Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03175.jsonl.gz/731

Mit dem Buch von Marc Philippe Meystre[1] spaziere ich der Aare entlang. Vis à vis der Matte-Schwellen setze ich mich auf eine Bank und beginne zu lesen. Blicke ich auf, sehe ich das Berner Münster und davor die mächtige Sandsteinmauer der Plattform, über die sich Meystre am 23. April 1989 zu Tode gestürzt hat.
Meystre hat als HIV-Positiver zu schreiben begonnen, während er über Monate seinen sterbenden Freund Nik Debrunner begleitet hat: «Schreiben gegen die Angst, sooft Verlorensein und Panik mich einholen.» (S. 24) Diese Tagebuchtexte, die nach Meystres Freitod Liliane Studer herausgegeben hat, sind, ich finde kein präziseres Wort, authentisch.
Was aber ist authentische Sprache? Sprache ist ja – auch für jemanden, der oder die sie (im Urteil der anderen) authentisch braucht – fremd, entfremdet vom eigenen Wollen, herrschaftsbesetzt. Deshalb ist der Begriff «authentische Sprache» falsch: Es gibt sie nicht, es gibt nur einen authentischen Zugang zur Sprache. Dieser Zugang ist der naive, der dilettierende, der nicht abgebrüht professionell, sondern notwendig ist.
Anders: Wer das Wort ergreift, um etwas zu sagen, ergreift etwas Fremdes, wie der Maler, der zu den eben gekauften Farbtuben greift. Wer das Wort ergreift, kann dessen Bedeutung so wenig bestimmen, wie der Maler sagen kann: Dieses Rot ist mein Rot und bedeutet deshalb dies oder das. Wort und Farbe werden dort authentisch, wo sie aus einer existentiellen Notwendigkeit heraus dazu verwendet werden, ein Eigenes ausdrücken zu wollen. Dies aber ist ein durch und durch naives und unvernünftiges, weil unmögliches Unterfangen. Vielleicht berührt mich dieses Buch gerade deshalb.
[1] Marc Philippe Meystre: Andere Inseln Deiner Sehnsucht. Zürich (Rotpunktverlag) 1990.
(8.7.1990; 30.9.1997; 12.02.2018)