Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/3465

Der King des Festivals
Das Huddersfield Contemporary Music Festival gehört zu den wichtigsten Festivals im Bereich der neuen Musik. 1978 wurde es gegründet. Seit zehn Jahren ist der Schotte Graham McKenzie sein Direktor. Anders als bei anderen Festivals bestimmt hier kein Komitee über Konzept, Inhalt und Verlauf des Festivals. Graham McKenzie ist allein verantwortlich für die Programmgestaltung und alle anderen Aspekte der Veranstaltung.
Wie sah Ihre Laufbahn aus, bevor Sie nach Huddersfield kamen?
Graham McKenzie: Ich studierte nie Musik. Mein Berufsleben begann als Sozialarbeiter in London. Daneben war ich ein grosser Jazz-Fan. Einmal im Monat stieg ich am Freitag in den Nachtbus nach Paris, besuchte dort den New Morning Jazz Club und kaufte auf dem Markt neue Platten. Dann nahm ich den Nachtbus nach Amsterdam und ging in zwei, drei andere Klubs. Dank dem Overnight-Bus am Sonntagabend konnte ich am Montag rechtzeitig wieder zur Arbeit erscheinen. Das sprach sich herum, und mit der Zeit wurde ich immer öfter angefragt, ob ich nicht Konzertkritiken und Interviews schreiben wolle.
War die Szene in Paris und Amsterdam so viel besser als in London?
Überall, wo man wohnt, scheint die Szene anderswo besser zu sein.
Aber schon damals gab es in London den Vortex Club und die London Musiciansʼ Coop?
Schon, aber da liefen andere Sachen. Die freien Improvisierer bekamen nie viel Arbeit in London. Sowieso, ich befasste mich auch gern mit Rockmusik. So bekam ich eines Tages den Auftrag, einen Bericht über das Pink Pop-Festival in Holland zu schreiben. Es sollte drei Tage dauern, ich blieb fast zwei Jahre. In dieser Zeit vertiefte ich mein Interesse an experimenteller Musik. Nach neun Jahren gab ich den Job als Sozialarbeiter auf, um zu schreiben – aber nicht Musikjournalismus, sondern Theaterstücke. Eines davon steht immer noch im Lehrprogramm der schottischen Schulen. Dann wurde Glasgow zur «City of Culture» gekürt. Weil ich mich einerseits im Sozialwesen, andererseits im Kulturbetrieb auskannte, wurde ich eingeladen, bei der Konzeptualisierung des Festivals mitzuwirken. Nebenher organisierte ich Konzerte mit Künstlern, die ich gern selber sehen wollte – Linton Kwesi Johnson, John Cooper Clarke, Anthony Braxton, Marilyn Crispell und viele andere. Die letzte Station vor Huddersfield war das Direktorenamt im Centre for Contemporary Arts in Glasgow (CCA).
Beginnt die Planung des Huddersfield Contemporary Music Festival bei einem bestimmten Thema?
Ich hasse Themen! Nur nie ein thematisch ausgerichtetes Programm! Programme sind etwas für faule Programmgestalter. Zudem fügt es der Sache noch eine weitere Schicht Intellektualität hinzu, und das ist nun wirklich das letzte, was diese Musik braucht. All die, die sich eher am Rande für die Musik interessieren, die Neugierigen, sie müssen nun nicht nur versuchen, die Musik zu verstehen, sondern auch noch das Thema. In Huddersfield bin ich in einer wunderbaren, privilegierten Position. Ich brauche mich vor keinem Komponistenkomitee oder sonst einem Gremium zu verantworten. Alles, was hier geschieht, ist mein Fehler.
Was wir also an diesem Festival zu sehen bekommen, ist die Musik, die Sie in den letzten paar Jahren für sich entdeckt haben?
So ist es. Natürlich gibt es Projekte, an denen man jahrelang dran herumtüftelt, und Künstler, mit denen man über lange Zeit arbeitet, oder arbeiten möchte. Als ich hier ankam, hatte ich das Gefühl, das Festival sei ein bisschen gar akademisch geworden in der Ausrichtung. Das Programm drehte sich in immer engeren Kreisen. Es schien mir, man sei mit dem Publikum 25 Jahre älter geworden. Die Relevanz war geschwunden. Das wollte ich ändern.
Wie breit spannen Sie nun den stilistischen Bogen?
