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Götter fremder Völker
Zur Beachtung:
Bei dieser Seite handelt es sich um eine Skizze, die noch mit Fehlern behaftet ist.
Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch
»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Seit dem Zeitalter der Entdeckungsreisen sind die christlichen Europäer mit fremden Religionen in Kontakt gekommen. (Vorher war die Auseinandersetzung mit der heidnischen Antike, dem Judentum und dem Islam ein Feld zur Herausbildung des rhetorischen Rüstzeugs.) Für Angehörige einer dogmatisch streng ausformulierten Religion war es schwierig, eine gänzlich fremde Religion zu verstehen oder gar gelten zu lassen. Es haben sich verschiedene Interpretationsmuster entwickelt: • Man kann die fremden Götter als Ausgeburten einer wilden Phantasie verstehen und so als belanglos abtun. • Man kann die fremden Götter verteufeln, das heisst konkret als Erscheinungsform des eigenen Teufels ausgeben; damit werden sie diskreditiert. • Man kann die fremden Götter als primitive Vorstufe der eigenen Religion anerkennen, vergleichbar mit Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts«. • Man kann annehmen, die fremde Kultur verehre dieselbe Gottheit, nur unter einer anderen Gestalt. Das haben die Römer so gehalten, indem sie z.B. die keltischen Gottheiten, die ähnliche Funktionen wie die ihren hatten, mit römischen identifizierten und sie so das fremde Pantheon einverleibten (sog. interpretatio romana, vgl. Tacitus, Germania 43 --- Caesar, bellum Gallicum, VI, 17) • Es bedeutet eine gewaltige Leistung, das gleich-gültige Nebeneinander verschiedener Kulturen einzusehen und zuzugeben. Ob es überhaupt möglich ist, ›den Andern als Andern zu denken‹, scheint fraglich, weil das Verstehen immer von einer Basis ausgehen muss, und die bringt ein erwachsener Mensch eben aus seiner Kultur mit. Immerhin kann diese hermeneutische Regel reflektiert werden.
Die Einsicht ist nicht ganz neu. Francis Bacon (1561–1626) schreibt im »Novum Organon« (1620): Der menschliche Verstand gleicht einem hinsichtlich der Strahlen der Dinge unebenen Spiegel, der seine Natur mit der Natur der Dinge vermischt, sie entstellt und verdirbt. (Est intellectus humanus instar speculi inaequalis ad radios rerum, qui suam naturam naturae rerum immiscet, eamque distorquet et inficit.; I,41) Im berühmten Artikel »Préjugé« schreibt der Chevalier de Jaucourt 1765: l’esprit humain, loin de ressembler à ce crystal fidele, dont la surface égale reçoit les rayons & les transmet sans altération, est bien plutôt und espece de miroir magique, qui défigure les objets, & ne présente que des ombres ou des monstres.
Wir lächeln heute gerne darüber, wie Reisende, Missionare, frühe Ethnologen fremde Kulturen mit den mitgebrachten Kategorien ›voreingenommen‹ beschrieben haben oder gar diese dem Halbverstandenen übergestülpt haben, und wir führen dann Postkolonialismus und Intercultural competence als Schlagwörter ins Feld.
Hier eine Fallanalyse anhand einer indischen Gottheit.
Ludovico de Varthema (c. 1470–1517) bereiste zwischen ca. 1502 und 1507 den Nahen Osten und Indien. Sein Bericht ist früh übersetzt worden; eine lateinische Ausgabe erschien 1532. Vom König von Kalkutta heisst es, dass er den Teufel anbetet:
Die Bilder und ihre Deutung haben eine lange Tradition; sie tradieren sich selbständig von Buch zu Buch, ohne dass sie vor Ort überprüft worden wären.
Ein späterer Redaktor von Sebastian Münsters »Cosmographie« hat im 5. Buch, Cap.82 zum Volck von Calikuth den Text aus dem Buch von Ludovico de Varthema 1515 übernommen und das Bild neu schneiden lassen.
