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von Sandro Danilo Spadini
Dass in der Oscar-Kategorie «Bester nicht englischsprachiger Film» noch öfter als anderswo die auszeichnungswürdigen Streifen auf der Strecke bleiben, ist kein von humorlosen PricewaterhouseCoopers-Leuten gehütetes Geheimnis. Verantwortlich für diesen Missstand sind zuvörderst die gerade im Zeitalter der Globalisierung völlig überholt wirkenden Qualifikationskriterien der Academy, die etwa internationale Koproduktionen von vornherein vom Wettbewerb ausschliessen. Wo solche Reglementierungen hinführen, liess sich just dieses Jahr wieder anhand eines wenig spektakulären und durch viele Abwesende glänzenden Teilnehmerfelds ablesen. Als lediglich gutklassig erwiesen sich so die drei Beiträge aus dem alten Europa: «Sophie Scholl» (D), «La bestia nel cuore» (I) und «Joyeux Noël» (F); der palästinensischen Nominierung «Paradiese Now» mangelte es derweil gewiss nicht an formalen, thematischen und politischen Reizpunkten, doch hatte sie in der jüdisch geprägten Academy per se einen extrem schweren Stand. Blieb also noch «Tsotsi», der Beitrag der allmählich erwachenden südafrikanischen Filmindustrie. Ein logischer, nicht gänzlich unverdienter, aber mit dem Makel des Kompromisses behafteter Gewinner.
Mordendes Monster
«Tsotsi» ist nicht der Film, den man an dieser Stelle gemeinhin erwarten würde. Die dritte Regiearbeit des weissen Regisseurs Gavin Wood ist kein engagiertes Sozialdrama, das die in seinem Land herrschenden Unbilden explizit oder repräsentativ auf die Leinwand bringt. Vielmehr ist dies die in eine Läuterungs- und Erlösungsgeschichte hollywoodschen Zuschnitts mündende Charakterstudie eines 19-jährigen schwarzen Tunichtguts aus Soweto, dem Township am Rande Johannesburgs, der sich vom eiskalten Killer zum fühlenden und denkenden Menschen mit Sympathieträger-Potenzial entwickeln wird. Tsotsi (Township-Slang für Gangster) nennt sich dieser vor Wut und Anspannung immerzu zitternde 19-Jährige. In der furios inszenierten, an das brasilianische Meisterwerk «City of God» erinnernden Auftaktviertelstunde lernen wir ihn als mordendes Monster kennen, dem es nichts, aber auch gar nichts zu denken gibt, für ein paar mickrige Kröten einen schwarzen Geschäftsmann in der U-Bahn abzustechen. Die von westlicher Warte (vorschnell) gehegten Erwartungen werden während dieses Prologs, wo zwischen Stadtzentrum, schnieker Vorortssiedlung und Township gependelt wird, zunächst erfüllt: Wood konfrontiert uns hier wenigstens implizit mit der rauen Realität des heutigen Südafrika, etwa mit dem Konflikt zwischen Arm und Reich (nicht aber zwischen Schwarz und Weiss), am Rande auch mit der AIDS-Problematik.
Prinzip Hoffnung
Dann aber, bald, zu früh vielleicht, wechselt der Ton der bestechend fotografierten und von effektvollen Kwaito-Klängen (einer Art südafrikanischem Hip-Hop) untermalten Geschichte: Als Tsotsi auf dem Rücksitz eines gestohlenen Autos ein Baby findet, setzt seine soziale Reformation ein. Unbedarft, unbeholfen, unerfahren in solchen Dingen, nimmt sich der im Geiste greise Jüngling des Kindes an, schleppt es in einer Einkaufstüte durch Soweto und zwingt eine junge Mutter mit Waffengewalt, «sein» Baby zu stillen. Bisweilen komische, fast Slapstick-Züge nimmt der Film nun an. Sich allerlei Hollywood-erprobten Manipulationsstrategien bedienend, versucht Woods indes vor allem in ruhigen, langen, teils auch zu langen Einstellungen und Rückblenden die Wandlung seines Helden plausibel zu machen. Dass ihm dies trotz eines ziemlich hohen Glaubwürdigkeitsdefizits auf erzählerischer Ebene letztlich auch einigermassen gelingt, verdankt er in erster Linie freilich seinem hier debütierenden Hauptdarsteller Presley Chweneyagae. Nur dank dessen erdig-differenzierten (Lai-en-)Spiels kriegt der sich mit Gottvertrauen ins Prinzip Hoffnung stürzende, im streicherintensiven Finale die Ausfahrt Richtung Sozialkitsch anpeilende Oscar-Gewinner noch knapp die Kurve – und führt uns so schliesslich zu einem wenigstens ansatzweise denkbaren besseren und friedvolleren Ort.