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Nachlass Hans Stierlin
Hans Stierlin (im weissen Kittel) als junger Ingenieur, ca. 1940-1943
Das Archiv für Zeitgeschichte konnte den Nachlass von Hans Stierlin in mehreren Ablieferungen zwischen 2015 und 2016 übernehmen. Der fertig erschlossene Bestand umfasst 6 Laufmeter und enthält sowohl Papierakten als auch audiovisuelle Materialien wie Fotos, Filme oder ein Tondokument.
Studium, Forschung, Firmengründung
Hans Stierlin wurde 1916 in Zürich geboren, sein Vater Hans Rudolf war Physiker und Fabrikant, seine Mutter Hedwig ebenfalls Physikerin. Hans Stierlin wuchs mit drei Schwestern auf, erlangte in Basel die Matura und studierte an der ETH Zürich Maschinenbau. Nach seinem Studium arbeitete er als Forschungsingenieur bei den Escher Wyss Maschinenfabriken, gründete aber bereits 1944 seine eigene Firma, die SIBIR-Kühlapparate GmbH in Schlieren.
Stierlin entwickelte auf Grundlage der Absorptionstechnik den umweltfreundlichen und lautlosen Volkskühlschrank SIBIR, der während drei Jahrzehnten den Schweizer Markt dominierte und erfolgreich ins Ausland exportiert sowie in Lizenz in diversen Ländern hergestellt wurde.
In den späten 1970er und in den 1980er Jahren geriet die Firma SIBIR jedoch zunehmend unter Druck. 1987 schied Hans Stierlin aus der Firma aus, das neue Leitungsgremium führte eine radikale Reorganisation und Sanierung durch. Trotzdem konnte die endgültige Einstellung der Kühlschrankproduktion nicht verhindert werden.
1988 gründete Stierlin nochmals eine Firma, die DAWP-Creatherm AG, die in der Forschung und Entwicklung von Wärmepumpen tätig war und die Technik der Diffusionsabsorption nun nicht zum Kühlen, sondern zur Produktion von Wärme verwendete.
Beschäftigung mit der sozialen Frage
Nebst Forschung und Entwicklung im technischen Bereich galt Stierlins Interesse der sozialen Frage. Er war dem Trotzkismus zugewandt und versuchte, in der Firma SIBIR ein soziales Betriebsmodell umzusetzen. So wurde unter anderem ein Einheitslohn eingeführt, eine Fürsorgestiftung ins Leben gerufen und 1974 trat ein Reglement in Kraft, das den Betriebsangehörigen Mitbestimmungsrecht bei Investitionen einräumte.
Hans Stierlin beschäftigte in seinem Betrieb auch einige politische Weggefährten, die aufgrund ihres Engagements nur schwer eine Stelle fanden.
Technisches und soziales Interesse verzahnten sich aber auch ganz grundsätzlich bei seinem Anliegen, einen kleinen und erschwinglichen Kühlschrank für jeden Haushalt zu produzieren.
Inhalt des Nachlasses
Der Nachlass enthält einerseits private Unterlagen wie das von Hans Stierlin in den 1950er Jahren unter einem Pseudonym verfasste Theaterstück "Die Dritte Front", Familienfotos, Korrespondenz oder das 1997 vom Schweizer Radio produzierte Interview "Hans Stierlin – ein Leben für den Kühlschrank".
Daneben finden sich auch Unterlagen zur Firma SIBIR wie das bereits erwähnte Investitionsreglement von 1974, Patent- und Lizenzverträge, Firmenkorrespondenz oder die Texte zu den Cabarets, die am jährlichen Personalfest aufgeführt wurden. Nebst diesen Papierunterlagen zeigen und belegen zahlreiche Fotos das Werkareal, den Produktionsprozess der SIBIR-Kühlschränke oder die Cabaret-Darbietungen an den Personalfesten.
Auch mit filmischen Highlights kann der Nachlass aufwarten. So zum Beispiel mit dem Werbefilm "Das gewürfelte Tuch" mit den Schauspielern Max Haufler und Stefanie Glaser aus den 1950er Jahren oder mit dem "SIBIR-Film" von 1974, in dem die Belegschaft der Firma anlässlich des 30. Firmenjubiläums einen farbig-fröhlichen Auftritt erhält. Wenige Unterlagen sind auch zur Firma DAWP-Creatherm vorhanden.