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Ungeschützt dem Virus ausgeliefert, vielfach ihrer Verdienstmöglichkeiten beraubt und mit einem stark eingeschränkten Hilfsangebot konfrontiert – dies charakterisiert die Situation vieler Obdachloser in der Corona-Krise. Kaum verwunderlich also, dass momentan verstärkt über Obdachlosigkeit in den Medien berichtet wird. In dieser Berichterstattung nimmt die Aufmerksamkeit für Hilfsangebote wie die in der Pandemie vielerorts neu eingerichteten Gabenzäune einen großen Raum ein, das heißt für Formen der Unterstützung, die vor der Corona-Krise durchaus existierten, aber eher ein mediales Schattendasein fristeten.
Gabenzäune sind Zäune oder andere Orte im öffentlichen Raum, an denen Gebende anonym Spenden für Obdachlose befestigen können. Meist hängen an diesen Zäunen oder Gittern Plastikbeutel, die Kleidung, Hygieneartikel oder haltbare Nahrung enthalten. Gegründet wurden Gabenzäune von ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie von Personen, die bereits Erfahrung in der Obdachlosenhilfe hatten. Die Idee hinter den Gabenzäunen, die sich in Europa in den 2010er Jahren ausbreiteten, erklärt sich aus der Entwicklung der Obdachlosenhilfe in der jüngsten Zeitgeschichte. Eine der Prämissen der Obdachlosensozialarbeit besteht darin, niedrigschwellige Hilfsangebote zu schaffen, die die Betroffenen in ihrem Lebensraum erreichen. Dazu passt es, dass die Obdachlosen zu einer Zeit ihrer Wahl die Beutel am Zaun selbst abholen können. Anders als beim Betteln findet ein direkter Kontakt zwischen Spender*innen und Empfangenden dabei nicht unbedingt statt.
Historische Anknüpfungen
Auch wenn sich Gabenzäune in europäischen Städten erst in den 2000er Jahren beobachten lassen, kann diese Institution dennoch in der Stadtgeschichte von Bettelei und Obdachlosigkeit des 20. Jahrhunderts verortet werden. Obgleich die Armenfürsorge schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert (erfolglos) versuchte, ungesteuertes Almosengeben an bettelnde Obdachlose mit polizeilicher Hilfe zu verhindern, intensivierte sich dieser Konflikt ab den 1970er Jahren noch einmal. In dieser Dekade liberalisierte sich die Gesetzgebung gegenüber Menschen, die auf der Straße lebten und/oder bettelten. Seit der Abschaffung des § 361 des bundesdeutschen Strafgesetzbuches im Jahr 1974 waren Betteln und Obdachlosigkeit an sich straffrei. Die Polizei besaß nun bedeutend weniger Eingriffsmöglichkeiten gegenüber Personen, die in dieser Zeit noch als „Stadtstreicher“ bezeichnet wurden; auch Gruppenansammlungen von Obdachlosen konnten nicht mehr so konsequent verhindert werden wie vor der Abschaffung des § 361. Daraufhin forderten Polizeibeamte bei ihren Landesregierungen eine „Rekriminalisierung“ der Stadtstreicher.
Auch die Städte griffen diese Forderung auf, da im Zuge von Stadtsanierungsprojekten und der Einrichtung von Fußgängerzonen in den 1970er Jahren ein Kampf um die Aneignung des öffentlichen Raumes begann. Grundsätzlich drehten sich die Klagen der Bürgermeister und auch der Polizei um die nun verstärkte Sichtbarkeit von Obdachlosen in den Städten. Die Verantwortlichen stützen sich zudem auf Beschwerden von empörten Passanten, die sich von Bettlern gestört fühlten, von Müttern auf Spielplätzen oder von Einzelhändlern, die ihre Einnahmen durch ein „Herumlungern“ Obdachloser vor ihren Geschäften in Gefahr sahen.
