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«Springsteen war ein Segen für mich»
John Lyon, besser bekannt als Southside Johnny, ist wieder auf Tournee – und liebt es.
Alleinunterhalter Springsteen. 16 seiner Songs macht er zum Teil seiner Bühnenshow am Broadway.
(Bild: Keystone)
Vom Oktober 2017 bis vergangenen Samstag trat Bruce Springsteen 236-mal im Walter Kerr Theatre am Broadway auf. Es ist eine über zweieinhalbstündige Theaterproduktion, in der der Rockstar über seine Jugend erzählt, über seinen Vater redet, seine Mutter. Er berichtet von einer Fahrt quer durch den Kontinent nach Kalifornien wegen eines Engagements, als er noch ein junger Mann war. Er erzählt von seiner tiefen, engen Freundschaft mit seinem Saxofonisten Clarence Clemons, einem Hünen von einem Mann, im Juni 2011 nur 69-jährig verstorben.
Die Auftritte am Broadway – ursprünglich waren nur Shows während ein paar Wochen geplant – sind nun auf einer Doppel-CD erhältlich. Der Streaming-Sender Netflix hat am letzten Sonntag die Show online gestellt, man kann sie sich also auch ansehen.
Noch etwas muss vorausgeschickt werden: Ende September 2016 erschien Bruce Springsteens Autobiografie «Born to Run» bei Simon & Schuster (auf Deutsch bei Heyne).
Weder Konzert noch neues Album
«Springsteen on Broadway» ist also keine Konzertaufnahme und schon gar kein neues Album; es hat auch nur am Rande etwas mit dem Unplugged-Format zu tun. Es handelt sich um die Tonaufnahme eines Theaterstücks, das mit Musik unterlegt ist. Denn neben den vielen, teils mehrere Minuten langen Textpassagen, spielt Springsteen auch 16 Songs aus allen Schaffensphasen. Ausser «Tougher than the Rest» und «Brilliant Disguise», bei denen seine Frau Patti Scialfa mit von der Partie ist, alle solo, teils stehend mit Gitarre und Mundharmonika, teils am Klavier sitzend.
Dass es Theater ist, einstudiert, ein Ein-Mann-Stück, das einem festgelegten, geprobten Text folgt, ist unter anderem daran erkennbar, dass Springsteen gezielt auf Pointen zusteuert, dass er mit seiner Position auf der Bühne in Bezug auf das Standmikrofon spielt und gewisse akustische Effekte einbaut. Zum Beispiel, wenn er nacherzählt, wie er als Bub von seiner Mutter in die Bar geschickt wurde, um seinen Vater dort rauszulotsen, ihn heimzuholen.
Will man diese Textpassagen quasi als die hauptsächlichen Kapitel seines Lebens sehen, als einschneidende Ereignisse, die sich auf ihn als Menschen und ihn als Musiker ausgewirkt haben, so wird die grosse Nähe zu seiner Autobiografie ersichtlich. Anders formuliert: Der Fan erfährt nichts Neues. Wer «Born to Run» – das Buch – kennt, kennt im Wesentlichen auch den Inhalt von «Springsteen on Broadway».
Es ist ein merkwürdiges, eher unbefriedigendes Erlebnis, über zweieinhalb Stunden einer Theaterproduktion zuzuhören, ohne ein Bild zu sehen. Viel mehr Sinn macht deshalb, sich «Springsteen on Broadway» auf Netflix anzuschauen. Dann kommt zum reinen Text Mimik dazu, Gestik.
Bilder des Wegfahrens
All jene, die nicht das Glück hatten, Tickets für «Springsteen on Broadway» ergattern zu können, die sich keinen Ausflug nach New York leisten oder einrichten konnten und seit Jahren oder Jahrzehnten Fans sind, warteten neugierig auf die Veröffentlichung dieser Shows. Und schon bald ist das Staunen gross: Springsteen steigt ohne grosse Umschweife in das Programm ein. Umreisst schon in den ersten paar Sätzen, was ein Showman, ein Musiker, ein Performer alles können muss, um sein Publikum zu unterhalten, um vor 80 000 Menschen in einer Arena zu bestehen. Er stellt den Vergleich mit einem Zauberer an: «It’s a magic trick!» Und er sagt, allen aus seiner Ecke im Bundesstaat New Jersey werde die Tendenz zum Schwindler nachgesagt. (Er verwendet das Wort «Fraud».)
Und dann sagt er, er habe immer von den hart arbeitenden Fabrikarbeitern gesungen – und nie selber in einer Fabrik gestanden. Er habe nie fünf Tage in der Woche körperlich hart gearbeitet – «bis jetzt, und es gefällt mir gar nicht». Mit «jetzt» meint er seine täglichen Auftritte im Walter Kerr Theatre.
Dass er aber, ohne praktische Kenntnisse des Arbeitsalltags, mit seinen Songs («Factory» mag als Beispiel gelten) habe überzeugen können, zeige, wie gut er sei. «That’s how good I am!» Den Satz wiederholt er etwas später. Da erzählt er, wie er immer wieder die Bilder des Wegfahrens, der Freiheit auf der Strasse, verwendet habe – ohne überhaupt einen Fahrausweis zu besitzen. Die beste Pointe vielleicht überhaupt: Er, der «Born-to-Run-Man», lebe heute bloss zehn Minuten von Freehold entfernt, wo er aufgewachsen sei.
Die Karten auf dem Tisch
Diese Selbstironie, diese entwaffnende Ehrlichkeit ist das wirklich Erstaunliche an «Springsteen on Broadway». Zum ersten Mal stellt sich Bruuuuuuce als Schwindler, als Hochstapler dar und gibt auch noch damit an: «That’s how good I am!» Der sympathische, durch und durch aufrichtige Kerl. Nun lässt er sich wirklich in all seine Karten blicken, verrät quasi, auf der Bühne stehend, im Rampenlicht, den magischsten all seiner Tricks.
Aber weil bei einem Theaterstück das Sehen mindestens so wichtig ist, wie das Hören, weil es in diesem Fall so erhellend ist, sich die Netflix-Produktion anzuschauen, statt bei den CDs hängen zu bleiben, muss noch etwas anderes in Betracht gezogen werden. Man muss sich den 69-jährigen Bruce Springsteen ansehen. Wirklich ansehen. Ganz genau. Und was sieht man? Einen Mann, der seine Haare färbt, der offensichtlich Haarimplantate hat machen lassen, der möglicherweise geliftet ist.
Er schwindelt wirklich. Das ist die ernüchternde Erkenntnis von «Springsteen on Broadway». Und dann, dann zweifelt man an der Echtheit seiner Tränen, wenn er von seinem Vater erzählt. Hat er an all den 236 Abenden im Walter Kerr Theatre exakt an dieser Stelle geweint? Ist all das, woran man jahrelang geglaubt hat, immer nur Show, immer nur Fraud gewesen? Nur schon der Verdacht tut tief in der Seele weh.
Bruce Springsteen: «Springsteen on Broadway», Doppel-CD, Sony Music.
Basler Zeitung