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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Mein Freund Hans berichtete darüber, dass es immer etwas zu lernen gäbe, und sei es im Zusammenhang mit gesundheitlichen Beschwerden. Da es in unserer Zeit kaum noch Tabus gibt, über die ungern oder ganz und gar nicht gesprochen wird, machte ihm es auch nichts aus, über seine Darmprobleme zu sprechen.
Es fing damit an, dass er erzählte, dass sein Darm „verrückt“ spielte, also sich nicht so verhielt, wie er sollte, denn Hans hatte es abwechselnd mit normalem und dann wieder mit fast flüssigem Stuhlgang zu tun.
Er erzählte mir, dass er in diesem Zusammenhang im Internet auf einschlägigen Seiten entdeckt hatte, dass es auch eine medizinische Bedeutung des Begriffes „falscher Freund“ gibt. Er kannte nämlich nur die „falschen Freunde“, die bei der Übersetzung von einer Sprache in die andere vorkommen, wenn die Begriffe identisch oder ähnlich sind, aber eine völlig unterschiedliche Bedeutung haben. Im medizinischen Sinn gibt es den „falschen Freund“ im Zusammenhang mit, er drückte es einfach aus, dem „Furz“, wenn sich also das Gas, das bei der Darmtätigkeit anfällt, einen Weg nach draussen bahnt. Falsch wird der Furz nämlich dann, wenn er nicht nur Gas transportiert, sondern auch feucht und braun ist. Das war ihm nämlich passiert und war für ihn auch unangenehm, weil die Feuchte durch seine Jeans nach aussen gedrungen war. Zudem hatte er eine Woche lang Durchfall.
Hans war ein wenig beunruhigt, weil dieses Problem recht lang anhielt, und er entschloss sich, zum Hausarzt zu gehen. Er hatte sich diesen Termin für den Montag vorgenommen. Überraschenderweise für ihn normalisierte sich am Wochenende davor seine Darmtätigkeit. Er ging trotzdem hin. Der Hausarzt sprach fast liebevoll von den Gründen, die „den menschlichen Auspuff“ zu diesen Fehlzündungen“ bewege, unter anderem eine Virenentzündung, aber auch andere Ursachen. Auch dieser Ausdruck für sein Hinterteil war neu für Hans. Bisher hatte er die Bezeichnung für das Rohr, Autoabgase abzuleiten, noch nie auf den medizinischen Bereich übertragen gehört oder gelesen, fand ihn aber logisch und passend.
Der Dickdarm ist die Endstation der Körperalchemie, der letzte Wegabschnitt bei der Umwandlung von Materie in Energie. Hier sammeln sich die Überbleibsel des Verbrennungsprozesses – all das, was der Körper als unbrauchbar ausscheidet.
Zur Beruhigung sollte Hans einmal eine Koloskopie machen, also eine Darmspiegelung. Da der Darm völlig schmerzfrei ist, wird eine solche Untersuchung für alle ab dem Alter von 50 Jahren empfohlen, wenn man nicht Gefahr laufen will, plötzlich mit Darmkrebs konfrontiert zu werden, denn dann sei es oft schon zu spät.
Koloskopie war wieder ein neuer, unbekannter Begriff für Hans. „Colon, verdeutscht Kolon“, so las er später bei Wikipedia, kommt aus dem Griechischen und bedeute „Darm oder Wurst“ und ist der mittlere Abschnitt des Dickdarms der Säugetiere. Er beginnt nach dem Blinddarm und geht dann in den Mastdarm über. Es hat sogar eine jetzt veraltete Bezeichnung dafür mit Namen „Grimmdarm“ gegeben.
Der Hausarzt erläuterte Hans den technischen Ablauf einer Koloskopie. Er erzählte, er selbst habe diese Untersuchung auch schon überstanden, sie sei unproblematisch und verlaufe rascher als er sich das vorher vorgestellt habe. Eine Art Schlauch, Koloskop oder Endoskop genannt, aus dessen Öffnung eine Schlinge, ein kleines Schneidewerkzeug und eine Kamera ragen, wird durch den Anus 1 ½ m tief in den Darm geschoben. Durch Einblasen von Luft entfaltet sich der Darm. Sollte das Endoskop auf krankhafte Veränderungen stossen, lassen sich diese so erkennen. Das könnten Polypen sein, kleine pilzartige Ausstülpungen. Eigentlich gutartig, werden sie dennoch abgeschnürt und abgeschnitten, denn sie könnten im Laufe der Jahre krebsartig werden.
Der Patient erhalte eine leichte Betäubung und ein Schmerzmittel, spüre also absolut nichts davon.
