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Bis von etwas mehr als hundert Jahren gab es sie noch, die „final frontier“, diese letzte Grenze der Zivilisation, die unser Universum teilt in jenes der Menschen und jenes der unberührten Natur. Die beiden Pole des Planeten, die höchsten Berge, und die Tiefen der Ozeane hatte damals noch nie jemand betreten oder aus der Nähe gesehen. Doch nur ein paar Jahrzehnte später, nach Amundsen, Hillary und Picard, war auch dies Geschichte, und Armstrong setzte seinen Fuss auf den Mond. Seither verorten wir die letzte Grenze irgendwo da draussen.
Für den grössten Teil der Menschheitsgeschichte – mit Ausnahme der letzten paar Jahrtausende – waren fast alle Menschen hauptsächlich Nomaden. Ohne festen Wohnsitz lebten sie von dem, was sie in der Natur finden konnten. Ursprünglich aus Ostafrika kommend, breiteten sie sich schliesslich über die gesamte Erde aus. Man darf sich das aber nicht als heroische Eroberung vorstellen: von Ostafrika bis zur Besiedlung des amerikanischen Kontinents vor 13’000 Jahren vergingen zehntausende von Jahren, in denen sich die letzte Grenze pro Jahr durchschnittlich um weniger als einen Kilometer nach aussen verschob.
Ihre grosse Intelligenz und technologische Flexibilität erlaubte es den Menschen, sich an jedes Klima anzupassen, das sie vorfanden: Wüsten, Gebirge, Gletscher, Ozeane. Im Gegenzug veränderten auch sie ihre Umgebung: in jeder Region, die sie neu besiedelten, starben zuverlässig die grössten Weide- und Beutetiere aus. Genauso erging es früheren Menschenarten, wie etwa den Flores-Menschen („Hobbits“), die zum Teil bereits für hunderttausende von Jahren in diesen Regionen gelebt hatten – nach kurzer Koexistenz mit dem modernen Menschen verschwanden sie alle. Von der gesamten Gattung „Homo“ ist nur noch eine einzige Spezies übrig: wir selbst.
Heute ist die ganze Erde kartografiert und erschlossen, wenn auch natürlich nicht durchgehend besiedelt. Alle Besiedlungswellen, die es heute noch gibt, sind „intern“: eine lokale Zivilisation, die sich ausbreitet auf Gebiete, die bereits von anderen Menschen besiedelt sind. So etwa, seit dem späten 15. Jahrhundert, die Ausbreitung der Europäer in Nord- und Südamerika, wo der Begriff der „final frontier“ auch ursprünglich entstanden ist. Aber auch die Engländer in Australien, die Expansion Russlands nach Sibirien, oder die Besetzten Gebiete im Nahen Osten liessen sich als jüngere Beispiele nennen.
Besiedlungswellen innerhalb der menschlichen Zivilisation sind natürlich mit heftigen Konflikten zwischen Einheimischen und Siedlern verbunden, und so überrascht es nicht, dass das Wort „Kolonialisierung“ heute überwiegend negativ besetzt ist. Bei aller Anerkennung des unermesslichen Leids, das während der Kolonialisierung der Welt durch Europäer in den letzten Jahrhunderten entstanden ist, muss es aber auch möglich sein, die positiven Aspekte zu beleuchten. Nicht um die gesamte Kolonialisierung damit zu rechtfertigen, sondern um die positiven Elemente zu identifizieren, die wir bei einer künftigen Besiedlung anderer Planeten beibehalten wollen, ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
In einem Punkt können wir die Fehler der Kolonialisierung glücklicherweise nicht wiederholen: Jenseits der letzten Grenze gibt keine Menschen. Die Ausbreitung des Menschen auf andere Welten im All ist keine „interne“ Besiedlungswelle, die auf Kosten einer einheimischen Bevölkerung geschieht, sondern eine „primäre“, ursprüngliche, wie damals, von Ostafrika bis Feuerland und Neuseeland. Im Gegensatz zur Ausbreitung des frühen Menschen über die Erde gefährdet oder zerstört die Expansion der Menschheit ins All keine lokalen Ökosysteme – denn, soweit wir wissen, ist da draussen kein Leben, zumindest in unserem Sonnensystem. Da draussen gibt es nur Sonnenlicht, Steine, Eis, Gase und ganz viel Vakuum.
