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Der französische Autor Emmanuel Carrère hat sein Genre gefunden und schreibt aus der Ich-Perspektive. Seine radikal offene Literatur handelt von ihm selbst, realen Personen und Ereignissen. Sein schriftstellerisches Credo: Literatur ist der Ort, an dem man nicht lügt.
Das Buch mit dem Titel Yoga ist kein Handbuch über Yoga geworden, obwohl es das ursprünglich hätte werden sollen. Der Autor selbst praktiziert Yoga, Meditation und Thai-Chi seit Jahrzehnten. Seine heiteren Aufzeichnungen beginnen mit dem Eintritt in ein Schweige-Retreat mit strengen Regeln. Carrère, der in seinem Leben immer wieder unter Depressionen litt, fühlte sich in dieser Phase seines Lebens gut und den Anforderungen gewachsen …
Doch Unvorhergesehenes und Fürchterliches passiert. Kaum angekommen und eingelebt im Retrait wird sein Aufenthalt jäh unterbrochen. Beim Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo verliert seine Freundin Hélène ihren Mann (sein Freund Bernard) und sie ruft ihn um Beistand und Hilfe an. Carrère soll an der Beerdigung eine Rede halten.
Im dritten Teil des Buches verliert der Autor komplett den Boden unter den Füssen und muss wegen einer schweren Depression in die Psychiatrie. Grund ist die Trennung von seiner grossen Liebe, über die er im Buch wegen Rechtstreitigkeiten nicht schreiben darf. Verlassen also von seiner Frau und Entlassen aus der Psychiatrie landet er schliesslich auf der griechischen Insel Leros, wo er in einem Flüchtlingscamp junge, männliche Geflüchtete in einem Schreibkurs unterrichtet. Dort rappelt er sich auf und findet langsam zurück ins Leben.
Zurück in Paris stirbt sein langjähriger Verleger. Er soll doch Schreibmaschine schreiben lernen und nicht mit einem Finger tippen, gab ihm sein Verleger bei einem letzten Gespräch an einer Bar mit auf den Weg.
So endet das Buch: Mit zehn ungelenken Fingern übt Carrère erst Buchstaben, dann Wörter und Sätze, dann gelingen ihm Absätze, Texte. Er fasst seine Aufzeichnungen zu Literatur zusammen.
Susanne Bühler