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Warum heute ein Buch über Louis Althusser veröffentlichen? Als äußere Anlässe lassen sich die Neu- und Erstveröffentlichungen der Werke und Textsammlungen Für Marx, Über die Reproduktion, Ideologie und Ideologische Staatsapparate sowie Das Kapital lesen in den letzten fünf Jahren in deutscher Sprache nennen. Hinzu kommt das 50-jährige Jubiläum der Veröffentlichung der epochalen Werke Für Marx und Das Kapital lesen im Jahr 2015. Dieses ging auch mit einer internationalen Neurezeption Althussers einher. Aber bereits diese Neurezeption ist nicht allein mit dem Doppeljubiläum verbunden, sondern bereits seit einigen Jahren im Gange, auch mit der Neugründung der Zeitschriften Decalages und Demarcaciones und einer Reihe von neu erschienenen Sammelbänden und Monographien zum Werk von Althusser. Dies war zu einem guten Teil in einer sowohl theoretischen wie politischen ‹Lage› (oder Konjunktur) begründet. Die Neurezeption des Werkes von Althusser reflektiert insofern das Zusammenspiel von Politik, Philosophie und der Entwicklung des Marxismus als politischer Theorie, über das Althusser selbst ausführliche Reflexionen angestellt hat. Ziel unseres Buches ist es, zu zeigen, warum der ‹späte› und der ‹revolutionäre› Althusser integral miteinander verbunden sind – gegen vielfältige Versuche in der Rezeption von Althusser, beide Aspekte seines Werkes voneinander zu trennen. […]
Auch wenn der Althusser der ‹Krise des Marxismus› und der offenen Kritik an der kommunistischen Partei ab 1977 sowie der spätere Althusser des offen benannten aleatorischen Materialismus bzw. Materialismus der Begegnung in diesem Buch eine große Rolle spielen, bleibt es keineswegs auf diese Phasen beschränkt. Die Verbindung zwischen dem ‹späten› und dem ‹revolutionären› Althusser, die dieser Band dokumentiert, ist auch die Verbindung zwischen dem ‹theoretischen› und dem ‹politischen› Althusser. Es ist kein Zufall, dass zwei Schlüsseltexte in diesem Band, der von Althusser 1966 anonym veröffentlichte Text zur Kulturrevolution, und der Text von G.M. Goshgarian eine enge Verbindung zwischen den verschiedenen Phasen des Werks von Althusser dokumentieren. Der Text zur Kulturrevolution macht erstens den politischen Impetus von Althussers nach wie vor bekanntestem Text zu den ideologischen Staatsapparaten deutlich: Althusser sah eine ideologische Massenrevolution, die mit den etablierten Formen der Politik und des Alltagslebens bricht, als notwendig dafür an, dass eine sozialistische Revolution nicht bloß ‹Kapitalismus ohne Kapitalisten› bleibt und damit implizit die Rückkehr zum Kapitalismus vorbereitet. Damit steht er einigen Prämissen der 68er-Bewegung näher, als dies in seinen skeptischen Stellungnahmen zum Mai 68 in Frankreich deutlich wird. Althussers Problem mit ‹1968› lag jedoch weniger an der verbreiteten Kritik der Formen der Politik, sondern in der Dominanz kleinbürgerlicher, scheinbar linksradikaler ideologischer Elemente in dieser Bewegung, zumindest in Westeuropa.
Zweitens verdeutlicht der Text, dass eine kommunistische Politik, die unabhängig vom Staat bleibt und das Verschmelzen mit dem Staat verhindert, nicht erst Ende der 1970er-Jahre in Althussers Horizont trat, sondern bereits Mitte der 1960er-Jahre einen zentralen Ort in seinem Denken hatte. Drittens wird deutlich, inwiefern Althussers Ideologietheorie unmittelbar mit seiner Kritik der Erstarrung und Deformation des Sozialismus in der Sowjetunion verbunden ist: Die Ideologien und die sie materialisierenden Apparate, Praktiken und Rituale sind für Althusser der Schlüssel dazu, um eine Erklärung für die stalinistischen Verbrechen und Herrschaftspraktiken zu finden, die tiefer geht als eine Kritik des Personenkults. Zugleich ist die Forderung nach einer ideologischen Massenrevolution Althussers praktische Kritik am Ökonomismus, dessen Theorie die Praxis einer rein an der Eigentumsform orientierten Verstaatlichung des ‹Kapitalismus ohne Kapitalisten› entspricht. Der Text Über die Kulturrevolution eröffnet gewissermaßen das Feld, das in den weiteren Texten des Buches erforscht werden wird.
