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An den Olympischen Winterspielen 2014 will der Kreml die Welt mit den Schönheiten des Kaukasus beeindrucken - wenn es sie bis dann noch gibt.
«Mor, Mor, Mor!» Boris Michailowitsch, der Wildhüter, ruft einen jungen Wisent, der im Gehege des Bergdorfes Krasnaja Polana («Schöne Wiese») mit der Schnauze im Schnee wühlt. Plötzlich dreht sich das Tier mit den geschwungenen Hörnern um. Der Wisent beginnt zu laufen, prescht dann im Galopp mit gesenktem Haupt zum Gatter. Neuschnee wirbelt hoch.
Im Westkaukasischen Naturpark - nicht weit von Krasnaja Polana - leben zurzeit 160 Wisente. Der Bestand ist durch Wilderer bedroht. Nun müssen die Wisente auch noch mit den Olympischen Winterspielen zurechtkommen, die 2014 unmittelbar an der Pufferzone des Westkaukasischen Naturparks stattfinden sollen. Wegen seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt hat die Unesco den Park 1999 zum Welterbe erklärt. Zusammen mit dem Sotschi-Park und dem Sotschi-Gehege gehört der Westkaukasische Park zum grössten zusammenhängenden Schutzgebiet Europas. Zwischen schneebedeckten Dreitausendern, Gletschern und Bergwäldern aus Kastanien, Eichen, Buchen und Fichten leben Bären, Gämsen, Wölfe, Schakale, Wildkatzen, Adler und seltene Eulen. Viele der Tiere, etwa den Kaukasischen Hirsch, gibt es nur in dieser Region.
Arbeitsbrigaden aus der Türkei
Vor meiner Reise nach Sotschi hatte ich die drei Naturparks angeschrieben und um ein Interview gebeten. Die Reaktionen waren enttäuschend. Der Direktor des Westkaukasischen Naturparks, Sergej Schewel, rief mich an und erklärte, die Olympischen Winterspiele beträfen sein Gebiet nicht, ich solle mich an den Naturpark Sotschi wenden. Als ich von Sotschi aus die Verwaltung des Parks anrief, erklärte man mir, ich müsse zunächst eine Interviewgenehmigung beim Föderalen Naturschutzkomitee in Moskau einholen.
Über diese ablehnende Haltung wunderten sich die ÖkologInnen aus Sotschi, denen ich von meinen Bemühungen erzählte, nicht. «Die haben Angst vor Journalisten», hörte ich immer wieder. Seitdem Medien berichtet hatten, dass Reiche vom Hubschrauber aus Jagd auf Wild machten und die WildhüterInnen gegen ein Schmiergeld beide Augen zudrückten, sind ReporterInnen in den Naturschutzparks nicht gerne gesehen.
Es dauert noch Jahre, bis die Olympischen Spiele stattfinden, doch schon jetzt ist es mit der Ruhe in den Bergtälern vorbei. In die Fichtenwälder werden Schneisen für die Sessellifte geschlagen. Hubschrauber bringen Beton und Stahlmasten für die Lifte in die bisher unberührten Berge. Trotz Winterwetter giessen Arbeitsbrigaden aus der Türkei Betondächer für die Liftstationen.
Das Bergdorf Krasnaja Polana mit seinen 4000 EinwohnerInnen war bis vor ein paar Jahren nur über eine schmale Serpentinenstrasse zu erreichen. Es gab einen einzigen Skilift, pro Tag kurvten gerade mal 2000 WintersportlerInnen die Hänge hinunter.
Nun werden für die Winterspiele weitere Skizentren geplant, der russische Energiekonzern Gasprom hat bereits ein zweites eröffnet. Während der Wettkämpfe 2014 werden pro Tag 200 000 Menschen im Bergtal mit den sanften Hängen erwartet. Die neue, mehrspurige Strasse, die durch mehrere Tunnels führt, soll diesen Ansturm bewältigen. Geplant sind eine zweite Strasse und eine Metro vom Flughafen direkt ins Skigebiet.
Erste Rückzieher
Anatoli Kudatkin ist Professor für Ökologie und spezialisiert auf Bären und Wölfe. Zwölf Bären haben im Umkreis von Krasnaja Polana ihre Höhlen, erzählt der Forscher, der selber häufig mit dem Zelt durch die Berge zieht. Wenn er die Gelegenheit hätte, würde er Wladimir Putin sagen, dass man hier keine Olympischen Spiele durchführen dürfe. «Sotschi ist ein Kurort in einer einzigartigen Natur, die es nirgendwo sonst gibt. Wir können mehr Geld verdienen, wenn wir den Touristen die wilde Natur zeigen, als wenn wir Winterspiele veranstalten.» Da die Spiele nun aber stattfänden, wolle er Putin zumindest davon überzeugen, dass der ökologische Schaden bei den Bauarbeiten in Grenzen gehalten werden müsse.
