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Vom London City Broker zum Berufsschiffer
Frank und Vilta Kordbarlag
«Mit Fünfzig dachte ich, ich sollte mal noch was Richtiges arbeiten!» meint Frank Kordbarlag lachend. Zwanzig Jahre lang hatte der gebürtige Hamburger zuerst in London und dann in Lausanne als Rohstoffhändler gearbeitet. «Die Firma in London ist über dreihundert Jahre alt. Sie hat schon den Seehelden Lord Nelson beliefert. Seine Unterschrift ist noch in den Büchern des Unternehmens!» erzählt Frank. «Als Rohstoffhändler wirst Du mit Fünfzig pensioniert – wenn Du es überhaupt bis dahin schaffst» erklärt der heute Sechzigjährige.
Wir sitzen im Steuerhaus seines Frachtschiffes, der «MS Einigkeit», 62 Meter lang, 6.38 Meter breit und mit 500 Tonnen Sojaschrot beladen. Die Fracht haben er und seine Frau Vilta, eine gebürtige Litauerin, in Brake an der Unterweser geladen. Löschen, also entladen, werden sie sie in Fürstenwalde am Oder-Spree-Kanal. «In Fürstenwalde laden wir 400 Tonnen Roggen und transportieren ihn nach Minden». «Wie kommst Du zu Deinen Aufträgen?» will ich wissen. «Ich bin Mitglied der DTG, der Deutschen Transport Genossenschaft» erklärt Frank. «Das ist ein Zusammenschluss von 150 Schiffern, die ihr eigenes Schiff fahren. Die Genossenschaft holt die Aufträge herein und verteilt sie.»
Radikaler als der von Frank vor zehn Jahren vollzogene könnte ein Berufswechsel nicht sein: Rohstoffhändler in der Londoner City (inklusive Mitgliedschaft in einem exklusiven Herrenpoloclub) und dann Schiffer mit eigenem Frachtschiff. Frank hatte das Schiff ohne jegliche Schiffserfahrung in Hamburg gekauft. Für ein Jahr heuerte er einen alten Schiffer an, der ihm alles Notwendige beibrachte. Dann machte Frank die erforderlichen Prüfungen.
«Wie kamst Du ausgerechnet auf die Binnenschifffahrt?» wundere ich mich. «Du hättest ja auch Schweine züchten oder Wein anbauen können!» «Als zehnjähriger Knirps wollte ich Kapitän werden. Und als ich im Rohstoffhandel arbeitete, hatte ich auch mit dem Transport der Rohstoffe zu tun. Wir liessen Schiffe bauen, weil das günstiger war als der Bahntransport. So kam ich in Berührung mit der Binnenschifffahrt!» erklärt Frank.
Die «MS Einigkeit» hat eine interessante Geschichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut, erlitt sie während des Krieges einen Bombenschaden, wurde nach Kriegsende gehoben und halbwegs instand gestellt. Zuerst noch ohne Motor, als geschleppte Schute, wurde mit dem Kahn Kohle ins ausgebombte Berlin transportiert. Dann konnte sich der damalige Eigner einen Motor leisten und den Rumpf verlängern lassen. Später erhielt sie ihren heutigen Motor, einen 12-Zylinder Mercedes Schiffsdiesel mit 500 PS. 32 Jahre alt ist die Maschine, die alle 10 Jahre komplett überholt wird.
Kennen gelernt haben wir Frank Kordbarlag über das Online-Forum der englischen Barge Association. Wir hatten im Sommer 2013 ein technisches Problem, hängten eine Frage an die virtuelle Pinnwand des Forums, Frank antwortete und wir tauschten für alle Fälle unsere Telefonnummern aus. Dann war Funkstille, bis vor einigen Tagen ein Anruf kam: «Du bist doch der von der Kinette? Ich sehe da im AIS, dass Du im Tempelhofer Hafen liegst. Wir liegen übers Wochenende ganz in der Nähe, unterhalb der Stubenrauchbrücke. Kommt doch mal vorbei!»
So also kommt es, dass ich Frank und Vilta im Steuerhaus der «MS Einigkeit» interviewe. «Wo überall fährst Du?» frage ich weiter. «Hauptsächlich in Deutschland, aber auch in Belgien und den Niederlanden. Dort fahren wir in die ‹kleinen Ecken›, wo die ‹Grossen› nicht hinkommen». Dass ein Schiff mit 500 Tonnen Ladevermögen als ‹klein› bezeichnet wird, erscheint paradox, ist aber die heutige Wirklichkeit im europäischen Frachtverkehr.
Offensichtlich ist es eine Nische, in der sich recht gut leben lässt. Diesen Eindruck hat man jedenfalls, wenn man sich mit den Kordbarlags unterhält. «Vilta will allerdings in fünf Jahren an Land gehen» meint Frank. «Aber das ist noch nicht ausdiskutiert. Ich möchte noch lange fahren. Was soll ich sonst machen?»