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108 Horopters liegenden Punkte müßten strenggenommen immer doppelt gesehen werden. Es geschieht dies jedoch gewöhnlich
nicht, sondern nur bei besonders hierauf gerichteter
Aufmerksamkeit, weil der Eindruck,
den der gelbe Fleck auf beiden
Auge
[* 2] erhält,
ein so entschiedenes Übergewicht über die Eindrücke der mehr peripherisch liegenden Netzhautstellen hat, daß die letztern
Eindrücke zu wenig beachtet werden. Selbst die
Bilder, die unsere beiden von einem und demselben körperlichen, d.h. nach
Höhe,
Breite
[* 3] und
Tiefe ausgedehnten Gegenstande erhalten, sind verschieden und decken sich nicht vollkommen. Diese Inkongruenz
wird gleichfalls nicht als
Doppelsehen empfunden, sondern bringt dem geübten
Auge die Dimension
[* 4] der
Tiefe,
das Körperliche des Objekts, scheinbar unmittelbar zur
Anschauung.
[* 1] Figur: 6
Wenn dagegen bei fehlerhafter
Stellung der
Auge, wie bei
Lähmungen der
Augenmuskeln und manchen Formen des
Schielens, nur die
eine Sehachse auf den zu sehenden Punkt gerichtet ist, die andere bei demselben vorbeigeht, somit nur im ersten der gelbe
Fleck, im zweiten eine daneben liegende
Stelle der Netzhaut von dem
Bilde getroffen wird, tritt immer ein störendes
Doppelsehen
(binokulare
Diplopie) ein. Von dem Punkte
A in beistehender
[* 1]
Fig. 6 erhält das fixierende linke
Auge ein
Bild auf dem gelben Flecke
g, das nicht fixierende rechte
Auge auf einer nasenwärts von g gelegenen
Stelle f. Das linke
Auge sieht nun
A an seinem richtigen Orte, das rechte
Auge dagegen den Punkt A noch einmal, und zwar in A1, also dort, wo bei richtiger
Einstellung des rechten der Punkt A stehen müßte, um sein
Bild in f zu entwerfen. Ob die Fähigkeit,
die Gegenstände mit den identischen
Stellen der beiden Netzhäute einfach zu sehen, anatomisch begründet ist oder durch
Übung erworben wird, ist noch streitig.
Aber die Begriffe über Anordnung, Größe, Gestalt, Entfernung der Gegenstände, d.h. die dritte Dimension des Raums, der Durchmesser der Tiefe, der Entfernung werden nicht unmittelbar durch das Sehorgan gegeben, sondern beruhen auch zugleich auf Urteilen und Schlüssen, welche die Eindrücke anderer Sinne zur Grundlage haben. Das Tastorgan ganz besonders vervollständigt und korrigiert von frühester Kindheit an die Gesichtseindrücke, so daß die Eindrücke beider, uns unbewußt, ineinander übergehen und wir mit jedem Gesehenen zugleich ein Urteil über Größe, Entfernung und Beschaffenheit verbinden.
Die durch anhaltende Übung, verbunden mit wirklichen Messungen, erhaltene Fertigkeit und Sicherheit des Urteils nennt man das Augenmaß (s. d.), das sonach bei einigen Menschen feiner und sicherer sein muß als bei andern. Auf der Netzhaut bilden sich die Gegenstände nur nach zwei Durchmessern ab, nach der Höhe und Breite. Diese Durchmesser werden also unmittelbar wahrgenommen, während der dritte Durchmesser, der der Tiefe oder der Entfernung, nur mittelbar erkannt wird.
Hat man nämlich, namentlich mit Hilfe des
Tastsinnes, die dritte Dimension, den Durchmesser der
Tiefe (Entfernung), die Erhabenheiten
und Vertiefungen der Körper kennen gelernt, so merkt man sich die Eigentümlichkeiten, durch die sich
die Körper von drei Dimensionen (Höhe,
Breite,
Tiefe), oder die dritte Dimension des Raums, die Entfernung, vor solchen Körpern,
die nur zwei Dimensionen haben,
also nur hoch und breit sind, oder in einer
Fläche nebeneinander liegen, auszeichnen, und
dann erkennt man den Durchmesser der
Tiefe (das Relief der Körper) um so rascher und bestimmter, je gesünder
beide
Auge sind und je mehr
Übung sie haben.
