Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/46

Ein solches Frageraster dient dazu, auf Ideen zu kommen, um Texte bzw. Bilder zu analysieren. Es leitet an, Allegorien zu beschreiben. Es ist keine Theorie des Allegorischen. Ich (Paul Michel) stehe dazu, dass ich hier meine Auffassungen niedergeschreiben habe.
Übersicht:
Quintilian, Institutio Oratoria VIII, vi, 44: Allegoria, quam inversionem interpretantur, aut aliud verbis, aliud sensu ostendit, aut etiam interim contrarium. > http://www.thelatinlibrary.com/quintilian/quintilian.institutio8.shtml#6
Isidor, Etymologiae I,xxxvii, 22: Allegoria est alieniloquium. Aliud enim sonat, et aliud intellegitur. > http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost07/Isidorus/isi_et01.html#c37
Beda Venerabilis, De schematibus et tropis sacrae Scripturae 2,12 (PL 90, 184): Allegoria est tropus quo aliud significatur quam dicitur.
Um einen Text oder ein Bild zu analysieren, lohnt es sich nicht, sich den Kopf zu zerbrechen, was beispielsweise Goethe oder Walter Benjamin über die Allegorie gesagt haben. Freilich, man kann sich dort anregen lassen, welche Beschreibungskategorien sie herausdestilliert haben, aber ganze Theoriekomplexe würde ich (PM) nicht übernehmen. Oft sagen die Theorien mehr aus über die Leute, die sie aufgestellt haben, als über die Phänomene, die sie zu erklären vorgeben. Die Terminologie vergisst man am besten, sondern liest genau die Quellen.
Es gibt eine bunte Fülle von allegorischen Gestalten. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Struktur des Bild-Teils, hinsichtlich der semiotischen Bezüge zwischen Bild- und Sach-Teil, hinsichtlich ihrer Funktion u.a.m. Es ist klug, sich diesen unterscheidenden Merkmalen akribisch zu widmen, dann gewinnt man Gesichtpunkte, mit denen man bislang unbekannte Texte/Bilder beschreiben kann. — Eine Allegorie zur Erklärung: Es ist wie mit den Dialektgeographie. Es gibt kein "Schweizerdeutsch", sondern nur regionale Mundarten: Stadt Basel, Lötschental (Wallis), Trasadingen usw. Die Forschung unterscheidet sie nach linguistschen Gesichtspunkten: Dehnung des mhd. kurzen Vokals in offener Silbe; dreiförmiger Verbalplural; Monophthongierung des mhd. ei zu lang a usw. Mit solchen Kriterien lässt sich dann auch der Dialekt von Altstätten im Rheintal beschreiben.
Um uns zu verständigen, brauchen wir ganz wenige Arbeitsbegriffe, die wir aber nicht gleich mit Assoziationen vollstopfen (»Aber so kann man doch nicht reden: das Bild ist doch die gemeinte Sache!« oder »Damit wird ja bereits eine ganze Semiotik-Theorie impliziert, die ich aber keineswegs teile!«):
Zwei Grundgestalten sind – obwohl das viele Handbücher nicht tun – aufgrund ihrere Genese deutlich zu unterscheiden: Ding-Allegorie und Personifikations-Allegorie. Die beiden sind oft ineinander gearbeitet: z.B. in der »Psychomachie« des Prudentius.
Ferner ist zu unterscheiden, wenn auch im aktuellen Fall kaum trennbar: der expressive und der interpretative Aspekt des Allegorischen.
Dies stellen wir zunächst vor, um uns im folgenden darauf beziehen zu können.
Beim Lesen merke man sich gleich einige Tricks und Kniffe:
Die Welt der signfiés besteht aus: einer Kreatur , einem geographischen Element, einem Artefakt, einem Arbeitsprozes, einer menschlichen Handlung u.ä.
Man versucht die Textelemente tabellarisch anzuordnen. Beispiel: Eine launige Tischrede beim 10jährigen Jubiläum des Laienorchesters »Caecilia Oberstrass«. Auf dem Tisch steht ein bunter Strauss. Der Redner allegorisiert ihn:
|Elemente der signifiant-Welt; (›res‹)||›Brücken-Elemente‹; ferner Textsignale||Zwischergebnisse, als *Metapher* stehenbleibend||Pendants in der siginifié-Welt|
|Blumenstrauss, enthaltend …||unser Orchester|
|Rosen||"das bedeutet"||Frau N.N.|
|Veilchen||lässt gerne den Kopf hängen||Frau X.Y.|
|Liane||anschmiegsam||Herr U.V.|
|Vergissmeinnicht||Ø [wer ist wohl gemeint?]|
|Distel||stachelig||bleibt immer etwas *stachelig*||der Kassier|
|5 goldene Bänder…||Fünfzahl der 5 Notenlinien||die Musik|
|… halten den Strauss zusammen||"zusammenhalten" passt in beiden Welten||hält die Orchestermitglieder zusammen|
Es brauchen nicht alle Elemente im Text realisiert zu sein = alle Kästchen ausgefüllt zu werden. Was man als Interpret ergänzen kann, setzt man in […]. Ø bezeichnet Leerstellen.
