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In Moskau drohen viele konstruktivistische Bauten zu zerfallen. Das Bewusstsein für ihre Bedeutung fehlt sowohl beim Staat wie auch bei einem Grossteil der Bevölkerung.
Der Kriwoarbatskij Pereulok im Zentrum Moskaus ist eine stille Gasse. Und eine sehr exklusive. Nur wenige hundert Meter vom Getümmel der Flaniermeile Arbat entfernt haben sich hier Banken, Firmen und Schönheitskliniken niedergelassen; alte Wohnhäuser wurden deren Bedürfnissen entsprechend umgebaut. Die Gehsteige sind überstellt mit teuren schwarzen Autos, die Eingänge und Parkeinfahrten werden von Kameras überwacht. Die Fassaden der mehrstöckigen Häuser erstrahlen in frisch renoviertem Glanz. Nur ein Gebäude fällt aus dem Rahmen: ein niedriger, weisser, zylinderförmiger Bau, versteckt hinter einem schiefen mannshohen Holzzaun und wild wuchernden Bäumen und Büschen. Er liegt im Schatten der ihn umgebenden mehrstöckigen Gebäude; die Limousinen sind so nahe am Zaun parkiert, dass sie diesen fast umstossen. Ein Apfelbäumchen wächst über den Zaun, eine Katze schlüpft durch die Holzlatten.
Dass hier ein Juwel schlummert, ist leicht zu übersehen. Das Gebäude in Form zweier ineinandergreifender Zylinder ist das Haus Melnikow, eines der bedeutendsten Denkmäler des sowjetischen Konstruktivismus. Der damals sehr erfolgreiche Architekt Konstantin Melnikow hatte es Ende der zwanziger Jahre für sich und seine Familie als privates Wohnhaus gebaut - zu einer Zeit, als individuelles Wohnen und jede Form von Privateigentum undenkbar waren. Von Melnikows konstruktivistischen Bauten in Moskau - darunter mehrere Arbeiterklubs - ist das Privathaus das am besten erhaltene Gebäude. Da es seit dem Einzug der Familie Melnikow 1929 ununterbrochen von Familienmitgliedern bewohnt und nur einmal teilrenoviert wurde, befindet es sich innen und aussen noch fast im ursprünglichen Zustand.
Wer das Glück hat, das Haus von innen sehen zu dürfen, betritt eine Oase der Ruhe. Die Räume fliessen ineinander über, Ecken und Kanten gibt es kaum, alles ist rund. Dank den eigenwilligen kleinen sechseckigen Fenstern, mit denen das Gebäude buchstäblich übersät ist, fällt das Sonnenlicht den ganzen Tag über ins Innere des Hauses und erzeugt einzigartige Raumstimmungen. Die Einrichtung atmet das Leben der vergangenen siebzig Jahre: alte Möbel, Erinnerungsstücke, Skizzen, Fotografien, Gemälde und Skulpturen von Konstantin Melnikows Sohn, dem Maler Wiktor Melnikow, verleihen den Räumen eine besondere Atmosphäre.
Als Formalisten gebrandmarkt
Jekaterina Melnikowa, die Enkelin des Erbauers, führt mich die elegant geschwungene Treppe hinauf in die Werkstatt, den eindrucksvollsten Raum: hoch, rund, mit 38 sechseckigen Fens-tern, in der noch die Staffelei ihres Vaters Wiktor Melnikow steht. Jekaterina Melnikowa liebt das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Der Grossvater habe oft zu ihrem Vater gesagt, er sei selbst erstaunt, wie schön alles geworden sei, erzählt sie. Immer wieder entdecke man neue gelungene Details. Sie selbst litt in der Schule darunter, in einer Villa zu wohnen. Ihre Schulkameradinnen hausten in Gemeinschaftswohnungen, den sogenannten Kommunalkas. Ihres Privilegs wegen wurde Jekaterina gehänselt und geschnitten. Dazu kam, dass der Grossvater inzwischen in Ungnade gefallen war: Unter Stalin wurden die Konstruktivisten als Formalisten gebrandmarkt. Die Kritik und der öffentliche Druck auf die Familie waren gross. «Was hast du da gebaut!», habe sie ihrem Grossvater einmal vorgeworfen. Erst später habe sie begriffen, wie wertvoll das Haus sei.
Doch das Haus ist bedroht - seine Zukunft ist ungewiss. Der Maler Wiktor Melnikow starb im Februar dieses Jahres; er hatte sich zeitlebens für das Haus eingesetzt. Seine beiden Töchter und der Neffe sind in einen komplizierten Erbschaftsstreit verwickelt. Die Hälfte des Hauses wurde inzwischen an einen jungen Politiker und Immobilienspekulanten verkauft. Dieser beteuert zwar, dem Staat helfen zu wollen, aus Melnikows Meisterwerk ein Museum zu machen. Und auch der verstorbene Wiktor hatte den Wunsch, dass das Haus des Vaters zum staatlichen Museum werde. Doch dazu muss zuerst die komplizierte Erbschaftslage geklärt werden - und der russische Staat muss sich für das Museum engagieren.
