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1917: Bei den eidgenössischen Wahlen erringen die Freisinnigen mit 40% der Wählerstimmen die Mehrheit im Nationalrat. Die Sozialdemokraten hingegen erreichen mit 30% Wähleranteil nur gerade etwas mehr als 10% der Mandate und sind damit klar unterrepräsentiert. Verantwortlich dafür ist das damals geltende Wahlsystem. Sowohl der National- als auch der Ständerat werden ab 1848 im Majorzverfahren gewählt.
Im Majorzwahlsystem, auch Mehrheitswahl genannt, erhalten diejenigen Kandidaten das Mandat, welche am meisten Stimmen machen. Damit begünstigt es eher wählerstarke Parteien. Im Gegensatz dazu werden in der Proporzwahl Listen und nicht Personen gewählt. Die politischen Mandate werden anschliessend im Verhältnis zu den abgegebenen Listenstimmen verteilt. Die Proporzwahl bildet den Wählwillen exakter ab und auch kleinere Parteien haben die Chance auf einen Nationalratssitz.
Mit der Volksinitiative zum Proporz
Die Majorzwahl des Nationalrats führt im 19. Jahrhundert in Teilen der Bevölkerung und der Politik zu Unmut. Auf rein parlamentarischem Weg lässt sich von den Proporzbefürwortern das neue Wahlsystem allerdings nicht einführen, denn der Gegenwind im Rat ist gross. Damit der Proporz eingeführt werden kann, braucht es den Willen des Volkes. Am 5. Juli 1891 stimmen die Schweizer Bürger über die Revision der Bundesverfassung ab und sprechen sich damit für die Einführung der Volksinitiative aus. Von nun an kann das Volk selber Verfassungsänderungen vorschlagen.
Aller guten Dinge sind drei
Mit dem Initiativrecht haben die Proporzfreunde eine neue, mächtige Waffe in der Hand. Sie benötigen schliesslich jedoch drei Anläufe, um das neue Wahlsystem beim Volk und den Ständen durchzubringen.
Am 4. November 1900 stimmt das Volk zum ersten Mal über die Einführung des Proporzes ab. Die Initiative wird mit 245'000 zu 169'000 Stimmen abgelehnt. Es sprechen sich aber bereits viele Kantone für den Proporz aus, so Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Zug, Freiburg, Appenzell Innerrhoden, Tessin, Wallis und Genf.
Am 23. Oktober 1910 wird zum zweiten Mal über die Initiative abgestimmt. Sie wird mit 265'000 zu 240'000 nur äusserst knapp abgelehnt. Die Initiative erreicht nun jedoch das Ständemehr. Für die Proporzwahl des Nationalrats sind Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Solothurn, Basel-Stadt, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Tessin, Wallis, Neuenburg und Genf.
Schliesslich wird die Initiative 1913 zum dritten Mal lanciert. Aufgrund des Ersten Weltkrieges kommt sie aber erst 1918 vor das Volk. Am 13. Oktober 1918 schlägt die grosse Stunde des Proporzes: Mit 300'000 zu 149'000 wird die Initiative klar angenommen. Das Ständemehr wird ebenfalls erreicht. Nur die Kantone Thurgau, Waadt und Appenzell-Ausserrhoden lehnen die Initiative ab.
Postkarte des «Schweizerischen Agitations-Comité für den Nationalrats-Proporz» (1910)
Auf dem linken Bild isst ein Mann Würste. Unten stehen vier Vertreter aus dem Volk und schauen ihm dabei zu. Im Hintergrund ist die weinende Helvetia zu erkennen. Das rechte Bild mit dem Titel «Proporz» zeigt alle Personen zusammen am Tisch. Helvetia schneidet die Wurst in gerechte Teile.
Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv
Die erste Wahl von 1919
Die erste Proporzwahl des Nationalrats findet am Sonntag, 26. Oktober 1919 statt. Es handelt sich um eine vorgezogene Wahl, denn das bestehende Parlament wäre noch bis 1920 gewählt. Knapp 750'000 Schweizer Bürger nehmen daran teil, was über 80% der Wahlbevölkerung entspricht. Bis heute ist in der Schweiz nie mehr eine solche hohe Beteiligung erreicht worden!
