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Der Postbote kam. Er legte ein Paket in den Briefkasten von Marc Locatelli. Aus dem Paket zog Locatelli ein Comic aus Frankreich über die Tour de France. Er las die Geschichten und dachte: Warum gibt es das nicht über die Tour de Suisse? Das müsste man doch machen. “In diesem Moment lief ein Film in meinem Kopf ab, und ich wusste sofort, wie das Konzept aussehen muss“, sagt Locatelli.
Mit seinem Radrenn-Kumpanen Martin Born rief er das Projekt „Tour de Suisse – Geschichten zur Geschichte“ ins Leben. Born ist pensionierter Radsportjournalist und hat fast schon jeden interviewt, der je an der Tour de Suisse teilgenommen hat. Er rief die ehemaligen Radsportprofis an, und die waren von der Idee begeistert. Locatelli kontaktierte befreundete Zeichner, etwa Felix Schaad, der sagte, er habe zwar keine Zeit, wolle aber unbedingt mitmachen, und so kamen 28 der besten Schweizer Zeichner zusammen.
Mittlerweile haben die beiden eine lose Liste von vierzig bis fünfzig Ideen für Geschichten zusammengestellt. Aus dieser Liste können sich die Zeichner bedienen. Im Optimalfall setzen sich die Zeichner mit dem Fahrer zusammen, der die Geschichte erlebt hat, und suchen nach einer Möglichkeit, diese in Bildern zu erzählen. „Bei den ganz alten Geschichten gibt es keine Zeitzeugen mehr“, sagt Born, „da muss man dann in den Archiven wühlen, und der Rest ist der Phantasie des Illustratoren überlassen.“
Auch Locatelli wird eine Geschichte zeichnen. Das Grosse und Medienwirksame interessiert ihn dabei aber nicht sonderlich, und so wird er sich nicht etwa auf Lance Armstrong stürzen. „Für mich hat Armstrong nie eine Duftmarke hinterlassen“, sagt er. Die Duftmarke stammt für ihn eher von Fahrern, die den Menschen hinter der Sportskanone zeigen. Etwa der Fahrer Daniel Wyder, der in den Achtzigerjahren am Rennen teilnahm, während seine Ehefrau den Termin für die Geburt des ersten gemeinsamen Kindes hatte. Damals gab es noch keine Handys, sondern bloss Autotelefone. Ein solches legte Wyder seinem sportlichen Leiter ins Auto und sie besprachen, der Leiter würde zwei Mal hupen und so Wyder informieren, der dann sofort nach Zürich ins Spital fahren würde. Sogar der Pilot des Fernsehhelikopters war in den Plan einbezogen und hatte sich bereit erklärt, den Fahrer im Notfall nach Zürich zu fliegen. Das Kind kam dann allerdings erst eine Woche später zur Welt.
„Das sind die Momente, die mich interessieren“, sagt Locatelli. Manchmal sehe man einen Fahrer und denke: Was ist denn mit dem los? Der kann ja nichts! Dabei habe er vielleicht ganz andere Dinge im Kopf.
Wenn die beiden über die Tour de Suisse reden, die sie seit der frühen Kindheit verfolgen, bekommt man den Eindruck, als hätten sie Material gleich für mehrere Bände. Davon wollen sie allerdings nichts wissen. „Aber man könnte dasselbe natürlich auch über das Skirennfahren machen“, sagt Born.
WIESO UNTERSTÜTZT FREITAG DIESES PROJEKT?
Als Zweirad-Afiçionados und Comic-Fans müssen wir dieses Projekt einfach mögen. Kommt dazu, dass wir mit der Tour de Suisse aufgewachsen sind. Wenn der Tross der Tour vorbeizog, bedeutete das früher einen Nachmittagsausflug mit der Schulklasse. Der Spass war jeweils gross – und kurz. Die Aussicht, dass zur 80. Auflage des Radrennens dessen denkwürdigste Momente von herausragenden Künstlern nachgezeichnet werden, gefällt uns. Hals- und Gabelbruch!