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Mit 17 ging Johanna Bieri für ein Jahr als Austauschschülerin nach China. Sie fand Gefallen am dortigen Grossstadtleben, der lauten Lebendigkeit, dem Humor und der Fröhlichkeit der Leute. Die Schweizer hätten ein verfälschtes Bild von China, da die Medien fast nur negativ über das Riesenreich berichteten, sagt die junge Gymnasiastin.
Weil "Johanna" für chinesische Zungen schwierig auszusprechen ist, nannte ihre Gastfamilie sie Wang Jingyue, ein gängiger Name in China. Auch ihre Schulkolleginnen und – kollegen am Luhe Gymnasium in Tongzhou, Peking, das sie von August 2015 bis Juli 2016 besuchte, nannten sie so.
swissinfo.ch: Wie kamst Du eigentlich auf die die Idee, ein Austauschjahr in China zu machen?
Johanna Bieri: In der 7. Klasse schauten wir uns in der Schule einen Film über China an, der mir einen Einblick in verschiedene Regionen Chinas und deren Kultur vermittelte. Der Film weckte in mir grosses Interesse an China. Ich war beeindruckt von den atemberaubend schönen Landschaften. In der 8. Klasse erhielten wir vom Lehrer den Auftrag, irgendein Land der Welt vorzustellen. Ich wählte China.
swissinfo.ch: Was hast Du während Deines Austauschjahres in China gelernt?
J.B.: Ich konzentrierte mich vor allem auf das Erlernen der Sprache. Im zweiten Semester besuchte ich bereits den Unterricht in Fächern wie Mathematik und Geografie. Allerdings habe ich vieles nicht verstanden, da mir das ganze Fachvokabular fehlte.
swissinfo.ch: Hast Du deine Ziele erreicht?
J.B.: Ja, sogar alle! Ich verstand mich sowohl mit meiner Gastfamilie als auch mit meinen Mitschülern äusserst gut und schloss viele Freundschaften, die mir bis heute sehr wichtig sind. Ich bin nach China gegangen, um Mandarin zu lernen und mein Verständnis der dortigen Kultur zu verbessern. Heute kann ich ohne Probleme mit meinen Freunden auf Chinesisch chatten, doch von Hand kann ich fast keine Zeichen mehr schreiben. Ich kenne schätzungsweise etwa 2000 chinesische Zeichen.
swissinfo.ch:Wie versuchst Du, deine Chinesischkenntnisse beizubehalten
J.B.: Ich versuche so gut ich kann, meinen Level zu halten, indem ich den Kontakt mit meinen Freunden in China pflege und mich mit ihnen auf Chinesisch unterhalte. Auch nutze ich die Ferien, um chinesische Zeichen zu repetieren.
swissinfo.ch: Chinesische Schüler haben viele Hausaufgaben zu erledigen. War das auch bei Dir der Fall?
J.B.: Sie haben nicht nur viele Hausaufgaben, sondern extrem viele! Da ich während des ersten Semesters keine Fächer wie Mathe, Physik und Chemie besuchte, hatte ich praktisch keine Hausaufgaben. Ausserhalb der Unterrichtszeit war ich meistens zu Hause oder habe Zeit mit Freunden verbracht. Mein Unterricht setzte sich vor allem aus Hörverstehen, Schreib- und Literaturunterricht zusammen.
swissinfo.ch: Wo siehst Du Unterschiede zwischen dem chinesischen und dem schweizerischen Bildungssystem?
J.B.: Einen Vorteil sehe ich in der Art, wie in China Mathematik gelehrt wird. Mathehausaufgaben haben sie immer viel, manchmal zu viel. Es gibt Schüler, die praktisch nie damit fertig werden. Dennoch denke ich, dass Üben in Mathematik wie auch in Physik und Chemie das A und O ist.
Weniger überzeugt bin ich vom Englischunterricht, der vor allem aus dem Auswendiglernen von Textabschnitten und Vokabeln besteht. Obwohl die Schüler einen viel grösseren Wortschatz haben als ich, mangelt es ihnen an Übungsmöglichkeiten, diesen auch aktiv zu nutzen. Im Englischunterricht in der Schweiz wird die Sprache jedoch aktiv eingesetzt, z.B. durch Vorträge. Ich denke, dass diese Methode für das Erlernen einer Sprache effektiver ist.
swissinfo.ch: Was hältst Du von der chinesischen Maturitätsprüfungen?
J.B.: Der Druck ist enorm gross! Die Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse sind jede freie Minute am Lernen. Viele Chinesen beneiden mich für die Freiheit, die ich habe. Was sie nicht wissen ist, dass wir viel Stoff selbstständig erledigen müssen und so viel Eigenverantwortung auch schwierig sein kann. In China steht der Lehrer vorne und erzählt, die Schüler hören zu, anschliessend gibt der Lehrer Hausaufgaben auf, die zu erledigen sind und später eingesammelt werden.
Das Schweizer Bildungssystem setzt mehr auf die Selbstständigkeit der Schüler. Aufgaben müssen nur erledigt werden, wenn man sich im Thema noch nicht sicher genug fühlt. Der Lehrer steht zwar für Hilfe zur Verfügung, aber man muss sich die Hilfe holen, der Lehrer kommt nicht von sich aus auf einen zu. Der Druck bei uns ist auch hoch, er ist einfach anders als derjenige von chinesischen Schülern.
swissinfo.ch: Gibt es etwas, das Du nach deinem Jahr in China vermisst?
