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Das Kunsthaus Baselland freut sich, die erste institutionelle Ausstellung der jungen britischen Künstlerin Lydia Gifford in der Schweiz zu zeigen.
Lydia Gifford hat am Royal College of Art und an der Chelsea School of Art and Design studiert. Sie war in der Schweiz bereits in einer Gruppenausstellung in der Galerie BolteLang in Zürich zu sehen und ist durch ihren herausragenden Beitrag an den Art Statements 2011 aufgefallen. 2012 waren ihre Werke u.a. in der Ausstellung Minimal Myth am Museum Boijmans in Rotterdam, in einer Solo-Ausstellung in der David Roberts Art Foundation in London und an der Biennale für zeitgenössische Kunst in Rennes zu sehen.
Malerische Prozesse und die Auseinandersetzung mit den Überwindungsmöglichkeiten medialer Grenzen, ebenso wie physische und räumliche Überlegungen sind zentrale Kernpunkte in Giffords Werk. Ihre Malereien stehen in einem Wechselspiel mit dem skulpturalen Territorium, sie ragen aus einer festgelegten Begrenzung heraus, sowohl formal als auch räumlich. Den letzten Schritt in der Werkproduktion nimmt die Künstlerin meist vor Ort vor und setzt einzelne Momente der Bilder direkt auf die Wand gemalt fort.
Für die Ausstellung im Kunsthaus Baselland konzipierte die Künstlerin zur Gänze neue Arbeiten. Siding, so der Titel der Ausstellung, gibt einen ersten Hinweis auf die Konzeption der neu entstandenen Werke: Der englische Begriff verweist auf architektonische Ver- oder Bekleidungen und meint diverse räumliche Elemente, die aus dem gewohnten architektonischen Setting herausragen oder eine Unterbrechung im traditionellen Architekurgefüge darstellen. Für die 40m lange Wand im Kunsthaus Baselland ‹bekleidete› die Künstlerin verschiedene, gefundene und meist unebene Bretter mit unzähligen Schichten von eigens dafür produzierten und gemischten Farben. Diese mit Farbmaterial verfestigten und unterschiedlich strukturierten Einheiten bilden den Ausgangspunkt für eine Wandkomposition, die mittels überlagerten und/oder fortgeführten Einzelteilen und dazwischen gesetzten Freiräumen eine spezifische Rhythmisierung der Wand und des Raumes vornimmt. Die Elemente an der Wand werden zusammen gelesen und beispielsweise als schwebende, fallende oder aufsteigende Zeichen interpretiert, als Wiederholungen, Unterbrechungen oder mehrstimmige Zeichen, die zusammenkommen oder auseinanderdriften. Lydia Gifford verweist auf die unendlichen Möglichkeiten der Gesamtkonzeption, die sie letztlich mit den Bewegungsabläufen vor Ort und aufgrund der räumlichen Gegebenheiten entscheidet, und die vorab im Atelier nur prinzipiell angedacht werden können. Die Arbeit erinnert an Robert Morris’ Untitled (Scatter Piece) von 1968/69, bei welcher die 200 Elemente aus diversen Materialien bei jeder Ausstellung unterschiedlich zusammengefügt werden. Während sich Morris an externen, zufälligen Entscheidungshilfen (z.B. Münzenwerfen) orientierte, geht Gifford nach visuellen, körperlichen und räumlich geprägten Entscheidungen vor. Dabei orientieren sich nicht nur die einzelnen bemalten Elemente an der Körpergrösse der Künstlerin — die Bretter sind kaum länger als ihre Arme — auch ihre Platzierung im Raum wird von Bewegungsmomenten und körperlichen Bezügen entschieden.
In gleicher Weise erhalten die für die anderen Räume konzipierten Bilder durch den jeweiligen Arbeitsprozess ihre charakteristische Form. Meist umwickelt Lydia Gifford wortwörtlich den Keilrahmen mit einem grossen Baumwolltuch, dessen Ecken sie grosszügig einschlägt und befestigt. Die Schichten aus einer Öl- und Kreide-Mischung in überwiegend subtilen Farben durchdringen den Farbgrund und gehen mit ihm plastische Verbindungen ein. Die Oberflächen sind von den unterschiedlichen Strukturen des Werkprozesses geprägt; immer wieder dringt ein einzelnes Pigmentkorn der Farbmischung an die Oberfläche und hinterlässt beim Verstreichen eine andersfarbige Spur. Die Vorder- und Rückseite der Bilder wird oft spielerisch so lange weiterentwickelt, bis sich eine der beiden Seiten durchsetzt, oder das Werk in seiner letztlichen Platzierung so arrangiert, dass es von beiden Seiten zu betrachten ist. Auch wenn nur die eine Seite präsentiert wird, ist das Sichtbare durch das Dahinterliegende mitbestimmt. Die Erinnerung an das verborgen Vorhandene bestimmt die Wirkung des Sichtbaren mit.
Manche Bildarrangements bestehen aus mehreren Teilen, die zusammengefügt präsentiert werden. Ihre Form wird dabei nicht von vornherein als konzeptueller Ausgangspunkt festgelegt, sondern im Prozess der Entstehung ausgelotet. Auch bei diesen Wandkompositionen sind die dazwischen auftauchenden Leerräume insofern von Bedeutung, als sie ihrerseits das Lesen des Bildes als Ganzes mitbeinflussen.
Giffords Werke sind Malereien, die entstehen in der Auseinandersetzung zwischen der Fläche des Bildträgers und einer Form, die im Werkprozess versucht diese Fläche zu überwinden. So kann eine Ecke abgebrochen und wieder aufgebaut werden. Die Künstlerin balanciert mit den Charakteristika von Malerei und Skulptur und gibt so den Werken ihre spezifische Sprache.
Text von Sabine Schaschl