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Serien wie Stranger Things oder Game of Thrones verleiten uns dazu, so lange zu schauen, bis wir vor lauter Müdigkeit den Weg ins Bett nicht mehr finden. Welchen Effekt hat Binge-Watching auf unsere Schlafqualität? Medienforscher_innen Dominique Wirz und Andreas Fahr geben Antwort.
Was untersuchen Sie in Ihrer Studie?
Andreas Fahr: Unsere Studie ist Teil eines Konglomerats aus unterschiedlichen Studien, die vom SNF gefördert wurden. Generell geht es um Netflix-Nutzung und Binge-Watching. Ein Teil der Studie konzentriert sich auf den Effekt von beidem auf die Schlafqualität. In einer unserer Laborstudien ging es um Cliffhanger im Kontext von Netflix. In anderen etwa um Motivation und Abhängigkeiten. Ein weiterer Teil der Studie hat nicht im Labor stattgefunden, sondern bei den Leuten zuhause, wo wir einen Unterschied feststellen zwischen Leuten, die mehrere Folgen hintereinander schauen und anderen, die die Folgen an unterschiedlichen Tagen schauen. Wir haben festgestellt, dass das Forschungsthema viele Leute interessiert und wollten es aus der kommunikationswissenschaftlichen und psychologischen Perspektive anschauen. Das Projekt läuft jetzt aus. Wir sind nun dabei, die Daten auszuwerten und die Früchte bzw. Befunde unserer Arbeit zu ernten.
Dominique Wirz: Ein paar Grundphänomene haben uns ganz besonders interessiert. Was bewegt Leute dazu, dass sie gleich mehrere Folgen am Stück schauen? Und was macht das mit ihnen? Wird der Serienkonsum dadurch unterhaltsamer oder besser? Eventuell auch schlechter? Und wie wirkt sich das auf das allgemeine Wohlbefinden und den Schlaf aus?
Wie genau definieren Sie Binge-Watching?
Andreas Fahr: Der Begriff wird sehr kontrovers diskutiert. Eine relativ einfache Definition beschreibt Binge-Watching als das Schauen von mehr als zwei Folgen hintereinander. Auf diese Kerndefinition können sich die meisten Wissenschaftler einigen. Inwieweit aber spielt die Frequenz eine Rolle? Wie oft macht man das? Einmal im Monat, jede Woche oder gar jeden Tag? Spielt die Dauer eine Rolle? Erstreckt sich die Nutzungszeit über 60 Minuten, weil man drei Folgen à 20 Minuten schaut, oder erstreckt sich das über einen langen Zeitraum?
Haben Sie sich in Ihrer Studie auch näher mit dem Gehirn befasst?
Andreas Fahr: Im Cliffhanger-Projekt haben wir auch physiologische Daten erhoben und das Cortisol-Level vor, während und nach der Nutzung untersucht und überprüft, ob es Indikatoren für Stress gibt.
Stichwort Cliffhanger: Gibt es ein Rezept für die perfekte Serie, die zum Binge-Watchen verleitet?
Dominique Wirz: Je komplexer das Narrativ ist, je mehr Handlungsstränge sich verweben, desto mehr führt eine Serie dazu, dass man sie spannend findet – so glaubt man. Wir würden eher behaupten, dass nicht ausschlaggebend ist, wie die Serie genau aufgebaut ist, sondern was dabei genau mit dem Nutzer passiert, dass er beispielsweise starke Beziehungen zu den Charakteren entwickelt. Wichtig sind die emotionalen Zustände, die ausgelöst werden. Man geht davon aus, dass Menschen Medien nutzen, um ihre Stimmungen in Balance zu bringen. Wenn wir gestresst sind, suchen wir uns Medien aus, die uns wieder etwas herunterholen und wenn wir gelangweilt sind, suchen wir etwas Stimulierendes aus. Wenn eine Serie dazu führt, dass wir kein Gleichgewicht erreichen, weil am Ende immer noch etwas Aufregendes passiert, es einen Cliffhanger gibt, die Szene uns besonders traurig macht oder aufwühlt, dann schauen wir solange weiter, bis wir wieder das Gleichgewicht erreichen. Wenn Serien also gut gemacht sind, befindet man sich am Ende einer Folge nicht in einem Zustand, in dem man verbleiben möchte.
