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Die Bewegungen am Motto d'Arbino bei Bellinzona
Die Bewegungen am Motto d' Arbino bei Bellinzona
Noch nie haben morphologische Verhältnisse meine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch genommen wie an jenem schönen Sommermorgen, als ich zum ersten Male die aussichtsreiche Höhe des Motto d' Arbino betrat und über dessen Nordhang gegen die Valle d' Arbedo hinunterstieg.
Es war anfangs Juli 1924 anlässlich der Erkundung für ein Triangulationsnetz IV. Ordnung über die Gebiete der Valle Morobbia und Valle d' Arbedo. Der Gipfel selbst, der sich in einer Höhe von 1700 m befindet, liegt zwischen den beiden genannten Tälern und bildet den westlichen Eckpfeiler des Grates, der sich vom Corno di Gesero nach Bellinzona hinunterzieht. Schon beim Betreten der Doppelkuppe fiel mir eine unerklärliche Geländeform auf; es war ein Einschnitt, eine Art Tälchen von zirka 30 m Breitenausdehnung und einer Tiefe von einigen Meter, das sich in ostwestlicher Richtung hinzieht und den Gipfel in zwei Teile trennt. Ein Erosions-tälchen konnte es nicht sein, was war es denn? Nach einer längeren Rast beim trigonometrischen Signal, auf der nördlichen der beiden Kuppen, stieg ich über den Nordausläufer direkt gegen die Monti di Ruscada hinab.
Auf Schritt und Tritt begegnete ich dabei den merkwürdigsten Erscheinungen. Hier eine Felsspalte, wohl 20—30 m tief, wie mich das Aufschlagen eines hinuntergeworfenen Steines belehrte, dort ein oberflächlicher Erdrutsch, weiter unten verschiedene schiefstehende Tannen und Wurzeln, die sich durch die Luft spannten, dann ein plötzlicher Absatz im Weglein, dass ich fast gestrauchelt wäre, und später mehrere Bodenwellen, auf denen die Humusschicht und selbst der zutage tretende Felsen gelockert schien. Es war kein Zweifel, hier befand ich mich in einem Gebiete, dessen Oberfläche sich mehr oder weniger in gleitender Bewegung befand. Einzelne Anzeichen liessen darauf schliessen, dass auch in jüngster Zeit sich lokale Rutsche ereignet hatten.
Nach einem ziemlich mühsamen Abstiege erreichte ich die Fahrstrasse und verfolgte sie talabwärts. In einer grossen Kurve durchschneidet der Weg die Val Taglio auf deren Grund ein Wirrwarr von Felsblöcken und Schutt liegt. Kurz unterhalb der dortigen Brücke las ich auf einer am Strassenrand in den Felsen eingelassenen Erinnerungstafel, dass im Oktober 1915 drei in der Nähe beschäftigte Arbeiter durch herunterfallende Steine getötet wurden.
Was ging hier vor? Sicherlich kamen diese Steine von dort oben, wo ich noch vor einer Stunde die Anzeichen von Rutschungen konstatiert hatte. Noch lange beschäftigte mich das Gesehene, auch fragte ich mich, ob mein neu erstelltes trigonometrisches Signal, das sich sozusagen inmitten der beobachteten Bodendeformationen befindet ( Nr. 71, Pianascio ), und zwar auf scheinbar festem Untergrund, wohl in einigen Jahren noch an derselben Stelle sein werde. Diese Frage sollte sich früher entscheiden, als ich glaubte.
Im Februar 1925, mit den trigonometrischen Berechnungen der betreffenden Gegend beschäftigt, machte ich die merkwürdige Feststellung, dass die von uns im vergangenen Herbste auf dem Signal Motto d' Arbino gemessenen Richtungen nach andern Signalen des Hauptnetzes nicht mehr mit den im Jahre 1919 beobachteten übereinstimmten 1 ). Die neuen Beobachtungen ergaben eine Punktlage, die sich ungefähr einen halben Meter nördlich derjenigen von 1919 befand. Ich wagte kaum zu glauben, dass das grosse flache Gipfelplateau während der letzten fünf Jahre um volle 10 cm jährlich gewandert sei, doch erinnerte ich mich jetzt an das merkwürdige Tälchen zwischen den beiden Kuppen, und nun begriff ich, dass es sich hier wahrscheinlich um den Hauptabriss handeln müsse.Von jetzt an liess mir der Motto d' Arbino keine Ruhe mehr.
