Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03344.jsonl.gz/869

Wer es nicht kennt, läuft erst einmal daran vorbei, am «Teatrul Act». Nein, eigentlich läuft man darüber hinweg. Man tritt Rumäniens erstes alternatives Theater gewissermassen mit Füssen – fast schon ein symbolisches Bild. Denn: Bukarests junge, moderne Theaterszene probt in einem Keller unter der beliebtesten Flaniermeile der Stadt: der Calea Victoriei.
Während sich oben der Verkehr im Schritttempo voranschiebt und Pfennigabsätze ihr Stakato über die Gehwege trommeln, sprechen darunter Florina Gleznea und Ionut Grama gerade ihre Rollen als Martha und George in einer Inszenierung von «Wer hat Angst vor Virgina Woolf?»
Der Raum liegt im halbdunkeln. An den Wänden stehen treppenartige Podeste. Theatermanagerin Ioana Moldovan beobachtet die Szene. «Bis zur Gründung dieser Bühne vor ein paar Jahren», sagt sie, «gab es überhaupt kein freies Theater in Rumänien. Also ein Theater, das auf freischaffende Regisseure, Szenografen und Schauspieler setzte. Diese Art Theater zu machen, war für Rumänien etwas völlig Neues».
Purer Minimalismus statt pompöse Requisiten
Noch immer wird die rumänische Theaterlandschaft von den 40 staatlichen Schauspielhäusern dominiert. Das Erwachen einer freien Theaterszene wird argwöhnisch beäugt, entspricht deren Treiben doch so gar nicht dem, was die Mehrheit der Rumänen unter Theater versteht.
«Die Stücke, die wir hier spielen, sind wesentlich kürzer als in den grossen Theatern. Und die Nähe der Schauspieler zum Publikum ist für die rumänischen Theaterbesucher völlig ungewohnt. Hier ist auch kein Platz für pompöse Requisiten, es herrscht absoluter Minimalismus», erklärt Regisseurin Mariana Camarasan. Camarasan gehört zu Rumäniens neuer Theatergeneration. Ihre Inszenierung des Stücks «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» ist so wie im «Teatrul Act» noch nie gezeigt worden.
Theater, dass das Leben verändert
Florina Gleznea als Martha und Ionut Grama als George halten sich ziemlich genau an Edward Albees Vorlage. Und doch präsentieren sie das Thema des erträumten aber nicht vorhandenen Kindes so, dass die Zuschauer unwillkürlich an das Abtreibungsverbot unter Diktator Nicolae Ceaușescu denken müssen. Und an jene Lügen, die das Verbot bis heute in der rumänischen Gesellschaft hinterlassen hat.
Für die Theaterkritikerin Julia Popovici ist die Inszenierung auch ein Beispiel für den Generationen-Konflikt im derzeitigen rumänischen Theater: «Die ältere Generation von Regisseuren glaubt immer noch, dass das Theater die Welt verändern kann. Die Jüngeren, hingegen, glauben eher, dass das Leben das Theater verändert.»
Zwang zu Reformen
Was im «Teatrul Act» begann, wächst längst darüber hinaus. Inzwischen wurden weitere kleine Off-Theater gegründet. Das «Teatrul Luni» etwa, gleich nebenan – oder das «La Scena», das unweit des vor sich hinbröckelnden Jüdischen Staatstheaters auf einem Dachboden residiert. Finanziell kämpfen die freien Theatertruppen Rumäniens zwar immer noch ums Überleben, aber sie setzten eine Entwicklung in Gang, die endlich Früchte zu tragen scheint, konstatiert Ioana Moldovan.
«In den letzten zehn Jahren hat dieses Theater eine ganz neue Generation rumänischer Theatermacher geprägt, deren Vision ein freies, unabhängiges Theater ist. Wenn sie heute einen Theaterstudenten fragen, wie er eine Vorstellung inszenieren würde, dann antworten die meisten: ‹So, wie im Teatrul Act›.» Diese Entwicklung zwingt die grossen Theater zu Reformen. Das Odeon-Theater, zum Beispiel, hat im Keller inzwischen eine Studiobühne, um freien Theatern Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 26.7.2016, 17:22 Uhr.