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Die führende Westschweizer Zeitung «Le Temps» steht zum Verkauf, die Romandie steht kopf. Ein neu gegründeter Cercle des Amis du Temps lanciert einen Appell mit dem Ziel, die Zeitung als Stimme der Romandie zu retten. In wenigen Tagen kommen Hunderte von Unterschriften zusammen, sind Financiers und Mäzene gefunden, die nach Angaben des Cercle die nötige Summe für den Kauf – gerüchteweise um die zwanzig Millionen Franken – zusammenbringen könnten.
Deutlicher kann das politische Signal an die Adresse der bisherigen BesitzerInnen Tamedia und Ringier nicht sein. Der Freundeskreis versteht sich als «initiative citoyenne», als Bürgerinitiative, unter den ersten Unterzeichnenden figurieren Promis von rechts bis links, Pascal Couchepin etwa oder Ruth Dreifuss, gefolgt von vielen weiteren Namen aus Kultur, Wissenschaft, Medien und Wirtschaft. Doch wenn man weiss, dass «Le Temps» 1998 lanciert wurde, weil der altehrwürdige «Journal de Genève» zu kritisch war und deshalb von den Banken fallen gelassen wurde, sieht diese Bürgerinitiative wenig nach Graswurzelrevolution aus, sondern eher nach einem Schulterschluss zwischen den herrschenden Kreisen der Romandie.
Mit zu diesem Bild tragen die beiden Persönlichkeiten bei, die als Kopräsidenten zeichnen: Olivier Vodoz und Charles Kleiber. Olivier Vodoz, früher Genfer Staatsrat, ist heute Vizepräsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und gleichzeitig Berater im Verwaltungsrat der Privatbank Union Bancaire Privée (UBP). Der frühere Staatsrat gilt als politisch verantwortlich für das Debakel der Genfer Kantonalbank in den neunziger Jahren, als die Bank aus vollen Händen Kredite an Immobilienspekulanten verteilte, bis das böse Wort von der «république des copains», der «Kumpelrepublik», die Runde machte. Charles Kleiber, früher Staatssekretär für Erziehung und Forschung, leitet als Verwaltungsratspräsident die Geschicke des gebeutelten «Hôpital du Valais», wo er monatelang einen umstrittenen Chirurgen verteidigte, der sich als Gott in Weiss vorkam, gemäss (dementierten) Presseberichten während einer Operation gleichzeitig einen Fussballmatch am Fernsehen verfolgte und schliesslich Ende Januar seinen Rücktritt einreichte.
Es ist offen, ob der Cercle respektive seine Financiers und Mäzene den Zuschlag erhalten. Umso mehr, als die Idee einer Stiftung als Herausgeberin der Zeitung im Raum steht. Eine solche wäre eine interessante Alternative zu kommerziell denkenden Verlagen, gar ein Experimentierfeld für zukünftige Zeitungsmodelle. Doch welche Rolle würde dann der Cercle spielen? Es ist schwer ersichtlich, wie etwa die ultraliberale Linie des Thinktanks Avenir Suisse, im Freundeskreis vertreten durch seinen Westschweizer Direktor Xavier Comtesse, mit den Erwartungen linker PolitikerInnen und Kulturschaffender zusammenpassen könnte.
Der Cercle versichert, er sei frei von jeder wirtschaftlichen und politischen Ausrichtung. Umso mehr muss er sich gefallen lassen, dass man ihm die berühmten W-Fragen stellt, die JournalistInnen bei jedem Thema stellen sollten: Wer will da was für wen herausgeben? Wer bezahlt wie, wofür, unter welchen Bedingungen – oder dreht weshalb den Geldhahn vielleicht auch wieder mal zu?
Das wichtigste journalistische W lautet ganz einfach: Wieso sollten Ringier oder Tamedia der Romandie dieses Geschenk machen?
Helen Brügger schreibt aus Genf für die WOZ.