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Autor: Peter Hahn
3. Rhonegletscher
Um 1849, knapp vor dem Ende der Kleinen Eiszeit (1862), hatte der Rhonegletscher seine historisch grösste Ausdehnung und reichte bis knapp an Gletsch heran.
Der Rhonegletscher hat sich bereits 1971 vollkommen aus dem Gletschbode zurückgezogen und reicht nur noch knapp über die felsige Steilstufe beim so genannten Belvédère.
Im Jahr 2018, also nochmals fast 50 Jahre später, hat sich der Rhonegletscher endgültig hinter den Felsriegel beim Belvédère zurückgezogen.
Der neu entstandene Randsee beim Zungenende des Rhonegletschers bildet heute die Quelle der Rhone. Der gesamte Uferbereich des Sees ist von flächendeckenden Gletscherschliffen geprägt (2018).
Der abschmelzende Rhonegletscher hat schon sichtbar an Eisvolumen eingebüsst. Mit Abdeckfolien wird verzweifelt versucht, die als Touristenattraktion geltende “Eisgrotte” (rechts unten im Bild ist deren Eingang noch knapp erkennbar) vor dem Verschwinden zu retten. Leider ist damit bestenfalls eine kurzfristige Verzögerung des Schmelzprozesses zu erreichen… (2018).
Man vergleiche die historische Abbildung des Rhonegletschers mit dieser hier.
Es dürfte in der Schweiz kaum einen Ort geben, wo der Landschaftswandel infolge des veränderten Klimas derart augenfällig ist. Zwischen den beiden Abbildungen liegt ein Zeitraum von rund 170 Jahren. Allerdings verlief die dazwischenliegende Entwicklung nicht gleichmässig. Während der ersten rund 130 Jahre erfolgte die Klimaerwärmung stets relativ langsam. Dagegen beschleunigte sich dieser Prozess ab etwa 1980 zusehends. Diese Feststellung muss deshalb beunruhigen, weil bei der Fortschreibung dieser Entwicklung die Folgen für die Natur – und damit für die gesamte Menschheit – drastisch sein werden.
2018: Im Gletschboden ist die Sukzession weit fortgeschritten. Eine inzwischen durchgehende Pflanzendecke zeigt einen Lärchen-Pionierwald, der sich auf trockenen Standorten am Hangfuss eingestellt hat und daran ist, sogar den felsigen Steilhang locker zu besiedeln. In der Ebene dominieren Erlen-Bruchwälder nebst Flachmooren, besonders im feuchten Uferbereich der jungen Rhone. Dank seiner unterschiedlichen Lebensraumtypen und der damit verbundenen hohen Biodiversität steht heute das gesamte ehemalige Gletschervorfeld unter Naturschutz.
4. Gauligletscher
Die Gaulihütte mit dem Gauligletscher in einer Aufnahme vor 1927. Die damalige Vergletscherung hatte noch eine imponierende Ausdehnung.
Im Vergleich zum abschmelzenden Rhonegletscher (Bild oben, 2003) ist der Gauligletscher 2003 völlig aus dem Blickfeld verschwunden. Der Grienbärgligletscher am Ewigschneehorn hat sich ebenfalls stark zurückgezogen. Der innert rund 75 Jahren erfolgte Verlust an Gletscherfläche ist dramatisch.
Am Tossen zuhinterst im Urbachtal nagt der Hitzesommer 2003 mächtig am dortigen Gletscher. Die starke Ausaperung ist unübersehbar. Weil damit tendenziell auch die Schneefallgrenze höher steigt, fällt im Winter weniger Schnee. Stattdessen fliesst ein immer grösser werdender Anteil des Jahres-Niederschlages – gerade auch im Winter-Halbjahr – als Regenwasser ab. Im Kontext mit einer prognostizierten Häufung sommerlicher Trockenperioden wird dies vermehrt zu regionalen Wasserknappheiten führen.
So präsentiert sich ein abschmelzender Gletscher im Sommer 2003 (vgl. auch Dia_348-02526).
Gut getarnt ist halb gewonnen … (aber nicht immer!). Im Zuge der Klimaerwärmung verschiebt sich der Lebensraum des Schneehuhns nach oben. Die Folge kann – je nach der regionalen Höhenlage – eine Verkleinerung oder gar der Verlust des Lebensraumes sein.
Der rückschmelzende Gauligletscher endet im Hitzesommer 2003 im neu entstehenden Gaulisee. Die Gletscherzunge reicht zu diesem Zeitpunkt noch fast bis zum markanten Felssporn (vgl. auch Dia_348-02893). Im Bildhintergrund fällt noch eine gewaltige alte Seitenmoräne auf.
