Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03096.jsonl.gz/75

Es hätte auch Myanmar sein können oder Peru. Aber nachdem Daniel Elber 2003 von einem Tag auf den anderen seinen gut bezahlten Kaderjob bei der UBS an den Nagel gehängt hatte, machte er seine Auszeit auf Bali. «Ich war früher schon mal dort und mochte die Schönheit der Natur und die Freundlichkeit der Menschen.»
Ein Jahr war geplant, ein Jahr, in dem er sich klar werden wollte, was er mit dem Rest seines Lebens tun sollte. Mit seiner Arbeit für die Bank konnte er sich nicht mehr identifizieren. «Als ich dort anfing, ging es nicht nur darum, für sich und das Unternehmen möglichst viel Geld zu scheffeln, sondern auch noch eine gute Dienstleistung für den Kunden zu erbringen; Letzteres ist mehr und mehr verloren gegangen.»
Aus dem einen Jahr auf Bali sind inzwischen 13 geworden, und der heute 64-jährige Zürcher geht davon aus, dass er auch den Rest seines Lebens auf der indonesischen Götterinsel verbringen wird. Da er in all der Zeit nie Geld verdient und substanzielle Teile seines Ersparten auf Bali investiert hat, würde der verbliebene Teil seines Vermögens trotz der künftigen AHV für ein anständiges Leben in der Schweiz gar nicht reichen. Dafür waren es 13 äusserst produktive Jahre, die Elber nicht nur jenen Lebenssinn gaben, den er zuvor vermisst hatte, sondern auch den 6000 Einwohnern von Muntigunung im Nordosten Balis ein deutlich besseres Leben bescherten.
Den Menschen mangelte es an allem
Alles fing damit an, dass sich Elber über die bettelnden Frauen wunderte, die er zu Beginn seiner Auszeit im reichen, touristischen Süden regelmässig am Strassenrand beobachtete. Bali gilt als vergleichsweise wohlhabende Insel im riesigen indonesischen Archipel. Warum also mussten diese Frauen betteln?
Elber entdeckte, dass sie aus einem armen Dorf fern der Tourismusgebiete stammten. Den Menschen von Muntigunung fehlte alles: vor allem Wasser, aber auch Essen, Jobs und jegliche Infrastruktur. «Wenn man jeden Tag fünf Stunden marschieren muss, um zehn Liter Wasser zu organisieren, bleibt nicht mehr viel Zeit, um sich über irgendetwas anderes Gedanken zu machen.»
Elber, auf der Suche nach neuen Wegen, realisierte: Das war es! Er würde diesen Menschen helfen. Aber wie? «Ich war schliesslich Banker und hatte keine Ahnung von Entwicklungshilfe, geschweige denn von Wasserleitungen.» Als Erstes ging er zum Schweizer Honorarkonsul auf Bali. «Der hörte mir freundlich zu und riet mir anschliessend, die Finger davon zu lassen. Er hatte schon einige Leute erlebt, die so etwas versuchten und gescheitert waren.» Aber Elber liess sich nicht entmutigen, sprach mit Wasseringenieuren in der Schweiz und mit erfahrenen Leuten einer indonesischen Entwicklungshilfeorganisation. Diese erstellten eine von Elber finanzierte Studie zur Situation von Muntigunung mit besonderer Berücksichtigung der Wasserversorgung.
Vor allem aber: Die lokalen Entwicklungshelfer sprachen die Sprache der Menschen und waren vertraut mit ihrer Mentalität. «Wenn ein fremder Weisser kommt und sagt, ihr müsst das jetzt so und so machen, bewirkt das gar nichts», sagt Elber. Und mit der perfektionistischen Haltung eines Schweizers habe man erst recht keine Chance. «Balinesen leben im Hier und Jetzt, sie planen nicht für Nachher oder für die Zukunft. Wenn man fünf Minuten vor einer Sitzung einem alten Bekannten über den Weg läuft, ist es wichtiger, mit dem zu plaudern, als pünktlich zur Sitzung zu erscheinen. Auch wenn es eine Stunde dauert.» Damit müsse man lernen umzugehen. Wie mit der Tatsache, dass Projekte am Ende nie zu 100 Prozent perfekt sind, «bestenfalls zu 79,4 Prozent». Er komme mit dieser Mentalität vielleicht deshalb besser klar als andere, weil es ihm schon immer leicht gefallen sei, andere Menschen so anzunehmen, wie sie seien, sagt Elber.
Ringen mit der Korruption
Problematischer hingegen ist die allgegenwärtige Korruption. «Gegen die kommt nur an, wer die Gepflogenheiten ganz genau kennt.» Dank der lokalen Entwicklungshelfer und eines Schweizer Controllers, der seit Jahrzehnten auf Bali lebt, lassen sich diese Effekte zumindest minimieren.
Auch der mittlerweile pensionierte Honorarkonsul, der ihm einst abriet, unterstützt Elbers Verein «Zukunft für Kinder» seit Jahren. Der ehemalige Banker ist Koordinator, Ideengeber, Netzwerker, Geldeintreiber und das Gesicht der Organisation, die Arbeit vor Ort aber machen die Einheimischen. «Sie müssen es selbst wollen, wir suchen Wege, ihnen dabei zu helfen.»
Die grösste Herausforderung sei jedoch, den Spendern die Realitäten vor Ort zu vermitteln, sagt Elber. «Wer in der Schweiz Geld gibt, erwartet, innert ein paar Monaten Resultate zu sehen. Aber so funktioniert das auf Bali nicht. Fortschritte brauchen Jahre, eine wirkliche, fundamentale Veränderung ein oder zwei Generationen.»
Dennoch können sich die Erfolge Elbers und seines Teams sehen lassen: 19 von 36 Dörfern, rund 3000 Menschen, haben eine nachhaltige Wasserversorgung, über 60 Prozent der Leute Zugang zu Toiletten. 220 nachhaltige Arbeitsplätze wurden geschaffen. Und es wurde ein Trekkingangebot entwickelt: Ehemalige Bettlerinnen führen Touristen über die malerischen Pfade, die sie früher gingen; 2011 gab es dafür einen globalen Ökotourismuspreis. Muntigunung verkauft heute diverse Produkte, darunter Cashewnüsse, Tee, Lontar-Palmzucker, Hängematten oder Körbe. Zu den Abnehmern gehören auch viele der grossen Hotels auf Bali. Dort sollen auch Lehrstellen nach Schweizer Vorbild entstehen, um die Jungen auszubilden und dem wachsenden Tourismussektor kompetente Arbeitskräfte zu vermitteln. Fast am Wichtigsten: «Wir befähigen die Leute, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen», sagt Elber. Einfach sei das nicht. «Es ist ein mentaler Prozess, an dem wir immer und immer wieder arbeiten müssen. Aber inzwischen sehen wir Fortschritte.»
Wer «Zukunft für Kinder» unterstützen will, kann Mitglied werden, Geld spenden oder sich direkt vor Ort engagieren. Dies tut die Vereinigung Schweizerischer Sanitär- und Heizungsfachleute, die im Mai eine Studienreise nach Muntigunung plant und mit eigenen Spenden drei weitere Dörfer an die Wasserversorgung anschliessen möchte.
Vor allem aber hofft Elber, noch mehr Kunden für die Produkte der Dorfgemeinschaft zu finden. «Je mehr wir davon verkaufen, desto mehr gut bezahlte Arbeitsplätze können wir schaffen.» Den Vertrieb in der Schweiz besorgt Karin Vogt (47), die selbst einige Zeit auf Bali für den Verein arbeitete und heute regelmässig vor Ort ist, um das Team zu unterstützen. Daniel Elber wiederum kommt mindestens zweimal pro Jahr für einige Wochen in die Schweiz, wo er Freunde und die drei erwachsenen Kinder aus seiner geschiedenen Ehe trifft.
Und natürlich wirbt er dann auch immer für seinen Verein, dessen operative Leitung er im Juli 2014 an Nicole Busch (46) abgegeben hat – eine Schweizerin, die früher ebenfalls mal Bankerin war und den Verein bei Praktikumseinsätzen vor Ort kennengelernt hat. Elbers Nachfolge ist also bereits geregelt. Trotzdem plant er, sich noch so lange in Bali zu engagieren, wie es eben geht. Hat er es je bereut, sein altes Leben und seine finanzielle Sicherheit aufzugeben? Daniel Elber schüttelt den Kopf. «Niemals. Ich führe ein spannendes, intensives und erfülltes Leben, ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen.»
Spenden: Postkonto 85-551834-2.
Bestellung von Muntigunung-Produkten: <email-pii> oder Tel. 079 252 73 85