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"Frei ist er geboren, frei muß er bleiben"
Über die Willensfreiheit des Menschen
Liegt die denkbar größte Freiheit in der Gesetzlosigkeit? Und ist es sinnvoll, den Willen im Gehirn zu suchen? Bei näherer Betrachtung scheinen diese verbreiteten Ansichten wenig plausibel, so daß sich die grundlegende Frage stellt, was Freiheit für den Menschen eigentlich bedeutet – und wozu er den freien Willen überhaupt benötigt.
Ist absolute Freiheit möglich?
Es war schon immer der Wunsch des Menschen, über ein Maximum an Freiheit verfügen zu können. Wer davon spricht, versteht darunter meist, tun und lassen zu können, was ihm gefällt, ohne dabei in irgendeiner Weise begrenzt oder gehindert zu werden und ohne jemandem Rechenschaft über sein Tun ablegen zu müssen.
Eine solche absolute Freiheit erscheint unmöglich, denn sie ist schon infrage gestellt, sobald ein Mensch mit einer derartigen Freiheit einem zweiten begegnet: Die Entscheidungen, die die erste Person trifft, können im Widerspruch zu den Interessen der zweiten Person stehen und mit deren Entscheidungen in Konflikt geraten, gar durch diese verhindert werden. Absolute Freiheit wäre demnach höchstens für eine einzelne alleinstehende Person möglich. Dies drückt das bekannte Sprichwort aus, das sagt: "Die eigene Freiheit hört da auf, wo die Freiheit der anderen beginnt."
Aber selbst wenn man alleine auf der Welt wäre, so würde auch dies nicht ausreichen, um über eine absolute Freiheit zu verfügen: Der in diesem Sinne Freie müßte sich die äußere Realität nach eigenem Gutdünken formen können, damit sie nicht in Widerspruch zu seinem Wollen steht oder der Erfüllung seiner Wünsche Hindernisse entgegensetzt. Nun sind wir jedoch in eine äußere Wirklichkeit eingebettet, die wir nicht abändern können und der wir auch nicht einfach zu entfliehen vermögen. Sie funktioniert nach unabänderlichen Gesetzen – den kosmischen oder Natur-Gesetzen –, was eine starke Einschränkung für die Möglichkeit einer totalen Freiheit bedeutet. Der Mensch kann wohl wählen, ob er gehen oder rennen will, mit seinen Armen zu fliegen übersteigt jedoch die Möglichkeiten seiner Konstitution. Er kann sich ebenfalls dafür entscheiden, Weizen anstelle eines anderen verfügbaren Kornes zu säen, dieser Weizen aber, einmal gesät, kann sich nicht der Realität entziehen und beispielsweise zu Hafer werden!
Die Freiheit wird also nicht nur dort begrenzt, wo diejenige des anderen beginnt, sie wird auch da begrenzt, wo die äußere Realität beginnt. Über absolute Freiheit verfügen zu können, ist somit etwas, das dem Menschen für immer verschlossen bleibt. Dies nimmt ihm jedoch keineswegs die Möglichkeit, einer relativen Freiheit gemäß zu leben, seiner Art entsprechend und innerhalb des Rahmens der vom Schöpfer vorgegebenen Gesetze.
Stehen Gesetze der Freiheit entgegen?
Die Existenz eines durch die Gesetze vorgegebenen Rahmens wird von manchen Menschen als eine unerträgliche Einengung empfunden. Diejenigen, welche "ohne Glauben und ohne Gesetze" leben möchten, also weder moralische noch irdische Gesetze bejahen, möchten eine absolute Freiheit, die es für den Menschen nicht gibt. Sie möchten alles selbst entscheiden können – doch wären sie auch fähig, mit einer solchen Freiheit umzugehen? Könnten sie gar die großen Abläufe des Lebens festlegen, überblicken, was auf lange Sicht funktioniert? Die Antwort ist selbstverständlich nein, denn die Weisheit, die den Schöpfungsgesetzen zugrunde liegt, Gesetzen, welche harmonisch ineinanderwirken, sich auf vollkommene Weise ergänzen, jedem und allem seinen Platz garantieren, übersteigt die Fähigkeiten eines Menschen bei weitem.
Die Gesetze sind nicht da, um zu begrenzen, sondern um die Freiheit eines jeden zu begünstigen. Bedingt durch die große Anzahl Menschen, welche sich auf der Erde befinden, würde die Freiheit eines jeden stark begrenzt sein, gäbe es nicht eine Anzahl von Regeln, die von allen respektiert werden müssen, damit jeder Einzelne über ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit verfügen kann. Diese Regeln sind etwa in den "Zehn Geboten" enthalten und wurden zusammengefaßt in den Worten Christi: "Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst!" Nie jemandem etwas anzutun, von dem wir selbst nicht wünschen, daß es uns getan wird, ist das beste Mittel, um die Freiheit des anderen zu respektieren und so jedem das größtmögliche Maß an Freiheit zuzugestehen.
