Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03300.jsonl.gz/1565

Wie haben es die Fliegen? Die sexuelle Orientierung hängt bei ihnen von einem chemischen Regulator im Hirn ab. Dies hat ein Forscherteam um den Lausanner Professor Yaël Grosjean entdeckt.
Mit Genveränderung und Medikamenten "schalteten" Wissenschafter die Fruchtfliegen innerhalb kurzer Zeit auf homosexuell und wieder zurück.
Die evolutionäre Basis der Homosexualität ist immer noch ein Rätsel. Forscher um den Lausanner Professor Yaël Grosjean sind dem Phänomen der gleichgeschlechtlichen sexuellen Präferenz jetzt auf der Spur. Nicht beim Menschen, aber immerhin bei der Fruchtfliege, mit lateinischem Namen drosophila melanogaster.
"Bei der Veränderung des Gens mit Namen Genderblind fanden wir heraus, dass sich erwachsene männliche Fliegen plötzlich für andere Männchen interessierten", erklärt der Professor an der Universität Lausanne gegenüber swissinfo.
Keine definitive Prägung
"Das zeigt, dass sexuelles Verhalten, also die Fähigkeit zur Erkennung eines Sexualpartners, kein abschliessendes Resultat der Entwicklung ist", sagt Grosjean, der seine Forschungen an der Universität von Illinois in Chigaco (USA) begonnen hatte. "Sexuelles Verhalten kann an- und ausgeschaltet werden, sogar bei erwachsenen Tieren."
Grosjeans Entdeckung wird in der Januar-Ausgabe der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature Neuroscience" publiziert. Sie könnte den Schlüssel liefern zu neuen Erkenntnissen über sexuelle Anziehung und sexuelles Verhalten von anderen Wesen, inklusive dem Menschen.
In Fokus von Grosjeans Forschungen kam das Gen Genderblind, weil es den Neuro-Transmitter Glutamat transportiert, den die Nervenzellen für ihre Arbeit benötigen. Vollends überrascht war er, als er entdeckte, dass Männchen mit verändertem Genderblind plötzlich andere Männchen umwarben.
Sexuell "überreizt"
Es ist immer noch nicht bekannt, weshalb männliche Hirne männliches Verhalten "befehlen" und weibliche Hirne weibliches Verhalten. Die Entdeckung des Gens Genderblind liess immerhin Rückschlüsse zu, weshalb Männchen auf Weibchen reagieren.
"Gestützt auf unsere bisherigen Forschungen nahmen wir an, das Genderblind-Mutanten homosexuelles Verhalten zeigten, weil ihre Glutamat-Synapsen verändert waren", sagt Forscher David Featherstone von der Universität Illinois.
Synapsen sind spezialisierte Kontaktstellen zwischen Zellen des Nervensystems und solchen anderer Systeme, beispielsweise Muskeln. "Homosexualles Verhalten könnte eine Art Überreaktion auf sexuelle Reize sein", vermutet Featherstone.
Um dies zu testen, veränderten Grosjean und Featherstone genetisch die Kontaktstellen. Dazu setzten sie auch Medikamente ein. Wie angenommen zeigten die Fruchtfliegen homosexuelles Verhalten, sozusagen auf Knopfdruck. Innert kurzer Zeit konnten die Tiere auch wieder in den "Normalzustand" zurückverwandelt werden.
Zwei Systeme
Das Team von Grosjean geht nun davon aus, dass im Hirn erwachsener Fliegen ein doppelspuriges System besteht: Eines, das heterosexuelles Verhalten auslöst, ein anderes für homosexuelles Verhalten. Schaltet das Genderblind-Gen die glutamatgetriebenen Synapsen aus, ist die homosexuelle Spur blockiert.
Das Verhalten der Menschen ist um ein Vielfaches komplexer, dessen ist sich der Lausanner Professor bewusst. Dennoch ist Grosjean überzeugt, dass seine Arbeit Erkenntnisse über die Fliegen hinaus ermöglicht.
"Wir benötigen mehr Experimente und mehr Wissen, um sicher zu sein, dass der Vorgang beim Menschen genau gleich funktioniert", sagt Grosjean.
swissinfo, Thomas Stephens
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)
In Kürze
Das Centre intégratif de génomique (CIG) an der Universität Lausanne unter Professor Yaël Grosjean brachte Forscher aus drei Bereichen an einen Tisch, resp. in ein Labor:
Die Struktur und Funktion von Genen sowie deren Entwicklung.
Die Regulation von Gen-Mechanismen.
Die Entschlüsselung von Genen, die komplexe Prozesse steuern wie beispielsweise die Entwicklung von Embryos sowie physiologische Funktionen im Bereich des Organismus und des Verhaltens.
Homosexualität im Tierreich
Gemäss neuesten Forschungen zeigen 51 Tierarten homosexuelles Verhalten.
Es gibt aber Hinweise für homosexuelles Verhalten bei über 1500 Arten, 500 davon sind sehr gut beschrieben.
1999 machte das gleichgeschlechtliche Pinguinpaar Silo and Roy Schlagzeilen. Die Männchen zogen sogar ein adoptiertes Jungtier auf, bevor der eine Partner sich für ein Weibchen entschied.
Wissenschafter warnen davor, menschliches Verhalten auf Tiere zu übertragen.
Andere weisen darauf hin, dass beispielsweise Infantilität auch bei Tieren vorkommt.