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Wenigen heutigen Schweizern ist bekannt, wie stark die Auswanderung von Fachkräften nach Osteuropa und Russland bereits einmal war. Der Kanton Graubünden hat vor einigen Jahren all diesen Mitbürgern ein Denkmal gesetzt mit dem Buch «Bündner im Russischen Reich» von Roman Bühler (ISBN 3-85637254-7).
Es wäre heute nicht nötig zu «fremdeln», denn wir könnten an diese Tradition des 19. Jahrhunderts anknüpfen. Damals war es einerseits eine wirtschaftliche Notwendigkeit, andererseits eine Bereicherung für andere Länder, das Know-how solider Schweizer Fachkräfte aufzunehmen.
thk. Reisen nach Westeuropa war zu diesem Zeitpunkt nicht nur der russischen adligen Oberschicht vorbehalten, sondern auch Kulturschaffende wie zum Beispiel Tolstoi und Dostojewski hielten sich über einen längeren Zeitraum in der Schweiz auf.
Als das freieste und demokratischste Land Europas – nicht zu vergessen, dass die Schweiz ab 1848 eine echte Demokratie war, während in den Ländern um die Schweiz herum, soweit diese überhaupt schon Nationalstaaten waren, monarchische Regierungen die Macht hatten – bot es politisch Verfolgten, deren berühmtester Vertreter im 20. Jahrhundert wohl Wladimir Iljitsch Lenin war, der Führer der Oktoberrevolution, einen Zufluchtsort, in dem sie vor politischer Verfolgung sicher waren.
Die Auswanderbewegung führte bekanntlich auch in die andere Richtung. Hierbei ging es nicht darum, politisches Asyl zu suchen, wie im Falle Lenins, sondern vielmehr waren unter den Schweizer Auswanderern Facharbeiter und Wissenschaftler wie Leonard Euler oder Daniel Bernoulli, beide berühmte Mathematiker, die an der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg lehrten und forschten. Die Schweiz war im 19. Jahrhundert ein noch wirtschaftlich schwaches und armes Land, so dass gerade Wissenschaftler in Russland bessere wirtschaftliche Bedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten vorfanden als in ihrer Heimat. Vor allem gut ausgebildete Fachkräfte und Wissenschaftler zog es nach Russland, die dort eine Heimat fanden.
Dass Russland und die moderne Schweiz eine besondere Beziehung zu einander haben, geht bis in die napoleonische Zeit zurück. Russland versuchte im zweiten Koalitionskrieg 1799 zusammen mit seinem Verbündeten Österreich Napoleon aus der Schweiz zu vertreiben, was damals leider nicht gelang. Feldmarschall Suworow, der die russischen Truppen befehligte, verlangte dabei von sich und seinen Soldaten schier Übermenschliches im Kampf gegen die französischen Truppen. Mehrmals mussten sie über verschneite Pässe ausweichen, um nicht in einen französischen Hinterhalt zu gelangen. An der Schöllenen-Schlucht vor Andermatt zeugt ein Denkmal von dem Ereignis und erinnert an den grossen russischen General.
Besondere Unterstützung Russlands genoss die Schweiz am Wiener Kongress 1815, als es um die Anerkennung der Schweizer Neutralität ging. Zar Alexander I. war ein absoluter Förderer dieses Gedankens und trug massgeblich dazu bei, dass die Neutralität der Schweiz hier ihre völkerrechtliche Anerkennung erfuhr. In der Folge ergab sich ein reger Austausch zwischen der Schweiz und Russland. Man geht von einigen 10 000 Schweizern aus, die nach Russland ausgewandert sind, um dort ihr Glück zu versuchen. Erst die Wirren der Oktoberrevolution und die daraus resultierenden Verstaatlichungen von Betrieben und Privateigentum veranlassten viele Schweizer, wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren, und beendete fürs erste diesen regen Austausch zwischen beiden Völkern.
Mit der Öffnung der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow sowie ihrem abrupten Ende 1991 und der angestrebten Demokratisierung des Landes eröffneten sich wieder neue Perspektiven, und die Zusammenarbeit im kulturellen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Bereich nahm wieder zu.
Der erste offizielle Staatsbesuch eines Präsidenten der Russischen Föderation in der Person von Dmitri Medwedew im Jahre 2009 ist ein Ausdruck dieser Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern und zeigt die Bedeutung, die Russland der Schweiz als europäischem Partner einräumt. Zu schnell vergisst man, dass es gerade Präsident Medwedew war, der das Bankgeheimnis der Schweiz, was zu diesem Zeitpunkt von den EU-Staaten und im besonderen von Deutschland heftig unter Druck geraten war, als ein «Recht des Menschen auf seine Privatsphäre» definierte und sogar vom Bankgeheimnis als einem «Grundrecht des Menschen» sprach (vgl. Zeit-Fragen Nr. 38 vom 28.9.2009). Die Voraussetzungen für eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit auf mehreren Gebieten wären durchaus gegeben, und man könnte damit eine historische Tradition wieder aufgreifen und vor dem Hintergrund der heutigen Situation weiterentwickeln.
