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Papst Benedikt XVI. hatte Charles Morerod als Bischof für das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg eingesetzt. Nun erhält der Bischof mit Papst Franziskus einen neuen Vorgesetzten. Den FN erklärt Morerod, wie er den argentinischen Papst kennenlernt.
Nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst musste sich die Öffentlichkeit erst informieren, wer er denn ist. Ging es Ihnen auch so?
Charles Morerod:Ja. Ich habe das «Habemus Papam» am Fernsehen verfolgt und da die ersten Informationen über ihn erhalten.
Sie hatten ihn also nicht gekannt oder gar schon getroffen?
Nein, ich kannte ihn nicht.
Wie haben Sie sich seit gestern über ihn informiert?
Vor allem übers Internet. Ich bin auf dem gleichen Wissensstand wie Sie auch.
Sie hatten Kardinal Ratzinger durch sein schriftliches Werk kennengelernt. Von Kardinal Bergoglio haben Sie demnach noch nichts gelesen?
Nein. Es gibt sicher Schriften, die er publiziert hat. Er hat eine These für sein Doktorat in Deutschland verfasst, und er hat sicher auch Briefe an seine Diözese geschrieben. Aber wie gesagt: Ich kenne diese nicht.
Gehört es zu Ihrer Arbeit, sich in den nächsten Tagen über Ihren neuen Chef zu informieren?
Ich habe mich inzwischen bei zwei argentinischen Freunden ein bisschen erkundigt: eine Philosophin und ein Dominikaner. Der Dominikaner sagte, er sei mit fünf Brüdern zusammen vor dem Fernseher gesessen; sie hätten die Wahl erst gar nicht glauben können. Dann sei das Fest losgegangen, und auf den Strassen wurde gehupt, wie wenn Argentinien im Fussball gegen Brasilien gewonnen hätte. Vor allem sind die Argentinier sehr geschmeichelt durch die Wahl.
Wann werden Sie dem neuen Papst erstmals begegnen?
Vermutlich im Dezember. Da empfängt der Papst die Internationale Theologische Kommission, der ich angehöre. Aber es kann auch sein, dass er dies nicht macht.
Wie wird der neue Papst Ihre Arbeit als Bischof und das Bistum beeinflussen?
Schwer zu sagen. Er kann einen Impuls für die universelle katholische Kirche geben; das würde sich auf Freiburg, unser Bistum und die Pfarreien auswirken. Es kann aber auch sein, dass das, was er macht, keinen direkten Einfluss auf unsere Diözese haben wird.
Sie haben mit dem neuen Papst etwas gemeinsam: Sie suchten beide Ihr Amt nicht. Können Sie ihm nachfühlen?
Er trägt eine grosse Verantwortung, aber er trägt diese im Glauben. Für mich war es bei meiner Weihe das Gleiche. Papst Benedikt XVI. hat gesagt, man habe als Papst kein Privatleben mehr. Es ist kein Zuckerschlecken. Er lebt wie in einem Gefängnis und kann den Vatikan nicht mehr verlassen, wie er will. Man stelle sich das vor: Da reist er an das Konklave und urplötzlich kann er nicht mehr nach Hause. Wenn der Papst den Vatikan verlassen will, muss er das zwei Wochen vorher ankündigen. Nur wenige Leute leben mit solchen Einschränkungen.
Franziskus gilt als Seelsorger-Papst, Sie kamen aus der Wissenschaft. Wie nahe fühlen Sie sich ihm?
Jesuiten sind immer auch Theologen.
Erste Einschätzungen von Franziskus lauten: Er ist ein Papst der Armen, der Herzen und der Einfachheit. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, das hat man beim ersten Auftritt gesehen, und das drückt sich auch in der Namenswahl aus. Franziskus hat einen Sinn für die Armut. Er hat die Elendsviertel in Buenos Aires besucht, und er hat darauf verzichtet, im Palast des Erzbischofs zu wohnen.
Warum wurde wieder ein Papst im fortgeschrittenen Alter gewählt?
Er kann in kurzer Zeit viel bewegen. Er ist nicht wegen seines Alters, sondern wegen seiner Persönlichkeit gewählt worden. Man wählt nicht einen 40-Jährigen, aber innerhalb einer bestimmten Spanne spielt das Alter keine Rolle.
Erstmals ein Papst aus Südamerika: Eine Geste oder ein Hinweis auf die Zukunft der Kirche?
Ich kenne die Motivationen hinter der Wahl nicht. Man war sich wohl bewusst, dass er die neue Welt vertritt, wenngleich Argentinien nicht typisch dafür ist. Aber wenn man den Papst auf seine Herkunft reduziert, so ist das nicht sehr freundlich ihm gegenüber.
Charles Morerod. Bild Aldo Ellena
Erstmals stellt sich ein Papst auf Augenhöhe mit den Gläubigen
Der neue Papst will in die Tradition des heiligen Franz von Assisi treten: eine Herausforderung für die Freiburger Franziskaner.
«Papst Franziskus hat sich vor den Gläubigen verneigt», sagt Pater Pascal Marquard, Guardian im Kloster des Franziskanerordens in Freiburg. Das habe ihm Eindruck gemacht, denn so etwas habe es mindestens in der jüngeren Vergangenheit der Kirche noch nie gegeben.