Für mich reicht das Spektrum von Noise bis Orchesterwerken, mit allem, was dazwischen steht, Elektronika, Improvisation, Installationen, Sound Art, und so weiter. Ausserdem ist es mir wichtig, dass sich das Publikum von Lokalität zu Lokalität begeben muss, um so die verschiedensten Klangerfahrungen machen zu können. So begannen wir in diesem Jahr mit dem Klangforum Wien, einem fantastischen Kammermusik-Ensemble. Danach ging’s hinüber in die Bates Mill für ein Konzert, das sehr visuell war, mit viel Elektronik und sogar einem Hauch Dubstep. Jemand ging heute frühzeitig aus einem Konzert hinaus und beschwerte sich: «Graham McKenzie, will der unsere Ohren ruinieren?» Für diesen Typus Mensch stelle ich mein Programm nicht zusammen. Wenn der glaubt, heute sei es laut gewesen, hätte er 1974 dabei sein sollen bei Led Zeppelin!
Haben Sie auf diese Art tatsächlich ein jüngeres Publikum anlocken können?
In meinem ersten Jahr waren etwa 3% des Publikums zwischen 17 und 25 Jahre alt. Heute sind es etwa 28%.
Ein sehr durchmischtes Publikum, das ist mir auch aufgefallen.
Viele Festivals für Neue Musik machen sich Sorgen, wie sie ein jüngeres Publikum anziehen könnten. Das Publikum wird jünger, wenn man jüngere Komponisten und Musiker einlädt! Als ich in Glasgow das CCA führte, war es selbstverständlich, dass man sich mit der nächsten Generation von Kunststudenten befasste. Im Bereich der Neuen Musik dagegen wollten die Leute ständig, dass ich irgendwelche 70. und 80. Geburtstage feierte. Selbst bei den Musikverlegern herrschte die Haltung vor, dass ein Komponist nicht wirklich Komponist genannt werden konnte, wenn er nicht mindestens sechzig Jahre alt war. In meinem ersten Jahr in Huddersfield war Yannis Kyriakides composer in residence, ein Zypriote, der in Amsterdam lebt. Er war damals 37 Jahre alt. Bei der Pressekonferenz zur Lancierung des Festivals stand ein Journalist auf und empörte sich sehr: «Wie können Sie diesen jungen Mann zum composer in residence ernennen, wenn es all die grossen, alten, ignorierten Meister gibt?» Meine Antwort darauf war kurz: «Wollen Sie eine weitere Generation von grossen, alten, ignorierten Meistern kreieren?»
Sie sagten vorher, in Amsterdam habe es eine andere Szene gegeben als in London. Können Sie heute noch ähnliche Unterschiede ausmachen?
Die Länder, die mich am meisten interessieren, wo mir die Szene am vitalsten und innovativsten scheint, sind Länder, wo es für einen Musiker möglich ist, in verschiedenen Genres gleichzeitig zu wirken. Es ist seit langer Zeit eine grosse Schwäche in Grossbritannien, dass man in eine Schublade gesteckt wird, aus der man nicht mehr hinausgelassen wird. Szenen, die in den letzten Jahren globale Spuren hinterlassen haben, Norwegen etwa, zeichnen sich dadurch aus, dass man dort kaum eine Aufteilung in Genres kennt. Man kann Komponist sein und gleichzeitig Folkmusiker, Improvisierer, oder gar Installationskünstler. Es schadet der Karriere nicht. Dieses Kategoriendenken in Grossbritannien ist wirklich ungesund. Als ich zum Direktor von Huddersfield ernannt wurde, beschwerte sich ein Kritiker in einer grossen Tageszeitung: «Ein Disaster – KcKenzie ist ein Jazz-Mann, der wird Huddersfield in ein Jazz-Festival verwandeln.» Ein Jazz-Kritiker aus Glasgow antwortete mit einem Leserbrief: «Nur keine Angst, der hat am Glasgow Jazz Festival seit zwanzig Jahren nichts programmiert, was ich als Jazz verstanden hätte.»
Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese 3-jährige Verbindung mit der Schweizer Szene einzulassen?
Wenn ich ausländische Komponisten und Musiker einlade, dann auch mit dem Gedanken im Hintergrund, dass sich ein Austausch mit englischen Musikern entwickeln könnte. Dass man die Möglichkeit schaffen könnte, Synergien auszulösen. Mir geht es um eine fluide, langfristige Zusammenarbeit mit Potenzial für die Zukunft. An Showcases bin ich nicht interessiert. Natürlich habe ich seit längerem das Schaffen von gewissen Schweizer Künstlern verfolgt, Jürg Frey zum Beispiel. Oder Alfred Zimmerlin. Arturo Canales. Ich glaube, Andri Hardmeier von Pro Helvetia war zum Teil ein bisschen überrascht, für welche Komponisten ich mich besonders interessierte. Und auch das macht eine solche Verbindung spannend. Manchmal braucht es den Blick von aussen, um die Sachen herauszuschälen, die auch ausserhalb einer bestimmten Szene besondere Bedeutung haben können.
