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Jungfrau in Nöten
Die goldene Münze glänzte verheissungsvoll im unsteten Fackelschein. Rebecca schloss die Faust darum, atmete tief ein, straffte die Schulter und drängte sich weiter über den dicht bevölkerten Landungssteg. Es war nicht das kostbare Metall, das ihr Herz flattern ließ, sondern was dieser kleinen Gegenstand bedeutete.
«Wenn es denn stimmt”, murmelte sie leise vor sich hin. Nun, in Kürze würde sie herausfinden, ob sie sich zur Närrin gemacht hatte oder ob die Nacht interessant werden würde.
Sie entdeckte den unscheinbaren Kahn, auf dessen Seite ein goldener Fuchs gemalt war. Die Farbe war alt und blätterte ab, kaum mehr golden sondern eher schlammfarbig. Der Bootsführer, ein Mann in mittlerem Alter mit Krähenfüssen um den Augen, musterte Rebecca interessiert, als sie ihm die Münze hinstreckte.
«Ei, was hat mein Herr da wieder angeschleppt”, murrte er, wies ihr aber gleichzeitig einen Platz auf der Holzbank zu und stieß das Boot vom Kai weg. Schnell ließen sie das geschäftige Ufer hinter sich und der Nebel verschluckte sie. Während das in der Nach ölig wirkende Wasser gegen das Holz plätscherte, hatte Rebecca Zeit, sich nochmals genau zu überlegen, was sie da eigentlich tat.
Sie, die Tochter des reichsten Haushalts der Stadt, die fromme Jungfrau und Juwel ihres Vaters, war sie wirklich unterwegs zu einem Schurken? Was, wenn alles nur eine komplexe List gewesen war, um sie wegzulocken? Ihr Vater war sicher bereit einiges an Lösegeld zu bezahlen, um seinen Engel wieder zu haben, oder?
Aber dann erinnerte sie sich wieder an den Blick aus diesen klaren, blauen Augen, an die starken Arme und die befehlende Stimme, die den Mob angehalten hatte, von ihr abzulassen. Wärme schoss ihr bei diesen Gedanken in die Wangen und sie war froh, dass die kleine Lampe des Bootes nicht ausreichte, um ihr Gesicht zu beleuchten.
Sie hatte gedacht, sie müsse sterben, als auf der Straße die Stimmung am Erntedankfest plötzlich gekippt war und sie sich von angetrunkenen, lüsternen Männern umringt gefunden hatte. Sie war sich vorgekommen wie ein Reh im Wolfskäfig und hatte schon die erste grabschende Hand gespürt, als sich plötzlich er vor sie geschoben hatte. Hochgewachsen, aufrecht dastehend hatte er die Flut aufgehalten. Er ließ den Degen an seiner Seite, bewegte sich jedoch mit einer Sicherheit, die verriet, dass er damit umzugehen wusste.
«Kommt, Mylady. Ich bringe Euch besser nach Hause”, raunte er ihr augenzwinkernd zu und nahm sie sanft aber bestimmt an der Hand. Die Menge teilte sich vor ihm, als wäre er Moses mit seinem Wanderstab. Rebecca folgte ihm widerstandslos. Gedanken, was hätte passieren können, kreisten wie ein wütender Wespenschwarm in ihrem Kopf.
Als sie beim Dienstboteneingang ihrer Stadtvilla ankamen, zitterte sie so fest, dass sie kaum mehr aufrecht stehen konnte. Ihr Retter hätte sie hier alleine lassen können. Über kurz oder lang, hätte ein Angestellter sie hier gefunden. Doch der junge Mann ließ sie auch jetzt nicht im Stich. Anstatt dass er von ihrer verspäteten Panikattacke peinlich berührt war, tat er das einzig richtige. Er griff ihre beiden Hände fest und sah sie direkt an. Seine Augen leuchteten warm und er hatte Grübchen in den mit Sommersprossen übersäten Wangen. «Keine Angst, Mylady. Ihr seid jetzt in Sicherheit. Euch kann nichts mehr passieren.” Weil sie immer noch zitterte, umarmte er sie fest.
