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Nach Sonnenuntergang wurde sie zur Erfinderin. Ihr Meisterinnenstück war ein Vorläufer von digitalen Datenübertragungstechnologien wie Bluetooth oder Wifi: Zusammen mit einem befreundeten Komponisten entwickelte sie auf der Basis von Lochkarten für mechanische Klaviere ein Verfahren, dank dem man – vereinfacht gesagt – störungsfrei und überwachungssicher Funksignale übertragen konnte. Das Patent dafür wurde ihr 1942 von den US-Behörden ausgestellt – bloss blieb die Erfindung danach jahrelang ungenutzt liegen. Dabei war sie von den beiden als Beitrag zum Kampf gegen Hitlerdeutschland eingereicht worden: etwa um die per Funk gesteuerte Torpedozündung sicherer zu machen.
«Erfindungen sind für mich einfach», erzählte sie Jahrzehnte später einem Journalisten. Sie müsse nie hart an Ideen arbeiten – «die kommen mir immer wie von selbst». Sehr viel schwieriger war es, die Welt davon zu überzeugen, dass eine Frau umwerfend schön sein kann – und gleichzeitig blitzgescheit. Bei Tag arbeitete die Ende der dreissiger Jahre nach Hollywood ausgewanderte Wienerin als Schauspielerin. Während mehrerer Jahre zierte sie unzählige Zeitschriftencover. Und ihr Gesicht war nicht nur das Vorbild für Disneys Schneewittchen, sondern auch für Catwoman. Die Journalisten schrieben sich gegenseitig ab, sie sei «die schönste Frau der Welt» – und spotteten über ihren österreichischen Akzent und ihre hölzerne Schauspielkunst. Ihre Filmkarriere begann mit einer Nacktszene im Wald und mit dem vermutlich ersten nichtpornografischen gespielten Orgasmus der Kinogeschichte. Der bisexuelle Filmstar war sechsmal verheiratet, zum ersten Mal als Neunzehnjährige mit einem österreichischen Waffenfabrikanten, der sie wie eine Gefangene hielt und der mit Mussolini, aber auch mit Ödön von Horvath verkehrte. Dank einer filmreifen Flucht entkam sie schliesslich aus seinem Schloss.
Vom späteren Milliardengeschäft rund um ihre Erfindung sah sie keinen Cent, in den sechziger Jahren wurde sie sogar wegen Ladendiebstahl verhaftet. Als sie 2000 in ihrem Haus in Florida starb, war ihr legendäres Gesicht bis zur Unkenntlichkeit von Schönheitschirurgen entstellt. Wer ist die 1914 in Wien in ein jüdisches Elternhaus Geborene, die von ihrer Geburtsstadt erst knapp fünfzehn Jahre nach ihrem Tod ein Ehrengrab erhielt?
Wir suchten die österreichische Erfinderin und Schauspielerin Hedy Lamarr, geborene Hedwig Eva Maria Kiesler. Mit Filmen wie «Ekstase» – der 1933 die Nazis wie auch den Papst in Rage versetzte –, «Algiers» oder «Samson and Delilah» wurde sie berühmt. Mit dem Komponisten George Antheil erfand sie eine komplexe Funkfernsteuerung, die einen gleichzeitigen Frequenzwechsel ermöglichte. Im Dokfilm «Bombshell» (2017) versucht Alexandra Dean, Lamarr nicht nur als Schönheit und Sexidol, sondern auch als kluger Erfinderin gerecht zu werden.