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Mit dem Ski-Virus wurde Marco Odermatt früh infiziert. Mit 26 Monaten stand der Nidwaldner erstmals auf Ski, als Viereinhalbjähriger bestritt er das erste Skirennen. Auch die ersten Erfolge liessen nicht lange auf sich warten. Mit dem Gewinn von fünf Goldmedaillen an der Junioren-WM in Davos liess er letzte Saison die Erwartungen an seine Person hochschnellen. Einige Wochen später überzeugte er auch beim Weltcup-Finale mit drei Klassierungen in den Top 15. Deshalb für viele als grosser Hoffnungsträger zu gelten, empfindet der 21-Jährige jedoch nicht als Belastung.
Möglichst oft selbst auf den Ski stehen, dazwischen, in den Mittagspausen, vor dem TV bei den Weltcuprennen mitfiebern: Muss man sich so ein Winter-Wochenende bei den Odermatts während deiner Kindheit vorstellen?
Marco Odermatt: «In etwa, ja. Wir haben zuhause jedes Rennen geschaut. Wenn wir unterwegs waren, haben wir das Rennen am Morgen jeweils aufgenommen und es uns am Abend, vor oder nach dem Essen, zeitversetzt angesehen. Als Bub habe ich jeweils von Hand einzelne Statistiken mit Listen geführt, die ich bei unserem Fernseher deponiert habe. Nach jedem Rennen habe ich die Siege bei der entsprechenden Nation und Skimarke nachgetragen. Natürlich habe ich mit den Schweizern mitgefiebert, speziell mit Didier Cuche, der mein grosses Vorbild war. Jedes seiner Resultate habe ich aufgeschrieben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich geweint habe, als Didier Cuche 2008 trotz 99 Punkten Vorsprung vor dem letzten Rennen die kleine Kristallkugel im Super-G noch Hannes Reichelt überlassen musste.»
Wann kam es zur ersten Begegnung mit deinem Jugend-Idol Didier Cuche?
«Schon relativ früh, lange bevor ich in ein Kader von Swiss-Ski kam. In der Lenzerheide nahm ich mehrmals am Silvano-Beltrametti-Skirennen teil. Der Sieger gewann einen Skitag mit Didier Cuche. Da ich das Rennen dreimal gewinnen konnte, habe ich ihn, als ich zwischen zehn und zwölf Jahre alt war, jeweils Ende Saison treffen dürfen.»
Wann reifte bei dir der Entschluss, eine Karriere als Profi-Skifahrer anzustreben?
«Das war ein Prozess über mehrere Jahre, es ging Schritt für Schritt. Nach der Primarschule wechselte ich ins Regionale Leistungszentrum Hergiswil und profitierte dort von der «Begabtenförderung Ski alpin», danach ging ich nach Engelberg an die Sportmittelschule. Solche Wechsel macht man natürlich nicht ohne Hintergedanken. Einen groben Plan gab es. Aber ich habe mich nicht darauf versteift, eines Tages Profi zu werden.»
Jeder Erfolg treibt weiter an.
Du hast in deiner Karriere bereits sehr viele Siege errungen. Welches Ski-Erlebnis hat dich am meisten geprägt?
«Für einen Skirennfahrer sind es schon die sportlichen Highlights, die einem einen zusätzlichen Motivationsschub verleihen. Ob es jetzt ein WM-Titel bei den Junioren ist, ein Podestplatz an den JO-Schweizer-Meisterschaften oder der Sieg beim Finale des Grand Prix Migros – es ist immer relativ zum Alter eine grosse Sache. Jeder Erfolg treibt weiter an.»
Spätestens seit der letzten Saison, als du an der Junioren-WM gleich fünfmal Gold gewonnen hast und danach beim Weltcup-Finale dreimal unter die ersten 15 gefahren bist, giltst du für viele als die grösste Zukunftshoffnung der Ski-Nation Schweiz. Ist das für dich eher Last oder Ansporn?
«Für mich ist das keine Last, sondern eher Ansporn. Ich spüre keinen Druck. Dass ich als Hoffnungsträger gelte, höre ich häufig. Erstaunlicherweise kommt es aber nicht nah an mich heran. Ich betrachte es eher objektiv als subjektiv. Für mich ist es nicht belastend.»
Weisst du, wer alles bei den Junioren ähnlich erfolgreich war wie du?
«Ich habe das schon einige Mal gehört oder gelesen. Der eine oder andere wie Kristoffersen hat noch eine Silber- oder Bronzemedaille mehr. Aber mit fünf Titeln an einem Anlass bin ich der Einzige.»
Seit dem letzten Schweizer Weltcup-Podestplatz im Riesenslalom sind siebeneinhalb Jahre vergangen. Viele hoffen, dass du diese schwarze Serie beendest.
