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Gegenwärtig übertrifft
Berlin an Zahl seiner
TheaterWien beträchtlich; doch dient die Mehrzahl dieser Nebenbühnen einem
niedern
Genre, der Operette, der Gesangsposse, dem Ausstattungsstück, wohl gar
Specialitäten.
Stätten einer ernsten Kunst
sind von den neuen Gründungen in
Wien das Deutsche
[* 6]
Volkstheater und das
Raimund-Theater, in
Berlin das Deutsche Theater
und das Lessing-Theater; an ihnen allen hat die Schauspielkunst mehr und mehr der naturalistischen Seite sich zugeneigt.
Die Schwäche unserer
Bühnen ist das Ensemble, das eine konsequente überlegene Leitung voraussetzt. Musteraufführungen,
wie man sie z. B. in
München
[* 7] aus hervorragenden Kräften verschiedener
Bühnen zusammengebracht hat, werden
in dieser Hinsicht sogar besonders mangelhaft sein. Die Neigung zum Virtuosentum beherrscht unsere Schauspieler so, daß
viele hervorragende
Männer, wie der elegante Virtuos der Detailmalerei, Fr.
Haase, der glänzende
Bonvivant Mitterwurzer, der
feurige Naturalist
Kainz u. a. lange Zeit überhaupt keiner
Bühne fest angehörten, sondern herumgastierten.
Das lehrreiche und fördernde
Muster eines vortrefflichen Ensembles, sorgfältiger und liebevoller Einstudierung
und
Ausstattung gewährten lange die (1890 ausgegebenen) Gesamtgastspiele des herzoglichen meining. Hoftheaters; auch das
Ensemble des
Münchener königl.
Theaters am Gärtnerplatz, dessen
Specialität dialektische Volksstücke sind, ist in
Berlin,
Leipzig
[* 8] und andern
Städten erfolgreich aufgetreten. Die sociale Wertschätzung des Schauspielerstandes läßt
nichts mehr zu wünschen übrig; für seine materiellen und Standesinteressen wirkt die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger.
Ob eine
Hebung
[* 9] der künstlerischen Leistungen durch Theaterschulen, wie sie z. B. in
Wien existieren, zu erreichen ist, macht
die Erfahrung mindestes zweifelhaft.
Mit der schnellen Zunahme der
Bühnen, mit ihrer wachsenden
Freiheit, hat die dramatische Produktion in
unserm Jahrhundert nicht gleichen Schritt gehalten (s.
Deutsche Litteratur). Der größere Bedarf hat in erster Linie die
Massenfabrikation minderwertiger, aber gewinnbringender Eintagsfliegen veranlaßt. Seitdem den dramat.
Dichtern durch die
Tantième auch ein materieller Lohn gesichert ist (seit 1845), über den seit 1871 die
Deutsche Genossenschaft
dramat.
Autoren und
Komponisten im Interesse der
Autoren genaue
Kontrolle übt, ist ein theatralischer Erfolg
kein nur ideeller Gewinn mehr.
Trotzdem ist die Zahl der bessern bühnenfähigen
Dramen schon seit Jahrzehnten erschreckend gering. Die übliche Klage über
die
Gleichgültigkeit des Publikums erklärt nichts, da dasselbe Publikum noch heute seinen
Schiller und
Goethe, seinen
Lessing und
Shakespeare dankbar hört, da es sich für Experimente wie die Aufführung des zweiten
Teils des
«Faust» lebhaft
interessiert und sich z. B. für
Kleist und Grillparzer immer mehr erwärmt. Auch die vielen Preisausschreiben für Schau-
und
Lustspiele, der Schillerpreis, der ernsten
Dramen zu teil wird u. s. w., haben nicht viel geholfen.
So wird ein großer
Teil des Repertoires unserer
Bühnen aus fremden
Litteraturen bestritten, von jeher vorzugsweise aus der
französischen: es werden Scribe und Dumas,
Augier,
Sardou, Pailleron u. a. aufgeführt, eine nicht immer den deutschen
Sitten
und
Anschauungen entsprechende und zuträgliche Kost;
Stücken, die auf den stehenden
Bühnen nicht unterkommen, bieten neuerdings in
Berlin die
FreienBühnen (s. d.) eine Zuflucht, zumal denen der modernsten Naturalisten.
Luthers 400jähriger
Geburtstag hat verschiedene Festspiele gezeitigt (von Devrient, Herrig, Trümpelmann u. a.),
die unter Beteiligung zahlreicher Dilettanten an verschiedenen Orten aufgeführt worden sind; derartige
histor. oder religiöse Festspiele wurden auch an andern Orten, besonders in
Jena
[* 10] und Worms
[* 11] durch Dilettanten zur Aufführung
gebracht. Reste aus vergangener Zeit sind die religiösen
Spiele in Oberammergau,
Brixlegg u. s. w., die Volksschauspiele der
Schweiz;
[* 12] auch die
Schulkomödie ist mit
Recht als
Mittel geistiger
Übung und Anregung vielfach beibehalten
worden.
