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Am Nest des Habichts
Ein Strich auf der topographischen Karte, eingezeichnet im April, gibt die Bahn des Territorialfluges eines Habichtweibchens und dessen Endpunkt in einem Nadelgehölz auf etwa 1300 m ü. M. an. Da muss man den Horst suchen, im Umkreis von 300 bis 400 m. Im Juni sollten die Jungen schon so gross sein, dass der Besuch eines Fremdlings sie nicht mehr zur Nestflucht veranlasst. In der wilden, dunklen und stillen Waldlandschaft wird des Menschen Gegenwart durch eine paar abgesägte Baumstümpfe angedeutet. Das Hämmern eines Kleibers, der eine Haselnuss knackt; das abfallende Trillern eines Rotkehlchens, der mächtige Gesang einer Misteldrossel, die Flucht einer Amsel im Unterholz, die Pfiffe eines Finken erinnern an die Fauna der benachbarten Heckenlandschaft.
Doch etwas ist verändert: Verstummt sind die Rufe der Kohlmeisen in der Nähe des Dorfes, vergessen ist der Leiergesang der Nonnenmeisen auf den Zitterpappeln. Die Triller der Blaumeisen sind der melancholischen Melodie der Alpenmeisen, dem lockeren Schnurren der Haubenmeisen und dem monotonen Klagen der Tannenmeisen gewichen. Hört man gespannt hin, vernimmt man das feine Wispern des Wintergoldhähnchens. An einem Stamm klettert ein kleiner, brauner Vogel hoch: Es ist der Waldbaumläufer, der hier seinen Gartenvetter ersetzt.
Ich umgehe ein Dickicht junger Tannen, die noch taufeucht sind. Das ist das Gebiet des Zilpzalps und der Mönchsgrasmücke, die hier eindringen, weil Weiden und Vogelbeerbäume Zwischenräume schufen. Die piepsige Stimme der Heckenbraunelle bestätigt, dass wir unter Koniferen stehen. An einer Gruppe von Weisstannen — dem Biotop der Sperber - vorbei, gelange ich in einen lichten Walddom aus lauter grossen, geraden Stämmen, ohne Unterholz, wo die Sicht weit reicht. Der Horst muss in der Nähe sein; eine Ansammlung von Ästen, sehr hoch, nahe am Stamm. Da, eine Spechthöhle, gross, oval, fast viereckig: Auch der Schwarzspecht sucht grosse Bäume auf. Es ist unnütz, seinen Ruf nachzuahmen, die Familie ist längst ausgeflogen. Auf dem sonst einförmigen Boden zieht eine Erhebung, von Gras und Brombeerranken bedeckt, am Fuss einer Lärche, meine Aufmerksamkeit auf sich. Keine Felsen, keine Baumstümpfe... könnte es ein alter, heruntergefallener Horst sein? Reisst man die Ranken weg, kommt ein Haufen halbvermodeter Äste zum Vorschein. Die Untersuchung fördert Jahresschichten, Kiele verfaulter Federn, Eierschalen und Knochenreste ans Tageslicht. Zuunterst, halb verdeckt von Gräsern, erlauben drei faulende, schon fast im Humus steckende Lärchenäste, das Drama zu rekonstruieren. Durch ständige Wiederbelastung, jeden Frühling, während 10, 20, gar 30 Jahren wurde der Horst zu schwer für die wie Glas zerbrechlichen Äste.
Weisse Flecken am Boden lassen auf ein bewohntes Nest schliessen. Der Boden ist mit Vogeldreck beschmutzt, ein gutes Zeichen. Ich steige höher, um von oben herab zu beobachten. Im Westen, woher der Anflug günstig ist, markieren Federn auf einem Strunk den Ort, an dem das Weibchen die Beutetiere zerlegt, die das Männchen während der Brutzeit herbeibringt. Die Federn eines Birkhuhns deuten an, dass der Habicht oberhalb der Waldgrenze jagt. Auch das ganze Federkleid eines Sperbers liegt da. Federn eines Eichelhähers, einer Singdrossel und eines jungen Tannenhähers. Nein, sogar zwei oder drei Junge, zu viele! Es ist eine Angewohnheit des Habichts, dass er immer wieder an den gleichen Ort zurückkehrt, um die ganze Familie zu holen. Ich erinnere mich eines Horstes, der die Knochen von drei Rauhfusskäuzen enthielt. Bevor ich den Baum hinaufklettere, werfe ich noch schnell einen Blick in den Graben: froüüüü: ein Haselhuhn fliegt weg, das in den Weiden- und Erlenbüschen sass. Jenseits des grasbewachsenen Grabens scheint die Sonne auf eine kleine Naturwiese, die noch ganz nass ist vom Lawinenschnee, der vor kurzem schmolz, und ermöglicht den Flug von einigen Waldschmetterlingen: Waldteufel, Mohrenfalter Erebia euryale, Kleiner Waldportier.
