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Präsident Eric G. Sarasin zum 100 jährigen Jubiläum der Handelskammer
Liebe Mitglieder und Freunde der Handelskammer
In diesem Jahr jährt sich die Gründung der Handelskammer Deutschland-Schweiz zum 100sten mal. Dabei blickt die Kammer auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte zurück. Als 1912 einige wenige deutsche Kaufleute in Genf die «Deutsche Handelskammer in Genf» ins Leben riefen, sah es lange Zeit gar nicht danach aus, als ob sich das hochgesteckte Ziel einer Organisation zur Förderung des schweizerisch-deutschen Wirtschaftsverkehrs in die Praxis umsetzen liesse. Die Männer der ersten Stunde, so berichten die Chronisten der Kammer, konnten im kaiserlichen Deutschland kaum auf geeignete Vorbilder zurückgreifen, sondern mussten ihre Positionierung im Schweizer Markt selbst finden und aus ihren Erfahrungen, Erfolgen und Rückschlägen lernen.
Gegen Ende des 1. Weltkrieges kam es zu der folgerichtigen Umbenennung in «Deutsche Handelskammer in der Schweiz», da man nicht nur die Förderung des Wirtschaftsverkehrs zwischen Genf und Deutschland im Sinne hatte. Die Bedeutung des im Jahr 1918 eröffneten Zürcher Büros der Kammer korrespondierte schnell mit dem grossen Anteil, den die Deutschschweiz am Aussenhandel mit Deutschland bis heute inne hat. 1921 wurde dann auch der Sitz der Kammer formell von Genf nach Zürich verlegt. Mit der Zollunion der Schweiz mit Liechtenstein im Jahr 1923 rückte auch das Fürstentum in den Tätigkeitsbereich der Handelskammer.
Ihrer Zeit voraus war die Organisation schon in den frühen Jahren und zeigte die Konturen eines modernen bilateralen Dienstleisters, die die Kammer bis heute prägen und in vielerlei Hinsicht zum Vorbild machten. Neu und zentral war der Gedanke der Bilateralität. Schon 1925 wurde in einem Tätigkeitsbericht festgehalten «….wollten wir also etwas zur befriedigenden Lösung der deutsch-schweizerischen Probleme beitragen, so müsste das stets unter der Würdigung unserer zwischenstaatlichen Stellung geschehen.» «….Wir sind stets für Lösungen eingetreten, die beiden Teilen eine möglichst weitgehende Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen Interessen im anderen Lande gestatten».
Ihrer Zeit voraus war die junge Handelskammer, aber leider nicht immun gegen die Folgen der beiden Weltkriege, die jeweils die Wirtschaftstätigkeit und den Güteraustausch zwischen Deutschland und der Schweiz sowie dem Fürstentum Liechtenstein lähmten und sogar zum Nullpunkt brachten.
1946 forderten die Alliierten die Schliessung der Handelskammer, die infolgedessen ihre Tätigkeit einstellte, ohne allerdings den Verein aufzulösen. Es war deshalb auch nach einer zweijährigen Zwangspause problemlos möglich, die Kammertätigkeit wieder aufzunehmen. Damit einher ging eine Modernisierung der Statuten, die nunmehr dem bilateralen Charakter der Organisation voll Rechnung trugen und was sich augenfällig nach aussen mit dem neuen Namen manifestierte: «Handelskammer Deutschland-Schweiz».
Die Entwicklung der Handelskammer in den folgenden Jahrzehnten bis heute war begünstigt durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein. Das steigende Volumen des Handelsaustausches zog einen wachsenden Beratungsbedarf nach sich, den die Kammer schnell aufgriff. Sie konnte sich bei der Förderung des gegenseitigen Wirtschaftsaustauschs als höchst kompetenter Ansprechpartner etablieren.
1989 fiel die Berliner Mauer, ein Jahr später folgte die deutsche Wiedervereinigung. Auch hier war die Handelskammer gefordert. Schweizerische Unternehmen knüpften die Fäden früherer Partnerbeziehungen welche nach Kriegsende beendet wurden. In Gegenrichtung suchten ostdeutsche Firmen nach Jahren des staatlich reglementierten Aussenhandels auf freien Exportmärkten, darunter auch der Schweiz, Fuss zu fassen.
Bei der Privatisierung der verstaatlichten Unternehmen der DDR durch die Treuhandanstalt wurde die Schweiz – nach der Zahl der Investitionsfälle – zum wichtigsten Auslandsinvestor. An dieser Stelle hatte die Handelskammer einen gewichtigen Anteil, führte sie doch das Büro des ehrenamtlich tätigen Treuhandbeauftragten für die Schweiz.
Der Blick dieser Organisation bleibt vorwärts und in die Zukunft gerichtet. Die fortschreitende Integration der Schweiz in den europäischen Binnenmarkt, die Harmonisierung technischer Standards, die Personenfreizügigkeit und die Anpassung rechtlicher Regelungen hat den Marktzugang beidseitig in vielen Branchen erleichtert. Doch wer dachte, dass sich damit die Fülle der Aufgaben, die die Handelskammer zu erfüllen hat, abnehmen wird, sieht sich für die Zukunft eher einer gegenteiligen Entwicklung gegenüber.
