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Der Amerikaner Chuck Blazer hat als mächtiger FIFA-Funktionär Millionen für sich abgezweigt. Dann nahm ihn das FBI in die Mangel und machte ihn zum Kronzeugen.
Die US-Justiz hat zugeschlagen: Zwei Tage vor dem FIFA-Kongress in Zürich liess sie im Nobelhotel Baur au Lac durch das Bundesamt für Justiz und die Zürcher Kantonspolizei sechs Funktionäre des Weltfussballverbands verhaften. Sie stehen im Verdacht, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben. Die genauen Hintergründe sind noch unklar, doch die Ermittlungen dürften auf den Aussagen eines Mannes beruhen: Chuck Blazer.
Der 70-jährige Amerikaner wuchs in einfachen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Queens auf. Selber hat Charles Gordon Blazer nie aktiv Fussball gespielt, doch als Funktionär spielte er virtuos auf der Klaviatur der Macht – und des Geldes. Früh erkannte er das Potenzial im einstigen Fussball-Entwicklungsland USA, wo «Soccer» heute ein Boomsport ist. Diese Entwicklung ist auch ihm zu verdanken. Er selber kam dabei nicht zu kurz.
Sein Aufstieg verlief parallel zu jenem seines Weggefährten Jack Austin Warner, einem ehemaligen Schullehrer aus Trinidad und Tobago. Erstmals begegnet waren sie sich 1984 im Nord- und Mittelamerikaverband (CONCACAF). 1990 stürzten sie gemeinsam den damaligen CONCACAF-Präsidenten, einen Mexikaner. Warner wurde sein Nachfolger, Blazer Generalsekretär und damit Leiter des Tagesgeschäfts.
Innerhalb weniger Jahre gelang es dem «Duo infernale», den Umsatz des Kontinentalverbandes von 140'000 auf über 40 Millionen Dollar pro Jahr zu erhöhen. Haupteinnahmequelle waren die Fernsehrechte, wobei der lukrative US-Markt eine zentrale Rolle spielte. Sowohl Warner wie Blazer kassierten kräftig mit. Der Generalsekretär liess sich sogar vertraglich einen Anteil von zehn Prozent an den Einnahmen zusichern, woraus sich sein Übername «Mister 10 Prozent» ableitete. Ein Anwalt bezeichnete diesen Vertragspassus gegenüber Buzzfeed als «unwirklich».
Chuck Blazers Aufstieg im Weltfussball behinderte dies nicht. 1993 wurde er Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees. Jack Warner war ab 1997 FIFA-Vizepräsident. In dieser Funktion wurde er zu einem der treusten Mitstreiter und Stimmenbeschaffer von Sepp Blatter, der sich ein Jahr später zum FIFA-Boss wählen liess. In den folgenden Jahren tauchten immer wieder Vorwürfe wegen Korruption gegen Warner auf, ohne dass man ihm etwas nachweisen konnte.
Zum Bruch zwischen Warner und Blazer kam es 2010, bei der umstrittenen Vergabe der Fussball-WM 2022 an den Zwergstaat Katar. Er setzte sich unter anderem gegen die USA durch, für die Chuck Blazer getrommelt hatte. Umso konsternierter war er, als er herausfand, dass sein Kumpel Jack Warner seine Stimme an Katar verkauft und fast zwei Millionen Dollar kassiert haben soll. «Chuck war ziemlich empört und verletzt. Es war unvorstellbar, dass Warner nicht für die USA gestimmt hatte», sagte Kevin Payne, ehemaliger Präsident des US-Fussballklubs D.C. United, zu Buzzfeed.
Die Rache für den «Verrat» folgte ein Jahr später, als Sepp Blatter für eine vierte Amtszeit kandidierte. Gegen ihn trat Mohammed Bin Hammam aus Katar an, ein anderer langjähriger Gefolgsmann des Wallisers, der auf dessen Nachfolge spekulierte. Er verbündete sich mit Jack Warner, gemeinsam versuchten die beiden, Stimmen von Delegierten zu kaufen. Chuck Blazer verpfiff sie bei der FIFA. Warner musste von all seinen Ämtern zurücktreten, Bin Hammam wurde auf Lebenszeit gesperrt.
Zwei Jahre später musste auch Blazer den Hut nehmen. Die neue CONCACAF-Führung wollte den Verband «säubern» und den Generalsekretär loswerden. Blazer trat ab und wurde von der FIFA-Ethikkommission für jede Tätigkeit im Weltfussball gesperrt. Niemand ahnte, dass der New Yorker bereits seit 2011 mit der US-Bundespolizei FBI zusammenarbeitete. Sie hatte genug Material gesammelt, um «Mister 10 Prozent» wegen Korruption und Steuerhinterziehung hinter Gitter zu bringen. Um seine Haut zu retten, wurde Blazer zum Spitzel für die US-Justiz.
Im letzten Herbst wurde seine Rolle von der Zeitung New York Daily News enthüllt. Demnach soll Blazer an den Olympischen Spielen 2012 in London mehrere FIFA-Funktionäre mit einem Mikrofon ausgehorcht haben, das in einem Schlüsselanhänger versteckt war.
Die Zeitung schilderte auch den bizarren Lebensstil des Fussball-Bonzen. Er lebte in einem Appartement im New Yorker Trump Tower mit Blick auf den Central Park, für eine Monatsmiete von 18'000 Dollar. Eine zusätzliche Wohnung soll er eigens für seine Katzen gemietet haben. Äusserlich glich er mit seiner korpulenten Gestalt immer mehr Santa Claus, er liess sich sogar für eine Weihnachtskarte in entsprechenden Klamotten ablichten.
Was Chuck Blazer heute macht, ist unklar. Er soll unheilbar an Darmkrebs erkrankt sein. Für die FIFA spielt er eine ähnlich schicksalhafte Rolle wie der Whistleblower Bradley Birkenfeld für die Grossbank UBS. Er lieferte den Verband faktisch an die US-Justiz aus. Sepp Blatter soll deshalb seit 2011 nicht mehr in die USA gereist sein, obwohl gegen ihn offenbar nicht ermittelt wird. Blazers seltsame Geschichte biete eine «historische Gelegenheit», um die FIFA blosszustellen, schrieb der britische Guardian im letzten Herbst. Nun scheint sich dies zu bewahrheiten.
Lesetipp: Die US-Website Buzzfeed hat ein grosses und informatives Porträt über Chuck Blazer veröffentlicht.