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An einem Vormittag im April 2016 beschliesst Thomas Schmid, seinen Sohn zu verlassen. Er zieht Nicos Bettwäsche von der Matratze und vom Duvet, nimmt seine Kleider aus dem Schrank, die Spielsachen und Bücher, zerknüllt Zeichnungen, zerreisst Bilder von den Ferien und packt alles in Taschen. Damit fährt er zur Wohnung seiner Frau und stellt sie auf ihre Terrasse.
Acht Jahre ist Thomas Schmid Vater gewesen. Er war dabei, als Nico zur Welt kam, wickelte ihn, sah, wie er grösser wurde, hörte, wie er ihn zum ersten Mal «Baba» nannte, er ist mit ihm Kickboard gefahren, sie gingen zusammen in die Ferien. Bis dem Vater Zweifel kamen, ob Nico tatsächlich sein leiblicher Sohn sei.
Diese Geschichte handelt von Betrug, von Enttäuschung und Kränkung, von Widersprüchen und der Frage, was am Schluss einen Vater mache: Ist es das Gesetz, das bestimmt, wer der rechtliche Vater eines Kindes ist? Ist es die persönliche Beziehung, die einen Mann zu einem sozialen Vater macht? Oder sind es die Gene, die jemand weitergibt, womöglich, ohne es zu wissen?
Thomas Schmid heisst eigentlich anders, wie alle Personen in diesem Text. Zum Schutz der Familie sind Details verändert. Schmid spricht nüchtern, sagt oft «man», wenn er sich selbst meint. «Man hat eine Unsicherheit gehabt», «man wollte es nicht wahrhaben», «man war ein guter Vater». Als ob er Distanz schaffen möchte zu seiner Vergangenheit.
Thomas Schmid und Sabine Keller lernen sich kurz nach der Jahrtausendwende an der Street Parade in Zürich kennen. «Ein Riesenzufall», sagt er. Am Morgen sieht er Sabine in der Menge am Bahnhof, am Abend wieder. Eine grosse Liebe beginnt. Thomas und Sabine heiraten vier Jahre später, an einem Freitag im August. Er ist 28 Jahre alt, sie 32. Sie trägt ein weisses Kleid, nimmt seinen Namen an. Er sagt: «Es war eine Märchenhochzeit, in der Kirche, alles musste stimmen. Das war ihr sehr wichtig.»
Thomas wünscht sich eine Familie. «Ich stellte es mir schön vor, ein Kind grosszuziehen, ihm etwas von mir weiterzugeben.» Zwei Jahre nach der Hochzeit kommt Nico zur Welt. Das Paar ist glücklich, freut sich über das gesunde Baby. Das Kind verändert Schmids Leben komplett: Es wird anstrengender – Nico schreit viel –, aber auch schöner und erfüllender. Wenn Schmid am Abend von seiner Arbeit in einem Architekturbüro nach Hause kommt, wartet jetzt eine Familie auf ihn.
Schmid arbeitet weiter, 100 Prozent. Er erzählt, dass er versucht habe, möglichst viel Zeit mit Nico zu verbringen. Wenn er kann, bringt er ihn am Morgen in die Krippe, spielt am Abend Lego, wartet, bis er einschläft, geht am Wochenende mit ihm nach draussen.
Bald wünschen sich Thomas Schmid und seine Frau ein zweites Kind. Aber Sabine wird nicht schwanger. Sie lässt sich medizinisch abklären, er auch. Die Resultate zeigen, dass Schmids Spermienqualität schlecht ist. Was genau das bedeutet und wie Schmid das interpretieren muss, darüber werden die Parteien später vor Gericht streiten. Das Ehepaar entscheidet, keine Fruchtbarkeitsbehandlung zu machen. «Wir hofften, nochmals auf natürlichem Weg ein Kind zeugen zu können, auch wenn es unwahrscheinlich war», sagt Schmid.
Es klappt nicht. Thomas akzeptiert das, er sagt, er habe sich mit seiner Familie wohl gefühlt, seine Frau geliebt. Bis er im Frühling 2014 Nachrichten von einem Mann auf ihrem Handy findet. Er hegt den Verdacht, dass sie eine Affäre habe. Sabine widerspricht. Thomas zieht aus. Kurze Zeit später kehrt er zurück zu seiner Familie, er will sie nicht kaputtmachen. Nach ein paar Wochen ist es Sabine, die sich von Thomas trennt. Sie sieht keine Zukunft mehr für ihre Ehe. Das Gericht regelt, wie viel Unterhalt Schmid für seinen Sohn zahlen muss und wer wann auf ihn aufpasst.
