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Folco de Baroncelli – Der Marquis – „Lou Marquis“
Eine für das Land wichtige Persönlichkeit, möchte ich hiermit vorstellen. Ich habe die meisten der Angaben aus dem Buch von Henry Aubanel – de Baroncelli „Wilde Camargue“. Ein Buch, das mich das erste mal mit der Camargue vertraut gemacht hat, das sie mir geöffnet hat und meine Freundschaft geweckt hat.
Ich habe den Autor persönlich kennen gelernt. Er ist der Schwiegersohn des Marquis. Und ich bin stolz, mit ihm und seiner Frau in ihrem Haus gewesen zu sein, mit ihnen geredet zu haben, seine Unterschrift in meinem Buch zu haben, seine Worte, und bei einer Ferrade dabei gewesen zu sein, die er selbst geleitet hat und an der nur Freunde teilgenommen haben. Ich habe sein Pferd gehalten und war ganz mit allen verbunden. Das werde ich nie mehr vergessen, auch wenn Henry Aubanel nun auch nicht mehr lebt. Seine Familie wird das Andenken weiter tragen. Und was ich tun kann, werde ich tun, um dabei mitzuhelfen. Sei es nur mit meinem Schreiben.
Ich weiss auf jeden Fall eines. Ohne Folco de Baroncelli und seine Gefolgsleute und ohne sein Wirken gäbe es die Camargue in der heutigen Form oder überhaupt nicht mehr. Er war sehr wichtig für das Land. Darum ist er auch wichtig für mich und ist wichtig für andere, die es gleich empfinden, und ich werde ihn immer in Ehren halten. Er lebte von 1869 bis 1943.
Er kam in Avignon auf die Welt als Marie-Lucien-Gabrile-Folco de Baroncelli-de Javon. Seine Mutter war Marie-Caroline-Henriette-Thirhse-Marguerite-Elisabeth-Louise de Chazelles-Lunac, Patentochter der Herzogin von Berry und sein Vater ihr Ehemann Raymond de Baroncelli. Doch später als Erwachsener verzichtete er auf Ruhm, Wohlstand und ein bequemes Leben und wohnte in einer Hütte oder in seinem kleinen weissen Haus von Cailar an der Grenze zwischen der Camargue und dem Languedoc. Im Rhonedelta wollte er leben und dereinst auch begraben werden, zutiefst in jenem seltsamen Land, das die Welt nie ganz verstehen kann.
Die ersten Kinderjahre verlebte er im Palast seiner Ahnen in Avignon. Es kam jedoch, dass er mehr und mehr bei seiner Grossmutter zuhause war, bei der Comtesse de Chazelles in Bellecète oder Mas de Laoau nicht weit von Nîmes. Sie lehrte ihn das provenzalische und achtete darauf, dass er Bräuche und Menschen respektierte. Sie legte in ihm den Grund für seine Liebe zu der Camargue. Er war auf der Mas meist mit den Gardians und mit den Tieren zusammen und fühlte sich zu ihnen hingezogen. Sie nahm ihn auch auf die Wallfahrt nach Saintes-Maries mit, wo er die Fahrenden kennen lernte und sie gleich mochte. Und sie mochten ihn und daraus wurde eine tiefe Freundschaft. Während seines ganzen Lebens bewahrte er seine sanfte Geduld gegenüber diesem Volk, das ihn als Kind unter sich geduldet hatte. Er war den Menschen, die von so vielen verachtet wurden, immer wohlgesinnt.
Schliesslich lebte er wieder in Avignon, traf da mit den bedeutenden Leuten der Félibrige zusammen, den Vorkämpfern für die provenzalische Kultur, darunter Frédéric Mistral. Er schrieb Prosa und Gedichte und begann doch auch, seine Manade aufzubauen. Um die Zeit 1890/1900 war eigentlich alles, was mit Traditionen zu tun hatte, beinahe ausgestorben oder wurde als nicht viel Wert angesehen. In der Camargue gab es immer mehr Kreuzungen zwischen den Camargue-Tieren und anderen Rassen. Er selber sah es für wichtig an, die reinen Tiere zu züchten, um die Art zu erhalten, die auch am besten in diesem Land überleben konnte.