Die ersten Baumassnahmen verheissen nichts Gutes. Dima Koptsow von der Ökowache Nordkaukasus berichtet, dass das Hotel und das Skizentrum von Gasprom direkt auf dem grössten Trinkwasserreservoir der Region errichtet wurden.
Die Spiele sollen im Grossraum Sotschi in zwei Regionen stattfinden, rund um das Bergdorf Krasnaja Polana und direkt am Meer, in der Imeretinskaja-Tiefebene. In Krasnaja Polana werden die Sportzentren für die alpinen Disziplinen gebaut, am Schwarzen Meer, wo im Sommer subtropisches Klima herrscht, sollen die Hallen für Eishockey, Schlittschuhlauf und Curling sowie das Stadion für die Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung entstehen.
Die russischen Fernsehkanäle bringen über die Vorbereitungen nur Jubelmeldungen. Über die Kritik von der nordkaukasischen Ökowache, Greenpeace und dem WWF, die in direktem Kontakt mit dem Internationalen Olympischen Komitee stehen, erfahren die ZuschauerInnen nichts. Doch sobald Putin oder Dmitri Medwedjew auf einer der neuen Pisten auftauchen, bringen die Sender ausführliche Berichte. Höhepunkt der Fernsehreportagen ist, wenn Putin oder Medwedjew in einer mondänen Hütte dem Barman ihre Skibrillen schenken, anstatt ihr Getränk zu bezahlen.
Staus und verrückte Preise
Wer Begeisterung für die Grossveranstaltung sucht, wird in Sotschi nicht fündig. Kritische Stimmen gibt es viele, kaum eine will namentlich zitiert werden. Der Mathematikstudent Wjatscheslaw erwartet nicht, dass sich durch die Spiele für ihn etwas verbessert. In seinem Stadtteil fällt regelmässig der Strom aus. Das Dach seines Plattenbaus ist undicht, in den Wänden breitet sich Schimmel aus, die Kanalisation ist kaputt. Ein Händler, der vor dem Hotel Moskwa selbst gezüchtete Zitronenpflanzen und Palmen verkauft, ist skeptisch. Offiziell wurde erklärt, die Infrastruktur von Sotschi werde modernisiert. Aber bisher seien das «nur Worte». Eine Frau, die in einer Boutique teure italienische Mode verkauft, sagt es ohne Umschweife: «Ich bin gegen die Winterspiele. Das bedeutet Verkehrsstaus und verrückte Preise.»
Für Putin sind die Spiele eine Prestigefrage. Er will, dass Russland Wintersporteinrichtungen auf internationalem Niveau bekommt. Ausserdem will Putin so Russlands Vorherrschaft im Kaukasus unterstreichen. Moskau musste bereits hinnehmen, dass eine neue, von den USA geförderte Ölpipeline vom aserbaidschanischen Baku zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan russisches Territorium umgeht. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili will, dass sein Land Nato-Mitglied wird. Moskau reagiert auf seine Weise. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass Russland in der abtrünnigen georgischen Provinz Abchasien extra für die Olympiabauten Zementfabriken errichten will. Ausserdem will man in Armenien, dem einzigen treuen Verbündeten Russlands im Kaukasus, in grossen Mengen Baumaterialen einkaufen, obwohl das wegen der hohen Transportkosten wirtschaftlich unsinnig ist.
Als Sotschi den Zuschlag für die Spiele bekam, war der Jubel in Russland gross. Man hatte sich gegen die Mitbewerber Salzburg und die südkoreanische Stadt Pyeongchangs behauptet. In Moskau munkelt man, Gasprom habe mit Geld nachgeholfen. Belege gibt es natürlich nicht.
Das russische Olympische Komitee hatte hart gearbeitet. Der IOK-Delegation, welche im Februar 2007 den Kurort am Schwarzen Meer besuchte, wurde eine aufgeräumte und von Lichterketten blinkende Stadt präsentiert. Zudem hatte man noch schnell ein Flughafengebäude fertiggestellt, welches zehn Jahre im Bau war. Gehorsame BürgerInnen waren zur Belebung des Gebäudes abkommandiert worden. Inzwischen ist der Neubau wieder abgeschlossen. Wer mit dem Flugzeug in Sotschi landet, betritt die Stadt durch das alte Flughafengebäude im Zuckerbäckerstil.
