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Seit Jahren wird von Atomgegnern unermüdlich die Behauptung kolportiert, die Kernenergie in den USA sei tot. Vor allem im Umfeld des freien Strommarktes sei diese Energieform gegenüber den anderen Stromproduktionsarten nicht mehr konkurrenzfähig. Erfahrungen aus Amerika zeigen aber klar das Gegenteil: Die Kernenergie lebt und ist im Aufwind. Hans Rudolf Gubser, Leiter des Geschäfsbereichs Kernenergie der Nordostschweizerischen Kraftwerke NOK, berichtet über seine Erkenntnisse und Erfahrungen während einer Reise durch die USA.
In den USA wird der Energieverbrauch zwischen 1999 und 2020 um 32,3% steigen. Dies schreibt die amerikanische Energy Information Administration EIA in ihrem "Annual Energy Outlook 2001". Für Amerika bedeutet das einen noch einmal verstärkten, ohne teure Massnahmen kaum vermeidbaren Ausstoss an Treibhausgasen wie Kohlendioxid, da ein beachtlicher Teil der gesteigerten Nachfrage nach Strom voraussichtlich durch fossil beheizte Kraftwerke gedeckt werden wird. Im Moment basiert die Stromproduktion der USA, bei einer total installierten Leistung von 790'000 Megawatt, zu 39% auf Kohle, zu 12% auf Kernenergie, ebenfalls zu 12% auf Gas, zu 20% auf Öl, zu 11% auf Wasserkraft und zu 6% auf anderen Energieträgern.
Marktöffnung bereits in 25 Bundesstaaten
Seit 1992 ist in den USA der interstaatliche Grosshandel (Verbundhandel) dereguliert, der offene Zugang zum Übertragungsnetz auf Bundesebene ist geregelt. In den über 20 Jahren seit der Liberalisierung des Stromhandels haben 25 Bundesstaaten die Marktöffnung vollzogen, in sechzehn dieser Staaten sind Kernkraftwerke in Betrieb. Der Übergang vom regulierten zum deregulierten Markt wurde und wird in Amerika als Chance wahrgenommen, die auf dem Kraftwerkssektor vorhandenen nicht-amortisierbaren Investitionen (die sogenannten NAI oder Stranded Costs) zu sanieren: Mit zeitlich begrenzten Preiszuschlägen auf der Kernenergie können diejenigen Kernkraftwerke, die mit ihren hohen Investitionskosten im freien Strommarkt nicht überlebt hätten, die Schulden abbauen.
Konsolidierung in der Kernenergiebranche
Der Zwang, den Kostendruck abzubauen und die NAI-Probleme zu lösen, führte in den USA auf verschiedene Arten zu einer Konsolidierung der Kernenergiebranche: Auf der einen Seite fanden und finden verschiedene Firmenzusammenschlüsse mit dem Ziel, die Betriebskosten der (Kern-)Kraftwerke zu senken, statt. So hat beispielsweise im Oktober dieses Jahres die neue Exelon Corp als Fusion von zwei Elektrizitätsgesellschaften offiziell ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen. Exelon betreibt 17 der 104 amerikanischen Kernkraftwerksblöcke und ist damit die grösste KKW-Betreiberin der USA. Weitere Zusammenschlüsse sind geplant. Die Interessengemeinschaft der amerikanischen Kernenergiebranche, das Nuclear Energy Institute NEI, glaubt, dass nach Abschluss aller sich im Gange befindlichen Firmenzusammenschlüsse der Branche die Hälfte der amerikanischen KKW von lediglich noch fünf Gesellschaften gehalten werden. Durch diese Strukturbereinigung wird es den Betreibern möglich, viele Abläufe, die bisher von jeder Gesellschaft für sich vorgenommen wurden, zu vereinheitlichen, was zu einer Kostensenkung führt.
Aufkauf von Kernkraftwerksblöcken
Als zweite Möglichkeit, die Kernkraftwerke möglichst wirtschaftlich zu betreiben, hat sich der Kauf bestehender Anlagen durch spezialisierte Kernkraftwerks-Betriebsgesellschaften erwiesen. Durch relativ günstige Kaufkonditionen der Anlagen ist es den neuen Besitzern ebenfalls möglich, mit tiefen Kosten Strom zu produzieren und sich damit gegenüber den anderen Energiequellen im Markt zu behaupten. Auf diesem Gebiet sind vor allem zwei Firmen sehr aktiv: Die Entergy und die Amergen, die sich auf Grund der sich abzeichnenden Gewinne gegenseitig beim Kauf von Kernkraftwerksblöcken stark konkurrenzieren. Die Gesellschaften haben errechnet, dass sich mit dem Kauf und dem anschliessenden Betrieb von Kernkraftwerken ein wirtschaftlich sehr einträgliches Geschäft machen lässt. Ein Vergleich zeigt deutlich, dass der Weiterbetrieb bestehender Kernkraftwerke sehr wirtschaftlich ist: Während solche Anlagen eine Kilowattstunde Strom für 2 bis 2,5 US-Cents produzieren können, wird bei neuen Gas-Kombianlagen mit einem Preis von 3,5 bis 4,5 US-Cents gerechnet.
