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Der universitäre Fächerkanon ist üblicherweise aufgeteilt in säuberlich voneinander abgetrennte Disziplinen, welche alle ihre eigenen Forschungstraditionen und Methoden besitzen und wiederum in übergeordnete Kategorien wie Geistes-, Sozial- oder Naturwissenschaften eingeteilt sind. Dies geschieht nicht ohne Grund, denn wer wollte oder könnte heutzutage noch dem humboldtschen Bildungsideal einer ganzheitlichen Kenntnis der Wissenschaften und Künste auch nur annähernd gerecht werden? Vielleicht ist man vielseitig interessiert, doch am Ende muss eine Entscheidung zwischen dem Bachelor Biochemie und Chemieingenieurwissenschaften getroffen werden. Ein Mann, der sich der Fachidiotie verweigerte, war aus dem zaristischen Russland stammende Literaturwissenschaftler und Philosoph Robert Saitschick (auch Saitschik), der von 1895 bis 1914 an der ETH lehrte und forschte.
Geboren 1867 in Mstislaw im heutigen Weissrussland, entkam Saitschick einem drohenden Zwangsaufenthalt in Sibirien und flüchtete mithilfe von Freunden nach Wien, wo er Literatur studierte. Nach seiner Promotion in Bern kam er 1895 als Dozent ans Polytechnikum in Zürich. Ihm wurde die venia legendi für moderne Literaturgeschichte und slavische Literatur vergeben, deren Grenzen er in den Jahren darauf grosszügig ausreizte. Ab dem Sommersemester 1900 kündigte er Vorlesungen mit Titeln wie «Renaissance und Reformation – Shakespeare und seine Werke» oder «Ueber Lebensprobleme – Dante und die Kultur des Mittelalters» an. Erst als Saitschick im Wintersemester 1902/03 zum Thema «Aeschylos und die antike Kultur» zu referieren gedachte, platzte dem Schulrat der Kragen:
«Da auch die weitherzigste Interpretation der venia legendi für die Anmeldungen keine Deckung gewährte, erliess das Schulratspräsidium unterm 4. Juni 1902 an Hrn. Saitschick folgende Zuschrift:»
Der Schulrat forderte Saitschick dazu auf, angesichts der Ausweitung seines Vorlesungsrepertoires einen Antrag auf Erweiterung seiner venia legendi einzureichen. Saitschick erklärt sodann in seinem Gesuch, warum aus seiner Sicht auch Fragen der antiken Kultur und Religion unerlässlich für das zusammenhängende Verständnis von «Problemen der allgemeinen Literatur und Ästhetik» seien. Das Präsidium goutierte diese Argumentation nicht, da die Befürchtung im Raum lag, Saitschick möge in die Kompetenzbereiche anderer Dozenten eingreifen:
«Wir müssen Ihnen gestehen, dass uns Ihre Bezeichnung der gewünschten Erweiterung zu unbestimmt in ihren Grenzen erscheint, als dass wir Ihr Gesuch zu weiterer Vorlage an den Schulrat annehmen können. Wir sehen uns daher genötigt, Sie um eine Bezeichnung der gewünschten Erweiterung zu ersuchen, welche deren Grenzen schärfer bestimmt, damit die Schule nicht Gefahr läuft, Sie noch grössere Ausschreitungen in die Vorlesungsgebiete anderer Dozenten begehen zu sehen, als Sie es sich bis jetzt schon erlaubt haben.»
Saitschick meinte, hinsichtlich der Definition seines Lehrgebietes einen wunden Punkt getroffen zu haben. Indem der Schulratspräsident keine klaren Anforderungskatalog formuliert hatte, bewies er, dass «gerade bei der Darstellung der Allgemeinen Literatur und Aesthetik eine scharfe Abgrenzung weder erwünscht sein kann, noch überhaupt möglich ist.» Den Vorwurf der Einmischung wies Saitschick zurück, indem er seine Interdisziplinarität als «Berührung in der Eigenschaft als Nachbar» umschrieb.
Das schriftliche Hin und Her nimmt einen zunehmend bissigen Ton an. Schulratsmitglieder besuchten Saitschicks Vorlesungen, wohl in der Absicht, nebst den Inhalten zusätzlich seine Unterrichtsführung beanstanden zu können. Tatsächlich änderte sich das Narrativ und der Schulrat führte als Hauptgrund, die Erweiterung der venia legendi nicht zu erlauben, folgende Gründe an:
«Weiterhin hat der Schulrat nach eigenen Wahrnehmungen seiner Mitglieder und nach denjenigen zuverlässiger anderer Personen, die Gelegenheit hatten, Sie zu hören, sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass, indem Sie sich berufen hielten, über Alles und Jedes vorzutragen, Ihre Vorträge der Reife und Wissenschaftlichkeit in der Behandlung des Stoffes, in einem Masse ermangeln, das sich mit dem wissenschaftlichen Ansehen unserer Hochschule nicht verträgt.»
Entgegen dem Eindruck der Schulräte waren Saitschicks Vorlesungen bei seinen Studenten und Hörerinnen äusserst beliebt. Eine Petition von Studierenden gelangte im Sommer 1902 an die Öffentlichkeit. Rund 180 Studierende setzten sich für die Erweiterung von Saitschicks venia legendi ein. Im Sommersemester 1902 umfasste das Polytechnikum über 800 Studierende und 300 Auditoren. Fasst man diese zusammen, beteiligten sich somit über 15% der gesamten Studierendenschaft an dieser Petition. Im heutigen Kontext entspräche dieser einer Mobilisierung von rund 3500 ETH-Studierenden.
Saitschicks Argumentation ist interessant, wenn man den Kontext der damaligen Entwicklung der (Natur)wissenschaften bedenkt. Besonders im Bereich der Biologie, Chemie und Physik veränderten enorme Fortschritte die Sicht des Menschen auf die Welt, man denke nur an Max Plancks Quantenhypothese und Einsteins spezielle Relativitätstheorie, deren Thesen Inbegriffe der modernen Physik sind. Im Konflikt mit dieser zunehmenden Spezialisierung von Fachwissen stand Robert Saitschicks Anspruch, «Alles und Jedes» zu verstehen und zu vermitteln. Er merkte nämlich genau wie dies jede Historikerin früher oder später merkt, dass für das grundlegende Verständnis eines historischen Sachverhalts immer dessen Kontext in Betracht gezogen werden muss. Notgedrungen führt das dazu, immer grössere Zeiträume zu überblicken, was sich an Saitschicks Vorlesungstiteln gut erkennen lässt. Die Titel ausgewählter späterer Werke von Robert Saitschick zeigen den universalistischen Charakter seines Erkenntnisstrebens: „Der Mensch und sein Ziel» (1914), «Die geistige Krisis der europäischen Menschheit» (1924), «Schöpfer höchster Lebenswerte» (1945), «Der Staat und was mehr ist als er» (1946).
Saitschick durfte trotz dieser publikumswirksamen «Affaire» am Polytechnikum bleiben. 1907 folgte aufgrund «erfolgreicher Tätigkeit als Dozent geleisteten Dienste» der Antrag an den Bundesrat, ihm den Titel eines Professors anzuerkennen. Für ausgewählte Vorlesungen wurden ihm im selben Jahr Gratifikationen zuerkannt. Vielleicht merkte der Schulrat mit den Jahren, dass die Gängelung eines bei den Studierenden sehr beliebten Professors grössere Rufschädigung zur Folge hätte als dessen thematisch breit gefasste Lehrbefugnis.