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Selbständig-Erwerbender im Filmkollektiv.
Ich bin Selbständig-Erwerbender – meine Filme produziere ich mit dem Filmkollektiv.
Meine Filme produziert das Filmkollektiv, dessen Mitglied ich bin.
Das war der Sachbearbeiterin bei der SVA (AHV) nicht ganz klar.
Also habe ich ihr angeboten, in einem Brief zu schildern, wie das Filmkollektiv funktioniert und warum gerade so.
Danach hat sie begriffen, dass ich als Selbständig-Erwerbender einzustufen bin. Aber sie fand meine Erklärung auch interessant und und bedankte sich für die Weiterbildung. So können die erklärenden Teile meines Briefs vielleicht auch für andere Leute von Interesse sein.
Formal habe ich den Brieftext noch etwas gegliedert, damit er auch in dieser Form zugänglich ist.
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28.2.2017
Sehr geehrte Frau X,
Sie baten mich, einen Fragebogen auszufüllen. Das habe ich so gut wie möglich getan, doch musste ich feststellen, dass dieser Fragen enthält, bei denen es mir nicht gelingt, die Organisationsform des Filmkollektivs zu schildern, in dem ich meine Filme realisiere. Bevor ich Ihnen diese zu beschreiben suche, scheint es mir sinnvoll, kurz auf die beiden prinzipiellen Fragen auf der ersten Seite Ihres Schreibens zu antworten:
„Als selbständig erwerbstätig gilt, wer in eigenem Namen und für eigene Rechnung als freier Unternehmer tätig ist, das wirtschaftliche Risiko selber trägt und keinen wesentlichen Weisungen unterworfen ist.“
Ich bin selbständig erwerbstätig, d.h. ich realisiere meine Dokumentarfilme nach meinen eigenen Vorstellungen und bin dabei keinen Weisungen unterworfen.
Und ich bin als freier Unternehmer tätig, der das wirtschaftliche Risiko selber trägt und auch in dieser Beziehung keinen fremden Weisungen unterworfen ist, d.h. ich entwickle meine Filmstoffe allein und kann diese realisieren, wenn es mir gelingt, die dafür notwendigen Kulturförder-Beiträge zugesprochen zu erhalten.
Honorare beziehe ich aus dem Budget des Films – sollte sich das Budget nicht voll ausfinanzieren lassen (was oft vorkommt), muss ich auf einen Teil des budgetierten Honorars verzichten.
„Das wirtschaftliche Risiko trägt, wer für Verluste einstehen muss, die aus Zahlungsunfähigkeit von Kunden, mangelhafter Lieferung oder Fehlplanung entstehen.“
Wenn es sich zeigt, dass sich die Finanzen für die Realisierung einer erarbeiteten Drehvorlage nicht finden lassen, kommt der Film nicht zustande; die Recherchen zu einem Thema und die Ausarbeitung der Drehvorlage mache ich auf mein persönliches Risiko und diese bleiben dann unbezahlt.
Sollte bei der Realisierung des Films ein Defizit entstehen, hätte ich dieses persönlich zu tragen.
„Kunden“ habe ich bei diesem Filmschaffen keine. Die Initiative zu einem Film ist immer bei mir.
Vielleicht genügt Ihnen diese Auskunft; doch da es mir nicht möglich war, Ihren Fragebogen korrekt Punkt für Punkt zu beantworten, möchte ich Ihnen die Selbständigkeit meiner Arbeit im Rahmen des Filmkollektivs schildern und Ihnen auch vermitteln, mit welchen Absichten wir diese Formen der Organisation gewählt haben.
Selbständigkeit im Rahmen des Filmkollektivs.
Ich realisiere selbständig Filme seit etwa 47 Jahren und 42 Jahre davon im Rahmen der Filmkollektiv Zürich AG – bin also ein sogenannter freier Filmschaffender.
Seit der Gründung im Jahr 1975 bin ich Mitglied des Filmkollektivs.
