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Die Nellenbalm und die Sage vom Grindelwald-Wallispass
In seinem Aufsatz: „ Zur Frage des alten Passes zwischen Grindelwald und Wallis " ( Jahrbuch S.A.C., Bd. XXVII, pag. 253 u. ff. ), kommt Herr Wäber auf ein ziemlich negatives Resultat betreffend den Gletscherpaß, und hierin stimme ich vollständig mit ihm überein. Auch darin pflichte ich bei, daß die Kapelle in Grindelwald sicher, aber noch kein Beweis sei für einen „ Weg " nach Fiesch, und daß hierfür nur solche Wegspuren etwas beweisen könnten, die in den obern Partien sich linden würden. In den untern Partien, d.h. bis zum Eismeer links und rechts vom untern Gletscher, und weiter vom Eismeer hinauf im Kalli, waren Wegspuren natürlich leicht zu finden; da gab 's von alter Zeit her Fußwege, einerseits zur „ Bär.egg ", anderseits bei der Nellenbalm vorbei nach „ der Bohnern ", wo er nahe der „ Schloß-Lauinen " mit einem andern Fußweg von „ Alpbiglen " her zusammentrifft. Daß diese Fußwege nichts beweisen können für einen Weg ins Wallis, liegt auf der Hand; es waren und sind Wege für die Holzer und die „ Gletscher-Hirten ", d.h. für die Hirten des Viehs, das im „ Gletscherberg " gesommert wurde ( Kalli, ZHsen-berg, Bänisegg, Stieregg, Bäregg etc. ). Ich erachte die Frage über einen eigentlichen Gletscherweg ins Wallis als abgethan.
Wie aber konnte diese Tradition entstehen? Das ist die Frage, die mich immer beschäftigt hat. Ich möchte versuchen, sie zu lösen.
Die Existenz einer Kapelle wird nicht bestritten. Ich stehe auch nicht an, die „ Nellenbalm " als den Ort zu bezeichnen und festzuhalten, wo sie gestanden hat. Die Tradition schwankt da auch nicht, und der Name giebt es mit sich: Nella die Abkürzung für Petronella; die Inschrift des alten, viel besprochenen Glöckleins, das leider beim Brand von 1892 untergegangen ist: „ 0 Sta. Peternela, ora pro nobis ", unterstützt diese Tradition. Ebenso ist die Balm, obgleich von der linken Seiten-Moräne halb zugedeckt, so schön gewölbt, dati sie förmlich dazu einladet, etwas hinein zu bauen. Gegenwärtig ist auch wieder etwas hinein gebaut worden, aber ich sage lieber nicht, was. Daß in vorreformatorischer Zeit eine „ Kapelle " hinein gebaut wurde, stimmt ganz; und war 's nicht eine fein ausgebaute Kapelle, so war 's doch unter dem Schutz der Balm eine geweihte Stätte, sei 's auch der schlichtesten, primitivsten Art.
Glauben wir nun an den großen Paßweg nicht mehr, so fällt auch der mit dieser Sage verbundene Zweck der Kapelle dahin, nämlich: Schutz der Heiligen zu erflehen für das Wagnis der Reise und ihr Dank zu sagen für das Gelingen derselben.
Zu welchem Zwecke denn ist sie errichtet worden? Doch immerhin — so meine ich — zu dem Zwecke, eine heilige Stätte am Eingang der Wildnis zu sein, wo der Schutz von oben angerufen wurde von jedem, welcher die Wildnis betreten wollte oder mußte, wenn auch nicht für eine Wallis-Reise.
Das Hochgebirge war bekanntlich zur Zeit des so abergläubigen Mittelalters stark im Verruf als ungeheuerlich, belebt von allen bösen Geistern ( vgl. die Herren vom Roththal ), daher gemieden, gefürchtet, in übelm Ruf auch bei den Bergleuten. Das Mittelalter dehnte sich in dieser Hinsicht recht lange aus. Aber doch wollte man hinauf, weniger der Neugier, als des Nutzens wegen. Mitten in der Gletscherwüste da oben lacht eine grüne Oase lieblich ins Thal hinunter: der Zäsenberg; der mußte doch untersucht sein, und als man dahin aufstieg, öffneten sich weitere grüne Triften, sie heißen jetzt: Bäregg, Stieregg, Bänisegg, Kalli etc., und vor Jahrhunderten waren diese alle in gar viel bessern ) Zustand, weit ergiebiger an feinem, kräftigem Futter, als sie es heute sind. Bekanntlich „ verganden " die höhern Alpen, zum Teil stark; giebt es doch Berge, die seit 100—150 Jahren um 30—4O°/o an Ertrag oder Nutzung zurückgegangen sind durch Verwilderung, Steinschlag, Trägheit und Raubwirtschaft. Ohne allen Zweifel ist der Rückgang bei jenen genannten Bergweiden großartig; sie sind von den wildesten; man weiß auch zu sagen von gänzlich „ untergegangenem Berg ". Wir gehen kaum arg fehl, wenn wir annehmen, daß vor 3, 4, 5 Jahrhunderten dort oben auf den verschiedenen Plätzen ziemlich viel Vieh konnte gesommert werden, wenn auch die Sommer kurz waren; meist wohl Kleinvieh, doch auch anderes.
