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«99 Prozent Whiskey und 1 Prozent Schweiss»: Das sei die chemische Zusammensetzung der dichterischen Inspiration, sagte der Schriftsteller William Faulkner. Kunst und Rausch gehörten für ihn eng zusammen.
Ein Schmiermittel fürs Selbstvertrauen
Auch in den bildenden Künsten war und ist Alkohol als Rauschmittel weit verbreitet – weil er leicht zugänglich ist und gesellschaftlich akzeptiert ist. Alkohol kann wie ein Schmiermittel fürs Selbstvertrauen wirken, bevor er seine destruktive Wirkung entfaltet.
Der US-amerikanische Künstler Jackson Pollock wurde mit 37 Jahren zum Kunst-Star. Mit seinen Drip-Paintings wurde er zum Aushängeschild der demokratisch-freiheitlichen USA.
Die damit verbundene Erwartungshaltung, grosse Kunst abliefern zu müssen, wurde zur Belastung. Jackson Pollock hatte zeitlebens mit psychischen Problemen und Alkoholabhängigkeit zu kämpfen.
Die «grüne Fee» als Künstlergetränk
So wie jede Zeit ihre künstlerische Ausdrucksformen kennt, so hat jede Zeit auch ihre Drogen. Um 1900 war Absinth das Lieblingsgetränk vieler kreativer Köpfe.
Camille Pissarro, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin, Oscar Wilde, Charles Baudelaire: Sie alle liebten das hochprozentige Getränk aus dem Val de Travers. Auch weil die «grüne Fee» angeblich halluzinogene Empfindungen hervorrufen soll.
Auch Vincent van Gogh soll eifrig Absinth getrunken haben. Einer der bekanntesten Mythen, die sich um den niederländischen Maler und sein tragisches Leben ranken, ist der vom selbstzerstörerischen Rausch, in dem er sich ein Ohr abgeschnitten haben soll.
Die Episode ist umstritten und lässt sich rückblickend nicht mehr klären. Wie viel vom Ohr hat van Gogh abgeschnitten? Hat er wirklich selbst das Messer geführt? Oder hat Gauguin ihn im Streit verletzt?
Männerdomäne Rausch
Wilde Geschichten gehören zu einer attraktiven Künstlervita dazu. Spätestens seit Beginn der Moderne lebt der Künstler stellvertretend aus, wovon andere Menschen allenfalls träumen.
Wer Kunst macht, begibt sich freiwillig an den Rand der bürgerlichen Gesellschaft. Dort darf, kann oder muss er ausleben, was sonst in der Gesellschaft keinen Raum hat. Wo Kunst und Rausch zusammenkommen, geht es um Essenzielles, oft auch um transzendentale Erfahrungen.
Ein Heil- wird zum Suchtmittel
Der Künstler steht in diesem Artikel nicht als generisches Maskulinum. Heilige Trinker und zugedröhnte Zauberer, das waren über lange Zeit ausschliesslich Männer.
Männer wie zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchner. Heute gilt Kirchner als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus.
Bekannt ist auch, dass Kirchner ein massives Drogenproblem hatte. Ein Drogenproblem, das zeittypische Erfahrungen und Probleme ins Blickfeld rückt: Kirchner hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger gemeldet.
Schon nach wenigen Monaten erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Er wurde beurlaubt und begann, Medikamente zu nehmen, um seine psychischen Probleme in den Griff zu bekommen – zunächst Veronal, später Morphin. Doch bald wurden aus den medizinischen Hilfsmitteln Suchtmittel.
Kein Leben ohne Opium
Der französische Dichter, Filmregisseur und Zeichner Jean Cocteau begann nach dem Tod eines engen Freundes Opium zu rauchen. Cocteau, der zum engen Kreis der Surrealisten zählte, thematisierte seine Rauscherfahrungen auch in seinen Arbeiten.
Während einer Entziehungskur 1928/29 führte er ein Tagebuch, in dem er Sucht und Rausch reflektierte. Er sah zwar, dass die Droge ihm auf die Dauer schlecht bekam. Er bekannte aber auch, dass er sich ein Leben ohne Opium kaum vorstellen konnte.
Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr das gefühlte Lebenstempo eine starke Beschleunigung. Auch in der Kunst. Kunstschaffende griffen zu Drogen, um mehr Erlebnisbereitschaft und eine Leistungssteigerung zu bewirken.
Andy Warhol und seiner Factory wird nachgesagt, dass Kokain und Amphetamine der Treibstoff ihres produktiven Schaffens gewesen sein sollen.
Die Popkultur feierte den Exzess: Heroin, LSD, Kokain, alles wurde ausprobiert. Ein Beispiel von vielen aus dieser Zeit ist Jean Michel Basquiat. Er fand als erster afroamerikanischer Künstler die Anerkennung eines grossen, überwiegend weissen Kunstpublikums. Sein Innenleben regulierte er mit Drogen. 1988 starb er an einer Überdosis Heroin.
Drogen als Experiment
Kunst und Drogen, das kann auch ganz anders funktionieren. Manche Kunstschaffende nehmen bewusst Drogen, um deren Wirkung auf ihre Kreativität zu erproben.
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer hat in den 1960er-Jahren mit LSD experimentiert und einige Zeichnungen unter Einfluss der halluzinogenen Substanz gemacht. Der US-amerikanische Künstler Bryan Lewis Saunders hat in einem Versuch Selbstporträts unter dem Einfluss von 20 verschiedenen Drogen gemalt. Besonders erschreckend sind jene Bilder, die unter Alkoholeinfluss entstanden.
Von solchen Versuchen einmal abgesehen sind die grossen Zeiten der Drogen in der Kunst offenbar vorbei. Künstlerinnen und Künstler sind heute als Einfrau oder Einmann-Betriebe in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Drogen, die dort am häufigsten konsumiert werden, sind Kaffee und das Feierabendbier.