Die Outsourcing-Aktivitäten der Wirtschaft werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen und damit auch das Global-Sourcing. Bei jährlich wachsendem Volumen fallen schon heute auf Investitionsgüter und Halbfabrikate über 60 % des Handels, und die Prozessketten in der Fertigung werden künftig noch viel öfter die Landesgrenze überschreiten als heute. Auch die grenzüberschreitenden Kooperationen in Forschung und Entwicklung werden weiter zunehmen wie auch der unternehmensnahe Dienstleistungsverkehr, der heute schon über 30 % des Handelsvolumens erreicht. Mit dieser erfreulichen Perspektive werden auch die Geschäftsvorfälle und die Zahl der Transaktionen insgesamt weiter steigen.
Die Handelskammer sieht sich mit dieser Entwicklung künftig nicht nur einem steigenden allgemeinen Beratungsbedarf gegenüber, sondern muss marktnahe dem immer grösseren Spezialisierungsgrad in den einzelnen Branchen durch kundenspezifische individuelle Exportberatung einerseits und immer mehr branchenspezifische Informationsvermittlung, Veranstaltungen und Seminaren andererseits folgen.
Ob produzierendes Unternehmen, Handelsfirma oder Dienstleistungsunternehmen, die Absatzwege in den jeweiligen anderen Exportmarkt sind vielfältiger, an Chancen reicher, aber auch komplexer und zum Teil risikoreicher geworden. Dies gilt nicht zuletzt für die damit verbundenen Rechts- und Steuer-fragen, da die Regelungsdichte und Intransparenz der Gesetzeswerke leider nur die «Wachstumsrichtung» kennen.
Für ihre Mitglieder und Unternehmen positioniert sich die Handelskammer für die Zukunft nach dem
3 Säulen – Konzept: Dienstleistungen – Networking Plattform – Help Desk
Bei ihrem Dienstleistungsangebot orientiert sie sich marktnahe an dem Informations- und Beratungsbedarf der Firmen und deckt alle relevanten Wirtschaftsbereiche des Exportgeschäfts ab. Alle einschlägigen Absatzwege werden sowohl seitens der Exportberatung, als auch seitens der damit verbundenen Rechts- und Steuer-fragen betreut.
Auch im Zeitalter der elektronischen Kommunikation bleibt die persönliche Begegnung und Informationsvermittlung sowie der individuelle Kontakt zu den Geschäftspartnern unersetzlich. Mit Seminaren, Vorträgen, Firmensprechtagen, Workshops, Kooperationspartner-Treffen und ähnlichen Veranstaltungen zu spezifischen Themen wird die Handelskammer auch in Zukunft die zentrale Plattform zur Kontaktpflege und zur Anbahnung neuer Geschäfte zwischen Deutschland und der Schweiz sein.
Wo immer Probleme im bilateralen Wirtschaftsverkehr auftauchen, wird sie ihre Rolle als Anlaufstelle und Help-Desk wahrnehmen und sich aktiv gegen drohende Hemmnisse im Handels- -und Dienstleistungsverkehr einsetzen, in Streitfällen vermitteln und hilfreiche Behördenkontakte herstellen.
Die Handelskammer Deutschland-Schweiz wird auch in Zukunft eine private, unabhängige und nicht weisungsgebundene Selbstverwaltungsorganisation der Wirtschaft Deutschlands, der Schweiz und Liechtensteins bleiben, frei von staatlichen Subventionen und selbstfinanziert. Einerseits besteht damit ein gesunder Anreiz, sich in der Organisation schlank und effizient zu halten und an den Marktbedürfnissen auszurichten. Andererseits kann auf diesem Wege die Handelskammer ihre Rolle als neutraler Mittler und bilaterale Auslandshandelskammer der drei Länder am besten wahrnehmen. Ihrer Tradition folgend, war und bleibt sie auch in Zukunft fest eingebunden in die weltumspannenden Netzwerke der deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) und der schweizerischen Auslandshandelskammern (SwissCham) als zuverlässiger Partner für die Exportförderung Deutschlands, der Schweiz und Liechtensteins.
Ein Jubiläum bietet nicht nur die Gelegenheit zur Positionsbestimmung: woher – wohin? Es bietet auch die Gelegenheit des Dankes.
Zu danken ist anlässlich der 100 Jahre Handelskammer an dieser Stelle Vielen: Den treuen Mitgliedern, den ehrenamtlich tätigen Vorstandsmitgliedern, den Mitarbeitenden sowie zahlreichen Persönlichkeiten und Freunden der Kammer aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft, die zum Teil im Lauf dieser vielen Jahre auch in Vergessenheit geraten sind, ohne deren Einsatz und grossem Enga-gement aber diese erfolgreiche Handelskammer nicht ihren heutigen gebührenden Platz einnehmen würde.
Zukunft braucht eben Herkunft – auf die nächsten 100 Jahre!
Ihr
Eric G. Sarasin
Präsident Handelskammer Deutschland-Schweiz
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