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Sie pflügen die Landschaft um, verschmutzen das Wasser und verpesten die Luft. Die Kohlegesellschaften in West Virginia nehmen keine Rücksicht auf die Natur und die BewohnerInnen. Doch Kohle ist begehrt, und die USA sind vom klimaschädigenden Energieträger abhängig.
In Kayford ist zu sehen, was an vielen Orten in den Appalachen passiert. Die Kohlekonzerne sprengen alles weg.
Links und rechts des kleinen Bergdorfs im US-Bundesstaat West Virginia führten einst die Wege noch weiter hoch zu bewaldeten Bergspitzen. Jetzt blickt man auf tote Kraterlandschaften hinunter. Seit fast 25 Jahren wird hier Kohle abgebaut. Mountain Top Removal (MTR) heisst die Abbaumethode – Bergspitzenentfernung. Mit dem Schutt der gesprengten Bergköpfe werden die Seitentäler aufgefüllt. Gibt es keine Kohle mehr, wird eine Mischung aus exotischen Grassamen, Dünger und zu Mulch verarbeiteten Papierabfällen über die Landschaft geleert. Die Mondlandschaft wird so begrünt. Bäume wie früher werden hier aber noch lange nicht wieder wachsen.
Die Kohle aus den Kayford Mountains hat einen besonders hohen Brennwert. Ein Teil dieser Kohle wird deshalb nach China exportiert, wo sie in Hochöfen zur Stahlproduktion verfeuert wird. Der grösste Teil der US-Kohle ist jedoch für den Eigenbedarf des Landes vorgesehen. Die Vereinigten Staaten decken ihren Strombedarf zu fast fünfzig Prozent aus Kohlekraftwerken, West Virginia gar zu 99 Prozent. Kohle ist von allen Treibstoffen der grösste Verursacher von CO2-Emissionen und damit ein entscheidender Grund für den Klimawandel. Doch Kohle ist gleichzeitig diejenige Ressource, über die die USA noch reichlich verfügen. 31 Prozent der weltweit bekannten Kohlereserven liegen hier.
Es ist ein hoher Preis, den die USA für ihren Hunger nach Kohle zahlen, schon ohne die Klimaauswirkungen einzurechnen. Die Appalachen, ein bewaldetes Mittelgebirge, das vom Eriesee im Norden der USA bis tief in den Süden nach Alabama reicht, wird durch Mountain Top Removal Stück um Stück zerstört. 500 Berge sind bereits geköpft worden, in West Virginia – rund eineinhalbmal so gross wie die Schweiz – sind es alleine 136. Das Auffüllen der Täler lässt Quellen versiegen, der Schutt und die Schlacke, die beim Waschen der Kohle entsteht, vergiften die umliegenden Flüsse mit Substanzen wie Arsen, Blei und Quecksilber. Dabei sind die Appalachen eines der artenreichsten Gebiete der Erde.
Larry Gibson kämpft
Larry Gibsons Familie stammt aus Kayford. Im Dorf lebten einst 500 Menschen. Sie hielten sich Kühe und pflanzten Mais an. Heute stehen hier nur noch Wochenendhäuschen. Gibson kommt zwei-, dreimal in der Woche hier hoch, um nach dem Rechten zu sehen. Seit Jahren weigert er sich, den Bergbaukonzernen sein Land zu verkaufen.
Gibson hält im ganzen Land Vorträge, um auf die Zerstörung der Appalachen durch MTR aufmerksam zu machen. Der kleine 64-jährige Mann, der meist Latzhosen und einen Strohhut trägt, lässt sich für sein Anliegen auch immer mal wieder verhaften. Ende September etwa in Washington, als er zusammen mit rund hundert anderen eine Strasse blockierte. Solche Aktionen lösen ein Medienecho aus und sollen den Druck auf die PolitikerInnen erhöhen. «Wir müssen handeln, und zwar jetzt, reden alleine nützt gar nichts», sagt er. Anders als viele hier ist Gibson nicht nur gegen MTR, sondern generell gegen den Abbau der Kohle, also auch gegen die Kohleminen. James Hansen, der seit Ende der achtziger Jahre vor dem Klimawandel warnt, habe ihn überzeugt. Hansen ist Klimatologe und leitet das Goddard-Raumforschungszentrum der US-Weltraumbehörde Nasa. Hansen hat sich auch schon zusammen mit Gibson verhaften lassen, als sie bei Kayford eine MTR-Baustelle der Firma Massey Energy blockierten.
