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Auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen der Erwachsene wie Hemingway's alter Fischer stolz war auf die "deep wrikles in the back of his neck"11 und sich aus ihnen die auf Ernst Jünger zurückgehende Kriegsweisheit that a man can be destroyed, but not defeated zurechtlegte: er rechnet sich noch immer viel darauf aus, vom Leben gezeichnet zu sein. Allerdings scheut er sich nicht, jenen Falten mit einer Intensiv-Creme vorzubeugen, und das Leben an sich und überhaupt, gibt er unumwunden zu - und wie könnte er es nicht zugeben, wenn er nur den grossen Lehrer seines Psychoanalytikers zu wiederholen braucht? -, "das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns"12.
"Alle Einrichtungen des Alls widerstreben" der kindlichen Anstrengung, das Glück zu suchen, schreibt Freud13. Doch die Frage, die sich aus dieser Erkenntnis reflexartig aufdrängt, die nach dem Wozu sind wir überhaupt da, wenn nicht um glücklich zu sein? oder philosophischer ausgedrückt nach dem Sinn des Lebens, diese Frage glaubt er sich berechtigt, von sich und in die Sphäre der Religion weisen zu dürfen, nur weil sich keine simple Antwort darauf geben lässt. Nicht Glück, nur Leidvermeidung bleibt ihm als oberste Maxime übrig, nachdem das Programm des Lustprinzips der Undurchführbarkeit überführt wurde.
Freud nennt drei Quellen, aus denen Leid zu entspringen droht:
Und drei Wege, auf denen ihm ausgewichen werden kann:
Es soll nur im Vorbeigehen die polemische Frage aufgeworfen werden, wie es denn kommen kann, dass ein Wesen, das eine Evolution von Jahrmillionen hinter sich hat, sein eigenes Wesen, dass es vergänglich und die Natur mächtiger als es ist, als Quelle des Unglücks erleben kann? Oder ob es sich bei diesem Erleben nicht bereits um eine Ausweichbewegung, eine Ablenkung von der urprünglichen Unglücksquelle handelt?
Wir lassen diese Frage unbeantwortet stehen und konstatieren als Kontrast zu ihr, dass es Freud als besonders gelungene Form der Leidvermeidung betrachtet, wenn der Mensch "als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik zum Angriff auf die Natur übergeht"14. Er steigert sich noch so weit, das Loblied der Berufsarbeit anzustimmen: "Keine andere Technik der Lebensführung bindet den einzelnen so fest an die Realität"15. Kein Gedanke ist es ihm wert, dass gerade diese Realität die Quelle von nicht wenigen Leiden ist, von der immer drohenden Arbeitslosigkeit, über die Unfallgefahr am Arbeitsplatz und auf dem Weg dorthin, bis zu Herzinfarkt und Krebs, den Spätfolgen von einseitiger Belastung und dem Ausgesetztsein an Schad- und Giftstoffe. Nein, im Gegenteil entdeckt er die Ursache der "schwierigsten sozialen Probleme" in der "natürlichen Arbeitsscheu der Menschen".
Doch Freud will in seiner Abhandlung keine Ratschläge zur Lebensführung erteilen. Er nennt ein paar Grundprinzipien, alle nur Wiederholungen dessen, was im landläufigen Bewusstsein die gesunde Einstellung dessen ausmacht, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Sein "jeder muss es selbst versuchen"16 erinnert nicht zufällig an die Reden des John Kabys in der Erzählung eines ihm bestimmt nicht unbekannten zürcher Schriftstellers: "Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein Glück!"17, jenes John Kabys, welcher, völlig im Einklang mit Freud, nach langen Irrwegen durch die natürliche Arbeitsscheu die Erfüllung seines Lebens in der Leitung einer Nagelschmiede findet, in der zwei oder sogar drei verschiedene Nägel produziert werden. Der Erfolg der Lebenskunst, bringt Freud diese Prinzipien auf den Punkt, hängt letztlich von der "Fähigkeit der psychischen Konstitution" ab, "ihre Funktion der Umwelt anzupassen"18.
Dass diese Umwelt als Natur es sehr wohl verdient, dass ihr der Krieg erklärt wird, wurde erwähnt. Um so erstaunlicher, oder vielmehr völlig konsequent für Freud ist es, dass er die andere Gestalt der Umwelt, die menschliche Gesellschaft, von jeder Möglichkeit einer Umformung ausnimmt. Der Mensch kann es zwar versuchen, diese Welt, die Realität umschaffen zu wollen, er "wird in der Regel nichts erreichen; die Wirklichkeit ist zu stark für ihn. Er wird ein Wahnsinniger."19 Weil das Hier und Jetzt der Massstab ist, erscheint der hier und jetzt stattfindende Krieg gegen die Natur - Kahlschlag, Leerfischung, Ausrottung - als das Gesunde und das Aufbegehren gegen die Gesellschaft, die diesen und noch andere Kriege führt, als der Wahnsinn. Vollends glücklich soll sich nur der Angehörige jener Elite schätzen können, der die Möglichkeit des Kunstgenusses offen steht: er "vermag für vieles zu entschädigen"20.