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Überdurchschnittliches BIP pro Kopf
Zunächst richtet sich der Analysefokus auf die drei zentralen volkswirtschaftlichen Indikatoren Bruttoinlandprodukt (BIP), Erwerbstätige und Bevölkerung. Im Bassin Lémanique werden rund 15% des nationalen BIP erwirtschaftet. Bei den Erwerbstätigen und der Bevölkerung liegen die Anteile am landesweiten Total leicht unter 15%. Daraus lässt sich ableiten, dass sowohl das BIP pro Kopf als auch die Arbeitsproduktivität im Bassin Lémanique leicht über dem Schweizer Durchschnitt liegen (siehe Tabelle 1). Diesem positiven Befund steht die Wachstumsdynamik des BIP gegenüber, welche im Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2007 mit 1,2% nicht ganz mit dem landesweiten Wachstum von 1,4% mithalten konnte (vgl. Grafik 1). Der Grund dafür liegt in der Rezession zu Beginn der Neunzigerjahre, von welcher die Wirtschaft des Bassin Lémanique überdurchschnittlich stark betroffen war. Im Anschluss an die Rezession fasste die Wirtschaft allerdings zügig wieder Tritt; das BIP-Wachstum lag zwischen 1997 und 2007 leicht über dem Schweizer Mittel. Die Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen folgte zu Beginn der Neunzigerjahre zeitverzögert dem Muster des BIP. Durch die Rezession gingen Stellen verloren – im Bassin Lémanique prozentual mehr als in der Schweiz. Ab Ende der Neunzigerjahre entwickelte sich der Arbeitsmarkt des Bassin Lémanique jedoch deutlich überdurchschnittlich. Während die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz zwischen 1997 und 2007 um 1,1% anstieg, wurde im selben Zeitraum im Bassin Lémanique ein Wachstum von 1,4% erzielt. Interessantes offenbart auch der Blick auf die Demografie. In den Neunzigerjahren stiegen die Bevölkerungszahlen zunächst im Gleichschritt zur Schweiz an (vgl. Grafik 2). Seit dem Ende der Neunzigerjahre hat sich das Wachstum deutlich vom nationalen Trend entkoppelt. Die Wachstumsraten des BIP, der Erwerbstätigen und der Bevölkerung zeigen, dass im Bassin Lémanique am Ende der Neunzigerjahre ein Wandel stattgefunden hat, der eine deutliche Beschleunigung des Wachstumsrhythmus eingeleitet und das Bassin Lémanique im Vergleich zur Schweiz auf einen dynamischeren Expansionspfad geführt hat.
Dienstleistungssektor als Dreh- und Angelpunkt
Die folgende Auseinandersetzung mit der regionalen Branchenstruktur dient der Vertiefung der Analyse des volkswirtschaftlichen Charakters und der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Bassin Lémanique. Dabei sticht zunächst ins Auge, dass das Branchenportefeuille des Bassin Lémanique eindeutig vom Dienstleistungssektor dominiert wird (vgl. Grafik 3). Das anteilsmässig bedeutendste Branchenaggregat ist der öffentliche Sektor, welcher sowohl die öffentliche Verwaltung als auch das Gesundheitswesen und die Schulen umfasst. Ebenfalls von zentraler Bedeutung sind der Finanzsektor sowie der Handel. Zusammen generieren diese drei Branchenaggregate rund 50% der regionalen Wertschöpfung. Eng verbunden mit der absoluten Grösse der einzelnen Branchen und für die Prägung des volkswirtschaftlichen Charakters einer Region letztlich entscheidend, ist der branchenseitige Spezialisierungsgrad, welcher sich aus der Differenz zwischen dem regionalen und nationalen Branchenanteil an der Gesamtwirtschaft ableiten lässt.
Finanzzentrum, Uhrenhochburg und Eldorado für Firmenhauptsitze
Die Analyse des branchenseitigen Spezialisierungsgrades verdeutlicht die ausgeprägte Fokussierung des Bassin Lémanique auf den tertiären Sektor. Insbesondere der Finanzsektor, der Handel und die unternehmensbezogenen Dienstleistungen sind im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt stärker vertreten. Der Überhang in diesen Branchen widerspiegelt die Position des Bassin Lémanique als global bedeutender Finanzplatz und wichtige Drehscheibe im Warenhandel. Er ist ferner ein Beleg für die Attraktivität der Achse Genf-Lausanne-Vevey/Montreux für Hauptsitze oder sonstige zentrale Dienste internationaler Grosskonzerne wie beispielsweise Nestlé, Phillip Morris oder Procter&Gamble (multinationale Organisationen – wie die UNO oder das IKRK – werden aus dieser Diskussion bewusst ausgeklammert; vgl.
