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Dorothea Schürch:
Autoethnographie
Dorothea Schürch gibt vier kurze Einblicke in die Welt der Beobachtenden.
Zirka hundertfünfzig Jahre sind vergangen seit 1871 Sir Edward Tylor das epochemachende Werk «Primitiv Culture» veröffentlichte. «Primitiv Culture» zu deutsch «Anfänge der Kultur: Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, Religion, Kunst und Sitte», verfasst Tylor anhand von Berichten von Handelsreisenden, Kolonialbeamten und Missionaren. Sir Edward Tylor, der grosse englische Anthropologe, sitzt in seinem Kabinett und schreibt, schreibt um, fasst neu und anderes zusammen. Oder wie aus Berichten aus Übersee, aus Listen exotischer Handelswaren, aus Choraltexten in aussereuropäischen Sprachen und Kartographien von Verwandtschaftsbeziehungen – wie aus Texten neue Texte werden und diese wieder neue Texte hervorrufen. Unter welchen Vorzeichen entstehen Texte? Im Halbdunkel einer Universitätsbibliothek, oder auf einem selbst gezimmerten Tisch in der Kombüse eines Ozeandampfers, oder in einer Waldkapelle? In wessen Auftrag werden sie verfasst? Zu Händen einer Exportfirma oder als Briefe? Vor 150 Jahren seien Komparatisten und Evolutionisten am Werk gewesen, wird heute gesagt.
Fünfzig Jahre später 1922 veröffentlicht Bronislaw Kaspar Malinowski (1884 Polen – 1942 USA) den Bestseller «Argonauts of the western Pacific». In der Einleitung stellt Malinowski Feldforschung als anthropologische Methode vor. Feldforschung heisst teilnehmende Beobachtung, heisst Interaktion der Forschenden mit dem Feld, heisst zwischen Nähe und Distanz zu navigieren, zwischen gar keinem Kontakt oder passiver, moderater, aktiver und kompletter Partizipation, soweit die Kategorien der teilnehmenden Beobachtung. Diese werden zur zentralen anthropologischen Kunst. Unterschieden wird zwischen offener und verdeckter Beobachtung. Mit verdeckter Beobachtung soll der Rosenthal-Effekt minimiert werden: das heisst der Einfluss des Versuchsleiters auf den Versuch. Die Königin unter den Methoden der Feldforschung pariert jede Anfechtung wie es scheint. Das Stichwort dazu von heute heisst: Reflexive Anthropologie, Selbstreflexion des Beobachtenden.
Clifford Geertz (1926 – 2006 USA) verbindet diese Beobachtungen zu einem Netz von Bedeutungsstrukturen und die Herausforderung besteht darin, deren Komplexität gerecht zu werden. Geertz entwickelt die Idee der thick description. Thick description geht zurück auf den britischen Philosophen Gilbert Ryle (1900 – 1976), der zusammen mit Austin und Wittgenstein zu den bedeutendsten Vertretern der ordinary language philosophy gehört. Thick descriptions sollen verhindern, dass objektive Thesen über soziale, kulturelle und gesellschaftliche Phänomene gestülpt werden. Thick descriptions meint erstens eine Sammlung von Daten, von unterschiedlichsten Artefakten und Feldnotizen und zweitens deren Interpretation. Von einem semiotischen Kulturbegriff ausgehend bildet Geertz das Netz der Bedeutungsstrukturen in Zeichensystemen ab. Geertz vertritt die Einsicht, dass es keine reinen Daten gibt und die Schreibenden immer mehr oder weniger ungewollt Einfluss nehmen, aber auch die Zeichen zeichnen mit. Thick descriptions bringen diese Rückkoppelungsprozesse zur Sprache.
Mit der letzten Jahrhundertwende taucht der von der Ethnographin Carolyn Ellis theoretisch fundierte Begriff der Autoethnographie auf. Während teilnehmende Beobachtung und thick description Verfahren sind, sich einem «Feld» von aussen anzunähern, geht Autoethnographie von der Voraussetzung aus, dass Forschende Teil des Forschungsfeldes sind und sich ihnen eine Innenwahrnehmung der Prozesse erschliesst. Die Rede ist von geteilter Erfahrung. Daraus haben sich unzählige Herangehensweisen entwickelt, von indigenen Ethnographien, zu layered Accounts, die den Prozesscharakter der Forschung darstellen, bis zu ko-konstruierten Erzählungen. Unterschieden wird zwischen theoretisch ausgerichteten analytischen Autoethnographien, evokativen Autoethnographien, die nach erzählerischen Konzepten suchen, bis zu Norman K. Denzins (*1941 Iowa) Idee der Performance Ethnography. Autoethnographie und Performance Ethnographie feiern in ihren radikalsten Ausprägungen die Überwindung des naturalistisch-konstruktivistischen Paradigmas der Sozialwissenschaften und werden dafür heftig kritisiert. Die Debatte wird äusserst harsch geführt.
Soweit vier kurze Einblicke in die Welt der Beobachtenden aus verschiedenen Jahrhunderten, angefangen mit denjenigen, die auswerten, was anderswo sich angesammelt hat, zu jenen, die gewolltermassen freundlich aber doch mehr oder weniger verdeckt mitmischen, zu jenen, die damit ein fast unentwirrbares Dickicht an Bedeutungen entstehen sehen, bis zu den Nachrichten aus dem Innern der Verstrickungen. Die Autoethnographie gewinnt in den Performance Studies zunehmend an Bedeutung.
Bibliographie
9 Clifford Geertz (1987): Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/Main.
9 Geimer Alexander: Performance Ethnograpy und Autoethnograohy: Trend, Turn oder Schisma in der qualitativen Forschung? In: Zeitschrift für Qualitative Forschung 12 (2011), 2. Pp. 299-320. URN: http//:nbn-resoving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-386819
9 Malinowski, Bronislaw (1997): Argonauten des westlichen Pazifik: ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea, Frankfurt am Main.
9 Shaw, Emerson, Rahel I. Fretz und Linda L. Shaw (1995): Writing Ethnographic Fieldnotes, Chicago.
9 Winter, Rainer und Elisabeth Niederer (Hg.) (2008): Ethnographie, Kino und Interpretation – die performative Wende der Sozialwissenschaften: der Norman K. Denzin-Reader, Bielefeld.