Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03145.jsonl.gz/928

Dieser Nachricht konnte man gestern nicht entkommen. Sie wurde auf allen möglichen sozialen Netzwerken, inklusive Weibo und WeChat, geteilt und weitergeleitet: „Chongqing, die 34-Millionen-Metropole in Chinas Südwesten, hat null aktive Coronavirus-Patienten“.
Die COVID-19 Schlussbilanz der „regierungsunmittelbaren Stadt“ (direkt der Zentralregierung Pekings unterstehend) lässt sich im internationalen Vergleich sehen: 576 Fälle, 570 Geheilte, 6 Verstorbene.
Was andere Gebiete der Volksrepublik angeht, so sind (Stand heute) neun Provinzen (Anhui, Fujian, Guizhou, Hunan, Jiangsu, Jiangxi, Jilin, Qinghai, Shanxi) und zwei autonome Regionen (Tibet und Xinjiang) virusfrei.
Von den drei weiteren regierungsunmittelbaren Städten weist nebst Chongqing nur Tianjin null aktive Fälle auf.
In der Hauptstadt Peking befinden sich noch 80 Personen und in Shanghai 28 Personen in medizinischer Behandlung. Die beiden Sonderverwaltungszonen Hong Kong und Macau geben an, dass sich noch 60 Fälle respektive ein Fall in Spitälern aufhielten.
Was bedeuten diese Zahlen nun? Ist im Reich der Mitte nun wieder alles beim Alten? Die Antwort ist ganz klar nein. Der chinesische Motor wurde sehr abrupt angehalten. Die Erholung erfordert nun ein wenig Geduld.
Die Situation hier vor Ort zeigt gut, dass wir noch nicht ganz zurück in der Normalität sind. Seit dem Beginn des Ausbruchs bis zum heutigen Tag erkrankte in unserem Stadtbezirk Beibei (北碚区) mit einer Einwohnerzahl von rund 1 Million keine einzige Person am neuartigen Coronavirus.
Obwohl nun auch der Rest der Stadt virusfrei ist, wurden die zahlreichen Präventiv- und Schutzmassnahmen noch nicht zurückgefahren.
Beim Betreten einer Wohnsiedlung werden immer noch ausnahmslos Körpertemperatur-Messungen durchgeführt; dies sogar dann, wenn man mit dem eigenen Personenwagen via Tiefgarage in die Siedlung zurückkehrt.
Die bei grossen Menschenmengen relativ umständliche Messung mit „Infrarot-Pistolen“ wurde in der Zwischenzeit durch Wärmebildkameras ersetzt, wie man sie von internationalen Flughäfen kennt.
Die Angestellten der Immobilienverwaltung, welche für diese Kontrollen zuständig sind, haben nun keine Schutzbrillen mehr aufgesetzt, doch tragen sie immer noch Atemschutzmasken und Regenmantel-ähnliche Überzüge.
Uns wurde mitgeteilt, dass diesen Mitarbeitern, welche übers Chinesische Neujahr keinen Urlaub erhalten hatten, als Kompensation der doppelte Monatslohn ausbezahlt wurde. Zu gönnen wäre es ihnen allemal.
Um den Menschenfluss zu kontrollieren und wildfremden potentiellen Virenschleudern den Zutritt zu verweigern, ist in unserer Siedlung weiterhin nur einer der drei Zugänge geöffnet. Lieferanten und Kuriere dürfen die Siedlungen noch nicht betreten.
Das heisst, hat man einen Online-Einkauf über Alibaba’s Taobao (淘宝) oder über Jingdong (京东) getätigt, wird der Zubringer bei seiner Ankunft den Adressaten kontaktieren und dann beim Eingangstor darauf warten, bis dieser die Lieferung entgegennimmt.
Zum Vergleich: In Prä-Corona-Zeiten wurde bis vor die Haustüre geliefert, selbst wenn man im 33. Stock wohnte.
Auch drehen die mit Lautsprechern ausgestatteten Autos der Stadtverwaltung nach wie vor jeden Abend ihre Runden, um die inzwischen altbekannte Leier vom Händewaschen und Schutzmaskentragen jedem Bürger näher zu bringen.
Ähnliche Lautsprecher mit derselben Ansage sind am Tag auch vor dem Regierungsgebäude des Stadtbezirks anzutreffen.
Auf den roten Banderolen, die im hiesigen öffentlichen Raum allgegenwärtig sind und jeder China-Reisende kennen dürfte, finden sich normalerweise Regeln des friedlichen Zusammenlebens, wie zum Beispiel: „Aus Respekt vor Mitmenschen, bitte keine Feuerwerkskörper ablassen“.
