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Seit über 20 Jahren schwebt der füllige Schutzengel in der Halle des Hauptbahnhof Zürichs. Woher kommt die 1,2 Tonnen schwere und 11 Meter lange Skulptur? Und was symbolisiert «l’ange protecteur» wirklich? Unsere Autorin Luisa Aeberhard hat sich auf Spurensuche begeben und dabei auch erfahren, warum man den Engel nur mit Samthandschuhen anfassen darf.
Sie hat es nicht leicht mit ihren Übernamen. Viele nennen sie «die fette Frau» oder verkürzt «die Fette». Man betitelte sie gar schon als «Sennentuntschi mit Flügeln». Ich treffe sie in ihrer Heimstätte – einer 130 Meter langen, 42 Meter breiten und 24 Meter hohen Bahnhofshalle. Im Jahr 1871 fuhren hier die ersten Lokomotiven ein; Dampf- und Rauchwolken stiegen an die Decke. Heute sind in der Halle täglich über 400 000 Personen unterwegs, Shops und Restaurants laden zum Verweilen ein.
Sie trägt einen bunten Badeanzug. Ein Herz und ein Kleeblatt zieren den Stoff auf ihren prallen Brüsten. Selbstbewusst stellt sie ihre Rundungen zur Schau. Man kann sie nicht übersehen. Ihre kräftigen Arme und Beine sind blau – in der Farbe, die beruhigend wirkt und für Sicherheit steht. Der verhältnismässig feingliedrige Kopf ist gesichtslos. Weit aufgespannte goldene Flügel schimmern auf ihrem Rücken.
Getragen von vier Stahlseilen, schwebt die 1,2 Tonnen schwere und 11 Meter lange Skulptur rund 15 Meter über dem Boden. Das linke Bein leicht angewinkelt, scheint es, als möchte sie losfliegen und einen Tanz in den Lüften hinlegen. Ich habe das Gefühl, als wolle die Engelsfrau aus Polyester durch die Halle schweben oder sich mit einem der Züge auf die Reise machen.
Getragen von vier Stahlseilen, schwebt die 1,2 Tonnen schwere und 11 Meter lange Skulptur rund 15 Meter über dem Boden.
Die Engelsfrau – besser bekannt als «l’ange protecteur», Schutzengel des Hauptbahnhofs Zürich – ist ein Geschenk der Bewachungsfirma Securitas zum 150-Jahr-Jubiläum der SBB. Seit dem 14. November 1997 schwebt die Engelsfrau in der Bahnhofshalle und beschützt die Reisenden. Um von ihrer Geburtsstätte in die Schweiz zu gelangen, musste sie grosse Strapazen auf sich nehmen: Da die Engelsfrau ein bisschen zu viel Hüftspeck hat, wollte sie in kein Frachtflugzeug passen. In drei Teile zerlegt, wurde sie mit einem Schiff von Kalifornien über Rotterdam nach Basel transportiert. Von dort aus kam die Engelsfrau mit dem Tieflader nach Zürich – in den grössten Bahnhof der Schweiz, wo sie um 2 Uhr nachts wieder zusammengebaut wurde.
Ihre Mutter, die Künstlerin Niki de Saint Phalle, die sie auf der Reise begleitete, sei ziemlich miesepetrig gewesen. So soll sich die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin zum Beispiel über den fehlenden Gepäckservice im Bahnhof Zürich beklagt haben, was die SBB dazu veranlasste, den Portierdienst wieder aufzunehmen. Finanziert wurde dieser mit dem Verkauf von Seidenfoulards – designt von der Künstlerin.
Ihre Mutter, die Künstlerin Niki de Saint Phalle, die sie auf der Reise von Kalifornien nach Zürich begleitete, sei ziemlich miesepetrig gewesen.
Ich mustere die zwei silbernen Krüge, welche die Engelsfrau mit ihren Händen umklammert und zwischen denen drei Verbindungsdrähte rot leuchten. Es sind Lebenslinien, in denen angeblich gute Energie fliesst. Niki de Saint Phalle sagte bei der Einweihung der Engelsfrau: «Jeder möchte sich beim Reisen beschützt fühlen. Und in der Welt, in der wir heute leben, brauchen wir erst recht einen besonderen Schutz.»
2002 war für die Engelsfrau ein trauriges Jahr; ihre Mutter war heimgegangen. Zum Gedenken an die verstorbene Nana-Schöpferin trug sie für einige Tage Trauerbänder. Die bunten Nanas von Niki de Saint Phalle waren einst Symbol fröhlicher, befreiter Frauen. Später sah die Künstlerin ihre überdimensionierten Frauenplastiken als Vorboten eines neuen matriarchalischen Zeitalters: «Sie repräsentieren die unabhängige, gute, gebende und glückliche Mutter. Es überrascht daher nicht, dass sie so heftige Emotionen von Liebe und Hass in den Leuten hervorrufen.»
Die Nanas waren einst Symbol fröhlicher, befreiter Frauen. Später sah die Künstlerin ihre Plastiken als Vorboten eines neuen matriarchalischen Zeitalters.
Von der Decke tropfendes Kondenswasser, Vogelkot und der Bremsstaub der Züge machen der Engelsfrau zu schaffen. Niki de Saint Phalle verwendete für die Oberflächen Wasserfarben und verzichtete auf eine Schutzlackierung. Damit die Farbe nicht verblasst, darf die Plastik bloss mit einem Staubwedel und einem Druckluftspray behandelt werden. Drei- bis viermal pro Jahr unterzieht sie sich einer solchen Spezialreinigung, die sich jeweils nachts während rund eineinhalb Stunden abspielt. RailClean-Mitarbeiter fahren mit der Hebebühne zu ihr hoch und frischen die Engelsfrau wieder auf.
Eine Schar Touristen strömt von der Bahnhofshalle zur Tramstation. Stimmen hallen, Parfümwolken umhüllen mich. Ich fühle mich oft verloren hier, in dieser grossen Halle, wo ein Durcheinander an Gerüchen, Sprachen und Farben herrscht. Hektik gehört zur Tagesordnung.
Ich schaue zur Engelsfrau hoch – da schwebt sie, wie eine füllige Mama, die sich um mich, einen ihrer Schützlinge, sorgt und mich in einen unsichtbaren Kokon einspinnt. In dieser Hülle eingebettet, ist das Gewusel vergessen. Ich fühle mich geborgen.