Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03111.jsonl.gz/991

Ortsbezeichnung: Herbrig (Uf de Herbrig)
Dieser Zeitzeuge aus dem 13. Jahrhundert belegt wie früh diese Region landwirtschaftlich bewirtschaftet wurde. Er diente zur Lagerung der Getreidegarben. Im Winter wurde hier das Getreide auf dem „Tenn“ gedroschen. In Zermatt finden sich viele solcher „Juwelen“. Das trockene Klima, die Abgeschiedenheit von der Aussenwelt, keine Kriege, keine Brände, haben hier die ältesten Stadel Europas „überleben“ lassen.
Details zum ältesten Stadel Europas
Bereits 300 Meter nach der Wegverzweigung (Punkt 1720) erreicht der Weg, durch ein kleines Wäldchen hochführend, ein Plateau (1754 m). Es liegt auf einem Felsband über dem Dorf und eröﬀnet eine herrliche Aussicht auf Zermatt und über das Tal.
Die Siedlung auf dieser Aussichtsterrasse heisst im Dialekt „Herbrig“, ein Name, den das Forschungsteam unter Professor Werlen im Oberwallis 15 Mal fand. Der Ortsname meint ursprünglich nicht nur die Herberge, also eine Unterkunft für Fremde, sondern auch ganz einfach die Wohnung. Hier in Zermatt ist der Ort „uffn den Herbrigen“ 1552 schriflich erwähnt. Man darf annehmen, dass der Ort, wie mehrere Weiler rund um Zermatt, zumindest vom Frühjahr bis in den Spätherbst bewohnt war, vor der Klimaverschlechterung sogar ganzjährig. Im Sterbebuch der Pfarrei Zermatt ﬁnden wir 1580 Johann Moser senior, 1588 Johann Moser den Jüngeren und 1594 Peter Moser „an der Herbrigg“ – oﬀenbar lag ihr Wohnsitz hier auf der Herbrig. In späteren Zeiten baute man die Häuser ab und versetzte sie in andere Siedlungen, hier vermutlich hinunter nach Zermatt.
Im Sterbebuch der Pfarrei Zermatt notierte Pfarrer Johann Biderbost 1767 aus alten Dokumenten Todesfälle, darunter 1588 Christina Frau des Johannes Mooser „auf den Herbrigen“ und zwei Wochen später auch Johannes Mooser junior „auf den Herbrigen“ (Pfarrarchiv Zermatt, Signatur D 35).
Heute beﬁnden sich hier zwei Gebäudegruppen. Der Grund dafür ist eine Lawine, die hoch oben in den Flühen bricht. Von dort stürzt sie über Felsen und Steilhänge herunter und fegt mitten über die Ebene der Herbrig, verschont aber die Randbereiche der Fläche. So stehen links und rechts des Lawinenzuges die Gebäude. Taleinwärts sehen wir den südwestlichen Teil der Siedlung, „d vorder Herbrig“, die vordere Herbrig. Dort stehen sieben, acht Gebäude, fast alles Stallscheunen für das Vieh. Der Ort mutet an wie eine Voralpe, ist aber gänzlich in Privatbesitz. Die Eigentümer gingen hier im Frühjahr und im Herbst für einige Wochen „ga hirte“, das Vieh besorgen: Die umliegenden Wiesen wurden im Sommer geheut, das Heu hier in die Scheunen getragen und später dem Vieh verfüttert, das im darunter liegenden Stall vor Schnee und Kälte geschützt war. Heute dienen einige umgebaute Stallscheunen als Freizeithäuschen.
Der Charakter der zweiten Gebäudegruppe ist ein anderer: Die talauswärtige, nordöstlich gelegene „hinner Herbrig“ zählt ein Gädi (Stallscheune) und vor allem vier Stadel. Oberhalb der Herbrig fanden sich einst Ackerparzellen, von denen noch einige Mauern und Terrassierungen zeugen. Auch den Roggen aus den nahen Äckern taleinwärts bei der Lengu Flüe trug man hierher und stellte die Getreidegarben in die Stadel.
Einer der Letzten, der hier noch LandwirtschaG betrieb, war "ds Andresch Gregi“, mit vollem Namen Gregor Julen (1906 - 1987). „Där het hie khewwud (hat hier Heu in die Scheune eingebracht) und khirtud (das Vieh gefüttert) und ischt appa dr leschtu gsi, vilicht in den 80er Jaar (und war wohl der Letzte, in den 1980er Jahren),“ berichtet Othmar Perren. Auch vom Getreideanbau auf der Herbrig hat Othmar Erinnerungen: „Mid dum Grossvattr bin ich no veri zr Lengu Flüe, är hed no Choore gipflanzud – mit Grossvater ging ich noch taleinwärts zur Lengu Flüe, er hat dort noch Korn angepﬂanzt.“
In den Stadeln auf der hinteren Herbrig lagerte bis in die frühen 1950er Jahre noch Korn. Wie alt mögen die von der Sonne dunkel gebrannten Bauten aus Lärchenholz wohl sein? Inschriften fnden wir keine. Aus einem halben Dutzend Gebäude wählte Dendrochronologe Martin Schmidhalter die beiden südwestlichen aus, die direkt oberhalb des Wanderweges stehen. Die Untersuchung zeitigte erstaunliche Resultate: Der Stadel direkt am Wanderweg besitzt einen Schwellenkranz, der im 15./16. Jahrhundert bei Reparaturarbeiten wiederholt erneuert wurde. Der hochgebockte Stadel selbst ist aber deutlich älter: Das Holz wurde im Jahre 1313 geschlagen.
