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Wolfgang Beltracchi gilt als einer der berühmtesten Kunstfälscher der Welt. Als Fälscher bezeichnet sich der Deutsche dennoch nicht.
Wolfgang und Helene Beltracchi erlangten 2010 im Rahmen des bisher grössten Kunstfälscher-Prozesses des 21. Jahrhunderts zwielichtigen Weltruhm. Zusammen mit einem Helfer verkauften sie seit 1991 – seit sie ein Paar sind – «erfundene» Gemälde. Wolfgang Beltracchi malte und verkaufte da schon mehr als 15 Jahre lang «Gemälde, die es hätte geben können», niemals Kopien existierender Werke.
Die Witwe von Max Ernst hielt den Max-Ernst-Beltracchi «La Forêt» für eines der schönsten Werke ihres Mannes. Auch der Kunsthistoriker und Gutachter Werner Spies bestätigte das Gemälde als echten Max Ernst und ein New Yorker Verleger bezahlte sieben Millionen Dollar dafür. Neben Max Ernst hat Wolfgang Beltracchi 50 Maler, vor allem der klassischen Moderne, «nachempfunden». Nachgewiesen wurden ihm 14 Fälschungen, ermittelt wurde zu 55.
Bereitwillige Erzähler
Wie Wolfgang und Helene Beltracchi – die für die Verkäufe zuständig war – vorgegangen sind, ist gut dokumentiert (unter anderem in dieser Doku oder diesem Interview). Das liegt daran, dass das Paar, seit dem Urteil und erst recht seit sie ihre Strafen (unter anderem Verurteilung zu sechs Jahren Gefängnis) verbüsst haben, bereitwillig erzählt.
«Der Meisterfälscher» wurde so sehr zur Unique Selling Proposition der beiden, dass Wolfgang Beltracchi mittlerweile eine Fernsehsendung mit dem Titel hostet – mit Gästen wie Harald Schmidt oder Gloria von Thurn und Taxis.
Während der Art Basel stellt Wolfgang Beltracchi im Hotel Ramada Plaza aus und inszeniert sich auf dem Messeplatz unter jungen Männern mit Beltracchi-Masken, Beltracchi-Perücken und T-Shirts mit der Aufschrift «I’m not the real Beltracchi». Das erinnert an die Guy Fawkes-Masken bei Occupy oder dem Hackerkollektiv Anonymous.
Insbesondere, da nach der Pappteller-Aktion 2014 und dem Polizeieinsatz bei der Kawamata-Favela Gruppen auf dem Messeplatz immer den Ruch von Widerstand tragen. Aber ausser dem französischen Kamerateam, das die Beltracchis begleitet, interessiert sich niemand dafür.
Stattdessen konnte ich vor einem Nicht-Max-Ernst mit dem Ehepaar und dem Galeristen Curtis Briggs über Wahrhaftigkeit sprechen.
Wie Sie Ihr Leben in der Öffentlichkeit gestalten, wirkt auf mich wie die Beltracchi-Performance zur Beltracchi-Geschichte. Ihre Geschichte ist eine schöne Geschichte – und Sie haben sie oft erzählt.
Wolfgang Beltracchi: Wir erzählen sie jetzt schon ein paar Jahre lang. Es ist unsere Überlebensstrategie.
Helene Beltracchi: Sie geht auch weiter. Das Repetieren ist auf Dauer langweilig.
WB: Man kann ja auch nicht dauernd die gleichen Bilder malen.
Im Film «Beltracchi – die Kunst der Fälschung» von 2014 sagen Sie, Sie wollen mindestens 15’000 für das eine Bild. Jetzt seh ich hier Preise von über 50’000.
WB: Das liegt an der Nachfrage.
HB: Aber es liegt auch daran, dass uns die Leute langsam verstehen. Unsere Geschichte ist nicht nur eine schöne Erzählung. Wir thematisieren so, dass sich viel zu viele Leute vorschreiben lassen, was Kunst ist. Darüber wollen wir auch am Abend vom Avenue-Salon hier in Basel sprechen.
WB: In der Kunstwelt gibt es Erklärer, die den normalen Menschen vermitteln wollen, was Kunst ist. So funktioniert das Kunst-System.
Ändert sich das nicht? Kenneth Goldsmith, ein Konzeptliterat, schreibt «If you’re not making art with the intention of having it copied, you’re not really making art for the twenty-first century.» Copy and Paste kann auch Grundlage für künstlerische Auseinandersetzung sein.
