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Unter dem Begriff K. werden verschiedene wissenschaftl. Ansätze mit unterschiedl. Bezeichnungen zusammengefasst. Im deutschsprachigen Raum lassen sich mit Blick auf die letzten Jahre zwei Richtungen festmachen, die sich auf Grund ihrer Forschungsinteressen unterscheiden. Die Publizistik- oder Kommunikationswissenschaft befasst sich in erster Linie mit dem Informationsaspekt der Kommunikation (was wird kommuniziert), wobei sie sich dabei auf die Massenmedien konzentriert. Die Medienwissenschaft dagegen legt ihren Schwerpunkt auf den Mitteilungsaspekt der Kommunikation (wie wird kommuniziert, in Rückgriff auf welches Kommunikationsmedium, unter welchen medial konditionierenden Bedingungen). Beide Ansätze gehen auf den linguistic turn um die Wende vom 19. zum 20. Jh. zurück und berufen sich einerseits auf die Theorie des Pragmatismus des amerikan. Philosophen Charles Sanders Peirce, Begründers der modernen Semiotik, andererseits auf die Semiologie des Genfer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure. Diese europ. Variante des linguistic turn beeinflusste v.a. die Medienwissenschaft. Gemeinsam ist den Zugängen die Abkehr von der - vorwiegend europäischen - geisteswissenschaftl. Tradition mit ihren bewusstseinsphilosoph. Grundbegriffen, die neu sprachtheoretisch bzw. semiotisch begründet werden. Die Analyse "objektivierbarer", "äusserlicher" und in diesem Sinne "empirisch" zugängl. "Objekte" rückt nun in den Vordergrund. Der Fokus richtet sich auf sprachl. Ausdrücke und beobachtbares Verhalten, die mit Hilfe von Ansätzen gedeutet werden, die von der Semiotik und der analyt. Sprachphilosophie über den Sozialbehaviorismus und die Verhaltenspsychologie bis hin zur Sozialpsychologie und der empir. Sozialforschung reichen.
Anders als im deutschsprachigen Raum etablierte sich an den Universitäten in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz (hier seit der Gründung der Univ. Lugano 1996) eine medienwissenschaftliche, semiotisch-semiologisch und linguistisch geprägte Auffassung der K. Entsprechend verweisen die Begriffe sciences des médias oder sciences de la communication gleichermassen, und meist auch kombiniert verwendet, auf medien- und publizistikwissenschaftl. Zugänge. Im ital. Sprachraum spricht man in etwas missverständl. Weise von der sociologia dei media oder sociologia della comunicazione, die an die angelsächs. communications research anknüpft und eher der Publizistikwissenschaft und weniger einer gesellschaftstheoretisch interessierten Medien- oder Kommunikationssoziologie entspricht. Als Oberbegriff für die K. dient hier der Begriff scienze della comunicazione, oft in Kombination mit scienze dei media.
Der heutigen Publizistikwissenschaft ging in der Deutschschweiz die wissenschaftl. Zeitungskunde bzw. Journalistik voran (Presse), die sich an den Geisteswissenschaften orientierte und eine mehr oder weniger kontinuierl. Behandlung der öffentl. Kommunikation, verstanden als Öffentlichkeit im Sinne der Aufklärung, unter staatsrechtl., politikwissenschaftl. und hist. Aspekten etablierte (Öffentlichkeit). Sie war praxisnah und wurde meistens von Journalisten im Nebenamt gelehrt, etwa von Oskar Wettstein, der als Chefredaktor der "Züricher Post" ab 1903 an der Univ. Zürich dozierte, oder von Michael Bühler, der als Chefredaktor des "Bunds" ebenfalls ab 1903 an der Univ. Bern wirkte. Ab den 1960er Jahren setzte sich in der Deutschschweiz, v.a. an der Univ. Zürich, dann eine Publizistikwissenschaft durch, die an die ab den 1920er Jahren betriebene amerikan. communications research mit deren Orientierung an der Experimental- und Sozialpsychologie sowie empir. Sozialforschung anschloss.
Die einst starke publizistikwissenschaftl. Ausrichtung der deutschschweiz. Institute löste sich in den letzten Jahren zugunsten medienwissenschaftl. und mediensoziolog. Ansätze auf. Für diese neueste Entwicklung spielen v.a. jene angelsächs. Theorien und Methoden aus den 1950er und 60er Jahren eine wichtige Rolle, die als media impact approach, als Schule von Toronto oder umfassender als Paradigma Kommunikation und Medien bezeichnet werden. Ferner beziehen sich mediensoziolog. Ansätze auf gesellschaftstheoretisch begründete Medientheorien, wobei Kommunikation inzwischen zu einem Basisbegriff der neueren Gesellschaftstheorie geworden ist.
Literatur
– U. Saxer, «Kommunikations-, Publizistik- und Medienwissenschaft nach helvet. Manier», in Das Publikum als Programm, hg. von R. Oppenheim et al., 2002, 93-116
– Medienwiss. Schweiz 13, H. 1, 2003
– P. Meier, R. Blum «"Im schweiz. Erdreich verwurzelte Wissenschaft"», in Die Spirale des Schweigens, hg. von W. Duchkowitsch et al., 22004
Autorin/Autor: Gaetano Romano