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von Ernst Knellwolf (Bilder: E. Knellwolf)

Im Herbst 2003 beginnen die Vorbereitungsarbeiten für den Einsatz im Februar 2004. In zwei grossen Containern verpackt, sind drei Dieselgeneratoren mit Zubehör, eine Zahnarzteinrichtung und ein Röntgengerät. Diese Container verlassen die Schweiz Mitte Dezember 2003, und es ist geplant, dass sie Ende Januar 2004 in der Hafenstadt Sihanoukville oder auf Kambodschanisch "Kompong Saum" eintreffen.
In der ersten Phase dieses Einsatzes begleitet mich Kurt Bruder aus Herisau. Er hat im Vorfeld bereits die Baupläne für das Generatorenhaus, das noch gebaut werden muss, gezeichnet. Diese Pläne habe ich vorgängig an Hong Gau weitergegeben. Er ist der kambodschanische Projektleiter für den Spitalneubau, der von einer schweizerischen Stiftung bezahlt wird. In der Gegend, wo dieser Neubau errichtet werden soll, gibt es keinen Strom. Darum werden von der Schweizer Armee drei Generatoren gratis zur Verfügung gestellt, die montiert werden müssen. Hong Gau wurde deshalb beauftragt, bis Ende Januar die Bodenplatte im Neubau zu betonieren, damit die Generatoren beim Eintreffen noch gut verschoben werden können. Ein solcher Generator hat nämlich ein Gewicht von 5,5 Tonnen. Die Wände und das Dach sowie die gesamte Installation im Haus sollen erst später erstellt werden. Es ist vereinbart, dass ich zusammen mit Kurt Anfang Februar in Kambodscha eintreffe und dann in Kompong Saum die Container entgegennehme, um den Weitertransport der Materialien an die verschiedenen Verwendungsorte zu organisieren. Das Koordinieren des Bauablaufs für das Generatorenhaus sowie das Verschieben der Generatoren vom Container auf den richtigen Platz auf der neu erstellten Bodenplatte ist für die erste Woche vorgesehen. Anschliessend werde ich weiterreisen zu den anderen Einsatzorten und erst später für die Installation der Generatoren wieder hierher zurückkommen.
Dass ich die Container am Zoll persönlich und noch ungeöffnet entgegennehmen will, hat seinen guten Grund. In solchen Ländern verschwindet nämlich alles, was tragbar ist, innert kürzester Zeit. Jeder Einheimische kann zu Hause alles gebrauchen, auch wenn er nicht weiss, was es ist. Als Folge davon habe ich dann auf der Baustelle nur noch das halbe Material und kann meine Arbeit nicht fertigstellen.
Alles scheint gut zu klappen. Ich erhalte von der Reederei die Schiffspapiere mit dem angekündigten Ankunftsdatum vom 28. Januar 2004. Am 5. Februar, zwei Tage vor meiner Abreise, erhalte ich via E-Mail die Nachricht, die Container seien angekommen und sämtliches Material sei auf der Baustelle beim Spital ausgeladen worden. Somit ist es sehr ungewiss, was wir dort vorfinden werden.
Unser Flug geht über Singapore nach Phnom Penh und verläuft wie geplant. Am Flughafen erwartet uns Hong Gau zusammen mit Mirjam und einigen Helfern. Wir steigen in das bereits vollbepackte Auto. Dicht gedrängt sitzen wir hier zu fünft, das Gepäck auf den Knien, während auf der übervollen Ladebrücke weitere vier Helfer Platz genommen haben. In einer vierstündgen Fahrt geht es direkt nach Kompong Saum, wo auch das Material liegt. Während der Fahrt erfahren wir, warum dieses bereits ausgeladen worden ist. Um die Einfuhrformalitäten zu beschleunigen, hatte ich Vorab-Materiallisten nach Kambodscha gesandt, auf denen das Röntgengerät nicht aufgeführt war. Im letzten Moment hatte ich dann auch das Röntgengerät noch in den Container verpacken lassen und dieses daher erst auf der definitiven Materialliste aufgeführt. Und wie es halt in solchen Ländern ist, haben die Behörden meistens zuviel Zeit und nehmen es daher teilweise mit dem Kontrollieren sehr genau. Jedenfalls ist ihnen aufgefallen, dass das Röntgengerät nicht auf der Liste enthalten war. Folglich begannen die Probleme mit dem Zoll. Dank den guten Beziehungen von Hong Gau zu einem hohen Zollbeamten, war es jedoch möglich, die Container in Empfang zu nehmen. Die ganze Sache musste jedoch rasch abgewickelt werden. Deshalb hat Hong mit seinen Leuten fast über Nacht das Material auf dem Neubau-Areal des Spitals deponiert und zugedeckt.
