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Einhundert Gramm durchschnittliches Brot enthalten etwa zweihundertsiebenundsechzig Kalorien. Eine Schreibe davon wiegt ungefähr fünfzig Gramm, hier jedoch können wir von mindestens siebzig ausgehen. Also sind wir mit einer Scheibe schon mal bei einhundertneunundachtzig Kalorien. Je nach dem, von welchem Teil des Brotes das Stück stammt, lassen sich durch die Kruste weitere Kalorien addieren oder subtrahieren.
Ebenso verändert sich diese Zahl, wenn die Sorte des Brotes variiert, wobei Vollkornbrot mehr Kalorien beinhaltet als Weissbrot. Richtig kompliziert wird es, wenn Butter dazukommt. Margarine wäre ein geringeres Risiko, aber, dass sie hier mir so etwas geben, können wir gleich wieder vergessen. Ein Stück Butter kann dreissig Kalorien enthalten, aber auch fünfzig oder gar siebzig. Butter ist hinterhältig. Wenn wir nun all diese Faktoren in das Exemplar meines Butterbrotes einfliessen lassen, kommen wir ganz grob geschätzt auf zweihundertsechsundfünfzig Komma zwei drei Kalorien. Das sind zweihundertsechsundfünfzig Komma zwei drei Kalorien zu viel. Ich hatte das fettbeschmierte Stück Brot zwischen meine Fingerspitzen geklemmt, als ich die Analyse beendete. Es wurde daraufhin auf den Rand meines leeren Tellers gelegt, der auf meinem Schoss lag. Ich sass draussen auf der Veranda in einem ächzenden Liegestuhl. Es war ein warmer Sommermorgen. Heute brauchte ich nur zwei Decken, um mich warm zu halten. Ich beschloss aufzustehen, um den Teller hineinzubringen, ging an Anna vorbei, die bestimmt schon seit einer halben Stunde am Gemeinschaftstisch vor ihrem Teller sass. Die Gabel in der linken Hand, mit der rechten auf den Tisch trommelnd, die Augen so auf ihr Stück Fleisch gerichtet, als könnte sie jedes Tröpfchen Fett darauf zählen. Ich sagte guten Morgen. Sie grunzte nur. Ich legte den Teller in den Waschtrog und wollte mich auf den Weg zur Toilette machen, als mir Max, oder Magers, wie wir ihn nannten, vor die Füsse trat. Er sage zuerst nichts. Dann sagte ich nichts. Er starrte auf das Brot in meinem beiseitegelegten Teller, klappte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, griff dann aber nur nach der Scheibe, um sie mir mit zitternden Fingern entgegenzustrecken. Jetzt grinste er, ich konnte seine vergilbten Zähne erkennen. Ich schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Das Lächeln verschwand. Im Vorbeigehen drückte er mir das Brot dann doch in die Hand und hauchte den Namen Bonnie in die Luft. Das Stück Brot zwischen den Fingern, lief ich strammen Schrittes wieder nach draussen. Ich konnte mich selbst schwer atmen hören, und mein Gesicht fühlte sich heiss an. Draussen angekommen, starrte ich in die Ferne, mahlte mit den Zähnen und begann das Brot zu zerbröseln. Bald schon hatte ich damit die Aufmerksamkeit mehrerer Spatzen erregt, die sich nun um meine Füsse scharten. Ich beobachtete sie dabei, wie sie sich um die Krümel stritten. «Sie haben Hunger», flüsterte jemand in mir, «lass sie fressen.» Ich schluckte und schaute mich um, ob mich jemand sehen konnte. Langsam, ganz langsam zerriss ich die die Scheibe in kleine Stücke und warf eines nach dem anderen über die Veranda, anfangs zögerlich, dann heftiger und verbissener, bis ich mich bei jedem Wurf schnaufen hörte. Irgendwann hatte ich das ganze Brot verbraucht. Unten auf dem Rasen flatterten nun die Vögel, quietschend vor Freude. So schnell wie ich rausmarschiert war, verschwand ich in Richtung Toilette. Ich fühlte mich, als klebte Blut an meinen Fingern.
