Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/3609

Pfähle im See, Gefässe und Speerspitzen – jungsteinzeitliche Zeugnisse können heute fundiert ausgewertet werden, wie 2017 am Sechseläutenplatz in Zürich eindrücklich demonstriert. Das war zu Lebzeiten von Ferdinand Keller, dem „Entdecker der Pfahlbauten“, anders. Nach den spektakulären Funden 1853/54 vor Meilen im Zürichsee waren er und andere Forscher angetrieben von fast missionarischem Eifer, weitere solche archäologische Stätten zu orten. Doch womit hat sich Ferdinand Keller vorher befasst?
Tauchen wir ab ins Jahr 1844. Wir erreichen das Seeufer, ein Mikroskop und Ferdinand Keller an einem noch recht kühlen Tag Anfang April.
„Ich habe schon viele Male vermittelst eines kleinen Instrumentes den Wasserschaum an den Ufern untersucht und nun … die Untersuchungen wiederholt. Ich bin fest überzeugt, dass im Schaum, der von der Mitte des Sees her nach dem Ufer getrieben wird und durch das Überstürzen der Wellen bei Wetteränderung entsteht, keine Infusorien sich befinden, wenigstens nicht im Zürichsee und nicht im Anfang April oder gar schon im März – … Mir kommt es vor, als wäre die ganze Schaumthierchengeschichte, die Desor, wenn ich nicht irre, den Wanderfreunden aufgetischt hat, eitel Lug und Trug…“
Das Mikroskopieren mit Seewasser brachte den kritisch hinterfragenden Keller zu einem anderen Schluss als Forscher es in zeitgenössisch neuesten Untersuchungen postuliert hatten. Die Wasserprobe von Keller zeigte keine rote oder anderweitig interessante Materie, wie Eduard Desor sie 1844 in seiner Veröffentlichung der geologischen Alpenreisen Agassiz‘ und seiner Freunde beschrieb. Desor wirkte als Sekretär des Naturforschers Louis Agassiz an den richtungsweisenden Forschungen über Gletscher und Alpen mit. Seine Ausführungen – folgen wir dem Text der deutschen Übersetzung von Carl Vogt (S. 234) – enthielten unter anderem die Schilderung, dass „in allen kleinen Löchern auf den Felsen“ in der Nähe des Rosenlauigletschers, welche Wasser enthielten, eine rothe Materie“ zu finden sei, die „ganz derjenigen glich, welche man im Frühling und Sommer in den Höhlungen des Kalksteins am Ufer des Neuenburger See’s findet.“ So habe sich Agassiz und seinen Freunde die Frage aufgedrängt: „Sollten es vielleicht dieselben Infusorien sein?“ Was als Probe bis auf die Grimsel mitgenommen und dort durch das Mikroskop begutachtet wurde, habe die Freunde überzeugt, dass sie sich „nicht geirrt“ hätten, so der Bericht Desors.
Nun stand Ferdinand Keller also in Männedorf am Ufer des Zürichsees und hatte sich dank eines von Arnold Escher zur Verfügung gestellten Mikroskopes noch einmal eindeutig davon überzeugt, dass es sich seiner Meinung nach um einen See ohne „Infusorien“ aus der Seemitte handelte.
Keller unterteilte seine Proben in seemittiges Wasser und in ufernahes Wasser. Für letzteres kam er dann doch zu folgendem Schluss:
„Sobald aber der Schaum das Ufer erreicht und sich auf organische Substanzen, die das Ufer bedecken, hinlagert, krabbeln die Thierchen hinein und erfüllen ihn. Es sind aber alsdann nicht Schaumthierchen, sondern Thierchen, die sich an den verfaulten Holz- u Schilftheilchen und überhaupt in der organischen Materie, die am Ufer liegt, entwickelt haben. Da ist es dann freilich leicht möglich, dass mit jedem Monat andere Formen erscheinen.“
Sogenannte Infusorien, Kleinstorganismen wie beispielsweise Pantoffeltierchen, waren damals vom deutschen Zoologen und Mikrobiologen Christian Gottfried Ehrenberg erstmals systematisch erforscht und 1838 in „Die Infusionsthierchen als vollkommene Organismen“ grundlegend beschrieben worden. Es war für viele seiner Zeitgenossen ein Novum, welche Welt sich hier auftat, für Naturforscher faszinierend – für Laien mitunter beängstigend, denn es war eine Welt, die „nur mit Hülfe vergrössernder, die Sehkraft verstärkender Gläser“ erfahrbar war.
Abb 2: Kleinstorganismen, im 19. Jahrhundert erstmals systematisch untersucht, waren sowohl Anlass für Hygienekampagnen als auch Ausgangspunkt für eine neue Formensprache in der Kunst – Ausschnitt aus der Tafel VII, „Astasiaea“ aus: Ehrenberg, Infusionsthierchen, Atlas, 1838, ETH-Bibliothek Zürich, Alte und Seltene Drucke, Rar 977 fol.
Die Resultate zur Analyse des Seewassers waren nicht das einzige, was Ferdinand Keller seinem Freund Arnold Escher, Geologieprofessor in Zürich, im Frühling 1844 übermitteln wollte. In seinem vierseitigen Brief sprang Keller locker von einer Beobachtung zur nächsten und blieb dabei in verblüffender Weise dem Generalthema Wasser treu, wohl eher ohne dies explizit zu beabsichtigen. Was er beobachtet hatte, brachte er in schnellen, präzisen Beschreibungen zu Papier und wurde doch dem Medium Brief gerecht, indem er Neuigkeiten aufnahm und kurze gesellschaftliche Mitteilungen mit einfliessen liess.
