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Im Fokus: berufliche Vorsorge
Lesezeit: Minuten
Markus Schneeberger
Director, Steuer & Rechtsberatung
Die berufliche Altersvorsorge in der Schweiz steht vor grossen Finanzierungsaufgaben, die hauptsächlich auf das Auftreten zweier Phänomene zurückzuführen sind: die niedrigen Zinssätze und die steigende Lebenserwartung. Für die Kalkulation der Rentenverpflichtungen stützen sich die Pensionskassen auf zwei aktuarielle Annahmen: den sogenannten technischen Zinssatz und die von der Lebensdauer des Rentners abhängige erwartete Dauer der Rentenauszahlung. Beide Grössen sind nachfolgend kurz erläutert. Beim technischen Zinssatz handelt es sich um jenen Zinssatz, zu dem sich die Rente während der gesamten Auszahlungszeit finanzieren liesse. Aufgrund dieser langfristigen Betrachtungsweise wird der technische Zinssatz beispielsweise auf 2.5% festgesetzt. Dazu ein einfaches Beispiel: Eine Pensionskasse verspricht eine Rente von 10, für die ein Kapital von 200 benötigt wird. Im folgenden Jahr beläuft sich das Kapital aber nicht mehr auf 200, denn die Pensionskasse hat im Laufe des Jahres eine Rente in Höhe von 10 ausbezahlt und zudem mit dem jeweils vorhandenen Kapital Erträge erwirtschaftet. Die effektiv erwirtschafteten Erträge sind aber marktabhängig und weichen in der Regel vom technischen Zinssatz ab. Fällt nun die Rendite des angelegten Kapitals tatsächlich geringer aus als dies gemäss dem technischen Zinssatz von 2.5% erforderlich wäre, muss die verbleibende Differenz anderweitig finanziert werden. Daraus resultiert für Pensionskassen, Arbeitgeber und aktive Versicherte ein Schlüsselproblem.
Die zweite wichtige aktuarielle Annahme betrifft die Lebenserwartung. Wie lange ein bestimmter Mensch lebt und seine Rente beziehen wird, ist nicht vorhersehbar. Deswegen verwenden Pensionskassen sogenannte Sterbetafeln, die in der Regel alle fünf Jahre auf Basis grosser Gesamtheiten von Versicherten aktualisiert werden. In den letzten 50 oder 60 Jahren ist die Lebenserwartung pro Jahrzehnt um etwa ein Jahr gestiegen.
Inwiefern dies die Pensionskassen betrifft, zeigt das Beispiel eines Rentners, der vor 20 Jahren in den Ruhestand getreten ist. Zum Zeitpunkt seines Renteneintritts war der technische Zinssatz mit rund 4% deutlich höher als heute, und die Lebenserwartung lag rund zwei Jahre tiefer. Die Pensionskasse hatte dem Rentner also ein viel zu hohes Versprechen abgegeben, da sie sich auf Annahmen abstützte, die im Vergleich zu den heutigen Gegebenheiten viel zu optimistisch waren.
Die Schweizerische Kammer der Pensionskassen-Experten hat per September 2015 einen sogenannten Referenzzinssatz von 2.75% festgelegt. Der Referenzzinssatz soll den Pensionskassen als Richtgrösse bei der Festlegung des kassenspezifischen technischen Zinssatzes dienen. Anhand des Referenzzinssatzes lässt sich die enorme Tragweite des Problems aufzeigen. Gemäss einer rollenden Berechnung von PPCmetrics vom März 2016 liegt der Referenzzinssatz nur noch bei lediglich 2.42%. Das entspricht einer Senkung von mehr als 0.3 Prozentpunkten innerhalb nur weniger Monate. Gemäss Bundesamt für Statistik betragen die Vorsorgerückstellungen für Rentenzahlungen schweizweit rund 300 Milliarden CHF. Angenommen, diese Summe wurde mit dem Referenzzinssatz von 2.75% kalkuliert, müssten die Vorsorgerückstellungen heute um rund 10 Milliarden CHF erhöht werden, um den seit Ende September 2015 zusätzlich entstandenen Finanzierungsbedarf abzudecken. Dieses Beispiel bezieht sich lediglich auf die Auswirkungen im Zusammenhang mit dem technischen Zinssatz. Die erhöhte Lebenserwartung ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Beides zusammen führt hinsichtlich Finanzierung zu enormen Herausforderungen.
Im derzeitigen Tiefzinsumfeld hat die Finanzierung hauptsächlich zwei Quellen: die aktiven Beschäftigten und die Arbeitgeber. Im Fall einer Unterdeckung könnten sowohl die Aktiven als auch die Arbeitgeber zu Sanierungsbeiträgen verpflichtet werden. Die Aktiven leiden darüber hinaus auch ohne Unterdeckung unter der geringen Rendite des Sparkapitals: Fällt diese unter den für die Berechnung der Rentenverpflichtungen verwendeten technischen Zinssatz, führt dies indirekt zu einer Subventionierung der Rentner durch die Aktiven; diese müssen dann niedrigere Zinsen auf ihren eigenen Ersparnissen akzeptieren. Langfristig wird dies bei den Aktiven zu grossen Ersparnislücken führen. Von den jüngeren Aktiven wird somit erwartet, dass sie Renten finanzieren, von denen sie selbst niemals profitieren werden, da sie Einschnitte bei der Verzinsung ihrer Altersguthaben zugunsten der aktuellen Rentner hinnehmen müssen. Ausserdem wird die Lebenserwartung zum Zeitpunkt des Renteneintritts bei den jüngsten Aktiven voraussichtlich am höchsten sein. Sie müssen deshalb bei ihren Rentenerwartungen sogar noch weitere Abstriche machen.
