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Schabrackentapir
Tapirus indicus
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Sippe der Huftiere, zu der wir all jene pflanzenessenden Säugetiere zählen, deren Zehenspitzen durch hornige Umkleidungen («Hufe») geschützt sind, setzt sich aus zwei verschiedenen Verwandtschaftsgruppen zusammen: zum einen aus den Paarhufern (Ordnung Artiodactyla), bei denen das Gewicht des Körpers auf der gleichmässig stark entwickelten dritten und vierten Zehe jeder Gliedmasse lastet, und zum anderen aus den Unpaarhufern (Ordnung Perissodactyla), bei denen jeweils die Mittelzehe das Hauptgewicht des Körpers zu tragen hat. Die beiden Huftiergruppen wurden lange Zeit als eine stammesgeschichtliche Einheit behandelt. Wir wissen aber heute, dass die alttertiären «Urhuftiere», von denen sie abstammen, keineswegs eine einheitliche Gruppe darstellten. Paarhufer und Unpaarhufer sind demzufolge ebenso nah bzw. ebenso weit miteinander verwandt wie beispielsweise die Affen und die Nager. Der scheinbar so klare Begriff «Huftiere» ist also heute in Frage gestellt.
Verschieden ist nicht nur die Herkunft der beiden Huftiergruppen; sehr unterschiedlich ist auch ihre Artenvielfalt: Die Ordnung der Paarhufer setzt sich aus über 200 Arten in 9 Familien zusammen und umfasst so bekannte Tiere wie die Kamele, Schweine, Flusspferde, Hirsche, Giraffen, Rinder, Ziegen und Antilopen. Die Ordnung der Unpaarhufer besteht hingegen aus lediglich 16 Arten in 3 Familien, bei denen es sich um die Pferdeartigen (Equidae), die Nashörner (Rhinocerotidae) und die Tapire (Tapiridae) handelt. Abgesehen von drei - zugegebenermassen spektakulären - Ausnahmen, nämlich dem Hauspferd, dem Hausesel und dem Steppenzebra (Equus burchelli)
, weisen die heutigen Unpaarhufer überdies sehr geringe Bestände auf. In der Tat stehen nicht weniger als zwölf der sechzehn Arten auf der von der Weltnaturschutzunion (IUCN) veröffentlichten Roten Liste. Darunter befinden sich zwei der drei Zebras, zwei der drei Wildesel, alle fünf Nashörner und drei der vier Tapire. Auch der Schabrackentapir (Tapirus indicus)
, von dem hier die Rede sein soll, gilt als «vom Aussterben bedroht».
Urzeitliche Kreaturen
Die heutigen Tapire gehören einer erdgeschichtlich sehr alten Tiersippe an. Zahlreiche Fossilfunde zeigen, dass sich die ersten tapirähnlichen Säugetiere (Überfamilie Tapiroidea) schon vor über 50 Millionen Jahren auf der nördlichen Erdhalbkugel herausgebildet hatten. Die ersten «eigentlichen» Tapire (Familie Tapiridae) erschienen dann vor rund 35 Millionen Jahren, und etwa 10 Millionen Jahre später tauchte bereits das erste Mitglied der «modernen» Gattung Tapirus
auf.
Im Verlauf der folgenden zwanzig Millionen Jahre erlebte die Gattung Tapirus
ihre Hochblüte und bevölkerte in grosser Artenzahl weite Bereichen der nördlichen Hemisphäre, so auch Europa. Erst die starken klimatischen Veränderungen während des Eiszeitalters, das vor gut 2 Millionen Jahren begann, bereiteten dem ein Ende. Die wärmebedürftigen Tiere wurden durch die vorrückenden Eismassen allmählich immer weiter nach Süden gedrängt, bis sie aus den meisten Bereichen ihres angestammten Verbreitungsgebiets in Nordamerika und im nördlichen Eurasien vollständig verschwunden waren. Nur in zwei weit voneinander entfernten Rückzugsgebieten vermochten sie zu überleben: in Lateinamerika einerseits und in Südostasien andererseits. Die heutigen Tapire sind demnach auf ein «Schrumpfgebiet» beschränkt und stellen den kläglichen Rest einer einst blühenden Tiersippe dar.
