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Am 1. April veröffentlichte Tagesanzeiger-Online einen mit «Abtörnender Pornokonsum» betitelten und durchaus nicht als Scherz gemeinten Artikel.
Zwei Dinge sind an diesem Artikel interessant:
- Die Hypothese, dass übermässiger Konsum von Pornografie bei Männern zu Lustlosigkeit in realer, zwischenmenschlicher Sexualität führt.
- Die Behauptung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse weniger aussagekräftig sind als klinische Einzelfall-Anekdoten.
Porno-Effekte
Die Hypothese, welche der Artikel vertritt, ist auf den ersten Blick nicht abwegig: Übermässiger Pornokonsum führt dazu, dass realer Sex mit Partnerinnen und/oder Partnern im Vergleich zu der konsumierten Pornografie wenig erregend wirkt. Der Artikel beschreibt zwei Einzelfälle, in denen junge Männer eine bestimmte sexuelle Präferenz entwickeln, welcher sie durch das schier unbegrenzte Online-Angebot an Pornografie frönen können. Offline bzw. mit realen Sexpartnerinnen (es handelt sich um zwei heteresexuelle Männer) werden diese durch Pornos geschärften Geschmäcker nicht befriedigt.
Zweifellos sind solche Fälle Ausreisser; auch der Tagesanzeiger-Artikel betont dies implizit, wenn von «übermässigem» Pornokonsum die Rede ist. Die Mehrheit der Menschen, welche allgemein Medien konsumieren, darunter auch Pornofilme, tun dies durchaus bewusst und kontrolliert. Ein beliebtes Erklärungsmodell für diese Art der Kommunikation ist der «uses and gratifications»-Ansatz, welchem ein aus rationalen Individuen bestehendes Publikum zugrunde liegt.
Bei einer Minderheit treten aber auch sonderbare Effekte in teils besonders starker Ausprägung auf. Einige Berühmtheit geniesst z.B. der Begriff der «parasozialen Interaktion»: Über einseitige massenmediale Kommunikation entsteht bei den Individuen auf der Empfängerseite das Gefühl von Intimität. Auf der Senderseite hingegen ist nichts über die Empfängerseite bekannt. Typisches Beispiel: Viele Menschen kennen Fernseh-Persönlichkeiten, etwa ModeratorInnen; diese Fernseh-Persönlichkeiten ihrerseits kennen diese vielen Menschen, zu welchen sie evtl. täglich sprechen, nicht.
In Extremfällen kann dies in «Stalking» enden: Etwa, wenn fanatische Fans Schauspielerinnen und Schauspielern auflauern. Mit parasozialer Interaktion ist nicht erklärt, was es mit Pornos auf sich hat, aber damit wird deutlich, dass der Konsum von Medien bei einer Minderheit der jeweiligen Publika starke emotionale Effekte hervorrufen kann.
Bei Pornografie kommt, aus filmtheoretischer Sicht, die Idee des «body genre» dazu: Obwohl Pornografie nicht Realität ist, sondern bestenfalls ein konstruiertes Abbild davon, kann Pornografie «primitive» emotionale Regungen bewirken. Auch wenn wir rational wissen, dass die 2D-Bilder nicht real sind, reagieren wir körperlich darauf.
Insgesamt also scheint die Hypothese des Tagesanzeiger-Artikels nicht unplausibel. Spätestens die Southpark-Episode «Over Logging» hat diese Annahme als popkulturelle Wahrheit etabliert. Randy Marsh, eine der Southpark-Figuren, fasst diese Hypothese denn auch treffend zusammen:
You don't understand. I need the Internet to jack off. I... got used to being able to see anything at the click of a button, you know? Once you jack off to Japanese girls puking in each other's mouths you can't exactly go back to Playboy!
Randys Fixiertheit auf Online-Pornos zeigt folgende amüsante Sequenz:
Dass es dieses Phänomen geben kann (wenn auch weniger drastisch als in South Park), scheint also durchaus nachvollziehbar. Die Autorin des Tagesanzeiger-Artikels schreibt aber, aktuelle Forschung zu diesem Thema würde behaupten, solche Phänomene könne es nicht geben:
Glaubt man den Erkenntnissen aus neuesten wissenschaftlichen Studien, ist Marc M. ein Fall, den es gar nicht geben sollte. Mehrere Untersuchungen kamen in den letzten Jahren zum Schluss, negative Auswirkungen von Pornografie seien nicht nachweisbar.
Um welche «neuesten wissenschaftlichen Studien» es sich handelt, wird im Artikel nicht genannt. Aber auch so ist offensichtlich, dass die Autorin ein grundlegendes Merkmal der Geistes- und Sozialwissenschaft nicht berücksichtigt: Kausale Erklärungen in solchen Disziplinen sind nie deterministisch, sondern allenfalls probabilistisch.
