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Sant’Agata Bolognese
Das soll nicht überheblich klingen, aber das erste Mal in einem Lamborghini ist ein Ereignis, das kaum ein Autofahrer je vergessen könnte. Aber ich schreibe hier natürlich aus einer privilegierten Position. In meinem Fall war es am 11. Juli 2012, als ein unscheinbarer Transporter aus Italien vor dem damaligen Redaktionsgebäude dieser Zeitung im Zürcher Kreis 5 hielt und ein freundlicher Mann in kurzen Jeanshosen die Ladeklappe herunterliess.
Im Inneren kam ein mattschwarzer Aventador zum Vorschein, der aussah, als würde er da in Kauerstellung lauern und nur darauf warten, losspringen zu können. Die Ordnungsbusse, die mir auferlegt wurde, weil ich unterschätzt hatte, wie schnell das Auto aus dem Stand beschleunigt, bleibt ebenso in Erinnerung wie die Töfffahrer im Kanton Aargau, die einen Aventador grüssen, weil genau dieses Beschleunigungsvermögen fast nur noch von leistungsstarken Motorrädern erreicht wird.
Etwas mehr als zehn Jahre später sitze ich in Sant’Agata Bolognese wieder in einem Lamborghini Aventador – «Ultimae» heisst das Finale dieser grossen italienischen Oper. Auf 250 Exemplare als Roadster und 350 als Coupés wurde die Schlussserie dieses fantastischen Supersportwagens limitiert, der Fussballer- und Bubenherzen höherschlagen lässt, der Männer und Frauen gleichermassen begeistert und der in seiner kompromisslosen, forschen und wagemutigen Art unerreicht ist.
Gründung aus Trotz
1948 von Ferruccio Lamborghini als Hersteller von nach dem Krieg dringend benötigten Traktoren erdacht, erweiterte der Gründer 1963 das Angebot und begann mit der Entwicklung von Sportwagen. Letztlich aus Trotz, so geht die Legende, erweiterte er das Fertigungsgebiet seiner Fabrik.
Der noble Enzo Ferrari aus dem benachbarten Modena weist Ferruccio Lamborghini rüde zurück, als ihm der Kollege anbietet, beim Bau von Getrieben zusammenzuarbeiten. Bei Ferrari sind die Schaltzentralen eine Achillesferse, die Kraft der Motoren überschreitet die Möglichkeiten der eingesetzten Wechsel. Lamborghini hingegen ist es vom Traktorenbau gewohnt, grosse Krafteinflüsse auf die Räder zu übersetzen.
Die Zurückweisung wandelt Ferruccio Lamborghini wiederum in Vorwärtsenergie um und beginnt, Sportwagen zu skizzieren, zu entwickeln und zu bauen. 1963 wird mit dem GTV der erste Prototyp vorgestellt, der noch eine Ausstrahlung von klassischer Sportwageneleganz hat.
Im späteren Countach (auf Deutsch «Donnerwetter») entwickelten sich die Formen deutlich sichtbar in eine ziemlich expressive Richtung. So wurden beispielsweise erstmals Scherentüren eingesetzt, die zum Markenzeichen von Lamborghini wurden und Teil des grossen Auftritts im Aventador sind.
Leonardo DiCaprio im Countach
Im Hollywood-Film «The Wolf of Wall Street» haben die Scherentüren und der daran hängende schneeweisse Countach 25th Anniversary Edition einen grandiosen Einsatz, als Leonardo DiCaprio als Geld-Hai Jordan Belfort unter dem Einfluss des Hypnotikums Quaaludes zuerst eine Treppe hinunterfällt, dann bäuchlings zu seinem Auto robbt und liegend, mit dem Fuss, die Tür aufzustossen versucht, weil er sich unter dem Einfluss der Droge nicht mehr aufrichten kann.
Schliesslich fährt der Wall-Street-Betrüger im Countach los und zerlegt und zerbeult den Sportwagen nach allen Regeln der Crash-Kunst. Angeblich wurde für die Szene von Regisseur Martin Scorsese kein Duplikat des Fahrzeugs verwendet, wie das für solche zerstörerischen Szenen in Filmen üblich ist, sondern ein echter Lamborghini eingesetzt, was zumindest ein weiterer Baustein der Legendenbildung der italienischen Automarke ist, die sich ihre Identität und ihren Drang zum Drama glücklicherweise bewahrt hat, obwohl die Firma heute zum deutschen Audi-Konzern gehört.
Lamborghini Aventador Ultimae heisst das Finale dieser grossen italienischen Oper.
