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Beobachtung
0. Beobachtung nehmen wir als Letzt- oder Leitbegriff, der immer vorausgesetzt ist.
0.1. Man könnte sagen: Sobald dieser Begriff im Spiel ist, bedingt er - sich selbst. Es gibt dann keinen Fall mehr, in dem er sich erübrigt, also auch nicht den Fall, daß man über Beobachtung beobachtungsfrei reden könnte.
0.1.1. Es gibt auch keinen historischen Fall, in dem sich nicht - retrospektiv - die Spur der Beobachtung findet, nachdem die Bewandtnisse der Beobachtung bekannt geworden sind.
0.2. Die Welt, wie sie für Sinnsysteme vorkommt, ist beobachtete Welt. Auch der Satz, daß Beobachtung ein Letztbegriff ist, ist der Ausdruck einer Beobachtung. Deswegen ist es gerechtfertigt, zu sagen, daß jede Theorie der Beobachtung (wiewohl sie selbst nichts weiter als der Ausdruck von Beobachtungen ist) eine Theorie der beobachteten Welt sein muß und selbst eine Form der Beobachtung ist. Sie ist nicht ohne die Paradoxien der Selbstreferenz zu haben.
0.2.1. Daß man dies eigens sagen und bekräftigen muß, ist überaus verwunderlich. Es kann ja nicht nur um letzte Abwehrscharmützel gegen eine ontologische Weltauffassung gehen. Ernsthaft wird niemand bestreiten wollen, daß auch Aussagen über Seiendes, über Sein und Wesen von jemandem getroffen werden, der in diesen Schemata beobachtet. Sobald man dahin gelangt ist, den Einsatz dieser Beobachtung zu beobachten, wird Ontologie historisch oder anachronistisch, es sei denn, man einigt sich auf den Ausdruck "fungierende Ontologie" und meint damit, daß solche Ontologien jederzeit und ausnahmslos auf der Beobachtungsebene erster Ordnung eingerichtet werden.
0.2.2. Fungierende Ontologien haben dabei nicht weniger Dignität als Ontologien, wie sie die Metaphysik entwickelt hat. Man sagt ja nicht, daß im Augenblick, in dem die Welt am Haken der Beobachtung aufgehängt wird, von nun an Sterne, Blumen und Menschen nur noch als Chimären begriffen werden können. Der Konstruktivismus dieses Typs redet keineswegs über Phantasmen. Fungierende Ontologien können einen hohen Grad an sozialer und psychischer Verbindlichkeit erreichen.
<ip-pii>. Diese Theorie (und diese Spielart des Konstruktivismus) macht mithin keinerlei Geheimwissen geltend. Sie redet nicht über Arkana, sie ist, insofern sie sich selbst als Beobachtungsleistung auffasst, erzhescheiden. Vor allem spricht sie nicht über das Leben und darüber, wie es zu leben sei, schon gar nicht, wie es richtig zu leben ist, denn sonst müßte sie einen transzendentalen Beobachter aus dem Hut zaubern.
0.3. Von einem Letztbegriff zu reden, ihn hervorzuheben, ist nur deshalb wichtig, weil mit dem Wort „Beobachtung“ eine bestimmte Form der Weltkonstruktion indiziert ist. In gewisser Weise geht es um ein Bekenntnis, mit dem festgelegt wird, daß man nicht bereit ist, diese Form zu vergessen, die besagt, daß (um nahe an SpencerBrown zu formulieren) Universa entstehen durch Unterscheidungs- und Bezeichnungsleistungen. Adam und Eva bezeichnen und unterscheiden, was da kreucht und fleucht - und so kommt es ins Spiel. Und Adam und Eva sind selbst nicht anders ins Spiel gekommen, auch die Schlange nicht und nicht der Teufel - und schon gar nicht: Gott.
