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Die Petschaftstecher und Graveure Brupbacher von Wädenswil
Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 22. Februar 1961 von Peter Ziegler
Ein altes Geschlecht
Die Brupbacher zählen zu den ältesten Wädenswiler Geschlechtern. Die Kirchenbücher der Gemeinde, welche mit dem Jahre 1552 beginnen, erwähnen zu jener Zeit bereits fünf verschiedene Familien dieses Namens. Ihre Angehörigen bekleideten in der Landvogtei und im Dorfe manch verantwortungsvolles Amt. So lebte von 1569–1651 ein Hans Brupbacher, Gerichtsherr und Fähnrich. Sein gleichnamiger Sohn war um 1630 Quartierfähnrich. Zur Zeit des Wädenswiler-Handels, im Jahre 1646, registrierte man in der Herrschaft Wädenswil schon neun Familien Brupbacher. Und zwar wohnten drei im Dorfe selbst; die andern sechs in der Bergwacht ob der Aa, zum Beispiel im Hofe Äsch und zu Nussbäumen, wo sie sich als Bauern betätigten.
In weiten Kreisen bekannt wurde das Geschlecht Brupbacher von Wädenswil im Verlaufe des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch jene beiden miteinander verwandten Familien, welche sich ausschliesslich dem Kunsthandwerk widmeten: die einen als Petschaftstecher und Graveure, die anderen als Kupferstecher und Lithographen.
Graveure
Die ältere Linie der Graveure und «Pitschiergraber», wie man die Petschaftstecher früher nannte, führt in der Ahnenreihe unter anderem auf den bereits erwähnten Fähnrich Hans Brupbacher (1569–1651) zurück und gliederte sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts wie folgt:
Graveur Heinrich Brupbacher (* 1674)
Die wenigen Publikationen, welche sich bis heute mit den Graveuren Brupbacher von Wädenswil befassen, basieren fast ausschliesslich auf den zum Teil lücken- und fehlerhaften Angaben im Schweizerischen Künstlerlexikon von 1905 (Band 1, Seite 215) und vertreten durchwegs die Auffassung, die Brüder Hans Jakob (geb. 1713) und Hans Ulrich (1715–1772) seien die ersten aus dem Geschlechte der Brupbacher gewesen, welche sich dem Kunsthandwerk gewidmet hätten. Aus dem Grundprotokoll (Staatsarchiv Zürich, Grundprotokoll Wädenswil Bd. 4, S. 529 b) geht indessen eindeutig hervor, dass mindestens schon deren Vater, Wachtmeister Heinrich Brupbacher (geb. 1674), als Graveur tätig war. Er bewohnte mit seiner Familie ein eigenes Haus auf dem «Buck», das später «Zum Felsen» genannt wurde und bis ums Jahr 1880 im Besitze seiner Nachkommen blieb.
Wo haben die Petschaftstecher und Graveure ihr Handwerk erlernt? Die noch vorhandenen Erzeugnisse der älteren Meister verraten süddeutschen Einfluss. Man orientierte sich offenbar bis zu Beginn des 18.Jahrhunderts an den Renaissance- und Barockformen der Augsburger- und Nürnberger Künstler. Zu den süddeutschen Einflüssen kamen später französische. Diese Arbeiten beeindrucken vor allem durch ihre grosse Klarheit. Sie wirken zwar etwas kühl, jedoch sehr prägnant und lassen grosse technische Vollendung erkennen.
Brüder Hans Jakob und Hans Ulrich Brupbacher
Die beiden Söhne aus der zweiten Ehe des «Pitschierstächers» Heinrich Brupbacher mit Elisabetha Aeschmann von Thalwil betätigten sich ebenfalls als Graveure.
Vom älteren Hans Jakob (* 1703) ist eine silberne Medaille der Stadt und Republik Luzern und eine Schulprämie für die Stadt Rapperswil erhalten. Besonders aber erstaunt der jüngere Hans Ulrich (1715–1772) durch die Vielseitigkeit seiner Darstellungen, schuf er doch Wappen, Jubiläumsmünzen für politische und vaterländische Gedenktage, und er stach auch einen silbernen, talerförmigen Schulpfennig für die Stadt Luzern.