Nach wenigen Tagen reiste ich mit meinem treuen Tessinergehilfen abends von Lugano nach Giubiasco, um am folgenden Morgen in aller Frühe dem Motto d' Arbino auf den Leib zu rücken, denn ich musste mir Klarheit verschaffen, ob nicht etwa eine böswillige Verschiebung des Zentrums schuld an der Unstimmigkeit war, und dann musste ich verschiedene Richtungen messen, um den Punkt neu bestimmen zu können, denn wie wollte ich meine Neupunkte in die wackligen Grundlagen hineinrechnen? Bei funkelndem Sternenhimmel stiegen wir am 10. Februar 1925 über Paudo zum Signal empor, wo wir um 10 Uhr nach fünfstündigem Marsche anlangten und uns sogleich an die Freilegung der Signalstelle, die mit einer meterhohen Schicht kompakten Schnees bedeckt war, machten. Nach langem Scharren mit Händen und Füssen bekamen wir die Versicherungszeichen zu Sicht und die sofort erhobenen Masse belehrten uns, dass die Distanzen zwischen dem zentrischen Bronzebolzen und den exzentrischen Versicherungskreuzen sich seit 1887 keinen Millmeter geändert hatten. In dieser Hinsicht war also alles in bester Ordnung, es konnte keine lokale Verschiebung sein. Nach Ausführung der vorgesehenen Kontroll-richtungsmessungen wateten, rutschten und liefen wir wieder Giubiasco zu, froh, diese Arbeit noch vor dem vollständigen Einschneien erledigt zu haben.
Aus der definitiven Berechnung bestätigte sich die oben erwähnte Verschiebung von einem halben Meter seit 1919. Nun war zu untersuchen, in welcher Lage sich das Signal in früherer Zeit befunden hatte, um daraus zu bestimmen, wann die Gipfelbewegung eingesetzt hatte und in was für einem Stadium sich dieselbe gegenwärtig befindet, d.h. ob sie im Zunehmen begriffen, gleichförmig oder abnehmend sei.
Das erste trigonometrische Netz über einen Teil des jetzigen Kantons Tessin wurde im Jahre 1811 von österreichischen Offizieren des damaligen Generalstabsbureaus in Mailand erstellt. Später benötigte man als Grundlage für die zu erstellende Dufourkarte ein Dreiecksnetz über den ganzen Kanton, welches durch Ingenieur Bétemps vom eidgenössischen Stabsbureau erstellt wurde. In diesen beiden Netzen existierte jedoch kein trigonometrischer Punkt auf der Kuppe des Motto d' Arbino, zudem wurden die Punkte selbst gar nicht oder nur mangelhaft versichert, so dass nach Zerfall der « Steinmandli » die Punkte nicht mehr auf dem Terrain, sondern nur noch auf dem Papier vorhanden waren. Erst 1887 versicherte Ingenieur Pianca im Auftrage des Topographischen Bureaus in solider Weise einen Punkt auf der Gipfelkuppe und bestimmte dessen Lage im Jahre 1888 aufs genaueste. Es sind dies die Versicherungszeichen, wie sie noch heute bestehen. Weitere trigonometrische Beobachtungen wurden im Jahre 1902 ausgeführt für die Einschaltung einiger sekundärer Punkte in der Umgebung von Bellinzona. Als dann in den Jahren 1903—1922 ein modernes, den höchsten Anforderungen genügendes Netz I. III. Ordnung über die ganze Schweiz erstellt wurde, das sich auf ein einheitliches Projektionssystem ( schiefachsige Zylinderprojektion ) bezieht, benötigte man weitere Messungen, welche auch auf Motto d' Arbino ausgeführt wurden. Es konnten also die Winkelbeobachtungen von 1888, 1902, 1919 und 1924 zur Bestimmung der jeweiligen Lage des Zentrums verwendet werden.
Aus diesen Beobachtungen lassen sich folgende, in den Fig. 4, 5 und 6 der Beilage dargestellten, horizontalen und vertikalen Zentrumslagen ableiten, deren Genauigkeit2—3 cm beträgt. Im Zeitraum von 36 Jahren, d.h. von 1888—1924, ergibt sich eine totale horizontale Verschiebung des Signalzentrums auf Motto d' Arbino nach Norden von 1,72 m und eine Senkung von 2,35 m. Die Bewegung ist nicht gleichförmig, sondern beschleunigt, sie hat zufällig um das Jahr 1888 herum angefangen und hat seither alle Jahre in beängstigender Weise zugenommen, wir befinden uns also im Anfangsstadium der Rutschung, wie dies besonders die graphischen Darstellungen ( Fig. 4, 5 und 6 ) deutlich zum Ausdruck bringen.
