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Praktisch seine ganze bisherige Forscherkarriere hat Lars Gustafsson von der Universität Uppsala in Schweden den Halsbandschnäppern (Ficedula albicollis) auf der Insel Gotland gewidmet. Daten aus 34 Jahren zeigen, dass der charakteristische weisse Stirnfleck der Männchen allmählich schrumpft, wie Gustafsson und sein ehemaliger Mitarbeiter Simon Evans berichten, der seit 2015 an der Universität Zürich forscht.
Bisher waren die Männchen mit grossem Stirnfleck besonders erfolgreich bei der Fortpflanzung. Während der Beobachtungszeit wurde der selektive Vorteil aber offenbar zum Nachteil. Und zwar in Zusammenhang mit steigenden Temperaturen, wie die beiden Forscher im Fachblatt "Nature Ecology & Evolution" schreiben. Eine wärmere Brutsaison bedeutete demnach schlechteren Fortpflanzungserfolg für die Männchen mit grossem Stirnfleck.
"Dass sich sekundäre Geschlechtsmerkmale wie der Stirnfleck durch den Klimawandel verändern, ist zwar vermutet, aber bisher nicht so klar gezeigt worden", sagte Evans im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Der Fokus früherer Studien habe mehr auf Eigenschaften wie dem Brutzeitpunkt gelegen oder allgemein auf der Auswirkung menschlicher Aktivitäten auf das Fortpflanzungsverhalten bestimmter Arten.
Wie genau der Klimawandel zu Selektion gegen einen grossen Stirnfleck führt, ist bisher unklar. "Wir haben einige Theorien dazu", sagte Evans. Zum Beispiel stünden die Männchen mit grossem Stirnfleck häufiger im Konkurrenzkampf mit Rivalen. Revierkämpfe kosteten aber Energie, die für die Brutpflege fehle. Das mache die Männchen mit grösserem Fleck vermutlich zu schlechteren Vätern.
Mit den steigenden Temperaturen könnten sich die Brutbedingungen so verändert haben, dass dieser Nachteil zum Tragen kommt. "Wenn die Vögel im Frühjahr aus dem Süden zurückkehren, ist der Frühling bereits da", sagte Evans der sda. Aber auch das Vorkommen von Parasiten und das Nahrungsangebot könnten durch den Klimawandel verändert sein und die Selektion mitbestimmen.
Ob der schrumpfende Stirnfleck negative Auswirkungen auf den Bestand der Art haben wird, sei schwer abzuschätzen. Wahrscheinlich würden sich auch die Weibchen anpassen und bei der Partnerwahl auf andere Merkmale achten, vermutet Evans. "Aber es ist ein Zeichen dafür, dass sich die Ökologie dieser Art verändert." Es sei ein Beispiel für aktuell voranschreitende Evolution, die vom Klimawandel beeinflusst werde.
(SDA)