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1905
Anstaltserziehung
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«Das beste Waisenhaus, wie jede andere Erziehungsanstalt außerhalb des häuslichen Kreises, ist eine moralische Verderbungsanstalt.»
Heinrich Zschokke
Wenn man uns vor die Frage stellen würde, warum wir kein Vertrauen zu der Anstaltserziehung im allgemeinen haben, und von uns eine kurze, klare und präzise Antwort erwartete, so würden wir unsere Abneigung gegen das Erziehungsanstaltswesen wahrscheinlich klipp und klar so formulieren: «Weil die Anstaltserziehung eine Erziehung engros, eine fabrik-, also schablonenmässige ist.» Und wir würden weiter ausführen, daß die Schablone vielleicht bei totem Material recht gute Dienste leistet, daß der industrielle Betrieb jedenfalls den Vorzug verminderter Kosten aufweist, daß die Engrosmethode eine große Zeitersparnis bedeutet, daß jedoch Schablone, industrieller Betrieb und Engrosherstellung sich wohl mit Erfolg gegenüber Anorganismen anwenden lassen, niemals aber gegenüber organischen, fühlenden und denkenden Lebewesen, niemals gegenüber Menschen, denen man eine Seele zutraut, niemals aber in dem Zweige der Erziehung, deren großes Geheimnis in der Individualisierung liegt.
Ich wollte das vorausschicken, um von vornherein dem Mißverständnisse die Spitze abzubrechen, es sei mir nur darum zu tun, an der Einrichtung der Anstalt zu nörgeln, oder gar die mitunter hingebende Tätigkeit opferfreudiger Anstaltsangestellter und -leiter herabzumindern. Es handelt sich lediglich um eine Frage des Systems, welche freilich so einschneidend ist, daß sie alles, was mit dem Erziehungsanstaltswesen zusammenhängt, bedingt.
Von der Notwendigkeit der Erziehungsanstalten selbst sind wir wenigstens ebensosehr überzeugt wie von dem Satze, daß die beste Erziehung immer die Familienerziehung ist und bleiben wird. Darum sehen wir in den Erziehungsanstalten nur Surrogate, lauter notwendige, leider notwendige Übel.
Wir werfen dem System, nach dem unsere Anstalten geleitet und unterhalten werden, vor, daß es viel zu wenig individualisiert, daß es sämtliche seiner Zöglinge über einen von vornherein bestimmten, nicht zu ändernden Leisten schlägt. Wir wissen, daß, will man ein Kind zu einem Menschen und nicht zu einem Heuchler oder einem Automaten heranziehen, es sich gewissermaßen selbst entfalten, selbst erziehen muß, daß die Natur die Hauptsache selbst besorgen und der Erzieher nur diskret assistieren darf. Wir sehen in der Tätigkeit eines idealen Erziehers nicht Dressur, sondern höchstens und auch dann nur in Ausnahmefällen Korrektur. Seine Arbeit ist nach außen keine aktive, sondern eine passive, rein vermittelnde. Um sie auszuüben, muß er mit dem Zögling nicht bloß bekannt sein, sondern er muß sich bis in die hintersten Falten seines Charakters mit ihm vertraut machen können, er muß das zu erziehende Kind wenigstens ebensogut kennen, wie er sich selbst kennt. Je mehr er in der Charaktererkenntnis seines Zöglings fortschreitet, je weniger läuft er die Gefahr, ihn zu verkennen, ihm Unrecht zu tun, seinen Gedanken, Worten und Handlungen falsche Motive zu unterlegen.
In diesem Verstehen, in diesem In-dem-Zögling-Aufgehen, besteht meines Erachtens die Kunst der wahren, der idealen Erziehung. Denn der Künste erhabenste ist das Schaffen von Menschen. Sich in diese Kunst versenken, Meister darin zu werden, ist das Vorrecht der Eltern, welche vom Tage der Geburt an ihre Kinder liebevoll beobachten können. Denn nur die Liebe zur Kunst erzeugt wahre Künstler. Und dann ist sie noch das besondere Vorrecht einzelner, genial veranlagter Naturen, pädagogischer Genies, deren Herz in Liebe für die Jugend aufgeht. In diesem In-der-Liebe-Erkennen-und-Schaffen allein liegt die Prämisse der Erziehung, die diesen Namen verdient. Alles andere ist bloße Dressur, die äußerlich überraschende Resultate zu zeitigen vermag, innerlich jedoch austrocknet oder Fäulnis erzeugt. Dressur ist Firnis, Erziehung allein ist reell.
