Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03596.jsonl.gz/2364

Sozialhilfe: Entscheide unter der Lupe
In der Schweiz besteht ein Konsens darüber, dass Menschen in Not eine kollektive Hilfe erhalten. Allerdings wird in der Politik darüber debattiert, wer Anspruch auf Sozialhilfe hat und wann und wie viel diese Menschen erhalten sollen. Die Sozialbehörde der Stadt Zürich hat als eine von zahlreichen kommunalen Sozialhilfestellen die Aufgabe, solche Entscheidungen für einzelne Fälle hervorzubringen.
Klassifikationspraktiken im 20. Jh.
In seiner von Prof. Dr. Gabriel Abend betreuten Doktorarbeit mit dem Titel "A New Framework for the Scientific Study of Classification. Paperwork Practices in Zurich's Social Assistance" untersucht Lukas Posselt, wie die Unterstützungsentscheide der Stadt Zürich hervorgebracht wurden. Er möchte herausfinden, wie die Klassifikationspraktiken unterschiedliche moralische Rahmung der Beziehung zwischen den Behörden und der unterstützten Person konstituieren.
Der Fokus der Untersuchung liegt darauf, wie sich Unterstützungsentscheide zugrundeliegende Prinzipen, Techniken und administrativen Instrumente im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert haben. Dazu werden in einem ersten Schritt des Projekts qualitative und quantitative Methoden eingesetzt, um die Konstruktion von Fallakten und deren Veränderungen zu untersuchen. Zweitens soll ermittelt werden, wie sich die kommunale Organisation der Fürsorge im Laufe des letzten Jahrhunderts verändert hat und wie diese Reformen unterschiedliche Klassifikationspraktiken ermöglicht haben. Schliesslich soll durch eine Auseinandersetzung mit dem Fürsorgediskurs beleuchtet werden, wie neue Kategorien zur Beschreibung von Armutssituationen entstanden sind und wie sie neue Klassifikationen ermöglicht haben. Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts können einen Beitrag zur Geschichte der Sozialpolitik, zur Soziologie der Klassifikation und zuletzt zur aktuellen politischen Debatte um die Sozialhilfe in der Schweiz leisten.
Für das Projekt erhält Lukas Posselt ein Doc.CH-Beitrag des SNF, welches jungen Forschenden in der Schweiz ermöglicht, eine Dissertation zu einem selbstgewählten Thema zu verfassen. Mit der gesprochenen Fördersumme von 254'000 Franken werden der Lohn sowie die Projektkosten für die Dauer von 48 Monaten finanziert. An der Universität Luzern konnte bei derselben Ausschreibung ein weiterer Doc.CH-Beitrag eingeworben werden.