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In der City-Halle des Sulzer-Areals, genauer in der Hochschulbibliothek der ZHAW in Winterthur, kann man sich in einer halbstündigen Videotour durch das Gebäude führen lassen. Ich habe mich auf die aussergewöhnliche Reise gemacht.
Die Schiebetür öffnet sich geräuschlos und ich betrete den ruhigen, steril wirkenden Ort. Ich war in letzter Zeit nicht oft hier, der grosse Raum wirkt befremdlich auf mich. Ich begebe mich zur Informationstheke, die wie eine rettende Insel nahe des Eingangs steht. Meine Frage, ob ich hier ein iPad für die Videotour bekomme, scheint Verwunderung auszulösen. Ich erhalte das Gerät mit den Worten «Sie sind die erste, die ein iPad ausleihen will». Erstaunt darüber, was das wohl bedeuten mag, entferne ich mich, verkable das Gerät mit Kopfhörern und drücke auf Play. Die virtuelle Reise beginnt.
«Dieses Video ist ein Experiment», flüstert mir eine geheimnisvolle Frauenstimme durch die Kopfhörer zu. Ich werde aufgefordert, das iPad nach rechts oben in die Luft zu halten. Auf dem Bildschirm erscheint nun ein Teil der Stahlkonstruktion des Gebäudes und es folgen Erklärungen dazu. Ich komme mir komisch vor. Ein gewisser Hermann-Josef Krug soll sich einmal zum Sulzer-Areal geäussert haben. Die Leere wirke nicht wie ein industrielles Gebäude, sondern wie eine Kathedrale. Die Gerüche und die gedämpfte Akustik hinterliessen einen starken sinnlichen Eindruck. Oder so ähnlich.
Von Philosophie und Zeitzeugen
Ich folge der Anweisung, zu den Magazinen zu gehen. Während ich den Regalen entlang gehe, erklärt mir die hauchende Stimme, dass die Magazine im Sinnbild des Wandels die einzige Konstante seien. Wie meint sie das? Sie philosophiert weiter und säuselt etwas von der Weiterentwicklung der digitalen Welt. Ein paar harte Fakten, wie dass in der Hochschulbibliothek 10‘000 Quadratmeter Nutzfläche und 700 Lernplätze zur Verfügung stehen, nehmen mir für einen Augenblick das unwohle Gefühl, das dieses Geflüster in mir auslöst.
Als ich die obere Etage erreicht habe, gesellt sich in meinen Ohren ein älterer Herr dazu. Herr Hablützel, die flüsternde Frau und ich sehen uns die alten Stahlstrukturen nochmals etwas genauer an. Wir befinden uns nun in der Umbauphase des Industriegebäudes, die von 2011 bis 2014 dauerte. Herr Hablützel, ein Zeitzeuge der boomenden Industriezeit, berichtet von der Blütezeit der Firma Sulzer und von der Maschinenindustrie, die es nicht mehr gibt. Er holt dabei aus bis zum Korea-Krieg.
In einer anderen Welt
Wieder im Erdgeschoss und im Hier und Jetzt angekommen, wird mir kurz die automatische Rückgabestation für Bücher erklärt. Und dann kommt er, der Höhepunkt der Führung, der Schrecken all derer, die den Weg in die Lernlandschaft auf sich nehmen wollen. Stolze zehn Treppen mit insgesamt 101 Stufen – hoffentlich habe ich mich nicht verzählt – türmen sich erhaben vor mir auf. Nach sechs Treppen und 64 Stufen befinde ich mich im ersten Stock, wo wir zum Glück einen Zwischenstopp einlegen. Ich soll mich auf die Fensterbank setzen. Ich gehorche. Plötzlich erscheinen auf dem Bildschirm vor mir drei Frauen mit Sonnenbrillen und farbiger Kleidung. Sie reiben ihre Körper an den Wänden, räkeln sich auf dem Boden. Minutenlang. Was ist das? Ein Ausdruckstanz? Horrorfilm-artige Rückblenden in Schwarz-Weiss zeigen Zahnräder. Ich bin verwirrt, und wäre es nicht 11 Uhr am Morgen und ich nicht in der Bibliothek, hätte ich Angst.
Ich fühle mich, als ob ich eine Reise durch Raum und Zeit gemacht und eine andere Welt besucht hätte. Nach der Videoführung habe ich gelesen, dass «mittels historischer und musischer Überblendungen neue Perspektiven auf das Gebäude, Innenräume und Menschen erlebbar gemacht werden» sollen. Das ist wohl die Erklärung dafür, was ich erleben musste. Ein kurioses Experiment.
Bildurheber: Samanta Gribi