Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03464.jsonl.gz/3188

Basel, nach 1865
roter Siegellack auf Karton
Dm. 35 mm
Inv. 2008.231.
Das Sammeln von Siegelabdrücken war im 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Leidenschaft. An diesem Abdruck fällt zunächst kaum etwas auf. Das Besondere ist aber, dass er von einem gefälschten Siegel-stempel stammt.
Johannes von Müller (1752–1809) gab einer Begebenheit, die sich am 26. August 1444 während der Schlacht von St. Jakob an der Birs abgespielt haben soll, ihre klassische Form. Ritter Burkard Münch (auf der Gegenseite der Eidgenossen) soll beim Anblick der toten Eidgenossen spöttisch vom hohen Ross herab gerufen haben: «Heute baden wir in Rosen!» Worauf ein sterbender Eidgenosse dem stolzen Ritter zurief: «Da friss eine der Rosen», und ihn mit einem Stein so verwundete, dass er drei Tage später starb. Der Steinwerfer der Schlacht bei St. Jakob an der Birs stieg im 19. Jahrhundert zu einer bekannten und heroischen Gestalt der Geschichte auf. Er ist auf vielen Schützentalern dargestellt und erscheint auch als prominente Figur am St. Jakobs-Denkmal.
Im Taumel der Begeisterung und Heroisierung des 19. Jahrhunderts spielte sich eine kleine Sensation ab. Ein Bauer, dessen Name nie bekannt wurde, fand 1865 beim Pflügen des Schlachtfeldes einen bronzenen Siegelstempel von Ritter Burkard Münch, dem frechen Lästerer von 1444. Die Petschaft gelangte in den Besitz von Arnold Münch (1825-1895), seit 1875 Salinendirektor in Rheinfelden, von 1876 bis 1892 aargauischer Nationalrat, Numismatiker und eifriger Sammler der Lokalgeschichte. Im Jahre 1880 schenkte Herr Münch den Siegelstempel von Ritter Münch der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, die ihn 1881 als Depositum der Mittelalterlichen Sammlung, heute Historisches Museum Basel, übergab.
Man stellte sich die Geschichte mit dem Siegel damals ziemlich einfach vor. August Bernoulli schrieb 1890: «Der Fundort, auf dem Felde oberhalb von St. Jakob, neben der nach Basel führenden Strasse, bezeichnet ohne Zweifel die Stelle, bis wohin der verwundete Burkard Münch nach seinem Sturze getragen wurde, um hier seiner Rüstung entledigt und verbunden zu werden. Da nun das Siegel einen Ring hat, also jedenfalls an einer Schnur hing, so ist es leicht erklärlich, dass dasselbe beim Aufschnallen der Rüstung herabfiel und unbeachtet liegen blieb, bis der vom Regen durchweichte Boden es völlig verdeckte.» Den aufgefunden Siegelstempel behandelte man als kostbares Zeugnis der Schlacht von St. Jakob an der Birs. 1912 wurde er in das Tafelwerk «Oberrheinische Wappen und Siegel» aufgenommen. Doch die Geschichte war zu schön, um wahr zu sein.
Hans Georg Wackernagel (1895-1967), Begründer der historischen Volkskunde, misstraute dem Fundobjekt offenbar als erster. Im Gedenkbuch zur Fünfhundertjahrfeier der Schlacht von St. Jakob an der Birs von 1944 stufte er die Petschaft als plumpe Fälschung des 19. Jahrhunderts ein. Der Stempel ist gegossen, nicht geschnitten. Siegelstempel wurden in der Regel geschnitten. Bei der Petschaft von Ritter Münch sind die Kanten, Linien und Gräben unscharf. Unter dem Mikroskop erscheint der Stempel wie eine geknetete Teigmasse. Die Figur ist ungelenk und steif, zudem fehlen die Füsse.
Die fast grenzenlose Begeisterung für die vaterländische Geschichte und ihre Heroisierung im 19. Jahrhundert ist heute schwer nachvollziehbar. Dass mit dem Siegelabdruck noch viele Jahrzehnte später ein Zeugnis für das Interesse unserer Vorfahren am Schlachtgeschehen auftaucht, ist alleweil eine Bemerkung wert.