Es scheint indes, dass im kleinen Bauerndorf für zwei Handwerker auf die Dauer nicht genug Arbeit vorhanden war, als dass jeder mit dem Verdienst eine Familie hätte ernähren können. Jakob entschloss sich daher im Jahre 1743, mit Frau und Kindern die Schweiz zu verlassen, um im Ausland sein Glück zu versuchen. Damit ihm auf seiner Reise durch die Fremde weniger Schwierigkeiten erwachsen sollten, liess er sich vom Zürcher Rat eine Empfehlung an alle auswärtigen Behörden geben und ein Leumundszeugnis mit der Bestätigung, dass er «eines frommen und ehrbaren Wandels seye und sich beständig ehrlich zu ernähren gesucht habe» (Staatsarchiv Zürich, Ratsurkunden B V 125, S. 36).
Kirchensiegel: Die Arbeiten der Wädenswiler Graveure Brupbacher verraten grosse künstlerische Fertigkeit. Auch dieses Luzerner Kirchensiegel beeindruckt durch seine fein ausgearbeiteten Formen und die Darstellung der Gewandfalten.
Jakob Brupbacher kehrte offenbar nicht mehr nach Wädenswil zurück. Eine Notiz im Familienregister der Gemeinde Wädenswil aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Staatsarchiv Zürich, E III 132/9) besagt, dass sich der Graveur in Nîmes im Rhonetal niedergelassen habe.
Hans Caspar Brupbacher (1755–1831)
Im Januar 1755 wurde dem Ehegaumer und Petschaftstecher Johann Ulrich Brupbacher auf dem Buck ein Sohn, Hans Caspar, geboren. Dieser zeigte ebenfalls reges Interesse für das Kunsthandwerk und erlernte darum in der väterlichen Werkstatt auch den Graveurberuf. Er offenbarte bald großes Geschick und solche Fertigkeit, dass er gar die Arbeiten seines Vaters bei weitem übertraf. Pfarrer Zeller bezeugt in seinem Wanderbrief, dass der junge Graveur «Sohn ehrlicher und christlicher Eltern sei und die gleiche Kunst ausübe, wobei ihm Gott sein Vorhaben begleiten und ihn gesund erhalten soll». Wie sein Vater und Onkel besuchte auch Hans Caspar die Messen in Luzern, St. Gallen, Neuenburg, Chur oder Rapperswil, um seine Erzeugnisse anzupreisen und neue Kunden zu gewinnen. Man sah den Mann daher häufig von Wädenswil fortziehen, die kostbaren Wappenbücher und eine oder gar zwei Holzschatullen unter den Arm geklemmt. Diese Schachteln bargen ein kostbares Gut: auf Kartonstreifen aufgeklebte Siegel, welche den Kunden beweisen sollten, wer schon von Brupbacher zu vollster Zufriedenheit beliefert worden war.
Schatulle: In dieser 55 cm langen, 17 cm breiten und 10 cm hohen Holzschatulle trugen die Graveure Brupbacher einen Teil ihrer Musterkollektion – auf Kartonstreifen aufgeklebte, sorgfältig beschriftete Siegelabdrücke – auf den Markt.
Wappenbuch: Die Graveure Brupbacher hielten jedes Wappen, das für eine Petschaft in Auftrag gegeben wurde, in einem besonderen Wappenbuch fest.
Bevor der Graveur − in späteren Jahren in Begleitung seines Sohnes − auf irgendeinem Markt erschien, wurde in den Lokalblättern tüchtig Reklame gemacht. Im Luzernischen Intelligenzblatt Nr. 8 vom 22. Hornung 1811 findet sich zum Beispiel folgende Empfehlung:
«Pettschaftstecher J. C. Bruppacher und Sohn, von Wädenschwyl am Zürchersee, befinden sich auf der hiesigen Fastnachtsmesse und avertieren hiemit einem ehrenden Publikum: dass sie mit sehr schönen, gravierten Pettschaften aller Arten, mit und ohne Figuren, bestens versehen sind. Sie bitten daher um gütigen Zuspruch, auch zeigen sie an, dass sie Namen und Schriften auf goldene Ringe, silberne Löffel, seidene Regenschirme und auf anderes mehr recht schön gravieren. Sie befinden sich auf dem bekannten Platz vor der Apotheke des Herrn Vonlauffens am Weinmarkt, logieren bey den drey Königen und verbleiben bis Ende künftiger Woche in hiesiger Stadt.»