Als eine Gruppe von Filmschaffenden hatten wir schon vor dessen Gründung einen Film zusammen realisiert («Kaiseraugst») .Eigentlich wollten wir eine Genossenschaft gründen, doch das ZDF plante einen Film mit einem unserer Mitglieder (Thomas Koerfer) und bestand auf einer Aktiengesellschaft als Geschäftspartner.
Wir gingen auf diese Forderung ein, beschlossen aber, uns so zu organisieren, dass trotzdem demokratische Verhältnisse unsere Zusammenarbeit bestimmten: Damit sich keine aussenstehenden Aktionäre in unsere Arbeit einmischen können, achteten wir darauf, dass alle 50 Aktien bei den Mitgliedern sein müssen, die im Kollektiv aktiv arbeiten.
Und wir sorgten dafür, dass die Aktien unter uns Mitgliedern möglichst gleichmässig verteilt waren, damit unser Tun auch intern nicht von Aktien-Mehrheiten, sondern von demokratischen Spielregeln bestimmt wurde.
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Was im Hinblick auf „Selbständigkeit“ von Interesse sein dürfte:
Von anderen selbstverwalteten Betrieben, die in diesen Jahren gegründet wurden, unterschieden wir uns dadurch, dass wir nicht auf solidarisches Handeln der Einzelnen vertrauten, denn jede Filmproduktion bringt grosse finanzielle Risiken mit sich, die das Kollektiv als Ganzes in den Konkurs bringen können. So vereinbarten wir, dass in unserem Kollektiv jeder Filmautor die alleinige gestalterische und ökonomische Verantwortung für seine Filmproduktion hat – dass er also für ein eventuelles Defizit persönlich haftet und dass andrerseits nach Abschluss der Produktion alle Auswertungsrechte bei ihm sind.
So geht der vereinbarte Anteil der Netto-Einnahmen der Verleihfirma an mich und ich erhalte den Ertrag, falls eine Fernseh-Anstalt meinen Film ausstrahlt. Dies wird auch ersichtlich, wenn Sie auf unserer Website www.filmkollektiv.ch die Liste der von uns produzierten Filme durchgehen. Da werden Sie feststellen, dass in der Rubrik „Weltrechte“ immer der Name eines Filmautors steht, wenn der Film von einem Mitglied des Filmkollektivs realisiert wurde: Mathias Knauer, Gertrud Pinkus, Eduard Winiger, Hans Stürm, Béatrice Michel, Marlies Graf, Urs Graf.
Bei meinem aktuellen Film „Gute Tage“ steht während der bald anlaufenden Kino-Auswertung als Kontaktadresse für Kinos und Presse vorläufig noch „Filmkollektiv“.
Nachträglicher Einschub: Inzwischen haben wir das Filmkollektiv aufgelöst. Und so haben wir für die 'Weltrechte' jeweils der Namen der Person eingesetzt, die am besten über diesen Film Auskunft geben kann oder der eventuelle (nicht zu erwartende) Einnahmen zustehen.
Vielleicht geht ihr Interesse nicht so weit, dass sie sich dafür interessieren, wie das in der Praxis funktioniert – dann können Sie hier abbrechen, denn das Prinzipielle ist wohl gesagt.
Es ist mir wichtig, dass Sie wissen, dass das hier Folgende für mich nicht eine Fleissarbeit war, die ich für die AHV leisten musste, sondern dass es für mich auch interessant war, mir über das so selbstverständlich gewordene Funktionieren unseres Kollektivs in den konkreten Details klar zu werden.
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Selbständigkeit.
Wenn ich die oft sehr aufwendigen Recherchen für einen Dokumentarfilm geleistet und eine Drehvorlage erstellt habe, schreibe ich Kulturförder-Stellen an und versuche so das Budget des Films (so weit wie möglich) zu finanzieren.
Wenn dies nicht gelingt, war diese Investition an Arbeitszeit und Aufwand mein persönliches Risiko.
Wenn sich die Gelder zur Produktion des Films finden, lasse ich diese auf ein spezielles Bankkonto des Filmkollektivs überweisen.