Wahlkampfplakate 1919
Schweizerisches Sozialarchiv
Schweizerisches Sozialarchiv
Schweizerisches Sozialarchiv
Die Bundeshausfraktionen erleben mit der Einführung des Proporzwahlsystems grosse Verschiebungen.
Zusammensetzung des Nationalrats vor der Wahl
Zusammensetzung des Nationalrats nach der Wahl
|Radikal – demokratische Gruppe ||102||63|
|Katholisch - konservative Gruppe ||41||41|
|Sozialdemokratische Gruppe ||19||41|
|Bauern-, Gewerbe- und Bürgergruppe (heutige SVP)||-||25|
|Liberal-demokratische Gruppe||12||9|
|Sozialpolitische Gruppe||7||7|
|Ohne Parteizugehörigkeit||7||3|
|Vakante Sitze||1||-|
|TOTAL||189*||189*|
* Erst 1963 wurde die Zahl auf 200 Nationalräte festgelegt. Davor wurde die Gesamtzahl der Nationalräte in Abhängigkeit zur Grösse der Bevölkerung errechnet. Im Jahr 1848 galt bspw. noch die Regel, dass pro 20'000 «Seelen» der Gesamtbevölkerung ein Nationalratssitz zu vergeben sei. Das Problem: Mit dem Wachstum der Bevölkerung veränderte sich auch die Gesamtzahl Nationalräte und der Verteilschlüssel musste dauernd angepasst werden.
Die Gewinner der Wahlen sind die Sozialdemokraten und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgergruppe (Vorgängerin der SVP). Die sozialdemokratische Gruppe gewinnt 22 Sitze dazu, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgergruppe erringt auf einmal 25 Sitze. Die Radikaldemokraten (heutige FDP) hingegen müssen einen Verlust von 39 Sitzen hinnehmen und sind damit die Verlierer des neuen Wahlsystems. Von nun an haben sie nicht mehr die Mehrheit im Nationalrat. Eine interessante Neuorientierung erleben die Katholisch-Konservativen (heutige CVP). Sie können ihre 41 Sitze behaupten. Ihre neue Rolle ist jedoch unverkennbar. Neu sind sie Mehrheitsbeschaffer der Freisinnigen und damit deren wichtigste Allianzpartner. Dies zeigt sich auch darin, dass die CVP kurz darauf, im Dezember 1919 bei den Bundesratswahlen einen zweiten Sitz erhält.
Ausstellung «100 Jahre Proporz» im Parlamentsgebäude
2018 jährt sich die Einführung des Proporzwahlrechts auf nationaler Ebene zum 100. Mal. Am 13. Oktober 1918 stimmte das Volk im dritten Anlauf einer Volksinitiative über die Proporzwahl des Nationalrates mit 66,8% Ja-Stimmen deutlich zu. Die Einführung des Verhältniswahlrechts war für das politische System sehr bedeutend. Das zeigten die vorgezogenen Nationalratswahlen, die ein Jahr später, im Oktober 1919 stattfanden. Die parteipolitische Zusammensetzung des Nationalrates veränderte sich infolge der Wahlen massiv.
Mit der Ausstellung «100 Jahre Proporz», welche die Zeitspanne von der Annahme der Volksinitiative bis zur erstmaligen Durchführung der Proporzwahl fast genau ein Jahr später beleuchtet, erinnern die Parlamentsdienste an folgenreiche Ereignisse wie das Ende des Ersten Weltkriegs oder den Landesstreik und bieten dabei einen spannenden Einblick in die Lebensumstände der damaligen Zeit.
Die Ausstellung ist bis am 20. Oktober 2019 zu sehen.
https://www.parlament.ch/de/über-das-parlament/wahlen2019/ausstellung-100-jahre-proporz