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Vorfahren väterlicherseits
Heinrich Marfurt und seine Frau
Die Vorfahren väterlicherseits waren aus dem Hinterland Luzernts. im 19. Jahrhundert mussten die Männer, jedenfalls stelle ich mir das vor, ins Militär. Damit konnten sie, vielleicht nur einmal im Leben, in eine wirgliche Stadt! Es war nicht eigentlich weit zu einem anderen Hof, aber die Frauen hatten auf die Kinder aufzupassen, zu kochen, die Hühner rauszulassen oder am abend wieder einzusperren, den Schweinen Essensreste zu geben, zu waschen und wieder zu kochen. Wenn sie sich eine oder zwei Mäkdte leisten konnten, dann konnten sie auf zwei oder drei Stunden besuche machen, vorausgesetzt sie hätten gewollt.
Ein oder zwei mal pro Jahr konnten sie den Markt von Willisau besuchen, das neueste an Kleidern und Tüchern befühlen, auch ein bisschen Tanzen, die Strassen bewundern, die so gerade waren und mitten durchs Dorf oder Städtchen gingen. Ein Rathaus und fünf sechs zwei oder dreistöckige Häuser gab es. Einen Arzt, einen Lehrer und häufig im Nebenamt noch Posthalter, einen Bürgermeister und einen ehrenamtlichen Friedensrichter! Ja, und am Abend waren sie wieder daheim.
Die Männer hatten es, naja leichter. Wenigstens konnten sie hie und da in die Beiz, konnten politisieren, noch ein Schöpplein oder auch mehr trinken. Wenn sie dann heimkamen - falls sie überhaupt so weit kamen -, sangen sie vielleicht und weckten die Frau, um das zu machen, was Männer machen, wenn sie angeheitert waren. - Die Männer gingen auch in das Wirtshaus,wenn sie's nicht mehr aushielten, das geplärre der Kinder oder das Gejammer der Frauen.
In Wollhusen war Heinrich Marfurt bekannt und geachtet. er war Wirt in der 'Eintracht' und Friedensrichter. Heinrich Marfurt und seine Frau sind um 1860 herum geboren worden. Sie hatten drei Töchter und einen Sohn. Schosie, meine Grossmutter, hatte ein herzliches Verhältnis zum Vater. Im Gegensatz zum Vater war die Mutter selten zu sehen. Sie hielt sich viel im oberen Stock des Hauses auf. Sie war schwerhörig und kränkelte. Sie strickte oder half die Wäsche zusammenzulegen. Die Kinder hatten wohl nicht so viel Kontakt zu ihr, aber sie bemitleideten sie und sie halfen ihr, wo sie konnten.
Schosi, 1899 bis 2000, meine Grossmutter, lachte viel, die älteste, Mimi, lachte nie. Sie musste die Wirtschaft führen, wenn Heinrich Marfurt nicht da war. Die anderen mussten noch in die Schule. Seltsam das der Bruder nie erwähnt wird, aber es gab ihn. Jahrelang war er in Paris. In den 1930er Jahren kam er nach Wollhusen zurück und eröffnete ein Kleidergeschäft für Damen. Ich glaube, es war nicht eine Beziehung wie sie andere hatten, aber äusserlich merkte man Heinrrich nichts an. Man grüsste sich, wenn man ihn auf der Strasse sah, und man lud ihn ab und zu zum Essen ein. Heinrich starb wahrscheinlich in den fünfziger Jahren.
Nach einem halbjährigen Welschland-Aufenthalt als Au Pair-Mädchen besuchte Schosi eine Haushaltsschule bei Klosterfrauen in Menzigen, die ihr Sittenlehre, gutes Benehmen und Haushaltführung beibrachten. Wieder daheim, musste auch Schosi in der Gaststube und in der Küche helfen. Schosi war jung und schön, und die Männer hatten sie gern. Sie lachte viel, aber anbändeln, nein, das tat sie nie. Auch Heinrich, der Vater, duldete das nicht.
Heinrich war auch den Gästen gegenüber streng. Wenn einer zu viel getrunken hatte, so musste er gehen, oder er wurde vor die Tür gesetzt und bekam eine Zeitlang 'Beizenverbot'. Auch gegen die Kinder konnte Heinrich Marfurt streng sein, aber gerecht war er, erinnerte sich Schosi.
Schosi habe beim Servieren natürlich mitbekommen, erzählt Hans Näf, wie die Männer von ihren Frauen und von den Weibern überhaupt redeten. Das hätte sie derart angewidert, dass sie „keinen von denen" heiraten wollte, sicher keinen von Wolhusen. Aber dann kam einer, der anders war als andere. Er war ein 'Auswärtiger'. Ein Pöstler, also ein Herr Postbeamter. Er gefiel Schosi, und Schosi gefiel Johann.
