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Hauptstadt Galliens, Gourmethauptstadt Frankreichs und Geburtsstadt der französischen Marionettenfigur Guignol. Lyon, die französische Stadt an den Flüssen Saône und Rhône.
„Wir schreiben das Jahr 43 v. Chr. Eine kleine Siedlung an den Ufern der Saône und Rhone. Hier gründete der römische Leutnant Munatius Plancus das Verwaltungszentrum Galliens unter dem keltischen Namen Lugdunum, das entweder Hügel des Lichts oder Hügel des Rabens bedeutet. Die genaue Bedeutung weiss niemand mehr so ganz genau. Dreihundert Jahre war die Verwaltung Galliens hier untergebracht bis zum endgültigen Niedergang des römischen Reiches. 2000 Jahre Geschichte umgibt dich“ höre ich die leicht raue Stimme der französischen Holzmarionette Guignol sagen. Ihre kleine Holzhand ergreift meinen Arm und zieht mich durch die Menschenmenge.
Stadtteil der Antike – der Fourvière-Hügel
„Komm, komm und halte die Augen offen. Siehst du oben auf dem Berg Fourvière die Kirche? Nein es nicht der Dom St Jean, sondern die Basilika Notre Dame de Fourvière. Da gehen wir jetzt hinauf, während ich dir die Geschichte meiner Stadt erzähle. Von dort hast du die beste Aussicht auf die Altstadt oder auch auf die Hauptstadt Galliens wie sie heute teilweise noch bezeichnet wird. In den 2000 Jahren hat Lyon sehr viel gesehen. Meine Stadt wurde schon recht früh Bistum bevor sie im Jahre 461 an Burgund fiel. Mit der fränkischen Eroberung 534 und der Verwüstung durch die Araber im Jahre 725, die in dieser Zeit von Spanien nach Frankreich einfielen, verblasste der Ruhm von Lyon. Die Stadt musste fast 300 Jahre warten bis sie wieder an überregionaler Bedeutung gewinnen konnte. 1034 fiel sie endgültig ans Heilige Römische Reich und ihr wurde der Titel ‚le Primat des Gaules’ von der katholischen Kirche verliehen, der auch noch heute besteht. Damit wurde der Erzbischof von Lyon gleichzeitig Kardinal und Primas der katholischen Kirche in Frankreich. Der Seidenhandel während Renaissance verhalf Lyon zu einer weiteren Blütezeit.“
Durch den Rosengarten erreichen wir das römische Amphitheater und steigen weiter hinauf bis zur Notre Dame. Der Ausblick ist gigantisch. Ein Dächermeer aus rot, braun, rose und orange. Haus reiht sich an Haus, getrennt durch schmale Gassen und miteinander verbunden durch zahlreiche Gänge. Dahinter die neue Stadt aus der Renaissance, eingekeilt zwischen den Flüssen Saône und Rhône. Das neue Lyon reiht sich dazu mit dem signifikanten Hochhaus in dem gleichen rotbraun wie die Dächer der Altstadt. In der Ferne ist noch der Flughafenturm zu erkennen bevor die Stadt in die sanften Hügel des Rhone-Departments übergeht.