Vor dem Besuch der Luzerner Fastnachtsmesse 1829 richtete der Künstler folgende Mitteilung an das «verehrliche Publikum zu Stadt und Land»: «Caspar Bruppacher, Pettschaftstecher von Wädenschweil, empfiehlt sich in allen Arbeiten seines Kunstberufes. Er arbeitet in Gold, Silber, Stahl, Metall etc. und wird fortfahren, mit feiner und gustoster Arbeit jedermann zufrieden zu stellen, sey es in Staats-, Kirchen- und Gemeinds-Sigillen, Familienwappen, Handlungs-Pettschaften.» Er sei auch spezialisiert, goldene Ringe, Silbergeschirr, «Parpluies (Regenschirme) zu gravieren und könne auch alte Stahlpetschaften vom Roste reinigen. Sein Standort sei immer der gleiche: auf dem Weinplatz bei der Apotheke.
Wandernd zur Kundschaft
Die Fussreisen, welche Brupbacher in die einzelnen Marktorte unternahm, waren genau geplant. In kleinen Reisebüchlein wurde die genaue Route zusammengestellt und über alle Auslagen und Einnahmen Rechnung abgelegt. Ein solcher «Wegweiser nach St. Gallen über Winterthur vom Jahre 1802 zeigt, wo Caspar Brupbacher in Begleitung seines Sohnes Hans Jakob durchgewandert ist. Nachdem die beiden in Zürich ihre «Gafer» (Koffer) ins Posthaus getragen und noch einen stärkenden Kaffee getrunken hatten, pilgerten sie über Oberstrass, Schwamendingen, Wallisellen, Rieden, Bassersdorf, Nürensdorf und Breite nach Töss. Hier blieb man über Mittag, ass für zwölf Schilling (denselben Betrag hatte man am Morgen für den Kaffee ausgegeben), und dann ging es weiter über Elgg nach Münchwilen. Hier übernachteten die beiden. Am frühen Morgen des 23. April brachen sie wieder auf, frühstückten im benachbarten Wil im Thurgau und erreichten beim Einnachten via Oberbüren und Gossau die Stadt St. Gallen. Sie stiegen für die erste Nacht im «Schwert» ab, vom folgenden Tag an logierten die beiden bei Bernhard Dürsteler im Weberhaus. Hans Jakob wurde vertischgeldet; der Vater vereinbarte mit dem Gastgeber einen wöchentlichen Preis von 3½ Gulden für das Essen und «wan er will Schoppenglass Most», zahlbar jeden Sonntag. Der Graveur und sein Sohn weilten mehrere Wochen in St. Gallen. Erst am 17. Juni traten sie den Heimweg an und zwar über Bruggen, Herisau, Schwellbrunn, Schönengrund, St. Peterzell Brunnadern, Lichtensteig (Übernachten), Wattwil, Hummelwald, Ricken, Bildhaus, Berg Sion, Ernetschwil, Schmerikon, Bollingen, Jona, Rapperswil. In Rapperswil bestiegen die beiden ein Schifflein und liessen sich nach Hurden fahren. Am Abend des 20. Juni 1802 waren die Reisenden wieder in Wädenswil.
Werkstätte auf dem «Buck»
Die Werkstätte im Haus «Zum Felsen» auf dem «Buck», wo die Graveure Brupbacher arbeiteten, war offenbar sehr fortschrittlich eingerichtet. Die heute noch vorhandenen Werkzeuge lassen mindestens solche Schlüsse zu. In viereckigen, in viele kleine Fächer unterteilten Blechschachteln und runden Blech- oder Holzbüchslein mit Stülpdeckel steckten eine Menge stählerner «Punzen», Stifte, mit welchen Buchstaben und Zeichen aller Art geprägt werden konnten. Diese nagelförmigen Stahlstifte waren von den Künstlern selbst geschmiedet und gehärtet worden. Dieses Härten beruhte auf einem Verfahren, welches im geheimen Rezeptbuch aufgeschrieben stand. Da liest man: «Geraspelte Ochsenklauen, gestossenes Glas und Russ werden zu gleichen Teilen untereinander gemischt in einem Tigelchen. Mitten hinein wird das Eisen gelegt und verlötet. Hernach miteinander glühen lassen. Wenn es stark glüht, wird es samt dem Gefäss in frisches Wasser gestossen. Je kälter das Wasser ist, je härter wird das Eisen. Das schwarze Eisen wird poliert. Es ist nun hart wie Stahl.»
