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Parallel zur Problematisierung des mimetischen Anspruchs von Textarbeit wird auch die Autorschaft am Text immer problematischer. Mit dem Zerfall der Mimesis zu halluzinierter oder manipulierter Wirklichkeitssimulation korrespondiert nicht nur im Grenzgebiet von Belletristik und Journalismus der «Tod des Autors», also die Zersetzung jener ethischen Instanz, die den Sinngehalt des Textes bestimmt und verantwortet.
Sowohl im Feld des Journalismus, wo unter zunehmend anonymen, industriellen Bedingungen gearbeitet wird, als auch im Feld der Belletristik gerät die Autorschaft unter Druck – wenn auch in unterschiedlicher Weise.
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In der Darstellung von Roland Barthes («Der Tod des Autors», 1968[1]), ist Stéphane Mallarmé im späten 19. Jahrhundert der erste, der postuliert, im Text sei es nicht der Autor, der spreche, sondern die Sprache: «Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ‘Botschaft’ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen (écritures), von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe aus Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.» Als sinnstiftende Instanz ersetzt Barthes den «Autor» durch den Leser.
Im Literaturbetrieb – also auf dem Jahrmarkt der belletristischen Novitäten – hat dieses Diktum, der «Autor» sei tot, zu einer paradoxen Situation geführt. Einerseits wird er – publikumswirksam dem romantischen Geniekult nachempfunden – im Dienst der Ware Buch noch immer greller als Urheber der angepriesenen sprachschöpferischen Originalität zelebriert. Andererseits macht die Tatsache, dass sich auf dem belletristischen Feld Eigenes oder Originales nicht sagen lässt, die Figur des «Autors» zur Public Relations-Inszenierung: Der Text verhält sich zum «Autor» als ähnlich entfremdetes Accessoire wie beim Mannequin auf dem Laufsteg das Kleid. Und wie dort die inszenierte Anorexie dem Publikum den Respekt vor der Leistung der Selbstzurichtung und des öffentlichen Auftritts abnötigt, zwingt hier im PR-Lärm um die Ware Buch der Text und die Selbstentblössung als «Autor» zu Respekt. Vor allem dann, wenn die Schreibenden für audiovisuelle Medien interessant, also jung, hübsch, rhetorisch brillant und mit einem leicht leidenden Augenaufschlag gesegnet sind, der auch begriffsstutzig vor dem Fernseher Abhängenden zu signalisieren vermag: Achtung Genialität!
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Abgesehen von Barthes: Aus Sicht einer Autorschaft, die die Funktion des öffentlichen Redens inhaltlich ernst nimmt, gäbe es Argumente, die verlangte Rolle als ethisch verantwortete neu zu interpretieren, eventuell zu verweigern.
Im Bereich der Belletristik steht der «Autor» der langen Verwertungskette gegenüber, die nicht vom geschriebenen Text, sondern vom verkauften Buch lebt (Agenturen, Verlage, Druckereien, Buchhandlungen etc.). Weil entlang dieser Verwertungskette alle anständig leben wollen (was zumindest gewerkschaftlich-sozial denkende AutorInnen verstehen müssen), kann sich der «Autor» der Kritik der kanonisierenden Instanzen (Rückmeldungen von VerlagsvertreterInnen, Feuilletons, Jurys, Universitäten etc.) nicht entziehen. So muss auch ihm als ganz vernünftig erscheinen, dass die Verkäuflichkeit seines Texts durch arbeitsteilige Optimierung nach Möglichkeit gesteigert werden muss. AutorInnen – in der ganzen Verwertungskette zumeist am schlechtesten bezahlt – müssen froh sein, wenn ihre Texte als mehr oder weniger wertvoller Rohstoff behandelt und zum Trost danach als Bücher gehandelt werden.
Im Bereich des Journalismus ist der Prozess der arbeitsteiligen Verwertung des gelieferten Rohstoffs bereits weiter fortgeschritten (siehe hier). Von «Autor» zu reden wäre hier über die presserechtliche Verantwortung am Veröffentlichten hinaus bereits anachronistisch: Im Medienbereich geht es heute um Industriearbeit.
Sowohl die belletristische als auch die journalistische Spracharbeit ist mit Vermittlungsinstanzen konfrontiert, die ihre Macht daraus schöpfen, dass sie als Türhüter an den Toren zur Öffentlichkeit bestimmen, wer respektive was passieren darf. Die Leute, die an diesen Toren stehen, arbeiten in fester Anstellung zu branchenüblichem Lohn und im Bewusstsein, aufgrund ihrer Kompetenz und unabhängig von den Interessen ihrer Arbeitgeber zu entscheiden. Allerdings müssen sie schon aus Rücksicht auf die eigene Anstellung stets das unternehmerische Risiko einer Publikation im Auge behalten (lohnt es sich, das Vorliegende zu drucken?), weshalb sie wenn nötig Einfluss auf Form und Inhalt der Texte nehmen. Ein «Autor», der widerspricht, indem er kommerziell ungünstige Aspekte seiner Arbeit verteidigt, riskiert den Zugang zur Öffentlichkeit und damit seine Autorschaft überhaupt. Darum ist er gut beraten, wenn er seinen Text in einen ihm mehr oder weniger fremden, dafür marktkompatibleren umarbeiten lässt. Dafür darf er dann in der Öffentlichkeit den «Autor» zum Besten geben.
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Der «Verfall der Aura», den Walter Benjamin als Folge der Reproduzierbarkeit von Kunstwerken diagnostiziert hat, hat unterdessen übergegriffen auf das Auratische der Autorschaft. Die seinerzeit bestenfalls faszinierende Subjektivität von SprachkünstlerInnen und journalistischen Edelfedern ist dem warenästhetischen Schnickschnack von kulturindustriell arbeitsteilig produzierter Massenware gewichen. Der Begriff «Autor» (Frauen sind mitgemeint) ist eine warenästhetische Zuschreibung wie das Chassis eines Autos, dass ein kompaktes Einziges dort simuliert, wo ein von vielen arbeitsteilig Konstruiertes vorliegt.
[1] Roland Barthes: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2005, 57ff.
[2] Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: ders.: Gesammelte Schriften Band I-2. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1991, S. 440.
(19.12.2012; 14., 18.+19.01.+17.07.2018)