Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03506.jsonl.gz/838

Weiter: Ohne Gänge geht nichts
Tavoran hatte den Rest des Nachmittags bei den Gauklern verbracht. Sie hatten sich über ihre Erlebnisse im letzten Jahr unterhalten und die Stimmung war ausgelassen gewesen. Später hatte er sich verabschiedet und den Weg in die obere Stadt eingeschlagen. Er wollte den einen der Opferschreine besuchen und mit Lyndia über sein Vorhaben sprechen. Auch wenn er wusste, dass Opfergaben nicht mehr als Rituale und das Zwiegespräch nichts weiter als ein Selbstgespräch war, hoffte er, damit die letzten Zweifel an seinem Unterfangen wegwischen zu können.
Es dämmerte bereits, als er die Tore zur oberen Stadt durchschritt. Zwischen den Dächern hindurch sah er die goldenen Kuppeln des Palastes, die von den letzten Strahlen der Abendsonne erhellt wurden. Der wolkenlose Himmel versprach eine sternenklare Nacht. Zufrieden stellte Tavoran fest, dass demnächst Leermond war, der beste Zeitpunkt also, um ungesehen in den Palast einzusteigen.
Den Schrein, den er aufsuchen wollte, lag in einem ruhigeren Teil der oberen Stadt direkt am Fuße der Palastmauern. Lyndia und er hatten sich häufig hier getroffen, weil er etwas abgelegener und damit weniger gut besucht war, als die Schreine in der unteren Stadt. Und weil sich von dort aus eine atemberaubende Sicht über die Stadt und auf die fliegenden Inseln von Isfahar bot.
Er hatte es versäumt, irgendetwas als Opfergabe mitzunehmen, aber da er nicht viel auf diese Rituale gab, hatte er sich auch nicht darum bemüht, noch etwas aufzutreiben. Er gehörte nicht zu denen, die glaubten, mit Opfergaben den Ur-Geist gütlich zu stimmen oder sich bei ihm für irgendetwas bedanken zu können. Er wusste, dass die meisten Opfergaben entweder von Ratten, Füchsen oder Vögeln gefressen oder dann von Bettlern und anderem Gesindel gestohlen wurde.
Die Gassen waren noch gut belebt und die Steine strahlten die Hitze des Tages ab, als er den Weg an der Palastmauer entlang einschlug. Sie war fast zehnmal mannshoch, senkrecht und die Steine waren fugenlos aufeinander angepasst worden. Die Mauer hier zu erklimmen war unmöglich, darum hatten die Zwillingsherrscher auf auch Wachen an ihrem Fuße verzichtet.
Aber Tavoran hatte auch nicht vor, über die Mauer zu klettern. Vielleicht gab es Krähen, die es geschafft hätten, aber war nie ein guter Kletterer gewesen. Viel lieber hatte er auf die einfachste Methode gesetzt: Die Palastfestung durch eine Tür zu betreten.
Die Gasse öffnete sich und Tavoran trat in einen kleinen gepflegten Garten, der sich an die Palastmauern schmiegte. Üppige Blumen und duftende Büsche flankierten einen etwa vier Schritte breiten runden Platz, auf dem der von Kerzen und Öllampen erhellte Opferschrein stand.
Der Sockel war etwa hüfthoch und wurde von fein gemeißelten Ranken und komplexen Mustern verziert, die im flackernden Licht der Flammen aussahen, als würden sie sich bewegen. Eine flache Schale aus schwarzem Marmor stand darauf und reflektierte das rötliche Licht der Kerzen unterhalb. Das Wasser, mit welchem die Schale bis zum Rand gefüllt war, spiegelte den schwarzen Sternenhimmel.
Tavoran trat an den Schrein heran und musterte die Opfergaben. Verwelkte Blumen, abgebrannte Räucherstäbchen, schillernde Muschelschalen und kleine Schnitzereien aus Stein und Knochen lagen zwischen den Kerzen, jemand hatte ein faustgrosses geschnitztes Holzschaf an den Sockel gelehnt. Alles in allem nichts Wertvolles.
Er trat am Sockel vorbei und näherte sich der hüfthohen Mauer, die sich an die Palastmauer anfügte und den Garten zur Meerseite hin abschloss. Sie war rau, mit grob gehauenen Steinen und Fugen, aus denen kleine Gräser und Flechten wuchsen.
Warmer Wind strich ihm übers Gesicht, als er sich gegen die Mauer lehnte und den Blick nach Westen wandte. Die Stadt erstreckte sich weiter nach Südwesten, schmiegte sich an den Hügel, auf dem die Palastfestung errichtet worden war und der im Norden steil zur Küste hin abfiel.
Einer der letzten gemeinsamen Abende hatten sie hier verbracht, mit Blick auf die fliegenden Inseln, die weit draußen über der Meeresoberfläche schwebten. Niemand weiß genau, was sich dort oben befand, denn kaum einer hatte die Möglichkeit, die Inseln zu besuchen. Lyndia hatten die Inseln unglaublich fasziniert. Sie hatten sich vor mehreren hundert Jahren aus de Meer gehoben und das neue magische Zeitalter eingeläutet, ein Grund, weshalb Tavoran Lyndias Euphorie nicht teilen konnte.
