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Die indische Schlangenwurzel nennt man auch das Wahnsinnskraut oder den Teufelspfeffer und das kommt natürlich nicht von ungefähr. Die Wurzel wird nämlich seit Jahrtausenden in ihrer Heimat als Medizinalpflanze geschätzt.
Rauwolfia (Rauwolfia serpentina) stammt aus der Familie der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae). Die Schlangenwurzel lebt gern in höher gelegenen Orten rund um Indien, Pakistan, Burma, Thailand und Malaysia. Sie enthält neben vielen anderen Inhaltsstoffen auch psychoaktive Alkaloide.
Traditionell kauten die Inder die Wurzel des Wahnsinnskrauts, um besser meditieren zu können. Die indischen Yogis konnten mithilfe dieser Pflanze ihr Bewusstsein erweitern und die Tiefe der Meditation verstärken. Es wird vermutet, dass Mahatma Gandhi täglich eine Tasse Schlangenwurzeltee getrunken haben soll, weil dieser so angenehm den Geist beruhigt.
In der traditionellen Medizin Indiens wurde die Pflanze zudem gegen Schlangenbisse und lästige Insektenstiche genutzt. Die Inder senkten mit ihr das Fieber der Kinder oder nutzten die Pflanze als Einschlafhilfe. Rauwolfia wurde gegen Cholera und Würmer aller Art verwendet, die in den Tropen recht häufig vorkommen.
Während nur die Wurzel zu medizinischen Zwecken taugte, verwendeten die Einheimischen die Stängel als Gärstoff in der Bierherstellung.
Rauwolfia heisst die Pflanzen zu Ehren des berühmten deutschen Arztes, Botanikers und Forschers Leornard Rauwolf. Er lebte im 16. Jahrhundert und sammelte eine grosse Anzahl Pflanzen, die er, wie damals üblich, in Herbarien anlegte. Er besuchte nicht nur fast jede Gegend seiner deutschen Heimat, sondern durchquerte viele Länder Europas, wie auch die Schweiz. Ihn zog es in die Ferne und so besuchte er den Orient, besuchte Jerusalem und Konstantinopel. Wo auch immer ihn die Reise hintrug, er erforschte die Natur und schaute der einheimischen Bevölkerung über die Schultern, um deren medizinisches Wissen kennenzulernen.
Leonard Rauwolf starb in Ungarn an Diphtherie. Seine umfangreiche Sammlung wanderte weiter und kam schliesslich nach Leiden in Holland und sein Reisebuch über die heilenden Kräuter war ein Lehrbuch für viele Ärzte seiner Zeit. Entdeckt und erstmals beschrieben aber hat er die Rauwolfia nicht, sondern sein berühmter Kollege Charles Plumier, der Leonard mit der Namensgebung der Pflanze eine Ehre erwies.
Wegen der vielfältigen Alkaloide ist Rauwolfia als Giftpflanze zu bezeichnen. Doch je nach Verwendung und Dosierung ist sie eine wichtige Heilpflanze. Das erkannten Fachleute bereits vor mehreren Hundert Jahren in Europa. Es gibt kaum eine andere Wurzel, die so sorgfältig auf ihre Inhaltsstoffe und deren Verwendung für die Medizin im Labor untersucht wurde.
Die Schlangenwurzel soll mehr als sechzig verschiedene Alkaloide enthalten. Einige gehören zum Indoltyp. Indole, sind chemische Substanzen, die den Aminen zugeordnet werden. Das heisst sie enthalten neben Kohlen- und Wasserstoff Stickstoffmoleküle. Indole sind aromatisch und kommen in vielen Pflanzen vor. Erstmals wurden diese chemischen Natursubstanzen im Indigo, dem blauen Pflanzenfarbstoff nachgewiesen und deshalb gaben Fachleute der ganzen Gruppe den davon abgeleiteten Namen Indol.
Wichtige Vertreter sind der Aromastoff der Jasminblüte und anderer Blütenduftstoffe, die in der Parfümindustrie verwendet werden. Allerdings gibt es unter ihnen auch Vertreter, die unangenehm riechen. Der Duftstoff einiger Blüten, die nach Aas riechen und damit Fliegen als Bestäuber anziehen, sind ebenfalls Indole.
