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Samnaun
(Kt. Graubünden,
Bez. Inn).
2545-986 m. Letztes, unterstes Seitenthal des
Engadin. Sein Bach. Schalkel- oder
Schergenbach genannt,
mündet 7 km unterhalb
Martinsbruck von links in den
Inn und bildet auf eine Strecke von etwa 6 km die
Grenze gegen Tirol. Er entspringt am
Samnaunerjoch und fliesst erst eine kleine Strecke weit nach O., dann nach ONO. und endlich
nach OSO., so dass er von der Hüttengruppe
Val Musauna hinter dem Dörfchen
Samnaun bis zu seiner Mündung
beim Schalkel- oder Schergenhof einen flach nach N. geschwungenen
Bogen beschreibt. Die Länge des
Thals vom
Samnaunerjoch (2515
m) bis zum Schalkelhof (986 m) beträgt etwa 16 km. Davon kommen aber auf das nur als Alpweide nutzbare Hintergehänge etwa 4 km
und auf die enge, walderfüllte Mündungsschlucht von der Spissermühle an abwärts 6 km, somit auf das
allein bewohnbare Thalstück mit mehr oder weniger ausgebildetem Thalboden noch 5-6 km. Diese mittlere Thalstrecke senkt
sich von etwa 1850 bis 1550 m und ist in fünf kleinen Dörfchen bewohnt. An Seitenthälern sind zu nennen: auf der
S.-Seite
das beim Pfandshof, 1 km unterhalb der Spissermühle mündende und gegen den
Muttler aufsteigende
Val Sampuoir,
das beim Dörfchen
Samnaun mündende und bis an
Muttler und
Stammerspitz reichende
Val Maisas und das 1 km hinter
Samnaun mündende
Val Chamins;
im N. das bei der Spissermühle mündende und nördl. ansteigende Zandersthal, von dem sich das nw. zum Gribellakopf ansteigende Malfragthal abzweigt, endlich das von Laret zu den Alpen Bella und Trida führende, auf der Siegfriedkarte nicht benannte Thal.
Ausserdem sind noch manche kleine, durchweg enge und sehr steile
Tobel und
Schluchten vorhanden,
von denen die unterhalb
Samnaun wohl noch einigen Weide- oder Waldnutzen abwerfen, die weiter oben liegenden
dagegen meist nur noch
Schutt- und
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forlaufend
Schneerinnen, Rüfen- und Lawinenzüge sind. Die Gebirge, welche diese Thäler umschliessen, werden auch als
Samnaunergebirge
bezeichnet und bilden einen nö. Ausläufer der Silvrettagruppe, mit der sie am Fimberjoch verknüpft sind. Von da streicht
ein schmaler hoher Kamm nö. bis nach Landeck über Piz Roz oder Vesilspitz (3115 m), Bürkelkopf (3036 und 3030 m),
Gribellakopf (2897 m), Hexenkopf (3038 m), Furglerspitz (3007 m), Blankakopf (2895 m), Rotpleiskopf (2938 m) und Kegelkopf
(zirka 2920 m). Von diesem längern Hauptkamm zweigt sich am Piz Roz ein kürzerer, aber höherer Kamm ab, der erst sö., dann
nö. streicht und im Schluchtenwinkel zwischen Inn und Schergenbach (Finstermünzschlucht) schroff abbricht.
Seine Hauptgipfel sind der Stammerspitz (3258 und 3042 m), der Muttler (3298 m) und der Piz Mondin (3147 m), die zu den bekanntesten und markantesten Berggestalten des Unter Engadin gehören. Alle die genannten Gipfel bieten dem Touristen viel Interessantes, es sind höchst lohnende und meist unschwierige Aussichtspunkte. Die schöne Pyramide des Muttler insbesondere rivalisiert mit dem Piz Lischanna bei Schuls und ist wie dieser auf verschiedenen Routen leicht zu erreichen.
Dagegen sind der Stammerspitz und der Piz Mondin die schroffsten Gipfel der
Samnaungruppe, wildzerrissene Felsmassive von fast
abschreckender Gestalt, lange, gezackte Felskämme, deren Besteigung Wagemut und Klettergewandtheit erfordern.
Als Ganzes bildet die
Samnaungruppe ein symmetrisches Gegenstück zum Rätikon, so dass sie gelegentlich auch Antirätikon
genannt wird. Wie der Rätikon der nw., so ist die
Samnaungruppe der nö. Flügel des Silvrettamassivs.
Auch zeigen beide Flügel eine typische fiederförmige Gliederung mit zahlreichen parallelen Seitenkämmen und Seitenthälern.
