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Grenzen setzen und Struktur geben kann dem Kind helfen, sich besser zurecht zu finden.
Klare, sinnvolle Anweisungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind diesen nachkommt. Anweisungen zu geben ist jedoch keine einfache Sache - man kann dabei ziemlich viel "falsch" machen. Die folgenden Tipps helfen Ihnen dabei, Anweisungen zu Hause und in der Schule konkreter, klarer und verbindlicher zu formulieren.
Geben Sie wenige Anweisungen und bestehen Sie auf deren Einhaltung
Letzte Woche war ich mit meiner Frau in einem Restaurant. Ein kleines Mädchen, ca. fünf Jahre alt, krabbelte unter den Tischen durch, stieg auf die Stühle, rannte im ganzen Raum herum und machte all die Dinge, die witzig sind, wenn es nicht das eigene Kind ist. Die Mutter schämte sich grausig und versuchte dem Kind mit allerhand Anweisungen beizukommen:
"Komm jetzt an den Tisch...lass das!...Renn nicht rum!...Kommst du jetzt...nein!...Ich sag es dir zum letzten Mal!...warum kannst du nicht ein Mal...jetzt reicht es aber wirklich!...Robert, jetzt sag doch auch mal was!...bist du jetzt ruhig!?...kann ich eigentlich auch mal einen ruhigen Sonntag haben?!"
Wir zählten 45 Anweisungen in drei Minuten (Psychologen haben teilweise etwas sonderbare Freizeitbeschäftigungen).
Das Kind kam keiner einzigen nach. Kinder gewöhnen sich an diese stete Berieselung mit Anweisungen, die nicht durchgesetzt werden. Die Eltern oder Lehrkräfte müssen in der Folge härteres Geschütz auffahren, wenn sie möchten, dass das Kind sie befolgt: Sie müssen die Anweisung brüllen, in einem giftigen Ton zischen oder das Kind grob am Arm packen, damit es überhaupt zuhört.
Kinder hören eher auf eine Anweisungen, wenn:
- diese sparsam gegeben werden und sinnvoll sind
- das Kind die Erfahrung macht, dass die Eltern die Anweisung ernst meinen und durchsetzen
Wie hätten die Eltern reagieren können?
Die folgenden Schritte funktionieren auch nicht immer, erhöhen die Chancen, dass das Kind der Anweisung nachkommt, jedoch beträchtlich:
- Der Vater (oder die Mutter) steht auf und geht zu dem Kind hin
- Er geht in die Knie und begibt sich damit auf die Höhe des Kindes und schaut es an
- Er stellt kurz Körperkontakt her, indem er zum Beispiel die Hand des Kindes hält oder seine Hand auf dessen Schulter legt
- Sobald er sicher ist, dass das Kind zuhört und ihn anschaut kann er kurz sagen, wie es dem Kind geht: "Ich weiss, dir ist langweilig. Wir gehen aber nach dem Kaffee auf den Spielplatz."
- Dann gibt er eine klare Anweisung: "Aber vorher möchten deine Mutter und ich in Ruhe unseren Kaffee trinken. Wir möchten, dass du dich zu uns an den Tisch setzt und entweder mitredest oder dein Büchlein anschaust. Kannst du das? "Ja" "Was möchtest du lieber machen?" "Das Büchlein anschauen"
- Er vergisst nicht, dem Kind am Ende des Restaurant-Besuchs zu sagen, dass er es schön fand, dass das Mädchen der Anweisung nachgekommen ist: "Ich finde es ganz toll, dass du in Ruhe dein Büchlein angeschaut hast - jetzt gehen wir spielen."
Dabei ist es wichtig, das Kind nicht zu überfordern. Meine Frau und ich waren über eine Stunde in diesem Restaurant und die Eltern mit dem fünfjährigen Mädchen waren vor uns da und blieben noch, nachdem wir bereits aufgebrochen waren. Das Kind hatte nichts dabei, um sich zu beschäftigen und die Eltern wollten für sich etwas besprechen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich würde es heute noch nicht schaffen, still und ohne Beschäftigung während 90 Minuten an einem Tisch zu sitzen. Da nützen auch klare Anweisungen nichts.
Sehen wir uns die einzelnen Punkte im Detail kurz an:
Nähe, Blickkontakt und Körperkontakt herstellen
In unserem Beispiel geht der Vater zum Kind hin und berührt es an der Schulter. Nähe, Blick- und Körperkontakt sind nonverbale Mittel, die jegliche Kommunikation intensivieren, ganz gleich ob es sich dabei um Anerkennung, Kritik, eine Anweisung oder ein Wort des Dankes handelt. Stellen Sie sich dazu die folgenden Szenarien vor:
1. Ihr(e) Vorgesetzte(r) geht an ihrem Büro vorbei, steckt kurz den Kopf rein und sagt: "Herr/Frau X, das haben Sie wunderbar gemacht!"
2. Ihr(e) Vorgesetzte(r) klopft an den Türrahmen, kommt rein, schaut ihnen in die Augen, gibt ihnen anerkennend die Hand und sagt: "Herr/Frau X, das haben Sie wunderbar gemacht!"
Die zweite Version wird mehr Wirkung entfalten. Ob Ihnen die zweite Version lieber ist, hängt von der Beziehung hab, die Sie zu ihrer(m) Vorgesetzten haben - sie wird jedoch auf jeden Fall intensiver sein.
