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Es ist das Jahr der Rücktritte, denn mit dem Ende der Rennsaison 2021 gehen ungewöhnliche viele Rennfahrerkarrieren zu Ende. Die folgenden 14 namhaften Athleten nehmen die Startnummer vom Lenker, darunter auch fünf Schweizer Mountainbiker.
Andrea Waldis
Im Jahr 2012 wurde Andrea Waldis U19-Weltmeisterin im Cross Country und begann erst so richtig loszulegen. Im folgenden Jahr gewann sie sogleich zwei Weltcup-Rennen bei den U23 und wurde Fünfte an den Weltmeisterschaften. Doch nach dieser vielversprechenden ersten U23-Saison kam Waldis’ Karriere etwas ins Straucheln. Gleichzeitig fand Waldis gefallen am Bahnradsport, wo sie bald regelmässig auf die Podeste kletterte. Nachdem sie dort das Olympiaticket für Tokio verpasste, fokussierte sich die 27-Jährige wieder auf den Mountainbike-Sport. Trotzdem entschied sie sich, auf Ende der Saison 2021 ihre Rennkarriere zu beenden. «Es war eine super Zeit, aber da das Rennenfahren in den vergangenen Jahren zunehmend belastend wurde, entschied ich mich «Bike-Rentnerin» zu werden. Beruflich geht Waldis in eine andere Richtung, wie sie anfügt: «Im Juni 2022 schliesse ich die Pädagogische Hochschule ab und werde danach als Primarlehrerin arbeiten.»
Anneke Beerten
Die Holländerin begann ihre Karriere auf dem BMX, wechselte später zum Downhill und fand im 4x ihre wirkliche Stärke. In der spektakulären Gravity-Disziplin wurde Beerten drei Mal Weltmeisterin und gewann vier weitere WM-Medaillen sowie vier Mal die Weltcup-Gesamtwertung. Mit dem Rauswurf des 4x aus dem UCI-Weltcup-Kalender, verschob die Holländerin ihren Fokus auf den Enduro-Rennsport. Sie fuhr zahlreiche Siege und Podestplätze ein, wurde im Jahr 2015 Europameisterin und Dritte in der Gesamtwertung der Enduro World Series. Zuletzt versuchte sie sich an den ersten E-Mountainbike-Weltmeisterschaften 2019 in Kanada, wo sie die Bronzemedaille gewann. Ein Autounfall und eine folgenschwere Hirnerschütterung zwangen die 39-Jährige jedoch vom Bike. Auch wenn sie heute ihr Leben relativ normal bestreiten kann, auf hohem Niveau Rennen fahren, kann sie nicht mehr. Trotzdem fiel der Entscheid zum Rücktritt nicht leicht: «Obwohl es mir das Herz bricht, meine Karriere auf diese Weise zu beenden, bin ich froh über die grossartige Zeit, die ich erleben durfte.» Ihre Partnerschaft mit Specialized wird sie aber fortführen und ihre Erfahrungen jungen Rennfahrern und Kids weitergeben. Auch in die Medienbranche hat Beerten bereits einen Fuss gesetzt und beim Sea Otter Festival vom 7. bis 10. Oktober die Kinderrennen moderiert und Content für GMBN erstellt.
Barbara Benko
Lanciert wurde die Karriere der Ungarin durch je eine Silbermedaille an Europa- und Weltmeisterschaften bei den U19. International gehörte die Ungarin bei der Elite dann zwar nicht zu den Top-Shots, war aber in der Rennszene eine beliebte Kollegin. Benkó wurde elf Mal ungarische Cross-Country-Meisterin in Serie und errang mit Marathon, Strasse und Radquer insgesamt 30 nationale Titel. Ihr letztes Cross-Country-Rennen fuhr und gewann Benkó auf heimischem Boden. Ein Rennen organisiert von ihrem Vater, «wie alles, als ich vor 20 Jahren mit Rennen fahren begann» sagt die Ungarin. «Ich könnte mir kein besseres Ende wünschen – ein grosses Dankeschön an alle, die an dieser grossartigen Fahrt beteiligt waren!»