Man überlege sich die Genese -- wofern nicht die Personifikation analog zu antiken Göttern einfach gesetzt wurde (z.B. Pax oder Natura gleich behandelt wie Minverva)
[a] Verbmetaphern prata rident. – ich bin der minne undertân. Das Verb verlangt ›eigentlich‹ ein menschliches Subjekt; Kontexteinfärbung. Das Subjekt bekommt etwas Menschliches.
Die grammatikalische Subjekt-Prädikat-Struktur wird gern als Täter-Handlung-Aussage aufgefasst (Hypostasierung). Wittgenstein: »Man könnte auch von einer Tätigkeit der Butter sprechen, wenn sie im Preise steigt.« (Ph.U. § 693)
[b] Ausbau: statt *der Streit erhebt sich erneut: Er fürchtet sich bei jedem Wort, es möchte aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. (Gotthelf)
[c] besonders für Personifikation anfällige Gebiete: Strebungen, Gefühle (Hass, Angst, Neid), natürliche Bedürfnisse (Hunger, Schlaf), unserere Willkür entzogene Mächte (Sünde, Tod, Gnade): die Wut hat mich gepackt, die Sünde fesselt mich, das Gewissen plagt mich.
[d] weiterer Ausbau: das vorerst blasse ›abstractum agens‹ will motiviert werden:
[d1] Attribute werden dem Subjekt zugeordnet, z.B. die Avaritia ist mager und blass, ärmlich gekleidet, in der Hand hält sie einen zugeknöpten Geldbeutel. Der Geiz wird umgeben mit Attributen des Geizigen.
[d2] Bildlichkeiten verstärken die Attribute:
[d3] Statt menschlichen Figuren sind Tiere die Träger der Personifikation, z.B. Die Violentia wird durch einen Bären ›ursifiziert‹
[e] weiterer Ausbau zum Mikro-Drama: Die Personifikationen handeln: Kämpfe zwischen Tugenden und Lastern (Psychomachie)
|Welt der Apotheke||<< expressive Anwendung: Allegorie|
interpretative Anwendung: Allegorese >>
|religiöse Welt|
|Apotheker||Christus|
|Kunde||Sündiger|
|Medizin||Sakrament der Buße|
|schmeckt bitter||tut weh|
|usw.||usw.|
Im Gegensatz zur Metapher, die quer steht zum Kontext des Satzes und so nach einer Deutung schreit, sind Allegorien oft in sich irgendwie verständlich: es wird eine Reise erzählt oder eine Mühle gezeichnet. — Welcher Anlass zwingt den Leser/Betrachter, einen Text / ein Bild als Allegorie zu deuten?
Der Anstoß zu einer Deutung kann sehr dezent sein. Beispiel: Goethes Sonett »Mächtiges Überraschen« – Boreas ist eine (weibliche) Bergnymphe; dass der Fluss neues Leben gewinnt, tönt seltsam: eher wird man auf die Spur vita nuova gelenkt – ...
Die Gestalten des Bildteils bei der Dingallegorie sind verschieden: Erscheinungen aus der Natur (Lauf der Planeten), Lebewesen (Pflanzen, Tier, der Organismus des Menschen), mythologische Gestalten und ihre Teaten (Odysseus am Mastbaum), Artefakte (Haus, Kompass), Arbeitsprozesse (mahlen von Getreide, schleifen eines Spiegels, die Arbeiten des Weingärtners im Laufe des Jahres), andere menschliche Tätigkeiten (Spiele, Reise, Krieg), usw. Grundsätzlich gilt: Es gibt nichts in der Welt, was nicht allegorisierbar ist. (Man mache den Text an Mobiliar in der Wohnung oder in einem Kochbuch).
Es gibt aber auch Allegorien, die nicht einen natürlichen Gegenstand darstellen, sondern – meist vom Designat her aufgezäumt – ein Sammelsurium von Teilen, z.B. kann man den Wagen der Sünde von 7 Tieren ziehen lassen oder ein Kompositwesen aus 7 Tierbestandteilen zusammenfügen.
Damit eine Allegorie im vollen Sinne zustandekommt, müssen die Einzlelemente auf der Signifiant-Ebene eine zusammenhängende erkennbare Struktur ergeben (Lebewesen, Artefakt usw., s. oben). Ein loser Haufen von disjecti membra ist rhetorisch weniger glaubwürdig. Vgl. untersummative Gestalten.
