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Die Besetzung Helvetiens – der heutigen Schweiz – durch die Römer und die fast fünfhundertjährige Besatzungszeit haben das Land in Sachen Sitten, Lebensart und Kultur maßgeblich geprägt.
In diesem Text soll kurz umrissen werden, wie sich die römische Besetzung vollzog und auf Helvetien auswirkte. Bis heute sind die Spuren der römischen Besetzung noch sichtbar (siehe Ausflugstipps), welche die heutige Archäologie immer noch beschäftigen und ständig vor neue Herausforderungen und Erkenntnisse stellen.
Mit diesem Text soll dem Leser ein kleiner Einblick in die damalige Zeit gewährt werden. Dem Verfasser dieser Zeilen ist bewußt, daß der Inhalt nur ein ganz kleiner Teil dieser Zeit ist, die hier wiedergegeben wird. Der Text soll den Leser dazu ermuntern, selbst zu dem Thema Recherchen anzustellen. Weiterführende Literatur und Ausflugstipps sind am Ende des Textes aufgeführt.
Die römische Besiedelung – in Etappen
Während die Helvetier zunächst in einem – allerdings nicht schriftlich fixierten – bundesgenossenschaftlichen Verhältnis zu Rom blieben, wurden die übrigen Stämme unterworfen. In den Jahren 16/15. v. Chr. eroberten die beiden Stiefsöhne des Kaisers Augustus, Tiberius und Drusus, in einem großangelegten Alpenfeldzug das Graubünden und das Rheintal sowie das Wallis, wo im Jahr 57 v. Chr. noch ein Feldzug des späteren Kaisers Servius Sulpicius Galba gescheitert war.
Um das Jahr 16/17. n. Chr. wird in der Nähe eines alten keltischen Oppidums (durch Mauer und Graben befestigte Siedlung) das römische Legionslager Vindonissa (Windisch AG) gegründet. Als erste Einheit wird hier die XIII. Legion stationiert. Vindonissa, nur 15 km vom Rhein entfernt, wird zu einem wichtigen Rückhalt bei der Verteidigung der römischen Nordgrenze. Im Jahr 101 wird das Lager Vindonissa von den Römern geräumt. Nach dem Bau des Limes, einer durchgehenden Befestigung zwischen Donau und Rhein, gehörte Helvetien nicht mehr zur vordersten Front.
Gleichzeitig dazu erfolgte im Gebiet der Helvetier die Gründung der römischen Kolonien: Colonia Iulia Equestris (Nyon VD) und Colonia Raurica (August BL). Diese wurden in den Jahren 45/44 v. Chr. erbaut. Die Bewohner dieser Kolonien waren zunächst ehemalige Soldaten. Ihre Ansiedelung diente vorrangig militärischen Zwecken.
Eine zweite Etappe römischer Herrschaft begann im Jahr 81 n. Chr. mit Kaiser Domitian, der in einer Reihe von Feldzügen die Grenze nach Norden verschob. Im Jahr 101 konnte das Legionslager Vindonissa geräumt werden, es begann eine rund 160 Jahre lange Periode des »Kaiserfriedens«, der ungestörten Entwicklung im Schutz weit entfernter und gesicherter Grenzen.
Der »Kaiserfriede« endete in den Jahren 259/60, als die Alemannen, ein germanischer Volksstamm, den Rhein überschritten und den helvetischen Hauptort Aventicum (Avenches VD) zerstörten. Die Alemannen wurden zurückgeschlagen und die Rheingrenze gesichert, doch der Alemanneneinfall markierte den Anfang vom Ende der römischen Herrschaft in Helvetien.
Unter dem Kaiser Valentinian (364-375), der die Rheingrenze zielgerichtet durch ein Netz von Kastellen und Wachttürmen ausbaute, herrschte noch einmal Ruhe.
Römische Organisation und Verwaltung
Das Gebiet der späteren Schweiz gehörte während der römischen Besatzung zu verschiedenen Verwaltungsgebieten. Die Region südlich der Alpen wurde von Italien aus regiert, das Gebiet der Allobroger, mit Genf, gehörte zur Provinz Gallia Narbonensis, die Helvetier und Rauriker waren einer der gallischen Provinzen zugeordnet und die Ostschweiz zählte zur Provinz Rätien, wobei unter Kaiser Diokletian um 297 Curia (Chur) Hauptort der Provinz Raetia prima wurde.