Horizon- Jährliche Jährliche t. horizon- Jährliche Einfalls- Verschie-Zeitraum tale tale Senkung Senkung winkel bung Verschiebung im Raum cm cm cm cm Grad cm 1888.8—1902.8 41 2,9 57 41 — 55° 5,0 1902.8—1919.8 83 49 117 69 — 55° 8,4 1919.8—1924.8 48 9.6 61 12,2 — 52° 15,5 1924.8—1925.8 14 14 22 22 — 58° 26 1925.8—1926.8 29 29 36 36 — 51° 46 Über die Ausdehnung des in Bewegung sich befindenden Gebietes liess sich anfangs 1925 folgendes sagen: Anhand der Übereinstimmung der trigonometrischen Beobachtungen von 1902 und 1924 sind die Lagen der Signale auf Motto Conca, Motto d' Arbinetto, Sasso Guida, Monte di Cò, Monti della Tagliada und Motto di Gordino ungestört; die Bewegung der Massen blieb also sicherlich auf den Raum innerhalb der Talsohlen der Valle d' Arbedo, Val Taglio und Val Pium beschränkt und ging im Süden voraussichtlich bis zu dem eingangs erwähnten Tälchen, d.h. bis in die Nähe der Wasserscheide.
Die beobachteten Oberflächendeformationen waren also nicht lokaler Natur, sondern bedingt durch den seit 1888 stets zunehmenden Druck von innen heraus.
Alle diese Vorkommnisse bewogen die Sektion für Geodäsie, die Bewegung auch weiterhin zu verfolgen, soweit sie vermessungstechnisch erfasst werden kann, und so stattete ich denn im Auftrage der Landestopographie, in der Zeit vom 20.24. November 1925, wiederum dem interessanten Berge verschiedene Besuche ab. Es war vorgesehen, in erster Linie Kontrollbeobachtungen nach den Signalen auf Motto d' Arbino, Pianascio, Monti Ruscada und Monti Chiara zu machen, sodann ein engeres Netz von Kontrollpunkten ( in den Beilagen mit A—L bezeichnet ) zu versichern und deren genaue Lage auf trigonometrischem Wege zu bestimmen.
Nach menschlichem Ermessen musste sich besonders auf Signal 71 ( Pianascio ) eine grössere Verschiebung zeigen, da dasselbe auf dem obern Rande des grossen Abfalles liegt, also keinen Halt im Norden hat und deshalb dem Druck von oben leichter nachgeben kann. So sah ich denn das Verhalten dieses Signales als Prüfstein für die aufgestellten Behauptungen betreffend der Ausdehnung des Rutschgebietes an. Ich erinnere mich noch jetzt der fragenden Gesichter der italienischen Schmuggler und schweizerischen Zollwächter und anderer Dorfgrössen von Carena, die sich mit mir zum einzigen erwärmenden Herdfeuer in der dunklen Küche der Osteria drängten und die nicht begreifen konnten, weshalb ich noch nach Feierabend gewisse Berechnungen ausführte, denn sie waren es nicht gewohnt, einen Bundes-beamten abends noch so spät arbeiten zu sehen. Meine damaligen provisorischen Berechnungan bestätigten meine Vermutung, denn sie ergaben, dass sich das Signal auf Pianascio innert Jahresfrist um 48 cm verschoben hatte. Froh der getanen Arbeit Hess ich mir den dunkeln Nostrano doppelt munden.
Am folgenden Tage, es war Sonntag, den 22. November 1925, besuchten uns einige Bellinzoneserherren, die sich schon von Anfang an um den gleitenden Berg interessiert hatten, auf dem Gipfel, um sich das Rutschgebiet mit eigenen Augen anzusehen.
Nach fünf schönen Arbeitstagen auf den Höhen verliessen wir Carena bei Morgengrauen per Post. Es schneite, was vom Himmel herunter mochte; was kümmerte es uns, hatten wir doch die vorgesehenen Fixpunkte in die gleitende Masse oder in die voraussichtlich unbewegliche Randzone einzementiert und die Winkelmessungen zu deren Lagebestimmung ausgeführt. Schon hatten sich einige der Kontrollpunkte in Bewegung gesetzt und in den drei Tagen ihrer kurzen Existenz Wege von 2—6 mm zurückgelegt. Welches wird wohl ihr Schicksal sein? Werden sie der freien Höhe, dem Platz an der Sonne treu bleiben oder dereinst in grausiger Fahrt zu Tale gleiten und tief unter Schutt und Trümmern begraben?
Die nachfolgenden Berechnungen ergaben folgende jährliche Verschiebungen für die Beobachtungsperiode 1924.8—1925.8.