Pierre Boaistuau übernimmt den Calicuter Götzen in seine »Histoires prodigieuses« (1560) aus Vartomannus. Er schreibt zu diesem Prodige de Sathan u.a.:
Le second lieu où Sathan a tenu son throsne, et s’est faict revere avec grand merveille, et magnifier comme Dieu, est encore aujourd’huy en essence, c’est en Calicut, l’une des plus opulentes et fameuses citez des Indes […]. Soubz la plus hideuse et abhominable forme qu’on ayt accostumé de le despeindre il veult estre contemplé, et reveré des tous. L’effigie duquel le Roy tient en sa chappelle comme querlque sanctuaire, et est la figure du faulx Imposteur assise en une chaire de leton, portant sur sa teste unde couronne faicte comme un tyare, avec trois couronnes, mais elle a d’avantage quatre cornes, quatres dens avec une grand bouche ouverte, le nez et les yeulx de mesme, les mains comme un Singe, les piedz comme un Coc […].
Jan Huygen van Linschoten (1563–1611), »Voyage ofte schipvaert van Jan Huyghen van Linschoten naer Oost ofte Portugaels Indien«, 1579-1592 kennt den Götzen ebenfalls (vgl. von Wyss-Giacosa Abb. 106) Der Kupferstecher und Verleger Johann Theodor de Bry (1561–1623) publizierte mit seinen Ost–Indischen Reisen Werke, die von weitgereisten Forschern geschrieben waren. Auch hier finden wir (in »India orientalis« III, 1599) das Götzenbild wieder, und zwar als Idolatria et superstitio Chinesium in Bantam (Kap. XXIV):
Der holländische Missionar Abraham Rogerius († 1649) lebte zehn Jahre in Indien und beschrieb den Glauben der Bramines nach seiner Rückkunft in seinem Werk »Gentilismus Reseratus«, holländisch: »De Open-Deure tot het verborgen Heydendom ofte Waerachtigh vertoogh van het leven ende zeden, mitsgaders de Religie ende Gotsdienst der Bramines op de Cust Chormandel ende der landen daar ontrent Leyden 1651«. Eine deutsche Übersetzung erscheint 1663. Der Übersetzer Christoph Arnold hat das Buch erweitert, indem er die ihm erreichbare Literatur über fremde Religionen zusammentrug. Hier berichtet er auch über die Götter der Chinesen, indem er Theophil Gottlieb Spitzel (Spizelius, 1639–1691) »De re literaria Sinensium commentarius« 1660 zitiert, der seinerseits sein Wissen aus Büchern der jesuitischen China-Missionare bezog. – Aber der alte Varthema scheint alle empirische Anschauung zu übertönen, wenn es heisst:
Und noch Eberhard W. Happel (1647–1690) beschreibt den Calecutischen Götzen=Dienst 1689 mit demselben abgeschriebenen Text. Dann ändert er: Der Mund ist weit aufgesperret/ woraus zum Theil ein kleines Kind hänget. In der einen Hand hält er ein ander Kind/ welches er gleicher Gestalt zu verschlucken drohet. Sie sagen [so lautet ja der Text bei Varthema 1515; aber die Vorstellung eines Menschopfer ist angetönt] diese Kinder seyen Seelen der Menschen.
Merkwürdig ist die zählebige Tradition der Texte und Bilder. Das kann ja darauf beruhen, dass die europäischen Reisenden tatsächlich Kenntnis derselben fremden Gottheit (in kleineren Variationen) hatten. Aber aufgrund unmittelbarer Anschauung oder vom Hören-Sagen? Sind die Bilder vor Ort gezeichnet oder sind sie nicht eher aus dem Text entwickelt und dann voneinander kopiert? Man wird das Gefühl nicht los, es handle sich um einen Selbstläufer, kolportiertes Wissen, nicht Emprie.
Literaturhinweise:
Paola von Wyss-Giacosa, Religionsbilder der frühen Aufklärung : Bernard Picarts Tafeln für die "Cérémonies et Coutumes religieuses de tous les Peuples du Monde", Wabern: Benteli 2006.
Ludovico de Varthema, Reisen im Orient, eingeleitet, übersetzt und erläutert von Folker Reichert, Sigmaringen: Thorbecke 1996.