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Russisches Experiment
Die Zähmung des Fuchses
In den 195oer-Jahren starteten Wissenschaftler einen Versuch: Sie wollten Füchse domestizieren, wie es unsere Ahnen einst mit Wölfen getan hatten. Erfolg hatten sie – aber das Experiment hat auch dunkle Seiten.
Begründer des langjährigen Experiments war der russische Genetiker Dimitri Beljajew. Um Sanktionen zu entgehen – Stalin hatte damals die Genetik als «faschistische und bourgeoise» Wissenschaft verboten – arbeiteten er und sein Team in Sibirien unter dem Deckmantel der Pelztierzucht. In Wirklichkeit begaben sie sich auf Pelzfarmen, um dort die am wenigsten aggressiven Füchse auszuwählen und mit ihnen auf ihrer eigenen Farm in der Nähe der Stadt Nowosibirsk weiter zu züchten. Die Forscher wollten die Mechanismen der Domestizierung verstehen lernen, in dem sie selber domestizierten.
Die ersten Teilnehmer des Experiments waren 130 Silberfüchse, eine grau-schwarze Farbvariante des Rotfuchses, die auf Pelzfarmen sehr beliebt war. Die Forscherinnen und Forscher – eine von ihnen war Ljudmilla Trut, die nach dem Tod Beljajevs 1985 die Leitung der Fuchsfarm übernahm – selektierten nur auf ein einziges Merkmal: Zähmbarkeit, womit sie Toleranz für und Anpassungsfähigkeit an den Menschen meinten. Die jeweils zutraulichsten Füchse aus einer Generation wurden für die Weiterzucht ausgesucht. Veränderungen zeigten sich bald: Nach vier Generationen seien Welpen aufgetaucht, die wie Hunde mit dem Schwanz wedelten und nach sechs Generationen habe es solche gegeben, die freudig den Kontakt zu Menschen suchten, schrieb Trut in einer 2009 veröffentlichten Studie. Obwohl die Biologen es sich zum Ziel gesetzt hatten, einen Prozess, der bei Wölfen Tausende von Jahren gedauert hat, innerhalb kurzer Zeit durchzuführen, waren sie von der Schnelligkeit der Ergebnisse überrascht.
Über die Jahrzehnte begannen die Füchse, sich noch weiter zu verändern, immer grössere Teile der Population nahmen die neuen Merkmale an. Neben Veränderungen im Verhalten, das dem von Hunden ähnlicher wurde und der Tatsache, dass sie plötzlich öfter und mehr Junge kriegten, veränderten sich die Tiere auch äusserlich. Sie bekamen unter anderem ein geflecktes Fell, manche hatten Schlappohren, wie wir sie von Hunden kennen, ihre Beine, Schwänze und Schnauzen wurden kürzer, ihr Schädel breiter – kurz: Sie wurden herziger.
Füchse als Haustiere in Amerika (Video: Jonathan Reynaert):
Tierschützerisch bedenklich
Heute, über 60 Jahre und viele Generationen von Füchsen später, gehört das Fuchs-Experiment dem Institut für Zytologie und Genetik der Russischen Akademie der Wissenschaften an und wird immer noch von Trut geführt. Während es von Wissenschaftlern und Medien als einmalige Gelegenheit gelobt wird, die genetischen Grundlagen und Mechanismen der Domestikation zu erforschen, ist es aus tierschützerischer Sicht eine Katastrophe. Wie auf etlichen Videos zu sehen ist, werden die Füchse einzeln in viel zu kleinen Käfigen gehalten. Menschlichen Kontakt haben sie wenig, weil man sicher gehen will, dass die Zahmheit der Füchse angeboren und nicht etwa anerzogen ist, wie die ARD 2015 berichtete. Ein Tier darauf zu züchten, menschliche Zuneigung zu brauchen und ihm diese dann zu verwehren, erscheint schon fast grausam.
