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Die von diesem Standort aus gut sichtbare Halbrotunde des Treppenhauses wird von einer Brüstung abgeschlossen, deren Geländer nicht von schmalen Balustern, sondern von einer Art Postamenten gestützt wird. Man könnte dieses aussergewöhnliche Architekturelement als Abschluss der Pfeiler verstehen, die das Treppenhaus umlaufen. Doch diese Pfeiler sind in sich schon abgeschlossen, sie gehen in die Rundbogen des ersten Zwischenpodests über. Die Form der Geländerstützen ist denn auch vor allem durch die Absicht bedingt, die Treppenhaushalbrotunde an die Brüstungshöhe des zweiten Obergeschosses anzugleichen. Sie sind ein Aufsatz. Doch dem Eindruck reiner Behelfsmässigkeit hat Moser durch verschiedene Querbezüge entgegengewirkt.
Himmelskörper
Die Treppenhausaufsätze sind mit acht Himmelskörper-Reliefs geschmückt. Geht man von der Aula aus im Gegenuhrzeigersinn um den Lichthof herum, erkennt man in den astronomischen Symbolen Mars (♂), Erde (♁), Jupiter (♃), Venus (♀), Merkur (☿), Sonne (☉), Neptun (♆), Saturn (♄). Doch wieso ist die Sonne hier unter die Planeten eingereiht, als wäre das heliozentrische Weltbild verabschiedet? Offensichtlich umkreisen die Planeten statt die Sonne mit der Sonne das Haupttreppenhaus. Das Treppenhaus wird zum Fixstern, von dem das Kollegiengebäude ausstrahlt.
Beim halbrunden Vorbau des Badischen Bahnhofs in Basel (1910–13) gestaltete Karl Moser die Abschlusszone ähnlich. Dort gliedern Reliefs über den Pfeilern die Attika an der Stelle, wo sich beim Universitätstreppenhaus die Geländerstützen befinden. Eine weitere Assoziation kann sich einstellen: Beim Grabmal des Goten Theoderich in Ravenna, das nach 1900 als Vorbild der deutschen Bismarcktürme im Schwange war, umlaufen zwölf Kragsteine mit den Namen der Apostel und Evangelisten die Dachkuppel. Vielleicht am deutlichsten hat dieses Architekturelement bei Moser seine Spuren mit den Sphinxköpfen hinterlassen, in denen die Pfeiler der Portalzone seines Wettbewerbsentwurfs für das Zürcher Kunsthaus enden. Doch seine Stützen beim Treppenhausabschluss der Universität sind eine durchaus eigenständige Lösung.
Ähnlichkeiten mit Schlosstreppe
Ebenso Mosers Haupttreppenhaus der Universität. Es bestehen zwar Ähnlichkeiten zu anderen Treppenhäusern. Von Interesse ist eines ganz in der Nähe von Curjel & Mosers damaligem Karlsruher Büro: das des barocken Schlosses Bruchsal im Bezirk Karlsruhe (es war damals wegen seiner 1900 bis 1909 erfolgten Sanierung im Gespräch). Vom Vestibül im Corps de Logis führt da die zweiläufige Haupttreppe zum Kuppelsaal. Dort schliessen Balustraden die ovale Bühne am Ende der Treppe ab. Und wirklich bietet der Bruchsaler Treppenaufgang Perspektiven, die an jene des Universitätstreppenhauses erinnern. Doch wo in Bruchsal zwei Treppenläufe sich im Oval ins erste Obergeschoss winden, setzt Moser zur Erschliessung eines zweiten Obergeschosses zwei Treppeneinheiten aufeinander, die je aus einem einläufigen Arm im Antritt und einem zweiten, zweiläufigen Arm, der sich beim Zwischenpodest umwendet, bestehen.
Vergleich mit dem Pariser Opernhaus
Diese Treppenlösung verdeutlicht auch den Unterschied zu einem der grandiosesten Treppenhäuser des 19. Jahrhunderts, jenem der Nouvel Opéra in Paris. Wenn Moser sich daran inspirierte, dann nicht an deren offener Treppe, sondern an den kolossalen Säulen mit Bogenstellungen und abschliessender Galerie, die geglättet im Wandaufriss des Universitätslichthofs wiederkehren.
Bei Moser wird die Treppenform durch die Halbrotunde definiert, die in den Lichthof ausbuchtet. Sie antwortet dem Eingangsrisalit an der Rämistrasse. An einer imaginären Achse, die quer zu den beiden Halbrotunden durch das zwischen ihnen liegende Rechteck verläuft, spiegelt sich der Aussenraum im Innenraum. Diese Raumdurchdringung zwischen Innen und Aussen zeigt sich auch an den Kolossalpfeilern des Lichthofs, die leicht über die zwischen ihnen liegenden Felder hinausragen; sie wiederholen das Pfeilersystem, das die Aussenwände gliedert. Der Lichthof, wiewohl überdacht, ist zugleich als Aussenraum charakterisiert.
Die Treppenanlage des Lichthofs wurde auch schon als «irrationale Raumplastik» bezeichnet. Doch wie schon im Barock, an den Mosers Treppenanlage anknüpft, ist ihre architektonische Plastizität nicht durch Irrationalität, sondern durch Mathematik, die Wissenschaft des Ordnens und Messens, definiert. Irrational mochte daran aus Sicht einer an Funktionalität orientierten Moderne erscheinen, dass – wie es Stanislaus von Moos ausgedrückt hat – eine «barocke Raumkonzeption hinter einem romanischen Formenkleid versteckt ist». Das Glasdach des Lichthofs bietet eine zusätzliche Inszenierung dieses Versteckspiels.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur
Von Moos, Stanislaus: Rendez-vous im Lichthof. In: Kunst Bau Zeit 1914 2014: Das Zürcher Universitätsgebäude von Karl Moser, hrsg. von Stanislaus von Moos und Sonja Hildebrand, Zürich 2014, S. 232-266. Zur Haupttreppe insbesondere S. 260ff.