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Nur sehr betagte Briten erinnern sich noch an eine Zeit vor ihr. Ihre Outfits, Hüte und ihr Schmuck füllen Bildbände, die Liste der Biografen ist endlos und prominent. Es gibt ellenlange Register ihrer Hoflieferanten - vom Schornsteinfeger bis zum Juwelier. Viele glauben, viel über die Queen zu wissen, obwohl sie in ihrem ganzen Leben kein einziges offizielles Interview gegeben hat. Wer sich in Grossbritannien als Medienvertreter mit der Queen befasst, wird «Royal Watcher» (königlicher Beobachter) genannt. Sprachlich gleich dem «Birdwatcher» (Vogelbeobachter). Denn wer die Queen verstehen will, muss sie beobachten. Ihre kleinsten Gesten, ihre Rituale.
Eine Dokumentation des Senders ITV zum 90. Geburtstag gilt als Sensation. Kamerateams begleiteten die Queen. Die privateste Szene: bei ihren Pferden, die sie mit Karotten füttert, eines davon einen «ungezogenen Buben» und ein anderes «Primaballerina» nennt. Keine Fragen an die Queen - dafür äussern sich andere Mitglieder. Schwiegerenkelin Kate, 34, verrät, dass ihr Sohn George, 2, die Königin «Gan-Gan» nennt, dass die Queen «ganz vernarrt» in ihre Urenkel sei und stets kleine Geschenke für sie parat habe. Enkeltochter Eugenie, 26, berichtet, die Queen und Prinzgemahl Philip, 94, seien am glücklichsten in ihrem schottischen Schloss Balmoral, weil sie dort «genug Raum, zu atmen und sich zu bewegen, hätten». Und Schwiegertochter Camilla, 68, lobt die Fitness der Königin: «Wer reitet denn noch mit 90 Jahren? Das ist doch unglaublich.» Sohn Charles, 67, der Intellektuelle in der Familie, beschreibt als prägenden Wesenszug seiner Mutter ihre «scheue Entschlusskraft», und Prinz Harry, 31, sagt: «Ich hab sie mal gefragt, ob sie ein Geheimnis hat. Sie hat sich geweigert, es mir zu verraten.»
Philip war zu deutsch
Typisch Queen. Mit elf Jahren wurde sie, quasi durch einen Unfall der Geschichte, Kronprinzessin. Ihr Onkel Edward VIII. (1894-1972) dankte aus Liebe zur zweifach geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson (1896-1986) ab. Auf einmal regierte ihr Vater, König George VI. - und «Lilibeth» stellte damit ihr Leben in den Dienst der Krone. Mit 25 Jahren wurde sie nach dem frühen und unerwarteten Tod ihres Vaters Königin. Schon davor hatte sie private Entschlüsse gefasst, die sie nie revidierte: Mit 13 Jahren verliebte sie sich in den feschen Marineoffizier Philip Mountbatten, zwar von Geburt ein Prinz von Griechenland, doch verarmt und für den Geschmack der Royals und vieler Landsleute mit zu viel deutschem Blut und zu viel deutscher Verwandtschaft. Elizabeth setzte sich durch. Seit 1947 ist Philip ihr Ehemann. Länger hält sie nur ihrem Land die Treue - und ihren Hunden der Rasse Pembroke Welsh Corgi. Der erste von ihnen, Dookie, kam 1933 ins Haus.
Privat ist die Königin anspruchslos, misstraut allem, was Verschwendung sein könnte. Generationen von Palastbediensteten ertappten sie dabei, wie sie Lampen ausschaltete, die ihres Erachtens unnötig brannten. Auch beim Bankett: Ihr wird nach Protokoll als Erster serviert - und sobald sie ihren Gang beendet hat, werden auch allen anderen die Teller abgenommen. Elizabeth isst stets betont langsam - um den protokollarisch bedeutungsloseren Gästen zu ermöglichen, ebenfalls ihre Teller zu leeren und obendrein kein Essen zu verschwenden. Darüber hat die Queen nie gesprochen, aber es ist ein sympathischer Wesenszug einer Frau, die immer die perfekte Lady ist.
