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Baku wurde auf einem Hügel am Ufer des Kaspischen Meeres erbaut, in einer sturmsicheren Bucht des südwestlichen Teils der Halbinsel Abscheron. Die genaue Entstehungsgeschichte der Stadt ist bislang unbekannt, Wissenschaftler sind aber der Ansicht, dass dieser Hügel schon seit Urzeiten von Menschen besiedelt war.
Der berühmte englische Ägyptologe Sir William Matthew Flinders Petrie (1853-1942) zog sogar eine Parallele zwischen dem Namen Bachau, welcher in der altägyptischen Mythologie im ,,Buch der Toten“ vorkommt, und dem Ortsnamen Baku. Zeitlich ist das „Buch der Toten“ dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. zuzuordnen.
Chronisten des Frühmittelalters erwähnen die Siedlung auf dem Gebiet Kaukasisch – Albaniens unter der Bezeichnung ,,Atli“ oder ,,Atschi Bagavan“ (feuriges Bagavan).
Schon seit Urzeiten wirkte die Halbinsel Abscheron mit ihren natürlichen und nie erlöschenden Flammen und dem aus Erde und Meer austretenden Erdgas anziehend auf Menschen. Diese Faszination übertrug sich auch auf die religiösen Gemeinschaften und so war Baku in der Antike eines der Zentren des Zoroastrismus.
In der Sasaniden-Ära (3.-5. Jahrhundert) wurde der Zoroastrismus zur Staatsreligion erhoben, wodurch der geistliche Einﬂ uss von Baku stark anwuchs. Dies leitete eine neue Phase in der Stadtentwicklung ein. In dieser Zeit entstand das majestätischste architektonische Denkmal der Stadt – der Mädchen- oder Jungfrauenturm („Qiz qalasi“). Die Überreste der angrenzenden Stadtmauer, der Türme und weiterer Bauten wurden bei archäologischen Ausgrabungen rund um den Mädchenturm entdeckt. Die nachgewiesene starke Bebauung legt den Schluss nahe, dass die Sassaniden Baku nicht nur als religiöses Zentrum ansahen, sondern auch als ein wichtiges Element ihres ausgedehnten Systems von Befestigungsanlagen an der nördlichen Grenze ihres Reiches.
Aus der Zeit zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert sind in Alt- Baku keine überirdischen Bauten erhalten. Allerdings konnten durch archäologische Untersuchungen Gebäudereste und ganze Stadtteile aus dieser Zeit gefunden werden. Nahe dem Eingang zum Mädchenturm wurde unter der Erde eine kleine Moschee entdeckt, die vermutlich im 10. Jahrhundert erbaut wurde.
Die erste wichtige Etappe für die Entwicklung Bakus im Hochmittelalter war die Ära der Seldschuken (11.-13. Jahrhundert). In dieser Zeit stieg mit der wirtschaftlichen Bedeutung auch die Rolle Bakus als politisches Zentrum. Baku entwickelte sich nunmehr von einem religiösen Zentrum mit dem grössten Hafen des Kaspischen Meeres, den Zeitgenossen für „sein schwarzes, weisses, grünes Erdöl und Salz“ rühmten, hinzu einer Festungsstadt. Auf Befehl des Schirvanschahs Manuchohr III. (1120-1160) wurde Baku mit einer Festungsmauer umfriedet und Renovierungsarbeiten am Mädchenturm durchgeführt. In der Bakuer Bucht wurde 1234 auf einer kleinen Insel eine Hafenfestung errichtet, die heute als „Bailovskaja“ bekannt ist. Damit war Baku mit einem für die damalige Zeit besonders fortschrittlichem Hafen-Befestigungssystem ausgestattet.
Unter den Seldschuken erlebte auch die religiöse Architektur eine bedeutende Entwicklung. Einen Eindruck von der Baukunst jener Zeit vermitteln heute noch die Moscheen Siniq Qala, Bezzaz und die Freitagsmoschee. Das Minarett der Moschee Siniq Qala aus dem Jahre 1078 ist wahrscheinlich das erste und älteste der Stadt. Mit dem Ausbau Bakus zur befestigten Residenzstadt der Schirvanschahs wurde der Grundstein für den Palastkomplex gelegt. Die wenigen archäologischen Ausgrabungen und Zufallsfunde belegen für das 11./12. Jahrhundert die Existenz eines ausgeklügelten Kähriz-Bewässerungssystems in der Altstadt sowie Bautätigkeiten ausserhalb der Stadtmauern. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts waren wesentliche Teile der Stadtstruktur sowie wichtige Verbindungsknoten bereits herausgebildet: ein Befestigungsystem in welchem der Mädchenturm und die Zitadelle dominierten, ein religiöses Zentrum mit einer ausdrucksvollen Gestaltung, eine etwas abseits in der Bakuer Bucht liegende Festung, die den Seehandel abwickelte und die Palastanlage sollten den Charakter der weiteren Entwicklung der Stadt prägen.
