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in einem Tag aufgenommen
starker Bass
Pistolenschüsse als Knalleffekte
Paul wird auf über 1 Mio. Dollar verklagt
«Another Day» im Streit mit John Lennon
die Versionen
Rezeption und Statistik
«Ich wollte unseren Klang», erklärt Paul McCartney. «Ich wollte den Amateur-Approach, etwas selber zu machen und daran weiterzuarbeiten.» Nach der Trennung der Beatles suchte jedes der Mitglieder seinen eigenen Klang und wollte dabei so wenig wie möglich wie die ehemalige Band klingen. Sowohl John Lennon auf «Plastic Ono Band» und «Imagine» als auch George Harrison auf «All Things Must Pass» versteckten sich hinter der Wall of Sound von Produzent Phil Spector. Paul hingegen produzierte seine Songs auch gleich selbst. Dabei war allen klar, dass es in Pauls Fall nicht der handgestrickte Charme von «McCartney», seinem im April 1970 erschienenen Debüt als Solokünstler sein kann. Ein halbes Jahr nachdem die Veröffentlichung von «McCartney» auch das Ende der Beatles besiegelt hatte, reiste Paul im Herbst 1970 mit seiner amerikanischen Frau Linda in die USA, um deren Familie zu besuchen und um in New York neue Songs aufzunehmen. Im Fall von «Another Day» begann er aber nicht bei null.
in einem Tag aufgenommen
Paul brachte den Song mit in die «Get Back»-Sessions der Beatles Anfang 1969. Am 9. Januar 1969 nahm er im Twickenham Studio den unfertigen Song zum ersten Mal auf, am Klavier mit einem Dreivierteltakt. Die ersten beiden Strophen hatte er bereits geschrieben. Am 25. Januar arbeiteten er und Ringo Starr am Song, Paul spielte akustische Gitarre und Ringo das Schlagzeug, danach verfolgte Paul den Song nicht weiter, weder in den weiteren Aufnahmen der Beatles noch zu den Aufnahmen zu «McCartney». Erst am 12. Oktober 1970 nahm Paul mit seiner Studioband in den New Yorker CBS Studios «Another Day» auf. Die Band bestand aus Paul und Linda McCartney, dem Schlagzeuger Denny Seiwell und dem Gitarristen Dave Spinozza, der aus terminlichen Gründen nur für die ersten Tage der Aufnahmesessions verfügbar war. An seiner Stelle wurde danach Hugh McCracken verpflichtet.
Die Aufnahmen waren gut organsiert, um 9 Uhr traf man sich im Studio, Paul, Linda und die Kinder waren schon anwesend, danach wurde bis 17 Uhr gearbeitet. Denny Seiwell erinnert sich: «Paul kam jeden Tag mit etwas frischem ins Studio (…) Er band sich die Gitarre um oder setzte sich ans Klavier uns spielte uns den Song vor und sang die Melodie. So lernten wir diese und begannen danach mit den Aufnahmen. Wir spielten pro Tag einen Song ein.»
Paul mit Tochter Mary auf dem Arm und Linda bei ihrer Rückkehr aus den USA am 25. März 1971. – Bild: AFP; Getty Images
In «Another Day» beschreibt Paul das Leben einer gewöhnlichen Frau aus der Mittelklasse, die nach einem weiteren One Night Stand frustriert ein Bad nimmt, eine Tasse Kaffee trinkt, zur Arbeit geht, im Büro einen Haufen Papierkram erledigt und dabei von der grossen Liebe träumt. Bis es soweit ist, wird es bloss ein weiterer Tag sein. Denny Seiwell beschreibt den Song mit den Worten: «Es ist, als ob Eleanor Rigby nach New York gekommen wäre», da er dieselbe alltägliche Routine und Melancholie von Durchschnittsmenschen beschreibe.
Die Musik nimmt die melancholische Grundstimmung auf, der Mittelteil, im Dreivierteltakt, ist in e-Moll. David Spinozzas Slide Gitarre nimmt die Worte sad und crying auf. Paul spielt die akkustische Gitarre, Denny Seiwell das Schlagzeug. Als zusätzliche Perkussion benützte er das Telefonbuch von Manhattan. Die meisten Gesangsspuren stammen von Paul, Linda steuerte den Harmoniegesang bei. Er gehört zu besten gesanglichen Leistungen von Linda auf Pauls Alben – weil sie bei den Aufnahmen noch unbeschwert singen konnte, weil die unverdient schlechten Kritiken noch nicht eingesetzt hatten. Im Unterschied zu «Eleanor Rigby» nimmt die Musik im Mittelteil die Hoffnung auf bessere Zeiten auf, sie hat einen leichten spanischen Touch. Das musikalische Fundament des Songs bildet Pauls Bass.