Grundsätzlich gibt es drei Ansätze zur Lösung der Finanzierungsproblematik, die möglicherweise kombiniert einzusetzen sind:
Theoretisch gibt es noch eine Reihe anderer Stellschrauben, an denen sich drehen lässt. Aber unter den derzeitigen rechtlichen, politischen und kulturellen Voraussetzungen lassen sich damit faktisch nur kleine Retuschen vornehmen.
Ein Beispiel zu den Rentenkürzungen: Nach dem derzeitigen Rechtsverständnis ist es für Pensionskassen nicht möglich, laufende Renten zu kürzen.
Auch eine Anpassung des Rentenversprechens an die aktiven Beschäftigten durch eine Senkung des Umwandlungssatzes (Mechanismus zur Bestimmung der jährlichen Altersrente aus dem Alterskapital) ist zumindest in Bezug auf den obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge rechtlich tabu. Zwar soll im Rahmen der Reform «Altersvorsorge 2020» der Umwandlungssatz schrittweise von 6.8% auf 6.0% reduziert werden. In der Fachwelt wird dieser Umwandlungssatz aber immer noch als zu hoch erachtet. Ebenso mangelt es am politischen Willen: Obwohl die OECD vor zwei Jahren erklärt hat, das ordentliche Rücktrittsalter 67 sei das neue Rücktrittsalter 65, wäre eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre derzeit politisch nicht durchsetzbar. Eine solche Erhöhung würde ein grundlegendes Umdenken in der Bevölkerung und der Politik voraussetzen: Die Beschäftigten müssten ihre Erwartungen in Bezug auf Renteneintritt und Lebensarbeitszeit korrigieren. Zudem müssten sie sich darauf einstellen, dass für ihre spätere Rente ein höheres Kapital erforderlich sein wird als derzeit geplant.
Allerdings können es sich die Schweizer Unternehmen nicht leisten, die Rentenerwartungen ihrer Mitarbeiter zu stark zu senken. Sie wandern auf einem schmalen Grat zwischen der Lösung des Rentenfinanzierungsproblems und dem Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit als gewinnorientiertes Unternehmen, aber auch als Arbeitgeber auf nationalem und internationalem Terrain. Aufgrund der hohen Preise in der Schweiz müssen die Unternehmen die Gesamtheit dieser Überlegungen austarieren, um einen tragfähigen Kompromiss für alle Beteiligten zu erzielen. Den Mitarbeitern muss signalisiert werden, dass sie faire Löhne und faire Pensionskassenleistungen erwarten können. Gleichzeitig müssen sich die Unternehmen auch im Wettbewerb behaupten und den Investoren eine solide Bilanz vorlegen. Wenn sich die zahlreichen Herausforderungen für Schweizer Arbeitgeber als fein austariertes mechanisches Uhrwerk darstellen, sind die Renten ein kleines, hochsensibles Zahnrad.
Solange die schwierigen Entscheidungen auf politischer Ebene ausstehen und die allgemeine Haltung zu den Renten unverändert bleibt, wird sich die Finanzierungsaufgabe nur durch eine Reihe kleinerer Massnahmen lösen lassen. Eine davon könnte darin bestehen, den Rentnern einen Teil ihres Altersguthabens als Einmalzahlung auszuzahlen, statt ihnen eine Rente für das gesamte angesparte Alterskapital zu garantieren. Dadurch könnte das Risiko der Langlebigkeit entsprechend reduziert werden. Eine weitere Möglichkeit wäre der Wechsel zu einem flexiblen Rentensystem, bei dem nur ein Teil der Rente garantiert ist. Im Hinblick auf ihre Verpflichtungen sollten die Pensionskassen zudem ihre Anlagestrategie unter die Lupe nehmen. Bei wachsenden Verpflichtungen besteht ohne Anpassung das Risiko, dass die Volatilität der Renditen stark zunimmt – ein Risiko, das sich die Pensionskassen zusätzlich zu allen anderen aktuellen Herausforderungen kaum leisten können.
Die niedrigen Zinssätze und die steigende Lebenserwartung stellen die berufliche Vorsorge vor ein ernsthaftes Finanzierungsproblem. Zwar ist die Schweiz nicht allein damit. Doch ihre besonderen politischen, kulturellen und historischen Gegebenheiten machen eine griffige Lösung zu einer grossen Herausforderung. Um das Finanzierungsproblem nachhaltig zu lösen, müssen die Verantwortlichen die Situation ihrer Pensionskasse äusserst sorgfältig analysieren. Schliesslich gilt es zu entscheiden, welche Schritte notwendig sind, um die Kasse gesund zu halten und Rentenversprechen abzugeben, die sich auch wirklich einhalten lassen.