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| Augustinus (354-430) - Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe (De fide, spe et caritate)

2. Kapitel: Im apostolischen Glaubensbekenntnis und im Gebet des Herrn sind Glaube, Hoffnung und Liebe im wesentlichen enthalten. ― Erläuterungen zum Begriff der drei göttlichen Tugenden
7. Siehe, du hast das (apostolische) Glaubensbekenntnis1 und das Gebet des Herrn! Was könnte einer Kürzeres hören oder lesen? Was leichter seinem Gedächtnis einprägen? Weil sich nämlich das Menschengeschlecht infolge der Sünde von schwerer Not gedrückt fühlte und der göttlichen Erbarmung bedurfte, so sagte der Prophet im Hinblick auf die kommende Zeit der Gnade: „So wird es sein: ein jeder, der den Namen des Herrn anruft, der wird selig sein2“: daher das Gebet. Der Apostel (Paulus) aber fügte dort, wo er zum Preis der Gnade dieses Prophetenwort anführt, sogleich noch hinzu: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben3?“: daher das Glaubensbekenntnis. Siehe, in diesen beiden Stücken (nämlich dem Gebet und dem [S. 396] Glaubensbekenntnis) achte auf jene drei Tugenden: der Glaube glaubt, die Hoffnung und die Liebe beten; da diese beiden Tugenden aber ohne Glauben nicht bestehen können, so kann man sagen: auch der Glaube betet. Darum eben heißt es: „Wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben?“
8. Wie kann man aber etwas erhoffen, woran man nicht glaubt? Dagegen kann man etwas, worauf man nicht hofft, doch glauben. Welcher Gläubige glaubt z. B. nicht an die Strafe der Gottlosen? Erhoffen aber wird er sie nicht; und wenn sich jemand davon bedroht glaubt und in flüchtiger Gemütsbewegung davor zurückschaudert, so sagt man von einem solchen richtiger: „er fürchtet sich davor” als „er hofft darauf“. Diese beiden Begriffe scheidet ein Dichter, wenn er sagt: „Neben der Furcht sei noch Raum für die Hoffnung4!“ Ein anderer, sonst freilich hervorragender Dichter gebraucht dagegen den Ausdruck nicht im eigentlichen Sinn, wenn er spricht: „Wenn ich einen solchen Schmerz hoffen konnte5.“ Diesen Vers führen auch einige Grammatiker6 an, um an ihm den Gebrauch einer uneigentlichen Redeweise aufzuzeigen; sie sagen: (Vergil) hat hier „hoffen“ statt „fürchten“ gebraucht. Auf Gutes und auf Böses bezieht sich also der Glaube, weil man Gutes und Böses glauben kann, und zwar mit gutem, nicht mit bösem Glauben. ― Sodann bezieht sich der Glaube auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. So glauben wir z. B. daß Christus gestorben ist: da haben wir etwas Vergangenes; wir glauben, daß er zur Rechten des Vaters sitzt: das trifft für die Gegenwart zu; und wir glauben, daß er zum Gerichte kommen wird: das wird in der Zukunft eintreten. ― Der Glaube bezieht sich ferner auf eigene und auf fremde Angelegenheiten: so glaubt z. B. ein jeder von sich, daß er einmal einen Anfang genommen hat und daß er nicht [S. 397] schon von Ewigkeit her ist; geradeso glaubt er auch von anderen Menschen dieses und jenes; und nicht bloß von den anderen Menschen glauben wir vieles, was die Religion betrifft, sondern auch von den Engeln.
Die Hoffnung aber gilt nur Gutem und nur Zukünftigem, und zwar nur solchen Gütern, die den angehen, der die Hoffnung auf sie hegt. Aus diesen Gründen muß demnach zwischen Glaube und Hoffnung unterschieden werden, und zwar sowohl dem Wortlaute nach als auch mit einer vernunftgemäßen Unterscheidung. Denn was das Nichtsehen dessen anbelangt, was man glaubt oder hofft, so ist dies dem Glauben und der Hoffnung gemeinsam. So wird in dem Brief an die Hebräer, auf dessen Zeugnis sich hochangesehene Verteidiger der katholischen Glaubensregel berufen haben, der Glaube „als eine sichere Überzeugung von dem bezeichnet, was man nicht sieht7“. Wenn dessen ungeachtet jemand erklärt, er habe weder Worten noch Zeugen, noch schließlich auch irgendwelchen Beweisgründen, sondern nur dem klaren Augenschein geglaubt, d. h. seine innere Zustimmung geschenkt, so erscheint darum seine Behauptung doch nicht so falsch, daß man ihn deshalb mit Recht tadeln und ihm sagen könnte: „Du hast gesehen, hast also nicht geglaubt“, und es könnte daher auch jemand meinen, es treffe folgerichtig der Satz nicht zu, daß nichts von dem, was Gegenstand des Glaubens ist, gesehen werden könne. Allein es ist doch besser, nur das wirklich Glauben zu nennen, was das Wort Gottes als solchen erklärt, nämlich das Fürwahrhalten dessen, was man nicht sieht. Auch bezüglich der Hoffnung sagt der Apostel: „Eine Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn wie soll einer das, was er sieht, erhoffen? Wenn wir aber das erhoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es mit Geduld8.“ Somit ist also der Glaube an künftige Güter nichts anderes als unsere Hoffnung darauf.
Was soll ich dann schließlich von der Liebe sagen, ohne die der Glaube nichts nützt? Hoffnung aber ohne [S. 398] Liebe kann nicht einmal bestehen. Glauben haben ja schließlich, wie der Apostel Jakobus9 sagt, sogar die Teufel, wenn sie auch dabei zittern; doch hoffen und lieben sie nicht, sondern sie haben nur vor dem, was wir erhoffen und lieben, Furcht im Glauben an die Zukunft. Darum lobt und empfiehlt der Apostel Paulus jenen Glauben, „der durch die Liebe wirksam ist10“ und der ohne Hoffnung durchaus nicht bestehen kann. Somit besteht weder die Liebe ohne die Hoffnung noch die Hoffnung ohne die Liebe, noch diese beiden Tugenden ohne den Glauben.
1: Das Glaubensbekenntnis legt Augustinus all seinen folgenden Ausführungen zugrunde, weil diese kürzeste Formel der ganzen christlichen Lehre jedem damaligen Christen von der Taufe her bekannt war; bei der traditio symboli wurde den Katechumenen der Text des Glaubensbekenntnisses mitgeteilt.
2: Joel 3, 5.
3: Röm. 10, 14.
4: Lucan, Pharsalia II, 15.
5: Verg. Aen. IV, 419.
6: Vgl. die Testimonia in Ribbecks großer Ausgabe.
7: Hebr. 11, 1 (sehr freies Zitat).
8: Röm. 8, 24 f.
9: Jak. 2, 19.
10: Gal. 5, 6.