starker Bass
«Another Day» fällt durch seinen stark in den Vordergrund abgemischten Bass auf. Auf der Originalaufnahme von 1971 sind der Bass, Paul Gesang und Dave Spinozzas Gitarre die prägenden Teile. Toningenieur Dixon van Winkle erinnert sich in der «Archive-Collection»-Ausgabe von «RAM», dass die Anlage im CBS Studio etwas bass-lahm gewesen sei, weshalb er den Bass stärker betont hatte. Paul und er mussten für das Abmischen des Songs gar das Studio wechseln. Als es um die Auswahl der Single ging, überliess Paul Dixon van Winkle die Auswahl. Er entschied sich für «Another Day». Der Song wurde rasch abgemischt und 100 Promotionsexemplare der Single gepresst und an verschiedene Radiostationen verschickt. Anderentags kam Tony May, der zweite Toningenieur, ins Studio und erzählte, er hätte «Another Day» am Radio gehört wäre über den starken, fast rückkoppelnden Bass erschrocken. Für einen Remix war es zu spät gewesen.
Dixon van Winkle bedauert bis heute die zu starke Abmischung des Bass. Doch Paul, der beim Mischen dabei gewesen war, hat sich nie zu dem vermeintlichen Fehler geäussert. Wohl, weil Paul selber noch auf der Suche nach seinem Sound war und die Aufnahme so gewollt hatte. Aus heutiger Sicht klingt diese Anekdote von 1970 amüsant, denn mit der Disco-Welle Mitte der 70er-Jahre und dann mit dem Techno in den 90er-Jahren und den fetten Hiphop-Beats unserer Tage ist man sich an starke Bässe gewöhnt.
Pistolenschüsse als Knalleffekte
Die B-Seite «Oh Woman, Oh Why?» wurde am 3. November, ebenfalls in den New Yorker CBS Studios, aufgenommen. Unterdessen hatte Hugh McCracken Dave Spinozza abgelöst. War Spinozza eher im Jazz zuhause, war McCracken Bluesgitarrist und hatte schon mit B.B. King gespielt. Sein erdig bluesiges Gitarrenspiel bildet über Seiwells präzisem Schlagzeug und Pauls Bassteppich die musikalische Basis von «Oh Woman, Oh Why?» und konterkariert Pauls verzweifelte Schreie. McCartney gibt einmal mehr den Shouter à la «Oh! Darling» oder «Maybe I’m Amazed».
Paul schiesst am 3. November 1970 während den Aufnahmen zu «Oh Woman Oh Why?» mit einer Knallpistole, um den gewünschten Drum- bzw. Knalleffekt zu erzielen.
– Foto: Linda McCartney
Auch hier harmonieren der Text und die Musik miteinander, die Verzweiflung der Erzählers ist greifbar: «Oh woman, oh why? What have I done? Oh woman, where did you get that gun?» Als besonderen musikalischen Effekt feuert Paul nach der Zeile mit der Waffe einen Schuss mit einer Knallpistole ab. Ob er jemand umgebracht hat, vielleicht gar die Frau, von der die Rede ist, oder ob er nach einem Suizid singt, erschliesst sich nicht aus dem Text. Paul singt davon, dass er versucht hat, einen Bann zu brechen, ihm aber die Hände gebunden wären und fragt, weshalb er die Frau nicht dazu gebracht habe, es selber zu versuchen. Er sagt auch, dass er es satt habe, betrogen zu werden. Und dann folgt die Zeile «But I get up every morning and every day», also dasselbe Grundmotiv wie in «Another Day», das tägliche sich aufraffen. Gut möglich, dass dies der Grund ist, weshalb «Oh Woman, Oh Why?» als B-Seite gewählt wurde.
Paul wird auf über 1 Mio. Dollar verklagt
«Another Day» war der erste Song, den Paul mit der Co-Autorenschaft von Paul und Linda McCartney veröffentlichte, auf dem Plattenlabel stand Mr. and Mrs. McCartney, weshalb Sir Lew Grade, der Inhaber von ATV Music dagegen klagte. ATV Music hatte im September 1969 die Rechte an Northern Songs Ltd., dem Musikverlag der Beatles, gekauft. Als sich die Beatles 1970 trennten, waren John und Paul vertraglich an Northern Songs und ihre eigene Firma Apple gebunden. Der Kontrakt galt bis 1973. Lew Grade betrachtete die Co-Autorenschaft von Paul und Linda McCartney als juristischen Trick, damit Paul mehr Tantiemen erhalten würde. Nach englischen Recht erhielt damals Linda die Hälfte der Autoren-Einnahmen, bevor der Verlag, einen roten Penny am Song verdiente. Nach Grades Ansicht spielte es keine Rolle, ob die Songs auf einem Album der Beatles oder von Paul Solo veröffentlicht wurden. So verklagte er im Juli 1971 Paul und Linda McCartney auf 1 050 000 Dollar. Dieselben Probleme (ohne Prozess) hatte John Lennon, da er bei einigen seiner jüngsten Songs Yoko Ono als Co-Autorin angegeben hatte.
