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Das Pantanal ist eines der grössten Feuchtbiotope der Welt und gehört seit 2000 zum UNESCO-Welterbe. Mit einer Fläche von 230'000 Quadratkilometern erreicht es die Grösse von Westdeutschland. Das Überschwemmungsland wird von zahlreichen Flüssen, insbesondere vom Rio Sāo Lourenço, Rio Cuiabà und Rio Paraguai bewässert und vom Rio Paraguai entwässert. Da die Flüsse auf 600km nur ein Gefälle von 30m haben, wird das ganze Gebiet jährlich von den starken Regenfällen im Norden komplet überschwemmt und trocknet wieder aus. Dadurch entsteht ein einzigartiges Biotop mit Wasserflächen, Feucht- und Trockengebieten mit Flüssen, Seen, seichten Lagunen, Savannen, Flussgalerie- und Trockenwäldern.
Das Pantanal ist kaum erschlossen. Viele Farmen sind meistens nur in der Trockenzeit bewohnbar. Der Staat hat 1973 mit dem Bau der Transpantaneira eine Nord-Süd-Verbinung mitten durch das Pantanal begonnen, musst aber mitten drin abbrechen. Diese Strassenverbindung ist in der Trockenzeit über 127 Brücken befahrbar. in der Regenzeit jedoch grösstenteils geschlossen. Dank dieser fehlenden Erschliessung ist das Pantanal ein Pflanzen-, Tier- und vor allem Vogelparadies.
(Wikipedia)
Das möchten wir auf einem nicht ganz gewöhnlichen Weg besuchen und erleben. Mit unserem Kookaburra auf dem Floss von Corumba nach Porto Jofre und auf der Transpantaneira nach Pokoné.
Wir sind an einem wirklich schönen Ort gelandet. Hugo und seine Mutter Jane haben hier ein einmaliges, potentielles Bijou, eine Liegenschaft mit Potential, sie braucht aber etwas Arbeit.
(www.pousadadocachimbo.com.br). In längeren Diskussionen mit Hugo um die Zukunft der Pousada kommen wir uns näher. Die Pousada (Herberge) ist Teil seiner Familiengeschichte, hier ist schon seine Mutter gross geworden. Sein Vater handelte mit Vieh aus dem Pantanal. Hugo war 8 Jährig als sein Vater starb.
Hier in Corumba, direkt über dem Rio Paraguay, im Pousada do Cachimbo bereiten wir uns auf diese Reise vor.
Die Nacht ist ruhig, abgesehen von lauter Samstagabendmusik einer Veranstaltung, die aber kaum stört. Am Morgen wecken uns krähende Hähne, gackernde Hühner und schnatternde Gänse. Wir geniessen einen ausgiebigen z’Morge (mit Magen-Darm-Tee und Breili wegen dem aus Bolivien mitgebrachten anhaltenden Durchfall seit Tagen).
Der Blick auf die Flusslandschaft ist überwältigend. Hugo gibt uns gute Ratschläge und nimmt uns gleich mit in die Stadt. Das Restaurant Laça de Ouro wechselt uns U$ in Real um. Wir essen in der Churrasceria gleich vom grossen Buffet. Anschliessend laufen wir zum Hafen runter: ein Touristen-Schiff macht sich bereit für einen Fischer-Ausflug.
Die Marine sucht neue Leute und hat einen Tag der offenen Kampfboote an der Hafen-Mole.
Wir vernehmen, dass ein Schiff mit Balsa (Floss) in 2-3 Tagen nach Porto Jofre ausfahren wird. Die Schiffsleute sind am grillieren, sie werden am Mittwoch Abend wegfahren. Wir könnten für 1100 U$ oder 6000Real mitfahren. Auf dem Rückweg zum CP lassen wir eine ATM Reals ausspucken. Wir verpassen deshalb den leuchtenden Sonnenuntergang über dem Pantanal.
Die Nacht ist kühl-schwül im Camper. Wir stehen erst spät auf. Hugo will mit dem Bootsführer verhandeln. Das angekündigte Boot macht am Mittwoch nur eine Teilstrecke, kommt für uns also nicht in Frage. Ein anderes Boot läuft jedoch am Freitag nach Porto Jofre aus. Der Preis wird berichtigt auf 3500 Real, inkl. Essen, zahlbar zur Hälfte bei Abfahrt, die andere Hälfte bei Ankunft.. Wir müssen uns überlegen, ob uns dieser Trip oder der Termin für die Rückreise in die Schweiz wichtiger ist.
Der Sonnenuntergang ist nicht ganz so farbig wie gestern Abend, aber immer noch eine sehr schöne Aussicht auf das Pantanal.