Kasten 2
Die Erwerbstätigen der in Genf ansässigen multinationalen Organisationen (UNO, IKRK, WTO usw.) werden in den offiziellen Statistiken des Bundesamts für Statistik (BFS) in der Noga-Kategorie «Extraterritoriale Organisationen und Körperschaften» erfasst. Da diese Organisationen definitionsgemäss nicht zum Schweizer Wirtschaftsgebiet zählen, existiert für die von ihnen erbrachte Wertschöpfung keine offizielle Schätzung. Aus diesem Grund finden auch die Erwerbstätigen dieser Noga-Kategorie keinen Eingang in die Berechnungen von BAK Basel Economics.Gemäss BFS beschäftigten die multinationalen Organisationen im Kanton Genf im Jahr 2005 mehr als 23000 Personen. Dies entspricht einem Anteil von rund 8,7% der gesamten kantonalen Erwerbstätigen. Da es sich dabei grösstenteils um hoch qualifizierte Arbeitskräfte mit hohen Löhnen handelt, erhält der Wirtschaftsstandort Bassin Lémanique aus der Präsenz der multinationalen Organisationen erhebliche positive Impulse.). Seine Gravitationswirkung verdankt das Bassin Lémanique einem umfangreichen Strauss günstiger Standortfaktoren. Dazu zählen die im internationalen Vergleich niedrige Steuerbelastung, die Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Arbeitskräften, die Nähe zu Spitzenuniversitäten und Forschungsinstituten, die hohe Lebensqualität, die hervorragende Erreichbarkeit und das bestehende Netzwerk von global agierenden politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern. Das Bild der dienstleistungsorientierten Region wird durch die überdurchschnittliche Präsenz der Uhrenindustrie ergänzt. Dies begründet sich anhand der Stadt Genf und deren Status als globale Uhrenhauptstadt. Hierfür spielt die lokale Uhrenfabrikation zwar eine wichtige Rolle; entscheidender – auch für die Schweizer Volkswirtschaft – ist jedoch die Funktion der Rhonestadt als Schaufenster helvetischer Uhrmacherkunst für eine zahlungskräftige internationale Klientel. Von besonderer Bedeutung für die exportorientierte Uhrenbranche – und gleichzeitig wichtige Triebfeder der lokalen Handelsbranche – ist zudem die Funktion Genfs als Brückenkopf zu den ausländischen Märkten. Mehr als 36% der landesweiten Uhrenexporte werden über Genf abgewickelt. Dies widerspiegelt sich auch in der Exportstruktur des Bassin Lémanique, welche deutlich vom Uhrenaussenhandel dominiert wird. Neben dem besonderen Status Genfs sind aber auch die zahlreichen Manufakturen von Luxusuhren im Waadtländer Jura – hauptsächlich im Vallée de Joux (Audemars Piguet, Bréguet, Jaeger-LeCoultre) – ein zentraler Grund für den überdurchschnittlichen Anteil der Uhrenindustrie am gesamtwirtschaftlichen Output des Bassin Lémanique.
Finanzsektor mit Wachstumsrückstand im Vergleich zur Schweiz
Neben der Branchenstruktur bildet die Wachstumsperformance der Branchen ein entscheidendes Element der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit einer Region. Zudem kann anhand der branchenspezifischen Wachstumsdifferenzen zur nationalen Ebene eruiert werden, weshalb die gesamtwirtschaftliche Wachstumsperformance des Bassin Lémanique zwischen 1990 und 2007 leicht unterdurchschnittlich war. Das Ranking der Branchenwachstumsraten für die Jahre 1990 bis 2007 (vgl. Grafik 4) zeigt, dass die Wachstumschampions im Bassin Lémanique aus dem sekundären Sektor stammen: Chemie/Pharma (+9,0%) und die Uhrenindustrie (+5,4%). Im Anschluss folgen – hinsichtlich der Wachstumsdynamik mit einigem Abstand – der Finanzsektor und die Verkehrs- und Kommunikationsbranche. Der Vergleich mit dem Branchenwachstum auf nationaler Ebene zeigt, dass sowohl Chemie/Pharma als auch die Uhrenindustrie im Bassin Lémanique wesentlich besser abschnitten (Wachstumsdifferenzen von +1,8 und +2,2 Prozentpunkten), während insbesondere für den Finanzsektor und die Nachrichten- und Verkehrsbranche das Gegenteil zutrifft (Wachstumsdifferenzen von -0,5 und -0,4 Prozentpunkten). Aufgrund der hohen Bedeutung des Finanzsektors für den Wirtschaftsstandort Bassin Lémanique liegt in dessen unterdurchschnittlichem Wachstum zwischen 1990 und 2007 ein wesentlicher Grund für den gesamtwirtschaftlichen Wachstums-Lag gegenüber der Schweiz.
