Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03273.jsonl.gz/2080

Berufseintritt
Originalversion in französischer Sprache
Es ist üblich geworden, den Berufseintritt mit dem Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt zu assoziieren. Diese Übergangsphase kann mehr oder weniger lang ausfallen. Massgeblich hierfür sind die individuellen Merkmale der jeweiligen Personen (Fähigkeiten, Kompetenzen, Persönlichkeit), ihre soziodemografischen Eigenschaften (Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit) und natürlich die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die ihr Umfeld prägen. Diese Übergangsphase besteht faktisch aus einer Abfolge mehrerer Übergänge. Sie beginnt bereits in dem Moment, in dem die Bildungsgänge beginnen voneinander abzuweichen, und endet erst, wenn sich die betreffende Person in einer relativ stabilen Beschäftigungssituation befindet. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erstreckt sich diese Zeitspanne somit vom 15. bis zum 25. (oder sogar 29.) Lebensjahr.
In der Schweiz kann man bereits im Alter von 14 Jahren einer regelmässigen Beschäftigung nachgehen, sofern im betreffenden Kanton die Schulpflicht vor Vollendung des 15. Lebensjahrs endet. In den meisten Teilen des Landes beträgt das Mindestalter für die Ausübung einer Beschäftigung in einem Unternehmen indes 15 Jahre. Historisch gesehen ist in der Schweiz die nachobligatorische Ausbildung auf die Berufsbildung fokussiert. Vor diesem Hintergrund können Jugendliche bereits ab dem Beginn der Sekundarstufe II im Rahmen einer Berufsbildung ein Arbeitsverhältnis eingehen. Somit ist die Berufsbildung der wichtigste Zugang zum Arbeitsmarkt. Aktuell beschreiten über die Hälfte der Jugendlichen in der Schweiz diesen Weg. Wie in anderen Bereichen existieren allerdings auch hier erhebliche Unterschiede zwischen den Kantonen, ist dieser Anteil in den Deutschschweizer Kantonen doch deutlich höher als in den Kantonen der lateinischen Schweiz. Im Bereich der beruflichen Grundbildung sind ausserdem grosse Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern erkennbar: junge Frauen schieben ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt häufiger auf. Dasselbe gilt für Schülerinnen und Schüler, die Ethnien angehören, welche sich vom lokalen Phänotyp unterscheiden. Auch im Bereich der Berufslehre drohen somit Diskriminierungsrisiken, die auf sämtlichen Arbeitsmärkten – auch in der Schweiz – bestehen.
Es verwundert nicht, dass die alternativen Bildungswege in der Regel mit einem längeren Übergang in den Arbeitsmarkt verbunden sind und weniger linear verlaufen als der Werdegang derjenigen Jugendlichen, die direkt nach der obligatorischen Schule eine Lehre beginnen. Findet ein junger Mensch nach dem Ende der Schulpflicht nicht sofort seinen Weg, kann er ein Brückenangebot annehmen oder sich für ein Motivationssemester (MoSe) entscheiden. Letzteres bildet einen integralen Bestandteil der aktiven arbeitsmarktlichen Massnahmen, die im Arbeitslosenversicherungsgesetz (AVIG) geregelt sind. Das Motivationssemester wurde speziell für Jugendliche entworfen, die noch keine genaue Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft haben. Es richtet sich aber auch an jene jungen Menschen, die eine Lehre oder einen der anderen Bildungswege der Sekundarstufe II abgebrochen haben. Es verfolgt dasselbe Ziel wie die Berufspraktika, die im AVIG vorgesehen sind und den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Regel nach abgeschlossener Berufsbildung angeboten werden, und wie die von der Sozialhilfe organisierten Sonderprogramme zur beruflichen Integration: die schnelle Eingliederung (oder Wiedereingliederung) der betreffenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Arbeitsmarkt. Dieses Ziel steht im Einklang mit der Schweizer Beschäftigungspolitik, die im Allgemeinen prioritär auf die kurzfristige Integration in den Arbeitsmarkt setzt. Dies erklärt u. a. auch, weshalb im internationalen Vergleich die Schweiz beim Übergang der Jugendlichen in das Berufsleben gut abschneidet.
Ein wichtiger Indikator zur Beurteilung der Frage, wie verwundbar Jugendliche in dieser Übergangsphase sind, ist der Prozentsatz der jungen Menschen, die sich weder in einer Ausbildung noch in einem Beschäftigungsverhältnis befinden (NEET: Not in Employment, Education or Training). Dieser Anteil beträgt in den OECD-Staaten durchschnittlich 15 % (OECD, 2015). Länder mit so genannten «klassischen» Bildungssystemen wie die USA, Grossbritannien oder Frankreich liegen leicht darüber. Dagegen bewegt sich der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne Ausbildung und Beschäftigung in Staaten wie der Schweiz, ihren deutschsprachigen Nachbarländern oder Dänemark, die der Berufslehre im Bildungssystem einen hohen Stellenwert einräumen, durchweg unter diesem Durchschnittswert. In der Schweiz liegt er unter zehn Prozent. Beim internationalen Vergleich der Beschäftigungs- und Erwerbslosenquoten unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt sich derselbe Trend. Allerdings ist die Erwerbslosenquote in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen – in der Schweiz wie auch in den meisten anderen OECD-Staaten – strukturell höher als bei erfahreneren Personen. Sie übersteigt die Erwerbslosenquote der Gruppe der 30- bis 54-Jährigen um das Doppelte.
