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Bern 12 April 1860.
Mein lieber Freund!
Auf Dein gestriges Schreiben glaube ich Dich beruhigen zu dürfen, daß der Bundesrath gewiß nicht dem Ansinnen eines Theils der Preße entsprechend eine Proclamation erlaßen wird; ich wüßte gar nicht, in welchem Sinn, als etwa in dem, vor Agitationen zu warnen u Vertrauen zu den competenten Behörden zu empfehlen. Aber das will man offenbar nicht! – Im Bundesrath war davon nie die Rede. Dagegen wurde schon am letzten Montag beantragt, die Bundesversammlung sofort (auf heute) einzuberufen, insofern der Bundesrath in s. Mehrheit es nicht auf sich nehmen wolle, militärisch vorzugehen. Dieser Antrag (St )1 erhielt keine andre Stimme, aber er wird später wiederholt werden u später kann er wohl eine Mehrheit erhalten; denn es liegt darin die Frage v. Krieg od. Frieden, die der Bundesrath weder im einen, noch im andern Sinne von sich aus wird lösen wollen. Die Einberufung kann erfolgen zwischen der Abstimmung | in Savoyen u der Ratification des Vertrags im Sard: Parlament. Denn nach dem letzten Act wird die Einführung der Civilverwaltung sehr schnell folgen, indem alles vorbereitet wird. – Nach allen Berichten wird jene Abstimmung sehr schlecht ausfallen; die Agenten der Schweizerischen Parthey berathen über das mot d'ordre, ob Enthaltung od. Neinschreiben; die Meynungen scheinen sich für erstere auszubilden; denn das Volk soll sehr muthlos u furchtsam seyn; französ. Versprechungen u Drohungen wirken gewaltig; von einer Freyheit der Abstimmung ist keine Rede, denn das geheime Scrutinium verliert seinen Charakter, weil die wenigsten Leute schreiben können; daher verspricht man sich mehr von einer großartigen abstention, als von einer kleinen Anzahl «Nein». Nach allen Nachrichten hat der Genferzug2 der Schweizerischen Stimmung im Chablais ungeheuer geschadet. –
Nun komme ich zum Briefe3 des Hrn Dubs, den ich gelesen habe. Deine Ansicht wird großen Schwierigkeiten begegnen. Schon letzthin interpellirte der Englische Gesandte4 zwar mündlich aber non sine ira5, ob es wahr sey, daß wir mit Frankreich separatim6 unterhandeln, in welchem Fall England seine Hand ganz zurückziehe. Im Stillen wären die Großmächte vielleicht froh darüber, sich aus diesem Grund aus d. Verlegenheit herauszuziehen u die Sache fallen zu laßen. Nun | können wir doch gewiß nicht mit Frankreich allein unterhandeln, u zwar nicht etwa auf die basis einer Abtretung v. NordSavoien (denn davon ist gar keine Rede) während wir die Großmächte bestürmten, sich unser im Sinne obiger basis anzunehmen, während wir sie noch immer mit neuen u dringlichen Noten bestürmen, während wir in England einen Gesandten7 dazu accreditirten u jetzt auch einen (Hrn Dapples8 ) nach Berlin schicken werden. (Petersburg wünscht, daß wir keinen schicken – schlechtes Zeichen!). Ich glaube nicht, daß der Bundesrath auf solche Separat Verhandlungen eingehen werde, wenigstens ehe man definitiv weiß, was bey den Großmächten herauskommt. –
Hr v. Dusch9 ist hier, er theilt unsre Ansicht, daß der Moment noch nicht da sey, um mit Frankreich ernstlich anzubinden, daß er aber sicher in nicht gar langer Zeit kommen werde u unsre Chancen sich mit der Zeit nur verbeßern können.
Soeben höre ich, daß Frankreich les Rousses verstärke oder verproviantire u auf der Faucille befestigen wolle (hoffentlich außerhalb dem streitigen Gebiet. Es scheint, man will uns auch von dieser Seite provociren. –
Bis auf weiters grüße Dich freundlichst.
Dein
F