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In dem Forschungsprojekt wird das Mit-, Neben- und Gegeneinander der verschiedenen Wissens- und Expertenkulturengerade in Bezug auf die ländliche Bevölkerung der Türkei analysiert. Seit den 1930er Jahren begann die Türkei, ihre ländliche Bevölkerung zu zählen, zu ernähren und zu "versorgen". Dies war ein Projekt, das die verschiedenen Handlungslogiken, politischen Kontexte sowie lokale und transnationale Wissensordnungen verband. "Bevölkerung" und "Raum" wurden hierdurch verbunden, denn die Optimierung der landwirtschaftlichen Produktivität setzte voraus, dass die beiden Faktoren aufeinander abgestimmt waren. Genau diese Logik wurde auch nach dem zweiten Weltkrieg von Internationalen Experten angewendet. Anders allerdings als die türkischen Statistiker folgerten sie daraus eine Abkehr von der pronatalistischen Erschliessungspolitik der kemalistischen Republik hin zur Begrenzungs- und Planungspolitik der Nachkriegszeit.
Das Projekt untersucht diese Problematik an Hand von rural development Projekten in Anatolien. Die zahlreichen Dissonanzen, die solche Ansätze vor Ort zur Folge hatten, machten türkische Entwicklungsprojekte zum Ort der Neuverhandlung von Vorstellungen eines "modernen Westen". Damit kann auch auf methodischer Ebene ein Beitrag geleistet werden: in der türkischen Geschichtsschreibung gibt es eine ungebrochene Tradition einer nationalhistorischen Auseinandersetzung mit der Kategorie der Moderne. Kernthese ist hierbei, dass gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen v.a. aus den Reformbemühungen Atatürks verstanden werden müssen. Dabei wird häufig die transnationale Dimension verkannt. Die Türkei war in der Nachkriegszeit als europäisches "Entwicklungsland" Empfänger zahlreicher Hilfsprogramme, die den Charakter der türkischen Modernisierung nachhaltig veränderten. Gleichzeitig spielten die Erfahrungen der Arbeit in der Türkei eine gewichtige Rolle für eine Weiterentwicklung einer erweiterten, verhaltenspsychologisch orientierten, globalen Modernisierungstheorie.