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Auf seinem Blitzbesuch in der Schweiz nahm sich Patricio Lombardi, Minister gegen den Klimawandel der argentinischen Provinz Misiones, kurz Zeit für ein Interview mit der «Umwelt Zeitung». Eine spannende Begegnung.
Sie kommen gerade aus Marseille? Patricio Lombardi: Ja, ich war auf dem von der International Union for Conservation of Nature IUCN organisierten Weltnaturschutzkongress. Ich hatte die Ehre, den Fall Misiones neben renommierten Rednern wie der französischen Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem Schauspieler und Umweltaktivist Harrison Ford vorzustellen.
Worüber haben Sie gesprochen? Ich sprach über den sehr erfolgreichen Fall Misiones. Die Provinz Misiones ist Hüterin einer der letzten zusammenhängenden Reste des Atlantikurwaldes und beherbergt 52 Prozent der argentinischen Biodiversität. Er weist, durch die über das ganze Jahr verteilten Niederschläge, eine hohe Artenvielfalt auf. Das Klima ist feucht und subtropisch. Die Temperaturen liegen im Sommer bei durchschnittlich 26 °C.
Viele Leute haben das Gefühl, dass an solchen Kongressen und Gipfeln viel über Klimaschutz gesprochen, aber leider nur wenig entschieden und gemacht wird. Das ist in der Tat immer wieder frustrierend. Mal schauen, was auf der Konferenz zum Klimawandel (COP 26) im November in Glasgow passieren wird. Denn die Uhr läuft ab. Ich habe kürzlich den Al-Gore-Film «An Inconvenient Sequel: Truth to Power» aus dem Jahre 2017 gesehen. Dort trifft Gore auf den indischen Umweltminister und bekommt zu hören, wie die Dritte Welt tickt. Kurzum: Der Klimaschutz steht nicht zuoberst auf der Prioritätenliste.
Wie geht es denn Ihrem Regenwald? Sehen Sie: Der Amazonas und der Atlantische Wald sind Cousins ersten Grades. Der atlantische Wald wurde im Laufe der Zeit jedoch massiv reduziert. Ich habe kürzlich den Papst in Rom getroffen. Als er sah, was bei uns in Argentinien passiert, war er tief beeindruckt. Wenn das so weiter- geht, dann werden wir bald in einer Wüste leben.
Und was sagte der Papst? Er sagte, die Klimakrise müsse im Namen aller Nationen angegangen werden. Aber das ist eine Herkulesaufgabe. Ich bin der einzige Klimaminister in ganz Südamerika. Der einzige Umweltminister, der gegen den Klimawandel kämpft. Für viele Regierungen Lateinamerikas ist das Problem noch immer viel zu weit weg.
Fühlen Sie sich da als David im Kampf gegen Goliath? Genau. Aber irgendwo muss man anfangen und nicht nur den Vorteil für Misiones, sondern für die ganze Menschheit aufzeigen. Ich bin kein Politiker, bevor ich Minister wurde, arbeitete ich für eine Nichtregierungsorganisation.
Die Generation Greta Thunberg übt sich auch nicht wirklich in Verzicht. Das stimmt leider. Aber ich nahm diesen Job an, weil ich eine Aufgabe zu erfüllen habe. Und ja: Veränderungen sind möglich. Nehmen Sie etwa die Verkleinerung des Ozonlochs, seit wir in den 1980-er Jahren die Verwendung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen in Kühlmitteln und Spraydosen verboten haben.
Wie geht es denn jetzt weiter? Viele Politiker sind noch immer am Lernen. Sie müssen die Tragweite des Problems erst noch erkennen. In diesem Jahr wurde ich in Argentinien zu einem TV-Streitgespräch mit einem Teenager von «Jóvenes Por El Clima» – Junge für das Klima – eingeladen. Und ich erwartete das Schlimmste, aber schliesslich hatten wir einen guten Dialog. Denn letztlich liegt die Lösung in der Natur.
Wie meinen Sie das? Wenn wir mit mehr Natur aus der Klimakrise herauskommen wollen, müssen wir den Ansatz der natur- basierten Lösungen übernehmen. In Misiones sagte der WWF im Jahre 2004, dass wir 40 Jaguare haben. Heutzutage haben wir aber 120 Jaguare, die in Freiheit leben. Dies war möglich, weil wir den Lebensraum, in dem sich diese Art fortpflanzen kann, erhalten und wiederhergestellt haben. Ausserdem bindet der Wald eine grosse Menge an CO2, wodurch die Temperatur auf dem Planeten gehalten oder gesenkt werden kann und somit das Leben erhalten bleibt. Ich bin nun seit Oktober im Amt. Eine Organisation wollte im Dezember eine Tonne CO2 für 3 Dollar deponieren. Ich lehnte damals ab. Aber der Preis wird bestimmt noch steigen. Vielleicht bis zu 100 Dollar pro Tonne nach der Glasgow-Klimakonferenz. So sieht es auch der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz.
CO2 als neue Währung? Ja, im heutigen Blockchain-Technologie-Zeitalter ist dies möglich. Wir haben in Misiones 1,2 Millionen Hektar Wald. Es ist wichtig, die Entwicklung des Kohlenstoffmarktes in der Welt im Auge zu behalten. Das ist für mich ein ganz neues Wirkungsfeld. Aber es macht Sinn. Der Wald wächst bei uns sehr schnell und kann ganz viel CO2 in Rekordzeit aufnehmen. So gesehen ist unser Wald DIE Lösung.
