Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/3012

Die Rapperswil-Jona Lakers können nach dem Sieg in Olten immer noch Cupsieger werden. Aber sie segeln in der Meisterschaft einem historischen Debakel und einem Trainerwechsel entgegen. Oder doch nicht?
Wie viele Niederlagen kann sich ein Trainer leisten? Mehr als 30 Pleiten pro Saison hält in der höchsten Liga eigentlich kein Chef aus. Jeff Tomlinson hat mit den Lakers zehn der ersten elf NL-Partien verloren. Auf 50 Spiele hochgerechnet drohen mehr als 30 Niederlagen. Also keine Chance für den kanadischen Aufstiegstrainer?
Ein Beispiel sagt uns: Die Lakers werden nicht um einen Trainerwechsel herumkommen. 2007/08 hatte Basel die Saison unter Mike McParland begonnen. Mit einer im Vergleich zur Konkurrenz nominell besseren Mannschaft als es heute die Lakers sind. Am Ende der Qualifikation (50 Runden) standen vier (!) Siege, 16 Punkte, ein Torverhältnis von 98:213 und, natürlich, in der Liga-Qualifikation gegen Biel mit vier Pleiten de suite der Abstieg. Am Schluss stand als dritter Trainer Benoît Laporte an der Bande. Es ging nicht ohne Kommandowechsel.
Es gibt aber auch ein anderes Beispiel, das zeigt, dass ein Trainer beinahe unendlich viele Niederlagen aushalten kann. Vor exakt 20 Jahren, in der Saison 1998/99 verlor Langnau in der Qualifikation (45 Runden) 34 Partien. Der Aufsteiger gewann bloss vier Spiele. Bei einem Torverhältnis von 112:221 holten die Emmentaler ganze 18 Punkte. Aber der Trainer durfte auf der Kommandobrücke bleiben und am Ende gelang in einer dramatischen Liga-Qualifikation im siebten Spiel in Chur der Ligaerhalt. Aufstiegsheld Martin Gerber und Rock’n’Roller Todd Elik waren die Leitwölfe; der Kanadier buchte in diesem siebten Spiel (7:2) ein Tor und sechs Assists.
Der Trainer, dem dieses Kunststück gelang, heisst Jakob Kölliker. Er war mit den Langnauern aufgestiegen. Mit einer bis heute in unserem Profihockey einmaligen Nervenkraft weigerte sich Sportchef Jakob Kölliker, den Trainer Jakob Kölliker zu entlassen, und Präsident René Zeh blieb standhaft, stützte seinen Sportchef und Trainer durch alle Böden hindurch – und behielt recht. Es gibt in der Neuzeit kein anderes solches Beispiel an Standhaftigkeit (oder Sturheit) im helvetischen Profisport.
Die Rapperswil-Jona Lakers wie Basel 2007/08 oder wie die SCL Tigers 1998/99? Mit Jeff Tomlinson zum Ligaerhalt mit weniger als zehn Siegen in der Qualifikation wie einst Langnau mit Jakob Kölliker? Haben die Lakers den Mut, so stur zu sein wie damals die Langnauer?
Es spricht einiges für die Variante SCL Tigers. Das Management der Lakers mahnt in echter Bescheidenheit und Vernunft an die damalige Führung der SCL Tigers. Es ist die gleiche Demut eines Aufsteigers, der eigentlich weiss, dass er keine Chance hat. Also packt er die Chance.
Wie damals die Langnauer sind auch die Lakers auf einer schwierigen Bergtour. Vor dem Aufbruch ist allen klar, dass es eine mühevolle Sache wird. Anstrengend und entbehrungsreich. Und doch sind alle voller Hoffnung. Geschäftsführer Markus Bütler mag diesen Vergleich und fügt an: «Wie bei einem schwierigen Aufstieg gibt es keinen Weg mehr zurück.» Anzufügen wäre noch: In der Felswand ist es nicht mehr möglich, den Anführer der Seilschaft (den Bergführer) auszutauschen. Bei den Lakers wäre es hingegen kein Problem, den Bergführer (den Trainer) zu wechseln.
