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Ernst Tristan Kurtzahn
Die Gnostiker
1925
Seiten 77-84:
Mysterien der Sexualmagie.
„Ein mitgeteiltes Geheimnis dient nie; in der Magie der eigentlichen Wissenschaft der Geheimnisse hat noch niemand etwas aus dem gemacht, was er las: man muß seinen persönlichen artesischen Brunnen in das Geheimnis bohren ...."
Sar Pélandan. [sic]
Wenn eine zeitgenössische Gnostikerin (Valerie Gyigyi schreibt:
„Und Gott formte den Menschen nach seinem Ebenbilde. Das Ursein als Vollbewußtsein ist aber Geist und keine Materie, oder geistiges Vollbewußtsein. Dieser Form von Mensch gab Gott ein Weib, vielmehr die Form zersprang und teilte sich in zwei Hälften. — Die stärkere Hälfte ist der Mann, der auch den Samen behielt als Gesetz, während die schwächere Hälfte noch heute an jener Stelle blutet, wo der Lebensknoten gesessen hat,"
so zeigt dies bereits einen hohen Grad von Erkenntnis an.
Was ist nun in diesem Zitat so ungemein wichtig? Es ist die Erwähnung des Samens, der dem Manne als göttliches Eigentum verblieb.
Woraus besteht der Samen? Aus Geist und Wasser (Wasser hier im eigentlichen Sinne als Materie aufgefaßt, die das Vehikel des Geistes ist).
Es heißt im Johannis-Evangelium [3:5]:
„Wahrlich, wahrlich ich sage Dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen." Ferner heißt es sehr deutlich Lukas 8, Vers 11:
„Das aber ist das Gleichnis, der Same ist das Wort Gottes."
Und endlich im Johannis-Evangelium 1. Kapitel, Vers 1 bis 5: 1. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.
2. Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen."
Aus diesen Zitaten — denen unendlich viel gleichbedeutende aus allen religiösen alten Schriften der Völker beigefügt werden könnten — wolle man ersehen, was der Same eigentlich bedeutet. Er ist Geistträger und als solcher nur dem Mann eigen.
Es wird jedem ohne weiteres einleuchten, daß man mit dem Samen nur dreierlei tun kann:
Für den Gnostiker scheiden die Punkte 2 und 3 ohne weiteres völlig aus, so daß nur Punkt 1 übrig bleibt: Der Mann behält den Samen bei sicj und benutzt ihn, den „Sohn", den Lichtsamen, den unteren Christus als Weg zum VATER. Für sich sowohl als für sein Weib.
- Man kann ihn bei sich behalten;
- Man kann ihn zur Zeugung benutzen;
- Man kann ihn um Lustgefühle aller Art willen vergeuden.
Kann das nun ohne weiteres geschehen nur durch Behalten des Samens? Wir müssen hierauf antworten nur bei allerseltensten Ausnahmen, bei wahren Gnostikern d. h. Pneumatikoi wie Jesus einer war.
Für alle anderen kommt ein anderer Weg in Frage, dessen Bedingungen die wahre gnostische geistliche Ehe ist.
Zunächst soll und kann jeder, jede danach trachten sich zu einem seelischen Androgyn (Mannweib)
bezw. einer seelischen Gynandria (Weibmann) zu gestalten. Die Wege dazu sind bereits angegeben worden im Kapitel „Wege zur Gnosis", wobei hauptsächlich auf das dort über den Atem Gesagte zu berücksichtigen wäre.
Abgesehen davon kann auch jede Ehe, in der der gnostische Geist herrscht, zu einer gegenseitigen androgynen, bezw. g y n a n d r i n e n Ausbalanzierung führen wie man im weiteren Verlauf unserer Schrift wird sehen können.
Die Schaffung eines seelischen Androgyns oder einer Gynandria allein reicht indessen nicht aus, denn keiner kommt zum Vater, denn durch Mich, den Sohn! (Joh. 14, 6.)
