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Der britische Gesundheitsforscher Richard G. Wilkinson wurde mit Untersuchungen über die Folgen sozialer Ungleichheit international bekannt. Grosse Lohnunterschiede sind für eine Gesellschaft ungesund, sagt er.
WOZ: Richard Wilkinson, Sie beschäftigen sich als Epidemiologe mit den Ursachen und Folgen von Krankheiten. Ihre Forschung hat Sie zu einem Begriff geführt, der zunächst überrascht: zur Gleichheit. Wie kommen Sie ausgehend von Krankheiten zur Gleichheit?
Richard Wilkinson: Ich habe in den siebziger Jahren die Sterberaten in Industriestaaten untersucht. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass die Raten in Gesellschaften mit grossen sozialen Unterschieden höher waren. Das brachte mich auf die Idee, die Einkommensunterschiede als Fragestellung zu nehmen. Sind gleichere Gesellschaften, also jene mit geringeren sozialen Unterschieden, durchschnittlich gesünder?
Was war die Antwort?
Ein eindeutiges Ja. Und zwar in einem Ausmass, das weit grösser war, als wir angenommen hatten. Die Ungleichheit betrifft auch nicht nur die Sterberate. Ein Mittelklassekind, das in einer gerechteren Gesellschaft lebt, wird eher nicht drogenabhängig, es wird eher nicht Opfer eines Gewaltverbrechens, bekommt nicht bereits im Teenageralter ein Kind, und es hat auch viel bessere Chancen, in der Schule besser abzuschneiden.
Diese Ergebnisse Ihrer jahrzehntelangen Forschung haben Sie im Buch «Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind» anschaulich zusammengefasst. Auch die Schweiz gehört zu den untersuchten Gesellschaften. Wo liegt sie im Vergleich?
Die Schweiz liegt im Mittelfeld. Skandinavische Länder wie Schweden oder Norwegen, aber auch Japan sind gerechtere Gesellschaften, während die USA, Grossbritannien oder Singapur hinter der Schweiz liegen. Das untersuchte Datenmaterial, vorwiegend von der Uno, zeigt: Die Einkommensunterschiede in der Schweiz sind seit den achtziger Jahren markant angestiegen, besonders im Finanzsektor und in multinationalen Firmen, wo die Bonuskultur Einzug gehalten hat.
Wenn Sie sich in Europa umschauen, dann ist die Schweiz doch geradezu der Gegenbeweis zu Ihrer Studie: Die Einkommensunterschiede sind gross, aber als Gesellschaft geht es uns richtig gut.
Wie definiert man, ob es uns gut geht? Und wer definiert das? Der Begriff der Gleichheit war lange Zeit aus den sozialen Analysen verschwunden. Der damalige sozialdemokratische britische Premierminister Tony Blair verschwendete Ende der neunziger Jahre keinen Gedanken an die Ungleichheit. Er sah, dass sich die armen Menschen in seinem Land DVDs, Fernsehen und Autos leisten konnten, dass sie über eine Zentralheizung verfügten und nicht verhungerten. Er baute den Sozialstaat massiv ab. Mit verheerenden Folgen.
Die sichtbare Härte der Armut war mehrheitlich verschwunden, doch Blair übersah die psychosozialen Effekte der Ungleichheit komplett. Wie gross ist der Stress, um sozial aufzusteigen? Welche Anstrengungen sind nötig, um sozial anerkannt zu werden, gerade für Frauen, für Kinder aus einem bildungsfernen Umfeld oder für Migranten und Migrantinnen? Diese Fragen sind entscheidend in Bezug auf die Gleichheit, auch in einem reichen Land wie der Schweiz.
Ende November stimmt die Schweiz über die 1:12-Initiative ab. Sie will die Ungleichheit bei den Einkommen verringern. Was halten Sie von der Initiative?
Ich betrachte sie als wichtigen Schritt zu einer gleicheren Gesellschaft. Momentan herrscht ein Lohnmodell, in dem der Firmenchef 200-mal mehr verdient als der Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn. Umgerechnet erhalten solche Angestellte also die Hälfte von einem Prozent des Chefs. Das ist ein ziemlich übler Weg, um jemandem mitzuteilen, er sei wertlos. Es ist ein Modell, das vermeintliche Superstars züchtet. Dabei haben die angeblich so brillanten Topmanager die Finanzkrise 2008 nicht verhindern können. Im Gegenteil: Sie haben diese massgebend mitverursacht. Wollen wir dieses Modell, das die sozialen Hierarchien und Unterschiede zementiert, wirklich fortsetzen? Die 1:12-Initiative setzt an einem richtigen Hebel an: den exorbitanten Löhnen. Um das Modell aber nachhaltig zu ändern, braucht es weitere Schritte.
Welche wären das?
Ganz zentral ist eine Demokratisierung der Wirtschaft. Heute erfahren und begreifen die meisten Mitarbeitenden die Firma, in der sie tätig sind, als fremdes Besitztum. Es herrschen starke Hierarchien, nur wenige Akteure treffen Entscheidungen, hinter denen meistens Kapitalinteressen stecken. Es braucht in diesem Bereich mehr Demokratie. Eine Firma soll nicht mehr als fremdes Besitztum, sondern als Gemeinschaft funktionieren, in der die Mitarbeitenden mitbestimmen dürfen.
Ich wollte dazu eine Untersuchung machen: Wie ist das Arbeitsklima in Firmen, die im Besitz der Angestellten sind? Sind sie motivierter, zufriedener, gesünder? Ich habe leider kein Geld für diese Studie erhalten. Erste Voruntersuchungen, etwa bei der baskischen Genossenschaft Mondragon, die zu den zehn grössten Unternehmen Spaniens gehört, zeigten in eine positive Richtung.
Richard G. Wilkinson, Kate Pickett: «Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind». Zweitausendeins. Hamburg 2009.