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Hans Näf Leben und Wirken
Lebensgeschichte
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Zum Schreibprozess
Die ersten 7 Jahre
in der "Heimat" in
Wolhusen
In der Klosterschule
Engelberg
1. bis 8. Klasse
Kriens Alpenstrasse
ab Ostern 1931
1948 - 52 Studium
an der Universität
Basel und die
grosse Liebe
1946/47 zwei
Semester in Paris
Militär
1945/46
Familienleben
1945/46 Studium
an der Universität
Zürich
Die Zeit nach 1959
Schulpsychologe in
Basel 1959 - 73
Meine eigene
Familie in Meggen
Meine Zeit als
Sekundarlehrer
Bergsteigen und
Skifahren
Erlebte
Schulgeschichte
1946/47 Zwei Semester in Paris
Vom 4.3.46 bis zum 1.6.46 absolvierte ich die Infanterie Offizierschule in Zürich und kam dadurch erst 6 Wochen nach Beginn ins Sommersemester an der Universität Zürich. An diese Studienzeit habe ich keine Erinnerungen mehr, im Testatbuch finde ich aber eine Unmenge von Vorlesungen, offenbar auch als Vorbereitung auf die Sekundarlehrer Prüfung, nicht nur Psychologie und Philosophie, sondern auch französische und deutsche Literatur, Heilpädagogik und Didaktik. Den Sommer verbrachte ich darauf an der Uni in Genf, um französisch zu lernen und anfangs Oktober reiste ich, zum gleichen Zweck, nach Paris. Dort studierte ich 2 Semester an der Sorbonne in einem Cours de civilisation française.
Die Eltern hatten mich mit einem Überseekoffer ausgerüstet, den ich im Oktober 1946 vom Gare de l’Est mit Hilfe von Werner Lustenberger zur Untergrundbahn und dann die rue Valette hinauf schleppte. Es war ein Mordskrampf, denn Werner war auch entsprechend beladen. Aber so konnte uns wenigstens kein Taxichauffeur ausbeuten. Vor diesen und ähnlichem französischen Gesindel waren wir nämlich eindringlich gewarnt worden.
Werner und ich hatten uns in der Offiziersschule kennen gelernt und beide wollten wir Sekundarlehrer werden. Dazu war ein halbjähriger Aufenthalt in einem französischsprachigen Gebiet notwendig. Wir hätten auch in der Schweiz bleiben können, aber das schien uns zu spiessbürgerlich. Zu zweit wagten wir uns in das gefährliche Ausland, wo man nie wissen konnte... Es wurden viele Geschichten erzählt über die schrecklichen Verhältnisse nach dem Krieg und vor allem über die Unseriosität der Franzosen, die durch den Krieg eher noch liederlicher geworden seien.
In einer Pension hatten wir ein Doppelzimmer mit Kost und Logis vorbestellt. Den Vorteil des französischen Bettes genossen nur die Flöhe, die zwischen Werner und mir abwechseln konnten. Wir beide gaben uns bald so auf die Nerven, dass ich auszog. Ich hatte ein Zimmer in der Nähe des Arc de Triomphe bei einer besseren Familie gefunden. Dort litt ich aber unter Kälte und Einsamkeit, bis ich dann im Hotel d’Athenes, wieder im Quartier Latin, landete, wo ich bald Georges Glardon und seine Kollegen kennen lernte. Georges war l944, als die deutschen Besatzer junge Franzosen zum Militärdienst pressten, in die Schweiz geflüchtet. Als Internierter hatte er seine Ration Parisiennes erhalten. Als er mich im Café Capoulade eine solche rauchen sah, sprach er mich an und wir fanden sofort Kontakt zueinander. Daraus entstand eine Freundschaft, die das ganze Leben hielt und mich von vielen Zwängen befreite. Als erstes band ich mir keine Krawatte mehr um, sondern einen Foulard. Aber auch innerlich befreite und erweiterte ich mich, wurde weniger förmlich, weniger besorgt, ja keine Regeln zu verletzen, pünktlich zu sein und alle Kurse zu besuchen. Ich genoss die Diskutierfreude der Franzosen, ihre Sangesfreude, die optimistische Fröhlichkeit und ihre Lebenslust. Meine Eltern fanden zwar, ich sei gefährdet, leichtsinnig zu werden, liebten aber meine französischen Freunde sehr, als sie uns später in der Schweiz besuchten. Statt eines Semesters, wie ich geplant hatte, blieb ich zwei in Paris.
