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Möise oder Mäuse – Schreibberatung mal anders
Eine Schreibberatung durch ältere Schülerinnen und Schüler ermöglicht eingehende sprachliche Arbeiten am Text und bietet der Lehrperson die Möglichkeit, Zeit für individuelle Unterstützung freizuspielen. Von Hansruedi Hediger.
Phase 1: Starthilfe mit W-Fragen
Ursula Tschannen ist es wichtig, frühzeitig im Klassenzimmer zu sein, denn die 18 Schülerinnen und Schüler der ersten bis dritten Klasse brauchen Zeit zum Ankommen, zum Begrüssen und Auspacken. Die Kinder wissen bereits, dass sie heute eine Kurzgeschichte schreiben. Sie kennen auch schon deren Merkmale, die die Klassenlehrerin zuerst wiederholt. Als Starthilfe und für ein Grundgerüst der Geschichte erhalten alle Schülerinnen und Schüler einen Zettel mit W-Fragen (Wer? Was? Wo? Womit? Warum?), von denen sie mindestens drei stichwortartig beantworten. In Einzelarbeit suchen sie nun Ideen und entwerfen mögliche Abläufe. Einige Schülerinnen und Schüler benötigen noch zusätzliche Ideen. Anschliessend zeichnen die Erstklässler ihre Kurzgeschichte auf ein Blatt und schreiben Wörter oder Sätze auf die leeren Zeilen daneben.
Phase 2: Die Lehrerin als Schreibberaterin
Es wird ernsthaft um Wörter diskutiert, um Erklärungen gerungen, gewertet und kommentiert.
In der Mitte des Zimmers sitzt die Klassenlehrerin an einem Tisch und übernimmt die Schreibberatung: Zoe will wissen, wie man Hockey schreibt. Die Lehrerin schreibt das Wort auf einen Zettel. Liana fragt nach möglichen Namen für die Hauptperson in ihrer Geschichte und bekommt den Hinweis, keine Namen aus der Klasse zu wählen. Gioia weiss nicht, wie man Detektiv schreibt. Aber Ursula Tschannen macht sie darauf aufmerksam, dass doch ursprünglich gar nicht von einem Detektiv, sondern von einem Dieb die Rede war. Noel hat bei der Was?-Frage «Fall» geschrieben. Die Lehrperson fragt nach, was sie damit meine, und erfährt, dass ein böser Mann ein Zauberbuch gestohlen habe. Noel gibt sie den Tipp, noch eine weitere Person oder ein Tier in die Geschichte einzubauen, damit diese nicht zu kurz ausfällt. Giuliano beschreibt der Lehrerin einen Gegenstand, auf dem der Maler seine Farben mischt – aha, eine Malpalette! Matteo will wissen, ob er nach dem Satz «Herr Zürcher ging vors Tor» ein Ausrufezeichen setzen dürfe, weil er doch betonen wolle, wie wichtig das sei. Meist steht jemand am Tisch, oder die Lehrerin geht von Pult zu Pult, rühmt hier den Beginn des Textes und ermuntert da zum Weiterschreiben. Die ständige Beratung ist intensiv und erlaubt keine Pausen. Obschon alle konzentriert schreiben, muss Ursula Tschannen dazwischen auch zur Ruhe mahnen. Zum Abschluss der Doppellektion stellen zwei Schülerinnen noch ein Buch vor.
