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Simone C. Niquille
Elephant Juice
Die 3D Video Animation Elephant Juice (2020) der Schweizer Künstlerin Simone C. Niquille stellt die Frage nach den Grenzen der Lesbarkeit von menschlichen Emotionen durch künstliche Intelligenz. Der Titel Elephant Juice eröffnet dabei ironisch das ganze Spannungsfeld der Frage: Automatisierte Lippenlese-Systeme übersetzen «I love you» mit dem Nonsense Ausdruck «Elephant Juice».
In einem Badezimmer bereitet sich eine Figur auf ein bevorstehendes automatisiertes Bewerbungsgespräch vor, bei dem sie von KI aufgenommen und analysiert wird. Auf dem beschlagenen Spiegel vor der Figur entsteht der Schriftzug Elephant Juice. Der Spiegel wird damit zur Metapher für die anonyme Gesichtslosigkeit und willkürliche Treffsicherheit des KI Datenverarbeitungssystems. Aus dem Blickwinkel der KI hinter dem Spiegel erscheint das Gesicht der Person nicht mehr als menschliches Antlitz, sondern in farbige Muskelzonen fragmentiert, deren Kontraktionen von der KI gelesen und interpretiert werden können. Niquille nimmt hier Bezug auf den zunehmenden Einsatz von KI bei Bewerbungsgesprächen, wo durch das Monitoring der Mikroexpressionen in den Gesichtsmuskeln der Bewerbenden Charaktereigenschaften wie Fleiss oder Zuverlässigkeit abgeleitet werden. Paul Ekman und Wallace Friesen hatten 1978 ein Kompendium an Mikroexpressionen (Facial Action Coding System, FACS) vorgestellt, das bis heute eine wichtige Grundlage für polizeiliches Profiling, Verhörtechniken und Verhaltensanalyse bildet. Das FACS wurde ebenso für die naturgetreuere Darstellung von Emotionen in Animationsfilmen verwendet.
In einem Zoom-out sehen wir das 3D Modell des schmalen Badezimmers, Niquille offenbart die Konstruiertheit ihrer eigenen Bildwelt. Innerhalb dieser Szenographie befindet sich eine weitere Protagonistin: eine Fledermaus, die kopfüber von der Stange des Rollos vor dem Fenster neben der Dusche hängt. Basierend auf Thomas Nagels berühmten Aufsatz von 1974: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? argumentiert die kindliche Erzählstimme, die als zusätzliche Metaebene eingeschaltet ist, dass wir als Menschen trotz aller Informationen über das Gehirn und die Sinnesorgane einer Fledermaus nie wirklich wissen und verstehen können, wie es ist, eine Fledermaus zu sein aufgrund der fehlenden Ähnlichkeit von Fledermaus und Mensch. Niquille extrapoliert dieses Unvermögen auf das grundlegende Defizit von KI, wirklich zu wissen und zu verstehen, wie es ist, menschliche Emotionen zu fühlen. Elephant Juice ist, wie es Nagel bereits beschrieben hatte, und wie es die Erzählstimme wieder aufnimmt, ein Plädoyer dafür, die Realität dessen, was wir nicht wissen und nicht verstehen können in unsere Weltsicht mit einzubeziehen und sich nicht durch die Grenzen des Wissens und des Verständnisses von KI limitieren zu lassen.
Text: Bettina Back