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In Äthiopien, dem zwölftärmsten Land der Welt, wird die Übernahme riesiger landwirtschaftlicher Produktionsflächen auch nicht durch die sich ausbreitende Hungersnot in der Region gebremst.
Nur Reds Kopf lugt aus dem Grün hervor. Seit dem frühen Morgen kniet der Junge bei knapp vierzig Grad inmitten eines Zuckerrohrfelds und jätet Unkraut. Ein Inder mit grossem Sonnenhut passt auf, dass er auch nichts übersieht. Red ist acht Jahre alt. Er verdient weniger als einen Franken, wenn er einen Tag lang auf diesem Feld im Westen Äthiopiens schuftet. Seine Arbeit ist billiger als Pflanzenschutzmittel. Mit ausgelöst durch eine verheerende Dürre sind in Äthiopien über 4,5 Millionen Menschen auf Lebensmittellieferungen angewiesen. Doch der indische Pächter der Farm, auf der Red arbeitet, will in spätestens drei Jahren Millionen verdienen – indem er in Äthiopien produzierte Lebensmittel exportiert.
«Noch ist hier überall Wildnis, aber bald wird alles ordentlich aussehen, und wir werden unter anderem Zuckerrohr und Ölpalmen anbauen», sagt Karmjeet Singh Sekhon, als er sich in einem Geländewagen über die Farm fahren lässt. Rechts und links der Piste brennt das bislang unberührte Buschland durch die bewusst gelegten Feuer. Aufgeschreckte Vögel fliehen vor den Flammen. Der 68-jährige Sekhon ist Manager der gigantischen Karuturi-Farm, die sich auf einer Fläche von bald 300 000 Hektaren erstreckt – das entspricht knapp der Fläche des Kantons Waadt.
Harte Devisen
Durch den Anstieg der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt weitet sich seit 2007 das «Land Grabbing» (Landraub) aus, ein Wettlauf um riesige landwirtschaftliche Produktionsflächen in Afrika, Südamerika und Asien (vgl. «Risiko und Chance zugleich»). Besonders aktiv betreiben dies Länder wie Indien und die Golfstaaten. Sie behaupten, so den Hunger ihrer wachsenden Bevölkerung stillen zu wollen. Häufiger geht es jedoch darum, mit der lukrativen Ernte auf dem Weltmarkt zu handeln: Mais, Reis, Weizen, Soja, Sesam, Zuckerrohr und Ölpflanzen für die Produktion von Agrartreibstoffen stehen bei den InvestorInnen besonders hoch im Kurs.
Die Weltbank, die Ende 2010 einen Bericht zum Thema Land Grabbing veröffentlicht hat, sieht darin Gefahr und Chance zugleich. «Die Landakquisitionen bergen ein grosses Risiko», sagt Weltbankdirektorin Ngozi Okonjo-Iweala. «Der Schleier der Geheimhaltung, der auf diesen Landkäufen liegt, muss gelüftet werden, damit nicht alles auf Kosten der armen Leute geht und diese ihr Land verlieren.»
Die Hungersnot, die sich seit Monaten am Horn von Afrika ausweitet, zeigt die Widersprüche besonders deutlich auf: Der Grossteil der Lebensmittel, die die Notleidenden in Äthiopien erhalten, wird aus dem Ausland importiert, obwohl im Land Lebensmittel für den Export produziert werden. Das sei kein Problem, findet Farmmanager Sekhon. Ein Teil ihrer Produktion bleibe in Äthiopien. «Mit dem Teil, der exportiert wird, kommen zudem harte Devisen ins Land, mit denen Äthiopien dann auf dem Weltmarkt einkaufen kann», sagt Sekhon. Wie viel der Produktion im Land bleibt, ist allerdings nicht gesetzlich geregelt. Und Birinder Singh, Marketing- und Logistikchef der Karuturi-Farm, macht keinen Hehl daraus, dass seine Firma rein wirtschaftliche Ziele verfolgt und an den verkauft, der am meisten zahlt. Egal wohin.
