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Seine Rippen standen hervor, doch er fühlte sich dick. Kevin-Charles Rüffieux litt mit 14 Jahren an Magersucht. Innert wenigen Wochen hat sich der damals 1,71 Meter grosse Teenager auf rund 41 Kilogramm hinunter gehungert. «Mir ist schleierhaft, woher ich die Willensstärke dazu gehabt habe», sagt der heute 27-Jährige.
Er sitzt auf dem Sofa seiner Wohnung in Berlin. Im Februar ist er von Plaffeien dorthin gezogen. «Plaffeien ist halt speziell. Alle denken gleich», sagt er und lacht in die Kamera seines Laptops. Das Gespräch findet per Zoom statt. Kevin-Charles Rüffieux mag die deutsche Grossstadt. Sie zieht Menschen an, die querdenken, sich selbst verwirklichen und gegen den Strom schwimmen. Menschen wie ihn.
Anderssein. Das begleitet ihn seit seiner Geburt. Er kam zwei Monate zu früh auf die Welt. Sein linker Fuss war verdreht. Mit drei Monaten hatte er seine erste Operation. Kurze Zeit darauf die zweite. «Die Ärzte sagten meinen Eltern, dass ich wegen meines Klumpfusses nie richtig laufen würde.» Seine Mutter habe dem ersten Arzt nicht geglaubt. Dem zweiten auch nicht. Irgendwann fand sie einen Arzt, der zum kleinen Kevin-Charles Rüffieux nicht Nein sagte. «Meine Mutter ist ein Sturkopf», erzählt er mit Stolz in der Stimme. Sie habe ihm nie das Gefühl gegeben, dass er anders sei oder dass er etwas nicht könne.
Kein straffer Bauch
Das Gefühl, nicht gleich zu sein, erlebte er besonders anfangs des Teenageralters. Im Sport wurde er als letzter in ein Team gewählt, im Fussball sass er auf der Ersatzbank. Mädchen? Für sie war er Luft. «Es ging nur darum, wer der Grösste und der Stärkste ist.» Kevin-Charles Rüffieux war beides nicht. Auf den Bäuchen seiner Freunden zeichneten sich Muskeln ab. Sein Bauch war nicht straff. Das störte ihn. «Ein Freund riet mir: Iss einfach weniger und mach mehr Sport.» Das klang simpel. Mitten in der Nacht stand er auf und machte Rumpfbeugen und Liegestützen. Am Mittag sagte er in der Schule, dass er schon genügend gefrühstückt hatte. Zu Hause sagte er, er habe in der Schule genug zu Mittag gegessen, und verzichtete auf das Abendessen. «Ich ass vielleicht 800 Kalorien am Tag», erzählt er. Dass er abnahm, bemerkte kaum jemand. «Es ging so schnell.» Innert drei, vier Monaten war er dünn. Zu dünn.
41 Kilogramm leicht
Das bemerkte sein Umfeld erst vor einer erneuten Operation. Bei der Operation musste sein Bein gestreckt werden. «Wissen Sie, wie es ist, operiert zu werden? Ich schlafe ein, und Fremde schnippeln an mir herum.» Die Kontrolle verlieren. Das mag Kevin-Charles Rüffieux nicht. Nach dem Wiegen im Spital verkündete sein Arzt, dass er 41 Kilogramm leicht sei. Ein Schock für die Familie – und für Kevin-Charles Rüffieux.
Er sah ein: Er hatte die Kontrolle verloren und willigte in eine Therapie ein. Kontrolle über seinen Körper gewann er vor allem mit Sport zurück.
Mit 16 Jahren besuchte er erstmals ein Fitnesscenter. Dort traf er Ursula. Ursula Raetzo-Bächler verdankt er viel. Sie war nicht nur seine Fitnesstrainerin, sie klempnerte auch seine Seele zurecht: Er begann an sich zu glauben. Mit jeder Rumpfbeuge ein bisschen mehr. Diese dienten nicht mehr dazu, Gewicht zu verlieren, sondern Selbstbewusstsein zu gewinnen.
Neben dem Sport las er viel. Kevin-Charles Rüffieux hat einen immensen Wissensdurst. Er verschlingt Fachliteratur regelrecht. So lernte er, was einen starken Menschen ausmacht – im Hirn, im Magen und in den Muskeln. Sein Wissen hat er selbstreflektiert bei sich angewandt. Seine Lebensfreude strahlt durch den Computerbildschirm: Die Worte sprudeln aus ihm heraus. Sein gestählter Bizeps blickt unter dem T-Shirt hervor, während er wild gestikuliert.
Selbstbewusst erzählt er Details seiner Krankheit. Von einem Fun-Fact, wie er es nennt: In der Schule war er der Beste im Kopfrechnen. Denn Kalorienzählen gehörte dazu. Noch heute kennt er die genaue Kalorienzahl von jedem Gericht. Ist das nicht gefährlich? Auf die Frage stockt sein Redefluss. Er überlegt – und verneint. Er nutze heute sein Wissen für Konstruktives statt Destruktives.
Ernährungs- und Sportcoach
Kevin-Charles Rüffieux hat keine Hemmung, über seine Vergangenheit zu sprechen. Sie ist die Basis für sein heutiges Business. Was der Autodidakt gelernt hat, lehrt er heute anderen. Er coacht Menschen bei ihrer Ernährung und bringt sie auch physisch in Form. Und das online: modern und effizient, passend zu seinem Charakter. Seine Kunden seien auf der ganzen Welt verteilt und ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Grundsätzlich nehme er sich allen an, ausser sie haben psychische Probleme oder eine krankhafte Essstörung.
Mit der Kombination aus Ernährungsberatung und Fitnesscoach hat er Erfolg. Erfolg ist ihm wichtig. «Ich habe Angst davor, zu sterben, und nichts erreicht zu haben», sagt er. Was möchte er erreichen? «Ich will den gleichen Einfluss auf Menschen haben, den Ursula auf mich hatte.» Und unbescheiden fügt er an, dass er dies für Hunderte von Personen haben möchte.
Zahlen und Fakten
Frauen sind etwas häufiger betroffen
3,5 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung sind gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) einmal in ihrem Leben von einer krankhaften Essstörung betroffen. Dazu zählen die Magersucht, die Ess-Brechsucht und andere problematische Verhaltensweisen. Gemäss BfS sind 0,2 Prozent der Männer einmal im Leben von Magersucht betroffen, bei den Frauen sind es 1,2 Prozent.