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Das angesagte Highlight der Weltmeisterschaften in London endete mit einer Überraschung. Ausgerechnet Justin Gatlin, der wegen mehrfacher Dopingvergehen auch vom fairen britischen Publikum regelmässig ausgebuht wird, vermasselte den geplanten goldenen Abschied von Usain Bolt.
Der «US-Veteran» Gatlin, als Olympia-Sieger 2004 in Athen und Weltmeister 2005 in Helsinki eigentlich ein Vorgänger von Bolt, setzte sich bei Gegenwind in 9,92 Sekunden durch. In den Halbfinals hatte er noch einen schwachen Eindruck hinterlassen, im Final schlug er aber zu. Er hielt auch seinen aufstrebenden Landsmann Christian Coleman (21) in Schach, der sich drei Bahnen versetzt mit Bolt ein Duell lieferte und sich in 9,94 Sekunden eine Hundertstel vor dem Superstar über die Ziellinie warf.
Während das Publikum etwas perplex die Überraschung konstatierte, sass Gatlin auf der Bahn und vergoss Tränen. Er verneigte sich vor Bolt, der als einer der ersten Gratulanten zu ihm kam, ihn umarmte und abklopfte.
Seine Grundschnelligkeit rettete den abtretenden Usain Bolt diesmal nicht. Der Start des Favoriten war wie gewohnt keine Augenweide. Andere waren zunächst schneller und zwei bleiben es bis zum Schluss. Der Blitz kam mit seinen grossen Hebeln doch noch ins Fliegen, aber er donnerte nicht an allen vorbei. Die grosse Show vor 60'000 Zuschauern gehörte nicht dem Jamaikaner, obwohl ihm zahlreiche Kameras folgten. Er winkte, klatsche dem Publikum zu, küsste die Bahn und als alles vorbei war, warf er sich doch noch in seine berühmteste Pose.
Ein Mythos - trotz Niederlage
Die Niederlage hinterlässt am Mythos Bolt kaum einen Kratzer. Dafür sprechen allein die Fakten. Weltrekordhalter über die 100 (in 9,58 Sekunden) und 200 Meter (in 19,19 Sekunden), beide Bestzeiten 2009 in Berlin aufgestellt. Acht olympische Goldmedaillen - die neunte, der Staffel-Triumph 2008, musste er wegen eines Dopingvergehens eines Teamkollegen wieder abgeben. Elf Mal Gold bei Weltmeisterschaften. Der schnellste Mann der Welt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 44,74 Stundenkilometern.
Die Abschiedsvorstellung von Bolt in London begann nicht perfekt. In seinen Anfängen, als ihn Tyson Gay, Asafa Powell oder Yohan Blake forderten sowie vor zwei Jahren, als Gatlin in Peking 2015 sogar als Favorit auftrat, hätte der mit 1,95 Metern buchstäblich grösste Sprinter mit der Leistung vom Samstagabend in London schon früher verloren. Aber obwohl die Konkurrenz zu schwächeln schien, hatten Gatlin, der Bolt in Rom 2013 zuvor die letzte Niederlage beigefügt hatte, und Coleman die Nerven im Griff, und schlugen im entscheidenden Moment zu.
Kommenden Samstag winkt Bolt doch noch die Chance für einen goldenen Abgang - und dies mit nicht einmal 31 Jahren. Die 4-mal-100-Meter-Staffel steht an, Jamaika ist nun aber nicht mehr der klar Favorit.
Das Sieger-Interview für den 100-Meter-Final, das Bolt eigentlich schon in den Tagen zuvor gegeben hatte, blieb somit ohne Wert: «Ich bin immer noch der schnellste Mann der Welt. Das wisst ihr alle, daran gibt es einfach keinen Zweifel. Wenn ich da rausgehe, dann bin ich bereit. Wenn ich bei einem Wettkampf antrete, dann bin ich voller Selbstvertrauen», hatte er jene wissen lassen, die angesichts von Bolts anhaltender körperlicher Beschwerden nicht fest daran glauben wollten, dass er auch bei seinem letzten Lauf als Erster über die Ziellinie kommen würde. Auch ein Superstar kann sich täuschen.
Blitzschlag-Geste bleibt
Der Bolt wird gehen, aber der berühmte «bolt», die Blitz-Geste, wird bleiben. Man glaubt dem Dominator der Sprintszene, dass sie kein von seinen PR-Leuten ausgetüfteltes Markenzeichen ist. «Das kam einfach so, das hat sich so entwickelt», äusserte er sich mehrmals zur Blitzschlag-Geste, die eine der populärsten Siegerposen weltweit geworden ist.
Und wie geht ein Typ wie Usain Bolt nun in Pension? «Ich bin echt froh, dass ich mich vom Sport verabschiede - und nicht der Sport mich in Pension schickt», hatte er im Vorfeld festgehalten. Nun scheint ihn auch der Sport zumindest ein bisschen in den Ruhestand zu schicken.