Die
Farbe der
Auge hängt ab von der
Farbe der Regenbogenhaut, und deren
Farbe von ihrem Gehalte an einem besondern
Pigment oder
Farbestoff (beim
Menschen von bräunlicher
Farbe), der in körniger Gestalt in kleinen Zellen, bei blauen
in geringerer Menge auf der hintern
Fläche der Regenbogenhaut, in braunen Auge sowohl auf der Hinterfläche als in der
Substanz
in größerer Menge vorhanden ist. Die blauen Auge, bei denen der braune Farbestoff nur auf der hintern
Fläche der
Regenbogenhaut liegt, erscheinen deshalb blau, weil sich vor dieser dunkeln
Lage ein dünnes, fast farbloses Häutchen befindet,
das von auffallendem weißen Lichte nur die blauen
Strahlen zurückwirft, dagegen alle übrigen
Lichtstrahlen absorbiert.
Die der Albinos oder Kakerlaken erscheinen deshalb rot, weil sie pigmentlos sind und der unter solchen Verhältnissen rote Hintergrund des Auge durch die Pupille und auch durch die dünne Regenbogenhaut durchscheint. Wird das Auge eines Kakerlaken mit Ausschluß seines Pupillarraums beschattet, so wird dadurch das durch die pigmentlosen Augenhäute einfallende Licht, [* 5] das durch Diffundierung das Leuchten des Augenhintergrundes bedingt, abgeschnitten, und man sieht nun die Pupille des Albino ebenfalls schwarz. Die Farbe der Auge entspricht der Farbe der Haare [* 6] und der Haut. [* 7] Ist letztere dunkel, so pflegen die Auge bräunlich oder braunschwärzlich zu sein; ist die Farbe der Haare blond, so ist die der Auge meist blau oder blaugrünlich, übrigens werden alle Kinder mit blauer Farbe der Regenbogenhaut geboren, und erst später mit der weitern Entwicklung des Pigments ändert sich die Färbung.
Das der Tiere zeigt eine sehr verschiedene Entwicklung. Im einfachsten Falle ist es nichts als ein farbiger, zur übrigen Körperfarbe komplementär oder dunkler gefärbter Fleck, mit dem besondere nervöse Elemente nicht verbunden sind, und der wohl nur für die Empfindung der Wärme-, aber nicht der Lichtstrahlen zugänglich ist. Die Wahrnehmung von Hell und Dunkel setzt ein centrales Nervensystem voraus, dem sich mittels besonderer Nervenfasern von der empfindenden Hautstelle her die Ätherschwingungen mitteilen.
Soll aber Gestalt und Farbe der umgebenden Objekte erkannt, also ein Bild empfunden werden, so müssen sich mit dem Augenfleck vor der Nervenendigung gelegene lichtbrechende Apparate verbinden; dadurch erst kommt ein wahres Auge zu stande. Zugleich muß aber, wenn das Bild ein deutliches werden soll, der Sehnerv in eine Anzahl gesonderter Elemente aufgelöst sein, von welchen jedes den empfundenen Reiz dem nervösen Centralorgan für sich übermittelt. Die lichtbrechenden Apparate können ziemlich verschieden sein: einmal kann die Körperbedeckung oberhalb des Auge durchsichtig und bikonvex gebildet sein, oder dieselbe ist bloß durchsichtig;
hinter ihr aber liegen andere besondere Gebilde als Linsen, Krystallkegel oder Glaskörper, die der Strahl beim Einfallen in das Auge passieren muß.
Die Retina und ihre einzelnen Elemente erscheinen in der Regel von einem ¶
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109 dunkeln Pigment umgeben, welches den Zutritt der Lichtstrahlen dadurch reguliert, daß es überflüssige und die Klarheit des Bildes beeinträchtigende abhält. Bei den Wirbeltieren dient hierzu auch das von der Pupille durchsetzte, verengerungs- und erweiterungsfähige Diaphragma (Iris). Die der Tiere sind nach einem doppelten Typus gebaut: es sind einfache oder zusammengesetzte Auge (Facetten- oder Netzaugen). Einfache Auge finden sich bei Gliederwürmern, Spinnen, [* 9] Insekten, [* 10] Mollusken [* 11] und Wirbeltieren.
Sie sind im großen und ganzen nach dem Plane des menschlichen Auge gebaut, stellen also eine Art Camera obscura [* 12] dar: vorn mit einer Sammellinse (bikonvexe, durchsichtige Hautstelle oder gesonderte Linse) [* 13] und darunter mit einer lichtbrechenden Substanz (Glaskörper);
die Retina entspricht dem Spiegel [* 14] der Camera, und auf ihr kehrt sich wie auf diesem das eingefallene Bildchen um.
Die einfachen der Wirbeltiere zeigen verschiedene nicht unwesentliche Modifikationen.
