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Sieyès: Was ist der Dritte Stand? (Januar 1789)
Obwohl Geistlicher, wird Sieyès im im Frühjahr als Abgeordneter des Dritten Standes in die Generalstände gewählt.
aus: Lautemann, W. (Bearb.), Geschichte in Quellen, Bd. 4: Amerikanische und Französische Revolution, München 1981, S. 163-166
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Der Plan dieser Schrift ist ganz einfach. Wir haben uns drei Fragen vorzulegen.
1. Was ist der dritte Stand? ALLES.
2. Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? NICHTS.
3. Was verlangt er? ETWAS ZU SEIN:
Erstes Kapitel
Der Dritte Stand ist eine vollständige Nation.
Was ist für das Bestehen und Gedeihen einer Nation erforderlich? Am Eigeninteresse ausgerichtete Arbeiten und öffentliche Funktionen.
Man kann alle am Eigeninteresse ausgerichteten Arbeiten in vier Klassen erfassen:
1. Die Erde und das Wasser liefern das Roherzeugnis für die Bedürfnisse des Menschen: die erste Klasse in der Ideenordnung ist deshalb die, der alle Familien angehören, welche Feldarbeiten verrichten.
2. Vom ersten Verkauf der Roherzeugnisse bis zu ihrem Gebrauch oder Verbrauch verleiht neue Handarbeit, mehr oder weniger vervielfacht, diesen Roherzeugnissen einen weiteren Wert, der mehr oder weniger zusammengesetzt ist. So gelingt es dem menschlichen Fleiß, die schönen Erzeugnisse der Natur zu vervollkommnen und den Wert des Rohprodukts auf das Doppelte, Zehnfache, Hundertfache zu steigern. Derart sind die Arbeiten der zweiten Klasse.
3. Zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch wie auch zwischen den verschiedenen Stufen der Erzeugung haben eine Menge von Vermittlern ihren Platz, die ebenso für die Erzeuger wie für die Verbraucher von Nutzen sind. Das sind die Händler und die Kaufleute: die Kaufleute, die unablässig die Bedürfnisse der verschiedenen Orte und Zeiten vergleichen und auf den Gewinn aus Aufbewahrung und Transport spekulieren; die Händler, die letzten Endes den Vertrieb, sei es im großen, sei es im kleinen, übernehmen. Diese Art nützlicher Tätigkeit charakterisiert die dritte Klasse.
4. Außer dieser drei Klassen arbeitsamer und nützlicher Bürger, die sich mit dem eigentlichen gegenstand des Gebrauchs oder Verbrauchs beschäftigen, bedarf es in einer Gesellschaft noch einer Menge von am Eigeninteresse ausgerichteten Arbeiten und Besorgungen, die der Person unmittelbar nützlich oder angenehm sind. Diese vierte Klasse umfaßt die geachtetsten wissenschaftlichen und freien Berufe bis hinunter zu den am wenigsten geschätzten häuslichen Dienstleistungen.
Derart sind die Arbeiten, die die Gesellschaft aufrechterhalten. Wer trägt diese Arbeiten? Der Dritte Stand!
Die öffentlichen Funktionen lassen sich bei den gegenwärtigen Verhältnissen in gleicher Weise allesamt unter vier bekannte Bezeichnungen staffeln: der Degen, die Robe, die Kirche und die Administration. Es wäre überflüssig, sie im einzelnen durchzugehen, um zu zeigen, daß der Dritte Stand hier überall neunzehn zwanzigstel ausmacht, mit dem einen Unterschied, daß er
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mit allem, was wirklich mühsam ist, belastet ist, mit allen Diensten, die der privilegierte Stand sich weigert zu leisten. Die Mitglieder des privilegierten Standes nehmen nur die Stellen ein, die Gewinn und Ehre bringen. Sollen wir ihm dies als ein Verdienst anrechnen? In dem Fall müßte entweder der dritte Stand sich weigern, diese Stellen zu besetzen, oder er müßte weniger imstande sein, die entsprechenden Obliegenheiten wahrzunehmen. Man weiß, wie es damit steht. Dennoch hat man gewagt, den dritten Stand durch einen Vorbehalt vor den Kopf zu stoßen. Man hat ihm gesagt: "Einerlei, was deine Dienste, deine Begabungen sind, du gehst nur bis hierhin und keinen Schritt weiter. Es ist nicht gut, daß du geehrt werdest." [...]
Wenn dieser Ausschluß ein gesellschaftliches Verbrechen gegen den dritten Stand ist, wenn er eine offene Feindseligkeit darstelt, kann man dann wenigstens sagen, er sei für die öffentliche Sache von Nutzen? Nun! Kennt man denn nicht die Wirkungen des Monopols? Weiß man nicht, daß es die einen, die es beiseite schiebt, entmutigt, und die anderen, die es begünstigt, untüchtig macht? Weiß man nicht, daß jede Arbeit, die man vom freien Wettbewerb abschirmt, nur teurer und schlechter ausgeführt wird? [...]
