Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/293

Warum Fleisch auf die politische Agenda gehört
Der Fleischkonsum in den wohlhabenden Ländern muss markant sinken. Dennoch spielt das Thema in der Politik kaum eine Rolle.
Am 8. Oktober wurde der neueste Sonderbericht des Weltklimarats zur Erderwärmung veröffentlicht. Der IPCC (United Nations Intergovernmental Panel on Climate Change) legt darin dar, welche Folgen eine Klimaerwärmung um 2 Grad gegenüber einer Erwärmung von 1,5 Grad hätte. Das Fazit: Bereits eine Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter hätte gravierende Folgen. Um die Erderwärmung darauf zu begrenzen, müssten die Netto-CO2-Emissionen bis 2050 auf Null sinken. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste sich die Art, wie sich die Weltbevölkerung fortbewegt, wie sie wohnt, lebt und sich mit Energie versorgt, umfassend ändern.
Derzeit sieht es eher danach aus, als würde die Menschheit selbst das 2-Grad-Ziel nicht schaffen. Präzise gesagt: mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, so die 91 Autoren der Studie (Zeit.de). Stattdessen bewegen wir uns auf eine Erderwärmung von 3 bis 4 Grad zu. Um das Ruder herumzureissen, haben wir etwa ein Dutzend Jahre Zeit.
Europas Fleisch- und Milchproduktion muss sich halbieren
Eines der einfachsten und schnellsten Mittel, den Ausstoss von Klimagasen zu reduzieren, wäre eine Ernährungsumstellung in grossem Rahmen. Dass der weltweite Fleischkonsum markant sinken muss, stellten schon mehrere Studien fest. Europas Milch- und Fleischproduktion müsse sich bis 2050 halbieren, um das Klimaziel von 1,5 Grad Erderwärmung zu halten, warnen Experten der RISE Foundation, die sich mit Agrarfragen beschäftigt, in einer neueren Studie. Co-Autor Allan Buckwell lässt keinen Zweifel daran, wie das geschehen muss: «Wir sprechen von weniger Fleischmahlzeiten … und der Umstellung auf flexitäre Ernährung ('flexitarian diet', hauptsächlich auf pflanzlicher Kost basierend)», sagte er gegenüber dem «Guardian».
CO2-Bilanz verschiedener Lebensmittel im Vergleich. (co2-emissionen-vergleich.de)
Eine solche Transformation werde nicht spontan stattfinden: «Es bedarf starker Signale von Seiten der Regierung, die Massnahmen enthalten muss, um den Konsum von tierischen Erzeugnissen, die für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt schädlich sind, zu verhindern».
Es geht nicht nur darum, Anreize zu schaffen und den Übergang einer ganzen Industrie zu begleiten. Ein ganzer Wirtschaftsbereich muss sich grundlegend wandeln. Auf die Regierungen der ganzen Welt kommt damit eine enorme Aufgabe zu.
Kein Fleisch am Knochen in der Politik
In der politischen Diskussion fehlt das Thema Fleischkonsum jedoch völlig, nicht nur in der Schweiz. Politiker sprechen sich für Solarkraftwerke, Urban Gardening, Elektroautos, Langsamverkehr und Landschaftsschutzgebiete, oder auch mehr oder weniger Atomkraftwerke aus. Keine einzige Partei hat den Fleischkonsum der Zukunft im Programm. Die britische Klimaministerin Claire Perry verweigerte sich in einem Interview mit der BBC so gut wie jeder konkreten Aussage dazu. Es sei nicht Aufgabe der Regierung, den Leuten vorzuschreiben, klimafreundlich zu essen, sagte sie. Nicht einmal darauf, ob sie das für notwendig halte, gab sie eine Antwort. Sie wolle Leuten, die nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommen, nicht raten, kein Steak mehr zu essen. Stattdessen will sie mehr Bäume pflanzen.
Weniger Fleisch, Zucker und Milch, mehr Hülsenfrüchte: so sollte eine klimafreundliche Ernährung aussehen. (Guardian/Nature)
Dabei mischt sich der Staat bereits jetzt kräftig in die Ernährung ein, beispielsweise durch Subventionen. Die Kosten ernährungsbedingter Krankheiten lassen sich längst beziffern, sowohl auf individueller wie auf nationaler Ebene. Der durchschnittliche Europäer isst zu fett, zu süss und zu viel und wird längst angehalten, sein Essverhalten so zu gestalten, dass es nicht noch mehr kostet. Wer gesünder isst, wird belohnt, wer es nicht tut, besteuert. Es gibt ein ganzes Bündel Vereinbarungen und Gesetze, die der Information von Konsumenten in Umweltdingen dienen. Sowohl Elektrogeräte wie Tiefkühlfisch tragen Umweltlabels. Warum aber nicht Fleisch und Milch?
Mag sein, dass das «Veggie-Gate» der deutschen Grünen europäischen Politkern noch in abschreckender Erinnerung ist. Diese machten sich im Bundestagswahlkampf 2013 für einen fleischfreien Tag pro Woche in Kantinen stark, was ihnen den Ruf einer «Verbotspartei» eintrug. Wer sich mit den einflussreichen Lobbys im Ernährungssektor anlegen will, braucht dazu einen langen Atem. Das gilt allerdings ebenso für den Automobilbereich. Einen objektiven Grund, das eine Thema, das buchstäblich alle angeht, aus der Agenda zu verbannen, gibt es nicht.
