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Der chilenische Autor Luis Sepúlveda kehrt mit einem abenteuerlichen Roman zurück: Vier alte Linke tauchen 1990 aus dem Untergrund oder dem Exil auf und planen, erschüttert vom Zustand des Landes, einen Coup.
Um Luis Sepúlveda ist es in den letzten Jahren recht still geworden. In den achtziger und neunziger Jahren hatte der chilenische Autor noch als eine der wichtigsten Stimmen Lateinamerikas gegolten und mit seinen Büchern Millionenauflagen erreicht. Mit den auf Spannung angelegten Ökothrillern «Der Alte, der Liebesromane las» und «Die Welt am Ende der Welt» traf er damals die Bedürfnisse eines linksgrünen Massenpublikums. So erzählte er etwa von einem alten Mann im Amazonasgebiet, der Verständnis für die Fauna des Regenwalds bewahrte, oder von einem Greenpeace-Team, das sich vor der chilenischen Küste tapfer für die Rettung der Wale einsetzte. Gemeinsam mit den Tieren, die sich wehrten, waren diese Engagierten in der Lage, Eindringlinge zu stoppen und Walfangschiffe zum Kentern zu bringen.
Das war politisch korrekte Wohlfühlliteratur, wie sie etwa auch Isabel Allende oder Gioconda Belli schrieben. Als sich dann aber nach und nach die Einsicht durchsetzte, dass sich auch bei Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen die Menschen nicht fein säuberlich in Gut und Böse einteilen lassen, begann Sepúlvedas Stern zu sinken. Sein lesenswerter Erzählzyklus «Wie man das Meer sehen kann», 2002 in deutscher Übersetzung erschienen, hatte leider nur geringen Erfolg. Nun ist von ihm seit langem wieder einmal ein Roman auf Deutsch herausgekommen.
Zurück aus dem Exil
«Der Schatten dessen, was wir waren» lässt schon im Titel erahnen, dass sich die Zeiten gewandelt haben. Im Santiago de Chile der Gegenwart verabreden sich vier alte Männer, um noch einmal vom Abstellgleis auf die Hauptstrecke zu wechseln. Sie alle können auf eine kämpferische Jugend in der chilenischen Linken zurückblicken. Sie alle wurden vom Sturz Salvador Allendes 1973 aus der Bahn geworfen, in den Untergrund oder ins Exil verbannt, und trafen nach 1990 ein Land an, das längst nicht mehr das ihre war.
Und so machen sie sich an einem verregneten Winterabend auf, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Einer kauft Brathähnchen, ein anderer Brot, und ein Dritter nimmt die alte Pistole seines Grossvaters mit, die dieser 1925 vom spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti geschenkt bekommen hatte, als sie gemeinsam den ersten Banküberfall in der Geschichte der chilenischen Hauptstadt verübten.
Treffpunkt ist die Autowerkstatt des Vierten im Bunde, Lucho Arancibia, die die Zeiten überdauert hat. «Gebrüder Arancibia», so hiess übrigens auch die Druckerei, in der 1968 das erste Buch des damals knapp zwanzigjährigen Luis Sepúlveda erschien. Eine autobiografische Anspielung also, und nicht die einzige. Auch der 1949 geborene Autor selbst, geprägt von der kommunistischen Jugend und dem Idol Che Guevara, gehörte zu den entschiedenen Anhängern Salvador Allendes. Als Mitglied von dessen Leibgarde kam er ihm persönlich sogar sehr nahe.
Selbstbefragung des Autors
Nach einigen Jahren Haft konnte Sepúlveda ins Exil gehen, er lebte ab 1980 in Hamburg und seit 1996 im nordspanischen Gijón. Überall ist er Aktivist gewesen: sei es als Mitglied bei Greenpeace, den deutschen Grünen oder bei Attac, sei es in Gijón, wo er seit vierzehn Jahren den «Salón del libro» leitet, eines der wichtigsten AutorInnentreffen der iberoamerikanischen Welt.
