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Das Tagebuch Emanuel Le Grands
Michael Raith
Das Riehener Jahrbuch stellt seit einigen Jahren auf dem Titelbild und in dazugehörigen Artikeln Häuser vor und folgt dabei der Kadenz öffentliches Gebäude - Landgut Bauernhof (1983 Alte Kanzlei, 1984 Wenken, 1985 Fischerhaus, 1986 Mühle, 1987 Berowergut und 1988 «Hus by der Dorflinde»). In mehreren Artikeln, mit verschiedenen Federn und aus abweichenden Blickwinkeln wird das Objekt ins Visier genommen. Zur gegenseitigen Information und um überschneidungen zu vermeiden, braucht es Vorgespräche, an denen sich manchmal zum Autoren- und Redaktionskreis weitere Freunde der Riehener Geschichte gesellen. So war es auch diesmal.
Im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung einerseits und der Familie Singeisen andererseits erinnerte man sich daran, dass Paul Wenk-Löliger seinerzeit von einer Begegnung Hans Singeisens mit dem berühmten Emmentaler Naturarzt Michael Schüpbach im Jahr 1776 gesprochen und sogar durch Adolf Glattacker ein dieses Ereignis darstellendes Schaubild hatte gestalten lassen (1953; siehe S. 23 ). Aber woher hatte Paul Wenk sein Wissen bezogen? Die greifbaren und bekannten Akten boten keine Hinweise. Sollte eine mündliche Familientradition rund 175 Jahre lang eine zutreffende Nachricht gewahrt haben? Nun gibt es neben den offiziellen Riehener Akten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch erfreulicherweise erhaltene private, so etwa die chronikalischen Aufzeichnungen des Weibels Hans Jakob Schultheiss und des Untervogts Johannes Wenk. Aber von Schüpbach berichten diese nichts.
Eine mögliche Quelle galt als verschollen: das Tagebuch Emanuel Le Grands, bekannt als Besitzer des gleichnamigen Gutes an der Rössligasse 67 und als Riehener Gemeindeschreiber von 1805-1807. Der tüchtige Basler Historiker Paul Koelner hatte im Basler Jahrbuch 1935 unter der Überschrift «Streifzüge durch ein Notizbuch aus der Zopfzeit» (a.a.O., Basel 1935, S. (50)-69) auszugsweise daraus berichtet, wobei sein Interesse vor allem den Ereignissen in der Stadt galt. Riehen kommt nur am Rande und die Begegnung Singeisens mit Schüpbach überhaupt nicht vor. Es war Fritz Lehmann, der Betreuer des Historischen Grundbuchs Riehen, der seit Jahren die Publikation des noch Unveröffentlichten forderte, weil er sich davon Aufschlüsse zur Lokalgeschichte des 18. Jahrhunderts versprach. Lehmann wusste, wovon er sprach, war er doch in seiner gründlichen Arbeit «Die Sarasinschen Güter in Riehen» (1966) Emanuel Le Grand näher getreten. Wir lesen in ihr die ergötzliche Geschichte, wie Le Grand, nach langen Rechtsstreitigkeiten mit der Gemeinde, seine Auffassung ändert und deren Standpunkt zu seinem macht. Er dient ihr als Gerichtsschreiber und Gemeinderatssekretär, erhält deswegen 1807 das Riehener Bürgerrecht geschenkt und schreibt dazu: «Ich kenne mich allzusehr um nicht einzusehen, wie wenig mir eine solche Auszeichnung zu kömmt und bin äusserst über die Gnade meines lieben Heylandes beschämt, der die Herzen der Menschen leitet wie Wasserbäche» (nach Jeremia 31,9. Siehe RJ 1966, S. 43).
Emanuel Le Grand gehört in die Welt des Pietismus, und die durch Koelner aus dem Tagebuch überlieferte Notiz, dass der Landgutbesitzer am 29. Dezember 1776 «in die Gemeinschaft der Glieder Jesu getretten und die Versammlung im Meyerhof das erstemal besucht» habe, ist für die Riehener Frömmigkeitsgeschichte wichtig (RJ 1982, S. 27f.). Paul Wenk Hess auch dieses Ereignis in einem nun von Hans Lengweiler gestalteten Schaubild festhalten. In Le Grands Glaube finden sich aufgeklärte Einflüsse Lavaters und ökumenische Gedanken. Vielleicht war es sein biblisches Interesse, das ihn Hebräisch lernen Hess. Jedenfalls erscheint in den wundervoll geschriebenen Gemeinderatsprotokollen am 6. September 1805 überraschend aus Le Grands Feder ein Text in der Sprache des Alten Testamentes.
