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Karl, so heisst der Nachbarsjunge, spricht mit ihm bekannten wie fremden Menschen in einem frechen Ton. Er macht immer wieder verbotene Dinge, zum Beispiel fährt er alleine über eine stark befahrene Strasse. Und die Kinder verhalten sich anders, wenn Karl dabei ist. Anstatt Fussball zu spielen oder auf dem Trampolin zu hüpfen, ziehen alle ihre Hosen herunter und springen halbnackt herum. Karl wirft mir dann Blicke provokative Blicke zu im Sinne von: ‹Ha ha, du kannst mich eh nicht aufhalten.› In solchen Fällen gehe ich weg, beobachte die Kinder aber von Weitem.
Ich erkenne in Karl viele Züge von den ‹Problemkindern›, mit denen ich als Kind in die Schule gegangen bin: diejenigen, die schon in der 3. Klasse schwänzten, die frech zu den Lehrpersonen waren oder in der 8. Klasse Hasch geraucht haben und betrunken in die Schule gekommen sind. Mit diesen Kindern ist es ja so, dass sie oft sehr cool sind und dass jeder mit ihnen zusammen sein will und so sein will wie sie.
Obwohl mein Sohn erst sechs Jahre alt ist, sehe ich viele negative Züge an ihm, die ich selbst hatte, als ich klein war. Er ist sehr prahlerisch auf eine Art, die andere schlechtmacht und sich selbst hervorhebt. Ich war genauso.
Ich habe nun zwei Fragen an Sie:
- Kann ich Karl auf irgendeine Weise helfen? Soll ich mit seinen Eltern reden? Oder vielleicht besser mit ihm alleine?
- Wie soll ich mich meinem Sohn gegenüber verhalten, damit er stark genug ist und sich nicht mitreissen lässt, wenn Karl etwas Illegales tut? Damit er ein gutes Selbstwertgefühl bekommt, um beurteilen zu können, was richtig und falsch ist, und um die richtigen Entscheidungen zu treffen?»
Jesper Juul antwortet
Ihr Nachbarsjunge Karl lebt in einer Familie mit einer Erziehungsphilosophie, die sich von der Ihrigen unterscheidet. Doch der Junge ist auch bereits Teil Ihrer Familie, ein Teil des Systems, welches Ihren Sohn beeinflusst. Jetzt können Sie sich fragen, ob Sie die Kraft und Lust haben, ihn näher an ihre Familie zu binden, oder ob Sie ihn mehr auf Distanz halten wollen.
Was auch immer Sie antworten, die Freundschaft zwischen Karl und ihrem Sohn Lukas ist eine Tatsache.
Die Kindergartenlehrperson beschreibt die beiden als «Alpha- Buben», also Führungstypen. Auch sie haben zwei Möglichkeiten: Die beiden können entweder Feinde sein oder sie können Freunde sein, und beide Szenarien beeinflussen das Selbstwertgefühl und das Verhalten Ihres Sohnes.
Da beide Buben Sololäufer sind, werden sie wahrscheinlich in einigen Jahren getrennte Wege gehen und sich in ihrem jeweiligen Netzwerk etablieren. Aber gerade jetzt ist Freundschaft wichtig und Sie haben eine hervorragende Gelegenheit, Einfluss auf die weitere Entwicklung zu nehmen.
Das machen Sie am besten, indem Sie die Buben zu Kakao und Muffins einladen und ungefähr Folgendes sagen: «Ich bin froh, dass ihr so gute Freunde seid, und deshalb möchte ich dir, Karl, etwas Wichtiges sagen. Ich denke, dass du bemerkt hast, dass ich nicht immer mag, was du tust und wie du sprichst. Ich sehe, dass du denkst, dass es lustig ist, aber du hast noch nicht gemerkt, dass es auch manchmal Leute verletzt und sie deshalb nicht gerade begeistert sind von dir. Ich möchte, dass du dich in unserer Familie willkommen fühlst, und ich möchte gerne respektieren, dass du so bist, wie du bist; aber es gibt Grenzen. Deshalb würde ich gerne eine Vereinbarung mit dir treffen: Ich möchte dir sagen können, wenn etwas passiert, das ich nicht mag, ohne dich auszuschimpfen. Und ich wünsche mir, dass du mich dann ernst nimmst.»
Sie sollten keinen absoluten Gehorsam von Karl erwarten, aber Sie werden bald merken, dass sich eine konstruktive Beziehung zwischen Ihnen und Karl entwickelt. Eine Beziehung, in der er nicht auf eine Rolle als Unruhestifter reduziert wird und Sie nicht auf die Rolle des nervigen Erwachsenen.
Manche Erwachsene investieren viel darin zu verhindern, dass ihre Kinder denselben Entwicklungsmustern folgen wie sie selbst – um im Nachhinein zu sehen, dass es keine gute Idee war. Oft sind die Bemühungen umsonst, und manchmal führen sie ins Gegenteil. Ihre eigene Geschichte kann die Beziehung zu Ihrem Sohn entweder mit Sorge und Angst oder mit Empathie und Loyalität charakterisieren. Ich empfehle Ihnen Letzteres.
Ihr Sohn ist sechs Jahre alt und das bedeutet, dass er derzeit gerade die Moralvorstellungen seiner Eltern verinnerlicht. Die nächsten fünf Jahre werden zeigen, was er damit anstellt. Macht er sie sich zu eigen oder findet er Alternativen? Vieles hängt von Druck und Gegendruck ab und von Ihrer Fähigkeit und Bereitschaft, ihn so zu akzeptieren, wie er ist. Seien Sie so klar und deutlich wie möglich (ohne zu viele Wiederholungen), aber machen Sie ihn nicht verlegen, weil er anders ist (oder eben nicht anders, als Sie es waren).
Wenn die Kindergartenlehrperson damit Recht hat, dass sie Lukas als «Alpha-Buben» bezeichnet, wird er in den kommenden Jahren die meisten Autoritäten, die er auf seinem Weg trifft, herausfordern. Nur wenigen wird es erlaubt sein, ihm zu folgen, wenn er seine eigenen Erfahrungen macht und sie verarbeitet. Wenn es zu Hause und in der Schule keinen Platz dafür gibt, muss er dieses Projekt bis zur Pubertät verschieben. Nur wird es dann natürlich etwas heftiger.