Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/2985

«Dargebotene Hand, grüezi.» Zwischen drei und zwölf Mal meldet sich Franco Baumgartner (57) mit diesen Worten am Telefon, wenn er bei der Seelsorgeorganisation Die Dargebotene Hand Nachtschicht hat. Baumgartner hört zu, macht sich Notizen und sagt Sätze wie «Das verstehe ich» oder «Wollten Sie eine Antwort auf die Frage?». Das erste Ziel sei, dass der Anrufer sich angenommen fühle, sagt Baumgartner. Denn wer die Nummer 143 gewählt hat, will seine Sorgen teilen. Oder ist einsam.
Baumgartner sitzt in einem kleinen, spartanisch eingerichteten Büro: ein Pult, ein Telefonapparat, ein Sessel, ein Computer, ein Büchergestell. Durch das offene Fenster dringen das Quietschen des Trams und Menschenstimmen. Um halb elf hat Baumgartner den Dienst begonnen, bis Mitternacht schon drei intensive Gespräche geführt. Einige Anrufe übernimmt eine Kollegin, die im Büro nebenan sitzt.
Baumgartner ist einer von über 600 freiwilligen Mitarbeitern, die täglich in der Schweiz für die Dargebotene Hand im Einsatz stehen. Alle haben einen Kurs besucht, um zu lernen, wie man mit den Anrufern umgeht. Baumgartner empfindet diese Arbeit als Bereicherung, räumt aber ein: «Manchmal beende ich Gespräche auch mit ungutem Gefühl.»
Um zwei Uhr verabschiedet sich Baumgartners Kollegin. Draussen herrscht nun Stille. Wenn Baumgartner um sechs nach Hause kommt, steht seine Frau auf. Ein Schwatz mit ihr, ein Blick in die Zeitung, und er legt sich schlafen.
Autor: Yvette Hettinger
Fotograf: Dan Cermak