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Wieder Lust auf die Arbeit machen
Von Aline Jaccottet, publiziert im Psychoscope 6/2018
Arbeiten und sich einer guten Gesundheit erfreuen - das ist die Aufgabe, der sich Lydie Lecoultre widmet. Sie verfügt dafür über ein grosses Arsenal: Zum einen natürlich breite Kompetenzen, über die die Website ihres Unternehmens "Winds of Change" Auskunft gibt. Aber das ist noch lange nicht alles. Die 40-jährige Tochter eines Schweizers und einer Französin zeichnet sich durch ein entwaffnendes Lachen aus und versprüht eine Energie, die wirklich jedem entmutigten Angestellten wieder Hoffnung geben kann. Entsprechend positiv beginnt auch unser Gespräch an einem heissen Nachmittag im Mai: "Möchten Sie einen Kaffee? Soll ich die Klimaanlage einschalten?"
Frustrierte Eltern
Das französische Wort für Arbeit ("travail") kommt vom lateinischen Wort "Trepalium", das für Folterinstrument steht. Dieser traurige Zusammenhang wurde Lydie Lecoultre bewusst, als sie Vorschulkinder betreute und dabei bemerkte, wie stark sich der von den Eltern erlebte Stress auf diese auswirkte: "Manche wurden von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends abgegeben, damit ihre Eltern den Lebensunterhalt der Familie verdienen konnten", berichtet sie. Die Verunsicherung der Kleinen berührte Lydie Lecoultre ebenso wie die Frustration der Erwachsenen. Daher stellte sie sich die Frage: "Was gibt man möglicherweise an die Kinder weiter, wenn man so viel arbeitet? Und wie kann das geändert werden?"
Mit 24 Jahren entschied sich Lydie Lecoultre, die aus Gland VD stammt, zum Psychologiestudium. Davon versprach sie sich, einige Antworten auf ihre Frage zu bekommen. Sie belegte zunächst in Lausanne, dann in Neuchâtel und Genf Kurse in Neuro- und Arbeitspsychologie und hoffte, praxisnahe Werkzeuge zu finden. Ihre Lizenziatsarbeit schrieb sie, nachdem sie in einem Unternehmen die Umsetzung der "Richtlinie zum Beizug von Arbeitsärzten und anderen Spezialisten der Arbeitssicherheit" beobachtet hatte, deren Anwendung in allen Unternehmen obligatorisch ist, die dem Bun- desgesetz über die Unfallversicherung (UVG) unterliegen.
Diplome und Indianertaktiken
Ihre ersten Erfahrungen im Bereich Arbeitsschutz begeisterten sie. Als sie das Diplom in der Tasche hatte, erwies es sich jedoch als schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden, der ihren Wünschen entsprach: "Die einzigen sofort verfügbaren Stellen gab es bei Unternehmen, die Unterstützung für grosse Kündigungswellen suchten", erklärt Lydie Lecoultre. Fündig wurde sie in der Deutschschweiz: 2007 begann sie in einem Unternehmen in Bettlach SO als Arbeitsschutzberaterin: "Ich sollte Unternehmen in der Deutschschweiz beraten! Sie können sich vielleicht vorstellen, wie es sich angehört haben muss, wenn ich mit meinem gebrochenen Deutsch über Arbeitsschutz sprach", sagt sie und lacht dabei. Um akzeptiert zu werden, musste sie sich einige Indianertaktiken zu eigen machen und auf die Subtilitäten der nonverbalen Kommunikation zurückgreifen.
Sie erwarb ihr Diplom als Sicherheitsfachfrau EKAS und kehrte drei Jahre später in die Romandie zurück. Dort arbeitete sie als Spezialistin für Unfallverhütung bei der Suva, der grössten obligatorischen Unfallversicherung der Schweiz. Dann gründete sie mit "Winds of Change" ihr eigenes Unternehmen. Sie bietet Beratung und Schulungen für Führungskräfte an, die sich mit der Sicherheit und Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auseinandersetzen. Unter dem Begriff Gesundheit versteht Lydie Lecoultre nicht nur die Abwesenheit von Krankheiten, sondern "alle Ressourcen, die dazu beitragen, dass man sich besser fühlt und Probleme verhindern beziehungsweise lösen kann".Türen öffnen, aber mit Vorsicht
Lydie Lecoultres Job ist alles andere als langweilig. In jeder Woche wird sie von neuen Kunden beauftragt, vom kleinen Familienunternehmen bis zum Grosskonzern. Sie spricht zunächst mit den Verantwortlichen, dann besichtigt sie das Unternehmen und führt Einzelgespräche mit bestimmten Mitarbeitenden. Am Ende liefert sie eine Analyse ab und schlägt Massnahmen vor. Mit viel Fingerspitzengefühl und Aufmerksamkeit trifft sie dabei eine Auswahl aus den verfügbaren Möglichkeiten, die von Mitarbeiterumfragen bis hin zu Schulungsworkshops reichen: "Bei den Workshops geht es darum, Offenheit zu signalisieren, damit die Mitarbeitenden teilnehmen. Gleichzeitig muss ich aber dafür sorgen, dass niemand sich zu stark öffnet, denn sonst hätte er am nächsten Tag vielleicht Hemmungen, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren." In vertraulichen Gesprächen können die Mitarbeitenden Lydie Lecoultre ihre Sorgen anvertrauen.
