Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/3869

948 immer mehr. Eine bedeutende Einnahmequelle begann im 18. Jahrh. der Fremdenverkehr zu
bilden. Die geistige
Bewegung drang, besonders unter dem mildgesinnten aufklärungsfreundlichen
Benedikt XIV. und dem Aufheber
des Jesuitenordens Clemens XIV., auch nach R., aber das Hauptinteresse konzentrierte sich auf histor. und antiquarische
Studien;
die großen Museen verdanken ihre Gründung dieser Epoche
(Kapitolinisches unter
Benedikt XIV., 1742; Villa
Albani, seit 1760;
Vatikanisches Museum, Museo Pio-Clementino, unter Clemens XIV. und
Pius VI.).
Von Wichtigkeit war die Epoche der franz. Herrschaft, 1809–11, in welcher für Ordnung
der Stadt, Einschränkung der
Bettelei,
Straßenbeleuchtungu. dgl. viel gethan wurde. Auch die
Ausgrabungen, besonders
auf dem
Forum,
[* 2] im
Kolosseum,
[* 3] auf dem Trajansforum, wurden, zum erstenmal in wirklich wissenschaftlicher
Weise, unter Feas Leitung
energisch gefördert; dafür mußte das
Vatikanische Museum seine berühmtesten Kunstschütze nach
Paris
[* 4] abgeben. Die Einwohnerzahl
betrug damals gegen 130000.
Die nach der Rückkehr
Pius' VII. 1814 erfolgte Reaktion lenkte völlig in die
Bahnen des 17. Jahrh. ein;
jede selbständige polit. Regung sollte unterdrückt, die geistige Thätigkeit auf Wissenschaft und Kunst beschränkt bleiben.
Unter
Leo XII. und
Gregor XVI. gelang es auch, während überall in
Italien
[* 5] revolutionäre
Bewegungen fühlbar wurden, in R.
die Ruhe äußerlich aufrecht zu erhalten, freilich mit Anwendung eisernerStrenge.
Pius IX. wechselte
in seinen ersten reformfreundlichen Jahren dieses
System.
Die Municipalverfassung wurde reorganisiert; aber die Revolution von 1848, welche R. für kurze Zeit zur Republik machte
(Febr. bis Juli 1849), führte wiederum in die alten
Bahnen zurück. Mit Hilfe franz.
Truppen und einer aus geworbenen
Soldaten
bestehenden eigenenArmee behauptete der Papst die weltliche Herrschaft in der Stadt. Der Schutz
Frankreichs
war es auch namentlich, welcher 1859 eine
Annexion R.s und seine Umwandlung zur Hauptstadt des neuen
Italien verhinderte.
Die Regierung
Pius' IX. führte mancherlei Verbesserungen ein. Zu der unter
Gregor XVI. gebauten
Lokalbahn nach
Frascati kamen
Linien nach Civitavecchia, Orte
(-Florenz) und Neapel;
[* 6]
Telegraph
[* 7] und Gasbeleuchtung wurden eingeführt.
Ausgrabungen wurden auf dem
Forum (von
Canina und P. Rosa), in den Kaiserpalästen (auf Kosten Napoleons III. unter Leitung
P. Rosas), an der
Via Appia (von
Canina), im Hain der Arvalen (auf Kosten Wilhelms I. von
Preußen,
[* 8] unter Leitung W.
Henzens) gemacht. Die
Ausgrabungen und Forschungen
G. B. de Rossis über die
Katakomben (s. d., seit 1853) sind epochemachend
für die ersten Jahrhunderte der christl.
Kirchen- und Kunstgeschichte.
Nachdem im Dez. 1866 die franz.
Truppen aus R. zurückgezogen worden waren, versuchte Garibaldi die Stadt durch Handstreich
zu nehmen, aber seine Expedition scheiterte durch das unglückliche
Gefecht bei
Mentana Zum
zweitenmal verließen die franz.
