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Das musst du wissen
- Forschende haben Datensätze zu Hörproblemen in Zusammenhang mit Covid-19 gebündelt analysiert.
- Die Daten von 26 Studien ergaben, dass rund 15 Prozent der Covid-19-Erkankten von Tinnitus berichteten.
- Auch Hörverlust, Ohrenweh und Schwindel rapportierten Betroffene.
Es fällt uns schwer, die Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 einzudämmen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Effekt des Virus auf den Körper hochindividuell und schwer voraussehbar ist. Unterschiedlichste Schweregrade und Symptome zeigen sich. Zu diesen Symptomen könnten auch Hörverlust, Tinnitus, Ohrenweh und Schwindel gehören. Zunehmend untersuchen Studien den Zusammenhang zwischen diesen Beschwerden und einer Covid-19-Erkrankung, wie eine neue Übersichtsstudie ergeben hat. Sie ist im Fachmagazin International Journal of Audiology erschienen.
Science-Check ✓Studie: One year on: an updated systematic review of SARS-CoV-2, COVID-19 and audio-vestibular symptomsKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie meisten der untersuchten Studien beruhen auf retrospektiven Selbstangaben, Hörtests wären zuverlässiger. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass die Studien von sehr unterschiedlicher Qualität waren. Zum Beispiel war bei etwa der Hälfte der untersuchten Studien nicht klar, ob die Hörprobleme neu waren oder bereits vorher existierten. Diese Übersichtsstudie kann deshalb nur Hinweise geben, weitere Forschung, zum Beispiel in kontrollierten klinischen Versuchen, muss den Zusammenhang zwischen Hörproblemen und Covid-19 weiter klären.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: peer-reviewed, 56 Studien begutachtet.Studien-Art: Review/ Meta-Analyse.Geldgeber: NIHR Manchester Biomedical Research Centre (BRC).Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Hörstörungen bei schweren und leichten Verläufen
Für die Übersichtsstudie bezogen die Autoren der Universität Manchester 56 Studien ein, die Hörprobleme im Zusammenhang mit Covid-19 untersuchten. 26 Studien betrachteten Tinnitus-Vorfälle. Die Autoren aus Manchester fassten die Daten dieser Studien zusammen und kamen zum Schluss, dass bei rund 15 Prozent der Covid-19-Erkrankten das ewige Pfeifen im Ohr auftrat. Dreissig Studien hatten Hörverlust zum Gegenstand – bei diesen Daten errechneten die Studienautoren, dass rund acht Prozent der Erkrankten schlechter hörten. Der Hörverlust setzte meist abrupt ein und betraf beide Ohren, es gab aber auch einige wenige Fälle, in denen sich eine Schwerhörigkeit allmählich entwickelte oder nur ein Ohr betraf. Zwanzig Studien betrachteten das Auftreten von Schwindel (Vertigo), der wegen Störungen im Ohr ausgelöst werden kann. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass rund sieben Prozent der Covid-19-Erkrankten daran litten. Auch andere Symptome wie Ohrenschmerzen rapportieren Betroffene. Die Hörstörungen traten sowohl bei Patienten mit milden als auch mit schweren Verläufen auf. Wie lange diese Symptome anhielten, ist aus den Daten nicht ersichtlich.
«Es ist bekannt, dass auch andere Virenerkrankungen wie Masern, Mumps und Meningitis (Hirnhautentzündung) zu Hörverlust führen können, wir wissen aber noch wenig über die Effekte von Sars-CoV-2 auf die Ohren», sagt Kevin Munro, Studienautor und Professor für Audiologie an der Universität Manchester, in einer Mitteilung. Tobias Kleinjung, Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der Universität Zürich, der zu Tinnitus forscht, erklärt auf Anfrage: «Ein vorübergehender oder dauerhafter Hörschaden in Verbindung mit Tinnitus kann im Rahmen von verschiedenen Virusinfektionen oder auch bakteriellen Infektionen entstehen, wenn die Erreger eine Entzündung im Innenohr verursachen.»
Studienautor Munro sagt: «Es bedarf dringend sorgfältig durchgeführter, klinischer und diagnostischer Studien, um die Langzeiteffekte von Covid-19 auf das Hörsystem zu verstehen.»
Wenig solide Studien
Denn: Die Resultate der Übersichtsstudie sind mit Vorsicht zu geniessen, wie auch die Autoren selber schreiben. Viele Forschungsarbeiten, welche sich den Covid-19-Effekten auf die Ohren widmeten, sind nicht besonders solid und es fehlen gute Studien mit Kontrollgruppen, in denen also eine Gruppe von Covid-19-Patienten mit Gesunden verglichen wird. Das ist aber wichtig, denn ein relativ grosser Teil der Bevölkerung ist von Hörproblemen betroffen – manche dieser Probleme könnten durch eine solche Studie erst entdeckt werden, obwohl sie bereits länger bestehen. So schätzen Patientenorganisationen, dass rund 15 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Industrieländern an einem längerfristigen Tinnitus leiden.
«Sämtliche dieser Symptome sind häufig und bisweilen auch relativ unspezifisch», schreibt Tobias Kleinjung, der auch leitender Arzt an der ORL-Klinik des Universitätsspitals Zürich ist, auf Anfrage. «Dazu kommt, dass für manche der Symptome, wie etwa den plötzlichen, einseitigen Hörverlust, auch Hörsturz genannt, die genauen Kenntnisse über den Entstehungsmechanismus fehlen.»
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Denn Ohrenprobleme wie Tinnitus können aus verschiedenen Gründen auftreten, zum Beispiel aufgrund von Stress oder Angstzuständen, die in der Pandemie häufig waren.
Dass Covid-19 zu Ohrproblemen führt, ist also noch nicht bewiesen, das Problem ist noch nicht systematisch untersucht worden. Ausgeschlossen ist ein solcher Effekt jedoch ebenfalls nicht, zumal es Ergebnisse gibt, welche in die Richtung weisen und sich die Hinweise mehren. Andere britische Forscher hatten im Oktober erstmals einen plötzlichen und dauerhaften Hörverlust bei einem Covid-19-Patienten beschrieben und sprachen damals von einem sehr seltenen Symptom.
Wie könnte Covid-19 Hörschäden bewirken?
Sars-CoV-2 greift das Nervensystem an, was sich zum Beispiel beim Geschmacksverlust zeigt. Die Hörprobleme könnten also daher stammen, dass sich das Virus auch im Ohr einnistet und den Hörnerv beeinträchtigt, so die Hypothese der Autoren. Die Symptome könnten allerdings auch von einer Reaktion des Immunsystem oder von Durchblutungsstörungen stammen.
Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Tobias Kleinjung hält diese Erklärungen zwar für plausibel, aber schwierig zu beweisen: «Es ist nicht möglich, am lebenden Patienten die Gefässe des Innenohres oder die Haarzellen selbst auf etwaige Infektionsfolgen zu untersuchen. Somit bleibt das rein spekulativ. Es könnte sich auch genauso gut um ein zufällig mit einer Infektion zusammenfallendes Ereignis handeln.» Was die mögliche Zunahme von Tinnitus-Beschwerden im Rahmen einer Covid-19-Infektion betrifft, vermutet Kleinjung, dass vor allem der Stress, der mit einer Infektion einhergeht, Hauptausschlag für die neue oder veränderte Tinnitus-Wahrnehmung darstellt.