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Informatik - Boom ohne Frauen?
Ein
Lösungsvorschlag zum aktuellen
November 2000
Inhalt
1. Einleitung
Seit den 80er-Jahren wird die Informatik als die bedeutendste Zukunftsbranche bezeichnet - sicherlich zu Recht, denn mittlerweile gibt es nur noch wenige Arbeitsplätze, die nicht mit den neuen Informationstechniken oder mit computergesteuerter Automation in Berührung kommen. Für die Frauen war die Informatikbranche anfänglich ein Hoffnungsträger; die neue Disziplin, die (noch) nicht mit geschlechtstypischen Zuschreibungen in Verbindung gebracht wurde, sollte es in Zukunft den Frauen ermöglichen, als gleichberechtigte Fachkräfte in einem boomenden Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Diese Hoffnung wurde jedoch nicht erfüllt, im Gegenteil, in der Informatik sind heute - vor allem in Deutschland und in der Schweiz - zu einem grossen Teil Männer beschäftigt, die Frauenanteile variieren lediglich zwischen 10 und 20 Prozent. Aktuell leidet die Branche an einem grossen Mangel an Fachkräften, das Thema ist daher auch in die politische Agenda aufgenommen worden. Diskutiert werden Strategien wie die Zulassung ausländischer ExpertInnen und eine Bildungsoffensive, nur am Rande auch die Erhöhung des Frauenanteils in der Ausbildung. Mit dieser Arbeit wird beabsichtigt, eine konstruktive Ergänzung zu den oben genannten Lösungsvorschlägen beizutragen.
Ziel dieser Arbeit ist es, Gründe für diese Entwicklung darzulegen und mögliche Chancen für eine höhere Frauenbeteiligung in der Informatikbranche aufzuzeigen. Meine Fragestellungen sind die Folgenden:
Zu Beginn werde ich in Kapitel 2 die aktuelle Situation in der Informatik-Branche näher untersuchen. Erst werden Prozesse der Professionalisierung dargelegt, anschliessend werden mit verschiedenem Zahlenmaterial die Fakten der Frauenbeteiligung in der Informatik aufgezeigt. In Kapitel 3 wird, mit Blick in die Vergangenheit, der Frage nachgegangen, wie die Entwicklung der Technik von männlichem Denken und Handeln geprägt war, um anschliessend auf eine wichtige Frau in der Geschichte der Informatik, Ada Augusta von Lovelace, einzugehen. In Kapitel 4 wird dargestellt, wie, insbesondere von der Frauenforschung, versucht wird, das Verhältnis der Frauen zur Technik und zur Informatik zu erklären. Es geht dabei hauptsächlich um verschiedene Sichtweisen auf die "weibliche Technikdistanz". Im darauf folgenden Kapitel 5 werde ich aufzeigen, dass auf verschiedenen Ebenen Veränderungen angestrebt werden können und dass Chancen für eine grössere Beteiligung der Frauen an der Zukunftsbranche Informatik bestehen. In den Schlussfolgerungen in Kapitel 6 schliesslich werden die wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit dargestellt und bewertet.
Der theoretische Hintergrund dieses Themas ist eindeutig im Bereich der Frauenforschung zum Bereich Frauen(arbeit) und Technik angesiedelt. Zahlreiche Studien sowie Beiträge im Internet sind zu finden, dies sowohl im deutschsprachigen wie auch im angelsächsischen Raum. Diese empirischen Studien widerspiegeln die Entwicklung der Frauenforschung: Zu Beginn wurden ökofeministische Positionen vertreten, die von der Analogie Frau=Natur und Mann=Technik ausgehen. Später traten vermehrt die unterschiedliche Sozialisation, die spezifische Psychologie der Geschlechter sowie unterschiedliche Denkstrukturen und Arbeitsmuster in das Blickfeld der Forscherinnen. Schliesslich erfolgte die Abwendung von der Erforschung der Differenz, hin zur Erforschung der gesellschaftlichen Strukturen, welche diese Differenzen erzeugen. Auffällig ist, dass auch zur Erforschung gesellschaftlicher Strukturen in den meisten Studien die Wahrnehmung aus Frauensicht untersucht wurde. Es erstaunt daher nicht, dass zum Teil sehr widersprüchliche Bilder resultieren, welche letztlich auch Widersprüche innerhalb der Frauenforschung aufzeigen. Es ist mir bewusst, dass in dieser Arbeit schwergewichtig mit deutschen Studien gearbeitet wurde, ich gehe jedoch davon aus, dass die Methoden und Resultate sich nicht deutlich von amerikanischen Studien unterscheiden. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass in der amerikanischen Frauenforschung gänzlich andere Diskussionen und Kontroversen geführt werden als im deutschsprachigen Raum.
Die Berufsbezeichnung „InformatikerIn“ wird hier für alle Arbeitskräfte verwendet, deren hauptsächliche Arbeit nicht die Anwendung und Bedienung des Geräts, sondern Programmierung, Systemunterhalt oder Forschung und Lehre ist. Da die Informatik trotz zunehmender Bildungsangebote noch immer eine Branche ist, in die QuereinsteigerInnen und AutodidaktInnen Zugang haben, verwende ich den Begriff unabhängig vom formalen Ausbildungsstand.
2. Beruf InformatikerIn: aktuelle Situation
Im folgenden Kapitel wird die Ausgangslage beschrieben und analysiert, wie sie sich aktuell präsentiert. Zu Beginn wird der Werdegang der "jungen" Profession Informatik dargelegt. Professionalisierungsprozesse sind gemäss Schmitt (1993:59) „...Prozesse der Strukturierung und Differenzierung von Wissens- und Arbeitsinhalten, des Berufsfeldes und des Ausbildungswesens sowie der Entwicklung eines eigenständigen Berufsbildes und beruflichen Selbstverständnisses“. Diese Prozesse sind in der Informatik bis heute nicht abgeschlossen und werden auch in Zukunft zu Diskussionen Anlass geben. Durch Zahlenmaterial wird hier die Tatsache belegt, dass Frauen sich - trotz gleicher Bildungschancen - nur zu einem geringen Teil am Arbeits- und Bildungsmarkt Informatik beteiligen.
2.1 Professionalisierungsprozesse in der Informatik
Die Diskussion um die gesellschaftliche Position und um ein gemeinsames Verständnis der Disziplin Informatik hat in den 80er-Jahren begonnen und ist bis heute nicht abgeschlossen. Die rasante Entwicklung der Informationstechnologie (IT) und deren Einfluss auf nahezu alle anderen Wissenschaftsbereiche und Berufe erschweren die Herausbildung einer klaren Vorstellung des Berufs "InformatikerIn".
Einerseits spielen sich Prozesse der Professionalisierung im universitären Rahmen ab, wo sich die Informatik als ernstzunehmende wissenschaftliche Disziplin zu etablieren versucht. Erste Inhalte der Informatik entstammen den Disziplinen Elektrotechnik und Mathematik; hier entspann sich anfänglich ein Streit zwischen Ingenieuren [1], welche Informatik als reine maschinenzentrierte Ingenieurswissenschaft zu exponieren versuchten, und Mathematikern, welche die Schwerpunkte der Disziplin in der Programmierung sahen. „Der Grabenkrieg zwischen Formalisten und Intuitionisten war eröffnet - sofern diese Anleihe bei der Mathematik erlaubt ist“ (Coy, 1992:4). Bis heute ist dieser Graben nicht überwunden, wohl auch aus dem Grund, weil in der Informationstechnologie die Bereiche Hard- und Software gleichermassen eine wichtige Rolle spielen. Im vergangenen Jahrzehnt wurde schliesslich auch die gesellschaftliche Bedeutung der Informatik sowie ihr interdisziplinärer Charakter erkannt. Für Coy (1992:6) ist Informatik „eine Wissenschaft und eine Technik, die sich vor allem anderen mit der (Re-)Organisation von Arbeitsprozessen und Arbeitsplätzen befasst“. Er fordert eine Erweiterung der "Theoretischen Informatik", welche bis anhin vor allem eine mathematische Theorie der Algorithmen und ihrer Komplexität sei und keine Fundierung der Informatikpraxis sowie eine Erklärung der grundlegenden Phänomene ermögliche. In diesem Sinne argumentiert auch Britta Schinzel (1992), welche vor dem Hintergrund der Frauenförderung in der Informatik einen Einbezug gesellschaftlicher Fragestellungen in das universitäre Studium der Informatik fordert (vgl. Kap.5).
Eine viel pragmatischere Diskussion findet im Bereich der Berufspraxis statt, wo es um Qualifizierungskriterien und eine klare Definition des Berufsfeldes Informatik geht, welche unter anderem im Bereich der Ausbildung und für die statistische Erfassung eine wichtige Rolle spielt. Die technische Entwicklung erschwert auch hier eine dauerhafte Etablierung von Berufsbezeichnungen: "Lochkartenfachkräfte" oder "BedienerInnen von Büromaschinen" (Baukrowitz et al., 1994:25) sind schon längst abgelöst durch "PC-SupporterInnen" und "Web-DesignerInnen". Zudem hat sich durch die Verbreitung und Weiterentwicklung der IT auch die Zahl der Berufsbezeichnungen vervielfacht. Selbst SpezialistInnen für Fragen der Klassifizierung der IT-Berufe gelingt es nicht, eine Ordnung in die Berufsgruppe zu bringen (Baukrowitz et al., 1994:25). Die Auseinandersetzung mit spezifischen Qualifikationskriterien hat jedoch eine Unterscheidung hervorgebracht, welche in der Praxis mittlerweile gängig ist. Unterschieden werden sogenannte Kern-, Misch- und Randberufe [2] (Baukrowitz et al., 1994:26). Sie werden voneinander durch den Grad der Informatik-Qualifikation bzw. durch die reine Informatik-Wertschöpfung abgegrenzt. Als "InformatikerIn" oder "IT-Fachkraft" werden nur Personen aus dem Kernbereich bezeichnet, da dort die Informatik-Qualifikation mindestens 50% ist und der Anteil reiner Informatik-Wertschöpfung über zwei Drittel der gesamtem Wertschöpfung liegt (Knoll). Auch in der Schweiz gilt diese Unterscheidung. Die Definition des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) lautet wie folgt: „Die Informatiker und Informatikerinnen arbeiten, damit andere die Informatik anwenden können“ (Knoll). InformatikerInnen sind also jene Personen, die Informatiksysteme - Hard- und Software - konzipieren, entwickeln, betreiben und warten. Sie kennen die Theorien, wissen, wie Informatik-Systeme aufgebaut sind, und verstehen es, Informatik-Methoden anzuwenden (Knoll). Der Anforderungskatalog ist dementsprechend hoch; zunehmend werden - unter dem Begriff „ganzheitliche Arbeitsgestaltungskompetenz“ - auch Qualifikationen im kommunikativen Bereich wichtig (Baukrowitz et al., 1994:5).
Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass die gegenwärtig im Bereich der Informatik ablaufenden Differenzierungsprozesse nicht in erster Linie von der Profession, das heisst vom universitären Umfeld, ausgehen. Sie orientieren sich vielmehr an der Nachfrage von Arbeitgebern nach bestimmten Qualifikationen sowie an bildungspolitischen Interessen (Schmitt 1993:119).
2.2 Situation auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt Informatik
Die Situation auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt Informatik ist zur Zeit sehr angespannt: Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie hat einen Mangel von rund 10’000 Spezialisten und Spezialistinnen im Informatik-Bereich festgestellt (BBT, Presseunterlagen). Es wird befürchtet, dass dieser Umstand erhebliche volkswirtschaftliche Folgen haben wird: ansässige Unternehmungen können nur beschränkt wachsen, und der Wirtschaftsstandort Schweiz wird weniger attraktiv (Regierungsrat Zürich, 2000). Der zürcherische Regierungsrat beantwortete am 27. März 2000 eine als dringlich erklärte Anfrage betreffend Notstand auf dem Informatik-Arbeitsmarkt: neben einer Bildungsoffensive auf mehreren Ebenen wird die Förderung der Frauen besonders angestrebt. Allerdings fehlen in der Antwort konkrete Strategien und Massnahmen dazu.
Abbildung 1: Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz 1995 und 1998
Quelle: Eigene Darstellung gem. Bundesamt für Statistik, 1998Tatsächlich zeigt sich auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt eine geringe Beteiligung von Frauen im Informatik-Bereich [3]. Abbildung 1 zeigt die absoluten Zahlen voll erwerbstätiger Personen (90-100%), dies in den Bereichen Hardwareberatung und Softwareentwicklung [4] (vgl. Anhang Ia und Ib).
Die prozentuale Frauenbeteiligung ist von 1995 bis 1998 sowohl im Hardware- als auch im Softwarebereich gesunken:
Tabelle 1: Vollzeit erwerbstätige Informatikerinnen in %
Quelle: Eigene Darstellung gem. Bundesamt für Statistik, 1998
Etwas anders sieht die prozentuale Frauenbeteiligung bei den Teilzeitbeschäftigten aus. Die Frauenbeteiligung ist deutlich höher, von 1995 bis 1998 ist jedoch eine Abnahme zu verzeichnen.
Tabelle 2: Teilzeit erwerbstätige Informatikerinnen in %
Quelle: Eigene Darstellung gem. Bundesamt für Statistik, 1998
Die prozentualen Frauenanteile sind alle über 50 %, was durch die Tatsache zu erklären ist, dass Frauen aufgrund höherer Beteiligung an der Familienarbeit häufiger Teilzeit-Erwerbstätige sind. In diesem Zusammenhang ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die Anzahl Teilzeitstellen in der IT-Branche absolut eher klein sind. So sind beispielsweise im Bereich der Softwareentwicklung im Jahr 1998 von total 33’818 Beschäftigten nur 4925 Teilzeit-Beschäftigte (1-89 %), dies entspricht 14.6 % (1995: 13.5%) (vgl. Kap <ip-pii>).
Die hier analysierten, in allen Bereichen sinkenden Zahlen zwischen 1995 und 1998 reichen nicht aus, um einen eindeutigen Trend in Richtung einer (noch) tieferen Frauenbeteiligung festzustellen. Offensichtlich ist jedoch, dass Frauen in Informatikberufen deutlich untervertreten sind.
2.3 Situation im schweizerischen Bildungsbereich Informatik
Das Bildungsangebot im Bereich Informatik ist in den letzten 30 Jahren parallel zu den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ständig erweitert worden. Seit 1976 gibt es die höhere Fachprüfung für WirtschaftsinformatikerInnen, erste Hochschuldiplome in Informatik wurden 1977 ausgestellt. Die Anzahl der Studierenden nahm anfänglich stark zu, in den Neunzigerjahren stagnierte sie erstmals (Knoll). Seit 1994 ist es in der Schweiz möglich, eine vierjährige Berufslehre (InformatikerIn- oder GeräteinformatikerIn-Lehre) zu absolvieren. Die Möglichkeit zur Berufsmaturität sichert den Anschluss an höhere Fachschulen.
Abbildung 2: Organisation der Berufsbildung
Quelle: Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, BBT, 2000
Zudem werden neben diesen öffentlichen Ausbildungsmöglichkeiten von privaten Institutionen zahlreiche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten, die zum Teil zu anerkannten Zertifikaten (z.B. SIZ, Schweizerisches Informatik-Zertifikat) führen. Die Gründe für diese private Bildungsoffensive sind in der eher trägen Struktur des öffentlichen Bildungswesens zu suchen, sowie in der Tatsache, dass der Einstieg in die Informatik-Branche oft über einen Berufsumstieg und Weiterbildung erfolgt. Als Reaktion auf den Fachkräftemangel ist der Bund nun bestrebt, die Berufsbildung Informatik zu koordinieren (vgl. Abb.2) und neue Bildungsangebote zu schaffen. Der Berufslehre und Weiterbildung soll eine modulare Struktur zugrunde liegen (BBT, Presseunterlagen).
Die Frauenbeteiligung ist sowohl im Bereich der Tertiärstufe (Hochschulen) als auch im Bereich der Sekundärstufe II (Berufspraktische Bildung) eher tief. In Abbildung 3 wird gezeigt, dass die prozentuale Frauenbeteiligung im Informatikstudium an der ETH Zürich zwar bei den Studierenden und Diplomstudierenden in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sie betrug im Jahr 1999 jedoch lediglich 8.0 % bzw.7.6 %.
Abbildung 3: Informatik ETH Zürich: Frauenanteil in %
Quelle: Eigene Darstellung gem. ETH Zürich, 2000Die etwas höhere prozentuale Beteiligung bei den Doktorierenden (1999: 11.7 %) kann als relativ höhere Bereitschaft der Frauen für eine akademische Karriere interpretiert werden. Tatsächlich besteht Aufholbedarf, unter den 22 ProfessorInnen im Informatikbereich ist nämlich nur eine Frau anzutreffen. An Informatik-Instituten der ETH und mehrerer deutscher Universitäten ist Frauenförderung in den letzten Jahren thematisiert worden. Zahlreiche Forschungsprojekte sind im Gange, es wird eine interuniversitäre Vernetzung und Kommunikation angestrebt. Auf konkrete Forderungen, die sich sowohl auf strukturelle als auch auf inhaltliche Änderungen des Informatikstudiums beziehen, werde ich in Kapitel 5 näher eingehen.
Auch in der Berufslehre überwiegen die männlichen Lehranfänger deutlich. 1998 begannen nur 4 % Frauen die Lehre, 1999 immerhin 12 % (Knoll). Verschiedene Projekte und Informationskampagnen wurden gestartet, um junge Frauen für den Beruf Informatikerin zu motivieren. So hat zum Beispiel die Zürcher Lehrmeistervereinigung ZLI ein dreijähriges Mädchen-Projekt lanciert, bei dem zehn Oberstufenklassen begleitet werden und Mädchen, welche sich für den Beruf der Informatikerin interessieren, motiviert und unterstützt werden. [5]
2.4 Internationale Unterschiede
Die geringe Frauenbeteiligung in der IT-Branche ist vor allem ein Problem Deutschlands , der Schweiz sowie der USA. In Deutschland sind - im Gegensatz zur Situation in der Schweiz - die Zahlen der Frauenbeteiligung in den letzten 20 Jahren erheblich gesunken: 1980 waren mehr als 20% aller Informatik-StudentInnen Frauen, 1990 waren es etwa 8%, aktuell sind es weniger als 8% (Hahn/Burg). Dies erklärt auch die stärkere Wahrnehmung des Themas an deutschen Universitäten. Auffallend ist, dass in den neuen Bundesländern 1986 die Frauenbeteiligung bei etwa 50% lag, 1991 waren es lediglich 10%. Ebenfalls sinkend sind die Zahlen in den USA. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie (AAUW 2000) ist die Frauenbeteiligung an Informatik-Studienabschlüssen von 37% im Jahr 1984 auf 28% im Jahr 1999 gesunken. Gemäss Hahn/Burg sind für andere Länder die prozentualen Frauenanteile im Informatik-Studium wie folgt:
Für die ehemals sozialistischen Länder Osteuropas, inklusive die neuen Bundesländer Deutschlands, kann die Erklärung für die höhere Frauenbeteiligung in einer durch das politische System verlangten gleichberechtigten Stellung der Frau im Erwerbsleben gesucht werden. Vermutlich hängt die deutliche Abnahme in Deutschlands neuen Bundesländern damit zusammen, dass Gleichberechtigung eher politische Vorschrift denn ein „verinnerlichter“ gesellschaftlicher Wert war. Ausserdem ist nicht abschätzbar, ob die freie Berufswahl in der planwirtschaftlichen Volkswirtschaft vollumfänglich gewährleistet war. Erstaunlich ist, dass in südwesteuropäischen Ländern die Frauenbeteiligung bei 40-50% liegt, obwohl man annimmt, dass in diesen von der christlich-katholischen Kultur geprägten Ländern ein eher traditionelles Rollenbild der Frau vorherrscht [6]. Die deutlich höhere Frauenbeteiligung in asiatischen und arabischen Ländern wird damit erklärt, dass das Technik-Studium in diesen Ländern weniger Ansehen verleiht und eine technische Qualifikation nicht so eng mit der männlichen Geschlechtsidentität gekoppelt ist wie in anderen Kulturkreisen (Janshen, 1983:298, zit. in Collmer 1997:43) (vgl. Kap. 3.1).
Fest steht, dass die Frauenbeteiligung im Informatikbereich unter anderem auch von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Faktoren abhängt. Für die Schweiz (und für Deutschland) bedeutet dies, dass neben einer Abschaffung der strukturellen Nachteile für erwerbstätige Frauen vor allem im Bereich der Wahrnehmung der "männlichen Technik-Kultur" Veränderungsprozesse stattfinden müssen. Im nächsten Kapitel werde ich - mit Blick in die Vergangenheit - verschiedene Aspekte unserer von Männern geprägten Technik-Kultur aufzeigen.
3. Ist Technik Männersache?
Mit einem Blick in die Vergangenheit soll im folgenden Kapitel dargelegt werden, dass die historischen Prozesse der Technikentwicklung vorwiegend von Männern beeinflusst und vorangetrieben wurden. Technikinteressierte Frauen wurden - falls sie überhaupt einen Zugang zu Bildung hatten - mit gesellschaftlichen Hindernissen konfrontiert, die eine öffentliche Teilnahme an Entstehung und Entwicklung der neuen Informationstechnologien verunmöglichten.
3.1 Technik-Kultur - Männerkultur
Die Frage, ob es eine "männliche Technik" gibt, oder ob sich in den Konstruktionsprinzipien des Computers etwas "typisch Männliches" manifestiert, macht nur Sinn, wenn Technik als ein Phänomen aufgefasst wird, das in gesellschaftliche Prozesse eingebettet ist, also ein soziales Phänomen ist (Collmer, 1997:38). Prozesse der Technisierung, Formen technischer Systeme und Umgangsformen mit Techniken werden somit zu einem originären Gegenstand soziologischer Analyse. Collmer (1997:39ff) deutet darauf hin, dass in diesem Zusammenhang das Geschlecht als Strukturkategorie des Technikumgangs eine grosse Bedeutsamkeit hat.
Historisch kann die Frage nach der "männlichen Technik" bejaht werden. Die Technikgeschichte zeigt, dass die Entwicklung technischer Geräte in früheren Jahrhunderten fast ausschliesslich in Männerhand lag, ebenso wie die universitären Wissenschaften. Dadurch war Frauen der Zugang zu Bildung, speziell zu theoretischer Grundbildung in Mathematik und Mechanik verwehrt, auf deren Basis die meisten technischen Erfindungen des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht wurden. Collmer (1997:42) erwähnt, dass für technische Innovation auch Kapital vonnöten ist, was (verheirateten) Frauen per Gesetz bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht zugestanden wurde. „Unter dieser Perspektive erscheint die Unterrepräsentanz von Frauen bei der Entwicklung und Erfindung von Technik als ein umfassender Prozess der kulturhistorischen Ausgrenzung und Abschottung gegen Frauen“ (Collmer 1997:42). Geschlechtsspezifische Zuschreibungen entstanden um etwa 1800, Frauen wurden als viel zu passiv, subjektiv und emotional gesehen, um mit den Naturwissenschaften zurechtzukommen. Männern wurde hingegen ein natürlicher Hang zu Aktivität, Objektivität und Rationalität zugeschrieben.
Die Naturwissenschaften sind seit der Renaissance beeinflusst von einem Weltbild, welches ein instrumentell geprägtes Mensch-Natur-Verhältnis transportierte. Seit Descartes Vernunft mit der Anwendung abstrakter Operationen gleichsetzte, vertiefte sich der Bruch zwischen Mensch und Natur, was eine Trennung von Vernunft und Natur, von männlich und weiblich, von Verstand und Gefühl, von Geist und Körper mit sich brachte (Schinzel 1992:254). Diese den Männern zugeschriebene naturwissenschaftlich-technische Rationalität lag von nun an der technischen Entwicklung zugrunde, Fortschritts- und Machbarkeitsglaube waren der Motor für jede neue technische Erfindung.
Von feministischen Wissenschaftlerinnen wird die Frage, ob Technik ein Geschlecht habe, mit einem eindeutigen "Ja" beantwortet, da sie in ihren prägenden Formen bis heute Ausdruck männlicher Ziele, Wünsche und Leidenschaften geblieben ist (Collmer 1997:43). Das rein quantitative Überwiegen von Männern in technischen Berufsfeldern stellt hierfür nur ein äusseres Anzeichen dar. Gemäss Collmer (ebd.) stellt sich bei der neuen Technologie "Computer" das Dreiecksverhältnis Frauen-Männer-Technik etwas komplizierter dar, weil in der Gesellschaft der Moderne der Computer als Kommunikationsmaschine die Kraftmaschine in ihrer zentralen Bedeutung für das sozioökonomische System ablöst.
Das Verhältnis Frauen-Männer-Technik wird nicht nur durch historisch entstandene Zusammenhänge, sondern auch durch Gegenwartsströmungen beeinflusst. Die einschneidenden Veränderungen des weiblichen Lebenszusammenhangs, die der Modernisierungsprozess mit sich brachte, haben dazu geführt, dass in der gesellschaftlichen Realität die Geschlechtsrollen fliessender geworden sind (Collmer 1997:45). Immer weniger Frauen und Männer entsprechen den Geschlechtsstereotypen von der "weiblichen" Frau bzw. dem "männlichen" Mann“. Collmer (1997:45) argumentiert, dass damit auch eine zunehmend durchlässiger werdende Grenze zwischen "männlicher Technik" und "weiblicher Frau" prinzipiell denkbar werde.
In der durch die Medien vermittelten "Computer-Kultur“, welche geprägt ist durch aufsehenerregende Ereignisse, wird jedoch nach wie vor das Bild des technikbegeisterten "Pröblers", "dem Sog des Computers verfallenen" männlichen Informatikers (Löchel 1997:193ff), des fanatischen männlichen Hackers und des ausschliesslich männlichen Viren-Programmierers gezeichnet (vgl. Kap. <ip-pii>). In einer Studie des Forschungsinstitutes Ategra (2000) wurde festgestellt, dass bei den befragten Frauen die als negativ geäusserte Auffassung verbreitet ist, dass Technik und insbesondere Computerarbeit oft mit Eigenbrötlerei und mangelnder Kommunikation verbunden ist. Computer-Kultur wird also noch heute mit dem Bild männlichen Machtstrebens und dem Bild des kommunikationsfeindlichen männlichen Computerfreaks in Verbindung gebracht.
3.2 Herausragende Frauen in der Geschichte der Informatik
Dass die Geschichte der Computertechnik auch eine weibliche Seite hat, deckte Ute Hoffmann (1987) in ihrem Buch "Computerfrauen" auf. Ihren Recherchen zufolge standen Frauen als Entdeckerinnen, Konstrukteurinnen und Programmiererinnen von Anbeginn der Computerentwicklung neben den Männern. Als einflussreichste und wohl auch umstrittenste Figur wird Ada Augusta Lovelace, oftmals die "erste Programmiererin der Welt" genannt, auf deren Geschichte ich im Folgenden eingehen werde.
Ada Augusta Byron (später Lovelace) wurde anfangs des 19. Jahrhunderts als Kind reicher Eltern von Privatlehrern erzogen und in ihren mathematischen Interessen gefördert. Ihre Anstandsdame, die Mathematikerin Mary Sommerville, führte sie in die wissenschaftlichen Zirkel Londons ein. Da die etablierten Institutionen der Wissenschaft Frauen ausgrenzten, waren sie auf solche gelehrten Zirkel und privaten Clubs angewiesen, die eine Mischung aus Geselligkeit und Wissenschaft darstellten und der weiblichen Lebenswelt entgegenkamen. 1833 lernte Ada Augusta den Mathematiker Charles Babbage kennen, bei der Vorstellung eines seiner Projekte, einer Rechenmaschine (Difference Engine). Im Unterschied zu den anderen Anwesenden soll Ada Augusta diese sofort verstanden und zur weiteren Entwicklung angeregt haben. Sie besuchte anschliessend eine Vorlesungsreihe zur "Difference Engine“.
Nach einer mehrjährigen Pause [7] setzte sie ihre mathematischen Studien fort, dies mit dem Preis, den Ruf einer schlechten Mutter zu bekommen. Nachdem sie Babbage wiederholt ihre Unterstützung angeboten hatte, legte sie ihm 1842 die englische Übersetzung eines "Memoir" vor, indem ein italienischer Militäringenieur nach einem Vortrag die "Analytische Maschine" beschrieben hatte. Babbage, dem manche eine chronische Unfähigkeit zur Dokumentation seiner Arbeiten nachsagen, ermunterte Ada, die sich intensiv mit dieser Maschine befasst hatte, das Papier mit ihren eigenen Gedanken zu erweitern, was sie auch tat. Adas mathematisches Talent und die Ergebnisse aus ihrer Arbeit wurden anerkannt, ihr selbst blieb diese Anerkennung jedoch verborgen. Als Babbage nach der Veröffentlichung eine weitere Zusammenarbeit ablehnte, lenkte sie ihre Interessen auf Elektrizität und später auf Musik, jedoch ohne Erfolg. (Hoffmann 1987:39ff)
Ute Hoffmann (1987:55ff) beschreibt am Beispiel von Ada Augusta Lovelace, wie Technikgeschichte als Abbild historischer Geschlechterdefinitionen entstand. Bis heute gibt es zwei gegensätzliche Porträts: das eine sieht Ada schlicht als Übersetzerin von Charles Babbage. Im anderen erscheint sie als erste Programmiererin [8]. Gemäss Hoffmann (1987:57) galt Ada, als sie in den Fünfzigerjahren wiederentdeckt wurde, zunächst als Übersetzerin Babbages, weil das Bild des genialen technischen Phantasts mit seiner zudienenden Helferin ins Bild der damals vorherrschenden Geschlechterdefinitionen passte. Ada galt als Mittlerin und Übersetzerin von Babbages Gedanken. Erst in den Siebzigerjahren anerkannte man, dass ihre Anmerkungen als Anleitung, d.h. als erstes Handbuch zur Computergeschichte gelesen werden können. Das amerikanische Verteidigungsministerium benannte eine neue Programmiersprache nach ADA. Damit verbreitete sich das Bild von Ada als "erste Programmiererin", auch wenn diese Position später von verschiedener Seite kritisiert wird (Hoffmann. 1987:62ff).
Abbildung 4: Ada Augusta Lady Lovelace, erste Programmiererin
Quelle: Gonick 1984:56, in Hoffmann, 1987:56
4. Differenz und/oder strukturelle Benachteiligung?
Zahlreiche psychologische Untersuchungen über kognitive Geschlechtsunterschiede haben ergeben, dass Intelligenz- und Begabungsunterschiede zwischen Männern und Frauen die verschieden grosse Beteiligung in Informatik und Technik nicht erklären können (Schinzel 1992:258, Collmer 1997:53). Intelligenztests zeigen minimale Differenzen ausschliesslich bei der Vorstellung räumlicher Drehungen von Figuren zugunsten der Männer und bei Sprachkompetenzen zugunsten der Frauen (Burg). Es kann demnach nicht von einer geringeren kognitiven Eignung der Frauen für technische Berufe gesprochen werden.
