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Die Waadt ist jener Schweizer Kanton, der am meisten reiche Ausländer zählt, die von der Pauschalbesteuerung profitieren. Mit einer Volksinitiative, über die am 30. November abgestimmt wird, will die Linke dieses Privileg abschaffen, weil es einen Angriff auf die Steuergerechtigkeit darstelle. Pascal Broulis, Finanzdirektor des Kantons Waadt, verteidigt diese "attraktive und pragmatische" Steuerpraxis.
Die Initiative "Schluss mit den Steuerprivilegien für Millionäre (Abschaffung der Pauschalbesteuerung)" kann in drei Fragen zusammengefasst werden. Kann sich die Schweiz als einziges Land die Abschaffung eines Steuerinstruments leisten, das viele andere Länder kopiert haben? Will sie den Ausfall einer Milliarde an direkten Steuereinnahmen in Kauf nehmen? Will sie ihren Föderalismus untergraben, indem sie den Kantonen das System der direkten Besteuerung diktiert?
Die Pauschalsteuer ist nicht egalitär, aber sie ist fair, ist es doch letztlich die Gemeinschaft als Ganzes, die von diesen Beiträgen profitiert.
Pascal BroulisEnde des Zitats
Die Pauschalsteuer wurde 1862 vom Kanton Waadt eingeführt. Es ging damals in Ferienorten darum, die dörfliche Gemeinschaft am Reichtum von Ausländern teilhaben zu lassen. Diese wurden nach ihrem Lebensstil besteuert. Mit den neuen Gesetzen über die direkte Bundessteuer und die Harmonisierung der direkten Steuern wurden ab 1990 die Ausgaben besteuert.
Die Pauschalsteuer ist, nicht wie die Bezeichnung vermuten lassen könnte, gesetzlich genau geregelt. Nur Ausländer, die nicht in der Schweiz arbeiten, können sie in Anspruch nehmen. Sie beträgt das Fünffache der Mietkosten (ab 2016 das Siebenfache). Berücksichtigt werden auch andere Elemente des Lebensstils (Hausangestellte, Wagen, Sammlungen etc.). Sie beträgt mindestens 300'000 Franken (400'000 Franken ab 2016).
Immer wird eine Kontrollrechnung über das Vermögen sowie allfällige Einkommen aus Schweizer Herkunft erstellt. Berücksichtigt wird das Total, wobei die Skalierung dieselbe ist wie für Schweizer Steuerzahler. Es ist also eine Spezialsteuer für spezielle Zahler. Die Schweiz ist bei weitem nicht das einzige Land, das dieses Instrument kennt.
Grossbritannien kennt den Status des "nicht-domizilierten Aufenthalters", der sogar im Land arbeiten darf. Belgien, Österreich, Spanien, Luxemburg, Irland, Kanada und mehrere Länder Asiens kennen ähnliche Praktiken. 2013 führte Portugal den Status "aussergewöhnliche Aufenthalter" ein, die keine Einkommensteuer entrichten müssen.
Ich möchte unterstreichen, was Pascal Saint-Amans, Direktors des Zentrums für Steuerpolitik der OECD, im Magazin L’Hebdo vom 23 Oktober geschrieben hat, dass nämlich "kein Staat die Aufhebung der Pauschalsteuer verlangt". Es gibt keinen internationalen Druck. Die Schweiz würde sich selbst bestrafen, wenn sie ihre Attraktivität für gute und hochmobile Steuerzahler senken würde, die von anderen Länder umworben werden.
Ja, es geht um gute Steuerzahler. 2012 haben die 5634 Pauschalbesteuerten in der Schweiz 700 Mio. Franken direkte Steuern entrichtet. Mit erhöhten Schwellenwerten werden es 2016 eine Milliarde sein. Dieselben Pauschalbesteuerten zahlen weiter 60 Mio. Franken in die Altersversicherung (AHV) und rund 200 Mio. Franken Mehrwertsteuer. Die 1396 Pauschalbesteuerten im Kanton Waadt haben 2013 im Schnitt 143'000 Franken Steuern bezahlt. Das ist zehnmal so viel wie der Schnitt der normal Besteuerten. Von den 432'000 normal Steuerpflichtigen zahlen nur 3100 Personen 143'000 Franken oder mehr. Schafft man die Pauschalsteuer ab und ermuntert diese Menschen zum Verlassen der Schweiz, das ist die Botschaft, würde die Spitze unserer Steuerpyramide destabilisiert.
