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In Tschuggen findet sich eine landschaftlich heikle Situation, die den weithin sichtbaren Abschluss einer Geländekammer talabwärts bildet. Heute umfährt die Strasse das kleine Gebäudeensemble beim Tschuggen in einer S-Schlaufe und gewinnt so die Höhe der Talstufe. Der Abschnitt beim Tschuggen mit seinen für Passstrassen des 19. Jahrhunderts charakteristischen Sepertinen gehört zu den prägendsten der Strecke – und ist entsprechend seit jeher ein beliebtes Bildsujet.
Der Kanton plant, die doppelte Spitzkehre, mit der sich die alte Strasse beim Tschuggen dem Gelände anpasst, aufzuheben. Neu soll die Strasse mit einem langgezogenen Bogen nordöstlich hinter dem Restaurant bzw. zwischen dem Restaurant und der Kapelle geführt werden. Die Linienänderung wäre mit riesigen Eingriffen in die Landschaft verbunden, bedingt sie doch einen Strasseneinschnitt mit Felsabtrag sowie massive Geländeaufschüttungen. So müsste die Strasse, um den Niveauunterschied zwischen den zwei Talstufen zu überbrücken, bis zu 7 m über das bestehende Terrain angehoben werden. Die Visualisierungen in den Auflageakten offenbaren mit aller Deutlichkeit die massiven landschaftlichen Auswirkungen des geplanten Durchstichs beim Tschuggen.
Durch den unsensiblen Durchstich inkl. Verbreiterung der Fahrbahn und neuer Parkplatzplanie würde auch die Situation Weiler-Kapelle-Spitzkehren, die heute eine räumliche Einheit bildet, vollständig zerstört. Die kantonal geschützte Kapelle Maria zum Schnee wurde wenige Jahre nach dem Bau der Kunststrasse 1870 vom damaligen Besitzer der Tschuggen-Alp errichtet, steht also in funktionalen Zusammenhang mit dem 1866/67 geschaffenen Strassenverlauf und ist auf die räumlichen Verhältnisse der Zeit ausgerichtet.
Heute steht die Kapelle Maria zum Schnee rund 6 m über der Strasse. Nach dem geplanten Eingriff würde diese rund 1.5 Meter höher als die Kapelle liegen. Auch das Restaurant Tschuggen käme unterhalb des neuen Terrains zu stehen. Durch die zwischenliegende Strasse würde der enge Bezug der Gebäude zueinander ruiniert, insofern, als die beiden Bereiche Gasthaus-Kapelle in ihrer Wahrnehmung komplett voneinander getrennt würden. Weiter schwer beeinträchtigt würde das Ensemble durch den neuen Parkplatz. Die jetzige Parkierungsfläche liegt an einem diskreten Standort gleich hinter der Baugruppe und ist vom Tal her nicht einsehbar. Neu würde der Parkplatz prominent zur Schau gestellt, als wäre er eine Attraktion.
Die 1866/67 erstellte «Kunststrasse» über den Flüelapass ist im Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz IVS als Objekt von nationaler Bedeutung klassiert und mit der zweithöchsten Schutzkategorie «historischer Verlauf mit Substanz» bewertet. Die geplante Umfahrung tangiert die IVS-Schutzziele in potenziell schwerwiegender Weise.
Obwohl Kunststrassen, wie der Name besagt, mit vielen Kunstbauten und möglichst gleichmässigen Steigungsverhältnissen (bei der Flüelapasstrasse war die Vorgabe: nicht über 10%) bereits relativ prägend in die Landschaft eingefügt wurden, bilden sie mit dieser gleichwohl eine Einheit und ordnen sich harmonisch ein. Dies zeigt sich besonders schön auch beim Tschuggen. Hier findet sich eine Geländestufe, welche wegen der Vorgabe der maximalen Steigung mit einer grossen Kehre, konstruktiv unterstützt durch zahlreiche Stützbauwerke, überwunden wird. Die Strasse steht mit ihrer feinfühligen Einordnung im Dialog mit der strukturierten alpinen Landschaft. Landschaftselemente wie Felsen, Gräben, Senken, Hangpartien finden ihre Entsprechung in Konstruktionselementen der Strasse, welche heute noch ablesbar sind. Die Flüelapassstrasse nimmt zudem Rücksicht auf die Baugruppe, welche umfahren wird. Der geplante Neubau übergeht die landschaftsprägenden Kleinformen und deren Entsprechung und bildet künftig klares Primat über die traditionelle Verkehrslandschaft.
Das vom Kanton aufgelegte Strassenbauprojekt ist nach unserem Dafürhalten nicht bewilligungsfähig. Zusammen mit der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz haben wir Einsprache gegen das völlig überdimensionierte und unzeitgemässe Projekt erhoben.
Zusammen mit der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat der Bündner Heimatschutz gegen das unangemessene Strassenbauprojekt am Flüela Einsprache erhoben.
Der geplante Ausbau der Flüelapasstrasse hat ein Medienecho über die Kantonsgrenzen hinaus ausgelöst