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Der charmante, 85-jährige Istanbuler Dichter und Maler Habib Gerez verbirgt sein türkisch-jüdisches Erbe in einem Land, in dem jüdische Künstler nicht akzeptiert werden.
Ein charmanter Narziss von Geburt an und Dichter und Maler von Beruf, geniesst Habib Gerez die Gesellschaft junger Frauen nahezu genauso wie Feder- oder Pinselstrich. Er spricht sechs Sprachen fliessend, darunter Französisch, für gebildete Juden in der Türkei einst notwendige Selbstverständlichkeit; ausserdem Ladino, eine Art Judenspanisch; Russisch ist sein jüngster Spracherwerb, den er sich aneignete, um einer oder zweien seiner „girlfriends prolongées“ gerecht zu werden. So nennt der Anwalt und Kurator des Jewish Museum of Turkey Naim Avigdor Güleryüz die attraktiven jüngeren Partnerinnen seines seriell monogamen alten Freundes. Auf die Frage, wie er so viele Sprachen gelernt habe, antwortete Gerez lässig auf Französisch: „Autodictat“.
Gerez lebt in einem geräumigen Haus auf mehreren Etagen, das auch als Büro und Lager für 4.000 bisher nicht verkaufte Bilder dient, an einer begehrten Adresse in der Nähe des Galata-Turms in Istanbul. Er besitzt vier Autos – die er allerdings 85jährig nicht mehr selbst fährt – und verbringt freie Zeit gerne mit Urlauben in Italien und Frankreich. Es scheint ein Luxusleben zu sein, Gerez aber besteht darauf, nicht reich zu sein, sondern ganz durchschnittlich wohlhabend. Allerdings würde man den durchschnittlichen älteren Istanbullu an einem Nachmittag unter der Woche wahrscheinlich nicht entspannt in bügelfrischem Leinenhemd und gemusterter Krawatte im Wohnzimmer antreffen, dessen Wände das eigene Schaffen präsentieren, wo ihm von einer Jahrzehnte jüngeren ungarischen „Verlobten“ Tee serviert wird.
Yusef Habib Gerez wurde am 14. Juni 1926 in eine Mittelschichtsfamilie im malerischen Viertel von Ortaköy am europäischen Ufer des Bosporus, geboren. Seine Mutter war Hausfrau und sein Vater arbeitete im Textilgewerbe. Sein älterer Bruder Heskia Habib lebt heute mit seiner Familie in Holland.
So weit er zurückdenken kann, besasss Gerez die Intuition eines Künstlers, aber eine formale künstlerische Ausbildung hat er nie genossen. In den 1950er-Jahren versuchte er sich an der juristischen Fakultät, hörte aber nach einem Jahr wieder auf. „Als wir uns zum Lernen hinsetzten, schrieb er Gedichte“, erinnert sich Güleryüz.
Gerez ist auf magische Weise einnehmend, überwältigend exzentrisch und überraschend sympathisch; im Gespräch lässt er sein jüngeres Ich als Dritten im Bunde erscheinen – eine Hommage auf eine andere Möglichkeit von sich selbst, die nicht an die jetzige Zeit gebunden scheint. Gerez zieht ein Buch über sich selbst unter seinem Schreibtisch hervor, wedelt damit auf und ab, um sein Gewicht zu demonstrieren, deutet auf das Preisschild („120 $“) und zeigt damit auf ein Bild von sich selbst während einer Stippvisite in der türkischen Armee im Jahr 1955.
Er wählt clever und selektiv aus, was er von seiner Vergangenheit enthüllt – und seine jüdische Identität gehört zu den Teilen seiner Biographie, die er verschleiert. Mehrere Jahre lang arbeitete er als Privatsekretär des Oberrabbiners der Türkei. Während sein Vater und sein Bruder das Judentum aktiv praktizierten, als Gerez heranwuchs, taten er und seine Mutter dies nicht. Gerez identifiziert sich nicht mit dem Glauben und bezeichnet sich selbst als Atheisten. „Ich bin Gott, du bist Gott. Für mich ist die Hölle hier, und das Paradies ist hier.“
Es wirkt seltsam apathisch für einen in einem muslimischen Staat erzogenen Juden, dass Gerez jede besondere Solidarität mit dem Staat Israel leugnet. „Jeder ist gleich“, wiederholt er. „Ich glaube, dass Grenzen und Sprachen und Religionen vom Menschen erfunden sind.“
Solch kühnen egalitären Aussagen sind allerdings keine Erklärung für das grosse Gemälde mit dem Davidstern und anderen jüdischen Symbolen, das in seinem Schlafzimmer eine ganze Wand einnimmt. „Dies symbolisiert eine Nation, die sich aus Blut und Dreck erhoben hat – Israel“, erklärt er und zeigt auf eingearbeitete Andeutungen von Rot und Braun in der Mitte des Gemäldes. Stolz fügt er hinzu, dass er in der Encyclopedia Judaica aufgeführt wird, deren Bände in einer Vitrine im Erdgeschoss stehen.