Eine Million Dollar
In Sotschi kündigen sich die Spiele durch einen wilden Bauboom an. Die Grundstückspreise explodieren und erreichen Moskauer Niveau. Alles, was in Moskau Rang und Namen hat, möchte plötzlich eine Wohnung in Sotschi haben. Wie die örtliche Zeitung «Nesawisimaja Gaseta» berichtete, zahlten KäuferInnen im Januar bereits den Spitzenwert von einer Million Dollar für hundert Quadratmeter - der Standardpreis für diese Fläche liegt bei 200 000 Dollar.
Die Region Sotschi mit ihren Vororten zieht sich 147 Kilometer an der Küste des Schwarzen Meeres entlang und schliesst auch die Bergregion um Krasnaja Polana mit ein. Doch gebaut werden kann nur an bestimmten Stellen, denn die Stadt liegt an einem Hang, und bei unbedachten Baumassnahmen droht Erosion.
Der letzte Generalplan für die Stadt stammt aus den sechziger Jahren. Damals hatte die Stadt 150 000 EinwohnerInnen. Heute leben 400 000 Menschen hier. Die Infrastruktur ist dafür nicht eingerichtet, es kommt zu Stromausfällen und Störungen in der Wasserversorgung. Im Klärwerk landen nur die Fäkalien. Was sich sonst an Abwässern in Strassen und Höfen sammelt, fliesst ungefiltert ins Meer. Die StädterInnen meiden deshalb die Strände in der Innenstadt. Nur die unwissenden TouristInnen baden dort. Das Strassennetz ist völlig veraltet. Wer von ausserhalb in die Stadt zur Arbeit fährt, steht morgens bis zu zwei Stunden im Stau.
«Wir werden uns verteidigen!»
Es grummelt nicht nur im Zentrum von Sotschi, sondern auch in der Imeretinskaja-Tiefebene, wo die Olympiahallen für den Eissport gebaut werden sollen. Kritik kommt einerseits von den ÖkologInnen. Denn die Gegend besteht zum grossen Teil aus Mooren und Seen, wo Fischreiher, Schwäne und Zugvögel ihren Rastplatz haben. Wie in der moorigen Tiefebene überhaupt gebaut werden soll, ist manchen ExpertInnen ein Rätsel. Andererseits sind die Menschen, die dort in der Sowchose Rossija leben, gegen die Baupläne. Sie haben Angst, dass man sie umsiedelt. Von «den Investoren» - etwa dem Grossindustriellen Oleg Deripaska, dessen Unternehmen Basowyj Element nicht nur die Eissporthallen, sondern auch eine Luxussiedlung und einen Jachtklub bauen will - spricht man mit Furcht. Angeblich haben «die Investoren» es auf den Boden rund um das Olympiagelände abgesehen. Erste Umsiedlungen gab es bereits.
Die EinwohnerInnen sind in heller Aufregung. Sie haben ihre schmucken Häuser oft schon zu Sowjetzeiten gebaut, aber viele von ihnen hatten es versäumt, ihr Eigentumsrecht auf den Boden anzumelden. Seit bekannt ist, dass in Sotschi Winterspiele stattfinden, tun sich die Gerichte mit der Anerkennung von Eigentumstiteln schwer, berichtet Tatjana Nikolajewna, die als Krankenschwester in der Sowchose gearbeitet hat. Regelmässig geht sie mit ihren Nachbarinnen zur Stadtverwaltung, um etwas über die Zukunft des Dorfes zu erfahren. Dort bestreitet man jegliche Umsiedlungspläne. Dabei habe das Regionalfernsehen schon von einem neu gebauten Dorf berichtet, welches die UmsiedlerInnen aufnehmen soll.
Letztes Jahr beschloss die Duma, das russische Parlament, ein Olympiagesetz: Boden, der für die Wettkämpfe gebraucht wird, darf vom Staat beschlagnahmt werden. «Ich dachte, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beginne die Freiheit. Aber jetzt hat man Angst, den Mund aufzumachen. Immer wenn ein Korrespondent bei uns war, werden wir zum Staatsanwalt gerufen.» Doch Tatjana Nikolajewna will nicht aufgeben. «Wenn sie uns hier vertreiben wollen, werden wir kämpfen.» Womit? «Wir werden eine Menschenkette bilden.» Ihr Sohn Wolodija war Soldat in Tschetschenien. «Er hat gesagt, er wolle sich vor unser Haus stellen und sich wehren.»
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.Unterstützen Sie den ProWOZ