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Chancen für schulschwächere Jugendliche
Die Berufswahl stellt hohe Ansprüche an die Jugendlichen. Um sie zu bewältigen, sind sie auf die Unterstützung von Eltern und Lehrpersonen angewiesen. Die Berufswahl sollte, wie Forschungen des Zentrums Lernen und Sozialisation der Pädagogischen Nordwestschweiz FHNW zeigen, stärker als bisher das soziale Umfeld der Jugendlichen einbeziehen. Dadurch können auch Jugendliche mit mässigen Schulleistungen eine Berufswahl treffen, die sie als passend erleben. Um diese Prozesse theoretisch zu fassen, führte das Zentrum unter der Leitung von Markus Neuenschwander diverse Forschungsprojekte durch. Sie führten zur Theorie der Berufswahl als Sozialisationsprozess, die sich in Längsschnittuntersuchungen bewährte – und der Buchpublikation «Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt», die open access Im Internet zugänglich ist.
Gängige Theorien der Berufswahl beschreiben das Berufswahlgeschehen insgesamt eher zu individualistisch und zu statisch.
Markus Neuenschwander, in Ihren Forschungen gelangen Sie zum Ergebnis, dass klassische Theorien der Berufsfindung die Berufswahl nur unzureichend beschreiben. Zunächst: Welche Theorien meinen Sie?
Markus Neuenschwander: Klassische Theorien der Berufswahl sind zum Beispiel das Interessenmodell von Holland, das entwicklungstheoretische Modell von Super oder das Entscheidungsmodell von Janis und Mann. Sie alle beschreiben das Berufswahlgeschehen insgesamt eher individualistisch und statisch und führen zur Vorstellung, wonach Jugendliche sich nur möglichst intensiv mit der eigenen Identität beschäftigen und viele Berufe erkunden müssen, um einen passenden Beruf zu finden. Empirisch lässt sich diese Sicht nicht stützen: Es gibt auf Basis dieser Theorien kaum Studien, die gute Vorhersagen für die Wahl eines Berufes machen. Wir haben diese Ansätze selber auch evaluiert. Zum Beispiel suchten wir auf Grundlage der Kurzversion des Allgemeinen Interessen-Struktur-Tests (AIST-R) von Bergmann und Eder nach Korrelationen zwischen Interessen und gewählten Berufen. Es gibt zwar solche Korrelationen, aber nicht in einem befriedigenden Ausmass. Wegen der grossen Schwierigkeiten, die Berufswahl vorherzusagen, sind manche Autoren zur Auffassung gelangt, Berufswahl erfolge im Grunde zufällig.
Sie haben die Berufswahl darum schon vor einigen Jahren als Sozialisierungsprozess beschrieben. Können Sie dieses Konzept erläutern?
Das Konzept der Berufswahl als Sozialisierungsprozess ist eine Weiterführung des sozial-kognitiven Modells von Robert Lent. Es trägt der empirisch belegten, hohen Bedeutung des sozialen Umfeldes der Jugendlichen während der Berufswahl Rechnung – Eltern, Lehrerinnen, Geschwister, Nachbarn, Peers usw. Wir gehen dabei von der Vorstellung aus, dass Jugendliche aufgrund individueller Merkmale wie Fähigkeiten, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, Interessen, Geschlecht, Migrationshintergrund und anderen Faktoren Berufswünsche oder berufliche Erwartungen entwickeln, die sie dann in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen und anhand von praktischen Erfahrungen etwa in der Schnupperlehre oder Praktika überprüfen. Um dieses Modell zu testen, haben wir beispielsweise nach beruflichen Vorbildern gefragt – also den Tätigkeiten von Personen wie Eltern, Nachbarn oder Verwandten, die Jugendliche als ihr Vorbild bezeichnen. Es zeigte sich, dass die Berufsfelder der beiden wichtigsten Vorbilder in etwa 69 Prozent der Fälle mit den Berufsfeldern der Berufswünsche der Jugendlichen übereinstimmen. Und in 53 Prozent der Fälle korrespondieren sie dann auch mit den tatsächlich gewählten Lehrberufen. Über die beruflichen Vorbilder lässt sich also besser als über deklarierte Interessen oder schulische Leistungen vorhersagen, welchen Beruf ein Jugendlicher wählt. Die Berufsfelder der Vorbilder, der Interessentyp und die Berufsfelder der gewählten Schnupperlehre in Kombination erlaubt eine sehr gute Vorhersage des gewählten Berufsfelds. Jugendliche scheinen sich in hohem Masse mit den Berufen ihrer beruflichen Vorbilder auseinanderzusetzen, auch wenn sie bei der Wahl des Berufs von den Berufen der Vorbilder abweichen können. Sie strukturieren dabei das weite Feld der beruflichen Möglichkeiten vor. Wir konnten zudem zeigen, dass sich das gewählte kognitive Anforderungsniveau der nachobligatorischen Bildung am besten über die Leistungserwartungen der Eltern und Lehrpersonen im 5. Schuljahr voraussagen lässt – besser noch als über die effektiven Leistungen der Jugendlichen in Deutsch und Mathematik. Beide Befunde belegen die hohe Bedeutung des Austauschs der Jugendlichen mit ihrem Umfeld. Jugendliche, die von Bezugspersonen unterstützt werden, sind bei ihrer Berufswahl eher erfolgreich.
