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«Zwei robuste Sowjets trugen unseren sehr schweren und übrigens äusserst schönen Kranz, mit einer rot-weissen-Schleife, auf der in goldenen Lettern ‹Der Schweizerische Bundesrat› stand, ich, meine Gattin und meine Mitarbeiter liefen dahinter», berichtete der schweizerische Gesandte Camille Gorgé am 10. März 1953 nach Bern. «Die Prozession war ausgesprochen langsam, erst nach einer halben Stunde kamen wir unter den Klängen einer vom Orchester gespielten Trauersymphonie an der sterblichen Hülle Stalins vorbei, der inmitten grüner Pflanzen und Blumen, mit leicht angehobenem Oberkörper, in einem mit roter Seide bespannten Sarg lag.» (dodis.ch/9028, Original französisch).
Ein letzter Blick auf den «grossen Diktator»
Am 5. März 1953 war Josef Stalin gestorben. Seit Ende der 1920er Jahre hatte er fast uneingeschränkt über die Sowjetunion geherrscht. Sein Terrorregime hatte Millionen Opfer gefordert. Die Trauerfeierlichkeiten in Moskau übten auf Minister Gorgé offensichtlich einen tiefen Eindruck aus. Im Mausoleum auf dem Roten Platz, in dem Stalin neben Lenins Leichnam aufgebahrt wurde, warf Gorgé letztmals einen Blick auf das Gesicht des «grossen Diktators»: «Sinniert man darüber, kommt man nicht umhin, an all diejenigen zu denken, die er ohne Mitleid hat aus dem Weg räumen lassen. Man überlegt sich jedoch auch, dass, wäre er nicht hart und erbarmungslos gewesen, er nicht Stalin gewesen wäre und wahrscheinlich – sehr wahrscheinlich – nicht da wäre, wo man ihn heute sieht, vollends zur Gottheit geworden». Ein solch positiv gefärbtes Bild vom «machtversessenen Despoten» sollte sich im Laufe der «Entstalinisierung» ab 1956 stark relativieren (dodis.ch/12938).
Machtkämpfe um die Nachfolge Stalins
Für die Schweizer Diplomatie standen in den kommenden Wochen und Monaten besonders die Analyse der Auswirkungen von Stalins Tod auf die sowjetische Politik im Vordergrund. Wie etwa der ergebnislose Besuch Gorgés bei Aussenminister Wjatscheslaw M. Molotow zeigte, hüllten sich die sowjetischen Behörden in Schweigen (dodis.ch/9020). Die Schweiz war darauf angewiesen, über diplomatische Kanäle die Meinung gestandener «Kremologen» wie Charles E. Bohlens, des US-Botschafters in Moskau, zu erfahren, der die Atmosphäre des Misstrauens und die Machtkämpfe unter Stalins Paladinen um die Nachfolge schilderte (dodis.ch/8527).
Entspannung zwischen West und Ost?
Bundesrat Max Petitpierre kam im Herbst 1953 in seiner Ansprache vor dem versammelten schweizerischen diplomatischen Corps ebenfalls auf den Tod Stalins zu sprechen (dodis.ch/9557). Die noch immer unklare Nachfolge stelle ein «Element der Unsicherheit» dar, doch scheine das Ableben des Diktators zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in der Sowjetunion und in ihren Satellitenstaaten sowie zu einer (zumindest vorübergehenden) Entspannung der internationalen Beziehungen zwischen West und Ost zu führen.