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«Jetzt fühle ich mich wohler, wenn ich Interviews geben muss. Noch vor einem Jahr habe ich mir deswegen immer Sorgen gemacht», sagt Diep Hoang Nguyen, als sie den Alten Bahnhof in Freiburg betritt. Nguyen, die Mitglied der internationalen Jury ist, kennt den Ort, wo das Internationale Filmfestival zu Hause ist: Im vergangenen Jahr sorgte sie mit ihrem Film «Flapping in the Middle of Nowhere» für Aufmerksamkeit und erhielt den Preis der Jugendjury, den Preis der ökumenischen Jury sowie eine lobende Erwähnung der internationalen Jury (die FN berichteten).
Seit ihr erster Film im Jahr 2014 erschienen ist, hat sich das Leben der 34-jährigen vietnamesischen Regisseurin stark verändert. «Ich bin sehr viel unterwegs und reise manchmal von einem Festival zum anderen», sagt Nguyen und nimmt aus einem Plastiksäckchen einige getrocknete Kräuter, die sie in das heisse Wasser fallen lässt, das sie bestellt hat. Das Internationale Filmfestival Freiburg möge sie, weil alles nahe beieinander liege und es wie eine kleine Familie funktioniere. Ansonsten sei die Präsenz an den vielen Festivals nicht immer einfach für sie, sagt Diep Hoang Nguyen, die in Hanoi wohnt, verheiratet ist und zwei Söhne im Alter von sieben und acht Jahren hat. «Ich bin oft einsam.» Denn sie möge keine Partys oder Empfänge, und auch das Essen in anderen Ländern habe sie nicht gern oder vertrage es nicht gut. «Ich habe deshalb nicht nur meinen eigenen Tee im Gepäck, sondern auch stets asiatische Nudeln. Und ein Fläschchen ätherisches Öl, dessen Duft mich an Vietnam erinnert.»
Neben den Mitbringseln aus Vietnam gibt es aber noch ein weiteres Mittel, das sie von der Einsamkeit und dem Gefühl der Verlassenheit ablenkt. «Ich gehe ins Kino und schaue mir einen guten Film an.» Was denn ein guter Film ist, sei schwierig zu sagen, so Nguyen. Wichtig sei, dass er sie berühre. «Er muss mich zum Weinen bringen.» Ein Mitglied der Jury zu sein, sei für sie deshalb nicht ganz einfach. «Man darf nicht jubeln oder weinen, wenn man den Film liebt, und auch nicht Nachrichten auf Facebook verschicken, wenn man ihn hasst.»
Ob ein Film von einer Frau oder einem Mann gemacht ist, sei hingegen nebensächlich. «Das Geschlecht ist nur eines von vielen Elementen, die einen Filmemacher beeinflussen. Ebenso prägend sind der Ort, wo er aufgewachsen ist, seine Erfahrungen, seine Lebenseinstellung und die Dinge, die ihm wirklich wichtig sind.»
Zwei Projekte am Start
All die guten Filme, die sie in Freiburg sehe, machten ihr Lust, auch selbst wieder zu drehen. An Ideen mangelt es ihr nicht. «Bin ich an einem Festival, nutze ich meine freien Stunden zum Schreiben. Nur dann kann ich wirklichentspannen.» Momentan arbeitet Nguyen an zwei Projekten. Das eine verbindet die Geschichte von drei Frauen, die alle aus unterschiedlichen Gründen im Gefängnis sitzen. Das zweite handelt von einer Familie, in welcher die Kinder entdecken, dass sie nicht die leiblichen Kinder sind. Um ihre Filme zu realisieren, fehlt ihr im Moment aber nicht nur die Zeit, sondern auch das Geld. Für «Flapping in the Middle of Nowhere» habe sie so lange gespart, bis sie 30 Prozent des Budgets zusammenhatte; Koproduzenten, Investoren und Gönner kamen für den Rest auf. Wenn sie für eine längere Zeit zurück in Vietnam sei, wolle sie sich erneut einen Nebenjob suchen, sagt Diep Hoang Nguyen. «Und dann werde ich wieder Geld auf die Seite legen. Tag für Tag, bis es für einen Film reicht.»
Film: Auf Geldsuche für Abtreibung
I m Film «Flapping in the Middle of Nowhere» der vietnamesischen Regisseurin Diep Hoang Nguyen sucht die schwangere Huyen verzweifelt nach Geld, um eine Abtreibung bezahlen zu können. Da auf ihren Freund kein Verlass ist, lässt sie sich auf einen Schwangerschaftsfetischisten ein, um das Geld aufzutreiben. «Das Mädchen hat einen Freund, einen Lover und viele Bekannte, aber im wichtigsten Moment ist niemand bei ihr, der ihr hilft. Einzig der Fötus in ihrem Bauch bewahrt sie vor der völligen Leere», sagt Nguyen zum Film. rb
Der Film ist am Samstag um 12 Uhr im Kino Arena 7 in Freiburg zu sehen.