Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03506.jsonl.gz/61

Als Jürg Bloesch aus dem Bus steigt, klappern in Altreu die Störche. Die Stelzvögel sind jetzt im April überall zu sehen: auf den Häusern, den Bäumen, den Misthaufen, auf dem Dach des Restaurants. Sie bauen an ihren Nestern, kopulieren, brüten ihre Eier aus.
«Schön», sagt Jürg Bloesch. Er knöpft seinen Mantel zu, wegen der Bise, die über die Ebene zwischen Grenchen und Solothurn zieht. Dann zählt er die Horste. 39 müssten es laut Statistik sein. In einem einzigen kleinen Dorf.
«Schön, wie sich alles entwickelt hat.»
Jürg Bloesch ist der Sohn von Max Bloesch, dem «Storchenvater» der Nation, geboren 1908 in Olten, gestorben 1997 in Solothurn. Ihm ist es zu verdanken, dass der Weissstorch heute wieder die Schweiz besiedelt, nachdem er einst ausgerottet war. Die Älteren erinnern sich noch an Max Bloesch, der Hunderte von Störchen aus Algerien importierte. «Mit einem Flugzeug der Air France!», ruft sein Sohn. «So was vergisst man nie.»
Jürg Bloesch streicht sich über das weisse Haar. Dann marschiert der 70-Jährige in Richtung Storchenstation, dorthin, wo er einst viele Tage seiner Kindheit verbrachte.
«Lange war ich nicht mehr hier», sagt er. «Nichts ist mehr wie früher.» Er schüttelt den Kopf.
Nachschub aus dem Elsass
1948 entschied sich sein Vater, dem Storch in der Schweiz eine zweite Chance zu geben. Niemand hatte je etwas Ähnliches versucht, es war ein Pionierprojekt. Max Bloesch war Turnlehrer an der Bezirksschule Solothurn und Spitzenhandballer, in seiner Stube hing eine Olympia-Bronzemedaille von 1936. Sein Interesse galt ebenso dem Storch, seinem Lieblingsvogel. Max Bloesch führte eine Statistik über dessen Bruterfolg in der Schweiz:
1900: 140 Nester
1910: 90 Nester
1920: 50 Nester
1940: 8 Nester
1948: 6 Nester
«Die Zahlen alarmierten meinen Vater», sagt Jürg Bloesch, während er durch den Weiler an der Aare schlendert. Eine Bäuerin nickt ihm zu. Eine Katze beobachtet die Störche. Alte Scheunen neben neuen Einfamilienhäusern.
«In der Storchenstation wollte mein Vater die Vögel vermehren, um sie später in grosser Zahl freizulassen.»
Max Bloesch lässt am Rand von Altreu ein kleines Chalet bauen, dazu eine Baracke, einige Gehege. Im Juni 1948 treffen die ersten Störche ein. «Alle Kinder hatten schulfrei», erinnert sich Jürg Bloesch. «Die Störche waren in Holzkisten verpackt. Mit dem Pferdefuhrwerk brachte man sie vom Bahnhof Selzach zur Station.»
Die 20 Vögel stammen aus dem Elsass, wo Ornithologen sie aus den Horsten genommen haben. Max Bloesch bringt die Tiere in die Käfige, beringt sie, stutzt ihre Federn, füttert sie. Er betreut sie zusammen mit dem befreundeten Wildhüter Arnold Heiri viele Jahre lang. Jürg, der Sohn, und die drei Töchter helfen manchmal aus.
Bloss: Die Störche wollen weder Paare bilden noch Eier legen noch brüten. Sie scheinen in der Partnerwahl zu hohe Ansprüche zu stellen. Gleichzeitig stirbt die Art in der übrigen Schweiz komplett aus. Irgendwann wird klar: Der Plan funktioniert nicht. Es braucht eine andere Strategie. Aber welche?
Import aus Algerien ist die letzte Chance
Jürg Bloesch schaut den schwarz-weissen Vögeln nach, wie sie mit wacklig ausgestreckten Beinen auf eine Wiese segeln. Sie kommen von allen Seiten herbei, sammeln sich zu einem Pulk von 30 Tieren, stochern gemeinsam in der Erde. Regenwürmer sind an die Oberfläche gekommen, ein Festmahl für die Vögel.
