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Michael
Michael ist acht Jahre alt und besucht die zweite Klasse. Er hat einen vierjährigen Bruder. Vor drei Jahren wurde bei Michael die Diagnose “Hyperkinetisches Syndrom mit Aufmerksamkeitsdefizit” gestellt. Seine Eltern haben sich geweigert, ihn mit Ritalin behandeln zu lassen, obwohl der Vorschlag bereits von verschiedenen Instituten und von der Lehrerin gemacht wurde. Sie waren auch in einer kinderärztlichen Spezialpraxis für Kinder, die in der Entwicklung auffällig sind. In dieser Praxis werden ungefähr 3000 Kinder mit Ritalin behandelt. Michaels Mutter und Vater sind Akademiker. Sie stellen an ihn sehr hohe Ansprüche und kritisieren ihn für jeden noch so kleinen Fehler – auch in Gegenwart des kleinen Bruders. Michael wacht fast jede Nacht mehrmals mit Alpträumen auf. In der Schule ist er sehr unaufmerksam, lässt sich leicht ablenken und stört oft den Unterricht. Obwohl die Mutter regelmäßig mit ihm Schularbeiten macht und viel mit ihm lernt, macht er in der Schule in den schriftlichen Arbeiten viele Fehler. Die Stimmung zu Hause beim Lernen ist nervös. Die Eltern haben mit ihrem Kinderarzt wiederholt über die Frage gesprochen, wie man dem Sohn helfen kann. Sie konnten die verschiedenen Vorschläge des Kinderarztes nicht annehmen. Sie blieben bei ihrer Meinung, dass das Verhalten ihres Sohnes in den Genen festgelegt sei. Die Mutter sei auch nervös gewesen, habe aber trotzdem recht gut lernen können. Sie kämen aus Polen und wären mehrsprachig aufgewachsen und hätten schließlich die Schule gut gemacht. Ihrem Sohn stünde alles zur Verfügung, er müsste sich nur hinsetzen. Sie verstünden nicht, dass er das nicht täte, obwohl sie es ihm schon so oft gesagt hätten.
Nachdem sich die Situation in der Schule und das Verhalten zu Hause weiter verschlechtert hat, suchen die Eltern erneut den Kinderarzt auf. Er spricht sehr deutlich mit den Eltern. Er fordert sie auf, sofort mit der Kritk an Michael aufzuhören. Kritik sei Gift für ihn. Sie sollen den Sohn mit dem Lernen in Ruhe lassen. Für Michael wäre es gut, wenn sie ihn mit seiner Lebhaftigkeit ins Herz schließen. Sie sollen die positiven Ansätze bei ihrem Sohn herausfinden und bejahen.
Das Echo der Mutter ist zurückhaltend, der Vater schweigt. Der Kinderarzt ist nicht sicher, ob sie vielleicht zu einem anderen Arzt wechseln.
Nach drei Monaten kommt die Mutter wieder und berichtet, dass sich das Verhalten von Michael völlig geändert hat. Er sei ruhiger geworden, habe Freude an der Schule bekommen und schreibe gute Arbeiten. Zu Hause gebe es mit dem kleinen Bruder viel weniger Streit als vorher. Sie habe den Eindruck, der Familienfriede sei wieder eingekehrt.
Auf die Frage des Kinderarztes, was sich geändert habe, erzählt die Mutter:
Die deutliche Ansprache des Kinderarztes habe sie aufgerüttelt. Da sie bisher ohne Erfolg alles probiert habe, habe sie den Vorschlag des Arztes, den Sohn nicht mehr zu kritisieren, als letztes Mittel gesehen. Auch habe Michael seit vier Monaten eine neue Lehrerin. Diese habe ihn vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Sie freue sich über seine positiven, lebhaft eingebrachten Beiträge im Unterricht. Michael helfe auch gerne anderen Schülern und sei sehr aufgeweckt. Diese Lehrerin habe ein völlig anderes Bild von Michael als die vorherige Lehrerin. Interessant ist, dass sie den Unterricht straff führt. Die Mutter ist nachdenklich geworden. Sie überlegt, was eigentlich zur Veränderungen in Michaels Verhalten geführt hat. Am meisten freue sie, dass Michael kein Ritalin nehmen musste.