In der Ilchanidischen Epoche (13.- 14. Jahrhundert) behielt Baku seine Stellung als eine der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren Schirvans bei. Die Stadt diente den Ilchaniden zur Überwinterung und auf Befehl des Chans Öljaitü (Sultan von 1304 bis 1316) wurden die Einwohner zeitweise von den Steuern befreit. Unter seiner Herrschaft wurde im Jahr 1309 die bereits genannte Freitagsmoschee rekonstruiert. Die Moscheen Chidir (1301), Gileyli (1308), Mirza Ähmäd (1345) und Dschin (1375), sowie die Moschee Keyqubad in der Palastanlage der Schirvanschahs zählen zu den berühmtesten Baudenkmälern des 14. Jahrhunderts. Die Errichtung so vieler Moscheen zur Zeit der Ilchaniden zeigt einen verstärkten, architektonischen und städtebaulichen Aufschwung während dieser Periode.
Während sich Baku im 15. Jahrhundert als politisches und wirtschaftliches Zentrum Schirvans weiterentwickelte, erreichte es den Höhepunkt seiner architektonisch- städtebaulichen Ausgestaltung. Der Bau der Palastanlage, zwei Jahrhunderte zuvor begonnen, wurde von Schirvanschah Scheich Ibrahim (1427-1447) fortgesetzt. Am höchsten Punkt der Stadt gelegen, bildete sie das politische und administrative Zentrum Bakus und deﬁ nierte mit ihrer raﬃ nierten Architektur das Antlitz der Hauptstadt. Unter der Herrschaft des Scheichs wurde auch die Freitagsmoschee rekonstruiert und die Moschee Scheich Ibrahim (1415) erbaut. Die Bedeutung Bakus als Hafenstadt fand ihren Ausdruck in der Anlage von drei weiteren Stadttoren in Richtung Hafen. Im selben Jahrhundert wurden einige wichtige Bauten auf der Haupthandelsstasse errichtet, die den Strand entlang führte. Zu ihnen gehörten die bis heute erhaltenen Karawansereien „Buchara“ und „Multan“, sowie der Hamam Hadschi Qaib. Zur gleichen Zeit (1437) erhielt die Freitagsmoschee ihr Minarett, womit Baku auch seine Rolle als religiöses Zentrum unterstrich.
Die mächtige Wehranlage der Stadt bestand nunmehr aus zwei Mauerreihen, die von einem tiefen Graben umgeben waren, sowie zwei mächtigen Türmen (dem Mädchen- und dem Arsenalturm). Die Fertigstellung der Palastanlage fügte der rauen Kulisse einer Festungsstadt ein bisher unbekanntes ästhetisches Element hinzu und bestimmte fortan das Gesicht der Hauptstadt Baku. Zugleich verwandelte sich die niedriger gelegene Uferstrasse mit ihrer Infrastruktur zu einem Handelszentrum. Eine solche funktionale Diﬀ erenzierung entsprach vollkommen der Bestimmung der Stadt (Residenz, Festung und Hafen) und den topographischen Gegebenheiten.
Mit der wachsenden politischen Macht der Stadt und ihrer gestärkten Stellung im Seehandel änderten sich auch Anzahl und Qualität der Wohnhäuser. Mit Recht kann gesagt werden, dass sich gerade im 15. Jahrhundert die grundlegende Struktur des Strassennetzes sowie die räumlichen Aufteilung des mittelalterlichen Baku herausgebildeten.
Leider folgte dieser Blütezeit ein längerer Stillstand in der architektonischen Entwicklung. In Folge der Eroberung der Stadt im Jahre 1501 durch die Safawiden, wurde nicht nur ein Teil der Mauern und Türme stark beschädigt, sondern auch der Palast der Schirvanschahs. Nach der Eingliederung Schirvans in den Safawidenstaat verlor Baku seinen Status als Hauptstadt – in oﬃ ziellen Dokumenten wurde die Stadt nur noch als Zentrum eines kleinen Gebietes, des „Schirvan-Badkuber Landes“, bestehend aus 34 Dörfern, aufgeführt. Durch die Herabsetzung des politisch-administrativen Status folgte eine vehemente Reduzierung der Bautätigkeiten in der Stadt, so dass während des 16.-17. Jahrhunderts kein architektonisch bedeutsames Bauwerk mehr entstand.
Folgt man jedoch Berichten Reisender sowie den erhaltenen Denkmälern, entwickelte sich die im unteren Teil der Stadt liegende Handelsstrasse recht lebhaft. Während dieser Zeit bildete sich um die Kolonnaden des Marktplatzes, nahe dem Mädchenturm, ein für die Safawiden-Ära charakteristisches Stadtzentrum heraus. Im 17. Jahrhundert wurden zwischen dem Marktplatz und dem Mädchenturm eine kleine Moschee und etwas weiter südwestlich eine Koranschule (1646) gebaut. Auf der Haupthandelsstrasse ist das Fragment einer Mädräsä erhalten geblieben, die ebenfalls in dieser Zeit (1598) errichtet wurde.