Während der Realisierungsarbeiten beziehe ich ein Honorar aus dem Budget dieses Projekts. Wenn ich Mitarbeiter brauche, stelle ich diese über das Filmkollektiv an – als Angestellte mit Unfallversicherung, für die das Filmkollektiv die AHV-Beiträge und die 2.Säule abrechnet (und aus meiner Produktion bezahlt).
Aus dem Produktionsbudget bezahle ich auch die Rechnungen, die mir das Filmkollektiv für die Miete von technischen Geräten stellt, aber auch für die Nutzung der allgemeinen Infrastruktur (z.B. Büro und Montageraum). Andrerseits bezahlt mir die Produktion Miete für meine persönlichen Geräte, die ich für die Realisierung dieses Films nutze.
(Wenn ich von „Rechnungen des Filmkollektivs“ schreibe, klingt das so, als würde es da Angestellte geben, die diese Rechnungen schreiben und das Material pflegen. Doch es gibt im Filmkollektiv keine Angestellten, es gibt niemanden, der vom Kollektiv einen Lohn bezieht. Nur wem es gelingt, ein Projekt zu finanzieren, das er nun realisiert, kann er aus diesem Budget das darin vorgesehene Honorar beziehen. So betreue ich als Filmkollektiv-Mitglied (unentgeltlich) das technische Material und stelle einer Produktion, auch meiner Produktion Filmkollektiv-Rechnungen.
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Als Filmautor kann ich gestalterisch und finanziell frei über meine Filmarbeit entscheiden. Dass das Filmkollektiv sich da nicht einmischt, hat mit der sorgfältig entwickelten Organisationsform zu tun. () Und noch immer ist es so, dass die Aktien unter den aktiven Mitgliedern möglichst gleichmässig verteilt sind; mit dem zunehmenden Alter der Mitglieder ist das Kollektiv zu einem aktiven Kern von vier Personen zusammengeschmolzen (so dass jetzt 15 der 50 Aktien bei mir sind).
Aus Altersgründen werden wir das Filmkollektiv noch dieses Jahr auflösen. Von daher würde es auch wenig Sinn machen, wenn ich von der AHV nicht mehr als Selbständigerwerbender betrachtet würde, denn das hätte keine Konsequenzen für die Zukunft – für das Kollektiv nicht, da es nicht mehr existieren wird – für mich nicht, da ich nach Auflösung des Kollektivs ohnehin selbständig sein werde (falls ich wieder einer Arbeit mit einem Minimaleinkommen nachgehen werde).
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() Ich hoffe, dass die Einblicke, die sie zu meiner Filmarbeiten erhalten, genügen, um sich die Praxis meines selbständigen Tuns vorzustellen; doch will ich hier noch kurz schildern, was sich in den letzten Jahren konkret getan hat:
2010/11 Recherchen und Drehvorlage zum Film «Die eigenen Angelegenheiten», der sich nicht finanzieren liess.
2011/12 Recherchen und Drehvorlage zum Projekt „Unstillbares Feuer“, das dann nach Jahren zu einem Film mit dem Titel «Gute Tage» wurde.
Von Anfang 2012 bis Ende 2014 – also über drei Jahre hinweg - begleitete ich vier KünstlerInnen, die wegen einer Krankheit die Arbeitsweise aufgeben mussten, die sie über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatten und die nun einen Neuanfang gewagt hatten. In schwierigster Zeit war ich mit der Kamera dabei, erlebte mit ihnen Momente der Erschöpfung und immer wieder kleine Momente des Erfolgs. Der Titel «Gute Tage» beruht auf der Aussage einer Künstlerin, die im Film zu mir sagt, sie werde gleich von sich hören lassen, sobald sie wieder einen guten Tag habe.
Im Jahr 2016 fand der Film zu seiner definitiven Form und die Kontakte zu Verleih und Kinos begannen. Im Januar 2017 wird er an den Solothurner Filmtagen seine Uraufführung haben und im Laufe des Jahres ins Kino kommen.