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Aus dem Buch: „Der Bär kommt“ von Vreni Berlinger (Text) und Christoph Gloor (Bilder). Basel: F. Reinhardt, 1998. ISBN 3-7245-1061-6. © 1998 by Friedrich Reinhardt Verlag, Basel.
Die Bärengesellschaft dankt dem Friedrich Reinhardt Verlag für die Erlaubnis, den Text und einige Bilder auf unserer Website zu publizieren.
Das wunderschöne Bilderbuch kann man auch online bestellen: hier klicken!
Vor langer Zeit wohnte sogar ein Bär im Kleinbasel. Er war gross und schwarz. Am Vogel-Gryff-Tag tanzte er neben dem Leu, dem Wildma und dem Vogel Gryff. Er war das Wappentier der Gesellschaft zum Bären. Eine Gesellschaft besteht aus Menschen, die sich gern haben.
Zur Gesellschaft zum Bären gehörten Leute, die ihre Mitmenschen und das Kleinbasel gern hatten. Es waren Leute, die weder Regierungsrat noch Chef waren. Sie waren einfach nett zu anderen Menschen, ob Ausländer oder Grossbasler. Sie sorgten dafür, dass im Kleinbasel niemand Hunger hatte und dass im Winter niemand frieren musste.
Der Bär tanzte durch das Kleinbasel, schlug Purzelbäume und klopfte sich vor lauter Freude auf den Bauch. Die Menschen lachten und streichelten ihn. Manchmal bekam er von ihnen einen Honigtopf geschenkt. Der Bär war der Liebling der Kleinbasler Frauen, Männer und Kinder.
Das aber wollten sich der Vogel Gryff, der Leu und der Wildma nicht länger gefallen lassen. Also starteten sie einen Werbefeldzug. Der Vogel Gryff polierte seinen goldenen Schnabel auf Hochglanz und stolzierte durch die Gassen. Der Leu liess sich eine neue Dauerwelle machen, setzte sein breitestes Löwenlächeln auf und hüpfte von Haus zu Haus. Der Wildma schmückte seinen Kranz mit knallroten, glänzenden Äpfeln. Auf den Schultern trug er statt einem gewöhnlichen Tännlein einen geschmückten Weihnachtsbaum.
Aber überall, wo sie hinkamen, da riefen die Leute nur: «Wo ist der Bär? Wo ist der Bär?» Da wurden die drei anderen so eifersüchtig, dass sie Rache schworen. Sie trafen sich in einem Wald und schmiedeten einen Plan.
Der Leu war so böse, dass er vor lauter Wut in eine lange Erle biss. Der Wildma war so zornig, dass er mit blossen Händen den grössten Baum samt Wurzeln mit einem Ruck aus dem Boden riss und ihn wie einen Flaumer schüttelte. Der Vogel Gryff wetzte seinen Schnabel, schlug wild mit seinen Flügeln und zeigte seine Krallen.
Die drei waren sich einig: Der Bär muss weg!
Es geschah an einem kalten Tag im Januar: Jedes Mal, wenn der Bär ausatmete, flog eine kleine Nebelwolke aus seinem Mund, so kalt war es. Es war der Vogel-Gryff-Tag und alle freuten sich. Die Gesellschaft zum Bären und der Bär konnten ja nicht wissen, wie traurig dieser Tag für sie enden würde. Der Vogel Gryff, der Leu und der Wildma liessen sich nicht anmerken, was sie im Schilde führten. Das ganze Kleinbasel war auf den Beinen. Alle strömten zum Rhein hinunter, um dort den Tanz der vier zu bestaunen.
Mitten im Tanz packte der Vogel Gryff das Wildma-Tännlein und schlug damit auf den Bären ein. Der Wildma griff den verdatterten Bären an den Armen, der Leu schnappte sich die Bärenbeine und umklammerte sie ganz fest. Sie schwangen den Bären dreimal durch die Luft, dann schmissen sie ihn in einem hohen Bogen in den eiskalten Rhein.
Ein kleines Mädchen rannte an das Rheinbord riss einen Rettungsring vom Haken und warf ihn dem Bären zu. Der Bär stülpte sich den Rettungsring über den Kopf und winkte mit einer Tatze dem Mädchen zu. Dann drehte der Bär der Stadt Basel den Rücken zu und schwamm tieftraurig in einem Zug bis nach Rotterdam.
Der Vogel Gryff, der Leu und der Wildma freuten sich, denn jetzt waren sie wieder unter sich. Der Bär war endlich weg. Ale Kostüme, Fahnen und Schriften, die an den Bären erinnerten, wurden verbrannt. Die Leute sollten den Bären so schnell wie möglich vergessen.
Aber der Bär ist nicht weg, denn manchmal hört man auf dem Estrich im Restaurant zum Schwarzen Bären Schritte. Es ist der tanzende Bär. Je näher der Vogel-Gryff-Tag rückt, desto lauter werden diese Schritte.
In der Rheingasse gibt es heute noch Leute, die den Bärentanz trommeln können, denn niemand hat den schwarzen Bären vergessen, und eines Tages wird er wiederkommen, so erzählen sie sich. Wer weiss, vielleicht ist dieser Tag nicht mehr weit?