Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03407.jsonl.gz/1350

Die Zukunftsfähigkeit der Nukleartechnologie
Zum Autor: Dr. Behrooz Bayat, geboren im Iran, studierte Physik an den Universitäten Teheran, Frankfurt am Main und Marburg. Nach Promotion und Forschungstätigkeit arbeitete er unter anderem als freiberuflicher Berater für die Internationale Atomenergiebehörde in Wien. In seinen Publikationen setzt er sich u. a. mit der Nuklearpolitik des Iran auseinander.
Wer von der Relevanz sowie dem langfristigen Kosten-Nutzen-Verhältnis der Anwendung von Nukleartechnologie (NT) spricht, muss im Auge behalten, welche Anwendungsfelder gemeint sind: die rapide Energiefreisetzung in Kernwaffen, die kontrollierte Freisetzung zur Stromerzeugung in Atomkraftwerken (AKW) oder die vielfältigen sonstigen Anwendungen in den Bereichen Medizin, wissenschaftliche Forschung, Landwirtschaft, Industrie, Hydrologie, Tierzucht, Archäologie, Kriminologie etc. – im folgenden zusammengefasst als MFLI.
Politisch betrachtet ist die MFLI-Anwendung der Nukleartechnologie durch die Islamische Republik unumstritten, während ein Aspekt der NT-Anwendung zur Energiegewinnung, nämlich die Urananreicherung, wohl umstritten ist: nämlich proliferationspolitisch, also hinsichtlich der Weitergabe von Know-how und Technologie. Daher ist es sinnvoll, die Zukunftsfähigkeit der NT-Anwendungen im Iran gesondert zu würdigen.
Ist Nukleartechnologie für den Iran lebensnotwendig?
Lebensnotwendig hiesse in diesem Fall: Die Wirtschaft des Landes würde ohne Elektrizität aus Atomkraftwerken (AKW) zusammenbrechen, die Industrie würde zum Stillstand kommen.
Was die unmittelbare Stromversorgung anbelangt, so betragen die Gas-Reserven des Iran 33,72 Mia. Kubikmeter (m3). Mit dem gegenwärtig unverantwortlich hohen Gasverbrauch von 206,9 Millionen m3/Jahr (der dritthöchste auf der Welt nach den USA und Russland, sowohl absolut als auch pro Kopf) würden diese Reserven für 163 Jahre ausreichen. Hierbei ist eminent wichtig, explizit darauf hinzuweisen, dass es sich hier nicht um eine Empfehlung handelt, die kostbaren Gasreserven Irans zu verbrennen. Vielmehr ist es nur ein Hinweis darauf, dass das Fehlen der Nuklearenergie keine Existenzbedrohung darstellt, weil die unmittelbare Energieversorgung gesichert ist, bis neue erneuerbare Energiequellen erschlossen werden.
Natürlich muss das Ziel die Schaffung der Voraussetzungen für die Nutzung erneuerbarer Energien sein, die bisher vernachlässigt und daher kaum entwickelt worden sind, obwohl der Iran über vielfältige Ressourcen für erneuerbare Energie verfügt: Vom Norden zum Süden beträgt die tägliche Sonneneinstrahlung 2,8 bis 5,4 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter bei 300 Sonnentagen pro Jahr. Zudem befindet sich das Land in verschiedenen Windströmungen, und nicht zu vergessen ist das Potential für Geothermie. In 18 Provinzen Irans mit einer Fläche von 144’000 Quadratkilometern sind gute Voraussetzungen für die Nutzung der Geothermie verortet worden. Dennoch ist das, was der Iran bisher an erneuerbarer Energie gewinnt, vernachlässigbar klein.
Gewiss braucht das Land den Willen und die Zeit dafür. Doch die Zeit, die man für die Erschliessung und Nutzung erneuerbarer Energien benötigen würde, wäre angesichts der politischen Gemengelage im und um den Iran nicht wesentlich länger als die, die man zur Errichtung von AKW braucht. – Deutschland könnte trotz ungünstigerer Umstände mit einem erneuerbaren Stromanteil von über 40 Prozent als Vorbild dienen.
Ist die NT eine „Mutter- Technologie“?
Ferner wird von Befürwortern des iranischen Atomprogramms behauptet, die NT sei eine „Muttertechnologie“, auf deren Basis sich andere Technologien entwickelten – doch das ist eine überzogene und unbegründete Sichtweise. Denn erstens muss man unterscheiden zwischen zwei gänzlich unterschiedlichen Anwendungen: einerseits der Nuklearwaffenherstellung und/oder Stromerzeugung, andererseits die Anwendungen im Bereich MFLI. Beide Sektoren verdienen eine unterschiedliche Würdigung.