Über dasStatistische des gegenwärtigen s. Deutsches Theater
Deutschland
[* 13] und
Deutsches Reich (Theaterwesen, S. 158).
Vgl. Das
Drama des Mittelalters, hg. von Froning, und Das
Drama der klassischen
Periode, hg. von Hauffen (beide in Kürschners
«Deutscher Nationallitteratur»);
Prutz, Vorlesungen über die Geschichte des Deutsches Theater (Berl.
1847);
Ed. Devrient, Geschichte der deutschen Schauspielkunst (5 Bde.,
Lpz. 1848-74);
Genée,Lehr- und Wanderjahre des deutschen Schauspiels (Berl. 1882);
Prölß, Geschichte des neueren
Dramas,
Bd. 3 (Lpz. 1883).
1) Die Einigung der einzelnen
Stämme zum deutschen
Volk. Innerhalb der westgerman. Gruppe der german.
Völker (s.
Germanen) bildet das seit nunmehr anderthalb Jahrtausenden eine besondere ethnische Einheit. Die westgerman.
Stämme zerfielen um 500 n. Chr. in zwei Hauptgruppen, in die Anglofriesen auf
der einen und in die
Deutschen auf der andern Seite. Diese
Einteilung erschließen wir aus sprachlichenGründen.
Bewußt ist sie den Westgermanen nicht gewesen.
Erst nachdem um 600 die Übersiedelung der
Angelsachsen nach Britannien abgeschlossen war, war durch die geogr. Zusammengehörigkeit
der festländischen Westgermanen ihr polit. näherer Zusammenschluß für die Folge gegeben. Allein die Friesen in dem
Marschlande
der Nordseeküste, die den
Deutschen ferner standen und dieselbe Mundart sprachen wie ihre angelsächs.
Brüder, haben sich durch ihre abgeschlossene
Lage
(Moore trennten das Land von
Deutschland) von den festländischen Westgermanen
ferngehalten und sind zum
Teil bis auf die Gegenwart den
Deutschen nur bedingt zuzuzählen. Auch die
Sachsen
[* 14] nahmen ursprünglich
eine gesonderte
Stellung ein. Ein
Teil¶
mehr
von ihnen hatte den Angelsachsen, als diese noch in Schleswig-Holstein
[* 16] saßen, zugehört, und noch heute stehen die Niedersachsen,
zumal die Küstenbewohner, den Engländern in gewisser Beziehung näher als den Hochdeutschen. Nach der Auswanderung der Angelsachsen
bildeten die festländischen Sachsen mit den ihnen unterworfenen fränk. und thüring. Grenzstämmen ein besonderes
Volk für sich, mit eigenen staatlichen Einrichtungen. Erst ihre polit. und religiöse Unterjochung durch
Karl d. Gr. führte sie seit 797 dem deutschen (damals fränk.)
Staatsverbande zu. Die andern deutschen Stämme, Franken und Hessen
[* 17] einerseits, Thüringer, Alemannen, Bayern
[* 18] und Langobarden
andererseits, hatten sich von Hause aus näher gestanden, aber doch auch besondere staatliche Verbände
für sich gebildet und fühlten sich als selbständige Völker.
Auf der fränk. Eroberungslust und der organisatorischen Fähigkeit Karls d. Gr. beruht die polit. Einigung Deutschlands.
[* 19] Die
Hessen hatten sich schon seit alters den Franken politisch angeschlossen. Die Alamannen wurden zum Teil 496, endgültig 536 unterworfen,
die Thüringer 531, die Bayern 788, die Langobarden 774 und 787. Die Friesen mußten sich zwar auch unterwerfen,
bewahrten aber eine unabhängigere Stellung als die deutschen Stämme. Auch die gar nicht zu den Westgermanen gehörenden Burgunden
an der Rhône, die 534 unterworfen wurden, würden voraussichtlich im Laufe der Zeit zu Deutschen geworden sein, wenn
sie nicht, wie die Langobarden in Italien,
[* 20] bald romanisiert worden wären.
Karl d. Gr. schmiedete das Frankenreich durch die Verfassung fest zusammen, indem er die fränk. Verwaltung über sein ganzes
Reich ausdehnte. Wenn auch die einzelnen deutschen Stämme ihre Eigenart bewahrten, so einte sie doch alle ein polit. Band,
[* 21] und erst jetzt, zumal nach der polit. Abtrennung des roman. Frankreich (843 und 870), konnte sich ein
deutsch-nationales Bewußtsein herausbilden (das Wort «deutsch» kommt zum erstenmal Ende
des 8. Jahrh. vor, der Volksname «Deutsche»
im 9. Jahrh., wird jedoch noch bis ins 13. Jahrh. selten gebraucht).
In diesem Sinne darf man sagen, daß ein erst seit Karl d. Gr. besteht, also seit ungefähr 1100 Jahren.
Nur mittels der Sprachgeschichte kann man für die vorhergehenden Jahrhunderte in den nachmals deutschen Stämmen der Germanen
schon Deutsche erkennen.
