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Wer aus dem Bahnhof Luzern tritt, erblickt den Torbogen, der nach dem Brand im Jahre 1971 vom des 1896 erbauten Bahnhofs stehenblieb. Auf ihm steht die Skulptur L’Esprit du Temps von 1907 des Bildhauers Richard Kissling, der 1889 das Denkmal für Alfred Escher vor dem Zürcher Hauptbahnhof und 1892 das Telldenkmal Altdorf geschaffen hat.
Der Torbogen ist an diesem Tag Treffpunkt für diejenigen, die an unserem Spaziergang teilnehmen, bei dem es einerseits um die Stadt und ihre Geschichte geht, andererseits um drei prominente Ausländer in Luzern, nämlich Lev Nikolajewisch Tolstoi, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche.
Als erstes überqueren wir die Strasse und nähern uns dort, wo der Vierwaldstättersee in den Fluss Reuss übergeht, der 1993 abgebrannten Kapellbrücke, die vor der Coronakrise von täglich etwa 13,000 Touristen besucht wurde und bekannt war durch die dreieckigen Bilder aus dem 17. Jahrhundert in ihrem Dachgiebel. Ein Bild, das unbeschädigt geblieben ist, wollen wir unserer Gruppe zeigen. Es ist eine Ansicht der Stadt mit ihren ursprünglich drei gedeckten Holzbrücken, darunter steht der Name Ludwig Pfyffer.
Den Namen Ludwig Pfyffer kann man sich merken. Derjenige Ludwig Pfyffer, der im 17. Jahrhundert das Bild mit den drei Holzbrücken stiftete, ist nicht der mächtige Ludwig Pfyffer von Altishofen (1524-1594), den man wegen seinem Einfluss Schweizerkönig nannte, sondern ein Nachfahre. Der frühere und bekanntere Ludwig Pfyffer von Altishofen nahm als Kommandant einer Truppe von Schweizern an den Kriegen des französischen Königs gegen die Hugenotten teil, wurde militärischer Führer der Luzerner Truppen und wurde in regelmässigem Turnus Schultheiss. Er trug dazu bei, dass die Jesuiten nach Luzern kamen und ein Kollegium bauten, und dass nach 1584 ein päpstlicher Nuntius in Luzern residierte.
Jahrhundertelang lebten die Luzerner Patrizier komfortabel dank den Pensionen Frankreichs, Spaniens, Savoyens und des Kirchenstaats. Für diese Staaten leisteten Offiziere aus dem Kreis der Patrizierfamilien und Truppen aus dem Volk militärische Dienste. Zwischen 1652 und 1847 hiessen neun von zehn Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde Pfyffer von Altishofen. Luzern ist eine Stadt, die nicht erst seit dem Aufkommen des Massentourismus international vernetzt ist.
Von der Brücke zur Jesuitenkirche ist es nicht weit. Patron der im 17. Jahrhundert erbauten Kirche ist der Spanier Francisco Javier, deutsch Franz Xavier oder Xaver, ein Mitgründer des Jesuitenordens, der selbst nie in Luzern war. Xavier war nicht nur in der europäischen Gegenreformation tätig, sondern machte sich als Missionar auf nach Indien, Japan und China. Gestorben ist er auf einer Insel vor dem chinesischen Festland im Jahr 1552, begraben ist er in der Basílica do Bom Jesus in Goa, bis 1961 portugiesische Kolonie, seither indischer Bundesstaat. So erklärt es sich, dass auf dem zentralen Deckengemälde nicht nur die Fassade der Jesuitenkirche abgebildet ist, sondern auch der 1622 heiliggesprochene Franz Xavier auf einem Triumphwagen, der von einem Elefanten durch die Luft gezogen wird.
