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Begegnungen mit der Lawine
Von Henry Hoek.
« No, that is the great fallacy, the wisdom of old men. They do not grow wise. They grow careful. » « Perhaps that is wisdom... » « It is a very unattractive wisdom. » E. Hemingway.
I.
Das Wort Lawine wird vielseitig gebraucht.
« Lawine » ist ursprünglich, und meist, der Ausdruck für rutschenden Schnee, der als oft sehr auffallendes Naturgeschehen von steilen Berghängen herunterkommt. Manchmal wird dieses Rutschen zum Fall über Felsen und ist dann mit rollendem, donnerähnlichem Lärm verbunden. Manchmal auch löst sich die Schneemasse auf in eine schleierähnliche, dicht mit Staub gesättigte Wolke, die fast lautlos zu Tal fliegt und deren vernichtende Wirkung erst Lärm und Getöse erzeugt. Die analoge Art der Bewegung und das oft gleiche Donnern haben wohl dazu geführt, dass man auch von Eislawinen und Steinlawinen spricht. Dagegen werden die Erdschlipfe, die viel Wasser enthalten, als « Rufe » oder « Mure », fast niemals als Lawine bezeichnet. Bildlich wird das Wort auf gar vieles übertragen; und Ausdrücke wie « eine Lawine von Soldaten » oder « eine Lawine von Schwierigkeiten » sind gebräuchliches Sprachgut.
II.
In diesem Aufsatz wird nur von der Schneelawine die Rede sein. Was ist Schnee? Chemisch ist er eine Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff; physikalisch ist er Wasser in fester Form, und zwar entweder ganzkristallin oder halbkristallin. Um die Lawine, die Bedingungen ihres Entstehens und die Art ihres Verlaufes verstehen zu können, müsste man zum mindesten Wasser, Eis und Schnee ( und all ihre physikalischen Eigenschaften ) von Grund aus kennen.
Das alles ist nicht Inhalt der folgenden Zeilen. Die Wissenschaft von der Lawine befasst sich damit; und in eigenen Lawinenforschungs-Instituten sind die Gelehrten dabei, die verwickelten und schwer erfassbaren Gesetze zu enträtseln, die für Entstehung und Ablauf der Lawine massgeblich sind.
III.
Für uns mag es hier genügen, dass man die Lawine, welcher Art sie auch immer sei, bezeichnen kann als ein « für kurze Zeit fliessender Schneestrom ». Tatsächlich hat der Lawinenstrom manche Ähnlichkeiten mit einem Fluss. Er hat wie dieser sein Einzugsgebiet, seine Nebenflüsse, seinen Stromlauf und Die Alpen — 1941 — Les Alpes.1 sein Staugebiet. Nur dass Wasser mit einer ausserordentlich geringen inneren Reibung zum horizontalen See gestaut wird, während die Lawine, infolge der grossen Reibung, zu einem mehr oder weniger steilen Kegel wird. Und genau so wie es Flüsse gibt, die nicht zur vollen Entwicklung kommen, die in der Jugend schon sterben, so gibt es Lawinen, die nicht ausreifen, die nur das Anfangsstadium eines kleinen Rutsches erreichen und am Hange ihrer Geburt tiefer unten im Schnee sozusagen ersticken. Der grosse Unterschied ist, dass der Wasserfluss normalerweise ständig fliesst und nur gelegentlich versiegt und dass die Lawine nur gelegentlich für kurze Zeit fliesst und ihr Flussbett meist « trocken » ist.
Der Schnee und seine Bewegung haben also manche Ähnlichkeit mit dem Wasser; aber andererseits ist der Schnee, wenn man das so ausdrücken will, auch ein « Gestein ». Unmerklich sind die Übergänge vom Schnee zu Firn und Eis. Und Schnee wie Firn und Eis beteiligen sich wesentlich auch an der « sichtbaren Gestalt » der Berge.
An der Tektonik, am inneren Aufbau und Gefüge des Gebirges, ist der Schnee ( und seine Umwandlungsprodukte Firn und Eis ) nicht beteiligt, wohl aber an der Morphologie des Berges, an der Gestaltung der Oberfläche und damit an den « Linien, die das Auge sieht ». Er ist der « Mantel » auf dem Bergkörper, so gut wie andere Ablagerungen, Flußschotter, Seeterrassen, Moränen und Schutthalden, die auch alle zum Bergkörper gehören, ohne tektonisch eine Rolle zu spielen. Nur mit dem einen grossen Unterschied, dass der Schnee vergänglicher ist und leichter beweglich. Wer nur einen Tag lang beobachtet, dem scheint der Schnee so gut zum Körper des Berges zu gehören wie Schutt, Schotter und Moräne. Es ist eine Frage der « Zeit », wie man den Schnee auffasst.
Es ist aber auch eine Frage der « Menge ». In den Alpen und anderen Gebirgen ersticken grosse Teile der Berge im tektonisch an ihrem Bau unbeteiligten Schutt. In Grönland erstickt das Gebirge auf fast gleiche Weise im unbeteiligten Schnee.
IV.
So viel als Einleitung. Alles Theoretische werden wir beiseite lassen. Ich will einzig und allein erzählen von Lawinen, « mit denen ich zu tun hatte ». Wer beinahe fünfzig Jahre lang im Sommer wie im Winter in die Berge geht, der muss unfehlbar seine Begegnungen mit der Lawine gehabt haben. Und von solchen soll die Rede sein. Ich bitte dabei zu bedenken, dass vor vierzig und fünfzig Jahren das Wissen vom Schnee und von der Lawine sehr viel geringer war als heute!
So manches, was gut ausging und was aus Unkenntnis unternommen wurde, wäre heute eine verbrecherische Dummheit. Urteil und Verurteilung ändern sich mit wachsender Erfahrung und vermehrtem Wissen. Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht von den « Dummheiten » von einst erzählen sollte. Denn es war nicht « Leichtsinn » und blöde Tollkühnheit, was uns manches unternehmen liess, was man heute weit von sich weisen würde — es war nur das Nichtwissen, also in des Wortes eigentlichstem Sinne das « Dummsein ».
Aus diesen Dummheiten mag aber vielleicht der eine oder andere heute noch seine Lehren ziehen und mag sich freuen, dass andere für ihn die notwendigen Erfahrungen sammelten.
V.
Es war Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, und ich mag so vierzehn oder fünfzehn Jahre alt gewesen sein. Das Wort « Lawine » hatte ich noch nie gehört. Damals wohnten wir in Freiburg im Breisgau, und der Schwarzwald bot uns eine unerschöpfliche Auswahl an Wanderzielen — im Sommer wenigstens. Im Winter blieb man eben hübsch zu Hause.
Mit einem unternehmungslustigen Kameraden hatte ich aber dennoch den Plan erwogen, den höchsten Berg des Schwarzwaldes, den Feldberg, einmal im Januar zu besteigen... streng geheim, das versteht sich. Von Titisee aus kamen wir verhältnismässig leicht zu dem damals noch ganz bescheidenen Feldbergerhof. Dort hörte jede Wegspur auf, und der Schnee lag hoch. Und Ski — nein, von Ski wussten wir nichts. Schon nach einem kurzen Versuch mussten wir feststellen, dass der Aufstieg zum Gipfel für uns unmöglich war, um so mehr als ein wilder Schneesturm aus Südwesten blies und wir kaum zehn Meter weit sehen konnten. Da beschlossen wir in unserem Unverstand, den windgeschützten « Felsenweg », nördlich um den Gipfel des Seebucks herum, zum Abstieg nach dem Rinken und nach der Posthalde zu wählen. Dieser Fussweg geht fast eben quer durch die steilen Nordhänge des Seebuckkares, in dem unten der Feldsee liegt. Verkrüppelter Tannenwald und Buschgestrüpp gehen bis dicht unter den Gipfel, und einige grosse, kahle Rinnen leiten hinab zum See; weiter unten sind sie von kleinen Felsabbrüchen durchsetzt. Bald merkten wir, dass auch hier für uns kein Durchkommen sei. Wir wateten bis zum Oberschenkel im Pulverschnee und kamen auch gelegentlich auf ein gepresstes Schneebrett, wo wir durchbrachen und noch tiefer versanken. Bereits am jenseitigen Ende der ersten Rinne beschlossen wir umzukehren.
Und dann hörten wir durch das Heulen des Sturmes, scheinbar von unterhalb unserer Füsse kommend, einen dumpfen Knall. Später habe ich diesen Ton noch oft genug gehört! Aber wir Buben hatten keine Ahnung, was das sein oder bedeuten könnte. Im nächsten Augenblick bewegte sich der Schneeboden unter uns und um uns, zerbrach in grosse Schollen, warf uns um und nahm uns mit. Ich fand das sehr lustig — und später sagte mir mein Freund, dass er es auch als eine hübsche Art der Fortbewegung gefunden hätteund bedauerte nur, dass wir schon nach wenigen Sekunden ( da wir am Rande der gleitenden Schneemasse waren ) an einigen kleinen Tannenbäumchen hängen blieben. Wir arbeiteten uns aus dem Schnee heraus, der uns halb zudeckte, und wunderten uns ein bisschen, wie schwer das ging. Dann kehrten wir um und versuchten, ob es uns nicht gelänge, in einer kleineren Rinne noch einmal so einen hübschen Rutsch auszulösen!
Wir hatten Glück: es gelang uns nicht.
In späteren Jahren haben sich an diesem Felsenweg verschiedene verhängnisvolle Unglücke ereignet. Zweimal habe ich geholfen, die Toten zu bergen. Und wir ahnungslose Knaben sind nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon gekommen.
VI.