Auch in der jüngsten Zeitgeschichte gab es immer wieder Bemühungen, die Obdachlosen aus den Städten zu vertreiben, insbesondere aus den Einkaufsstraßen und von touristischen Orten. Obschon es nicht zu einer gesetzlichen Rekriminalisierung der Obdachlosen kam, gestalteten viele Städte ihre Bänke im öffentlichen Raum unkomfortabel um, sprachen Platzverweise aus oder diskutierten über die erneute Einführung von Bettelverboten. All diese historischen Beispiele weisen auf eine Invisibilisierungsstrategie hin. Dies gilt auch für durchaus wohlmeinende langfristige Unterkunftsangebote, die im Einzelfall zwar hilfreich sein können, aber ebenfalls dazu beitragen, die Sichtbarkeit der Obdachlosen in der Öffentlichkeit zu reduzieren.
Im fragilen Gleichgewicht zwischen Sichtbarkeit und Invisibilisierung von Obdachlosigkeit in städtischen Räumen spielen die Gabenzäune eine vermittelnde Rolle. Zum einen bedürfen sie keines direkten Kontakts zwischen Spenderin und Empfängerin, zum anderen markieren sie Obdachlosigkeit sichtbar im Stadtbild. Stellen Gabenzäune doch im Gegensatz zum immer wieder kontrovers diskutierten Betteln einen gesellschaftlich legitimierten Raum der Obdachlosengaben dar.
Doch nicht nur die Institution Gabenzaun und ihr Stellenwert im öffentlichen Raum verdienen eine genauere Betrachtung. Auch die Praktik des Spendens für Gabenzäune, mögliche Motive und Zusammenhänge lassen sich historisch reflektieren.
Das Geben an Gabenzäunen
Ethnologische, soziologische und historische Forschungen betonen, dass Gaben an Bedürftige immer einen reziproken Charakter aufweisen. Nicht allein der Nehmende empfängt die Gabe, sondern vielfach erhält auch der Gebende etwas. Dabei handelt es sich um Immaterielles, wie etwa direkt gezeigte Dankbarkeits- oder Ehrerbietungsbezeugungen. Bei der indirekten Form des Spendens, wie bei der monatlichen Überweisung an „Ärzte ohne Grenzen“ oder der Weihnachtsspende für „Brot für die Welt“, kann es etwa das gute Gefühl sein, etwas moralisch Wertvolles getan zu haben. Psychologische wie historische Studien weisen auf eine komplexe Vielfalt der Spendenmotive und erwarteten Gratifikationen hin.
Wie aber verhält es sich mit den Gabenzäunen? Nicht das Verhalten der Obdachlosen oder ihre eigenen Wahrnehmungen und Erzählungen stehen im Mittelpunkt der Diskussion, sondern die Praktiken des Gebens. In der aktuellen Berichterstattung dominieren die Hilfe und der angenommene Bedarf. So liest man eher praktische Tipps für die Befüllung der Gabentüten. Die Rede ist etwa von Zahnbürsten oder lang haltbaren Lebensmitteln, nicht aber von Bargeld, Desinfektionsmitteln oder gar Alkohol. Somit zeigt sich eine von Nicht-Obdachlosen vorgebrachte normative Vorstellung davon, welche Gegenstände Obdachlose für ihr Leben auf der Straße brauchen (sollten). Mitbestimmen oder gar kontrollieren zu können, wofür die Empfängerin die Gabe verwendet, treibt Spender*innen schon lange Zeit um und erhöht die Spendenbereitschaft, wie historische Arbeiten zeigen. Zwar gilt die bereits im Mittelalter wirksame Unterscheidung zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen in unserer Gesellschaft nicht mehr linear weiter, was sich z.B. an fehlenden Selbstverschuldungszuschreibungen im Gabenzaundiskurs festmachen lässt. Doch die ebenfalls paternalistisch anmutende Idee, nur der Mehrheitsgesellschaft als sinnvoll erscheinende Gaben zu spenden sowie diese zu reglementieren, wirkt auch in den Gabenzäunen weiter. Der Wunsch der Spender, über die Verwendung der Gaben mitbestimmen zu können, erklärt auch die Beliebtheit von Sach- gegenüber Geldspenden.
