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Von aussen betrachtet ist Chile ein Land voller Gegensätze: Sein Staatsgebiet wird von Meer, Wüste, Eis und Andengipfeln eingegrenzt. Es hat einen kleinen, isolierten Binnenmarkt, der die Integration in die Weltwirtschaft sucht, und eine sozialistische Präsidentin, die eine liberale Wirtschaftspolitik betreibt. Der kommende Staatsbesuch der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet in der Schweiz bietet Gelegenheit, einen genaueren Blick auf die erfolgreiche Volkswirtschaft am Ende der Welt zu werfen.
«Ich komme aus einer dunklen Provinz, aus einem Land, das die schroffe Geografie abgeschnitten hat von allen anderen.» Diese Beschreibung des chilenischen Dichters Pablo Neruda anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1971 scheint wenig mit dem heutigen Chile gemein zu haben. In den Geschäftsvierteln von Santiago de Chile reiht sich ein Glaspalast an den nächsten. Gegenwärtig entsteht in «Sanhattan» das höchste Gebäude Lateinamerikas. Die moderne Architektur zeugt vom wirtschaftlichen Boom, den das Land momentan erlebt. Mit seiner bedeutenden Minenindustrie profitiert Chile ganz besonders von der jüngsten Hausse der Rohstoffpreise. Chile ist der weltweit grösste Exporteur von Kupfer, dessen Weltmarktpreise sich zwischen 2004 und 2006 verdreifacht haben. Auch das Schweizer Rohstoffunternehmen Xstrata hat sich mit der letztjährigen Übernahme der kanadischen Falconbridge als wichtiger Akteur in Chile etabliert. Der grösste chilenische Kupferproduzent Codelco ist allerdings in staatlicher Hand und beschert dem Finanzministerium gegenwärtig Rekordeinnahmen. 2006 wies der Finanzhaushalt einen Überschuss von 7,9% des Bruttoinlandproduktes (BIP) aus. Um eine weitere Aufwertung des chilenischen Pesos zu verhindern und um auch kommende Generationen am «Bonanza» teilhaben zu lassen, richtete die Regierung Anfang 2007 einen Fonds für wirtschaftliche und soziale Stabilität ein, der die Finanzüberschüsse im Ausland investieren soll. Die Entscheidung, die langfristige Haushaltsdisziplin höher zu gewichten als die kurzfristige Befriedigung sozialer Bedürfnisse, ist für die aktuelle chilenische Wirtschaftspolitik beispielhaft.
Liberale Reformen
Chile wird immer wieder als gelungenes Beispiel liberaler Reformprozesse gewürdigt. Nachdem in den Siebzigerjahren die Preis- und Zinskontrollen aufgehoben, die Zölle gesenkt und staatliche Unternehmen privatisiert worden waren, stellte Chile vor allem unter dem Finanzminister mit Schweizer Wurzeln, Hernan Büchi, in den Achtzigerjahren die Weichen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Eine tief greifende Reform des Finanzmarktes, die Schaffung eines privaten Vorsorgesystems und die Entlassung der Zentralbank in die Unabhängigkeit haben wesentlich dazu beigetragen, dass Chile die Staatsverschuldung entscheidend abbauen und die Inflation nachhaltig senken konnte. Auch nach dem Übergang zur Demokratie 1990 wurden die marktwirtschaftlichen Reformen weitergeführt, um den Wettbewerb zu stärken (z.B. Telekommunikation), den Kapitalverkehr zu liberalisieren und Chile in die Weltwirtschaft zu integrieren. 2001 wurde gesetzlich festgelegt, dass der Staatshaushalt – unter Annahme des wirtschaftlichen Potenzialwachstums und eines längerfristig realistischen Kupferpreises – einen Überschuss von 1% des BIP ausweisen müsse. Mit der Regel eines strukturellen Überschusses wurde die Haushaltspolitik von der Volatilität der Rohstoffpreise weit gehend isoliert. Damit schuf Chile ein solides wirtschaftliches Fundament, um die Wirtschaftskrisen – wie die Asienkrise und die Argentinienkrise – zu absorbieren und vom jüngsten Aufschwung der Weltwirtschaft zu profitieren. Dank eines durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 5,9% in den vergangenen 20 Jahren ist die «dunkle Provinz» zur reichsten Volkswirtschaft Lateinamerikas herangewachsen. Im gleichen Zeitraum fiel die Inflation von zweistelligen Zahlen auf rund 3%, die Arbeitslosigkeit sank unter 8% und die Staatsverschuldung liegt gegenwärtig unter 20% des BIP. Kein Wunder also, dass Chile schon bald der OECD beitreten könnte. Neben den beeindruckenden makroökonomischen Daten kann sich Chile auf solide Institutionen und rechtstaatliche Verhältnisse abstützen, die für die Regulierung der in Chile vielfältigen staatlich-privaten Partnerschaften wie Elektrizitätsversorgung, Strassen oder Häfen zentral sind. Im Korruptions-Index von Transparency International liegt Chile als bestes Land Lateinamerikas auf Rang 20 (zusammen mit den USA und Belgien).
