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Historisches über den Lavendel (Lavandula angustifolia)
Plinius (23-79 v.Chr.) schreibt, dass die Römer den Lavendel benutzten, um ihr Badewasser zu parfümieren. Von baden (lavare) leitet sich auch der Name Lavandula ab.
Der Lavendel in der Bibel
In der Bibel wird der Lavendel verschiedentlich erwähnt. Zum Beispiel in der Salbung in Betanien (im Johannes-Evangelium, Kapitel 12, Vers 2-3 oder im Markus-Evangelium, Kapitel 14, Vers 3), die Rede ist vom Speik (Lavandula spica) der als duftendes Salböl dient. Einmal salbt Maria Magdalena die Füsse, das andere Mal das Haupt Jesu. Dieses Magdalenenöl wird seit dem Mittelalter verkauft und auch heute noch als sogenanntes Nardenöl angeboten.
Dioskurides erwähnt im 1. Jahrhundert nach Christus in seiner Schrift Materia Medica den Lavendel (Lavandula stoechas) als gutes Mittel gegen Brustleiden und als Antidot (Gegenmittel) - siehe auch Theriak. Er beschreibt die Herstellung von Lavendelwein und Lavendelessig, welche Schleim lösen, Blähungen beseitigen und sogar gegen Epilepsie helfen sollen.
Der Lavendel im Klostergarten
Hildegard von Bingen (1098 - 1179) schreibt über den Lavendel in ihrer naturkundlichen Schrift Physica: „Der echte Lavendel ist warm und trocken, weil er wenig Saft hat. Und er nützt dem Menschen nichts zum Essen, hat aber doch einen starken Duft. Und wenn ein Mensch, der viele Läuse hat, oft am Lavendel riecht, sterben die Läuse an ihm. Und sein Duft macht die Augen klar, weil er die Kraft sehr starker und auch die Nützlichkeit sehr bitterer Spezereien in sich hat, und daher fesselt er viele üble Dinge,…“
Die Klosterheilkunde rühmte den Lavendel als Mittel bei Magenschmerzen und Blähungen. Auch Odo Magdunensis, ein Mönch aus dem Loire-Tal, beschrieb ihn Ende des 11. Jahrhunderts in seinem De viribus herbarum,später dann in der erweiterten Ausgabe Macer floridus.
Um 1200 wird der Lavendel zusammen mit Salbei, Bibergeil, Primel und anderen Gewächsen im Regimen Sanitatis Salernitanum lobend als Mittel bei Lähmungen erwähnt.
Im Gart der Gesundheit (1485) wurde der Lavendel ebenfalls erwähnt.
Tussie-Mussie - ein Sträusschen aus Kräutern und Blumen
Im 15. Jahrhundert tauchten die ersten Tussie-Mussies auf. Tussie bezieht sich auf tussock = (Gras)Büschel und Mussie war die reimende Veränderung von moss = Moos. Duftende Kräuter und Blumen wurden mit Moos umwickelt und mit Bändern gebunden. Die Reichen hatten sogar einen kleinen Vasenhalter mit einem Schirmgriff aus Silber oder aus anderen edlen Materialien. Diese Halterungen kann man heute noch kaufen und die Tussie-Mussies werden vor allem im angelsächsischen Raum immer noch für Hochzeiten gemacht.
Früher waren sie vor allem ein Mittel, um sich den Gestank auf den Strassen von der Nase zu halten und man glaubte an die schützende Wirkung der Kräuterdüfte gegen die Pest und andere Krankheiten.
Blumensprache
Im England des viktorianischen Zeitalters (2. Hälfte 19. Jahrhundert) wurde es dann Mode mit Tussie-Mussies der Dame des Herzens zarte Mitteilungen in der Sprache der Blumen zu machen. Ausgelöst wurde dieser Boom durch die Reiseerinnerungen von Lady Mary Wortley Montagu von ihrer Reise in die Türkei. Sie beschrieb darin die sogenannte Blumensprache. Es erschienen viele Blumen-Wörterbücher in denen die Bedeutung der einzelnen Blumen erklärt wurde (z.B. Rose = Liebe, gelbe Rose = abnehmende Liebe oder Untreue, Vergissmeinnicht = wahre Liebe, Gänseblümchen = Unschuld, Phlox = Einverständnis, Salbei = ich denke an dich, Pfefferminze = ich verzeihe dir resp. verzeihe mir).
Der Lavendel aber hiess: ich werde mein Ziel bestimmt erreichen! Jede Pflanze, die Anordnung, der Zustand (ob frisch oder verwelkt) und in welcher Anzahl und wie gebunden, alles hatte seine Bedeutung. Viele Möglichkeiten für geheime romantische "Gespräche" zwischen jungen Damen und ihren Verehrern!
Lavendel gegen die Pest
Aus dem 17. Jahrhundert stammt die folgende Geschichte:
In der südfranzösischen Stadt Toulon (andere Quellen sprechen auch von Marseille) herrschte im Jahr 1630 die Pest. Viele Menschen wurden krank und starben. Da erwischten die Wächter vier Männer als sie Leichname ausplünderten ohne Angst vor Ansteckung zu haben. Auf Leichenfledderei stand eigentlich die Todesstrafe, aber die Ratsherren versprachen den Dieben die Freiheit im Austausch gegen das Geheimnis, wie sie sich vor der Ansteckung mit der Pest geschützt haben. Nun, natürlich wählten die Diebe lieber das Plaudern als den Tod und verrieten das Geheimrezept: einen Essig mit verschiedenen Kräutern, mit dem sie den Mund ausspülten und sich einrieben.
