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Scham und Schuld leben davon, dass wir von uns denken, wir seien «schlecht».
In der zwischenmenschlichen Kommunikation spielt Scham eine wichtige Rolle und dient uns als Schlüssel zu unserem Inneren. Ebenso wie Wut und Schuld basiert Scham auf einer Denkweise, die Menschen in den vergangenen 8000 Jahren gefördert haben. Sie sind Resultate des Dominanzsystems, in dem wir sozialisiert wurden.
Darunter versteht man ein Denkmuster von «richtig/ falsch», «passend/unpassend», «normal/anormal», mit dessen Hilfe wir uns mit anderen vergleichen, kategorisieren und wodurch es uns leichtfällt, zu entscheiden, wer belohnt und wer bestraft wird. Ziel dieser statischen Sprache war, die Person an der Spitze der Gesellschaft (Zar, Kaiser oder ein Geistlicher) zu unterstützen. Scham und Schuld leben davon, dass wir von uns denken, wir seien «schlecht» oder wir hätten etwas «falsch» gemacht. Die inneren Wölfe werden aktiviert.
Wie entsteht Scham?
Scham entsteht, wenn wir von unserem Gegenüber Missbilligung erfahren wegen dem, was wir gesagt oder getan haben, oder wenn wir denken, abgelehnt zu werden oder uns lächerlich gemacht zu haben. Ebenso würden wir am liebsten in den Erdboden versinken, wenn uns jemand auf die Schliche kommt und uns in einer als peinlich bewerteten Situation ertappt.
Wir können uns auch «fremdschämen», d.h., wir schämen uns nicht über uns selbst, sondern über das, was nahestehende Personen (Eltern, Kinder, Partner/-in) sagen oder tun, oder über deren Aussehen. Scham kann auch hervorgerufen werden, wenn jemand meint, wir hielten uns für etwas Besseres.
Schuld und Scham werden am liebsten verdrängt
Es sind Gefühle, die uns lähmen und nicht dienlich sind, wenn wir versuchen, in Verbindung und Kontakt zu kommen. Demzufolge ist es verständlich, dass viele Menschen alles tun, um diesen Gefühlen, bei denen wir uns klein, dumm und unwissend fühlen, auszuweichen. Verdrängen, vertuschen oder unterdrücken der Scham macht es uns schwer, sie zu würdigen und entsprechend mit ihr umzugehen.
Diese verdrängten Gefühle verschwinden aber nicht, sondern lagern im emotionalen Seelenkeller tief in unserem Inneren und verstärken das Denken, nicht gut/schön/ erfolgreich etc. zu sein. Je mehr wir versuchen, unsere Scham zu verstecken, desto mehr Macht bekommt sie über uns. Bei diesem Kampf, sie loszuwerden oder zu verstecken, kommt es auch vor, dass wir weitere Dinge tun, für die wir uns hinterher schämen. Dadurch gewinnt sie an Kraft.
7 klassische Auslöser für Schamgefühle
Der Klassiker unter den «Schamweckern» ist zweifelsohne die unaufgeräumte Wohnung, wenn überraschend Besuch kommt. Weitere Schamauslöser:
1. Vergleiche («Ich bin viel langsamer als mein Arbeitskollege»)
2. Abhängigkeit («Ohne ihn/sie bin ich verloren»)
3. Wettbewerb («Im Leben gibt es Gewinner und Verlierer»)
4. Aussehen («Hoffentlich bemerkt niemand, wie dick ich geworden bin»)
5. Sex («Ich bin nicht sexy genug»)
6. Sehen und gesehen werden («Was denken die Leute wohl über mich?»)
7. Nähe («Rieche ich auch wirklich gut?»)
Laut Studien ist die Scham am grössten, wenn wir vorher wütend waren. Der Erziehungswissenschaftler Alfie Kohn fand bei Eltern folgendes Muster: «Ich erlaube meinen Kindern alles, bis ich sie nicht mehr ausstehen kann. Dann werde ich so autoritär, dass ich mich selbst nicht mehr ausstehen kann.»
Mit Hilfe der GFK haben wir die Möglichkeit, diese Zustände von Scham, Schuld oder Wut in Emotionen umzuwandeln, die es uns erleichtern, in Kontakt mit den dahinterstehenden Bedürfnissen zu kommen. Dies können Bedürfnisse nach Integrität, Respekt, Akzeptanz, Angenommensein oder Gemeinschaft sein. Wir nehmen die Scham dann sozusagen als Warnlämpchen für diese Bedürfnisse wahr, statt sie unterdrücken zu wollen.
Wenn wir das Unbehagen wahrnehmen können, das mit der Scham einhergeht, verstehen wir, dass wir etwas getan oder gesagt haben, das unseren eigenen Werten nicht zuträglich ist, und wir denken nicht mehr, dass wir uns blamiert haben und es nicht mehr wert seien, geliebt zu werden.
Sich der Scham nähern für Selbstannahme und Selbstrespekt
Ziel ist es, sich mit Empathie der eigenen Scham zu nähern und sich mit ihr anzufreunden, um daraus Selbstannahme und Selbstrespekt zu schöpfen. Dies gelingt z.B., indem wir uns mit Verletzlichkeit öffnen und anderen von unserer Scham berichten. Sich nicht makellos zu zeigen kann verunsichernd und unangenehm sein, weil wir glauben, nur geliebt und akzeptiert zu werden, wenn wir perfekt sind. Es kann jedoch Verbindung schaffen und auf andere mutig und authentisch wirken.
Sich mit den eigenen Schamthemen auseinandersetzen
Im High-Quality-Empathie-Gespräch kommen diese Gefühle häufig vor. Wer der Scham mit Empathie begegnet, erlebt, dass er sie offen zeigen kann und vom Gegenüber damit angenommen wird, ohne dass es zu Rückzug oder Peinlichkeiten kommt. Wenn wir anderen Menschen empathisch zuhören wollen, ist es hilfreich, wenn wir uns zuerst mit den eigenen Schamthemen auseinandersetzen.