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Der Institutionenbegriff erlebt gegenwärtig über die Disziplingrenzen hinweg eine auf den ersten Blick erstaunliche Reaktualisierung. Nachdem sich vor allem im Anschluss an die Systemtheorie Niklas Luhmanns die Vorstellung eines Funktionsverlustes bzw. sogar des Verschwindens von Institutionen durchgesetzt hatte (vgl. Luhmann 1992), gab insbesondere die Kultursoziologie der Institutionenforschung neue Impulse. Dabei hat der Ansatz, Institutionen nicht mehr nur in ihrer funktionalen Dimension zu analysieren, sondern sie darüber hinaus als „symbolische Darstellungs-formen“ zu reflektieren (Rehberg 2015: 86), gerade den Geisteswissenschaften eine Vielzahl interdisziplinärer Anschlussmöglichkeiten eröffnet.
In der Literaturwissenschaft haben in den letzten Jahren u.a. Peter Strohschneider (2001), Albrecht Koschorke und Rüdiger Campe Anstrengungen unternommen, um das Verhältnis zwischen Literatur (-theorie, -geschichte) und Institutionen neu zu fassen. Campe beschreibt in seinen Fallstudien über Walsers Jakob von Gunten, Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß und Kafkas Das Schloß (Campe 2007, 2005, 2007) das Entstehen des „Institutionenromans“ als historischen Kristallisationspunkt, an dem sich das Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft entscheidend verändert. Im Gegensatz zum teleologischen Schema des Bildungsromans und der darin entworfenen Selbstentfaltung des Individuums erhebt eine „um 1900“ proliferierende Pensionats-, Internats- und Kadettenliteratur die institutionelle Lenkung und Zurichtung zum primären Sozialisationsmodus des Menschen in der modernen Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende kommt der Literatur parallel zu der gerade im Entstehen begriffenen Institutionensoziologie (vgl. Durkheim 1895, Hauriou 1925) ganz maßgeblich die Aufgabe zu, die Funktionsweisen von privaten und staatlichen Einrichtungen sowie ihrer psychischen und habituellen Effekte auf das Individuum zu beschreiben. Koschorke verwehrt sich in seinen „Grundzügen einer allgemeinen Erzähltheorie“ daher nachhaltig gegen die verbreitete Auffassung, dass „Institutionen als anti-narrativ und Narrative als anti-institutionell“ charakterisiert werden (Koschorke 2012: 300). Seit den 1970ern hat sich die Forschung durch die Auseinandersetzung mit Konzepten wie der „totalen Institution“ (Goffman), der „Heterotopie“ (Foucault) und den „Nicht-Orten“ (Augé) äußerst produktiv mit einem breiten Tableau an Institutionen beschäftigt. Dabei wurde sichtbar, wie engmaschig das Ordnungsraster der Gesellschaft ist, das sich nicht nur aus Disziplinaranstalten wie Gefängnissen und Psychiatrien, Schulen und Fabriken zusammensetzt, sondern auch kulturelle „Gegenplatzierungen und Widerlager“ (Foucault [1976] 1993: 39) wie Discos, Museen, Bibliotheken, Kinos bzw. Transitorte wie Shopping-Malls und Flughäfen einschließt. All diese „Körperschaften“ der modernen Gesellschaft stehen, ließe sich mit Arnold Gehlen folgern, im Dienst eines „vitam instituere“, das dem „instinktentbundenen, dabei aber antriebsüber-schüssigen“ Menschen angesichts der Komplexität einer diversifizierten Gesellschaft existentielle „Außenstabilisatoren“ verschafft (Gehlen 1964: 42 u. 26). Institutionen firmieren daher als „Gestalt gewordene Normen, Entscheidungs- und Sanktionsinstanzen“ (Dahrendorf 1991: 148), die den Erfahrungs- und Handlungsspielraum des Individuums in erheblichem Maße beeinflussen.
Die Tagung InstitutionenGeschichten möchte ausgehend von diesen Positionen der Frage nachgehen, inwiefern Literatur ab der Frühen Neuzeit in wechselnden historischen Konstellationen zur Exploration, Kritik und Legitimierung von Institutionen beigetragen hat. Die folgenden drei Themen-felder sollen den Diskussionen der Veranstaltung dabei als Leitfaden dienen.
