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Psychosen sind psychische Krankheiten, die mit Realitätsverlust, Wahnvorstellungen und affektiven Störungen einhergehen. Die folgenden Abschnitte informieren umfassend über die verschiedenen Arten der Schizophrenie, deren Ursachen und Therapiemöglichkeiten. Laut Bundes-Psychotherapeuten-Kammer handelt es sich bei schizophrenen Psychosen um keine seltenen Krankheiten. Sie treten genauso häufig auf wie zum Beispiel chronisches Rheuma. Jedes Jahr erkranken 0,5 bis 1 Prozent der Europäer an Schizophrenie – Männer trifft die Krankheit ebenso häufig wie Frauen, allerdings in jüngeren Jahren.
Artikelübersicht
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Symptome der Schizophrenie
Mediziner unterscheiden bei schizophrenen Krankheiten zwischen Positiv- und Negativsymptomen.
Zur Positiv-Symptomatik zählen alle Symptome aus dem Bereich Erleben und Verhalten, die beim gesunden Menschen nicht auftreten:
- Halluzinationen
- Wahn
- Denkstörungen
- Ich-Erlebnis-Störungen
Die Negativsymptomatik, auch Minussymptomatik genannt, umfasst die Beschwerden, die durch eine Minderung oder Verarmung psychischer Merkmale im Vergleich zu gesunden Menschen gekennzeichnet sind. Dazu zählen:
- eine eingeschränkte emotionale Erlebnisfähigkeit
- die Unfähigkeit, Freude zu empfinden (Anhedonie)
- eine reduzierte Mimik und Gestik
- verlangsamtes Denken mit weniger Denkinhalten
- vermindertes Interesse und reduzierte Aktivität
Diagnose I: Formen schizophrener Erkrankungen
Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist für den weltweit gültigen Diagnosekatalog ICD (International Classification of Diseases) verantwortlich. In der aktuellen Version, der ICD-10-GM-2019, finden sich schizophrene Erkrankungen unter dem Code F20.ff. Um den Rahmen dieses Beitrags nicht zu sprengen, werden hier nur die Hauptformen beschrieben.
Die Ziffer F20.0 steht für paranoide Schizophrenie. Die primären Symptome sind Wahnvorstellungen und (meist akustische oder visuelle) Halluzinationen Ein Beispiel: Der Patient ist fest davon überzeugt, von der Polizei observiert zu werden. Einwände seiner Freunde, es gäbe keinen plausiblen Grund dafür, kann er nicht akzeptieren. Stattdessen fällt es ihm leichter zu glauben, seine Freunde wären ebenfalls in die Polizeiaktion eingebunden (Wahnvorstellung). Der Betroffene hört Stimmen, die ihm zuflüstern, er werde bespitzelt (akustische Halluzination). Möglicherweise sieht er im dämmrigen Schlafzimmer Spione umherschleichen (visuelle Halluzination).
F20.1 codiert die hebephrene Schizophrenie. Hier stehen affektive Störungen im Vordergrund. Die Betroffenen sind antriebslos, ihre Stimmung ist verflacht, das Verhalten oft unangemessen. Wahnvorstellungen und Halluzinationen treten nur flüchtig auf. Die hebephrene Schizophrenie ist vor allem eine Krankheit der Jugend und des jungen Erwachsenenalters. Ein Beispiel: Eine Auszubildende im Einzelhandel fühlt sich zunehmend unmotiviert und ausgelaugt. Sie hat den Eindruck, die Kunden würden sie auf unangenehme Weise beobachten. Ihre Konzentration ist gestört. Nach der Arbeit möchte sie nur nach Hause; sie zieht sich immer mehr aus ihrem Freundeskreis zurück.Ausserdem ist sie davon überzeugt, ihre Arbeitskollegen würden hinter ihrem Rücken über sie reden und ihr Chef könne ihre Gedanken lesen.
Die katatone Schizophrenie (F20.2) ist vor allem durch psychomotorische Störungen gekennzeichnet. Betroffene nehmen dabei zwanghaft eine bestimmte Körperhaltung ein oder bewegen sich monoton. Halluzinationen können ebenfalls auftreten. Ein Beispiel: Ein 50-jähriger Mann sitzt mit absolut aufrechtem Rücken im Speisesaal einer betreuten Wohngruppe. Der Kopf liegt in seinem Nacken. Er blickt starr zur Decke und spricht mit Wesen, die nur er sehen kann. Während des Gesprächs schaukelt er mit seinem Oberkörper nach links und rechts. Phasenweise ist er nicht ansprechbar.
