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Das Onsernonetal
Das Onsernonetal ( Schins ) Von KarI Matter ( Buchs/Aarau ) Das Onsernonetal hat eine typische Bauart ausgebildet. Das sind die charakteristischen schmalen Laubengänge, die über die Fassade und wenigstens eine Seitenwand der Häuser entlanglaufen und aus Holz bestehen. In Spruga ziehen sich diese Laubengänge oft über alle drei Stockwerke hin. Ursprünglich hatten diese Lauben eine einleuchtende praktische Bestimmung, sie hatten dem Aufhängen und Trocknen des Strohes zu dienen. Dabei stehen diese Häuser, ganz besonders in Spruga, oft auf solch steilem Hang, dass man sich fragt, wie wohl ihr Erbauer mit den Schwierigkeiten eines derartigen Bodens fertig geworden ist.
Noch auffallender sind in diesem Bergtal die schönen Patrizierhäuser, die hin und wieder zu richtigen Palästen werden. Fast in jedem seiner Dörfer findet man sie, ausnehmend schöne besitzen Loco und Comologno. Diese Häuser stammen in der Mehrzahl aus den paar Jahrhunderten zwischen 1600 und 1850, wo das Tal durch seine Strohindustrie einen für ein Alpental ganz ausnahmsweisen Wohlstand erlebte. Zum kleinern Teil rühren sie von heimkehrenden Emigranten her, die in der Fremde ihr Glück gemacht hatten.
Die Strohindustrie, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mehr als zweitausend Personen beschäftigt hatte, war gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts von einem Emigranten in das Tal eingeführt worden, der in Flandern beobachtet hatte, was man alles aus dem Stroh machen kann, wenn man es in besonderer Weise präpariert. Als dann später die Japaner zu Spottpreisen mit den gleichen Produkten den europäischen Markt überschwemmten, konnten die Onsernonesen ihre Waren ( Hüte, Taschen, Körbchen usw. ), die sie selber in Nord- und Mittelitalien und später auch anderwärts vertrieben, nicht mehr absetzen. Während in dieser Epoche der Strohindustrie, an der sich im Winter auch die Frauen, Kinder und alten Leute betätigt hatten, die Emigration bloss periodisch war und fast ausschliesslich nach Süden ging, hatte sie vor und nach dieser glücklichen Zeitspanne infolge des kargen Bodens des Onsernonetales leider permanenten Charakter.
Über die Besiedelungsgeschichte des Onsernonetales bestehen nur unsichere, aber trotzdem ganz bestimmte Vermutungen. Die älteste erhaltene Urkunde des Tales geht nämlich nicht weiter zurück als bis zum Jahr 1228. Man nimmt als ziemlich feststehend an, dass die erste Besiedelung zur Zeit der Römerherrschaft im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt stattgefunden hat, und zwar an den Sonnenhängen des heutigen Loco, ursprünglich « il Luogo di Onsernone », « der Ort von Onsernone », geheissen. Loco hat denn auch während vieler Jahrhunderte die Rolle des tonangebenden Mittelpunktes des Onsernonetales gespielt. Von Anfang an ordnete man sich in eine ganz und gar demokratische Gemeinschaft ein. Trotz der Oberherrschaft eines grösseren Staatswesens war man schon durch die Weltabgeschiedenheit des Tales ziemlich unabhängig und selbständig. Man wählte ein Oberhaupt, heute würden wir sagen einen Gemeindeammann, der sich nach römischem Vorbild « Console », « Konsul », nannte.
Im Laufe der Zeit setzten sich weitere Siedlergruppen in Berzona, in Mosogno, später auch im obern Tal, in Russo und noch später in Crana fest, und so entstanden neue Siedelungen, sogenannte « Squadre », denen je ein gewählter « Ufficiale », ein « Beamter », vorstand. Die fünf Squadre, Loco, Berzona, Mosogno in der untern Talschaft, Russo und Crana in der obern, schlössen sich zu einer einzigen Gemeinde zusammen, zu « il Comune di Onsernone », der « Gemeinde Onsernone », repräsentiert durch den Rat der fünf Mähner, den Konsul von Loco und die Beamten der vier andern Squadre, den sogenannten « Kongress ». Zur Vermeidung innerer Reibungen einigte man sich in einem spätem Zeitpunkt auf einen jährlichen Wechsel des Konsul-amtes von der einen Siedelung zur andern. Neben dem Kongress der fünf Männer, dem Gemeinderat, gab es für grössere Entscheidungen des Gemeinwesens noch die einmal im Jahr ordentlicherweise zusammentretende « Vici-nanza generale », die « allgemeine Gemeindeversammlung », bei der jede Familie mit einem Vater Anrecht zu einer Stimme besass. Beide Gemeindeorgane, der Kongress sowohl als die Gemeindeversammlung, wurden vom Konsul geleitet. In dieser Ordnung erhielt sich die Einheit des Tales auf das kraftvollste, sowohl in Hinsicht auf den Haushalt als auch bezüglich der Rechtsprechung.
