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Die achtbändige Werkausgabe auf Deutsch erschien ab 1977, zuerst (Band I) bei Heimeran, die übrigen Bände dann bei Hanser. Als Herausgeber für den ersten Band zeichnen Friedhelm Kemp, Claude Pichois und Wolfgang Drost. Die Anordnung der Texte ist insofern gewöhnungsbedürftig, als zuerst die Briefe stehen, gefolgt in Band I von den Jugendgedichten, Theater, der frühen Prosa und den Schriften zur Kunst. Den Schluss bildet ein Anhang, in dem sich – gut versteckt – auch ein Inhaltsverzeichnis findet. Ansonsten im Anhang das Übliche: Bemerkungen zur Gesamtausgabe und zum vorliegenden Band, Lebenstafel, Anmerkungen und eine Bibliografie. Einige der von Baudelaire im Abschnitt Schriften zur Kunst besprochenen Bilder sind, teils farbig, teils schwarz-weiss, reproduziert.
Nun sind Juvenilia, was Juvenilia halt so sind. Bestenfalls wird der Leser sagen: “Man sieht bereits die Klaue des Löwen.”, schlimmstenfalls: “Nun ja, das bringt jeder einigermassen aufgeweckte Gymnasiast im Trubel des ersten Hormonschubs zu Stande.” Bei Baudelaire ist es eher das letztere… Wäre er mit 17, 18 oder auch 20 gestorben – kein Mensch würde heute seinen Namen kennen. Vor allem die ersten Briefe sind im Grossen und Ganzen die Briefe eines Knaben, der sich zu Hause (Baudelaire wurde früh in eine auswärtige Schule gesteckt) mehr oder minder als der Musterschüler präsentiert, der er nicht war. Später dann finden wir in der im ersten Band abgedeckten Periode von 1832-1846 vor allem Bettelbriefe an die Mutter und den (Halb-)Bruder. Baudelaires Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, die auch zu seiner Entmündigung führte, hat sich ja schon früh gezeigt. Dass die Briefe (vor allem an Alphonse, seinen Bruder) bei aller Bettelei einen nachgerade unverschämten Ton anschlugen, hat wohl Charles’ Verhältnis zum Rest der Familie nicht gerade nachhaltig gebessert.
Das Theater und die Frühe Prosa übergehen wir mit Schweigen. Der frühe Prosa-Autor Baudelaire wandelt allzu sehr in Balzacs Spuren, und der Dramatiker bleibt fragmentarisch.
Mit den Jugendgedichten steht es ein bisschen anders. (Die vorliegende Ausgabe gibt die Lyrik übrigens zweisprachig wieder. Die deutschen Übersetzungen sind in Prosa gehalten, was eine einigermassen getreue Abbildung des französischen Satzbaus erlaubt.) In Band I figurieren alle frühen Gedichte, die Baudelaire später nicht in die Blumen des Bösen übernommen hat. Auch in der frühen Lyrik Baudelaires ist das meiste noch konventionell-romantisches Abrufen von Topoi wie dem Zigeuner, dem von Amors Pfeilen verletzten Dichter etc. Eine Ausnahme allerdings bildet jenes titellose Gedicht, das mit Je n’ai pas pour maîtresse une lionne illustre… anhebt, und in dem Baudelaire – wohl autobiografisch motiviert – eine Liebschaft mit einer schmutzigen und hässlichen Hure schildert. Wieweit Baudelaire mit solcher Lyrik Lautréamont beeinflusste, wie weit Lautréamont umgekehrt Baudelaire, wie weit die Thematisierung des Hässlichen zu jener Zeit einfach in der Luft lag – ich kann es nicht sagen. Es ist jedenfalls kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich plötzlich da.
Daneben gibt es aber einen konventionellen, oder sagen wir: konventionelleren, Baudelaire – den Kunstkritiker Baudelaire nämlich. Der äussert sich zu zwei “Salons” (öffentlich ausgeschriebenen und jurierten Kunstausstellungen) in Paris, dem von 1845 und dem vom folgenden Jahr. Seine Kritik von 1845 ist noch sehr konventionell: im Aufbau (Baudelaire folgt den einzelnen Genres wie Landschaftsmalerei, Porträts etc.) und im Inhalt (Baudelaire geht Maler um Maler durch, schildert seine Technik, seine Farben etc.). Die Kritik von 1846 ist dann ganz anders. Sie hebt an mit der Frage Wozu Kritik, um auch im Folgenden nicht mehr die Maler und Bildhauer den Genres unterzuordnen, sondern die Genres zu hinterfragen oder die Kunst auch nach andern Gesichtspunkten zu kritisieren, wie z.B. Was ist Romantik?, Vom Ideal und vom Modell oder Über den Eklektizismus und den Zweifel. Der Kunstkritiker wird zum Kunsttheoretiker und vor allem zu einem ‘Meta-Kritiker’, der über die Bedingungen der Möglichkeit von Kunstkritik im Allgemeinen nachdenkt. Baudelaire vertritt dabei die Position, dass letzten Endes immer der persönliche Geschmack den Ausschlag gibt, geben soll. Der ist allerdings seinerseits ebenfalls immer einer Kritik ausgesetzt und soll und kann verbessert werden.
Last but not least ist Baudelaires kleine Abhandlung Vom Wesen des Lachens zu erwähnen. Geschrieben im Zusammenhang mit Baudelaires Beschäftigung mit der Karikatur und gedacht als Teil eines grösseren Werkes, das allerdings nie zu Stande kam, enthält dieser Aufsatz einige interessante Gedanken über das Lachen an und für sich. Das Lachen entspringt nach Baudelaire der Vorstellung der eigenen Überlegenheit. Eine satanische Idee, wenn es je eine gab! Hoffart und Aberwitz! (S. 290) So kann es nicht verwundern, wenn für Baudelaire das ‘Modell des Lachens’ das Lachen von Melmoth ist – ein Lachen, das den Lachenden selber zerstört bzw. Zeichen seiner inneren Verwüstung ist. Und neben Maturin finden wir auch E. T. A. Hoffmann als Modell-Autor dieser Art von ‘satanischer Komik’.
Alles in allem also ein Aufsatz über das Lachen, Ansätze und Hinweise zu einer Theorie der Kritik und ein Gedicht, das bis heute einen Wert hat auch für den, der kein Baudelaire-Spezialist sein kann oder will. Im Grunde genommen keine schlechte Ausbeute für Juvenilia…