Catharine Pendrel
Die 41-jährige Kanadierin sitzt schon eine gefühlte Ewigkeit im Sattel. Vor 25 Jahren mit dem Mountainbiken begonnen, nahm Pendrel im Jahr 2004 erstmals an Cross-Country-Weltmeisterschaften teil. Sie fuhr auf Rang 47. Nur vier Jahre später gewinnt sie ihren ersten Weltcup und verpasst in Peking knapp eine Olympiamedaille. Nach drei Weltcup-Gesamtsiegen und zwei Weltmeistertitel im Cross Country, Olympiabronze 2016 in Rio und fünf weiteren Jahren im Weltcup, verabschiedet sich Pendrel von der Rennsportbühne. Langweilig wird der Kanadierin nicht, ist sie doch Ende Januar 2021 Mutter geworden. Und auch auf der sportlichen Seite bleibt sie engagiert: Sie führt das Nachwuchs-Team «Pendrel Racing» und sagt: «Es macht mir Spass zu coachen, vor allem mag ich die Arbeit mit jungen Frauen.»
Damien Oton
Im Enduro gehörte der Franzose einige Jahre zur absoluten Weltspitze, und wegen seiner konstant guten Resultate galt er lange als «Mr. Consistency». Auch gewann er zwei Mal die Megavalanche, das berüchtigte Massenstart-Downhill-Rennen auf Alpe d’Huez. Nun sagt Oton dem Rennsport Adieu und geniesst künftig mehr Zeit mit seiner jungen Familie. Seinem aktuellen Sponsor wird er aber weiterhin die Treue halten, wie er verrät: «Ich werde weiterhin mit Orbea zusammenarbeiten, und so werde ich wohl wieder am einen oder anderen Rennen sein, wenn auch nicht mehr auf der Rennstrecke. Jetzt aber freue ich mich vor allem aufs Mountainbiken ohne gegen die Uhr zu fahren.»
Emilie Siegenthaler
Die 35-Jährige war nach Marielle Saner lange die erfolgreichste Schweizer Downhillerin. Zuerst im Cross Country erfolgreich, versuchte sie sich im Jahr 2007 erstmals im Downhill und gewann an den Elite-Schweizermeisterschaften sogleich Silber. Der Disziplinenwechsel war lanciert und Siegenthaler stürzte sich während 14 Jahren die schwierigsten Abfahrten der Welt hinab. Sieben Schweizermeistertitel, viele Weltcup-Podiums- und drei Podestplätze fuhr sie während ihrer Karriere ein, allerdings auch die eine oder andere Verletzung. Wie es zum Sport gehört, kämpfte sie sich stets zurück und schloss ihre Karriere mit der Saison 2021 solide ab. Von neuen grossen Aufgaben im Spitzensport oder in der Fahrradbranche will sie vorerst nichts wissen: «Erstmal nehme ich mir genügend Zeit für meine Familie und mich und freue mich darauf, im nächsten Sommer anderes machen zu dürfen, als von Rennen zu Rennen reisen. Ich werde weiterhin aushilfsmässig als Lehrerin arbeiten und ausloten, welche Möglichkeiten sich mir in Bike-Sport oder -Branche offenbaren. Sicherlich werde ich am einen oder anderen Rennen an den Strecken stehen und als Sportpsychologin ein paar wenige Athleten betreuen.»
Esther Süss
In den letzten Jahren war Esther Süss zwar nicht mehr auf den Cross-Country-Rennstrecken zu sehen, mischte aber im Marathon immer noch munter vorne mit. Munter mischte sie davor auch im internationalen Cross-Country-Zirkus vorne mit. Die heute 45-Jährige kam im Jahr 2004 aus der Hobby-Kategorie und steigerte sich zusehends. Sie gewann das Cape Epic in Südafrika, wurde Schweizermeisterin in Cross Country sowie Marathon und gewann auf der Langdistanz auch den Europa- und Weltmeistertitel. Süss’ Palmares ist bedeutend grösser als es dieser Rahmen zulässt, doch gilt es zwei weitere Resultate hervorzuheben: Im Jahr 2012 wurde sie an den Olympischen Spielen in London Fünfte und gewann ein Jahr später Bronze an den Cross-Country-Weltmeisterschaften in Südafrika. Ihr Rücktritt kommt hingegen eher schleichend, fuhr sie zuletzt nur noch ausgewählte Marathon-Rennen, diese aber meist auf Spitzenniveau. Dieses muss Süss nun nicht mehr erreichen, auf die faule Haut liegen, wird sie trotzdem nicht, wie sie verrät: «Neben dem Schulunterricht geben, versuche ich mich Fit zu halten und hoffe, dass ich viele shöne Bike-Touren fahren kann.»