Integration in die Weltwirtschaft
Der Übergang zur Demokratie (1990) ermöglichte Chile sowohl eine politische wie auch eine wirtschaftliche Öffnung. In drei Schritten wurden mit den regionalen Absatzmärkten in Lateinamerika, den traditionellen Handelspartnern in Europa und Nordamerika sowie mit den neuen asiatischen Ländern wie China, Indien und bald auch Japan Freihandelsabkommen abgeschlossen. Chile hat mit 58 Ländern einen freien Marktzugang vereinbart und damit seine Exportmärkte geografisch diversifiziert. Bei der regionalen Integration beschränkt sich Chile auf den Status eines assoziierten Mitglieds des Mercosur und des Andenpaktes. Die Öffnungspolitik schlägt sich auch in den Handelszahlen nieder. Allein in den letzten vier Jahren sind die Exporte jährlich um über 30% gestiegen. Gemessen am BIP lag der Aussenhandel 2006 bei über 70%. Die chilenische Handelsbilanz weist traditionell einen hohen Überschuss aus. Allein der Kupferverkauf trägt mit über 50% zu den Exporteinnahmen bei. Minen- und Landwirtschaftsprodukte sind für über 80% der Exporte verantwortlich. Nach Chile importiert werden vor allem Konsum- und Investitionsgüter sowie Energieträger. Mit einem beschränkten Binnenmarkt, einer pragmatischen Haltung gegenüber regionalen Integrationsprozessen und einem wachsenden Netz von internationalen Handelsverträgen haben Chile und die Schweiz in der Aussenwirtschaftspolitik einige wichtige Gemeinsamkeiten. Anfang Dezember 2004 trat das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) und Chile in Kraft. Chile ist bislang das ein-zige Land in Südamerika, mit dem die Schweiz ein solches Abkommen abgeschlossen hat. Die bilaterale Handelsbilanz zeigt – mindestens gemäss Schweizer Statistiken – einen deutlichen Überschuss zu Gunsten der Schweiz. 2006 wurden Schweizer Güter (Maschinen, pharmazeutische Produkte, Fahrzeuge sowie optische und medizinische Instrumente) im Wert von rund 200 Mio. Schweizer Franken nach Chile exportiert. Die Einfuhren aus Chile im Umfang von 63 Mio. Schweizer Franken setzen sich aus landwirtschaftlichen Gütern (z.B. Wein), Papierwaren und Metallen zusammen.
Herausforderungen: Energieversorgung und Umweltbelastung
Die Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr als Achillesferse für das chilenische Wirtschaftswachstum herausgestellt. Die Gaslieferungen aus Argentinien sind unbeständig und immer teurer, der Zugang zu den reichen Gasvorkommen Boliviens bleibt aus politischen Gründen (Nachwehen des Pazifischen Kriegs aus dem vorletzten Jahrhundert) verschlossen, und die Erschliessung der eigenen Energiequellen ist kostspielig. Die Regierung will in der Folge bis 2010 rund 16 Mrd. US-Dollar in Energieprojekte investieren. Damit sollen beispielsweise eine Anlage zur Verflüssigung von Erdgas gebaut, die Stromversorgung aus Wasserkraft intensiviert und nachhaltige Energiequellen (z.B. Wind, Biomasse, Geothermik) erschlossen werden. Mit der Energieversorgung verbunden ist die Frage der Umweltbelastung. Die Luftqualität der chilenischen Hauptstadt, die von zwei Bergketten umgeben ist, sinkt vor allem während der Wintermonate auf alarmierende Werte. Neben der geografischen Lage Santiagos spielen vor allem Emissionen aus Verkehr, Heizung und Industrie eine wichtige Rolle. Mit den Versorgungsproblemen beim Erdgas steigt das Risiko, dass viele Heizungen und Generatoren wieder auf Kohle und Diesel umsteigen werden. Seit 1994 arbeitet die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit der chilenischen Kommission für Umweltfragen zusammen. Bei den jüngsten Projekten wird vor allem an Ansätzen gearbeitet, um die Luftqualität in Städten wie Santiago und Temuco zu verbessern – z.B. über Partikelfilter oder effizientere Holzöfen.
