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In Indien sinken die Coronavirus-Zahlen, doch in der Hauptstadt Delhi schnellen sie nach oben. Das Virus trifft auf eine Stadt, die sowieso nur schwer atmen kann.
Jitender Singh Shunty (hinten) im Krematorium, er bezahlt das Holz für die Verbrennung.
Ein Mann schiebt die dritte und letzte Bahre aus dem Leichenschauhaus. Wie die anderen zuvor lässt er sie vor einem Verschlag stehen, einer Art Pförtnerhäuschen. Dort wartet die Familie. Sie wirft einen letzten Blick auf den Menschen, der gleich wieder unter weisser Plastikfolie verschwindet. Sie unterschreibt einen Zettel. Jetzt gehört die Leiche Jitender Singh Shunty. Der steht ein wenig abseits. «Heute Morgen haben wir bereits vier geholt», sagt er.
Shunty, 58, ist ein Mann mit knallgelbem Turban, dessen rechte Hand mit seinem Funkgerät verwachsen scheint. Es ist Mittag in Ost-Delhi, und Shunty sprüht jetzt Desinfektionsmittel auf den weissen Leichensack.
Kaum eine andere Grossstadt meldet derzeit so viele neue Corona-Fälle wie Delhi – ein genauer Vergleich ist schwierig, weil keine Rangliste existiert. In Delhi infizierten sich in der vergangenen Woche täglich durchschnittlich über 6000 Personen, so die offiziellen Zahlen, rund 30 Millionen Menschen leben in der indischen Hauptstadt. In Indien sank die Zahl der Coronavirus-Fälle in den vergangenen Wochen eigentlich. Die Hauptstadt aber meldet schon seit Anfang Monat Höchstwerte.
Die Leichensäcke werden von Jitender Singh Shunty desinfiziert.
Unberührbare Tote
Shunty leitet zusammen mit seinem Sohn Jyot Jeet, 27, die wohltätige Organisation «Saheed Bhagat Sing Seva Da». Diese betreibt einen Ambulanz-Service, verteilt Essen an Hungernde und leistet Katastrophenhilfe. Und sie kümmert sich um die Leichen der Ärmsten: Sie kremieren Tote, die keine Angehörigen haben, und solche, deren Angehörige sich keine Bestattung leisten können. Das tun sie seit 23 Jahren. Dann kam die Covid-19-Pandemie, und die Organisation muss so viele Tote verbrennen, dass sie sich in einem der staatlichen Krematorien fest installiert hat.
Die Familien von Covid-19-Opfern wenden sich an Shunty, weil sie die Verbrennung nicht selber durchführen dürfen oder wollen. Meistens befinden sie sich in Quarantäne oder haben Angst, sich beim Toten mit dem Virus anzustecken. «Ich habe Söhne gesehen, die ihre Väter nicht kremieren wollen, diese Toten gelten als unberührbar», sagt Jyot Jeet, der Sohn trägt den gleichen knallgelben Turban wie sein Vater. 512 Leichen hat die Organisation seit dem Anfang der Pandemie verbrannt, so der Stand am Freitag. Die Todesraten in Indien sind relativ tief, in Delhi sind in der vergangenen Woche offiziell rund 100 Menschen an Covid-19 gestorben. Jyot Jeet glaubt, tatsächlich seien es vier Mal so viele, «das hier ist die Welthauptstadt der Toten».
Delhi fühlt sich nicht an wie eine Stadt der Toten. Auf den Märkten herrscht Betrieb, auf dem Bahnhof Gedränge, und die Pärke sind voll mit Familien. Am Sonntag picknicken sie oder feiern Kindergeburtstag.
«In den vergangenen Wochen hat sich das Gefühl breitgemacht, die Pandemie sei vorbei», sagt Arvind Kumar, Chefarzt und Lungenchirurg in Delhis Sir-Ganga-Ram-Spital. «All die Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, sind ein Grund für den Anstieg», sagt Kumar, «der andere ist die Luftverschmutzung.» Delhi kämpft auch dieses Jahr wieder mit der schlechten Luftqualität: Im November erreichte der Air-Quality-Index locker die höchste Warnstufe, «gefährlich». Nach einigen guten Tagen wird nun für Dezember die nächste Smog-Welle erwartet, Grund sind die Heizungen in der Stadt, die vielen Feuer und die Bauern im Umland, die ihre Felder abbrennen.
Vor einer Woche beging Indien Diwali, das Lichterfest. Schon an den Tagen zuvor wurde gefeiert, an Diwali kamen dann Grossfamilien zusammen. Delhi hat das traditionelle Abbrennen von Feuerwerk verboten, um die Luftqualität nicht noch zu verschlechtern. An Diwali funkte und krachte es trotzdem von Delhis Hausdächern.
Schon Anfang Monat sind die Märkte in Delhi wieder voll.
Die Luftqualität ist wie jeden Winter schlecht in Delhi, das India Gate verschwindet im Smog.
