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Der sozialkritische Schriftsteller Paul Ilg (1875–1957) aus dem thurgauischen Uttwil war einer von wenigen, die gegen den Ersten Weltkrieg anschrieben.
Der ganz kurze Paul-Ilg-Weg entlang des Bahndamms im Bodenseeort Uttwil führt an einem halben Dutzend einfacher Einfamilienhäuser vorbei – und endet im Nichts. Der Autodidakt Paul Ilg wurde 1875 als Sohn einer ledigen Fabrikarbeiterin aus Salenstein geboren, wuchs auf dem Bauernhof seiner Grosseltern auf und wurde nach deren Tod als Verdingbub ins Appenzellerland geschickt. Als Schriftsteller ist er heute weitgehend in Vergessenheit geraten.
«Der Kanton Thurgau hat mit viel Geld eine Alfred-Huggenberger-Biografie erstellen lassen», sagt der Literaturkritiker und Herausgeber Charles Linsmayer. Dabei sei Ilg der weitaus bedeutendere Thurgauer Autor aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der Heimatdichter Huggenberger, der mit dem Nationalsozialismus sympathisierte: «Es wäre zu begrüssen, wenn der Kanton Thurgau sich auch seines vergessenen Armeleutekinds erinnern und ihm ein Comeback ermöglichen würde.»
Ein früher Armeekritiker
Mit seinem 1916 veröffentlichten Antikriegsroman «Der starke Mann» platzte Paul Ilg mitten in die ungebrochene Erster-Weltkrieg-Begeisterung, die damals noch von Autoren wie Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Robert Musil geteilt wurde. Der Roman entstand unter dem Eindruck der sich anbahnenden grossen Völkerschlachten und ist zugleich eine Abrechnung mit dem damals auch in der Schweizer Armee verbreiteten preussisch-autoritären Führungsstil. Beispielhaft schildert Ilg den Aufstieg und Fall eines Offiziers, der einen unbewaffneten demonstrierenden Arbeiter erschiesst – und dafür zwar verachtet wird, aber keine strafrechtlichen Konsequenzen tragen muss (vgl. «Standesbewusster Mord» [Text online nicht verfügbar]).
Nach dem Erscheinen des Romans wurde Ilg, der sich in seiner sozialkritischen und proletarischen Literatur am französischen Romanautor Émile Zola und am frühen Guy de Maupassant orientierte, als «deutschfeindlich» bezeichnet. Deutsche Medien riefen zum Boykott seiner Bücher auf, und auch in der Schweiz galt er als «wehrkraftzersetzend». Der Verkauf von Ilgs Büchern ging im ganzen deutschen Sprachraum massiv zurück. Zuvor war IIg mit dem «Matthias»-Zyklus («Lebensdrang», 1906, «Der Landstörtzer», 1909, «Die Brüder Moor», 1912, und «Das Menschlein Matthias», 1913) vor allem in Deutschland sehr populär geworden.
Die Jahre in Berlin
Charles Linsmayer, der den Roman «Der starke Mann» 1981 in der Reihe «Frühling der Gegenwart» bei Ex Libris edierte, sagt zu Ilgs künstlerischer Kraft: «Die Darstellung seiner Kindheit im Roman ‹Das Menschlein Matthias› ist nach wie vor eine der berührendsten Jugenddarstellungen der Schweizer Literatur.» Im Roman «Der starke Mann» hingegen komme diese Qualität weniger zum Tragen. Dafür sei das Werk zu sehr Pamphlet und Politik.
Nach einer Banklehre kam Ilg 1902 im Alter von 27 Jahren auf Vermittlung des berühmten Kreuzlinger Psychiaters Ludwig Binswanger als Redaktor zur «Berliner Woche». Mit Unterstützung der vermögenden Schriftstellerin Annemarie von Nathusius konnte er sich in Deutschland bald als freier Autor etablieren. Er veröffentlichte über ein Dutzend Romane und Novellen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte er in die Schweiz zurück. In den zwanziger Jahren übersiedelte er erneut nach Deutschland, das er mit der Machtergreifung der Nazis wieder verliess. Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 lebte Paul Ilg mit seiner Frau in einfachsten Verhältnissen und zinsfrei im Gästehaus der Villa des deutschen Dramatikers Carl Sternheim in Uttwil.
Linsmayer attestiert dem vergessenen Thurgauer Autor, der sich in seinen letzten Jahren der Unterhaltungsliteratur zuwandte, ein «angeborenes Erzähltalent».