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Was ist Weisheit?
Erhellender Impuls: Die Weisheit ist wieder salonfähig und Gegenstand der Wissenschaft
Das Wort Weisheit geht auf das altgermanische Wort wis, wise, das eigentlich "wissend" bedeutet, zurück. Auch im alten indischen Sanskrit ist diese Sprachwurzel im Wort vidya enthalten. Weisheit war die "einsichtsvolle Klugheit" und ein Weiser jemand, der darüber verfügte. Aristoteles sagt in seiner Metaphysik über die Weisheit, sie sei „Wissen von gewissen Prinzipien und Ursachen“ und in seiner Nikomanchischen Ethik bezeichnet er sie als eine Verstandestugend, die sich auf das Unveränderliche und Notwendige bezieht. Im Griechischen ist Sophia das Wort für Weisheit. So war Weisheit vor allem in der Antike, in der alttestamentarischen Welt und im alten Indien ein hohes Ideal. Die alten Weisen waren die klugen Köpfe, von denen sich die Herrschenden Rat holten und die die Massen belehrten. Weisheit war eine hohe Tugend, die zu einem guten Leben führte. Weisheit war das kluge Handeln. Weisheit war gereifte Lebenserfahrung, weshalb das Alter noch geschätzt wurde. Wie viele ältere und alte Menschen verfügen heute noch über Weisheit? Die Alten wollen jung bleiben. Die Jungen wollen den Rat der Alten nicht hören. So ist das alte Ideal heute weitgehend verloren gegangen, was zum Teil auch an den alten Menschen selbst liegt, die sich gar nicht zu einem weisen Leben entwickelt haben und dadurch keine Vorbilder sind.
Das griechische Wort Sophia gab auch der Philosophie ("Liebe zur Weisheit") ihren Namen, aber erst in der Gnosis wurde die Sophia personalisiert und nach dem gnostischen Philippusevangelium zur „Gefährtin“ des Christus als sein weibliches Pendant ernannt. Diese Mittlerfunktion der Weisheit/Sophia wurde dann mehr und mehr abgelöst vom Logos, der (im Griechischen) männlichen Vernunft.
Gert Scobel hat diese Thematik in einem jüngst erschienenen Buch von vielen Seiten beleuchtet, ebenso Hanne Tügel. Scobel stellt in seinen TV-Sendungen einzelne Themen dazu zur Diskussion. Das ist sehr zu begrüssen.
In Deutschland scheiterte die Idee, einen Weisenrat zu bilden. Der Vorschlag stiess nicht auf Gehör beim damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Scobel hatte die Chance, mit verschiedenen Wissenschaftlern über die Möglichkeit der Gründung eines Instituts für Weisheitsforschung zu sprechen. Darin sollten vier tragende Säulen vorhanden sein:
1. Klassisches Studium der Weisheitstexte aller Kulturen
2. Gründliche Erforschung der Weisheitstraditionen aller Völker
3. Untersuchungen der empirischen Wissenschaften
4. Aus diesen drei Säulen eine solide Grundlage zu bilden und daraus Anwendungsmöglichkeiten im Leben zu entwickeln.
Gert Scobel definiert Weisheit als eine Fähigkeit, um mit der Komplexität des Lebens umzugehen. Ein Weiser ist für ihn ein Mensch, der sich in den "Welten in Welten" befindet, ohne von einer oder dem gesamten Strudel erfasst zu werden, sondern sich im Fluss des Lebens bewegt, immer gewiss, wieder ans Ufer zu kommen. Und er schwimmt auch nicht gegen den Strom.
Weisheit bedeutet auch, dass wir uns von alten Mustern und überkommenen Ideen verabschieden müssen und einsehen, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Auch keine von uns unabhängige Welt. Zu erkennen, dass alles wechselseitig bedingt ist und eine Konstruktion unseres Denkens, Empfindens, Fühlens und Handelns. Wir sind mit verantwortlich für die Welt und für unsere Leben. Und Weisheit zu erwerben bedeutet, ausgerüstet zu sein für ein gutes und erfülltes Leben und auch zum Wohle aller Wesen und der Natur beizutragen.
Kann man Weisheit erlernen?
Wie die Untersuchungen von Paul Balthes am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigen, kann man Weisheit früh erlernen und kultivieren. Die Studien zeigen, dass Weisheit nicht eine Frage des Alters ist. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass wir heute ganz andere Vorstellungen und Kriterien für die Beurteilung von Weisheit haben. Heute fehlt auch im Elternhaus, in den Schulen und an den Lehrinstituten eine Bildung zum Weisheitsideal wie es früher in der Antike gepflegt wurde. In der Antike unterwarfen sich die Schüler schon früh einer Allgemeinwissenschaft und Bildung und hatten vortreffliche Lehrer zum Vorbild.
