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«Innerhalb weniger Wochen wurde die Bezeichnung ‹literarisches Wunderkind› durch ‹Bestsellerautorin› und ‹Popstar› ersetzt. Seither lebe ich mit einem Double, einem Wesen, das ausschliesslich in den Medien existiert, und je heftiger ich den Kopf schüttle, umso berühmter wird der Popstar.» Zoë Jenny wusste, wovon sie sprach, als sie 1999 vom «Daumenkino des Erfolgs» erzählte. Am 16. März 1974 als Tochter des Verlegers Matthyas Jenny in Basel geboren, war sie unter prekären Umständen in Basel, im Tessin und in Griechenland aufgewachsen und setzte ihre Kindheitserfahrung 1997 im todtraurigen Erstling «Das Blütenstaubzimmer» um. Der Roman, der nach dreissig wunderbar stimmungsvollen Seiten eher ins Leere läuft, aber dank begeisterten Rezensionen und unzähligen Fotoshootings während des Schweizer Gastauftritts an der Frankfurter Buchmesse 1998 zum 27-mal übersetzten Weltbestseller avancierte, machte die damals 23-Jährige zum Opfer ihres Erfolgs. Wie Freiwild floh sie von Stadt zu Stadt vor Fotografen und Journalisten, und verzweifelt schrieb sie in den Hotelzimmern von New York und London an einem neuen Buch. Es hiess «Der Ruf des Muschelhorns» und wurde wie das erste im Frühling 2000 von Joachim Unseld in der Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht – vollkommen unlektoriert und mit all den Fehlern, die eine ruhelose, gestresste Produktionsweise bewirkt hatte, sodass der Triumph der begeisterten Superlative in die Demütigung der gepfefferten Verrisse überging und man sich fragte, ob wirklich die Autorin dieses schlechten Aufwisches der gleichen Geschichte das erste, so erfolgreiche Buch geschrieben habe. Da nahm sich ihrer der Verleger des Berliner Aufbau-Verlags, der Kommunist und Multimillionär Bernd F. Lunkewitz, an, der partout mit Schweizer Literatur Furore machen wollte und für den Herbst 2002 einen Schweizer Spitzentitel suchte – was gründlich missglückte, erlebte Zoë Jennys im Berliner Rechtsradikalenmilieu angesiedelte Romeo-und-Julia-Geschichte «Das schnelle Leben» doch in den Medien eine förmliche Hinrichtung, obwohl der arg schematisch nach Shakespeare und Gottfried Keller geschneiderte Text durchaus auch seine Stärken hatte. Niemand aber ahnte, wie das Buch entstanden war. Lunkewitz hatte Zoë Jenny eine halbe Million Vorschuss bezahlt, sie dann aber monatelang in eine Berliner Wohnung gesperrt und nach Anwei -sung seines Lektorats einen «Bestseller» schreiben lassen! Wer das weiss, findet im Tagebuch des eingesperrten türkischen Mädchens Ayse bewegend-authentische Spuren dieser Zwangssituation und erkennt in Zoë Jennys nächstem, wieder von Joachim Unseld verlegten Roman «Das Portrait» (2007) unschwer eine literarische Revanche. In eine Villa nach Art von Lunkewitz’ bombastischer Frankfurter Behausung gesperrt, wird da eine Malerin unter kriminellen Bedingungen gezwungen, das Porträt eines schrulligen Millionärs zu malen! Wohl weil auch dieses Buch nur noch Häme erntete, ging Zoë Jenny, die inzwischen in einer schwierigen Beziehung in London lebte, zu einem nicht besser geglückten Versuch mit dem englischen Roman «The Sky is Changing» über. Wirklich aufzufangen vermochte sie sich aber erst, als sie mit ihrem Kind allein nach Rom und später wieder in die Schweiz zog, wo ihr mit dem Erzählband «Spätestens morgen» 2013 ein wenig spektakulärer, aber von einem eigenen Ton und einer eigenen Welt zeugender, durchwegs stimmiger Wiedereinstieg in die Sphäre der ernst zu nehmenden Literatur gelungen ist.