Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/3188

Grenzen des Wachstums
Staaten rund um den Globus häufen immer mehr Schulden an, um das Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten. Könnte der Kapitalismus, dem das Wachstum quasi in den Genen steckt, freiwillig darauf verzichten? Ja, sagen führende Ökonomen. Und machen konkrete Vorschläge, wie es gelingen könnte.
Hochschule St. Gallen, 1972: Ein Mann und seine Frau halten einen Vortrag, der in die Geschichte eingehen wird. Dennis L. Meadows ist Ökonom, Donella Meadows Umweltwissenschafterin, zusammen sprechen sie über das Wachstum der Wirtschaft, der Industrieproduktion und der Bevölkerung, sie prognostizieren die Ernährungslage und den Rohstoffverbrauch in hundert Jahren. Sie sprechen davon, dass wichtige Rohstoffe, selbst wenn neue Vorkommen entdeckt und erschlossen werden sollten, bis zum Jahr 2100 erschöpft sein werden. Dass daraufhin die Industrieproduktion einbrechen wird. Dass die erodierten Böden nicht in der Lage sein werden, die elf Milliarden Menschen, die dann die Erde bevölkern, zu ernähren. Sie sprechen von Hungersnöten, von ausbrechenden Konflikten um knappe Nahrung und sauberes Wasser, sie sprechen vom Kollaps, vom Massensterben, von der Apokalypse. Die Meadows sind Mitglieder des Club of Rome, einer heute in Winterthur ansässigen internationalen Vereinigung führender Denker und Forscher. Die Arbeit, die sie vorstellen, trägt den Titel «Die Grenzen des Wachstums».
Die Studie trifft einen empfindlichen Nerv. Zum ersten Mal wagen es anerkannte Wissenschafter, die Maxime vom endlos andauernden Wirtschaftswachstum in Frage zu stellen. Und noch mehr: Sie geben der Wirtschaft die Hauptschuld an der drohenden Katastrophe. Sie verlangten ein Umdenken. Schnell. Denn der Kollaps lässt sich abwenden: Nicht alle computersimulierten Szenarien führen zur Apokalypse, doch um diese abzuwenden, wäre es notwendig, schnell und entschlossen auf die Wachstumsbremse zu treten und einen Gleichgewichtszustand anzusteuern. Was ist seither geschehen?
Seit 1972 hat sich die Weltbevölkerung von knapp vier auf über sieben Milliarden Menschen fast verdoppelt. Statt zu verlangsamen hat sich auch die Weltwirtschaftsleistung auf mehr als das Doppelte beschleunigt. Vor allem in den eigenen vier Wänden ist der gestiegene Wohlstand nicht zu übersehen. Noch vor 100 Jahren besass ein mittelständischer Städter rund 100 Dinge: Kleider, Schuhe, Möbel, vielleicht eine Taschenuhr, Handtücher, ein Stück Seife, eine Bibel und einige andere Bücher. Heute besitzt ein durchschnittlicher Erwachsener in Westeuropa rund 10 000 Dinge, jedes Sockenpaar, jede Unterhose, jede Halskette und jedes Küchengewürz mitgerechnet. Und ständig kommen neue Dinge hinzu, als Ergänzung, Zusatz oder Ersatz. Müssen hinzukommen. Zwingend. Sonst kann die Wirtschaft nicht wachsen. Was, da scheinen sich vor allem Politiker sämtlicher Couleur erstaunlich einig zu sein, eine Katastrophe wäre – und zum Kollaps führte.
Kollaps? Hat nicht der Club of Rome schon damit gedroht, wenn die Wirtschaft nicht aufhöre zu wachsen? Wenn nun Wachstum wie Nichtwachstum gleichermassen zum Untergang führen – ist der Planet überhaupt noch zu retten?