Die Grenze zwischen Gallien und Rätien verlief von den Zürich- und Walenseen nach Norden und dann entlang der Murg bis an das westliche Ende des Bodensees.
Das aufgrund der Alpenpässe für die Römer strategisch bedeutsame Wallis hatte bereits um 47 v. Chr. eine besondere Stellung erreicht. Die Einwohner des heutigen Wallis wurden zur »civitas Vallensium« (Bürgerschaft der Walliser) zusammengefaßt und Teil einer neuen Provinz der Gräichschen und Poenischen Alpen.
Innerhalb der Römerstädte bestand eine Selbstverwaltung mit Bürgermeistern und einem auf Lebenszeit gewählten Stadtrat. Den zugezogenen Kolonisten und den keltischen Patriziern (Adel) stand das römische Bürgerrecht zu, den übrigen Einwohnern wurde dieses erst durch Kaiser Caracalla im Jahr 212 zuerkannt. In einigen Regionen kamen die Bürger jedoch auch schon vorher in den Genuß erweiterter Rechte: Um 49 v. Chr. beispielsweise wurde den Bürgern des Südtessins, die bereits 100 Jahre zuvor unterworfen worden waren, ein Bürgerrecht zuerkannt. Das gleiche galt 41 v. Chr. für die Einwohner von Genava (Genf); die Walliser erhielten um 47 v. Chr. das latinische Recht – dies war eine Vorstufe zum römischen Bürgerrecht –, das lediglich den Zugang zu den höheren römischen Staatsämtern verwehrte.
Verkehr
Das umfangreiche Fernstraßennetz, das unter römischer Herrschaft entstand, diente vor allem militärischen Zwecken, förderte aber zugleich den Verkehr und Handel. Drei große Verkehrsachsen durchschnitten das Gebiet der späteren Schweiz: Eine West-Ost-Verbindung entlang des Rheins zwischen Basilia (Basel) und Brigantium (Bregenz) und zwei Nord-Süd-Achsen, die eine über den Summus Poeninus (Grosser Sankt Bernhard) vorbei an den Genfer- und Neuenburgerseen zum Rhein, die andere über den Cunus Aureaus (Splügen) oder den Julier über Churia (Chur) weiter zum Bodensee.
Neben diesen Fernverkehrsstraßen, die allerdings nicht wie in einigen anderen Provinzen mit Steinplatten belegt waren, sondern einen Belag aus Kiesschotter aufwiesen, bestand ein Netz von Vicinalstrassen, für deren Erhaltung die Gemeinden zuständig waren, sowie von Privatstraßen als Zufahrt zu den abgelegenen Gehöften.
Die wichtigsten Straßenzüge waren sorgfältig vermessen und mit Distanzzeigern versehen. Als solche dienten etwa drei Meter hohe, zylindrische Steinsäulen, die entlang der Straße im Abstand von einer römischen Meile (mille passus = 1,480 km) aufgestellt waren. Das Gebiet der »römischen Schweiz« wurde zu den gallischen Wegmass der Leuge (2,22km) angegeben. Die Meilen- oder Leugensteine trugen Inschriften, die neben dem Namen und den Titeln des Kaisers, unter dem sie errichtet worden waren, und Hinweise auf Straßenreparaturen, die Entfernung von einem Zählpunkt (caput viae) aus meldeten. Als Ausgangspunkt für die Zählung dienten größere Ortschaften, z. B. Koloniestädte oder Marktflecken.
Handel
Als Bindeglied, im Schnittpunkt zweier Handelsachsen, zwischen Gallien, Germanien und Italien wurde die spätere Schweiz in den Warenaustausch innerhalb des Römischen Imperiums einbezogen. Zu den Exportgütern gehörten vor allem Wachs, Honig und Korn, wichtige Einfuhrgüter waren Öl, Glaswaren und Gewürze, eingesalzene Hülsenfrüchte, sowie Wein, dessen Anbau außerhalb Italiens zeitweise verboten war, und die überaus begehrte Fischsauce. Der Handel mit gesalzenen Waren, bzw. Salz allgemein, hatte eine hohe Bedeutung. Ebenso ist der Import von Austern belegt, allerdings läßt sich dessen Herkunft, ob aus dem Mittelmeer oder aus der Nordsee, nicht ausmachen.
