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Als Bernard Arnault letztes Jahr Jeff Bezos als reichsten Mann der Welt ablöste, wurde ich an etwas erinnert, das der LVMH-Chef zu mir gesagt hatte, als wir uns vor sieben Jahren das letzte Mal trafen: «Was ich liebe, ist, zu gewinnen. Was ich liebe, ist, die Nummer eins zu sein.» Doch als ich ihn frage, was dieser Moment jetzt für ihn bedeute, sagt der 73-Jährige: «Für mich hat er nichts bedeutet. Es ist nur eine Zahl.»
Es ist eine ganz schöne Zahl, diese 186 Milliarden Dollar. «Aber denken Sie daran, dass solche Zahlen nicht viel bedeuten: Das ist kein Geld in meiner Tasche, sondern der Wert von LVMH, den sich Tausende von Aktionären, Aktionärinnen und Pensionsfonds teilen.» Arnault zuckt mit den Schultern. «Ja, durch unsere Arbeit ist der Wert des Unternehmens gestiegen, aber ehrlich gesagt betrachte ich solche Dinge nie als persönliche Meilensteine.»
Wir treffen uns nicht in der LVMH-Zentrale in Paris, sondern in der Londoner Saatchi Gallery, wo mir eine Vorschau auf die glanzvolle Ausstellung von Tiffany & Co., «Vision and Virtuosity», gewährt wird, die Arnaults Sohn Alexandre – ein dreissigjähriger leitender Angestellter von Tiffany und einer von fünf Milliardärsgeschwistern, die alle im Familienunternehmen arbeiten – in den letzten 18 Monaten geleitet hat. LVMH erwarb die Marke, die für den New Yorker Glamour der alten Welt steht, im Jahr 2020 für knapp 16 Milliarden Dollar.
Als ich dort ankomme, haben die beiden bereits Stunden damit verbracht, die grösste Tiffany-Ausstellung seit fast einem Jahrhundert zu besichtigen: eine Ausstellung mit 400 wertvollen Objekten, darunter über 150 historische Artefakte, die zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dazu gehören das Givenchy-Kleid, das Audrey Hepburn im Film «Breakfast at Tiffany’s» trug, und einer der seltensten und exquisitesten gelben Diamanten der Welt: der Tiffany-Diamant mit 128,54 Karat.
Der Chef eines 75 Marken starken Imperiums, zu dem Christian Dior, Dom Perignon, Bulgari, Louis Vuitton, Céline, Givenchy, Fendi, Loro Piana, TAG Heuer und Tiffany & Co. gehören, ist ein Mann mit raffiniertem Geschmack, der sich aber nur selten vergnügt. Er arbeitet leidenschaftlich, geht selten auswärts essen, trinkt wenig und ist am glücklichsten, wenn er entweder in seinem Pariser Haus, das mit Kunstwerken von Jean-Michel Basquiat, Damien Hirst, Maurizio Cattelan, Andy Warhol und Pablo Picasso geschmückt ist, Klavier spielt – oder seiner anderen Leidenschaft frönt: dem Tennis.
«Ich schaue auf Instagram und Tiktok»
Während des Interviews erzählte mir Arnault von der Überraschung, die ihm seine Kinder Wochen zuvor bereitet hatten, als er zu einem «Familienspiel» erschien und dort Roger Federer vorfand, bereit für «einen kleinen Schlagabtausch». Und ich bekam einen starken Eindruck davon, wie viel Arnaults Familie ihm bedeutet und wie eng seine fünf Kinder (aus zwei Ehen) miteinander verbunden sind. Neben Alexandre sind das Delphine (46), Vizepräsidentin von Louis Vuitton, Antoine (44), Leiter der Kommunikations- und Imageabteilung von LVMH, Frédéric (27), Geschäftsführer von TAG Heuer, und der 23-jährige Jean, ganz neu Chef der Uhrenabteilung von Louis Vuitton.
Alexandre hat sich heute zu uns in die Saatchi Gallery gesellt, und es ist amüsant zu sehen, wie normal der Umgang zwischen Vater und Sohn ist. Während unseres Gesprächs wird sich Arnault in Fragen der Populärkultur an Alexandre wenden. Es war die Idee seines Sohnes, die Tennisspielerin Emma Raducanu sowie Beyoncé und Jay-Z – persönliche Freunde – als Tiffany-Botschafter zu verpflichten. Und Alexandre geniesst die gleichen sanften Sticheleien wie jedes Kind, wenn es um den vorsichtigen Umgang seines Vaters mit Technologie geht.
