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ANMERKUNGEN
1 Figürlich: Standmotiv, Bewegungs- (oder Schreit-)motiv. Architekturbezogen: Malmotiv und (Zugangs-) Wegmotiv. Hinsichtlich des Malmotivs: im Deutschen bedeutet 'Mal' auf der elementaren Ebene des Demarkierens, das Setzen eines mehr oder weniger dauerhaften künstlichen Zeichens in die natürliche Umgebung. In entwickelterem Sinne kann auch ein dauerhaftes architektonisches 'Monument' gemeint sein. Da Frey vor allem letzteres im Auge hat, verwenden wir beide Begriffe, das heisst entweder 'Mal' oder 'Monument'. Hinsichtlich des Begiffes 'Wegmotiv': im Deutschen bedeutet Weg nicht nur eine abgegrenzte Fläche, die als Weg, Pfad zum Gehen benutzt werden kann, es ist auch Kern des Begriffes Be-Weg-ung. Da Frey's Beispiele sich alle auf polaren Beziehungen zwischen Mal und Zugangsweg aufbauen, verwenden wir teilweise den Begriff 'Zugangsweg'.
2 Dabei handelt es sich um eine in Japan ethno-historisch entwickelte Hypothese. Shinto Kulte zeigen eine eigenartige Vielheit 'heiliger Berge' (yama) die aber nicht natürlich, sondern künstlich gefertigte Artefakte sind. Ein heiliger Berg dieser Art kann aus einem korbähnlich gefertigten Objekt bestehen, das in Kultprozessionen mitgeführt wird. In einer bestimten Region (Okayama) werden vor der Festzeit mit grossen Quantitäten von Holz und bezogen auf einen bestimmten permanenten Shinto Schrein mehrere etwa 15 bis 29 Meter hohe 'heilige Berge' gebaut. Zuoberst tragen diese Berge einen kleinen hölzernen Schrein. Normalerweise lebt eine lokale Gottheit in dieer Art von Berg, doch meist kehren diese Gottheiten nach dem Fest wieder zurück in die ihnen zugeordneten permanenten Schreine. Temporäre Heiligtümer und Göttersitze sind in Japan offensichtlich Überlebsel von Vorläufern der japanischen Schreine, die sich historisch von der chinesischen Tempelbaukunst ableiten. Wir können somit annehmen dass solche künstlichen heiligen Berge sehr alte Traditionen darstellen, ihre Wurzeln sehr wahrscheinlich in neolithischen Siedlungsbedingungen haben. Daraus gibt sich eine weitere Hypothese, nämlich dass die künstlichen heiligen Berge kulturgeschichtlich eine frühere Sache sind als die natürlichen heiligen Berge. Mit dieser paradoxen Formel werden wir uns bewusst, dass die oft zitierte Natur-Kultur Dichotomie in Wirklichkeit ein Eurozentrismus des 19.Jahrhunderts darstellt, der heute nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Vielmehr werden wir uns klar, dass dem Natur-Kultur Verhältnis enorm lange Prozesse zugrundeliegen.
3 In meiner Studie zur Schriftentstehung findet sich die Uebersetzung eines wichtigen babylonischen Mythos. Der Text ist klar bezogen auf das Schilf-Milieu des Euphrat und Tigris (heute: sog. marsh-Arabs). Es handelt sich faktisch um einen Gesetzestext. Seine 'Nichts zuvor und danach ist Leben'-Formel beschreibt die initiale Gründung eines Orts, ein winziges Stück Erde auf dem ein Schilfzeichen gemacht wird, das als lokaler Sitz einer Gottheit dient. Der Ort mag in späterer Zeit zum Zentrum einer kleineren oder grösseren Stadt, eines Staates werden. Was wir für einen Mythos gehalten haben, entpuppt sich als territoriale Verfassung, als lokale 'Konstitution' im rechtlichen Sinne. Es vereinigt Elemente auf zwei Ebenen: eine fibrokonstruktive Zeichenbildung, zugleich etwas heiliges, ontologisch wertvolles, das als Kulturding deutlich auf der Ebene von traditionsgebundenen Agrardörfern steht. Der Umstand jedoch, dass die Sache geschriebener und verbalisierter Form überliefert ist, ist später, ist ein definit urbanes Element. Es muss sich also um einen sehr frühen Text handeln. Der sachliche Inhalt ist wie gesagt sehr klar in der bekannten mesopotamischen Umgebung beheimatet in welcher Schilf das Milieu bestimmt. Der Text deutet somit in diesem Raum auf eine Frühphase des Siedelns hin.
