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Verzierung
Zur Verzierung der Tonplatten wurden von den Mönchen Muster eingestempelt. Dazu verwendeten sie geschnitzte Holzmodel. Für die Bodenplatten-Duplikate mussten also auch Holzmodel geschnitzt werden.
Zur Verzierung: das «Grünenberg-Stempelmodel»
Das Typische an den berühmten St. Urban-Backsteinen aus dem 13. und frühen 14. Jahrhundert sind ihre Verzierungen.1 Hergestellt wurden sie mit geschnitzten Holzmodeln, die in den noch weichen Ton eingeprägt wurden.2 Es war deshalb klar, dass auch die Bodenplatten-Duplikate mit Holzmodeln möglichst originalgetreu verziert werden sollten. Der Klosterziegler Richard Bucher war gefordert: Als Model wurde die Darstellung von drei Figuren in drei Medaillons ausgewählt. Dieses Sujet ist das schmuckere der beiden Verzierungen, die im originalen Plattenboden auf Grünenberg vorkommen; es wird deshalb das «Grünenberg Model» genannt.
Für den Klosterziegler war dieses Model eine echte Herausforderung: Bisher hatte er noch keine plastischen Figuren geschnitzt. ähnlich wie die Schnitzer im Mittelalter musste er sich an den Schwierigkeitsgrad herantasten, zuerst mit Mustern und Darstellungen, die «ins Messer» gehen, also aus einfachen Linien und Kerben bestehen.
Erst nachdem Richard Bucher einige Model in dieser Art gefertigt hatte, wagte er sich an plastische Formen heran. Sein erstes Model mit einer plastischen Figur war der Grünenberger Sechsberg – heute das Gemeindewappen von Melchnau –, dann kam der steigende Löwe, das Langensteiner Wappentier. Die «Schnitzerlehre» war absolviert, mit dem Meisterstück konnte begonnen werden.
Als Vorlage des «Grünenberg Models» verwendete Richard Bucher die Schwarzweiss-Fotografie eines sehr gut erhaltenen Abdrucks. Dabei übernahm er das gestempelte Sujet seitengleich ins Holz – die modernen Abdrucke in den Duplikaten sind deshalb seitenverkehrt zu den mittelalterlichen Originalen. Die Schnitzer-Werkzeuge, die der Klosterziegler verwendet, sind zum Teil selbst angefertigt und allesamt so scharf wie ein Japanmesser.
Schritt für Schritt tastete sich Richard Bucher nun an die anspruchsvollen Formen des «Grünenberg Models» heran: Zuerst schnitzte er die drei Medaillons und die Ranken-Verzierungen. Mit Bleistift zeichnete er die kommenden Figuren vor: links ein Adler, rechts ein Löwe und in der Mitte die «Gnomin». Bevor der Adler zum Abschluss sein schwieriges Federkleid erhielt, nahmen der Löwe und die «Gnomin» Gestalt an. Der erste Abdruck des «Grünenberger Models» ist der schönste: Richard Bucher fertigte ihn mit dem frisch geschnitzten Model ohne Hilfsmittel. Später verwendete der Klosterziegler Talkpuder, damit der Ton am Holz nicht haften bleibt.
Das Motiv des Models
Die Modelschnitzer im Kloster St.< Urban arbeiteten zunächst nach romanischen Vorlagen. Um 1270 gingen sie zum moderneren gotischen Stil über. Neben verschiedenen Ornamenten waren nun Tier- und Fabelszenen aus dem «Physiologus» beliebt, einem im Mittelalter verbreiteten Buch mit allegorisierenden (gleichnishaften) Tiergeschichten: Pelikan und Fuchs, Basilisk, Drachen, Löwen, die vier Ungeheuer oder Wolf und Lamm in der Schule. Mit solchen Keramikstücken belieferten die Mönche ihre Umgebung bis nach Zürich.
Abbildung 3: Auslegeordnung des Model-Schnitzers (Foto: Richard Bucher).
Abbildung 4: «Grünenberg Model» während der Entstehung (Foto: Richard Bucher).
Auf den Platten des Grünenberger Kapellenbodens kommen zwei verschiedene Verzierungen vor. Das «Grünenberg Model» hat drei Medaillons mit je einer Figur:
- Links befindet sich ein Adler, der nach rechts blickt und seine Schwingen ausbreitet.
- In der Mitte ist eine weibliche, behaarte und geflügelte Figur, die wohl am besten als «Gnomin» oder «Teufelin» angesprochen wird.
- Im rechten Medaillon ist ein nach rechts steigender Löwe zu sehen.
Bei der Interpretation der drei Medaillons ist Vorsicht geboten, denn solche Figuren wurden im Mittelalter sehr vielfältig verwendet. Eine Möglichkeit ist, die beiden Tierfiguren, Löwe und Adler, als Christussymbole anzusehen. Somit wird das Böse in der Mitte vom Guten rechts und links in die Schranken verwiesen. Löwe und Adler waren aber gleichfalls Wappentiere und sind auch in diesem heraldischen Stil dargestellt.
Das zweite Muster von Grünenberg besteht aus drei herzförmigen Ranken in Palmwedelform, sogenannten Palmetten. Rudolf Schnyder3 stellte bei der Untersuchung dieses Motivs fest, dass die Modelschnitzer das Muster über vier Stufen immer mehr verfeinert haben. Er datiert sie von den Anfängen um 1250 bis etwa in die 1265er Jahre, während er das erste «Grünenberg Model» gegen 1270 ansetzt.
Neben diesen beiden Sujets, die im Plattenboden von Grünenberg vorkommen, sind dutzende weiterer Muster bekannt. Zahlreiche befinden sich mittlerweile auch im Modelvorrat von Klosterziegler Richard Bucher. Für die Verzierung der Bodenplatten-Duplikat wurde aus diesem Fundus rege Gebrauch gemacht, so dass etliche Bodenplatten nun individuelle Kombinationen aus mehreren Modelstempeln aufweisen.
1 Text und Abbildungen nach Wenger, Lukas: Neue St. Urban-Backsteine nach altem Vorbild, in: Jahrbuch des Oberaargaus, Band 41, Merkur Druck, Langenthal, 1998. 228-231.
2 Selten wurden von bestehenden Verzierungen mit weichem Ton Abdrücke genommen, um so zu einem neuen Model zu gelangen. Weil diese Tonmodel beim Trocknen und Brennen schrumpften, sind die damit gefertigten Verzierungen deutlich von jenen zu unterscheiden, die mit Holzstempeln eingedrückt wurden.
3 Schnyder, Rudolf: Die Baukeramik und der mittelalterliche Backsteinbau des Zisterzienserklosters St. Urban, Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde, Benteli-Verlag, Bern, 1958. Zum Palmetten-Motiv (Nr. 37): 71; zum «Grünenberg-Model» (Nr. 64): 75. Zur Datierung: Tafel 8 B, 103.