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1910 als einzige Tochter von Schweizer Eltern in Böhmen geboren, zeigte sich schon früh Erika Streits
Begabung fürs Zeichnen. Sie begann ihr Studium an der Kunstgewerbeschule Dresden (1927-1929),
unter anderem bei Carl Rade, und vertiefte es 1930-1933 an der Kunstakademie bei Richard Müller,
Ferdinand Dorsch, Max Feldbauer und Otto Dix. Mehrere Studienaufenthalte führten sie nach Paris
an verschiedenen Akademien, etwa bei Othon Friesz. Dort kam sie mit dem Werk von Pablo Picasso,
Aristide Maillol und weiteren Zeitgenossen in Berührung. Zurück in Dresden, lernte sie ergänzend
Anatomie bei Hermann Dittrich. Nach der Entlassung von Dix aus der öffentlichen Institution gab er
ihr weiterhin Privatunterricht. 1941 schloss sie ihr Kunststudium ab, besuchte 1942-1943 jedoch
zusätzlich die Staatsschule für Keramik in Teplitz-Schönau (Böhmen).
1943 erfolgte die kriegsbedingte Übersiedlung nach Kilchberg am Zürichsee. In den Manteltaschen
trug sie einige Krümel Böhmischer Erde mit, dazu eine Ausgabe von Schwabs Griechischen Sagen.
Ihre Bilder fanden erst nach langen Umwegen in einem versiegelten Eisenbahnwagen in die Schweiz.
Darin befanden sich auch ihre Akademie-Arbeiten, die sich für die Ausstellung zu ihrem 100.
Geburtstag in Dresden als wichtig erwiesen, da diejenigen ihrer Mitschüler in den Brandnächten von
Mitte Februar 1945 vernichtet worden waren. Malte Erika Streit in Deutschland hauptsächlich in Öl,
und schuf sie in ihrer Frühphase auch hinreissende Aquarelle, so benutzte sie ab Mitte der 1960er
Jahre zunehmend Bienenwachskreide, für die sie ein lichtechtes Verfahren ersann; überhaupt waren
Techniken eines ihrer grossen Anliegen, die sie auch gekonnt untereinander mischte. Graphiken
durften dabei nicht fehlen. Die Liebe zur Keramik blieb, die sie anfangs ihrer Schweizer Zeit auch
kunstgewerblich für Kachelöfen einsetzte. Erst kürzlich erhielten wir das Angebot eines grossen
Ofens mit mehreren Dutzenden Skizzen von Zürich und Umgebung. Ihr thematisches Hauptinteresse
galt indes der Darstellung von Menschen; zu Beginn in ganzer Gestalt, später vermehrt als Porträts.
Wiederkehrende Motive ergaben sich aus der Beschäftigung mit Mythologie und Literatur, wie die
Harpyien. Einige der Hauptthemen sind die Heimatlosen, Frau und Spiegel, das Mariechen. Erika
Streit stand auch der Rudolf-Steiner-Bewegung nahe; daraus ergaben sich abstrakte Monatsbilder,
die wiederum eine ganz andere Facette ihres Werkes zeigen. Eine der vielen, die sie in ihrem langen
Leben beherrschte!
Eine zunehmende Blindheit zwang sie in ihren letzten Jahren zur Aufgabe der Malerei, nicht jedoch
des Sich-Vorstellens der Bilder, die sie nun nicht mehr malen konnte. Zu Beginn ihres 102.
Lebensjahres verstarb Erika Streit im Frühsommer 2011; sie liegt auf dem Kilchberger Friedhof
begraben, unter einem Grabstein in der Form eines Zykladen-Idols, das sie als Schatten so oft in ihren
Bildern benutzte.
Wikipedia s. v. Erika Streit