Die physikalischen Bedingungen draussen im Weltraum sind natürlich eine grosse technologische Herausforderung für die Siedler. Doch es gibt kein Naturgesetz, das sie grundsätzlich an einer Besiedlung anderer Welten hindern könnte. Für alle Probleme, vor denen eine Siedlung auf einer anderen Welt steht, wie die Aufrechterhaltung lebensfreundlicher Bedingungen innerhalb der Siedlung (Druck, Temperatur, Sauerstoffgehalt), die Gewinnung von nutzbarer Energie und Rohstoffen, oder der Anbau von Nahrungsmitteln, gibt es früher oder später auch eine technologische Lösung. Die Menschheit wächst an genau solchen Herausforderungen: wenn sie keine andere Wahl hat, als sich dem Problem zu stellen, wenn es keine Option gibt, nichts zu tun. Wer weiss, vielleicht ist es ja eine Physikerin vom Mars, der eines Tages der entscheidende Durchbruch zur Kernfusion gelingt, einfach weil sie es satt hat, frierend Solarpanele zu entstauben…
Der aus meiner Sicht grösste Vorteil einer Besiedlung einer vorher unberührten Welt ist aber das „Leere Blatt“. Mal abgesehen von den physikalischen Herausforderungen ihrer neuen Heimat sind die Siedler in der Gestaltung der Gesellschaftsform ihrer Siedlung völlig frei. Es gibt keine alten Strukturen, keine Generationenverträge, keine etablierten Gewohnheiten, die berücksichtigt werden müssen. „Wir haben das schon immer so gemacht“ gibt es nicht. Es kann frei experimentiert werden – wenn das Experiment scheitert, kann man immer noch traditionellere Alternativen ausprobieren, oder im schlimmsten Fall zur Erde zurückkehren. Aber im besten Fall aber entstehen unzählige neue Formen des menschlichen Zusammenlebens, neue Technologien und Ideen.
Auf der Erde hat die Eroberung Nordamerikas durch die Europäer zur Entwicklung der Verfassung der USA geführt, was langfristig grosse Auswirkungen auf die Weiterentwicklung und Erhaltung der Freiheit und Demokratie auf der Welt – auch und gerade in Europa, also in der „alten Heimat“! – hatte. So war schon die französische Revolution stark geprägt von den Ideen, die zur Unabhängigkeitserklärung der 13 Kolonien, dem Unabhängigkeitskrieg gegen England und schliesslich der Verfassung der USA geführt hatten. Viele Demokratien weltweit, einschliesslich der Schweiz, liessen sich bei der Ausarbeitung ihrer eigenen Verfassung stark von jener der USA inspirieren. Und schliesslich ist kaum denkbar, dass die Demokratie als Regierungsform die Zeit des Nationalsozialismus und kommunistischen Revolutionen überstanden hätte, wenn da jenseits des Ozeans nicht diese mächtige, stabile, freie Nation gewesen wäre (natürlich mit all ihren bekannten Fehlern und Unzulänglichkeiten).
Bei der Ausbreitung der Menschheit auf andere Welten sollte es also nicht nur einfach darum gehen, ein „Backup“ der Menschheit anderswo zu erstellen. Vielmehr sollte es das Ziel sein, die Summe und Bandbreite menschlicher Erfahrungen wieder stark zu erweitern. So soll wieder Raum entstehen für soziale, gesellschaftliche, politische und technologische Experimente, für neue Ansätze und neue Denkstrukturen. So wie Menschen unterschiedlicher irdischer Kulturen die Menschheit als ganzes bereichern, so könnten das auch Menschen jenseits der Erde tun. Wie denkt ein Mensch, der sein Leben lang auf dem Mars gelebt hat? Welche Geschichten erzählen sich die Menschen auf dem Merkur? Wie klingt die lokale Musik in der Stickstoff-Atmosphäre des Titans?
Mit seinem ersten Schritt hat Neil Armstrong die final frontier auf dem Mond verankert. Der erste Schritt hin zu einer interplanetaren Zivilisation ist seit bald 50 Jahren gemacht. Wird es einen zweiten geben, einen dritten und vierten? Werden wir eines Tages sagen, die Besiedlung der Erde war nur der Anfang? Oder wird die Menschheit für immer – also bis zu ihrem Aussterben – eine Monoplanet-Zivilisation bleiben?
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Na ja, es klingt ja wirklich nach einem großartigen Unternehmen, das Licht der menschlichen Zivilisation in die unbekannten Weiten des Weltraumes zu bringen ein Land unbegrenzter Möglichkeiten und Freiheiten für unsere Spezies zu erschließen aber ich denke das hat leider nicht viel mit der Realität zu tun.
Es wird das Streben nach politischer, militärischer und kommerzieller Vorherrschaft sein welche die Mittel für die notwendige Forschung & Entwicklung bereitstellen wird. Der Aufwand für die Bereitstellung neuen Lebensraums auf Planeten/Monden bzw im Weltraum ist um ein Vielfaches schwieriger als auf den lebensfeinlichsten Gegenden der Erde – und davon gäbe es nötigenfalls reichlich.
Ich glaube schon, dass der Mensch die Erde verlassen wird aber erst wenn es kommerziell Sinn macht. (Ausgenommen Forschungsstationen).
Könnte gut sein, dass es einst erstrebenswert ist, eine Wohnung im Erdorbit zu haben so wie sich heute ein lukrativer Markt für hochpreisige Immobilien bester Geschäfte erfreut.😆
Zumindest gegenwärtig haben sich die raumfahrenden Staaten mit dem Weltraumvertrag eher rausgenommen. So lange nicht einer von ihnen der Vertrag aufkündigt und beginnt, im grossen Stil da draussen Siedlungen und Militärbasen zu bauen, wird sich daran kaum was ändern. Ob es kommerziell Sinn macht, ist das eine. Das spielt vor allem eine Rolle, wenn man vor hat, auf der Erde zu bleiben. Aber für einen Siedler muss es kommerziell keinen Sinn machen, so lange er am neuen Ort die Möglichkeit hat, sich selbst zu erhalten. Eine Marssiedlung kann im Prinzip auch einfach vom Zustrom neuer Siedler leben (und der Güter, die sie mitbringen) bzw. so schon mal zu einer beträchtlichen Grösse heranwachsen.
