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1972 wurde mit der Veröffentlichung des «The Limits to Growth» durch den Club of Rome erstmals die moderne Nachhaltigkeitsdiskussion in der breiten Öffentlichkeit angestossen und mögliche Folgen einer «unnachhaltigen» Lebensweise aufgezeigt. Obwohl der Begriff der Nachhaltigkeit (Sustainability) bereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, beispielsweise durch frühe Werke von Carl von Carlowitz («Sylvicultura oeconomica» 1713), Wilhelm Gottfried Moser («Grundsaetze der Forstoekonomie» 1757), Alexander von Humboldt («Über den Zustand des Bergbaus und Hüttenwesens …» 1792) und schliesslich Edward Goldsmith und Robert Prescott-Allen («A blueprint for survival» 1972), hatte das Konzept bis zu Beginn der 70er-Jahre kaum eine relevante Wahrnehmung erfahren. 1973 folgte die weltweite, allbekannte Ölkrise. In der Studie «The Limits to Growth» wurden bereits mithilfe von Computersimulationen verschiedenste Zukunftsszenarien der globalen Ökonomie und Ökologie berechnet, mit damals bereits deutlich erkennbaren Konsequenzen des menschlichen Einflusses auf die Ökosysteme. Diese Szenarien zeigten, dass eine Fortschreibung des damaligen Wachstumspfades, insbesondere bezüglich Bevölkerungswachstum, Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen und der Zerstörung der natürlichen Umwelt, unweigerlich zu einem Zusammenbruch des globalen Systems vor Ablauf des 21. Jahrhunderts führen könnten. Lösungsansätze, respektive Forderungen, wurden noch sehr vage formuliert, wie unter anderem ein rasches, kontrolliertes Absinken der Weltbevölkerung, eine weitgehende Deindustrialisierung sowie drastische Einschnitte in bis anhin übliche Lebensweisen, zur Entschärfung dieser postindustriellen Spätfolgen.
Nun – 2023 – stehen wir mit den allgegenwärtigen Ereignissen im Zusammenhang mit der Klimaveränderung stärker denn je vor der Frage, wie wir mit nachhaltigem Handeln die mittlerweile am Scheideweg stehenden Tendenzen stoppen, im Idealfall umkehren können.
40 Prozent Emissionen im Bausektor
Gemäss dem Pariser Abkommen von 2015, die Klimaerwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, will die Schweiz bis 2050 Netto-Null erreichen. Das bedeutet, dass nicht mehr Treibhausgase ausgestossen werden, als der Luft durch natürliche oder technische Massnahmen wieder entzogen werden. Gemäss aktuellen Aussagen Werner Sobeks in «Non nobis» und seinen «17 Thesen zur Nachhaltigkeit», haben wir maximal bis 2050 Zeit, um eine signifikante Reduktion von Emissionen klimaschädlicher Gase, das Absinken des Bevölkerungswachstums und die Vollendung einer vollständigen Kreislaufwirtschaft und damit Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung für alle sicherzustellen. Das entspricht der Zeitspanne einer Generation. «Wenn wir diese gesamtgesellschaftlich zu erledigende Aufgabe nicht bewältigen, werden die Folgen nicht mehr beherrschbar sein …», so lautet der Sobek’sche Appell «… alles Menschenmögliche zu tun, um den kommenden Generationen ein menschenwürdiges Leben auf Erden zu ermöglichen.» Diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe bildet somit auch für die Schweiz eine der wichtigsten Fragestellungen und Herausforderungen.
Nachhaltige Spitalbauentwicklung
Im Zusammenhang mit den laufenden Schweizer Spitalbauplanungen beläuft sich der Umfang von Neu-, Erweiterungsrespektive Ersatzneubauten auf ein Gesamtvolumen von geschätzten 20 Milliarden Franken. Die drängendste Frage, die sich daraus ableitet, ist, ob eine nachhaltige Spitalbauentwicklung (Masterplanning) mit den angestrebten Zertifizierungen (BREEAM, LEAD, SNBS, DGNB etc.) mit den aktuell üblichen Entscheidungsprozessen und Zeithorizonten als nachhaltig bezeichnet werden kann.
