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Als der beste Schachspieler kein Mensch mehr war
Vor 25 Jahren übernahmen die Maschinen die Weltherrschaft. Aber nur im Schach. Die Menschheit muss sich deswegen weder gekränkt noch bedroht fühlen.
Heute vor 25 Jahren, am 11. Mai 1997, gewann der IBM-Schachcomputer «Deep Blue» die letzte und entscheidende Partie im Wettkampf gegen den damaligen Weltmeister Garri Kasparow. Damit wurde Deep Blue zum ersten Schachcomputer, der einen Wettkampf unter Turnierbedingungen gegen einen Schachweltmeister gewann. Deep Blue entschied zwei Partien für sich, Kasparow eine; die übrigen drei endeten remis.
Eine frühere Version von Deep Blue hatte bereits 1996 gegen Kasparow gespielt und auch eine Partie gewonnen, den Wettkampf jedoch mit 2:4 Punkten verloren.
Der Wettkampf war in den Medien ein grosses Ereignis. Das Resultat konnte als wahr gewordenes Science-Fiction-Szenario interpretiert werden: Maschinen überflügelten Menschen in der Intelligenz. Oder auch nicht. Denn der Wettkampf regte auch zum Nachdenken an über die Frage, was Intelligenz eigentlich ausmacht.
Ist ein Schachcomputer intelligent?
Die grundsätzliche Vorgehensweise eines herkömmlichen Schachcomputers ist simpel: Er probiert Möglichkeiten durch und bewertet sie mit Hilfe einer riesigen Datenbank. Das tut er sehr viel schneller, zuverlässiger und weitreichender als jeder Mensch. Diese nicht wirklich intelligente Prinzip führt zu starken Zügen, wenn der Computer schnell genug ist.
Es ging also weniger um Intelligenz, sondern um Rechenleistung. Noch 1985 spielte Kasparow gegen 32 Schachcomputer gleichzeitig und besiegte alle. «Für mich war das das Goldene Zeitalter. Die Maschinen waren schwach, mein Haar kräftig», scherzte Kasparow später in einem TED-Talk.
Für den Wettkampf 1997 wurde Deep Blue massiv aufgerüstet. Mit seinen 480 eingebauten Schachprozessoren bot er für die damalige Zeit eine extreme Rechenleistung. Er konnte bis zu 200 Millionen Positionen pro Sekunde berechnen.
Die Software von Deep Blue war aber nicht so trivial, dass sie nur Möglichkeiten durchspielte. Für den Wettkampf 1997 wurde sie weiterentwickelt. Die Programmierer nahmen sogar zwischen den einzelnen Partien noch Eingriffe vor, um das System weiter zu optimieren. Dies machte den Computer für Kasparow unberechenbar. Dagegen hatte Deep Blue Zugriff auf sämtliche je gespielten Partien von Kasparow, kannte seinen Gegner also haargenau.
Menschen ermüden, haben mal einen schlechten Tag oder lassen sich verunsichern. Kasparow gewann die erste Partie und gab die zweite auf. Schachanalysten wiesen nach dem Spiel darauf hin, dass Kasparow durch ein Dauerschach wahrscheinlich hätte ein Unentschieden erzwingen können. Dies setzte dem Weltmeister offensichtlich zu, er blieb in der Folge unter seinen Möglichkeiten. Um für Deep Blue weniger berechenbar zu sein, versuchte er im letzten und entscheidenden Spiel eine Eröffnung, die er sonst nie spielte. Eine hochriskante Strategie, die nicht aufging. Kasparow wurde in eine unmögliche Stellung gedrängt und gab nach nur 19 Zügen auf.
Maschinen können es besser – na und?
Trotz all dieser Einwände ist klar: Wenn es um ein rein logisches Spiel wie Schach geht, ist der Computer dem Menschen überlegen. Schon vor dem Wettkampf 1997 war absehbar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Menschen keine Chance mehr gegen Maschinen haben.
Heute ist das selbstverständlich. Selbst einfache Programme, wie zum Beispiel die Software eines Fitnessgeräts, sind Menschen zumindest ebenbürtig. Schach-Streamer Levy Rozman, immerhin internationaler Meister mit einem ELO-Score von zeitweise über 2400, bemerkt am Ende seiner Deep-Blue-Analyse trocken: «Ich spielte unentschieden gegen ein Laufband.»
Mit dem Einsatz von selbstlernenden Systemen wird moderne Schachsoftware noch stärker. AlphaZero brachte sich Ende 2017 das Schachspiel selbst bei und schlug nach kurzer Zeit die damals stärkste Software Stockfish. AlphaZero berechnet wesentlich weniger Züge als ein herkömmliches Schachprogramm; aber gezielter.
Es gibt keinen Grund, dass sich die Menschheit deswegen gekränkt oder gedemütigt fühlen muss. Denn all das haben Menschen möglich gemacht.
Der Triumph der Maschine hat weder der Menschheit noch dem Schachspiel geschadet. Heute spielen mehr Leute denn je Schach. Und auch von Horrorszenarien im Stil von HAL-9000 sind wir weit entfernt. Schachcomputer spielen bloss besser Schach, die Weltherrschaft übernehmen sie deswegen nicht.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
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