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Das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ist entstanden aus einer Idee des promovierten Soziologen und Diplompsychologen Dieter Duhm. Das Projekt entwickelte sich aus der 1978 aus der gescheiterten Neuen Linken und der beginnenden Ökologiebewegung hervorgegangenen «Bauhütte», einem in Herrenberg bei Tübingen von Duhm und der Theologin Sabine Lichtenfels (damals noch Kleinhammes) gegründeten und 1983-1986 in Schwand/Schwarzwald zur Blüte kommenden Gemeinschaftsexperiment, das sich wiederum von der AAO, der Aktionsanalytischen Organisation, der Kommune «Friedrichshof» um Otto Muehl, absetzte. Von dort sind noch einige Ideen wie die der kommunitären Lebensweise, der «freien Sexualität» und der «Selbstdarstellung» (heute «Forum» genannt) entlehnt, aber weiterentwickelt worden. 1979 hat Duhm das letzte Mal den «Friedrichshof» besucht und sich davon wegen unvereinbarer geistiger Positionen für immer distanziert. So fordert er eine Überwindung von Kollektivismus, Hierarchie und Gruppengehorsam. Er propagiert in Anlehnung an Bhagwan, den Zen-Buddhismus und die Brüdergemeinde in Taizé eine neue Religiosität, und integriert ökologische Gedanken, Elemente der Antroposophie und des indianischen Schamanismus.
Der 1942 geborene Duhm, ein wichtiger Denker der 68er-Bewegung, der durch seinen Bestseller: «Angst im Kapitalismus» eine gewisse Bekanntheit erreicht hat, ist also nicht mehr als der geistige Mitbegründer des ZEGG. Dieses ging 1991 in Belzig bei Berlin aus dem von Duhm initiierten offenen Netzwerk MEIGA (Modell einer internationalen gewaltfreien Alternative) hervor. Die Trägergruppe des ZEGG besteht vorwiegend aus Menschen, die schon beim «Bauhütte»-Experiment dabei waren. Duhm und Lichtenfels bleiben dem ZEGG in freundschaftlichem Kontakt verbunden und halten Vorträge an Festivals, Camps und Seminaren.
Mit dem Netzwerk lose verbunden sind oder - da z.T. nicht mehr existierend - waren: die Künstlergruppe «Sexpeace», die humanitäre Hilforganisation «Aktion Perestroika», die von Lichtenfels 1991 begründete wandernde spirituelle Schule «Wüstencamp», der nach einer Idee von Duhm 1992 von Frieda Radford gegründete Urlaubs-Treffpunkt für Eros und Kultur «La Massilia» auf Lanzarote (dieser soll als Thinktank und Erlebnisort für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern dienen) sowie das 1993 gebaute Forschungsschiff «Kairos» für Delphin- und Meeresforschung.
In Zukunft sollen Internationale Lebenszentren als Keimzellen einer neuen Kultur einen Beitrag zur Heilung von Mensch und Erde leisten. Ein solches Zentrum ist das «planetarische Heilungsbiotop 1» in Portugal mit dem «Institut für Globale Friedensarbeit (IGF)», mit Kinderdorf, Jugend- und Friedensschule, Künstlerkolonie, Orakelplatz, Lustgarten und Kraftplätzen (1995 unter dem Namen «Tamera. Zentrum für Humanökologie» von Lichtenfels und Duhm mitbegründet und geleitet). Zur Vision gehört auch eine möglichst weit reichende Autarkie in den Bereichen Ernährung, Wasser, Energie und Medizin für einige hundert Menschen.
Das ZEGG selbst versteht sich, wie der Name schon sagt, nicht als religiöse Gemeinschaft, sondern als Forschungs- und Bildungszentrum mit eigener Gemeinschaft. Den Raum für Erfahrung und Experiment bieten eine Sommeruniversität, Kunstwerkstätten und -ateliers und ökologische Projekte für die Entwicklung einer Kultur ohne Angst und Gewalt. Hier können mit dem Wissen der ökologischen Forschung, der Grenzbereiche der Physik und von Ureinwohnern gewaltfreie, alternative, selbstbestimmte, ökologische und basisdemokratische Lebensstrukturen erprobt und gelebt werden. Die dadurch erzielten Basisveränderungen im emotionalen, sexuellen und geistigen Bereich sollen langfristig Um- und Innenwelt schützen, erhalten und verbessern und die Zerstörung von Leben auf unserem Planeten verhindern.
Das ZEGG wird kontrovers bewertet: die Skala reicht vom harmlosen Campleben bis zum gefährlichen Psychokult. Die Gruppe ist sehr bemüht, vom Image der Nachfolgeorganisation der AAO und der «Sex-Sekte» mit Endzeitvision loszukommen. Es erstaunt, dass nach dem gescheiterten Experiment der AAO nach wie vor die «freie Sexualität» als Heilslehre propagiert wird; Kritik an der Kleinfamilie wird noch immer geübt, Zweierbeziehungen sind aber erlaubt, die Notwendigkeit einer festen Bezugsperson und von Privatbesitz wird nicht mehr bestritten. Die Kinder leben in den Wohngruppen ihrer Eltern und nutzen das «Kinderhaus» als täglichen Treffpunkt. So wurde auch das regelmässig stattfindende «Forum», die ritualisierte Selbstdarstellung der AAO, demokratisiert und erweitert. Inwieweit die nicht therapeutisch ausgebildeten Forumsleitenden all die aufgebrochenen Emotionen auffangen können, ist fraglich. Darüberhinaus kann der (Gruppen-)druck zur Selbstentblössung und zur Beschneidung der privaten Intimsphäre psychische und materielle Abhängigkeiten, ja sogar die Bewusstseinkontrolle fördern, und auch die Werbung durch Sex sowie der Missbrauch der «working guests» als billige Arbeitskräfte ist nicht auszuschliessen.
Statistik: Im ZEGG lebt eine Gemeinschaft von ca. 75 Erwachsenen und etwa 20 Jugendlichen und Kindern, dazu kommen jährlich ca. 600 Gäste. Tamera hat zur Zeit rund 25 feste Mitarbeiter und mehrere hundert engagierte Gäste.
Adressen: ZEGG Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, Rosa-Luxemburgstr. 89, D-14806 Belzig. Tamera - Zentrum für Humanökologie, Monte Cerro, P-7630 Colos, Portugal. La Massilia, Charco del Palo, E-35542 Mala-Haria, Lanzarote
Martin Zürcher, 2000
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