Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03103.jsonl.gz/1920

Wie entsteht Literatur? Seit der Antike existiert die Vorstellung, dass wahre Literatur nur im Zustand rauschhafter Entrückung geschrieben wurde. Eine Ausstellung im Strauhof in Zürich thematisiert dieses Phänomen. Wie bringt man sich zum Schreiben? Was tun, wenn es nicht läuft? Das sind Fragen, die sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer wieder mal stellen müssen. Dabei bedienen sie sich verschiedener Methoden, um in Schreibfluss zu gelangen.
Experimentelle Techniken können ein gelöstes Schreiben fördern. Die Surrealisten kannten die „écriture automatique“. Bei dieser Technik gilt es, Gefühle und Bilder in einem Text wiederzugeben, ohne dabei auf blockierende Elemente zu achten, wie etwa Zensur oder sprachliche Fehler aller Art. Was aus Sicht der Orthographie oder der Grammatik als fehlerhaft gilt, kann als wünschenswert gelten. Wichtig ist einzig die Authentizität.
Die Beat-Literaten bedienten sich des sogenannten „Cut-Up-Verfahrens“. Sie führten dabei den Zufall und die Montage in die Literatur ein. Ein einfaches Verfahren bestand darin, zwei Seiten senkrecht zu zerschneiden und dann beliebig zusammenzuführen. So konnte man über die Schnittgrenzen hinweg einen Text ganz neu interpretieren.
Die Vorstellung, dass rauschhafte Entrückung eine dichterische Produktion erst möglich macht, geht bis auf den griechischen Philosophen Platon zurück. Später hat Nietzsche diese These beglaubigt. Nietzsche formulierte ultimativ: „Damit es Kunst gibt, damit es irgend ein ästhestisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch.“
An einem rro-Literaturabend, den ich kürzlich im Studio Barrique organisierte und moderierte, thematisierten wir verschiedene Zugänge zum Lesen und Schreiben. Nicht wenige Schriftstellerinnen und Schriftsteller profitieren von einer Grenzsituation, die sie zum Schreiben motiviert und zwingt. Goethe wagte mitten im Winter die Überquerung des Furkapasses. Damit löste er eine Schreibblockade, die eine unglückliche Liebe bei ihm ausgelöst hatte. Adolf Muschg hat diesen Prozess in seiner aktuellen Erzählung „Der weisse Freitag“ beschrieben.
Die Liebe ist mit Bestimmtheit ein Rauschzustand, der viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu grossen Werken getrieben hat. Die „NZZ am Sonntag“ gestaltet zur Zeit eine Serie zu diesem Thema. Ich zitiere aus dem Begleittext: „Tatsache ist: Ohne die Liebe hätten die meisten Autoren überhaupt nicht gewusst, worüber sie hätten schreiben sollen, und die Weltliteratur würde auf ein kleines Regal passen.“
Zum Bild: An einem rro-Literaturabend im Studio Barrique wurden ebenfalls (rauschhafte) Zugänge zum Lesen und Schreiben thematisiert. Foto: Schnidrig.