Freiheit der Tiere?
Da der Mensch den Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung unterworfen ist, bleibt er in seiner Freiheit stets auch an die Folgen einer einmal getroffenen Entscheidung gebunden. Die Fähigkeit zum freien Entschluß aber, die der Mensch jederzeit nutzen kann und die man den freien Willen nennt, ist ihm vorbehalten.
Sicher, Tiere fällen auch Entscheidungen, diese sind jedoch nicht frei, sondern immer vorherbestimmt. Einem besonderen Ereignis gegenüber sind verschiedene Reaktionen möglich. Tiere können entscheiden, welche davon sie wählen, bleiben dabei jedoch an die Grenzen ihrer Art gebunden. Ein Hund zum Beispiel beißt seinen Feind oder er flieht, er kann sich jedoch nicht entscheiden, sein Gegenüber mit dem Kopf zu rammen, wie dies eine Ziege oder ein Widder tun würde. Oder: Löwen sind fleischfressende Tiere. Sie können nicht entscheiden, eine andere Ernährung vorzuziehen, zum Beispiel um Vegetarier zu werden. Der Mensch kann es. Er kann sich sogar entgegen jeder Vernunft ernähren, wenn er es so will. Die Rückwirkungen dieser falschen Entscheidung werden sich natürlich schmerzlich bemerkbar machen, dennoch, wenn er es will, kann er es tun.
Menschen beneiden manchmal die Tiere, weil sie in der Freiheit der Natur leben. Jedoch, wie wir gesehen haben, sind die Entscheidungen, die sie treffen können, sehr beschränkt verglichen mit den Möglichkeiten des Menschen. Sie sind es umso mehr, als beim Tier die Aktion generell eine Antwort auf einen von der Umwelt oder seinem Körper ausgehenden Reiz darstellt. Beim Menschen hingegen kann sie auch aus einem tief empfundenen Wunsch hervorgehen. Der Mensch kann sich entwickeln, weil er es will, während das Tier dazu gedrängt wird. Seine Entwicklung läuft somit in die Richtung, die er selbst entschieden hat, während sie beim Tier vorgegeben ist.
Wo im Menschen ist der freie Wille?
Wenn der freie Wille zum Menschen gehört, wo in ihm ist er dann zu lokalisieren? Man könnte annehmen, im Gehirn. Denkt man jedoch genauer über dessen Funktionsweise nach, so zeigt sich, daß das Gehirn selbst beeinflußt ist und somit keine freien Entscheidungen treffen kann.
Zu Beginn des Lebens enthält das Gehirn nichts. Es ist ein neues Werkzeug, welches im Ablauf des Lebens mit Informationen genährt wird. Diese Informationen erreichen es über die fünf Sinne. Sie werden anschließend im Gedächtnis gespeichert, und der Intellekt kann damit arbeiten, indem er sie verbindet.
Diese Informationen sind notwendigerweise von einer Person zur anderen verschieden, je nach ihrer Herkunft und Erziehung, ihrer Ausbildung, ihren Interessen und vielem mehr. Das zeigt schon, daß das Gehirn nicht fähig ist, eine unbeeinflußte Entscheidung zu treffen, da alle seine Überlegungen bedingt und durchtränkt sind von Ideen, Konzepten und Ansichten, die von außen an es herangetragen werden. Nun, um eine völlig freie Entscheidung zu treffen, ist es nötig, daß das Zentrum der Entscheidungen fähig ist, ohne jeglichen Einfluß von außen zu wählen.
Der freie Wille befindet sich somit nicht im Gehirn, aber wo denn? Da der Körper kein komplexeres Organ als das Gehirn besitzt, muß man den freien Willen anderswo suchen und dabei darauf achten, nicht mit einer materialistischen Einstellung, wie dies heutzutage der moderne Mensch zu tun gewohnt ist, vorzugehen. Denn mit einem ausschließlich auf Materielles beschränkten Zugang werden wir den freien Willen nur in einem der Organe unseres Körpers zu finden suchen. Die Konstitution des Menschen enthält jedoch ein Element, das nicht materiell ist und zugleich den Körper belebt: den Geist, der auch als Seele bekannt ist. Der Geist ist aus der feineren Substanz der geistigen Ebene, die auch Paradies genannt wird, geformt, während der Körper aus der viel gröberen Materie der Stofflichkeit gebaut ist. Hält sich der Geist nun auf der Erde auf, so muß er dichtere Hüllen anlegen und ein Werkzeug benutzen, das ihm erlaubt, in Kontakt mit seiner Umwelt zu treten und in ihr wirken zu können: den Erdenkörper. So inkarniert der Geist in den Körper, er ist jedoch nicht der Körper und somit auch nicht das Gehirn.