Der Kot troff vom gemaserten Stein auf die Erde. Ich hätte schwören können, ich erkannte sogar vereinzelte Brotkrümel darin. Es musste vor wenigen Minuten passiert sein. Ich war mir nicht zu schade, die Paste mit meinem abgewetzten Ärmel notdürftig wegzuschmieren, damit der Schriftzug wieder sichtbar wurde: «Bonnie Irmovic». Die Buchstaben waren in den Granit gemeisselt. Ich hatte mir angewöhnt, mich jedes Mal, wenn ich sie besuchte, neben sie zu setzen. Dazu zupfte ich immer an irgendwelchen Blumen herum, die ein Friedhofsgärtner wahrscheinlich mühselig angepflanzt hatte. Bonnie hatte nie eine grosse Begeisterung für Blumen gezeigt, weswegen es mir nicht im Geringsten leid tat.
Weisst du, ich vergeb dir noch immer nicht, dass du mich mit diesen Idioten allein gelassen hast.
Ich richtete meine Nase in die Sonne, schloss die Lider. Ich war sicher, meine Adern leuchteten wie Knicklichter unter der blassen Haut. Die Beckenknochen gruben sich in den weichen Boden.
Es tat schon fast weh.
Wir haben doch gesagt, wir kommen zusammen da raus. Weisst du noch? An dem Tag, als du nicht da warst, habe ich mich einerseits für dich gefreut und mich andererseits auch gefragt, wie du fiese Ratte es wagen konntest zu gehen, ohne dich zu verabschieden. Das Dumme ist, ich hätte es dir zugetraut. Zu gehen, ohne Tschüss zu sagen, meine ich. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht dasselbe getan hätte, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Ich hätte es verstanden. Weisst du, als du an deinem ersten Tag reingekommen bist, haben natürlich alle geguckt. Ich meine, du hast ausgesehen, wie man am ersten Tag eben aussieht: ziemlich scheisse. Und trotzdem kann ich mich daran erinnern, dass Anna neben mir sass und flüsterte: »Sie ist wunderschön.» Von dem Moment an haben sie dich «Bones» genannt. Du wurdest dem Namen ja auch gerecht. Ich war ein bisschen stolz auf dich, als du weg warst. Für einen Augenblick dachte ich, dass du «das Böse» in dir, wie du zu sagen pflegtest, besiegt hättest. Nun ja. Jedenfalls habe ich, seit sie uns die Wahrheit im Gemeinschaftsraum verkündet haben, nie über dich geweint. Ist das nicht komisch?
Ich erinnerte mich daran, wie Bonnie und ich früher auf der Veranda gesessen und uns dumm und dämlich gelacht hatten über die Kommentare der anderen. Sie erzählte mir von ihrem Onkel. Er hatte sie tatsächlich gefragt, ob sie sich einfach eines Tages den Finger in den Hals gesteckt hätte. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte Bonnie geantwortet, dass sie wirklich eines schönen Morgens mit einem Brechreiz in der Kehle aufgewacht sei. Man konnte ihrem Onkel die Frage eigentlich nicht übelnehmen, er hatte es nicht besser gewusst. Aber so war das eben. Sie verstanden alle nicht.
Du hättest Magers heute sehen sollen, Bonnie. Seine Zähne schimmerten so gelb wie die Blumen, die der Gärtner heute für dich gepflanzt hat.