Rebecca erinnerte sich noch genau daran, dass er nach Orangen, Zimt und Leder gerochen hatte. Kurz bevor die Diener sie fanden, hatte er ihr die Goldmünze in die Hand gedrückt. «Wenn du mich wiederfinden willst, zeig diese Münze dem Fährmann mit dem goldenen Fuchs am Kahn”, wisperte er skandalös nahe an ihrem Ohr und verschwand.
Nun war sie hier. Sie wollte ihn wiederfinden, musste mehr über ihn wissen. Aus der Dunkelheit schälte sich das andere Ufer ab. Als ob er es auch blindlings könnte, navigierte der Fährmann das Boot an die dunkle Anlegestelle.
«Herauf mit dir! Zeig die Münze am Eingang, weit weg wird er nicht sein.”
Die Wache an der schmucklosen Tür ließ sie ohne viel federlesen herein als sie das Goldstück hochhielt. Überrascht stellte Rebecca fest, dass sie sich nicht in einer lärmenden Taverne wiederfand, sondern in einer Küche.
Eine brotteigknetende Matrone musterte sie von oben bis unten und schickte sie dann kopfnickend die Treppe hinauf. Im oberen Stockwerk gab es nur eine geschlossene Tür. Nervös klopfte die junge Frau, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Schritte erklangen auf der anderen Seite, dann wurde die Tür aufgezogen. Da stand er, so makellos wie sie ihn in Erinnerung hatte. Erkennen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab und er begann zu grinsen.
«Mylady! Wie schön, Euch wiederzusehen. Darf ich Euch einen warmen Platz am Feuer anbieten?”
Er machte einen eleganten Diener und wies einladend auf den Ohrsessel beim Kamin. Rebecca trat ein, setzte sich jedoch nicht. Stattdessen nestelte sie mit fahrigen Händen am Verschluss ihres Mantels herum.
«Ich hatte kaum gewagt zu hoffen, dass Ihr meine Einladung annehmt, Mylady”, flötete ihr Gastgeber.
«Und ich hatte kaum gewagt zu hoffen, dass ihr sie mir gebt”, fauchte Rebecca, wirbelte herum, die silberne Dolchspitze gegen seinen Adamsapfel drückend.
Eric Sawyer, König der Diebe, machte grosse Augen, rührte sich aber nicht weiter.
«Ihr seid nicht Rebecca Rothermere?”, seufzte er schließlich ergeben.
«Nein, bin ich nicht.”
«Dann gratuliere ich dir, holde Lügnerin, du hast deine Rolle überzeugend gespielt. Ich wurde immer gewarnt, dass meine Vorliebe für schöne Frauen mich einmal ins Grab bringen würde.”
«Wer sagt denn, dass ich dich ins Grab bringen will? Ich wollte deine Aufmerksamkeit und die hab ich jetzt. Ich will einen Platz an deinem Hof. Meine Fähigkeiten habe ich eben eindrucksvoll bewiesen, du kannst also keine stichhaltigen Einwände mehr liefern. Dein schwanzgesteuerter Hof braucht einen femininen Touch. Mit meiner Hilfe kannst du deine Einnahmen in den Vergnügungsvierteln verdoppeln.”
Der König der Diebe zog die Augenbrauen hoch. «Verdoppeln? Ich bin neugierig. Erzählt mir mehr!”
Rebecca grinste. «Das mache ich gerne, aber warum wollen wir unser Gespräch nicht in horizontaler Lage weiterführen?” Sie nickte Richtung Bett. «Das haben wir uns beide verdient.”
Eric hob ergeben die Hände. «Wie könnte ich da nein sagen, verehrte Belladonna.”
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.