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1. April 2023 Michelle Carneiro Baumann
Was uns die Metapher des Verschluckens heute über Integration lehren kann
Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Bild von Tarsila do Amaral und dem Integrationsprozess? Die Künstlerin Tarsila do Amaral, die in Brasilien sehr bekannt war, gehörte der so genannten anthropophagischen Bewegung an, einer brasilianischen Kunstbewegung der 1920er Jahre. Tarsila do Amaral hatte sie gemeinsam mit dem Dichter Oswald de Andrade gegründet. Diese Bewegung wollte die brasilianische Kunst im Kontext der modernen Zeit neu begründen.
Sie wollte die fremde Kultur einbeziehen, aber nicht als etwas, das imitiert oder mit der brasilianischen Kultur verglichen werden sollte. Die Idee war, der Stagnation zwischen den Kulturen und Konzepten zu entkommen. In diesem Zusammenhang schufen sie die anthropophagische – wörtlich kannibalistische – Bewegung, die mit verschiedenen Kulturen und Einflüssen arbeitete.
Oswald de Andrades Vorschlag der kulturellen Anthropophagie propagierte den «Kannibalismus» der fremden Kultur, dessen Kern der Akt des Verschluckens und Verschlingens, des Verstoffwechselns und Erschaffens anderer Welten aus der Begegnung mit dem Fremden ist. Das war kein passiver Akt, sondern ein Akt der Bewegung und der Absicht.
Einerseits ging es um den äusseren Einfluss der nordamerikanischen und europäischen Kultur, andererseits um die Bewahrung der inneren Kultur und ihrer Wurzeln, wie den indigenen Kulturen Brasiliens, der Nachkommenschaft der Afrikaner:innen, der Nachkommenschaft der Oriental:innen und der Europäer:innen.
Die Metapher des Verschluckens bedeutet, dass der kulturelle Einfluss anderer Länder verschlungen und angeeignet werden soll. Die brasilianische Kunst stützt sich auf diese Elemente, nicht als externe kulturelle Nachahmung, sondern als multikulturelle und brasilianische Identität. Die Bewegung nutzte die anthropophagische Metapher, um Synergien zwischen den verschiedenen kulturellen Strömungen zu schaffen. Auf diese Weise bewiesen Tarsila do Amaral und Oswald de Andrade, dass Brasilien sich selbst neu erfinden und erschaffen kann, indem es fremde Kultur schluckt und sie in eine kreative und gemischte brasilianische Kunst verwandelt.
Die Metapher des Verschluckens beschreibt im Wesentlichen eine Art, das Leben zu betrachten. Wie also können wir dieses Konzept auf unser tägliches Leben anwenden? Die Kunst des Schluckens ist auch eine Art, die Welt zu betrachten. Aus der anthropophagischen Bewegung und aus Beispielen aus unserem eigenen Alltag können wir schliessen, dass es unmöglich ist, eine Kultur zu kopieren oder die Person zu sein, die man nicht ist. Die Menschen der anthropophagischen Bewegung wussten das bereits.
Um sich etwas anzueignen, muss man es erst einmal schlucken; was bedeutet, dass es Zeit und die Möglichkeit, frei auszuwählen, braucht, um etwas in unserem Körper zu verstoffwechseln. Es entsteht eine Mischung aus dem, was wir sind, und dem, was wir vorfinden und woher wir kommen. Diese Mischung ist individuell und geprägt von unserem eigenen Gepäck. Aus diesem Prozess heraus entsteht Kunst. Wir nähren unsere Basis mit Neuem und erfinden uns so neu. Das ist Kunst.
Als menschliche Wesen haben wir ein inneres Gepäck, das nur uns gehört, das ist unsere innere Welt, die auch Teil unserer kulturellen Identität ist. Wir sind auch keine Roboter, die Regeln und Handlungen befolgen, ohne darüber nachzudenken.
Wenn wir einen Integrationsprozess in einem fremden Land durchlaufen, kommen wir mit verschiedenen kulturellen Strömungen in Berührung, die nicht automatisch und unreflektiert übernommen werden müssen – aus Angst vor Unzulänglichkeit, dem Gefühl, nicht dazuzugehören, oder anderen Instinkten. Stattdessen können wir uns die Assimilation zunutze machen, verstanden als Fähigkeit, aus verschiedenen Elementen etwas Neues zu schaffen.
Bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln in unseren Körper schliesst unser Körper aus, was ungesund ist, und wählt aus, was gut ist, um das Leben zu erhalten und Energie zu erzeugen. So wie unser zellulärer Prozess Austausch und Auswahl ermöglicht, können wir diese Weisheit auch in unserem täglichen Leben nutzen. Darüber hinaus ist dieses zelluläre Wissen die Grundlage für die Erhaltung des Lebens.
Neben den Lebenssituationen, in denen wir in andere Kulturen eintauchen, erleben wir derzeit einen Prozess der Globalisierung, in dem wir aufgerufen sind, Informationen und andere, weit entfernte Kulturen auf sehr dynamische Weise zu verinnerlichen, und vielleicht wird uns dieser Interpretationsschlüssel dabei helfen. Und auch ganz allgemein in unserem täglichen Leben, in unseren Begegnungen und Konfrontationen mit Unterschieden – sei es in unserer Familie, in unseren Beziehungen zu Freund:innen oder mit uns selbst.