Der Graveur an der Arbeit
Welcher Reichtum an kunstvollen Formen war da vertreten! Buchstaben und Zahlen in allen Grössen und Schrifttypen! Auch die gotische Schrift fehlte nicht. Schlug man die Punzen mit einem Hammer in die zu prägende Kupferplatte, so waren die Formen innert kürzester Zeit vorgezeichnet, und man konnte so ohne langes Vorzeichnen gerade mit dem eigentlichen Gravieren beginnen. Die Gravierarbeit war eine sehr schwierige Tätigkeit. Sie verlangte einerseits Kraft und anderseits eine ruhige Hand und grosses Geschick. Es war also keine Kleinigkeit, mit der rechten Hand den messerähnlichen Gravierstichel zu führen und gleichzeitig mit der linken den Graviersteck so zu drehen, dass auf der darauf befestigten Kupferplatte jeder Strich präzis an- und auch wieder abgesetzt erschien. Wenn man keine Schriften zu gravieren hatte, sondern irgendein Familienwappen oder eine andere Verzierung, von der kein Punzen bestand, dann musste das Bild zuerst vorgezeichnet werden, und zwar wohlverstanden im Negativ. Die Künstler verfügten über eine solche Fertigkeit und über ein so fein ausgebildetes Vorstellungsvermögen, dass sie imstande waren, die Bilder optisch verkehrt zu zeichnen, ohne vorher ein Positivbild gesehen zu haben. Während der Arbeit, die vor allem auch gute Sehkraft voraussetzte, nahm man mehrere Kontrollen vor. Zu diesem Zwecke drückte man die angefangenen Stempel nicht etwa in Siegellack, sondern in eine Masse aus geknetetem Brot und Rötel.
Überlieferte Rezepte
Dieses Rezept beruhte auf alter Familienüberlieferung, wie so viele andere Kunsttricks. Sie fanden sich aufgeschrieben in mehreren handschriftlichen Rezeptbüchern, welche als kostbarer Schatz gehütet wurden. Zwei solche Bücher sind heute noch im Familienbesitz. Sie gehörten dem «Caspar Brupbacher, Graveur zu Wädenschwyll» und enthalten unter anderem mehrere Rezepte und Anleitungen, wie man Stahl oder Eisen vergolden, Kupfer geschmeidig machen, Gold auflösen oder Werkzeuge und Metalle gegen Rost schützen könne. Das Buch, welches eine Menge praktisch erprobter Vorschläge enthält, bringt Anleitung, wie man Tinte In verschiedenen Farben, Ätzflüssigkeiten, Fleckenreinigungsmittel oder unsichtbare Tinte herstellen könne. Interessant sind auch die Vorschläge, wie man am vorteilhaftesten ein Gewehr reinige: «Nagle ein Leder fein glatt auf ein Brett. Solliches Leder überstreiche nachgehends mit warmem Leim. Bestreue es sodann mit dem aller subtilsten Mehl oder Staub von zart gestoßenem und durch ein sehr feines Haarsieb gelassenem weißem Glas und lass es trocknen. Hierauf kann man alle Gewehre und Klingen von Stahl und Eisen schön reinmachen und polieren.» Als guten Klebstoff empfiehlt man ein Gemisch von Pech, Tannenharz und Ziegelsteinmehl, was nach dem Erkalten besser halte als ein Nagel. Auf den letzten Seiten des Brupbacher schon Rezeptbuches finden sich so dann noch einige lustige Angaben, wie man Mäuse, Ratten, Käfer, Würmer und Flöhe vertreibe, Vögel fange, zerbrochenes Geschirr flicke, in der warmen. Stube Wasser in Eis verwandle, wie man Niesspulver herstellen oder in einer Nussschale Münzen schmelzen könne.
Ein paar andere Rezepte lassen erkennen, auf welche Weise die Graveure roten, schwarzen und noch andersfarbigen Siegellack herstellten. Der rote Siegellack, den man zu vier Gulden das Pfund verkaufte, war ein Gemisch aus 10 Lot venetianischem Terpentin, 24 Lot Gummilack (in Tabulis), 1112 Quintli Balsam und 16 Lot schönem, reinem Zinnober. Ausser diesem teuren Lack stellten die Brupbacher mit minderen Zutaten auch noch billigere Qualitäten her, nämlich solchen zu drei, zwei und einem Gulden. Der billigste rote Lack kam per Pfund auf 12 Groschen zu stehen. Er setzte sich wie folgt zusammen: Ordinarer Terpentin 12 Lot, Gummilack in Tabulis 8 Lot, Geschabte Kreide 12 Lot, Rote Minie 4 Lot, Gemeiner Zinnober 3 Lot.