Am späten Nachmittag kommen wir am Bestimmungsort an. Im neuen Gebäude ist für uns extra eine Unterkunft eingerichtet worden. Eine einheimische Frau wird jeden Tag in ihrer Hütte, die neben dem Neubau steht, für uns kochen. Unterkunft und Verpflegung erwiesen sich übrigens als sehr gut.
Auf der Baustelle sehen wir, dass die Generatoren bereits auf der Bodenplatte stehen und dass bereits fleissig an den Wänden gemauert wird. Ein erster Augenschein ergibt, dass die Bodenplatte genau nach den Plänen erstellt worden ist und dass die Generatoren sogar korrekt auf dem Sockel stehen. Das erste kleine Problem besteht darin, dass in der falschen Wand Fensteröffnungen angebracht worden sind. Diese werden aber sofort noch zugemauert. Diese Wand brauchen wir nämlich für die Installationen. Nun erläutert uns Hong seinen Zeitplan für die Erstellung der ganzen Anlage. Anstelle der versprochenen drei Hilfskräfte hat er deren zwanzig auf der Baustelle, und die sollen von mir beschäftigt werden! Hongs Vorstellungen gehen auch dahin, dass die Erstellung des Hauses, die Montage und die Installation der ganzen Anlage in einer Woche bewerkstelligt werden sollen, damit ich nicht ein zweites Mal hierher fahren muss. Die Idee ist gut, jedoch kaum durchführbar, aber wir versuchen es.
Sehr viele Arbeiten kann ich an Kurt delegieren, so dass er mit einer Gruppe selbständig arbeiten kann. Zuerst gilt es aber, all das Material zu sortieren. Die Röntgenanlage und die Zahnarzteinrichtung werden unter dem Vordach des neuen Gebäudes für den Weitertransport bereitgestellt. Die Anlageteile für die Generatorenanlage werden je nach Baufortschritt in das entstehende Gebäude transportiert. Und dies alles nur von Menschenhand! Es stehen uns weder ein Kran noch Transportgeräte zur Verfügung. Die Leute hier sind unheimlich arbeitswillig und sehr interessiert an dem, was hier neu entsteht.
Es ist kaum zu glauben, aber nach acht Tagen Arbeit ohne Unterbruch steht das Haus. Zwar noch ohne Dach, aber sämtliche Installationen der Druckluftanlage, der Dieselanlage und der Elektrik sind fertig. Es fehlt nur noch der Vorratstank für den Diesel. Die 500 KW-Anlage wäre nun eigentlich betriebsbereit. Für den Probelauf der Anlage ist jedoch die Mithilfe von Bruno Kaufmann vorgesehen. Er kennt nämlich diese Diesel-Generatoren bis ins kleinste Detail auswendig und wird uns folglich eine grosse Hilfe sein. Sein Einsatz ist jedoch erst in zwei Monaten geplant, und meine zwei anderen in diesem Land vorgesehenen Einsätze dauern nicht so lange. Mit Bruno kann ich einen neuen Termin in vier Wochen vereinbaren. So bleibt den Leuten hier nun genügend Zeit, das Dach fertigzustellen und den Diesel-Vorratstank zu montieren.
