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Asien ist ein verschwommener Begriff, auch geographisch. Im Jargon der Politbetrachter wird indes der Grossraum Asien Pazifik (AP) als Ganzes verstanden und beschrieben. Er gliedert sich auf in Ostasien (China, Japan, Korea), Südostasien (ASEAN), das pazifische Asien (USA, Australien, Neuseeland, Melanesien, Polynesien), Südasien (der indische Subkontinent und seine Inseln) , Westasien (islamische Länder an der Nahtstelle zum Mittleren Osten) sowie Zentralasien (Russland, die Mongolei, die Stan-Staaten).
Verblüffende Kehrtwendung
Der Werbespruch “Malaysia, truly Asia” ist kein Zufall. Die zehn ASEAN-Staaten (Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, Philippinen, Brunei, Myanmar, Vietnam, Laos, Kambodscha) sehen sich selbst im Zentrum Asiens. Die grössten, mächtigsten und reichsten Länder liegen zwar anderswo, sie akzeptieren aber ausnahmslos eine gewisse asiatische Vorreiterrolle der ASEAN. Die im AP entstehenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen sind um den ASEAN-Kern gegliedert (ASEAN-Plus, East Asia Summit) oder schliessen diese zumindest mit ein (TPP Trans-Pacific Partnership, sowie RCEP, Regional Comprehensive Economic Partnership).
Noch vor ein paar Jahren wäre eine ASEAN-Präsidentschaft des international zu Recht geächteten burmesischen Militärregimes undenkbar gewesen. Nicht zuletzt unter dem Zwang dieser Perspektive hat Myanmar bekanntlich eine verblüffende Kehrtwende zu mehr Offenheit, Freiheit und Demokratie eingeleitet. Vieles hat dazu beigetragen, asiatische ‘gentle persuasion’ ausgeübt via die ASEAN war zweifellos ein Teil davon.
Religiöse Trennlinien
Das im vollen Umbruch befindliche Myanmar von heute illustriert aber auch drei der grossen Herausforderungen an die einzelnen ASEAN-Staaten, die ASEAN als Organisation, ja an den AP schlechthin. Die erste bildet die Behandlung von Minderheiten durch die jeweils Macht ausübende Mehrheiten, wobei entsprechende Trennlinien oft religiöser Natur sind.
Von der jüngsten der globalen Hauptreligionen, dem Islam ist man sich extremer Ausprägungen gewohnt. Auch in den beiden asiatischen Altreligionen Hinduismus und Buddhismus gab es immer schon extremistische Tendenzen. Drei Generationen der indischen Gründerfamilie Gandhi wurden von religiösen Eiferern und Nationalisten ermordet.
Buddhistische Exzesse
Die buddhistische Exzesse in Myanmar gegen die islamische Minderheit der Rohinga seit rund einem Jahr kamen indes auch für Experten relativ überraschend. Noch beunruhigender fiel die laue Reaktion des Zentralstaates - die Ordnungsmacht ist weiterhin fest in den Händen der Militärs - aus, wobei sich auch die neue und demokratischere Politikerkaste nationalistisch und populistisch und nicht national versöhnend gab und gibt. Dies sind schlechte Vorzeichen für weiterhin ausstehende Einigungen zwischen der burmesischen Mehrheit und den zahlreichen ethnischen Minderheiten auf dem Gebiet von Myanmar, welches schon immer Durchganspforte zwischen Ost- und Südasien, zwischen dem Pazifik und den indischen Ozean war und entsprechend heterogen zusammengesetzt ist.
Der gewaltige Wirtschaftsschub welcher in Myanmar nun in vollem Gange ist, birgt zweitens die Gefahr der raschen Verschärfung interner wirtschaftlicher Ungleichheiten in sich. Entscheidend wird sein, dass sich eine Mittelklasse bilden kann, welche wiederum Träger der für jede Demokratie unumgänglichen Bürgergesellschaft sein wird. Das Problem intern ungleicher Reichtumsverteilung grassiert kontinentweit. Dies unabhängig von Wirtschaftssytemen und Grösse der Länder, wie aktuelle Entwicklungen in China, Indonesien und Singapur zeigen.
Der chinesische Hegemon
Einen gewissen Ausgleich zu schaffen in den Reichtumsunterschieden auch zwischen seinen Mitgliedern stellt zudem die künftige Hauptaufgabe der ASEAN als Organisation dar. Als konfliktdämpfende Struktur hat sie sich bewährt; nicht ganz ungleich dem Prozess der europäischen Einigung muss nun eine bessere wirtschaftliche Kohäsion der Region erreicht werden. Von entsprechender Bereitschaft zu Ausgleichszahlungen und Migrationsbewegungen ist die ASEAN indes heute noch weit entfernt.
Die dritte Herausforderung stellt schliesslich eine vernünftige Regelung des Nachbarverhältnisses dar zum regionalen Hegemon China. Auch dies ist ein Problem praktisch aller Staaten im AP. Es wird durch die gegenwärtige nationalistische Politik der neuen chinesischen Führungsspitze - so im ostchinesischen und im südchinesischen Meer, aber auch an den zentralasaitischen Rändern des Reiches der Mitte (Uiguren, Tibeter) - keineswegs erleichert. Von Beijing und seinen westlichen Apologeten wird gerne ins Feld geführt, China sei nun eben daran, seine bis vor rund 200 Jahren unbestrittene Führungsrolle in Asien wieder einzunehmen. Dabei geht vergessen, dass Chinas Nachbarn im Gegensatz zu früheren Zeiten ein mit nationalstaatlicher Unabhängigkeit nicht zu vereinbarerender Vasallenstatus niemals mehr akzeptieren können und wollen.
Hypotheken in Ostasien
Heute ist Gemeingut, dass über Wohl und Weh der Welt im 21.Jahrhundert - und dies gilt auch und gerade für Europa - im AP entschieden wird. Ein allfälliger globaler Konflikt würde wohl von Ostasien ausgehen, wo im schlimmsten Falle unbereinigte Vergangenheit und insulare Ignoranz (Japan) sowie erstarkender Führungsanspruch und nationalistischer Hochmut (China)aufeinander prallen, und ein verheerendes Feuer anzünden könnten.
Die Welt wird also kaum von der ASEAN in Brand gesteckt werden. Sehr wohl wird sich indes in Südostasien zeigen, ob und wie der AP mit seinen Problemen und Herausforderungen zu Rande kommt. Myanmar nach seiner Wende ist in gewissem Sinne ein ‘clean slate’, ein noch nicht beschriebenes Blatt, wo Zeichen gesetzt werden, welche kontinentweite Bedeutung haben.