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Bildungsprozesse in heterogenen Kontexten
Bildungsprozesse vollziehen sich in Wechselwirkung mit anderen Akteuren und sind in soziale Kontexte (z.B. Kindertagesstätten, Schule, Ausbildung, Familie, Gleichaltrigengruppe, Betriebe, usw.) eingebettet. Wissen, Kompetenzen werden nicht abstrakt, sondern eingebettet in soziale Kontexte und in Interaktion mit anderen Personen gelernt und anschliessend auf neue soziale Kontexte angewendet. Diese Sichtweise hat sich nicht nur in Systemtheorie und Konstruktivismus etabliert, sondern auch in vielen Schultheorien und (fach-)didaktischen Modellen. Individuelle und soziale Merkmale, eingebettet in Institutionen und in ein gesellschaftliches Umfeld, bilden komplexe Konstellationen, welche individuelle Bildungsprozesse begünstigen oder beeinträchtigen.
Heterogenität und Diversität haben im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung grosse Aufmerksamkeit in den Bildungswissenschaften erhalten. Zahlreiche Kategorien wie soziale und kulturelle Herkunft, Geschlecht, Alter, Leistung, Sprache oder Behinderung tragen zur Wahrnehmung von Heterogenität und Diversität bei. Solche Kategorien sind relevant, weil sie Bedingungen von Bildung und Lernen widerspiegeln und daher Bildungsprozesse steuern. Sie treten oft in Kombination, d.h. intersektional auf, und bilden komplexe Konstellationen und Strukturen. Kontexte sind heterogen, wenn die Unterschiede der Personen in den Blick genommen werden. Mit dem Begriff der Diversität wird oft die Norm verbunden, dass verschiedene Menschen trotz Unterschieden gleiche Rechte und Chancen haben sollen (Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit).
Heterogenität und Diversität sind einerseits ein Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung und deren Wahrnehmung sowie bildungsorganisatorischer Entscheidungen. Beispielsweise vergrösserte sich mit der Zunahme von Migration die kulturelle und sprachliche Heterogenität in vielen Bildungseinrichtungen der Schweiz. Damit stellen sich je nach Fach spezifische curriculare und didaktische Herausforderungen. Mit dem politischen Entscheid, Kinder mit spezifischem Förderbedarf in die Regelklasse zu integrieren, oder der Wahl einer altersgemischten Klassenorganisation erweitert sich die Anzahl spezifischer Lernbedürfnisse, die je unterschiedliche Unterrichtsangebote und weitere institutionelle Massnahmen notwendig machen. Heterogenität und Diversität können andererseits als eine Perspektive auf Bildung verstanden werden: So können beispielsweise die Gemeinsamkeiten einer Lerngruppe fokussiert und dadurch Bildungskontexte homogen interpretiert werden. Es können umgekehrt die Individuen in ihrer Einmaligkeit als Teil einer Lerngruppe in den Blick genommen werden, wodurch Bildungskontexte grundsätzlich heterogen werden (Heterogenität als Norm). Wenn Bildungsprozesse als eine individuelle Leistung interpretiert werden, ist jede Lerngruppe heterogen. Die individuellen Voraussetzungen und Lernziele sind damit für die Gestaltung von Lernarrangements grundlegend. Würde Heterogenität als Norm postuliert, braucht es eine Weiterentwicklung der bildungstheoretischen und (fach-)didaktischen Ansätze, in welcher die individuellen Unterschiede zwischen den Lernenden nicht als Problem und Störung, sondern als Voraussetzung für erfolgreiches Lernen konzipiert werden.
In der Geschichte der Pädagogik finden sich verschiedene Deutungen von Heterogenität und Diversität. Pestalozzi versuchte Schulklassen mit zahlreichen methodischen Mitteln zu homogenisieren und individuelle Unterschiede zwischen den Kindern einer Klasse zu reduzieren. In der deutschen Reformpädagogik rückte die Individualität des kindlichen Lernens stärker in den Vordergrund. Vor allem mit dem Konstruktivismus erhielt in neuerer Zeit die Idee, Wissenserwerb als individuelle Leistung zu interpretieren, Rückhalt. Heterogenität wurde als Quelle der Anregung für die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen neu positiv bewertet. Bei John Hattie wird als Ergebnis von Schul- und Unterrichtsforschung betont, dass lernwirksamer Unterricht aus der Balance von strukturierten Ausbildungsprogrammen und der Anpassung an individuelle Voraussetzungen resultiert. Das heisst, fachspezifische Bildungssystematiken müssen mit den individuellen Lernbedingungen abgestimmt werden.