Im Jahr 2015 hatte mir Arnault gestanden, dass er zwar ein Telefon besitze, «aber niemals SMS schreibe, sondern nur anrufe», und dass er keine E-Mails nutze. «Aber ich habe Fortschritte gemacht!», versichert er mir heute. «Ich bin jetzt per E-Mail unterwegs. Ich schaue auf Instagram und Tiktok. Dank Alexandre und seinen Brüdern bin ich viel mehr auf dem Laufenden.»
«Spass ist das Geheimnis des Erfolgs»
In Anbetracht der Tatsache, dass Arnault schon immer sehr zurückgezogen lebte, ist es überraschend, dass er sich zum Thema Familie öffnet. «Ich bin in Nordfrankreich aufgewachsen, wo es die Nachkommen dieser grossen Familientextilimperien gab», erzählt er mir, wobei seine Stimme etwas heiser ist, weil er «gestern zu viel geredet hat – keine Sorge, das ist nicht Covid».
Eine Zeit lang ruhten sich diese Erben «auf ihren Lorbeeren aus», erklärt er, «und dann gaben sie die Arbeit schliesslich ganz auf – und ihre Unternehmen gingen unter. Bei meinen Kindern war es also sehr wichtig, dass wir ihnen von Anfang an eine starke Arbeitsmoral mitgegeben haben. Sie sollten ihre Abschlüsse machen und sich von klein auf an das Arbeiten gewöhnen. Wir haben sie dazu erzogen, fleissig zu sein», sagt er. «Und das sind sie auch.»
Vorhersehbarerweise hat es viele Gerüchte über Intrigen dazu gegeben, wer sein Nachfolger an der Spitze von LVMH werden könnte, worüber Arnault heute nicht mit mir sprechen will. Deshalb frage ich ihn, was passieren würde, wenn eines seiner Kinder sich aus dem Familienunternehmen zurückziehen wollen würde, so wie es Prinz Harry bei unserer königlichen Familie getan hat.
«Ich würde nicht über eine Situation urteilen, von der ich nichts weiss, und ich mag und respektiere seinen Vater.» Er hält inne, grinst. «Aber ich will sagen, dass ich mich sehr gefreut habe, Meghan bei der Jubiläumsfeier in Dior gekleidet zu sehen. Sie war sehr schick – magnifique.» Ist er ein Fan? «Das bin ich. Sie werden sich erinnern, dass sie bei ihrer Hochzeit auch Givenchy trug, das ebenfalls zu unseren Marken gehört.» Und Arnault kommt wieder auf seine eigene Familie zu sprechen. «Man muss arbeiten wollen. Wenn die Kinder lieber etwas anderes gemacht hätten, wäre das absolut in Ordnung gewesen. Es gibt nichts Schlimmeres, als aus Pflichtgefühl zu arbeiten, aber sie tun es alle aus einem echten Wunsch heraus. Und ich sage Ihnen etwas», er beugt sich vor, «wenn ich jetzt noch arbeite, dann deshalb, weil ich jeden einzelnen Morgen, wenn ich mich an die Arbeit setze, Spass daran habe. Das ist das Geheimnis des Erfolgs.»
«Sir Bernard»
Als ich ihn frage, wie es war, die Queen zu treffen – was er im Laufe der Jahre mehrmals getan hat –, erhellt sich sein Gesicht. «Oh, sie ist beeindruckend. Und wissen Sie, dass sie wie Sie fliessend Französisch spricht? Sie ist wirklich grossartig.» Auch die Ernennung zum Ritter im Jahr 2013 war für ihn ein wichtiger Moment. «Ich war sehr stolz darauf», sagt er und fügt scherzhaft hinzu: «Wenn ich Brite wäre, würde man mich Sir Bernard nennen.»
Arnaults Liebe zum Detail muss auch eine grosse Rolle bei seinem Erfolg gespielt haben. Schliesslich ist er ein Mann, der daran glaubt, dass es wichtig ist, seine Fabriken und Boutiquen in der ganzen Welt zu besuchen, seine Mitarbeitenden zu treffen und seine Produkte anzufassen. Und gelegentlich bedient er immer noch gerne inkognito in seinen Geschäften. «I do!» Er schmunzelt. «In Frankreich ist das schwierig, weil die Leute mich erkennen.»