Diese wurden nun durch Coronavirus-spezifische Slogans in ähnlicher Art ausgetauscht: „Lasst uns das Virus gemeinsam bekämpfen“ oder „Prävention und Eindämmung des neuartigen Coronavirus liegt in der Verantwortung von uns allen“.
Wir haben zudem beobachtet, dass die Bevölkerung – inklusive mir, der hier schreibt – von sich aus eine gewisse Vorsicht an den Tag legt. Nebst der Atemschutzmaske, welche praktisch jede und jeder ausnahmslos trägt und nur fürs gelegentliche Zigarettenrauchen zur Seite geschoben wird, meidet man, wenn möglich, grössere Menschenansammlungen.
Die allabendliche Tanzveranstaltung auf der nahegelegenen Piazza, wo sich normalerweise zig Pärchen zu dröhnender Musik gegenseitig die Schau stehlen, ist noch nicht zurück.
Doch kann man nicht verneinen, dass die milden Temperaturen die Personen nach draussen locken. Die Einkaufsstrassen werden mit jedem Tag lebendiger, und in den Stadtparks steigt die Zahl der Flanierenden langsam aber sicher wieder an. Es scheint, als könnte man sich trotz gebotener Vorsicht dem Anblick der Magnolienblüten und anderen Frühlingsboten nicht entziehen.
Auch das Gastrogewerbe ist zurück. Als wir nach unserer 14-tägigen Selbstquarantäne am Mittwoch die erste Runde im Quartier gedreht hatten, waren die meisten Restaurants nur für Online-Bestellungen und Lieferdienste geöffnet. Bereits zwei Tage später sahen wir dann aber mehrere Lokale, wo Gäste auch vor Ort bedient wurden.
Auch internationale Hotelketten und Expat-Bars haben verlauten lassen, dass ihre Pforten seit letztem Wochenende wieder geöffnet seien. Noch sind die Gäste nicht allzu zahlreich, das könnte sich jedoch in den nächsten paar Tagen schlagartig ändern.
In den lokalen Nachrichten sahen wir zudem, dass besonders beliebte Hotpot-Restaurants bereits wieder voll ausgelastet sind.
Betreffend der Industrie hiess es am letzten Donnerstag von offiziellen Quellen (Chongqing Economy and Informatization Commission), dass über Tausend Automobil- und Elektronik-Firmen – die zwei wichtigsten Standbeine der lokalen Wirtschaft – ihre Produktion wieder hochgefahren hätten.
Die in Chongqing angesiedelten Produktionsstätten von grossen Elektronikherstellern wie Inventec, Quanta oder Foxconn hätten bereits Mitte Februar ihre Arbeit wieder aufgenommen.
Der inländische Tourismus – ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig – ist immer noch auf Sparflamme und wird bis zur Erholung wohl noch eine ganze Weile brauchen. Der öffentliche Verkehr (U-Bahn, Busse, Strassenbahn) der Stadt funktioniert jedoch bereits wieder einwandfrei.
Was den Bildungssektor betrifft, so ist unabhängig der Altersklasse oder des Bildungsniveaus weiterhin Online-Lehren und -Lernen angesagt. Lokale Universitäts-Angestellte sind zwar bereits vor zwei Wochen zum ersten Mal zur Arbeit zurückgekehrt, jedoch vorerst nur Teilzeit.
Für den Beginn des Präsenzunterrichts an Schulen und Unis wurde noch kein Datum bekanntgegeben. Wang Dengfeng, Vorsitzender der COVID-19 Taskforce des chinesischen Bildungsministeriums, hat jedoch mitgeteilt, dass die Schulen nicht geöffnet würden, bis das Virus unter Kontrolle gebracht worden sei (China Daily).
In starkem Kontrast zur Gesamtzahl von 576 Coronavirus-Fällen aus Chongqing stehen die neusten Fallzahlen, welche am Sonntag das BAG präsentierte: ein Anstieg um mehr als 800 im Vergleich zum Vortag.
Während Singapurs Minister für Nationale Entwicklung, Lawrence Wong, bereits mit dem Finger auf die Schweiz zeigt, geht man in China nicht so weit. Jedoch sorgt man sich je länger je mehr um das Virus-Reimport-Risiko.
Bis anhin wurden bereits 123 Fälle wieder nach China eingeführt. Alleine am heutigen Tag sind 12 der landesweit 16 neubestätigten Fälle auf Einreisende zurückzuführen.
Um diesen Reimport zu verhindern, hat Peking entschieden, dass per sofort alle vom Ausland nach Peking angereisten Fluggäste sich einer 14-tägigen Quarantäne in einer Einrichtung der Stadt unterziehen müssen – die Rechnung muss zudem aus der eigenen Tasche beglichen werden (Reuters).