Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03557.jsonl.gz/1759

Die Ebene zwischen Thuner- und Brienzersee, in prähistorischer Zeit durch die Lütschine von Süden und den Lombach von Norden her mit ihrem Geschiebe gebildet, war im Mittelalter durch verschiedene Siedlungen bewohnt. Rechts der Lütschine befand sich der Einzugsbereich der Bäuert Bönigen, und rechts der Aare lag das 1279 gegründete Städtchen Unterseen, die oberste Stadt an der Aare. Den restlichen, grössten Anteil auf dem Bödeli, wie die Ebene zwischen den beiden Seen heute genannt wird, teilten sich vier Bäuertgemeinden, nämlich zuoberst die Bäuert Wilderswil, dann die obere und mittlere Bäuert Matten und an der Aare die untere Bäuert Aarmühle, die zusammen den Gemeindeverband Matten bildeten.
Aber damals war es wahrscheinlich nicht anders als heute in vielen Dingen auch, die vier Dorfschaften waren sich über die Nutzung des gemeinsamen Landes meistens nicht einig. So löste sich Wilderswil bereits im Jahre 1633 aus dem Verband, und die verbliebenen drei Körperschaften versuchten weiterhin, ihr Land und ihren Wald zusammen zu bewirtschaften. Aber bekanntlich ist gemeinsames Grundeigentum die Mutter aller Streitigkeiten, wie es ein Rechtsprofessor aus unserer Zeit formulierte, die Gründe für Zank und Streit blieben bestehen, und rund 200 Jahre nach Wilderswil, nach langjährigen Wirren und Prozessen, löste sich auch Aarmühle aus dem Verband und wurde 1839 eine selbständige Gemeinde.
Die Umwälzungen, die nach der französischen Revolution durch Napoleon und die Zeit der Helvetik um 1800 eingeläutet wurden und die alten, mittelalterlichen Strukturen wegfegten, beeinflussten auch die Organisation der bisherigen Gemeinwesen. Mit der ersten Kantonsverfassung von 1831 und dem Gemeindegesetz von 1833 bekamen sie als Einwohnergemeinden einerseits und als Burgergemeinden andrerseits im wesentlichen ihr heutiges Gesicht. Die Einwohnergemeinden übernahmen die gesamte Verwaltung im Zusammenhang mit den Einwohnern und besassen die Gebiets- und die Steuerhoheit, die Bäuert- oder Burgergemeinden verloren ihre bisherige Bedeutung als Trägerschaft der Gemeinde und hatten ihre Aufgabe in der Verwaltung und Bewirtschaftung ihrer Güter zum Wohle der Allgemeinheit.
Bis jetzt war immer die Rede von der Siedlung, dem Dorf oder der Bäuert Aarmühle, aber nicht von Interlaken. Interlaken, lat. inter lacus, das heisst «zwischen den Seen», war der Name des 1133 erstmals urkundlich erwähnten ehemaligen Augustinerklosters und gemäss alten Karten auch des ganzen Gebietes. Die Siedlung zwischen dem Städtchen Unterseen und dem Kloster nannte sich aber nicht Interlaken, sondern hiess, sicher wegen der früheren Klostermühle an der Aare, eben Aarmühle. Der Name Aarmühle jedoch wurde, vor allem mit dem aufkommenden Tourismus, immer weniger gebräuchlich. Die Reisen von Goethe ins Oberland 1790, die ersten Unspunnenfeste 1805 und 1808, aber auch die Reiseberichte von Dichtern und Musikern wie dem Engländer Lord Byron 1816 oder dem deutschen Komponisten Felix Mendelsohn-Bartholdy verbreiteten den Namen Interlaken in der ganzen Welt. So fanden die Dorfväter von Aarmühle 1891, es sei jetzt an der Zeit, den Gemeindenamen auch offiziell in den allgemein gebräuchlichen Namen Interlaken zu ändern. Dieses Gesuch wurde vom Grossen Rat schliesslich bewilligt, und so heisst Aarmühle jetzt seit über hundert Jahren Interlaken, und mit der Einwohnergemeinde wechselte natürlich auch die Burgergemeinde ihren bisherigen Namen.
Literatur
- R. Gallati, Interlaken - vom Kloster zum Fremdenkurort, 1977
- R. Gallati, Aarmühle - Interlaken 1838-1988, 1991