Nach einer schizophrenen Episode erleben viele Betroffene eine sogenannte postschizophrene Depression (F20.4). Dabei sind schizophrene Restsymptome vorhanden und der Patient leidet unter typischen Merkmalen einer Depression, wie Antriebslosigkeit, wiederkehrenden negativen Gedanken und Niedergeschlagenheit. Während dieser Krankheitsphase steigt das Suizidrisiko erheblich.
Checkliste zur Selbsteinschätzung
Das FrühErkennungs-und TherapieZentrum für psychotische Krisen (FETZ) am Münchner Uniklinikum hat eine Checkliste (vgl. Link, Seite 3) entwickelt, die wichtige Warnsymptome abfrägt. Dieser Test ersetzt jedoch in keinem Fall eine ärztliche Untersuchung.
Diagnose II: Die ärztliche Untersuchung
Eine verlässliche Diagnose kann nur ein Facharzt, etwa ein Neurologe oder Psychiater stellen.
Der Mediziner erhebt die Krankengeschichte und befragt den Betroffenen ausführlich zu seinen Symptomen. Die Leitsymptome sind:
- Gedankenlautwerden,
- Kontroll- oder Beeinflussungswahn,
- Stimmen, die kommentieren oder Dialoge führen,
- anhaltender kulturell unangemessener Wahn und
- evtl. Negativ-Symptomatik.
Je nach Einzelfall werden auch Angehörige befragt.
Um die Diagnose abzusichern, werden weitere Test durchgeführt:
- körperliche und neurologische Untersuchung
- Blutbild (Entzündungswerte, Leber-, Nieren- und Schilddrüsenwerte)
- testpsychologische Untersuchung, etwa Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeit
- Drogen-Screening
- bildgebende Verfahren wie MRT (Magnetresonanztomografie)
Schizophrenie – die Ursachen
Welche Ursachen der psychischen Erkrankung zugrunde liegen, kann die Forschung bislang nicht abschliessend erklären. Es scheint sich jedoch um ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen zu handeln. In der Regel wird das bio-psycho-soziale Modell als Erklärungsansatz verwendet. Es besagt, dass eine Schizophrenie durch verschiedene Faktoren (Gene, Umwelteinflüsse und Persönlichkeitsstrukturen) und deren Wechselwirkungen entsteht.
Eine Studie aus dem Jahr 2002 gibt deutliche Hinweise, welche Rolle die Gene bei der Krankheitsentstehung spielen: Je näher eine Person mit einem Erkrankten verwandt ist, desto grösser ist deren Risiko, im Laufe ihres Lebens eine schizophrene Phase zu erleben. Bei Kindern mit einem erkrankten Elternteil liegt das Krankheitsrisiko bei bis zu zehn Prozent. Bei zweieiigen Zwillingen beträgt das Erkrankungsrisiko 20 Prozent, bei eineiigen Zwillingen steigt es sogar auf 45 Prozent.
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Ebenfalls konnten Forscher einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Hirnschädigungen im frühen Lebensalter aufzeigen. Diese Hirnschädigungen können schon bei der Geburt entstehen. Es wird zudem vermutet, dass frühkindliche Infektionen mit Herpesviren, dem Influenzavirus, Borrelien oder dem Parasiten Toxoplasma gondii das Ausbrechen einer schizophrenen Psychose begünstigen (P. Falkai: Diagnose, Ätiologie und Neuropathophysiologie der Schizophrenie. In: Neuropsychologie der Schizophrenie. 1, 2008, S. 36-43.).
Bei Untersuchungen der Gehirne schizophrener Patienten zeigten sich zudem Auffälligkeiten in der Anatomie. So sind bei vielen Betroffenen signifikant weniger Nervenfasern in bestimmten Gehirnregionen vorhanden als bei gesunden Menschen. Dazu zählen die Amygdala, die Regio entorhinalis und der Hippocampus. Diese Strukturen spielen eine wichtige Rolle für das Gedächtnis und bei der Verarbeitung von Emotionen .
Darüber hinaus fanden die Forscher eine Veränderung im Hirnstoffwechsel. Vor allem die Neurotransmitter (Botenstoffe) Dopamin und Glutamat scheinen von der Störung betroffen zu sein.
