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Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass jährlich Hunderttausende von Mädchen wegen bestimmter Impfungen sterben könnten.
Diese Information steht nicht auf irgendeiner Impfgegner-Website, sondern in «Nature Reviews Immunology», einer angesehenen medizinischen Fachzeitschrift.
Gemacht wurde die Aussage von Peter Aaby und Christine Stabell Benn. Beide stehen nicht im Ruf, dass sie «Anti-Vaxxer» seien, im Gegenteil. Die beiden dänischen Wissenschaftler waren über Jahre in Afrika an Impfprogrammen beteiligt. Ihr Landsmann Peter Gøtzsche, der ehemalige Leiter der Cochrane-Wissenschaftsvereinigung, hält Aaby für «den wichtigsten Impfforscher weltweit».
Erste Beobachtungen bei der Masernimpfung
Aaby arbeitet seit 1978 in Guinea-Bissau in Afrika, wo er das «Bandim Gesundheitsprojekt» aufbaute. Vor Jahrzehnten fiel ihm auf, dass die Masernimpfung von Kindern in armen Ländern nebst dem Schutz vor Masern noch einen zweiten, positiven Effekt zu haben schien: Sie reduzierte auch die Sterblichkeit der Kinder an anderen Infektionen. 1995 berichtete Aaby im «British Medical Journal» über solche Beobachtungen in den 1960er- bis 1980er-Jahren.
Diese zusätzliche positive Wirkung der Impfung sei damit erklärbar, wenden Kritiker ein, dass eine Erkrankung an Masern die Kinder danach anfälliger für allerlei andere Infekte mache, weil sie das «Immungedächtnis» vorübergehend auslösche.
Doch Aaby und Stabell Benn beobachteten ähnliche Phänomene auch bei der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung: Neugeborene in Guinea-Bissau, die kurz nach der Geburt gegen Polio geimpft wurden, hatten ein um ein Drittel geringeres Sterberisiko, verglichen mit Neugeborenen, die keine solche Impfung erhalten hatten.
Dieser Unterschied war nicht darauf zurückzuführen, dass die geimpften Kinder weniger an Kinderlähmung starben – es gab nämlich gar keine Fälle von Kinderlähmung in Guinea-Bissau. Die Schluckimpfung, die in westlichen Ländern längst nicht mehr eingesetzt wird, hatte offensichtlich eine zusätzliche Wirkung, als «nur» vor der Kinderlähmung zu schützen: Zwischen 68 und 230 Kinder mussten damit geimpft werden, damit in den ersten drei Lebensjahren eines weniger starb.
Positive oder negative Wirkungen
In jahrzehntelanger Forschungsarbeit erhärteten Aaby und Stabell Benn ihre Beobachtungen und kamen zum Schluss: Impfstoffe haben nicht nur spezifische Effekte, also die Schutzwirkung gegen die Erkrankung, gegen die sie entwickelt wurden. Sie können auch unspezifische Wirkungen entfalten. Und diese unspezifischen Wirkungen können positiv ausfallen – oder negativ. In welche Richtung es geht, lässt sich nicht sicher vorhersagen.
Die beiden Wissenschaftler untersuchten zehn Impfstoffe auf ihre nicht-spezifischen Effekte. Vier davon waren Lebendimpfstoffe, sechs Nicht-Lebendimpfstoffe.
Lebend- und Nicht-Lebendimpfstoffe
Lebendimpfstoffe enthalten lebende Krankheitserreger in stark abgeschwächter, nicht mehr krankmachender Form. Zu den Lebendimpfstoffen zählt beispielsweise der Masernimpfstoff, die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung und die Impfung gegen Tuberkulose.
Lebendimpfstoffe verursachen im Allgemeinen mehr Nebenwirkungen als Nicht-Lebendimpfstoffe. Sie dürfen Menschen mit geschwächtem Immunsystem nicht verabreicht werden. Im Fall der Impfung gegen Kinderlähmung führen sie sehr selten zur Kinderlähmung oder zur Virenausscheidung im Stuhlgang, was das komplette, weltweite Eliminieren der Erkrankung erschwert. Auch zu «Impfmasern» kommt es immer wieder.