Die Bewegung des Gipfels hat auch in dieser Periode stark zugenommen und bleibt weiterhin eine progressive Verschiebung. Als Beweis der Tief-gründigkeit der Bewegung sehe ich besonders den steilen Einfallswinkel auf der Kuppe und die Verschiebung des tiefliegenden Punktes auf Monti Chiara an. Im Süden sind die Lagen der Punkte auf Alpe d' Urno und Motto della Costa unverändert.
Am 15. Mai 1926 machte sich der Berg wieder bemerkbar und schickte einige Tonnen Steine und Schutt in Form einer Steinrüfe zu Tale. Zwischen den Hütten von Monti Chiara und der grossen Geröllhalde in der Val Taglio bahnte sich die Masse einen Weg durch den Wald und erreichte die Strasse. Motto d' Arbino war also noch nicht zur Ruhe gekommen, und mit Ungeduld erwartete ich den Herbst, um den Fortschritt von neuem feststellen zu können und besonders über die Grenzen der Bewegung nähern Aufschluss zu erhalten. Vom 22. bis 25. September 1926 machte Geometer Imperatori die notwendigen geodätischen Kontrollmessungen auf dem Felde.
Die nachfolgenden Berechnungen ergaben dann folgendes Bild über das Verhalten der in Bewegung sich befindenden Massen für die Periode 1925.8—1926.8 ( Fig. 1—6 ):
Horizontale Vertikale Räumliche Azimut Einfans- Beschleuni-PUDkt Verschiebung Nord = 0° winkel gungsfaktor
= V'sch. 1926/V'sch. 1925
cm cm cm Grad Grad ^ Motto d' Arbino.. 29 —36 46 10 — 51 1,8 ^ 71 Pianascio... 104 +5 104 354 + 3 2,2 ^ 72 Mü. di Ruscada. 0 0 fest77 Chiara 14—1 14 1 — 4 i.s © A Piano dolce... 0 0 fest0 B Punkt 1635... 35—44 56 24 — 52 0 C Sasso marcio.. 104 — 2 104 351 — 1 — 0 D Val Pium... 0 0 fest0 E Piano dolce... 0 0 fest0 F Piano dolce... 0 0 festO G Alpe d' Arbino. 17—30 34 28 — 60 O H Val Pium... 20 +10 22 346 + 27 G J Vallegia d' Arbino. 62 —24 66 359 —21 0 K Vallegia d' Arbino 25 — 26 34 ca. 358 — 46 + L Felssturz 1915.. 34—1 34 ca. 353 — 2 Als allgemeiner Beschleunigungsfaktor sei bezeichnet das Mittel der Zunahme der räumlichen Verschiebungen auf allen beobachteten und in Bewegung sich befindenden Punkten gegenüber der vorhergehenden Beobachtungsperiode. Dieser Faktor gibt uns am besten ein zuverlässiges Bild von der Art der Bewegung. Solange der Faktor grösser als 1 ist, bewegt sich die Masse immer schneller, es handelt sich um eine beschleunigte Bewegung, und es besteht die Gefahr der Auslösung grösserer Felsstürze. Eine strenge Beobachtung ist notwendig. Fällt dagegen der Faktor unter den Wert 1, so kann angenommen werden, dass die Massen sich langsam zu setzen beginnen, was natürlich kleinere Felsstürze nicht ausschliesst. In diesem Falle kann die Häufigkeit der Beobachtungen reduziert werden.
Die Diagramme beziehen sich nur auf die Bewegung des « Signal Motto d' Arbino ».
Der allgemeine Beschleunigungsfaktor ist für die einzelnen Perioden folgender:
Anzahl der Mittlere jährlirhe Allgemeiner Periode Kontroll Bewegung im Raume Bescheuni-punkte gungsfaktor cm 1888.8-1902.8 1 5.0 -1902.8-1919.8 1 8.5 1,7 1919.8-1924.8 1 15, 5 1,8 1924.8-1925.e 1 ( 3 ) 26,0 ( 27,3 ) 1,7 1925.8—1926.8 3 ( 10 ) 54,6 ( 44,4 ) 2,0 Die beiden Tabellen zeigen deutlich, dass auch in der verflossenen Periode die Bewegung noch keine Miene machte, zur Ruhe zu kommen. Die Zunahme ist immer noch eine beschleunigte, und die Rutschung nähert sich damit stets einem kritischeren Stadium. Heute ist nun sicher, dass der ganze Nordhang des Motto d' Arbino sich in gleitender Bewegung befindet; die Wasserscheide im Süden ist fest, westlich und östlich sind die Grenzen jedenfalls in der Nähe der Talsohlen der Val Taglio und Val Pium zu suchen. Im Norden sind die Monti Chiara wahrscheinlich noch im Rutschgebiet und die Monti di Ruscada jedenfalls hart an der Grenze. Die Gleitzone hat somit eine Ausdehnung von wenigstens 2 km2. Unter der willkürlichen, aber nicht unmöglichen Annahme einer mittleren Tiefe von 100 m ergäbe sich ein Volumen von 200 Millionen m8. Was das bedeutet, möge ein Vergleich mit den Massen-volumen bekannter Bergstürze zeigen.