1904 wurde die „Nacioun Gardiano“, die Bruderschaft der Gardians gegründet, sowie die später mit ähnlichen Zielen geschaffene Gesellschaft „Lou Riban de Prouvéngo“ (Band der Provence).
Seit 1912 führte Baroncelli das Spiel der vier Reiter durch, das er „L’Espervier“ (der Sperber) nannte.
So baute er schliesslich seine Zucht auf und bewahrte die Traditionen und die Kultur und begeisterte mit der Zeit auch andere dafür. Aber es gab immer wieder Rückschläge und es war alles andere als ein einfacher Kampf. Er wurde oft belächelt, oft nicht ernst genommen, oft sah es so aus, als könnte es nicht gelingen. Der erste Weltkrieg machte wieder alles zunichte und er musste ganz von vorne beginnen, was bis dahin immerhin schon aufgebaut worden war. Damals wurde davon gesprochen, die Abrivaden und andere Bräuche ganz fallen zu lassen. Aber er kämpfte weiter dafür. Er lebte mit den Gardians und nicht als adeliger Herr. Er gehörte ganz zu ihnen und eroberte auf diese Weise ihren Respekt und ihre Achtung.
Als ihn einmal ein reicher Bankier fragte, was er mit Reichtum anfangen würde, antwortete er: „Ich würde die Camargue für meine Freunde in den Saintes-Maries-de-la-Mer kaufen und den Leuten von Cailar alle Weideplätze an den Ufern des Vistre schenken.“ Der Mann wollte wissen, was denn für ihn selber. Darauf kam die Antwort: „Ich hätte gar keine Wünsche mehr, wenn meine Tiere wohlgenährt und meine Freunde zufrieden wären. Was ich selber brauche, mein Herr, lässt sich nicht mit Geld kaufen.“ Seine Haltung rechnete ihm das Volk der Camargue hoch an. Er führte auch viele schon vergessene Bräuche und Feste wieder ein, weil sie wichtig für das Land waren.
Nach dem ersten Weltkrieg folgten viele festliche Veranstaltungen in der Provence und im Languedoc, die Baroncellis Land und ihn selber in aller Welt berühmt machten. Damals hatten seine Stiere die grössten Erfolge in der Arena, und nach einigen Jahren des Erlahmens weckten die Stierspiele wieder die frühere Begeisterung der Volksmenge.
Seine berühmtesten Stiere: Provence und Vovo.
1930, als man den hundertsten Geburtstag von Frédéric Mistral festlich beginn, war eine Zeit des wirklichen Hochs auch für Baroncelli und seine Anliegen. Er zeigte vor vielen wichtigen Leuten die Pferde- und Stierspiele der Provence. Eine Zeit des grössten Triumphes.
Dann kam die Zeit des Alterns. Schwere Unfälle, eine Lungenentzündung, von der er sich einigermassen wieder erholte, aber am meisten zu schaffen machten ihm die Schändlichkeiten der Welt. Der zweite Weltkrieg kam. Baroncellis Gesundheit litt auch sehr unter dem Entsetzen über das Weltgeschehen. Und ausserdem drangen fremde Truppen in die Camargue ein, sein Mas wurde besetzt, er verlor dabei viele wertvolle Schriftstücke. Man schlachtete täglich Tiere aus seiner Herde und aus der seines Schwiegersohnes (Henry Aubanel). Es war ein qualvolles langsames Sterben.
Doch er blieb ein Kämpfer und starb als solcher. Er fasste den Plan, mit den übrig gebliebenen Tieren ein Spiel vor den Kriegsgefangenen zu veranstalten. Er ritt also zum letzten Mal nach Toulon. Seine Pferde liebte er so sehr, dass er sie bei Transporten in Eisenbahnwaggons immer selber begleitete. Nun geschah bei Rognac ein Zusammenstoss. Er wurde zu Boden geworfen und von einem Pferd am Bein verletzt. In Toulon sagte er aber niemanden etwas von der Verletzung. Die tiefe, bis auf die Knochen reichende Wunde infizierte und entzündete sich. Nach der Rückkehr von diesem letzten Reiterspiel musste er das Bett hüten.