Auch wenn, um ein banales Beispiel zu nehmen, bekannt ist, dass mit dem Bildungsgrad der Eltern die Wahrscheinlichkeit steigt, dass deren Kinder eine Universität besuchen, bedeutet das nicht, dass Arbeiterkinder nie studieren. Ebenso kann es sein, dass Pornokonsum im Allgemeinen keine starken Effekte hat, in bestimmten Einzelfällen aber schon.
Aktuelle Studien
An dieser Stelle möchte ich einen Blick in ein paar mehr oder weniger aktuelle Studien werfen. Die Aussage des Tagesanzeiger-Artikels, Pornokonsum hätte gemäss aktueller Forschung keine (negativen) Auswirkungen auf die männliche Sexualität, scheint etwas gar vereinfacht.
Keinesfalls möchte ich diese Studien als repräsentativ für den Stand der Forschung verstanden wissen; sie sind Ergebnis einer schnellen «google scholar»-Suche.
«The harms of pornography exposure among children and young people» (2009; Download-Link) nennt etwa folgende Auswirkung von Pornokonsum (392):
In experimental studies, adults show significant strengthening of attitudes supportive of sexual aggression following exposure to pornography. The association between pornography and rape-supportive attitudes is evident as a result of exposure to both non-violent pornography (showing consenting sexual activity) and violent pornography, while the latter results in significantly greater increases in violence-supportive attitudes. Exposure to sexually violent material increases male viewers’ acceptance of rape myths and erodes their empathy for victims of violence (Allen et al., 1995a). Adults also show an increase in behavioural aggression following exposure to pornography, including non-violent or violent depictions of sexual activity (but not nudity), with stronger effects for violent pornography (Allen et al., 1995b).
Bestimmte Arten von Pornografie könnten demnach «violence-supportive attitudes» stärken (was nicht bedeutet, dass dadurch effektiv sexuelle Gewalt entsteht).
«Pornography, Normalization, and Empowerment» (2010; Download-Link) beschreibt einen positiven Effekt (1398):
The quantitative data showed a relationship between the viewing of pornography and the variables of sexual appeal and behavior. The qualitative data helped support our contention that the viewing of pornography can broaden the appeal, and practice, of a variety of sex acts. In other words, pornography’s profusion and dissemination of sexual scripts seems to have, for some, a liberalizing effect. For example, for heterosexual men, there was an association between the frequency of viewing pornography and the appeal of using a vibrator, which parallels the common depiction of the use of vibrators in pornography. Generally, these findings were consistent with our theoretical assumptions that pornography can shape a person’s sex life through the normalization of sexual behaviors and a feeling of empowerment that makes certain types of sexual experimentation more probable. The normalization of pornography did not, however, necessarily lead to the desire and empowerment to engage in sex with partners outside of a relationship. The relationship between the frequency of viewing pornography and the greater appeal of a variety of sexual activities did not differ by gender or sexual preference identity. Women did, however, show more behavioral associations with the greater viewing of pornography than did the men. Sexual preference identity also affected the relationship with sexual behaviors.
«Pornography Use as a Risk Marker for an Aggressive Pattern of Behavior Among Sexually Reactive Children and Adolescents» (2009; auf den ganzen Text habe ich keinen Zugriff) beschreibt einen möglichen negativen Effekt für eine bestimmte Risikogruppe:
Sexually reactive children and adolescents (SRCAs), sometimes referred to as juvenile sexual offenders, may be more vulnerable and likely to experience damaging effects from pornography use because they are a high-risk group for a variety of aggressive behaviors.
«Pornography, Sexual Socialization, and Satisfaction Among Young Men» (2008; Download-Link) beschreibt tendentiell positive, aber schwache Auswirkungen (176):
As our study suggested, there may be important links between early SEM exposure, sexual socialization, and sexual satisfaction—particularly among men with specific SEM preferences. Overall, the observed mediated effects of SEM exposure on sexual satisfaction were either small, as in the case of suppression of intimacy, or marginal, as in the case of the educational effect expressed in a more varied sexual experience. Nevertheless, the importance of comprehensive sex education that would address the issue of contemporary pornography should not be disregarded. Inclusion of contents designed to improve media literacy among young people and help them to critically evaluate pornographic images, as well as the fantasies and fears they produce, could be invaluable to advancing young people’s sexual well-being. Neither moralistic accusations, nor uncritical glorification of contemporary pornography can do the job.
