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«Homeless Songs» ist seit «1000 Vies» dein kosmopolitischstes Album. Du bist auch ein Kosmopolit. Wie viel von Dir steckt im Album?
Ich bin nicht mehr so ein Kosmopolit. Ich habe mich fest in Frankreich niedergelassen. Bei «Eldorado» hatte ich mich in Brüssel niedergelassen. «Eldorado» ist ein Brüsseler oder Europäer-Album. Nach «Taxi Europa» hatte ich mit dem Reisen aufgehört. Auf dem neuem Album habe ich versucht, einen Grundklang zu respektieren. Es wurde alles im selben Raum aufgenommen, in meinem Studio in der Camargue. Es ist immer dasselbe Piano, das gleiche Mikrofon, dieselbe Einstellung. Vielleicht sind die Lieder so etwas zwingender geworden.
Auch ohne die Reisen ist das Album eklektizistisch geworden.
Das hat schon etwas… «Gang nid eso» war ja schon mit einer Version auf dem «Songbook». Nun habe ich es mit einem nach «Wiener Zigeunerorchester» klingendem Ensemble neu eingespielt, mit dem ich auch sonst aufgenommen habe. Dan Reeder spielt auf «Ne un ver», das ist eher ein burlesques Lied. Oder ein Stück wie «Haiku – Papillons», da weiss ich nicht, was das für Musik ist. Es beginnt als klassisches Pianostück, das Orchester setzt ein, der grosse verstorbene Radiosprecher Rudolf Stalder, spricht ein wunderbares Emmentaler Gedicht, des wichtigen Schweizer Schriftstellers AC Loosli, bevor es auf eine kleine akustische Gitarre zusammenschmilzt, dann spielt die Pedal Steel Gitarre weinend von Fernweh…und all die Gesänge die von mir selber gesungen wurden. Es ist eher so, dass ich mich nicht autozensurieren wollte bei diesem Album.
Aber die Aufnahmen waren befreiend. Ich möchte ganz ehrlich sein, mir passiert es auch im Studio, dass man sagt: «Super. Und wie lange ist das Lied?» Vor allem von den jungen Musikern, mit denen ich zusammenarbeite, kommt sofort die Frage, ob es radiotauglich ist. Vielleicht spielt es ein Radio aber auch nicht, das war nicht der Ausgangspunkt dieser Lieder…Oder bei einem starken Refrain, sollen wir ihn am Ende nochmals singen? Wozu? Man hat ihn doch schon genug gehört? Oder immer die Idee, dass es irgendwo ein Solo braucht … Das passiert, wenn ich mich irgendwo hinsetze und beginne ein Album zu schreiben und nicht noch irgendwo eine Plattenfirma ist, oder ein Radioprogrammierer oder Journalist. Vielleicht braucht es das für mich, dass ich befreit bin vom Gefallen zu versuchen. Hierfür bin ich zu alt. Ich muss den Liedern gefallen.
Das Album heisst «Homeless Songs». Müssen Songs eine Heimat haben? Und wenn ja, wo ist diese?
So wie es sich entwickelt hat, sind sie irgend auf einem Server in Alaska zu Hause, weil es dort billiger ist, sie zu kühlen, oder irgend in einem alten Schweizer Militärbunker, wo sonst Militaerbetten standen, Käse gelagert wurde, nebenan wird Gold gelagert und in einem Nebenstollen steht noch ein Server von Tidal oder Deezer – die haben sicher einen Server in der Schweiz.
Songs sind heute in Playlists zu Hause, was nicht so schlecht ist, denn das grösste musikalische Kunstwerk sind die Mixtapes auf Kassette gewesen. Deshalb machen mich Streams glücklich, weil die Playlists etwas von den Mixtapes haben. Die neue Heimat meiner Songs ist wohl jetzt in Playlists.
Wo ist Deine Heimat?
Heimat ist dort, wo du reden zu formulieren und zu schreiben lernst. Bei mir war das in der Primarschule in Münchenbuchsee. Das bleibt dir ewig, weil du dort die Sprache geschenkt erhältst und du dich danach versuchst auszudrücken. Obwohl ich das manchmal etwas komisch mache. Da gibt es diesen extrem lustigen Comedian, Fabian Unteregger, der mich im Schweizer Radio karikiert. Ich finde es so lustig, ihm, bzw. mir zuzuhören. Manchmal sitze ich hier und denke, dass er absolut Recht hat. Seither passe ich auf und versuche, etwas klarere Antworten zu geben. Eben Heimat ist dort, wo man Reden und Schreiben lernt. Mach mal etwas aus so einem Satz, Unteregger!