Im Jahr 1608 veranlasste der Beylarbey Schirvans Zülfügar chan die Renovierung und Verstärkung der Festungsmauern sowie die Rekonstruktion der nach Derbent und Schamachi führenden Nordtore.
Die Safawiden legten grossen Wert auf den Ausbau der in der Nähe Bakus gelegenen religiösen Gedenkstätte Bibi Eybat. Aus den überlieferten Bauinschriften geht hervor, dass im 16.-17. Jahrhundert Bauarbeiten durchgeführt wurden, die zu einer bedeutenden Erweiterung des Komplexes führten.
In der Zeit der Chanate (18. Jh.) erlitt Baku einen fatalen Niedergang und verwandelte sich in eine unbedeutende Provinzstadt.
Das Verwaltungszentrum befand sich im nord-östlichen Teil der Festung, in der Nähe des Tores Schamachi und der Küste. Es entstand im 18. Jahrhundert, bestehend aus Adelshäusern, Moscheen, Bädern, einem unterirdischen Wasserreservoir und verschiedenen Gärten. Das dominierende Gebäude dieses Zentrums wurde der Inschrift nach 1750 erbaut, während der Herrschaft von Chan Mirza Muhammad (1747- 1768).
Die Architektur des Itschäri Schähär, welche vor allem aus Wohnhäusern bestand, durchlebte zwischen 1806 und 1920 grosse Veränderungen. Jedoch blieb die Grundstruktur weitgehend erhalten. Nach der Eroberung der Stadt durch die russische Armee wurden alle Stadtviertel, vom Mädchenturm bis zum Schamachi-Tor besetzt und die Stadtviertel nach den Bedürfnissen der Besatzer umgestaltet. Obwohl Flächenstruktur und Architektur der Wohnhäuser, die im 19.-20. Jahrhundert hier errichtet wurden, mehr dem europäischen Geschmack entsprachen, blieb auch die alte Architekturtradition Bakus und Abscherons erhalten.
Im Jahr 1859 unterzeichnete der russische Zar Alexander II. ein Dekret, welches Baku den Status der Hauptstadt des Gouvernements verlieh und 1867 wurde die Festung als militärische Anlage liquidiert. Im Jahr 1883 wurde dann die zweite Reihe des Mauerringes abgetragen, wobei die Tore Zülfüqar chans zum Schamachi-Tor (Schah Abbas) verschoben wurden und so die Doppeltore Gosha Gala gapysy entstanden. Auch die innere Mauerwand wurde von dem heutigen Platz Azneft zum Platz Natavan abgetragen. Auf diese Weise verlor am Ende des 19. Jahrhunderts Itschäri Schähär die komplette Aussenmauer und fast die Hälfte des Innenstadtringes.
Vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Itschäri Schähär eine Reihe von Moscheen rekonstruiert und neue Gebäude für religiöse Zwecke gebaut. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Moschee Giley ausgebaut und 1902 das Badehaus Hadschi Banu renoviert. Die Freitagsmoschee wurde abgerissen und an ihrer Stelle in den Jahren 1899-1901 ein neues Gebetshaus errichtet. Weitere Moscheen wie Bäylär (1895) gegenüber vom Osteingang des Schirvanschahpalastes, Hadschi Gaibov (1898) auf der heutigen Hadschi Mansur Strasse sowie Chanlar wurden in dieser Zeit errichtet.
Während der Sowjetherrschaft wurde aufgrund verstärkter Bautätigkeit ausserhalb der Stadtmauern auf Umbauten in der Altstadt weitestgehend verzichtet. Aber auch die wenigen, neu errichteten Bauten zerstörten allein durch ihre Grösse das charakteristische Gesicht der Bakuer Altstadt. Leider stieg die Anzahl solcher Bauten in den Jahren der Unabhängigkeit weiter an. Auf diese Weise schädigten sie die über Jahrhunderte gewachsene Flächenstruktur der Altstadt.
Itschäri Schähär gehört jedoch bis heute zu einem Stadttyp mit einem besonders reichen architektonischen Erbe: Bauplanung, räumliche Komposition und Stil sind einzigartig. Erhalten geblieben sind die typischen Merkmale einer reifen, muslimischen Stadt des Mittelalters – Ensembles und Komplexe anspruchsvoller Architektur, aber auch gewöhnliche Gebäude von hohem architektonischem und städtebaulichem Wert. Unter den vielen Prachtbauten ragen der Mädchenturm und der Palast der Schirvanschahs besonders hervor. Nicht zuletzt aufgrund dieser beiden herausragenden Bauwerke wurde Itschäri Schähär im Jahre 2000 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Dr. Dschafar GIYASI
Architekt, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Aserbaidschans
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