Paul und Linda McCartney im Oktober oder November 1970 gemeinsam am Klavier im CBS Studio in New York. ATV argumentierte vor Gericht, dass Linda als Fotografin nicht mit Paul Songs schreiben könne. Das Gericht entschied gegen ATV. – Bild aus dem Archive Collection Boxset von «RAM».
Der Fall kam im Juni 1972 vor Gericht. Der damalige Vorsitzende von Northern Songs, Jack Gill, sagte aus, dass Linda McCartney, die zuvor als Fotografin gearbeitet hatte, gar nicht in der Lage wäre, mit Paul McCartney Songs zu schreiben. Pauls Anwälte, angeführt von Lee Eastman, Pauls Schwiegervater, hielten dagegen, dass Paul Songs schreiben könne mit wem er wolle, unbeachtet der musikalischen Qualitäten der Person. Paul sagte aus, dass seine Frau ihm brauchbare Vorschläge für die Musik und den Text geliefert habe, weshalb sie auch als Co-Autorin aufgeführt werden sollte. Zumal Linda, nicht zuletzt als Reaktion auf die Klage auf Pauls Vorschlag hin selber mit dem Songwriting begann und «Seaside Woman» geschrieben hatte. Die Richter folgten Eastmans und McCartneys Argumentation und gaben Paul McCartney Recht.
Lew Grade liess die Klage fallen und einigte sich auf einen Vergleich mit Paul: Er konnte Linda als Co-Autorin aufführen. Seine Songs wurden aber sieben weitere Jahre, gemeinsam mit Pauls Musikverlag McCartney Music (heute MPL) herausgegeben. Und Paul stimmte zu, in einem einstündigen, noch zu produzierenden TV Special mitzuwirken, das 1973 unter dem Namen «James Paul McCartney» ausgestrahlt wurde. Paul schrieb Lew Grade nach der gewonnenen Gerichtsverhandlung noch einen persönlichen Brief und erklärte darin nochmals, dass finanzielle Aspekte keine Rolle gespielt hätten, als er Linda als Co-Autorin angegeben hatte. Bei «Oh Woman, Oh Why?» war und ist bis heute Paul als einziger Autor aufgeführt.
«Another Day» im Streit mit John Lennon
1971 stritten sich John Lennon und Paul McCartney auf ihren Alben. Paul griff John in «Too Many People» auf «RAM» an, und warf ihm vor, dass er den Leuten predigen würde, wie sie leben sollten, ohne sich selber daran zu halten. John konterte auf «Imagine» in «How Do You Sleep», dass er Pauls Musik für Muzak, seichte Fahrstuhlmusik, halte. In der zweiten Strophe singt John: «The only thing you done was yesterday/and since you’re gone you’re just another day.» Also sinngemäss, das einzige was du gemacht hast, ist «Yesterday» und seit du die Beatles verlassen hast, bist du nur noch ein anderer Tag. In den späten 70er-Jahre bereute John den Angriff, weil er genau wusste, dass er die Beatles als erster verlassen hatte und dies Paul nicht zum Vorwurf machen konnte. George Harrison hatte auf «How Do You Sleep» die Slidegitarre gespielt. Paul war versucht, einen Antwortsong mit dem Titel «Quite Well, Thank You» (Ganz gut, danke) zu schreiben. Er liess es aber bleiben und veröffentlichte auf «Wild Life» das als offenen Brief gehaltene «Dear Friend» als Friedensangebot.
Paul während den Aufnahmen zu «RAM». Dieses Foto ist als Abzug der Deluxe Version des Albums in der Achive Collection beigelegt.
die Versionen
Die Single «Another Day» erschien am 19. Februar 1971. Da Paul McCartney damals die Ansicht hatte, dass ein Song, der zuvor als Single erschien, nicht auf ein Album gehört, wurden auf dem Album «RAM», das am 17. Mai erschien, «Another Day» und «Oh Woman, Oh Why?» weggelassen. «Another Day» entwickelte sich über die Jahre zu einem der beliebtesten Songs von Paul. Er erschien erstmals 1978 auf «Wings Greatest» auf einer Langspielplatte und war 1987 auf allen Versionen «All The Best!» erhalten. Erschien die erste CD-Veröffentlichung des Albums «RAM» mit den gleichen Songs wie das Originalalbum, wurde «Oh Woman, Oh Why?» als Bonustrack von «Wild Life» geführt. 1993 wurde für die digital remasterte Version von «RAM» in der «Paul McCartney Collection» mit «Another Day» und «Oh Woman, Oh Why?» als Bonustracks ergänzt. «Another Day» war 2001 auf der Dokumentation «Wingspan – Hits And History».
