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Zürich (?), um 1300
Buchsbaumholz; Silber, teilweise vergoldet; Email
H. 14,5 cm, Dm. 12,5 cm,
B. 15,3 cm (mit Henkel)
Inv. 1870.1037.
Der Doppelkopf aus gedrechseltem Wurzelholz des Buchsbaums besteht aus einem grösseren, bauchig ausladendem und relativ hohem Becher und einem pilzförmigem Deckel, die mit schmalen vergoldeten Silberbändern bereichert sind. Der Standring, das umlaufende Band unter dem hohen glatten Mundrand und die Deckelfassung sind jeweils mit einem Perlstab und einem Fries stehender Zungen verziert. Die Deckelfassung ist dreifach mit Holz verstiftet, nach aussen erkennbar durch kleine rosettenförmige Scheiben. Der Fuss des unteren Bechers folgt der Schräge des Standringes in der gleichen Neigung wie der Deckelknauf, der umgedreht als Fuss für den kleineren, oberen Becher dient. Die Handhabe aus Silberblech ist mit kleinen Dreipässen an der unteren Kuppa angesetzt, ihr zweiteilig gespaltenes Ende ist jedoch beschädigt. Im Deckelknauf umläuft ein Perlband einen rhombenförmig gravierten Grund, der mit transluzidem Email ausgefüllt ist. Darin ist an seinen drei Ecken ein goldener Wappenschild eingespannt, der einen nach links gewendeten tonsurierten Mönch mit silberner Kukulle, braunem Mantel, Stab und schwarzen Schuhen zeigt.
Das Wappen fand sich in unsicherer Tinktur ehemals am Haus zum Loch in Zürich wieder und ist daher zu identifizieren als jenes des Zürcher Geschlechts Bilgeri, die Ämter als Ratsherren, Dienstmannen der Abtei Zürich und habsburgische Lehensträger innehatten. Mehrere Mitglieder der Familie wurden in der Forschung mit dem Becher in Verbindung gebracht: Heuser vermutet hinter dem Gefäss einen Sohn des in Zürich ansässigen Heinrich Bilgeri, der erstmals 1279 und ein weiteres Mal 1293 heiratete; nach Lanz gleichen dem Medaillon die Siegel des Johannes Bilgeri d. J., genannt «der Grimme», von 1305 und 1331; und Lösel nennt den 1398 in Basel erwähnten Gerichtsherrn Claus Bilgeri als möglichen Mittler des Kopfes in die Rheinstadt. Das Wappen der Bilgeri ist der einzige zugkräftige Hinweis auf die Herkunft des Gefässes, dessen Ornamentformen zu weit verbreitet sind, um ihrerseits eine konkrete Verortung zu erlauben. Die elegante, leicht geschwungene Körpergestalt des jungen Mönches oder Pilgers lässt sich vergleichen mit Zürcher Siegelbildern, auf denen die Figuren im späten 13. Jahrhundert noch starr gebildet sind und erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts bewegter und mit grösserem Körperschwung erscheinen. Demnach wäre der Maserkopf in das frühe 14. Jahrhundert zu datieren (Merz/Hegi 1930, S. 244–247, Nr. 150, Taf. XXXII).
Gefässe und insbesondere Doppelbecher aus Maserholz waren wenigstens seit dem Hochmittelalter nicht nur wegen des kostbaren Holzes beliebt, sondern auch weil dem Trank aus derart edlen Holzgefässen ein besonders guter Geschmack beigemessen wurde. Doppelköpfe dienten im späten Mittelalter im deutschen, vorwiegend süddeutschen Kulturbereich dem Ritual des Minnetrinkens. Bei diesem ursprünglich im kirchlichen, dann aber vor allem im profanen Bereich verbreiteten Brauch, nahm man einen Trank zu sich, um sich der Hilfe eines bestimmten Heiligen, im 15. Jahrhundert bevorzugt des Evangelisten Johannes, zu empfehlen. Meist waren die für den profanen Minnetrank bestimmten Doppelköpfe aus Maserholz gefertigt, dem – wie auch anderen Materialien – entgiftende Wirkung zugeschrieben wurde, andere begegnen in Jaspis, Serpentin und Bergkristall. Kugelförmige Gefässe mit flachem Fuss tauchen in Bildquellen schon im 11. Jahrhundert auf, als Doppelkopf schliesslich um 1200. Die Handhabe ist zunächst wie eine Öse gestaltet, bis sie im 14. Jahrhundert als eingerolltes und im oberen Teil gespaltenes Band erscheint. Eine noch etwas fragile Frühform des gerollten Angriffs weist der vorliegende Maserdoppelkopf auf, der als eines der ältesten erhaltenen Exemplare gelten darf (vgl. RDK 4, S. 61–171 [Hans Martin von Erffa]).
Bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben Doppelköpfe aus Maserholz populär, wie zum Beispiel der um 1530 entstandene Lutherpokal des Historischen Museums Basel (Inv. 1922.195.) belegt. Eine ansehnliche Anzahl von Maserköpfen in ehemals fürstlichen Sammlungen wie in Wien und Stuttgart zeigt, dass ihrer Beliebtheit auch in den frühneuzeitlichen Kunstkammern kein Abbruch geschah. Bereits 1859 im Inventar der Mittelalterlichen Sammlung aufgeführt, war der Becher dieser wohl kurz zuvor als Geschenk der Basler Mäzenin Emilie Linder (1797–1867) vermacht worden.