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Wolfgang Welt & Peter Handke: Der 1. Satz in einem Buch
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Am 14.10.2012 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) ein Artikel, geschrieben von Peter Handke, mit dem Titel „Kleine Anmerkung zu Wolfgang Welt“.
Schon einmal hatte ich eine Besprechung eines Buchs von Peter Handke gelesen, und zwar über „Die Brücke über die Drina“ von Ivo Andric. Dieses Werk hat mich sehr beeindruckt. Die Handlung spielt in der Stadt Wischegrad (Visegrad) und „um die steinerne Brücke über die Drina, die Abend- und Morgenland verbindet“, eine spannungsgeladene Chronik und sehr lesenswert. Auch Werke von Hermann Lenz habe ich nach einer Empfehlung von Handke kennengelernt.
Von Wolfgang Welt hatte ich bisher noch nichts gehört. Der Autor arbeitet als Nachtwächter im Schauspielhaus Bochum. Seine schriftstellerische Arbeit begann mit Stadt- und Popmagazinen, in denen er unter anderen den Sänger Heinz Rudolf Kunze verriss. Und: „Es ist mir klar, dass der aus Bochum stammende Künstler kein Wort mehr mit mir sprechen wird, doch kann ich leider nicht lobhudeln, wenn mir mein Urteilsvermögen einen Verriss diktiert“, bekennt er etwa über Herbert Grönemeyers 2. Platte von 1981.
Wolfgang Welt schreibt Autobiografisches. Ich habe mir aus der Stadtbibliothek sein 2009 bei Suhrkamp erschienenes Buch „Doris hilft“ ausgeliehen. Dass er überhaupt bei Suhrkamp untergekommen ist, hat er Peter Handke zu verdanken, der sich für ihn eingesetzt hat. Die Verkaufszahlen aller seiner Bücher „Peggy Sue“, „Der Tick“, „Der Tunnel am Ende des Lichts“ und seine Erzählungen haben nicht gereicht, um aus ihm einen hauptberuflichen Schriftsteller zu machen, auch nicht seine Texte über Musik und Musiker. Im Anhang des ausgeliehenen Taschenbuchs wurde „einer der besten Artikel des Musikjournalisten Wolfgang Welt aus dem Jahr 1991“ noch einmal abgedruckt.
Mit seinem 1. Satz hätte er ganz bestimmt keine Wettbewerbe, wie den der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen aus dem Jahre 2007 mit dem Titel „Der schönste erste Satz“ gewonnen. Schon dieser 1. Satz aus „Doris hilft“ schreckte mich ab, denn er ist einfach nur geschmacklos: „Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holt ich mir auf meiner Mansarde einen runter.“
Die Initiatoren des Wettbewerbs hatten zur Begründung nämlich folgendes geschrieben: „Der erste Satz ist wichtig. In der Liebe wie auch in der Literatur. Ein guter erster Satz entscheidet oftmals schon darüber, ob wir uns in einen Menschen oder in ein Buch verlieben, ob wir berührt werden und uns voller Neugier auf das Versprechen einer guten Geschichte einlassen.“
Ich kann dem Motto nur voll zustimmen, denn ich habe mich weder in das Buch verliebt noch wurde ich davon berührt, nichts von Neugier. „Peggy Sue“ soll ebenfalls eine Autobiografie sein, und es ist interessant, dass SPIEGEL online Kultur den Begriff „Roman“ für dieses Buch in Anführungsstrichen schreibt. Der erste Satz aus „Doris hilft“ ist nicht die einzige Entgleisung darin, denn das „f“-Wort gebraucht er öfters und klärt den Leser immer wieder darüber auf, dass er es nicht schafft, zum Vollzug zu kommen.
Es gibt eine Reihe von Schriftstellern, die bekannt geworden sind, weil sie in ihren Schriften Tabubrüche im Bereich der Sexualität begangen haben, einige davon sind berühmt geworden, in neuerer Zeit unter anderem Günter Grass mit der „Blechtrommel“ und Peter Rühmkorf in seinen Tagebüchern, wie auch Charles Bukowski. Wenn sie begangen werden, um bekannt zu werden, aber nicht um dieses Thema als Dauerthema, wie z. B. bei Bukowski, aufzugreifen, mag das ja noch akzeptabel sein, denn jeder versucht sich irgendwie in diesem umkämpften Markt hervorzuheben.
Ich habe „Peggy Sue“ nicht gelesen, aber Stil und Inhalt der Bücher scheinen nicht sehr verschieden zu sein. Denn in beiden erzählt er sein Leben, seine von ihm so erlebten Erfolge beim Veröffentlichen seiner Texte und von seinem Leben als Nachtwächter, dem er durchs Schreiben zu entfliehen wünscht. Ausführlich berichtet er von seinen persönlichen Erlebnissen in der Psychiatrie und vom Versuch, Frauen ins Bett zu bekommen.