Im Herbst sind die Appalachen besonders schön. Die riesigen Wälder verleihen der Landschaft ein bunt geschecktes Antlitz. Das Klima ist mild. Gibson hat zu einem kleinen Fest nach Kayford geladen. AktivistInnen aus dem ganzen Staat sind gekommen. Viele haben etwas zu essen mitgebracht, alles wird geteilt. Der Musiker John Lilly singt Lieder vom grossen Bergarbeiteraufstand in Blair Mountain 1921. Damals kämpften in West Virginia über 10 000 Bergarbeiter für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gegen die Übergriffe durch Privatpolizisten der Minengesellschaften. Der Aufstand wurde von der Polizei und der Armee blutig niedergeschlagen. Es war die grösste Klassenauseinandersetzung in der Geschichte der USA. Ein alter Mann spielt auf seiner singenden Säge «Blowing in the Wind» von Bob Dylan.
Massey Energy kauft auf
Einer der Festbesucher ist Chuck Nelson. Er hat sein Leben lang in den Kohleminen der Gegend gearbeitet, wie schon sein Vater und sein Grossvater. In den fünfziger Jahren haben die Kohlegesellschaften allein in West Virginia noch über 100 000 Leute beschäftigt, heute sind es keine 20 000 mehr. Bäume zu fällen und Berge wegzusprengen braucht weniger Arbeitskräfte, als die Kohle im Bergbau auszugraben. «Hier im Süden von West Virginia war das Herz der Minenarbeitergewerkschaft UMWA», sagt Nelson. Die ArbeiterInnen waren eine Macht. Doch in den achtziger Jahren habe die Gewerkschaft mehr und mehr an Einfluss verloren. Mit ein Grund war, dass die Gerichte das Streikrecht einschränkten. «Von da an konnten die Minengesellschaften machen, was sie wollten», sagt Nelson. Chuck verlor 2000 seinen Job. Das Unternehmen Massey Energy hatte die Firma, in der er arbeitete, aufgekauft und alle entlassen. Danach wurden Leute eingestellt, die keine Gewerkschaftsmitglieder waren. Massey ist in West Virginia führend beim Bergeköpfen.
Seit fünf Jahren engagiert sich Chuck in verschiedenen Umweltgruppen. «Die Kohlegesellschaften wollen hier alle Anwohner vertreiben», ist er überzeugt. Chuck wuchs in Lindytown auf, einem Dorf am Ende eines Tals. Heute ist Lindytown eine Geisterstadt. Massey hat dort allen BewohnerInnen die Häuser abgekauft. Die Hügel rund um Lindytown werden weggesprengt. Der Schutt soll das ehemalige Dorf zuschütten. «Wir brauchen die Kohle noch für eine Weile», ist Chuck überzeugt, doch so, wie sie jetzt abgebaut werde, zerstöre man alles.
Der Kampf im Tal
Fährt man von Kayford eine holprige Naturstrasse hinunter, gelangt man zum Little Coal River. Entlang dem kleinen Fluss zieht sich eine Landstrasse, die Dörfer und Weiler miteinander verbindet. Viele Häuser sind kaum grösser als Wohnwagen. Das Dorf Rock Creek ist zum Hauptquartier im Widerstand gegen MTR geworden. In vier Holzhäusern gleich am Fluss hat sich das «Climate Ground Zero»-Kollektiv niedergelassen, eine Gruppe von rund fünfzig AktivistInnen aus den ganzen USA, die mit direkten Aktionen gegen die Zerstörung der Berge kämpft. Im Hof zwischen den Häusern ist eine Feldküche eingerichtet, Hühner laufen gackernd darum herum. Auf einer Veranda sitzt Mike Roselle zusammen mit ein paar FreundInnen und nippt an einer Dose Bier.
