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Diversität als Mittel gegen die Krisen des 21. Jahrhunderts
Was ist der Mensch?
Was heisst es, Mensch zu sein? Diese Frage stellte Rosi Braidotti am 27. Oktober 2021 im Rahmen eines Gastvortrages der Graduate School of Humanities and Social Sciences (GSL). Braidotti sieht definitorische Antworten auf diese Frage als ausklammernd: Sie seien zu patriarchalisch und eurozentrisch. Was sei denn mit jenen, deren Menschsein in Frage gestellt wird?
Braidotti versteht darunter Personen, die vom weissen europäischen Mann auf Basis von Geschlecht, Sexualität und Rasse abgegrenzt werden. Dazu gehören Frauen und LGBTQ+-Angehörige als das zweite, dritte, vierte Geschlecht usw. sowie indigene Völker und Menschen anderer Hautfarbe, die als «nicht völlig menschlich» angesehen werden. Die Ausgeklammerten seien als dem Menschen unterlegen eingestuft. Es handle sich hier um eine theoretische Hierarchisierung seitens der eurozentrischen Wissenschaften. Anders sein, bedeute schlechter sein, so Braidotti.
Krise der Konvergenz
Trotz dieser Hierarchisierung sei die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung um die Frage nach dem Menschen positiv zu bewerten. In zeitgenössischer Fachliteratur nämlich ist die Rede von einer Krise der Humanities (Geisteswissenschaften). Braidotti meint jedoch, es gebe keine solche Krise. Was andere als Krise bezeichnen, sei ihr zufolge eine Gelegenheit zu Wachstum und Erfindungsreichtum. Die Humanities können sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen. Das erkenne man beispielsweise daran, dass vor der heutigen «Krise der Konvergenz» die Frage, was der Mensch sei, nie hinterfragt wurde.
Unter dem Begriff Konvergenz versteht Braidotti das Aufeinanderprallen der «vierten industriellen Revolution» und des «sechsten grossen Aussterbens». Anders ausgedrückt: Die Digitalisierung des Marktes und des Alltagslebens prallt auf die Erderwärmung, die durch die vier industriellen Revolutionen verursacht wurde.
Für die Uhreinwohner*innen Amerikas endete die Welt in 1492.
Geht die Welt unter?
Dennoch: «Die Konvergenz ist kein Picknick», so Braidotti. In der europäischen Fachliteratur manifestiere sich dies in Form von Verzweiflung, Sorgen, Angst und Melancholie. Die Philosophin nennt dies die «Rhetorik des Lamentierens». Wie anders sollte man denn reagieren, wenn man mit dem Untergang der Welt konfrontiert ist? Ganz einfach: Als erstes müsse eingesehen werden, dass nicht der ganzen Welt der Untergang droht – lediglich der eurozentrischen Welt. Die Welt der kolonisierten Völker sei bereits untergegangen, als diese von den Europäern unterworfen wurde. Von den indigenen Akademikerinnen und Akademikern der Welt könne man daher lernen, wie mit dem «Weltuntergang» umzugehen sei.
Diversität und Inklusion als Ausweg aus der Krise
In Selbstmitleid Versinken sei Braidotti zufolge die Reaktion derer, die sich um ihre Welt und um ihr in dieser Welt existierendes Privileg fürchten. Dadurch käme man nicht weit. Braidotti sieht die Rettung aus dieser Krise in der Affirmation: Im Prozess des Akzeptierens dessen, was uns schmerzt und der Gewinnung von Wissen aus eben diesem Schmerz. Man solle diejenigen fragen, die Ihre Welt schon untergehen sahen. Man solle mit indigenen Gelehrten aus aller Welt zusammenarbeiten, ihrer Erfahrung zuhören und sie in den Dialog einbeziehen.
Genug mit Ausschliessung und Eurozentrismus in den Humanities. Braidotti sagt, es sei Zeit für ein Zeitalter der Diversität, der Inklusion, der Zusammenarbeit, der Hoffnung und des Heilens. Anders sein solle zur Stärke aufgewertet werden und die Definition «Mensch» solle Personen nicht mehr ausklammern, sondern durch Diversität und Vielfalt bereichert werden. Die Krise könne nur durch Zusammenarbeit gemeistert werden.
Rosi Braidotti gilt als eine der einflussreichsten zeitgenössischen Philosophinnen und Denkerinnen des Feminismus. Sie lehrt an der Universität Utrecht seit 1988, wo sie als Begründerin des Feldes der Genderstudies gilt. Ihre Forschung im Bereich der Subjektivität hat ihr Ruhm verschafft.
Als Literatur zum Thema empfiehlt sich Braidottis Beitrag Jenseits des Menschen: Posthumanismus in Der Neue Mensch (Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2018).
Dieser Beitrag wurde vom Philosophie-Studenten Toni Rasic verfasst.