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(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 1995 – Seite 40-42)
SACHBUCH
Robert Nef
Isaiah Berlins «Four Essays on Liberty»1 sind ein Klassiker der Ideengeschichte dieses Jahrhunderts. Sie reihen sich würdig ein in eine Tradition, in der Montaignes «Essais», Humboldts «Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen» und John Stuart Mills «Essay on Liberty» Marksteine bilden.
Es bleibt rätselhaft, weshalb die deutsche Übersetzung eines zentralen Beitrags zur Ideengeschichte des Liberalismus 26 Jahre auf sich warten liess, während Übersetzungen ins Hebräische, Japanische, Portugiesische und Spanische bereits im Erscheinungsjahr verfügbar waren. Man könnte versucht sein anzunehmen, für die Rezeption eines Schlüsseltextes sei im deutschen Sprachraum eine Übersetzung nicht notwendig, da die daran interessierte Elite ohnehin die englische Originalversion (vor allem, wenn sie als wohlfeiles Oxford Paperback greifbar ist) bevorzuge. Ein Blick in die einschlägigen politologischen Lehrbücher, Standardwerke und Bibliographien zeigt aber, dass dies eine Illusion ist. Was nicht übersetzt ist, bleibt ein «Geheimtip» unter Insidern. Isaiah Berlins «Four Essays on Liberty» werden nicht einmal unter dem Stichwort «England» der ausführlichen Bibliographie in Lothar Galls Sammelband «Liberalismus» (2. Auflage, Athenäum, Königstein 1980) angeführt. Ralf Dahrendorf erwähnt in der Bibliographie seines 1987 erschienenen Buches «Fragmente eines neuen Liberalismus» (DVA, Stuttgart 1987) nicht weniger als 15 eigene Beiträge, während jeder Hinweis auf Isaiah Berlin fehlt. Die «Four Essays» haben schon 1979 eine hochstehende wissenschaftliche Kontroverse ausgelöst, die Alan Ryan in Form einer Festschrift2 herausgegeben hat. Darin meldet sich auch einer von Berlins Schülern, der Kommunitarist Charles Taylor, zu Wort und stellt jene Fragen, welche heute das Thema der Kontroverse zwischen Radikalliberalen und Kommunitaristen sind, wobei der skeptische Lehrer — schon damals — die besseren Argumente hat. (Der Sammelband liefert im übrigen den Beweis, dass auch Festschriften mehr sein können als ein wissenschaftlicher «Friedhof» für kollegiale Gefälligkeits- und Gelegenheitstexte, wenn sie sich wirklich mit dem Werk des Geehrten kritisch auseinandersetzen und die Herausgeber höhere Ambitionen verfolgen als die Sicherstellung der Finanzierung und der termingerechten Ablieferung…)
Es ist heute müssig, über die Gründe der Verspätung dieser Übersetzung zu mutmassen, nach 1968 war eben die alte und die neue Linke nicht nur in der Lehre, sondern auch bei Verlegern mehr gefragt als die «liberalen Scheisser», welche mit ihrer «repressiven Toleranz» das linke Dogma von der Unmöglichkeit eines konstruktiven Dialogs in Frage stellten. Dabei hätten gerade damals so undogmatische abwägende Beiträge wie die «Four Essays» des subtilen Marx-Kenners Isaiah Berlin manche Irrwege vermieden und Umwege abgekürzt; dies wohl weniger wegen der Antworten, die gegeben werden, als wegen der Fragen, welche der Autor ins Zentrum stellt.
Die zuverlässige und gut lesbare Übersetzung entspricht natürlich auch heute noch einem Bedürfnis, und man wünscht ihr eine grosse Leserschaft. Sie ist für eine junge Generation von Ideologiemüden, aber ideengeschichtlich Interessierten eine willkommene, wenn auch nicht ganz leichte Kost. Die 1958 an der University of Oxford gehaltene Antrittsvorlesung über die «Zwei Freiheitsbegriffe» (präziser übersetzt wäre die «Zwei Konzepte von Freiheit») hat keinerlei Staub angesetzt. Die gleichzeitig zeitgebundenen und zeitlosen Reflexionen verlagern eine Diskussion, die nach dem Links-Rechts-Schema die Freiheit den Rechten zuordnete und die Gleichheit und Brüderlichkeit den Linken, auf eine andere anspruchsvollere Ebene, die allerdings auch zu einem innerliberalen Dialog mit dem Risiko des Zerwürfnisses führen kann. Die «zwei Konzepte», die «negative Freiheit» (Abwesenheit von Zwang) und die «positive Freiheit» (Möglichkeit der Wahl), trennen möglicherweise vermeintliche Gesinnungsgenossen, sie ermöglichen aber auch neue Koalitionen, beispielsweise unter Skeptikern, welche den polit-ökonomischen Machtfilz in Frage stellen und durch gemeinsame Zweifel an der technokratischen und bürokratischen Machbarkeit und an der kollektiv verordneten Zwangsmoral verbunden sind.