Bergsturz vonDatumVolumen in Millionen m3 Airolo28. Dezember 18980,5 BiascaSeptember 15138—10 Elm11. September 188110 Goldau2. September 180615 Öschinenseepostglazial0,05 Kanderstegpostg1azia1800—900 KunkelspassWürmeiszeit400—500 Siders »3000 Flims »10,000—15,000 Das will nun nicht heissen, dass wir in unserem Falle mit einem eventuellen Niedergänge der ganzen enormen Masse von 200 Millionen m3 rechnen müssen, sondern einzig und allein, dass sich ungefähr diese Masse heute in langsam gleitender Bewegung befindet.
Aus den Berichten über die Bergstürze in Goldau und Elm geht hervor, dass schon vorher Anzeichen vorhanden waren, welche die Gefahr eines Nieder-gleitens der Massen erkennen liessen; Spalten öffneten sich, lokale Felsstürze traten ein, Tannen wurden entwurzelt, Senkungen entstanden, und man fragt sich häufig, wieso haben sich denn die in der Gefahrzone wohnenden Menschen nicht beizeiten in Sicherheit gebracht. Da ist es eben nun schwierig, vorauszusagen, inwiefern man mit dem Niedergang der Massen zu rechnen hat. Es sind stets die Möglichkeiten vorhanden, dass die Massen in wenigen Tagen, erst in vielen Jahren oder überhaupt nicht ins Gleiten kommen. Wer möchte da Hof und Heim verlassen ohne dringenden Grund? In beiden obgenannten Fällen glaubte man nicht, dass die abrutschenden Massen die Dimensionen annehmen würden, welche sie dann in Wirklichkeit hatten. Goldau forderte 457 Opfer an Menschenleben, Elm deren 115. Wieviel Not und Elend hätte durch eine fachgemässe Überwachung und frühzeitige Evakuierung der gefährdeten Zonen erspart werden können?
Zur Aufnahme verschiedener photographischer Bilder und Messung einiger Profile, die es ermöglichen sollen, den Hauptabriss genau zu bestimmen, sah uns der Gipfel des Motto d' Arbino zum letztenmal am 13. Oktober 1926 in Begleitung meines Chefs, Herrn Ingenieur Zölly, dank dessen Anordnungen die bisherigen Beobachtungen überhaupt möglich waren, und von Herrn Prof. Jäggli aus Bellinzona, der von jeher der Sache grosses Interesse entgegengebracht hat, zu Gaste. Einen tiefen Eindruck hinterliess allen Teilnehmern besonders der Abstieg durch die zerrissene Oberfläche des Nordhanges, und an manchen Orten konnte man sich eines ungemütlichen Gefühles kaum erwehren, sich auf diesem gleitenden Hange zu befinden.
Das Verhalten der Massenbewegung auf Motto d' Arbino ist heute vollständig identisch mit dem ersten Stadium eines Bergschlipfes, was wir uns nicht verhehlen dürfen. Die jeweiligen Rapporte der Landestopographie an die hohe tessinische Regierung haben nicht verfehlt, diese zur Einholung eines geologischen Gutachtens zu veranlassen, welches diesen Frühling in Angriff genommen werden soll.
Vom Standpunkte des Technikers lassen sich drei Eventualitäten über das zukünftige Verhalten der Bewegung und deren Folgen ins Auge fassen:
a ) Die Geschwindigkeit der Bewegung nimmt langsam ab und die Massen kommen zum Stillstande. Allgemeiner Beschleunigungsfaktor nähert sich dem Werte Null. Folgen: Einige kleinere Rufen und Erdrutsche sind wahrscheinlich.
b ) Die Geschwindigkeit bleibt konstant. Allgemeiner Beschleunigungsfaktor gleich 1. Folgen: Die vorwärtsgeschobenen Felsmassen werden sich wie ein wandernder Hängegletscher verhalten, welcher an seiner Stirne fortwährend abbröckelt. Grössere Felsstürze ähnlich demjenigen von 1915 werden die Folge sein. Eine Stauung der Traversagna ist möglich. Die Monti von Chiara, La Monda und Ruscada sind stark gefährdet.
c ) Die Geschwindigkeit nimmt auch in Zukunft progressiv zu, wie es seit 1888 der Fall ist. Allgemeiner Beschleunigungsfaktor grösser als 1. Folgen: Grössere Teile der Oberfläche werden ins Gleiten und Fallen kommen, den Lauf der Traversagna sperren, in Form von Murgängen sich gegen Arbedo wenden und im schlimmsten Falle sogar den Tessinfluss erreichen und stauen.
