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Aktualisiert: 13. Aug.
Die heutige Bachstrasse ist ein eher kümmerlicher Zeuge einer einstmals stolzen Siedlung. 1667 zeichnete der Kartograf Hans Conrad Gyger auf seiner Zürcher Kantonskarte die Siedlung «Köchli-Hüser», die einige Häuser am Bach, am Weg entlang des Bachs umfasste. Schon 1504, als Teilnehmer beim Glückhafenspiel, waren Köchli am Bach zuhause. Mitgeboten hatten «Hans Köchlis Tochter am Klotterbach» sowie «Cunratt, Agnesli und Hartman Köchli am Klottersbach» (Blog GLÜCKSSPIELER). Und 1634, im ersten Bevölkerungsverzeichnis von Wollishofen, erscheint sogar ein «Seckelmeister» Köchli! Dieses Amt, sozusagen der Finanzvorstand der Gemeinde, war neben dem Untervogt das wichtigste im alten Wollishofen. Der Seckelmeister war Jörg Köchli mit Barbel Bleuwlerin und den zwei Söhnen Hans und Hans Jacob sowie fünf Enkeln. Wieviele Häuser 1504 bzw. 1634 zum Weiler am Bach gehörten, ist unklar.
Anfangs des 19. Jahrhunderts war der Weiler stattlich. Es standen da fünf Häuser, zwei davon als «Doppelt Wohnhaus», also mit zwei Küchen und (mindestens) zwei Familien. Die im Verzeichnis der Brandversicherung 1812 notierten Häuserwerte zeigen auch, dass es sich teils um habliche Liegenschaften handelte, ihre Werte lagen zwischen 900 und 4000 Gulden. Das teuerste gehörte einem Rudolf Bleuler, auch Vieharzt Jacob Baumann besass ein Haus am Bach, ebenso ein Caspar Hausheer – und zwei Köchli, ein Heinrich und ein Caspar. Letztere waren wohl Nachkommen jener Familien, die im 16. und 17. Jahrhundert der Siedlung den Namen gegeben hatten.* Sogar unser Gewährsmann Conrad Escher traf 1906 noch auf einen Köchli, der am Bach wohnte: «Im Vorbeigehen wollen wir noch eines Mannes gedenken, der „am Bach" wohnte. Es ist dies J. J. Köchli, der im Jahr 1891 starb. Er war ein tüchtiger Beamter der Nordostbahngesellschaft und in der Lesegesellschaft geschätzt und beliebt. Köchli bekleidete in derselben auch mehreremale die Stelle eines Präsidenten. Er war ein offener und gerader Charakter und ein kurzweiliger und geschätzter Gesellschafter.» Die Köchli gingen mit der Zeit.
Den Weiler Am Bach erkennt man auf der Wildkarte der 1840er Jahre noch deutlich, mit Zentrum am Übergang der Landstrasse über den Bach, etwas nach Norden und Süden ausgreifend, aber deutlich abgegrenzt vom Haumesser auf der einen, vom Rumpump auf der andern Seite.
Wildkarte 1840er. Ausschnitt Wollishofen Am Bach. Sammlung MZ.
Doch die Wildkarte zeigt schon Innovationen des 19. Jahrhunderts, die die alte Siedlung der Köchli-Häuser noch nicht kannte: Eine ausgebaute Landstrasse gegen den Albis hin – die heutige Albisstrasse – sowie eine neue Strasse entlang dem See, nahe am Ufer – vorher ging die Landstrasse über den Kilchbergsteig an der Kirche vorbei der heutigen Kilchbergstrasse entlang gegen Süden. In früherer Zeit war aber die Fläche gegen den See hin noch völlig frei und unverbaut. Und zum See, zur Ziegelhütte am See, führte nur ein Fussweg. Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts, und nochmals mit dem ersten Eisenbahnbau 1875. Da wurde der See zurückgedrängt, Häuser rückten näher zum See, die Bachstrasse wurde vom Fussweg zur fahrbaren Strasse ausgebaut, an der auch neue Häuser zu liegen kamen.
Ein erstes neues, «modernes» Gebäude im fraglichen Geviert zwischen der alten Siedlung Am Bach und dem zurückgedrängten See wurde für eine technische Firma, für eine «Masch.-Fabrik», 1892 erbaut. Adresse: Bachstrasse 8. 1898 wurde sie erweitert. 1927 waren es die Gebrüder Gauss, die dort Maschinen und Werkzeuge herstellten und einen Handel mit Alteisen führten. Später kam die Franz-Garage ins Fabrikgebäude. Aber eben: unlängst abgerissen!
