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Beide erzählen sie Geschichten: Der Historiker Karl Schlögel (63) und der Dramaturg und Schriftsteller Lukas Bärfuss (40). Ihre Herkunft ist eine andere. Ihre Bücher sind es auch. Schlögel ist Professor für die Geschichte Osteuropas in Frankfurt an der Oder, Bärfuss arbeitet am Schauspielhaus Zürich.
Literat und Historiker diskutierten letzte Woche im vollbesetzten Schauspielhauskeller die provokative Frage, «sind Schriftsteller die besseren Historiker?». Das Podium fand im Rahmen der Summer School «Neue Formen historischen Schreibens» des Historischen Seminars der Universität Zürich statt. Moderatoren waren Philipp Sarasin, Professor für Geschichte der Neuzeit, und Andrea Westermann, Koordinatorin der Doktoratsstufe am Historischen Seminar.
Geschichtsbuch und Roman
2008 erschien Schlögels Buch «Terror und Traum. Moskau 1937», ein grandioses Panorama der sowjetischen Metropole zwischen zaristischer Vergangenheit, Revolution und Aufbruch in die Moderne. Ein Geschichtsbuch, das solch unterschiedliche Ereignisse wie den hundertsten Geburtstag von Puschkin, die Eröffnung des Gorkji-Kultur- und Erholungsparks, Filmpremieren, Massenerschiessungen und Schauprozesse miteinander verwebt.
Im gleichen Jahr veröffentlichte Bärfuss seinen Roman «Hundert Tage», eine minutiöse Schilderung des Genozids in Ruanda Anfang April 1994, kombiniert mit einer obsessiven Liebesgeschichte. Protagonisten sind der fiktive Schweizer Entwicklungshelfer Daniel Hohl und seine Geliebte Agathe. Wie schreibt und recherchiert der Historiker, wie der Literat? Was trennt und was verbindet sie? Sind die Trennlinien immer scharf und eindeutig?
Ins Bundesarchiv «gezwungen»
Am Anfang des Romans stand die Erinnerung an den eigenen Schulunterricht mit Schulstunden über Afrika. Ruanda war für den Primarschüler Bärfuss wie eine «Schweiz im Idealzustand». Die Menschen tanzten, buken Brot und pflanzten Avocados. 1994 dann der totale Bruch mit diesem kindlichen Klischee, der hunderttausendfache Völkermord. Erinnerung und Realität passten nicht mehr zusammen.
Jahre später begann die Suche des Literaten Bärfuss nach Erklärungen. Er wollte die Lücke zwischen damals und heute füllen und begann zu lesen, war gar «gezwungen, ins Bundesarchiv zu gehen».
2004 reiste er nach Ruanda. Er sprach mit den Menschen und – kam enttäuscht zurück. Die Antworten auf seine Fragen waren einförmig, schematisch, wirkten eingeübt. Auf diese Weise war dem Ereignis nicht auf die Spur zu kommen. Umso wichtiger sei ihm das Erspüren der Atmosphäre vor Ort gewesen. «Das geschichtliche Ereignis», sagt Bärfuss, «stand nicht im Mittelpunkt und auch nicht die Entwicklungspolitik der Schweiz und anderer europäischer Staaten.» Stattdessen habe ihn die Geschichte der Menschen und ihres Bewusstseins interessiert, und wie es zum Genozid kommen konnte.
Für den Schriftsteller ist die Wahl der «Ich-Perspektive» ein selbstverständlicher dramaturgischer Kniff. Das Ich wird Teil der historischen Realität. Die Figuren haben keine Intimität. Selbst voyeuristische Blicke ins Schlafzimmer sind möglich. Und so kann Bärfuss auch seitenlang und minutiös die Massenpanik beschreiben, als der Papst nach Ruanda kommt und alle zu ihm strömen: «Augen traten aus den Höhlen, aus offenen Mündern floss Speichel, Nase und Wangen waren zusammengedrückt, einzig die Zähne blieben unbewegt. Ich fühlte die Knochen, die gegen mein Herz drückten, ich wusste nicht, waren es eigene oder fremde.»
Für den Schriftsteller stellt sich nie die Frage nach der historischen Wahrheit oder der Wirklichkeit und auch nicht nach einer Ganzheitlichkeit. «Mein Zugang zur Wirklichkeit ist dieses Buch, und es ist vollständig», sagt Bärfuss.
Dem Realismus verfallen
Ganz anders Geschichtswissenschaftler Schlögel. Auch jahrzehntelange Recherchen, die er in «Terror und Traum» auf über 800 Seiten ausbreitet, hindern ihn nicht daran, in der Einleitung auf «Mängel», auf «weisse Flecken» oder «tote Winkel» in seinem Buch hinzuweisen.
