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Das heutige Zitat der Woche ruft einen Autor in Erinnerung, der momentan wieder mehr Aufmerksamkeit erfährt: J.G. Ballards moderne Robinsonade in «Concrete Island» zeigt, wie sehr der Mensch zum Opfer seiner Innovation werden kann.
Von Daniel Lüthi
Am Anfang steht die Krise. James Graham Ballard (1930-2009) wurde schon früh Zeuge von Hilflosigkeit und Willkür. Geboren als Engländer in Schanghai und in einer internationalen Enklave aufgewachsen sahen er und seine Familie, wie der Zweite Weltkrieg immer weitere Kreise zog. Nach Pearl Harbor besetzten japanische Truppen die Stadt und begannen, alliierte Staatsangehörige zu internieren. Ballard erlebte drei Jahre lang sowohl die Brutalität als auch die Absurdität des Alltags im Gefangenenlager, bevor er 1946 freigelassen wurde und nach England zog, wo er als Redakteur und bald als unabhängiger Schriftsteller tätig sein würde.
Sämtliche Romane Ballards thematisieren dieselben (scheinbaren) Gegensätze: Zivilisation und Barbarei, Kultur und Natur, Ordnung und Chaos. Sein wohl berühmtestes Buch, «Crash», erschien 1973 und wurde 1996 von David Cronenberg verfilmt. Dessen Grundidee – Autounfälle als ultimativer und letzter Kick in einer gelangweilten und gefühllosen Gesellschaft – findet sich in abgewandelter Form auch in anderen Büchern wieder. Momentan sorgt eine Verfilmung eines anderen Romans Ballards für Furore in den Kinos: «High-Rise» (1975), eine fast schon soziologische Studie des gesellschaftlichen Zerfalls in einem 40-stöckigen Hochhaus in einem Londoner Aussenviertel.
Geradezu akribisch wird beschrieben, wie Stromausfälle und schmutzige Lifts zu kleinen Animositäten führen, die die Drei-Klassen-Gesellschaft im Hochhaus allmählich in verfeindete Clans verwandeln. Obwohl keine direkten Parallelen zu Ballards Leben im Internierungslager bestehen, entdeckt man Echos davon in seinem Gesamtwerk – wie auch in seinen autobiographischeren Schriften, etwa «Das Reich der Sonne» (1984).
«Crash» und «High-Rise» bilden den ersten und dritten Teil einer losen Trilogie, die das Verhältnis von Mensch und Technologie bzw. Fortschritt thematisiert. Der zweite Roman ist weniger bekannt, aber ebenso pointiert und zivilisationskritisch wie die anderen beiden Teile: In «Concrete Island» (1974, dt. «Die Betoninsel», 1981) werden wir Zeuge eines Verkehrsunfalls mitten auf einer Londoner Autobahn. Der Fahrer Maitland überlebt und findet sich auf einer grossen Verkehrsinsel zwischen den beiden Hauptverkehrslinien wieder. Dauerverkehr herrscht, und es ist viel zu gefährlich, sich auf die Strasse hinauszuwagen, kaum ein Autofahrer sieht den modernen Robinson auf der Insel. In seinem fortgesetzten Überlebenskampf mitten in der Betonwüste der Zivilisation greift Maitland auf alles zurück, was die Insel und gestrandeten Autowracks bieten:
Er stieg aus, beugte sich ins Wageninnere und drückte den Zigarettenanzünder an. Als der Anzünder heraussprang, pflückte er ihn aus dem Amaturenbrett, wandte sich vom Wagen ab und zündete den Stadtplan an. Er warf den Anzünder fort und legte sich ungefähr zwei Meter entfernt vom Wagen ins feuchte Gras. Den brennenden Plan in der erhobenen Rechten. Noch immer tropfte Treibstoff von der nassen Maschine, bildete eine Pfütze zwischen den Rädern. Maitland beschirmte sein Gesicht mit den linken Arm und schleuderte den brennenden Stadtplan unter den Wagen.
Ein wilder Feuerball eruptierte in der Dunkelheit und erhellte für Augenblicke die ganze Insel. […] Aus seiner Froschperspektive sah Maitland die hohe, vom Feuer erhellte Wand der Vegetation jenseits der Brandstelle. […] Schon verlangsamten die ersten Fahrzeuge. Zwei von ihnen gingen beinahe auf Schrittgeschwindigkeit herunter. […]
«Halt…! Haltet an…! Wartet….!»
Wie in anderen Werken Ballards werden moderne Technologie und Fortschritt mit rudimentärstem Selbsterhaltungstrieb kombiniert. Hochhauslifts verwandeln sich in Barrikaden, Autos mutieren zu Lustobjekten oder werden simples Gebrauchsmaterial. Ballard wies auf die Verfehlungen der Moderne hin und ergänzte die Visionen von Städteplanern wie Walter Gropius und Le Corbusier oder Autoherstellern mit der Erinnerung, dass Entwicklung und Innovation oft über die Köpfe der Menschheit hinweg entscheiden. Maitland und die anderen Protagonisten Ballards sind daher beispielhaft für die Verlorenheit des Menschen in einer immer dichter technologisierten und gleichzeitig anonymisierten Welt.
Quelle: J.G. Ballard, «Die Betoninsel» (München: Wilhelm Heyne, 1981)
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