Dieses Verwaltungssystem der Talgemeinde änderte sich auch dann nicht, als neue Ortschaften, Fraktionen der einen oder andern der fünf Squadre, zur Gemeinde Onsernone hinzutraten. So bildeten sich nach und nach von Russo aus Fraktionen im weitläufigen Vergelettotal, zuerst auf den sonnigen Höhen von Gresso, nachher auch unten am Fluss in Vergeletto, die anfangs nur im Sommer bewohnt wurden, später aber durch das ganze Jahr. In ähnlicher Weise breitete sich Crana westwärts aus, nach den « Terre », den Ortschaften Vocaglia, Comologno und Spruga.
Die derart zusammengesetzte Gemeinde Onsernone der fünf Squadre mit deren schliesslich etwa zwanzig Fraktionen erhielt sich so in ihrer alten, von den Römern überkommenen Ordnung der bürgerlichen Einrichtungen und ihrer grossen Selbständigkeit und Unabhängigkeit durch alle Wirrnisse der Zeiten und allen Wechsel ihrer Oberherrschaft hindurch bis zur Zeit der Helvetik, ja im Grunde bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ihre Grenze, und damit die Landesgrenze gegen Italien, verlief damals viel weiter draussen, als das heute der Fall ist. Zur Gemeinde Onsernone gehörte das ganze Becken des Isorno von seinen Quellen bis zu den Einmündungen der Bäche Scherpia von rechts und des Mühlenbaches von Auressio von links. Erst unter Napoleon zur Zeit der Helvetik wurden die Grenzen zum Nachteil unseres Landes so verändert, wie sie heute verlaufen.
Dass Auressio, das unterste Dorf des Tales, nicht zur politischen Gemeinde Onsernone gehörte, erscheint uns heute merkwürdig. Dies findet aber seine Erklärung in der Entstehungsweise von Auressio. Kolonisten aus dem Pedemonte siedelten sich in jener Gegend an zu einer Zeit, als die Gemeinde Onsernone bereits bestand. Als dann Onsernone sich immer weiter ausbreitete, wurde aus der ursprünglichen Sommerkolonie das zu Pedemonte gehörende Dorf Auressio unter Festlegung der Abgrenzung gegen die Gemeinde Onsernone.
Im Jahr 1803 wurde die Gemeinde Onsernone zu einem « Circolo », einem « Kreis », erklärt und unter Einbeziehung von Auressio in acht politische Gemeinden eingeteilt, wobei Spruga aber als Fraktion zu Comologno gehörte, was auch heute noch der Fall ist. Ähnlich war Gresso Fraktion von Vergeletto, wurde aber im Jahr 1882 eine eigene politische Gemeinde. Somit besitzt das Onsernonetal heute neun politische Gemeinden.
Die älteste Siedelung, Loco, die lange Zeit die Rolle des Vorortes der Gemeinde Onsernone gespielt und auch mit Hartnäckigkeit behauptet hat, hat unter der Entvölkerung weitaus am stärksten gelitten. Ihre Einwohnerzahl ist von 745 des Jahres 1860 auf 264 im Jahr 1930 gesunken, während im gleichen Zeitraum beispielsweise Comologno sich nur von 503 auf 474 Einwohner vermindert hat. Im ganzen hat überhaupt die obere Talschaft unter der Entvölkerung weniger zu leiden gehabt als die untere. Die Einwohnerzahl des ganzen Tales ist von 3262 des Jahres 1860 auf rund 1800 von heute heruntergegangen. Aber nahezu die Hälfte dieser Zahl verteilt sich allein auf die zwei Gemeinden Comologno und Vergeletto des obern Tales.
Die älteste Kirche von Onsernone war die dem heiligen Bischof Remigius von Reims geweihte Kirche von Loco, die um 800 entstanden sein muss und die jahrhundertelang die einzige Kirche des Tales blieb. Mit Sicherheit weiss man nur, dass im Jahr 1596 die Kirche von Russo zur Pfarrkirche der obern Talschaft geweiht wurde. Hundert Jahre später entstand die besonders schmucke Kirche von Comologno, die mit ihrem schönen, spitzen Glockenturm am Eingang des Dorfes auf dem Steilhang steht, von weither ein Wahrzeichen des Dorfes. Ein Stationenweg mit ein paar schlichten Kapellen führt aus der Tiefe des Hanges zu ihr hinauf. Wieder hundert Jahre später erhielt auch das Dorf Crana seine eigene Kirche.