„Zu Hause“ geniessen wir einen selbst eingelegten „Suure Mocke“ mit Kartoffelstock à la Heidi.
Nach einer längeren Kälteperiode wird die Nacht feucht-warm, schon lange nicht mehr so geschwitzt. Heute kämpfen wir um unsere Entscheidung: Pantanal oder zeitig nach Hause? Beides sehr emotionale Argumente. Wir haben uns so lange auf das Pantanal gefreut, aber das bedeutet, erst Mitte Juli zurück in der Schweiz. Denn eigentlich war unser Reiseplan anders: wir wollten von Norden nach Süden durchs Pantanal fahren. Wir bekamen jedoch keine brauchbaren Informationen zum Zustand der Transpantaneirea und dem Fahrplan der Schiffe. Die Umkehrung des Weges bedeutet für uns ungeplante 2-3 Wochen spätere Rückkehr in die Schweiz. Wir lassen die Zeit verrinnen, sitzen am Internet, bummeln durch die Stadt, lassen uns vom brasilianischen Essen verführen. Wir müssen das Geld (Effectivo, Bargeld) für die Fahrt organisieren.
Am Freitag heisst es zeitig aufstehen, z’Mörgele, packen, Abschied nehmen von Jane und Hugo. ATM-Besuch, Einkaufen für die nächsten 2 Wochen, Tanken. Nochmals das Büffet im Laça de Ouro geniessen. Dann ab zum Hafen. Die Laura Vicuña und die Balsa (Floss) warten schon um 2 Uhr auf uns. Wir müssen vom Ufer 1m Höhe überwinden. Aus dem Schlamm werden 2 dicke, massive Bretter herausgezogen, als Rampe aufgebaut und sauber ausgerichtet.
Mit leichtem Schwung befördert sich Kookaburra selber auf die Balsa. Er wird mit einem Seil abgesichert, damit er sich nicht selbständig machen kann.
Dann heisst es warten. Weitere Fracht wird geladen: Futtermittelzusatz, Diesel, Motorenoel, Gasbomben, Bettstatt, Reitersattel, Leder-Lassos, Reisekoffern, Gepäcke, Hühner etc. Die Viehgatter werden fast voll.
Auf dem Schiff reisen noch 20 Passagiere mit. Um halb sechs laufen die Motoren warm. Es ist nur der Generator. Wir nutzen noch die letzten Internet-Signale. Die Sonne verabschiedet sich dunkelrot. Um halb acht kommt nochmals ein voll beladener Lastwagen mit Umzugsgut, Reitsätteln, Kochherd, Schrank, Betten und Passagieren. Werden jetzt die Faziendas im Pantanal für die Trockenzeit eröffnet? Um viertel nach acht fährt die Laura Vicuña endlich aus, hängt sich die Balsa vorne an, schleppt sie aus dem Sumpf, dreht um und stösst uns voran auf den Rio Paraguay in die Nacht hinaus.
Die haben ja sicher modernste Navigationsmittel, Radar und Infrarotscheinwerfer, damit sie den Weg durch die vielen Flussschlingen finden. Oder der Skipper fährt nach seinem Gefühl und seinem sechsten Sinn.
Wie auch immer, bis jetzt ist er noch nicht auf Grund oder in die Büsche gefahren. Wir wären die ersten, die das merken würden. Draussen ist es kalt, wir flüchten in unsere warm beheizte Camper-Stube.
Die Nacht ist kühl, nur 15*C. Ruhig schaukelt unser Floss durch die Nacht. Der Skipper kennt seinen Weg. Er sucht jeweils kurz mit einem Suchscheinwerfer das Ufer ab, so kennt er immer seine genaue Position. Einmal erwachen wir kurz. Das Schiff steht still, wird offenbar entladen. Um halb sieben gibt’s Morgenkaffe mit Brötli. Wir verschlafen den Termin. Erst langsam werden wir wach, machen unser eigenes Müesli. Die Passagiere sind alle noch schlaftrunken (oder immer noch betrunken). Eine Farmerfamilie hat sich häuslich eingerichtet mit Bett, Decke und einfach warm zugedeckt.
Sie zügeln in der Trockenzeit von der Stadt zurück auf die Fazienda, mit dem ganzen Hausrat und zwei Jagdhunden.
Wir setzen uns in unsere bequemen Campingstühle zu vorderst auf dem Deck. Wir geniessen den weiten Blick.
Am Rand streift die grüne Hölle oder das grüne Paradies, je nach Sichtweise mit 8km/h an uns vorbei.
