Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/87

Michael Angele
Ankunft Weltende, halb zwölf
List Verlag im Ullstein, 2004
Auszug aus «Ankunft Weltende, halb zwölf»
An der Kreuzung zur Bahnhofstrasse verabschieden wir uns. Die Bahnhofstrasse ist lang. Joseph Roth ist hier geboren. Als Knabe sei er oft zum Bahnhof gegangen, um den Zügen nachzuschauen, heißt es. Tankwagen fallen mir auf. Eine Pipeline, die von Odessa kommt, endet seit kurzem in Brody. Hier muss anscheinend immer etwas enden: Geschichten, ein ganzes Reich – «Es war der letzte aller Bahnhöfe der Monarchie …» heißt es in Roths Radetzkymarsch. Im Weltkrieg ist ihm ein Stockwerk abhanden gekommen. Vor dem Eingang stehen die Mercedes-Kleinbusse, viele noch mit den Aufschriften ihrer deutschen Vorbesitzer, sie bringen die Menschen in ihre Dörfer.
Die Halle ist mit Säulen und Rundbögen versehen. Zwei Bäuerinnen warten auf einer Bank, eine braune Tragtasche mit der Aufschrift «Hugo Boss» in der Hand. Unzählige dieser Taschen zirkulieren. Ihr Braun vermischt sich mit der braunen Bank und dem braunen Anstrich der Wand. Das Licht scheint nicht von draußen, sondern aus fernen Zeiten zu kommen.