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500 Jahre nach der Schlacht von Marignano macht sich erneut ein Kontingent von Schweizern in die Lombardei auf: Am 26. September werden 420 Alphornbläser, zehn Fahnenschwinger, zehn Tamburen und acht Hellebardenträger auf dem Expo-Gelände und auf dem Platz vor dem Mailänder Dom zwei Konzerte geben, die man so noch nie gesehen hat.
"Mailand schein der ideale Platz zu sein, um diese zwei grossen Konzerte mit Alphörnern durchzuführen. Zwischen der lombardischen Hauptstadt und der Schweiz bestehen enge Beziehungen, die weit zurückgehen: Vor etwa 500 Jahren war Mailand sogar ein Protektorat der Eidgenossenschaft", erwähnt Hanspeter Danuser, Initiator des Anlasses.
Ein Protektorat, das nur drei Jahre andauerte. 1515 setzten die Franzosen mit der Schlacht bei Marignano, nur wenige Kilometer von Mailand entfernt, der langen Serie von Erfolgen der Schweizer Truppen ein Ende. Denen war es gelungen, Norditalien und das Herzogtum Mailand unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Eidgenossen, in jener Zeit eine der mächtigsten militärischen Kräfte, gaben nach der vernichtenden Niederlage ihre expansionistischen Ambitionen auf.
Die Konzerte in Mailand
Die Konzerte in Mailand wurden vom Alphorn Ensemble Engiadina St. Moritz und dem Eidgenössischen Jodlerverband organisiert. Sie werden hauptsächlich von Unternehmen aus den Kantonen Graubünden und Tessin unterstützt. Bundesrat Ueli Maurer, Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, wird vor Ort sein.
Die zwei Konzerte beginnen mit einer Passage aus der Oper "Wilhelm Tell" von Rossini. Die dreistimmige Tonfolge diente 1924 als Vorlage für den Dreiklang der Schweizer Postautos.
Es ist das erste Mal, dass ein solches Konzert im Ausland durchgeführt wird. Das grösste Ereignis mit Alphörnern fand 2013 statt, 500 Alphornbläser versammelten sich auf dem Gornergrat im Kanton Wallis, mit dem Matterhorn im Hintergrund.
Nun, 500 Jahre später, kehren die Schweizer in massiver Präsenz wieder nach Mailand zurück. Doch nicht mit Hellebarden, sondern mit Alphörnern. Nicht in Uniformen, sondern in traditioneller Kleidung. Ein Einmarsch, der dieses Mal von der Mailänder Bevölkerung sicher geschätzt wird.
Im Zentrum des Geländes der Expo 2015 und auf dem Platz vor dem Mailänder Dom werden die 420 Schweizer Alphornbläser unter anderem Passagen aus "Wilhelm Tell" spielen, der Oper des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini, angelehnt an den Mythos des Schweizer Nationalhelden, Symbolfigur für Freiheit und den Kampf gegen die Unterdrückung.
Ein einzigartiges Instrument
Den Initianten des Anlasses ist es gelungen, den Kulturbeauftragten der Stadt Mailand, Filippo Del Corno, zu überzeugen, ihnen die Erlaubnis zu geben, auf dem Platz vor dem Dom zu spielen. Ein seltenes und besonderes Ereignis.
Für Hanspeter Danuser wird das Konzert in der "guten Stube" von Mailand zweifelsohne ein aussergewöhnliches Ereignis werden, das wirkungsvoll die Marke Schweiz bekannt machen wird, nicht nur in Italien. Bereits das Konzert von 1999 bei der Eröffnung des Vereina-Eisenbahntunnels, als 222 Alphornbläser aus dem Kanton Graubünden spielten, hatte internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
"Konzerte von Rockbands oder Blaskapellen gibt es viele. Doch eine musikalische Darbietung mit Alphörnern, diesen einzigartigen Instrumenten, gab es ausserhalb der Schweiz in dieser Grösse noch nie. Es gibt wenig Vergleichbares, das die Identität der Schweiz und ihre lebendigen Traditionen so gut repräsentiert wie das Alphorn", unterstreicht Danuser, Mitglied des Alphorn Ensemble Engiadina Sankt Moritz und zusammen mit dem eidgenössischen Jodlerverband Initiator des Anlasses.
