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Bedeutung für die Erziehung
Ersatzgefühle sind, im Gegensatz zur den vier Grundgefühlen (Freude, Wut, Angst und Trauer), unreine Gefühle, weil sie gebunden sind an belastende Erfahrungen oder mit zweifelhaften Absichten vermischt wurden. Das Problem von Ersatzgefühlen ist, dass das dahinterliegende, eigentliche Gefühl nicht mehr oder nur sehr beschränkt wahrgenommen wird. Das kann einerseits für den Menschen selbst belastend sein und andererseits in zwischenmenschlichen Beziehungen oft zu Missverständnissen und Konflikten führen. Kinder haben von Natur aus ausschliesslich Grundgefühle, also reine, ursprüngliche Gefühle. Ersatzgefühle bilden sich erst im Laufe der Erziehung und der Sozialisation.
Ursachen
Ersatzgefühle entstehen immer dann, wenn die Gefühle des Kindes in irgendeiner Form missachtet werden. Das geschieht leider gerade in der westlichen Zivilisation sehr schnell, da dem Verstand meistens einen ungleich höheren Stellenwert als dem Gespür, also dem eher gefühlsmässigen Erkennen und Verstehen, zugemessen wird. Da viele Eltern schon Mühe haben, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen oder es ihnen am Wissen um die Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Emotionen fehlt, ist die Gefahr gross, dass sie auch für die Gefühle des Kindes zu wenig aufmerksam sind.
Nichtbeachtung von Gefühlen
Gefühle von Kindern werden vor allem deshalb häufig nicht beachtet, weil die Eltern meinen, ihr Kind sowieso bestens zu verstehen. Das ist aber eines der grössten Missverständnisse in der Erziehung. Denn der Mensch kann ausschliesslich die eigenen Gefühle wahrnehmen, die seines Gegenübers kann er bestenfalls erahnen, selbst wenn es sein eigenes Kind ist! Sie müssen deshalb Ihr Kind immer wieder fragen, was es fühlt ("Bist Du traurig?", "Bist Du wütend?") und sich vergewissern, um was es wirklich geht. Denn Sie sehen immer nur die Emotionen (wie zum Beispiel Tränen oder einen erröteten Kopf), also den körperlichen Ausdruck von Gefühlen, nicht aber die dahinter stehenden Gefühle (wie zum Beispiel Trauer oder Wut), zumal die Emotionen auch noch andere Ursachen haben können (wie zum Beispiel kalter Wind oder zu viel Sonne). Seine Gefühle kann nur das Kind selbst wirklich wahrnehmen!
Besonders problematisch wird es, wenn Eltern ihren Kindern empfehlen oder gar befehlen, ihre Gefühle beziehungsweise Emotionen einfach auszuschalten ("Du musst nicht Angst haben!", "Hör endlich auf zu weinen!"). Das Kind kann höchstens seine Emotionen unterdrücken, nicht aber seine Gefühle. Ein Gefühl ist da oder nicht da. Eltern können ihre Kinder vielleicht von deren Gefühlen ablenken, sie verschwinden deswegen aber nicht, ganz im Gegenteil: Nicht wahrgenommene Gefühle beginnen eben eine Art Eigenleben in Form von Ersatzgefühlen zu führen, von denen sich dann der Mensch häufig geradezu beherrscht und getrieben sieht. Oder anders ausgedrückt: Es geht nicht darum, seine Gefühle zu beherrschen, sondern diese wahrzunehmen, ansonsten diese zu Ersatzgefühlen ausarten, die den Menschen dann tatsächlich zu steuern und zu beherrschen beginnen.
Nicht ernst genommene Gefühle
Gefühle sind für den Menschen enorm wichtig, genauso wie sein Verstand. Sie helfen ihm Situationen einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen. Gefühle sind also immer hilfreich, es gibt weder positive noch negative Gefühle. Während zum Beispiel Freude Ihnen anzeigen kann, dass es Ihr Gegenüber gut mit Ihnen meint, mahnt Sie Angst zur Vorsicht. Und während Wut bedeuten kann, dass es wichtig ist, sich für etwas einzusetzen, hilft Ihnen Trauer, um über einen Verlust hinwegzukommen. Selbstverständlich sollen Sie nebst Ihrem Gespür, also dem gefühlsmässigen Verstehen, auch immer und gleichzeitig Ihren Verstand einsetzen. Die Erfahrung der meisten Menschen zeigt aber, dass es Im Zweifel letztlich fast immer besser ist, gefühlsmässig zu entscheiden.