0.3.1. Auch eine durch Theorie informierte Hypothese über Beobachtung ist Beobachtung.
<ip-pii>. Wenn jemand sagt, daß die Struktur des neuronalen Systems der eigentliche Beobachter sei, der jede Art von Beobachtung formiere, ist dies nichts weiter als selbst ein Satz, der eine Beobachtung ausdrückt. Das heißt nicht, daß ein Fehler geschehen ist, sondern nur, daß jemand, der sich für Beobachtung interessiert, mitsehen muß, daß jeder Satz der Ausdruck einer Beobachtung ist.
0.3.2. Beobachtung ist in dieser Funktion eine Art Memento-Begriff. Man kann nicht laufend darauf hinweisen, daß alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird, aber ohne dieses Implikat wäre die Theorie nur eine weitere Form der Metaphysik. Beobachtung muß immer hinzugedacht werden, wenn sie auch oft sprachlich weggekürzt wird. Eine gute Theorie wäre eine, die diesen Punkt immer wieder im Stile einer Wiedervorlagemappe in Erinnerung bringt.
0.4. Man könnte einwenden, daß der Letzt- und Leitbegriff der Systemtheorie eigentlich das SYSTEM sei, aber man würde schnell darauf stoßen, daß BEOBACHTUNG und SYSTEM gleichsam ko-extensiv oder zirkulär miteinander verquickt sind. Das System ist ja selbst der Effekt der Unterscheidung eines Beobachters (System/Umwelt), der sich auf Grund dessen, was diese Unterscheidung besagt, für etwas halten muß, das unter diese Unterscheidung fällt.
0.4.1. Das ist jedenfalls gemeint, wenn man von einer Minimalontologie der Systemtheorie spricht. Observatum est, ergo: Es gibt Systeme.
<ip-pii>. Allerdings muß darauf geachtet werden, daß es auf das Wort „Geben“ im Sinne von Existieren nicht weiter ankommt. Es verschafft keine zusätzlichen Informationen. Ob etwas ist oder nicht ist, ist nicht entscheidbar. Deshalb wird darüber entschieden - sozusagen fallweise, sozial und psychisch.
<ip-pii>. Es ist freilich für eine Theorie - sozusagen vom Sil her - nicht unwichtig, dass sie über die Existenzbehauptung ein Moment der Relevanz einführt. In gewisser Weise "bindet" sie sich.
<ip-pii>. Sie sagt, daß sie es mit Realität zu tun hat, aber das heißt nur, daß sie um die Effekte der Beobachtungsebene erster Ordnung nicht herumkommt.
0.4.2. Der Begriff „Unbeobachtbares“ ist Moment einer Beobachtung. Es macht keinen Sinn, von beobachtungsfreiem Wissen zu sprechen. Wenn jemand sagt, daß er ein Wissen hat, das nicht auf (zitierfähigen) Unterscheidungen beruht, zitiert er Beobachtungen, die die Einsicht in die Unvollständigkeit jeder Beobachtung wiederholen. Er zitiert ein »Je ne sais quoi!«, ein »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten!« etc.
<ip-pii>. Wir wissen nichts über unbestimmte Kopfzustände, es sei denn, sie werden beobachtet, und sei es: als Zustände, die als unbestimmt bezeichnet werden.
<ip-pii>. Entsprechend der Unterscheidung, mit der wir die Theorie in Gang gesetzt haben, ist es also müssig, darüber zu spekulieren, was die Welt ist, wenn sie nicht beobachtet wird. Die Spekulation ist ja schon Beobachtung.
0.4.3. Unvollständigkeit, das soll nicht bedeuten, daß es jenseits von Beobachten noch etwas gebe, das durch Beobachten nicht erreicht wird, sondern nur, daß Beobachter wissen können, daß sie mit jeder Beobachtung ihre Beobachtungswelt „aufblasen“ und nicht: transzendieren. Insofern ist mit der Beobachtungstheorie die Annahme der Immanenz von Beohachtung unausweichlich.
0.4.3.I. Immanenz/Transzendenz ist deshalb eine immanente Unterscheidung. Die Einheit der Unterscheidung ist Immanenz.