Andreas Fahr: Diese Serien sind meistens so konstruiert, dass es eine interessante Geschichte innerhalb einer Episode gibt, aber auch eine Metageschichte – und diese ist wichtig fürs Weiterschauen, weil wir wissen wollen, wie es insgesamt weitergeht. Cliffhanger können dazu beitragen, aber natürlich auch, dass viele Serien character driven sind: Wie geht es mit den Figuren weiter, zu denen wir eine Beziehung aufgebaut haben? Können wir uns mit ihnen identifizieren? Wie ambivalent sind sie? Zum guten Rezept gehört auch dazu, dass sich die Charaktere entwickeln. Wir sind allerdings keine Spezialisten im Erstellen von Plots, sondern sind daran interessiert, was das mit den Leuten macht: Werden Emotionen hervorgerufen? Sind die Leute gestresst und wie stark? Wichtig sind auch technologische Aspekte. Netflix schafft es, dass wir weiterschauen, weil beim Abspann am Ende einer Folge das Fenster für die nächste aufgeht, so dass wir neu getriggert sind. Wenn wir nicht aktiv stoppen, fängt die nächste Folge automatisch an.
Wie neu ist das Phänomen Binge-Watching eigentlich?
Andreas Fahr: Es ist auch immer eine Frage der Verfügbarkeit. Früher ging das über DVDs, die man ausleihen musste. Am Wochenende hat man sich getroffen und gemeinsam geschaut – das war auch so etwas wie Binge-Watching – es ist also sicher kein neues Phänomen. Im Grunde gab es früher etwas Ähnliches, nämlich das Binge-Reading, wo man einen Kapitel nach dem anderen gelesen hat. Der Unterschied liegt in den neuen technologischen Möglichkeiten. Dass man immer, überall, alleine, ohne grosse technologischen Probleme und relativ günstig schauen kann, führt dazu, dass wir im Prinzip die Möglichkeit haben, es täglich zu tun.
Dominique Wirz: Die Selbstbestimmtheit ist heute einfach grösser. Früher konnte man auch schon im Fernsehen mehrere Folgen bestimmter Serien am Stück sehen, aber grundsätzlich konnte man nicht selber bestimmen, wann etwas läuft, wie lange, und wie viele Folgen davon.
Andreas Fahr: Es hat auch eine soziale Komponente, wenn man warten muss und z.B. mit Freunden und Kollegen darüber rätselt, wie es wohl weitergeht.
Wenn wir schon über soziale Aspekte reden: Hat Binge-Watching während des Lockdowns eventuell die eine oder andere Beziehung gerettet?
Andreas Fahr: Ich habe keine Daten zur Hand, aber meine Vermutung wäre, dass Binge-Watching in dieser Zeit zugenommen hat, weil die Leute mehr Zeit zuhause verbracht und deshalb bestimmte Medien mehr genutzt haben. Man weiss aber nicht so genau, ob es sich nun positiv oder negativ auf die Beziehungen ausgewirkt hat. Dass Medien die Funktion haben, dass man den Abend beieinander verbringen kann, ohne miteinander zu sein, ist kein neues Phänomen. Mittlerweile hat man die Möglichkeit, die Mediennutzung sehr individuell zu gestalten: Die Kinder schauen im Kinderzimmer, die Mutter oder der Vater in der Küche?… Man muss gar nicht mehr vor dem gemeinsamen Lagerfeuer sitzen, das früher der Fernseher war.
Dominique Wirz: Wir sehen in unseren Daten, dass dieser soziale Aspekt eher zu den negativen Folgen von Binge-Watching gehört. Wenn ich z.B. weiss, dass meine Freunde schon bei Folge xy sind, dann setzt es mich unter Druck, möglichst weiterzuschauen, damit ich mithalten und aufholen kann und nicht gespoilert werde. Wir sehen, dass die Leute, die hauptsächlich aus sozialen Motiven Binge-Watching betreiben, eher eine Tendenz haben, auch negative Konsequenzen zu erleben. Wir finden zwar nicht, dass Binge-Watching ein krasses Suchtverhalten ist, aber die Tendenz in Richtung Suchtverhalten wird auch getrieben durch die soziale Komponente.
