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Abb. 2: Rasterkarte des Teilaspektes Wasser. Ein weisses Quadrat bedeutet den geringsten ökologischen Wert bezüglich der Wasserelemente, die stärkste Schwarzfärbung den höchsten.
Das Modell der Landschaftsidentität
Diese grundsätzlichen Überlegungen haben wir während unserer Arbeit zu einem Modell der Landschaftsidentität (Abb. 4) verdichtet. Unter Landschaftsidentität verstehen wir den proto- oder archetypischen Kern einer lebendigen Kulturlandschaft, welche natürliche und kulturelle Phänomene gleichermaßen beinhaltet. Jede von Menschen als einheitlich empfundene Gegend besitzt eine eigene Landschaftsidentität. Sie verfügt über ein Äußeres, nämlich Geländeformen, menschliche Bebauungen, Lebewesen, Erde, Wasser und Luft. Solche Aspekte lassen sich mit dem Begriff der Landschaftsökologie fassen. Weiter kann die Landschaftsidentität bestimmte Stimmungen vermitteln wie Gefühle, Atmosphärisches und Resonanzen (HUNZIKER und RÜEDE 1993). Sie weisen auf den besonderen Charakter einer Landschaft hin, den Landschaftscharakter.
Der Bereich der Landschaftsökologie läßt sich mit einem Bündel naturwissenschaftlicher Methoden untersuchen. In Witzwil haben wir eine strukturelle Lebensraumkartierung aufgrund von Luftbildanalysen und Geländebegehungen erarbeitet. Die dazu notwendigen Rahmenbedingungen stammen aus Bodenkarten und bestehenden Landschaftsinventaren (FREI und LACK 1994, Schweizerische Vogelwarte 1994). Diese Information wurde als Grundlage zum Aufbau eines Geographischen Informationssystems (GIS) verwendet.
Die Erforschung des Landschaftscharakters ist über eine flexible Kombination von sozialwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden möglich. Als Zielgruppe für diese Art von Untersuchungen eignet sich eine Expertengruppe (FALTER 1992), in der alle wesentlichen Interessen vertreten sind, die in einem Landschaftsraum vorkommen. Wir suchten die Expertinnen und Experten nach folgenden drei Kriterien aus, von denen mindestens eines erfüllt sein mußte:
In einer schriftlichen Umfrage haben wir die Expertengruppe (ca. 40 Personen) teilnehmen lassen und die Erkenntnisse in persönlichen Tiefeninterviews (LAMNEK 1989) mit sieben ausgewählten Experten weiter vertieft. Die Umfrage werteten wir mit Hilfe multivariater Statistik, die Interviews mittels Inhaltsanalyse aus.
Mit den zu Landschaftscharakter und -ökologie erhobenen Daten konnte eine normative sowie ökologische Bewertung des Landschaftsraumes erfolgen:
Während aller Datenerhebungs- und Verdichtungsprozesse blieb die übergeordnete Ebene der Landschaftsidentität stets gegenwärtig. Sie äußerte sich als Intuition, sozusagen als Filter für uns Planende, der den Blick auf Wesentliches einschränkte. Gleichzeitig ermöglichte die Intuition eine Abstimmung der einzelnen Arbeitsschritte aufeinander. Es fand eine laufend sich verdichtende Synthese der Daten und Werte statt, bis sich eine ganzheitliche Orientierungsgrundlage herauskristallisierte. Im konkreten Fall konnten wir aufgrund des Zusammenspiels von normativer und ökologischer Bewertung drei übergeordnete Aspekte des Landschaftscharakters mit den drei landschaftsökologischen Kategorien Wasser, Wiese und Wald verknüpfen (Tab. 3). Diese Kategorien fußen einerseits auf landschaftsökologischen Gegebenheiten, die implizit aus dem GIS hervorgehen. Andererseits beruhen sie zusammen mit den drei übergeordneten Aspekten des Landschaftscharakters auf einer Inhaltsanalyse der Interviewtexte.
