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Die Pandemie trifft arme Menschen nicht nur wirtschaftlich härter, sondern auch gesundheitlich. Im Gegensatz zu Reichen ist bei Armen das Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken, höher. Häufiger sind bei Armutsbetroffenen auch Krankheitsfälle mit schwerem Verlauf.
Seit Beginn der Pandemie hören wir Sätze wie: «Vor dem Virus sind wir alle gleich» oder «das Virus macht keinen Halt vor Grenzen» oder «wir sitzen alle im selben Boot».
Richtig ist, dass dem Virus egal ist, wen es befällt. Falsch ist aber die Annahme, dass das Virus alle Menschen gleich erwischt und sich gleich gut ausbreiten und einen gleich grossen Schaden anrichten kann. Darum gibt es sehr wohl Unterschiede, wer eher am Virus erkrankt und wer daran stirbt. Zwischen alt und jung, zwischen krank und gesund.
Immer mehr Studien stellen nun fest, dass es auch deutliche Unterschiede zwischen Arm und Reich gibt. Arme Menschen sind besonders von der Pandemie betroffen. Nicht nur wirtschaftlich, mit Jobverlust, schwierigen Arbeitsbedingungen oder tiefem Einkommen, sondern auch gesundheitlich. Sie erkranken öfter an Sars-CoV-2 und haben ein höheres Risiko, dass die Krankheit bei ihnen schwerer verläuft.
Eine Analyse aus den USA hat schon zu Beginn der Pandemie gezeigt, dass etwa doppelt so viele Schwarze wie Weisse an Covid-19 sterben.
Britische Forschende veröffentlichten Anfang dieses Jahres eine Studie, in der sie die am Coronavirus Verstorbenen auf deren Beruf untersucht haben. Sie fanden heraus, dass Männer in gering qualifizierten Berufen oder in Dienstleistungssektoren ein höheres Risiko haben, an Covid-19 zu sterben. Dazu zählen Arbeiter in der verarbeitenden Industrie, Sicherheitskräfte, Köche und Taxifahrer. Bei den Frauen weisen Fliessbandarbeiterinnen, Näherinnen und Pflegekräfte die höchsten Todesraten auf.
In Deutschland haben die Bundesländer Bremen und Berlin den sozioökonomischen Hintergrund von Corona-Infizierten untersucht. In Bremen sah man deutlich, dass in Stadtteilen mit hoher Wohnraumdichte, niedrigem Durchschnittseinkommen und höheren Armutsquoten die Neuinfektionsquoten höher sind. Zu einem ähnlichen Schluss kamen Forscher in Berlin. Arbeitslosigkeit, ein niedriges Haushaltseinkommen, enge Wohnverhältnisse und der Migrationshintergrund sind Faktoren, die das Risiko einer Infektion steigen lassen.
Doch bei Armutsbetroffenen ist nicht nur die Infektionsrate höher, sondern sie machen auch öfter einen schweren Krankheitsverlauf durch. Zwei deutsche Medizinsoziologen werteten die Daten von 1,3 Millionen Krankenkassenversicherten aus und stellten fest, dass Hartz-IV-Empfänger doppelt so häufig mit einer Corona-Infektion ins Spital mussten wie Erwerbstätige. Die Studienautoren vermuten, dies liege an den chronischen Vorerkrankungen, die bei armutsbetroffenen Personen verbreiteter sind.
In der Schweiz gibt es jedoch bislang kaum Daten zum Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Coronavirus und der sozialen Herkunft. Ende Januar zeigte eine Studie aus Genf auf, dass dort, wo Menschen aus sozial benachteiligten Schichten wohnen, sich das Virus schneller verbreiten und länger wüten konnte. Warum das so ist, liege auf der Hand, sagt Oliver Hümbelin, Professor an der Berner Fachhochschule mit Forschungsschwerpunkt Gesundheit und Armut. «Wer nicht im Home Office arbeiten kann, sondern täglich mit dem Bus zur Arbeit muss oder in einer Umgebung lebt, wo die Wohnverhältnisse beengt sind, der kann sich weniger zurückziehen und ist dem Virus auch mehr ausgesetzt.»
Dass Armut krank machen kann, ist hinlänglich bekannt. Laut der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik leiden arme Personen in der Schweiz häufiger unter Bluthochdruck, einem hohen Cholesterinspiegel, an Diabetes, unter Asthma oder an Depressionen. Sie haben ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt und Herzprobleme. Auch starke körperliche Beschwerden sind häufiger. In der Statistik heisst es: «Trotz eines qualitativ hochstehenden Gesundheitssystems, das dank der obligatorischen Krankenversicherungen grundsätzlich für alle zugänglich ist, gibt es in der Schweiz nach wie vor Ungleichheiten beim Gesundheitszustand.»
Der Schluss, dass Armutsbetroffene auch häufiger schwer am Coronavirus erkranken und ins Spital müssen, klingt für Hümbelin deshalb plausibel. Konkrete Untersuchungen dazu gibt es nicht. Er verweist aber auf einen Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums vom August 2020, in der die Corona-Risikogruppe untersucht wurde. Darin wird deutlich, dass Personen mit einem tieferen Bildungsabschluss häufiger zur Risikogruppe gehören als solche, die eine höhere Ausbildung absolviert haben. «Da die Bildungssituation einer der stärksten Armutsfaktoren ist, kann man davon ausgehen, dass der Anteil armer Menschen in der Corona-Risikogruppe überdurchschnittlich ist», so Hümbelin.
Anhand dieser Daten stellt sich die Frage, warum bei der Pandemiebekämpfung die ökonomische Ungleichheit bisher wenig bis keine Rolle spielte. Bisher lag der Fokus stets auf den Alten und den Personen mit einer Vorerkrankung, aber nicht auf den Armutsbetroffenen, die aufgrund einer ungleichen Voraussetzung ungleich häufig am Virus erkranken und daran sterben. Hümbelin sagt: «Im teils hysterisch geführten öffentlichen Diskurs wird oft jenen am meisten Aufmerksamkeit geschenkt, die sich am lautesten bemerkbar machen. Das sind nicht die Randgruppen. Das ist auch eine Frage politischer Möglichkeiten. Armutsbetroffene haben keine explizite Lobby, mit Ausnahme der Caritas». Und so blieben solche Hintergründe oftmals im Dunkeln.