Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03122.jsonl.gz/1799

Pedro Lenz über einen umherreisenden Startrainer
Vor wenigen Tagen fand sich in einem deutschen Fussballmagazin ein doppelseitiges Interview mit dem kroatischen Startrainer Miroslav Blazevic. Der Mann, der auch im Alter von 79 Jahren noch einen Profiklub trainiert, hat eine unglaublich lange und erfolgreiche Karriere hinter sich. 1935 kam Blazevic im bosnischen Travnik zur Welt. Nach vielen erfolgreichen Engagements als Mittelfeldspieler in Spitzenklubs des damaligen Jugoslawiens wechselte er 1961 zum FC Sion. Später wurde er Spielertrainer von Vevey Sports. Das war nur der Anfang einer langen und erfolgreichen Trainerlaufbahn, die Miroslav Blazevic über den Kosovo, Kroatien, Frankreich, Griechenland, Slowenien, Bosnien und den Iran bis nach China und von dort wieder zurück nach Kroatien führte. Zu den 28 Trainerstationen Blazevics in fünfzig Jahren gehörten unter anderem die Schweizer Nationalmannschaft und die Nationalmannschaft Kroatiens, mit der er an der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich den sensationellen dritten Platz erreichte.
Im Interview des deutschen «Fussballmagazins» wird Blazevic gefragt, wie er es schaffte, dieses Nomadenleben mit seinem Privatleben in Einklang zu bringen. Seine Frau, mit der er seit 52 Jahren glücklich verheiratet sei, sei nie mitgezogen, erklärt er. Sie habe während all der Jahre immer in Lausanne gelebt.
Warum ausgerechnet in Lausanne?, mögen sich die LeserInnen des besagten Magazins gefragt haben. Die Antwort hätte einer gewusst, der leider im letzten Mai verstorben ist: Richard Dürr, König der Nacht und Spielerlegende von Lausanne-Sport, liebte es, in seiner Bar Chez Richard in Lausanne Anekdoten aus seinem reichen Sportlerleben zu erzählen. Eine von Dürrs wunderbaren Geschichten betraf Miroslav Blazevic, und sie ging so: Das damals noch bedeutende Lausanne-Sport wollte Blazevic 1976 als Trainer auf die Pontaise holen. Die Verhandlungen liefen recht gut, die Parteien waren sich einig über Lohn, Prämien und Vertragsdauer. Doch als Blazevic den Vertrag hätte unterschreiben sollen, habe er noch eine letzte Bedingung gestellt, die das sicher geglaubte Engagement beinahe zum Platzen gebracht hätte. Der Fussballlehrer wünschte einen Standplatz für sein Boot am Hafen von Ouchy. Diese Bootsplätze seien auf viele Jahre hinaus ausgebucht gewesen, und die Verantwortlichen des Fussballklubs hätten keine Möglichkeit gesehen, diese Bedingung zu erfüllen. In seiner Verzweiflung rief der Präsident von Lausanne-Sport seinen ehemaligen Star Richard Dürr an, der inzwischen hobbymässig den Polizeifussballklub von Lausanne trainierte. «Stell dir vor, Richard», soll er zu Dürr gesagt haben, «wir könnten Blazevic engagieren, aber jetzt will er einen Bootsplatz am Hafen von Ouchy!» Dürr habe sich bereit erklärt, seine guten Beziehungen zur Lausanner Polizei spielen zu lassen, und wenig später habe er seinem ehemaligen Klubpräsidenten melden können: «Mon Président, du kannst Blazevic unter Vertrag nehmen, er hat einen Bootsplatz in der ersten Reihe!»
Drei Jahre war Blazevic daraufhin erfolgreich Trainer in Lausanne. Und die Stadt mit dem Bootsplatz im Hafen von Ouchy muss Madame Blazevic so gut gefallen haben, dass sie für immer am Lac Léman geblieben ist, während ihr Mann die Fussballstadien der halben Welt bereiste.
Wenn eine grosse Trainerlaufbahn wie diejenige des Manns aus Travnik beschrieben wird, erfährt die interessierte LeserInnenschaft in der Regel alles über Fussball und nichts über Bootsplätze. Dabei wären oftmals gerade solche Details aufschlussreich, um zu verstehen, weshalb eine Karriere so und nicht anders verlaufen ist. Dem unvergessenen Richard Dürr ist es zu verdanken, dass die kleine, aber treue LeserInnenschaft dieser WOZ-Kolumne nun mehr über Miroslav Blazevic weiss als die gut dokumentierten Fachleute der deutschen Fussballpresse.
Pedro Lenz (49) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er hatte einst beinahe einen Bootsplatz am Hafen von Aarwangen.