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Sparer, Rentner, Einzahler in Pensionskassen und in andere Altersvorsorge: Wehrt Euch! Ihr werdet nämlich bestohlen. Um die Früchte Eurer Arbeit gebracht. Wie das, wohin soll man den Ruf richten: Haltet den Dieb?
Der Dieb sieht harmlos, bieder und vertrauenserweckend aus. Er spricht immer in gesetzten und genau abgewogenen Worten. Wahrscheinlich hat er noch nie in seinem Leben ein Ausrufezeichen in den Mund genommen. Und er sagt, dass er so handeln müsse, es ginge gar nicht anders, es sei alternativlos, alles andere wäre noch viel, viel schlimmer.
Wer ist es nun, was wäre noch schlimmer, als dass Milliarden gestohlen werden? Nun, es handelt sich um den Präsidenten des Direktoriums unserer altehrwürdigen Nationalbank. Natürlich ist Thomas Jordan kein Dieb, im Gegenteil, er ist ein ehrbarer Mann und will nur das Beste für sein Land, sein Handeln lässt sich nur vom Gesamtinteresse des Landes leiten; so steht’s im Gesetz, und so führt er völlig unabhängig die Geld- und Währungspolitik der Schweiz.
Dazu gehört auch, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) den sogenannten Leitzins festlegt. Mit diesem Zins auf Guthaben bei der SNB von privaten Banken reguliert die SNB das allgemeine Zinsniveau im Land. In normalen Zeiten liegt dieser Zinssatz irgendwo zwischen 2 und 5 oder 8 Prozent, inflationsbereinigt meistens bei 2 bis 3 Prozent. Darauf schlagen dann Geldhäuser noch ihre Marge drauf und verleihen dementsprechend Geld an ihre Kunden. Zum Beispiel rund 1000 Milliarden Franken in Form von Hypotheken.
In normalen Zeiten ist es so, dass der Gläubiger für seinen Glauben, dass der Schuldner geliehenes Geld auch wieder zurückzahlt, eine Risikoprämie namens Zins bekommt. In normalen Zeiten ist es so, dass der Schuldner von allzu wildem Schuldenmachen abgehalten wird, weil er sich überlegen muss, ob er auch in der Lage ist, mit zusätzlicher Wertschöpfung das geliehene Kapital zu tilgen und die Zinsen tragen zu können.
In normalen Zeiten ist es so, dass jeder Einzahler in eine Pensionskasse, also alle lohnabhängig Beschäftigten in der Schweiz, durch den sogenannten Umwandlungssatz wissen, welche Rente sie in Abhängigkeit vom angesparten Alterskapital zu erwarten haben.
Dieser Umwandlungssatz liegt für den obligatorischen Teil bei stolzen 6,8 Prozent. Nehmen wir an, ein Rentner hat 650’000 Franken im Kässeli und bekommt mitsamt dem überobligatorischen Teil einen Umwandlungssatz von 6,4 Prozent monatlich rund 3500 Franken. Würde dieser Umwandlungssatz zum Beispiel auf 5,2 Prozent sinken, wären es nur noch rund 2800 Franken. Spürbarer Unterschied.
Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch die Verzinsung des Pensionskassenkapitals. Sie ist fest eingeplant als sogenannter „dritter Beitragszahler“. In normalen Zeiten liegt dieser Zinsertrag inflationsbereinigt zumindest im Positiven.
Da der Bundesrat bekanntlich in die Zukunft blicken kann, legt er einen Mindestzinsertrag fest. In den guten alten Zeiten bis zur Jahrtausendwende waren das 4 Prozent, nicht inflationsbereinigt. Seit vorletztem Jahr wurde er auf – 1 Prozent gesenkt. Inflationsbereinigt betrug der durchschnittliche Zinsertrag der Schweizer Pensionskassen 0 im Jahr 2018.
Was hat das alles mit Diebstahl zu tun? Nach der Aufhebung der fragwürdigen Verteidigung einer Untergrenze des Frankens zum Euro von 1.20 führte die SNB auf einen Schlag einen negativen Leitzins ein, minus 0,75 Prozent. Weltrekord. Das sei nicht gut, sagt die SNB, aber alles andere wäre noch viel schlimmer. Deshalb sei das alternativlos. Wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen will, das sagt die SNB aber nicht.
Warum ist das Diebstahl? Ganz einfach. Alleine im ersten Halbjahr dieses Jahres machte die SNB über eine Milliarde Zinsgewinne. Darin machen die Einnahmen aus den Negativzinsen, die die SNB erhebt, den Löwenanteil aus. Also wird die SNB allein bis Ende dieses Jahres allen Sparern, Geldanlegern, Pensionskasseneinzahlern satte 2 Milliarden Franken abgeknöpft haben. Und da die SNB niemandem Rechenschaft ablegen muss, kann ihr auch niemand reinreden.
Abgesehen von der Absurdität, dass der Gläubiger etwas dafür zahlen muss, dass er sein Geld verleihen darf, hat dieser Negativzins noch weitere negative Auswirkungen? Und ob. Mit billigem oder Gratisgeld steigt die Verantwortungslosigkeit beim Schuldenmachen, können sich Firmen über Wasser halten, die unter normalen Umständen schon längst hätten Bankrott erklären müssen. Was für die Betroffenen immer schlecht ist, aber für die Gesamtwirtschaft gut.
Also ist der Negativzins Diebstahl. Ist er auch alternativlos? Die SNB begründet ihn im Wesentlichen damit, dass das ihr einziges Mittel sei, ein weiteres Erstarken des Frankens zu verhindern. Und da die Europäische Zentralbank (EZB), zuständig für unseren wichtigsten Exportwährungsraum, die Zinsen auch im Negativen halte, müsse sich die SNB halt anpassen. Sonst hätte das furchtbare Folgen für Export und Tourismus.
Sagt die Exportindustrie und die Tourismuslobby lautstark. Wäre es wirklich so tragisch, wenn bei den 2,6 Prozent Anteil am Bruttoinlandprodukt der Tourismus Einbussen erleiden würde? Wäre es wirklich so tragisch, wenn die Schweizer Maschinenindustrie, die immer am lautesten jammert, den Weg der Textilindustrie gehen würde? Sollte man nicht darauf hinweisen, dass Euroland zwar sehr wichtig für Schweizer Exporte ist, die Schweiz aber mehr aus diesem Währungsraum importiert?
Abgesehen von all dem: Kann es wirklich richtig sein, dass mit dem Negativzins unter anderem das ganze System der Altersvorsorge beschädigt wird? Kann es richtig sein, dass die meisten Pensionskassen schon jetzt Gelder auszahlen, die sie dann für die nächste Generation nicht mehr haben, also Raubbau betreiben?
Kann es richtig sein, dass mit dem Negativzins der Generationenvertrag aufgekündigt wird? Und kann es letztlich richtig sein, dass eine Notenbank beschliesst, allen Sparern eine Milliardensteuerabgabe zwangsweise aufzuerlegen, ohne dass die Betroffenen auch nur „Moment mal“ sagen können?
Wer am lautesten jammert, wird gehört. Tourismus und Maschinenexportindustrie können in allen Tonlagen jammern und lobbyieren. Mit Erfolg. Dabei handelt es sich um gesellschaftliche Randgruppen, Minderheiten. Sparer und Rentenanwärter sind aber die absolute Mehrheit in der Schweiz. Es gibt wohl nur ganz wenige, die nicht dazugehören. Nur: Die haben weder eine Lobby, noch melden sie sich lautstark zu Wort. Unglaublich.