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Kobayashi Yatarô (der erste ist, wie in Japan üblich, der Familienname) wurde 1763 im Dorf Kashiwabara, heute ein Stadtteil von Shinano, Präfektur Nagano, in eine wenig begüterte Bauernfamilie geboren. Als sich der Vater nach dem frühen Tod seiner Mutter wieder verheiratete, verliess der Vierzehnjährige seine Heimat und lebte lange Zeit in Edo (Tôkyô), wo er Schüler angesehener Haiku-Meister und bald selbst ein erfolgreicher junger Dichter wurde, der sich 1790 den Künstlernamen Issa (wörtlich: “ein Schälchen Tee”) gab. 1792 pilgerte er auf den Wunsch seines Vaters zum Haupttempel der Jôdo-Shinshû (Amida-Sekte des japanischen Buddhismus) in Kyôto und begann damit eine achtjährige Phase als wandernder Dichter und Laienmönch. 1801 besuchte er die Heimat und begleitete während Wochen fürsorglich den Sterbeprozess des schwer erkrankten Vaters. Nach dessen Tod zogen sich die Erbstreitigkeiten mit der Stiefmutter und dem jüngeren Halbbruder über Jahre hin; erst als Fünfzigjähriger übernahm er schliesslich den väterlichen Hof und konnte heiraten. Tragischerweise starben ihm die Kinder aus dieser Ehe und 1823 auch die geliebte Gattin Kiku. Sein Alter war überschattet von zwei weiteren Ehen, die nicht glücklich waren, von Krankheit und zuletzt vom Brand des Wohnhauses, der dazu führte, dass Kobayashi sein Sterbelager 1827 im feuchtkalten, zugigen Speicher seines Hofes fand.
Der schon zu Lebzeiten beliebte, wenngleich finanziell wenig erfolgreiche Dichter hinterliess ein umfangreiches Werk von um die 20 000 Haiku, daneben Prosaschriften wie Die letzten Tage meines Vaters oder Mein Frühling, ein Tagebuch aus der Zeit, als sein geliebtes Töchterchen Satojo starb. Seine Haiku sind ungekünstelt, sehr persönlich und zeugen eindrücklich von Issas Frömmigkeit, seinem Mitgefühl für die leidende Kreatur, seiner Liebe selbst zu kleinsten und vermeintlich unbedeutenden Lebewesen wie Mäuse, Frösche, Schnecken, Fliegen und Heuschrecken – und von seinem unverwüstlichen und auch immer wieder selbstironischen Humor.
Die Übersetzungen stammen von Gerolf Coudenhove (GC), G. S. Dombrady (GSD), Dietrich Krusche (DK), Anna von Rottauscher (AvR), Rudolf Thiem (RT) und Jan Ulenbrook (JU).
Für alle Türen
ist der Dreck der Holzschuhe
der Frühlingsanfang.
(JU)
Der Schnee ist geschmolzen:
Das Dorf läuft über
von Kindern.
(DK)
So schlicht und einfach
fand sich der Frühling heut ein:
als Blau des Himmels!
(JU)
Der Frühling fängt an
und von neuem kehrt Dummheit
auf Dummheit zurück.
(JU)
Die Katze hat geschlafen.
Sie streckt sich, gähnt und geht
auf Liebe aus.
(DK)
Stiehl diesen,
sagt das Mondlicht, diesen
Pflaumenblütenzweig!
(DK)
Auch auf der kleinsten Insel
hat der Bauer im Feld
über sich seine Lerche.
(DK)
Weg da, kleines Spatzenkind!
Schnell aus dem Weg! – Es naht
Seine Durchlaucht, das Pferd!
(GSD)
Den stolzen Junker
liess doch vom Pferde steigen
die Kirschenblüte.
(JU)
Fortgehen muss ich –
in den Bergen der Heimat
blühen die Kirschen.
(RT)
Kalt ist die Welt und
voll Schmerz, auch wenn die
Kirschen jetzt blühen.
(RT)
Ängstliches Fröschchen,
sei nicht bange!
Ich bin’s, Issa!
(AvR)
Er sieht mich an, der Frosch –
aber was macht er
für ein Gesicht?
(DK)
Das kleine Kätzchen
am Waagebalken baumelt,
der in die Luft ragt.
(JU)
Kaum war er erblüht,
hat den Mohn der Wind verweht,
noch am gleichen Tag!
(GC)