Wie seinen Romanfiguren sitzt auch Sepúlveda der chilenische Stachel tief im Fleisch. Zurückkehren will er nicht: nicht in ein Land, das alles Politische und Soziale wirtschaftlichen Prinzipien unterordnet; nicht in ein Land, das mit den Träumen der Allende-Zeit nichts mehr zu tun haben möchte. Sepúlveda ist wie Lucho Arancibia und seine Freunde Sozialist geblieben, der zwar verloren, aber nicht resigniert hat. Damit kann der neue Roman als Selbstauskunft, mindestens aber als Selbstbefragung des Autors gelesen werden. Was also macht Sepúlveda aus der Verschwörung der Alten?
Der Besitzer des historischen Revolvers wird auf dem Weg zur Werkstatt zufällig von einem Plattenspieler getroffen, der bei einem Ehekrach aus einem Fenster fliegt. Er stirbt an Ort und Stelle. Weitere Zufälle sorgen dafür, dass die Polizei eine Weile braucht, bis sie dem Vorfall auf die Spur kommt, und auch dass der Ehemann unterdessen die Pistole an sich nimmt, den Treffpunkt herausfindet und in den drei bereits Versammelten alte Bekannte entdeckt, die mindestens so erstaunt sind wie er selbst. Das Quartett ist also doch vollständig und macht sich an die Arbeit.
Wachrufen und neu nachdenken
Obwohl längst nicht alles plausibel ist, was hier an Zufällen und Wendungen zusammenkommt: Der Coup immerhin ist durch und durch ehrenhaft. Er reicht zurück in das Jahr 1971. Damals war ein Guerillakommando, dem der nunmehr Getötete angehört hatte, rechten Machenschaften auf die Spur gekommen, bei denen grosse Geldsummen aus Chile in die USA gebracht wurden. Die linke Guerilla konnte damals einige dieser Beträge erbeuten und an die chilenische Zentralbank zurückgeben. Nur die letzte dieser «Dollarernten» hat ihr Ziel nicht mehr erreicht. Die halbe Million Dollar haben die Guerilleros über all die Jahre verstecken müssen, das Geld ist noch da. Um es zu holen, müssen die vier Alten einen Einbruch verüben.
Luis Sepúlveda, bekennender Liebhaber von Kriminal- und Abenteuerliteratur, macht auf dem Weg zum glücklichen Ende eine ganze Menge Zugeständnisse an den flotten Lesegenuss. (Dass dieser Genuss sich auch im Deutschen einstellt, liegt an der herausragenden Übersetzung von Willi Zurbrüggen.) Zugleich bietet der Spannungsbogen den Protagonisten reichlich Gelegenheit, die alten Zeiten wachzurufen und über die neuen nachzudenken. Da gibt es beeindruckende, zugleich liebenswerte Begebenheiten, in denen Sepúlveda treffende Bilder findet. Gerade dann, wenn etwas schiefgeht: So findet der legendäre Banküberfall von 1925 seine Entsprechung in der Gegenwart, als die Alten feststellen müssen, dass der Revolver von damals nicht mehr funktioniert. Genauer: Heute würde er wahrscheinlich in der Hand des Schützen explodieren.
An anderen Stellen wiederum neigt Sepúlveda zur einsichtsarmen Nostalgie, und das bekommt dem Buch schlecht. Dass man etwa die alten Kampflieder heute nicht mehr singt, liegt sicher nicht allein daran, dass «die Herren des heutigen Chile beschlossen hatten, dass es junge Leute wie die Brüder Arancibia nie gegeben hatte». Wäre dieser Roman tatsächlich das Bekenntnisbuch des gealterten Luis Sepúlveda, wäre er eine Enttäuschung.
Vielleicht aber ist er vielmehr eine Träumerei. Nach der herrlichen Pointe am Schluss jedenfalls kann sich jeder Abenteuerschriftsteller nur so die Finger lecken. Wer hier nicht einen Seufzer tut und wünscht, so möge es doch in Wirklichkeit einmal kommen, ist für die linke Sehnsucht nach Gerechtigkeit vollkommen unempfänglich.
Luis Sepúlveda liest: Bern, Progr, Do, 17. November, 20 Uhr; Basel, Buchhandlung Bider & Tanner, Fr, 18. November, 20 Uhr; Biel, Theater Carré Noir, So, 20. November, 17 Uhr; Thun, Interkulturelle Bibliothek Biblios, Mo, 21. November, 19.30 Uhr.