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Xias neues Knie (Rally)
von Cedric Weidmann
Xia wurde aus den Gedanken gerissen, als das Telefon klingelte. Er tropfte den Gehstock ab und legte ihn neben das Waschbecken. Er war längst sauber geworden und die letzten Tropfen des Bluts sickerten zähflüssig wie Speichel in die Kanalisation. Er trocknete sich die Hände an einem Handtuch und ging auf das goldene Telefon zu.
«Wer könnte das sein?», fragte Xias Mutter. Xia zuckte zusammen, als er sie sah. Sie sass auf einem grossen Ohrensessel mit dem Rücken zur Fensterfront. Sie streichelte auf ihrem Schoss einen toten Fisch.
«Mutter?» Sein Mund war trocken.
«Ja?»
«Wer bist du?»
«Wer soll ich sein, Xia, du weisst, dass diese Frage für jeden Mensch schwierig ist.»
Das Telefon klingelte noch immer. Xia ging auf die alte Frau zu, riss ihr den Fisch aus den Händen. Mit aufgerissenen Augen starrte er sie an und schnupperte wie ein Verrückter am Fisch.
«Ha!» rief er aus. Hatte er es doch gewusst. Der Fisch roch nicht. Es gab ihn nicht.
Seine Mutter zuckte mit den Schultern und sah seufzend über die Rückenlehne aus dem Fenster.
Xia nahm den Hörer ab und presste ihn mit aller Kraft gegen das Ohr. Schweigend bewegte er sich von seiner Mutter, der er verstörte Blicke zuwarf, weg und auf die Küchentür zu. Durch die offene Tür blickte er ins riesige Schlafzimmer des Luxushotels. Die Matratze lag auf dem Boden und die Bettwäsche war mit schwarzem Blut vollgesogen. Der dicke Körper B.s krümmte sich. Er hatte nie einen so dicken Menschen sich krümmen sehen, dachte Xia, während er ihm ruhig zusah. Es sah unwirklich aus. Der Mann, mit einem Knebel im Mund und an den Händen gegen die Kommodenfüsse gekettet, hatte einen geröteten Kopf. Doch auf seinem Gesicht, wenn es sich ihm zuwandte, lag noch ein widerliches Schielen, voller Abschätzigkeit und Häme, das ihm die Stockschläge nicht ausgetrieben hatten.
Vom anderen Ende des Telefons hörte Xia das durchlässige Atmen, das er aus so vielen dunklen Nächten kannte. Dann hörte er die brüchige Stimme des Meisters.
«Xia…»
Sie konnte das Erstaunen nicht verbergen. Auch sie musste Xia an seinen Atemzügen erkannt haben, aber dennoch war sie heiser vor Verblüffung. Vielleicht hatte der Meister B. warnen wollen, und begriff jetzt, dass er zu spät gekommen war. Der Meister brauchte nur kurz, um sich zu fassen.
«So, du hast ihn also getötet?»
«Nein. Nur das Knie.»
Es stimmte immerhin. Wo das Knie des Mannes gewesen war, hatte der Gehstock eine rote Mulde in der Matratze hinterlassen. Natürlich war es eine Untertreibung: B. würde dieses Bein nie wieder benutzen können. In der Mulde zappelte der Stumpf eines Beins, an dessen Ende Sehnen und Muskeln ausfransten. Xia hatte ihm mit einer Krawatte den Oberschenkel abgeschnürt, damit er nicht verblutete. Trotzdem pulsierten kleine Schwälle aus dem Stumpf ins Leintuch.
«Du weisst, dass ich enttäuscht bin», sagte der Meister. «Aber immerhin hast du ihn nicht getötet. Das tröstet mich mit dem Gedanken, dass du in all den Jahren vielleicht doch etwas gelernt hast. Auch wenn alles dagegen spricht.»
«Du weisst, warum ich es getan habe. Und du verstehst es. Es musste heute sein.»
Es knackste in der Leitung. Ein kalter Wind heulte. Dann kam die Stimme zurück. «Ich verstehe es und ich verstehe es nicht. Du weisst noch immer nicht, was du musst und was du wirklich musst.» Aber er klang schon etwas milder. Die Stimme wurde leiser, vielleicht nur, weil die Verbindung schlechter wurde. Der Meister musste die Hälfte des Berges hinuntergestiegen sein, um Empfang zu haben. Er musste immer noch genug hoch oben sein, dass ihm eine einzige Drehung des Winds das Telefonnetz abschneiden konnte. Xia liess den Blick von B. zu seiner Mutter, die keine Anstalten machte, vom Sessel aufzustehen, und wieder zurück gleiten. Er befeuchtete sich die Lippen, brachte aber kein Wort heraus.
«Falls du mich danach fragen willst», sagte der Meister. «Ja: nach allem, was in den alten Büchern steht, wenn du sein Knie wirklich zertrümmert hast, dürfte deines geheilt sein. Es sollte über alle Kräfte verfügen, die dir früher zustanden. So funktioniert das Karma. Du hast dich gerächt und das ist deine Belohnung. Aber du weisst, dass der Preis für deine Rache sehr hoch ist. Dein gesundes Knie ist nicht das gleiche von früher, es ist kein sterbliches Knie mehr.»
