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Ist ein Krieg wirklich undenkbar?
Zurzeit überschattet ein Thema alle politischen Diskussionen in Ostasien: der Streit um die Diaoyu- bzw. Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer. China und Japan erheben beide Ansprüche auf die unbewohnte Inselgruppe. Ausgelöst wurde der diplomatische Konflikt durch den Kauf dreier Inseln durch den japanischen Staat. Für China bedeutet dies ein Angriff auf die territoriale Integrität seines Landes, für Japan ist es nur ein formaler Nachvollzug eines längst bestehenden Territorialanspruchs.
Wann immer ein diplomatischer Konflikt eskaliert, kommt das Argument, ein Krieg sei aus rein wirtschaftlichen Gründen undenkbar. Politikerinnen und Politiker handelten im Interesse ihrer Länder, und die wirtschaftliche Stabilität sei eines der höchsten Ziele jeder Politik, wird argumentiert.
Die empirische Evidenz für dieses Argument ist aber dünn. Das beste Gegenbeispiel ist der Erste Weltkrieg. Auch damals glaubten viele, der Balkankonflikt werde sich nie zu einem grossen europäischen Krieg ausweiten, weil die führenden Mächte wirtschaftlich miteinander verflochten seien. Die Globalisierung der Wirtschaft hatte in der Tat damals ein ausserordentliches Ausmass erreicht – durchaus vergleichbar mit heute. Dennoch trat das unwahrscheinliche Szenario ein.
Zudem hat der Konflikt zwischen China und Japan jetzt schon auf beiden Seiten beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Läden und Restaurants werden boykottiert, Firmen müssen die Produktion drosseln, Banken ziehen sich zurück etc. Die Politik nimmt offensichtlich die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen ohne weiteres in Kauf. Auch das widerspricht der Theorie, dass wirtschaftlichen Verflechtung automatisch eine mässigende Wirkung auf die Politik hat.
Dazu kommen im Streit zwischen China und Japan folgende Probleme:
- Beide Seiten sind bereits sehr weit gegangen bei der Verfolgung ihrer nationalen Interessen. Es wird immer schwieriger, einen Kompromiss auszuhandeln, ohne das Gesicht zu verlieren.
- Es geht um sehr viel, nämlich um die zukünftige Balance zwischen China und seinem grössten Rivalen Japan, der von den USA unterstützt wird.
- China und die USA sind durch den Generationenwechsel bzw. die Präsidentschaftswahlen absorbiert. Das erhöht die Unsicherheit.
Oft wird auch erwähnt, dass grosse Rohstoffreserven und reiche Fischgründe vermutet werden. Ich halte diesen Aspekt des Konflikts allerdings für weniger wichtig. Über die gemeinsame Nutzung von wirtschaftlichen Ressourcen lässt sich leicht eine Vereinbarung abschliessen. Wenn es aber um Grenzstreitigkeiten geht, ist ein Kompromiss viel schwieriger, weil es um Dinge wie Tradition, nationale Ehre und internationale Anerkennung geht. Meist gibt es in diesen Fällen nur ein „Entweder-oder“. Vor allem innenpolitisch ist ein Nachgeben kaum zu begründen.
Ein Krieg scheint immer noch weit weg , aber ist er wirklich undenkbar? Auffällig ist, dass im privaten Gespräch ernsthafte Sorgen geäussert werden. Es ist, wie wenn man über die Eurokrise redet: Niemand hält es für möglich, dass es zu einer weiteren Eskalation kommt, aber keiner kann sich zurzeit den Ausweg aus der Krise konkret vorstellen.