Bedingt durch seinen Ursprung, entgeht der Geist jeglicher soziokultureller Beeinflußung, welcher das Gehirn unterworfen ist. Die Eindrücke aus dem Irdischen beeindrucken ihn wohl, sie schreiben sich ihm jedoch nicht ein, wie dies bei dem Gehirn geschieht. Denn der Geist ist nicht leer wie das Gehirn, sondern er besitzt die vom Schöpfer in ihn gelegten geistigen Fähigkeiten. Die Eindrücke von außen veranlassen die Fähigkeiten dazu, in ihrer Art zu reagieren, sich bemerkbar zu machen, worin sie gestärkt werden und sich entwickeln. Für den Geist ist damit nicht von äußerer Beeinflußung, sondern von einer Entfaltung der Persönlichkeit von innen her zu sprechen. Es ist also der Geist, der unbeeinflußte Entscheidungen trifft und damit auch der Sitz des freien Willens des Menschen ist.
Geist und Intellekt – wer macht was?
Die Freiheit wird manchmal als etwas für sich, außerhalb des Menschen Stehendes dargestellt, das er sich anzueignen vermag. In Wirklichkeit besitzt der Mensch die Möglichkeit, frei zu sein, in seinem Inneren. Sie wird Realität, wenn er die Fähigkeit seines Geistes, frei entscheiden zu können, nutzt, und nur in diesem Falle. So gesehen sind Freiheit im Glauben, im Denken, im Ausdruck und so weiter nicht eigentliche Freiheit, sondern Gesetze der sozialen Organisation, die dazu dienen, jedem die Chance zu bieten, seinen freien Willen ohne Einschränkung betätigen zu können.
Wenn nun diese Gesetze die Möglichkeit zur Nutzung des freien Willens bieten, so zwingen sie den Menschen aber nicht, ihn auch tatsächlich zu nutzen. Wer ihn allerdings nicht nutzt, der ist nicht frei, selbst wenn er in einem Land lebt, das die Grundfreiheiten garantiert. Hindernisse, die der Freiheit im Wege stehen, können somit sowohl von außen als auch von innen kommen. Meistens jedoch sind sie innerlich. Normalerweise sollte der Mensch ausschließlich Entscheidungen mit seinem Geiste treffen, das Gehirn sollte sich damit begnügen, sie zu verwirklichen. Diese Verteilung der Aufgaben erklärt sich so: Die Erde, auf der sich der Mensch während seiner Inkarnation befindet, ist ihm fremd, da sie von anderer Art ist. Er ist demzufolge nicht fähig, sie zu erfassen und auf ihr zu wirken, wie dies der Fall ist für das Gehirn, das aus derselben Art besteht. Die Aufgabe des Verstandes als Produkt des Gehirns ist es somit, dem Geiste beizustehen, die von ihm getroffenen Entscheidungen auszuführen. Um dies zu tun, muß er ebenfalls über eine Entscheidungsfähigkeit verfügen, damit er die Wahl treffen kann zwischen den zahlreichen materiellen Möglichkeiten, die sich ihm bieten.
Das Entscheidungszentrum des Intellektes hat einen viel begrenzteren Wirkungskreis als dasjenige des Geistes. Es versteht nur Materielles, während der Geist einen weit darüber hinausragenden Weitblick hat. Nun hat der Mensch sich schon lange entschieden, vorwiegend seine Gehirnfähigkeiten, den Intellekt, zu nutzen, statt vor allem die hierarchisch höher stehenden geistigen Fähigkeiten, welche die intellektuellen leiten sollten. Diese letzteren haben sich mit der Zeit überentwickelt auf Kosten der geistigen Fähigkeiten. Und dies in einem solchen Maße, daß heutzutage die Entscheidungen fast durchwegs mit dem Intellekt statt mit dem Geist getroffen werde.
Was schmälert die eigene Freiheit?
Je mehr sich der Mensch seinem Intellekt unterordnet, desto weniger benutzt er den seinem Geiste innewohnenden freien Willen. Und je weniger er seinen freien Willen nutzt, um so weniger frei ist er. Der Verlust der geistigen Dimension bringt als ganz natürliche Folge den Verlust der Freiheit mit sich.
Indem er sich dem Intellekt unterordnet, bindet sich der Mensch aber noch auf eine andere Weise. Bedingt durch die eingeschränkte Sicht der Realität, die dem Intellekt zu eigen ist, sind die Entscheidungen, die er ohne die Führung seines Geistes trifft, notwendigerweise lückenhaft und stehen deshalb auch oft im Gegensatz zu den Schöpfungsgesetzen.