Die ausführliche Einleitung, die Berlin seinen vier Essays voranstellt, ist eigentlich ein fünfter Essay, eine Quintessenz, die vieles vorwegnimmt. Er reagiert darin auf zahlreiche Einwände seiner Kritiker, die er in vorbildlicher Weise ernst nimmt und auf die er mit einer im Wissenschaftsbetrieb seltenen Form der Empathie eingeht. Gelegentlich hat man den Eindruck, die Bereitschaft, seinen Kritikern entgegenzukommen und Zugeständnisse zu machen, sei zu gross. Dies mag damit zusammenhängen, dass Berlin mit seiner Präferenz für die negative Freiheit in den sechziger und siebziger Jahren fast allein auf weiter Flur stand und dass seine Kritiker ausnahmslos aus dem Lager wohlmeinender Interventionisten und Kollektivisten stammten. Berlin verteidigt sich behutsam, sein Entgegenkommen hat wohl auch eine didaktische, vielleicht sogar eine taktische Komponente. Er will ein guter Zuhörer sein, damit man auch ihm zuhört. Seine Schlussfolgerungen sind allerdings eindeutig. Er unterstreicht — mit dem Hinweis auf die Legende vom Grossinquisitor in Dostojewskis Roman «Die Brüder Karamasow» (ebenfalls ein «Schlüsseltext für Liberale»!) — die Gefahren eines «Paternalismus», der weiss, was für andere und für alle «gut ist» und daraus ein Recht aufZwang ableitet (S. 57). Auch losgelöst vom Inhalt ist der einleitende Essay, den man sich eigentlich bei der Lektüre erst zuletzt zu Gemute führen sollte, ein eindrückliches Dokument wissenschaftlicher Argumentationskultur. «Mir scheint, dass der unvorteilhafte Gegensatz, der bisweilen zwischen der negativen Freiheit und anderen erkennbar positiven gesellschaftlichen und politischen Zielen — etwa Einheit, Harmonie, Frieden, rationale Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Selbstverwaltung, Ordnung, Kooperation im Streben nach gemeinsamen Zwecken — hergestellt wird, in der alten Lehre wurzelt, dass sich alle wahrhaft guten Dinge letztlich zu einem einzigen vollkommenen Ganzen verbinden.»
Berlin verteidigt sich behutsam, sein Entgegenkommen hat wohl auch eine didaktische, vielleicht sogar eine taktische Komponente.
Einen in der heutigen Zeit zunehmenden Stellenwert gewinnt die klare Trennung der beiden Fragen «Von wem werde ich regiert?» und «In welchem Ausmass werde ich regiert?». Berlin unterstreicht die Bedeutung dieser Trennung, ohne einen Zusammenhang der beiden Fragen in Abrede zu stellen. Seine zentrale Schlussfolgerung ist: «Ich möchte über mich bestimmen und nicht von andern gelenkt werden, gleichgültig, wie weise und wohlmeinend diese andern sind; mein Verhalten gewinnt einen durch nichts zu ersetzenden Wert aus der einfachen Tatsache, dass es meines ist und mir nicht aufgezwungen wurde.» (S. 46)
Der zweite Essay ist, obwohl schon 1949 geschrieben, ein ideengeschichtlicher Abriss des 20. Jahrhunderts. So wie der Autor die Geschichte darstellt, zeigt sie sich von der besten Seite: als sozialwissenschaftliche Relativitätstheorie. Des Autors Präferenzen sind spürbar, aber sie dominieren nicht. Er plädiert gegen messianischen Eifer, für aufgeklärte Skepsis und — vor allem — für Toleranz gegenüber Eigenwilligkeiten (idiosyncrasies). In der Mitte des Jahrhunderts bestand (so wenig wie an dessen Ende) ein Anlass zur Bilanz und auch kein Grund für einen Triumph oder für das Verkünden eines Endes: «Da keine Lösung gegen Irrtum gefeit ist, kann auch keine Festlegung endgültig sein.»
