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Nahrungsmittelspekulation vs. Nahrungssicherheit?
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Donnerstag, 16. Oktober 2014
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Im Jahr 2008 stiegen die Nahrungsmittelpreise weltweit rasant an. In der Folge verarmten weltweit über 115 Millionen Menschen. Registriert wurde eine Preissteigerung von über 70% bei den essentiellsten Nahrungsmitteln wie Mais und Reis. Wie können derart hohe Preissteigerungen begründet werden? Die steigende Nachfrage aufgrund des Bevölkerungswachstums, der Wertverlust des Dollars, durch Klimawandel nicht mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen, Exportrestriktionen der meistproduzierenden Staaten, steigende Ölpreise und nicht zuletzt Ernteausfälle sind dafür verantwortlich. Jedoch sind diese Erklärungen nicht ansatzweise ausreichend, um die genannte Preissteigerung von 70% zu legitimieren.
Ein Grund für die immense Steigerung liegt unter anderem in der Lebensmittelspekulation, genauer, die Spekulation mit Finanzderivaten auf Lebensmittel. Lebensmittelspekulation an sich ist aber noch nicht unbedingt verwerflich: Mittels der traditionellen Lebensmittelspekulation, die auf Angebot und Nachfrage basiert, versucht der Konsument sich durch das Anlegen von Reserven gegen Preissteigerungen abzusichern, während umgekehrt der Produzent versucht, seine Ernte zu einem im Voraus festgelegten Wert zu verkaufen. Dadurch wird die Preisvolatilität beschränkt. Was die Nahrungssicherheit bedrohende Lebensmittelspekulation davon unterscheidet sind die sogenannten FuturesVerträge, die zu den derivativen Finanzprodukten gehören: Diese ermöglichen es, Nahrungsmittel zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt zu einem heute festgesetzten Preis zu kaufen. Das Problem an diesem Handel, der sich auf die Zukunft bezieht, ist, dass nur ca. 2% aller Futures-Verträge den Handel mit physischen Produkten einschliessen- in den restlichen Verträgen wird die tatsächliche Rohstoffmenge nie geliefert, und die daran beteiligten Akteure haben keinerlei Interesse an der realen Entwicklung der Ernte, sondern nur an potenziellen Gewinnen durch solche Spekulationen. Wenn mächtige Finanzakteure in diesen Bereich investieren, können sie nicht nur immensen Profit daraus schlagen, sondern auch die Lebensmittelpreise entscheidend beeinflussen – aus kleine Preisschwankungen könne folgenreiche Trends entstehen.
Durch die Verträge von Käufen, die in der Zukunft stattfinden, wird die Lagerung von Rohstoffen zusätzlich zum Problem – die Lagerung von grossen Massen an Lebensmitteln ist unökonomisch, ist jedoch nur wenig Vorrat vorhanden, steigt die Gefahr einer Lebensmittelknappheit bereits bei minimen Preisschwankungen.
Inzwischen wird ein immer grösser werdender Teil der Lebensmittelmärkte von Banken, Hedge-Fonds und Versicherungen dominiert, die auf die Preise von Grundnahrungsmitteln wetten, ohne jemals damit in physischer Form in Kontakt zu kommen.
Die einzige Möglichkeit, dieser bedrohlichen Entwicklung Einhalt zu gebieten, bietet sich durch eine strengere Regulierung der Finanzmärkte, die – zumindest in diesem Bereich – bisher enorm schwach reguliert sind. Diese Regulierungen müssen auf EU-Ebene gelten, weil ansonsten diejenigen Staaten am meisten profitieren, die am schwächsten reguliert werden. Spekulationen sollten teurer und an reales Kapital gekoppelt werden, so dass diejenigen Akteure am Markt auftreten, die ein echtes Interesse an der Transaktion besitzen, und nicht diejenigen, die kurzfristige Gewinne einholen wollen. Die Preissicherungsfunktion von Rohstoffterminmärkten ist nötig, jedoch nicht die derivativen Produkte der Finanzindustrie, die heute oft dazu benutzt werden. Auch in diesem Bereich mangelt es an Transparenz, und welche katastrophalen Folgen dies unter anderem haben kann, hat sich an der Finanzkrise 08 beispielhaft gezeigt. Dennoch wurde bisher wenig getan, die Finanzmärkte stärker zu regulieren. Einige Banken haben sich aus Reputationsgründen bereits aus der Nahrungsmittelspekulation zurückgezogen – es bleibt zu hoffen, dass weitere der genannten Akteure diesem Beispiel folgen, bevor es zu erneuten, immensen Verwerfungen in den Finanzmärkten mit verheerenden Auswirkungen auf die Nahrungssicherheit kommt.
Pia Schneider, 20 Jahre alt, in Grüt (Gossau ZH) wohnhaft, im 5. Semester Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Hauptfach), sowie Betriebswirtschaftslehre (Nebenfach) an der Universität Zürich. Seit April 2014 Mitglied der Schweizerischen Studienstiftung. (War bereits im vorigen Jahr, noch als Teilnehmerin, nicht Bloggerin, an der Academia Engelberg, ermöglicht durch Schweizer Jugend forscht).
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