Truppen die Stadt Aug. 1870, und nun rückte eine ital.
Armee unter
Cadorna gegen R. vor. Nur
um die
Thatsache der Gewalt zu beweisen, ließ der Papst die Stadt (durch 6000 Mann unter
General Kanzler)
verteidigen; nach kurzem Kampf zogen die ital.
Truppen durch eine neben
PortaPia in die Aureliansmauer gelegte
Bresche
in R. ein. Das
Plebiscit vom 2. Okt. sprach die
Vereinigung der Stadt
mit dem Königreich
Italien aus (von 167548 eingeschriebenen
Wählern stimmten 135290, von diesen 133 681 mit Ja). Die große Tiberüberschwemmung, welche in den
letzten Dezembertagen des J. 1870 die tiefer gelegenen Stadtteile verwüstete, wurde
Anlaß zum ersten Besuche des Königs
Victor Emanuel in R., welcher im
Quirinal(31. Dez.) die
Annahme des
Plebiscits unterzeichnete.
Geschichteseit1871 s. S. 939b.
Litteratur.ZurGeschichte des mittelalterlichen R. vgl. Gregorovius, Geschichte
der Stadt R. im Mittelalter (4. Aufl., 8 Bde.,
Stuttg. 1886–94);
von Reumont, Geschichte der Stadt R. (3 Bde., Berl.
1867–70);
Specialzeitschrift: das «Archivio dellaSocietàromana di storia patria», bis 1895 17
Bände
(Rom
[* 9] 1878 fg.).
Dieser ganze
Kreis
[* 13] von Erzählungen ist aber nicht nur in seinen rein sagenhaften Elementen, sondern auch
da, wo er die Form geschichtlicher
Thatsachen annimmt, zum größten
Teil zu verwerfen. Er ist in der uns vorliegenden Fassung
das Werk schriftstellerischer Erfindung und
Komposition. Auch die neuere Forschung über röm. Geschichte sucht jedoch über
Rom selbst hinauszugehen und seine Entstehung aus den Verhältnissen Latiums zu begreifen, aber in
ganz anderer
Weise.
Sie sucht vor allem die röm. Nationalität festzustellen. Nach der Überlieferung war
die BevölkerungRoms von vornherein
in drei
Stämme
(Tribus) eingeteilt, die Ramnes,
Tities und Luceres, in denen man verschiedene Bevölkerungselemente, Latiner,
Sabiner,
Etrusker (oder wieder Latiner, die Bewohner des zerstörten
Albalonga) zu erkennen glaubte, aber
die neueste Forschung hat diese Überlieferung als recht jung (auf
Varro zurückgehend) nachgewiesen und stark angefochten.
Jene angeblichen
Stämme begegnen zunächst nur als in ihrem Ursprung nicht mehr bestimmbare
Abteilungen der röm. Ritterschaft.
Die
Römer
[* 14] sind wie ihre
Sprache,
[* 15] wie die gute alte Überlieferung beweist, ihrem Hauptelement nach Latiner;
wahrscheinlich ist im Beginn des 1. Jahrtausends
v. Chr. eine neue Wohnstätten suchende Latinerschar nach der
Stätte des
spätern
Roms vorgedrungen. Sie fand dort bereits, wie nach topogr.
Gesichtspunkten und der mit diesen übereinstimmenden Überlieferung
angenommen werden kann, auf dem
Quirinal und dem
Kapitol eine
Niederlassung, die
¶
mehr
949 gewöhnlich, allerdings ohne entscheidenden Grund, als sabinisch gilt, und nach längern Kämpfen wuchsen beide zu einem
Staat zusammen. Die staatlichen VoraussetzungenRoms sind demnach dieselben wie überhaupt in Latium und Italien um diese Zeit.