0.4.4. Unbeobachtbarkeit ist nicht die Eigenschaft von irgendetwas. Es sei denn, man pflegt einen naturalen Beobachtungsbegriff. Bestimmte Dinge können weder gesehen noch gehört, weder gerochen noch gespürt, ja nicht einmal gemessen werden. Aber sie sind beobachtet, wenn sie unterschieden und bezeichnet sind. Auch hier kommt es nicht darauf an, ob es sie gibt oder nicht gibt. Engel können in diesem Sinne so locker beobachtet werden wie zum Beispiel die Liebe. Denn die Beobachtung erzeugt, was sie beobachtet.
<ip-pii>. Das ändert nichts daran, dass das, was als Beobachtetes erscheint, Wirkungen entfaltet - bis hin zu massiv wirksamen Ontologien. Das ändert auch nichts daran, daß jemand - schadlos - sagen kann, da sei irgendetwas, das mit der Beobachtung korreliere, ein Tatbestand, ein Sachverhalt, ein Ding. Entscheidend ist, daß er auch dies nur beobachten kann. Tatbestand, Sachverhalt und Ding sind bezeichnungs- und unterscheidungsgebunden.
<ip-pii>. Ein Einwand könnte lauten: es gebe doch andere Weisen des Realitätskontaktes, die Sinne, das Gefühl, den Schmerz, die Lust. Aber hier ist die Rede von Systemen, die all dies registrieren und in die Form von Sinn bringen, also von Bewußtseins
<ip-pii>.1. Blumen "verwelken" nur für Beobachter.
0.4.5 Körperzustände sind bewußt, wenn sie vom Bewußtsein beobachtet werden. Sie sind sozial, wenn sie kommunikativ unterschieden und bezeichnet werden. Sie haben jenseits dieser Operation Beobachtung für Sinnsysteme keine Bedeutung, vielleicht allenfalls als Sinnlücke, die die beobachtende Registratur dessen, was in der Lücke „erscheinen“ soll, herbeizwingt
<ip-pii>. Die Sinnlücke ist aber nichts, was von außen in das System eingeschossen wird. Sie ist Lücke nur, wenn sie beobachtet wird. Sie fällt nicht aus der Beobachtung heraus. Sie ist ihr Produkt.
0.4.6. Entgegen anderslautenden Annahmen kann man deshalb auch formulieren, daß man Systeme oder Kommunikation oder Bewußtsein beobachten kann. Daran kann man wieder nur zweifeln, wenn man Beobachtung als Leistung eines Subjekts auffasst, das einer wirklichen Welt gegenübersteht, die es auch ohne Beobachtung gäbe. In einer solchen Welt hätten nur wenige Leute wirkliche Engel gesehen.
<ip-pii>. Aber wir verhandeln nicht über das Sein einer wirklichen Welt, die unbeobachtet existiert. Und zwar: weil wir wir - beobachtend - nur immer Beobachtungen finden. Wirklichkeiten sind Beobachtungsresultate. Wenn gesagt wird, hinter diesen Resultaten sei etwas wirklich Wirkliches oder auch nur eine Leere, ein All-Eines etc., schnappt erneut die Falle der Ontologie zu.
<ip-pii>. Das soll abermals nicht bedeuten, daß hier über Wirklichkeiten wie über Phantasmen gesprochen wird. Es geht nicht um eine Theorie des Scheins, der Illusion. Beobachtungsresulate können sich mit anderen Resultaten so verketten, daß strukturfähige Dauern (fungierende Ontologien) entstehen, die weitere Beobachtungen formieren. Die Aussage, daß diese Dauern die Eigenschaft des Seins haben (oder nicht), fügt wiederum dieser Annahme keine weiteren Informationen hinzu.
<ip-pii>.1. Diese Aussage kann aber selbst Teil einer fungierenden Ontologie sein.
<ip-pii>. Es genügt, daß - wie wir gesagt haben
0.5. Die alte Frage lautet, wer der Beobachter ist. Zunächst und vor allem ist er das Artefakt einer Zurechnung von Beobachtungen auf jemanden oder etwas
0.5.1. Der Beobachter (dieser Projektionsschirm der Zurechnung von Beobachtungen) wird als Einheit genommen, die sich in sich selbst von sich selbst unterscheiden kann und sich selbst von allem anderen. Der Begriff für diese Einheit ist: Sinn-System.
