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Die Kirche mit den Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert im Altarhaus (Chor) sowie ihrer Orgel und Pfarrhaus sind kultur- und kunstgeschichtliche Juwelen des Kyburgerstädtlis Wangen an der Aare.
Die Gründung der Kirche Wangen a.A. geht auf die Stiftung einer benediktinischen Propstei aus St. Blasien im Schwarzwald und der Zähringer im 12. Jahrhundert zurück. Die Probstei war dem Kloster Trub im Emmental unterstellt. Seit der Gründer des Städtchens Wangen durch die Kyburger um 1250 diente die Kirche zugleich als Pfarrkirche. In den Wirren der Guglerkriege um 1376 nahm der Probst Wohnsitz im nordwestlichen Wehrturm des befestigten Städtchens.
Mit der Berner Reformation wurde der letzte Propst erster reformierter Pfarrer und die Propstei wurde 1528 zum Pfarrhaus. Die heutige Kirche geht auf die umfassende Neugestaltung von 1824-26 zurück. Unter Daniel Osterrieth wurde sie im Biedermeier-Stil gestaltet. In der Kirche steht die hervorragende Mathis-Orgel von 1982.
Fresken an der Ostwand
Die drei Fresken an der Ostwand stellen drei Heilige dar und stammen aus dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts.
Der hl. Christophorus ist bis auf seinen ergrünten Stock in den Rahmen eingepasst, während das Christuskind auf seinen Schultern mit Kopf und Heiligenschein den Rahmen unterbricht. Der hl. Christophorus war als Schutzheiliger der Reisenden ein beliebtes Motiv und unterstreicht die Bedeutung der Propstei als Verkehrsknotenpunkt.
Das querrechteckige Bild fasst mehrere Stationen der Georgslegende zusammen: den Ritter zu Pferde im Kampf mit dem Drachen, vor ihm die hl. Margaretha und die Königstochter und hinter ihm das elterliche Königspaar in der Burg.
In einem quadratischen Bild darunter sind der hl. Ulrich, Bischof von Augsburg, und ein Engel zu sehen. Die Georgslegende weist auf das ritterliche Ideal und der hl. Ulrich gehört in die Ahnenreihe der Kyburger.
Fresken an der Südwand
Das Fresko an der Südwand stellt die Verkündigungsszene aus der lukanischen Weihnachtsgeschichte dar und stammt aus den Jahren 1470/1480. Maria kniet in einem gotisch übergiebelten Gehäuse vor ihrem Lesepult. Vom Erzengel Gabriel flattert ein Spruchband in ihr Zimmer mit den gotischen Minuskeln: „ave maria [gratia] plena dominus [tecum]“. Unter der Szene kniet eine Stifterfigur mit einem unleserlich gewordenen Schriftband. Es könnte sich um den damaligen Propst Hans Schürpf handeln.
Abendmahlstisch
Der 1660 vom Berner Künstler Abraham Dünz geschaffene frühbarocke Abendmahlstisch aus Sandstein ist eine Stiftung des Landvogts Samuel Jenner und erinnert an seine verstorbene Frau Margaretha. Die Tischplatte dient als Epitaph und erwähnt neben der Gattin zwei verstorbene Kinder der beiden und zwei weitere ungetauft verstorbene Kinder.
Taufstein
Der frühbarocke Taufstein wurde vom gleichen Künstler wie der Abendmahlstisch gefertigt und vom Landvogt Samuel Bondeli 1667 zum Gedenken an seine Frau Catharina gestiftet und steht auf ihrer Grabplatte. Das Taufbecken ist geschmückt mit Cherubsköpfen und der Inschrift aus Ez 36,25: “Und ich werde euch mit reinem Wasser besprengen, und ihr werdet rein werden” (Original in Latein).
Kanzel
Die Kanzel aus Nussbaumholz im Biedermeierstil geht auf den Umbau von 1825 zurück und hat ihren heutigen Standort 1932 erhalten. Der Boden des zylindrischen Korbs läuft in einem eichelförmigen Knauf zusammen, dessen Form über dem Schalldeckel wiederholt wird.
