Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03235.jsonl.gz/1178

Roboter, das neue Wort war bereits im Titel von Karel Čapeks Stück „R.U.R.“ enthalten, das am 25. Januar 1921 in Prag uraufgeführt wurde: „R.U.R.“ ist ein fiktionaler Firmenname, der für „Rossumʾs Universal Robots“ steht. Der vom tschechischen „robota“ (,Fronarbeitʻ) abgeleitete Ausdruck „robot“ war ein glücklicher Einfall Josef Čapeks, als sein Bruder Karel nach einer geeigneten Bezeichnung für intelligente Maschinen suchte. Die erste Robotergeschichte der Welt musste zunächst definieren, was bzw. wer ein Roboter ist. Auch die Frage, in welchem Verhältnis zueinander Roboter, Mensch und Natur stehen, musste geklärt werden. Die Erfindung der künstlichen Intelligenz hatte in „R.U.R.“ als eine Art Spiegel für die Frage gedient, was der Mensch sei und was ihn ausmache. Kann das 100 Jahre alte Stück auch heute zu den Debatten über die Zukunft des Menschen im Zeichen von Klimawandel und Ressourcenknappheit beitragen?
Die Zukunft der Vergangenheit
Zwei Wochen vor der „R.U.R.“-Premiere wurde Karel Čapek 31 Jahre alt und war gerade dabei, sich als Journalist in der tschechischen Presselandschaft zu etablieren, nachdem er in Philosophie promoviert hatte. Auch sein neuestes Werk verband eine unverkennbare philosophische Fundierung mit publizistischer Schärfe. „R.U.R.“ ist gleich zu einem internationalen Erfolg geworden: 1922 folgte eine Broadway-Inszenierung in New York mit insgesamt 184 Aufführungen. Bis 1923 wurde „R.U.R“ in dreißig Sprachen übersetzt und hat das internationale Denken über die menschenähnlichen Maschinen geprägt. Beim ersten Britischen Roboter Eric, der 1928 konstruiert und 2017 als Museumsexemplar neugebaut wurde, standen sogar die Buchstaben RUR auf der Brust.
Die Handlung von Čapeks Drama ist in die Zukunft verlegt und spielt auf einer abgelegenen Insel, von der aus die R.U.R.-Fabrik die ganze Welt mit Robotern beliefert. Erfunden wurden die Roboter vom Firmengründer Rossum, dessen Name an das tschechische Wort „rozum“ (,Verstandʻ) erinnert. Die Fabrik wird von Harry Domin geleitet, der mit Helena Glory verheiratet ist. Verstand, Dominanz und Ruhm umreißen bereits auf der Namenebene ein Bild des rationalen, leistungsstarken Menschen, der seine Macht in der Welt etabliert. Den Robotern werden überwiegend lateinische Namen gegeben wie Radius, Marius und Sulla. Aus diesem Zusammentreffen von Zukunft und Antike entsteht eine Allegorie der europäischen Zivilisation vom Anfang bis zu ihrem potenziellen Ende. Angespielt wird wohl auch darauf, dass die Idee einer automatisierten Arbeit aus der Antike (Aristoteles’ „Politik“) stammt.
Čapeks Roboter
Was bzw. wer sind Čapeks Roboter? Die Produktion der äußerlich menschenähnlichen Maschinen geschieht durch eine Kombination aus Biotechnologie und Mechanik. Mithilfe der Wirkstoffe „Biogen“ und „Enzym Omega“ wird lebendige Materie für Körperteile hergestellt, aus denen Wesen zusammengeschraubt werden, die ca. zwanzig Jahre halten und sich selbst nicht fortpflanzen können. Somit kombinierte Čapek das etablierte Konzept eines Automaten mit der mystischen Tradition von der Erschaffung bzw. Umgestaltung lebendiger Materie, die er in der damaligen Biochemie mit ihren Enzymen und Hormonen wiedererkannte. Auf diese Weise hat er das in der Zukunft liegende Bioengineering praktisch vorweggenommen.
Abgesehen von der fantastischen Produktionsweise sind Čapeks Roboter durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: Leistungsstärke, enormes Gedächtnis und „ungeheure Intelligenz“. Obwohl der Begriff „artificial intelligence“ in der Wissenschaft erst 1955 geprägt wurde, verwendete Čapek bereits 1921 das tschechische Wort „inteligence“ für das zentrale Charakteristikum der Roboter. Sie können große Informationsmengen speichern und wiedergeben, sie beherrschen Fremdsprachen und unterstützen den internationalen Bürobetrieb.
In allen drei Eigenschaften übertreffen Roboter die menschlichen Fähigkeiten, was den Fabrikdirektor Domin zu dem Schluss führt, dass sie „mechanisch gesehen vollkommener als wir“ sind. In einer Gesellschaft, die von Leistungsorientierung und Rationalität dominiert ist, wird der Mensch also umgekehrt zu einem unvollkommenen Roboter. Ein symbolisches Gegenbild zum Roboter stellt das Kind dar, das in einer beschleunigten Arbeitswelt keinen Platz hat: „Die ganze Kindheit ist technisch gesehen völliger Unsinn. Sie ist reine Zeitverschwendung“.
