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Ist Handel ansteckend?
Die Finanzkrise von 2007 bis 2009 begann mit der Krise am US-Immobilienmarkt und erfasste danach die gesamte Weltwirtschaft.[1] Nicht nur zwischen den Staaten, sondern auch innerhalb grosser Länder gibt es erhebliche Unterschiede, wie rasch und wie stark sich eine Krise ausbreitet. So griff in der Finanzkrise die Arbeitslosigkeit in den USA schliesslich auf das ganze Land über, nachdem zuerst nur vormalige Boom-Regionen abstürzten, in denen Immobilienpreise und Konsum besonders stark gewachsen waren. Welche Mechanismen fördern die Ausbreitung solcher Schocks auf eine ganze Volkswirtschaft? Und welche Rolle spielt dabei der Handel?
Nach dem Aufschwung kam der Fall
Sebastian Stumpner, Ökonom bei der französischen Zentralbank, untersuchte am Beispiel der Finanzkrise in den USA, wie die Handelsverflechtungen zwischen den einzelnen US-Bundesstaaten zur Ausbreitung der Krise beigetragen haben. Zu Beginn der Krise stieg die Arbeitslosigkeit vor allem dort, wo die Immobilienblase früh platzte, die Haushalte hoch verschuldet waren und daher den Konsum besonders stark einschränken mussten. Danach nahm die Arbeitslosigkeit aber im ganzen Land zu.
Um die Bedeutung des Handels für die Ausbreitung der Rezession nachzuweisen, nutzte der Ökonom Unterschiede in den Handelsverflechtungen. Manche Branchen in einem Bundesstaat exportierten stark in Regionen, die von der Immobilienkrise besonders heftig betroffen waren. Andere Branchen exportierten dagegen in weniger betroffene Absatzmärkte mit noch guter Konjunktur.
Der Vergleich dieser Branchen erlaubt es, die Rolle des Handels von Ausbreitungskanälen wie etwa einer Kreditklemme – das heisst einem Rückgang der Kreditvergabe – zu trennen. Der Forscher verwendet dazu Daten aus offiziellen Statistiken zu Handelsströmen zwischen den US-Bundesstaaten. Diese umfassen den direkten Handel mit Endprodukten wie auch die Lieferungen von Zwischenprodukten.
Für jede Branche in jedem US-Bundesstaat berechnet Stumpner ein Mass für den Einbruch der Handelsnachfrage. Dieses Mass ergibt sich aus einem gewichteten Durchschnitt der privaten Haushaltsverschuldung innerhalb der US-Bundesstaaten vor der Krise. Denn in Regionen, wo die Häuserpreise während der Immobilienblase stark anstiegen, konnten Hausbesitzer neue Schulden aufnehmen und damit ein besonders starkes Konsumwachstum finanzieren. Diese neuen Schulden waren mit dem höheren Wert ihrer Häuser besichert. Regionen, die vor der Krise 2007 von einem Nachfrageboom durch hochverschuldete Konsumenten profitierten, erlitten mit dem Absturz der Immobilienpreise einen besonders starken Nachfrageeinbruch. Branchen, die mit solchen Regionen umfangreichen Handel trieben, mussten daher einen wesentlich stärkeren Rückgang ihrer Nachfrage hinnehmen.
Handel überträgt Konjunkturschwankungen
Das Hauptergebnis der Studie ist, dass der Handel ein wichtiger Treiber der Ausbreitung ist. Exportiert eine Branche besonders stark in Bundesstaaten, deren Nachfrage aufgrund der Immobilienkrise einbricht, so nimmt das Beschäftigungswachstum in dieser Branche signifikant stärker ab als in Branchen, deren Handelspartner von der Krise weitgehend verschont blieben.
Die empirischen Schätzungen zeigen: Das Beschäftigungswachstum in einer Branche fällt um durchschnittlich 2,9 Prozentpunkte, wenn diese von einem überdurchschnittlich hohen Rückgang der Nachfrage nach Exportgütern (um eine Standardabweichung) betroffen ist. Da die Beschäftigung von 2007 bis 2009 um durchschnittlich 8 Prozent sank, ist dieser Rückgang ökonomisch bedeutsam. Insgesamt lassen sich rund 18 Prozent aller Unterschiede im Beschäftigungswachstum der betrachteten Branchen und Bundesstaaten auf Unterschiede in den Handelsverflechtungen zurückführen.
Gilt dieser Zusammenhang nur in Krisen oder über den gesamten Konjunkturzyklus? Von 2004 bis Ende 2007 profitierten die Branchen, die überdurchschnittlich stark in Bundesstaaten lieferten, deren Nachfrage wegen des Immobilienbooms wuchs. Diese Branchen konnten dank des positiven Handelsschocks ihr Exporte besonders stark steigern und daher ein hohes Beschäftigungswachstum erzielen.
Nach dem Platzen der Immobilienblase kehrte sich dieser Effekt um und wandelte sich in einen negativen Handelsschock (siehe Abbildung). Die hochverschuldeten Bundesstaaten schlitterten in eine Rezession und erlitten einen starken Nachfrageeinbruch. Dies wurde dann besonders jenen Bundesstaaten zum Verhängnis, deren exportorientierte Branchen besonders starke Handelsverflechtung mit den schwächelnden Regionen pflegten: Die abnehmenden Exporte führten dort zu Beschäftigungsverlusten und trugen so zum Anstieg der Arbeitslosigkeit bei. Mit dem Abflauen der Immobilienkrise und der allmählichen Erholung im Jahr 2009 schwächte sich der negative Handelsschock wieder ab und verschwand schliesslich ganz. Mit der anziehenden Nachfrage konnte sich auch das Beschäftigungswachstum wieder erholen.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Handelsverflechtungen zwischen den Bundesstaaten für die Übertragung von Konjunkturschwankungen eine bedeutende Rolle spielen. Sie trugen wesentlich zur Ausbreitung der Rezession während der Finanzkrise bei. So führte die Finanzkrise in Bundesstaaten, die intensive Handelsbeziehungen zu den schwächelnden Regionen aufwiesen, zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Umgekehrt konnten sie im vorausgehenden Boom überdurchschnittlich stark profitieren.
Boom und Rezession beeinflussen durch den Handel die Beschäftigungsentwicklung in anderen Bundesstaaten
Anmerkung: Die dunkelblauen Punkte zeigen, wie sich ein überdurchschnittlich hoher Handelsnachfrageschock über einen Zeitraum von zehn Jahren auf das Beschäftigungswachstum auswirkt. Die vertikalen Linien stellen wichtige Ereignisse vor und während der Finanzkrise dar: (i) Höhepunkt der Immobilienblase; (ii) Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008; und (iii) Höhepunkt der Arbeitslosigkeit in den USA mit 10 Prozent. Die grauen Linien veranschaulichen das 95-Prozent-Konfidenzintervall.
Quelle: Stumpner (2019).
- Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Stumpner (2019).
Littérature
- Sebastian Stumpner (2019). Trade and the Geographic Spread of the Great Recession, Journal of International Economics 119, 169-80.
Proposition de citation: Mündlein, Tabea (2021). Ist Handel ansteckend. La Vie économique, 17 décembre.
Dieser Artikel ist Teil der Reihe «Next Generation». Darin fassen herausragende Studierende der Universität St. Gallen aktuelle und bedeutende Forschungsresultate von international renommierten Wirtschaftswissenschaftlern kompakt zusammen. Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie und öffentliche Finanzen, und Michael Kogler, Lehrbeauftragter für Volkswirtschaftslehre. Weitere Artikel der Reihe finden Sie hier und auf der Website der Universität St. Gallen.