Die Nicht-Lebendimpfstoffe dagegen (oft auch Totimpfstoffe genannt), enthalten nur abgetötete Erreger oder Teile davon. Die meisten Impfstoffe heutzutage sind Totimpfstoffe. Zu den Nicht-Lebendimpfstoffen zählen die Impfungen gegen Wundstarrkrampf, Diphtherie, Hepatitis B, Hämophilus influenzae Typ B und weitere. Nicht-Lebendimpfstoffe sind weniger aufwändig in der Herstellung und billiger als Lebendimpfstoffe.
«Die Ergebnisse sind sehr konsistent: Alle vier Lebendimpfstoffe sind mit sehr positiven nicht-spezifischen Effekten assoziiert», sagte Benn, die an der Universität von Süddänemark lehrt, 2018 bei einem Vortrag. Die Babys überwanden nach diesen Impfungen Infektionen mit verschiedensten Erregern besser und ihre Sterblichkeit sank. «Alle Lebendimpfstoffe scheinen einen Bonus zu haben, indem sie den Schutz vor einer Vielzahl von Krankheiten erhöhen.»
«Die Ergebnisse waren beängstigend»
Anders nach der Impfung von Babys mit Nicht-Lebendimpfstoffen. In den Impfstudien gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf und Keuchhusten (DTP-Vakzine) beispielsweise war immer nur geschaut worden, ob die Impfung diese drei Krankheiten verhinderte. «Praktisch alle derzeit verwendeten Impfstoffe wurden eingeführt, ohne die Gesamtsterblichkeit zu untersuchen», schreibt Stabell Benn in einem Fachartikel. Aaby und Stabell Benn betrachteten nun aber die Gesamtsterblichkeit. Und stellten dabei immer wieder beunruhigende Dinge fest.
«Die Ergebnisse waren beängstigend. […] Kinder, die den DTP-Impfstoff erhielten, hatten ein fünffach höheres Sterberisiko als die Ungeimpften», legte Stabell Benn in ihrem Vortrag dar. «Es scheint also, dass der DTP-Impfstoff negative unspezifische Wirkungen hat. Der Schutz vor den drei tödlichen Krankheiten hat einen sehr hohen Preis, nämlich ein erhöhtes Sterberisiko.» Es sei möglich, dass die DTP-Impfung «mehr Kinder tötet, als rettet. Ich weiss, dass diese Ergebnisse äusserst beunruhigend sind. Und die meisten, mich eingeschlossen, wünschen sich, dass sie nicht wahr wären. Aber das ist, was die Daten sagen.» Etwa 110 Millionen Kinder weltweit erhalten jährlich die DTP-Impfung.
Auch in westlichen Ländern messbare Effekte
Die meisten Studien, auf die Aaby und Stabell Benn sich berufen, wurden in armen Ländern durchgeführt – was aber nicht bedeutet, dass nicht-spezifische Impfwirkungen ausschliesslich dort zu finden sind. Vielmehr legten auch in Europa und den USA verschiedene Studien nahe, dass der Lebendimpfstoff gegen Masern mit weniger Hospitalisationen wegen anderer Infekte einhergeht. Oder dass der Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose zum Beispiel einen Nutzen in Bezug auf Allergien haben könnte.
Stabell Benn und Aaby vermuten, dass Lebendimpfstoffe das Immunsystem besser und vielfältiger «trainieren», so dass es verschiedenen Krankheitserregern gegenüber fitter wird. Die Nicht-Lebendimpfstoffe dagegen würden das Immunsystem nur sehr selektiv trainieren.
Aaby habe in Bezug auf die unspezifischen Impfwirkungen «40 Jahre lang bahnbrechende wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt», lobt Peter Gøtzsche, der frühere Leiter der Cochrane-Wissenschaftsvereinigung, den dänischen Anthropologen in seinem Buch «Impfen – Für und Wider». Aaby habe Gender-Effekte bei sechs verschiedenen Nicht-Lebendimpfstoffen gezeigt. «Das ist ein Fakt, der nicht länger abgestritten werden kann», schreibt Gøtzsche auf Anfrage.
