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Sag mir, wie du investierst, und ich sage dir, welcher Typ du bist. Risikobereitschaft und Risikofähigkeit sind zwei Grundzüge, die das Anlageverhalten bestimmen.
Sind Sie ein Anleger, ein Spekulant oder ein Gambler? Der Gambler betrachtet die Börse als Casino und handelt mit Optionen. Der Spekulant kauft und verkauft Aktien im Stundentakt und vertraut auf seinen guten Riecher. Der Anleger schliesslich investiert sein Geld langfristig nach den Erkenntnissen der modernen Finanztheorie. Diese Zeilen richten sich an den dritten Typ: den Anleger. Auch bei dieser Spezies gibts Untergruppen. Sie unterscheiden sich nach Charakter und nach ihren finanziellen Möglichkeiten.
Objektive Risikofähigkeit
Der 50-jährige, geschiedene Unternehmer mit einem Vermögen von einer Million Franken ist ein anderer Typ Anleger als der junge Familienvater, der mit seinen 80 000 Franken dereinst eine Eigentumswohnung finanzieren möchte. Der 50-jährige Millionär kann einen höheren Aktienanteil verkraften. Er hat demnach laut Lehrbuch eine höhere Risikofähigkeit als der junge Familienvater. Risikofähig ist, wer das Geld aus objektiver Warte langfristig anzulegen vermag. Je länger die Anlagedauer, desto grösser darf der Aktienanteil sein. Gemäss einer Faustregel ergibt sich der ideale Aktienanteil aus der Differenz zwischen 100 und dem Alter. 100 minus 30 ist 70: Beim 30-Jährigen darf also der Aktienanteil in seinem Portefeuille 70 Prozent betragen. Beim 60-Jährigen sollte er sich indessen auf 40 Prozent belaufen. Diese Faustregel ist allerdings nur dann brauchbar, wenn das Geld der Vorsorge dienen soll. Beim 30-Jährigen beträgt der Anlagehorizont 35 Jahre, nach den Vorstellungen von Alt-Bundesrat Pascal Couchepin sogar 37 Jahre.
Die Frage des Risikos
Falls der 30-Jährige in etwa 5 Jahren mit den 80 000 Franken ein Haus kaufen will, reduziert sich der Anlagehorizont von 35 auf 5 Jahre. Also ist ein tieferer Aktienanteil zu wählen. Anders gesagt: Es sollen nur geringe Risiken in Kauf genommen werden. Aktien verzeichnen höhere Kursschwankungen als Obligationen. Somit besteht bei kurzfristiger Betrachtung das Risiko, dass die Aktienkurse unter dem Einstandspreis notieren. Je länger die Anlagedauer, desto geringer das Risiko, mit Aktien Verluste einzufahren. In 96 Prozent aller möglichen Zehnjahrperioden seit 1925 verzeichnete der Schweizer Aktienmarkt einen Anstieg der Kurse.
Subjektive Risikobereitschaft
Was im Lehrbuch logisch daherkommt, kann in der Praxis fehlschlagen, denn Anleger handeln oft irrational. In der dreijährigen Börsenbaisse zu Beginn des Jahrtausends haben viele Privatanleger ihre Wertpapiere zu Schleuderpreisen verkauft, obschon in jedem Beratungsgespräch darauf hingewiesen wird, dass das Investieren in Aktien eine langfristige Angelegenheit ist. So gibt es Leute, die aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen «risikofähig» wären, aber nicht «risikobereit» sind. Eben dann, wenn sie gegen jegliche Vernunft kalte Füsse kriegen und die Aktien im dümmsten Moment verhökern.
Strategiefonds sind praktisch
Banken erstellen im ersten Gespräch ein Anlegerprofil. Verfügt der Kunde nicht gerade über Hunderttausende Franken, wird ihm ein Strategiefonds empfohlen. Die Banken bieten meist bis zu fünf Strategiefonds an: Sie heissen «Einkommen», «Rendite», «Ausgewogen», «Wachstum», «Kapitalgewinn». Für manche sind die englischen Bezeichnungen geläufiger: «Income», «Yield», «Balanced», «Growth», «Capital Gain». Strategiefonds sind praktisch: Die Bank trifft die Anlageentscheide. Ob diese dann auch ins Schwarze treffen, ist zugegebenermassen eine andere Frage. Manche Anleger ziehen es deshalb vor, die Vermögensaufteilung in Aktien, Obligationen und Sparanlagen selber vorzunehmen. Derzeit spricht zum Beispiel wenig dafür, Obligationen zu halten. Kauft man jedoch Strategiefonds, so hat man automatisch auch in Obligationen investiert. Oder man vergisst die Erkenntnisse der modernen Portfoliotheorie und hält sich an das Rezept des verstorbenen ungarischen Börsenaltmeisters André Kostolany: Man bestücke sein Portefeuille mit soliden Bluechips, kaufe Schlaftabletten und stelle den Wecker «auf 10, noch besser auf 15 Jahre».
Einkommen: Geringes Risiko Ein konservativer, eher risikoscheuer Anleger wählt einen Fonds mit einem überdurchschnittlichen Obligationenanteil – einen Strategiefonds «Income» oder «Yield». Das Ziel ist Kapitalerhalt bei geringen Kursschwankungen. Der Aktienanteil ist markant kleiner als der Obligationenanteil. Der Anteil fremder Währungen ist bescheiden. Aktienanteil: 25 Prozent.
Ausgewogen: Mittleres Risiko Bei einem ausgewogenen Fonds ist der Anleger zu einem etwas höheren Risiko bereit. Die Kursschwankungen sind höher. Höher sind aber auch die Renditeerwartungen. Bei einem ausgewogenen Strategiefonds («Balanced») halten sich Aktien und Obligationen ungefähr die Waage. Aktienanteil: 50 Prozent.
Wachstum: Erhöhtes Risiko Einen Fondsmit demZusatz «Wachstum» oder «Growth» soll nur wählen, wer das Risiko vorübergehender KursschwankungeninKaufnehmenkann. Aktien- und Fremdwährungsanteil sind überdurchschnittlich hoch.
Aktienanteil: 75 Prozent.
Kapitalgewinn: Hohes Risiko Bei einer langen Anlagedauer von über zehn Jahren ist das Geld vorzugsweise in einen reinen Aktienfonds oder einen Strategiefonds «Capital Gain» zu investieren. Das lohnt sich meist: In 96 Prozent aller möglichen Zehnjahrperioden seit 1925 verzeichnete der Schweizer Aktienmarkt einen Kursanstieg. Aktienanteil: 95 Prozent.
Erschienen in der BZ am 26. Juli 2011