Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/3571

Professor Dr. Ye Tingfang
Die Philosophische Fakultät der Universität Zürich verleiht die Würde eines Doktors ehrenhalber an Herrn Prof. Dr. Ye Tingfang in Anerkennung seiner grossen Verdienste um die chinesische Germanistik und insbesondere um die Übersetzung und Vermittlung deutschsprachiger Literatur. Als Übersetzer der Werke Friedrich Dürrenmatts und Franz Kafkas hat Ye Tingfang zwei grosse europäische Autoren in China eingeführt und dadurch auch das zeitgenössische Sprechtheater und die chinesische Gegenwartsliteratur nachhaltig beeinflusst.
Ye Tingfang wurde am 23. November 1936 in der Provinz Zhejiang, China geboren. Während der japanischen Besetzung wurde er von der Gewehrsalve eines Soldaten der japanischen Armee getroffen, wobei er seinen linken Arm verlor. Aufgrund seiner aussergewöhnlichen Begabung konnte er 1956 das Studium des Faches Deutsch an der renommiertesten Universität des Landes, der Universität Peking, aufnehmen. Nach seinem Studienabschluss folgten Tätigkeiten als Assistent an der Abteilung Westliche Sprachen und Literaturen und als Dozent am Institut für die Erforschung ausländischer Literaturen der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking. Dieser Institution gehört er auch heute noch an. Während der Kulturrevolution war der Lehr- und Forschungsbetrieb eingestellt, und Ye musste die Jahre 1970 bis 1972 zwecks «Umerziehung durch körperliche Arbeit» auf dem Lande verbringen. Ye Tingfang diente dem Institut später auf diversen Hierarchiestufen, von 1993 an auch als Direktor. Er hatte diverse Präsidien akademischer Gesellschaften, so etwa jenes der Chinesischen Goethe-Gesellschaft, inne. Zeitweise wirkte er auch als Chefredaktor der renommierten Zeitschrift Shijie wenxue (Weltliteratur) und als Herausgeber der einflussreichen Buchreihe Xiandai wenxue lilun yicong (Übersetzungen zur modernen Literaturtheorie).
Ye Tingfang widmete sich in erster Linie der Übersetzung, in zweiter Linie aber auch der Vermittlung deutschsprachiger Literatur. Seine herausragende Leistung bestand darin, dass er namentlich die Werke Friedrich Dürrenmatts und Franz Kafkas zuhanden des chinesischen Lesepublikums erschloss. Gao Xingjian, der Gewinner des Literatur-Nobelpreises von 2000, hob verschiedentlich die enorme Bedeutung der Stücke Dürrenmatts und der herausragenden Übersetzungsleistung Ye Tingfangs hervor. Anlässlich einer Schweiz-Reise begegnete Ye Tingfang Dürrenmatt persönlich. Auch mit weiteren Schweizer Autoren wie Adolf Muschg und Hugo Lötscher ist Ye Tingfang freundschaftlich verbunden.
Ye Tingfang gilt weiterhin als die massgebliche Autorität der chinesischen Kafka-Forschung. Dass auch seine Auseinandersetzung mit dem Werk Kafkas keineswegs auf die Übersetzungstätigkeit zu reduzieren ist, lässt sich an seinen zahlreichen Studien und zeitkritischen Essays aufzeigen. Sein Eintreten für eine literaturtheoretische Auseinandersetzung mit dem Modernismus und seine vielbeachteten Interventionen in literaturkritischen Debatten trugen überdies entscheidend zur Öffnung und Weiterentwicklung des literaturwissenschaftlichen Diskurses in China bei. Daneben bezog er aber auch zu Fragen der Architektur und des Bauwesens Stellung. Zuletzt warnte er – mit Hinweisen auf die europäische Praxis des Schutzes von Kulturdenkmälern – eindringlich vor dem mit den Olympischen Spielen 2008 zusammenhängenden staatlichen Projekt, die Ruinen des Sommerpalastes wieder aufzubauen. Als historische Monumente seien diese Ruinen Teil des kulturellen Gedächtnisses der Nation und dürften nicht enthistorisiert werden, mahnte er in der Pekinger Tagespresse. Auch hier bewies er wie stets Unerschrockenheit, Pioniergeist und Integrität.