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Das Kernkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine wurde in den letzten Tagen mehrfach mit Raketen beschossen, die Russen und die Ukrainer geben sich gegenseitig die Schuld an den Angriffen. Seit Anfang März wird es von russischen Truppen besetzt, betrieben wird es noch immer von ukrainischem Personal. Nach den Angriffen wächst die Sorge, dass es zu einem Zwischenfall kommen könnte. Annalisa Manera, Professorin für Nuklearforschung an der ETH Zürich, erklärt, wie gut das AKW gesichert ist.
Annalisa Manera
Professorin für nukleare Sicherheit ETH Zürich
Seit Sommer 2021 ist Manera Professorin an der ETH Zürich für Nuclear Engineering.
SRF News: Was weiss man über die aktuelle Sicherheitslage des AKW Saporischschja?
Annalisa Manera: Momentan wissen wir, dass das Kernkraftwerk nicht beschädigt wurde und es keine radioaktiven Freisetzungen gibt. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat Zugang zum AKW verlangt, diesen aber noch nicht erhalten.
Saporischschja wurde in den vergangenen Tagen mehrfach mit Raketen beschossen. Kann eine solche Anlage derartigen militärischen Angriffen standhalten?
Offensichtlich gab es noch keine Schäden an der Anlage. Sie wurde so gebaut, dass das «Containment» (dt. Sicherheitsbehälter) einem Flugzeugabsturz standhalten soll. Eine einzelne Rakete kann das Containment zwar nicht beschädigen. Ein längeres, gezieltes Bombardement würde das aber schaffen. Das bedeutet aber noch nicht, dass der Reaktor beschädigt würde. Dieser liegt geschützt, ganz unten im Containment-Gebäude.
Mit «Containment» meinen Sie die Schutzhülle des Kernkraftwerks?
Der Reaktor hat eine Schutzhülle aus Stahl, und darunter gibt es noch weitere dicke Schutzhüllen mit Stahlbeton.
Ist der Reaktor das einzige sensible Ziel bei einer solchen Anlage?
Es gibt natürlich Sicherheitssysteme. Diese sind aber durch das Containment ebenfalls geschützt. Alle wichtigen Teile des Kernkraftwerks sind geschützt.
Es müsste sehr viel passieren, bis es einen grossen Unfall geben würde.
Was sind die grössten Gefahren für das AKW Saporischschja, abgesehen von militärischen Angriffen?
Die Gefahr ist, dass die Versorgung vom externen Strom und die langfristige Versorgung mit Diesel-Notstromgeneratoren ausfällt. In diesem Fall wäre die Kühlung des Reaktors nicht mehr gewährleistet. Das ist die eigentliche Gefahr. Für die externe Stromzufuhr gibt es vier Stromleitungen. Die Diesel-Notstromgeneratoren sind geschützt. Die Frage ist, wie gross die Vorräte von Diesel-Brennstoff sind. Meines Wissens verfügen sie über Diesel für fünf bis sieben Tage.
Die Anlage wurde von russischen Truppen besetzt. Betrieben wird sie aber nach wie vor von ukrainischem Personal. Kann das überhaupt funktionieren?
Das ist eine schwierige Situation. Das Personal wird unnötigerweise unter Stress gesetzt. Ein Kernkraftwerk während eines Kriegs zu betreiben, ist alles andere als normal. Bis jetzt hat das ukrainische Personal den Reaktor aber unfallfrei betreiben können.
Welche Folgen hätte ein Atomunfall bei Saporischschja? Der ukrainische Botschafter bei der IAEA sagte, nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa würde schwere Konsequenzen zu tragen haben.
Es müsste sehr viel passieren, bis es einen grossen Unfall geben würde. Die Konsequenzen würden aber in erster Linie die Ukraine und Russland treffen – und dann die angrenzenden Gebiete der Nachbarländer. Je weiter man weg ist, desto geringer sind die Konsequenzen. Die grössten Folgen hat ein Atomunfall immer lokal.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.