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WOZ: Giuse Togni, Sie sind Energiespezialistin. Demnächst kommt das neue Stromversorgungsgesetz in die Eidgenössischen Räte. Ein abstraktes Geschäft. Was ist eigentlich Strom?
Giuse Togni: Oh ... einfach erklärt? Solche Fragen stellen mir manchmal meine Kinder ... puh ... nicht einfach zu sagen. Physikalisch gesehen geht es um sich bewegende Atome und Elektronen. Aber das ist zu kompliziert.
In der Schule hörten wir das Beispiel vom Wasserschlauch ...
Dieses Bild wird oft gebraucht: Man hat einen langen Schlauch, wenn man zum Beispiel in Graubünden den Hahn aufdreht, kommt am anderen Ende - das wäre dann die Steckdose bei uns zu Hause – gleichzeitig was raus. Aber es ist kein gutes Bild ... Ich muss mir noch in Ruhe überlegen, wie man das leicht verständlich erklären kann.
Ihre Eltern waren Landwirte in der Magadinoebene. Sie haben an der ETH in Zürich Physik studiert. Warum Physik?
Eigentlich wollte ich Mathematik studieren. Die ersten zwei Semester sind identisch. Erst knapp vor der ersten Zwischenprüfung habe ich mich dann für Physik entschieden. Es hatte damit zu tun, dass Physik nicht so tot ist wie Mathematik. In der Mathematik gibt es nicht viel Neues zu entdecken, sie ist rückwärts gewandt. In der Physik sind jedoch viele Fragen offen – für mich ein Schritt in die Zukunft.
Sie waren Frau und Tessinerin in einem männerlastigen Studiengang. War das schwierig?
Wir waren unter sechzig Physikstudierenden nur sechs Frauen – interessanterweise waren darunter drei Frauen aus dem Tessin plus eine Italienerin, vermutlich war das Zufall. Die Sprache war am Anfang ein Problem. Ich konnte kaum Deutsch. Es gab immer wieder Begriffe, die man zu verstehen glaubt, die dann aber eine ganz andere Bedeutung haben. Zum Beispiel war an den Vorlesungen von einer «unteren und einer oberen Schranke» die Rede. Ich wusste, was Schrank heisst und habe überhaupt nicht verstanden, wovon der Professor sprach. Oder der Begriff «Daten», das war für mich einfach der Plural von «Datum», bis ich begriff, dass man im Computerbereich darunter Informationen versteht. Aber das war vor zwanzig Jahren, das Problem habe ich zum Glück nicht mehr (lacht).
Ist es für eine Frau, die sich mit Energiefragen beschäftigt, nicht ein bisschen einsam? Da hat frau es doch vor allem mit technikbegeisterten Männern zu tun?
In der Energietechnik gibt es wirklich nicht viele Frauen. Am Anfang fühlte ich mich schon etwas allein. Doch dann realisierte ich, wie viele engagierte Energiepolitikerinnen es gibt – im Nationalrat, aber auch in Gemeinderäten. Frauen sind auf diesem Gebiet glaubwürdiger: Ihnen nimmt man ab, dass sie sich nicht aus finanziellen Gründen dafür interessieren. Übrigens, das Projekt Energiestadt ist fast schon ein Frauenprojekt.
Energiestadt?
Das ist ein bald zwanzigjähriges Projekt, ursprünglich von den Umweltverbänden lanciert. 1991, nach der Moratoriumsabstimmung, bei der die Schweizer Stimmbevölkerung entschied, dass während zehn Jahren kein neues AKW geplant werden darf, hat es der damalige SVP-Bundesrat Adolf Ogi aufgenommen. Am Anfang war es ein kleines Projekt, inzwischen ist es gewachsen. Heute machen um die 130 Gemeinden mit, darunter alle grossen Schweizer Städte ausser Genf, Lugano und Basel ...
Basel-Stadt verfolgt doch eine fortschrittliche Energiepolitik?
Moment, das wollte ich gerade erklären. Basel machte nicht mit, weil Energiestadt zu wenig weit ging. Man muss sich das wie folgt vorstellen: Energiestadt ist wie ein Diplom. Am Ende einer Art Ausbildung muss man eine genügende Note erhalten und erhält dann das Label. Im Unterschied zu einer Ausbildung muss das Prüfungsprozedere alle vier Jahre wiederholt werden, wenn eine Gemeinde das Label behalten will. Es gibt einen langen Katalog von Massnahmen, die sie zu mindestens fünfzig Prozent umgesetzt haben muss. Zum Beispiel werden die öffentlichen Bauten überprüft: Verbrauchen sie zu viel Energie, muss die Gemeinde sanieren. Sind die öffentlichen Parkplätze kostenlos, wirkt sich das negativ auf die Note aus. Basel war das Label zu wenig streng. Inzwischen gibt es ein neues, strengeres: «Energiestadt Gold» – da müssen 75 Prozent der Massnahmen umgesetzt sein. Ich glaube, dabei macht Basel jetzt mit.
Gibt es schon eine Gold-Stadt?
Ja, Zürich ist eine der wenigen Gemeinden, die das Gold-Label hat.
Und warum ist Energiestadt ein Frauenprojekt?
Wir haben keine Quote, aber inzwischen sind gut vierzig Prozent der am Projekt Beteiligten Frauen.
Giuse Togni, 43, ist Energiefachfrau, Physikerin und Mutter von zwei Töchtern. Sie ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission (Core) und sitzt im Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).