<ip-pii>. Von Sinn-Systemen her kann auf Systeme geschlossen werden, die sich allenfalls rudimentär in sich selbst von anderem unterscheiden. Das psychische System von Tieren, die über organisierte Wahrnehmung verfügen, wäre ein Beispiel.
0.5.2. Wenn man annimmt, daß die Welt Beobachtungswelt ist, kommt man um die Annahme sich selbst unterscheidender Einheiten nicht herum. In diesem Sinne ist der Begriff Beobachtung mit dem Begriff System ko
<ip-pii>. Es ist sehr schwer, sich Beobachtung quellenfrei vorzustellen. Unsere Vorstellung von der Beobachtungswelt ist die einer quasi mit Autoren der Beobachtung durchpunkteten Welt. Es scheint orientierungsnotwendig, allenthalben Subjekte zu unterstellen, die dies tun: unterscheiden/bezeichnen, mithin: beobachten. Auch wir werden immer vom Beobachter sprechen, dies aber eingedenk des Umstandes, daß sich diese Zurechnung unter den Bedingungen dieser (Beobachtungs)Welt nicht vermeiden lässt.
0.6. Das Problem ist, daß die Einheit, der die Funktion der Beobachtung unterstellt und der Name System gegeben wird, als Einheit einer Differenz zu begreifen ist. Wer Systeme beobachtet (bezeichnet), tut dies im Rahmen einer Unterscheidung: System/Umwelt. Das System ist diese Differenz.
0.6.1. Da die Einheit der Differenz System/Umwelt im Wege des re-entry der Differenz selbst entnommen wird (System = System/Umwelt), ist die Selbsterrechnung des Systems (des Beobachters) die Errechung eines imaginären Wertes. Der Beobachter ist: imaginär. Man trifft ihn nicht an, wie man Leute antrifft. Er ist weder Sie noch Er.
0.6.2. Wenn der Begriff Beobachtung und der Begriff System ko-konstitutiv sind, dann ist auch das System, insofern es als Beobachter beobachtet wird, der Ausdruck für einen imaginären Wert.
0.6.2.I. Imaginär heißt aber wiederum nicht: irreal und folgenlos. Es geht nicht darum, die Realität auf der Basis von Entitäten (wie Systemen oder Beobachtern) abzubilden.
<ip-pii>. Es ist bekannt, daß man offensichtlich mit imaginären Werten rechnen kann.
0.6.3. Weder System noch Umwelt sind separable Entitäten. Man kann zweifelsfrei, wenn entsprechende Interessen verfolgt werden, System und Umwelt als separate Gegebenheiten aufgreifen, aber muß dann in Kauf nehmen, daß die Differenz vergessen wird. Ein anderer Ausdruck dafür wäre, daß man sich Ontologien einhandelt und deswegen kontingente Beobachtungsmöglichkeiten verliert.
0.6.4. Wird auf die Rückversicherung in Ontologie verzichtet, bleibt das System als Differenz. Es ist (wie jede Differenz) kein Ding, kein Subjekt, kein Objekt, keine Festigkeit. Außer für einen Beobachter ist es: nichts. Systeme (immer als Differenz) entziehen sich deshalb der Wahrnehmung. Noch nie hat jemand ein System gesehen. Der Ausdruck >Unjekt< steht für dieses Problem.
<ip-pii>. Das Bewußtsein (als System genommen, das uns so nahe liegt wie sonst nichts) ist nicht sichtbar, nicht greifbar, nicht lokalisierbar, es ist aber auch nicht unsichtbar. Es hat keine Eigenschaft oder Qualität, die wir mit Wahrnehmungsbegriffen fassen könnten. Wenn es System ist, ist es Differenz. Sobald wir ihm Eigenschaften zusprechen, beobachten wir forciert, also differenzvergessen und ontologisierend. Das verhält sich nicht anders mit Sozialsystemen.
