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Die «Société d’Horlogerie à Waldenbourg» ist heute vermutlich nur noch wenigen ein Begriff. Ab 1852 produzierte sie in Waldenburg Grundkomponenten für Uhrwerke. Nachdem der ansässige Unternehmer Gédéon Thommen die Firma von 1859 bis 1869 zusammen mit dem Uhrmacher Louis Tschopp aus Biel geleitet hatte, führte Thommen die Firma ab 1870 alleine in die Zukunft. Zudem hatte er den Vorsitz des «Comités zur Errichtung einer Eisenbahn im Waldenburgertal». Im Jahr 1880 schliesslich wurde die Bahnlinie eröffnet und katapultierte das Tal in ein neues Zeitalter. 1884 liess sich Thommen unmittelbar oberhalb des Bahnhofs eine sehenswerte Villa bauen.
Die «Villa Thommen», wie sie damals hiess war ganz auf ihren Bauherrn zugeschnitten. Trotz des schlechten Baugrunds entschied man sich, das Haus am Abhang direkt beim Bahnhof Waldenburg zu bauen. Üblicherweise befanden sich die Direktionshäuser der Fabrikanten um diese Zeit immer nahe an den Fabriken oder zumindest am Arbeitsweg. So auch die Direktorenvilla Cattin der Oris SA in Hölstein etwas später um 1908. Das Gebäude in Waldenburg gründet auf mehreren hundert Holzpfählen. Aufgrund des Abhangs ist das bossierte Sockelgeschoss auf mehreren Seiten gut sichtbar. Der Zugang erfolgt hangseitig.
Die vier Fassaden des querrechteckigen Gebäudes bedienen sich einer späthistoristischen, sich an die französische Renaissance anlehnende Formensprache, sind aber entsprechend ihrer Ausrichtung und Funktion unterschiedlich ausformuliert. Alle Fassaden verfügen über ornamentierte Mittelrisalite, derjenige der westlichen Eingangsfassade ist gar dreiachsig. Ein Sandsteinportal signalisiert den Zugang, eine grosse Fensteröffnung darüber belichtet das dahinterliegende Treppenhaus. Nordseitig ist ein Wintergarten angebaut, südseitig eine kleine Terrasse. Ein hohes Schieferwalmdach mit Dachaufsätzen aus Zinkblechzinnen ruht auf dem zweigeschossigen Bau. Überragt wird es von einem kleinen Turm an der Südostecke. Im Gegensatz zu den bosierten Eckquadern des Hauptbaus, verfügt er im Turmbelvedere über feine Pfeiler.
Zur Villa gehört ein umfassendes Anwesen, bestehend aus einem Landschaftsgarten mit Wegführung, einem Teich mit Bächlein und diversen Nebengebäuden. Südlich an der Zufahrt gelegen befindet sich ein Ökonomiegebäude mit Remise. Zusätzlich gibt es ein Treibhaus und das sogenannte «Geflügel- und Hundehaus». Heute sind nicht mehr alle Bauten vorhanden.
Im Erdgeschoss befinden sich neben der Eingangshalle mit Treppenanlage samt Windfang die Küche und Speisekammer. Die Repräsentations- und Wohnräume sind etwas unerwartet gegen Osten ausgerichtet. Unter einem gusseisernen Balkon des Obergeschosses führt ein Altan in den östlichen Garten – mit direktem Blick auf die Endstation der Waldenburgerbahn. Man kann es Thommen nicht verübeln. Bäder befinden sich im Obergeschoss, eine Bibliothek im Dachgeschoss.
Von 2002 bis 2004 wurde die Villa Gelpke – diesen Namen erhielt sie durch spätere Besitzer – durch die Architekten Markus Steinmann und Charlotte Rey aus Liestal umfassend umgebaut, ergänzt und saniert. Zum einen wurde eine aussenliegende Parkierung zurückgebaut und eine neue Autoeinstellhalle unter dem östlichen Eingangsvorplatz erstellt. Der zwischenzeitlich unterbrochene Solitärstatus der Villa ist nun wiederhergestellt. Das Ökonomiegebäude wurde um eine Wohnung ergänzt. Der Teich im Osten dient nun als Schwimmbad. Herz des Umbaus allerdings ist die Villa selbst. Die gesamte Haustechnik wurde ersetzt. Die neuen Leitungen sind in den Bereichen der ehemaligen Einzelraumöfen untergebracht. Die Bodenbeläge wurden erneuert und die Inneren Fassaden renoviert. Das Dachgeschoss ist nun beheizt und ebenfalls zur Wohnung umgebaut. Die Massnahmen sind nur im Detail sichtbar. Die Villa wurde bis hin zur Möblierung wiederhergestellt. Ebenfalls die äussere Fassade. Der weiss-gelbliche Verputz kontrastiert mit den grauen Fenstern und Gewänden. Die Eckquader sind in beige gehalten, der Schiefer auf dem Dach schimmert bläulich. Für die Sanierung erhielten die Architekten 2004 den Heimatschutzpreis.
Villa Gelpke
Funktion: Direktionswohnhaus
Adresse: Wilweg 8, 4437 Waldenburg
Baujahr: 1884
Architektur: Paul Reber
Umbau: 2002 – 2004 (Steinmann & Rey Architekten, Liestal)
Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
– Staatsarchiv Basellandschaft Onlinearchivkatalog
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Gamp A. & Sommerer S. (2014), Der Bezirk Waldenburg: Kunstdenkmäler der Schweiz Kanton Basel-Landschaft, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgerschichte GSK, Bern. ISBN: 978-3-03797-115-4 ISSN: 2235-0632
– Steinmann & Rey Architekten, Bericht zum Umbau