Kein Privatbesitz
In Äthiopien leben über achtzig Prozent der knapp 91 Millionen EinwohnerInnen von der Landwirtschaft, doch die Erträge gehören zu den geringsten weltweit. Meist werden die kargen Felder wie vor Hunderten von Jahren mit einem von Ochsen gezogenen Holzpflug bestellt. Dünger, Pflanzenschutzmittel, Bewässerungssysteme sucht man meist vergeblich.
Die äthiopische Regierung erhofft sich von der Verpachtung riesiger Flächen an ausländische InvestorInnen den dringend benötigten Modernisierungsschub für die Landwirtschaft. Sie beruft sich dabei auch auf die Welternährungsorganisation (FAO). Laut der FAO muss die weltweite Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um siebzig Prozent erhöht werden, um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können – und dies bei gleichzeitig abnehmender landwirtschaftlich genutzter Fläche. Das haben auch die AnlegerInnen erkannt. Die Aktien von Agrarunternehmen stehen gut. Und Äthiopiens Regierung sorgt dafür, dass dies auch so bleibt.
Vereinfacht wird das in Äthiopien dadurch, dass es hier keinen privaten Landbesitz gibt. Alles Land – insgesamt rund eine Million Quadratkilometer oder 100 Millionen Hektaren, etwa 25 Mal die Fläche der Schweiz – gehört dem Staat. Drei Viertel davon sind laut der äthiopischen Regierung für die Landwirtschaft geeignet, doch bislang würden nur 15 Millionen Hektaren bestellt. 3,6 Millionen Hektaren – überwiegend im dünn besiedelten und unentwickelten Westen des Landes – hat die Regierung jetzt für äthiopische und ausländische InvestorInnen freigegeben: Rund ein Zehntel davon ist bereits verpachtet. Die InvestorInnen zahlen umgerechnet zwischen 5 und 200 Franken Pacht pro Hektare und Jahr – je nach Qualität des Landes und Anbindung an die Infrastruktur. Die Verträge haben Laufzeiten von 20 bis 45 Jahren.
Arbeit oder Schule
Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi will keine Kritik an der Landvergabe gelten lassen. Wer ausländische Konzerne des Landraubs bezichtige, sei schlecht informiert oder hege böse Absichten, meint er. «Wir möchten nicht die jungfräuliche Schönheit unseres Landes bewundern, während wir verhungern», sagte Zenawi im Mai auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Indiens Premierminister Manmohan Singh in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.
Auch laut Esayas Kebede, Chef der staatlichen Agentur, die für die Verpachtung der landwirtschaftlichen Flächen zuständig ist, profitiert Äthiopien vielfach von der Verpachtung. «Durch den Export der Lebensmittel kommen dringend benötigte Devisen ins Land, die Farmen sorgen für Beschäftigung, Technik und Know-how werden importiert, die uns helfen, die Produktivität zu verbessern und so die Ernährungssicherheit zu erhöhen», sagt Kebede.
Doch nicht alle wollen den vermeintlichen Fortschritt. Bauer Ojwato steht auf seinem knapp eine Hektare grossen Feld. Ab und zu weht der Wind das laute Knattern des Stromgenerators der Karuturi-Farm herüber. Eine Minute braucht der Dorfvorsteher, um sein Feld, das er nur mit einem Grabstock bestellt, abzulaufen. Mehrere Stunden braucht Farmmanager Sekhon, um mit seinem Geländewagen die Farm abzufahren, die er mit Bulldozern und 450-PS-Traktoren urbar macht. Bald will er eine Landebahn für Kleinflugzeuge bauen, die die Farm aus der Luft mit Pflanzenschutzmitteln besprühen sollen.