BIP pro Kopf zeigt gute Positionierung im internationalen Vergleich
Die vorangegangene Analyse lieferte zahlreiche Informationen über die Branchenstruktur des Bassin Lémanique und dessen Positionierung gegenüber der Schweiz. Zur adäquaten Beurteilung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Bassin Lémanique wird der Fächer weiter geöffnet und der Performancevergleich auf eine breitere Basis gestellt. Zu diesem Zweck wird ein Set von internationalen Vergleichsregionen ausgewählt, welche hinsichtlich Branchenstruktur ähnlich aufgestellt sind wie das Bassin Lémanique und sich daher bestens für einen Performancevergleich eignen. Der Vergleich des BIP pro Kopf zeigt, dass das Bassin Lémanique gut positioniert ist und in einer Auswahl von prosperierenden europäischen Regionen einen Platz im Mittelfeld belegt (vgl. Grafik 5). Das Bassin Lémanique rangiert dabei einerseits eindeutig vor der Schweiz, andererseits auch vor anderen dynamischen Regionen wie der Lombardei (Milano) und der dänisch-schwedischen Grenzregion Öresund. Das Niveau der Finanzzentren London, Zürich und Brüssel wird allerdings nicht erreicht. Im Gegensatz zum Niveau der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit schneidet das Bassin Lémanique beim Vergleich der langfristigen Wachstumsdynamik (1990-2006) schlechter ab und befindet sich am unteren Ende einer Regionengruppe, welche sich im Betrachtungszeitraum mit Wachstumsraten zwischen 1% und 1,5% nur auf einem moderaten Expansionspfad befanden. Somit fiel die Dynamik im Bassin Lémanique nicht nur bedeutend schwächer aus als in den Finanzzentren London und Brüssel, sondern auch deutlich bescheidener als im westeuropäischen Durchschnitt.
Pulsierender Metropolitanraum Genf-Lausanne-Vevey/Montreux
Anhand von BIP- und Bevölkerungsdaten auf Gemeindeebene wird die Regionalanalyse um eine Dimension erweitert und damit abgerundet. Obwohl praktisch alle Subregionen des Bassin Lémanique dynamische Gemeinden mit durchschnittlichen BIP-Wachstumsraten über die letzten gut 15 Jahre von deutlich über 2% aufweisen, kommt die Funktion des Metropolitanraums Genf-Lausanne-Vevey/Montreux als regionaler Wachstumspol deutlich zum Vorschein (vgl. Grafik 6). Dabei zeigt sich, dass die Wachstumsimpulse nicht von den Kerngemeinden der drei Agglomerationen Genf, Lausanne und Vevey/Montreux, sondern von den sie umgebenden Agglomerationsgemeinden kommen. Im Fall von Genf begründet sich dies unter anderem mit der Immobilienknappheit und den hohen Mietpreisen in der Kerngemeinde, welche viele wertschöpfungsintensive Dienstleister zum Umzug in die Agglomerationsgemeinden bewegt haben. Weitere wachstumsstarke Subregionen ausserhalb des Metropolitanraums sind das Vallée de Joux und Teile des Waadtländer Mittellandes zwischen Lausanne und Yverdon. Im Gegenzug verdeutlichen die hellen Flecken auf der Karte, dass auch die Gemeinden, in denen das reale BIP zwischen 1990 und 2007 schrumpfte, breit gestreut sind. Als wachstumsschwächste Subregionen des Bassin Lémanique können weite Teile des Jurabogens, der Alpen sowie des an den Kanton Fribourg angrenzenden Bezirks Broye identifiziert werden. Grundsätzlich widerspiegeln sich in diesen schwachen Performancedaten die strukturellen Defizite von Randregionen. Die negative Entwicklung im Gros der Gemeinden der Waadtländer Alpen deckt sich zudem mit den seit 1990 anhaltend rückläufigen Übernachtungszahlen in der Hotellerie, was auf Strukturdefizite in der Tourismusbranche zurückzuführen ist. Die Wachstumsschwäche zahlreicher Agglomerationsgemeinden begründet sich dagegen eher mit deren Status als Wohn- und Auspendlergemeinden. Bei der Diskussion über kommunale Wachstumsdisparitäten darf allerdings die hohe gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Gemeinden nicht vergessen gehen. Denn was würden die Uhrenhersteller aus dem Vallée de Joux ohne den Exporthub Genf machen? Und woher würden die Edelboutiquen in Genf ihre Luxusuhren beziehen? Die Analyse des Bevölkerungswachstums auf Gemeindeebene zeigt die Dynamik in den Agglomerationen Genf und Lausanne sowie die eher unterdurchschnittliche Entwicklung in den jeweiligen Kerngemeinden (vgl. Grafik 7). Ein im regionalen Vergleich unterdurchschnittliches und teilweise sogar negatives Bevölkerungswachstum weisen ferner die peripheren Subregionen sowohl des Juras, der Alpen als auch des Mittellandes (Bezirk Broye) aus.
Wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit
Die verschiedenen Analysestränge porträtieren das Bassin Lémanique als facettenreichen und wohlhabenden Wirtschaftsstandort. Während der Metropolitanraum Genf-Lausanne-Vevey/Montreux das wirtschaftliche Nervenzentrum des Bassin Lémanique bildet, leisten die verschiedenen übrigen Subregionen dank ihrer branchenseitigen Spezialisierungen einen bedeutenden Beitrag zur Prägung des volkswirtschaftlichen Charakters dieser Region. Aufgrund zahlreicher vorteilhafter Standortfaktoren, des relativ dynamischen Bevölkerungswachstums und der diversifizierten Palette innovativer Wirtschaftsbranchen expandierte die Wirtschaft des Bassin Lémanique in jüngster Vergangenheit deutlich kräftiger als auf nationaler Ebene. Vor diesem Hintergrund sind die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Bassin Lémanique und damit auch dessen Entwicklungsperspektiven positiv zu bewerten.
Grafik 1 «Entwicklung des realen Bruttoinlandprodukts und der Erwerbstätigen des Bassin Lémanique,1990-2007»
Grafik 2 «Entwicklung der Bevölkerung und des Volkseinkommens des Bassin Lémanique, 1990-2007»
Grafik 3 «Regionale Branchenstruktur des Bassin Lémanique, 2007»
Grafik 4 «Regionales Branchenwachstum im Bassin Lémanique, 1990-2007»
Grafik 5 «Bassin Lémanique im Vergleich mit europäischen Regionen»
Grafik 6 «Reales BIP-Wachstum im Bassin Lémanique nach Gemeinden, 1990-2007»
Grafik 7 «Bevölkerungswachstum im Bassin Lémanique, 1990-2006»
Tabelle 1 «Bassin Lémanique – Kennzahlen 2007»
Kasten 1: Online-Datenportal
Die wichtigsten Grundlagedaten des vorliegenden Artikels sind auf der Homepage von BAK Basel Economics visualisiert aufbereitet ( www.bakbasel.com ).
Kasten 2: Erwerbstätige in multinationalen Organisationen
Die Erwerbstätigen der in Genf ansässigen multinationalen Organisationen (UNO, IKRK, WTO usw.) werden in den offiziellen Statistiken des Bundesamts für Statistik (BFS) in der Noga-Kategorie «Extraterritoriale Organisationen und Körperschaften» erfasst. Da diese Organisationen definitionsgemäss nicht zum Schweizer Wirtschaftsgebiet zählen, existiert für die von ihnen erbrachte Wertschöpfung keine offizielle Schätzung. Aus diesem Grund finden auch die Erwerbstätigen dieser Noga-Kategorie keinen Eingang in die Berechnungen von BAK Basel Economics.Gemäss BFS beschäftigten die multinationalen Organisationen im Kanton Genf im Jahr 2005 mehr als 23000 Personen. Dies entspricht einem Anteil von rund 8,7% der gesamten kantonalen Erwerbstätigen. Da es sich dabei grösstenteils um hoch qualifizierte Arbeitskräfte mit hohen Löhnen handelt, erhält der Wirtschaftsstandort Bassin Lémanique aus der Präsenz der multinationalen Organisationen erhebliche positive Impulse.