Und glücklicherweise geht die Lamborghini- Geschichte voller Mythen und Legenden weiter: Kürzlich wurde der Nachfolger des Aventador vorgestellt: Der auf einem geschmiedeten Carbon-Chassis basierende Revuelto – traditionell benannt nach einem erfolgreichen Kampfstier – erreicht mit einem Plug-in-Hybrid-Antriebsstrang aus drei Elektromotoren und neu entwickeltem V12-Aggregat nur schwer fassbare 1015 PS. Wie in den im weitesten Sinn vergleichbaren Modellen Porsche 918 Spyder oder Mercedes-AMG One wird die gewaltige Kraft aus einer Elektro-Verbrenner-Kombination geholt. Im Aventador hingegen, und das ist nur einer seiner vielen faszinierenden Aspekte, brüllt und schnauft, kreischt und röchelt noch ein V12-Saugmotor – «naturally aspirated», natürlich beatmet, wie das nur in englischer Sprache angemessen poetisch beschrieben werden kann –, ein Echo aus einer schöneren, aber vergangenen Automobilzeit. Die Maschine mit umfassenden 6,5 Litern Hubraum im Aventador LP 780-4 Ultimae entwickelt ihre maximale Leistung von 780 PS (574 kW) erst bei 8500 Motorumdrehungen, erreicht aus dem Stand in 2,8 Sekunden Tempo 100 und wird bis zu 355 km/h schnell.
Im Stand hingegen liegt die Maschine anmutig und friedlich unter den gläsernen Lamellen im Heck des Fahrzeugs – ein Bild von einem Motor unter überkreuzten Verstrebungen und ein Versprechen für jeden Autofahrer, der die Geschwindigkeit und das Drama mag.
2011 hat Lamborghini den Aventador als Nachfolger des Murciélago auf dem damals noch existierenden Genfer Automobilsalon offiziell vorgestellt, und im Laufe der Jahre wurde der Supersportwagen immer wieder etwas aufgefrischt, neue Sonderserien wurden aufgelegt und Modellvarianten angeboten. So gibt es im Ultimae eine Vierradlenkung, die das ziemlich breite Auto deutlich wendiger und leichter zu fahren macht.
Im Aventador brüllt und schnauft, kreischt und röchelt ein V12-Saugmotor.Stolz war man in Sant’Agata Bolognese auch auf kleine Innovationen wie ein neues Fahrprogramm unter dem sinnvollen Namen «Ego», welches erstmals im Aventador S eingeführt wurde und das die individuelle Einstellung verschiedener Fahrzeugparameter nach eigener Vorliebe erlaubt.
Kindlich-verspielt
Ansonsten hat die Bordtechnik dieses Autos mittlerweile den schon beinahe rührend anmutenden Charme einer Ära, in der Cockpitbildschirme noch die Dimensionen grosser Tablet-Computer hatten. Die bunte Grafik in Rot, Gelb und Blau im zentralen Display ist zwar voll digitalisiert, wirkt aber eher etwas kindlich-verspielt und erinnert nicht an einen Supercomputer, auch wenn natürlich in den Tiefen des Fahrzeugs Elektronik mit dafür zuständig ist, dass die ganze Kraft sinnvoll auf alle vier Räder verteilt wird und für den Piloten kontrollierbar bleibt.
Noch ein Auslöser meiner nur schwer zu bändigenden Faszination für dieses ungewöhnliche Auto ist sein irgendwie roher, ungeschliffener Charakter. Mit einem Druck auf den unter einer Klappe versteckten Startknopf startet brüllend das Aggregat, welches nur einige Zentimeter hinter den Passagieren in Mittelmotor-Ausrichtung montiert ist. Ein kleines, versenkbares Heckfenster stellt auf Knopfdruck einen noch direkteren akustischen Kontakt zum Aggregat her, dann hört man buchstäblich, wie es Luft holt, wie die Mechanik arbeitet und wie aus Sauerstoff und Benzin erst Feuer und dann Bewegung wird.
Aus der Froschperspektive blicke ich auf das Strassengeschehen vor mir, lediglich 1,1 Meter hoch ist der Aventador Ultimae, und langsam taste ich mich an seine Möglichkeiten heran. Dieser Sportwagen nimmt einen vollständig in Beschlag, verlangt Aufmerksamkeit vom Fahrer – und zieht jene seiner Umwelt auf sich. Ich hatte mir vorgestellt, dass in und um Sant’Agata Bolognese der Anblick eines Lamborghini kein Grund mehr zur Aufregung ist. Aber der Wagen gehört zur Identität der Region, Kinder rufen und schreien am Strassenrand, die Erwachsenen nicken zumindest anerkennend, scheint mir.
Man hört buchstäblich, wie aus Sauerstoff und Benzin erst Feuer und dann Bewegung wird.Mit beinahe roher Gewalt werden die Gänge über das sogenannte «Independent-Shift-Rod»-Getriebe des Herstellers Oerlikon Graziano gewechselt. Die Schaltgeschwindigkeit ändert sich je nach Fahrprogramm und beträgt im besten Fall lediglich fünfzig Millisekunden. Auch hier wird nicht Zurückhaltung gesucht, jeder Schaltvorgang ist deutlich zu spüren.
Mal fliessend, mal explosiv beschleunigend, rauscht der Aventador über die Bologneser Landstrassen. Er bleibt eine erinnerungswürdige Reminiszenz an eine Epoche des Automobilbaus, als unbeschwerte Freude am Machbaren das Tempo bestimmte.
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