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Aasfresser sind zwar Organismen, die zu grossen Teilen verrottete Pflanzen oder Fleisch fressen. Allerdings ernähren sich nur wenige von ihnen ausschliesslich von verwesendem Material.
Das Leben eines Aasfressers
Raubtiere wie Leoparden und Wölfe fressen Aas, wenn sich ihnen die Möglichkeit dazu bietet. Besonders in den Wintermonaten ernähren sich auch Füchse vermehrt von Kadavern, weil anderes Futter schwerer zu finden ist. Dasselbe gilt in Gewässern: Weisse Haie sind zwar ausgezeichnete Jäger, sind sich aber nicht zu schade, ihre Zähne auch in tote Wale zu schlagen. Viele Insekten sind ebenfalls Aasfresser. Schmeissfliegen ernähren sich oft von verwesendem Wundfleisch noch lebender Nutztiere - die davon auch keinen Schaden davontragen.
Aasfresser nehmen eine unersetzliche Stellung im Nahrungsnetz ein. Viele von ihnen sind Fleischfresser und verzehren die Überreste eines natürlich verstorbenen oder durch ein Raubtier getöteten Tieres.
Durch diese Tätigkeit wird nicht nur organisches Material abgebaut und als Nährstoff dem Ökosystem zur Verfügung gestellt. Aasfresser entfernen auch Schadstoffe aus der Umwelt und können so die Verbreitung von Krankheiten eingrenzen, mit günstigen Auswirkungen auf andere Arten und die menschliche Gesundheit.
Im Gegensatz zu vielen anderen Organismen sind Aasfresser sehr anpassungsfähig. Sie haben einen flexibleren Menüplan als andere Arten und kommen in der Regel gut in städtischen Gebieten zurecht. Beispielsweise ernähren sich Krähen in der freien Natur von Mäusen, Samen oder Nüssen. Aber die opportunistischen Vögel fressen in Städten auch Überreste von Tieren, die dem Verkehr zum Opfer gefallen sind. Andere Aasfresser bedienen sich an einfach zugänglicher Nahrung in Mülltonnen; davon kann auch ab und zu Gefahr für den Menschen ausgehen. Etwa in Churchill, Kanada, wo sich aufgrund der Erderwärmung das Eis im Herbst immer später bildet und im Frühjahr immer früher schmilzt, sehen sich Eisbären dazu gezwungen, des Öfteren durchs Landesinnere zu streifen. Hier lockt eine alternative Ernährung mit Essensresten und gelagertem Fleisch. Der vermehrte Kontakt mit den Raubtieren kann zu einer Bedrohung für die Anwohner werden. Im Normalfall aber stellen Aasfresser keine Gefahr für den Menschen dar – im Gegenteil.
Unsere Anschauung
Sie scharen sich in Massen um ihre Mahlzeit und streiten sich pickend und flügelschlagend um die besten Brocken. Vielleicht ist es ihrer Nähe zum Tod geschuldet, vielleicht unserer Vorstellung ihres geduldigen Lauerns auf das Scheitern und Unglück anderer: Aasgeier sind uns meist ein wenig suspekt. Wie auch die anderen, sich von Kadavern ernährenden Organismen. Meist sind sie auch nicht besonders schön anzusehen, scheinen gar ein bisschen misslungen. Gerade die Tüpfelhyänen kommen in ihrer Darstellung als zwielichtige Gestalten in Disneys „König der Löwen“ nicht gut weg. Ihr aufgeregtes Kichern und hämisch wirkendes Grinsen hilft da auch nicht. Dabei sind Hyänen äusserst interessante Tiere. Im Rudel sind sie sich nicht zu schade, kräftezehrende Verfolgungsjagden auf sich zu nehmen. Dazu ernähren sie sich oft von Aas, wenn es zurückgelassen wird oder einfach wegzustehlen ist. Besonders wichtig: Als Aasfresser ist die Hyäne eine Schlüsselart und erfüllt eine unentbehrliche Funktion im Ökosystem – ähnlich der der Aasgeier.
Aasgeier – Aufräumer und Giftneutralisierer
Geier, die wohl bekanntesten Aasfresser, jagen selber nicht, sondern haben sich auf das Fressen von toten Tieren spezialisiert. So sind sie im Gegensatz zu Raubvögeln auch nicht mit scharfen Krallen und Schnäbeln ausgestattet. Um das verrottende Aas zu lokalisieren, verlassen sie sich auf ihr hervorragendes Sehvermögen und den stark ausgeprägten Geruchssinn. An Land mögen sie etwas unbeholfen wirken. Sobald die Geier am Himmel gleitend ihre Kreise ziehen, zeigen sie sich von ihrer majestätischen Seite. Finden sie einen Kadaver, wird meist eine Vielzahl ihrer Artgenossen ebenfalls auf das Festmahl aufmerksam und schart sich um das Aas.
Der kahle Kopf und Hals vieler Geier verhindert das Verkleben der Federn mit Blut. Zusätzlich verkleinert diese körperliche Anpassung die Wahrscheinlichkeit, dass mit giftigen Bakterien befallene Aasteile haften bleiben und den Vogel infizieren. An heissen Tagen urinieren Geier auf ihre Beine und Füsse. Dies dient nicht nur der Abkühlung, sondern hilft ebenso dabei, Bakterien und Parasiten abzutöten, die beim engen Kontakt mit Kadavern aufgenommen werden können.
