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Am nächsten Morgen ging ich nochmals kurz in die Stadt, um einen Blumenstrauss zu kaufen. Wieder zum Markt „Murasaki-Ichiba“, zum gleichen Laden wie vorigen Tag. Ich verlass bereits den
Laden, als der ältere Geschäftsinhaber mir nachkam und ein kleines Stück Kuchen in die Hand drückte.
Er sagte, „Das habe ich selber gebacken. Ganz einfach gemacht, aber nicht schlecht. Menschen wie Sie dürfen so was beim Gehen essen, es sieht sicher cool aus.“ Ich bedankte mich herzlich, aber ass den Kuchen erst im Hotelzimmer als Dessert.
Um zehn Uhr kam Frau Minako Kinno von Ofunato mit dem Auto zum Hotel, um mich abzuholen. Ich wollte eigentlich mit dem Bus nach Ofunato fahren (ca. 1 Stunde), aber am vorigen Abend stellte es sich heraus, dass es nur zwei Busse pro Tag von Kesennuma nach Ofunato fahren und dass man frühestens erst um drei Uhr nachmittags in Ofunato ankommt.
In der Tohoku-Region bewegt man sich in der Regel mit dem eigenen Auto. Das Netz des öffentlichen Verkehrs ist nachholbedürftig, zumal wurden die Gleise vom Tsunami weggespült. Man weiss noch nicht, ob die Linie einst wieder hergerichtet werden. Frau Kinno, die freischaffende Lokaljournalistin und die Verantwortliche für die Administration des provisorischen Verkaufsstände-Vereins, fuhr mich zuerst in die Stadt Rikuzen-Takata.
Dort warteten auf mich einige junge Leute von der NPO (Nichtgewinnorientierte Organisaition) „Save Takata“ in einem Containerhaus auf einer erhöhtem, vom Meer weit entfernten Ort. Sie koordinieren Events im Rahmen der Wiederaufbau-Arbeit sowie Medien und unterstützen den Einwohnern, dass sie wieder selbstständig leben können.
Von dieser Gruppe kam Herr Satoru Ito mit uns, um mir die Stadt (wenn man den Ort noch so nennen kann) zu zeigen. Der grosse Teil von Rikuzen-Takata ist flach. Deshalb war der Tsunami hier besonders kräftig, so dass „die Häuser nicht weggespült wurden, sondern aufgeplatzt haben“, erzählte Frau Kinno.
Wir fuhren zum Meer. Meine beiden Begleiter, die Rikuzen-Takata gut kennen, waren seit der Katastrophe nie mehr an der Küste. Es war unerträglich für sie, mit der völlig veränderte Landschaft zu konfrontieren.
Rikuzen-Takata war stolz auf ihren bildschönen Kieferwald am Strand. Von den abertausenden Kiefern überlebten den Monster-Tsunami nur zwei. Der Zustand einer Kiefer war nach dem Tsunami noch ziemlich gut, Japaner nannten sie deshalb „Die alleinstehende Kiefer des Wunders“. Aber heute sieht sie sehr krank aus. Die Blätter sind schwarz verfärbt, die innere Seite des Stamms fing an zu faulen.
Sie ist mittlerweile landesweit bekannt und in der sogenannten „Goldenweek“ – vier Nationalfeiertage in einer Woche – vom Ende Mai kamen zahlreiche Touristen nach Rikuzen-Takata, um den Wunder zu schauen.
Ich hatte vor der Reise ein Bedenken: Darf ich in den Katastrophengebieten, wo unzählige Leute im Nu starben oder wichtige Menschen und Sachen verloren, nur so bloss einige Tage herumfahren und die Ruinen, die in den Einwohnern immer wieder Trauer und Ohnmacht auslösen, wenn sie sie anblicken, fotografieren?
Darüber sprach ich mit einigen Einwohnern, alle sagten mir, „Fotografieren und übermitteln Sie die Lage dieser Gegend.“ Frau Kinno und Herr Ito hatten sich auch lange überlegt, ob sie heute die verwüstete Stadt und Küste fotografieren wollen. Sie wollten nicht einfach als neugierige Touristen betrachtet werden. Schliesslich entschlossen sie sich aber doch, mit mir die Landschaft zu fotografieren, denn „wenn wir heute es nicht tun, werden wir es nie tun.“