Glasmalereien der Fenster
Die Wappenscheibe mit acht Familienwappen um ein Berner Wappen wurde von Mitgliedern der Baukommission anlässlich des Umbaus 1825 gestiftet und kam erst bei der Renovation 1980/81 an die Südwand des Schiffes über dem Seiteneingang. Ebenfalls anlässlich dieser Renovation stiftete der Rössliwirt Franz Schmitt einen elfteiligen Glasgemäldezyklus mit Szenen aus dem Leben Jesu von Jean Prahin. Sie zeigen die Geburt Jesu, die Flucht nach Ägypten, den zwölfjährigen Jesus im Tempel (Südwand), eine Krankenheilung, Jesus in Gethsemane und die Kreuzigung (Nordwand) sowie das Abendmahl, die Auffahrt, die Taufe, die Auferstehung und die Wiederkunft als endzeitlichen Richter (Chor).
Grabsteine in der Kirche
An der Südwand des Kirchenschiffs, an der Nordwand des Chores und an der Aussenseite der Südwand sowie der Westwand finden sich insgesamt fünf Epitaphien (Gedenksteine) aus den Jahren 1700 bis 1844.
Glocken
1. Glocke
Gewicht: 2215 Pfund / Ton: F. Inschriften: oben am Kranz: «Zur Andacht zu herzinnigem Vereine, versammelt sich die christliche Gemeinde»; im Feld auf der einen Seite: «Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget»; auf der anderen Seite: «Auf Kosten der Einwohnergemeinde Wangen, gegossen von Jakob Rüetschi in Aarau 1843». (Bei einer Reparatur wurde «Auf Kosten etc.» weggelassen und die Jahrzahl 1920 ersetzt.)
2. Glocke
Gewicht: 1124 Pfund / Ton: A. Inschriften: oben am Kranz: «Umgegossen von Jakob Rüetschi in Aarau im Jahr 1843»; im Feld: «Selig sind die Gottes Wort hören und bewahren und selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben (Eigentum der Republik Bern)».
3. Glocke
Gewicht: 684 Pfund / Ton: C. Inschriften: im Kranz: «Umgegossen von Jakob Rüetschi in Aarau im Jahre 1843»; im Feld: «Wachet und betet, denn ihr wisst nicht wenn der Herr kommt (Eigentum des Staats)».
4. Glocke
Gewicht: 282 Pfund / Ton: F. Inschriften: im Feld auf der einen Seite: «Auf Kosten der Gemeinden Wangenried und Walliswyl gegossen 1843»; auf der anderen Seite: «Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo Amen».
Alle Glocken weisen übrigens eine sehr schöne Ornamentik auf.
Auszug aus der Broschüre «Die Reformierte Kirche Wangen an der Aare», o.J. bzw. Staatsarchiv Bern August 2006
Hier hören Sie das Vollgeläute vom Ostersonntag. Die Reihenfolge der Glocken ist 4-3-2-1. Zu Beginn schlagen die Glocken vom Zytglogge-Turm Zehn Uhr.
Das Pfarrhaus von Wangen stellt mit seiner Nutzungsgeschichte als Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert und Pfarrhaus bis in die Gegenwart innerhalb der zahlreichen bernischen Pfarrhäuser aus dem ancien régime vom Genfersee bis nach Brugg eine Besonderheit dar. Trotz mehrfacher Renovationen hat das Äussere seine archaische Erscheinung bewahrt und die spätbarocke Ausstattung des 18. Jahrhunderts ist in weiten Teilen erhalten geblieben. Der Wehrturm setzt in der Stadtsilhouette einen weitherum sichtbaren wichtigen Akzent.
Die ältesten Teile des heutigen Pfarrhauses gehören zum nordwestlichen Eckturm der Stadtbefestigung aus der Zeit der Gründung des Kyburger Städtlis Wangen in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Nachdem die Propstei Wangen südlich des Kirchengebäudes entweder im Guglerkrieg (1375) oder durch Bern im Burgdorferkrieg (1383) zerstört worden war, nutzte der Propst den Wehrturm bis zur Reformation (1528) als Konventsgebäude. Der ummauerte Hofbezirk diente auch nach der Reformation als Freistatt. Johann Dietrich, der letzte Benediktinerpropst von Wangen, wurde zusammen mit seiner Frau mit einem Leibgedinge von Bern abgefunden und residierte bis zu seinem Tod als reformierter Pfarrer. Das Konventshaus wurde 1574 als reformiertes Pfarrhaus eingerichtet. Landvogt Beat Fischer liess das Pfarrhaus 1684 in renovieren. Am 30. September 2012 beschloss die Kirchgemeinde den Kauf des Pfarrhauses vom Kanton Bern und erhielt es so als Residenz des Pfarrers von Wangen an der Aare.
