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Harbusch, Gregor
Die Dissertation widmet sich dem Berliner Architekten Ludwig Leo (1924-2012), der ein aussergewöhnliches und bisher kaum erforschtes Œuvre geschaffen hat. Leo war Teil der Architektengeneration, die nach Fronterfahrung bzw. Verfolgung im Zweiten Weltkrieg zu studieren begann und ab Ende der 1950er Jahre das Bauen in West-Berlin prägte. Zeitlebens hat er keine formale Handschrift entwickelt, sondern konzeptionell entworfen und vielfältige Einflüsse synthetisiert – mit dem Anspruch, für jede spezifische Aufgabe eine funktional optimierte und architektonisch sinnfällige Lösung zu bieten. Abgesehen von einem frühen Einfamilienhaus bearbeitete Leo nur öffentliche Bauaufgaben, insbesondere Gemeinschaftsbauten.
Seine eigenwilligen Lösungen müssen vor dem Hintergrund des damaligen wirtschaftlichen Booms, der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung und der Debatten um das zeitgemässe Planen und Bauen für die moderne Gesellschaft gelesen werden. Paradigmatisch hierfür sind beispielsweise seine vielfältigen Beiträge zu den West-Berliner Grosssiedlungen sowie vier Schulbauentwürfe, die im Kontext der zeitgenössischen Bildungsreformen entstanden. Die beiden herausragenden Bauten – der Umlauftank und die Zentrale der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, beide 1967 begonnen – sind spektakuläre Speziallösungen, die oft als Reaktionen auf die zeitgenössischen Architekturutopien rezipiert wurden und die in ihrer Zeichenhaftigkeit auf die Postmoderne vorausweisen.
Leos Tätigkeit als bauender Architekt endete auf dem Höhepunkt seiner Karriere Anfang der 1970er Jahre. Da er sich dem Fachdiskurs weitgehend entzogen und auch keine eigenen Texte verfasst hat, basiert die Dissertation wesentlich auf der kritischen Analyse des Nachlasses mit besonderem Fokus auf den programmatisch lesbaren Zeichnungen. Ziel ist eine problemorientierte Diskussion von Leos Entwurfstätigkeit. Die wenigen ausgeführten Bauten und die grösstenteils unpublizierten Projekte sollen detailliert analysiert, durch die Darstellung der Bedingungen des Bauens im West-Berlin des Kalten Krieges kontextualisiert und durch Vergleiche mit zeitgenössischen und historischen Referenzen architekturtheoretisch fassbar werden. Leos Entwürfe werden hierbei als individuelle und lokal verwurzelte, dabei aber international relevante Versuche der ambitionierten Nachkriegsarchitektur begriffen, die Traditionen einer sozial engagierten Moderne aufzugreifen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen.
Leos zeitlich und räumlich überschaubares Œuvre bietet die Chance, an Hand einer konzeptionell ambitionierten Entwerferpersönlichkeit einen konzentrierten Blick auf die Architektur eines Jahrzehnts zu werfen, das zunehmend in den Fokus differenzierter Fragestellungen und quellenbasierter Forschung rückt. Leo hat – so die Hypothese der Dissertation – mit seinen eigenwilligen Lösungen auf die An- und Widersprüche seiner Zeit zu reagieren und auf die Herausforderungen des Entwerfens im Spannungsfeld moderner Tradition und aufkommender Krise der Moderne zu antworten versucht, um zu beweisen, dass die Moderne in ihrer unbedingten Verknüpfung von gesellschaftlichem Emanzipationsanspruch und architektonisch ambitionierter Umsetzung nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. In diesem Sinn markiert Leo in seiner Konsequenz und Eigenständigkeit zwar eine architektonisch originelle und konzeptionell radikale Position, ist aber auf seine Weise auch zeittypischer Exponent der engagierten internationalen Architektur nach 1945 und ihrer programmatischen Setzungen.
Die Dissertation basiert unter anderem auf vier ausführlichen Interviews mit dem Architekten, die im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit Jürgen Patzak-Poor (BARarchitekten, Berlin) geführt wurden und zu den ganz wenigen Interviews gehören, die Ludwig Leo zeitlebens gegeben hat.
Gefördert durch ein Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung in Düsseldorf.
Laufzeit: laufend (seit 2009)