Du lebst schon länger in der Camargue.
Ja.
Vermisst Du die Schweiz?
Nein. Ich bin ja doch die ganze Zeit hier. Meine Eltern leben in Bern im Altersheim, die besseren Ärzte für meinen Rücken sind in der Schweiz. Ich bin so viel in der Schweiz, dass ich sie gar nicht vermisse. Und sie ist so nahe, in Genf bin ich in drei, vier Stunden.
Partizipierst Du als Auslandschweizer oder fühlst Du Dich als Franzose?
Das ist eine schwierige Frage. Frankreich ist politisch und sozial zurzeit untragbar. Wenn ich es mir so überlege, gehöre ich zu dem Dorf in der Camargue, in dem ich seit 15 Jahren Steuern bezahle und die Leute kennengelernt habe. Wir haben einen Chor gegründet, in dem wir sonntags zusammen alte französische Chansons singen, und hier singen Leute, die den Front National wählen, wunderbar mit dem Zimmermädchen aus dem Maghreb zusammen. Aber am Montag wird wieder gestichelt. Ich habe mal an eine politische Lösung geglaubt. Aber vergiss es, wir Menschen sind irgendwie lernresistent. Auf der andern Seite koennte es auch sein das die Grosse Veränderung innerhalb von fünf Jahren einsetzen wird und die Weltrevolution kommt… Wer weiss… Ich bin mit 17 Jahren aus Bern weg, vielleicht hat mir diese Stadt mir das nie richtig verziehen.
Im Medientext heisst es, dass du und die Band den Sound den Albums bewusst gesucht habt, um die Zeit eines kleinen Traums zu schöpfen. Wie wichtig sind Träume?
Ich finde «Träume», vor allem die aus Hollywood und Hochglanz Magazinen etwas gefährliches. Träume sind eine komische Parallelrealität in der man die Sachen herausschiebt. Ich habe das Glück, dass meine Realität einfach traumlos sein kann. Denn alles was ich tue, ist irgendwie traumhaft: auf einer Bühne zu stehen, ein Album aufzunehmen, Musiker, das Publikum kennenzulernen, mit Künstlern und Schriftstellern zusammenzuarbeiten. Wenn ich als Kind hätte aufschreiben können, was ich werden wollte, so ist es genau dies – neben dem Cowboy (lacht herzhaft).
Martin Suter und Stephan Eicher 2017 beim Live At Sunset Festival in Zürich. Es war das erste Konzert mit dem gemeinsamen «Songbook».
Das heisst, dass Du nicht noch einen Traum hast was Du noch erreichen möchtest.
Momoll, die Weltrevolution! Aber hierfür haben wir, wie schon gesagt 5 Jahre Zeit (lacht)
Ferner heisst es im Medientext, Deine neuen Songs hätten keinen Platz im aktuellen Musikbetrieb. Wie ist denn der heutige Musikbetrieb?
Das stimmt nicht ganz, hier habe ich etwas geschummelt, denn es gibt zwei Alben. Die Version von 2015, die mit «Les Tonnes», einem Punksong beginnt. Die erste Version landete auf dem Schreibtisch des Chefs von Universal Frankreich. Ich habe herausgefunden, dass er an dem Tag, an dem mein Album bei ihm angekommen ist, fristlos entlassen worden ist. Er hat das Album ungehört auf seinem Schreibtisch liegen lassen und sein Nachfolger fragte, sich, was er damit solle. «Homeless Songs 1» gibt es aber wirklich, der Künstler Gregor Hildebrand, der das Cover gestaltete, hat es kunstvoll gemacht, in dem er einen Buchumschlag aus Vinyl nahm. Er hat 150 Exemplare vom Album pressen und die Platte auf Buchgrösse zuschneiden lassen. So dass du nur das letzte Lied ganz hören kannst.
Wir entschieden, das Album regulär zu veröffentlichen, weil ich an den Konzerten neue Lieder sang, als ich keine neuen Songs einspielen konnte. «Prisonnière» ist so einer, das Publikum wäre enttäuscht, wenn er nicht erscheinen würde. Und so machte ich nochmals eine Session und nahm noch zwei, drei dieser live gespielten Songs für das Album auf. «Homeless Songs» ist ein Umarmungsalbum. Ich habe auch sonst alles gemacht, um das Publikum in die Arme zu nehmen.