Eine weitere Öffnung hin zur politischen Praxis stellt der Text von Rafael Sebastián Guillén Vicente dar, ein Auszug aus der 1980 eingereichten Doktorarbeit. Der spätere Praktiker der neozapatistischen Revolution ab 1994 in Mexiko greift Althussers Formulierung der ‹Philosophie als einer Waffe der Revolution› auf und zeigt performativ in seiner Karikatur von Figuren der bürgerlichen Philosophie in Mexiko, was eine ‹Nicht-Philosophie› ist und wie diese verfährt. Sie bricht mit den Regeln und Formen bürgerlicher Argumentation, ohne in postmoderner Unzugänglichkeit ihren Fokus einer Kritik des Staates und seiner Legitimationsrhetoriken zu verlieren: Guillén Vicente rekonstruiert den Diskurs des Staates in seiner Analyse von Schulbüchern für die Grundschule.
Die Verbindung von Theorie und Politik sowie die Kommunikation zwischen dem Marxismus in Europa sowie in Lateinamerika kennzeichnen auch den nächsten Abschnitt des Buches. Auch wenn hier theoretische Grundlagen zum Verständnis von Althussers Werk im Mittelpunkt stehen, bleiben deren politische Motivationen und Implikationen keineswegs außen vor. Martha Harnecker, eine der großen Theoretikerinnen des lateinamerikanischen Marxismus, hatte 1968 die Debatte um den Humanismus zwischen Althusser, Jorge Semprun und anderen Autoren ins Spanische übersetzt (Althusser et al. 1968). In ihrem Text erläutert sie, inwiefern Althussers Kritik des theoretischen Humanismus durch seine Kritik am Stalinismus motiviert war. Harnecker legt in einfachen Worten dar, warum das Abrücken vom Begriff des Menschen als theoretischer Kategorie dem Marxismus eine Kritik an den Produktionsverhältnissen ermöglicht.
Das Verhältnis von Althussers Theorie mit dem Strukturalismus und mit anderen Theoretikern wird in den drei weiteren Texten dieses Abschnitts erörtert. Taner Yelkenci reflektiert kritisch, was den Einfluss von Baruch Spinozas und Jacques Lacans Werk auf Althusser ausmacht und inwiefern Spannungen mit den Ansätzen beider Denker bestehen. Spinozas Annahme einer körperlichen Grundlage der Eindrücke bereitet den Weg für den Begriff der Materialität der Ideologie und damit einen Ausweg aus idealistischen Sichtweisen im Marxismus, die Ideologie und ‹Wirklichkeit› voneinander abtrennen. Bei Spinoza hat aber die ‹körperliche› Wirksamkeit stärkeres Eigengewicht als es die Ideologien bei Althusser als imaginäre Repräsentationen haben – Ideologie als ‹Allgemeinheit 1› hat beim Althusser von Für Marx noch einen wenig materiellen Bezug.
Yelkenci problematisiert, wie mit Althussers Betonung von Theorie und Wissenschaftlichkeit die Einheit von Theorie und Praxis, die den Marxismus ausmacht, aufrechterhalten werden kann. Dass der Marxismus nicht umhin kann, sich in Form einer proletarischen Ideologie in den politischen Kampf einzumischen, hat Althusser im Kontext der Diskussion um die Krise des Marxismus denn auch offen eingeräumt. Den Schwierigkeiten, die Althusser in seiner ‹theoretizistischen Phase› bei dem Unternehmen antraf, den historischen Materialismus als Wissenschaft zu konstituieren, geht Frieder Otto Wolf in seinem Beitrag nach. Er meldet beträchtliche Skepsis an, ob die epistemologischen Grundlagen, die Althusser bereitgestellt hat, dafür eine ausreichende Grundlage bilden, sieht die Diskussion darum jedoch als notwendige Klärung theoretischer wie auch politischer Fragen an.
Won Choi widmet sich der Frage des Strukturalismus im Werk von Althusser durch einen Umweg: In kritischer Absetzung von Slavoj Žižeks Interpretation von Lacan zeigt er in einer fulminanten tour-de-force und gründlichen Lesart von Lacans Analyse der Subjektwerdung, dass es nicht einen Strukturalismus gibt, sondern verschiedene Schulen des Strukturalismus, die Aspekte der Determination – der Kränkung des bürgerlichen Subjekts durch die Trinität der Moderne (Marx, Nietzsche und Freud) – menschlichen Daseins erforschen und sich dabei keineswegs einig sind. Gegen Žižeks vereinfachende Darstellung, die Althusser als monistischen Strukturtheoretiker verbrämt und Lacan zum libertären Denker des Wunsches emporhebt, legt Choi dar, wo sich Lacans und Althussers Annahmen berühren und wo sie auseinandergehen. So wenig Lacan für politische und privatistische Rebellionen übrig hat, so vehement hat Althusser die Herrschaft des Symbolischen abgelehnt, die Lacan als Befreiung zur Mündigkeit durch die Annahme des Gesetzes des Vaters proklamiert.