Ein unwirklich grosser Kuchen
Wer die Wirtschaft verstehen will, muss ihre Mechanik durchschauen. Und ihren Kernindikator: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP ist heute die gebräuchlichste Grösse, um die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft auszudrücken. Das BIP ist eine Zahl, eine unwirklich grosse: In der Schweiz betrug es im vergangenen Jahr 593 Milliarden Franken, die US-Wirtschaft setzte im selben Zeitraum umgerechnet 14,5 Billionen Franken um. Das BIP addiert den Wert sämtlicher Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr in den jeweiligen Ländern hergestellt, von Haushalten oder vom Staat konsumiert, investiert oder exportiert wurden. Bewertet werden die Güter entweder zu Marktpreisen (nominelles BIP) oder zu einem festen Referenzpreis (reales BIP).
Eine Wirtschaft wächst, wenn sie mehr Güter und Dienstleistungen anfertigt als im Vorjahr. Was das für den einzelnen Konsumenten bedeutet, hängt von der Bevölkerungsentwicklung ab: Hat die Einwohnerzahl stärker zugenommen als das BIP gewachsen ist, muss der nur leicht grössere Kuchen auf wesentlich mehr Menschen verteilt werden – das Stück, das jeder einzelne erhält, ist kleiner. Ist der Wirtschaftskuchen dagegen kräftiger aufgegangen als die Bevölkerung, kriegt jeder ein grösseres Stück ab – zumindest im Durchschnitt. Wie sich die Menschheit vermehrt, ist hinlänglich bekannt – wie aber wächst eine Wirtschaft?
Vereinfachend gehen Ökonomen davon aus, dass zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen zwei Produktionsfaktoren nötig sind: einerseits menschliche Arbeit, anderseits Kapital, mit dem Anlagen wie Maschinen, Kräne, Computer, aber auch Infrastruktur wie Strassen, Schienen oder Stromleitungen finanziert werden. In einer freien Marktwirtschaft stehen Unternehmen in ständigem Wettbewerb miteinander. Wollen sie nicht nur am Markt bestehen, sondern auch Gewinne und damit Renditen für ihre Eigentümer erwirtschaften, müssen sie ihre Anlagen und Abläufe erneuern, um die Effizienz zu erhöhen und die Kosten der hergestellten Produkte zu senken.
Diese Investitionen führen dazu, dass die Arbeitsproduktivität stetig steigt: Waren können mit geringerem Arbeitseinsatz hergestellt werden. So geschehen auch in der Schweiz: Zwischen 1992 und 2010 nahm die Arbeitsproduktivität im Mittel um 1,1 Prozent pro Jahr zu. Steigt die Produktivität, werden in der Produktion weniger Angestellte benötigt, es droht Arbeitslosigkeit – für jeden Staat ein Albtraum, der sich von sozialen Unruhen, steigenden sozialen Kosten, wachsender Verschuldung und letztlich dem Kollaps bedroht sieht. In einer sich beständig selbst modernisierenden Wirtschaft können Arbeitsplätze nur erhalten werden, wenn es den Firmen gelingt, immer mehr Waren herzustellen und abzusetzen.
Wie ein Motor treibt die Effizienz das Wachstum an. Schützenhilfe erhält sie dabei von der Innovation. Der Kapitalismus, so der Ökonom Joseph Schumpeter, entwickle sich in einem Prozess «schöpferischer Zerstörung». Immer wieder entstehen neue Technologien, neue Produkte werden entwickelt, hergestellt und vermarktet – und verdrängen die bestehenden. Weil auch die Innovation sich nicht aufhalten lässt, ist die freie Marktwirtschaft strukturell auf stetiges Wachstum angewiesen. Um langfristig stabil zu bleiben, ist sie gezwungen, jedes Jahr mehr – und neue – Güter zu verkaufen.
