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An der Achse Petersgasse - Nadelberg standen einst viele Adelshöfe, wofür der Ringelhof, der Strassburgerhof oder der Rosshof nur ein paar Beispiele sind. Das Haus "zum Cratander" oder "zum Schönkindhof" an der Petersgasse 34 bildete dabei keine Ausnahme; die alte Nummer 32 gehörte als Ökonomiegebäude dazu. Ein Brunnen stand im Hof, und der Garten zog sich, wie auf den Stadtplänen ersichtlich ist, bis gegen den Petersgraben hin, der erst 1806 vollständig ausgefüllt wurde. Die Liegenschaft Petersgasse 34 erscheint uns aus den alten Papieren als Behausung lebhafter, eigenwilliger und zum Teil auch aussergewöhnlicher Bewohner.
Zur Geschichte der Liegenschaft
Urkundlich wird das Haus erstmals 1447 erwähnt, als "Heinrich Vischer, zem dritten Gericht, das Hus uff s. Petersberg, genannt Schönkindhof, zwischen dem von Louffen und dem Hof Berenfels" von Junker Conrad und Junker Hans von Löwenberg käuflich erwirbt. 1486 gehört sie einem Junker Pforkerd, 1487 Junker P. Schönkind und 1507 Junker J. Schönkind-von Hertenstein. 1528 prozessiert Agatha von Pfirt, Besitzerin des Hofes Berenfels, gegen den Buchdrucker Andresen Cratander, neuer Besitzer des Hauses, puncto "einem Dachfenster, so der Beklagte Cratander gegen der Klägerin von nüwen gebauen", ferner wegen einer "Scheidewand zwischen beiden Häusern und Känel". So stossen wir im historischen Grundbuch zum ersten Mal auf den Namen des Druckerherren Andreas Cratander. Der Name ist eigentlich die Gräzisierung von "Hartmann". Er war von Deutschland kommend 1505 in Basel eingewandert, druckte nachweisbar 1518 erstmals mit eigenem Signet und wurde 1519 Basler Bürger und Herausgeber von zahlreichen Werken von Oekolampad, Grynaeus, Homer, Aristoteles, Pindar und weiterer klassischer Autoren. Sehr zartfühlend war Cratander in seiner Geschäftsführung nicht: Noch als sein Druckerkollege Valentin Curio sein Griechisches Lexikon unter der Presse hat, druckt er es ihm nach. Der Rat der Stadt beschloss kurz darauf als Antwort, dass kein Drucker das Buch eines anderen innerhalb der ersten drei Jahre nach Erscheinen nachdrucken dürfe; auch dürfe kein Drucker dem anderen sein Gesinde, Korrektoren, Setzer oder Drucker abdingen - was Cratander offenbar getan hatte!
Neben Froben besass Cratander die grösste Druckerei der Stadt und war eng mit dem Gelehrten Bonifazius Amerbach befreundet; mit ihm gab er ab 1536 Druckwerke heraus, wobei er viel Wert auf schöne Buchausstattung mit reichem Bilderschmuck und Randleisten legte. Finanziell ging es der Familie dabei nicht besonders gut. Einige gelehrte Männer, unter ihnen Thomas Platter, Johannes Oporin, Balthasar Ruch oder Rupprecht Winter verbanden sich 1536 zu einem Konsortium, das die Offizin Cratanders aufkaufte, wodurch Andreas Cratander und sein Sohn Polykarp bloss noch als Buchführer amteten. Währenddessen arbeitete Winter kaum etwas und verdiente sein Geld, indem er immer wieder Geräte der Firma gegen Geld verpfändete! Dies führte zu argen Auseinandersetzungen, ja sogar zu einer Schlägerei zwischen dem derben Walliser Thomas Platter und Balthasar Ruch. Später dann die Aufteilung des Geschäfts, nach der Platter Rupprecht auszahlte und selbständiger Druckerherr an der Eisengasse (im Haus "zum Tor") wurde. Die Vermögensverhältnisse der Familie Cratander nach Andreas Cratanders Tod 1540 waren nicht gerade die besten; Froben und Bebel halfen aber immerhin, das Schlimmste zu verhüten.
Ob und wieviele Buchwerke Cratanders in der jetzigen Liegenschaft Petersgasse 34 gedruckt wurden, ist ungewiss. Eine Hauptwerkstatt besass er am Spalenberg, eine weitere wohl im "Schwarzen Bären" (ehemals Petersgasse 13, also gerade gegenüber dem heutigen Haus), den er schon 1522 gekauft hatte.
Doch zurück zur Geschichte des "Schönkindhofs". Als "Löwenburger Hof" ist dann 1591 die Liegenschaft an der Petersgasse im Besitz des Hugenotten Jakob Battier - vielleicht ist es der Seidenhändler und Älteste der französisch-reformierten Kirche Basels -, 1670 in dem des Sebastian Spörlin, des Rats und Obervogts zu Waldenburg. Ihm folgten 1687 Adolf Ortmann-Burckhardt, Mitglied des Grossen Rats, dessen Witwe 1699 den "Hauptmann" und weiland Oberstlieutnant in französischen Diensten Adrian Schmidtmann heiratet. Schmidtmann, der den Hof übernimmt und dessen Vater 1665 durch Ludwig XIV. erblich geadelt worden war, hatte eine französische Mutter, Antoinette Himel aus Courtavon, Dame d'Arondelle: Sie war nachweisbar eine Nachkommin französischer Könige, angeblich auch von Saint Louis. Noch heute leben einige ihrer Nachkommen in Basel.
