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Rino Rizzo, der Vorname ist gekürzt von Liborino, seinem Spitznamen als Kind, ist mein Nonno. So nennen alle Enkel ihre italienischen Grossväter. Rino war fast 18-jährig, als er im Herbst 1944 in die Schweiz flüchtete. Er konnte auf diese Weise den Deutschen entkommen, die ihn ansonsten für die Front eingezogen hätten. In der Schweiz wurde er mit anderen Kriegsflüchtlingen in Arisdorf im Kanton Basel-Land interniert. Hier arbeiteten sie tagsüber draussen und in der Nacht gingen sie für ein paar zusätzliche Kartoffeln heimlich noch einmal auf die Felder.
Weil Rino aber immer noch minderjährig war, wurde mein Grossvater nach ein paar Monaten bei einer Familie in Aesch (Basel-Land) untergebracht. Bei Familie Schmidli wohnte er darauffolgend aber nur zehn Tage, dann traf die Nachricht vom Kriegsende ein.
Exot ohne Sprachkenntnisse
Zurück im Italien der Nachkriegszeit war die Realität erst einmal ernüchternd. Es gab keine Arbeit, und die Ausbildung, die mein Nonno beginnen wollte, zögerte sich hinaus. Er erinnerte sich bald des Kontaktes zu der Schweizer Familie und schrieb ihnen. Sie konnten ihm in dem Dorfe indem sie lebten eine Stelle in einer Blechwarenfabrik besorgen.
Rino war der einzige Italiener im Schweizer Dorf. Ein Exot. Nur sonntags in der Kirche lernte er mit der Zeit ein paar wenige Landsleute kennen. In der Fabrik schätzten sie ihn, aber ohne Deutsch zu sprechen, war es für ihn trotzdem schwierig. Das Heimweh kam und als es sich anbot, dem Aufgebot der italienischen Armee zu folgen, ging er wieder zurück. Er lernte nun als Funker sein Land von Napoli bis Turin kennen. Die Schweiz wurde erst später zu seiner zweiten Heimat.
Leben in der Schweiz
Nach dem Militärdienst, die Wirtschaft Italiens war immer noch am Boden, überraschte ihn ein Telefonat der Schweizer Firma, für die er gearbeitet hatte. Sie fragten ihn, ob er zurückkommen wolle und Rino packte seine Koffer erneut.
Es folgte eine sehr gute Zeit in der Schweiz. Er fühlte sich wohl in der Fabrik und im Dorf. Er war angekommen und gehörte als ihr “Tschingeli” dazu. Selbst das Essen schmeckte ihm. Bald lernte Rino auf dem täglichen Weg zur Fabrik auch seine zukünftige Frau kennen, mit der er anfangs aber nur Französisch sprach.
Viele Italiener kamen in den folgenden Jahren in die Schweiz. Zuerst nur vom Norden und dann auch weiter weg vom Fusse des Stiefels her. Sie übernahmen arbeiten auf dem Bau, in der Küche und auf Bauernhöfen.
Die Masseneinwanderung aus dem Süden sorgte mit der Zeit für Ängste in der Bevölkerung. Das Wort Tsching, welches von einem Spiel stammte, das die Italiener auf Zürichs Strassen spätabends meist lauthals unter sich spielten, wurde zu einem Schimpfwort für den faulen Nachbarn, der sich doch wenig um den Erwerb der deutschen Sprache zu bemühen schien.
Angst und Freude
Die Situation spitzte sich in der Folge zu. Der Missmut der Schweizer Bevölkerung zeigte sich den Italienern gegenüber beispielsweise bei der Wohnungssuche. Es kam bekanntlich zur Volksabstimmung über die Initiative von Nationalrat James Schwarzenbach, welche 1970 die Beschränkung des Ausländeranteils auf unter 10 % in jedem Kanton der Schweiz forderte – mit Ausnahme von zugelassenen 25 % in Genf. Da hatte Rino zwar bereits geheiratet, sie hatten Kinder und aus der jährlich verlängerten Arbeitsbewilligung war ein roter Pass geworden. Aber die Initiative wurde mit 54 % Nein-Stimmen nur knapp abgelehnt – bei einem Ja hätten 300’000 Menschen, die meisten von ihnen Italiener, ausgewiesen werden müssen.
Mancher Italoschweizer sieht das Jahr 1982 als Wendepunkt der der Sympathien: Italien war an der Fußballweltmeisterschaft in Spanien Weltmeister geworden und hatte im Endspiel die deutsche Elf besiegt. Die Schweizer sah man bei dem Fest mit den Italienern zusammen auf den Strassen feiern.
Freundschaft der Länder und Menschen
Heute leben 287’100 Italiener in der Schweiz. Über 30 % von ihnen wurden bereits in der Schweiz geboren und ganze 87 % von Ihnen besitzen eine zeitlich unbeschränkte Niederlassungsbewilligung. Vergangenes Wochenende ging ich mit meinen Grosseltern und Eltern an ein italienisch-schweizerisches Fest, welches auf dem Barfüsserplatz im Herzen Basels stattfand. Das Fest galt der Freundschaft zwischen den beiden Ländern.
Integration braucht anscheinend Zeit. Es sind nicht nur zwei verschiedene Mentalitäten, die sich bei einem Integrationsprozess aneinander gewöhnen müssen. Immigranten haben zumeist eine belastende Vergangenheit hinter sich, die ihr Verhalten und ihre Gewohnheiten noch weithin prägen. Zwiespältig gestaltet sich dann die Suche nach der eigenen Identität. Mein Nonno hat zwar zwei Pässe, genau wie meine Mutter und ich. Aber er sagt mir auch, dass er heute weder ein richtiger Italiener, noch ein richtiger Schweizer sei.