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Keiner hat das Swiss Derby und die anderen Klassiker so oft gewonnen wie er. Die grün-weissen Farben des kürzlich verstorbenen Peter Baumgartner spielten im Galopprennsport während Jahrzehnten eine prominente Rolle. Bevor er den Rennsport entdeckte, war er Springreiter und zweifacher Schweizermeister im Einspännerfahren.
Peter Baumgartner wurde im thurgauischen Sirnach in eine Rösselerfamilie hineingeboren. Schon als kleiner Knirps lernte er auf dem Hof der Eltern den Umgang mit Reit- und Kutschenpferden. Sein Vater Guido war Hauptmann der Kavallerie, bestritt an den Wochenenden Springkonkurrenzen und Hindernisrennen. «Am Mittagstisch gab es nur zwei Themen: Pferde und Militär, und wenn wir eine Veranstaltung besuchten, hatte diese immer mit Pferden zu tun», erinnerte sich Peter Baumgartner bei einem unserer Treffen.
1980/81 wurde Baumgartner mit Piccolo zweimal Schweizermeister bei den Einspännern.
Noch als Jugendlicher kaufte er zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Mario 1948 für 1500 Franken das erste Pferd. Das Geld hatten sie sich in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und danach verdient, durch das Auflesen von Ähren oder Kartoffeln auf den Feldern und vor allem durch das Züchten von Kaninchen. In der Spitzenzeit während der Lebensmittelrationierung hatten sie bis zu 150 Chüngel.
Springen und Fahren
Während Peter Baumgartner in den 60er-Jahren sein Immobilienimperium aufbaute, gehörte seine Freizeit weitgehend der Springreiterei. Abend für Abend stieg er in den Sattel und trainierte zusammen mit seinem Bruder Mario. Während Peter nicht über die Kategorie M hinauskam, nahm Mario als Nationenpreisreiter an vielen grossen Springen Europas teil. Nach einem Streit mit Bruder Mario gab Peter Baumgartner Ende der 60er-Jahre den Concourssport auf. Anstatt in den Springsattel setzte er sich nun auf den Bock eines Einspänners. Geübt hat er nicht im Gelände, sondern in einer 60 Meter langen Halle, die er zu diesem Zweck hatte erstellen lassen. 1980 wurde er im waadtländischen Puidoux mit Piccolo Schweizermeister bei den Einspännern.
Leutnant Baumgartner auf Nachtigall 1956 am heimischen Concours in Wil.
Nachdem er im Jahr darauf den Titel erfolgreich verteidigt hatte, zog er einen Schlussstrich unter das Kapitel Fahren und verkaufte sein gesamtes Material.
Begegnung mit André Fabre
Bis Ende der 70er-Jahre hatte Peter Baumgartner vom Rennsport nichts wissen wollen. «Wenn ich an Pfingsten in Frauenfeld war, sah ich mir die Rennen nie an, sondern fuhr nach dem Springen nach Hause.» Das Kapitel Rennsport begann mit einem Telefonanruf seines Bruders. Mario beabsichtigte für eine Bereiterin zwei Rennpferde zu kaufen und bat Peter, ihn nach Newmarket an die Jährlingsauktion zu begleiten. So reisten die zwei Vollblut-Laien in die englische Turfhauptstadt und kehrten mit zwei Jährlingen zurück. Nachdem die beiden Hengste bei ihm überwintert hatten, fuhren sie im Jahr darauf nach Chantilly, der Trainingszentrale des französischen Galopprennsports, um dort einen geeigneten Ausbildungsstall für die Vollblüter zu suchen. Sie klapperten Hof um Hof ab, bis Peter Baumgartner einen fand, der ihm einen guten Eindruck machte. «Als ein kleines Männchen auf mich zukam, fragte ich nach dem Chef. Das Männchen meinte, das sei er selber und stellte sich mit André Fabre vor.» Fabre, heute 28-facher französischer Champion und einer der erfolgreichsten Galopptrainer aller Zeiten, stand damals am Anfang seiner Karriere.
Baumgartner siegte mit Three Wall unter Alain Junk 1991 im St. Leger in Luzern.
Obwohl Fabre zu jener Zeit hauptsächlich Hindernispferde betreute, gab Peter Baumgartner die beiden in Newmarket ersteigerten Pferde, Sandy II und Mike, die ihm inzwischen von seinem Bruder überantwortet worden waren, zu André Fabre ins Training. Während Sandy II bis zu einer fatalen Verletzung in Paris eine gute Figur machte und neben einem Sieg diverse weitere Spitzenplatzierungen erreichte, verkaufte er Mike «mangels Geschwindigkeit» an Jakob Lenhard, der ihn mit einigem Erfolg in deutschen Hindernisrennen einsetzte.