Eine grundlegende Auseinandersetzung mit zwei einflussreichen Doktrinen des zeitgenössischen Denkens, dem Relativismus und dem Determinismus, enthält der dritte Essay, der auf eine 1953 gehaltene Vorlesung zurückgeht. Er ist — in Übereinstimmung mit Popper – eine differenziert argumentierende Abrechnung mit Hegel, Marx und Spengler und ein Hinweis auf Vico und Herder, über die Isaiah Berlin 1976 zwei umfangreichere Studien in einem Buch3 veröffentlichte.
Der letzte Beitrag des Sammelbandes befasst sich mit John Stuart Mill, dem Verfasser des «Essay on Liberty». Man muss den Titel genau lesen, um den Stellenwert des letzten der «Four Essays» richtig würdigen zu können. Es geht um John Stuart Mill «und die Ziele des Lebens». Berlin handelt darin ein Problem ab, das auch für ihn zentral ist: das Spannungsfeld von Toleranz und Überzeugungstreue. Pluralistische Offenheit kann zur opportunistischen Beliebigkeit degenerieren, und dagegen hilft nur die in einem persönlichen Charakter gegründete Überzeugungstreue, an der man festhält, auch «gegen den Strom» (nicht: «Wider das Geläufige»4, wie der Buchtitel einer weiteren wichtigen Aufsatzsammlung des Autors unzulänglich übersetzt worden ist). Beide Grundhaltungen sind letztlich unvereinbar. Für Mill (und wohl auch für Berlin, der zwar in mancherlei Hinsicht gegenüber Mill auf jene vornehme, sympathische Art Distanz nimmt, die ihn auch gegenüber seinen eigenen Kritikern kennzeichnet) «ist der Mensch fehlbar, eine komplexe Verbindung von Gegensätzen, manche miteinander vereinbar, andere unversöhnlich» (S.293). Mills Versuch, Rationalismus und Romantik zu verschmelzen, ist das «grosse Thema» des 19. Jahrhunderts. «Es ist das Ziel Goethes und Wilhelm von Humboldts — der umfassende, spontane, vielseitige, furchtlose, freie und doch rationale, selbstbestimmte Charakter», der sich in der europäischen «Vielfalt der Wege» herausbilden kann. Wer sich bei der Lektüre der «Four Essays» selektiv nur auf die «Zwei Konzepte» beschränkt, verpasst ein Kabinettstück liberaler Reflexion. Berlin stellt, als umfassend gebildeter Sozialwissenschafter des 20. Jahrhunderts, auch die psychologische Frage nach der Herkunft und nach dem Wesen von grundlegenden Lebensanschauungen «die wie Festungen gegen den Feind geschützt werden» (S. 288). Damit ist ein eminent wichtiges Problem im Schnittpunkt von öffentlich erarbeiteter Erkenntnis und persönlich errungenem Bekenntnis angesprochen.
Die «Four Essays» sind nicht einfach eine zufällige Zusammenstellung von verstreuten Texten, die im weiteren Sinn mit dem Thema Freiheit zu tun haben. Sie zeigen — exemplarisch — vier wesentliche Facetten der Diskussion um die Freiheit, und fügen in der Einleitung eine vorsichtige Quintessenz in Form einer offenen argumentierenden Auseinandersetzung mit abweichenden Auffassungen hinzu. Nicht einzusehen ist, warum der Verlag den vielsagenden Begriff «Essay» nicht auch in der deutschen Übersetzung im Buchtitel stehen liess. Die philosophische Annäherung an die Freiheit entzieht sich der Dogmatik, sie kann nur essayistisch erfolgen.
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1 Isaiah Berlin: Freiheit. Vier Versuche. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 1995. – 2 Alan Ryan (ed.): The Idea of Freedom. Essays in Honour of Isaiah Berlin. Oxford University Press, Oxford 1979. – 3 Isaiah Berlin: Vico and Herder. Two Studies in the History of Ideas. The Hoggart Press, London 1976. – 4 Isaiah Berlin: Wider das Geläufige. Aus dem Englischen von Johannes Pritsche. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1982.
Moralische Postulate stossen bei Adressaten ins Leere oder wirken sogar dysfunktional, wenn sie nicht mit «Aufklärung’ im ursprünglichen Sinne des Wortes, also mit Mündigkeit und Urteilsfähigkeit verbunden sind, in einer aufgeklärten Gesellschaft gibt es die Rollenunterscheidung zwischen Nicht- Politikern und Politikern, zwischen Wählern und Gewählten, aber nicht die zwischen Fordernden und Bewilligenden, Nehmenden und Gebenden, Erwartenden und Enttäuschenden.
Thomas Ellwein/Joachim Jens Hesse: Der überforderte Staat, Nomos Verlag, Baden-Baden 1994, S. 210