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Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es. Varian Fry tat es. Und rettete ab 1940 mindestens 2000 Intellektuelle und Künstler, die von den Nazis verfolgt in Vichy-Frankreich strandeten. Die Flucht von Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Marc Chagall, Max Ernst, Heinrich Mann, Walter Benjamin, Max Ophüls oder Franz Werfel hatte der New Yorker Fry mit Ausreisevisa für die USA in die Wege geleitet. Dennoch warf er sich nie in die Pose eines Helden. Der feminin wirkende Harvard-Absolvent bleibt daher auch eher unscheinbar im Wimmelbild, das Eveline Hasler gekonnt vom Fluchtpunkt Marseille zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zeichnet. Keine herausragende Persönlichkeit, kein weisser Ritter, kein John Wayne, nur ein Mann mit einem Büro, einer Gruppe couragierter Helfer und dem inoffiziellen Auftrag, ursprünglich zweihundert abgezählte US-Visa an verfolgte Künstler und Intellektuelle zu vergeben. Nach Amerika per Schiff von Marseille via Martinique oder über die Pyrenäen sowie mit Transitvisum durch Spanien bis zu den freien portugiesischen Häfen, das waren die letzten Wege aus dem drohenden Holocaust sowohl für die Pariser Bohème als auch die vertriebenen deutschen Dichter und Denker. Sie strömten in den letzten Hafen, der eine Passage aus der Barbarei in die zivilisierte Welt bot.
Die Tessinerin Eveline Hasler erzählt den Wirrwarr der Schicksale und Katastrophen episodenhaft und detailreich, ohne in langatmiges Dozieren zu verfallen. Besonders sympathisch ist die klar erkennbare Sympathie der Autorin für einige Personen oder Schicksale: für den zittrig-nervösen jüdischen Satiriker Walter Mehring – 1981 in Zürich verstorben –, der drei Anläufe zur Flucht brauchte und mit dem wirklich allerletzten Schiff doch noch entkam. Für die kapriziöse Alma Werfel-Mahler – Witwe von Gustav Mahler, Ex-Geliebte von Oskar Kokoschka und Ex-Frau von Walter Gropius –, die in Riemchensandalen über die Pyrenäen kletterte und trotz dieses Handicaps ihren korpulenten Gatten Franz Werfel sowie den altersmüden Heinrich Mann abhängte. Für den 15jährigen Danziger Juden Justus Rosenberg, der mit dem Fahrrad durch Frankreich floh und mit Charlie-Chaplin-Parodien auf den Strassen ein paar zugeworfene Sous verdiente, bis er bei Fry und seinen Helfern als gewitzter Botenjunge unterkam. Diese Liste liesse sich erweitern, soll aber nicht in die Irre führen. «Mit dem letzten Schiff» ist kein witzelnd-ignoranter Rückblick. Hasler wird den dramatischen Zeitumständen jederzeit gerecht, beschreibt das nationalsozialistische Lagerwesen, die Verbrechen vor allem auch gegen geflohene Kinder, die tödlichen Bedrohungen, die verzweifelten Opfer – Walter Benjamin war bereits in Spanien, als er sich umbrachte, Walter Hasenclever liess im Internierungslager Les Milles jede Hoffnung fahren. Diese Lebenswege werden ohne gravitätische Einschübe der Betroffenheit oder salbungsvolle Elogen auf Verdienste und Kümmernisse geschildert. Es ist eine flüssige Geschichte voller Leben, aller Verzweiflung zum Trotz.
Nur eine Einschränkung gibt es bei dem Lob für dieses informative, lesenswerte Panorama der Flucht: Der Harvard-Absolvent und Lateinlehrer, der in Yad-Vashem als «Gerechter unter den Völkern» geehrte und zum Ehrenritter der Französischen Legion gekürte Varian Fry kommt ein wenig zu kurz. Mit dem grammatikalisch ohnehin holprigen Untertitel «Der gefährliche Auftrag von Varian Fry» – der Dativ ist der Tod von dem Genitiv – wird ein biographischer Einblick angekündigt, den Hasler zugunsten der Vielfalt der Schicksale nicht liefert. Trotzdem: ein gelungenes Buch über kleine Lichter in finsteren Zeiten.