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Pferde haben einen grossen Kopf, aber ein winziges Gehirn, das der Wissenschaft noch immer Rätsel aufgibt, vor allem in Bezug auf Denkfähigkeit und Intelligenz. Erwiesen ist jedoch die gute Gedächtnisleistung des Pferdehirns.
Der Pferdekopf ist eine luftige Konstruktion mit vielen Knochen und Hohlräumen, in der das Gehirn nur einen kleinen Raum einnimmt. Im Durchschnitt wiegt das Pferdehirn, das hinter dem Gesichtsschädel liegt, nur rund 500 Gramm. Damit ist es, bezogen auf die Körpergrösse, nur einen Achtel so gross wie das Hirn eines Menschen. Im Aufbau unterscheidet sich das Pferdehirn nicht von dem anderer Säugetiere: Es besteht aus Grosshirn, Kleinhirn, Stammhirn und dem anschliessenden Hirnstamm.
Vor allem das Grosshirn ist weniger komplex als das menschliche Pendant. Nichtsdestotrotz ist auch das kleine Pferdehirn ein hochspezialisiertes Wunder der Natur: Milliarden von Nervenzellen machen es zur komplexen Schaltzentrale für die Verarbeitung von Eindrücken und Informationen.
Wie der ganze Organismus des Pferdes ist auch sein Gehirn auf das freie Leben in der Steppe ausgerichtet. Als Flucht- und Beutetier muss es schnell handeln: Lauert der Löwe an der Wasserstelle, bleibt keine Zeit, um nachzudenken. Erreicht ein Reiz das Pferdehirn, löst das unweigerlich eine Reaktion aus. Das erklärt für uns Menschen unlogische Reaktionen des Pferdes: Flattert beim Ausritt ein Stück Papier vom Boden auf, reagiert das Pferd auf diese Bewegung mit seinem Fluchtreflex – ohne zu «überlegen», dass das Papier keine Gefahr ist.
Die Fähigkeit des Pferdes, äussere Reize und Eindrücke innerhalb von Millisekunden zu verarbeiten, nutzt dem Reiter aber auch: Hat das Pferd die Reiterhilfen erlernt, reagiert es ohne Verzögerung darauf. Ebenso wie es seine galoppierenden Schritte vor dem Sprung verlängert oder verkürzt, wenn der Reiter unpassend an das Hindernis gekommen ist. Sollte der Reiter aber die Parcours-Abfolge vergessen, kann ihm das Pferd nicht weiterhelfen.
Positives Erlebnis erleichtert das Lernen
Zu Denkleistungen sind Pferde weniger fähig als andere Haustiere. Aber sind sie deshalb dumm? Diese und weitere Fragen rund um das Leistungsvermögen des Pferdehirns beschäftigt die Verhaltenswissenschaft. Immer wieder fügen sich neue Puzzleteile ins Gesamtbild ein. So konnte kürzlich an der englischen University of Sussex nachgewiesen werden, dass Pferde die Gefühle von Menschen – ob sie fröhlich oder verärgert sind – anhand von Fotos erkennen und interpretieren können. Bei Bildern mit wütenden Menschen stieg ihre Herzfrequenz deutlich an. Noch offen ist, ob die Pferde diese Fähigkeit erlernt haben oder ob sie als Folge des langen Zusammenlebens von Mensch und Pferd mittlerweile angeboren ist.
Sicher ist, dass Pferde Informationen anders verarbeiten als Menschen. Ihre beiden Gehirnhälften sind nicht verknüpft, weshalb Eindrücke nur in die rechte oder in die linke Hirnhälfte geleitet werden. Das hat weitreichende Folgen, zum Beispiel in der Ausbildung: Jede Lektion, die das Pferd lernt, muss es von beiden Seiten lernen. So kann es sein, dass das Angaloppieren auf rechter Hand schon gut klappt, während es auf linker Hand erst noch erlernt werden muss.
Das Pferdegehirn hat eine grosse Kapazität. Zum Lernen aber brauchen Pferde Zeit und sie lernen besonders gut, wenn der Vorgang mit einem positiven Erlebnis verknüpft wird. Bei einem zu hohen Lerntempo ist der Vierbeiner überfordert, es entsteht Stress, der verhindert, dass die Informationen richtig im Gehirn «abgelegt» werden.
Das Organ zwischen den Pferdeohren ist kein statisches Gebilde: Es verändert seine Struktur ein Leben lang, je nachdem, welcher Bereich wie stark stimuliert wird. Auffallend ist das gute Gedächtnis des Pferdes: Hat es eine Aufgabe gelernt, kann man diese Jahre später noch abrufen. Bei einem Versuch am Nationalgestüt Avenches mit Freibergern stellte sich heraus, dass sich die Pferde neun Monate später noch daran erinnerten, wo die damals verstecken Futtereimer standen. In anderen Studien wurden sogar Langzeit-Gedächtnisleistungen über eine Dauer von zehn Jahren nachgewiesen.
Das gute Erinnerungsvermögen hat aber einen Haken: Ein Pferd erinnert sich auch Jahre später noch an negative Erlebnisse, die in bestimmten Situationen wieder hochkommen und unvorhersehbare Reaktionen auslösen.
Angelika Nido Wälty