Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03348.jsonl.gz/427

Ärzte und andere Wissenschaftler haben eine ganze Reihe von Theorien: Familiäre Vorbelastung, schlechte Lungenentwicklung in jungen Jahren aufgrund von Frühgeburten oder Atemwegserkrankungen, eine dramatische Zunahme der Fettleibigkeit, der Klimawandel und die Belastung durch Tabakrauch, um nur einige zu nennen.
Asthma ist ein weltweites Gesundheitsproblem, das vor allem in den Industrieländern von Bedeutung ist, wo diese Krankheit zwischen 8 und 10 Prozent der Bevölkerung betreffen kann. Das führt zu einer hohen Belastung für Wirtschaft und Gesellschaft in der Form von Fehlzeiten am Arbeitsplatz und in der Schule. Auch nehmen Menschen mit Asthma Ressourcen in Anspruch und sie sterben in der Regel früher. Die WHO schätzt, dass weltweit etwa 300 Millionen Menschen an Asthma leiden.
Zu viele oder zu wenige Reizstoffe?
Ein Grund für den hohen Anteil an Menschen mit Asthma in den Industrieländern besteht in der hohen Umweltbelastung. Sollten Politiker also, wenn sie das Problem lösen wollen, auf Verhältnisse hinarbeiten, durch die junge Menschen vor Reizstoffen und Allergenen geschützt werden?
Ganz so einfach scheint es nicht zu sein, denn ein weiterer Grund für hohe Asthma-Zahlen besteht darin, dass wir heute sauberer leben als unsere Vorfahren. Zwar haben Verbesserungen wie sauberes Trinkwasser und gute sanitäre Einrichtungen unzählige Leben gerettet, doch kommen manche Kinder nicht mehr von klein auf mit Bakterien in Kontakt, die ihr Immunsystem herausfordern und damit letztlich stärken.
Regionale Unterschiede
Zwischen den Bundesländern in Deutschland zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Häufigkeit von Asthma. Besonders niedrige Zahlen weisen Mecklenburg-Vorpommern (3,4 Prozent) Baden-Württemberg (3,7 Prozent) und Hamburg (3,8 Prozent) auf. Besonders viele Asthma-Patienten gibt es in Nordrhein-Westfalen (4,7 Prozent), im Saarland (4,6 Prozent) und in Thüringen (4,6 Prozent)
In anderen entwickelten Ländern wie den USA lässt sich ein großes Gefälle zwischen den armen Familien in den Städten und den wohlhabenderen Familien in den Vororten beobachten. Auch in ländlichen Gebieten sind die Anteile von Asthma geringer. Insgesamt sind sie leicht rückläufig.
Ein Grund für die erhöhten Raten von Asthma in Regionen wie dem Ruhrgebiet könnte die erhöhte Belastung durch Umweltallergene und Reizstoffe sein, die Asthmasymptome auslösen, wie Schimmel, Hausstaubmilben, Kakerlaken und Mäuse, Zigarettenrauch und Abgase aus der Nähe von Autobahnen und Fabriken.
Asthma und Umweltverschmutzung
Es ist möglich, dass ein Teil des Anstiegs bei den statistisch erfassten Asthma-Fällen darauf zurückzuführen ist, dass in den letzten Jahrzehnten immer bessere Kriterien und Techniken für die Diagnose dieser Krankheit entwickelt wurden. Obwohl die Zahlen dadurch möglicherweise etwas verfälscht werden, liegt es auf der Hand, dass Umweltschadstoffe Asthma in der Regel verschlimmern und die Krankheit auch verursachen können.
Es ist bekannt, dass Feinstaub, Ozon, Schwefeldioxid und verschiedene andere Abgase Asthma beschleunigen. Die Patienten müssen dadurch öfter ins Krankenhaus und ihr Zustand wird messbar schlechter. Die Fachleute streiten aber noch darüber, ob Umweltverschmutzung die wichtigste Ursache von Asthma sein könnte. Laut einer europäischen Studie aus dem Jahr 2016 könnte das Wohnen in der Nähe von Straßen mit starkem Verkehr für bis zu 30 Prozent aller neuen Asthma-Fälle bei Kindern verantwortlich sein. Um zu bestätigen, dass hier eine Ursache-Wirkung-Beziehung besteht, müsste man die biologischen Vorgänge noch besser erforschen. In dieser Hinsicht sind die genauen Mechanismen, durch die Umweltverschmutzung Asthma verursachen kann, noch unklar.