Höhere Sterblichkeit bei Mädchen
Dennoch fanden Aaby und Stabell Benn lange kein Gehör. Ihre Resultate wurden auch kaum von anderen Forschern überprüft. Viele in der Forschungscommunity seien «resistent» gegen die Vorstellung, dass Impfungen schädliche, nicht-spezifische Effekte haben könnten, sagte sinngemäss einer ihrer Mitstreiter im eingangs erwähnten Artikel in «Nature Reviews Immunology».
In diesem Artikel beantworteten Aaby, Benn und weitere Wissenschaftler – niemand davon ein Impfgegner – Fragen zu den unspezifischen Effekten von Impfungen. Eine davon gilt der Reihenfolge der verschiedenen Impfungen, eine andere dem Einfluss des Geschlechts.
Aaby und Stabell Benn interessierten sich für beides. Ihnen zufolge hatten die Lebendimpfungen gegen Masern, Tuberkulose und Pocken bei weiblichen Personen stärkere positive, nicht-spezifische Wirkungen als bei männlichen. Im Gegensatz dazu seien die sechs von ihnen untersuchten Totimpfstoffe alle mit einer höheren Sterblichkeit bei weiblichen Personen assoziiert gewesen, verglichen mit männlichen.
«Das ist ein besorgniserregender Befund, und niemand konnte bisher einen Fehler finden, der ihn hätte erklären können», halten Aaby und Benn in dem Artikel fest. «Diese Effekte sind nicht trivial – Daten deuten darauf hin, dass – bezogen auf den Massstab von Afrika – Hunderttausende von weiblichen Individuen pro Jahr sterben könnten, wegen der nicht-spezifischen Effekte von Nicht-Lebendimpfstoffen.»
«Nicht gerade beliebt gemacht bei der WHO»
Mit den Befunden gelangte Aaby auch an die Weltgesundheitsorganisation WHO. «Diese Erkenntnisse haben Aaby bei der WHO nicht gerade beliebt gemacht. Wenn solche völlig unerwarteten Ergebnisse zutage treten und durch nachfolgende Studien erhärtet werden, wird die Öffentlichkeitsarbeit schwierig», schreibt Peter Gøtzsche in seinem Buch.
Die WHO-Impfexpertengruppe SAGE (WHO Strategic Advisory Group of Experts on Immunisation) gab schliesslich 2013 eine Untersuchung zu den nicht-spezifischen Effekten von zwei Lebendimpfungen (Masern, Tuberkulose) und einer Nicht-Lebendimpfung (DTP, Diphtherie, Wundstarrkrampf und Keuchhusten) in Auftrag. Was die SAGE empfiehlt (oder nicht), hat Auswirkungen in vielen Ländern weltweit.
Das Fazit des Untersuchungsberichts: Es sei plausibel, dass es nicht-spezifische Effekte gebe, aber ihre Folgen seien noch nicht gut verstanden. Die Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass die Masern- und die Tuberkulose-Impfung die Sterblichkeit stärker senken können, als allein aufgrund ihrer Schutzwirkung gegen die Krankheiten, die sie verhindern sollen, zu erwarten wäre. Damit bestätigten sie Aaby und Stabell Benns Befunde. Die DTP-Impfung, so die Wissenschaftler, könne die Gesamtsterblichkeit hingegen möglicherweise erhöhen. Es brauche weitere Forschung und Studien, denn die Anhaltspunkte seien zu schwach, befanden sie. Dabei sollte auch der Einfluss des Geschlechts, die Reihenfolge von Impfungen und Kombinationen verschiedener Impfungen berücksichtigt werden. Für Änderungen in den Impfempfehlungen seien nicht genügend Beweise vorhanden.
Das Vorsorgeprinzip galt in diesem Fall offensichtlich nicht.
Peter Gøtzsche, der bekannt dafür ist, dass er die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten sehr gut einschätzen kann, studierte den SAGE-Bericht und fand: «Grosse Mängel.»