Alkaloide sind heimtückische Pflanzenstoffe. Während einige schöne Farbstoffe sind, andere gut riechen, sind viele giftig. Strychnin ist ebenso ein Alkaloid wie das Ergotamin des Mutterkorns. Dieses diente den Wissenschaftlern als Vorlage für das synthetisch hergestellte LSD.
Die Rauwolfiawurzel enthält unter anderem das Alkaloid Reserpin, welches eine medizinische Wirkung hat und das Yohimbin, das für die meditationsverstärkende Wirkung verantwortlich ist.
In der ayurvedischen Medizin wird die Schlangenwurzel als natürliches Heilmittel gegen zu hohen Blutdruck empfohlen. Für diese nützliche Wirkung ist der Inhaltsstoff Reserpin verantwortlich. In der ayurvedischen Medizin heisst das Mittel Sarpagandha. Die medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe wurden von Dr. Rustom Jal Vakil entdeckt. Er war ein indischer Arzt, der in London studierte und später nach Indien zurückkehrte und sich sehr für die einheimische Medizin interessierte. Im Jahr 1949 publizierte er seine bahnbrechende Entdeckung in einem britischen Fachmagazin. Es war die erste medizinische Publikation eines Inders, die internationale Anerkennung fand.
Die Wurzel wirkt wegen ihres Inhaltsstoffes Yohimbin beruhigend, löst Ängste und depressive Verstimmungen. Homöopathische Mittel mit Rauwolfia lindern Herzbeschwerden wie Herzklopfen und unregelmässigen Herzschlag. Besonders empfohlen wird die indische Wurzel gegen innere Unruhe, Antriebslosigkeit und abnormale Müdigkeit. Der Inhaltsstoff Ajmalin, ebenfalls ein Indolalkaloid, lindert Herzrhythmusstörungen.
Homöopathische Mittel mit Schlangenwurzeln können ohne Bedenken eingenommen werden, weil die Inhaltsstoffe stark verdünnt und somit ungiftig sind.
Sowohl in der ayurvedischen als auch in der homöopathischen Medizin wird Schlangenwurzel gegen Durchfall empfohlen. Dies vermutlich deswegen, weil das Wahnsinnskraut Thebain enthält und dies ist ein Opiat. Opium und ihm nahe Verwandte natürliche Pflanzenstoffe verursacht Verstopfung.
Bei zu hohen Dosen kommt es zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Herzrasen, Schweissausbrüchen, Muskelschwäche und Angstzuständen. In Studien konnten die Forscher zudem Parkinson ähnliche Symptome feststellen, mit verlangsamten Bewegungen und typischen seelischen Reaktionen, die durch eine Überdosierung verursacht wurden.
Ausserdem gehen die Inhaltsstoffe der Rauwolfiawurzel Interaktionen mit Substanzen ein, die möglicherweise in einem Medikament enthalten sind. Das kann zu unbeabsichtigten Wirkungen oder Verminderung der Wirkung eines Medikamentes führen. Die Pflanze ist also mit Recht als Giftpflanze zu betrachten.
Nur geprüfte Fertigpräparate, die in Apotheken erhältlich sind, sind sicher, sofern die dafür empfohlene Dosierung strikt eingehalten wird. Oft wird bei einer Langzeiteinnahme mit einer kleinen Dossierung begonnen, die bei guter Verträglichkeit langsam gesteigert wird.
Bei nicht homöopathischer Anwendung sollte das Präparat zudem besser von einem Arzt verschrieben werden. Dies gilt ganz besonders für schwangere Frauen und stillende Mütter.
Von einer Selbstmedikation sollte unbedingt Abstand genommen werden. Die tropische Rauwolfia wächst in unseren Breitengraden nicht. Besonders im Winter ist es ihr bei uns eindeutig zu kalt. Wer aber dennoch eine eigene Pflanze halten möchte, kann sie im Kübel pflegen. Sie ist allein schon ihrer hübschen Gestalt und der schönen Blüten wegen eine beliebte Zierpflanze.