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EU-Exportschlager Gift: Syngenta ist Nummer Eins
Der Basler Agrochemiekonzern Syngenta ist Exportkönig von Pestiziden, die in der Schweiz und Europa verboten sind.
Eine Datenrecherche von «Public Eye» und der Investigativ-Abteilung von Greenpeace UK, «Unearthed», zeigt, in welchen Massen die Europäische Union Pestizide exportiert, die auf ihrem Boden verboten sind. Agrochemiekonzerne liefern die gefährlichen Produkte vor allem in Länder mit schwächeren Pestizidvorschriften, wo die Gesundheitsrisiken hoch sind.
Auch die Schweiz ist mit von der Partie: Zwischen 2012 und 2019 exportierte sie insgesamt mehr als 180 Tonnen Pestizide, die in der Schweiz aufgrund ihrer Gefährlichkeit verboten sind. Gemäss Informationen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) wurden aus der Schweiz sechs verbotene Pflanzenschutzmittel in rund 15 Länder Asiens, Afrikas, Südamerikas und Osteuropas ausgeführt.
Aus der Schweiz wurden zwischen 2012 und 2019 verbotene Pestizide vor allem nach Brasilien, Indien und Südafrika exportiert. (Quelle und grössere Auflösung: Martin Grandjean)
Sowohl in der Schweiz als auch in der EU ist der Basler Agrochemiekonzern Syngenta Exportkönig dieser gefährlichen Produkte.
Schweizer Gifte für die Welt
Der Chemieriese Syngenta exportiert aus der Schweiz auch veraltete und hochgiftige Produkte, die bereits seit Jahren auf dem Markt sind (Infosperber berichtete). «Public Eye» beruft sich auf Zahlen des BAFU: Diese zeigen, dass Syngenta 2019 rund sechs Tonnen Gesagard von der Schweiz nach Georgien exportierte. Ein Herbizid, dass auf der Basis von Prometryn hergestellt wird und vor allem im Karotten-, Sellerie- und Baumwollanbau verwendet wird. Prometryn ist seit 1962 auf dem Markt und gehört zur gleichen Familie wie Atrazin, dass die Fortpflanzung und die Entwicklung von Föten beeinträchtigen kann. Beim Abbau von Prometryn kann zudem Melamin entstehen. Eine Substanz, die von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft wird.
2018 führte der Basler Konzern rund 37 Tonnen Profenofos aus der Schweiz nach Brasilien aus, wo das Insektizid zu den am häufigsten im Trinkwasser nachgewiesenen Substanzen zählt. Profenofos ist seit 1975 auf dem Markt. Es ist mit dem Giftgas Sarin verwandt und kann bei chronischer Exposition bereits in niedrigen Dosen die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen. Auch bei Landwirtinnen und Landwirten kann Profenofos schwere Vergiftungen verursachen.
Im Jahr 2017 wurden rund 125 Tonnen Diafenthiuron aus der Schweiz nach Südafrika und Indien exportiert. Im selben Jahr war der Stoff im indischen Bundesstaat Maharashtra in eine schwere Vergiftungswelle von Bauwollbäuerinnen und Baumwollbauern involviert. Diafenthiuron ist seit 1990 auf dem Markt und gilt laut der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) als «giftig beim Einatmen». Ausserdem kann es bei längerer oder wiederholter Exposition Organschäden verursachen.
Vor 2017: nur wenige Stoffe auf Liste gefährlicher Chemikalien
Die mit Abstand grösste Menge an verbotenen Pestiziden – insgesamt 173 Tonnen – wurden zwischen 2017 und 2019 aus der Schweiz exportiert. Gemäss «Public Eye» hängt das damit zusammen, dass vor 2017 nur wenige verbotene Pestizide auf der Liste der besonders gefährlichen Chemikalien (PIC-Verordnung) geführt wurden. Stehen Pestizide auf dieser Liste, unterliegt ihre Ausfuhr einer Notifikationspflicht.
2017 wurde die PIC-Liste um 87 in der Schweizer Landwirtschaft verbotene Pestizide erweitert, darunter zum Beispiel auch Profenofos, Diafenthiuron und Prometryn. Wie «Public Eye» schreibt, seien diese Substanzen möglicherweise bereits früher exportiert worden. Da sie vor 2017 noch keiner Ausfuhrnotifikationspflicht unterlagen, erscheinen sie aber nicht in den Dokumenten des BAFU.
Bis und mit 2016 hätten fast alle Exporte verbotener Pestizide nur zwei Stoffe betroffen: Atrazin, einen hormonaktiven Stoff, der Trinkwasserquellen verunreinigt, und Paraquat, eines der akut giftigsten Pestizide der Welt. In den meisten Fällen seien Kleinstmengen für Feldversuche ausgeführt worden. Aber es gab auch Ausnahmen: So wurden im Jahr 2012 12 Tonnen Paraquat nach Kamerun geliefert, im Jahr 2014 wurden anderthalb Tonnen Atrazin nach Georgien exportiert. Syngenta stellt Paraquat mehrheitlich in Grossbritannien und China her, Atrazin wird in den USA und Frankreich produziert.
Motion unbehandelt abgeschrieben
Im Dezember 2017 wurde im Nationalrat eine Motion für einen Ausfuhrstopp von in der Schweiz verbotenen Pestiziden eingereicht. Nachdem die zweijährige Frist abgelaufen war, wurde die Motion unbehandelt abgeschrieben. Der Bundesrat beurteilte den Ausfuhrstopp damals als «unverhältnismässig», schickte 2019 den Entwurf einer Verordnungsveränderung in die Vernehmlassung und schlug darin vor, die Ausfuhr von bestimmten in der Schweiz verbotenen Pestizide künftig von einer Zustimmung des Einfuhrstaates abhängig zu machen.