Selbst nach ihrem Abschluss sind junge Menschen in der Regel mit schlechteren Beschäftigungsbedingungen konfrontiert als erfahrenere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dies betrifft nicht nur ihre Entlohnung, sondern auch die Laufzeit ihrer Arbeitsverträge und die Übereinstimmung ihrer Kompetenzen und Qualifikationen mit den Anforderungen am Arbeitsplatz. Für die naturgemäss risikoscheuen Unternehmen sind junge Beschäftigte mit grösseren Unsicherheiten verbunden als erfahrenere Angestellte. Deshalb müssen die Jungen tendenziell auch als Erste gehen, wenn ein Unternehmen seine Lohnkosten senken muss. Sie werden von den Firmen oft als Manövriermasse gesehen, um die Personalsituation mit dem jeweiligen Geschäftsgang in Einklang zu bringen. Dies zeigt sich auch daran, wie viele Jugendliche und junge Erwachsene über ein Temporärarbeitsverhältnis in das Berufsleben einsteigen: In der Schweiz verfügen über die Hälfte der 15- bis 25-jährigen Angestellten über einen Temporärarbeitsvertrag. Damit liegt dieser Anteil doppelt so hoch wie der OECD-Durchschnittswert.
Aktuelle Indikatoren und Untersuchungen über den Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt bestätigen, dass junge Menschen gegenüber beruflich erfahreneren Personen in mehrerlei Hinsicht benachteiligt sind. Ihr Erwerbslosigkeits- und Unterbeschäftigungsrisiko ist höher und sie sind anfälliger für Konjunkturschocks und strukturelle Veränderungen der Arbeitswelt. So hat sich die Position der Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf dem Arbeitsmarkt sukzessive verschlechtert, obwohl ihre beruflichen Bestrebungen nicht kleiner, ja eher grösser geworden sind. Bei jungen Menschen, die einen tertiären Bildungsabschluss absolviert haben, schlägt sich dieser Trend in einer Vielzahl von schlecht bezahlten Praktika nieder, die nur selten ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechen. In der Schweiz finden sich Angehörige dieser Gruppe häufiger in solchen atypischen Beschäftigungsverhältnissen wieder als Gleichaltrige, die eine Berufslehre abgeschlossen haben.
Seit den 1980er Jahren haben Arbeitsformen, die von den «normalen» Arbeitsverhältnissen abweichen, in den Industrieländern stark zugenommen. Hierdurch ist die Ungleichheit zwischen Marktneulingen und berufserfahrenen Bevölkerungsgruppen gestiegen. Durch die Erosion der Normen und Werte im Zusammenhang mit den Veränderungen am Arbeitsmarkt hat sich die Situation für die Schwächsten erheblich zugespitzt. Junge Menschen, die ihr Studium oder eine andere Form von Ausbildung vorzeitig abbrechen, stellen potenziell eine Risikogruppe da, die langfristig von der Sozialhilfe abhängen könnte. Ein Abschluss auf Sekundarstufe II gilt daher mittlerweile als Mindestvoraussetzung, um das Erwerbslosigkeitsrisiko oder die Gefahr einer Prekarisierung zu verringern.
Unabhängig vom Bildungssystem zeigen empirische Untersuchungen, dass der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt inzwischen deutlich länger dauert als früher. Dies gilt besonders für junge Menschen, die in mehrerlei Hinsicht benachteiligt sind und/oder nicht über genügend Ressourcen verfügen. Gerade für sie ist das Risiko der Demotivierung und Marginalisierung auf ihrem Lebensweg gross und durchaus real. Mit Blick auf den Arbeitsmarktzugang von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind somit Bildungspolitik, Beschäftigungspolitik und Sozialhilfe gleichermassen gefordert. Unsere Gesellschaften sind immer mehr auf schnelle Ergebnisse und Informationen ausgerichtet. Daher ist die Bereitschaft bei den Regierungen gering, geduldig vorzugehen. Sie sind auch nicht dazu geneigt, die Politikbereiche, von denen ihre Glaubwürdigkeit massgeblich abhängt, korrekt zu beurteilen. Es gibt nur wenige empirische Erkenntnisse über die kausalen Zusammenhänge in den Politiken, die in den unterschiedlichen Ländern umgesetzt worden sind. Trotzdem scheint klar zu sein: Der allgemeine Trend hin zu einer immer längeren Phase des Übergangs von der Schule in den Arbeitsmarkt lässt sich auch in der Schweiz nur abschwächen, wenn eine langfristige Vision entwickelt wird.
LiteraturhinweiseOrganisation for Economic Co-operation and Development (Ed.) (2015). OECD Skills Outlook: Youth, Skills and Employability. Paris: OECD Publishing.
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (Hrsg.) (2017). Berufsbildung in der Schweiz. Fakten und Zahlen. Bern: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.