4-Diebe-Essig
Je einen Esslöffel Salbei/Rosmarin/Thymian und Lavendel mit ¾ Liter Apfelessig ansetzen und in einem warmen Zimmer zwei Wochen ziehen lassen. Dann absieben. Bei Erkältungen morgens mit einem halben Glas Wasser mit einem Esslöffel Essig gurgeln.
Nicholas Culpeper (1616-1654) beschreibt den Lavendel als Heilmittel bei Stimmverlust, Herzbeschwerden und Ohnmachten (Herbal 1652, vorher The English Physitian). Und William Salmon (1644-1713) empfahl ihn als Mittel zur Einnahme und zum Auftragen auf die Wunden von Schlangen- und anderen Bissen gefährlicher Kreaturen (Botanologia: The English Herbal, 1710).
In den USA und Kanada waren es die Shaker (eine strenggläubige Untergruppe der Quäker), welche den Lavendel aus England mitbrachten und ihn auf ihren Kräuterfarmen anbauten.
Das Lavendelöl in der Parfümindustrie
In Frankreich war Grasse ein bekanntes Zentrum der Lederverarbeitung. Im 18. Jahrhundert kam die Mode auf, das Leder zu parfümieren. Das war die Geburtsstunde der grossen Parfüm-Häuser (1759). Die Nachfrage nach Lavendel für die Parfümherstellung stieg schnell an. Die Lavendelpflückerei war eine wichtige Einnahmequelle für arme Leute und Kleinbauern, auf deren kargen Böden sonst kaum etwas Rentables wuchs. Die gepflückten Blüten wurden dann an die Grasser Parfümeure verkauft. Mit der Zeit schlossen sich die Bauern aber zusammen und destillierten das Lavendelöl selber. Der Lavendelbedarf stieg immer weiter an und erreichte in den Jahren zwischen 1920 und 1930 einen Höhepunkt, so dass sogar Gastarbeiter aus dem Piemont mithelfen mussten die riesigen Mengen
von Lavendel rechtzeitig zu pflücken.
Mit der Züchtung und Auslese von speziellen, langstieligen Sorten, welche nach und nach die wilden Sorten ersetzten, wurde in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auch das mechanische Pflücken möglich.
Das Lavendelöl wird heute auch häufig gestreckt oder verfälscht. Das auch natürlicherweise im Lavendel vorkommende Linalool kann heute synthetisch hergestellt und zur Streckung/Verfälschung benutzt werden.
Der Lavendel im Volksglauben
Im Volksglauben sollte der Lavendel als Mittel gegen die Pest helfen (in der Provence auch gegen die Tuberkulose bei den Lavendelpflückern). Gute Hexen rettete der Lavendel vor der Verfolgung durch den Teufel. Ohnmächtige Damen wurden durch den Lavendelgeruch wieder erweckt.
Wenn man die Schlüssellöcher mit Lavendelkraut verstopfte sollten die Geister nicht ins Haus kommen können. Lavendelsträucher rund ums Haus gepflanzt hielten das Böse fern.
Bei Hochzeiten ist es Brauch, getrocknete Lavendelblüten in den Kirchenmittelgang zu streuen, so dass die Braut auf einer Duftwolke wandelt. Lavendel wird in den Brautstrauss gebunden oder in kleine Kissen gefüllt. Statt Reis kann man auch getrockneten Lavendel über das Brautpaar werfen.
Lavendelblüten zwischen den Bettlaken sorgen dafür, dass sich ein Paar nie streitet.
Man streute Lavendel auf die Böden von Schlössern und von Spitälern um diese zu desinfizieren und parfümieren. Lange wurde Lavendel zur Wunddesinfektion bei den Soldaten verwendet. Als Mittel gegen Läuse ist er schon lange bekannt und wird heute sogar wieder bei Befall mit Kopfläusen empfohlen.
Die gleiche abschreckende Wirkung hat der Lavendel auch in Kissen genäht gegen Kleidermotten.
Lavendel in der heutigen Medizin
Heute erhofft sich die medizinische Forschung vom Lavendel Hilfe bei der Bekämpfung bestimmter Krebsarten (Pankreas, Brust u.a.). In Versuchen mit Mäusen halfen
gewisse Bestandteile des Lavendels, die Vermehrung von Krebszellen zu reduzieren. Studien mit Menschen hat es aber noch nicht gegeben.
Der Lavendel soll aber auch bei harmloseren Problemen wie Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Hautausschlägen und Hautverbrennung wirken. Er wirkt beruhigend, ausgleichend und entspannend.
Lavendel-Fussbad gegen Schweissfüsse
Eine Handvoll Lavendelblüten mit ein wenig heissem Wasser übergiessen, stehen lassen und dann zum Fussbad gegeben soll zuverlässig gegen Schweissfüsse helfen.