J.B: Ich vermisse Tomaten-Eier-Nudelsuppe! Die esse ich so gern! (lacht). Und ich vermisse meine Mitschüler, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Und natürlich meine Gastfamilie, vor allem meine Gastmutter, deren Einfluss auf mich am grössten war.
swissinfo.ch: Und was hat Dir in China nicht gefallen?
J.B.: (Überlegt lange): Es gibt eigentlich nichts, was mir überhaupt nicht gefallen hat. Wenn ich unbedingt etwas sagen müsste, wäre es wahrscheinlich das trockene Wetter in Peking. Der Smog hat mir erstaunlicherweise keine Beschwerden bereitet.
Etwas, was am Anfang sehr ungewohnt war, ist der Brauch in China, die Leute dazu zu überreden, mehr zu essen. Das war mir sehr unangenehm. Des Weiteren war es anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, dass ich aus Sicherheitsgründen jeden Abend um 8 Uhr zu Hause sein musste. Ich mochte das Gefühl nicht, mich nicht frei bewegen zu können, da ich es mir aus der Schweiz anders gewohnt bin.
Woran ich mich auch bis Ende Jahr nicht gewöhnen konnte, war, dass es in meinem Distrikt in Peking kaum Ausländer gab und ich deshalb immer von allen Seiten angeschaut wurde, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewegte. Wurde ich gefragt, ob man mit mir zusammen ein Foto machen könne, willigte ich immer ein. Es war mir aber sehr unangenehm, wenn Leute heimlich Fotos von mir machten. Einerseits, weil ich mir dann wie ausgestellt vorkam, aber auch, weil ich befürchtete, sie könnten ein unvorteilhaftes Bild von mir machen…
swissinfo.ch: Was ist in China attraktiver als in der Schweiz?
J.B.: Chinas Städte und ihre Bewohner. Ich habe grossen Gefallen am Grossstadtleben gefunden. Chinesen sind äusserst höflich und pflegen gute Manieren, ausserdem sind sie humorvoll. Was ich aber am meisten bewundere, ist die Lebensfreude und Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen, und dies obwohl sie hart und viel arbeiten. Sie machen oft Überstunden und arbeiten nicht selten auch übers Wochenende. Trotzdem beklagen sie sich nicht, was Schweizer doch öfters mal tun.
Und sie sind Weltmeister im laut Reden! Man weiss nie recht, ob sie sich nun streiten oder nur plaudern, vor allem wenn man nichts versteht. Gestört hat mich das aber nie. Ganz im Gegenteil: Die Schweiz ist mir vergleichsweise viel zu still. Ich mag eine laute Lebendigkeit.
swissinfo.ch: Hattest Du Heimweh?
J.B.: Ich hatte kaum Heimweh, eigentlich gar nicht…ausser vielleicht am Chinesischen Neujahr. Wir verbrachten Neujahr in einer der nördlichsten Provinzen Chinas, der Heimat meiner Gasteltern. Die ganze Familie kam zusammen, schaute sich das Neujahrsprogramm im Fernseher an, ass zusammen, zündete Feuerwerk. Ich erlebte an diesem Abend dieselben Gefühle wie hier an Weihnachten…
swissinfo.ch: Kannst du Dir vorstellen, China wieder zu besuchen oder gar später dort zu leben?
J.B.: Natürlich! In den kommenden Sommerferien werde ich erst meine Gastfamilie in Peking besuchen und anschliessend nach Xinjiang reisen, da ich mich in meiner Matura-Arbeit am Gymnasium mit Uiguren befasse.
Dass ich nach Xinjiang gehe, hat aber noch einen anderen Grund: Mein Freund ist Uigure, wir waren Klassenkameraden in Peking. Wir kommunizieren ausschliesslich auf Chinesisch, deshalb habe ich noch wenig von meinem aktiven Wortschatz eingebüsst.
swissinfo.ch: Hast Du zum Schluss noch etwas Besonderes zu erzählen?
J.B: Bevor ich China verlassen habe, wollte ich meinem Coach die Spikes zurückgeben, die er mir fürs Sprinttraining zur Verfügung gestellt hatte. Doch er schenkte sie mir und ermutigte mich dazu, in der Schweiz weiter zu trainieren. Was mich an dieser Geste so berührt hat, ist, dass er mich, obwohl Sprinten für mich nur ein Hobby war, immer sehr ernst genommen und mich gleich wie meine auf eine Sportkarriere hin arbeitenden Teamkollegen behandelt hat. Das hat mich überrascht und sehr gefreut.
Zudem möchte ich noch sagen, dass ich China nicht so strikt erlebt habe, wie es hier immer dargestellt wird, dass man dies und jenes nicht tun darf. Die Menschen in meinem Umfeld benahmen sich in der Öffentlichkeit nicht anders als hier. In den Schweizer Medien werden praktisch nur negative Botschaften über China verbreitet. Ich denke, dass gibt den Menschen, die sich nur auf diese Informationen stützen können, ein verfälschtes Bild von China. Um sich ein umfassendes und wahrheitsgetreues Bild machen zu können, ist das Beiziehen unterschiedlicher Informationsquellen erforderlich. Ich habe China während dieses Jahres jedenfalls fest in mein Herz geschlossen.
*Das Interview mit Johanna Bieri (Wang Jingyue) wurde auf Chinesisch geführt. Hier eine Kostprobe
Übertragung aus dem Chinesischen: Johanna Bieri