Nicht in Grönland, sondern am Gaulisee, im Sommer 2003.
2007 oder nur vier Jahre nach dem Zustand von Dia_02524, ist der neu gebildete Gaulisee bereits mindestens doppelt so gross. Im Vordergrund rechts ist noch die äusserste Spitze des in Abb. 30 beschriebenen Felssporns sichtbar. Dieser Vergleich dokumentiert die Dynamik des aktuellen Gletscherschwundes.
Sommer 2007: Der faszinierende Prozess eines neu entstehenden Gletscherrandsees im so genannten Gauli (vgl. auch Dia_348-02524 und Dia_348-02893). Auch dieses aus naturwissenschaftlicher Sicht sehr interessante Geschehen kann im Grunde nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen Ursache den Betrachter sehr nachdenklich stimmen muss…
Gauli 2007: Hier wird das Landschaftsbild durch das jüngst gebildete Gewässer zweifellos bereichert. Gleichzeitig entstehen neue Lebensräume für Kleintiere und Pflanzen.
5. Übriger Alpenraum
2005, ob dieses imposante Windloch am Spitzalpelifirn bei der Planurahütte die aktuelle Klimaerwärmung überleben wird, ist ungewiss…
Diese «Tundravegetation» bei der Planurahütte befindet sich 2005 auf beinahe 3000 m ü. M. Wird hier bereits die nächste Warmzeit eingeläutet…?
Gletscherschmelze am Gemsfairenstock beim Klausenpass (2005).
Die Oberfläche des Langgletschers im Lötschental ist im Zungenbereich bis zum Gletschertor von einer flächendeckenden, dunklen Geröllschicht überzogen. Diese wirkt vor allem bei Sonnenschein wie eine «Heizung», da die Reflexion der Sonnenstrahlen durch die weisse Oberfläche des Schnees bzw. Eises entfällt. Das Resultat ist eine Beschleunigung der Eisschmelze des Gletschers (2014).
Auf Twärenen an der Silberen, zuhinterst im Muotatal, befindet sich dieser «steinerne Gletscher» aus Schrattenkalk (2003). Dieses Naturschauspiel hat für einmal rein gar nichts mit dem aktuellen Klimawandel zu tun…
Dieses Bild entstand im Hitzesommer 2003. Es zeigt den Gross Spannort mit seinen Trabanten in den Urner Alpen und vermittelt einen Eindruck, wie in Zukunft ein grosser Teil der Alpen in Höhenlagen zwischen 2500 – 3500 aussehen könnte, das heisst mit sehr viel Fels und Geröll, aber wenig Firn und kaum noch Gletschern.
Fazit
Wie gezeigt bewirkt die gegenwärtige Klimaerwärmung im Bereich der Alpengletscher teils markante Veränderungen. Nicht alle der damit verbundenen Entwicklungen und Phänomene sind negativ zu werten.
- Der Rückzug der Gletscher und das damit verbundene Aufkommen von Pionier-Vegetation ist ein naturwissenschaftlich äusserst interessanter Prozess
- Unerwartet neu entstehende Seen oder Feuchtgebiete können das Landschaftsbild bereichern.
- Die gewaltige Erosionskräfte der Gletscher belegenden Gletscherschliffe wecken Erstaunen und Bewunderung zugleich.
- Die Sukzession in Gletschervorfeldern oder an frisch gebildeten Randseen schafft neue Lebensräume und fördert die Biodiversität
Und dennoch: Unter einer ganzheitlichen Betrachtung fällt die Gesamtbilanz der möglichen “Klimafolgen” negativ aus:
Denn die Antwort auf die eingangs gestellte Frage zur Zukunft der Alpengletscher lautet:
Der drohende Verlust eines grossen Teils der Alpengletscher ist leider keine Fiktion, sondern mit grosser Wahrscheinlichkeit ein realistisches Szenario.
Sofern die seit Mitte des 20. Jahrhunderts anhaltende Klimaerwärmung ungebremst fortschreiten sollte – was leider zu befürchten ist – wird sich die Schweizer Bevölkerung daran gewöhnen müssen, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur noch die höchsten Gipfel der Alpen das vertraute Bild von vergletscherten Eisriesen abgeben werden.
Walliser Hochalpen mit Dom und Mischabelgruppe.
Vollständige Bildinformationen
Hahn, Peter: Hüfigletscher, Windloch bei der Planurahütte, 2005 (Dia_348-02751, http://doi.org/10.3932/ethz-a-001101848)