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Vor ihrer Erkrankung war die junge Ärztin Helga Weber jemand, der das Leben in vollen Zügen genoss. Sie liebte ihren Beruf, war nebenbei begeisterte Leichtathletin und reiste gerne in ferne Länder. Ende 1995 geschieht das Undenkbare. Eines Morgens verliert Helga Weber in ihrer Wohnung das Gleichgewicht und fällt mehrmals um. Ihre rechte Körperhälfte ist benommen. Als sie den Notarzt anruft, versagt der jungen Frau die Sprache. Nur einen einzigen Laut bringt sie hervor. Im Spital erfährt Helga Weber die Diagnose: Sie leidet an einer Aphasie als Folge eines Schlaganfalls.
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Schädigung der Hirnhälfte
Helga Weber ist kein Einzelfall. In Deutschland erleiden jedes Jahr über 280'000 Menschen einen Schlaganfall und davon haben 35 Prozent zu Beginn eine Aphasie. In der Schweiz registriert die Fach- und Betroffenenorganisation «aphasie suisse» jährlich etwa 5'000 neue Aphasie-Fälle. Unter dem Fachwort Aphasie wird allgemein der komplette oder auch teilweise Verlust von Sprache verstanden. Die Sprachstörung tritt nach einer Schädigung der sprachdominanten Hirnhälfte auf.
Die häufigste Ursache für eine Aphasie ist der Schlaganfall. Weitere Ursachen sind Schädelhirnverletzungen nach einem Unfall, Hirntumore oder entzündliche Prozesse im Gehirn wie beispielsweise eine Hirnhautentzündung. «Aphasie tritt in unterschiedlichen Schweregraden auf und führt dazu, dass die Patientinnen und Patienten nicht mehr richtig verstehen, sprechen, lesen und schreiben können», sagt Frau Cornelia Kneubühler, Geschäftsführerin von «aphasie suisse».
Symptome je nach Schwerefall
Ob und wie weit sich eine Aphasie-Betroffene erholen kann, hängt davon ab, wie gross die Hirnverletzung ist. Aphasien können sich teilweise zurückbilden, weil die Hirnzellen in der Nachbarschaft der zerstörten Zellen die sprachliche Funktion übernehmen können. Bei einer leichten Form von Aphasie haben betroffene Menschen Mühe, gewisse Wörter zu finden. Bei einer mittelschweren Form sprechen die Betroffenen nur in Ein- und Zwei-Wort-Sätzen und bei der schwersten Form sind alle linguistischen Fähigkeiten betroffen.
«Für viele Betroffene ist es nicht mehr möglich, eine angeregte Diskussion zu verfolgen oder über ihre Situation zu sprechen», sagt Cornelia Kneubühler. Oft könne sich ein Betroffener unzureichend über die Tageszeitung informieren oder Bücher lesen und erhielte dadurch wenig intellektuelle Anreize.
Mit der Sprachstörung leben lernen
«Die Chance, dass ein Aphasie-Betroffener wieder vollständig gesund wird, hängt von der Schwere des Schlaganfalls ab», sagt Dr. Andreas Winnecken vom Bundes-Aphasie-Zentrum Josef Bergmann in Vechta Langförden. «In der Regel bleiben etwa sechzig Prozent der Aphasiker ein halbes Jahr nach dem Ereignis chronisch krank und müssen dann jahrelang oder gar lebenslang mit einem sprachlichen Handicap in unterschiedlicher Schwere leben.» In jedem Fall müssen Aphasiker von Anfang an, das heisst schon in der Akutphase, in eine gezielte Sprachtherapie eingebunden sein.
Die Therapie soll die Verbesserung der sprachlichen Funktionen, die Förderung der Kommunikation sowie die aktive Teilnahme am sozialen Leben wieder ermöglichen. Während in einigen grossen Spitälern der Schweiz schon in den ersten Tagen am Bett die logopädische Therapie beginnt, müssen kleinere Spitäler dafür eine ambulante Lösung finden. Ambulante logopädische Therapien werden von den Logopädieabteilungen der Spitäler, von ambulanten Rehabilitationszentren oder von privat tätigen Logopädinnen und Logopäden angeboten.
Veränderungen im sozialen Umfeld
Von Aphasie betroffene Menschen haben durch die Krankheit, vor allem, wenn sie wieder in ihrer häuslichen Umgebung sind, oft Schwierigkeiten, sich in ihrem alten Leben zurechtzufinden. «Mit einer hirnorganischen Erkrankung in Verbindung mit Aphasie kommt es bei den Betroffenen vielmals zu grossen Veränderung im sozialen Umfeld», sagt Dr. Andreas Winnecken.
Die Betroffenen ziehen sich von Freunden zurück und in der Familie entstehen Spannungen. Missverständnisse, missglückte oder abgebrochene Kommunikationsversuche führen zu Frustrationen auf beiden Seiten. «Hier ist es ganz wichtig, sich fachkompetent beraten zu lassen oder mithilfe externer Unterstützung, die durch die Erkrankung veränderte soziale Situation zu meistern», sagt Winnecken. In Selbsthilfegruppen lernen betroffene Personen zudem, Probleme aus eigener Kraft oder gemeinsam mit anderen Betroffenen zu lösen.
Positive Energien entwickeln
Bei Helga Weber war die langjährige Sprachtherapie sehr erfolgreich. Nach einem Jahr intensiver stationärer und ambulanter Sprachtherapie kamen die ersten Worte wieder. Helga Weber kämpfte weiter. Oft war sie dabei verzweifelt, aber trotzdem: Sie lernte langsam wieder, mithilfe therapeutischer Unterstützung, die in ihr stark verwurzelten positiven Energien für sich zu nutzen. Heute schliesst Helga Weber neue Freundschaften, fühlt sich angenommen und geht, trotzt anhaltender Probleme mit der Wortfindung, spontan auf ihre Mitmenschen zu. Sie hat ihr Leben wieder selbst in die Hand genommen und sagt, trotz Handicap, «Ja» zum Leben.