Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03384.jsonl.gz/794

Du sollst nur die Wahrheit verbreiten
Wahrheit und Lüge aus sozialpsychologischer Sicht
Wie können wir Lügen erkennen? Wie entscheiden wir, ob wir etwas für wahr befinden? Rainer Greifeneder, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Basel, sprach zum schwierigen Umgang mit Falschinformation.
Manche Lügen sind einfach zu durchschauen. Das Kleinkind, das mit verschmiertem Mund verneint, Schokolade gegessen zu haben, ist weit entfernt vom Lügenlevel eines erfolgreichen Hochstaplers. Rainer Greifeneder spricht von einem Wettrüsten: Wir lernen, besser zu lügen, und wir werden auch besser darin, Lügen zu erkennen.»
Besonders gut werden wir allerdings nie. Die Lügenerkennungsrate beträgt 54 Prozent, das ist nur wenig besser als der Zufall. Selbst Berufszweige, in denen das Aufdecken von Lügen zum Kerngeschäft gehört, sind nicht viel besser. Das habe damit zu tun, dass die Indikatoren, die (wie wir glauben) auf Lügen hinweisen, falsch seien, sagte der Professor für Sozialpsychologie in seinem Vortrag im Rahmen der Aeneas-Silvius-Ringvorlesung zum Thema «Wahrheit und Wissen». Die Sozialpsychologie befasst sich damit, wie sich die subjektiv konstruierte soziale Situation auf das menschliche Erleben, Denken und Handeln auswirkt. Dabei geht es um das, was man im Kopf konstruiert, nicht um die objektive Wahrheit.
Bei der Suche nach dem Wahrheitsgehalt von Informationen spielen drei Prüffragen eine entscheidende Rolle. Wir orientieren uns daran, ob uns eine Behauptung bekannt vorkommt. Haben wir sie schon mal gehört, glauben wir sie eher. Objektiv wird eine Lüge nicht wahrer, wenn sie wiederholt wird, wir halten sie aber eher für wahr. Eher geneigt, etwas für wahr zu halten, sind wir zudem dann, wenn viele andere die Behauptung stützen und sie zu anderem passt, was wir wissen und für wahr befinden.
Endgültig problematisch wird dies bei einer manipulativen Verwendung. Zum Beispiel dann wenn Donald Trump seine «alternativen Fakten» mit dem Zusatz «Viele sagen, dass …» versieht. Die modernen Kommunikationsnetzwerke sorgen dafür, dass die drei Prüffragen nicht mehr funktionieren. Eine Behauptung zu wiederholen und ebenso schnell wie weit zu verbreiten ist heute die Sache von ein paar Klicks. Weil gleichzeitig die Nachrichten stark gefiltert werden, entsteht eine endlose Bestätigungsschleife, in der nichts Gegenteiliges auftaucht.
Was sind die Konsequenzen für unseren Alltag? «Lesen Sie Medien, die nicht Ihrer Meinung sind, und versetzen Sie sich in die Gegenseite», lautet die Empfehlung von Greifeneder. Und: «Sagen Sie nur das weiter, was wahr ist.»
Regula Vogt-Kohler