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Vom Verschwinden
Zur Geschichte des besten Schweizer Popsongs - «Campari Soda»von Matthias Daum für NZZ vom 9.12.2006
Der Song «Campari Soda» des Zürchers Dominique Grandjean erlebt seinen dritten Frühling und ist erstmals als CD- Single erhältlich - dem Werbespot einer Fluggesellschaft sei Dank.
«Es hat fest gefunkelt in den Augen von Niki Grandjean, als er mir eines Morgens auf dem Saxophon die Melodie vorspielte», erinnert sich der Produzent Etienne Conod. Die Melodie sei ihm irgendwie aus dem Nichts zugeflogen, meint der Komponist. - Es war im Jahr 1977 im Toggenburger Kirchberg in einem ehemaligen Stickerei- Lokal, das Conod als Aufnahmestudio diente. Dominique Grandjean, der damals als Assistenzarzt in der psychiatrischen Klinik Burghölzli arbeitete, hatte einige musizierende Bekannte um sich geschart, mit denen er seine Stücke einspielen wollte. Nächtens im Keller eines von Dieter «Yello» Meier angemieteten Hauses in Zollikerberg komponiert, vom Avantgarde-Sound der siebziger Jahre inspiriert, spielte man unter dem Namen «Taxi» die LP «Es isch als gäb s mich nüme meh» ein - Grandjean sang und spielte Saxophon sowie Keyboard.
Das Zürich der 1970er Jahre
Die «Taxi»-Songs zeichneten sich durch konkrete, narrative Texte und klassische popmusikalische Strukturen aus; Refrain und Strophe inklusive. Der heute 62-jährige Psychiater erzählte in seinen musikalischen Kleinoden Geschichten aus dem Zürich der 1970er Jahre; von Rotwein trinkenden Schlaflosen in der «Babalu-Bar», dem Werdegang des «Hugo-Hugo» vom juvenilen Mittzwanziger zum biederen vierzigjährigen Kleinbürger oder dem Lebenswandel einer divenhaften, mit Glitter geschminkten und mit Seidenbett ausgestatteten Milieu-Gestalt. Ebenfalls auf diesem ersten und einzigen «Taxi»-Album zu finden ist die Geschichte eines Flugzeugpassagiers, der bei der Stewardess nochmals einen bitteren Kräuterlikör mit Sprudelwasser ordert, unter sich die Welt immer kleiner werden sieht, das Summen des Ventilators wahrnimmt und langsam im weichen Sitz verschwindet. Derweil auf der linken Seite die Stadt Málaga durch den Dunst sichtbar wird - «Campari Soda».
«Harmoniefolge trägt dieses Thema»
Zum Musenkuss, dem erwähnten Zufliegen der Melodie, gesellten sich bei der Komposition des Liedes, so Grandjean rückblickend, die Inspiration und das musikalische Unbewusste. Rainer Maria Rilkes Gedicht «Der Panther» habe ebenso mitgeschwungen wie eine französische Schnulze - «Aline», geschrieben 1965 von einem Barden namens Daniel Bevilacqua unter dem Pseudonym Christophe. Dies sei ihm aber erst kürzlich dank dem Hinweis einer französischen Gemüsefrau bewusst geworden. Unüberhörbar weisen «Campari Soda» und «Aline» identische Harmonien auf, und auch inhaltlich gleichen sie sich. In Grandjeans Songs verschwindet der Ich-Erzähler, während es bei Christophe die Liebste war, die im Sturm am Meeresstrand das Weite suchte: «Et j'ai crié, crié, Aline, pour qu'elle revienne.» «Ich glaube, dass die Harmoniefolge dieses Thema in sich trägt», erklärt Grandjean. Tatsächlich bringt das Wühlen in der Plattenkiste der Popmusik-Geschichte Erstaunliches zutage. Sei es das 1992 veröffentlichte Stück «Creep» der Band Radiohead oder deren in den Linernotes deklarierte Inspirationsquelle, «The Air That I Breathe» von The Hollies aus dem Jahr 1974: Immer sind dieselben Harmonien und dieselbe Geschichte zu hören. Ein von Selbstzweifeln geplagter Ich-Erzähler wünscht sich sein eigenes Verschwinden herbei: «If I could make a wish / I think I'd pass.»
Selbstverlust in luftigen Höhen
Im Gegensatz zu den Songs von The Hollies oder Radiohead war «Campari Soda» seinerzeit nur ein Geheimtipp. Erst in den achtziger Jahren mutierte er zum Radiohit und wurde von zahlreichen Schweizer Bands gecovert. Die Mundart- Rocker Span nahmen sich seiner ebenso an wie Dodo Hug, Michael von der Heide oder Vera Kaa. 2001 präsentierte der Zürcher Golden Boy eine elektronische Neuinterpretation, selbst eine Hip-Hop-Adaption (Doppelganger) existiert. Diese ist weniger aus musikalischen als vielmehr aus genealogischen Gründen von Interesse. Den Refrain singt Renée Grandjean, die «Stammhalterin» des Songwriters. International bekannt wurde der Song dank Stephan Eichers plüschig- pathetischer Neueinspielung.
Die Qualität und Grandezza des Originals erreicht aber keine dieser Neufassungen. Die Essenz des Stücks wird vielfach verwässert oder verändert. Grandjeans Lied handelt vom Verschwinden - es beschreibt in lyrischer Mundart den Selbstverlust in luftigen Höhen. Kein Versinken im Flugzeugsessel, wie dies Eichers Version suggeriert, und ebenso wenig ein lüpfiges Liedchen à la Golden Boy. Ob die Werber, die «Campari Soda» heuer zu einem dritten Frühling verhelfen, indem sie den Song für einen TV-Spot der Swiss nutzten und seine Veröffentlichung als CD- Single anregten, den existenzialistischen Grundtenor des Songs vernahmen, fragt man sich. Möchte die Fluggesellschaft tatsächlich ihre Passagiere in den Lüften verschwinden sehen?