Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03245.jsonl.gz/1200

Wer regelmässig die Leserbriefe in Schweizer Zeitungen liest, kennt die Unterschrift «Pascal Merz, Sursee». Kein Wunder: 2010 und 2011 wurden unter diesem Namen je 200 Leserbriefe abgedruckt. Der Vielschreiber erzählt der MEDIENWOCHE, wie man einen Leserbrief schreibt, der abgedruckt wird.
Vielschreiber unter den Leserbriefschreibern an Schweizer Zeitungen gibt es einige, zum Beispiel «Heinrich Frei, Zürich» (2011 über 70 abgedruckte Leserbriefe) oder «Walter Egli, Zürich» (2011 über 60). An «Pascal Merz, Sursee» kommen sie aber nicht heran. Bis vor kurzem hatte Merz zwei bis drei Sonntagszeitungen, die Weltwoche (vor der Ära Roger Köppel) und immer eine Tageszeitung abonniert. Doch auch wenn seine Leserbriefproduktion ungebrochen hoch ist, fehlt ihm heute die Zeit für so viel Papier. Es gibt ausserdem ein Problem mit der Qualität: «Falsche Leads. Falsche oder falsch benannte Bilder. Faktische Fehler bei Sportresultaten. Oder eine Legende vorne weist nicht auf die Seite hin. Das hat sicher auch mit dem Zeitdruck zu tun», sagt er nachsichtig. Es verbleiben zwei abonnierte Printpublikationen: die «Sonntagszeitung» und die «Neue Luzerner Zeitung» («die haben wir wegen dem Lokalen abonniert, sie hat aufgrund der fehlenden Konkurrenz leider auf der ganzen Linie an Qualität eingebüsst»). Andere Publikationen werden je nach Bedarf am Kiosk gekauft.
Merz lebt mit seiner Freundin zusammen in Sursee, aufgewachsen ist er in einem Einfamilienhaus auf dem Land. Er spricht in klaren, kurzen Sätzen, die von langen Pausen getrennt sind. Hetzen lässt er sich bestimmt nicht. Manchmal beginnt er unvermittelt zu schmunzeln, was sehr sympathisch wirkt. Am linken Handgelenk trägt er zwei Bänder, ein weisses und ein rotes, auf dem «Hop Suisse», «Hopp Schwiiz» steht.
«Politisch stehe ich am rechten Rand …» – ich horche gespannt auf im Bahnhofbuffet Olten, wo wir uns per gutschweizerischem Kompromiss treffen – «… der SP.» Nun ja. Doch, doch: «Ich nehme auch Positionen ein, die nicht links sind. Ich bin zum Beispiel für die Privatisierung von Unternehmen wie der Swisscom oder den Kantonalbanken. Oder bei den Schulden: Wichtig ist ein ausgeglichener Staatshaushalt. Da geht es um Generationen nach uns.» Auf der schwarzen Windjacke steckt ein winziger, roter SP-Pin. Ja, er habe sich für die Kantonsratswahlen im Kanton Luzern aufstellen lassen, sei dann aber nicht gewählt worden. Um seine Unabhängigkeit zu bewahren, sei er gar nie in die Partei eingetreten: «Aktuell bin ich SP-Sympathisant, aber noch nicht Parteimitglied.»
Auch wenn nicht immer der Eindruck entsteht – Merz kann sich durchaus positionieren: Für den Gegenvorschlag zur SVP-Ausschaffungsinitiative. Für eine Finanzmarkttransaktionssteuer. Für die Abschaltung des AKW Mühleberg. Für mehr Teilzeitarbeitsplätze für Männer. Für einen teamfähigen Bundesrat. Meistens aber wählt er das Sowohl-Als-Auch. Wie Buddha unter dem Bodhibaum ruht er in sich, ist so freundlich, sachlich und ausgewogen wie seine Kommentare – man könnte auch sagen: nichtssagend. Das müsste man dann aber auch dem ZEN-Buddhismus vorwerfen. Oder man müsste dem Sempachersee unterstellen, er sei langweilig. Von rechts komme oft die Kritik, er schreibe im Mainstream, sagt er. Und beginnt zu schmunzeln.
Bei manchen seiner Sätze hat man tatsächlich den Eindruck, sie irgendwo schon mal gelesen zu haben:
«Wer über Christian Constantin und den FC Sion den Kopf schüttelt, der dürfte bei Bulat Tschagajew wohl einfach nur noch sprachlos sein.»
«Man kann Alex Frei gut finden oder nicht. Doch auch er hat einen gewissen Respekt verdient.»
«Die Opposition zu Berlusconi scheitert schon daran, zusammen gegen etwas zu sein.»
«Ich missgönne den Superreichen ihre Vermögen nicht, mein Neid hält sich in Grenzen, doch ich mache mir Sorgen um das stabile Fundament der Schweiz.»
«Enthaltsamkeit und Treue zu predigen, ist sicher nicht falsch. Dabei die herrschende Realität zu vergessen, aber schon.»
«Aktuell sterben wieder sehr viele Menschen an Hunger. Dies scheint uns jedoch nur bedingt zu interessieren.»
Ich frage Merz nach dem Rezept, um über 200 Leserbriefe im Jahr abgedruckt zu kriegen. Er nennt vier Punkte:
1. Positionieren, aber sachlich.
2. Auf einen konkreten Artikel beziehen.
3. Je kürzer, desto besser (1100 bis 3000 Zeichen. Es ist eine Kunst, in wenigen Sätzen viel auszusagen).
4. Schweizer Themen liefern (wenn man über das Ausland schreibt, ist man noch eher ein Exot, es sei denn, es geht um die EU).
Wissen muss man dazu, dass Merz seine Briefe oft an mehrere Redaktionen schickt. Er schreibt sie meistens im Zug zur Arbeit, und zwar handschriftlich in ein Notizbuch. Abends dann tippt er sie ab und verschickt sie per E-Mail.
Publizistische Feuerwerke des vernunftgeleiteten und ausgewogenen Kompromisses könnte man die Werke von Merz nennen – was man sich nur mit einiger Anstrengung irgendwie aufregend vorstellen kann. Als Leitartikler einer nicht zu extremen Zeitung würde Merz mit Sicherheit einen guten Job machen. Doch lieber ist er «Leiter Akquisition» bei den Caritas-Märkten. Und schreibt Leserbriefe in seiner Freizeit.
Das Gespräch mit Pascal Merz wurde am 8. November 2011 im Bahnhofbuffet Olten geführt.