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1971, kurz vor seiner Matur, borgte sich Walter Weiss den VW-Käfer seiner Eltern aus, um vom Zentrum von Paris elf Kilometer nach Norden zu fahren. Er und sein jüngerer Bruder Matthias wollten zur Kathedrale von Saint-Denis, wo zwischen 565 und 1830 fast alle französischen Könige bestattet worden sind. Doch auf dem kurzen Fussweg vom Parkplatz zur Basilika entdeckten die beiden etwas, das einen weit stärkeren Eindruck hinterlassen sollte: Sie verirrten sich in einem Elendsviertel, wo sich portugiesische Familien zwischen Schmutz und Bauschutt Behausungen aus Wellblech, Treibholz und Bröckelbeton erstellt hatten.
Walter Weiss machte die ersten Fotos einer schockierenden Parallelwelt. Damals wusste er nicht, dass dies der Grundstein war für eine Fotografenlaufbahn der besonderen Art. Nach der Matur kehrte er nach Paris zurück und leistete als Mitarbeiter eines Hilfswerks acht Monate Einsatz in einer grossen Barackensiedlung.
Seit einigen Monaten kennt man Walter Weiss in Frankreich wegen den dabei entstandenen Fotos. Auf Youtube führt die Stichwortsuche «Walter Weiss regard» zu einem Werbefilm des Departements-Archivs, vergleichbar unserem Staatsarchiv. Bis Ende September zeigt es im Foyer zahlreiche Fotos des mittlerweile pensionierten Sekundarlehrers. Er selbst stieg am 8. Februar für die Vernissage in den TGV und am 14. März nochmals, um am Podiumsgespräch mit Politikern, Historikern und Sozialwissenschaftern teilzunehmen.
Nachts im Internet
Die Sache kam eher aus Zufall ins Rollen. 2011 verkürzte sich Walter Weiss nach einer Operation ein paar schlaflose Nächte mit dem Surfen im Internet. Er entdeckte, dass Frankreich gerade die Geschichte der «Bidonvilles» (Barackenstädte) aufarbeitete, meist mit dem Hinweis «pas de fotos disponibles». «Offensichtlich glaubte man jahrzehntelang, dass es keine umfangreichen fotografischen Zeugnisse dieser längst verschwundenen Elendsviertel mehr gäbe», erklärt er. Die kommunistische Partei habe damals zwar einen Fotografen mit der Dokumentation beauftragt, dessen Archiv sei beim Zügeln aber «seltsamerweise verloren gegangen».
Walter Weiss meldete sich. Kurz darauf stieg er zum ersten Mal in den TGV, mit Kopien seines gesamten Bildmaterials im Gepäck. Das Archiv stellte die Bilder online und leitet sie seither fast im Wochentakt Forschern, Filmemachern und Journalisten weiter, sofern Walter Weiss sein Einverständnis gibt. Das tut er im Normalfall – seine Fotos wurden schon in mehreren TV-Sendungen ausgestrahlt.
Als Walter Weiss 1973 mit seiner Rollei 35B auf Motivsuche war, steckte Paris mitten in jener fatalen städtebaulichen Entwicklung, die nun korrigiert werden soll (siehe Kasten). «Damals strandeten Zigtausende, oft illegale Einwanderer in der Stadt. Sie installierten sich fürs Erste in den geduldeten Barackensiedlungen oder starteten irgendwo eine neue», erzählt Walter Weiss. Viele waren Arbeiter aus Südeuropa und Afrika auf der Suche nach einem besseren Leben, aber er traf auch vor den Diktaturen geflohene Intellektuelle und Kommunisten aus Portugal und Spanien.
Die Bidonvilles entstanden rundum an der Peripherie, auf Stadtbrachen, oft Freiflächen nicht mehr genutzter militärischer Anlagen. Die vielen kleinen autonomen Gemeinden, aus denen Paris bis heute besteht, waren überfordert mit der Situation. Die Regierung liess Sozialwohnungen hochziehen. Walter Weiss bekam von einem katholischen Hilfswerk den Auftrag, die Bewohner der Bidonvilles davon zu überzeugen, in die Wohnblöcke einzuziehen.
Ein Hilfswerk mit eigenem Ansatz
1973 war er einer von 15 motivierten Jugendlichen aus halb Europa, die einen Einsatz für die «vierte Welt» leisten wollten. Diesen mittlerweile etablierten Begriff für die Benachteiligten am Rande der reichen Gesellschaften hatte das Hilfswerk «ATD Quart Monde» selbst geprägt («à toute détresse» bedeutet «in höchster Not»).
Der Leiter, Pater Joseph, vertrat moderne Auffassungen von Sozialarbeit. Statt Familien auseinanderzureissen und Zwang auszuüben, sollte die Eigenmotivation und die Integration der Gestrandeten aufgebaut werden. «ATD gab deshalb grundsätzlich kein Geld, sondern Unterstützung zur Selbsthilfe», erzählt Walter Weiss.
Er baute damals mit einem Kollegen für ATD einen Jugendclub in Pierrelay bei Pontoise auf, wo die Jugendlichen einfache Arbeiten lernen konnten und einen Raum für sich hatten. Viele von ihnen waren bereits aus Baracken in Wohnblocks umgezogen, andere lebten noch in Hütten.
Pater Joseph verbot allerdings seinen Mitarbeitern das Fotografieren; «die armen Leute» seien «kein Zoo». In der Freizeit setzte sich Walter Weiss darüber hinweg. «Ich hatte das seltene Privileg einer guten Kamera, ein Fotolabor im Jugendclub und fotografische Ambitionen.» Trotzdem achtete er immer auf zwei Dinge: die Menschen nicht blosszustellen und den Ort durch den Einbezug der Umgebung genau lokalisierbar zu machen. Um seinen jugendlichen Ungehorsam sind heute viele froh.
Sprungbrett oder Endstation
Eine der ersten Anfragen für seine Fotos kam von einer Frau, die sagte, sie sei in einer Bidonville geboren worden und wolle nun die Geschichte ihrer Mutter verfilmen. Walter Weiss googelte ihren Namen. Sie stellte sich als namhafte Frauenrechtlerin und Parlamentarierin heraus; ihr Vater, ein Hochschuldozent und Arzt, war damals aus Marokko geflüchtet. Alle Familienmitglieder haben trotz der ersten drei Jahre in einer Bidonville im offiziellen Frankreich Fuss gefasst.
Walter Weiss realisierte schon während seines Einsatzes, dass die Integrationshürden nicht für alle Immigranten gleich hoch sein würden. «Am schwierigsten zu überzeugen waren allerdings die französischstämmigen Bewohner der Slums. Sie sträubten sich am meisten gegen die Angebote», erzählt er. Wenn am Ende die Bagger aufzogen, verschwanden sie anderswohin.
Alles Vergangenheit? Nein. Sobald Walter Weiss nach seiner OP wieder gut zu Fuss war, machte er sich erneut mit der Kamera auf nach Saint-Denis. Und entdeckte 2012 ganz in der Nähe Roma-Familien, die unter einer Autobahnbrücke eine neue Bidonville aufbauten.
Bis 21. September, Ausstellung «Un regard sur la pauvreté. Photographies de Walter Weiss (1971–1973)». Archives départementales de la Seine-Saint-Denis, 54 Avenue du Président Salvador Allende, 93000 Bobigny (Paris Nord).