Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/969

9. November 1918. Am Tag, an dem der deutsche Kaiser abdankt, schreibt Walter Benjamin einen Brief. Zwei Tage später wird der Erste Weltkrieg zu Ende sein. Doch es ist nicht die politische Aktualität, die Benjamin umtreibt. Er lese derzeit «nur noch den ‹Grünen Heinrich› von Gottfried Keller», schreibt er seinem Freund Ernst Schoen, «alle Bücher dieses Mannes gehören zu den zweideutigsten und gefährlichsten Produkten der Literatur». Benjamin befindet sich zu dieser Zeit im Exil in Bern und scheint die Welt um sich zu vergessen. Auch dass die Schweiz sich angesichts des Generalstreiks in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzt, kümmert ihn wenig. Kellers erzählerische Unberechenbarkeit zieht Benjamin so in seinen Bann, dass die Weltgeschichte weit in den Hintergrund rückt.
Keller-Lektüren begleiten Benjamin sein ganzes Leben. Schon 1913, als Student, notierte er, es sei «nicht leicht, auf Kellers schweren Stil sich zu spannen, der jeden Satz langsam zu lesen verlangt». Doch gerade in diesem Stil liege Kellers Qualität. Als Benjamin 1927 seinen berühmten Essay über den Zürcher Dichter veröffentlichte, präsentierte er ihn als einen der «drei oder vier grössten Prosaiker der deutschen Sprache» überhaupt. 1936 verwies er auf den «Bodensatz von Nonsens in der Prosa» Kellers, auf seine unpathetische, nahezu «spröde, verschrullte Art», überhaupt auf den «unfehlbaren, nicht ganz unverschworenen Blick, den Keller für das Angefaulte, Lumpige» besass. Auch diese Sätze stehen in einem politisch brisanten Kontext. Als jüdischer Intellektueller aus Deutschland vertrieben, konnte Benjamin allein noch in der Schweiz sein letztes Buch veröffentlichen, die Briefanthologie «Deutsche Menschen», aus der die zitierte Passage stammt. Die Anthologie will die Werte des Bürgertums hochhalten gegen ein Regime, das im Begriff war, jegliche Form von Humanität auszulöschen. Praktisch zur selben Zeit rezitierte Erika Mann im Zürcher Niederdorf, in ihrem Kabarett Die Pfeffermühle, Kellers Gedicht «Die öffentlichen Verleumder» (1878), von dem Thomas Mann schrieb, es wäre ganz auf die Hitlerzeit gemünzt.
Keller als sperriger Autor? Als Vorläufer dadaistischer «Nonsens»-Poesie und Repräsentant eines im 19. Jahrhundert noch intakten Bürgertums? Das scheint so gar nicht ins überlieferte Bild zu passen. Denn im kollektiven Gedächtnis figuriert Keller bis in die Gegenwart als volksnaher Nationalschriftsteller, als brummiger Wirtshausgänger und einsamer Junggeselle, der sich in der Fiktion jene Welt erschafft, die ihm in der Realität verschlossen blieb. Doch schauen wir genauer hin. Keller-Lektüren sind volatil. Sie unterliegen zeittypischen Trends und Diskussionen.
Vom «neuen Herwegh» zum «Shakespeare der Novelle»
Konjunktur hatte Keller bereits zu Lebzeiten. Allein schon der Start seiner literarischen Karriere beeindruckt. Von der Politik herausgefordert, schrieb Keller im Vorfeld der Bundesstaatsgründung von 1848 erste Gedichte. Seine kämpferische Rhetorik ist wesentlich von der deutschen Emigrantenszene in Zürich inspiriert. Hier wird der junge und noch gänzlich unbekannte Autor entdeckt und publizistisch geschickt aufgebaut. Er gewinnt Zugang zum Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur, dem Verlag, der sich international als Drehscheibe für die revolutionäre Literatur zu profilieren vermochte und der so bekannte Namen wie Heinrich Heine oder Karl Marx im Programm führte. Mit Georg Herweghs «Gedichten eines Lebendigen» (1841) landete der Verlag einen Bestseller. Keller selbst sah sich in dessen Nachfolge, als er den Gedichtzyklus «Lebendig begraben» konzipierte. Und noch bevor der Band «Gedichte» 1846 in Deutschland erschien, priesen ihn die Freunde in den einschlägigen Zeitschriften als neuen Herwegh an. Die Aufmerksamkeit war ihm gewiss.