Bei beiden bemerken wir ferner eine Knickung des Hauptkammes, beim Rätikon in der Gegend des Grubenpasses,
bei der
Samnaungruppe am Bürkelkopf, wenn auch hier allerdings bei weitem nicht so scharf wie dort. Auch die geologischen
Verhältnisse beider Gruppen zeigen eine gewisse Analogie: in beiden vereinigen sich Schichtgesteine mit von der Silvrettagruppe
herüberstreichenden krystallinen Felsarten.
Doch nehmen letztere in der
Samnaungruppe einen weit grösseren Raum ein als im Rätikon. In der
Samnaungruppe ist der ganze
lange Hauptkamm vom Greitspitz (s. des Bürkelkopfs) bis Landeck in seiner Gipfelregion und gesamten n. Abdachung aus krystallinen
Gesteinen (Gneis, Glimmerschiefer, Granit, Diorit, Gabbro) aufgebaut, während wir im Rätikon in den
entsprechenden Lagen Trias, Jura und Kreide finden. Grösser ist die Aehnlichkeit zwischen der S.-Seite des
Samnaungebirges,
insbesondere der Muttlerkette, und der S.-Seite des Rätikon.
Hier wie dort finden wir den Bündnerschiefer in weiter Ausbreitung, wenn auch in etwas verschiedener Ausbildung. Die Schiefer
des Unter Engadin und
Samnaungebietes stimmen in der Hauptsache mit denjenigen der Viamala und des Schyn
überein. Sie leisten der Verwitterung wenig Widerstand und bilden einen fetten Boden, auf dem die prachtvollen und so hoch
hinaufreichenden Wiesen und Alpweiden des
Samnaun liegen. Am Munt da Cherns über Campatsch wird bis zum Gipfel (2687 m)
hinauf das Gras regelmässig geschnitten, und auf der ihren Namen wohl verdienenden Alp Bella weiden die Kühe bis über 2700 m
hinauf.
Diese Bündnerschiefer sind auch reich an eisen- und schwefelhaltigen Mineralquellen, die auf den Alpen Salas, Trida und Bella in grosser Anzahl sprudeln, ihrer grossen Höhenlage und Abgeschiedenheit wegen aber bis heute nicht benutzt werden. Teils auf diesen Schiefern, teils als Umrandung derselben treten mesozoische Sedimente auf, die der ostalpinen Schichtfolge angehören, und mit diesen innig verknüpft finden sich, wie teilweise auch im Rätikon mehr aber noch im Plessur- und Oberhalbsteinergebirge, ophiolithische Eruptivgesteine (Serpentin, Gabbro, Diabas, Spilit, Variolit) und zwar oft decken- oder kappenförmig und ohne Wurzel nach der Tiefe auf den höchsten Spitzen wie Piz Mondin, Muttler, Bürkelkopf etc. Wie im Plessurgebirge findet sich auch hier eine typisch ausgeprägte Aufbruchs- und Klippenzone, die sich zwischen die Schieferzone einerseits, die krystalline Masse der Silvretta im W. und die Dolomitregion im S. des Inn andererseits einschiebt.
Bald sind es Granit und Gneis, bald mesozoische Sedimente, bald ophiolithische Gesteine, die insel-, lappen- oder deckenförmig, aber meist in schwer übersehbarem Verbande über dem Schiefer lagern oder seitlich hart an ihn herantreten. Der gewaltige Stammerspitz z. B. soll nach neuesten Untersuchungen eine auf jüngern Schiefern überschobene Triasscholle sein, bestehend aus Wettersteindolomit, Lithodendronkalk, Hauptdolomit, Mergeln und Kalken des Rät.
Wie die Trias, so soll, entgegen bisheriger Annahme, auch die untere Kreide in schieferiger und kalkiger Ausbildung und auf Lias (Adneterfazies) ruhend, weite horizontale Verbreitung im Samnaunergebiet haben. So zeigen also Samnaungruppe und Rätikon in stratigraphischer und tektonischer Hinsicht neben aller Verschiedenheit doch manche auffallende Analogien, die auch ihrerseits für das Samnaungebirge den Namen Antirätikon einigermassen rechtfertigen.
Die Vergletscherung ist in beiden Gruppen gering. Sie beträgt im Rätikon 4,2 km2, im Samnaungebirge 4,5 km2. Aber dort ist diese Gletscherfläche fast ganz auf einen Komplex an der Scesaplana (Brandnerferner 3,7 km2) zusammengedrängt, in der Samnaungruppe dagegen auf etwa ein Dutzend Eisfetzen verteilt, von denen der grösste auf nur 0,64 km2 kommt. Beträchtlicher waren natürlich die Gletscher der Eiszeit. Auf der Alp Trida, der «hässlichen», wie sie mit Recht heisst, liegen lange Reihen von erratischen Serpentinblöcken, die von den Schwarzen Wänden herstammen.