Wenn ich nun in Zweifel ziehe, ob die Anstalt als solche sich überhaupt eignet zu erziehen, so mag vor allen Dingen daran erinnert werden, daß die Anstalt die ihr anvertrauten Kinder nicht wie die Eltern vom Augenblicke ihrer Geburt beobachten, studieren, also nicht in dem Maße erkennen kann, wie es zu einer guten Erziehung erforderlich, unerläßlich ist. Die Kinder sind bei dem Eintritt in die Anstalt bereits nicht mehr das jungfräuliche Land, das unberührte, fleckenlose Material, aus dem der Künstler ein Kunstwerk zum Preise der Schönheit und Liebe zu formen vermag. DieKinder bringen zum Teil schon recht ausgeprägte Charaktere mit hinein, haben draußen im Leben in der Regel schon etwas erfahren, das ihre Seele, ihr Wesen, bereits – selten in günstigem Sinne – beeinflußt hat. Von dem allem, was auf das Kind vor seinem Eintritt in die Anstalt wirkte, hat der Anstaltserzieher nur einige vage, immer nur äußerliche Anhaltspunkte. Er ist aufs Raten angewiesen, wenn er sich diese Mühe überhaupt geben kann, ich meine, wenn er die materielle Möglichkeit findet, sich diese Mühe des Eindringens und Verstehens der Charaktere zu geben. Das wird selten genug der Fall sein, denn er hat nicht ein Kind, sondern etliche Dutzend zu erziehen, und um jedem gerecht zu werden, um jedes einzelne wirklich zu erziehen und nicht nur zu dressieren, müßte er sich so viele Male seiner eigenen Persönlichkeit entledigen, um in der Persönlichkeit der Zöglinge aufzugehen, als er Kinder zu erziehen hat. Das ist einfach unmöglich und kann ihm im günstigsten Falle nur bei einigen wenigen gelingen. Und dann ist er nicht nur der Erzieher der Kinder, sondern er ist der vor allen Dingen der Behörde gegenüber verantwortliche Beamte, der ohne Reglemente (ohne, reden wir nur von einer auch noch so weitgefaßten, Hausordnung) nicht auskommt, es sei denn, er verletze seine Pflicht als Beamter. Der Pädagoge und der Beamte ringen in ihm. Wo der eine seine Pflicht erfüllt, sündigt der andere; einer pfuscht immer, weil man mit toten Buchstaben, und seien sie eben zu noch so klangvollen Reglementen aneinandergereiht, nicht erzieht, sondern dressiert. In diesem Umstande liegt die Quelle jedes Übels, welches die Anstaltserziehung notwendigerweise zeitigen muß.
Um seiner Beamtenpflicht zu genügen, muß sich der Anstaltsleiter über alle seelischen Regungen hinwegsetzen, er darf nicht, ohne seine Pflicht zu verletzen, auf Charaktere und Individualitäten Rücksicht nehmen, er muß Individualitäten und Charaktere dem Reglemente, der Beamtenpflicht, daß wir es nur gleich heraussagen, dem heiligen Bureaukratius opfern. Er darf nicht erziehen, also dressiert er, muß er dressieren, auch wenn es blutenden Herzens geschieht. Und je schneidiger er dressiert, je mehr werden seine Verdienste anerkannt, je größer gilt er seinem Auftraggeber als Pädagoge. Versteht er es gar noch, seiner Dressur den Anschein zu geben als sei sie eine Dressur in Freiheit, dann wird er gar über den Schellenkönig gepriesen, und mit Recht: Der Anstaltsleiter, der es versteht, in Freiheit zu dressieren, hat schon den möglichst weiten Schritt zu der wahren Erziehung getan; weiter darf er nicht gehen, ohne der Anstalt, dem System, auf welchem sie ruht, untreu zu werden.