Die ältesten Mauerteile aus dem 13. Jahrhundert
Die ältesten Mauerteile des heutigen Pfarrhauses gehören zum Eckturm der Stadtbefestigung aus der Zeit um 1250. Dazu gehören die mit der Stadtmauer im Verband stehenden Grundmauern von 1.80m Durchmesser aus Tuffstein und eine zum Hof hin geöffnete Spitzbogenscharte aus dem 13. Jahrhundert. Aus der Zeit des Stadtmauerbaus stammt auch der spätromanische Eingang im ersten Stock auf der Westseite des späteren Pfarrhauses. Wangen war um 1200 eine Siedlung in der Landgrafschaft Murgeten, die zum Besitz der Grafen von Rheinfelden und Herzöge von Zähringen gehörte. Mit dem Aussterben der Zähringer ging die Grafschaft an Ulrich III. von Kybrug (+ 1227) über. Die heutige Forschung geht davon aus, dass erst die Kyburger die Siedlung Wangen zu einer Stadtburg ausbauten. Die ausserhalb der Mauern gelegene ältere Benediktinerpropstei war unter zähringischer, später kyburgischer Kastvogtei (Schirmherrschaft) und entstand um 1200. Die Propstei verfügte in der Pfarrei Wangen nebst Twing und Bann (Grundherrschaft) über den Zehnten, die Hochwälder, verschiedene Häuser in der Stadt sowie zahlreiche zinspflichtige Güter. Die Nutzung des Wehrturms zu dieser Zeit ist unbekannt.
Gotische Zeit (14. Jahrhundert)
Die erwähnte gotische Luzide (kleines Fenster) im Erdgeschoss an der Ostwand dürfte vor 1300 entstanden sein. Nach der Zerstörung der Benediktinerpropstei im Guglerkrieg (1375) oder im Burgdorferkrieg (1383) liess sich der Propst im Städtli nieder. Wann genau er in den Wehrturm einzog, ist nicht gesichert.
Berner Herrschaft (15. Jahrhundert)
1406 übernahm Bern zunächst die Kastvogtei über die Propstei Wangen und kurz darauf vom Haus Österreich die Landgrafschaft Murgeten und damit auch die Grafschaft Wangen, um daraus eine Landvogtei zu machen. Im März 1408 wurde der Berner Grossweibel und Zimmermeister Heinrich Gruber für 15 Jahre als Vogt der Grafschaft und Herrschaft Wangen eingesetzt mit dem Auftrag, die Stadt neu zu befestigen und insbesondere die beiden Tortürme in Stand zu setzten. Das nachmalige Propstei-Gebäude wurde um 1463/64 errichtet. Die Quellen berichten, dass Schultheiss und Rat zu Bern dem Wangener Propst Hans Schürpf 1471 erlaubten, ein Haus zu bauen und der Propstei die entsprechende Hofstatt zu freiem Eigen schenkte. Entweder wohnte der Propst bereits im Eckturm und konnte ihn nun ausbauen oder er zog erst nach dieser Schenkung hierhin.
Reformationszeit (16. und 17. Jahrhundert)
Im Februar 1500 erliess Bern eine 30 Artikel umfassende Gotteshaus-Ordnung, welche die Gerichtsbarkeit sowie Nutzung und Fertigung der Güter regelte. Der ummauerte Hofbezirk des Konvents dienste als Freistatt. In einer Freistatt durfte sich ein Frevler eine bestimmte Zeit von der Justiz unangetastet aufhalten. Im Fall von Wangen betrug diese Frist drei Tage und sechs Wochen. Den bernischen Ratsmanualen ist zu entnehmen, dass der Rat dem Vogt zu Wangen 1514 befahl, einen gewissen Thoman Vischer “uss der fryheit zu nämen und harzuvertigen“.
