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Manfred Loimeier: Herr Agualusa, Sie haben einmal geschrieben, ein Mensch mit einer Geschichte sei im Grunde ein König. Bedeutet das, dass Sie ein König sind?
José Eduardo Agualusa: Ich komme ja aus einem Land der Könige, Angola ist ein Land der Geschichtenerzähler. Zum einen ist es ein Land der vielen Geschichten, zum anderen ein Land mit Leuten, die gern erzählen. Ich wuchs in einer großen Familie auf, ich war der jüngste, und wenn man abends am Tisch zusammensaß, hatte jeder etwas zu erzählen. Und weil ich der jüngste war, musste ich, um einmal der König zu sein, an meinen Geschichten feilen. Und so bin ich wohl zu meiner Arbeit gekommen.
Was mich sehr interessiert, ist der kulturelle Einfluss Angolas auf Portugal. Wie zeigt sich der?
Es gibt einen wachsenden Einfluss Angolas, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell, auf Portugal – das eine bedingt das andere. Eine zunehmende Zahl angolanischer Investoren, die alle irgendwie mit dem Regime verbandelt sind, kaufen portugiesische Unternehmen – das ist der wirtschaftliche Aspekt. Auf kulturellem Gebiet kann man feststellen, dass die erfolgreichste Band Portugals eine Kuduru-Band ist, die Band Type mit Kalaf an der Spitze. [Kuduru ist sowohl ein Musikstil als auch ein Tanz. Beides entstand in Angola Mitte der 1980er-Jahre. Kalaf wurde mit seiner früheren Band Buraka Sound Sistema ein Superstar, wie es Ana Moura und Mariza als Fado-Sängerinnen sind; M.L.]
Und zu den zwei bekanntesten, berühmtesten Fado-Sängerinnen des Landes, Ana Moura und Mariza, ist zu sagen: Ana Moura hat angolanische Wurzeln, Mariza mosambikanische. Kizomba wiederum war ein Tanzrhythmus aus Angola, der inzwischen in ganz Portugal getanzt wird, es gibt im ganzen Land Kizomba-Tanzschulen. [Kizomba entwickelte sich als Musik und Tanz Ende der 1980er, Anfang der 1990er-Jahre in Angola unter dem Einfluss des angolanischen Semba sowie kapverdischer Rhythmik und Tänze; M.L.] Anselmo Ralph, ein Kizomba-Sänger, der mir zwar nicht besonders liegt, ist in Portugal sehr erfolgreich. Das heißt, in Portugal ist angolanische Kultur präsent, und im Portugiesischen verwenden junge Leute angolanische Ausdrücke in ihrer Alltagssprache, weil das cool ist.
Da Sie ja in Angola, in Portugal und Brasilien leben: Wie steht es um die gegenwärtigen angolanischen kulturellen Einflüsse auf Brasilien?
Brasilien ist in ganz hohem Maße ein afrikanisches Land. Alles, was an brasilianischer Kultur international erfolgreich ist, ist letztlich afrikanisch – man denke nur an Samba oder andere, weniger bekannte Musikstile. Die Religiosität Brasiliens: Candomblé, Umbanda sind afrikanische Religionen! Capoeira, die Sportart, hat afrikanischen Ursprung, und wenn wir die Literatur betrachten, dann waren alle großen brasilianischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts Schwarze oder Mischlinge. Schließlich waren bis ins 19. Jahrhundert hinein sowieso mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung Brasiliens afrikanischer Herkunft, zumindest als Nachkommen von Afrikanern. Das heißt, afrikanische Elemente in Brasilien sind offensichtlich, und das bis heute. Sogar die brasilianischen Eliten, deren Vorfahren aus Europa kamen, bedienen sich kultureller Elemente, die eindeutig afrikanisch sind.
In Ihrem Roman Die Frauen meines Vaters verfolgen Sie die Spuren angolanischer Musik in den Musiken des südlichen Afrikas, um deren Verknüpfung miteinander zu zeigen. Gäbe es da nicht noch mehr darüber zu schreiben?