Es gibt in „Doris hilft“ auch Ausnahmen, z. B. die Seiten, in denen er von der Begegnung mit Hermann Lenz erzählt. Wolfgang Welt erwähnt immer mal wieder Bücher, die er gelesen oder auch nur gekauft hat, unter anderem von Arno Schmidt und Peter Handke, von dem er auch einen Brief abdruckt, in dem sich Peter Handke lobenswert über den Musikartikel aus dem Jahre 1991 über Bob Dylan äussert, der im Anhang des Buchs erneut abgedruckt erscheint.
Aber alle Beschreibungen seiner Kontakte mit Musik- und Schriftstellergrössen und auch deren Veröffentlichungen erscheinen seltsam oberflächlich, und ich bekomme den Eindruck, dass sich Wolfgang Welt damit brüsten will, um sich als Zugehöriger fühlen zu können. Denn direkt nach der Erwähnung geht er zu einem anderen Thema über: „Ich las den ,Steppenwolf’ (von Hermann Hesse) und sah mich bestätigt. Dann entschloss ich mich, auf die Pädagogische Hochschule zu gehen.“ Oder er kommt sofort wieder auf sich selbst zurück: „Ja, aber hatte Hermann Lenz viel erlebt? Vielleicht kann man Ruhe beschreiben. Ruhig war ich allerdings auch nicht. Ich hatte auch noch keine nennenswerten Frauengeschichten.“
Wie auch bei der Erwähnung, dass er sich Peter Handkes Buch „Versuch über die Müdigkeit“ kaufte und direkt danach anhängt: „Das war mein Thema. Ich war ja nie richtig ausgeschlafen ...“ Zwischendurch scheint so etwas wie Grössenwahn durch, „denn so was wie Kafka heiratet man nicht“, wobei er sich selbst meint.
Es ist also zu fragen, was Peter Handke dazu brachte, Wolfgang Welt zu empfehlen. Er findet ihn „einmalig, ein Fall, und so universell, wie eben ich, der Leser, mit ihm, seinen Sekunden, seinen Bruchteilsekundensätzen mitstreue, mitirre, mithasple, mitstolpere, mittapere ….Wolfgangs Welts Bücher sind alles, was der Fall ist. Sie verkörpern zuletzt ein einziges Buch: das Buch Wolfgang Welt.“ Den letzten Satz kann ich nur unterstreichen, denn die Romane von Wolfgang Welt drehen sich immer nur um Wolfgang Welt, so häufig wie unzählbar sind die Personalpronomen „ich“ und „mir“ im Buch.
So ganz verstehe Peter Handkes Argumentation dennoch nicht. Sie passen einfach nicht zusammen, die Gedankenwelten von ihm und von Wolfgang Welt. Vielleicht ist es das Zitat aus Handkes Buch „Der Bildverlust“: „Er liess sich die Absurdität der Welt, seines Lebens durch den Sinn gehen, und Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Gelassenheit durchzogen ihn.“, was den Vorgang erklärt.
Das Buch von Wolfgang Welt endet damit, dass er beschreibt, wie er aus der Psychiatrie entlassen wird: „So langsam schien ich normal zu werden; ich dachte nicht mehr, ich sei jemand anders, glaubte nicht mehr, die Welt sei untergegangen.“ Und das passt zur Büchner-Preis-Rede von Peter Handke: „... Das hoffnungsbestimmte poetische Denken, das die Welt immer neu anfangen lässt, wenn ich sie in meiner Verstocktheit schon für versiegelt hielt, es ist auch der Grund des Selbstbewusstseins, mit dem ich schreibe.“
Quellen
F.A.S. 14.10.2012: „Kleine Anmerkung zu Wolfgang Welt“ von Peter Handke.
Wolfgang Welt: „Doris hilft“, Frankfurt, Suhrkamp Taschenbuch, 2009.
Peter Handke: „Gestern unterwegs“, Frankfurt, Suhrkamp Taschenbuch, 2007.
Peter Handke: „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredo“, Roman. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 2002.
Peter Handke: „Die Tage gingen wirklich ins Land – Ein Lesebuch“, Stuttgart, Reclam, 1995.
Peter Handke: „Der Rand der Wörter – Erzählungen, Gedichte, Stücke“, Stuttgart, Reclam, 1981.
Ivo Andric: „Die Brücke über die Drina - Eine Chronik aus Visegrad“, Wien, Zsolnay Verlag, 2011.
Texte aus dem Textatelier.com, in denen Peter Handke erwähnt wird