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Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, Alexander von Humboldt (1769-1859) stehe in Deutschland doch sehr im Schatten seines älteren Bruders Wilhelm. (Auch wenn die Herausgeber meiner fünfbändigen Wilhelm-von-Humboldt-Werkauswahl das Gegenteil behaupten.) Wenn, dann gilt dieser Schatten allerdings nur in Deutschland. Weltweit – und vor allem in Südamerika – ist Alexander von Humboldt der bei weitem bekanntere der beiden Brüder. Das liegt daran, dass Wilhelm im Vergleich zu Alexander fast so etwas wie ein Stubenhocker war, der nie über Mitteleuropa herausgekommen ist, während Alexander die Welt bereiste. Insbesondere in Südamerika verbrachte er mehrere Jahre auf einer wissenschaftlichen Expedition. Er gilt denn auch als der wissenschaftliche (Wieder-)Entdecker dieses Kontinents. Im Alter folgte dem noch eine Russlandexpedition nach; die Jahre dazwischen und danach verbrachte Alexander von Humboldt mit der (literarischen) Aufarbeitung seiner Reisen.
Alexander von Humboldt ist eine Übergangserscheinung. Er kommt noch vom alten Verständnis der Naturwissenschaften her, wo die „Naturphilosophie“ entweder abgehobenes abstraktes Denken beinhaltete, oder reine Naturbeschreibung. Erst langsam drang zu Humboldts Lebzeiten die mathematische Durchdringung dieser Naturphilosophie durch, die Verwandlung der alten Naturphilosophie in die heutige Naturwissenschaft. Humboldt vertritt in vielem noch die alte Schule. Seine Entdeckungsreise in Südamerika ist noch vom alten Geist durchdrungen. Sein Alterswerk, „Kosmos“, hingegen zeigt deutliche Spuren der neuen Art, wissenschaftlich zu arbeiten. Und so hat Alexander von Humboldt den Sprung in die neue Wissenschaft geschafft, an dem Johann Wolfgang von Goethe letztlich gescheitert ist.
Die heutige Rezeption Alexander von Humboldts leidet wohl auch darunter, dass er kaum fürs Laienpublikum geschrieben hat. Und was er schrieb, war umfassend. Hunderte von Seiten im Quart-Format, mit Bild- bzw. Kartenanhängen von ebenfalls ein paar Hundert Seiten, sind keine Seltenheit. Dazu ein trockener Stil, gegen den sogar Immanuel Kant fesselnde Prosa verfasst hat. Die Verlage müssen also grossvolumige und auch grafisch anspruchsvolle Werke veröffentlichen für ein äusserst kleines Publikum. Der Absatz ist wohl gering, jedenfalls findet sich in kurzer Zeit fast jeder dieser Bände wieder bei den Spezialisten fürs sog. Neu-Antiquariat.
Dennoch ein Autor, der auch heute noch gelesen werden sollte. Nicht nur, weil er seine Zeit, den Übergang von der alten Naturwissenschaft zur neuen Art, wissenschaftlich zu arbeiten, so schön verkörpert. Auch sein Wille zur Genauigkeit, sein Eifer, Quellen und Vorgänger auszumachen, imponiert. Und last but not least, bei aller Trockenheit: Der Leser verspürt den Atem des Entdeckers, des Forschers.
Zu empfehlen sind:
– sein Alterswerk, Kosmos (1845–1862; unvollendet!)
– Die Entdeckung der Neuen Welt – Kritische Untersuchung zur historischen Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der Neuen Welt und den Fortschritten der nautischen Astronomie im 15. und 16. Jahrhundert. (1836 / 1852. Eine Auseinandersetzung mit Kolumbus und Amerigo Vespucci)
– Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas (1810-1813, im Original auf Französisch verfasst!)
– Zentral-Asien. Untersuchungen zu den Gebirgsketten und zur vergleichenden Klimatologie (1844 – wo man feststellt, dass der nicht mehr so ganz junge Humboldt sich den Verhältnissen [der Kontrolle und Zensur seiner Reise durch den ihn dafür auch bezahlenden Russischen Staat] beugen muss)