«RAM» war 2012 vierte Veröffentlichung in der «Archive Collection», bei der alle Songs nach dem bestmöglichen Stand der Technik neu abgemischt werden. Beim 2012er-Remix von «Another Day» wurde gegenüber dem Original die Lautstärke der akustischen Gitarre angehoben, sodass sie noch immer im Hintergrund ist, aber nicht zu stark. Die Dominanz des Bass wurde beibehalten. Der Remix von «Oh Woman, Oh Why?» wirkt hingegen etwas gezähmt, wohl auch, weil Pauls Gesang weniger dominant ist als bei der Originalversion. Auf der Kompilation «Pure McCartney» (2016) wurde der 2012er-Remix von «Another Day» genommen.
Paul McCartney und Dave Spinozza im Oktober 1970 im CBS Studio in New York. Im Vordergrund unscharf Pauls Tochter Mary. – Foto: Linda McCartney.
«Oh Woman, Oh Why?» geriet schnell in Vergessenheit, wohl auch, weil der Song nie zu Pauls Live-Repertoire gehörte. Dies tat «Another Day» lange Zeit auch nicht, erstmals spielte Paul den Song 18. Februar 1993 beim Auftaktkonzert der «New World Tour» in Mailand, fiel aber bei den Herbstkonzerten in Europa, den USA und Lateinamerika aus dem Programm und wurde auch nicht für das Livealbum «Paul Is Live» berücksichtigt, obwohl «Another Day» im weltweit im Fernsehen übertragenen Konzert aus Charlotte im Juni noch im Set war. Erst 20 Jahre später, während der «Out There Tour» 2013, nahm Paul «Another Day» wieder ins Programm.
«Another Day» wurde 2004 auf dem Soundtrack des Film «50 First Dates» und 2009 von «The Lovely Bones» verwendet sowie ebenfalls 2009 in der Simpsons-Folge «Bart Gets a Z».
Wegen seines Grooves verwendete DJ Freelance Hellraiser «Oh Woman, Oh Why?» während seiner Pre-Concert-Show von Pauls «04 Summer Tour», die am 2. Juni 2004 im Letzigrund in Zürich Halt machte. Der Soundtrack der Pre-Concert-Show erschien auf 2005 auf dem Remix-Album «Twin Freaks», «Oh Woman, Oh Why?» wurde in der Mashup-Technik mit Elementen von «Venus And Mars», «Band On The Run» und dem Schlagzeug aus «Cosmically Conscious» remixed.
In England erschien die Single 1971 in einer schwarzen Singlehülle mit grünem Apple-Schriftzug. Die meisten übrigen Länder verwendeten ein Foto von Paul und Linda McCartney im Studio. Zum Record Store Day 2012 wurde die Single in einer limitierten Auflage von 2000 Stück im magentafarbenen norwegischen Cover neu aufgelegt.
Rezeption und Statistik
Scott Janovitz zählt auf allmusic.com «Another Day» zu den besten Songs in seinem Post-Beatles-Werk. Er bezeichnet insbesondere Lindas Harmoniegesang als ihren besten auf allen Aufnahmen mit Paul. Und das «Rolling Stone» führt in seiner 2017er-Liste der besten 40 Songs von Paul McCartney «Another Day» auf dem 9. Rang, Lindas klagenden Harmoniegesang lobend, der die beschriebene junge Frau zum Leben erwecken würde.
«Another Day» erreichte in Australien, Frankreich, Irland und Spanien die Spitze der Charts, in Grossbritannien gab es Platz 2 und den Billboard Hot 100 (USA) Platz 5. Holland und Norwegen vermeldeten Rang 3. Kanada und Italien schlossen mit je einem 4. Platz die Top-5-Resultate ab. Weitere Topten-Resultate gab es in der BRD und Japan mit Platz 6., in der Schweiz Platz 7 und Rang 10 in Österreich und Flandern. Im französischsprachigen Landesteil Belgiens, Wallonien, erreichte die Single Rang 16.
Das amerikanische Wochenmagazin für die Musikindustrie, Cashbox, (1942-1996) führte eine eigene Hitparade. Dort klassierte sich «Oh Woman, Oh Why?» auf dem 55. Rang.
Links zu den mit der Single korrelierten Aufnahmen:
RAM, Album, 1971
Wild Life, Album 1971
James Paul McCartney, TV Special, 1973
Der spätere Wings-Drummer Denny Seywell und Paul während den Aufnahmesessions im Herbst 1970 in den CBS Studios in New York. – Foto: Linda McCartney