Johann Näf und Schosi Näf Marfurt
Johann Näf kam aus dem Nachbardorf Menznau. Er war 11 Jahre älter als Josefine Marfurt (1888 bis 1982) . Der Vater Näf war Lehrer und Postangestellter in Menznau. Er starb 1900 . Die Mutter übernahm die Post, allerdings musste sie erst in der Postdirektion Bern nachfragen. Sie hatte unteranderem geschrieben, dass sie und die zwei Kinder ins Armenhaus müssten, wenn sie Armengenössig werde. Die Kindheit war damit für Johann Näf zu ende. Er musste jetzt der Mutter beistehen, Telegramme und Briefe austraghen, Pakete bringen und was alles noch anfiel. Der jüngere Bruder, Adolf Näf, war nicht so wie sein älterer Bruder. Auch in späterer Zeit musste Johann Näf immer wieder nach Menznau fahren, weil Adolf depressiv war, weinte und sich umbringen wollte. Tatsächlich hat er sich umgefähr mit 70 umgebracht.
Johann war in der Schule gut, und so kam er in Wilisau in die Sekundarschule. Man erzählte sich, dass Johann die Fahrt mit dem 'Hutteler' durch Geigen verdient habe. Nachher begann er wie der Vater Näf und später seine Mutter, eine Karriere als Postbeamter, der er bis zu seiner Pensionierung 1953 treu blieb.
Johann Näf war zwar ein eher ängstlicher Mensch, aber in der Freizeit entdeckte er das Velofahren und das Schielaufen. Das Skilaufen war das neueste von neuen.Man bekam richtige Schier damals erst in Norwegen! Also bestellte er sie in Norwegen. Allerdings erzählte er nie vom Skifahren. Vielleicht hat er gemerkt, dass es nichts für ihn ist. Das Fahrrad brauchte er noch bis ins hohe Alter.
Eine ernstere Sache war englisch zu lernen. Er dachte sich, wenn er Englisch könnte, dann hätte er vielleicht mehr Chancen in der Post aufzusteigen. Also ging er ein halbes Jahr nach England. Die Vorgesetzten erlaubten es unter der Bedingung, dass sie ihm keinen Lohn bezahlen müssen. Dann kam der erste Weltkrieg.
Johann Näf war vier Jahre Grenzsoldat, zuerst im Tessin und dann in der nähe von Basel. "Wir mussten vom Tessin nach Basel fast die ganze Strecke zu fuss gehen. Im übrigen war Es langweilig, sehr langweilig und sinnlos! Nach dem Krieg konnte er auf dem Rigi sein Englisch praktisch einsetzen , weil man dort in der Saison auch eine Post installierte und man eines Postbeamten brauchte, der englisch konnte. Da hatte er also mehr Glück als im Krieg.
Noch mal zwei oder drei Jahre später versetzte man ihn in das Dorf Wollhusen. Im Restaurant 'zur Eintracht' trank er ab und zu einen Kaffee, und traf auch eine junge Frau, die dort Bediente, offenbar eine der Wirtstöchter. . Er erkundigte sich nach dem Nahmen des Fräuleins. Sie gefiel ihm! Man kam ins Gespräch. Der Vater Marfurt erlaubte ihnen, spatsierenzugehen, 'aber mach mir nicht ein Kind'! Nach dem Herr Näf sicherheitshalber noch ein grafologisches Gutachten machte und die oberen Zähne – vielleicht waren es auch die unteren – gezogen waren, heirateten Schosi Marfurt und Johann Näf 1923. im August 1925 kam ein Büblein zur Welt, und ein Mädchen kam zweieinhalbJahre später, also 1928. Sie gaben ihnen den Namen Hans und Martha.
Hans Näf
Hans Näf war ein aufgewecktes Kind. 'Ich habe viele Erinnerungen an meine Kinderzeit in Wolhusen', erzählt er. 'Mittags musste ich, bevor der Vater vom Dienst heimkam, essen und dann schlafen. Einmal ass ich, während die Mutter kochte, bei ihr in der Küche, sass auf einem kleinen Schemel, vor mir ein Tabourettli mit einem Teller Suppe drauf. Wir waren beide fröhlich und übermütig. Ich trommelte mit dem Löffel in die Suppe und verspritzte sie. Die Mutter reklamierte dauernd, aber ich wollte keine Suppe essen, sondern ein Dessert haben. Irgendwann drohte ich: „Wenn ich gross bin und du klein, kannst du die Suppe essen, und ich esse das Dessert".'
