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UZH News: Frau Schröter, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Thema Offenheit als Kommunikationsideal beschäftigt. Können Sie Fragestellung und Ziel Ihrer Arbeit kurz in Worte fassen?
Obwohl in den Feuilletons immer wieder die Frage nach dem optimalen Mass an Offenheit im Internet aufgeworfen wird, sind wir heute an grundsätzlich positive Einschätzungen von Offenheit gewöhnt. Auf solche günstigen Beurteilungen von Offenheit bin ich auch in Texten aus dem 18. Jahrhundert gestossen. Daraus hat sich die Kernfrage meiner Arbeit entwickelt: Gibt es im deutschsprachigen Kulturraum eine kontinuierliche Idealisierung von Offenheit vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart? Um die Frage zu beantworten, muss man natürlich zuerst klären, was den Begriff der Offenheit für die Menschen im Laufe der Zeit ausmacht.
Was haben Sie herausgefunden?
Vom 18. Jahrhundert bis heute sind drei Komponenten für Offenheit konstitutiv: die risikoreiche Preisgabe einer Information, Wahrhaftigkeit und Transparenz. Der Begriff der Offenheit bleibt also über die Zeit hinweg relativ konstant. Was sich jedoch ändert, ist die grundsätzliche Bewertung dieses Kommunikationsprinzips. Noch Ende des 17. Jahrhunderts wird Offenheit in der besonders einflussreichen höfischen Rhetorik überwiegend abgelehnt: Man soll sich verstellen und Dinge verbergen, «simulieren» und «dissimulieren», so der Tenor.
Im 18. Jahrhundert ändert sich das. Offenheit wird erst vorsichtig, dann immer deutlicher aufgewertet und ist schliesslich seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts ein Kommunikationsideal, das heisst in den überlieferten Äusserungen über Sprache und Kommunikation dominiert das positive Urteil eindeutig. In den folgenden Jahrhunderten ist diese Dominanz aber nicht immer gleich stark, und nicht alle sozialen Gruppen tragen das Ideal gleichermassen.
Was sind die Gründe dafür, dass Offenheit ein Ideal wird?
Dass sich die Bewertung von Offenheit zu Beginn der Moderne so stark verändert, lässt sich – abstrakt formuliert – damit begründen, dass sich das Verhältnis zwischen ihren Chancen und Risiken aus der Sicht der Kommunizierenden zugunsten der Ersteren verschiebt. Offene Kommunikation, so heisst es immer wieder, könne für seelischen Ausgleich sorgen und die Selbstwahrnehmung verbessern; sie könne Vertrauen wecken, Freundschaft und Liebe fördern; sie könne die Koordination von Ideen und Interessen und damit die Kooperation vereinfachen. Durch veränderte Lebensbedingungen haben immer mehr Menschen einen steigenden Bedarf an diesen Leistungen, die Offenheit erbringen soll.
Das Ideal der individuellen Offenheit ist also in erster Linie sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen geschuldet?
Ja, auf der einen Seite erhöhen komplexe langfristige Entwicklungen, die sich im 18. Jahrhundert verschärfen, das Bedürfnis an den vermeintlichen Funktionen von Offenheit. Man kann sie grob mit Stichwörtern wie «Subjektivierung», also der Verstärkung der inneren Auseinandersetzung und Selbstreflexion, «Dissoziierung», das heisst der Entbindung aus traditionellen Beziehungsnetzen wie Grossfamilie und Nachbarschaft, und «zunehmender Interdependenz» durch fachliche Spezialisierung und Aufgabenteilung umreissen.
Wenn ich beispielsweise neu in eine Stadt gezogen bin, getrennt von meiner Familie und meinem bisherigen Freundes- und Bekanntenkreis, habe ich ein verstärktes Interesse daran, neue Freundschaften zu schliessen.
Auf der einen Seite gibt es ähnlich dauerhafte und vielfältige Veränderungen, etwa Tendenzen der sozialen Anonymisierung, die die Risiken reduzieren, die mit Offenheit immer verbunden sind. Mit «Anonymisierung» meine ich hier, dass der Anteil der alltäglichen Interaktion zwischen Personen, die nur wenig miteinander zu tun haben oder einander überhaupt nur ein einziges Mal begegnen, steigt. Wenn ich jemandem, den ich nie wieder sehe, ganz offen von persönlichen Problemen erzähle, ist das für mich wenig gefährlich.
Welche historischen Akteure haben das Ideal der Offenheit vorangetrieben?
Im deutschsprachigen Raum sind es im 18. Jahrhundert vorrangig Angehörige des Bildungsbürgertums, die beispielsweise in Zeitschriftenbeiträgen, Kommunikationslehren und Anstandsbüchern für Offenheit plädieren – oberflächlich betrachtet, um sich vom Adel abzugrenzen, im Grunde aber, weil sie von den eben erwähnten sozialen und mentalen Entwicklungen relativ früh betroffen sind.
Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte erweitert sich der Autoren- und Adressatenkreis entsprechender Publikationen dann zusehends. Ein methodisches Problem darf man hier aber nicht unterschlagen: Die Einstellungen der Menschen gegenüber Offenheit, die im 18. Jahrhundert den unteren gesellschaftlichen Schichten angehören, kann man nur ansatzweise rekonstruieren, weil aus diesen Gruppen nicht genügend schriftliche Dokumente überliefert sind.
Was waren die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen dieser neuen Offenheit?
Das ist schwer einzuschätzen. Man muss die Idealisierung von Offenheit klar von ihrer Realisierung, also ihrer praktischen Umsetzung, trennen. Wenn Offenheit als etwas Positives dargestellt wird, muss das nicht bedeuten, dass im Alltag auch offener kommuniziert wird. Man kann sich jedoch kaum vorstellen, dass die lange und phasenweise massive Idealisierung von Offenheit gar keine Spuren im kommunikativen Verhalten hinterlassen hat.
Wie steht es heute mit der Offenheit in Wirtschaft und Politik? Ist offene Kommunikation in Zeiten von Facebook & Co überhaupt noch ein erstrebenswertes Ideal?
In den Kommunikations- und Verhaltensrichtlinien zahlreicher Grossunternehmen und -organisationen finden sich Äusserungen wie: «Wir kommunizieren offen und transparent». Die Selbstdarstellung von Politikern, etwa in Rücktrittserklärungen oder beim Zugeben von Fehlern, ist häufig darauf angelegt, den Eindruck von Offenheit zu erwecken. Die Akteure gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Adressaten Offenheit gut finden. Solche Beispiele zeigen, dass Offenheit heute auch in Domänen wie Politik und Wirtschaft geschätzt wird, was wie gesagt nicht heisst, dass sie auch praktiziert wird.
Wenn Sie mich nach einer kritischen Einschätzung der viel diskutierten Veröffentlichung persönlicher Details im Internet fragen, würde ich sagen: Sie stimmt mich nicht besonders kulturpessimistisch. Ich sehe darin in erster Linie Beiträge zu einer notwendigen kollektiven Aushandlung kommunikativer Gebrauchs- und Idealnormen für ganz neue Kommunikationssituationen – zumal es sich auch dabei wohl häufig nicht um Offenheit handelt, sondern um ihre Inszenierung.
Dissertation
Juliane Schröter (2011): Offenheit. Die Geschichte eines Kommunikationsideals seit dem 18. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter (= Studia Linguistica Germanica 105)
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