Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/2887

Ezgi Cinar: «Ich sage nicht, ob Madonna für das Kleid bezahlt hat»
Sie kreierte für Madonna ein Spitzenkleid. Die Zürcher Modemacherin Ezgi Cinar spricht über ihre berühmten Kundinnen, sagt, warum sie keine Vorbilder hat – und findet, der Journalist sei «grauenhaft» angezogen.
Ein Nachmittag im Park Hyatt Hotel in Zürich: Ezgi Cinar wartet in der Lounge. Ein 45-Minuten-Interview mit der Ausnahmeerscheinung im Schweizer Modebusiness (türkische Wurzeln, bis zum neunten Lebensjahr in einem Hotel in Libyen lebend, seither in der Schweiz).
Das ist also die Frau, die für Popstar Madonna einen kristallbesetzten «Bespoke»-Dress designt hat. In der Schweiz tragen Schauspielerin Melanie Winiger oder die Influencerin Zoe Pastelle ihre Kleider.
Aber Ezgi Cinar will mehr, will, dass ihre kostbaren Kleider viel berühmtere Menschen bekleiden. Dafür hat sie einen Vertrag mit einer Public-Relations-Agentur in Los Angeles abgeschlossen.
Wir starten mit ein paar Entweder-oder-Fragen. Zum Warmwerden.
… also ich antworte einfach mit «ja» oder «nein». Das wird spannend. (lacht)
… und wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».
Okay, lassen Sie los.
Vivienne Westwood oder Victoria Beckham?
Vivienne Westwood.
Marc Jacobs oder Tom Ford?
Beide nicht.
Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld?
Yves Saint Laurent. Privat besitze ich zwar viel mehr Schuhe und Taschen von Chanel (Lagerfeld war bis zu seinem Tod Kreativdirektor und Chefdesigner von Chanel, Anm. der Redaktion), aber mir gefällt die Cool- und Sexyness von Yves Saint Laurent besser. Sie passt besser zu meiner Person.
Sie sind Gast auf einer Party: Wie stellen Sie sich einer Person vor, die Sie noch nicht kennt?
Ich sage, ich bin Ezgi. Kommt irgendwann die Frage «Was machst du im Leben?» – dann antworte ich: «Kleider.» Das ist meine Standardantwort. Fragt die Person nach, was ich genau mache, gebe ich meine Internetseite an. Danach erhalte ich oft einige Tage später eine Nachricht: «Hey, das ist ja serious stuff.» Mit diesen Menschen lohnt es sich, das Gespräch weiterzuführen. Mit allen anderen muss ich nicht weiterreden.
Warum gibt es mehr weltbekannte männliche Modedesigner als weibliche?
Weiss ich nicht.
Ihr Vorbild?
Habe ich nicht.
«Das Erfolgsrezept der Märchenprinzessin» war die Überschrift eines «Sonntagszeitung»-Porträts über Sie. Wären Sie gern eine Prinzessin?
Ich würde mich selber nicht als Prinzessin bezeichnen, auch wenn ich vielleicht manchmal so aussehe auf Bildern. Es ist sehr schmeichelhaft, wenn das jemand zu mir sagt. Ich habe deshalb nichts dagegen, aber ich sehe mich selber nicht so. Ich bin dafür viel zu selbstständig und arbeite viel zu viel.
Ihre Kleidergrösse?
Minus zero zero.
Ihre Schuhgrösse?
37,5.
Ihr Lieblingsduft?
Das möchte ich lieber nicht sagen.
Sie konnte null mit den ersten Fragen anfangen. Ach, bisher war das nur ein Aufwärmen. Wir brauchen jetzt mehr Feuer. Und Farbe.
Ihre Lieblingsfarbe?
Ich habe mehrere – Schwarz, Rot und Blassrosa.
Gibt es Farben, die Sie hassen?
Es gibt Farben, die ich an mir nicht mag. Es gibt aber keine Farbe, die ich prinzipiell schrecklich finde.
