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Ein Tässchen Atommüll
Fünfzehn Prozent des Atommülls von Gösgen gehören den Stadtzürchern. Also, eigentlich gehört dieser Anteil am Atomkraftwerk Gösgen den Stadtzürchern. Aber wenn man ehrlich ist, besitzt dann auch jeder Stadtzürcher auch einen kleinen Anteil am tödlichen, nuklearen Output.
Im Zusammenhang mit der Atomausstiegs-Abstimmung für Zürich am 5. Juni wollte ich mich mal informieren, wie viel Atommüll der Stadtzürcher sein Eigen nennen darf. Aber das ist gar nicht so einfach. Offenbar gelten die genauen Zahlen zum Müll von Gösgen als «sensible Information». Auf der Seite des Atomkraftwerks Gösgen wird man auf eine allgemeine Seite der Atomindustrie verlinkt. Dort findet man die neckische Aussage, dass man inzwischen pro Kopf eine Espresso-Tasse voll höchstradioaktiven Atommüll pro Bewohner der Schweiz hat. Herzig, nicht? Gemeinsam mit der dann ebenfalls verstrahlten Verpackung für die Endlagerung ist es dann schon eine Literflasche. Ein Energy-Drink, der es in sich hat.
Irgendwie erwähnen die Atomtypen dann nebenbei, dass diese Tasse voll nuklearen Materials einem Gewicht von einem halben Kilo allertödlichstem Material entspricht. Jeder Schweizer hat also das Anrecht auf ein halbes Kilo hochradioaktiven Mülls, mit dem er sein ganzes Quartier auf Jahrhunderte hinaus tödlich verstrahlen kann. Jeder Terrorist wäre glücklich, wenn er auch sowas hätte, um einige schmutzige Bomben zu bauen.
Weiter liest man auf der Seite etwas zu Zeitverständnis der Atomlobby:
«Sie (Radionuklide) sind in den ersten 100 bis 200 Jahren für die hohe Strahlung verantwortlich. Diese nimmt aber rasch ab.»
Kurz zum Zeitverständnis: Vor 200 Jahren gabs die Schweiz noch nicht in der heutigen Form. Es gab noch keinen Benzinmotor, oder verbreitete Elektrizität. Alles was wir an Technologie heute benutzen, gabs damals noch nicht.
Oh, stimmt nicht ganz. Das Modell der Atomkraftwerke, die wir heute benutzen, stammt aus dieser Zeit. Für Technologiemuffel: Ein Atomkraftwerk ist im Prinzip nichts anderes als eine Dampfmaschine. Wasser wird erhitzt, der Dampf wird in Turbinen geleitet, daraus wird Strom gewonnen. Aber anders als bei den Dampfmaschinen-Baukästen unserer Kindheit wird das Wasser nicht mit einer Kerze, sondern mit einer verlangsamten Atombombe erhitzt. Einer Atombombe übrigens, die wir starten, aber nicht stoppen können. Wir können sie nur abbremsen. Und das auch nur unter idealen Bedingungen, und nur, indem wir weiteres Material verstrahlen.
Aber zurück zur Abstimmung vom 5. Juni. Zürich will alle Beteiligungen an Atomkraftwerken bis 2034 abgeben. Selbstverständlich sollen wir bis dahin auch keine Energie aus Atomkraftwerken mehr beziehen. Das wär ja mal ein erster Schritt. Obwohl ich glaube, dass Zürich sich etwas beeilen sollte – jetzt nachdem die geleakten Lobby-Unterlagen des Atombetreibers Alpiq erst kürzlich verdeutlicht haben, dass nicht mal die Bertreiber selbst an die Zukunft ihrer Atomruinen glauben und diese und die Folgekosten auf den Steuerzahler abwälzen wollen. Und das ist doch erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Mitarbeiter der Kontrollbehörde ENSI aus der Atomindustrie stammen und grundsätzlich hinter dem Betrieb solcher Kraftwerke stehen.
Jetzt werden mir gewisse Leute vorwerfen, ich sei technologiefeindlich. Bald seien die ultrasauberen Fusionskraftwerke da und dann gäbe es keinen Müll mehr. Darum solle man jetzt nicht aus dem Geschäft mit den nuklearen Antiquitäten aussteigen.
Ehrlich, ich bin ein wirklich krasser Technologiefan. Trotzdem würde ich mein GA nicht zurückgeben, weil ich hoffe, dass ich mich bald an meinen Arbeitsplatz beamen kann. Ich bin Fan von existierender, zukunftsweisender Technologie. Müllfreie Atomkraftwerke werde ich sofort unterstützen, sobald sie existieren. Bis dahin lese ich Science Fiction.
Wir haben schon einmal auf die Zukunft gewettet. Damals, als wir die ersten Atomkraftwerke bauten und uns darauf verliessen, wir fänden dann schon ein Endlager für das tödliche Gift. 50 Jahre Atomkraft und kein Gramm Atommüll ist in einem Endlager. Aber die Nagra ist zuversichtlich, in den nächsten Jahren die Lösung präsentieren zu können. Ich schwör.