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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

1. Buch
36. und 37. Kapitel: Auch eine an sich fehlerhafte Schrifterklärung ist nicht lügnerisch; nur muß sie die Liebe auferbauen
40. Wer also die ganzen heiligen Schriften oder wenigstens irgendeinen Teil davon verstanden zu haben glaubt, dabei aber doch durch dieses Verständnis jene Doppelliebe zu Gott und zum Mitmenschen nicht auf erbaut, der hat sie noch nicht verstanden. Wer aber aus der Heiligen Schrift eine solche Ansicht zieht, die zur Auferbauung dieser Liebe dient, der ist weder in verderblicher Täuschung noch überhaupt in Lüge befangen, auch wenn er etwas anderes sagt, als der Schriftsteller, den er liest, an dieser Stelle nachweisbar gedacht hat. Denn wenn einer lügt, so hat er doch die bewußte Absicht, etwas Falsches zu sagen. Darum finden wir so viele Menschen, die lügen wollen, wir finden aber niemanden, der belogen werden will. Da nun der Mensch mit Wissen lügt, unwissentlich aber getäuscht wird, so erhellt zur Genüge, daß, wenn es sich um ein und denselben Fall handelt, der Getäuschte besser ist als der Lügner; ist es ja doch besser, Unrecht zu leiden, als wie Unrecht zu tun; jeder aber, der lügt, tut Unrecht. Wenn daher jemand unter Umständen die Lüge für nützlich hält, so kann er auch das Unrecht einmal für nützlich halten. Denn kein Lügner rechtfertigt in dem Punkte, wo er lügt, das Vertrauen, gleichwohl aber will er, daß jener, den er belügt, ihm Vertrauen schenke, das er selbst durch seine Lüge nicht beachtet: jedermann jedoch, der ein Vertrauen verletzt, ist ungerecht. Entweder müßte also die Ungerechtigkeit zuweilen nützlich sein, was niemals geschehen kann, oder die Lüge ist zu jeder Zeit unnütz.
41. Jedermann, der in den heiligen Schriften einen andern Sinn findet, als die Verfasser beabsichtigt haben, der befindet sich in einem Irrtum, ohne daß deshalb die Verfasser lügen. Besteht, wie gesagt, seine Täuschung in der Annahme eines Sinnes, der immerhin die Liebe, das Ziel des Gesetzes auferbaut1, so befindet er sich zwar im Irrtum, aber so wie ein Wanderer, der vom Wege abweicht, aber über das Feld eben dahin geht, wohin auch jener Weg führt. Man soll ihn jedoch auf den rechten Weg weisen und ihm zeigen, daß es viel besser sei, den Weg hier nicht zu verlassen, weil er sonst schließlich doch in eine ganz verkehrte Richtung geraten würde. (37. Kap.) Da er nämlich kurzerhand einen Sinn aufstellt, den der Verfasser nicht beabsichtigt, so stößt er meistens auf etwas anderes, was er mit seiner Behauptung nicht in Einklang bringen kann. Wenn er nun merkt, daß dieses wahr und unumstößlich ist, so kann doch wohl der Sinn, den er selbst herausgefunden hat, nicht wahr sein, und er wird merkwürdigerweise so umgestimmt, daß er aus Vorliebe für seine eigene Ansicht der Heiligen Schrift ungünstiger als sich selbst zu werden beginnt. Läßt er dieses Übel langsam einschleichen, so wird er davon zugrunde gerichtet werden. Denn unser Wandel ist im Glauben und nicht im Schauen2; es wird aber der Glaube ins Wanken geraten, sobald das Ansehen der Heiligen Schrift wankt; wankt aber einmal der Glaube, dann wird auch die Liebe kalt. Denn wer vom Glauben abfällt, der muß auch von der Liebe abfallen; er kann ja nicht etwas lieben, an dessen Dasein er nicht glaubt. Wer sodann glaubt und liebt, wer Gutes tut und den Vorschriften guter Sitten gehorcht, der darf damit hoffen, zum Gegenstand seiner Liebe zu gelangen. Darum sind es diese drei Tugenden, deren sich Wissenschaft und Prophetie im Kampfe bedienen, nämlich der Glaube, die Hoffnung und die Liebe3.
1: 1 Tim. 1, 5.
2: 2 Kor. 5, 7.
3: Vgl. 1 Kor. 13, 13.