Im dritten Teil des Buches geht es um die Diskussion des Staats durch Althusser sowie die oft vernachlässigte Dimension des Rechts. Wie für andere Teile des Buches kann auch hier noch auf weitere maßgebliche Beiträge verwiesen werden, die aus Gründen beschränkter Ressourcen nicht in den Band aufgenommen werden konnten – exemplarisch sei hier Warren Montags Text The threat of the outside erwähnt, der in dem Band Althusser and Law (2013) erschienen ist und Kelsens Rechtstheorie mit Althussers Kritik des Rechts in Beziehung stellt.
Alexander Gallas widerlegt mit gründlicher Quellenarbeit das Vorurteil, es habe einen theoretischen Bruch zwischen dem ‹strukturalistischen› Althusser und seinem ‹gramscianischen› Schüler Nikos Poulantzas gegeben. Dieses häufig aus Gründen politischer Absetzungsbewegungen und akademischer Profilierung gepflegte Bonmot widerlegt bereits Poulantzas selbst in zahlreichen Interviews – Gallas zeigt jedoch, dass beide Denker trotz zeitweiliger Differenzen über die politische Strategie gemeinsame theoretische Problematiken verfolgen – insbesondere in der Erforschung der Auswirkungen der politischen Konjunktur. Gegenüber diesen theoretischen Gemeinsamkeiten bildet Poulantzas’ Präferenz für einen Bruch innerhalb und außerhalb des Staates im Gegensatz zu Althussers Betonung der politischen Arbeit außerhalb des Staates Ende der 1970er-Jahre eine Differenz, die kaum mit seriösen Argumenten zum ‹Bruch› stilisiert werden kann.
Giorgos Kalampokas, Tassos Betzelos und Panagiotis Sotiris betonen die strategischen Differenzen in den Ansätzen von Althusser, Balibar und Poulantzas in Bezug auf eine neue Form revolutionärer Politik Ende der 1970er-Jahre, die sie als eine Suchbewegung kennzeichnen. Dabei betonen sie die radikalen Schlussfolgerungen von Althusser in Über die Reproduktion, dem erst posthum veröffentlichten Manuskript, aus dem der Aufsatz über die ideologischen Staatsapparate nur ein Auszug war. Sie heben hervor, dass erst aus der Perspektive der Reproduktion eine revolutionäre Strategie formuliert werden kann. Althusser führt dies zu der Schlussfolgerung, dass ein parlamentarischer Weg zum Sozialismus unmöglich ist: Alles hängt ab von einer neuen Form der Politik, die von den Massen gemacht wird, in den Bereich der Produktion eindringt und mit den ideologischen Apparaten bricht. Poulantzas dagegen hat den Misserfolg der portugiesischen Revolution in Bezug auf einen Bruch mit dem Kapitalismus zum Anlass genommen, eine Art linken Eurokommunismus zu vertreten. Kalampokas et al. halten Poulantzas’ strategischen Vorschlag zwar für unrealistisch, würdigen aber die Radikalität, die seiner relationalen Staatstheorie inhärent ist, indem sie die Produktionsverhältnisse als umkämpftes Terrain mit einem Primat gegenüber der Stabilität des Staates ausstattet. Sie betonen dabei eher den Widerspruch zwischen Poulantzas’ Theorie und seinen politischen Thesen. Letztlich dreht sich für sie der springende Punkt darum, inwiefern Organisationen der Linken lebendige und organische Beziehungen zu den Massen aufbauen können, in denen diese nicht nur Manövriermasse sind, sondern aktiv eingreifen – eine neue Praxis der Politik.
