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Singer/Songwriterin Aimee Mann besingt den alltäglichen Wahnsinn in Los Angeles
- Donnerstag, 6. April 2017, 12:54 Uhr
Auf ihrem neuen Album «Mental Illness» singt Aimee Mann von kleinen menschlichen Schwächen mit grossen Auswirkungen.
Ende der 1990er-Jahre steht die Karriere der US-amerikanischen Musikerin Aimee Mann still. Jahre als Frontfrau bei der Band «‘Til Tuesday» hatten für Aufmerksamkeit gesorgt, die zwei ersten Solo-Alben hatten Erfolg bei den Kritikern. Aber sie verkauften sich schlecht. So verliert Aimee Mann ihren Vertrag und steht mit einem Berg unveröffentlichter Songs da.
Gleichzeitig befindet sich der Filmregisseur Paul Thomas Anderson in einem Hoch. Sein Film «Boogie Nights» war 1997 zu einem derart grossen Erfolg geworden, dass ihm eigentlich jede Tür offenstand. Nun arbeitet er an einem Film über das San Fernando Valley, einen Stadtteil von Los Angeles, dessen Hauptindustrie der Porno-Film ist.
Bei der Arbeit hört Paul Thomas Anderson stets die Musik von Aimee Mann: die beiden Solo-Alben und die neuen, unveröffentlichten Songs, die ihm zugespielt wurden. Plötzlich merkt er, wie ihm Manns Arbeit das Skelett liefern für seinen Film, wie sich die Geschichten in ihren Songs zu einer grösseren Story vereinigen.
«Magnolia» als Karriereretter
Der Episodenfilm «Magnolia» wird – mit seinem Staraufgebot an Schauspielern wie Julianne Moore oder Tom Cruise – ein Grosserfolg. Für den Regisseur Paul Thomas Anderson wie für die Musikerin Aimee Mann, die mit ihren Songs einen Grossteil des Soundtracks bestreitet.
«Save Me», eines der Lieder, wird für einen Oscar nominiert, und plötzlich ist auch Manns Karriere wieder am Laufen. Ihr drittes Solo-Album «Bachelor No. 2 or, the Last Remains of the Dodo» kam im Jahr 2000 auf einem eigenen Label heraus und erhielt im Fahrwasser des Films grosse Aufmerksamkeit. Aimee Mann wird zum alternativen Musikstar.
Die Songs, die sie damals schrieb, wurden zur Grundlage für ihre Solo-Karriere bis heute. Es sind starke melodiöse Songs, die sich an das klassische Songwriting der Beatles anlehnen, mit intelligenten Arrangements und geschmackvoller Instrumentierung, Mid-Tempo-Balladen ohne rockige Ausbrüche. Die gepflegte, harmonische Atmosphäre bildet einen krassen Gegensatz zu Aimee Manns Songtexten.
L.A. als Biotop
Die kalifornische Metropole Los Angeles mit ihrem beinahe ganzjährigen Sonnenschein zieht schon seit Jahrzehnten alle möglichen Menschen an: Musikerinnen und Schauspieler, Goldgräber und Spielernaturen – alle scheinen hier auf der Suche nach dem schnellen persönlichen Glück. Die meisten scheitern.
Dieser Mikrokosmos ist die Vorlage für die Songs von Aimee Mann. Sie berichtet über Drogensucht und anderen Abhängigkeiten, von Liebesbeziehungen, die anders herauskommen, als sie gedacht waren, von kleinen menschlichen Schwächen mit grossen Auswirkungen – ohne die Menschen, die sie beschreibt, zu verraten.
Oft wählt sie eine Art Brief-Form, spricht direkt ein Gegenüber an, so dass man fast glauben könnte, man wohne einer in Musik umgesetzten intimen Konversation bei. Das ist auch beim neuen Album mit dem provokativen Titel «Mental Illness» so, das in allem Aimee Manns Ruf gerecht wird. Einmal mehr schreibt sie melodiös elegante Kompositionen, die sie diesmal sehr folkig akustisch inszeniert, dazu diese abgründigen Texte, wie sie so manchen Drehbuchautoren beeinflussen könnten.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 04.04.2017, 16:05 Uhr
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Album-Hinweis
Aimee Mann: «Mental Illness». SuperEgo, 2017.