Dennoch versäumt er zu erwähnen, dass er auch für zwei türkisch-jüdische Zeitungen gearbeitet hat, für Haftanın Sesi, zu deren Mitbegründer er 1956 gehörte, und später für Şalom, in der er noch 1997 Gedichte veröffentlichte. Ein ehemaliger Kollege bei Şalom, Yakup Almelek, sagt, der Grossteil von Gerez‘ finanziellem Erfolg stamme in Wirklichkeit aus seiner ansehnlichen Vergütung bei Şalom und nicht etwa aus dem Verkauf von Gemälden – denn das ist nicht das lukrativste Gewerbe Istanbuls.
Eine weitere alte Kameradin in Istanbul, die 84jährige jüdische Dichterin und Dramatikerin Beki Louisa Bahar, beleuchtet diesen scheinbar paradoxen Aspekt von Gerez‘ selbsternannter Identität. „Glauben Sie es nicht“, versichert sie mir resolut. „Schriftsteller wollen türkische Schriftsteller sein, Nationalschriftsteller! Kein Schriftsteller will jüdisch sein. Dies ist kein Land, in dem ein jüdischer Schriftsteller akzeptiert wird, und sei er noch so erfolgreich. Alle unsere Schriftsteller wollen beweisen, dass sie türkisch sind. Zu sagen, dass er kein Jude sei, heisst für einen Juden, sich zu verteidigen.“
Auch wenn sie kritisch sieht, wie Gerez sich selbst positioniert, so hat Bahar doch nur positive Gefühle für ihren jahrzehntelangen Freund, der auch ihrem verstorbenen Ehemann ein teurer Kamerad war. Sie beschreibt Gerez als charmant und sehr höflich, und führt seine Casanova-Tendenzen auf seine Zeit als gutaussehender junger Mann zurück. Und sie berichtet von Gerez‘ Grosszügigkeit: Als sie ihm eine Einladung zur Hochzeit ihres Sohnes schickte, fertigte er ein Gemälde an, dem die Einladung als Leinwand diente, und brachte es ihr als Geschenk.
Und jedes Jahr ist sie zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, ein verschwenderisches Ereignis, auf der eine Menge Literaten Gedichte vorlesen. „Er ist ein Intellektueller“, findet Güleryüz.
Liebe und Politik, Familie und Natur: Gerez‘ Gedichte und Bilder umfassen ein breites Spektrum all des Guten und Schlechten, von dem das Leben voll ist. Er hat Dutzende Gedichtbände auf Türkisch veröffentlicht, die in mehrere romanische Sprachen übersetzt worden sind, und hat Gedichte aus dem Ladino in das Türkische übersetzt, auch wenn er selbst nicht in Ladino schreibt.
Er malt in Öl und Acryl, Menschen und Landschaften. Es ist nicht eine bestimmte Sache, die ihn inspiriert – ihn inspiriert fast alles. Seine kleinsten Gemälde kosten etwa 3.000 Dollar, und die Preise sind nach oben offen.
Wer kauft seine Gemälde? Gerez ist in dieser Angelegenheit ganz offen: „Die Neureichen und Menschen, die nach meinem Tod Geld machen wollen“, sagte er. „Wenn ich sterbe, wird sich der Preis meiner Bilder verdoppeln.“
Die Website des Künstlers, HabibGerez.com, rühmt sich mit einer Liste von Dutzenden von Auszeichnungen, die er erhalten hat, beginnend 1974. Gerez, der es geniesst, mit seinen Erfolgen zu prahlen, während er sich dabei irgendwie auf bescheidenem, liebenswertem Boden bewegt, hat Platz dafür in seinem Haus in einer Vitrine, die von Bändern, Medaillen und Trophäen überquillt.
Wie seine Person, so setzt sich auch der Kreis von Gerez‘ Freunde aus einem bunten Spektrum zusammen. Diejenigen, die ihn gut kennen, sagen, er verkehre mit allen Arten von Menschen, ungeachtet ihrer Religion und ihres Berufs, er sei freundlich und grosszügig zu seinen Schriftsteller- und Künstlerkollegen und zu allen Hyper-Intellektuellen. „Es gibt ein Sprichwort im Französischen“, sagte Almelek, der Gerez seit 50 Jahren kennt. „Sag mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist.“
Obwohl seine Gesundheit abbaut, zeigt Gerez kaum Anzeichen, sein Tempo zu drosseln. Er plant, sein Haus eines Tages in ein Museum zu verwandeln, das seine Werke ausstellt. Noch immer malt und schreibt er regelmässig.
Gefragt, warum er einer Frau nie das Jawort gegeben hat, bleibt Gerez vage. „Ich glaube nicht an die Ehe. Ehe bedeutet, eine Unterschrift zu leisten.“ Bahar, die mit Verwandten von Gerez in Israel und damit einer Quelle für Gerüchte befreundet ist, weiss: „Er spricht nie darüber. Aber als er jung war, gab es einen jüdisch-türkischen Mann, der verheiratet war mit einer – ich glaube – französischen Frau. Er liebte sie. Nach dieser grossen Liebe gab es keine andere mehr für ihn.“
Jasmine Dilmanian ist freiberufliche Journalistin und Redakteurin unter anderem für die Zeitschrift New York.
Nachdruck und Neuveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Tablet Magazine, tabletmag.com.
Originalversion: The Turkish Art of Love by Jasmine Dilmanian © Tabletmagazine, April 9, 2012. Deutsche Übersetzung © Audiatur-Online.