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Schöne Kicks statt schöne Beine
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 15.03.2012
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Trailer
Film
«Haywire» mit Gina Carano, Ewan McGregor, Michael Fassbender, Regie: Steven Soderbergh. Ab Donnerstag im Kino.
Ewan McGregor steht die Ehrfurcht ins Gesicht geschrieben. «Sie sollten sie nicht als Frau sehen», sagt er als Geheimdienstboss zu seinem Top-Agenten, «das wäre ein Fehler.» Die Rede ist von Mallory Kane, der Hauptfigur in Steven Soderberghs neustem Film «Haywire». Die Spionin weiss zu viel und wird von ihrem korrupten Vorgesetzten zum Abschuss freigegeben. Doch Kane kehrt den Spiess um.
Die Story ist dünn, der Film konzentriert sich unverhohlen und komplett auf die Hauptfigur respektive die Hauptdarstellerin Gina Carano. Denn Carano ist eigentlich keine Schauspielerin, sondern Mixed-Martial Arts-Kampfsportlerin, eine Art des Vollkontaktwettkampfes, bei der Elemente aus verschiedenen Kampfsportarten angewendet werden. Die Amerikanerin beherrscht Muay Thai, Jiu-Jitsu, Judo, Wrestling, Boxen, Sambo, Kickboxen und Kung-Fu. Damit vermöbelt sie jetzt keine Konkurrentinnen mehr, sondern Hollywoods Alphatiere wie McGregor, Michael Fassbender und Antonio Banderas.
Prinzessinnen in Not
An prügelnden Heldinnen erfreut sich das (männliche Publikum) immer wieder gerne. In den 70ern schlug im Kino mit Pam Grier zum ersten Mal eine Frau zu («Foxy Brown»). Dann ebnete Sigourney Weaver als Lieutenant Ripley in «Alien» (1979) weiteren Action-Heldinnen den Weg. Zum Beispiel Linda Hamilton in «Terminator 2» (1991) oder allerlei Bond-Girls, die nicht mehr bloss Prinzessinnen in Not waren, sondern den einen oder anderen Karate-Kick draufhatten. Angelina Jolie als Lara Croft in «Tomb Raider», Uma Thurman in «Kill Bill» und Milla Jovovich in den «Resident Evil»-Filmen zementierten später die Figur der weiblichen Actionheldin.
Der Aufstieg der Film-Amazonen zog natürlich allerlei kulturtheoretische Abhandlungen nach sich. Kopieren kämpfende Frauen Männer? Ist ein Film wie «Kill Bill» Kung-Fu gewordener Ausdruck der Emanzipationsbewegung? Oder bleiben Frauen in diesen Filmen Sexobjekte?
«Ich wollte keine dieser gängigen Zeichentrickschablonen, kein Sexobjekt. Gina ist sexy – aber kein Objekt», sagt «Haywire»-Regisseur Soderbergh über seine Hauptdarstellerin: «Im Gegenteil: Sie ist ein Profi und zufällig eine Frau. Ihre Sexualität trägt sie nicht vor sich her.» Soderbergh hat recht. Caranos beeindruckende Leinwandpräsenz ist zwar eine Mischung aus Muskeln und Weiblichkeit. Doch die 30-Jährige ist im Vergleich zu Actionstars wie Jolie oder Jovovich kein prügelndes Sexsymbol. Ihre Beine sind kräftig, die Lippen schmal. Eine schöne Frau, gewiss, aber nicht so, wie Hollywood Schönheit definiert. Carano sieht ein bisschen aus wie die stämmige Schwester von Catherine Zeta-Jones.
Eine Art Beinschwitzkasten
«Ich weiss auch nicht, warum es so befriedigend ist, Gina dabei zuzusehen, wie sie einen Kerl nach dem anderen fertigmacht», fragte sich Soderbergh an der Berlinale, wo er seinen Film kürzlich vorstellte. Der Grund dürfte, neben den ultrarealistischen und tatsächlich exzessiv eingesetzten Kampfszenen, die Absenz von plakativem Sexappeal sein. Oder vielleicht verkommen Caranos Reize auch einfach zur Nebensache, wenn sie einen Michael Fassbender mit einem «Dreieckswürgegriff», einer Art Beinschwitzkasten, bodigt. Und mit Blick auf Jovovich lässt sich sagen: Schöne Kicks statt schöne Beine.
Und Caranos Schauspiel? Mit ein bisschen Goodwill könnte man ihr eastwoodsche Qualitäten attestieren. Ihr Spiel in «Haywire» ist wortkarg und transportiert eine Ernsthaftigkeit, die ihrer Figur zupasskommt. Carano hätte, wäre sie physisch nicht derart überwältigend, auch eine gute Lisbeth Salander abgegeben. In ihrer flachen Stimme und dem ausdruckslosen Gesicht zeigt sich freilich auch die Schauspiel-Laiin. Ob einen das stört, hängt davon ab, wie gerne man einer Männer verdreschenden Frau zuschaut. Denn darum gehts in diesem Film.
Haywire
|Regie:||Steven Soderbergh|
|Produktion:||USA 2011|
|Genre:||Action, Thriller|
|Erstaufführung:||08.03.2012|
|Darsteller:||Channing Tatum, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Michael Douglas, Antonio Banderas|