Zwei Menschen schauen abends die gleiche Serie und gehen hinterher ins Bett. Eine Person schläft seelenruhig ein, die andere grübelt über die Handlung und hat Mühe einzuschlafen. Warum ist das so?
Dominique Wirz: Das ist ein schönes Beispiel, weil wir auch beide Effekte in unseren Daten erkennen. Das eine kann damit zu tun haben, dass wenn Menschen dazu tendieren, vor dem Einschlafen nochmals ihren Tag zu reflektieren und vielleicht gestresst sind, die Seriennutzung davon ablenken kann. Andersrum kann es aber auch sein, dass die Probleme in der Serie für mich die prävalenten sind, ich darüber nachdenke und deshalb nicht einschlafen kann.
Andreas Fahr: Selbst wenn man die gleiche Serie schaut, gibt es immer individuelle Unterschiede. Dass man gut geschlafen hat, ist übrigens ein subjektives Gefühl. Es muss nicht immer mit dem korrelieren, was tatsächlich während des Schlafs passiert. Auch schnelles Einschlafen ist kein guter Indikator für die Schlafqualität. Es kann durchaus sein, dass eine Serie von Alltagsproblemen ablenkt und das nachhallt, deswegen kann man schnell einschlafen. Das heisst aber nicht, dass das, was dann in der Konsolidierungsphase passiert, nicht auch nachteilig sein kann für die Schlafqualität, fürs Lernen, für die subjektive aber auch objektive Erholung. Unsere Daten zeigen zumindest in der Tendenz, dass der sogenannte pre-sleep arousal – ein Indikator – bei gewissen Leuten während des Binge-Watchings leicht erhöht ist und dass das einen negativen Einfluss auf die Schlafqualität hat. Wenn man sehr stark auch physiologisch aufgeregt ist, kann das einen nachteiligen Effekt haben.
Dominique Wirz: Die Nutzungsdauer trägt auch dazu bei. Je länger man das Medium nutzt, desto höher ist der Wert. Es gibt zudem auch den need for closure: Es gibt Menschen, die besser mit offenen, ambivalenten Situationen umgehen können als andere. Manche Menschen stresst es generell mehr, wenn Handlungen noch offen sind.
Andreas Fahr: Bei Menschen mit einem grösseren need for closure kann es eher nachteilige Effekte haben, wenn man abbrechen muss. Der Tipp von Dominque Wirz ist deshalb immer: «Schau den Anfang der nächsten Episode und höre mit einer Szene auf, die nicht so aufregend ist.»
Kann Binge-Watching auch Vorteile haben?
Andreas Fahr: Natürlich. Unterhaltung, Entspannung, Ablenkung vom Alltag. Man kann in eine vollkommen andere Welt entfliehen, sich von der Geschichte transportieren lassen und von anderen Personen lernen, die man im normalen Leben nicht kennt.
Man muss also gar nicht aufhören mit dem Binge-Watching?
Dominique Wirz: Nein! Früher hat man im Fernsehen erst die Tagesschau geguckt, dann einen Film und eventuell noch eine Talkshow und sass somit auch drei Stunden vor dem Fernseher. Es gibt auch keinen Unterschied im Unterhaltungseffekt, ob man eine Serie am Stück schaut oder die Folgen einzeln. Wir glauben mittlerweile, dass das nicht entscheidend dafür ist, wie unterhaltsam wir eine Serie finden. Es ist eher so, dass die Unterhaltung, die wir empfinden, bestimmt, wie wir eine Serie nutzen. Wir fanden persönlich ein spannendes Ergebnis, dass nicht Binge-Watching zu Unterhaltung führt, sondern Unterhaltung zu Binge-Watching.
Andreas Fahr: Eine Umkehrung der Kausalität. Diese Perspektive war für uns ein interessanter Befund, an den wir anfangs nicht gedacht haben.
Dominique Stefanie Wirz ist Oberassistentin am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Emotionen und Persuasion in der Rezeptions- und Wirkungsforschung und in der politischen Kommunikation.
Andreas Fahr ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Er forscht zu Mediennutzung, -rezeption und -wirkung, insbesondere Gesundheitskommunikation, Persuasion, Kultivierung, emotionale Medienwirkungen und Beziehungen von Mediennutzer_innen zu Medienpersonen.