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Wasserturm in Luzern: Der malerischste Kerker der Vergangenheit
In der Mitte der Kapellbrücke befindet sich der Wasserturm mit seinem markanten achteckigen Grundriss. Heute ist hier der Artillerieverein von Luzern zu Hause, und Touristen kommen scharenweise vorbei und bewundern das Bauwerk mit begeisterten Achs und Ochs. Aber im Grossen und Ganzen geht es ruhig und gemächlich zu. Doch so war es nicht immer: Der Wasserturm von Luzern, heute das Wahrzeichen der Stadt und die meist fotografierte Sehenswürdigkeit der Schweiz, war Schauplatz und Bestandteil vieler Ereignisse der Stadtgeschichte.
Erbaut wurde der Wasserturm schätzungsweise zwischen 1290-1300, als das Adelsgeschlecht der Habsburger Luzern noch innehatte. Die genaue Bauzeit konnte nicht festgestellt werden, aber fest steht, dass der Wasserturm noch vor der Kapellbrücke mitten in der Reuss erbaut wurde und somit ein erstaunliches Denkmal der mittelalterlichen Baukunst ist .
Zum ersten Mal wurde der Wasserturm in historischen Schriften 1367 erwähnt. Ausserdem wurde infolge einer Untersuchung festgestellt, dass die Balken, die für das Dachgeschoss verwendet wurden, aus dem Jahre 1339 stammen. Allen Vermutungen nach wurde der Dachstock erst später nachgebaut; anfänglich hatte der Wasserturm über eine offene Zinne verfügt, auf die man mithilfe der Pfostenwinde Güter oder Waren heraufziehen konnte. Als die Kapellbrücke später dazu kam, wurde auch ein kurzer Quergang von der Brücke her erbaut.
Der Grundriss des Turmes ist ein unregelmässiges Achteck, denn die Seitenlängen sind unterschiedlich und betragen zwischen 4,4 und 5 Metern. Der Turm hat 3 bis 4,5 Meter dichte Mauern und ist 34,5 Meter hoch.
Die Lage und die Bauart des Wasserturmes waren der Grund dafür, dass er zu verschiedenartigen Zwecken während seiner 700-jährigen Geschichte genutzt wurde. So hatte er Aufgaben als Wachturm, Stadtarchiv, Schatzkammer, Gefängnis und Folterkammer.
In seiner allerwichtigsten Funktion fungierte der Wasserturm zweifelsohne als ausgezeichneter Beobachtungsposten, von dem aus die Schifffahrt im Luzerner Seebecken überwacht werden konnte. Der Wasserturm, zusammen mit der Kapell- und Hofbrücke, war einer der wichtigsten Bestandteile der mittelalterlichen Stadtbefestigung, deswegen sind die Holzgeländer der Kapellbrücke auf der Seite des Wasserturms höher. Dieses Verteidigungswerk der Stadt zur Seeseite hin hätte im Angriffsfall der Besatzung erlaubt, über längere Zeit dem Feind erfolgreich Widerstand leisten zu können.
Im alleruntersten Raum des Turmes befand sich ein Verlies, das im Mittelalter über die Jahrzehnte hinweg als Gefängnis genutzt wurde. Sein Boden liegt ca. 80 Zentimeter über dem normalen Wasserstand der Reuss. Im Raum gibt es nur eine runde Öffnung im Scheitelpunkt des Gewölbes, durch die die Gefangenen auf einem Seil heruntergelassen wurden. Das Seil hatte man dann hochgezogen und die Öffnung mit einem Stein verschlossen. Die Gefangenen verbüssten ihre Strafe in absoluter Dunkelheit und Stille, umgeben von 4,5 Meter dichten Wänden. Nichts für Menschen mit schwachen Nerven.
Als der Wasserturm 1937 an den Artillerieverein vermietet wurde, wollten die Artilleristen allen Schmutz aus dem Verlies entfernen. Während der Putzaktion mussten sie 5´000 Säcke Schutt herausholen, bis der eigentliche Fussboden erreicht wurde. Da immer über einen geheimen unterirdischen Fluchtgang spekuliert wurde, hatten sie eifrig danach gesucht. Leider bestätigte sich die Theorie nicht.
Die oberen Räume des Turmes sind über eine Wendeltreppe zugänglich. Die Treppe hat 76 Stufen und ist in die Mauern des Turmes eingebaut. Noch heute wird die Treppe aktiv benutzt, um Waren hochzutragen oder um den Besuchern verschiedene Räume des Turmes zu zeigen.
Interessanterweise gab es bis vor kurzem im Wasserturm keine Wasserleitung; sie wurde erst 1968 zusammen mit einer WC-Anlage eingebaut. Zum Glück wurde der Turm während des Brandes der Kappelbrücke 1993 kaum beschädigt. Nur das Seil, das als Handlauf im Quergang zwischen der Brücke und dem Turm diente, ist als stummer Beweis der Feuergewalt komplett zu Asche geworden.
Unmittelbar über dem Verlies war früher die Folterkammer, wo die mutmasslichen Verbrecher, bevor sie im stockdunklen Gefängnis verschwanden, gefoltert wurden. Bei dem Einzugsputz des Artillerievereins entdeckte man hier Reste der Wandmalereien, welche die Kreuzigung, Kreuzabnahme und Grablegung Christi darstellen. Der Anblick dieser Bilder sollte die Gefangenen bei der Folterung trösten und nach der Folterung beruhigen. Heute befindet sich hier die Rüstkammer des Artillerievereins.
Im Wasserturm hatte man über längere Zeit der Staatsschatz und die Kriegsbeute aufbewahrt, bis man 1758 entdeckte, dass zwei untreue Staatsbeamten ein Loch im Dachboden gebohrt und sich regelmässig am Staatsschatz bedient hatten. Gut, dass das Gefängnis gleich eine Treppe tiefer war. Um den Schatz in der Zukunft zu schützen, hatte man im Gewölbe der Rüstkammer eine Geheimkammer eingerichtet, die erst 1937 wieder entdeckt wurde. Leider war sie absolut leer.
Der oberste Raum im Wasserturm ist die Artillerie-Stube, wo die Vereinsversammlungen stattfinden. Sechs grosse Fenster machen die Stube zum hellsten Raum im ganzen Turm. Vor dem siebten Fenster, im Mittelalter noch zugemauert, steht eine 500-600 Jahre alte Eisentür, die ein erstaunliches Exponat mittelalterlicher Handwerkkunst ist.
Unglaublich beeindruckend ist der Dachstock des Turmes, in dem dicke Holzpfosten in einem geometrischen Meisterwerk das pyramidenförmige Dach tragen. Hier ist heutzutage die grösste Alpenseglerkolonie im Bodenseeraum zu Hause. Leider bleibt das malerische Storchennest an der Turmspitze seit mehreren Jahrzehnten unbewohnt.
Oberstes Bild: Emi Cristea – Shutterstock.com