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Ich will nicht unterlassen, Ihnen zu meinen heute an Sie abgegangenen Telegraph-Depeschen2 einen Commentar nachzusenden.
Gestern gab die Kaiserin einen costumirten Ball in den Tuilerien, zu dem nur eine ganze kleine Zahl von Mitgliedern des diplomatischen Korps eingeladen war. Ich befand mich auch unter diesen leztern und nach dem Souper kam der Kaiser auf mich zu und unterhielt sich circa eine Viertelstunde mit mir, wobei sich die übrigen Gäste auf eine angemessene Entfernung zurükzogen, so dass der Kaiser ganz allein mit mir sich unterhalten konnte, ohne dass es einem ändern Gast möglich war, uns zu verstehen; obwohl ich manche gespannte Gesichter wahrnehmen konnte. Der Kaiser, nachdem er sich nach meinem Befinden usw. erkundigt, ging dann sogleich auf den Beschluss über, den Sie gefasst3, und der in einer Telegraph-Depesche Havas in den gestrigen Abendblättern als gestern gefasst mitgetheilt wurde, und die Phrase enthielt: «La Suisse défendra également la neutralité dans cette partie de la Savoie qui a été proclamée neutre par les traités». Der Kaiser sagte mir: «Wie kommt es, dass jeztein solcher Beschluss gefasst worden ist. Er ist offenbar zu Gunsten Ostreichs und gegen Frankreich gerichtet.» Dabei liess er wohl durchbliken, es scheine, man wolle das ganze neutralisirte Gebiet Savoyens mit eidgenössischen Truppen besezen, also auch den Theil, durch welchen die Victor-Emanuel-Bahn sich hinzieht. Ich erwiederte dem Kaiser, ich könne ihm leider über die Tragweite dieses Beschlusses noch keinen bestimmten Aufschluss geben, da ich dessen Redaction auch erst diesen Abend in der Patrie gelesen habe, und bis jezt ohne offizielle Mittheilung sei. Indessen könne ich ihm doch jezt schon versichern, dass der Bundesrath gewiss weit entfernt sey, gegen Frankreich eine feindselige Stellung einzunehmen; dass er nichts anderes wolle, als eine entschiedene Neutralität, wie die völkerrechtliche Stellung der Eidgenossenschaft es zur Pflicht mache. Ich wisse, dass sich die Bundesregierung ernstlich damit befasse, wie sich die Schweiz im Fall eines Krieges in Bezug auf die durch die Verträge (Wiener Verträge und Pariser Frieden) neutralisirten Theile von Savoyen zu benehmen habe, und ich hoffe hierüber nächstens der französischen Regierung offizielle Aufschlüsse geben zu können; was mir leider zur Zeit noch nicht möglich sei. Der Kaiser wiederholte – und ich sah es sehr wohl, mit einem Ausdruk von Bedauern: so wie der Beschluss laute, finde er, derselbe sei gegen Frankreich gerichtet, wobei ihm aufzufallen schien, dass derselbe gerade in diesem Zeitpunkt, wo der Artikel des Moniteur vom lezten Montag4 bereits bekannt seyn musste, erschienen sey. Ich erwiederte: es komme sehr viel auf den wirklichen offiziellen Wortlaut des Beschlusses an, den wir noch nicht kennen. Ich ging dann auf die Frage der Neutralität im Allgemeinen über, und sagte dem Kaiser: «Wenn der Bundesrath sich in seinem Beschluss für energische Neutralität erkläre, so thue er nur, was (ich dürfe wohl sagen) in der einmüthigen Gesinnung des schweizerischen Volkes liege; und ich hege das Vertrauen, Frankreich wie Ostreich werden im Fall eines Krieges unsere Neutralität und unser Gebiet achten.» – Der Kaiser antwortete: «Das liegt ja auch im eigenen Interesse beider Staaten und wenn die Schweiz sich darauf beschränkt, ihr Gebiet gegen jede Verlezung zu schüzen und zu wahren, so muss dies jedermann ganz natürlich finden».
Dies ist das Wesentliche unsrer Unterredung, soweit sich solche auf Politisches bezog. Der Kaiser begab sich dann sogleich zu Walewski und hielt mit ihm ebenfalls eine längere und lebhafte Unterredung, die sich vermuthlich auf die gleiche Frage bezogen haben wird.