WB: Am Festival «phil.Cologne» sprach ich mit dem Germanisten Christoph Menke über die Kraft der Kunst. Der Professor sagt, dass die eigentliche Kraft der Kunst aus dem Unterbewussten komme und nicht aus der Repetition. Wiederholung lehne ich ab. Heutzutage ist der Kunstmarkt auf Wiederholung ausgerichtet. Jeder malt auf Wiedererkennbarkeit hin.
Wer einen Dreh gefunden hat, bleibt bei ihm.
WB: Der Galerist sagt: «Das gibt es noch nicht. Das kannst du jetzt 30 Jahre lang machen.» Das ist der Tod von Kreativität. Die Kraft der Kunst hat mit Veränderung zu tun und Veränderung findet nur noch in Randbereichen statt: In Formen, die von der Leinwand weggehen, und im Internet.
Die Werke der klassischen Moderne sind um die 100 Jahre alt. Betreiben Sie nicht auch Repetition?
WB: Meine Werke hat es vor 100 Jahren ja nicht gegeben. In meinem Leben gibt es einen Schlüsselmoment, als ich gemerkt habe, dass ich mich in andere Künstler hineinversetzen kann. Da war ich vielleicht zwölf und sah im Rijksmuseum in Amsterdam ein Bild von Hendrick Avercamp, ein Maler um 1600. Der malte Winterlandschaften mit Leuten, die Schlittschuh laufen. Eisvergnügen. Man nannte ihn «den Stummen von Kampen», da er taubstumm war. Wie das für den wohl war? Er konnte ja nicht mal das Kratzen der Kufen auf dem Eis hören. Er konnte sich nur malend ausdrücken. Über Avercamp ist wenig bekannt und so hab ich mir seine Bilder angeschaut. Die haben mir viel über ihn erzählt. Ich habe dann früh meinen ersten Avercamp gemalt. Also, einen falsch signierten.
Kann man Ihren kreativen Prozess als Meditation oder Hommage betrachten?
HB: Nein!
WB: Nein, nein. Meine Bilder entstehen jetzt und heute. Ich versuche immer das beste aus der Handschrift eines anderen Malers rauszuziehen. Heute kann ich auch verschiedene Handschriften kombinieren und so entsteht eine neue Kunstform, ein neues Genre. Wir nennen das «Free Method Painting». Ich male aber auch Bilder komplett in meiner eigenen Handschrift. Für meine Sammler macht das keinen Unterschied.
Wolfgang und Helene Beltracchi, guter Dinge. (Bild: Hania El Houry)
Das heisst, Ihr Dreh ist die Fälscher-Story.
WB: Ich habe ja nie Bilder gefälscht…
Galerist Curtis Briggs kommt dazu: «Es sind Nachempfindungen!»
Eben habe ich von Hommagen und Meditationen gesprochen und das war nicht recht.
WB: Ich meditiere viel.
Aber das Nachfühlen scheint schon Ihr Kernantrieb zu sein.
WB: Die Auseinandersetzung ist für mich wie eine Zeitreise. Ich will mich in Maler hineinbewegen. Während dem Studium habe ich Bilder gekauft, restauriert und wieder verkauft. So habe ich gelernt, mit Bildern umzugehen. Und wenn mich einer interessiert, lese ich auch alles, was ich kriegen kann. Dabei verdichtet sich das Bild des Menschen. Dann male ich den – oder auch nicht, manchmal höre ich an diesem Punkt auf. Das Malen ist immer der letzte Schritt. Manchmal dauert das Malen nur einen Tag, aber wen ich so aufgesogen hab, kann ich jederzeit malen.
Sehen Sie sich auch als eine Art Kulturwissenschaftler?
WB: Das ist die andere Seite. Ich brauche Wissen über die Zeit, in der ein Maler gewirkt hat. Wenn ich nichts weiss, entsteht kein Bild. Oder nur ein falsches. Was war politisch los? Tobte der 30-jährige Krieg – oder was? Gabs was zu essen? Erst wenn ich das weiss, nehme ich den Pinsel in die Hand.
Und dieses Vorgehen hat sich gar nicht verändert seit Sie nicht mehr im Verborgenen arbeiten?
WB: Das verändert sich nie. Das einzige, was sich verändert, ist, dass ich inzwischen so viele Maler «habe», mit denen ich in die Vergangenheit reisen kann.
Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie tragen 50 Persönlichkeiten in sich?
WB: Ich bin sicher eine gespaltene Persönlichkeit. Aber durch meine Kunst kann ichs ausleben. Sonst wäre ich schon in einer Klapse.
So lange Sie die Persönlichkeiten sortieren können, geht es ja.
WB: Ich vermische aber auch Handschriften. Ich vermisch auch die Zeiten. «Was wäre passiert, wenn die zusammen gemalt hätten?» – diese Frage treibt mich oft an.