4 Kult-Patterns dieser Art sind weithin durch die eurozentrisch-theologische Interpretation verschüttet worden. Um die polare Bedeutung des Orts in Ruhe und die Ek-statischen Dynamismen mit monumentalisierten heiligen Figuren von Göttern zu verstehen ist es nötig, das Konzept 'Nukleare Demarkation' zu verstehen, das man wohl als den primären Typus territorialer Grenzsetzung verstehen kann. Räumlich expandierte zirkuläre Typen früher Reiche sind bekannt hinsichtlich ihrer peripheren Grenzen und die entsprechenden politischen Probleme um sie. Doch der primäre Typus war 'nuklear', das heisst im Kern der Siedlung. Von ihm als Kern strahlte ein traditioneller Code hinaus in die Peripherie. Im alten Aegypten ist diese Raumauffassung noch klar repräsentiert. Die Hauptstädte und ihre Heiligtümer galten als mittige Grenzkerne für die oberen und unteren Teile des Reiches. Das Prinzip erhielt sich in die mehr zirkulär strukturierten frühen Reiche, wurde nun aber in diesem Sinne zentrisch wie etwa Rom mit seinen heute noch verwendeten 'urbi et orbi' des Vatikans. Offensichtlich impliziert die höchst flexible Formel eigentlich 'Weltreich' und es täte wohl manchem gut, den 'Mechanismus' dieses Überlebsels besser zu verstehen.
5 Sätze dieser Art sind ein Relikt der Antikenbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Wir könnten solches wohl heute nicht mehr schreiben, vor allem auch weil der 'Design' Aspekt nicht mehr subjektiv intakt ist. Heiligtümer gehören meist zur extrem konservativen menschlichen Domäne, in welcher rituelle und kultische Traditionen weitgehend die Anlagen und Formen bestimmen. Der Tempel im alten Aegypten war weitgehend eine Konkretisierung von rituellen und kultischen Bedingungen. 'Design' war beschränkt auf monumentale Grösse und Ingenieurtechniken hinsichtlich neuer, dauerhafter Materialien. Deutlich zeugen die Formen von der materiellen Umsetzung vorgeschichtlich-fibrokonstruktiver Techniken zum monumentalen Steinbau. Interessant in diesem Zusammenhang ist die 'Metabolismus'-Theorie von Walter Andrae. Die ionische und korinthische Säulen der griechischen Ordnung erscheinen nun - als Bündel - plötzlich den aegyptischen Bündelpfeilern sehr nahe verwandt. Andrae hat das klar gezeigt und es zeugt für recht wenig wissenschaftliches Verständnis wenn der amerikanische Architekturhistoriker Spiro Kostof in seinem Buch 'The Architect' neuerdings Architekturstudenten für den altägyptischen Architekten als genialen Designer begeistern will.
6 Wir haben das bereits erwähnt: Frey interpretiert Architektur nicht-europäischer Kulturen im Sinne Diltheys etwas antiquiert auf der Ebene dessen, was Europäer über die geistigen Hintergründe dieser Kultur zusammengetragen haben. Aber das könnte durchaus fehlleitend sein. Die Sache lebt von der Apriori-Annahme dass alle Architektur vom Menschen entworfen ist und da es sich um kunstvolle Architektur handelt, dass diese im Rahmen der entsprechenden Geistesgeschichte 'erschaffen' wurde. Das entspricht dem engen Standpunkt des Historikers. Architekturanthropologie tendiert auf die andere Seite. Aus ihrer zeitlich weit tiefer greifenden Perspektive ist vormoderne Architektur zum grossen Teil recht stereotpe Tradition, das Überliefern von Architekturformen die ihre Urpsrünge in den Tiefen der Zeit hatten und entsprechend auch aufgrund ihrer Effizienz einen hohen ontologischen Wert verkörperten und entsprechend auch auf die soziale Ordnung und bestimmte Weltbilder von oft grosser Wirkung waren. Die 'software' war gleichsam formimmanent und lief der materiellen Produktion parallel und erhielt derart die mysteriöse Geltung bestimmter Formen. Die ionische und korintische Säulen sind ganz klar von dieser Art. Indem sie sich nun neu, das heisst anthropologisch, darstellen lassen, wird ihre polar-harmonische Struktur von ihren prämonumentalen fibrokonstruktiven Voraussetzungen neu verständlich und wir können sie nun von ihrer engen Verbindung zur Hominisation, zur 'Menschwerdung' als Zeichen und Symbole neu verstehen. Wer wohl würde es nach dieser Einsicht noch wagen, sie als 'pilotis' zu degradieren?
7 Schon Aristoteles hat in seinem 'Organon' die Kategorien als elementarste Grundlagen menschlichen Erkennens charakterisiert. Faktisch hat sie der Mensch 'erkenntnistheoretisch' gemein mit vielen Tieren die mit entsprechenden Systemen der Sinneswahrnehmung ausgestattet sind. Ruhe und Bewegung, viele Verhaltensmuster sind aufgrund dieses komplementären Paars strukturiert. Doch bleiben unter Tieren die gegensätzlichen Kategorien getrennt. Sie werden als verschiedene Bereiche der Umwelt, etwa als ausgesetztes Aussen des Territoriums und als geborgenes Innen im Tierbau empfunden. Der Schlüssel zur menschlichen Situation liegt in der Verbindung der beiden Gegensätze zu einer gegensätzlich strukturierten Einheit. Sehr wahrscheinlich hat sich diese wichtige kombinatorische Fähigkeit in einer langen Phase der territorialen Organisation unter Verwendung fibrokonstruktiver toposemantischer Zeichen herangebildet.
8 Frey präsentiert ganz klar ein architekturanthropologisches Forschungsprogramm. Es entspricht weitgehend dem, was wir mit unserer eigenen Arbeit unternommen haben.