Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03658.jsonl.gz/2482

Navigation

Tetramorph
Zur Beachtung:
Bei dieser Seite handelt es sich um eine Skizze, die noch mit Fehlern behaftet ist.
Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch
»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Einleitung
In der christlichen Kunst ist auf den Buchdeckeln von Evangelienbüchern, an Kanzeln und Lesepulten (wo die Evangelien verkündet werden), in den vier Kappen von Kreuzgewölben, um den als ›Majestas Domini‹ erscheinenden Christus herum, und auch sonstwo eine Gruppe von vier Wesen dargestellt: ein Engel, ein geflügelter Löwe, ein geflügeltes Rind, ein Adler. Oft sind sie als Mischgestalten von Menschen mit den entsprechenden Tierköpfen gebildet und halten ein Buch oder eine Schriftrolle in Händen (oder Pfoten bzw. Klauen). Es gibt auch Darstellungen, wo die Häupter dieser vier Wesen auf einem einzigen Leib sitzen.
Elfenbeinkästchen mit der Majestas Domini zwischen den Evangelistensymbolen; 1.Hälfte des 13.Jhs. – Bildnachweis: Musée national du Moyen Âge (Hôtel de Cluny), Paris. – http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelistensymbole
Basler Münster, Galluspforte, (1150/70) (Aufnahme PM)
Ecclesia reitet auf auf dem Tetramorph; aus: Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; Fol. 150r. (Ausschnitt)
Die vier Wesen stehen für die vier Evangelien (von Matthäus, Markus, Luks, Johannes); man sagt etwas ungenau auch, es seien ›Evangelistensymbole‹. Wie kommen sie dazu?
Genealogie
Die Zuordnung der Mischwesen zu den Evangelisten kann man nur verstehen, wenn man verfolgt, aus welchen Voraussetzungen sie entstand.
(1) Ezechiels Vision
Im Jahre 587 vor unserer Zeitrechnung wurde Jerusalem durch die Truppen Nebukadnezars erstürmt und die Oberschicht der Bevölkerung nach Babylonien deportiert. Das war eine politische und noch vielmehr – weil der Kult im Tempel nicht mehr möglich war – eine religiöse Katastrophe. Auch der Priester Jechäsqel (Ezechiel, Hesekiel) befand sich unter den Verbannten. In babylon wird er durch ein göttliche Vision zum Propheten berufen und hält seinem Volk anschließend dessen Verfehlungen vor, weissagt ihm aber auch das künftige Heil. nacheinigen jahren hat Ezechiel eine Vision. Er sieht Gott auf einem von seltsamen Wesen gezogenen Thronwagen:
Die Misch-Wesen erinnern an die Karibu (akkadisch; entsprechend hebräisch Cherubim) aus Mesopotamien.
Die Wesen aus der fremden Götterwelt sind bei Ezechiel vor den Thronwagen des Gottes von Israel/Juda gespannt, müssen ihm dienen; ein Ausdruck der Überlegenheit der eigenen Religion. Ezechiel vermag seine Leidensgenossen zu trösten: Gott folgt seinem Volk in die Verbannung, ist also nicht nur im Jerusalemer Tempel gegenwärtig. Unser Gott ist immer bei uns.
Die Vision ist nicht leicht konkret bildnerisch umsetzbar; hier der Holzschnitt aus einem Bibelkommentar der Inkunabelzeit. Im oberen Teil wird versucht, die ganze Vision darzustellen; im untern Teil wird eines der vier Tiereindividuelle gezeigt.
Der Visionär der Apokalypse sieht die Thronwächter des im Himmel thronenden Christus ähnlich wie Ezechiel:
Was bedeutet das den Christen?
In jeder Schriftreligion, die sich auf altehrwürdige Texte beruft, ergibt sich folgendes Dilemma: Die im Textkorpus (in der Bibel) niedergelegten Texte stammen aus fernen Zeiten, während der Leser sich in einer Epoche befindet, die religionsgeschichtlich weitergeschritten ist, und in der andere lebenspraktische Erfordernisse anstehen. Anderseits hat der heilige Text einen bleibenden normativen ›An-Spruch‹. Es stellt sich immer neu die Aufgabe, das Überkommene behutsam zu aktualisieren. Dabei gilt:
(a) Der Leser will aus dem Text Aufschluss über seine Situation in der Welt, sein Sollen und seine Hoffnungen gewinnen. Er kann diese Auskunft erwarten, denn vom Text gilt als ausgemacht, dass jedes Wort zum Heil der Menschen gesagt ist. (b) Der Leser ist nicht bereit, am Text irgend etwas zu ändern, denn der Text gilt ihm – weil inspiriert – bis in den letzten Buchstaben hinein als sakrosankt.
