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Atme. Atme.
Sie verspürte die leichten Regentropfen, welche an ihrem Gesicht herunterliefen. Langsam öffnete sie ihre Augen. Dunkle Wolken schwebten über ihr. Ein Vogelschwarm starrte zu ihr herunter und flog zwischen den Bäumen davon.
Allison lebte noch.
Er vielleicht auch.
Durch den Wind wehten die Baumkronen hin und her. Sie versank in ihre Gedanken. Wald, Bergluft und Ihre Eltern, auf die sie mit weit offenen Armen und einem großen Lächeln zu rannte. Die Vorstellung hielt nicht lange an und ruckartig wurde sie von einem pochenden Schmerz in die Realität zurückgeholt. Sie hielt sich an ihrem Rucksack fest und probierte aufzustehen. Daraufhin gab sie einen schmerzenden Kreisch von sich. „Mein linker Oberarm ist verletzt“, bemerkte Allison. Als sie sich wagte nachzusehen, wie der Zustand ihrer Wunde war, übergab sie sich direkt. Nun war auch ihr Brown University Hoodie für den Müll.
Konzentriere dich.
Allison zog ihren Hoodie langsam aus und betrachtete die Fleischwunde. Ganz so schlimm war sie doch nicht. Sie zog an dem Verschluss von ihrem Rucksack und nahm ihren kleinen Flachmann heraus. Nachdem sie ihn öffnete, reinigte sie mit dem Inhalt ihre Fleischwunde. Erneut stieß sie ein Kreisch aus. Ihren Pullover zerriss sie in ein langes Stück und wickelte es um die Wunde herum. So konnte sie die Blutung stoppen. Als ihr Blick nach vorne gerichtet war, erkannte sie einen Umriss des Kleinflugzeugs. Auf jeden Fall das, was noch davon übrig war. „Hallo“, ihre eigene Stimme überraschte sie. „Kannst du mich hören?“ Stille. Barfuß ging sie auf das Flugzeug zu. Sie hörte nur das Zischen des Motors. Das Kerosin tropfte ins Gras. In Allison stieg ein heißes Gefühl auf. Zugleich lief ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Das scharfgezackte Metall auf dem Boden vermied sie und lief einen großen Bogen darum. Eine Tragfläche klemmte in der Astgabel eines nahen Baumes. Das Cockpit sah wie eine aufgeschlitzte Blechdose aus, darin zwei Reihen cremefarbener Ledersitze. Plötzlich sah sie ihn. Er hielt noch sein Funkgerät in der Hand, das Kabel war durchtrennt. Sie stieß ihn behutsam an. Sein Körper fiel gegen die Seitenwand. Sein Gesicht war weg.
Raus. Raus.
Nach einem Kratzen in ihrem Hals und dem Gedanken, dass sie nun allein war, beängstigte sie. Er ist Tod, realisierte Allison. Ihr Freund Leonard. Sie wollte mit ihm und ihren Eltern ein Wochenende im Montana Forest verbringen. Ihre Eltern mit offenen Armen begrüßen. All das zersplitterte innert Sekunden. Stopp. Ihr fiel etwas auf. Sie waren zu dritt, bevor das Flugzeug abstürzte. Sie, Leonard und ihr durchgeknallter Ex-Freund.
Vor drei Jahren studierte Allison Psychologie an der Brown University. Dort lernte sie ihren Ex-Freund Brian kennen. Die Beziehung hielt nicht lange an, weil Brian zu aggressiv gegenüber Allison wurde. Er schlug sie, riss an ihren kurzen braunen Haaren und zeigte mehrmals ein soziopathisches Verhalten. Nachdem sie es beendete, zog er sich zwar zurück, aber behielt sie ohne ihr Wissen immer im Auge. Im letzten Jahr wurde Allison 24 Jahre alt und traf dann Leonard in einer Bar. Sie hüpfte auf der funkelten Tanzfläche herum, währendem sie ihren Mojito Drink über einen jungen Burschen ausschüttete. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach einer Weile lernte sie Leonards Besten Freund Brian kennen. In diesem Moment sah sie ihren Ex-Freund wieder das erste Mal.
Am Leben bleiben.
Allisons einziger Gedanke, als sie sich noch im Kleinflugzeug befand. Ruckartig schnappte sie sich Kleidung und alles was sie als überlebenswichtig empfand. Der Regen wurde stärker und prallte voller Wucht auf den Rumpf des Flugzeugs. Beim Aufheben der Kleidung ignorierte sie ihren Schmerz im Oberarm. Voller Gepäck marschierte sie aus dem Cockpit. Draußen lief sie erneut einen großen Bogen um das Metall und rannte auf ihren Rucksack zu. Das matschige Gras berührte ihre Füße. Sie hörte ein knarrendes Geräusch, jenes das nicht vom Flugzeug stammte. Allison blieb stehen. In ihrem Bauch breitete sich ein unwohles Gefühl aus. Hinter einem kräftigen Eichenbaum sah sie jemanden. Alles was sie erkennen konnte, war eine dunkle, männliche Gestalt.
Rennen.