Die grosse Angst vor dem Burnout
Der Begriff Burnout bleibt tabubehaftet - dabei ist er in aller Munde. Dies liegt daran, dass ein Burnout immer noch mit Schwäche verbunden wird, obwohl Angestellte davon betroffen sind, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen: "Die Betroffenen sind Menschen, die unbedingt ihre persönlichen Ziele erreichen möchten und dafür so lange auf die Zähne beissen, bis sie nicht mehr können", erläutert Lydie Lecoultre.
Das Schweigen über den Stress bei der Arbeit ist für alle belastend. Zunächst einmal für die Angestellten, die befürchten, als Verlierer dazustehen oder entlassen zu werden, wenn sie zugeben, eine Pause zu brauchen oder zum Arzt gehen zu müssen. Aber auch für die Führungskräfte, die Angst davor haben, mit der Hinterfragung der Arbeitsorganisation die Büchse der Pandora zu öffnen. Dabei ist es laut Lydie Lecoultre notwendig, die Führungskräfte für die verheerenden Folgen von Mikromanagement oder Automatisierung zu sensibilisieren: "Letztere geht häufig zu Lasten der Menschen."
Menschen amortisieren sich nicht
Da die Aufgabe der Prävention darin besteht, be- stimmte Vorfälle zu verhüten, ist ihr Nutzen leider nur schwer belegbar. Es kommt hinzu, dass sich Lydie Lecoultres Tätigkeit nicht direkt in Form einer Rendite in der Buchhaltung niederschlägt: "Menschen sind kein Inventar, dessen Anschaffung sich im Zeitverlauf amortisiert." Die Prävention ist deshalb nicht immer eine einfache Angelegenheit. Der Argwohn der Arbeitgeber wird auch durch die Zahlen bestätigt: Laut der europäischen Unternehmenserhebung über neue und aufkommende Risiken (ESENER) gibt es nur in 21 Prozent aller Unternehmen einen Massnahmenplan gegen Arbeitsstress.
Dabei mangelt es nicht an positiven Beispielen: Die Arbeitspsychologin führt den Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens an, dessen Mitarbeitende bei den Kundenbeziehungen emotional stark unter Druck standen und ausserdem traumatisierenden Bildern ausgesetzt waren. Nachdem Lydie Lecoultre einen Informationsworkshop organisiert und den Mitarbeitenden Werkzeuge für einen besseren Umgang mit Stress in die Hand gegeben hatte, übernahm besagter Geschäftsführer die Sache selbst: "Es wurde eine Vertrauensperson benannt, an die sich die Mitarbeitenden bei Bedarf wenden konnten. Mit dem Ziel, die Aufgaben vielfältiger zu gestalten, wurde auch die Arbeit anders verteilt. Die Vorgehensweise war dabei sehr wohlwollend und respektvoll. Für die Mitarbeitenden war dies ein grosser Glücksfall!" Von solchen Massnahmen profitieren auch die Unternehmen: Laut den Ergebnissen einer Forschungsstudie ist ein glücklicher Mitarbeiter dreimal so kreativ und um 31 Prozent produktiver als ein unglücklicher.
Um nicht in die Stress- und Druckfalle zu geraten, rät Lydie Lecoultre vor allem Eines: eine Verbindung zu sich selbst und zu den eigenen Werten aufzubauen und sich Zeit für das zu nehmen, was wirklich zählt: "Wenn ich nur zehn Prozent meiner Zeit mit meiner Familie verbringe, obwohl ich mir 25 Prozent wünsche, ist das ein Problem." Ob Lydie Lecoultre selbst bei der Arbeit glücklich ist? Sie bejaht: Sie kann ihre Arbeit selbst gestalten, findet sie sinnvoll und organisiert ihre Arbeitseinsätze so, dass sie genug Zeit mit ihren beiden Töchtern im Alter von drei und fünf Jahren verbringen kann: "Mit der Gründung meines eigenen Unternehmens bin ich ein Risiko eingegangen. Um sich gut zu fühlen, muss man auf sich selbst hören und den Mut finden, seine Wünsche in die Realität umzusetzen!"