Den «geschichtswissenschaftlichen Topos einer vollständigen Wirklichkeit» und die Vorstellung, «je mehr Aufwand ich betreibe, desto näher komme ich ihr», findet Bärfuss «absurd»: «Was gerade passiert ist, ist genauso verloren, wie all das, was vor 2,5 Millionen Jahren geschah. Wenn Steven Spielberg den D-Day mit noch so vielen Schiffen nachstellt, die Realität war anders.»
Für Schlögel geht es nicht um ein «Nachstellen»: «Die Schreibform ist sekundär. Wichtig ist, dass man die Sache angemessen durchdrungen und dargestellt hat.» Vom Roman habe er die Dramaturgie gelernt, aber «romaneske Darstellungen» seien nicht seine Sache.
Das geht so weit, dass der Historiker das Kompliment, einen guten Stil zu pflegen, nur widerwillig goutiert. Es gibt nichts Vernichtenderes, als sich dem Verdacht auszusetzen, «schön zu schreiben». Es klingt zu sehr nach Literatur und zu wenig nach Wissenschaft. Schlögel: «Ich bin unheilbar dem Realismus verfallen.» Der Historiker sei gezwungen, «auf der Erde zu kriechen. Jedes Steinchen aufzuheben und zu prüfen.» Jedes Detail will bewiesen und beglaubigt werden. So erstaunt es auch kaum, dass sich Schlögel für die Literatur als ungeeignet definiert, als «verlorener Leser». Er habe keinen Bedarf am «Austesten des Menschenmöglichen». Die Wirklichkeit, die ihm aus den Quellen entgegenschlägt, ist «unvorstellbar fantastisch» genug.
Der Schriftsteller folgt anderen Gesetzen als der Historiker. «Er hat andere Wahrheiten.» Dennoch: Auch für den Wissenschaftler seien Ableitungen möglich, ohne dass für jedes und alles Quellen zur Verfügung stehen. Auch wenn die Panik während den Schauprozessen 1937 nicht wortwörtlich in den Protokollen greifbar ist, sie ist trotzdem da. Sie ist zwischen den Zeilen lesbar. Wann wird geschwiegen, wo geklatscht? «Man hört es, wenn die Leute zum Abschuss freigegeben werden», sagt Schlögel. Kein Wunder deshalb, dass Bärfuss «Terror und Traum» trotzdem «wie einen Roman gelesen hat» und er ihm gar einen «gewissen kulinarischen Genuss» bereitet hat.
Ganz ohne Fussnoten
Was historisches Schreiben kann und darf, war vor über zwanzig Jahren bereits einmal Thema an der Universität Zürich. Damals ging es um Niklaus Meienberg und sein Buch «Die Welt als Wille & Wahn», eine schweizerische Clan-Geschichte über den 1.-Weltkrieg-General Ulrich Wille, seine Frau, geborene Gräfin Bismarck, und Anverwandte. Ein Geschichtsbuch ganz ohne Fussnoten, geschrieben in der Dramaturgie einer Tragödie im Stil eines journalistischen Romanciers. Die Zunft versagte Meienberg grossmehrheitlich die Anerkennung, bis heute. Und in der Aula flogen 1987 die Fetzen zwischen Militärhistoriker und Universitätsprofessor Walter Schaufelberger und lic. phil. hist. Niklaus Meienberg.
Im angelsächsischen Raum ist die Trennung zwischen «romanesker Darstellung» historischer Ereignisse und Geschichtsbuch weniger strikt als bei Schreibern deutscher Muttersprache. Die amerikanische Historikerin Natalie Zemon Davis etwa schrieb 1984 ihren Bestseller «Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre» über einen Hochstapler im ländlichen Frankreich des 16. Jahrhunderts. Dieser gab sich als der verschwundene französische Bauer Martin Guerre aus, täuschte dabei Ehefrau und Umgebung, bis er nach der Rückkehr des wahren Martin Guerre hingerichtet wurde.
Davis streifte dabei auch immer wieder die Grenzen der Fiktion. Nicht jede Charaktereigenschaft des eigenwilligen Hochstaplers aus der Frühneuzeit liess sich mit Quellen belegen. Geschichtsschreibung ist es trotzdem.
Buchtipps Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008. Lukas Bärfuss, Hundert Tage, Göttingen 2008. Niklaus Meienberg, Die Welt als Wille & Wahn. Elemente zur Naturgeschichte eines Clans, 7. Auflage, Zürich 2005. Natalie Zemon Davis, Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre, deutsche Ausgabe, Berlin 2004.
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