Die kleinen Käfige begründen Mitarbeiter damit, dass es der einzige Weg sei, die Zucht zu kontrollieren, und mit den knappen Ressourcen. Den Zerfall der Sowjetunion hat das Experiment zwar überlebt, doch geriet es immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten, so auch in den letzten Jahren. Verschiedene Quellen sprachen in den letzten Jahren von mehreren Tausend Füchsen auf der Farm. Letztes Jahr berichtete die britische BBC von 340 komplett zahmen Tieren. Das verursacht natürlich grosse Kosten. «Die Situation ist nicht katastrophal, aber auch nicht stabil», sagte eine Projektmitarbeiterin zu der BBC. Schon seit Beginn des Experiments wurden diejenigen Füchse, die nicht für die Zucht ausgewählt wurden, an Pelzfarmen verkauft. Dies geschieht wohl auch heute noch. Wie das Magazin «National Geographic» 2011 schrieb, habe Ljudmilla Trut die Aufgabe, auszusuchen, wer bleiben darf und wen ein schlimmes Schicksal erwartet, längst an andere abgegeben und bleibe während dieser Zeit der Farm fern. «Es ist emotional sehr schwer», sagte sie damals.
Das Video von «Galileo» zeigt, wie es auf der Fuchsfarm aussieht. Allerdings enthält der Beitrag einige Fehler, so dass an seiner Seriosität gezweifelt werden darf. So handelt es sich zum Beispiel bei den weissen Füchsen nicht wie behauptet um Polarfüchse, sondern um weisse Rotfüchse. Polarfüchse (Vulpes lagopus) gehören einer andern Art an als Rotfüchse (Vulpes vulpes) und wurden in dem Experiment nie verwendet (Video: Pro7/Galileo):
Um das Budget aufzubessern, hat man Ende der 90er-Jahre damit begonnen, die zahmen Füchse als Haustiere zu verkaufen – für stolze 8000 bis 9000 Dollar pro Tier. Anfangs kaum beachtet, scheinen sich die Füchse als Haustiere langsam zu etablieren, wie zahlreiche Videos auf Youtube belegen. «Wir tun unser Bestes, die ganze Population zu erhalten», sagte Trut zum «National Geographic».
Bericht des amerikanischen Newssenders ABC über die russischen Füchse (Video: ABC News):
In der Schweiz immer noch Wildtier
Wer sich nun überlegt, sich solch ein aussergewöhnliches Haustier anzuschaffen, sollte zuerst einen Blick in die Schweizer Tierschutzverordnung werfen. Diese regelt die Haltung von Wildtieren. Als solches gilt der Fuchs in der Schweiz nach wie vor als Wildtier, auch wenn er noch so domestiziert daher kommt. Fuchshalter müssen deshalb eine «Fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung» absolvieren. Dies kann man bei der Arbeitsgemeinschaft für Jagdhundewesen tun. Eine zweite Hürde ist die Einfuhr. Der Import von Tieren aus Ländern wie Russland sei «hochgradig schwierig», heisst es beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage von «Tierwelt Online». Das Jagdrecht verbietet die Einfuhr eines Fuchses nicht, aber da es in Russland noch Tollwut gibt, kann sie zu einem langwierigen Prozess werden.
Zudem: Ganz so domestiziert, wie die russischen Forscher behaupten, sind ihre Füchse dann wohl doch nicht. Besitzer berichten von zerstörten Einrichtungen und übermässiger Aktivität, auch an der Leine laufen wollen die Tiere nicht so recht. Im Gegensatz zu Hunden bilden sie keine Rudel und akzeptieren keine Hierarchien mit dem Menschen. Für eine Belohnung führen sie aber trotzdem Befehle aus, wie das Video der ARD zeigt. Der Hund tut dies auch ohne Leckerli – das Lob seines Menschen ist ihm Belohnung genug.
Das Video der ARD zeigt unter anderem, wie Doktorandin Irina ihre Füchsin erzieht (Video: ARD):