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Burn-out und Depression als Chance für die persönliche Entwicklung
Eine von Hannah Klaas an der Universität Lausanne am 24. September 2018 verteidigte Doktorarbeit in Psychologie zeigt, dass viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung aus dieser positive Aspekte für ihre persönliche Entwicklung und ihre Beziehungen zu anderen Menschen gezogen haben. Dieser Prozess erfordert Zeit, und die Stigmatisierung dieser Personen ist dabei sicherlich keine Hilfe. Aber sagt man nicht, was uns nicht umbringt, macht uns stärker?
Nur selten werden psychologische Forschungen anhand grosser Bevölkerungsstichproben „Lambda“ durchgeführt. Eine solche Chance bot sich jedoch Hannah Klaas im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES. Hierbei erhielt sie Zugriff auf die Daten des schweizerischen Haushaltspanels, das Jahr für Jahr Langzeitdaten von Tausenden Schweizer Haushalten erhebt. Sie konnte eine Unterstichprobe von 682 Personen genauer betrachten, die im Verlauf ihres Lebens einmal ein ernstes Gesundheitsproblem hatten. Bei der Hälfte der Personen handelte es sich um eine körperliche Erkrankung, während die andere Hälfte unter einer psychischen Störung litt, wobei hier mehrheitlich Depressionen, Burn-out und Angststörungen zu nennen sind.
Mit ihrer Doktorarbeit verfolgte sie gleich mehrere Ziele: So wollte sie herausfinden, welchen Platz die Erkrankung innerhalb der Identität dieser Personen einnimmt. Weiterhin untersuchte sie den Einfluss des sozialen Umfelds, der sozialen Unterstützung und der Stigmatisierung auf Genesung und persönlichen Wachstum. Die gemachten Erfahrungen verglich sie schliesslich dahingehend miteinander, ob die Krankheiten körperlicher oder psychischer Natur waren. Tatsächlich ist bereits seit etwa dreissig Jahren bekannt, dass sich traumatische Erlebnisse, wie Krisensituationen, zwischenmenschliche Gewalt oder körperliche Gesundheitsprobleme schlussendlichpositiv auf die persönliche Entwicklung auswirken können. Doch abgesehen von einigen wenig bekannten Studien, die vor allem qualitativer Natur waren, waren die Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf das, was gemeinhin als persönlicher Wachstum durch Krisensituationen bezeichnet wird, noch nie Gegenstand von quantitativen Studien.
Persönliche Entfaltung und Beziehungen zu anderen Menschen
Die Doktorarbeit von Hannah Klaas verdeutlicht, dass aus psychischen Beeinträchtigungen wie Depressionen, Burn-out oder Angststörungen, sowohl im Hinblick auf die persönliche Entwicklung als auch auf zwischenmenschliche Beziehungen, durchaus positive Effekte gezogen werden können. 60 Prozent der Studienteilnehmenden gaben eine grosse oder gemässigte Persönlichkeitsentfaltung an, während 35 Prozent von einigen positiven Veränderungen seit ihrer Krankheit berichteten.
Diejenigen, die ihre Krankheit als Teil ihrer Identität akzeptiert haben, zeigen mehr Anzeichen für persönlichen Wachstum. Sie beurteilen sich selbst nach Bewältigung der Krise als verständnisvoller, toleranter und stärker und geben an, das Leben jetzt mehr zu schätzen zu wissen. Viele berichten, die Situation habe es ihnen ermöglicht, Ordnung in ihr Leben zu bringen. So konnten sie als ungesund erlebte Beziehungen beenden oder ein besseres Gespür für die problematischen Bereiche ihres Lebens entwickeln.
„Diese Wirkung hat sich besonders bei Leuten gezeigt, die eine Psychotherapie gemacht haben“, erklärt Hannah Klaas. Im Gegensatz dazu ist zwischen einer medikamentösen Behandlung und persönlicher Entwicklung kein Zusammenhang feststellbar, weder positiv noch negativ. In dieser Studie kann man Personen, die eine persönliche Entwicklung infolge ihrer Krankheit angeben, nicht anhand bestimmter soziodemographischer Merkmale erkennen. „Man spricht hier von persönlichem und sozialem Kompetenzaufbau, der nicht im Zusammenhang mit dem Bildungsniveau steht“, bemerkt die Forscherin und erklärt damit die Tatsache, dass verschiedene soziale Milieus in der Umfrage vertreten sind.
Im Laufe der Zeit …
Handelt es sich hier um stärkere seelische Belastbarkeit? „Es geht nicht darum, den Zustand vor der Erkrankung wiederherzustellen, sondern um eine persönliche Entwicklung, die weit darüber hinausgeht“, erklärt Hannah Klaas. Ihre Doktorarbeit weist auch darauf hin, dass sich der Zusammenhang zwischen einer Integration der Erkrankung in die eigene Identität und persönlichem Wachstum erst mit der Zeit manifestiert, insbesondere dann, wenn die Symptome und die direkten Auswirkungen der Krankheit abgeklungen sind.
