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Mit der Ausrufung des Landesstreiks veröffentlichte das Oltener Aktionskomitee am 11. November 1918 ein Programm in neun Punkten. Der Streik dauerte nur drei Tage, aber das Programm prägte die Sozialpolitik des 20. Jahrhunderts. Die meisten Punkte wurden im Verlauf der Jahrzehnte umgesetzt, die Forderung nach einer 48-Stunden-Woche bereits 1919, die Altersversicherung AHV nach dem Zweiten Weltkrieg 1947, das Stimm- und Wahlrecht für Frauen beschämend spät – erst 1971.
Die WOZ-Redaktion hat sich zum Hundert-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks erlaubt, das Programm ans 21. Jahrhundert anzupassen. Dabei fiel uns auf, wie unmissverständlich der damalige Text verfasst war: Die Sprache ist klar, aber nicht hohl, heutige PolitikerInnen könnten einiges davon lernen. Das Programm verbindet zudem auf eine einzigartige Weise realistische Forderungen mit einem Schuss Utopie. Deswegen gab es bei der Neufassung wohl auch keinen Streit zwischen den pragmatischer und den idealistischer gestimmten RedaktorInnen. Zumindest, bis wir bei Punkt 7 angelangt waren.
1.
1918: Sofortige Wahl des Nationalrates nach dem Proporzsystem
2018: Gleicher Lohn für alle
Dass Männer und Frauen für die gleiche Arbeit das Gleiche verdienen, ist erst der Anfang. Das Ziel ist das bestens funktionierende WOZ-Prinzip: Alle verdienen für alles gleich viel.
2.
1918: Aktives und passives Frauenwahlrecht
2018: Stimm- und Wahlrecht für alle Anwesenden
Das Frauenstimmrecht brauchte mehrere Anläufe. Wann startet endlich jemand eine Initiative, um das aktive und passive Stimm- und Wahlrecht für AusländerInnen zu fordern? Bis 2071 schaffen wir es!
3.
1918: Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht
2018: Vergemeinschaftlichung der Tech- und Pharmagiganten
Mit der Arbeitspflicht waren die Rentiers gemeint, die bloss von ihrem Vermögen lebten. Die grössten Rentiers sind heute die Tech- und Pharmagiganten. Sie zu kollektivieren, ist Service public fürs 21. Jahrhundert.
4.
1918: Einführung der 48-Stunden-Woche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen
2018: 24-Stunden-Woche
Wie löst man das Problem mit der unbezahlten Arbeit bei der Pflege oder in der Kinderbetreuung? Die 24-Stunden-Woche ermöglicht es, die Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen gerecht zu verteilen.
5.
1918: Reorganisation der Armee im Sinne des Volksheeres
2018: Abschaffung von Armee und Geheimdienst
Noch besser als eine allgemeine Wehr- ist die Einführung einer allgemeinen Friedenspflicht. Der Geheimdienst wird gleich mit abgeschafft, stellt er doch das grösste Sicherheitsrisiko dar.
6.
1918: Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten
2018: Rückbau der Einfamilienhäuser
Was 1918 fehlt, ist die ökologische Dimension. Diese zugegeben etwas brachiale Forderung leistet einen Beitrag gegen die Zersiedlung und für das soziale Zusammenleben.
7.
1918: Alters- und Invalidenversicherung
2018: Radikale Beschränkung des Flugverkehrs
Wer die kommenden Generationen vor der Klimakatastrophe schützen will, muss weniger oder gar nicht mehr ins Flugzeug steigen. Auf der Redaktion gab es eine heftige Diskussion, ob nicht gleich ein Flugverbot die richtige Massnahme wäre. Die Realos siegten gegen die Fundis in einer Abstimmung mit 10 : 5. Wobei die Fundis für sich selbstverständlich in Anspruch nehmen, die Realos zu sein.
8.
1918: Staatsmonopole für Import und Export
2018: Offene Grenzen für Menschen statt fürs Kapital
Was wird nicht dauernd empört diskutiert über neue Grenzschutzmassnahmen. Bloss geht es dabei nur immer um den Personen- statt den Kapitalverkehr, der endlich beschränkt und besteuert gehört.
9.
1918: Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden
2018: Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden
Die schönste aller Forderungen bleibt bestehen. Auch, weil sie nicht nur in der reichen Schweiz wirkt, sondern auch in den Ländern des Globalen Südens. Gilt selbstverständlich nicht für KleinsparerInnen.
Haben Sie Kommentare zu unserem Programm? Ergänzungen? Wir freuen uns! Senden Sie ein Mail mit dem Betreff «Streik» an <email-pii>.