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von Phil Blumenthal
Einen Nachruf über eine Filmmusik-Legende vom Ausmass eines Ennio Morricone zu schreiben, ist nicht ohne. Man kann die über 400 Produktionen erwähnen, die er betreute. Seine einflussreiche Phase, in der er einem Genre seinen ganz eigenen Stempel aufdrückte. Oder die fast unsäglich lange Wartezeit, bis er endlich mit einem «echten» Oscar ausgezeichnet wurde (THE HATEFUL EIGHT, 2015, Quentin Tarantino).
Doch ich möchte von der journalistisch informativen Schreibe abweichen und meine für lange Zeit problematische «Beziehung» mit diesem Komponisten beschreiben, der so ganz anders komponierte als meine meist US-Filme vertonende Favoriten, die da waren Jerry Goldsmith, John Williams, James Horner oder ein Stück früher, in der Morricone ebenfalls tätig war, Alex North und Elmer Bernstein. Wieso ich das so offensichtlich erwähne: Ich war alles andere als ein Fan von Spaghetti-Western und ich bin bis heute nicht richtig warm mit diesem Genre im Genre geworden. Wenn ich «richtige» Westernmusik hören wollte, griff ich zu Bernstein, Moross, Tiomkin & Co. Einer der Morricone in mit seinen Wild West Scores recht nahe kam, war Jerry Goldsmith, nie um Experimente und Ausprobieren verlegen. Ja, ich war ein Fan amerikanischer Filmmusik.
Zwei Musiken von Morricone möchte ich besonders erwähnen, die mich faszinierten und mit denen ich langsam begann mich Morricones Werk anzunähern. Der erste war THE MISSION (1986) von Roland Joffé, dem Morricone mit seinem Oboen-Thema eine fast himmlische Weise verlieh. Der zweite Score war Giuseppe Tornatores CINEMA PARADISO (1988), eine wundervolle Ode ans Kino in einer Zeit, in der ich ebenfalls in einem Filmtheater arbeitete. An Tornatore also blieb ich dran und somit auch an weiteren Morricone-Musiken wie STANNO TUTTI BENE (1990), L’UMO DELLE STELLE (1995), MALENA (2000) bis hin zum grandiosen LA MIGLIORE OFFERTA (2013).
Dann kam die Zeit, in der der Italiener für US-Filme schrieb, die mich interessierten: FRANTIC (1988) von Roman Polanski – ein gutes Beispiel von Morricones urbanem Sound; THE UNTOUCHABLES (1987), Brian DePalmas Meisterwerk, das so enorm von Morricones einnehmender Musik profitierte; und ich stiess irgendwann (einst noch auf VHS) auf ONCE UPON A TIME IN AMERICA (1984) und fand: «Ja, Leone kann gute Filme machen.» Das Tüpfelchen auf dem i waren ein weiterer DePalma Film, MISSION TO MARS (2000) mit Morricones unglaublich packender Musik und NOVECENTO (1976) von Bernardo Bertolucci.
Langsam dämmerte mir, dass ich doch die ein oder andere Filmmusik Morricones mit schnippischer Missachtung, also durchaus wissentlich, gestraft habe.
Dankenswerterweise gab es in den letzten 10 Jahren eine wahre Flut an Veröffentlichungen älterer und aktuellerer, auch teils unbekannter Musiken des Maestros und so geschah es, dass zeitweilen jede CD-Bestellung auch eine Morricone-Scheibe enthielt. Die Sammlung an Morricones ist stetig gewachsen und auch dank Musiken wie FAT MAN AND LITTLE BOY (1989), DAYS OF HEAVEN (1978), LA TENDA ROSSA (1969) und I LADRI DELLA NOTTE (1984) etcetera pp. habe ich meinen Frieden mit der Musik von Ennio Morricone geschlossen. Teilweise, denn unbestritten bleibt, dass der Maestro in seiner Karriere schlicht und einfach viel zu viele Filme betreute, was oft nur mit dem speziellen Morricone-System zu behändigen war: Ohne zum Film einzuspielen einige Stücke aufnehmen und dem Regisseur übergeben: «Hier hast du’s, schau wo was reinpasst!». Aber mit diesem Satz soll dieser Nachruf nicht schliessen.
Mit Ennio Morricone ist einer der letzten der ganz grossen Komponisten von uns gegangen. Die nachfolgenden Generationen tun sich unglaublich schwer, an diese Giganten heranzureichen. John Williams, 88 Jahre alt, bleibt damit der letzte dieser mächtigen «Allianz» grosser Filmkomponisten.
Zu Maestro Morricone bleibt mir letztlich zu sagen: Danke für die Geduld mit mir!
6.7.2020