An den Geologen liegt es nun, zu untersuchen, welches wohl der wahrscheinlichste Verlauf sein wird. Gestützt auf dieses Gutachten werden die verantwortlichen Behörden kaum zögern, die notwendigen Vorsichtsmassregeln zu treffen. Es wird sich dabei um zweckmässige Überwachung der Bewegung handeln, um eventuelle zeitweise oder gänzliche Evakuierungen, um Absperrungen, Anbringen von Verbottafeln, Verbot des Holzschlages und Weidganges u.a. m. « Gouverner c' est prévoir !» Seit annähernd 40 Jahren gleitet die Kuppe des Motto d' Arbino samt dem ganzen Nordhang talwärts. Anfänglich war der Fortschritt gering und betrug nur 2—3 cm pro Jahr. Heute ist dieses Gleiten an den gefährdetsten Stellen auf über einen Meter pro Jahr gewachsen und noch steigt der Zeiger am Geschwindigkeitsmesser. Werden diese ungeheuren Massen sich zu beherrschen wissen? Furchtbar steil senkt sich der Hang von Pianascio gegen die Traversagna hinunter, volle 70 % Gefälle und 800 m Höhenunterschied weist er auf. Im untern Drittel dieses Hanges kleben die Häuschen und Ställe der Bewohner von Monti Chiara, La Monda und Monti di Ruscada. Mehr als 50 Personen fristen jeweilen vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein dort oben ihr Leben. Besonders für sie sind diese Zeilen geschrieben. Mögen die Felsen über ihren Häuptern bald zur Ruhe kommen 1 ).
.M. Zurbuchen.
* Im folgenden sei noch kurz auf den geologischen Bau des Bewegungs-gebietes eingegangen, soweit es im Rahmen der Arbeit liegt.
Der Motto d' Arbino liegt mitten in der Wurzelzone von Bellinzona. Er besteht ganz aus ± senkrecht gestellten kristallinen Schiefern, die im Mittel N 80°—E streichen. Gneise sedimentärer Herkunft bilden die Hauptmasse des Berges; dazu kommen Bänder und Linsen von Eruptivgneisen. Ihre Mächtigkeit erreicht selten 50 m, und von den Sedimentgneisen unterscheidet sie eine meist hellere Farbe, auch sind sie kompakter. Die Gneise führen gewöhnlich zwei Glimmer, die ehemaligen Sedimente neben Granat, die ausgesprochenen Gleitmineralien Disthen und Sillimanit. Das Alter ist paläozoisch.
In den Gneisen liegen zu Linsen gequetschte Marmorzüge. Sie sind für den Geologen das interessanteste Element, weil sie die Leitlinien der für viele so eintönigen Gneisregion sind. Für unser Gebiet beweisen Verhalten und Aussehen der oft recht bunt zusammengesetzten Karbonatgesteine eine sehr starke tektonische Durchbewegung und intensive Verschuppung. Die Mächtigkeit beträgt 0—150 m. Wichtig ist das Vorkommen des Sasso marcio ( fauler Fels ), weil durch den dortigen Zellendolomit ( Rauhwacke ) das triadische Aller bestimmt ist. Die Marmore und Kalksilikatfelse sind wohl grösstenteils metamorphe Trias und Bündnerschiefer.
Eine dritte Gruppe besteht aus basischen Gesteinen, vorwiegend Plagioklas-amphiboliten eruptiver Herkunft und selteneren Linsen von Olivinfelsen und Verwandten. Basische Intrusionen haben im Mesozoikum stattgefunden, denn Kontakterscheinungen an den Marmoren sind nicht selten. Ein Teil der Amphibolite ist aber offenbar auch älter und teilweise sedimentären Ursprungs.
Sämtliche Gesteine sind mehr oder weniger ergriffen worden von einer tertiären sauren Injektion. Sie hat die Pegmatite in den Bündnerschiefern erzeugt und die weissen Adern in den Gneisen und vielen Amphiboliten geschaffen, die meist aus Quarz und Feldspat bestehen. Eine ältere Injektion liegt in vielen Gneisen vor.