[* 8] Figur: 7
[* 8] Figur: 8
Die der Säugetiere gleichen, abgesehen von der stellenweise andern Gestalt der Pupille, dem verschiedenen Grade der Wölbung des Bulbus und der Linse (Fig. 7 und 8, L), ganz denen des Menschen. Das der Vögel [* 15] weist indessen eine Reihe nicht unbeträchtlicher Eigentümlichkeiten auf. Zunächst ist der Bulbus nicht rund, sondern abgestumpft kegelförmig, Basis und Vorderende sind stark konvex, das sie verbindende Mittelstück enthält in der Regel einen aus einer Anzahl einzelner, sich dachziegelartig deckender Knochenplättchen bestehenden Ring (Sklerotikalring, [* 8] Fig. 7 SR) in der Sklerotika eingelagert.
Eine sehr merkwürdige, schon bei Reptilien in geringerer Entwicklung auftretende Eigentümlichkeit des Vogelauges ist der Kamm [* 8] (Fig. 7 P) oder Fächer, [* 16] d.h. eine in eine verschiedene Anzahl von nebeneinander gelegenen Blättern zerlegte, die Netzhaut durchsetzende Fortsetzung der Chorioidea, welche ihren Ursprung neben der Eintrittsstelle des Sehnerven Op nach außen nimmt; dem Kiwi (Apteryx) fehlt er. Seine physiol. Bedeutung ist noch völlig unbekannt; er läßt sich aber etwa mit einer allerdings der Funktion nach auch noch unklaren Vorrichtung im Fischauge [* 8] (Fig. 8) vergleichen.
Hier bildet die Chorioidea einen ganz ähnlichen Fortsatz (den sichelförmigen Fortsatz, [* 8] Fig. 8 Pr), welcher gleichfalls als gekrümmter, aber einfacher Stab [* 17] die Retina durchsetzt, bis an die Linse herantritt und sich hier in Gestalt eines Löffels oder Glöckchens (Campanula Halleri Cp) erweitert. Die der meisten Wirbeltiere (Schlangen [* 18] und Knochenfische ausgenommen) haben Lider, und zwar die Vögel, Reptilien und Haie deren drei, indem nämlich am Augeninnenwinkel noch ein drittes unpaares (die Nickhaut) entspringt, das dem halbmondförmigen Fältchen (plicula semilunaris) beim Menschen entspricht. Bei den meisten Wirbeltieren werden die Auge durch ein System von Muskelchen bewegt.
Der zweite Augentypus ist der der zusammengesetzten, der nur bei Gliederfüßern (s. d.) vorkommt.
Die der Tiere liegen oft in Höhlungen gebettet; unter Umständen aber stehen sie auf besondern stielartigen Bildungen (Ophthalmophoren), die einstülpbar oder rückziehbar sein können (wie bei den Schnecken), [* 19] oder seitwärts beweglich sind (bei den Krebsen). Meist stehen die am Kopf (fast alle Schnecken, Kopffüßer, Wirbeltiere, Gliederfüßer, die meisten mit Auge versehenen Würmer), [* 20] sie finden sich aber auch an seitlichen Körperanhängen (bei manchen Gliederwürmern), am Mantelrand von Muscheln [* 21] (Kammmuscheln, Klappmuscheln), auf dem Rücken von Schnecken (Onchidium), ja sogar in die Rückenschale eingebettet (Käferschnecken), bei Seeigeln an verschiedenen Stellen der Schale, meist aber um den After herum, bei Seesternen an der Unterseite der Armspitzen.
Sehr häufig treten die Auge symmetrisch und in der Zweizahl auf, aber durchaus nicht immer. So wird schon die Zirbeldrüse (s. d.) der Wirbeltiere neuerdings als ein drittes median gelegenes rudimentäres Auge angesehen. Bei wirbellosen Tieren (Mollusken, Würmern, Insektenlarven, Echinodermen) kann sich ihre Zahl beträchtlich vermehren, und wenn man etwa ein jedes Element der zusammengesetzten Gliedertieraugen als ein eigenes Auge ansieht, so kann ihre Zahl in die Tausende steigen. In allen Klassen und Ordnungen sonst meist sehender Tiere giebt es blinde Formen (bei den Schmetterlingen wenigstens als Raupen), nur die Vögel machen eine Ausnahme.
Blinde Tiere wohnen meist, aber nicht immer, an dem Lichte unzugänglichen Orten (in Erdhöhlen, überhaupt unter der Erde, in Pflanzen oder Tieren, in der Tiefsee). –
Vgl. J. Müller, Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes (Lpz. 1826);
R. Leuckart, Organologie des Auge (im «Handbuch der gesamten Augenheilkunde», hg. von Graefe und Sämisch, Bd. 2, ebd. 1875);
Helmholtz, Handbuch der physiol. Optik (2. Aufl., ebd. 1885 fg.).
(S. auch Augenheilkunde, Augenkrankheiten, [* 22] Augenpflege.)