Bekannt ist aber folgendes: Wenn Menschen schon unter Asthma leiden, verschlechtert sich ihre Lungenfunktion, wenn sie hohen Konzentrationen von Umweltschadstoffen ausgesetzt werden. Das geschieht durch eine Reizung der Atemwege und eine starke Reaktion des Immunsystems. Dabei ist es möglich, dass schon niedrige Konzentrationen an Schadstoffen, wie sie in europäischen Städten gemessen werden, starke entzündliche Veränderungen hervorrufen. Besonders Ozon und Dieselpartikel führen schnell zu Entzündungen. Das verstärkt sich noch, wenn zu diesen Schadstoffen Allergene kommen.
Asthma und Armut
Ein weiterer möglicher Grund für einen hohen Anteil an Menschen mit Asthma in bestimmten Regionen ist Armut, die den Zugang zu präventiven Medikamenten (etwa einem guten Asthma Inhalator) und zur Gesundheitsversorgung beeinträchtigen kann.
Psychosozialer Stress ist ebenfalls ein Faktor, z. B. wenn ein Kind in seiner Nachbarschaft Gewalt ausgesetzt ist. Das Problem wird noch verschärft, wenn Kinder in unsicheren Wohngegenden in ihren Häusern bleiben, weil sie sich draußen nicht sicher fühlen oder keine Grünflächen zum Spielen haben. Durch den Aufenthalt in geschlossenen Räumen sind Kleinkinder und Säuglinge keiner natürlichen Umgebung ausgesetzt, die für eine geordnete Entwicklung des Immunsystems nötig wäre.
Außerdem erhalten diese Kinder möglicherweise nicht genügend Vitamin D aus der Sonne, was ihr Risiko für Atemwegsinfektionen erhöht und zu einer Verschlimmerung der Asthmasymptome führt. Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel kann eine Rolle dabei spielen, dass Kinder anfällig für allergische Erkrankungen aller Art sind, einschließlich Asthma, Nahrungsmittelallergien und Ekzeme.
Die künftige Forschung wird sich darauf konzentrieren, die Entwicklung des Immunsystems von Kleinkindern zu fördern. Wir könnten uns mit Dingen wie Asthma-Impfstoffen befassen oder damit, wie man Kinder schon früh im Leben etwas Schmutz und Tieren aussetzt, um eine gesunde Entwicklung des Immunsystems zu fördern.
Bessere Asthma-Werte auf dem Land
Kinder, die in ländlichen Gegenden aufwachsen, haben eine geringere Prävalenz von Asthma und Allergien im Allgemeinen, weil sie von klein auf mit mehr Schmutz und Tieren in Kontakt gekommen sind.
Der US-amerikanische Allergologe Dr. Mark Holbreich hat zusammen mit der deutschen Allergieexpertin Dr. Erica von Mutius, MD eine Studie durchgeführt, in der Amish-Kinder aus Indiana, Schweizer Kinder, die auf einem Bauernhof leben, und Schweizer Kinder, die nicht auf einem Bauernhof leben, verglichen wurden. Positive Allergie-Hauttests wurden bei 7 Prozent der Amisch-Kinder, 22 Prozent der Kinder auf Schweizer Bauernhöfen und 45 Prozent der Nicht-Bauernhof-Kinder festgestellt.
Dr. Holbreich und Dr. Von Mutius glauben, dass die niedrigen Raten bei den Amischen darauf zurückzuführen sind, dass die Kinder schon sehr früh dem Leben auf dem Bauernhof, den Nutztieren und den Nahrungsmitteln, die diese Tiere fressen, ausgesetzt sind.
Belastung in Maßen und in der richtigen Form
Paradoxerweise scheint es also viele Menschen krank zu machen, dass wir uns in der modernen Zeit immer weiter von der Natur entfernt haben - sodass die Immunsysteme vieler Kinder nicht mehr ausreichend stimuliert werden. Eine Stimulation durch Umweltschadstoffe ist aber ebenfalls schädlich. Das Immunsystem braucht vor allem bei jungen Menschen die richtigen Anreize, um sich gesund entwickeln zu können.
Quellen und weitere Informationen:
Holbreich, M. et al. (2012): Amish children living in northern Indiana have a very low prevalence of allergic sensitization