Julie Bresset
Gleich in ihrer ersten Elite-Saison gewann Julie Bresset im Jahr 2012 Olympiagold und wurde Weltmeisterin. Im Jahr darauf holte sich die Französin abermals das Regenbogentrikot, kam danach aber nicht mehr richtig auf Touren. Sie kämpfte mit Depressionen und fuhr im Jahr 2017 keine Rennen mehr. Trotzdem kehrte Bresset zurück, fand aber nicht mehr zu ihrer alten Stärke zurück. Beim Schweizer Weltcup-Stopp gab die 32-Jährige ihren Abschied. «Danke Mountainbike-Familie, Lenzerheide war ein wundervolles und denkwürdiges Rennen für mich. Ich bin stolz auf meine Karriere, und es ist schön, dass ich sie hier abschliessen kann. Dank meiner Landsfrau und Team-Kollegin Loana Lecomte fällt mir dieser Schritt auch bedeutend leichter. Sie ist ein Versprechen für die Zukunft und ich bin ebenso stolz auf sie!»
Lukas Flückiger
In jungen Jahren fiel Lukas Flückiger in den Cross-Country-Rennen durch seine mutige Fahrweise auf, wo er die namhaften Fahrer nicht fürchtete. Bald gehörte er selbst zu den grossen Athleten, fuhr im Weltcup aufs Podest und feierte im Jahr 2012 mit WM-Silber in Leogang seinen schönsten Erfolg. Flückiger fuhr in Lenzerheide seinen letzten Mountainbike-Weltcup und zum Abschluss vergoldete in Einsiedeln seine Karriere mit dem Gewinn des Marathon-Schweizermeistertitels. «Eigentlich wäre ich gerne weiterhin Rennen gefahren, aber das lässt sich nicht mit meinen künftigen Plänen vereinbaren.» Damit spricht Flückiger nicht das Führen des Bike-Shop Infinity an, sondern schneidet seine Pläne in den sportlichen Bereichen an, belässt es aber bei diesem Teaser und verspricht die Neuigkeiten zu einem späteren Zeitpunkt.
Manuel Fumic
Mit den Olympischen Spielen wollte der erfolgreichste deutsche Mountainbiker im Jahr 2020 seine Karriere beenden. Doch die Verschiebung der Spiele, die Absage der Heim-Weltmeisterschaften in Albstadt und eine Schlüsselbeinverletzung schickten den Mountainbike-Star in die Verlängerung. Er bestritt in Tokio sein fünftes, Olympisches Cross-Country-Rennen und wurde noch einmal Deutscher Meister. Der Runde Karriereabschluss blieb ihm aber verwehrt, denn der 39-Jährige brach sich im Training an den Weltmeisterschaften die Hand. «Ich bin super enttäuscht, kann es aber nicht ändern», sagte Fumic nach der Diagnose. «Der letzte Tanz» mit Henrique Avancini am Cape Epic bleibt ihm ebenfalls verwehrt. Seine Genesung ist noch zu wenig fortgeschritten.
Maya Wloszczowska
Die 37-jährige Polin tritt an den Marathon-Weltmeisterschaften 2003 in Lugano ins Rampenlicht, wo sie sich als erste Weltmeisterin dieser Disziplin in die Geschichtsbücher eintragen liess. Wloszczowska war über die Jahre eine Hit-Garantin an internationalen Meisterschaften. Sie gewann zwei Mal Silber an Olympischen Spielen, holte an Cross-Country-Weltmeisterschaften ein Mal Gold, fünf Mal Silber, zwei Mal Bronze und wurde Europameisterin. Nach 21 Weltcup-Podestplätzen und einer letzten Silbermedaille an den Marathon-Weltmeisterschaften auf der Insel Elba sagt sie Adieu. «Ich werde meine Karriere beenden, nicht aber mich vom Mountainbike trennen. Ich werde weiterhin trainieren und an einigen Amateur-Wettkämpfen teilnehmen.» Und langweilig wird der Polin auch sonst nicht. An den Olympischen Spielen in Tokio wurde sie zusammen drei anderen Sportlern in die Athleten-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees gewählt.
