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In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich, wie und zu welchem Zweck Landschafts-, Weg-, und Wetterbeschreibungen sowie Benennungen von Orten Eingang in die mittelalterliche isländische Sagaliteratur gefunden haben und wie auf diese Weise aus der Landschaft selbst eine kulturelle Größe mit bedeutungskonstituierender Wirkung für die isländische Gesellschaft geworden ist.
Die Grundannahme meiner Arbeit ist, dass sich die Landschaftserfahrung der Überlieferungsgesellschaft in deren literarischen Produktion eingeschrieben hat. Landschaft verstehe ich hierbei nicht als ästhetische Einheit, sondern vielmehr als Lebensraum, in dem sich die Menschen seit der Besiedlung Islands bewegt haben und den sie – durch verschiedene Prozesse des mentalen Kartierens und Verknüpfens mit der eigenen Vergangenheit – strukturiert haben.
In meiner Arbeit untersuche ich neun Isländersagas und drei kürzere Erzählungen, die in den mittelalterlichen isländischen Sammelhandschriften der Vatnshyrna und der Pseudo-Vatnshyrna gemeinsam überliefert wurden. Durch die Betrachtung der Texte im Überlieferungsverbund möchte ich zeigen, dass Landschaft als Analysekategorie uns sowohl etwas über das immanente Wissen des Publikums und dessen Erwartungen an eine Erzählung erfahren lässt als auch über den Erzähl- und Überlieferungsanlass der altisländischen Sagas.
Die Sagas, die im Verlauf des 13. Jahrhunderts in altisländischer Sprache verschriftlicht wurden, erzählen von der Besiedlung Islands vom 9. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts und ermöglichen somit eine Einsicht in den Umwandlungsprozess eines undatierten Naturraums zu einem menschlichen Kulturraum. Die in den von mir untersuchten Handschriften kompilierten Texte behandeln alle in ihren Hauptsträngen Orte in Nord- und Westisland, so dass das in ihnen überlieferte Landschaftsbild intertextuell ausgewertet werden kann.
Anhand einer literarisch-anthropologischen Textanalyse, die auf einer präzisen Kenntnis der isländischen Landschaft aufbaut, soll die aktuelle Sagaforschung um eine Perspektive erweitert werden, die es ermöglicht, den in den Sagas eingeschriebenen Erfahrungshorizont des ehemals intendierten Publikums in die heutige Analyse einzubeziehen und so den Überlieferungskontext altisländischer Literatur besser zu verstehen.