Eine zweite Frage lautet: «Sollten umfassende, komplexe Bauvorhaben wie Universitätskliniken oder Kantonsspitäler überhaupt inmitten komplexer, innerstädtischer, teils denkmalgeschützter Baustrukturen weiterverfolgt werden? Oder, sollte nicht besser die zielführende Weiterentwicklung ‹auf der grünen Wiese› stattfinden, in Anlehnung an europäische Vorbilder in Holland, Skandinavien oder Spanien, innerhalb etappierter Masterpläne und zeitgemässer, flexibler, vor allem aber erweiterbarer Typologien?»
Dies könnte, im Gegensatz zu gegenwärtig laufenden Projekten, unter anderem am USZ Zürich, USB-Basel, HUG-Genf, KS-Aarau, KS-Bellinzona und weiteren, alle überwiegend aus funktional fragmentierten Gebäudeensembles bestehend, eine langfristige Plan- und Umsetzbarkeit nebst Kontrolle von Qualität, Kosten und Terminen sicherstellen. Es würde zudem gleichzeitig innerstädtische Flächen freistellen und hochwertige Stadtentwicklungspotenziale bereithalten, die auch als zusätzliche Finanzierungsmodelle aktiviert werden könnten, Stichwort «Zentrumsnahe Wohnentwicklung».
Nur vereinfachte, flexible und adaptierbare Umsetzungsprozesse für smarte Spitaltypologien, Stichwort «Typen-, System- und Modulbau», ermöglichen eine nachhaltige Spitalprojektentwicklung. Die hohen räumlichen und technischen Anforderungen, die immer schneller fortschreiten, können so erfüllt werden, ohne komplizierteste Sanierungs- oder Erweiterungsszenarien.
Insbesondere die immer dynamischeren Rahmenbedingungen für Betreiber, Nutzer und Beitragszahler erhöhen den baulichen Anpassungsdruck ständig, bei zunehmend kürzerer Verweildauer, mehr tagesklinischen Behandlungen, höheren Intensivanteilen, gestiegenen Leistungsdichten, höherer Spezialisierung und schliesslich erhöhten Erwartungshaltungen aller Beteiligten (z. B. Privatversicherte, 1- bis 2-Bettzimmer-Frage, Spezialbehandlungen etc.).
Oftmals bildet dieser Anpassungsdruck unüberwindbare Hindernisse im aktuellen Realisierungsprozess der Spitäler, auch im Konkurrenzdasein der verschiedenen Standorte. Auch die Zentralisierung von Leistungen, anstatt ein Überangebot an mehreren Standorten wäre ein Lösungsansatz zur Bewältigung stetig steigender Kosten und damit Finanzierungsfragen.
Politik oder Typologie
Die Schweizer Spitäler und mit ihnen die Planer, erleben turbulente Zeiten: Die Finanzierung verändert sich, die hoch technisierte Medizin verlangt spezielle Räume, gleichzeitig mangelt es an Personal, und eine der drängendsten Fragen für alle Spitäler lautet: Mit wie viel Patienten ist künftig zu rechnen?
Grösstes Problem grosser Spitalprojekte jedoch bilden die langwierigen, von zu vielen Stakeholdern zu verantwortenden Entscheidungsprozesse, die durch ihre Dauer und den damit verbundenen Stakeholderwechseln grosse Risiken mit sich bringen. Dazu kommen strategische Änderungen (Leistungsbild), verbunden mit Bestellungsänderungen (RuF), die bezogen auf eine dynamische Gesundheitsmarktsituation, die Voraussetzungen eines sehr volatilen Planungsprozesses für neue Spitalbauprojekte bilden. Mit der Folge unkalkulierbarer Mehrkosten, seit Corona und Ukraine-Krieg noch zusätzlich verbunden mit unabsehbaren Teuerungsraten für alle Bauprojekte.
Mit Blick auf Nachhaltigkeitsaspekte von Spitalprojekten sind grundsätzlich nur deutliche Emissionsreduktionen, flächensparende Grundrisse und Logistikverteilkonzepte, CO2-reduzierte Bauweisen, vor allem jedoch langfristig funktionierende Energiekonzepte zur Reduktion von Betriebskosten und der Eliminierung fossiler Energieträger, zielführend. Bauen nach Netto-Null hat auch einen positiven Effekt auf die Rentabilität. So ist es heute in den meisten Fällen wirtschaftlich lukrativer, auf ein erneuerbares Energiesystem, statt auf fossile Brennstoffe zu setzen. Wichtig ist, eine Kostenanalyse über den gesamten Lebenszyklus zu machen.
