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Wenn man heute den Begriff der Ergotherapie verwendet, denkt man in der Regel an Massnahmen, die mit der Verbesserung der Körperhaltung am Arbeitsplatz in Zusammenhang stehen. Das Anwendungsspektrum dieser Disziplin ist jedoch viel weiter gefasst: Es behandelt sowohl körperliche als auch psychische Störungen.
Rückenschmerzen, Gelenkentzündungen, Augenprobleme: Die Arbeitsumgebung kann mitunter zu spezifischen Erkrankungen führen, von Arbeitsunfällen ganz zu schweigen… Heutzutage wird immer grösserer Wert auf die Ergonomie des Arbeitsplatzes gelegt und zahllose Arbeitnehmer nehmen eine ergotherapeutische Behandlung in Anspruch, insbesondere bei Krankheiten der Hand oder des Handgelenks. Die scheinbar sehr technische Arbeit des Ergotherapeuten ist ein weites Feld: «Er interessiert sich für die beschäftigungsbezogenen Schwierigkeiten der Menschen, die sie an der Ausübung dessen, was Sie in ihrem täglichen Leben tun wollen, tun müssen und auch tun, hindern oder sie darin einschränken», erklärt Sylvie Meyer, Ergotherapeutin und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit, der «Haute école de travail social et de la santé» (HETS&Sa), in Lausanne. Diese Erklärung zeigt, dass der Anwendungsbereich sehr vielgestaltig ist. Die Ursprünge dieser Disziplin müssen im Übrigen in der Psychiatrie gesucht werden. Erklärungen.
Die Wurzeln der Ergotherapie liegen in der Psychiatrie. Ihr werden zwei Schulen zugeschrieben, die älteste stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts: «Die erste Wurzel ist europäischer Art und dem französischen Arzt Philippe Pinel und der Entwicklung von Berufen verpflichtet, die sich der psychischen Gesundheit, der Behandlung derer, die man damals als «Geisteskranke» bezeichnete, widmeten», erklärt Sylvie Meyer, Ergotherapeutin. «Den Kranken musste eine Beschäftigung gegeben werden wie beispielsweise das Flechten von Stuhlsitzen oder die Feldarbeit, um ihnen aus ihrer Lage herauszuhelfen.» Die Idee, die Kranken zu beschäftigen, überquert anschliessend den Atlantik in Form der Arbeiten des Schweizer Psychiaters Adolf Meyer, der Ende des 19. Jahrhunderts in die USA auswandert: «Adolf Meyer entwickelt zusammen mit seinen Kollegen die Grundlagen für die Ergotherapie, indem er Konzepte festlegt und an der Ausarbeitung der ersten Unterrichtseinheiten auf diesem Gebiet mitwirkt», führt die Spezialistin weiter aus.
Die Geschichte erreicht mit den beiden grossen Weltkriegen eine internationale Dimension, und die traurigen Auswirkungen auf die Soldaten treiben die Entwicklung der Disziplin voran: «Ab dem Ersten Weltkrieg wird Fachpersonal ausgebildet – Ergotherapeuten –, das sich der Verletzten hinsichtlich mehrerer Aspekte annimmt», erklärt Sylvie Meyer. Behinderungen, Amputationen, kognitive Einschränkungen, psychische Probleme: die Erkrankungen sind zahlreich. Mit dem Ziel, die Verletzten wieder in die Gesellschaft einzugliedern, bietet dieses Fachpersonal verschiedene Tätigkeiten an, um die Verletzten zu unterhalten (beispielsweise Malkurse) oder um sie zu rehabilitieren, indem sie beispielsweise darin geübt werden, sich mit nur einer Hand anzuziehen. «Für die Ergotherapie zeichnet sich mit dem Auftreten von Haushalts- und Verkehrsunfällen erneut eine Wende ab», führt die Expertin weiter aus. «Ab den 30er Jahren werden in Europa neue Fortschritte erzielt. Vor dem Hintergrund der Wiedereingliederung spielen die Medizin, die Physiotherapie und die Ergotherapie eine immer grössere Rolle.» Die Therapien, die für das Wiedererlangen der Körperfunktionen, den Bewegungsumfang, die Körperwahrnehmung stehen, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch wenn die Ergotherapie in einigen Gegenden deutlich weniger stark vertreten ist wie in Afrika oder in China, so wird sie seit den 50er, 60er Jahren doch praktisch auf dem gesamten Erdball praktiziert, wobei die Ansätze jedoch je nach Region unterschiedliche Ausprägungen annehmen.
In der Schweiz ist die Disziplin weniger verbreitet als in den Ländern Nordeuropas, auch wenn sie heute an Hochschulen auf der Bachelor- bzw. Masterstufe gelehrt wird. In der französischen Schweiz wird nur ein Ausbildungsgang in Lausanne von der «Haute école de travail social et de la santé» angeboten. In der deutschen Schweiz sieht die Situation ähnlich aus: nur eine Ausbildung wird von der ZHAW, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, angeboten. Im Tessin gibt es ebenfalls eine Schule. Diese drei Einrichtungen zusammen bilden rund 120 Ergotherapeuten pro Jahr aus, eine Zahl, die deutlich unter dem Bedarf des Marktes liegt.
SLI/SDR/AllTheContent News Agency
Mit Sylvie Meyer, Ergotherapeutin und Professorin an der «Haute école de travail social et de la santé» (HETS&Sa) in Lausanne
Sylvie Meyer hat ihr Diplom in Ergotherapie und ihren Master in Pflegewissenschaften in Kanada absolviert. Sie hat sich in Lausanne, wo man damals keinen Bachelor-Abschluss machen konnte, auf dem Gebiet der Ergotherapie weitergebildet. Sie ist heute assoziierte Professorin und Dekanin des Studiengangs Ergotherapie an der «Haute école de travail social et de la santé» (HETS&Sa) in Lausanne.