<ip-pii>. Man kann aber ohne weiteres sagen, daß diese forcierte Beobachtung unseren typischen Weltkontakt formiert. In der Sprache der Systemtheorie wird dies durch den Satz formuliert, daß jede Beobachtung (welcher Ordnung immer) auch eine Beobachtung der ersten Ordnung ist, die uns Etwas vorführt, eine Welt der Dinge und Verhältnisse, in der wir existieren. Selbst wenn ich sage »die Differenz«, bin ich an dieses Gesetz gebunden.
0.6.5. Die Beobachtungswelt ist Reifikationswelt. Das macht sie aber keineswegs illusionär oder phantasmatisch. Wenn man das sagen wollte, müßte man erneut hinter der Beobachtung eine andere, echt wirkliche Welt vermuten. Die Reifikationswelt ist äußerst real in dem Sinne, daß sie sich nicht austauschen oder hintergehen lässt.
<ip-pii>. Das schließt nicht aus (besondere Erkenntnisinteressen vorausgesetzt), genau dies zu sagen, also die Dinge und ihre Lagen, die Subjekte und Objekte, von denen die Rede ist, mit einem Index zu versehen, der in Erinnerung ruft, daß all diese Hypostasierungen an konditionierten Beobachtern hängen, deren Operationen reifizierend . wirken. Deshalb lässt sich formulieren, daß wir in je fungierenden Ontologien hausen.
<ip-pii>. Auch der Beobachter ist in einer solchen Ontologie situiert. Er ist das Produkt einer verdinglichenden Zurechnung. Dieses beobachtungs-formbedingte Problem tritt ausnahmslos auf. Es gibt keine von ihm unabhängige Erkenntnis.
<ip-pii>. Jede Beobachtung ist Beobachtung von Etwas, das durch die Beobachtung konditioniert wird. Klassisch würde man dies als Begründung dafür nehmen, daß es keine absolute Erkenntnis gibt. Hinzugefügt werden muß, daß dies für alle beobachtungsgenerierten Sätze gilt, also auch für jeden einzelnen Satz dieser Untersuchungen. Deswegen werden Theorien präferiert, die in dieser Hinsicht Selbstreferenz entfalten können. Sie sind universal, insofern sie sich nicht aus dem Spiel der Beobachtung entlassen. Sie halten also performative Widersprüche aus wie den, der soeben stattgefunden hat.
<ip-pii>. Es geht um Theorien, die nicht die Welt aus den Angeln heben, also um Theorien sozusagen ohne einen archimedischen Punkt.
0.7. Die Theorie der Beobachtung setzt den Beobachtungsbegriff so abstrakt an, daß er nicht allein auf psychische Systeme bezogen werden muß. Beobachtung wird als eine Operation begriffen, die Unterscheidung und Bezeichnung in einem Zeitzug zusammennimmt. In ereignisbasierten (autopoietischen) Systemen erzeugen Beobachtungen die Ereignisse, indem sie sie bezeichnen und damit unterscheiden. Oder anders formuliert: Beobachtungen reproduzieren Beobachtungen.
0.7.1. Beobachtung ist primär eine separierende Operation. Sie kommt nicht zustande ohne Unterscheidung. In diesem Sinne ist das Beobachtete immer ein Unterschiedenes. Die Dinge und Lagen der Welt mögen sein, was immer man will .
0.7.2. Jene Separation findet statt in einem einzigen Zug der Bezeichnung.
0.7.3. Indem bezeichnet wird, wird unterschieden. Die Bezeichnung erzeugt das Unterschiedene. Sie markiert. Sie richtet einen Unterschied ein, den ein Beobachter als Unterscheidung bezeichnen kann (nicht: muß).
