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„Les Extrèmes se touchent“ habe ich ursprünglich 1975 geschrieben. Da das Stück damals wegen Erkrankung eines Musikers nicht gespielt werden konnte, blieb es als einziges meiner Werke bis heute unaufgeführt.
Erst 2014, anlässlich der Planung eines Konzerts mit Thomas Grossenbacher für meine Konzertreihe schlumpf+, kam es bei der Auswahl meiner Werke wieder auf den Tisch, und Thomas wollte es nach dem Kennenlernen unbedingt spielen.
Als er im Frühling 2015 dann mit üben begann, zeigte sich, dass die handgeschriebene Partitur als Aufführungsstimme nur sehr schlecht lesbar war. Aber erst im Kontext mit der daraus sich ergebenden Frage, ob ich neues computergeschriebenes Stimmmaterial herstellen sollte, las und spielte ich diese, meine eigene Musik nochmals im Detail durch. Dabei erschrak ich, denn es wurde mir bewusst, wie weit ich mich mit meiner Tonsprache in den vergangenen vierzig Jahren von damals entfernt hatte. Und ich wollte in der Eröffnungssaison von schlumpf+ nicht einen 1970er-Jahre Schlumpf präsentieren!
So gab es nur noch eine Lösung: Ich musste das Werk revidieren und die für mich „fremdesten“ Passagen neu schreiben. Diese Arbeit, die ich im Sommer 2015 gemacht habe, hat schliesslich zu einem Werk geführt, das den Titel der sich berührenden Gegensätze nun in doppelter Weise verdient.
Einerseits neu als historisches Spannungsfeld meiner stark unterschiedlichen Klangsprachen der 1970er und der nach-2000er Jahre, und andrerseits ursprünglich schon als stilistisches Spannungsfeld durch die gegensätzlichen Inhalte der 11 Charakterstücke, aus dem die Komposition besteht.
Im ersten Spannungsfeld geht es um den Widerstreit zwischen europäischer Avantgardemusik nach dem 2. Weltkrieg, mit ihrer dissonanten, seriell konzipierten Klangwelt und einer tonal wieder mehr verankerten, stark rhythmisch geprägten postseriellen Musik, wo Einflüsse aussereuropäischer Kulturen, der minimal music und des Jazz eine wichtige Rolle spielen.
Und im zweiten Spannungsfeld wird unter anderem eine Brücke geschlagen zwischen einem nervösen 5-Ton „Esercizio“, einem polytemporalen „Marcia funebre“, einer misteriösen Triller-„Fantasie“, einem auf Beethoven zurückgreifenden Flageolet-„Scherzo“, einer jazzigen Hommage an Sonny Rollins, einem Klavier-„Perpetuum mobile“, einer zart-verspielten „Aria“ und einer „Intercommunicazione“, in Memoriam B.A. Zimmermann (dem 1970 verstorbenen Komponisten, dessen Werk massgeblich durch einen Pluralismus der Stile und Zeiten charakterisiert ist).
Das Sprichwort „Les Extrèmes se touchent“ wird dem französischen Dichter der Aufklärung des 17. Jahrhunderts Jean de La Bruyère zugeschrieben. Sein kondensierter Inhalt, dass Extreme sich nicht nur abstossen, sondern sich auch anzuziehen vermögen, soll als Motto über meinem Stück stehen, in der Hoffnung, dass sich die verschiedenen Gegensätzlichkeiten zu einem neuen Ganzen zusammenfügen.
„Les Extrèmes se touchent“ ist Thomas Grossenbacher und Petya Mihneva gewidmet.