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Unvergleichlich
Aus New Orleans kommen so viele grossartige Pianisten: Allen Toussaint (1938–2015) war der kommerziell erfolgreichste, Fats Domino (1928–2017) wurde weltweit geliebt, wie man anlässlich seines Todes 2017 sehen konnte. Die «New Orleans Piano Tradition» wurde begründet von Jelly Roll Morton (1885–1941) und bis heute spielen Schwarze (Henry Butler) wie auch Weisse Pianisten (Dr. John oder Harry Connick Jr.) diesen speziellen Piano-Sound, der nicht Boogie-Woogie ist und nicht Blues, nicht Stride-Piano und nicht Ragtime aber von allem etwas in sich trägt. Der wohl am stärksten mit dem New Orleans Klavier assoziierte Name dürfte derjenige Professor Longhairs (1918–1980) sein. Enthusiasten dieser speziellen Musik stossen irgendwann unweigerlich auf den Namen James Booker, der sich von den anderen Pianisten in mancherlei Hinsicht deutlich unterscheidet. Zu Leben und Wirken von James Booker gibt es nun den hervorragenden Dokumentarfilm Bayou Maharajah von Lily Keber.
Grosse Künstler kriegen oft Übernamen verliehen. James Booker ist auch als «The Piano-Prince of New Orleans» bekannt oder als «Ivory Emperor», oder eben auch als der Maharadscha des Bayou. Dabei hat James Booker weder Ehrentitel noch die Bezeichnung als Herrscher nötig, denn sein Klavierspiel ist magistral, einzigartig, unvergleichlich, weil er auch in der grössten Tondichte noch tonale Transparenz schafft und weil sein Repertoire nicht nur aus New Orleans-Klassikern wie Tipitina besteht. Weil er in einzigartigem Mass so spielt als sei das Klavier Teil seiner Hände, seines Körpers, seiner Person. James Booker erhielt eine klassische Piano-Ausbildung und er spielte ab 12 Jahren auf Bühnen. Deshalb erreichte Booker eine Selbstverständlichkeit auf den Tasten wie wohl niemand sonst. Somit spielte er auch Titel wie Roger Millers King of the Road, den Minutenwalzer oder die Titelmelodie aus dem Film Der Pate.
Der Film von Lily Keber nähert sich aber Booker auch biographisch an, indem klar wird, dass er eine schwierige Persönlichkeit war, was den Umgang anbetraf, und er war zudem jahrelang heroin- und alkoholabhängig (in einer Passage erzählt jemand, wie Booker in den 1970er Jahren in einem Methadon-Programm war, bis man ihm eröffnete, die letzten drei Wochen habe er kein Methadon, sondern ein Placebo erhalten, und deshalb sei seine Sucht jetzt geheilt und er nicht mehr bezugsberechtigt). Für einen homosexuellen Schwarzen Künstler, der in den 1950er Jahren in den Südstaaten aufgewachsen ist, sollte dies allerdings auch nicht allzu sehr überraschen, das sind viele Hypotheken auf ein Mal. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kamen deshalb auch manisch-depressives Verhalten und weitere psychische Beeinträchtigungen hinzu.
Während der Betrachtung des Films wird man den Eindruck nicht los, dass auch das Erziehungssystem versagt hat, weil es diesen hochsensiblen und offenbar überdurchschnittlich intelligenten Jungen nicht fördern konnte, verfiel Booker immer wieder auf die geistigen Rückzugsgebiete, welche den Menschen vorbehalten sind, die zu viel denken und zu wenig lernen: Verschwörungstheorien. Booker war ein Anhänger von Verschwörungstheorien, den 1970ern entsprechend war dies vor allem die Idee, dass der Geheimdienst CIA sein Finger dort im Spiel hat, wo es zu anderen Zeiten «Die Juden» waren, «Die Tempelritter» oder später «Die Freimaurer».
Der Film erzählt aus multipler Perspektive von der Person und dem Künstler James Booker, sich dabei jeweils an der Biographie orientierend. Dabei wird für meinen Geschmack zu viel Gewicht auf die Psyche und die Persönlichkeit gelegt, und leider erfährt man dabei etwas sehr wenig über das Klavierspiel des Mannes (in immerhin 98 Minuten Doku gibt es nur eine kurze Bemerkung von Harry Connick Jr.). Dieser Umstand wird aber etwas aufgewogen dadurch, dass es bei den Extras der DVD einen 40 Minuten dauernden Beitrag gibt, in welchem acht Pianisten erzählen, was die Charakteristik von Bookers Spiel ausmacht. Diese acht Spezialisten sind (in der Reihenfolge des Interviews): Harry Connick Jr., Ronald Markham, Josh Paxton, Allen Toussaint, George Winston, Dr. John, Tony Mcdermott, und der vielleicht besser als «Dr. House» bekannte Hugh Laurie. Von diesen ist es inbesondere Josh Paxton, der wirklich auf die Technikern Bookers eingeht. Schade, dass dieser Aspekt keine Aufnahme in die Dokumentation fand.
Es gibt viel Musik, viele Aufnahmen als Film oder Bild von diesem Mann und eine auffällig einige Haltung aller, dass so jemand wie dieser Pianist ein Jahrhunderttalent war ein Ausnahmekönner oder — wie es der grosse Allen Toussaint ausdrückt — ein wahres Genie.
Bayou Maharajah : The life and music of New Orleans piano legend James Booker : A Film by Lily Kerber – . Cadiz Music, 2016 – . 98 Minuten, 55 Munten Extras, 16:9 Bildformat, Stereo 2.0. Regionalcode 0