»Willst du denn gar nicht wissen, was dort oben ist?«, hatte sie ihn gefragt, ihm aber keine Gelegenheit gegeben zu antworten, sondern dies gleich selber übernommen. Sie hatte versucht, ihn nachzuahmen, war aber kläglich gescheitert. »Auf keinen Fall! Wo Magie ist, setze ich keinen Fuß darauf!« Sie hatte ihn angesehen und losgeprustet, sie hatte lachend ihre Stirn an seine Brust gelegt und ihn schließlich umarmt, als sie sich beruhigt hatte.
»Im Ernst, Tavoran. Wir sollten die Stadt hinter uns lassen.« Sie hatte ihn bestimmt angesehen, das Licht der Kerzen hatte sich in ihren dunklen Augen gespiegelt und beinahe hätte er ihr zugestimmt, seine Sachen gepackt und mit ihr die Stadt verlassen.
Aber er hatte es nicht getan, und jetzt war sie tot.
Er drehte sich zum Schrein um und ging vor ihm in die Hocke.
»Es tut mir leid, Lyndia«, murmelte er. Er starrte in die flackernden Flammen und folgte schließlich mit dem Blick den Ruß, der von den Kerzen emporstieg. Eine Motte hatte sich dem Schrein genähert und umflatterte eine der Kerzenflammen. Langsam hob Tavoran die Hände, formte eine Kuhle und versuchte, das Tier einzufangen. Es flatterte nach oben und verschwand hinter dem Schrein.
»Ich hätte auf dich hören sollen.« Er schluckte hart und schwieg. Die Kerzen verschwammen für einen Augenblick vor seinen Augen, dann blinzelte er und sah wieder klar.
»Aber bald werden wir uns wiedersehen. Wir werden deinen Mörder finden und zusammen die Stadt verlassen. Das verspreche ich dir.«
Tavoran brach ab, als er Schritte vernahm, die sich ihm näherten. Er hob den Blick und erkannte Verran, der auf der anderen Seite des Schreins aufgetaucht war.
»Ist es nicht ein wenig spät, Lyndia irgendwas zu versprechen?« Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
»Ach, leck mich«, knurrte Tavoran. »Lass mich in Ruhe und verschwinde, mit dir will ich jetzt nicht reden.« Er hatte den Abend alleine und mit Erinnerungen an Lyndia verbringen wollen, er hatte sich – wieder einmal mehr – entschuldigen wollen und ihr, oder besser sich selber, einzureden versucht, dass es eines Tages leichter werden würde. Verran passte nicht in seinen Plan.
»Überhaupt, warum bist du hier?«, fragte Tavoran unwirsch.
»Ich gedenke der Toten«, antwortete Verran und zuckte mit den Schultern. »Ist das nicht offensichtlich?«
Tavoran schnaubte verächtlich. »Natürlich. Als ob du dich jemals um Tote geschert hättest.«
»Auch wenn du es nicht glaubst, Tavoran«, erwiderte Verran in gespielt gekränktem Ton, »ich kümmere mich sowohl um die Lebenden, als auch um die Toten. Du warst nicht der Einzige, der Lyndia gemocht hat.«
Er ließ sich neben Tavoran in die Hocke sinken und streckte die Hand aus. In seiner Handfläche lagen ein paar Sonnenblumenkerne, die er in eine der Muschelschalen zwischen den Kerzen fallen ließ. Tavorans Magen zog sich zusammen. Lyndia hatte Sonnenblumenkerne geliebt.
Hinter Verran tauchte eine Motte auf, die ihn umflatterte und schließlich auf eine der Kerzen zuhielt. Sie berührte die Flamme mit einem Flügel, geriet ins Taumeln und verschwand hinter dem Schrein.
Tavoran bemerkte, dass Verran ihn beobachtete.
»Was willst du?«
»Willst du das wirklich tun?«, fragte Verran und hielt eine Handfläche über die Kerzenflamme. Er verzog dabei keine Miene.
»Was?«, fragte Tavoran verwirrt.
»Lyndia wiederholen.« Verran ballte die Hand zur Faust und zog sie zurück. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«
Tavoran schnaubte und verdrehte die Augen. »Was ich vorhabe, geht dich nichts an. Ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten ein, also hältst du dich auch aus meinen raus.«
»Du hast dich also entschieden«, stellte Verran fest. Er machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Warum glaubst du eigentlich, dass ich das kann?«
»Ich bin nicht blind, Tavoran. Und schon gar nicht taub. Ich weiß, was in meiner Stadt vorgeht. Und es war nicht schwer, herauszufinden, was dein Auftraggeber von dir will.«
»Dann weißt du ja alles und es gibt nichts mehr zu sagen«, antwortete Tavoran, stand auf und machte Anstalten, zu gehen.
»Du solltest es nicht tun.« Verran war ebenfalls aufgestanden und packte Tavoran am Arm. »Du darfst den Ur-Geist nicht gegen dich aufbringen.«
Überrascht hielt Tavoran inne und lachte auf. »Seit wann kümmert dich der Lesh’Rakha?« Er riss sich mit einer energischen Bewegung los und schob in schärferem Ton nach: »Kümmere dich um deinen eigenen Kram. In ein paar Tagen habe ich die Stadt verlassen und du wirst nie wieder von mir hören.«
»Ich bitte dich, überleg es dir nochmal.«
Doch Tavoran hatte keine Lust mehr, sich auf diese Diskussion einzulassen, und drehte sich ab. »Lass mich in Ruhe«, zischte er. Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte davon.
»Ich habe dich gewarnt, Tavoran«, rief ihm Verran hinterher. »Du solltest dich weniger um die Toten, als viel mehr die Lebenden kümmern, solange du noch kannst.«
Weiter: Ohne Gänge geht nichts