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Reisenotizen aus Kurdistan
Theresa Jäggin ist im „Kurdistan-Forum CH" aktiv, ein Zusammenschluss von in der Kurdistanfrage engagierter Personen und Organisationen. Das Kurdistan-Forum trifft sich ungefähr einmal im Monat und spricht die laufenden Aktionen ab.
Da die HADEP am 18. April 1999 grossartige Wahlsiege bei den vorgezogenen Wahlen erzielte und damit 34 BürgermeisterInnen stellte, entschlossen wir uns, einigen von ihnen, speziell den Frauen, einen Besuch abzustatten, um ihnen zu gratulieren und uns über die dortige Situation zu informieren.
Also reisten wir am 10. Mai nach Istanbul und flogen am folgenden Tag nach Batman, dessen Flugplatz einer militärischen Festung gleicht. Den Nachmittag verbrachten wir im Stadthaus beim Bürgermeister Abdullah Akin und einigen Stadträten und liessen uns über die gegenwärtigen Zustände ins Bild setzen. Die gewählten HADEP-PolitikerInnen haben einen ausserordentlich schweren Stand. Es wird ihnen praktisch verunmöglicht, ihre Arbeit zu leisten. Die Gemeinden haben alle Riesenschulden, oftmals können sie sogar die Löhne der Angestellten nicht bezahlen. Der Staat verweigert ihnen jegliche Unterstützung, auch die ihnen zustehenden Steuergelder erhalten sie nicht.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Taxi Richtung Mardin durch die wunderbare, fruchtbare Landschaft, vorbei am historischen Hasankeyf, was alles vom Wasser des gigantischen Ilisu-Staudammes (mit Unterstützung der Schweiz) überflutet werden soll. Die Militärpräsenz auf dieser Strecke ist markant. Erstaunlicherweise wurden wir jedoch von keiner Kontrolle aufgehalten und fuhren an Mardin vorbei direkt nach Kiziltepe zum Stadthaus, wo wir die neugewählte Bürgermeisterin Cihan Sincar, die Witwe des ermordeten DEP-Abgeordneten Mehmet Sincar, besuchten. Auch hier erhielten wir ungefähr die gleichen Informationen wie zuvor in Batman. Riesenschulden, Behinderung bei der Ausführung ihres Amtes, kurz, keine Möglichkeiten, die Schwierigkeiten und Probleme der Bevölkerung zu lösen. Von Kiziltepe reisten wir mit einem Dolmus (Minibus), der bis zum Rand mit Menschen und Gütern vollbeladen war, nach Derik. Es herrschte eine unglaublich staubige Hitze, und ein starker Wüstenwind blies auf der Strasse, die der syrischen Grenze entlangführt. Nach ca. 50 km erblickten wir, in die Hügel eingebettet, Derik, von weitem ein sehr idyllisches, malerisches Städtchen mit ca. 16’000 Einwohnern. Der Minibus fuhr uns direkt vors Stadthaus, einen recht heruntergekommenen Bau. Rasch stiegen wir die Treppe hoch und wurden, da wir schon durch Cihan Sincar angemeldet waren, direkt ins Zimmer der Bürgermeisterin Ayse Karadag geführt. Mit ihr und noch 2 anwesenden HADEP-Stadträten führten wir ein längeres Gespräch, bei dem wir wieder die schon vorher gehörten Informationen erhielten. Nur schien uns, dass es hier in Derik besonders misslich ist. Es fehlt an allem. Keine Kanalisation, schlechte Strassen, keine Materialien und Maschinen, um irgendetwas zu reparieren oder zu bauen. Dafür sind Typhus, Dysenterie und andere Krankheiten oder Seuchen an der Tagesordnung, und die Kindersterblichkeit enorm gross. Bittere Armut herrscht unter der Bevölkerung, und die Stadtkasse ist vollständig leer. Die Stadtverwaltung steht vor dem Konkurs. Wir wollen versuchen, eine mobile Ambulanz und evtl. einen kleinen Strassenbagger für diese Stadt zu besorgen. Auch nehmen wir die Idee einer Städtepartnerschaft wieder auf. Wir steigen in einen klapprigen Wagen, der der Verwaltung gehört und erreichen in einer eher abenteuerlichen Fahrt Diyarbakir, wo wir verschiedene Organisationen, wie die Lehrergewerkschaft und die HADEP und natürlich den Oberbürgermeister Feridun Celik besuchen.
Das Fazit aus all unseren Gesprächen: Die HADEP-BürgermeisterInnen werden allesamt durch alle möglichen Schikanen des Staates am Ausüben ihres Amtes gehindert. Die Schulden sind riesig, der Mangel an für uns selbstverständlichen, alltäglichen Dingen gross.
Der Krieg in Kurdistan muss endlich aufhören und den BewohnerInnen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden!
Theresa Jäggin