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Orest Suvalo ist müde. Immer wieder fährt er sich mit der Hand übers Gesicht, sein Blick schweift ab. Die Erschöpfung der letzten Wochen hat Spuren hinterlassen. Während des Interviews mit der SRF-Sendung «Club» sitzt der Psychiater in seinem Auto auf einem Parkplatz in der westukrainischen Stadt Lwiw. Im Hintergrund rennen spielende Kinder vorbei, ein Bus fährt ab, uniformierte Soldaten durchqueren das Bild: Alltag mitten im Krieg.
Orest Suvalo
Psychiater in Lwiw
Orest Suvalo ist Psychiater, arbeitet am Institut für psychische Gesundheit der Ukrainischen Katholischen Universität, in der Psychiatrischen Klinik von Lwiw und führt zudem eine eigene Praxis. Unmittelbar nach Kriegsausbruch war er selbst am Bahnhof von Lwiw in Einsatz. Die notfallpsychologische Betreuung ist Teil des Projekts «Mental Health for Ukraine» (MH4U), das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finanziert wird.
SRF News: Orest Suvalo, Sie haben am Bahnhof vom Lwiw psychologische Notfallhilfe geleistet. Wie müssen wir uns Ihre Arbeit vorstellen?
Orest Suvalo: Die erste Woche nach der Eskalation war für uns die schwerste Zeit, weil die Leute aus dem Osten des Landes, aus Kiew, Butscha und Irpin nach Lwiw geflüchtet sind. Die Leute waren unter Schock, in Panik. Und selbst der Bahnhof von Lwiw ist kein sicherer Ort: Letzte Woche wurden hier bei russischen Raketenangriffen sechs Menschen getötet und elf verletzt. Darunter ein Kind, das von den Bomben aus Charkiw geflohen war.
Wir versuchen zumindest eine minimale Versorgung anzubieten. Aber Sie können sich vorstellen: Wenn Raketen über Sie hinwegfliegen, ist es schwierig, psychologische Hilfe anzubieten – weil niemand von uns hier sicher ist.
Sie haben sicher viele Geschichten gehört von Geflüchteten, die in Lwiw angekommen sind. Hat sich für Sie ein Muster herausgebildet?
Es ist wichtig, den historischen Kontext der Ukraine zu verstehen. Wir mussten lange für unsere Unabhängigkeit kämpfen. Da war die erste russische Besatzung. Dann Holodomor, die menschengemachte Hungersnot unter dem Stalin-Regime. Der Zweite Weltkrieg, die Nazi-Okkupation, die Rückkehr der Russen, das Verschleppen von Menschen nach Sibirien ... Unsere Geschichte ist voller Traumata – und doch haben wir überlebt. Und wir sind auch jetzt widerstandsfähig, wir kämpfen weiter.
Unsere Geschichte ist voller Traumata – und doch haben wir überlebt.
Das sieht man in der Freiwilligenbewegung. Oder auch die Fachkräfte, die unter widrigen Umständen in den Spitälern weiterarbeiten, Operationen durchführen. Das ist auch das Resultat unserer Traumata und unsere Art, mit ihnen umzugehen.
Gibt es Schicksale, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ich habe viele Geschichten mitbekommen. Zum Beispiel jene eines Mädchens aus Butscha, das einer möglichen Vergewaltigung durch die Russen entkommen ist. Oder Kinder, die die letzten 30 Tage in einem Keller in Mariupol ausgeharrt haben. Das ist die Hölle. Das ist wirklich die Hölle. Das geht so tief, dass es jeden traumatisiert. Auch die Menschen, die mit diesen Leuten, den Opfern arbeiten.
Selbst für Sie als Profi dürfte es schwierig sein, die Distanz zu wahren zu dem, was Sie hören?
Ich habe als Psychiater zahlreiche traumatisierende Situationen angetroffen, weil ich auch im Notfalldienst tätig war.
Wie wir unsere eigenen Traumata verarbeiten, das ist eine Frage, die sich später stellen wird.
Aber das hier … es ist unmöglich, das zu begreifen. Darum ist es wichtig, uns gegenseitig zu unterstützen. Wie wir unsere eigenen Traumata verarbeiten, das ist eine Frage, die sich später stellen wird. Jetzt sollten wir hier weitermachen.
Das Gespräch führte Melanie Pfändler.