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Er hatte es weit gebracht. Nach einem mit Bestnoten abgeschlossenen Maschinenbaustudium, verschiedenen Praktika bei namhaften Firmen und einem MBA in den USA hatte er mit Mitte Zwanzig bei einer prestigeträchtigen Top-Managementberatung angeheuert. Ein Job, der ihm von Anfang an gefiel: hohe Anforderungen, immer neue, interessante Problemstellungen, sowie die Zugehörigkeit zu einer "Wirtschafts-Elite".
Seine Arbeit sah er nicht als Beruf, sondern als eine "Mission". Die 60-und-manchmal-80-Stunden-Woche wurde zur Regel, der eingeschränkte Freundeskreis und die Wochenend-Partnerschaftsbeziehung zur Gewohnheit. Auf die ersten schnellen Projekt-Erfolge folgten Gehaltserhöhungen, mehr Aufgaben und eine höhere Verantwortung.
Dann kam das Asien-Projekt, und mit ihm der Untergang. Für seinen Klienten pendelte Alex L. beinahe wöchentlich zwischen Indien, Singapur, Thailand und Deutschland hin und her, um die Entwicklung einer Markteintrittsstrategie für das Produkt des Klienten voranzutreiben.
Nichts lief wie geplant, zum ersten Mal in seiner Karriere häufte sich Kritik am Projekt. Fehler und Versäumnisse, die nicht er verschuldet hatte, musste Alex L. ausbaden. Er arbeitete noch länger, noch härter, erlaubte sich nur noch maximal fünf Stunden Schlaf pro Nacht und schaffte es schliesslich, den Klienten mit der Ergebnispräsentation wieder zufrieden zu stellen.
Der Schock kam für ihn, als er kurz danach die halbjährliche Leistungsbeurteilung von seinem Vorgesetzten erhielt, die ihm eine "nicht ausreichende" Leistung bescheinigte. Alex L. hatte das Gegenteil erwartet, zumal er schier übermenschliche Anstrengungen auf sich genommen hatte. Mit der Beurteilung seines Vorgesetzten war nicht nur seine in Kürze anstehende Beförderung gefährdet. Alex L. wusste, er war jetzt "angezählt", d.h. nach dem "up or out"-Prinzip würde er bei einer weiteren schlechten Beurteilung die Firma verlassen müssen.
Ab diesem Zeitpunkt änderte sich etwas. Der Job wurde zur Qual, die 14-Stunden-Arbeitstage zogen sich endlos dahin. Kommunikation mit seinen Team-Kollegen und Klienten kostete Alex L. unendliche Überwindung. Nie gekannte Zweifel am Sinn seiner Arbeit überfielen ihn. Doch am schlimmsten war die Müdigkeit.
Schon morgens nach dem Aufstehen war da diese bleierne Schwere in den Gliedern, die sich weder durch eiskaltes Duschen noch durch mehrere Tassen Kaffee vertreiben liess. Tagsüber gesellten sich manchmal Schwindel und Kopfschmerzen dazu, die er aber mit Schmerztabletten in den Griff bekam.
Alex L. hatte das befremdende Gefühl, wie eine Maschine zu funktionieren und sich selbst nur noch von aussen zuzusehen. Wenn er abends oder nachts nach einem langen Arbeitstag völlig erschöpft ins Bett fiel, konnte er dennoch nicht einschlafen, sondern lag grübelnd wach, von einer fortdauernden Unruhe erfüllt. "Einfach durchhalten", dachte er.
Als sich seine Freundin von ihm trennte, die ihm schon seit Monaten vorgeworfen hatte, sich nur noch mit seiner Arbeit zu beschäftigen und sich ansonsten für gar nichts mehr zu interessieren, verspürte er lediglich Erleichterung, da ein Quell von Belastungen nun wegfiel.
Drei Wochen später klappte Alex L. nach einer Sitzung zusammen - Kreislaufkollaps. Der Anfangsverdacht der Ärzte auf einen frühzeitigen Herzinfarkt konnte schnell ausgeräumt werden, körperlich war Alex L. in Ordnung. "Burnout" lautete schliesslich die Diagnose, verursacht durch psychischen Druck und fortdauernden Stress. Es war der Zeitpunkt, zu dem Alex L. langsam ins Bewusstsein sickerte, dass er so wie bisher zukünftig nicht mehr weitermachen könne.
05.10.2012 - cmz