Es ist eine latinische Gaugemeinde, ohne doch dem Bund der Latiner anzugehören, in Kurien (angeblich
30), Geschlechter (gentes, angeblich 300) und Haushaltungen (familiae, angeblich 3000) sich gliedernd. Viehzucht
[* 17] und Ackerbau
bilden die Hauptbeschäftigung, erst nach und nach entwickelt sich der Handel; aber die Wohnstätte ist gemeinsam, genau vermessen
und eingeteilt und mit Mauer oder Wall befestigt. Daß man die Wohnstätte an einem weder besonders fruchtbaren,
noch besonders gesunden Orte aufschlug, hat wohl die Lage an dem großen, bis dorthin schiffbaren Tiberstrom veranlaßt. Eben
diese Lage ist von bedeutendem, vielleicht entscheidenden Einfluß auf Roms Geschichte geworden.
Thatsache; Rom hat sich auf Kosten der umliegenden Latinerstädte ausgedehnt und schließlich, angeblich schon unter Servius Tullius,
gleichberechtigt mit dem latinischen Gesamtbund ein Bündnis abgeschlossen. Der aus dem ersten Jahr der Republik (509)
stammende erste Handelsvertrag Roms mit Karthago
[* 18] nennt als röm. Gebiet: «Ardea, Antium, Laurentum, Circeji, Terracina und andere
unterthänige Latinerstädte.» Diese große und rasche Machtentfaltung hat Rom vielleicht mit seinen engen Beziehungen zu den
damals die nördl. Westhälfte des Mittelmeers
[* 19] beherrschenden Etruskern in der letzten Königszeit zu danken.
Die Tarquinier sind als Geschlecht sicher historisch und sicher etruskisch, mögen sie nun aus Etrurien
eingewandert sein oder mag ihre Herrschaft eine Abhängigkeit Roms von Etrurien andeuten. Auch kulturell haben die EtruskerRom stark beeinflußt in Religion, Baukunst
[* 20] (die gewaltigen, den Tarquiniern zugeschriebenen Bauten des kapitolinischen Jupitertempels
und der Cloaca maxima, der Mauerbau des Servius Tullius), überhaupt im Handwerk, in der Verfassung. Sehr
bedeutend (und das weist auf eine frühe Selbständigkeit Roms, trotz des etrusk. Einflusses) sind aber auch die Einwirkungen
der unterital. Griechen, namentlich Cumäs, auf Rom gewesen. Von hier haben sie die Buchstabenschrift in der Königszeit unmittelbar
erhalten; Maß und Gewicht zeigen mit dem karthagisch-sicilischen die
engste Verwandtschaft. Mit Massalia
und Delphi unterhielten die Könige Verbindung.
Im Innern bildete sich während der Königszeit die Gliederung und Gruppierung der Bürgerschaft, wie sie uns in der spätern
Zeit entgegentritt: Patriciat (s. Patricier) und Plebs (s. d.), Senat und Volk. Außerdem schreibt die Überlieferung dem
Könige Servius Tullius die Verteilung aller Bürger in bestimmte Heeres- und Steuerklassen zu. Ganz natürlicherweise hat das
Königtum gegenüber dem nach Anteil am Regiment strebenden Senat und Patriciat, den Geschlechtern, seine Stütze in der
Plebs gesucht und gefunden.
Daß schließlich doch das Königtum gestürzt wird, ist zum großen Teil wohl ein Werk der Geschlechter,
die vielleicht neben anderm den fremden Ursprung des letzten Königs Tarquinius Superbus benutzt haben, um die Plebs von der
Parteinahme für den König abzuhalten. Inwieweit freilich die Abschaffung des Königtums eine Befreiung von etrusk. Fremdherrschaft
war, inwieweit sie mit dem allgemeinen Zurückdrängen der Etrusker in jener Zeit in Beziehung steht, muß
wie alle Einzelheiten der Revolution vorläufig unentschieden bleiben; die Sage hat den Vorfall zu sehr verdunkelt. Als letztes
Jahr der Königsherrschaft gilt nach der Überlieferung das J. 510.