zu seinen Gunsten sprach auch der Wunsch der Sektion, die neue Hütte so hoch hinauf als möglich und außer den Bereich der Spaziergänger zu stellen. Die Grindelwaldner selbst sahen es indessen nur ungern, daß die historische Stätte an der Schwarzegg verlassen werden sollte. Aus dem teilweise ziemlich erregten Für und Wider, das unter anderm auch die Erneuerung der Hüttenbaukommission zur Folge hatte, rettete ein Gutachten des Adjunkten des eidg. Oberforstinspektors, Herrn Dr. Fankhauser, der sich in gefälligster Weise dazu bereit erklärt hatte, beide Plätze, den alten und den in Aussicht genommenen neuen Standort, auf ihre Lawinensicherheit zu prüfen. Seinem umfangreichen und gründlichen Gutachten entnehme ich folgende interessante Stellen:
„ Alte Hütte:... Ihr Standort erscheint weder von Grund- noch von Staublawinen ernstlich gefährdet. Mit weniger Sicherheit läßt sich dies vom taleinwärts angrenzenden Platz in der kleinen, flachen Mulde sagen. Immerhin würde ich auch hier die Gefahr weniger in Schneeabrutschungen als in Steinschlag erblicken.... Die Frage, ob ein Neubau ohne Beseitigung der alten Hütte errichtet werden könnte, ist meines Erachtens zu verneinen. Die letztere steht unstreitig auf dem geeignetsten vorhandenen Platz...
Oberer Platz: Dieser Platz scheint mir ungemein verständnisvoll ausgewählt. Er findet sich am Fuße eines Felsens, welcher, vom Hang etwas vorspringend und mit diesem nur durch einen Rücken von geringer Breite verbunden, ähnlich wie eine „ Spaltecke " wirkt. Höher oben losbrechende Lawinen dürften somit kaum zu fürchten sein, und der am Felskopf selbst sich ansetzende Schnee fällt bei der großen Steilheit des Terrains sukzessive ab, ohne eigentliche Lawinen zu bilden. Auch Staublawinen scheinen, soweit sich solches bei deren oft unberechenbarem Verlauf sagen läßt, nicht bedrohlich, und Gletscherlawinen können bei dem dermaligen Stand des Gletschers südlich vom „ Gaagg " die Baustelle unmöglich erreichen. "
Außerdem hatte die Baukommission während zweier Winter durch Aufstellen von Stangen Erfahrungen zu sammeln gesucht und mehrere Besichtigungen der Bauplätze vorgenommen. Nachdem endlich die Frage eines Neubaus der alten Hütte, sowie eines Ausbaus der Kastensteinhöhle geprüft und abgelehnt worden war, entschied sich die Sektion endgültig für den sogenannten obern Platz und reichte 1908 ein Subventionsgesuch an das Zentralkomitee ein, dem im folgenden Jahr von der Delegiertenversammlung entsprochen wurde.
Die Pläne wurden noch einmal abgeändert und aufs genaueste von Herrn Marck durchgearbeitet, der auch bereitwillig die Bauleitung übernahm. Wie seinerzeit die Weißhornhütte ist auch die Strahlegghütte unter verschiedenen Bewerbern dem Baugeschäft Preiswerk & Co. zur Ausführung übertragen und in seinem Zimmerhof in Basel den Clubgenossen zur Besichtigung ausgestellt worden.
Der hölzerne Bau nimmt eine Grundfläche von 7,8 X 5,7 m ein und ist vom Sockel bis zum Giebel 7 m hoch. Eine ziemlich geräumige, gemauerte Treppe führt zur Türe hinauf; wohl zum erstenmal bei einer Clubhütte ist dabei auch armierter Beton zur Verwendung gekommen. Auf dem Treppenabsatz laden Bänke zum Genießen der Aussicht ein, wie auch am Sockel längs der Südseite. Und zu schauen und bewundern gibt 's da wahrlich übergenug! Der Koch- oder Wohnraum sollte von den Schlafräumen möglichst abgetrennt gehalten werden, dabei in den Maßen nicht zu sehr beschränkt sein. Mit seinem hübschen Buffet und den Doppelfenstern macht er nun einen wohnlichen, lichterfüllten Eindruck. Zwei Herde in der Mitte der Stube sorgen dafür, daß die Partien beim Abkochen nicht zu lange aufeinander warten müssen; angenehm ist ein Ausguß mit Ablauf, durch den später einmal, wie beim Abort, ein Bacharm geleitet werden kann, damit alles rasch in den Abgrund weg- gespült wird. Der untere Schlafraum enthält Matratzen; eine seiner beiden Abteilungen ist mit einem Zugvorhang versehen; im obern Stock bilden die Lagerstätten Pritschen mit Stroh und einer Segeltuchdecke darüber. In der ganzen Hütte sind 30 Schlafplätze zu 60 cm angenommen worden. Auch hier sind Bänke und Tische vorhanden, damit nötigenfalls auch da oben Mahlzeiten genommen werden können. Die Treppe ist vollständig abgeschlossen und führt in den Windfang zwischen der doppelten Eingangstüre hinab, so daß man vom obern Raum direkt ins Freie treten kann. Besondere Sorgfalt ist auf die Verankerung verwendet: sie ist für die bekannten drei Gleichgewichtsbedingungen berechnet auf Grund eines Winddrucks von 250 kg auf den m2 bei einem Einfallswinkel von 10°; außerdem ist sie gerade durchgeführt und genau in den Schwerpunkten der Mauerkörper angreifend angeordnet. Für die Holzkonstruktion ist eine Biegungsfestigkeit von 60 kg auf den cm2 angenommen.
