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Die Praxis, mit der sich jährlich Zehntausende Frauen aus der Armut befreien, soll künftig nur noch unentgeltlich erlaubt sein. Aktivisten werfen der Regierungspartei BJP frauenfeindliche Motive vor.
Eine Frau, die das Kind eines kanadischen Paars ausgetragen hat, berührt den Bauch einer hochschwangeren Frau, die Zwillinge für ein amerikanisches Paar gebären wird. Das Bild wurde 2015 in der Akanksha-Klinik in der westindischen Stadt Anand aufgenommen.
Es war ihre Gebärmutter, die Warsa Solanki aus erdrückender Armut befreite: 2018 trug die damals 28-jährige Inderin als Leihmutter ein Kind für ein unfruchtbares Paar aus. Solanki, die bereits zwei eigene Kinder hatte, erhielt dafür 4 000 000 Rupien, umgerechnet fast 5000 Franken – eine lebensverändernde Summe. «Vorher haben mein Mann und ich als Pächter unsere Felder bestellt. Immer hatten wir Schulden», erzählt die Bäuerin am Telefon. Nach der Entbindung in einer auf Leihmutterschaft spezialisierten Klinik kehrte sie in eine veränderte Realität zurück. «Wir konnten unser Stück Land kaufen und hatten noch Geld übrig, um unsere Hütte auszubessern», sagt Solanki. Ihr Status im Dorf habe sich über Nacht gewandelt. «Früher waren wir die Habenichtse, jetzt gehören wir zu den Landbesitzern.»
Nicht alle Nachbarn gönnten der aus einer niedrigen Kaste stammenden Familie den sozialen Aufstieg. «Einige schneiden uns seitdem», erzählt Solanki. Dass ihr der Tratsch egal ist, zeigt die Rundung ihres Bauches: Solanki ist erneut im fünften Monat schwanger, wieder mit dem Kind eines anderen Paares. «Dieses Mal werde ich das Geld in die Ausbildung meiner Kinder stecken», sagt sie. Sie selbst ist Analphabetin, ihr Sohn wird einmal studieren können: Für Solanki war der Einsatz als Leihmutter ein Geschenk des Himmels, wie sie sagt. «Ich bin so glücklich. Ich konnte die Situation meiner Familie auf Generationen hinaus verbessern.»
Solanki verbringt die Zeit bis zur Geburt im Mütterwohnheim des Akanksha Hospital & Research Institute in der Stadt Anand im indischen Gliedstaat Gujarat. «Es ist wie Ferien», schwärmt sie. Statt von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung auf dem Feld zu schuften, vertrödle sie die Tage damit, mit den anderen Schwangeren zu tratschen. «Ich muss nicht kochen, drei Mal am Tag wird mir Essen gebracht.» Dass sie das Kind, das sie trägt, nie kennenlernen wird, nimmt Solanki gelassen. «Ich habe meine eigenen Kinder, die warten darauf, dass ich nach Hause komme. Das Baby hat seine eigenen Eltern, die sich auf es freuen. Das ist alles in Ordnung so. Ich werde keine Tränen vergiessen.»
Wie Hunderte andere Einrichtungen in Indien ist das Akanksha Hospital darauf spezialisiert, den Kinderwunsch unfruchtbarer Paare durch Leihmütter erfüllen zu lassen. Die Klinikchefin Nayana Patel hat hier seit 2004 über 1600 Kinder auf die Welt geholt und ihren biologischen Eltern in die Arme gelegt. Für sie ist Leihmutterschaft eine klassische Win-win-Situation: «Wir helfen dem unfruchtbaren Paar genauso wie der Leihmutter. Beide gehen reicher nach Hause: die einen mit Kind, die anderen mit Geld.»
Die Praxis, einer Trägerin einen fremden, durch In-vitro-Fertilisation gezeugten Embryo einzupflanzen, so dass sie gegen Bezahlung das Kind austrägt, wurde in Indien 2002 legalisiert. Wie viele Kinder seitdem von Leihmüttern geboren wurden, ist nicht genau erfasst. Die Autoren einer in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlichten Studie schätzten, dass 2012 in Indien etwa 25 000 Kinder von Leihmüttern ausgetragen wurden.
Tatsächlich wurde Indien schon kurz nach der Legalisierung zum Ziel von Baby-Tourismus. Mit Discountpreisen lockten die einheimischen Fortpflanzungsmediziner scharenweise ausländische Paare an: Kostet eine Leihmutterschaft zum Beispiel in den USA in der Regel über 100 000 Franken, war sie in Indien schon ab 15 000 Franken zu haben. Die «Lancet»-Autoren schätzten, dass 2012 ungefähr die Hälfte der sogenannten Surrogate-Kinder in Indien für ausländische Eltern ausgetragen wurden.