Hans Adolf Vögelin, der für «Riehen Geschichte eines Dorfes» (1972) die Zeit seit der Französischen Revolution bearbeitete, sah das und bat mich als des Hebräischen mächtigen Theologen um übersetzung. Doch meine Künste erwiesen sich als unzulänglich: ich verstand kein Wort, die besten Lexika und Grammatiken halfen nicht weiter.
Erst nach Stunden unfruchtbarer Auseinandersetzung mit dem Text merkte ich, dass das, was da stand, mit hebräischen Buchstaben geschriebenes Deutsch (ohne Vokale) war: der gute Le Grand hatte mich zum Narren gehalten! Vögelins Hinweis in RGD S. 324 lässt meinen Frust nur noch teilweise erahnen.
Zurück zur Begegnung Singeisens mit Schüpbach: Aufschluss gab also eventuell Le Grands Tagebuch, und es ging nun darum, dieses zu finden. Koelner nannte 1935 als Besitzer des Manuskripts Paul Christ-Wackernagel und als Besitzerin eines ebenfalls im erwähnten Basler Jahrbuch abgebildeten Portraits Le Grands Salome Christ: es handelt sich dabei um Vater und Tochter, wie mich die «Familie Wackernagel Chronik 1833-1978» - Gemeinderat Martin Christ hatte sie mir einmal geschenkt - belehrte. Offensichtlich waren nach dem Tode Le Grands Tagebuch und Konterfei in der Familie der frühverstorbenen Gemahlin Maria Salome Le Grand-Christ weitervererbt worden. Wenigstens in einem Fall kam es auch zur auszugsweisen Abschrift des Tagebuchs: alt Departementssekretär Felix Lötz überliess solche «Erinnerungen an Emanuel Le Grand», abgeschrieben 1891, in verdankenswerter Weise dem Gemeindearchiv (RJ 1982, S. 28).
Frau Salome Christ war freundlich und hilfsbereit, sie bekannte sich sofort als Eigentümerin von Bild, Tagebuch und einem weiteren Manuskript. Alles durfte ich einsehen und zum Teil mitnehmen sowie photographieren und kopieren lassen: dafür ganz herzlichen Dank! Das künstlerlisch unauffällige Portrait zeigt einen pausbäckigen Le Grand mit Halskrause und einer Hand-im-Wams Stellung à la Napoleon. Auf der Rückseite findet sich eine Auflistung seiner ämter und zwei pietistische Verse, deren einer eine Selbstcharakterisierung enthält:
«Der war ein Mann, der Jesum viel betrübte,
Ein Sünder, den der Herr aus blosser Gnade liebte;
Ein aus dem Feu'r durch Ihn erlöster Brand,
Sein Name hiess: Emanuel Le Grand. »
Über die beiden Manuskriptbände schrieb schon Koelner: «Das eine dieser Bücher, betitelt «Briefe an meine Freundin im Himmel», enthält zwanzig Ergüsse eines vom Schicksal wundgeschlagenen Herzens, das unter tragischen Umständen sein Liebstes auf Erden verloren und nun in sei ner seelischen Not die Verblichene zur Mittlerin anruft [Le Grands Frau starb nach knapp zweijähriger Ehe 1776 an einer Totgeburt], Ahnungen und Träume werden mit angstvoller Gläubigkeit erörtert. Ein fortwährendes Beschauen der eigenen Unwürdigkeit, ein Bedauern des innersten Gemütslebens, dann wieder schwärmerisches Hoffen und Harren auf die Erlösung offenbaren die damalige Geistesverfassung des Dreissigjährigen. Diese für ihre Zeit bezeichnenden «documents humains» scheiden hier [d.h. zur Veröffentlichung] ohne weiteres aus, hat doch Le Grand später selbst seinem Buch den Vermerk beigefügt: «Es ist Verschiedenes in diesen Briefen, das missgedeutet werden könnte; deswegen will ich nicht, dass sie, so wie sie sind, jemand mitgeteilt werden sollen.» Sie selbst zu vernichten, brachte ihr Verfasser nicht übers Herz, wie er es mit drei vollgeschriebenen Bänden und einem grossen Bund Poesien tat, die er dem Feuer übergab.
Ganz anderer Art sind die in einem «Notizbuch» enthaltenen Aufzeichnungen aus den Jahren 1776-1781. Persönliche Reminiszenzen, Familienangelegenheiten, Klatsch, Unglücksfälle, gelegentlich ein die Stille der Stadt unterbrechendes historisches Ereignis lassen da Le Grand zur Feder greifen, in erster Linie zu dem Zweck, seine beiden in der Fremde weilenden Brüder brieflich über die Vaterstadt auf dem laufenden zu halten.
