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Am 3. Mai 2016 jährt sich der Todestag von William Shakespeare zum 400. Mal. Womöglich hiess William Shakespeare gar nicht William Shakespeare, sondern vielmehr William Shakesper. Gott alleine weiss, woher er das zusätzliche «A» bekommen hat, um sich zum Schüttelspiess zu machen...
... weshalb wir ihn nun der Einfachheit halber im Folgenden Sir Willie nennen wollen. Möglicherweise starb Sir Willie bereits eine Woche vor seinem Dahinscheiden, nämlich am 26. April 1616, was äusserst praktisch wäre, erblickte er doch am gleichen Tage des Jahres 1564 in Stratford-upon-Avon das Licht der Welt oder wurde daselbst zumindest getauft, wie man dem Kirchregister entnehmen kann. Ob Sir Willie auch geboren wurde, kann nicht eindeutig belegt, doch zumindest geschlussfolgert werden. Er hinterliess uns zumindest ein Werk, das seinesgleichen sucht.
Sein oder Nichtsein
An gesicherten Fakten über Sir Willies Leben liegt wenig vor. Über seine ersten 18 Lebensjahre ist nichts bekannt, woraus man schliessen darf, dass Willie Kindheit, Jugend samt Pubertät übersprang und direkt zum Sir wurde. Seine Eltern sowie der überwältigende Rest der Stratforder hüllen sich diesbezüglich in beredtes Schweigen und hartnäckiges Analphabetentum. Mit 18 Jahren heiratet Sir Willie und bekommt Kinder, die - und hierin sind sich die Experten ausnahmsweise einig - von seiner Frau zur Welt gebracht werden. Kaum ist das Nest gemacht, verlässt Sir Willie Haus, Hof, seine Familie und einen Hund und tingelt nach London, wo er 1592 der Schauspielerei verdächtigt wird.
1593 wird der Verdacht zur Gewissheit und William Shakespeare wird in die offizielle Liste der Schauspieler des Elisabethanischen Zeitalters aufgenommen. Irgendwann zwischen 1610 und 1614 kehrt Sir Willie London den Rücken und nach Stratford zu seiner Familie zurück. Er verleiht Geld, kauft und verkauft Häuser und Höfe oder vermietet Hunde. 1616 diktiert er sein dreiseitiges Testament ohne jegliche Hinweise auf seinen literarischen Nachlass und unterschreibt auf jeder Seite mit einer jeweils anderen ungelenken Handschrift, woraus wir schliessen, dass sich Sir Willie der Tradition des in Stratford gepflegten Analphabetentums verpflichtet fühlte. Dann stirbt er ... möglicherweise am 52. Geburtstag, falls er nicht schon Jahre früher verschied, wie verschiedentlich berichtet wird.
Die Anti-Stratfordianer betonen, dass ein wissenschaftlicher Abgleich des Unterschriftbildes Sir Willies mit seinem umfangreichen Oevre dadurch erschwert wird, da keinerlei - in Zahlen 0 - schriftliche Dokumente vorliegen, welche seine Autorenschaft bekunden könnten. Die Stratfordianer hinwiederum unterstreichen diesbezüglich diesen Umstand, da von Sir Willie nichts Handfestes vorliege, beweise unumstösslich die Tatsache, dass er nirgendwo abgeschrieben haben könne. Und dennoch hinterliess uns der Genius ein Gesamtwerk, das in Zahl und Wahrheit jeden erdenklichen Rahmen sprengt.
Viel Lärm um nichts
Sir Willie ist gemäss allen Umfragen der wichtigste Spross der britannischen Insel. Er rangiert zuoberst auf der Liste der Menschen, auf die der Angelsachse seinen Stolz baut. Dichter und Denker liessen sich durch ihn inspirieren, Komponisten vertonten, Staatsmänner zitierten, ungezählte Touristen verehrten und verehren ihn. Generationen haben ihn mit der Muttermilch eingesogen und wurden in der Schulzeit mit seinem Versmass malträtiert.
Die Theater dieser Welt spielen unausgesetzt seine Stücke, allein seine Zitatsammlungen füllen Bibliotheken. Groben Schätzungen zufolge lässt Sir Willie mit einer Auflage von zwei bis vier Milliarden verkauften Exemplaren seiner Werke selbst einen Harry Potter wie einen missratenen Ladenhüter aussehen. Kurzum: Sir Willie ist der kulturbeflissenen Gemeinde teurer als die heisse Luft zum Atmen. Und doch will die Debatte über die «wahre» Urheberschaft seiner Werke nicht abreissen.
