Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/566

1 Allgemeine Bemerkungen zur Intensivmedizin (S. 3)
Sehr schwer oder gar lebensbedrohlich (= kritisch) erkrankte bzw. verunfallte Patienten sollten auf einer Intensivstation (Intensivtherapiestation, ITS) behandelt werden. Unter einer Intensivstation wird eine spezielle Betteneinheit für die intensive Diagnostik und Therapie solcher Patienten verstanden.
Intensivpflichtige Patienten sind z.B. Patienten mit Polytrauma, Sepsis, Schädel-Hirn-Trauma, schwerer Verbrennung, bedrohlicher Ateminsuffizienz, Multiorganversagen, Schock, akutem Herzinfarkt, schwerer akuter Blutung oder Vergiftung.
Intensivmedizinische Maßnahmen können unterteilt werden in: Intensivtherapie: Ihre Aufgabe ist es, lebenswichtige Körperfunktionen (Vitalfunktionen) zu erhalten bzw. wiederherzustellen.
Intensivüberwachung: Sie umfasst die engmaschige klinische und apparativ-technische Überwachung (= Monitoring) der schwerkranken Patienten.
Intensivpflege: Auf Intensivstationen wird ein weit über das normale Maß hinausgehender pflegerischer Aufwand betrieben.
Entstehung der Intensivmedizin
In einem 2003 erschienenen Artikel wurde darauf hingewiesen, dass 50 Jahre zuvor, also 1953, in Kopenhagen die weltweit erste Intensivstation im Rahmen der großen Polioepidemie in Dänemark in Betrieb gegangen sei (Berthelsen u. Cronqvist 2003). Möglicherweise sind die Anfänge der Intensivmedizin schon etwas früher zu sehen.
1947 kam z.B. im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona die erste »Eiserne Lunge« zur Behandlung von Poliomyelitis-Patienten zum Einsatz. 1953 wurde ein Bericht über die Dauerbeatmung von 105 Poliomyelitis-Patienten in der »Eisernen Lunge« veröffentlicht, die im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona zwischen 1947 und 1953 behandelt wurden (Aschenbrenner et al. 1953).
Im Rahmen dieser Polioepidemien wurden innerhalb kürzester Zeit sehr viele Patienten ateminsuffizient. Viele dieser Patienten wurden tracheotomiert und dann auf speziellen Beatmungsstationen außerhalb des Operationsbereichs beatmet.
In Kopenhagen bildete man dazu ca. 1 500 Studenten in einem Schnellkurs in der Beatmung mit einem Beatmungsbeutel aus und setzte sie dann schichtweise zur Beatmung auf den neuen Beatmungsstationen ein. Dadurch konnte in Kopenhagen die Sterblichkeit der Poliomyelitis von ca. 90% auf ca. 25% gesenkt werden.
Die Einrichtung von Beatmungsstationen im Rahmen dieser Polioepidemien kann als Geburtsstunde der Intensivmedizin betrachtet werden. Da die Anästhesiologen mit ihren Beatmungsmethoden einen entscheidenden Beitrag zur Etablierung der Intensivstationen geleistet haben, ist es verständlich, dass Intensivstationen oft unter anästhesiologische Leitung gestellt wurden (und werden).
Heute verfügt nahezu jedes größere Krankenhaus über eine Intensivstation. Krankenhäuser kleinerer und mittlerer Größe haben häufig eine interdisziplinäre, d.h. fachübergreifende Intensivstation. Große Kliniken verfügen zumeist sowohl über eine operativ-anästhesiologische als auch eine konservativ- internistische Intensivstation.
Insbesondere in Universitätskliniken gibt es oft noch spezielle, fachspezifische Intensiveinheiten (z.B. für Neurochirurgie, Kardiochirurgie) oder eine Intensivstation für spezielle Erkrankungen (z.B. für Verbrennungspatienten).
Anforderungen an Intensivstationen
Die empfohlene Anzahl an Intensivbetten wird inzwischen mit ungefähr 5% der vorhandenen Planbetten eines Krankenhauses angegeben (divi-org.de). Eine Intensivstation sollte mindestens über 6 Betten verfügen. Eine interdisziplinäre oder operativ-anästhesiologische Intensivstation sollte in enger räumlicher Nachbarschaft zu Operationsbereich, Aufwachraum, Notaufnahme, Röntgenabteilung und ggf. Linksherzkatheter-Messplatz liegen.
Circa 40-45% der Gesamtfläche einer Intensivstation sollte Patientenbereich sein (DIVI 2004). Zur baulichen Gestaltung und Einrichtung von Intensivbehandlungseinheiten gibt es aktuelle Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin und Notfallmedizin (DIVI) (DIVI 2004).