Die Zeit drängt, denn das Gebäude ist in schlechtem Zustand. Das Grundwasser drückt hoch, die Fundamente werden feucht, der Keller beginnt zu schimmeln. Das habe damit zu tun, dass beim Umbau oder Neubau der umliegenden Gebäude unterirdische Parkings und Schwimmbäder errichtet worden sind, erzählt Marina Chrustaljowa. Die junge Frau arbeitet für eine Organisation namens Moscow Architecture Preservation Society (Maps), die sich für den Schutz bedrohter Architekturdenkmäler in Moskau einsetzt. Das Grundwasser könne nicht mehr abfliessen und sammle sich auf dem Grundstück des Melnikow-Hauses, sagt Chrustaljowa. Ein geologisches Gutachten sei deshalb dringend. Es gibt auch kleinere Schäden im Haus: Von der Decke des Schlafzimmers ist ein grosses Stück Gips abgefallen, und bei einer der grossen Fensterscheiben beim Eingang ist das Glas gesprungen - möglicherweise verursacht durch Bewegungen des Bodens, auf dem das Haus steht.
Die meisten Bauten der russischen Avantgarde und des Konstruktivismus, die in den zwanziger und in den frühen dreissiger Jahren in Moskau errichtet wurden, befinden sich in einem desolaten Zustand. Sie wurden in den über siebzig Jahren ihres Bestehens nie renoviert, zerfallen - oder fast noch schlimmer: Sie wurden unsachgemäss umgebaut.
In besonders prekärem Zustand ist das Wohnhaus für die Angestellten des Volkskommissariats für Finanzen (Narkomfin), eines der bedeutendsten und elegantesten Monumente des russischen Konstruktivismus. Es wurde 1928 bis 1930 von Moissei Ginsburg entworfen und ist Stein gewordene soziale Utopie: Das Gebäude gilt als Übergangstyp auf dem Weg zu den Kommunalbauten, in denen die Familien als Primärzelle der Gesellschaft durch das Kollektiv ersetzt wurden. Die kleinen Wohnungen im Narkomfin-Haus hatten minimale Küchen, in einem Nebengebäude fanden sich Gemeinschaftsanlagen wie Küche, Waschraum, Kinderbetreuung, Erholungsraum und Bibliothek. Der Dachgarten wurde als «Solarium» genutzt.
Das sechsstöckige Betonhaus am Nowinskij-Boulevard neben der US-amerikanischen Botschaft steht auf Stützen. Seine innere Organisation soll Le Corbusier zu seiner Unité d’Habitation in Marseille inspiriert haben. Von den ursprünglich fünfzig Wohnungen sind heute noch gegen achtzehn bewohnt. Das Dach leckt, der abgefallene Verputz an der Fassade lässt den Blick auf die Betonstruktur frei, ganze Reihen von Fenstern sind zerbrochen, einige davon notdürftig mit Sperrholz geschützt, Büsche wachsen aus dem kaputten Beton. Im Innern sind ganze Mauern eingestürzt. Das einst elegante und stolze Gebäude sieht heute erbärmlich aus. Der «World Monuments Fund» hat das Narkomfin-Wohnhaus an die Spitze seiner Liste der weltweit hundert am meisten gefährdeten Bauten gesetzt.
Zurzeit interessiert sich eine Gruppe von Investoren für das Gebäude. Es wird diskutiert, es zu einem Designhotel umzubauen oder ein Ausstellungszentrum für Design einzurichten. Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow hat sich gemäss Medienberichten für die Rettung des Gebäudes und für die Idee eines Hotels ausgesprochen. Allerdings verlautet aus der Stadtverwaltung, die Erhaltung der inneren Struktur sei wegen des schlechten Zustands kaum möglich. Das wiederum versetzt die Architekturkritiker und Denkmalschützerinnen in Rage. «Bei diesem Gebäude ist die innere Struktur das Wichtigste», sagt Marina Chrustaljowa. «Diese zu zerstören, wäre vollkommener Unsinn.»
Gleichmut und Ablehnung
Den Bauten des Konstruktivismus begegnet man in Russland mit Gleichmut und sogar Ablehnung - im Unterschied zur Architektur aus anderen Perioden, dem Klassizismus etwa. Nicht nur den gewöhnlichen Leuten, auch den Moskauer Entscheidungsträgern und der Businesselite fehlt das Bewusstsein, dass in der Stadt Pionierbauten, die internationales Kulturerbe sind, dem Zerfall und der Zerstörung ausgeliefert sind. «Je älter das Gebäude, desto eher wird es als Denkmal anerkannt», sagt Marina Chrustaljowa. «Bei den Bauten des zwanzigsten Jahrhunderts ist dieses Bewusstsein praktisch nicht vorhanden.» Es sei noch zu wenig Zeit vergangen für eine Neubewertung, und die mittlere und ältere Generation, die jetzt an der Macht sei, habe zur sowjetischen Periode eher ein negatives Verhältnis.
