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Am Abend des 11. Mai 1943 meldet sich der 28-jährige Shaul Weingort bei der Polizei in Montreux. Der polnische Lehrer und Rabbiner ist zu einer Einvernahme aufgeboten worden.
Ihm wird vorgeworfen, an einem Helfernetz beteiligt zu sein, das für Jüdinnen und Juden in Europa gefälschte Pässe ausstellt. Im Verhör gibt der Beschuldigte zu, dass er solche Dokumente für Verwandte in Polen organisiert hat, um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu retten.
Diplomaten fabrizieren rettende Pässe
Shaul Weingort ist einer der Akteure der geheimen Rettungsaktion in der Schweiz, die ab 1938 Verfolgten eine lateinamerikanische Staatsangehörigkeit bescheinigt. Diese soll ihnen die Flucht aus Europa ermöglichen.
Eine wichtige Rolle spielen dabei eine Gruppe von Diplomaten in der polnischen Gesandtschaft in Bern und der Anwalt Rudolf Hügli, der als Honorarkonsul für Paraguay tätig ist.
Mit ihnen verbunden ist der polnische Anwalt Abraham Silberschein. Er ist 1939 bei einem Besuch in Genf vom Kriegsausbruch überrascht worden und in der Stadt geblieben. Dort hat er ein Komitee gegründet, das der jüdischen Bevölkerung in Polen nicht nur Hilfsgüter schickt, sondern auch rettende Pässe.
Silberscheins Liste
Von dieser geheimen und bis vor Kurzem unbekannten Aktion erfuhr Naomi Lubrich, Leiterin des Jüdischen Museums der Schweiz in Basel, durch einen Bekannten.
Nachforschungen ergaben, dass in Silberscheins Nachlass im Yad-Vashem-Archiv in Jerusalem ein aufschlussreiches Dokument von 900 Seiten liegt.
Die Liste beinhaltet Personen, die aus Bern einen lateinamerikanischen Pass erhalten haben. Aus ihr geht zudem hervor, dass dabei mindestens 120 Frauen und Männer behilflich waren, indem sie Deckadressen geliefert oder als Kuriere gedient haben.
Das Lied der Pässe
Dass es eine rettende Verbindung zwischen dem Honorarkonsulat von Paraguay und der polnischen Botschaft in Bern gibt, spricht sich weit herum: «Wie gerne hätte ich einen Pass für Uruguay, einen für Costa Rica, einen für Paraguay», heisst es im Lied «Paszporty» des jungen Autors Wladyslaw Szlengel.
Er hat es 1942 im Warschauer Ghetto verfasst. Es handelt von der Hoffnung, einen rettenden Pass für ein lateinamerikanisches Land zu bekommen.
Schweizer Banken involviert
Mindestens 3300 Personen erhalten zwischen 1938 und 1943 ein solches Dokument. Gemäss den Nachforschungen, die der heutige polnische Botschafter in der Schweiz, Jakub Kumoch, angestellt hat, sind darunter 771 Gerettete und 1000 Ermordete. Das Schicksal der restlichen Personen konnte bisher nicht geklärt werden.
Aus der Bereitstellung von gefälschten Papieren macht der Schweizer Honorarkonsul Rudolf Hügli ein Geschäft. Shaul Weingort gibt am 12. Mai 1943 in Montreux zu Protokoll, dass er für einen Pass jeweils 700 Franken an Hügli bezahlt habe. Andere Vermittler nennen auch Beträge von 500 Franken.
Das Geld habe er von Verwandten der Gesuchsteller erhalten. Diese hätten ihm die Beträge via «American Express, über die Schweizerische Kreditanstalt oder über die Schweizerische Volksbank» zukommen lassen.
Der lukrative Passhandel fliegt auf
Diese Passwirtschaft des Berner Honorarkonsuls fällt dem Generalkonsul von Paraguay auf: Walter Meier in Zürich ist Hüglis Vorgesetzter und denunziert ihn beim Eidgenössischen Politischen Departement.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung «Pässe, Profiteure, Polizei. Ein Schweizer Kriegsgeheimnis», Link öffnet in einem neuen Fenster ist noch bis im Mai dieses Jahres im Jüdischen Museum der Schweiz in Basel zu sehen.
Die Behörde reagiert allerdings erst 1943 und ordnet Hausdurchsuchungen und Verhaftungen an. Die gefundenen Pass-Anträge werden konfisziert und archiviert.
Es sind übriggebliebene stumme Zeugnisse von Menschen, die vergeblich auf ein lateinamerikanisches Dokument gehofft hatten, um der nationalsozialistischen Vernichtung zu entkommen.
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