Es ist für die gesunde Entwicklung des Kindes deshalb entscheidend, dass Sie seine Gefühle ernst nehmen, das Kind zum Beispiel weder auslachen, weil es Angst hat noch spotten, weil es sich über etwas freut, das Ihnen nichtig erscheint. Denn das Kind vertraut Ihnen. Wenn es sich nicht ernst genommen fühlt, beginnt es zu zweifeln, weil es nicht mehr weiss, ob es sich nun auf seine Gefühle oder auf Ihre Reaktion verlassen soll. Das mindert sein von Natur aus vorhandenes Gespür und schliesslich auch sein Selbstvertrauen.
Verwechslung von Gefühlen mit Emotionen
Wenn Sie das Kind nicht nach seinen Gefühlen fragen, ist die Gefahr gross, dass Sie sich irren und entsprechend falsch reagieren. Wenn das Kind zum Beispiel wütend ist und das mit Stampfen äussert, während Sie meinen, es wolle Sie bloss ärgern, wird sich das Kind zunächst einmal unverstanden fühlen. Wenn Sie sich dann auch noch von ihm entfernen, wird ihm die nötige Beachtung fehlen und es wird im besseren Fall mit Tobsucht reagieren, um sich doch noch bemerkbar zu machen, im schlechteren Fall aber schlicht resignieren.
Seien Sie also bewusst, dass Sie bei Ihrem Kind immer nur die Emotionen sehen, also der körperliche Ausdruck von Gefühlen, währende die Gefühle nur das Kind selbst wahrnehmen kann. Natürlich können Sie die Gefühle des Kindes sehr häufig erahnen, zumal Sie es als Eltern sehr gut kennen, doch hat jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit, deren Tiefen sich auch den achtsamsten Eltern bloss ansatzweise eröffnet. Fragen Sie das Kind immer zuerst, was es fühlt, um Ihre Vermutung zu bestätigen. Das ist einfach, denn es gibt bloss vier Grundgefühle, also reine Gefühle: Freude, Wut, Angst und Trauer. Und Kind können Ihnen immer ganz genau sagen, um was es geht (wobei Sie respektieren müssen, dass auch Kinder nicht immer sagen wollen, was sie gerade fühlen).
Vermischung von eigenen mit fremden Gefühlen
Problematisch ist schliesslich auch, wenn Eltern ihre eigenen Gefühle nicht von denen ihrer Kinder unterscheiden. Das zeigt sich insbesondere beim Mitleid: Wenn das Kind Schmerzen hat, beginnen Eltern häufig im gleichen Masse mitzuleiden. Das ist zwar aufgrund der engen Bindung verständlich, doch sollten Sie sich im Klaren sein, dass damit dem Kind überhaupt geholfen ist. Denn wenn es leidet, braucht es starke Eltern, die ihm helfen können, und nicht solche, die vor lauter eigenem Leiden womöglich auch noch handlungsunfähig werden. Was Ihrem Kind hingegen hilft, ist Mitgefühl, das heisst, währenddem Sie das Kind in seinem Leid annehmen, nehmen Sie gleichzeitig Ihr eigenes (!) Gefühl wahr.
Auch der umgekehrte Fall ist heikel: wenn Eltern ihre eigenen Gefühle zu wenig wahrnehmen, projizieren sie diese gerne auf andere, auch auf ihre eigenen Kinder. Häufig geschieht das, wenn Eltern Angst haben, weil sie ihr Kind in einer - auch bloss vermeintlich - gefährlichen Situation sehen, während sich das Kind zum Beispiel auf dem Baum überhaupt nicht fürchtet. Das Problem dabei ist, dass Kinder, vor allem Kleinkinder, ihren Eltern noch vollkommen vertrauen und deshalb sehr schnell ebenso panisch wir ihre Eltern reagieren können, obwohl sie sich eigentlich zuvor völlig sicher fühlten und, ganz abgesehen davon, auch gar keine wirkliche Gefahr bestand. Selbstverständlich heisst das nicht, dass Sie keine Angst haben dürften, ganz im Gegenteil: Wenn Sie Angst haben, bedeutet das, dass Sie aufpassen sollen. Und wenn Sie dann zum Schluss kommen, dass Ihnen die Kletterei auf dem Baum zu gefährlich erscheint, dürfen, ja müssen Sie das dem Kind sagen. Sagen Sie ihm aber, dass Sie (!) Angst haben und dass es deshalb wieder runterkommen soll.
