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Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung AWI und das GEOMAR-Helmholtz-Zentrum für Meereswissenschaften sind bekannte und hoch angesehene Forschungsinstitutionen, die seit Jahrzehnten die deutsche Meeresforschung in vielen Bereichen international voranbringen. Einen massgeblichen Anteil an der Reputation auch in den Polarwissenschaften der beiden Institute hatte deren Direktor Professor Dr. Jörn Thiede, Geologe und Meeresforscher. Nun ist der bekannte Wissenschaftler kurz nach seinem 80. Geburtstag überraschend verstorben. Beide Institute veröffentlichen gemeinsam einen Nachruf auf ihren ehemaligen Direktor. PolarJournal bringt Auszüge aus dem Nachruf.
Jörn Thiede wurde am 14. April 1941 in Berlin geboren und erlebte als Kind die Schrecken des 2. Weltkrieges und die schwierigen Jahre des Wiederaufbaus, auch nach dem Umzug nach Kiel. Nach seiner Schulzeit studierte er in Kiel, Wien und Buenos Aires Erdwissenschaften, eine Passion, die ihn seit der Schulzeit erfasst hatte. 1967 schliesslich schloss er sein Studium in Kiel ab und ging an die Universität Arhus (DK), um dort als Lektor für „Exogene Geologie“ zu arbeiten. Sein Interesse von der land-basierten Geologie zur Meeresgeologie brachte ihn zurück nach Kiel, wo er 1971 erfolgreich promovierte und sich auch international weiter etablierte. Von 1973 bis 1975 arbeitete Jörn Thiede in Bergen, Norwegen, als Universitätslektor und Førstelektor, sowie als Sedimentologe auf dem Deep Sea Drilling Project Leg 39 im zentralen Atlantik.
Mit seinem Wechsel an die Oregon State University 1974 begann die lebenslange Zusammenarbeit mit Erwin Suess, den er später an das von ihm neu gegründete Forschungszentrum für Marine Geowissenschaften (GEOMAR) berief. Beide interessierten sich für die ozeanischen Auftriebsgebiete. Im Jahr 1977 wurde er auf den Lehrstuhl für Historische Geologie an der Universität Oslo berufen, Norwegen wurde seine zweite Heimat. Hier betätigte er sich mehrmals an Tiefseebohrprojekten, die in mehreren vielzitierten Publikationen mündeten und seine Hingabe zur Paläo-Ozeanographie weckten. Seine Blickrichtung als Paläo-Ozeanograph auf die Sedimente des Meeresbodens als „das vollständigste Tagebuch der Erdgeschichte“, wie er es nannte, ermöglichte ein vertieftes Raum-Zeit-Verständnis für die Entwicklung der Weltmeere und der Erde. In Norwegen und der Teilnahme an der YMER-Arktis-Expedition wuchs auch seine Vorliebe für das Nordmeer.
Dem Ruf auf den Lehrstuhl für Paläontologie und Historische Geologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) folgte Jörn Thiede 1982 zurück nach Kiel. Mitte der achtziger Jahre richtete die DFG eine Arbeitsgruppe zur Frage ein, wie die marinen Geowissenschaften in Deutschland gestärkt werden können – und dem Ergebnis, dass im September 1987 GEOMAR als ein An-Institut der CAU gegründet und Jörn Thiede als Gründungsdirektor berufen wurden. Mit Energie konnte er die Landesregierung überzeugen, einen enorm visionären Neubau auf dem Seefischmarktgelände in Kiel zu errichten einschließlich erheblicher Investitionen in die Tiefseeforschung. Mit klugen Berufungen aus dem In- und Ausland entwickelte er das GEOMAR zu einem der besten Ozeanforschungszentren der Welt. Trotz vieler wichtiger Management-Aufgaben nahm Jörn Thiede weiter an aufsehenerregenden Expeditionen teil – unter anderem mit dem Forschungseisbrecher POLARSTERN und der schwedischen ODEN, die am 7. September 1991 bis zum Nordpol führte.
Im Herbst 1997 folgte die Bestellung als Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, wo Jörn Thiede als Professor für Paläozeanographie an die Universität Bremen berufen wurde. Er gestaltete in dieser Zeit bedeutende Großprojekte wie den Zusammenschluss mit der Biologischen Anstalt Helgoland und der Integration der Küstenstationen Helgoland und Sylt, den Erweiterungsbau des AWI an der Doppelschleuse Bremerhaven, die Midlife-Conversion des Forschungseisbrechers Polarstern und den Neubau der deutschen Forschungsstation auf der Antarktis, Neumayer III. Durch die Zusammenarbeit in der Polarforschung, vor allem mit den Anrainerstaaten der Arktis, vertiefte er besonders die Zusammenarbeit mit Norwegen, Frankreich und Russland. Auch die Arktisstation AWI-IPEV in Ny Alesund entstand unter seiner Ägide. Jörn Thiede wirkte unermüdlich beim Aufbau der internationalen Polarforschung mit, so war er von 1999-2002 Präsident des European Polar Board und von 2002-2006 Präsident von SCAR, dem International Scientific Committee on Antarctic Research. Von 2003-2006 war er zudem Vizepräsident der Helmholtz Gemeinschaft.
Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2007 setzte Jörn Thiede seine Aktivitäten in der internationalen Zusammenarbeit und der Unterstützung von Nachwuchswissenschaftler*innen fort, zunächst von 2008-2011 als Professor für „Geologie und Klima“ am dänischen Geozentrum in Kopenhagen, dann mit der Verleihung des „Megagrant“ des russischen Ministeriums für Bildung und Forschung und der Kathedra für Paläoklimaforschung in Russland seit 2010.
Jörn Thiede erhielt viele Auszeichnungen als Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen, unter anderem den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der DFG (1988), das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1995), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bremerhaven (2010) sowie den Internationalen Willy-Brandt-Preis (2011). Unter den internationalen Auszeichnungen hervorzuheben sind die Murchison-Medaille der Geological Society (London), der Grand Prix d`Océanographie der Fondation Rainier III de Monaco, der Chevalier de l’ordre national du Mérite, Frankreich sowie der Honorary Fellow der EUG und die Ehrendoktorwürde der Universität Göteburg, Schweden sowie der Staatlichen Universität St. Petersburg. Ab 1991 wirkte Jörn Thiede als Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz, ab 2004 auch bei ACATECH und ab 2007 bei der Nationalakademie Leopoldina. Er war Mitglied der Königlich-Norwegischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie der Naturwissenschaften – Russische Föderation, der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS), der Königlich-Dänischen Akademie der Wissenschaften, und der Academia Europaea.
Das unermüdliche, fröhliche und ambitionierte Wirken von Jörn Thiede an unseren Standorten und für die Erdsystemwissenschaften weltweit sowie sein zukunftsgewandter Expeditionsgeist sind und bleiben uns eine Inspiration. Die Welt der Polarwissenschaften verliert mit Jörn Thiede eine wichtige und einflussreiche Integrationsfigur.
Nachruf AW & GEOMAR, bearbeitet von Dr. Michael Wenger, PolarJournal