Die Folge dieser Umstände ist, daß der Zögling notwendigerweise das Gefühl hat, daß er für die Anstalt und nicht die Anstalt für ihn geschaffen sei, und die weitere Folge ist die, daß aus dem Zögling statt ein freier, selbstdenkender, selbstfühlender und selbsthandelnder Mensch mit eiserner Konsequenz entweder ein Waschlappen, dem das Reglement an Stelle des Gewissens steht, oder ein Schuft, ein Heuchler, der das Reglement genau so lange nicht verletzt, als er sich unter dessen Drucke fühlt, herangebildet wird. Die Engroserziehung zeitigt eben Dutzend-, Engrosmenschen; wie könnte es auch anders sein, die Anstalt muß ja mit ängstlicher Sorgfalt darauf Rücksicht nehmen, daß ja nichts über den Durchschnitt hinausgeht, anders sie ihren Charakter verleugnet.
Und wenn uns dennoch in den Jahresberichten und in der Presse dann und wann von den erhabenen Erfolgen der Anstaltserziehung gesprochen und gerühmt wird, so brauchen wir uns deswegen noch lange nicht verblüffen zu lassen; einmal wird uns in der Regel nur die Creme serviert und zum andern besteht diese Creme nur in Erfolgen der Dressur, selten oder nie der Erziehung. Und ich stehe nicht an zu behaupten, und kann es aus eigener Erfahrung ebensowohl wie rein theoretisch und logisch nachweisen, wenn es verlangt werden sollte: Wenn sich einmal ein weißer Rabe findet, der, trotzdem er eine Anstaltserziehung durchlitten hat, sein Menschentum nicht preisgab, so beweist das nur, daß die Anstalt ihren Zweck an ihm nicht erreichte, daß er seinen Charakter trotz des Reglements, trotz der Dressur bewahrte, daß er sich selbst erzog, und daß das Verdienst der Anstalt lediglich darin besteht, ihn nicht untergekriegt zu haben.
Wenn wir also etwas Ersprießliches von den Anstalten erwarten können, so kann es nur zustande kommen, wenn wir das Prinzip, auf welches sie aufbauen, einfach umstürzen und an dessen Stelle ein anderes, gesünderes setzen. Am alten morschen Zeug flicken hilft da nichts, das System der kollektiven Anstaltserziehung hat seit langem zu glänzend versagt, als daß wir hoffen dürften, etwas einigermaßen Befriedigendes durch seinen Ausbau zu erreichen. Die Anstalt wird nach wie vor ein Übel bleiben, welches nur durch seine Notwendigkeit einigermaßen entschuldigt wird.
Die einzig mögliche Reformation unseres Anstaltswesens liegt in einem radikalen, gründlichen Systemwechsel. Weg mit der kollektiven Dressur! Her mit der individuellen Erziehung! Fort mit der Fabrik und vor mit der Hausindustrie. Weg mit den Kasernen und an deren Stelle müssen wir den Kindern ein Heim geben. Dezentralisation in Form von Privathäusern mit höchstens drei bis vier Kindern. Pavillonsystem an Stelle des Kasernenbaues! Die Kräfte dazu werden sich ebensogut finden lassen wie die freiwilligen oder gezwungenen Erziehungsfeldweibel unserer gegenwärtigen Anstalten. Nur dadurch wird den Erziehern ermöglicht, die zu Erziehenden kennen und lieben zu lernen, sie zu Menschen heranzubilden. Freilich werden die Opfer wachsen, besonders die finanziellen, aber auch die Opfer an Zeit, Intellekt und seelischer Arbeit. Aber es handelt sich, wie schon gesagt, nicht um Anorganismen, nicht um totes Material, es handelt sich um lebende, fühlende Wesen, um Kinder, die wir zu Menschen machen müssen; für sie sollte uns kein Opfer zu groß sein.