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R A K U K I C H I Z A E M O N
Raku in der Gegenwart
Kichizaemon XV
Das Gegenwärtige Oberhaupt der Raku - Familie Kichizaemon XV (楽吉左衛門) stellt einen ganz neuen Typ des Kunsthandwerkers dar. Er wurde 1949 in Kyôto geboren und studierte wie schon sein Vater an der Kunsthochschule in Tôkyo. Während der heftigen Studentenunruhen in Japan war er sich nicht mehr sicher, ob er in der Lage sein würde, die Familientradition fortzuführen. Nach einem Aufenthalt in Rom schloss er dann die Kunsthochschule in Tôkyo ab. Anschließend studierte er zwei weitere Jahre an der Kunsthochschule in Rom, wo er mit den Strömungen der modernen westlichen Keramik und Kunst in Berührung kam. 1981 setzt er schließlich die Familientradition fort, indem er, der Tradition entsprechen, als Oberhaupt der Familie den Namen Kichizaemon annahm. Seine Arbeiten waren anfänglich noch der Familientradition verpflichtet, zunehmend aber entfernt er sich von der Tradition und entwickelt einen eigenständigen künstlerischen Ausdruck. Seine Arbeiten bleiben zwar immer noch Gegenstände für die Teezeremonie, sie werden mehr und mehr zu "Kunst - Objekten".
"Miyamaji - Bergpass" 1981
H.: 9,6 cm, D.: 11,4 - 11,7 cm
Die Arbeiten Kichizaemons sind anfänglich noch relativ stark der Familientradition verpflichtet. Seine frühen Schalen zeigen - im Gegensatz zur frühen Rakuware - oft ein kräftig leuchtendes Rot, in das aber wie Nebelschleier graue bis fast schwarze Farbflächen vordringen. Diese dunkle Farbgebung entsteht unter anderem durch eine spezielle Feuerungstechnik, bei der stark mit reduzierender Flamme gearbeitet wird.Über der sehr ausdrucksvoll geschwungenen Bodenlinie erhebt sich die Schale spannungsvoll in die Höhe. Durch eine leichte Wölbung nach innen entsteht in der Taille der Schale eine Einwölbung. Dadurch liegt die Schale ausgezeichnet bei der Teezubereitung und beim Trinken in der Hand. Der Trinkrand zeigt die typische Einwölbung nach innen, wodurch sich der Duft des Tee sammelt. Die Craquele-Glasur - typisch für die roten Rakuschalen - ist glatt und glänzend. Durch die glatte Oberfläche lässt sich die Schale gut mit dem Chakin reinigen.
Dieser weiße Chawan entfernt sich sehr weit von der Tradition der Rakuschalen.Die Schale ist aus dem üblichen, stark sandigen weißen Ton Kyôto's geformt. Sie ist mit dem Messer geschnitten, wobei die Bearbeitungsspuren bewusst sichtbar geblieben sind. Die rauhe Oberfläche ist teilweise mit Eisenoxyd eingesprüht, so dass dunkel Farbspuren entstehen. Die fast transparente weißliche Glasur ist nicht mehr die übliche, transparente Glasur der roten Raku - Ware. Die Glasur, gemischt aus Quarz und Feldspat ist hier dicker aufgetragen und weniger transparent. Sie ist auch zähflüssiger als üblich, so dass die Gase, die beim Brennvorgang entstehen, kleine Blasen und Löcher in der Glasur hinterlassen, die sich nicht mehr schließen. Die Glasur erinnert stark an die Shino-Glasuren, die aber höhere Brenntemperaturen verlangen. Die weißliche, halb-transparente Glasur lässt überall den rauhen Körper der Schale sichtbar. Beim Trinken liegt der raue Körper in der Hand und vermittelt das herbe und raue Gefühl, eine Skulptur in der Hand zu haben. Die Innenseite und der Rand sind glasiert, so dass an den Lippen ein angenehmes Gefühl von Weichheit entsteht. Die Spannung zwischen Weichheit und Rauheit prägt die Ästhetik dieser Schale.
Diese "schwarze" Schale ist in eine ganze Reihe weiterer Schalen einzureihen, die sich sehr weit von der Tradition entfernt haben und die eine völlig eigenständige Entwicklung Kichizaemon's zeigen. Die Schale ist in bildhauerischer Weise wie aus dem rauen Fels geschlagen. Glasuren sind nur noch in Fragmenten vorhanden. Wegen der Rauheit der Oberfläche und der expressiven Kantigkeit des oberen Randes wird sehr schwierig, wenn nicht gar nahezu unmöglich sein, die Schale im Rahmen der Zeremonie mit dem Chakin zu Reinigen. Unbekümmert um die Funktion als Trinkschale stellt sie sich als eigenständiges Kunstobjekt dar. Nicht die Funktion führt die Hand des Künstlers, sondern das Material. Indem er sich ganz dem Material überlässt, versucht Kichizaemon, sein "Ego" zu vergessen. Der ganz persönliche, von der Tradition losgelöste Ausdruck in den späteren Arbeiten Kichizaemons wird durch die Namensgebung zurückgebunden in die östliche Tradition. Kichizaemon liebt es zunehmend, Namen aus den Chinesischen Klassikern zu verwenden. Der Name Shin-Un 振 雲, "heftig bewegte Wolken" stammt aus dem Daoistischen Klassiker Hui-Nan- Tzu. Ein anderer Name, ebenfalls aus dem Hui-Nan-Tsu ist z.B. Ten-A, Himmlischer Weg (zu den Göttern). Damit ist die Schale, wie alle anderen Objekte, die in der neueren Zeit entstanden sind, in die Spannung zwischen Ost und West gestellt.