Das faszinierende, sperrige Instrument aus Tannenholz mit einer Länge von dreieinhalb Metern stammt aus dem Mittelalter. Das Alphorn wurde auf dem Land und in den Tälern gebraucht, um vor Gefahren zu warnen oder um Hilfe zu rufen. Aber auch, um in den Städten und Dörfern um Almosen zu betteln. Bis die Verbannung drohte.
Das Instrument geriet zunehmend in Vergessenheit, bis es vor etwa hundert Jahren wiederentdeckt und zum Wahrzeichen der Volksfeste wurde. Heute wird es von Dutzenden volkstümlichen Gruppen in allen Regionen der Schweiz, aber auch in andern Ländern gespielt. Die letzten internationalen Wettbewerbe im Alphornblasen, die in Nendaz im Kanton Wallis stattfanden, wurden von französischen Musikern gewonnen…
Ein anderes Bild
In den Augen der Organisatoren sollten die zwei Konzerte auch dazu dienen, ein anderes Bild der Schweiz zu vermitteln. "Steuerhinterziehung, Rohstoffhandel, Zuwanderungspolitik, Skandale bei der Fifa – zahlreich sind die Themen, weswegen die Schweiz in den letzten Jahren internationaler Kritik ausgesetzt war. Mit diesen Konzerten wollen wir die positiven Eigenschaften unseres Landes, wie die Neutralität und die Unabhängigkeit, hervorheben", erklärt Danuser.
"In diesem Jahr gedenkt man der Schlacht von Marignano vor 500 Jahren, wo die schweizerische Neutralität ihren Anfang nahm, sowie dem Wiener Kongress vor 200 Jahren, als diese Neutralität international anerkannt wurde. Mit diesen zwei Daten kann die Welt an die Werte eines Landes erinnert werden, das seit über zwei Jahrhunderten unabhängig geblieben ist und in friedlicher Koexistenz mit seinen Nachbarn gelebt hat, inmitten eines Europa, das von zwei Weltkriegen und andern Konflikten heimgesucht wurde. Eine Tatsache, die alles andere als selbstverständlich ist".
Für Hanspeter Danuser werden die zwei Konzerte die Aufmerksamkeit noch auf ein anderes wichtiges Datum lenken: 2016. "Im nächsten Jahr wird der neue Gotthard-Basistunnel, mit seinen 57 Kilometern der längste weltweit, eingeweiht. Er wird die Schweiz näher an Italien bringen. Ein Bauwerk, das ohne EU-Beiträge finanziert wurde und die Innovationskraft unseres Landes und den Willen aufzeigt, durch die Förderung des Schienenverkehrs die Umwelt zu schützen. Das Alphorn, diese lange Röhre, könnte den neuen Tunnel nicht besser symbolisieren."
Tourismuswerbung
Engagements wie diese könnten nach Ansicht des ehemaligen Kurdirektors von St. Moritz auch positive Auswirkungen auf den Tourismus haben, eine Branche, die seit Jahren in Schwierigkeiten steckt. "Der Schweizer Tourismus leidet offenkundig unter der Frankenstärke. Doch auch die Konkurrenz in den Nachbarländern der Alpenregion hat in den letzten Jahren stark aufgeholt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten Infrastruktur und Marketing noch nicht die gleiche Bedeutung wie heute."
Hanspeter Danuser, der 2008 zurückgetreten war, hatte schnell begriffen, dass es nicht mehr genügt, in den Bergen auf die Touristen zu warten, sondern dass man sie mit neuen Ideen anlocken muss. "Ich bin überzeugt, dass unser touristisches Angebot noch immer attraktiv ist. Wir haben kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem. Wir müssen auf den internationalen Märkten aktiver werden und nicht nur mit unserer Infrastruktur werben, sondern auch mit der Marke Schweiz, die Qualität, Vertrauen und Tradition vermittelt."
Ein Versuch, den der Tourismusexperte nun in Mailand wagen möchte. Er kann dabei von den drei historischen Daten 1515, 1815 und 2016 profitieren: "Wenn wir es nicht dieses Jahr schaffen, müssen wir womöglich wieder fünfzig oder hundert Jahre warten. Erst dann würden die Ereignisse wieder zeitlich zusammenfallen und eine so gute Gelegenheit bieten, Werbung für die Schweiz zu machen."
(Übertragen aus dem Italienischen: Christine Fuhrer)