Roselle ist ein Profiaktivist. Schon Anfang der siebziger Jahre engagierte er sich gegen den Vietnamkrieg. Später zog er in die Wildnis des Westens nach Wyoming und wollte dort seine Ruhe haben. Doch schon bald musste er erkennen, dass seine neue Umgebung nicht so idyllisch war, wie er sich das vorgestellt hatte. «Man kann heute nirgends mehr leben, ohne mit Umweltzerstörungen konfrontiert zu werden», sagt er. Roselle wurde zu einem Pionier der Umweltbewegung. Er gehörte zu den GründerInnen der Umweltorganisationen Earth First und Rainforest Action Network (RAN). Roselle trainiert AktivistInnen in der Taktik des friedlichen zivilen Ungehorsams. Er lehrt Besetzen und Blockieren. «Vor fünf Jahren hat mich Ed angerufen und gefragt, ob ich nicht hierherziehen wolle», sagt er. «Seither bin ich da.»
Eine Schule im Kohlestaub
Ed Wiley sitzt neben Mike Roselle. Er ist ebenfalls Mitte fünfzig. Wiley hat heute zusammen mit seiner Lebenspartnerin Debbie Jarrell einen Abschnitt des Little Coal River gesäubert. «Der Staat kümmert sich nicht um so was», sagt Jarrell, «die Gegend hier war immer nur zur Ausbeutung da.» Wiley bekam von einer Umweltstiftung ein paar Tausend Dollar und rekrutiert nun Freiwillige für die Säuberungsaktionen.
Ed Wiley arbeitete früher für Massey Energy. «Ich war selber einer, der die schlimmsten Arbeiten ausgeführt hat», sagt er von sich. Doch vor sechs Jahren hat er seinen Job an den Nagel gehängt und begann gegen MTR zu kämpfen. Auslöser war seine Enkelin Kayla. Sie war nach der Schule immer müde, musste sich hinlegen und hatte Asthmaanfälle.
Die Marsh-Fork-Grundschule, die Kayla damals besuchte, befindet sich gleich neben einer riesigen Fabrik, in der die Kohle chemisch gereinigt wird. Kohlestaub liegt fast ständig in der Luft. Wiley, Jarrell und Gleichgesinnte begannen dafür zu kämpfen, dass die Schule an einen anderen Ort verlegt wird. Zumal Massey gleich oberhalb der Schule einen künstlichen See angelegt hat, der mit der giftigen Schlacke angefüllt ist, die beim Reinigen der Kohle anfällt. Die besorgten Eltern und Grosseltern befürchten einen Dammbruch. Hier traut keiner Massey. Notorisch verletzt die Firma Umweltauflagen und Sicherheitsbestimmungen. Doch die Behörden schauen meist weg. Auch eine Verlegung der Schule wurde jahrelang abgelehnt – mit der Begründung, das sei zu teuer. Ed Wiley ging 2006 rund 700 Kilometer zu Fuss nach Washington, um dort den inzwischen verstorbenen Senator Richard Byrd aus West Virginia zu überzeugen.
Eine Tragödie brachte die Wende
Ende April dieses Jahres hat der Staat endlich grünes Licht für eine Umsiedlung der Schule gegeben. Dem Entscheid liegt allerdings eine Tragödie zugrunde, die sich in der Nähe der Schule ereignete: Am 5. April kam es in der von Massey Energy betriebenen Kohlemine Upper Big Branch zu einer schweren Explosion. 29 Minenarbeiter kamen dabei ums Leben. Es war das schlimmste Minenunglück in den USA seit 1970. Für die aus der ganzen Welt angereisten Medienleute wurde in der Marsh-Fork-Grundschule ein Medienzentrum eingerichtet.
