Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/529

Anton Čechovs Drama Onkel Wanja – Vier Bilder aus dem Landleben erschien 1896 und wurde 1899 im Moskauer Künstlertheater uraufgeführt. Das Stück handelt vom Leben eines Professors und seiner Angehörigen auf einem Landgut.
Der emeritierte Professor Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow kehrt der Stadt den Rücken und lebt nun mit seiner zweiten Frau, der 27jährigen Schönheit Jelena Andrejewna, auf dem früheren Landgut seiner ersten, bereits verstorbenen Ehefrau. Es gehört nun seiner Tochter Sofia Alexandrowna, genannt Sonja. Iwan Petrowitsch Woinizki, genannt Wanja, ist Sonjas Onkel und also Serebrjakows Schwager. Sie leben und arbeiten auf dem Landgut, zusammen mit Maria Wassiljewna Woinizkaja – Wanjas Mutter und Sonjas Grossmutter.
An einem dunstigen Nachmittag warten die Kinderfrau Marina und der Arzt Michail Lwowitsch Astrow in einem Garten des Landguts auf die Rückkehr des Professors zum Tee. Er befindet sich zusammen mit Jelena, Sonja und dem ehemaligen Gutsbesitzer Ilja Iljitsch Telegin, der auch Sonjas Pate ist, auf einem Spaziergang. Wanja erscheint im Garten und beklagt sich darüber, dass auf dem Landgut alles durcheinander gehe, seitdem der Professor zurück sei. Er selber, Wanja, schlafe unregelmässig, arbeite kaum noch und beginne schon morgens zu trinken. Marina stimmt in Wanjas Beschwerde ein: Der eigenartige Tagesablauf des Professors – Mittagessen am Abend, Tee um ein Uhr nachts – bereite auch ihr Schwierigkeiten.
Als der Professor mit seiner Begleitung vom Spaziergang zurückkehrt, begibt er sich direkt in sein Arbeitszimmer, wo ihm Marina auch den Tee hinbringen soll. Wanja wundert sich darüber, warum die bildhübsche Jelena ihr Jugend wegwerfe und den Professor – in Wanjas Augen einen alten Tattergreis – heirate. Er hält Jelenas Treue für Verlogen, denn es könne nicht sein, dass sie den Professor nicht mit einem anderen Mann betrüge.
Jelena, die Astrow wegen des Professors Rheumaleiden auf das Landgut bestellt hat, teilt dem Arzt mit, dass er vergebens angereist sei: Der Professor sei wieder bei bester Gesundheit. Astrows langer Weg war umsonst, doch wird er nun immerhin zum Essen eingeladen und kann auf dem Landgut übernachten. Maria Wassiljewna will sich über die neueste Veröffentlichung des Professors unterhalten, worin er eine seiner früheren Positionen widerrufe, doch Wanja will nicht darauf eingehen. Astrow spottet über den Professor und dessen geistige Arbeit, indem er ihn als ein schreibendes Perpetuum mobile bezeichnet.
Ein Arbeiter bringt eine Nachricht für Astrow: In der Fabrik habe sich ein Unfall ereignet; Astrow muss sich um den Verletzten kümmern. Bevor er geht, lädt er Jelena und Sonja noch zu sich ein, um bei Gelegenheit seinen Garten und seine imposante Baumschule anzusehen. Astrow kümmert sich nämlich neben seiner Tätigkeit als Arzt auch um die Wälder. Er kämpft gegen ihr Abholzen – zum Heizen könne man Torf, zum Bauen Steine verwenden –, und will mit seiner Arbeit für ein milderes Klima sorgen, was wiederum das Gemüt der Menschen mildern soll.
Als Astrow weggegangen ist, wendet sich Jelena an Wanja: Man solle kein Mitleid mit ihr und ihrer verschenkten Jugend haben, denn die Kraft, sich wegzuschenken, sei doch das Schönste. Sie glaubt, dass Astrow sie für arrogant halte, und dass Sonja in ihn verliebt sei. Wanja gesteht Jelena seine Liebe und möchte mit ihr darüber reden, doch sie wehrt ab.
