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Die Identitätspolitik der Gegenwart – und bisweilen leider auch die Kritik an ihr – lässt gern vergessen, dass die psychologische, kulturelle und politische Erfahrung von Fremdheit durchaus Motor für Schriften sein kann, von denen sich bisweilen herausstellt, dass sie noch Jahrzehnte später lesenswert sind. Weitaus erhellender als die häufig lediglich um Aufmerksamkeit buhlende und eine rassistische Omnipräsenz suggerierende Bekenntnisliteratur vieler minoritärer Autorinnen und Autoren von heute ist Literatur, die noch vor dem Übergang der Schweiz in eine Einwanderungsgesellschaft verfasst wurde. Ein solches Beispiel und eine wahrlich kostbare Trouvaille ist das «Bernbuch» von Vincent O. Carter. Der 1924 geborene und im Ghetto von Kansas City, Missouri, aufgewachsene Autor war im Zweiten Weltkrieg als Soldat nach Europa gekommen, kehrte dann zunächst in sein Heimatland zurück, um sich nach Aufenthalten in diversen Grossstädten schliesslich in Bern niederzulassen, wo er bis zu seinem Tod 1983 leben sollte. Dort fasste er auch das Dokument ab, das nach seinem selbstgewählten Domizil benannt war. 1957 fertiggestellt, 1970 in den Vereinigten Staaten verlegt, wenig rezipiert und dann vergessen, ist diese Mischung aus Autobiografie, Milieustudie, Ethnografie, und Prosa nun vom Limmat-Verlag in deutscher Sprache verfügbar gemacht worden.
In der Bundeshauptstadt, wo ihm anfangs niemand ein Zimmer vermieten wollte, hatte Carter bald zur lokalen Bohème gehört. Und er begann, die alltäglichen Reaktionen auf ihn, der sich selbst als «the first and only Negro in Town» verstand, zu dokumentieren. Diese reichten von penetranter, sich in stetig wiederkehrenden Fragen äussernder Neugier über Ignoranz bis hin zu unmissverständlichem Abscheu. Der Rassismus, der Carter entgegenschlug – insbesondere die Sensationslust, endlich einmal einen leibhaftigen Schwarzen zu sehen zu bekommen –, verrät viel über den politischen Bewusstseinsstand der Eidgenossenschaft, was hier in Form des Sittenbilds eines ordnungsvernarrten Landes gezeichnet wurde: «Auf dem Land blüht der bäuerliche Charakter auf wie die winzigen Blüten, welche die Gipfel der Berge schmücken. Und in der Stadt funktioniert der Charakter der Städter mit der Präzision einer Schweizer Uhr, der genauesten Uhr der Welt, im leisen, beharrlichen Rhythmus einer allumfassenden Angst.» Herausgekommen ist das Porträt einer Stadt und ihrer Bevölkerung, festgehalten in Momentaufnahmen von beachtlicher Präzision und Intensität – mal schaurig, mal komisch.
Besonders eindringlich sind die Nahaufnahmen der persönlichen, insbesondere der vertrauten Interaktion des Zugezogenen mit Einheimischen, die sich bisweilen von unfreiwilliger Komik letzterer auszeichneten: so etwa, wenn der US-amerikanische Beobachter festhält, wie seine Geliebte in einer wilden Liebesnacht erst mal das Verlangen zeigt, ihre abgelegte Kleidung sauber zu falten und zurechtzulegen, bevor sie zu ihm ins Bett steigt.
Carter verstand seine Überlegungen ausdrücklich als «Reisebuch». Heute, rund 65 Jahre nach seiner Vollendung, darin zu lesen, kommt tatsächlich einer Reise gleich: in ein Land, das erst noch lernen musste, sich zu öffnen – allem voran für andere, die eigene werden sollten.
Vincent O. Carter: Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch. Zürich: Limmat, 2021.