Keller bekommt Stipendien, reist nach Heidelberg und später nach Berlin. Als ihm das Geld ausgeht, zeichnen einflussreiche Förderer Keller-Aktien. Doch ihr Kurs fällt. Kellers hochfliegende Pläne erscheinen als leere Versprechen. Der «Grüne Heinrich» (1854/55) und die «Leute von Seldwyla» (1856) finden kaum Beachtung. Die miserable finanzielle Situation zwingt zum Handeln. 1861 bewirbt sich Keller auf die Stelle als Staatsschreiber und wird von der Zürcher Regierung wider Erwarten in das hochdotierte Amt gewählt. Die Pläne aus der Berliner Zeit bleiben liegen. Es ist der Star der Münchner Literatenszene, Paul Heyse, der ihn 1871 wieder ins Gespräch bringt. Heyse erklärt Keller zum «Shakespeare der Novelle» und führt als Beleg dessen damals fast vergessene Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe» an. Kellers Marktwert steigt rasant. Der Durchbruch ist geschafft. Die Manuskripte werden aus der Schublade geholt und überarbeitet. Dabei wird gestrichen, was Keller nun selbst als «Nonsens» einstufen mochte. An der Handschrift zum «Schmied seines Glückes» lässt sich das eindrücklich verfolgen (siehe Seiten 12/13). Zum 70. Geburtstag gratulierte der Bundesrat per Telegramm. Als Keller knapp ein Jahr später starb, wurde er als herausragender Dichter deutscher Sprache und zugleich als Repräsentant der Schweiz nach 1848 geehrt. Zürich bereitete ihm ein Staatsbegräbnis, wie man es bislang nicht gesehen hatte.
Vorläufer der Moderne?
Kellers Ruhm ist gefestigt. Doch jetzt beginnen die Deutungskontroversen. Denn Kellers Todesjahr fällt mit jener Schwelle zusammen, die epochengeschichtlich den Beginn der Moderne markiert. Keller hat das Glück, nicht als betulicher Realist abgestempelt zu werden. Erneut ist es sein weitgespanntes Netzwerk, das ihm zugutekommt. Die jüngere Generation der Naturalisten, unter ihnen so profilierte Vertreter wie Otto Brahm, sehen in ihm einen Vorläufer. Keller stand mit ihnen schon zu Lebzeiten in Kontakt. Sie hatten ihn in Zürich besucht und setzten sich publizistisch für ihn ein. Kellers pessimistischer Altersroman «Martin Salander» (1886) gilt als Vorbild für die neue Richtung. Für die Kanonisierung Kellers folgenreicher aber ist dessen Inanspruchnahme als Autor der Antimoderne. Aus der Moderne gegen die Moderne gerichtet, verfolgte diese Bewegung die Aufwertung der deutschen Provinzen gegenüber der Grossstadt Berlin, die synonym für die angeblichen Dekadenzerscheinungen der Gegenwart stand. Wie die Naturalisten hatte sich auch Ferdinand Avenarius, Gründer der Zeitschrift mit dem programmatischen Titel «Der Kunstwart», um Keller bemüht und wollte von ihm Texte veröffentlichen, die der «Gesundung des Geschmacks» dienen sollten. Keller verhielt sich bissig ablehnend. Eine solche Vereinnahmung widersprach ihm im Innersten. An Theodor Storm schrieb er im April 1881: «Ich hasse nämlich das Herausgeben von Anthologieen, zusammengebettelten Jahrbüchern und Almanachen durch ganz junge Leute, welche mit einigen schlechten Versen debütirt haben und sich nun mit diesem Mittel nachhelfen und in den Mund der Leute bringen wollen. Solche Knaben, an einem gewissen Vormittage noch keiner Seele bekannt, treten am Nachmittage in Folge des Staubes, den sie mit Briefe wechseln und allen möglichen Zudringlichkeiten aufzuwerfen verstehen, bereits als eine Art von Führern auf und werden von andern Hohlköpfen noch am gleichen Abend schon citirt.»
Zeitlebens um seine Reputation bemüht, wurde Keller nun nachträglich zum Repräsentanten einer angeblich «gesunden» Heimatdichtung stilisiert und verfälschend auf eine Ideologie bezogen, die ihm völlig fern lag. Die in diesem Kontext ausgebildeten Topoi aber führen ein zähes Eigenleben. Aufgegriffen wurden sie von einer völkischen und nationalsozialistischen Kulturpolitik, die, indem sie Kellers Zugehörigkeit zu Deutschland herausstrich, auf die Gleichschaltung der Schweiz zielte. Walter Benjamin und Erika Mann hielten hier dagegen und sahen in Keller umgekehrt den Dichter des «anderen» und «besseren» Deutschland, wie es sich im Schweizer Exil formierte.
