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Max (1951)
Obwohl wir Schweizer vom Krieg weitgehendst verschont blieben, konnten wir auch in den Nachkriegjahren nicht in Saus und Braus leben. Wir hatten zwar genug, um zu leben, aber kein bischen mehr. So mussten wir uns überall einschränken.
Von 1950-64 wohnten wir im 1. Stock in Papis-Elternhaus an der Klingelbergstrasse 41 im St. Johann-Quartier. Es war ein Reihenhaus. Gegenüber unserem Haus war der grosse Park des Frauenspitals.
Mehr über dieses Haus könnt ihr unter Meine Jugend im Klingelberg (1950-64) nachlesen.
Vom Klingelberg aus besuchte ich die Primarschule im St.Johanns-Schulhaus und später das Humanistische Gymnasium auf dem Münsterplatz. Meine Erlebnisse in diesen beiden Schul-Phasen berichte ich in "1950-54: My Primeli Zyt (Primarschule St. Johann-Schulhaus)" und "1954-58: Humanistisches Gymnasium - Horror statt Jugend".
Auch wir Schweizer litten unter den Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges. Waschpulver gab es auch in den ersten Nachkriegsjahren noch nicht, aber es kam 1-2 mal pro Jahr ein Mann mit einer Reibe zu uns, mit der er die harte Kernseife zu Spähnen verrieb. Spähne liessen sich in der Wäsche besser auflösen.
Einmal im Monat war Waschtag. Der Tag begann früh morgens mit dem Aufheizen des Kupfer-Waschzubers mit Holz und dauerte den ganzen Tag. Es war Schwerst-Arbeit. Ich sehe immer noch das Bild meine Mutter vor mir, wie sie mit einem grossen dicken Holz-Löffel die Wäsche im kochenden Waschzuber umrührte.
An dem Tag gab es nichts Warmes zum Mittagstisch, was leicht zu verstehen war. Es gab meistens nur süsse Weggli oder einen "Bienenstich", einem Hefekuchen der mit einer Vanillecreme gefüllt wurde.
In der Nachkriegszeit gehörten die fliegenden Händler zum Leben. Die Gemüsefrauen aus dem Elsass zogen zweimal die Woche ihre voll beladenen Gemüsewagen durch die Strassen. Es gab noch keine Einkaufszentren. Frisches Gemüse kaufte man auf dem Marktplatz oder eben bei den Gemüsefrauen.
Der ACV-Milchmann vom Konsum brachte die rohe Offen-Milch, den Butter und Rahm mit einem Pferdewagen täglich vors Haus. Ein Pferd zog den Wagen. Mein Vater sass in späteren Jahren im Verwaltungsrat des Konsumvereins ACV und war deshalb ein Fan des Milchmanns.
Es war mein erster Traumberuf. Ich wollte Milchmann werden. Jeweilen am Morgen früh kam der Milchmann. In den Ferien passte ich dem Milchmann immer ab und half ihm beim Verteilen der Milch. Im jeweiligen Briefkasten stand eine Milchkanne mit dem Milchbüchli. Darin war die Milchmenge eingetragen. Bezahlt wurde Ende Monat. Als ich etwas erfahrener war, durfte ich sogar den Milchwagen führen. Einmal aber, ich machte wohl etwas falsch, da gallopierte das Pferd durch. Glücklicherweise erwischte aber der hinkende Milchmann das Gefährt, sprang auf den Bock und stoppte den schlingernden Wagen.
Das Pferd meines Milchmanns hiess "Florian". Aus diesem Grund wehrte sich meine Mutter gegen den Gedanken, dass unser erster Sohn den Namen Florian bekommen hätte. Wir dachten jedoch bei dieser Namensgebung eher an das Café Florian am Totentanz.
Dann gab es aber auch die Hausierer. Sie verkauften Kleinigkeiten, die man immer wieder im Haushalt brauchte: Wäscheklammern, Seife, Bürsten.
Im Krieg gab es die Lebensmittelrationierung mit den Lebensmittelmarken und die Zuteilung pro Person etc. Noch in der Nachkriegszeit waren gewisse Lebensmittel, die heute zum täglichen Angebot gehören, Luxus-Artikel. Hühnchen oder Kaninchen gab es nur an Weihnachten. Sie wurden lebend geliefert.
