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Der Hunger-Report, den die UNO letztes Jahr präsentierte, deutet – um bei Jean Zieglers Worten zu bleiben – auf Massenmord hin: 2,5 Millionen Kinder sterben jedes Jahr an Unterernährung. Mehr als 100 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt. Obwohl Nahrung im Überfluss vorhanden ist, leidet einer von acht Menschen weltweit an Hunger und sind zwei Milliarden Menschen mangelernährt.
Die Mehrheit der Hungernden lebt auf dem Land. Rund 2,5 Milliarden Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft. Sie tun das oft mehr schlecht, als recht: Sie sind arm. Und Hunger geht meistens Hand-in-Hand mit Armut. Dass in Asien und den pazifischen Regionen die Zahl der chronisch Unterernährten innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte um fast 30 Prozent gesunken ist (von 739 Mio. auf 536 Mio.), ist hauptsächlich auf den sozio-ökonomischen Fortschritt in diesen Ländern zurückzuführen. In der Sub-Sahara in Afrika fand dieser Fortschritt nicht statt – weshalb diese Region nach wie vor am stärksten von Armut und Unterernährung betroffen ist.
Ein satter Bauch kostet
Letztes Jahr waren 870 Millionen Menschen auf der Erde chronisch unterernährt. Die überwiegende Mehrheit davon, 852 von 870 Millionen, lebt in Entwicklungsländern. Der Anteil der Unterernährten beträgt dort rund 15 Prozent der Bevölkerung. Diese Menschen haben nicht genügend zu essen, um sich normal entwickeln und ein aktives und gesundes Leben führen zu können. Die Gründe für den Hunger sind vielfältig: Entweder fehlen die Lebensmittel ganz oder es ist nicht genügend Geld vorhanden, um Lebensmittel zu kaufen. Die Wirtschaftskrise hat dafür gesorgt, dass selbst in den entwickelten Ländern die Zahl der Hungernden von 13 (2006) auf 16 Millionen (2012) zugenommen hat. Noch könnte das Ziel, die Zahl der Hungernden weltweit bis 2015 zu halbieren, erreicht werden. Um die Ernährungssituation der Bedürftigsten zu verbessern, bräuchte es aber wesentlich mehr als nur eine gesteigerte Produktion von Kalorien. Auch stabile Rahmenbedingungen sind nötig. Hohe und volatile Nahrungsmittelpreise und eine Verlangsamung des weltweiten Wirtschaftswachstums sind Gift für die Ernährungssicherheit.
Rund drei Viertel der landwirtschaftlichen Wertschöpfung weltweit wird in Entwicklungsländern erzeugt, die Landwirtschaft trägt oft bis zu 30 Prozent zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. In diesen Entwicklungsländern könnte die Landwirtschaft ein wichtiger Motor für das Wirtschaftswachstum sein. Die Weltbank rechnet vor, dass eine Erhöhung des BIP um ein Prozent die Situation der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung um zweieinhalb Prozentpunkte verbessern kann.
Fehlernährung hat viele Gesichter
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet „Hunger“ bei uns nur ein Unbehagen, das von einem Mangel an Nahrung erzeugt wird. Die FAO definiert Hunger jedoch als eine Kalorienaufnahme von weniger als etwa 1‘800 Kilokalorien am Tag. Das ist das Minimum, das die meisten Menschen für ein gesundes und aktives Leben benötigen. Der Begriff „Unterernährung“ geht über die reine Kalorienzahl hinaus. Er bezeichnet eine unzureichende Versorgung mit Energie, Proteinen oder wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen. Unterernährung ist das Ergebnis einer unzureichenden Nahrungsmittelaufnahme – entweder in Bezug auf Menge oder Qualität – oder einer mangelhaften Nährstoffaufnahme aufgrund von Infektionen oder anderen Krankheiten. Oft ist es eine Kombination verschiedener Faktoren: Zuerst ist die Ernährung mangelhaft, dann kommt noch eine unzulängliche Gesundheitsfürsorge für Mütter und Kinder dazu, und es hat keinen Zugang zum Gesundheitswesen, sauberem Wasser und einer funktionierenden Abwasserentsorgung. Der breiter angelegte Begriff „Fehlernährung“ bezieht sich sowohl auf Unterernährung (= Mangel) als auch auf Überernährung (= unausgewogene Ernährung, etwa durch die Aufnahme zu vieler Kalorien im Vergleich zum Bedarf, mit oder ohne Aufnahme der entsprechenden Menge an Mikronährstoffen). Ab einem Body-Mass-Index BMI von 30 werden Menschen als krankhaft fettleibig angesehen. Der BMI ist ein grober Richtwert und ergibt sich aus dem Gewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergrösse.
Quelle: Welthunger-Index 2012
Verluste und Verschwendung
Ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion landet nie auf einem Teller. Die FAO hat ausgerechnet, dass jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren gehen. Etwa die Hälfte davon geht auf das Konto von Verlusten, die zwischen Produktion, Nachernte und Lagerung entstehen. Die andere Hälfte wird entweder beim Verkauf aussortiert oder von den Endkonsumenten weggeworfen. In reichen Ländern werden pro Kopf und Jahr rund 900 Kilo Lebensmittel bereitgestellt – das ist doppelt so viel, wie in den ärmsten Ländern der Welt. Doch die reichen Länder verschwenden 40 Prozent davon im Laden oder beim Konsum – während in armen Ländern rund 40 Prozent der Verluste bei Ernte, Transport, Lagerung und Verarbeitung auftreten.
