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17. Februar 2017
Zeitdokument:
Begegnung mit Alberto Giacometti
von Jacob Fischer
Obwohl Alberto Giacometti seit dreißig Jahren fast ununterbrochen irgendwo in der Welt ausstellt, darf sich das Kunsthaus Zürich rühnen, mit seiner Weihnachts-ausstellung vom 2. Dezember bis 6. Januar eine Werkschau des Künstlers zu vermitteln, die in ihrer Geschlos;enheit selbst den Beitrag Giacomettis an der 31. Biennale in Venedig übertrifft.
Ein rares Dokument aus der Wochenzeitung "Der Republikaner" aus dem Jahr 1962 anlässlich einer Weihnachtsausstellung im Kunsthaus Zürich. Jacob Fischer - einer der profiliertesten Journalisten der 60er Jahre - beschreibt eine Begegnung mit Alberto Giacometti, den er im Auftrag des noch sehr jungen Fernsehens bei der Vernissage getroffen hat. (Dokumente antippen um sie zu vergrössern)
Das Dokument ist in mehrfacher Hinsicht einmalig. Es dokumentiert (als Fragment) die kulturelle Arbeit des Fernsehens den frühen 60er Jahren. Der Journalist Jacob Fischer war der erste Leiter der
Regionalsendung ("Antenne", heute "Schweiz Aktuell") des Schweizer Fernsehens. Und der Bericht stammt aus einer Wochenzeitung, die bis in die 50er Jahre "Kultstatus" hatte - dann aber
von James Schwarzenbach (Uberfremdungsinitiative) parteipolitisch missbraucht wurde.
Hier den ganzen Artijkel lesen und Hintergründe zum "Republikaner"
Mit den Früchten jahrzehntelangen Ringens und
Schaffens ist Giacometti für Tage in ein Haus eingekehrt, das bereits seinem Vater und seinern Onkel verbunden war, und der Ruhm war ihm vorausgeeilt, hat man den Künstler doch vor wenigen Wochen mit dem Großen Preis der Biennale 1962 ausgezeichnet.
Ein Gefühl der Kälte und des Verlorenseins bemächtlgt sich einem beim Betreten der
farblosen Ausstellungshalle. Man stürzt aus dem lärmigen Verkehrstaumel der Straße wie aus dem Gewoge einer Ballnacht in die modrige Krypta einer Ahnengruft - und hält den Atem an. Nicht daß einen etwas besonders Mächtiges oder Schreckhaftes anspränge. Es ist die Leere, die Macht der Starre, die Gewalt des Raumes,derer man schlagartig bewußt wird, die man erlebt. Und mit diesem Erleben verbindet sich ein gegensätzliches Empfinden - mehr Gefühl denn Sichbewußtwerden - der Faszination,
des Nicht-mehr-zurück-könnens, der Zugehörigkeit. Geisterhaft recken sich diese Gebärden aus verkrusteter Lavamasse und patiniertem Gruß. Unwirklich wirklich diese überlängten Gerüstmenschen ohne Körperliclkeit. Leben ohne Atmosphäre! Ruf ohne Echo in einem endlosen hohlen Raum ...
Ein älterer Herr geht müden Schrittes durch die Ausstellung. Er geht am Stock, und mit
der freien Hand tippt er FIguren an, rückt er Bilder gerade. Ja, er sei Giacometti, freilich. Aber nicht der Giacometti, sondern (bloß?) dessen Bruder, Diego. Oft stehe er seinem Bruder Modell, denn er wohne mit ihm zusammen in Paris. Nein, er sei nicht der Architekt. Das sei ein anderer Bruder des Alberto, das sei Bruno, Der in Zürich wohne, ja. Natürlich seien sie alle drei Künstler, war doch schon Papa Giovanni ein namhafter Maler, als sie noch im Hergell wohnten, in Stampa. Nein, nicht «daheim waren», noch heute daheim sind. Alberto reise morgen für einige Tage hin. «Ma che dico dort kommt er ja selbst ... »
Die Brüder umarmten sich herzlich. Es kamen andere Leute hinzu. Man küßte sich. Man stellte sich vor. Man wechselte von Italienisch auf Französisch. Alberto führte die Gruppe, temperamentvoll und seine Erklärungen mit südländischem Gebärdenspiel unterstreichend, als hätte er sich einer Horde angriffiger Feinde zu entledigen; Erst jetzt bemerkte ich die weißen Gipsbüsten beim Eingang - frühe Studien ohne besondere Eigentümlichkeit - Skulpturen, die mich stark an eine Ausstellung afrikanischer Plastiken erinnerten, schmuckartige Figürchen, wie sie in Etrusker-
siedlungen gefunden wurden. An den Wänden ringsum hängen Bilder. Zeichnungen mit gemaltem Hintergrund. Skizzen mit Ambiance, Studien. Vorwürfe zu Plastiken oder Skulpturen.
