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Der faszinierende und wunderbar emotionale Briefwechsel zwischen Maurice Chappaz und Corinna Bille nahm seinen Anfang in den Tagen des Zweiten Weltkriegs und zog sich hin bis zum Tode von Corinna Bille im Jahr 1979. In einer szenischen Lesung liehen die Schauspieler Regula Imboden und Ingo Ospelt den zärtlichen und berührenden Liebesbotschaften des Walliser Liebespaars ihre Stimmen. Wie Nomaden zogen Maurice Chappaz und Corinna Bille durchs Wallis, meist getrennt voneinander. Um schreiben zu können, brauchten sie ein freiheitliches Leben. Für die Literatur stellt sich diese Lebenseinstellung nun als glücklicher Umstand heraus: Die Liebe war federführend, denn dadurch, dass die beiden kaum je zusammen waren, haben sie sich viele Briefe geschrieben. Es sind Briefe, die die Liebe schrieb.
Ich werde das Land durchwandern, das Du bist. So heisst das Buch, das den Briefwechsel aus den Jahren 1942-1979 zwischen Corinna Bille und Maurice Chappaz umfasst, herausgegeben und hervorragend übersetzt von Lis Künzli. Die Schauspieler Imboden / Ospelt hielten sich in ihrer szenischen Lesung chronologisch strikte an die literarische Vorlage und übernahmen auch die inhaltliche Einteilung in drei Kapitel: „Die Anfänge“ – „Wahre Bücher und wahre Kinder“ – „Über die Insel hinaus“.
Eine provokative Liebschaft. Damals, in diesem erzkonservativen Wallis, war das eine sehr provokative Liebschaft zwischen dem Dichter Maurice Chappaz und der Schriftstellerin Corinna Bille. Als verheiratete Frau hatte Corinna Bille ihre Liebe zu Maurice Chappaz oft verheimlichen müssen, und als ein uneheliches Kind aus dieser verbotenen Liebesbeziehung hervorging, musste dieses Kind heimlich in einem Versteck aufwachsen. Maurice Chappaz war zudem kein pflegeleichter Geliebter. Oftmals bezeichnete er sich selbst als „ein Hippie“. Er hatte unter Bäumen geschlafen und auch im Glockenturm von Kirchen. Von da aus hatte er immer wieder berührende Briefe als Ausdruck inniger Gefühle an seine Geliebte geschrieben, an die verheiratete Corinna Bille. Sie sorgte sich wegen des zweifelhaften Umgangs, den ihr Maurice mit der „Glockenturmbande“, insbesondere aber mit dem Waadtländer Dichter und Lehrer Henri Gaberel pflegte, und übernahm in dieser Beziehung die Rolle einer moralischen Instanz: „Gaberel ist gar nichts, nicht einmal eine Fliege, ein Staubkörnchen höchstens. Bei ihm muss man immer damit rechnen, dass er Abscheulichkeiten zum Besten gibt. Also wundern Sie sich nicht über meine Gleichgültigkeit oder gar Freundlichkeit ihm gegenüber.“ (S. 23).
Oasen der Liebe. Zuweilen sehnten sich Corinna und Maurice nach einer ruhigen Oase, um ihre gemeinsame Liebe zu leben. So eine Oase war etwa ein Chalet in Chandolin im Val d’Anniviers. Auch im deutschsprachigen Kantonsteil hatte sich das Liebespaar ein Refugium eingerichtet. In der Nähe von Raron, im Weiler Geesch, hatten die Unverheirateten ein hab verfallenes Chalet gemietet. Da, in Geesch, seien sie so glücklich gewesen wie nirgends sonst, wird Maurice Chappaz in seinen Briefen später festhalten. Das Paar bezog später ein eigenes Haus im Pfynwald, und kurz vor ihrem Tod durften sie gar in ein feudales Haus einziehen, in Veyras, einem Dorf oberhalb von Siders.
Wundervoll Poetisches. Was die szenische Lesung der Schauspieler Imboden / Ospelt gekonnt rüberbrachte, das war diese unglaublich faszinierende Poesie, die den Briefwechsel zwischen Chappaz und Bille erst zu wahrer Literatur emporhebt. Es sind dies Sätze wie diese: „Meine liebe Fifon, ich möchte Dir alle meine Gründe nennen, Dich zu lieben, jene, die aus der Liebe selbst, der Zärtlichkeit hervorgehen, denn jede Regung, jede Gabe des Herzens erfüllt mich mit solcher Freude. Oh nein! Das Nestvögelchen, die Béliote, ist nie aufdringlich, ich brauche all das, was sie so gut zu sein und zu tun versteht; und dann gibt es noch all diese Gründe, die mit der Weiblichkeit, der Poesie zusammenhängen: ihre Geschichten, ihre Träume, die Edelsteine, die Rhone-Kiesel, die nach Honig schmeckenden Berberitzenblätter, die Marionetten und all die Wunderwerke, wie dieser lange, von zwei Büscheln Vegissmeinnicht begleitete Brief.“ (S. 44).
Szenische Lesung als ein Erlebnis. Die beiden Schauspieler verliehen dem Briefwechsel zwischen Maurice Chappaz und Corinna Bille eine einfühlsame Interpretation. Sie setzten Akzente, hoben Worte und Formulierungen hervor, liessen auch mal die Stille zwischen den Worten und Sätzen wirken und untermalten das Versprachlichte mit sparsamer Gestik. Maurice (Ingo Ospelt): eher ruhig und gesetzt, sich rechtfertigend und argumentierend. Corinna (Regula Imboden) eher beunruhigt, gefühlsbetont, das Innerste preisgebend und kämpferisch. Das Publikum war gut beraten, die eine oder andere Paraphrasierung im Poesiealbum des eigenen Herzens festzuhalten. Wie wunderbar lesen und hören sich Schöpfungen wie diese an: „Für eine Verbindung kämpfen, heisst lieben.“
Regula Imboden vor einer Premiere. Erstmals wird Regula Imboden am 2. November als Regisseurin amten. Zusammen mit einem Kreativ-Team bringt sie in der Basler Predigerkirche eine Totentanz-Aufführung auf die Bühne. Inspiriert von Carmen Bregys „Walliser Totentanz“ ist nun also auch ein „Basler Totentanz“ im Entstehen. Mit der ausdrücklichen Erlaubnis von Michael Bangert, dem Pfarrer der Predigerkirche Basel, gelangt ein Theaterprojekt zur Aufführung, zu dem Lukas Hartmann das Drehbuch geschrieben hat und sich Regula Imboden erstmals für eine Regiearbeit verpflichten liess. Mit Michel Briand wird ein grossartiger Tänzer die Rolle des Todes interpretieren.
Text und Fotos: Kurt Schnidrig