Wanddekoration in einem Schlafraum in der Akanksha-Klinik. Das Spital ist bekannt für sein Leihmutterschafts-Programm.
Doch die Goldgräberstimmung rief skrupellose Geschäftemacher auf den Plan: Einige Frauen wurden zur Leihmutterschaft gezwungen, anderen wurden ohne ihr Wissen bis zu drei Embryos eingepflanzt. Nach einer Reihe von Skandalen schob der Gesetzgeber 2015 dem aus dem Ruder laufenden Geschäft mit «Export-Babys» einen Riegel vor. Seitdem können Inderinnen nur noch für ihre Landsleute beziehungsweise Ausländer mit indischer Abstammung Kinder austragen.
Das Ringen um Regularien für den Sektor war damit jedoch nicht vorbei. Seit 2016 laufen in Delhi zähe Verhandlungen über einen Regelkatalog, der die Leihmutterbranche neu ordnen soll. Jüngst kam plötzlich Bewegung in die Sache: In den vergangenen Monaten plädierten Abgeordnete der Regierungspartei BJP mit neuem Eifer dafür, das kommerzielle Austragen von Kindern gänzlich illegal zu machen. Geht es nach den Hindu-Nationalisten, sollen indische Frauen künftig nur noch unentgeltlich und aus humanitären Gründen die Kinder anderer Inder austragen dürfen. Der Gesetzesentwurf könnte bereits in der Mitte September beginnenden Sitzungsperiode des Parlaments verabschiedet werden.
Aktivisten und Experten sehen die neuen Pläne kritisch. Regierungsgegner erachten die Kampagne als weiteres Indiz für den Rechtskurs der BJP, die ein immer konservativeres Welt- und Frauenbild propagiert. Im Gesetzesentwurf wimmelt es von schwülstiger Rhetorik, wonach Inderinnen künftig «im Einklang mit dem Ethos Indiens» zur «Vorzeigefrau» werden, indem sie als «edle Tat» ein Kind für andere gebären.
Wenn die Parlamentarier es Inderinnen untersagten, für selbstbestimmte Dienstleistungen im Fortpflanzungssektor Geld zu verlangen, reduzierten sie die Frauen zu rechtlosen Gebärmaschinen, mahnt Sneha Banerjee vom Zentrum für Frauenforschung in Delhi. Andere lästern, dass es der Elite in Delhi nicht gefalle, dass arme Frauen einen Weg gefunden hätten, sich zu emanzipieren. In Indien herrscht ein rigides Kastensystem, das den Status der Oberklasse zementiert und den sozialen Aufstieg der Unterschicht erheblich erschwert.
Paradoxerweise war es eine BJP-geführte Regierung, die die kommerzielle Leihmutterschaft einst in Indien legalisierte. So sollte damals der Medizin-Tourismus angekurbelt werden. Nun wollten die Patriarchen der BJP den Frauen das Recht auf die Vermietung ihres Uterus wieder nehmen, schimpfen Aktivistinnen. «Dies ist eine der wenigen Methoden, mit denen Frauen in Indien viel Geld verdienen können», sagt Trupti Rajput, die 2008 ein Kind für ein New Yorker Ehepaar austrug und von dem Geld eine Eigentumswohnung kaufte. «Die Regierung tut nichts für Indiens Frauen. Und nun will sie uns den Weg verbauen, uns selbst zu helfen.» Eine 2018 von der Nationalen Menschenrechtskommission angeschobene Studie bemängelt ebenfalls, dass die durchaus positiven Erfahrungen vieler Leihmütter völlig ausser acht gelassen würden.
Dass der Surrogate-Sektor bessere Regulierung braucht, geben allerdings auch diejenigen zu, die die kommerzielle Leihmutterschaft aufrechterhalten wollen. «Strengere Regeln würden uns helfen. Die schwarzen Schafe, die das Image der Branche schädigen, sollten ausgemerzt werden», sagt die Klinikchefin Patel. Vor einem Verbot der Leihmutterschaft warnt sie jedoch. «Die Nachfrage ist da und das Know-how auch. Wenn man die Leihmutterschaft illegal macht, wandert das Geschäft in den Untergrund ab. Und dann wird es richtig gefährlich», sagt die Ärztin.