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Richard Wagner und die Alpen
Von Josef Braunstein.
Die Beziehungen grosser Dichter zur Bergwelt sind in der alpinen Literatur des öfteren in den Kreis der Betrachtung gezogen worden. Noch niemand hat es aber meines Wissens unternommen, dem Verhältnis Richard Wagners zur Alpenwelt nachzugehen. Obwohl auf den ersten Blick die Stellung des genannten Problems etwas gekünstelt und gesucht erscheint, ergibt es sich bei Richard Wagner eigentlich von selbst. Denn im Vergleich zu Goethe oder gar Schiller, der ja bekanntlich niemals die Alpen betrat, sind Wagners Beziehungen zur Bergwelt bei weitem inniger: hat er ja doch einen grossen Teil seines Lebens in den Alpen verbracht. Wenn nun im folgenden eine Behandlung dieses Gegenstandes versucht wird, so sollen dabei zwei Gesichtspunkte massgebend sein. Zunächst wird es sich darum handeln, die Örtlichkeiten festzustellen, welche von Richard Wagner aufgesucht wurden, und dann wird zu untersuchen sein, ob die Eindrücke, welche er von der Gebirgslandschaft erhielt, irgendwie künstlerischen Niederschlag gefunden haben. Die eine Seite dieser Frage ist im Grunde genommen mehr biographischer Natur. Bei ihrer Behandlung stütze ich mich im wesentlichen auf zwei Quellen, auf die Briefe und die Autobiographie, welche unter dem Titel « Mein Leben » im Jahre 1911 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben, dass der Darstellung in manchen Punkten die Zuverlässigkeit ermangelt, bedeutet die Autobiographie doch gerade für unsere Zwecke eine überaus wichtige Quelle. Denn da es sich nur um Reiseberichte und Reiseeindrücke handelt, kann die subjektive Darstellung trotz mancher Übertreibung fraglos als die richtige betrachtet werden. Was den noch zu beweisenden Einfluss der Gebirgsnatur auf das künstlerische Schaffen Wagners anbelangt, müssen als Belege selbstverständlich auch seine theoretischen Schriften herangezogen werden.
Wagners Beteiligung an dem Dresdener Maiaufstand im Jahre 1849 machte nicht bloss seine Stellung als Königlich Sächsischen Hofkapellmeister unhaltbar, sondern hatte für ihn viel unangenehmere, seine persönliche Freiheit aufs äusserste bedrohende Folgen. Um diesen auszuweichen, flüchtete er nach Weimar zu Liszt, der ihm in Anbetracht der steckbrieflichen Verfolgung keine sichere Zuflucht bieten konnte und auf schleunige Weiterreise nach Paris drang. Da riet nun Adolf Widmann, nicht den geraden Weg einzuschlagen, sondern die Flucht über die Schweiz zu bewerkstelligen, und sprang auch gleich selbst in die Bresche, indem er seinen Reisepass Wagner einhändigte, der nun in der Tat damit Lindau erreichte. Mit dem Betreten des Dampfschiffes befand sich Wagner bereits auf schweizerischem Gebiet, was er mit « wahrhaftigem Behagen » erkannte. Die Alpen boten ihm freundlichen Gruss. « Ein wundervoller Frühlingsmorgen liess mich auf dem breiten See in die vor mir sich ausbreitende Alpenlandschaft ausblicken. » In Rorschach betrat er die feste Erde der Eidgenossenschaft und fuhr Zürich entgegen. Als er sich der Stadt gegen 6 Uhr abends näherte, leuchteten die Berge im Abendsonnenglanz, und unter dem Eindrucke dieses Naturschau-spieles beschloss er, « ohne dies deutlich im Bewusstsein zu fassen, allem auszuweichen, was ihm hier eine Niederlassung verwehren könnte ». Er setzte nach kurzem Aufenthalt seine Reise nach Paris fort und versäumte nicht, Liszt mitzuteilen, dass ihm die Schweiz « wohlgetan » habe. In Paris kam er gar bald zur Erkenntnis, dass er dort « unnütz » sei. « Ich muss einen neuen Punkt gewinnen, wo ich daheim bin und mir vornehmen kann, daheim zu bleiben. Als solchen Punkt habe ich mir Zürich erlesen. » ( Brief an Liszt vom 18. Juni 1849. ) Seine baldige Abreise aus der französischen Hauptstadt nennt er eine Flucht nach den frischen Alpenbergen der Schweiz, um davor bewahrt zu sein, nicht mehr den Pestgeruch des modernen Babel atmen zu müssen. In den ersten Julitagen war Wagner wieder in Zürich. Wie wohl er sich dort fühlte, ersieht man aus einem Briefe an Theodor Uhlig, Musiker in Dresden: « Diese Schweiz mit ihrer Natur, ihrer Luft — macht den elendesten Menschen gesund und lebensfroh: ich möchte sie jedem gönnen, den ich liebe, selbst L. » ( wahrscheinlich Liszt ). In dem gleichen Sinne schreibt er, die herrliche Schweizerluft und die stolzen, frischen Alpengegenden preisend, an Ferdinand Heine, und seinem unglücklichen, im Zuchthause schmachtenden Freunde August Röckel berichtet er, dass ihn « dieses schöne Alpenland sehr erquickt habe ». Wagner veranlasste dann seine Frau, ihm nach Zürich ins Exil zu folgen. Minna bildete für ihn einen Gegenstand der Sorge, doch hoffte er, « dass die herrliche Schweiz ihre Wunderkraft an ihr bewähren werde ». Sie folgte dem Ruf des Gatten und langte im September, von ihm erwartet, in Rorschach ein. Von Rapperswil ausgehend, war Wagner durch das freundliche Toggenburg und Appenzell nach St. Gallen und weiter bis an den Bodensee gewandert. Dies war seine erste grössere Fussreise in der Schweiz.
Ende Jänner 1850 trat er abermals eine Reise nach Paris an, wo sein Aufenthalt Unterbrechungen erfuhr, auf die wir hier nicht einzugehen haben. Die Liebe zur Schweiz hatte in Wagners Herzen schon feste Wurzeln geschlagen und « vollständiges Schweizer Heimweh » in ihm ausgelöst. Aus seinen Briefen an Minna spricht die Sehnsucht nach dem « traulichen Zürich » und die Hoffnung auf einen behaglichen Sommer, um nur « der Natur » zu leben. Am eindringlichsten offenbaren sich diese Stimmungen in einem von Bordeaux, wo er sich einige Zeit bei einer befreundeten Familie aufhielt, an seine Frau gerichteten Brief: « ...Und trotz dieser vortrefflichen Familie möchte ich um keinen Preis die Schweiz mit Bordeaux vertauschen, ich habe völliges Schweizer Heimweh. Ach! Die Natur! Das ist doch etwas für unser Eines. Mit Dir, meine liebe Minna, glücklich und ungestört in dieser herrlichen frischen Alpenwelt leben zu können, ist für mich jetzt das Seligste, was ich ersehnen kann. » Im Mai finden wir ihn in dem am Ostufer des Genfersees, unweit der Rhonemündung gelegenen Städtchen Villeneuve, wo ihm sein jugendlicher Freund Karl Ritter Gesellschaft leistete, die später durch dessen Mutter und Schwester vermehrt wurde. Man machte verschiedene Ausflüge in das « Walliser Tal », und als die beiden Frauen nach Dresden zurückkehrten, verliess auch Wagner den Genfersee und ging nach — Zermatt.
" Immer darauf bedacht, wie ich es nur anfinge, aus der Welt zu verschwinden, wählte ich mir eine möglichst wilde Gebirgswildnis, in welche ich mich mit Karl zurückzuziehen beschloss. Wir suchten zu diesem Zwecke das einsame Vispertal im Kanton Wallis auf; mit ziemlicher Beschwerde drangen wir durch die noch sehr unwegsamen Pfade bis nach Zermatt vor. Dort, am Fusse des ungeheuren und wunderbar schönen Matterhorns, konnten wir uns allerdings als von der ganzen Welt abgeschlossen ansehen. Ich suchte es uns in der naiven Wildnis so gut wie möglich einzurichten; aber nur zu bald bemerkte ich, dass Karl in diese Lage sich nicht zu finden vermochte. Er gestand mir heute, am zweiten Tage, dass es hier grässlich sei, und meinte, dass es sich doch jedenfalls an einem der offenen Seen besser aushalten lassen würde. » Im Zermatt von 1850 war es zweifellos alles andere denn behaglich. Bis zum Jahre 1852 1 ) gab es daselbst nur 1 Gasthaus, das « Hôtel du Mont Rose », welches 1842 nur über 3 Betten verfügte und wahrscheinlich zur Zeit der Anwesenheit Wagners über nicht viel mehr verfügt haben dürfte, im übrigen aber von Murray und Baedeker als gutes und reines Gasthaus be- zeichnet wird. Nach der Schilderung Wagners scheint der Weg von Visp nach Zermatt durchaus nicht bequem gewesen zu sein, und tatsächlich vermerkt der « Baedeker » u.a.: « Oberhalb St. Nicolaus verengt sich das Tal, man kommt über verschiedene brückenlose Bäche, die bei anhaltendem Regenwetter die Strassen fast ungangbar machen müssen. » Es war daher ganz natürlich, dass Wagner infolge einer sich sehr fühlbar machenden körperlichen Abspannung dem Rückweg mit gemischten Gefühlen entgegensah und ihn auch nur « mit äusserster Anstrengung » zurücklegen konnte. Die beiden Wanderer fassten nun den Entschluss, in Thun Aufenthalt zunehmen. Welcher Passweg zum Übergang in das Oberland von ihnen eingeschlagen wurde, steht nicht fest, der über die Gemmi wäre für sie ohne Zweifel der kürzeste gewesen. So gelangten sie mit « erneutem Mute » nach Thun, von wo Wagner dann Anfang Juli nach Zürich zurückkehrte.