Die Queen liebt es einfach
Klare Regeln: Irgendwann ist Feierabend und Wochenende. Wenn es nach Schloss Sandringham in Norfolk geht, steht schon Tage vorher fest, um wie viel Uhr der Vorortszug genommen wird. Das Leben dort ist erstaunlich bodenständig. Im Wohnzimmer, etwa 60 Quadratmeter gross, dominieren Schreibtisch und Sitzgruppe - keine Antiquitäten, solide Möbel aus den 50ern und 60ern - ein grosser Fernsehapparat, ein etwas antiquiert wirkender Radio-Weltempfänger, Familienfotos, Zeitungen und ein Tisch, auf dem die Königin und ihr Mann oft Puzzles legen. Sie schaut gerne Serien wie «Downton Abbey» und «Inspector Barnaby». Deren früherer Hauptdarsteller John Nettles, 72, staunte auf einer Gartenparty einmal über die Queen: «Sie kannte sich erstaunlich gut aus. Sie sieht wohl mehr fern, als ich je vermutet hätte.» Auf dem privaten Tisch ist Hausmannskost und Selbstgemachtes gerne gesehen. Kate sammelte Pluspunkte, als sie der Königin zu Weihnachten selbst gekochtes Chutney schenkte. Die von der Queen bevorzugten Getränke - ob Twining’s Tee, Famous-Grouse-Whisky oder Dubonnet-Likör (bei Hof gemixt mit Gordon’s Dry Gin) - gibts auch in vielen Supermärkten.
Bei Terminen wird sie stets in Rolls-Royce oder Bentley-Karossen vorgefahren, privat chauffiert sie selbst kleinere Jaguar-Modelle, Ford Scorpio oder Rover-Geländewagen. Meist fährt Philip, früher sehr rasant. Einmal zog die Queen ängstlich Luft durch die Zähne, als Philip schneidig durch eine Kurve raste. Der schimpfte: «Noch einmal, und du fliegst raus.» Die Queen schwieg laut Philips Onkel Louis Mountbatten (1900-1979) für den Rest der Fahrt.
Daheim hat Philip die Hosen an
Seit 69 Jahren hält die Ehe der Königin und ihres Prinzgemahls. Für Philip, einen alten Haudegen, war es sicher gewöhnungsbedürftig, öffentlich stets hinter seiner Gattin zu gehen. Stellenbeschreibung ganz klar: der «Mann an ihrer Seite». Privat hatte er aber immer das Sagen. Nicht nur gut für Philips Ego, sondern auch clever: So war er es, der Elizabeths Schwester Margaret (1930-2002) die Ehe mit dem geschiedenen Kriegshelden Peter Townsend (1914-1995) verbot. Danach grollte Margaret auf ihn, nicht auf die Queen.
Philip war es auch, der nach dem Scheitern der Ehe von Charles und Diana (1961-1997) auch gleich noch die Scheidung von Sohn Andrew, 56, und seiner verschuldeten und mit anderen Herren in peinlichen Situationen fotografierten Frau Fergie, 55, durchpeitschte. Für seine derben Kommentare ist Philip bekannt. Sie wirken wie die dunkle Seite des Humors des Ehepaars Windsor-Mountbatten. Die Queen selbst beschränkt sich auf einen liebenswerten damenhaften Humor. Aber aus ihrem engsten Kreise wird ihr Talent gerühmt, prominente Persönlichkeiten - vorzugsweise Politiker - zu imitieren.
Das zeigt: Die Queen beobachtet, obwohl es ihr Status nicht erfordern würde. Sie interessiert sich für andere Menschen, obwohl sie seit Jahrzehnten Mittelpunkt der wohl imposantesten Adelsshow Europas ist. Nach etwas turbulenteren frühen Ehejahren, in denen Gatte Philip auch Interesse an anderen Damen, etwa am Hollywood-Star Merle Oberon (1911-1979), gezeigt haben soll und das Ehepaar lange Zeit häufig in getrennten Gemächern nächtigte, teilen sich Elizabeth und Philip wieder häufiger das Schlafzimmer. Darüber sprechen sie nicht. Natürlich. Aber es gibt auch keinen Grund, das zu dementieren. Motto: Über die offizielle Queen darf jeder alles wissen, über die private Queen wenige so wenig wie möglich. Ein bewährtes Modell - seit 90 Jahren.
Der Autor ist Royal-Experte und stv. Chefredaktor der deutschen Magazine «Frau im Spiegel» und «Royal».