Welche Farbe tragen Sie nicht gern?
Lila.
Sie haben türkische Wurzeln, lebten mit Ihren Eltern in Libyen.
Richtig.
Ihre Kindheit – wie war die?
Schön.
Ein kühler Auftakt. Ezgi Cinar macht ihre Drohung wahr: kein Wort zu viel.
Wirklich wahr, dass der Handarbeitsunterricht Ihr Lieblingsfach in der Schule war?
Es war nicht mein Lieblingsfach, aber ich konnte es gut. Meine Lieblingsfächer waren Rechnen und Kunstgeschichte.
Ihre grosse, ungestillte Sehnsucht als 14-Jährige?
Ungestillte Sehnsüchte kenne ich nicht.
Sie hatten keine Träume als Teenager?
Ich habe immer alles gemacht, was ich wollte, habe meine Träume realisiert. Einzig einen Traum, den ich mit vier oder fünf hatte, wurde nicht Wirklichkeit.
Welcher?
Ich wollte Geheimagentin werden.
Wann waren Sie zuletzt eingeschüchtert gewesen von der grossen, weiten Welt?
Nie.
Sind Sie ein mutiger Mensch?
Ja.
Für welche Ihrer Charakterschwächen schämen Sie sich am meisten?
Ich schäme mich für gar nichts.
Echt wahr, das Lächeln glücklich macht?
Das kann ich so nicht beantworten.
Wenn entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für das Modemachen?
Bei mir gibt es nicht den Tag, an dem ich sagte oder dachte: Ich will Mode machen. Dieser Wunsch war einfach immer da. Ich wollte schon immer anders aussehen als die anderen. Wohlgemerkt, ich ging in Libyen in eine Schule, wo das Tragen einer Schuluniform Pflicht war. Es gab also – ausser den Haarspangen und den Socken – nicht viele Möglichkeiten aufzufallen. Wir hatten daheim keinen Fernseher. Ich bekam also keine Bilder vorgesetzt, sondern kreierte sie selber im Kopf. Vielleicht hat das mein Ich geprägt und ist der Grund dafür, weshalb ich heute Mode entwerfe.
Jetzt ist sie zum ersten Mal spürbar – die Leidenschaft der Modemacherin, ihr Feuer.
Ihr erstes designtes Kleidungsstück: Welches war das?
Angefangen hat es damit, dass ich die Kleider, die ich gekauft habe, abgeändert habe. Es war früher schon schwierig, in meiner Grösse Kleider zu finden, wenn ich nicht in der Kinderabteilung einkaufen wollte. Das allererste Kleidungsstück, das ich selber genäht habe … ich glaube, das war ein Rock.
Sie sind Modedesignerin, haben ein eigenes Label, machen «High Fashion» …
… ich selber bezeichne mich nicht nur als Modedesignerin. Ich bin Kreativdirektorin. Ich produziere viel mehr als nur Kleider. Ich bestimme, wie mein Internetauftritt aussieht. Ich bestimme, wie meine PR aussieht. Ich bin zuständig für die Bildsprache. Sämtliche Fotografien schiesse ich zusammen mit meinem besten Freund Harun «Shark» Dogan. Und ich entwerfe selber Stoffe.
Das Einzige, was sie scheinbar nicht tun, ist selber nähen. Stimmt’s?
Wenn es sein muss, nähe ich auch. Erst kürzlich war ich bei einer Kundin in Beirut, als in letzter Minute etwas geändert werden musste. Da habe ich selber Hand angelegt. Natürlich kann ich nähen, aber ich habe einfach nicht Zeit dafür – und schon gar nicht für die Produktion einer ganzen Kollektion.
Wo lassen Sie nähen?
In der Türkei und der Schweiz. Früher habe ich nur in der Türkei produzieren lassen, danach nur noch in der Schweiz. Aber ich möchte wachsen, möchte grösser werden, und dafür reichen die Möglichkeiten in der Schweiz nicht aus. Deshalb habe ich einen Teil der Produktion wieder in die Türkei verlagert.
Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Ich habe mehrere – das wichtigste Motto ist: Ich versuche jeden Tag so zu leben, als wäre es mein letzter. Aber auch ich schaffe das nicht immer.
Ihre Philosophie als Modemacherin?
Ich möchte nicht nur schöne Kleider kreieren. Mein Anspruch ist: Eine Frau soll schöner aussehen, wenn Sie ein Kleid von mir trägt.
Das Eis scheint gebrochen. Sätze fliessen, die Humor, Haltung und Eigenwilligkeit beweisen. Endlich.
In einem Interview sagten Sie: «Mein Label ist mein Tagebuch. Ich verarbeite meine Erlebnisse in Kleidern.»
Auf meiner Internetseite sind alle meine bisherigen Kollektionen aufgeführt. Angefangen hat es 2016 mit dem Thema «Hero», gefolgt von «Home Far Away From Home», danach kam «Legends». Wie gesagt, ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, stattdessen las ich viel und schaute Comics an. Diese Comichelden waren die Stars meiner Jugend – und so kam es, dass ich meine erste Kollektion «Heros» genannt habe. Ich nehme immer wieder ein Stück meines Lebens auf und verarbeite Sie in meinen Kollektionen.
Wo finden Sie die Muse?
Das Kreieren ist, ehrlich gesagt, der kleinste Teil meiner Arbeit. Es sind vielleicht fünf Prozent der Zeit, die ich in mein Modelabel investiere. Ich bin ein kreativer Mensch, aber gleichzeitig auch Geschäftsfrau. Eine Kollektion muss sich auch verkaufen können.
Welches Ding nehmen Sie arbeitend am liebsten in die Hand?
Stoffe.
Stolz auf Ihre Handschrift?
Ja.
Wie viel Geld muss eine Frau mindestens in die Hand nehmen, um ein «High Fashion»-Kleidungsstück von Ezgi Cinar kaufen zu können?
Demi-Couture gibt es bei mir für 500 bis 1500 Franken. Private Orders fangen bei 3’000 Franken an – nach oben ist keine Grenze gesetzt.
Was ist der anstrengendste Teil Ihrer Arbeit?
Dass die Lieferanten pünktlich liefern und ich meine Termine einhalten kann.
Hören Sie Musik beim Kreieren neuer Modelle?
Depro-Sound … nein, nein, das war ein Witz. Meistens höre ich mich querbeet durch alle möglichen Musikstile. Lustigerweise gibt es aber zu jeder meiner Kollektionen einen Song, den ich während des Kreierens von morgens bis abends rauf und runter höre, bis alle um mich herum fast durchdrehen.
Wie heisst der Song beim Kreieren der aktuellen Kollektion?
Das verrate ich nicht – aber ich kann Ihnen sagen, welcher Song ich zu «Icon» meiner letzten Kollektion, gehört habe ... Äh, Moment, ich muss ihn auf meinem Smartphone suchen … da ist er: «Thousand Eyes» von Of Monsters And Men.
Mögen Sie die Musik von Madonna?
Heute nicht mehr alle Songs, aber als Teenager hörte ich ihre Musik rauf und runter.
Kennen Sie Madonna persönlich?
Nein.
Wirklich wahr, dass Sie im vergangenen Frühling per SMS den Auftrag von Madonna bekamen, ein Kleid für sie zu produzieren, das sie an den Billboard Music Awards hätte tragen sollen?
Das SMS kam von ihrem Stylisten …
… und dann haben Sie gelacht und gedacht: netter Witz.
Nein, habe ich nicht gedacht. Ich habe den Auftrag ernst genommen. Ich wusste, dass diese SMS wahrscheinlich kommen würde. Meine PR-Agentur in Los Angeles hatte mich vorinformiert und gefragt, ob ich bereit wäre, für Madonna eine Einzelanfertigung herzustellen – und ich antwortete: «Yes, give it to me, baby.»