Vier Tapirarten gibt es noch insgesamt. Drei davon sind in Mittel- und Südamerika zu Hause: Der Flachlandtapir (Tapirus terrestris)
lebt in den Tiefländern des nördlichen Südamerikas und gilt als einziger Tapir vorderhand noch nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Der Bergtapir (Tapirus pinchaque)
bewohnt ein begrenztes Gebiet in den Anden Kolumbiens, Ecuadors und Perus und ist vom Aussterben bedroht. Der Mittelamerikanische Tapir (Tapirus bairdii)
schliesslich kommt vom südlichen Mexiko durch ganz Mittelamerika bis ins nordwestliche Kolumbien und nördliche Ecuador vor. Er gilt als «verletzlich».
In Südostasien ist als einzige Art der Schabrackentapir heimisch. Er ist der grösste der vier heutigen Tapire: Erwachsene Tiere weisen eine Schulterhöhe von ungefähr einem Meter, eine Kopfrumpflänge um 2,2 Meter und ein Gewicht zwischen 260 und 370 Kilogramm auf. Im Gegensatz zu seinen südamerikanischen Vettern weist er eine markante Fellzeichnung auf: Das vordere Körperdrittel und die Hinterbeine sind schwärzlich, der Rest des Körpers weisslich - so als trage er eine weisse Decke auf seinem Rücken. Auf diese optische Wirkung spielt denn auch der Artname an: «Schabracke» bedeutet soviel wie «Paradesatteldecke».
Ein wählerischer Vegetarier
Seiner stattlichen Grösse und scheinbar auffälligen Färbung zum Trotz ist der Schabrackentapir in freier Wildbahn kaum je zu sehen. Das hat damit zu tun, dass er vorwiegend nachts unterwegs ist, wenn im monochromen Mondlicht das schwarzweisse Fellmuster die Umrisse seiner Gestalt auflöst. Ausserdem hält er sich vorzugsweise in unwegsamem Pflanzendickicht auf, wo kein Mensch hinkommt. Und nicht zuletzt ist er ein sehr scheuer Geselle mit scharfen Ohren und hochempfindlicher Nase, der sich bei der leisesten Beunruhigung sogleich zurückzieht.
Die Verbreitung des Schabrackentapirs ist deshalb nur in groben Zügen bekannt: Als weitverbreitet gilt er auf der zu Indonesien gehörenden Insel Sumatra sowie auf der Malaiischen Halbinsel, also in Westmalaysia, im südlichsten Myanmar und im südwestlichen Thailand. Weniger ausgedehnt scheint seine Verbreitung auf dem indochinesischen Subkontinent zu sein, doch ist anzunehmen, dass die Art sowohl in Thailand als auch in Laos, Kambodscha und Vietnam in verstreuten Beständen vorkommt.
In allen Bereichen seines südostasiatischen Verbreitungsgebiets erweist sich der Schabrackentapir als ausgeprägter Waldbewohner, wobei er sich aber nicht auf einen bestimmten Waldtypus festlegt. Man findet ihn in Tiefland-, Hügel- und Bergwäldern ebenso wie in Sumpf-, Busch- und Sekundärwäldern. Da er sich wie erwähnt am liebsten in möglichst dichtem Unterholz aufhält und da der Unterwuchs dort am dichtesten ist, wo das Sonnenlicht reichlich auf den Waldboden fällt, findet man ihn vornehmlich im Umfeld von Flüssen, Seen und Sümpfen sowie an Waldrändern und auf Lichtungen aller Art. Dank seines untersetzten, «keilförmigen» Körpers, seinen kurzen, kräftigen Beinen und seiner sehr dicken, zähen Haut vermag er das bodennahe Dickicht mit Leichtigkeit zu durchdringen.