Die heutige gute und bequeme Autostrasse ist vor hundert Jahren in mehreren Etappen und unter schweren finanziellen Opfern der kleinen Dörfer und des Patriziates des Onsernonetales erbaut worden. Sie hat nahezu eine Million Franken gekostet. Heute würde ein solcher Bau das Zehnfache erfordern. Vor ihrer Entstehung musste man sich jahrhundertelang mit stellenweise gefährlichen Fusswegen und beschwerlichen Maultierwegen begnügen. Die erste Verbindung unter den fünf Siedelungen und mit der Aussenwelt wurde durch einen Fussweg auf dem linken Isornoufer unterhalten, der später zum Maultierweg ausgebaut wurde. Für Loco gab es noch eine kürzere und vielbegangene Verbindung mit Intragna über das andere Ufer des Flusses auf einem verhältnismässig bequemen Maultierweg, dem « Weg von Niva und der Vose ». Für die obere Talschaft war die kürzeste Verbindung mit Intragna der gar nicht ungefährliche « Fussweg von Cumino », der bei Mosogno begann und auf das rechte Flussufer führte.
In den Überlieferungen und erhaltenen Urkunden des Onsernonetales hört und liest man viel von Streitigkeiten und im Jähzorn oder in Unversöhn-lichkeit begangenen schlimmen Taten. Man kann es verstehen, dass der Bewohner eines Bergtales von solch kargem Boden, dass er ihm förmlich abzutrotzen hat, was er zum notdürftigen Lebensunterhalt bedarf, von Natur nicht der Sanftmütigste sein konnte. Auch seine Sprache, der Dialekt von Onsernone, bekam eine eigene Prägung und einen besonderen Charakter.
Dies schliesst nun keineswegs aus, dass nicht auch aus diesem Tale besondere, hervorragende Persönlichkeiten herauswachsen konnten, ganz im Gegenteil. So erinnert am Eingang ins Dorf Comologno eine Steintafel an einem Patrizierhaus, dass in ihm im Jahr 1761 Carl Franziskus Remonda geboren wurde, der es im Heere Napoleons bis zum Range eines Generals gebracht hatte und der später Statthalter von Portugal geworden war. Aber selbst das kleine Bergdorf Gresso des Vergelettotales darf sich rühmen, Heimat zweier bedeutender Priester zu sein, eines Domenigoni, der Bischof von Anagni war, und eines Pater Garbani, der als Prediger von Sankt Peter in Rom wirkte. Und aus dem Geschlecht der Rima in Mosogno gingen zwei Männer hervor, von denen der eine österreichischer Finanzminister unter Maria Theresia und Statthalter der Niederlande war, während der andere als Militär-chirurg unter Napoleon und Spitaldirektor in Venedig Bedeutendes leistete.
Nichts soll mich hindern, in diesem Zusammenhang auch eines noch mitten unter uns lebenden Sohnes des Onsernonetales zu gedenken, der seit vierzig Jahren Grosses für seinen Heimatkanton und Bedeutendes im besondern für sein Bergtal geleistet hat und immer noch im gleichen Sinne wirkt. Augusto Ugo Tarabori, 1891 in Spruga geboren, wurde 1918 als vielversprechender Lehrer an höheren Schulen zum Erziehungssekretär des Kantons Tessin berufen und betreut nun dieses verantwortungsvolle- Amt seit zweiunddreissig Jahren als vorbildlicher Hüter und Förderer der Tessiner Schulen. Darüber hinaus aber hat er manch anderes auch gefördert und gewirkt am kulturellen Gut seines Heimatkantons. Ausserdem gilt er als einer der namhaftesten Vertreter des italienischen Schrifttums unseres Landes. Was ich an ihm aber am höchsten schätze und hier besonders betonen möchte, das ist sein Wirken und Einstehen für sein Onsernonetal, dem seine ganze Liebe gehört. Mit Hilfe der von ihm geleiteten « Gesellschaft pro Onsernone » versucht er, durch Wiederbelebung der ehemals blühenden Strohindustrie sowie durch Einführung anderer Verdienstmöglichkeiten der zum Aufsehen mahnenden Entvölkerung des Tales entgegenzuwirken. Seiner Initiative verdankt man auch den Bau der « Bäderstrasse » vom Jahr 1932, die von Spruga in drei Kilometern zum Bäderhotel an der italienischen Grenze führt. Von ihr erwartete er nicht bloss ein Bekannterwerden der vorzüglichen Heilquelle, sondern auch neue Verdienstmöglichkeiten für das Tal selber. Diese Erwartung hätte sich wohl auch erfüllt, wenn nicht im letzten Krieg das Badhotel von Vandalen schlimmster Art zerstört worden wäre. Aber glücklicherweise darf man hoffen, dass es in absehbarer Frist aus den Trümmern neu erstehe.
Nachwort des Ver/assers. Diese Hoffnung wird sich nun leider nicht erfüllen, da in der Sonntagsnacht vom 11. Februar 1951 eine mächtige Lawine nicht nur das eben wieder unter grossen Opfern instand gestellte Badhotel der « Bagni di Craveggia » sondern auch das benachbarte Wohnhaus einer verheirateten Schwester von Ugo Tarabori volltändig, und jetzt wohl endgültig, zerstört hat.