Aber rauh war 's; die Gefahren und Beschwerden groß. Nicht wenig Vieh mag „ erdrolet " und von Steinen erschlagen worden sein. Schon der Weg dahin war dazumal stellenweise recht gefährlich. Ehe den Fremden die Pfade gebahnt wurden, noch in den Vierziger-Jahren, war die „ Steglauenen " keine ganz gefahrlose Partie. Lawinenzüge auf beiden Seiten des Gletschers und oben am Eismeer zahlreich — und was für welcheMenschen und Vieh mit Verderben bedrohend.
Ist's da nicht begreiflich, daß man 's ernst nahm und sich gerne an geweihter Stätte Hülfe suchte, nach gemeinem Sprachgebrauch zu reden: „ sich b'segnete ", ehe man mit dem Vieh oder auch ohne solches die Wildnis betrat? Wenn man auffuhr mit dem Vieh, da mußte wohl zuerst bei der Kapelle der Weihwedel seine Arbeit thunwenn während des Sommers die Eigner des Viehs den Herden und Hirten einen Besuch machten, wenn das junge Volk sich zusammenfand, halb mutig, halb furchtsam, auch einmal zu sehen, wie 's da oben aussieht, und „ nach dem Triecht und den Gustinen und den Benzen " sehen wollte, da fanden sie sich, Buben und Mädchen, in stiller Morgenfrühe zu kurzer Andacht in der Nellenbalm, und dann ging 's los. Und mußte bei beginnendem Herbst der Rückzug, der gefährliche, angetreten werden mit dem Vieh, truppweise und einzeln, da war Mannschaft nötig, und wieder gingen sie zur Nellenbalm, im Vorbeigehen sich b'segnen zu lassen von der Schutzheiligen des Gebirgs. Dann und wann mag wohl auch der kühne Jäger, wenn er dem edeln Wilde nachjagen wollte, in der Nellenbalm niedergekniet sein, ein gutes Zeichen zu erwarten, zu erbitten, daß er ruhiger den Gefahren trotzen mochte.
Dazu war die Kapelle in der Nellenbalm gebaut. Sie ward zerstört wohl zur Zeit der Reformation durch Menschenhand, um dem Heiligen-kult eine Stätte zu entziehen; wahrscheinlich nicht so gar viel später vertilgte die Natur selber die letzten Spuren durch das starke Vorschieben des Gletschers; aus einer sehr deutlichen Notiz der Grindelwaldner-Chronik geht hervor, daß ums Jahr 1600 der Gletscher seine größte Ausdehnung in historischer Zeit erreichte und sich erstreckte bis eines Handwurfs Weite vom Schüssel-Lauinengraben, d.h. bis ganz in den Thalgrund, wo jetzt noch die Reste der Frontal-Moräne deutlich erkennbar sind.
Und nun mag die Sagenbildung begonnen haben. Man erzählte sich von der Kapelle, die da gestanden habe, in welcher diejenigen gebetet haben, welche in den Gletscherberg gingen; der Name „ Fiescherfirn ", welcher der Nordwand der Fiescherhörner auch gegeben worden ist, mag zu Verwechslungen Anlaß gegeben haben, „ Fieschergrat ", „ Fiescherpadie ganze Nomenklatur war ja nicht so fix begrenzt, wie jetzt. „ Nichts wird schwieriger auszumitteln in unserm Alpengelände, „ als die richtigen Bergnamen, sobald es über den fruchtbaren VVeidboden „ ins Feisichte und Schneeige hinaufgeht. Dem Thalbewohner, der von „ seinem Erwerb lebt, sind die unabträglichen Gletscher-Kuppen und Joche „ von äußerst geringer Wichtigkeit. " Wenn nach Herrn Withers Aufsatz, „ Die Bergnamen des Berner Oberlandes vor dem XIX. Jahrhundert " ( Jahr- buch S.A.C., XXVIII, pag. 235 u. ff. ), Jungfrau, Mönch, Eiger, Finsteraarhorn, Schreckhorn, Wetterhorn etc. schon früh bekannte Namen waren, die Fiescherhörner aber nicht genannt werden, so begreife ich das wohl; diese treten, trotz ihrer Höhe, perspektivisch zurück; „ dort geht 's ins Wallis hinüber ", wird man sich gesagt haben, ob man gleich sehr wenig ging; es heißt ja in der Tradition auch immer nur, Walliser seien hergekommen, niemals aber, Grindelwaldner oder überhaupt Berner seien hinüber gegangen, was an sich schon zeigt, daß der Weg kein so üblicher war. Daß es aber da ins Wallis gehe, so viel war bekannt, und war sogar eine Reise sicher konstatiert, so hatte die geschwätzige Fama Boden oder Werg genug, Schönes auszuspinnen. Und also geschah 's.
Pfarrer Gerwer ( Sektion Blümlisalp ).