Zehn Jahre später: Der Skilauf hatte sich als Sport in Mitteleuropa durchgesetzt, und der Ski begann bereits ein Werkzeug des Bergsteigers zu werden. Paulcke und Genossen hatten das Berner Oberland auf Ski durchquert; ich war ihren Spuren gefolgt und hatte dabei Finsteraarhorn und Mönch bestiegen. Die erste Skibesteigung von Strahlhorn, Dammastock, Wetterhorn und so mancher anderer Gipfel war mir geglückt. Jetzt hatte ich mir ein hohes Ziel gesteckt.
Anfang März waren wir zu zweit in Chamonix. Aber das Wetter war scheusslich, es war warm, bedeckt und regnete immer wieder. Wir warteten tagelang. Wir sehnten uns nach Bewegung. Also beschlossen wir, einen Trainingsspaziergang nach Montenvers zu machen. Der Schnee war schwer, tief und nass; wir schufteten grausam, doch das war uns zum Training gerade recht. Schliesslich kamen wir auf die Bergrippe, wo man zum erstenmal einen guten Blick auf die Aiguille du Dru hat. Dort machten wir Halt und bauten den Kocher auf, um uns eine Suppe zu bereiten. Vor uns lag ein grosser, hohl gebogener Hang, wie eine riesige schräg gestellte Schale.
Wir hatten unsere Suppe gegessen, hatten zusammengepackt und wollten uns grade daran machen, diesen Hang zu queren, als von oben ein zischend brausender Ton kam. Wir schauten hinauf und sahen einen etwa meterhohen Schneewall oder Schneewoge, die aus ständig sich überschlagenden Schneebrocken und Knollen bestand und die — wie uns schien — sich ziemlich langsam voranwälzte. Sie pflügte den Schnee des Hanges bis zum Boden auf, schluckte ihn in sich hinein. Und dabei wurde dieser wandernde Schneewall nicht grösser; was er vorne aufnahm, das gab er hinten wieder ab. Hinter der Stirnwelle kam die eigentliche ungeheure Masse der Lawine gleichmässig und ruhig heruntergeflossen.
Der schwere, mit wenig Geräusch fast gemächlich ziehende, schmutzig weisse Strom hatte etwas unheimlich Finsteres und Beängstigendes. Es werden wohl nur Sekunden gewesen sein, in denen er an uns vorbeifloss. Uns kam es lange vor, während wir wie gebannt diesem Schauspiel zusahen. Weiter unten brach der Hang steil ab, und wie die schwere, nasse Riesenlawine über den Steilrand fiel, erfüllte ihr Donnern das Tal.
Wir hatten keine Ahnung, was diese Lawine ausgelöst hatte — es war uns auch ganz gleichgültig. Wir hatten einen furchtbaren Schrecken bekommen und wussten nur das eine: wir hatten ungeheures Glück gehabt.
Ein Jahr später kam ich wieder. Aber wieder war uns der Erfolg versagt. Diesmal trieb uns ein Schneesturm hoch oben vom Berge herunter. Und vielleicht war es noch grösseres Glück als im Jahr zuvor, dass es uns gelang, den Rückweg ins Tal zu finden und von Unglück verschont zu bleiben.
BEGEGNUNGEN MIT DER LAWINE.Î ) VII.
Ende März 1906 war ich in der — damals kleinen — Berghütte Besheim in Jötunheim. Zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des Ski Club of Great Britain war ich der Einladung des norwegischen Skiverbandes gefolgt. In Christiania ( damals hiess es noch nicht « Oslo » !) verlebten wir schöne, aber anstrengende Tage mit viel Festessen und viel Alkohol. Dann ging es den weiten und langen Weg hinauf in die Berge. Einige der besten norwegischen Skiläufer wurden uns als Begleitung mitgegeben. Aber bald schon fanden wir heraus, dass unsere Neigungen ganz verschiedene waren. Unsere norwegischen Freunde bauten sich zuallererst einmal einige grössere, und kleinere Sprungschanzen in der Nähe des kleinen Gasthauses, an denen sie zu allen Tageszeiten trainierten. Und im übrigen übten sie sich in stundenlangen Langläufen auf dem grossen See im Tal. Wir fremden Gäste aber hatten vor allem den Wunsch, die Berge kennen zu lernen, Gipfel zu besteigen und schöne Abfahrten zu machen.
Doch das ist alles nur Beiwerk zu meinem Thema. Jedenfalls: Eines schönen und sonnigen Morgens machte ich mich mit einem der Engländer auf, um die Beshöhe zu erklimmen.
