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Das rätoromanische Volksliedgut
Ein Band mit bisher unveröffentlichten Liedern, Balladen und Gesängen, begleitet von historischen Fotos und Dokumenten.
Bereits von 1912–1915 nahm der Engadiner Peider Lansel mit einem Phonographen, den er eigens in Amerika bestellt hatte, ladinische Volkslieder auf. Von 1896–1919 publizierte Caspar Decurtins unter dem Titel Rätoromanische Chresthomathie 13 Bände mit zahlreichen Liedtexten aus Graubünden. 1930 beauftragte die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde verschiedene Forscher, unter ihnen den Soldatensänger und Volksliedsammler Hanns in der Gand und den Lehrer und späteren Ethnomusikologen Alfons Maissen, mit einer Liederhebung in ganz Romanischbünden. In Zusammenarbeit mit Werner Wehrli hat Alfons Maissen 1945 zwar die Consolaziun dell' olma devoziusa (Trost der andächtigen Seele), geistliche Lieder, veröffentlicht, aber Hunderte von weltlichen Liedern, Ton- und Fotoaufnahmen sowie Notenmanuskripte, lagen während mehr als 70 Jahren weitgehend brach.
Eine erfreuliche Ausnahme macht ein Büchlein mit 60 Liedern aus Bergün, Müstair und Tschlin, die Gian Gianett Cloetta 1958 unter dem Titel Chanzunettas populeras rumauntschas im originalen Idiom und auf Deutsch herausgegeben hat, während das vielfältige Heft Rätoromanische Volkslieder aus mündlicher Tradition von 2011 an Wert einbüsst, weil die zwar ausgezeichneten Kommentare von Iso Albin und Cristian Collenberger nicht mit den Tracks der beiliegenden CD übereinstimmen.
Von 2006–2009 bereitete der Churer Kantonsschullehrer und Musiker Iso Albin 1500 Dokumente der Sammlung Maissen für die digitale Nutzung auf. Sie sind seit 2011 über die Online-Plattform der Schweizer Nationalphonothek zugänglich: eine einzigartige Sammlung von Gehörsnotationen, Aufnahmen auf Pilaphonplatten (Schallfolien) und Magnettonbändern, Notizen, Korrespondenzen, Fotos und Biografien der Sängerinnen und Sänger aus den frühen 1930er-Jahren (Links s. unten); Material, das für das historische Verständnis der Alltagswelt im Alpenraum von hohem Wert ist.
Wer sich Volkslieder nach wie vor lieber in einem Buch gedruckt und von einem Tonträger akustisch zu Gemüte führt, darf zum gelungenen, reich bebilderten und mit einer CD ergänzten Band aus dem Somedia-Verlag greifen. Die 40 bisher unveröffentlichten, aus den 1500 Tonaufnahmen und Notationen sorgfältig ausgewählten und kommentierten Liedtranskriptionen erlauben es in Übersetzungen auch jenen, die in den romanischen Idiomen nicht bewandert sind, historische Gesänge und Balladen von Liebes- und Brauchtumsliedern zu unterscheiden. Unter ihnen gelten die «Mintinadas», die der Braut am Abend vor der Hochzeit gesungen werden, wie z. B. E pitigot al mitger bab (Nr. 27, Track 15) als Spezialität der Volkskultur in Graubünden.
Den Katalog von Iso Albin leiten Begleitaufsätze von Karoline Oehme-Jüngling (Zur Idee des Volkslieds), Dieter Ringli (Zur alltäglichen Praxis des Singens) und, besonders aufschlussreich, der Artikel von Cristian Collenberg (Zur Sammlung von rätoromanischen Volksliedern in Zeiten der kulturellen Selbstfindung) ein.
Die liebevoll gestaltete und besonders in den ganzseitigen Foto-, Noten- und Textseiten aussagekräftige Neuerscheinung ist für das kulturelle Gedächtnis der Rumantschia und damit für die ganze Schweiz kostbar und leistet einen Beitrag zum immateriellen Kulturerbe, für den man den Sängerinnen und Sängern, den Feldforschern und den Herausgebern nur dankbar sein kann.
Die Sammlung Maisen. Ein Querschnitt durch das rätoromanische Volksliedgut, 272 Seiten mit Illustrationen, Notenbeispielen und CD, Fr. 56.00, Edition Terra Grischuna, Somedia-Verlag, Chur 2014, ISBN 978-3-7298-1190-4