Im folgenden Kapitel werde ich aufzeigen, dass die Gründe für die kleine Frauenbeteiligung einerseits in unterschiedlichen Zugangs- und Umgangsweisen gesucht werden. Andrerseits werden zur Begründung strukturelle gesellschaftliche Bedingungen angeführt, die sich aus der gesellschaftlichen Stellung der Frau ableiten lassen. Beide Aspekte werden anschliessend aus der Sicht der feministischen Frauenforschung und einiger theoretischer Ansätze diskutiert. Die aufgeführten Ansätze gehen meist über den unmittelbaren Gegenstandsbezug zum Computer hinaus und nehmen eine allgemeine Perspektive des Umgangs mit Technik ein. Die erwähnten Ansätze sind an der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehung orientiert. Der interdisziplinäre Ansatz der Frauenforschung erlaubt, dass hier auf spezielle Theorien der Sozialpsychologie nicht eingegangen wird.
4.1 Sozialpsychologische Perspektive: Geschlechterdifferenz durch Sozialisation?
4.1.1 Aspekte unterschiedlicher Zugangsweisen
Die Tatsache, dass es eine weibliche "Technikdistanz" gibt, wurde gemäss Ritter (194:19f) in mehreren Untersuchungen empirisch belegt: „Das Fazit ist also, allein betrachtet auf der Ebene von Quantitäten, dass Mädchen weniger Kenntnisse im Computerbereich haben, seltener einen Computer besitzen und sich weniger für die Technik interessieren.“ Studien, die spezifisch weibliche oder männliche Umgangsweisen mit Technik empirisch nachweisen, werden sehr kontrovers beurteilt (Schelhowe 1997:8).
<ip-pii> Beziehungsorientierung und kommunikative Orientierung
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Pubertät entscheidender Zeitpunkt für die geschlechtsspezifische Zuordnung technischer Kompetenz ist, hat Ritter in ihrer Untersuchung computerinteressierte Mädchen interviewt, um Konflikte und Lösungsstrategien in ihrer Auseinandersetzung mit dem Computer als kulturelles Symbol von Männlichkeit aufzuzeigen. Ritter stellt dar, dass die weibliche Beziehungsorientierung als Kern des Selbstkonzeptes gilt: Frauen beschreiben sich mehrheitlich als eingebettet in soziale Interaktionen und persönliche Beziehungen, während Männer sich als abgegrenzte Einzelne vorstellen, die sich auf die äussere Welt beziehen. Das Bedürfnis der befragten Mädchen nach Beziehung und Kommunikation mit ihrer Umgebung zeigt sich auch im Umgang mit dem Computer. Einerseits haben Mädchen und Frauen das Bedürfnis, die Funktionsweise der Maschine Computer von Grund auf zu verstehen, während Buben und Männer diese Verständnis mehrheitlich durch Versuch und Irrtum erlangen (Schinzel 1993a). Andrerseits wird der Computer von Mädchen als Objekt einseitiger Beschäftigung begriffen, als unbefriedigend für die Wünsche nach Nähe und Beziehungen mit anderen Menschen (Ritter 1994:225). Im Gegensatz zur männlichen Zugangsweise, die gemäss Löchel (1997:211ff) eher geprägt ist vom Wunsch, ihn zu beherrschen oder gar mit ihm zu verschmelzen [9], machen Frauen Erfahrungen, dass ihr Denk- und Arbeitsstil sich nicht mit dem rationalistischen Prinzip des Computers vereinbaren lässt. In der Folge drücken sie eine gewisse Distanz aus, indem sie ihn „nur als Werkzeug“ betrachten und nachdrücklich auf der Neutralität des Computers beharren (Turkle 1998: 97).
<ip-pii> Weicher und harter Programmierstil
Ein Beispiel für unterschiedliche männliche und weibliche Zugangsweisen zum Computer, welches in der Literatur oft genannt wird, ist die unterschiedliche Art zu programmieren. Im Bereich der Programmierung kann grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Methoden unterschieden werden. Die "universelle" Methode (Turkle 1998:77f) wird als strukturiertes Programmieren bezeichnet. Zunächst entwirft man einen Gesamtplan, in dem man genau spezifiziert, was das Programm leisten soll. Anschliessend zerlegt man die Arbeit in Unterprogramme und Unterprozeduren. Dann erarbeitet man die Einzelteile, benennt sie nach ihrer Funktion und schliesst sie ab, damit man sich nicht weiter um sie zu kümmern braucht. Eine alternative Methode dazu ist der "weiche" Programmierstil: er entstand im Gegensatz zum "harten" Stil eher bottom-up, von unten nach oben. Man spielt mit den Elementen des Programms, den Codebits, man probiert aus, schaut sich das Ergebnis an, unterzieht es einer kritischen Prüfung und probiert etwas anderes aus. Dieser Programmierstil ist assoziativ und kann als "Bastelei" bezeichnet werden. „Bastler lösen Probleme dadurch, dass sie in eine Art dialogische Beziehung zu ihren Arbeitsmaterialien eintreten“ (Turkle 1998:79). Der weitgehend interaktive "weiche" Ansatz sei kein frauenspezifischer Stil, allerdings fühlen sich in unserer Kultur viele Frauen zu ihm hingezogen. Gemäss Turkle (1998:86) hängt dies unter anderem damit zusammen, „dass wir Mädchen die mit dem weichen Ansatz verbundenen Fähigkeiten - Verhandlungsgeschick, Kompromissbereitschaft, Geben und Nehmen - anerziehen, während vorherrschende Modelle erwünschten männlichen Verhaltens Entschlossenheit und Willensstärke betonen. Jungen und Mädchen werden unterschiedliche Beziehungsmuster vermittelt. Es ist daher nicht überraschend, dass sich diese Unterschiede in der Art und Weise widerspiegeln, in der Männer und Frauen mit der Welt der Dinge umgehen.“ Der regelbasierte, "harte" Programmierstil gilt teilweise bis heute als die einzig richtige Methode. Erst in jüngster Zeit hat sich in der Programmierung, im Zusammenhang mit der entstehenden Kultur der Simulation, ein zunehmend kooperatives, nichthierarchisches Denken etabliert.
Waibel (1992:127ff) hat zu den unterschiedlichen Programmierstilen verschiedene Studien mit sehr unterschiedlichen Resultaten analysiert. Die Resultate ihrer eigenen Untersuchung zeigen, dass immerhin 41.1% der befragten InformatikerInnen eine spezifische Zugangsweise bejahen und 25% einen weiblichen Programmierstil nennen (Waibel 1992:131).
4.1.2 Aus der Sicht der Frauenforschung
Im Folgenden werden zwei Ansätze aufgeführt, die in den 70er-Jahren zu Beginn der feministischen Frauenforschung zum Thema Frau und Technik für Erklärungen beigezogen wurden. Sowohl im Differenz- als auch im Defizit-/Distanzmodell wird betont, dass Frauen ihre eigene, sozialisationsbedingte, eben weibliche Zugangsweise und Umgangsweise mit dem Computer haben.
<ip-pii> Differenzmodell
Im Rahmen des Differenzmodells wird von einem fundamentalen Dualismus von Weiblichkeit und Männlichkeit ausgegangen, der auf die Polarität von Natur und Technik übertragen wird. Aus dem Widerspruch zu der vom "männlichen" Prinzip dominierten Technik resultiert die Verweigerung oder Unfähigkeit der Frau, eine so verstandene naturfeindliche Technik in ihren Lebenszusammenhang zu integrieren. Der geschlechtsspezifisch unterschiedliche Gegenstandsbezug zur Natur wird begründet mit der unterschiedlichen "Praxis" von Frauen und Männern, die zurückgeführt wird auf die jeweilige Erfahrung der eigenen Körperlichkeit. Während Frauen durch das Gebären ihre natürliche Körperlichkeit produktiv erfahren, entwickeln sie demnach einen Bezug zur Natur, der geprägt ist von einem Wissen über die Produktivkräfte der Natur. Demgegenüber erscheint der männliche Gegenstandsbezug zur Natur als ein nur „vermittelter“, da Männer „...nichts Neues aus ihrem Körper hervorbringen. Männliche Produktivität kann daher nicht ohne die Vermittlung äusserer Instrumente oder Werkzeuge erscheinen“ (Mies 1980:66, zit. in Collmer 1997:50). Aus diesen Prämissen ergibt sich schliesslich ein fundamental unterschiedliches Verhältnis der Geschlechter zur Technik. Weil die Technik von Anfang an als mit patriarchalen Herrschaftsinteressen verquickt gesehen wird, erscheint auch die neue Technik Computer als ein menschen- natur- und frauenfeindliches Medium, welches wirksam zur Kontrolle von Frauen eingesetzt wird. (Collmer 1997: 49ff)
Das Differenzmodell, in welchem männliche und weibliche Ungangsweisen mit Technik als diametral entgegengesetzt erscheinen, nimmt als Ursache der Differenz also die körperliche Verschiedenheit an.