Nico verbringt jedes zweite Wochenende bei seinem Vater. Wenn sein Sohn nicht bei ihm ist, fühlt sich Thomas Schmid manchmal einsam. Am Abend wartet niemand mehr auf ihn. Umso intensiver sind die Samstage und Sonntage, Schmid unternimmt viel mit Nico und macht oft Selfies: Vater und Sohn beim Klettern im Park, Vater und Sohn beim Velofahren, Vater und Sohn im Zoo.
Es sind diese Selfies, die Schmid ein erstes Mal stutzig machen. So erzählt er es. Ob das stimmt, lässt sich nicht nachweisen. Diese Geschichte ist auch eine über die Kunst des Verdrängens und des Zurechtlegens: Wie ehrlich kann oder will jemand mit sich und den grossen Fragen des Lebens umgehen? Und was für eine Macht hat die eigene Wahrheit?
Auf den Selfies, die Schmid immer wieder anschaut, sieht er einen grossen Mann mit dunklem Haar und schmalem, kantigem Gesicht. Und einen für sein Alter kleinen Buben mit blondem Haar und rundem Gesicht. Schmid sagt: «Meine Zweifel haben die Beziehung zu Nico sehr belastet. Wenn ich ihn sah, habe ich mich ständig gefragt, ob er wirklich mein Sohn sei. Es ist mir immer schwerer gefallen, ihm Geborgenheit zu geben, ihn zu umarmen.»
Ein Jahr nach der Trennung von seiner Frau schreibt Thomas Schmid ihr eine E-Mail. Er habe Zweifel, «was die Vaterschaft von Nico betrifft». Seine Frau antwortet wenige Minuten später: «Die Vaterschaft ist klar und damit für mich erledigt.» Schmid aber möchte Gewissheit. Er bittet Sabine, einem Vaterschaftstest zuzustimmen. Sie lehnt ab.
Als das schweizerische Zivilgesetzbuch 1912 in Kraft trat, gab es noch keine Gentests. Um die familiären Verhältnisse zu ordnen, traf der Gesetzgeber eine Annahme: Der Ehemann ist der Vater der Kinder, die während der Ehe zur Welt kommen. So steht es in Artikel 255 ZGB.
Das Recht schützt die Ehe und die Familie als Einheit; das Kind soll sich auf ein stabiles Gebilde verlassen können, emotional und finanziell. Der Vater kann nach der Geburt zwar gegen seine Vaterschaft klagen, allerdings hat er nur fünf Jahre Zeit. Es sei denn, er könne die Verspätung mit «wichtigen Gründen» entschuldigen.
Will Thomas Schmid herausfinden, ob er der leibliche Vater seines Sohnes sei, bleibt ihm nur der Weg vor Gericht. So kann er versuchen, einen Gentest zu erwirken. Und so kann er womöglich seine Vaterschaft beenden. Das würde für ihn bedeuten, nicht mehr für Nico zahlen zu müssen; 3000 Franken überweist er seiner Frau jeden Monat, 2000 für sie, 1000 für das Kind. Es würde aber auch bedeuten, die Beziehung zu dem Kind, das über Jahre seines war, vielleicht für immer zu beenden.
Im Juli 2015 reicht Thomas Schmid beim Bezirksgericht eine Vaterschaftsklage ein. Seine Verspätung begründet er gegenüber den Richtern mit medizinischen Abklärungen, die er erst unlängst ein zweites Mal gemacht habe. Sie hätten ergeben, dass er kaum auf natürlichem Weg ein Kind zeugen könne. Deshalb bestehe der Verdacht, dass er nicht der leibliche Vater von Nico sei.
Weil Nico minderjährig ist, setzt die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, die Kesb, für ihn einen Beistand ein, der ihn im Verfahren vertritt. Das Gericht lädt die Parteien im Frühjahr 2016 zu einer Verhandlung ein. Thomas Schmids Anwältin befragt Sabine Schmid. Im Protokoll findet sich folgende Passage:
«Ist der Kläger der biologische Vater von Nico?»
«Es besteht die Möglichkeit, dass er nicht der biologische Vater von Nico ist.»
«Haben Sie das dem Kläger gesagt?»