Das römische Tongeschirr, die Terra sigillata, kam mit den römischen Legionären und Verwaltungsbeamten über die Alpen und wurde bald nachgeahmt. Der Import von Metallwaren ist schwer nachzuweisen. Die Geräte und Werkzeuge aus Bronze unterlagen einer weitgehenden Normierung, so daß es schwierig ist, lokale Produktionen und Import zu unterscheiden.
Hingegen ist der Import von Rohmetall belegt. Die beiden Bleibarren von Basel und Arbon sind sicher auf dem Flußweg an ihre Fundorte gelangt. Das Basler Stück trägt den Stempel einer Handelsgesellschaft, deren Stempel auch die zahlreichen Bleibarren tragen, die im Hafenbecken von Cartagena (Spanien) gefunden worden sind.
Amtssprache – Latein
In den römischen Provinzen wurde die Sprache der Kolonialmacht, Lateinisch, zur Amtssprache. Auch viele keltische Patrizier bedienten sich des Lateinischen, während das Keltische abseits der Römerstädte weiterhin gesprochen wurde und auch in vielen Ortsnamen weiterlebte.
Ebenso deuteten keltische Endungen wie -dunum (Zaun), -magus (Feld) oder -briga (Hügel) auf alte Keltensiedlungen hin.
Um sich den neuen Herren anzugleichen und sich Aufstiegsmöglichkeiten zu sichern, paßten zahlreiche Kelten, die in der Regel nur einen Individualnamen hatten, ihre Namen den römischen Sitten an.
Die römische Religion und Kultur
Die Kultur der Römer, ihre Sitten und Gebräuche, kurz, ihre gesamte Art zu leben, wirkte vorbildhaft auf ihre neugewonnenen Untertanen. Zuerst bemühte sich die Oberschicht um Anpassung, imitierte die römische Namensgebung und nahm die Sprache der Eroberer an.
Die Römer machten sich die Götterwelt der Ureinwohner geschickt zunutze. Sie prägten sie in ihrem Sinne um und stellten ihre Abbilde – wie die dreihörnige Stiergottheit aus Octodurus (Martigny VS) – neben die der römischen Götter. Der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus prägte dafür die Bezeichnung »interpretatio romana« (römische Umdeutung). So erhielten die vorhanden Gottheiten neben ihrem ursprünglichen noch den Namen des dazu passenden römischen Gottes.
Zur Pflicht eines jeden römischen Untertanen wurde die Verehrung der römischen Hauptgötter, des Triumvirats Jupiter Maximus, Juno und Minerva. Daneben trat in der Kaiserzeit die Verehrung des jeweiligen römischen Kaisers, zu dessen Ehren die Abgesandten der gallischen Stämme sich alljährlich am 1. August am Zusammenfluß von Rhone und Saône bei Lyon versammelten.
Die Ehrungen der römischen Kaiser gehen auf Kaiser Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) zurück. Die Ausübung des Kaiserkultes war festen Regeln unterworfen, deren Einhaltung Aufgabe der Priester und des jeweiligen zuständigen Verwaltungsbeamten war. Die Teilnahme am Kaiserkult war eine Pflicht; wer sich der Teilnahme verweigerte, geriet in Verdacht, eine antimonarchische Einstellung zu haben.
Die römische Lebensart – Essen, Trinken, Kleidung und Wohnen
Durch die römischen Soldaten und Beamten, die auch in der Ferne nicht auf ihre gewohnte Kost verzichten wollten, kamen neue, bislang unbekannte Nahrungsmittel nach Helvetien. Besonders begehrt waren die Weine aus Rom und Spanien, die in großen, bis zu 1 Meter hohen Tongefäßen (Amphora) ins Land gebracht wurden. Ebenso wurde der Obstbau intensiviert.
Von der Erweiterung des Nahrungsmittelangebots profitierten auch die Hersteller von Tongeschirr.