Halbwegs zum Gipfel traversierten wir unter einem kleinen, aber sehr steilen Hang durch; dort, wo die Neigung unten geringer wurde, lag ein gewaltiger erratischer Block. Mein Gefährte ging voraus, etwa 30 Meter vor mir. Als er dicht bei dem grossen Steine war, löste sich die Schneedecke auf dem Hang über ihm. Es war ein typisches Schneebrett, das in ganz kleine Schollen zerbrach. Wohl instinktiv machte er einige rasche Schritte, um in den Schutz des Blockes zu kommen; dort blieb er stehen. Der grosse Stein teilte den fliessenden Schnee, aber ein wenig ging immerhin auch darüber weg, und von beiden Seiten wurde der Schnee in das Loch gepresst, in dem er stand. Bald waren seine Ski so hoch zugedeckt, dass er sie nicht mehr bewegen konnte. Mehr und mehr Schnee kam ganz allmählich, von oben, von links und rechts, und langsam wurde der Mann stehend begraben. Es war so lächerlich komisch, dass mir zunächst der Gedanke an Gefahr gar nicht kam. Glücklicherweise hörte der Schneenachschub auf, als der Unglückliche bis zum Halse eingedeckt war; kreideweiss vor Schrecken schaute nur noch sein Kopf heraus.
Es war ein ganz tüchtiges Stück Arbeit, ihn auszugraben. Und er war derartig durchfroren, dass wir den Aufstieg aufgeben mussten und so schnell wie möglich heimfuhren zu einem warmen Kaffee. Dort wurden wir gehörig ausgelacht; aber das ganze kleine Abenteuer hätte genau so gut weniger lustig enden können.
VIII.
Im nächstfolgenden Spätwinter war ich abermals in Skandinavien. Diesmal war der Schwedische Skilandesverband dem Beispiel der norwegischen Vettern gefolgt und hatte eine Einladung geschickt. In Stockholm war alles noch ein bisschen grossartiger als in Christiania, und auch die Reise nach Mittelschweden, durch endlose Wälder, war bedeutend länger. Unser erster Standort war Aare, damals schon ein Wintersportplatz. Die Berge der Um- gebung bildeten eine Art Mittelding zwischen Hügelland und Hochgebirge. Der Hauptgipfel ist der Aareskutan, etwa 1500 Meter hoch. Unsere schwedischen Freunde hatten entschieden mehr Freude an den Bergen als die Norweger; aber sobald es einigermassen steil wurde, gaben auch sie jede Besteigung auf. Begreiflich war das schon, denn ihre langen Flachlandski mit schlechter Bindung taugten nicht viel in den Bergen und waren zum Schwingen recht ungeeignet. Also zogen wir eines Tages zu viert ohne einheimische Begleitung los, um den Aareskutan zu besteigen. Es war ein halbklarer, windiger und schneidend kalter Tag mit gelegentlichen Schneeschauern. Nach etwa einer Stunde Steigens befanden wir uns auf einem massig steilen sehr grossen Hang, der sich weiter oben in Felsen und Nebel verlor. Er war durch einige wenig ausgesprochene Rippen gegliedert und Hesse sich vergleichen mit dem Gelände zwischen Parsennhütte und Parsennfurka.
Wir steckten gerade wieder einmal in einer Schneewolke und sahen nicht viel, als plötzlich alles unter, über und um uns in Bewegung geriet. Der Schnee der ganzen Bergseite, vielleicht in einer Breite von 500 Metern, hatte sich lautlos von seiner Unterlage gelöst und schob sich und uns zu Tal. Das ging zunächst so langsam, dass wir auf der gleitenden Masse noch fahren konnten. Unmittelbar vor uns war eine der erwähnten, wenn auch wenig hervortretenden Rippen. Ich hatte die Führung inne und ohne eigentliche Überlegung steuerte ich in Eile abwärts auf diesen Rücken los. Die anderen folgten dicht hinter mir, mit anerkennenswerter Geistesgegenwart. Wir erreichten die Rippe, versuchten zu schwingen und fielen über und durcheinander. Aber wir waren gerettet!
Die grosse Lawine ging hinunter bis in ein enges Tälchen, wo sie sich — ebenso lautlos, wie sie von oben gekommen war — zu einer viele Meter hohen Masse staute.
Die Schneewolke, in der wir gesteckt, verzog sich wieder; ein verirrter Sonnenstrahl brach durch; und wir sahen, dass etwa 100 Meter über uns der Schnee in einem langen eckig gezackten Abbruch von über einem Meter Höhe abgeglitten war. Zweifellos waren wir selbst die auslösende Ursache gewesen. Der Hang, auf dem wir uns bewegten, war aber so flach, dass keiner an eine Gefahr gedacht hatte. Und das steilere Gelände weiter oben hatten wir im Schneetreiben nicht recht sehen können und hatten es falsch beurteilt.
IX.
Im Februar, einige Jahre später: bei wunderschönem, aber etwas zu warmem Wetter waren wir von Rosenlaui aufgestiegen zur Dossenhütte. Abends verschleierte sich der Himmel von Westen her. Um Mitternacht kamen erste, schwache Windstösse, am Morgen heulte der Schneesturm.
Wir sassen in der Hütte und warteten, zuerst noch guten Mutes, dann zweifelnd, schliesslich beinahe verzweifelt. Der Proviant war trotz Rationierung so gut wie gegessen, das Holz zum Kochen und Heizen wurde knapp. Unsere Lage ward von Stunde zu Stunde unerfreulicher. Und wir fassten den schweren Entschluss, den Abstieg nach Rosenlaui zu wagen; der andere Weg, nach Meiringen, wäre Selbstmord gewesen.