In der Nacht, als Serebrjakow bei geöffnetem Fenster auf seinem Lehnstuhl sitzend erwacht, klagt er über starke Schmerzen. Er glaubt, allen andern widerwärtig und lästig zu sein und vergleicht seinen Aufenthalt auf dem Landgut mit der Verbannung auf eine Insel voller Leichen. Trotz starker Schmerzen will er sich nicht von Astrow behandeln lassen, diesem spricht er nämlich jeglichen medizinischen Sachverstand ab. Wanja will Sonja und Jelena ins Bett schicken und sich um den Professor kümmern, doch der Professor will nicht mit ihm alleine gelassen werden – Wanja würde ihn sonst zu Tode reden.
Jelena ärgert sich über die ständigen Streitereien und wähnt sich immer kurz vor einem Weinkrampf. Wanja sieht sein Leben als einen einzigen Scherbenhaufen. Er könne nicht zusehen, wie Jelena ihr Leben ruiniere. Er bedauert, sie nicht vor zehn Jahren, als er noch ein junger Mann war, geheiratet zu haben. Er habe alle Zeit geschuftet, um für den Professor das Letzte aus dem Landgut herauszuholen. Einst hielt Wanja den Professor für den Grössten, nun ist er für ihn ein Nichts.
Astrow will sich gemeinsam mit Wanja betrinken, Telegin soll dazu etwas auf der Gitarre spielen. Sonja wirft Wanja seine ständige Trinkerei vor, weswegen er die ganze Wirtschaft verkommen lasse, zumal es gerade zu regnen anfange und draussen das Heu herumliege. Astrow, der eigens für Sonja Weste und Krawatte anzieht, solle ihrem Onkel nichts mehr zu trinken geben.
Da der Professor ohnehin nicht auf Astrows Rat hört, will er abreisen. Doch Sonja kann ihn noch dazu überreden, auf einen kleinen Imbiss zu bleiben. Astrow sagt, dass er es auf diesem Landgut keinen Monat aushalten würde. Jelena bezeichnet er als einen Parasit, denn sie tue nichts und beute die andern bloss aus. Das Leben bezeichnet er als eine Provinzposse. Die Bauern seien abgestumpft und die Intelligenz sei zum einschlafen. Zur Natur und unter den Menschen gäbe es keine Beziehung mehr. Auf Sonjas Wunsch schwört Astrow der Trinkerei ab. Sie fragt ihn nach seiner möglichen Reaktion, sollte sie ihm sagen, dass eine Freundin von ihr sich in ihn verlieben würde. Astrow würde bloss antworten, dass sie sich vergriffen hätte.
Jelena fühlt sich von Sonja beobachtet und glaubt, dass sie ihr wegen ihrer Liebe zum Professor misstraue. Die beidenschliessen Frieden, und Jelena gesteht Sonja, dass sie unglücklich sei, lieber einen jüngeren Mann hätte, und dass ihr Astrow sehr gut gefalle. Sonja beginnt von Astrow zu schwärmen, worauf Jelena Leute wie Astrow als rar in einem Land von Idioten bezeichnet. Seine Trinkerei rechtfertigt sie mit seiner schweren ärztlichen Tätigkeit. Sie wünscht Sonja Glück mit Astrow, denn das hätte sie verdient.
Wanja, Sonja und Jelena warten auf eine wichtige Mitteilung des Professors. Jelena beklagt sich über die Langeweile und Wanjas ständiges Gerede. Sonja schlägt ihr Arbeit als Ablenkung vor; Wanja empfiehlt ihr, sich in den nächstbesten Mann zu verlieben. Sonja will Jelena unter vier Augen sprechen: Sie glaubt, von Astrow nicht beachtet zu werden und schriebt dies ihrem Äusseren zu. Jelena will Klarheit schaffen und Astrow, in den sie selbst verliebt ist, zur Rede stellen: Falls er Sonja nicht liebe, solle er nie mehr bei ihnen auftauchen. Sie schickt Sonja ihn zu holen, doch ist Jelena bereits davon überzeugt, dass Astrow sie bei ihrem Aussehen nicht liebe.
Astrow zeigt Jelena drei Zeichnungen. Diese illustrieren den Rückgang des Waldes und das Verschwinden verschiedener Tierarten innerhalb der letzten 50 Jahre. Die Zerstörung werde total sein, wenn das so weiter gehe. Als Astrow ihr Desinteresse bemerkt, kommt Jelena zu ihrem eigentlichen Anliegen: Ob er Sonja liebe? Astrow verneint, er sei in Jelena verliebt. Er küsst sie und will sich mit ihr am darauffolgenden Tag treffen, wobei sie von Wanja überrascht werden. Astrow spielt den Vorfall herunter und verschwindet. Jelena möchte nun so schnell wie möglich mit ihrem Mann abreisen.