Das eigentlich Unangenehme an der ganzen Sache sei die Vorbereitung. Ab dem Vortag darf nach einem Frühstück nichts mehr gegessen werden. Der Patient soll im Laufe des Tages etwa 2 ½ Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, also Wasser, Saft, Kaffee ohne Milch oder wässerige Suppe. Am Spätnachmittag muss er ein Puder, Moviprep genannt, in 1 Liter Wasser auflösen und diese Flüssigkeit innerhalb von 1 bis 2 Stunden in Abständen von 10 bis 15 Minuten trinken. Das Zeug schmecke nicht gerade gut und führe dazu, dass der Patient am Ende dauernd auf der Toilette sitzen müsse. Am Morgen, 5 Stunden vor der Untersuchung, müsse die ganze Prozedur noch einmal wiederholt werden.
Hans entschied sich, die Untersuchung in einem Krankenhaus machen zu lassen. Er bekam einen Termin für ein Vorgespräch. Darin wurde der Ablauf noch einmal erläutert, nach Vorerkrankungen gefragt, und ihm wurde ein wenig Blut abgenommen. Zwischen den einzelnen Schritten musste Hans immer wieder vor dem Sekretariat auf einer Bank warten. Er war nicht der einzige Wartende, und sein Nachbar erzählte, er durchlaufe diese Untersuchung bereits zum 5. Mal. Er sei genetisch vorbelastet, denn seine Eltern seien an Darmkrebs in frühem Alter verstorben. Beim ersten Mal habe der Arzt 15 Polypen entfernt, beim letzten Mal vor 3 Jahren dann keine mehr gefunden. Eine regelmässige Wiederholung sei ihm aber dringend angeraten worden.
Die Untersuchung sollte an einem Montag stattfinden. So beendete Hans die feste Nahrungsaufnahme am Sonntagmorgen mit dem Frühstück und trank den ganzen Tag über mehr als 2 Liter Saft, Brühe und Wasser. Abends löste er das Puder in einem Liter Wasser auf und trank es schluckweise im Verlauf einer Stunde. Es schmeckte wie das Brausepulver, das er als Kind für ein paar Pfennig immer wieder mal in einem Glas aufgelöst hatte und das billiger war als Limonade.
Nach 45 Minuten spürte er die Wirkung; der Bauch schmerzte etwas. Dann musste er auf die Toilette und konnte sie erst nach weiteren 45 Minuten wieder verlassen, und es war nicht der letzte Gang. Die Flüssigkeit hatte den Kot aufgelöst und verliess explosionsartig den Körper. Den ganzen Abend musste er noch etwas trinken.
Am nächsten Morgen früh um 5 Uhr musste Hans die Prozedur wiederholen. Damit war der Darm gereinigt. Sein Magen grummelte schon gewaltig. Schon 24 Stunden hatte er keine Nahrung mehr zu verarbeiten. Es wurde Zeit, dass die Untersuchung begann.
Nach einer kurzen Wartezeit im Krankenhaus war es dann so weit. Hans musste sich unten freimachen, zog eine Art weitläufige Hose, die hinten eine Öffnung hatte, an und legte sich auf eine Krankenbahre. Blutdruck- und Pulsmessgerät wurden angeschlossen. Dann bekam er, nachdem er sich in Seitenlage gebracht hatte, eine Spritze, die ihn kurze Zeit später einschlafen liess.
Als er wieder erwachte, berichtete der Arzt, dass er viel Arbeit gehabt hätte, denn Hans sei schlank. Bis auf einen Polypen und einer Polypenknospe sei aber nichts auffällig gewesen.
Wegen der Narkosenachwirkungen musste Hans noch eine halbe Stunde liegenbleiben, die ihm in den Darm gepumpte Luft entwich in Abständen. Dann konnte er in Begleitung seiner Frau nach Hause gehen. Der Arzt sagte ihm noch, er soll wegen der Polypen in 3 Jahren wiederkommen.
Der Befund, gerichtet an den Hausarzt, lautete ausschnittsweise: Es zeigt sich ein breitfächeriger Polyp im Colon ascendes bei 110 cm Sichtweite mit einer Grösse von 20 mm und intakter Oberfläche. Der Polyp wird nach Unterspritzung in mehreren Stücken entfernt und teilweise geborgen. Keine Komplikationen. – Es zeigt sich eine Polypenknospe in der linken Flexur mit einer Grösse von 4 mm und intakter Oberfläche. Sie wird komplett in einem Stück entfernt und geborgen.
Es war also sinnvoll gewesen, diese Untersuchung machen zu lassen. Zu Hause angekommen, liess Hans es sich wieder gut schmecken, nach 1 ½ Tagen wieder eine anständige Mahlzeit.
Trotz der Umstände sei es eine wertvolle Erfahrung, so Hans, zudem hätte er seinen Wortschatz erweitern können!
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