Inzwischen hatte Minna in der Gemeinde Enge eine Wohnung gefunden. Wagner berichtete an Uhlig: « Ich fühle mich jetzt in Zürich wieder sehr wohl, und nach meiner Wahl möchte ich in der ganzen weiten Welt nicht anderswo leben als hier. Wir haben eine höchst angenehme Wohnung am See mit den herrlichsten Aussichten, Garten usw. Im Hausrock gehe ich herunter und bade mich im See, ein Boot ist da, auf dem wir uns selbst fahren. » Es erklärt sich daher von selbst, dass Wagner Dresdener Freunden riet, nach Zürich zu übersiedeln und « in der Luft und im Angesicht der herrlichen Alpen zu leben, das aller Gescheiteste, was man machen könne ».
Der Aufenthalt in Zürich währte, von einigen Unterbrechungen abgesehen, zehn Jahre, so dass man analog Goethes« Weimarer ersten zehn Jahren » füglich von Wagners ersten zehn Schweizer Jahren sprechen könnte. Im August 1850 unternahm er in Gesellschaft seiner Frau eine kleine Reise und bestieg mit ihr « rüstig zu Fuss » am 28. August, dem Tage der Uraufführung seines « Lohengrin », zum erstenmal die Rigi. Auf dem Kulm hatten sie das Glück, das sogenannte Rigigespenst ( Brockengespenst ) beobachten zu können. Eine grössere Alpenreise unternahm Wagner im folgenden Jahre. Bereits im Winter 1851 hatte ihm sein Freund Theodor Uhlig aus Dresden einen Besuch in Aussicht gestellt, den Wagner teilweise zu einer gemeinsamen Alpenfahrt ausgenützt wissen wollte. Er bestimmte Uhlig dann, nach Rorschach zu reisen, wo er ihn erwarten wolle. Als Ende Juni Uhlig sein Kommen anzeigte, führte Wagner diese Absicht aus. Über diese Wanderung, die er gelegentlich « himmlisch » nennt, erzählt er: « Ich selbst machte mich schon hierzu auf angenehmen Umwegen durch das Toggenburg in alt gewohnter Weise zu Fusse auf. Heiter und erfrischt gelangte ich auf diese Art nach St. Gallen. » Dort hielt sich Karl Ritter auf. Wagner bewog ihn, nach Rorschach mitzuhalten, um dann gemeinschaftlich die Besteigung des Säntis zu unternehmen. Als Uhlig in Rorschach landete, flösste sein Aussehen Wagner bedeutende Besorgnis ein, und er wollte daher auf die Ausführung der Besteigung verzichten, wogegen Uhlig auf derselben bestand.
« Nachdem wir zu drei das Appenzeller Ländchen durchwandert, machten wir uns denn nun wirklich zu der nicht unbeschwerlichen Überschreitung des hohen Säntis auf. Es war für mich das erstemal, dass ich im Sommer ein lang sich hindehnendes Schneefeld durchschritt. Auf der sehr wilden Höhe in der Sennhütte unseres Führers angelangt und durch eine äusserst frugale Kost bestärkt, galt es nun noch, den einige hundert Fuss aufragenden steilen Felsenkegel, welcher die eigentliche Spitze des Berges bildet, zu besteigen. Hier weigerte sich Karl plötzlich, uns zu folgen. Um ihn aus seiner Weichlichkeit aufzurütteln, sandte ich den Führer zurück, welcher ihn auf unser Zureden mit halber Gewalt zu uns zu bringen hatte. Da wir nun von Stein zu Stein an dem jähen Abhänge hinaufklommen, bemerkte ich allerdings, wie übel ichgetan hatte, Karl zur Teilnahme an dieser gefahrvollen Besteigung zu nötigen. Offenbar machte ihn der Schwindel völlig bewusstlos; er starrte wie ohne Sehkraft vor sich hin; wir mussten ihn durch unsere Stäbe zwischen uns einschliessen, und jeden Augenblick glaubte ich, ihn zusammenbrechen und hinabstürzen zu sehen müssen. Als wir auf der Spitze anlangten, sank er ohne Besinnung zu Boden; und ich hatte nun zu empfinden, welche furchtbare Verantwortung ich mir zugezogen, da jetzt noch der gefährlichere Rückweg zu beschreiten war. Unter einer Beängstigung, die, während sie meine eigene Gefahr mir vollkommen verbarg, mir immer nur das Bild des im Abgrunde zerschmetterten jungen Freundes vorhielt, gelangten wir endlich doch glücklich wieder zur Sennhütte zurück. Da wir anderen entschlossen blieben, den vom Führer uns als nicht ungefährlich bezeichneten Hinabstieg über den jähen Abhang der anderen Seite des Berges auszuführen, bestimmte ich nun, durch meine soeben ausgestandene unbeschreibliche Pein wohl belehrt, den jungen Ritter, zunächst in der Hütte zurückzubleiben, den baldigst von uns zurückzusendenden Führer zu erwarten und mit diesem dann den durchaus ungefährlichen Rückweg nach der Seite hin, von wo wir gekommen waren, anzutreten. » Am nächsten Tage wanderten Wagner und Uhlig durch das Toggenburg nach Rapperswil und wandten sich dann an den Zürichsee. Ritter enthob nach einigen Tagen durch sein Eintreffen in Zürich die Wandergenossen der Sorge. Die beiden fassten nun den Plan, neuerlich eine Gebirgsreise zu unternehmen. Ende Juli traten sie dieselbe an. Sie gingen zunächst nach Brunnen am Vierwaldstättersee, von dort über Beckenried in das Engelbergertal und überschritten von Engelberg die « wilde Surenen-Eck », also den 2350 m hohen Surenenpass, bei welcher Gelegenheit sie « auch erträglich über den Schnee zurutschen lernten ». Dieser Übergang erforderte immerhin die Überwindung von 1300 Meter im Aufstieg und 1800 Meter im Abstieg und beanspruchte gegen acht Stunden Marschzeit. « Für diesen Teil des Weges ist ein Führer nötig », heisst es im Baedeker von 1851, ein Rat, dem zu folgen sich die beiden wanderfrohen Musiker nicht bemüssigt fühlten. Bei Überschreitung eines Baches hatte Uhlig das Pech, ins Wasser zu fallen, was Wagner natürlich mit Besorgnis erfüllte. Doch Uhlig breitete Kleider und Wäsche ruhig an der Sonne aus und führte in der Zwischenzeit « eine sehr wohltätige Promenade mit nacktem Leibe in freier Luft » aus. In heiterster Laune erreichten die beiden bei Attinghausen das Reusstal und wanderten am Abend noch bis Amsteg. Trotz grosser Ermüdung brachen sie am nächsten Tag in das prachtvolle Maderanertal auf und wanderten bis an den Hüfigletscher. Hier genossen sie den Blick « in die erhabene Gebirgswelt, welche sich dort mit dem Tödi abschliesst », und stiegen am selben Tag wieder nach Amsteg hinab. Da sich ganz natürlicherweise eine gewisse Erschöpfung bemerkbar machte, bewog Wagner den Freund, auf die Überschreitung des Klausenpasses zu verzichten, und so spazierten die beiden Wanderer « behaglich » dann durch das Reusstal nach Flüelen.
Ob die beiden Freunde noch weitere Bergwanderungen unternommen haben, ist fraglich, da Uhlig mit Anfang August nach Dresden zurückkehren musste. Im September begab sich Wagner in die Wasserheilanstalt Albis-brunn, wo er bis November verblieb. Als er einmal auf die Albishöhe ging, genoss er einen herrlichen Anblick: « Die ganze Alpenkette, vom Säntis bis zum Berner Oberland, im hellsten Sonnenlichte, und über alle Tiefen ein dichtes Nebelmeer ausgebreitet, aus welchem die furchtbare Inselwelt herrlich hervorragt. :) Kaum von der Höhe heruntergekommen, berichtet er dieses Erlebnis sofort seinem Wanderfreunde Uhlig.
