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Züri Can: Cannabis mit Verantwortung
Cannabis ist weltweit die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale psychoaktive Substanz. In der Schweiz gibt rund ein Drittel der Bevölkerung (älter als 15 Jahre) in repräsentativen Befragungen an, bereits Cannabis konsumiert zu haben. Der Konsum von Cannabis geht mit gesundheitlichen Risiken einher. Diese betreffen vor allem die psychische Gesundheit und beinhalten beispielsweise die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung, eine Verminderung der kognitiven Leistungsfähigkeit und eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Psychosen. Insbesondere ein früher Konsumbeginn in der Adoleszenz, ein hochfrequenter Konsum und der Gebrauch von hochpotenten Cannabissorten mit hohem THC-Gehalt sowie neuerdings auch synthetischen Cannabioiden erhöhen die gesundheitlichen Gefahren erheblich. Geeignete Massnahmen der Prävention sowie zur Risiko- und Schadensminderung können die mit dem Konsum einhergehenden gesundheitlichen Risiken begrenzen.
Cannabisregulierung – aktuelle internationale Situation und wissenschaftliche Evidenz
In vielen Ländern – insbesondere in Nordamerika und in Europa, aber auch in Uruguay – findet derzeit ein Umbruch in der gesetzlichen Regulierung des Zugangs zu Cannabis statt. Die dort gewählten neuen Regulierungsformen reichen von staatlich überwachten und strikt regulierten Modellen wie in Uruguay bis hin zu weitgehend unregulierten und primär kommerziell orientierten Märkten wie in einigen Bundesstaaten der USA. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist dabei zu bemängeln, dass die Folgen dieses neu regulierten Zugangs zu Cannabis unter anderem auf die Gesundheit der Konsumierenden nicht oder nur oberflächlich untersucht werden. Es werden lediglich selektive Untersuchungen durchgeführt wie etwa zur Auswirkung der jeweiligen Cannabisregulierung auf die Anzahl von Verkehrsunfällen, zum Anteil aktiver Cannabiskonsumenten in der Bevölkerung oder zu wirtschaftlichen und steuerlichen Auswirkungen. Zu den Auswirkungen verschiedener Regulierungsmodelle von Cannabis sowie begleitender Massnahmen zur Risiko- und Schadensminderung auf die individuelle sowie die öffentliche Gesundheit gibt es bisher kaum wissenschaftliche Evidenz.
Pilotversuche mit Cannabis in der Schweiz
Im Gegensatz dazu hat sich die Schweiz dafür entschieden, unterschiedliche Modelle eines regulierten Cannabisverkaufs im Rahmen von Pilotversuchen wissenschaftlich zu untersuchen. Die Ergebnisse aus diesen Pilotversuchen sollen dazu beitragen, zukünftig eine allfällige Cannabisregulierung hierzulande auf der Basis entsprechender wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgestalten zu können. Dabei sollen gemäss Gesetzgeber die gesundheitlichen Auswirkungen eines regulierten Cannabisverkaufs im Zentrum der Untersuchungen im Rahmen der Pilotversuche stehen, dies mit einem besonderen Fokus auf die psychische Gesundheit der Studienteilnehmenden.
Die Forschungsgruppe «Addictive Disorders» der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich konzipierte in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich einen Pilotversuch zum regulierten Cannabisverkauf innerhalb des Stadtgebiets. Hauptfinanzierungsträger ist die Stadt Zürich.
Im Rahmen einer interurbanen Arbeitsgruppe mehrerer Schweizer Städte und Universitäten und im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) wurde unter Federführung unserer Forschungsgruppe zudem ein einheitlicher Fragebogen für sämtliche Schweizer Pilotversuche entwickelt. Dieser Fragebogen ermöglicht die detaillierte Erfassung des Konsumverhaltens und der psychischen und somatischen Gesundheit der Cannabiskonsumierenden während ihrer Teilnahme am Pilotversuch.
Zusätzlich wurde ein neues Instrument entwickelt und validiert, das die Konsumkompetenz der Teilnehmenden erfasst. Mit diesem wird das Wissen der Teilnehmenden über die Risiken des Cannabiskonsums und zu risikoärmeren Konsumformen ermittelt und in einem weiteren Schritt geprüft, inwiefern sich dieses Wissen im individuellen Konsumverhalten widerspiegelt. Des Weiteren werden die Veränderungsbereitschaft hinsichtlich des Konsumverhaltens sowie die Bereitschaft der Teilnehmenden, Beratung und bei Bedarf entsprechende Behandlung in Anspruch zu nehmen, untersucht.