Es ist oft genug beschrieben worden, wie ein solcher Abstieg durch steiles Felsgelände im Schneesturm vor sich geht. Unserer wird sich wenig von anderen unterschieden haben. Nur das eine ist zu sagen: Es war schon sehr viel Schnee gefallen. Und immer und immer wieder kam von oben der rieselnde Staub, vom Winde gelöst, und fiel über die Felsen. Gewiss, es waren keine « ausgewachsenen » grossen Staublawinen, aber es waren ganz hübsche Ansätze dazu. Mehrmals konnten wir von Glück sagen, dass der Anprall der schneebeladenen Wolke uns nicht mitriss, sondern dass wir gerade in diesem einen Augenblick guten Stand und die Möglichkeit der Seilsicherung hatten. Einige Male auch glaubte ich ersticken zu müssen, trotz des mehrfach zusammengelegten Tuches vor dem Munde.
Wir kamen durch ohne Unfallwenn auch nicht « ohn'Ungemach ». Und seitdem weiss ich, wie einem zumut ist, der von der Staublawine überrascht wird. Eine Kostprobe hatten wir bekommen — aber auch dieser Vorgeschmack genügte uns.
X.
Kurz nach dem Grossen Kriege zogen wir eines Tages im Februar zu acht von der Lenzerheide aus auf die Urdenfurka, um von da nach Tschiertschen abzufahren und über das Churerjoch nach Parpan zurückzukommen. Es war ein schöner Tag nach starkem Schneefall mit Wind, und die Verhältnisse waren zweifellos nicht ungefährlich. Unter Beobachtung der gebotenen Vorsicht erreichten wir ungeschoren die Höhe des Passes und brachten auch die Steilstufe oberhalb der Urdenalp glücklich hinter uns. Von der Alp aus sollte man nun eigentlich der Talsohle mehr oder weniger folgen, um dann mit einer kleinen Gegensteigung Tschiertschen zu erreichen. Ich hatte aber die Idee, dass man wohl auch abkürzen könnte, wenn wir ziemlich hoch über dem Tal auf der westlichen Seite traversierten, so dass wir auch Tschiertschen rechts unter uns liessen. Den andern war mein Vorschlag recht. Zunächst ging alles nach Wunsch. Nach einiger Zeit aber kamen wir an ein steiles Couloir, das uns den Weiterweg sperrte. Es war eine jener Rinnen, die oben schmal sind und unten sich erweitern wie ein durchgeschnittener und liegender Trichter. Wir standen oben am Ausguss des Trichters und das Couloir war dort höchstens 10 Meter breit. Der Schnee gefiel mir ganz und gar nicht: ich war überzeugt, dass er bei der geringsten Störung als Schneebrett abgehen würde, und sagte das auch meinen Kameraden. Andererseits hatte ich aber gar keine Lust, Höhe zu verlieren und hinunter ins Tal zu fahren. Daher lautete mein Vorschlag: Ich steige noch ein Paar Meter an der Kante der Rinne hoch und fahre dann im Schuss quer abwärts durch das Couloir. Der Schnee wird höchst wahrscheinlich abgehen, aber dann bin ich bereits auf der andern Seite, und sobald die Lawine sich einmal gelöst hat, könnt ihr mir ja ungefährdet folgen.
Der erste Teil dieses Planes, der Aufstieg und die schräge Schussfahrt verliefen durchaus programmässig... der zweite Teil aber gar nicht! Kaum war ich in der Rinne, so setzte sich der ganze Schnee darin in Bewegung, ich fiel, wurde mitgerissen und war in der schönsten Lawine drin. Gegen 200 Meter nahm sie mich mit bergab; da aber kaum Schnee über mir losgebrochen war — weil eben nur wenig Schnee in der oben noch engeren Röhre lag — so blieb ich immer sozusagen am Schwanzende der Lawine; unten allerdings nahm sie ein gewaltiges Ausmass an. Als sie im Talboden zur Ruhe kam, lag ich halb zugedeckt oben auf. Und ich konnte mich aus eigener Kraft befreien, noch bevor die Gefährten bei mir waren. Sogar meine Ski hatte ich schon wieder.
In aller Ruhe konnten wir uns den Schaden besehen. Er war nicht allzugross: der Rucksack war verloren, ein Skistock war weg und zwei Rippen waren gebrochen. Ein wenig schmerzhaft — aber sonst harmlos.
XI.
