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Beach Rats
[…] Eliza Hittmans «Beach Rats» ist im Grunde der Widerstreit dieser Kameratypen: den sexuell-offensiven und den, wenn man so will, anwendungsbezogen-defensiven. Zwischen den Bildern herrscht ein Konflikt: Begehren und Abwehr.
[…] Das Begehren zeigt sich nicht als gewalttätig unterdrücktes oder zu unterdrückendes. Im Gegenteil, es zeigt sich immer im Verhältnis zum buchstäblich rahmensprengenden Möglichkeitsraum seiner Befriedigung. In erster Linie ist «Beach Rats» ein Film über generelle und eben auch sexuelle Desorientierung – und in diesem Sinne ein Film über Adoleszenz, über das Unerforschte, Unsichere, Offene.
Es herrscht ein sexuelles Verhältnis zwischen Körper und Kamera. Beziehungsweise, um es von hinten her zu denken: Das Verhältnis geht weit über das hinaus, was man sinnvollerweise als eines der wechselseitigen Anziehung verstehen könnte. Anziehung, das würde vielleicht ja nur bedeuten, dass immer wieder Näheverhältnisse entstünden, dass die Kamera die Nähe zum Körper, den sie filmt, sucht und will, und dass der gefilmte Körper diese Nähe zulässt – eine haptische Kamera. Hélène Louvarts Kamera in Beach Rats ist ein bisschen offensiver. Einmal sehen wir die Hauptfigur, den Teenager Frankie (Harris Dickinson), an der Hantel trainieren; erst von weiter weg: den sich anspannenden Körper, die Brust, den Bauch, den Nacken, das Gesicht; dann, ganz plötzlich, ganz offensiv, in der Grossaufnahme: den Bizeps, der sich wölbt und der wieder abflacht. Es geht in dieser Einstellung vielleicht mehr um das Riechen als um das Sehen oder das Berühren, ganz so, als wäre die Linse eher Nase als Auge oder Haut und als würde sie den Muskel eratmen wollen, als würde sie etwas von dem, was er ausdünstet, in sich aufnehmen wollen. Dass Frankie ein wenig stinke, mache sie heiss, sagt Simone (Madeline Weinstein) einmal, als sie mit ihm im Bett liegt und unbedingt, durchaus offensiv forciert, Sex haben will.
Es gibt in Beach Rats noch andere Kameras als die von Louvart. Nämlich die Web- und die Handycam. Der Film beginnt mit den Blitzlichtschüssen einer Smartphonekamera: Selfies vor dem Spiegel, die das Blitzlicht selbst abbilden und den Fotografierten dahinter verbergen. Zu viel Licht trifft auf den Spiegel, als dass man sehen könnte, was oder wen er genau spiegelt. Dann sehen wir die Benutzeroberfläche eines Dating-Portals. «Brooklyn Boys» heisst es. Der Cursor klickt sich durch verschiedene Live-Videos von schwulen Männern vor der Kamera – manche nackt, manche nicht. Frankie selbst bleibt im Schatten, im Verborgenen, im dunklen Bereich, den die Kamera nicht erfasst. Er wehrt sich gegen die exponierende Aggressivität der Webcam. Eliza Hittmans Beach Rats ist im Grunde der Widerstreit dieser Kameratypen: den sexuell-offensiven und den, wenn man so will, anwendungsbezogen-defensiven. Zwischen den Bildern herrscht ein Konflikt: Begehren und Abwehr.
Es ist Sommer auf Coney Island, der Halbinsel am Südzipfel von Brooklyn, auf der allabendlich Feuerwerke über den Atlantik abgeschossen werden und an deren Promenade sich die Riesenräder und Achterbahnen der Vergnügungsparks in den Himmel schrauben. Die Tage ketten sich in entspannter Einförmigkeit aneinander. Frankie ist unterwegs mit seiner Clique; sie trainieren, rauchen, vagabundieren umher, am liebsten kiffen sie – in kurzen Hosen, oft oberkörperfrei. Dann stirbt der Vater; seine Beerdigung unterbricht die Homogenität des Sommers – aber nur kurz und eigentlich, es war wohl abzusehen, auch gar nicht so schmerzhaft. Dann werden Simone und Frankie ein Paar; sie bleibt über Nacht, bleibt zum Frühstück mit der Mutter und der Schwester. In einer schönen Szene – beide haben sich zu ihrem ersten Date verabredet – nimmt Simone instinktiv die Stufen zur U-Bahn, die sie ins Zentrum fährt, also dorthin, wo man eben Dates verbringt. Es sei doch alles hier, was sie brauchen, meint Frankie daraufhin, und eine Szene später sehen wir sie mit einem Hotdog übers Vergnügungsgelände spazieren. Coney Island ist das Zentrum der Welt – zumindest für die Dauer dieses Films. Selbst die Männer, die Brooklyn-Boys, mit denen Frankie online Kontakt aufbaut, langsam, aber sicher sich immer mehr ins Bild der Webcam hineintrauend, kommen für Sex-Dates auf die Halbinsel gefahren. Es seien ja nur 15 Minuten mit dem Auto, sagt einer der Männer, mit denen sich Frankie trifft.
Hittmans Film, das ist das Schöne daran, ist kein Film über sexuelle Orientierung und eigentlich auch kein Film, der sein Telos aus der Problematisierung ebendieser zieht. Es geht nicht, oder, um ehrlich zu sein, selten, um den Spannungsbereich zwischen einer homosexuellen Identität und einem heteronormativen Umfeld. Das Begehren zeigt sich nicht als gewalttätig unterdrücktes oder zu unterdrückendes. Im Gegenteil, es zeigt sich immer im Verhältnis zum buchstäblich rahmensprengenden Möglichkeitsraum seiner Befriedigung. In erster Linie ist Beach Rats ein Film über generelle und eben auch sexuelle Desorientierung – und in diesem Sinne ein Film über Adoleszenz, über das Unerforschte, Unsichere, Offene. Dass er nicht wisse, was er wolle, betont Frankie am laufenden Band; besonders, wenn er mit den meist sehr viel älteren Männern zusammen ist, mit denen er nachts am Strand oder im Motel Sex hat. Es ist ein Satz, den man ihm abkauft. Hittmans Blick in diese Welt des Erwachsenwerdens interessiert sich wenig für die Wegstrecken, die genommen werden. Beispielsweise die Wegstrecke vom Erkennen schwulen Begehrens hin zum Outing, hin zum Moment der Wahrheit. Die Wegstrecken, die hier genommen werden, finden alle – mit einer Ausnahme – im Binnensystem von Coney Island statt. Natürlich, hier gibt es jeden Abend ein Feuerwerk. Nicht die Überführung des Ungewissen ins Licht der Erkenntnis steht im Zentrum dieses Films, sondern die Überführung der Begierde in den Vollzug. Beach Rats ist ein Film, der sich im zuständlichen Zwischenraum dieser beiden Begriffe abspielt – und eben in diesem Sinne ein Film, der es notwendig macht, von zwei Sorten von Kameras gefilmt zu werden.
Text: Lukas Stern
First published: January 15, 2018