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Nachdem er das Publikum vor zwei Jahren mit «Les grandes onde (à l’ouest)» zum Lachen brachte, kommt Lionel Baier mit «La vanité» auf die Piazza Grande zurück. Porträt eines Filmemachers, der sich nicht vor seinen Träumen fürchtet.
Von Winnie Covo
Lionel Baier wird 1976 in Lausanne geboren. Sehr schnell spielen Filme eine wichtige Rolle in seinem Leben. Zuerst das Fernsehen, dann die kleinen regionalen Kinos mit den populären Komödien, die er besonders mag. Über das andere Filmschaffen, von dem man in der Zeitung liest, macht er sich in Büchern, einschlägigen Werken über die Autoren und in Drehbüchern schlau. Als Neunjähriger entdeckt er «Family Plot» von Alfred Hitchcock: Als der Regisseur selber auf der Leinwand erscheint, begreift er, dass es «dieser dicke Mann ist, der die Geschichte organisiert». Bis anhin glaubte er, die Schauspieler würden den Verlauf der Geschichte bestimmen. Genau in diesem Moment wird ihm klar, was er später einmal machen will: Er will Geschichten erzählen und diese «organisieren».
Geschichten zu erzählen sei wohl nicht schwieriger, als Patron eines Cafés oder Spengler zu werden, denkt sich Lionel Baier damals in seiner kindlichen Naivität. Mit zwölf Jahren fängt er an, an freien Nachmittagen mit Freunden Filme zu drehen. Sofort findet er Gefallen daran. «Die kleine Trickkiste, die man organisiert », fasziniert ihn. Als Fünfzehnjähriger erhält er seinen ersten Job im Kino Rex in Aubonne. Zuerst als Platzanweiser, dann als Filmvorführer, «um den Filmstreifen anfassen zu können» und schliesslich als Programmierer. «Es war ein bisschen wie magisches Denken: Ich dachte, je näher ich den Filmen komme – und sei es auch nur dem Gebäude –, desto besser stehen meine Chancen, auch selber welche zu machen». Er lädt Schweizer Filmemacher zur Präsentation ihrer Filme ein. Er schreibt ihnen, erklärt seine Motivation und Eindrücke. So kommt er auch mit Jacqueline Veuve in Kontakt. Der Teenager und die Regisseurin fangen an, sich regelmässig zu schreiben, sie besucht ihn im Kino, gibt ihm Bücher zu lesen, unterstützt ihn. 1995 schreibt er sich an der Universität Lausanne in Filmwissenschaft, Altfranzösisch und Italienisch ein. Ein Jahr später engagiert ihn Jacqueline Veuve für die Recherchen zu einer Serie über Schweizer Strassen. «Das war der Anfang unserer Zusammenarbeit, danach war ich Assistent bei ‹Journal de Rivesaltes›. Ich habe drei Filme mit ihr gemacht und wir blieben danach immer in Kontakt.»
Abnabelung
Drei Jahre vergehen, bis Lionel Baier schliesslich den entscheidenden Schritt wagt: Als erstes dreht er den Kurzspielfilm «Mignon à croquer», dann einen kurzen Dokumentarfilm. Und pünktlich zur Jahrtausendwende realisiert er seinen ersten Langfilm «Celui au pasteur – ma vision personnelle des choses», einen Dokumentarfilm über einen Landpfarrer, seinen Vater.
«Die Waadtländer und die Schweizer Gesellschaft generell veränderten sich stark, vielleicht hatte es mit dem Wechsel ins 21. Jahrhundert zu tun. Die Rolle des Staates, die Religion oder das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Protestantismus und viele andere Dinge, die bis dahin unverrückbar schienen, waren im Wandel. Hier hatte ich als Pfarrersohn einen ganz besonderen Blickwinkel», erzählt er.
Der Film läuft zwar bei Visions du Réel, findet aber keinen Verleiher. Kurzerhand mietet er einen Projektor und fragt die Betreiber des Lausanner Kinos Richemont, ob er seinen Film selber täglich um 18 Uhr zeigen könne. Nach und nach kommen die Zuschauer und am Ende des Sommers sind die Vorführungen voll. So erhält nicht nur der Film, sondern auch Lionel Baier als Filmemacher seine Existenzberechtigung. Für seinen zweiten Dokumentarfilm «La parade (notre histoire) » wird er von Robert Boner, für den er als Aufnahmeleiter arbeitete, sowie von seinem Freund Jean-Stéphane Bron unterstützt.
Während der erste Langfilm vom Vater handelt, geht es im zweiten um Homosexualität. Einmal mehr entscheidet sich der Filmemacher, von einer ihm vertrauten Welt zu erzählen. Fast gegen seinen eigenen Willen muss er plötzlich einen politisch aufgeladenen Film verantworten. Nachdem ein Jahr zuvor seine Familie von den Medien auseinandergenommen wurde, ist es diesmal seine eigene Sexualität. Für den Jungen mit der Trickkiste wird es auf einmal ernst. Doch auch wenn sich das richtige Leben als Regisseur zäher als gedacht herausstellt, bleiben Lionel Baiers Freude und die Leidenschaft am Geschichtenerzählen unerschüttert.