Hinzu kommen weitere Herausforderungen, welche sich vor allem innerhalb des langwierigen Realisierungsprozesses ergeben, verstärkt bei Projekten mit Planungs- und Realisierungszeiten, welche über zehn Jahre hinaus gehen, die sich bereits bei ihrer Inbetriebnahme baulich und technisch als unzureichend und teilweise veraltet erweisen, insbesondere für Erweiterungsszenarien.
Viele der grossen Schweizer Spitalprojekte finden im Umfeld universitärer Grossanlagen (Campus-Anlagen) statt, somit in einem Umfeld höchster politischer Komplexität sowie sehr schwieriger Entscheidungsprozesse, hervorgerufen durch die hohe Zahl der beteiligten Stakeholder. Die erforderlichen Massnahmenpakete sind um ein Vielfaches grösser, mit nahezu unkalkulierbaren Risiken für alle Beteiligten. Insbesondere risikobehaftet sind Kostenaussagen respektive Entwicklungen in Zeiten steigender Baukosten. Gravierender noch sind Bestellungsänderungen bei gleichzeitig dynamischer Medizintechnikentwicklung (Digitalisierung), nebst baurechtlichen Risiken, die vor allem im Bestand mit Denkmal- und Heimatschutz, Erdbebenertüchtigung, energetischer Ertüchtigung und Ähnliches grosse Planungsunsicherheit mit sich bringen. Über die Hälfte der erwähnten Investitionen fliesst in die allseits bekannten Grossstadtstandorte.
Beispiel Kantonsspital Olten
Als gutes Beispiel einer sehr erfolgreichen Zukunftsentwicklung lässt sich das KS Olten nennen. Der Grundstein für das heutige KS Olten erfolgte bereits 1880. Das enorm grosse Grundstück sicherte bis heute dessen langfristige Erweiterung. Den Kreislauf von Abbruch, Umbau und Neubau sicherte das damals schon ausreichend grosse Grundstück, um den geforderten Betrieb aufrechtzuhalten.
Das Kantonsspitalareal lag vormals weit ausserhalb des Stadtkerns und wird heute von ihm umschlossen. Obwohl in den Altbauten aus dem Jahr 1960 genügend Ausbaufläche vorhanden war, haben die heutigen Anforderungen an zusätzlichen Flächenbedarf, Erdbebensicherheit und den geforderten Minergiestandard zu einem langfristig positiven Entscheid geführt. Im Gegensatz zu den meisten Spitälern, deren Grundstücksfläche konstant und tendenziell zu klein ist, konnte in Olten das Areal selbst noch in jüngster Zeit durch Zukäufe erweitert werden. Grundstücksform und Fläche waren entscheidend für ein nachhaltiges Masterplanning. Es erfolgte ein Gesamtausbau des Spitalareals von 1995 bis 2011, mit einem Gesamtvolumen von rund 200 Millionen Franken.
Im gesamten Lebenszyklus eines Spitalkomplexes verändern sich Nutzungen mehrmals und in verschiedenen Bereichen dynamisch. Der Kernbereich Diagnostik und Behandlung weist beispielsweise starke Wachstumstendenzen auf. Technische Medizintechnikveränderungen inklusive Behandlungsprozesse müssen daher schnell adaptiert werden können, Stichwort Digitalisierung. Ein Umbau der Ausbaustrukturen auf Basis einer flexiblen Grundstruktur muss jederzeit möglich sein. Im Pflegebereich, einem weiteren Hauptbereich, stellt sich die Frage, welche Art der Pflege noch direkt neben der Behandlung vorzusehen ist und was ausgelagert werden kann. Versorgung und Logistik schliesslich werden immer mehr zu eigenständigen Wirtschaftsbetrieben, es stellt sich die Frage, welche Teildienstleistungen günstiger extern produziert werden können? Darunter fallen Dienstleistungen wie Laborproben, Medikamente, Lagerhaltung, Wäsche und Essensversorgung, deren Lokalisierung stets zu hinterfragen ist. Die Entscheidungen für alle am Planungsprozess Beteiligten, von der Politik bis zum Spitalarchitekten werden somit immer anspruchsvoller und vielseitiger, da immer mehr Aspekte zu berücksichtigen sind und ständig neue Erkenntnisse hinzukommen. Neueste Medizintechnologien erfordern regelmässige Anpassungen: Vermehrte ambulante Behandlungen führen zum Beispiel zu immer mehr Kurzaufenthalten, gleichzeitig zu einem geringeren Bettenbedarf im Pflegebereich.