Er starb am 15. Dezember 1943.
Unter den Leidtragenden waren alle Schichten des Volkes vertreten: Arme und Reiche, Niedere und Adelige, Zigeuner und Gardians und sogar Offiziere in Uniformen. Obgleich das Tragen von Uniformen von der Besatzungsmacht verboten war, kümmerte sich an diesem Tag niemand darum.
Sein Heim, der „Simbéu“ war nicht mehr. Schwer getroffen litt die Camargue unter der Besetzung. Als endlich der Krieg ein Ende nahm, blutete sie aus vielen Wunden: Minenfelder, Gräben, Stacheldraht, Fussangeln, Zerstörung. Die Stiere waren in die Crau geflohen, wo auch die letzten Pferde ein klägliches Dasein fristeten. Von der ganzen Herde überlebten nur einige wenige Tiere.
Doch eines Tages gab es den Simbéu wieder, nicht genau an der gleichen Stelle, an der der alte gestanden hatte, aber genau nach dessen Art wieder gebaut. Die Stiere und Pferde kehrten zurück. Und als man die erste Abrivade durchführte, schöpften alle neue Hoffnung, die gemeint hatten, dies alles nie mehr zu sehen.
Und dann ging man daran, Baroncellis letzte Ruhestätte dort zu bauen, wo er bestattet sein wollte – inmitten seiner Herden im Frieden der Sansouris. Es ist die letzte Wohnung dessen, der schon als Kind die Sonne mit fröhlichem Lächeln begrüsste, und es soll ihr deshalb nichts Trauriges anhaften.
An einem schönen Julimorgen des Jahres 1951, am Tag vor dem Vierginenco-Fest, schmückt sich Arles zum Empfang ihres Meisters.
Sechzig Reiter, mehr als hundert Gardians und fünfzig Razeteurs begleiten den Kondukt, der die Rhone überschreitet und seinen Weg durch die Camargue nimmt. Nun ist Baroncelli wieder in seinem Reich.
Die Zigeuner erwarten den Zug. Diese Nacht wird Baroncelli wieder unter ihnen sein in der Krypta der heiligen Sara, wie das erste Mal vor unzähligen Jahren. Am nächsten Morgen drängt sich die Menge zur Kirche. Überall sieht man die Dreizacke der Gardians und die Trachtenhauben der provenzalischen Mädchen. Aus aller Welt sind alte Freunde und Verehrer Baroncellis gekommen. Das Heimatlied „Coupo Santo“ erklingt. Unter der Eskorte von hundert Gardians und vieler Camargesen und Zigeuner tragen sieben Gardians – die letzten sieben, die Baroncelli gedient hatten – den silberbeschlagenen Sarg auf ihren Schultern zur Grabstätte, die im Abendsonnenschein leuchtet.
Seinen letzten Willen hat Baroncelli zwei befreundeten Zigeunerführern anvertraut: „Wenn die Zeit gekommen sein wird, sollt ihr meinen Leib in der Erde der Saintes-Maries begraben, den Kopf gegen die Herdstelle gelehnt, die das Symbol meines glühenden Lebens ist, und die Füsse gegen die Kirche der heiligen Frauen gerichtet. Denn dort will ich ruhen.“
Ein Sonnenstrahl trifft den Stein und lässt das Wappen Baroncellis golden aufleuchten. Es trägt in provenzalischer Sprache den Spruch:
„RACO D’O, TANT QUE T’A JOUNENCO AU TAU GARDARA SA CRESENCO, IEU PROCUMENTE, SARAI TOUN BREU E TOUN BLOUQUIE“
„Geschlecht von Oc, solange deine jungen Männer ihren Glauben an die Stiere bewahren, will ich dein Schild und Talisman sein“.