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CH 1999 82'
Regie: Romed Wyder
Drehbuch: Romed Wyder
Kamera: Stéphane Kuthy
Ton: Martin Stricker
Schnitt: Orsola Valenti
Musik: Thierry Clerc, Daniel Schweizer
Produktion: Laïka Film
Mit: Vincent Coppey, Alexandra Tiedemann, Pietro Musillo, Nalini Selvadoray
Arno, 27 Jahre alt, lebt in der Genfer Hausbesetzerszene. Sein bester Freund Maurizio hat seine Schweizer Aufenthaltsgenehmigung dank einer Scheinehe erhalten. Maurizios Freundin Nina, eine Französin, mit der er in Genf leben möchte, stösst auf dieselben administrativen Schwierigkeiten. Damit Nina eine Genehmigung erhält, überzeugt Maurizio Arno, eine Scheinehe mit ihr einzugehen. Widerwillig akzeptiert Arno. Beruhigt fährt Maurizio für einige Tage weg. Arno, der Frauen gegenüber gewöhnlich sehr scheu ist, verliebt sich in Nina und sie in ihn. Als Maurizio zurückkommt, gelingt es Arno nicht, die Wahrheit vor ihm zu verbergen. Schliesslich geben Nina und er ihr Verhältnis zu. Ihre Abmachung wird dadurch in Frage gestellt, doch bemühen sie sich letzten Endes, ihr Dilemma gemeinsam zu lösen
"Als ich nach Genf kam um an der Filmschule zu studieren, hatte ich nicht viel Zeit eine Wohnung zu suchen. Die Empfangsdame des städtischen Wohnungsamts gab mir die Einschreibeformulare mit dem Hinweis, dass ich nicht vor neun Monaten mit einer Wohnung rechnen könne. Unterdessen solle ich mir einen Platz in einem besetzten Haus suchen, riet sie mir. Mit fünf Kreuzen markierte sie die wichtigsten Squats auf meinem Stadtplan.
Ich ging also ins nächstgelegende Squat wo man mich zu einer Versammlung führte, die eine neue Besetzung organisierte. Dort Ich habe meine zukünftigen Wohngenossen kennen gelernt. Durch die gemeinsame Suche nach einer Lösung unsres Problems haben wir uns schnell sehr verbunden gefühlt. Im Haus das wir besetzten, hatte ich die Gelegenheit sechs Monate ohne Wasser zu leben und das Licht einer elektrischen Glühbirne schätzen zu lernen. Es war klar, dass ich nach neun Monaten gemeinsamer Renovationsarbeiten keine Lust mehr hatte, diese Gemeinschaftsleben gegen eine Miete von 800 Franken für eine Einzimmerwohnung zu tauschen. Ich fühlte mich zu Hause und ausserdem war die Kulturszene die mich interessierte sehr stark mit diesem Milieu verbunden. Diese Wahl machte es mir möglich mit sehr wenigen Mitteln zu leben, in einer etwas unkonfortableren Umgebung als in einer Standardwohung, aber trotzdem sehr luxurieus wenn man an die freie Zeit denkt, an die spontan entwickelten Projekte und an die möglich gewordenen Träume.
Ich wollte diese Welt der genfer Squats in einem Film zeigen. Die Genschichte basiert auf Beobachtungen aus meiner Zeit als Besetzer. Dazu kommt ein kritischer Blick, den ich mir mit der Zeit erarbeitet habe.
PAS DE CAFE, PAS DE TELE, PAS DE SEXE erzählt die Geschichte von Arno, dem Protagonisten des Films. Die Scheinehe die seiner unmöglichen Liebesbeziehung zu Grunde liegt, ermöglicht es seine widersprüchlichen Charakterzügen und die Grenzen seiner Ideale kennen zu lernen. Die alternativen Lebensformen für welche die Besetzern kämpfen und mit denen sie sich von dem Kleinbürgertum abgrenzen wollen, könnten glauben lassen, dass der Vorschlag von Nina - ein Ménage à trois - bei Arno und dessen Freund Maurizio auf fruchtbaren Boden fallen würde. Aber ihre Lust das Leben neu zu erfinden scheint bei den Liebesbeziehungen aufzuhören. Um ihren Lebenstheorien trotzdem gerecht zu werden, geben beide vor - jeder auf seine Weise - eine Beziehung zu dritt eingehen zu wollen. Ihr Image ist ihnen also wichtiger als der ehrliche Ausdruck ihrer Gefühle. Nina - die nicht von der Besetzerszene kommt - ist die einzige, die bereit wäre für eine andere Beziehungsform. Sie beweist dies, in dem sie sich weigert, sich für den einen oder den anderen zu entscheiden.
Die Beziehung die Arno mit Nina einzugehen versucht ist ohne Erfolgsausicht. Das macht es ihm möglich nicht zu weit gehen zu müssen. Denn er hat trotz seiner Erfahrung im Gemeinschaftsleben nie gelernt eine Liebenbeziehung einzugehen. Zum Schutz klammert er sich an alles Rationnelle und Kontrollierbare und die Liebe macht ihm so sehr Angst, dass er glaubt unfähig zu sein, jemanden zu lieben. Indem er sich aber auf eine Beziehung mit der Freundin seines besten Freundes einlässt, gerät er in komplexe und emotionelle Situationen die ihn zwingen sich voll ins Leben zu stürtzen. Am Ende des Films hat Arno gelernt, dass man das Leben nicht unbedingt zu verstehen braucht um es gut zu leben.
PAS DE CAFE, PAS DE TELE, PAS DE SEXE, so fasst Maurizio Arno's Lebensphilisophie zusammen. Und in diesem Stil habe ich auch diese Geschichte erzählen wollen."
"Regisseur Wyder transferiert Truffauts JULES UND JIM in die alternative Szene der "Züri brennt"-Zeit: eine heiter-melancholische Komödie über die Irrungen und Wirrungen der unkonventionellen Linken auf dem Weg in die bürgerliche Normalität. Lässige Dialoge und ironisches Understatement zieren den höchst unterhaltsamen Umgang mit dem wohl zweitältesten Thema der Welt - der Untreue."
Filmhaus Bielefeld
"Was man hin und wieder vergisst, wenn man an die Schweiz denkt und neben dem Bankgeheimnis und den Alpen gibt es ja nicht so viel Anlass, dauernd dieses nette Land im Kopf zu haben ist, dass es auch in den Schweizer Städten, zum Beispiel in Genf, eine Hausbesetzerszene gibt und dass auch Schweizer Männerbünde einem Angriff ziemlich schutzlos ausgeliefert sind: den Frauen."
Dieter Wenk auf Textem.de
"Dass die Schweiz ein unwirtliches Land für «legale» Einwanderer ist, ist ein Gemeinplatz. Romed Wyders hat daraus eine chaotische Love-Story kreiert. Diese führt uns in die Küchen und Schlafzimmer der Besetzerszene von Genf, wo aus einer Scheinehe eine Affäre und damit eine beinah traditionelle Dreiecks-Geschichte wird."
Cinemachine Schweiz