Von einer erfolgreichen Berufswahl würde ich dann sprechen, wenn Jugendliche in ihrer Entscheidung sicher sind und wenn sie eine hohe Passung zwischen sich und dem gewählten Beruf wahrnehmen.
Was heisst denn «erfolgreiche» Berufswahl?
Berufswahl hat erstens eine horizontale, inhaltliche Dimension: Sie beschreibt, in welchem Berufsfeld Jugendliche nach einer Lehrstelle suchen. In unseren Operationalisierungen gehen wir mit Holland von sechs Interessenfeldern (RIASEC) aus, die auch die Berufswelt strukturieren. Diese Berufsfelder können gemäss anderen Klassifikationen auch feiner strukturiert werden. Sie hat zweitens eine vertikale Dimension, in der sich Jugendliche auf ein bestimmtes Anforderungsniveau (Gymnasium, berufliche Grundbildung mit Berufsmatura, berufliche Grundbildung ohne Berufsmatura, Anforderungen der einzelnen beruflichen Grundbildungen) festlegen. Diese Dimension lässt sich recht gut über die Kompetenzen der Jugendlichen voraussagen: Je höher diese sind, desto eher entscheiden sie sich für einen anspruchsvolleren Bildungsweg. Eine dritte Dimension bildet die subjektive Überzeugung der Jugendlichen, ob sie die richtige Wahl getroffen haben. Von einer erfolgreichen Berufswahl würde ich dann sprechen, wenn Jugendliche in ihrer Entscheidung sicher sind und wenn sie eine hohe Passung zwischen sich und dem gewählten Beruf wahrnehmen. Jugendliche mit einer hohen wahrgenommenen Passung zeigen in der beruflichen Grundbildung bessere Leistungen, sind zufriedener, wechseln seltener den Beruf und sind weniger von Arbeitslosigkeit betroffen, wie Ergebnisse aus unserem FASE B Projekt belegen. Aus diesem Grund muss das soziale Umfeld der Jugendlichen stärker in die Theorie des Berufswahlprozesses und damit in die unterstützenden Massnahmen durch die Berufsberatung und den Berufswahlunterricht einbezogen werden. Autoren wie Holland eröffnen dem sozialen Umfeld der Jugendlichen demgegenüber kaum Handlungsoptionen.
Bleiben wir bei der Dimension erlebte Passung: Wie kommt sie zustande?
Wahrgenommene Passung lässt sich über die Übereinstimmung zwischen dem Beruf und den wahrgenommenen Interessen und Fähigkeiten operationalisieren. Wir können zeigen, dass die antizipierte Passung von Jugendlichen am Ende des 9. Schuljahres die Passungswahrnehmung sechs Monate nach Eintritt in die berufliche Grundbildung gut vorhersagt. Das belegen Ergebnisse aus unserem SOLE Projekt. Offenbar basiert die Berufswahl oft auf einer so guten Grundlage, dass sie sich bewährt, auch wenn es gelegentlich zu Lehrvertragsauflösungen im 1. Ausbildungsjahr kommt.
