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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Vor mir liegt ein Buch mit dem Titel "Gefühlte Zeit - Kleine Psychologie des Zeitempfindens" und ich lese in dem Kapitel "Lebenszeit, Lebensglück und Endlichkeit". Es beginnt mit der Behauptung, je älter wir würden, desto schneller verginge die Zeit. Ich hatte immer gedacht, dass eine Sekunde, eine Minute, eine Stunde usw. eine genau festgelegte Grösse darstellt. Das ist auch so, wie wir wissen, jedenfalls auf der Erde, auf der wir uns nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Der nächste Satz klärt mich darüber auf, da die Erfahrung subjektiver Lebenszeit von der Erinnerung abhänge, beschleunige sich die subjektiv empfundene Zeit mit zunehmender Lebensroutine.
Bei einem Menschen im fortgeschrittenen Alter, so wird suggeriert, stelle sich Lebensroutine ein, die das Gefühl geben würde, die Zeit ginge schneller vorbei. Wenn wir uns also an Erlebnisse aus unserer Kindheit oder Jugendzeit erinnern, bekämen wir den Eindruck, die danach gelebten Jahre seien immer schneller an uns vorbei gegangen.
Diese Behauptung wird durch eine Untersuchung "untermauert", die darstellt, dass für Personen bis zur Altersdekade 50-59 die subjektive Geschwindigkeit der Zeit ansteige und danach nahezu konstant bliebe.
Mich überzeugt das nicht. Ich spüre jetzt in den letzten Jahren der Altersdekade von 60-69 nichts davon, dass der Ablauf der Tage, Monate und Jahre bisher schneller verflossen sein sollte als vor dieser Zeit.
Ich war in meinem Leben immer aktiv, hatte nie Langeweile, habe nie Monotonie erlebt. Angeblich, so die nächste Kapitelüberschrift, lebe man länger, wenn man mehr erlebe. Meines Erachtens ist dies ein Widerspruch, denn für den, der dauernd aktiv ist, müsste der Tag gefühlt schneller verlaufen, denn oft reichten die Stunden für die zu bewältigende Tätigkeit oder für die, die bewältigt werden soll, nicht aus.
Worauf der Autor hinaus will, ist natürlich, dass sich die verbleibende Lebenszeit bis zum Tod selbstverständlich im Verhältnis zur bereits durchlebten Zeit verkürzt, denn "Wenn die Zeit knapp wird", so das folgende Kapitel, bleibt eine verkürzte Lebensperspektive, die noch zu durchleben ist.
Und schon wird auf das unvermeindliche Ende hingewiesen: "Der Tod: Experten, Verdränger - und Forscher" heisst das sich anschliessende Kapitel und der Einstieg in diese Gedanken erwähnt eine Bonner Gerontologische Längsschnittstudie, bei der ermittelt worden sei, das Thema Tod und Sterben stünde bei älteren Menschen nicht im Vordergrund.
Was denn dann? Natürlich, die - falls es sie gibt und sie in überbrückbarer Entfernung wohnen - die Enkelkinder, die Freude über das "bedingungslose Einkommen", genannt "Rente", wenn sie denn ausreichend hoch ist (aber im Alter stehen ja keine höheren Ausgaben mehr an, es sei denn, man wolle eine längere Kreuzfahrt unternehmen oder ähnliches), die freie Zeiteinteilung, usw..
Angeblich würde, sowohl für Gläubige, als auch für Atheisten eine "grössere Beschäftigung mit dem Tod nicht für nötig gehalten (!)". Der Autor zitiert dann den Psychoanalytiker Otto Rank (1884-1939), für den es "unbewusste Kräfte" gebe, die uns als Individuen vom Gedanken an den Tod abhalten würden, und gemeint ist damit "eine latente Todesangst", die natürlich verdrängt werde.
Ich behaupte einmal, Psychoanalytiker sind "verliebt" in Termini wie Verdrängung und Unbewusstes.