Pascal Broulis
1965 in Sainte-Croix im Kanton Waadt geboren.
Wirtschaftsprüfer und Ausbildung als Auditor. Als stellvertretender Direktor der Waadtländer Kantonalbank behandelt er den Fall der nachrichtenlosen jüdischer Vermögen.
Der freisinnige Politiker ist seit 2002 Finanzdirektor des Kantons Waadt.
2007 und 2012 wiedergewählt, war er 2009 auch Kandidat für die Nachfolge von Pascal Couchepin in der Schweizer Regierung, verpasste aber die offizielle Nominierung seiner Partei.Infobox Ende
Es gibt aber nicht nur die Steuern. Das Immobilienwesen, der Bausektor, die Hotellerie, der Konsum- und der Freizeitbereich profitieren von der Finanzkraft, den Ausgaben und Investitionen dieser Personen. Für die lokale Wirtschaft bedeutet das ein Totalvolumen von mehreren Milliarden Franken pro Jahr, verbunden mit rund 20'000 Arbeitsplätzen.
Diese Ausländer begünstigen unsere Gemeinschaften. Im Kanton Waadt sieht ein soeben eröffnetes Testament die Gründung einer Stiftung für die wissenschaftliche Forschung vor, die mit 100 Mio. Franken dotiert ist. 2004 erhielt Montreux ein Legat von 54 Mio. Franken. Ein deutscher Industrieller vermachte 2007 der Universität Lausanne 9 Mio. Franken. Es ist ein Netzwerk von Freunden der Schweiz, die deren Lebensqualität lieben und ihr dafür etwas zurück geben. Das ginge verloren, würde das Instrument wie verlangt abgeschafft.
Die Zahlen sprechen für sich. Der Verlust der Attraktivität, das Geld, das fehlt: All das müsste kompensiert werden, durch Steuern anderer Personen oder Leistungsabbau. Denn die Zahl jener, welche die Schweiz verlassen würden, wäre hoch. Die Kantone am Genfersee und in den Alpen können nicht mit Zürich konkurrieren. Dort wanderte auf einen Schlag immerhin die Hälfte der Pauschalbesteuerten ab, als die Stimmbürger die Aufhebung der Pauschalbesteuerung beschlossen.
An der Zürcher "Goldküste" wird das Vermögen tiefer besteuert als am Genfersee oder in den Walliser Bergen. Tiefere Steuern erleichtern den Übergang in die reguläre Steuer. Steuerföderalismus bedeutet auch die Beherrschung dieser Optionen.
Ich befürworte diesen Föderalismus. Obwohl mein Kanton nicht betroffen war, kämpfte ich 2010 gegen eine Initiative, die in allen Kantonen einen Mindeststeuersatz für hohe Einkommen forderte.
Ich möchte noch daran erinnern, dass die Initiative nicht nur auf "Millionäre" abzielt, wie es im Titel heisst. Im Initiativtext steht ebenfalls, dass Steuerprivilegien für Einzelpersonen illegal seien. Dadurch wären alle bestehenden Abzüge gefährdet. Alle unsere Steuersysteme, ihre Diversität, ihre kantonalen Ausprägungen würden in einer Mühle zerrieben.
Die Infragestellung der Pauschalbesteuerung ist eine weitere Attacke auf das "Schweizer Modell", wie sie in den letzten Jahren vermehrt vorkamen. Dieses Modell verbindet Attraktivität und Pragmatismus. Es ist nicht egalitär, aber die Steuer sind fair, ist es doch letztlich die Gemeinschaft als Ganzes, die von diesen Beiträgen profitiert. Lehnen wir deshalb die Abschaffung dieses Modells ab.
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