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Kunst hatte schon immer den Anspruch, das Publikum in fremde Welten zu entführen, andere Wirklichkeiten zu simulieren. Neu daran ist nur die Technologie. Corinne Soland entführt auf eine Reise durch die Geschichte der Virtualität.
Was verstehen wir denn eigentlich unter “Neue” Medientechnologien? Die meisten Technologien und damit einhergehende Veränderungen unserer Arbeit bestehen schon eine ganze Weile. Dennoch hält sich diese Begrifflichkeit, auch wenn Förder*innen mittlerweile darin übergegangen sind, “Interaktive” Medien oder “Multimediale” Kunst zu fördern.
Virtual Reality zum Beispiel wird immer noch als neues Medium betrachtet. Virtuelle Realität wird vor allem darüber definiert, dass es ein Gefühl erschafft von “präsent sein in der dargestellten Welt”. Bereits die 360°-Panorama Wandbilder aus dem 19. Jahrhundert in Europa stellten dieses Gefühl bei den Betrachtenden her. Um 1840 wurden dann stereoskope Bilder erschaffen, Fotografien, die bei den Betrachtenden ein Gefühl von Dreidimensionalität auslösten. Im 20. Jahrhundert kam die Rechenkraft von Computern hinzu. Nun wurde es erstmals möglich, grosse Simulationen zu errechnen.
Als erstes Testfeld für neue Technologien dient jeweils das Militär, so entstand auch der erste Flugsimulator. Doch die Fiktion ist auch eine grosse Ideengeberin – diverse Technologien wurden erst in Büchern und für Filme entworfen, bevor sie dann, durch Hardware umgesetzt, für Nutzer*innen verfügbar waren. Das iPad-ähnliche Tablet kam in 2001: A Space Odyssey zum ersten Mal vor. Es gibt im Film selber keine Anzeichen für eine Touchscreen-Technologie oder ausdrückliche Hinweise auf mehrere Funktionen, da das Tablet nur kurz zu sehen ist. Seltene Dokumente aus dem Stanley-Kubrick-Archiv belegen aber, dass Kubricks Team tatsächlich diverse Funktionen für seine Erfindung ins Auge gefasst hatte.
Virtual Reality in den 1960ern
Stanley G. Weinbaum fiktionalisierte mit “Pygmalion’s Spectacles” zum ersten Mal die Idee, dass Menschen durch Brillengläser eine andere Wirklichkeit erfahren konnten. 1950 wurde diese Idee dann auch maschinell umgesetzt – im “Sensorama”, einem Gerät, das den Nutzenden unter anderem eine Skiabfahrt fühlbar nahe bringen sollte, unter anderem mit Video und Luftbläser. Ab 1960 wurden die Brillen entworfen, deren Aussehen und Funktionen wir im Kern heute auch noch verwenden.
Was genau “neu” ist an der Neuen Medientechnologie wird also immer wieder neu definiert. Motion Capture gehört eigentlich auch bereits zum alten Eisen (dazu in einer nächsten Kolumne mehr). Was vielleicht momentan als absolut neu betrachtet werden kann, ist die kommende Generation Augmented Reality oder das Training von maschinellen Modellen, die menschliche Intelligenz simulieren sollen (und dabei etwas ganz anderes machen).
Mehr Chance als Fluch
Ich muss ehrlich sagen, auch wenn ich mich mit “Neuen” Medientechnologien beschäftige und jeden Tag damit zu tun habe: Mir ist Technik oftmals auch suspekt oder ich verstehe sie nicht. Und ich glaube, dass nicht die neuen Medientechnologien für Schauspielende eine Herausforderung sind, sondern eher die bewährten, altbekannten:
Wie kann ich eine verlässliche Website bauen, die ich einfach und schnell abfüllen kann, ohne grosse Kosten? Wie kann ich mein Theaterstück filmen, ohne dass der Ton schlecht ist und die Lichteinstellungen automatisch hin- und herwechseln? Wie kann ich mein Casting-Video aufnehmen mit dem Handy, es schneiden, Titel einfügen und losschicken? Kann ich zwei Internet-Plattformen vereinen, so dass meine Showreels auf einer Seite sind? Soll ich ein Youtube- oder ein Vimeo-Profil machen? Wie bediene ich ein Social Media Profil, damit mich die Algorithmen favorisieren?
Im Spiegelbild der Technologie
Und dann kommt noch eine andere Dimension dazu: Wer bin ich denn in diesen unterschiedlichen Medien? Selbst wenn wir einmal in der Woche ins Kino gehen oder streamen oder sonstwie Video konsumieren: wir sehen uns selber selten auf Video, ausser in den fertigen Produkten (mit Maske, perfekt ausgeleuchtet und cadragiert).
Ganz ehrlich – nehmt ihr euch auch verzerrt wahr über Video? Bei mir entstand so auch schon die Frage: Ich bewege mich doch schon “schnell”, wieso sieht es auf Video nicht “schnell” aus? (Schnelligkeit ist relativ, I guess.) Video zeigt mich demnach, wie ich auf Video bin. Nicht, wie ich mich empfinde oder wie ich “schnell” empfinde. Meine Wahrheit deckt sich in dem Moment nicht mit der „Wahrheit“, welche die Kamera zeigt.
Motion Capture Bewegungserfassung zeigt, wie meine Bewegungen aussehen als dreidimensionale Koordinaten in einem dreidimensionalen, digitalen Raum. Technologien können uns nicht perfekt abbilden. Sie können ergänzen, simulieren, weiterführen oder die Basis bilden für etwas, das wir hinzugeben.
Ein neuer Spielplatz für menschliche Neugierde
Computerspiele entstanden, weil ein paar neugierige Menschen ein wenig mit der Hard- und Software von Computern herumgespielt hatten. Weil sie eine Technologie genommen und sie gehackt hatten, also das Bestehende für eine andere Verwendung nutzen. Für die Verwendung, die sie wollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir durch unsere Kreativität Dinge erschaffen können. Zum Beispiel ein ganz neues Medium wie Videospiele.
“Neu” ist also immer von uns abhängig. Und wenn wir mal keine Lust haben auf “neu” können wir auch immer noch auf “neu” machen. So wie im fabulösen Stück “Ersatz” von Aïe aïe aïe Collectif d’Artistes, das für zwei Vorstellungen zu Gast war am Theater Stadelhofen in Zürich. Sarah Reyjasse spielte die Erfahrung von Virtual Reality – komplett ohne ein einziges reales Virtual Reality Headset auf der Bühne. Das war grossartig – und umspannte ohne menschliche Worte die ganze Menschheitsgeschichte.