Im Cours de Civilisation und auch sonst lernte ich einige Mädchen kennen, verliebte mich auch in eines, war aber viel zu schüchtern, einen innigeren Kontakt zu suchen. Die ganze Atmosphäre war erotisch viel lebendiger, als ich es gewohnt war und als ich mir gestattete. Ich war immer noch in den moralischen Vorstellungen des Klosterschülers gefangen und mied jeglichen körperlichen Kontakt, um ja keine Sünde zu begehen. Als es mir dann doch passierte, dass ich die Selbstbefriedigung entdeckte, konnte ich mich nicht richtig an der Wollust freuen, da mich ein schlechtes Gewissen plagte. Diese innere Zerrissenheit machte mir jahrelang zu schaffen, auch dann noch, als ich mir sexuelle Lust, von meiner bewussten Überzeugung her, nicht mehr als Sünde anrechnete. Die katholische Sexualmoral steckte mir lange Zeit noch in den Knochen, als mein Kopf sie schon längst abgeschafft hatte.
Durch meine französischen Freunde lernte ich völlig neues politisches Denken kennen. Georges war ein „fervant communist“, durch ihn und seine Freunde lernte ich den Marxismus ein wenig kennen. Meine französischen Freunde schleppten mich auch zu den Diskussionen mit Jean Paul Sartre im Café des Flores. Dort verstand ich zwar wenig, las aber Schriften von Sartre, und dessen Existentialismus leuchtete mir bald mehr ein als der Thomismus und der Katholizismus, mit denen ich im Kloster imprägniert worden war. Ich ging aber nicht mit fliegenden Fahnen zum neuen Denken über. In mühseliger Denkarbeit hatte ich zwar alte „Wahrheiten“ überwunden, aber keine neuen, die mich voll überzeugt hätten, gefunden. Heute empfinde ich es als eine meiner starken Seiten, dass ich differenzierender denken kann und neue Meinungen nicht unkritisch übernehme. Damals zweifelte ich an mir und wagte es nur zögernd, neue, eigene Meinungen zu vertreten.
Neben der Sorbonne, von der ich keine Erinnerungen an Inhalte oder Professoren mehr habe, besuchte ich eine Vorlesung von Professor Robert d’Harcourt, einem mutile de guerre mit nur einer Hand, der mich sehr beeindruckte. Ich war sein einziger Student, ausser mir interessierte sich niemand für Rilke. Wir lasen Gedichte auf Deutsch, konnten sie aber häufig nicht richtig verstehen, besprachen sie auf Französisch, und das war immer spannend und oft verstand ich sie dadurch besser.
An die 10 Monate in Paris denke ich oft zurück, denn in dieser Zeit habe ich natürlich viele Museen und Theater besucht, mich mit Kunst, Frankreichs Geschichte und Literatur, der französischen Lebensart und viel anderem auseinander gesetzt. Damals lernte ich die impressionistischen Maler kennen und lieben. Es war eine ganz reiche Zeit, nicht nur kulturell und sozial, sondern auch finanziell. Wir wechselten unser Schweizer Geld nämlich immer schwarz, weil wir dann drei Mal so viel dafür bekamen als beim offiziellen Wechselkurs. Deswegen war ich sehr reich, konnte mir Reiten im Bois de Boulogne, viele Theaterbesuche und sogar eine Englandreise leisten. Für meinen Vater waren nämlich die Engländer das grossartigste Volk der Welt. Schon zu Beginn des 2. Weltkrieges, als die deutschen Truppen ein Land nach dem andern eroberten, sagte er voller Überzeugung den englischen Endsieg voraus. Dieses Land wollte ich unbedingt besuchen, obwohl es mich ein Sündengeld kostete und ich bis zum englischen Generalkonsul persönlich vordringen musste, um das Visum zu bekommen. Er wollte wissen, warum ich nach England wolle. Als ich ihm vom Vater erzählte, bekam ich es sofort und durfte 10 Tage zu diesem auserwählten Volk, dessen Englisch mir Spanisch vorkam. Im Gymnasium hatte ich nur 1 Jahr Englisch als Freifach gehabt und dabei nur etwas Grammatik, Lesen und Schreiben gelernt.
Nach Frankreich dagegen war ich bestens vorbereitet gekommen, konnte Theater besuchen und verstehen, bei den lebhaften Unterhaltungen meiner französischen Freunde gut mithalten und mit der Zeit sogar auf Französisch träumen. Französisch war damals die Weltsprache, die man lernen musste wie heute Englisch.
