Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/2143

Kontrafaktisches Denken ist Denken darüber, was zwar nicht der Fall ist, aber was der Fall sein könnte. Diese Art von Denken spielt eine wichtige Rolle sowohl in unserem Alltag und in der Politik als auch in den Wissenschaften. So überlegen wir vielleicht manchmal, was wäre, wenn die Schweiz der EU beigetreten wäre, oder wenn die EU keine Gemeimschaftswährung besitzen würde. In den Wissenschaften werden sogar sehr oft kontrafaktische Überlegungen angestellt, z.B. wenn Klimaforscher oder Ökonomen verschiedene mögliche Szenarien modellieren. Aber nicht nur die angewandte, auch die Grundlagenforschung beschäftigt sich mit kontrafaktischen Überlegungen. Einstein überlegte sich, wie es wäre, neben einem Lichtstrahl herzulaufen. Ausserdem stellen Physiker oder auch Biologen häufig Modelle auf, die idealisierende Annahmen enthalten, die aber niemals realisert werden, vielleicht sogar prinzipiell nicht realisierbar sind. Selbst eine ganz harmlos erscheinende biologische Aussage wie "Die Fledermaus besitzt ein Sonar, um sich im Dunkeln zu orientieren" kann interpretiert werden als: "Wenn die Fledermaus kein Sonar besässe, so könnte sie sich im Dunkeln schlechter orientieren und hätte also Folge davon schlechtere Überlebenschancen", also ebenfalls als kontrafaktische Aussage.
So wichtig das kontrafaktische Denken in allen Lebensbereichen und in vielen Wissenschaften ist, so problematisch ist es auch. Unter welchen Bedingungen sind kontrafaktische Aussagen eigentlich wahr? Können sie überhaupt wahr oder falsch sein? Wie überprüft man solche Aussagen? Wird mit dieser Art von Denken nicht der unkontrollierten Spekulation Tür und Tor geöffnet?
Philosophie und Wissenschaftstheorie, aber auch andere Disziplinen wie Psychologie und Linguistik, haben dem kontrfaktischen Denken seit einiger Zeit grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Gerade im Zusammenhang mit der Biologie ist es aber bis heute noch schlecht verstanden. Diesem Umstand möchte das vorliegende Projekt Abhilfe schaffen. Gleichzeitig stellt es das kontrafaktische Denken in der Biologie in einen grösseren Zusammenhang, nämlich der Logik, Semantik und Erkenntnistheorie des kontrafaktischen Denkens im Allgemeinen sowie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Physik, Geschichte oder der Philosophie selbst. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Gedankenexperiment, das als Methode zur Begründung von kontrafaktischen Ausagen gilt. Das Projekt arbeitet zu diesem Zweck eng mit der interdisziplinären DFG-Forschergruppe "Was Wäre Wenn? Zur Bedeutung, Epistemologie und wissenschaftlichen Relevanz von kontrafaktischen Aussagen und Gedankenexperimenten" an der Universität Konstanz und der Humboldt-Universität Berlin (geplant 2012-2015, evtl. bis 2018) zusammen.
Das Projekt untersucht die Rolle kontrafaktischen Denkens an konkreten historischen und aktuellen Fallbeispielen aus der Biologie. Dabei werden sowohl semantische als auch ontologische und methodologische Fragen behandelt. Die semantischen Fragen betreffen die genaue Bedeutung modaler Begriffe und Aussagen in der Biologie, zum Beispiel Funktion, Constraint und theoretische Aussagen, die diese Begriffe verwenden. Es soll mittels einer geeigneten Semantik untersucht werden, wie kontrafaktische Konditionale eingesetzt werden können, um solche Aussagen philosophisch zu explizieren. Im ontologischen Bereich untersucht dieses Teilprojekt die möglichen Geltungsgründe für modale Aussagen und deren Verhältnis zu den physikalischen Tatsachen. Bei den methodologischen Fragen steht die Rechtfertigung biologischer Theorien und Modelle mit modalem Gehalt im Vordergrund. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie weit Gedankenexperimente und Modelle Instrumente zur Gewinnung modaler Erkenntnis in der Biologie sind.
Ziel des Projekts ist es, philosophisch fundierte Antworten auf folgende Fragen zu geben:
- Was bedeuten modale Begriffe und Aussagen in der Biologie genau? Ein besonderes Augenmerk gilt den Begriffen Funktion und Constraint.
- Welche ontologischen Korrelate haben solche Begriffe und Aussagen, d.h. welches sind ihre Gegenstände bzw. Wahrmacher?
- Wie verhalten sich modale Tatsachen in der Biologie zu physikalischen Tatsachen?
- Welche Rolle spielen modale und kontrafaktische Aussagen in biologischen Theorien und Modellen?
- Wie können die Biowissenschaften modale und kontrafaktische Zusammenhänge erkennen?
- Welche Rolle spielen Gedankenexperimente dabei?
- Welches ist das Verhältnis von Gedankenexperimenten und Modellen?
- Welchen Status hat Wissen, das durch biologische Gedankenexperimente und Modelle erzeugt wurde?
- Welche Art von Wissen geht in biologische Gedankenexperimente und Modelle ein?
Diese Fragen sollen durch eine intensive Beschäftigung sowohl mit aktuellen und historischen biologischen Fallbeispielen als auch mit der philosophischen Literatur über Modalität und Gedankenexperimente behandelt werden.