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von Prof. Dr. Nomis Arbogast
Die Sprache der Nienetwiler Kultur, also das Alaju, wurde und wird in verschiedenen Artikeln in den vorhergehenden und diesen CRN gestreift. Es wird also Zeit, näher darauf einzugehen. In der Sprachforschung ist Alaju äusserst umstritten. Dieses sind die zwei wichtigsten Theorien in Kürze:
- Alaju ist die Mutter aller Sprachen.
Dafür spricht, dass es im Alaju eine grössere Zahl an Urwörtern gibt als in jeder anderen Sprache, und dass diese Wörter, wie auch solche aus verschiedenen Proto-Sprachen, bei allen Skandaj weltweit verwendet werden.
Dagegen spricht das Argument, dass Alaju eben auch viele Wörter und Sprachelemente bei sich aufgenommen hat und es nicht beweisbar ist, ob Alaju nun erst da war oder das Urwort (z. B. Chec).
- Alaju ist lediglich ein Archiv der Sprachen.
Dafür spricht im Grunde das Pro-Argument in der obigen Diskussion. Es gibt im Alaju nachweislich Wörter, die weit über zehntausend Jahre alt sein müssen, da sie noch älter sind als zum Beispiel Proto-Indoeuropäisch. Es gibt zudem Sprachelemente und Wörter, die wie beschrieben aus der ganzen Welt in das Alaju Eingang fanden.
Es wird dagegengehalten, dass es dann nicht erklärbar wäre, weshalb nur diese und nicht jene Wörter erhalten blieben und weshalb es keine geografischen Unterschiede gibt.
Sowohl Amot Nussquammer sen. wie auch Aciel Arbogast I haben stets betont, dass Ersteres nicht richtig sei. Arbogast betonte mehrmals, dass das Alaju zwar die Sprache mit den ältesten Wörtern der Welt sei, dass dies aber nicht bedeute, dass die Skandaj sie erfunden hätten. Vielmehr sei es so, dass sich die Sprachen, welche vom Homo Nienetwilensis und vom modernen Homo sapiens unabhängig voneinander entstanden sind, im Lauf der Jahrtausende vermischt haben. In gewissen Regionen sei der Einfluss des Alaju auf die Sprache der dort ansässigen Völker stärker gewesen, in anderen schwächer oder gar nicht vorgekommen.
Richtig sei aber, so Arbogast weiter, dass die Skandaj stets Wörter übernommen hätten, wenn sie entweder kein eigenes Wort für etwas hatten (wie das ja heute noch in allen Sprachen geschieht), oder sie hätten es übernommen, weil es besser zu ihrem Wortwitz passte oder dem Humor in Bezug auf die Sprache. Zudem würden immer wieder neue Wörter erfunden, die ihnen einfach gefielen. Waren die Wörter gut, wurden sie fast automatisch in kurzer Zeit über den ganzen Globus getragen.
Die Erforschung des Alaju hat im Übrigen in den letzten Jahren stark zugenommen und zumindest für den Moment wird hier stark der Argumentation Arbogasts gefolgt. Die der Forschung bekannten Alaju-Wörter können übrigens im Wiki www.nienetwil.ch nachgelesen werden (Deutsch–Alaju/Alaju–Deutsch, inkl. sämtlicher Wortherkünfte, Wortstämme, Grammatik usw.)
Das Alaju wird in vier Sprach-Entstehungszeiten unterteilt:
Ur-Alaju > ab ca. 1,8 Mio. v. u. Z.
Alt-Alaju > ab ca. 6000 v. u. Z
Spät-Alaju > ab ca. 500 v. u. Z.
Neu-Alaju > ab ca. 1600 n. u. Z
In der Forschung spricht man zudem noch von einem – momentan lediglich postulierten – Proto-Alaju, das unter anderem die nonverbale Kommunikation sowie einfache Lautmalereien annimmt.
Es scheint uns angebracht, in diesem Artikel die vier wichtigsten Wörter aus der Nienetwiler Kultur zu erklären – vier Wörter, die quasi ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen.
Gadho = sammeln
Gabe = alle Dinge (Nichtmensch)
Be = Möglichkeit
Tobe = lernen
Gadho
Verzeichnisnummer AL0043
gadho- sammeln, vereinigen, (auch körperlich), zueinanderbringen / vgl. engl. gathering/together)
Wortherkunft: Ur-Alaju, Wortstamm *ga- = verbinden, sammeln, zusammenbringen; *th- = um, um zu. Vgl. indogermanisch: *gʰedʰ-, *gʰodʰ-, RB.: Pokorny 423 (608/24)
Moderne Wortverwandtschaften: Neuenglisch «gathering» = sammeln, Schweizerdeutsch «Gadde» = kleine Scheune/Hütte, überdachtes Gehege
Das Sammeln gehört zu den ureigenen Eigenschaften in der Nienetwiler Kultur. Es bedeutet jedoch nicht das Anhäufen von materiellen Gütern oder Essen, sondern vielmehr das Sammeln von Möglichkeiten in der Interaktion zwischen Mensch/Mensch und Mensch/Nichtmensch.
