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DAS GEHEIMNIS DES WEISSEN GOLDES
In Europa wurde das China-Porzellan laut gängiger Auffassung Ende des 13. Jahrhunderts durch die Reiseberichte Marco Polos bekannt. Überall versuchten fortan Alchimisten und Tüftler aller Art, mit der Unterstützung von Prinzen und Herrschern, das Geheimnis des «weissen Goldes» zu lüften und lieferten sich dabei einen erbitterten Wettstreit.
Diese Suche führte zunächst – Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz, anschliessend Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich – zur Erfindung des Weichporzellans, einem wenig widerstandsfähigen, dem Glas ähnlichen Ersatzprodukt. Die Herstellung des ersten «echten» europäischen Porzellans gelang der Meissener Manufaktur in Sachsen im Auftrag des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen Friedrich August I., der selbst als begeisterter Sammler asiatischen Porzellans galt. Obwohl das Herstellungsverfahren des sächsischen Porzellans wie ein Staatsgeheimnis behandelt wurde, gelangten die wertvollen Rezepte ins Ausland, wo in Wien bereits 1719 eine neue Manufaktur erbaut wurde. Danach wurde das "Geheimrezept" nach Italien weitergereicht und fand nach und nach in ganz Europa Verbreitung.
Bleibt die Tatsache, dass Meissen sowohl im Bereich des Geschirrs – in Meissen entstanden die ersten Porzellan-Tafelservice – als auch hinsichtlich der Zuwendung zum ronde-bosse (Rundplastik) bei den Skulpturen eine Pionierrolle spielte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts büsste die sächsische Fabrik ihre Vormachtstellung zugunsten der Manufacture royale de Sèvres ein. Von diesem Zeitpunkt an dominierte der französische Geschmack in ganz Europa.
Als die Herstellung Anfang des 19. Jahrhunderts keine besondere Herausforderung mehr darstellte, verlor das Porzellan seinen geheimnisvollen Charakter. Allmählich wich der Zauber des weissen Materials und machte Goldverzierungen und Dekors Platz, die immer ausladender und akademischer wurden. Reiche und kunstvolle Verzierungen bestimmten fortan den Wert des Porzellans.