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«Eigentlich bin ich Billiardär», sagte mir kürzlich ein guter Freund und Milchbauer, «ich füttere nicht meine 50 Kühe, sondern die Abermilliarden Bakterien in ihren Pansen.» Das kam mir wieder in den Sinn, als ich neulich diese Studie las. Dabei ging es darum, wie wir Menschen die Bakterien in unserem Darm falsch ernähren, und wie sich das auf unsere Gesundheit auswirkt, und zu chronische Entzündung führen kann. Milchbauern können den Zusammenhang zwischen Futter, Bakterien und Tiergesundheit jeden Tag beobachten. Sie wissen, dass der Kuhmagen ein Bioreaktor ist, der Heu in Milch umwandelt. Falsches Futter schlägt sich sofort in weniger Milch und höheren Rechnungen für den Tierarzt nieder.
Beim Menschen dauert alles etwas länger. Doch auch unsere Mediziner entdecken allmählich die Bedeutung der Darmbakterien für unsere Leistungsfähigkeit. Im erwähnten Artikel wird der folgende Zusammenhang beschrieben: Die Zusammensetzung und die Vielfalt der Darmflora hängen von der Konzentration der Kohlenhydrate im Nahrungsbrei ab. Entscheidend dafür ist weniger – wie bisher vermutet - das Verhältnis von Fett, Eiweiss und Kohlehydraten. Wichtiger ist die Art der Kohlenhydrate. In Früchten, Knollen, und in Wurzel-, Stangen- und Blattgemüsen sind die Kohlenhydrate in Zellen gebunden. Ihr Volumen-Anteil beträgt höchstens 23 Prozent. In Teigwaren, Zucker, Schokolade, Süssgetränken und ähnlichem sind die Kohlenhydrate nicht zellulär, verstecken sich also nicht hinter den Zellwänden. Ihr Volumen-Anteil (Konzentration) ist drei bis viermal so hoch. höchstens 23 Prozent, bei den nicht-zellulären Kohlehydraten ist dieser Prozentsatz drei bis viermal so hoch. (Mehr zu Zellwänden hier)
Vagus Nerv verbindet Darm und Hirn
Ein Nahrungsbrei mit einem hohen Anteil an nicht-zellulären Kohlehydraten führt zu einer wenig diversifizierten Darmflora, bei der gramnegative Bakterien (siehe Kasten) dominieren. Diese schütten Botenstoffe aus, die den Körper in einen permanenten Entzündungszustand versetzen. Auch die Darmschleimhäute entzünden sich, Darm wird durchlässig der die Immunabwehr wird geschwächt, giftige Stoffe geraten ins Blut. Auch der Vagus-Nerv, der den Darm mit dem Gehirn verbindet., entzündet sich. Dadurch wird unter anderem Leptin-Resistenz ausgelöst. Es wird zwar immer mehr Leptin ausgeschüttet, doch die Sättigungssignale kommen im Gehirn nicht mehr an. Das führt zu Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes.
Kitava schlägt Schweden
Wie sich das auf die Gesundheit auswirken kann, zeigt das Beispiel der Ureinwohner der Insel Kitava auf Papua Neu Guinea. Eine Studie hat 164 Kitavani im Alter von 20 bis 84 mit einer Kontrollgruppe 462 Schweden von 25 bis 75 Jahren verglichen. In der Ernährung gibt es punkto Kohlenhydrate, Eiweiss und Fett kaum Unterschiede, der glykämische Index der Kitava-Diät lag sogar leicht höher. Doch die Kohlenhydrate der Kitava-Diät waren im Gegensatz zur schwedischen fast ausschliesslich zellulär (in Zellen gebunden). Entsprechend haben die Kitavani auch eine andere Darmflora.
Grosse Unterschiede zeigten sich auch bei praktisch allen gesundheitlichen Aspekten. Je höher das Alter, desto grösser die Unterschiede. Bei den Kitavanis ging der Insulin-Spiegel im Alter eher zurück, Blutdruck, Gewicht, Bodymass-Index, Blutdruck und Hüftumgang nehmen im Alter nicht zu. Herz-Kreislaufkrankheiten sind praktisch unbekannt. An den Genen liegt es nicht: Wenn die Kitavanis auswandern und sich modern ernähren, leiden sie genau so unter Übergewicht und Bluthochdruck wie wir.
Paleo schlägt Mittelmeer
In einer anderen Studie wurden 29 übergewichtige, diabetesgefährdete Männer 12 Wochen lang entweder auf eine von zwei Ernährungsweisen gesetzt. Mittelmeer: Vollkornprodukte (nicht zelluläre-Kohlenhydrate) Fisch, Früchte, Gemüse, Olivenöl, etc. Oder Paleo: Keine Getreideprodukte- und Milchprodukte, Gemüse, Früchte Kartoffel etc. (also im wesentlichen zelluläre Kohlenhydrate. (Ähnliche Studie hier) Der wichtigste Unterschied lag auch hier bei den zellulären, bzw. In beiden Gruppen durfte man soviel essen, wie man wollte. Ergebnis: Die Paleo-Gruppe nahm 23 Prozent weniger Kalorien zu sich, war aber genau so gesättigt, wie die Mittelmeer-Gruppe. Der Leptin-Spiegel ging bei der Mittelmeer-Gruppe im Schnitt um 18 und bei der Paleo-Gruppe um 36 Prozent zurück. Die Darmflora wurde nicht untersucht, aber insgesamt bestätigt diese Studie den Zusammenhang von zelluläre/bzw. nicht zelluläre Kohlenhydrate, Darmflora, Leptin, Übergewicht, Diabetes.
Auch Antibiotika schaden der Darmflora
Diese These wird noch durch eine lange Reihe anderer Indizien gestützt. So haben Diabetiker und Übergewichtige fast immer eine wenig diversifizierte Darmflora, der gramnegative Bakterien dominieren. Antibiotika haben übrigens dieselbe Wirkung. Auch Tests mit Mäusen und Ratten zeigen, dass nicht zelluläre Kohlenhydrate (meist wird Zucker verwendet) die Darmflora verändert, die Signalwege von Darm zu Hirn (via Leptin und Insulin) stören und Übergewicht und chronische Entzündungen hervorrufen.
Fazit: Wir sind daran, unsere Vorstellung von Ernährung zu verfeinern. Entscheidend sind nicht Kohlehydraten, Fett oder Eiweiss, sondern das, was die Darmbakterien damit anstellen. Der Darm ist das bisher fehlende Glied in der Kausalkette, das erklärt, warum man mit einer fettreichen Kost (lowcarb) genau so gute Erfolge erzielen kann, wie mit dem genauen Gegenteil. Die praktische Nutzanwendung ist auch klar: Wir müssen viel mehr auf den Darm achten. Blähungen, Verstopfung oder Durchfall sind nicht einfach lästige Randerscheinungen, sondern ein Warnlicht. Offenbar füttern wir unsere Bakterien falsch und das könnte durchaus an den falschen Kohlehydraten liegen.
Das Wesentliche in Kürze
Unsere Gesundheit hängt in hohem Masse von der Zusammensetzung unserer Darmflora ab. Je nach der Zusammensetzung der Nahrung kann sich diese entscheidend verändern. Wichtig sind dabei offenbar weniger (als bisher angenommen) die Anteile von Kohlehydraten, Fetten und Eiweiss, sondern die Frage, ob die Kohlenhydrate in Zellen gebunden sind oder nicht. Die guten Darmbakterien lieben es offenbar, Zellwände zu knacken. Die schlechten gedeihen von Zucker, Spaghetti und Brot.