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... holte Mama das gute Geschirr aus dem Schrank und deckte den Tisch feierlich mit liebevoller Sorgfalt. Für uns Kinder war es einfach nur ein Sonntagsritual. Wir wussten nicht, dass sie uns mit dem hübschen Tafelservice auch jedes Mal ein Stück Geschichte auftischte, das bis ins Jahr 1748 zurückreicht.
Die 271-jährige Geschichte des Keramikherstellers Villeroy & Boch ist auf einen Eisengiesser und einen Kaufmann zurückzuführen, die beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Der französische Eisengiesser François Boch stellte zunächst in Lothringen mit seinen drei Söhnen Keramikgeschirr her. 1767 eröffnete er das Werk Manufacture Impériale et Royale in Luxemburg, eine Manufaktur, die bald als Grossbetrieb des Landes den Auftakt zur frühindustriellen Serienproduktion markierte. Die Übersiedlung an den heutigen Firmenhauptsitz in Mettlach erfolgte 1809, als Jean-François Boch, ein Familienmitglied der dritten Generation, die ehemalige Benediktinerabtei kaufte und dort eine weitgehend mechanisierte Geschirrfabrikation errichtete. Er entwickelte unter anderem eine kostengünstige Variante zum sehr teuren Porzellan: festes, weisses Steingut. Damit machte er die Tischkultur für breitere Gesellschaftsschichten zugänglich. Auch der Kaufmann Nicolas Villeroy hatte sich der Keramik verschrieben. 1791 wurde er Teilhaber, später Inhaber einer Steingutfabrik, in der er erstmals Kohle als Brennstoff zur Keramikherstellung nutzte. Er führte das Kupferdruckverfahren ein, wodurch er dekorierte Produkte günstiger anbieten konnte. Als einstige Wettbewerber schlossen sich Villeroy und Boch 1836 zusammen, um gemeinsam gegen die dominierende englische Industrie zu bestehen. Sieben Jahre später begannen sie, ihr Angebot an Tafelware um Gläser aus der Cristallerie Wadgassen zu ergänzen und eroberten fortan die Tische der Welt.
Vorreiterrolle
In der vierten Generation inspirierte ein archäologischer Fund zum Experimentieren mit Fliesen, aus dem Experiment wurde die grösste Bodenfliesenproduktion der Welt. Sogenannte Mettlacher Platten findet man noch heute in Gebäuden wie dem Kölner Dom oder dem Moskauer Bolschoi-Theater. Künstlerische Terrakotten aus einem selbst entwickelten Material gehörten ab 1879 ebenfalls zum Sortiment und zieren seither historische Herrenhäuser, Kathedralen, Banken und Schlösser. Um 1900 fasste das Unternehmen in der Sanitärkeramik Fuss. Durch neue Fertigungsverfahren konnten Wannen und Toiletten seriell hergestellt werden und machten dadurch Badausstattungen für den Privathaushalt erschwinglicher. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Villeroy & Boch weltweit bekannt – für feinstes Tafelgeschirr, Fliesen, Terrakotten und Sanitärprodukte. Die Designs und Formen werden seit jeher hauptsächlich intern entwickelt; bereichert wird das Sortiment immer wieder um Dekore externer DesignerInnen wie Paloma Picasso, Luigi Colani oder Keith Haring. Heute zählt die Aktiengesellschaft Villeroy & Boch, deren Stammaktien sich im Besitz der Nachfahren der Gründerfamilien befinden, 7500 Mitarbeiter, darunter auch aktiv mitwirkende Familienmitglieder. Vom ersten Moment an war die Geschichte des Unternehmens geprägt von Innovationen und der Kunst, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen. So wurden im vergangenen Jahr altbekannte Dekore wie «Wildrose» oder «Alt Luxemburg» an die heutige Zeit angepasst. Ein Grund mehr, die Tradition aus der Kindheit wieder aufleben zu lassen und den Tisch mit gutem Geschirr einzudecken. Aber nicht nur sonntags.
Text: Silja Cammarata
aus: Raum und Wohnen, Heft Nr. 06•07/2019
Bezugsquelle:
Villeroy & Boch