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In wenigen Tagen entscheiden die Schotten in einem Referendum über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich. Wahlschweizer Diccon Bewes, Autor des Bestsellers «Swiss Watching, Inside the Land of Milk & Money», erklärt watson, warum sein schottischer Grossvater Nein gestimmt hätte.
Herr Bewes, sind Sie selbst Schotte?
Diccon Bewes: Zu einem Viertel, mein Grossvater kam aus Edinburgh. Die Leute hier halten mich wegen der roten Haare für einen Schotten, dabei gehen die auf meine norditalienische Grossmutter zurück.
Sie leben seit zehn Jahren in der Schweiz. Wie viel Schotte steckt noch in Ihnen?
Ich bin in England aufgewachsen, aber durch meinen Grossvater war die schottische Kultur Teil meiner Kindheit. Wir trugen Kilts und feierten Burns Night, den Gedenktag des schottischen Nationaldichters Robert Burns. Wenn ich an der Berner Fasnacht Kinder im Schottenrock sehe, erinnere ich mich daran. Für sie ist es ein Kostüm, für mich Landestracht.
In einer Woche stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit ab. Was halten Sie davon?
Dass es ein Referendum gibt, finde ich gut. In der Schweiz kommt es alle paar Monate vor, in meiner Heimat vielleicht alle fünf Jahre. Diese fehlende Erfahrung ist mit ein Grund, dass niemand so richtig weiss, was am Tag danach geschieht. Und zwar unabhängig vom Ausgang.
Welchen Ausgang wünschen Sie sich?
Ich würde wohl Nein stimmen, nicht zuletzt, weil auch mein Grossvater ein überzeugter Anhänger der Union war. Abgesehen von der Selbstbestimmung sehe ich nicht, welche Vorteile den Schotten aus der Unabhängigkeit erwachsen würden. Es gibt sehr erfolgreiche Kleinstaaten wie die Schweiz, aber andere wie Griechenland und Portugal haben enorme Probleme. Ich halte das Risiko für zu gross.
Gibt es substantielle Unterschiede zwischen Schotten und Engländern?
Schwer zu sagen, ohne in Stereotype zu verfallen. Gibt es Unterschiede zwischen Zürchern und Baslern?
Ja, es gibt sie.
In jedem Land gibt es regionale Unterschiede. Aber die Menschen in Newcastle im Norden Englands fühlen sich ihren Mitbürgern im schottischen Glasgow wahrscheinlich enger verbunden als jemandem wie mir, der an der Südküste Englands aufgewachsen ist.
Man sagt den Schotten nach, sie seien besonders freundlich.
Das sind sie auch, aber dasselbe sagt man über den Norden Englands. Politisch stehen die Schotten eher links und selbst die Abgeordneten der Konservativen Partei, die es vor der Regierungszeit Margaret Thatchers in Schottland noch zahlreicher gab, gehörten eher zum liberalen Flügel.
Spielt zwischen Engländern und Schotten die typische Mehrheit-Minderheit-Dynamik?
Gewisserweise ja, aber mit der Schweiz und der Beziehung zwischen Deutschschweizern und Romands ist es trotzdem nicht zu vergleichen. Es gibt in meiner Heimat keinen echten Föderalismus. Zwar wurden in den vergangenen 20 Jahren Regionalparlamente in Schottland, Wales und Nordirland geschaffen. Doch gegenüber England sind sie noch immer keine gleichwertigen Partner.
Warum ist das so?
Das Verenigte Königreich in seiner heutigen Form ist ein Zufallsprodukt. 1603 kam es zur Union der schottischen und englischen Krone, 1707 zur politischen Union und 1801 kam noch Irland dazu. Politische Autonomie war dabei nie ein Thema. Ganz anders in der Schweiz: Die Verfassung von 1848 widerspiegelt klar den Willen, die im Sonderbundskrieg besiegten konservativen Kantone einzubinden.
Für Aussenstehende ist die Geschichte Englands schwierig zu verstehen.
Ja, das merkt man auch daran, dass über die Begriffe England, Grossbritannien und Vereinigtes Königreich eine gewisse Verwirrung besteht. Auch hier in der Schweiz sagen die meisten Leute England, wenn sie eigentlich das Vereinigte Königreich meinen. Für einen Schotten ist das ziemlich nervig.
Offensichtlich wünschen sich viele Schotten mehr Autonomie. Ginge es nicht weniger extrem als mit einem Unabhängigkeitsreferendum?
Ich fürchte nicht, weil die nötigen politischen Institutionen fehlen. Unsere «Kantone», die Regions, verfügen über praktisch keine Macht. Die meisten haben nicht einmal eine Fahne. Schottland hat ein eigenes Parlament, aber keine der englischen Regionen hat ein Parlament, obwohl die meisten von ihnen bevölkerungsmässig grösser sind als Schottland. Keinem Politiker in London würde es in den Sinn kommen, an diesem Status Quo zu rütteln – bis jetzt. Im Fall eines Neins stellt London den Schotten mehr Autonomie in Aussicht. Wieviel und in welchen Bereichenist allerdings unklar.
Auch bei einem Ja sind die Ungewissheiten beträchtlich.
Auf viele sehr heikle Fragen müssten Antworten gefunden werden: Wem gehört das Öl? Wem gehört die Währung? Wieviel der Staatschulden müsste Schottland übernehmen? Was passiert mit den Nuklearwaffen? Das Nein-Lager ist vielleicht ein bisschen zu pessimistisch und stellt diese Probleme als unüberwindbar dar. Das Ja-Lager auf der anderen Seite gibt sich zu optimistisch und beschwichtigt, das geht schon irgendwie.
Premierminister David Cameron ist am Mittwoch erstmals nach Schottland gereist, um für einen Verbleib Schottlands in der Union zu werben. Warum erst jetzt?
Wenn er sich zu sehr engagiert oder sogar Vorbereitungen für den Ja-Fall trifft, könnte man ihm das als Angst auslegen, die Unabhängigkeit Schottlands sei schon fast beschlossen. Agiert er zu zurückhaltend, wirkt das defätisitisch. Für die Regierung ist dieser Abstimmungskampf ein Hochseilakt.
Zyniker glauben, die Konservativen lassen das linke Schottland gerne ziehen, weil die Arbeiterpartei danach kaum noch Chancen auf eine Parlamentsmehrheit hat.
In der aktuellen politischen Landschaft mag das stimmen. Allerdings sind viele Wahlkreise hart umkämpft und können bei der nächsten Wahl wieder kippen. Und erinnern wir uns: Vor der jetzigen Regierung hatte Tony Blair drei Wahlsiege hintereinander errungen, die so klar ausfielen, dass Labour auch ohne Schottland gewonnen hätte.
Was würde der Verlust Schottlands für den Rest des Vereinigten Königreichs bedeuten?
Geografisch würde das Land ein Drittel seines Territoriums und zehn Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Physisch wäre es wie die Amputation eines wichtigen Körperteils, emotional schlimmer als die schlimmste Scheidung. Nach 307 Jahren zusammen würde die Trennung sehr weh tun.