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Beat Glur, Berner Zeitung (16.01.2007)
Starsopranistin Cecilia Bartoli in Zürich: Als Semele verliebt sie sich in Händels gleichnamigen Oratorium in Jupiter. Regisseur Robert Carsen schreckt in seiner Inszenierung nicht vor Slapstick-Elementen zurück.
Erstmals überhaupt ist in Zürich Händels 1744 uraufgeführtes Oratorium «Semele» zu sehen. Dank herausragendern Kräfte gelingt dem Opernhaus Zürich eine ansprechende Aufführung des Barockstücks.
Mit dem famos aufspielenden Orchester La Scintilla und dem Barockspezialisten William Christie am Pult, mit dem renommierten Regisseur Robert Carsen und vor allem mit der Starsopranistin Cecilia Bartoli in der Titelrolle hat die Produktion die richtigen Ingredienzen, um zum Erfolg zu werden.
Zuerst ein Misserfolg
Georg Friedrich Händel (1685– 1759), der damals längst ein in ganz Europa gefeierter Komponist war und in London sein eigenes Opernunternehmen betrieb, hatte mit «Semele» weniger Glück. Der Publikumserfolg blieb aus, und das Werk erlebte nach der Premiere nur noch wenige Aufführungen. Mit ein Grund für den Misserfolg war angeblich die Tatsache, dass, wie Kritiker damals monierten, Händel das Werk nur darum Oratorium nannte, um sich die Kosten für die viel teurere Opernproduktion zu sparen. Erst im 20.Jahrhundert fand «Semele», das Händel selber eine «Opera after the manner of an Oratorio» nannte, wieder auf die Bühnen, erstmals jetzt auch in inszenierten Fassungen.
Das Schweizer Publikum jedoch kann sich auf einen herkömmlichen Opernabend einstellen. Das ist vor allem Regisseur Carsen zu verdanken. Er macht deutlich, dass das Werk auch szenische Qualitäten hat und dass es durch die Inszenierung überhaupt erst zu einem musikalischen Drama wird.
Von den Göttern zu Royals
Das dreiaktige Stück behandelt ein Thema aus der griechischen Mythologie. Göttervater Jupiter liebt die sterbliche Semele (Bartoli) und unterhält mit ihr ein heimliches Verhältnis. Juno, die Gattin Jupiters, tobt vor Eifersucht und sinnt auf Rache. Es gelingt ihr, Semele zu überreden, dass sie Jupiter veranlasst, sich ihr nicht als Sterblicher, sondern als Gott zu zeigen. Jupiter, der geschworen hat, Semele jeden Wunsch zu erfüllen, erscheint ihr mit den Zeichen seiner göttlichen Macht. Semele verbrennt an Jupiters Blitz.
Carsen verlegt die Geschichte an den britischen Königshof von heute. Ein langer roter Teppich dient als Laufsteg für die Royals und die vielen Möchtegern-Royals. Sie lesen mit Vorliebe die Boulevardpresse («Jupiter and Semele: It's official!») und fliegen mit der British Airways. Der Chor ist paarweise eingeteilt und stellt die Vervielfachung von Jupiter/Semele dar.
Gelungene Regieeinfälle
Zuweilen fast Slapstick-artig inszeniert Carsen seine Figuren, die alle ihre grossen Momente haben. Semele wird als blind verliebtes und vom Reichtum der Royals geblendetes Girl gezeigt, das scheitert, weil es selber nach Macht strebt.
Aber trotz zahlreicher gelungener Regieeinfälle und präzis charakterisierter Figuren kann auch Carsen nicht verhindern, dass das handlungsarme und letztlich wenig dramatische Stück zumindest im ersten Teil Längen aufweist.
Ensemble gut aufgehoben
Erst nach der Pause kommt es dank zwei Bravour-Auftritten von Cecilia Bartoli zu langem Szenenapplaus. Hier kann die italienische Sängerin, die als Semele erstmals englisch singt, vorführen, was man von ihr erwartet: langanhaltende endlos hinauf- und hinabperlende Koloraturen.
Der US-Tenor Charles Workman als Jupiter wusste mit seiner hellen, deutlich artikulierenden Stimme ebenso zu gefallen. Und während Bartoli darstellerisch an ihre Grenzen stiess, fühlte sich das Ensemble in Carsens Inszenierung ideal aufgehoben und zeigte durchwegs herausragende Leistungen.