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In der ostukrainischen Stadt Charkiw will Olga Kobzar auch ohne Elektrizität, Wasser oder Zentralheizung so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben. Sie wärme sich, indem sie den Gasherd anmache, sagte die 70-Jährige, die als einzige Bewohnerin eines Wohnblocks zurückgeblieben ist. "Es wäre eine Sünde, diesen Ort zu verlassen", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters, während sie auf ihre Bücher und ein Bild ihres Mannes blickte. Nicht nur Olga Kobzar muss sich auf einen harten Winter mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad einstellen. Die ukrainischen Behörden warnen vor dem härtesten Winter seit Jahrzehnten. Mit gezielten Angriffen der russischen Streitkräfte auf kritische Energie-Infrastruktur müsse man rechnen.
Rund 50'000 Gebäude sowie 350 zentrale Heizungsanlagen seien in den sieben Monaten seit Kriegsbeginn beschädigt worden, berichtet der ukrainische Minister für Kommunen und Territorialentwicklung. "Die Aggressoren wollen uns zu einem kalten und dunklen Winter verdammen", sagt auch der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow. Dabei habe man selber nicht alles in der Hand. "Vieles hängt davon ab, wo die Raketen landen, und was zerstört wird."
Auch Priester Viatscheslaw Hojun sichert das Gebäude, in dem er in Charkiw wohnt, soweit es geht ab. Er verbarrikadiert die Fenster seiner Nachbarn. Die meisten Bewohner hätten das Haus bereits verlassen, nur die älteren seien zurückgeblieben, sagt er. "Ich bin nur geblieben, weil es nicht gut wäre, den Block und die Rentner im Stich zu lassen."
Generell geben die Behörden genaue Informationen zum Zustand der Infrastruktur unter Berufung auf die nationale Sicherheit in Kriegszeiten nicht bekannt. Am Wochenende berichteten sie aber, dass zwei Umspannwerke im Süden des Landes bei russischen Angriffen "vollständig zerstört" worden seien. Auch Energieminister German Galuschtschenko hatte im vergangenen Monat von enormen Schäden gesprochen.
Energieversorgung im ganzen Land gefährdet
Aber auch ohne gezielte Angriffe könnte die Energieversorgung in der Ukraine beeinträchtigt werden. Sollte Russland sich entscheiden, auch über die Ukraine kein Erdgas mehr an den Westen zu liefern, könnte dies laut Energieanalysten erhebliche Konsequenzen für das Land haben. Sobald ein kompletter Lieferstopp von Ost nach West fällig werde, könnte der Druck in den Pipelines so niedrig werden, dass auch der Transport von Gas innerhalb der Ukraine unmöglich wird.
So hat der Bürgermeister im westukrainischen Lwiw, wo nur wenige Gebäude zerstört worden sind, vor Engpässen gewarnt. Die 67-jährige Halina Satschenko - die in einer friedlicheren Region ausserhalb Kiews lebt - hat bereits Massnahmen getroffen. "Ich habe Holz gekauft, aber es ist schon lange nicht mehr genug da." Neben Holz haben die Behörden bereits dazu aufgerufen, sich eigenen Stromgeneratoren zu beschaffen. Die massenhafte Nutzung eigener Geräte könnte jedoch zu einer Überlastung des Stromnetzes führen, sagte Swjatoslaw Pawljuk, Direktor des Energieverbands, im ukrainischen Fernsehen.
Sorge in Deutschland wächst
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte bereits Ende August vor einer weiteren Zuspitzung der Situation für die Zivilbevölkerung im Winter gewarnt. "Vor allem Unterkünfte fehlen, das ist das, was die Bevölkerung am meisten braucht", sagte Oana Bara, Globale Kommunikationsdelegierte des DRK, damals der Nachrichtenagentur Reuters. "Und Brennholz, womit am meisten geheizt wird, ist sehr teuer. Alles ist teurer geworden, das betrifft das ganze Land."
Auch Deutschland wird nach Einschätzung des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen die Folgen des ukrainischen Winters zu spüren bekommen. "Da werden mehr und mehr Menschen zu uns kommen, die in den kaputten Wohnungen grosse Probleme haben", sagte Hendrik Wüst den Sendern RTL und ntv am Dienstag. "Der Winter in Deutschland ist das eine Thema, der Winter in der Ukraine das andere."
(Reuters)