Beispiele
Hinter einem Ersatzgefühl verbirgt sich immer ein reines Gefühl, also eines der vier Grundgefühle (Freude, Wut, Angst oder Trauer). Die in der folgenden Übersicht genannten Zuordnungen sind beispielhaft zu verstehen, das heisst, es müsste im Einzelfall untersucht werden, um welches Grundgefühl es wirklich geht und wie das Ersatzgefühl vermutlich entstanden ist (zum Beispiel in einem therapeutischen Rahmen). Entscheidend ist, dass nach einem eindeutigen, also reinen, Gefühl gesucht wird. Denn mit diesen Gefühlen kann der Mensch konstruktiv arbeiten, während er sich den Ersatzgefühlen häufig hilflos ausgeliefert fühlt. Beispiele (in alphabetischer Reihenfolge):
Die allermeisten Ersatzgefühle haben ihren Ursprung in der Kindheit, liegen also in der Verantwortung der Eltern. Im Idealfall wird sich der Erwachsene diesem Zusammenhang irgendwann bewusst und beginnt aus eigenem Antrieb an der Lösung zu arbeiten. In der Regel wird er aber erst im Rahmen einer Beziehung darauf aufmerksam gemacht. Denn Ersatzgefühle sind ausgesprochen konfliktträchtig, da Partner sehr schnell spüren, dass bestimmte Reaktionen des Einen weniger mit ihm als mehr mit der Vergangenheit des Anderen zu tun haben - und das meist auch ziemlich schonungslos kundtun.
Mögliche Folgen
Ersatzgefühle kann man sich vorstellen wie eine Verkrustung der darunter liegenden wirklichen Gefühle. Die Grundgefühle (Freude, Wut, Angst und Trauer) verschwinden nicht, doch können sie je länger desto weniger wahrgenommen werden, beziehungsweise sie werden durch eine Art Filter gesehen. Diese "Verkrustungen" und "Filter" führen zu Missverständnissen und Täuschungen. Im Extremfall können sich Ersatzgefühle auch derart verselbständigen, dass sie den Menschen geradezu beherrschen und ihm scheinbar jeder Entscheidungsfreiheit berauben.
Kinder, die zu sehr von Ersatzgefühlen gesteuert werden, fehlt ein wesentlicher Faktor für die nötige Reife: sie können ihre wirklichen Gefühle zu wenig wahrnehmen, sodass sie Mühe haben, sich in einer Gruppe mit ihrer Persönlichkeit auszuleben und gleichzeitig die Bedürfnisse ihrer Umwelt zu respektieren. Man sagt denn auch nich zufällig, dass sich solche Kinder "zu wenig spüren" oder "sich daneben benehmen". Sie werden zu Störenfrieden oder Duckmäusern.
Später haben Menschen, die vor allem von ihren Ersatzgefühlen getrieben werden und ihre Grundgefühle zu wenig wahrnehmen können, sowohl mit der Selbständigkeit Mühe, da ihnen ein wichtiger Faktor für gute Entscheidungen fehlt, als auch mit der Beziehungsfähigkeit, da ihr Gefühlsleben immer wieder durch Erfahrungen aus der Kindheit belastet wird. So hindern Ersatzgefühle den Menschen am Ausleben seines ganzen Potentials. Zum Beispiel ist ein neidischer Mensch dauernd mit den Erfolgen seiner Umgebung beschäftigt, statt dass er sich auf seine eigenen Fähigkeiten konzentrieren würde und diese ausleben könnte. Ersatzgefühle verursachen auch Probleme in Beziehungen, da der Partner nie so richtig weiss, woran er ist. Zum Beispiel kann ein schüchterner Mensch dem Gegenüber seine Bedürfnisse zu wenig äussern, sodass dieser wiederum nicht weiss, wie er jenem entgegenkommen könnte. Das "Sortieren" von Bedürfnissen und Gefühlen nimmt denn auch regelmässig viel Raum in Paartherapien ein.
Weiterführende Themen
- Grundgefühle:
- Emotionen
- Grundbedürfnisse des Kindes
- Fragen der Eltern
- Persönlichkeit
Übergeordnete Prinzipien
- Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)
- Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)
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