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Der Regen hat etwas nachgelassen. Ingrid sammelt ihre persönlichen Sachen ein und verstaut sie in der glänzenden Tommy Hilfiger Tasche. Trotz der Hitze und der vorangeschrittenen Tageszeit macht sie den Eindruck, als hätte sie sich gerade eben für eine Party für geladene Gäste auf der Dachterrasse des Trump Towers zurechtgemacht. Verteilt im fensterlosen Deutschunterrichtszimmer des Colegio Europeo, welches sich unmittelbar neben der Casa Margarita befindet, stehen etwa zehn Stühle mit befestigten Klapptischen bereit, welche ihren Dienst für heute erfüllt haben. Das Colegio Europeo ist eine Privatschule mit insgesamt 250 Schülerinnen und Schülern. Von Kindergarten bis zum Bachillerato, der panamesischen Maturität, werden die Schülerinnen und Schüler ausgebildet. Das Colegio wurde vor 17 Jahren von Hans Ineichen, dem Schweizer Schulleiter gegründet. Durch gute weltweite Beziehungen, einen gesunden Menschenverstand und unternehmerisches Können ist es ihm gelungen, die Herausforderungen einer Schulgründung in Lateinamerika zu meistern. Unterstützt wird er unter anderem durch Vereine aus der Schweiz und das panamesische Bildungsministerium.
Ingrids Mutter stammt ursprünglich aus Kolumbien und ist mit ihrem damals zweijähren Kind vor 20 Jahren nach Panama gekommen und hat ihre Tochter nie offiziell angemeldet. Bis zu ihrem 18ten Lebensjahr war Ingrid papierlos. Sie weiss nicht, wer ihr Vater ist. Ihre Mutter starb, als sie vier Jahre alt war. Zu ihren kolumbianischen Verwandten hat sie keinen Kontakt. Sie will nie wieder nach Kolumbien zurückkehren. Sie arbeitet seit ein paar Jahren am Colegio Europeo, dessen Stiftung für ihre Schulbildung aufgekommen ist. Ingrid ist im SOS Kinderdorf aufgewachsen. Sie spricht kaum über ihre Vergangenheit. Die Kontakte des Schweizer Schulleiters haben ihr dazu verholfen, für ein Jahr als Au Pair in der Nähe von Bern zu arbeiten und Deutsch zu lernen. Momentan herrscht Lehrerknappheit am Colegio. Insbesondere für das Fach Deutsch ist es schwierig in Panama Lehrpersonen zu finden. Lehrpersonen aus deutschsprachigen Ländern können nicht nach für Europa angemessen Gehältern entlöhnt werden. Obwohl das Colegio Europeo eine Privatschule ist, sind die Mittel begrenzt. Die Schulgebühren von 150 bis 180 Dollar im Monat entsprechen den Einkommensverhältnissen einer Mittelschicht, wenn beide Elternteile arbeiten. Auffällig viele Kinder wachsen allerdings mit nur einem Elternteil, meistens der Mutter auf. Das durchschnittliche Monatsgehalt einer Lehrperson liegt in Panama bei ca. 600 bis 700 Dollar. Die Mittelschicht in Panama ist allerdings rar vertreten. Dies führt zu einer Mischung am Colegio aus Estudiantes der Oberschicht und solchen aus den SOS Kinderdörfern, welche komplett durch die vor ca. 20 Jahren gegründete Stiftung des Colegios unterstützt werden.
Ingrid hat das Colegio nicht wie geplant um 16:00 Uhr verlassen. Es gibt kaum einen Tag, an welchem etwas zu einer vorher festgelegten Zeit passiert. Es kommt oft vor, dass die Estudiantes morgens eine Weile ohne Lehrpersonen auskommen müssen. Pünktlichkeit wurde nicht in Panama erfunden. Der die Stadt auffressende Morgenverkehr macht ein Erscheinen auf Zeit allerdings kaum möglich. Gleich verhält es sich am Abend. Verlässt Ingrid die Schule nicht bis vier Uhr, kann sie nicht damit rechnen vor 21:00 Uhr zu Hause zu sein. Sie wohnt mit ihrer Katze in einer Wohnung in der Nähe des internationalen Flughafens Tocumen. Den Touristen wird abgeraten, sich dort nachts aufzuhalten.
Heute betritt Ingrid das Colegio Europeo bereits um 06:15 Uhr. Sie hat es noch vor den grossen Verkehrsstaus am Morgen ins Zentrum Panamas geschafft. Bereits ein paar Minuten nach ihr strömen die erste Estudiantes in den Innenhof der blau bemalten Schulgebäude und stürmen zur Frühstücksausgabestelle. Die Eltern der jüngeren Schülerinnen und Schüler müssen teilweise sehr früh zur Arbeit und sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder bereits ab 06:00 Uhr am Colegio betreut werden. Die Kinder aus den SOS Dörfern machen sich ebenfalls sehr früh auf den Schulweg, da die Dörfer weit ausserhalb des Stadtzentrums liegen. Es ist Freitag und der letzte Tag der Prüfungswoche am Colegio hat begonnen. Dreimal pro Semester finden während einer Woche benotete Prüfungen statt, welche Bestandteil des Abschlusszeugnisses sind. Sobald die Estudiantes den letzten Test abgegeben haben, geht es für die Primarschüler mit zwei organisierten Bussen los in Richtung Soberanía Nationalpark, welcher sich östlich von Panama City in der Kanalzone befindet. Für die Sekundarschüler werden auf dem Pausenplatz ein Barbecue und ein Fussballturnier veranstaltet. Dazu läuft in ohrenbetäubender Lautstärke Reggaeton, die in Panmama meist gehörte Musikrichtung der Jugendlichen.
Um Punkt 14:00 Uhr ist das Colegio wie leergefegt. Die Schülerinnen und Schüler wurden in die nach den Prüfungen wohlverdiente Ferienwoche entlassen. Noch ein paar Stunden und dann beginnt für Ingrid das Wochenende. Sie wird mit Julio, einem Bekannten, am Freitagabend Richtung Playa Blanca aufbrechen