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Mitten in Sevelen, östlich des Rathauses und des Areals Drei Könige, unmittelbar am südwestlichen Fuss der felsigen Erhebung Storchenbüel, liegt die Häuserreihe dieses Namens; ebenso heisst auch der Weinberg, der über den Häusern gegen den steinigen Abbruch und zur Burgruine Herrenberg ansteigt. Der Name hat die Fantasie der Dorfbewohner mehr als gewöhnlich zu Spekulationen angeregt, führte zu sprachlichen Missverständnissen und volksetymologischen Verirrungen. So wurde er etwa im Helvetischen Kataster von 1801 einmal als «Backenstiel» geschrieben, dann wieder als «Packenstier». Es lässt sich unschwer erkennen, dass solche Auffassungen an der geschichtlichen Wirklichkeit vorbeizielen. Die wahren Hintergründe wollen wir hier anhand des heutigen Wissensstandes nachzeichnen. Sicher scheint zum vorneherein, dass der Name nicht deutscher Herkunft ist.
Die urkundlichen Formen sind uns dabei insgesamt keine grosse Hilfe. 1614 erstmals erwähnt, wird der Name «Backhenstiell» geschrieben, 1650 «boggastiell», 1720 «bagenstiel», 1722 «Backhenstiel», 1776 «Backenstiell», dann eben 1801 die oben erwähnten Formen, auch ein verhochdeutschendes «Bagansteihl». Es ist offenkundig, dass hier im nachhinein versucht wurde, dem unverstandenen Namen neuen Sinn zu unterschieben, und offenbar dachten die guten Schreiber da (weil sie nichts Besseres hatten) an deutsch «Backe» und «Stiel», auch an «pack den Stier».
Die südwestliche Flanke des Storchenbüel mit dem Rebberg Baggastiel. Bild: Hans Stricker.
Auch die Heimat- und Namenforscher waren bei der Deutung des Namens nicht auf Anhieb vom Glück begünstigt. Der uns nun schon wohlbekannte David Heinrich Hilty stellte 1890 die These auf, der Hang unter der Burg(ruine) hätte bei den Romanen ba’castiel geheissen, was nach ihm als a bas del castiel zu verstehen sei und ‘unter der Burg’ heisse. Und er schliesst aus diesem Befund, dass im Jahr 1255, da die Burg Herrenberg (vom Churer Bischof Heinrich III. von Montfort) gebaut worden war, in Sevelen noch die romanische Sprache vorherrschte. Während diese Folgerung an sich nicht abwegig ist, muss allerdings wieder daran erinnert werden, dass das Romanische kein (französisches!) a bas kennt, die Deutung so also nicht richtig sein kann.
Die Häuser am Südwestfuss des Storchenbüel liegen ebenfalls im Baggastiel. Bild: Hans Stricker.
Romanisch ist der Name aber auf jeden Fall, und Heinrich Gabathuler kommt 1928 durchaus auf die richtige Spur: romanisch botta d’castiel ‘Burghügel’. Er wiederum geht davon aus, dass um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Sevelen der Sprachwechsel schon abgeschlossen war. Diese Überzeugung (die ich nicht ohne weiteres teilen würde) führt ihn dann zu dem Schluss, dass der Name Baggastiel daher nicht der Burg Herrenberg galt, sondern bereits einem älteren Feudalbau an derselben Stelle, dass man also beim Bau der Burg auf noch ältere Grundmauern gestossen sein müsse. Was das angeht, fehlen freilich (meines Wissens) verlässliche archäologische Angaben.
Die Ruine Herrenberg auf dem höchsten Punkt des Storchenbüel. Bild: Hans Stricker.
Es werden sich von diesem Namen her kaum hieb- und stichfeste Schlüsse auf die Sprachsituation von Sevelen im 13. Jh. ableiten lassen. Auch wenn die Burg Herrenberg der älteste Wehrbau gewesen sein sollte, und auch wenn Sevelen mit seinem deutschen Dorfnamen als Kirchdorf vielleicht eine vorwiegend «deutsche» Gründung war, so heisst das keineswegs, dass das Romanische hier schon zuvor nicht auch lebendig gewesen wäre, so dass auch nach 1255 eine romanische Namengebung bot d’castiel wohl noch möglich gewesen wäre. Umgekehrt ist aber auch nicht auszuschliessen, dass hier schon zuvor ein älterer Wehrbau gestanden haben könnte, womit dann die fragliche Namenbildung durchaus auch älter sein könnte. Dann freilich käme ihr, was den Sprachwechsel angeht, keinerlei Beweiskraft mehr zu.
Das Strässchen namens Baggastiel am Fuss des Storchenbüel. Bild: Hans Stricker.
Sicher ist, dass der Name Baggastiel ursprünglich den ganzen Hügel bezeichnete. Als dann später neben ihm die deutsche Bezeichnung Storchenbüel aufkam, wurde der alte Name sozusagen verdrängt und sein Geltungsbereich an den Rand geschoben, zunächst auf die Südflanke des Hügels mit dem Rebberg, dann gar hinunter auf das nachmalige Dorfquartier am südlichen Fuss des Hügels und schliesslich auf auf das Erschliessungssträsschen. Auch Namen können wandern.