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Schon die Signatur «Generalia 1» verrät, dass es sich bei der Vita Sancti Columbae um das älteste Buch der Stadtbibliothek Schaffhausen handelt. Der unscheinbare Codex hat keinen opulenten Einband und keine aufwändig illuminierten Miniaturen, obwohl er im Skriptorium des Inselklosters Iona vor der Westküste Schottlands verfasst wurde, wo vermutlich etwa 100 Jahre später das Book of Kells als Meisterwerk der insularen Buchmalerei entstand.
Dennoch ist das «Leben des Heiligen Columba» eine Handschrift, über die es viel zu sagen gibt und die viel zu erzählen hat. Der um das Jahr 700 vom Abt Adomnán verfasste Codex ist von unschätzbarem Wert für Historiker und Philologen und für unser Verständnis der Geschichte der britischen Inseln im 6. und 7. Jahrhundert – zu einer Zeit also, aus der für diese Region kaum Schriftzeugnisse überliefert sind. Die Vita ist ausserdem das älteste Buch überhaupt, das eine einzige Biographie in lateinischer Sprache enthält. Und schliesslich ist die Schaffhauser Handschrift von grösstem Interesse für Kryptozoologen, wie wir im Folgenden sehen werden.
Zunächst aber zu den äusseren Merkmalen des Codex: Er hat mit 29 x 22,5 cm ungefähr A4-Format und wurde auf 71 Pergamentblättern geschrieben, die aus den Häuten von Kälbern (Vellum) produziert wurden. Das Buch wurde zuletzt im Jahr 1941 neu gebunden. Der Kopist, der sich im Kolophon selbst Dorbbéne nennt, verwendet die irische Halbunziale, eine rundliche Schrift, die zu Beginn des 7. Jahrhunderts entwickelt wurde.
Gleichzeitig sind bereits Elemente der späteren insularen Minuskel erkennbar, nämlich die Verbindungen (Ligaturen) zwischen einzelnen Buchstaben und die für irische Handschriften charakteristische Verwendung von platzsparenden Abkürzungen für Wörter oder Wortteile. Eine weitere Innovation ist die Verwendung von Wortabständen, die um diese Zeit zur besseren Lesbarkeit von den irischen Schreibern eingeführt wurde, da für sie Latein eine Fremdsprache war. Somit ist die Vita ein wichtiger, weil datierbarer Meilenstein in der Entwicklung zur späteren karolingischen Schrift.
Wer aber war Columba, auch Colm Cille genannt, der heute als einer der Schutzpatrone von Irland und Schottland gilt? Der Protagonist der Vita wurde vor etwa 1500 Jahren, nach der Tradition am 7. Dezember 521, in Irland geboren und starb im Jahr 597. Der junge Adlige wurde im Kloster des Heiligen Finnian von Clonard erzogen. Um das Jahr 560 soll er den ersten dokumentierten Fall von Copyrightverletzung verursacht haben. Er hatte ein Psalmenbuch des Klosters Movilla abgeschrieben und wollte diese Kopie behalten, wogegen der Abt der Meinung war, die Abschrift gehöre der Klosterbibliothek.
Man beliess es nicht bei einer Abmahnung: Der Streit endete in der Schlacht von Cúl Dreimhne, die 3000 Tote und Verletzte forderte – eine Episode, die in der Vita Sancti Columbae verschwiegen wird (und deren unmittelbarer Zusammenhang mit dem Bücherstreit von der neueren Forschung bezweifelt wird). Der angeblich damals von Columba geschriebene Psalter, der Cathach, wird heute in der Royal Irish Academy in Dublin aufbewahrt.
Kurz darauf, im Jahr 563, brach der Heilige mit einigen Gefährten zu einer Peregrinatio (selbstgewählte Verbannung als asketischer Mönch) nach Schottland auf, wo ihm von Bridei, König der Pikten, die kleine Insel Iona für eine Klostergründung zugewiesen wurde. Seine neue Heimat im Westen Schottlands war Teil des Königreichs Dál Riata und kulturell eng mit Irland verbunden. Doch während Irland etwa 100 Jahre zuvor missioniert worden war und sich zu einem Zentrum der christlich-lateinischen Gelehrsamkeit entwickelte, waren die Skoten und Pikten noch nicht zum Christentum konvertiert.
Die Vita beschreibt, wie Columba sich dieser Aufgabe widmete. Hilfreich war sein Status als Mitglied des adligen Clans der Cenél Conaill und Nachkomme des legendären Hochkönigs Niall Noígíallach: Auch als einfacher Abt konnte er dem Piktenkönig auf Augenhöhe gegenübertreten. So wurden die britischen Inseln aus zwei Richtungen christianisiert – im Norden durch die irisch-schottischen Missionare unter Columba, im Süden durch den aus Rom gesandten Augustinus von Canterbury.