Das Geheimnis, welches Arnaults Konkurrenten am liebsten lüften würden, ist, dass er genau zu wissen scheint, wann er welche kränkelnden Marken kauft und ihnen mit seinem Goldhändchen neues Leben einhaucht. Sein Gesicht füllt sich mit einem fast komischen Mass an Entsetzen, als er mir von dem Moment im Jahr 2019 erzählt, als er über die Übernahme von Tiffany nachdachte.
«Ich habe einmal eine Tiffany-Schaufensterauslage gesehen, in der eine Reinigungskraft versehentlich Fensterreiniger neben dem Schmuck hinterlassen hatte. Fensterreiniger!» Er schaut zu Alexandre, um sich diesen Affront gegen den Luxus bestätigen zu lassen. «Damals wussten wir, dass wir sehr viel Aufmerksamkeit und Erfahrung in die Marke einbringen konnten. Tiffany ist eine Traummarke. In gewisser Weise war sie jahrelang in einer Art Dornröschenschlaf, aber jetzt erwecken Alexandre und unser wunderbares Team die Begehrlichkeit, die sie schon immer hatte.»
«Instinkt und konkrete Fakten»
«Man muss der reinen Rationalität im Geschäftsleben genauso misstrauen wie dem reinen Bauchgefühl», sagt Arnault und betont, dass «eine Kombination aus Instinkt und konkreten Fakten» der Schlüssel sei. Von Anfang an hat der in Roubaix geborene Sohn eines Bauingenieurs beides genutzt, um sich in die heutige Stratosphäre zu katapultieren.
Nach seinem Abschluss an der renommiertesten Ingenieurschule Frankreichs, der École polytechnique, trat er in das Bauunternehmen seines Vaters ein, der ihn später überredete, das Baugewerbe zu verkaufen und sich auf Immobilien zu konzentrieren. Nachdem er das Geschäft in den USA ausgebaut hatte, kehrte er nach Frankreich zurück, wo er durch die Rettung von Boussac in die Textilindustrie expandierte, ein Imperium, das eine Reihe von strauchelnden Unternehmen umfasste, darunter auch Dior, das zur Hauptmarke von LVMH wurde.
Dior übte auf Arnault eine besondere Anziehungskraft aus: Seine Mutter, die in seiner Jugend immer das Parfüm Diorissimo trug, war von dem Designer fasziniert. Und ich frage mich, ob, wenn nicht Instinkt, so doch persönliches Empfinden eine grössere Rolle für Arnaults Erfolg spielt, als ihm selbst bewusst ist. Hinter seinem förmlichen, zurückhaltenden Äusseren verbirgt sich eindeutig ein Sinnesmensch, der sich zu echter, physischer Schönheit und Kreativität hingezogen fühlt.
Nach der Trennung von seiner ersten Frau, Anne Dewavrin, im Jahr 1990 führte Arnaults musikalisches Herz ihn im folgenden Jahr in eine zweite Ehe mit der kanadischen Konzertpianistin Hélène Mercier, die er mit seiner eigenen Darbietung von Chopins Etüden umworben haben soll. Ihre gemeinsame Liebe zur Kunst veranlasste ihn 2014 zur Gründung eines Museums, der Fondation Louis Vuitton in Paris, und abgesehen von einigen Internetinvestitionen in den frühen Nullerjahren hat er stets einen überlegten Ansatz für die Online-Welt gewählt.
So erklärte der LVMH-Chef in einem Interview im Januar, er habe kein Interesse daran, «virtuelle Turnschuhe für 10 Euro zu verkaufen. Das ist nichts für uns.» Arnault hat auch vor modischen «Blasen» gewarnt und lediglich eingeräumt, dass Dinge wie das Metaverse und NFT für bestimmte Marken «eine Zukunft haben könnten».
Vor diesem Hintergrund bin ich neugierig, was er von Elon Musk hält? «Ich habe ihn getroffen», sagt er strahlend und nickt seinem Sohn zu. «Wir haben ihn zusammen getroffen. Wir waren beim Start von SpaceX in L.A. dabei, und er setzte mich auf den Fahrersitz eines seiner neuesten fahrerlosen Autos. Er sagte mir, ich könne meine Füsse von den Pedalen und meine Hände vom Lenkrad nehmen, und es würde mich zurück ins Büro bringen.» Amüsiert und enthusiastisch klatscht Arnault in die Hände: «Und das tat es!»
