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Zugegeben, die Therapie tönt widerlich: Fäkal- oder Stuhltransplantation! Wissenschafter haben denn auch schnell andere Bezeichnungen gesucht, um den Ekelfaktor zu reduzieren und das Image der Therapie aufzupolieren. Bakterientransfer, Übertragung der Darmflora oder «transpoosing», wie die Engländer das Verfahren nennen. International anerkannt ist die Bezeichnung fäkale Mikrobiota-Transplantation oder FMT. Gemeint ist damit der Transfer des Darminhalts von einem gesunden auf einen kranken Menschen.
Der Darm weist eine unglaubliche mikrobielle Vielfalt auf. Unsere Verdauung ist das Werk von über tausend Bakterienarten, die in unserem Körper lebenswichtige Funktionen erfüllen. US-Forscher konnten in einer Studie, die in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlicht wurde, nachweisen, dass die Bakteriengemeinschaften im Darm einen regen Genaustausch praktizieren, einen viel intensiveren als Bakterien, die nicht im menschlichen Körper vorkommen. Ungefähr drei Jahre dauert es, bis sich diese Bakteriengemeinschaft im Darm aufgebaut hat. Der Darm eines Babys ist bei der Geburt noch steril. Die Darmflora kann sich im Laufe des Lebens durch äussere Umstände, Ernährung, Krankheiten und Stress zum Unguten wenden. Aggressive Keime, etwa der Durchfallkeim Clostridium difficile, können zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Das Bakterium entzündet die Darmwand und stellt Proteine her, die eine abführende Wirkung haben. Jedes Jahr sterben Menschen an einer solchen Infektion. Das gefährliche Bakterium ist gegen viele Antibiotika resistent. Gastroenterologen verfolgen seit einigen Jahren eine vielversprechende Therapie: Sie transplantieren den Patienten den Stuhl gesunder Menschen.
Anfang vergangenen Jahres veröffentlichten Wissenschafter aus Amsterdam eine viel beachtete Studie im «New England Journal of Medicine» über die bahnbrechende Therapie: Ein Teil der Patienten erhielt ein Antibiotikum, andern wurde der Stuhl von nahen Verwandten eingeführt. Das Ergebnis: Mit dem Antibiotikum wurden nur 4 von 13 Patienten gesund. Bei den Patienten mit der Stuhlübertragung waren 13 von 16 Probanden geheilt. «Die Studie wurde abgebrochen, weil der Antibiotika-Arm im Vergleich so schlecht abgeschnitten hat», präzisiert Prof. Gerhard Rogler, Leitender Arzt an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich. Er hat das Verfahren schon 18-mal angewendet, 17-mal erfolgreich. Bereits 1958 wurde in den USA die erste Übertragung der Darmflora bei einem Patienten mit einer lebensbedrohlichen Enterokolitis mit Erfolg durchgeführt. Die Therapie wurde aber nicht weiterverfolgt. Und noch viel früher, 1697, beschrieb der deutsche Arzt Christian Franz Paullini in seinem Lehrbuch «Heilsame Dreck-Apotheke» die therapeutische Verwendung von Stuhl.
Wie muss man sich die Therapie nun vorstellen? «30 Gramm Stuhl von einem gesunden Spender werden mit 300 Milliliter physiologischer Kochsalzlösung aufgemischt und dann filtriert. Die Lösung ohne Faserstoffe wird dann im Rahmen einer Darmspiegelung in den kranken, zuvor gereinigten Darm eingespritzt», erklärt Prof. Rogler. Die Darmflora verändert sich unmittelbar nach der Transplantation. «Die Patienten spüren den Therapieerfolg meist nach zwei bis drei Tagen.» Und das bei einmaliger Anwendung.
Der beste Fall wäre natürlich, wenn Darmentzündungen überhaupt vermieden werden könnten. Mit der Ernährung kann die Darmflora beeinflusst werden. «Wir müssen herausfinden, welche Ernährung Bakterienveränderungen hervorruft. Wenn wir mehr wissen, können wir Empfehlungen dazu herausgeben. Aber es ist jetzt noch zu früh, diese auszusprechen», sagt Prof. Rogler. Bis auf die Ergebnisse bei der Clostridien-Kolitis sei das meiste, was es zur Stuhltransplantation gebe, noch Einzelerfahrungen, Spekulationen und Daten aus Tiermodellen. Und die Spekulationen schiessen weit ins Kraut: Diabetes, Adipositas, Autoimmunerkrankungen, ja sogar Demenz sollen mit einem Bakterientransfer geheilt oder verhindert werden können.
Seit 2005 beteiligen sich mehr als 3000 Patienten, unter anderem dank der Unterstützung der Schweizerischen Vereinigung Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (SMCCV) an einer Langzeitstudie zu entzündlichen Darmerkrankungen. Über hundert Gastroenterologen unter der Leitung von Prof. Rogler untersuchen die komplexen Ursachen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, an der allein in der Schweiz 15 000 Menschen leiden. Tendenz zunehmend. Betroffen sind vorwiegend junge Menschen. Die bis jetzt ausgewerteten Daten weisen darauf hin, dass Stress und psychische Belastungen den Krankheitsverlauf verschlechtern. Darüber hinaus können Flugreisen und Höhenaufenthalte über 2000 Metern zu Entzündungsschüben führen. In einem weiteren Schritt wollen die Mediziner detailliert untersuchen, wie die Umwelt die Zusammensetzung der Darmflora der Patienten verändert und so zur Entzündung beiträgt. Die Darmflora scheint eine Vermittlerrolle zwischen Umwelt und Immunsystem zu haben.