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In der Synthetischen Biologie arbeiten Biologen, Chemiker, Informatiker und Ingenieure zusammen, um neue biologische Systeme wie Mikroorganismen oder höhere Zellen zu schaffen, die in der Natur so nicht vorkommen. Vor allem in den USA gibt es an renommierten Universitäten einige Forschergruppen, die an Bakterien, die Energie produzieren, arbeiten; an Viren, deren Gene Wirkstoffe für Medikamente produzieren; an Salmonellen, die Seidenfäden absondern; an künstlichen Zellen und tumorabtötenden Bakterien – um nur eine Auswahl zu nennen. Immer geht es den Synthetischen Biologen darum, Mikroorganismen mit neuen Eigenschaften herzustellen, aus denen in einem zweiten Schritt Medikamente, Energie oder Werkstoffe erzeugt werden sollen.
Heute, 25. Juni 2007, 18 Uhr, findet nun in der Semper Sternwarte, Schmelzbergstrasse 25, eine öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltung statt über die gesellschaftlichen Aspekte der noch jungen Synthetischen Biologie. Anlass dazu ist die Konferenz «Synthetic Biology 3.0» in der Schweiz, die an der ETH Zürich vom 24. bis 26. Juni stattfindet.
Die Grundlage für die Synthetische Biologie haben in den fünfziger Jahren James Watson und Francis Crick gelegt, als sie 1953 die molekulare Struktur der DNS aufklärten. Als in der Folge ein Genom nach dem anderen entschlüsselt wurde und 2001 schliesslich das menschliche Genom, sprach man von der Enträtselung des «Bauplans» des Lebens. Diese dem Ingenieurswesen entliehene Metapher zeigt, dass die Wissenschaftler bereits damals die Zellen mit ihren Prozessen und Fähigkeiten als Miniaturfabriken ansahen, in denen eine Vielzahl von Aktivitäten ablaufen, auf die die Forscher einwirken wollen.
Wie genau diese Aktivitäten in den Zellen ablaufen, ist zwar noch nicht vollends bekannt. Aber das Wissen, welche Genabschnitte welche Proteine kodieren, wächst stetig. Hier setzt die Synthetische Biologie an und geht mit Proteinen und Botenmolekülen wie mit Bauteilen um, die die Wissenschaftler verändern oder zusammenfügen können. Craig Venter, der 2001 den Wettkampf der Forschenden um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms mit gewann, möchte zum Beispiel als erster ein vollständig synthetisches Bakterium konstruieren, das nur aus der Minimalzahl nötiger Gene bestehen soll.
Wenn Synthetische Biologen Organismen mit natürlicherweise nicht vorkommenden Eigenschaften herstellen und verkaufen, wirft das viele ethische Fragen auf, die sich die Gesellschaft stellen muss. Selbst in den USA, wo die Synthetische Biologie verbreiteter ist als in Europa und in der Schweiz, sei die Diskussion über den Missbrauch der Synthetischen Biologie noch bruchstückhaft, findet der Molekularbiologe George Church von der Harvard Medical School.
unipublic hat die Ethikerin Prof. Dr. Dr. Nikola Biller-Andorno von der Universität Zürich befragt, die am internationalen Kongress über «Debating the Ethics of Synthetic Biology: Transcending the Current Impasse» referieren wird.
Prof. Nikola Biller-Andorno, im Titel Ihres Vortrags benutzen Sie das Wort «Impasse», das auf Deutsch Sackgasse, auswegslose Situation bedeutet. Worin liegen denn die Probleme, die die Ethik mit der Synthetischen Biologie hat?
Nikola Biller-Andorno: In der gegenwärtigen Debatte reden, grob skizziert, zwei Lager aneinander vorbei: Auf der einen Seite die Wissenschaftler, die versuchen, mit ethischen Fragen in ihrem Bereich korrekt umzugehen und sich dabei auf Aspekte der Sicherheit konzentrieren. Auf der anderen Seite vor allem Vertreter von Civil Society Organizations, CSOs, die sich an dem stören, was sie als teils spielerischen, teils gezielt manipulativen Umgang mit dem Leben wahrnehmen. Zum Beispiel soll es Wettbewerbe geben, bei denen Studierende der Synthetischen Biologie die «coolsten» künstlichen Lebensformen zusammenbauen.
Die CSOs befürchten zudem, dass in der Synthetischen Biologie einmal mehr versucht werde, soziale Probleme wie mangelnden Zugang zu Medikamenten in Entwicklungsländern technisch zu lösen, statt sich mit ihnen direkt auseinander zu setzen – und mittels Patentierungen von künstlich hergestellten Biosystemen erst noch ein Riesengeschäft zu machen. Dabei würden die grösseren Zusammenhänge und die langfristigen Auswirkungen der neuen Technologien aus dem Blick geraten, lautet der Vorwurf der CSOs. Wenn Forscher zusammen mit Firmen beispielsweise Wirkstoffe gegen Malaria künstlich herstellen, patentieren lassen und Antimalariamittel im grossen Stil billig herstellen, würden sie damit den Zugriff der Betroffenen auf diese Medikamente kontrollieren und entzögen unter Umständen den lokalen Produzenten natürlicher Substanzen gegen Malaria die Lebensgrundlage. Statt sich also grundsätzlich mit den negativen Folgen der Patentrechte für Medikamente auseinanderzusetzen, würden die Forschenden nur kurzfristig an den unmittelbaren Nutzen des technisch Machbaren denken, ohne die grösseren Zusammenhänge zu berücksichtigen.