Im Rahmen des Forschungsprojektes Wirkungen der Selektion (WiSel), das vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung Innovation finanziert wird, konnten wir zeigen, dass die schulischen Leistungen von Jugendlichen mit der Passungswahrnehmung nicht zusammenhängen. Das bedeutet, dass Jugendliche unabhängig von guten oder schlechten Leistungen eine passende berufliche Grundbildung finden. Wie kann man dies erklären? Wir können zeigen, dass Jugendliche, die intensiv im Berufswahlprozess explorieren, den Nachteil schlechter schulischer Leistungen kompensieren und dadurch eine passende berufliche Grundbildung finden. Bei Jugendlichen mit hohen schulischen Leistungen hingegen korreliert die Intensität der Exploration nicht mit hoher Passungswahrnehmung. Hier ist die Selbstwirksamkeitsüberzeugung zentral. Jugendliche mit guten Leistungen, die an ihre Wirkungen glauben, können eine passende berufliche Grundbildung finden. Ich finde das interessant, weil es einen Weg zeigt, wie Jugendliche Nachteile im Berufswahlprozess kompensieren können und doch einen passenden Beruf finden. Obwohl also Jugendliche mit guten schulischen Leistungen beim Übergang in die Sekundarstufe II mehr Berufswahloptionen haben als Jugendliche mit schlechten Leistungen, finden sie nicht öfter eine für sie passende Ausbildung. Darin steckt ein Potenzial – und eröffnet Schulschwächeren Perspektiven.
Obwohl Jugendliche mit guten schulischen Leistungen beim Übergang in die Sekundarstufe II mehr Berufswahloptionen haben als Jugendliche mit schlechten Leistungen, finden sie nicht öfter eine für sie passende Ausbildung.
Welche Faktoren sind es, die die Berufswahl der Jugendlichen prägen?
Diese Determinanten sind für die genannten drei Dimensionen der Berufswahl – Berufsfeld, Anforderungen und subjektive Passung – unterschiedlich. Ein einheitliches, vorhersagekräftes Modell zu finden, scheint derzeit nicht möglich, wie unsere Ergebnisse zeigen. So erklären Vorbilder, Interessen und Schnupperlehren die Wahl des Berufsfelds, aber nicht die Anforderungen der gewählten beruflichen Grundbildung oder die Passungswahrnehmung. D.h. es sind verschiedene Determinanten, die die Wahl des Ausbildungsfelds (Inhalt), des Anforderungsniveaus und der Passungswahrnehmung erklären. In der Praxis durchdringen sich diese Prozesse allerdings komplex.
Bleiben wir bei den gewählten Anforderungen: Entscheiden schulische Leistungen über die Wahl dieser Anforderungsniveaus?
Die gewählten Anforderungen lassen sich über die schulischen Leistungen in Deutsch und Mathematik in der 5. Klasse tatsächlich recht gut vorhersagen, wobei die Leistungen im Fach Deutsch die besten Prognosen erlauben. Das ist in vielen Ländern anders. In der Schweiz ist die Selektion in das Kurzzeitgymnasium offenbar sprachlastiger als im Ausland. Der Effekt der Leistungen in Deutsch und Mathematik im 5. Schuljahr kann aber durch die Leistungserwartungen von Lehrpersonen und Eltern im Sinne einer statistischen Mediation erklärt werden. Leistungserwartungen von Lehrpersonen und Eltern sind teilweise selbsterfüllend und erklären die Anforderungen des gewählten Sek II-Ausbildungsgangs. Wichtig sind aber auch der sozioökonomische Status der Eltern und das Geschlecht. Mädchen mit höherem sozioökonomischem Status treten häufiger ins Gymnasium über. Das sind Beispiele, die den grossen Einfluss von Eltern und Lehrpersonen auf die Berufswahl zeigen. Daher nennen Jugendliche ihre Eltern als die wichtigsten Ansprechpersonen im Berufswahlprozess.
Ein Konzept des Berufswahlunterrichts sollte sich expliziter als bisher auf die empirisch belegte Wirksamkeit von Aktivitäten abstützten.
Wie sollen die Theorien der Berufswahl erweitert werden?
Ich glaube, dass Bezugspersonen besser in Berufswahltheorien integriert werden sollten als es klassische Berufswahltheorien tun und auch im Kooperationsmodell von Egloff der Fall ist. So beeinflussen Eltern die Berufswahl ihrer Kinder auf vielfältige Weise. Beispiele:
1. Sie hegen bestimmte, vielleicht unausgesprochene Erwartungen an ihre Kinder.
2. Sie pflegen einen bestimmten Erziehungsstil; ein autoritativer Erziehungsstil (Mischung von Struktur und Zuwendung / Wärme) bildet eine gute Voraussetzung für eine intensive Berufswahl, die letztlich zu einer höheren Passungswahrnehmung führen.
