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"Der Ruf des Muschelhorns"
Nymphe auf dem Trockene
100 000 mal verkauft, 21mal übersetzt, mehrfach ausgezeichnet: dies die Erfolgsbilanz von Zoë Jennys Erstling " Das Blütenstaubzimmer ". Das Nachfolgewerk "Der Ruf des Muschelhorns" hat's nun etwas schwerer.
Der dumpfe Muschelhornruf kündet seit Wochen vom "Zweitling" des "Jungstars ". Schlagworte wie "Kitsch", "Klischee" und "Kopie" haben das Werk schon vor dem Erstverkaufstag beinahe erschlagen. Doch das traurige Pubertätsmärchen von der heimatlosen Eliza offenbart beim genaueren Hinsehen unvermutete Qualitäten.
Heidi, Blumenmädchen und Aschenputtel
Kaum zu glauben, was auf 120 Seiten Platz hat: Eliza wird von ihrer Rabenmutter auf Nimmerwiedersehen bei der Oma abgeliefert. Diese liebevolle, aber seltsame Voralpen-Schamanin stirbt früh, Eliza kommt ins Waisenhaus und verstummt. Sie wird von einem wohlhabenden Logopäden adoptiert, der sie durch Beischlaf zum reden bringt.
Echte Nähe findet sie aber erst bei ihrem Adoptivbruder. Doch leider attackiwert dieser im ödipalen Liebeswahn seine Mutter - eine schicke Modeschöpferin - und wird versorgt. Eine Obdachlosen-Clique und andere fragile Freundschaftsbeziehungen halten auch nicht, was sie versprechen. Am Schluss ist Eliza allein. Beruf: Kuchenhilfe, Hobby: Muschelhornblasen.
Konzept Motivklau
Das Ganze liest sich zunächst ein bisschen wie ein Preisrätsel für Leser und Glotzer: hier etwas "Heidi" von Johanna Spyri, da G.B. Shaws "Pygmalion", die Röcke von Oskar Matzeraths Grossmutter, das Muschelhorn von Arielles Vater Triton, Obdachlosen-Romantik aus "Fisher King", Waisenkinder-Wunschträume aus "Annie", Botticellis "Venus", Raffaels "Galatea" und Dutzende von Anleihen in der griechischen Mytholoqie.
Motivklau muss indes kein Zeichen für literarische Mängel sein. Shakespeare, Goethe und Brecht haben sich bekanntlich ungeniert bei Kollegen bedient. Kunst ist: wenn man etwas daraus macht. Und Zoë Jenny
- das erkennt man leicht an ihrem zuweilen sehr elaborierten Sprachstil
- ist nicht so blöd, dass sie einfach vorgefertigte Bauteile absichtslos nebeneinanderreiht.
Das Mädchen, das nicht geboren werden will
Kopie, Kitsch und Klischées gehören hier zum Konzept, wie sie zur Pubertät fast jedes Jugendlichen gehören. Wer sich noch seiner Adoleszenz erinnert oder Kinder im Flegelalter hat, weiss: vor der reifen, individuellen Ausdrucksfähigkeit kommt die Nachahmung. Junge Menschen saugen sentimentale Motive mithin geradezu insbrünstig auf.
Pubertät wird gemeinhin auch "zweite Geburt" genannt, und die ist das eigentliche Thema von Jennys Roman. Das ist unübersehbar, denn die Autorin winkt auch in dieser Hinsicht mit dem Vorschlaghammer: Als Kind verbirgt sich Eliza gern in einem hohlen Ahorn, später in einer von Obdachlosen bewohnten Betonröhre und beim nächtlichen Tauchen auf dem Seegrund.
Auch die selbstgewählte Sprachlosigkeit gehört zu diesem Wunsch nach Rückkehr in den Uterus. Zur Sprache finden, erkennt der bös-liebe Logopäde Rosenberg ganz richtig, heisst auch, geboren werden. Um aber erwachsen zu werden, müsste sich Eliza erst von der kindlichen Geborgenheit verabschieden. Die aber hat sie nicht gekannt, und das ist die eigentliche Crux.
Sprachlich durchzogen
Sprachlich erreicht Jennys zweites Buch nicht die feingefühlte Eindringlichkeit, die vor allem der erste Teil ihres "Blütenstaubzimmers" hatte - dafür ist es im Aufbau konziser. Hie und da greift die Autorin in der Metaphernkiste ganz schrecklich daneben (tote Vögel fallen "schwirrend" vom Himmel) , und ihr Hang zu geschraubten Ausdrücken kann einem mithin ganz schön auf die Nerven geben.
Dann wiederum entwickelt sie vor allem in ihren Leitmotiven eine Treffsicherheit, die berührt: Wenn etwa beim Autofahren die Welt wie eine Kulisse am Kind vorbeigeschoben wird oder die Stumme ihr Inneres wie "von Schweigen ausgekleidet" empfindet.
Zoë Jenny "Der Ruf des Muschelhorns". Frankfurter Verlagsanstalt 2000. 124 Seiten, Fr. 27,50
Irene Widmer
www.culturactif.ch