<ip-pii> Defizit-/Distanzmodell
Nicht die biologische Geschlechterdifferenz als solche, sondern vielmehr die voneinander abweichenden Sozialisationsmuster von Mädchen/Frauen und Jungen/Männern bilden beim Defizit-/Distanzmodell die Erklärungsbasis der vorfindlichen Unterschiede im Technikumgang. Die Geringschätzung von Computern durch das weibliche Geschlecht wird auf Sozialisationsdefizite zurückgeführt, die aufgrund von geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen und Erziehungspraktiken entstehen. Es wird dabei auf die belegte Tatsache zurückgegriffen, dass schon die Eltern, bewusst oder unbewusst, Jungen auf Akzeptanz von Technik und Naturwissenschaften hin erziehen, dass Mädchen hingegen vermittelt bekommen, für die Beherrschung und die Beantwortung naturwissenschaftlicher Fragen inkompetent zu sein. Als Folge zeigen Mädchen und Frauen andere Verhaltensstile und -strategien, die sich u.a. in spezifisch weiblichen Zugangsweisen und zuweilen auch durch eine "Technikdistanz" auszeichnen. Diese Distanz ist nicht in der Natur des Computers selbst begründet, sondern als Reaktion auf die "männliche" Konnotation der Technik zu sehen. Familiale, schulische und ausserschulische Sozialisationsprozesse prägen die Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen und Männern so nachhaltig, dass sie sich in alltäglichen Handlungen niederschlagen und durch die Weitergabe von Rollenerwartungen reproduzieren. „Dabei erscheint die geschlechtsspezifische Sozialisation nicht nur individuell vermittelt, sondern tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert, insbesondere in der vorfindlichen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern“ (Collmer 1997: 55). Zwar besitzen Mädchen und Jungen dieselben Fähigkeitspotenziale, sie haben aber unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten. Die Folgen dieses sozialen Wirkmechanismus sind vielfältig und reichen von einer beobachteten deutlich "pragmatischeren Haltung" der Mädchen zum Computer bis zu einer kritischeren Einstellung zur Technik allgemein. (Collmer 1996:53ff)
<ip-pii> Kritik
Das Differenzmodell, welches biologische Unterschiede heranzieht, um das unterschiedliche weibliche und männliche Verhältnis zur Technik zu begründen, stellt einen ontologischen Dualismus des "Weiblichen" und des "Männlichen" ins Zentrum der Argumentation, auf den die Individuen von vornherein deterministisch festgelegt zu sein scheinen. Gemäss Collmer (1997:66) erscheint es zur Erklärung des geschlechtsspezifischen Verhältnisses zur Computer-Technik „... in vielen Punkten methodisch unpräzise und analytisch unscharf.“ Unter anderem werden Unterschiede innerhalb des gleichen Geschlechts nicht berücksichtigt. Das Modell mit seiner idealisierten weiblichen Beziehung zur eigenen Körperlichkeit und zur Natur weist im Hinblick auf eine Beteiligung der Frauen an der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung destruktives Potential auf (ebd.).
Demgegenüber scheint der grosse Vorteil des Defizit-/Distanzmodells zu sein, dass mittels des Schlüsselbegriffs Sozialisation soziale und psychologische Prozesse der Vermittlung geschlechtsspezifischer Werte und Rollenvorstellungen in den Vordergrund rücken. Damit wird herausgehoben, dass zwischen biologischem Geschlecht und sozialem Geschlecht im Sinne von sozial vermittelten Geschlechtsrollen unterschieden werden kann. Gemäss Schinzel (1993a) ist jedoch keine saubere Trennung zwischen sozialem und biologischem Geschlecht möglich. Die Betonung, dass sich die Differenzen auf das soziale und nicht auf das biologische Geschlecht beziehen, sei darum wissenschaftlich unhaltbar. Um biologischen Determinismus zu vermeiden, kann diese Unterscheidung jedoch sinnvoll sein.
Collmer (1997:70) betont, dass eine Leistung dieses Ansatzes darin besteht, dass diejenigen Mechanismen herausgearbeitet werden, die in den Individuen wirken, um ihren Geschlechtsrollen gerecht zu werden: „Im Rahmen des Defizit-/Distanzansatzes wird schliesslich eine Kopplung zwischen Geschlechtsrollenidentität und tatsächlichem Verhalten aufgedeckt, vor deren Hintergrund eine ‘andere’ Herangehensweise von Mädchen und Frauen an den Computer plausibel erscheint.“ Die Tatsache, dass im weiblichen und männlichen Zugang zur Technik gewisse sozialisationsbedingte Unterschiede bestehen, wird hier nicht geleugnet. Durch den Fokus der Frauenforschung auf diese Differenzaspekte besteht jedoch die Gefahr, dass diese eher zementiert als behoben werden. Kritisch ist jedoch, dass diese andere Herangehensweise gegenüber derjenigen von Jungen und Männern als defizitär angesehen wird. Die anscheinend höhere Technikkompetenz von Jungen und Männern erfährt dadurch mehr gesellschaftliche Anerkennung als die anscheinend höhere Sozialkompetenz von Mädchen und Frauen.
In Bezug auf geschlechtsspezifische Differenzen im Umgang mit Technik besteht unter ForscherInnen eine grosse Uneinigkeit: Sowohl Schelhowe (1997:8) als auch Erb (1996:21) bezweifeln die empirische Nachweisbarkeit geschlechtsspezifischer Differenzen und betonen, dass stattdessen zur Erklärung der geringen Beteiligung von Frauen an Produktion und Gestaltung von Technik strukturelle gesellschaftliche Bedingungen untersucht werden sollten: Machtverhältnisse, Interessenhierarchien und Abgrenzungsstrukturen sollen fokussiert werden.
4.2 Soziologische Perspektive: strukturelle Benachteiligung?
4.2.1 Aspekte struktureller Hindernisse für Frauen in der Informatik
Geschlechtsspezifische Kompetenzzuschreibungen, d.h. die Zuordnung bestimmter Kompetenzen und Verhaltensweisen im Umgang mit Technik als "weibliche" oder als "männliche" Fähigkeiten, lässt sich gemäss Erb (1996:20) im Zuge vermehrt vorliegender differenzierter empirischer Untersuchungen nicht länger aufrecht erhalten. Erb betont, dass die empirischen Ergebnisse vielmehr auf die Notwendigkeit hinweisen, das Verhältnis von Frauen und Technik auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse und der Hierarchie zwischen den Geschlechtern zu betrachten.
Im Folgenden werde ich auf zwei Aspekte eingehen, die der Frage, wie sich das Geschlechterverhältnis konkret in der Gesellschaft auswirken kann, nachgehen. Bei der Untersuchung der spezifischen Situation von Frauen in der Informatik ist nach Erb (1996:26f) zu unterscheiden zwischen „... Erfahrungen, die Frauen aufgrund der auch für andere, insbesondere hochqualifizierte Berufsfelder geltenden geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung bzw. aufgrund von Mehrfachbelastungen durch Berufs- und Reproduktionsarbeit machen, und Erfahrungen, die durch fachliche Besonderheiten, eine spezifische Fachkultur oder spezifische Anpassungsleistungen in der Informatik bedingt sind. Es stellt sich also die Frage, (...) insbesondere welchen prägenden Einflüsse der hohe Männeranteil in der Informatik auf diese Disziplin, ihre Theoriebildung und ihre Fachkultur hat.“
<ip-pii> Strukturelle Benachteiligung: Frauen und Berufsleben
Bettina Schmitt (1993), die mit ihrer Arbeit die Beteiligungschancen und Barrieren für Frauen insbesondere im Hinblick darauf untersucht, ob die Informatik als relativ junge Profession neue Chancen für die Beteiligung von Frauen eröffnet, kommt zu dem Ergebnis, dass auch Frauen in der Informatik den aus anderen Berufsbereichen bekannten Mustern struktureller Benachteiligung unterliegen. Die Arbeitsbedingungen in der Informatikbranche sind in starkem Masse an dem orientiert, was in der Frauenforschung als "männliche Normalbiografie" bezeichnet wird. Als zentrales Problem wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie genannt. Aufgrund der grossen Nachfrage gelingt es zwar häufig, Teilzeitstellen zu erhalten oder flexible Regelungen auszuhandeln. Dazu zählen etwa Regelungen für einen erweiterten Erziehungsurlaub, flexible Arbeitszeiten oder auch die Möglichkeit, über einen vernetzten Computeranschluss zu Hause zu arbeiten, um so auch während Zeiten der Kindererziehung weiter berufstätig sein zu können. Schmitt (1993:78) erwähnt, dass solche Regelungen für viele Frauen unbestreitbar neue Möglichkeiten eröffnen. Sie bezahlen diese aber dennoch häufig mit einer Begrenzung beruflicher Aufstiegschancen. Berufliche Karriere verlangt auch in der Informatikbranche vollen Arbeiteinsatz und eine Flexibilität, die sich primär an den Interessen von Arbeitgebern und Kunden orientiert. Zudem ist die Bereitschaft und Kapazität zu ständiger Weiterbildung zwingend. Frauen sind also auch in der Informatik eher auf den unteren und mittleren Ebenen, selten dagegen in Leitungspositionen eingesetzt (vgl. Kap. 2.3). Das heisst, dass eine Vereinbarung von Beruf und Familie vielerorts angestrebt wird, Karriere und Familie bleiben jedoch nicht vereinbar.
Trotz dieser Hindernisse betont Schmitt (193:37) dass die Informatik allgemein gute berufliche Chancen für Frauen bestehen, diese gelten jedoch nur für den Berufseinstieg. Die fachliche Eignung von Frauen werde nicht in Frage gestellt, und die "Jugend" des Fachgebietes sorge für ein gegenüber Frauen aufgeschlossenes Klima. Andererseits erwähnt sie aber auch, dass es zahlreiche berufstätige Informatikerinnen gebe, die sich im alltäglichen Umgang mit männlichen Kollegen und Vorgesetzten nicht immer als selbstverständlich Gleiche erfahren, sondern auch Diskriminierungen und Zurücksetzungen erleben.
<ip-pii> Männerorientierte Computerkultur/Fachkultur
Die Wahrnehmung der Computer-Kultur ist geprägt von deren männlichen Protagonisten, Hackern, Cyberspace-Freaks, Computer-Junkies und zwanghaften Programmierern (Collmer 1997:99). Im Zusammenhang mit weiblichen Geschlechtsrollen scheinen für Collmer (1997:100) folgende drei Charakteristika der Computer-Kultur bedeutsam zu sein:
Dass die Computer-Kultur auf einer instrumentell-rationalen Basis fusst, wird durch den Befund plausibel, dass sich in der symbolischen Maschine Computer die formale Logik des „Entweder-Oder“ vergegenständlicht. Diese Logik findet sich gemäss Collmer (1997:100) aber nicht nur im Umgang mit der Technik, sondern in vielen gesellschaftlichen Prozessen und zwischenmenschlichen Interaktionen und formt das Denken, Fühlen und Handeln von Männern und Frauen. Aufgrund der gesellschaftlichen Situation der meisten Frauen, nämlich ausser in der öffentlichen Sphäre auch in der privaten Sphäre mit ihren anders gearteten Realitäten zu agieren, verhalten sie sich gegenüber den Anforderungen dieser Logik aber nicht selten ambivalent. Dem technischen Gerät Computer als rationalem Instrument par Excellence begegnen sie daher häufig kritisch. Collmer (1997:101) schildert, dass dies in der Realität oft nicht durch das technische System bedingt ist, sondern durch ein subkulturelles Klischee erzeugt wird, um "Nichtgleichgesinnte" von den "Indsidern" abzugrenzen. Das kompetitive Klima der Computer-Kultur fällt auf zwei Ebenen auf: im Umgang mit dem Computer und in der Wettbewerbssituation mit anderen Usern. Collmer (1997:102) beschreibt, dass die Suche nach Kompetenzerlebnissen und der Versuch, Herrschaft über die Maschine zu erlangen, häufig zu einem spannungsreichen und aggressiven Kampf gegen den Computer wird, das auch eine selbstzerstörerische Komponente hat. Turkle (1988:45, zit. in Collmer 1997:102) schreibt dieses destruktive Verhalten eher Männern als Frauen zu: „Women are not so into sport death: they are more balanced in their priorities“. Auch im gegenseitigen Konkurrenzverhalten gegenüber anderen ComputernutzerInnen verhalten sich Männer weniger kooperativ und grosszügig als Frauen: „Das vermeintliche 'Mehr' an computerorientierten Wissen lässt sich so zu subtilen Dominanzgesten funktionalisieren“ (Collmer 1997:103). Das eskapistische Moment der Computerkultur spiegelt sich in der Tatsache, dass die „Kommunikation“ mit Computern als Alternative zu menschlichen InteraktionspartnerInnen wahrgenommen werden kann. Collmer (1997:111) vertritt die Meinung, dass diese männlich geprägten Charakteristika einen hinreichenden Grund für eine Abwehr des Eindringens von Mädchen und Frauen in die Computerkultur darstellen.