3. Sie geben Rückmeldungen auf Ideen und Wünsche ihrer Kinder; die Art, wie sie das tun, steuert die Intensität und das Ergebnis der Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihrer Berufswahl.
4. Sie sind mit ihrem eigenen Verhalten und den gewählten Berufen Vorbild, das von Jugendlichen nachgeahmt wird.
Und welche Konsequenzen sehen Sie für den Berufswahlunterricht?
Meines Erachtens steht die Konzeption des Berufswahlunterrichts noch am Anfang. Es gibt gewisse Ansätze einer Fachdidaktik der Berufswahl; mich überzeugen auch die Lehrmittel von Egloff, Jungo oder Schmid noch nicht vollständig, weil sie vor allem auf berufskundliche Exploration abstellen und die sozialen Unterstützung durch Bezugspersonen zu wenig differenziert einbeziehen. Beispielsweise könnten die vier genannten Punkte (Erwartungen, Erziehungsstil, Rückmeldungen, Vorbild) in verschiedenen Facetten eingearbeitet werden.
Mit dem Lehrplan 21 erhält das Thema eine höhere Bedeutung, die uns auch in der Lehrerausbildung stärker in die Pflicht nimmt. Ein Konzept des Berufswahlunterrichts sollte sich expliziter als bisher auf die empirisch belegte Wirksamkeit von Aktivitäten abstützten. Um sie zu fassen, ist es nützlich, dass man Aktivitäten auf Schulebene, auf Unterrichtsebene und auf individueller Ebene unterscheidet. Auf Schulebene würde ich Konzepte zur beruflichen Orientierung hilfreich finden, wie sie im Kanton Bern bereits existieren. So könnten grosse Schulen Ansprechpersonen zur Berufswahl bestimmen, die als Instanzen zwischen Lehrpersonen und Berufsberatenden agieren. Klassenlehrer sind oft nicht spezifisch ausgebildet für Berufswahlfragen, aber sehr nah an den Jugendlichen, während die Berufsberatenden zwar gut ausgebildet, aber weiter weg von den Jugendlichen sind. Weiter wären definierte Massnahmen für Jugendliche in besonderen Situationen sinnvoll. Sie sollten etwa dann greifen, wenn diese am Anfang des neunten Schuljahres noch keine Ahnung haben, welchen Beruf sie ergreifen könnten oder wenn sie keinerlei elterliche Unterstützung erhalten. Wir haben datengestützt eine Checkliste1 zur Identifikation von Risikosituationen publiziert, so dass Jugendliche frühzeitig identifiziert werden können, die besondere Unterstützung brauchen. Weiterbildung von Lehrpersonen und eine bessere Vernetzung mit den Betrieben sind weitere Massnahmen auf Schulebene. Auf Unterrichtsebene sehe ich Möglichkeiten innerhalb und ausserhalb des Klassenzimmers, wie man sie heute schon pflegt – das Arbeiten mit Lehrmitteln wie dem Berufswahltagebuch von Egloff/Jungo oder Besuche in Betrieben oder von Berufsmessen. Wichtiger noch als die Schul- und die Unterrichtsebene ist schliesslich die individuelle Ebene – das Coaching von einzelnen Schüler/innen, die ausserhalb der Schule zu wenig Unterstützung erhalten. Individuelles Coaching oder Begleitung ist nach unseren Daten die wirksamste Art der Intervention für eine verbesserte Passungswahrnehmung und das Finden einer qualifizierenden Ausbildung auf individueller Ebene. Vielleicht sollten wir sogar, wenn wir ein Konzept für die Berufswahl entwickeln, diese individuelle Begleitung von Jugendlichen in schwierigen Situationen nicht nur mitdenken, sondern zum Zentrum machen.
Vielleicht sollten wir, wenn wir ein Konzept für die Berufswahl entwickeln, die individuelle Begleitung von Jugendlichen in schwierigen Situationen nicht nur mitdenken, sondern zum Zentrum machen.
Schon heute werden Jugendliche im Rahmen des Case Mangagements Berufsbildung individuell begleitet.
Das ist vom Ansatz her gut. Aber das Case Management Berufsbildung erfolgt eher administrativ und schliesst in vielen Kantonen die Berufswahl nicht mit ein. Zudem erfasst das Case Management Berufsbildung nicht alle Jugendlichen, die wir erreichen sollten. Gefährdete Jugendliche brauchen während der Berufswahl grosse Nähe, niederschwellige Erreichbarkeit.