Auch der untere Abschnitt der Alp Bella ist mit solchen Blöcken übersät, und hier trifft man nahe den Hütten einen der grössten erratischen Blöcke der Schweiz überhaupt. Endlich lässt sich von den Rätikonthälern keines mit dem Samnaunthal vergleichen. Dieses letztere erscheint mit seinen Seitenthälern fast wie ein kreisförmiges Becken. Die Beckenwand umschlingt es wie ein mächtiger, von zahlreichen Türmen und Zinnen überragter Ringwall vom Piz Mondin über Muttler, Stammerspitz, Samnaunerjoch, Bürkelkopf, Gribellakopf, Fliesserscharte und Frudigerkopf bis zum Kreuzjoch.
Eine einzige Bresche ist in diesem Wall vorhanden, durch die der Schergenbach abziehen kann. Durch diese Bresche, eine düstere Waldschlucht, auf der linken, österreichischen Seite Spisserthal, auf der rechten, schweizerischen Seite Val del Tschera genannt, führt auch der einzige einigermassen ordentliche Zugang ins Samnaunerthal und auch dieser von der Schweiz aus nur auf Umwegen und über österreichisches Gebiet. Von Martinsbruck, dem untersten Dörfchen des Engadin, führt ein Fusspfad auf der linken Seite des Inn durch die Ovellaschlucht, meistens durch ¶
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Wald, nach dem Schalkelhof (etwa 1½ Stunden). Von Martinsbruck kann man auch die grosse schöne Landstrasse benutzen, die über Nauders und Hochfinstermünz nach Landeck führt. Von Hochfinstermünz führt ein steiler Waldweg hinunter nach Altfinstermünz unten am Inn, wo man etwa ¼ Stunde oberhalb dem Schalkelhof den Ovellapfad erreicht. Bei diesem Hof überschreitet man den Schergenbach (988 m) und steigt auf steilem, holperigem Zickzackweg durch dichten Wald empor, um dann den von Pfunds im Innthal kommenden Karrweg und auf diesem das auf hoher Terrasse liegende österreichische Dörfchen Noggels (1400 m) zu erreichen.
Von da fällt der, auch ohnedies vielfach auf- und absteigende Weg wieder fast 100 m bis an den Schergenbach (1317 m) und führt dann, bald links, bald rechts dieses Baches und immer in enger Waldschlucht hinauf zur Spissermühle (1514 m), einer kleinen Häusergruppe mit Mühle, Wirtschaft und österreichischer Zollstation (1¾ Stunden von Noggels oder 2¾ Stunden vom Schalkelhof). Hier betritt man nun erst das eigentliche Samnaunthal und erreicht in einer weitern halben Stunde das erste und grösste Dörfchen desselben, Campatsch (1717 m). Wie man sieht, ist der bisher beschriebene Weg, wenn er auch dem Freund erhabener Gebirgs- und Waldnatur noch so viel Reize bietet, doch für den gewöhnlichen Verkehr ein sehr mühsamer, ein steiler, vielfach auf- und absteigender, steiniger Fuss- und Karrweg. Auch dass er grösstenteils über österreichisches Gebiet führt, ist für die Samnauner, die so nur über fremdes Gebiet mit der übrigen Schweiz verkehren können, misslich, wenn auch der genannte Weg neutralisiert ist. Der Wunsch der Samnauner, eine bessere und von Oesterreich unabhängige Verbindung mit dem Gesamtvaterland zu erhalten, erscheint darum sehr begreiflich.
Wirklich geht nun ein längst projektiertes Strässchen, das von Campatsch auf der rechten Seite des Schergenbaches nach dem Schalkelhof und von da durch die Ovellaschlucht (links vom Inn) ganz auf Schweizergebiet nach Martinsbruck führen wird, der Verwirklichung entgegen. Aber die Anlage und Sicherung dieses Strässchens um den Fuss des Mondinstockes herum ist wegen der vielen Steinschläge, Rüfen und Lawinen eine schwierige und kostspielige Sache, die nur mit Hülfe des Kantons und des Bundes ausgeführt werden kann. Am hat der Nationalrat den Bau dieser Strasse gutgeheissen und beschlossen, an die Gesamtkosten von 988000 Fr. einen maximalen Bundesbeitrag von 80% oder 798400 Fr. zu leisten.