Eine undurchdringliche Wand bis ins tiefe Wasser und dahinter Flachwasser. Versteckt sich der Jaguar, die Anaconda dahinter? Wir sehen nichts. Nur die Vögel: Geier, Adler, Papageien in allen Grössen und Farben, Kormorane fliegen über das Wasser.
Aufgescheuchte grosse Graureiher schweben wellenförmig vor unserem Ausguck vorüber. Kleine Wasserhyazinthen-Inseln ziehen träge an uns vorbei.
Trotz dem geringen Gefälle von 30m auf sechshundert Kilometer fliesst das Wasser deutlich, sogar mit eine paar Wirbeln. Der Skipper meint, der Fluss sei 30-50m tief, eine riesige Wassermasse. Dabei hat die Trockenzeit gerade begonnen, der Wasserstand ist schon deutlich gesunken und wird noch weitere 3m abnehmen. Am Ufer versinken die Häuser auf ihren Stelzen fast im Wasser. Keller graben ist hier nicht möglich.
Dafür kann das Motorboot fast in die Küche fahren.
Das dunkle Wasser plätschert leise unter dem Floss. Vom Wind bilden sich leichte Schaumkronen.
Am Mittag verlassen wir die dunkle Wolken-Wetterhalle am Himmel, ein grosses Sonnentor öffnet sich gegen Norden.
Endlich etwas Wärme. Das Mittagessen ist einfach, aber gut.
Unser Cookie hat aus Kartoffeln, Reis, Bohnen und Rindsprägu ein feines Menu zusammengestellt.
Die Gespräche mit den Mitpassagieren und der Mannschaft sind nicht leicht, wir verstehen kaum portugiesisch. Aber mit Mundart, Zeichen und ein paar Misch-Brocken aus spanisch, italienisch, französisch und englisch können wir uns verständigen.
Hörst Du was? Ja, das Schiff fährt langsamer. Hinten wird das Beiboot mit Waren fast überfüllt, 2 Passagiere nehmen Abschied, sie haben ihr Ziel erreicht. Im Caracho zischt das Boot durch einen schmalen Kanal ins Grüne.
Wir fahren weiter ohne anzuhalten. Das Boot wird uns wieder einholen. Fliegend laden und entladen im Fluss!
Gegen Abend erreichen wir Amolar an einem Gebirge mitten im Pantanal, keine Siedlung, nur ein Flugfeld und ein paar Hütten, wie überall im Pantanal.
Die Faziendas sind weit gestreut, sind kaum durch Strassen verbunden. Das einzig Verbindende: Wasser, ein Flugfeld und eine Funkantenne. Die Landung ist etwas ruppig, unser Kookaburra wird in die Äste eines Baumes gedrückt.
Aufgeregt verlassen ein Dutzend grüne Papageien ihr riesiges Nest. Zum Glück bleibt es hängen.
Der Wind erlahmt. Wir schweben auf spiegelglattem Wasser still dahin, dem Sonnenuntergang entgegen. In der blauen Stunde entflammt der Himmel feuerrot.
Magisch. Frösche quaken, über den Büschen schweben dunkle Wolken von Zuckmücken. Bis der graue Deckel alles zudeckt.
Das z’Nacht: eine gehörige Portion Kohlenhydrate: Reis, Bohnen, Spaghetti Bolognese. Wir verziehen uns wieder in die traute Stube unseres Kookaburra zu Kaffe und Kuchen. Das sonore Brummen und leichte Schütteln begleitet uns in den Schlaf.
Die Nacht ist finster, die Sterne im diesigen Nebelschleier. Die Venus begleitet die zunehmende Mondsichel in die Nacht.
Am Schiff leuchten die grünen und roten Positionslichter und der Maschinenraum, sonst ist alles dunkel. Die Passagiere haben sich in ihre Hängematten verzogen schlafen den Schlaf des Gerechten oder den Rausch aus.
Von Zeit zu Zeit leuchtet der Skipper mit dem Suchscheinwerfer das Ufer ab. Er möchte die Kurven nicht allzu eng schneiden. Wir sind fast die einzigen auf dem Fluss. Selten begegnet uns ein Fischerboot.
Den Fluss kennt der Skipper wie seinen Hosensack, jede Kurve, jeden Busch. Keine Gefahr! In der Nacht ein ungewöhnliches Geräusch: neben uns schwimmt ein anderes Schiff und wir stecken tief in den Wasserhyacinthen!
Absicht oder ein Versehen? Wir wissen es nicht, das Boot geht, wir kommen problemlos flott. Bei Sonnenaufgang parken wir bei der Anlegestelle der Fazienda Sâo Lourenço.