4.2.2 Aus der Sicht der Frauenforschung
Im Folgenden zwei weitere theoretische Ansätze, die auf der Erkenntnis beruhen, dass die Zuordnung bestimmter Kompetenzen und Verhaltensweisen im Umgang mit Technik als "weibliche" oder als "männliche" Fähigkeiten sich im Zuge vermehrt vorliegender differenzierter empirischer Untersuchungen nicht länger aufrecht erhalten lassen. Während differenztheoretische Erklärungsansätze Anlass zu der Befürchtung geben, geschlechtsspezifische Stereotype und Wertungen lediglich festzuschreiben, eröffnen Sichtweisen, die das soziale Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt begreifen, eher den Weg zu Analyse von Veränderungspotentialen (Erb 1996:22).
<ip-pii> Sandra Harding: drei Analyseebenen
Sandra Harding unterscheidet drei Ebenen, auf denen sich das Geschlechterverhältnis zeigt und zu untersuchen ist: die Ebene der individuellen Geschlechtsidentität, die Ebene des Geschlechtersymbolismus und die Ebene der Struktur gesellschaftlicher Arbeitsteilung (Harding 1990, zit. in Schelhowe 1997:9).
Hinsichtlich des Verhältnisses von Frauen und Technik ermöglicht die individuelle Dimension des sozialen Geschlechts die Analyse individueller Umgangsformen mit Technik, individueller Wege in technischen Berufen und insbesondere widerständiger und widersprüchlicher Praxisformen im Verhältnis einzelner Frauen zu je speziellen Ausprägungen von Technik (Erb 1996:23). Schelhowe (1997:9) sieht, trotz zunehmendem Wissen über die Bedingungen für Mädchen im Informatikunterricht, zukünftig Forschungsbedarf darüber, wie sich das Verhältnis zwischen Männlichkeit und Technik und das scheinbare Desinteresse von Mädchen konkret herstellt. Die Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Informatikerinnen aus Mädchenschulen kommen, verlange nach der Ermöglichung von Experimenten mit geschlechtshomogenen Bildungsangeboten und ihrer wissenschaftlichen Begleitung.
Mit der symbolischen Dimension sind etwa kulturelle Normierungen und Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie insbesondere die Zuordnung von Technik zu Männlichkeit und von Technikdistanz zu Weiblichkeit, zu erfassen. Der strukturellen Dimension schliesslich werden z.B. geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, die Verteilung von Zugangschancen zu technischen Berufen oder die Verknüpfung von Technikkompetenz mit einem bestimmten sozialen Status zugerechnet (Erb 1996:22). Da die Fachkultur der Informatik sich heute im Wandel von einer langen rationalistischen Tradition zu einer interaktiven, kommunikativen Tradition befindet und dadurch das traditionelle Geschlechterverhältnis in Bewegung gebracht wird, sollen diese Vorgänge gemäss Schelhowe (1993:11) untersucht werden. Dies sowohl aus sozialwissenschaftlicher wie auch aus fachlicher Sicht, zum Beispiel anhand der Entwicklung von Programmiersprachen.
<ip-pii> Ansatz der Dekonstruktion
Seit den 90er-Jahren werden in der Frauenforschung Ansätze diskutiert, die die Dekonstruktion der Differenz selbst zum Ziel haben. Diese Ansätze gehen davon aus, dass Geschlechtlichkeit diskursiv, bzw. sozial konstruiert ist. An der bisherigen Frauenforschung wird kritisiert, dass diese durch die Betonung geschlechtsspezifischer Differenzen an der Konstruktion der zweigeschlechtlichen Gesellschaft beteiligt ist. Das neue "dekonstruktive" Bewusstsein öffnet gemäss Ross (1998) Denkschranken und enthält als Möglichkeit die Veränderbarkeit. Zudem wird ein Weg aus der den "Herren" gegenüber oft empfundenen Ohnmacht gezeigt. Wichtig ist, dass das Geschlecht nun als einzige gesellschaftliche Analysekategorie vehement abgelehnt wird. Es wird als eine Kategorie unter vielen verstanden; der Blick soll geschärft werden für die vielfältigen Differenzen (z. B. ethnische oder klassenbedingte Unterschiede), welche die Menschen und damit ihre Arbeitszusammenhänge prägen.
Der Begriff der Dekonstruktion wurde von Judith Butler [10] aus der postmodernen Literaturanalyse übernommen, sie ist eine Praxis, die vom Innern des Textes quasi subversiv und aus unterschiedlichen Perspektiven den Text neu liest, in Einzelteile zerlegt und wieder zusammensetzt (konstruiert) (Schelkle). Dekonstruktion ist also nicht Destruktion. Es gibt allerdings in dieser Auffassung keine nicht mehr hinterfragbaren Wahrheiten oder Seinszustände. Die Unterscheidung von sex und gender, also biologischem und sozialem Geschlecht, wird überprüft, weil damit biologistische Annahmen über „Männer“ und "Frauen" und "Zweigeschlechtlichkeit" durch die Frauenforschung fortgesetzt werden (Ross 1998). Von einigen VertreterInnen dieses Ansatzes wird selbst die biologische Geschlechterdifferenz als konstruiert wahrgenommen und in Frage gestellt.
Die Ansätze der Dekonstruktion haben in der Frauenforschung heftige Debatten aufgelöst, da die gesamte bisherige Feministische Forschung hinterfragt wird, ja in gewissem Sinne dekonstruiert wird.
<ip-pii> Kritik
Mit Ihrem Vorschlag, die strukturellen, symbolischen und individuellen Dimensionen des sozialen Geschlechts in der Analyse zu unterscheiden, findet Harding breite Anerkennung. Auch wenn diese Dimensionen nicht überschneidungsfrei sind, sondern auf vielfältige Weise miteinander wechselwirken, ist dieser Ansatz, so Schelhowe (1997:9) geeignet, Aufgaben für die Frauenforschung auch in der Informatik zu strukturieren. Harding weist damit die Frauenforschung konsequent weg von der Untersuchung der Differenz, hin zu einer Untersuchung der Strukturen, welche unterschiedliche Bedingungen für Frauen und Männer produzieren.
Die wichtigste Errungenschaft des Ansatzes der Dekonstruktion ist meiner Meinung nach, dass starre Festlegungen und Trennungen in „männlich“ und „weiblich“ hinterfragt werden. Der Ansatz räumt auf mit diffusen Vorstellungen über die Geschlechtlichkeit und ihre Auswirkungen, indem vertreten wird, dass diese nicht per se existiert, sondern ein soziales Konstrukt ist. Dass damit die feministische Frauenforschung hinterfragt wird, die die Vorstellungen über Geschlecht mitprägt, schadet dieser kaum. Durch die neue Betrachtungsweise kann von Opferhaltung und Ohnmacht Abschied genommen werden. Dennoch ist anzumerken, dass diese neuen Denkansätze in der Praxis der Frauenforschung schwierig anzuwenden sind. Nach Erb (1996:23) stellt nämlich die Forderung, davon auszugehen, dass schon die Grundstruktur der Zweigeschlechtlichkeit gesellschaftlich strukturiert ist, zukünftige Forscherinnen vor ein Dilemma: Um ihre Situation zu analysieren und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen zu können, müssen sie notgedrungen vom System der Zweigeschlechtlichkeit ausgehen.
Das Fruchtbarmachen der "Dekonstruktionstheorie", wie sie von Judith Butler vertreten wird, bedeutet nicht nur, Abschied zu nehmen von einer Vorstellung eines frauenspezifischen Zugangs und Umgangs mit Informatik und Informationstechnik, sondern auch davon, dass dieser "besser" ist. Für Schelhowe (1997:8) kann das im positiven Sinne heissen, „die geschlechtsspezifischen symbolischen Zuweisungen, die im Kontext von Informatik und Computerbenutzung vorgenommen werden, zu erforschen, offenzulegen und zu kritisieren. Doch reicht eine Kritik des Symbolischen nicht aus. Mit der Entwicklung und Anwendung von Software bekommt diese auch 'materielle Gewalt', wird gesellschaftlich Realität.“ Weiter ist sie der Ansicht, Frauenforschung in der Informatik könne nicht bei dieser Kritik stehenbleiben, sondern müsse gleichzeitig zu einem neuen Technikverständnis und zur Technikgestaltung, die auch Arbeitsgestaltung ist, beitragen, um Veränderungen des Geschlechterverhältnisses positiv mitzugestalten.
5. Chancen und Veränderungspotenziale
Die theoretischen Ausführungen im vorangehenden Kapitel habe gezeigt, dass Veränderungen sinnvollerweise auf der strukturellen Ebene angestrebt werden. Aus der Sichtweise, dass geschlechtsspezifische Unterschiede, sofern diese wirklich bestehen, durch gesellschaftliche Strukturen gebildet werden, werde ich in den folgenden Abschnitten versuchen, einige Möglichkeiten darzulegen, die dazu führen könnten, dass Frauen sich vermehrt entscheiden, einen Informatik-Beruf zu wählen. Schmitt (1993:145) zitiert hierzu eine Gesprächspartnerin: „ Es ... [ist] doch denkbar, nicht primär Frauen zur Wahl technischer Berufe zu motivieren, sondern stattdessen eine andere, alternative Technikentwicklung zuzulassen und zu fördern, die Frauen dann vielleicht besser ansprechen und an der sie sich eher beteiligen würden.“
Öffentlichkeit
Erziehung/Schule
Eltern und Schule sollten versuchen, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu stärken und geschlechtsrollenspezifischen Vorstellungen und Verhaltensweisen entgegenzuwirken. Besonders junge Mädchen, die vor der Berufswahl stehen, sollten speziell gefördert und unterstützt werden, ihre Interessen weiterzuverfolgen.