Sprache der Güter
Die Strategie der destruktiv-kreativen Produzenten kann allerdings nur aufgehen, wenn die Konsumenten mitspielen und ständig neue Waren kaufen. Längst dienen die meisten Produkte nicht mehr der Befriedigung grundlegender materieller Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung oder Wohnen. Vielmehr bilden sie eine eigenständige Sprache, eine «Sprache der Güter», so der Konsumforscher Russ Belk, in der nicht nur der gesellschaftliche Status, sondern auch Identität, Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Gefühle – etwa in Form von Geschenken zum Valentins- oder Muttertag – ausgedrückt werden. Konsumgüter, so der amerikanische Anthropologe Grant McCracken, bauen eine Brücke zu unseren Träumen und Sehnsüchten. Naturgemäss bleibt der Zugang zu diesen verwehrt, so dass das Bedürfnis nach weiteren Brücken bestehen bleibt. Mit anderen Worten: Die Konsumkultur lebt weiter, indem sie ständig versagt.
Um zu überleben, ist die Wirtschaft auf Konsum angewiesen. Dabei erscheinen das rastlose Begehren des Konsumenten und die rastlose Innovation des Unternehmers nahezu deckungsgleich. Die Produktion des Neuen mittels schöpferischer Zerstörung stimuliert beim Verbraucher die Lust auf Neues – und wird von dieser wiederum stimuliert. Es werden immer mehr Waren erzeugt, Menschen haben Arbeit und verdienen genug, um diese Waren kaufen zu können. Dieser Mechanik, die sich ständig selbst antreibt – mit gelegentlichen Hilfen vom Staat und von den Zentralbanken, wenn der Konjunkturmotor mal stockt –, scheinen keine Grenzen gesetzt. Bis in alle Ewigkeit scheint das im Kreis laufende Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage weitergehen zu können und das Wachstum anzufeuern.
«Ökonomen sind ökologische Analphabeten», gibt Tim Jackson, selbst Ökonom im Dienste der britischen Regierung, zu bedenken. Wie schon der Club of Rome vor 40 Jahren kritisiert auch er, dass das marktwirtschaftliche Modell unvollständig ist. Zwei entscheidende Grössen seien darin nämlich nicht enthalten: Rohstoffe und negative externe Effekte. Letztere sind schädliche Auswirkungen der Produktion und des Konsums, die nicht entschädigt werden. Dazu gehören etwa Abfallberge. Oder der Kohlendioxid-Ausstoss (CO2), der für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird. Würde die Umweltverschmutzung in die Herstellungskosten eingerechnet, würden sich sämtliche Waren massiv verteuern. Andere, Billigflüge zum Beispiel, wären sogar von einem auf den anderen Tag Geschichte – die Wirtschaft würde auf einen Schlag kräftig schrumpfen.
Auch Rohstoffe sind in den Produktionsmodellen der Volkswirte nicht enthalten. Produktionsanlagen und Arbeitskraft alleine können nichts herstellen, sie benötigen dazu Materialien wie Metalle, Kunststoffe oder Holz als Inputfaktoren und Energie, die die Maschinen und Rechner antreibt. Die Rohstoffe auf der Erde sind aber naturgemäss begrenzt: Selbst wenn beispielsweise mit neuen Fördermethoden wie Fracking noch so viele neue Erdöl- und Erdgasvorkommen erschlossen werden – irgendwann gehen fossile Energieträger dennoch aus, weil die Ressourcen der Erde zwar riesig, aber nicht unendlich sind.
Mythos Entkopplung
Die Befürworter des ewigen Wachstums argumentieren, dass der menschlichen Kreativität und Neugier keine Grenzen gesetzt seien, dass sie immer wieder Wege und Technologien finden werde, um rar und teuer gewordene Rohstoffe durch andere zu ersetzen. Ihr Lieblingsbegriff lautet Entkopplung. Damit gemeint sind Verfahren, die den Material- und Energieverbrauch von der Produktion trennen, halt eben entkoppeln, sollen. Fokussiert man auf die relative Entkopplung, also die Menge an Energie und Rohstoffen, die zur Herstellung einer Gütereinheit notwendig ist, scheinen die Entkoppler recht zu haben: Die globale Energieintensität ist heute um 30 Prozent niedriger als 1970. In absoluten Zahlen haben der Energieverbrauch und CO2-Emissionen jedoch um 80 Prozent zugenommen. Weil sich die Weltwirtschaft in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt hat und zwar sparsamer, aber deutlich mehr Güter herstellt. Dieses Phänomen ist als Backfire-Effekt bekannt: Mittel, die durch gestiegene Energieeffizienz freigeworden sind, werden in die Produktion von neuen Gütern und Dienstleistungen investiert, was die erzielten Einsparungen wieder aufhebt.