«Nein, man war in einer intakten Familie. Da spricht man solche Sachen nicht an. Ich habe es ihm nie gesagt.»
Thomas Schmid fühlt sich sehr gekränkt, als er von seiner Frau zum ersten Mal hört, dass sie ihn betrogen habe. Er sagt: «Ich war enttäuscht und wütend. Die Vorstellung, dass ich nicht der Vater von Nico bin, war der worst case für mich.» Es ist der Tag, an dem er Nicos Sachen auf die Terrasse seiner Frau stellt. Er entscheidet sich, den Kontakt zu Nico abzubrechen – zumindest, bis er Gewissheit hat. So möchte er Druck aufsetzen, auf das Gericht und auf seine Frau.
Sabine stimmt schliesslich einem Vaterschaftstest zu. Thomas Schmid holt das Ergebnis in einer Mittagspause im Labor ab. Der Mitarbeiter gibt ihm einen Umschlag und sagt: «Sie sind nicht der Vater.» Jetzt, im Sommer 2016, ist es offiziell: Nico ist nicht der Sohn von Thomas Schmid. Zumindest nicht genetisch.
Aber für das Gericht zählen nicht die Gene, sondern das Gesetz. Die Richter weisen die Vaterschaftsklage von Thomas Schmid wenige Wochen später ab. Die Frist sei abgelaufen – und der Kläger habe sich zu viel Zeit gelassen, «wichtige Gründe» vorzubringen. Schmid bleibt als Vater von Nico eingetragen.
Während Schmids Anwältin Argumente für die Berufung sammelt, versucht er herauszufinden, wer der biologische Vater seines Sohnes sei. Schmid erinnert sich an ein Gespräch zwischen seiner Frau und ein paar Kolleginnen. Wie sie über die Affären eines ehemaligen Chefs gesprochen haben. Schmid sucht nach ihm und anderen potentiellen Vätern auf Facebook und im Telefonbuch, er bespricht sich mit seinen Eltern und Freunden. «Ich wurde wie besessen davon. Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass man Spass hat, ein Kind in die Welt setzt und sich dann einfach davonmacht.»
Sabine Schmid schweigt. Sie nennt keinen Namen, nicht ihrem Mann und auch nicht der Kesb. Für die Mitarbeiter der Behörde ist das unbefriedigend, sie können Schmid aber zu nichts zwingen.
Auch der Beistand von Nico ist in einer schwierigen Situation: Er muss im Interesse des Kindes handeln. Das soll eine stabile Familie haben, eine Mutter, einen Vater. Aber was, wenn der Vater sich weigert, sein Kind, das ihm immer fremder wird, zu sehen?
Gleichzeitig hat das Kind ein Recht darauf, seine Abstammung zu kennen. So halten es internationale Konventionen fest, so sehen es Schweizer Richter und Rechtsprofessorinnen. Sie sind sich einig: Für die persönliche Entwicklung ist es wichtig, seine leiblichen Eltern zu kennen. Aber was, wenn die Mutter sich weigert zu sagen, wer der Vater sei?
Wenige Wochen nachdem Thomas Schmid den Gentest im Labor abgeholt hat, schreibt er der Kesb einen Brief. Darin nennt er die Namen von vier Männern, «welche mit Nico Schmid verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen». Zu allen habe seine Frau «engen Kontakt» gehabt. Schmid lädt eine App auf sein Smartphone, mit der er die Gesichtshälfte von Nico mit jener der vier möglichen Väter vergleicht. «Die Augenbrauen, der Mund, die Wangengrübchen, ich dachte: das muss der Vater sein.» Er wird sich immer sicherer: Patrick Meyer ist es.
Die beiden Männer trainieren im selben Fitnesscenter. An einem Abend geht Thomas Schmid auf Patrick Meyer zu und zeigt ihm das Bild mit den beiden Gesichtshälften. Meyer habe verblüfft, aber nicht sehr überrascht gewirkt, sagt Schmid. Er sei über das laufende Verfahren im Bild gewesen.
Patrick Meyer schaltet nach der Begegnung einen Anwalt ein, der Thomas Schmid ausrichten lässt, sein Klient «wünsche keinerlei direkten Kontakt» mit ihm. Schmid antwortet Meyer mit einem eingeschriebenen Brief: «Offenbar ist dir bewusst, dass Sabine deinen Namen als biologischen Vaters von Nico offenlegen könnte.»