Balthes formulierte sieben Merkmale zur Bestimmung von Weisheit:
1. Weisheit spricht wichtige und schwierige Fragen der Lebensführung und den Sinn de Leben an.
2. Weisheit beinhaltet ein Wissen über die Grenzen des Wissens und die Unsicherheiten in der Welt.
3. Weisheit repräsentiert einen überragenden Grad von Wissen, Ratschluss und Urteilskraft.
4. Weisheit schliesst ein Wissen um die ausserordentliche Fülle von Anwendungsmöglichkeiten ein und ist damit
integrativ.
5. Weisheit beinhaltet eine perfekte Synergie von Geist und Charakter, von Wissen und Tugend
6. Weisheit verfügt über ein Wissen, das zum eigenen Wohlergehen und dem der anderen Anwendung findet
7. Weisheit wird sofort sichtbar, wenn sie sich manifestiert
Wenn Weisheit entwickelt werden soll, müssen kognitive, psychologische, soziale und emotionale Faktoren zusammenwirken. Auch ein bestimmter "Denkstil" fördert die Entwicklung. Keiner dieser Faktoren reicht alleine aus, um Weisheit hervorzubringen. Die Studien zeigen ferner, dass eine grössere Weisheit im Alter durch jenes Wissen entsteht, das sich aus zwischenmenschlichen Erfahrungen, Dialogen und Beratungen im Laufe der Zeit ergeben hat. Um Weisheit zu erlernen und zu fördern, muss sie generell erst einmal als Wert von der Gesellschaft anerkannt werden.
GEWAHRSEIN als Domäne der Weisheit
Die alten Weisen wurden damals auch die "Seher" genannt, weil sie aus ihrer Weisheit heraus eine Hell- und Weitsicht hatten, die weit über die übliche Intuition hinausging. Sie waren in den Frühkulturen nicht nur die ältesten Führer des Stammes, die die Traditionen weitergaben, sondern grosse Seelen, die oft als Heilige verehrt wurden. Hierin liegen wahrscheinlich auch die Urwurzeln aller Religionen und der Spiritualität. Diese Weisen alter Zeiten waren die Erleuchteten und Erwachten, weil sie jene Tiefendimension des GEWAHRSEINS realisiert hatten, den Urgrund des Geistes, der sie von allen Irrtümern befreite. Weisheit ist also auch jene Präsenz und Gegenwärtigkeit, die nun fortan ihr Leben bestimmte.
Gert Scobel widmet dieser Dimension ein Kapitel seines Buches und ist überzeugt davon, dass durch diese Beiträge aus der Wissenschaft und Bemühungen um Weisheitsschulungen die Weisheit aus den Ecken der Esoterik herausgeholt wird und wieder in neuer Form zur Geltung kommt.
Raimon Panikkar war ein interdisziplinärer Forscher, der die Weisheiten der indischen Kultur mit dem Wissen der christlichen abendländischen Kultur zu verbinden wusste und bemühte sich in seinen vielen Büchern darum, der Weisheit wieder eine Wohnung in unseren Herzen zu bereiten. Bereiten bedeutet nicht, sich nun auf die Jagd nach Wissen um Weisheit zu begeben, sondern still warten zu können, dass die Weisheit sich ihre Wohnung selbst in unserem Herzen bereitet. GEWAHRSEIN ist schon als Urgrund in uns vorhanden, aber die Bewegungen des Geistes hindern die Realisation und damit auch das Entstehen von Weisheit. Weisheit erscheint, wenn die Bedingungen dazu reif sind und wir ihr freudig Einlass gewähren. In ein volles Haus kann sie nicht einziehen und dort eine bleibende Wohnstätte haben.
Weisheit als GEWAHRSEIN
Paul Brunton hat in seinem fundamentalen Werk Die Weisheit des Überselbst über die verschiedenen Aspekte von GEWAHRSEIN und seine Realisation geschrieben. GEWAHRSEIN geht weit über alle Mystik hinaus, deshalb nannte er diese Lehre und Praxis Ultramystik. Und die Weisheit, die aus der Realisation von GEWAHRSEIN erwächst, nannte er Ultramystische Einsicht. Das war vor mehr als 50 Jahren. Seine Vorschläge zur Entwicklung von Weisheit wurden neben der Theorie der Ultramystik von einem Schulungsprogramm begleitet, den Ultramystischen Übungen.
Fazit: Weisheit ist eine Fähigkeit, die durch die Realisation von GEWAHRSEIN zur höchsten Entfaltung kommt.