Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/1916

Wirtschaft
Die Geldpolitik der EZB
Der Zusammenschluss von elf Mitgliedsstaaten der EU zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Januar 1999 war ein singuläres Ereignis. Niemals zuvor haben souveräne Staaten ihre geldpolitische Kompetenz auf eine supranationale Institution übertragen. Zwischenzeitlich sind der Euro und die EZB fest etabliert. Die gemeinsame Währung wird seither zentralisiert vom so genannten Eurosystem durchgeführt und gilt seit Beginn 2014 für ca. 335 Millionen Menschen in 18 Mitgliedsstaaten der EU. Die ersten fünf Auflagen dieses Lehrbuchs erschienen in der Phase des sog. "Euro-Honeymoon", d. h. der Euro und die einheitliche Geldpolitik waren von starker Konvergenz der europäischen Finanzmärkte und dem faktischen Ausblenden nationaler Unterschiede in den Risikoprämien geprägt.
Die im Herbst 2008 ausgebrochene Banken- und Finanzmarktkrise sowie die Verschuldung in mehreren Euroländern stellten weltweit Politik und Zentralbanken vor große Herausforderungen. Die Zukunft der gemeinsamen Währung in ihrem bisherigen Zuschnitt wurde in Frage gestellt. Obwohl sich die Lage bis zum Beginn des Jahres 2014 - nicht zuletzt durch massive Zentralbankinterventionen - beruhigte, kann die Finanzkrise noch nicht als überwunden gelten. Das vorliegende aktualisierte und vollständig überarbeitete Werk geht ausführlich auf die Auswirkungen der Finanz-, der Wirtschafts- und der europäischen Staatsschuldenkrise auf die Geldpolitik der EZB ein und ist damit ein wichtiger Beitrag zum Verständnis dieser Krise. Die Grundstruktur des Buches wurde beibehalten. Dennoch wurde eine Vielzahl von Aktualisierungen, Änderungen und Ergänzungen vorgenommen, um den Entwicklungen seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise Rechnung zu tragen. Des Weiteren werden neue geldtheoretische und geldpolitische Erkenntnisse sowie die institutionellen Veränderungen des Eurosystems einbezogen. Auch Aspekte der Behavioral Economics werden berücksichtigt.
Im Anschluss an die in die themenrelevante Problemstellung einführende Einleitung gliedert sich das Buch in fünf Kapitel. Kapitel I gibt einen Überblick über die historische Entwicklung, ausgehend vom Werner-Plan bis hin zur politischen Praxis der Konvergenzprüfung. Angesichts der gravierenden Probleme im Gefolge der Immobilien-, Banken-, Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise(n) der letzten Jahre und den Verwerfungen in einzelnen Ländern wird auch die Frage nach dem zukünftigen Weg der Europäischen Währungsunion aufgeworfen. Kapitel II widmet sich dem institutionellen Rahmen, in dem die einheitliche Geldpolitik operiert. Zuerst wird der Frage nachgegangen, weshalb es überhaupt staatlicher Zentralbanken bedarf. Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen der Aufbau und die Aufgaben des Eurosystems sowie die Analyse des Unabhängigkeitsaspektes. Für die Frage der Erwartungsbildung entscheidende institutionelle Bedingungen werden vor allem auch im Vergleich zum US-amerikanischen Federal Reserve System herausgearbeitet.
Im Kapitel III wird die operative Umsetzung der Geldpolitik des Eurosystems umfassend thematisiert. Zunächst werden - vor dem Hintergrund der verschiedenen Ebenen der Geldpolitik - die geldpolitischen Strategien und deren Adäquanz für das Eurosystem diskutiert. Es erfolgt auch eine Analyse der vom Eurosystem eingeschlagenen Zwei-Säulen-Strategie vor dem Hintergrund für oder gegen die verschiedenen Alternativen und der spezifischen Bedingungen in der Europäischen Währungsunion. Danach werden die spezifischen Instrumente und Operationen der Geldpolitik sowie Fragen bzw. Regeln und Techniken der Geldmarktsteuerung behandelt. Im Kapitel IV wird der monetäre Transmissionsprozess untersucht. Hierbei geht es um die Frage, wie die geldpolitischen Impulse von einer Änderung der Notenbankzinsen zu den gesamtwirtschaftlichen Endzielen übertragen werden. Es werden auch Entwicklungen wie die "Sondermaßnahmen" der EZB erörtert, welche diese wegen der Beeinträchtigungen des monetären Transmissionsmechanismus infolge der jüngsten Krisen ergriffen hat. Das abschließende Kapitel V ist möglichen Störpotenzialen für die einheitliche Geldpolitik des Eurosystems gewidmet. In diesem Zusammenhang geht es vor allem um mögliche Wechselwirkungen zwischen Geld- und Finanzpolitik und beispielsweise um die Probleme unkoordinierter Geld- und Fiskalpolitiken, die letztlich in den Anreizen bestehen, sich der Staatsschuldenlast durch Inflationierung zu entledigen. Des Weiteren werden auch Interaktionen zwischen der in nationalen Händen verbleibenden Lohnpolitik und der Geldpolitik sowie zwischen der Geld- und Wechselkurspolitik thematisiert.
Vor ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit als Hochschullehrer waren alle drei Verfasser aktiv an der Geldpolitik der deutschen Bundesbank beteiligt, was zweifelsohne dazu beiträgt, dass dieses Buch einen ausgewogenen Mix aus theoretischen, empirischen und praxisbezogenen Elementen enthält. Dem Autorentrio ist es darüber hinaus bestens gelungen, die souveräne fachliche Darstellung der insgesamt doch recht komplexen Materie mit einer hervorragenden didaktisch-methodische Aufbereitung zu verbinden, z. B. mittels vieler eingestreuten Info-Boxen, Kapitelzusammenfassungen, Kontrollfragen deren Beantwortung online erfolgt sowie einem ausführlichen Glossar und weiterführenden Literaturhinweisen.
Fazit: das zwischenzeitlich zum Standardwerk avancierte Lehrbuch richtet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften und an Praktiker der Finanzwirtschaft sowie der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Es ist vor allem der konkrete Praxisbezug, der das Buch zu einem informativen Vademecum für alle macht, die sich für die Geldpolitik in Europa interessieren.