«Genau wie in Algerien», sagt Jürg Bloesch. Er war elf Jahre alt, als die Idee mit Algerien aufkam. Nicht sein Vater hatte den Einfall, sondern ein zu seiner Zeit bekannter Fernsehmann: Erich Tilgenkamp, ein schlaksiger, nervöser Reporter und Naturfilmer. Er habe Beziehungen, sagte Tilgenkamp zu Max Bloesch. Er könne ihm helfen, ihm weitere Störche vermitteln.
Die Korrespondenz ist im Nachlass des Storchenvaters nachzulesen. Vergilbte Briefe, Karteikarten, handschriftliche Notizen. Zudem Fotos und Filmrollen. Lange lagerte die Hinterlassenschaft beim Sohn. Jetzt ist sie in acht Bananenschachteln in der Zentralbibliothek Solothurn deponiert. Kurz vor seinem Besuch in Altreu hat Jürg Bloesch den Nachlass nochmals durchforstet, erneut geschmunzelt über die schier wahnwitzige Aktion.
Am 1. Juli 1954 schreibt Max Bloesch an Erich Tilgenkamp: «Ich wage heute noch nicht, an eine Afrikareise zu glauben, so sehr hat mich Ihre Offerte überrascht. Die ganze Sache kommt mir zu ‹märchenhaft› vor, als dass sie Wirklichkeit werden könnte. Trotzdem lässt mich der Gedanke nach Ihrer gestrigen Meldung nicht mehr ganz los.»
Max Bloesch weiss: Algerien ist seine letzte Chance. Aus dem nahen Ausland können keine Störche mehr geholt werden, denn überall geht der Bestand zurück.
Ein Jahr später erhält Max Bloesch tatsächlich die Bewilligung des algerischen Gouverneurs, 36 Jungstörche aus der französischen Kolonie zu importieren. Die Aktion kostet keinen Rappen: Die Air France fliegt gratis, wohl aus PR-Gründen. 1955 geht der erste Flug. Später, ab 1959, fliegt Max Bloesch noch dreimal nach Algerien. 292 Störche kommen so in die Schweiz.
Jürg Bloesch darf als 16-Jähriger beim zweiten Flug dabei sein. «Es war mein erster Flug», sagt er. «Und meine erste Auslandreise.»
Er, sein Vater, der Fernsehmann und ein weiterer Journalist fliegen nach Algier. Von dort aus fahren sie nach Mirabeau, in ein Dorf 100 Kilometer östlich der Hauptstadt. «Ich habe die Bilder noch im Kopf», sagt Jürg Bloesch. «Alles war voller Störche. Sie nisteten zu Dutzenden auf jedem Hof.» Helfer aus der Gegend steigen zwei Tage lang mit Leitern zu den Nestern hoch. «Hatte es vier Junge im Nest», sagt Bloesch, «nahmen sie zwei heraus. Hatte es nur drei Junge, nahmen sie nur eines.»
Die Jungstörche, erst drei bis fünf Wochen alt, kommen in Gemüsekisten aus Holz, zwei pro Kiste, der eine nach links gerichtet, der andere nach rechts. Als man 100 Störche zusammenhat, bringt man sie per Bus zum Flughafen.
«Das Personal der Air France hatte grosse Freude. Störche auf dem Förderband, das hatte noch niemand gesehen.»
Basler Labormäuse als Leckerbissen
Ankunft in Basel. Auch hier sind die «Poulets», wie Max Bloesch die Vögel nennt, ein grosses Ereignis: Hunderte von Menschen versammeln sich am Flughafen. Das Fernsehen filmt. Zwei Stunden später sind die Nestlinge in Altreu im Gehege, bekommen ihren ersten Schweizer Fisch. Und Beinringe.
Jürg Bloesch steht vor dem Restaurant Zum grüene Aff, ganz in der Nähe der Storchenstation. Ein stattliches Berner Haus mit sieben Horsten auf dem Dach. Nebenan die Station des Aareschiffs. Der Steg wird von zwei Pappeln gesäumt. Auf beiden Bäumen nistet der Storch.
«Einmal», sagt Jürg Bloesch, «stand ein Mann für ein Foto auf dem Steg.» Er habe einen eleganten schwarzen Anzug getragen. «Doch in der nächsten Sekunde war es eher ein Nadelstreifenanzug.» Bloesch schmunzelt. Jungstörche haben die Angewohnheit, ihren Kot ab und zu über den Nestrand hinaus zu spritzen.
