Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03111.jsonl.gz/1735

Die Wirtschaft macht sich weibliche Fachkräfte noch nicht ausreichend zunutze. Die Schweizer Kader Organisation (SKO) zeigt Wege auf, wie sich diese Situation ändern lässt.
Die Schweizer Kader Organisation (SKO) engagiert sich aktiv für die betriebliche Förderung von Frauen. Sie bietet Orientierungshilfen, spezialisierte Coaches, Veranstaltungen und Gruppengespräche an, die Frauen darin unterstützen, ihr Netzwerk auszubauen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Der Geschäftsleiter der SKO Jürg Eggenberger legt dar, welche Rolle Frauen seiner Ansicht nach in Schweizer KMU spielen können.
Was lässt sich über den Platz sagen, den Frauen heute in der Schweizer Wirtschaft einnehmen?
Jürg Eggenberger: Laut einer kürzlich von der Universität St. Gallen veröffentlichten Studie beträgt der Frauenanteil in Führungspositionen in Unternehmen mit bis zu neun Beschäftigten 37%. In grösseren privatwirtschaftlichen Unternehmen sinkt diese Zahl auf 30%. Am auffälligsten ist der mit 46% sehr hohe Frauenanteil bei den Selbstständigen, die kein Personal beschäftigen. Frauen verzichten noch häufig auf eine Karriere im Unternehmen und neigen eher dazu, sich Positionen mit mehr Freiheit und kreativer Unabhängigkeit auszusuchen.
Wie erklären Sie sich diese Situation?
Eggenberger: Ich denke, dass Frauen weniger leicht Zugang zu einflussreichen informellen Netzwerken haben, die nach wie vor von Männern dominiert werden. Daher werden sie weniger berücksichtigt, wenn es um Aufstiegsmöglichkeiten geht. Darüber hinaus haben sie ein stärkeres Bedürfnis, alle Anforderungen zu erfüllen, bevor sie eine Stelle annehmen. Männer haben dagegen mehr Lust auf Risiko, neigen aber auch dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Die Tatsache, dass der Frauenanteil bei den Selbstständigen vergleichsweise hoch ist, kann darauf hindeuten, dass sie ein grösseres Bedürfnis nach Freiheit haben und lieber ihren eigenen Weg gehen, wenn die Aufgaben im Unternehmen eine zu hohe Belastung darstellen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt eine grosse Rolle. Als Selbstständige ist es leichter, beides ins Gleichgewicht zu bringen. So ist beispielsweise zu beobachten, dass der Anteil verheirateter Frauen in Führungspositionen deutlich unter dem Durchschnitt der erwerbstätigen Frauen insgesamt liegt.
Worauf führen Sie es zurück, dass die Zahl der Frauen in Führungspositionen in Mikrounternehmen höher ist als in anderen Firmentypen?
Eggenberger: Eine Erklärung ist, dass Mikrounternehmen meistens Familienunternehmen sind, in denen die Partnerinnen häufiger Führungspositionen innehaben. Eine andere Erklärung hängt mit den Möglichkeiten der Teilzeitbeschäftigung zusammen. Je grösser das Unternehmen, desto geringer der Anteil an weiblichen Führungskräften mit einer Teilzeitstelle.
Was würden Sie Frauen in Führungspositionen in einem KMU raten, damit diese in der Firmenhierarchie aufsteigen oder neue Funktionen wahrnehmen können?
Eggenberger: Führen bedeutet häufig Verzicht. Zu welchem Verzicht ist eine Frau zugunsten der Karriere bereit? Im Vergleich zu Männern haben Frauen in Führungspositionen häufig eine doppelte Last zu tragen. Im Bereich der Familie geht es darum, die Frage nach der Kinderbetreuung und der Aufgabenteilung im Haushalt rasch und immer wieder neu zu stellen. In den Unternehmen und besonders in den KMU ist es wichtig, Fragen wie die weitere Karriere nach einer Schwangerschaft oder flexible Arbeitsbedingungen zu besprechen und mit anderen Frauen zusammenzuspannen, die an neuen Modellen interessiert sind. In einer Zeit, in der sich der Fachkräftemangel verschärft, ist das umso wichtiger. Vor diesem Hintergrund kann es sich als besonders nützlich erweisen, sein Netzwerk und seine Kontakte auszubauen, insbesondere mit Hilfe von Verbänden wie der SKO.
Wie kann man Ihrer Meinung nach die Rolle der Frauen in Schweizer Unternehmen insgesamt verändern?
Eggenberger: In den Ländern, die im Top-Management der Unternehmen Quoten eingeführt haben, kann man beobachten, dass diese Massnahme auf den nachfolgenden Führungsstufen so gut wie keine Wirkung entfaltet hat. Darüber hinaus können sich KMU teure Massnahmen zur Frauenförderung nicht leisten. Man muss das Bewusstsein der Unternehmen dafür schärfen, dass es immer mehr gut ausgebildete Frauen gibt. An den Universitäten beträgt der Frauenanteil unter den Studierenden bereits 60%. Aber dieses Potenzial wird noch nicht hinreichend genutzt. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels wird die Frauenförderung immer wichtiger. Man muss darauf hinwirken, dass sich die Unternehmenskultur verändert, insbesondere im Hinblick auf eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben durch eine Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen. Den Arbeitgebern und den Berufsverbänden kommt hier eine wichtige Rolle zu. Die Absicht allein reicht nicht aus. Es gibt nach wie vor nur wenige Frauen in Führungspositionen, die Teilzeit arbeiten. Es fehlt an Vorbildern. Frauen müssen heute immer noch hinnehmen, dass sie für die Karriere auf die Möglichkeit der Teilzeitarbeit verzichten müssen. Das ist kontraproduktiv. Hier entgeht uns ein enormes Potenzial, nämlich das der Frauen, die nach einer Schwangerschaft wieder arbeiten wollen.
Welchen Rat würden Sie einem KMU-Chef oder einem Jungunternehmer in Bezug auf dieses Thema geben?
Eggenberger: Verschiedene Studien haben belegt, dass in gemischtgeschlechtlichen Teams die Leistungen und die Qualität der Entscheidungen verbessert werden. Darüber hinaus haben sie einen positiven Einfluss auf die Innovation und können die Marktbedürfnisse besser spiegeln. Zudem ist eine Unternehmenskultur, die offen für Diversität und Integration ist, auf dem Arbeitsmarkt attraktiver. Die Unternehmen müssen das Potenzial gut ausgebildeter Frauen nutzen. Frauenförderung muss ein strategisches Ziel des Unternehmens werden und diese müssen verbindliche Massnahmen und messbare Zielsetzungen beschliessen. Zum Beispiel sollten Rekrutierungs- und Besetzungsverfahren transparent und geschlechtsneutral gestaltet werden.