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Desertion
(lat., »Verlassung«),
die eigenmächtige Entfernung eines Soldaten von seiner Truppe oder von seinem dienstmäßigen Aufenthaltsort. Das deutsche Militärstrafgesetzbuch (§ 64 ff.) unterscheidet ¶
forlaufend
zwischen der unerlaubten Entfernung und der Fahnenflucht. Erstere, das Wegbleiben vom Dienst, Verlassen der Truppe ohne Urlaub oder Überschreitung des Urlaubs, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 6 Monaten bestraft, in leichten Fällen nur disziplinarisch mit Arrest, z. B., wie es öfters vorkommt, bei Rekruten, die aus Heimweh nach Hause gehen und nach einigen Tagen wiederkommen oder vom Vater zurückgebracht werden. Nur bei verschuldeter Abwesenheit über 7 Tage, im Feld über 3 Tage, tritt Gefängnis oder Festungshaft bis zu 2 Jahren ein.
Dauert dieselbe im Feld länger als 7 Tage, so ist Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 5 Jahren verwirkt. Die Fahnenflucht schließt die Absicht dauernder Entziehung vom Dienst ein, wie z. B. das Beseitigen der Uniform, Reise ins Ausland etc. sie darthun, und sie wird mindestens mit Gefängnis von 6 Monaten bis zu 2 Jahren, im Wiederholungsfall mit Gefängnis von 1-5 Jahren, im zweiten Rückfall mit Zuchthaus von 5-10 Jahren bestraft; im Feld ist die mildeste zulässige Strafe für Fahnenflucht 5 Jahre Gefängnis, in schweren Fällen tritt selbst Todesstrafe ein.
Bei jeder Fahnenflucht muß auch auf Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes erkannt werden. Straferhöhend wirkt
es, wenn mehrere eine Fahnenflucht verabreden und gemeinschaftlich ausführen. Schon der Versuch zur Fahnenflucht
ist strafbar. Gegen abwesende Deserteure wird in contumaciam eine Geldstrafe von 150-3000 Mk. verhängt; kehren sie später
zurück, oder werden sie ergriffen, so wird ein neues Verfahren eingeleitet. Die Verleitung und der Versuch einer Verleitung
eines Soldaten zur
Desertion und die Beförderung einer solchen werden nicht nur an Soldaten, sondern auch an
Personen bestraft, welche dem Soldatenstand nicht angehören.
Das deutsche Strafgesetzbuch (§ 141) setzt für letztere Gefängnisstrafe von 3 Monaten bis zu 3 Jahren fest. Schon bei den Griechen wurde der Deserteur meist am Leben gestraft. Bei den Römern galt in Kriegszeiten jeder für einen Deserteur, der ohne Erlaubnis sich von seinem Korps weiter entfernte, als der Schall [* 4] der Tuba [* 5] reichte. Er wurde im Krieg meist zum Tod verurteilt; in Friedenszeiten verlor ein Ritter sein Pferd, [* 6] und wer kein Ritter war, wurde zu einer niedrigern Klasse der Soldaten herabgesetzt.
Bei den Heeren des Mittelalters waren die Strafen für
Desertion sehr verschieden und richteten sich meist nach
den Ansichten des Heerführers sowie nach den Schwierigkeiten, welche derselbe im Anwerben von Truppen fand. In Frankreich wurde 1550 unter
Heinrich II. die Todesstrafe auf
Desertion gesetzt; Karl V. erklärte die Ausreißer für vogelfrei; wer sie traf, konnte sie töten.
In Italien,
[* 7] wo durch die Parteimietlinge (Kondottieri) die Mannszucht ganz in Verfall kam, war die
Desertion etwas
Allgemeines.
Die Schweizer und Deutschen waren noch die zuverlässigsten Truppen. Das Werbesystem Deutschlands
[* 8] im 18. Jahrh. hatte unter vielen
andern Nachteilen auch den der häufigen
Desertion zur Folge, und selbst Friedrich d. Gr. vermochte dieses Übel nicht
aus seinen Heeren zu verbannen. Eine Folge dieses Systems war die Errichtung von Auslieferungsverträgen, sogen. Kartellkonventionen,
zwischen befreundeten Staaten. In unsrer Zeit kommt bei den europäischen Armeen die
Desertion nur noch selten vor, was von der kürzern
Dienstzeit, vorzüglich aber von der volkstümlichern Bildung der Heere herrührt. Am häufigsten ist sie
und in hohem Grad bedenklich im englischen Heer, wo noch Werbung gesetzlich ist und die Soldaten oft desertieren, um sich sofort
wieder gegen neues Handgeld
bei einem andern Truppenteil anwerben zu lassen. - Übrigens finden die Bestimmungen des deutschen
Militärstrafgesetzbuches über die
Desertion auch auf die Angehörigen der Kriegsmarine Anwendung.
Für die Schiffsleute auf Kauffahrteischiffen gilt die Bestimmung des Strafgesetzbuches (§ 298), wonach ein Schiffsmann, der mit der Heuer entläuft oder sich verborgen hält, um sich dem übernommenen Dienst zu entziehen, mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft wird, gleichviel, ob das Vergehen im Inland oder im Ausland begangen worden ist. Aber auch in solchen Fällen, in denen ein strafbarer Eigennutz des Schiffsmannes nicht vorliegt, wird das Entlaufen eines solchen, auch wenn er nicht mit der Heuer entweicht oder sich verborgen hält, nach der deutschen Seemannsordnung (§ 81 ff.) auf Antrag mit Strafe belegt. Zwischen den verschiedenen Seestaaten bestehen wegen Auslieferung desertierender Schiffsleute besondere Kartellverträge.
Unter
Desertion versteht man auch die bösliche Trennung des einen Ehegatten von dem andern ohne hinreichenden Grund, indem er von
ihm eigenmächtig in der Absicht, die Ehe nicht fortzusetzen, wegzieht. Auch die hartnäckige Verweigerung der ehelichen Pflichten
wird als
Desertion (quasi desertio) aufgefaßt. Da in beiden Fällen der Zweck der Ehe dadurch vereitelt wird,
so ist in protestantischen Ländern die
Desertion ein Ehescheidungsgrund, sowohl, wenn der Aufenthalt des Verlassenden (desertor,
der Mann, desertrix, die Frau) bekannt ist, als auch, wenn ihn der andre Teil nicht weiß.
Wenn der verlassene Ehegatte wegen der
Desertion auf Ehescheidung klagt (
Desertionsklage), so wird im ersten Fall
der Verlassende unter Androhung einer Strafe (Zwangsmittel), die meist in Gefängnis besteht, zur Rückkehr oder zur Pflichterfüllung
aufgefordert, worauf erst bei fortgesetzter Verweigerung die Trennung erfolgt. Im zweiten Fall begründet eine längere Abwesenheit,
die nach verschiedenen Eheordnungen bald auf die Zeit von einem halben Jahr, bald von 2, 4, 7 Jahren bestimmt
ist, nebst dem Mangel an Nachrichten die Vermutung der
Desertion. Gegen den Abwesenden erfolgt dann ein öffentliches Aufgebot (s. d.).
Dieses gerichtliche Verfahren heißt der
Desertionsprozeß.