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«So motiviert bin ich noch nie in eine Saison gestartet» – Heute lesen, was morgen im EA steht
Der 22-jährige Yannick Bärtschi hat vor Kurzem die internationale Schweizermeisterschaft im Supermoto auf dem zweiten Platz beendet.
Er gehört zu den schnellsten Supermotofahrern der Welt.
Lukas Schumacher
Yannick Bärtschi ist erst vor drei Jahren nach Einsiedeln und vor Kurzem nach Studen gezogen. Aufgewachsen ist er im Kanton Aargau. Er arbeitet zu 100 Prozent als Chauffeur bei der Lacher Bagger AG und lebt voll und ganz für den Motorsport. Vor Kurzem schloss er die Schweizermeisterschaft im Supermoto (siehe Kasten) als Vizemeister ab.
War der Vizemeistertitel von diesem Jahr bislang Ihre beste Leistung?
Ich wurde bereits 2019 Vize-Schweizermeister in der Kategorie Prestige. Dieses Jahr war es jedoch noch knapper auf den ersten Platz mit nur 5 Punkten Unterschied. Ich habe den Titel wegen eines Motorschadens im zweitletzten Rennen verloren. International konnte ich vom Niveau her schon bessere Resultate erreichen. Letztes Jahr fuhr ich an der Europa- und Weltmeisterschaft mit sowie in Belgien an einem Rennen, bei dem die Besten der Welt mitfahren. Dort war mein Bestresultat von 400 Piloten der 8. Rang.
Sie scheinen hohe Ambitionen zu haben. Was sind Ihre Ziele?
Ich habe in Belgien mit ein paar Teamchefs geredet und diese meinten, dass es für einen Europameistertitel reichen könnte, wenn ich so weitermache. Das möchte ich nächstes Jahr auch anstreben.
Sie fahren für das Hostettler-Yamaha-Team. Wie genau sieht das aus?
Dabei sind die zwei Gründer des Teams, wovon einer ein ehemaliger Fahrer ist und der andere Mechaniker. Ich bin über das Team angestellt und indirekt auch über die Marke Yamaha. Wir haben Leistungsverträge. Je nach Resultat erhalten wir Geld oder auch nicht.
Heisst das, dass Sie mit Ihrem Hobby auch etwas Geld verdienen?
Die Ausgaben sind eindeutig höher als die Einnahmen. Ich benötige zum Beispiel ein Wohnmobil, da ich während der Saison jedes Wochenende in Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz unterwegs bin. Rundum kostet mich jede Saison 20’000 bis 30’000 Franken, die ich selber bezahle.
Wäre es mit den Preisgeldern, wenn man immer gewinnt, möglich, seine Kosten zu decken?
Nein, eine Nullrunde gibt es nie. Ein Rennwochenende kostet mich zwischen 2000 und 3000 Franken. Wenn es gut läuft und man gewinnt, erhält man vielleicht 1000 Franken Preisgeld.
Wie sieht es aus, wenn man Weltmeister im Supermoto wird. Kann man dann vom Sport leben?
Aktuell wurde ein Deutscher Weltmeister, den ich gut kenne und ich weiss, dass er auch noch 50 Prozent arbeitet. Auch der vorherige Weltmeister arbeitete noch. Ich glaube also nicht, dass man davon leben kann. Und wenn doch, dann wäre der Lebensstandard nicht so hoch. Es ist eben schade, dass der Sport nicht so gefragt ist.
Sie blicken auf einen ganz besonderen Saisonstart zurück mit Markenwechseln …
Es war eine sehr spezielle Saison. Ich habe ziemlich spät, so um Neujahr, erfahren, dass wir die Marke wechseln müssen, von Honda auf Yamaha. Wir hatten uns aber schnell an das neue Motorrad gewöhnt und es super für die Saison bereit gemacht, sodass ich mit einem guten Gefühl ins erste Rennen starten konnte.
Das war ein Start, den Sie so schnell nicht vergessen werden. Sie haben beim ersten Saisonrennen das Feld von hinten aufgeräumt …
Bei den Trainings waren ich und mein Teamkollege mit Abstand die Schnellsten. Vor dem Quali-Rennen am Sonntag fing es an zu regnen. Wegen Corona hatten wir keinen zweiten Felgensatz dabei. Das hiess, dass wir die Pneu wechseln mussten. Dabei merkten wir, dass im hinteren Pneu ein Loch war. So mussten wir das Quali-Rennen auslassen und beim Rennen von zuhinterst starten. Für mich ist zu diesem Zeitpunkt eine Welt zusammengebrochen, denn der Sieg war zum Greifen nahe. Am nächsten Tag beim Rennen hatte ich einen solchen Ansporn, dieses Rennen zu gewinnen, da ich wusste, dass ich der Schnellste bin, dass ich nach nur 10 Minuten in beiden Läufen an der Spitze war und den Sieg sicherte. So motiviert bin ich selten in eine Saison gestartet.
Wie verlief der Rest der Saison?