Geier ist aber nicht gleich Geier – jede Art nimmt eine andere Rolle ein. In Europa macht sich der Gänsegeier grösstenteils über Fleisch und Eingeweide her, während Schwarzgeier Sehnen und härtere Teile des Kadavers fressen und Schmutzgeier sich von kleineren Überresten ernähren. Bartgeier hingegen konsumieren hauptsächlich Mark, das weiche Gewebe im Innern der Knochen. Um es erreichen zu können, lassen sie diese aus grosser Höhe auf Felsen aufschlagen, sodass sie in kleinere Stücke zerschellen.
Obwohl Geier in der Regel frisches Fleisch bevorzugen, verzehren sie auch Kadaver, die bereits stark verrottet sind. Während sich andere Tiere daran vergiften, sind die Körper der Geier an diese Ernährung angepasst. Ihre Magensäure ist stark ätzend und macht Bakterien unschädlich, sodass sie sich auch von fauligem Fleisch problemlos ernähren können. Geier spielen so eine elementare Rolle in der Abfallbeseitigung des jeweiligen Lebensraumes. Mit der Neutralisierung von toxischen Substanzen vermindern sie das Risiko von Wasserverschmutzung und Krankheitsübertragung.
Gift für den Vogel
Nahezu überall auf der Welt kommen Geier vor. Insgesamt gibt es 23 verschiedene Arten; allerdings sind heute etwa die Hälfte dieser Arten vom Aussterben bedroht. Die Geier sind nämlich trotz allem nicht unverwundbar: Von Menschen ausgebrachte Toxine sind mitverantwortlich für grossflächige Geiersterben.
In den USA wurde die kalifornische Kondorpopulation in den 1980er Jahren auf einen Tiefststand von 22 Individuen reduziert. Dies aufgrund versehentlicher Vergiftungen durch Jäger. Nach dem Abschuss der Tiere wurden die Überreste jeweils liegengelassen, und mit ihnen Geschossfragmente aus giftigem Blei, die von den Geiern mitsamt dem Fleisch aufgenommen wurden. Heute haben erfolgreiche Naturschutzbemühungen zu einer Verbesserung der Situation für den kalifornischen Kondor geführt. Er gilt allerdings noch immer als einer der seltensten Vögel auf unserem Planeten.
Auf dem afrikanischen Kontinent passierte Ähnliches. Hirten vergifteten Kadaver, um ihr Vieh vor hungrigen Löwen zu schützen. Meist wurden jedoch die Geier Opfer dieser Praxis. Wilderer griffen ebenfalls zu Gift, um zu verhindern, dass die in grossen Zahlen angelockten Geier die Gegenwart illegal gejagter Tiere verraten.
In Indien wurden durch das schmerzstillende Kuhmedikament Diclofenac in den 1990er Jahren etwa 90 Prozent der Bengalgeier vergiftet; sie starben letztlich an Nierenversagen. Da Geier in Gruppen fressen, konnte ein einziger Kuhkadaver mehrere Vögel gleichzeitig vergiften. Auch andere asiatische Geierarten hatten mit einem raschen Rückgang aufgrund der Anwendung des Medikaments zu kämpfen.
Folgen für das Ökosystem – und den Menschen
Der nahezu vollständige Zusammenbruch der Geierpopulationen blieb nicht ohne dramatische ökologische und sozioökonomische Folgen. Jedes Jahr blieben Millionen von Tonnen Tierkadaver liegen. Dies war nicht nur ein optimaler Infektionsherd, es führte auch zu einer Vermehrung von Ratten und wilden Hunden. Die Wildhundepopulation in Indien nahm um geschätzte 5 Millionen zu, was zu über 38 Millionen zusätzlichen Hundebissen führte. Mit der Übertragung der Tollwut auf den Menschen wurden 47'000 menschliche Todesfälle mehr festgestellt, was Kosten von 34 Milliarden Dollar verursachte. Andere Aasfresser konnten die nun freigewordene ökologische Nische der Geier nicht ebenso erfolgreich füllen, denn sie sind oft weniger widerstandsfähig gegen Krankheiten. Schnell wurde klar: Gesunde Geierpopulationen sind immens wichtig, um das gesamte Nahrungsnetz zu stützen und das Ökosystem in einer gesunden Balance zu halten.
Gegenwart und Zukunft der Geier
2006 wurde die Verwendung von Diclofenac in Indien, Pakistan und Nepal verboten, wodurch die Geierpopulationen deutlich entlastet wurden. Auch Schutzgebiete und Zuchtprogramme trugen ihren Teil zur Verbesserung der Situation bei. In Nepal erholten sich die Zahlen der Geier und in Indien hat sich ihr Rückgang stark verlangsamt. Es gilt allerdings zu bedenken, dass Geier langlebige Vögel sind und so nicht mehr als 2 Küken pro Jahr aufziehen. Dieses gemächliche Vermehrungsverhalten führt dazu, dass sich die Wildpopulationen nur langsam erholen. Kontinuierliche Schutzmassnahmen sind daher entscheidend.
Die Abnahme von Nahrung und geeigneten Lebensräumen sowie Verfolgung und Vergiftung führten auch in vielen europäischen Ländern zum Verschwinden der dort ursprünglich sehr erfolgreich brütenden Geier. Der vielerorts verbesserte Artenschutz ermöglichte in jüngster Zeit die Wiederansiedlung von Geiern – die Populationen beginnen sich zu regenerieren. Oft werden einige der Vögel mit GPS-Sendern ausgestattet, um ihre Verhalten und ihre Bedürfnisse besser verstehen zu lernen. Dies hilft mit, den Schutz dieser wichtigen Schlüsselarten besser gewährleisten zu können, um ihre essenzielle Funktion im Nahrungsnetz und Ökosystem zu erhalten.
In der nächsten Woche dreht sich alles um die kleinen Zersetzer im Tierreich, die ihrer bedeutungsvollen Arbeit gewissenhaft und oft im Verborgenen nachgehen.