Was hat Madonna das Kleid gekostet?
Über den Preis haben wir am Anfang gar nicht gesprochen. Mit den Kleidern für Stars ist es so … also, ich habe noch nie etwas dafür bezahlt, dass eine berühmte Persönlichkeit ein Kleid von mir trägt. Ich weiss aber, dass das oft vorkommt. Ich könnte mein Modelabel viel schneller berühmt machen, wenn ich die Stars bezahlen würde. Das musste ich aber Gott sei Dank noch nie tun. Aber ich gebe zu, wenn ich die Chance hätte, dass ein Star ein Kleid von mir an der Oscar-Verleihung tragen würde, dann würde ich es vielleicht auch machen.
Wie lautet der Auftrag von Madonna genau?
Der Stylist gab mir die Masse von Madonna durch und sagt, es solle etwas im Latin Vibe sein. Mehr Informationen bekam ich nicht.
Wie ging es danach weiter?
Ich hatte nur 24 Stunden Zeit, einen Vorschlag zu liefern. Ich zeichnete zuerst eine Skizze, danach ging ich zu meiner Illustratorin Lynn Valance. Nachdem ich ihre Illustration gemailt hatte, vergingen fünf Minuten, dann hatte ich den definitiven Auftrag.
Danach gab es scheinbar ein Problem …
… ja, in der Schweiz gab es niemanden, der mir am Osterwochenende sofort 6'000 Swarovski-Steine für ein kristallbesticktes Spitzenkleid liefern konnte. Ich musste also in die Türkei fliegen. Dort half mir zum Glück eine Schneiderin bei der Produktion des Kleides. Ich habe während zwei Tage fast nichts geschlafen. Danach musste ich auch noch Kurier spielen, weil Madonna das Kleid zwei Tage früher haben wollte als besprochen. Ich brachte das Kleid deshalb selber nach London.
Trafen Sie Madonna in London persönlich?
Nein – aber in London wurde es mir zum ersten Mal richtig bewusst: Scheisse, das Kleid ist ja wirklich für Madonna.
Und jetzt nochmals die Frage: Hat Madonna etwas für das Kleid bezahlt oder nicht?
Sage ich nicht.
Wirklich wahr, dass Sie mehr als die Hälfte Ihres Lebens im Flugzeug verbringen?
Es stimmt, der meistgesehene Ort auf meinen Instagram-Storys ist der Flughafen Zürich. (lacht)
Auf Madonnas Instagram-Account war Ihr kristallbesetzter «Bespoke»-Dress danach mehrfach zu bewundern. Wie fühlte sich das an?
Es war ein gutes Gefühl und hat mich stolz gemacht.
Was ist seit der Geschichte mit dem Madonna-Kleid geschehen? Werden Sie jetzt ständig von berühmten Frauen angerufen, die Kleider von Ihnen kaufen wollen?
Das Madonna-Kleid habe ich ausgeschlachtet – auf allen Kanälen. Mein Instagram-Account hat eine ziemlich grosse Reichweite, und so war klar, dass die Information schnell die Runde machen würde. In den ersten zwei Tagen bekam ich zehn Interviewanfragen.
Wurde auch Kleider bestellt?
Ja – am ersten Tag, als bekannt wurde, dass ich für Madonna ein Kleid kreieren durfte, bekam ich zehn Aufträge von Privatkundinnen. Das Kleid zu kreieren, hat sich finanziell definitiv gelohnt, zudem hat mir der Auftrag wahnsinnig viel Prestige eingebracht.
Ihre Instagram-Beiträge werden regelmässig von hochkarätigen Designerkollegen wie Dolce & Gabbana oder von Supermodels wie Eva Herzigova gelikt. Wie viel bringt Ihnen das?