Neben der Jesuitenkirche, in der man auch die Statue des Niklaus von Flüe mit einem Originalkleid des Heiligen beachten sollte, steht das Palais Ritter, erbaut im 16. Jahrhundert als Privathaus nach dem Vorbild der italienischen Renaissance. Nach dem frühen Tod des Erbauers diente es den Jesuiten als Kollegium, heute ist es das luzernische Regierungsgebäude. Im obersten Stock des sehenswerten Innenhofs befindet sich ein Gemäldezyklus eines Totentanzes aus dem 17. Jahrhundert. Das Tor des Gebäudes ist aber am Samstag geschlossen.
In der Franziskanerkirche wurde nach der Schlacht von Sempach die Fahnen der Besiegten aufbewahrt – aber offenbar nicht fachgerecht. Sie zerfielen zu Staub oder vermoderten, darum sind sie heute an den Wänden der Kirche aufgemalt. Uns gefällt die kleine Rokokokapelle vorne links mit den putzigen Engelchen, die auf der Einladung zum Ausflug abgebildet sind.
Von der Franziskanerkirche gehen wir durch die Münzgasse, wo früher die luzernischen Münzen geprägt wurde, zur Reuss und bestaunen das Nadelwehr, ein technisches Denkmal, mit dem der Wasserstand des Vierwaldstättersees reguliert werden kann, dann setzen wir unseren Spaziergang flussabwärts fort und gelangen, vorbei am Historischen Museum, zur Spreuerbrücke aus dem 17. Jahrhundert. Auf dieser gedeckten Holzbrücke sind die dreieckigen Giebelbilder unverändert seit dem 17. Jahrhundert erhalten, und es lohnt sich, sie genau anzusehen. Abgebildet ist auf fast allen Bildern der Tod, der mit verschiedenen Menschen tanzt. Die Abfolge der Abgebildeten spiegelt die hierarchische Gesellschaftsordnung wider – erst der Tod macht alle gleich. Auf einem der Brückenpfeiler steht eine kleine Kapelle. Kapellen auf Brückenpfeilern gab es früher vielerorts. Wo sonst ist eine solche Kapelle mit ihrer ursprünglichen Funktion erhalten geblieben?
Nach der Überquerung der Spreuerbrücke befinden wir uns auf der rechten Seite der Reuss und merken, dass die Restaurants in der Altstadt sich langsam füllen, obwohl es erst halb zwölf ist. Mit der Gruppe der Teilnehmenden entscheiden wir uns für eine zweistündige Mittagspause. Wir treffen uns wieder am Schweizerhofquai, vor dem Hotel Schweizerhof.
Wie viele Luzerner kennen die Kurzgeschichte Luzern von Lev Tolstoi? Es ist eine autobiographische Geschichte, in der ein gewisser Fürst D. Nechludov die Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1857 im Hotel Schweizerhof beschreibt. Der von einem Spaziergang zurückkehrende Fürst bemerkt abends vor dem Hotel einen Strassenmusikanten, dem die Hotelgäste, in ihrer überwiegenden Mehrzahl Engländerinnen und Engländer, applaudieren. Aber keiner der Gäste gibt dem Musikanten Geld. Der Fürst beschliesst darauf, den Musikanten zu einer guten und teuren Flasche Champagner ins Hotel einzuladen. In seiner Geschichte gibt der Fürst die Lebensgeschichte des armen Musikanten wieder und beschreibt die feindselige Reaktion der Gäste, aber auch des Personals der Nobelherberge auf den armen, nicht zum Hotel passenden Gast. Diese Ablehnung, so folgert Nechludov, passe nicht zum Anspruch der liberalen Schweiz, die ja offiziell, anders als das damalige zaristische Russland, alle Standesunterschiede abgeschafft hat.
