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Das Bundesamt für Statistik (BFS) verwendet verschiedene Kennzahlen zur Messung der Armut in der Schweiz: die nationale Armutsquote, die international gängige Armutsgefährdungsquote und den europäischen Indikator zur materiellen Entbehrung (siehe Kasten). Die nationale Armutsquote beruht auf einer Armutsgrenze in Höhe des sozialen Existenzminimums und orientiert sich an den Richtlinien für den Sozialhilfebezug in der Schweiz, die von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) definiert werden. Damit bildet die Armutsquote eine Grundlage für die Sozialpolitik und eignet sich als sozialpolitische Zielgrösse, da sich die finanzielle Unterstützung armer Haushalte in einer messbaren Reduktion der Armut niederschlägt.[1]
Im Jahr 2016 lag das verfügbare Haushaltseinkommen bei 7,5 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Jede 13. Person in der Schweiz war somit von Einkommensarmut betroffen. Für eine Einzelperson lag die Armutsgrenze bei durchschnittlich 2247 Franken pro Monat. Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern lag sie bei 3981 Franken. Von diesem Betrag müssen der allgemeine Lebensunterhalt und die Wohnkosten bezahlt werden.[2] Zwischen 2007 und 2013 sank die Armutsquote der Gesamtbevölkerung von 9,3 Prozent auf 5,9 Prozent (siehe Abbildung 1). Seit 2014 steigt sie in der Tendenz wieder, der Anstieg ist statistisch allerdings nicht signifikant. Dasselbe gilt für die Armutsquote der Erwerbstätigen.
Abb. 1: Entwicklung der Armutsquote, in Prozent der Bevölkerung (2007–2016)
Anmerkung: Infolge methodischer Anpassungen der Datenbasis Silc können die Werte ab Silc 2014 nicht mehr direkt mit den Vorjahren verglichen werden.
Quelle: BFS, Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (Silc) / Die Volkswirtschaft
Bildung und Erwerbsarbeit schützen vor Armut
Besonders häufig von Armut betroffen sind Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige, allein lebende Erwachsene im Erwerbsalter sowie Personen in Ein-Eltern-Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren (siehe Abbildung 2). Auch die Armutsquote von Ausländern war deutlich höher als die der Gesamtbevölkerung. Als zentral erweist sich weiter die höchste abgeschlossene Ausbildung: Personen ohne nachobligatorische Schulbildung sind fast doppelt so häufig arm wie jene mit einem höheren Bildungsstand. Personen mit einem Universitäts- oder einem Fachhochschulabschluss zeigen die geringste Armutsbetroffenheit. Personen ab 65 Jahren weisen ebenfalls eine hohe Armutsquote auf. Sie können jedoch häufig auf Vermögen zurückgreifen, um ihre laufenden Ausgaben zu bestreiten.[3] Diese Vermögen werden bei der Berechnung der Armutsquote nicht berücksichtigt.
Die Wahrscheinlichkeit, ob jemand von Armut betroffen ist oder nicht, hängt wesentlich von der Arbeitsmarktteilnahme ab. Erwerbstätigkeit gilt als wichtigstes Mittel zur Reduktion des Armutsrisikos. Das bestätigt die Statistik: Die Armutsquote der erwerbstätigen Bevölkerung lag markant tiefer als die der nicht erwerbstätigen Personen ab 18 Jahren. Obwohl die Integration in den Arbeitsmarkt einen wirksamen Schutz vor Armut darstellt, waren 2016 3,8 Prozent der Erwerbstätigen arm. Das entspricht rund 140’000 Personen. Trotz Erwerbstätigkeit besonders betroffen sind Personen mit eindeutig oder tendenziell unsicheren Arbeitsbedingungen. Hierzu zählen Erwerbsunterbrüche, befristete Verträge, Beschäftigung in kleinen Unternehmen und Solo-Selbstständigkeit. Innerhalb dieser Gruppen steigt die Armutsquote auf bis zu 9 Prozent an.
Ebenfalls relevant bei der Untersuchung von Armut sind die Regionen. Sie unterscheiden sich bezüglich der wirtschaftlichen Potenziale und der damit verbundenen Arbeitsmarktchancen. Am höchsten ist die Armutsquote im Tessin. Die geringste Quote weist die Zentralschweiz auf. Generell zeigt sich, dass dicht besiedelte Gebiete eher mit Armut konfrontiert sind als ländliche, dünn besiedelte Regionen.