Was die Einschätzung der Relevanz der Nukleartechnologie anbelangt, lohnt ein Blick auf Webseiten von Forschungsinstitutionen, die in den 1950er Jahren explizit zur Förderung der NT gegründet wurden. Dort wird ersichtlich, dass diese Institutionen sich heute nur noch zu einem kleinen Teil mit diesem Thema befassen. So beschäftigen sich in den bekannten ehemaligen Kernforschungszentren Argonne National Lab und Bruckhaven National Lab in den USA heute nur noch eine von vormals 12 bzw. zwei von vormals 18 Forschungsbereichen mit Kernkraft. Das frühere deutsche Kernforschungszentrum in Karlsruhe ist heute in die Universität integriert, das Kernforschungszentrum Jülich heisst nur noch „Forschungszentrum“. Auch hier haben sich die Abteilungen, die mit Kernkraft befasst sind, auf zwei von acht bzw. zwei von einstmals zehn reduziert.
Der Grund dafür ist, dass die grosse Euphorie, die in den 1950er und 1960er Jahren angesichts der vermuteten Möglichkeiten der NT für die Energieversorgung herrschte, spätestens in den 1980ern der Ernüchterung Platz machte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die NT keine Relevanz mehr besitzt, sondern dass sie keine prominente Stellung mehr innehat und wie andere Wissenschafts- und Technologiezweige behandelt wird.
Motor der technologischen Entwicklung?
Behauptet wird auch, dass die Nukleartechnologie ein Motor des Fortschritts sei, der andere Technologien antreiben würde. Natürlich trägt jede Wissenschaft und jede Technologie zum Fortschritt bei, und natürlich hat die Anwendung der NT in den MFLI-Feldern eine grosse Zukunft. Aber zu glauben, dass die Konzentration auf die NT zur Energiegewinnung, unabhängig von den sonstigen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Umständen, zu umfassendem Fortschritt beiträgt, ist ein Wunschdenken, ja ein Fehlschluss – und häufig auch politisch intendiert. Denn wäre dem so, müssten Länder wie Russland, Pakistan oder gar Nordkorea zur Weltspitze der Technologie gehören.
Desaströse Autarkie
Neben der Behauptung der Unverzichtbarkeit des Atomstroms wird darauf beharrt, dass diese Methode der Stromerzeugung zudem noch autark zu sein habe, weshalb der Iran auf eine selbstständige Urananreicherungsindustrie angewiesen sei. Spätestens hier schiebt sich die politische Dimension des Nuklearprogramms der Islamischen Republik Iran (IRI) in den Vordergrund. Denn die Anreicherung ermöglicht eine duale Anwendung: niedrig angereichertes Uran (LEU) für AKW und hoch angereichertes Uran (HEU) für Kernwaffen.
Jenseits der Tatsache, dass Autarkie in der heutigen Welt angesichts der fortgeschrittenen internationalen Arbeitsteilung kein erstrebenswertes Ziel ist, ist ihr Erreichen hinsichtlich der Nukleartechnologie durch die Islamische Republik wohl ausgeschlossen. Denn laut dem Red Book 2018 der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, das alle zwei Jahre über die Uranförderung auf der Welt berichtet, betragen die gesicherten Uranvorkommen in iranischen Minen, die mit einem Kostenaufwand von unter 130 Dollar pro Kilogramm gefördert werden könnten, 1’407 Tonnen. Die nicht ganz gesicherten, aus geologischer Betrachtung abgeleiteten Mengen betragen 6’750 Tonnen, die prognostizierten Ressourcen betragen 12’450 Tonnen. Mit anderen Worten: Die Uranförderung und -anreicherung würde dem Iran keine Autarkie schenken, sondern langfristig eher zu jener Abhängigkeit vom Weltmarkt führen, die man vermeiden zu wollen vorgibt.
Denn es lässt sich leicht errechnen, dass bei einem jährlichen Bedarf des AKW Bushehr1 von 160 Tonnen pro Jahr die sicheren Uranreserven des Iran nur für knapp neun Jahre ausreichen würden. Rechnet man mit der weniger realistischen Menge von 6’750 Tonnen, reichte es für 42 Jahre für einen Reaktor. Aber die IRI beabsichtigt, mehrere AKW, konkret zwei weitere, zu errichten. Die Versorgung wäre damit mit 1’407 Tonnen für drei, mit 6’750 Tonnen für 14 Jahre gesichert.
