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Zum Mittagessen habe ich ein Kissen gegessen», rief der kleine Sämi aufgeregt. «Ein heisses, knuspriges Kissen mit so Zeugs drin.» Die Hände mussten dem Jungen bei der Beschreibung des kulinarischen Wunders helfen, das mit jedem neuen Anlauf grössere Dimensionen annahm. Dazwischen sagte er immer wieder fassungslos: «Und gut wars.»
Seit Sämi die dritte Klasse besuchte, teilte er seine Bank mit «Hammer». Der hiess ja eigentlich Mouhamar, doch das «Mouh» hatte in den Mitschülern die Vorstellung einer muhenden Kuh geweckt. Kinder können grausam sein, und der kleingewachsene Araber mit der hellbraunen Hautfarbe und dem schwarzen Kraushaar gab eine ideale Zielscheibe ab. Da nützte es nichts, dass Mouhamar ein gescheites Kerlchen war, dass er seine Aufgaben besonders gut löste und dem Unterricht überaus ernsthaft folgte es muhte hinter und vor ihm, wo immer er war. Es half kein Einschreiten des Lehrers, und auch die Diskussion am Elternabend blieb fruchtlos. Mehr als ein Achselzucken hatten die Erwachsenen für «Mouh» nicht übrig.
An einem freien Schulnachmittag fiel Sämi vom Klettergerüst auf den Pausenplatz. Mouhamar fand ihn, lud den Schulkameraden mit seinem gebrochenen rechten Bein auf die Schultern und schleppte ihn ins Pfarrhaus unterhalb der Schulhausanlage. So kam Frau Pfarrer zu einem Samaritereinsatz, Sämi ins Spital und Mouhamar zu seinem ersten Schweizer Freund. Die beiden Buben wurden unzertrennlich.
Jetzt hiess der Marokkaner nicht mehr «Mouh», sondern «Hammer». Sämi prügelte sich noch eine ganze Weile mit einigen Unverbesserlichen. Dann war Mouhamar fester Bestandteil der Klasse 3c geworden, und niemand erinnerte sich mehr an die schwierigen Anfänge.
Über Sämis Freundschaft lernten wir Fatima und Mourad, die Eltern des Buben, kennen. Mourad war vor etwa 15 Jahren in die Schweiz gekommen und arbeitete hier als Schneider. Wir trafen ein stilles Ehepaar, dessen ganzer Stolz ihr einziges Kind war. Sie wohnten in einer kleinen, blitzsauberen Wohnung und hatten mit vielen dicken Teppichen, niedrigen, weichen Sofas und Hockern sowie dunkel schimmernden Leuchten ein Stück Marokko in die Schweiz verpflanzt.
Nur «Hammers» Zimmer war und zwar auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin mit Lättlicouch, Computer und einer kleinen Bibliothek eingerichtet. Da machten die beiden Buben jeweils ihre Hausaufgaben, immer unter den wachsamen Augen Fatimas. Sie hatte sich auf Damenschneiderei spezialisiert und empfing eine wachsende Schar von Kundinnen.
Kalbsbraten zum Geburtstag
Vielleicht wäre das Geheimnis des «kulinarischen Kissens» niemals gelöst worden, wenn nicht manchmal «Hammer» seinerseits bei Sämi Gastrecht genossen hätte. Dabei lernte er schweizerisches Essen kennen und lieben. Ein einfacher Kalbsbraten hatte es dem Buben so sehr angetan, dass er sich diesen zu seinem Geburtstagsessen wünschte. So griff Vater Mourad eines Tages zum Telefon und lud sich selbst zum Küchenschnellkurs bei uns ein.
Wir erhielten natürlich Gegenrecht und erfuhren dadurch endlich, dass Sämis enthusiastische Beschreibung nur auf ein Gericht passen konnte: «bstella», das wir als Pastilla kennen und das die Araber in ganz Nordafrika entweder aus Tauben oder Geflügel zubereiten und mit Puderzucker und Zimt virtuos dekoriert für höchste Gäste auftragen. Sie dürfen dreimal raten, was wir zu Sämis nächstem Geburtstag kochten.