Daraus ergeben sich Konsequenzen auf der Ebene der Bildungsorganisation und des Unterrichts für Lehrpersonen und Schüler/innen auf allen Stufen. In der Primarstufe sind Schulklassen in den meisten Schulen bezüglich Leistung und sozialem und kulturellem Hintergrund heterogener als in Sekundarstufe I und II. Studien zeigen, dass die jährlichen Leistungszuwächse in der Primarstufe nicht kleiner, sondern eher grösser sind als in der Sekundarstufe I. Und: hohe Heterogenität von Lernkontexten stellt hohe Anforderungen an Lehrpersonen, zum Beispiel weil dadurch die Komplexität von Unterricht steigt. Dies kann zu Überforderung und Überlastung führen, wenn Lehrpersonen mit Homogenitätsvorstellungen an heterogene Kontexte herantreten. Des Weiteren ist aufgrund fehlender Befunde unklar, wie sich die soziale, kulturelle und leistungsbezogene Heterogenität von Schulklassen auf überfachliche Kompetenzen (Selbstregulation, soziale Kompetenzen, Umgang mit Neuem u.a.) auswirken. Ebenfalls unklar ist, ob Diversität zu einer Verletzung des Postulats der Chancengerechtigkeit führt oder ob umgekehrt gar dieser Blick eine Voraussetzung von Chancengerechtigkeit ist.
Auf dem Jahreskongress 2019 werden wichtige Themen rund um Bildungsprozesse in heterogenen Kontexten diskutiert, wobei Beiträge sowohl aus den Erziehungswissenschaften und den Fachdidaktiken als auch aus anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungszusammenhängen erwartet werden.
Auf der Basis dieses kurzen Aufrisses werden Hauptreferate, Symposien und weitere Veranstaltungen entlang von drei Themenclustern organisiert. Referate und Symposien können einzelne solcher Themen aufnehmen oder unterschiedliche Themen kombinieren.
Erwünscht sind Beiträge zur Frage, wie Heterogenität, Diversität und Intersektionalität in Bildungskontexten zu konzipieren sind und welche Konsequenzen sich daraus für den Unterricht (z.B. Fachunterricht, Klassenführung, Materialien), die Einzelschule und das Bildungssystem als Ganzes ergeben. Wie wandelte sich die Bewertung von Heterogenität und Diversität im Verlauf der historischen Zeit? Welche Unterschiede gibt es je nach Altersstufe der Lernenden? Wie sind sie in ausserschulischen Bildungseinrichtungen konzipiert? Wie entstehen heterogene Bildungskontexte? Welche Konzepte der Herstellung des Passungsverhältnisses zwischen Heterogenität und Bildung bestehen? Welche gesellschaftlichen Herausforderungen werden mit Konzepten des Umgangs mit Heterogenität wie z.B. Integration/Separation, Inklusion, Schulniveaus vs. Gesamtschule/scuola media, jahrgangsübergreifende Klassen usw. bearbeitet?
Erwünscht sind Beiträge zur Frage, wie in fachlichen Lernkontexten mit der Herausforderung der Heterogenität umgegangen werden kann. Da Heterogenität als Teil des fachlichen Lernens betrachtet werden kann, sind die Fachdidaktiken u.a. herausgefordert, wirksame Förderansätze im Umgang mit unterschiedlichen (Vor-)Wissensständen und Interessen der Schüler/innen aufzuzeigen und dabei gleichzeitig auch zu zeigen, wie diese in den Regelunterricht implementierbar sind. Zudem kann gefragt werden, wie sich fachliche und individuelle Heterogenität der Schülerschaft zur Konzeption verbindlicher Bildungsstandards verhält, die von allen Jugendlichen erreicht werden sollen. Dazu gehört auch die Frage, wie verbindliche Kompetenzbeschreibungen im Lehrplan mit individuellen fachspezifischen Lernprozessen und Bildungsverläufen zu vereinbaren sind.
