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Wie im Märzheft der Monatschronik dargelegt wurde, überquerte die Reichsstrasse Konstanz – Rheintal – Graubünden – Italien den Hengart: mindestens während acht Jahrhunderten, seitdem Rorschach 947 Marktflecken geworden und bis zur Vollendung der Fürstenlandstrasse 1776. Das Haus Mariabergstrasse 22 trägt zu Unrecht die Bezeichnung Hengart, denn darunter verstand man in Rorschach den hundert Meter langen untersten Anstieg der Mariabergstrasse bis zum Engpass beim Curtihaus. Dieses zu einem Platz verbreiterte kurze Wegstück besteht nicht erst seit es die Stammhäuser der beiden Handelsfamilien Bayer und Hoffmann des 17. und 18. Jahrhunderts teilweise umschlossen und begrenzten und zu einer Art «Herrenstube» – wie Willi sich ausdrückte – gestalteten. Es erscheint in einem Pfandbrief von 1528 als Haingarten. Vielleicht war der Platz früher mit Bäumen bestanden, soll doch Haingart Hainbuche oder auch Lustwäldchen bedeuten. Die erste Nennung als «Hengarten» geht auf 1350 zurück.
Diese Oertlichkeit kommt in der Gemeindegeschichte eine grössere Bedeutung zu als dem Platz vor der Kolumbanskirche. Es ist wohl nicht abwegig, wenn wir hier den ältesten Versammlungsort der alemannischen Marktgenossen vermuten. Später traten hier die Frühlings- und Herbstgemeinden zusammen. Hier wurden Ammann, Weibel und Hofseckelmeister, die Vierer [ein Ausschuss von vier Bürgern für besondere Aufgaben], aber auch Messmer, Totengräber, Forster, Bannwart, Kuhhirt und Nachtwächter gewählt und wichtige Beschlüsse gefasst. Die Ablage der Jahresrechnung und die Aufnahme von Bürgern erfolgte an diesem Ort. Hier zog auch der adelige Bevollmächtigte des Abtes, später der Obervogt, die Uebeltäter vor Gericht.
Ueber die Reichsstrasse und den Hengart sind auch Fussvolk und Reiterei, Kriegerscharen und hohe Würdenträger mit Gefolge gezogen. Angesichts des Sees, den der nordwärts Ziehende erstmals und der südwärts Wandernde zum letztenmal berührte, wurde an dieser Stelle gerastet. Der Ort war zu schön. Man stieg von den Pferden und übergab sie den Knechten. Man setzte sich ins Gras, auf Mauern oder ans Ufer und stärkte sich. Die Bewohner verliessen die Riegelhäuser, das Schauspiel zu sehen. Männer, Frauen und Kinder boten den Durstigen ihre Most- und Saftkrüge dar. Von dem herrlichen Getränk fand sich fast in jedem Keller; denn das Obstbaumpflanzen bei jeder Gelegenheit war hier alter Brauch. Ihm ist der alte Rorschacher Familienname Baumgartner entsprungen.
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Auf dem Rückweg von Italien hielt hier im Sommer 972 der deutsche Kaiser Otto I. seine Mannschaft an. Der Sechzigjährige ahnte nicht, dass ihm der Tod noch vor Jahresfrist die Zügel entreissen und dass sie der neben ihm reitende gleichnamige Sohn ergreifen werde. Doch nun schwingt er sich vom Pferde; denn im Hengart erwartet ihn, umgeben von einigen Mönchen, der junge Abt Notker von St. Gallen, den zu bestätigen er wegen dessen Jugend vor einem Jahr gezögert hatte. Nun hat er sich aber als tatkräftig erwiesen, so dass der Kaiser, der gerne auf zuverlässige geistliche Reichsfürsten zählte, mit ihm zufrieden war. Die jugendlichen Züge erinnern ihn an seinen verstorbenen Freund Graloh, den vorletzten Abt, dem er vor einem Vierteljahrhundert in Magdeburg das grosse Privileg für Rorschach verliehen. Als König hatte er ihm 947 erlaubt, zugunsten der nach Italien reisenden Pilger und Kaufleute hier einen Markt einzurichten, Münzen zu schlagen und einen Zoll für sein von Ungarn und Feuer verwüstetes Kloster zu erheben. Nach wenigen Schritten stehen sie am See, wo sich ihnen das Bild eines jäh aufgestörten Marktes bietet. Handwerker, Schiffsleute, Bauern bilden Spalier. Das ist wohl einmalig: den römischen Kaiser deutscher Nation zusammen mit dem Abt zu sehen.