<ip-pii>. Wir würden also nicht von einem Akt der Unterscheidung sprechen. Man kann nicht unterscheiden, ohne zu bezeichnen. Niemand kann einfach nur: unterscheiden. Also ist das »Draw« in der Spencer-Brownschen Anweisung »Draw a distinction« zentral. Deshalb wäre eine Ubersetzungsmöglichkeit: »Bezeichne - und du wirst unterschieden haben!«
<ip-pii>. Es macht keinen Sinn, von Unterscheidungen zu reden, ohne von Bezeichnungsleistungen auszugehen, und ebenso macht es keinen Sinn, von Bezeichnungen auszugehen, ohne Unterscheidungsleistungen in Anschlag zu bringen.
0.7.4. Die Bezeichnung ist die Operation, die Unterscheidungen aufblendbar macht.
<ip-pii>. Die Bezeichnung erfordert ein Motiv oder besser: ein Movens. Dies drückt sich in der "Knickstelle" der Spencer-Brownschen Häkchen aus. Die Bezeichnung ist, wenn man so will, das treibende Moment. Man muß die Unterscheidung - treffen, aber man trifft sie nicht an, außer: Man trifft sie.
<ip-pii>. Oder anders: In einer Theorie, die strictissime auf Operation setzt, gibt es keinen vorausgesetzten Bestand von Unterscheidungen, die man anwählen könnte, um dann die eine oder andere Seite dieser Unterscheidungen zu bezeichnen. Das Arrangieren von Unterscheidungen ist ein operatives Arrangieren von Bezeichnungen. Allein der Umstand, daß sich singuläre Beobachtungsoperationen nicht denken lassen, kann den Eindruck erwecken, es gebe einen Bestand, auf den sich zugreifen ließe.
0.7.5. Die Form der Bezeichnung ist die Form der Beobachtung, da weder Unterscheidung noch Bezeichnung unabhängig voneinander in Bewegung gesetzt werden können.
<ip-pii>. Insofern ist, wenn man Raumunterscheidungen schätzt, Beobachtung immer asymmetrisch. Beobachtung ist ausnahmslos Bezeichnung von Etwas. In diesem Verständnis ist die Bezeichung einer Unterscheidung ebenfalls eine Bezeichnung von Etwas. Das ist der Grund dafür, zu sagen, daß jede Beobachtung (gleich, was sie an Beobachtetem produziert) immer auch eine Beobachtung der ersten Ordnung ist.
<ip-pii>. Beobachtung als Leistung steht ausschließlich im Kontext von Informationsverarbeitung. Sie ist nur systemisch möglich.
<ip-pii>. Beobachtungen sind doppelt beobachtbar: als Momente des Systems, das sie realisieren, und als Elemente, in denen Etwas unterschieden und bezeichnet wird. Diese doppelte Beobachtbarkeit (the same is different) begründet den Unterschied von Fremd- und Selbstreferenz.
0.7.6. Bei jeder Beobachtung ist ein Beobachter vorausgesetzt als Ausdruck dafür, daß die Beobachtung generiert wird
<ip-pii>. Man könnte auch sagen: Das ungeschriebene Kreuz (unwritten cross) jeder aktuellen Beobachtung ist der Beobachter.
<ip-pii>. Oder: In einer operativ angesetzten Theorie wird mit dem Nomen "Beobachter" der Umstand bezeichnet (!), daß Beobachtungen nicht sich selbst betreiben, wobei zugleich gilt, daß wir nichts anderes finden als Beobachtungen, so daß der Beobachter nur als Beobachtung (und nicht etwa als er selbst) anfällt.
<ip-pii>. Insofern wäre die Suche nach dem Beobachter eine Unendlichkeitsaufgabe vom Typ Sysiphus und etwa so absurd wie die Suche nach einem Selbst oder einem Ich. Der Beobachter kann also nur durch Beobachtungen konstruiert werden - auf allen denkbaren Ebenen seines Nichtauftretens.
<ip-pii>. Wenn der Beobachter konstruiert wird als jemand, der hinter seinen Operationen verschwindet, ist auch diese Aussage die Konstruktion eines Beobachters. Der Beobachter steckt nicht dahinter. Er ist nicht etwas, was sich entzieht, denn er hat kein Wesen, keine Substanz, kein Sein, das sich bestimmen ließe. Er ist vielmehr, wie wir schon gesagt haben, der Name eines imaginären Wertes.
