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Jedes Jahr werden sie neu festgelegt: die Fangquoten. Die EU-Kommission in Brüssel macht das. Definiert wird, wieviel wovon gefangen werden darf. Das Zahlenmaterial der EU-Kommision beruht auf Daten der Anrainerstaaten wie eben den Niederlanden. Genau da ist der Schweizer Meeresbiologe Sascha Fässler der Herr der Schwärme.
Ein zweidimensionaler Schnitt durch die See
Das staatliche Forschungsschiff, auf dem er unterwegs ist, heisst Tridens, ist 73 Meter lang, schwarz-gelb bemalt. In Mäanderlinien fährt es durch die Nordsee und stöbert die Schwärme mit akustischer Technik auf. Fässler ist einer der wenigen, der das kann.
Jede Sekunde sendet sein Schiff einen Schallimpuls durch die See. Der Impuls kommt als Echo zurück, das von Fischen reflektiert wird. «Das ist quasi ein zweidimensionaler Schnitt durch das Wasser.»
Die Stärke des Schalls, der zurückkommt, rechnet Fässler in die Anzahl von Fischen um. Wenn die Akustikexperten auf ihren Bildschirmen einen Heringsschwarm entdecken, geben sie dem Kapitän ein Zeichen, damit der die Netze auslegt.
Wenn sie einen Schwarm erwischen, taucht der auf einem ratternden Förderband unter Deck auf. Ein Hering nach dem anderen. Entsprechend streng riecht es. «Sie kommen nun auf die Waage und werden gemessen», erklärt der 32-jährige Schweizer.
An Bord befindet sich ein nautisches Forschungszentrum. Fässler leitet das fünfköpfige Wissenschaftsteam.
Sind die Fische einmal gewogen, wird der Fang im angrenzenden Nasslabor verarbeitet: «Hier entnehmen wir Proben, messen die Länge und geben die Daten in den Computer ein», erläutert er.
Von der Schweiz über Schottland in die Niederlande
Fässler hat in Grossbritannien Angewandte Meeresbiologie studiert. Bei einem Praktikum im schottischen Aberdeen kam er mit der akustischen Forschung in Berührung. Später schrieb er seine Doktorarbeit darüber. Er ist Spezialist auf dem Gebiet. Die Niederlande haben ihn deshalb zum obersten Heringsforscher gemacht.
Die Messfahrten, die Fässler unternimmt, sogenannte «Surveys», werden nicht nur von den Niederlanden, sondern von allen Anrainerstaaten durchgeführt. Jedes Land bekommt ein bestimmtes Gebiet zugewiesen. Alle messen zur gleichen Zeit. Das gilt nicht nur für Heringsschwärme, sondern für alle essbaren Fischsorten, deren Bestände bedroht sind.
Die erhobenen Daten sämtlicher Länder kommen danach bei einer Arbeitsgruppe in Brüssel zusammen, die daraus Populationsmodelle erstellt. Auf dieser Basis vergibt die EU-Kommission alljährlich die Fangquoten an die verschiedenen Nationen.
Zwei Millionen Tonnen Heringe
Lange Zeit litten viele Fischsorten in der Nordsee an der Überfischung. Seit die EU aber vor gut 30 Jahren angefangen hat, mit grossem Aufwand die einzelnen Bestände zählen zu lassen, geht es den meisten Spezies wieder gut. Den Heringen auch. «Im Moment schwimmen mehr als zwei Millionen Tonnen dieser Fischsorte in der Nordsee», sagt Sascha Fässler.
Nach drei Wochen auf hoher See kehrt die Tridens zurück in ihren Heimathafen Scheveningen. Die gefangenen Fische werden ins wissenschaftliche Institut transportiert. Dort führt das Team von Fässler weitere Untersuchungen durch. So werden Geschlecht, Reife und das Alter der Tiere bestimmt.
Roh ist lecker
Der Schweizer forscht nicht nur nach Heringen, er isst sie auch. «An Bord der Tridens steht häufig Hering auf dem Menü», lacht er. Allerdings nicht gekocht, sondern roh.
Diese Variante heisst in den Niederlanden «Hollandse Nieuwe». Die ist hinter den Deichen äusserst beliebt. Ausländer jedoch, mögen sie kaum. Nicht so Fässler: «Es tönt zwar seltsam», sagt er: «Aber diese Hering schmecken wirklich lecker.»