«Schutzgeist der Heimat» – Jubiläen 1919 und 1940
Entscheidend zu Kellers Popularisierung trugen die Jubiläen zu seinem 100. Geburtstag 1919 sowie zum 50. Todestag 1940 bei. Beide Feiern standen im Kontext politisch prekärer Verhältnisse. 1919, unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, erfolgt Kellers Inthronisierung als Nationalschriftsteller. Das entsprach ganz dem zeitgenössischen Trend, die Literatur der neutralen Schweiz auch als ästhetisch eigenständige Literatur zu profilieren. Keller wird als bodenständiger Schweizer Autor inszeniert, und selbst die Satirezeitschrift «Simplicissimus» schreckt nicht davor zurück, ihn als heiteren Idylliker gegen Zerfallserscheinungen zu setzen, für die namentlich der Dadaismus einzustehen hat (s. Abb. S. 7). 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, verfestigt sich dieses Bild und gewinnt im Zuge der geistigen Landesverteidigung eine nun explizit patriotische Dimension. «Schutzgeist der Heimat» – so lautete jetzt die ultimative Formel der Keller-Rezeption. Geprägt hatte den Ausdruck Conrad Ferdinand Meyer in seinem Nachruf auf den Zürcher Kollegen. Das Unternehmen ist durchaus zwiespältig. Es fordert zur Lektüre des grossen Realisten heraus, doch zugleich verfestigen sich die antimodernen Topoi in der Rede über den Dichter, die sein Werk verharmlosen und auch entstellen. Kellers Gedicht «O mein Heimatland! O mein Vaterland!», bereits 1846 von seinem Freund Wilhelm Baumgartner vertont, avancierte zur heimlichen Nationalhymne der Schweiz, und «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» war über Jahre aus den Schulzimmern nicht mehr wegzudenken.
Offensiv gegen die bis zum Überdruss forcierte nationalliterarische Lektüre mit ihrer Zurückbindung Kellers an eine Schweiz, die er selbst viel kritischer gesehen hatte, wird erst mit «1968» angeschrieben. Relektüren gewinnen an Bedeutung, die zwar am «Schweizerischen» bei Keller festhalten, doch dieses anders gewichten. Jetzt rückt der radikal-liberale Demokrat ins Zentrum, dessen Werk und dessen Biografie direkt mit der Geschichte der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden sind. Keller erweist sich als kritischer Patriot und auch als melancholischer Künstler, der mit seinen privaten Nöten exponiert wird.
Dichter in «bengalischer Beleuchtung»
Nun also wieder ein Keller-Jubeljahr – von den überkommenen patriotischen Vereinnahmungen hält es sich fern, weit eher richtet sich der Blick auf Kellers Facettenreichtum und seine Formulierungsgabe. Seiner Bedeutung für die Schweiz tut dies keinen Abbruch. Doch nicht nur Dichter, auch Jubiläen haben ihre Konjunkturen, und so schnell wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geraten, so schnell kann ein mitunter auch reichlich hektisches Interesse wieder abflauen. Kritische Töne gegenüber Dichterjubiläen, die den Feiernden Gelegenheit geben, sich selbst zu feiern, und einer «Vergötzung» des Gefeierten gleichkämen, hatte etwa der 2019 ebenfalls gefeierte Carl Spitteler bereits vor hundert Jahren angeschlagen. Als Doyen unter den Schweizer Autoren sah auch er sich 1919 zu einer Keller-Rede aufgefordert. Spitteler sprach nicht in Zürich, sondern an seinem Wohnort in Luzern und brachte den einstigen radikalen Freischärler damit symbolisch in die Innerschweiz zurück, die ihm seine antikatholische Haltung im Sonderbundskrieg nach wie vor verübelte. Vor diesem Hintergrund betonte Spitteler die Bedeutung eines unaufgeregten Patriotismus und richtete sich mit Spott gegen die vielfältigen, in sich auch widersprüchlichen Inanspruchnahmen Kellers. Der Dichter erstrahle in «bengalischer Beleuchtung mit verstärktem Nationalorchester», in der Schweiz werde er von den «Freisinnigen» als «Erzbourgeois» gegen die Linke ins Feld geführt, von den Deutschen als «Agent für ihre eigene Propaganda» benutzt. Spitteler knüpfte damit an seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt» an, die er im Dezember 1914 gehalten hatte und in der er das Land in einer Krisensituation zur Selbstbesinnung aufrief.
Was Spitteler im Zusammenhang mit dem Keller-Jubiläum monierte, lässt sich angesichts der Jubiläumskonjunkturen durchaus weiterdenken. Und was hätte Keller gesagt? Wir wissen es nicht. Aber eines ist sicher. «Culturdinge», so lässt Keller den grünen Heinrich ausführen, brauchen keinen Patriotismus, sondern «vor Allem gute Einfälle, so viel als immer möglich». Und um diese zu entdecken und mit Vergnügen aufzunehmen, braucht es wiederum Leserinnen und Leser, die wissen, dass sein Werk noch lange nicht ausgelesen ist.