Für den Sommer des Jahres 1852 plante Wagner abermals eine grössere Fussreise, von der er sich eine vorteilhafte Wirkung auf seine Gesundheit versprach. Im Mai hatte er auf einem in halber Höhe des Zürichberges gelegenen Gute eine Wohnung bezogen, wo er seinen 39. Geburtstag durch ein ländliches Mahl in freier Luft mit offener Aussicht auf den See und die fernen Alpen begehen konnte. Ende Juni kehrte er wieder in die Stadtwohnung zurück, um dort den Eintritt einer für seine Alpenreise günstigen Witterung abzuwarten. Als Begleiter hatte er den Freiheitsdichter Georg Herwegh gewonnen, der aber verhindert wurde, die Reise anzutreten, so dass Wagner — er hatte damals gerade die Dichtung der « Walküre » vollendet — gegen Mitte Juli sich zunächst allein auf den Weg machte.Von Alpnach am Vierwaldstättersee trat er nach einem früher entworfenen Plan « die streng zu Fuss eingehaltene Wanderung » an. Zuerst ging er ins Berner Oberland. Von Interlaken wanderte er nach Lauterbrunnen, stieg auf die Wengernalp, « wo man die Jungfrau mit den Händen greifen kann », und von dort auf die Kleine Scheidegg, Wagner gebraucht die Bezeichnung: Wengern-Scheideck, und ging nach Grindelwald hinab. Tags darauf bestieg er das auch von Mendelssohn-Bartholdy besuchte, « damals noch beschwerliche » Faulhorn, 2683 m, und nächtigte in dem Gipfelhause. Die Aussicht empfindet Wagner als « furchtbar erhaben » und beschreibt sie in einem Briefe an Uhlig ( Meiringen, 15. Juli ) kurz folgendermassen: « Dort hatte ich eine furchtbar erhabene Aussicht in die Gebirgs-, Eis-, Schnee- und Gletscherwelt des Berner Oberlandes, das ganz dicht wie zum Handgriff vor einem liegt. » Am folgenden Tage stieg er zur Grossen Scheidegg und nach Meiringen hinab. Diese Wanderungen müssen auf Wagner tiefe Eindrücke ausgeübt haben, so dass er an seine Frau schreiben konnte: « Zu beschreiben habe ich Dir nichts, denn das würde Dir doch keinen Begriff geben. » Doch schon zu jener Zeit scheint eine Reise durch das Oberland ziemlich kostspielig gewesen zu sein. Denn er erklärt das Berner Oberland für das « unverschämteste und bettelhafteste Nest, was man sich vorstellen könne, wo an Sparsamkeit und Einrichtung nicht zu denken sei ». Und scherzhaft meint er Uhlig gegenüber, dass ihn jeder Tag eine Nummer der Oper koste. Er hatte nämlich einen Vorschuss auf das Honorar für den « Holländer » erhalten. Baedeker teilt 1851 für das « dürftige » Wirtshaus auf dem Faul- horn folgende Preise mit: Bett 2 1/2, Frühstück l 3/4. Mittag ohne Wein 4, Abend ohne Wein 3, Feuer 2 Franken. Übrigens sind wir über seine Reisekosten genau unterrichtet, da Wagner in demselben Briefe erzählt, dass er täglich ein Zwanzigfrankenstück benötige und auf diese Weise jederzeit wisse, wieviel Tage er auf der Reise sei. Eine interessante Bemerkung möge hier nicht vorenthalten werden. Wagner schreibt: « Herrliche Weiber gibt 's hier im Oberland: aber nur fürs Auge. Alles ist angefressen von wütender Gemeinheit. » Sind darunter die Oberländerinnen oder die holde Weiblichkeit unter den Kurgästen gemeint? Er wanderte dann durch das Haslital zum Grimselhospiz, um von dort aus das Siedelhorn zu ersteigen. Der Wirt gab ihm einen seiner Knechte, einen « übel aussehenden roten Menschen », mit. Als dieser die Schneefelder nicht in Serpentinen, sondern in gerader Linie hinanstieg, keimte in Wagner der Verdacht, dass dieser Führer es auf seine Ermüdung abgesehen habe. Auf der Spitze angelangt, erfreute ihn einerseits der Einblick in die innere Welt « der sonst nur in ihren äusseren Formen uns zugekehrten Riesen des Oberlandes sowie andererseits der plötzlich sich darbietende Überblick der italienischen Alpen mit dem Mont Blanc und dem Monte Rosa ». Oben wurde die obligate Gipfelchampagnerflasche geleert, doch wusste Wagner nicht, auf wessen Wohl er zu trinken hätte. Beim Abstieg gewann der Führer durch sein rasches Abfahren mit Hilfe des Bergstockes grossen Vorsprung, da sich Wagner begnügte, « in mässiger Eile auf den Fusshaken vorsichtiger sich hinabzulassen ». Ziemlich ermüdet gelangte er nach Obergestelen im Goms, wo er zwei Tage ausruhte und auf Herwegh wartete. Doch dieser traf nicht ein.
« So machte ich mich denn mit meinem unheimlichen Führer allein zur Besteigung des Griesgletschers und der Wanderung über dessen Pass » — Wagner meint den 2486 m hohen Griespass — « nach der Südseite der Alpen auf. Bei dem Aufsteigen bot sich mir ein lange währender, höchst trauriger Anblick dar: unter den Kuhherden der Hoch-Alpen war die Klauenseuche ausgebrochen, und zahlreiche Scharen davon zogen in langen Reihen an mir zur notwendigen Pflege nach den Tälern herab. Die Kühe waren auf das äusserste abgemagert, so dass sie Skeletten glichen, und schlichen jammervoll mühselig dahin; wie mit einer unbegreiflichen Schadenfreude schien die prächtige Umgebung mit der üppigen Weide auf diese traurige Flucht aus ihr hinzublicken. Am Fusse des steilaufsteigenden Gletscherabfalles kam ich in so gänzlich niedergeschlagener Stimmung an und fühlte meine Nerven so übermässig abgespannt, dass ich erklärte, umkehren zu wollen. Ich erfuhr hierüber die rohe Verhöhnung meines Führers, der mich über meine Weichlichkeit zu verspotten schien. Der Ärger darob spannte meine Nerven an, und sofort machte ich mich auf, die steilen Eiswände in grösster Schnelligkeit hinaufzuklimmen, so dass er es diesmal war, welcher mir schwer nachkam. Die fast zwei Stunden andauernde Wanderung über den Rücken des Gletschers hin vollbrachten wir unter Schwierigkeiten, welche selbst dem Grimselknecht wenigstens um sich besorgt machten. Es war frischer Schnee gefallen, welcher die Eisschründe oberflächlich verdeckte und demnach gefährliche Stellen nicht genau erkennen liess. Hier musste der Führer gehörig vorangehen, um die Pfade genau zu rekognoszieren. Endlich gelangten wir an die Öffnung des Hochtales, nach dem Formazzatal zu, nach welchem zunächst wiederum ein jäher Abfall von Schnee und Eis führte. Hier begann mein Führer wieder sein verwogenes Spiel, indem er mich, statt in sicherem Zickzack, abermals in gerader Linie über die jähesten Abhänge geleitete; da wir auf diese Weise an ein so steiles Geröllfeld gelangten, dass ich einer unausweichlichen Gefahr entgegensah, bedeutete ich meinen Geleiter auf das Ernstlichste und zwang ihn, eine grosse Strecke mit mir zurückzugehen, um auf einen von mir erspähten minder jähen Pfad zu gelangen. Unwirsch musste er einwilligen. Sehr ergreifend war für mich nun bei meinem Heraustreten aus der starren " Wildnis die erste Berührung mit der Kultur. Die erste dem Vieh wieder zugängliche dürftige Weidestelle hiess die Bettel-Matt, und der erste Mensch, der uns begegnete, war ein Murmeltierjäger. Bald belebte sich die Wildnis aber durch die ungeheure Wirkung des herabstürzenden Bergflusses der Tosa, welcher an einer Stelle einen in drei weiten Absätzen sich brechenden Wasserfall von überwältigender Schönheit bietet. Nachdem, beim unablässigen Hinabsteigen, das Moos und die Flechten sich zu Gras und Wiese, das Knieholz zu immer aufrechteren Kiefern und Fichten umgewandelt hatten, gelangten wir endlich in immer traulicherer Talgegend nach dem heutigen Ziel unserer Wanderung, dem Dorfe Pommath, von der italienischen Bevölkerung Formazza genannt. Hier galt es denn, wirklich zum erstenmal in meinem Leben Murmeltierbraten zu essen. Von grösster Ermüdung durch wenigen Schlaf nur ungenügend gestärkt, machte ich mich am andern Morgen allein auf die weitere Wanderung, das Tal abwärts, nachdem ich meinen Führer ausgelohnt und auf den Heimweg geschickt hatte. » Tatsächlich war Wagner bei diesem Manne nicht in bester Obhut. Denn mehrere Monate später erfuhr er, dass derselbe der Brandlegung des Grimselhospizes überwiesen wurde. Eine Stelle in Wagners Bericht erfordert kritische Beachtung. Es wird erzählt, dass die unter Schwierigkeiten vollbrachte Überschreitung des Griesgletschers fast zwei Stunden erfordert habe. Murray bezeichnet nun die Überquerung des Gletschers als « schwierig und sehr ermüdend », doch der Baedeker von 1851 gibt an, dass man den ebenen Griesgletscher bequem in 20 Minuten überschreitet und Pfähle den Pfad bezeichnen. Wagners Schilderung ist hier in der Tat von Übertreibung nicht frei. Über die Wanderung durch das Formazzatal berichtet er:
