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Weshalb wir auch die 1868er-Bewegung feiern sollten
Vor 150 Jahren erlebte die Schweiz eine rasante Politisierung, die 1874 zur weltweit fortschrittlichsten Verfassung führte. Die drei Höhepunkte der 1868er-Bewegung waren der Sieg der Zürcher Demokraten über das wirtschaftsliberale «System Escher», der Genfer Bauarbeiterstreik, der ein europaweites Echo fand – und eine Broschüre, welche all die Forderungen zu einem gemeinsamen Programm bündelte.
Der Sturz des Systems Escher in Zürich
Im Kanton Zürich gingen am 8. März 1868 fast dreimal so viele Bürger wie bei früheren Wahlen an die Urne. Es ging um die Bestellung einer verfassungsgebenden Versammlung. Bei einer Rekordbeteiligung von 94 Prozent wurde die Partei des «Eisenbahnbarons» Alfred Escher durch die sozialeren Demokraten entmachtet.
Wie sehr sich die Bevölkerung politisierte, zeigte sich in insgesamt 415 Eingaben, die bei der verfassungsgebenden Versammlung eingereicht wurden. Man forderte das Referendums- und Initiativrecht, das Wahlrecht auch für Armengenössige, den Schutz der Konkursiten und der Fabrikarbeiter, Steuergerechtigkeit, eine Staatsbank, die Glaubens- und Kultusfreiheit oder die Abschaffung der Todesstrafe. Eine Gruppe von «Frauen aus dem Volk» verlangte auch «Wahlberechtigung und Wahlfähigkeit für das weibliche Geschlecht». Allerdings blieb dieses Anliegen – im Gegensatz zu den meisten anderen – chancenlos.
Der Sturz von Alfred Escher im Kanton Zürich beflügelte in der ganzen Schweiz die Kritik an der «Macht des Geldes». Eschers Hauptgegner, der Winterthurer «Landbote»-Redaktor Salomon Bleuler, war gleichzeitig ein Kopf der radikalen Helvetia, eines Bündnisses von Alt- und Jungfreisinnigen, und des Grütli-Vereins, eines Vorgängers der Sozialdemokratie.
Der Sieg der Genfer Bauarbeiter
Auch der Führer der Genfer Arbeiterbewegung, Johann Philipp Becker, hatte einen freisinnigen Hintergrund. Im Sonderbundskrieg hatte er dem späteren Bundesrat Ulrich Ochsenbein als militärischer Adjutant gedient. Als am 23. März 1868 in Genf ein Bauarbeiterstreik ausbrach, war Becker Vertreter der Internationalen Arbeiter-Assoziation und damit politischer Adjutant von Karl Marx.
Die breite Resonanz des lokalen Arbeitskampfes erklärte sich nicht zuletzt aus seinem Erfolg: Höchstarbeitszeit von elf Stunden und Lohnerhöhungen von 10 Prozent wurden nun durchgesetzt. Den Vorschlag aus Bundesbern, gegen die Streikenden Truppen einzusetzen, hatte die liberale Genfer Regierung abgelehnt.
Anders lief es ein paar Monate später im konservativen Basel, wo die Seidenbandweber in den Streik getreten waren. Hier wurden erstmals in der Schweizer Geschichte Truppen wegen eines Arbeitskampfes mobilisiert. Ein Grund für die behördliche Härte bot die besondere Stärke, welche die Arbeiterbewegung der Ersten Internationalen in Basel erreicht hatte.
Mehr Gleichheit in einer neuen Bundesverfassung
Der Ersten Internationale gehörte auch der Basler Radikale Wilhelm Klein an. Er bildete damals mit Salomon Bleuler, der 1869 ins Bundesparlament gewählt wurde, und dem St. Galler Nationalrat Friedrich Bernet das Führungstrio der demokratisch-sozialen Grütlianer.
In jener Zeit entstand das Programm, das die drei Hauptströmungen der damaligen Linken vereinigte: die neuen Demokraten, die alten Radikalen und die mit beiden verbundenen Grütlianer. Bernets Broschüre «Nach zwanzig Jahren. Streiflichter auf politische und soziale Zustände der Gegenwart» entfaltete in einer politisierten Öffentlichkeit eine starke Wirkung. Eine Schlüsselaussage lautete: «Ohne Gleichheit ist die Freiheit keine Wohltat für alle.»
Als Lösung schlug Bernet die Totalrevision der Bundesverfassung vor – mit dem Ziel, die Volksrechte auszubauen, die Genossenschaften zu fördern, den Arbeiterschutz einzuführen, die Diskriminierung der Andersgläubigen und der Neuzuzüger aus anderen Gemeinden zu stoppen und dem Bund mehr Kompetenzen zu verleihen.
Die wichtigsten Erfolge des Generalstreiks von 1918 waren die Senkung der Höchstarbeitszeit und die Ausweitung der Demokratie durch die Einführung des Proporzes; weiterhin chancenlos blieb das Frauenstimmrecht.
1968 kam es zu einer Vereinigung von alter und neuer Frauenbewegung, die das Frauenstimmrecht 1971 erkämpfte.
Aber zuvor hatte 1868 ein ähnliches Bündnis von alten und neuen Kräften den säkularen Bundesstaat, das Referendum und das Fabrikgesetz durchgebracht – mit der Bundesverfassung von 1874 als Höhepunkt.