Wieder hält ein Kriegerzug am See. Man zählt den Sommer 1154. Wieder steigt ein deutscher König aus dem Sattel, 33jährig, von mittlerer Statur, wohl gebaut, von zarter weisser Haut, mit hellblondem Haar und einem rötlichen Bart: der grosse Friedrich I. aus dem ausserordentlich begabten staufischen Geschlecht. «Barbarossa», wie ihn die Italiener nennen sollten, befindet sich auf seinem ersten Zug über die Alpen. Er hat sich die Aufgabe gestellt, die von Otto I. begründete kaiserliche Gewalt in ihrem vollen Umfange wiederherzustellen. Es blieb ihm verhüllt, dass er im Süden seine ganze Kraft gegen geringen Gewinn verschleudern sollte. Auf diesem ersten Zug sollte er sich in Pavia die eiserne Lombardenkrone aufs Haupt setzen und im folgenden Jahre in Rom die römische Kaiserkrone gewinnen, auf einem zweiten Zuge das widerspenstige Mailand niederwerfen, dann einen dritten friedlichen Zug unternehmen. Auf dem vierten Italienzug raffte die Pest sein Heer dahin. Auf dem fünften Zug wurde er besiegt und nur noch als Oberherr anerkannt. Der sechste nahm wiederum einen friedlichen Verlauf, doch schon 1189 begann der Kaiser einen Kreuzzug, von dem er nicht mehr zurückkehren sollte. Nach einem teuer erkauften Sieg über die Türken bei Ikonion ertrank er 1190 beim Baden im Flusse Kalakadnos. Trotz der häufigen Abwesenheit war es ihm gelungen, im Reiche Ruhe und Ordnung zu erhalten.
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Nochmals zieht ein Hohenstaufe, der letzte, der Ururenkel Barbarossas voller Hoffnung über Rorschach nach Süden, einem tragischen Schicksal entgegen: der junge Konradin. Beim Tode seines Vaters erst zwei Jahre alt, wurde er am Hofe seines mütterlichen Oheims, des Herzogs Ludwig von Bayern, erzogen. Auf Einladung der italienischen Guibellinen, eilte er im Sommer 1267 mit einem Heere über die Alpen, sein Erbreich zu erobern. Obwohl viele seiner Begleiter ihn verliessen, drang er ungehindert nach Rom vor und traf 1268 mit seinem Gegner Karl von Anjou bei Scurcola zusammen. Anfangs siegreich, zerstreutensich die Deutschen zur Verfolgung des Feindes, wurden in einen Hinterhalt gelockt und völlig geschlagen. Konradin floh mit seinem Jugendfreund Friedrich von Baden über Rom nach Astura, wurde aber verraten, gefangen genommen und an Karl von Anjou ausgeliefert, der beide Freunde nebst 12 Gefährten – obwohl sie von den Richtern freigesprochen waren – auf dem Markt von Neapel enthaupten liess.
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Sehr wahrscheinlich am 26. Oktober 1414 zog, nach beschwerlicher Reise über den Reschenpass und den Arlberg, einer der drei um den Vorrang streitenden Päpste, der Neapolitaner Johannes XXIII., über den Hengart nach Konstanz. Auf sein Betreiben hatte der deutsche Kaiser Sigmund das Konstanzer Konzil [1414 bis 1418] einberufen, an dem die drei Problemkreise der Einheit, der Reform und des Glaubens behandelt werden sollten. Um die Wahl für einen Papst frei zu machen, versprach Johannes XXIII., gleich den zwei andern Päpsten [dem französischen und spanischen] abzudanken, entfloh dann aber, als die Dinge nicht die von ihm erhoffte Wendung nahmen, und erklärte das Konzil für aufgelöst.
Es machte ihm aber den Prozess. Er wurde 1415 abgesetzt, zu Freiburg gefangen genommen und in Radolfzell festgehalten, wo er sich den Konzilsbeschlüssen beugte. Vier weitere Jahre verbrachte er in scharfer Haft in Mannheim. Papst Martin V. begnadigte ihn 1419, verlieh ihm das Bistum Frascati und machte ihn zum Kardinal. Einige Monate darauf starb der Gedemütigte und wurde im Baptisterium vor dem Dom zu Florenz beigesetzt. «Das war,» so schreibt Otto Feger in seiner Geschichte des Bodenseeraums, «der Ausgang dieses unruhigen Papstes, der mit grosser Schuld nach Konstanz gekommen war und hier ein verwegenes Spiel gespielt hat, schliesslich aber schwer dafür büssen musste.»
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Schliesslich seien noch die spanischen und die habsburgischen Truppenmassen genannt, welche die Abtei auf dem Wege Italien-Deutschland in den Jahren 1636 und 1637 [Dreissigjähriger Krieg] mit fürstäbtischer Erlaubnis durchzogen.
Richard Grünberger Urkundenbuch der Abtei
St. Gallen, Bd. III. Stiftsarchiv St. Gallen: E 1257, S. 504 b.
Otto Feger, Gesch. d. Bodenseeraumes, Band
2 und 3.
Richard Grünberger,
Monatschronik Mai 1967