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Was ist ein Taichi Meister?
Was ist ein Taichi Meister?
In diesem Beitrag wollen wir der Frage nachgehen, wie man traditionellerweise zum (Taichi) Meister wird und was dieser Titel überhaupt bedeutet.
Im Chinesischen gibt es zwei Bezeichnungen, die beide mit “Meister” übersetzt werden können, nämlich 師傅 und 師父. Beide Begriffe werden als “Shifu” ausgesprochen, haben jedoch eine sehr unterschiedliche Bedeutung.
Der erste Begriff (師傅) kommt dem, was wir in der europäischen Kultur als Meister bezeichnen würden wohl am nächsten: ein “Shifu” in diesem Sinne ist jemand, der irgendein Handwerk gut beherrscht, also kein Lehrling mehr ist. So wäre also jeder, der im Taichi kein Anfänger mehr ist, ein Shifu.
Wenn Chinesen im Kontext des Taichi oder Kungfu von einem Shifu sprechen, dann meinen sie jedoch meist nicht das, sondern vielmehr die zweite Art von Shifu: 師父. Dieses zweite Shifu hat erstmal nichts mit Können zu tun. Tatsächlich haben viele Lehrer ein höheres Level als so mancher Meister.
Das zweite “Shifu” hat vielmehr etwas mit “Beziehungsstatus” zu tun. Denn hier wird nun eine Vater–Kind Beziehung impliziert. Was ist damit gemeint?
Im Taichi ist es nicht selten, dass sich das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer im Laufe der Zeit so sehr vertieft, dass ich meinen Lehrer als eine Art Vater Figur sehe. Ist dies der Fall, dann habe ich im chinesischen Kontext die Möglichkeit, meinen Respekt und Loyalität für den Lehrer so zu zeigen, dass ich ihn formell darum bitte, mich als “Meisterschüler” (Tudi 徒弟) anzuerkennen.
Wenn der Lehrer dies akzeptiert, dann wird eine sogenannte Baishi (拜師) Zeremonie durchgeführt, welche formell das Meister–Meisterschüler Verhältnis begründet. Erst jetzt wird für mich aus meinem Lehrer (Laoshi) mein Meister (Shifu).
Es ist also der Schüler, der den Lehrer zum Meister macht!
So ist der Meister in erster Linie nur ein Meister (Shifu) im Verhältnis zu seinen Meisterschülern (Tudi). Für seine übrigen Schüler, welche die Baishi Zeremonie nicht durchlaufen haben, bleibt er ein Lehrer (Laoshi). In einem etwas weiteren Sinne ist ein Meister also jemand, der formell initiierte Meisterschüler hat.
Die Verbindung von einem Shifu zu seinen Tudi ist oftmals sehr eng und komplex zugleich. Von den Tudi wird erwartet, dass sie den Meister ehren und unterstützen, wie Söhne und Töchter ihren Vater –und man bedenke, dass dies bei den Chinesen sehr viel weiter geht, als in unserer europäischen Kultur–. Das Verhältnis hat auch eine finanzielle Seite und die Tudi sind gewissermassen die Altersvorsorge des Meisters.
Man kann viele Lehrer haben, aber nur einen Meister. Umgekehrt wird ein Meister seine Tudi deutlich bevorzugt behandeln und viele der tiefgründigeren Geheimnisse seiner Kunst nur an sie weitergeben. Die Tudi werden mit der Baishi Zeremonie in eine Kungfu Familie adoptiert, werden formell Teil einer Traditionslinie und sollen diese Tradition dereinst auch weitertragen können. Entsprechend übernehmen die Tudi immer wieder verschiedene Aufgaben in und neben dem Unterricht.
Bei uns im Westen gibt es viele Taichi und Kungfu Lehrer, welche keine Tudi haben und sich selbst dennoch als Meister bezeichnen. Einige bestehen gar darauf, dass alle Schüler sie als Meister oder Shifu ansprechen. Im besten Falle hat dies mit Selbstvermarktung zu tun. Öfters dürfte es jedoch eine Frage des Charakters sein.
Interessanterweise hört man bei den Chinesen die Bezeichnung Shifu eher selten. Selbst Tudi sprechen ihren Meister meistens als “Laoshi” (Lehrer) an. Denn in der chinesischen Kultur hat der Lehrer an sich schon einen sehr hohen Stellenwert und die Bezeichnung “Laoshi” ist schon mit viel Anerkennung behaftet.
Leider haben viele Lehrer als auch Schüler eine sehr verklärte Vorstellung vom “erhabenen, weisen Meister”. Dabei sind die wahren Meister dieser Welt meist ganz normale Menschen und bei weitem keine Heiligen. Und dennoch verdienen sie unseren grössten Respekt dafür, was sie täglich für unsere Kunst leisten und geleistet haben.
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