Kumar sagt, es gebe Hinweise, dass das Coronavirus sich in Städten mit hoher Feinstaubbelastung besser verbreite. Das Virus reitet sozusagen auf den Feinstaubpartikeln in die Lunge und setzt sich dort tief fest. «Die Luftverschmutzung sorgt auch für eine höhere Todesrate in Delhi», sagt Kumar. Er verweist auf eine Harvard-Studie; sie zeigt, dass mit Luftverschmutzung die Todesrate steigt. Laut Kumar haben viele Einwohner Delhis Vorerkrankungen, Bluthochdruck, Atemprobleme, die Lungen sind bereits angegriffen. Es ist, als träfe das Virus auf eine Stadt voller schwerer Raucher.
«Es ist gut möglich, dass wir den Höhepunkt noch nicht erreicht haben», sagt Kumar, die Diwali-Partys dürften sich noch nicht in den Statistiken niedergeschlagen haben.
Der Nation dienen
Jitender Singh Shunty rast in einem Jeep an der Spitze des Konvois durch Ost-Delhi, hinter ihm folgen die Ambulanzen. Shunty nutzt Sirene und Blaulicht, aber meist die Hupe, um sich Platz zu verschaffen in den überfüllten Strassen. Er war einmal Regionalpolitiker für die BJP, die Partei des Premierministers Narendra Modi. Die Politik habe er aufgegeben, sagt er, aber er weiss sich noch immer zu inszenieren. Es hat etwas Irritierendes, wie er auf Social Media mit toten Menschen posiert. Sein Sohn Jyot Jeet sagt, sie wollten der Gesellschaft, der Nation dienen. Delhis Regierung sei überfordert. Er erzählt, einer ihrer freiwilligen Helfer sei vor kurzem an Covid-19 verstorben, Indiens Vizepräsident hat kondoliert.
«Tiger 1 an Tiger 2», brummt Shunty ins Funkgerät, das Krematorium ist nah.
Delhis Regierung hat harte Massnahmen beschlossen, um die neuste Covid-19-Welle einzudämmen, in der Stadt sind laut offiziellen Zahlen nur noch 177 Intensivbetten mit Beatmungsgerät frei. Wer in der Öffentlichkeit keine Maske trägt, bezahlt umgerechnet rund 25 Franken Strafe. Zwei Märkte wurden am Wochenende geschlossen, einen Tag später dann doch wieder geöffnet. Es ist wie meistens in Indiens Kampf gegen das Virus: Die Massnahmen sind rigoros, aber nicht zu Ende gedacht. Die Ladenbesitzer und Strassenverkäufer müssen weiter Geld verdienen, um nicht zu hungern, und kaum jemand in der Stadt kann eine 25-Franken-Busse bezahlen. Seit vergangener Woche dürfen in Delhi an Hochzeiten nur noch 50 Personen teilnehmen.
Im Saal des Rockland Hotel stehen die Stühle eigentlich bereit, vier Reihen, und vorne, hinter dem Tisch mit der rosa Samtdecke, zwei Stühle für das Brautpaar. Aber Rishi Srivastava, 52, hat kaum Gäste, die Platz nehmen. Im Saal im Keller finden sonst Hochzeiten statt, «zwischen 150 und 200 jedes Jahr in allen Hotels». Srivastava betreibt sechs Mittelklassehotels in Delhi, dieses Jahr habe er nur drei, vier Hochzeitsbuchungen. Eigentlich stünde in Delhi jetzt die Heiratssaison an – Daten zwischen Oktober und März gelten laut hinduistischem Horoskop als besonders verheissungsvoll. «Aber die Leute wollen nicht an die Hochzeiten kommen», sagt Srivastava, «am Ende tauchen noch weniger auf als angekündigt.» Vor der Pandemie war es umgekehrt: Es tauchten immer mehr auf als angekündigt.
Srivastava lebt wie viele in der Stadt von den Hochzeiten, Bankette machen rund die Hälfte seiner Jahreseinnahmen aus. Die fallen weg, er leidet wie die anderen Hoteliers, die Köche, die Floristen – Hochzeiten sind in Indien eine 50-Milliarden-Dollar-Industrie. Srivastava hat über die Hälfte seiner Mitarbeiter entlassen. Wer irgendwie kann, verschiebt seine Hochzeit um ein Jahr. Wer es sich leisten kann, mietet ein Anwesen in Delhis Umland, dort sind riesige Feste noch erlaubt.
Einige Hochzeiten finden dieses Jahr über Zoom statt. In Delhi versuchen viele, irgendwie normal weiterzumachen.
60 Franken für das Holz
Das Krematorium befindet sich gleich hinter der Stadtgrenze. In drei Betonflächen sind 24 Vertiefungen eingelassen. In acht brennen Feuer. Der Rauch zieht über die nahen Häuser davon.
Die Angehörigen helfen beim Aufschichten der Scheite, bis das weisse Plastik nicht mehr zu sehen ist. Der Tote liegt in einem Zelt aus Holz. Rund 60 Franken kosten die Holzscheite für so eine Beerdigung. Viele können es sich nicht leisten, Shunty bezahlt. Er wirkt nicht müde, eher gehetzt, er schlafe kaum. Es gibt viel zu tun. Das letzte Holzstück brennt, Shunty legt es selber auf den Haufen.