Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03548.jsonl.gz/2563

Im letzten Teil der kleinen Serie um die hochalpine Wetterstation auf dem Säntis geht es um die letzten Wetterwarte auf dem Berg und wie diese wichtige Anlage nach und nach der modernen Zeit angepasst worden ist.
In den letzten drei Wetterfroschbeiträgen ging es um die ersten Wetterbeobachtungen auf dem Säntis, den Bau einer neuen Wetterwarte, um das erste Wetterwartpaar, das diese Tätigkeit rund 30 Jahre lang ausübte und um tragische Ereignisse am Berg.
Der Mord am einheimischen Wetterwart-Ehepaar Heinrich und Lena Haas im Jahr 1922 erforderte eine Neuausschreibung dieser Stelle. Die Direktion der Meteorologischen Zentralanstalt (MZA) in Zürich wählte den Bündner Förster Peter Steier. Nach kurzer Einführung übernahm er im Juli 1922 mit seiner Frau zusammen das Amt des Wetterwarts auf dem Säntis. Er war ein ruhiger, sehr zuverlässiger und korrekter Mensch, der die Berge und das entsprechende Wetter gewöhnt war.
Bis fünf Meter Schnee
In den 1920er-Jahren des letzten Jahrhunderts gab es ausserordentlich schneereiche Winter. Steier musste im März 1923 bis zu fünf Meter Schnee messen und sich zuvor durch diese Schneemassen kämpfen. Zeitweise war sogar das Fenster im Esszimmer des Observatoriums (1. Stock) total zugeschneit.
Bei solchen Schneemassen konnten auch die Säntisträger nicht mehr auf den Berg steigen, um wichtige Dinge und Nahrungsmittel hinaufzutransportieren. Das Ehepaar Steier war gezwungen, sich über einige Tage fleischlos, nur mit Polenta und Zwieback zu ernähren. Peter Steier meinte zu dieser Notlage: «Man kann sehr anspruchslos sein, wenn man muss.»
Eine Legende
Nach neun Jahren bat er um eine Ablösung und zog sich wieder in sein geliebtes Bündnerland zurück. Sein Nachfolger wurde der Berner Ernst Hostettler-Wirth aus Schwarzenburg. Er trat mit seiner Frau Ende Mai 1931 den Posten des Säntis-Wetterwarts an, blieb 26 Jahre auf dem Berg und wurde schon zu Lebzeiten zu einer Legende.
Hostettler war nicht nur ein hervorragender, pflichtbewusster und genauer Wetterbeobachter, er machte auch eigene Wetterprognosen. Das war neu für einen Säntis-Wetterwart, und er soll dabei eine sehr hohe Trefferquote erreicht haben!
Gefragter Mann
Dieser persönliche Erfolg sprach sich natürlich schnell herum. Für eine Wetterberatung wurde Hostettler immer wieder angerufen, vor allem dann, wenn die Leute irgendwo einen grösseren Anlass wie eine Hochzeit, Sport-, Musik- und Gesangsfeste organisieren mussten. Bei solchen Open Airs, wie man die Anlässe heute nennt, spielt das Wetter natürlich eine entscheidende Rolle.
Sein legendärer Ruf ging aber noch weiter. Waren sich die Profi-Meteorologen in der Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich bei ihrer Wetterprognose nicht einig, wurde Ernst Hostettler telefonisch um Rat gefragt. Er gab ihnen, auch ohne Wetterkarten, entscheidende Hinweise.
Touristen kommen
Als Säntis-Wetterwart erlebte er den Bau der Säntisschwebebahn, die am 31. Juli 1935 eingeweiht wurde. Damit begann das Zeitalter des Tourismus auf dem Säntis, und das erforderte gewaltige Umstellungen. «Vieles hat hier oben die Ideale verdrängt, seit jedermann heraufkommen kann», meinte Hostettler einmal tiefsinnig und vielsagend. Das Ehepaar erlebte zudem auch das Kriegsgeschehen im Zweiten Weltkrieg, als ferne und doch so nahe Zeugen. Die intensiven Bombardierungen der Stadt München am 19. September 1942 und später der Stadt Friedrichshafen gingen dem Ehepaar sehr nahe. 1957 wurden Hostettlers pensioniert.
Der letzte ständige Wetterwart, der mit seiner Frau im Observatorium wohnte und arbeitete, war ab Oktober 1957 Walter Utzinger-Meier. Die beiden verrichteten ihre Aufgaben mit viel Herzblut und Idealismus. Wie ihre Vorgänger mussten sie manche Enttäuschungen im Verhalten der Touristen einstecken, was sie härter und zurückhaltender machte. 1969 erfuhren sie zu ihrem Bedauern, dass der Posten des Wetterwarts aufgehoben wird.
Fast alles automatisch
Die Beobachtungen mussten automatisiert und mit den Diensten für Radio und Fernsehen im grossen Gebäude der PTT (heute Swisscom) verbunden werden. Auch die Entwicklung der Messinstrumente machte enorme Fortschritte. Heutzutage werden die Messresultate für Temperatur, Niederschlag, Wind (Richtung und Stärke), Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Blitzregistrierung, Radioaktivität, Globalstrahlung und Helligkeitswert alle zehn Minuten automatisch gemessen, registriert und übermittelt.
Da könnte man meinen, dass sich damit die Wetterbeobachter einsparen liessen. Dem ist aber nicht so. Der Mensch kann selbst bei hoher Automatisierung (noch) nicht ersetzt werden. Es braucht den Wetterwart in eingeschränkter Form weiterhin. Er muss nämlich alle drei Stunden folgende Parameter bestimmen:
Die Fernsicht
Die Bewölkung, die beim Säntis mit seinem 360-Grad-Panorama speziell ist
Die Wolkengattungen und Wolkenarten
Die Menge der Wolken, ihre Dichte und ihre Höhe. Diese Höhe kann bei tiefen Schichtwolken auch niedriger sein als der Säntis selbst und muss abgeschätzt werden.
Die Niederschlagsart (Regen, Schnee oder Hagel)
Wetteränderungen seit der letzten Beobachtung vor drei Stunden
Erdbodenzustand (schneebedeckt, feucht, trocken etc.)
Ingenieure vor Ort
Die Swisscom hat auf dem Säntis ihre ständigen Ingenieure, die die Antennen für Fernsehen und Radio, die Fernmeldeanlagen und den Richtfunk etc. rund um die Uhr betreuen. Diese Spezialisten werden auch für die Wetterbelange ausgebildet und eingesetzt. Das Observatorium ist renoviert und wird heute als Wohn- und Rekreationsraum benutzt.
Die Wetterstation Säntis ist nach 135 Betriebsjahren immer noch eine der wichtigsten hochalpinen Beobachtungs- und Messstationen im Messnetz von Meteo Schweiz, obwohl mittlerweile einige neue Bergstationen auf 2000 Meter über Meer hinzugekommen sind. Im Kanton Freiburg ist es seit 1982 die Wetterstation Moléson. Mit all diesen Stationen werden immer bessere kurz- und mittelfristige Wetterprognosen erreicht.