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Red. Falls ein Laborunfall an der Pandemie und ihren weltweiten Folgen schuld ist, hat dies weitreichende Konsequenzen. Labors mit hohem Gefahrenpotenzial sollten von einer internationalen Aufsichtsbehörde überwacht und reguliert werden, zum Beispiel analog der IAEA für die Atomkraftwerke, fordern verschiedene besorgte Wissenschaftler. Infosperber analysiert diese brisante Frage in drei Teilen.
Neue Auswertung von Informationen aus dem Labor in Wuhan
Was geschah rund um das Institut für Virologie in Wuhan vor und nach dem Ausbruch der Pandemie? Das hat die Non-Profit-Organisation «Pro Publica» fünf Monate lang zusammen mit der Zeitschrift «Vanity Fair» recherchiert. Die Recherche deckt bisher unbekannte Vorgänge auf.
Massgeblich geholfen hat dabei Tom Reid, der unter anderem für die US-Regierung und die Rand Corporation arbeitete. Er war Teil einer Gruppe, die im Auftrag des republikanischen US-Senators Richard Burr 15 Monate lang Informationen zur Herkunft des Pandemievirus zusammentrug. Reid analysierte dabei unter anderem Nachrichten, die auf der Website des Instituts in Wuhan gespeichert waren.
Reid spricht Chinesisch und versteht auch Nuancen, die zwischen den Zeilen stehen – eine Fähigkeit, die ihm beim Entschlüsseln der Botschaften zu Hilfe kam. Er stellte fest, dass die Forscherinnen und Forscher in Wuhan enorm unter Druck standen, wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen, für die sie in hochrangigen Zeitschriften Meriten ernten würden. So wollte es die Parteileitung. Reid spricht davon, dass die Forschenden in einem «politischen Dampfdruckkocher» gewesen seien.
«Eine komplexe und ernste Situation»
- Im Jahr 2018 ging das Hochsicherheitslabor (BSL-4) am Institut für Virologie in Wuhan in Betrieb. Es hat Stahlwände, die leicht rosten, wenn sie mit Desinfektionsmitteln behandelt werden.
- Wiederholt erwähnten die Forschenden in ihren Nachrichten den Mangel an Ausrüstung, an technologischen Standards und an Erfahrung im Führen eines Labors von diesem Kaliber.
- In einem Fachartikel, der im September 2019 erschien, listete ein Forscher des Wuhan-Labors im September 2019 verschiedene «Herausforderungen» in chinesischen Hochsicherheitslabors auf. Er erwähnt zum Beispiel unzureichendes Biosicherheits-Management und nicht genügend Ressourcen für den Betrieb. «Aufgrund der begrenzten Ressourcen werden manche BSL-3-Labore so betrieben, dass extrem niedrige oder in manchen Fällen gar keine Unterhaltskosten anfallen», schrieb er im «Journal of Biosafety and Biosecurity».
- Später wurde bekannt, dass viele der Experimente mit Coronaviren in Wuhan in BSL-2 oder BSL-3-Laboren stattfanden. «Es ist klar, dass ein Teil oder die gesamte Arbeit nach einem Biosicherheitsstandard BSL-2 – dem Biosicherheitsniveau einer Standard-US-Zahnarztpraxis – durchgeführt wurde […], was ein inakzeptabel hohes Risiko der Infektion des Laborpersonals bei Kontakt mit einem Virus darstellt, das sich wie SARS-CoV-2 überträgt», sagte der US-Molekularbiologe Richard Ebright im «Bulletin of the Atomic Scientists». Verfasst hatte diesen Artikel Nicholas Wade, ein renommierter Wissenschaftsjournalist, der als einer der ersten Indizien für einen Laborursprung des Virus zusammenfasste und publizierte.
- Am 11. September 2019 stellten chinesische Inspektoren fest, dass die chinesische Akademie der Wissenschaften nicht genügend wissenschaftliche Fortschritte mache.
- Am 12. September 2019 gegen zwei Uhr morgens nahm das Institut für Virologie in Wuhan seine bis dahin öffentlich zugängliche Datenbank mit Informationen zu über 15’000 Virusproben von Fledermäusen vom Netz.
