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Aktuelle Trends in der verteidigungspolitischen Meinungsbildung der Schweizer Bevölkerung
Die wichtigsten Erkenntnisse für die Armee aus der Studie "Sicherheit 2012" der Militärakademie an der ETH Zürich und des Center for Security Studies der ETH Zürich.
Zusammenfassung
Drei Viertel der Schweizer Stimmbevölkerung erachten die Armee als notwendig. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Akzeptanz der Armee leicht gesunken. Das Vertrauen in die Armee ist hingegen signifikant gestiegen. Damit liegt dieses wieder im langjährigen Schnitt. Konstant geblieben ist die Zufriedenheit mit der Leistung der Armee. Während in den beiden Vorjahren der Spardruck auf das Verteidigungsbudget abnahm, geben im Januar 2012 wieder mehr Befragte an, das Budget sei gerade richtig bemessen.
Bezüglich Wehrstruktur bleibt die Bevölkerung gespalten. Ebenso uneinig ist sie in der Frage, ob die Armee ein notwendiges Übel oder eine zentrale Institution der Gesellschaft sei. Im Vergleich zum Vorjahr erachten leicht mehr SchweizerInnen die Armee als abschaffungswürdig, dies aber auf tiefem Niveau. Die Milizarmee erfährt gegenüber einer Berufsarmee wieder leicht mehr Zustimmung.
Die Mehrheit der SchweizerInnen findet, dass der Militärdienst von den Arbeitgebenden unterstützt wird. Sie sind auch tendenziell der Ansicht, dass Militärdienst und Arbeitsleben vereinbar seien, ohne dass sich der Militärdienst negativ auf das Arbeitsleben auswirken würde. Die Auffassung, wonach eine Milizkarriere mit gesellschaftlichem Ansehen und beruflichen Vorteilen verbunden sei, wird nicht geteilt.
Notwendigkeit der Armee
Drei Viertel der Schweizer Stimmbevölkerung erachten die Armee als notwendig.
"Was meinen Sie zur Schweizer Armee? Halten Sie diese für unbedingt notwendig, eher notwendig, eher nicht notwendig oder überhaupt nicht notwendig?"
(Angaben in Prozent)
Die Schweizer Bevölkerung erachtet die Armee mehrheitlich als notwendig (75%). Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zustimmung abgeschwächt (–4%). Die prozentuale Zustimmung zur Notwendigkeit liegt im Jahr 2012 aber immer noch über dem langjährigen Mittel seit 1991 (70%). Aktuell fällt auf, dass die Kategorie «sehr» notwendig unterdurchschnittlich häufig gewählt wird. Im Jahr 2012 erachten nur 20% die Armee als «sehr» notwendig (Schnitt seit 1991: 28%). Politisch links Eingestellte (49%; ±0%) und die 20–29-Jährigen (63%; –6%) nehmen die Armee deutlich seltener als notwendig wahr.
Akzeptanz der Wehrstruktur
"Glauben Sie, dass die Milizarmee, wie wir sie in der Schweiz haben, auch in Zukunft unsere Landesverteidigung sicherstellen kann, oder wäre Ihrer Meinung nach eine Berufsarmee besser für uns?"
(Angaben in Prozent)
Die Schweizer Bevölkerung ist seit mehr als zehn Jahren in der Frage der Wehrstruktur gespalten. Aktuell wird eine Milizarmee (52%, +4%) einer Berufsarmee (43%, ±0%) leicht häufiger vorgezogen. Im Januar 2011 sprachen sich signifikant weniger SchweizerInnen für eine Milizarmee aus. Im Vergleich zu den Vorjahren fällt auf, dass 2012 mehr Befragte als üblich eine eindeutige Antwort auf diese Frage geben konnten. Die 18 – 29-Jährigen, das heisst die Kohorte der Wehrpflichtigen, befürworteten im langjährigen Trend die Berufsarmee jeweils stärker als der Rest der Bevölkerung. Dieses Jahr konnte eine diesbezügliche Angleichung zwischen den 18 – 29-Jährigen und den 30 – 59-Jährigen beobachtet werden. Die ab 60-Jährigen bevorzugen im Vergleich zu den anderen Alterskategorien häufiger eine Milizarmee.
Verteidigungsausgaben
"Gibt Ihrer Meinung nach die Schweiz viel zu viel, zu viel, gerade richtig oder zu wenig Geld für die Verteidigung aus?"
(Angaben in Prozent)
2012 beurteilen 46% (+8%) der StimmbürgerInnen die Verteidigungsausgaben als angemessen. Eine Verringerung der Ausgaben wird von 44% (+5%) gefordert. 7% (–9%) wünschen sich eine Aufstockung des Budgets. Die Einstellung zu den Verteidigungsausgaben hat sich in den letzten drei Jahren drastisch verändert. Nach 2009 nahm der öffentliche Druck auf die Sparmassnahmen im Verteidigungsbereich markant ab. Im Jahr 2012 kann nun wiederum eine kritischere Haltung zu den Verteidigungsausgaben beobachtet werden. Stark gestiegen ist der Anteil an Befragten, die die Ausgaben für «gerade richtig» halten. Ebenso stark gesunken ist der Anteil an Befragten, welche die Ausgaben für zu gering halten. Da aber der Armee 2011 für die Zukunft nominell ein höherer Betrag zugesprochen wurde, ist der Vergleich mit den Vorjahren nur bedingt möglich.
