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| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Viertes Buch
26. Kap. Melito und seine Berichte.
Zu jener Zeit1 taten sich auch Melito, Bischof von Sardes, und Apolinarius, Bischof von Hierapolis, hervor. Jeder von ihnen richtete für sich an den erwähnten damaligen römischen Kaiser eine Verteidigungsschrift zugunsten ihres Glaubens. Ihre uns bekannten Schriften sind folgende. Die des Melito sind:
Zwei Bücher: Das Osterfest.
Die rechte Lebensweise und die Propheten.2
Die Kirche.
Der Sonntag.
Der Glaube des Menschen.
Die Schöpfung.
Der Gehorsam gegen den Glauben.
Die Sinne.
Seele und Leib.
Die Taufe.
Die Wahrheit.
Glaube und Geburt Christi. [S. 198] Die Prophetie.3
Die Gastfreundschaft.
Der Schlüssel.
Der Teufel.
Die Offenbarung des Johannes.4
Die Körperlichkeit5 Gottes.
Das Büchlein an Antoninus.
Bezüglich der Schrift „Das Osterfest“ ist die Abfassungszeit angegeben, da Melito einleitend bemerkt: „Als Servilius Paulus6 Prokonsul in Asien war und Sagaris7 den Martertod erlitt, wurde in Laodicea viel über das Osterfest, das gerade in jene Tage (d. i. jenes Martyriums) fiel, disputiert und dieser Brief geschrieben.“ Dieses Schreiben wurde von Klemens von Alexandrien in seiner Schrift über das Osterfest8 erwähnt, von welcher er gesteht, daß sie durch das Schreiben des Melito veranlaßt worden ist. In seiner Schrift an den Kaiser berichtet Melito von manchen Angriffen, die unter seiner Regierung gegen uns gemacht worden waren. Er schreibt: „Jetzt wird auf unerhörte Weise das Geschlecht der Gottesfürchtigen, durch neue für Asien erlassene Gesetze aufgescheucht, verfolgt. Freche Denunzianten und nach fremden Gütern gierige Menschen benützen die Er- [S. 199] lasse, um offen auf Raub auszugehen und solche, die nichts Böses getan haben, Tag und Nacht auszuplündern.“ Später fährt er also fort: „Geschieht dies auf deinen Befehl hin, so soll es recht sein! Denn ein gerechter Fürst wird niemals ungerechte Verordnungen erlassen. Und gerne nehmen wir die Ehre eines solchen Todes hin. Doch tragen wir dir die eine Bitte vor, daß du erst, nachdem du diese Aufwiegler9 kennengelernt hast, urteilest, ob sie die Todesstrafe oder ein gesichertes Leben verdienen. Wenn aber der Erlaß und diese neue Verordnung, die man nicht einmal gegen barbarische Völker anwenden sollte, nicht von dir ausgegangen sind, dann bitten wir dich umso inständiger, du mögest uns, da man uns offen beraubt, nicht im Stiche lassen.“ Dieser Erklärung fügt Melito folgende Worte bei: „Unsere, religiöse Bewegung10 erwachte dereinst kräftig im Schoße von Barbaren, reifte unter der ruhmreichen Regierung deines Vorgängers Augustus unter deinen Völkern zur Blüte und brachte vor allem deiner Regierung Glück und Segen. Von da ab nämlich erhob sich die römische Macht zu Größe und Glanz. Ihr ersehnter Herrscher bist du und wirst du sein mit deinem Sohne, soferne du diese Religion, welche zugleich mit dem Reiche groß geworden ist, mit Augustus ihren Anfang genommen hatte und von deinen Vorfahren wie die übrigen Religionen geachtet wurde, beschützest. Daß unsere Religion zugleich mit dem Reiche, das glücklich begonnen hatte, zu dessen Wohle erblühte, ergibt sich am deutlichsten daraus, daß ihm von den Zeiten des Augustus an nichts Schlimmes widerfahren ist, daß es im Gegenteil — wie es aller Wunsch ist — lauter Glanz und Ruhm geerntet hat.11 Die einzigen Kaiser, welche, von böswilligen Menschen verführt, unsere Religion in üblen Ruf zu bringen suchten, [S. 200] waren Nero und Domitian; sie sind die Ursache jener unwahren Denunziationen, die bezüglich der Christen in unbegreiflicher Weise zur Gewohnheit geworden sind. Deine frommen Väter haben allerdings die Torheit jener wieder gutgemacht, indem sie wiederholt die vielen, welche bezüglich der Christen unerhörte Methoden anzuwenden sich erkühnten, in Reskripten zurechtwiesen. So hat bekanntlich dein Großvater Hadrian sich außer an viele andere auch an den Prokonsul Fundanus, den obersten Beamten Asiens, schriftlich gewandt. Und dein Vater hat, als du mit ihm die Staatsgeschäfte führtest, in einem Schreiben die Städte angewiesen, uns gegenüber keine neue Methode einzuschlagen. Unter diesen Anweisungen finden sich Schreiben an die Bewohner von Larissa, von Thessaloniki, von Athen und an alle Hellenen. Da du von den Christen gleiche Meinung wie diese Kaiser, ja eine noch gütigere und verständigere Vorstellung hast, sind wir von dir erst recht überzeugt, daß du alle unsere Bitten gewährest.