Ojwato macht es wütend, dass die neben seinem Feld angebauten Lebensmittel exportiert werden sollen, während er und seine Familie regelmässig auf Hilfslieferungen angewiesen sind. «Als die Ausländer mit ihren grossen Maschinen kamen, haben wir sie willkommen geheissen», sagt er. «Sie haben uns versprochen, Strom, Wasser und Krankenhäuser zu bringen. Davon ist bislang nichts eingetroffen. Nur ein paar von uns haben schlecht bezahlte Arbeit erhalten.»
«Wir zahlen immer den nationalen Mindestlohn», hält dem Birinder Singh stolz entgegen. Und Esayas Kebede sagt lapidar, dass niemand gezwungen werde, für den Lohn von etwas mehr als einem Franken pro Tag auf der Farm zu arbeiten. Dennoch schuften viele Kinder auf den Feldern, statt zur Schule zu gehen. «Manchmal kommen nur fünf von sechzig Schülern zum Unterricht. Die anderen arbeiten auf den Feldern», sagt Tigaba Tekle, stellvertretender Leiter einer Schule, die unmittelbar an die Karuturi-Farm grenzt.
Umsiedlungsprogramme
Offiziell werden für Grossfarmen wie die von Sekhon nur bislang brachliegende Flächen genutzt. Menschenrechtsorganisationen befürchten aber, dass es zu Zwangsumsiedlungen kommen wird. Tatsächlich findet in Westäthiopien derzeit ein staatliches Umsiedlungsprogramm statt. Obwohl offiziell kein ausdrücklicher Zusammenhang zwischen den Grossfarmen und den Umsiedlungen besteht, vermuten die Betroffenen genau das. Laut dem offiziellen Regierungsprogramm finden alle Umsiedlungen freiwillig statt. Sie würden dazu dienen, der Bevölkerung einen besseren Zugang zu Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen zu gewähren. Die Realität sieht allerdings anders aus.
Mit ihren drei Kindern kauert die Bäuerin Turu Omod vor dem, was von ihrem Speicherhaus und ihrer Maisernte übrig geblieben ist. «Die Regierung hat uns immer wieder gesagt, wir sollen in ein neues Dorf ziehen, aber wir wollten hier bleiben. Hier haben schon unsere Vorfahren das Feld bestellt», sagt die Frau. Kurz darauf brannten am helllichten Tag mehrere Hütten der kleinen Siedlung nieder. Eine Frau wurde schwer verletzt, ein Mann festgenommen, kurz danach jedoch wieder freigelassen. Die BewohnerInnen vermuten, dass mit den Brandfällen dem «freiwilligen» Umsiedlungsprogramm Nachdruck verliehen werden soll. Eine Recherche in den Umsiedlungsgebieten wurde von den Behörden mit der Begründung behindert: «Wir wollen nicht, dass Sie politisch unerwünschte Informationen sammeln.»
Auch UmweltschützerInnen haben ein Problem mit den neuen Grossfarmen. «Es wurde keine Umweltverträglichkeitsstudie gemacht», sagt Girma Gumata, Mitarbeiter eines an die Karuturi-Farm angrenzenden Nationalparks. «Die ökologischen Folgen von Brandrodung und intensiver Bewässerung sind überhaupt nicht abzusehen.» Wie in der Serengeti ziehen zudem jedes Jahr rund eine Million Antilopen durch den Nationalpark. Noch weiss niemand, wie die Tiere mit den Zäunen der Farmen zurechtkommen werden.
Laut der äthiopischen Regierung hat es durchaus Umweltverträglichkeitsstudien gegeben – diese seien aber zum Schluss gekommen, dass die ökonomischen und ökologischen Interessen in keinem Konflikt miteinander stünden.
Farmmanager Sekhon, der sich lieber Bauer als Investor nennt, macht derweil klar, dass ihm die Antilopen ziemlich egal sind. Für ihn muss es mit der Farm vorangehen, denn er ist mit seinem Zeitplan in Verzug. Deshalb müssen der kleine Red und seine ArbeitskollegInnen weiter Unkraut zupfen.