Hong und Mirjam verlassen an einem Freitagabend die Baustelle und fahren mit ihrem Auto zurück nach Phnom Penh. Kurt und ich geniessen einen Tag am Strand von Kompong Saum und fahren später mit dem öffentlichen Express-Bus in fünf Stunden zurück in die Hauptstadt, um Hong zu besuchen. Wo aber werden wir in Phnom Penh landen, wie finden wir das Haus von Hong und wann werden wir dort eintreffen? Niemand weiss es genau. Ich habe ja Hongs Telefonnummer und auch seine Adresse. Irgendwie werden wir uns schon durchschlagen. Kaum aus dem Bus ausgestiegen, erkennen wir inmitten einem riesigen Menschengedränge Hong, der uns entgegenkommt und uns in sein Haus bringt.
Wir bleiben weitere drei Tage in Phnom Penh. Im öffentlichen Spital Norodom Sihanouk steht seit dem Frühjahr 2003 ein Röntgengerät, das ich im letzten Sommer bereits einmal repariert hatte, und das im Moment wieder nicht funktioniert. Ein weiteres Röntgengerät, das im Container mit den Generatoren geliefert worden ist, steht zurzeit noch in Kompong Saum und sollte zum Spital in Phnom Penh transportiert werden. Es ist jedoch kein Geld für den Transport vorhanden! Kurt und ich fahren zusammen mit dem Chirurgen Theavy Mok zum Spital und sehen uns das defekte Gerät an. Nach eingehender Prüfung stelle ich fest, dass der Röntgenteil eigentlich funktioniert. Auf Fotopapier kann ein Bild gemacht werden, aber auf dem Monitor ist nichts zu sehen. Das Problem kann also nur an der Kamera, der Uebertragungsleitung oder am Monitor selber liegen. Das Fabrikat des Röntgengerätes ist Siemens. In der Stadt hatte ich an einem Haus einmal eine Reklametafel von Siemens gesehen. In der Folge suchen wir dieses Büro und hoffen, von dort Hilfe zu erhalten. Es gelingt uns, dieses zu finden, aber es stellt sich heraus, dass es sich halt nur um ein Büro handelt, das Prospekte von allen Siemens-Produkten bereithält. Der Chef, ein Deutscher, erklärt mir, dass sich die nächste Servicestelle für medizinische Geräte in Bangkok befinde. Der Einsatz eines Siemens-Spezialisten für einen Tag inklusive Flug wird mir für ca. Fr. 1000.- offeriert. Ich nehme das Angebot zur Kenntnis und versuche weiter, das Problem selber zu finden. Nach allen erfolgten Abklärungen kann es sich nur noch um die Kamera handeln, und diese kann ich nicht reparieren. Um wieder eine Röntgeneinrichtung zur Verfügung zu haben, muss Theavy Mok halt diejenige in Kompong Saum abholen. Diese hat zumindest in der Schweiz vor dem Transport funktioniert.
Am 18. Februar verlassen Kurt und ich Kambodscha, und am 21. März komme ich zusammen mit Bruno Kaufmann zurück. Hong und Mirjam holen uns auf dem Flughafen in Phnom Penh ab, und wir fahren mit dem Auto direkt nach Kompong Saum.
Während meiner einmonatigen Abwesenheit hat sich auf der Baustelle einiges getan. Das Generatorenhaus steht, das Dach ist fertiggestellt, die Fenster sind montiert, und das Ganze weist innen und aussen einen Farbanstrich auf. Der Diesel-Vorratstank, von einem alten russischen Tanklastwagen, ist montiert, angeschlossen und erst noch gefüllt. Nach einem ersten Rundgang am Sonntagabend ist es klar: Wir können morgen mit einem Probelauf beginnen.
