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Joel Agee (US)
Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland
Carl Hanser Verlag, 1983
Aus: Joel Agee. Zwölf Jahre. Eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland. Carl Hanser Verlag, 1983
Als ich acht Jahre alt war, zog ich mit meiner Familie nach Ostdeutschland. Weil es keine direkte Verbindung gab, fuhren meine Mutter, mein Stiefvater, mein Bruder Stefan und ich von Mexiko (wo wir bis dahin gelebt hatten) auf ei- nem russischen Frachter, der Dimitri Donskoy, nach Leningrad. Meinen ersten sacht vorbeigleitenden Blick auf Deutschland warf ich vom Deck dieses Schiffes, als es langsam durch den Nordostseekanal steuerte, gelenkt von einem kleinen Mann in einer schwarzen Regenhaut, den man zu meiner Verwunderung, «the pilot» nannte.
Auf dem Uferdamm rannte neben dem Schiff eine Bande von Jungen etwa in meinem Alter her, und die riefen auf rus-sisch: «Genossen! Genossen! Gebt uns Zigaretten!» Die Matrosen warfen Zigarettenpäckchen ins Wasser, und die Jungen stürzten ihnen nach. Ein Offizier wickelte eine Kette um einen grossen Karton mit Zigarren. Er hoffte, ihn so aufs Ufer schleudern zu können, aber der Karton klatschte ins Wasser und versank, und die Jungen tauchten vergeblich danach; als sie uns wieder einholten, hatten wir schon das offene Meer erreicht. Wie ich sie bewunderte - ihre Unabhängigkeit, die sich nicht nur in der Abwesenheit überwachender Eltern bekundete, sondern auch in ihrem vertrauten Umgang mit Tabak und dass sie dieses ganze Gebiet für sich hatten, das hohe Gras und das tiefe Wasser!