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1658 - Pfarrer Ulmann gründet eine Einsiedelei im Wildkirchli
Barocke Frömmigkeit im 17./18. Jahrhundert
Nach der Landteilung suchte der katholische Stand Appenzell Innerrhoden seinen Besitzstand zu sichern. Protestantische Einwohner hatten das Land zu verlassen, während in Ausserrhoden Katholiken nicht mehr erwünscht waren. Die seit 1587 in Appenzell niedergelassenen Kapuziner setzten sich im Geist der Gegenreformation für die Festigung des alten Glaubens ein. Aus diesem Grund entstanden entlang der Grenze zum reformierten Nachbarkanton eine Reihe neuer Pfarreien, 1647 in Gonten, 1658 in Oberegg und 1666 in Haslen. Die Kirchhöri Appenzell, welche bis dahin das ganze Innere Land umfasst hatte, verlor entsprechend an Ausdehnung. Brülisau, Eggerstanden, Schlatt und Schwende hatte sich hingegen mit Filialkirchen zu begnügen, die von Kaplänen betreut wurden. Im 17. Jahrhundert ging ein eigentliches Kapellenbaufieber durchs Land. Weit über ein Dutzend Mess- und kleinere Andachtskapellen entstanden im Inneren Land und in Oberegg und formten die Basis einer heute noch bemerkenswerten Kapellenlandschaft.
Zeittypischer Ausdruck barocker Frömmigkeit war die Gründung von Einsiedeleien. Wie an vielen Orten in der Schweiz entstand auch in Appenzell Innerrhoden ein solcher Ort der religiösen Einkehr. 1658 gründete der Appenzeller Pfarrer Paulus Ulmann (1613-1680) in einer natürlichen Höhle in der Südostwand des Ebenalpstocks eine Eremitenklause, die er zunächst selbst bewohnte. Nach Ulmann lebten bis 1853 in der Klause 23 Einsiedler, die den franziskanischen Regeln des Dritten Ordens (Kapuziner) folgten. Fünfmal täglich läuteten sie zu den Betzeiten die Glocke und feierten mit Sennen, Wallfahrern und anderen Gästen Gottesdienst. Mit dem ab der Mitte des 18. Jahrhunderts aufkommenden Kurtourismus in Gais und später im Weissbad gewann das Wildkirchli stark an Popularität. Es gehörte zum guten Ton unter den vornehmen Gästen, sich auf abenteuerlichem Pfad zur abgeschiedenen Höhle führen zu lassen.
1645 ging das Recht, Geistliche für die Innerrhoder Pfarreien zu bestimmen (Kollaturrecht) rechtskräftig an Landammann und Grossen Rat über, nachdem es seit 1532 gewohnheitsrechtlich von den politischen Behörden ausgeübt worden war. Damit stärkte die weltliche Obrigkeit ihren Einfluss auf die Kirche und das religiöse Leben ganz wesentlich. Mit unzähligen von den Kanzeln verlesenen Sittenmandaten versuchte sie, ihre konservativen gesellschaftlichen Vorstellungen durchzusetzen. Der Kirchenbesuch und die Einhaltung von Feiertagen, Fasten- und Abstinenzgeboten unterstanden einer rigiden Kontrolle ebenso wie die Beteiligung an Wallfahrten und Prozessionen. Andererseits bildete der Barock das goldene Zeitalter künstlerischen Schaffens. Eingebettet in das kulturelle Umfeld des Bodenseeraumes fand Innerrhoden Anschluss an die europäische Entwicklung in Malerei, Theater, Kirchengesang und Volksmusik. In engem Zusammenhang mit der Gründung von Pfarreien und Filialkirchen stand die Errichtung von Landschulen in Gonten, Haslen, Oberegg, Brülisau, Schwende und Schlatt. Die Kirche trug im 17./18. Jahrhundert wesentlich zu einer - wenn auch rudimentären - Bildung der Bevölkerung bei.