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Kultur
Die Reiter des Sturms auf Sturm
50 Jahre Sommer der Liebe: Im Januar vor 50 Jahren erschien das erste - selbstbetitelte Album der Doors, "The Doors". Darauf befinden sich solche Titel wie "Break On Through", "Backdoor Man", aber auch die 11-Minuten Beschwörung "The End" und natürlich der All-Time-Fav "Light My Fire". Grund genug einmal zurückzuschauen und zu sehen, unter welchen Umständen es eigentlich zustande kam. rezensionen.ch veröffentlicht aus diesem Grund zwei Rezensionen zu zwei Biographien von John Densmore und Ray Manzarak, den beiden Mitgliedern der Band, die das musikalische Rückgrat der Band bildeten.
Der Drummer der Doors hat ein sehr persönliches Porträt über seine Zeit in der wohl größten Rockgruppe seiner Zeit geschrieben und die Kapitel des Buches mit 22 Liedern der Doors übertitelt. John Densmore schreibt nicht nur über Jim Morrison, sondern auch über seine beiden gescheiterten Ehen und die eigenen Schuldgefühle gegenüber seinem Bruder Jim und Jim Morrison. Beide starben 1971 und beide hatten irgendwie eine Krankheit, nur, dass letzterer der Leadsänger einer Band war und seine Exzesse nicht nur auf der Bühne, sondern auch privat auslebte. Densmores Text wird sowohl von Zitaten aus Liedern als auch durch einen Brief an Jim Morrison in Kursivschrift - einen Dialog mit Jim - gegliedert und so entsteht eine sehr persönliche Autobiographie, die Densmore aus dem Schatten Morrisons heraustreten lässt und ihn zu mehr als nur dem Drummer der Doors macht: nach dem Ende der Doors arbeitete er als Musiker, Schauspieler, Autor und auch Schriftsteller. Es gibt also ein Leben nach dem Tod. Zumindest für Densmore nach dem Tod Morrisons.
The Lizard King: Prolet aus Jacksonville?
John Densmore hat sich mit vorliegendem Buch auch von seiner Schuld befreit, weder den einen noch den anderen Jim gerettet zu haben. Sensibel und einfühlsam macht er sich Gedanken über den "Prince Of Darkness" - wie er ihn nennt - aber auch über den "Lizard King" - wie der Sänger sich in einer Art zarathustrischen Anmaßung - selbst nannte. "Das Zusammentreffen mit Jim war der Tod meiner Unschuld", schreibt er, aber Densmore war schon vorher ein ziemlich ausgeflippter und cooler Typ. Leider erlag er aber - so wie viele andere auch - dem Charisma Morrisons, bei dem manchmal - trotz seiner Belesenheit - seine provinzielle Herkunft aus Jacksonville in Florida durchschlug, was auch eine Erklärung für seinen vielseits beklagten Alkoholismus sein könnte. Schon früh erkannte Densmore nämlich, dass ihr Leadsänger eigentlich ein Psychopath war. Seine Interpretationen von Doors-Songs wie "The End" sollte man unbedingt gelesen haben, denn sie zeugen von viel Einsicht, anders etwa als beim Bandkollegen Manzarek, der sich in seiner Autobiographie weniger mit den Texten der Doors beschäftigt.
The Doors: Antithese der Sixties?
Besonders lesenswert macht diese Rockmusikerbiographie auch die Tatsache, dass John immer wieder aus Zeitschriften jener Zeit zitiert und viel authentisches Material aus den Sechzigern verwendet. Dass Jim im Drogenrausch in ihr eigenes Studio einbrach, um einen vermeintlichen Brand zu löschen, kommentiert John lakonisch mit den Worten: das Take von dem Song "Light My Fire" vom Vorabend sei ihm wohl zu heiß geraten. Statt um Love & Peace ging es beim "Artaud Rock" der Doors - ganz untypisch für die Sechziger - nämlich um Sex & Tod, weswegen sie gerne auch als "die dunkle Seite der Hippiebewegung" bezeichnet werden. Aber wer genauer hinschaut - wie Densmore es tut - wird leicht erkennen, dass die Sechziger keineswegs so friedlich und unbelastet waren: in Vietnam tobte ein Krieg, der Millionen Soldaten und vietnamesische Zivilisten das Leben kostete. (ca. zwei Millionen verstümmelte und zwei Millionen von abgeworfenen Chemikalien verseuchte Vietnamesen, 58'000 gefallene US-Soldaten.) Vielleicht ist es deswegen gar nicht so unverständlich, wenn etwa in dem Film "Apocalypse Now" (R: Francis Ford Coppola) Doors-Lieder für die Massaker verwendet wurden: Musik, zu der es sich gut töten lässt? John Densmore schaudert es bei dem Gedanken, denn genau gegen den Krieg hatten sie sich eigentlich gewendet, gegen den Krieg und gegen die Erweiterung der Grenze des Westens nach Asien.
The Sixties: The Failed Generation?
Bald wird dem Leser auch klar, warum Densmore seine Biographie ausgerechnet nach einem der letzten Hits der Band "Riders On The Storm" vom Jazz-Cocktail-Album "L. A. Woman" benannte: die drei Instrumentalisten waren die "Riders" und der Sänger der "Storm", den niemand kontrollieren konnte. Ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen ihrer ersten Platte sind die Doors übrigens aktueller wie nie, wie auch aktuelle Zeitungsberichte zeigen: 2014 nannte etwa Marianne Faithful, die Muse der Stones und selbst Sängerin, den Mörder Morrisons. Ein einfühlsames Porträt einer gescheiterten Generation. Denn wenn die Beatniks der 50er die "Lost Generation" waren, dann waren die Hippies der 60er wohl die "Failed Generation", wie Densmore einfühlsam und eindringlich schildert.