Innovation und Diversifikation
Die Chilenen sind sich bewusst, dass die aktuelle Hausse der Kupferpreise einmal zu Ende gehen wird, wie dies bereits im 19. Jahrhundert mit dem Salpeter geschehen ist. Entsprechend ist das Land bemüht, seine Wirtschaft auf ein breiteres Fundament zu stellen und die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit zu stärken. Auch wenn die chilenische Regierung mit Haushaltsüberschüssen und Investitionen der Kupfereinnahmen im Ausland verhindern will, dass die «holländische Krankheit» andere Wirtschaftszweige gefährdet, bleibt Chile eine wenig diversifizierte Volkswirtschaft. Neben der Minenindustrie konnte sich bislang einzig die Landwirtschaft mit ihren nachgelagerten Verarbeitungsindustrien als wirtschaftliches Standbein etablieren. Dank einer substanziellen Ausweitung der Anbauflächen sowie dem Einsatz moderner Technologien ist Chile heute der wichtigste Lieferant von Frischfrüchten – z.B. Tafeltrauben, Äpfel, Avocados – in der südlichen Hemisphäre sowie der weltweit zweitgrösste Produzent von Lachs und der fünftgrösste Weinexporteur. Wenig wettbewerbsfähig hingegen ist die verarbeitende Industrie, die vor allem mit tiefer Produktivität und hohen Transportkosten kämpft, die sich aus der geografischen Lage Chiles ergeben. Ausbaupotenzial hat auch der Tourismus, der gegenwärtig rund 4% zum BIP beiträgt. In ihrer Diversifikationsstrategie will die Regierung Chile als internationale Investitions- und Dienstleistungsplattform positionieren. Einige multinationale Firmen – wie etwa Nestlé und Zurich Financial Services – haben damit begonnen, ihre regionalen Telefonzentralen oder Informatikabteilungen aus Chile heraus zu betreiben. Dank seinem Netz von Freihandelsabkommen, seiner politischen und wirtschaftlichen Stabilität sowie seiner gut ausgebauten Infrastruktur bietet Chile grundsätzlich gute Voraussetzungen als regionale Plattform. Sowohl der weitere Ausbau der Agrarindustrie wie auch die erfolgreiche Positionierung als Dienstleistungsplattform machen allerdings erhebliche Investitionen in Forschung und Innovation erforderlich. Die Regierung hat entsprechend angekündigt, dass die bislang tiefen Forschungsausgaben (2006: 0,7% des BIP) deutlich erhöht werden sollen. In diesem Zusammenhang ist das beidseitige Interesse zu verstehen, den Vertrag über wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Chile aus dem Jahr 1968 mit neuem Leben zu füllen und auf Themen wie Biotechnologie, nachhaltige Energiequellen oder Umweltschutz auszudehnen. Die Schweizer Wissenschaftspräsenz in Chile konzentriert sich momentan vor allem auf die Beteiligung am European Southern Observatory (ESO), das gegenwärtig seine zwei bisherigen Observatorien mit einer neuen, modernen Station ergänzt.
Umgang mit geistigem Eigentum
Die Förderung der eigenen Innovationsfähigkeit, die internationale Zusammenarbeit im Wissenschaftsbereich sowie das Anziehen von internationalen Direktinvestitionen setzen einen umfassenden Schutz des geistigen Eigentums voraus. Unter anderem im Freihandelsabkommen mit der EFTA hat sich Chile verpflichtet, seine bisherigen gesetzlichen Lücken in dieser Frage zu schliessen. Das Büro des amerikanischen Handelsdelegierten (USTR) entschied Anfang Januar 2007, Chile wegen mangelndem Schutz des geistigen Eigentums auf die «Priority Watch List» zu setzen. Im Fokus stehen neben der Software-Piraterie vor allem die in Chile hergestellten Kopien patentgeschützter Pharmazeutika, von denen auch die Schweizer Pharmaproduzenten betroffen sind. Trotz Fortschritten bei den gesetzlichen Grundlagen wird namentlich von den ausländischen Investoren immer wieder der politische Wille zu deren Umsetzung in Frage gestellt.