Die Schmidtmannschen Erben verkaufen den Schönkindhof 1723 an Johann Rudolf Huber-Burckhardt, Stadtschreiber zu Liestal, dessen Witwe ihn 1741 dem Handelsmann Johann Jakob Bachofen-Strub. Noch einmal wurde der alte Schönkindhof umgetauft; im Zinsamt-Korpus von 1724 trägt die jetzige Liegenschaft Petersgasse 34 zum ersten Mal den Namen "Friedhof". Über den ansehnlichen Umfang der Liegenschaft gibt eine Kaufspublikation im Judicialienbuch von 1793 Auskunft. Sie lautet: "Es verkauft Herr Joh. Jacob Thurneisen im Fridhof an Herrn Niklaus Legrand eine Wohnbehausung, Remise, Stallung, Hof, Garten und einen Laufenden ein Viertels Helbling haltenden Brunnen, samt übriger Zugehörde und Gerechtigkeit, der Fridhoof genannt." Woher die Bezeichnung "Friedhof" stammt, lässt sich nicht ausfindig machen; vielleicht ist der Name auf den ehemals bei dem Prediger-Kloster gelegenen Kirchhof zurückzuführen.
Die Liegenschaft wechselt noch einige Male die Hand, bevor sie 1845 der Tabakfabrikant Zimmerlin-von Speyr übernimmt; er bleibt bis ca. 1864 hier wohnhaft. 1894 folgt der Verein zur Gründung und Verwaltunf eines katholischen Vereinshauses, bis 1903 die Gesellschaft des Basler Volksblattes einzieht und die darin untergebrachte Druckerei den Namen des erwähnten Druckerherrn Cratander übernimmt.
Schlichtes Äusseres, Überraschungen im Inneren
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand ein einstöckiges Hintergebäude, das angeblich teilweise noch aus dem 15. Jahrhundert gestammt haben soll. Jedenfalls zeigte es noch gotische Kreuzstöcke. Es musste 1935 einem Druckereineubau weichen, wobei die mittelalterliche Kelleranlage weiterbenutzt wurde. 2001 wurde auch diese abgebrochen.
Das behäbige, zweistöckige Vorderhaus ist in einem gotisch-barocken Mischstil erbaut. Die Fenstergewände zeigen die gegen unten abgesetzten Hohlkehlen; aber diese Hohlkehlen sind nicht mehr rein, sondern sind auf der inneren Seite "umgewulstet", was auf einen eher barocken Stil hindeutet. Das mächtige Einfahrtstor zeigt ähnlich starke Umrahmungs-Bossen wie das 1652 errichtete alte "Mueshaus" in der Spalenvorstadt. Der Schönkindhof dürfte also in seiner jetzigen Form kurz nach dem Dreissigjährigen Krieg entstanden sein, als sich die Basler Handelsleute, in diesem Fall also wohl die Battier, langsam von den handelshemmenden Ereignissen und Wirren des Auslands erholten.
Das Haus ist dreigeschossig und verfügt über ein mittiges Rundbogenportal mit Bossen-Quadern, das in den Hof führte, wo einst die Druckerei im Hinterhaus beherbergt war. Das Fenster links des Portals wurde 1932 mit einer Ladentür erweitert. Im Hausinneren haben sich viel schöne Eichentüren, ein Treppenturm und prächtige spätgotische Stukkaturen an den Decken erhalten. Im Zimmer rechts der Durchfahrt kam 2001 nach der Entfernung einer modernen Gipsdecke eine bemalte Balkendecke in sehr gutem Zustand zum Vorschein; sie stammt vermutlich aus dem späten 17. Jahrhundert und zeigt Ranken, in denen riesige Blüten und zwei nackte Gestalten verborgen sind. In den oberen Stockwerken sind einige Räume mit prächtigen Stuckdecken ausgestattet.
Wechselvoll müssen die Geschicke des Hauses unter seinen vielen Besitzern gewesen sein. Aber was die trockenen amtlichen Aufzeichnungen uns nicht melden, das vielgestaltige Leben, das sich im Lauf der Jahrhunderte im Inneren des Hauses abspielte, dürfte noch viel mehr Interessantes bieten. Als nach aussen besonders markante Personen treten in die Geschichte des alten Schönkindhofes einzig die Junker Schönkind als Repräsentanten eines zu seiner Zeit hoch angesehenen Basler Geschlechts sowie der gelehrte Buchdrucker Andreas Cratander auf, und auch über diese geben uns nur spärliche Quellen einigen Aufschluss.
Quellen:
- Möhle 2016: 114f.
- Basler Volksblatt vom 2. Dezember 1947
- Basler Volksblatt vom 9. März 1946
- Basler Volksblatt vom 27. Juni 1913