«Danach war plötzlich genug Geld für den Bau der neuen Schule da», sagt Debbie Jarrell. «Die Leute haben einen riesigen Hass auf Massey», kaum jemand hier, der beim Unglück nicht einen Freund oder Angehörigen verloren hätte. Die Behörden und Massey mussten etwas zur Beruhigung tun. Massey spendete eine Million Dollar für die neue Schule. Doch letztlich habe der Unfall nicht viel im Bewusstsein der Menschen verändert, sagt Mike.
Ziel von Climate Ground Zero ist es, dass MTR verboten wird. Von den 2009 in West Virginia geförderten 144 Millionen Tonnen Kohle stammen dreissig Prozent aus dem Sprengen von Berggipfeln. Die AktivistInnen von Climate Ground Zero besetzen Werksstrassen, hissen Banner von Felsen und ketten sich an Baumaschinen fest. Mike Roselle und seine MitstreiterInnen landen immer wieder im Gefängnis. Meist wegen unerlaubten Eindringens auf Privatgrund. «Wir generieren Verhaftungen», nennt er das. Das schaffe Aufmerksamkeit und involviere weitere Personen. Anwälte und Richterinnen müssten sich mit ihren Fällen befassen, Medienleute berichteten, und schliesslich kämen sie so auch mit Gefängniswärtern und Mitgefangenen ins Gespräch, meint er lachend.
Kohlefreundliche Politik
In Charleston stellt man sich gegenüber der Kritik an MTR taub. Die Hauptstadt des Bundesstaates West Virginia liegt eine gute Autostunde von Rock Creek entfernt. Mit rund 50 000 EinwohnerInnen ist die Stadt für US-Verhältnisse beschaulich. Die einflussreiche West Virginia Coal Association (WVCA) – der Unternehmensverband der KohleproduzentInnen – betreibt von hier aus ein eindrückliches Lobbying, damit West Virginia auch künftig ein Kohlestaat bleibt. Mit der angeblichen BürgerInnenorganisation «Friends of Coal» als Aushängeschild organisiert die WVCA Demonstrationen gegen strengere Umweltauflagen in Washington. Die WVCA hat den Wahlkampf des demokratischen Gouverneurs Joe Manchin unterstützt, der am 2. November in den US-Senat gewählt wurde. Manchin hatte in TV-Spots mit seinem Jagdgewehr auf Obamas Klimagesetzestext geschossen. Ausserdem hat er eine Klage gegen die Umweltbehörde EPA angestrengt, weil diese, seit Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, neue MTR-Projekte kritischer begutachtet. Wer sich in West Virginia als PolitikerIn nicht voll hinter den Kohleabbau stellt, muss gar nicht erst zur Wahl antreten. Der Staat mit seinen 1,8 Millionen EinwohnerInnen schickt durchs Band KohlefreundInnen nach Washington. Deren Einfluss, speziell im Senat, ist gross.
Joe Manchin wurde in seinem Wahlkampf auch von der Kohlearbeitergewerkschaft UMWA unterstützt. Die UMWA verfügt in Charleston über einen imposanten Sitz am Rande der Innenstadt. Der neoklassizistische weisse Säulenbau mit einem kleinen Park erinnert eher an ein Stadttheater oder an eine herrschaftliche Villa als an eine Gewerkschaftszentrale. Im Innern des Gebäudes hängen grosse Fotos von früheren Gewerkschaftsführern. Im ersten Stock sitzt Joe Carter in seinem Büro, der Vizepräsident der Gesamtorganisation.
Carter hat selbst vierzehn Jahre als Mineur gearbeitet. Er bestätigt, dass seine Organisation in den letzten Jahrzehnten viele Mitglieder verloren hat. In vielen Betrieben sei die UMWA nicht präsent. Besonders eine Firma mag Carter nicht: «Unser Verhältnis zu Massey Energy ist schlecht.» Mit den meisten der Massey-Betriebe habe die Gewerkschaft keinen Vertrag. «Massey ist punkto Sicherheit das schlimmste Unternehmen», sagt Carter. «In den letzten zehn Jahren sind in den Massey-Betrieben 53 Arbeiter umgekommen.» Das wichtigste Ziel der UMWA sei die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten. «In Betrieben mit einem Gewerkschaftsvertrag kann ein Arbeiter die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen einfordern, ohne dass er deswegen Nachteile befürchten muss.» Gemäss Gesamtarbeitsvertrag verdient ein gewerkschaftlich organisierter Minenarbeiter in West Virginia 173 Dollar am Tag. Gearbeitet wird 48 Stunden in der Woche, auch samstags. Das ergibt einen Monatslohn von rund 4500 Franken.