Wenn jemand aber den Schöpfungsgesetzen entgegengesetzte Entscheidung trifft, so schafft er sich ein Schicksal, das ihn hemmt. Das Schicksal ist ja nicht zufällig, sondern das Ergebnis vergangener Taten: "Was der Mensch sät, das wird er ernten." So wird sein Schicksal von Hemmnissen, Konflikten und Problemen versperrt, die er durchleben muß und die ihn daran hindern, frei und unbeschwert zu handeln. Die Hemmung des freien Willens, der stets eine Nichtbeachtung der Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegt, kann auch davon herrühren, daß jemand seine guten Eigenschaften nicht entwickelt, sondern stattdessen irgendeinen Hang zu Niederem. Denn Hänge, etwa nach Gewinn, Macht oder Genuß, lassen den Menschen immer in die entsprechende Richtung "hängen". Er kann so keine wirklich freien Entscheidungen mehr treffen, da er ständig gegen seinen Hang ankämpfen muß oder diesem nachgibt, weil er sich fortwährend mit Nachdruck bemerkbar macht. Anstatt über alle Möglichkeiten der Wahl verfügen zu können, steht ein einzelnes Element stark im Vordergrund und wirkt dadurch beeinflußend. Diese Beeinflußung ist ein starkes Hindernis für die uneingeschränkte Nutzung des freien Willens.
So führt das Fehlen von Achtung den Gesetzen gegenüber paradoxerweise zum Verlust der Freiheit. Gerade das Gegenteil dessen, was man gemeinhin annimmt. In dem Maße, wie die Schöpfungsgesetze einem jeden ein Höchstmaß an Freiheit garantieren, führt logischerweise ihre Nichtbeachtung zum Verlust dieser Freiheit.
Wozu dient der freie Wille?
Der Mensch hat weder sich noch die Fähigkeiten, die in ihm ruhen, selbst geschaffen. Diese Fähigkeiten wurden vom Schöpfer in seinen Geist gelegt als Anlagen, die genutzt werden können. Der Mensch muß sie jedoch vom Zustand der Möglichkeiten zu dem der Wirklichkeit gelangen lassen, indem er sie zu voller Entfaltung bringt. Dies wird in der Geschichte der Menschheit, ebenso wie derjenigen des Mineral-, Pflanzen- und Tierreiches offenbar. Zeigt sie nicht eine Bewegung vom Einfachen zum Komplexen, vom wenig zum höher Entwickelten oder auch vom Unbewußten zu vermehrtem Bewußtsein?
Fähigkeiten entfalten sich nur dann, wenn sie genutzt werden. Und damit sie dies tun, muß der Geist etwas wollen. Indem er respektvoll, geduldig, helfend und ähnliches sein will, setzt der Geist die entsprechenden Fähigkeiten, welche in ihm ruhen, in Bewegung und bringt sie dazu, sich zu zeigen. In der gleichen Weise, wie ein Muskel sich mit sportlichen Übungen entwickelt, so entwickeln sich die geistigen Fähigkeiten und entfalten sich mehr und mehr im Laufe ihrer Nutzung.
Den Bemühungen des Menschen, die er während seiner ganzen Existenz entfaltet, liegt nicht nur das materielle Überleben zugrunde oder vielleicht der Wunsch, etwas Großes auf der Erde zu vollbringen, sondern ihr Hauptzweck ist die Entwicklung geistiger Fähigkeiten. Die völlige Entfaltung der Fähigkeiten, welche im Geiste ruhen, ist das eigentliche Ziel des menschlichen Seins, denn erst wenn diese Fähigkeiten voll entfaltet sind, kann der Geist in seine Heimat zurückkehren, in das Paradies.
Jemanden daran zu hindern, seinen freien Willen ohne Einschränkungen nutzen zu können, sei dies nun der Staat, indem er nicht die grundlegenden Freiheiten seiner Bürger garantiert, oder sei es ein Einzelmensch, der irgendwelchen Druck ausübt, ist eines der schlimmsten Verbrechen. Es verursacht nicht nur irdisches Leiden, sondern geistiges, es hindert die Entfaltung des Geistes, des eigentlichen Ichs des Menschen. Die Gabe des freien Willens sollte somit weniger als eine Möglichkeit, die man nutzen kann oder auch nicht, verstanden werden, denn als etwas, das man unter allen Umständen nutzen muß. Für den Menschengeist ist die Freiheit weniger ein Recht als eine Pflicht – und je freier jemand durch die Achtung gegenüber den Schöpfungsgesetzen wird, desto mehr vergrößert sich auch Möglichkeit der Freiheit für seine Umwelt.
Christopher Vasey
Dieser Artikel basiert sich auf den Kenntnissen der Gralsbotschaft