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Nach der zweiten Babypause ist es der erste Vergleich mit der Kurzdistanz-Weltelite für die Olympiasiegerin von 2012 und Olympia-Zweite von 2016 seit Rio. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur sda äussert sich die 35-jährige Zürcher Unterländerin über ihre vergangene Schwangerschaft, die raschen Fortschritte im Formaufbau und ihre (Resultat-)Erwartungen.
Wie gut ist Ihre Form knapp vier Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes?
Nicola Spirig: «Die Form ist überraschend gut. Es war bald nach der Geburt wieder ein gewisser Formstand da. In St.Moritz bei meiner Trainingsgruppe konnte ich relativ schnell wieder mitkommen oder mit trainieren. Ich bin aber natürlich noch weit entfernt von einer Olympia-Form. Doch angesichts der Tatsache, dass erst knapp 17 Wochen seit der Geburt von Malea vergangen sind, ist die Form sehr gut.»
Wie beurteilen Sie den aktuellen Saisonverlauf in der WM-Serie?
«WM-Leaderin Flora Duffy aus Bermuda ist sicher ganz stark im Moment. Sie fuhr zumeist allen davon und ist auch sehr laufstark. Sie gewann jeweils sehr souverän. In Rotterdam gibt es viele Ecken auf der Radstrecke. Man kann gut zu zweit oder zu dritt vorne wegfahren und Zeit vor dem Laufen herausholen. Neben Duffy imponierte mir noch die Australierin Ashleigh Gentle als aktuelle WM-Zweite. Sie kann einen Rückstand nach dem Radfahren im Laufen noch aufholen. Allgemein hat es viele Athletinnen, die gut in Form sind. Es ist für mich wirklich ein Vergleich mit der Weltspitze und eine gute Standortbestimmung. Es kann sein, dass es rangmässig für mich etwas weniger gut ausfällt. Ich kann vielleicht im Schwimmen erst in der zweiten oder dritten Gruppe aus dem Wasser kommen. Und dann habe ich noch nicht die Substanz, um den Rückstand im Radfahren alleine wettzumachen. Das kann am Ende in einem 30. Rang resultieren. Doch das hoffe ich natürlich nicht.»
Wäre es für Sie nicht schon ein grosser Erfolg, wenn Sie vor Landsfrau Jolanda Annen blieben, die aktuell starke WM-Gesamt-Zehnte ist?
«Ich gehe nach Rotterdam, um mich mit allen aus der Welt zu vergleichen, nicht nur mit Jolanda Annen. Ich habe sie und ihre Leistungen aber natürlich auch verfolgt. Vor allem in der Sprintdistanz hat sie sich in der Weltspitze etabliert. Ich würde mich auch für sie freuen, wenn sie ein gutes Rennen hat und sich vor mir klassiert. Aber ich werde mein Rennen nicht nach Jolanda ausrichten. Ich werde versuchen, die bestmögliche Rangierung gegen die gesamte Konkurrenz zu holen.»
Das Mixed-Team-Format mit je zwei Männern und Frauen pro Land ist 2020 in Tokio erstmals olympisch. Da ist ein starkes Schweizer Team gefragt, und mit einer sich weiter steigernden Annen würde auch Ihnen eine zweite Medaillen-Chance in Tokio ermöglicht.
«Das ist natürlich eine tolle Sache mit den zwei Startmöglichkeiten. Ich unterstütze natürlich alles, was ermöglicht, dass wir ein gutes Team und eine Medaillen-Chance haben. Die Qualifikations-Kriterien für einen Team-Start sind allerdings meines Wissens noch nicht ganz klar.»
Eine Medaillenchance – ob mit oder ohne Team-Start – ist für Sie Voraussetzung für eine fünfte Olympia-Teilnahme. Sie nehmen die Qualifikation nur in diesem Fall an?
«Vor Olympia haben zehn bis 15 Athletinnen eine Medaillenchance. Da möchte ich dazu gehören. Das ist schon mein Anspruch. Ich will fit sein und eine Medaillen-Chance haben und nicht einfach nur fünfte Olympische Spiele machen.»
Wie schätzen Sie deshalb aktuell Ihre Chancen ein, sich 2020 auf diesem Niveau zu befinden?
«Familiär gesehen läuft momentan alles bestens. Mein Ehemann Reto Hug hält mir den Rücken frei. Alle sind glücklich und entspannt. Auch Yannis ist glücklich im Kindergarten und hat Freude an seiner Schwester. Daher kann ich momentan sehr gut trainieren. Ich kann aber heute noch nicht sagen, wie das in drei Jahren aussehen wird.»
Wird es wieder Abstecher innerhalb dieses Olympia-Zyklus in andere Disziplinen oder Sportarten geben?
«Es gehört zum Training, dass mich mein Trainer Brett Sutton herausfordert. Das mit dem 800-Meter-Rennen vor wenigen Wochen, das ich in meinem ersten entsprechenden Wettkampf seit 15 Jahren lief, ist ein letztes Beispiel dafür (Spirig drückte dabei ihre Bestzeit auf 2:18 Minuten – Red.).»
Während der Schwangerschaft äusserten Sie sich in der Öffentlichkeit über Ihr Sportverhalten und berichteten davon, dass Sport mit niedrigerer Intensität auch in fortgeschrittener Schwangerschaft nicht schlecht ist für das Kindeswohl und das persönliche Wohlbefinden.
«Schon bei der ersten Schwangerschaft hatte ich das Gefühl, dass es sehr wenige Fachstudien und Experten-Ansichten für betroffene Athletinnen gibt. Ein Frauenarzt versteht nicht so viel vom Sport und der Sportarzt nicht so viel von schwangeren Frauen. Deshalb sind alle in diesem Bereich etwas vage mit ihrem Wissen. Ich sprach auch deshalb beispielsweise mit der Ärztin Sibylle Matter, die selbst Spitzen-Triathletin war und Mutter wurde. Ihre und meine Erfahrungen wollte ich mit anderen Frauen teilen. Ich finde einfach, dass man als schwangere Frau nicht krank ist und deshalb auch nicht im Bett bleiben muss. Manchmal hat man Probleme, dann ist Sport nicht möglich. Ich hatte das Glück, dass dies bei mir möglich war. Und dann ist die Bewegung auf jeden Fall von Vorteil. Nicht nur wegen der Fitness. Sondern auch, weil der Körper die Geburt und die anschliessende Rückbildung des Körpers nach der Geburt besser verkraftet.»
(SDA)