Vor allem aber lernen wir ihn aus den gebuchten, oft mit Glossen versehenen Einnahmen und Ausgaben als Guthaushalter kennen, der fest in seinem Riehen wurzelte. Le Grand war ein genauer Buchführer. Alles findet im Notizbuch seinen Niederschlag, der gekaufte Ring Bretzeli so gut wie die bei der Metzgete gemachte Zahl Blut-, Leber-, Bratund Knackwürste oder der Bestand seiner geliebten Tauben, als da sind Kropftauben, schwarze Schwoben, blaue Schwoben, gelbe Schwoben, rot Dachete, nagelgraue und silberfarbene, weiss und schwarz Schweif- und Schwalmentauben. Minutiös bucht er Ausgaben und Einnahmen des Reb-, Gemüse- und Obstgartens, in welchem er auserlesenes Obst zieht: Muskateller Pfirsiche, spanische Weichselkirschen, weisse Calvilleäpfel und Zitronenbirnen. Ja, um nicht in den Vorwurf eines liederlichen Schreibers zu kommen, motiviert er die verunstaltenden Kleckse auf einer Seite des Haushaltungsbuches mit der Randbemerkung: «Diese Dintenflecken kamen von einer Katze her, die ins Schreibzeug getretten.» Mit den Riehener Handwerkern, Bauern und Taglöhnern pflegte er geschäftliche Beziehungen; mehr als einem stand er mit stattlichem Eingebinde zu Gevatter, wie er überhaupt, nach den immer wiederkehrenden Ausgaben für Armenzwecke zu schliessen, eine gebefreudige Hand besass. » Soweit Koelner. Eine erste Durchsicht der Le Grandschen Texte zeigt deren hohen Wert für die Kenntnis des Riehener Alltags vor über 200 Jahren. Eine Menge alter Bekannter treten auf: der Sohn des Arztes Georg Christoph Müngenroth (RJ 1987, S. 72 und 80), Samuel Wenk, Witwer der geköpften Anna Hauswirth (RJ 1987, S. 64-79) und - wie erwartet - Hans Singeisen und Michael Schüpbach. Paul Wenk muss also das Le Grandsche Manuskript gekannt haben! Albin Kaspar und Friedrich Teutsch als Autoren des Jahrbuches 1988 konnten für ihre Artikel bereits einiges aus der neuen Quelle schöpfen. Wir hoffen, im nächsten Jahrbuch und dort im Zusammenhang mit der dann abgeschlossenen Renovation des Le Grand-Hauses an der Rössligasse 67, aus dem Notiz- oder Tagebuch berichten zu können. Für heute nur ein Beispiel: Johannes oder Hans Weissenberger-Krebs (RJ 1979, S. 55f., RJ 1988, S. 55 und 57) heiratete nach dem Tod der ersten Frau 1777 ein zweites Mal. Emanuel Le Grand schreibt dazu: «Der Schärer Johannes ist wieder ein Bräutigam - Gott gebe dass diese Ehe besser als erstre ausfallen und sich unter den guten Ehen so sehr distinguiere als sich die erstre 26 Jahre lang unter den bösen vorzüglich distinguieret hat» (13. Mai 1777). Die Freude am Beobachten und Werten des Tuns der lieben Mitmenschen besitzt auch in Riehen eine lange Vergangenheit. Davon also ein anderes Mal.
Personen:
Die im Artikel erwähnten Personen sind im Register zum RJ vorgestellt mit folgenden Ausnahmen:
Salome Christ {* 1908), Dr. phil., Gymnasiallehrerin, Präsidentin Weiterer Bürgerrat und Kirchenvorstand Münster, Mitglied Kirchensynode;
Paul Christ-Wackernagel (1879-1950), Bankier, Kaufmann;
Paul Koelner (1878-1960), Dr. phil. h. c., Historiker, Mittellehrer;
Maria Salome Le Grand-Christ (1749-1776).
Literatur (soweit nicht im Text genannt):
Fritz Lehmann und Lucas Frey: «Die Sarasinschen Güter in Riehen» in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 66, Basel 1966, S. (157)-226. «Von den Sarasinschen Gütern in Riehen und ihren Bewohnern», RJ 1966, S. 25-43.
Frau Christel Sitzler (Gemeindearchiv Riehen) danke ich für das z.T. schwierige Kopieren der Le Grandschen Originalmanuskripte.