Ich konnte meinen Magen knurren hören. Das Geräusch war mein täglicher Begleiter. Sogleich fiel mein Blick auf die kleine Tüte, die mir die Betreuerin in die Hand gedrückt hatte, bevor ich aus der Anstalt gehuscht war. Ich hatte beim Anblick des braunen Papiers schwer ausgeatmet und die Tüte schliesslich zwischen zwei Finger geklemmt. Nun sass sie neben mir im Gras und hoffte, ich würde sie öffnen. Ich brauchte mehrere Minuten dafür. Jedes Mal, wenn ich die Tüte aufgerissen hatte, knüllte ich das Papier gleich wieder zusammen. Bis ich auf einmal einen Kecks in der Handfläche wiegte. Er war noch warm, roch nach Nüssen und Schokoladesprenkeln, die draufgestreut worden waren. Er war bis ins Detail perfekt. Ein perfektes Stück Kohlenhydrate. Warum sollte ich ihn also verdient haben? Ein Spatz. Ein Spatz hatte ihn verdient. Einer wie der, der auf Bonnies Stein sass. Ich versuchte gar nicht erst, die Kohlenhydrate in ihre Einzelteile zu zerlegen. Stattdessen stand ich auf und stolperte zurück zu dem grauen Haus, das ich wohl oder übel mein Zuhause nannte. Konnten einem Grabsteine Löcher in den Rücken starren?
Leise schloss ich die Verandatür hinter mir. Als ich mich umwandte, sah ich eine mehr als nur hagere Gestalt vor mir.
«Na, mit dem Teufel getanzt?», sagte Magers.
Ich kniff die Augen zusammen, liess die Finger knacken.
«Was meinst du?»
Magers hob eine Augenbraue und verschränkte die dürren Arme.
«Wir sind nicht blind.»
Mein Kinn hob sich, ich versuchte ihm direkt in die Augen zu schauen.
«Wir haben dich durchschaut, Magers. Du müsstest etwa zwölf Laxatan pro Tag nehmen, um deine ständigen Toilettengänge zu erklären. Wir wissen alle, was du versuchst, um die Senffarbe deiner Zähne zu erhalten.»
Er spitzte die Lippen und säuselte: «Vogelfütterin».
Ich riss die Augen auf und hob den Finger. Jedoch fiel mir kein besseres Gegenargument ein als «Lügner!»
Magers lachte schallend. Dazwischen hustete er.
Während er sich zum Gehen wandte, sagte er: «Du endest noch genau so wie Bones».
Bevor die letzte Silbe des Namens verklungen war, warf ich mich auf ihn. Seine jämmerliche Gestalt brach unter mir zusammen. Ich zögerte keinen Moment, meine dünnen Finger um seinen Hals zu legen und zuzudrücken. Sein Kopf lief rot an, er japste nach Luft. «Hör auf so zu tun», röchelte er, «als würde es dir keine Angst machen! Weisst du, was richtig Angst macht? Wenn sie sich NICHT mehr um dich kümmern, um deinen Drecksack voll leerer Gefühle, die dich von innen auffressen!»
Unterdessen waren zwei Betreuer herbeigeeilt. Uns voneinander zu trennen, war nicht schwer, wir wogen keine achtzig Kilo zusammen. Leichte Kost. Zudem war ich zu erschöpft, um mich zur Wehr zu setzen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die anderen im Gemeinschaftsraum den Kopf schüttelten. Keiner hatte sich gerührt, niemand hatte versucht zu schlichten. Die dunklen Ringe unter den Augen, die blau unterlaufenen Fingernägel waren Erklärung genug.
Drei Tage später war ich schon früh morgens wach. Auf dem gemeinsamen Tisch lag trotz der frühen Stunde schon Kuchen, für den Fall, dass sich jemand dafür entschieden hätte, die Krankheit zu vergessen. Ich verbrachte meine Zeit damit, Magers aus dem Weg zu gehen. Ich verspürte nicht mehr den Drang, ihn zu erwürgen, ich hatte nur Angst, er würde sehen, dass seine Worte auf mich gewirkt hatten. Denn an jenem Morgen nahm ich tatsächlich ein Stück Kuchen und schritt wie gewohnt auf die Veranda. Man konnte schon das Pfeifen der Vögel hören. Spatzen.
Der Text als Hörspiel
Von Charlotte Frey, G2D