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Die Forschungen im Rahmen der SNF-Förderungsprofessur Philosophie unter der Leitung von Christine Abbt an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (KSF) der Universität Luzern zielen darauf ab, eine alternative Demokratietheorie aufzuzeigen und Merkmale einer Theorie verbindlicher Pluralität zu begründen. Ausgangspunkt dazu bildet das Begriffspaar, „Fremd- und Vieltuerei“, griech. allotrio- und polypragmosynê, welches auf das 5. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. In Texten u.a. von Herodot und Thukydides wird mit dem Begriffspaar eine Form von gesteigerter Aktivität umrissen, welche unmittelbar die gesellschaftliche Ordnung tangiert. Die psychologische Disposition des Fremd- und Vieltuers gilt dabei in vielen antiken Texten als Ursache für politische Unruhe. Wer in dieser Art umtriebig ist, sich in fremde Angelegenheiten einmischt und dazu neigt, sich für die Anliegen Anderer zu engagieren, begünstigt mit seinem Verhalten den politischen Umsturz und das heisst in diesem historischen Kontext, er etabliert demokratische Verhältnisse. Bei Platon gilt der Demokrat als typischer Fremd- und Vieltuer. Da Platon die Demokratie verwirft, überrascht es nicht, dass er auch die Grundzüge des Fremd- und Vieltuers verurteilt. Dass einige Jahrhunderte später in der Aufklärung hingegen auch Verteidiger der Demokratie wie etwa Jean-Jacques Rousseau das Fremd- und Vieltun kategorisch ablehnen und Fremd- und Vieltuende (in Absetzung zu Platon) als das Gegenteil demokratiefähiger Subjekte vorstellen, hat der Reputation des Begriffspaars nachhaltig geschadet.
In den Forschungen in Luzern werden Fremd- und Vieltun demgegenüber als demokratische Verhaltensweisen analysiert. In Anlehnung an die Verteidigung von Allotrio- und Polypragmosyne durch die antiken Demokraten selbst, stehen in den Projekten der SNF-Förderungsprofessur die Argumente zugunsten eines konstruktiven Beitrags von Fremd- und Vieltun für Freiheit und Demokratie im Fokus. Dabei wird an Überlegungen u.a. von Jacques Rancière, Juliane Rebentisch, Matthew Leigh oder Dorothea Frede angeknüpft, welche ihrerseits in jüngerer Zeit darauf hinweisen, dass sich mit und im antiken „Fremd- und Vieltun“ der demokratischen Athener eine Transformation mit beachtenswerten Konsequenzen vollzieht: Das Gute und das Notwendige differenzieren sich in der Praxis von allotrio- und polypragmosyne auseinander. Der dadurch gewonnene Spielraum fundiert in der Antike, so der Befund, ein grundlegend neues demokratisches Selbstverständnis, worin Veränderung, Willensbildung und persönliche Gestaltungsmöglichkeit positiv konnotiert sind.[1] Resultat davon ist die Bestimmung eines unaufhebbaren Zusammenhangs zwischen Demokratie und der Anerkennung von Formen des Unbekannten, des Unbestimmten und der Nicht-Identität.
Seit der griechischen Antike gibt es, so die These, eine oft übersehene, aber nie ganz abgebrochene Denktradition, in der das Selbstverständnis des Fremd- und Vieltuers oder grundlegende Aspekte davon als unverzichtbar für die Verwirklichung demokratischer Grundwerte wie persönliche Freiheit und Gleichheit aller Menschen ausgewiesen wird. Diese Denktradition beharrt auf einem nicht-essentialistischen Identitätsverständnis von sprachfähigen Personen. Sie wird nicht ausschliesslich, aber konsequenterweise besonders stringent von Denkern und Denkerinnen gepflegt und bekräftigt, welche erstens Texte an der Schnittstelle von Philosophie und Literatur verfassen, in denen vielfältige sprachliche Formen und Gestaltungsmittel zum Einsatz kommen, welche der Bedeutung von Nicht-Identität angemessen Ausdruck zu verleihen versuchen, welche zweitens der Kunst, insbesondere dem Theater bzw. den Möglichkeiten der Schauspielerei eine wichtige gesellschaftliche Rolle zuordnen und welche drittens dem Fremden und Nicht-Eigenen, den Erfahrungen mit Paradoxa und Alterität eine politische Funktion zusprechen.
In der Literatur werden Formen des Nicht-Identischen wie Mehrdeutigkeit, Vielstimmigkeit, Paradoxa und Rätsel, die Konfrontation mit Ungewohntem und Fremdem häufig eingesetzt. Die spezifische Bedeutung davon für demokratische Verhältnisse ist allerdings nach wie vor zu wenig untersucht. Die Analysen in Luzern zielen darauf ab, dieses Defizit zu verringern. Wir legen dar, wie bereits zu Beginn der Demokratiegeschichte die demokratische Ordnung unabdingbar mit der Anerkennung von Formen von Nicht-Identität bestimmt worden ist und beziehen zudem ausgewählte Texte der historischen Aufklärung, des 20. und des 21. Jahrhunderts in die Diskussion mit ein, in denen diese Denktradition fortgesetzt und weiterentwickelt sind.
Ein Blick auf aktuelle politische Debatten zeigt, wie brisant sich die Bestimmung des demokratischen Identitätsverständnisses bis heute gestaltet und welche grundlegenden Konsequenzen sich daraus für die Weltgesellschaft ergeben. Merkmale einer alternativen Demokratietheorie bzw. einer Theorie verbindlicher Pluralität sind dabei aus unterschiedlichen Gründen heute (noch und/oder wieder) unter Druck. Sie verlangen nach einer argumentativen Begründung, die historisch-systematisch abgestützt, auf zentrale Kritikpunkte hin validiert und in Hinsicht auf gegenwärtige Herausforderungen wie Digitalisierung und Pluralitätsskepsis bezogen ist. Darauf zielen die unterschiedlichen, an der SNF-Förderungsprofessur Philosophie der Universität Luzern angesiedelten Projekte ab.
[1] Jacques Rancière, La Mésentente. Politique et philosophie, Paris 1995. Juliane Rebentisch, „Der Demokrat und seine Schwächen. Eine Lektüre von Platons Politeia“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 57(1), 2009, 15-36. Dies., Die Kunst der Freiheit. Zur Dialektik demokratischer Existenz, (Orig. 2011), F. a. M. 2013, 56-81. Matthew Leigh, From Polypragmon to Curious. Ancient Concepts of Curious and Meddlesome Behaviour, Oxford 2013. Dorothea Frede, „Der Begriff der ‚Eudaimonia’ in Platons Philebos“, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 53(3), 1999, 329-354; Dies., „Die ungerechten Verfassungen und die ihnen entsprechenden Menschen (Buch VIII 543a-IX 576b)“, in: O. Höffe (Hg.), Platon. Politeia, Berlin 1997, 193-207.