Wir können 10 Milliarden ernähren – aber nicht so
Selbst ohne den Klimawandel gäbe es Gründe, zu handeln. In den wohlhabenden Ländern wird durchs Band zu viel Fleisch produziert und konsumiert. Eine am 10. Oktober in der Zeitschrift «Nature» erschienene Studie kommt zu dem Schluss, dass die Einwohner westlicher Länder bis 2050 auf 90 Prozent ihres Rindfleisch- und 60 Prozent ihres Milchkonsums verzichten und dafür vier- bis sechsmal soviel Bohnen und andere Hülsenfrüchte essen müssen, damit die Weltbevölkerung weiter zu essen hat. Sonst würden wir kritische Umweltgrenzen zerstören, «jenseits derer die Menschheit um ihr Leben kämpfen wird». Das bezeichnete selbst der Leiter der Studie, Marco Springmann von der Universität Oxford, gegenüber dem «Guardian» als «ziemlich schockierend».
Etwas gemässigter drückte sich sein Kollege Johan Rockström vom Potsdam Institut für Klimaforschung in Deutschland aus. «Wir können 10 Milliarden ernähren, aber nur, wenn wir die Art, wie wir essen und Nahrung produzieren, ändern», sagte er. Schon vor einem Jahr zeigte auch eine Studie der Agroscope, bezogen auf die Schweiz, dass wir unseren Speisezettel radikal verändern müssen, um uns umweltgerecht zu ernähren.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
Weiterführende Informationen
«Is meat's climate impact too hot for politicians?», BBC
«Huge reduction in meat-eating ‘essential’ to avoid climate breakdown», Guardian
«Europe's meat and dairy production must halve by 2050, expert warns», Guardian
«Rapid, Unprecedented Change Needed to Halt Global Warming-U.N», New York Times
Auf Infosperber: "Beim Essen weniger Umwelt verzehren"
Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende
Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:
Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000
Einzahlungsschein anfordern: <email-pii> (Postadresse angeben!)
9 Meinungen
Bei der Diskussion um die Klimaschädlichkeit der (Rind)Fleisch- und Milchproduktion wird immer wieder der hohe CO2 Ausstoss der Kühe aufgelistet, der so hoch ist, weil die Wiederkäuer Methan rülpsen, das als 21-mal schlimmer als CO2 gilt.
Nun ist aber Lachgas (N2O) 295-mal schlimmer als CO2 und dieses wird unvermeidlich freigesetzt, wenn künstlicher Stickstoffdünger eingesetzt wird. Nicht berücksichtigt ist auch die energieaufwendige Produktion von Stickstoffdüngern.
Eine Kuh, die das machen darf, was sie am besten kann, grasen auf natürlicher Wiese, bringt CO2 in den Boden, düngt diesen ohne Ammoniakbildung und fördert die Biodiversität.
Ich empfehle dringend das Buch „die Kuh ist kein Klima-Killer!“ von Anita Idel, Lead-Autorin im Weltagrarrat (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development IAASTD), zu lesen. https://www.metropolis-verlag.de/Die-Kuh-ist-kein-Klimakiller/1209/book.do
Was mich aber schon lange interessiert und was ich noch nirgendwo in klaren Zahlen gelesen habe, ist die durchschnittliche Temperatur, ab wo die 1,5, bzw. die 2°C-Grenze gerechnet wird.
Die «vorindustrielle Zeit», die meistens genannt wird, deckt sich ja zeitlich mit dem beginnenden Ende der kleinen Eiszeit. In meinen Augen bildet also die Temperatur der kleinen Eiszeit keine ideale oder vernünftige Ausgangslage, um den Einfluss des Menschen auf das Klima zu behaupten.
Daher meine Frage: Welche Temperatur wird denn als idealer Grundwert angenommen, ab der die 1,5°C oder 2°C gerechnet werden? Wo liegt die oberste Grenze von 2°C in einer absoluten Zahl?
Die Klimaerwärmung wird berechnet als Anstieg der globalen Mitteltemperatur in Bodennähe seit 1880/1850. Seit dieser Zeit gibt es durchgehende Aufzeichnungen. Da diese aus verschiedenen Quellen (GB, USA, NASA) ist die gemessene Temperatur leicht unterschiedlich und es wird nur die Erwärmung angegeben. Das ist ähnlich wie beim menschlichen Körper. Abhängig davon, wo und wie Sie die Körpertemperatur messen, erhalten Sie vielleicht etwas unterschiedliche Werte. Steigt die Temperatur an, zeigt sich das aber in allen Messungen, wenn sie genügend exakt sind.
Ganz gut erklärt ist das hier: https://bit.ly/2ujf4w1 (Link verkürzt, damit er hier noch lesbar ist).
Zur «kleinen Eiszeit»:
Sie beziehen sich auf den Einfluss der Sonne auf die Temperatur der Erde. Ohne auf die Prognose oder Berechnung von Eiszeiten einzugehen: Bezogen auf die globale Mitteltemperatur war dieser relativ klein und liegt bei 0,3 bis 0,4 Grad. (https://bit.ly/2yDyzEc). Die «Hockeyschlägerkurve», die Sie sicherlich kennen, kann er nicht erklären. Dazu ist die Erwärmung zu stark.
Geht es also nur um ausländische Rinder und Schweine ?
Ihre Meinung
Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.