Nicht nur für die Mahlzeiten, sondern auch für die Zubereitung wurden zahlreiche Töpfe, Krüge und Schüsseln unterschiedlicher Größe erforderlich. Große Töpfe waren auch nötig, um über den Winter hindurch die Nahrungsmittel zu „konservieren“.
Die römische Lebensart als Vorbild setzte sich vornehmlich bei der einheimischen Oberschicht durch. Das zeigte sich vor allem bei der Bekleidung, der Gestaltung der Wohnhäuser und den Essensitten. Das standesgemäße Essen erforderte eine ausreichende Zahl von Dienern, die die zu verzehrenden Gerichte meist schon in der Küche in mundgerechte Stücke zerlegten, die dann auf Platten oder Schüsseln serviert wurden. Eine einzelne Person benötigte mehrere Teller, groß wie kleine Näpfe, und verschiedene Krüge und Becher.
Die verschiedene Herkunft der Bevölkerung und ihre ständische Gliederung hatten sich auch in der Kleidung ausgedrückt. Das klassische römische Männerkleid, bestehend aus Tunika und Toga, war den römischen Bürgern vorbehalten.
Durch Händler kamen kostbare Stoffe und wertvoller Gebrauchsschmuck wie Ringe, Broschen, Haarnadeln und Luxusartikel wie Glas, Metall und Edelmetall, sowie auch Mittel für die Schönheitspflege in das Land. Auch Luxusmöbel für die Einrichtung von Wohnhäusern wurden von Rom übernommen.
Kunst und Kunstgewerbe
Kein anderer Teilbereich der Kultur der »römischen Schweiz« ist so ausführlich untersucht und aufgearbeitet worden wie die der Kunst und des Kunstgewerbes. Wenn man die Kunstwerke auf dem Gebiet der »römischen Schweiz« betrachtet, so kann man feststellen, daß ein eindeutiges West-Ost-Gefälle bestanden hat. Qualitätsvolle Stücke fand man vor allem in den Koloniestädten oder in den zum Teil palastartigen Herrenhäusern von Gutshöfen der Westschweiz. Dort war der Grad der Romanisierung ein weitaus höherer als gegen Osten hin.
Importstücke des 1. Jahrhunderts n. Chr. fand man vor allem in Aventicum. Dort wurde unter anderem das Kopffragment einer lebensgroßen Knabenstatue aus Bronze, die zu den schönsten Bronzefunden nördlich der Alpen gehört, gefunden. Vergleichbare Stücke fanden sich nur in Italien, in den nordafrikanischen Provinzen und in Spanien. Erwähnenswert ist auch die Statuette einer Jahreszeitgöttin, die einer Werkstätte in Ostia bei Rom zugewiesen werden konnte.
Zu den interessantesten Bronzefunden gehört zweifelsohne die lebensgroße Büste der Göttin Minerva mit Helm und Panzer aus Augusta Raurica. Die Büste war vielleicht Teil einer Götterstatue in einem Tempel.
Die Römer ziehen ab
Um 401 n. Chr. zieht der römische Reichsfeldherr, Stilicho, zur Abwehr der Westgoten, die in Oberitalien unter ihrem König Alarich eingefallen sind, die Truppen aus dem nördlichen Alpenvorland und vom Rhein ab.
Die verbliebenen gallo-römischen Bewohner – sie wurden als Romanen bezeichnet – zogen sich zurück. Die erste Abwanderung vollzog sich bereits nach dem ersten Alemanneneinfall (259/60 n. Chr.), als die reichen Familien ihre Gutshöfe verließen. Die Abwanderungsbewegung vollzog sich entlang der Straßen nach Italien.
Der Zerfall der römischen Macht in Helvetien war sowohl eine Folge der äußeren Bedrohung durch die Germanenstämme als auch innerer Schwächen.
Quellen:
– Chronik der Schweiz, Ex Libris Verlag, Zürich 1987
– Geschichte der Eidgenossen in Wort und Bild, Stauffacher-Verlag, Zürich 1967
– Die Römer in der Schweiz, W. Drack & R. Fellmann, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988
Ausflugstipps:
– Petinesca Studen/BE – www.site-of-the-mont.ch
– Museum Aventicum Avenches/VD – www.aventicum.org
– Augusta Raurica Basel – www.augustaraurica.ch