Wie haben Sie die Standorte für die Klang-Installationen von Jürg Frey ausgewählt?
Jürg kam nach Huddersfield, und wir haben diverse Orte begutachtet und dann die passenden ausgesucht. Ich schreibe den geladenen Komponisten nicht vor, welche Stücke sie uns bringen sollen. Es ist wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich so darzustellen, wie sie sich heute, in diesem Moment, sehen. Es wäre sinnlos, wenn ich das Programm für einen Komponisten oder ein Ensemble zusammenstellen würde, um in England seine Identität aufzubauen – und dann stellt es sich heraus, dass sie inzwischen etwas völlig anderes machen! Mir selber passierte es vor zwei Jahren, dass ich an eine Aufführung von einem meiner Theaterstücken eingeladen wurde. Ich fand das ganz interessant – aber die Person, die das Stück geschrieben hatte, war eine ganz andere als die, die nun dasass und staunte. Bei der Programmierung geht es mir darum, die jetzige Gemütslage eines Künstlers zu zeigen, nicht die, wie ich sie mir vorstelle, nachdem ich am Flohmarkt eine dreissig Jahre alte Platte gefunden habe, die mir gefällt.
Huddersfield liegt ja nicht unbedingt im Zentrum der Welt. Was für ein Publikum kommt während der Woche ans Festival?
An den Wochentagen kommen 40% des Publikums aus dem Umkreis von einer Autofahrstunde. Huddersfield befindet sich jedoch durchaus an einem zentralen Ort – nämlich ungefähr in der Mitte zwischen Leeds und Manchester. Nach Sheffield und York ist es auch nicht weit. Und es ist durchaus möglich, am Abend ein Konzert zu besuchen und mit dem Zug noch zurück nach Liverpool oder Newcastle zu kommen. Aber wir verkaufen auch Tickets in Japan, USA, Kanada und ganz Europa.
Mit dem Huddersfield Contemporary Music Festival verhält es sich also ganz ähnlich wie mit unabhängigen Plattenfirmen klassischen Stils, wo ein, zwei Musikfans über das Programm entscheiden, und man weiss: Vielleicht gefällt einem nicht alles, was da erscheint, aber auf jeden Fall ist alles irgendwie interessant.
So ist es. Es liegt an mir, dazustehen und sagen: «Leute, das ist interessant!» Als Kurator darf man nur sich selber gefallen wollen. Sobald man sich zu überlegen anfängt, ob eine bestimmte Sache einem bestimmten Publikum gefallen könnte, laufen die Dinge gewöhnlich schief. Man muss an die Sache glauben. Umso schöner ist es dann, wenn es klickt. So waren die Reaktionen auf das Werk von Jürg Frey für mich eine regelrechte Offenbarung. Die BBC hat ihn nicht nur auf Radio 3 gefeatured, wo man es noch erwartet hätte, sondern auch auf BBC 6, wo man sonst eher Gitarren und Schlagzeuge hört. Eine Rock-Zeitschrift ist ebenfalls gekommen. Sowas ist natürlich grossartig. Aber ich bin auch arrogant genug, zu glauben, dass wenn mir etwas gefällt und Ihnen nicht, Sie es schlicht noch nicht verstanden haben und es dann schon noch verstehen werden. Andererseits muss ich schon auch zugeben, dass mir nicht unbedingt alles gefällt, was hier gespielt wird. Zum Beispiel bin ich kein Fan von Noise. Dennoch bin ich der Meinung, dass diese Musik hierher gehört. Meine Faustregel ist die: Bei jeder Auflage des Festivals erlaube ich mir fünf Konzerte, die mir entweder zutiefst missfallen oder von denen ich schwer enttäuscht bin. Mehr als fünf, und ich bin im falschen Job. Dann muss ich gehen.
Danke sehr für das Gespräch! Möchten Sie noch etwas hinzufügen?
Irène Schweizer. Ich war der einzige, der Irène Schweizer nach Glasgow gebracht hat. Vor langer Zeit hat sie mal ein Album mit einer Gruppe von indischen Musikern aufgenommen. Seit zwei Jahren bin ich daran, sie zu bearbeiten, dass sie in Huddersfield ein ähnliches Experiment wagen sollte. Ich hoffe wirklich sehr, dass es zustande kommt!
-
- HCMF