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Geflüchtet (4) : Unwirkliche Realität
Ich möchte nach Hause. Ich möchte meine Freund:innen in Kyjiw umarmen, meine Orchideensammlung blühen sehen. Ich möchte in meine Heimatstadt Cherson, wo Erdbeerzeit ist und man ganze Kisten alleine essen kann. Ich will durch die Strassen laufen, Freund:innen treffen und spontan Kaffee trinken gehen, Pläne für die Zukunft haben, ins Kino und ins Theater gehen, im Sommer nach Odesa oder Mariupol ans Meer fahren. Und das wollen wir alle – fast alle Geflüchteten, die ich kenne.
Wir leben mit Nachrichten aus der Ukraine, und unsere Realität hier fühlt sich wie etwas Unwirkliches an. Doch es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis wir zurückkehren und richtig leben können.
Mein Cherson ist jetzt besetzt. Diejenigen, die zu fliehen versuchen, sterben unter den Raketen. Neulich ist der Pate meines mittleren Sohnes gestorben – er wollte seine Schwester und deren Kinder aus Cherson abholen. Unsere Meere und Wälder sind vermint, Mariupol ist fast zerstört. In allen Städten ertönen Sirenen des Luftalarms, und Raketen der Russen schlagen ein.
Studierende der Universität Basel wollten bei einem Treffen von mir wissen, ob es möglich sei, einen gesunden Umgang mit der Informationsflut zu finden. Ich antwortete, dass ich das nicht könne. Ich lese Nachrichten aus der Ukraine, sobald ich aufwache, und als Letztes, bevor ich schlafen gehe. Ich lebe physisch hier, doch meine Gedanken sind zu Hause. Ich verstehe die Frauen, die nach mehreren Monaten des Umherirrens in Europa nach Hause fahren, in die Städte, in denen es mehr oder weniger sicher ist. Ein Mensch braucht nicht nur sicheren Raum, Nahrung und Kleidung: Die Ukrainer:innen brauchen ihr Land, ihre Kultur und ihre Sprache. Kleine Gespräche in der Schlange im Laden, gemeinsame Witze, den Geruch der Heimatstadt und das Gefühl, hier zu Hause zu sein. Wir brauchen die Umarmungen unserer Männer und Frauen, und die Kinder brauchen glückliche Eltern und ein Gefühl, ein Zuhause zu haben.
Mein mittlerer Sohn Herman hat einen neuen Status im sozialen Netzwerk gesetzt: «Die Sache ist die, dass ich kein Zuhause habe» – ein Satz aus einem ukrainischen Lied. Er ist dreizehn und verliess die besetzte Stadt einen Monat nach Kriegsausbruch. Er sagt, er wolle unbedingt nach Hause. Ich verstehe ihn. Ich selbst bin seit dem 24. Februar neunmal umgezogen. Ich habe die Liebe zum Reisen verloren.
Die ukrainische Theaterschaffende Natalia Blok (41) lebt derzeit in Basel. Übersetzt hat den Text die Autorin Julia Gonchar. Die Serie wird vom Verein ProWOZ finanziert.