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Auf einem Spaziergang kamen vier Freunde und ich zu einem Fußgängerstreifen, wo wir eine Straße überqueren wollte. Die Ampel zeigte aber das rote Männchen. Das heißt: Jetzt waren die Autos, die Roller, die Fahrräder dran, und wir musste darauf warten, dass die Ampel das grüne Männchen zeigen würde. Meine Freunde waren ungeduldig. Einer war der Ansicht, so lange habe es bis zum Aufleuchten des grünen Männchens noch nie gedauert — die Anlage müsse defekt sein. Ein anderer wandte ein, das sei doch nun eine typische subjektive Empfindung, welche die Betroffenen immerzu denken ließe, das Schicksal wolle einem schlecht und dehne die Dauer der Rotphase vorsätzlich aus, um einen zu ärgern. Paul Watzlawick schildere dieses Phänomen trefflich in «Anleitung zum Unglücklichsein». Wobei er dann selbst zugab, dass es schon ungewöhnlich lang dauerte und dass es völlig sinnlos war, die Ampel auf Rot geschaltet zu lassen, wo doch im Moment gar kein Fahrzeug daherkam. Diese letzte Bemerkung löste bei unserem Robotik-Ingenieur eine Überlegung aus: «Man müsste Art, Richtung und Geschwindigkeit der räumlichen Verschiebung der verschiedenen Verkehrsteilnehmer konstant durch Sensoren erfassen und eine CPU fortlaufend ausrechnen lassen, welche Bewegung gerade angehalten und welche favorisiert werden müsste, um den Verkehrsfluss zu optimieren. Das ist doch technisch kein Problem!» Der Theologe konnte sich mit diesem Vorschlag nicht anfreunden! Maschinen würden schon mehr als genug das Leben der Menschen bestimmen und sie selbst zu Maschinen machen. Immer stärker würde das Individuum aus der Verantwortung für seine Handlungen herausgenommen. Und aus diesem philosophisch-theologischen Gedanken schloss der Stadtrat-Kandidat der Grünen — zum erneuten Missfallen des Gottesmanns —, dass man aus ökologischen Erwägungen bei so geringem Verkehrsaufkommen das Verkehrsgesetz mit Füßen treten und nicht auf die Überquerungstaste drücken sollte, sondern in Eigenverantwortung und im günstigen Augenblick die Straße bei Rot überqueren. — Plötzlich schaltete jedoch die Anlage nicht auf Grün, sondern sich selbst vollständig aus, was alle heiter stimmte, und im Konsens vereinte, dass die Situation für Fußgänger sich in den letzten Jahren doch wesentlich verbessert habe. Früher, meinte einer, sei es vor allem für Kinder und Betagte eine Katastrophe gewesen. Dem stimmten alle zu. Das Problem hatte mit dem Nachtbetrieb der Anlage an Aktualität verloren und man wechselte das Thema.
Ich hatte mein Problem, das völlig anderer Natur war, allerdings nicht gelöst und blieb damit allein. Während der wenigen Minuten des Wartens auf die amtliche Erlaubnis, die Straße zu überqueren, das mich kein bisschen irritiert hatte, hatte ich gemerkt, was mich sehr wohl irritierte, dass ich nämlich keine Ahnung hatte, woher das merkwürdige Wort ‹Ampel› kommt! Und da stand ich nun, im Stadtzentrum, kilometerweit von meinen Büchern entfernt, im Bewusstsein, dass ich keine Chance hatte, ohne meine Bibliothek die Erklärung zu finden, und gleichzeitig im Bewusstsein, dass ich trotzdem nicht würde aufhören können, vergeblich darüber nachzugrübeln. Die Situation ist weidlich bekannt: Man stelle sich vor, man sei gezwungen, in einem Raum zu verharren, in dem die Luft arg verschmutzt und gesundheitsschädigend ist, und man wüsste ganz genau, dass man sich selbst mit jedem Atemzug schwächt. Könnte man da aufhören zu atmen?
Den andern hatte ich selbstverständlich nichts von meiner bohrenden Frage gesagt, und ich würde mich weiterhin hüten, es zu tun! Stadtrat-Kandidaten, Robotik-Ingenieure, Theologen, Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und andere blitzgescheite Leute, die jedoch nicht Linguisten sind, neigen nämlich dazu, mit gesundem Menschenverstand die vertracktesten Etymologien blitzschnell zu klären und für diese eine plausible Wortentwicklung zu finden, oder vielmehr zu erfinden. Und oft stimmen ihre fantasievollen Deutungen sogar! Aber eben: nur oft. Nicht immer! Vor allem nicht sicher.