Wie auf dem irdischen Plan bei der leiblichen Zeugung, die nicht mehr sein sollte, da der Mensch durch Christus heim berufen worden ist, der Mann der Gebende, das Weib die Empfangende ist, so kann hier nur durch den Mann die Frau erlöst werden und zwar durch die Benetzung mit dem Lichtsamen, der dem Manne, wie wir gesehen haben, vorbehalten ist als an seinen physischen Samen, das Wasser, den Stoff gebundenen Geist.
Wir müssen nun scheinbar abschweifen um uns verständlich zu machen.
Hat man sich schon einmal klar gemacht, warum gerade die Menschen aufrecht gehen und stehen?
Der, der die Werke von Peryt Shou (Peryt Shou Werke Berlin u. Leipzig u. A. M-Wellen und der sechste Sinn d. Menschen.) kennt, weiß natürlich sofort, daß es die Kraft ist, die er mit M-Wellen bezeichnet. Es ist dies eine ungeheure kosmische Kraft, die in jedem Menschen empfunden wird als aufrichtende Kraft des Sonnengeistes (Iswara). In diesem Kraftstrom, der die Sonne mit der Erde verbindet, ist der Mensch eingeschaltet. Am Tage geht er deshalb aufrecht umher, des Nachts, wenn die M-Wellen infolge
des geänderten Sonnenstandes nachlassen, liegt er horizontal.
Es gilt nun für den Mann seinen Samen bewußt so umzugestalten, daß dieser ein Stück M-Welle wird.
Zu diesem Zweck müssen ganz bestimmte Atemübungen vorgenommen werden, ein neues Nervenzentrum in der Brust geschaffen werden, worauf dann der Lichtsamen emporsteigt aus den Genitalien in das neugebildete Zentrum und von dort über das Nervenzentrum des Kehlkopfes in die Zirbeldrüse, worauf die Verbindung mit den M-Wellen nach Wunsch durch ganz bestimmte Haltungen des Körpers: Einstellungen vor sich gehen kann.
Es ist hier eine ernste Warnung am Platz: Diese Uebungen, selbst nur Proben von solchen, sind einzig und allein für die Menschen, die den Weg und die Pfade zur Gnosis, die oben dargestellt wurden, schon gingen und keinen Finger breit davon abwichen. Jeder Unberufene, das merke man sich wohl, zerbricht daran seelisch und körperlich. Man vergesse nicht, daß es sich bei den Uebungen, wie die zur Bildung eines neuen Nervenzentrums, um höchstes Priesterwissen handelt, um Dinge, die Christus seinen Jüngern von Mund zu Ohr mitteilte und das wahrlich wegen seiner ungeheuren Gewalt, keine Liebhaberbeschäftigung für einen braven Herrn Müller oder eine herzensgute Frau Schmidt sein kann.
Uns will daher scheinen, als wenn auf alle ganz ungemein bedeutenden Werke von Peryt Shou, die derartige Uebungen und Einstellungen bis ins einzelne lehren, aber Gottseidank nicht für jeden verständlich sind, wegen ihrer streng wissenschaftlichen Sprache, die Worte von Oskar Schmitz gemünzt sein könnten, die er in seinem gnostisch-astrologischen Werk: „Der Geist der Astrologie" (München 1922, Georg Müller.) auf Seite 233 ausspricht:„... Götter sind solche Wesen, deren Materie unter dem Drang des Göttlichen so entwickelt
wurde, daß dieses nicht nur ausnahmsweise, wie beim Menschen, sondern immer durchscheint. Es handelt sich nicht länger darum, die Menschheit zu retten, sondern vor der Menschheit zu retten, und das ist es wohl, was heute einige Erkennende treibt, Geheimstes von früheren Wissenden höchstens Angedeutetes laut und zum erstenmal in klarer Sprache auszusprechen, auf die Gefahr hin, daß die Unberufenen an dem ihnen gefährlichen Wissen zerbrechen. Ja, es scheint auf deren schnelle Zerstörung abgesehen. Ihre eigene Niedrigkeit und Verblendung vollzieht selber das Gericht. Sie haben die Schönheit zerstört, nun stürzen sie sich auch auf die Erkenntnis ..."