Geschichten mit in dilemmatischen Situationen aus moralischen Motiven handelnden Figuren oder einer echten Intrige – z.B. Exempla, Fabeln – taugen schlecht als Allegorie, denn sie enthalten bereits eine leicht herausdestillierbare Handlungsanweisung. Der Ausleger muss ihnen zuerst das Rückgrat brechen, um ihnen einen zusätzlichen allegorischen Sinn abzunötigen. (Der Löwe bedeutet XY, das Lamm bedeutet UV; vgl. Überinterpretation; die Leiter des Freunds).
Erst wenn man den zeitgenössischen Kenntnisstand über das als Modell dienende Ding rekonstruiert, kann man sagen, welche Elemente der Text bzw. das Bild nutzt oder unterstellt, wie sie zusammenhängen, was ggf. nicht-explizit über die Pendants in der signifiant-Welt ausgesagt wird. Dazu gehören auch Kenntnisse der Mythologie und der Geschichte.
Wie werden die Bezüge zwischen den Pendants begründet? Man muss – wenn die Deutung nicht ganz nicht explizit ist, die Eigenschaften des Signifiant aus Enzyklopädien u.a. zeitgenössischen Quellen eruieren.
Nützlich ist immer eine Bibelkonkordanz. Denn in der heiligen Schrift stehen oft die Metaphern, aus denen ganze Bildkomplexe entwickelt sind, z.B. Jer 9,20: Der Tod ist durchs Fenster gestiegen, ist eingedrungen in unserer Paläste. Wozu ein Exeget notiert: tropologice: per fenestras id est per sensus et oculos ad animae interitum mors peccatorum intrat.
Es gibt ganz verschiedene Brücken-Elemente:
Beim Deuten hilft, wenn man sich in den zeitgenöss. Wissenstand über das Signifié versetzt. Beispiel: Wie viele Laster gibt es? Erst dann kann man sagen, ob die allegorische Repräsentation anderes / mehr / weniger sagt, als in anderen Diskurssen (z.B. scholastische Sündenlehren, nicht-allegorische Moraltraktate) üblich ist und was dann ggf. der Mehrwert der Allegorie ist.
Bei politischen Allegorien wird man sich selbstverständlich über die historischen Umstände der Zeit kundig machen, über die politischen Parteiungen, über die gerade diskutierten Dogmen usw.
Hier muss auch vom ›Seinsgrad‹ des Signifiés die Rede sein. Üblicherweise setzen wir auf die Seite des Signifiés ein sprachliches Abstraktum (die Seele, die Sünde, die Ehre, die Minne). Als wie ›real‹ diese Dinge eingeschätzt werden, ist ein Problem der mentalitätsgeschichtlichen Rekonstruktion, aber auch dessen, was man linguistisch als ›real‹ bezeichnen will. Der Universalienstreit lässt grüßen! Selbstverständlich wir man nicht naiv sagen wollen, das Signifant sei handfest real, das Signifié dagegen ›nur‹ eine psychische Größe. Aber man kann diese beiden Sphären unterscheiden, das genügt für die Analyse von Allegorien vollkommen. (Auch ein Ritter des 12. Jhs. wird wohl unterschieden haben, ob er ein Wesen aus Fleisch und Blut umarmt oder die ›Minne‹ hochschätzt. Jedenfalls Walther v.d.Vw. scheint den Unterschied zu kennen.)
Können Allegorien eine kognitive Leistung erbringen? Was vermögen sie zu postulieren, was wir nicht schon wissen?
Allegorien haben eine Tendenz zum Verklausulierten; der Betrachter wird in die Rolle des Rätssellösenden versetzt, das ist ein eigener ästhetischer Reiz im Gegensatz zum Angemutet-Werden.
Allegorien sind nicht einfach ›Einkleidungen‹ eines Signifikans, das ausgepackt werden könnte wie ein Geschenk am Geburtstag. Interessant ist das Hin-und-Her zwischen den Ebenen, sind die Unbestimmtheitsstellen, die leichten Verschiebungen und Unstimmigkeiten (bei denen man oft nicht weiss, ob sie absichtlich komponiert wurden oder aufgrund einer gewissen Schalmpigkeit dort stehen...) .
Es ist schwierig abzuklären, warum es Epochen gibt, in denen viele allegorische Werke entstanden sind (Spätantike, Spätmittelalter, Renaissance, Barock, vgl. die Wiederentdeckung zur Zeit des Expressionismus), und andere Epochen, die die Allegorie perhorreszieren (mittelhochdeutsche ›Klassik‹; ›Klassik‹ um 1800).
Es gilt, nicht durcheinanderzuwerfen:
P.Michel – letztes Update 31. Juli 2015 – 560