Es gibt eine Möglichkeit, beide Randbedingungen zu erfüllen: Man nimmt an, der überlieferte Text sei eine Allegorie eines verborgenen Hintersinns. Dieses ›Allegorese‹ genannte Verfahren lässt einerseits den Wortlaut stehen, führt anderseits zu einem zweiten situationsadäquaten Text, von dem gilt, dass im ersten enthalten ist. Für die Christen besteht das Ziel der Auslegung immer in neutestamentlichn Aussagen oder Glaubenswahrheiten.
Die Frage ist nun, was diese merkwürdigen vier-gestaltigen Wsen bedeuten.
(2) Das Problem der vier Evangelien
Ein Problem, das die frühen Christen umtrieb, war die Abgrenzung des Kanons, d.h. das Set derjenigen Texte, die normativen Rang beanspruchen dürfen. Es gab mehrere Texte, die von Jesus berichteten – welches sind die gültigen, welche müssen draussen bleiben (sie heissen dann ›apokryphe‹ Texte)? Es kristallisierte sich heraus: es sind die vier Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas, Johannes.
Die vier Evangelien sprechen alle vom Leben, Wirken, Leiden, Tod und Auferstehung von Jesus Christus. Dabei gibt es Übereinstimmungen und Unterschiede. Vor allem mit diesen hat sich die Bibelkunde immer wieder schwer getan.
Wenn man diese Eigenart irgendwie biblisch abstützen könnte, und damit geltend machen, das müsse so sein: vier Evangelien und nur diese! Hier helfen nun die vier Misch-Wesen aus Ezechiels Vision.
Zwei Probleme schaffen einander gegenseitig ab.
Die Lösung erinnert an Sigmund Freuds Satz: »Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als einzeln aufknackt.« (»Traumdeutung«, 1900, Kapitel IV, 3. Alinea).
Lösung: Das viergestaltige Mischwesen bedeutet die vier Evangelien und begründet so deren Einheit in der Vielgestalt.
Jetzt ergibt sich allerdings noch ein Detailproblem: Welcher der vier Evangelisten ist welchem der vier Teile zuzuordnen und aus welchem Grund?
Die Zuordnung der vier Wesen zu den vier Evangelisten
Auch darüber wurde lange nachgedacht. Wir bringen einige Quellen, die zeigen, dass man da gegrübelt hat, weil die Sache nicht so eindeutig ist.
Irenäus
Irenäus (Eirenaios, 2. Jahrhundert) schreibt zur angegebenen Apokalypse-Stelle: Die Evangelien nun passen zu den Wesen, auf denen Christus sitzt. (Es ist der älteste Belg für die Zuordnung.)
Man erkennt die (etwas wackeligen) Assoziationen von den Tier-Teilen zu den Evangelientexten; die Zuordnung ist noch eine andere, als die, die sich dann durchsetzen wird.
Ambrosius
Ambrosius (340 – 397) bezieht nicht nur die vier Evangelisten auf die vier Tiere, sondern sieht auch das Wesen Jesu durch diese dargestellt. Er schreibt im Vorwort zu seinem Lukaskommentar:
Augustinus
Augustinus (354 – 430) schreibt in einer Auslegung des Johannesevangeliums:
Hieronymus
Bei Hieronymus (um 350 – 420) werden die Tier-Teile den Evangelisten anders zugeordnet. Es ist die Korrelation, die sich dann durchs Mittelalter bis heute hält. Er schreibt im Prolog zum Matthäus-Kommentar :
Richard von Sankt Viktor
Bringen wir zum Schluss noch einen Autor aus dem Mittelalter. Richard von St. Viktor († 1173) bezieht die vier Bestandteile wiederum auf die Wesenszüge des Heilands. Er schreibt in seinem Apokalypse-Kommentar:
Literaturhinweise (nebst den üblichen ikonographischen Lexika):
Wilhelm Neuss, Das Buch Ezechiel in Theologie und Kunst bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Typologie der christlichen Kunst. Münster/Westf.: Aschendorff 1912.
Joseph Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittelalters [1902], 2. Auflage Freiburg/Br.: Herder 1924; S. 62–64 und 410–412.
Ruth Affolter, Von den vier Wesen in den Visionen bei Ezechiel und in der Johannes-Apokalypse zu den Evangelistensymbolen, in: Symbole im Dienste der Darstellung von Identität, hg. P. Michel, (Schriften zur Symbolforschung 12), Bern 2000, S. 109–122.