Nur ganz grosse Geldgeber können Studien finanzieren, wie die WHO-Experten sie fordern
Viele Erkenntnisse von Aaby und Stabell Benn beruhen auf sogenannten Beobachtungsstudien. Solche Studien über- oder unterschätzen das wahre Ausmass eines Effekts häufig und gelten deshalb bei vielen Wissenschaftlern als wenig beweiskräftig. Die SAGE verlangte daher nach mehr beweiskräftigeren Studien, bei denen die Teilnehmenden per Los eine Behandlung oder keine Behandlung erhalten (sogenannte randomisierte Studien). Im Fall von Impfungen verbieten sich solche Studien jedoch meist, weil es unethisch wäre, ein Kind absichtlich dem Risiko einer (durch Impfung vermeidbaren) Infektion auszusetzen. Hinzu kommt, dass es zum Nachweis einer erhöhten Sterblichkeit grosse randomisierte Studien brauche, die teuer sind, schreiben Aaby und Stabell Benn in einem Artikel.
Nur die grössten Stakeholder wie die Industrie oder die WHO, mit Geld von Spendern wie der Gates-Stiftung, seien in der Lage, solche Studien durchzuführen. «Wenn man gleichzeitig Beobachtungsstudien nur als (schwachen) Beleg akzeptiert, […] haben wir eine Situation geschaffen, in der es praktisch unmöglich ist, nicht-spezifische Wirkungen zu dokumentieren […].»
Aaby und Stabell Benn geben zu Bedenken, dass die nicht-spezifischen Effekte immer zuerst in Beobachtungsstudien gefunden wurden und dann in randomisierten Studien geprüft wurden. Sie belegen ihre Aussagen auch mit randomisierten Studien und plädieren dafür, die Erkenntnisse aus verschiedensten Studien zu «triangulieren».
3’000 Kinder retten – pro Tag
«Es gab nur wenige Versuche, die nicht-spezifischen Effekte von Impfungen zu untersuchen», stellte Stabell Benn in einem anderen Artikel in «The Lancet Infectious Diseases» fest. Und in ihrem Vortrag von 2018 bekannte sie: «Ich habe buchstäblich Jahre damit verbracht, mir die Haare auszureissen und zu spekulieren, warum es so schwierig ist, Anerkennung für diese Forschungsergebnisse zu bekommen.»
«Das Schlimmste von allem ist, dass wir die Möglichkeit versäumen, Millionen von Kindern zu retten, durch geringfügige Änderungen am Impfprogramm», kritisierte Stabell Benn. «Dabei geht es sogar noch in die falsche Richtung. Lebendimpfungen werden eingestellt, während mehr Totimpfstoffe entwickelt werden. Beispielsweise ist die Polio-Lebendimpfung in reichen Ländern bereits vollständig durch einen Totimpfstoff ersetzt worden.» Dasselbe plant die WHO auch bis 2024 in ärmeren Ländern.
Stabell Benn und ihre Kollegen schlagen vor, Kinder in armen Ländern gleich nach der Geburt mit zwei Lebendimpfstoffen (gegen Tuberkulose und Kinderlähmung) zu impfen, im Abstand von einigen Wochen dann die Nicht-Lebendimpfstoffe (DTP) plus zusätzlich eine Tuberkulose-Impfung zu geben und das Impfprogramm mit zwei Impfdosen gegen Masern abzuschliessen. Dieses Vorgehen würde etwa 1,1 Millionen Kinderleben retten – pro Jahr, schätzen Benn und ihre Kollegen.
Schuld sei die polarisierte Impfdebatte
«Ein Hauptproblem der WHO besteht darin, dass die Personen, die ein Impfprogramm genehmigt haben, gleichzeitig auch diejenigen sind, die später erwägen werden, ob es einen Grund gibt, etwas an ihrer eigenen Empfehlung zu ändern. Es ist unwahrscheinlich, dass Menschen ihre früheren Entscheidungen revidieren, auch wenn noch so überzeugende Beweise dagegen sprechen», vermutet Peter Gøtzsche.
Stabell Benn hat einen anderen Verdacht: «Ich glaube, der Hauptgrund ist diese polarisierte Impfdebatte», sagte sie 2018. «Die Leute, die die Macht haben, etwas zu tun, die Ergebnisse weiterzuverfolgen und zu reagieren – die Weltgesundheitsorganisation und die Gesundheitsbehörden – sind alle Impf-Befürworter. In meiner Interpretation zögern sie, unsere Ergebnisse anzuerkennen, weil diese die Möglichkeit implizieren, dass einige Impfstoffe schädlich sein können. Es ist einfacher, das Ganze einfach abzutun.»