Bei solcher Lage der Dinge fand ich es für Pflicht, Ihnen sogleich telegraphisch in Chiffern das Wichtigste obiger Unterredung zu melden, und da ich nicht sicher war, was der richtige Inhalt Ihres Beschlusses sei, Ihnen zu empfehlen, sich mit der Publication, da keine Urgenz vorliege, nicht zu übereilen. Kaum war diese Depesche abgegangen, als ich Ihr einlässliches Schreiben v. 5ten d. M.5 erhielt, das mich sofort überzeugte, dass die von Bern auch hieher telegraphirte Redaction Ihres Beschlusses, gleich einer solchen von Berlin aus, weit mehr sagt, als Sie beabsichtigen, und dass Ihre Ansichten in Bezug auf Interpretation der Bestimmungen über Neutralisirung eines Theils von Savoyen vollkommen übereinstimmen mit denjenigen, welche ich in meinem Schreiben vom lezten Samstag, v. 5ten6, entwikelt habe. Damit fallen natürlich die von mir gehegten Bedenken über den Beschluss, wie ich ihn gestern Abend, unmittelbar ehe ich in [die]Tuilerien ging, gelesen habe, dahin. Es konnte sich nur noch fragen, ob es gerade der geeignete Moment war, diese Beschlüsse zu fassen, oder vielmehr, «sofort zu publiciren». Sie wären vielleicht vorder Mission Cowleys nach Wien eher temporis gewesen; und es konnte sich fragen, ob man nicht wenigstens das Resultat dieser Mission abwarten wolle, im Hinblik auf die sehr positive und bestimmte Sprache, die der Moniteursom lezten Samstag führte, deren Hauptbedeutung ich Ihnen schon am gleichen Tag telegraphisch meldete.7 Hier hat Ihr Beschluss bedeutend Sensation gemacht, und von mehr als einer Seite bemerkte man mir: «wie kommt es, dass Ihre Regierung gerade in diesem Moment solche Beschlüsse fasst, wo die Friedenshoffnungen in Folge der Erklärung im Moniteur mehr Grund haben als seit dem Neujahr nie; und dass sie nicht wenigstens zugewartet hat, bis man das Resultat der Mission von Cowley kennt.»
Ich enthalte mich hierüber ein Urtheil zu fällen. Vielleicht, dass Sie dies der öffentlichen Meinung schuldig zu seyn glaubten, die Sie an Ort und Stelle besser beurtheilen können als ich. Meine persönliche Ansicht kennen Sie: Ich hatte schon bald nach dem Neujahr empfohlen, wachsam zu seyn, sich auf alle Eventualitäten bereit zu halten, im Stillen und ohne Geräusch Alles vorzubereiten, um – wenn wirklich der Ausbruch des Krieges bevorstehe – dann sofort alle nöthigen Anordnungen publiciren und vollziehen zu können.
Ich bemerke Ihnen noch, dass geneigte Männer des diplomatischen Korps die Vertragsbestimmungen über savoyisches Gebiet im gleichen Sinn auffassen, wie es in meinem lezten Schreiben geschah und wie es in Ihrer Mittheilung vom 5ten ebenfalls geschieht.
Schon seit ein paar Tagen ging das Gerücht, Prinz Napoleon sei so ungehalten über die Moniteur-Erklärung v. 5ten, dass er seine Entlassung nehmen werde. Schon früher einmal war das Gleiche der Fall, bestätigte sich dann aber nicht. Gestern Abend dagegen erzählte man es sich allgemein als Thatsache und fügte bei, der heutige Moniteurwerde dies berichten, was denn auch geschehen ist. Ein dem Kaiser nahestehender Mann sagte mir verbaliter: «C’est plus important encore que l’article du Moniteur.»
Trotz der wiederholten Versicherungen in öffentlichen Blättern, dass Cavour in Paris gewesen sei in den lezten Tagen, glaube ich doch auf gute Quellen gestüzt diese Behauptung als unbegründet erklären zu dürfen.
Wie ich in den diesen Morgen erschienenen Blättern ersehe, ist nun eine Redaction des von Ihnen gefassten Beschlusses von Bern hieher telegraphirt worden, welche mit Ihrer Depesche v. 5ten vereinbar ist. Es ist fatal, wenn so wichtige Beschlüsse des Bundesrathes vorschnell unrichtig in alle Welt telegraphirt werden. Es gibt – wie ich nun von mehreren Seiten zu vernehmen Gelegenheit habe – zu den verschiedensten Missdeutungen Veranlassung.
Welche Consequenzen dies unter Umständen haben kann, stellt sich frappant heraus. Sie werden es daher natürlich finden, wenn ich mir erlaube, den Wunsch auszudrüken, in Zukunft von Beschlüssen von solcher Wichtigkeit offiziell, sei es in Worten oder nöthigenfalls in Chiffern, durch Telegraph Kenntnis zu erhalten, um nicht bis zum Eintreffen der schriftlichen Ausfertigung von solchen unzuverlässigen telegraphischen Privatdepeschen abhängig zu seyn; sondern nöthigenfalls gegenüber falschen Privatdepeschen sogleich auf an mich gerichtete Interpretationen der Wahrheit Zeugnis geben zu können.
Ich habe als Normalzahl mich nach der Verabredung gerichtet, welche ich seiner Zeit für chiffrirte Depeschen mit Hr. Bundespräsident Furrer getroffen habe und werde wie bisher ganz Wichtiges Ihnen jederzeit telegraphisch melden. Es scheint mir, einige Ausgaben können für die Schweiz in solchen Dingen nicht in Betracht kommen, und dass zuweilen, wenn man nur von Privatdepeschen abhängt, geradezu Mehrauslagen provozirt werden können, hat dieser Vorgang und meine durch unrichtige Privatdepesche abgenöthigte heutige chiffrirte Depesche bewiesen.
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