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«So teuer?!»
Louise schaute die Verkäuferin entsetzt an.
Diese lächelte etwas gönnerhaft: «Das ist der Preis für unsere Tücher, liebe Frau.»
Louise verliess die Boutique, in der ihre Schwiegertochter Stammkundin war.
Das Tuch hätte eine Überraschung werden sollen. Wie auch ihr Weihnachtsbesuch bei ihrem Sohn als Überraschung geplant war.
Louise sah die beiden nur selten.
Die «Jungen» lebten in einer andern Welt: mondäne Villa… elegante Kleider… Segelschiff… ein Haus in St. Moritz.
Ihr Sohn hatte studiert. Und Louise hatte das Geld für sein Studium mit doppelter Anstrengung zusammengerackert: Putzen am Tag. Abends bügeln für die Nachbarschaft.
Immerhin – es hatte sich gelohnt. Piet hat seinen Doktor in Medizin gemacht. Und ist heute ein berühmter Schönheitschirurg.
Im Leben eines Schönheitschirurgen sind Mütter, die putzen, jedoch wie ein Kropf am Hals.
Piet distanzierte sich von Louise. Und wenn sie einmal eingeladen war, fuhren sie mit ihr weg – in irgend so ein elegantes Lokal, in dem sich Louise nie wohlfühlte.
Sie sah wohl die entschuldigenden Blicke, die Piet den Kellnern zuschoss, wenn sie sich nicht comme il faut benahm – etwa wenn sie das Hühnerbein in die Finger nahm. Oder den Fisch mit dem Messer schnitt.
Es war Louise, als wäre ihr Sohn ein Stück Holz, das auf dem Wasser des Lebens immer mehr von ihr wegtrieb.
ABER DIESE WEIHNACHT WOLLTE SIE NICHT WIEDER ALLEINE SEIN.
Deshalb entschloss sie sich, die Jungen zu überraschen. Und für die Schwiegertochter als Geschenk eines dieser Seidentücher mitzubringen, das diese immer wieder lässig auf den Schultern trug.
Sie hob also bis auf 50 Franken alles Ersparte von der Bank ab. Die Verkäuferin staunte nicht schlecht, als Louise wieder dastand. Sie verpackte den blauen Shawl mit dem Pferd in eine Schachtel: «Schön gewählt, gute Frau!»
Als Louise dann am Heiligen Abend vor der Villa stand, regnete es. Sie drückte die Klingel.
Ein Sicherheitswärter kam auf sie zu: «Die Herrschaften sind zum Skilaufen weggefahren…»
«Ja natürlich», flüsterte Louise.
Mittlerweile läuteten die Kirchenglocken den Heiligen Abend ein.
Louise ging an Häusern vorbei. Sie sah, wie hinter angelaufenen Fensterscheiben Kerzenlichter funkelten. Und sie dachte an die Zeit, als sie für Piet einen Baum geschmückt hatte.
Er hatte immer wieder nach dem Vater gefragt – nie nach dem Christkind. Vom Christkind konnte sie ihm erzählen – vom Vater nicht.
Bei der Kathedrale spielten die Posaunenbläser. Louise setzte sich auf eine Bank. Sie fror.
Die Tränen vermischten sich mit ersten Schneeflocken.
Das Hausmädchen holte in St. Moritz den Gastgeber von der fröhlichen Festtagsparty weg ans Telefon: «Da ist die Polizei, Herr Doktor…»
Man habe die Mutter tot auf der Bank gefunden – in den Händen ein Weihnachtsgeschenk aus einer eleganten Boutique…
Piet atmete durch: «Dann kann es n i c h t meine Mutter sein…»
MAN WEISS SO WENIG ÜBER SEINE NÄCHSTEN.
PS: Das trifft natürlich auch auf Louise zu. Als die Schwiegertochter nämlich zwei Wochen später den Shawl aus dem geerbten Weihnachtspäckchen zog, rümpfte sie die Nase: «Blau. AUSGERECHNET! Als ob ich je Blau getragen hätte…»