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Sechs Jahre: So lange brauchte der britische Milliardär Jim Ratcliffe, um von einem Gespräch am Bartresen zu einem handfesten Serienfahrzeug zu gelangen. Für einen etablierten Autohersteller ist das eine normale Entwicklungsspanne. Für einen Neuling wie das petrochemische Unternehmen Ineos jedoch eine enorme Leistung. Im Bereich des Automobilbaus verfügte das englische Unternehmen schliesslich über keine Kompetenz.
Jim Ratcliffe war sich bewusst, welche Aufgabe es sein würde, den Grenadier auf die Räder zu stellen – und lagerte die Entwicklung aus. Er beschloss, sich auf die Fähigkeiten des grössten Automobilzulieferers der Welt zu verlassen: Magna Steyr in Österreich. Das Unternehmen unterhält in Stuttgart (D) ein Konstruktionsbüro, und um die Wege kurz zu halten, verlegte Ratcliffe den Konstruktionsbereich von Ineos Automotive nach Böblingen in die Peripherie der schwäbischen Hauptstadt, in der auch einige der grössten Automobilzulieferer zu Hause sind oder, in der Nähe von Mercedes-Benz und Porsche, Dependancen unterhalten.
Die besten Zulieferer sollten bei der Entwicklung des Grenadier ins Boot geholt werden, wies Ratcliffe seine Ingenieure an. So liefern die deutschen Firmen Bosch, Recaro und ZF die hydraulische Lenkung, die Sitze und das Achtgang-Wandlerautomatikgetriebe, aus Italien kommen von Carraro die Starrachsen und von Brembo die Bremsen, in Mexiko baut Tremec das Verteilergetriebe und in Spanien Gestamp das Leiterrahmengestell. Die Benzin- und Dieselmotoren, beides Reihensechszylinder mit 285 und 249 PS, werden von BMW geliefert. Um all dies zusammenzubauen, erwarb Ineos Ende 2020 von Daimler das Smart-Werk im lothringischen Hambach. Der Ineos Grenadier, der seinen Namen dem Grenadier Pub in London verdankt, in dem er erdacht wurde, ist ein wahrhaft multikulturelles Fahrzeug.
Obwohl der Grenadier vor allem als Investment gedacht war, das profitabel sein sollte, wurde er auch als gut verarbeitetes Auto konzipiert. Es sollte nicht nur dem Chef, der ein leidenschaftlicher Geländewagenfan ist, gefallen. Obwohl der Grenadier das erste Produkt von Ineos ist – ein zweites, elektrisches Modell ist in Arbeit –, ist er von hoher Fertigungsqualität. Das Äussere der Karosserie, die aus Aluminium- und Stahlplatten, aber auch aus einigen kleinen Plastikteilen besteht, ist pragmatisch gestaltet. Die quadratische Form, die eindeutig vom alten Defender inspiriert ist, ermöglicht eine optimale Nutzung des Innenraums, während die an den Ecken des Fahrgestells angebrachten Räder die Überhänge reduzieren und die Geländegängigkeit des Fahrzeugs verbessern – dazu später mehr. Konkret ist der Geländewagen in der Version Station Wagon 4.90 Meter lang (einschliesslich Ersatzrad am Kofferraum), 1.93 Meter breit und knapp 2.04 Meter hoch. Exakt sind es 36 Millimeter, die er über die zwei Meter hinausragt, und diese schliessen den Grenadier aus vielen Tiefgaragen aus. Der Radstand misst 2.92 Meter.
Analog statt digital
Im Innenraum des Grenadier wird so weit wie möglich auf analoge und mechanische Technik gesetzt. Die Mittelkonsole ist zwar sehr originell gestaltet, setzt aber auf physische Bedienelemente, um die Klimaanlage zu bedienen. Darüber befindet sich als Option ein hübscher digitaler Kompass, der neben der Himmelsrichtung auch die Höhe über Meer anzeigt. Auf dem Armaturenbrett befindet sich ein 12.3 Zoll grosser Bildschirm, der über einen Drehknopf in der Mittelkonsole oder über den Touchscreen selbst bedient wird. Er ist der einzige Bildschirm an Bord und vereint Infotainment- und Instrumentenfunktionen: Geschwindigkeit, eingelegter Gang und Treibstoffstand werden neben Medien und Telefon angezeigt. Bedauerlicherweise verleitet das den Fahrer dazu, den Blick von der Strasse abzuwenden, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren.