Bei wem zum Beispiel?
Raoul Dufy und Maurice de Vlaminck. Dufy war aus Südfrankreich und Vlaminck war niemals in Südfrankreich. Mein Bild haben sie 1905 gemalt – hätten sie 1905 gemalt. Dufy hat das Sujet um 1925 gemalt. In der Zeit dazwischen hat sich bei den Schiffen was verändert, aber vor allem hatten die beiden komplett verschiedene Stile. Dufy war eher langsam, eine flächige Untermalung und darüber eine skizzenhafte Zeichnung. Er war sehr präzise, obwohl es nicht immer so aussieht. Vlaminck ging wilder ran und malte schneller. Dufy war zudem Linkshänder. Das ist aber was, das ich nicht mehr so beachte. Früher musste ich das noch, weil man die Linkshänder erkennt.
«Port de Toulon – Deux Fauves à Toulon»: Beltracchis Vision einer Zusammenarbeit von Raoul Dufy und Maurice de Vlaminck.
Vor Ihrer Verhaftung mussten Sie Ihre Urheberschaft verbergen, jetzt unterschreiben Sie Ihre Werke mit Ihrem Namen. Bedeutet Ihnen das Reklamieren von Urheberschaft etwas?
WB: Mir ist nur wichtig, dass mir das Kunstwerk, das ich schaffe, was bedeutet. Ich reklamiere überhaupt nichts. Manchmal male ich auch Bilder, bei denen ein Galerist sagen würde: «Mal doch mal fünf Stück in dem Stil.»
Curtis Briggs: «Das ist schon vorgekommen.»
WB: Vielleicht male ich einen zweiten Versuch, um einzelne Aspekte zu verbessern, aber danach weiss ich: Das kann man nicht mehr verbessern. Dann male ich was völlig anderes. Meine Sammler kaufen Bilder in meiner Handschrift und solche, die aus fünf verschiedenen Handschriften bestehen. Da machen die keinen Unterschied. Für mich ist da auch kein Unterschied. Die Malerei benutzt immer, was schon da war. Manchmal nimmt sie neue Impulse auf, da sie auf eine neue Lebenswelt reagiert. Das geschieht aber nur sehr selten.
Diese Impulse kommen aus dem Betrachten der Welt?
WB: Die kommen aus dem, was man heute sieht.
Vorhin haben Sie gesagt, das Internet sei eher ein Randbereich…
WB: Für mich auf jeden Fall. Das ist gruselig. Auf Facebook gibt es Leute, die sich als Beltracchi ausgeben.
Not the real Beltracchi.
WB: Das kotzt mich an. Das ist doch gemein.
HB: Es gibt da so viele falsche Beltracchis, dass es völlig gleichgültig ist.
Man kann Urheberschaft als Herrschaftsinstrument betrachten, das im Internet zerschlagen werden kann. Von Kommunikationsguerilla bis Urban Art kämpfen Leute online gegen das Original und die Struktur dahinter.
WB: Das stimmt wohl, aber ich verfolge Urban Art seit vielen Jahren und bedauere, dass diese Bilder in Galerien kamen und auf Leinwände gespannt wurden. Die brauchen das Wetter, die brauchen den Verfall.
Was ist mit den Herren in den Hawaii-Hemden, die alle eine Maske mit dem Abbild Ihres Gesichts tragen? War das jetzt eine Fotosession? Angekündigt war eine Performance.
WB: Es ist eine Provokation. Dass ich mich ausgerechnet vor die Art Basel stelle. Und auch noch viele von mir.
Curtis Briggs: Auf den T-Shirts der Maskenträger steht: «I’m not the real Beltracchi». Wolfgang Beltracchi besitzt die Fähigkeit sich in die Maler der Vergangenheit hineinzuversetzen. Wolfgang ist viele – darin ist Wolfgang einzigartig.
WB: Viele behaupten, ich könne nur klassische Moderne, aber eigentlich bin ich mit den Altmeistern aufgewachsen. Schon vor der Verhaftung wollte ich mich mit der Renaissance auseinandersetzen. Ich bereite eine grosse Wanderausstellung vor, ab 2018 – das ist eine europäische Geschichte – zusammen mit einem Fotografen: Mit Bildern in der Handschrift von Caravaggio, Boticelli, Vermeer. Das ganze fängt aber mit Fresken an, so um die Zeit von Pompeji – oder vor Pompeji. 1500 Jahre Kulturgeschichte.
Die neue Staffel der Beltracchi-Geschichte ist das Prequel der bisherigen.
WB: Vor der Erzählung der Geschichte steht viel Arbeit.