Diese Worte haben Recht und wir machen sie zu den Unsrigen.
Ist man ernstlich gewillt, den gnostischen Heilsweg im Sinne urchristlichen Geheimwissens zu gehen, und hat man sich überzeugt durch Proben, daß man die absolut notwendige Ausdauer besitzt, dann — lasse man sich von berufener und erfahrener Seite allmählich einführen. Es gibt derartige gnostische Schulen, (z.B. die „Gnostische Schule" von Pastor Dr. phil. E. C. H. Peithmann, Südhemmern, Kreis Minden in Westf. und vorausgehend ein Aufenthalt im „Sanatorium für Diätreform", Lehmrade bei Mölln i. Lbg.) die das versuchen, es aber immer auf den oder die Betreffenden selbst ankommen lassen, ob sie weiter kommen oder nicht, da sie die Wahrheit des Wortes kennen: Niemand wird zum Eingeweihten als nur durch sich selbst.
Ist es dem Mann und der Frau gelungen zum seelischen Androgyn bezw. zur Gynandrin zu werden oder auf dem Wege dazu zu sein, ist es dem Mann, als dem Lichtsamenträger, ferner gelungen, diesen Lichtsamen in seinem Körper wenigstens bis zum neugebildeten Brustnervenzentrum durch bestimmte Atemübungen heraufzuziehen und der Frau, dieses Zentrum in der Brust
durch bestimmte Atemübungen zu bilde n, dann erst kann es bei H e r z e n s r e i n h e i t zum Vollzug der gnostischen Ehe kommen.
Bei dieser darf es unter keinen Umständen zu einer ejaculatio seminis, vielmehr darf es nach einer sanften immissio membri virilis in vaginam nur zu einer ruhigen Bewegung kommen unter völliger Willenskontrolle beider Partner.
Hier verdienen 3 vorzügliche einschlägige Werke genannt zu werden:
- I. W. Lloyd: Die Methode Karezza oder Magnetation (Die Kunst der ehelichen Liebe. Der Liebende ist ein Künstler des Gefühls). Amers Fort (Holland) P. Dz. Veen-Verlag (80 Seiten).
- Frau Dr. Stockham: Die Reform-Ehe. (Eine Ehe auf vollständig neuer Grundlage zur Erhöhung der Daseins-freude und zur Veredlung des Menschengeschlechts). Stuttgart, Wilhelm Digel.
- Dr. med. Alice Stockham und H. B. Fischer: „Die Brautehe". Leipzig, E. Fischer Nachf.
Während des so gearteten Verkehrs, der sich bis etwa zu einer kleinen Stunde ausdehnen kann, soll man das Gefühl der Verbindung mit dem Urgrund alles Seins in Gedanken festhalten und sich dem aus diesem Gefühl ergebenden unnennbaren Entzücken hingeben, es darf, wie gesagt, zu keinem Erguß kommen und dies läßt sich durch die genannte Gedankeneinstellung viel leichter erreichen als man annehmen sollte.
Ferner werden, da die beiden Körper Brust auf Brust ruhen, so liegen auch die durch Atemübungen neu geschaffenen Brustnervenzentren aufeinander und begünstigen derart ganz ungemein das Entstehen einer beiderseitigen seelischen Androgynität.
Da die Seele des Menschen im Blut liegt, so erfolgt auch bei den übrigen aufeinanderliegenden Körperteilen der Ehepartner ein auf den androgynen Zustand hinzielender Polaritätenausgleich.