Auch das Alter, in dem die Krankheit ausbricht, spielt eine Rolle, wenngleich dieses von untergeordneter Bedeutung ist. Bei bestimmten Aspekten ist die beschriebene Persönlichkeitsentwicklung in Krisensituationen bei Menschen über 40 vermehrt zu beobachten. „Davor auch bei einigen. Wenn man sich jedoch in der Mitte seines Lebens befindet und mehr Erfahrung hat, fällt es möglicherweise leichter, in der eigenen Erkrankung einen Sinn zu sehen oder die Ursache zu erkennen. Vielleicht ist es auch leichter, diese zu akzeptieren und aus ihr mehr Positives für die Beziehungen zu anderen Menschen zu ziehen. Vielleicht ist man dann auch eher dazu bereit, grössere Änderungen in seinem eigenen Leben vorzunehmen?“ schlägt Doktorandin vor.
Diskriminierung und Genesung
Aus ihrer Doktorarbeit geht auch hervor, dass Menschen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands unter schwerwiegenden Diskriminierungen zu leiden hatten, grössere Schwierigkeiten haben, sich als subjektiv geheilt zu sehen. Dennoch trägt persönlicher Wachstum spannenderweise dazu bei, die Stigmatisierung in den Griff zu bekommen. Menschen, die unter einer Form von Stigmatisierung zu leiden hatten, profitieren weitaus mehr von der Entwicklung ihrer Persönlichkeit: Wenn es ihnen gelungen ist, über sich selbst hinauszuwachsen und aus dieser Situation „gestärkt“ hervorgehen, zeigen sie eine hohe subjektive Genesung. So trägt die persönliche Entwicklung bei Personen, die wegen einer psychischen Erkrankung diskriminiert wurden, mehr zur Genesung bei als bei Menschen, die wegen körperlicher Leiden oder garnicht stigmatisiert wurden. Um sich geheilt zu fühlen, ist es jedoch nicht zwingend erforderlich, an dieser Krisensituation persönlich gewachsen zu sein. So bezeichnen sich 25 Prozent der Befragten als genesen, ohne bei sich deutliche Fortschritte in der persönlichen Entwicklung feststellen zu können.
Soziale Unterstützung
Die soziale Unterstützung ist von ausschlaggebender Bedeutung. Um an der Krisensituation zu wachsen, kann es hilfreich sein, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, einem Verein beizutreten oder sich für einen Club zu engagieren. Im Vergleich dazu geben unter Einsamkeit und Isolation leidende Menschen an, ihren Problemen weniger einen Sinn beimessen zu können, selbst wenn diese der Vergangenheit angehören.
Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass sich die Stichprobe aus Personen zusammensetzt, deren gesundheitliche Probleme bereits mindestens zwei Jahre zurückliegen, deren direkte Folgen abgeklungen sind oder die mittlerweile mit diesem Problem umgehen können. Diese Menschen stehen zu Ihren Gesundheitsproblemen, da sie es akzeptieren, über sie zu sprechen. Zudem zeigen diese Personen ein ausgeprägteres, überdurchschnittliches Vertrauen gegenüber anderen. Schweizer Staatsbürger sowie Akademikerinnen und Akademiker waren in der Stichprobe überrepräsentiert, wenngleich ihre persönliche Entfaltung durch Krisensituationen nicht höher ausfällt als bei anderen sozialen Kategorien.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass besonders verletzbare Personen bei dieser Studie nicht hinreichend berücksichtigt wurden – möglicherweise weil sie ihre Krankheit geheim halten oder weil diese gar nicht diagnostiziert wurde. Darüber hinaus verdeutlicht die Analyse einer Untergruppe mit niedrigen Heilungsquoten, dass diese Personen (10 Prozent) grössere Hemmungen haben, über ihre Krankheit zu sprechen, und sich durch einen geringen persönlichen Wachstum in der Krisensituation auszeichnen. Diese Menschen haben zudem mehr Stigmatisierung und weniger soziale Unterstützung erfahren und gehören weniger häufig Gruppen an.
Empfehlungen
Die wichtigste Botschaft, die Hannah Klaas mit ihrer Doktorarbeit vermittelt sehen möchte, ist die, dass psychische Erkrankungen nicht tabuisiert werden sollten und „sogar positive Entwicklungen bedingen können, wie zum Beispiel die Fähigkeit, sich seiner eigenen Stärken bewusst zu werden und toxische Beziehungen zu beenden.“ Sie ruft dazu auf, verstärkt Selbsthilfegruppen ins Leben zu rufen. Diese haben für sie den Zweck, den betroffenen Personen zur Entwicklung einer positiven Identität zu verhelfen und Stigmatisierung stärker zu bekämpfen, „denn Menschen lassen sich nicht auf ihre Erkrankung reduzieren.“
Der Forscherin zufolge bedarf es für die Betroffenen und ihre Angehörigen noch weiterer Online-Informationen zu den Möglichkeiten der Genesung und der persönlichen Entfaltung in Krisensituationen. Um dieses Phänomen besser zu verstehen, sollten auch Kampagnen in Schulen durchgeführt werden: „Man lernt etwas über Krebserkrankungen, aber nie etwas über Depressionen. So ist zum Beispiel weitgehend unbekannt, dass die Hälfte aller von Depressionen Betroffenen im Verlauf ihres Lebens nur eine einzige Krankheitsepisode erleben.“
>> Hannah Klaas (2018). Identity, adversarial growth and recovery from mental and physical health problems. Under the supervision of Dario Spini. Université de Lausanne