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Gavi ist ein Provinzstädtchen im Südosten des Piemonts. Ein Provinzstädtchen mit einem hübschen historischen Kern mit diversen sehenswerten Kirchen, einer imposanten Festung und – wie überall in Italien – nicht zu übersehenden Bausünden. Zu berichten gäbe es da nicht viel, wenn nicht die wohl bekannteste Weissweinappellation des Piemonts nach dem Städtchen benannt wäre.
Das Gavi-Anbaugebiet umfasst rund 1200 Hektaren Rebfläche, die auf insgesamt elf Gemeinden verteilt sind. Der Gavi und der Gavi di Gavi (so heissen die Weine, die aus dem Gemeindegebiet von Gavi stammen) wird aus der hier heimischen und erstmals 1659 schriftlich erwähnten Cortese-Traube gekeltert.
Erfolgsgeschichte jüngeren Datums
Zwar ist das Gebiet heute für seine Weissweine bekannt, doch bis in die 1950er-Jahre war noch ein erheblicher Teil mit Rotweinreben wie Dolcetto, Freisa und Barbera bestockt, und auch die Weissweine wurden keineswegs alle aus der Cortese-Traube erzeugt. Mit anderen Worten: Die Erfolgsgeschichte des Cortese di Gavi, wie der Wein auch genannt wird, ist erst jüngeren Datums und soll, wie allgemein kolportiert wird, vor allem dem Weingut La Scolca in Gavi zu verdanken sein. Das Gut hatte als erster Weinbaubetrieb im Gebiet auf die Cortese-Traube gesetzt und 1950 erstmals Flaschen eines reinsortigen Cortese unter dem Namen Gavi auf den Markt gebracht.
Dass dieser fruchtig-duftige Wein mit seiner frischen Säure und dem oftmals leicht herben, von Zitrusnoten unterlegten Geschmack dereinst der bekannteste Weisswein des Piemonts werden würde, hätte damals niemand zu prophezeien gewagt, denn das Piemont ist ein klassisches Rotweingebiet. Zwar hat man lokal auch immer einige weisse Sorten angebaut wie Arneis, Favorita, Timorasso, Erbaluce und eben Cortese. Doch die aus ihnen erzeugten Weine waren lange Zeit nur von geringer Bedeutung. Sie dienten vor allem als Alltagsgetränk für den Hausgebrauch, und zudem wurden sie oft als Verschnittweine roten Sorten beigemischt.
Mit eigenständigem Charakter
In der Nachkriegszeit erlebten diese weissen, zum Teil rar gewordenen, autochthonen Varietäten eine Renaissance, als einzelne innovative Winzer oder Winzergruppen diesen alten und gebietstypischen Sorten vermehrt ihre Aufmerksamkeit zu schenken und aus ihnen reinsortige Weine zu erzeugen begannen. Damit konnten sie nicht nur ihre Angebotspalette erweitern, sondern auch den Beweis antreten, dass diese Weissweine, wenn sie mit Sorgfalt erzeugt werden, einen sortentypischen, eigenständigen Charakter haben können.
Im Falle der im Gavi-Gebiet produzierten Weissweine kam unterstützend dazu, dass die Valorisierung der Cortese-Traube früh begonnen hatte und dass zahlreiche qualitätsorientierte Weinbaubetriebe diese einmalige Chance erkannten und zu nutzen wussten.
Finger weg vom Super-Gavis
Die Cortese-Rebe gilt nicht als besonders noble Sorte. Doch das moderate Klima, geprägt von der vor Frühfrösten schützenden Kette der ligurischen Seealpen, und die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit der verschiedenen Zonen drücken den Weinen ihren Stempel auf. Erstklassiger Gavi präsentiert sich dabei aber immer aromatisch-fruchtig und zeigt mitunter auch eine dezente mineralische Note und erfrischende Nuancen von Zitrusfrüchten.
Problematisch sind jedoch die Versuche diverser Winzer, aus dem Gavi durch spätere Lese und die Vergärung und den Ausbau in Barriques einen «vino importante», einen grossen Wein zu machen. Was dabei herauskommt, sind aber in den meisten Fällen keine komplexen, finessenreiche Gewächse, sondern eichenholzgeschwängerte Weinkarikaturen, die zudem zu überhöhten Preisen verkauft werden. Als Freund von saftigen, finessenreichen und grossen Trinkspass bereitenden Weinen lässt man deshalb besser die Finger von diesen Super-Gavis und hält sich an die authentischen frisch-fruchtigen und zudem preiswerteren Erzeugnisse. Das gilt selbstredend auch für alle anderen Cortese-Weine, die im Piemont auch im Monferrato (Cortese dell’Alto Monferrato) und rund um die Stadt Tortona (Cortese dei Colli Tortonesi) produziert werden. Empfehlenswert sind dagegen die flaschenvergorenen Spumante-Versionen (Metodo Classico), die einzelne ambitionierte Winzer herstellen.