Auch der Text von Jörg Nowak widmet sich den Texten Althussers zur ‹Krise des Marxismus›. Er geht der Frage nach, welche Problematik Althusser und Étienne Balibar mit der Frage der Diktatur des Proletariats verbanden. Er arbeitet heraus, dass es dabei einerseits um die Frage der Organisationsformen der Arbeiterklasse ging, zum anderen um die Frage des Verhältnisses der Arbeiterbewegung zum kapitalistischen wie zum sozialistischen, nachrevolutionären Staat. Deutlich wird, dass die Frage der Organisationsformen und das Verhältnis zum Staat in enger Verbindung zueinander stehen, und dass die Probleme, die sich in der sozialistischen Periode stellen, bereits in den Politiken der Arbeiterbewegung vor der Revolution angelegt sind. Die Frage nach dem Verhältnis zum Staat ist zugleich die nach den Möglichkeiten einer Massendemokratie und der dauerhaften Veränderung der Produktionsverhältnisse: Wie kann in einer sozialistischen Periode die Herrschaft des Proletariats befestigt werden, wie können Stagnation und die Rückkehr zum Kapitalismus verhindert werden? Diese Frage hat angesichts der Herausforderungen der Linken heute ungebrochene Aktualität.
Timm Ebners Studie zur deutschen Kolonialliteratur während des Nationalsozialismus verdeutlicht, warum die Perspektive der Reproduktion, die Althusser einführt und reklamiert, nicht nur in Bezug auf die ökonomische Reproduktion entscheidende Fragen klärt, sondern auch in den Bereichen der politischen Herrschaft und der ideologischen Subjektivierung. Die Figur des ‹Doppelgängers›, in der eine verdeckte Operation der Figur des Feindes imaginiert wird, verdeutlicht, inwiefern politische Identitäten und insbesondere nationale Identitäten notwendig auf ‹Fiktion› beruhen. Mit einer kritischen Sicht auf die verschiedenen, wechselnden Argumentationen, mit denen Carl Schmitt die Position des Staates als Souverän legitimiert, wird deutlich, dass es sich bei dieser Souveränität letztlich um ein arbiträres Gewaltverhältnis handelt, das der ‹Fiktion› bedarf, um hegemoniale Geltung zu erlangen.
Der Beitrag von Ekrem Ekici stellt die Rolle des Rechts bei der Aufrechterhaltung dieser Fiktion ins Zentrum. Seine Rekapitulation der Rechtskritik bei Gramsci und Althusser verdeutlicht nicht nur, dass die häufig betonte Differenz zwischen beiden marxistischen Theoretikern auf diesem Feld eher gering ist, sondern auch, dass beide das Recht als wichtigen Hegemonieapparat betrachten. Althusser betont jedoch stärker die Doppelrolle des Rechts als repressiven und ideologischen Apparat, der ihm eine Sonderstellung zuweist. Ekici spricht daher von einer partiellen Autonomie des Rechts, die aus der Fiktion der ‹Neutralität› und ‹Vorrangstellung› des Rechts hervorgeht.
Im vierten Teil des Buches finden sich unter dem Titel ‹Ausblicke› Beiträge, die neue Perspektiven eröffnen, auch im direkt politischen Sinn. Francois Matheron rekapituliert, wie die Figur der Leere in mehreren Dimensionen in Althussers Werk präsent ist: einmal als die Leere der Konjunktur, der politischen Lage, die sich schnell ändern kann und ein wichtiges Moment an Kontingenz darstellt. Dann gibt es als zweiten Sinn die Leere als ‹eingenommene Distanz›, die einen Blick auf objektive Strukturen ermöglicht. Dies ist zugleich der Ort der Philosophie als einer Intervention in die Politik, die anders als die Wissenschaft keinen klaren Kriterien unterliegt und auch insofern ‹leer› ist. Die dritte Dimension ist das antiteleologische Element im Marxismus, das Althusser mit der 11. Feuerbachthese ausmacht und selbst im Begriff des ‹Prozesses ohne Subjekt/Ziel› verstärkt. Die Leere entsteht aus dem Abrücken von Hegel und den teleologischen Elementen bei Marx, erlaubt aber eben eine Öffnung hin zur Politik und zur Wirklichkeit, zur Kontingenz.
Die mexikanische Philosophin Fernanda Navarro rekapituliert ihre in den 1980er-Jahren mit Althusser geführten Gespräche und weist darauf hin, dass für Althusser der Begriff der ‹Zwischenräume›, in denen der Kommunismus bereits innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse sich formiert, in dieser Zeit an Bedeutung gewonnen hat. Daran orientiert zielte er darauf, alle bestehenden Zwischenräume in einer internationalen Bewegung der Befreiung zu vereinen. Navarro erinnert daran, dass Marcos als öffentlicher Vertreter der neozapatistischen Bewegung im Mexiko der 1990er und 2000er Jahre als ‹althusserianischer Philosoph› von der Polizei zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Sie erläutert die politischen und theoretischen Prinzipien dieser Bewegung und Organisation, die mit vielen tradierten Politikformen der Linken bricht und auf den lokalen Organisationsformen der Bevölkerung im Süden Mexikos beruht. Navarro sieht gewisse Übereinstimmungen zwischen Althussers antistaatlichen Impulsen und den von den Neozapatisten gefundenen Formen ihrer sozialen und politischen Bewegung.
