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Der Türkenbund
Der «Türkenbund» ist in Brig nicht etwa ein gleichnamiges Liliengewächs, sondern eine Fastnachtsgesellschaft, und zwar eine der besonderen Art. Die Gründung fand vor dem Hintergrund einer politischen Auseinandersetzung statt. Der damalige Briger Nationalrat Dr. Alexander Seiler scherte aus der Walliser Allianz aus und stellte sich auf die Seite der Berner, welche sich im Variantenstreit für eine Bahnverbindung ins Wallis für den Lötschberg, und nicht für den Wildstrubel, einsetzten. Daraufhin warf ihm der in Visp erscheinende «Walliser Bote» Verrat vor mit der Bemerkung, Brig müsse nicht meinen, das Mekka des Oberwallis zu sein. Dr. Alexander Seiler nahm den Fehdehandschuh auf und gründete mit seinen Getreuen am 6. Januar 1903 den Türkenbund. Seither ist und bleibt Brig das Mekka des Oberwallis, was die Mitglieder des Türkenbundes bis heute jedes Jahr zur Feier der Nationalversammlung am Tag der Heiligen Drei Könige im Brustton der Überzeugung bestätigen.
Dr. Alexander Seiler scheint ein Bewunderer des damals sehr fernen Orients gewesen zu sein. Das «Osmanische Reich» der Türken galt zwar als «kranker Mann am Bosporus»; trotzdem zollte Seiler diesem Land grosse Bewunderung. Bei der Gründung erwies sich die Unterstellung, dass sich die Briger Fastnachtsgesellschaft über die Türkei und den Islam lustig machen würde, als vollkommen falsch; damals wie heute ist genau das Gegenteil der Fall. Mit dem Türkenbund wollte Dr. Alexander Seiler nicht nur seine politischen Vorstellungen verwirklichen und dem Namen Brig als «Mekka» Gewicht verleihen, sondern gleichzeitig den Kampf gegen «Trägheit und Intoleranz» führen, und zwar nicht in der Türkei, sondern im Oberwallis gegen viele engstirnigen und rückständigen Bürger, die sich in ihrem ängstlichen Konservatismus gegen jeden Fortschritt und damit gegen eine bessere wirtschaftliche Zukunft wehrten. Im gleichen Artikel des «Walliser Boten», in welchem Dr. Alexander Seiler für seine Unterstützung der Lötschberg-Variante gerügt wird, findet sich auch die Frage, ob Brig denn überhaupt noch als katholisch bezeichnet werden könne, zumal in der Druckerei des «Briger Anzeigers» ein Protestant arbeite! Dem Denken und Handeln eines Dr. Alexander Seilers kann man heutzutage vor dem Hintergrund solcher blödsinniger Aussagen nur applaudieren und dem Türkenbund wünschen, dass er weiterhin seinen Kampf gegen «Trägheit und Intoleranz» mit viel Humor führt. Und zwar nicht nur an der Fastnacht, wo die Gesellschaft für die Durchführung des «Kasbah-Festes» verantwortlich zeichnet.