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Wann wurde die Lilah-Stiftung errichtet und warum?
Die Stiftung wurde vor zwei Jahren errichtet und geht auf eine von meinem Vater errichtete Familienstiftung zurück. Wie es bei kleinen, nicht von Fachkräften geführten Stiftungen häufig der Fall ist, treten nach dem Tod des Stifters Probleme unter den Nachfolgern auf, die unterschiedliche Ausrichtungen und Prioritäten haben können. Wir Geschwister haben daher beschlossen, uns zu trennen, glücklicherweise in gutem Einvernehmen und in Harmonie, aber ich denke, dies ist eine Überlegung, die man bei der Errichtung einer Stiftung berücksichtigen sollte: Entweder man vertraut sie einem professionellen Team an - was aber nur bei sehr wohlhabenden Stiftungen möglich ist - oder man sollte voraussehen, was passiert, wenn der Stifter stirbt.
Was sind die statutarischen Ziele der Stiftung?
Wir Geschwister haben die von unserem Vater gesetzten Ziele erfüllt. Das heißt, die jüdische Kultur und das jüdische Volk zu unterstützen. Mein Vater hatte die Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs miterlebt und war ein überzeugter Zionist. Für ihn war Israel die einzige Sicherheit für Juden und er widmete die Hälfte seines Vermögens dem Bau von Krankenhäusern, Universitäten, Schulen, Zentren für benachteiligte oder behinderte Kinder in Israel, aber auch Zentren der jüdischen Kultur in der Welt. Er war der Meinung, dass das jüdische Denken nicht hinreichend bekannt war, sondern der Vermittlung durch die die katholische und christliche Kultur bedurfte. Zudem dachte er, dass die Schätze unseres Wissens und unsere Vision der Welt es verdienten, allen zugänglich gemacht zu werden. Von ihm lernte ich den Stolz, Jüdin zu sein, den Respekt vor der Tzedaká und die Nächstenliebe als konstitutive forma mentis sowie die Priorität der Kultur anzuerkennen.
Sie sind Präsidentin von BrainCircle Italien und BrainCircle Lugano: Was machen diese beiden Institutionen?
Unser Ziel ist es, das Wissen über die Gehirnforschung zu verbreiten. Eine grundlegende Erkenntnis, denn wir sind unser Gehirn. Die BrainCircles entstanden aus einer Idee der Hebrew University of Jerusalem, die erst vor wenigen Tagen vom renommierten Shanghai Ranking als beste Universität Israels und eine der hundert besten Universitäten der Welt bewertet wurde. Ich gründete BrainCircle Italien mit der Unterstützung von Rita Levi Montalcini, einer jüdischen Nobelpreisträgerin und ihrer rechten Hand Pietro Calissano, einem großartigen Wissenschaftler und einem großen Unterstützer unserer Arbeit. Wir beschäftigen uns mit der Hirnforschung in drei Hauptbereichen: (1) dem Erwerb kognitiver Fähigkeiten, d.h. wie und warum das Gehirn denkt, weiß, urteilt, handelt; (2) neurodegenerativen Erkrankungen, d.h. warum und wie das Gehirn krank wird, in der Hoffnung, wirksame Heilmittel zu finden und (3) Brain-Machine Interfaces, d.h. der Beziehung zwischen Gehirn, Computern, künstlicher Intelligenz, Robotik - einem Gebiet, das mich sehr fasziniert und wirklich erstaunlich ist.
Sie organisieren eine große internationale Konferenz «Emotions» in acht Etappen (Jerusalem, Genua, Rom, Lugano, Mailand, Genf, London, Lissabon) zum Thema Emotionen, auf der ausschließlich Wissenschaftlerinnen sprechen. Eine innovative Formel. Wie ist es dazu gekommen?