Tim Jackson hält die Entkopplung für Schönfärberei. Und belegt dies mit handfesten Daten. Trotz der Bemühungen des Kyoto-Protokolls, die CO2-Emissionen gegenüber dem Stand von 1990 um fünf Prozent zu senken, hat der weltweite Ausstoss 2011 mit 34 Milliarden Tonnen einen neuen Spitzenwert erreicht. Damit die Erwärmung des Weltklimas die Gefahrengrenzen von zwei Grad Celsius nicht überschreitet, darf der Anteil CO2 in der Atmosphäre nach konservativer Schätzung jedoch 450 ppm (parts per million, Teile pro Million) nicht überschreiten. Um 450 ppm zu erreichen, muss die Kohlenstoffintensität bis 2050 von aktuell rund 770 Gramm CO2 pro Dollar Wirtschaftsleistung auf 36 Gramm CO2 pro Dollar fallen, schätzt die Uno. Technologische Verbesserungen müssten die CO2-Intensität also jährlich um acht Prozent senken. Und dies ist erst das optimistische Szenario, das davon ausgeht, dass die Weltbevölkerung neun Milliarden nicht überschreitet und das aktuelle Arm-Reich-Gefälle bestehen bleibt. Nimmt man jedoch an, dass die Wirtschaften der ärmeren Länder aufholen, dann müsste die weltweite Energieintensität auf 14 Gramm CO2 pro BIP-Dollar sinken. Das hiesse, dass die technologische Effizienz jedes Jahr um 11 Prozent zunehmen müsse. Aktuell nimmt sie um magere 0,7 Prozent zu.
Aber auch innerhalb des herkömmlichen volkswirtschaftlichen Modells stockt nicht erst seit der Finanzkrise das Wachstum. Zum einen haben Haushalte Schulden angehäuft, die weiteren Konsum abwürgen: So lagen beispielsweise private Schulden in Grossbritannien im Mai 2013 mit 1,4 Billionen Pfund nur knapp unter dem BIP. Gleichzeitig erkennen immer mehr Menschen, dass materieller Wohlstand nicht mit Lebensqualität gleichzusetzen ist. Untersuchungen geben ihnen Recht. So zeigen Studien, dass das Glücksempfinden im Westen trotz anhaltendem Wachstum in den letzten drei Jahrzehnten nicht zugenommen hat. Güterüberfluss kann Glücksgefühle sogar abwürgen: Ernährungswissenschafter haben herausgefunden, dass ein mit Lebensmitteln bis oben gefüllter Kühlschrank eine Belastung sein kann: Der Konsument fühlt sich moralisch unter Druck gesetzt, all die Lebensmittel aufzuessen, bevor sie verderben – ein nervenaufreibendes Rennen gegen die Zeit und den Körper, der mit überflüssigen Kalorien vollgestopft wird.
Wege aus dem Wachstumsdilemma
Die Menschheit scheint in einem selbst erzeugten Wachstumsdilemma gefangen. Auf der einen Seite verschlingt eine expandierende Wirtschaft immer mehr Ressourcen, gefährdet das Klima und nötigt die Konsumenten, immer mehr einzukaufen, ohne dass der Konsum sie zufriedener macht. Auf der anderen Seite drohen Arbeitslosigkeit und soziale Unruhen, sollte das Wachstum aufhören. Beide Wege scheinen im Kollaps zu enden. In seinem soeben neu aufgelegten Standardwerk «Wohlstand ohne Wachstum» plädiert Tim Jackson für einen dritten Weg: die Grenzen des Wachstums nicht länger zu leugnen und das Wachstum kontrolliert zurückzunehmen.