« Unvergesslich sind mir nun die Eindrücke der Wanderung durch das immer tiefer sich senkende Tal geblieben. Namentlich überraschte mich die plötzlich sich erschliessende südliche Vegetation, nachdem ich durch einen engen Felsen-pass, in welchem die Tosa sich zusammendrängte, steil herabgestiegen war. Bei heisser Sonnenglut gelangte ich am Nachmittag nach Domodossola. » Diese Wanderung bezeugt Wagners Rüstigkeit und Ausdauer. Denn die mehr als 35 km lange Strecke erfordert einen mindestens neunstündigen Marsch. Und man versteht es, dass Wagner viel zu ermüdet war, um an diesem Tage noch bis an das Ufer des Lago Maggiore zu wandern, was wieder eine Leistung von der gleichen Kilometeranzahl erfordert hätte. Er versorgte sich « mit einem Einspänner », der ihn nach Baveno brachte. Kurz nach Sonnenuntergang konnte er noch den Anblick der aus dem See aufsteigenden Borromeischen Inseln geniessen. Der Besuch dieser landschaftlichen Perlen des Langensees entzückte ihn natürlicherweise auf das höchste. « Mit dem Gefühle, als müsse ich jetzt vor etwas fliehen, wohin ich nicht gehöre, verliess ich nach dem einen Tag den Ort, um den Lago Maggiore aufwärts, über Locarno nach Bellinzona wieder in das eidgenössische Gebiet und von da nach Lugano mich zu wenden... » Von Pallanza schrieb Wagner an Otto Wesendonk unter dem Eindruck dieser Wanderung:
« Nun, dieser letzte Marsch war entschieden das Herrlichste, was mir noch je begegnet! Von der äussersten Eisregion durch eine Reihe von Talstufen allmählig bis zur üppigsten italienischen Vegetation hinabzusteigen, das war mir dennoch etwas Neues! Ich habe wie ein Kind gelacht über die oft beschriebenen und gelesenen, noch nie von mir aber gesehenen und genossenen Wunder. Jetzt auch erst finde ich Ruhe, bis dahin war ich immer wie auf der Jagd, die grossartigste Alpenwelt galt mir immer nur wie das Tor, durch das ich hindurch müsste, um endlich zu gemessen. » Den Übergang über den Griesgletscher und den Abstieg durch das Formazzatal nach Domodossola nennt Wagner in einem Briefe an Uhlig ( Lugano, 22. Juli ) den Glanzpunkt seiner Reise. Dieser Brief bildet eine wertvolle Ergänzung zu seinem Reisebericht in der Autobiographie. Es heisst darin u.a.:
« Zum ersten Male auf meiner Reise fand sich auf der Gletscherhöhe auch Nebel ein, so dass mein Führer über die kalten Schnee- und Felswände seine Not für einen möglichen Pfad hatte. Aber nun dieses Absteigen! Aus den grässlichsten Eisregionen nach und nach, über verschiedene Talstufen, durch alle Vegetationen des nördlichen Europas bis in das üppigste Italien hinabgedrungen. Ich war ganz berauscht und lachte wie ein Kind, als ich aus Kastanienwäldern durch Wiesen und selbst Getreidefelder ging... Dabei die unendlich reizende Mannigfaltigkeit der Berg- und Talformen, mit der anmutigsten Bebauung, hübschen Steinhäusern und — soweit das Tal — hübschen Menschen. Nun, das ist eben alles nicht zu beschreiben: aber ich verspreche Dir, mit Dir noch einmal über den Griesgletscher zu gehen. » Der frühe Tod Uhligs zerstörte diese Absicht.
In Lugano fanden sich Frau Minna, Georg Herwegh und François Wille ein. Sie alle gingen nach dem Lago Maggiore und besuchten die Borromeischen Inseln. Wagner trennte sich dann mit seiner Frau von den Übrigen und reiste über den Simplon in das Wallis. Da er befürchtete, dass er sobald nicht Gelegenheit haben werde, eine grössere Alpenreise zu unternehmen, wollte er das « Sehenswürdigste der Schweiz vollends in Augenschein nehmen und deshalb an dem Mont Blanc nicht vorbeigehen ». Er fuhr daher durch das Rhonetal bis nach Martigny, wo er zu nächtlicher Stunde eintraf. Alle Gasthäuser waren überfüllt und verweigerten die Aufnahme. Schliesslich wurde « mit Benutzung des Liebesverhältnisses eines Postillons zu einem Dienstmädchen in einer für diese Nacht von der Herrschaft verlassenen Privatwohnung widerrechtlich ein Obdach gefunden ».
« Im Chamonixtal besuchten wir pflichtgemäss das sogenannte „ Eismeer " und die Flegere, von welcher aus mich der Anblick des Mont Blanc allerdings bedeutend anregte. Meine Phantasie beschäftigte sich jedoch weniger mit der Besteigung dieses Gipfels als vielmehr mit einer Überschreitung des Col du Geant, indem mich weniger die zu erreichende grosse Höhe, als die andauernd erhabene Öde auf dieser letzteren Wanderung anzog. Ich nährte längere Zeit den Vorsatz, ein solches einziges Abenteuer noch einmal zu bestehen. » Leider kam Wagner nicht dazu, seinen Plan zur Ausführung zu bringen. Denn Minna verrenkte sich beim Abstieg von der Flegere den Fuss, was nicht nur für sie von schmerzlichen Folgen begleitet war, sondern auch Wagner vcn weiteren Unternehmungen zurückhielt und zur beschleunigten Heimkehr über Genf nötigte. Diese Reise war die grösste von Wagners Alpenwanderungen. Liszt schrieb ihm: « Dass Du Dir diese Reise vergönnt hast, freut mich sehr. Das sind herrliche Kerle, diese Gletscher, und in meinen Jugendjahren hatte ich auch mit ihnen Freundschaft geschlossenDie Reise um den Mont Blanc empfehle ich Dir für das nächste Jahr — ich habe sie teilweise im Jahre 35 gemacht. Mein Reisecompagnon wurde aber bald müde — und machte mich noch müder... » Auch Liszt, der in der Zeit seines Genfer Aufenthaltes ( 1835—1837 ) die Schweiz nach allen Richtungen durchstreifte, war ein grosser Bergfreund. « Ich habe viele Alpen erstiegen », erzählt er einmal. In welcher Weise die auf seinen Alpenwanderungen gewonnen Natureindrücke, die er übrigens mit schönen Worten wiederzugeben wusste, ihre künstlerischen Wirkungen zeitigten, kann hier keine Erörterung finden.
Mit der Dichtung des « Rheingold » beschäftigt, schmiedete Wagner für den Herbst neue Wanderpläne, doch zwang ihn schlechtes Wetter, die « bereits aufgezeichnete » Wanderung nach Glarus und Schwyz zu verschieben. Er brachte die Dichtung der Nibelungentetralogie zum Abschluss und griff, als in den ersten Novembertagen sich schönes Wetter einstellte, zum Wanderstabe. Über diese Wanderung, die Wagner in der Selbstbiographie gänzlich übergeht, berichtet er in einem Briefe an Uhlig: « So machte ich mit Herwegh und Wille einen dreitägigen Ausflug in die Alpen: nach Glarus, dem Glärnisch, dem Klöntale und dem Wallenstättersee, leider bekam mir wieder dieser Ausflug schlecht, da ich in der ersten Nachtherberge vor Unruhe gar nicht zum Schlafen kam und nun am folgenden Tage — trotz der furchtbarsten Ab-gespanntheit — meinen Gesellschaftern zulieb zu einer Forcetur mich zwang, die mich — wie alles Forcieren — gänzlich herunterbrachte. » Welcher oder ob überhaupt ein Gipfel des Glärnischmassivs bestiegen wurde, ist in Anbetracht der vorgerückten Jahreszeit mehr als zweifelhaft. Ebenso lassen sich über den von der Gesellschaft eingeschlagenen Weg nur Vermutungen aufstellen.
