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Das Ortsbild des Monats Oktober ist eine gekürzte Version der Aufnahme aus der neuen ISOS-Publikation Wallis, Band 2.1 Oberwallis A-L.
Siedlungsentwicklung
Unter dem Einfluss der Kälteperiode, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts Zentraleuropa erreicht hatte, stiessen die Gletscher in den Alpen massiv vor. So auch der Rhonegletscher, der um 1600 bis in die Gegend der heutigen Ortschaft Gletsch hinunterreichte. Anfangs des 19. Jahrhunderts ging diese "kleine Eiszeit" zu Ende und die Alpfirne begannen erneut zu schmelzen. Ende des 19. Jahrhunderts bedeckte der Rhonegletscher, der 1856 noch in der Nähe von Gletsch geendet hatte, nur noch das hinterste Ende des Talbodens. Heute ist von der Gletscherzunge nur mehr ein kleiner Zipfel über der ausgewaschenen Felswand zu sehen; die junge Rhone, auf Deutsch "Rotten", ergiesst sich in Wasserfällen zum Gletscherboden hinunter.
Als Wissenschaftler, Poeten und erste Touristen das Hochgebirge zu schätzen begannen, liess Josef Anton Zeiter, Gastwirt aus Münster, zwischen 1830 und 1832 nahe des berühmten Rhonegletschers eine erste Herberge erbauen. Diese hatte wenig später dem Hotel "Glacier du Rhône" zu weichen. Es wurde in Etappen gebaut: 1858-60 erstand der fünfachsige Gebäudeflügel im Westen, 1864-70 der Mittelteil und der spiegelbildliche Flügel im Osten. Möglicherweise stand der Ausbau im Zusammenhang mit dem Besuch der Königin Viktoria von England, die im Sommer 1868 in Gletsch gastierte und dem Hotel zu internationaler Berühmtheit verhalf. 1882 wurde Alexander Seiler, der Begründer der berühmten Zermatter Hotelierdynastie, Alleinbesitzer des Gletscherhotels. Sein Sohn Josef vollendete um die Jahrhundertwende die Anlage: Das Hauptgebäude erhielt ein viertes Geschoss, ein Walmdach mit Lukarnen und einen fünfachsigen Anbau mit grossem Speisesaal. Vor der Eingangsfront wurde ein kleiner Hotelpark angelegt, seitlich - im Auftrag der Anglikanischen Kirche - eine neugotische Kapelle errichtet und das Nebengebäude bei der Abzweigung der Grimselstrasse aufgestockt.
Mit dem Bau des so genannten Blauhauses am oberen Ortsausgang stieg die Zahl der Hotelbetten auf 250. Dazu gesellte sich in der gleichen Epoche als zweites Seiler-Etablissement am Rhonegletscher das 500 Meter höher gelegene Hotel "Belvédère".
Der Aufschwung der Hotels verlief parallel zum Ausbau der Verkehrsverbindungen. Ab 1866 ersetzte die neue Furkastrasse den alten Saumpfad. 1891-95 wurde die neue Kunststrasse über die Grimsel angelegt; der alte Saumpfad hatte nicht über Gletsch geführt; er war bereits in Obergesteln vom Furkaweg abgezweigt, um direkt zur Grimselpasshöhe anzusteigen.
Ab 1914 fuhren die Schmalspurzüge der Furka-Oberalp-Bahn FO nach Gletsch, zunächst nur ab Oberwald, nach 1926 auch vom Urserntal her. Gletsch erhielt eine Bahnhofanlage mit Stationsgebäude und Depot. 1942 wurde die Strecke elektrifiziert. Mit der Eröffnung des Furkabasistunnels zwischen Oberwald und Realp war die Bahnlinie über die Furka nutzlos geworden; am 11. Oktober 1981 fuhr der letzte elektrisch betriebene Zug in Gletsch ein. Jedoch am 14. Juli 2000 wurde die touristisch attraktive Strecke Gletsch-Realp für den sommerlichen Dampfbetrieb wieder eröffnet. Bis 2006 soll die Strecke wieder durchgehend bis Oberwald befahrbar sein.