Als im Sommersemester in Paris eine unerträgliche Hitze herrschte, beschlossen einige französische Freunde mit mir den Vorlesungsbesuch einzustellen und uns ans Meer zu retten. In einem völlig überfüllten Nachtzug Richtung Normandie fanden wir, auf den Trittbrettern eines 1. Klass-Wagens, Sitzplätze und genossen eine nächtliche Bummelfahrt. In den Dünen von Julouville schlugen wir unser Zelt auf, genossen jeden Abend den herrlichen Sonnenuntergang, sangen, spielten und hatten ein gutes Leben. Besonders als wir im Dorf ein Restaurant gefunden hatten, das einem Tessiner gehörte, der derart begeistert war, wieder einmal einen Schweizer als Gast zu haben, dass er uns jeden Abend zum Essen einlud. Als Bezahlung musste ich Italienisch mit ihm sprechen und als Offizier sein Sackmesser inspizieren und dann alle zusammen „Ticinesi son bravi soldati“ singen.
Schwierig waren für mich in Paris die Wochenenden gewesen, wenn ich zwei Tage ohne Gesellschaft war. In meinem Leben hatte ich bis dahin ständig in Gemeinschaften gelebt, immer Kontakte gehabt und war es nicht gewohnt, auch nur einen Tag mit mir allein zu sein. Ich war dann unruhig, unglücklich, sehnte mich nach Gesprächen oder gemeinsamem Tun. Ich glaube, diese Eigenart habe ich von meinen Eltern mitbekommen, denn sowohl der Vater wie auch die Mutter liebten das Alleinsein nicht. Ihre extravertierte und gefühlsbetonte Anlage und das entsprechende Familienklima haben mich offenbar geprägt. Es fiel mir immer leicht, in Gemeinschaften zu leben. Ich konnte mich gut einfügen, wirkungsvoll meine Interessen vertreten und für gute Stimmung und Toleranz sorgen.
Prüfungsvorbereitung, Wintersemester 47/48 in Zürich, Abverdienen
Für mich war das Studium in Paris erfreulich und leicht gewesen. Was immer ich auch trieb, ich lernte Französisch und bereitete dadurch ein Fach der Sekundarlehrer-Prüfung vor. Deren ersten Teil bestand ich im Herbst 1947, nachdem ich mich von Ende Juni bis im Oktober intensiv darauf vorbereitet hatte. Den zweiten Teil wollte ich ein Jahr später, nach meiner Rückkehr aus Paris, bewältigen und dann in Zürich Psychologie weiter studieren und daran anschliessend vom 9.2. bis 5.6.48 als Zugführer 17 Wochen lang in der Kaserne Luzern Rekruten ausbilden.
Bei der Examensvorbereitung hatte ich täglich guten Kontakt mit den Eltern und fühlte mich wohl deshalb so gut und energisch, dass ich monatelang mit ungeheurer Energie auf die bevorstehenden Prüfungen hin arbeiten konnte. Es war mir damals klar, dass ich Psychologe werden wollte, obwohl es diesen Beruf in den vierziger Jahren noch kaum gab. Deswegen hatte mir ein Freund der Familie auch geraten, ich solle doch, wie er, ein Sekundarlehrerdiplom erwerben. In diesem Beruf sei Psychologie wichtig, und um mir das zu demonstrieren, durfte ich in seiner Klasse mithelfen und bei ihm ein Praktikum machen. Da ich schon im Militär gelernt hatte, vorne zu stehen und eine Gruppe mit sportlichem Elan und Humor für mich und meine Anliegen zu gewinnen, hatte ich ein leichtes Spiel neben dem etwas schrulligen älteren Herrn. Für ihn stand dann fest, dass ich der geborene Lehrer sei und damit auch für meine Eltern und mich. Er hatte mir auch geraten, das Diplom des Kantons Luzern anzustreben und nicht das der Universität Zürich, weil ich dazu ein Semester weniger lang studieren müsse und den Prüfungsstoff mit den Professoren des Lehrerseminars vorbesprechen könne. Das hätte auch den Vorteil, dass man mich im Kanton schon etwas kenne und das könnte bei einer Wahl später nützlich sein. Ausserdem hätte ich so mehr Zeit für das anschliessende Psychologiestudium, und wenn andere Studenten noch nichts in Händen hätten, hätte ich schon einen Beruf. Mir war dieses Vorausdenken, das Planen von Vorteilen und sich prophylaktisch bekannt machen peinlich und fremd. Aber ich wusste durch diese Beratung, was ich zu tun hatte, nämlich während der nächsten Monate intensiv auf die Sekundarlehrerprüfung hin zu lernen und nicht einfach Vorlesungen zu besuchen und Bücher zu lesen. Dank dem Rat des einzigen Menschen in unserem Bekanntenkreis, der eine Universität von innen gesehen hatte, konnte ich nach Abschluss des Psychologiestudiums sofort als Sekundarlehrer arbeiten, bis ich 7 Jahre später eine Stelle als Psychologe fand.
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