Im Juni des folgenden Jahres weilte Wagner mit seiner Frau kurze Zeit in Interlaken und unternahm später in Gesellschaft von Liszt und Herwegh einen Ausflug nach dem Vierwaldstättersee. Im Juli ging er mit Herwegh nach St. Moritz. Herwegh berichtet, dass sie im « Sonnenschein den Julier überstiegen ». In St. Moritz mussten sie mit « dem wildesten Unterkommen » vorlieb nehmen. Verschiedene Ausflüge wurden gemacht, so über den Malojapass in das Tal von Chiavenna, wobei es ihnen schwer wurde, aus der südlichwarmen Luft wieder in die kalte Höhe zurückzukehren. Deshalb meint Wagner in einem Briefe an Wilhelm Fischer humorvoll: « Ich sitze hier zwischen Eis und Bären — wer mich lieb hat, holt mich weg » ( 27. Juli 1853 ). Doch das ging nicht so bald, weil Wagner St. Moritz zu Kurzwecken aufgesucht hatte. Sein Wanderblut konnte aber dennoch nicht erstarren und mit kleinen harmlosen Ausflügen das Auslangen finden.
« Zu einer ernstlichen Unternehmung machten wir uns auf, nachdem wir den Schulmeister von Samaden zur Führung auf den Rosetsch-Gletscher gewonnen hatten. Bei diesem Vordringen an die Abhänge des einzig grossartigen Bernina, welchen wir in seiner Schönheit selbst dem Mont Blanc durchaus vorziehen mussten, hatten wir es mit Bestimmtheit auf einen exzentrischen Genuss abgesehen; dieser wurde namentlich meinem Freunde durch die grossen Anstrengungen verkümmert, mit welchen das Besteigen und weitere Beschreiten des wunderbaren Gletschers verbunden war. Wiederum, und diesmal in gesteigertem Grade, empfing ich den erhabenen Eindruck der Heiligkeit der Öde und der fast gewaltsam beschwichtigenden Ruhe, welche jedes Erstorben-sein der Vegetation auf das pulsierende Leben des menschlichen Organismus hervorbringt. Nachdem wir zwei Stunden lang tief in die Gletscher-Strasse hineingewandert waren, musste uns ein mitgebrachtes Mahl mit in den Eisspalten frappiertem Champagner für den schwierigen Rückweg stärken. Diesen hatte ich meist doppelt zurückzulegen, indem ich dem zu meiner Überraschung überängstlich befundenen Herwegh wiederholt die Auf- und Abschreitung vormachen musste, zu welchen er endlich selbst sich zu entschliessen hatte.Von dem ausserordentlich zehrenden Charakter der Luft in diesen Regionen hatte ich mich an mir selbst zu überzeugen, als wir, eben auf dem Rückwege, in der ersten Sennerei an der dort vorgefundenen herrlichen Milch uns erlabten. Ich verschlang diese in solchen Fluten, dass wir beide darüber in wahrhaftes Staunen gerieten, besonders da ich in der Folge gar keine Beschwerden davon empfand. » Wagner kehrte Mitte August nach Zürich zurück, um sich für eine italienische Reise zu rüsten. Den Hinweg nahm er über den Mont Cenis, die Rückreise über den St. Gotthard.
Im Juni 1854 unternahm er nur kleinere Ausflüge, wie z.B. nach Montreux, Genf und Lausanne, und überstand seiner Frau zuliebe « geduldig einige Wochen lang die Leiden eines Schweizer Pensionslebens » in Seelisberg am Vierwaldstättersee; doch half ihm die schöne Luft und ein täglich weiterer Ausflug auf Gebirgspfaden. Dabei machte er eine « ziemlich wilde Stelle » ausfindig, wo er sich ein Häuschen hinbauen lassen wollte.
Auch im nächsten Sommer wurde Seelisberg wieder aufgesucht, da Wagner seine durch die Strapazen und Aufregungen der Londoner Reise angegriffene Gesundheit in würziger Gebirgsluft stärken wollte. Mit Ungeduld sah er der Stunde der Erlösung von seinem Londoner Aufenthalt entgegen. Die Liebe zu seiner zweiten Heimat, tiefe Sehnsucht nach der Schweiz, leuchtet uns aus den Briefen jener Tage entgegen. « Zum Sommer gehe ich in meine liebe Schweiz zurück, die ich nie wieder zu verlassen gedenke », schreibt er an Röckel, und Fischer gegenüber gibt er seiner Freude darüber Ausdruck, dass er bald wieder in seinem lieben Zürich sein werde. Und Minna beteuert er einmal: « Was will ich dagegen glücklich sein, wenn ich wieder die reine wonnige Luft des Seelisberges atmen werde: Hier werde ich rein alle Tage dümmer. » Seelisberg dünkte ihn ein Paradies. Die herrliche Aussicht vom Balkon des Kurhauses Sonnenberg geniessend, « versenkte er den Blick in diese heilige, erhabene Gegend ». Anhaltend schöne Witterung begünstigte den Aufenthalt, so dass Wagner fleissig seinen « einsamen Promenaden » obliegen konnte und begeistert an F. Präger nach London schreiben konnte: « Du hast keinen RICHARD WAGNER UND DIE ALPEN.1 Begriff, wie schön es hier ist, welche Luft man atmet und wie wohltätig dieses wundervolle Ganze auf mich wirkt. » Mitte August wurde wieder nach Zürich zurückgekehrt.
Im Mai des folgenden Jahres zog er sich bei einem Ausflug nach Brunnen am Vierwalclstättersee durch eine Erkältung den dreizehnten Rückfall seiner Gesichtsrose zu und suchte im Juni eine Wasserheilanstalt in Mornex, einem savoyischen Dorfe am Mont Saleve, auf. Von seiner Wohnung hatte er die herrlichste Aussicht auf die Mont Blanc-Kette. Er unternahm regelmässig Spaziergänge und bestieg wiederholt den Salève, wovon er allemal sehr gestärkt zurückkam. « Immer steige ich, in das Tal komme ich nie. » Anfangs pflegte Wagner einen Band von Byron mitzunehmen. Doch nahm er später davon Abstand, da er im Anblick des Mont Blanc stets das Lesen vergass und das Buch gar nicht aus der Tasche zog. Nach Beendigung der Kur kehrte Wagner nach Zürich zurück, um sogleich einen Ausflug nach seinem alten Lieblingsorte Brunnen am Vierwaldstättersee zu unternehmen. Dort genoss er einen wundervollen Sonnenuntergang und « sonstige schöne Einwirkungen der Alpenlandschaft ». Im November begleitete er Franz Liszt von Zürich über St. Gallen nach Rorschach.
Das Jahr 1857 brachte Wagner in Zürich zu, nachdem ihm Otto Wesendonk inzwischen ein kleines Häuschen zur Verfügung gestellt hatte. Das « Asyl » lag auf dem Hügelrücken, welcher den Zürchersee vom Sihltal trennt. Von seinem. Arbeitstisch hatte er nicht bloss einen prachtvollen Überblick über den See, sondern auch freie Ausschau auf die Alpen.
