Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03470.jsonl.gz/208

Songwriting ist komplex, weil zwei unterschiedlich rezipierte Kunstformen aufeinandertreffen. Die meisten von uns hören und reagieren als Erstes auf die Melodie und erst in zweiter, dritter oder vierter Instanz auf den Text. Was heisst das für das Schreiben von eigenen Songtexten?
Manchmal denke ich mir Projekte aus, die ich aus verschiedenen Gründen nie realisieren werde. Eines davon lautet wie folgt: Eine misteriöse Krankheit befällt alle bösartigen Menschen und diese können in der Folge ihre bösen Gedanken nur noch singend äussern. Was die Rezeption des Inhalts natürlich massiv verändert. Ein Ansatz, den auch der Mel Brooks-Film «Springtime for Hitler» verfolgt.
An diese Idee muss ich am zweiten von insgesamt sechs Songwriting-Workshopmorgen mit Femi Luna denken. Die Singer/Songwriterin fragt die 12 Kinder aus der 5./6. Klasse, ob sie bei der Musik, die sie gerne mögen, auf den Text hören. Die meisten schütteln den Kopf, die Texte sind auch häufig Englisch. Ein Mädchen aber sagt: «Ich weiss schon, dass sie schlimme Sachen singen, aber die Musik ist einfach so gut.»
Während eine Diskussion darüber entsteht, was denn schlimme Sachen (im zitierten Fall Inhalte sexueller, aber auch sexistischer Natur) sind, bleibe ich gedanklich bei diesem Dilemma hängen. Wenn ich einen Song melodisch, rhythmisch-arrangiert ganz toll finde und dann den Text entschlüssle und ablehne, gefällt mir dieser Song nicht mehr? Kann ich meinen Emotionen den verstandesmässigen Deckel aufsetzen? Oder schleichen die Emotionen darunter dann doch wieder hervor und lassen mich mit dem Fuss wippen, obwohl ich verstehe, was da ge- oder besungen wird? Oder umgekehrt gefragt: Wieviel diskussionswürdigen Inhalt kann gut komponierte und arrangierte Musik unhinterfragt transportieren und damit das Weltbild der Hörenden mitformen, wenn er, wie im Fall des Mädchens, zumindest soweit verstanden wurde, dass sie ihn reproduzieren kann? (Nicht wie mein Bruder, der als Kind der 80er beim Spielen immer «Lucky Luke fo fidom» sang...)
Die Diskussion der Kinder ist mittlerweile über Sexismus und Rassismus bei Umweltschutz und Tieren angekommen, zwei Themen, mit denen sich die meisten identifizieren können und zu denen sie sich auch schon viele Gedanken gemacht haben. Sie wollen darüber schreiben. Ich bin erleichtert, dass ich die vertretenen Ansichten teilen kann, gleichzeitig aber im Clinch mit mir selber, weil da wahrscheinlich gerade eine Chance dieses Projektes ungenutzt verstrichen ist und wir nicht darüber sprechen müssen, dass auch eine tolle Melodie nicht von der Verantwortung beim Texten befreit.