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Kariem Hussein sorgte an den Leichtathletik-Europameisterschaften für den ersten grossen Wow-Effekt. Der Thurgauer sicherte sich über 400 m Hürden sensationell den EM-Titel.
Hussein ist kein Mann der grossen Worte, er lässt Taten sprechen. Und was für welche. Der 25-jährige Thurgauer sicherte der Schweiz die fünfte EM-Goldmedaille in der Leichtathletik nach Fritz Schwab (1950 über 10 km Gehen), Philippe Clerc (1969 über 200 m), Werner Günthör (1986 im Kugelstossen) und Viktor Röthlin (2010 im Marathon).
Insgesamt war es für die Schweiz die 24. Medaille an kontinentalen Titelkämpfen, die erste auf der Bahn seit 2002 (André Bucher holte über 800 m Silber) und die vierte über 400 m Hürden, nachdem Bruno Galliker 1958 Bronze und Anita Protti 1990 Silber geholt hatte. Zudem wurde Marcel Schelbert 1999 WM-Dritter in dieser Disziplin.
Hussein konnte es selber kaum glauben, dass er in seinem Heimstadion den EM-Titel gewann. Bei widrigen Witterungsverhältnissen war er der einzige, der sein Potenzial abrufen konnte. Mit 48,98 Sekunden blieb er erstmals in seiner Karriere unter 49 Sekunden – als zweiter Schweizer nach Schelbert (48,13). Seine Bestzeit verbesserte er um einen Zehntel. Dem zweitplatzierten Esten Rasmus Mägi, der im Halbfinal 48,54 gelaufen war, nahm er acht Hundertstel ab.
Hussein zeigte ein kontrolliertes Rennen, blieb locker und geduldig. Lange sah es nach einem noch deutlicheren Sieg aus, am Ende wurde es aber nochmals knapp. Trotz eines kleinen Stolperers rettete er aber die Führung mit letzter Kraft ins Ziel, wobei ihm das lautstarke Publikum half.
«Ich realisiere es noch nicht», sagte Hussein nach der verdienten Ehrenrunde. «Es ist komisch. Ich dachte, dass ich heulen werde, aber anscheinend habe ich alle Emotionen im Lauf rausgelassen. Es ist unglaublich.» Vor dem Start dagegen habe er beinahe Tränen in den Augen gehabt.
Auch Husseins Trainer Flavio Zberg rang mit den Worten: «Ich habe keine Ahnung, was gerade abläuft. Ich bin in einem anderen Film, kann es noch nicht fassen.» Auf die Frage, ob sich ein solcher Exploit angedeutet habe, antwortete er, Hussein habe im Vorlauf und im Halbfinal eine Körpersprache gehabt, die wirklich unglaublich gewesen sei. Das sei nun das Ergebnis.
Hussein hat im Letzigrund erstmals drei Rennen innert vier Tagen bestritten. Zwar nahm er 2012 an den Europameisterschaften in Helsinki teil, schied dort aber im Halbfinal aus und wurde 19. Ansonsten hatte er vor Zürich keinerlei Erfahrung an internationalen Meisterschaften gesammelt. Für die Olympischen Spielen in London wäre er zwar qualifiziert gewesen, er musste aber wegen eines Ermüdungsbruches Forfait erklären.
Deshalb war nicht klar, wie sein Körper auf die Strapazen reagieren würde. Hussein und Zberg hatten aber schon im Vorfeld der EM einen Plan ausgearbeitet, wie sich der Ostschweizer im Falle einer Finalqualifikation bestmöglich erholen kann. Diese Akribie hat sich nun ausbezahlt, denn es war klar, dass die Erholungsfähigkeit im Final ein entscheidender Faktor sein wird.
Die Erfolgsgeschichte von Hussein ist alles andere als gewöhnlich, hat er doch erst vor fünf Jahren mit der Leichtathletik begonnen. Davor hatte er Fussball gespielt. Sein erstes Rennen über 400 m Hürden bestritt er am 18. Juli 2009 in Bern, wo er mit 52,52 Sekunden knapp die U23-EM-Limite verpasste. 2011 gewann er den ersten von vier Meistertiteln.
Der Werdegang zeigt dessen aussergewöhnliches Talent: Nicht nur seine körperlichen und koordinativen Voraussetzungen sind ideal, er verfügt auch über eine enorme mentale Stärke, hat die Fähigkeit, den vorhandenen Druck in positive Energie umzusetzen. Zudem ist er äusserst zielstrebig.
Dies wird dadurch unterstrichen, dass er Spitzensport und Medizinstudium problemlos unter einen Hut bringt. So bestand er im Sommer die letzten mündlichen Prüfungen zum Bachelor. Für den Master (fünf statt drei Jahre) lässt er sich nun aber im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio länger Zeit. (pre/si)