Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03342.jsonl.gz/60

Im Januar 2016 und damit am Ende meines Schauspielstudiums angekommen, wird ein Blick zurück gewagt: Die oben umrissene Zeit zwischen Anfang 2011 und Ende 2015 ist eine sehr poli-tische Zeit. Sie ist geprägt von Revolution, Krieg, Terror, Flucht und dem Erstarken von rechts-nationalistischen Bewegungen und Parteien in Europa. All dem zugrunde liegt das gegenwärtige kapitalistische System, von dem an erster Stelle die westlichen Staaten profitieren. Ich habe in dieser Zeit meine Schauspielausbildung durchlaufen und wurde so auch von ihr geprägt. Im Sommer werde ich nun mein Erstengagement am Theater antreten.
Dieser Einstieg in die Berufswelt stellt mich, gerade im Zusammenhang mit den oben geschilder-ten Geschehnissen, vor wichtige Fragen. Meine bisherige Theaterarbeit fand, bis auf wenige Aus-nahmen, im Schutz der Hochschule statt und wurde so auch durch diese legitimiert. Natürlich wurde während des Studiums die politische Dimension von Theater thematisiert und teilweise auch erprobt, doch der Schutz der Institution bleibt. Wie geht also das Theater, da draussen, mit dieser politischen Dimension um? Ist das Theater automatisch der Spiegel der Gesellschaft? Reicht es, Klassiker immer wieder aufzuführen, jeweils angepasst auf die aktuelle politische Lage? Reichen collagierte Abende zu Pegida? Reicht es, Flüchtlingen Raum auf der Bühne zu geben, oder muss darüber hinaus mehr getan werden? Oder sollte man sich gänzlich von dieser Idee verabschieden, wie es Alvis Hermanis tut? Kurz: Ist politisches Theater an einem Stadttheater, dessen hierarchische und antidemokratische Struktur den Idealen unserer Gesellschaft in keinster Weise entspricht, überhaupt möglich? Dieser Frage will ich in dieser Arbeit anhand von René Pollesch nachgehen. René Pollesch prägt schon seit längerer Zeit die Spielpläne der grossen Theater im deutschspra-chigen Raum und "fungiert [...] als einer der zentralen Referenzpunkte der aktuellen theaterwissenschaftlichen Debatten über den Begriff des politischen Theaters."24 Sein Ansatz ist gleichblei-bend, aber unkonventionell, auch wenn sich die Zuschauer vielleicht im Laufe der Jahre daran gewöhnt haben. Doch reicht es, ein Konzept immer wieder zu wiederholen?