Konsum mit Verantwortung – Partizipative Rolle der Bezugsstellen und der Teilnehmenden
Der Stadtzürcher Pilotversuch verknüpft bestehende Angebote und Expertisen der Stadt Zürich und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in den Bereichen Prävention, Beratung und Behandlung, um den Teilnehmenden einen möglichst risikoarmen Umgang mit Cannabis zu ermöglichen. Ziel unseres Forschungsprojekts ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie ein regulierter Zugang zu Cannabis so organisiert werden kann, dass sowohl die negativen Auswirkungen einer Verbotspolitik (wie zum Beispiel Gefahren durch den Konsum von unkontrollierten Schwarzmarktprodukten mit unbekannter Wirkstärke und teilweise gefährlichen Zusatzstoffen, schlechte Erreichbarkeit der Konsumenten hinsichtlich Beratung, Prävention und Therapie) als auch die Nachteile einer rein marktwirtschaftlich orientierten Liberalisierung (wie Werbemassnahmen und Zunahme des Konsums auf Bevölkerungsebene, Vernachlässigung der gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen für Betroffene) möglichst vermieden werden können.
Eine Besonderheit des Stadtzürcher Projekts ist es, dass den Studienteilnehmenden drei unterschiedliche Arten von Verkaufsstellen zur Verfügung stehen: Zehn Apotheken, zehn sogenannte Social Clubs sowie das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich beteiligen sich als Verkaufsorte an der Studie. Die Studienteilnehmenden müssen sich bei Studienbeginn für eine Verkaufsstelle entscheiden, bei der sie drei Jahre lang Studiencannabis erwerben können. Personen, die viel Wert auf Gemeinschaft und soziale Kontakte legen, werden sich eher dazu entschliessen, einem Social Club beizutreten, wo sie sich in den Vereinsräumlichkeiten mit anderen austauschen und auch Cannabis konsumieren können. Dagegen kann bei einer Apotheke das Studiencannabis in einem Umfeld erworben werden, das viel Erfahrung hinsichtlich gesundheitlicher Beratung bietet. Das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich ist ein Kompetenzzentrum für möglichst risikoarmen Freizeitdrogenkonsum mit entsprechender Expertise in Prävention und Beratung, das seit Jahrzehnten niederschwellige Beratung für Konsumierende anbietet.
Jede Bezugsstelle kann ihre Teilnehmerzahl innerhalb eines Bereichs zwischen 50 und 150 Personen selbst festlegen. Die Gesamtteilnehmerzahl der Studie beträgt maximal 2'100 Personen. Auch für die Rekrutierung der Teilnehmenden sind die Bezugsstellen selbst verantwortlich, jedoch müssen sie sich dabei an vordefinierte Kriterien für die Teilnahme halten. So dürfen sie nur volljährige Personen in die Studie aufnehmen, die bereits seit mindestens einem Jahr Cannabis konsumieren. Des Weiteren stellen bestimmte Vorerkrankungen oder berufliche Tätigkeiten ein Ausschlusskriterium dar.
Die Beschränkung der Teilnehmerzahl sowie die Festlegung auf jeweils nur eine Bezugsstelle dienen dazu, die Entwicklung einer persönlichen Beziehung zwischen dem Verkaufspersonal der Bezugsstellen und den Teilnehmenden zu ermöglichen. Das Personal jeder Bezugsstelle soll sich für ihre Studienteilnehmenden verantwortlich fühlen und die Möglichkeit haben, ihnen personalisierte Unterstützung für einen möglichst risikoarmen Cannabiskonsum anzubieten. Hierzu werden die Mitarbeitenden aller Bezugsstellen durch das Studienteam ausführlich geschult. Zudem können gesundheitliche Probleme in einem solchen Kontext frühzeitig erkannt werden. Bei Bedarf kann von den Studienteilnehmenden jederzeit eine der studienärztlichen Ansprechpersonen des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik konsultiert werden. Falls nötig und gewünscht, können Betroffene vor Ort weiterführende Hilfs- und Therapieangebote in Anspruch nehmen.
Bei der Auswahl der Cannabisproduzenten wurde darauf geachtet, dass diese in der Lage sind, Cannabisprodukte von hoher Qualität herzustellen, was nicht nur die Schadstofffreiheit, den THC- und CBD-Gehalt, sondern auch den Geschmack und das Aussehen der Produkte betrifft. In der Erarbeitung der Produktepalette wurde neben wissenschaftlichen Aspekten in einem partizipativen Ansatz auch die Expertise von Cannabiskonsumierenden eingeholt und berücksichtigt. Die Preise für die Produkte wurden so festgelegt, dass solche mit höherem THC-Gehalt mehr kosten als Produkte mit tieferem THC-Gehalt. Die Bezugsstellen werden jedoch unabhängig vom Produkt und dessen THC-Gehalt die gleiche Verkaufsmarge erzielen, so dass finanzielle Interessen nicht mit der Beratung für einen risikoarmen Cannabiskonsum im Konflikt stehen.