Für Carter ist es völlig undenkbar, dass West Virginia den Kohleabbau stoppt. Auch gehe es nicht ohne MTR, auf den abrasierten Bergen könne man ja dann zum Beispiel besser Häuser bauen. Dass es einen Klimawandel gibt, ist für den Gewerkschafter nicht bestätigt. Ausserdem solle man da doch bitte schön erst mal nach China schauen, wo jede Woche ein neues Kohlekraftwerk eröffnet werde. Carter will auch nichts von einem schrittweisen Ausstieg aus der Kohle wissen, wie er etwa in Deutschland umgesetzt wird und bei dem der Staat die KohlearbeiterInnen finanziell unterstützt und umschult. «Wir brauchen doch Kohle, weltweit!», ist er überzeugt. Windfarmen, wie sie ein Alternativprojekt zum MTR in den Kayford Mountains vorsieht, würden langfristig keine neuen Arbeitsplätze schaffen. «Wenn die Dinger mal stehen, braucht es niemanden mehr.»
Alternative Vorschläge
Tatsächlich gibt es neben Windfarmen noch eine Reihe von anderen Vorschlägen, die darauf abzielen, den Bundesstaat hin zu einer nachhaltigeren, dezentralisierteren Energieversorgung zu führen und neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. So könnten die Bestandteile der Windanlagen vor Ort hergestellt werden und dadurch ein neuer zukunftsgerichteter Industriezweig entstehen. Verschiedene Gruppierungen wie die Mountain Association for Community Economic Development schlagen zudem vor, dass staatlich geförderte Betriebe die kaum isolierten Holzhäuser der Bevölkerung sanieren und damit energieeffizienter machen. Auch liesse sich der Tourismus ausbauen sowie eine Landwirtschaft entwickeln, die auf den lokalen Markt ausgerichtet ist. Dem Wald in den Appalachen müsste ausserdem eine grössere Bedeutung zugemessen werden: Eine gezielte Waldbewirtschaftung würde nicht nur mehr Arbeitsplätze schaffen, durch Wiederaufforstungsprojekte könnte auch CO2 gespeichert werden.
Allerdings stossen solche Ideen noch auf wenig Widerhall. Das Selbstverständnis West Virginias basiert seit Beginn seines Bestehens auf dem Kohleabbau. Das ist in vielen Köpfen tief eingegraben. Immer noch hängen Zehntausende von Jobs direkt und indirekt am Kohleabbau. Das geradezu rührselige Festhalten an der Kohle symbolisiert auch eine 2002 errichtete Statue, die vor dem Regierungsgebäude in Charleston steht: Ein Minenarbeiter aus Bronze blickt stolz in die Ferne. Auf der Tafel unter der Figur ist zu lesen: «In Ehrerbietung und Anerkennung an die Männer und Frauen, die ihre Karriere, einige ihr ganzes Leben, der Aufgabe gewidmet haben, den Staat, die Nation und die Welt mit günstiger, zuverlässiger Energie für den Haushalt und die Industrie zu versorgen. Lasst es gesagt sein: Kohle ist der Brennstoff, der half, das beste Land der Erde aufzubauen, der unsere Freiheit geschützt und gesichert und unseren Lebensstandard verbessert hat.»
Unterschiedliche Standards bei den Schweizer Banken
Die UBS finanziert das Bergesprengen kräftig mit
Rund 900 Millionen US-Dollar sollen verschiedene Kohlekonzerne zwischen Januar 2008 und April 2010 von der UBS erhalten haben. Dies geht aus einer Untersuchung der nichtstaatlichen Organisation Bank Track hervor, die von der Erklärung von Bern mitgegründet wurde. Alle begünstigten Firmen praktizieren dabei auch Mountain Top Removal (MTR), also das Wegsprengen von Bergspitzen (vgl. Haupttext). Ein Teil des Geldes ist in Form von direkten Krediten geflossen, bei einem anderen Teil handelte die Bank als Vermittlerin.