Es genügt hier der Hinweis, daß der angebliche Nutzen eines privilegierten Standes für den öffentlchen Dienst nichts anderes als ein Hirngespinst ist; daß alles Mühsame, das es in diesem Dienst gibt, durch den dritten Stand erledigt wird, und zwar ohne den privilegierten Stand; daß die höheren Stellen unendlich viel besser besetzt wären ohne ihn; daß sie naturgemäß die Bestimmungen und die Belohnungen der anerkannten Begabungen und Dienste sein müßten; und daß, wenn es den Privilegierten gelungen ist, alle Stellen, die Gewinn und Ehre bringen, an sich zu reißen, dies zugleich eine hassenswere Ungerechtigkeit gegen die Allgemeinheit der Bürger und ein Verrat an der öffentlichen Sache ist.
Wer wagte es also zu sagen, daß der Dritte Stand nicht alles in sich besitzt, was nötig ist, um eine vollständige Nation zu bilden? Er ist der starke und kraftvolle Mann, der an einem Arm noch angekettet ist. Wenn man den privilegierten Stand wegnähme, wäre die Nation nicht etwas weniger, sondern etwas mehr. Also, was ist der dritte Stand? Alles, aber ein gefesseltes und unterdrücktes Alles. Was wäre er ohne den privilegierten Stand? Alles, aber ein freies und blühendes Alles. Nichts kann ohne ihn gehen; alles ginge unendlich besser ohne die anderen. Aber es genügt nicht, gezeigt zu haben, daß die Privilegierten, weit entfernt, ein Nutzen für die Nation zu sein, nur eine Schwächung und ein Schaden für sie sein können; vielmehr muß noch bewiesen werden, daß der adlige Stand sich nicht in die Gesellschaftsorganisation einfügt; daß er wohl eine Last für die Nation sein kann, nicht aber einen Teil von ihr zu bilden vermag. [...]
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Was ist eine Nation? Eine Körperschaft von Gesellschaftern, die unter einem gemeinschaftlichen Gesetz leben und durch dieselbe gesetzgebende Versammlung repräsentiert werden usw.
Ist es nicht nur zu gewiß, daß der adlige Stand Vorrechte und Befreiungen genießt, die er sogar sein Recht zu nennen wagt und die von den Rechten der großen Körperschaft der Bürger gesondert sind? Dadurch stellt er sich außerhalb der gemeinschaftlichen Ordnung und des gemeinschaftlichen Gesetzes. Also schon seine bürgerlichen Rechte machen aus ihm ein eigenes Volk in der großen Nation. Das ist wahrhaftig imperium in imperio.
Was seine politischen Rechte betrifft,
so übt er sie gleichfalls abgesondert aus. Er hat seine eigenen
Repräsentanten, die in keiner Weise mit der Vollmacht der Bevölkerung
betraut sind. Die Körperschaft seiner Abgeordneten hält ihre Sitzungen
abgesondert; und sollte sie sich einmal in demselben Saal mit den Abgeordneten
der einfachen Bürger versammeln, dann wäre ebenso gewiß seine
Vertretung dem Wesen nach von ihnen geschieden und getrennt; sie ist der
Nation fremd, zum einen durch ihr Prinzip, da ja ihr Auftrag nicht vom Volk
ausgeht; und zum anderen durch ihr Ziel, das ja darin besteht, nicht das
Gemeininteresse, sondern das Eigeninteresse zu verteidigen.
Der Dritte Stand umfaßt also alles, was zur Nation gehört; und alles, was nicht der Dritte Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der Nation ansehen. Was also ist der Dritte Stand? ALLES.
Zweites Kapitel
Was ist der dritte Stand bis jetzt gewesen? Nichts
Wir wollen hier nicht den Zustand der Knechtschaft, in dem das Volk so lange geseufzt hat, untersuchen und ebensowenig den des Zwanges und der Erniedrigung, in dem es noch festgeilten ist. Seine rechtliche Lage hat sich geändert; sie muß sich noch weiter ändern.
Es ist ganz unmöglich, daß die Nation als Körperschaft oder selbst irgendein einzelner Stand ei wird, wenn der dritte Stand es nicht ist. Man ist nicht frei durch Privilegien, sondern durch e Bürgerrechte, Rechte, die allen zustehen.
Falls nun nun die Aristokraten es unternehmen, das Volk sogar um den Preis dieser Freiheit, deren sich selbst unwert zeigen, in der Unterdrückung zu halten, dann wird es sich die Frage lauben: kraft welchen Rechtstitels? [...]
Unter dem dritten Stand muß man die Gesamtheit der Bürger verstehen, die dem Stand der wöhnlichen Leute [l'ordre commun] angehören. Alles, was durch das Gesetz privilegiert ist, einerlei auf welche Weise, tritt aus der gemeinschaftlichen Ordnung heraus, macht eine Ausihme für das gemeinschaftliche Gesetz und gehört folglich nicht zum dritten Stand. Wir iben gesagt: ein gemeinschaftliches Gesetz und eine gemeinschaftliche Repräsentation, das es, was eine Nation ausmacht [...]