«Wer in diesen Häusern in Kommunalwohnungen lebte, hat unangenehme Erinnerungen», sagt sie. Zudem seien die konstruktivistischen Gebäude in der Regel mit bescheidenen Materialen gebaut und während mehrerer Jahrzehnte nicht instand gestellt worden. «Sie sehen sehr traurig aus. Sie werden nicht als wertvoll wahrgenommen, sondern als heruntergekommene, schäbige Bauten.» Und schliesslich ist es eine Architektur, die einen bestimmten künstlerischen Geschmack verlangt. «Jurij Michailowitsch Luschkow liebt den Konstruktivismus nicht, das ist bekannt. Er hält ihn für hässlich, nennt ihn banal und platt.» Die Absenz der von ihm so sehr geschätzten Ornamente, Verzierungen, Säulen und Türmchen geht dem Bürgermeister gegen den Strich. Für die Schönheit leerer Flächen hat er kaum ein Gespür.
Im April 2006 hat sich eine hochkarätige Konferenz in Moskau, die internationale und russische ExpertInnen zusammenführte, dem Thema der gefährdeten Architekturikonen der russischen Avantgarde angenommen. In einer Erklärung zum Schluss der Konferenz wurden acht Gebäude aufgezählt, bei denen ein Eingreifen dringlich ist, darunter zahlreiche Bauten Melnikows und das Narkomfin-Haus. Bürgermeis-ter Luschkow kam nicht darum herum, VertreterInnen der Konferenz zu empfangen. Es scheint nun so, als habe die Tagung das Bewusstsein um den Wert dieser Bauten bei Politikern und auch in der Wirtschaftswelt gesteigert. Denn plötzlich beginnen sich Investoren für den Konstruktivismus zu interessieren - für Bauten, von denen sie zuvor wahrscheinlich nie gehört hatten.
Dieser allmähliche Bewusstseinswandel ist unter anderem das Verdienst von Maps. Die nichtstaatliche Organisation, die 2004 von ausländischen, in Moskau tätigen JournalistInnen gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, eine breite Öffentlichkeit auf die fortschreitende Zerstörung historischer Bauten in Moskau aufmerksam zu machen. Man schätzt, dass dem anhaltenden Bauboom in der russischen Hauptstadt in den letzten zehn Jahren rund vierhundert historische Bauten zum Opfer gefallen sind, darunter über fünfzig wertvolle Architekturdenkmäler. Für Maps sind heute zahlreiche ausländische und russische Denkmalschützer, Architektinnen und Historiker tätig. Ihr Ziel versucht die Organisation mit Pressearbeit, der Organisation internationaler Konferenzen, Ausstellungen und dem Networking mit internationalen ExpertInnen zu erreichen.
Die rasante Veränderung der Stadt hat aber auch andere AktivistInnen auf den Plan gerufen. Eine Gruppe, die hinter der Website «Moskwa-kotoroj-njet» steht (auf Deutsch: das Moskau, das es nicht mehr gibt), befasst sich mit den bereits abgerissenen Bauten. Die AktivistInnen schreiben die Geschichte der verschwundenen Häuser und versuchen so, die entstandenen Lücken im Gedächtnis zu füllen. Neben der Website verfasst die Gruppe Bücher und organisiert Spontanaktionen vor bedrohten Gebäuden. Einen anderen, pädagogischen Zugang hat der junge Kunsthistoriker Sergej Nikitin gewählt. Er ist überzeugt, dass nur das bessere Wissen um den Wert dessen, was einen umgibt, langfristig zu einer Veränderung im Umgang mit dem architekturhistorischen Erbe führen kann. Nikitin organisiert mit Freunden unter dem Namen MosKultProg (Kulturologische Spaziergänge in Moskau) öffentliche Begehungen von Quartieren in Moskau und St. Petersburg. Dabei kommen nicht nur ExpertInnen zu Wort, sondern auch AnwohnerInnen sind eingeladen, von ihren Erinnerungen und Erfahrungen zu berichten. Damit will Nikitin erreichen, dass die BewohnerInnen Moskaus und St. Petersburgs zu begreifen beginnen, dass in ihren Städten nicht nur der Kreml, der Rote Platz, die Basiliuskathedrale und - in Petersburg - die Ermitage wertvolle Bauten sind, sondern dass auch Gebäude in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu ihrem kulturhistorischen und nationalen Erbe gehören.
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