Was bewirkt ein guter Berufswahlunterricht?
Gemäss Lehrplan soll ein guter Berufsschulunterricht die Jugendlichen unterstützen, sich mit der Berufswahl auseinanderzusetzen und nach dem 9. Schuljahr eine qualifizierende Anschlusslösung zu finden. Die Evaluation der aktuellen Praxis zeigt, dass Lehrpersonen zu dieser Auseinandersetzung punktuell beitragen. Es finden sich aber keine direkten Effekte der untersuchten Aspekte des Berufswahlunterrichts auf die Passungswahrnehmung, auf den Inhalt des gewählten Berufs oder auf das Anforderungsniveau der Sek II-Ausbildung. Weil die Zeitgefässe im Bereich der Berufsorientierung mit dem Lehrplan 21 in vielen Kantonen wachsen, dürften auch stärkere unterstützende Effekte auftreten, wenn die Schulen diese Zeitgefässe mit wirksamen Methoden nutzen. Nach unseren Daten sollte der Berufswahlunterricht nicht als Berufskunde konzipiert werden; die Zeit sollte vielmehr für die individuelle Begleitung von gefährdeten Jugendlichen investiert werden.
In vielen Berufen können knappe schulische Leistungen durch überfachliche Kompetenzen, Einstellungen und Aktivitäten erstaunlich gut kompensiert werden.
Bildungsverantwortliche vieler Firmen orientieren sich bei der Auswahl von Lernenden an deren Schulleistungen. Ist das vernünftig?
Dieses Selektionsverhalten beobachten wir vor allem in grösseren Firmen und bei anspruchsvollen Berufen. Bezogen auf den schulischen Teil einer beruflichen Grundbildung macht es durchaus Sinn: Schulische Leistungen sind ein guter Prädiktor, dass die berufsschulischen Anforderungen erfüllt werden, vor allem in Berufen, deren Curricula denen der Sekundarstufe I gleichen. Sie erklären aber nur mangelhaft das Bestehen der betrieblichen Anforderungen. Hier sind andere Kriterien wichtig wie Selbstregulation, Interesse und Zuverlässigkeit. In vielen Berufen können knappe schulische Leistungen durch überfachliche Kompetenzen, Einstellungen und Aktivitäten erstaunlich gut kompensiert werden.
Wieviel Sinn machen dann die schulischen Anforderungsprofile, die im Rahmen eines Projekts des Gewerbeverbandes und der EDK ermittelt worden sind?
Ihr Vorteil ist, dass sie innerschulische Massnahmen aufzeigen, wenn die Anforderungen in einem Wunschberuf nicht erfüllt werden. Aber eben: Anhand der Kompetenzen in Schulfächern lässt sich nur eingeschränkt voraussagen, wer die Ausbildung in einem bestimmten Beruf erfolgreich abschliessen wird. Die Systematik der Berufe folgt einer anderen Logik als die Systematik der Fächer in der Volksschule. Viele Kompetenzen, die in den Berufen wichtig sind, findet man in den Zeugnissen nicht. Entsprechend orientieren sich die Berufsbildner bei der Vergabe von Lehrstellen eher an beruflichen Kriterien und weniger an schulischen.
Das Zentrum Lernen und Sozialisation (www.fhnw.ch/ph/zls) unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Neuenschwander untersucht das Aufwachsen in Kindergarten, Schule und Berufsbildung. Anlässlich der Tagung «Schultransitionen gestalten: Förderung – Chancen verteilen – Inklusion» vom 30. Januar 2018 wurde unter anderem auch das neue Buch zu «Bildungsverläufen von der Einschulung in den ersten Arbeitsmarkt» vorgestellt. Das Buch ist kostenlos im Internet zu beziehen. Neuenschwander, M. P., & Nägele, C. (Hrsg.). (2017). Bildungsverläufe von der Einschulung in den ersten Arbeitsmarkt: Theoretische Ansätze - empirische Befunde - Beispiele. Wiesbaden: Springer VS.
1 Neuenschwander, M. P., Gerber, M., Frank, N., & Rottermann, B. (2012). Schule und Beruf: Wege in die Erwerbstätigkeit. Wiesbaden: VS-Verlag.