„Das Wort ‘Fourvière’ ist lateinischen Ursprungs und bedeutet foro vetere, das soviel wie altes Forum heisst. Hier wurden im 12. Jh. auf den römischen Ruinen zwei Kapellen errichtet. Eine war der Jungfrau Maria und die andere St Thomas von Canterbury geweiht. Drei Daten sind besonders wichtig für Fourvière, das seit dem 19. Jh. den Namen ‚Hügel der Betenden’ trägt. Nach den Pestepedimien baten die Lyoner Stadträte 643 um den Schutz Marias und noch heute wird dieser Bittruf jährlich am 8. September wiederholt
1852 wurde die vergoldete Bronzestatur Mariens,die auf dem Turm der kleinen Kapelle thront, eingeweiht. Dieses Datum gilt als Begründung des jährlichen Lichterfestes (fete de lumieres). Am 8. Dezember 1870 beschlossen die Lyoner Bürger ein neues Gotteshaus zu bauen, wenn die Preussen geschlagen werden könnten. 1872 erfolgte die Grundsteinlegung.“ Aussen schlicht und innen prunkvoll, Wände, Böden und Decken mit Mosaiken verziert, eine Vermischung aus unterschiedlichen Baustilen ist das Ergebnis der Basilika. Meine Augen werden grösser und grösser und versuchen all die Pracht aufzunehmen
Croix Rousse, Vieux-Lyon, und die Presqu`île
Von der Basilika schlendern Guignol und ich hinunter durch den Croix Rousse, das ehemalige Arbeiterviertel, in dem sich im 19 Jh. die Seidenweber niederliessen. „Das Viertel besitzt fast einen dörflichen Charakter und Wohnungen und kleine Geschäftsräume sind auch heute noch sehr begehrt. Die kleinen Verbindungsgänge zwischen Häusern werden Traboules genannt. Diese Durchgänge ermöglichten einen schnelleren Transport der Seidenballen, boten aber auch Raum für andere Tätigkeiten im Seidenwebergewerbe und verbanden das Viertel der Seidenweber mit dem Viertel der Seidenhändler. Die Traboules spielten sowohl eine wichtige Rolle in den Seidenweberaufständen 1831 und 1834 sowie unter der deutschen Besatzung während des zweiten Weltkrieges als sie hauptsächlich von der Resistance genutzt wurden.“ Auf diesem historischen Boden erreichen wir den Dom, der fast ebenso imposant ist wie die Basilika Notre Dame de Fourvière.
Weiter geht es nach „Vieux-Lyon, eines der grössten Renaissance-Viertel in Europa. Es wurde bereits in den 60iger Jahren als erstes Stadtgebiet Frankreichs unter Denkmalschutz gestellt. Über die Saônebrücke erreichen wir den neueren Teil der Stadt, der Presqu’ ìle, die Halbinsel zwischen Saône und Rhône. Hier befinden sich die grossen herrschaftlichen Häuser.
„Schon seit dem Mittelalter war die Halbinsel ein wichtiges Viertel und sie hat auch heute nichts an Bedeutung verloren. Vorbei geht es an Luxusboutiquen, gemütlichen Restaurants
UNESCO Welterbe
„Im Jahre 1998 wurde die Altstadt von Lyon zum UNESCO Welterbe deklariert, aufgrund der Kriterien II (die Altstadt Lyons zeigt einen bedeutenden Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung von Architektur und des Städtebaus) und IV (Lyon stellt ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden in architektonischer Weise dar, die einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen).“
„Jetzt habe ich dir das Wichtigste aus meiner Stadt erzählt und zum Schluss sollst du auch noch etwas über mich erfahren“, fährt Guignol fort.
„Als die wirtschaftliche Krise zu Beginn des 19. Jh. den Seidenhandel traf und es kaum noch Aufträge für die Seidenweber gab, entschloss sich der arbeitslose Seidenhändler Laurent Mourguet seinen Unterhalt auf dem Jahrmarkt zu verdienen. Neben den verschiedenen Tätigkeiten, darunter Zähneziehen auf Wochenmärkten in der Region schaffte er sich nach einiger Zeit ein Marionettentheater an und wendet sich damit von den damals beliebten Handpuppen ab. Das war meine Geburtstunde. Als kleine hölzerne Marionettenpuppe kritisierte ich lautstark die soziale Ungerechtigkeit und machte mich über die Lyoner Behörden und die französischen Institutionen lustig. Durch meine zahlreichen Reisen von einem Markt auf den anderen wurde ich sehr bekannt und das machte mich zum Botschafter für meine Stadt.
Heute wird die Tradition in drei Theatern in Lyon fortgesetzt. Neben den zahlreichen Museen gibt es natürlich auch eines das mir gewidmet ist“. Guignol klappert ein letztes Mal mit seinen Armen und Beinen, schenkt mir ein kindliches Lächeln und verschwindet in der Menge.
Photos & Story: Sabina Herbst