Das Navigationssystem hätte einen eigenen Bildschirm verdient, da es für diese Art von Fahrzeug, das für lange Fahrten im Nirgendwo konzipiert ist, von entscheidender Bedeutung ist. Der Ineos verfügt nicht über ein eigenes Navigationssystem, sondern arbeitet mit Android Auto und Wireless Apple Carplay. Damit ist es möglich, Waze, Google Maps oder Gaia zu projizieren, wenn es ein Netz gibt. Ist jedoch kein Netz vorhanden, wie es mitten in der Wüste oft der Fall ist, wird das zum Problem. Glücklicherweise macht Ineos dies mit seinem Pathfinder-Navigationssystem wieder wett. Dieses System ist bei allen Modellen serienmässig enthalten und nutzt zuvor in eine App eingegebene Koordinaten, um den Fahrer zu leiten. Es ist eine lustige Spielerei, aber es ist nicht so zuverlässig wie ein echtes Navigationsgerät.
Das Highlight des Spektakels ist das Steuerpanel am Dachhimmel, das von der Luftfahrtindustrie inspiriert ist. Es vereint alle Bedienelemente und Funktionen für den Offroad-Einsatz sowie einige Zubehörteile. Die Rückenlehne ist geneigt, und die Beinfreiheit der Passagiere ist gross genug, um ihnen ein bequemes Reisen zu ermöglichen. In der Nutzfahrzeugversion ist dies weniger gewährleistet, da die Sitzbank um 70 Millimeter nach vorne verschoben und die Rückenlehne weniger geneigt ist (es wird auch eine Nutzfahrzeugversion mit zwei Sitzen angeboten).
Im Kofferraum bietet der Grenadier ein Ladevolumen von 1152 Litern. Bei umgeklappter Rückbank im Verhältnis 60:40 erhöht sich der Stauraum auf bis zu 2035 Liter. Der Zugang zum Kofferraum erfolgt über zwei asymmetrische Klappen im Grössenverhältnis 30:70. Dabei hat die kleinere Tür, auf der die Leiter angebracht ist, Vorrang vor der zweiten Tür, die das Reserverad trägt. Das kann lästig sein, weil die Enge der kleineren Tür oft erfordert, dass beide Türen geöffnet werden. Andererseits argumentieren die Ingenieure, dass es durch diese Anordnung auch bei angekoppeltem Anhänger möglich sei, in den Kofferraum zu gelangen. Nicht zuletzt wünschte sich Jim Ratcliffe diese Lösung – der Chef verfolgte die Entwicklung seines Autos bis ins kleinste Detail. Er war es auch, der das Sattelleder-Paket, das sich durch seine natürliche Patina auszeichnet, entwickelt hat.
Auf der Strasse …
Die beiden Sechszylinder-Reihenmotoren werden mit einem Zündschlüssel gestartet, der ganz altmodisch in die Lenksäule gesteckt wird. Das ist doch mal was! Die Recaro-Sitze, die es den Passagieren dank ihrer flachen Polster ermöglichen, leicht ein- und auszusteigen, sind komfortabel. Sobald die mechanische Handbremse gelöst und der BMW-Schalthebel eingelegt ist, schnaubt der englische Geländewagen. Mit dem Gaspedal lässt sich die Beschleunigung gut dosieren. Unabhängig vom gewählten Motor fällt die Beschleunigung sehr direkt aus, dank des ausgezeichneten Automatikgetriebes ist sie auch sehr linear. Die Brembo-Bremsanlage ist zupackend und perfekt dosierbar. Kurz gesagt, bis jetzt gibt es nichts zu bemängeln.
Aber das wird nicht so bleiben. In der ersten Kurve offenbart das Fahrzeug seine beiden grössten Schwächen. Die erste ist die gravierendste. Die Kugelumlauf-Lenkung mit hydraulischer Servounterstützung wurde vor allem für das Fahren im Gelände bei niedrigen Geschwindigkeiten konzipiert und nicht für das Fahren auf der Strasse bei höheren Geschwindigkeiten. Aus diesem Grund muss man das Lenkrad 3.85-mal drehen, um die beiden Anschläge zu erreichen. Und das ist noch nicht alles: Die Lenkung, die nicht den geringsten Kraftaufwand erfordert, um aus der Mitte herauszukommen, kehrt nach der Kurve nicht selbst in ihre ursprüngliche Position zurück. Daher kann der Fahrer das Lenkrad nach der Kurve nicht loslassen. Stattdessen muss er es in der Hand behalten, um die Räder manuell wieder in die richtige Richtung zu lenken. Das ist ungewohnt und wird viele Leute überraschen.
