Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03284.jsonl.gz/2437

Zsuzsa Füzesi Heierli
Es ist mir eine selbst auferlegte Pflicht, die Erdverbundenheit des Daseins mit meiner Arbeit im heutigen Umfeld zu stärken. Mich beschäftigt das über die aktuellen ästhetischen Diskussionen über Stofflichkeit hinausgehende Thema, Raum-und-Materie. Mein Material ist der Ton.
Die alten vedischen Lehrer lehrten Nada Brama, das Universum ist Schwingung. Am schwingenden Feld befinden sich alle Informationen. Die ätherische Atmosphäre, die alles durchdringt, wurde in den Vedischen Lehren „Akasa“ genannt. „Akasa“ ist der Raum an sich, den alle - durch Vibration existierende anderen Elemente (Materie) - erfüllen. Raum und Materie sind untrennbar.
Ein wissenschaftliches Konzept, das hilft Akasa, den primären Stoff begrifflich zu fassen, ist die Idee der Fraktale. In den 1980-er Jahren ermöglichte uns die Komputerentwicklung, die Muster der Natur zu visualisieren und mit mathematischen Formeln zu reproduzieren. Man entdeckte die Fraktale. Ein Fraktale ist eine geometrische Form, die in Teile unterteilt werden kann, von denen jedes eine Art verkleinerte Kopie des gesamten Musters ist. Eine Eigenschaft namens Selbstähnlichkeit. Unendlich komplex, aber jedes Teil enthält die Saat, um das Ganze neu zu erschaffen. Ständige Veränderungen und Transformationen treten auf, während ein einzelnes Fraktale zu einem anderen reist. Es ist die integrierte Intelligenz der Matrix von Zeit und Raum.
Ich glaube zu wissen, dass der Ton lebende Eigenschaften besitzt. Das Tongestein ist ein Gemenge verschiedener Mineralien, dessen Entstehung einen langen biologischen Zeitlauf braucht. Das Material besitzt in seiner Mikrostruktur die Fähigkeit zur Wandlung. Ton ist ein dynamischer Stoff; seine Lamellenstruktur mit den gebundenen Wassermolekülen hält ihn ständig in Bewegung. Diese Struktur bewegt sich bei der Formgebung und positioniert sich auch während der Trocknung und während des Brennvorgangs. Die Kristallstruktur und der Wassergehalt des Tons beeinflussen die Formen, die der Ton annehmen kann; hieraus folgt, dass der Ton die Formen der „lebenden Welt“ bevorzugt, und deren Entstehung als Muster für meine Arbeitsweise angibt.
Der unförmige Tonklumpen besitzt also eine nonlineare Dynamik, was die Fraktale Welt auch besitzt. Die nonlineare Dynamik der inneren Struktur des Tones sichtbar zu machen, dem entsprechend Formen zu geben, ist meine Aufgabe geworden. Den Schlüssel dazu fand ich in der Fraktalen Geometrie. Deswegen behalte ich beim Aufbau meiner Gegenstände die Grundeigenschaft der Fraktale, die Selbstähnlichkeit, vor Augen. Ich verwende die Symmetrie der Größenbereiche. Ich arbeite mit dem Prinzip der Iteration, d.h. dem Prinzip, immer neu dieselbe Operation auszuführen. Damit lässt sich eine Vielfalt komplexer, organischer und scheinbar frei gewachsener Formen erfassen. Obwohl alle meine Formen im System identisch sind, entstehen durch Änderung einzelner Faktoren, wie Bandbreite oder Grundfläche, unterschiedliche Objekte.
Eine Fraktale Form mit den Sinnen zu verstehen bedeutet ihre Bewegung einzuschränken. Das Paradox aufzulösen, nämlich Bewegungsfragmente, die sich nicht mehr fortbewegen können, in Bewegung erscheinen zu lassen, ist mein schwieriges Problem. Meine Formen kann ich im besten Fall als Bewegungsmuster bezeichnen.
Die Selbstähnlichkeit ist eine universale Wirkungskraft. Sie ist die Anschauungsweise des ganzheitlichen Sehens. Dessen wissenschaftliche Erkenntnis führt auf paradoxe Weise zu einer naiven Auffassung der Selbstähnlichkeit zurück, wie sie etwa alten Kulturen auch eigen war. Das harmonische Gleichgewicht von Ordnung und Unordnung bewirkt in uns das Gefühl der Schönheit, wie sie sich in Naturobjekten verkörpert. Deren Gestalten sind in Formen erstarrte Bewegungsstrukturen, unsichtbare Schwingung.
Zsuzsa Füzesi Heierli
HON
2010, Steinzeug, 63 x 52 x 57 cm