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Von gestern bis morgen
Mein Grossvater war 27 Jahre lang Dorfvorsitzender. Bereits als ich auf die Welt kam, kümmerte er sich um die Angelegenheiten unseres Dorfes Dersim in der Osttürkei. Wenn er nicht wegen seines Amtes etwas in der Provinz zu erledigen hatte, arbeitete er auf dem Feld, im Garten oder kümmerte sich um seine Tiere. Es gab immer sehr viel zu tun. Jeden Morgen bevor die Sonne aufging, stand er auf, lief den langen Weg hinauf bis zur Wasserquelle und leitete das Wasser um, um unsere Felder und Gärten zu bewässern. Auf dem Weg zurück, kontrollierte er die kleinen Wasserkanäle, damit sich das Wasser unterwegs nicht „verirrte“.
Das erste, wonach ich suchte, wenn ich morgens aufwachte, war mein Grossvater. Oft sah ich ihn vom Hügel den Weg herunterkommen, die Schaufel auf dem Rücken, eingeklemmt zwischen den Armbeugen. Meine Grossmutter machte inzwischen draussen vor dem Haus Feuer und setzte Teewasser auf. Danach ging sie in den Stall, um nach den Tieren zu schauen und kam oft mit frischen Eiern zurück.
Die ganze Familie hatte viel zu tun. Die Felder mit Bohnen oder Weizen, die Gärten mit Äpfel-, Kirsch-, Aprikosen-, Birnen- und Nussbäumen und die Kühe und Hühner im Stall oder die Bienen liessen die Arbeit nicht ausgehen.
Bis ins Jungendalter dachte ich, dass ich nicht atmen könnte, würde meinem Grossvater etwas zustossen.
All das hatte mein Grossvater mit meiner Grossmutter aufgebaut. Das Land war vor der Ehe unbebaut gewesen. Wie seine fünf Kinder und die fünf Kinder seines früh verstorbenen Bruders, für die er sorgte, brauchte auch die Arbeit auf dem Hof viel Kraft und Liebe. Wir, seine Enkelkinder, konnten sie immer spüren. Besonders ich, als sein erstes Enkelkind, spürte eine starke Bindung zu ihm. Bis ins Jungendalter dachte ich sogar, dass ich nicht atmen könnte, würde meinem Grossvater etwas zustossen. Er war fleissig, aufrichtig, besorgt, fair und lustig. Und er trank viel Alkohol. Wohl um gewisse Dinge zu vergessen.
1991 musste ich ihn und die Osttürkei verlassen. Mein Vater holte uns im Rahmen des Familiennachzugs zu sich in die Schweiz, wo er Asyl beantragt hatte. Ich hatte ihn während sechs Jahren nicht gesehen.
2004 konnten wir uns einbürgern lassen. Die Jahre dazwischen vergingen mit „sich zurechtfinden in der Ferne“. Ich hatte angefangen zu studieren, interessierte mich für Politik und war überzeugt, dass ich das politische System am besten durch aktives Mitwirken kennenlernen konnte. Ich wurde von einigen SP-Mitgliedern angesprochen, ob ich nicht für den Grossen Rat kandidieren wolle. Da ich mir aber selbst ein Bild der Parteilandschaft machen wollte, fragte ich mir nahestehende Menschen, für welche Partei sie sich interessierten und engagierten. Denn die von mir ausgesuchte Partei sollte, wie ich es von meinem Grossvater gelernt hatte, die Natur und den Menschen in Einklang bringen. Ihre Politik sollte offen, sozial und solidarisch sein.
BastA! bringt die Natur und den Menschen in Einklang, ist offen, sozial und solidarisch, wie ich es von meinem Grossvater gelernt hatte.
Bei BastA! (Basels starke Alternative), waren bereits Jahre zuvor Personen mit Migrationshintergrund ins Parlament gewählt worden. BastA! bot also Migrantinnen und Migranten echte Partizipationsmöglichkeiten. Besonders willkommen waren Frauen und junge Menschen.