Die Analyse der Holzjahrringe zeigt: Der Schwellenkranz weist Bäume aus den Jahren 1438, 1487 und 1588 auf, was von Unterhaltsarbeiten zeugt: Der wetterexponierte Unterbau musste erneuert werden.
Sechs Proben stammen aus dem ersten Geschoss, direkt oberhalb der Stadelbeine: Eine Probe endet mit dem Jahr 1313, drei 1312, eine 1311 und 1310 eine ohne Waldkante (äusserster Rand des Stammes, mit Rinde). Das Holz für den Stadel wurde 1313 gefällt und der gesamte Bau entstand in einem Guss. Lediglich ein Kantholz aus der Südwand, das vierte Kantholz mit Waldkante von unten, womit das Fälljahr präzise ersichtlich ist, stammt von 1145. Offenbar wurde hier Altholz bereits bestehender Bauten wiederverwendet. Von diesen noch früheren Bauten wissen wir leider nichts.
Labornummern Dendrosuisse 2017: 621001-009 und 621049-053 und 621130-132.
Aus dem Sockel, dem ersten und dem zweiten Geschoss wurden elf Proben entnommen, die alle auf das Jahr 1260 und 1261 weisen. Auch der First stammt aus dieser Zeit, wir haben also ein komplettes Gebäude aus dem Jahre 1261 vor uns. Ob die gerundete Steinmauer in der
Basis von einem Vorgängerbaus stammt, bleibt mangels einer archäologischen Untersuchung unklar.
Labornummern Dendrosuisse 2017: 621010-018 und 621054-061 und 621133-135.
Wir haben ein Resultat vor uns, das man im wahrsten Sinne des Wortes als sensationell bezeichnen darf: Vor uns steht nicht nur der bisher älteste Stadel des Wallis, sondern – soweit wir heute wissen – ganz Europas.
Nun ist das enorm beeindruckend. Aber es geht um mehr als nur ein möglichst hohes Alter. Oﬀenbar kann Lärchenholz, sofern die Dächer intakt gehalten werden, mehrere Jahrhunderte überdauern. Die Blockbauweise ist dermassen solide, dass sie allem standhält. Auch verheerende Brände
oder Kriegszüge suchten diesen Weiler nicht heim. So haben wir heute einen 750jährigen Zeugen vor uns, der uns ans Ende des Hochmittelalters / den Beginn des Spätmittelalters führt, eine Zeit, aus der wir für Zermatt noch kaum eine schriftliche Nachricht fnden. Wir wissen nun, dass diese Gegend in der Zeit um 1260 hier bereits intensiv besiedelt und bewirtschafet wurde und dass man sich damals bereits mit Getreide selber versorgen wollte. Im Besonderen zeugt der Stadel vom damaligen Getreidebau: Für Getreide als Grundnahrungsmittel erstellten die Bauern bereits einen eigenen Gebäudetyp, eben den Stadel. Nach dem Einlagern der Getreideernte im Stadel wurde hier auch gedroschen, die Getreidekörner aus den Garben geschlagen. Anschliessend bewahrte man die Körner in einem Speicher auf, brachte sie später zur Mühle und buk dann mit dem Mehl das lange haltbare Roggenbrot, das geradezu zu einer Art Symbol des Wallis wurde. Ein viel fotograﬁertes Sujet wurde auch das Gebäude, das zum Lagern des Getreides diente: der Stadel.
Übrigens: Wie die landwirtschaftlichen Flächen, sind auch die landwirtschaftlichen Bauten in kleine Anteile aufgegliedert. Typisch für die Walliser Verhältnisse ist die Besitzlage unserer beiden Stadel: So zählt der auf 1313 datierte Stadel 9 Besitzer, deren acht verschieden grosse Anteile zwischen ¼ und 1/32 ihr Eigen nennen, der neunte Besitzer ist unbekannt und hat Anrecht auf 61/224. Im Stadel von 1261 ﬁnden wir gar elf Besitzer, die Anteile zwischen ¼ und 1/16 beanspruchen. Und: Es gab hier auch Gebäude, die inzwischen verschwanden – Klaus Julen fand in den Teilbriefen (teilen meint, das Erbe aufteilen) seiner Familie auch Anteile an einem Stadel auf der Herbrig, der heute nicht mehr existiert. Von Abbau und Neuerstellung solcher Gebäude erfahren wir am nächsten Ort mehr.