Bachstrasse und Bahnhofsviertel. Foto: Papeterie Fischer. Sammlung MZ,
Gelaufen 12.3.1901. (Vgl. auch Blog Papeterie Fischer)
Vis-à-vis, wo heute die «Weisse Fabrik» steht, war noch freies Gelände. Dieses wurde indessen auch schon bald genutzt: Im August 1908 bewilligte die Bausektion des Zürcher Stadtrates dem Glasermeister und Fensterfabrikanten Johann Georg Kiefer, der vorher in Riesbach einen Betrieb geführt hatte, die Errichtung einer Fabrik und eines Wohnhauses, Bachstrasse 9-11 und 15. Auf der Landkarte der Schweizer Landestopographie sind die beiden Gebäude 1913 erstmals zu sehen, aber schon 1911 wurde die Fabrik betrieben. Das wissen wir aus einem eher unglücklichen Anlass. Glasermeister und Fensterfabrikant Kiefer, ein gebürtiger Württemberger, der 1893 in Riesbach eingebürgert worden war, war offensichtlich ein Chef alter Schule. Er wollte keine «organisierten Arbeiter», also keine Gewerkschafter in seiner Belegschaft. Als er 1911 dennoch solche entdeckte, griff er umgehend zum härtesten Mittel und entliess die fraglichen Männer. Das liessen sich diese und die Gewerkschaftskollegen aber nicht bieten! Es entstand ein böser Arbeitskonflikt.
Neue Zürcher Zeitung vom 3. April 1911.
Der Streik 1911 dauerte bis in den Juli hinein. Und Streiks gab es in der Folge in der Fabrik an der Bachstrasse noch mehrmals. Erst als der jüngere Sohn des Firmenchefs, Jakob, das Ruder übernahm, wurde es ruhiger. Jakob Kiefer, geb. 1882, hatte eine Mechanikerlehre absolviert, was der Firma technologischen Schub verlieh. Die Produktion konnte dank neuer Maschinen vereinfacht und gesteigert werden, sodass die Firma nicht nur national, sondern auch international bekannt wurde. Im Nachruf auf Jakob im Jahre 1955 wurde die Firma als «grösste Fensterfabrik der Schweiz» bezeichnet. Damals konnten Erben die Firma weiterführen, in den 1980er Jahren indes fusionierte die Firma Kiefer mit einer in Altstätten domizilierten Firma zur heute noch aktiven EgoKiefer Fensterfabrik.
Bachstrasse 8-10: Kiefer Fensterfabrik (Weisse Fabrik). Undatierte Aufnahme. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Auf dem Foto oben ist die Kiefer Fensterfabrik mit dem Wohnhaus zu sehen. Für einen Bau des Jahres 1909/1910 wirkt das Gebäude sehr funktional, fast wie moderne Bauhaus-Architektur. Noch heute scheint das Haus jünger als es ist. Die Aufnahme ist zwar nicht datiert, sie muss aber vor 1938 aufgenommen worden sein, denn der rechts noch knapp erkennbare Bahnübergang wurde in jenem Jahr durch die Unterführung ersetzt.
Bau der Unterführung Seestrasse, Wollishofen. Foto: Wolf-Bender's Erben. 1938.
Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Mitte der 1980er Jahre wurde an der Bachstrasse ein Projekt vorangetrieben, das bei einem erfolgreichen Verlauf den Abbruch der Weissen Fabrik bedingt hätte: es wurde an der Bachstrasse die Errichtung eines mondänen Seehotels geplant. Die Betriebsleitung der Fensterfabrik hatte in den Verkauf ihrer Liegenschaft eingewilligt, in der nötigen Volksabstimmung wurde das Projekt allerdings verworfen. Dennoch wurde der Betrieb der Fensterfabrik von Wollishofen abgezogen. Seither nutzen verschiedene Firmen und Projekte das schöne Fabrikareal am See.
Zum Schluss: Ein Providurium sondergleichen ist der Pavillon aus dem Jahre 1961, der das Gemeinschaftszentrum, das GZ, beherbergt. Es ist modernste Pavillon-Architektur, die auf den Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe zurückgeht. Ein Stück Welt in Wollishofen, trotz Provisorium absolut schützenswert!!
Bachstrasse 7, Gemeinschaftszentrum. 1962. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
(SB)
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* Die Angaben zu 1812 stammen aus den sog. Lagerbüchern der Brandversicherung im Zürcher Staatsarchiv (StAZH).