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75 Jahre nach Steiner:
Anthroposophie muss sich der Antisemitismus-Kritik stellen
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Rund 75 Jahre nach Rudolf Steiners Tod muss sich die Anthroposophie, gesellschaftlich insbesondere durch die «Steiner-Schulen» wichtig, mit dem schwerwiegenden Vorwurf auseinandersetzen, ihr Begründer habe in seinen Schriften und Lehren antisemitisches und antijudaistisches Gedankengut verbreitet. Der Anthroposoph Andreas Heertsch nahm zu diesem Thema gegenüber der Wochenzeitung «Reformierten Presse» Stellung.
Andreas Heertsch, Vorstandsmitglied des «Zweiges am Goetheanum», sagte dem Blatt, dass die Anthroposophen zu diesen Fragen «so schwerfällig reagieren», liege daran, dass die heute thematisierten Aussagen in der anthroposophischen Bewegung «völlig unbekannt» seien. «Wir Anthroposophen müssen allerdings zur Kenntnis nehmen, dass es diese problematischen Aussagen in der anthroposophischen Literatur gibt, und uns damit auseinandersetzen», räumte Heertsch ein. Sie seien zwar aus dem damaligen Kontext verständlich, aber heute nicht mehr vertretbar.
In der Zeit des Nationalsozialismus habe es in der Anthroposophie sowohl Distanzierung wie auch Opportunismus gegeben. Heertsch erinnerte jedoch daran, dass die Anthroposophie von den Nationalsozialisten verboten worden sei mit der Begründung, Rudolf Steiner sei ein Judenfreund gewesen.
Eine offizielle Distanzierung von den antisemitischen und rassistischen Aussagen ist laut Heertsch unmöglich, weil es dazu kein Gremium gebe, das für alle Anthroposophen sprechen könne. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft habe allerdings im März 1998 durch ihren Vorstand erklärt, dass sie «jede Art von Diskriminierung, insbesondere jegliche Form von Antisemitismus, ablehnt».
Zur Rassenlehre von Rudolf Steiner sagte Heertsch, Steiner sei später unglücklich über den Begriff «Rasse» gewesen und habe ihn auch nicht mehr gebraucht. Er habe dann von «Kulturepochen» gesprochen.
Das Grundanliegen der Anthroposophie sei die Entwicklung des Individuums, wobei Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen nicht übersehbar seien. Heertsch stellt bezüglich der Verwendung des Begriffes «Rasse» auch an den Steiner-Schulen einen Denkprozess fest. Er sprach die Bitte aus, den Anthroposophen für die Verarbeitung dieses Vergangenheitskapitels Zeit zu lassen.
Der ungekürzte Bericht erscheint heute, Freitag, in der Reformierten Presse Nummer 7/2000.
Quelle:

© Aktion Kinder des Holocaust