Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/2612

Während der Ferien war ich in einem amerikanischen Haushalt zu Gast, dessen Küche mit allem ausgestattet war, was man je brauchen könnte. Ich machte mir meinen Cappuccino mit einer grossen, automatischen Espressomaschine aus graumetallenem Plastic. Dieses Gerät hatte jede Ähnlichkeit mit seinen dampfgetriebenen Vorfahren verloren. Es enthielt keinen Kessel, liess knackende Pumpgeräusche hören, als sei es ein Blutdruckmesser, spuckte Espresso und geschäumte Milch aus und fiepte, als alles fertig war.
Das Erlebnis war irgendwie enttäuschend, nicht wegen des Kaffees, den die Maschine produzierte (der war von hervorragender Qualität), sondern wegen der diffusen Verlogenheit ihres Designs. Die Art-déco-Gestalt des Geräts suggeriert eine massive Würde, und das Plastic, das um jeden Preis den Anschein von Metall erwecken will, wirkt eher wie Titan als wie Stahl. Doch sobald man mit dem Gerät zu hantieren beginnt, enthüllt es eine federleichte Seele. Wenn man die Seitentür öffnet, um Wasser nachzufüllen, springt es über den Tresen. Es fühlt sich plötzlich vollkommen hohl an – wie eine riesige Requisite in «Aida», die von einem einzigen Bühnenarbeiter hinweggetragen werden kann.
Hätte man das Gehäuse durchsichtig gestaltet, um uns das Innenleben zu offenbaren – Spritzgusspumpen und Silikongummischläuche, die in genauer Abfolge ihre Arbeit tun –, dann wäre uns ein anderes Vergnügen vergönnt, bei dem es um Raffinement ginge statt um Kraft. Stattdessen hat sich der Hersteller für Hochstapelei entschieden.
Die Aida-Kaffeemaschine ist nur ein Opfer einer gigantischen Schlacht, die seit dreissig Jahren zwischen Leicht und Schwer ausgetragen wird, zwischen Dingen, die durch Hinzufügen, und solchen, die durch Entfernen von Materie entstehen, zwischen Digital und Analog und, natürlich, zwischen Software und Hardware. Bald wird fast alles, was wir benutzen, durch Spritzguss oder 3-D-Druck hergestellt werden und ein digitales Rechenelement enthalten. Die einzigen beweglichen Metallkolosse, die in Zukunft noch die tausendjährige Würde der Substanz bewahren, werden Schiffe und die Holme in den Tragflächen von Flugzeugen sein, die sich noch keiner aus Verbundwerkstoffen herzustellen traut, sodann Züge und Trams, bis jemand herausfindet, wie sich die Reibung zwischen stählernen Rädern und Gleisen erhöhen lässt, und Motoren ganz allgemein, bis ein Material entdeckt wird, das auch bei 1000° Celsius noch fest bleibt.
Natürlich kommt es zu tapferen Rückzugsgefechten, man könnte es auch den «Angriff der schweren Brigade» nennen. Die Schweizer Uhrenindustrie hat sich allmählich von den Swatch-Kriegen erholt und verkauft inzwischen an die Reichen grosse, ungenaue Wunder. Harley Davidson und Ducati zelebrieren weiterhin den Genuss von Stahlungetümen. Gewehre und Messer, Verkörperungen metallener Stärke und Schlichtheit, erfreuen sich grosser Nachfrage. Massive Hi-Fi-Röhrenverstärker, die keiner allein heben kann, wechseln zu beachtlichen Preisen ihren Besitzer.
Dieser Macho-Luxus wird uns noch einige Jahrzehnte erhalten bleiben, aber auf lange Sicht wird er ebenso untergehen wie seine Erfinder, die Pharaonen. Über kurz oder lang werden Museen für Schwergewichtiges eröffnet werden, in denen Kinder mit kleinen Schraubenschlüsseln hantieren und Videos von grossen anschauen können. Nehmen Sie’s leicht!