Unsere Arbeit am Montagmorgen beginnt zuerst mit einer Sichtkontrolle aller Elemente und Anschlüsse. Der Anlasser der Dieselmotoren wird mit Druckluft von 30 bar betrieben. Damit wir überhaupt Druckluft haben, müssen wir zuerst den Kompressor der ganzen Druckluftanlage in Betrieb nehmen. Dazu brauchen wir Strom. Aber der ist hier nicht vorhanden. Der Elektriker im Neubau legt uns ein provisorisches Stromkabel von einem kleinen Notstromaggregat zum Generatorenhaus, damit wir den Kompressor betreiben können. Bis am Mittag ist alles kontrolliert und die Druckluftanlage funktioniert. Am Nachmittag sind wir nun alle gespannt. Wir versuchen nämlich den ersten Dieselmotor mit dem Generator zu starten. Zuerst heisst es, das ganze Dieselsystem zu entlüften und dann kann der Anlasser betätigt werden: Ein kurzes Aechzen und Holpern, eine schwarze Rauchwolke entweicht, der Motor läuft, und der Generator gibt Strom ab. Die Lastregulierung über die Steuerung läuft selbständig, und wir haben zum ersten Mal eigenen Strom. Es wird Abend bis alle Einstell- und Kontrollarbeiten an dieser Einheit beendet sind. Am nächsten Morgen starten wir den Motor Nr. 2. Auch dieser springt sofort an, aber der Generator liefert keinen Strom. Nach einigen erfolglosen Versuchen, wechseln wir auf die Maschine Nr. 3. Auch dieser Dieselmotor springt sofort an, mit der obligaten ersten grossen Rauchwolke. Aber auch dieser Generator liefert keinen Strom. Im Moment ist die Bilanz ernüchternd. Von drei Maschinen gibt nur eine Strom ab. Nach intensivem Suchen auf der Maschine Nr. 3 finden wir den Fehler. Eine defekte Sicherung in der Steuerung und eine lose Verbindung im Schaltschrank waren die Ursache. Nachdem diese Fehler behoben sind, läuft am Abend auch die Maschine Nr. 3. Eigentlich sind wir zufrieden mit unserer Arbeit, sind doch nach zwei Tagen bereits zwei Maschinen betriebsbereit. Die dritte Maschine bereitet uns jedoch echte Sorgen.
Am Mittwoch machen wir uns ans Studium der Betriebsanleitungen. Wir vermuten, dass die notwendige Ankermagnetisierung im Generator nicht mehr vorhanden ist. Diese kann man mittels einer kräftigen Autobatterie wieder herstellen. Wir versuchen dies den ganzen Mittwoch auf jede mögliche Weise. Gegen Abend werden unsere Bemühungen dann plötzlich von Erfolg gekrönt. Auch diese Maschine läuft.
Am Donnerstagmorgen versuchen wir noch, die verschiedenen Generatoren über die eingebaute Synchronisation zusammenzuschalten. Alles funktioniert bestens, die Anlage wird 500 KW produzieren.
Als Letztes müssen wir noch die Dieselversorgung in Betrieb nehmen. Bis jetzt hatten wir den Diesel immer aus einem Tagestank bezogen. Diese Tagestanks müssen aber aus dem Vorratstank nachgefüllt werden. Dazu ist eine Dieselpumpe installiert worden. Jetzt, wo wir ja Strom produzieren, ist es uns möglich, auch diese zu testen: Schalter ein, die Pumpe dreht, aber kein Diesel fliesst. Im ganzen System sind viele Komponenten eingebaut, die Probleme bringen können. Aber welche sind es? Dummerweise ist in der Zuleitung kein Abstellhahn montiert. Es bleibt uns aber nichts anderes, als die Zuleitung trotzdem zu lösen und diese mit einem Deckel zu verschliessen. Diese Massnahme endet mit einer grossen "Diesel-Sauerei" im Raum. Nach längerem Suchen finde ich ein verklemmtes Rückschlagventil. Nachdem das ganze System wieder zusammengebaut und die Zuleitung wieder angeschlossen ist, funktioniert nun - nach einer zweiten "Diesel-Spritzerei" - auch die Dieselversorgung.
Nun ist die ganze Anlage betriebsbereit. Hong wird noch über alle für den Betrieb notwendigen Details instruiert.
Am Donnerstagnachmittag fahren wir zurück nach Phnom Penh. Bruno fliegt am Wochenende wieder in die Schweiz zurück, und meine Arbeit geht in Kompong Thom, mitten im Land, weiter. Dort wartet eine Zahnarzteinrichtung auf die Montage. Dies ist aber wieder eine lange Geschichte für sich...
Herisau, 12. Januar 2005 Ernst Knellwolf
© Januar 2005 Ernst Knellwolf