Im nächsten Rennen im Hoch-Ybrig lief es weniger gut, da ich etwas nervös war wegen des Heimrennens und dem Sieg vom Vorrennen. So wurde ich dort Vierter. Danach konnte ich mich von Rennen zu Rennen steigern. Ich schaffte es konstant aber knapp, die Gesamtrangliste anzuführen. Im zweitletzten Rennen in Frauenfeld hatte ich einen Motorschaden und fiel aus. Der zweite der Meisterschaft gewann und war 25 Punkte vor mir, die ich leider nicht mehr aufholen konnte. Schlussendlich war es aber eine sehr gute Saison.
Werden Sie wieder an der WM oder EM mitfahren?
Priorität hat wegen unseres Sponsors Hostettler Yamaha klar die Schweizermeisterschaft. Dem Sponsor bringt es nicht viel, wenn wir Siege im Ausland holen. EM oder WM ist noch nicht ganz klar. Für mich spielt es keine so grosse Rolle. Beim Rennen in Belgien werde ich bestimmt wieder an den Start gehen und möchte dort auch wieder unter den besten zehn Fahrern sein. Ein weiteres Ziel ist sicherlich die Nationen-Weltmeisterschaft, wo ich bereits dreimal für das Team Schweiz an den Start gehen durfte.
Wo stehen Sie in der Weltrangliste?
Ich würde sagen, dass ich sicherlich zu den besten 30 Fahrern gehöre und einer der 10 besten in Europa, da ich letztes Jahr an der EM 8. wurde. Dafür, dass ich noch 100 Prozent arbeite, bin ich ziemlich gut dabei.
Wie trainieren Sie für die Meisterschaft?
Jetzt gerade habe ich ein zwei Monate Pause. Ab Weihnachten, Neujahr beginnt das Training wieder, indem wir sicherlich eine Woche in Spanien oder Italien mit dem Töff fahren werden. Die Ausdauer trainiere ich mit dem Rennvelo oder auf den Langlaufskiern. Ich laufe auch viel auf den Mythen hoch. Nebst der Ausdauer mache ich zu Hause Krafttraining. An den Wochenenden fahre ich oft Motocross.
Es gibt bestimmt einige, die sich nicht vorstellen können, dass es zum Motorradfahren Kraft und Ausdauer benötigt …
Ja genau, viele sagen immer, auf den Töff sitzen und Gas geben, das kann ja jeder. Die Schläge, die man während der Fahrt hat, muss man irgendwie entgegennehmen können. Es braucht brutal Ausdauer. Doch nicht nur der Körper, sondern auch im Kopf muss man fit sein, um schnell zu reagieren.
Seit wann fahren Sie Supermoto?
Meine erste Saison war 2014 mit einer 85-Kubik-Maschine. Danach wurde ich zweimal Vizemeister in der Youngster-Kategorie. Später verlor ich etwas die Lust am Supermoto und kam zurück zum Motocross, mit dem ich als Kind anfing. Nach mehreren Verletzungen setzte ich ein Jahr aus. Als ich ein neues Supermoto-Motorrad meines jetzigen Teams testen durfte, packte es mich wieder. Nach guten Resultaten in der zweithöchsten Kategorie wurde ich ins Team aufgenommen, mit dem ich heute an den Start gehe.
Hatten Sie wegen des Sports schon schlimmere Verletzungen?
Beim Motocross habe ich mir das linke Fussgelenk, das linke Handgelenk, den linken Ellbogen und das linke Schulterblatt gebrochen – keine Ahnung warum alles links (lacht). Beim Supermoto hatte ich auch schon gröbere Abflüge. Beim Training in Italien flog ich auf den Rücken, wobei eine Ecke eines Rückenwirbels abbrach.
Wann hatten Sie das erste Mal Kontakt mit dem Zweirad-Motorsport?
Schon ziemlich früh. Ich habe meinen Vater so lange gebeten und gefragt, bis ich mit etwa sechs, sieben Jahren meinen ersten Töff bekam, mit dem ich bei uns im Garten herumfuhr. Rennen fuhr ich dann aber erst mit 14.
Was gefällt Ihnen am Supermoto am besten?
Die Geschwindigkeiten und das hineindriften in die Kurven. Das ist zwar nicht das Schnellste, macht aber Spass. In der Schweiz haben wir keine festen Pisten. Wir fahren durch ein Quartier. Das ist zwar gefährlich, zwischen den Häusern zu fahren, aber spannend.
Trifft man Sie auch auf der Strasse mit dem Töff an?
Ich habe keine Töff-Prüfung (lacht), wie die meisten Supermoto-Fahrer. Dafür habe ich gar keine Zeit und kein Interesse. Wenn man am Wochenende immer auf der Piste fährt und dann plötzlich zwischen Autos und Fussgängern fahren muss … das ist dann halt nur halb so lustig. Darum probier ich es gar nicht erst. Ich fahre einfach Auto.
Noch ein Wort zum Schluss …
Ich würde gerne meinem Teamchef Alois Frei ein grosses Dankeschön aussprechen. Dank ihm bin ich jetzt da, wo ich bin. Auch meinen Eltern gebührt grosser Dank, da mein Vater mich finanziell unterstützen musste. Auch meiner Freundin möchte ich Danke sagen, die immer schaut, dass ich etwas zu Essen habe. Auch meinem Team und den Sponsoren.