Familie und Beruf
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen sollte angestrebt werden. Insbesondere sollen strukturelle Behinderungen abgebaut werden und auch für Männer mehr Möglichkeiten für Teilzeitarbeit gestaltet werden. Dies verlangt eine ständige Thematisierung solcher Forderungen in der Politik.
Information
Es sollte angestrebt werden, die Wahrnehmung der Informatik in der Öffentlichkeit zu verändern. Die Berufsbilder der Informatik sind noch immer stark von der allgemeinen Technikwahrnehmung geprägt. Es soll aufgezeigt werden, dass Kommunikation und Teamwork in der Informatik sowohl im Bereich der Programmierung als auch im Bereich der neuen Informationstechnologien (z. B. Internet) immer wichtiger werden. Eine wichtige Rolle in diesem Informationsprozess spielen Schulen und Berufsberatungen [11] sowie Informatik-Berufsverbände, Bildungsinstitutionen Unternehmen der Informatik-Branche und schliesslich auch die zuständigen Organe der Kantone und des Bundes [12]. Auch die Medien, welche die neuen Informationstechnologien intensiv nutzen, könnten in einem öffentlichen Informationsprozess nutzbar gemacht werden.
Wissenschaft/Forschung
Zur Zeit wird in der Fachdisziplin Informatik über einen sich anbahnenden wissenschaftstheoretischen Paradigmenwechsel diskutiert (Erb 1996:57). Ein Wandel der technikzentrierten Informatik zu einer Informatik, die Menschen und ihr Handeln in sozialen Strukturen und Arbeitsprozessen als Ausgangspunkt für die Technikgestaltung nehmen, würde Bereiche aufwerten, die mehr Indentifikationsmöglichkeiten für Frauen versprechen.
Prozessorientierung statt Produktorientierung (Erb 1996:58f)
Im Software-Engineering wird eine Wechsel von der rein produktorientierten zu einer eher prozessorientierten Sicht gefordert. Damit wird verlangt, dass Software vermehrt anwendungsorientiert gestaltet werden soll; dies setzt einen intensiven Kontakt zwischen SpezialistInnen und zukünftigen AnwenderInnen voraus. Das Bezugssystem, in dem eine Software entsteht, meist ein Arbeitsprozess, ist ein dynamisches System.
Frauenförderung
Die Frauenförderung ist oft kein akzeptierter Grund, Strukturen im Sinne der Frauen zu ändern, denn es wird vom Fach aus gesehen argumentiert. Frauenförderung ist demgemäss nur sinnvoll, wenn sie zu einer Verbesserung [13] der Informatik selbst beiträgt (Schinzel 1993). In diesem Sinne sollten auch Informatikerinnen sich an der oben erwähnten Diskussion um einen Paradigmenwechsel in der Informatik aktiv beteiligen. Dies wiederum setzt voraus, dass im universitären Bereich vermehrt Frauen auch in höheren Hierarchiestufen sein sollten. Frauen sollen ermutigt werden, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben und so die Entwicklung der Disziplin mitzuprägen. Zudem üben Wissenschaftlerinnen auch in der Informatik eine gewisse Vorbildfunktion aus.
Ausbildung
Eine Bildungsoffensive (vgl. FN 11) kann nur dann für die Frauen fruchtbar gemacht werden, wenn auch Strukturen der Ausbildung und Ausbildungsinhalte verändert werden. Dabei sind gemäss Schinzel (1993b) vor allem am Anfang des Studiums motivationale Aspekte sehr wichtig, da „die Vorstellungen von Studienanfängern über Informatik meist sehr diffus und weitgehend falsch sind (...).“
Ausbildungsinhalte
Für die universitäre Ausbildung fordert Schinzel (1993b) vermehrt eine theoretische Einbettung und die Herstellung von Sinnbezügen, bevor an konkrete Programmier- und Software-Entwicklungsmethoden herangegangen wird. Bei allen informatischen Methoden und Inhalten darf deren Einbettung in und Wechselwirkung mit sozialen Gegebenheiten und Arbeitssituationen nie aus dem Blick geraten. Weiter verlangt Schinzel, dass in einem Fach "Informatik und Gesellschaft" die Möglichkeit gegeben werden soll, neben der gesellschaftlichen Bedeutung der Technik allgemein auch philosophische Themen oder arbeitswissenschaftliche Überlegungen zu erarbeiten. Zudem soll aufgezeigt werden, dass der Informatik im Bereich von Problemlösungen durch modellierte Realitäten klare Grenzen gesetzt sind, dem allgemeinen Machbarkeitsglauben in der Informatik soll der Boden entzogen werden (ebd.).
Diese Aspekte gilt es in angepasster Form auch im Bereich der berufspraktischen Ausbildung zu berücksichtigen, hier soll jedoch auf die Lebenszusammenhänge der TeilnehmerInnen Rücksicht genommen werden. Die offene Thematisierung geschlechtsspezifischer Aspekte bei Jugendlichen ist vielleicht problematisch, dennoch sollte zu persönlicher Reflexion angeregt werden. Die Diskussion über die Informatikkultur der Gegenwart und der Vergangenheit kann bestimmte Verhaltensweisen bewusst machen.
Ausbildungsstrukturen
Sowohl im universitären Bereich wie auch im Bereich der Berufsbildung soll die Herstellung von Realitätsbezügen, das Anbinden an konkrete Erfahrungen sowie exemplarische Vorgehensweisen mehr Platz verstärkt berücksichtigt werden. Eine stark beispielgebundene Präsentation des Stoffes soll angestrebt werden, wobei gemäss Schinzel (1993b) wichtig ist, dass auch Anwendungsbeispiele aus dem Lebenszusammenhang von Frauen gebracht werden. Zudem sollen Frauen dazu aufgerufen werden, informelle geschlechtshomogene Arbeitsgruppen zu bilden. Ein offizielles Angebot für geschlechtshomogenen Unterricht ist trotz mehrheitlich positiver Beurteilung problematisch, da damit auf geschlechtsspezifische Unterschiede hingewiesen wird.
Berufspraxis
Im Bereich der Berufspraxis gilt es vor allem, die Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass Frauen sich ernstgenommen fühlen und entwickeln können. Dabei ist anzumerken, dass weibliche Informatikerinnen mit ihren Anliegen von ihren männlichen Kollegen allgemein positiv beurteilt werden. Dennoch sind aktuell Frauen in höheren Positionen selten anzutreffen.
Vernetzung
Eine wichtige Funktion haben gemäss Erb (1996:212) bundesweite und internationale Vernetzungen von Frauen in Informatikberufen. Diese dienen als Interessensvertretung für Frauen in diesen Berufsvereinigungen und schaffen Diskussionsforen und Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches für Fachfrauen durch die Organisation von Fachtagungen und das Publizieren von Zeitschriften und Büchern. Durch den Austausch mit anderen Frauen erfahren sie, dass viele Barrieren, denen sie begegnen, nicht auf individuelle Probleme zurückzuführen sind und schon gar nicht auf individuellen Defiziten beruhen, sondern dass die Ursachen solcher Barrieren in strukturellen Bedingungen und geschlechtsspezifischen Symbolisierungen zu suchen sind (ebd.).
„Vom Lipstick zum Laptop!“
So lautet der Titel einer Tagung im Oktober dieses Jahres in Zürich, organisiert durch den Verein Management-Symposium für Frauen der UBS. Zweck und Ziel dieses „Business-Events“ war es, Frauen über die Vielfalt der E-World zu orientieren, berufliche und unternehmerische Einstiegsmöglichkeiten aufzuzeigen und neue Aus- und Weiterbildungswege vorzustellen. Die zukünftige Entwicklung der Informationstechnologien (IT) wird als Chance dargestellt, die auch Frauen die Möglichkeit bietet, Zugang zu Führungspositionen zu erlangen. Dabei gilt das Motto: „Weg vom Konkurrenzkampf der Geschlechter für Top-Positionen im Management, hin zu den beruflichen und unternehmerischen Möglichkeiten in der IT-World, die ... [Frauen] eine neue Unabhängigkeit bieten können!“ (Siegel 2000). Frauen sollen nicht mehr zwischen Lippenstift und IT wählen müssen, sondern eine Beteiligung am Zukunftsmarkt als „das Natürlichste der Welt betrachten“ (ebd.). Hier wird sehr viel Enthusiasmus verbreitet - es gilt, in Zukunft durch Taten eine Chance wahrzunehmen. Auch wenn damit die Informatik nicht verändert wird, wird hier betont, dass im Bereich der Informationstechnologien die Fähigkeit zu Kommunikation und Teamwork wichtige Qualifikationen sind, sowohl für Frauen als auch für Männer.
6. Schlussfolgerungen
Die Situation auf dem schweizerischen Arbeits- und Bildungsmarkt Informatik lässt des Schluss zu, dass Frauen deutlich untervertreten sind. Trotz gleicher formeller Bildungs- und Zugangsmöglichkeiten scheinen in unserer Gesellschaft Mechanismen zu herrschen, die verhindern, dass Frauen und Männer in technischen Berufen, insbesondere in der Informatik, gleichermassen vertreten sind.
Es hat sich herausgestellt, dass meine zweite Fragestellung, wie die niedrige Beteiligung von Frauen in der Informatik erklärt werden kann, nicht abschliessend beantwortet werden kann. Denn eine Frage scheint bis jetzt nicht geklärt worden zu sein: Gibt es tatsächlich Differenzen, existieren eben diese "männlichen" und "weiblichen" Umgangsweisen mit Informatik? Das widersprüchliche Bild, das die Frauenforscherinnen in diesem Zusammenhang zeichnen, ist vielleicht gar nicht so widersprüchlich. Dass es zwischen Männern und Frauen Unterschiede gibt, bestreitet wohl kaum jemand. Selbst AnhängerInnen der Dekonstruktion vermögen diese nicht aus der Welt zu schaffen, was auch nicht deren Absicht ist; es geht darum, diese Unterschiede nicht als gegeben, sondern als gesellschaftlich konstruiert zu betrachten. Wie in dieser Arbeit aufgezeigt wurde, wiederspiegelt die Entwicklung der wissenschaftlichen Frauenforschung den Umgang mit der Differenz: war in den 70er/80er Jahren die Differenz zwischen Männern und Frauen Ausgangspunkt der Frauenforschung, traten später vermehrt die Herstellungsprozesse eben dieser Differenzen in den Forschungsmittelpunkt. Für die Informatik bedeutet dies, dass die Gründe der derzeitigen Situation in der Informatikbranche in bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen gesucht werden sollten. Die Tatsache, dass in anderen Gesellschaften die Frauenbeteiligung weitaus höher ist, spricht für diese konstruktivistische Herangehensweise.
