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Jede mehrsprachige Organisation ist mit dem Übersetzen konfrontiert. Die Schweiz mit ihren drei Amts- und ihren vier Landessprachen ist sicher eine Meisterin auf diesem Gebiet, und trotzdem ist dieser Beruf nach wie vor kaum bekannt und wird daher oft verkannt.
Übertragen und Kontextualisieren
Übersetzen heisst einen Text in der Ausgangssprache lesen, den Sinn aus seiner ursprüngli-chen Form lösen und in der Zielsprache wiedergeben. Es handelt sich also um einen Interpre-tationsvorgang, mit dem Ziel, für Ausgangs- und Zieltext eine äquivalente Bedeutung zu er-langen. Dabei lassen sich verschiedene Stufen der Äquivalenz unterscheiden. Das Spektrum reicht von der wörtlichen Wiedergabe bis zur freien Übertragung; dazwischen liegen ver-schiedene Abstufungen der Texttreue, die eher Richtung wörtliche oder Richtung sinngemäs-se Übertragung gehen. Das Vorgehen des Übersetzers wird dabei hauptsächlich durch den Kontext vorgegeben, in dem der Auftrag erteilt wird: Für einen wissenschaftlichen Artikel in einer Fachzeitschrift, für eine interne Information zum nächsten Betriebsfest oder für den Werbeslogan einer europäischen Zahnpasta-Marke sind jeweils andere, spezifische Überset-zungstechniken und fertigkeiten gefragt. Technische Texte etwa erfordern vom Übersetzer neben guter Fachkenntnis und zuweilen eingehenden Recherchen äusserste Genauigkeit bei der Übertragung. Dies begünstigt eine eher wörtliche Übersetzung, bei welcher der Stil in den Hintergrund rückt. Allgemeinere Texte hingegen, die für ein breites Publikum bestimmt sind, lassen dem Übersetzer grössere Freiheit bei der Formulierung der im Ausgangstext enthalte-nen Botschaft.
Übersetzen bedeutet wählen
Traduttore, traditore, lautet eine italienische Redensart, wonach Übersetzen angesichts der schieren Unmöglichkeit der perfekten Übersetzung immer auch ein Verrat am Autor des Ausgangstextes bedeutet. Die Übersetzer müssen sich aber vor allem davor hüten, die Ad-ressaten des Zieltextes in die Irre zu führen. Denn wörtliche Übersetzungen sind bekanntlich schwer lesbar und kaum verständlich. Hier kommt die Entscheidung, die Gewissenhaftigkeit und die Freiheit des Übersetzers ins Spiel. Solange Übersetzungen von Menschenhand gefer-tigt werden, beinhalten diese immer auch einen rein subjektiven Aspekt mit Stilelementen, ei-nem Wortschatz und Wendungen, die der Persönlichkeit, dem Werdegang und der Wahr-nehmung des Übersetzers entsprechen. Dies erschwert denn auch die Beurteilung einer Übersetzung. Denn der Revisor, in der Regel selbst ein Übersetzer, muss dieses persönliche Element in der Übersetzung belassen und von den objektiven Punkten abgrenzen, die er ge-gebenenfalls zu korrigieren hat: korrekte Wiedergabe des Sinnes, Vollständigkeit, Wahl der Terminologie, Grammatik und Rechtschreibung, Wahl der Sprachebene – ein eigenes Hand-werk, so heikel und anspruchsvoll wie das Übersetzen selbst.
Vom Nutzen des Übersetzens
Zum Schluss gilt darauf hinzuweisen, dass sich die Übersetzung generell als Instrument zur Steigerung der Dokumentationsqualität erweisen kann. Will er seine Arbeit richtig machen, muss der Übersetzer den Ausgangstext so gründlich unter die Lupe nehmen, dass er allfällige Fehler, Inkohärenzen, Widersprüche und unklare Passagen unweigerlich erkennen wird. Auch zwingt ihn die Sprache zuweilen, die Perspektive zu wechseln, um einen bestimmten Inhalt wiedergeben zu können (z. B. positive statt negative Formulierung oder Aktiv statt Pas-siv). Die Übersetzung bietet somit eine zusätzliche Sichtweise, die zum Verständnis des ur-sprünglichen Sinnes beiträgt. Und dennoch wird die Übersetzung oft vor allem als kostspieli-ge, zeitaufwändige Mühsal angesehen, stets als nebensächlicher Schritt und letztes Glied in der Kette der Projektplanung. Mehrsprachigkeit leben hiesse aber, das Übersetzen vermehrt zu einem integralen Bestandteil der institutionellen Funktionsweise und zu einem konstitutiven Bestandteil der Reflexionen und Entwicklungen zu machen.
Dorothée Ecklin, Leiterin des Sprachdienstes