Xia befühlte seinen Meniskus. Es fühlte sich kräftig und unverbraucht an: Die Haut, die darüber gespannt war, war ganz weich und ein bisschen feucht, wie das eines kleinen Kindes. B. war ohnmächtig geworden und bewegte sich nicht mehr. Xia Songs Blick blieb auf seiner Mutter ruhen. Sie biss dem rohen Fisch in den Nacken. Eine Weile war es ganz still in der Leitung, die Verbindung brach ab und Xia hörte nur die Zähne seiner Mutter und das Zerrupfen von Fisch. Dann tauchte der Meister noch einmal aus der rauschenden Stille auf. «Siehst du schon welche? Ich bin neugierig. Wie sehen sie aus?»
Langsam spürte er, was ihn lähmte. Es war das schiere Entsetzen, das nun aus einer undichten Stelle seines Inneren in den Kopf gespült wurde. Er musste sich die Worte über die Zunge zwingen, so schwer fiel es ihm, zu sprechen. «Mutter.»
Der Meister lachte. «Deine Mutter. Xia… Was für eine Scheisse, in die du dich da geritten hast. Sturköpfig und ahnungslos wie immer.» Und dann sagte er, besänftigend: «Aber ehrlich, wenn jemand damit leben kann, dann bist du es. Und es wird nicht immer deine Mutter sein. Es kann seine Formen und Richtungen ändern. Alles, was dein Knie noch erinnert. Dieses Knie trägt nun einen Teil deines Lebens.»
Xia wollte aufhängen. «Hast du einen letzten Ratschlag für mich?»
«Wie meinst du? Wie man vor Gespenstern flieht? Davon verstehe ich nicht.»
«Ich meine, einen Ratschlag für das Spiel.»
«Warum sollte ich dir noch helfen? Du hast deine Ausbildung verspielt.»
«Heute ist der grosse Tag.»
«Ich weiss.» Natürlich wusste es der Meister. Irgendwie, und Xia wusste nicht, wie, war er in seiner Einsiedelei immer über wichtige Begebenheiten informiert. Die Grösse dieses Events hatte vielleicht ein paar Wanderer, die seinen Weg gekreuzt hatten, über ihn sprechen lassen. «Das Spiel.»
«Auf wessen Seite stehst du?» Xia stiess es mit Wut hervor. Er sprach sonst nicht viel.
«Auf der Seite des besten Spiels natürlich. Ich bin für die Kunst, nicht den Sieg.» Die Leitung pfiff und knackste. Nach einer Weile trat er wieder aus der Stille. «Ich mag Jamie nicht, ich wünsche es ihm nicht, dass er besser spielt. Aber Xia: Du bist der Aussenseiter. Du hast mich enttäuschst und meine Zuneigung verraten. Du hast in deinem Blutrausch Geister gerufen. Viel spricht gegen dich. Aber ich will ehrlich sein.» Der Meister war ganz still. Xia konnte sich vorstellen, wie sich der Meister die Schläfen massierte, wie er es meist tat, wenn er besonders freundlich wurde. «Du kannst dieses Spiel gewinnen. Du hast genug gelernt und du, dein eigenartiger, hassenswerter und unsympathischer Geist ist ebenso stark wie deine Tugenden, dein Fleiss und deine Auffassungsgabe. Vielleicht war ich nicht unähnlich in deinem Alter. Es ist ganz offen und ich hoffe nicht, dass Jamie gewinnt. Aber das heisst nicht, dass ich auf deiner Seite bin. Du weisst selber, dass du gewinnen musst. Es ist nicht länger meine Angelegenheit.»
Eine Weile lang schwiegen sie. Xia merkte erst nach einer Minute, dass der Meister aufgehängt hatte oder aus dem Netz gefallen war. Er hörte Sirenen vor dem Hotel. Bald würden sie die Tür aufschliessen. Seine Mutter begann zu husten. Sie griff sich an den Hals und würgte. Nach wenigen Sekunden verfärbte sich ihr Kopf.
«Es tut mir leid», sagte Xia zu ihr und griff nach dem Gehstock. Die Sanitäter mussten sie von der Gräte befreien. Er hatte keine Zeit dafür. Er unterdrückte den Drang, ihr zu Hilfe zu eilen, indem er sich den Gehstock auf die Zehen schlug. Sie streckte stumm die Hand nach ihm aus. «Es tut mir leid. Es ist kein echter Fisch. Ich habe daran gerochen.»
Er lagerte das zerhackte Bein von B. hoch und ging zum Fenster. Es öffnete sich in eine Seitengasse, zu der eine altmodische, lange Feuerleiter führte. Er schwang sich auf das Metall und dachte, während er Sprosse um Sprosse heruntersprang, an die Zeit, als er und seine Mutter auf einer Feuertreppe gelebt hatten und wie sie niemals Fisch gegessen hatte. Sie hatte Fisch gehasst. Bei jedem Sprung fing ihn das sanfte Gefühl eines kräftigen, jugendlichen Knies auf. Er fühlte sich wie in einem befreienden Traum. Als er den Boden erreichte, rannte er mit lächerlich weit ausgreifenden Schritten los. Es war keine Fortbewegung, die sich für erwachsene Männer gehörte. Seit vielen Jahren hatte er nie so wenig an die Schwerkraft geglaubt. Er würde ins Einkaufszentrum gehen. Er musste jetzt in einen ganz bestimmten Kleiderwagen.