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Lausen kann auf eine vielseitige Industriegeschichte zurückblicken. Während sich etwa im Waldenburgertal die Uhrenindustrie, in Sissach die industrielle Bandweberei und im Unterbaselbiet die Salzgewinnung ansiedelten, so finden wir in Lausen gebaute Zeitzeugen der Ziegelherstellung, aber auch eine grosse Papier- und Getreidemühle.
Mit der Bahn um 1858 wurde die Herstellung von Ziegelprodukten möglich. Der Abbau von verschiedenen Erden und Kalkstein taucht denn auch im Wappen von Lausen auf: zwei gekreuzte goldene Spitzhacken. Die ehemaligen Produktionsanlagen befinden sich gleich beim Bahnhof. Wesentlich länger gibt es die Mühlenanlagen im Unterdorf. Das ganze Gewerbequartier geht auf das 14. Jahrhundert zurück und wird von einem Mühlenkanal gespeist. Dieser zweigt weiter westlich von der Ergolz ab und schlängelt sich zum Dorf. Im Bereich des heute ungenutzten Ensembles der ehemaligen Papiermühle fliesst der Gewerbekanal in bebautes Gebiet. Im Bereich der Unterdorfstrasse unterquert er nach einer Rechtskurve die Häuserzeile und kommt im Hofbereich der Mühle wieder zum Vorschein.
1923 wurde der Liestaler Architekt Wilhelm Brodtbeck mit dem Neubau der Mühlenanlage beauftragt. Parallel zu einem bereits bestehenden Gebäude baute Brodtbeck ein 6-geschossiges Gebäude mit Walmdach. Das für Lausen fast etwas zu grosse Volumen steht als Solitär frei im Hof. Die Fassaden gestaltete Brodtbeck mit Blendarkaden. Horizontalgesimse unterteilen die Fläche in der Vertikalen in ein Erdgeschoss, ein mächtiges Mittelfeld mit regelmässiger Befensterung und ein mezzaninartiges Dachgeschoss. Die beiden Stirnseiten sind zurückhaltender gestaltet.
Zur Mühle gehört auch ein Kleinkraftwerk. Dieses existiert bereits seit 1919. Das Wasser aus dem Kanal stürzt dort ganze acht Meter in die Tiefe und lieferte damit genug Energie für die diversen Getreidemühlen. Der Abfluss in die Ergolz findet unterirdisch statt. Gemäss der Denkmalpflege Baselland produziert das Kraftwerk noch heute Energie.
Mit dem Neubau veränderte sich auch die Bauweise der Mühle. Die horizontale Anordnung ging über in eine vertikale Stappelung. Dafür nötig waren diverse Rohrsysteme und Hebeanlagen. Fast zeitgleich entstand in Basel der Siloturm von Hans Bernoulli. Die Ähnlichkeit der beiden Gebäude ist nicht von der Hand zu weisen. Während das Bernoulli-Silo die Skyline am Rhein definiert, nimmt sich Brodtbecks Mühlebau in Lausen fast etwas zurück. Die Bebauung rund um das Silo verdeckt die direkte Sicht auf das Hochhaus.
Trotz der einst modernen Anlage war die Konkurrenz in der Region gross. Neben Lausen gab es auch die Stadtmühle in Liestal oder die Aktienmühle in Basel. Die Firma Haegler AG als Betreiberin entschloss 1973, sich den aargauischen Mühlen anzuschliessen. Daraus entstand später die intermill AG. Der fehlende Bahnanschluss und der Standort mitten im Wohngebiet waren schliesslich 1996 der Grund für die Schliessung der Mühle. Seit 2001 befinden sich im Gebäude Loftwohnungen. Die baulichen Ergänzungen allerdings sind etwas gewöhnungsbedürftig. Das Gebäude ist kantonal geschützt.
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Getreidemühle und Kleinkraftwerk Lausen
Adresse: Unterdorfstrasse 53a/61, 4415 Lausen
Architektur: Wilhelm Brodtbeck
Baujahr: ca. 1923
Umbau / Umnutzung: 2000-2001
Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
Karten/Luftbild:
– Bundesamt für Landestopografie swisstopo
Quellen:
– Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler (Online-Inventar)
– Bärtschi H.P., Industriekultur beider Basel, Rotpunktverlag, Zürich. ISBN: 978-3-85869-623-6