Der schwarze Siegellack enthielt nebst Terpentin und Gummilack noch Russ, der grüne Indigo, der gelbe Aurum pigmentum. Bei der Zubereitung all dieser Siegellackarten hatte man das Kochrezept peinlich genau einzuhalten. Man musste das Terpentin kochen bis es zu rauchen begann. Dann goss man den Gummilack hinein und rührte mit einem hölzernen Spachtel gut um. Hierauf hob man die Pfanne vom Feuer, goss den Zinnober und irgend ein Geruchmittel (Balsam de Pegu, Benzoe und dergleichen) hinein und mischte alles gut untereinander.
Auch über das Verfahren beim Ätzen von Klingen und andern Gegenständen gab das handschriftliche Rezeptbuch von Hans Caspar Brupbacher Auskunft: «Bedecke die Klinge mit einem Teigli von gelöschtem Kalk und Wasser. Mache mit einer Stecknadel oder einem spitzen harten Hölzli die Figuren darein und lass es trocknen. Nachher beschmiers darüber her mit einem dünnen Taige von Grünspan, Vitriol und ein wenig des sehr giftigen Mercuri sublimati, mit Essig angemacht. Lass von ferne bei einem Feuer trocknen und wasch es hernach ab.
Vorlagebücher
Die Brupbacher waren je und je bestrebt, einwandfreie künstlerische Darstellungen zu schaffen. Sie hielten sich darum auch eine kleine Fachbibliothek mit Büchern, aus denen sie eine Fülle von Anregungen schöpfen konnten. So besassen sie ein anatomisches Skizzenbuch mit Zeichenvorlagen von Hand-, Arm- und Beinstellungen, mit Darstellungen der Muskulatur, der Gehbewegungen und der wichtigsten Körperhaltungen. Dieses 1765 erschienene Werk scheint in der Tat auch häufig zu Rate gezogen worden zu sein. Betrachtet man nämlich die Siegeldarstellungen oder andere Werke der Graveure Brupbacher unter der Lupe, so fallen einem die exakten, anatomisch einwandfreien Darstellungen menschlicher Körper auf.
Wappen
Besonders spezialisiert war man auf Familienwappen. Man hielt alle Wappen, die je in Auftrag gegeben wurden, in eigens hierzu angelegten Wappenbüchern farbig fest. Die Künstler nannten auch das 1605 erschienene Zürcher Wappenbuch von Dietrich Meyer ihr Eigen, ferner ein Kurfürsten-Wappenbuch aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts mit Stammbäumen der europäischen Monarchien, und die «Kurtze Beschreibung der uralt weit berühmten Statt Zürich samt den Wappen der Wohlgeborenen Edlen und Burgerlichen Geschlechtern, einer loblichen Burgerschaft zu Ehren herauss gegeben durch Conrad Meyer, Mahler, Burger in Zürich anno 1674». Besonders wertvoll waren die 1699 in Augsburg erschienenen Sinnbild-Erklärungen «Emblematische Gemüths-Vergnügung bey Betrachtung der curieusten und ergötzlichsten Zinnbildern mit ihren zuständigen deutschen, Iateinischen, französischen und italienischen Beyschriften», und die 1569 zu Frankfurt am Main gedruckten Neuen Bibel Figuren.
Johann Caspar Brupbacher (1755–1831)
Vom Graveur Johann Caspar Brupbacher, der nach dem Tode seines Vaters Ulrich durch Erbteilung den dritten und oberen Teil des elterlichen Hauses auf dem «Buck zu Eigen zugesprochen erhalten hatte, sind eine ganze Reihe schmucker Arbeiten erhalten, so eine silberne Verdienstmedaille des Kantons Unterwalden von 1786 mit den Initialen J. C. B., Arnold Winkelried im Lager darstellend. Für Obwalden stach der Wädenswiler Künstler eine talergrosse Schulprämie, welche die Blendung Heinrichs von Melchtal zeigt. Caspar Brupbacher belieferte so dann die Luzerner Münze mit Prägstöcken für neue Münzen, wie dies schon Ulrich Brupbacher getan hatte. Im Luzerner Ratsprotokoll finden sich darüber folgende Notizen:
1791, 28. Dez. Dem Graveur Bruppacher für zwei Fünfbätzler Prägstöck: 52 Gulden 20 Schilling.