Auch Jürgs Vater bekommt wohl öfter etwas ab, wenn er 300 hungrige Schnäbel füttert. Er gibt den Vögeln Fleischabfälle, aber auch Tonnen von toten Labormäusen aus der Basler Chemie und Weissfische, gefangen beim Wettfischen am Bielersee. Die Pflege der Vögel übernimmt hauptsächlich der Wildhüter Arnold Heiri, der im Chalet wohnt. Aber auch Max Bloesch setzt jede freie Minute für die Vögel ein.
«Nach der Schule fuhr mein Vater fast immer nach Altreu», sagt Jürg Bloesch. «Zuerst mit dem Velo, dann mit seinem Fiat 600.» Richtige Ferien gab es nie, man ging höchstens einmal zu den Grosseltern nach Olten. «Meine Mutter hat den Vater moralisch unterstützt. Aber sie hat auch gelitten, so allein zu Hause.»
Rückschläge, aber auch erste Erfolge
Eines Tages lässt der Turnlehrer 23 Störche frei. Alle fliegen im Herbst wie geplant nach Süden. Aber nur ein einziger kehrt im Frühjahr zurück. Von den anderen fehlt jede Spur. Nach diesem erneuten Rückschlag ändert Bloesch die Strategie. Er lässt die verbliebenen Störche erst im Alter von vier Jahren frei, wenn sie geschlechtsreif werden. Damit hofft er, die Verluste geringer halten zu können.
Ab Mitte der sechziger Jahre geht alles rasch. Immer mehr Störche paaren sich, immer mehr Paare kann Bloesch freilassen, immer mehr Jungstörche kommen zur Welt. Bald ist Altreu mit bis zu 20 besetzten Horsten ein einziges Storchennest. Allerdings ziehen die Vögel im Herbst nicht mehr weg. An die Fütterung und die kalten Winter gewöhnt, bleiben sie in Altreu. Daran wird sich später ein zermürbender Streit entfachen.
Während der folgenden drei Jahrzehnte sind nun bis zu 100 Vögel gleichzeitig zu betreuen, einige in den Gehegen, andere frei fliegend. Einmal holt ein Milan Dutzende von Küken. Ein anderes Mal müssen über 50 Nestlinge unter die Wärmelampe, weil sie in den nasskalten Mainächten zu erfrieren drohen. Auch einen Storch, der ganz schwarz ist statt weiss, beobachtet Max Bloesch. Es ist zwar ein Weissstorch, aber einer, der sein Nest auf einem qualmenden Kamin gebaut hat.
Auch ein gleichgeschlechtliches Brutpaar gibt es zu verzeichnen – auf Nachwuchs müssen die schwulen Vögel verzichten. In einem anderen Nest hingegen brüten gleich drei Störche: zwei Weibchen und ein Männchen. Hier sind die Jungen äusserst zahlreich.
«Mein Vater schrieb alles akribisch auf», sagt Jürg Bloesch. «So ergaben sich viele neue Erkenntnisse für die Wissenschaft.»
Gleichzeitig hilft Max Bloesch, etliche Aussenstationen aufzubauen, in denen ebenfalls Störche aufgezogen werden. 23 sind es am Schluss, mit rund 200 Brutpaaren und vielen hundert Jungvögeln pro Jahr. Finanziert wird das Altreuer Projekt durch Spenden und Storchenpatenschaften. Sämtliche Schulklassen des Kantons Solothurn basteln jeden Frühling ein Storchenkässeli und sammeln Geld.
Harsche Kritik am Storchenprojekt
Ab den siebziger Jahren verdunkeln sich die Wolken über Altreu. «Meinem Vater begann das Projekt über den Kopf zu wachsen.» Doch abgeben ist nicht seine Stärke. Widerwillig gründet er einen Verein, in dem viele Gemeinden Einsitz nehmen. Immer mehr Leute mischen sich ein, dem Storchenvater droht die Kontrolle zu entgleiten. «Ich sagte meinem Vater damals, er habe seine Seele verkauft», sagt sein Sohn. «Schlimmer aber war, dass sich immer mehr Vorwürfe gegen meinen Vater richteten.»
