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In einer Aprilnacht im Jahr 1983 fuhr Kary Mullis auf einer Bergsstrasse im Norden
Kaliforniens, als er eine Eingebung hatte, wie man innert kürzester Zeit einzelne
DNA-Moleküle fast unbegrenzt vervielfältigen könnte. Wenig später gelang ihm im
Labor die «Polymerase Chain Reaction», kurz PCR. Die Methode verbreitete sich
innert kürzester Zeit, veränderte die Biologie und brachte ihrem Erfi nder den Nobelpreis
ein.
Archimedes hatte die unlösbar scheinende Aufgabe erhalten, zu beweisen, dass die Königskrone aus reinem Gold ist, ohne sie zu zerstören. Nach langem Überlegen hatte er angeblich in der Badewanne die Erkenntnis, durch die Dichte der Krone auf deren Material zu folgern.
Kekulé löste ein wichtiges wissenschaftliches Problem seiner Zeit, als er die Ringstruktur des Benzolrings entdeckte. Wie er später erzählte, habe er den entscheidenden Hinweis im Traum erhalten, als er eine Schlange sah, die sich in den Schwanz biss.
Ob dem Ahnen immer ein Wissen vorausgeht, wie Humboldt meinte, sei dahingestellt. Sicher ist, es gibt viele weitere Beispiele von Wissenschaftlern, Künstlern, aber auch Sportlern, Börsenmaklern oder Unternehmern, die ihre Erkenntnisse durch Eingebungen, Geistesblitze oder eben Intuition gewonnen haben.
UND PLÖTZLICH IST SIE DA…
Intuition — eigentlich läuft sie dem wissenschaftlichen Weg des Erkenntnisgewinns, wonach aus Einzelbeobachtungen auf das Ganze geschlossen werden muss, diametral entgegen. Vor bald zweieinhalbtausend Jahren von Aristoteles aufgestellt, ist diese Regel eine Grundlage empirischen Denkens. Dennoch hat die Intuition in vielen grossen Momenten der Wissenschaftsgeschichte eine wichtige Rolle gespielt. So sagte Einstein, dem die Idee zur Relativitätstheorie gekommen sein soll, als er auf einer Tramfahrt verträumt aus dem Fenster sah: «Der Intellekt hat wenig zu tun auf der Strasse der Entdeckung. Denn das eigentlich Wertvolle ist die Intuition… Auf einmal macht das Bewusstsein einen Sprung, nennen wir es Intuition, die Lösung kommt zu dir, du weisst weder wie noch warum…». Er scheute sich nicht, dieses Prinzip des allzu rationalen Denkens zu kritisieren: «Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.»
DURCH ENTFOKUSSIERUNG ZUR IDEE
Nun stellt sich die Frage, wie man dieses «heilige Geschenk» nutzen kann. Klar ist, die Geistesblitze kamen nicht aus dem Nichts. In allen Fällen war der Eingebung eine intensive Beschäftigung mit dem Thema vorausgegangen. Es scheint, als müsse man sich regelrecht den Kopf zerbrechen, bis man soweit ist, eine Intuition empfangen zu können. Die Grundlagen der PCR waren über zehn Jahre vor Mullis’ Erkenntnis gelegt worden und sowohl Einstein wie auch Kekulé haben sich sehr intensiv mit den Grundlagen ihres Fachs auseinandergesetzt, bevor sie die Einfälle hatten, die die Wissenschaft revolutionierten. Selbst im Experiment können nur Kenner eines Fachs auf ihre Intuition vertrauen, Laien können geradeso gut eine Münze werfen.
Nach dieser Phase der intensiven intellektuellen Auseinandersetzung mit einer Fragestellung braucht es offenbar einen Wechsel des Umfelds, um für eine Intuition empfänglich zu sein. Kaum einer hatte die grossen Ideen im Labor oder während er über Formeltafeln gebeugt war, viel öfter schon unterwegs, wie Mullis oder Einstein, oder im Schlaf, wie Kekulé, auch Leonardo da Vinci soll regelmässig im Halbschlaf geforscht haben. Der logische Denkfl uss muss unterbrochen werden, um zu erkennen, wonach man sucht. So meinte Sigmund Freud: «Manchmal kann man die Wahrheit nicht sehen, es sei denn, man stellt sie auf den Kopf». Jesus empfi ng die zehn Gebote auf einem Berg, getrennt von seinen Jüngern, Mohammed und Zarathustra empfi ngen der Legende nach Weisheit alleine in der Wüste.
«DIE GEBURT DES TANZENDEN STERNS»
Was soll man für sich selbst, als angehenden Wissenschaftler und Forscher, aus diesen Beispielen schliessen? Sicher ist, man kommt um eine intensive Beschäftigung mit seinem Fachgebiet nicht herum. Dabei geht es nicht nur darum, die Grundlagen zu verstehen, Formeln herzuleiten und Theorien nachvollziehen zu können; man muss völlig aufgehen in seinem Gebiet. Vom Aufstehen am Morgen bis zum Einschlafen muss es im Geist präsent sein. Doch dann muss man sich eine Unterbrechung gönnen, die Umgebung wechseln, Phasen der Entfokussierung des Geistes einlegen. In eine gemütliche Bar sitzen, anstatt in der Bibliothek zu büffeln. Spontan ein Wochenende in die Berge gehen, die Reagenzgläser stehen lassen. Die Messgeräte ausschalten, und zu einer schönen CD entspannen. Es tun wie Bill Watterson, wenn er einen neuen Calvin and Hobbes zeichnen muss: Ein weisses Blatt Papier vor sich lässt er seinen Blick über Käfer, Vögel und Steine in seinem Garten gleiten und den Gedanken freien Lauf. Häufi g stösst er stundenlang auf nichts Brauchbares, doch dann kommt plötzlich die zündende Idee, die zu einer aussergewöhnlichen Geschichte führt. Er sagt dazu: «Ich weiss nie, ob eine weitere Stunde dazusitzen reine Zeitverschwendung ist, oder ob es die produktivste Stunde des Tages sein wird.» Geistesblitze hat nur, wer dazu fähig ist, die angestammten Denkmuster zu verlassen. Oder um es mit den Worten von Nietzsche zu sagen: «Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.» Wenn man dann im entscheidenden Moment offen ist für die Gedanken, die einem unerwartet durch den Kopf gehen, dann darf man auf das Geschenk der Intuition hoffen.
«I came to the conclusion that for understanding the development of plants, their morphogenesis, genes and gene products are not enough. Morphogenesis also depends on organizing fields. The same arguments apply to the development of animals. Since the 1920s many developmental biologists have proposed that biological organization depends on fields, variously called biological fields, or developmental fields, or positional fields, or morphogenetic fields.» Rupert Sheldrake
Weiterführendes:
→ Rupert Sheldrake: Das Gedächtnis der Natur. Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur. Piper (1999)
→ www.sheldrake.org/Articles&Papers/papers/morphic/morphic_intro.html
→ Bücher: www.sheldrake.org/deutsche/buecher.html
→ Papers: www.sheldrake.org/Articles&Papers/papers/