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Am 22. Januar 1973 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein bahnbrechendes Urteil (genannt Roe v. Wade). Mit 7:2 Stimmen entschied er, das Grundrecht auf persönliche Freiheit und Schutz der Privatsphäre schliesse das Recht der Frau ein, in den ersten 6 Monaten über den Abbruch einer Schwangerschaft frei zu entscheiden. Dieses Urteil bewirkte, dass Abtreibungen nicht länger in der Illegalität, sondern unter medizinisch guten Bedingungen durchgeführt wurden.
In späteren Urteilen wurde dieses Recht zwar eingeschränkt, jedoch nie im Grundsatz widerrufen. Unter anderem entschied das Gericht, dass die Bundesstaaten den Abbruch nicht aus der Sozialversicherung bezahlen müssen, dass sie die Zustimmung der Eltern bei Minderjährigen oder eine Bedenkzeit und obligatorische Beratung vorschreiben dürfen. Immer jedoch verlangte das Gericht, dass Ausnahmefälle vorgesehen wurden (z.B. wenn die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist). Immer mehr Staaten führen Einschränkungen ein. Informationen Januar 2013 / Vorschriften in den Einzelstaaten Nov. 2013
Durch die Ernennung von mehreren konservativen Richtern während ihren Amtszeiten haben die republikanischen Präsidenten Reagan, Bush sen. und Bush jun. die Zusammensetzung des Obersten Gerichts grundlegend verändert. Das Urteil des Gerichts vom 18.4.2007 (Verbot einer bestimmten Methode für Schwangerschaftsabbrüche in der fortgeschrittenen Schwangerschaft) könnte eine neue Ära massiver Einschränkungen einläuten. Zum ersten Mal hat das Gericht eine Einschränkung gutgeheissen, die keine Rücksicht auf die Gesundheit der Frau nimmt (vgl. unten).
Ende der 60er Jahre, vor der Legalisierung, wurde die Zahl der illegalen Abtreibungen auf mind. 200'000 bis über 1 Million geschätzt. Ab 1973 wurden die illegalen Eingriffe allmählich durch legale Schwangerschaftsabbrüche ersetzt. Deren Zahl stieg bis Ende der 80er Jahre auf 1,6 Mio. Seither ist sie auf 1,06 Mio zurückgegangen, bzw. auf eine Rate von 16,9 auf 1000 15-44-jährige Frauen (2011). Auch die Rate bei Teenagern ist rückläufig.
Abortrate auf 1000 Frauen, 15-44-jährig
89% der Abbrüche erfolgen in den ersten 12 Schwangerschaftswochen
Quelle: Bericht des Alan Guttmacher Institutes, 2014
Siehe auch Abortion Surveillance 2011, Center for Disease Control
Bereits 1970, als 4 Staaten den Schwangerschaftsabbruch legalisierten und 11 weitere ihre Gesetze liberalisierten, sank die Zahl der Todesfälle durch Abtreibung (legal und illegal zusammen) drastisch. Im Jahr 1973, dem ersten Jahr nachdem der Schwangerschaftsabbruch auf dem ganzen Territorium der Vereinigten Staaten legalisiert war, gingen die Todesfälle durch Pfuscherabtreibungen um 40 Prozent zurück.
Quelle: Alan Guttmacher Institute, USA
Die Abbrüche werden immer frühzeitiger durchgeführt. 2011 wurden 63% in den ersten 8 Schwangerschaftswochen (gerechnet ab letzter Periode) vorgenommen, davon mehr als die Hälfte in den ersten 6 Wochen.
Trotz diesen positiven Auswirkungen der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs kämpfen christlich-konservative Kreise verbissen gegen das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung.
Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat der neu gewählte Präsident die Marschroute bestimmt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat er Entwicklungshilfe-Gelder für internationale Organisationen gestrichen, die sich in irgendeiner Weise für den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch einsetzen.
Die wichtigen Ämter des Justiz- und des Gesundheitsministers wurden mit eingefleischten Abtreibungsgegnern besetzt.
Der Präsident ernennt die Obersten Richter auf Lebzeiten. Eine einzige Stimme könnte die Mehrheit im Obersten Gericht zuungunsten des Rechts auf freien Entscheid zum Kippen bringen. Diese Gefahr ist akut geworden nach dem Rücktritt der gemässigten Richterin Sandra O'Connor Anfang Juli 2005.
Ungewollt schwangere Frauen stossen auf immer mehr Schwierigkeiten. Im Jahr 2000 wurden in verschiedenen Staaten der USA insgesamt 43 Gesetzesänderungen beschlossen, die den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch erschweren, gegenüber 27 positiven Beschlüssen. Eine Studie der National Abortion Rights Action League fand heraus, dass die Frauen in 30 Staaten Gefahr laufen, in ihren reproduktiven Rechten eingeschränkt zu werden. Sollte das grundsätzliche Recht auf freien Entscheid durch das Oberste Gericht umgestossen werden, ist in 11 Staaten gar ein totales Verbot des Schwangerschaftsabbruchs zu befürchten.
Ohnehin gibt es wegen des andauernden Terrors der Abtreibungsgegner sowie infolge sinnloser, kostspieliger Vorschriften für die Kliniken in immer mehr Regionen keine Kliniken mehr, die Abbrüche durchführen. Viele Frauen müssen weite Reisen unternehmen, um einen Abbruch vornehmen lassen zu können. Häufig haben sie dann noch einen Spiessrutenlauf durch ein Spalier von betenden oder schreienden Manifestanten zu ertragen.
In Staaten wo es nahezu unmöglich wird, legal zu einem
Schwangerschaftsabbruch zu kommen, greifen Frauen mehr und mehr zur
Alternative der Prostaglandinpille Cytotec, um illegal abzutreiben. Zum
Beispiel in Texas.
http://www.theatlantic.com/health/archive/2014/06/the-rise-of-the-diy-abortion-in-texas/373240/
Von einer anderen Seite droht ebenfalls Gefahr. In den USA gibt es viele katholisch geführte Spitäler. Sie weigern sich auf Geheiss aus Rom, Verhütungsmittel abzugeben, Sterilisationen und natürlich Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Der Spardruck im Gesundheitswesen führt zu Spitalfusionen und Zusammenarbeitsverträgen, wobei dann die katholische Ideologie dem gesamten Spitalkomplex aufgezwungen wird.
Es gibt auch einige Lichtblicke. So wurde RU 486 im Jahr 2000 endlich in den USA zugelassen. (Allerdings wird bereits wieder versucht, mit parlamentarischen Vorstössen gegen den Entscheid der Food and Drug Administration FDA vorzugehen). - In Colorado wurde in einer Volksabstimmung ein Gesetz abgelehnt, das eine staatlich diktierte Information der Frau und eine 3-tägige Bedenkfrist vor einem Abbruch vorschreiben wollte.
In jedem Fall wird der Kampf um die reproduktiven Rechte in den USA auf allen Ebenen weitergeführt.