Nach der Reformation wurden Johann Dietrich, der letzte Propst zu Wangen, und seine Frau mit einem Leibgedinge (lebenslänglich freie Kost und Logis zulasten der Pfründe) abgefunden und die Propstei aufgehoben. Die grundherrlichen Rechte fielen an die Landvogtei. Dietrich wirkte bis 1534 als reformierter Pfarrer und das Konventsgebäude wurde zum evangelischen Pfarrhaus. Am Bau ist erkennbar, dass um 1574 grössere und teurere Umbauarbeiten im Stil der Spät- oder Nachgotik erfolgten, möglicherwiese auch der heutige Dachstuhl mit seinem fast fassadenbündigen steilen Walmdach mit kurzem First, der seinen Turmcharakter nie verlor.
Berner Goldene Zeit (ab 1650)
1642 wurde der Wehrgang an der Westmauer abgebrochen und 1663 durch eine neue Laube ersetzt. Aufgrund einer Bittschrift des Pfarrers Anton Herport (1646-1688) wissen wir um die mangelhafte Ausstattung des Pfarrhauses vor 1684. Herport schrieb: “Die Stuben mangeln stückweise vertäfelens, nicht zur Zierd, sondern nur für die füechtigkeit des gemäurs zu hindern, damit ich nicht sampt den meinen die gsundheit einbüessen muss”, worauf der Landvogt Beat Fischer (1641-1698) das Haus renovieren liess. Im Pfarrhaus wurden laut den Quellen die Abendmahlsgeräte aufbewahrt: 1672 eine Patene und zwei Schenkkannen aus Zinn, ab 1680 werden zudem zwei “hochvergülte Kelch” erwähnt, im folgenden Jahr zwei zinnerne Schenkkannen, 1685 wurde ein Zinnkännli um zwei Pfund angeschafft.
Eine umfassende Renovation erfolgte 1766-1768 mit einer spätbarocken Wendeltreppe. Aus dem Jahr 1774 ist eine Lieferung der Gemeinde von Oberburger Sandstein bekannt, die möglicherweise für die heutige Treppe und das Vestibül verwendet wurde. Zur Befensterung wurden die Mauern ausgebrochen und in Kalkstein ausgeführt, die Stuben hergerichtet, vertäfert und mit Schränken und meergrünen Öfen ausgestattet. 1787 trug die Gemeinde mit 20’000 Schindeln zum Unterhalt des Pfarrhauses bei. Die schmiedeeisernen Fensterbrüstungen auf der Hofseite, schlichte Stuckaturen im zweiten Geschoss sowie der grösste Teil der Oberflächen fallen ins späte 18. Jahrhundert. Die Fenstergewände wurden mit Solothurner Kalkstein ersetzt und die Fensterrahmen in grauer Ölfarbe gefasst. Aus dieser Zeit stammen der Tonplattenboden und die Kammer im Dachgeschoss. Im 19. Jahrhundert erhielt das Pfarrhaus seine heutige Gartenlaube mit geschlossenem Laubengang im ersten Stock, das Esszimmer neben der Küche sowie die obrigkeitliche rot-schwarze Bemalung der Fensterläden.
Quellen: Manuel Kehrli, “Das Pfarrhaus Wangen an der Aare”, o.J., und Ursula Schneeberger, Richard Buser, Irène Bruneau und Maria D’Alessandro: Der ehemalige Amtsbezirk Wangen; Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2018, in der Reihe: Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern Land, Band V; Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 136, 238ff)
Die östlich des Städtlis gelegene Gewerbevorstadt hat ihren Ursprung in der Siedlung der Propstei mit ihren Ökonomie-Bauten südlich der Kirche. Seit dem 13. Jahrhundert kanalisierte Bachläufe der Oesch bildeten u.a. den Hauptkanal des Mühebachs. Die Mühle war ein Lehen der Propstei und später in Berner Besitz. Nebst dem Mühlebetrieb sind aus späterer Zeit nachgewiesen eine Sägerei, eine Schleife, Reibe und Stampfe, eine Färberei und Wollwalke sowie eine Ziegelhütte und eine Schlosserschmiede. Die 1777 neu errichtete Mühle an der Weihergasse 4 ist einer der letzten Neubauten des alten Gewerbeviertels und beherbergte nach 1812 eine Öle und Schleife und später eine Bürstenfabrik. Sie dient seit der Renovation 1984 als Kirchgemeinderaum und Katechetik-Zimmer.
