Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03356.jsonl.gz/2003

Wären Prinz Charles und seine Schwester Anne nicht zum Skilaufen nach Vaduz gekommen, hätte es wohl noch einige Zeit gedauert, bis Fürstin Marie von und zu Liechtenstein und Fürst Hans-Adam II. ein Ehepaar geworden wären.
Hans-Adam verliebt sich bereits als 16-Jähriger auf den ersten Blick in die fünf Jahre ältere Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, als diese auf Einladung seiner Mutter, Fürstin Gina, das heimische Schloss in Vaduz besucht. Auch wenn ihn seine späteren Schwager mit dem Spitznamen «Schnuller-Baby» versehen, der damalige Erbprinz lässt nicht locker. Marie, die zu der Zeit in München als Grafikerin lebt, wird – nach Besuchen und vielen Briefen («Denn Telefonieren war ja damals sehr teuer», wie sich die Fürstin anlässlich ihrer goldenen Hochzeit erinnert) – seine Freundin.
Irgendwann ist auch in Liechtenstein bekannt, dass Hans-Adam eine Freundin hat. Jedoch nicht, wer es genau ist. Und dann laden seine Eltern Charles und Anne in die Winterferien ein, die britische Presse bekommt davon Wind, schickt Heerscharen von Reportern und Fotografen nach Vaduz, lässt sogar einen Helikopter über dem Schloss kreisen – und verbreitet, Hans-Adam sei der Bräutigam von Anne und seine Schwester Nora, heute 70, die Braut von Charles.
Die Journalisten überredet, die Beziehung geheim zu halten
Alles völliger Unsinn! Allerdings ertappen Journalisten Hans-Adam beim Spaziergang mit seiner wirklichen Freundin. Und können wenigstens dazu bewegt werden, diese Information für sich zu behalten, bis die Verlobung offiziell verkündet wird. Früher als beabsichtigt – «denn meine Eltern und Schwiegereltern waren der Meinung, dass wir uns erst offiziell verloben und heiraten sollten, nachdem ich mein Studium in St. Gallen abgeschlossen habe», wie der Fürst später erzählt. Am 30. Juli 1967 läuten in St. Florin, Vaduz, die Hochzeitsglocken.
Diese Begebenheit passt hervorragend zu Fürstin Marie (1940–2021) und Fürst Hans-Adam, 76, – und zu ihrem diskreten Leben in der royalen Welt. Als eines von zehn noch regierenden Adelshäusern in Europa gehören sie fraglos zur ersten königlichen Liga. Die bis zur Verlobung geheime Beziehung entspricht dem, was die Fürstin 2017 selbst resümiert: «Es ist wirklich sehr wertvoll, dass wir uns ohne Presserummel bewegen können.» So erscheinen mehr Bilder der fürstlichen Familie auf den bei Sammlern begehrten Briefmarken als auf den Partyseiten internationaler Magazine. Das bedeutet in keiner Weise, dass die Fürstin in ihrem Land nicht präsent und beliebt ist: Als am Samstag vor einer Woche bekannt wird, dass die 81-Jährige im Krankenhaus in Grabs SG an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben ist, verordnet das Land eine siebentägige Staatstrauer, Fahnen wehen auf halbmast.
«Es ist wichtig, dass es gesunde Familien gibt, dass man einen guten Zusammenhalt hat»Marie von und zu Liechtenstein
Drei Jahrzehnte steht Fürstin Marie an der Spitze des Liechtensteinischen Roten Kreuzes, sie engagiert sich in der Familienhilfe, lädt Kindergruppen aus Osteuropa ins Fürstentum ein – und verliert ihren Glauben auch dann nicht, als sie 2016 von einem Spendenbetrüger um 60 000 Euro erleichtert wird, wie die Polizei in Österreich damals bestätigt. Die Mutter von vier Kindern und Grossmutter von 15 Enkelkindern hat nach der Vertreibung ihrer Familie aus der Heimat Prag nach dem Zweiten Weltkrieg selbst Not und Mangel erfahren – und das weder vergessen noch verschwiegen.
Zeitlebens skandalfrei und respektiert
Sie erfüllt ihre Rolle zeitlebens auf eine konservative Art im besten Sinne, skandalfrei – und respektiert. Die Fürstin hält ihrem Mann den Rücken frei, als der sich als 24-Jähriger daranmacht, das Fürstenhaus aus seiner finanziellen Krise zu führen. Das gelingt ihm durch die Erweiterung der kleinen Bank in Liechtenstein zur Privatbank LGT Group. Seither kann er die Kunstsammlung, die davor oft als Notgroschen herhalten musste, ergänzen. Eine geräuschlose Erfolgsstory ganz nach dem Geschmack des Fürstenpaares.
Mit den grossen Familientreffen in Vaduz und in der Steiermark legt sie die Basis für die Zukunft. «Es ist wichtig, dass es gesunde Familien gibt, dass man sich gegenseitig schätzt, unterstützt und einen guten Zusammenhalt hat.» So führt ihr ältester Sohn Erbprinz Alois, 53, seit 2004 die Amtsgeschäfte in Vaduz. Und das ebenso seriös und geräuschlos, wie Fürstin Marie ihr Leben als Mutter und Landesmutter gelebt hat.