"Den Kindergarten besuchte ich nur einen halben Tag', erzählte Hans ein anderes mal. ' Am Mittag kam ich völlig verschreckt nach Hause. Ich hatte Angst vor der schwarzen Frau mit der riesigen Haube und vor den vielen Kindern. Dazu war es dunkel im Raum, und ich fürchtete mich vor dieser Finsternis. Zum Glück hatte ich Läuse aufgelesen, sodass auch meine Mutter fand, das seien Gründe genug, den armen Hansi nicht weiter zu plagen. Wahrscheinlich war sie froh, mich noch zu Hause zu haben, denn ich war für sie ein fröhlicher, unternehmungslustiger und unterhaltsamer Gefährte.'
Auch wenn man Hans ins dunkle Kämmerli sperrte, empfand er das nicht als Strafe, obwohl er im Finstern alleine war. 'Ich setzte mich auf einen Berg schmutziger Wäsche und schlief friedlich, bis mein Vater heim kam, mich kitzelte und weckte.'
'Vom Haus aus', erzählte er, ' führte der Weg zum Schulhaus an der Post und an einer Käserei mit Schweinezucht vorbei. Als ich einmal nach der Schule mit Werni B., dem Schulfreund der ersten Klasse, heimging, stand vor dem Postbüro ein Pferd, das vor einen Karren gespannt war und auf den Meister wartete, der in der Post zu tun hatte. Ich stieg auf das kleine Trittbrett, ergriff die Zügel, die zum Kopf des Pferdes führten, zog daran und schrie: „Hühü", worauf das Pferd auf der Dorfstrasse wild zu rennen anfing. Das hatte ich natürlich nicht vorausgesehen und rannte ebenfalls, aber nach Hause. Am Abend erzählte der Vater beim Essen, dass jemand ein Pferd losgejagt hätte und man es nur mit Mühe am Ende des Dorfes hätte stoppen können. Dabei schaute er mich immer wieder fragend an, sodass ich am Schluss zugeben musste, dass ich der Jemand gewesen sei. Dafür bekam ich wie üblich „Kämmerli" und wieder schlief ich ein, und wieder weckte mich der Vater, indem er mich am Knie kitzelte.'
Hans Näf ging in die erste Klasse als die Familie aus Wollhusen nach Kriens zog. Johann Näf wurde jetzt Postbeamter in Luzern. Er hatte mehr Verantwortung, aber auch, so vermute ich jedenfalls, mehr Sorgen. Hans blieb noch in Wollhusen um die erste Klasse fertig zu machen. Wahrscheinlich war es die erste Trennung von den Eltern.
Martha ging jetzt auch in die Schule. Die Mutter blieb zu Hause, kochte, kaufte ein und was der Dinge mehr waren. Sie arbeitete nie ausser Hauses. Allerdings gab es zu der Zeit im Garten und im Haus auch viel mehr zu tun als heute, wo es eigentlich nicht mehr möglich ist, einfach so zu hause zu bleiben.
Mit Hans diskutierte man inzwischen, was für ein Gymnasium in Frage kommen würde. Der Vater war kathegorisch gegen das öffentliche Gymnasium in Luzern. "in der Stadt machst du nur seich. Ich hab's ja gesehen, wie die Buben sich im Tram aufgeführt haben!" Man einigte sich schliesslich auf Engelberg. Herr Schwegler und Johann Näf hatten es sich angeschaut und für Gut befunden. Hans freute sich und bald vermisste er die Kinder in Kriens nicht mehr.
Die Schule in Engelberg, sie machte man nebenher! Rauffen und versteckspielen, und schon bald Sport, klettern und Skifahren waren die Hauptbeschäftigungen;und Bücher und Heftlein – anständige und unanständige und nächtelange Gespräche waren viel wichtiger als Latein und Griechisch zu büffeln oder mathematische aufgaben zu lösen. Dann kam der zweite Weltkrieg. Man musste die Schweiz einmal mehr verteidigen.
Im August 1940 Versammelten sich der General und die Kader im "Rütli" am Vierwaldstättersee und beschlossen, die Schweiz - auch gegen die Mehrheit der Bevölkerung – militärisch zu verteidigen. Tatsächlich waren Marcel Pilet-Golaz und andere Bundesräte vorallem 1940/41 noch sehr deutschfreundlich. Die Jungen in Engelberg und in der ganzen Schweiz waren Begeistert, weil sie jung waren. Die älteren zweifelten. Ein solcher Krieg würde nicht sein wie andere Kriege. Es konnte nicht gut gehen. Das Blatt wendete sich. Die deutschen Truppen zogen sich ab 1942/43 immer schneller zurück, und Anfang Mai 1945 war der Krieg in Europa zu Ende. Fümf Monate später kapitulierten auch die Japaner.