Die Webseite Kirchenvisite stellt in Text und Bild alle 303 reformierten Kirchengebäude im Gebiet der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn vor. Sie hat zum Ziel, den reichen Kulturschatz, den diese Gebäude darstellen, für die Öffentlichkeit zu dokumentieren. Die Webseite bietet den Besucherinnen und Besuchern die für ihren Kirchenbesuch hilfreichen Informationen. Jede Kirche wird in einem Kirchenporträt auf einer eigenen Seite vorgestellt, hier unsere Kirche von Wangen an der Aare.
Die Kirche von Wangen an der Aare erhielt ihre erste Orgel erst 1880 – offenbar war der Gemeindegesang so gut, dass man lange Zeit auf diese Unterstützung verzichten konnte. Das kleine Instrument mit 12 Registern wurde von den Gebrüdern Klingler in Rorschach gebaut; 1932 ersetzte man es durch ein Instrument von Kuhn, Männedorf, mit 18 Registern. Zwar hatte damals die Rückbesinnung auf die Prinzipien des barocken Orgelbaus bereits eingesetzt, doch blieben die meisten Instrumente aus diesen Jahren auf halbem Wege stecken und vermochten auf die Dauer weder klanglich noch technisch zu befriedigen.
1982 errichtete die Orgelbaufirma Mathis (Näfels GL, heute in Luchsingen GL) das jetzige Instrument mit 25 Registern. Sie ist eine jener Schweizer Orgelbaufirmen, die wichtige Instrumente nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland gebaut haben, so etwa die «Sonnenorgel» in Görlitz.
In den 1970er und 1980er Jahren war der am Barock orientierte Orgelbau auf seinem Höhepunkt. Man suchte den schlanken, brillanten Klang auf Kosten der Gesanglichkeit und der Grundierung des Klangs, manchmal bis zu extremer Lautstärke und Schärfe gesteigert. Die Wangener Orgel ist eine der ersten, die hier eine Korrektur angebracht hat.
Die Disposition, also die Auswahl und Verteilung der Register, liegt durchaus in der Linie der barocken Tradition, speziell des «Werkprinzips»: Die Orgel besteht aus drei Teilen, die jeder für sich eine komplette kleine Orgel darstellen, mit einer Registerpyramide von den tiefen bis zu den hohen Stimmen und mit stärkeren und leiseren Registern. Das ist von außen gut sichtbar: Das große Gehäuse auf der Empore ist das «Hauptwerk», das kleine in der Emporenbrüstung heißt «Rückpositiv». Beide werden von einer eigenen Klaviatur, den «Manualen», aus gespielt, können aber auch zusammengekoppelt werden. Hinter dem Hauptwerk stehen die Pfeifen des Pedals, die Bassstimmern der Orgel, die mit den Füßen gespielt werden. Alle Übertragungen sowohl von den Tasten zu den Pfeifen wie von den Registerzügen zu den Registern sind rein mechanisch und damit sehr funktionssicher.
Entscheidend für die Qualität ist die «Intonation», die Klanggebung der einzelnen Register. Hier haben die Orgelbauer auf einen weicheren und vokalen Klang gesetzt, dem trotzdem Kraft und Glanz nicht abgehen. Dies und die verhältnismäßig gute Ausstattung des Hauptwerks mit Registern in der Grundtonlage (eines sogar eine Oktave darunter) ermöglicht bis zu einem gewissen Grad auch die Realisierung von Werken aus der Romantik, einer Epoche, die damals allmählich für die Orgel wieder entdeckt wurde. Damit gehört die Wangener Orgel nicht nur zu den klangschönsten, sondern auch zu den vielseitigsten mittelgroßen Instrumenten weitherum.
Prof. Dr. Andreas Marti