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Besuch im Klang-Maschinen-Museum (KMM)
Männerriege MR 2018-10-17
Schon bei der Begrüssung, in einem prächtigen Saal, hat jeder sofort festgestellt „wir sind in einer anderen Epoche angekommen“. Es ist dies die Zeit vor Handy, vor Fernsehen und vor Radio, etwas das heute kaum mehr vorstellbar ist. Der Hinweis, dass jede Manipulation an den Ausstellungsstücken zu unterlassen ist, hat einige wieder in unsere Zeit zurückversetzt.
Unter der Führung von Beat Liscioch haben wir als erstes etwas über das Gebäude erfahren. 1872-73 wurde der nördlichste Teil der Seidenweberei erbaut. Es war eine der wenigen mechanischen Seidenfabriken des Kantons, die zuerst als Zwirnerei, dann als Weberei konzipiert war.
110 Webstühle waren im Einsatz. Es war die grösste Fabrik in Dürnten und der wichtigste Arbeitgeber. 1886 kam dann der Anbau des Dampfhauses mit dem Dampfkessel und dem Hochkamin, der leider später abgebrochen wurde. Die Erweiterung nach Süden entstand 1896-97. 1947 ist die Halle mit einem der grössten freitragenden Sheddächer bestückt worden. Im Jahr 1978 war die Webereizeit vorbei. Es folgt eine lange Zeit der Zwischennutzung bis 2012 Urs Bertschinger das Areal übernommen hat.
Jetzt betreten wir die Ausstellung, die im Stil der Gründerzeit, des Jugendstils und des Art Déco, gestaltet ist. Viele unter uns sind überrascht, dass es noch weitere Räume gibt, aber es wird sofort klar wie gross der Sammeleifer von Urs Bertschinger war. Die Objekte werden im zeitlichen Ablauf vorgestellt. Die erste Spieldose, die Serinette oder auch Vogelorgel genannt wird und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaut wurde, imitiert Vogelstimmen. Sie hat auf verschiedenen Lippen ein Lächeln und Bemerkungen wie „da fliegt ja jeder Vogel davon“ erzeugt.
Ungefähr in der gleichen Zeit sind die ersten Kuckucksuhren im Schwarzwald gebaut worden. Diese klingen schon recht gut. Grössen wie Haiden, Beethoven und Mozart haben diverse Melodien für diese Uhren komponiert.
Die nächsten Generationen von Klangmaschinen, die Walzenorgeln und die Scheibenorgeln haben uns musikalisch und im Klang überzeugt. Die grössten Walzen enthalten bis 40‘000 Stifte. In der Schweiz ist das erste Musikdosen Geschäft neben dem Bundeshaus eröffnet worden. Die Geräte waren teuer und die Kundschaft stammte deshalb aus der oberen Gesellschaftsschicht. 1886 wurde in Leipzig die Scheibenorgel erfunden. Sie hat die Walze schnell verdrängt, da die Herstellung viel billiger war. Zur gleichen Zeit entstanden die ersten Geräte, die mit Lochkarten angetrieben wurden. Diese Spielgeräte wurden industriell hergestellt und waren deshalb noch billiger. Der nächste Schritt in der Entwicklung war die Drehorgel, die für das Spielen auf der Strasse entwickelt wurde. Diese Orgeln wurden in grossen Stückzahlen hergestellt und es entstanden die ersten Streitigkeiten um Patente. 1878 hat Herr Edison das Patent für den ersten Phonographen angemeldet. Die dafür benötigten Walzen sind schnell weiterentwickelt worden - bis sie später durch die ersten Platten auf dem Mark abgelöst wurden.
Im nächsten Raum wurden uns Urs Bertschingers erstes Sammelstück und diverse Kuriositäten, wie ein Diktafon, gezeigt. Ebenfalls kurios ist die Tatsache, dass Tino Rossi heute noch der Franzose mit den am meisten verkauften Platten ist. Viele der KäuferInnen hatten jedoch gar keinen Plattenspieler.
Von den Puppenspieldosen, die auch bis ins 18. Jahrhundert zurück gehen, hat der Turner mit einem einhändigen Handstand auf der Stuhllehne spontanen Aplaus erhalten. Von der nächsten Orgel gibt es eine Enstehungsgeschichte: Nach einer Operation am Rücken verbrachte Urs Bertschinger einige Tage in der Reha in Rheinfelden. Während eines Spaziergangs ins Zentrum erkannte er in einem Schaufenster, unter sehr vielen anderen Gegenständen verborgen, den oberen Teil eines Orchestrions. Im Schaufenster war eine Telefonnummer angegeben. Nach mehreren Versuchen konnte ein Termin vereinbart werden. Der Verkäufer verneinte ein Orchestrion zu besitzen. Urs Bertschinger erzählte: „Wir schaufelten das Möbel frei und drückten den Auslöser vom Geldeinwurf. Es machte einen riesen Lärm, keine Musik, aber das Gerät funktionierte noch. Sofort „erinnerte“ sich der Verkäufer, dass er das Möbel im Restaurant Feldschlösschen in Rheinfelden für Sfr. 25‘000.00 gekauft habe. Ich sagte, dass das nicht möglich sei und erzählte ihm vom Museum. Nach einem längeren Gespräch konnten wir uns auf einen vernünftigen Preis einigen. Wir holten das Orchestrion ab und nach aufwändigen Renovationsarbeiten steht es nun glücklich im Museum.“
Die Orgel wurde einmal als das achte Weltwunder gefeiert. Das Gerät hat drei integrierte Geigen, die automatisch sehr virtuos bespielt werden. Bald darauf ist das Radio erfunden worden und hat die Klangmaschinen abgelöst. Im Herrenzimmer ist uns ein Reproduktionsflügel vorgeführt worden. Mit diesem Instrument kann das Spiel eines Pianisten aufgenommen und originalgetreu wiedergegeben werden. Nach einem lustigen Film mit Charlie Chaplin, der auch von einer Klangmaschine begleitet wurde, sind wir wieder in die Haupthalle zurückgekehrt, um die grossen Tanzorgeln zu begutachten. Manch einer kennt diese noch aus eigenen Erlebnissen.
Als Abschluss der Exkursion haben wir bei geselligem Beisammensein über das gesehene diskutiert. Praktisch alle, die das KMM zum ersten Mal besucht haben, waren sehr begeistert von der Vielfalt der Sammlung, aber auch von der spannenden und kompetenten Führung durch Beat Liscioch. Dies wurde ihm auch gebührend verdankt.
Verabschieden wollen wir uns mit dem Motto, das jeder KMM Mitarbeiter auf dem Rücken trägt.
«MUSIK IST SCHÖNER ALS LÄRM»
Rüti den 18.10.2018 Urs Kaspar