Das Kino ist die Kunst der Jungen
Mit sechsundzwanzig wird er Leiter des Filmdepartments an der ECAL, «ein totaler Zufall, eine absolute Unehrlichkeit », denkt er sich heute. Doch er findet Gefallen daran, sieht es ein bisschen wie ein Labor. Mit der Zeit findet alles seinen Platz und der Altersunterschied zu den Studenten wird grösser. Seit nunmehr dreizehn Jahren ist er seinem Posten treu und unterrichtet nach wie vor mit grosser Freude. «Dank meiner Position wird mir jeden Tag aufs Neue bewusst, dass das Kino die Kunst der jungen Leute ist, und je älter man wird, desto mehr sollte man auf sie hören. Mit der Zeit verliert man etwas von der Formbarkeit, die das Filmemachen von einem fordert. Die Jungen aber haben sie noch. Wie ein Vampir brauche ich sie, um weiterdenken zu können.» Am wichtigsten aber ist es für Lionel Baier, weiterhin Filme zu machen und verschiedene Arten von Geschichten zu erzählen. Er wendet sich der Fiktion zu, ohne dass diese Wendung einen bestimmten Sinn hätte. Er gehört zu den Regisseuren, die gerne von einem Genre ins andere wechseln und wundert sich, dass gewisse Kollegen mit dem Übergang zur Fiktion meinen, endlich den Heiligen Gral zu finden. «Viele Schweizer haben die fixe Idee, dass nur Spielfilm echtes Kino sei. Ich bewundere Leute wie Johan van der Keuken, Jacqueline Veuve oder Richard Dindo, die mit Dokumentarfilmen Karriere gemacht haben. Ich fand diese Leidenschaft für den Spielfilm immer etwas befremdlich. Selbst beim Schweizer Filmpreis ist es immer noch so, dass der Spielfilmpreis als letzter verkündet wird, obwohl die Schweiz weltweit eine der stärksten Dokumentarfilmszenen hat. Das ist etwa wie wenn wir unsere Uhrentradition leugnen und uns mit der Fabrikation von Autos brüsten würden.»
2004 dann kommt «Garçon Stupide», ein durchschlagender Erfolg. Der Film findet bei der Kritik, den Verleihern und beim Publikum gleichermassen Anklang. «Mit ‹Garçon stupide› wollte ich mich dem französischen Markt stellen. Schliesslich haben sich aber noch ganz andere Märkte geöffnet, sogar in den USA. Da der Film in so viele Länder verkauft wurde, dachte ich mir, es wäre vielleicht schlau, nicht mehr nur an Frankreich zu denken, sondern Filme zu machen, die auch den süd- und nordamerikanischen oder den östlichen Markt interessieren könnten. Das half mir, die Messlatte noch höher zu setzen und es noch weiter zu bringen.»
Und schon folgen «Comme des voleurs (à l’est)» (2006) und «Un autre homme» (2008). Als Filmemacher ist Baier nun definitiv etabliert. Trotz allem aber vergisst er auch seine Herzensangelegenheit nicht, nämlich das Filmemachen mit Freunden. 2009 gründet er zusammen mit Ursula Meier, Jean-Stéphane Bron und Frédéric Mermoud Bande à part Films in Lausanne. Sie ermutigen und unterstützen sich gegenseitig in ihren Projekten. Sie tun sich als Produzenten zusammen und realisieren gleichzeitig die eigenen Filme. Teamarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Baier setzt sogar seine Freunde in «Les grandes ondes (à l’ouest)» als Schauspieler ein. «Wenn man Filme macht, ist man oft sehr allein. Ein Filmemacher hat Angst, wenn er schreibt, wenn er dreht und wenn er schneidet. Die andern (Anm.d.Red. seine vier Freunde) haben mir stets geholfen zu verstehen, was sie machen und wie sie arbeiten. Wir telefonieren oft, machmal sogar drei Mal am Tag und manchmal auch einfach, um nichts zu sagen. Natürlich gibt es berufliche Gründe, aber oft geht es nur darum, jemanden um 2 Uhr nachts anrufen und ihm sagen zu können, dass es gerade nicht läuft und man nicht arbeiten kann. Vor allem aber tut es gut, ab und zu zusammen zu lachen.»
Letztes Jahr erobert Lionel Baier mit «Les grandes ondes (à l’ouest)» die Piazza Grande. Damit wagt er sich an das populäre Kino, das ihn als Kind so sehr zum Lachen brachte. Der Film gefällt nicht nur dem Publikum in Locarno, sondern auch in Frankreich, wo er eine ansehnliche Karriere macht.
Diesen Sommer nun ist Baier mit «La vanité» zurück. Darin findet man einen bekannten Namen wieder: David Miller. Die zum Tode «verurteilte» Figur aus «Low Cost» – einem Spielfilm, den er 2010 im Auftrag des Filmfestivals Locarno mit dem Iphone drehte. Diesmal aber ist David Miller Patrick Lapp oder eher umgekehrt. Denn auch dieser weiss, dass er nicht mehr lange zu leben hat und entscheidet sich für Sterbehilfe. Ein Film über den Tod. Eine Komödie. Ein Film, dessen schweres Thema man schnell vergisst, um sich von den Figuren berühren zu lassen.
Der Sitzplatz neben Jacques Rivette
Auch dieses Jahr wird Baier also Gast an seinem geliebten Festival in Locarno sein. Der Ort bedeutet jedes Mal auch die Erinnerung an eine Reise, die er als 15-Jähriger mit seinen Eltern machte, und die ihn in fast religiösem Taumel immer wieder dorthin zurückkehren lässt. «Locarno war eine Filmschule», erklärt er. «Als junger Mann war hier die Gelegenheit, Filme zu sehen und Regisseure zu treffen. Das ist so nur in Locarno und sonst an keinem anderen Festival möglich. ‹La Belle Noiseuse› habe ich zum Beispiel direkt neben Jacques Rivette gesehen! Locarno ist einer der wenigen Orte, wo man die Kraft des Kinos tatsächlich erleben und spüren kann, wie das Medium das 20. Jahrhundert beeinflusst hat. Von der Piazza kann man sagen, was man will, aber wenn man erst einmal vor der Leinwand sitzt, wird die unfassbare Kraft des Kinos greifbar.»