Der heutige Ort
Die Hauptachse des kleinen Ensembles (> 0.1) bildet die Furkastrasse. Ihr entlang stehen fast alle Bauten. Die Grimselstrasse zweigt im Ortszentrum rechtwinklig von der Hauptachse ab und führt durch einen gassenartigen Engpass zwischen Hotel und Nebenbau hindurch. Die Bebauung konzentriert sich auf die nördliche Seite der Furkastrasse. Sie beginnt mit den langen Trakten der Stallungen, die Gebäudereihe wird durch die durchlaufende Trauflinien betont.
Ein quer stehender Bau mit Mansartgiebel ragt in den Strassenraum vor und schliesst diesen ab. Nach der Abzweigung der Grimselstrasse folgt das Hotel "Glacier du Rhône". Auf der anderen Seite erstreckt sich der Hotelpark mit seinen dunklen Tannen.
Die kürzlich renovierte Hauptfassade des Hotels zählt 18 Fensterachsen, von denen die fünf östlichsten zum Anbau von 1906-08 gehören. Die Obergeschosse mit den Hotelzimmern sind überraschend karg, der Mittelteil hingegen ist ambitiös mit Hausteinquadern, Rundbogenfenstern im obersten Geschoss und darunter liegenden drei Balkonen mit Schmiedeeisengeländer. Die Gebäudeecken zeigen ebenfalls Granitquader, die Fassadenflächen einen gelbbraunen Verputz. Zwischen dem Hotel und der neugotischen Kapelle mit Glockentürmchen erstrecken sich die neu gestaltete Sommerterrasse und ein grosser Parkplatz. Hier biegt die Furkastrasse rechtwinklig ab und führt dem so genannten Blauhaus entlang, einer quer im Tal stehenden Dépendance (> 0.1.2). Durch diesen Riegel im Tal entsteht ein interessanter innerer Raum.
Die asphaltierten Strassenränder stossen in der Regel bis an die Hausmauern vor, an die Rückseite der Gebäude Bergwiesen und Felsen. Besonders eindrücklich unter den durchwegs unverbauten Umgebungen ist der rund zwei Kilometer tiefe Talboden, der sich von der Hotelgruppe weg zum Rhonegletscher zieht (> I). Er wird von mehreren Armen des jungen Rotten durchflossen und zeugt mit seinen Moränen, Schotterfeldern, Gletscherschliffen, Feuchtgebieten, der dünnen Humusdecke und der einzigartigen Pflanzenwelt von der einstigen Gletschertätigkeit. Beidseits des kleinen Passortes steigen steile, spärlich bewachsene Bergflanken an, die von den Stützmauern der beiden Passstrassen und ihren Strassenkehren durchschnitten werden.
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Wir bewerten
*** Lagequalitäten
** Räumliche Qualitäten
*** Architekturhistorische Qualitäten
Lagequalitäten
Gletsch hat besondere Lagequalitäten wegen der bemerkenswerten Situation des Hotelkomplexes am schmalen Ausgang des obersten Talkessels im Rhonetal, beidseits flankiert von Passstrassen und mit Blick auf den Rhonegletscher.
Räumliche Qualitäten
Die Baugruppe zeigt grosse räumliche Qualitäten durch das Zusammenspiel von längs und quer gestellten Gebäudetrakten, von lang gestrecktem Hauptgebäude und gegenüberliegendem Hotelpark, von alpiner Hotelarchitektur und karger Berglandschaft.
Architekturhistorische Qualitäten
Besondere architekturhistorische Qualitäten hat der Ort als einzigartiges Denkmal der Belle Epoque in den Alpen und als gut erhaltener Zeuge der Berghotellerie aus der Gründerzeit.
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