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Kann eine juristische Person Genugtuung wegen Persönlichkeitsverletzung durch unlauteren Wettbewerb verlangen? Wenn ja, ist 25'000 Fr. ein unangemessen hoher Betrag? Das Bundesgericht hat beide Fragen im heute aufgenommenen Urteil 4A_741/2011 vom 11. April 2012 bejaht.
Die Theorie
Gemäss UWG 9 stehen einer Person, die durch unlauteren Wettbewerb u.a. in seinem Kredit oder beruflichen Ansehen verletzt wird, verschiedene Rechtsbehelfe zur Verfügung. Bei schwerer Verletzung kann sie namentlich auf Genugtuung nach OR 49 klagen (UWG 9 III). Solche Persönlichkeitsrechte geniessen die juristischen Personen des schweizerischen Rechts grundsätzlich im gleichen Umfang wie die natürlichen (ZGB 53). Im Gegensatz zum Schadenersatzanspruch verlangt jedoch die Genugtuung keinen materiellen Schaden, sondern eine seelische Unbill, deren Anwendbarkeit bei juristischen Personen umstritten ist.
Die Vorgeschichte
Die Y AG ist im Seehandel tätig und Inhaberin der Internetseite Y.ch. 2009 kündigte sie fristlos das Arbeitsverhältnis mit dem Angestellten X. Dieser hatte aber den Domainnamen Y.com seit langem erworben und veröffentlichte darauf nach seiner Kündigung eine mit Y.ch leicht verwechselbare Webseite, die das Logo und Kontaktinformationen der Y AG aufwies. Ferner vorhanden waren u.a. Fotografien von abgenutzten und verrosteten Schiffen sowie von zwei Mitgliedern des Verwaltungsrats in Freizeitbekleidungen. Auf Verlangen der Y AG deaktivierte schlussendlich X die Webseite zwei Monate nach deren Veröffentlichung.
In einem Urteil der genferischen Cour de justice wurde X zur kostenlosen Übergabe des Domainnamen Y.com an die Y AG sowie zur Zahlung von 25'000 Fr. samt Zinsen als Genugtuung für immaterielle Unbill („indemnité pour tort moral“) verpflichtet. Dagegen erhob X Beschwerde am Bundesgericht.
Der Entscheid
Dass die Veröffentlichung der irreführenden und herabsetzenden Webseite unlauteren Wettbewerb nach UWG 2 und UWG 3 I lit. a bildete, sowie die allgemeine Voraussetzung der Rechtswidrigkeit, Schuld und Kausalzusammenhang erfüllte, bestreitet der Beschwerdeführer nicht (E. 4.1). Streitig bleiben das Vorliegen einer schweren Persönlichkeitsverletzung, die den Anspruch nach OR 49 begründet, sowie die Höhe des Betrags angesichts der Rechtsprechung zur Genugtuung.
Das Bundesgericht hat zunächst darauf Stellung genommen, ob einer juristischen Person eine Genugtuung zustehen darf (E. 6.1). Es erwähnt die seit 1934 entwickelte Rechtsprechung, die dies als zulässig erachtet (zuerst mit BGE 60 II 326, wonach die Qualifikation einer AG-Werbung als „Schwindel“ einen Genugtuungsanspruch rechtfertigt), sowie die verschiedenen Lehrmeinungen dazu. Das Bundesgericht lässt sich jedoch von den gegenteiligen Auffassungen nicht überzeugen und bestätigt die Anwendbarkeit der seelischen Unbill. Insbesondere angeführt ist die historische Ausdehnung der Persönlichkeitsrechte für juristische Personen seit Einführung des ZGB; ferner, dass eine juristische Person, genauso wie sie durch ihre konstituierende Organe handelt, auch durch dieselben Organe eine immaterielle Unbill erleiden können solle.
Zur Frage des Vorliegens einer schweren Persönlichkeitsverletzung (E. 6.2) führt der Beschwerdeführer an, die Würdigung der Cour de Justice verletze die Beweislastregel von ZGB 8. Diese Regel bestimmt aber lediglich den Träger der negativen Folgen bei Beweislosigkeit: da der im vorliegenden Fall von Y.com erweckte Eindruck als negativ und unprofessionell und somit persönlichkeitsverletzend durch die kantonale Instanz unter Würdigung der diversen Fotographien tatsächlich anerkannt wurde, kann von den Folgen einer Beweislosigkeit keine Rede sein (vielmehr habe sich der Beschwerdeführer auf willkürliche Beweiswürdigung berufen können, was er aber nicht tat). So hat das Bundesgericht diesen Vorwurf als unbegründet erachtet.
Schliesslich wird die Höhe der Genugtuung behandelt (E. 6.3). Mangels einschlägiger Rechtsprechung zu OR 49 (sei es für juristische oder natürliche Personen) muss sich das Bundesgericht mit derjenigen zu OR 47 befassen, i.e. Genugtuung bei Tötung von Menschen und Körperverletzung. Unter Berücksichtigung verschiedenen Urteilen, die bei der Tötung eines Elternteils oder bei schwerer Körperverletzungen eine Genugtuung von 15'000 bis 25'000 Fr. vorsahen, betrachtet das Bundesgericht die Leistung von X an die Y AG in Höhe von 25'000 Fr. als unangemessen hoch. Es erkennt allerdings an, dass die fragliche Seite, wenn auch nur für zwei Monate, auf das World Wide Web veröffentlicht und somit der Allgemeinheit weitgehend zugänglich gemacht wurde. Eine angemessene Genugtuung betrage somit 10'000 Fr.
So wurde die Beschwerde teilweise gutgeheissen. Obwohl das Bundesgericht die von der kantonalen Vorinstanz anerkannte Persönlichkeitsverletzung und Genugtuungsanspruch an sich bestätigte, wird der geschuldete Betrag auf 10'000 Fr. herabgesetzt. Das Urteil könnte einen wichtigen Präzedenzfall im eher unerforschten Bereich der Genugtuungsansprüche nach UWG 9 III bilden.
So wurde die Beschwerde teilweise gutgeheissen. Obwohl das Bundesgericht die von der kantonalen Vorinstanz anerkannte Persönlichkeitsverletzung und Genugtuungsanspruch an sich bestätigte, wird der geschuldete Betrag auf 10'000 Fr. herabgesetzt. Das Urteil könnte einen wichtigen Präzedenzfall im eher unerforschten Bereich der Genugtuungsansprüche nach UWG 9 III bilden.