Im Abfall landen vor allem Früchte, Gemüse, Wurzeln und Knollen. Die reichen Länder vergeuden zusammen etwa 222 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr – das ist so viel, wie die gesamte Lebensmittelproduktion der Sub-Sahara beträgt. Dabei ist der Wert der weltweiten Lebensmittelverluste etwa so hoch wie das BIP der Schweiz, die Lebensmittelverluste kosten die Welt jährlich etwa 700 Milliarden Franken. Dazu kommt, dass für die Produktion der nicht gegessenen Lebensmittel auch noch Ressourcen benötigt werden. 250 Kubikkilometer Wasser – das ist fünfmal so viel wie der Bodensee enthält – werden unnötigerweise verbraucht und es werden Treibhausgase frei, die 3,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent entsprechen.
In industrialisierten Ländern kann man es sich in aller Regel leisten, etwas zu bezahlen, das man nachher nicht konsumiert. Im Gegensatz dazu führen die Lebensmittelverluste in den armen Ländern zu schmerzhaften Einkommensverlusten bei den Bauern. Oder anders gesagt: Wenn man die Verluste in den Entwicklungsländern reduziert, führt das nicht nur zu weniger Hunger, sondern auch zu einer deutlichen Verbesserung der finanziellen Lage der ländlichen Bevölkerung. Wenn die reichen Länder weniger verschwenderisch mit Lebensmitteln umgehen, sorgt das höchstens für Umsatzeinbussen in der Lebensmittelkette.
Von der Unter- zur Fehlernährung
Die Ernährungsgewohnheiten haben sich verändert. Je mehr Leute in den Städten wohnen und je höher das Einkommen ist, desto einheitlicher wird der Konsum. Statt Wurzel- und Knollenfrüchten werden in allen aufstrebenden Ländern vermehrt Weizen, Reis, Zucker, sowie Fleisch und Milchprodukte konsumiert. In Ostasien hat sich der Konsum von Milchprodukten in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Der Fleischkonsum nimmt auch in den Entwicklungsländern zu. Das hat zur Folge, dass die kleinbäuerliche, Selbstversorger-Fleischproduktion im „Hinterhof“ an Bedeutung verliert und immer mehr Tiere in Ställen gemästet werden, in denen selbst Wiederkäuer nicht mehr nur Gras, sondern vermehrt Kraftfutter fressen. Nutztiere werden so zu Nahrungskonkurrenten. Das treibt die Preise für Getreide in die Höhe – und verstärkt den Hunger jener, die sich kein Fleisch leisten können.
Parallel dazu nimmt die Fehlernährung sowohl in den unterentwickelten, als auch in den hochentwickelten Ländern laufend zu. Gerade für Kleinkinder kann Unter- oder Mangelernährung schwere Folgen haben: Selbst wenn der Mangel nur kurze Zeit dauert, führen Folgeschäden lebenslang zu gravierenden Beeinträchtigungen. Auch Fehlernährung wirkt sich negativ aus: Zusammen mit Bewegungsarmut führt der vermehrte Fettkonsum, vor allem an gesättigte Fettsäuren, sowie Zucker und Salz zu einer Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit.
Kalorien sind nicht alles
Kalorien allein sichern noch kein gesundes Leben. Viele Kalorienträger enthalten nur wenige Makro- und Mikronährstoffe. Gut 85 Prozent der Menschheit sind zwar ausreichend mit Proteinen und Energie versorgt, aber nur zwei Drittel mit genügend Vitaminen und essentiellen Mineralstoffen. Die Versorgung der armen Bevölkerung mit diesen Nährstoffen hat sich verschlechtert, weil die Ernährungsvielfalt abgenommen hat. Monokulturen mit Grundnahrungs-mitteln (Reis, Weizen und Mais) sind an Stelle der Vielfalt an nährstoffreichen Pflanzen getreten, die man früher lokal anbaute und konsumierte. Zu einer gesunden Ernährung gehören auch sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen. Allein mikrobielle Verunreinigungen führen jährlich zu 1,5 Milliarden Durchfallerkrankungen, welche rund 3 Millionen Todesopfer fordern.
Verschiedene Ursachen, gleiche Wirkung
In Entwicklungsländern kommt es hauptsächlich zu Verlusten von Lebensmitteln, weil die Produktions-, Ernte- und Lagerbedingungen oft ungenügend sind. Oder weil es an geeigneten Infrastrukturen fehlt, um die Ernte rechtzeitig zu den Konsumenten zu bringen oder konservieren zu können. Oder an Kenntnissen, welche Lebensmittel wann, wo und in welcher Menge gefragt sind. Wenn man diese Verluste reduzieren will, dann muss man in Infrastrukturen wie Strassen und Kühltechniken, in Marktinformationen und Know-how investieren und so die gesamte Lebensmittelkette stärken. Verschwendung tritt dagegen vor allem in Industrieländern auf. Hier handelt es sich meistens um überhöhte Ansprüche: Nur perfektes Obst und perfektes Gemüse ist den Händlern und Konsumenten gut genug. Übergrössen, Untergrossen oder vom Idealbild abweichendes Aussehen werden meist nicht toleriert. Die industrielle Nahrungsmittelverarbeitung erfordert zudem gleichförmige Rohstoffe. Dazu kommt, dass z.B. Fertigmenüs in übergrossen Portionen angeboten werden, oder die Händler die Konsumenten animieren „drei für zwei“ zu kaufen, auch wenn eins schon reichen würde. Wenn man Verschwendung reduzieren will, muss man primär beim Bewusstsein und Verhalten ansetzen.
Quelle: Global Food Losses and Food Waste, FAO 2011