Entwurf einer neuen Weltwirtschaft
Wie auch heute sind die fiktionalen Roboter von 1921 mächtige Wirtschaftsinstrumente: Ihre Massenherstellung in der R.U.R.-Fabrik soll die Wirtschaft mit billiger, aber leistungsstarker Arbeitskraft versorgen. Unternehmen ohne Robotereinsatz gehen pleite, weil die Konkurrenz dank der Robotik Produktionskosten senken kann. Um den Wettbewerb zu gewinnen, setzen die Hersteller Verkaufspreise immer stärker herab, sodass die Waren am Ende beinahe wertlos sind. Dass ein Pfund Brot nun für zwei Cent erhältlich ist, wird von der R.U.R.-Leitung allerdings als Anbruch einer neuen Wirtschaftsära des uneingeschränkten Konsums betrachtet.
Im Drama führt diese Entwicklung nicht nur zum Überangebot an Arbeitskraft und zur Überproduktion, die künstliche Intelligenz wird darüber hinaus auch zum Instrument der Gewalt. Roboter schlagen einen Aufstand zum Erhalt der Arbeitsplätze nieder und werden auch im Krieg eingesetzt. Dass künstliche Intelligenz zur tödlichen Waffe wird, hat Karel Čapek also bereits nach dem Ersten Weltkrieg vorweggenommen, der damals einen Kampf neuer Technologien darstellte.
Nichtsdestotrotz wird die Roboterherstellung in „R.U.R.“ rhetorisch mit einer großen anthropologischen Mission gerechtfertigt. Während die billigen Waren den Markt überfluten, soll der Mensch von der existenzsichernden Arbeit befreit werden: Diese Vision erinnert unwillkürlich an die aktuellen Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen. In der fiktionalen Welt von „R.U.R.“ wird ein solcher Vorstoß katastrophale Folgen nach sich ziehen. Zunächst erklären die R.U.R.-Ideologen allerdings das Menschsein zum Selbstzweck: Der Mensch soll nur für das höhere Ziel leben, „sich zu vervollkommnen“. Was aber bedeutet das, ein (vollkommener) Mensch zu sein?
Roboter als Spiegelbild des Menschen
Schon dem Begriff „künstliche Intelligenz“ ist eine Projektion des menschlichen Denk- und Wissenssystems auf die Maschine eingeschrieben. Inzwischen können Algorithmen sogar Kunst schaffen, wie etwa computergenerierte Texte des deutschen Literaturkollektivs „0x0a“. Heute werden Roboter auch dadurch zu einem anthropologischen Spiegelbild, dass sie die menschliche Emotionalität nachahmen. Denn die aktuelle Forschung versucht, emotionale Interaktionen zwischen Mensch und Roboter zu ermöglichen, insbesondere dort, wo die künstliche Intelligenz bei sozialen Aufgaben eingesetzt wird. Auch im Laufe des Dramas „R.U.R.“ unternimmt der Forscher Dr. Gall Versuche, Roboter noch menschenähnlicher zu machen. Bei neuen Modellen wird die Empfindlichkeit erhöht, damit Roboter auch Gefühle lernen.
Durch Galls Versuche erhält die künstliche Intelligenz in „R.U.R.“ nicht nur Emotionen, sondern auch ihren eigenen Willen. Was jedoch ist der erste Wunsch des Roboters Radius, der „das größte Gehirn auf Erden“ besitzt und eine Bibliothek betreut? – „Ich will keinen Herrn. […] Ich will Herr über andere sein“. Dabei folgt Radius der gesellschaftlichen Konkurrenzlogik, nach der die Leistungsstärksten eine Machtposition übernehmen sollen: „Sie haben nicht die Fähigkeiten wie wir Roboter. Wir machen alles“. Ausgerechnet die intelligenten Maschinen beanspruchen für sich, vollkommene Menschen zu sein. Indem die Roboter die Stelle des Menschen in der Welt einnehmen wollen, spiegeln sie die Menschheitsgeschichte: „Man muss morden und herrschen, wenn man sein will wie die Menschen“. Hinter der humanistischen Rhetorik von Vernunft und Vervollkommnung steht ein Bild der Menschheitsgeschichte, in dem der Durchsetzungsfähige und Stärkere herrscht.
Mechanismus der Anti-Utopisierung
Čapeks Theaterstück von 1921 stellt den Umschlag eines utopischen Projekts der künstlichen Intelligenz in eine Dystopie dar. „R.U.R.“ reagierte auf eine ganze Reihe von politisch-philosophischen Utopien seiner Zeit. Erkennbar sind Bezugnahmen auf Nietzsches Lehre vom Übermenschen, auf die Weltrevolution des Proletariats sowie auf die Vision einer Technisierung aller Lebensbereiche, die aus dem aufklärerischen Glauben an Fortschritt und Modernisierung resultiert.