Mehrere Schichten theoretischer Literatur der Linken werden von Andrea Girometti in einer neuerlichen Rückkehr zu den Texten der ‹Krise des Marxismus› freigelegt. Diese Texte bilden eines der Zentren, um die der vorliegende Band kreist. Girometti legt konzise dar, dass die Debatte Ende der 1970er-Jahre stattfand, als der Kapitalismus sich im Übergang zu einer neuen Form befand, die auf eine Verschmelzung von Staat und Kapital hinausläuft und sich heute als neue Oligarchie verstärkt offen autoritärer Herrschaft bedient. Auch darin liegt die Bedeutung dieser Debatte für die heutige Generation: Die ‹Krise des Marxismus› war auch eine Krise des bis dahin in den Zentren etablierten sozialstaatlichen Modells, sie kündigte eine neue Form des Kapitalismus an, die auch von der Arbeiterbewegung und ihren theoretischen Strömungen neue Antworten erwartete. Zugleich macht Girometti deutlich, dass das Wiederaufgreifen der Formel des ‹Absterbens des Staates› auch bei der damaligen Linken auf Widerwillen stieß, die sich mit einer Verwaltung des Kapitalismus arrangiert hatte. Die Früchte dieser Realitätsverweigerung von seiten der etablierten kommunistischen Parteien bestehen heute in der Abwesenheit jeder ernsthaften Transformationsperspektive, die erst wieder neu zu erarbeiten wäre.
G.M. Goshgarian arbeitet in einer umfassenden Studie heraus, wie Althussers Lesart von Spinoza ihn zu einem Marxismus des ‹singulären Dings› und schließlich zu einer Theorie der politischen ‹Lage› oder Konjunktur führte. Dabei vollzieht er nach, inwiefern dieses Denken der Kontingenz in der Notwendigkeit bereits in Althussers frühen Schriften vorhanden ist, um dann im ‹aleatorischen› Materialismus der 1980er-Jahre ausformuliert zu werden. Er wendet sich dabei gegen eine Lesart, die den ‹strukturalistischen› (frühen) vom ‹kontingenten› (späten) Althusser abgrenzen will, indem er zeigt, dass gerade die Idee der Kombination und Verbindung von Elementen in Das Kapital lesen eng mit dem ‹aletaorischen› Theorem der Begegnung verknüpft ist. Gerade die Theorie der Kombination von Elementen zu einer Struktur in Das Kapital lesen zielt auf eine Rekonstruktion der zufälligen Begegnung – sie macht das ‹flüssig›, was aktuell als fest erscheint, um die Gesetze der Veränderung zu verstehen. Damit soll der Blick in die Vergangenheit auch zugleich den in die Zukunft ermöglichen.
Der Band schließt mit einem Bericht von Frieder Otto Wolf über die Juni-Thesen von Althusser, die er 1985 verfasst hat. Sie geben Zeugnis davon, dass er in der ‹aleatorischen› Phase keineswegs seine politischen Ziele über Bord geworfen hat, sondern an seine in den späten 1970er-Jahren in Interviews erwähnten Gedanken zu den ‹Zwischenräumen› innerhalb des Kapitalismus weiter entwickelt hat. Auch hier steht der Übergang von einer Produktionsweise zur anderen im Mittelpunkt, die eine der Fragen hinter Das Kapital lesen war und dort im Sinne einer Kombinatorik und Rekombination von Elementen von Produktionsweisen gefasst wurde. 20 Jahre später geht Althusser davon aus, dass die vielen ‹Zwischenräume› innerhalb des Kapitalismus, in denen bereits kommunistische Inseln entstanden sind, sich vor allem auf lokaler und regionaler Ebene entwickeln müssen, um sich dann dezentral zu vernetzen. Auch wenn dies als eine ‹politizistische› Wende erscheinen mag, vollzieht dies die Erfahrungen mit bürgerlichen Organisationsformen nach, ohne die marxistischen Einsichten in den Charakter des Staates und der kapitalistischen Produktionsweise über Bord zu werfen.
Dieser Text ist ein Auszug aus der Einleitung des Sammelbandes Althusser – Die Reproduktion des Materialismus, herausgegeben von Ekrem Ekici, Jörg Nowak, Frieder O. Wolf, Westfälisches Dampfboot, Münster 2016.