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Krematorien - Architektonische Spuren einer modernen Bestattungsreform
Die existenziellen Fragen um Sterben und Tod sind noch immer soziale Tabuthemen. Von dieser Ausgrenzung sind auch die Krematorien betroffen. In der Architektur der Feuerbestattung manifestieren sich sowohl ökonomische, politische, hygienische als auch ästhetische und religiöse Einflüsse. Die Einäscherungsanlagen verweisen mit ihrer Gestalt auf die jeweilige Gesellschaft und ihr Verhältnis zum Tod.
Die Anfänge der modernen Kremation liegen in der französischen Aufklärung. Bereits um 1800 gab es in Paris Projekte, der Platzproblematik auf den Friedhöfen mit zentralen Kremationspyramiden zu begegnen. Doch sie hatten nur auf dem Papier Bestand, da die Technik noch nicht so weit entwickelt war, entsprechende Verbrennungsapparate bereitzustellen. Im 19. Jahrhundert gingen dann zwei parallele, gesellschaftliche Umwälzungen vor sich. Einerseits verlor die Kirche mit der zunehmenden Säkularisierung und der Neuzuteilung des Zivilstands- und Bestattungswesens einen bedeutenden Teil ihrer gesellschaftlichen Stellung. Andererseits trieb die wissenschaftliche Forschung technische Entwicklungen voran und brachte Innovationen hervor, die eine zunehmende Rationalisierung und «Mechanisierung» des menschlichen Lebens nach sich zogen. Als logische Konsequenz erfasste sie auch den Bereich des Bestattungswesens. In den europäischen Grossstädten kündigte sich auf Grund der ständig wachsenden Bevölkerung, den immer knapper werdenden Bodenressourcen und der fehlenden Hygiene ein dringender Handlungsbedarf an. Die Raumnot und die Furcht vor Seuchen verlangten Lösungen aus ökonomischer und hygienischer Sicht. Nach den Cholera- und Typhus-Epidemien bildete die Assanierung der Städte gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine der wichtigsten Aufgaben des Staates. Die Kremation sollte den Missständen durch eine saubere, hygienische und geruchfreie Verbrennung der Toten Abhilfe schaffen. Die Entwicklungen italienischer und deutscher Ingenieure trugen den gestellten Forderungen Rechnung, indem sie Ofensysteme adaptierten, die auch in der Industrie angewandt wurden, wie Muffelöfen, Flammöfen oder Heissluftöfen.
1876 konnte in Mailand das erste Krematorium Europas eröffnet werden. Der Stifter war ein Schweizer, «Il Nobile Alberto Keller», ein aus Zürich stammender, reicher Seidenindustrieller. Auf seinen Wunsch hin wurde das Gebäude auf dem «Cimitero monumentale» errichtet. Am 22. Januar 1876 wurde Keller als Erster mit dem innovativen Ofensystem von Polli-Clericetti öffentlich kremiert.
Bild: BFA Zürich