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Die Luise-Büchner-Gesellschaft kam rechtzeitig zum Frauenstreik 2019 nach Zürich. Vor knapp zehn Jahren in Darmstadt gegründet, widmet sich die Gesellschaft Leben und Werk von Luise Büchner (1821–1877). Die jüngere Schwester von Georg Büchner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin; verschiedene ihrer Sachbücher und belletristischen Werke sind in Neuauflagen weiterhin erhältlich. Dass die mehrtägige Reise der Gesellschaftsmitglieder den zweiten Schweizer Frauenstreik am 14. Juni einschloss, war da durchaus passend.
Unter der kundigen Leitung von Martina Kuoni setzte man sich am Freitag zuerst auf die Spuren von Frauen in Zürich, von Emilie Kempin-Spyri über Claire Goll und Ricarda Huch bis zu Caroline Farner. Im Gymnasium auf der Hohen Promenade übten die Jugendlichen gerade Debatten zu Klimanotstand und Frauenstreik. Und die Frauendemo am späteren Nachmittag beeindruckte die BesucherInnen aus Hessen aufs Schönste.
Rosa Luxemburg
Am Abend war die Gesellschaft dann im bücherraum f eingeladen. Melinda Nadj Abonji, stark bewegt vom Frauenstreik, hatte eben gerade einen Text fertig gestellt, über Rosa Luxemburg, den sie druckfrisch vortrug; seither ist er digital in der «Republik» erschienen.
Die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871–1919) hat neun Jahre in Zürich verbracht und hier studiert, weil im deutschsprachigen Raum nur an der Universität Zürich Frauen und Männer gleichberechtigt zugelassen waren. Ab Mai 1889 wohnte sie in Zürich Oberstrass, ab Oktober 1889 belegte sie Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. 1892 nahm sie das Studium der Rechtswissenschaft auf, 1893 schrieb sie sich zudem in Staatswissenschaften ein.
Mehrfach wechselte sie in den neun Zürcher Jahren die Unterkunft, immer in der Nähe der Universität verbleibend. Rasch fand sie Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen EmigrantInnen. Eine Zeitlang wohnte sie beim emigrierten SPD-Politiker Carl Lübeck, dessen Sohn Gustav sie später heiratete, um den deutschen Pass zu bekommen. In einem weiten Freundes- und Gesprächskreis suchte sie emigrierte StudentInnen und Arbeitern zusammenzubringen. Im Mai 1897 wurde ihre Doktorarbeit über «Polens industrielle Entwicklung» von der Universität angenommen, womit sie als erste Frau in Zürich zur Dr. oec. promovierte; ihr Doktorvater Julius Wolf nannte sie später den «begabtesten Schüler» seiner Zürcher Zeit. Im Mai 1898 reiste sie schliesslich nach Deutschland.
Melinda Nadj Abonji beschrieb ihre Faszination durch Luxemburg, deren Vielseitigkeit und Offenheit, in einem dichten Text. Erst spät, gegen herrschende Vorurteile, sei sie Luxemburgs Sätzen begegnet und habe in diesen einen «klaren, kräftigen Herzschlag» vernommen, so ganz anders als in andern politischen Texten. Bei Luxemburg sei jederzeit eine Sprachmelodie voll erzählerischer Eleganz und Genauigkeit zu spüren.
Mit Briefzitaten belegte Nadj Abonji Luxemburgs Verbundenheit mit der Natur, die keine bloss aufgesetzte Empathie sei, sondern ein Mitfühlen im genauen Wortsinn. Luxemburgs Existenz gehöre einem «Lebensrhythmus an durch ihre zugewandte Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft», die Details mit grösseren Zusammenhängen verbinde. Gerade daraus sei ihr radikaler Antimilitarismus ebenso wie der Antiimperialismus erwachsen, gegen alle Gewalt, die den Menschen, Tieren und Dingen weltweit angetan werde.
Doch jede Beschäftigung mit Luxemburg sehe sich schliesslich mit dem Schmerz ihrer Ermordung konfrontiert, die unter schändlicher Duldung oder gar mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie geschehen sei. So viel sollte mit ihr getötet werden: Aufmerksamkeit, Weiterdenken, Hoffnung, Kritik am jämmerlichen Opportunismus, revolutionäre Ungeduld. Und dennoch sei das alles nicht verstummt. «Ja, die vielsprachige Rosa Luxemburg gibt keine Ruhe, sie ruft mir beherzt zu, auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch: ‹Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!›»
Der Zürcher Aufenthalt hat immerhin eine kleine Spur hinterlassen, eine Gedenktafel an der Plattenstrasse 47, wo sie 1894/95 wohnte, angebracht am Haus zur Platte, der Villa Wehrli, in dem das Englische Seminar der Universität residiert.
Melinda Nadj Abonji ist das entschieden zu wenig. «Baut dieser Frau endlich ein Denkmal!», ruft sie der Stadt Zürich zu und hat auch schon zwei mögliche Vorschläge: Eine Skulptur Rücken an Rücken zu Alfred Escher auf den Bahnhofplatz gestellt, um Eschers Blick auf die Bahnhofstrasse als Ort des Geldes und des Konsums die Sicht auf den Bahnhof als Ort des migrantischen Daseins entgegenzustellen. Oder dann könnte man den Helvetiaplatz umbenennen. «‹Treffen wir uns am Rosalux?› Klingt doch gut!»
Der Vorschlag fand im bücherraum f lebhaften Zuspruch – die Luise-Büchner-Gesellschaft hat nach langem Lobbyieren letztes Jahr in Darmstadt ein Denkmal für die Frauenrechtlerin einweihen können.