Es mögen sieben oder acht Jahre her sein, da gingen wir wieder einmal im März von der Schatzalp, oberhalb von Davos, nach einem aussergewöhnlich starken Schneefall auf das Körbshorn. Wir hatten viel Arbeit mit Spuren, denn der Schnee war überall fast gleich tief, da es die letzten Stunden fast ohne Wind geschneit hatte.Von der alten kleinen Schutzhütte unterhalb des Gipfels fuhren wir auf der gebräuchlichen Route nach Frauenkirch, also zunächst hinab in den weiten Talkessel zwischen Körbshorn, Mädrigerfluh und Schafgrind. Vorsichtigerweise nahmen wir grosse Abstände, 70 bis 100 Meter, und hielten uns, wo immer möglich, auf einer der wenig hervortretenden Bergrippen, obgleich bisher noch nirgends, so weit wir sehen konnten, eine Lawine gefallen war. Auf dem fast ebenen Boden des schon erwähnten Talkessels waren wir natürlich vollständig sicher und konnten in Ruhe uns wieder « besammeln », um im warmen Sonnenschein eine wohlverdiente Zigarette zu rauchen.
Wir dachten schon an die Weiterfahrt, als sich mit einem dumpfen — und wenn es auch sonderbar klingt: ich möchte sagen, mit einem vibrierenden Schlag — der Schnee unter unseren Füssen sich setzte. Das war ja nun in keiner Weise beunruhigend, denn wo wir standen, war jede Gefahr ausgeschlossen. Dann aber geschah etwas sehr Verblüffendes. Vier oder fünf Sekunden später kam ein Schneerutsch vom Steilhang der Mädrigerfluh, und in unmittelbarer Folge brachen rings im weiten Rund weitere Lawinen los, am Schafgrind, am Aufstieg zur Schweinsfurka, am Südhang des Körbs-hornes und an der Nordflanke des Kummerhubeis.
Wir zählten acht grosse Lawinen, die nächste etwa 500 Meter von uns entfernt, die weiteste mehr als anderthalb Kilometer. Wie viele andere wir nicht sehen konnten, kann ich natürlich nicht sagen. Es war, als hätten sie alle nur darauf gewartet, einem Befehl oder einem Signal zu gehorchen, das durch das Setzen des Schnees unter uns gegeben wurde.
Ich verzichte auf jeden Versuch einer theoretischen Erklärung und erzähle nur einfach, was wir erlebten.
XII.
Viele Hunderte von Skiläufern gehen jeden Winter über die Strass-berger Furka und das Hochstelli nach den Heubergen und fahren dann ab nach Fideris oder Jenaz. Ganz selten nur geschieht es, dass einer vom Hochstelli aus dem Kamme nach Norden folgt und den Schafbodenkopf besteigt.
Und doch ist das eine sehr hübsche kleine Skiwanderung, die belohnt wird durch einen überraschend reizvollen Ausblick.
Ein Zürcher Freund und ich taten so vor fünf Jahren an einem halb klaren und massig kalten Tag im Februar. Wir wollten möglichst ohne Gegenanstieg nach Süden zurücktraversieren zu den Heubergen. Etwa halbwegs kam ich, als Führender, an einen ziemlich steilen Hang unterhalb des Hochstelli, der mir verdächtig vorkam. Ich hielt mit einem Schwung und rief meinem Freund eine Warnung zu. Der aber lachte nur, kam in grossem Tempo in meiner Spur und fuhr sofort mit Schuss in den Hang hinein; alsbald war er auf der anderen Seite.
Immer noch zögerte ich. Er aber lachte mich aus und versicherte immer wieder, dass der Hang, wie sich ja gezeigt, ganz harmlos sei. Endlich liess ich mich überzeugen, nahm seine ziemlich steile Schrägspur und war auch in wenigen Sekunden bei ihm. « Was hat dich eigentlich an diesem Hang gestört? », war seine erste Frage; « der ist doch absolut ungefährlich. » Noch hatte er das letzte Wort nicht ganz ausgesprochen, da brach der Hang etwa 60 Meter oberhalb unserer Spur los. Die Abrißstelle war gut drei Viertelmeter hoch. Und bevor die Schneemasse zur Ruhe kam, wurde eine ganz nette Lawine daraus.
Ein Teil meiner Antwort war damit eigentlich schon gegeben. Aber « warum » hatte ich dies geahnt? Ich hätte es wirklich nicht sagen können. Ohne jedes Bedenken hatten wir kurz vorher steilere Hänge befahren. Vielleicht waren sie anders zum Wind und zur Sonne gelegen? Vielleicht sah der Schnee ein ganz klein wenig anders aus? Vielleicht... Mein Oberbewusst-sein hat es jedenfalls « nicht zur Kenntnis genommen ».
XIII.
Am letzten Dezembertage desselben Jahres stand ich nach einem gewaltigen Neuschneefall auf P. 2458, der zweiten Graterhebung im langen Kamme, der von der Mott'ota hinauf zieht zum Piz Led. In ungemein steilen, rasigen Hängen, die mit Felsen durchsetzt sind, bricht dieser Kamm etwa 600 Meter tief gegen das Val Fedoz ab. Man kann von oben das ganze öde Tal überblicken, von der Gletscherzunge des Fedozgletschers bis zu seinem Ende bei Isola am Silsersee. Und unmittelbar gegenüber hat man die ebenso steilen, aber sehr viel höheren Hänge, die vom Piz da 1a Margna, von der Crasta Fedoz und dem Piz Fedoz herabziehen.