Das nächste Problem ist das Gewicht des Ineos. Im Bestreben, das Beste vom Besten zu vereinen, haben die Ingenieure offensichtlich vergessen, die Waage im Auge zu behalten. Deren Zeiger klettert beim fertigen Auto auf 2700 Kilogramm. Das ist ein gewaltiges Gewicht, das die passive Aufhängung aus Schraubenfedern, Stabilisatoren und einem Panhardstab in den Kurven selbst bei moderater Fahrt nur schwer bewältigen kann. Der Vorteil ist jedoch, dass der Komfort an Bord in den meisten Situationen gut ist.
… und im Gelände
Stellt sich die Frage nach dem Verhalten des Grenadier in seinem artgerechten Terrain, im Gelände. Im Schlamm, über Steine, Schotter und harten Sand ist der Antriebsstrang des Grenadier nicht zu stoppen. Serienmässig ist er mit einer zentralen Differenzialsperre und optionalen Vorder- und Hinterachsdifferenzialen ausgestattet. Das mechanische Verteilergetriebe bietet dem Fahrzeug zwei verschiedene Achsübersetzungen, die jeweils entscheiden können, ob sie das Zentraldifferenzial sperren wollen oder nicht. Das Überqueren von Brücken oder Hindernissen, egal, ob es sich um eine Kuppe oder eine Furt handelt, stellte bei der Testfahrt nie ein Problem dar. Der Grenadier hat eine Bodenfreiheit von 264 Millimetern, die Böschungswinkel vorne (35.5 Grad) und hinten (36.1 Grad) sowie der Rampenwinkel von 28.2 Grad lassen viel Spielraum im Gelände. Die Wattiefe beträgt 800 Millimeter. Abzuwarten bleibt, wie sich das schwere Fahrzeug in weichem Sand verhält, wo das Gewicht ein entscheidender Faktor ist.
Mit einem Preis von 82 290 Franken in der Version Station Wagon ist der Grenadier nicht nur das ideale Werkzeug für abenteuerlustige Grossfamilien, sondern auch für Unternehmer. Es wäre nicht verwunderlich, wenn er zum Lieblingskind einiger Feuerwehren auf dem alten Kontinent würde. Zu seinen Vorzüge gehören seine Nutzlast von rund 900 Kilogramm (in einigen Versionen) und die Anhängelast von 3.5 Tonnen (gebremst). Als zweisitziger Utility Wagon kostet der Grenadier ab 70 990 Franken, ist als Nutzfahrzeug zulassungsfähig und bietet Platz für eine Europalette.
Zubehör in Hülle und Fülle
Das ist eine der Stärken des Grenadier: Das englische Unternehmen Ineos bietet als Option oder zum Nachrüsten eine ganze Reihe von Zubehör-teilen an. Zum Beispiel einen Schnorchel, zwei Seilwinden vorne (hinter der Stossstange versteckt) und hinten (manuell an einer entsprechenden Halterung anzubringen), seitliche Trittbretter, einen Tisch in der Kofferraumtür oder eine Lichtleiste auf dem Dach. Letztere wird direkt an eine dafür vorgesehene Steckdose auf dem Dach angeschlossen, sodass keine Löcher in die Karosserie gebohrt werden müssen. Drei weitere Steckdosen, die sich ebenfalls auf dem Dach befinden, ermöglichen den Anschluss von weiterem elektrischen Zubehör. Die verstärkte Dachstruktur des Grenadier bietet eine aussergewöhnliche Ladekapazität. Die integrierte Dachreling und die Gummischutzstreifen gehören zur Standardausstattung und wurden entwickelt, um die Befestigung von Ausrüstung zu erleichtern. Wer regelmässig lange Gegenstände laden möchte, die nicht ins Auto passen, kann einen Dachgepäckträger wählen, der ein maximales Gewicht von 420 Kilogramm im Stand und 150 Kilogramm in Bewegung trägt. Der Seitenwandgürtel ist funktional und verfügt über einen serienmässig enthaltenen Stossschutz. Mit dem optionalen Utility-Belt kann eine Vielzahl von Zubehörteilen befestigt werden, die von anderen Zubehörherstellern entwickelt wurden, wobei Ineos seine Partner auch zur Entwicklung eigener Produkte ermutigt.