Im Mittelpunkt des Theaterstücks steht allerdings ein allgemeiner Mechanismus der antiutopischen Umkehrung, der sich im Laufe der Handlung mehrmals wiederholt. Nachdem ein Aufstand der Roboter eine Gewaltmaschinerie in Gang setzt, wird eine neue Utopie der Rückkehr zum ursprünglichen Zustand entworfen. Im Zeichen dieser zweiten Utopie vernichtet Helena Glory die Herstellungsanleitung für Roboter, was allerdings zu noch schlimmeren Folgen führt. Auch der Glaube der Roboter, die Ausrottung der Menschen könne sie zu Weltherrschern machen, führt zum Gegenteil. Denn die Roboter können sich ohne Menschen nicht reproduzieren und müssen aussterben.
Der Wunsch, die Welt zu verändern, wird in „R.U.R.“ somit zum Wesensmerkmal des Menschen, das die Roboter ebenfalls übernehmen. In mehreren Anläufen modelliert das Drama, wie dieser Wunsch zur Selbstzerstörung führen kann.
Ein Neubeginn für die Menschheit?
Die Menschen in „R.U.R.“ sind nicht nur durch den Roboteraufstand bedroht, sie verlieren auch ihre natürliche Fortpflanzungsfähigkeit. Die beiden gleichzeitigen Untergangsszenarien dienen weniger der fiktionalen Furore, sondern schließen sich zu einer philosophischen Allegorie zusammen: der Krise des tradierten Menschenbildes. Mehrere Gespräche in „R.U.R.“ reproduzieren pathetische Klischees, deren Entleerung immer evidenter wird: erfindungsreiche Geister, Helden mit brennenden Seelen und Herren der Schöpfung. Schließlich kommt der Fabrikleiter Domin zu einer melancholischen Einsicht: „Vielleicht sind wir schon lange, lange tot und kehren zurück, nur um das aufzusagen, was wir schon einmal gesagt haben“.
Allerdings endet das Theaterstück nicht mit einer Negation, sondern mit einem hoffnungsvollen Neubeginn. Das Produktionsgeheimnis der Roboter ist verloren und von der menschlichen Zivilisation mit ihren Systemen und Maschinen wird nur ein Schuttplatz bleiben. Doch stehen am Ende zwei Wesen, Primus und Helena, die als Roboter hergestellt wurden, in sich aber die Fähigkeit entdecken, zu träumen und zu lieben. In Abwesenheit der Menschen lernt Helena Zärtlichkeit und Kindheit bei einer Hundefamilie kennen: „Wenn du sehen könntest, wie sie meine Hände ablecken. Und ihre Welpen, ach, Primus, es gibt wohl nichts Schöneres. Du nimmst sie auf den Schoß und streichelst sie“.
„R.U.R.“ endet mit einem inneren Monolog des letzten alternden Menschen Alquist, der Primus und Helena als neue Adam und Eva begrüßt: „Das Leben geht nicht zugrunde!“. Wie sich die Menschen im Laufe des Theaterstücks als Roboter entpuppen, so übernehmen am Ende umgekehrt zwei Roboter die Verantwortung, den Fortbestand des menschlichen Lebens auf der Erde zu sichern. Somit wird im letzten Akt ein alternatives Menschenbild entworfen: Dieser Mensch ist nicht vom Herrschafts‑ und Produktionswahn ergriffen, sondern lernt von anderen Lebewesen, zu denen er ein emotionales Verhältnis herstellt. Dieser Mensch ist nicht auf Leistung und Nutzen konzentriert, sondern erkennt die Schönheit und die Freude der lebendigen Welt, als deren Teil er sich erfährt.
1921 – und heute?
Vor hundert Jahren wurde das Wort „robot“ als Warnzeichen und Versprechen erfunden. Was hat die Menschheit in diesen hundert Jahren daraus gemacht? Nicht nur eine Sci‑Fi‑Tradition und nicht nur eine neue Realität der künstlichen Intelligenz. Vielmehr steht Karel Čapek am Anfang jener Denktradition, die im 21. Jahrhundert ein Umdenken des menschlichen Selbstverständnisses im Zuge der Umweltkrise fordert. In „R.U.R.“ werden die aktuellen Debatten über die Zerstörung der Umwelt durch eine selbstbezogene technogene Gesellschaft präfiguriert: der Weg in eine Katastrophe, die Suche nach den Schuldigen, die Bemühungen, entweder den Schaden zu verschleiern oder alles wiedergutzumachen. Was am Ende die Hoffnung bringt, ist ein neues Denken über das Menschsein im Zeichen der Verantwortung und eines Nebeneinanders mit anderen Lebewesen.
Auch hinsichtlich der eigentlichen Robotik sendet Čapeks „R.U.R.“ eine Botschaft ins neue Jahrtausend, indem das Stück eine Ethik der künstlichen Intelligenz in den Vordergrund rückt. Gibt es Maschinenrechte und eine Maschinenethik, können Roboter schuldig werden? Die zentrale Frage der ersten Roboterfiktion ist die Frage nach der Verantwortung: „Niemand hat Schuld. Die Roboter, ja. […] Aber bitte, wer ist schon für das Verhalten der Roboter verantwortlich?“