Abb. 2: Armutsquoten vor und nach Sozialtransfers, in Prozent der Bevölkerung (2016)
Anmerkung: Beide Armutsquoten basieren auf dem Einkommen ohne Berücksichtigung allfälliger Vermögensbestände. Bei der Armutsquote vor Sozialtransfers werden z. B. Familienzulagen, Invaliditätsrenten, Verbilligungen der Krankenkassenprämie, Sozialhilfe oder Taggelder der Arbeitslosenversicherung vom Einkommen abgezogen, die Alters- und Hinterbliebenenleistungen (inkl. EL) hingegen weiterhin zum Haushaltseinkommen gezählt.
Quelle: BFS, Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (Silc) 2016 / Die Volkswirtschaft
Armut ist meist von kurzer Dauer
Anhand der Statistik lässt sich auch aufzeigen, wie lange sich Personen in einer Armutssituation befinden. Zwischen 2013 und 2016 rutschten 12,3 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung oder jede 8. Person mindestens einmal unter die Armutsgrenze (siehe Abbildung 3). Im Lauf von vier Jahren waren somit deutlich mehr Personen arm, als die jährlichen Armutsquoten aufzeigen. Für die meisten von ihnen war Armut aber eine vorübergehende Erfahrung: 7,7 Prozent der Bevölkerung waren nur während eines der vier Jahre armutsbetroffen, 2,5 Prozent während zweier Jahre, 1,2 Prozent während dreier Jahre und 0,9 Prozent während aller vier Jahre. Der grösste Teil der Armutsbetroffenen verfügte somit relativ rasch wieder über ein Einkommen über der Armutsgrenze. Rund jede 5. Person mit Armutserfahrung war hingegen während mindestens dreier Jahre in dieser Situation und damit einem besonders grossen Risiko der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt.
Abb. 3: Armutsbetroffene Personen im Zeitraum von vier Jahren (2013–2016), in Prozent der Bevölkerung
Lesebeispiel: 7,7 Prozent der Bevölkerung waren in genau einem der vier betrachteten Jahre armutsbetroffen und 0,9 Prozent in allen vier Jahren.
Quelle: BFS, Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (Silc) / Die Volkswirtschaft
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Armutsquote vor Sozialtransfers (siehe Abbildung 2). Sie misst, welcher Anteil der Schweizer Bevölkerung von Armut betroffen wäre, wenn keine Sozialtransfers wie Familienzulagen, Invaliditätsrenten, Verbilligungen der Krankenkassenprämie, Sozialhilfe oder Taggelder der Arbeitslosenversicherung ausgerichtet würden. Es zeigt sich, dass diese Leistungen in der Schweiz wesentlich zur Verhinderung von Einkommensarmut beitragen. Ohne Sozialtransfers wären 16 Prozent der Bevölkerung oder 1,3 Millionen Personen als arm eingestuft worden. Die reguläre Armutsquote, welche alle Sozialtransfers im Einkommen einschliesst, liegt mit 7,5 Prozent weniger als halb so hoch. Durch die Sozialtransfers konnten die Haushaltseinkommen somit in mehr als der Hälfte der Fälle über die Armutsgrenze angehoben werden. In vielen Fällen liegen die Einkommen durch die Sozialtransfers allerdings nur wenig über der Armutsgrenze, wodurch die finanzielle Situation oft angespannt bleiben dürfte.
Bei Haushalten mit Kindern – insbesondere in Ein-Eltern-Haushalten –, bei Erwerbslosen und bei Ausländern aussereuropäischer Herkunft wird die Armutsquote durch die Sozialtransfers stark reduziert. Diese Gruppen sind jedoch auch nach den Transfers deutlich häufiger arm als die Gesamtbevölkerung. Die Struktur der armen Bevölkerung wird somit durch die Sozialtransfers kaum verändert. Die wichtigsten Risikofaktoren für Armut in der Schweiz bleiben auch nach den Sozialtransfers eine geringe Schulbildung sowie eine ungenügende Integration in den Arbeitsmarkt.
- Entsprechend sind diese Kennzahlen auch Teil des Statistischen Sozialberichts Schweiz des BFS und liefern eine Grundlage für das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut.
- Die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung werden bereits beim verfügbaren Einkommen abgezogen. Allfällige Vermögensbestände werden in der Armutsquote nicht berücksichtigt.
- BFS (2014).