Matthias Stirnemann
Der Aargauer stand lange im Schatten Anderer, kämpfte sich aber heraus und zählte dann zu den besten Schweizer Mountainbikern. Im Jahr 2016 krönte Stirnemann seine beste Saison mit dem sechsten Rang in der Weltcup-Gesamtwertung. Knapp sechs Monate später triumphierte er zusammen mit Nino Schurter am Cape Epic. Stirnemann konnte danach nicht mehr ganz an seine Erfolge anknüpfen. Trotzdem fing er sich wieder, kehrte zum «Möbel Märki MTB Pro Team» zurück und zeigte im Jahr 2019 mit Platz zwölf in Nove Mesto und Platz 13 am Weltcup in Lenzerheide, dass er wieder nahe an seinen Bestleistungen ist. Im September 2021 fuhr der 30-Jährige in Lenzerheide das letzte Rennen seiner Karriere und sagt: «Ich habe keine Lust mehr, Rennen zu fahren – lieber miteinander anstatt gegeneinander!» Somit fährt er privat weiterhin auf zwei Rädern, egal ob auf dem Mountainbike, der Motocross-Maschine oder auf ganz schmalen Reifen, auf Letzteren er noch ein Projekt umsetzen möchte. Beruflich will sich Stirnemann neu orientieren. Bis es aber soweit sei, arbeite er vorerst im Bikeshop weiter, sagt er abschliessend.
Mick Hannah
Draufgängerisch und spektakulär war die Fahrweise des australischen Downhill-Stars. Nicht immer ging sie auf, und so verspielte Hannah wohl den einen oder anderen Erfolg im Weltcup. Trotzdem gewann der 38-Jährige einen Weltcup, betrat über ein dutzend Mal das Podium und liess sich drei Mal eine WM-Medaille umhängen – zuletzt an den Weltmeisterschaften 2017 in Cairns. Der Gang zum Podest blieb die letzten fünf Jahre zwar aus, seine spektakuläre Fahrweise, sowie den einen oder anderen No-Hander fürs Publikum, sind bis zu seinem letzten Weltcup-Rennen in Snowshoe geblieben, genauso wie die Motivation, 20 Jahre Gas zu geben. «Wie ich so lange motiviert bleiben konnte, weiss ich nicht. Ich hatte einfach eine Leidenschaft für das Dowhill-Fahren, habe mir Ziele gesetzt und hart gearbeitet, um sie zu erreichen, und jetzt sind 20 Jahre vergangen. Es war unglaublicher, als ich es mir je hätte vorstellen können. Es war aber auch härter, als ich es mir hätte vorstellen können.»
Robin Wallner
Der Schwede war einst der schnellste Downhill-Fahrer des Landes, international blieben die grossen Erfolge aber aus. Die Enduro World Series wurden für ihn zur richtigen Zeit ins Leben gerufen. In diesem Rennformat fühlte sich Wallner zuhause und kämpfte sich über die Jahre erst in die Top-10, dann aufs Podest. Der Sieg blieb dem 33-Jährigen allerdings verwehrt und einfacher wurde es ebenfalls nicht. «In den letzten Jahren hatte ich mit kleinen, anhaltenden Verletzungen zu kämpfen, und auch das Privatleben hat sich mit zwei Kindern verändert. Ich bin froh, dass ich die Entscheidung zum Rücktritt selbst treffen konnte und immer noch konkurrenzfähig sowie gesund bin«, sagt Wallner, der dem Sport in anderer Funktion treu bleibt und dem Ibis-Enduro-Team ab nächstem Jahr als Team-Manager zur Seite steht.