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In seiner feinfühligen Verfilmung von Colm Tóibíns Roman «Brooklyn» (2009) demonstriert der irische Regisseur John Crowley («Intermission»), dass das klassische Kostümdrama auch im 21. Jahrhundert noch einiges zu bieten hat.
Obwohl das Drehbuch zu «Brooklyn», das Resultat einer irisch-britisch-kanadischen Koproduktion, vom englischen Autor Nick Hornby («High Fidelity», «About a Boy») verfasst wurde, ist der Film unverkennbar verwurzelt in der Erzähltradition Irlands. Hier wird eine Geschichte vorgetragen, die sich in den letzten 400 Jahren so oder ähnlich millionenfach zugetragen hat und die zum dominanten „irischen“ Thema in der Kunst geworden ist (Beispiel: Jim Sheridans «In America»). Armut und Perspektivlosigkeit treiben eine Tochter oder einen Sohn der grünen Insel zur Emigration, doch, wie es der Songschreiber Brendan Graham in seinem Lied «Isle of Hope, Isle of Tears» so schön ausdrückt, „the isle of home is always on your mind“.
«the isle of home is always on your mind»
So widerfährt es in Crowleys Film der jungen Eilís Lacey (Saoirse Ronan mit ihrer vielleicht besten Leistung seit «Atonement»), die 1952 ihr Heimatdorf Enniscorthy verlässt, um in New York Glück und Erfüllung zu finden. Mit Hilfe von Pfarrer Flood (Jim Broadbent) und Mrs. Kehoe (Julie Walters), in deren Pension sie ein Zimmer bezieht, findet sie eine Stelle und eine Ausbildungsmöglichkeit; doch während ihrer ersten Monate im Land der unbegrenzten Möglichkeiten plagt sie schreckliches Heimweh. Erst als sie den sympathischen Italoamerikaner Tony (Emory Cohen) kennen lernt, fängt das multikulturelle Brooklyn an, sich wie ein richtiges Zuhause anzufühlen.
Ein grosser Teil des Reizes von «Brooklyn» fusst auf dem Fingerspitzengefühl, das sowohl Crowley als auch Hornby an den Tag legen. Auch wenn hier mit grossen Gefühlen jongliert wird, kippt das Ganze zu keinem Zeitpunkt ins Sentimentale oder Überfrachtete. Wie in den besten Dramen von Stephen Frears (Stichwort: «Philomena») zeichnen sich Dialoge und Inszenierung durch subtile, wohl temperierte Eleganz aus – die emotionale Tiefe des Films liegt in Blicken, Pausen und ausgehaltenen Einstellungen. Eine der besten Szenen zeigt einen Obdachlosen (gespielt vom Sänger Iarla Ó Lionáird), der während einer weihnächtlichen Armenspeisung ohne Musikbegleitung das gälische Liebeslied „Casadh an tSúgáin“ anstimmt, woraufhin von einem traurigen Gesicht zum nächsten – alle Ausdruck einer tragischen Auswanderergeschichte – geschnitten wird.
Mit seinem elegischen Tonfall, seiner hervorragenden Figurenzeichnung und seiner makellosen Ästhetik – grosse Komplimente an Setdesign, Kostüme und Yves Bélangers Kamera, die oft dezent die Farbe Grün ins Zentrum rückt – ist „Brooklyn“ eine ausgezeichnete Romanze, die man auf keinen Fall verpassen sollte
Grosse Überraschungen mag der Film nicht bereit halten – wobei der dritte Akt das Emigranten-Dilemma ungewohnt entschieden auflöst –, doch das muss er gar nicht. Mit seinem elegischen Tonfall, seiner hervorragenden Figurenzeichnung und seiner makellosen Ästhetik – grosse Komplimente an Setdesign, Kostüme und Yves Bélangers Kamera, die oft dezent die Farbe Grün ins Zentrum rückt – ist „Brooklyn“ eine ausgezeichnete Romanze, die man auf keinen Fall verpassen sollte.
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Kinostart Deutschschweiz: 21.1.2016 / Auf Netflix Schweiz
Bildquelle: 2015 Twentieth Century Fox Film Corporation