Die Fokussierung auf gesellschaftliche Strukturen und die damit einhergehende Ablösung von der Auffassung, Differenz als per se gegeben zu betrachten, weist meiner Meinung nach zwei bedeutende Vorteile auf: Einerseits besteht die Möglichkeit, dass die Geschlechterfrage in Zukunft in einem versöhnlicheren Klima diskutiert werden kann. Die Einsicht, dass (neben den Männern) auch die Frauenforschung durch eine gewisse Dramatisierung einen Beitrag zur Konstruktion der Differenz geleistet haben könnte, kann in Zukunft dazu beitragen, dass Vorwürfe an das männliche Geschlecht und eine Hierarchisierung der Geschlechter vermieden werden. Andererseits sind gesellschaftliche Strukturen dynamisch, und es besteht die Möglichkeit des Wandels: Auch wenn diese Prozesse oftmals sehr langsam sind, können strukturelle Bedingungen grundsätzlich verändert werden.
Es wurde gezeigt, dass neben strukturellen Benachteiligungen, welche an sich nicht informatikspezifisch sind, in der Informatik strukturelle Bedingungen vorherrschen, die durch eine männlich geprägte Fachkultur gebildet wurden. Einen Ausweg aus dieser Situation weist die Forderung, dass Frauen sich an der Gestaltung der informatischen Fachkultur vermehrt beteiligen sollen. Das Bestehen eines Teufelskreises liegt hier auf der Hand, etwas überspitzt formuliert: Ohne Frauen in der Informatik keine "frauenfreundlichere" Informatik, ohne "frauenfreundlichere" Informatik keine Frauen in der Informatik. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, auch Männer miteinzubeziehen, die die Entwicklung der technik- und gerätezentrierten Ingenieurswissenschaft Informatik zu einer Informatik als kommunikativer Arbeitsprozessgestaltung vorangetrieben haben. (vgl. Kap.2.1)
Tatsächlich sind männliche Protagonisten in dieser Arbeit kaum zu finden. Das Frau-Technik-Verhältnis ist vor allem in der Frauen- oder Geschlechterforschung thematisiert worden, und diese wird vorwiegend von Frauen betrieben. In den Studien, die ich miteinbezogen habe, kamen Männer selten zu Wort, meiner Meinung nach wäre es auch spannend, die Wahrnehmung des Problems aus Männersicht zu untersuchen und zu vergleichen. Die Männer haben offenbar bis anhin das Problem der niedrigen Frauenbeteiligung in technischen Berufen nicht als ein solches wahrgenommen. Es ist jedoch anzunehmen, dass das "Schweigen der Männer" ein Ende haben wird, sobald die wirtschaftlichen Nachteile des Mangels an Informatik-Arbeitskräften erheblich spürbar werden.
Ausgangspunkt dieser Arbeit war das Problem des Fachkräftemangels auf dem Arbeitsmarkt Informatik: Eine kurzfristig angestrebte Lösung der derzeitigen Situation ist eine Lockerung der Niederlassungsgesetze für ausländische Fachkräfte. Mittel- und langfristige Lösungen werden angestrebt durch einen Ausbau der Bildungsmöglichkeiten. Eine Erhöhung des Frauenanteils könnte meiner Meinung nach zu einer langfristigen Lösung des Problems beitragen. Dies bedingt jedoch eine politische Auseinandersetzung und die daraus abgeleitete Realisierung von Strategien, wie sie in Kapitel 5 vorgeschlagen wurden: Information, Änderung der Ausbildungsstrukturen und -inhalte sowie strukturelle Bedingungen, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.
Neben der zweifellos notwendigen Politisierung des Themas werden in Zukunft auch die Frauen eine wichtige Rolle spielen. An zahlreichen deutschen und schweizerischen Hochschulen wurde das Problem erkannt, Frauenfachstellen wurden eingerichtet, die verschiedene Bestrebungen zur Lösung in Gang gebracht haben. Auch in der Wirtschaft gibt es zahlreiche Beispiele, die Hoffnungen wecken: InformatikerInnen schaffen sich Netzwerke, starten innovative Projekte und zeigen damit auf, dass sie das Feld der Zukunftsbranche Informatik keinesfalls den Männern überlassen wollen. Denn soviel ist klar: „Keine Gesellschaft kann es sich leisten, das kreative Potential der Hälfte ihrer Bürger[Innen] auszuschalten“ (NZZ, zit. in Hahn/Burg). Diese eine Hälfte wird zeigen müssen, dass sie sich nicht einfach ausschalten lässt, sondern aktiv und kreativ an der Gestaltung der Zukunft beteiligt.
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Schinzel, B. (1993b): Zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Informatik. In: Infotech, Jg.5, Heft 4/1993.
Schmitt, B. (1993): Neue Wege - alte Barrieren. Beteiligungschancen von Frauen in der Informatik, Ed. Sigma: Berlin/1993.
Siegel, M. (2000): Vom Lipstick zum Laptop! Fokuswechsel mit Folgen. In: espressospecial : Vom Lipstick zum Laptop! Frauen in der IT-Welt. Sonderbeilage der Zeitschrift espresso, Juli/August 2000.
Turkle, S. (1998): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Rowohlt: Reinbek b. Hamburg/1998.
Waibel, A.-M. (1992): Computerfrauen zwischen Hackerkultur und Technologiekritik. Ergebnisse einer computerunterstützten Befragung von Frauen in qualifizierten Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologie, Universitätsverlag Konstanz: Konstanz/1992.
Wajcman, J. (1994): Technik und Geschlecht. Die feministische Technikdebatte. Campus: Frankfurt/New York.
Zusätzliche Materialen
AAUW (2000): Educating girls in the New Computer Age http://northnet.org/nysauuw/editors.htm
BBT, Bundesamt für Technologie und Berufsbildung (2000): Presseunterlagen. Bern.
Bundesamt für Statistik (1998): Betriebszählung 1998. Neuenburg.
Burg, S.: Frauen in der Informatik http://www.fmi.uni-passau.de/lehrstuehle/hahn/personen/sandra/Vortrag/Frauen/frauen.html (10.9.2000)
ETH Zürich (2000): Frauenanteil in Prozenten http:www.imc.ethz.ch/stud/199912/stu-frp.html (25.9.2000)
Hahn,
W. / Burg S.: Informatikerin - das unbekannte Wesen?!
Knoll, H.: Informatiker braucht das Land. http:www.cvp.ch/bildung/informatiker.htm (12.7.2000)
Regierungsrat
des Kantons Zürich (2000): Auszug aus dem Protokoll: 682: Dringliche
Anfrage betreffend Notstand auf dem Informatik-Arbeitsmarkt.
Schelkle,
B.: Die Frauen und die Dekonstruktion. Ein Beitrag über die Arbeitstagung
"Erfahrung und Abstraktion - Frauensichten auf die Informatik",
16. - 18. März 1994 in Hamburg.
Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik, Homepage http://www.zli.ch (25.9.2000)
Fussnoten:
1 Wo ich in der Literatur keine eindeutigen Hinweise auf die Beteiligung von Frauen finde, verwende ich hier nur die männliche Form.
2 Misch- oder Hybridberufe sind Berufe, bei denen neben der Informatik gleichwertig ein Anwendungsgebiet wie z.B. Elektrotechnik oder Telekommunikation steht. Rand- oder Anwenderberufe sind Berufe, bei denen reine Anwenderkenntnisse gebraucht werden.
3 Leider ist es mir nicht gelungen, vom BfS Zahlen zu erhalten, die eine Darstellung der Frauenbeteiligung über einen grösseren Zeitraum ermöglicht hätten.
4 Auffallend ist, dass die Anzahl Beschäftigter im Bereich Hardwareberatung in der kurzen Zeitspanne 1995-1998 absolut abgenommen hat, während die Beschäftigten im Softwarebereich eine massive Zunahme aufweisen.
5 weitere Informationen unter http://www.zli.ch
6 Gerade in diesen Ländern scheint jedoch das traditionelle Familienbild und die Rolle der Frau in einem starken Wandel zu sein; belegt werden kann dies unter anderem durch die tiefe Kinderrate.
7 In diesen Jahren hatte Ada Lord King geheiratet, der später zum Earl of Lovelace ernannt wurde. Sie wurde Mutter dreier Kinder. In dieser Zeit, die auch von einer schweren Krankheit geprägt war, lebte sie abgeschieden vom wissenschafts-geselligen Leben. Ihre gesundheitlichen Probleme traten später wieder auf; Ada starb 1852, sechsunddreissig Jahre alt.
8 Hiermit ist nicht "erste weibliche Programmiererin" gemeint, sondern "erste programmierende Person".
9 vgl. zu diesem Thema den Roman: Powers, Richard (1997): Galatea 2.2. Ammann: Zürich/1997
10 vgl. Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter.
11 vgl. Anhang III, aktuelle Information zum Berufsbild InformatikerIn der Berufsberatungsstelle St.Gallen.
12 Das Interesse an einem Miteinbezug der Frauen sollte gross sein; der momentane Mangel an Fachkräften auf dem Informatikmarkt spricht jedenfalls sehr dafür. Trotzdem sind Frauen als Informatik-Arbeitskräfte in der Schweiz auf Bundesebene kaum ein Thema. Es ist auffallend, dass in den mir zugestellten Dokumenten des BBT eine Erhöhung des Frauenanteils zur Lösung des Arbeitskräftemangels nur am Rande erwähnt wird. Die Strategien des Bundes beziehen sich vor allem auf eine Bildungsoffensive im Informatikbereich. Auch in Deutschland scheinen die politische Lösungsmöglichkeiten vorerst beschränkt zu sein, der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers hätte statt des populistischen "Kinder statt Inder" auch "Frauen und Kinder statt Inder" rufen dürfen...
13 Mit dem von der Autorin benutzten Begriff "Verbesserung", wird wieder das Bessersein der Frauen betont, "Veränderung" wäre wertneutraler.
Last update: 02 Feb 15