Mit diesen Vorwürfen der CSOs eines moralisch verwerflichen «Legoland»-Denkens – im Sinne von: Was technisch möglich ist, machen wir – und mit dem Vorwurf des profitorientierten «Wallstreet»-Denkens können nun wiederum die Wissenschaftler wenig anfangen.
In Ihrem Vortrag werden Sie auch davon sprechen, wie die Ethikdebatte aus der Sackgasse herausfinden kann. Können Sie skizzieren, wie Sie sich das vorstellen?
Ich denke, die Voraussetzungen für die Debatte stehen nicht schlecht, denn beide Seiten wünschen sie. Die Wissenschaftler wollen nicht warten und zusehen, wie sich ein Gewitter öffentlichen Misstrauens zusammenbraut, das sich dann vielleicht in Form von schwer zu erfüllenden Auflagen für die Forschung entlädt, oder dass die Gesellschaft sich der Nutzung der neuen Produkte, die die Synthetische Biologie hervorbringt, verweigert – ähnlich wie das teilweise bei der Gentechnologie der Fall war.
Für die CSOs ist die Debatte eine Gelegenheit, zu demonstrieren, dass sie mit der wissenschaftlichen Entwicklung Schritt halten und in der Synthetischen Biologie einen sensiblen Bereich recht früh identifiziert haben; zudem ist eine Debatte für die CSOs eine gute Möglichkeit, um auf Anliegen aufmerksam zu machen, die über die diskutierte spezifische Technologie hinaus gehen, zum Beispiel auf Umweltschutz oder globale Gerechtigkeit hinzuweisen.
Nun muss man allerdings darauf achten, dass die Debatte über Synthetische Biologie nicht durch diese Partikularinteressen verzerrt wird. Eine gut informierte Öffentlichkeit spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle, sie hat die Argumente kritisch zu prüfen und nüchtern abzuwägen.
Wenn Forschende neue Organismen entwickeln und diese sich in der Umwelt und in den Evolutionsprozessen bewähren sollen, stellt sich die Frage der Sicherheit. Kürzlich hat der amerikanische Bioingenieur Drew Endy vom Massachusetts Institute of Technology davor gewarnt, dass dank dem Internet anonym auf DNA-Synthesen mit hohem Gefahrenpotential zugegriffen werden könne: «damit könnten auch neue biologische Waffen entwickelt werden», wird Drew Endy auf heise online zitiert. Steht der Forscherdrang ethisch gesehen über dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung?
Die Frage illustriert, dass der Aspekt der Sicherheit zumindest auch eine ethische Komponente hat. Wer hat den potentiellen Nutzen, wer trägt die Risiken? Da die Bevölkerung die Risiken zumeist mitträgt, ist es auch nur legitim, dass sie an der Debatte teilnimmt und mit definiert, welche Risiken zugunsten welcher Ziele akzeptabel sind.
Die Synthetische Biologie stellt neue Organismen her, die sie beispielsweise für die Produktion von Medikamenten benutzen möchte; früher oder später wird sie diese patentieren lassen wollen. Wie sehen Sie als Ethikerin diesen Fall: Handelt es sich bei den neuen Organismen um Lebewesen oder um lebloses Material?
Das kommt darauf an, welche Merkmale für «Lebewesen» Sie heranziehen: das Vorliegen eines eigenen Stoffwechsels? Die Fähigkeit zur Reproduktion? Ich sehe nicht, dass die Art und Weise, wie ein Organismus entstanden ist, als Kriterium dafür zu betrachten wäre, ob es sich um ein Lebewesen handelt oder nicht. Und auch in ethischer Hinsicht gibt es meines Erachtens keinen Grund, einen Unterschied zu machen, ob ein Lebewesen im Laufe der Evolution oder als Ergebnis eines Laborexperiments entstanden ist. Man darf dabei nicht vergessen, dass unter bestimmten Umständen auch Lebewesen Gegenstand einer patentierbaren Erfindung sein können.
Wie stehen Ethiker in anderen Ländern, in den USA oder in der EU, der Synthetischen Biologie gegenüber?
Insgesamt ist die Beschäftigung von Ethikern mit der Synthetischen Biologie bislang eher spärlich ausgefallen. Wohl auch deswegen, weil man viele Parallelen zu vergangenen Diskussionen – etwa um die gentechnisch veränderten Organismen – sieht und das Thema für abgedroschen hält.
Mir scheint jedoch, dass es sich lohnt, sich mit der Problematik erneut zu befassen; auch deswegen, weil Fragen der Zulässigkeit biotechnologischer Entwicklungen sich mit dem gesellschaftlichen Kontext wandeln, in dem sie gestellt werden.