Einerseits ist dies eine Folge der Covid-Pamdemie: Wenn Mohammed nicht zum Berg geht, geht der Berg zu Mohammed. Als das Projekt letztes Jahr begann, war es undenkbar, Wissenschaftler aus der ganzen Welt an einem Ort zusammenzubringen. Daher entstand die Idee, eine Konferenz in mehreren Etappen durchzuführen, die wir dann als eine einzige Veranstaltung ins Internet stellen. Die Idee, Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, geht auf die Beobachtung zurück, dass auf den meisten Konferenzen fast nur Männer als Redner eingeladen werden. Ich selbst habe mich in der Vergangenheit mit diesem Verhaltensmuster schuldig gemacht. Warum? Ich denke, es ist eine Form von geistiger Faulheit: Männer sind bekannter, präsenter auf Google und Youtube und man gibt sich zu wenig Mühe, nach Frauen zu recherchieren... Cherchez la femme. Was das Thema Emotionen angeht, so finde ich es aus vielen Gründen faszinierend. Bis vor einigen Jahrzehnten galten sie als eine Art weibliches Handicap. Wahres Denken war rein, rational, philosophisch, männlich, unberührt von Emotionen. Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass das nicht stimmt: Ohne Emotionen gibt es kein Denken, auch wirtschaftliche Entscheidungen bleiben davon nicht unberührt. Und man hat erkannt, dass die emotionale Intelligenz ein grundlegender Bestandteil der Intelligenz schlechthin ist. In diesem Sinne ist "Emotions" (https://www.emotionsbrainforum.org/) eine Provokation: Würdigen wir die Wissenschaftlerinnen, würdigen wir die Emotionen, würdigen wir die Frauen, die über Emotionen sprechen! Die Idee wurde mit großem Enthusiasmus aufgenommen: Ich habe mich mit einigen der wichtigsten europäischen Forschungszentren in Verbindung gesetzt und sie zur Zusammenarbeit eingeladen, und sie haben alle zugesagt. Und die Vereinten Nationen in ihren verschiedenen Abteilungen verfolgen uns mit Interesse und haben vorgeschlagen, dieses Format in die Entwicklungsländer zu exportieren, in denen Frauen anerkannt und ermutigt werden müssen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.
Aber an wen richtet sie sich eigentlich "Emotions"? Nur an Frauen?
Auf keinen Fall. Im Gegenteil, wir ermutigen Männer zur Teilnahme. Bei jeder Konferenz haben wir führende Wissenschaftler als Moderatoren und Mitorganisatoren. Und wir setzen auf ein männliches Publikum, denn Emotionen betreffen auch Männer und Männer sollten sie besser kennen und sich freier fühlen, diese auszudrücken. Wir wenden uns an ein möglichst breites Publikum von Fachleuten, Studenten, aber auch an Menschen, die mehr über die Mechanismen wissen wollen, die uns dazu bringen, Entscheidungen zu treffen, zu handeln, zu lieben oder zu hassen und moralische Urteile zu fällen.
Wie haben Sie ein so ehrgeiziges Projekt finanziert?
Das ist eine gute Frage... Wir haben es noch nicht geschafft, alle Kosten zu decken, trotz der Großzügigkeit und des Enthusiasmus vieler Sponsoren und Gönner. Wie Sie sich vorstellen können, handelt es sich um ein sehr teures Projekt. Wir versuchen nun, weibliche Mäzene einzubeziehen und ein Unterstützungsnetz aufzubauen. Einige von ihnen haben sich spontan oder über Freunde an uns gewandt. Und nicht nur Frauen. Unser Hauptgeldgeber, Sami Sagol, ist ein brillanter israelischer Unternehmer, der sich leidenschaftlich für die Erforschung des Gehirns einsetzt und ein Netz von Forschungszentren in der ganzen Welt, das "Sagol Network", gegründet hat. Wir hoffen, dass sich andere an unserem Projekt beteiligen werden, indem sie es bekannt machen.
Zwei Veranstaltungen werden in der Schweiz stattfinden. Worüber werden sie sprechen?
Jede Stadt hat ein anderes Thema. In Lugano werden wir übrigens über Emotionen und Gender sprechen, wenn man von weiblichen und männlichen Emotionen sprechen kann. Wir haben übrigens eine schwarze Rednerin eingeladen, eine brillante Wissenschaftlerin, die sich mit väterlicher und innerer Liebe beschäftigt und als Transgender-CEO wirkt. Wir wollen nicht die Formel der Männerkonferenzen wiederholen, wo nur weiße, angelsächsische Männer eines bestimmten Alters sprechen.... Wir wollen inklusiv sein und Frauen jeden Alters, jeder Hautfarbe und jeder ethnischen Zugehörigkeit einbeziehen. In Genf werden wir zusammen mit dem CISA, dem renommierten Centre Interdisciplinaire des Sciences affectives der Universität Genf, über Emotionen, soziales Verhalten und Entscheidungen sprechen. Ein äußerst interessantes Thema.
Und schließlich: Macht das Mäzenatentum glücklich? Was sagt uns die Neurowissenschaft dazu?
Ja, das ist ein Thema, das viel untersucht worden ist. Großzügigkeit tut gut, regt die Produktion von Serotonin, dem Glückshormon, an und schafft ein Gleichgewicht mit sich selber und der Welt. Geld auszugeben, um anderen zu helfen, bringt viel mehr als das Anhäufen von nutzlosen Gegenständen: Es wäre wichtig, dies allen klar zu machen. In dieser Hinsicht sind Frauen vielleicht besser gerüstet, da sie als Mütter daran gewöhnt sind, sich für andere einzusetzen und zu engagieren.
Das Gespräch führte Dr. Dr. Elisa Bortoluzzi Dubach. Sie ist Stiftungs- und Sponsoringberaterin, Autorin sowie Dozentin (www.elisabortoluzzi.com)