Sich zu einem Kind hinzubewegen und Körperkontakt aufzunehmen kann dadurch eine sinnvolle Alternative zur lauteren Stimme sein. Als Lehrkraft können Sie sich auf das störende Kind zubewegen und es kurz an der Schulter anfassen und ganz unaufgeregt sagen: "Hör bitte zu."
Verständnis zeigen
In vielen Situation ist es hilfreich, dem Kind Verständnis entgegenzubringen. Der Vater in unserem Beispiel zeigt dem Kind, dass er sich vorstellen kann, dass der Restaurant-Besuch für das Kind langweilig ist. Er sagt dem Kind, dass es für sie als Eltern wichtig ist, dass sie diesen Moment geniessen können, dass danach aber auch Zeit für das Kind eingeplant ist und der Zeitraum absehbar ist. Zu diesem Punkt kann man sich als Eltern fragen: "Wie erlebt wohl mein Kind die Situation? Wie geht es ihm dabei?" Diese Frage kann auch dabei helfen, gewisse Forderungen als unangemessen zu erkennen.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr Verständnis die Situation entspannen kann. Ein Vater erzählte mir letzte Woche, dass sein älterer Sohn ein Sport-As sei und deswegen sehr viel Aufmerksamkeit erhalte (Wettkämpfe, Preise, Wochenenden, die auf die Wettkämpfe abgestimmt sind, Anerkennung etc.). Die kleinere Tochter reagierte darauf häufig mit Neidgefühlen, war oft wütend und traurig und hatte das Gefühl, alles drehe sich um den Bruder. Der Vater reagierte zunächst so, wie wir es wohl alle tun würden: Er versuchte der Tochter aufzuzeigen, dass sie doch auch Bereiche hat, in denen sie sehr gut ist, dass sie sich nicht vergleichen soll usw. Die Gefühle liessen sich jedoch nicht wegdiskutieren. Schliesslich sagte er ihr einmal: "Weisst du, ich kann es verstehen, dass du eifersüchtig bist - mir würde das auch so gehen. Manchmal dreht sich wirklich alles um deinen Bruder." Der Vater erzählte mir, dass es ihn sehr erstaunt hat, "welche Veränderung im Gesicht der Tochter vor sich ging" ... die Situation verbesserte sich dramatisch - Vater und Tochter hatten einen Weg gefunden, mit diesen schwierigen Gefühlen umzugehen, indem sie sie akzeptierten und Verständnis dafür aufbrachten.
Wir vergessen oft, wie wichtig die Erfahrung ist, dass uns jemand versteht und annimmt. Ich bin Psychologe und vermittle den Studierenden in jeder Vorlesung und in jedem Seminar, wie wichtig Wertschätzung und Verständnis sind, wie wichtig es für den Klienten ist, dass er sich angenommen und verstanden fühlt. Das gleiche vermittle ich Eltern und Lehrkräften in Kursen, Workshops und Seminaren. Und wissen Sie was? Als mir der Vater diese Geschichte erzählt hat, habe ich gedacht: "Genial, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen!"
Die Geschichte hat mich zudem daran erinnert, dass wir zwar jemanden dazu anweisen können, wie er sich verhalten soll, aber nicht, wie er sich zu fühlen hat.
Wir können nicht verlangen: "Jetzt sei nicht so wütend!" wir können aber sagen: "Ich weiss, dass du wütend bist - aber ich will nicht, dass du mich trittst und du hörst sofort auf, solche Wörter zu mir zu sagen!"
Anweisungen klar formulieren
Kinder kommen Anweisungen eher nach, wenn diese klar formuliert sind:
- "Tobias, ich möchte, dass du deinen Rucksack holst und die Hausaufgaben machst. Wenn du jetzt beginnst, bist du vor dem Abendessen fertig."
Diese Anweisung ist klar und eindeutig und klingt nicht nach einem Vorwurf. Weniger geeignet wären:
- Tobias, meinst du nicht, es wäre langsam Zeit für die Hausaufgaben? (Nein, meint er nicht ;-)
- Es wäre schön, wenn es heute mit den Hausaufgaben endlich mal vor dem Essen klappt. (So ein kleiner, versteckter Vorwurf bringt einen gleich in die richtige Stimmung...)
- Tobias, hast du die Hausaufgaben schon gemacht? Ansonsten wäre es langsam Zeit. ("Mami, du weisst ganz genau, dass ich sie noch nicht gemacht habe - also frag nicht so naiv!" - "zum Glück ist es erst langsam Zeit ... dann kann ich ja noch ein wenig warten...")
Anweisungen, die in Fragen verpackt sind, versteckte Vorwürfte beinhalten oder uneindeutig sind, verlieren an Wirkung.
Anerkennung zeigen
Ist das Kind der Anweisung nachgekommen, haben wir als Eltern oder Lehrkräfte wieder mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Wir können es als selbstverständlich betrachten und nicht weiter darauf eingehen oder wir können mit Anerkennung reagieren und dem Kind zeigen, dass wir erfreut oder stolz sind, dass es der Anweisung nachgekommen ist.
Wenn wir möchten, dass das Kind dieser Anweisung und Anweisungen im allgemeinen häufiger nachkommt, sollten wir uns für letzteres entscheiden und zum Beispiel sagen:
- "Hey, toll, dass du die Hausaufgaben vor dem Essen gemacht hast - der Abend ist so viel schöner, wenn man nicht mehr daran denken muss!"
- "Ich weiss, wie wütend dich das gemacht hat - und finde es schön, dass du kein hässliches Wort zu mir gesagt hast."
- "Wir haben es sehr genossen, dass wir in Ruhe unseren Kaffee trinken konnten - danke."
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