Bei der «Songbook»-Première beim Live At Sunset Festival sagtest Du, du dürftest keine Alben mehr machen, darum würdest du nun ein Buch schreiben.
Ich habe das Buch noch nicht fertig geschrieben, es heisst: «Warum ich Schriftsteller wurde».
Du hattest Streit mit Deinem Plattenlabel. Ist nun alles wieder gut?
Das Album erscheint ja nun. Letztendlich habe ich aufgegeben. Die Plattenindustrie hat zwei Sachen, die ich nicht habe: unendlich viel Geld und Zeit. Wir haben erkannt, dass wir zwar den Prozess mit guten Chancen gewinnen werden, aber erst in fünf Jahren. Dies nach mehr als drei Jahren zu hören, war deprimierend. Ich habe während 32 Stunden geschwiegen. Meine Familie war sehr überrascht, wie still ich geworden war. Danach zog ich die Anklage zurück und begann wieder zu sprechen.
«Hüh» mit Traktorkestar klang wie ein Befreiungsschlag. War es das auch?
Eigentlich war es umgekehrt gedacht. Zuerst hätte «Homeless Songs» erscheinen sollen, danach «Hüh», es ist eine Art Best-of. Aber der neue Chef meiner Plattenfirma in Frankreich sagte, er würde gerne «Hüh» zuerst herausgeben. Ich sagte: «Okay, darauf möchte ich keinen Einfluss nehmen. Ich bin mit allem einverstanden, solange ich das Lied so schrieben kann, wie ich möchte.» Auch bei «Homeless Songs» habe ich den Leuten viel Vertrauen gegeben, dass es gut kommt.
2019: Stephan Eicher mit Steffe la Cheffe und Traktorkestar.
Wie verhält es sich mit der Freiheit und der Kunst? Du meintest einmal, zu viel Freiheit sei nicht so gut für Künstler.
Ich sagte für Künstler und Kinder. Zur Eröffnung des Casinos in Bern haben wir ein fünfeinhalbstündiges Konzert gegeben. Das ist wohl etwas übertrieben. Lasst mir ein wenig die Zügel lockerer, dann wird es amüsant mit mir aber wohl auch etwas ermüdend.
So wie mit dem neuen Album. In meinem Studio hat es Platz für Bass, Gitarre, Klavier und Schlagzeug, das kann man gleichzeitig aufnehmen, mehr hat darin nicht Platz. Das Schlagzeug wollte ich nicht auf dem Album haben, weil es einfach zu laut ist. Wenn man die Augen schliesst, muss es eine ganz kleine Band sein, die in einer Garage etwas aufnimmt. In dieser Phase war etwas Einschränkung gut.
Danach habe ich die Aufnahmen mit einem dreissig köpfigen Orchester aufgesprengt, mit Overdubs, die wir in vier Tagen anbrachten. Songs werden kleiner, wenn sie plötzlich riesig werden, bevor sie wieder klein werden. Das ist ein Trick, den man anwenden kann, wie in Symphonien, wenn das Orchester nach einem Pianissimo schnell laut wird und wieder leise, um die musikalische Dynamik zu definieren.
Als Künstler Stephan Eicher bist Du Unternehmer, Chef eines KMU mit über 20 Personen. Spürst Du diese Verantwortung?
Ja, sehr. Ich musste letztes Jahr Konzerte absagen. Dadurch habe ich herausgefunden, dass wir Musiker unversicherbar sind. Du kannst mich nicht versichern. Muss ich ein Konzert absagen, kann man die Logistik versichern, aber dass ich nicht auf die Bühne kann und dadurch vierzehn Mitmusiker, sechs Techniker, zwei Busfahrer, ein Fahrer für das Material und das Management an diesem Abend kein Geld verdienen, kann man nicht mit dem Erwerbsausfall abdecken. Ich musste jeden abgesagten Abend selber bezahlen.
Du arrangierst Deine Songs live immer wieder neu. Hängt das mit den Musikern zusammen oder ist es Deine Lust an Neuem?
Vielleicht war der Akt des «Aufnehmens» eine Dummheit. Früher haben sich die Lieder entwickelt. Sie wurden im Familienkreis oder in Bars und Festen gesungen und haben sich dadurch verändert. Bis jemand auf die Idee kam, sie zu notieren, das ist eine Einschränkung. Was noch schlimmer ist, wir nehmen sie auf. Pink Floyd wurden bei «Dark Side Of The Moon» als lausig kritisiert, wenn die Songs nicht genau so wie auf dem Album gespielt wurden. Ich sehe meine Lieder viel mehr in der Art des Kinderspiels, wo man leise «Lampenschirm» ins Ohr seines gegenuebre sagt, und so weiter…dann wird am Ende «Birnenaum» draus. Wenn meine Musik so umgesetzt wird, finde ich das sehr amüsant.