Es hatte mich fast drei Stunden sehr anstrengenden Spurens im tiefen Schnee gekostet, um auf diesen unbedeutenden Berg — aber prächtigen Aussichtspunkt — zu kommen. Nun sass ich, am Steinmann gelehnt, und ruhte mich aus in der wärmenden Mittagssonne.
Zufällig wanderte mein Blick gerade nach Westen — da sah ich ein kleines Wölkchen aufsteigen aus einer der Rinnen im Abbruch des Piz Fedoz; bald schon wuchsen ihm grössere von unten nach... dort ging wohl ein kleiner Schneerutsch ab. Schon ein paar Sekunden später waren die Hänge nördlich und südlich dieser Rinne in Bewegung, dann kamen die nächste Rinne und der nächste Hang an die Reihe. Die ganze westliche Talseite des Val Fedoz, sie wird so gegen fünf bis sechs Kilometer lang sein, kam als gigantische « Überschwemmungslawine » herunter! Ein rollendes Donnern ging durch die bisher lautlose Bergwelt. Kumulusähnliche Wolken stiegen auf aus der tiefen Talfurche unter mir, sie kamen herauf bis zu meinem Gipfel und überschütteten mich mit einem feinen, eisigen Mehl. Die Sonne stand nur noch als blasse kleine Scheibe am Himmel, und sie war umgeben von einem riesigen Ring aus den matten Farben des Regenbogens.
Es war die gewaltigste Lawine, die mir je zu sehen vergönnt gewesen ist. Nach einigen Minuten verzog sich die Staubwolke, schien die Sonne wieder hell. Noch lange blieb ich oben; aber merkwürdig: wie genau ich auch mit dem Glase suchte, nirgends im weiten Bergrund konnte ich eine andere Lawine entdecken.
XIV.
Nach zehn Tagen prächtigen und meist windstillen Wetters trug ich vor ein paar Jahren in der zweiten Märzwoche meine Ski von Schmelzboden hinauf nach Monstein. Schon bei den letzten Häusern des kleinen Dorfes konnte ich anschnallen und einer gutgelegten und offenbar von vielen begangenen Spur folgen; so stieg ich fröhlich und bequem hinauf zur Vanezfurka und ohne Rast gleich weiter auf den Ducanpass. Mein Ziel war der Gletscherducan. Die Winterroute führt vom Pass aus in gleichmässiger Steigung über den harmlosen Gletscher auf den Kleinducan zu, biegt kurz vor dessen Westwand scharf nach rechts, und über einen steileren Schlusshang und die meist verschneite Randkluft erreicht man die tiefste Stelle des Bergkammes zwischen Klein- und Gletscherducan. Von da sind es noch 20 bis 30 Minuten bis zum Gipfel. Von diesem zieht sich ein grosser und fast ungegliederter Steilhang hinab zum Gletscher; dieser Hang ist der westliche Teil des Randes der grossen Schale, in der der Ducangletscher liegt. Dort direkt zum Gipfel aufzusteigen, das hatte mich schon manchmal gelockt; an jenem schönen Märztag reizte es mich ganz besonders — es war so klar und so herrlich kühl, und ich fühlte mich in hervorragender Verfassung. Dazu kam die Überlegung, dass dieser Aufstieg auch viel kürzer sein musste als der lange Umweg über den Grat.
Ich verliess also die Spur und machte mich daran, in möglichst gerader Linie zum Gipfel zu steigen. Aber bereits nach einigen 50 Metern Aufstieg gefiel mir die Sache nicht mehr; es kamen mir Bedenken über die Sicherheit des Schnees auf diesem doch recht steilen Hang. Das heisst: vielleicht redete ich mir auch bloss ein, dass ich eigentlich Bedenken haben sollte! Vielleicht suchte ich bloss nach einem Grund, umzukehren. Es mag schon sein, dass mir das tiefe und anstrengende Spuren am Steilhang einfach zuwider war und dass ich nur nach einem Vorwand suchte, umzudrehen, weil ich mich vor mir selbst schämte, ein einmal begonnenes Unternehmen aus purer Faulheit aufzugeben. Es ist sehr schwer, hinterher noch zu wissen, wie das nun eigentlich war.
Jedenfalls fuhr ich wieder ab und nahm die schöne und harte Trasse meiner Vorgänger; und diese Spur brachte mich ohne sonderliche Anstrengung in die Einsattlung auf dem Grat. Dort liess ich, wie üblich, die Ski zurück und stieg zu Fuss weiter.
