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Es habe für Nestlé gar kein Vetorecht bei Berufungen an der ETH Lausanne gegeben, sagt ETH-Rätin Beth Krasna. Aber man hätte den Vertrag vorsichtiger formulieren sollen.
«Ich möchte keine Verträge mehr sehen mit derartigen Formulierungen», sagte Fritz Schiesser letzte Woche zu Radio SRF über den Sponsoringvertrag der ETH Lausanne (EPFL) mit Nestlé. Schiesser präsidiert das Aufsichtsorgan über die beiden ETHs, den ETH-Rat, als dessen starker Mann EPFL-Präsident Patrick Aebischer gilt. Aus Sicht der EPFL fiel ihr Schiesser mit seiner Kritik in den Rücken. Weil Schiesser erkrankte, fand am 22. Mai die ETH-Ratssitzung, an der auch der Vertrag besprochen wurde, ohne ihn statt – unter Leitung von Beth Krasna, der Präsidentin des Audit-Ausschusses des ETH-Rats.
WOZ: Frau Krasna, der ETH-Rat hat beschlossen, dass Lehrstuhlsponsoren bei Berufungen kein Vetorecht haben dürfen. Sie erhalten aber das Recht, von einem Vertrag zurückzutreten, wenn sie mit einer Berufung nicht einverstanden sind. Läuft das nicht auf dasselbe hinaus?
Beth Krasna: Im Vertrag steht, dass der Sponsor eine Berufung gutheissen muss. Das ist unserer Meinung nach gar kein Vetorecht. Man fragt den Sponsor, ob er bereit sei, seinen Namen mit der gewählten Person zu verbinden. Aber es ist mir bewusst, dass man diese Vertragspassage missverstehen kann. Wir versuchen, das in der Diskussion nun zu klären.
Es ändert sich also nichts?
Doch, die Sensibilität hat zugenommen. Es gibt verschiedene Interpretationen. Zürich folgt eher einem deutschen, Lausanne eher einem amerikanischen Modell. Von dieser Diversität profitieren wir. Und alle sind sich einig, dass die akademische Freiheit garantiert sein muss.
Wenn ein Sponsor, der viel Geld bringt, sich von einem Vertrag zurückziehen kann, schafft das für die Hochschule einen starken Anreiz, keine allzu kritische Person zu wählen.
Eine Berufungskommission berät unabhängig von der Schulleitung und entscheidet allein aufgrund der Qualifikation. Ich habe schon erlebt, dass die Vertreter des Geldgebers in der Berufungskommission jemanden favorisierten, aber überstimmt wurden. Sie akzeptierten das Resultat ohne weiteres. Für mich wäre die rote Linie überschritten, wenn ein Sponsor Kandidaten vorschlagen dürfte. In Verwaltungsräten bin ich schon der Idee begegnet, dass man eine bestimmte Person auf einen Lehrstuhl bringen wollte. Da sage ich: Stopp, das geht zu weit!
Für manche Unis geht schon ein Sitz für den Sponsor in der Berufungskommission zu weit.
Es gibt das ganze Meinungsspektrum von jenen, die private Drittmittel kategorisch ablehnen, bis zu jenen, die finden, ein Geldgeber dürfe seinen eigenen Kandidaten vorschlagen. Wir wollen im Interesse der beiden ETHs und der Schweiz einen Weg zwischen diesen Extremen finden.
Wenn die bestehende Regelung so unproblematisch ist, weshalb behauptete die EPFL 2006, Nestlé habe gar kein Mitspracherecht?
Ich weiss nicht, was Ihnen die EPFL damals genau gesagt hat. Aber die Universitäten machen grosse Fortschritte in der Kommunikation. Man akzeptiert das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Information.
Werden nun alle Verträge publiziert?
Zu dieser Frage haben wir nichts entschieden. Klar ist jetzt: Verträge müssen laut dem Öffentlichkeitsgesetz zugänglich sein, wenn jemand sie einfordert. Aber muss man jeden Vertrag gleich ins Internet stellen, sodass jeder Student, der ein polemisches Blog-Posting schreiben will, darauf zugreifen kann? Wichtig ist, dass die Diskussion stattfinden kann.
Kannte der ETH-Rat den Wortlaut der Verträge?
Nein. Der genaue Wortlaut ist Sache der Schulleitungen. Aber wir können sagen: Passt auf, wie ihr formuliert.
Wie war die Atmosphäre an der ETH-Ratssitzung?
Konstruktiv. Es gab keinen härteren Disput, wie es ihn sonst manchmal gibt. Allen ist bewusst, dass es zwei Systeme gibt, aber niemand ist der Ansicht, das eine sei besser als das andere.
Wenn ich in den letzten Tagen mit Vertretern der beiden ETHs sprach, hatte ich den Eindruck, da herrsche dicke Luft.
Ich hegte tatsächlich auch gewisse Befürchtungen. Aber es lief alles sehr konstruktiv ab.
Nationalrat Fathi Derder, der als EPFL-nah gilt, hat in «24 heures» geschrieben, es gehe einzig um «alten Groll, Eifersucht oder zumindest Gereiztheiten» der ETH Zürich gegen die EPFL.
Das ist zu einfach. Es gibt ab und zu harte Auseinandersetzungen, wenn es darum geht, Geld zu verteilen. Aber ich sehe keinen Streit. Und ja, es gibt ein paar alte Geschichten. Aber ich glaube, es gibt keine Eifersucht, sondern eine gesunde Konkurrenz sowie eine fantastische wissenschaftliche Zusammenarbeit. Das Verhältnis zur EU macht uns gegenwärtig viel mehr Sorgen.
Kritikerinnen und Kritiker meinen, der zunehmende Wettbewerb führe dazu, dass die Hochschulen nur noch prestigeträchtigen Projekten und guten Rankings nachrennen. EPFL-Professor Libero Zuppiroli sprach von «Bling-Bling-Wissenschaft».
Vielleicht macht der eine oder der andere Professor etwas mehr «Bling-Bling», aber um die Mehrheit mache ich mir keine Sorgen. Wir Schweizer haben die Tendenz zur Nabelschau. Aber wir müssen uns international vergleichen, und dazu braucht es Indikatoren. Wir arbeiten daran, auch qualitative Indikatoren jenseits der Rankings zu entwickeln. Die Zahl der Publikationen oder der Spin-offs erzählt nicht die ganze Geschichte.