Früher hat das sehr viel gebracht, wenn mich ein bekannter Designer repostet hat. Danach hatte ich am nächsten Morgen zig neue Follower. Heute ist es anders. Erst kürzlich haben zwei grosse Accounts Beiträge von mir repostet – am nächsten Tag hatte ich vielleicht zehn, zwölf neue Follower. Heute wird der Follower-Button nicht mehr so schnell gedrückt.
Welcher Star hat als Allererster ein Kleid von Ihnen an einem öffentlichen Anlass getragen?
Sibel Kekilli. Die deutsche Schauspielerin trug am Zürcher Filmfestival einen Anzug aus meiner Kollektion «Heros».
Ist dieser Erfolg überhaupt das, was Sie wollen?
Ja. Es ist einer der Gründe, warum ich Kleider kreiere. Ich brauche die berühmten Leute, damit mein Brand erfolgreich werden kann.
Das feinste Abendessen, zu dem Sie je eingeladen waren?
Keine Ahnung.
Wie lebt es sich eigentlich mit all den berühmten Leuten?
Je berühmter die Menschen sind, desto weniger Allüren haben sie. Zumindest habe ich das, Gott sei Dank, bisher so erleben dürfen.
Was bedeute für Sie privat Luxus?
Ich habe Luxus gern, ich brauche ihn. Die Bilder, die ich auf Instagram poste, sehen vielleicht danach aus, als würde ich ständig in Saus und Braus leben, aber dem ist natürlich nicht so. Ich zeige dort ja nur, was ich zeigen will. Ich zeige zum Beispiel nicht, wie ich nach zwei Tagen durcharbeiten in einem Schneideratelier in der Türkei, wie eine tote Fliege herumhänge …
… oder wenn Sie mit Ihrer 17-jährigen Tochter am Einkaufen sind?
Meine Tochter ist kein Thema in diesem Interview.
Was unterscheidet Stil und Mode?
Mode kann man kaufen. Stil kann man sich nur kaufen, wenn man genügend Geld hat, um sich eine gute Stylistin, einen guten Stylisten zu engagieren. Ich bewundere Leute, die Stil haben und die genau wissen, was ihnen steht. Ich finde es toll, wenn jemand hinsteht und sagt: Das bin ich, das ist mein Stil. Viele Frauen tragen heute eine Uniform. Sie denken zwar, sie seien megaindividuell, weil sie eine Celine-Tasche in der Hand haben – dabei hat das nichts mit Stil zu tun.
Das müssen Sie erklären.
Es ist ein Stil, der von den Modemagazinen vorgegeben wird. Mir jedoch gefallen jene, die ihren eigenen Stil ausleben, egal, ob ich diesen mag oder nicht. Das ist bewundernswert.
Wie bin ich angezogen?
Grauenhaft.
Ehrliche Ezgi Cinar. Der Journalist lässt sich nichts anmerken. Er lächelt tapfer.
Ich sehe Sie heute zum ersten Mal, habe Sie vor unserem Treffen auch nicht gegoogelt und weiss nicht, was Sie sonst tragen.
Was genau finden Sie so grauenhaft an meiner Kleiderwahl?
Das Material Ihres T-Shirts gefällt mir nicht. Und die Zötteli an Ihrer gestreiften Jacke finde ich auch nicht schön.
Mein weisses T-Shirt wurde in Bangladesch produziert. Im Doppelpack gekauft kostet es 24,90 Franken. Ich frage mich, wie kann man für so wenig Geld Leibchen produzieren und verkaufen?
Man kann anscheinend. Aber ich weiss, worauf Sie hinauswollen … Es geschieht auf Kosten von vielen armen Leuten. Was verdient wohl die Näherin in Bangladesch, die das Shirt zusammengenäht hat? Hierzulande würden wir solche Arbeitsbedingungen nicht tolerieren.
Bis zu 14 Kollektionen im Jahr sollen die Konsumentinnen etwa bei Mango und Zara zum Kauf animieren: «Fast Fashion» nennt sich das. Ist das die Zukunft der Mode?