BastA! bildet zusammen mit der Grünen Partei im Kanton Basel-Stadt eine Fraktion. Sie ist Mitglied bei der Grünen Partei Schweiz und verfolgt eine glaubwürdige, basisnahe Politik. Sie wiederspiegelt für mich die Vielfältigkeit und Offenheit der Grünen Partei Schweiz, bei welcher kleinere Parteien ihr Zuhause finden. Die Mitglieder beider kantonalen Parteien in Basel setzen sich für die Umwelt, für Soziales und Internationales ein und zeigen auf allen Ebenen ihre Solidarität – sowohl mit Minderheiten in der Schweiz als auch in anderen Ländern.
Ihre Überzeugung ist, dass eine Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn wir auch Sorge zu unserer Umwelt tragen. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern über Grenzen hinweg. So hatte ich mich für die kleine Partei mit grossen Taten entschieden.
Mehrheitspolitik zu machen wäre vielleicht einfacher, jedoch nur kurzfristig von Bedeutung. Wir Grünen haben uns für den schwierigeren, aber nachhaltigeren Weg entschieden.
Mir fällt immer wieder auf, dass ich bei den Grünen und ihren vielfältigen Parteien in den Kantonen selten auf Menschen gestossen bin, die Mitglied dieser Parteien geworden sind, weil sie die Politik als Trittbrett benutzen wollen. Vielmehr waren und sind es Menschen, die überzeugt sind von dem, was sie tun. Sie wissen, dass sie sich für eine Sache engagieren.
Gerade heute, in Zeiten, in welcher der Rechtspopulismus überall auf der Welt zunimmt, ist für uns ein roter Faden in der Politik mit unserer Vielfältigkeit von grosser Relevanz. Mehrheitspolitik zu machen wäre vielleicht einfacher. Wir alle haben uns für den schwierigeren, langatmigeren, aber nachhaltigeren Weg entschieden.
Die Werte, etwa eine faire, lebenswerte und soziale Welt zu erreichen, sind der gemeinsame Nenner von unserer Mitgliedpartei HDP in der Türkei bis zu den Grünen in den USA. Jene Menschen, die sich für den Erhalt der Natur einsetzen, wenn in Dersim, in meinem Heimatort, ein Staudamm gebaut wird und dafür Menschen vertrieben werden, unterscheiden sich nicht von den Menschen hier in der Schweiz, die sich ebenso für die Natur und die Menschen einsetzen.
Mein Grossvater ist 2008 verstorben. Seine Enkeltochter versucht nun, in ihrer neuen Heimat Brücken aufzubauen.
Seit einiger Zeit frage ich alle politisch interessierten Menschen, die ich kennenlerne, ob sie bereits in einer lokalen Partei Mitglied sind. Denn jede und jeder von uns kann etwas bewirken. Hätte ich damals nicht nachgefragt, für welche Partei sich meine Bekannten engagieren, wäre ich vielleicht ein Passivmitglied in einer grösseren Partei geworden und hätte nicht gemerkt, was ich bewirken kann.
Bei den letzten Wahlen haben wir leider Nationalratssitze verloren. Lasst uns bei den nächsten Wahlen in allen Kantonen und auf nationaler Ebene wieder zulegen und unsere Anliegen in allen Gremien einbringen – auch international. Denn mit unseren Sitzverlusten haben wir auch den Europaratssitz verloren.
Apropos Europa – mein Grossvater ist 2008 verstorben. Ein Jahr, nachdem das Militär die Hängebrücke über den Euphrat unterhalb unseres Dorfes zerstört hatte. Ein Jahr lang hatte er darunter gelitten und mit aller Kraft versucht, dass die Brücke wieder aufgebaut wird. Heute, fast zehn Jahre später, steht sie immer noch nicht.
Seine Enkeltochter versucht nun, in ihrer neuen Heimat Brücken aufzubauen.
In Erinnerung an meinen Grossvater.
Sibel Arslan, Nationalrätin