Mit einer ökologischen Ökonomie könnte dies gelingen, ist Jackson überzeugt. Dazu müssten allerdings sowohl die beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital als auch der «Konsumismus» auf der Nachfrageseite angegangen werden. Wenn die Arbeitsproduktivität infolge von Investitionen und Innovationen stetig steigt und dies ein Prozess ist, der nicht verlangsamt werden kann (und soll), dann muss in einer Wirtschaft, die nicht mehr wächst, notwendigerweise die Arbeitszeit sinken. Bedeutet Verzicht auf Wachstum zwangsläufig Arbeitslosigkeit? Nein, meint Jackson, man müsse nur die vorhandene Arbeit gleichmässiger auf die Bevölkerung verteilen: kürzere Arbeitszeiten, kürzere Arbeitswoche, mehr Freizeit für alle – bei gleichbleibenden Löhnen.
Was nach einer Utopie klingt, wurde zwischen 1980 und 1995 in der EU bereits mit Erfolg angewendet. Die steigende Arbeitsproduktivität wurde durch drei Prozent mehr Freizeit aufgefangen. In den letzten fünfzehn Jahren allerdings drehte der Trend, der Zuwachs an Arbeitsproduktivität ging zurück, und die Arbeitszeiten stiegen wieder – und zwar um acht Prozent gegenüber 1995, damit das Wirtschaftswachstum anhalten konnte.
Das Problem zuneige gehender Ressourcen werden gleichmässiger verteilte Arbeitszeiten aber kaum lösen. Der Übergang in eine nachhaltige, kohlenstoffarme Wirtschaft ist mit gigantischen Investitionen verbunden. Um den weltweiten CO2-Ausstoss zu halbieren, müssten jährlich 2,1 Billionen Dollar, also drei Prozent des weltweiten BIP von aktuell 70 Billionen Dollar, aufgewendet werden, schätzt PricewaterhouseCoopers. Allein die Umwandlung sämtlicher Energiesysteme dürfte nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur 35 Billionen Dollar verschlingen – mehr als das Doppelte des aktuellen US-amerikanischen BIP.
Um Investitionen in erneuerbare Energien, saubere Technologien, grünes Unternehmertum, Klimaanpassung oder die Stärkung natürlicher Ökosysteme zu tätigen, steht ein zeitlich enges «Nachhaltigkeitsfenster» offen. Investieren wir zu langsam, gehen die Ressourcen aus, ehe Alternativen entdeckt sind. Investieren wir jedoch zu schnell, würgen wir die Wirtschaft ab und riskieren, dass nicht mehr genug Mittel für die Investitionen zur Verfügung stehen.
Wer soll die Investitionen in eine nachhaltige Wirtschaft finanzieren? «Ohne Konsumverzicht geht es nicht», sagt Jackson. Und meint damit, dass Mittel der privaten Haushalte, die derzeit in den Konsum fliessen, vermehrt gespart und investiert werden sollen – auf die Höhe des BIP hätte diese Umverteilung erst einmal keinen Einfluss, weil sich die Wirtschaftsleistung aus Konsum, Investitionen und Nettoexporten addiert. Auch Pensionskassen könnten Teile des von ihnen verwalteten Vermögens in die nachhaltige Aufrüstung investieren.
Freiwillige Einfachheit
Jackson ist nicht so naiv zu glauben, dass allgemeine Abmahnungen, dem Konsumismus abzuschwören, genügen würden. Erst müssten dominante gesellschaftliche Strukturen gebrochen werden. Wie etwa der wenig produktive Statuswettbewerb, der normalerweise mit erhöhtem Materialverbrauch und seelischer Not einhergeht. In seinem Buch «Affluenza» belegt der Psychologe Oliver James, dass Gesellschaften mit ausgeprägter Einkommensungleichheit wie etwa die USA und Grossbritannien tiefer in der «sozialen Rezession» stecken als Gesellschaften, in denen Einkommen gleichmässiger verteilt sind, wie beispielsweise Japan, Finnland, Norwegen oder Schweden.