- Am 12.11.2019 war in einer der von Reid übersetzten Nachrichten von «verdeckten Sicherheitsgefahren» die Rede: «Wenn man die eingelagerten Reagenzröhrchen einmal geöffnet hat, ist es, als hätte man die Büchse der Pandora geöffnet. Diese Viren kommen ohne Schatten und gehen ohne eine Spur zu hinterlassen …» Laut Reid zeugen die Nachrichten im November 2019 von einem akuten Sicherheitsproblem. Höchste politische Kreise der chinesischen Regierung seien eingeweiht worden.
- Am 17.11.2019 dokumentierte die chinesische Regierung einen der ersten Covid-19-Patienten in der Provinz Hubei.
- Am 19.11.2019 traf der Direktor für Sicherheit der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Wuhan ein. Er habe vom Generalsekretär Xi Jinping und von Chinas Premierminister Li Keqiang höchstpersönlich Aufträge erhalten und sei gekommen, um eine «komplexe und ernste Situation» anzusprechen, sagte er in seiner Rede.
- Der stellvertretende Direktor für Sicherheit des Instituts sprach in seiner Rede davon, dass im Verlauf des letzten Jahres bei den Sicherheitsinspektionen einige allgemeine Probleme entdeckt worden seien. Er wies auch auf die ernsten Folgen hin, die verdeckte Sicherheitsmängel nach sich ziehen könnten.
- Gleichentags ersuchten Institutsverantwortliche die Regierung um einen Zuschuss für eine teure Luftverbrennungsanlage. Sie dient dazu, kontaminierte Luft, die von einem Ort zu einem anderen strömt, zu desinfizieren.
- Am 11.12.2019 stellte ein Forscherteam aus Wuhan einen Patentantrag für ein Gerät, das gefährliche Dämpfe innerhalb eines Raums filtern kann. Der Langzeitgebrauch von Desinfektionsmitteln könne dazu führen, dass hochgefährliche Erreger in die Umgebung des Labors gelangen würden, heisst es in dem Patentantrag. Ebenfalls erwähnt wird, dass defekte Luftschläuche bei Tiertransporten zu «vielschichtigen» Risiken führen würden, falls dabei Krankheitserreger involviert seien, die in der Luft schweben. Ein stabiles, sehr effizientes Filtergerät und ein korrosionsbeständiger Rahmen seien «dringend nötig».
- Am 1.1.2020 schlossen die Behörden den Fischmarkt in Wuhan.
- Verschiedene chinesische Forschungsteams entwickelten in Rekordzeit Impfstoffe. Angesichts dieses Tempos, so urteilten verschiedene Fachleute gegenüber «Vanity Fair» und «Pro Publica», muss eines der Teams spätestens im November 2019 bereits das Erbgut des Virus im Detail gekannt und mit den entsprechenden Mäuseversuchen begonnen haben. Anders wäre der ambitiöse Zeitplan nicht zu einzuhalten gewesen.
- Am 24. Februar 2020 reichte der Militärvirologe Zhou Yusen, der dieses Impfforschungsteam leitete, den weltweit ersten Patentantrag für einen Covid-Impfstoff ein. Am 2. Mai 2020 veröffentlichte Zhou einen Fachartikel über seine Impfforschung auf einem sogenannten preprint server. Als der Artikel drei Monate später in einer Fachzeitschrift erschien, war Zhou dort als «verstorben» aufgelistet. Nähere Umstände seines Todes sind nicht bekannt.
- Am 25.2.2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler die Ergebnisse von 457 Proben, die sie bei Tieren auf dem Wuhan-Markt entnommen hatten – keines wurde positiv auf Sars-CoV-2 getestet. In der Umgebung des Markts waren 73 Proben positiv – alle waren auf Infektionen von Menschen zurückzuführen, darunter befanden sich jedoch keine Tierverkäufer.
Auch jetzt, im dritten Jahr der Pandemie, wurde noch keine Tierart entdeckt, von der Sars-CoV-2 auf den Menschen übergesprungen sein könnte.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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