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Inwieweit stellt die Klimakrise unsere Sichtweisen auf gewalttätige Konflikte (radikal) in Frage?
Dies ist die Hauptfrage des Diskussionsbeitrages ‘This Changes Everything’? Rethinking Fragility and Violent Conflicts from the Climate Crisis Perspective”, den ich mit Danny Burns, Forschungsprofessor am Institute of Development Studies (IDS) der Universität von Sussex, Brighton/Großbritannien, geschrieben habe.
Fragilität und gewalttätige Konflikte neu denken
Das Papier diskutiert mögliche Auswirkungen der Klimakrise auf die Konfliktdynamik von Gewaltkonflikten und die Arbeit von Friedens- und Entwicklungsorganisationen. Der Artikel möchte zu einer längst überfälligen Debatte in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Friedensförderung und Konflikttransformation beitragen.
Das ändert alles?
Die Klimakrise ändert insofern „alles“, als dass die Auswirkungen der Klimakrise eine radikale Änderung der Praxis und der Regierungs- und Geberpolitik in Bezug auf gewalttätige Konflikte erfordert.
Angesichts der Klimakrise sollten drei Bereiche für Wissenschaftler*innen, Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung, Menschenrechts- und Friedensaktivisten und sozialen Bewegungen von besonderer Bedeutung sein:
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Wachstumswahn
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Militärisch-industrielle Komplex
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Kollektive Resilienz.
Ein Grossteil der Entwicklungs- und Friedenskonsolidierungspraxis – unterstützt von den Vereinten Nationen und anderen internationalen und nationalen Organisationen und Geldgebern – basiert auf nicht hinterfragten Prinzipien der Liberalisierung der Wirtschaftsmärkte. Diese Marktliberalisierung basiert auf der neo-liberalen Maxime, dass freie und offene Wirtschaftsmärkte, Wohlstand und Entwicklung für alle bringen. Diese Idee beinhaltet, dass internationale Grossfirmen den wirtschaftlichen (Wiederauf-) Aufbau der sozialen Infrastruktur und demokratischer Institutionen in von Armut und Krieg betroffenen Gesellschaften sichern und vorantreiben.
Auswirkungen der Klimakrise
Die Auswirkungen der Klimakrise stellen diese sozio-ökonomischen Grundlagen der Friedensförderung und -entwicklung in Frage, da sie auf stetigem und unendlichem Wirtschaftswachstum beruhen. Die Weltwirtschaft wird dabei stark von dem Mythos und der Ideologie der Wachstumsnotwendigkeit angetrieben.
Sehr oft geht es um die Sicherung der Zugang zu Ressourcen und die Profitmaximierung großer multinationaler Unternehmen. Stetigen und unendlichen Wirtschaftswachstum zu hinterfragen bedeutet auch, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und deren Kernidee der „nachhaltigen Entwicklung“ in Frage zu stellen. Gleichzeitig ist die Kritik an dem unkontrollierten Wachstumswahn eine grosse politische und soziale Herausforderung, da sie unsere eigenen westlichen Lebensstile und Konsummuster radikal hinterfragt.
Wohlergehen über Wirtschaftswachstum
Nachhaltige Entwicklung und Klimagerechtigkeit neu zu denken beinhaltet die Prioritäten für Gemeinschaft, Zusammenleben und Gerechtigkeit anders zu setzen: Beispiele sind Strategien, wie die von Neuseeland, Island oder Bhutan, die dem sozialen und psychischem Wohlergehen der Bevölkerung Vorrang vor dem nationalen Wirtschaftswachstum einräumen.
Aus der radikalen Abkehr vom Wachstum ergibt sich, dass die internationale Praxis des Privatsektors und von multinationalen Firmen stärker reguliert werden muss.
Dies deutet auch eine viel stärkere Rolle nationaler und internationaler Regierungsorganisationen in einer Zeit, in der demokratische Prozesse und internationale Regierungsfähigkeit in Frage gestellt werden oder bedroht sind. Es erfordert einen Spagat, in dem die Bürger*innen die Untätigkeit ihrer jeweiligen Regierung bei Fragen der Klimakrise kritisieren – ohne die Handlungs- und Regulierungsmacht der Regierung gegenüber grossen Wirtschaftsunternehmen untergraben.
