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Der Übergangene: Stefano Franscini
- Mittwoch, 17. April 2013, 15:25 Uhr, aktualisiert um 17:20 Uhr
Der Tessiner Stefano Franscini war Mitglied des ersten Bundesrates nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates 1848. Beinahe zehn Jahre war er Teil der Landesregierung. Trotz seiner langen Amtszeit wurde er nie zum Bundespräsidenten gewählt.
Der 1796 in Bodio geborene Stefano Franscini wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Deshalb war er aus der Leventina nach Mailand an das erzbischöfliche Seminar geschickt worden: Es war eine der wenigen Möglichkeiten zu etwas höherer Bildung zu gelangen. Nach Abbruch der Priesterausbildung arbeitete Franscini in Mailand als Lehrer. Daneben betrieb er auf eigene Faust weitgefächerte Studien in Geschichte, Recht, Volkswirtschaft, Statistik und Pädagogik.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz veröffentlichte er zahlreiche Artikel in diversen Zeitungen und verfasste politische Schriften. Überhaupt hat es ihm die Politik angetan: Im Alter von 34 Jahren wurde er Tessiner Staatssekretär und später Mitglied der Tessiner Regierung. 1841 mauserte er sich gar zum Abgeordneten der Eidgenössischen Tagsatzung. 1848 wurde er in den Nationalrat und am 16. Dezember desselben Jahres schliesslich zum Bundesrat gewählt.
Der Aussenseiter Franscini wurde Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Inneren, ein damals als eher unwichtig betrachteter Bereich. Während seiner gesamten Amtszeit stand der Tessiner nie einem anderen Departement vor. Wäre er jemals Bundespräsident geworden, hätte er das Eidgenössische Politische Departement übernehmen müssen. Doch dieser Kelch zog alljährlich an ihm vorbei.
Vater der Schweizer Statistik und der Volkszählung
Bereits vor seiner Zeit als Bundesrat publizierte Stefano Franscini die «Statistica della Svizzera» (1828). Der junge Tessiner wollte damit seinem Heimatkanton einen Anstoss zum Fortschritt geben: Nach einer Reise nach Zürich war er zutiefst beeindruckt von der Prosperität der Limmatstadt. Mit seinem statistischen Werk wollte er den Tessinern den Spiegel vorhalten und seine Landsleute zur Aufholjagd auffordern.
Gleichzeitig liess er sich jedoch auch von der Vision einer vielfältigen, mehrsprachigen Schweiz leiten. Die Statistik diente Franscini einerseits als Träger für Informationen, welche der Autor und spätere Bundesrat weitergeben wollte, andererseits aber forderte er damit implizit eine stärkere Transparenz der Regierungs- und Verwaltungstätigkeit: Bei der Publikation der «Statistica» veröffentlichten erst sechs Kantone ihre Staatsrechnungen.
Enttäuschung in Bern
Der Tessiner in Bern machte die Statistik kurz nach seinem Amtsantritt als Bundesrat zu einer seiner Regierungsaufgaben: Er erhob diese zu einem eigenen Geschäftszweig des Departements und legte damit den Grundstein der eidgenössischen Statistik. Dabei stiess er allerdings auf wenig Gegenliebe. Immerhin wurde sein Begehren einer nationalen Volkszählung gutgeheissen, weil man ja wissen musste, wie die Nationalratsmandate an die Kantone zu verteilen waren.
Für andere statistische Unterfangen wollten seine Bundesratskollegen jedoch kein Geld ausgeben. Franscinis Anträge blieben überwiegend liegen. Erst sein Nachfolger, Giovanni Battista Pioda, konnte 1860 das statistische Amt einrichten, von dem Franscini geträumt hatte.
Mitbegründer der ETH
Als erster Innenminister des jungen Bundesstaates war Franscini die Gründung einer eidgenössischen Hochschule ein besonderes Anliegen. Mit der Gründung der ETH gelang ihm dieses Unterfangen. Die Anerkennung für seine Leistung blieb Franscini jedoch versagt, andere Akteure drängten sich in den Vordergrund.
Die Verdienste von Alfred Escher bei der Gründung des eidgenössischen Polytechnikums sind bekannt. Der Anteil Stefano Franscinis an der Gründung der ETH ist jedoch kaum dokumentiert. Bekannt ist einzig, dass sich Franscini in seinem Amt als Bundesrat offenbar so unwohl fühlte, dass er sich sogar auf einen Lehrstuhl an der ETH bewarb. Dass die Bewerbung an einer Institution, die von Franscini selbst politisch verantwortet wurde, bereits im Vornherein chancenlos war, dessen war sich der Politiker offenbar nicht bewusst.
Bis zuletzt – seinem Tod im Amt – wurde Franscini von seinen Kollegen im Bundesrat nicht geschätzt. Dies lag einerseits am Umstand, als einziger Vertreter einer Minderheit ständig gegen eine Mehrheit argumentieren zu müssen. Andererseits konnte er sich als Intellektueller nur schwer in die Gesellschaft der Politiker integrieren, die hart entschlossen waren, jedes Hindernis im Sturm zu nehmen.