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Harry Renó verzichtete bei seinen Illusionsabenden auf viel Dekor; in seinem Smoking stand er auf der Bühne, umgeben von einem schwarzen Kasten – seine Hand sehr hell, sein Haar silbrig-farblos, die Requisiten im harten Scheinwerferlicht weiß glänzend. Der Anblick glich einem Schwarz-Weiß-Photo, vor allem wenn er aus leichter Beweglichkeit unversehens in einer leicht manierierten Haltung erstarrte und das Publikum zappeln ließ, bis wieder Leben in ihn fuhr. Eben hatte er sich eine Zigarette angezündet, vom Saal halb abgewandt, um die Flamme vor Zugluft zu schützen. Er tat, als sei er allein und habe eben gerade Lust zu rauchen. Dann richtete er sich auf, saugte genußvoll, legte den Kopf zurück, und nach einem Moment vollständiger Ruhe quoll Rauch aus dem halbgeöffneten Mund, so fest und konzis wie ein schmales Band. Er tat einige Schritte. Der Rauch blieb in der Luft stehen, er verflüchtigte sich nicht. Und nun schrieb er, über die Bühne schlendernd, die Hände in den Jackentaschen, in schöner großer Kurrentschrift «Amore mio, io sono pazzo di te» in die Luft – deutlich standen die Wörter vor der schwarzen Wand. Er hingegen schaute in den Saal. Suchte er in der Menge die Frau, der das Geständnis galt? Ein Augenblick der Verblüffung. Dann rauschte der Beifall auf.
Der Zauberkünstler verbeugte sich knapp, als habe er sich mit seiner Nummer vor allem selbst ein Vergnügen bereitet und fühle sich durch den Applaus geradezu gestört, da öffnete sich die hintere Tür noch einmal, und ein Zug von Menschen wurde durchs Dunkel in die erste Reihe des kleinen Saales geführt. Diese Gesellschaft war von Santa Lucia auf den Vomero heraufgefahren, um hier neapolitanisches Volkstheater zu sehen, «Miseria e nobiltà» von Scarpetta, war aber zum falschen Tag und zur falschen Stunde erschienen, wie sich erst im Foyer herausstellte.
Der junge Mann, der die Gruppe führte, eher klein gewachsen, mit Brille im mageren Gesicht, war mit dem ersten Taxi angelangt, die übrigen waren zu seiner Erleichterung im Verkehr steckengeblieben. Der Schweiß brach ihm aus, er fuhr sich durch den Haarschopf, der danach hahnenkammartig gesträubt war.
«Es geschieht, was nicht geschehen darf …» Das war eine Regel, die aber nicht beruhigte. Zum Glück im Unglück gab es noch teure Karten ganz vorn. Als die anderen eintrafen, hatte er sich auch schon eine Ausrede zurechtgelegt – das Programm sei kurzfristig geändert worden, die Direktion habe deshalb gute Plätze freigehalten, man bitte um Entschuldigung.
Die Leute schoben sich ins Dunkle hinein, da hielt ein schwerer Mann mit großem Kopf und finsterer Miene ihn zurück.
«Wie konnte das passieren?»
Die Frage klang bedrohlich. Dem jungen Mann wurde so heiß, daß seine Brillengläser beschlugen.
«Herr Doktor Jüngel, solche Dinge müssen Sie verhindern; ich habe hier anspruchsvolle Gäste, die haben keine Zeit. Ich hoffe, die Organisation des späteren Abends steht.» Er wandte sich ab und verschwand gleichfalls im Dunkel.
Der junge Mann, der für den Namen Jüngel viel zu alt aussah, unfrisch und wie nicht ganz gesund, tappte ihm mit eingezogenem Kopf hinterher, als gelte es, nach der Abstrafung weniger Platz einzunehmen. Schon als er an der Bar des Hotels Excelsior das Abendprogramm vorgestellt hatte, war ihm plötzlich unwohl geworden: Das von ihm ausgesuchte Volksstück handelte von armen Leuten, die einem reichen Mann aristokratische Verhältnisse vorspielen, um ihn mit lauter Marchesi und Principesse derart zu verwirren, daß er vergißt, die Hände auf seinen Taschen zu halten – so im Groben –, aber konnte Herr Krass, sein furchterregender Chef, das nicht irgendwie auf sich beziehen? Sich womöglich in die Kategorie bedenkenlos auszunehmender reicher Leute eingeordnet finden? Er war ungewöhnlich souverän, doch man wußte nie, wo selbst bei einem solchen Mann die Empfindlichkeiten begannen. Von daher vielleicht sogar ein Segen, daß «Miseria e nobiltà» erst morgen auf dem Programm stand?
Der Zauberkünstler war, nicht nur der Name ließ es