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Konfessionalisierung im Irak, 2003-2014
|Verantwortlicher||Christian Wyler, M.A.|
|Trägerschaft||Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie|
|Betreuung||Prof. Dr. Reinhard Schulze|
|Finanzierung||Schweizerischer Nationalfonds|
Das Projekt untersucht den Prozess der Konfessionalisierung anhand der Differenzierung der irakischen arabischen Bevölkerung nach der Zugehörigkeit zur Schia und Sunna nach 2003. Dieser Prozess wird verstanden als a) die Herausbildung von Konfessionen als Entitäten und b) die Durchdringung der Gesellschaft mit an Konfession orientierten Ordnungsvorstellungen. Mit Konfession bzw. Konfessionalismus werden dabei die in diesem Kontext gebräuchlichen arabischen Begriffe ṭāʾifa und ṭāʾifīya wiedergegeben, durch die Differenz gleichzeitig beschrieben und negativ evaluiert wird. Das Konzept der Konfessionalisierung als Untersuchungszugang zu wählen erscheint plausibel, da der Konflikt zwischen Schia und Sunna zu einer zentralen Deutungskategorie für den Irak geworden ist. Dies gilt seit langem für die Forschung und Aussenwahrnehmung, stimmt aber auch für den Irak selber, wie die massiv gestiegene Verwendung entsprechender Begriffe in der irakischen Presse belegt.
Die Orientierung am Jahr 2003 gründet primär auf der Konfessionalisierung der Sunna. Die schiitische Gruppenidentität hat sich in der Vergangenheit natürlich gewandelt, ist aber schon wesentlich früher als solche fassbar. Überhaupt ist der Blick auf Konfession im Irak weitgehend von der Betrachtung der Schia geprägt – sowohl von den Schiiten selber wie auch von sunnitischer Warte aus gesehen. Aus sunnitischer Perspektive war die Schia jeweils „das Andere“, eine Alterität, deren Existenz als klar abgegrenzte Gruppe kaum in Frage gestellt wurde. Eine eigene sunnitische Gruppenidentität und eine entsprechende Repräsentation wurden erst durch den Sturz des Baʿṯ-Regimes und das konfessionelle Proporzsystem, anhand dessen die Übergangsregierung aufgebaut wurde, notwendig. In den darauffolgenden Jahren und bis heute zeigte sich (so zumindest eine Arbeitshypothese dieser Untersuchung), dass sich kein eigentlicher sunnitischer Vertretungsanspruch durchsetzen konnte – was auch heissen würde, dass die Herausbildung der Sunna als Konfession nicht bzw. noch nicht vollständig stattgefunden hat. Gleichzeitig führte die neue Ausgangslage nach 2003 auch aus schiitischer Sicht zu starken Veränderungen – schon nur, weil mit dem Sturz des alten Regimes auch der zentrale Bezugspunkt der Alteritätskonstruktion wegfiel.
Bei aller Dominanz von Konfession als Deutungskategorie mangelt es nicht an offenen Fragen, was deren Verständnis im Kontext der irakischen Gesellschaft anbelangt. Trotz einer seit 2003 rasant steigenden Anzahl Publikationen zum Irak funktioniert die Aufteilung der Bevölkerung in Schiiten und Sunniten noch weitgehend als eine Art Black Box, die zwar für Erklärungen herangezogen wird, nach deren eigener Konstitution jenseits politischer Machtansprüche und gewalttätiger Konfrontationen aber nur selten gefragt wird. Mich interessiert, wie Schiiten und Sunniten als Gruppen überhaupt konstituiert sind, die intra-, inter- und auch extra-konfessionellen Dynamiken, die Ebenen, auf denen Differenz konstruiert wird und die diskursiven Elemente, durch die das geschieht. Damit ist auch klar, dass sich diese Untersuchung nicht auf die Analyse politischer Prozesse oder der Symbolsprache einzelner Akteure beschränken kann, sondern einen umfassenderen Blick auf Konfession anstreben muss. Anders gesagt: Ziel ist es nicht, Prozesse im Irak anhand von Konfessionszugehörigkeiten der Akteure zu erklären, sondern Konfession selber beschreibbar zu machen.