«Ich habe meine grobe Saisonplanung. Und die ist nicht darauf ausgerichtet, den ersten Schweizer Podestplatz seit Jahren zu holen. Trifft der Podestplatz trotzdem ein, nehme ich diesen Erfolg gerne entgegen. Man vergisst vielleicht: Die Junioren-WM ist gut und schön. Ich war der beste U21-Skifahrer auf der Welt. Aber im Weltcup messen sich die besten U40-Skirennfahrer. Wenn ich im Weltcup der beste U21-Fahrer bin, klassiere ich mich vielleicht nicht einmal unter den ersten 30. Darum braucht es jetzt den nächsten Schritt.»
Aber wir möchten daran erinnern, dass du beim Weltcup-Finale in Åre der einzige «U40-Rennfahrer» warst, der in drei Disziplinen in die Punkte fuhr.
«Den Super-G möchte ich in dieser Saison regelmässig ins Programm reinnehmen. Aber ich habe in dieser Disziplin keinen fixen Platz. Deshalb steht alles in den Sternen. Ich muss mich zuerst beweisen, ich muss interne Qualifikationen überstehen. Wenn es gut läuft, ist sicher vieles möglich. Das hat man in Åre gesehen. Aber ich möchte jene Rennen nicht überbewerten. Ich war damals wahrscheinlich im grössten Flow meines Lebens. Vielleicht wäre ich sogar im Slalom gut gefahren ...»
Das Ziel in diesem Jahr ist: Im Riesenslalom richtig Gas geben und in den Speed-Disziplinen Erfahrungen sammeln und lernen.
Das wäre die nächste Frage gewesen: Wie sieht es in dieser Disziplin aus?
«Ich trainiere Slalom ab und zu. Es tut gut für die Bewegung. Sofern ein Kombinationsrennen vorgesehen ist, werde ich am Start sein. Aber der Tag hat auch für mich nur 24 Stunden. Es ist nicht immer möglich, alles unter einen Hut zu bringen.»
Für die Abfahrt gilt vorläufig das Gleiche?
«Wenn ich Super-G fahren will, muss ich folglich ein Abfahrtstraining mitmachen. Aber das Ziel in diesem Jahr ist: Im Riesenslalom richtig Gas geben und in den Speed-Disziplinen Erfahrungen sammeln und lernen. Da gehören auch Abfahrtstrainings dazu.»
Das Saison-Highlight sind die Weltmeisterschaften im Februar in Åre. Zuletzt wurde dort 2007, als du neun Jahre alt warst, um WM-Medaillen gefahren. Welche Erinnerungen hast du an jene WM?
«Ich kann mich daran erinnern, dass Didier Cuche damals im Riesenslalom Bronze gewonnen hat – hinter Daniel Albrecht. Und dieser wurde in der Kombination gar Weltmeister. Bilder von dieser WM sind bei mir im Kopf fast keine hängengeblieben. Vor dem TV verfolgt habe ich die Rennen aber natürlich.»
Wenn man auf dein Palmarès und deine Resultate blickt, gewinnt man den Eindruck, es gehe bei dir stets aufwärts. Wegen einer in einem Europacup-Riesenslalom in Val d'Isère erlittenen Verletzung am Meniskus musstest du aber die Saison 2016/17 vorzeitig abbrechen und hast deshalb die Junioren-WM 2017 und die Heim-WM in St. Moritz verpasst. Auch Rückschläge sind dir nicht fremd.
«Bei solchen negativen Erlebnissen ist es immer auch eine Einstellungssache. Da es im Januar passiert ist, verpasste ich die Saison nicht komplett. Zuvor hatte ich mich im Weltcup zeigen können. Die Verletzung erlitt ich im letzten Maturajahr, auf eine Art hat sie irgendwie reingepasst. Quasi wenn schon, dann jetzt. Ich hatte so gezwungenermassen mehr Zeit für die Matura. Den Spruch, wonach man aus einer Verletzung stärker zurückkommt, würde ich nicht unterschreiben. Aber man lernt auf den eigenen Körper zu hören und Geduld zu haben. Und klar: Man schätzt es danach wieder umso mehr, wenn man gesund und verletzungsfrei ist.»
Du wirkst mental stark, arbeitest du daran?
«Ich mache in diesem Bereich seit ein paar Jahren etwas, aber nicht sehr oft. Wenn es nicht läuft, sollte man zur Sicherheit einen Plan B haben. Ich hatte das Glück, dass sich immer wieder mal Erfolge einstellten. Das motiviert, zum Beispiel im Konditionstraining kurz vor dem Erbrechen. Dann ist es Zeit, noch einmal ein Holzscheit aufzulegen.»
Was muss passieren, dass du im Frühling sagen kannst: Das war eine gute Saison?
«Die Startnummer stimmt in diesem Jahr. Ich habe eine gute Ausgangslage. Jetzt wäre der nächste Schritt, sich in den Top 30 zu etablieren. Gegen vorne lasse ich mir alles offen. Wenn ich nächste Saison in den Top 30 starten kann, war es eine gute Saison.»