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Vor 125 Jahren wurde die NB gegründet. Wie sah die Schweiz damals aus, was bewegte die Menschen, was waren die damaligen Trends und Moden? Diesen Monat nehmen wir das Selbstbild des Kleinstaates in Europa zum Gegenstand einiger Gedanken.
Die Schweiz ist klein und neutral, mittendrin und irgendwie doch nicht dabei. Am Wiener Kongress 1815 ist der Eidgenossenschaft eine spezielle Rolle innerhalb dem Konzert der europäischen Mächte zugedacht worden. Die kriegs- und revolutionsgeschüttelten Staaten Europas hatten ein Interesse daran, den zentralen Kleinstaat und Verkehrsknotenpunkt in Europa zu erhalten und diesen bei Konflikten neutral zu wissen. Auch 1848, als sich in der Schweiz erfolgreich eine liberale Revolution durchsetze und der Bundesstaat entstand, griffen die Nachbarstaaten nicht in das Geschehen ein.
Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Machthunger der teilweise noch jungen europäischen Grossmächte wuchs und diese in fernen Ländern Kolonien eroberten und untereinander immer aggressiver umgingen, setzte in der Schweiz ein gewisses Unbehagen ein: Kann man sich darauf verlassen, dass die Nachbarstaaten die Neutralität und Souveränität des multikulturellen Kleinstaates auch unter veränderten Rahmenbedingungen wahren würden? Wie sollte die Schweiz darauf reagieren, zwischen Grossmächten eingekesselt zu sein?
Innerhalb der Schweiz schälten sich verschiedene staats- und identitätspolitische Positionen heraus: Manche Schweizer erachteten die Neutralität als Schutzwall und als Garant der Sicherheit, hinter dem man friedlich seinen Geschäften nachgehen könne. Diesen Schutzwall gelte es entsprechend zu festigen. Der Generalstabschef Max Alphons Pfyffer von Altishofen legte entsprechende Pläne für eine erste militärische Befestigung am Gotthard vor, die ab 1886 realisiert wurden. Bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden weitere Festungen im ganzen Land. Andere Zeitgenossen hingegen wollten die Idee der Schweiz in die Welt hinaustragen und glaubten in der Neutralität und dem föderalistischen Staatsaufbau der Schweiz gar ein Modell für die Befriedung der europäischen Politik bereit zu halten. In seinen Tagebüchern dachte beispielsweise Bundesrat Jakob Dubs in den 1860er Jahren darüber nach , die Schweiz als europäische Konföderation und neutrale Schutzmacht territorial bis ans Mittelmeer und nach Belgien und Preussen auszudehnen und so einen Puffer zwischen Frankreich und Deutschland zu schaffen. Wieder andere wie beispielsweise Bundesrat Numa Droz sahen die Zukunft der Schweiz in einer engeren Zusammenarbeit mit dem Ausland auf diplomatischer Ebene und bauten kontinuierlich die Vertretungen der Schweiz im Ausland aus. Ein entsprechendes Gesetz betreffend die einheitlichen Regelungen der Vertretungen im Ausland scheiterte aber noch 1895 am Volkswillen.
Am Ende des 19. Jahrhunderts schwankte das staatspolitische Selbstverständnis der Schweiz zwischen internationalem Sendungsbewusstsein und nationaler Abschottung. Exemplarisch dafür steht die Gründung des IKRK und die Ansiedlung zwischenstaatlicher Organisationen für Post- und Eisenbahnverkehr in der Schweiz bei gleichzeitigem Ausbau von militärischen Landesbefestigungen und der nationalen Wehrhaftigkeit.
Die Frage, was die Schweiz ist und sein will, wurde bereits 1895 sehr kontrovers diskutiert. Die unterschiedlichen Positionen aus allen Landesteilen der Schweiz sollten gesammelt und greifbar gemacht werden, damit sich die Bürger über diese komplexe Frage eine eigene Meinung bilden und für sich ihr Schweizsein entdecken können – auch aus diesem Grund wurde vor 125 Jahren die Schweizerische Nationalbibliothek gegründet. Sie unterstützt noch heute Menschen dabei, Fragen über die Schweiz und deren Identität zu beantworten.
Letzte Änderung 26.03.2020