Doch zurück zur Handschrift in der Stadtbibliothek Schaffhausen: Die von Adomnán verfasste Hagiographie lehnt sich formal an bekannte Heiligenviten wie die des Antonius und des Martin von Tours an. Sie ist kein historischer Bericht, sondern soll den Gründer der Klostergemeinschaft Iona in eine Reihe mit Propheten und Aposteln stellen. Statt einer Chronologie bietet sie Schilderungen seines prophetischen Wirkens, seiner Wundertätigkeit sowie von Engelserscheinungen und versucht so, seinen Status als Heiliger zu untermauern.
Columba kann Stürme vorhersagen und weiss, ob Reisende wohlbehalten ankommen werden – eine nützliche Gabe in der Inselwelt des Nordatlantik, wo das Wetter schnell umschlägt und die kleinen lederbezogenen Curragh-Boote der Mönche leicht von einem Strudel verschlungen werden können.
In einer schönen Episode prophezeit er die Ankunft eines erschöpften und ausgehungerten Gastes: Ein Reiher ist über der Irischen See wegen eines Sturmes vom Kurs abgekommen. Der Vogel lässt sich drei Tage lang von den Brüdern hochpäppeln, bevor er wieder in «den lieblichen Teil Irlands» zurückkehrt, aus dem auch Columba stammt.
Wie es sich für einen richtigen Heiligen gehört, heilt er die Kranken, erweckt Tote zum Leben und verwandelt Wasser in Abendmahlswein. Ein Schlachtermesser, das er geistesabwesend gesegnet hat, kann keinen Menschen und kein Tier mehr verletzen, woraufhin die Mönche es einschmelzen und das Metall als Sicherheitsbeschichtung auf ihre übrigen Werkzeuge und Gerätschaften auftragen.
Columba stillt das chronische Nasenbluten eines jungen Mönchs und treibt einen Teufel aus dem Melkeimer aus. Überlieferungen der Klostergemeinschaft über mehrere Generationen hinweg vermischen sich hier mit Volksmärchen, vor allem, wenn es um die Begegnungen des Protagonisten mit wilden Tieren und Ungeheuern geht.
Besonders bemerkenswert ist seine Begegnung mit einem Wassermonster («aquatilis bestia»): Als der Heilige und seine Gefährten am Ufer des Flusses Ness vorbeikommen, wird gerade ein Mann beerdigt, der kurz zuvor dem Angriff der Bestie zum Opfer gefallen ist. Das Seeungeheuer – «dessen Appetit nicht gestillt, sondern nur angeregt worden war» – taucht wieder auf und will Columba verschlingen. Doch mit dem Zeichen des Kreuzes befiehlt er dem Untier, zurückzuweichen, was dieses zum Erstaunen der anwesenden Pikten auch tut. Somit enthält die Handschrift von Schaffhausen die erste schriftlich erwähnte Sichtung eines Ungeheuers am Loch Ness.
Ungeklärt ist bisher, wie das Buch von den Inneren Hebriden nach Schaffhausen kam. Als Iona im Jahr 795 und dann in den folgenden Jahrzehnten immer wieder von Wikingern überfallen wurde, zogen viele Mönche auf den Kontinent und brachten ihre Manuskripte, ihre Buchmalkunst und ihre lateinische Gelehrsamkeit in den Bodenseeraum, wo schon 200 Jahre zuvor die irischen Wandermönche Gallus und Columban der Jüngere aktiv gewesen waren. Vermutlich gelangte die Vita Sancti Columbae in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts in diese Region.
Der Besitzvermerk «Liber Augie maioris» auf der ersten Seite des Codex in einer Hand des 13. Jahrhunderts belegt, dass er sich zu diesem Zeitpunkt im Kloster Reichenau, etwa 40 Kilometer rheinaufwärts von Schaffhausen befand. Möglicherweise war die Handschrift beim Einfall der Magyaren zusammen mit anderen Schätzen der Abtei St. Gallen dorthin in Sicherheit gebracht worden.
Auf unbekannten Wegen kam sie in die Bürgerbibliothek von Schaffhausen, die heutige Stadtbibliothek, die aus den Beständen der mittelalterlichen Benediktiner- und Barfüsserklöster sowie der Pfarrkirche St Johann hervorging. Hier wurde die Vita im Jahr 1772 wiederentdeckt.
Beschwingt fliegt der Schmetterling vor dem grossen Wohnzimmerfenster herum. Der Kleine Fuchs geniesst den warmen Februartag im Garten. Tatsächlich steuern wir auf einen Februar-Wärmerekord zu. «Seit 1864 erreichte bisher einzig der Februar 1990 eine Abweichung von 4 Grad Celsius über der Norm», sagt Stefan Bader von der Klimainformation von Meteo Schweiz. Jetzt steht der Februar bei 4,3 Grad Celsius über dem langjährigen Schnitt. Auf dem dritten Rang dieser Wärmerangliste liegt der Februar 2020 mit 3,6 Grad.