Kurz unterhalb des Gipfels traf ich auf eine winzig kleine Wächte aus weichem Schnee; mit dem Skistock konnte ich das kleine Hindernis abschlagen. Die Schneebrocken rollten zuerst ein Stückchen, dann begannen sie zu rutschen, sie nahmen etwas Schnee der Oberfläche mit; es wurde mehr und immer mehr — und auf einmal war das ganze Schneerund von meiner Spur im Osten bis zum Nordgrat des Gipfels in Bewegung. In mehr als zwei Meter Höhe brach der Schnee los von einer dunkelblauen Eisunterlage, mit der er offenbar nur ganz schlecht verbunden war.
Staunend stand ich oben und sah diesem verblüffenden Schneesturz zu, der erst weit unten auf dem flacheren Teile des Gletschers zur Buhe kam. Das war nun also mein « todsicherer»Hang, den ich schon ein Stückchen weit hinangestiegen war!
Mit sehr gemischten Gefühlen ging ich die letzten paar Meter zum Steinmann hinauf...
XV.
Der Piz Led ist ein ziemlich wenig bekannter Berg im hinteren Fextale, eigentlich nicht viel mehr als ein Vorgipfel des Piz Fora. Seine Besteigung ist durchaus kein alpines Kunststück, und bis in den August hinein hat man meist die Möglichkeit, auf der Fextalseite beim Abstieg einige hundert Meter über einen steilen Schneehang abzufahren.
Ende Juli 1940 war ich mit einigen Freunden aus Glarus dort oben. Es hatte in der vorangehenden Woche wieder einmal kräftig geschneit, bis hinunter zu den Seen im Oberengadin. Aber die Sonne einer Beihe heller Tage hatte den Schnee bis über 3000 Meter von den Felsen und Weiden geleckt; nur auf den Gletschern und Altschneeflecken lagen noch etwa 20 cm des neuen Sommerschnees.
Wir waren den leichten Nordgrat abgestiegen bis zu dem erwähnten Schneefeld. « Abfahren? » « Das gibt verflucht nasse Hosen. » « Macht nichts, die trocknen schon wieder in der warmen Sonne. » « Also los... » Schon sass ich im Schnee. Die ersten 30 Meter ging es ganz köstlich, wenn auch reichlich langsam. Ich riss eine tiefe Binne in den nassen Neuschnee, vor meinen Füssen staute sich ein kleiner Wall, der Untergrund schien recht hart zu sein. Dann kam von hinten nasser schwerer Neuschnee nachgerutscht; er drückte zunächst auf meinen Bücken, deckte dann meine Beine ein und floss gemächlich links und rechts mit mir hinab. Es wurde mehr und mehr. Es wurde mir ungemütlich, und ich versuchte aufzustehen, um dem kleinen, aber zähen Schneestrom auszuweichen. Aber das ging auf einmal nicht mehr! Der Druck des schweren Schnees war zu gross und warf mich immer wieder um. Beim letzten Versuch ging die nasse und kalte Woge über mich weg und legte mich quer zum Hang. Sie deckte mich ganz zu, gab mich frei, deckte mich wieder ein. Zuerst hatte das nichts Erschreckendes, dann aber wurde ich mir der Gefahr bewusst. Das Lächerliche und Ärgerliche an der Sache war, dass dies alles mit einer aufreizenden Langsamkeit vor sich ging. Mehr als Fussgängergeschwindigkeit hatte die kleine Lawine bestimmt nicht — aber ich steckte gefangen darin, wie eine Fliege im Sirup, und war gänzlich hilflos. Schliesslich kam der Rutsch zum Stehen, als ich gerade wieder einmal den Kopf in der Luft hatte. Mit einer wilden Kraftanstrengung arbeitete ich mich heraus und blieb ganz erschöpft auf dem Schnee liegen. Stock, Hut und Rucksack waren weg, beide Hände und die nackten Arme waren vollständig erstarrt und gefühllos, Nase, Ohren und Augen waren mit gepresstem Schnee verstopft...
« Das hätte Sie aber beinahe böse erwischt... » « Jawohl! Und das im Sommer, an einem kleinen Berge — und auf einem kleinen Schneehang mitten zwischen sonnenwarmen Blockhalden... » XVI.
Die Jahre vergehen. Man wird älter und weiser — das heisst erfahrener und vorsichtiger, und glaubt — wenn man eingebildet genug ist —, allmählich etwas gelernt zu haben. Man meint... und wird von der Wirklichkeit eines Besseren belehrt.
Die Lawine ist, trotz allem Wissen, trotz aller Erfahrung, trotz aller Erwägungen und Überlegungen, immer noch eines der unberechenbarsten Geschehnisse. Stets ist sie anders als jede vorhergehende.
Je mehr man sah und erlebte, um so grösser wird das Misstrauen dem eigenen Urteil ( und dem anderer !) gegenüber, das auf « Wissen » aufgebaut ist. Um so grösser wird das Vertrauen auf einen Instinkt, der aus unter-bewussten Erinnerungen geboren ist. Um so grösser wird auch der Fatalismus — der ja an und für sich schon eine Erscheinung der Reife und des Alters ist.