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Die Religionswissenschaftlerin Yasmine Keles berichtet in ihrem Buch «Und dann wurde ich endlich jung. Eine Befreiungsgeschichte», das im Zytglogge-Verlag erschienen ist, von ihrer Kindheit und Jugend als Zeugin Jehovas.
Als Zeugin Jehovas im Wallis
Yasmine Keles wurde im Jahr 1977 geboren als Kind eines Zeugen-Jehovas-Ehepaars der zweiten Generation, das nach Naters ins Wallis zog, um dort für die Zeugen Jehovas werben zu können. Keles besucht das Gymnasium in Brig, obwohl dies in ihrem Zeugen-Jehovas-Umfeld kritisch gesehen wurde, weil der Mittelschulstoff den Glauben gefährden könnte. Dies durchaus zu Recht: Inspirationen aus der Gymnasialzeit werden in den folgenden Jahren zu Quellen kritischer Hinterfragung ihres Glaubens, die im Alter von 24 Jahren zum Austritt aus der Gemeinschaft führt.
Regeln und Kompromisse
Sehr illustrativ berichtet Yasmine Keles von den Konflikten, in welche sie als Schülerin durch die Regeln der Zeugen Jehovas kam, und wie sie diese oft recht kreativ zu ihren Gunsten auslegte, so z.B. im Zusammenhang mit dem Schulgebet: «In jedem Schulzimmer hing ein grosses Holzkreuz an der Wand. Der Morgen begann jeweils mit einem Gebet, zu dem wir alle aufstehen mussten. Ich stand auch immer auf, sah aber nicht zum Kreuz hin, wie die anderen, und brummelte auch nicht das Gebet mit. Ich starrte jeden Morgen strikt auf die Wandtafel und hoffte, der Moment möge bald zu Ende sein.» (s. 40f.)
Ähnlich anpassungsfähig zeigte sich Keles im Fall eines unwiderstehlichen Geburtstagskuchens: «Das erste Mal, als ein Kind in der Schule seinen Geburtstag feierte, stand ich vor einem echten Problem. Marco hatte einen Kuchen mitgebracht, den er in der Pause von der Lehrerin anschneiden lassen und mit allen Kindern teilen durfte. Mama hatte mir zwar erlaubt, von dem Geburtstagskuchen zu essen, aber ich hatte nicht daran gedacht, dass die Kinder davor ein Geburtstagslied singen würden. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich musste ein Stück von diesem schönen, duftenden, mit Puderzucker bestreuten Zitronenkuchen haben, keine Frage. Aber ich durfte nicht mitsingen. Wie frech das wäre, nicht für Marco zu singen und dann doch von seinem Kuchen zu essen! Aber ich wollte doch auch Jehova auf keinen Fall kränken. Die Lösung meines Problems fiel mir genau in dem Moment ein, als die Klasse ‹Zum Geburtstag viel Glück› anstimmte: Ich sang nicht mit, bewegte aber meine Lippen so, als würde ich singen. Ich genoss das Stück Zitronenkuchen und bat Gott zur Sicherheit am Abend vor dem Schlafen trotzdem noch rasch um Vergebung.» (s. 42f).
Gegenseitige Überwachung
Die Mitglieder der Zeugen Jehovas werden motiviert, Regelverstösse von Glaubensgeschwistern bei den Ältesten der Versammlung zur Kenntnis zu bringen. Dies erlebt auch Yasmine Keles, als sie sich von einer «weltlichen» Freundin dazu überreden lässt, kurz deren Blauring-Marktstand zu hüten, damit die Freundin mal aufs WC gehen kann. Dabei wird sie von einer Mitzeugin ertappt, die Yasmines Mutter informiert und die Sache einem Ältesten zur Kenntnis bringt, welcher dann Yasmine zum Einzelgespräch in die Garderobe des Königreichssaals bittet. Dort verteidigt er die Anzeige der Zeugin: «Sie will doch nur, dass du ins Paradies kommst.» (s. 60).
Frust im Predigtdienst
Beim wöchentlichen Predigtdienst an Haus- und Wohnungstüren macht auch Yasmine Keles mit, insbesondere nachdem sie im Alter von 17 Jahren die Taufe empfangen hat und damit als Mitglied der Zeugen Jehovas gilt. Die Erfolge sind aber bescheiden: «Sehr selten kam es vor, dass man eine Person fand, die tatsächlich interessiert an der Wahrheit war. Diese wurde dann wöchentlich aufgesucht, wir nannten diese Besuche ‹Heimbibelstudien›, mit dem Ziel, dass die Person mit der Zeit auch an der Versammlung teilnehmen würde. In all den Jahren, die meine Eltern bereits im Wallis dienten, hatten wir das als Versammlung nicht mal bei einem halben Dutzend Menschen erreicht. Diese Zahl beelendete mich, wenn ich an die Tausenden von Stunden dachte, die wir hierfür jahrelang aufgewendet hatten. Aber darum ging es ja nicht. Es ging darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu Jehova zu bekennen. Das war unsere Aufgabe, nicht, sie zu retten.» (s. 149)
Fazit
Yasmine Keles beschreibt ihre Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas sehr authentisch und illustrativ, oft mit Augenzwinkern und ohne die Dramatisierung, wie sie in manch anderem Ehemaligen-Bericht entgegentritt. Wer sich für das konkrete Leben in einer umstrittenen Gemeinschaft in der Schweiz Ende des 20. Jahrhunderts interessiert, dem kann Keles’ Buch sehr empfohlen werden.
Georg O. Schmid, 29. November 2021