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Alles nur geklaut: In diesen Tagen wird an der Zuger Seepromenade eine Treppe in den See versenkt – die Skulptur «Seesicht» des St. Galler Künstlers Roman Signer. Die Chronik eines Kunstprojekts, das ein anderer Künstler in die Tat umsetzt.
Am Samstag wird an der Seepromenade (Rössliwiese) eine Stahlskulptur eingeweiht – eine Treppe in den Zugersee. Blickt man etwas weiter zurück, wird aus der «Seesicht» ein Kunstprojekt namens «Atlantis». Ernst Aklin, ein Künstler aus Zug, verfolgte die Idee, ein freigelegtes Stück Seegrund mittels einer Treppe erreichbar zu machen, bereits Ende der 1970er Jahre.
«Es ist befremdlich», sagt Aklin heute, «ich würde Signers ‹Seesicht› nicht als Plagiat bezeichnen, aber es ist ganz deutlich eine Anlehnung an mein Projekt auszumachen.» Befremdlich sei es auch deshalb, weil in beiden Fällen, damals wie heute, dieselbe Kunstgesellschaft ins Projekt involviert gewesen sei, sagt der Bildhauer.
Alles schon gewesen?
1979 veranstaltete die Zuger Kunstgesellschaft eine Ausstellung mit schwimmenden Kunstwerken in der Seebucht der Zuger Altstadt. Gesucht wurden Objekte, welche eine Beziehung zum Medium Wasser haben, welche sich mit Wellenbewegungen, Wind und Regen auseinandersetzen – «Kunst auf dem Wasser» lautete der Arbeitstitel.
Ernst Aklin, damals 35-jährig, stellte sich dem Wettbewerb. Nach wochenlanger Ideensammlung enstand ein Katalog aus 12 «Dutzendideen». Eine davon ist folgendermassen umschrieben: «Ein freigelegtes Stück Seegrund, eventuell mit Abfall. Mittels Mauer oder Fertigelement. Gegen oben offene, wasserfreie Kammer, über Treppe erreichbar.» Aus einem Potpourri an Eingebungen kristallisierte sich nach und nach das Projekt «Atlantis» heraus. Am 23. März 1979 reichte der Künstler seinen Projektvorschlag ein.
Aklin plante, eine Leitspur aus Aluminium mitten durch den Fischmarkt zu legen. Diese sollte schnurgerade zur Quaimauer beim Hechtleist verlaufen und von dort über eine Treppe ins Wasser führen. Dadurch sollte der Eindruck entstehen, dass die Treppe bis zum Grund des Sees führen würde. Mit bestimmten Materialien und durch Unterwasserbeleuchtung hätte sich diese Täuschung zusätzlich verstärken lassen.
Aufstieg und Fall eines Kunstprojekts
Eine Verbindung von Land und Wasser, von Zivilisation und ursprünglichem Lebensraum – eine Verbindung in andere Welten und Dimensionen, so Aklins Assoziationen. Mit dem Untergang der Zuger Altstadt 1435 war zudem ein lokaler Bezug festzumachen.
Aklins Projekt stiess auf zustimmendes Echo seitens der Jury. Am 12. April 1979 erhielt er den positiven Bescheid. Damit begann eine monetäre Odyssee. Denn die Kunstgesellschaft Zug sei aus finanziellen Gründen nicht in der Lage gewesen, eine Kostenübernahme vollumfänglich zu garantieren. Aklin blieb damit nichts anderes übrig, als sich auf eigene Faust auf die Suche nach Gönnern zu begeben.
Regierungsräte, Bauunternehmer, Architekten und diverse Stiftungen wurden angefragt. Ein ständiges Auf und Ab, zwischen Zusprüchen und Absagen, von regem Interesse bis grossen Vorbehalten. Aklin legte dabei grosses Gewicht auf Transparenz. Eine detaillierte Kostenaufstellung ergab inklusive eines Künstlerhonorars von 10’000 Franken ein Gesamttotal von gut 70’000 Franken.
Zusätzlich als Last wirkte die Frage nach dem weiteren Verbleib von «Atlantis». Aklin notierte hierzu: «Ich muss also an die Stadt als Hauptbetroffene gelangen und sie bitten, ein Geschenk zu bewilligen und anzunehmen, das man noch nicht sehen kann, dessen Finanzierung noch in der Luft hängt, mehr noch, sie vielleicht um finanzielle Beteiligung angehen. Eine Gleichung mit mehreren Unbekannten also.»
Von Zeitmangel und sturen Köpfen
Zu viele Unbekannte? Der Stadtrat bekundet Bedenken. Am 6. Juni 1979 erhält Aklin schliesslich den negativen Entscheid. «Atlantis» taucht nicht auf. Die Gründe für die endgültige Ablehnung kommen vom Baufachausschuss: Die Treppe sei zu schmal, sie sei eher ein Fremdkörper in der Ufergestaltung. Ausserdem sei die Leitspur unmotiviert und störend.
Aklin fühlte sich missverstanden und warf dem Stadtrat vor, das Projekt nicht begriffen zu haben. Dieser dementierte, die künstlerische Aussage sei durchaus verstanden worden. Das Ganze passe aber nicht ins Konzept der Seeufergestaltung. Im offiziellen Schreiben vom 7. Juni heisst es: «Die Seeufergestaltung vom Casino bis Siehbach ist immer noch im Projektierungsstadium. Grössere Uferbauten hätten präjudizierende Wirkung und sind deshalb einstweilen abzulehnen.» «Der Stadtrat hat sich rausgeredet», sagt Aklin rückblickend.
Der Künstler selbst sieht die zu knapp bemessene Zeit zwischen Projektausschrieb und -umsetzung als Hauptfaktor für den negativen Ausgang. Aklin hält im Protokoll abschliessend fest: «Ich möchte bemerken, dass die Zeit für ein glückliches Durchbringen durch alle diese Instanzen, durch alle diese Köpfe, zu kurz war.»
Heute, gut 35 Jahre später und zum 25. Geburtstag des Kunsthaus Zug, scheint genug Zeit vergangen zu sein, um Aklins Projekt in die Tat umzusetzen. Der Künstler heisst nun aber nicht mehr Ernst Aklin, sondern Roman Signer. Das Kunstwerk nennt sich «Seesicht» und nicht «Atlantis».
Anderes bleibt gleich. Aklin ist enttäuscht: «Es mutet befremdlich an, dass mir als Urzuger die Realisierung des Projekts verwehrt blieb, während ein Ostschweizer es nun umsetzt.»
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