Aus der Konzeption von Heterogenität und Diversität in der Bildung ergeben sich zahlreiche Konsequenzen für Bildungsorganisation, Schule und Unterricht, aber auch für ausserschulische Bildungseinrichtungen. Welche Chancen und Hindernisse resultieren für Schulleitungen, Lehrpersonen und Schüler/innen und Eltern aus heterogenen Bildungskontexten? Wie wirken sich heterogene Bildungskontexte auf die Schüler/innen in verschiedenen Schulstufen aus (z.B. bezüglich Leistungen, Selbstkonzept, Verhalten)? Was ist beispielsweise eine individualisierende Didaktik? Welche didaktischen und organisatorischen Strategien sind zielführend? Wie ist Lernerfolg unter der Prämisse der Heterogenität und Diversität zu definieren? Wie kann Chancengerechtigkeit erreicht werden?
Für den Kongress können wie üblich neben thematischen Symposien, Einzelreferaten, Roundtables und Postern zu den Themenschwerpunkten 1–3 auch solche vorgeschlagen werden, die nicht dem Kongressthema gewidmet sind. Bitte kennzeichnen Sie diese Eingaben als solche (4, nichtthematische Beiträge). Der Call for papers folgt in diesem Fall demselben Verfahren.
Beiträge können in Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch eingereicht werden. Die Präsentationen müssen in der angekündigten Sprache abgehalten werden.
Es können Vorschläge für vier unterschiedliche Formate eingereicht werden:
Zu den drei Schwerpunkten wird je ein öffentliches Symposium organisiert.
Ein Symposium dauert 90 Minuten und umfasst maximal 3 Präsentationen sowie einen Diskussionsteil. Die Beiträge dürfen nicht alle aus dem gleichen Forschungsprojekt stammen. Mehrsprachig geführte Symposien sind besonders willkommen. Für jedes Symposium ist ein Vorsitz (Chair) zu bestimmen.
Roundtables sind in der Organisationsform freier als Symposien. Sie dauern 90 Minuten. In der Regel werden mehr Personen aktiv beteiligt als bei den Symposien (z.B. podiumsartig), die Redezeit für die einzelnen Inputs ist deshalb kürzer. Die Mitglieder von Roundtables stammen von mindestens drei verschiedenen Organisationen bzw. Hochschulen. Im Vordergrund steht die Diskussion (auch mit dem Publikum) über ein definiertes Thema. Für jeden Roundtable ist ein Vorsitz (Chair) zu bestimmen.
Individuelle Paper-Präsentationen dauern insgesamt 30 Minuten, davon sind mindestens 10 Minuten für die Diskussion vorzusehen. Das Organisationskomitee wird ähnliche Themen zu Symposien zusammenfassen und je einen Vorsitz (Chair) bestimmen.
Poster sind im Format A0 zu drucken. Die Autorinnen und Autoren werden in einem dafür bestimmten Zeitraum die Möglichkeit haben, das Poster dem Publikum zu präsentieren.
Die Teilnehmer/innen können nur in einem Gefäss als Präsentator/in auftreten (entweder Symposium, Roundtable, Paper oder Poster), davon ausgenommen sind zusätzliche Funktionen (z.B. Funktion als Chair oder Diskutant). Für jeden Symposiumbeitrag, jedes individuelle Paper und jedes Poster ist ein Abstract im Umfang von maximal 500, für Roundtables insgesamt von maximal 750 Wörtern, bei Symposien zusätzlich ein Abstract im Umfang von maximal 250 Wörtern für das gesamte Symposium einzureichen. Die Eingabe erfordert Angaben zu den Beteiligten, zum theoretischen Rahmen, zu den Leitfragen und zentralen Argumenten, bei empirischen Arbeiten auch eine Beschreibung der Forschungsmethoden und erster Ergebnisse. Fügen Sie 3 bis 5 Schlüsselwörter bei.
Beiträge können ab 1. November 2018 hier eingereicht werden.
Beiträge können bis zum 25. Januar 2019 eingereicht werden.
Alle eingereichten Beiträge werden durch zwei Expertinnen bzw. Experten evaluiert. Kriterien der Evaluation sind mit gleicher Gewichtung: Relevanz/Aktualität/Originalität, Theoretische Fundierung, Methode/Zugang, Ergebnisse/Thesen, Argumentative Stimmigkeit. Das Organisationskomitee behält sich vor, gegebenenfalls ein anderes Format für den Beitrag vorzuschlagen. Im Falle der Ablehnung eines Symposiums können einzelne Beiträge trotzdem als individuelle Papers angenommen werden.
Die Rückmeldung der Review-Ergebnisse erfolgt bis Ende März 2019.