Die Gutsbewohner besammeln sich, und der Professor verkündet seine Mitteilung: Das Leben auf dem Land sei ihm als Mann des Geistes unmöglich. Für ein Leben in der Stadt wäre aber das Geld zu knapp, denn das Gut werfe zu wenig Ertrag ab. Darum will er das Gut verkaufen und den Verkaufserlös in ein Ferienhaus in Finnland und in Wertpapiere investieren, dies werfe mehr Gewinn ab. Wanja wendet ein, dass Sonja die rechtmässige Erbin des Gutes sei. Ausserdem hätte man es ohne Wanjas Verzicht auf seinen Erbteil und ohne seine zehnjährige aufopferungsvolle Arbeit niemals halten können. Er fühlt sich von Serebrjakow hintergangen und äussert seine Verachtung gegenüber des Professors Werks, ja bezeichnet ihn sogar als Scharlatan. Er wirft ihm vor, sein Leben ruiniert zu haben. Jelena beginnt zu schreien, Telegin verlässt den Raum, bald gefolgt von Wanja. Der Professor bezeichnet Wanja als Verrückten, mit dem er keinen Tag länger unter dem gleichen Dach leben wolle. Doch Sonja verteidigt Wanja gegenüber dem Professor; er solle Mitleid mit ihm haben.
Draussen vor dem Salon ertönt ein Knall. Wanja und Jelena erscheinen ringend in der Tür. Wanja trägt eine Pistole, die sie ihm entreissen will. Wanja feuert in die Richtung des Professors, vefehlt jedoch und wirft die Pistole entnervt weg.
Maria und Telegin wickeln in Wanjas Zimmer Wolle auf. Sie freut sich, dass nach der Abreise des Professorpaares endlich wieder Normalität einkehrt. Die anderen suchen Wanja im Garten, denn sie haben Angst, er könne sich etwas antun. Telegin hat jedoch Wanjas Pistole bereits im Keller versteckt.
Wanja und Astrow betreten das Zimmer. Wanja will alleine sein, doch Astrow verdächtigt ihn, ihm ein Fläschchen Morphium gestohlen zu haben. Er will nicht weggehen, bis Wanja es ihm wieder zurückgegen hat. Wanja streitet den Diebstahl ab. Er glaubt, dass man ihn für verrückt halten müsse, wird er doch nach einem Mordversuch nicht einmal verhaftet. Er weiss nicht, was er mit seiner verbleibenden Lebenszeit anfangen soll, ihm falle nichts Neues ein. Astrow sieht sich und Wanja als die einzigen beiden intelligenten Menschen in der Gegend, doch hätten die zehn Jahre auf dem Land sie zu Karikaturen gemacht. Auf Sonjas Bitten rückt Wanja das Morphiumfläschen schliesslich heraus. Um sich abzulenken und wieder etwas Ordnung in der Wirtschaft zu bringen, wollen Wanja und Sonja nach der Abreise des Professorpaares gleich mit der Arbeit beginnen.
Jelena verabschiedet sich von Astrow. Er möchte sie zwar noch überreden zu bleiben, doch sie lehnt ab und möchte sich in Freundschaft von ihm trennen. Zum Abschied gibt Astrow ihr einen Kuss auf die Wange, und die beiden umarmen sich. Wanja entschuldigt sich bei Serebrjakow, der ihm auch verzeiht. Alles soll beim alten bleiben: Das Landgut wird nicht verkauft, und Wanja überweist dem Professor weiterhin die Erträge.
Nach der Abreise Serebrjakows und Jelenas machen sich Sonja und Wanja gleich an die Arbeit; sie stellen Rechnungen aus. Sonja malt sich aus, wie es wohl weitergehen wird: Zuerst bis ins Alter die Tage ableben und arbeiten, und nach dem Tod werde dann alles ganz anders – ein richtiges stilles Leben, so, wie es sein müsste.
Anton Čechov: Onkel Wanja, Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag (2004). Aus dem Russischen von Thomas Brasch. ISBN-13: 978-3-458-34689-0