Seit 200 Jahren kämpft ein unbeugsamer Haufen strammer, shakespeartreuer Stratfordianer gegen die sie umgebenden Garnisonen unkenrufender Nestbeschmutzer, die sogenannten Anti-Stratfordianer. Unversöhnlich treibt man sich stumpfe Mutmassungen ins eh schon wunde Fleisch und meuchelt sich mit messerscharfen Zitaten bis aufs Blut. Die Stratfordianer berufen sich auf Shakespeares Grabstein in der Holy-Trinity-Kirche zu Stratford, auf dem geschrieben steht: «Guter Freund, unterlasse es um Jesu Willen, den hier eingeschlossenen Staub umzugraben.
Gesegnet sei der Mann, der diese Steine schont, und verflucht sei der, der meine Knochen bewegt», unter dem Verweis, dass Sir Willie die Inschrift höchstpersönlich posthum eingemeisselt haben soll ... was wiederum die Unkenrufer dementieren. Unlängst durchleuchtete man mit einem Radargerät die letzte Ruhestätte des Schwans von Avon ? wie der Nationaldichter auch liebevoll genannt wird - und entdeckte dabei, dass des Meisters Schädel nicht beim Rest seiner Gebeine ruhe, sondern nachweislich in einem Monolog des Prinzen von Dänemark mit dem Decknamen Hamlet herumgeistere.
Und seit Roland Emmerichs Kinofilm «Anonymus» aus dem Jahr 2011 ist nicht einmal mehr klar, ob es sich bei den ersten Worten eines Menschen auf dem Mond «That?s one small step for a man, one giant leap for mankind!» «Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit!» (Armstrong am 20.7.1969) um ein bisher nicht identifiziertes Plagiat aus der Feder Sir Willies oder um eine Fälschung der Mondzitate made in Hollywood handelt. Ungeachtet kopfloser Hypothesen oder gemeiner Radarfallen, egal, wo die Kontroverse anfängt, geschweige denn aufhört, immer geht es bei der Causa Willie um Leben oder Tod, um Sein oder Nichtsein.
Wie es euch gefällt
Nun feiern wir seinen Todes- und?/?oder Geburtstag und fragen uns: War er ein Aprilscherz oder - viel schlimmer noch - war er nicht der, für den wir ihn halten? War Willie vielmehr Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, Adoptivsohn Lord Burleighs, dem einflussreichsten und engsten Vertrauten Königin Elisabeth I.?
War der belesene und vielgereiste Edward, seines Zeichens brillanter Jurist sowie Schüler der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit, namentlich Sir Thomas Smith und des Top-Universalgelehrten Sir Francis Bacon ... war de Vere in der Verfassung der Verfasser der Werke Sir Willies zu sein? Vieles spricht dafür. Entscheidend dagegen aber spricht, dass Edward de Vere nachweislich nicht William Shakespeare war, wie sich eindeutig und unzweifelhaft belegen lässt.
Was ihr wollt
Wir reden immer über Etwas oder Jemanden. Doch werden wir damit der Sache oder der Person gerecht? / Wen kümmerts, / ob Willie zu Lebezeiten je gewusst, / dass Er der ist, / für den wir halten ihn? / Was mag die Tiefe einer Seel? bewegen, / der schwant, dass Sie, / was nicht erlesen, / womöglich nie beschrieben wurde? / Oder liegt gar hierin / die Triebfeder, / die des Analphabeten Schreibkiel / zu ungeahnten Taten stachelt?
Kurzum: Die Kontroverse um die Frage, ob er in der Verfassung gewesen sei, der Verfasser seines genialen Werkes zu sein, wird uns wohl noch so lange beschäftigen wie die Frage, ob man zuerst einen Berg versetzen muss, bevor man darauf predigt. Oder, um den Helden dieser Geschichte abschliessend in seinen eigenen Worten sprechen zu lassen: Was ist ein Name? Was uns Rose heisst, / wie es auch hiesse, würde lieblich duften.
(«Romeo und Julia» 2. Akt, 2. Szene. Quelle: Shakespeare alias Anonymus, mutmasslich verfasst 1595, gedruckt 1599, Raubdruck 1597)