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Syrlin. Sein Hauptwerk sind die Chorstühle im Ulmer Münster (um 1474), die wohl zu den schönsten ihrer Art gehören (Fig. 478). Schon die bauliche Anlage des Gestühles, das an beiden Seitenwänden des Chores sich hinzieht, zeigt eine treffliche Gliederung; die 5,4 m hohe Rückwand ist mit einem Gesimse abgeschlossen; an den beiden Enden und in der Mitte über den Eingängen befinden sich Prunkdächer (Baldachine). Der bildnerische Schmuck ist in drei Reihen angeordnet: die unterste an den Seitenbrüstungen enthält Gestalten aus dem Heidentum (links Philosophen, rechts Sybillen), die zweite giebt an den Rückwänden Brustbilder von Propheten (links) und biblischen frommen Frauen - ist also dem Judentum gewidmet -, die oberste endlich in den Giebelfeldern der Bekrönung bringt Apostel und Heilige (links männliche, rechts weibliche).
Man ersieht aus dieser Anordnung das Festhalten eines sinnigen Gedankens, der dem Ganzen zu Grunde liegt und das Einzelne einheitlich verbindet. Wohl abgewogen ist auch die Durchführung; in der untersten Reihe, welche aus der Nähe betrachtet werden kann, sind die Köpfe ungemein fein und zart durchgebildet; die mittlere Reihe ist schon etwas kräftiger gehalten und die Brustbilder treten mehr aus der Fläche heraus, in der obersten ist dies noch mehr gesteigert. Durch dieses Verhältnis wird für das Auge ein einheitlicher Eindruck erzielt.
Syrlin zeigt sich in diesem Werke bereits der Ueberlieferung der Gotik entwachsen und auf dem Wege zur anmutigen Schönheit. Diese ist namentlich den Frauenköpfen und noch mehr den Händen eigen; erstere sind sanft gerundet, mit leicht geöffnetem kleinen Mund, den ein lächelnder Zug umspielt und mit schönen, frei herabfallenden Locken. Die Finger sind schlank und fein gebildet. Die Lebenswahrheit ist vollkommen und zeugt von einem sorgfältigen - man könnte sagen «anatomischen» - Studium des Körpers; dabei bleibt doch Schärfe der Form vermieden.
Das edle Schönheitsgefühl, mit welchem Syrlin die Natürlichkeit zu verklären wußte, vererbte sich nun auch auf seine Nachfolger und Nachahmer und wurde so Gemeingut der ganzen schwäbischen Schule, wie eine große Zahl von Schnitzaltären und Chorstühlen Südddeutschlands - so in Gmünd, Ravensburg, Heilbronn, Oehringen u. a. O. - erweisen. Der Altar in der Kilianskirche zu Heilbronn, welcher übrigens Einflüsse der Nürnberger Schule aufweist, ist darunter besonders beachtenswert durch die großartige Auffassung und kraftvolle Durchbildung, sowie durch die verschwenderische Pracht des Zierwerkes. Der Ausdruck der Empfindung ist von ergreifender Innigkeit und Lebendigkeit, die Anordnung des Ganzen ungemein geistvoll (Fig. 479).
Schwaben. Rheinlande. Norddeutschland. Die eigentliche Hauptstadt Schwabens Augsburg, besaß in dieser Zeit auch zahlreiche Bildschnitzer, doch reichen deren Arbeiten nicht an jene der Ulmer Schule heran. Der Einfluß der schwäbischen Bildnereikunst reichte übrigens weit über die Gaugrenzen hinaus, die Schweiz, der Oberrhein und Baiern sind mehr oder minder von ihm abhängig, wenn auch natürlich immer örtliche Eigentümlichkeiten hervortreten. Ueberall begegnen wir aber derselben Umbildung der Kunstweise von der überscharfen
^[Abb.: Fig. 482. Kraft: Die VII. Station.
Nürnberg.] ¶
Naturtreue zur veredelten und verklärten Schönheit. - Eine größere Selbständigkeit beziehungsweise besondere Eigenart bekundet die Bildnerei am Niederrhein, in Westfalen, Sachsen und in Tirol. Die niederrheinische Holzschnitzerei huldigt mehr der malerischen Auffassung und überfüllt ihre Werke mit Figuren, so daß sie einen unruhigen Eindruck machen; ähnliches ist in Westfalen zu bemerken, nur daß man hier sich von der scharfen Formengebung der Gotik wieder zu der weicheren der romanischen Zeit zurückwendet, anstatt fortzuschreiten. In Sachsen und im übrigen Norddeutschland vermag man sich am schwersten von dem Derbkräftigen zum Anmutigen durchzuringen, und wenn letzteres auch in Einzelheiten hervortritt, so bleibt doch eine gewisse Uebertreibung in den Bewegungen und allzustarke Betonung des Natürlichen das Hauptmerkmal.
Tirol. Michael Pacher. Dichterische Auffassung und großartige Einfachheit zeichnet das Hauptwerk des Tiroler Meisters Michael Pacher aus, der schon als bemerkenswerter Maler genannt wurde: nämlich den Altar zu St. Wolfgang am Abersee. Die Verhältnisse der Körper sind zwar vielfach unrichtig, auch die Behandlung des Gewandes ist etwas wunderlich, das Ganze wirkt aber doch ungemein eindrucksvoll durch die von tiefem Schönheitsgefühl zeugende Durchbildung der Köpfe (vergl. Fig. 393).
Nürnberger Schule. Veit Stoß. Zu Ende des Jahrhunderts wird die schwäbische Schule völlig überholt durch die fränkische Kunst Nürnbergs, welches auch die Hauptstätte der Steinbildnerei wird, die im 16. Jahrhundert die Holzschnitzerei zurückdrängt. Für letztere bahnte in Nürnberg den Umschwung Veit Stoß (1440-1533) an, eine merkwürdige Persönlichkeit von unsteter und «heilloser» Eigenart, aber von hoher künstlerischer Begabung. In Nürnberg geboren, muß er daselbst schon früh zu Ansehen gelangt sein, denn 1477 wurde er nach Krakau berufen, wo er den großartigen Hochaltar der Frauenkirche ausführte, eines der bedeutendsten Werke deutscher Kunst (Fig. 480). Er fertigte in Polen noch eine Reihe anderer Arbeiten - darunter das Marmorgrabmal Kasimirs IV. - und kehrte 1496 in die Vaterstadt zurück, wo inzwischen von einem Altersgenossen, Adam Kraft, der Aufschwung der Steinbildnerei begründet worden war und das regste Kunstleben herrschte.
Unter dem Einflusse der Malerei Wohlgemuths war schon nach 1470 ein freierer Zug in die Nürnberger Bildnerei gekommen, und Dürers Geist wirkte auch auf diese befruchtend ein. Man hatte sich von der Steifheit der Gotik bereits losgemacht, als Veit Stoß heimkehrte und nun der neuen Richtung auch in der Holzschnitzerei zum völligen Durchbruch verhalf, wie dies Kraft in der Steinbildnerei gethan hatte. In seinen Arbeiten begegnen wir bereits der völligen Unabhängigkeit des Bildnerischen vom Baulichen und darin liegt wohl sein Hauptverdienst. Im Einzelnen läßt sich freilich mancherlei bemängeln, wie denn überhaupt in den größeren Arbeiten viel Ungleichmäßiges enthalten ist; die Haltung einzelner Gestalten ist bisweilen gezwungen oder die Gewandung zeigt eckige
^[Abb.: Fig. 483. Kraft: Pergenstorfersches Hochbild.
Nürnberg. Frauenkirche.] ¶