Phase 3: Einführung in die Schreibberatung
Acht Kinder der sechsten Klasse haben sich freiwillig für die Schreibberatung gemeldet. In der nächsten Lektion erhalten sie eine Einführung für die bevorstehende Arbeit mit den jüngeren Schülerinnen und Schülern. Zuerst erläutert die Lehrerin die drei Ebenen der Schreibberatung: «Mit grüner Farbe markiert ihr Unklarheiten auf der Textebene. Der Geschichte soll eine gute Idee zugrunde liegen. Die Hauptperson muss erkennbar und die Handlung nachvollziehbar sein. Der Erzählverlauf ist verständlich und zusammenhängend. Mit blauer Farbe bearbeitet ihr die Satzebene. Kontrolliert, ob die Sätze vollständig sind, ob die Punkte gesetzt und die Satzanfänge gross geschrieben sind. Korrigiert ebenfalls gleichförmige Satzanfänge oder Fallfehler. Im Bereich Wortebene geht es um die Rechtschreibung. Mit Gelb verbessert ihr die Klein- und Grosschreibung und Fehler mit Doppelkonsonanten. Gebt auch Tipps für treffendere, interessantere Wörter. Wichtig ist die Diskussion mit den jüngeren Autorinnen und Autoren, und erwähnt auch, was euch am Text gefällt.» Engagiert bereiten sich die acht Sechstklässlerinnen und Sechstklässler mit zwei Übungstexten aus früheren Jahren auf ihre Schreibberatung vor. Es wird ernsthaft um Wörter diskutiert, um Erklärungen gerungen, gewertet und kommentiert. Die Schreibberaterinnen verlassen die Vorbereitungslektion schliesslich gut vorbereitet und motiviert.
Phase 4: Schreibberatung mit den Sechstklässlern
Was meinst du mit «hintenhoch»? Dieses Wort gibt es im Schriftdeutschen gar nicht. Das musst du ändern.
Zwei Wochen später: Ursula Tschannen schickt ihre Schülerinnen und Schüler mit einem grünen, blauen oder gelben Auftragszettel in die Schreibberatung. Dabei dürfen sie sich ihre Berater aus dem Sechstklassteam selbst auswählen. Gioia und Yara habens lustig miteinander, bis die Ältere zur Ruhe mahnt und mit der jüngeren Autorin des Textes die Doppelkonsonanten und die Grossschreibung der Nomen überarbeitet: « ‹Komst du eigentlich?› Kommst mit zwei m. Wenn ein Wort von ‹kommen› abgeleitet wird, dann schreibt man das immer mit zwei m. Ist dir das klar? Und hier bei ‹die beiden rannten durch den Wald› schreibst du ‹Beiden› gross, wenn nachher kein Nomen mehr folgt. Schreibe nach einem Punkt immer gross, egal, welches Wort nachher kommt. Was meinst du mit ‹hintenhoch›? Dieses Wort gibt es im Schriftdeutschen gar nicht. Das musst du ändern. ‹Bein›, das schreibst du gross, das kann man berühren. Ebenfalls Stein. ‹Steckte› hast du nur mit ‹k› geschrieben. Das würde so ganz anders tönen. Du hast zwar noch andere Rechtschreibefehler, aber das ist nicht so schlimm. Das ist auf jeden Fall eine megaherzige Geschichte. Man versteht sie sehr gut. Du hast ausserdem eine sehr gute Wortwahl, das ist super, und du schreibst nicht immer die gleichen Wörter.» Gioia geht nun an ihren Arbeitsplatz und korrigiert die angestrichenen Wörter aufmerksam. Derweil berät Yara schon einen nächsten Schüler. Andris, der Sechstklässler, findet die Schreibberatung lustig, aber er müsse aufpassen, selbst keine Fehler zu machen. Das wäre ihm zu peinlich. Es passt ihm ausserdem, dass er selbst nicht am eigenen Text weiterschreiben muss. Er lese lieber Geschichten von anderen und helfe den Jüngeren gerne. Das gebe ein gutes Gefühl und erinnere ihn an die Zeit, als er sich auch beraten liess. Auch Yara und Mathilda helfen den kleineren Schülern und Schülerinnen gerne, weil sie so herzig und dankbar seien. Sie sammeln mit ihrer Beratung ausserdem Ideen für eine eigene Kurzgeschichte. Ebenfalls die Erst- bis Drittklässler äussern sich in ihrer Rückmelderunde am Schluss der Lektion nur positiv. Sie finden es gut, dass einmal jemand anderes als die Lehrerin ihre Texte anschaut und sie zudem wohlwollende Rückmeldungen erhalten. Und sie freuen sich auf die nächste Beratung.