Davon halt ich gar nichts. Ich bin eine grosse Gegnerin der Wegwerfmode. Die Bekleidungsindustrie belastet die Umwelt enorm. Ich finde es schlimm, dass wir immer mehr Kleider kaufen, während gleichzeitig die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kleidungsstückes stark zurückgegangen ist. Besonders schlimm sind diese Fashion-Pieces, die bereits nach einer Saison wieder weggeworfen werden. Mich macht es total hässig, wenn Kolleginnen, die genügend Geld hätten, günstige Teile kaufen und diese nur zwei-, dreimal tragen und sie dann wegschmeissen.
Haben Sie deswegen oft Diskussionen mit Ihren Freundinnen?
Früher mehr, heute weniger – das hat damit zu tun, dass ich keine engen Freundinnen mehr habe, die nicht sensibel mit diesem Thema umgehen.
Auch meiner Tochter lebe ich den sorgfältigen Umgang mit der Mode vor …
… ich dachte, Ihre Tochter soll kein Thema in diesem Interview sein.
Doch, das dürfen Sie schreiben.
Was hält Ihre Tochter von Ihrer Arbeit?
Sie findet, dass ich viel zu viel arbeite. Gleichzeitig findet sie es megacool, dass ich genau weiss, was ich will.
Was unternehmen Sie sonst noch gegen die Wegwerfmode?
Ich versuche, mit meinem eigenen Brand andere Wege zu gehen – auch wenn das teilweise schwierig ist. Ich lasse zum Beispiel von meinen Kollektionen keine Vorproduktionen anfertigen, produziere nur das, was wirklich bestellt worden ist.
Momoll, jetzt haben wir, trotz der anfänglichen Weigerung, eine ganze Menge besprochen. Und erfahren. Auf zur Schlussrunde!
Welches modische Teil muss eine Frau unbedingt haben?
Eine weisse Bluse.
Und welches Teil ein Mann?
Ein perfekt sitzendes Jackett.
Welchen Modetrend mögen Sie überhaupt nicht?
Mühe habe ich mit Mode, die aussieht wie Müll und offenbar auch Müll ist, aber zu einem megateuren Preis verkauft wird.
Von welchen Brands reden Sie?
Ich möchte keinen Brand namentlich nennen, aber es gibt diverse Marken, die die Kunden für blöd verkaufen. Die verkaufen billig produziertes Zeugs für extrem hohe Preise.
Welches Tier ist schöner als der Mensch?
Flamingos, Pfaue und Panther – ich finde überhaupt, Tiere sind eleganter als Menschen.
Ihr persönlicher Fashion-Gau?
Oh, das gab es einige. Den allerallerschlimmsten Gau habe ich mir im Teenageralter geleistet: An einer Technoparty trug ich zu einem orangefarbenen Neon-BH tatsächlich Hotpants und weisse Handschuhe. Gott sei Dank gab es damals Instagram noch nicht.
Wirklich wahr, dass sich Frauen über Männerfüdlis unterhalten?
Ja.
Welche Füdliform ist gerade besonders beliebt bei den Frauen?
Das Füdli muss stramm sein.
Knackarsch?
Ich glaube, wenn das Füdli knackig ist, ist es auch stramm. (lacht)
Gehen wir zum Schluss vier Mode-Erfindungen durch, und Sie sagen kurz, was Sie davon halten: Minirock.
I love it. Ich selber ziehe nur Superminis an.
Leggins …
… sind okay, aber nur, wenn man die Figur dazu hat.
Anzug.
Love it too. Ich stehe bei den Männern auf «Tight ass»-Look. Und ganz wichtig: saubere Schuhe.
Krawatte.
Ich habe nichts dagegen, muss aber nicht sein.
Diverse bekannte Modemarken lancieren gerade die Krawatte für die Frau.
Ich nicht.