Das im Jahre 2009 erschienene Buch mit dem Titel «Käser, Künstler, Kommunisten – Vierzig russisch-schweizerische Lebensgeschichten aus vier Jahrhunderten», herausgegeben von Eva Maeder und Peter Niederhäuser, nimmt sich dieses erwähnenswerten Kapitels schweizerisch-russischen Austauschs an. Mit den Lebensgeschichten von 40 Schweizer Persönlichkeiten, die ihr Glück in Russland gesucht und gefunden haben, erhält der Leser ein facettenreiches Bild über das Leben, die Geschichte und Gesellschaft des russischen Reichs.
Der Genfer François Lefort (1656 –1699) ist der erste Schweizer, dessen Auswanderung und dessen Wirken in Russland dokumentiert sind und dessen Lebensgeschichte in erwähntem Buch dargelegt wird.
Im Januar 1656 wurde François Lefort als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. 1675 betrat er russischen Boden und wohnte in der deutschen Vorstadt in Moskau, in der alle Ausländer zwangsweise leben mussten. Er suchte eine Offiziersstelle, denn mit 18 Jahren hatte er in den Niederlanden die Offiziersausbildung begonnen und war aus diesem Grund mit einem holländischen Hauptmann nach Russland gereist. Die Mehrzahl der in der «Vorstadt» lebenden Personen verfolgte eine militärische Karriere. Durch die Heirat mit der Tochter eines gefallenen lothringischen Offiziers bekam Lefort über einen verwandtschaftlich verbundenen schottischen Offizier namens Patrick Gordon, der bereits in schwedischen und polnischen Diensten gestanden hatte, beim russischen Militär eine Stelle als Hauptmann.
Eine besondere Wende bekam das Leben von Lefort, als Zar Peter I. häufig die deutsche Vorstadt besuchte, um sich einen Eindruck von der westeuropäischen Lebensart zu verschaffen. Bei diesen Visiten kam er auch in Kontakt mit François Lefort, und es entwickelte sich schnell eine enge persönliche Beziehung zwischen den beiden. Der Autor dieses Kapitels, Jost Soom, beschreibt die Situation folgendermassen: «Der ehrgeizige junge Zar brauchte für die Umsetzung seiner Reformideen einen Ansprechpartner unter den Ausländern, einen, der die damalige westeuropäische materielle Kultur und Lebensweise beispielhaft verkörperte. Diese Rolle übernahm Lefort, der offensichtlich genau zur persönlichen Struktur Peters passte und bis zu seinem Tod die engste Vertrauensperson des Zaren blieb.»
Bereits 1692 übertrug man Lefort als General das «Erste Auserwählte Regiment», aus welchem sich später, zusammen mit einer von Gordon befehligten Einheit, der Kern einer neuen russischen Armee nach westeuropäischem Vorbild herausbilden sollte.
In späteren Feldzügen des Zaren im Kampf gegen die Osmanen gelang es durch den Einsatz der Flotte, die von Lefort massgeblich mitentwickelt worden war, die Türken von der Mündung des Don ins Schwarze Meer zu vertreiben. Neben den militärischen Erfolgen zeigte er auf der grossen Reise durch Westeuropa grosses diplomatisches Geschick.
Die 1697 angetretene Reise des Zaren in mehrere westeuropäische Länder bedeutete nach Jost Soom den «Höhepunkt von Leforts Karriere», denn es schien seine Idee gewesen zu sein, Westeuropa zu bereisen. Diese umfangreiche Auslandreise wurde unter dem Namen «Grosse Gesandtschaft» bekannt. Lefort begleitete den Zaren. Man besuchte verschiedene Länder und wollte aus den Erfahrungen dieser lernen.
Auf Grund zahlreicher Artikel, die in verschiedenen Zeitungen erschienen und über diese Gesandtschaft berichteten, erlangte Lefort internationale Berühmtheit. Neben seiner diplomatischen Tätigkeit hat er auf dieser grossen Reise Fachkräfte angeworben, die beim Transfer von westeuropäischer Technologie behilflich sein und Russland bei der Modernisierung helfen sollten.
Der frühe Tod Leforts mit gerade einmal 43 Jahren, ein halbes Jahr nach der Rückkehr der «Grossen Gesandtschaft», war, wie Soom schreibt, der Tribut, den das Leben an der Seite des rastlosen Zaren forderte.
Noch heute erinnert der Name des Moskauer Stadtteils Lefortowo an den grossen Schweizer, der auf Grund seiner Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit entscheidend zur Reform des damals rückständigen Russlands beigetragen hat.
Auch heute signalisieren die russische Regierung und russische Wirtschaftskreise Interesse an einer verstärkten Zusammenarbeit mit Europa. Projekte wie die Nord-Stream oder die Verlängerung der Transportkorridore nach Westeuropa sind Ausdruck dieser Bestrebungen. Was schon vor über 300 Jahren möglich war, sollte auch heute möglich sein: eine konstruktive Zusammenarbeit unter den Ländern im gegenseitigen Austausch. Dass Russland auf Grund seiner Kultur und seiner geographischen Lage uns eigentlich näher liegt als die USA, ist offensichtlich. Die Aussage Präsident Medwedews bei seinem Besuch in Bern, von der Schweiz lernen zu wollen, scheint keine leere Floskel zu sein. Es ist an uns, den Ball aufzugreifen und in eine positive Richtung zu lenken. •
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