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Unheimlich weitsichtige Szenarien
Die Deutsche Bundesregierung und die Rockefeller-Foundation entwarfen bereits vor Jahren Pandemie-Szenarien. Sie lesen sich in ihrer Präzision wie Drehbücher für die politischen Vorgänge während der jetzt durchlebten Coronakrise.
Vor acht Jahren verfasste die Deutsche Bundesregierung – unter Federführung des Robert-Koch-Instituts – eine Risikoanalyse mit dem Namen: «Pandemie durch Virus Modi-SARS». In diesem Szenario von 2012 wird ein «aussergewöhnliches Seuchengeschehen» skizziert. Ein Erreger des Typs SARS-Coronavirus (CoV) wird durch einen Patienten übertragen, der nach einem Auslandssemester in China nach Deutschland zurückkehrt. Das Virus stammt aus einem Tiermarkt in China, genauso wie es im Dezember 2019 in der chinesischen Millionenstadt Wuhan tatsächlich geschah.
Es wird eine Atemwegserkrankung mit denselben Symptomen beschrieben, wie wir sie jetzt beobachten: «Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen.»
«Mittel zur Eindämmung sind Maßnahmen wie beispielsweise Schulschließungen, so lange bis ein neuer Impfstoff verfügbar ist.»
Unter «Beschreibung des Ereignisses» heisst es: «Ein Impfstoff steht für die ersten drei Jahre nicht zur Verfügung (...). Absonderung, Isolierung und Quarantäne sind aber nur von begrenzter Wirksamkeit, da schon bei Beginn der Symptomatik eine sehr ausgeprägte Infektiosität besteht. Mittel zur Eindämmung sind beispielsweise Maßnahmen wie Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen, so lange bis ein neuer Impfstoff verfügbar ist.»
Auf ihrer Internetseite schreibt die Bundesregierung: «Bei dem analysierten Pandemieszenario aus 2012 handelt es sich um ein hypothetisches Szenario, das einen hypothetischen Verlauf einer Pandemie in Deutschland beschreibt.»
Judith Rodin, Psychologin und Philantrophin aus den USA, ist Präsidentin der Rockefeller Foundation und sitzt auch im Vorstand von Citigroup sowie des weltweit grössten Vermögensverwalters Black Rock. Die Rockefeller-Stiftung wurde 1913 von John D. Rockefeller gegründet, dem ersten Milliardär der Weltgeschichte. Rodin entwarf zusammen mit Peter Schwartz bereits 2010 ein Szenario einer weltweiten Pandemie mit dem Titel «LOCK STEP» (Gleichschritt). Schwartz arbeitete schon für das Pentagon und das Weltwirtschaftsforum (WEF). Er ist Vice President für strategische Planung des Cloud-Anbieters Salesforce und sitzt im Vorstand des militärischen Center for a New American Security (CNAS). In einem aktuellen Interview mit der San Francisco Cronicle bekennt sich Schwartz zur Totalüberwachung: «Wir werden nach und nach sehr viel mehr Überwachung akzeptieren. Und am Ende wird es uns nicht stören, weil es – für die meisten Menschen in den meisten Situationen – mehr nützt als schadet.»
«Wir werden nach und nach sehr viel mehr Überwachung akzeptieren. Und am Ende wird es uns nicht stören.»
Einige Passagen lesen sich wie aus George Orwells Dystopie «1984»: «Zunächst findet die Vorstellung einer kontrollierten Welt breite Akzeptanz und Zustimmung. Biometrische Pässe für Bürger zum Beispiel, oder neuartige Scanner in öffentlichen Bereichen, die 'antisoziale Absichten' eines Passanten feststellen können. Die Entlassung aus einem Krankenhaus oder einem Gefängnis ist nur noch mit einem Gesundheits-Screening möglich.»
Bei Rodin und Schwartz wird der Virus von Wildgänsen übertragen und ist extrem tödlich und virulent. Der erhellende Untertitel des Lock-Step-Szenarios: «Eine Welt der strengeren Regierungskontrolle von oben nach unten mit mehr autoritärer Führung, begrenzter Innovation und wachsendem zurückdrängen der Bürger».
Ein Szenario, als wäre es heute geschrieben worden: Eine tödliche Wirkung auf die Wirtschaft, Stillstand der Lieferketten sowie Ausgangssperren und Zensur im Internet. «Getrieben von Protektionismus und nationalen Sicherheitsbedenken schaffen Nationen ihre eigenen und regional definierten IT-Netzwerke, welche die Firewalls von China nachahmen, die Regierungen sind bei der Überwachung des Internetverkehrs unterschiedlich erfolgreich, aber das 'World Wide Web' zerbricht», so Rodin und Schwartz. In einer neuen Welt also mit immer wieder verhängten Lockdowns, Quarantänen und wirtschaftlichen Megakrisen. «Im Jahr 2012 traf nun die Pandemie ein, welche die Welt schon seit langem erwartete. Zwanzig Prozent der Weltbevölkerung wurden infiziert und acht Millionen Menschen starben in nur sieben Monaten.»
«Es ist seit einiger Zeit möglich, Menschen zu disziplinieren und einige Gesellschaften zu kontrollieren, aber nicht die ganze Welt und nicht die ganze Zeit.»
Im Jahr 2026 beschreibt das Lock-Step-Szenario Unruhen und Demonstrationen, ausgelöst von Menschen, die der Kontrolle von oben überdrüssig werden. So müssen im Jahr 2018 Besucher von Fussballspielen kugelsichere Westen tragen – mit einem Aufnäher der Nationalflagge – und 2026 bringen Demonstranten in Nigeria die Regierung zu Fall. Rodin zitiert den Inder Gopalakrishna Bhat, ausserordentlicher Professor für Mikrobiologie an der indischen Manipal Academy: «Es ist seit einiger Zeit möglich, Menschen zu disziplinieren und einige Gesellschaften zu kontrollieren, aber nicht die ganze Welt und nicht die ganze Zeit.»
Übersetzung aus dem Englischen von Stephan Seiler.
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