Ursachen der Bewegung.
Neben dem Gesteinsmaterial sind offenbar von grosser Bedeutung die geologische Lagerung und der Gesteinsverband. Sämtliche Gesteine, Olivin-felse und einzelne Amphibolite ausgenommen, sind ausgezeichnet geschichtet. Die Schichten stehen, wie schon erwähnt, senkrecht. Dazu tritt als Folge der riesigen Pressung sehr häufig eine völlige Verschieferung, die mit der Schichtung zusammenfällt. Durchgehende kompakte und versteifende Felspartien fehlen im engern Rutschgebiet. Der 100 m mächtige Amphibolit-Strahlsteinzug von Bellinzona, der hierzu befähigt wäre, liegt zu tief in unserem Profil, und zudem ist er durch verschiedene Verwerfungen mitgenommen. Es ist klar, dass bei solchen « Blätterteigverhältnissen » leicht Kippungen ( Hakenwürfe ) und Aufblättern eintreten, sobald der seitliche Halt nicht mehr genügt. Das ist auf der steilen Nordflanke des Arbino der Fall, während die Südflanke, namentlich durch den massigen eruptiven Tonalit, viel besser verankert ist.
Für das Auslösen der Bewegung sind gewiss die Marmore und vor allem die Rauhwacke des Sasso marcio mitbestimmend gewesen. Die Marmore sind zum Teil sehr kompakt, anderseits aber wieder sandig bröckelig und leicht chemischer und mechanischer Auflösung unterworfen. Auslaugungen haben zu Senkungen und zu weitergreifenden Bewegungen des Nebengesteins geführt. Senkungen zeigen sich besonders im weichern Material, während solidere Schichten als Rippen oder Riffe herausragen und oft sogar empor- gepresst werden. So hat sich der Boden beidseitig des Sasso marcio relativ gesenkt, so dass das Marmorriff über 30 m emporsticht. Der Gewichtsdruck geht nach aussen mehr und mehr in Seitendruck über. Die äussersten Partien verlieren den Halt, namentlich wenn das Gewicht durch Schmelz-und Regenwasser noch bedeutend erhöht wird; es kommt zum Absturz.B.eide Stürze vom 18. Oktober 1915 und Mai 1916 sind nach langen, starken Regenperioden und Platzregen erfolgt.
Möglich wäre auch, dass tektonische Bewegungen, die mit der Alpenfaltung noch im Zusammenhang stehen, mit schuld hätten an den Ereignissen am Arbino; allein hierfür wären wohl schwer sichere Beweise anzuführen.
Der Arbino bewegte sich schon früher nordwärts, wahrscheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit. Vernarbte Risse umziehen die Kuppe, von Cortaccia ( 750 m nordwestlich Arbino ) ausstrahlend, südlich und nördlich, die Gneisschichten im spitzen Winkel durchbrechend. Das Tälchen der Alphütten von Arbino ist die alte Abrissnische. Aber auch Felsstürze haben sich ereignet. Der etwas flachere Hang trägt bei den Monti di Ruscada Moräne, ebenso bei Chiara und La Monda. Dazwischen ist sie heruntergefegt. Das Material eines postglazialen Bergsturzes erstreckt sich bis in die Schlucht des Talbaches. Weitere Stürze müssen in die Val Taglio niedergegangen sein. Die flachen Ausbruch-nischen dieser Stürze sind trotz der teilweisen Verwachsung mit Wald gut zu erkennen. Grosse Ereignisse sind es nicht gewesen, sonst müsste auch der gegenüberliegende Hang Schuttauflagerung zeigen. Was in den Bach kam, wurde ausgeräumt.
Die Bewegung scheint später für lange Zeit ganz oder fast ganz zum Stillstand gekommen zu sein. Der Wald konnte in dieser Zeit Risse und Abstürze überwuchern. Wuchsformen, die auf Bodenbewegungen deuten, sind nicht da. Die Hütten der Alpe Arbino stehen wohl seit Jahrhunderten am selben Ort, nämlich in der obersten Abrisszone.
