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Dioxine in Lebensmitteln und weitere Ereignisse führten Mitte der Neunzigerjahre in der EU zur Erkenntnis, dass der Freihandel mit Lebensmitteln illusorisch ist, wenn Konsumentinnen und Konsumenten kein Vertrauen in die Erzeugnisse haben. In einem Grünbuch wurde eine Bestandesaufnahme über Situation und Verbesserungsmöglichkeiten zusammengestellt und publiziert. Solidere Rechtsgrundlagen, Sicherung des hohen Schutzniveaus unter Zuzug unabhängiger Expertisen, Einbezug der Futtermittel in den Geltungsbereich des Lebensmittelrechts, effizienter Vollzug und wirksames Krisenmanagement waren die Aktionsfelder, welche vorgeschlagen und zur Diskussion gestellt wurden.
Das Thema gewann durch die BSE-Krise an Aktualität, im Januar 2000 wurden in einem Weissbuch zur Lebensmittelsicherheit Grundsätze und Vorgehensweise vorgelegt. Zu den Massnahmen zählten ein verbesserter Rechtsrahmen, besser harmonisierte Kontrollsysteme, ein Dialog mit Verbrauchern und übrigen Akteuren sowie die Einrichtung einer unabhängigen Europäischen Lebensmittelbehörde. Diese wurden in der Verordnung (EG) Nr. 178/2002 konkretisiert, wobei es sich als unmöglich erwies, unter den bestehenden Verträgen eine Lebensmittelagentur mit allen Kompetenzen zu schaffen. Der vorhandene Spielraum wurde indessen voll und speditiv ausgenützt.
In der Kommission mussten die zuständigen Behörden aus Landwirtschaft, Gesundheit, Veterinärwesen in die neu geschaffene Direktion SANCO umziehen. In Dublin wurde das Lebensmittel- und Veterinäramt als Überwachungsbehörde und in Parma die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aufge-baut. Die in der Schweiz als «schwerfällig» eingeschätzte EU-Administration hatte es innert fünf Jahren geschafft, die Landschaft im Bereich Verbrauchersicherheit total umzugestalten und auf eine wegleitende Basis zu stellen.
Die Wachstumskurve der EFSA ist eindrücklich. Sie hat als Wichtigstes den Auftrag, die Risikobewertung für Lebens- und Futtermittel sicherzustellen. Sie erfüllt diesen in enger Zusammenarbeit mit den nationalen Behörden und in offenem Austausch mit Fachleuten sowie Interessengruppen der Wirtschaft und Konsumenten. Basierend auf den Grundsätzen «wissenschaftliche Exzellenz», «Unabhängigkeit» sowie «Offenheit und Transparenz» hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Status einer anerkannten Referenzbehörde für Lebensmittelsicherheit und damit das Vertrauen aller Betroffenen in die Institution wie auch in europäische Lebensmittel zu erlangen.
Gewachsen ist nicht nur die Behörde selbst, sondern auch deren Beziehungsnetz. Gemäss dem in der Gründungsverordnung verankerten Auftrag hat die Behörde eine Strategie für internationale Kontakte definiert und diese laufend umgesetzt. So sind Verbindungen zum Codex Alimentarius, WTO, EPPO, IPC, OIE, WHO und zu nationalen Partnerorganisationen wie FDA und dem japanischen Pendant JFSC institutionalisiert. Verschiedene Entwicklungsländer sowie EU-Beitrittskandidaten profitieren von Schulungsprogrammen der EFSA.
Gesteigerte Leistung. 2006 übernahm die heutige Direktorin, Catherine Geslaine-Lanéelle, die Leitung der Behörde. In ihrem ersten Amtsjahr wurden 174 Gutachten veröffentlicht, 2011 waren es 658. Diese beantworten Anfragen,
welche von der EU-Kommission, dem Parlament oder einer der Behörden der EU und EWR-Länder an sie gerichtet werden. Die Gutachten werden unter der Koordination vom jeweilig zuständigen Direktorat unter Zuzug der dafür zuständigen nationalen Experten erarbeitet. Mit ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit hat die Behörde dazu beigetragen, die BSE-Epidemie zu beenden, die Anzahl der Salmonellosefälle zu halbieren und aufgrund umfangreicher Datensammlungen und Statistiken eine Grundlage geschaffen, auf der Kommission und Mitgliedsstaaten die Prioritäten einer gut abgestützten Gesamtrisikobewertung treffen können. Überprüft und neu bewertet wurde eine grosse Zahl bereits regulierter Produkte, so die Zusatzstoffe, die Pestizide und um die 3000 gesundheitsbezogenen Angaben bei Speziallebensmitteln.
Im Krisenmanagement konnte die EFSA 2011 beim Ausbruch von Shiga-Toxin-produzierenden Escherichia Coli Erfahrungen sammeln. Sie unterstützte die Behörden in Deutschland bei der Sammlung von Daten zur Ursachenermittlung sowie bei der gesundheitlichen Bewertung. Dass sich die Behörde mit Problemstellungen entlang der gesamten Kette von Urproduktion bis auf den Teller befasst, zeigen die Anstrengungen für das Wohlergehen von Tieren. Aufgrund von Untersuchungen wurden für verschiedene Tierarten Verbesserungen für Haltung, Fütterung, Transport, Betäubung und Schlachtung erzielt. Bei Letzteren wurde die Praxis der Fleischschau evaluiert und festgestellt, dass ein Teil der Untersuchungen das Risiko nicht reduzieren, sondern sogar erhöhen können und deshalb unterlassen werden sollten. Steigende Bedeutung haben auch Fragen bezüglich Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion.
» Lesen Sie mehr darüber in der aktuellen Ausgabe LT 1-2/2013.