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Kürzlich sass ich im Zug. Da setzten sich ein kleiner Junge und seine Eltern ins Nebenabteil. "Ich will etwas abzeichnen!", sagte der Junge. "Aber etwas Einfaches", forderten die Eltern und suchten ihm sogleich ein Motiv aus einer Zeitschrift. Eine Weile kritzelte der Junge fröhlich vor sich hin, hielt die Zeichnung ab und zu mal ans Fenster, damit man beim durchscheinenden Licht erkennen konnte, ob die Zeichnung stimmte. Dann rief er immer wieder aus: "Das stimmt nicht! Der Arm ist viel zu kurz!" Seine Mutter versuchte, ihm zu erklären, dass bei einem gewissen Blickwinkel die Arme unterschiedlich lang erscheinen (Stichwort: Perspektive). Der Junge beharrte aber darauf: "Aber die beiden Arme sind doch gleich lang!"
Ich schaltete mich schliesslich gegen den Schluss ein und sagte ihnen, dass Zeichnen ja auch etwas Schwieriges und ich auch immer am Üben sei. Im Nachhinein sehe ich aber, dass dem Jungen das klassische Problem unterlaufen ist, gegen das wir alle kämpfen: Wir schauen nicht richtig hin. Ein Tisch hat vier gleich lange Beine, sonst würde er ja nicht stehen. Aber von schräg oben sind eben nicht alle Beine gleich lang, wenn man das Bild vom dreidimensionalen Raum in einen zweidimensionalen zwängt.
Am Wochenende war ich nochmals im Naturmuseum und hab genau das geübt. Bienchen zeichnen. Wieder und wieder und wieder. Und irgendwann kann man die kleinen Pelzfliegerchen fast blind zeichnen. Das Beobachten fiel mir leicht, weil ich keine wirkliche Vorstellung im Kopf hatte, wie eine Biene auszusehen hat. Irgendwas mit Flügeln und ein paar Streifen um das Hinterteil. Und es sticht nicht so oft wie eine Wespe. Aber wenn man beobachtet, sieht man die feinen Härchen auf dem Körper und sogar an den Beinen, man sieht das dreieckige Gesicht, man sieht, dass sie mit den Beinen über die Fühler streifen, dass sie mit den Fühlern zueinander stehen und irgendetwas zu machen scheinen (ich stellte mir den Klatsch und Tratsch der Omis vor - muss aber natürlich nicht sein), man sieht die Form ihrer Beine und wie sie die Wabe hinauf klettern, ein Beinchen ums andere nach oben ziehend. Irgendwann sieht man sogar, dass sich auf dem Rücken runde Streifen befinden, während auf der unteren Seite eher keilförmige Streifen zu sehen sind, die mehr glänzen und weniger behaart sind. Man sieht, wie sie den Unterleib zwischen den Beinen tragen. Irgendwann ist einem klar: wenn die Biene nach oben hin an etwas hängt, wird ihr Unterleib etwas gekrümmt nach oben zeigen. Unsere Dozentin (Maria Arnold) hat uns am Anfang mal gesagt: wenn man dasselbe wieder und wieder zeichnet, lernt die Hand, wie es aussieht. Ich weiss nicht, ob es die Hand lernt oder das Gehirn - jedenfalls funktioniert es.
In der Informatik habe ich gelernt: Wenn man nur lange genug dran sitzt, hat man das Problem irgendwann gelöst. Das kann leider von fünf Minuten bis zu Stunden oder Tagen dauern. Aber jedes Problem ist irgendwie lösbar. Beim Zeichnen ist es genauso. Wenn man es nur oft genug wiederholt, lernt man es. So einfach ist das.
Das Bild mit den Bienen hat ungefähr 6h Arbeit gebraucht.