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P. Jean-Sébastien am 2. Sonntag im Jahreskreis
Liebe Mitchristen
«Ihr, für wen haltet ihr mich?» (Mk 8,29 ; Matt 16,15). So fragte einmal Jesus: «Für wen haltet ihr mich?»
Auf diese Frage hätte der Vorläufer Johannes vor der Taufe Jesu vielleicht menschlich geantwortet: «Du bist der dreissigjährige Sohn von Joseph und Maria von Nazareth. Du bist mein Cousin aus Galiläa, der 6 Monate jünger ist als ich. Du bist ein Zimmermann und ein frommer und weiser Mensch».
Im heutigen Evangelium aber bekennt Johannes zwei Mal: «ich kannte ihn nicht». Wollte er damit sagen, dass er Jesus nie getroffen hatte?
Mit dieser Aussage «ich kannte ihn nicht» wollte Johannes sicher vor allem sagen, dass er jetzt Jesus neu entdeckt und erkennt, wie wenn Schuppen aus seinen Augen gefallen wären. Er hatte ein begrenztes Bild von Jesus. Jetzt hat sich der Himmel geöffnet und gleichsam sein Verstand erweitert.
Es gibt zwei Arten und Weisen zu erkennen: eine menschliche und eine göttliche. Das Johannesevangelium drückt es so aus: «Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist» (Johannes 3,6). Mit «Geist» ist hier nicht der Verstand gemeint, der zum Fleisch gehört. Es geht hier um den Heiligen Geist Gottes, der uns belebt und inspiriert.
Die Schöpfung Gottes, die Wirklichkeit, sogar die Wahrheit übersteigen die Wahrnehmung unserer begrenzten Sinne sowie die Fähigkeiten unserer Vernunft. Wir nehmen wahr und verstehen nur einen Bruchteil der Wirklichkeit. Der Rest ist von unseren Wissenschaften noch nicht entdeckt oder braucht die Hilfe, ja den Geist Gottes, um verstanden zu werden.
Die Vernunft ist ein wertvolles Geschenk Gottes, die trainiert werden muss. Je mehr wir sie nutzen, desto mehr öffnen sich neue Perspektiven und neue Verknüpfungen der Kenntnisse. Diese lassen uns immer mehr staunen und weisen gleichsam darauf hin, wie wenig wir wissen und tatsächlich verstehen. Nicht umsonst sagen seit der Antike viele Philosophen und Weise am Ende ihres Lebens, nach dem sie viele Kenntnisse und Erkenntnisse gesammelt haben: «ich weiss, dass ich nichts weiss» (Platon, Apologie des Sokrates 22d). Albert Einstein schrieb 1936 in einem Brief: «Alle, die sich ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigen, werden schliesslich davon überzeugt sein, dass sich in den Gesetzen des Universums ein Geist manifestiert, ein Geist, der den des Menschen unendlich übersteigt». In ähnlichem Sinn sagt Louis Pasteur „Ein wenig Wissenschaft entfernt uns von Gott, viel jedoch führt uns zu ihm zurück.“
So genügen unsere Wahrnehmung, unsere Vernunft, unsere Wissenschaft nicht, um die Wirklichkeit vollständig zu verstehen.
Es ist zwar richtig, wenn die Einwohner von Nazareth über Jesus feststellen: «Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heisst nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? Leben nicht auch alle seine Schwestern unter uns?» (Matthäus 13,55-56; siehe Markus 6, 3). Aber was sie damit ausdrücken, ist nur ein Bruchteil der Wirklichkeit, und dazu erst noch der kleinste und nicht der wichtigste!
Die Taufe Jesu war für Johannes wichtiger als für Jesus selbst, denn durch sie änderte sich sein Blick. Bei der Taufe Jesu geht es um eine Offenbarung – eine Epiphanie. Jesus offenbart sich zuerst Johannes und durch die Verkündigung des Johannes, der Welt. Durch ihre Begegnung hat sich die Sicht des Johannes erweitert. Zwei Mal bekennt er «ich kannte ihn nicht». Aber jetzt erkennt der Täufer den Ewigen. Er sagt «Nach mir kommt einer, der mir voraus ist, weil er vor mir war» und er verkündet: «Ich sah, dass der Geist vom Himmel wie eine Taube herabkam und auf ihm blieb. (…) ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes». Jetzt kann Johannes auf das Lamm Gottes hinweisen.
Es ist der Geist Gottes, der unsere Vernunft erweitert und uns Einsicht verleiht. Deshalb sagte Jesus zu seinen Jüngern, dass der Heilige Geist sie alles lehren wird (siehe Johannes 14,26). Auch um Jesus als Sohn Gottes und Retter zu erkennen, brauchen wir den Geist Gottes. «Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet» lehrt uns der ersten Brief an die Kirche von Korinth (1.Korinther 12,3). Es geht aber noch um mehr. Der Korintherbrief erklärt ebenfalls: «Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes. Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.» (1.Korinther 2,12).
Nicht selten ist unser Blick zu weltlich und zu oberflächlich. Wir urteilen nach Äusserlichkeiten und denken, sprechen und handeln danach. Dies führt oft zu mehr oder weniger schlimmen Handlungen. Am Ende seines Lebens betete Jesus am Kreuz für seine Verfolger: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lukas 23,34). Sie wussten nicht, was sie taten, weil sie Christus und sein Wirken nicht erkannt hatten. Nur der Geist Gottes kann uns einen schärferen und wahren Blick schenken. Nur der Geist kann unseren Verstand erweitern. Deshalb sagte der heilige Seraphim von Sarov: «Das wahre Ziel unseres christlichen Lebens besteht im Erwerben des Heiligen Geistes Gottes».
Liebe Schwestern und Brüder
Diesen Geist haben wir in unserer Taufe bekommen. Aber der Brief an die Kirche in Thessalonisch warnt uns mit dem Ruf: «Löscht den Geist nicht aus!» (1. Thessalonicher 6,17). So sollten wir ihm Raum in unserem Alltag geben, und dies nicht nur zur Zeit des Pfingstfestes. Vergessen wir nicht, den Geist ohne Unterlass im Gebet anzurufen und ihn um seinen Beistand zu bitten.
O Komm, Heiliger Geist und erneuere uns und das Angesicht der Erde! AMEN.