<ip-pii>. Einen Beobachter könnte man nur dann >wirklich< vorfinden, wenn wir den "Raum" (bei Maturana: das Substratum) beobachten könnten, in dem Beobachtungen existieren. Aber dazu müßte es möglich sein, zu beobachten, ohne zu beobachten.
<ip-pii>. Aus all diesen Gründen lässt sich folgern, daß der Beobachter nicht "angreifbar" ist in jedem Verständnis dieses Wortes.
0.8. Zum Glück genügt es, den Beobachter als eine Zurechnungskonvention aufzufassen. Wiederum ist es unwichtig, ob es ihn gibt oder nicht gibt. Der Befund, von dem alles Weitere abhängt, ist, daß auf Beobachter zugerechnet wird, wenn Beobachtungen registriert werden, und: daß die Instanz der Registratur (die eine Konkatenation von Beobachtungen und insofern System ist) sich ebenfalls als Beobachter gleichsam ausweist oder ausgewiesen wird. Dabei muß das Imaginäre dieser Zurechnung typisch nicht mitausgewiesen werden.
0.8.1. Für den Beobachter (den wir ein System nennen) gilt, daß er - indem er operiert - sich auf der einen, der bezeichneten Seite seiner Unterscheidung bewegt und daß nur eine Beobachtung oder Selbstbeobachtung an einer anderen Zeitstelle zeigen kann, daß die eine Seite der Unterscheidung nur die eine ist, weil es eine andere Seite gibt, die im Moment des Vollzugs der Bezeichnung (der ehedem stattfand) nicht mitbezeichnet werden konnte.
0.8.2. Die Einheit der Unterscheidung "verdunstet" im Augenblick ihres Vollzuges. Das ist gemeint, wenn man die Metapher des blinden Flecks einsetzt, um zu sagen, daß man nur sieht, was man sieht, und nicht sieht, was man nicht sieht, und nicht einmal sieht, daß man nicht sieht.
0.8.3. Die Beobachtung ist immer auf der Seite der Beobachtung, so wie Leben immer nur auf der Seite des Lebens ist und nicht Leben im Zustand des Todes sein kann.
<ip-pii>. Wenn beobachtende Systeme nur Systeme in actu, nur Systeme im Vollzug aktueller Operationen sind, ergibt sich, daß keine Operation irgendeines Systems die Welt erklären oder gar aufklären kann. Auch eine Operation, die jemand vernünftig nennt, ist eine einseitige Operation, die die Unvernunft als Gegenseite ausschließt und mitführt zugleich.
0.8.4. Auf der Beobachtungsebene erster Ordnung steht die Welt, die durch Beobachtungen inszeniert wird, außer Frage. Wie komplex Beobachtung auch immer werden mag, sie ist Beobachtung von Etwas, das im Moment der Bezeichnung als nicht fraglich behandelt wird. Wenn beobachtet wird, fällt unausweichlich diese Art von Realität an, der niemand entkommen kann, wie revidierbar sie schon im nächsten Moment erscheinen mag. In jeder Aktualität findet sich für die Operation der Beobachtung keine Revisionsmöglichkeit. Es geschieht, was geschieht. Und: Was geschieht, geschieht unaustauschbar.
0.8.5. Die Fraglichkeit der Welt wird instituiert auf der Beobachtungsebene der zweiten Ordnung. Sie ist ein Effekt des Umstandes, daß man Beobachtungen daraufhin beobachten kann, welchen Unterscheidungen sie sich verdanken.
0.8.6. In der Beobachtung zweiter Ordnung wird ein Beobachter konstruiert, der etwas auf Grund von Unterscheidungen sieht, und: Diese Unterscheidungen werden beobachtet.
0.8.6.I. Diese Unterscheidungen werden durch Bezeichnungen beobachtet, im Nacheinander von Bezeichnungen. EINE Unterscheidung lässt sich nicht beobachten außer durch sequentielle Bezeichnungen der Unterscheidungsseiten. Man muß zum Beispiel Mann/Frau nacheinander schreiben, wenn man sie einmal unterscheiden will.