500 Säcke mit Futterzusatzstoffen (Mineralien) werden entladen. Dazu muss unser Floss umgedreht und von hinten entladen werden. Ein Manöver mit 20 Zuschauern.
Der Hundedreck der beiden Jagdhunde Panthera und Dynamiti wird aufgewischt.
Die 6 Hühner bekommen von Jao und Jarra eine Ration Mais zu fressen, sie sollen ja gesund und munter sein und sich auf der Farm tüchtig vermehren.
Wir geniessen den z’Morge: einerseits Spiegelei mit Reis, anderseits Cracker mit Käse und Wurst.
Das Wasser gluckert unter dem Floss. Bald beginnt die Hektik. Das Gros der Passagiere packt und verlässt das Schiff. Reisegepäck in Säcken, die Betten, Büchergestelle, Schränke werden auf Karren geladen.
Dann kommt die ganze Fracht dazu: Futtermittelzusätze, Vieh-Salz, ein Dutzend Dieselfässer, Benzinfässer, Gasflaschen, Laserdrucker, Küchenkombination, Waschmaschine. Alles was man halt so braucht. Auf einer Fazienda. Während der Trockenzeit. Die Karren werden recht überladen, zum Schluss kommen noch die Leute drauf.
Ein schwerer Traktor schleppt ihn durch den Schlamm. Ohne kippen!
Endlich können auch Jao und Jarra ihren Hausrat verladen. Sie wurden vergessen, mit ihren Hühnern und überraschend, mit 2 kleinen frischgeborenen Hundebabies.
Leere Dieselfässer und Gasflaschen kommen auf die Rückreise. Wir haben ein Dutzend neue Passagiere mit ihrem dicken Reisegepäck. Aber immerhin noch keine Kühe!
Derweil beobachten uns ein grosser Alligator, ein Jabiru (der grösste Storch Südamerikas), Geier (Blackhead Jotas, keine Pleitegeier) Reiher, Schwalben und all die uns unbekannten Vögel.
Das Entladen zieht sich in den Nachmittag hinein. Der Skipper ist ganz locker: in 2 Stunden beginnt in Russland der Match Brasilien – Schweiz. Hektisch wird die Satellitenantenne gerichtet. Über Funk sollte er aktuelle Situationsberichte bekommen, wenns mit dem Satelliten nicht funktioniert.
Es ist Sonntag, der 17. Juni 2018 16 Uhr Lokalzeit. Wir sind in Porto Zé Viana. Unterwegs mit der Laura Vicuña auf dem Rio Cuiabá. Mitten im Pantanal Brasiliens.
Die Schweiz (mit 2) und Brasilien (mit 13 Zuschauern) spielen an der WM 1:1 unentschieden.
Die Emotionen gehen kurz hoch: „irregular“ sei das Tor der Schweizer. Die Enttäuschung der Brasilianer, die Freude der Schweizer. Wir malen uns aus, wie wir den Kaimanen zum Frass hingeworfen worden wären, hätte die Schweiz die Brasilianer gedemütigt. Wir können endlich weiterfahren. Mit der Suche nach versteckten Kaimanen oder exotischen Vögeln.
Es sind noch 60km bis Porto Jofre. Wir werden erst am Montag einen Schlafplatz suchen. Wir schweben über einem Spiegel dem Sonnenuntergang entgegen. Die blaue Stunde beginnt ihr Feuerwerk. Mystisch.
Unser Cookie lädt uns zum Nachtmal: Gulasch mit Reis und Bohnen. Wir gehen nicht schlafen, warten die Ankunft ab, mit Lesen und Bildern aufbereiten. Ein kurzer Halt beim Aerodromo Ilha do Caracará. Fässer mit Diesel und Benzin rollen von Bord. Lichter brennen, aber niemand ist weit und breit. Um Mitternacht legen wir an. Vis-á-vis von Porto Jofre im Busch. Entladen wird am Morgen, wir können schlafen gehen.
Bei Sonnenaufgang beginnt leichte Hektik: der z’Morge wird fertig: frittierte Brötchen und sehr süsser Maté-Tee. Dann wird das Boot vom Ufer gelöst und schwimmt auf die andere Seite, zum Porto Jofre. Wir sind die einzigen, die an Land wollen. Dicke Bretter werden sorgfältig ausgelegt.
Die Mannschaft hat ganze Arbeit geleistet.
Im ersten Geländegang, mit Sperrdifferential, fahren wir ganz langsam drüber hinweg. Achtung! Das rechte Hinterrad ist nur noch knapp auf dem Brett. Geschafft. Wir verabschieden uns von der Mannschaft und den Mitreisenden. Wir sind in Porto Jofre heil angekommen.