Der kommunikative Stil des neuen Papstes mache ihm Hoffnung, so Marquard weiter. Das Kirchenoberhaupt setze den einzelnen Menschen und seine Sorgen in den Vordergrund. Er stelle sich wie der heilige Franz von Assisi auf Augenhöhe mit den Menschen. «Der heilige Franziskus sagte, der Mensch ist so viel wert, wie er wert ist vor Gott», und zwar unabhängig von seiner Stellung. Er sei überzeugt, so Marquard: «Der Mensch hat eine unveränderliche Würde, die ihm von Gott gegeben wurde.» Der Papst wolle offensichtlich wie der heilige Franz nicht nur mit den Mächtigen der Welt sprechen, sondern auch mit jenen, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen.
Er habe gelesen, so Marquard, der neue Papst benütze gerne wie jeder andere Pendler auch die öffentlichen Verkehrsmittel. «Dieses Zu-Fuss-Gehen ist ein deutliches Zeichen. Der heilige Franziskus verbot seinen Brüdern das Reiten.» Allerdings, so räumt Marquard ein, dürfe man keinen besonders fortschrittlichen Pontifex erwarten. Die katholische Kirche sei in ihrem Kern werterhaltend, also konservativ. Man müsse lernen, sich auch an kleinen Fortschritten zu freuen.
Aus einem wurden zwei
Marquard erzählt, dass sie im gestrigen Gottesdienst erstmals in ihrer Geschichte den Namen Franziskus zweimal nannten. Einmal war der Ordensgründer und einmal der Papst damit gemeint. «Daran müssen wir uns erst gewöhnen.» Die unerwartete Entwicklung stellt den Franziskanerorden in Freiburg und anderswo auch ins Scheinwerferlicht.
Marquard erwartet, dass die Werte des Ordens einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden und dass der Orden sich kritischen Fragen stellen muss. «Wir werden darauf geprüft, wie authentisch wir sind», sagt Marquard und betont: «Das ist eine gute Sache.» fca
Franziskus macht Hoffnung
Die Reaktionen auf die Papstwahl fallen in Deutschfreiburg unterschiedlich aus.Der Name, den sich der neue Papst ausgesucht hat, stimmt aber generell hoffnungsvoll.
Sie habe befürchtet, dass angesichts der vielen konservativen Kardinäle ein weiterer konservativer Papst gewählt wird, sagt Kathrin Meuwly, pfarreibeauftragte Bezugsperson in der Seelsorge-Einheit Sense-Mitte. Dass sich der neue Papst Franziskus nennt, findet sie «genial». «Gut, dass er einen neuen Namen gewählt hat. Das macht Hoffnung.»
Ob Papst Franziskus aber in der Kirche etwas verändern kann, sei für sie noch nicht sicher. «Er ist umgeben von der Kurie, die ihn in seinen Entscheiden beeinflusst.» Grossen Einfluss auf die Arbeit in den Pfarreien werde der neue Papst wohl nicht haben. «Aber es geht um das Image», erklärt sie. «Aussenstehende nehmen die Kirche oft nur über den Papst wahr, der im Fernsehen gezeigt wird.» Wenn dieser sympathisch wirke, tue das der ganzen Kirche gut.
Dass der neue Papst bereits 76-jährig ist, wertet Kathrin Meuwly nicht negativ. «Ich hoffe, dass alle Päpste künftig nicht mehr ewig bleiben, sondern nach zehn Jahren zurücktreten.»
«Ein neuer Wind»
Ähnlich sieht es der Stadtfreiburger Pfarrer Winfried Bächler. «Weil Papst Benedikt den Rücktritt gewagt hat, ist das Alter des neuen Papstes nicht mehr schlimm», sagt er. Bächler ist freudig überrascht ob der Wahl von Franziskus. «Es kommt ein neuer Wind hinein.» Er hofft, dass der neue Papst die Zügel loslässt. «Und das nicht nur für die Konservativen, sondern auch für die Progressiven in der Kirche.»
Papst Franziskus sei zwar mit den traditionellen Lehren gross geworden, an diesen werde er wahrscheinlich festhalten. «Trotzdem kann er eine Öffnung für die Anliegen der Menschen bewirken und die Strukturen aufweichen.» Bächler denkt, dass der neue Papst so auch positive Auswirkungen auf die Kirche in der Schweiz und in Freiburg haben kann. «Ich habe grosse Hoffnung, dass er eine freiheitliche Mentalität bringt.»
Ob der neue Papst etwas ändern wird, ist für Martina Zurkinden-Beneš, Vizepräsidentin des Synodalrates der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Freiburg, ungewiss. «Vermutlich wird er andere Akzente setzen», sagt sie. Für sie kommt die Papstwahl hinter verschlossenen Türen in der heutigen vernetzten Welt geheimnisvoll daher. «Man kann schwer nachvollziehen, welche Kriterien zur Wahl von Franziskus geführt haben. Das hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl.»
Der Name Franziskus hingegen sei für sie ein Hoffnungsträger. «Ich hoffe auf die Werte von Franziskus: Menschlichkeit, Nächstenliebe, die Verkündung des Evangeliums, die Bewahrung der Schöpfung und die Akzente der Befreiungstheologie, die mir alle sympathisch sind.» im/mir
Pascal Marquard. Bild Charly Rappo
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