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1964 in New York geboren, aber in Israel aufgewachsen, zählt Eytan Fox heute zu den wichtigsten Exponenten des israelischen Kinos und des queeren Filmschaffens. Das schwullesbische Festival Pink Apple würdigt Fox mit dem diesjährigen Pink Apple Festival Award.
Es ist mitten im Winter auf einem abgelegenen Aussenposten der israelischen Armee, der Boden ist mit Schnee bedeckt. In einem überfüllten Raum, auf einem Armeebett sitzend, studiert Yossi, ein junger Leutnant, eine Karte und bereitet sich auf einen Angriff vor, der seinem Zug für diese Nacht zugewiesen wurde. Neben ihm spielt sein Kamerad und heimlicher Liebhaber Jagger auf seiner Gitarre. «Bleibst du bei mir, wenn ich ein Bein verliere?», fragt Jagger. «Das könnte für bestimmte Positionen tatsächlich praktisch sein», erwidert Yossi. «Und was ist, wenn mein Gesicht verbrannt ist und ich nur noch ein Auge habe? Was ist, wenn ich sterbe und du mir nicht einmal gesagt hast, dass du mich liebst?»
Diese Szene aus Eytan Fox’ preisgekröntem Film Yossi & Jagger (2002) veranschaulicht das zentrale Thema, das den israelischen Cineasten während seiner gesamten bisherigen Laufbahn beschäftigt hat: die Reibung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre, die einen massgebenden Teil des heutigen Lebens in Israel prägt (und das jüdische Leben in Palästina seit dem Beginn der nationalen Besiedlung). In Fox’ Filmen und Fernsehdramen wird diese Reibung oft als Spannung zwischen den sexuellen Interessen seiner Figuren – insbesondere, wenn auch nicht ausschliesslich, homosexuellen Interessen – und der Beschäftigung ihres Umfeldes mit Fragen der nationalen Sicherheit dargestellt, als da sind: Militärdienst, Libanonkrieg, erster Golfkrieg oder der israelisch-palästinensische Konflikt. Yossi & Jagger avancierte zum Welterfolg bei Kritik und Publikum; wichtiger aber ist, dass er Fox’ Vorstellungen von Israel, von Homosexualität in der Armee und in der Welt auf den Punkt gebracht hat.
Schon Time Off (1990), sein Diplomfilm an der Filmschule der Universität Tel Aviv, thematisierte Konzepte von Männlichkeit, Homosexualität und Militärdienst – stets im erwähnten Spannungsfeld von Privatem und Öffentlichem. Mit dem «Movie of the Year»-Award des Israeli Film Institute ausgezeichnet, verlieh der Film Fox internationale Bekanntheit.
Autobiografische Bezüge und politische Diskurse
Eytan Fox wurde in New York City geboren, seine Familie zog nach Israel, als er noch ein kleines Kind war. Kindheit und Jugend in Jerusalem haben seine Haltung und seine kreative Vision massgeblich beeinflusst. Fox diente in der Armee, und es ist offensichtlich, dass er seine Erfahrungen für Time Off und Yossi & Jagger genutzt hat; beide Filme spielen in Armeelagern. Auch in anderer Hinsicht hat Fox seinen Werken einen deutlich autobiografischen Touch verliehen. Sogar die Tanzeinlagen, die in all seinen Filmen vorkommen, insbesondere in Cupcakes (2013), gehen auf seine persönliche lebenslange Leidenschaft für den Tanz zurück.
Fox’ Filme suggerieren, dass Sexualität und Geschlecht losgelöst von den brisanten politischen Themen, die die israelische Gesellschaft beschäftigen, funktionieren. Und doch lancierten seine preisgekrönten Werke Walk on Water (2004), The Bubble (2006) oder das lange ersehnte Sequel Yossi (2012) wichtige Diskurse um das konfliktbehaftete Zusammenleben der Religionen und Kulturen in Israel. Diese Diskurse werden in der Master Class von Fox im Gespräch mit Marcy Goldberg am 29. Oktober zur Sprache kommen.
Einen grossen Einfluss auf Fox’ Arbeit übt sein Geschäfts- und Lebenspartner Gal Uchovsky aus, der aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit als eine der wichtigsten schwulen Personen in den israelischen Medien gilt. Dies vor allem auch wegen seiner Rolle in der Neue-Medien-Revolution der 1980er-Jahre, als eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten sowie politischen Persönlichkeiten versuchte, das soziale Klima in Israel von einem militärisch orientierten zu einem eher zivilen, urbanen und kultivierten zu verändern.
Je länger seine Erfolge in TV und Kino anhalten, desto kritischer und reflektierter sind Eytan Fox’ soziokulturelle Positionen zum Status quo in Israel und in der Gay Community. Sinnbildlich dazu wirft sein neuster Film Sublet (2020) einen interessanten Blick auf das queere Selbstverständnis jüngerer Generationen, das im Konflikt zu Positionen der Gay-Aktivistinnen und -Aktivisten der ersten Stunde zu stehen scheint.
Das Pink Apple Film Festival ist stolz, den Pink Apple Festival Award 2021 an eine der wichtigsten Stimmen im queeren Kino Israels verleihen zu können.
Andreas Bühlmann
Andreas Bühlmann ist der künstlerische Koleiter des Pink Apple Filmfestivals.