Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03556.jsonl.gz/2558

Ikone wird zur Heiligen
Viele Menschen haben Mutter Teresa schon zu Lebzeiten wie eine Heilige verehrt. Nun wird sie am 4. September in Rom heiliggesprochen.
Mutter Teresa wurde am 26. August 1910 als Agnes Gonxha Bojaxhiu in Skopje im heutigen Mazedonien geboren. Schon mit 18 Jahren ging sie als Missionsschwester nach Indien und arbeitete dort – wie viele Missionarinnen – als Lehrerin. Ihr Weg bis hin zur Direktorin einer Mädchenschule schien vorgezeichnet. Doch täglich begegneten ihr in Kalkutta Bettler, ausgemergelte und kranke Menschen. Sie sah Kinder, die ausgesetzt wurden.
Eine «Damaskus-Stunde» beendete ihr normales Leben als Missionarin. «Gott rief mich», sagte sie später. Bewegt vom Elend in den Slums von Kalkutta, verliess sie 1948 ihr Kloster und gründete eine eigene Ordensgemeinschaft. Dennoch war ihre Frömmigkeit offenbar nicht unerschütterlich, wie private Notizen und vertrauliche Briefwechsel offenbarten, die erst 2007 veröffentlicht wurden. Ein ganzes Jahrzehnt lang durchlitt die Ordensfrau demnach quälende seelische Einsamkeit und schmerzhafte Zweifel an ihrer Mission.
Die «Missionarinnen der Nächstenliebe» widmeten sich den Ärmsten, den Findelkindern und den Sterbenden auf der Strasse. Immer mehr junge Frauen, zunächst in Indien und später auf allen Kontinenten, schlossen sich ihrem Orden an.
1979 wurde Mutter Teresa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wenn nach Vorbildern gefragt wurde, stand ihr Name meist auf den vorderen Plätzen. Für die meisten Menschen war Mutter Teresa ein weltweites Symbol für christliche Nächstenliebe.
Bei ihrem Tod am 5. September 1997 im Alter von 87 Jahren war die Trauer weltweit gross. Papst Johannes Paul II. nannte sie «ein Geschenk an die Kirche und an die Welt». Bereits sechs Jahre später, am 19. Oktober 2003, sprach er Mutter Teresa in Anwesenheit von rund 300 000 Menschen in Rom selig.
2013 sorgte eine Studie zum Leben der berühmten Missionsschwester für Wirbel. Drei kanadische Wissenschaftler kamen darin zum Ergebnis, in den Armenhäusern des Ordens hätten schlechte hygienische Zustände geherrscht. Sterbenden seien teilweise Schmerzmittel verweigert worden.
Am Tag vor ihrem 19. Todestag gelangt Mutter Teresa nun zu höchsten Kirchenehren. Sie wird dann eine von mehr als 6 600 Heiligen der römisch-katholischen Kirche sein. Im Dezember 2015 hatte Papst Franziskus die wissenschaftlich nicht erklärbare Heilung eines an einem bösartigen Hirntumor leidenden Brasilianers im Jahr 2008 als zweites Wunder auf Fürsprache von Mutter Teresa anerkannt.
Als Papst Franziskus, der die Feier zur Heiligsprechung leiten wird, im März vier im Jemen ermordete Mutter-Teresa-Schwestern würdigte, betete er bereits mit den Worten: «Mutter Teresa begleite diese ihre Töchter und Märtyrer der Nächstenliebe ins Paradies.»
Norbert Demuth, kna
Fund im Archiv
Albert Ramaj, Leiter des albanischen Instituts in St. Gallen, hat vor einigen Jahren ihren Schweizer Briefverkehr entdeckt.
Ramaj hat ein besonderes Verhältnis zu Mutter Teresa: Einerseits war es einer seiner Vorfahren, der die Ordensgründerin in Skopje getauft hat. Andererseits hat er 2003 im Staatsarchiv Luzern zufällig eine Schachtel mit Briefen entdeckt, die Mutter Teresa an spendable Schweizerinnen und Schweizer geschrieben hatte.
