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Ein werdendes Elternpaar beim Ultraschalltermin. Die Ärztin verkündet: Ein Mädchen! Was bedeutet das?
Ich nehme an, dass das Paar sich sehr freut. Gemeinhin gilt: Ein Mädchen ist leicht zu erziehen. Wenn ich aber heute ein Mädchen erziehen müsste, würde ich mir nicht weniger Gedanken machen als bei einem Buben.
Das Paar bezeichnet sich als modern, will nicht nur rosafarbene Kleider kaufen. Reicht das für eine genderfreie Erziehung?
Nein, da gehören viele andere Dinge dazu. Mir fällt auf, dass Sie «genderfrei» gesagt haben. Aufgrund meiner Tätigkeit komme ich zum Schluss, dass eine genderneutrale oder eben genderfreie Erziehung nicht funktionieren kann: Ein Kind ist nie geschlechtsneutral. Ich plädiere für eine geschlechtersensible Erziehung. Das heisst, dass die Eltern sensibel auf die Affinitäten ihrer Kinder reagieren.
Wie geht das?
Als Erstes muss ich als Elternteil reflektieren, welche Vorstellungen von einem Mädchen ich überhaupt habe. Ist es in meinen Gedanken eine Prinzessin im Tutu? Ist es adrett, nett und brav? Oder habe ich ein offenes Bild? Das Gleiche gilt in Bezug auf den Jungen: Muss er stark und wettkampf-orientiert sein? Oder ist das überholt?
Und als Zweites?
Zweitens sollten die Eltern gewisse Verhaltensweisen des Kindes zu verstärken versuchen, auch wenn sie als untypisch für das Geschlecht gelten. Sie sollten dem Mädchen nicht abtrainieren, risikobereit zu sein, sich durchzusetzen, reinzureden, unangenehm zu sein und sich zu wehren. Und genauso sollten sie den Buben zwar wild und schlagfertig sein lassen, ihn aber auch ein fürsorgliches Verhalten lehren. Geschlechtersensible Erziehung heisst: die Unterschiede der Geschlechter akzeptieren, aber Tendenzen in eine andere, positive Richtung unterstützen.
Welches sind die grössten unbewussten Fallen, in die Eltern tappen?
Da gibt es viele. Ein Beispiel: Mein Mann und ich haben eine Tochter und einen drei Jahre jüngeren Sohn grossgezogen. Ich war eine sehr emanzipierte junge Frau; mein Mann und ich sagten uns: Unsere Tochter soll kein Mädchen werden, das nur mit Puppen spielt. Und was passierte? Als Zweijährige wollte sie plötzlich nur noch von Puppen umgeben sein. Wir fanden das überhaupt nicht gut und liessen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Puppen verschwinden. Stattdessen stellten wir eine Eisenbahn hin.
Hat sie sich beschwert?
Es passierte etwas, das mich sehr bewegte: Sie nahm eine x-förmige Weiche, zog ihr Puppenkleider an und legte sie ins Puppenbett. Das war für mich ein schmerzhafter Aha-Moment. Es ist falsch, wenn man den deutlichen Wunsch eines Kindes nach Puppen oder Bagger radikal neutralisieren will und versucht, das Interesse für das Gegenteilige anzustossen.
Ist das Interesse für Puppen oder Bagger in den Genen verankert?
Ich glaube, dass die zentrale Frage nicht ist, wie viel davon angeboren und wie viel anerzogen ist – von Eltern, dem Umfeld, der Werbung. Es kommt vielmehr darauf an, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen. Als Eltern und als Gesellschaft.
Das Mädchen vom Ultraschall – nennen wir es Emma – ist auf der Welt und kommt in die Kita. Was, wenn dort typische Genderklischees gelebt werden?
In der Forschung zeigt sich immer wieder, dass die Familie das Kind am stärksten prägt. Zwei Tage Kita pro Woche haben da keinen grossen Einfluss. Wichtiger ist, dass das Paar sich selbst hinterfragt: Wie verhalten wir uns eigentlich? Was mache ich als Mutter, was als Vater? Oft traditionalisiert sich eine Paarbeziehung, sobald man Eltern wird: Sie übernimmt den Innenanteil, erledigt also klassische weibliche Arbeiten im Haus, er ist zuständig für den Aussenanteil, trägt den Abfall raus, wäscht das Auto.
Ist das schlimm?
Wenn der Mann mehr verdient, ist es häufig so, dass die Frau ihr Pensum reduziert oder aussteigt. Oft äussert die Frau auch den Wunsch, mehr beim Kind zu bleiben. An und für sich ist diese Traditionalisierung kein grosses Problem, aber die Art und Weise, wie sie passiert: Das Paar schlittert hinein. Wenn die Frau nach einigen Jahren wieder stärker in den Beruf einsteigen möchte, kommt das dem Mann vielleicht nicht gelegen. Er sagt, er könne nicht kürzertreten, weil er sich gerade in einem Aufstiegsprozess befinde – «mit dem zusätzlichen Lohn könnten wir uns endlich das Haus leisten». Das akzeptiert sie, und weitere Jahre vergehen. Diese Entwicklung ist aber nicht fair.
Wie vermeidet man das?
Das klingt nicht sexy, aber das Paar sollte sich an einen Tisch setzen und Vereinbarungen treffen, bevor die Kinder da sind. Verbindliche Vereinbarungen, natürlich. So stolpert es nicht planlos in traditionelle Situationen und bleibt vor allem nicht darin hängen. Leider sind nicht alle in der Situation, sich die Arbeiten egalitär aufteilen zu können. Trotzdem muss man explizit versuchen, nicht in Genderrollen zu verfallen. Er kann das Kind baden und ins Bett bringen, ich nehme mich als Mutter zurück, auch wenn er es anders macht als ich. Ich fülle dafür die Steuererklärung aus.
Wie haben Sie das gehandhabt?
Mein Mann war Assistenzarzt und musste 80 bis 100 Prozent arbeiten. Ich rutschte auf einmal in die typische Hausfrauenrolle hinein. Für mich war das hart. Als der Kleine fünf Jahre alt war, begann ich zu studieren. Mein Mann reduzierte sein Pensum und war nun häufiger zu Hause. Wenn ich abends heimkam, merkte ich: Der macht das alles anders, als ich mir das vorgestellt habe. Ich glaube, er und die Kinder hatten zum Teil untypische Mittagessen. Und einige Probleme wurden nun ohne mich gelöst. Aber am Abend waren immer alle zufrieden. Ich musste lernen, mich zurückzunehmen. Als emanzipierte Mutter muss man bereit sein abzugeben.