Was sonst noch an Zugängen zum Samnaun vorhanden ist, das sind nur hohe, meist pfadlose und beschwerliche Gebirgspässe, die natürlich blos im Sommer benutzt werden können. Der beste davon ist noch das Samnaunerjoch oder die Fuorcla Zeblas (2545 m), die ins Fimberthal hinüberführt. Aber von da ist es dann noch ein gar weiter Weg über Ischgl im Paznaun und dann über das Zeinisjoch (1852 m) ins Montafun und ins st. gallische Rheinthal, und der ganze Weg führt ebenfalls durch österreichisches Gebiet.
Von den für den Touristen etwa in Betracht kommenden Pässen mögen noch genannt werden: der Cuolmen d'Alp (2799 m) und der Cuolmen Salet (2808 und 2830 m) aus dem Val Sampuoir zwischen Muttler und Piz Mondin nach Schleins im Unter Engadin, die Fuorcla da Maisas (2852 m) und Fuorcla Chamins (2820 m) aus dem obersten Samnaun durch die gleichnamigen Thäler ins Val Sinestra und nach Remüs, der Cuolm d'Alp Bella (2698 m) von Campatsch am Gribellakopf vorbei nach Kappel im Paznaun.
Samnaun im engern Sinn umfasst nur den obern Teil des Schergenbachgebietes, von der Spissermühle an aufwärts, samt den hieher gehörenden Seitenthälern, vor allen Sampuoir und Maisas. Die letztern sind unbewohnt, blosse Alp- und Weidegebiete, nur in Sampuoir auch noch mit Wald. Das Hauptthal selber aber ist eines der anmutigsten Hochthäler der Alpen. Durch den Thalgrund mit seinen saftiggrünen Wiesen, kleinen bunten Kornfeldern und den fünf hübschen Dörfchen schlängelt sich der murmelnde Bach und von den Hängen schäumen überall Milchbäche zu Thal.
Die steilern Wände der rechten Thalseite sind bis auf 2100 m und darüber mit dunklen Fichten- und hellgrünen Lärchenwäldern besetzt, während auf der linken Seite Wiesen und Weiden herrschen, alles überragt von kühnen Felshörnern und einzelnen Eisspitzen. Auf einer Längserstreckung von nur 4 km folgen sich 5 Dörfchen, das unterste, Campatsch, in 1717 m, das oberste, Samnaun, in 1846 m Meereshöhe. Dazwischen liegen noch Laret, Plan und Raveisch, alle auf der linken, sonnigen Thalseite, nur Samnaun teils zwischen Schergen- und Maisasbach, teils rechts von beiden auf flachem Wiesenplan.
Alle 5 Dörfchen zählen zusammen nur 357 Einwohner und bilden eine einzige politische Kirchgemeinde katholischer Konfession. Hauptort ist Campatsch mit Schule und Kirche für das ganze Thal. Die Kirche mit ihrem schlanken Turm ist eine Zierde des Thales. Sie enthält einen reich verzierten, geschnitzten Hochaltar und drei schöne Gemälde von Deschwanden. Den Kirchhof schmücken eine Reihe schöner Grabdenkmäler aus schwarzem und weissem Marmor. Bis ins 19. Jahrhundert war Samnaun romanisch, wie denn auch die Namen der Dörfer, Güter, Berge, Alpen und auch der Familien fast alle romanisch sind.
Jetzt spricht alles nur noch deutsch, einen ächten Tirolerdialekt. Der Sprachwechsel scheint sich sehr rasch vollzogen zu haben. Ein tirolischer Lehrer, der ums Jahr 1815 angestellt wurde, soll viel zu diesem Wechsel beigetragen haben. Viehzucht und Alpwirtschaft sind natürlich die Hauptbeschäftigungen der Samnauner. Das Heuen von der Thalsohle bis hoch hinauf an den Abhängen nimmt wie im Engadin viele Wochen in Anspruch. Eine schwierige und mühsame Arbeit ist der Transport des Bergheus ins Thal, was meist im Winter auf Schlitten geschieht und starke, in dieser Arbeit geübte Männer erfordert. Bis zu diesem Transport bleibt das Heu im Freien, auf grosse kegelförmige Haufen unter provisorischem Dach zusammengetragen. Der Viehstand ist sehr beträchtlich und gut gehalten (nach der Zählung von 1901 etwa 12 Pferde, 30 Stück Rindvieh, darunter über 100 Kühe, 100 Schweine, 530 Schafe und Ziegen). Der Ackerbau ist für die Höhenlage des Thales ganz ansehnlich; Roggen, Gerste, Gemüse, Kartoffeln gedeihen ¶