Im Gegensatz zur oft vorherrschenden Auffassung, dass die Zugehörigkeit zur Schia oder Sunna als primordiale Identitätselemente die Akteure präge, scheint es sinnvoll, Konfession in ihrer gesellschaftlichen Verfasstheit zu betrachten. Ich orientiere mich hierfür an Anthony Giddens’ Theorie der Strukturierung. Giddens stellt mit dieser Theorie nicht mehr alles bestimmende Strukturen der Selbstbestimmung von Akteuren gegenüber, sondern integriert beide Ansätze, indem er sie als sich gegenseitig beeinflussend bzw. „strukturierend“ begreift. Konfession strukturiert nach diesem Verständnis das Handeln der Akteure, wird aber in und durch deren Handeln selber wiederum strukturiert. Damit wird erstens die prägende Bedeutung von Konfession erfasst, zweitens die Vielzahl ihrer potentiellen Aktualisierungen und drittens ihre dadurch entstehende konstante Veränderung. Dieser Ansatz betont nicht nur die Prozesshaftigkeit der Konstitution von Konfession, er ist auch in der Anwendung praktisch, weil er die Akteure und ihr Handeln in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rückt. Der Ist-Zustand von Schia und Sunna wird zudem im jeweiligen Kontext verortet, wodurch sich der Blick von der Schia und der Sunna schlechthin zur Sunna und Schia des jeweiligen Untersuchungszeitraums verschiebt.
Untersucht wird vor diesem theoretischen Hintergrund aber nicht Konfession an sich oder (politischer) Konfessionalismus, sondern Konfessionalisierung. Um diesen Prozess zu fassen hat es sich in der historischen Forschung zur Konfessionalisierung in Europa bewährt, nach der Herausbildung von Konfessionen und nach der Durchdringung der Gesellschaft mit konfessionell orientierten Ordnungsvorstellungen zu fragen. Über diese beiden Punkte lässt sich der Untersuchungszugang strukturieren, und sie scheinen auch gut geeignet, um die oben skizzierten relevanten Fragen zu beantworten. Allerdings ist dazu auch ein methodisch zweigeteilter Zugang notwendig. Der eine davon sei hier vereinfachend als „diskursanalytisch“ bezeichnet, der andere als „Beschreibung des empirischen Feldes“. Neben einer breiten Abstützung der Untersuchung dient diese Auffächerung auch der Nutzung einer heterogenen Quellenbasis. Dies ist notwendig, da die genauen Quellenbestände noch nicht bekannt sind, weshalb unter Umständen flexibel auf unterschiedliche Materialien reagiert werden muss. Bedeutsam sind Selbstzeugnisse von Akteuren, programmatische Schriften, aber auch Statistiken, Wahlergebnisse etc. (gerade Statistiken sind allerdings schwierig zu nutzen, da kaum Angaben zur konfessionellen Zugehörigkeit erhoben werden; dies erfordert eine umso breitere Materialbasis, um Rückschlüsse über allfällige Querverbindungen ziehen zu können).
Es sind aber nicht nur forschungspraktische Überlegungen, die die Untersuchung der Konfessionalisierung erschweren und deshalb verschiedene methodische Zugänge erfordern. Zwei weitere Aspekte seien hier kurz beschrieben, da sie für die Wahl des Vorgehens bedeutsam waren. Zum einen ist das die negative Wertung von ṭaʾfīya. Ein Bekenntnis zu einem konfessionalistischen System ist im Irak weitgehend tabuisiert und wird selbst von Akteuren öffentlich abgelehnt, die davon profitieren; ṭaʾfīya ist also keineswegs als legitime Ordnung akzeptiert. Auf Seiten der bedeutsamen schiitischen Parteien wird bei der Machtlegitimation beispielsweise ausschliesslich von der „Bevölkerungsmehrheit“ gesprochen, die sich bei Wahlen äussere – ohne dabei auf die konfessionellen Aspekte solcher Wahlen einzugehen. Dies führt zum zweiten Problem, der Deutung von Handeln: Oft wird (sowohl von den Akteuren im Irak selber als auch in der wissenschaftlichen Literatur) eine an Konfession orientierte Deutung von Ereignissen oder Haltungen kritisiert und ein alternatives Deutungsmuster bevorzugt, beispielsweise wirtschaftliche Interessen, Stammeszugehörigkeit oder lokale Machtkämpfe. Diese Gegenüberstellung von Motivationen, die als sich gegenseitig ausschliessend verstanden werden, führt zur Notwendigkeit einer Prüfung, welche Motivation nun für das Handeln von Akteuren auschlaggebend war – wobei aufgrund der genannten Tabuisierung auch einmal eine den Äusserungen der Akteure diametral entgegengesetzte Deutung resultieren kann. Der hier gewählte Forschungsansatz versucht, solche konkurrierenden Gewichtungen von Motivationen und allgemein eine „Wahrheitsprüfung“ durch die Untersuchung der Konfessionalisierung über Herausbildung und Durchdringung zu vermeiden. Es geht explizit nicht darum zu beweisen, dass Konfession während dem Untersuchungszeitraum die allesbestimmende Kategorie ist. Kategorien wie Stamm, soziale Klasse oder regionale Bezüge werden somit auch nicht als Gegenkonzepte zu Konfession verstanden. Vielmehr sollen allfällige Überlappungen als Elemente der Konstitution von Konfession erfasst werden, wodurch sie in die Beschreibung der Konfessionalisierung integriert werden können.