Im Frühjahr 1858 kam er wiederholt nach Brestenberg am Hallwilersee und einmal nach Luzern. Seine täglichen Spaziergänge führten ihn nach dem Sihltal oder auf den Ütliberg. Doch wollte es ein tragisches Geschick, dass Wagner von der Stätte, die er als sein Heim ansehen konnte, nach Jahresfrist wieder in die Fremde flüchten musste. Am 17. August verliess er Zürich, wandte sich nach Genf und reiste von dort über Lausanne und den Simplon nach Italien, um in Venedig Aufenthalt zu nehmen. Von Baveno besuchte er abermals die Borromeischen Inseln und genoss auf der Gartenterrasse der Isola bella einen herrlichen Spätsommermorgen. Obgleich er die Lagunenstadt als « Wunder » empfand, bezeugen die Briefe an Mathilde Wesendonk und an Minna, wie sehr ihm — die Berge fehlten. « Am schmerzlichsten vermisse ich allmählig meine Wanderungen durch Berg und Tal... Mich verlangt 's oft nach dem trauten Sihltal, nach der Höhe von Kilchberg. So wie es ein wenig wärmer wird, gedenke ich einen Ausflug zunächst nach Verona und der Umgegend zu machen. Dort treten die Alpen schon nah. Einen wunderbar wehmütigen Eindruck macht es mir, wenn ich bei sehr hellem Wetter vom öffentlichen Garten aus die Tiroler Alpenkette in fernem Hinzuge gewahre. » In den ersten Märztagen unternahm er den geplanten Ausflug. Sein Ziel war Vicenza, doch der abgehende Zug fuhr in die entgegengesetzte Richtung und brachte ihn nach Treviso. Wagner liess nicht locker, verbrachte dort eine klägliche Nacht und machte sich nächsten Tags zu einer tüchtigen Fusswanderung « von ziemlich drei deutschen Meilen auf ». Er schritt gerade auf die Alpen los, « die schön und stolz ihre Kette ihm entgegensperrten ». Müde kam er abends in die Lagunenstadt zurück. « Ich sehne mich für den Sommer nach hoher Bergluft. Luzern hat mir das letztemal sehr gefallen, vielleicht suche ich mir da ein stilles Häuschen aus und mache von dort rechte Exkursionen auf den Rigi und auf die Berge », schreibt er im Februar an seine Frau. Daneben denkt er auch an Mariafeld bei Meilen, wo es schöne « Berg-spaziergänge » gibt, doch nimmt der Plan mit Luzern immer festere Formen an. Denn der Vierwaldstättersee, Brunnen, Seelisberg, Rigi und Pilatus üben auf Wagner ihre alte Anziehungskraft aus. Vor seiner Abreise aus Venedig schreibt er an Minna: « Jedenfalls gehe ich sehr gerne fort. Der Mangel an Promenaden ist endlich unerträglich. Auf die Berge und ihre Luft freue ich mich dagegen unmenschlich, ich werde alle acht Tage eine Expedition unternehmen. » Im Vorgefühl dieser Freuden verlässt er Venedig und eilt nach Mailand. Von dort richtet er noch einen Brief an Mathilde Wesendonk, worin er seiner Freude über die Rückkehr nach der Schweiz Ausdruck gibt und mit den Worten schliesst: « Morgen geht 's auf die Alpen los. » Es war ein wunderschöner Frühlingstag, als er von Mailand über Como, wo alles in üppigster Blüte stand, nach Lugano fuhr, das ihm ja von seiner Sommerreise 1852 bekannt war. Wenig Genuss bot ihm die Fahrt über den Gotthard.
« So bin ich denn nun wieder an meinem Lieblingssee; es machte mir einen traulichen Eindruck, bei schönem Wetter und herrlicher Beleuchtung Flüelen, Seelisberg und Brunnen wiederzusehen. Nur St. Gotthard benahm sich grob. Nachdem ich in Italien mit grosser Freude die herrliche Blüte der Fruchtbäume sich ausbrüten gesehen, zog sich Vater Gotthard einen greulichen Nebelpelz mit Schneeflocken ( die immer herausfielen ) wattiert an und cou-jonierte mich in der infamen Käsekutsche, auf die man mich mit einem italienischen Schneider klemmte, ganz gewaltig. Schöne Geschichte, diese Schneepassage durch Wind und Wetter auf offnem Schlitten, der einem nur bis an die Knöchel geht. Heute kommt bei mir ein scharmanter Schnupfen zum Ausbruch — Hatzsi! — » Die letzte Phase der ersten Schweizerzeit begann. Sie bedeutet gleichsam einen Übergang zur zweiten, da sie sich in dem Orte abspielt, den Wagner während seines zweiten Exils zum Aufenthaltsort erwählt hatte.Vorder-hand fühlte er sich in Luzern sehr wohl, was er vornehmlich auf den Einfluss der frischen Gebirgsluft zurückführte. So schreibt er an seine Frau: « Die Schweizer Luft tut mir wohl », oder « ich bin ungemein zufrieden und befinde mich sehr behaglich. Schöner kann man aber auch unmöglich wohnen; nach allen Seiten hin dieser wunderbare Anblick... Die Gebirgsluft tut mir wieder sehr wohl. Die Spaziergänge sind himmlisch... » Ein anderes Mal bekennt er, dass er sich durch häufige und bedeutende Ausflüge, Bergbesteigungen und den Genuss der hohen reinen Gebirgsluft Abhilfe gegen sein Leiden erhofft habe, ein Umstand, der ihn bewogen habe, gerade die Schweiz und eben diese Gegend aufzusuchen. Ein Gang auf die Rigi wurde immer wieder durch schlechtes Wetter vereitelt. Im Juni konnte Wagner endlich seine Absicht ausführen. Dieser Ausflug war in künstlerischer Beziehung einigermassen bedeutungsvoll. Wagner berichtet: « Von meiner Rigipartie habe ich auch Profit gezogen. Früh um 4 Uhr weckte der Knecht mit dem Alphorn. Ich fuhr auf, sah, dass es regnete, und blieb liegen, um weiterzuschlafen. Doch ging mir das drollige Geblase im Kopfe herum, und daraus entstand eine sehr lustige Melodie, die jetzt der Hirt „ aussen " bläst, wenn er Isoldes Schiff ankündigt, was eine überraschend heitere, naive Wirkung macht. » Anfang August war der « Tristan » beendet. Wagner gedachte nun, um sich etwas zu erholen, « die höhere Bergluft aufzusuchen » und einige Tage auf Rigi-Kaltbad zu verweilen. Doch ein Blick überzeugte ihn, dass an ein Verweilen in einer « solchen Pension » nicht zu denken sei. Er machte sich deshalb in Gesellschaft des Komponisten Felix Dräsecke zu einer Besteigung des Pilatus auf. Er bezeichnet die Partie als sehr schön und sehr bequem und bemerkt, dass der Pilatus grosse Propaganda verdiene. Bei dieser Gelegenheit bestand er ein ähnliches Abenteuer wie auf dem Säntis. Als er an einer Stelle ruhig in den Abgrund zu seinen Füssen hinabblickte, wurde er plötzlich von einer wahnsinnigen Unruhe erfasst, da sein Begleiter deutliche Zeichen von Schwindel offenbarte. Nach dieser Besteigung machte er mit Dräsecke einen Ausflug nach Brunnen und dem Rütli. Am 7. September verliess er Luzern, besuchte, ohne den beabsichtigten « kleinen Streifzug übers Gebirge » auszuführen, Freunde in Zürich und Winterthur und gelangte am 15. September nach Paris. Die ersten zehn Schweizer-jahre warer, vorüber.
Doch starke Bande knüpften nach wie vor des Meister Herz und Sinn an seine geliebte Schweiz. « Ganz möchte ich sie nie aufgeben », bekannte er einmal, und dem entsprach es vollkommen, wenn er Otto Wesendonk, nachdem er in Paris eine Wohnung gefunden hatte, schrieb: « Dort gedenke ich aber, meine drei Jahre passabel auszuhalten, vorausgesetzt, dass mich jeden Sommer die Schweizer Berge erfrischen. » Die Schweiz war für ihn ein Jungbrunnen im wahrsten Sinne des Wortes. Als er einmal, um das Ensemble der Pariser Oper kennen zu lernen, eine Vorstellung besuchte und ein wert-loses Machwerk über sich ergehen lassen musste, erfasste ihn tiefste Sehnsucht nach dem einfachsten Gebirgstal der Schweiz ( Brief an Mathilde Wesendonk vom 10. April 1861 ). So kam es, dass Wagner seine Blicke nach der Schweiz richtete, als er neuerlich vor die bittere Notwendigkeit gestellt wurde, ein Asyl suchen zu müssen. Ein solches bot ihm 1864 für kurze Zeit Mariafeld bei Meilen. Da schien ihm endlich einmal das Glück lächeln zu wollen: König Ludwig von. Bayern berief den Flüchtigen nach München. Nach anderthalb Jahren war Wagner wieder ein gefallener Mann und abermals ein Flüchtling. Am 10. Dezember 1865 reiste er nach der Schweiz ab, wo er unter ähnlichen Umständen wie im Jahre 1849 eintraf: Damals steckbrieflich verfolgt, 1865 ausgewiesen und geopfert vom königlichen Freund. In Marseille erreichte ihn die Nachricht vom Hinscheiden seiner Frau. Wagner kehrte alsbald in die Schweiz zurück. Noch einmal besuchte er den Mont Salève. Dann fand er nach längerem Suchen auf einer Landzunge des Vierwaldstättersees, seines Lieblingsees, bei Luzern ein Häuschen. Sechs Jahre währte Wagners « zweites Exil » in Tribschen. Ein prachtvoller Blick bietet sich von dort auf Berge, die Wagner wohl vertraut waren und an die sich schöne Erinnerungen knüpften: Rigi, Pilatus und Uri-Rotstock. So manchen Gang hat auch in dieser Zeit Wagner bergwärts getan, u.a. einmal im Spätherbst 1868 auf die Rigi, dass der Winteraufseher des schon lange geschlossenen Hauses auf Rigikulm sehr über das Auftauchen der Wanderer erstaunt war, und 1870 auf den Pilatus, wo er, in dem oberen Gasthause übernachtend, von Hans Richter und Klindworth mit den Klängen des « Meistersinger»-Vor-spieles aus dem Schlafe geweckt wurde.
