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In dem komplexen Roman «Boussole», der teilweise poetisch, teilweise essayistisch erscheint, befasst sich Mathias Énard mit dem Bild des Orients in der westlichen Welt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein österreichischer Musikologe, der nach einer besorgniserregenden Diagnose sein Leben Revue passieren lässt.
«Ein Weltbuch»
Für den Literaturkritiker Ivan Farron geht es in «Boussole» nicht nur um die arabische und persische Welt, vielmehr sei es eine riesige geografische und kulturelle Reise des Musikwissenschaftlers zu sich selbst. Das Buch spannt einen Bogen über Orte wie Syrien, Frankreich oder Tübingen und Personen wie Ludwig van Beethoven, Hugo von Hofmannsthal, Annemarie Schwarzenbach bis zu Honoré de Balzac.
Ivan Farron: «Die Schilderungen der Städte und Figuren sind dabei sehr konkret, man leidet mit den Figuren mit und lacht auch mit ihnen über sich selber.» Damit gelinge es Énard besser als den anderen Preisanwärtern, eine Brücke zwischen Orient und Okzident zu schlagen.
Ein Kenner des Mittleren Ostens
Mathias Énard ist ein Kenner der arabischen und der persischen Sprache und lebt heute nach längeren Aufenthalten im Mittleren Osten in Barcelona. In Deutschland sind von ihm unter anderem die Bücher «Zone» und «Strasse der Diebe» erschienen.
Der Autor zeigte sich «ausserordentlich glücklich» über die Auszeichnung: «Es ist eine grosse Überraschung, ein Sturm der Freude und des Jubels.»
In der engeren Auswahl für den Prix Goncourt waren zuletzt Hédi Kaddour, Tobie Nathan und Nathalie Azoulai, in deren Büchern es ebenfalls um das schwierige Verhältnis von Orient und Okzident geht.
Kleines Preisgeld, grosse Anerkennung
Der Prix Goncourt ist die renommierteste Literaturauszeichnung in der französischsprachigen Welt. Er ist lediglich mit zehn Euro dotiert, doch erreichen die ausgezeichneten Bücher gewöhnlich eine Auflage von 400'000 Exemplaren.
Bernard Pivot, Präsident der Académie Goncourt, hatte vor der Verleihung erklärt, der Preis gebühre jenen Büchern, die «von der Welt sprechen, in der wir leben». «Ein guter Goncourt öffnet für den Leser eine unerwartete Tür, auch wenn sie sich nicht leicht öffnen lässt.»
Im vergangenen Jahr war der Preis an die Schriftstellerin Lydie Salvyre für ihren Roman «Pas Pleurer» gegangen. Sie war eine von nur sechs Frauen, die seit 1975 ausgezeichnet wurden.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 4.11.2015, 16:30 Uhr.