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Das ETH-Bildarchiv beherbergt mehr als 3 Millionen Bilder, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, von Fotoarchiven von Schweizer Stiftungen und Unternehmen bis hin zu persönlichen Arbeiten von Fotograf*innen oder Wissenschaftler*innen. Dies ermöglicht unter anderem, die zahlreichen Fotos vom Zürcher Geologe Arnold Heim einzusehen, die er während seiner Expeditionen rund um die Welt aufgenommen hat. Heim (1882-1965) war Professor an der ETH Zürich und für seine Arbeiten über die Schweizer Alpen sowie sein Interesse an Erdöl bekannt. Zusammen mit seinem Vater Albert Heim (1849-1937), ebenfalls Geologe und Professor an der ETH Zürich, erstellte und veröffentlichte er Studien über die Schweizer Alpen.
Heims Forschungsinteresse begrenzte sich aber nicht nur auf die Schweiz. Er unternahm zwei Expeditionen nach Südamerika, von denen rund 15 Fotoalben und Schriften zeugen können. Als Mensch mit südamerikanischen Wurzeln haben die Aufnahmen von seinen Reisen in Patagonien und im Amazonasgebiet mein Interesse geweckt. Seine Forschungsarbeit beschränkte sich jedoch nicht auf die Gletscher und Landschaften des Subkontinents, sondern integrierte auch die Menschen, die dort leben. So drängt sich die Frage auf: Was erzählen uns diese Erkundungsfotos über die Geschichte der geologischen Wissenschaft aus einer globalgeschichtlichen Perspektive? Seit ihrem Aufschwung im 19. Jahrhundert war die Fotografie ein beliebtes Kommunikationsmittel, vor allem wegen ihrer leichten Verbreitung. Sie wurde zu einem zentralen Medium für touristische Aktivitäten, zu denen das Besuchen von Gletschern und Bergen gehörten. In einem 1948 gehaltenen Vortrag erklärte Arnold Heim, was Fotografien zur geologischen Wissenschaft beitragen konnten. Er betonte, dass dieses Arbeitswerkzeug es ermöglichte, die Struktur der hohen Berge besser zu erfassen und die ersten topographischen Karten anfertigen zu können. Es sollte jedoch auch hervorgehoben werden, dass in einigen Fällen indigene Menschen Lateinamerikas zu Subjekten dieser Fotografien wurden. Ob es sich um den Raum oder um diese Individuen handelt, die Fotos geben nicht eine Wirklichkeit wieder, sondern konstruieren sie. Die Fotos sind Projektionen von Vorstellungen. Um das Ausmass und die Auswirkungen dieser Bilder nachzuvollziehen, müssen sie in einem globalen Kontext betrachtet werden, in welchem Machtdynamiken, insbesondere postkoloniale, im Vordergrund stehen.
Gibt es etwas schweizerischeres als eine Seelandschaft mit weiten grünen Feldern und kleinen Häusern, die sich am Ufern reihen? Man könnte fast meinen, man sei am Vierwaldstättersee (Abb. 1)! Jedoch wurde die Aufnahme aus der Gegend um den Llanquihue-See in Chile gemacht, welcher Heim während seiner ersten Expedition 1939-1940 besuchte. Vergleiche zwischen den Alpen und den Anden haben eine Tradition: Bereits im 18. Jahrhundert verglich der Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller die Anden vom mit den Alpen und hob ihre Ähnlichkeiten hervor. Ausserdem entstanden im wissenschaftlichen Kontext im Laufe des 20. Jahrhunderts Ausdrücke wie «die Chilenische Schweiz» oder «Wunderland Peru». Deswegen wurden die Andenregion und einige lateinamerikanische Gebiete in der Literatur häufig mit den idyllischen Schweizer Landschaften verglichen. Diese Tendenz, die Schweiz in Südamerika wiederzuerkennen, wurde für viele Wissenschaftler ein starker Antrieb, Forschungsreisen im Subkontinent durchzuführen. Die Historikerin Angela Sanders weist jedoch darauf hin, dass solche Ausdrücke wie «die Chilenische Schweiz» oder «Wunderland Peru» eine gewisse Realität widerspiegeln. Sie behauptet, dass dadurch die Machtdynamiken in dieser Region hervorgehoben werden. Diese Art der Benennung zeugt von dem Wunsch, sich den betreffenden Raum anzueignen, sei es in der Vorstellung oder territorialer Hinsicht. Eine Aussage von Heim belegt ein solches Gefühl. In Vorträgen aus den 1960er Jahren über Peru erklärte er den Verlauf seiner Reisen. Sein Interesse am Land war so gross, dass «es zu seiner zweiten Heimat wurde».
