Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/1141

Hintergrund
Mit steigender Rotwilddichte stieg ab den Jahren um 1950 die Wahrnehmung des Wildeinflusses auf den Wald. Triebverbiss, Schäl-, Feg- und Schlagspuren an Bäumen wurden zunehmend zum Problem der gewünschten Waldentwicklung. Dies sowohl im Wirtschaftswald, wo Schäden an Bäumen ökonomisch ins Gewicht fallen, aber vor allem auch im Schutzwald, wo langfristig die Erneuerung der Bestände in Gefahr schien.
Das Problem von Wildschäden in Wäldern der Parkumgebung wurde in den Jahren nach 1960 vermehrt durch Förster gemeldet. Die Diskussion wurde verschärft, als 1985 die Präsidenten der Parkgemeinden an die Nationalparkkommission gelangten und um Massnahmen ersuchten, die Wald-Wildproblematik anzugehen.
1989 wurde ein Auftrag an die FORNAT AG, Zernez vergeben, die wildschadenrelevanten Untersuchungen im Raum des Schweizerischen Nationalparkes zu dokumentieren, den Ist- und Sollzustand vergleichen und Vorschläge für das weitere Vorgehen darzulegen.
Zwei Jahre später, im Jahr 1991 startet FORNAT und das Ingenieurbüro Stadler und Abderhalden das Projekt UWIWA (Untersuchungen der Wildschäden am Wald in der Umgebung des Schweizerischen Nationalparks) im Auftrag des Bau-, Verkehrs- und Forstdepartements Graubünden. Es verfolgt das Ziel ein Aufnahmekonzept für eine objektive Erfassung der Wildschäden im Gebirgswald zu entwickeln. Desweiteren sollten „die Resultate Aufschluss über die Tragbarkeit der Wildschäden geben“ und „der waldbaulichen und jagdlichen Planung sowie deren Kontrolle“ dienen, wie auch eine „Grundlage für die Wildschadenerhebung in anderen Bergregionen schaffen“ (Buchli und Abderhalden 1998).
Methodik
Im Rahmen des Projektes UWIWA wurde in der Val Trupchun in den Jahren 1991 und 1992 erstmals eine systematische Stichprobeninventur durchgeführt. Dabei werden pro Hektar Wald zwei konzentrisch verschachtelte Kreisflächen betrachtet und die Stammzahl der Baumarten Lärche (Larix decidua), Arve (Pinus cembra), Fichte (Picea abies), Bergföhre (Pinus mugo) und Vogelbeere (Sorbus aucuparia) verschiedener Höhen- und Durchmesserklassen erhoben.
Die kreisförmigen Stichproben sind am Koordinatennetz der der Schweizerischen Landesvermessung orientiert und im Abstand von 100 m systematisch angeordnet. Ein innerer Kreis mit einem Horizontalradius von 4 m und entsprechender Fläche von 50.3 m2 dient der Aufnahme des Anwuchses und Aufwuchses bis 1.30 m Höhe. In der grösseren Kreisfläche mit Horizontalradius 8 m (201 m2) werden alle Bäume ab einer Höhe von 1.3 m bis 24 cm Brusthöhendurchmesser (BHD) aufgenommen.
Es erfolgt eine Beurteilung jedes Jungbaumes auf Triebverbiss und Stammverletzung. Verbiss ist definiert als der Verlust des Endtriebes des Vorjahres und wird im Untersuchungsgebiet vorwiegend durch das Fressverhalten der Ungulaten verursacht. Erhoben werden Stammverletzungen durch Steinschlag, Fegen und Schlagen von Rothirschen, Gämsen und Steinböcken, sowie Schälen durch Rothirsche oder Nager.
Waldverjüngung Val Trupchun
Im Sommer und Herbst beherbergt die Val Trupchun um die 500 Rothirsche sowie ganzjährig je 150 bis 200 Gämsen und Steinböcke. Im Sommer liegen die Äsungsgebiete des Rothirsches vorwiegend im Bereich der Waldgrenze und darüber, wobei ein kleiner Teil der Nahrung aus Koniferentrieben besteht. Die Gämsen und teilweise auch Steinböcke halten sich vermehrt in der kalten Saison im Bereich der Waldungen auf und fressen Knospen von Jungbäumen.
Mit Verbissintensitäten um 10 % tritt verbissbedingt allerdings kaum Mortalität auf und die Resultate der Inventuren zeigen seit der Ersterhebung eine starke Zunahme der Stammzahl im Anwuchs und Aufwuchs bis 1.3 m Höhe für die Hauptbaumarten Lärche, Arve und Fichte. Es sind die Wälder der nordostexponierten linken Talseite, welche sich verjüngungsgünstiger erweisen und im Jahr 2011 durchschnittlich 2132 Bäumchen pro Hektar beherbergen. Im Gegensatz dazu steht die südwestexponierte rechte Talseite mit 624 Bäumchen pro ha.
Während auf der linken Talseite Lärche und Arve den Aufwuchs dominieren, ist es auf der rechten Talseite die Fichte. Dabei muss bemerkt werden, dass im God Dschembrina, die südwestexponierte Talflanke zwischen Eingang Val Müschauns und Val Mela, sehr wenig Verjüngung vorhanden ist und die Fichtendominanz der rechten Talseite in den Beständen zwischen Varusch und Alp Purcher zu suchen ist.Ein weiterer aufgenommener Faktor sind durch Wild verursachte Stammschäden. Hier zeigt sich, dass rund jeder zwanzigste Baum bis zum Brusthöhendurchmesser von 24 cm Feg-, Schlag oder Schälspuren trägt. Ob im Nationalpark grundsätzlich von Schäden gesprochen werden kann, ist allerdings fraglich, denn diesem Wald ist keine Funktion zugeordnet. Schaden ist eine wertende Bezeichnung in Bezug auf die Gefährdung von Produktions- oder Schutzzielen und kann somit in diesem Fall kaum angewandt werden.