Die Interaktion zwischen Mensch/Mensch und Mensch/Nichtmensch wird in der Nienetwiler Kultur immer als ein Begegnen von Gleich mit Gleich gesehen. Das Gegenüber wird als eine Sammlung von Potenzial, Einflüssen, denen es unterliegt, und Einflüssen, die es ausübt, sowie Geschichten angesehen. In diesem Sinne ist jede Interaktion ein Partizipieren der dem Gegenüber innewohnenden Möglichkeiten bzw. Sammlungen. Ein Hammer ist ein Hammer. Auch wenn der Hammer lediglich auf der Werkbank liegt, beeinflusst er das Leben des Menschen, dem die Werkbank gehört, selbst dann, wenn dieser den Hammer gerade nicht benötigt. Er könnte ihn aber benötigen. Dass er weiss, dass der Hammer und sein Potenzial an Möglichkeiten bereitliegen, verändert das Leben des Menschen insofern, als dass er Tätigkeiten in Betracht ziehen kann, die sich mit einem Hammer ausführen lassen. Ebenso verhält es sich mit Nagel, Brett oder Zange. Und je öfter er mit den Nichtmenschen interagiert, mit ihnen arbeitet, desto grösser werden die Möglichkeiten des Menschen und des Nichtmenschen, denn der Mensch lernt den Nichtmenschen immer besser kennen und weiss immer besser, mit ihm zu arbeiten. Auch ist es so, dass wir ganz körperlich, zum Beispiel in der Tätigkeit mit Dingen, beeinflusst werden. Ebenso verhält es sich mit dem Potenzial von Menschen. So ist es nicht erstaunlich, dass die Neugierde, etwas über sein Gegenüber kennenzulernen, in der Nienetwiler Kultur hochgeschätzt wird – denn je mehr ein Mensch über einen anderen Menschen, seine Potenziale und Möglichkeiten sowie seine Einflusssphären weiss, desto grösser ist das Potenzial der Sammlung und der Lieder (Lied meint in der Nienetwiler Kultur die Art und Weise, wie ein Mensch/Nichtmensch seine Sammlung offenbart / Möglichkeiten offenlegt).
Gabe
Verzeichnisnummer AL0210
gabe- Sammlung von Möglichkeiten, alle «Dinge»
Wortherkunft: Ur-Alaju, Wortstamm *ga- = verbinden, sammeln, zusammenbringen; *be- = Möglichkeit, zu sein
Die Ähnlichkeit zum deutschen Wort Gabe scheint rein zufällig zu sein, denn auch wenn eine gewisse Ähnlichkeit im Verständnis zu Heideggers «Gabe» besteht, unterscheiden sich die beiden Begriffe doch deutlich.
In der Nienetwiler Kultur gibt es kein Wort für Ding. Alles, was existiert, ist eine Sammlung von Möglichkeiten, beeinflusst zu werden oder zu beeinflussen, diese oder jene Form anzunehmen, diese oder jene Tätigkeit auszuüben, dieses oder jenes zu lehren oder zu lernen.
Gabe enthält, im Gegensatz zur deutschen Sprache, keine Ausgrenzung oder Abwertung. Alles und alle sind einander gleichgesetzt und gleichberechtigt (siehe hierzu CRN °1-1/2020, S. 38, Kapitel «5. Fürsprecher oder Befrager»).
Eine Gabe gilt es zu befragen, um das Potenzial an Möglichkeiten zu ergründen. Hierbei werden so viele Aspekte wie möglich miteinbezogen.
Be
Verzeichnisnummer AL0018
be- Möglichkeit
Wortherkunft: Ur-Alaju, Wortstamm *be- = Möglichkeit, zu sein
be kann in zwei Bedeutungen erklärt werden:
>Alles, was ist, ist eine Sammlung an Möglichkeiten. Es hat das Potenzial, zu beeinflussen oder beeinflusst zu werden.
>Alles, was möglich ist, ist auch; es gibt bloss nicht für alle diese Seinszustände Zeugen, Beweise oder Erinnerungen. Lässt man ein Glas zu Boden fallen, besteht nicht bloss die Möglichkeit, dass es heil unten ankommt, es ist so, dass es unten heil ankommt. Dass da nun Scherben liegen, beweist lediglich, dass ich von dieser Möglichkeit ein Zeuge war, und nicht von einer anderen.
Tobe
Verzeichnisnummer AL0166
Wortherkunft: Ur-Alaju, Zusammensetzung aus toho = Chaos, etwas, das im Fluss ist oder noch nicht seine feste Form hat, und be
tobe- lernen; eigentlich: im Fluss der Möglichkeiten sein, die Möglichkeit aus der Unordnung, in der Sammlung von Möglichkeiten wühlen (wie ein Kind in einer Kiste Spielsachen). Lernen wird als ein Akt des Sammelns betrachtet. Das Sammeln von Möglichkeiten, die durch die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten mehr werden. Es ist Selbstverwirklichung in dem Sinne, dass es allen freigestellt ist, nach ihren Fähigkeiten und Wünschen Wissen und Fertigkeiten jedweder Art zu erlangen.
Die Nienetwiler Kultur kennt kein Schul- oder Bildungssystem. Es gibt nicht Erziehung im europäischen Sinne. Da in der Nienetwiler Kultur ein weltweites Netzwerk an Kontakten besteht, können Jugendliche bei der Überprüfung ihrer Interessen und dem Erwerb von Fertigkeiten jederzeit darauf zurückgreifen.
- Inhaltsverzeichnis CRN 2-2021-1
- Editorial
- Einleitung der Herausgeber – Utopie als Gesellschaftsdesign
- Peter Friedrich Stephan über Design
- Das Ende von Arbeit und der Anfang von Design
- Biografie Amot Nussquammer jun
- Briefwechsel Nussquammer – Arbogast
- Alaju: Die Wörter «be», «gabe», «tobe»
- Grabungsbericht und Fundinterpretation N1/1 «Skandi-Stein»
- Biografie Patrizia Am Rhyn
- The Alaju Settlement - Teil 2
- Ausblick CRN N° 3-2021/2
- Impressum / Autorin und Autoren CRN 2