Gab es andere Interessenten? Ja. Im Jahre 2019 ist IKEA zu uns gekommen und war überrascht, wie schnell Waldgebiete bei uns wachsen. Neben den Vorteilen, die unsere Böden und unser Klima für die Forstwirtschaft bieten, ist die Erhaltung und Verjüngung des Waldes von grundlegender Bedeutung. Ein artenreicher Wald oder Regenwald sorgt für einen gesunden Planeten. Nehmen wir nur schon die Entwicklung von Covid-19- und Krebs-Medikamenten, welche oft auch vom Wald beziehungsweise der Baumrinde stammen. Die Ureinwohner haben ein exzellentes phytomedizinisches System. Dieses Knowhow kann man für die Zukunft nutzen. Und mit unserem Dschungel können wir viel CO2 absorbieren.
Was frustriert Sie aktuell am meisten?
Die vielen Überschwemmungen und Umweltkatastrophen. Solche Ereignisse werden in den nächsten Jahre wohl noch massiv zunehmen. Gemäss der UNO sind 65 Prozent der Welt eine Wüste. Der US-Präsident Joe Biden will eine Technologie schaffen, um die Luft zu reinigen. Aber für mich ist das pure Science- Fiction. Wir müssen einfach den Regenwald und die biologische Vielfalt, die wir haben, erhalten. Sie sind die besten Reinigungsmittel, die es heute gibt. Sie reinigen die Luft, das Wasser und den Boden, neben vielen anderen Ökosystemleistungen, die sie uns bieten. Anderseits wissen heut- zutage die Kinder nur schon wegen den «Simpsons» oft mehr über den Klimaschutz als wir Erwachsenen. Lisa Simpson ist für mich eine der stärksten Öko-Aktivistinnen (lacht).
Eigentlich sollten wir nur schon we- gen des Klimaschutzes auf ein argentinisches Steak verzichten. Ja genau (lacht). Ich habe mein letztes Steak im Jahre 1991 gegessen. Seither bin ich Vegetarier.
Wie werden die nächsten Sommer werden?
Er wird immer schlimmer werden. Der Juli 2010 war weltweit einer der heissesten Sommer überhaupt. Dann wurde es Jahr für Jahr schlimmer. Und ich sage das nicht, weil ich eine Kristallkugel habe. Ich höre ein- fach auf die Wissenschaft. Wir müssen jetzt reagieren, sonst werden wir gegrillt.
Wir wissen, was passiert, wenn wir nichts für den Klimaschutz tun. Aber wie viele Jahre gewinnen wir, wenn wir etwas tun? Die UNO sagt, dass es im Jahr 2050 keine Fische mehr geben wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dann müssen Sie «Finding Nemo» anschauen, um einen Fisch zu sehen. (lacht) Es ist frustrierend. Aber wir müssen noch viele Leute zum Umdenken bringen. Wir haben das wissenschaftliche Wissen. Es mangelt an Mut zur politischen Entscheidung.
Mohan Mani
SCHWEIZER MISIONES-SCHUTZ
«Sagittaria – Schweizerische Vereinigung für Naturschutz in Argentinien» ist ein Verein mit Sitz in Baden, Schweiz. Er unterstützte zunächst die vor 30 Jahren gegründete argentinische Stiftung Federico Wildermuth und ihr Pampa-Reservat. Dieses Gebiet ist eine wichtige Schutzzone für die Flora und Fauna der Pampa. Diese sind durch transgene Monokulturen, insbesondere den Soja-Anbau und den Pestizid-Einsatz, bedroht. In der Provinz Misiones, im Nordosten von Argentinien, setzt sich Sagittaria zusammen mit der «Asociación Impulso Solidario» (AIS) für die Rückgabe von Atlantik-Urwald an die indigene Bevölkerung ein. «Sagittaria» kommt aus dem Lateinischen und bedeutet «Schützin». Die auf beiden Kontinenten heimische Pflanzengattung Pfeilkraut (Sagittaria) symbolisiert mit dem Handschlag im Signet des Vereins eine weltweite Zusammenarbeit. Spenden an Sagittaria können von den Steuern abgesetzt werden. Jeder Franken wird für den Erwerb von Wald eingesetzt. Alle Tätigkeiten des Vereins werden ehrenamtlich ausgeführt.
Zur Person
Patricio Lombardi: Im Oktober 2020 erfolgte die offizielle Ernennung von Patricio Lombardi zum ersten Minister gegen Klimawandel in Nord- und Südamerika. Seinem Ministerium wurden wichtige Auszeichnungen zuteil, darunter ein handgeschriebener Brief von Papst Franziskus, Einladungen zu wichtigen Foren wie der Jahresversammlung der UN-Umweltorganisation und der von der französischen Regierung organisierten Gedenkveranstaltung zum fünfjährigen Bestehen des Pariser Abkommens. Darüber hinaus übernahm Lombardi im Juni 2021 den Vorsitz der Kommission für Umwelt und Klimawandel der Integrierten Zone im Mittleren Westen Südamerikas (ZICOSUR), einem regionalen Block, der aus sieben Ländern und 71 subnationalen Staaten besteht. Bevor er sein Amt antrat, war Patricio Lombardi zusammen mit dem bekannten argentinischen Künstler Charly Alberti Mitbegründer der NRO «Revolución 21». Diese Position hat ihn in die ganze Welt geführt und ihn zu einer der führenden Stimmen gemacht, die sich für den Klimawandel, die biologische Vielfalt, Umweltfragen und gute Praktiken einsetzen.