Was mich an diesem Buch interessiert hat, war die Frage, wie die Musik sozusagen Afrikas Wiederauferstehung begleitet. Als ich das Buch schrieb, lebten Angolaner noch nicht lange in Frieden, in Südafrika war die Apartheid erst kurz zuvor abgeschafft. Ich habe das südliche Afrika bereist und festgestellt, dass die Musik dort in allen Ländern sehr, sehr unterschiedlich ist. Während die Musik in Angola doch stark afro-latino ist, ist die Musik beispielsweise auf der anderen Seite des Kontinents – im Osten – orientalisch geprägt oder hat einen orientalischen Einfluss. Ich wollte zeigen, wie diese Musiken das Leben der Menschen beeinflussen oder welchen Stellenwert sie in ihrem Leben haben, und wie Musik zum Wiedererstarken Afrikas beiträgt.
In Ihren Romanen wie Ein Stein unter Wasser schreiben Sie über die Geschichte Angolas, die Vergangenheit der Völker und Nationen. Das kann einerseits eine Entdeckung bedeuten, andererseits aber auch eine Belastung, weil es die Verantwortung für Geschichte, aber auch die Bürde der Geschichte verdeutlicht. Wo liegen die Schwierigkeiten, die Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu finden?
Ich habe einige historische Romane geschrieben, ich habe auch einige Romane geschrieben, die in der jüngeren Vergangenheit spielen, und ich habe sogar Romane geschrieben, die in der Zukunft spielen. Der Blick in die Vergangenheit ist aber ungeheuer wichtig, denn es existieren nur wenige Studien, wenige Forschungen über die Vergangenheit Angolas. Und wenn, dann sind sie aus einer europäischen Perspektive geschrieben. Erst in jüngerer Zeit gibt es Forschungsergebnisse oder auch Texte über die jüngere angolanische Geschichte aus afrikanischer Sicht. Ich denke, es ist wichtig, zu erklären oder zu sehen, dass die Ursachen der Verwerfungen, die unter anderem zu den Bürgerkriegen geführt haben oder zu den Dingen, die wir heute in Angola erleben, zum Teil in der Geschichte des Landes begründet sind. Und es ist bedeutend, aus afrikanischer, aus angolanischer Perspektive den Blick darauf zu lenken.
In Ihren Büchern wie Das Lachen des Geckos vermischen sich Fakten und Fiktion, Realität und Fantastik. Weshalb diese Herangehensweise?
Nun, ich schreibe Fiktion, aber ich will natürlich, dass sie glaubhaft ist. Eine Strategie zur Authentifizierung der Fiktion ist einerseits, die Fiktion nahe an die Realität anzugliedern. Andererseits ist das Fantastische schlicht und einfach Teil der angolanischen Realität. Wenn ich die angolanische Realität kaufe, erwerbe ich mit diesem Paket auch das fantastische Element. Ein Grund dafür ist: Luanda hat als Hauptstadt Angolas sehr viele Leute aus allen unterschiedlichen Gegenden des Landes angezogen. Und die Leute, die aus dem Landesinneren in die Stadt kamen, haben auch ihren Glauben mitgebracht - und das über Jahrhunderte. Und insofern hat sich Luanda nicht urbanisiert, jedenfalls nicht in der Weise, dass das Fantastische ausgeschlossen worden wäre. So, wie es auch in europäischen Städten etwa des 16. Jahrhunderts präsent war, sich im Laufe der Urbanisierung aber verloren hat. In Angola ist dieses fantastische Element nicht verschwunden. Aber viel mehr als das Fantastische interessiert mich eigentlich das Absurde, wie das Absurde immer mehr Teil der Realität wird, und inwiefern Menschen das Absurde immer häufiger als normal empfinden und eben nicht mehr als absurd.
Ihre Romane sind sehr strukturiert, aber Ihr Erzählstil ist sehr frei. Wie bekommen Sie das zusammen?
Das angolanische Naturell ist sehr ausufernd, das gilt für alle Menschen in Luanda. Und um dieses ausufernde Element – auch in der Literatur – gewissermaßen einzudämmen, hilft Struktur, dieses Ausschweifende zurechtzustutzen. In Barocco Tropical habe ich das Gegenteil getan, ich habe das Ausufernde, das Exuberante zugelassen. Aber im Prinzip geht es bei mir immer darum, diese Exzesse in eine bestimmte Balance zu bringen und stilistisch eine gewisse Mäßigung des sowieso exuberant Vorhandenen zu erreichen. (Lacht) Im Grunde geht es darum – oder ist es die Herausforderung –, eine gewisse Eleganz in den Texten zu bringen und das karnevalistische Element trotzdem nicht zu verlieren.
Dieses Interview erschien erstmals in Afrika Süd – Zeitschrift zum südlichen Afrika; Nr. 2, März/April 2016. Veröffentlicht im Schattenblick am 18.06.2016.