Auf diese Weise nur, durch den strahlenden Lichtsamen des gnostisch entwickelten Mannes allein kann das Weib aus dem Reich des unteren Demiurgen erlös! werden und wenigstens, bei nebenhergehender einwandfreier Werkgerechtigkeit durch gute Taten bis zum unteren Pleroma (Tafel: Abt. II) vordringen, einen anderen Weg der Erlösung für das Weib gibt es nicht.
Da allein der Mann sie zur Lichtheimat zurückführen kann, indem er ihr dient, wie eben angegeben durch eigene Veredlung, so ist es an ihr, ihm zu dienen wodurch es immer nötig sei um seine geistige Vervollkommnung, die ja auch ihr eigenes Heil bedeutet, zu fördern wo sie nur weiß und kann.
Man vergesse nicht: aus dem Androgyn wurde das Weib entbrochen, wobei sie als Ersatz für den dem Manne verbliebenen Samen die Schönheit mitbekam. Sie drängte als Eva zur Materie, zur Erde, und der Mann folgte ihr, von ihrer Schönheit hingerissen. Folge jetzt also das Weib, vom männlichen Geist hingerissen, dem sich heimsehnenden Mann wieder zurück in das Paradies des Pleroma.
Man höre auf die tönende Stimme: wir sind heimberufen ...
Die Frau diene also dem Manne nach Kräften, namentlich dadurch, daß sie ihm die kleinen Sorgen des Alltags abnehme, er muß sich ja genügend mit den großen Sorgen abmühen, und sie wird mit ihrem Lohn durch die gnostische Ehe überreich für ihr Dienen belohnt werden. ( Das Weib sei harmonisch und nicht gegenpolig im Sinne des nächsten Kapitels!)
Wir möchten hier bemerken, daß die gnostische Eheführung, wie wir sie andeuteten, schon eine Probe dafür ist, ob man sich zu den Berufenen rechnen darf, die etwa Hans Blühers „Primären" entsprechen würden, (vgl. die Aristie des Jesus von Nazareth). Man denke nicht, daß es deren allzu viele gäbe, noch nicht einmal viele! Die, die ihren Samen nicht bei sich behalten können, ihn durchaus zur Zeugung oder zur Vergeudung für irgendwelche Lustgefühle verwenden müssen, sind die Sekundären, die Spießbürger usw. und diese sind es, die den Himmel getrost den Engeln und den Spatzen überlassen — müssen um hier im eisernen Fron des unteren Demiurgen so lange zu arbeiten, bis sie bezahlt haben alles, was sie schuldig.sind.
Jene Primären aber werden den Tod nicht schmecken, weder den irdischen, noch den astralen, als Pneumatikoi als Vergeistigte eilen sie unentwegt ihrer ewigen Lichtheimat, dem Pleroma zu. —
Obschon wir uns vollkommen bewußt sind, hier nur Andeutungen gegeben zu haben, so sind diese doch so zahlreich, daß sie genügen, um jedem ernsten Suchenden einen Anfang gezeigt zu haben, den er nun bei sich in die Tat umsetzen wolle.
In Verbindung hiermit möchten wir in der Anmerkung noch drei kleine Schriften nennen, die als Stützen auf diesem Weg dienen könnten, obwohl wir der Ansicht sind und bleiben, daß ein jeder nur durch sich und in sich das Licht finden muß, dem er zustreben soll, wie es mit anderen Worten auch das Eingangsmotto dieses Unterabschnitts zum Ausdruck bringt.
- Ali Bakûr "Die Sphinx im Menschen", Schmiedeberg u. Leipzig, F.E. Baumann. Preis, geheftet 2.50, gebunden 4.- Mark. Zu haben in jeder Buchhandlung.
- W. Omar "Geistige u. leibliche Wiedergeburt" des Buchs d. Heilung u. Vollendung ECCE HOMO II. Teil. Geber-Verlag Freiburg.
English translation:
Ernst Tristan Kurtzahn: The Gnostics.

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