Betriebszeiten von 60 Jahren
Und noch ein dritter Punkt, der die gute Konkurrenzfähigkeit bestehender Kernkraftwerke zeigt, muss hier erwähnt werden: Die Verlängerung der Betriebsbewilligungen, die bei den Werken ebenfalls für eine kostengünstige Stromproduktion sorgt. Die Betriebsbewilligungen für die KKW sind in der amerikanischen Gesetzgebung grundsätzlich auf 40 Jahre limitiert, eine Option lässt aber - nach entsprechenden Überprüfungen der Sicherheit der Werke - die Verlängerung um maximal weitere zwanzig Jahre zu. Seit einigen Jahren machen nun immer mehr Gesellschaften von dieser Möglichkeit Gebrauch: Als erstes Werk hat Calvert Cliffs im März 2000 eine solche Verlängerung von der Kernenergie-Aufsichtsbehörde NRC erhalten, nachdem die Baltimore Gas and Electric als Betreiberin des zwei Blöcke umfassenden KKW den Antrag im April 1998 eingereicht hatte. Im Mai 2000 folgte dann die Verlängerung der Betriebsbewilligung für das Kernkraftwerk Oconee mit drei Blöcken. Bereits sind die Lizenzerneuerungen für fünf weitere KKW eingereicht worden. Gemäss offiziellen Angaben beabsichtigen in den nächsten fünf Jahren 17 Kernkraftwerke mit 28 Einheiten, bei der NRC entsprechende Anträge einzureichen, womit gesamthaft mehr als ein Drittel aller amerikanischen AKW ihren Betrieb verlängern wollen.
Positive Zukunftsperspektiven
Neben diesen betrieblichen Voraussetzungen, die die Marktfähigkeit der Kernenergie in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, zeigen noch weitere Indizien, dass diese Energieform in der Versorgung Amerikas mit Strom eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Das Nuclear Energy Institute analysiert die Zukunftsperspektiven der Kernenergie als sehr positiv: Durch den steigenden Stromverbrauch muss der Kraftwerkspark in den nächsten Jahrzehnten stark ausgebaut (und durch die Ausserbetriebnahme älterer Anlagen auch modernisiert) werden, woran sich die Nuklearindustrie einen gewichtigen Anteil sichern will. Treibende Kräfte bei diesem Vorgang sind die grossen und starken Kernenergie-Gesellschaften und die steigenden Kosten im Bereich der Reduktion der Luftverschmutzung, die vor allem den fossil befeuerten Werken zunehmend Schwierigkeiten machen. Die Bedingungen dazu diktieren die Vereinbarungen aus dem Kyoto-Abkommen zur Reduktion des CO2-Ausstosses. Als Pluspunkt für die Kernenergie erweisen sich zudem die stabilen, im Vergleich mit anderen Energien relativ tiefen Strom-Produktionskosten der Kernkraftwerke durch die tiefen Uranpreise.
Grosse Herausforderungen
Auf der anderen Seite stehen aber in diesem Plan auch einige Herausforderungen an, an erster Stelle die hohen Investitionskosten, die für den Neubau von Kernkraftwerken bereit gestellt werden müssen. Die langen Planungshorizonte und Realisierungszeiträume machen es zudem nötig, dass rechtzeitig an den Neubau herangegangen wird. Unter diesen Voraussetzungen ist es verständlich, dass sich die US-Industrie erste Gedanken über den Bau neuer KKW macht: Eine Arbeitsgruppe hat vor kurzem Gespräche aufgenommen, in denen die Voraussetzungen und Bedingungen für die Bestellung neuer Kernkraftwerke geklärt werden sollen.
"Kosten sind auf dem Tiefpunkt"
Der Präsident und Geschäftsführer des Nuclear Energy Institute führte zu den Zukunftsperspektiven der Kernenergie in den USA auf einem Symposium im August 2000 aus: "Die Kernenergie ist in den USA heute in einer stärkeren Position als sie es in ihrer Geschichte je war. Die Produktionsmengen und die Sicherheit befinden sich auf historischen Höhepunkten und die Kosten auf einem historischen Tiefpunkt". Bei einem für Amerika prognostizierten Anstieg des Strombedarfs in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren um 30 bis 35 Prozent zeigen sich für die Kernenergieindustrie deshalb in der kommenden Zeit gute Aussichten, im Markt neben den anderen Energieträgern ihren Platz zu behaupten ja sogar zu stärken.
* Hans Rudolf Gubser ist Mitglied der Geschäftsleitung der Nordostschweizerischen Kraftwerke NOK und Verwaltungsratspräsident der Zwilag Zwischenlager Würenlingen AG.
Quelle
Hans Rudolf Gubser