Jürg Bloesch steht nun vor der umgebauten Storchenstation, kein Gehege ist mehr da, kein gefangener Vogel, keine Betonmauern mehr wie einst. Dafür ein neu ausgehobener Teich, eine Feuerstelle und ein neues altes Bauernhaus, importiert aus dem Freilichtmuseum Ballenberg. Darin ist nun eine Ausstellung über Eidechsen untergebracht.
1983 erhält Max Bloesch für seine Verdienste die Ehrendoktorwürde der Universität Bern, wenig später auch den Adele-Duttweiler-Preis. Zur gleichen Zeit aber schreibt Werner Keil, Leiter der staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt: «Was in der Schweiz gemacht wird, ist ein Freilandzoo und hat mit Naturschutz nichts zu tun. Wir lehnen diese Art ab und werden Vorstösse in dieser Richtung mit aller Schärfe bekämpfen.»
Konkret wird Max Bloesch vorgeworfen, Inzucht zu betreiben. «Inzucht!», schimpft der Sohn. «Dabei achtete er stets auf Blutauffrischung.» Weiter stört man sich daran, dass der Turnlehrer seine Zucht mit Vögeln aus Algerien betreibt. Die seien nicht einheimisch, hätten die falschen Gene, ist zu hören. Der Beweis: Die Vögel blieben im Winter in der Schweiz, hätten kein Zugverhalten mehr.
«Unsinn!» Jürg Bloeschs Ärger ist nicht verflogen. «Heute ziehen die meisten nach Spanien oder gar nach Afrika!»
Der Hauptvorwurf aber ist, Max Bloesch fröne einer antiquierten Form des Artenschutzes. Weil er die Vögel füttert, statt sie selber ihre Nahrung suchen zu lassen. Weil er Küken aufpäppelt, statt Naturschutzgebiete zu schaffen, in denen die Störche wieder leben können.
«Das Projekt hätte doch von Anfang an nie und nimmer funktioniert, wenn man die Vögel nicht betreut hätte», empört sich Jürg, der Sohn.
Nicht alle Vorwürfe mögen aus heutiger Sicht gerechtfertigt gewesen sein. Doch die unterschiedlichen Ansichten bleiben, werfen noch heute einen Schatten über die Verdienste des Storchenvaters der Nation.
Der Sohn durchschreitet nun die ehemalige Storchenstation, die jetzt «Infozentrum Witi» heisst. Jürg Bloesch schüttelt den Kopf. «Nichts, rein gar nichts erinnert hier noch an meinen Vater», sagt er.
«Mein Vater glaubte, ich würde die Station übernehmen. Aber ich konnte nicht, und ich wollte nicht.» Andere nahmen das Zepter in die Hand. «Ich dachte: Was will ich auch noch mitreden?»
Die neue Generation lehnt Füttern ab
Im Jahr 1997, im Alter von 89 Jahren, stirbt Max Bloesch. Verfechter des modernen Biotopschutzes übernehmen den Verein, wollen Teiche anlegen und Wiesen aufwerten, statt die Vögel zu füttern. Den Artenschutz, wie Max Bloesch ihn betrieben hat, lehnen sie ab.
Nach wenigen Jahren schon sind sämtliche Gehege abgebrochen. Ab sofort wird kein Storch mehr genährt, kein Junges mehr aufgepäppelt, keine Wärmelampe mehr in Betrieb genommen. Die Vögel sind sich selbst überlassen. Jürg Bloesch tritt aus dem Verein aus.
Die Störche kommen mit der neuen Situation erstaunlich gut zurecht. Sie fressen nun Regenwürmer statt Fleischabfälle, Feld- statt Labormäuse. Im Winter fliegen sie immer häufiger südwärts. Und sie vermehren sich gut: 325 Paare zählt man 2012 schweizweit. 605 Jungvögel fliegen aus.
Jürg Bloesch schaut auf die Uhr, marschiert zurück zur Busstation. «Mein Vater hätte den Wandel früher oder später sicher auch gutgeheissen», sagt er. «Es war ja immer sein Ziel, eine frei lebende Population aufzubauen.»
Es beginnt zu regnen. Die Störche tragen in ihren roten Schnäbeln Zweige über das Dorf.