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In Büchners „Woyzeck“ herrscht Chaos und Ordnung zugleich. Die Figuren verkörpern ein enges System rund um einen armen Soldaten und Gelegenheitsarbeiter auf der untersten Gesellschaftsstufe. Sie alle sind Gefangene ihrer Selbst, unfähig sich gegen das System aufzulehnen. Dabei scheint der von allen ausgenutzte Woyzeck nicht der einzige zu sein, der nach und nach wahnsinnig wird.
Der echte Woyzeck
Woyzeck gab es wirklich. Büchners Dramenfragment basiert auf dem Kriminalfall des Johann Christian Woyzeck, der 1821 seine Geliebte ersticht und daraufhin öffentlich hingerichtet wird. Das psychische Gutachten bestätigt, dass er als zurechnungsfähig gelten kann, weshalb er zum Tode verurteilt wird. Büchner beschäftigt sich über längere Zeit mit diesem Fall. In seinem Dramenstück wird Woyzeck als Person, mit all seinen Ängsten, Hoffnungen und Abgründen thematisiert.
Eine Geschichte in Bruchstücken
Büchners „Woyzeck“ ist eine Materialsammlung, die das Leben eines Menschen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Es ist nicht eine unvollendete Geschichte, bei der lediglich der Schluss fehlt. Nicht einmal die Reihenfolge der Textfragmente ist mit Sicherheit festzulegen, was dem Stück viel Raum für Interpretationen gibt. Auffallend dabei ist, dass nirgends Woyzecks Tod vorkommt. Ob Büchner diesen noch hätte schreiben wollen, ist unklar. Das offene Ende wirft viele Fragen auf.
Die Welt als Sperrholzkiste
Die Inszenierung nach dem Konzept von Robert Wilson hält sich an die von Büchners Theaterstück vorgegebenen Textpassagen. Die Interpretation liegt vielmehr in der Art, wie das Gesagte gesagt wird, in der Rollenaufteilung und der Gestaltung der Bühne. Diese ist von Holzwänden umgeben und ansonsten leer. Die meisten Figuren verlassen während des Stücks nie die Bühne, die Enge des Systems wird damit gekonnt auf das Publikum übertragen. Auflockerung bringen Musikstücke von Tom Waits und Kathleen Brennan. Obwohl die englischen Liedtexte dem ansonsten in deutscher Originalsprache aufgeführten Theaterstück gegenüberstehen, ergänzen sie es doch. Durch die Musik wird eine weitere Facette der Menschen auf der Bühne dargestellt.
Demütigung und Sinnlosigkeit
Woyzeck (Diego Valsecchi) ist ein Getriebener, der von einem Job zum anderen hetzt, um seine Geliebte Marie (Anne Weinknecht) und ihr beider uneheliches Kind (Luke Gabaldon) zu versorgen. Dabei erfährt er keine Unterstützung: Er wird gedemütigt und ausgenutzt, nur um schlussendlich zu erfahren, dass Marie ihn betrügt. Und das mit einem Mann, der das genaue Gegenteil von Woyzeck darstellt: Der Tambourmajor (Sebastian Edtbauer) weiss, was er will. Und das nimmt er sich auch. Woyzeck hingegen ist hin- und hergerissen zwischen dem folgsamen Verrichten seiner Arbeit („Jawohl, Herr Hauptmann!“) und seinem Wunsch, aus dem System auszubrechen. Die ambivalenten Gefühle scheinen ihn nach und nach verrückt werden zu lassen.
Nichts Gutes im Menschen
Zum Anfang von Büchners „Woyzeck“ gibt es eine Person, die ein wenig verrückt scheint: Der Narr. Gespielt von Stefano Wenk, bringt er Heiterkeit in das Stück. Er singt und tanzt, bekleidet mit einer durchsichtigen Strumpfhose macht er sich regelrecht zum Affen. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr bricht aber das Chaos aus. Und zum Schluss scheint der Narr der Einzige zu sein, der noch einen klaren Gedanken fassen kann. Er ist es auch, der Woyzeck nach seinem Mord an Marie auf die Tatwaffe aufmerksam macht, die ihn verraten könnte. Und als sich Woyzeck in der Schlussszene mit Maries Blut zu waschen versucht, übernimmt er die Vaterrolle für dessen Kind. Zum Schluss stimmen die Figuren noch einmal das tragische Lied an, das unter die Haut geht und dessen Zeilen noch lange im Kopf nachhallen werden: „If we can say something about mankind – there’s nothing kind about man.“ Nach der Vorstellung wird das Blut nicht aufgewischt.
Info
«Woyzeck« wird nochmals am 31. Mai und 14. Juni 2013, jeweils um 19:30 Uhr im Stadttheater Bern aufgeführt.