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Eine russisch-schweizerische Ehe in Briefen
Lidija Petrowna Kotschetkowa und Fritz Brupbacher
Ein Schweizer Anarchist und eine russische Sozialrevolutionärin schreiben einander zwischen 1897 und 1915 rund 6000 Liebesbriefe. Aus diesem Stoff entwickelt die Historikerin Karin Huser die Geschichte einer aussergewöhnlichen Ehe. Fritz Brupbacher und Lidija Petrowna Kotschetkowa, um deren Ehe es in Husers Buch geht, haben sich im Winter 1896/97 in Zürich kennen gelernt. Beide studierten Medizin an der Universität Zürich; beide wollten die Gesellschaft verändern und erhofften sich vom Sozialismus Gleichheit und Freiheit für alle. 1901 heirateten sie, doch keiner der beiden gab seine Pläne auf: Brupbacher wirkte in Zürich als politisch engagierter Arbeiterarzt, Lidija Petrowna kämpfte in Russland gegen das zaristische Regime. Bis zu ihrer Scheidung 1916 lebten sie getrennt, besuchten einander selten und meist nur für ein paar Wochen. In der Regel fuhr Lidija Petrowna in die Schweiz, erst während ihrer Verbannung im russischen Gouvernement Archangelsk von 1909 bis 1911 besuchte Brupbacher seine Frau zweimal.
Abgemessene Nähe
Die Post war immer wieder während langer Monate die einzige Verbindung zwischen Lidija Petrowna und Fritz Brupbacher. Ausgehend von der umfangreichen Korrespondenz des Paares, erzählt Karin Huser dessen Geschichte aus abgemessener, doch eindringlicher Nähe. Sie folgt dabei dem Lebenslauf Lidija Petrownas; Fritz Brupbacher, der zu den bedeutendsten Figuren der schweizerischen Arbeiterbewegung gehört und dessen Biografie Karl Max Lang 1975 vorgelegt hat, bleibt bei Huser im Hintergrund.
Die acht Teile des Buches behandeln je einen Abschnitt in Lidija Petrownas Leben: ihre Herkunft aus einer Familie der gehobenen Mittelschicht in Samara an der Wolga; das Medizinstudium in der Schweiz und die Anfänge der Beziehung mit Fritz Brupbacher; die ernüchternden Erlebnisse als Ärztin in den russischen Gouvernementen Smolensk und Wladimir; die Zeit als Propagandistin für die Partei der Sozialrevolutionäre im Gouvernement Saratow; die fast dreijährige Verbannung in Archangelsk; die Ausarbeitung einer Theorie vom Untergang des männlichen Geschlechts und schliesslich das Scheitern der Ehe mit Fritz Brupbacher. Mit der Geschichte ihrer Ehe entsteht das Porträt Lidija Petrownas, die ein «nützlicher Mensch» sein wollte, sich dem Dienst an der russischen Bevölkerung verschrieb und ohne Rücksicht auf Verluste für eine Befreiung Russlands vom zaristischen Regime eintrat.
Karin Huser zitiert viel, überlässt ihren Hauptfiguren aber nicht einfach das Wort. Sie kontrastiert die Briefe mit anderen Zeugnissen, mit Aussagen von russischen Landärzten etwa, mit Brupbachers Tagebüchern und den Berichten der zaristischen Geheimpolizei, von der Lidija Petrowna ab 1892 überwacht wurde. Im Vorbeigehen liefert Huser Hintergründe - zu den Russenkolonien in der Schweiz beispielsweise oder der russischen Frauenbewegung. Karin Huser überzeugt, weil sie aus den Quellen die Fäden des Persönlichen und des Gesellschaftlichen zunächst entwirrt und in der Darstellung zu einem Bild verknüpft. Das gelingt ihr nicht zuletzt in den Passagen, in denen sie auf Lidija Petrownas Aufsatz über den «Männertod» eingeht, ein merkwürdiges Amalgam von medizinisch-biologischen Erkenntnissen, radikalem Feminismus und körperlicher Abneigung gegenüber Männern.
Kein Glück
Die Darstellung folgt der Dramaturgie der Briefe bis in die Stimmungswechsel. Deutlich wird deshalb die tragische und auch verbohrte Unzufriedenheit, von der Lidija Petrowna getrieben wurde. Die Hoffnung, endlich und bald «etwas tun» zu können, zieht sich durch ihre Briefe, ebenso das Gefühl, ein unnützer Mensch zu sein. Auf die Begeisterung für eine neue Aufgabe folgte jeweils rasch die Enttäuschung. So hielt Lidija Petrowna 1901 nach ihren ersten, lange herbeigesehnten Erfahrungen als Ärztin im Dienst der russischen Bauern (in ihrem eigenwilligen Deutsch) fest: «Wie könnte einem die medizinische Praxis befriedigen, wenn er mit einer Bevölkerung zu tun hat, welche keine Betten hat, kein Begriff von Taschentüchern (man schnäuzt einfach in die Hand oder im besten Fall in den unteren Rand seines Pelzes oder Rockes).» Und im Sommer 1906, vor ihrem ersten Parteiauftrag in Atkarsk, schrieb sie: «Es ist die wichtigste Probe meines Lebens. (. . .) Wenn ich sogar für die revolutionäre Tätigkeit nicht tauge, was bleibt mir noch im Leben?? . . .» Lidija Petrowna fand ihre «Wirkungssphäre» nicht: Weder als Ärztin noch als Revolutionärin, noch als Wissenschafterin wurde sie glücklich. Die «politische Tat», von der sie auch ihr «egoistisches, persönliches Glück» erwartete, erlöste sie nicht.
Fritz Brupbacher schlug seiner Frau mehrmals ein gemeinsames Leben vor und bot ihr an, zu ihr nach Russland zu ziehen. Sie wich aus, lehnte ab. Die Unterschiede zwischen ihren Kulturen seien zu gross, er könne in Russland nicht «nützlich» sein wie in der Schweiz, meinte sie. Lidija Petrownas kompromisslose Liebe zu Russland steigerte sich mit den Jahren zu einem radikalen Nationalismus, der sich gegen alles Westliche und damit auch gegen die Schweiz richtete. Brupbacher allerdings verkörperte für Lidija Petrowna den «idealen Menschen» und konnte deshalb in ihren Augen mit einem typischen Schweizer nichts gemein haben. Doch ihr Hass gegen das vermeintlich Westliche widersprach der weltoffenen Haltung Brupbachers und hat die Entfremdung zwischen den beiden und schliesslich ihre Trennung wohl wesentlich befördert. Die Ehe konnte nur deshalb so lange dauern, so Karin Huser abschliessend, weil sie sich in Briefen abspielte. Von dieser Warte aus gesehen führten die beiden wohl weniger eine «revolutionäre Ehe» als die Ehe von Revolutionären.
Caroline Schnyder
Karin Huser: Eine revolutionäre Ehe in Briefen. Die Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkowa und der Anarchist Fritz Brupbacher. Chronos-Verlag, Zürich 2003. 434 S., Fr. 58.-.
Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Mittwoch, 14.01.2004 Nr.10 44
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Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung