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Bild: Migros Kulturprozent Classics/Valentin Baranovsky
Tschaikowsky und die Oper – ein vielschichtiges, in sich nicht widerspruchsfreies Thema. Zehn Opern hat er, sieht man von der vernichteten «Undine» ab, zwischen 1867 und 1891 komponiert. Eine stolze Leistung, die ein besonderes Flair für die Oper vermuten lässt. Doch Vorsicht – Tschaikowsky sah das ziemlich anders. «Ich fühle mich beim Schreiben einer Oper irgendwie behindert und unfrei», meinte er 1879 nach der Fertigstellung seiner Oper «Die Jungfrau von Orleans», und er war sich damals fast sicher, dass er keine Opern mehr schreiben werde. Aber eben nur fast – «denn gäbe es keine Opern, so hätten wir auch keinen ‚Don Giovanni‘, keinen ‚Ruslan‘, auch nicht ‚Figaros Hochzeit‘». Eine eigenartige Schlussfolgerung, aber sie offenbart uns etwas Wichtiges: Mozart und Glinka waren, was Tschaikowskys eigenes Opernschaffen anbelangt, seine grossen Vorbilder. Nicht Wagner oder Verdi.
Also komponierte Tschaikowsky weiterhin Opern. Denn die Oper, so räumte Tschaikowsky ein, biete «den Vorteil, sich durch Musik an die Massen zu wenden. Allein schon, dass eine Oper vierzig Mal in einer Spielzeit gegeben werden kann, gibt ihr ein Übergewicht über die Sinfonie, die vielleicht einmal in zehn Jahren zur Aufführung gelangt.» So weit, so gut – aber: «So viel Verlockendes eine Oper auch bietet, so schreibe ich dennoch mit unvergleichlicherer Freude und viel grösserem Genuss eine Sinfonie …» Ob man das Tschaikowskys Opern anhört? Fünf sollten nach der «Jungfrau von Orleans» von 1879 noch folgen, aber nur gerade eine wurde ein Welterfolg: «Pique Dame», seine vorletzte. Die allerletzte hingegen, «Jolanthe», ist zwar zu einem einigermassen festen Bestandteil russischsprachiger Opernbühnen geworden; im Westen hingegen wird sie nur sehr selten inszeniert (in der Schweiz zuletzt im Februar 2018 im Theater Biel Solothurn).
Da es sich bei «Jolanthe» um einen lyrischen Einakter handelt – alle Opern Tschaikowskys sind lyrisch grundiert –, wurde sie bei der Uraufführung am 18. Dezember 1892 im Kaiserlichen Mariinsky Theater St. Petersburg mit dem ebenfalls brandneuen «Nussknacker»-Ballett kombiniert. Der Opernein- akter stiess damals beim Publikum auf weitaus grössere Resonanz als Tschaikowskys grossartiges Märchenballett. Und so verwundert es kaum, dass «Jolanthe» bald auch an deutschsprachigen Theatern gegeben wurde, zuerst in Hamburg am 3. Januar 1893, wo kein Geringerer als Gustav Mahler die deutsche Erstaufführung dirigierte. Er blieb dem Werk treu und nahm es auch später als Chef in Wien wieder aufs Programm.
«Jolanthe» entspricht perfekt Tschaikowskys opernästhetischem Credo: «Ich will keine Könige, keine Volkstumulte, keine Götter, keine Märsche, kurz, nichts von alledem, was zu den Attributen der Grand Opéra gehört. Ich suche ein intimes, aber erschütterndes Drama, welches auf dem Konflikt solcher Situationen basiert, die ich selbst durchgemacht oder gesehen habe und welche mein Herz zu rühren imstande sind.» Oper als klingende Autobiografie? Gerührt war Tschaikowsky zweifellos, als er «von der Fülle an Poesie, Originalität und dem Reichtum an lyrischen Momenten» seines Opernsujets schwärmte. Das Libretto basiert auf dem Drama «Kong Renés Datter» (König Renés Tochter) des dänischen Dichters Henrik Hertz. 1883 hatte es Tschaikowsky kennengelernt, und als das Stück fünf Jahre später in Moskau zur Aufführung kam, fasste er umgehend eine Opernvertonung ins Auge. «Ich fühle, dass ich aus ‚König Renés Tochter‘ ein Meisterwerk machen kann.»
Das Libretto verfasste Tschaikowskys Lieblingsbruder Modest, wobei er nicht nur die ersten drei Szenen frei hinzudichtete, sondern auch sonst in die Konstellation des Dramas eingriff. Aller äusserliche Bombast musste weg, sein Bruder wollte eine möglichst poetische Textvorlage, die sich auf die beiden Liebenden Jolanthe und Vaudémont konzentriert. Jolanthe ist seit früherster Jugend blind. Aber sie weiss nichts von ihrer Blindheit, weiss nicht, dass die anderen Menschen sehen können. Für sie sind die Augen nur zum Weinen da. In ihren umfriedeten Gartenbezirk kommt nun ein junger Eindringling, Graf Vaudémont, verliebt sich in Jolanthe und möchte, dass sie ihn sehen kann, also das Sonnenlicht der Welt erblickt. Tatsächlich – ist es die Macht der Liebe? – erlangt Jolanthe das Augenlicht und sieht erstmals die ganze Pracht der Natur. Und ihren Geliebten. Mit einem gewaltigen, musikalisch ungemein mitreissenden Hymnus auf das Licht des Himmels klingt das Werk aus.
Das Mariinsky Theater St. Peters- burg ist längst so etwas wie Abrahams Schoss für das russische Opernrepertoire; hier wird es gehegt und gepflegt aufgrund einer jahrzehntelangen Tradition, die zudem seit dem Untergang der Sowjetunion und der Öffnung Russ- lands gegen Westen hin eine neue Aktualität erhielt. Zu verdanken ist das vor allem dem Dirigenten Valery Gergiev, seit 1988 künstlerischer Leiter am Mariinsky Theater, der «seinem» Haus zu einem neuen künstlerischen Fundament verhalf. So auch zum Beispiel mit seiner wegweisenden CD-Aufnahme von «Jolanthe»: ein Meilenstein.
Dasselbe lässt sich mit Fug auch von Gergievs kongenialem Einsatz für Tschaikowskys Sinfonien sagen. Auch sie hat er mit dem Mariinsky Orchester eingespielt. «Ich denke, Tschaikowsky war von jeher reif für die Unsterblichkeit», so Valery Gergiev, «und mit seinen letzten drei Sinfonien hat er sich seinen Platz im Pantheon der grossen Komponisten gesichert.» Mit der Fünften fühlt sich Gergiev besonders innig verbunden; laut einer Tagebucheintragung Tschaikowskys soll sie bekanntlich «von der vollständigen Ergebung in das Schicksal …, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung» handeln.
Doch Gergiev warnt vor voreiligen Schlüssen: «Man sollte da vorsichtig sein. Schostakowitsch beispielsweise teilte nie sonderlich viel zu seinen Sinfonien mit, und selbst für die Ideen hinter den Sinfonien Beethovens ist es schwierig, Worte zu finden. Da ist es besser, sich aufs Dirigieren zu beschränken und zu versuchen, gemeinsam mit dem Orchester etwas zu erarbeiten und zu erschaffen.» Tschaikowsky also ganz aus der Musik, aus der Partitur geschöpft? Genau darin liegt das künstlerische Geheimnis von Gergievs wegweisenden Tschaikowsky-Interpretationen. «Was seine Musik so unwiderstehlich macht, ist die Tatsache, dass sie sowohl professionelle Musiker als auch die breite Masse, die ebenso umgehend und ehrlich auf die Kraft seiner Musik reagiert, zu berühren vermag. Tschaikowsky betrachtete es nie als seine Aufgabe, bloss für eine kleine Gruppe von Kennern zu komponieren – er schrieb Musik für jedermann.» ■