Youtube (Tochter von Google) löscht einen Vortrag Aabys
Im März 2019 hielt Professor Peter Aaby an einem Symposium einen Vortrag über seine Forschung – das Youtube-Video dazu wurde Gøtzsche zufolge im November 2021 gelöscht. Die anderen Vorträge des Symposiums hingegen sind weiterhin auf Youtube zu finden. Gøtzsche protestierte gegen die Löschung, Youtube prüfte den Einwand – und blieb dabei: «Wir wissen, dass diese Neuigkeiten vermutlich enttäuschend für Sie sind, aber es ist unser Job, sicherzustellen, dass Youtube ein sicherer Platz für alle ist», beschied die Firma. Gøtzsche hat das Video von Aabys Vortrag nun auf der Website seines «Institute for Scientific Freedom» veröffentlicht. Es fühle sich an, als wären wir zurück im Mittelalter, wo der König alle Bücher genehmigen musste, bevor sie veröffentlicht wurden, schreibt Gøtzsche dort.
Ein «neues Feld der Vakzinologie mit grossen potenziellen Auswirkungen»
Doch inzwischen scheint der Wind zu drehen, wenigstens teilweise. Letzten Sommer hielt das von Anthony Fauci geleitete US-amerikanische «Nationale Institut für Allergie und Infektionskrankheiten» einen Workshop zum Thema «Sekundäre Impf-Effekte» ab. Gemeint sind damit die nicht-spezifischen Wirkungen.
In einem Artikel in der Fachzeitschrift «Nature Immunology» wird über den Workshop berichtet: Die epidemiologischen Beweise für solche Effekte seien überzeugend, aber was dabei immunologisch passiere, müsse noch weiter geklärt werden, steht dort. Die unspezifischen Impf-Wirkungen werden als «neues Feld der Vakzinologie mit grossen potenziellen Auswirkungen für die öffentliche Gesundheit» beschrieben.
Bei fast jeder zugelassenen Vakzine Geschlechtsunterschiede gefunden
Viele Fragen seien noch offen: Warum scheinen die unspezifischen Effekte von Lebendimpfstoffen anders zu sein als jene von Totimpfstoffen? Warum unterscheiden sich manche dieser Effekte je nach Geschlecht? Wie beeinflusst die Reihenfolge, in der die Impfungen verabreicht werden, die unspezifischen Effekte? Was bewirken Auffrischimpfungen oder die Impfung von Schwangeren in dieser Hinsicht? Welche Umweltfaktoren beeinflussen die unspezifischen Effekte? Spielt das Alter der geimpften Person eine Rolle?
Manche dieser Fragen hätte man längst untersuchen können. Doch in den meisten Impfstudien wurde beispielsweise nicht geschaut, ob die Impfung bei Mädchen anders wirkt als bei Knaben – und wenn doch, fanden sich bei fast jeder zugelassen Vakzine Geschlechtsunterschiede. Auch in punkto Nebenwirkungen sind Frauen meist stärker betroffen.
Kommunikationsstrategie vorbereiten
Mit zunehmendem Wissen über die unspezifischen Impfwirkungen werde es wichtig, sich Kommunikationsstrategien zu überlegen, damit die nicht-spezifischen Effekte von der Öffentlichkeit nicht als Nebenwirkungen betrachtet würden, sondern eher als «natürliche Immunreaktionen, die genützt werden könnten, um Impfungen und Impfpläne zu verbessern», wird in dem Artikel in «Nature Immunology» geraten.
Ausserdem werde es nötig, zu betonen, dass die derzeit zugelassenen Impfstoffe bezüglich ihrer Sicherheit und Wirksamkeit rigoros und extensiv geprüft worden seien, heisst es weiter – wobei im gleichen Absatz darauf hingewiesen wird, dass die gegenwärtigen Methoden zur Erkennung von Impfnebenwirkungen die unspezifischen Effekte verpassen könnten.