Was zeigt diese kleine Auswahl an aktuellen Studien zu Pornokonsum? Dass die Aussage des Tagesanzeiger-Artikels, aktuelle Forschung zeige, dass Pornokonsum keine Auswirkungen habe, falsch ist.
Ein Pseudo-Problem?
Der Tagesanzeiger-Artikel beschreibt das Phänomen der Präferenz von Online-Porno gegenüber direkt zwischenmenschlichem Sex als negativ. Hier drängt sich aber die Frage auf: Warum diese Wertung?
Was genau ist das Problem, wenn ein mündiger Mensch ihm genehme sexuelle Befriedigung findet? Warum wird es automatisch als «schlecht» und «schlimm» gewertet, wenn jemand sexuelle Bedürfnisse auf unkonventionellem Wege deckt - dabei aber niemanden zu Schaden kommen lässt und im legalen Rahmen handelt?
Anders verhält es sich natürlich, wenn die Betroffenen selber mit ihrer Situation unzufrieden sind und diese ändern möchten. Aber die kritische Frage ist dennoch angebracht: Ist das Problem tatsächlich die sich in Porno-Konsum erschöpfende Sexualität einiger Männer, oder vielleicht eher soziale Konventionen, welche eine derart gelebte Sexualität als zu behebenden «Fehler», oder gar als zu heilende «Krankheit» ansehen?
Klinische Anekdoten vs. wissenschaftliche Forschung
Der zweite, insgesamt vielleicht wichtigere Aspekt des Tagesanzeiger-Artikels, ist die Darstellung von klinischen Alltagsanekdoten als aussagekräftiger als wissenschaftliche Studien. Diese Geringschätzung wissenschaftlicher Forschung unternimmt der Tagesanzeiger-Artikel mit einer bedenktlichen Selbstverständlichkeit.
Zunächst, wie oben erwähnt, bemüht sich die Autorin nicht einmal, die Studien zu nennen, welche angeblich so schlecht sind. Diese Phantomstudien ernten auch von der Sexologin Elisabeth Schütz Kritik:
«Mich überrascht das», gesteht Sexologin Schütz, «denn die klinische Realität sieht anders aus.» Warum die Diskrepanz? Schütz: «Möglicherweise müsste die Wissenschaft neue Instrumente entwickeln, mit denen sich das sexuelle Begehren bei hohem Pornokonsum verlässlich messen lässt.»
Diese Aussage ist kennzeichnend für Pseudowissenschaft: Die eigenen Alltagserfahrungen sind zuverlässiger als die wissenschaftliche Methode. Wenn wissenschaftliche Ergebnisse den eigenen Alltagserfahrugen widersprechen, bedeutet das, dass die gegenwärtigen Instrumente der wissenschaftlichen Methode mangelhaft sind - die eigenen Alltagserfahrungen aber sind unantastbar, sind absolute Wahrheit.
Ein weiterer Experte, Klaus Heer, kritisiert die Phantomstudien ebenfalls:
Auch Klaus Heer hält wenig von den Studien: «Umfragen über Sex sind allemal unzuverlässig und meist tendenziös.»
Mit einer nichtssagenden Floskel werden die Phantomstudien widerlegt.
Zwei weitere Experten melden sich zu Wort: Gabriela Kirschbaum und Peter Gehrig. Alle Experten, welche in dem Tagesanzeiger-Artikel zu Wort kommen und den angeblichen negativen Effekt des Pornokonsums beklagen (und dabei auf ihre unfehlbaren Alltagserfahrungen verweisen), verdienen privatwirtschaftlich Geld mit, im weitesten Sinne, Sexualtherapie. Dazu gehört auch das «Heilen» von Menschen, welche unter Pornografie «leiden».
Finanzieller Anreiz ist nicht per se ein Grund für Ungültigkeit von Argumenten: Sich auf anekdotische Evidenz zu berufen, hingegen schon. Der finanzielle Anreiz gibt möglicherweise einen Grund für diese Art der falschen Argumentation.
Fazit
Der Tagesanzeiger-Artikel «Abtörnender Pornokonsum» wirft eine durchaus spannende These in den Raum: Übermässiger Pornokonsum kann vereinzelt dazu führen, dass die Konsumenten Pornografie als erregender empfinden als physischen Sex mit Partnerinnen oder Partnern.
Die Argumentation im Artikel ist aber löchrig: Kritisiert werden angebliche aktuelle Studien, welche ungenannt bleiben. Das Hauptargument der Expertinnen und Experten, welche sich dieser Kritik an den Phantomstudien anschliessen, ist die angebliche Überlegenheit ihrer Alltagserfahrungen gegenüber wissenschaftlicher Forschung: Was diese Forscherinnen und Forscher machen, ist ja schön und gut - ICH weiss es aber besser.