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Der Seel- und Leibsorger: Auf Kräuter-Pfarrer Künzles Pfaden
Der alte Mann mit dem freundlichen Gesicht und dem langen, weissen Bart war mir bereits als kleines Kind vertraut. Ich sah ihn mindestens einmal pro Woche, wenn ich mit der Mutter zum Einkaufen an der Buchhandlung vorbeiging. Dort war Jahr und Tag eine ganze Schaufensterecke dem «Chrütlipfarrer» und seinen Publikationen gewidmet; auch Teemischungen und Salben waren ausgestellt.
Obwohl Kräuterpfarrer Künzle damals bereits fast 40 Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, waren seine naturmedizinischen Ratgeber und Rezepte weitherum bekannt.
Zwei Millionen mal verkauft
Das Buch «Chrut und Uchrut» (1911) wurde über 2 Millionen Mal verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt, vom «Das Grosse Kräuterheilbuch» (1944) wurden über 200'000 Exemplare verkauft. Künzles 1939 gegründete Naturmedizinfirma produzierte erfolgreich Tees, Salben und Tabletten aus Kräutern und Essenzen.
Während Corona kursierte in den Sozialen Medien gar sein Tee-Rezept, mit dem er die Bevölkerung von Wangs offenbar heil durch die drei Wellen der Spanischen Grippe (1918–1920) gebracht hatte. Doch wer war der naturverbundene Paracelsus des 20. Jahrhunderts und wieso geriet sein ganzheitlicher Zugang zur Gesundheit bei Schulmedizinern und der kirchlichen Obrigkeit in die Kritik?
Wo kein Arzt hinkommt, muss der Künzle ran
Johann Künzle kam 1857 in Hinterespen bei St. Gallen als letztes von 12 Kindern auf die Welt. Künzles Vater Anton war Gärtner und so kannte der kleine Johann bald viele Pflanzen beim Namen. Am Kollegium in Einsiedeln bestimmte er zusammen mit einem Pater Kräuter und Pflanzen und legte ein Herbarium an. Künzle wurde aber nicht Botaniker, sondern studierte Theologie und Philosophie in Leuven, Belgien. Die hohen Studiengebühren finanzierte er mit Klavierunterricht. Nach seiner Primiz in der Kathedrale St. Gallen war Künzle in mehreren Gemeinden in der Ostschweiz als Priester tätig.
Schäfchen selbst behandelt
Weil die ärztliche Versorgung in den Landgemeinden oft dürftig bis inexistent war, begann Künzle seine Schäfchen selbst zu behandeln, mit all dem, was Gottes Natur so hergab. Sein naturmedizinisches Handeln begründete er laut dem historischen Roman «Uns Menschen in den Weg gestreut» von Marianne Künzle folgendermassen: " I bi halt dör d’Seelsorg zur Chrütermedizin cho, denn i ha denkt, me sött au em Lib hälfe, nöd grad de Seel.» In diesem Sinne propagierte der engagierte Priester eine ganzheitliche Auffassung des Menschen und von dessen Heil, das eben nicht «nur» auf der spirituellen, sondern auch auf der banal-körperlichen Ebene verortet sei.
Moderner Ansatz
Ein scheinbar sehr moderner Ansatz – theologisch wie medizinisch –, obwohl in verschiedensten Kulturen «Heil» stets in einer konkreten Verbindung zu «Heil sein» stand. Je nach Kontext arbeiteten religiöse Spezialisten und Heilerinnen mit Ärzten zusammen oder konkurrierten über die Deutungshoheit eines bestimmten Leidens und seiner Linderung. Das war auch bei Künzle der Fall, der den Medizinern immer suspekter wurde, je erfolgreicher er sich und seine Produkte vermarktete.
Seelsorger, Kräuterkundiger und Marketingexperte
Der umtriebige Priester half massgeblich mit, das Kurhaus Bad Wangs zu einem florierenden Betrieb auszubauen, der nicht nur vom Namen des Kräuterkundigen profitierte, sondern auch nach seinen Vorgaben therapierte. 1914 organisierte Künzle einen Kräutermarkt in Wangs, wo er nebst Kräutern auch allerlei Mixturen und Teemischungen anbot. Künzles zunehmende Popularität auch über die Landbevölkerung hinaus stiess nicht nur auf Wohlgefallen.
Beim St. Galler Bischof vorstellig geworden
Die bisweilen fragwürdigen Therapieansätze des Priesters führten schliesslich dazu, dass besorgte und wohl auch neidische Mediziner beim Bischof von St. Gallen vorstellig wurden. Daraufhin riet dieser Künzle, er solle aufhören, weiter zu «doktern». So siedelte Künzle 1920 nach Zizers in Graubünden um und widmete sich ganz der Naturheilkunde. Und dies äusserst erfolgreich. Der ehemalige Seelsorger entwickelte die erste Pillenmaschine der Schweiz, die sich als lukratives Geschäft erwies. 1939 gründete er zusammen mit seiner Nichte die «Kräuterpfarrer Künzle AG», die heute Teil der Firma Schaer Pharma ist.
Der «Wunderdokter» muss an die Prüfung
Auch in Zizers konnte Künzle aber nicht einfach in Wonne seiner Passion nachgehen und mit Kräutern den Menschen helfen. Stimmen wurden laut, Künzle sei ein Quacksalber und Kurpfuscher. Der Kanton Graubünden sah sich dazu gezwungen, Künzles Tun Einhalt zu gebieten, weil er zwar erfolgreich heilte, aber kein Patent besass. Zusammen mit seinen Patientinnen und Patienten sammelte er Unterschriften für die «Heilkräuterinitiative».
Diese wurde vom Bündner Volk 1922 klar angenommen. So weit, so gut, aber nun musste der fast 65-jährige zu einer Prüfung im Churer Regierungsgebäude antraben. Im Komitee sitzen ein Regierungsrat, ein Chemiker, ein Arzt und ein Botaniker. Künzle besteht die Prüfung mit Schalk – er fragt tatsächlich, ob er auf griechisch oder lateinisch antworten solle – und Bravour. Von nun an darf er in Graubünden praktizieren.
Obwohl Künzle mit seinen Rezepturen viel verdient hatte, so lebte er sehr bescheiden und naturverbunden. Das erwirtschaftete Geld wurde meist reinvestiert oder für Kirchen- und Altarrenovationen ausgab. Künzle starb 1945 im Alter von 87 Jahren in seinem Wohn- und Arbeitschalet «Helios».
Ab in die Natur – Künzle Weg oder Kräutergarten
Der Pfarrer-Künzle-Weg in Wangs führt heute auf einer gut 21/2-stündigen Wanderung in die Biographie des Naturheil-Seelsorger sowie die Beschreibung und Wirkung von Heilkräutern ein. Der Kräuter-Pfarrer Künzle Verein bietet monatlich geführte Wanderungen an.
Das Künzle-Museum im Pfarrhaus in Vilters gibt es seit 2019 und wird ebenfalls vom Verein unterhalten. Da Künzle aber lieber draussen in der Natur – oder eben «Gottes Garten» – war, hat die Gemeinde Zizers im Jubiläumsjahr 2020 dem Ehrenbürger einen öffentlich zugänglichen Kräutergarten im Schloss Salis gewidmet und einen Erlebnispfad nach Igis eröffnet.