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Excavated Shellac
«Excavated Shellac» heisst der Musikblog von Jonathan Ward aus Los Angeles, einem Sammler von alten Schellackplatten aus mehr oder weniger exotischen Ländern (also nicht Amerika und nicht dem UK).
Seine Sammlung bildet ein unvergleichliches Korpus für ethnische Musik aus einem schmalen Zeitfenster, die unter ganz besonderen Umständen entstanden ist. In den 1920er Jahren begannen die Plattenlabels damit, lokale Musik aus allen möglichen Ländern aufzunehmen und zu veröffentlichen. Diese Praxis führten sie weiter, bis in den 1930er Jahren die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg dieser Tätigkeit ein Ende setzten.
Das Geschäftsmodell hinter diesen Platten
Warum nahmen Labels lokale Musik auf? Klingt nicht nach einem sehr lukrativen Geschäft, nicht wahr? Sie nahmen da keine Hits oder wenn schon nur lokale Hits auf. Warum also? Sie taten es aus einem einzigen triftigen Grund, nämlich um Plattenspieler verkaufen zu können. Plattenlabels waren damals die hauptsächlichen Hersteller von Plattenspielern. Bzw. umgekehrt: Die Gerätehersteller bauten unter ihrem Namen selbst ein Repertoire von Platten auf, damit niemand sagen konnte: «Ich brauche keinen Plattenspieler, denn meine Musik gibt es gar nicht auf Platte.» Die grossen amerikanischen Plattenlabels der 1920er Jahren waren Columbia, Brunswick und Victor («The Big Three», wie man sie auch nannte). Hinzu kam die europäische Musikindustrie: in England HMV (His Masters Voice) und Columbia Graphophone Company, die spätere EMI, in Frankreich Pathé, in Deutschland Lindstrom und das Sublabel Odeon.
Korpus
Mit den von Ward gesammelten Schellackplatten liegt ein unvergleichlicher Schatz ethnischer Musik vor, Musik, die kaum globalisiert ist. Da hört man Stimmakrobatik und fremdartige Instrumente spielen, ohne dass ein Breakbeat drunter gelegt ist. Authentisch ist sie deshalb nicht, denn oft musste die Musik gekürzt werden, damit sie auf Schellack passt oder Instrumente wurden ersetzt, damit die Aufnahme überhaupt gelang. Nichtsdestotrotz entstand ein einzigartiger Bestand – ein Korpus – von Musik, unmittelbar bevor es wie heute internationale Märkte gab. Und es sind ein paar wenige Jahre, in denen diese Tätigkeit stattgefunden hat. Das Korpus ist also wie ein Bild der Musik der Welt in einer ganz bestimmten Epoche.
Blog: Excavated Shellac
Jonathan Ward veröffentlicht seit April 2007 Perlen aus seiner Sammlung auf dem Blog Excavated Shellac. Er schrieb zu jedem veröffentlichten Stück alles auf, was er über die Musik, die Musiker*innen und die Tätigkeit der Labels in der Region oder dem Land wusste.
Archivrelease «Excavated Shellac» bei Dust-To-Digital
Das auf die Digitalisierung von alten Schellackplatten spezialisierte Label Dust-To-Digital hat bisher vier Archivreleases mit Perlen aus Wards Sammlung veröffentlicht. Die beiden ersten versammelten ausgewählte Instrumente: Reeds und Strings. Der dritte Release Opika Pende mit Platten aus Afrika und Excavated Shellac: An Alternate History Of The World's Music von 2020 mit Platten aus der ganzen Welt. 100 Musikstücke im Digitalformat oder auf vier CDs gebrannt, zusammen mit einem extensiven Booklet. Dieser Release war im Rahmen der «64th Annual Grammy Awards» in der Kategorie «Best Historical Album» nominiert.
Links
– Jonathan Ward: Excavated Shellac (Musikblog)
– Norient: Lonely Artists Today: Jonathan Ward
Link zum Inhalt: [M]