«Musk ist ein Genie»
Hatte er Angst? «Ich war ein bisschen angespannt», sagt er mit einer Grimasse. «Aber Elon war grossartig. Ich habe allerdings einen kleinen Fauxpas begangen. Als er mir sagte: ‹Ich werde den Mars kolonisieren›, musste ich lachen. Denn so etwas hatte ich noch nie gehört und ich dachte, er mache Witze. Aber er meinte es ernst – und ich glaube, er war nicht sehr erfreut. Jedenfalls ist er wirklich ein Genie.»
Musk und Arnault, zwei unterschiedliche Menschen, ganz dicht beieinander auf der Liste der Reichen. Während es Arnault um greifbare Talente und die Wiederbelebung vergangener Kreativität geht, blickt Musk in eine fantastische Zukunft, in der nichts unmöglich ist. Ist die Welt der Luxusmarken angesichts des zunehmenden Risikos eines globalen Abschwungs, der finanziellen Ungleichheit und der hohen Lebenshaltungskosten sowie des Krieges in der Ukraine stärker gefährdet als andere?
«Luxus kann für diejenigen, die das Wort mit Frivolität und Angeberei assoziieren, einen abwertenden Beigeschmack haben», sagt Arnault mit einem Stirnrunzeln, «aber ich ziehe es vor, den Begriff ‹Produkte von hoher Qualität› zu verwenden. Denn wenn die Menschen die Mittel haben, wollen sie Dinge von hoher Qualität kaufen, und das wird sich nie ändern. Qualität ist keineswegs frivol. Sicherlich ist sie unendlich viel mehr wert als der Wiedererkennungswert. Qualität kann viel länger als ein Leben lang halten.»
Was würde er als jemand, der schon viele Finanzkrisen überstanden hat, anderen Unternehmern raten? «Man muss mittelfristig zuversichtlich bleiben», sagt er. «Man muss vermeiden, auf die Quartalsergebnisse zu schauen, denn in einer Krise sind sie bedeutungslos. Und man muss weiter investieren. Immer. Denken Sie daran, dass die Menschen, wenn sie besonders schwere Zeiten durchgemacht haben, nach vorne blicken wollen. Sie wollen optimistisch sein.»
«Mindestens noch zehn Jahre»
Arnault hat in Folge der Aggression Russlands in der Ukraine zwar «vorübergehend» alle LVMH-Aktivitäten in Russland eingestellt, aber er glaubt, dass «der französische Präsident recht hat, weiter mit dem russischen Präsidenten zu sprechen, denn auch in Zeiten wie diesen muss man im Gespräch bleiben».
Er findet es auch richtig, dass zwei russische Meisterwerke, die in seiner jüngsten Ausstellung in der Fondation zu sehen waren, an das Puschkin-Museum und die Eremitage zurückgegeben wurden. «Wir sind keine Diebe. Diese Gemälde gehörten russischen Museen, zu denen wir immer ausgezeichnete Beziehungen hatten, und Museen sollten nicht mehr in die geopolitische Situation verwickelt sein als wir. Obwohl es sehr schwierig war, ist es uns gelungen, vom französischen Präsidenten die Erlaubnis zu erhalten, die Bilder zurückzuschicken.»
Während unseres letzten Gesprächs sagte mir Arnault, dass er nicht vorhabe, in den Ruhestand zu gehen. Und erst kürzlich hat LVMH beschlossen, das Rentenalter zu erhöhen. Wird er also noch weitere zehn Jahre im Amt bleiben? «Mindestens! Solange ich mit meinem Freund Roger Federer Tennis spielen kann, werde ich weiterarbeiten», sagt er. «Wir haben letztes Jahr gespielt und ich habe einen Punkt gewonnen. Dieses Jahr hoffe ich, zwei zu holen.»
Es ist wichtig, Ambitionen zu haben. Arnaults graublaue Augen glitzern: «Genau.»
Dieser Artikel ist unter dem Titel «Zwei Punkte gegen Roger» bereits in der «Handelszeitung» am 28. Juni 2022 erschienen. Aus aktuellem Anlass haben wir ihn nochmals publiziert.