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von Elisabeth Crettaz-Stürzel
Mit Château de Pierrefonds (Dépt. Oise) in Frankrich, der Burg Kreuzenstein in Niederösterreich und der Hohkönigsburg (Elsass) entstanden Ende des 19. Jh. drei prominente neofeudale Burgmuseen (musée en château). Nach dieser Idee nationaler Architekturdenkmale erbaute auch die republikanische Eidgenossenschaft um 1900 die beiden mittelalterlich aussehenden Museumsburgen (musée en forme dun château) in Zürich (Landesmuseum) und Bern (Historisches Museum).
Die Epoche, in der solche Burgen entstanden und andere erneuert wurden, wird heute als Burgenrenaissance bezeichnet. Die Palette der baulichen Eingriffe beim Wachküssen (erneuern, wieder erwecken) der alten Burgen und Ruinen war sehr bunt. Man kann in der Burgenrenaissance deshalb schwer unterscheiden zwischen den verschiedenen Arten der architektonischen Intervention wie Neubau, Rekonstruieren, Restaurieren, Renovieren und Konservieren. Nicht nur Tragweite der Wiederherstellungen der alten Gemäuer war unterschiedlich, auch der Zweck der neuen Burgen entsprach einer grossen Bandbreite an Funktionen. Die Burgenrenaissance generierte multifunktionale Bauten.
Der Wiederaufbau der geerbten Burgen und Ruinen war mit der Aristokratie als Bauherrn eng verknüpft. Das Bürgertum und der neue industrielle Geldadel machten es ihr aber eifrig nach und verbanden sehr geschickt Herrschaftsutopien mit technischer Moderne. Als Beispiel seien genannt Schloss Landsberg bei Essen (August Thyssen 1904) oder Château de Ripaille (Frédéric Engel-Gros). Denn das Einzige, das die neue Gesellschaftsschicht (Bürgertum und Geldadel) nicht besass und über das der Adel aber in Fülle verfügte, war Tradition und Geschichte. Der Besitz einer Burg (neu oder alt) war Zeichen des sozialen Erfolgs.
Die Burgenrenaissance im Historismus kann man in drei stilistische Phasen aufteilen. In der ersten romantischen Phase zwischen 1820 und 1850 wurden vor allem spektakulären und bis heute beliebten Phantasierekonstruktionen erstellt. Von 1850 bis 1880, der zweiten Phasen, strebte man nach der unité de style, also der perfekten Stileinheit oder Stilreinheit (le château idéal). 1880 bis 1914 folgte die dritte Phase, in der man bei Burgwiederherstellungen ein stimmungsvolles sozusagen «reales» Mittelalter anstrebte. Verschiedene historische Stilepochen wurden an ein und demselben Bauwerk gemischt. Das château composé löste das château ideal ab.
Die Burgenrenaissance erreichte um 1900 ihren Höhepunkt, das betraf sowohl die Anzahl der Wiederherstellungen als auch das allgemeine öffentliche Interesse an Burgen und ihre fachwissenschaftliche Erforschung (Bodo Ebhardt/Otto Piper). Dazu gesellte sich der regionalistisch orientierte Heimatstil und die internationale Reformbewegung im Kunsthandwerk (Arts & Crafts): Der Jugendstil küsste das Mittelalter. Die historische und archäologische Forschungen Ebhardts gaben der neuen Hohkönigsburg über der Oberrheinebene die nötige Glaubhaftigkeit und den vermeintlichen historischen Wahrheitsgehalt. Eine neu instandgesetzte Burg sollte nun möglichst alt aussehen und Originalsubstanz zeigen.
, Elisabeth : Die grosse Lust auf Burgen und Museen.
Schlossmuseen und Museumsschlösser im Kontext der europäischen Burgenrenaissance
Mittelalter – Moyen Age – Medioevo – Temp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 18. Jahrgang 2013, Heft 4, 97 - 107.