Wenn wir nur harte Faktoren berücksichtigen – die Anzahl Siege und Niederlagen, Tore und Gegentore und alle sonstigen Statistiken – dann ist der Aufsteiger auf dem Weg in den sportlichen Untergang. Die Lakers stehen rein statistisch ungefähr so da wie in ihrer Abstiegssaison (2014/15) und befinden sich in einer ähnlich besorgniserregenden herbstlichen Verfassung wie Basel oder Kloten, weitere Absteiger der letzten Jahre.
Die weichen Faktoren – die Gelassenheit der Führung, die Stimmung in der Kabine – deuten hingegen nicht auf Absturzgefahr. Ein Trainerwechsel steht nicht zur Debatte. Es gibt nicht die üblichen Sprüche («der Trainer ist kein Thema», «wir stehen hinter dem Trainer»). Markus Bütler sagt: «Die Frage ist, ob der Trainer die Spieler erreicht und ob die Spieler an das glauben, was der Trainer sagt. Das ist bei uns ganz klar der Fall. Jeff Tomlinson hat sich in den vergangenen drei Jahren eine starke Position erarbeitet und wird respektiert.» Sportchef Roger Maier sagt sogar: «Es ist erstaunlich, wie gut bei uns die Stimmung ist.» Nach dem Motto: Wir sind Letzte – na und?
Die Frage ist, wie lange Jeff Tomlinson von diesem «Vorrat» zehren kann. Niederlagen entwickeln eine destruktive Dynamik. Wird die Führung davon erfasst wie letzte Saison in Kloten, dann wird es kritisch. Bleibt die Führung gelassen wie damals in Langnau, kommt es gut. Der Sieg im Cupspiel in Olten (3:1) tut der Seele und der Autorität des Trainers so gut, wie ein Regenschauer dem ausgetrockneten Helvetien täte.
Markus Bütler hat mehr als zehn Jahre für die Lakers gespielt und lässt sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Er bleibt gelassen: «Wir waren uns immer bewusst, wie schwierig es wird. Natürlich haben wir auf einen guten Saisonstart und ein bisschen Euphorie gehofft. Wir haben ja letzte Saison im Cup mehrere höherklassige Teams besiegt. Aber ich habe immer wieder gewarnt: Das waren einzelne Events und etwas ganz anderes als der Alltag in der höchsten Liga.» Und dieser Alltag hat dem Cupsieger noch wenig Glück gebracht – knappe Niederlagen und mehrere verletzte Schlüsselspieler.
Wenigstens ist die wirtschaftliche Situation – anders als vor einem Jahr in Kloten – stabil. Aus dem Kassenhäuschen kommt keine Panik. So war es damals übrigens auch in Langnau beim «Kölliker-Wunder». «Wir haben konservativ budgetiert» sagt Markus Bütler. Kommen weiterhin im Schnitt zwischen 3000 und 4000 Fans, geht die Rechnung einigermassen auf. Zurzeit liegt der Schnitt bei 4049.
Eine Kriegskasse zum Nachrüsten gibt es auch. «Wir sondieren den Ausländermarkt», sagt Sportchef Roger Maier, der Architekt des sportlichen Wiederaufbaus. «Wenn es Schweizer Spieler gibt, die uns helfen können, dann sind wir interessiert. Aber es gibt keine», ergänzt Markus Bütler. Agent Dani Giger ist gerade dabei, den Preis für den bei Servette kriselnden Juraj Simek in die Höhe zu treiben. Ein Spielchen, auf das die Lakers nicht hereinfallen. Inzwischen winkt Chris McSorley ab: «Wir werden ihn wohl behalten».
Wie die Bergtour enden wird, ist offen. Ein Traumszenario gibt es allerdings: Die Lakers werden auf den letzten Metern zum Gipfel des Klassenerhaltes in der Liga-Qualifikation gegen Kloten von Kevin Schläpfer begleitet. Wenn nicht als Trainer, dann halt als Berater, Mental-Trainer oder Kommunikations-Chef. Dass Kloten das Potenzial zum NLB-Meister hätte, haben wir ja soeben im Cup gesehen: Beim 4:3-Sieg gegen den NL-Tabellenführer Biel.