Die UBS zählt damit zu den grössten Financiers der Bergeköpfer. Ausserdem hatte die Schweizer Grossbank, trotz vieler schöner Worte über Verantwortung und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren, die Problematik des MTR schlicht ignoriert. Ganz anders die Credit Suisse Group, bei der es in einer Richtlinie heisst: «Die Credit Suisse erbringt keine Finanzierung oder Beratung für Geschäftstätigkeiten zum Abbau von Kohle oder anderer Ressourcen unter Anwendung von Methoden des MTR-Tagebaus.»
Ihr Engagement im MTR-Geschäft hat der UBS im letzten halben Jahr eine Menge Ärger eingebracht. Der Sierra Club, die älteste und grösste Umweltorganisation der USA mit 1,3 Millionen Mitgliedern, hat zusammen mit dem Rainforest Action Network (RAN) die Schweizer Grossbank scharf kritisiert. Das RAN rief im Oktober auf seiner Website dazu auf, Protestschreiben an die UBS zu schicken. Vor dem UBS-Sitz in New York demonstrierten UmweltschützerInnen. Besonders negativ ist die UBS auch deshalb aufgefallen, weil die Bank eine besonders enge Beziehung zum umstrittenen Konzern Massey Energy pflegt – eine Firma, die immer wieder Umwelt- und Sicherheitsauflagen verletzt und in deren Bergbaumine Upper Big Branch am 5. April 29 Arbeiter bei einer Explosion ums Leben kamen. Masseys Reputation ist seit dem Unglück vollends am Boden, und die Firma schreibt neuerdings Verluste.
Die UBS will sich auf Anfrage der WOZ nicht zu einzelnen Geschäftsbeziehungen der Bank äussern. Hingegen bestätigt Christian Leitz, Leiter des Bereichs Corporate Responsibility Management bei der Bank, dass es zu mehreren Gesprächen mit VertreterInnen des Sierra Club und des RAN gekommen sei. Inzwischen hat die Bank eine Erklärung verfasst, in der Richtlinien im Umgang mit Mountain-Top-Removal-Firmen festgelegt sind. So soll bei jeder «potenziellen Transaktion» ein erweiterter Prüfungs- und Bewilligungsprozess ausgelöst werden. «Insbesondere braucht es das Okay des obersten Umweltbeauftragten», sagt Leitz. Diesen Posten hat zurzeit Philip Lofts inne, der in der UBS-Konzernleitung als Group Chief Risk Officer für Risikoangelegenheiten zuständig ist. Ausserdem schreibt die UBS in ihrer Erklärung, dass sie künftig weitere Finanzierungen von Kohlefirmen davon abhängig machen will, ob der Kunde sich dazu verpflichtet, den Einsatz von MTR-Methoden «graduell zu reduzieren». Doch was heisst graduell reduzieren? Von 100 auf 99 Prozent herunterfahren? Oder in einem definierten Zeitraum ganz aussteigen? «Das wird im Dialog mit dem Kunden individuell angeschaut», antwortet Christian Leitz. Wichtig sei eine Verpflichtung des Kunden, dass er weniger Kohle mit der MTR-Methode abbauen wolle.
Amanda Starbuck, Kampagnenleiterin beim RAN, zeigt sich gegenüber der WOZ «enttäuscht», dass die Bank nicht ganz aus dem Mountain-Top-Removal-Geschäft aussteigen will. Andere Banken haben sich inzwischen klarer festgelegt. So liess zum Beispiel die in Pittsburgh beheimatete Bank PNC Anfang November verlauten, dass sie künftig weder neue MTR-Projekte finanzieren wolle noch Unternehmen, deren Hauptgeschäftstätigkeit MTR ist.
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