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«Die Bank organisierte ihre Freunde an der Spitze der Schlange vor den Schaltern und zahlte sie mit Sechs-Pence-Münzen aus, was lange dauerte. Diese Freunde brachten das Bargeld durch eine andere Tür der Bank zurück, die es entgegennahm, erneut langsam zählte und es wieder auszahlte.»
Diese von Ökonomieprofessor Charles P. Kindleberger in seinem Opus magnum1 geschilderte Episode eines Bank-Runs von 1720 illustriert, dass ein Ansturm wie der auf die Credit Suisse (CS) kein neues Phänomen ist. Die Autoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff listen in ihrem Standardwerk zu internationalen Finanzkrisen nicht weniger als 260 Bankenkrisen seit 1800 auf.2 Und auch Kindlebergers Übersicht, die von 1618 bis 1998 reicht,3 erinnert daran, dass Bankenkrisen auf der ganzen Welt immer wieder vorgekommen sind – in verschiedenen Währungssystemen (ohne und mit Zentralbank, Goldstandard oder Fiatgeld), Regulierungsregimes (wenig oder viel Eigenkapital) und unabhängig vom Geschäftsmodell und von den Eigentümern (Privatbank mit persönlicher Haftung oder kotierte Grossbank mit breitem Aktionariat). Die Episode zeigt auch, dass Banken einem Ansturm nicht machtlos ausgeliefert sein müssen. In der digitalen Ära bildeten sich vor dem Schalter der CS zwar keine Schlangen, aber der Faktor Zeit bleibt entscheidend. Es erstaunt daher nicht, dass auch heute wieder darüber diskutiert wird, wie ein «panikartiger Abzug von Bankeinlagen gebremst» werden könnte.4 Und selbst heute kann ein beizeiten geknüpftes Netz von Freunden – anderen Finanzinstituten und Investoren – einer Bank helfen, in Krisen über die Runden zu kommen. So war es der CS 2008 noch gelungen, sich dank guter Beziehungen zu Katar frisches Kapital zu beschaffen und, anders als die UBS, ohne staatliche Krücken auszukommen.
Kriselt eine Bank, kriselt die Schweiz
Bankenkrisen treten zwar immer wieder auf, lassen sich aber nicht voraussagen. Das verdeutlicht der abgebildete «Krisenkalender» für die Schweiz. So erschien das Finanzsystem nach der Grossbankenkrise in den 1930er- bis zur Immobilienkrise der 1990er-Jahre (abgesehen vom Sonderfall Chiasso) grundsolide. Es dauerte rund 60 Jahre, nämlich bis zur Schliessung der Spar- und Leihkasse Thun 1991, ehe Sparer bei einer Schweizer Bank wieder Geld verloren. Die Rettung der UBS 2008 passte ins internationale Muster, wurden doch im Verlauf der Finanzkrise mehr als zwei Drittel der 100 weltweit grössten Banken vom Staat unterstützt.5 Hingegen handelt es sich beim Untergang der global tätigen CS (bisher) um einen Solitär, figurieren doch die in den USA kollabierten Regionalbanken unter «ferner liefen …».
Eine Besonderheit der Schweiz ist, dass Bankenkrisen zeitlich oft mit von aussen ausgelösten «Integritätskrisen» korrespondieren, welche die Schweizer Politik lange beschäftigen. Tatsächliches oder vermeintliches Fehlverhalten der Akteure auf dem grossen Finanzplatz mit dem internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft bietet ausländischen Staaten immer wieder Hebel, um Druck auszuüben. Ein Beispiel ist der exorbitant teure Vergleich, den die Banken für das Ende der Kontroverse um die nachrichtenlosen Vermögen abzuschliessen gewillt waren, nicht zuletzt deshalb, weil die Grossbanken weiter in das US-Geschäft vorstossen und die Fusion von Bankgesellschaft und Bankverein 1998 zur UBS nicht aufs Spiel setzen wollten. Heute fällt die CS-Krise mit wachsendem Druck auf die Neutralität und Begehrlichkeiten nach russischem Geld in der Schweiz zusammen.
Warum es gegen Runs kein Patentrezept gibt
Einen Run zu beschreiben, ist einfach. Eine Bank hält in der Regel weniger liquide Mittel, als sie kurzfristige Verpflichtungen (Einlagen) hat. Zum Ansturm kommt es, wenn die Kunden das Vertrauen in die Bank verlieren – sei es aus berechtigten Gründen oder aus Panik. Sie ziehen dann ihre Einlagen fluchtartig ab. Aus der…