Wieder ein schöner Artikel der auch gut zum Titel dieser Seite passt 🙂 Ich befürchte das diese „finale frontier“ für uns Menschen eine ziemlich große Herausforderung wird. Leider gibt es in unserem Sonnensystem keinen weiteren Planeten oder auch nur Mond der halbwegs für eine Besiedlung geeignet wäre. Es dürfte zwar trotzdem auf Planeten wie Mars und Merkur oder Monden wie Titan oder Kallisto möglich sein Kolonien zu errichten aber nur mit großem Aufwand. Der Aufwand könnte so groß sein das der wichtige Schritt hin zur Entwicklung einer multiplanetaren Spezies abgewürgt wird. Zumindest scheinen Staaten diesen Aufwand zu scheuen. Hätten wir jedoch einen halbwegs lebensfreundlichen Planten (Mars mit Erdmasse würde wohl schon genügen) im Sonnensystem wäre ich mir absolut sicher das wir ihn dann bereits besiedelt hätten. Ich könnte mir vorstellen das eine exoziv in einem anderen System viel bessere Chancen hat sich zu einer mulitplanetaren Spezies zu entwickeln, wenn es in ihrem Heimatsystem noch weitere lebensfreundliche Planeten gibt. Bzw. würde es wohl auch schon reichen wenn es bei einem Mehrfachsternsystem bewohnbare Planeten an verschiedenen Sternen gibt. Wir jedoch haben leider noch einen steinigen Weg hin zur Entwicklung einer multiplanetaren Spezies vor uns.
Ich stimme dir zu dass die Natur es uns mit den Nachbarplaneten auch hätte einfacher machen können, eine multiplanetare Spezies zu werden… 🙂 Anderseits sind Menschen sehr kreativ und anpassungsfähig. Die grösste Hürde dabei sind, denke ich, nicht einmal unbedingt die Umweltbedingungen. Sie mögen unwirtlich sein, aber sie sind – mal von Extremen wie der Venus-Oberfläche abgesehen – grundsätzlich überlebbar: Heizung, Strahlenschutz, Energiequelle, Wasser- und Gase, Nahrungsanbau… wie in der Antarktis alles eine Frage der richtigen Ausrüstung. Die grösste Hürde ist wohl nicht die Ausrüstung selbst, sondern der Transport dieser Ausrüstung auf den Planeten oder Mond, auf dem sie zum Einsatz kommen soll. Die Schnittmenge der Menschen, die an die „final frontier“ gehen möchten, und derjenigen, die es sich leisten können zu gehen, ist heute exakt Null – und zwar wegen den Kosten, nicht der Motivation! Wenn sich das ändert, d.h., wenn die Kosten dank Wiederverwendbarkeit plötzlich stark herunterkommen, ist alles offen.
Ich denke auch das der Transport eine entscheidende Hürde sein wird aber ob es uns wirklich gelingen kann eine ohne Hilfe von außen langfristig existierende und organisch wachsende Kolonie auf so einer unwirtlichen Welt zu errichten? Denn diese Unabhängigkeit wäre langfristig notwendig.
Jedenfalls hoffe ich wirklich sehr das wir es noch Erleben dürfen dass diese „final frontier“ überschritten wird 🙂
@Matthias Meier (wieso eigentlich nicht mehr „Bynaus“?)
„wenn die Kosten dank Wiederverwendung plötzlich stark herunterkommen“
Die Wiederverwendbarkeit von z. B. Raketen wird noch nicht den Durchbruch Richtung Weltraumzivilisation bringen – das, vermute ich mal, passiert erst, wenn die ersten praktikablen Weltraumaufzüge in Betrieb gehen, dann fallen nämlich die Beförderungskosten pro kg Fracht nicht bloß um eine, sondern um etliche Zehnerpotenzen!
@Yadgar: Günstigere Fertigung hat die Startpreise bereits um einen Faktor von 2-3 sinken lassen (SpaceX Falcon 9, künftig auch Ariane 6). Wiederverwendung ist noch gar nicht berücksichtigt, weil SpaceX nur geringe Reduktionen auf „gebrauchte“ Booster gibt, aber ein weiterer Faktor 2-3 würde sicher drin liegen. Aber BFR soll ja erst den grossen Unterschied zu bisherigen Systemen machen: bei Startkosten von 6 Mio pro Flug und 150 Tonnen Nutzlast ergibt sich (theoretisch) ein Preis von 40 Dollar pro kg, das ist tiefer als die Einschätzungen, die ich schon für den Weltraumlift gesehen habe (100 Dollar pro kg).
PS: „Bynaus“ war ein Produkt seiner Zeit. Die Zeit schreitet voran, aber natürlich darfst du mich weiterhin so nennen wie früher! 😉