Die Kurzgeschichte ist auch bemerkenswert, weil sie so früh die negativen Wirkungen des Tourismus kritisiert, in diesem Fall den Abbruch der historischen Hofbrücke, die über eine inzwischen aufgeschüttete Bucht zur Hofkirche führte: Das prachtvolle fünfstöckige Gebäude des Schweizer Hofs ist vor kurzem am Ufer, ganz dicht am See, erbaut worden, an derselben Stelle, wo sich in alten Zeiten eine überdeckte, gewundene Holzbrücke mit Kapellen an den Ecken und Heiligenbildern an den Dachsparren befand. Jetzt ist die alte Brücke, dank dem grossen Zustrom der Engländer, ihren Bedürfnissen, ihrem Geschmack und ihrem Geld, abgetragen und an ihrer Stelle ein sockelartiger, schnurgerader Kai angelegt worden; auf dem Kai hat man geradlinige, viereckige, fünfstöckige Häuser gebaut; vor den Häusern sind zwei Reihen Linden gepflanzt und mit Pfählen gestützt, und zwischen den Linden hat man, ganz wie es sich gehört, grüne Bänke aufgestellt. Das ist – die Promenade; und hier gehen Engländerinnen in Schweizer Strohhüten auf und ab und Engländer in dauerhaften und bequemen Anzügen und erfreuen sich über ihr Werk.
Vom Schweizerhofquai, wo die von Tolstoi beschriebenen Bänke und Lindenreihen inzwischen durch eine vierspurige Strasse vom Hotel abgetrennt sind, geht unsere Gruppe dann dem See entlang nach Tribschen. Unterwegs erzählen wir an einem schattigen Ort aus dem Leben des Musikers Richard Wagner, der 1849 aus Dresden flieht, weil er sich zusammen mit dem Anarchisten Michail Bakunin an einem Aufstand gegen den sächsischen König beteiligt hat.
Der unstete Richard Wagner findet in den 1850er-Jahren zeitweise mit seiner ersten Frau in einem Nebengebäude der Villa Wesendonck in Zürich (heute Museum Rietberg) Aufnahme.
Nach einigen Wanderjahren bewohnt Wagner schliesslich von 1866 bis 1872 feudal die Villa in Tribschen, bevor er nach Bayreuth weiterzieht, wo er sich dem Projekt seines Festspielhauses widmet. Die erste Jahresmiete für Tribschen überweist König Ludwig II von Bayern, der Schöpfer des eigenartigen Schlosses Neuschwanstein.
Wir wollen Richard Wagner nicht vorstellen, ohne auf seinen Text Das Judenthum in der Musik einzugehen. Wagner publiziert den Aufsatz zuerst im Jahr 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank in einer Musikzeitschrift, dann überarbeitet und veröffentlicht er ihn als Broschüre unter seinem eigenen Namen mit dem Vermerk Tribschen bei Luzern, Neujahr 1869.
Man findet den Wortlaut der Broschüre im Internet. Es ist ein übler Text. Die Lektüre lohnt sich für Menschen, die sich die Frage stellen, wie Antisemitismus konstruiert ist. Während des Ausflugs zitieren wir einige Stellen, die uns aufgefallen sind, und wagen den Versuch, sie in einen biographischen und historischen Kontext zu stellen.
In Tribschen erhält Richard Wagner und seine Geliebte (und 1870 in Luzern geheiratete) Cosima über zwanzigmal Besuch von einem Professor der Altphilologie, der in Basel lehrt, Friedrich Nietzsche.
Nietzsche ist anfänglich beeindruckt von Wagners schöpferischem Genie, aber die Beziehung des musikbegeisterten und jüngeren Nietzsche zum bewunderten Wagner und seiner Cosima kompliziert sich. Einer der Gründe dafür ist, dass Nietzsche sich vom Antisemitismus distanziert.
Im Moment seiner Erkrankung meldet er: Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen. Es ist die Vorstellung eines Machtlosen. Nietzsche wird wahnsinnig, seine Schwester leitet das Nietzsche-Archiv, fälscht die Texte ihres Bruders und schenkt Adolf Hitler den Spazierstock des Philosophen.
Weniger kompliziert als die Beziehung von Wagner und Nietzsche ist der Rückweg von Tribschen nach Luzern mit dem Schiff oder zu Fuss entlang der Ufschötti, wo Luzerns Bevölkerung an diesem heissen Sommersamstag ungezwungen ausruht, Sonne tankt und badet.