Die Lebensdauer eines AKW wird mit etwa 40 bis 50 Jahren veranschlagt: Versorgungsautarkie scheint nur ein Vorwand zu sein.
MFLI-Anwendungen der NT im Iran
Bei der Werbung für die Relevanz der Nukleartechnologie für den Iran werden alle Anwendungen in einen Topf geworfen. Dabei haben die beiden Anwendungsfelder kaum etwas miteinander zu tun. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass sie zum Teil angereichertes Uran brauchen: zur Stromgenerierung in riesigen Mengen mit dem niedrigen Anreicherungsgrad LEU, für MFLI-Anwendungen in kleinen Mengen mit dem hohen Anreicherungsgrad HEU oder LEU – das Mengenverhältnis ist 99 zu einem Prozent. Im letzteren Fall ist die Menge so klein, dass es sich für einzelne Länder nicht lohnt, für den eigenen Verbrauch Uran anzureichern. Daher gibt es eine internationale Arbeitsteilung zur Bereitstellung angereicherten Urans für Forschungsreaktoren.
Mit Blick auf den Bedarf des Forschungsreaktors in Teheran wird von der IRI wider besseren Wissens eingewendet, das Land müsse zur Deckung dieses Bedarfs Urananreicherung betreiben.
Doch kaum ein Land auf der Welt produziert das zur Versorgung seiner Forschungsreaktoren benötigte angereicherte Uran selbst. Die 222 Forschungsreaktoren, die es auf der gesamten Welt gibt, beanspruchen weniger als 1 Prozent des weltweit angereicherten Urans. Russland betreibt 54, die USA betreiben 50 Forschungsreaktoren. Daher ist es folgerichtig, dass sie als Hauptlieferanten fast die gesamte Versorgung der Forschungsreaktoren weltweit übernommen haben. Die IRI hätte also ihren Bedarf an zu 19,75 Prozent angereichertem Uran über das befreundete Russland decken können – wie es auch Deutschland und Frankreich im Wesentlichen tun.
Vernachlässigung der MFLI-Anwendungen
Eine andere Merkwürdigkeit im Verhalten der IRI ist, dass sie sich über Jahrzehnte hinweg nicht bemüht hat, die zukunftsträchtigen und unumstrittenen MFLI-Aspekte der Nukleartechnologie ernsthaft zu fördern oder zu nutzen – sie hat sich mit dem überalterten Reaktor von Teheran begnügt.
Die Atomanlage Bushehr liegt in einem erdbebengefährdeten Gebiet.
Die IRI hat Milliarden Dollar für das AKW und die Förderung der Urananreicherung ausgegeben, statt einen wesentlich billigeren Forschungsreaktor an der Stelle des veralteten Teheraner zu errichten. Und sie hat den Schwerwasser-Forschungsreaktor in Arak so konzipiert, dass er eher Plutonium zum Bombenbau produziert hätte als einen brauchbaren Neutronenfluss.
Bei welcher NT-Anwendung könnte Iran mehr Reichtum generieren?
Wenn man bedenkt, dass die Anwendung der NT in den MFLI-Feldern eine profitable und unverzichtbare Zukunft verspricht und bereits jetzt in vielen entwickelten Ländern grössere ökonomische Vorteile bringt als die Stromerzeugung, kann man sich vergegenwärtigen, was der Iran durch die mangelnde Beachtung dieser Technologien verliert. Nach Angaben zweier unabhängig voneinander betriebenen Studien aus den USA und Japan ist der mit MFLI-Anwendungen erzielte Umsatz in den USA dreimal und in Japan 1,13 mal höher als der der jeweiligen AKW.
Nun hat der Konflikt mit dem Westen diesen unumstrittenen Aspekt der NT-Anwendung auch indirekt zusätzlich behindert. Zum mangelnden Willen sowie den begrenzten Ressourcen der IRI – nicht zuletzt wegen der Priorisierung der Kernenergie, insbesondere der Uran-Anreicherung – haben sich die US-Sanktionen gesellt, die die Beschaffung der benötigten dual verwendbaren Instrumente stark erschwert haben.
Es ist jedoch festzuhalten: In Anbetracht dessen, dass der Forschungsreaktor von Teheran überaltert ist, stellt der Forschungsreaktor von Arak – wohl gemerkt in dem neuen, im Wiener Nuklearabkommen vorgeschlagenen Design – das einzige Element des Nuklearprogramms der Islamischen Republik Iran dar, das für das Land langfristig von Nutzen sein kann. Fazit: Mit ihrer verfehlten Politik hat die IRI sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft der Nukleartechnologie im Iran gefährdet.
Mit freundlicher Genehmigung Iran Journal