Darauf hat die Historikerin Gabriele Lingelbach schon vor einiger Zeit in ihrer Studie zum Spendenwesen in der Bundesrepublik hingewiesen. Lingelbach bietet in dieser Studie noch eine weitere Deutung zur Beliebtheit von Sachspenden an, die auch für Gabenzäune passend erscheint: Die Spenderin eines Kleidungsstücks, das sie zuvor selbst getragen hat, könne sich eine emotionale Beziehung zur Empfängerin vorstellen, welche der erinnerungsbelegte Wollpullover nun wärme. Bei Kleiderspenden bitten viele Gabenzaunbetreiber darum, die Größe sichtbar zu vermerken, so dass die Obdachlosen nicht erst die Beutel aufreißen müssen, um diese zu ermitteln. Dieser praktische Hinweis ermöglicht einen eingegrenzten Nutzerkreis und lässt sich den Spender eine Person vorstellen, die eine ähnliche Statur hat wie er selbst. In diesem Fall stellt die Spenderin keinen direkten Kontakt zu Obdachlosen her, sondern imaginiert eine bestimmte Verwendung der Gabe. Darüber hinaus reißen diese Art der Spenden kaum ein spürbares Loch in die meisten Haushaltskassen, was es einfach macht, Gabenzäune zu bestücken.
Es gibt aber noch weitere Facetten des Spendens am Gabenzaun: die strukturelle Abstandsregel, die in Zeiten einer Pandemie mit den Kontaktsperren korrespondiert. Sie lässt sich ablesen an den Befürwortungen der Gabenzäune, in denen von den Vorteilen einer „unkomplizierten“ und „anonymen“ Spende die Rede ist. „Helfen kann so einfach sein!“ Dies ist der Deal bei den Gabenzäunen: Zwar lassen sie keine direkte Dankesbezeugung zu, aber dafür muss man sich auch nicht weiter mit den Betroffenen auseinandersetzen. Der Geber erfährt meist nichts über den Empfänger und umgekehrt auch nicht. Wenn die Gebende immer auch etwas erhält, dann ist es bei den Gabenzäunen die Anonymität, das Nicht-Weiter-Berührtwerden mit dem Menschen, der obdachlos ist.
Wenn nun Abstandsregelungen eingehalten werden sollen, überall das social distancing empfohlen wird, ist dies zur Bekämpfung des Virus sicherlich unerlässlich. Doch diese Regelungen haben auch Nebeneffekte im Umgang mit Obdachlosigkeit, befördern sie doch sowohl eine physische als auch eine psychologische Distanz. Man könnte argumentieren, dass dies den Obdachlosen ganz recht sei, da die Konfrontation mit dem Gebenden Scham- oder Entwürdigungsgefühle evozieren könne. Doch es gibt auch Stimmen von Obdachlosen, die das Gegenteil vermitteln. So zitiert die Homepage des Hamburger Gabenzauns Ulf N. vor der Pandemie mit den Worten: „Am Gabenzaun finde ich ganz viel Herzenswärme. […] Man kann auf einen Kaffee verweilen oder einfach nette Gespräche führen.“ Die Wichtigkeit, die eine Reihe von Obdachlosen dem Kontakt zwischen ihnen und den Spendenden beimessen, bestätigen auch Interviews mit Wohnungslosen im 20. Jahrhundert. Ganz offensichtlich existiert eine Diskrepanz zwischen der von den Spendenden häufig gewählten Möglichkeit des anonymen Spendens am Gabenzaun mit entsprechenden Gratifikationen und den Kontaktwünschen einiger Nutzerinnen und Nutzer.
Dass Anonymität für die Gebenden ein reizvoller Umstand sein kann, darauf wies schon Ende des 19. Jahrhunderts Emil Münsterberg hin, seines Zeichens Leiter der Berliner Armenverwaltung und Kritiker des Almosengebens. Er beobachtete, dass Bettlern ein Almosen zu geben, den Gebenden und den Nehmenden für einen Augenblick verbinde, ohne aber, dass der Nehmende dem Gebenden seine inneren Verhältnisse offenbare und ohne, dass der Gebende auch nur versuchen würde, sich über das Problem des Nehmenden zu informieren. Beim Gabenzaun findet meist nicht einmal dieser verbindende Augenblick statt. Stattdessen bleiben sowohl der Gebende als auch der Nehmende mit seiner Reaktion auf die Spende allein. Dies eröffnet beim Spender den Raum für ungestörte Gedankenspiele. So kann er oder sie sich gut fühlen, geholfen zu haben, dies ungestört und unhinterfragt vom Blick des obdachlosen Menschen als selbstverständlich etikettieren oder sich vorstellen, wie der Empfänger hocherfreut seine Tüte öffnet. Der Profit des Gebers bleibt meist implizit, ja im Geheimen und eröffnet ihm damit unendlich viele Assoziationen.