Es gab zur damaligen Zeit klare Rollenverteilungen. Die Mutter kaufte ein und kochte. Wir Kinder mussten dann beim Abwaschen helfen. Die Tradition wollte es: Der Vater war der Pascha, obwohl es unser Papi nie sein wollte. So war es zu der Zeit üblich, dass der Vater zuerst auswählen konnte, was er essen wollte, und das beste Stück Fleisch bekam.
Vor dem Essen wurde immer gebetet. Es war ein kurzes Gebet, das wir möglichst schnell hinter uns brachten. Dann durften wir zugreifen. Es kam manchmal vor, da waren wir zu schnell und haben die Verse in Rekordzeit runtergebetet. Dann mussten wir das Gebet zur Strafe wiederholen.
Die Menu-Karte in der Nachkriegszeit war sehr einfach. Nur am Mittag gab es warme Küche. Abends gab es zum z'Nacht "Kaffi Complet", d.h. Brot und Konfitüre, etwas Käse. Fleisch stand nur 1x in der Woche auf dem Speisezettel. Am Freitag war Fisch-Tag. Dies änderte sich mit den Jahren. Es gab dann an mehreren Tagen Fleisch. Am Wochenende nach der warmen Mahlzeit gab es oft als Dessert das "Deckeli". Ein Konfibrot mit Butter und Konfitüre.
Die Speisekarte bestand aus einfachen Gerichten, denn der Geldbeutel war knapp, aber sie schmeckten königlich: Maisschnitten mit Apfelmuss, Kartoffelcreme mit Kompott, Hörnli-Auflauf und schlussendlich selbstgemachtes Yoghurt. Gemüse gab es auch. In jeder Kombination. Ich mochte die weniger. Sie waren immer weichgekocht. Dies war scheinbar damals üblich.
Mein Vater arbeitete auf der Vormundschaftsbehörde am Rheinsprung. Sein Heimweg führte oft durch den direkt durch den nahen Globus. Er war ein Geniesser und liebte feines Essen. Sein Weg führte durch die Delikatess-Abteilung, wo er sich nur schwer beherrschen konnte. Er kaufte aus seinem Taschengeld feine Schiller-Locken, Rollmöpse oder ein Hähnchen, die er stolz nach Hause brachte.
Yoghurt gab es bei uns erst ab den 50er-Jahren. Aber nur das Nature ohne Früchte. Da Yoghurt noch recht teuer war, produzierten wir es selber. Aus einem gekauften Yoghurt machen wir deren 10. Um dem essbaren Yoghurt etwas Geschmack zu geben, habe ich es mit Zucker oder Ovomaltine versetzt.

Rezept:
Von meinem Vater habe ich meine Vorliebe für Süssigkeiten geerbt. Er genoss die gezuckerte Kondensmilch, oder die Melasse als Brotaufstrich. Oft am Wochenende machten wir "Rahmtäfeli". Er löste unter dauerndem Rühren mit dem Schwingbesen und leichter Hitze Zucker in Milch (oder später Rahm) auf, gab dabei etwas Kaffee dazu, um den Geschmack zu verbessern. Er erhitzte und rührte, bis die Masse etwas zähflüssig wurde, sich aber noch auf ein Blech giessen liess. Noch flüssig wurde die Masse zu kleinen Täfeli geschnitten. Leider vergingen Stunden, bis die Masse soweit abgekühlt war und wir 1, 2 oder sogar 3 Täfeli essen durften. Sie schmeckten wunderbar.
An eine weitere Spezialität erinnere ich mich gerne. Mir läuft noch heute das Wasser im Munde zusammen, wenn ich mich an die Innereien der Hühnchen erinnere: An das Herz, die Leber, Nierli und Lunge. Während die Hühnchen im Backofen vor sich hin brozelten, kamen die Innereien in eine Pfanne, wurden kurz angebraten, fein gesalzen und dann waren mein Vater und ich nicht mehr zu sprechen. Wir assen die Leckereien direkt aus der Pfanne. Noch heute finde ich, dass diese Innereien das beste ist, was man sich wünschen. kann.