(I) Historie der Institution – In der Geschichtswissenschaft ist die Institutionengeschichte ein fest etablierter Forschungsbereich, der für die Germanistik die Frage nach Differenzen und Überschneidungen des historiografischen und literarischen Erzählens von Institutionen aufwirft. In der Literaturwissenschaft wurden bisher u.a. „Gründungsmythen“ (Stingelin/Adam 1995) untersucht. Da sich die kulturelle Bedeutung von Institutionen auch gerade in ihrer historischen Beständigkeit bzw. ihrer „intendierte[n] Dauer“ (Vorländer/Melville 2002: V) manifestiert, entwirft die Literatur aber auch genealogische Verläufe, die den Prozess des Aufstiegs, der Etablierung und des Niedergangs von Institutionen modellieren. Nicht selten beziehen sich die Institutionen der Literatur dabei auf ‚reale‘ Einrichtungen, die über entsprechende Referenzen auf Personen- und Ortsnamen oder genealogische Skizzen als historische Gebilde adressiert werden. Die Literatur greift aber auch auf dokumentarisches Material aus Unternehmenschroniken zurück, um ein satirisches Gegen-Narrativ zu den gängigen Erfolgsstorys zu entwickeln (vgl. Delius, Unsere Siemens-Welt, 1972). Literarische Texte, so scheint es, verhalten sich also auf vielfältige Weise zur Historizität, aber auch der spezifischen Zeitökonomie von Institutionen. Es bleibt deshalb zu klären, worin sich narratologische Anschluss- und Unterscheidungspunkte zur Historiografik ausfindig machen lassen bzw. aus welchen Quellen sich ihr institutionelles Wissen speist und auf welche Methoden HistorikerInnen und SchriftstellerInnen bei der Recherche zurückgreifen.
(II) Mediologie und Generik des Institutionellen – Der literarische Diskurs differenziert sich in seiner formalen und inhaltlichen Gestaltung u.a. nach Gattungen und der medialen Platzierung von Texten aus. Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass dies auch für die (ästhetische) Reflexion von Institutionen nicht folgenlos bleibt. So wie das „Wirtshaus“ in der „Dorfgeschichte“ ein wichtiger Aushandlungsort der politischen Öffentlichkeit darstellt, verfügt auch ein als Fortsetzungsgeschichte in Zeitungen publizierter Institutionenroman oder eine im Sturm und Drang oder der Weimarer Republik auf die Bühne gebrachtes Theaterstück über ganz eigene Potenziale der Diskursivierung von Institutionen. Wie schon die Beispiel der „Turmgesellschaft“ bzw. der „Pädagogischen Provinz“ in Goethes Wilhelm Meister-Romanen zeigen, kreist eine Literatur, die sich mit den Funktionen und Wirkungen von Institutionen beschäftigt, um den Widerspruch zwischen Repräsentation und den für Institutionen konstitutiven „Betriebsgeheimnis[sen]“ (vgl. Geulen 2010). Eine mediologische und generische Analyse von Institutionen hat daher scheinbar sowohl dem Umstand der kulturellen Omnipräsenz von Institutionen als auch ihrer akuten Entzugshaftigkeit Rechnung zu tragen. Literatur hantiert mit „implizitem Wissen“ und „Nicht-Wissen“, sie verfügt durch die Möglichkeit der textuellen Gestaltung einer „erzählten Welt“ per se über ein Mittel der Preisgabe von ‚Interna‘. Sie kann die Intransparenz von Institutionen explizit problematisieren und den kommunikativen Widerständen mithin durch investigatives Personal wie Detektiven, Spionen und Journalisten, aber auch andere narratologische Mittel auf den Leib rücken.
(III) Jenseits des Institutionen-Paradigmas? – Die wissenschaftliche Rezeption der Institutionentheorien von Goffman, Foucault und Augé hat, wie eingangs beschrieben, in der Literaturwissenschaft eine intensive Beforschung von Institutionen bewirkt. Gleichzeitig scheinen die Großtheorien durch ihre analytische Schwerpunktsetzung eine Selektivität in der literaturwissen-schaftlichen Institutionenforschung befördert zu haben, die dem Variantenreichtum der literarischen Auseinandersetzungen mit Institutionen sowohl in einer diachronen wie synchronen Perspektive nicht vollständig gerecht wird. Deshalb möchten wir mit der Tagung InstitutionenGeschichten eine Archäologie des Institutionellen anregen, die auch jene Einrichtungen berücksichtigt, denen bisher aufgrund ihrer Kurzlebigkeit oder kulturellen Marginalität vergleichsweise wenig wissenschaftliche Beachtung geschenkt wurde. Das Anliegen einer diskursanalytischen Rekonstruktion erschöpft sich aber durchaus nicht nur in der Behandlung ‚kleiner‘ Institutionen, sondern richtet sich auch auf zentrale Einrichtungen der (modernen) Gesellschaft. So bliebe zu klären, inwiefern sich die „strange institution called literature“ (Derrida 1992) z.B. auch mit Parlamenten, Universitäten, Behörden, Verlagen und Redaktionen beschäftigt. Darüber hinaus haben Dave Eggers The Circle (2013) und Robert Menasses EU-Buch Die Hauptstadt (2017) gezeigt, dass sich die Gegenwartsliteratur ‚jenseits der Paradigmen‘ der Herausforderung stellt, Narrative zu entwerfen, mit deren Hilfe sich die Institutionenlogiken nachvollziehen lassen, die multilaterale Organisationen und ‚global player‘ leiten.