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H. ist eine Betriebs- oder Produktionsform, bei der die Arbeitskräfte ihre Tätigkeit zu Hause, in der eigenen Wohnung oder in einem speziellen Arbeitsraum, verrichten. Für die Kosten des Arbeitsraums kommen sie selbst auf. Teils gehören ihnen auch die Produktionsmittel (Werkzeuge, Maschinen), teils werden diese von den Arbeitgebern, die den Rohstoff oder die weiter zu bearbeitenden Stücke liefern und die Produkte verkaufen, zur Verfügung gestellt. Eng mit der Protoindustrialisierung verbunden, war H. in den beiden wichtigsten schweiz. Exportzweigen, der Textil- und Uhrenindustrie, bis nach 1880 die dominante Produktionsform. Mit fortschreitender Mechanisierung und Konzentration der Produktion in Fabriken (Industrielle Revolution) verlor sie jedoch zunehmend an Bedeutung. 1850 waren noch 75% der rund 200'000 industriellen Erwerbstätigen der Schweiz in der Heimindustrie beschäftigt, 1880 noch gut die Hälfte. Um 1900 war es lediglich noch etwas mehr als ein Drittel. Mitte des 20. Jh. spielte die H. ausser in der Kleider- und Wäschekonfektion kaum noch eine Rolle. Mit dieser Marginalisierung ging eine starke Entprofessionalisierung und Feminisierung der H. einher; diese umfasste zunehmend unqualifizierte Fertigungs- oder Montagearbeiten und fand als schlecht bezahlte Nebenbeschäftigung für verheiratete Frauen in entlegenen Regionen völlig im Versteckten statt. Erst gegen Ende des 20. Jh. machten es die neuen Kommunikationstechnologien für einige Unternehmen interessant, einzelne Arbeitsgänge in Privatwohnungen auszulagern, um so nicht nur die Kosten für die Ausstattung von Arbeitsplätzen zu sparen, sondern auch Auftragsschwankungen ohne grössere Aufwandskosten zu bewältigen. Dies betraf neben Tätigkeiten wie der Montage von Einzelteilen, dem Nähen oder Kartonagearbeiten v.a. die sog. Teleheimarbeit, zu der versch. Aufgaben am Telefon oder Computer wie Telefonverkauf, Umfragen, Sekretariatsarbeiten, Datenerfassung oder Programmierung zählen.
Die Anfänge der H. reichen bis ins ausgehende SpätMA zurück. Sie entwickelte sich teils aus der bäuerl. Eigenfabrikation, teils aus dem städt.-zünft. Handwerk. So produzierten im St. Galler Leinwandgewerbe bereits im 15. Jh. viele Appenzeller Fam. für die städt. Webermeister Flachsgarn und Leinwand. Um ihren Handel auszuweiten, griffen die städt. Kaufleute im 16. Jh. immer mehr auf ländl. Arbeitskräfte zurück, die wegen ihrer bäuerl. Einkünfte nicht nur billigere Arbeitskräfte als die zünft. Weber waren, sondern auch elementare techn. Fertigkeiten beherrschten. In Zürich erfolgte ab dem letzten Drittel des 16. Jh. ein Grossteil der aufkommenden Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle in H. auf dem Lande. Trotz des Widerstands des städt. Posamenterhandwerks vermochte sich auch in der Basler Seidenbandweberei die H. ab 1612 immer mehr auszubreiten. Ebenso wurden Strohhüte seit dem 17. Jh. in Wohlen (AG) und Umgebung, später im Luzernischen und Zürcher Unterland sowie im Tessin in H. angefertigt (Strohflechterei). Ihre grosse Verbreitung erlebte die H. in der Baumwoll- und Seidenindustrie aber erst mit der Einführung des Verlagssystems, über das die Kaufleute oder Fabrikanten den Produktionsablauf von Anfang bis Ende kontrollierten: Sie lieferten die Rohstoffe (Baumwolle, Seide) oder die Zwischenprodukte (Garn, Tuche) an die Arbeitskräfte, liessen diese gegen Stücklohn veredeln und exportierten die fertigen Produkte. Zehntausende Spulräder und Webstühle in Stuben und Kellern machten die Ostschweiz, Glarus, die Zürcher Seegemeinden und das Oberland, Gebiete des Aargaus sowie Baselland z.T. bis über die Mitte des 19. Jh. hinaus zu einer einzigen grossen "Fabrik", von der ein Grossteil der ländl. Familien in diesen Regionen lebte. Um 1866/67 - damals war das Spinnen in H. schon seit 50 Jahren verschwunden - zählte die Baumwollweberei neben 12'000 Fabrikwebern noch immer 45'000 Hand- oder Heimweber. Noch länger hielt sich die H. in der Seidenindustrie, die um 1900 über 30'000 Heimarbeiter beschäftigte. In der Stickerei vermochte die weit verbreitete H. die fabrikmässige Produktion ab den 1880er Jahren sogar wieder zurückzudrängen. In der sich seit dem 17. Jh. in Genf entwickelnden Uhrenindustrie war das Aufkommen der H. ebenfalls eng mit dem Verlagssystem verbunden. Zunächst erfolgte die Fabrikation arbeitsteilig in kleinen Werkstätten selbstständiger Kleinproduzenten. In den Juratälern fand sie erst grössere Verbreitung, als mit der Einführung der sog. Etablissage auch die Uhrenindustrie verlagsmässig organisiert wurde. Gleichzeitig nahm die Spezialisierung weiter zu, so dass sich die Herstellung einer Uhr um 1830 auf über 50 versch. Arbeitskräfte verteilte, die teils zu Hause und teils in Ateliers die einzelnen Bestandteile in Serie fertigten. Um 1870, kurz bevor sich die Fabrikproduktion in der Branche durchzusetzen begann, waren rund 60'000 Männer, Frauen und Kinder meist in H. mit der Herstellung von Uhren beschäftigt.