Deshalb schlägt Jackson vor, Lohnstrukturen grundsätzlich zu überarbeiten. Bisher hat die Wirtschaft vor allem Wettbewerb und Materialismus belohnt, selbst dann, wenn sie sich als sozial schädlich erwiesen. Würde man die sich daraus ergebende Ungleichheit der Einkommen verringern, wäre das ein wichtiges Signal, um zu zeigen, auf welche Werte es in der Gesellschaft ankommt. Mehr Anerkennung für Menschen, die sich um Kinder, Kranke, Alte oder Behinderte kümmern oder ehrenamtliche Arbeit leisten, würde die Anreize verschieben; weg vom Statuswettbewerb hin zu einer kooperativen Gesellschaft, in der ein Leben in «freiwilliger Einfachheit», wie es Mahatma Gandhi nannte, möglich wäre, ohne gleich ausgestossen oder als «alternativ» belächelt zu werden.
Dass das nicht zwangsläufig ungesund wäre und sogar das Sozialsystem entlasten könnte, zeigt das Beispiel Kubas. Die Wirtschaft der Insel brach nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zusammen, da plötzlich das subventionierte sowjetische Öl fehlte. Die Kubaner mussten – zugegebenermassen unfreiwillig – den Gürtel enger schnallen, was in der Folge allerdings zu einer verbesserten Gesundheit führte: Die Kalorienaufnahme sank um ein Drittel, die Fettleibigkeit ging um die Hälfte zurück, es gab weniger Diabetes, weniger Herzerkrankungen, weniger Schlaganfälle – Gesundheits- und Pflegekosten gingen markant zurück. Gestiegen ist dafür die Anzahl körperlich aktiver Erwachsener: Sie hat sich verdoppelt.
Neuer Gesellschaftsvertrag gefordert
Eine nachhaltige, ökologische Ökonomie, die sich im Gleichgewicht (steady state) befindet und in der die Menschen ein «gutes Leben» führen, erscheint also nicht nur nötig, sondern auch möglich. Zu klären bleibt, wie sie zu erreichen wäre. Dass der Markt sich besinnt und von heute auf morgen nachhaltig wird, erscheint wenig realistisch: Schliesslich war er es, der das aktuelle Wachstumsdilemma erst verursacht hat. Auf die Mündigkeit und Selbstverpflichtung des Verbrauchers zu vertrauen, erscheint ebenfalls gefährlich: Der Wirtschaftshistoriker Avner Offer hat herausgefunden, dass, wenn der Mensch auf sich allein gestellt ist, seine Entscheidungen in den meisten Fällen hoffnungslos kurzsichtig ausfallen.
Bleibt noch der Staat, oder vielmehr die Staaten, denn ein Staat allein kann den Wandel nicht bewältigen. Der Staat ist oft am besten in der Lage, gesellschaftliches Vermögen zu identifizieren und zu schützen. Zwar sind staatliche Renditen normalerweise niedriger als kommerzielle, dafür haben Investitionen oft einen längeren Zeithorizont. Freilich ist auch der Staat eine Geisel des Wachstumsdilemmas: Allzu oft hat er sich bislang darauf beschränkt, das Wachstum anzukurbeln.
Tim Jackson schwebt vor, dass Rousseaus Gesellschaftsvertrag zwischen der Politik und Bürgern wiederbelebt wird. Der Wandel soll gemeinsam und demokratisch erarbeitet werden – und nicht etwa diktatorisch verordnet. Der Ökonom fordert von der Wirtschaft, dass sie sich am Dialog beteiligt, statt sich mit Lobbymilliarden gegen den Wachstumsstopp zu wehren. Denn geschieht nichts, wird die Ökonomie, wie ein Baum, der immer mehr und immer schwerere Früchte trägt, früher oder später unter der Last des ständigen Wachstums zusammenbrechen. Wie es der Club of Rome schon vor 40 Jahren vorhergesagt hat. Noch immer lässt sich der Kollaps abwenden. Aber die Uhr tickt schneller.