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Von intergalaktischen Cowboys und anderen (Macht-)gelüsten. Zu Sylvie Fleury’s «Rayguns»
Auf glänzenden Sockeln inszenierte Autoreifen, vergoldete Einkaufswägen, phallische weich-kuschelige Raketen, versilberte Highheels oder im Ausstellungsraum platzierte Einkaufstüten bekannter Modelabels. Seit anfangs der 1990er Jahre beschäftigt sich Sylvie Fleury (*1961) in verschiedenen Medien mit Kennzeichen der Macht und Verführung und durchleuchtet dabei die kapitalistischen Mechanismen und den Konsum.
Intergalaktische Cowboys
In ihrer Siebdruck-Folge «Rayguns» von 2004 präsentiert die Genfer Künstlerin auf acht verschiedenfarbigen Spiegelpapieren vier unterschiedliche, futuristisch anmutende Pistolen. Auf dem Griff sind Schriftzüge wie «Neutron Blaster», «Atomic Jet» oder «Jet JR» sowie der Buchstabe «S» zu lesen. Umgehend werden wir an Science-Fiction-Filme erinnert, in denen solche Waffen den intergalaktischen Cowboys zur Erforschung – um nicht zu sagen zur Eroberung – des Weltraums dienen. Tatsächlich gehen sie auf die vier Spielzeug-Weltraumpistolen zurück, die das US-amerikanische Eisenwaren-Unternehmen J. & E. Stevens Company in den frühen 1950er Jahren produziert hatte. Einst besonders für seine gusseisernen Western-Spielzeugpistolen bekannt, sollten die neuen Produkte dabei helfen, den finanziellen Ruin des Unternehmens abzuwenden. So fand im Nachkriegsboom der 1950er Jahre eine erste Blüte von Weltraumspielzeug statt, die eine Zeit lang sogar die Popularität von Cowboy-Artikeln in den Schatten stellte. Die letzte von Stevens Company entwickelte space gun «Cosmic Ray» allerdings kam nicht mehr auf den Markt, die Firma ging Konkurs. Bei Sylvie Fleury wird diese zur «Space Outlaw» umbenannt – zu Deutsch etwa «Weltraum-Geächtete».
Zwischen Begehren und Fetischismus
Sylvie Fleury untersucht in ihrem künstlerischen Schaffen die Schnittstellen von Populär- und Hochkultur, dabei beruft sie sich unter anderem auf Strategien der Pop-Art. Stets aus einer feministischen Perspektive allerdings eröffnet sie einen kritischen Blick auf die Paradigmen der westlichen Kunstgeschichte, vor allem der amerikanischen Moderne und die männliche Dominanz, die sie durchzieht. Gerne fokussiert sie Geschlechterstereotypen und konfrontiert uns mit den althergebrachten Klischees. So auch hier, wenn sie – in der von Andy Warhol bevorzugten Technik des Siebdrucks – die vier Spielzeugpistolen mit variierendem Farbhintergrund reproduziert und zur Serie reiht. Die heute als Sammlerstücke gehandelten Pistolen erscheinen in Fleurys Darstellungen dank dem stark reflektierenden, neutralen Flächengrund im Bildraum isoliert. Gleich einem religiösen Kultbild wird den Rayguns auf ironische Weise Verehrung zuteil und die Beziehung zwischen Begehren und Fetischismus hinterfragt.
Sylvie Fleury’s «Rayguns» sind bis zum 7. Januar 2024 in der Ausstellung «Von Albrecht Dürer bis Andy Warhol. Highlights aus der Graphischen Sammlung ETH Zürich» im MASI Lugano zu sehen.