Christoph Berger, dem Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, sind Aabys und Stabell Benns Befunde neu. «Das ist sehr spannend. Diese Hypothesen muss man weiterverfolgen», sagt Berger.
«Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in den nächsten ein, zwei Jahren solche Effekte sehen werden.»Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen
Ob es bei den in der Schweiz verwendeten Covid-Impfstoffen ebenfalls nicht-spezifische Effekte gebe, sei offen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in den nächsten ein, zwei Jahren solche Effekte sehen werden», sagt Berger.
Und vielleicht fordern dann auch andere Wissenschaftler, was Aaby und Stabell Benn schon 2018 prophezeiten: «In fünf Jahren wird es offensichtlich sein, dass es nicht genügt, die Wirkung einer Vakzine nur anhand der spezifischen Antikörper oder dem Schutz vor der avisierten Erkrankung zu messen.»
Beispiele für unspezifische Effekte von Impfungen
- In den 1980er-Jahren wurde in Afrika eine neuartige Masern-Lebendimpfung eingeführt. Sie schützte die Kinder sehr gut vor Masern – aber die Sterblichkeit der damit geimpften Mädchen war danach zweimal höher als nach der herkömmlichen Masernimpfung. 1992 zog die WHO diesen Impfstoff zurück. Vermutlich hing dieser unspezifische Effekt damit zusammen, dass die meisten Kinder nach der Masernimpfung noch mit einer Vakzine gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf und Keuchhusten (DTP) geimpft wurden. Wird die Masernimpfung (eine Lebendimpfung) gleichzeitig mit der DTP-Impfung (eine Nicht-Lebendimpfung) verabreicht, ist die Gesamtsterblichkeit bei den Kindern höher, als wenn sie ausschliesslich die Masernimpfung erhalten. Noch höher ist sie Stabell Benn zufolge, wenn zuerst gegen Masern geimpft wird und danach gegen DTP. Im Schweizerischen Impfplan wird die Masernimpfung bisher zeitgleich mit DTP und weiteren Nicht-Lebendimpfstoffen empfohlen.
- In den 1960er- und 1970er-Jahren zeigte sich, dass die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung die Wahrscheinlichkeit, an Grippe zu erkranken, fast um das Vierfache reduzierte.
- Bis 2001 wurden Babys in Dänemark mit der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung geimpft, später dann mit der Impfung zum Spritzen. Kinder welche die Schluckimpfung erhielten, hatten ein 27 Prozent kleineres Risiko, wegen Atemwegsinfekten ins Spital zu kommen.
- In Finnland bekamen Kinder, die mit der Lebendvakzine gegen Kinderlähmung geimpft wurden, weniger Mittelohrentzündungen, verglichen mit Kindern, die den Totimpfstoff gegen Kinderlähmung erhielten.
- Die Masernimpfung reduzierte die Sterblichkeit von Kindern in Afrika um 30 Prozent – nur vier Prozent davon waren der spezifischen Schutzwirkung gegen die Masern zu verdanken.
- Die Impfung gegen Tuberkulose (eine Lebendimpfung) kurz nach der Geburt senkte die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensmonat um mehr als ein Drittel, weil die Impfung sie vor Blutvergiftungen und Lungenentzündungen schützte.
- Das Sterberisiko von Personen, die beim Primarschuleintritt mit dem Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose geimpft wurden, war bis zu ihrem 45. Lebensjahr um 42 Prozent tiefer als bei denjenigen, die diese Impfung nicht erhielten. Das zeigte eine Studie in Dänemark. Unnatürliche Todesursachen wurden nicht berücksichtigt.
- Babys, die in Guinea-Bisseau nach der Geburt gegen Tuberkulose geimpft wurden, hatten eine 38 Prozent tiefere Neugeborenen-Sterblichkeitsrate.
- Bei älteren Menschen kam es nach einer Tuberkulose-Auffrischimpfung zu weniger Atemwegsinfekten.
Weiterführende Informationen
- Zweiter Teil dieser Serie: «Kann die Masernimpfung Covid-19 vorbeugen?»
- Dritter Teil dieser Serie: «Covid-Impfung: Unspezifische Effekte werden kaum untersucht»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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