Reiches Land mit armen Leuten?
In Chile gibt es gegenwärtig kaum ein Produkt, das man nicht über Abzahlungskredite kaufen kann. Selbst Lebensmittelgeschäfte bieten über ihre eigenen Kreditkarten mehrmonatige Ratenzahlungen an. Entsprechend ist die Verschuldung der chilenischen Haushalte in den letzten drei Jahren um jährlich knapp 20% gestiegen. Die chilenische Zentralbank gibt sich allerdings optimistisch, dass die mehrheitlich jungen Schuldner mit fester Anstellung ihren Verpflichtungen ohne grössere Probleme nachkommen werden. Trotz sinkender Armutsrate, abnehmender Kindersterblichkeit und tiefer Analphabetenrate bleibt Chile ein Land mit einer grossen Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen. Der Gini-Koeffizient hat sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert und lag 2006 weiterhin im Mittelfeld der südamerikanischen Staaten. Zu den Gründen für diese Disparitäten mag die Struktur der chilenischen Volkswirtschaft gehören. Die kapitalintensiven Projekte im Primärsektor haben vor allem Grossunternehmen geschaffen, die von wenigen Familien beherrscht werden. Heute versucht die Regierung, die kleinen und mittleren Betriebe vermehrt zu fördern und ihnen beispielsweise besseren Zugang zu Risikokapital zu verschaffen. Eine weitere Ursache der Ungleichheit ist die Struktur des Bildungswesens. Die Qualität des öffentlichen Schulwesens ist nicht vergleichbar mit dem Angebot privater Schulen, was sich letztlich auch auf den Zugang zu den besten Universitäten auswirkt. Die Demonstrationen im Mai 2006, als mehr als 1 Million Schüler und Studenten auf die Strassen gingen, haben die Malaise deutlich gemacht. Auch der angestrebte Aufbau eines international ausgerichteten Dienstleistungssektors verlangt nach einer Stärkung der Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Reform des Bildungswesens gehört denn auch zu den Prioritäten, die sich Präsidentin Bachelet für ihre Amtszeit vorgenommen hat.
Ausblick
Die aktuelle wirtschaftliche Situation Chiles ist eine Mischung aus liberaler Wirtschaftspolitik, solider staatlicher Institutionen und dem Glück hoher Rohstoffpreise. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, weshalb die Wirtschaft des Andenstaates nicht schneller wächst als die für 2006 ausgewiesenen 4,0%. Neben der konsequenten antizyklischen Fiskalpolitik dürften die Gründe vor allem in der Mikroökonomie liegen. Mangelnde Innovationskraft, geringe wirtschaftliche Diversifikation und Defizite beim Unternehmertum sind Herausforderungen, die das Land gegenwärtig mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit angehen will. Für Schweizer KMU, die einen Einstieg in Lateinamerika planen, kann Chile ein interessanter Testmarkt und ein gutes Sprungbrett für eine regionale Expansion sein.
Grafik 1 «Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Chile, 2000-2006»
Tabelle 1 «Wirtschaftsindikatoren Chile, 2001-2006»
Kasten 1: Schweizer Präsenz in Chile
Im 19. Jahrhundert liessen sich Schweizer Auswanderer vor allem im Süden des Landes nieder, wo sie als Handwerker und Bauern tätig waren. Es wird geschätzt, dass heute rund 60000 Nachfahren dieser Immigranten in Chile leben. Zu ihnen zählen auch die beiden ehemaligen Präsidenten Chiles, Eduardo Frei Montalva (1964-1970) und Eduardo Frei Ruiz-Tagle (1994-2000).Schweizer Unternehmen halten Investitionen in Chile im Umfang von 1175 Mio. Franken (2005). Die Schweizer multinationalen Unternehmen sind alle in Chile vertreten. Zu den grössten Investoren gehören Holcim (Polpaico), Nestlé, Xstrata und Zurich Financial Services. Das Land ist auch der Sitz der von Stephan Schmidheiny in die Viva-Stiftung eingebrachten Grupo Nueva. Die Swiss Air Lines hat Santiago de Chile im März 2006 in ihr Streckennetz aufgenommen. Zwischen Chile und der Schweiz besteht seit 2002 ein Investitionsschutzabkommen und seit 2004 ein Freihandelsabkommen. Ein Doppelbesteuerungsabkommen ist gegenwärtig in Verhandlung.