Die Schweizer Phase
Liefen Peter Baumgartners Vollblüter zu Beginn fast ausschliesslich auf französischen Bahnen, nahm er ab Mitte der 80er-Jahre die grossen Schweizer Rennen ins Visier. Dazu erwarb er in Frankreich Pferde, die er auch dort trainieren liess. Diese Strategie war nicht ganz billig – Peter Baumgartner zahlte in der Regel für ein Pferd zwischen 100'000 und 200'000 Franken – aber erfolgreich. Daneben begann er auch zu züchten. So gewann der von ihm selbst gezogene Inländer Tacaro 1985 das St. Leger, nachdem er als Saisondebütant im Derby Zweiter geworden war. Santa Anita Jet triumphierte im Prix de Diane. Am Ende des Jahres stand Peter Baumgartner erstmals als Besitzerchampion fest. «Zuerst wurde ich in der Schweiz mit offenen Armen empfangen», erinnert er sich. «Man war froh, dass ich den Stall Aintree abgelöst hatte.» Hinter dem Stall Aintree steckte Otto Sami, im Zürcher Milieu und der Boulevardpresse «Diamanten-Sami» genannt. Zudem brachte Baumgartner Publizität und damit mehr Besucher auf die Rennbahn, denn mit seinen Pferden kamen weltberühmte Jockeys wie Lester Pigott, Cash Asmussen oder Roger Duchêne in die Schweiz. Nach ein paar Jahren, in denen die Baumgartner-Galopper die Siegprämien der lukrativsten Schweizer Rennen serienweise abgeräumt hatten, schlug die Stimmung um. «Bei einer Siegerehrung meinte ein Rennvereinspräsident zu mir: ‘Jetzt reicht’s allmählich’.»
Malkoboy siegte 2017 im Derby für die Baumgartner-Farben.
Das Jahr der Rekorde
Eine Sonderstellung innerhalb der Schweizer Phase nimmt die Saison 1991 ein. Ob für dreijährige oder ältere Pferde, ob auf der Flachbahn oder über Hindernisse – 1991 trugen sämtliche Sieger der grossen Schweizer Rennen die grün-weissen Thurgauer-Farben von Peter Baumgartner. Die Stute Three Well siegte im Frühjahrspreis, der Stuten-Classic und dem St. Leger, Marinaio in den 2000 Guineas und im Gold Cup, Sassello im Grossen Preis der Schweiz. Der Star war jedoch Wacio, der in Frauenfeld das Derby mit dem Rekordvorsprung von acht Längen gewann und drei Monate später in Dielsdorf auch den GP Jockey Club. Nach seinem fünften Championatsgewinn im Jahr 1991 und einem Krach mit dem Verband zog sich Peter Baumgartner weitgehend aus dem Schweizer Rennsport zurück. Eine Ausnahme war das Swiss Derby, das er 1994 dank Filao Beach zum fünften Mal für sich entscheiden konnte. Im Jahr darauf, als er Home Alone an den Start brachte, war er sich des erneuten Sieges sicher. Zu gut schien ihm sein Pferd. «Als es Richtung Ziel ging, zog Home Alone leicht in Front. Trainer Henri-Alex Pantall und ich wollten uns schon auf den Weg zur Siegerehrung machen, als plötzlich Solon auftauchte und an meinem Pferd vorbeiflog.»
Das Comeback
Vor rund eineinhalb Jahrzehnten, nachdem sein in Frankreich erfolgreicher Spitzenhürdler Kimbi vom Rennstall auf eine Weide in der Ostschweiz gewechselt war, hatte Peter Baumgartner eigentlich auch mit dem Kapitel Rennsport abgeschlossen. Mittlerweile über 80 Jahre alt, erblindet und auf einen Rollstuhl angewiesen, packte ihn jedoch das Rennfieber vor vier Jahren erneut. Da er nicht mehr selbst auf Pferdesuche gehen konnte, schickte er seine Agenten aus, um ihm ein Derby-Pferd zu suchen. Und tatsächlich gelang Oak Harbour einige Monate später auf der Frauenfelder Allmend der sechste Sieg im Swiss Derby, dem Rennen das Peter Baumgartner am wichtigsten war. Für den siebenten Streich sorgte 2017 Malkoboy. One One sorgte zum krönenden Abschluss gar für einen Doppelsieg. Laut Peter Krähenbühl, der seinen Freund bis zuletzt begleitet hat, war es einer der letzten Wünsche von Peter Baumgartner, dass Malkoboy auch nach seinem Tod weiterhin unter seinen grün-weissen Farben Rennen bestreitet.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 14/2018)
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