1807, 2. Sept. Auftrag an Joh. Casp. Brupbacher und Sohn, Graveurs in Wädensweil am Zürichsee, zwei Stempel zum Prägen von 20 Fr.-Stücken zu verfertigen.
1813: Geprägte Halbbatzen. Die Stempel wurden von Graveur Brupbacher geliefert.
1823: Geprägte Angster. Die Stempel machte Joh. Casp. Brupbacher.»
Heinrich Brupbacher (1802–1847)
In Heinrich Brupbacher, der an der Seite seines Vaters ins Kunsthandwerk hineinwuchs, begegnet uns nochmals ein Meister der Gravierkunst. Das Vertrauen, welches der alternde Caspar Brupbacher in seinen Sohn setzte, offenbart sich besonders schön im «Testament des Alt Graveur Caspar Brupbacher auf dem Buck im Dorf Wädensweil, datiert 24ten September 1825». Vor Kaspar Blattmann ob der Zehntentrotte und Kaspar Blattmann auf dem Leihof, den nächsten Freunden, bezeugte der in hohem Alter stehende Graveur, dass bei seinem Tode dem Sohn Heinrich der ganze väterliche Nachlass zufalle, nämlich «des Pettschaftstechers Werkzeug mit aller Zugehörde nebst allen Pettschaften, Abdrücken, Wappenbüchern, Siegeltafeln, vorrätiges Siegellack, Geldstempel und Prämien ... ohne dass er hiefür das mindeste zu vergüten haben solle». Mit dieser Testamentsverfügung wollte der Vater seinen Heinrich dafür belohnen, dass er den hochbetagten Eltern bis dahin so behilflich gewesen war, dass er dem Beruf mit viel Fleiss und Treue obliege. Mit Genugtuung hatte Caspar Brupbacher auch feststellen können, dass der einst von ihm ins Handwerk Eingeführte «günstige Fortschritte gemacht und zu weiteren Fortschritten begründete Hoffnung gebe». Sollte sich aber der Sohn durch pflichtwidriges Betragen der väterlichen Liebe verlustig machen − so wurde vorsichtshalber im Testament vermerkt − so behält sich der Vater jederzeit vor, diese Legatsverfügung wieder zu entkräften.
Caspar Brupbacher hatte keinen Grund, diese Verfügung zu entkräften, denn Heinrich wurde von Persönlichkeiten wie Meinrad Kälin, Professor, Kapitular und Bibliothekar am Stift Einsiedeln. gerühmt, und seine Arbeiten wurden in einem Gutachten vom März 1834 als technisch einwandfrei, vollkommen und ausserdem billig gepriesen.
Reichhaltige Siegelproduktion
Aus der Werkstätte Heinrich Brupbachers stammen vermutlich eine ganze Reihe der heute noch vorhandenen Siegel. Da nur die wenigsten mit Initialen gezeichnet oder mit Jahrzahlen datiert sind, lässt sich der Schöpfer dieser Kunstwerke nicht immer eindeutig ermitteln. Eine kleine Auswahl von Namen soll uns immerhin zeigen, wie weit die Brupbacher Petschaften lieferten und wer Auftraggeber war. Selbst Bestellungen aus dem Ausland fehlten nicht, stellte doch Brupbacher eine Petschaft her für das Königlich Kaiserlich Österreichische Platzkommando und für das königlich niederländische Schweizerregiment von Ziegler. Caspar Brupbacher hatte früher einen Auftrag erhalten von der Fürstlich Schwarzenbergischen Domainen Kammer Kanzlei. Die Wädenswiler Künstler lieferten sodann viele Stempel mit Familienwappen an Geschlechter aus der Zentral- und Ostschweiz und besonders aus den Städten Zürich, Luzern und St. Gallen. Aber auch die vor 1848 noch selbständig organisierten und verwalteten Orte der Eidgenossenschaft, vorab die der Ostschweiz und der Innerschweiz. brauchten immer wieder Petschaften aus der Werkstätte der Wädenswiler Graveure, für alle Zweige der Verwaltung, für das Gerichts-, Post- oder Militärwesen. Man lieferte für die Kantonskanzlei Schwyz, für das Zunftgericht Horgen, den Kriegsrat des Kantons Zug, die Lotteriedirektion