Am Samstag machte sich die Gesellschaft unter Anleitung von Stefan Howald auf die Spuren von Georg Büchner, vom alten Universitätsgebäude an der Kappelergasse über den Fischmarkt und – natürlich! – die Spiegelgasse bis zum ehemaligen Krautgartenfriedhof beim Kunsthaus. Man endete mit einem Abstecher nach Hottingen, wo Marie Heim-Vögtlin gearbeitet und gelebt hatte, die 1875 als erste Schweizer Ärztin zu praktizieren begann. Im Haus an der Hottingerstrasse 25 war sie von Luise Büchner im gleichen Jahr besucht worden, anlässlich der Gedenkfeier für Georg Büchner, nachdem dessen Gebeine vom aufgehobenen Friedhof Krautgarten auf den Germaniahügel beim Rigiblick versetzt worden waren. Luise Büchner verfasste darüber einen Bericht; beinahe interessanter als die offizielle Gedenkfeier, die überwiegend von Männern dominiert wurde, beschreibt sie ihren weiteren Zürich-Aufenthalt. Sie benutzte nämlich die Gelegenheit, um Schweizer Bildungsreformerinnen zu besuchen, neben Heim-Vögtlin etwa auch die Italienischlehrerin Sophie Heim und die Schriftstellerin Susanna Müller, die sie ihrerseits in das Schweizer Bildungssystem einführten.
Ein radikales Ehepaar
Am 27. Juni erwiderte Stefan Howald den deutschen Besuch in Riedstadt-Goddelau, im bewundernswürdigen Büchnerhaus. Im Gepäck trug er einen Vortrag über Caroline und Wilhelm Schulz mit: «Aus der Geschichte der deutschen Demokratie, und der schweizerischen dazu». Wilhelm Schulz (1797–1860), ehemaliger hessischer Offizier, kam wegen eines kritischen «Frag- und Antwortbüchleins» bereits 1819 in einjährige Untersuchungshaft, betätigte sich dann als vielseitiger radikaldemokratischer Publizist. 1833 wurde er erneut verhaftet und 1834 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, konnte aber dank eines von seiner Frau Caroline Schulz Sartorius (1801–1847) minutiös geplanten und unterstützten spektakulären Ausbruchs flüchten und nach Strassburg exilieren. Dort trafen die Schulzens Anfang 1836 den ebenfalls aus Hessen exilierten Georg Büchner und befreundeten sich mit ihm. Ab November 1836 wohnten die drei in Zürich, Wand an Wand an der Spiegelgasse 12. Caroline Schulz pflegte Georg Büchner in den letzten Wochen bis zu dessen Tod am 19. Februar 1837 und hat bewegende Notizen dazu hinterlassen.
Kurz danach zogen die Schulzens vor die Tore der Stadt, nach Hottingen, an die Gemeindestrasse 27. Hottingen war damals noch – bis zur Eingemeindung 1893 – eine eigenständige Ortschaft, 1837 von gut 2000 Menschen besiedelt, mit grossen Rebbergen den Zürichberg hinauf, aber auch beträchtlicher Heimarbeit und Manufaktur, sowie relativ billigem Wohnraum für KünstlerInnen und ExilantInnen. Die Schulzens verkehrten vor allem in der deutschen Exilszene um Adolf Ludwig Follen und Julius Fröbel, befreundeten sich mit Georg und Emma Herwegh, mit Ferdinand und Ida Freiligrath, auch mit einem jungen Gottfried Keller. 1843 veröffentlichte Schulz im Literarischen Comptoir von Julius Fröbel das Buch «Bewegung der Produktion», in dem er eine materialistische Gesellschaftsentwicklung skizzierte. Wegen dieses Buchs stellte der Historiker Walter Grab, der Schulz 1979 wieder für die Öffentlichkeit entdeckte, seine Biografie unter den Titel «Ein Mann der Marx Ideen gab». Als vielseitiger Publizist veröffentlichte Schulz aber beispielsweise auch eine Satire über die «wahrhaftige Geschichte des deutschen Michel und seiner Schwester» mit Illustrationen des Schweizer Satirikers Martin Disteli.
Caroline erlag 1847 einer vermuteten Krebserkrankung. Die schriftlichen Dokumente von ihr sind spärlich, aber allen Zeugnissen nach muss sie eine eindrückliche, ebenso selbständige wie hilfsbereite Frau gewesen sein, die nicht nur Georg Büchner, sondern auch Georg Herwegh und Gottfried Keller eine anregende ältere Freundin war. Gottfried Keller zog Mitte 1847 ein halbes Jahr lang zu Schulz, da dieser den Alltag nicht allein bewältigen konnte. Offenbar noch von Caroline eingefädelt, verheiratete sich der Witwer danach mit deren bester Freundin, Anna Katharina «Kitty» Bodmer, aus altem Zürcher Geschlecht.
Nach den Märzstürmen in Wien und Berlin konnte Schulz 1848 erstmals wieder auf das Gebiet des deutschen Bundes zurückkehren und gehörte 1848/49 als hessischer Abgeordneter zu den gemässigten Linken im Frankfurter Parlament. Nach dessen Scheitern kehrte er nach Hottingen zurück. Hier blieb er weiterhin publizistisch tätig, insbesondere zur Militär- und Aussenpolitik, mit abnehmender Wirkung. 1860 starb er in Hottingen, weitgehend vergessen. Die Biografie von Walter Grab brachte ihm kurzfristigen Nachruf, der aber wieder verblasst ist. Weitere Forschungen zu Caroline und Wilhelm Schulz wären wichtige Beiträge zur Geschichte der deutschen und der schweizerischen Demokratie.
Stefan Howald
Von Wilhelm Schulz existiert eine einzige Darstellung, anonym, vermutlich von 1820; von Caroline Schulz ist bislang keine Darstellung bekannt.