Nur wenn diese Tatsachen verdrängt im Unbewussten schlummern, wieso massen sich Vertreter dieser Berufsgruppe an, zu wissen, dass es so sei?
Das ist für mich ebensowenig nachvollziehbar, wie die Behauptung im Buch, dass das Thema Tod "durchaus populär" sei, "solange es nicht um den eigenen Tod geht." Der Autor macht das fest an der Faszination, die Kriminalgeschichten (ob gelesen oder im Fernsehen genossen) erzeugten "eine Distanz zwischen der eigenen Sicherheit und dem bedrohlichen Geschehen".
Meine Erfahrungen sind anders. Da war es der Nachbar und gute Bekannte, bei dem Leberkrebs diagnostiziert worden war, und der sich ganz bewusst gegen eine weitere medizinische Behandlung entschieden hatte, und der kurz vor seinem Ende erkannte, das Sterben sei schwerer als er es sich vorgestellt habe. Da ist eine andere Freundin, die - so drückte sie sich aus - den Ärzten gram darüber war, dass sie es noch geschafft hätten, sie vor dem nahen Tod zu bewahren, denn dann hätte sie das Leben hinter sich gebracht. Da denke ich an die vielen alten Leute in Seniorenheimen (ein hübsches Verschleierungswort für Alters- und Pflegeheime) die sich danach sehnen, endlich vom Dasein Abschied nehmen zu können. (Ich berichtete in einem früheren Text darüber.)
Das bedeutet doch, dass durchaus nicht der Gedanke an den Tod verdrängt wird, trotz der Ungewissheit, wie gross der Leidensweg bis dahin noch sein wird und was denn nach dem Tod möglicherweise zu erwarten ist.
Vielleicht beherrscht Menschen der Dekaden unterhalb des 60. Lebensjahr der Gedanke an das Ende nicht so sehr, dafür sind viele doch zu sehr darin eingespannt, das Leben zu meistern, aber der Gedanke daran, und ich meine auch für sich selbst, wird zwar nicht so häufig auftreten wie im fortgeschrittenen Alter, aber man ist sich der eigenen Sterblichkeit durchaus bewusst. Schliesslich wird jeder von uns durch die Medien und durch das Geschehen um uns herum immer wieder darauf gestossen.
Noch stärker ist dieses Bewusstsein bei psychischen Belastungen, Depressionen oder einer Krankheit, die in vielen Fällen tödlich verläuft.
In dem Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse wird die Zeile "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" am häufigsten zitiert, aber der Satz davor beginnt so: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein" und insgesamt fordert der Dichter dazu auf, sogar die Todesstunde noch als Aufbruch in etwas Neues zu sehen.
Das könnte der Psychoanalytiker als Verdrängung der Tatsache der Endlichkeit ansehen, aber gemeint ist, dass sogar mit dem Bewusststein der Zeitspanne, die wir auf Erden verweilen, es trotzdem immer darauf ankommt, immer und überall Neues zu sehen, dass alles darauf hinauslaufen sollte, neue Erfahrungen zu machen, denn das macht ein Grossteil unserer Lebenserfüllung aus, manche nennen es auch Lebensglück.
Ich lebe hier und jetzt, und das Wissen um das Ende soll mich nicht davon abhalten, Neues zu entdecken, ungewohnte (Gedanken-)Gänge zu gehen, neue Impulse aufzugreifen!
"Hier kann der Verlust zum Gewinn werden, wie überhaupt Altern im abstrakten Sinne weder Verlust noch Gewinn ist, denn diese Bewertungen sind abhängig von den jeweiligen konkreten Umständen. -
Altern besteht in einer offenen Weite, die Vollendungen ermöglicht und Raum gewährt, gerade wenn die Zeit drängt." (2)
Quelle:
Wittmann, Marc, "Gefühlte Zeit - Kleine Psychologie des Zeitempfindens", Verlag Beck, München 2012
(2) Pöppel, Prof. Dr. Ernst, Wagner, Dr. Beatrice; "Je älter desto besser - Überraschende Erkenntnisse aus der Hirnforschung", München 2010