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Rafael Chirbes hat verschiedene Ideen im Kopf gewälzt, bevor er sich schliesslich für den Titel «Am Ufer» entschied. Die Überschrift weckt harmlose Assoziationen, etwa an spielende Kinder, flanierende Liebespaare oder an Sonnenhungrige, die sich auf ihren ausgebreiteten Frotteetüchern räkeln. Tatsächlich aber lädt das Ufer, das Chirbes beschreibt, kaum zu solchen Freizeitaktivitäten ein.
Es handelt sich nämlich um einen Sumpf, in dem die Sedimente der spanischen Geschichte lagern: Seit eh und je haben hier die Bauern die Kadaver ihrer Tiere entsorgt. In den 60er-Jahren wurde der Asphalt aus dem Strassenbau hingekarrt, und während den vielen Jahrzehnten unter Diktator Franco fanden hier die Guerilleros ein Versteck. Später kam im Zuge des Immobilienbooms der Bauschutt dazu. Auch die Mafia wusste die Vorteile des Sumpfes zu nutzen und vergrub hier ihre Waffen.
Bedingungen des Menschseins im 21. Jahrhundert
Dieser geschichtsträchtige, lehmige Morast hinter der Küste ist der Schauplatz von Chirbes’ neuem Roman. Nachdem er im vorangegangenen Buch «Krematorium» den Bauboom an der Costa Blanca aus der Sicht eines Architekten geschildert hat, wirft er im Folgeroman «Am Ufer» den Blick auf den schmalen Streifen hinter der Küste – und im übertragenen Sinn auf die Folgen des Booms.
Man ist versucht, den Sumpf als Metapher zu nehmen und den Roman als ein Buch über die spanische Finanz-, Wirtschafts- und Immobilienkrise zu lesen. Das greift zu kurz. Chirbes will den Roman nicht einfach als eine schwarz-weisse Sozialkritik an korrupten Lokalregierungen und kriminellen Bauunternehmern verstanden wissen, sondern als eine differenzierte Beschreibung vom Alltagsleben zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als eine feine Sezierung der «Condition humaine».
Das Scheitern führt in den Sumpf
Folgerichtig tragen im Roman alle Figuren schäbige Züge, so auch der Protagonist Esteban. Der 70-jährige Schreiner, der ein bescheidenes und unaufgeregtes Junggesellenleben führte, ein Zauderer und Zweifelnder, wollte einmal in seinem Leben etwas wagen. Also schloss er mit der Bank Mogelverträge ab, belehnte den Betrieb und all sein Hab und Gut und steckte sein Geld und das seines kranken Vaters obendrein in ein riskantes Bauvorhaben.
Es kam, wie es kommen musste: Auf das Fest folgte der Kater. Esteban musste die Familienschreinerei dicht machen und all seine Angestellten entlassen. Da beschliesst er, aus dem Leben zu scheiden und den Vater mit in den Tod zu nehmen. Ebenfalls den Hund. Die Suche nach einem geeigneten Platz für den Selbstmord führt ihn in den Sumpf.
Zwischen Härte und Zärtlichkeit
Die gescheiterte Existenz Estebans vor Augen, favorisierte Chirbes lange eine anderen Romantitel: «Ein Held unserer Zeit». Darin schwingt – wie im Titel «Am Ufer» – die Ironie und auch eine Prise Sarkasmus mit, die Chirbes Bücher prägen.
Im diesem Buch mag der Ton eine Spur härter sein als in anderen. Chirbes gesteht, es sei sein «bitterster Roman». Erbarmungslos und ohne jegliche Rührung lotet er die Tiefen der menschlichen Seele aus, doch er stellt die Figuren nie bloss. So mag Estebans Vater den Menschen zwar voller Hass einen «zusammengeflickten Sack voll Dreck» nennen, doch im Grunde ist er eine berührende Gestalt.
Und so hart und schonungslos die Beschreibung der Menschen, so zart sind die Bilder, die Chirbes von der Landschaft malt. Diese Spannung zwischen Härte und Zärtlichkeit macht den Roman «Am Ufer» – unter anderem – zu grosser Literatur.
Literaturhinweis
Rafael Chirbes: «Am Ufer». Verlag Antje Kunstmann, 2014.