Mit Sicherheit ist dies bei Geldspenden ebenfalls der Fall, doch anders als bei vielen monetären Spenden, die meist allenfalls ein Dankesschreiben der Organisation zur Folge haben, manifestiert sich die selbsthingehängte Tüte am Gabenzaun. Sie hängt für die Öffentlichkeit sichtbar aus, avanciert zum Fotografenobjekt und diese Bilder werden publiziert. Die mediale Verarbeitung der Gabenzäune wirkt beim Spender als Verstärker des guten Gefühls. Mehr noch: Gaben festigen immer auch Machtbeziehungen, wie der französische Soziologe Marcel Mauss betonte. Wohnungslos und bedürftig bleibt derjenige, der eine Tüte an sich nimmt.
Der Gabenzaun in und nach Corona-Zeiten
Neben der vom Gebenden kontrollierten Art der Spende, einer möglichen Anonymität, Dankbarkeit und der Festigung von bestehenden Machtbeziehungen erhalten Spenderinnen in Corona-Zeiten noch eine weitere Gratifikation, nämlich Teil einer Solidargemeinschaft sein zu dürfen. Immer wieder wird die Einrichtung von neuen Gabenzäunen in der Corona-Krise in den Medien als „solidarische Idee“ bewertet. Solidarisch zu sein, gerade auch mit den Schwachen, Bedürftigen sei momentan „existentiell“, sagte auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Videobotschaft zur Corona-Krise. Ausdrücklich lobte er Menschen, die Tüten an Gabenzäune hängen: „Sie, Sie alle, sind die Heldinnen und Helden der Corona-Krise“. Zwar bezog sich diese Heroisierung nicht allein auf Gabenzaunbestücker*innen, doch auch sie sollten sich explizit mitgemeint fühlen. Spätestens jetzt lieferte die Politik von höchster Stelle ein Selbstdeutungsangebot für Gabenzaunspender*innen. Durch die offizielle Etikettierung als „Helden und Heldinnen“ dürfte ihr Sozialprestige steigen. Denn das zeigt die historische Forschung zu Spenden sehr klar: Wenn in der Umgebung Werte wie Solidarität honoriert werden, steigt die gesellschaftliche Anerkennung für die Spendenden.
Was die Verlängerung der Gebefreudigkeit in die Nach-Corona-Zeit angeht, für die der Bundespräsident ebenfalls eintrat, hätte Steinmeier zu einer differenzierteren Aufforderung kommen können, schließlich verfasste er seine (juristische) Dissertation zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit, in der er auch auf die historische Dimension des Phänomens eingeht. Ein Blick in die Geschichte der Obdachlosigkeit zeigt nämlich, dass Spenden für Obdachlose stark von den jeweiligen Zeitumständen abhängig sind. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war es beispielsweise gesellschaftlich opportun, für Obdachlose zu spenden, weil Wohnungsmangel viel mehr Menschen betraf als etwa in den Zeiten des „Wirtschaftswunders“ der 1950er und 60er Jahre. Die Vorstellung, selbst in eine ähnliche Lage geraten zu können und darauf zu hoffen, einem werde gleichfalls geholfen, sollte man sich wohnungslos auf der Straße befinden, motivierte Spendende.
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sprechen von einem kurzen Zeitfenster der forcierten Hilfsmaßnahmen, das sich gerade öffne, alsbald aber wohl wieder schließen werde. Wenn die Abstandsregelungen aufgehoben werden, treten die direkte Konfrontation sowie die Alltäglichkeit des Elends wieder in den Mittelpunkt. Denn trotz aller Versuche, Obdachlose aus den Städten zu vertreiben, sind sie immer noch da. Der Gabenzaun erscheint als Kompromiss – sowohl für die Spender*innen als auch für die Städte –, der sich schon vor der Pandemie und dem social distancing, die ihm aktuell so viel Zuspruch verschaffen, bewährt hat. Doch ob die Spendenbereitschaft auch nach dem Ende der Krise und ihrer Solidaritätsmaxime ähnlich hoch ist wie im Moment, bleibt fraglich.