Dies alles sind Alberto Giacomettis Schöpfungen, das Werk seiner Hände, seines Kunstverstandes, aber auch seines Herzens. Wieder und wieder hat sieh der Jüngling in der Nachgestaltung der väterlichen Büste versucht. Die «Mutter des Künstlers» ist in seinen Varianten das fruchtbarste Thema. Diese Zeichnungen der Mutter zeigen in den Gesichtszügen große Aehnlichkeit mit dem Künstler. Das längliche, lederne, durchgeistigte Gesicht mit den kleinen, lebhaften Augen und der «römischen
Nase.»
Und doch ist es nicht Alberto Giacomettis Atem, der hier weht; es ist nicht seine Spra-
che, die sich hier- ausspricht. Der wahre Giacometti, das ist der Giacometti der isolierten Individuen und der entstofflichten Menschen, der geisterhaften Schemen und der tanzenden Gebärden. Das ist der Kobold mit dem Cocteau-Haupt, der würdige Meister mit dem misteten Zauberer-Blick, der charmante Gesprächspartner mit dem Dolch im Gewande. Mißtrauisch - oder nur fragend? - mustert er aus der Ferne unser Stativ mit der indiskreten Kamera. Er hält nichts von Propaganda. Er stellt aus} aber er stellt nicht zur Schau. Doch hat er auch nichts dagegen, wenn man «durchaus über ihn berichten will» .. Warum sollte er sein Autogramm nicht geben, wenn einer «in Gottes Namen halt Freude daran hat». Nur das Mikrophon stört ihn. Vor dem Mikrophon komme einem sowieso nie etwas Rechtes in den Sinn. Was er über sein Werk hinaus zu sagen hat, das kann jeder in seinen Schriften nachlesen. Und was er selbst nicht aufgeschrieben, das haben andere festgehalten.
Direktor Wehrli unterbricht unser kleines Gespräch. Der Katalog ist endlich - und wie
üblich knappe drei Stunden vor der Vernissage - eingetroffen. Giacometti ist zufrieden
mit der Arbeit. Die ausgezeichnete Einführung von Eduard Hüttinger wird ihm sein Bruder Bruno, der sogar Dialekt spricht, aus dem Deutschen übersetzen müssen. In dieser Einleitung sind die großen Linien im Schaffen des Künstlers herausgearbeitet, sein Wachstum, das einmündet in den programmatischen Surrealismus der Dreißiger-
jahre, sein Uebersteigen von Schule und Mode, das Abwerfen programmatischer FesseIn bis "in immer neuen schöpferischen Anläufen diejenigen Figurationen entstehen, an die man zuerst denkt, wenn man den Namen Alberto Giacoritetti hört oder ausspricht". Die Hüttinger aus einer einheitlichen Gestaltungsabsicht entstanden sieht über dem Generalnenner: «Reduktion im Materiellen, Individuellen, Ausdrucks-haften... es sind jene Elemente, die Sartre aus kongenialem Empfinden heraus erspürt hat.»
Jean-PauI Sartre dürfte denn auch Giacomettis berühmtester Interpret sein. Wenn man jedoch die beiden Artikel im Katalog «Les peintures de Ciacometti» von Sartre und "Ausserungen Alberte Giacomettis zur Kunst" miteinander vergleicht, dann scheint es unmöglich zu sagen, wo Sartre Giacometti und wo Giacometti Sartre interpretiert. Ja mür will scheinen, daß ein kleiner Satz Giacomettis aus einem Gespräch mit Parinaud größeren Schiüsseiwert besitzt zum Verständnis seines Werkes als manches Buch
das über ihn und sein Schaffen geschrieberwurde: «Die Kunst ist nichts anderes als ein Mittel, zu sehen.s
So die' Antwort Alberto Giacomettis auf die immer neu gestellte Frage:
"Was ist Kunst ?" Es ist eine Antwort unter vielen. Es ist seine Antwort, die er durchaus nicht zum Dogma erhoben sehen will. Und hinter diesen Wörtern steht ein Werk, das mehr gilt.
Jacob Fischer
Weitere Angaben zum Autor und vor allem auch zur Wochenzeitung "Der Republikaner" folgen.