<ip-pii>.1. Deswegen setzt die Beobachtung zweiter Ordnung ein Gedächtnis voraus, das in der Simultaneität vorher/nachher unterscheiden und das Vorher zitieren kann.
<ip-pii>. Festzuhalten ist auch hier, daß die Unterscheidungen, die anhand eines konstruierten Beobachters beobachtet werden, nicht die eines beobachteten Objektes sind, sondern die des Beobachters, der einen anderen Beobachter konstruiert.
<ip-pii>. Der Beobachter zweiter Ordnung baut also eine Welt, in der Beobachter vorkommen, die andere Unterscheidungen haben als er selbst. Da er die anderen Beobachter auf die anderen Unterscheidungen hin beobachtet (und das von sich aus tut), wird die Unterscheidungsabhängigkeit jeder Beobachtung sichtbar. Die Welt der Beobachter zweiter Ordnung ist die der Einsicht in die "Standortabhängigkeit" dessen, was als Beobachtungs-leistung zustandekommt.
<ip-pii>. Der Beobachter zweiter Ordnung ist mithin (als System gesehen) ein lernender Beobachter. Er lernt mindestens dies, daß er
<ip-pii>.1. Wenn man den unscharfen Ausdruck "Lernen" vermeiden will, könnte man formulieren, daß der Beobachter zweiter Ordnung durch Kontingenzerfahrung bzw. Kontingenzkommunikation sozialisiert wird.
<ip-pii>. Die Welt, in der Beobachtung zweiter Ordnung eingeführt ist, wird zum Medium, das die unterschiedlichsten Beobachtungseinschnitte zulässt und dabei die unterschiedlichsten Formbildungen erträgt. Sie wird rekonstruierbar auf der Basis von Kontingenz in dem Sinne, daß alles, was dabei an Form entsteht, weder als notwendig noch als unmöglich beobachtet wird.
0.8.7. Die Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet Unterscheidungen, und sie unterscheidet Unterscheidungen von anders möglichen Unterscheidungen.
<ip-pii>. Sie unterscheidet also ZweiDer Beobachter zweiter Ordnung beobachtet also unter Zuhilfenahme einer doppelten Differenz.
<ip-pii>. Der unterstellte Beobachter wird, wenn man so will, als das Ding, das beobachtet, auf der Beobachtungsebene erster Ordnung festgelegt. Er wird als nicht fraglich behandelt. Fraglich wird, mit welcher Unterscheidung und welcher Bezeichnung dieses Ding beobachtet.
<ip-pii>. Die Bezeichnung der Unterscheidung, die dem beobachteten Beobachter angesonnen wird, ist eine aufwendige Zeitleistung. Sie kann die Bezeichnungsleistung des beobachteten Beobachters erst post festum als Leistung im Rahmen einer Unterscheidung "identifizieren", und sie kann eine Unterscheidung nicht als Ding fixieren (so als genüge es, ihre Barre zu sehen), sondern nur durch Oszillation zwischen den beiden Seiten dieser Unterscheidung erkennen. Schon sprachlich ist es so, wie wir gesagt haben, daß man Unterscheidungen, die man nennen will, nur nennen kann, wenn man ihre Seiten nacheinander nennt und dann zum Beispiel auf Gedächtnis setzt, das
<ip-pii>.I. Dennoch kann man das Bild benutzen, ein Beobachter habe eine Unterscheidung im Blick, aber dann setzt man das scanning der Wahrnehmung schon als Kompakteindruck an.
<ip-pii>. Die Einheit der Unterscheidung kann als Zeichen oder Symbol ins Spiel gebracht werden, ist aber, sobald sie so ins Spiel gebracht wird, . auf der Beobachtungsebene zweiter Ordnung diabolisch, da auf dieser Ebene in gewisser Weise nur differiert und nicht synthetisiert wird.
Peter Fuchs
Systemtheorie