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Wolf
Canis lupus
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)
Der Wolf (Canis lupus) ist das eindeutig grösste Mitglied der Familie der Hunde. Erwachsene Tiere erreichen im Mittel eine Schulterhöhe von 70 bis 80 Zentimetern und wiegen gewöhnlich zwischen 30 und 50 Kilogramm.
Das Verbreitungsgebiet des Wolfs war einst riesengross: Es umfasste fast ganz Europa und Asien - vom Nordpolarmeer bis nach Portugal, Arabien, Indien und Japan - und reichte in Nordamerika von Alaska bis nach Mexiko. Im Laufe der letzten 300 Jahre ist der kräftige Wildhund aber aus vielen Gebieten verschwunden. Neben der gnadenlosen Bejagung des «bösen» Wolfs durch den Menschen spielte dabei auch die Umwandlung seines Lebensraums in Siedlungsfläche und Kulturland eine wichtige Rolle. Heute findet man gesunde, umfangreiche Wolfsbestände nur noch in Russland sowie in Kanada und Alaska. In Restbeständen lebt er aber auch noch in recht dicht besiedelten Ländern wie Italien und Spanien.
Der Wolf ist ein enorm leistungsfähiger Langstreckenläufer. Wenn er sein weites Jagdrevier nach Beute durchstreift, so legt er oft in einer einzigen Nacht mehr als hundert Kilometer zurück. Auf der Flucht oder bei der Verfolgung eines Beutetiers erreicht er Spitzengeschwindigkeiten von über 60 Kilometern in der Stunde. Beutetiere des Wolfs sind vorwiegend grössere Huftiere wie Rothirsch, Ren und Elch. Er nimmt aber durchaus auch kleinere Säugetiere wie Hasen oder Biber und begnügt sich notfalls sogar mit Nagern, Fröschen oder Aas.
Ein Wolf kann erstaunliche Men gen Fleisch verzehren: an einem Tag 10 bis 15 Kilogramm. Kein Wunder ist der «Wolfshunger» sprichwörtlich geworden. Wenn er kein Jagdglück hat, kann er aber auch mehrere Tage lang ohne jegliche Nahrung auskommen. In solch mageren Zeiten kann es geschehen, dass sich der grosse Wildhund, der normalerweise die Nähe menschlicher Siedlungen meidet, an Haustieren wie zum Beispiel Schafen oder Gänsen vergreift.
Wölfe leben in Rudeln von meistens etwa zehn Tieren zusammen. Die Beziehungen innerhalb des Rudels sind geprägt durch eine strenge Rangordnung sowohl unter den Männchen als auch unter den Weibchen. Rangkämpfe gehören aber keineswegs zur Tagesordnung, wie man vielleicht annehmen mag. Vielfältige Gebärden und Laute sorgen dafür, dass die Rudelhierarchie ohne ständige Raufereien und unnötigen Kräfteverschleiss aufrecht erhalten bleibt.
Die Paarungszeit der Wölfe dauert gewöhnlich von Dezember bis Februar. Obschon in einem Rudel meistens mehrere geschlechtsreife Weibchen leben, gelangen jeweils nur die beiden ranghöchsten Rudelangehörigen zur Fortpflanzung; sie verhindern Begattungsversuche rangniederer Tiere. Im März oder April - nach einer Tragzeit von etwa zwei Monaten - bringt das Weibchen in einem unterirdischen Bau durchschnittlich fünf Junge zur Welt. Die Welpen wiegen bei der Geburt nur 300 bis 500 Gramm und sind völlig hilflos. Doch bereits im Herbst sind sie in der Lage, das elterliche Rudel als «Lehrlinge» auf den gemeinschaftlichen Jagdausflügen zu begleiten.
Für den Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel hat der Wolf schon immer eine besondere Bedeutung gehabt - bei Jägerstämmen als Beutekonkurrent, bei sesshaften Völkern als Haustierräuber, und ganz allgemein als lebensbedrohender Angreifer. Zwar ist die Gefahr durch den Wolf aufgrund der Entwicklung weitreichender und treffsicherer Schusswaffen längst gebannt. Doch besitzt wohl noch heute kein anderes Raubtier einen derart schlechten Ruf wie der «blutrünstige» Wolf. Dies jedoch sehr zu Unrecht, wie die neuere wissenschaftliche Forschung zeigt. Sie gibt nicht nur ein weitaus freundlicheres Bild dieses ausdauernden Jägers, als es in all den vielen Schauermärchen entworfen wird. Sie zeigt auch klar auf, welch wichtige Rolle der kräftige Grosswildjäger im Haushalt der Natur spielt: Obschon Wölfe ohne Mühe gesunde, kräftige Beutetiere zu erlegen vermögen, fallen ihnen nämlich vorwiegend ältere, kranke und gebrechliche Tiere zum Opfer. Sie tragen durch diese natürliche Auslese wesentlich zur Gesunderhaltung ihrer Beutetierbestände bei.
Es wird von naturschützerischer Seite heute allgemein versucht, mit den diversen Gruselgeschichten über den Wolf aufzuräumen und die Öffentlichkeit über das wirkliche Wesen dieses faszinierenden Wildhunds aufzuklären. Dabei hofft man vor allem auch auf das Verständnis und die Unterstützung der Hundehalter, denn schliesslich ist der Wolf der Stammvater all unserer vielgestaltigen Haushunde.
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