Bei jeder Nutzungsänderung und jedem Erweiterungsszenario stellen sich den Beteiligten raumplanerische, städtebauliche und architektonische Fragen, meist mit der wichtigsten Frage am Anfang: Ist das bestehende Krankenhaus prinzipiell am richtigen Standort? Das Dilemma ist, dass diese Frage leider selten zur richtigen Zeit gestellt wird. Entscheidend für nachhaltiges Handeln ist die Frage: «Gibt es am Ort genügend grosse Rochade- und Entwicklungsflächen?» Diese Frage sollte von den Stakeholdern immer kritisch beleuchtet werden, bei genauerer Betrachtung führt sie nicht selten zu einer negativen Bewertung.
Nachhaltige Spitalentwicklung
Visionen sind keine Utopien, sondern stützen sich auf nachvollziehbare Überlegungen und basieren auf bekannten Tendenzen: steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung, steigende Lebenserwartung, stagnierendes Wachstum der Schweizer Bevölkerung, Mangel an qualifiziertem Personal, wachsende Mobilität, Städtewachstum, Weiterentwicklung von Forschung und Technologie.
Diese Liste lässt sich beliebig ergänzen. Die für die Spitalentwicklung wichtigste, abzuleitende Zukunftsthese lautet: Spitalentwicklungen sollten im Zusammenhang konzentrierter respektive zentralisierter Leistungen an geeigneten Standorten mit dem grössten Flächenpotenzial stattfinden. Die gegenwärtige Streuweise der Spitäler in zerklüfteten, innerstädtischen Arealen oder der Landschaft ist in der heutigen mobilen Gesellschaft weder notwendig noch nachhaltig. Erfolgsentscheidend ist, eine umfassende Entwicklungs- und Kostenanalyse über den gesamten Lebenszyklus zu machen, vor allem unter dem Blickwinkel nachhaltigen Bauens. Bezogen auf die Rentabilität mit Netto-Null ist es beispielsweise heute in den meisten Fällen klimatechnisch zwingend und wirtschaftlich sinnvoll, auf erneuerbare Energiesysteme zu setzen, statt auf fossile Brennstoffe. Bei etwas höheren Investitionskosten fallen Energiekosten, Unterhalts- und Betriebskosten tiefer aus.
Aus den genannten Fragestellungen erweist sich das Ergreifen von Suffizienzmassnahmen mittlerweile als tragendes Instrument, um Risiken und Kosten zu senken, weil weniger Fläche verbaut und weniger Material verbraucht wird. Wie klimaverträglich ein Spitalprojekt letztendlich sein kann, lässt sich bereits mit dem architektonischen Konzept beeinflussen. Es lohnt sich, Gedanken zu flächensparenden Grundrisskonzepten zu entwickeln. Das heisst, den Raumbedarf, wenn irgend möglich, zu reduzieren, dafür aber flexibel nutzbare Raumstrukturen zu schaffen wie beispielsweise im Spitalbau systematisierte U+B-Cluster oder vorgefertigte OP-/IPS-Einheiten. Einen Beitrag zur Emissionsreduktion leisten unter anderem eine optimierte Geometrie und Typologie, eine materialeffiziente Gebäudestruktur, die Wahl langlebiger Materialien sowie kompakte Baukörper mit einer schlanken Tragstruktur. Auch die Verwendung von Holz im Spitalbau unterstützt langfristige CO2-Speicher und eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft, weil Herkunft und Verarbeitung weniger energieintensiv und die Transportwege kürzer sind als bei anderen Baustoffen.
Für die Politik bedeutet Nachhaltigkeit und Suffizienz vor allem, gesetzliche Grundlagen, Standards und Entscheidungsprozesse zu hinterfragen, zu vereinfachen und, am wichtigsten, zu beschleunigen. Für die beschriebenen Grossprojekte mit bis zu 1 Milliarde Franken und mehr Investitionsvolumen, können bereits mit der Standortentscheidung die Weichen einer nachhaltigen Zukunftsentwicklung gestellt werden.
Michael Nährlich ist Architekt und Projektleiter Architektur bei der Rapp AG