Heute ist die Ruhe des Berges wieder gestört. Die alten Risszonen haben sich teilweise neu belebt. Frische Spalten haben sich geöffnet, mächtige Felsen klaffen auseinander, Wurzeln hangen in die Luft, Tannen stehen schief und sind gestürzt. Beim Begehen gewisser Zonen ist Vorsicht geboten, denn leicht könnte man durch die dünne Rasendecke in eine verborgene Spalte stürzen. Schon mancher, der für die Messungen des Geodäten nur ein zweifelndes Lächeln übrig hatte, hat sich an Ort und Stelle davon überzeugt, dass etwas im Gange ist. Am Arbino selber hat die neue Bewegung etwas weiter rückwärts gegriffen. Südlich der alten Nische ist in den letzten Jahren ein neuer Riss entstanden, der stellenweise über 5 m breit ist. Die Arbinokuppe von zirka 300 m Nordsüdausdehnung scheint sich bis jetzt noch einheitlich zu bewegen. Etwas schlimmer sieht es aus in der Gegend von Cortaccia und dann namentlich südlich des Sasso marcio und nordöstlich hinaus gegen P. 1442. Im hintern Teil der bewegten Masse lassen sich auf der Seite der Val Pium Risse feststellen bis in 250 m Tieîe.
Wie wird sich der kommende Verlauf der Bewegung gestalten? Möglichkeiten sind oben angedeutet.
Es ist kaum anzunehmen, dass die ganze Masse auf einmal zu Tal fahre, denn die Bildung einer zusammenhängenden Gleitfläche quer durch die senkrecht stehenden weichen und harten Schichten ist unwahrscheinlich. Die Sache wird voraussichtlich in bisheriger Art weitergehen, die am weitesten nach Norden ragenden Vorsprünge werden wohl zuerst abbrechen. Ein solcher ist im Oktober 1915 einem Sturz teilweise zum Opfer gefallen. Ein Teil der nach Norden umgekippten Schichten liegt jetzt noch beinahe an Ort und Stelle. Dass im Mai 1926 nicht grössere Massen vom P. 1091 über Chiara niederfuhren, ist einzig dem Umstand zu verdanken, dass die Regenperiode aufhörte. Das Wenige hat allerdings genügt, die untenliegende Strasse an zwei Stellen wegzuschJagen und die Wasserleitung der Werkstätte Bellinzona zu zerstören.
Es muss dem fachmännischen Gutachten vorbehalten bleiben, alle Möglichkeiten mit ihren eventuellen Folgen, sowie die zu treffenden Massnahmen zu erörtern. Entgegen vielen Zeitungsmeldungen ist aber des bestimmtesten zu betonen, dass für Bellinzona und die dortigen Bahnanlagen jede Berg-sturzgefahr ausgeschlossen ist. Zwischen dem Tessintal und dem Rutschgebiet liegt der mächtige und durchaus intakte Monte della Conca. Zudem trifft die Sturzbahn nahezu rechtwinklig auf den gegenüberliegenden Hang der Val Arbedo. Ein mächtiger Sturz wäre wohl imstande, den obern Teil dieses Tales so abzudämmen, dass ein sich bildender See nicht ausbrechen könnte. Die Schuttmassen würden auch kaum bis nach Arbedo hinausströmen. Unangenehmer, um so zu sagen, sind die kleinern Abbrüche, weil das Material Anlass zu Murgängen gibt. Der Sturz von 1915 wurde für das Haupttal erst im September 1920 von Bedeutung. Nach mehrtägigen starken Gewitterregen gelang es dem Bach der Val Arbedo, auszuräumen. Riesige Schuttmassen rollten heraus. Zwei Steinbrücken fielen den Elementen zum Opfer. Mit Mühe konnte man die grosse Strassenbrücke retten, aber bei der gerade unterhalb liegenden Bahnbrücke aus Eisenbeton verstopften über 2 m hohe Blöcke den Durchlass. Die Bahn war für zwei Tage unterbrochen. Der ebenfalls hochgehende Tessin wurde nach rechts gedrängt. Dass das westliche Widerlager der Brücke von Gorduno nicht ganz hinterspült wurde, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass der Schuttkegel des Gordunobaches einen Tessinausbruch unmöglich macht. Die Eisenbahnbrücke ist nachher gehoben worden, und dem Tessin ist es gelungen, die Stromfurche wieder etwas nach links zu verschieben. Gewisse Gefahren werden hier immer drohen. Beobachtung der Ereignisse muss dafür sorgen, dass keine Katastrophen erfolgen.
Die Bewegungen am Motto d' Arbino sind kein Weltwunder, sondern nur ein Produkt jener allgemein wirkenden Kräfte, denen im Laufe der Zeiten alle Gebirge zum Opfer fallen. Der Mensch kann hier nicht hindernd eingreifen, aber tatenlos die Dinge erwarten soll er ebensowenig, weil das einerseits zur Überschätzung und anderseits zur Unterschätzung der Gefahr führt.
Wenn es den vorstehenden Ausführungen gelungen ist, zur Aufklärung der Vorgänge am « wandernden Berg » beizutragen, so ist ihr Zweck erreicht.
P. Knoblauch.