Hans Näf machte die Rekrutenschule im Herbst 1945. 'Ich erinnere mich, dass wir am abend über den Drill und das ewige Exerzieren fluchten, aber am nächsten Tag standen wir wieder in Reih und Glied und erwarteten unsere Befehle', sagte er später. Aber nach und nach merkte Hans, dass man auch diskutieren konnte und musste, um die Drillschule alten Stils in eine moderne Armee zu verwandeln. Er war bemüht, zu verstehen, nicht zu polarisieren. Ein anderes ereignis aus der Zeit waren die Zerstörungen vorallem in Deutschland.
Hans und andere hatten schon ende 1944 Berichte von Konzentrationslagern gelesen, Artikel von in Trümmern liegenden Städten, ausgehungerten Menschen, Kinder, die ihre Eltern suchten ... aber das mit eigenen Augen zu sehen, zum ersten Mal mit dem Motorrad mit Edi zusammen 1946 oder 1947, das war etwas anderes: grässlicher und schöner zugleich. Hoffnungsvoller darum, weil die Menschen nicht aufgegeben hatten! Grässlicher, weil viele Menschen nicht mehr da waren, und ganze Städte in Trümmern lagen.
Hans ist mit Begeisterung Skigelaufen und geklettert. Er sagte einmal, dass er und ein Freund einfach so auf's Matterhorn gegangen seien, über's Wochenende, auf dem Motorrad. Es war damals leicht, jetzt müsse man sich fast anmelden, dass man überhauft rauf komme. Damals lernte er auch Annemarie Clémann kennen, seine kümftige Frau. Sie bewies ihm, dass sie auch Skilaufen und Klettern könne. Er beschloss, sie zu heiraten, was sie auch sagen würde.
Er studierte in Zürich, Paris und Basel Philosophie und Psychologie. Mehr und mehr war er an allem Interessiert was mit Menschen und seinem Verhalten zu tun hatte. Aber da es damals noch wenige oder keine Psychologen gab, man trieb das als Hobby nebenher!, arbeitete er 1952 bis 1959 als Sekundarlehrer in Reiden und Meggen. . Als 1959 die erste Stelle als Schulpsychologe geschaffen wurde, bewarb er sich und begann in Basel seine Arbeit.
"Am 6. Februar 1953 fuhren Mimi und ich, begleitet von einigen Freunden, nach Genf um zu heiraten. In Genf wohnten nämlich Mimis Mutter, ihre Schwester Rosi, die bei der internationalen Flüchtlingsorganisation arbeitete, und Marthe, die für eine kirchliche Organisation tätig war. Meine Eltern und Verwandten blieben der Hochzeit fern. Als Katholiken konnten und wollten sie nicht dabei sein, wenn ich reformiert heiratete. Es betrübte sie sehr, dass ich dem Katholizismus dadurch den Rücken kehrte, aber sie hätten sich selber verraten und wären ihrem Lebensraum, in dem sie auch religiös sehr integriert waren, untreu geworden. ... Als Hochzeitsreise machten wir in den Osterferien in Begleitung von Franco eine Skitour von der Göscheneralp nach Airolo. Anschliessend fuhren Mimi und ich auf dem Motorrad nach Elba. Dort genossen wir jeden Tag an einem anderen Strand Wasser, Sonne und Liebe. Eigentlich hatten wir geplant, die nächsten zwei Jahre kinderlos zu bleiben, aber bald nach Elba war Mimi schwanger. Als wir wieder in der Schweiz waren, räumten wir unser Zimmer in Basel und richteten uns im Oberland in Meggen in einer 2-Zimmerwohnung ein. Mimi gab ihre Stelle beim Arzt in Zürich auf, wurde Hausfrau und Praxis-Assistentin eines überforderten Sekundarlehrers."
Sie wohnten von 1953 bis 1959 in Meggen, damals ein kleiner Ort am Vierwaldstättersee. Als die Frau Näf-Clémann das zweite Kind bekam stellte man ein halbes Jahr später fest, dass etwas mit den Augen des Kleinen nicht stimmte. Damals war Hans in Korea. Man konnte nicht einfach so nach China, aber Korea war nahe, und es interessierte Hans wie Annemarie in China aufgewachsen und was sie gemacht hatte als sie noch in China lebte. Auch die Grenze Nord- und Südkoreas zu überwachen machte sinn, denn man chinierte sich in der Schweiz ein bisschen, dass man im zweiten Weltkrieg so glimmflich davongekommen war. Annemarie hatte dem Hans gegenüber in Briefen Andeutungen gemacht, aber erst als Hans wieder in der Schweiz war, erzählte sie, dass sie inzwischen im Spital war, und erfahren hatte, dass der Martin wirkliche Augenprobleme hatte.
Copy 2019, Martin Näf