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Ein Theaterautor (Mathieu Amalric) versucht sich als Regisseur seines ersten Stücks, und eine Schauspielerin (Emmanuelle Seigner) übernimmt schon beim Vorsprechen spielerisch die Kontrolle über denn Mann und seine Obsessionen. Das Zweipersonenstück „Venus in Fur“ von David Ives war vor zwei Jahren ein kleiner Broadway-Hit. Ives hatte rund um die über 140 Jahre alte Novelle „Venus im Pelz“ von Leopold von Sacher-Masoch ein Spiel um Macht und Unterwerfung zwischen Mann und Frau entworfen.
Ein Thema, das auch in Polanskis Filmen immer wieder anklingt, am deutlichsten in Bitter Moon von 1992. Damals spielte Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner die Frau des gelähmten Oscar (Peter Coyote) – ein Paar in einer komplexen sado-masochistischen Beziehung. Entsprechend fasziniert war Polanski denn auch nach eigenen Aussagen, als er am Filmfestival von Cannes vor einem Jahr das Stück in die Hand bekam. Er habe schon einige Zeit einen Stoff gesucht, um wieder mit seiner Frau zu drehen.
Emmanuelle Seigner war 22, als sie 1989 den 33 Jahre älteren Polanski heiratete. Nun ist sie im gleichen Alter wie Mathieu Amalric, der im Film dem jüngeren Polanski überraschend gleicht. Allerdings ist die Rolle, die sie zu spielen hat ungleich komplexer als die von Amalric. Während er den Regisseur und Autor spielt, der in die Rolle seiner Figur rutscht, muss Seigner immer wieder das Register wechseln. Von der ordinären, aufdringlichen Möchtegernschauspielerin, welche zu spät zum Vorsprechen kommt, wandelt sie sich im Nu zum Bühnenprofi, zur Göttin, zur Dominatrix und wieder zurück.
Das gelingt ihr ziemlich gut, zumal ihr Polanskis Inszenierung und Amalrics Reaktionen dabei helfen. Wenig hilfreich sind dabei allerdings ihre Kostüme. Strümpfe und Strapse signalisieren eine Pseudoerotik, dabei hätte das mit mehr Zurückhaltung wohl besser funktioniert. Seigner ist am eindrücklichsten, wenn sie verhalten bleibt.
Das Stück ist raffiniert und plakativ zugleich aufgebaut, jede Szene steuert auf einen eigenen und zugleich auf den finalen Wendepunkt zu, der auch schön theatralisch aufgebaut wird. Die Mechanik der Anlage liegt offen wie bei einer Uhr mit Glasboden. Da wirkt dann hin und wieder die theatralische Emphase (auch bei Amalric, aber weniger) wie ein dicker Strich mit dem Leuchtmarker im Text.
Polanski steigt wunderbar filmisch ein, mit einer Steadycam-Fahrt durch eine verregnete Allee auf ein abgehalftertes Theater zu. Es ist der Anflug der Rachegöttin, welche zunächst als klatschnasses Bündel Genervtheit in den Zuschauerraum platzt und sich dann permanent zu verwandeln beginnt.
Mein Problem mit dem Film ist wohl das gleiche, wie schon bei Polanskis letzter Theaterverfilmung Carnage (Der Gott des Gemetzels): Das sind Bühnenstücke, welche nicht zuletzt davon leben, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler mir mit ihrer physischen Präsenz die Distanzierung vom peinlichen und schmerzhaften Geschehen verunmöglichen; es ist ein Leiden auf der Bühne und ein Mitleiden im Saal. Auf der Leinwand gefriert das zur raffinierten Performance. Bei Carnage waren es vier Solo-Performances (von Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz and John C. Reilly), dieses mal sind es zwei. Aber für mich zumindest bleiben sie konserviert, inszeniert. Ich erkenne und anerkenne das Uhrwerk und seine Präzision, aber ohne emotional wirklich eingespannt zu werden.
Roman Polanski hat seine Goldene Palme vor elf Jahren gewonnen, für The Pianist, auch nicht sein grösstes Werk. Aber auszuschliessen ist gar nichts in Cannes. Zumindest hat sich das wohl Polanskis Weltvertrieb gedacht, als sie die beiden einzigen Filmfotos für die Festivalpresse freigaben. Sie folgen formal jenen beiden, welche der letztjährige Gewinner Michael Haneke für Amour freigegeben hatte:
Vielleicht einfach Zufall, wie soll man ein Zweipersonenstück auch anders abbilden. Aber eben: In Cannes ist alles möglich, insbesondere in diesem Jahr.