Die alten deutschen Stämme nebst ihren Unterstämmen bestehen innerhalb der Grenzen,
[* 22] die etwa seit dem Ende
des 6. Jahrh. ihre Gebiete abschlossen, bis auf den heutigen Tag fort (s. die Karte der Deutschen Mundarten).
[* 23] Noch heute ist
das schwäb., bayr., niedersächs. Stammesbewußtsein lebendig.
Wesentlich ist für die Überbrückung der Stammesgegensätze die kolonisatorische Fähigkeit der Franken gewesen. Die Alamannen
hatten bis 496 das ganze westl. Maingebiet und den mittlern Rhein nördlich
bis etwa zur Mosel besessen. In diesem Gebiet nördlich des Neckar siedelten sich seit 496 Franken an, die dem Lande den Namen
gaben. Es entstand so durch Mischung der sitzen gebliebenen Alamannen mit den fränk. Kolonisten der neue deutsche Stamm der
Rheinfranken.
Ebenso erwuchs aus den im obern Maingebiet neben den einheimischen Thüringern ansässigen Franken der
neue Stamm der Ostfranken. Fränk. Dörfer wurden im alamann. Elsaß gegründet. Karl d. Gr. legte im Sachsenlande fränk. Kolonien
an und siedelte große Scharen von Sachsen innerhalb des fränk. Gebietes
an. Sachsen hatten sich schon 531 in den thüring.
Landesteilen zwischen Elbe und Unstrut niedergelassen. Nachmals, im 13. Jahrh., mischten sich östlich
der Saale bis zur Oder Ostfranken und Thüringer, in der Mark Brandenburg, in Hinterpommern, in West- und Ostpreußen
[* 24] Niederfranken
und Niedersachsen. Franken haben am Rhein und am Main, an der Elbe und östlich der Saale und Elbe die Deutschen
zusammengekittet.
Die Stammesunterschiede bestanden indes seit Karl d. Gr. nicht nur fort, sondern verschärften sich in den folgenden Jahrhunderten.
Jeder Stamm bildete noch bis ins 13. Jahrh. ein besonderes Herzogtum, und die Kreiseinteilung
Maximilians (1495) trug wenigstens zum Teil noch den Stammesgrenzen Rechnung. Aber die Stämme fühlten sich jetzt nicht nur
als Franken, Bayern u. s. w., sondern auch als Deutsche. Das Bewußtsein der nationalen Einheit ist wohl später durch die polit.
Ereignisse gehemmt und gestört worden, aber nicht wieder verloren gegangen, wenn es auch erst durch die Gründung des neuen
DeutschenReichs seine wirkliche Vollendung erfahren hat. Die religiöse Einigung des wurde ebenfalls
durch Karl d. Gr. vollzogen, der die Sachsen zwangsweise zum Christentum bekehrte. Aufgehoben wurde sie erst wieder durch die
Folgen der Reformation. In anderer Hinsicht hat die geistige Einheit des in Frage gestanden, als es galt, eine einheitliche,
über den Mundarten stehende deutsche Gemeinsprache zu erringen. (S. Deutsche Sprache, I, 2.) Damals haben
sich die Niederfranken Belgiens und der Niederlande
[* 25] und die Niedersachsen östlich von dem Zuidersee von dem dadurch getrennt,
daß sie, gestützt auf eine eigene bedeutende litterar. Vergangenheit, nicht die deutsche Schriftsprache angenommen haben:
sie fühlten sich fortan nur als Niederländer, nicht mehr als Deutsche. Für die andern deutschen Stämme
aber bedeutet die zum Teil unter schweren geistigen Kämpfen errungene Spracheinigung in hervorragendem Sinne eine nationale
Einigung.
Das alte Deutsche Reich hatte seit dem 9. Jahrh. im Westen die Romanen an der obern Maas und Mosel mit umfaßt, Slawen im Südosten,
in Böhmen
[* 26] und Mähren und nachmals östlich von der Saale und Elbe und an der Oder; dazu zeitweise die
savoyischen und nordital. Romanen. Die polit. Lostrennung der roman. Landesteile kann nur als ein nationaler Gewinn
angesehen werden. Aber eine Einbuße erlitt das durch den Verlust der Niederlande (1581) und der deutschen
Schweiz (1495), den der Westfälische Friede 1648 bestätigt hat, durch den Verlust des in seiner nördl. Hälfte deutschen
Belgiens 1797 (bestätigt 1815) und das Ausscheiden (1866) des in seinen Hauptteilen deutsch redenden Österreichs aus dem
polit. Verbande des Elsaß und Deutsch-Lothringen wurden 1871 wieder gewonnen.
Vgl. Wachsmuth, Geschichte deutscher Nationalität (2 Bde., Braunschw.
1860);
J. ^[Julius] Tietz, Die geschichtliche Entwicklung des Deutschen Nationalbewußtseins (Hannov. 1880);
K. Lamprecht, Geschichte
des deutschen Nationalbewußtseins (in seiner «Deutschen Geschichte», Bd. 1, Berl.
1891);
Schultheiß, Geschichte des deutschen Nationalgefühls (Bd. 1,
Münch. und Lpz. 1893).