Im hier näher betrachteten Schreiben wechselte Keller vom Wasser im See zu Wasser über dem See – zu Wasser allerdings, das sich in anderem Aggregatszustand befand.
„Wolken oder Nebel, die am Morgen bei Fönwind oder Nordwind entstehen und gegen Mittag wieder verschwinden, heisst der Schiffer hier Fönebock und Bisebock. Ihr flockiges, wolliges Aussehn und ihre weisse Farbe (man hat natürlich an Schaf- und nicht an Gemsböcke zu denken) und der Umstand dass sie unbeweglich am Himmel stehen bleiben, plötzlich aus dem Blau heraustreten und plötzlich wieder verschwinden, hat ihnen diesen Namen erworben. Wir müssen ihn in der Schriftsprache einführen.“
Keller dokumentierte hier mit Begeisterung einen zürichdeutschen Ausdruck und hatte nicht die Verwandlungskünste des Wassers per se im Auge, sondern das Sammeln, Sichten und Interpretieren, wie es die Antiquarische Gesellschaft Zürich, ganz Gesellschaft des 19. Jahrhundert, bezweckte. Die von Ferdinand Keller präsidierte Antiquarische Gesellschaft war 1832 von ihm gegründet worden, ein Jahr nach seiner Rückkehr aus England, wo er vier Jahre als Erzieher gewirkt hatte. Kellers hier sozusagen in kleinster Einheit überlieferte Sammlungsinitiative von dialektalen Begriffen steht stellvertretend für das Erfassen, Veranschaulichen und Erläutern, wie es bald darauf das wissenschaftliche Unternehmen „Schweizerdeutsches Wörterbuch Idiotikon“ von der antiquarischen Gesellschaft als Auftrag in die Wiege gelegt bekam.
Der Gründervater der schweizerischen Archäologie beschäftigte sich schon in Grossbritannien und anschliessend in der Schweiz mit urgeschichtlicher Forschung und intensivierte unter anderem zusammen mit weiteren Mitgliedern seiner Gesellschaft das Erfassen und Einordnen neu entdeckter Fundstücke, die in Stadt und Land aus der Vorzeit überdauert hatten. Was sich an Einblicken in die Vergangenheit ergab, wurde regelmässig publiziert. Ziel der Suche nach wissenschaftlich interessanten Funden und Fragen waren topographische Merkwürdigkeiten, landwirtschaftliche Flächen und bewohntes Gebiet. Dabei waren für Keller Argumentationen unter Einbezug der Naturwissenschaften nach damals neustem Forschungsstand ein überzeugendes Vorgehen und für die Entwicklung der wissenschaftlichen Archäologie zukunftsweisend.
Auf der dritten Seite des hier fast vollständig zitierten Briefes befasste sich Ferdinand Keller mit einem meteorologischen Thema. Diesmal fesselten ihn atmosphärische Phänomene rund ums Wasser.
„Mein Vetter hat mich auf eine eigene Erscheinung aufmerksam gemacht. Wenn Nordwind weht, überhaupt die Luft hübsch rein und frisch ist, hat der Springbrunnen in seinem Garten [eine sprudelnde] Form. … Das Wasser sprudelt auseinander, kräuselt sich hübsch, das Geräusch ist hell, es bilden sich eine Menge Blasen. Bei Wetteränderung und vor einem Gewitter … wenig Geräusch, Wasser wie Oel keine Blasen. Mein Vetter und Herr Bär und Maler Billeter haben diesen Unterschied, wie sie mich versichern, schon unzählige Male beobachtet.“
Abb 3: Wasser war Impulsgeber und unentbehrliches Terrain für den Altertumsforscher Ferdinand Keller – ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC1903-008-001 / CC BY-SA 4.0
Sonne, Luft, Wasser, Erde – wie sich das Wettergeschehen selbst am Wasser des Springbrunnens manifestierte – für Ferdinand Keller waren der wache Blick und die Beobachtung, die mit grosser Selbstverständlichkeit naturwissenschaftliche Fragen einbezog, kennzeichnend. Es mag Zufall sein, dass der Fokus des Briefverfassers wiederum auf dem Wasser lag. Es kann vermutet werden, dass das lebensspendende Element ihn ganz besonders anzog. Schlüssig beweisen lässt sich dies nicht. Sicher ist, dass Seewasser zuerst die urgeschichtlichen Spuren, die Kellers Lebenswerk so entscheidend prägen sollten, bewahrte, und dass die Welt des Wassers sie schliesslich zu seinen Lebzeiten zuhanden seiner Interpretation freigab.
Weiterführende Links:
Die Korrespondenz von Ferdinand Keller an Arnold Escher umfasst 19 Briefe, die im Hochschularchiv der ETH Zürich im Nachlass von Arnold Escher aufbewahrt werden und die online publiziert sind.
Archäologische Grabung Parkhaus Opéra beim Sechseläutenplatz durch Stadt und Kanton Zürich: Filme und Publikationen, realisiert bis 2017