Bei «Eldorado» sagtest Du, das Konzept sei, dass immer ein Musiker zu wenig auf der Bühne sei. Was erwartet das Publikum im Herbst?
Nein, das war etwas anderes: Bei «Eldorado sollten die Livefotos richtig «geil» aussehen, wir wollten Schwarzweissfotos. Deshalb haben wir ein Fotostudio auf die Bühne gestellt, alles war in schwarzweiss gehalten. Bei den Verstärkern haben wir das rote Lämpchen durch ein weisses ausgewechselt, und wir spielten die weissen Gitarren, die nicht die besten waren. Bei «Envolée» wollte ich mehr einen Ort darstellen, wo man Musik hört mit Vinyl und Stereoboxen. Ein Ort, wo heute niemand mehr Musik hört. Bei Traktorkestar war es eine kriegerische Party. – Wir haben «die Automaten» vergessen. Das war ein Zauberer, der Musik Automaten zum Leben erweckt.
2015: Die Automaten mit der funkenden Tesla-Spule.
Dieses Mal ist die Idee dass es darum geht, eine Nacht zusammen zu verbringen. Wenn du reinkommst, ist Abendstimmung, dann ist es Nacht und wir spielen, und am Morgen hören wir auf. Wir sind momentan dran, die nuit américaine zu produzieren. Nachts zu filmen ist extrem aufwändig, du hast alle Lampen, aber es darf keine Schatten geben.
Reyn Ouwehand spielt dieses Mal nur noch Piano. Baptiste Germser spielt Rickenbacher Bass, Heidi Happy hat ihr Vibrafon-Glokenspiel, sowie Cello, Mandoline und Melodica dabei. Simon Baumann kommt zurück, er spielt ein minimalistisches Drumset und ich eine simple akustische Gitarre. Ludovic Bruni darf wird elektrische Gitarre und Pedal Steel beisteurn spielen. Bei «Homeless Songs» muss jeder Musiker die moeglichkeit haben das Hotel ohne zu zahlen verlassen können. Ausser das Piano wohl verstanden.
Sehen wir die Automaten mal wieder?
Du siehst sie wieder, im Moment kannst Du M (Mathieu Chedid) schauen, der hat sie ziemlich total akribisch kopiert hatte. Er kam nach Genf, dort stehen sie in einem Studio, er kam drei Tage vorbei und begann zu notieren, wie sie gebaut sind. Zum Beispiel war das Piano ein Prototyp, er hat es einfach nachgebaut. Vielleicht klinge ich etwas bitter, aber das habe ich etwas heftig gefunden. Also, dort kannst du sie sehen. Ich gebe sie aber auch anderen, jungen elektronischen Musikern, die mit ihnen arbeiten und komponieren. Es gibt noch drei Automaten, die noch in Produktion sind, weil es so lange gedauert hat, sie zu entwickeln. Es ist aufwändig und war die teuerste Produktion. Ich träume immer noch davon, dass ein Konzert mit den Automaten gefilmt wird. Das wird dann aber auch von Automaten gefilmt, also nicht von Menschen, die Kameras bewegen, sondern mit Midi-Noten sage ich, wie die Kameras geführt werden sollten. Das bin ich immer noch am Programmieren.
Im Pressetext wirst du zitiert, dass das Album «Homeless Songs» heisst, weil die Songs im Freien schlafen.…
Ich finde es noch schön, dass das Album» im September erscheint, wenn die Natur sich langsam zurücknimmt... der Stille Platz macht… Man kann zuhause mit den Liedern an der Wärme sitzen. Auf der Strasse ist es ihnen nun zu kalt geworden, deshalb müssen sie im Herbst erscheinen.
Stephan Eicher 2013 im Palais xTra in Zürich während der «Envolé»-Tour,

Tracklist:
Si tu veux (que je chante)
Homeless Song
Prisonnière
Niene dehei
Je n'attendrai pas
Monsieur - Je ne sais pa trop
Broken
Gang nid eso
Haiku - Papillon
Ne un ver
Toi et ce monde
Still
La fête est finie
Wie einem, der Gewissheit hat.
Das Gespräch wurde Mitte September 2019 geführt und erschien Ende Oktober in der Musikzeitung Loop in der Augsgabe 9/2019.