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Der Sozialismus hat Schriftsteller mit einem sozialen Gewissen in vielerlei Konflikte geworfen, ohne dass sein Scheitern sie von ihnen befreit hätte. Literatur den Zielen einer idealen Gesellschaft zu unterstellen, so die Erfahrung, führt zu einem Desaster. Literatur sich selbst zu überlassen, schützt aber ebensowenig vor politischer Vereinnahmung durch Dritte. Furtwängler etwa, der nur Künstler sein wollte, dirigierte die Eroica während der Inauguration der Rassengesetze. Auch der unpolitische Künstler kann nicht verhindern, dass die Gesellschaft seine Absichten ins Gegenteil verkehrt. Der gesellschaftlich bewusste Künstler benötigt eine Strategie gegenüber der Gesellschaft, kann sie aber in der Tradition der Linken nur schwer finden. Einerseits glaubt er nach wie vor an die allesdurchdringende Kraft der Herrschaftsstrukturen, anderseits ist jeder Ansatz innerhalb wie ausserhalb der Individuen verlorengegangen, aus dem Aufklärung entspringen könnte. Einerseits bezweifeln diese skeptischen Linken, dass es irgendwohin führt, die sozialen Mächte einfach nur zu erkennen, anderseits können sie ihre Hoffnung auf eine sozialere Zukunft nicht aufgeben. Solche Linke sind prädestiniert für Widersprüche.
Max Frischs zwei, 1981 in New York auf englisch gehaltenen Vorlesungen, postum in der Originalsprache Deutsch veröffentlicht, veranschaulichen das Problem eines solchen Schriftstellers. Hellsichtig befreit sich Frisch in der ersten Vorlesung «From Impulse to Imagination» von jeder die Literatur einengenden Theorie oder Rezeptur und verteidigt die Imagination als real verändernde Bilderkraft. Der Käfer gewordene Gregor Samsa oder das dann dem Buch seinen Titel verleihende Bild des russischen Konstruktivisten Malewitsch, ein rätselhaftes schwarzes Quadrat innerhalb eines weissen Felds, vermögen das gängige Denken zu erweitern. In seiner zweiten Vorlesung «The Function of Literature in Society» setzt Frisch an die Stelle der Imagination das Wort «Poesie» und endet mit einem Manifest, das der poetischen Literatur gegenüber der Politik eine befreiende und subversive Funktion verordnet. Doch wie soll die Poesie solche Erwartungen erfüllen?
Frisch formuliert seine Antwort mit Hilfe des marxistischen Vokabulars von «Unterdrückung» und «Freiheit». Die Sprache des Alltags sei die von Klischees durchzogene Herrschaftssprache. Der Autor übersetze dagegen seine Erfahrung in die eigene, erfundene, freie Sprache und inspiriere den Leser, ihm dabei zu folgen. Der marxistische Gegensatz von Herrschaft und Freiheit suggeriert immer noch die Hoffnung der Rousseauschen These, wonach die Menschen, an sich gut, nur von ihren sozialen Fesseln befreit werden müssen. Vielleicht hat Frisch einen solchen Glauben immer noch geteilt, von den zeitgenössischen Floskeln durchzogen sind auch seine Heilmittel: «genuine Erfahrung», «wirkliches Erleben», «Konfrontation mit der Sprache», «Spontaneität». Was eine «genuine» Erfahrung ist, bleibt ebenso ein Mysterium wie «die» Sprache ein Stück Metaphysik. Es gibt keine einzigartige Sprache, nur unendlich viele Sprechende. Es gibt keine Realität, die sich unkontrovers erschliesst. Widersprüchlich bedient sich Frisch der klassischen Formeln, als wären sie nach wie vor gestützt durch das Wahre und Gute. Aber nur Konservative und Rechte glauben, dass beides bereits anwesend sei und nur erlauscht zu werden brauche. Sozialisten und Konstruktivisten wie Frisch können und dürfen sich da nicht anschliessen.
Bleibt also der Widerspruch. Frisch hätte eigentlich die Mittel gehabt, ihn zu vermeiden. Seine Stichworte sind schon die richtigen, sie müssten nur von der alten Vorstellung befreit werden, es gelte die Natur des Menschen zu entdecken anstatt zu erfinden. Ach, hätte Frisch nur seine Vokabeln durch Geschichten ersetzt…
vorgestellt von Anton Leist, Zürich
Max Frisch: «Schwarzes Quadrat». Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008