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Blinde Menschen erschaffen sich Bilder von Orten aufgrund von Geräuschen, Gerüchen, Stimmungen und topografischen Begebenheiten. Bern wird demnach als laute Stadt wahrgenommen. Autos, die Trambahn, Passanten, das Plätschern der Brunnen oder das Gezwitscher von Vögeln bilden eine Art Klangbild. Für blinde Menschen ist Bern die Stadt des Echos. In den Lauben, in den Kirchen, unter den Brücken, in den Passagen hallt der Schall wider. Das Echo gibt blinden Menschen Informationen über die Grösse und Beschaffenheit von Räumen. Aufgrund des Halls weiss eine trainierte Person, wo sich eine Wand befindet und wo der Eingang in einen neuen Raum, einen Laden zum Beispiel, zu finden ist.
Alexander Wyssmann erblindete vor rund 20 Jahren. Dennoch reist er oft und gern in fremde Städte. Für ihn bilden die Geräusche einen permanenten Klangteppich. Die Informationen daraus nimmt er automatisch auf, wie beim Sehen. Gerüche und topografische Begebenheiten liefern zusätzliche Hinweise. Immer wieder geht er zu einem Gebäude oder einem Denkmal hin und tastet ein Stück davon ab, um einen Eindruck vom Material, von der Form und vom Stil zu erhalten. So ist für ihn beispielsweise spürbar, dass das Quartier rund um die wiederaufgebaute Frauenkirche in Dresden neu ist, obwohl es sich in altem Kleid präsentiert.
Ganz ohne Informationen von Sehenden kommen Blinde nicht aus. Denn ohne das Sehen fehlt ihnen buchstäblich die Übersicht, um Muster zu erkennen und komplizierte Situationen zu verstehen. Die Beschreibung durch eine sehende Person dient bisweilen aber auch auch einfach dazu, das genussvolle Erleben eines Ortes noch zu verstärken.
Bild: Jeanmaire & Michel