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Sie hat als erste Frau im Kanton Uri die Matura gemacht und Jane Fonda in Französisch unterrichtet: die Schweizer Politikerin Emilie Lieberherr.
Sie war Pionierin und Kämpferin, sie wurde als «Mutter Courage» aber auch als «Dampfwalze» bezeichnet: Emilie Lieberherr, erste Zürcher Stadträtin und erste Zürcher Ständerätin, starb vor 10 Jahren. Seit Februar 2020 trägt ein Platz im Kreis 4 ihren Namen.
Am 14. Oktober 1924 als Tochter eines Eisenbahners und einer Schneiderin geboren, wuchs Emilie Lieberherr im Urner Dorf Erstfeld auf. Entgegen den damals üblichen Gepflogenheiten absolvierte das blitzgescheite Mädchen das Gymnasium und machte als erste Frau im Kanton Uri die Matura.
Danach studierte sie an der Uni Bern Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Den Doktortitel errang sie 1956 «summa cum laude». Die nächste Station der jungen Frau war Amerika. In New York wurde sie von Hollywood-Star Henry Fonda engagiert und sollte dem Nachwuchs – Jane Fonda und Peter Fonda – Französisch beibringen.
Zurück in der Schweiz, arbeitete Lieberherr ab 1960 als Berufsschullehrerin. 1961 war sie Mitgründerin des Konsumentinnenforums, dessen Präsidentin sie vier Jahre später wurde.
In dieser Funktion hatte Lieberherr am 1. März 1969 ihren legendären Auftritt im roten Mantel auf dem Bundesplatz: Sie führte den Marsch nach Bern an, mit dem rund 5000 Personen, ausgerüstet mit Trillerpfeifen, ihre Empörung über Parlament und Bundesrat ausdrückten.
Diese hatten die Menschenrechtskonvention des Europarates nur unter Vorbehalten unterzeichnen wollten – weil die Frauen keine politischen Rechte hatten. Die Menge veranstaltete ein schrilles Pfeifkonzert und forderte die sofortige Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen. Erfüllt wurde die Forderung 1971.
Bereits 1970, der Kanton Zürich hatte den Frauen soeben die politischen Rechte auf kantonaler Ebene erteilt, wurde Lieberherr als Mitglied der SP zur ersten Frau in die Zürcher Stadtregierung gewählt. Von 1978 bis 1983 vertrat sie zudem als erste Frau den Kanton Zürich im Ständerat.
Die frischgebackene Stadträtin erhielt das Sozialamt (heute Sozialdepartement). Mit der ihr eigenen Kraft, mit Herzblut und Durchsetzungswillen leitete sie es 24 Jahre lang. In dieser Zeit baute sie das Angebot stetig aus.
Unter anderem führte sie die Alimentenbevorschussung ein, liess 15 neue Altersheime bauen, förderte Quartier-Jugendtreffs und Einsatzprogramme für arbeitslose Jugendliche. Zudem war sie – nach anfänglicher Skepsis – Mit-Initiantin der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe und befürwortete eine liberalere Drogenpolitik.
Nicht nur seinerzeit auf dem Bundesplatz – Lieberherr hatte stets einen Sinn für grosse Auftritte. Unvergessen etwa ihr jeweils fast majestätisch anmutender Einzug zu den Sitzungen des Stadtparlaments.
Gern ein paar Minuten zu spät und damit der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher, durchquerte sie den Saal gemessenen Schrittes und nach beiden Seiten grüssend, bevor sie zu den erhöhten Stadtratsplätzen hinaufstieg.
«S Emilie», wie sie im Volksmund genannt wurde, liess mit ihrer kompromisslosen Art niemanden kalt. Sie hatte Bewunderer, aber auch Feinde. Während der Jugendbewegung der 1980er-Jahre wehte ihr ein eisiger Wind entgegen. Die Politikerin fand im Umgang mit den Jugendlichen nicht den richtigen Ton.
Die Anfeindungen steigerten sich zu bedrohlichen Situationen: Eines Tages wurden bei ihrem Wohnhaus sogar zwei Kanister mit Benzin, Drähten und einer Batterie entdeckt. Nur die feuchte Witterung hatte Schlimmes verhindert.
In diesen Jahren überwarf sich Lieberherr auch mit der SP. Als sie 1990 im Wahlkampf den amtierenden freisinnigen Stadtpräsidenten Thomas Wagner unterstützte und nicht SP-Kandidat Josef Estermann, der die Wahl schliesslich gewann, kam es vollends zum Bruch: Sie wurde aus der Partei ausgeschlossen. Mit einem eigenen Komitee wurde Lieberherr aber wiedergewählt.
1994 zog sie sich aus der Stadtregierung zurück. Am 3. Januar 2011 starb die Vollblutpolitikerin und Pionierin im Alter von 86 Jahren. Neun Jahre später, im Februar 2020, ehrte der Zürcher Stadtrat die «nationale Figur des Gleichstellungskampfes». Er benannte einen kleinen Platz neben der Langstrasse im Kreis 4 nach ihr. (aeg/sda)