Auch im Äußern zeigt die Hütte manches Neue: da sind die geflammten Fensterladen, die harmonische Wirkung des verschieden gebeizten Holzes und der verschiedenen Stellung der Dielen bei der Verschalung, der hohe Giebel und die schlichte Farbe der Eternitbedachung, ferner die breite, wuchtige Steintreppe und das gekuppelte Fenster, alles durchdachte Momente zugunsten eines erfreulichen Gesamtanblicks. Einzig das Samariterkreuz an der Hüttentafel bereitet mir noch Schmerzen. Wer hätte auch gedacht, daß man in der gut eidgenössischen Stadt Basel ein Schweizerwappen nicht unkontrolliert vom Maler ausführen lassen darf! Der erste Gang der Hüttenkommission im nächsten Jahr wird mit Pinsel und roter Farbe sein, um den Schaden wieder gutzumachen.
Neben dem Bau selbst ist bei Clubhütten das Wichtigste der Transport. Der erste, mit einem Führerkonsortium in Grindelwald schon abgeschlossene Vertrag mußte erneuert werden, nachdem die Baustelle weiter hinaufgerückt war. Bei einem Gesamtgewicht von annähernd 20,000 kg verlangten die Unternehmer jetzt 28 Franken für 100 kg bis zur Baustelle, etwas mehr, als ein anderes Angebot berechnet hätte. Da wir aber in erster Linie die Grindelwaldner Führer berücksichtigen wollten, gaben wir diesen den Vorzug, mußten dann aber freilich infolge von Differenzen noch einmal in den Säckel langen. Ich gehe auf dieses Streikkapitel hier nicht weiter ein, sondern möchte nur erzählen, daß der nicht ungefährliche Transport glücklich vonstatten ging. Die Jungfraubahn hatte den Unternehmern das Baumaterial auf die Station Eismeer gebracht. Von dort schafften es an die 20 Mann in der zweiten Hälfte Mai und Anfang Juni in angestrengter Arbeit über den Grindelwaldner Fiescherfirn nach dem Zäsenberg hinüber und durch die Enge auf das Obere Eismeer. Die Sektion hatte für die Versicherung gegen Unfall bei allen Beteiligten gesorgt, soweit sie nicht schon bestand; doch brauchte sie nicht in Anspruch genommen zu werden. Die Lasten waren in 60 kg Stücke abgeteilt; einige größere wogen allerdings mehr. Alles wurde unbeschädigt zur Baustelle verbracht, nur die Apothekerkiste wies ein paar zerbrochene Fläschchen auf. Kurz nach dem Transport ging eine Lawine an den Grünenwängen nieder, und zwei der am Werk Beteiligten fanden wenige Wochen später am Bergli einen jähen Tod im Schnee.
Für das Aufrichten der Hütte gestaltete sich das Wetter so unfreundlich als möglich: ein Wirbelsturm entführte das Buffet in die Lüfte und zerschmetterte es drunten auf dem Gletscher, so daß für Ersatz gesorgt werden mußte. Trotzdem wurde die festgesetzte Bauzeit eingehalten, und am 14. August konnte die neue Hütte zur Freude aller dabei Anwesenden eröffnet werden. Ein ständiger Hüttenwart ist nicht vorgesehen; einstweilen steht sie unter Aufsicht des Rud. Burgener am Stutz, der auch die Schwarzegghütte überwacht. Holz steht den Touristen zur Verfügung gegen Entrichtung von Fr. 3. 60 für das große Bündel von 4 kg und der Hälfte für das kleine Bündel ( 2 kg ). Und das weitere notwendige Erfordernis, Wasser, sprudelt in reicher Fülle um die Hütte herum.
Es erübrigt mir noch, etwas über die Baukosten mitzuteilen. Sie verteilen sich f olgendermassen:
Holzwerk. Fr. 6,651. 35 Mauerwerk „ 1,600. 70ganze HütteFr. 8,252. 05 Transport„ 6,646. 60 Aufstellen„ 1,699. 85 Ausstattung„ 1,265. 45 Bauleitung und Verschiedenes „ 434. 35 GesamtkostenFr. 18,298. 30, was, auf den Kubikmeter berechnet, einen Einheitspreis von über 50 Franken ausmacht, also so viel, als man für ein herrschaftliches Haus in der Stadt rechnet.
Die Kosten wurden gedeckt durch den schon erwähnten Baufonds, freiwillige Beiträge von Mitgliedern ( Fr. 6404 ) und die Subvention des S.A.C. ( Fr. 8400 ).
Nun wollen wir hoffen, daß das schmucke, hochgelegene Touristenheim, das so lustig aus blanken Äuglein in die blaue Gletscherwelt hinausblinzelt, jeder Unbill trotze und aus seinen anfänglichen Gegnern sich durch seine Zweckmäßigkeit Freunde schaffeC. Egger ( Sektion Basel ).