Auf dem zweiten Foto (Abb. 2) posieren zwei Männer vor dem Lago Leones. Sie blicken gemeinsam in Richtung des Gletschers. Die Haltung der Protagonisten lässt auf eine geplante Inszenierung schliessen. Es handelt sich nicht um eine beliebige Fotografie, die schnell und ohne jegliche Absicht aufgenommen wurde. Die Aufnahme soll den Verlauf der Expedition zeigen, welcher durch die Inszenierung in gewisser Weise zu eigen gemacht wird. Das Bild vermittelt einen fast heroischen Eindruck, als ob der Raum nun ihnen gehören würde.
Fotografien von den «Anderen»
Heim begnügte sich jedoch nicht mit Landschafts- und Bergfotografien. Da er daran interessiert war, andere Kulturen zu verstehen, machte er während seiner zweiten Expedition in Südamerika Fotografien von der indigenen Bevölkerung. Von dieser Erkundungsreise stammen einigen Aufnahmen aus seinem Kontakt mit der indigenen Gemeinschaft. Was Indigene Menschen aus nicht-industrialisierten Gesellschaften betrifft, so wurden sie damals oft mit dem Begriff Naturvölker in Verbindung gebracht. Dieser Begriff stand immer im Zusammenhang mit vermeintlicher Primitivität. Es war die Rede von «Wilden», die in der Natur leben und aus ihren Instikten getrieben irrational und unproduktiv handeln. So war Heim, wie aus einigen seiner Aufzeichnungen hervorgeht, von diesen rassifizierenden Vorurteilen überzeugt. In seinem Beitrag Wunderland Peru behauptete er über die Indigenen Perus: «Ein grosses Problem bedeuten die Massen der besitz- und arbeitslosen indianischen Bergbevölkerung». Die meisten von ihnen waren Landarbeiter, die aus ihrer Heimat flohen und sich in den grossen Städten des Landes niederliessen. In diesem Zusammenhang sah er in der demografischen Entwicklung das Gespenst des Kommunismus, das eine Gefahr für die Wirtschaft darstellte. Er stellte die Einheimischen als eine Last für die peruanische Regierung dar, die nicht in der Lage waren, das von ihnen besetze Land produktiv zu verwalten. Projektionen des «Primitiven» lassen sich beispielsweise in Abbildung 3 nachweisen, die Männer der Yagua-Gemeinschaft zeigt. Indigene Menschen werden durch die Darstellung der Bekleidung oder des Orts, an dem die Fotografie aufgenommen wurde, zum Objekt einer Projektion stilisiert, das ihre vermeintliche «Natürlichkeit» oder «Primitivität» markiert.
Auf dem nächsten Foto (Abb. 4) sind zwei Bauten im Zentrum von Pebas aufgenommen, und auf der rechten Seite unten befindet sich eine Gruppe der Yagua-Gemeinschaft. Dies erinnert an die Arbeit einiger westlicher Anthropologen des 20. Jahrhunderts, wie z.B. Franz Boas oder Bronisław Malinowski, die sich bei ihrer Forschung dem Medium der Fotografie bedienten. Heims Arbeit steht somit in dieser Tradition von Wissenschaftler, die unbekannte Räume erforschen wollen.
Die Historikerin Angela Sanders betont, dass die Schweiz zunächst durch die Ansiedlung von Unternehmen und später durch Entwicklungshilfeprojekte zu einer «zivilisatorischen Mission» in Gebieten mit kolonialer Geschichte beitrug. Dieses Bestreben, das nicht-Zivilisierte zu entwickeln, ist ein Echo dessen, was verschiedene Denker wie Quijano und Grosfogue als «die globale Kolonialität» bezeichnen. Arnold Heims Arbeiten, darunter Fotografien und Zeichnungen von Bergen, sind eine wichtige Quelle, um seinen wissenschaftlichen Ansatz zu verstehen. Diese Aufnahmen offenbaren jedoch weit mehr als die porträtierte Landschaft. Wenn man seine Reisenotizen berücksichtigt, kann man die intellektuelle Haltung gegenüber diesen nicht-westlichen Räumen nachvollziehen. So muss die Arbeit von Arnold Heim in einem globalen Kontext verstanden werden, in dem nicht nur eine einzige historische Perspektive gezeigt und erzählt wird. Obwohl er sich nicht aktiv politisch engagierte, lassen seine Schriften seine Ansichten erkennen. Seine wissenschaftliche Publikationen und seine fotografische Praxis zeigen, dass die geologische Wissenschaft historisch gesehen nicht vom politischen und kulturellen Kontext losgelöst werden kann. Seine Forschungen trugen wesentlich zur geologischen Wissenschaft bei und spiegeln gleichzeitig eine Facette der globalen Geschichte wider, die viel differenzierter betrachtet werden sollte.
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Dieser Text ist im Rahmen der Übung “Digitale Bilder und Bildarchive” von Prof. Dr. Monika Dommann am Historischen Seminar der Universität Zürich (UZH) entstanden.