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Die aktuelle Ausstellung von gta-exhibitions präsentiert ein Haus im Haus: weder Modell noch Prototyp, sondern ein Zeitzeuge der seltenen Art. Was uns die Ausstellung zeigt, sind Teile des Annexbaus zum «Clubhaus» der Saffa 58 der Schaffhauser Architektin Berta Rahm (1910-1989).
Die pionierhafte Zweite Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit Saffa 58 fand 1958 auf der Landiwiese in Zürich statt. Es war eine Leistungsschau für über 60 Schweizer Architektinnen und Grafikerinnen. Es ging nicht nur um eine berufliche Etablierung der Frau in der Gesellschaft, sondern auch um ihre politische Gleichberechtigung kurz vor der Abstimmung über das Frauenstimm- und wahlrecht. Die Ausstellung verfügte über knappe finanzielle Mittel, was nach innovativen, kostengünstigen Lösungen verlangte. Die Bauten wurden nach Ende der Ausstellung rückgebaut und weiterverkauft. So auch der Pavillon von Berta Rahm.
1934 schliesst Berta Rahm das Architekturstudium an der ETH Zürich als eine der ersten Frauen ab. Prägend ist eine Skandinavien- und Finnland-Reise im Jahr 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Mit einem Teil des Preisgelds von 1200.- , das sie zusammen mit Architekt Arnold Meyer für den 4. Rang eines Wettbewerbs für die «Vergrösserung der reformierten Kirche und Neubau eines Kirchgemeindehauses» in Neuhausen am Rheinfall gewinnt, besteigt sie im Juli 1939 den Zug mit Fahrrad und Schlafsack im Gepäck. Rechtzeitig trifft sie in Stockholm ein, um am Kongress für Wohnungswesen und Städtebau teilzunehmen.
In Skandinavien wird ihr vor Augen geführt, wie bauliche und gesellschaftliche Einrichtungen es den Frauen ermöglichen, in den von ihnen gewählten Berufen tätig zu sein, ohne aufs Muttersein zu verzichten. Rahm erfährt von Arbeitszeiten, die Familie und Beruf vereinen lassen oder Betreuungsangeboten für Kinder. Sie besucht Siedlungen mit Gemeinschaftseinrichtungen, z.B. das Kollektivhaus auf Kungsholmen oder Kvinnornas Hus für alleinstehende, berufstätige Frauen. Sie entdeckt, dass zweckmässige Architektur und Hausbau – wie einfache, teilweise selbstgebaute «Selbstversorger-Häuser» mit Kleingärten – nicht ein Privileg der Wohlhabenden sein müssen, sondern für breite Schichten zugänglich sind. Frauen wird der Alltag erleichtert: Sie können sich beispielsweise als Architektinnen an bedeutenden Projekten beteiligen, unter ihnen Aimo Aalto oder Märta Blomstedt, deren Bauten und Werkstätten Rahm besucht.
In der Schweiz ist der Weg für berufstätige Frauen wie Rahm steinig. Eine Chance bietet die Saffa 58. Jedoch wird auch hier gebremst. Rahm traut man den Posten der Chefarchitektin als Unverheiratete nicht zu. Ein Architekten-Ehemann an der Seite, kann notfalls einspringen, wenn die Frau zu schwach wäre (gemäss Saffa-Protokoll). Und statt dass man sie das Clubhaus bauen lässt, übernimmt man aus Kostengründen einen Pavillon des Mailänder Architekten Carlo Pagani. Rahm darf das Clubhaus als Bauleiterin aufbauen und es mit Annexbauten ergänzen. Im Design lehnt sich Rahms Architektur an das Clubhaus von Pagani mit seiner Aluminiumfassade an. Sie setzt moderne Baustoffe ein, so profilierte Fural-«Reissverschlussbleche» und vollflächige Scobalit-Fenster aus glasfaserverstärktem Kunststoff.
Es gleicht einer einmalige Chance, dass Teile des Pavillons nun fast ein Jahr lang Student*innen, Architekt*innen, Historiker*innen und anderen Interessierten zur Verfügung steht. Es ist Anschauungsmaterial für Themen wie modulare und kostengünstige Leichtbautechnik und Mehrfachnutzung, für Materialabnutzung und Verfall, Recycling, Denkmalpflege und Baukulturerbe. Es ist eine Aufforderung, Spuren, Lebensläufen, Träumen und Gedanken vergangener Generationen nachzugehen, sie ernst zu nehmen und eine bitter nötige Gelegenheit, den gängigen, männlichen Narrativ der Baukultur um verdrängte oder vernachlässigte Narrative zu bereichern und zu erweitern.
Die Neuentdeckung dieses Pavillons, der Architektin und der dahinter liegenden Geschichte wurde möglich dank einer nicht nachlassenden Neugierde und Spurensuche von Eva Nägeli (Denkmalpflege Kanton Schaffhausen) und Pietro Wallnöfer (Denkmalpflege Kanton Zürich), sie ist dem raschen Handeln einer Gruppe um Nina Hüppi vom eben erst gestarteten Nationalfonds-Forschungsprojekt zur Saffa 1958 und dem Engagement von Architektinnen zu verdanken. Sie gründeten den Verein «ProSaffa1958-Pavillon» und konnten den Pavillon vor der drohenden Zerstörung retten.
Der Pavillon ist jetzt in einer nachgebauten, fragmentarischen, work-in-progress Version auf dem Hönggerberg im gta-exhibitions zu sehen, wo er Forschungsobjekt, Archiv, Display, Ausstellung und Inspiration in einem ist, ermöglicht durch den visionären Einsatz von Inge Beckel, Helene Bihlmaier, Milena Buchwalder, Barbara Buser, Elena Chiavi, Laura Falletta, Sonja Flury, Katia Frey, Kathrin Füglister, Nina Hüppi, Friederike Merkel, Kerstin Müller, Eva Nägeli, Amy Perkins, Eliana Perotti, Corinne Spielmann, Evelyn Steiner und Myriam Uzor. Das Projekt wurde von Milena Buchwalder, Sonja Flury, Dorothee Hahn und Larissa Müllner im Auftrag von «ProSaffa1958-Pavillon» zusammen mit Fredi Fischli und Niels Olsen kuratiert.
The Power of Mushrooms: Berta Rahm's Pavilion for the Saffa 58, 9. März – 10. Dezember 2021, gta exhibitions, ETH Hönggerberg HIL
Bilder: Nelly Rodriguez
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