Es nahte eine andere Zeit. Die Vollendung seines Lebenswerkes, das sich in dem Begriff Bayreuth konzentriert, nahm dem Rastlosen nach der Übersiedlung dorthin auch die Gelegenheit, sich in freier Gebirgsluft zu kräftigen und an der Mannigfaltigkeit der Bergnatur zu erfreuen. Einmal noch, 1877, hat er mit Cosima Tribschen wieder besucht, ein beabsichtigter Ausflug nach Seelisberg musste aber wegen der ungünstigen Witterung aufgegeben werden.
Aus diesem kurzen Ausschnitt aus der Lebensgeschichte des grossen Ton-meisters scheint mir hervorzugehen, dass Wagner sich mit der Gebirgsnatur innig verwachsen fühlte. Er hielt sich nicht bloss in den Alpen auf, sondern er lebte — in höherem Sinne — in den Alpen. Es erhellt weiter, dass Wagner ein leidenschaftlicher und ausdauernder Fusswanderer war, der ganz ahnsehnliche Marschleistungen auf sich nahm. Er versteifte sich nicht immer auf die bequemsten Wege oder Passübergänge und nahm gerne Mühen und Anstrengungen auf sich, um in die inneren Regionen der Gebirgswelt eindringen zu können. Er drang mit Herwegh«vier Stunden weit auf den Rosetsch-gletscher » vor, was « furchtbares Klettern über Eisspalten » mit sich brachte. Wagner nennt die Partie sehr anstrengend, da sie elf Stunden « beständiges Klettern und Kräpeln » erfordert habe. Doch meint er, noch nie so etwas Grossartiges erlebt zu haben und so mitten in der erhabensten Eisgebirgswelt gewesen zu sein. ( Brief an Minna vom 26. Juli 1853. ) Er suchte auch gerne « weniger betretene Pfade » auf, wie ihn überhaupt auch das Abenteuerliche des Wanderns reizte. Er scheint sogar für prickelnden Reiz der Gefahr Verständnis gehabt zu haben, da er am 6. August 1852 Hans von Bülow mitteilt, dass er im nächsten Jahre eine « Halsbrecherpartie in die Innerlichkeiten dieses erhabenen Gebirges » zu unternehmen entschlossen sei, weil ihm nämlich « dergleichen gefährliche Besteigungen vortrefflich bekämen ». Mit der « Halsbrecherpartie » war die Überschreitung des Col du Geant gemeint.
Das Bild, das im Vorstehenden von Wagner als Alpenwanderer zu entwerfen versucht wurde, entbehrt auch nicht eines ausserordentlich charakteristischen Zuges. Von einem zünftigen Bergsteiger verlangt man gemeiniglich, dass er über seine Erlebnisse auch — schreibe. Und das hat auch Wagner beabsichtigt! Von seiner grossen Alpenreise 1852 nach Zürich zurückgekehrt, schrieb er an Brendel, den Herausgeber einer Musikzeitschrift, ob er nicht « Briefe über Alpenformation » von ihm brauchen könne. Damit kann wohl nur eine Reisebeschreibung gemeint sein. Wagner nahm diese Absicht sehr ernst, da er Bülow und Uhlig davon in Kenntnis setzte. Leider kam es nicht zu diesen « Reisebriefen ».
Und haben nun die Eindrücke auf seinen Wanderungen Wirkungen auf sein künstlerisches Schaffen gezeitigt? In die Schweizerzeit fiel vor allem die Konzeption und Ausführung des Nibelungenringes, jenes Kolossalwerkes, dem Natur und Naturstimmungen vielfach das Gepräge verleihen. Und ist es nicht einleuchtend, dass das innige Verbundensein Wagners mit der Natur in diesem Naturdrama zur Geltung kommen musste, ebenso wie das Erlebnis der stürmischen Seefahrt im « Holländer » seine künstlerischen Früchte trug? Man kann — das versteht sich von selbst — nicht vom Gesichtspunkte der Deutlichkeit, die in Kleinlichkeit ausarten müsste, nach « alpinen » Stellen fahnden. Es kann sich hier nur darum handeln, zu zeigen, dass das Naturgefühl auf die künstlerische Inspiration und Konzeption befruchtend eingewirkt hat. Man blättere die Partituren des Nibelungenringes durch. Schon das « Rheingold » ist ein Kompendium von Naturstimmungen und Naturereignissen: Wasser, Nebel, Berge, Geklüft, Sonne, Gewitter. Ebenso verhält es sich in der « Walküre » und im « Siegfried »: Gewitter, Frühlingsnacht, Stürme, der sonnig helleuchtende Wald, « Waldweben », Morgendämmerung, Sturm und Wetter usw. Wagner war auf seinen Wanderungen ein sehr aufmerksamer Beobachter. In einem Briefe an Minna ( Luzern, 12. Mai 1859 ) erzählt er:
« Auf einer dreistündigen Wanderung, wie man sie wirklich nur in diesen Umgebungen machen kann, hatte ich viel zu beobachten, was mich freute. Bei einer Mühle setzte ich mich am Brunnen nieder, um mich abzukühlen, bis ich trinken könnte. Da kam ich in gute Laune, zu beobachten: drin klapperte das Werk, heraussen gackerten die Hühner; Tauben suchten zwischen ihnen ihr Futter; auf einem kleinen Wagen mit Spreu sprangen die Spatzen herum und jagten sich Körnchen ab; im Stall liess sich der Ochs vernehmen, und ich dachte, was fehlt noch? Aha! da kam die Katze aus der Türe, setzte sich auf die Schwelle, putzte sich und sah den Vögeln zu. Endlich kam ein Maidli heraus, Wasser zu schöpfen, ihr sprang ein grosser Hund nach, der mir gar nichts tat. Dann ging ich über den Berg, durch den Wald, mit dem himmlischen Gesänge der Waldvögel, wo ich immer neue Arten zu entdecken glaube. Prachtvoll aber ging es auf den Weideplätzen her. So schöne Glockengeläute habe ich noch nirgends gehört: fast jede Kuh trägt ihre grosse, schön tönende Metallglocke, auf welche die Leute viel zu verwenden scheinen. Wenn ich so mitten drunter stand, war das eine wahre Macht von Getöne, und die Stiere sind so traulich, kommen alle heran und sehen einen neugierig an. Lange noch hörte ich in der weitesten Ferne die schönen Glocken; ja selbst des Nachts hörte ich sie von meiner Zinne aus über den See herüber, denn die Kühe bleiben auch nachts auf der Weide. Wenn mir 's einmal so recht nach Wunsch ginge, möchte ich die Winter in Paris leben, aber die Sommer müssten wir so ein recht trauliches Landleben hier in der Schweiz führen können; vielleicht doch noch in Brunnen. » In seiner in Tribschen entstandenen Beethovenschrift berichtet Wagner folgendes Erlebnis: « Einmal durchwanderte ich die erhabene Einsamkeit eines Hochtales von Uri. Es war heller Tag, als ich von einer hohen Alpenweide zur Seite her den grelljauchzenden Reigenruf eines Sennen vernahm, den er über das weite Tal hinübersandte; bald antwortete ihm von dorther durch das ungeheure Schweigen der gleiche übermütige Hirtenruf: Hier mischte sich nun das Echo der ragenden Felswände hinein; im Wettkampfe ertönte lustig das ernstschweigsame Tal. » Dass sich diese Beobachtungen zu künstlerischen Inspirationen verdichteten, möge die nachfolgende Äusserung Wagners selbst bezeugen: « Meine täglichen Spaziergänge richtete ich » — er komponierte damals den zweiten Akt des « Siegfried » — « an den heiteren Sommernachmittagen nach dem stillen Sihltal, in dessen waldiger Umgebung ich viel und aufmerksam dem Gesänge der Waldvögel lauschte, wobei ich erstaunt war, die mir gänzlich neuen Weisen von Sängern kennen zu lernen, deren Gestalt ich nicht sah und deren Namen ich noch weniger wusste. Was ich von ihren Weisen mit nach Hause brachte, legte ich in der Waldszene „ Siegfrieds " in künstlicher Nachahmung nieder » ( August 1857 ).
In diesem Zusammenhange sei noch der Konzeption des « Parsifal » gedacht. Im April 1857 hatte Wagner, krank und bei unfreundlichstem Wetter, sein Häuschen, das « Asyl », bezogen: « Am Charfreitag erwachte ich zum ersten Male in diesem Hause bei vollem Sonnenschein: das Gärtchen war ergrünt, die Vögel sangen, und endlich konnte ich mich auf die Zinne des Häuschens setzen, um der langersehnten verheissungsvollen Stille mich zu erfreuen. » Da erinnerte er sich, dass doch Karfreitag sei, und zugleich an Wolframs Parsifal-Gedicht, mit dem er sich seit Marienbad ( 1845 ) nicht mehr beschäftigt hatte und dessen idealer Gehalt ihm jetzt in überwältigender Form offenbar wurde.Von dem « Karfreitagsgedanken » aus konzipierte er das Drama, welches in drei Akte geteilt auch gleich flüchtig skizziert wurde. Und mutet es nicht seltsam an, dass die musikalisch blühendste Partie des Wagnerischen Alterswerkes gerade der « Karfreitagszauber » ist?
