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| Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

XVII. Hauptstück. Von der Seele und den Ansichten der Philosophen über deren Wesen.
§ 1. Es erübrigt nun noch, von der Seele zu sprechen, obschon ihr Wesen unbegreiflich ist. Desungeachtet sehen wir die Unsterblichkeit der Seele gar wohl ein, weil das, was da lebt und sich immer durch sich selbst bewegt und nicht gesehen oder berührt werden kann, notwendigerweise unsterblich sein muß.
§ 2. Was aber die Seele ist, darüber sind die Philosophen nicht einig, noch dürften sie es jemals werden. Einige haben behauptet, sie bestehe aus Blut, andere, sie bestehe aus Feuer1, andere, sie bestehe aus Luft [Wind], woher das Wort anima oder animus [Seele, Geist] stammt, weil im Griechischen ventus [Wind]ἄνεμος heißt. Von diesen Philosophen scheint keiner eine annehmbare Definition gegeben zu haben.
[S. 276] § 3. Wenn auch das Blut entweder durch eine Wunde ausgeflossen oder durch Fieberhitze aufgezehrt worden ist und die Seele daher zu erlöschen scheint, so darf man doch nicht sofort das Wesen der Seele in das Blut verlegen, gerade so, wie wenn gefragt würde, was denn das Licht sei, das wir gebrauchen, und man zur Antwort bekäme, es sei dies das Öl, weil nach Aufzehrung desselben das Licht erlischt, obschon dies selbstverständlich verschiedene Dinge sind und das eine bloß die Nahrung des anderen bildet. Es scheint also die Seele dem Lichte ähnlich zu sein, da sie selbst nicht aus Blut besteht, sondern durch das Blut bloß genährt wird wie das Licht durch das Öl2.
§ 4. Diejenigen aber, welche sie für Feuer erklärten, bedienten sich dieses Beweisgrundes: daß nämlich der Leib in Anwesenheit der Seele warm sei, daß er aber erkalte, wenn sie geschwunden sei. Das Feuer jedoch ist ohne Gefühl, ist sichtbar und brennt, wenn man es anrührt, die Seele aber besitzt Gefühl, ist unsichtbar und brennt nicht. Daraus ergibt sich, daß die Seele etwas Gott Ähnliches ist.
§ 5. Diejenigen aber, welche sie für Luft ansehen, lassen sich dadurch täuschen, daß wir, indem wir atmen, zu leben scheinen. Varro nun definiert die Seele also: Die Seele ist Luft, eingeatmet mit dem Munde, erwärmt3 in der Lunge, abgekühlt4 im Herzen, verteilt im Körper.
§ 6. Das ist offenbar ganz falsch. Denn nach meiner Meinung ist das Wesen dieser Dinge nicht gar so unklar, daß man nicht einmal einsehen sollte, was nicht der Fall sein könne. — Wenn mir jemand sagte, der Himmel sei aus Erz oder Glas, oder wie Empedokles behauptet, er bestehe aus eisiger Luft5, werde ich dem [S. 277] sofort zustimmen, weil ich nicht weiß, aus welchem Stoffe der Himmel besteht? So wie ich dies nicht weiß, so weiß ich das andere.
§ 7. Die Seele ist nicht die mit dem Munde eingesogene Luft, da die Seele viel früher da ist, als sie Luft schnappen kann. Denn nicht nach der Geburt kommt die Seele in den Körper, sondern gleich nach der Empfängnis, wenn die göttliche Vorsehung die Frucht im Leibe gestaltet, da diese solche Lebensäußerungen im Leibe der Mutter macht, daß sie sowohl wächst als auch mit häufigen Stößen aufzuspringen sucht. Schließlich muß es zu einem Abortus kommen, wenn das Wesen drinnen tot ist.
§ 8. Die andere Definition aber geht mit ihrer Behauptung darauf hinaus, daß wir die neun Monate im Mutterleibe tot gewesen seien6. Keine von diesen drei Meinungen ist also die richtige.
§ 9. Das jedoch darf man nicht behaupten, daß diejenigen, die diesen verschiedenen Ansichten gehuldigt haben, ganz Unrecht hätten; denn wir leben zugleich durch das Blut, durch die Wärme und durch den Atem. Wenn aber die Seele auch durch Vereinigung aller dieser drei Dinge im Körper besteht, so haben sie doch nicht definiert, was sie ist, weil ihr Wesen ebensowenig definiert als gesehen werden kann.
1: Nach Cicero soll der Stoiker Zeno die Ansicht gehabt haben, die Seele bestehe aus Feuer; nach Nemesius soll Demokrit dies behauptet haben. Plutarch berichtet ferner, daß Demetrius, Makrobius, daß Hipparch und Hippo die Seele als aus Wasser bestehend angesehen hätten, andere dagegen aus Luft [Wind]. Spiritus wird die Seele auch in der Hl. Schrift oft genannt wegen ihrer immateriellen Natur.
2: Dieser Vergleich des Laktanz, nämlich der Seele und des Blutes mit dem Lichte und Öl erscheint ganz passend.
3: defervefacio = kochen, fertig kochen.
4: temperatus = aufs richtige Maß gebracht, hier nach defervefacio = abkühlen.
5: Empedokles hat nicht so unrecht, wenn er den Himmel als aer glaciatus bestimmt, da ja nach der Annahme der neueren Physiker im Universum eisige Kälte herrschen soll.
6: Der Grund, womit Laktantius die Ansicht des Varro zurückzuweisen sucht, ist nicht stichhaltig, da das Kind ja auch schon im Mutterleibe lebt; wohl aber ist es Lehre der neueren Medizin, daß der foetus gleich nach der Konzeption sich belebe, und hierin ist Laktantius im Rechte.