Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03543.jsonl.gz/2132

Tatsächlich bauten bereits die alten Ägypter um 3‘500 v. Chr. Weinpflanzen an, und auch den Babyloniern und Indern war der Wein nicht unbekannt. Ebenso betrieben die alten Griechen und Römer systematischen Weinbau.
So ist es kein Wunder, dass der Wein sogar Eingang in die Erzählungen des griechischen Dichters Homer fand:
Odysseus betritt mit seinen Gefährten auf seiner Irrfahrt die Höhle des einäugigen Zyklopen Polyphems. Dieser rollt einen grossen Stein vor den Höhleneingang, um die Eindringlinge gefangen zu halten – nach und nach frisst er Odysseus‘ Gefährten auf. Der listige Odysseus macht ihn schliesslich mit Wein schläfrig, als Polyphem mit seinen Schafen zum Übernachten wieder in die Höhle kommt. Odysseus blendet ihn daraufhin, indem er und seine Männer einen angespitzten Pfahl in das Auge des Zyklopen rammen. Als Polyphem am nächsten Morgen seine Schafe zur Weide hinauslassen muss, tastet er zwar alle ab, doch Odysseus und seine Gefährten entkommen aus der Höhle, indem sie sich im Bauchfell der Schafe festklammern.
Die Weinrebe im Detail
Die Weinrebe (Vitis vinifera) gehört zur Familie der Weinrebengewächse (Vitaceae). Ihr holziger Stamm ist im Erdreich mit einem verästelten und tiefgehenden Wurzelstock fest verankert. Typisch sind ihre ausdauernden, kletternden Lianen mit seitlich abgedrängten Sprossranken. Aus den Achseln der Blätter spriessen zudem Kurztriebe, sogenannte Geizen, hervor, die vom Winzer entfernt werden – dies fördert den Nährstofftransport in die aromatischen Früchte.
Die typischen Blüten- und Fruchtstände sind übrigens aus botanischer Sicht keine Trauben sondern Rispen.
Nach der Blütezeit im Juni bis August bilden sich im Herbst die leckeren Beeren, die dunkelblau, violett, grün oder gelblich gefärbt sind. Ihr natürlicher Zuckergehalt liegt bei etwa 20 Prozent, und die Samen der Weinrebe enthalten durchschnittlich 10 Prozent fettes Öl. Vor allem Mitte des 19. Jahrhunderts verursachte die aus Nordamerika eingewanderte Reblaus grosse Probleme beim Weinanbau. Kreuzungsversuche mit resistenten Reben aus Amerika führten nicht zum erhofften Erfolg, da die Hybriden einen unangenehmen Beigeschmack aufwiesen. Stattdessen wurden Versuche gestartet, die europäischen Edelreben auf reblausfeste Unterlagen zu pfropfen.
Venenstarke Weinrebenblätter
Heutzutage werden die rundlich-herzförmigen Weinrebenblätter bei Venenproblemen genutzt. Der rote Weinlaubextrakt enthält Flavonoide wie Quercetin-3-O-b-glucuronid, Isoquercitin und Kämpferglucosid. Diesen Inhaltsstoffen werden gefässstärkende und entzündungshemmende Effekte zugeschrieben.
So lindert an heissen Sommertagen ein kühlendes Gel mit Weinlaubextrakt schwere, geschwollene Beine.
Französischen Winzern ist diese Wirkung übrigens schon lange bekannt: Aus rotem Weinlaub, das bei der Ernte anfällt, bereiten sie bereits seit Jahrhunderten Aufgüsse und breiartige Umschläge, um die Venen zu stärken.
Heilsamer Wein
Wein wird seit alters her für arzneiliche Zwecke genutzt. Schon im „Papyrus ebers“ (medizinischer Papyrus) aus dem alten Ägypten steht als innerliches Reinigungsmittel: „Zermahle 6 Senna-Schoten und eine bittere Gurke Colocynth, vermische das mit etwas Honig und bei der Verwendung vertrinke mit dem Wein.“
Im Laufe der Zeit gab es die unterschiedlichsten Rezepturen. Ein kurioses Beispiel aus dem 18. Jahrhundert: „Nimm ein halb Pfund der Schweinläuse, mische sie noch lebendige in zwei Pfunde Portwein und nach wenigen Tagen Laugens seihe sie ab. Gebe noch zwei Drachnen Safran, eine Drachnen Eisensalz und zwei Prisen Bernsteinsalz zu. Nach drei Tagen ist alles zur Anwendung vorbereitet. Es geht um eine hervorragende Arznei gegen Gelbsucht und Ödem.“
Insbesondere im 19. Jahrhundert erfreuten sich Medizinalweine grösster Beliebtheit. Erst mit dem Aufkommen der synthetischen Arzneimittel im 20. Jahrhundert gerieten sie langsam in Vergessenheit.
Wunderwirkstoff Resveratrol?
In den Medien wird immer wieder die herzstärkende Wirkung von Rotwein gepriesen – in erster Linie wird dabei der Inhaltsstoff Resveratrol genannt. Was stimmt bei dieser Behauptung?
Bei Resveratrol handelt es sich um einen Bestandteil des pflanzeneigenen Immunsystems. Er schützt die Früchte vor Infektionen durch Pilze, Bakterien und Viren. Natürlich sollen auch schädliche Umwelteinflüsse wie UV-Strahlung, Ozonbelastung und Toxine abwehrt werden.
In die Schlagzeilen geriet Resveratrol vor allem in den 1990er Jahren als mögliche Erklärung für das französische Paradoxon. Dahinter verbirgt sich die Beobachtung, dass in Südfrankreich die Herzinfarktrate um 30 bis 40 Prozent niedriger ist als in anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten. Und dies, obwohl die Franzosen nicht gerade zu den Gesundheitsaposteln zählen – eine eher cholesterinreiche Kost steht auf ihrem Speiseplan.
Eine mögliche Erklärung: Der regelmässige Rotweinkonsum der Franzosen wirkt sich schützend auf das Herz aus. Neuere Untersuchungen sind sich zwar unschlüssig über den positiven Nutzen des Rotweingenusses für die Gesundheit, doch speziell die Bedeutung von Resveratrol ist in das wissenschaftliche Interesse gerückt. Eine amerikanische Veröffentlichung bezeichnete den antioxidativen und entzündungshemmenden Stoff sogar als „Schweizer Armeemesser der Natur“.