Es gab aber noch eine weitere Innerei, die uns schmeckten: Kutteln. Meine Mutter war darin Weltmeisterin. Niemand konnte sie übertreffen. Kutteln an Tomatensauce und Kartoffelstock. Erst etwa 50 Jahre später habe ich im Frühjahr 2015 wieder einmal bei Heidy Holzhauser Kutteln vorgesetzt erhalten. Es war ein kulinarischer Salto in meine Vergangenheit.
Autos gab es zu der Zeit noch keine, resp. nur reiche Leute konnten sich eines leisten. Jedermann fuhr mit dem Fahrrad. Ich kann mich noch an die umgebauten Autos mit Holzvergaser erinnern. In unserer Verwandtschaft war es Onkel Dolfi, ein Allschwiler, der als erster ein modernes Auto fuhr: ein schwarzer "Citroen legere". Wir stiegen erst Jahre später um 1960 in dieses Vergnügen ein, denn mein Vater hatte keinen Führerschein.
Der Telefon-Rundspruch war während des Krieges das gebräuchliche Drahtfunk-Verfahren zur Übermittlung von Radio-Sendungen wie die des Landessender Beromünster, Sottens und Monte-Ceneri. Über die Telefon-Leitung wurde das Radio-Programm auf einen Verstärker zu Hause übertragen. Röhren-Radios gab es erst später zu annehmbaren Preisen. Mit der Einführung des HF-TR (Hochfrequenz-Telephon-Rundspruches) im 1940 wurde es möglich, unabhängig von einem laufenden Telefongespräch mehrere Programme über die Telefonleitung zu übertragen.
Baden einst und jetzt: Noch an der Mülhauserstrasse haben wir in einem verzinkten Zuber gebadet, meist in kaltem Wasser. Wir kannten keine Badewanne, noch weniger Warmwasser. Am Klingelberg hatten wir anfänglich auch keinen Warmwasser-Boiler, aber eine eiserne emaillierte freistehende Badewanne. Das heisse Wasser kochte meine Mutter in der Küche auf dem Gasherd, um das kalte Wasser etwas aufzuwärmen. Später kam das Warmewasser vom Elektro-Boiler. Es war üblich, dass die ganze Familie nacheinander im selben Wasser badete. Zuerst wir Kinder und dann die Erwachsenen.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie wir in den ersten Jahren an der Mülhauserstrasse und Muespacherstrasse geheizt haben. Am Klingelberg heizten wir anfänglich mit je einem Kohle-Heizofen je Stockwerk. Die Brikets und Kohlen waren im Kohlekeller und mussten hochgetragen werden. Jedes Haus hatte zur damaligen Zeit eine kleine Fenster-Oeffnung direkt über der Strasse, durch die die Kohle in den Kohlekeller geschüttet werden konnte.
Christeli und ich schliefen im Dachgeschoss, wo es keine Heizung gab. Es war im Winter bitter kalt. Es gab noch kein schwedische Bettwäsche, sondern Leintuch, Wolldecke und ein schweres Duvet mit Enten- und Gänse-Federn, aber keine Daunen. Aber es gab bereits die Bettflaschen, mit denen wir das Bett anwärmten. Später anfang der 50er-Jahre wurde dann der Klingelberg an die Fernwärme angeschlossen und wohlige Wärme durchströmte alle Räume, aber nie den Estrich mit den Mansarden!
Das Geld, das unser Vater nach Hause brachte, reichte, um zu leben. Aber es gab dennoch nur einmal in der Woche Fleisch und am Freitag Fisch . Eine günstige Gelegenheit, um zu etwas zusätzlichem Geld zu gelangen, bildete die Zimmervermietung anlässlich der Schweizerischen Mustermesse. Die MUBA war damals noch eine internationale Messe mit Ausstellern auch aus dem Ausland. So hatten wir 2 oder 3x Amerikaner in unseren Mansarden. Der eine trug als grosse Sensation weisse Nylon-Hemden, die er abends waschen, aufhängen und am morgen wieder tragen konnte, ohne sie zu bügeln. Meine Mutter war fasziniert. Ein anderer Amerikaner verkaufte spezielle Hammer mit einem Hammerkopf aus Leder. Als er im Folgejahr zum zweiten Ma kam, liess er einen dieser tollen Leder-Hammer zurück, den ich bis heute im Camping fürs Einschlagen der Häringe benutze.

Autobiografie von Max Lehmann

Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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