In der H. bildete das Haus bzw. der Haushalt das eigentl. Zentrum der Güterproduktion, wobei die familiäre Arbeitsgemeinschaft neben den Mitgliedern der Kernfamilie noch weitere Kostgänger, Ledige und Witwen umfassen konnte. Im Unterschied zur Fabrikindustrie unterstanden die Arbeitskräfte in der H. keiner direkten Kontrolle durch die Arbeitgeber. Die Arbeitsintensität und den Arbeitsrhythmus bestimmten sie selbst; ihr Entscheidungsspielraum war allerdings klein, da die Auftragslage und damit ihr Einkommen unmittelbar von der Konjunktur abhingen. Schon kleinere Stockungen des Handels führten zu Lohnrückgängen, bei grösseren Absatzkrisen drohte Arbeitslosigkeit. Doppelt getroffen waren die Heimarbeiter, wenn - dies war bis ins 19. Jh. oft der Fall - Lebensmittelteuerungen und Handelskrisen gleichzeitig auftraten. Dann nahm ihnen die Teuerung das Brot und die Absatzkrise den Lohn. In der 2. Hälfte des 19. Jh. arbeiteten viele Heimarbeiter, auch in Zeiten guter Konjunktur, zu Löhnen, die "weder zum Leben noch zum Sterben ausreichten". Besonders schlecht waren um 1900 die Verhältnisse in jenen Zweigen, in denen die H. nur noch dank tiefer Löhne konkurrenzfähig war, wie z.B. in der Seidenstoffweberei. Auch für unqualifizierte Tätigkeiten, für die ein Überangebot an Arbeitskräften bestand, waren die Löhne sehr tief, wie etwa in der Tessiner Strohindustrie. Vielfach mochte sich die H. nur wegen der extremen Fremd- und Selbstausbeutung behaupten. Lange Arbeitszeiten, Kinderarbeit sowie schlechte Ernährungs- und Wohnverhältnisse gehörten Anfang des 20. Jh. zum typ. Erscheinungsbild der Heimindustrie. Im Unterschied zur Fabrikindustrie, in der mit dem eidg. Fabrikgesetz 1877 erste sozialstaatl. Massnahmen zugunsten der Arbeiterschaft durchgesetzt worden waren, unternahm der Bund bezüglich der H. lange nichts. Das Bundesgesetz über die Ordnung des Arbeitsverhältnisses von 1919 enthielt Regelungen zum Schutz der Heimarbeiter; es wurde aber in der Referendumsabstimmung 1920 abgelehnt. Erst um 1940 erliess der Bund wegen der Verhältnisse in der Konfektionsindustrie und der hohen Arbeitslosigkeit ein Heimarbeitsgesetz, das neben versch. Schutzmassnahmen dem Bundesrat auch die Kompetenz übertrug, Mindestlöhne festzusetzen. Bereits ab Mitte der 1930er Jahre versuchte der 1931 gegründete Schweiz. Verband für H. mit seiner vom Bund unterstützten Zentralstelle, die H. besonders in den Berg- und Randregionen zu fördern. 1949 verabschiedeten die eidg. Räte einen Bundesbeschluss zur Förderung der H. 1981 trat ein neues Heimarbeitsgesetz in Kraft, das eine weitere Verbesserung der Stellung der Heimarbeiter und -arbeiterinnen brachte.
Anfang des 21. Jh. hat sich mit der allg. Computerisierung der Arbeits- und Lebenswelt diese "neue" H. z.B. über virtuelle Callcenters intensiviert und v.a. digitalisiert. Kennzeichnend für die neuen digital gestützten Formen der H. sind die noch stärkere Externalisierung der Aufgaben aus den Unternehmen, die Flexibilisierung von Arbeitsprozessen und eine damit einhergehende stärkere Selbststrukturierung, Steuerung und Überwachung des Arbeitsprozesses durch die Arbeitnehmenden selbst.
Quellen
– J. Lorenz, Die H. in der Textilindustrie, 1911
– M. Fallet-Scheurer Le travail à domicile dans l'horlogerie suisse et ses industries annexes, 1912
Literatur
– W. Bodmer, Die Entwicklung der schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, 1960
– R. Braun Industrialisierung und Volksleben, 1960 (21979)
– Gruner, Arbeiter
– P. Fink, Gesch. der Basler Bandindustrie 1550-1800, 1983
– C. Iseli, Die Ge-Heimarbeiterschaft, 1984
– F. Grieder, Glanz und Niedergang der Baselbieter Heimposamenterei im 19. und 20. Jh., 1985
– A. Tanner, Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht, 1985
– R. Jäger et al. Baumwollgarn als Schicksalsfaden, 1986 (21999)
– Gruner, Arbeiterschaft 1, 179-203
– D. Kuhn et al., Strohzeiten, 1991
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
– Gesch. und Zukunft der Arbeit, hg. von J. Kocka, C. Offe, 2000
– G.G. Voss, J. Egbringhoff «Die Arbeitskraftunternehmer», in Supervision 3, 2004
Autorin/Autor: Albert Tanner