Schwarze Raku-Schale; "Shin-Un" - Bewegte Wolken, 1996
H.: 12,1 cm; D.: 12,9 / 9,5 cm
Weißer Raku-Chawan "Shoun" - Wolken in der Dämmerung, 1984 H.: 9,6 cm; D.: 12,6 / 11,4 cm
Kichizaemon und die Gegenwartskunst
In den Arbeiten und der Person Kichizaemon wird der Grundkonflikt unseres Zeitalters deutlich sichtbar. Als Repräsentant einer Familie, die ihrer Tradition ungebrochen seit der Momoyama-Epoche, also seit Sen no Rikyû nachgeht, ist er der Tradition verpflichtet. Als moderner Künstler mit westlicher Ausbildung aber hat er gelernt, ein "Ego" zu entwickeln. Zugleich reflektiert er genau seinen Standort. Im Katalog zu einer Ausstellung mit Arbeiten von ihm, die, beginnend in Rom, ihren Weg durch Europa genommen hat, schreibt er seine Gedanken nieder.
"Ich fühle, dass heute Ost und West letztlich näher zueinander gekommen sind. Ich bin mit einer Dualität in mir konfrontiert zwischen dem Osten - meinem Ursprung, der seit Jahrhunderten kultiviert wurde - und dem Westen, von dem ich gelernt habe, ein modernes Ego zu entwickeln. Ich kann nicht unmittelbar in den Osten zurückkehren, ebenso wenig, wie ich mich ganz dem Westen überlassen kann. Angesichts dieser Konfrontation muss ich weitergehen, um vielleicht später einmal eine Lösung zu finden, wie ich Licht in beide Seiten bringen kann."
Kichizaemon versucht, die Spannung zwischen diesen beiden Welten auszuhalten und zu leben. Aber auch der Westen, ja unser gesamtes Zeitalter, ist in sich für ihn so etwas wie "schizophren". Es ist ja keineswegs so, dass man sich ohne weiteres in die östliche Tradition fallen lassen könnte, um dort des "Heil" zu finden. Auch der Osten hat seine Wurzeln schon längst verloren. Je mehr wir nach unserer "Selbst - Verwirklichung" suchen, desto mehr sehnen wir uns, wieder Eins zu werden mit der Natur und dem Kosmos.
"Das gegenwärtige Zeitalter ist in gewisser Weise ein schizophrenes Jahrhundert, in dem wir versuchen, die Essenz unseres Seins von einer neuen Perspektive zu erleben versuchen. Es ist die Suche nach einer Verbindung zwischen dem 'Selbst und der Welt, ein Bemühen, Eins zu werden mit Uns, dem Material, der Natur, ja dem Universum."
Der Künstler versucht, die Spaltung zu überwinden, indem er ganz in seinem Werk aufgeht und sich den Erfordernissen des Materials überlässt. Er lässt sich nicht mehr von der Funktion oder der gewünschten Form leiten:
"Zunächst verwende ich große Sorgfalt auf die Vorbereitung der Arbeit. Ohne irgend eine vorgegebene Vorstellung von der Form der Schale beginne ich zu arbeiten. Beim ersten Schnitt des Werkzeuges lasse ich mich nur vom Zufall leiten. Der zweite und dritte Schnitt folgen. Der Druck meiner Hand wird von einem Gegendruck der Tonerde beantwortet. Dadurch entsteht eine Distorsion und langsam entsteht die Form."
In diesem Spiel zwischen Absicht und Zufall werden die Glasuren und Farben aufgetragen, um dann letztlich dem Feuer die Entscheidung über das entstandene Werk zu überlassen. Sieht man die Arbeiten seines Vaters Kakunyo, so wird deutlich, dass bei Kakunyo das Material, aus dem die Schalen geformt sind, dem Gestaltungswillen des Künstlers unterworfen ist. Die Dekoration ist sorgfältig geplant und mit großer Präzision ausgeführt. Bei Kichizaemon überwiegt der geplante Zufall. Das Material übernimmt die Leitfunktion bei seiner Arbeit.
"Die Absicht ist nicht, mich selbst auszudrücken, indem ich Materialien benutze, sondern mich selbst wieder zu entdecken, untrennbar verbunden mit dem Material und der Natur."
Kichizaemon hat mit seinen Arbeiten den freien Raum der künstlerischen Gestaltung betreten. Letztlich sind es keine Gebrauchsgegenstände mehr, die er schafft, sondern "reine" Kunstwerke, die in sich und für sich stehen. Es ist die Frage, wohin ihn dieser Weg führen wird.
"Wie dem auch sei, getrieben vom Wunsch nach Selbst-Ausdruck, wie ihn die moderne Kunst versteht, verweile ich immer noch auf einem Boden. Dieser Boden allerdings, hat begonnen, unter mir zusammenzubrechen."