“ So steht in der erwähnten Schrift. In seiner Schrift ,,Auszüge“ gibt Melito sogleich in der Einleitung ein Verzeichnis der anerkannten Schriften des Alten Testamentes. Ich halte es für notwendig, es hier anzuführen. Es lautet also: „Melito entbietet Grüße seinem Bruder Onesimus. Da du in deinem Eifer für unsere Lehre mich wiederholt gebeten hast, Auszüge aus dem Gesetze und den Propheten, soweit sie unseren Erlöser und unseren ganzen Glauben betreffen, zu erhalten und gewünscht hast, genau die Zahl und Reihenfolge der alttestamentlichen Bücher kennenzulernen, komme ich gerne dem Wunsche nach; denn ich kenne deinen Glaubenseifer und deine Wißbegierde und weiß, daß du in deinem Kampfe um das ewige Heil und in deiner Sehnsucht nach Gott diese Kenntnis allem weit vorziehst. Da ich in den Orient gereist und an den Schauplatz der Predigten und Taten gekommen bin und über die Bücher des Alten Testamentes genaue Erkundigungen eingezogen habe, so teile [S. 201] ich dir die Bücher im folgenden mit. Die Namen derselben sind: die fünf Bücher Moses, nämlich Genesis, Exodus, Numeri, Leviticus und Deuteronomium, (ferner) Jesus, Sohn des Nave, die Richter, Ruth, vier Bücher der Könige, zwei Paralipomenon, die Psalmen Davids, Salomons Sprüche oder Weisheit, Ekklesiastes, das Hohe Lied, Job, die Propheten Isaias und Jeremias, das Zwölfpropheten-Buch, Daniel, Ezechiel, Esdras.12 Aus diesen Schriften gebe ich in sechs Büchern Auszüge.“ Soviel über Melito.13
1: d. i. unter Mark Aurel.
2: Hieronymus scheint statt περὶ πολιτείας καὶ προφητῶν gelesen zu haben: περὶ πολιτείας προφητῶν, da er De vir. ill. Übersetzt: de vita prophetarum.
3: Hier sind noch einmal die wohl fragwürdigen Worte περὶ ψυχῆς καὶ σώματος beigefügt. Nach Schwartz (z. St.) sind die Themata περὶ λουτροῦ — σώματος nicht Einzeltitel verschiedener Bücher, sondern Kapitelüberschriften eines einzigen Werkes.
4: Die griechischen Handschriften haben: περὶ τοῦ διαβόλου καὶ τῆς Ἀποκαλύψεως Ἰωάννου. Rufinus und Hieronymus unterscheiden jedoch zwei Titel.
5: ἐνσώματος θεός darf hier nicht mit „Menschwerdung Gottes“ übersetzt werden. Vgl. Bardenhewer, „Gesch. der altchristl. Lit.“ I2 (1913) S. 459.
6: Ein Prokonsul Asiens mit Namen Servilius Paulus ist sonst nicht bekannt. Der Name muß wohl Sergius Paulus heißen, wie ihn Rufinus bezeichnet. Vgl. v. Harnack, Gesch. der altchristl. Lit. II 1, S. 359 f.
7: Vgl. unten V 24.
8: Nur in Bruchstücken erhalten. Vgl. Zahn. Forsch. 3, 32.
9: = die Christen.
10: φιλοσοφία
11: Aus den Worten Melitos spricht staunenswerte Hochachtung vor dem (heidnischen) Staate als einer selbständigen Macht neben der Kirche.
12: Melito gibt das Verzeichnis der kanonischen Bücher des palästinensischen Judentums; die Klagelieder sind zu Jeremias, und Nehemias ist zu Esdras zu zählen. Melito nennt also nicht die nur in der griechischen Bibel stehenden sog. deuterokanonischen Schriften. Auch das Buch Esther wird nicht erwähnt, obwohl es zu den protokanonischen gerechnet wird; es fehlt übrigens auch in den Verzeichnissen von Athanasius, Gregor von Nazianz und Leontius von Byzanz. Die Liste Melitos ist das älteste überlieferte Verzeichnis der Bücher des Alten Testamentes aus christlicher Feder.
13: Sämtliche Schriften Melitos sind verlorengegangen. Zeugnisse und noch erhaltene Fragmente bei v. Harnack, „Griechische Apologeten“, in TU 1. 1—2 (1882), S, 240—278: „Melito und seine Schriften“. Vgl. C. Thomas, „Melito von Sardes“ (Osnabrück 1893).