Zum Horst hinaufzuklettern, am Stamm ohne Äste, ist nicht risikolos: Der Habicht kann sich seiner Besucher erwehren. Dort oben - welche Überraschung - hat ein Tannenmeisen-Paar sein Nest in die Struktur des Horstes eingebaut. Diese Wahl, nicht ungefährlich, scheint ihnen zu behagen: In der Nähe des Horstes gibt es kaum Jagdaktivitäten. Den überhängenden Rand zu überwinden und sich auf der riesigen Plattform von einem Meter Höhe und einem Meter zwanzig Durchmesser zu erholen, verlangt viel Gleichgewicht. Die Küken im grauen Flaum, noch fast ohne Federn, strecken ihre Füsse aus: Es gilt, Federn und Knochen eiligst zu packen. Die Ernte ist gut: Reste eines Waldkauzes, zweier Eichhörnchen, eines Schneehasen und eines Kolkraben sowie einige kleine Knochen von Meisen und Drosseln, alle in schlechtem Zustand, schwierig, genau zu bestimmen und zu quantifizieren. Ein kleiner Schwarm Fichtenkreuzschnäbel fliegt vorbei, 25 m über dem Boden, und veranlasst mich, das Abseilen vorzubereiten.
Nach der Karte findet sich etwas höher oben eine Lichtung. Um sie zu erreichen, muss ein Felsband überwunden werden — zwei Gemsen fliehen. Kotspuren zeigen ein Nest an: Zweifellos wohnt hier ein Waldkauz. Nach einigen Minuten werden neue Gesänge hörbar. Das Lachen des Grünspechtes und der Leiergesang des Baumpiepers, die beide den dichten Wald nicht lieben, künden eine nahgelegene Maiensässe an.
Mein Eintritt in den Sonnenschein löst den Wegflug von Misteldrosseln und Ringamseln aus. Das djäck-djäck-djäck der Birkenzeisige lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ecke einer verlassenen Alpweide, wo um einen Wasseraustritt einige Grün-Erlen stehen. In der alten Tränke, nahe der Quelle, tummeln sich Myriaden von Kaulquappen des Grasfrosches, und auf dem nassen Boden suchen, vom Spaziergänger ungestört, Dutzende von Schmetterlingen ihre Nahrung: Scheckenfalter, Feuerfalter, Bläulinge aller Art. Welch ein Gegensatz zum dunklen, insektenarmen Unterholz! Um diese Jahreszeit sind die Grashüpfer und Heuschrecken, welche die Sommerwiesen beleben werden, noch kleine, unbedeutende Larven, dafür aber sehr zahlreich. Bei der Hütte streitet sich ein Hausrotschwanz mit einer Bachstelze. Zuoberst auf der Lichtung sichern grosse Lärchen, gefördert von Menschen und Höhenlage, den Übergang zum Wald. Von einem tiefstehenden Ast aus, der ihm als Sitz dient, führt ein Grauschnäpper, den man am tsic tsic und am nervösen Flügelwippen erkennt, seine mörderischen Flüge aus. Mit Zwitschern und in schmetterlingsartigem Flug begleitet ein männlicher Zitronenfink sein Weibchen, das Flechten zum Nestbau trägt.
Höher oben weichen die Fichten allmählich den Arven. Die jungen Tannenhäher, schon ausgeflogen, betteln lärmig um ihr Futter. Ein eigenartiger Gesang, dededededede, zeigt eine Klappergrasmücke an. Zuletzt stosse ich an der Waldgrenze auf Gartenrotschwanz, Berglaubsänger und Grünspecht, die in den weitauseinander stehenden Lärchen wohnen. Auf der Alpenrosenheide singen Heckenbraunelle und Klappergrasmücke. Von hier aus erkenne ich im dunklen Gehölze die Schneise des Abrutsches in der Nähe des Horstes.
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