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Laufzeit: 2023-2027
Das internationale Verbundforschungsprojekt «Turning Land into Capital. Historische Perioden der (Re-)Produktion von Reichtum in Lateinamerika vom 19. bis zum 21. Jahrhundert» (2023 - 2027) zielt darauf ab, die Rolle von Land als Mittel zur (Re-)Produktion von Reichtum in Lateinamerika und der Karibik zu verstehen. Der Fokus liegt dabei auf den beiden Phasen von den 1860er Jahren bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 sowie von den 1980er Jahren bis in die 2020er Jahre. In dem inter- und transdisziplinären Projekt forschen WissenschaftlerInnen der Universitäten Bielefeld, Bern, Puebla, Quito und Quilmes zu Strategien der Transformation von Land in Kapital in Lateinamerika. Das Projekt wird von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Projektlinie "Perspektiven auf Reichtum: Die (Re-)Produktion von Reichtum" von 2023-2027 gefördert.
Die ungleiche Landverteilung in Lateinamerika und der Karibik ist ein Phänomen mit einer langen historischen Entwicklung vom Beginn der europäischen Eroberung bis heute. Die hohe Konzentration von Landbesitz in den Händen weniger Personen und Familien hat Lateinamerika zur Region mit der weltweit ungleichsten Landverteilung gemacht. In diesem Projekt werden neue theoretische und methodologische Ansätze zum Thema Land als Mittel der Reproduktion von Reichtum aus einer multidimensionalen Perspektive angewendet. Inspiriert von Bourdieus Perspektive auf die Transformation verschiedener Arten von Kapital (ökonomisches, kulturelles, symbolisches, soziales, politisches etc.), schlägt das Projekt vor, die ökonomische Dimension der Reproduktion von Reichtum in ihrer Interaktion mit kulturellen und sozialen Werten und Praktiken (Habitus), ihren Verbindungen zum politischen System und ihren Auswirkungen auf die Transformation von Landschaften und Ökosystemen zu diskutieren. Ziel ist es, die Rolle von Land als Mittel zur (Re-)Produktion von Reichtum in Lateinamerika und der Karibik in zwei zentralen historischen Transformationsphasen der beschleunigten Akkumulation von Land zu verstehen.
Die erste Periode wird wirtschaftshistorisch als eine Phase der Liberalisierung und Modernisierung charakterisiert, die mit der Integration der Region in globale Wirtschaftsstrukturen und der Stärkung extraktivistischer Wirtschaftssektoren einherging. Das vorherrschende Modell dieser Agrartransformation war die Ausbeutung von Großgrundbesitz und Plantagen durch (a) Expansion und neofeudale Transformation traditioneller Agrarregionen (zentrales Andenhochland, Zentralmexiko, Zentralamerika, Karibik und Atlantikküste) und (b) interne Kolonisation und Landnahme in peripheren Regionen (Südkegel, Südostmexiko, Amazonasgebiet) zur Produktion von Rohstoffen für den Export (Quinoa, Kautschuk, Zuckerrohr, Bananen, Kakao, Mate).
Die zweite Transformationsepoche tritt mit dem Aufkommen des Neoliberalismus ab den 1980er Jahren bis heute auf, in der im Gegensatz zur importsubstituierenden Industrialisierung der "zweiten Eroberung" eine verstärkte Privatisierung und Exportorientierung stattfand. Angetrieben durch die erste und zweite Grüne Revolution wurde die agrarindustrielle und kapitalintensive Expansion der Landwirtschaft in globale Wertschöpfungsketten integriert. Eine Vorreiterrolle spielte das neoliberale Wirtschaftsmodell während der Militärdiktatur in Chile, wo die selektive Integration in den Weltmarkt auf der Entwicklung und Modernisierung der Agrarsektoren (Obstindustrie, Forstplantagen, Weintrauben, Lachs) beruhte. In der zweiten Phase verstärkte sich die Integration in die globalen agroindustriellen Produktionsnetze mit neuen Erzeugnissen wie Avocados, Sojabohnen, Schnittblumen und verarbeiteten Agrarprodukten wie Fleisch. Insbesondere seit den 1990er Jahren beschleunigte sich der Boom von Sojabohnen und Biodiesel (Ölpalme, Zucker, Mais) in Südamerika. Parallel zum Soja- und Agrotreibstoffboom nimmt die Rinderzucht in Brasilien, Kolumbien und Argentinien große Flächen in Anspruch. In Brasilien gibt es inzwischen mehr Rinder als Menschen. Die Folgen sind die großflächige Abholzung von Urwäldern, um Platz für die Futtermittelproduktion zu schaffen, und die Verschlechterung der Böden. Die Abholzung findet auch in ehemaligen Naturschutzgebieten statt.
Das Projekt ist entlang dreier thematischer Forschungslinien ausgerichtet: 1) Politische Konstellationen; 2) Kulturen des Reichtums und 3) Ökologische Transformationen von Landschaften.
1) Politische Konstellationen: Es sollen die vielfältigen Beziehungen zwischen ländlichen Eliten und politischen Institutionen sowie die Formen der politischen Legitimation von Hyperreichtum untersucht werden. In welchen lokalen, regionalen und globalen Kontexten agierten ländliche Eliten und wie wurden sie von den jeweiligen Akteuren legitimiert? Wann kann von staatlicher Vereinnahmung gesprochen werden? Wie funktioniert politische Legitimation?
2) Kulturen des Reichtums: lädt dazu ein, die kulturellen und sozialen Aspekte der Repräsentation, Rechtfertigung und Legitimation ungleicher Landverteilung zu untersuchen. Wie haben traditionelle Vorstellungen von Landbesitz dazu beigetragen, Ungleichheit zu legitimieren und zu stabilisieren? Wie beeinflussten aristokratische Werte den Zugang ländlicher Eliten zu ökonomischen oder politischen Ressourcen?
3) Ökologische Transformationen von Landschaften: schlägt vor, die materiellen und imaginären Auswirkungen von Landnahme und Landkonzentration auf Umwelt und Ökosysteme in Lateinamerika zu analysieren. Was sind die ökologischen Folgen in Bezug auf Artensterben, Neophyten, Entwaldung, Erosion, Klimawandel? Wie sind die ökologischen Kosten zu legitimieren?
Dr. Elba Tyanif Rico Rodriguez
Prof. Dr. Olaf Kaltmeier
Center for InterAmerican Studies
Universität Bielefeld
PF 100131
D-33501 Bielefeld
Prof. Dr. Christian Büschges und Dr. Melina Teubner
Universität Bern
Historisches Institut
Länggassstrasse 49
CH-3012 Bern
MA. Carolina Hormaza
<email-pii>
Universität Bielefeld
Center for InterAmerican Studies
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