Zusätzlich können bewusstseinsverändernde Substanzen den Ausbruch der psychischen Erkrankung begünstigen. Insbesondere der Konsum von THC, ein Wirkstoff der Cannabispflanze, kann bei Menschen mit entsprechender Disposition eine Schizophrenie auslösen. Dasselbe gilt für andere psychotrope Stoffe wie Kokain oder Alkohol.
Neben der Neurobiologie, der Genetik und den toxischen Faktoren beeinflussen auch psychosoziale Faktoren die Krankheitsentstehung. Dem Diathese-Stress-Modell nach Zubin und Ciompi zufolge können verschiedene Belastungssituationen zusammen mit anderen begünstigenden Faktoren bei Menschen einer genetisch bedingten Anfälligkeit für die Schizophrenie zum Ausbruch der Erkrankung führen.
Schizophrenie – Therapiemöglichkeiten
Experten gehen davon aus, dass sich die Schizophrenie nicht vollständig heilen lässt. Allerdings kann eine Behandlung die Symptome der psychischen Erkrankung mindern und die Lebensqualität des Patienten steigern.
In der akuten Phase ist eine medikamentöse Behandlung häufig unabdingbar. Dabei kommen in erster Linie Arzneistoffe aus der Gruppe der Psychopharmaka, die sogenannten Neuroleptika, zum Einsatz. Diese wirken vor allem auf die positiven Symptome. Eine Abhängigkeit ist nicht zu befürchten. Bei einer Negativ-Symptomatik erhalten die Patienten bei Bedarf Antidepressiva oder angstlösende Arzneimittel.
Eine nicht-medikamentöse Behandlungsmethode ist die Elektrokrampftherapie (EKT).Während einer kurzen Narkose erhält der Patient wenige Sekunden andauernde Stromimpulse, die einen künstlichen Krampfanfall auslösen. Diese Anfälle führen zu einer einer vermehrten Ausschüttung von Neurotransmittern und lindern die Symptome. Die Methode gilt weithin als veraltet oder gar brutal. Deshalb veröffentlichte die Bundesärztekammer eine Stellungnahme, in der sie den Nutzen der EKP und den Wert der Methode für die Patienten erläutert.
Weitere Therapiebausteine sind:
- Ergotherapie,
- regelmässige Bewegung (Sportgruppen),
- Psychotherapie und
- die Vermittlung von Wissen über die Krankheit(Psychoedukation).
Die Behandlung dauert in der Regel mehrere Wochen und erfolgt in einer psychiatrischen Klinik. Auch die Anbindung an eine Tagesklinik kann für einige Patienten sinnvoll sein.
Sobald die akute Krankheitsphase abklingt, steht die Frage nach einer beruflichen Rehabilitation im Raum. Je nach gesundheitlicher Verfassung kommen auch betreute Wohngruppen und eine (vorübergehende) Arbeit in einer geschützten Einrichtung infrage.
Selbsthilfe als wichtige Säule der Therapie
Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis bedeuten eine enorme Belastung für den Betroffenen und sein Umfeld.
Regionale Selbsthilfegruppen bilden ein dichtes Netz für Betroffene, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Ansprechpartner für Informationen zu regional aktiven Gruppen sind in der Regel Caritas und Diakonie.
Angehörige finden umfassende Informationen auf der Website des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen.
Die Prognose der Schizophrenie
Der Verlauf einer behandelten Schizophrenie lässt sich mit der Drittelregel einschätzen:
- Bei einem Drittel der Patienten führt die Therapie zu einer deutlichen Besserung.
- Das zweite Drittel zeigt keine oder nur eine geringe Linderung der Symptome.
- Ein Drittel der Patienten leidet an einer therapieresistenten Schizophrenie.
Folgende Faktoren deuten auf eine günstige Prognose hin:
- akuter Krankheitsbeginn
- kurzer Verlauf
- überwiegend Positivsymptomatik
- intaktes soziales Umfeld
- eine sinnvolle Beschäftigung
Von einer vollständigen Heilung kann jedoch nicht ausgegangen werden.
Quellen
- Falkai, P. (Hrsg.) (2016): Praxishandbuch Schizophrenie: Diagnostik – Therapie – Versorgungsstrukturen. Elsevier-Verlag.
- Bäuml, J. (2008): Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis: Ratgeber für Patienten und Angehörige, Leitfaden für professionelle Helfer, Einführung für interessierte Laien. Springer-Verlag.
- Bailer, H. Aschauer, S. Kasper: Genetik der Schizophrenie. In: Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. 3, 2002, S. 25-31.