Jedes Privileg, man kann es nicht oft genug wiederholen, widerspricht dem gemeinschaftlichen echt; also bilden alle Privilegierten, ohne Unterschied, eine vom dritten Stand verschiedene sd ihm entgegengesetzte Klasse. Zugleich bemerke ich, daß diese Wahrheit für die Freunde :s Volkes nichts Beunruhigendes haben kann. Im Gegenteil, sie führt zum großen nationalen
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Interesse zurück, da sie die Notwendigkeit kräftig zum Bewußtsein bringt, alle zeitweiligen Privilegien unverzüglich zu unterdrücken, die den dritten Stand spalten und ihn offensichtlich dazu verurteilen würden, seine Geschicke in die Hände seiner Feinde zu legen. Außerdem darf man diese Bemerkung von der folgenden nicht trennen: die Abacbafftmg der Privilegi.n innerhalb des dritten Standes istnicht der Verlust von Befreiungen, die einig~ seiner Mitglieder genießen. Diese Befreiungen sind ja nichts anderes als das gemeinschaftliche Recht. Es war eine unüberbietbare Ungerechtigkeit, es der Gesamtheit des Volkes zu rauben. Daher verlange ich nicht den Verlust eines Rechtes, sondern seine Wiederherstellung; und falls man mir entgegenhält, wenn man einige dieser Privilegien zum Gemeingut mache, wie beispielsweise die Befreiung von der Auslosung zur Miliz, dann werde man sich Mittel versagen, ein gesellschaftliches Bedürfnis zu befriedigen, so antworte ich: jedes öffentliche Bedürfnis muß von allen getragen werden und nicht von einer besonderen Klasse von Bürgern, und man müßte ebenso jeder Überlegung wie jeden Rechtsgefühls bar sein, wenn man nicht ein nationaleres Mittel ausfindig machte, um den Heeresbestand so, wie man ihn haben will, zu ergänzen und aufrecht zu erhalten. [...]
Man scheint bisweilen erstaunt zu sein, daß man Klagen über eine dreifache Aristokratie der Kirche, des Degens und der Rohe hörte. Man will dies nur als eine Redensart gelten lassen; aber der Ausdruck muß in aller Strenge genommen werden. Wenn die Generalstände der Interpret des Gemeinwillens [volonté générale] sind und kraft dieses Rechtstitels die gcsetzgebende Gewalt inne haben, ist es dann nicht Tatsache, daß da eine wirkliche Aristokratie ist, wo die Generalstände nichts sind als eine geistlich-adlig-richterliche Versammlung?
Zu dieser erschreckenden Wahrheit nehme man hinzu, daß alle Zweige der vollziehenden Gewalt auf die eine oder andere Art gleichfalls der Kaste zugefallen sind, aus der sich die Kirche, die Rohe und der Degen rekrutieren. Ein gewisser Geist der Brüderschaft oder Gevatterschaft bewirkt, daß die Adligen sich gegenseitig und in allen Stücken vor der übrigen Nation bevorzugen. Die Usurpation ist vollständig; sie sind die wirklichen Herrscher. [...]
Fassen wir zusammen: der dritte Stand hat bis zur Stunde keine wahren Vertreter auf den Generalständen gehabt. Er hat also keinerlei politische Rechte ...
Drittes Kapitel
Was verlangt der dritte Stand? Etwas zu werden.
[...]
Man kann die wirklichen Forderungen des dritten Standes nur nach den authentischen Beschwerden beurteilen, welche die großen Stadtgemeinden [municipalitésJ des Königreichs an die Regierung gerichtet haben. Was sieht man da? Daß das VoIk etwas sein will, und zwar nur das Wenigste, was es sein kann. Es will haben 1. echte Vertreter auf den Generalständen, das heißt Abgeordnete, die aus seinem Stand kommen und die fähig sind, die Interpreten seines Willens und die Verteidiger seiner Interessen zu sein. Was nützte es ihm, an den Generalständen teilzunehmen, wenn das dem seinen entgegengesetzte Interesse dort dominierte? Es würde durch seine Anwesenheit die Unterdrückung, deren ewiges Opfer es wäre, nur bestätigen. So ist es ziemlich sicher, daß es an Abstimmungen auf den Generalständen nur teilnehmen kann, wenn es dort einen Einfluß erhält, der dem der Privilegierten wenigstens gleich ist. Es verlangt weiter 2. eine Zahl von Vertretern, die derjenigen ebenbürtig ist, welche die beiden anderen Stände zusammen besitzen. Diese Gleichheit der Vertretung wäre indessen wöllig illusorisch, wenn jede Kammer eine eigene Stimme besäße. Der dritte Stand verlangt deshalb 3. daß die Stimmen nach Köpfen und nicht nach Ständen gezählt werden. [...]