Cannabis Social Clubs – wissenschaftliches Neuland
Die von der Projektleitung in einem Auswahlverfahren sorgfältig geprüften und durch die Stadt Zürich bewilligten Social Clubs werden europaweit die ersten diesbezüglichen Vereine sein, die auf einer gänzlich legalen Basis Cannabisberatung und -verkauf durchführen dürfen. Dies steht etwa im Kontrast zu den international bekannten Cannabis Social Clubs in Spanien, die lediglich geduldet sind. Die zehn Social Clubs unserer Studie werden weltweit die ersten sein, die wissenschaftlich evaluiert und deren Einfluss auf das Konsumverhalten und die Gesundheit der Teilnehmenden mit anderen Arten von Verkaufsstellen verglichen werden.
Wissenschaftliche Ergebnisse der Studie
Die primären untersuchten Ergebnisse des Pilotversuchs «Züri Can» sind das Wissen und das Verhalten der Studienteilnehmenden in Bezug auf risikoärmeren Cannabiskonsum. Aktuelle Online-Befragungen in der deutschen und französischen Schweiz haben gezeigt, dass in diesen Bereichen ein grosses Potential für Verbesserungen und somit ein entsprechender Handlungsbedarf besteht. Wir erhoffen uns bei allen drei Arten von Bezugsstellen über die Studiendauer von drei Jahren hinweg eine Entwicklung hin zu einem risikoärmeren Cannabiskonsum mit entsprechenden positiven Auswirkungen auf die Gesundheit der Teilnehmenden und nehmen an, dass das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich aufgrund seiner Kernkompetenz als erfahrene Fachberatungsstelle für Drogenkonsumierende hierbei die grössten Erfolge erzielen dürfte.
Aktueller Stand von «Züri Can»
Die Konzeption und Vorbereitung der Studie war auf politischer Ebene, in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Dienstabteilungen der Stadt Zürich, mit den unterschiedlichen Betreibern der Bezugsstellen sowie mit anderen Pilotprojekten und Städten mit einem grossen Organisations- und Arbeitsaufwand verbunden. Zudem war die Entwicklung projektübergreifender Messinstrumente und die Programmierung einer eigens für die Studie entwickelten Software erforderlich. Da in der Schweiz und in den umliegenden Ländern bisher keine Erfahrungen mit dem regulierten Verkauf von Cannabis unter wissenschaftlichen Rahmenbedingungen vorliegen und die Studie somit in vielen Bereichen Neuland betritt, gibt es hinsichtlich notwendiger Infrastruktur, Abläufe und Zuständigkeiten auch keine Erfahrungswerte. Daher mussten alle diese Aspekte von Grund auf definiert und erarbeitet werden, was nur durch die sehr gute und konstruktive Zusammenarbeit des Gesamtprojektteams, das neben Mitarbeitenden unserer Forschungsgruppe auch aus zahlreichen Mitarbeitenden der Stadt Zürich verschiedener Departemente besteht, möglich war. Nach einer mehrjährigen Vorlaufphase konnten wir im Juni 2022 die entsprechenden Anträge zur Projektbewilligung bei der kantonalen Ethikkommission und beim BAG einreichen.
Im August 2022 erhielten wir die Bewilligung der Kantonalen Ethikkommission, die Studie wie geplant durchführen zu können. Im März traf nun auch die Genehmigung des BAG als massgebliche nationale Instanz zur Bewilligung der Pilotprojekte ein. Somit wird der Zürcher Pilotversuch in Bälde starten können. Mit dem Verkaufsbeginn von Cannabis ist ab Sommer 2023 zu rechnen.
Wir gehen davon aus, dass dieses innovative gemeinschaftliche Forschungsprojekt der Stadt Zürich und unserer Forschungsgruppe «Addictive Disorders», das auch internationalen Pioniercharakter hat, dazu beitragen wird, in der Schweiz eine auf wissenschaftlicher Evidenz beruhende Gesetzgebung zur Regulierung des Cannabisverkaufs und -konsums zu erarbeiten. Diese sollte aus unserer Sicht zum Ziel haben, den zahlreichen Cannabiskonsumierenden in der Schweiz im Gegensatz zur derzeitigen Schwarzmarktsituation einen möglichst risikoarmen Cannabiskonsum zu ermöglichen, negativen gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums vorzubeugen und bei Bedarf frühzeitige Therapieangebote zur Verfügung zu stellen.