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Der Kreis
«Warum lassen sie uns einfach alleine hier zurück?», fragte Nova ihren Vater. Dieser gab keine Antwort. «Ihre Schiffe sind so gross, sie hätten bestimmt noch Platz für uns zwei.»
«Das ist das Problem, mein Schatz. Wir sind mehr als zwei. Schau dich um. Hier stehen hunderte Ru und das sind nur diejenigen, die wir sehen. Es gibt noch viele, viele mehr.»
Nova folgte seiner Aufforderung. In der Tat war die ganze Küste dicht bevölkert. Die erwachsenen Ru standen dort in ihren abgetragenen Kleidern und abgehärmten Gesichtern, die Mienen bedrückt, traurig oder wütend. Ihre Kinder nahmen die niedergeschlagene Stimmung zwar wahr, konnten das Staunen jedoch nicht lassen. Mit großen Augen beobachteten sie die die enormen Archen, die sich trügerisch langsam aus den Fluten des Meeres erhoben.
Nova hatte nie etwas von vergleichbarer Grösse gesehen, das von Menschenhand geschaffen worden war.
«Wohin gehen sie?»
«Zu irgendeinem neuen Planet.»
«Zu welchem?»
«Keine Ahnung, Nova. Und selbst wenn ich es wüsste, was nutzt uns dieses Wissen? Sie lassen uns zurück. Du wirst es erst wissen, wenn du als Yll widergeboren wirst.»
«Aber das dauert noch 7 Zyklen!», protestierte Nova. Sie empfand die Spanne einer Woche schon als eine Ewigkeit. 7 ganze Leben waren nicht etwas, das sie greifen konnte. Lieber träumte sie davon, jetzt auf einem der Schiffe zu sein.
Das Spektakel dauerte den ganzen Tag. Irgendwann war ihr so kalt, dass sie nach Hause zurückkehrten und sie sich an ihrem Heizmodul die kalten Hände und Füsse wieder aufwärmen mussten.
Novas Vater war Gärtner auf dem Gut einer Yll Familie gewesen. Nachdem die Obrigkeit gegangen waren, hatte er ein riesiges Stück Land von seinem ehemaligen Arbeitgeber übernommen. Es war nichts weiter als ein Trostpreis, dessen war er sich bewusst. Trotzdem versuchte er dem Land so viel Nahrung abzuluchsen, wie er konnte. Jahr für Jahr wurde es schwieriger, die Felder zu bewirtschaften. Der nächtliche Frost dezimierte die Ernte wie eine schleichende Krankheit, während die Sonne am Tag immer mehr an Kraft verlor. Ihr Vater rackerte sich buchstäblich zu Tode. 14 Winter nach dem Abflug der Archen starb er hustend und im Elend. Ihr letztes Heizmodul war im Winter zuvor ausgestiegen.
Nova war nie eine grossartige Gärtnerin gewesen. Sie konnte sich nicht dafür motivieren, wenn es sowieso zwecklos war. Nichts was sie tat würde die sterbende Sonne wieder erstrahlen lassen. Nichts, die Yll zurückbringen. Nichts die Geborgenheit einer Umarmung ihres Vaters ersetzen. Sie brauchte die Vorräte auf, die ihr Vater in mühseligster Arbeit dem Land abgepresst hatte, wohlwissend dass sie bald einer von vielen weiteren Ru-Bettler werden würde. Am liebsten streifte sie über die riesigen Ländereien und erkundete die verlassen Paläste der Yll. Diese waren jedoch gründlich gewesen und hatten alles Brauchbare mitgenommen.
Die Zeit verstrich und die immer weniger werdende Technik wurde immer mehr mystifiziert. Die Yll wandelten sich von Adligen zu Götter, die sich von ihren Kindern abgewandt hatten, um in den Sternen ein neues Zuhause zu suchen.
Als Novas Vorräte endlich aufgebraucht waren, zog die junge Frau notgedrungen zu einer Kommune. Lange, zu lange, war sie alleine gewesen. Die Gesellschaft anderer Ru schien ihr am Anfang fremd, doch etwas hielt sie im Bann: die Wärme. Die physische Wärme von anderen Lebewesen, die emotionale Wärme von Gefühlen. Doch Wärme bedeutete auch, sich zu öffnen und da war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich mit einem jungen Mann einließ. Alsbald fand sie sich im Schoß einer Ru Familie wider, schwanger.
Als sie den frisch geborenen Winzling betrachtete, brach sie in Tränen aus. Ihre Schluchzer produzierten weisse Wolken vor ihrem Gesicht. Sie hatte eine weitere Ru erschaffen. Aber für was? Für ein Leben, das noch trister war als ihr eigenes? Die Hoffnungslosigkeit packte sie erneut mit eiserner Faust und ließ sie nicht mehr los, drückte erbarmungslos zu, schlimmer als je zuvor.
So kam es, dass ihr Gefährte sie einige Wochen nach der Niederkunft mit einem Messer über den Säugling gebeugt vorfand.
«Es hat keinen Sinn mehr», schluchzte sie immer wieder.
Daraufhin wurde sie verstossen. Sie nahmen ihr das Kind, die Famile und die Wärme und ließen sie alleine in der Kälte zurück.
Sie ließen ihr das Messer, doch obwohl sie ihrem Kind das Leben erspart hätte, schaffte sie es nicht, sich selbst der Klinge zu übergeben. Dafür hasste sie sich umso mehr.
Der einzige Trost war, dass der Hunger und die Kälte sie sowieso bald zu sich holen würden.
Nach wenigen Tagen war sie bereits so geschwächt, dass sie sich nicht mehr erheben konnte. Sie lag einfach nur da und wartete auf den Tod. Anfangs fürchtete sie sich davor. Aber irgendwann kehrte sich die Emotion in Vorfreude. Während ihr Körper langsam aufgab, wurde ihr angenehm warm. Das Zwielicht verlor seine Kälte und wurde immer heller. Ihr Geist ließ die Hülle zurück, schoss in den Himmel, raus aus der zu dünnen Atmosphäre, raste durchs Nichts des Weltalls, reiste bis ans Ende der Galaxie, um dort als Sen wiedergeboren zu werden. Noch 8 Lebenszyklen standen ihr bevor. Jedes Leben bedeutete ein Schicksal, aber nicht zwingend ein Vermächtnis. Als ihre Seele den Körper der Zor-Frau verließ, sollte eigentlich endlich das langersehnte Nirvana auf sie warten. Aber stattdessen wurde sie erneut geboren. Als Aen, denn das Leben ist nicht linear. Es ist ein Kreis, der nie und doch immer wieder neu anfängt.
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.