Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/2583

Kobayashi gewinnt Tournee mit Grand Slam
Der 22-jährige Japaner Ryoyu Kobayashi gewinnt als dritter Springer der Geschichte die Vierschanzentournee mit vier Siegen.
In Bischofshofen verbesserte sich Kobayashi im zweiten Durchgang vom 4. auf den 1. Platz und gewann mit über 13 Punkten Vorsprung letztlich deutlich vor dem Polen Dawid Kubacki. Vor Kobayashi hatten dieses Kunststück nur der Deutsche Sven Hannawald 2002 und vor einem Jahr der Pole Kamil Stoch geschafft.
Vor seinem ersten Sprung hatte Kobayashi lange warten müssen und zeigte danach einen für seine Verhältnisse nur mässigen Sprung auf 135 m. Er lag damit vier Punkte hinter dem Halbzeitführenden Markus Eisenbichler zurück, der seinen ersten Weltcupsieg aber erneut verpasste und auf Platz 5 abrutschte. Der Japaner zeigte im zweiten Durchgang mit 137,5 m den weitesten Sprung. Dennoch darf aber auch Eisenbichler, der in der Tourneewertung den 2. Platz belegt, zufrieden sein. Hinter Kobayashi und Kraft klassierte sich mit Stephan Leyhe ein weiterer Deutscher, der im zweiten Durchgang vom 11. in den 3. Rang vorstiess.
Ähnliches wäre durchaus auch für Killian Peier möglich gewesen. Der 23-jährige Waadtländer hatte im zweiten Durchgang die schlechtesten Bedingungen aller Springer in den Top 20, so dass er sich trotz eines tollen Sprunges nur vom 9. auf den 8. Platz verbessern konnte. Er war damit schlecht belohnt, schaffte aber den zweiten Top-Ten-Platz innerhalb von drei Tagen. Damit belegt er in der Gesamtwertung den 10. Rang, die beste Schweizer Klassierung seit Simon Ammann (3.) vor fünf Jahren. Der vierfache Olympiasieger klassierte sich wie in den ersten drei Wettkämpfen als 16. im Mittelfeld und bestätigte damit seine Aufwärtstendenz. Als Gesamt-13. sorgte er sogar für das beste Schweizer Teamergebnis seit elf Jahren (6. Andreas Küttel, 15. Ammann).
Der einzige Skispringer, der die ersten drei Springen, aber nicht die Vierschanzentorunee gewann, war 1972 Yukio Kasaya. Er wurde von vom japanischen Verband zwecks Vorbereitung der Olympischen Spiele nach Hause beordert (und in Sapporo danach immerhin mit einer Goldmedaille belohnt). Ryoyu Kobayashi hätte dies nicht mit sich machen lassen. Der 22-Jährige aus der nordjapanischen Präfektur Iwate ist kein Kopfnicker und Ja-Sager. «Ich bin eben ein neuer, moderner Japaner», liess er vor dem Start der Tournee via Übersetzerin ausrichten.
Nicht, dass diesmal jemand auf die Idee gekommen wäre, den Überflieger nach Hause zu schicken. Der Tourneesieg war vor dem Abschluss in Bischofshofen - wir es dies vor 47 Jahren für Kasaya gewesen wäre - sowieso nur noch eine Formsache. Die Frage lautete nur noch: Schafft er als dritter Springer nach Sven Hannawald 2002 und Kamil Stoch 2018 den Grand Slam mit vier Siegen?
Natürlich gelang dem Überflieger auch noch die Kür. Er stellte damit sogar seinen Landsmann Kazuyoshi Funaki in den Schatten, der 1998 den Grand Slam mit einem 8. Platz in Bischofshofen verpasst, aber als bis am Dreikönigstag 2019 einziger Japaner die Tournee gewonnen hatte.
Porsche gegen Siege getauscht
Nicht immer spielte der eigenwillige Kopf von Kobayashi so mit, wie es dies für einen Spitzensportler nötig ist. Nur gerade zwei Top-Ten-Plätze standen vor dem Start in diesen Winter zu Buche, in der vorletzten Saison resultierte kein einziger Weltcuppunkt - trotz unübersehbarem Talent. Dann aber machte es klick. «Als Ryoyu verstanden hat, mehr machen zu müssen, als nur Porsche zu fahren, ist er gut geworden», sagte Kobayashis finnischer Heimtrainer Janne Väätäinen der «Tiroler Tageszeitung». Und wie: In dieser Saison gewann er unglaubliche sieben von zehn Springen.
Von Druck wollte er vor dem Start in die Tournee dennoch nichts wissen. «Ich spüre keinen extra Druck, ich will einfach Spass haben.» Es waren keine leeren Worte. Auch auf der ungleich grösseren Bühne machte er keine Fehler. Die Gegner erstaunt das nicht. Denn sie bewundern das stabile Flugsystem Kobayashis, das bei sämtlichen Bedingungen funktioniert. Er nütze den Radius vor dem Schanzentisch so perfekt aus, keiner nehme nach dem Absprung so viel Geschwindigkeit mit, keiner finde nach der Schanze so rasch die perfekte Flugposition, lauten die Erklärungen für die Überlegenheit des 1,73 m grossen Athleten.
Dazu hatte er einen guten Mentor. «Ich habe viel von Noriaki (Kasai) gelernt», sagte er über seinen 24 (!) Jahre älteren Kollegen aus dem Firmenteam des Wohnbau- und Immobilienunternehmens Tsuchiya. «Wie man als Athlet lebt und auch was die Technik betrifft.» Der Oldie war auch der erste Gratulant im Auslauf. «Ich war so glücklich, dass Noriaki als Erster zu mir gekommen ist», meinte Kobayashi. Bei der Hymne war er dann den Tränen nah - moderner Japaner hin oder her.