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Bild
Titel:
Caritas und Justitia als Fundamente
Thema: Politik
Datum: --.--.1777
Masse: ca. 235 x 145 cm
Standort: Gemeindehaus Trogen
Urheber/-in: Andreas und Peter Anton Moosbrugger
Beschreibung:
Zwischen 1775 und 1780 datierbare Stuckatur über dem Treppenaufgang im Pfarr- und Gemeindehaus am Landsgemeindeplatz Trogen. Das Haus wurde zwischen 1760 und 1763 durch Baumeister Hans Ulrich Grubenmann aus Teufen im Auftrag von Jakob und Anna Maria Zellweger-Wetter erbaut. Die Rokokostuckaturen sind jünger und stammen von Werkleuten um Andreas und Peter Anton Moosbrugger.
Geschichte:
Die drittälteste Darstellung einer Ausserrhoder Landsgemeinde, eine Stuckatur der Vorarlberger Gebrüder Moosbrugger, dokumentiert den Höhepunkt des politischen Jahres am letzten Aprilsonntag, die demokratische Versammlung der wehrhaften Männer unter freiem Himmel. Sie ist zudem Zeugnis für den baulichen Zustand des Trogner Landsgemeindeplatzes in seiner Phase der Umgestaltung zwischen 1747 und 1809 und für die Bedeutung von Güte und Gerechtigkeit als Basis von Freiheit, ideologisch verbunden mit Jakob Zellweger-Wetter, Bauherr des Privat- und Geschäftshauses, in dem sich die Stuckatur befindet.
Die Vorlage für die Stuckatur ist eine kleine Kupfervignette, die zusammen mit drei weiteren Vignetten das Frontispiz der «Neuen Appenzeller Chronick» von Gabriel Walser (1740) bebildert. Die Komposition illustriert den Weg Appenzells in die Freiheit: «Die Freÿheit so hier unterdrückt [Frondienst vor Zwingherrenschloss] | Und hier mit tapferm Sieg beglückt [Schlacht am Stoss] | Nunmehr mit Heil und Ruh geschmückt [Landsgemeinde] | Verbleibt durch diese unverrückt [personifizierte Tugenden Güte und Treue begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich].»
Die Landsgemeindestuckatur zeigt ein in sich geschlossenes Gefüge, eingebettet zwischen der irdischen Macht, gekennzeichnet durch das Kopf an Kopf stehende Männervolk mit Degen oder Säbel als Stimmrechtsausweis, und der himmlischen Macht, gekennzeichnet durch das allhörende Ohr und das allsehende Auge. Dieses Gefüge ist gerahmt von Häusern, deren realitätsnah nachgebildeten Fassaden dem betrachtenden Auge zugewandt sind. Am Fuss steht der Brunnen und sitzen die Musikanten, die Spieler; man begegnet sich und tauscht sich aus. Über der Männerschar thront der übergross dargestellte Landsgemeindestuhl mit dem Regierenden Landammann in der Mitte, flankiert vom Landweibel und dem Landschreiber. Diese Darstellung in Übergrösse spiegelt den erhöhten Status der Amtspersonen, deren Legitimation von unten, durch das Volk, ebenso viel Wert beigemessen wird wie deren Legitimation von oben, bildlich dargestellt durch zwei Putten, die Lorbeer und Eichenkranz dem Landammann aufs Haupt legen.
Das geschlossene Ganze kann als Ausdruck des prosperierenden Landes in den ausgehenden 1770er-Jahren gelesen werden. Die Bevölkerung wuchs, der Handel florierte, die von protestantischer Ethik geleitete Oberschicht brachte Weltgewandtheit, Vermögen und einen europaweiten Austausch in die Dörfer. Am Landsgemeindeplatz Trogen entstanden in nur 60 Jahren sieben grosse Steinpaläste und eine Kirche. Treibende Kraft in dieser dörflichen Umgestaltung waren Mitglieder der Textilhandelsfamilie Zellweger, die in Lyon, Genua und Trogen lebten und im Lande selbst die höchsten Ämter bekleideten. Der spätere Landammann Jakob Zellweger und dessen Frau Anna Maria Wetter liessen nach der Rückkehr aus Lyon den Palast Nr. 1 errichten und stuckieren. Sie liessen sich auch ein Landbuch, in dem das Grundgesetz des Landes Appenzell der äusseren Rhoden verschriftlicht war, anfertigen und illustrieren, unter anderem ebenfalls mit einer Landsgemeindedarstellung.
Die Allegorien der «Caritas» (Güte) und der «Justitia» (Gerechtigkeit), die im Sockel der Landsgemeindestuckatur den Sinnspruch «Die Tugend ist die sicherste Grundsäule der Freiheit. La vertu est le plus sûr boulevard de la liberté» rahmen, runden die ideologische Aussage der Darstellung ab: Die Gerechtigkeit war für Aristoteles und die griechische Antike die erste aller Tugenden, die Güte für Paulus und das Christentum.
Autor: Heidi Eisenhut, Trogen
Literatur:
Quellen:
StAAR, SMS-01-002 Illustriertes Ausserrhoder Landbuch-Fragment, Fassung von 1747, erstellt wohl 1765 (Privatbesitz Zellweger, Rorschacherberg; Digitalfaksimile StAAR).
Walser, Gabriel: Neue Appenzeller Chronick, oder, Beschreibung des Cantons Appenzell der Innern- und Aussern-Rooden vorstellende so wohl des Lands natürliche Beschaffenheit, der Einwohnern Ursprung, Sitten, Gewerbe und einem Anhang der vornehmsten Instrumenten, Diplomatum, Bündnissen, Friedensschlüssen etc. Tl 1 und 2. St. Gallen 1740.
Literatur:
Eisenhut, Heidi: Tugenden gestern und heute. In: Appenzellische Jahrbücher 139 (2012), S. 50–61.
Morel, Andreas F.A.: Andreas und Peter Anton Moosbrugger. Zur Stuckdekoration des Rokoko in der Schweiz. Bern 1973 (Beiträge zur Kunstgeschichte der Schweiz, Bd. 2).
Riklin, Alois: Politik und Ethik. In: Id.: Verantwortung des Akademikers. St. Gallen 1987, S. 39–88.
Steinmann, Eugen: Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Bd. 2: Der Bezirk Mittelland. Basel 1980 (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 70).
Steinmann, Eugen: Pfarr- und Gemeindehaus Trogen. Basel 1977 (Schweizerische Kunstführer, Serie 22, Nr. 220).
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