Die Linguistik braucht Handfestes, Beweise, Belege, nicht einprägsame anekdotische Geschichten, die meistens bloß vom Wunschdenken diktiert sind. Von unsereins wird Plausibilität sogar gefürchtet, wenn sie einen in ein Labyrinth zu führen droht, in das man sich dann verrennt und aus dem man nicht mehr leicht herausfindet. Was nützt Plausibilität, wenn Lautverschiebungsgesetze und Belege eine noch so verführerische Vermutung Lügen strafen? Wie kann man durch bloßen gesunden Menschverstand darauf kommen, dass mit dem ‹Haar in der Suppe› nicht ein Kopfhaar des Kochs gemeint ist, sondern ein Haarriss in einem Ei? (Siehe ‹Haar und Ei› in ‹Linguistische Amuse-Bouche›, Seite 263.) Wie kann man ahnen, dass so unterschiedliche Wörter wie ‹Garten› und ‹Hort› etymologisch identisch sind und über mehr als ein Jahrtausend die gleiche Bedeutung hatten, und dass Wörter wie das englische ‹much› und das spanische ‹mucho›, ohne den geringsten etymologischen Zusammenhang, rein zufällig fast dasselbe Schriftbild haben und mehr oder weniger bedeutungsgleich sind?
Zurück zur Ampel! — In der Nacht konnte ich endlich Licht in die Angelegenheit bringen:
Aus dem Griechischen ‹ἀμϕί› [amfí] (auf beiden Seiten) entstand ‹ἀμϕορέα› [amforéa] (Tongefäß mit zwei Henkeln, eine Amphore). Wort und Bedeutung wurden von der lateinischen Sprache als ‹amphora› übernommen und darüber hinaus wurde auch der Diminutiv davon, ‹amphulla›, später ‹ampulla› (kleine Amphore) gebräuchlich und auch in anderen Sprachen, in den germanischen und frühen slawischen übernommen. Mit der Zeit wurden sowohl das Material, nämlich der Ton, als auch die namengebenden beiden Henkel nicht mehr als für die Ampulle bezeichnend gesehen. Eine Ampulle war fortan bloß ein bauchiges kleines Gefäß, das auch aus Blech oder aus Glas sein konnte. Im germanischen Raum wurde zudem während des Übergangs vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen nur noch ein bestimmter Verwendungszweck des kleinen bauchigen Gefäßes als ‹ampulla›, später ‹ampulle›, später ‹ampole›, noch später als ‹ampel› bezeichnet, nämlich die Verwendung als Öllampe. Im frühen Neuhochdeutschen splitteten sich die Wörter: Aus der althochdeutschen ‹ampulle› wurde ausschließlich die heutige Ampulle, aus der mittelhochdeutschen ‹ampel› ausschließlich die Lampe. Die Ampel verschwand allerdings im 17. Jahrhundert fast ganz aus dem Sprachgebrauch und überlebte nur als das ‹ewige Licht› in der Kirche, ein von der Decke herabhängendes, fortwährend brennendes Öllämpchen. Erst Ende 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam das Bedürfnis auf, für den Verkehr besonders gefährliche Stellen von Straßen, insbesondere Kreuzungen, mit Lampen — meistens Gaslampen, später elektrische Lampen — zu beleuchten. Weil diese Leuchtkörper in der Regel an Seilen hingen, grub man, um sie zu bezeichnen, das alte, inzwischen fast vollkommen vergessene Wort wieder aus und nannte sie in Analogie zum ewigen Licht in der Kirche ‹Ampeln›. Wohlgemerkt: Das waren bloß Beleuchtungen, nicht Signal gebende, den Verkehr regelnde Lampen! Ampeln mit grünen, gelben und roten Signallichtern gibt es erst seit den frühen neunzehnhundertzwanziger Jahren. Die erste moderne Ampel mit diesen Farben wurde 1920 in Detroit, USA, installiert. Diese Farbkombination wurde gewählt, um die Verkehrssicherheit zu verbessern und klare Anweisungen für Fahrer und Fußgänger zu geben. Seitdem haben sich Ampeln mit Grün, Gelb und Rot als standardisierte Farben mit semiotisch festgelegten Bedeutungen in vielen Ländern der Welt etabliert.