Zeigt sich nicht der Einfluss der Gebirgsnatur auch in der Szenerie? Beachten wir einmal unter diesem Gesichtspunkte die Vorschriften und Regie-bemerkungen Wagners. Im « Rheingold », zweite Szene:
« Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über, das sich nach und nach abklärt, und als es sich endlich wie in feinem Nebel gänzlich verliert, wird eine freie Gegend auf Bergeshöhen sichtbar. » In der « Walküre », zweiter Aufzug:
« Wildes Felsengebirge. Im Hintergrunde zieht sich von unten her eine Schlucht herauf, die auf ein erhöhtes Felsjoch mündet. » Keinesfalls das Bild einer Mittelgebirgslandschaft, ebenso wie im dritten Aufzuge, der « auf dem Gipfel eines Felsberges » spielt.
An einer anderen Stelle heisst es:
« Auf einer hohen Felsspitze hält sie an, blickt in die hintere Schlucht hinab. » Oder:
« Schwarze Gewitterwolken senken sich auf den Hintergrund herab und hüllen die Gebirgswände, die Schlucht und das erhöhte Bergjoch nach und nach gänzlich ein. » Für das für die Wiener Oper gemalte Bühnenbild im zweiten Akt der « Walküre » hat der bedeutende Bühnenmaler Alfred Roller in richtiger Erkenntnis eine Dolomitenlandschaft zum Vorwurf genommen. Die Alpen haben nicht bloss auf das künstlerische Schaffen Wagners eingewirkt, sie wurden hierzu beinahe eine Voraussetzung. In einer pessimistischen Anwandlung schrieb Wagner von Seelisberg an Präger nach London: « Bei mir ist 's jetzt die herrliche Natur, die mich wieder für das Leben stimmt. So habe ich denn die Arbeit wieder aufgenommen. » Als er in Venedig 1859 den « Tristan » komponierte, begann er den « üblen Mangel erkräftigender Fusswanderungen » sehr unangenehm zu empfinden und beschloss daher, im Frühling in Luzern « sich recht behaglich zu dem letzten Akte zu betten ». « Du weisst, » schreibt er am 25. März von Mailand an Liszt, « wie sehr ich den Vierwaldstättersee liebe: Rigi, Pilatus usw. sind mir und meinem Blute heilende Notwendigkeiten geworden », und seiner Frau beteuert er von Luzern aus: « Aber was mir zum grössten Nachteile fehlte, waren Spaziergänge, Berg-promenaden, Grün und höhere Luftregionen. Darunter habe ich schliesslich auch wohl etwas gelitten ». Liszt nimmt die Nachricht von der Rückkehr zustimmend auf und wünscht, « dass sich der „ Tristan " noch einmal an der Alpenluft erfreue und bekräftige ». So ist das Schicksal dieses Werkes, dessen äusserer Rahmen jenseits der Gebirgslandschaft liegt, doch aufs innigste mit derselben verwoben. Bekanntlich wurde die Arbeit an dem « Siegfried » nach dem zweiten Akte ausgesetzt. Über die Voraussetzung zur Vollendung dieses Werkes wirft eine Stelle aus einem Pariser Briefe an Mathilde Wesendonk volles Licht:
« Nun, helfe mir alles nur so weit, dass ich diesen Winter mich im guten Gleichgewicht erhalte, um zum Frühjahr wieder meine liebe Schweiz aufsuchen zu können: denn nur dort kann Siegfried Brünnhilde erwecken! Das ginge doch wohl in Paris nicht gut. » Mit andern Worten: Wagner sprach hier unumwunden aus, dass er der unmittelbaren Berührung mit der Alpenlandschaft bedürfe, um den dritten Aufzug des « Siegfried»zu vollenden, jenen Aufzug, dessen Schauplatz die in Licht- und Sonnenglanz getauchte « wonnige Höhe » bildet. Hat nicht Wagner auch eine Komponente des Gipfel-gefühls in die verklärten Worte: « Selige Öde auf wonniger Höh ' » einzu-kleiden verstanden, welche gerade wir Bergsteiger am ehesten zu fassen vermögen?
Immer lebte die Alpenlandschaft in Wagners Vorstellungswelt. In dem « Bericht an den deutschen Wagnerverein », der über die Schicksale handelt, welche die Ausführung der Tetralogie begleiteten, erzählt Wagner:
« Mit grosser Freudigkeit begann ich nach fünfjähriger Unterbrechung meines musikalischen Produzierens, in der Jahreswende von 1853 zu 1854, die Ausführung der Komposition meiner Dichtung. Mit dem „ Rheingold " beschritt ich sofort die neue Bahn, auf welcher ich zunächst die plastischen Natur-motive zu finden hatte, welche in immer individuellerer Entwicklung zu den Trägern der Leidenschaftstendenzen der gegliederten Handlung und der in ihr sich aussprechenden Charaktere sich zu gestalten hatten. Die eigentümliche Naturfrische, welche von hier aus mich umwehte, trug mich ohne Ermattung, wie in hoher Gebirgsluft, über alle Anstrengungen meiner Arbeit hinweg, in welcher ich bis zum Frühjahre 1857 die Musik des „ Rheingold ", der „ Walküre " und eines grossen Teiles des „ Siegfried " vollständig ausführte. » Die unmittelbare Beziehung der landschaftlichen Umwelt zur Arbeit an dem Nibelungenring bekennt Wagner in derselben Schrift:
« Von neuem war ich in dem schweigenden Asyl, fern jedem Klange angelangt, aus welchem ich dereinst in die stumme Alpenwelt blickte, als ich jenen überschwänglichen Plan entwarf und die Ausführung in Angriff nahm, welche ich diesmal zur Vollendung bringen durfte. » Diese Bemerkung bezieht sich auf das zweite Schweizerexil Wagners. Die Konzeption und Komposition der « Nibelungen » ist — das steht nun fest — nicht bloss in der Schweiz selbst, sondern unter dem Einflüsse der Gebirgsnatur vor sich gegangen. Nur in der Bergwelt sah Wagner den Typus der Schweizer Landschaft. Er spricht dies in einem Briefe an Minna von Venedig, 9. März 1859, ganz unumwunden aus.
« Aber die Schweiz wird mir jetzt erfrischend sein, und nach Bergpartien sehne ich mich sehr. Der Genfersee ist mir nun durchaus nicht sympatisch. Es ist keine rechte Schweiz dort. Die ganzen Ufer entlang nichts wie langweilige Weinberge und immer nur schöne Fernsicht. Ich wüsste gar nicht wo. Alles ist steif. » Um so mehr musste ihm die ernste Bergumrahmung des Vierwaldstättersees zusagen. Neben dem Nibelungenring war der Schweizer Aufenthalt auch für den « Parsifal » und den « Tristan » von grösster Bedeutung. Aber auch die « Meistersinger » konnten in dem weltabgeschiedenen Tribschen vollendet werden. Die zwei in der Schweiz verbrachten Lebensabschnitte stellen mithin den Höhepunkt des künstlerischen Schaffens Richard Wagners dar.
In seinem gehaltvollen Aufsatz über die Entwicklungsgeschichte des Alpinismus hebt Ludwig Purtscheller hervor, dass zwei Naturschönheiten ersten Ranges, Urgewalten von höchster Wucht, unserem Erdteile zur besonderen Zierde gereichen: das Meer und die Alpen. Beide Urgewalten haben auf die Phantasie Richard Wagners mächtig eingewirkt und sein künstlerisches Schaffen beeinflusst. In dem gewaltigen Bau des Nibelungenringes können wir auch symbolisch das Bild einer Berglandschaft erblicken. In diesem Sinne scheint auch Franz Liszt empfunden zu haben, als er die Nachricht von dem Einzug Wagners in das « Asyl » erhaltend schrieb: « Ich freue mich dass Du Dich Deinem Genius hingeben und Deine geistig riesige Bergkette der Nibelungen vollenden kannst. » Was die Alpen Richard Wagner waren, welche Wirkung die Berge auf seine Phantasie und Schöpferkraft ausübten, war ihm wohl bewusst, und in dieser Erkenntnis schrieb er von Paris 1859 an Otto Wesendonk: « Lasst mich noch Werke schaffen, die ich dort empfing im ruhigen herrlichen Schweizerlande, dort, mit dem Blick auf die erhabenen, goldbekränzten Berge: es sind Wunderwerke, und nirgends hätte ich sie empfangen können. »