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Keine Frage – Kolkata hat einen schlechten Ruf. Nach der Ankunft mit dem Zug bahne ich mir einen Weg durch die mittellosen Menschen, die im Bahnhof am Boden schlafen. Hier leben Hundertausende im Freien, ganze Familien mit kleinen Kindern. Sie waschen sich im Fluss Hoogly. Schaut man Kolkata beim Erwachen zu, ist das fast zu intim.
Ertragen wir das Elend besser, wenn wir es mit Zucker überziehen, frage ich mich?
Dominique Lapierre gab seinem Roman über Kolkata der Misere zum Trotz den Titel «Die Stadt der Freude» (1985), und er meinte dies nicht ironisch. Er porträtierte das Leben der Bewohner in einem der vielen Slums der Stadt. Neben dem schreienden Elend schilderte er auch die Würde der Slumbewohner. Ertragen wir das Elend besser, wenn wir es mit Zucker überziehen, frage ich mich? Können wir eher hinschauen, wenn wir dem Elend Würde antexten?
Ich würde es Pragmatismus nennen. Den hat auch der Rikschafahrer, den wir bei unseren Dreharbeiten treffen.
Mangur Jadhar stammt aus der Provinz Bihar, dem Armenhaus Indiens. Er kam nach Kolkata in der Hoffnung, einen Job zu finden. Natürlich wünscht er sich ein anderes Leben, einen besseren Job. Doch er hat keine Wahl. Er tut, was er tun muss, um seine Familie zuhause zu ernähren. Würdevoll dabei scheint, dass er nicht klagt. Oder hat er resigniert? Ich weiss es nicht. Mangur Jadhar scheint sich einfach in sein Schicksal zu fügen.
Kolkata ist eine Stadt mit zwei Seelen
Kolkata ist schwer zu fassen. An kaum einem anderen Ort finden sich so viele extreme Gegensätze so nahe beieinander. So treffen wir Abishek Rungta, einen IT-Unternehmer, was in Indien nicht weiter überrascht. Erstaunlich ist jedoch, dass er in Kolkata bleibt, denn viele erfolgreiche Jungunternehmer sind bisher weggezogen. «Das ist auch der kommunistischen Regierung zu verdanken», sagt Abischek, «lange war es hier nicht cool, Unternehmer zu sein.» Doch heute hat Kolkata eine neue Regierung, und das Unternehmertum kommt zurück.
Rungta hat mit fünf Angestellten angefangen, heute arbeiten 600 für ihn. Er hat auch ein Institut gegründet, um junge Leute auszubilden. «Willst du disziplinierte Mitarbeiter, gehst du nach China. Suchst du kreative Mitarbeiter, kommst du nach Indien», sagt er. Staatskapitalismus in China, Indien mit dem eher chaotischen Unternehmertum. Welches ist das bessere Modell, um ein Land vorwärts zu bringen?
Innovation ist in unserer Kultur.
«Kurzfristig sieht das chinesische Modell lukrativer aus. Schnelles Wachstum durch Kopieren, aber die Innovation bleibt auf der Strecke. Indien hat da als Demokratie grosse Vorteile. Innovation ist in unserer Kultur», sagt Rungta. Der erfolgreiche Unternehmer prophezeit der Stadt eine glänzende Zukunft.
Die ehemalige Elendsmetropole erlebt einen wirtschaftlichen und sozialen Wandel. Unsere jungen, bengalischen Produzenten, mit denen wir unterwegs sind, erzählen von eigenen Filmprojekten, App-Erfindungen ihrer Freunde und erfolgreichen Start-ups. Mir gefällt der Innovationsgeist hier, die Kreativität. Etwas, was ich in China immer vermisst habe.
Stadt der Kreativen
Traditionell war Kolkata ein Zentrum für Kreative, Filmemacher und Literaten. So brachte die Stadt den ersten asiatischen Nobelpreisträger hervor. Rabindranath Tagore, der bengalische Dichter, Philosoph und Komponist, erhielt 1913 den Nobelpreis für Literatur. Wer heute ein Buch sucht, wird garantiert fündig an der College Street in der Nähe der Universität. Hunderte von Verkäufern bieten hier Fachbücher und Belletristik an. Viele der Bücher sind schon durch mehrere Hände gegangen. Ich mag Secondhand Bücher, denn sie erzählen mehrere Geschichten. Ich kaufe hier die Kurzgeschichten von Tagore.
Die einzige Konstante ist der Wandel
Kolkata hat mich verwirrt und fasziniert. Eine Stadt und ihre Menschen – irgendwo zwischen Kasten und Kommerz. In dieser Stadt geht unsere Reise zu Ende. Wir sind durch China, Myanmar und Indien gereist – Regionen im Umbruch und im Aufbruch. Die einzige Konstante hier ist der Wandel. Als ich im Taxi zum Flughafen sitze, wird mir einmal mehr bewusst, was ich an Asien so liebe. Die Dynamik und die Veränderung und die Menschen, die das tun, was sie tun müssen. Es wird gehandelt, nicht gehadert.