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Spätestens vor sieben Jahren, als die 29 Glarner Gemeinden auf drei fusionierten, riss die restliche Schweiz die Augen auf. Ein so mutiger Schritt, gefasst an einer Landsgemeinde? Dort wo Schwert und Zepter noch mit viel Stolz getragen werden. Der fortschrittliche Entscheid zur Fusion ist allerdings bei weitem nicht ein Novum für die Landsgemeinde. Im Laufe der mehr als 600jährigen Geschichte, hat die Landsgemeinde die eigene Innovationskraft mehrmals unter Beweis gestellt. Kein Kanton der Schweiz hat sich so früh wie Glarus für Gesetze zum Schutz von Arbeitern, Rentnern, Arbeitslosen oder Markenartikeln ausgesprochen.
Ganz am Anfang dieser Reihe von Entscheiden steht die Landsgemeinde 1436. Damals wurden für den Glarner Ziger Qualitätsstandards vereinbart. Damit wurde der Ziger lange vor Victorinox-Sackmessern, oder der ältesten Uhrenmarke zum allerersten Markenartikel der Schweiz.
Durch die Landsgemeinde konnte der Kanton Glarus sich wirtschaftlich früh entwickeln. Anders als in anderen Schweizer Kantonen, gab es keine Zünfte, sondern alle Bürger konnten sich gleichermassen einbringen. Diese Voraussetzungen führten zum «Glarner Wirtschaftswunder»: Bereits 1850 arbeitete mehr als jeder zweite Glarner in einer Textilfabrik. Zum Schutz dieser Arbeiter entschied die Landsgemeinde 1846, dass Erwachsene pro Tag nicht mehr als 15 Stunden arbeiten dürfen und schufen damit das erste Gesetz zum Arbeiterschutz in der Schweiz.
Die Landsgemeinde sollte sich noch weitere Male für eine progressive Sozialpolitik aussprechen: Knapp zwanzig Jahre nach dem ersten Arbeitsgesetz wurde Kinderarbeit für unter 12jährige verboten und Glarner Frauen erhielten einen Mutterschaftsurlaub von sechs Wochen. Noch während in Europa der Erste Weltkrieg wütete, verabschiedete die Landsgemeinde eine Versicherung für ins Alter gekommene Arbeiter sowie arbeitsunfähige Personen. Glarus schuf somit die erste AHV und IV der Schweiz. Wenige Landsgemeinden später wurde auch die Arbeitslosenunterstützung in die kantonale Verfassung aufgenommen.
Mit der Einführung des Frauenstimmrechts 1972 war Glarus der erste Kanton der fünf verschiedenen Schweizer Orten mit einer Landsgemeinde, welcher die Beteiligung von Frauen ermöglichte. Im Kanton Appenzell Innerrhoden sollten nochmals ganze 20 Jahre vergehen, bis Frauen ebenfalls im Ring ihre politische Meinung äussern durften.
In die Landsgemeinde sind auch junge Glarnerinnen und Glarner gut integriert. 2007 stimmte das Glarner Stimmvolk für die Einführung des Stimmrechtsalters 16. In Bern, Basel-Stadt oder Uri hat die Stimmbevölkerung dieses Anliegen an der Urne jeweils mit einer grossen Mehrheit abgelehnt. Für dieses Jahr liegen keine Vorlagen mit derartiger Innovationskraft vor. Aber die nächste wegweisende Entscheidung kommt bestimmt.