Militärisch-industriellen Komplex hinterfragen und kollektive Resilienz unterstützen
Während einige Friedens- und Entwicklungsorganisationen den militärisch-industriellen Komplex seit vielen Jahren grundlegend und kritisch hinterfragen und lokale Umweltbewegungen für Klimagerechtigkeit unterstützen, gibt die Klimakrise dieser Arbeit eine neue Dringlichkeit.
Das Militär, die Rüstungsindustrie und multinationale Unternehmen haben einen großen Einfluss auf das CO2 gesteuerte Wachstum und die Ideologie der Wachstumsnotwendigkeit. Ihr Einfluss wird jedoch sehr häufig bei internationalen und nationalen Klimatreffen und Politikentscheiden ignoriert.
Während Militär- und Sicherheitskräfte begonnen haben, die Nutzung sogenannter grüner, nachhaltiger Energie zu verbessern, lässt dieses „Greenwashing“ die militärische Logik unangefochten: Illegaler Waffenhandel und illegale Kriegsführung bleiben akzeptierte Formen der Verteidigungs- und Außenpolitik. Moderne Kriegsführung ist ohne die verschwenderische Verwendung fossiler Brennstoffe nicht möglich. Indem wir das Greenwashing des Militärs akzeptieren, legitimieren wir eine „neue“ Doktrin des militärischen Wachstums, die eine erhöhte Waffenproduktion und die damit verbundenen globalen Risiken rechtfertigt.
Wenn man die lange Geschichte lokaler Umweltbewegungen für Klimagerechtigkeit betrachtet, stellt man schnell fest, dass eine bestimmte Gruppe von Akteuren besonders auffällt: indigene Gemeinschaften, Landwirte und Pastoralisten. Alle diese Akteure sind von der Landnutzung und -bewirtschaftung abhängig, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sind in der Regel entweder sehr direkt vom Klimawandel betroffen und / oder haben eine tiefe spirituelle Beziehung zu ihrem traditionellen Grund und Boden.
Kollektive und lokale Resilienz
Wenn wir glauben, dass lokale Gemeinschaften am besten wissen, was für sie am besten ist, dann sollte das Gleiche auch bei der Klimakrise gelten: Lokale Gemeinschaften sollten ermächtigt und befähigt werden, Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass die Auswirkungen des Klimawandels abgemildert und innovative Lösungen entwickelt werden können.
Partizipative Prozesse zur Anpassung an den Klimawandel sind bestens geeignet, resiliente Gemeinschaften aufzubauen: Sie geben marginalisierten Gruppen die Möglichkeit, ihre Bedenken und Bedürfnisse zu äußern und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt und die Inklusion zwischen Gruppen zu fördern.
„Das ändert alles“!
Die drei genannten Bereiche und ihre Auswirkungen auf unser Verständnis von Gewaltkonflikten, konfliktsensitiver Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung werden in unserem Diskussionsbeitrag ausführlicher erörtert. Wir argumentieren, dass nichts anderes als eine grundlegende Transformation von «Projektlogiken» und unserem Verständnis von sozialem Wandel erforderlich ist, um den Auswirkungen der Klimakrise auch nur annährend gerecht zu werden. Geldgeber sollten bereit sein, die Finanzierung einzelner und kurzfristiger Projekte zur Anpassung an den Klimawandel zu überdenken und stattdessen in Graswurzelbewegungen, lokale und regionale Bewegungen für sozialen Wandel und Klimagerechtigkeit zu investieren.
Nur wenn wir unsere Komfortzonen verlassen, um uns aktiv für Veränderungen einzusetzen und uns indigenen Gemeinschaften und internationalen sozialen Bewegungen anschließen, können wir die Systeme transformieren, die Klimazerstörung und Klimaungerechtigkeit aufrechterhalten.