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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
50. Christus besitzt freien Willen.
Daß er aber freien Willen besitzt, hat er unzweideutig mit seinem Wort erwiesen: „Wie der Vater nämlich die Toten zur Auferstehung und zum Leben weckt, so weckt auch der Sohn zum Leben, wen er will.”1 Wenn im Vater und im Sohn die gleiche kraftvolle Macht und der gleiche Ehrenvorrang bekundet wird, so wird damit auch die Freiheit des Willens erwiesen. Wenn aber die Einheit aufgezeigt wird, dann wird damit die Einwirkung des väterlichen Willens bezeichnet. Was der Vater nämlich will, das vollzieht der Sohn.
Vollziehen ist aber mehr als dem Willen gehorchen. Denn dem Willen gehorchen, hat zwangsläufige Beziehung auf einen Äußeren. Den Willen zu vollziehen, ist der Einheit zu eigen, da der Vollzug dem Willen zugehört. Da der Sohn den Willen des Vaters tut, lehrt er durch die Nichtunterschiedenheit des Wesens, daß er einen wesensmäßig(-gleich)en Willen zusammen mit dem Vater besitze; denn dessen Wille sei alles, was er vollziehe. Der Sohn will also durchaus alles, was der Vater will, und es besteht keine wesensmäßige Willensverschiedenheit.
Dies ist nämlich schon der Wille des Vaters, den er mit den Worten aufweist: „Das ist nämlich der Wille meines Vaters, daß jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben habe und ich ihn auferwecke [S. 126] am Jüngsten Tage.”2 Jetzt aber vernimm, ob des Sohnes Wille vom Vater abweiche, wenn er sagt: „Vater, die du mir gegeben hast, von denen will ich, daß auch sie seien, wo ich bin.”3 Es besteht also kein Zweifel, daß der Sohn wolle. Da der Vater nämlich will, daß diejenigen das ewige Leben haben, die an den Sohn glauben, so will der Sohn, daß die Gläubigen dort seien, wo er selbst sei. Man müßte denn etwa glauben, das Wohnen mit Christus sei nicht die Ewigkeit (= ewiges Leben), oder Christus gebe nicht seinen Gläubigen die vollkommene Seligkeit, wenn er sagt: „Niemand kennt den Sohn, es sei denn der Vater, noch auch kennt jemand den Vater, es sei denn der Sohn und wem der Sohn es hat offenbaren wollen.”4 Besitzt derjenige etwa keine Willensfreiheit, der uns das Wissen um jenes väterliche Geheimnis mitteilen will? Und besitzt er nicht die Freiheit in solchem Maße, daß er die Erkenntnis seiner und des Vaters mitteilt, wem er will?
So also ist zwischen dem Vater und dem Sohn die wesensmäßige Beziehung der Geburt und der Einheit aufgewiesen. Denn der Sohn verfügt in der Weise über Willensfreiheit, daß die nach seinem Willen vollzogene Tat zugleich auch Tat des väterlichen Willens ist.
1: Joh. 5, 21.
2: Joh. 6, 39.
3: Joh. 17, 24.
4: Matth. 11, 27.