Vereinbarkeit von Militärdienst und Berufsleben
"Es wird heute viel darüber diskutiert, ob der Militärdienst für das Berufsleben förderlich ist. Ich habe nun einige Fragen zum Militärdienst. Sagen Sie mir bitte zu jeder Aussage, wie sehr Sie dieser zustimmen."
(Angaben in Prozent)
Erstmals wurde die Einstellung zur Vereinbarkeit von Militärdienst und Arbeitsleben erfasst. Zur Beantwortung der erhobenen Auffassungen konnten die Befragten zwischen den Kategorien stimme «sehr», «eher», «teils zu, teils nicht» sowie stimme «eher nicht» und «überhaupt nicht» zu wählen. Die Vereinbarkeit von Militärdienst und Arbeitsleben ist in der Wahrnehmung der Stimmbevölkerung bewältigbar, aber auch mit Schwierigkeiten verbunden. 58% der Befragten stimmen der Aussage zu, wonach Militärdienstleistende auf die Unterstützung der Arbeitgebenden zählen können. Ebenso finden 54%, dass die Mehrfachbelastung durch den Militärdienst bewältigt werden könne, ohne dass die Berufskarriere dadurch Schaden nimmt. Weitere negative Auswirkungen werden weder mehrheitlich dementiert noch bejaht. Der Auffassung, wonach die Abwesenheit am Arbeitsplatz der Hauptgrund sei, weshalb der Militärdienst der Berufskarriere hinderlich sei, stimmen 39% zu und 43% nicht zu. 32% glauben, dass ArbeitnehmerInnen nicht mit dem Verständnis der Arbeitgebenden rechnen können, wenn sie infolge des Militärdienstes ihre Leistung nicht erbringen könnten. 42% nehmen dies nicht so wahr. Der Einschätzung, wonach die zeitlichen Absenzen von den Arbeitgebenden nicht mehr akzeptiert werden, stimmen 30% zu und 43% nicht zu.
Vereinbarkeit von Milizkarriere und Berufsleben
In der Wahrnehmung der Bevölkerung bleibt eine militärische Milizkarriere unterstützungswürdig und mit dem Arbeitsleben vereinbar. Damit die Attraktivität einer milizmilitärischen Karriere erhalten bleibt, braucht es jedoch Rahmenbedingungen. Eine Attraktivitätssteigerung von militärischen Milizkarrieren orten 66% der Bevölkerung im Zusammenspannen von Armee und Wirtschaft. 63% der Befragten finden denn auch, dass ArbeitnehmerInnen, die eine Milizkarriere anstreben, vom Unternehmen unterstützt und bestärkt werden sollten. Die Auffassung, wonach das Weitermachen die beruflichen Chancen erhöhe, wird nur von einer Minderheit von 37% geteilt. 30% glauben, dass das Milizkader auch heute noch hohes gesellschaftliches Ansehen geniesst. 44% denken, dass die Ungewissheit über den zivilen Nutzen einer militärischen Milizkarriere die Attraktivität des Weitermachens mindere. Eine Minderheit von 24% stimmt der Aussage zu, wonach bei einer Milizkarriere mit Nachteilen im Arbeitsleben zu rechnen sei. Eine Minderung der beruflichen Karrierechancen durch die Mehrfachbelastung bei einer Milizkarriere wird von 23% wahrgenommen. 18% sind der Überzeugung, dass eine Milizkarriere zu geringeren Leistungen am Arbeitsplatz führe.
Datenbasis
Die Studienreihe «Sicherheit» der Militärakademie an der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit dem Center for Security Studies der ETH Zürich beruht auf einem Kern von Fragestellungen und Daten, die bis 1991 und zum Teil noch weiter zurückreichen. Damit wird dem Studienkonzept, Tendenzen und längerfristige Trends in der aussen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbildung der Schweizer Bevölkerung mittels Repräsentativerhebungen sichtbar zu machen, Rechnung getragen.
Die Datenerhebung fand vom 12. Januar bis 6. Februar 2012 telefonisch bei 1200 Personen in allen Sprachregionen statt und wurde durch das Befragungsinstitut ISOPUBLIC durchgeführt. Die hier erhobenen Einstellungen können durch aktuelle sicherheitspolitische Ereignisse beeinflusst werden. Am 5. Januar 2012 reichte die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) die Volksinitiative «Ja zur Aufhebung der Wehrpflicht» ein. Vom 16. bis 30. Januar fand ein Einsatz der Schweizer Armee im Rahmen des World Economic Forum (WEF) in Davos statt. Beide Ereignisse warfen jedoch keine medienwirksamen Wellen. Die Diskussion um den geplanten Kauf der Kampfflugzeuge des Typs Saab Gripen intensivierte sich erst nach der Feldphase.
Die ±-Prozentzahlen in Klammern geben die Differenz zur Januarerhebung 2011 an. In der Befragung 2012 liegt der mögliche Stichprobenfehler bei einem Sicherheitsgrad von 95% im ungünstigsten Fall bei ±3%. Das heisst, ein von uns gemessener Wert von 50% für x gehört mit einer 95%igen Wahrscheinlichkeit zur Grundgesamtheit, bei der die Häufigkeit von x zwischen 47% und 53% liegt. Die Grundgesamtheit ist in diesem Fall die Schweizer Stimmbevölkerung.