Die übergeordneten Aspekte des Landschaftscharakters stehen für zentrale Eigenschaften der Landschaft, die von allen Experten spontan und widerspruchsfrei betont werden. In der Landschaft selbst werden diese Eigenschaften durch analoge Beziehungen unter den Landschaftselementen ausgedrückt. In unserem Beispiel wird das Gefühl von unendlicher Weite und Verbundenheit mit dem Rest der Welt durch die Kategorie Wasser ausgedrückt, also Kanälen, Weihern und Feuchtwiesen. Den Feuchtwiesen kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie auch die mit der Kategorie Wiese verbundene Wahrnehmung von Offenheit und Ausgesetztheit unterstützen. Sie betonen umgekehrt auch den verbindenden Aspekt des Wassers. Die Kategorie Wald schließlich, zu der wir auch Einzelbäume und Gebüschgruppen zählen, dient im "Großen Moos" der Strukturierung des offenen Geländes und schafft somit Übergänge.
Diese Art Auffassung von Landschaft erscheint auf den ersten Blick banal, stößt aber bei ortsansässigen Menschen auf großes Verständnis. Mit so begründeten Maßnahmen können sich alle identifizieren, da sich die Menschen in ihrer "seelischen Wirklichkeit" ernst genommen fühlen. Die rationale, an berufliche und politische Begründungen gebundene Perspektive tritt zugunsten einer gemeinsam zu leistenden Aufgabe in den Hintergrund. Eine so abgestützte Problemanalyse kann von allen Beteiligten nachvollzogen werden und den Handlungsbedarf anschaulich vergegenwärtigen. Die daraus resultierenden Maßnahmen sind für alle einleuchtend und verbindlich. Sie stellen Rahmenbedingungen für eine grobe Maßnahmenplanung mit Hilfe des GIS dar, die schließlich in relativ kurzer Zeit erstellt werden kann.
Mit dem Modell der Landschaftsidentität und der daraus abgeleiteten Vorgehensweise bei der Landschaftsplanung betreten wir in vielerlei Hinsicht Neuland. Ausschlaggebend für eine Bestätigung unseres Ansatzes sind deshalb vorerst der meßbare Erfolg, den unser Konzeptvorschlag in der untersuchten Region aufweisen kann, und die Übertragbarkeit auf andere Regionen. Letzteres ist im Rahmen unserer Arbeit nicht untersucht worden und harrt somit einer weitergehenden Überprüfung. Die eigentliche naturwissenschaftliche Erfolgskontrolle, die eine Umsetzung des Konzepts anhand von ökologischen Parametern - wie Artenvielfalt, Populationsgrößen usw. - überprüft, wird nach der Durchführung der Maßnahmen notwendig. Bisher beschränkten sich die Auswirkungen unseres Konzeptes auf soziale Prozesse, die wir im folgenden wiedergeben möchten.
Anläßlich der Vorstellung unserer Arbeit führten wir eine Expertenrunde durch, bei welcher Ökologen, Raumplaner und Landwirte gemeinsam unseren Ansatz diskutierten. Daraus entstand eine verbindliche Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten, die zur Ausarbeitung eines detaillierten Maßnahmenplans zur Verwirklichung des ökologischen Ausgleichs führte. Eine politische Entwicklung, die unabhängig von der geplanten Ökologisierung den wirtschaftlichen Spielraum des Staatsbetriebs verkleinerte, hat am Willen der Betriebsleitung, zukünftig 20% der Betriebsfläche nach vorwiegend naturschutzbiologischen Kriterien zu pflegen, nichts geändert. Witzwil übernimmt zudem eine Pionierrolle im geplanten Projekt "Biotopverbund Großes Moos", das eine überregionale Vernetzung der Naturstandorte im gesamten ehemaligen Moorland zum Ziel hat.