Die Vorliebe des Schabrackentapirs für dichten Pflanzenwuchs hat in erster Linie mit seinen Ernährungsgewohnheiten zu tun: Erstens ist er ein strikter Vegetarier, und zweitens zieht er zarte junge Blätter, Stengel, Triebe, Kräuter und Stauden älteren Pflanzenteilen vor. Solche Kost findet er natürlich im lichtdurchfluteten, bodennahen Jungwuchs weit häufiger als im Schatten des kronenüberdachten Waldes.
Obschon sich der Schabrackentapir von einem breiten Spektrum von Pflanzenarten ernährt, erweist er sich bei der Nahrungssuche als recht wählerisch: Er isst bei weitem nicht alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Mit letzterem schnuppert und tastet er sich behutsam durch das üppige Nahrungsangebot in seinem tropischen Lebensraum und stellt sich «kennerhaft» eine möglichst nahrhafte, leicht verdauliche und geschmacklich zusagende Kost zusammen.
Dort, wo er stark bejagt wird, geht der Schabrackentapir ausschliesslich im Schutz der nächtlichen Dunkelheit auf Nahrungssuche. Wo er weniger eifrig verfolgt wird, ist er häufig auch in den zwielichtigen Stunden der Morgen- und Abenddämmerung unterwegs. Er verlässt dann seinen Ruheplatz im Dickicht und wandert gemächlich durch sein Wohngebiet, wobei er keinen festen, ausgetretenen Wechseln folgt, sondern kreuz und quer durch das Unterholz streift. Meistens hält er den Kopf gesenkt, und sein Rüssel ist ständig in Aktion. Hie und da hält er inne und nimmt ein paar Blätter, Triebe oder Stauden zu sich. Dann zieht er weiter. Oftmals legt er sich während seiner nächtlichen Esswanderung in einen Bach oder eine Suhle und ruht dort eine Zeitlang. Regelmässig sucht er im übrigen Salzlecken auf, um seine pflanzliche Nahrung durch wertvolle Mineralsalze zu ergänzen.
Jungtiere mit Streifenkostüm
Über die Form der Vergesellschaftung der Schabrackentapire in freier Wildbahn wissen wir wegen ihrer heimlichen Lebensweise noch kaum etwas. Lange Zeit war man der Ansicht gewesen, die schwarzweissen Grosssäuger seien völlig ungesellige Einzelgänger, welche nur gerade zum Zweck der Fortpflanzung vorübergehend zusammenkommen. Neuere Beobachtungen deuten jedoch darauf hin, dass sie zwar keine festen Paare oder Gruppen bilden, Beziehungen zu benachbarten Artgenossen aber durchaus auch ohne direkte Paarungsabsichten pflegen. So hat man wiederholt zwei oder drei Individuen friedlich zusammen durch den Wald streifen, gemeinsam eine Salzlecke besuchen oder sich in einer Suhle wälzen sehen.
Etwas besser Bescheid wissen wir über das Fortpflanzungsgeschehen bei den Schabrackentapiren, denn die Tiere schritten wiederholt in Zoologischen Gärten zur Zucht. Das Weibchen bringt nach einer Tragzeit von ungefähr 13 Monaten jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Dieses wiegt bei der Geburt zwischen sechs und zehn Kilogramm und trägt ein markantes Tarnkleid aus hellen Streifen und Flecken auf braunem Grund. Wenige Minuten nach der Geburt unternimmt das Junge bereits die ersten Aufstehversuche, und schon nach wenigen Stunden vermag es mit seiner Mutter Schritt zu halten. Es wächst in der Folge rasch heran. Mit sechs bis acht Monaten ist es schon beinahe so gross wie seine Mutter. Es löst sich in diesem Alter von ihr und zieht auf eigene Faust los. Die Geschlechtsreife erreicht es im Alter von zwei bis drei Jahren. Über die Lebenserwartung in freier Wildbahn ist nichts bekannt; in Menschenobhut sind einzelne Schabrackentapire aber schon über dreissig Jahre alt geworden.
