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Das Wort "Hermeneutik" stammt vom altgriechischen Wort "hermēneúein" ab, welches "erklären", "auslegen", "übersetzen" oder "aussagen" bedeutet. Dieses Wort steht wiederum mit einer Figur in der griechischen Mythologie in Verbindung, die den Namen "Hermes" trägt. Hermes war ein Bote der Götter und überbrachte deren Botschaften. Da die Nachrichten der Götter aber oft kryptisch waren, hat Hermes die Botschaften jeweils übersetzen müssen, da sie sonst unverständlich blieben. Die Kunst, Nachrichten richtig auszulegen und zu interpretieren, ist die Hermeneutik.
Warum braucht es eine Hermeneutik, eine Kunst der Auslegung? Im Alltag verstehen wir uns prächtig. Wenn ich vom Wetter, vom Fernseher oder vom Baum rede, dann verstehen alle, wovon ich rede. Doch sobald wir uns schwierigeren Themen zuwenden, dann kann es sein, dass wir uns hin und wieder missverstehen. Hin und wieder geschieht es nämlich, dass wir nicht vom Gleichen reden, obwohl wir die gleichen Wörter verwenden. Hin und wieder kommt es vor, dass wir gemeinsam einen Film geschaut haben, diesen aber unterschiedlich interpretieren. Und hin und wieder passiert es, dass wir Textstellen unterschiedlich deuten, obwohl der Text für alle derselbe ist. Wie kommt es zu solchen Fällen?
Eine Antwort könnte sein, dass unsere Sprache mehrdeutig und unklar ist. Viele Wörter, die wir verwenden, können in einem Kontext für das eine und im anderen Kontext für das andere stehen. Wenn Ärzte und Informatiker von Viren sprechen, dann sprechen sie nicht vom gleichen Ding. Die einen sprechen über einen Krankheitserreger, die anderen über ein schädliches Computerprogramm. Missverständnisse entstehen demnach, weil wir uns nicht klar genug ausdrückt haben.
Gewisse Philosophen denken, dass viele Probleme der Philosophie genau wegen der Mehrdeutigkeit und Unklarheit unserer Sprache entstehen. Um diese philosophischen Probleme zu beheben, bedarf es einer logischen und formalen Analyse unserer Sprache, die alle Mehrdeutigkeiten und Unklarheiten entfernt. In einer Sprache, die von allen Mehrdeutigkeiten und Unklarheiten gereinigt ist, erlaubt auch keine Missverständnisse oder Fehldeutungen.
Doch nicht alle Philosophen denken, dass Missverständnisse alleine wegen der Unklarheit oder Mehrdeutigkeit unserer Sprache entstehen. Zwar lassen sich manche Missverständnisse aus dem Weg räumen, wenn man sich klarer ausdrückt, doch gibt es auch Fälle, in denen selbst eine logische oder formale Analyse nichts zum besseren Verständnis beiträgt. Ein Beispiel ist hilfreich: Ein Philosophiestudium beinhaltet oft das Studium klassischer Texte, so auch Texte aus dem antiken Griechenland. Doch die Sprache und auch die Welt der antiken Griechen ist eine ganz andere, wie die Sprache und die Welt von uns heute. Wenn man Schwierigkeiten beim Lesen dieser antiken Texte hat, dann nicht nur deshalb, weil die Sprache nicht die unsrige ist, sondern auch, weil die Griechen in einer völlig anderen Welt gelebt haben. Der entscheidende Gedanke ist nun, dass wir, wenn wir die Texte der Griechen richtig verstehen wollen, wir uns auch in die Lebenswelt der Griechen hineinversetzen müssen! Friedrich Schleiermacher, ein Theologe, äusserte dementsprechend die These, dass man einen Autor nur dann verstehen kann, wenn man seine gesamte Lebenssituation nachvollziehen kann.
Da wir uns aber nicht auf einen Schlag in die Lebenswelt der Griechen hineinversetzen können, müssen wir uns ihr schrittweise annähern. Wenn wir einen Text zum ersten Mal lesen, dann erhalten wir ein erstes Verständnis davon. Wenn wir dann denselben Text zum zweiten Mal lesen, dann erhalten wir oft ein zweites Verständnis, welches sich vom ersten Verständnis unterscheidet. Vielleicht haben wir beim ersten Mal gewisse Textpassagen nicht oder kaum berücksichtigt, die wir beim zweiten Mal mehr berücksichtigt haben. Und vielleicht erscheinen uns gewisse Textpassagen beim zweiten Mal als nicht so wichtig, wie sie uns beim ersten Mal erschienen haben. Doch auch das zweite Verständnis kann von einem dritten Verständnis abgelöst werden, wenn wir zum Beispiel mehr über den Autoren erfahren und über die Welt, in der er gelebt hat. Unser Verständnis vom Text verändert sich bei jeder neuen Information, es nähert sich so zu dem Verständnis, den der Autor selber beim Schreiben des Textes gehabt hat. Diese schrittweise Annäherung wird manchmal "der hermeneutische Zirkel" genannt. Ein Zirkel, weil unser neues Verständnis vom Text neue Ideen und Gedanken hervorbringt, die wiederum unser Verständnis vom Text beeinflussen und verändern können, das wiederum neue Ideen und Gedanken hervorbringt und so weiter.
Zur Frage, warum es manchmal zu Missverständnissen kommt, kann man nun sagen, dass nicht jedes Missverständnis ein Produkt von Mehrdeutigkeit oder Unklarheit unserer Sprache sein muss, sondern vielleicht, weil wir uns auf einer unterschiedlichen Ebene im hermeneutischen Zirkel befinden. Diese Antwort ruft eine Reihe von Fragen auf, die eine Hermeneutik zu beantworten versucht: Gibt es so was wie ein richtiges oder abgeschlossenes Verständnis? Kann ich zum Beispiel einen Text genau so verstehen, wie ihn der Autor verstanden hat? Wie bestimmen wir den hermeneutischen Unterschied zwischen zwei Verständnissen? Und wie sollen wir bei einem Missverständnis vorgehen? Welche Normen und Bedingungen müssen gegeben sein, dass wir überhaupt etwas verstehen können?
In der Antike und im Mittelalter bedurfte es vor allem einer Hermeneutik, um die Epen Homers oder heilige Schriften wie die Bibel richtig auslegen zu können. Obwohl sich die Hermeneutik traditionell mit Schriften beschäftigte, muss sie sich nicht auf Schriften beschränken. Genauso wie Schriften ausgelegt und interpretiert werden müssen, müssen auch Bilder, Töne, Symbole, Malereien, Handlungen, Gesten und so weiter ausgelegt und interpretiert werden. Die Hermeneutik beschäftigt sich mit dem Verstehen und Interpretieren allgemein, nicht nur mit der Interpretation von Texten oder Schriften.
Eine Einführung zum Thema Hermeneutik bietet Matthias Jung an: https://www.amazon.de/Hermeneutik-zur-Einf%C3%BChrung-Matthias-Jung/dp/3885063344