Jennifer
Jennifer ist ein 8-jähriges Mädchen. Die Mutter lebt seit drei Jahren vom Vater getrennt. Sie hat eine 6 Monate alte Schwester. Die Mutter hat einen neuen Partner, der sich Jennifer sehr annimmt. Sie machen viel zusammen. Der leibliche Vater kümmert sich wenig, er ist unzuverlässig und setzt Jennifer unter Druck. Er redet schlecht über die Mutter und hat der Mutter auch schon gedroht, ihr die Tochter wegzunehmen. Jennifer besucht den Vater in sehr unregelmäßigen Abständen und ungern und fühlt sich von ihm unter Druck gesetzt. Oft macht sie unter Tränen, was er anordnet.
Vor der Einschulung besuchte Jennifer einen Kindergarten, den sie auch heute noch nach dem Unterricht besucht. Sie geht sehr gerne hin, und auch die Kindergärtnerinnen sind ganz angetan von Jennifer. Sie sprechen viel mit der Mutter und deren Partner.
Jennifer ist anfangs mit großer Freude in die Schule gegangen. Sie war vom Klassenlehrer begeistert und hat sehr gut gelernt. Er hat nicht geschimpft und die Kinder gern gehabt. Dieser Lehrer wurde nach drei Monaten krank, die Klasse wurde von einer Springkraft unterrichtet. Diese Lehrerin war häufig überfordert, zumal es noch eine zweite Lehrerin in der Klasse gab, die oft anders Stellung nahm als die Springkraft.
Immer häufiger kam Jennifer traurig nach Hause. Sie lernte zunehmend schlechter und wurde mutlos. In der Schule zeigte Jennifer zunehmend ein auffälliges Verhalten. Sie kam wiederholt nach der Pause zu spät in den Unterricht zurück, versteckte sich auf dem Schulgelände oder versteckte im Unterricht zum Beispiel die Federtasche einer Mitschülerin. Immer häufiger störte sie den Unterricht mit frechen Bemerkungen. Zuhause begann sie, ihre kleine Schwester zu plagen.
In einem Elterngespräch empfahl die Springkraft, Jennifer wegen ihres störenden Verhaltens Ritalin zu geben. Dieses Ansinnen lehnte die Mutter vehement ab.
Jennifer ist ein sehr aufgewecktes, altersgemäß entwickeltes Mädchen. Sie ist lebhaft, spricht gern mit und macht sich über viele Dinge Gedanken. Es ist eine Freude, mit ihr zu sprechen. Sie malt schöne Bilder mit interessanten Inhalten. Dabei arbeitet sie ruhig und konzentriert. Oft spricht sie davon, dass sie ihren ersten Lehrer wieder haben möchte.
Jennifer ist jetzt zum ersten Mal allein in meine Praxis gekommen. Wir haben uns sehr freundschaftlich unterhalten. Sie ist selbständig, dabei aber nicht überfordert.
Die Mutter überlegt, falls der Lehrer nicht zurückkommt, Jennifer in eine andere Schule zu geben. Eine “Behandlung” mit Ritalin kommt für sie nicht in Frage. Jennifer ist kein hyperaktives Kind. Die Einschätzung der Lehrerin ist falsch, unverantwortlich und ein Eingriff in die ärztliche Therapiehoheit. Jennifer braucht auch in der Schule eine verbindlich anleitende Lehrkraft, die einen geordneten Unterricht führt. Für Jennifer ist wie für jeden Menschen Kritik schädlich.
Nach Schuljahresbeginn kehrt der Lehrer in die Klasse zurück. Jennifer freut sich morgens wieder auf die Schule und fährt allein und erwartungsvoll mit dem Bus dahin. Mit großem Eifer und Freude erledigt sie ihre Hausaufgaben. Ihr Verhalten der Mutter und der kleinen Schwester gegenüber hat sich wieder positiv entwickelt. Die Mutter sagt: ”Sie ist wieder die Jennifer wie früher!”
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