Ein Mittwochvormittag im März 2019, in der Wohnküche einer Neubauwohnung irgendwo in der Agglomeration. Sabine Schmid sitzt an einem langen Tisch vor einer Kochinsel. Sie und Patrick Meyer haben sich entschieden, gemeinsam über ihre Geschichte zu sprechen.
Sabine Schmid sagt: «Klar, war ich immer in einem Dilemma. Aber ich habe es verdrängt. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass die Familie zerbricht. Thomas hat meinen Sohn geliebt.»
Als Schmid erzählt, wie sie die Taschen mit Spielsachen und anderen Dingen von Nico auf der Terrasse fand, am Morgen nach der Gerichtsverhandlung, beginnt sie zu weinen. Schmid, eine schöne Frau mit krausem Haar und strengem Gesicht, steht auf und holt sich ein Taschentuch. Sie sagt: «Es war eine sehr harte Reaktion. Nico hat zum Glück nichts mitbekommen. Er war zu Hause, als ich die Storen hochgezogen habe. Ich habe sie wieder heruntergelassen und alles im Keller versteckt, als er in der Schule war.»
Danach habe sie einem Vaterschaftstest zugestimmt, weil sie gehofft habe, dass Nico nicht seine ganze Familie verliere, also auch seine Grosseltern, die Eltern von Thomas, seinen Götti, die Cousins und Cousinen. Auch sie hätten den Kontakt zum Kind inzwischen abgebrochen. «Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht gewusst, ob Thomas der Vater von meinem Sohn ist. Thomas hat mir vor dem Test versichert, er werde sich weiter um Nico kümmern, egal, was dabei herauskomme.»
Und warum hat sie später nicht gesagt, wer der Vater sei? «Ich fühlte mich unter Druck und sehr allein, ich musste Nico eine Stütze sein, Thomas hat mich bedrängt, ich habe nicht viel Geld, ich musste das Verfahren gewinnen.»
Ihrem Sohn sagte Schmid: «Du hast jetzt zwei Väter, weil ich zwei Männer geliebt habe.» Im Alltag hat Nico aber in dieser Zeit gar keinen Vater. Weder den rechtlichen, Thomas Schmid, noch den genetischen, Patrick Meyer. «Für Nico war das sehr schwierig. Er ist sicher die Person, die am meisten unter dieser Situation gelitten hat», sagt Sabine Schmid.
Patrick Meyer und Sabine Schmid haben sich bei der Arbeit kennengelernt. Sie wohnen seit Jahren im selben Dorf. Patrick Meyer, ein sportlicher Mann Anfang fünfzig mit weichen Gesichtszügen, sagt: «Ich habe lange mit dieser Situation gerungen. Ich bin verheiratet, ich habe zwei erwachsene Töchter, ich wusste nicht, wie ich es ihnen sagen sollte. Bestimmt war ich auch feige. Ich hatte Angst davor, was alles passieren würde.»
Im Oktober 2016 gestand Meyer seiner Frau, dass er noch ein Kind habe: Nico, blondes Haar, Wangengrübchen, der Sohn seiner ehemaligen Arbeitskollegin. «Aber meine Frau wollte nicht, dass ich meine Töchter informiere, bevor nicht ein Test vorliegt, der beweist, dass Nico von mir abstammt.» Meyer entschied, bis zum Ende des Vaterschaftsverfahrens von Thomas Schmid abzuwarten. Würde Schmid Vater bleiben, müsste Patrick Meyer weder für seinen Sohn zahlen noch für ihn sorgen.
In der Rechtsschrift, die Thomas Schmids Anwältin beim Obergericht einreicht, heisst es: «Die Ähnlichkeit von Nico und Herrn Patrick Meyer ist unverkennbar. (…) Beide weisen dieselben seltenen, genetisch vererbten Merkmale auf (…).»
Aber auch für das Obergericht zählen nicht Vererbungsmerkmale, sondern Fristen. Die zweite Instanz weist die Vaterschaftsklage von Thomas Schmid ab. Er habe zu lange gewartet.
Schmid will sich damit nicht zufriedengeben, er zieht das Urteil weiter vor Bundesgericht. Es bestätigt im Januar 2018, nach fast drei Jahren Verfahren, den Entscheid des Obergerichts. Thomas Schmid bleibt der rechtliche Vater von Nico.
Die einzige Person, die das danach noch ändern könnte, ist Nico, inzwischen zehn. Bis er neunzehn ist, kann er gegen seinen rechtlichen Vater klagen und verlangen, dass dessen Vaterschaft aufgehoben werde. Solange er nicht volljährig ist, muss das aber ein Beistand in seinem Namen tun. Und das tut der nur, wenn er überzeugt ist, dass es im Interesse des Kindes liegt.
Was für Nico das Beste ist, darüber diskutieren die Mitarbeiter der Kesb immer wieder. Sie sprechen mit der Mutter, mit Nicos Beistand, mit dem einen Vater, mit dem anderen Vater und fragen sich: Ist es richtig, dass Thomas Schmid der rechtliche Vater von Nico bleibt? Gibt es eine Möglichkeit, die Beziehung zwischen Sohn und Vater wieder aufzubauen, nachdem dieser den Kontakt abgebrochen hat? Was für ein Verhältnis hat der genetische Vater zu seinem Sohn? Und ist er überhaupt bereit, eine Rolle als Vater zu übernehmen?
Im Februar 2018 entscheidet die Kesb, dass Thomas Schmid nicht länger Nicos Vater sein soll. An seiner Stelle soll Patrick Meyer eingetragen werden. Meyer sagt: «Es war schwierig am Anfang. Ich hatte nichts, was mich mit diesem Kind verbindet – ausser dass ich sein Vater bin. Aber dazu gehört nicht nur die Zeugung. Es heisst auch, sein Kind ein erstes Mal im Arm zu halten, es zu begleiten. Es gehört alles dazu, was ich bei meinen Töchtern hatte und bei Nico nicht.»
Patrick Meyer willigt im Frühjahr 2018 ein, einen Vaterschaftstest zu machen. Der belegt, dass Nico sein Sohn ist. Nicos Beistand beantragt beim Gericht, Thomas Schmid als rechtlichen Vater auszutragen und Patrick Meyer als neuen Vater anzuerkennen.
Nach fast vier Jahren hat Thomas Schmid sein Ziel erreicht. Er hat, für sich, Gerechtigkeit hergestellt. Er sei sehr erleichtert gewesen, als ihn seine Anwältin informiert habe, dass er nicht mehr Vater sei, sagt er. «Dass die Beziehung zu Nico dabei kaputtgegangen ist, bedaure ich. Aber ich sah keine andere Möglichkeit, um zu meinem Recht zu kommen. Hätte ich den Kontakt aufrechterhalten, hätte ich vielleicht nie erfahren, dass ich nicht der Vater bin, und auch weiter Unterhalt zahlen müssen. Wenn Nico später einmal mit mir reden möchte, werde ich natürlich zur Verfügung stehen.»
Es waren der Betrug und die Kränkung, das Wissen um die Gene und das Gesetz, die Nico um seinen Vater gebracht haben. Um jenen Mann, der ihn zum ersten Mal im Arm hielt, der am Abend mit ihm Lego spielte, den er «Baba» nannte.
Nico ist heute elf Jahre alt. Er hat seinen neuen Vater bei einem Pizzaessen kennengelernt. Sie sehen sich regelmässig, Nico nennt ihn Patrick. Im Winter waren sie zusammen Ski fahren. Auch seinen neuen Onkel kennt er nun, die beiden Halbschwestern noch nicht. Sie wollen ihn im Moment nicht sehen.
Patrick Meyer sagt: «Die Rolle, die ich jetzt habe, habe ich nie angestrebt. Thomas hat sie provoziert, weil er Nico verstossen hat. Das kann ich nicht verstehen. Mein grösster Wunsch wäre, dass Nico diese Geschichte schadlos übersteht und mit mir ein normales Leben führen kann.»
Thomas und Sabine sind mittlerweile geschieden. Sie trägt wieder ihren Ledignamen, Nico auch. Sie sagt: «Nico hat sich an den neuen Namen gewöhnt. Aber so eine Geschichte hinterlässt sicher Narben. Manchmal macht Nico die Situation Mühe. Vor seinen Kollegen fällt es ihm schwer zu sagen, warum er jetzt einen neuen Vater hat. Die kannten natürlich alle Thomas.»
Ganz ist Thomas Schmid nicht aus Nicos Leben verschwunden. Die beiden, Ex-Vater und Ex-Sohn, wohnen noch immer im selben Dorf, nur ein paar Häuser weiter. Wenn sie sich begegnen, schauen beide zu Boden.
Aline Wanner ist NZZ-Folio-Redaktorin.