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Gontenschwyl (Aargau) 4 Jenner 1857.
Mein lieber Freund!
Der Zweck meines letzten Briefs war ein rein freundschaftlicher; der Zweck des Gegen wärtigen möchte vielleicht (Risum teneatis amici) ein quasi-diplomatischer sein! Zur Sache! – Wie ich in den Zeitungen lese, ist Herr Dr Kern in Begleitung des Herrn Barmann nach Paris gereist. – Laut den Nachrichten, welche im «Bund» zu lesen sind, sollen dort Friedensunterhandlungen stattfinden. – Es wäre nun leicht möglich, daß gewisse Projekte vorgelegt würden, welche uns zum erwünschten Ziele führen könnten, wie z. B. vorläufige Freilassung der Gefangenen, unter gleichzei tiger Versicherung befreundeter Mächte (wie z. B. Frankreichs) daß man bei Preußen einen Verzicht auf Neuenburg bewirken werde. – Bevor uns der Bundesrath solche Projekte verwirft, sollte er – nach meiner Meinung – die Bundesversammlung zusammenberufen, um von derselben zu vernehmen, ob sie mit einem derartigen Arrangement einverstanden wäre oder nicht. Schon während der Bundesversammlung hörte ich öfter die Bemerkung machen, der Bundesrath hätte gut daran gethan, wenn er nach dem Napoleon'schen Vermittlungsvorschlag, die Räthe einberufen hätte, – bevor er denselben einfach refüsirte. – Auch jetzt bin ich von bedeutenden Männern unsers Cantons mit der Frage behelligt worden, ob nun die Bundesver sammlung den Bundesrath wieder machen lassen wolle, was ihm beliebe,| & ob man ihm nicht den Auftrag ertheilt habe, bevor er allfällige Vermittlungsprojekte verwerfe, die eidgenöss. Räthe zu versammeln? – Ich mußte solche Fragen mit verlegenem «Nichtwissen» beantworten.
Da Du nun aber Präsident der Bundesversammlung und ein äußerst einflußreiches Mitglied derselben bist, so bin ich so frei, bei Dir den besprochenen Gegenstand anzuregen, Dir überlassend, geeigneten Orts etwas davon laut werden zu lassen. – Ich bin nämlich überzeugt, daß der Bundesrath gerne die entscheidende Stimme der Bundesversammlung einvernimmt, bevor er ein Friedensprojekt verwirft, (wenn man ihn nur darauf aufmerksam macht.)
Ich stelle mir vor, der Bundesrath würde zwar jedenfalls alsdann die Bundesversammlung convoziren, wenn er einen Vorschlag annehm bar fände; allein ich glaube, er sollte dieses auch dannzumal schon thun, wenn die letzten Vorschläge von Paris aus formulirt vorlägen und er finden würde, sie wären nicht acceptabel. –
Man muß sich über die Wichtigkeit des Moments nicht täuschen. Ein Krieg mit Preußen kann uns, wenn er unglüklich endet, unsere polit. Existenz kosten; endet er glüklich, so haben wir die Preussen zurükgetrieben & in einem halben Jahre können sie wieder kommen. Eroberungen sind keine vorauszusehen.
Der Bundesrath sollte die ihm ertheilte Vollmacht cum grano | Salis auffassen & vor einem entscheidenden «Ja» oder «Nein» die Abgeord neten der Nation einberufen. – In 4 Tagen sind wir ja Alle in Bern, wenns pressirt.
Ich gebe Dir meine obigen Betrachtungen mit dem biblischen Begleitspruch: «Prüfe Alles & das beste behalte»!
Lebe wohl, mein Lieber! empfange die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre & sei herzl. gegrüßt von
Deinem Freunde
Dr Frey.