«Eugen Vogt» stand auf der Schachtel geschrieben, die Albert Ramaj entdeckte, als er eine Kollegin ins Staatsarchiv Luzern begleitete, die für ein Seminar Unterlagen suchte. Sofort begann sich bei ihm etwas in Bewegung zu setzen. «Denn wenn man Spuren von Mutter Teresa in der Schweiz sucht, stösst man unweigerlich auf den Namen Eugen Vogt», erzählt der gebürtige Albaner.
Nicht nur, dass Vogt eine prägende Figur der katholischen Laien- und Jugendbewegung war, der unter anderem den Rex-Verlag gegründet hatte, Vogt lernte 1964 in Indien Mutter Teresa kennen und rief, beeindruckt von ihrem Engagement, das «Schweizerische Hilfswerk für Mutter Teresa» ins Leben. Angesprochen auf den wertvollen Fund, glaubte ihm der Angestellte des Staatsarchivs nicht. Drei Jahre später erhielt er den Bescheid, dass es sich tatsächlich um Briefe von Mutter Teresa handle und er diese einsehen dürfe.
Ramaj stiess nicht nur auf den Briefwechsel zwischen Mutter Teresa und Eugen Vogt, sondern auch auf Briefe diverser hilfsbereiter Schweizerinnen und Schweizer. «Darunter waren Schulkinder, die Flohmärkte organisierten und den Erlös spendeten. Aber auch viele Einzelpersonen, die der ‹Mutter der Armen› regelmässig Geld zukommen liessen.» Mutter Teresa dankte persönlich in von Hand oder mit Schreibmaschine geschriebenen Briefen. Auch Caspar Arquint, Gründer der Bio-Familia-Müesli, korrespondierte als Geschäftsführer des Hilfswerks regelmässig mit ihr.
1974 besuchte Mutter Teresa gar Luzern und hielt dort eine Rede. «Diese Zeitungsberichte habe ich ebenfalls ausfindig gemacht», berichtet Ramaj. Er versuchte zudem, anhand der Briefe weitere Quellen aufzuspüren. Und er wurde fündig: «Ich konnte bei Verwandten von Vogt und Arquint wertvolles Material wie Briefe oder Fotoalben ausfindig machen.»
Die Nachforschungen Ramajs führten in unter anderem zu einer Thurgauerin, die im Alter von zwölf Jahren Geld gesammelt hatte und dafür in einem Brief Mutter Teresas an Eugen Vogt lobend erwähnt wurde. Insgesamt hat Ramaj, der Mutter Teresa 1994 im Vatikan begegnete, zehn Personen in der Schweiz ausfindig gemacht, die mit ihr brieflich in Kontakt standen und heute noch leben. Einige Briefe erscheinen auch in seinem Buch über Josef Ramaj, seinen Verwandten, der Mutter Teresa – damals Anjezë Gonxha Bojaxhiu – in Skopje getauft hatte. Er war ein Freund der Familie Bojaxhiu gewesen.
Auf Ramajs Initiative hin wird vom 24. September bis 4. Oktober im Staatsarchiv in Luzern eine Ausstellung zu diesem Briefwechsel stattfinden. Das freut Albert Ramaj ganz besonders, denn er ist nicht nur vom Werk der Heiligen fasziniert: «Ich habe nicht damit gerechnet, dass Mutter Teresa direkt an Menschen in der Schweiz Briefe geschrieben hatte.»
Claudia Koch, forumKirche
Angebot laufend
Buch- und Fernsehtipps
«Mutter Teresa: Leben, Werk, Spiritualität»
Marianne Sammer
Beck'sche Reihe 2011.
«Mutter Teresa»
Norbert Göttler
rowohlt monographie 2010.
«Wo die Liebe ist, da ist Gott: Die Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta»
Mutter Teresa, herausgegeben von Brian Kolodiejchuk
Pattloch 2011.
«Komm, sei mein Licht! Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta»
Mutter Teresa, herausgegeben von Brian Kolodiejchuk
Knaur-Taschenbuch 2010.
Mutter Teresa – Die Heiligsprechung
Als Höhepunkt im Jahr der Barmherzigkeit spricht Papst Franziskus Mutter Teresa nun heilig. Das ZDF überträgt die Feierlichkeiten auf dem Petersplatz, die von Pater Max Cappabianca kommentiert werden.
Sonntag, 4. September 9.30 Uhr, ZDF