Im letzten November bezeichnete der UNO-Sonderberichterstatter für Menschenrechte und toxische Substanzen diesen Vorschlag als «völlig unzureichend». Es sei «höchst unwahrscheinlich», dass dadurch «die Exposition gegenüber gefährlichen Pestiziden reduziert oder eliminiert» würde. Stattdessen forderte er die Schweiz dazu auf, den Export verbotener Pestizide komplett zu untersagen. Es sei schwer vorstellbar», dass gefährliche Pestizide, die in der Schweiz verboten sind, «in Zielländern mit schwächeren staatlichen Strukturen absolut sicher verwendet werden können».
Aktuell nimmt das BAFU «weitere Abklärungen» vor, weil die Ausfuhrbewilligung sowohl von Nichtregierungsorganisationen, als auch von «betroffenen Wirtschaftskreisen» abgelehnt werde.
EU als Drehscheibe
Während Monaten recherchierten «Public Eye» und «Unearthed», welche Rolle die EU bei der Produktion und Ausfuhr von gefährlichen Pestiziden spielt. Da sich die Hersteller nicht in die Karten blicken liessen, stellten «Public Eye» und «Unearthed» unter Berufung auf das Öffentlichkeitsgesetz Anträge bei der Europäischen Chemikalienagentur und bei nationalen Behörden. Die Resultate der Recherchen beleuchten erstmals das Ausmass der Exporte landwirtschaftlicher Pestizide, die in ihren europäischen Herkunftsländern verboten sind.
Im Jahr 2018 haben EU-Länder den Export von 81'615 Tonnen Pestiziden genehmigt, in denen sich Inhaltsstoffe befinden, die zum Schutz von Mensch oder Umwelt innerhalb der EU verboten sind. Über 90 Prozent dieser Exporte stammen aus Grossbritannien, Italien, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien.
Konzerne exportieren in der EU verbotene Pestizide vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. (Quelle und grössere Auflösung: Martin Grandjean)
Drei Viertel der insgesamt 85 Zielländer für giftige Pestizide «Made in Europe» sind Entwicklungs- und Schwellenländer, in denen die Anwendung solcher Substanzen mit hohen Risiken verbunden ist. Zu den wichtigsten Importeuren gehören zum Beispiel Brasilien, die Ukraine, Marokko, Mexiko und Südafrika.
2018 importierte Südafrika 1,702 Tonnen, Brasilien 10,080 Tonnen und die Ukraine 6,003 Tonnen Pestizide, die in der EU verboten sind. (Quelle und grössere Auflösung: Martin Grandjean)
EU: Basler Syngenta ist einsamer Spitzenreiter
2018 exportierten rund 30 Unternehmen Substanzen aus der EU, die in ihren Produktionsländern verboten sind. Darunter zum Beispiel Bayer und BASF. Aber auch in der EU ist Syngenta mit Sitz in Basel die Nummer Eins, was derartige Exporte angeht.
Im Jahr 2018 hat der Basler Konzern fast dreimal mehr Exporte angemeldet, als sein nächstgrösster Konkurrent, der US-amerikanische Corteva-Konzern. Syngenta verfügt über zahlreiche Produktionsstätten in Europa, unter anderem in Grossbritannien und Frankreich, von wo der Konzern umstrittene Substanzen wie Paraquat und Atrazin exportiert.
Das Herbizid Paraquat macht dabei mehr als ein Drittel der gesamten Exportmenge aus – obwohl es bereits in über 50 Ländern verboten wurde.
«Reiche Länder müssen Schlupflöcher stopfen»
Erst kürzlich appellierten 36 UN-Menschenrechtsexpertinnen und -Experten an die EU und forderten, der «erbärmlichen Praxis» betreffend den Exporten von in Herkunftsländern verbotenen Produkten den Riegel zu schieben. Reiche Länder müssten die Schlupflöcher stopfen, die den Export von verbotenen Substanzen in Länder ermöglichen, in welchen die Risiken nicht kontrolliert werden könnten. Die Exporte führten in den Zielländern weitverbreitet zu «Verletzungen des Rechts auf Leben und der menschlichen Würde», schrieben die Fachleute in einer gemeinsamen Erklärung. Dazu passt eine Schätzung der UNO: Demnach sterben in Entwicklungsländern jährlich über 200'000 Menschen an den Folgen von Pestizidvergiftungen.
Doch statt die Exporte zu stoppen, genehmigt die EU jedes Jahr noch höhere Ausfuhrmengen. Gemäss den Recherchen von «Public Eye» und «Unearthed» bewilligten die Behörden 2019 die Ausfuhr von zusätzlichen 8000 Tonnen Pestizidprodukten, die insgesamt neun seit kurzem verbotene Wirkstoffe enthalten.
In Frankreich wird 2022 ein Verbot solcher Exporte in Kraft treten. Allerdings erst, nachdem sich die Pestizidproduzenten heftig gegen das Verbot gewehrt hatten und eine entsprechende Klage vom Verfassungsgericht abgewiesen worden war – die Einschränkung der Unternehmensfreiheit sei angesichts der «potentiellen Schäden für die menschliche Gesundheit und die Umwelt gerechtfertigt».
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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
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3 Meinungen
Aber wie Herr Derungs sagt sind auch nicht alle Handelspartner «bekloppst».
In meiner Zeit im Handelsministerium in Burundi wurde «DDT» nur von einer international anerkannten ONG importiert. Da konnte wohl die lokale Zollbehörde nichts verhindern. Wer will schon internationale Geldgeber vergraulen ?
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