Walchwil, den Gemeinderat von GlattfeIden und das Appellationsgericht in Solothurn. Die Brupbacher zählten die Notariatskanzlei Wädenswil, das Waisenamt Meggen, das Fraumünsteramt, die Generalpostdirektion St. Gallen, das Polizeiamt des Kantons Zug und das Zürcherische Postbureau in Zug zu ihren Kunden. Sie bedienten das Oberamt Winterthur, die Oberfeueraufsicht Luzern, das Eidgenössische Truppenkommando, die Finanzkommission des Kantons Luzern und den Landammann des Bezirks March. Die Brupbacher schufen Stempel für das Ober Proviant Amt Luzern, das Polizeivisum für die Grenzstation Bischofszell und bedienten auch sehr häufig private Gesellschaften und Vereine: 1817 die Hülfsgesellschaft Stans, die Bergbaugesellschaft Tiefenkastel, die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn, die Rotgerberzunft in Zug, die Musikgesellschaft Kerns, die Schützengesellschaft Gersau oder eine Vereinigung der Handwerker und Schuhmacher im Bezirk Horgen. Zu den besten Abnehmern gehörten die vielen Pfarrämter und vor allem die Benediktinerstifte Einsiedeln und St. Gallen.
Heinrich Brupbacher (1830–1909)
Stempelgesetze, Gewerbepatente und andere Regierungsverfügungen machten Heinrich Brupbacher das Leben schwer. Als er im Jahre 1847 starb, war sein ältester Sohn Johann Heinrich (1830–1909), der das Geschäft übernehmen sollte, noch nicht mündig. Obwohl das feine Handwerk der Petscbaftstecherei nicht mehr so gebührend geschätzt wurde wie ehedem und billigere Apparaturen die alten Erzeugnisse mehr und mehr zu konkurrenzieren begannen, war der damals 17-jährige Henri, wie er sich nannte, fest entschlossen, in die Fussstapfen des Vaters zu treten und die Familientradition aufrecht zu erhalten. Sein jüngerer Bruder Johann Arnold wurde Waibel und Ferdinand ein Zuckerbäcker.
Henri wohnte im väterlichen Haus «Zum Felsen» und gravierte hier seine Schilder und stellte Petschaften her. Der Zuckerbäcker erwarb sich im Januar 1871 unterhalb der «Krone» einen halben Hausteil und richtete hier Backstube und Laden ein. Mit erheblichem Gewinn verkaufte Ferdinand diesen Besitz elf Jahre später, im September 1882, seinem ältesten Bruder Henri, der in der Folge die Liegenschaft auf dem «Buck» veräusserte und in jenem Haus neben dem «Engel» seine Werkstätte einrichtete. Bis ins hohe Alter hinein − Brupbacher starb am 1. Dezember 1909 79-jährig − war er hier tätig. Regelmässig besuchte er mit seinen Erzeugnissen die Messen in verschiedenen Schweizerstädten. In Wädenswil war Henri Brupbacher angesehen und bekannt. Man schätzte den eifrigen Sänger, der von 1874 bis 1887 als Präsident des Männerchors Eintracht amtete. Er zählte so dann zu den Mitbegründern des Allgemeinen Krankenvereins, und von 1885 bis 1891 war er Mitglied der Kirchen- und Armenpflege.
Henri Brupbacher war der letzte Graveur. Mit seinem Tode verschwand das einst blühende Handwerk aus unserem Dorfe. Es war das Opfer einer neuen Zeit geworden. Noch erinnert aber eine Sammlung von rund 3000 Siegelabdrücken, Briefen, Wappen- und Rezeptbüchern − heute im Fundus der Stadt Wädenswil − an die einst bedeutende Wädenswiler Künstlerfamilie.
Eine kleine Auswahl aus rund 3000 Siegeln.
Die Darstellung stützt sich vor allem auf schriftliche Quellen, welche sich in Familienbesitz befinden. Den Herren August, Heinrich und Werner Brupbacher, welche mir den Nachlass zum Studium zur Verfügung stellten und mir bereitwillig allerhand Auskünfte erteilten, danke ich auch an dieser Stelle für ihre Freundlichkeit.