Bedrohliche Lebensraumverknappung
Natürliche Fressfeinde des erwachsenen Schabrackentapirs sind innerhalb seines südostasiatischen Verbreitungsgebiets hauptsächlich der Tiger (Panthera tigris)
, der Rothund (Cuon alpinus)
und das Leistenkrokodil (Crocodylus porosus)
, und die Jungtiere müssen sich wohl auch vor dem Leoparden (Panthera pardus)
und dem Netzpython (Python reticulatus)
in acht nehmen. Da der Schabrackentapir über keinerlei Waffen verfügt, kann er sich gegen diese Raubtiere nicht aktiv zur Wehr setzen und sucht folgerichtig sein Heil stets in der Flucht. Sobald ihm seine wachen Sinne eine mögliche Gefahr melden, stürmt er sofort mit gesenktem Kopf davon und «pflügt» sich mit beträchtlicher Geschwindigkeit durch dichtestes, für viele andere Tiere undurchdringliches Pflanzengewirr.
Von Seiten seiner Fressfeinde droht dem Schabrackentapir allerdings keine wirklich ernste Gefahr, denn solche natürlichen Ausfälle vermag er zweifellos via seine Nachzuchtrate wieder wettzumachen, umsomehr als die Bestände der genannten Raubtiere in den letzten zwei Jahrhunderten überall massiv geschwunden sind. Als ein schrecklicher Widersacher entpuppt sich einzig der Mensch. Zum einen bejagt er den Schabrackentapir wegen seines wohlschmeckenden Fleischs und seines zähen Leders. Zum anderen holzt er im ganzen südostasiatischen Raum seine Lebensräume ab und nutzt die gerodeten Flächen als Kultur- und Siedlungsland. So wird der scheue Unpaarhufer ständig weiter zurückgedrängt und immer seltener.
Theoretisch ist der Schabrackentapir heute in den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets gesetzlich geschützt, doch leider ist der Vollzug der Naturschutzgesetze vielerorts mangelhaft. Soll er längerfristig eine Überlebenschance haben, müssen möglichst viele und möglichst grossflächige Bereiche der noch existierenden Naturlandschaften Südostasiens wirksam vor der Vernichtung durch den Menschen geschützt werden. Der Welt Natur Fonds (WWF) setzt sich hierfür im Rahmen zahlreicher Projekte seit vielen Jahren ein.
Vietnamesischer Leidensgenosse: das Vu-Quang-Rind
Vietnam, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, hat im Verlauf der letzten dreissig Jahre unsägliche Umweltschäden erlitten - weit gravierendere als seine Nachbarländer, denn neben der «normalen» Waldvernichtung zwecks Holzgewinnnung und Schaffung landwirtschaftlicher Nutzflächen musste es auch die zerstörerischen Auswirkungen eines Kriegs hinnehmen, der mehr als zwei Jahrzehnte währte. Von diesem verheerenden Krieg hat sich Vietnam in vielerlei Hinsicht bis heute nicht zu erholen vermocht. Weiterhin gehört es zu den ärmsten Ländern der Welt. Erfreulicherweise hat es aber inzwischen erhebliche Anstrengungen unternommen, um von seinem natürlichen Erbe zu retten, was übriggeblieben ist - und dies scheint doch mehr zu sein, als vielfach befürchtet wurde. Darauf lässt unter anderem die kürzlich erfolgte Entdeckung des Vu-Quang-Rinds oder «Sao-La» (Pseudoryx nghetinhensis)
schliessen, eines kleinwüchsigen, waldlebenden Wildrinds, das sich bis anhin vor der westlichen Wissenschaft verborgen gehalten hatte.
Das Gebiet, in dem das Vu-Quang-Rind vorkommt (und wo sich mittlerweile das 160 Quadratkilometer grosse Vu-Quang-Naturreservat befindet), ist eine von Vietnams naturbelassenender Regionen, in welcher - neben einer grossen Vielfalt weiterer Tierformen - vermutlich auch der Schabrackentapir vorkommt. Sie hat deshalb höchste Schutzpriorität.
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