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Wilhelm von Jumieges erwähnt in seiner „Gesta Normannorum ducum“ dass Wilhelm der Eroberer mit 3000 Schiffen von Valèry-sur-Somme nach Pevensey aufgebrochen sein soll. Dies ist ohne Zweifel stark übertrieben – die Chronisten neigten schon immer dazu, ihre Schilderungen stark nach oben zu schrauben, schliesslich arbeiten sie für ihre Kunden und wollten diese möglichst gut aussehen lassen (dies ist heute nicht anders!).
Ich gehe davon aus, dass Wilhelm knapp eintausend Schiffe in Dives-sur-Mer zusammenzog, ausrüstete und kontrollierte. Er liess sicher nur einige wenige neu bauen.
Was die Anzahl der Schiffe anbelangt, so haben wir einen guten Hinweis. Die berühmte „Ship list“ aus dem Kloster Fécamp wird von vielen Historikern als glaubwürdig betrachtet. Diese Liste zeigt, welche Noblen aus der normannischen, bretonischen und flämischen Aristokratie für das Abenteuer „Conquest of England“ gewonnen werden konnten und wie viele Schiffe sie beitrugen. Sie enthält eine Aufstellung mit 776 Schiffen. Was auf dieser Liste noch fehlt, ist die „Mora“, das Flaggschiff von Wilhelm, das ihm von seiner Gemahlin geschenkt wurde. Ich vermute, dass dies eines der wenigen Schiffe war, die für die Invasion wirklich neu gebaut wurden. Zu den Schiffen auf der „Ship List“ kommen noch diejenigen, die William selber und sein engeres Umfeld für sein Vorhaben beisteuerten sowie viele einzelne Schiffe aller Art von Abenteurern aus der Normandie. So ist meine Rechnung wie folgt: 776 ship list + 1 Mora + ca. 150 Wilhelm und einzelne Abenteurer = knapp 1000 Schiffe.
Man darf sich nun aber nicht vorstellen, dass dies eintausend stolze Wikinger-Drachenschiffe waren, wie der Teppich von Bayeux dem naiven Betrachter suggeriert. Nein, es waren wohl aus nah und fern zusammengezogene Kähne, Schiffchen und Schiffe aller Art, welche in Dives-sur-Mer höchstens noch umgebaut, ausgerüstet und kontrolliert wurden. Die Bewohner der fränkischen Küsten waren sicher mit Schiffen aller Art ausgerüstet, die für die Fischerei, den Handel und für die Verteidigung bereits vorhanden waren.
Der famose Teppich von Bayeux erweckt auf Bild 36 und 37 den Eindruck, die Flotte wäre in Dives-sur-Mer im Hinblick auf die Invasion von England neu gebaut worden. Dieser Annahme widerspreche ich vehement:
Ein Neubau vom Typ eines mittleren (20 Meter) Wikingerschiffes benötigt ungefähr zehn grosse Eichen und dazu ein paar Kiefern oder Tannen. Für die wichtigen Teile Kiel, Planken und Mast brauchte man nämlich sehr spezifische Teile von Bäumen, so dass ausserordentlich viel Abfall anfiel. Die Planken mussten mit Muskelkraft, d.h. mit Keilen und Äxten aus den Stämmen gewonnen werden. Nach Angabe des Viking Ship Museum, Roskilde DK, benötigt der Bau eines Wikinger-Schiffes ca. 26’500 Arbeitsstunden von teilweise sehr qualifizierten Handwerkern. Für 950 Schiffe ergibt dies 25 Mio. Arbeitsstunden, die in der Zeit von Mitte März bis Mitte August hätten geleistet werden müssen. Dies bedeutet, dass ca. 14’000 qualifizierte, ja teilweise hoch spezialisierte Handwerker in 12-Stunden-Arbeitstagen beschäftigt gewesen wären. Dabei ist die Herstellung der ca. 1500 Eisennieten, der ungefähr 100 m2 Wollsegel und der 200m Seile pro Schiff noch nicht einmal gerechnet. Dies alles benötigte weitere qualifizierte Handwerker, die in solchen Zahlen gar nicht verfügbar waren!
Bei allem Glauben an das Organisationstalent und die Führungskraft von Wilhelm dem Eroberer wüsste ich nicht, wie er dies hätte bewerkstelligen können. Wer behauptet, die Normannen hätten alle Schiffe für den „Conquest“ im ersten Halbjahr 1066 gebaut, muss mir auch erklären, wie diese 14’000 Arbeiter untergebracht und verpflegt worden wären. Vom Fällen und Transportieren der rund 15’000 Bäume (davon 9500 geeignete Eichen) und von der weiteren Versorgung der Handwerker und Soldaten haben wir noch gar nicht geredet.
Nein, der Bau von mehr als einigen wenigen Schiffen ausschliesslich für die Invasion wäre nicht möglich gewesen!