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Freilichtspiele im Dolderpark
Am 2. August 1920 beschloss der Verwaltungsrat des Stadttheaters Zürich (heute Opernhaus) die Freilichtaufführungen einer Operetten- und zweier Opernaufführungen im Dolderpark. «Der Fidele Bauer» und «Das Nachtlager von Granada» schienen den Herren Verwaltungsräte für lauschige Abende im Wald geeignet zu sein.
Der Entscheid war trotz Wohlwollen und in Aussicht gestellter Unterstützung von Seiten der Dolderbahn-Aktiengesellschaft nicht unumstritten. Die Mehrkosten für Honorare, Transporte, Requisiten und Dekorationen wurden für das «Nachtlager von Granada» auf 2000 Franken geschätzt. Diesen Betrag erachteten einige Verwaltungsräten aufgrund der «ungünstigen Finanzlage der Gesellschaft» als ein zu grosses Risiko.
Wetterfahne am Stadttheater
Auch die Wetterfrage bereitete Bauchschmerzen. Zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Der Direktor schlug vor, durch Aushängen einer Fahne beim Stadttheater in der Mittagszeit anzuzeigen, ob draussen im Dolderpark oder drinnen im Stadttheater gespielt werde. Trotz mannigfaltiger Bedenken entschied sich die Mehrheit des Verwaltungsrates dann doch zugunsten des Freilichtabenteuers. Schliesslich brauchte es aussergewöhnliche Ideen, um das Publikum im Sommer ins Theater zu locken.
Bereits am nächsten Tag wurde mit den Proben begonnen. Ganze elf Tage waren für die Einstudierung vorgesehen. Die Hauptprobe sollte am Freitag (!) den 13. August 1920 stattfinden, die erste Vorstellung am 15. August 1920 über die Bühne im Dolderpark gehen.
Die Kriegsmaterial-Verwaltung spielt nicht mit
Nachdem der Entscheid gefallen war, galt es in Windeseile die für ein Freilichtspiel notwendigen Requisiten zusammenzutragen. Am 4. August 1920 erging ein Express-Schreiben an die Eidgenössische Kriegsmaterial-Verwaltung mit der Bitte, dem Stadttheater für im Freien geeignete Schweinwerfer zur Verfügung zu stellen. Die Antwort traf 24 Stunden später ein: «In Beantwortung Ihres gestrigen Schreibens bedauern wir, aus prinzipiellen Gründen Ihrem Begehren um leihweise Überlassung von Reflektoren … nicht entsprechen zu können.»
Auf mehr Verständnis konnten die Verantwortlichen des Stadttheaters von Seiten der Dolderbahn-Aktiengesellschaft zählen. Im Schreiben ans Stadttheater vom 6. August 1920 hiess es, man sichere alle möglichen Erleichterungen zu, «schliesslich habe man jahrelang selber unter einer prekären Finanzlage gelitten und man habe es beim Stadttheater ja auch mit einem vornehmen künstlerischen Unternehmen von gemeinnützigem Charakter zu tun».
Neben dem Aufführungsort beim Holzpavillon, stellte die Dolderbahn-Aktiengesellschaft die Beleuchtung und insgesamt 500 Stühle zur Verfügung. Dank einer Intervention von Max Schoop, überliess das Quartieramt der Stadt Zürich dem Theater ein grosses Zelt, das den Darstellern als Garderobe diente. Am Tag der Hauptprobe – so viel zum Thema just in time Management – erging noch ein eiliges Schreiben an die Kreispost-Direktion mit der Bitte für die Freilichtaufführung von Sonntag 15. August 1920 eine Postkutsche zur Verfügung zu stellen. «Gerne würde man die Kutsche, da man sie für die Probe brauche entweder heute am Nachmittag oder am Samstag früh in Empfang nehmen.» Eine Postkutsche liess sich auf die Schnelle dann doch nicht auftreiben, aber die Schweizerische Postverwaltung stellte für die Freilicht-Aufführungen eine vierplätzige Berline zur Verfügung. Für eine Miete von fünf Franken pro Tag.
Damen bitte Hüte abnehmen
So war nun alles bereit und die Pressemitteilung wurde in Umlauf gegeben: «Diesen Samstag und Sonntag, den 14. und 15. August 1920 veranstaltet das Zürcher Stadttheater 3 Vorstellungen, 2 Opern und 1 Operetten-Aufführung, die nur bei ungünstiger Witterung im üblichen Rahmen des Stadttheaters, bei gutem Wetter jedoch als Freilicht-Spiel im Dolderpark in Szene gehen. … Der Billett-Verkauf findet in üblicher Weise im Theater und bei Kuoni statt. … Natürlich können wir unseren Theaterfreunden im Wald nicht die bequemen Fauteuils unseres Stadttheaters zur Verfügung stellen. ‹Ländlich sittlich› muss auch bei diesem versuchsweisen Unternehmen das Motto sein. … Wir schrecken deshalb nicht davor zurück, mit einer Bitte, die bei einer Aufführung im Walde nicht erwartet wird, hervorzutreten: der Bitte, es möchten, um des freien Ausblickes auf den Spielplatz willen, alle Besucher, auch die verehrlichen Damen, die Hüte abnehmen».
Premiere fällt ins Wasser
Aller guten Vorbereitungen zum Trotz spielte damals wie heute das Wetter nicht mit. Während der Generalprobe zum «Fidelen Bauern» setzte starker Regen ein, der bis zum Sonntag anhielt. Die Aufführungen fielen buchstäblich ins Wasser. Am Montag,
16. August 1920, gab es dann endlich warmes Augustwetter; und das «Nachtlager von Granada» konnte wie geplant im Freien aufgeführt werden. Doch bereits am Dienstag zogen wieder Gewitterwolken auf und die weiteren Vorstellungen in dieser Woche wurden abgesagt. Einzelne Vorstellungen müssen aber den August hindurch stattgefunden haben, jedenfalls wurde die Kreispostdirektion gebeten, dem Theater die Berline doch noch für ein paar Wochen zu überlassen, weil dem Publikum die Pointe ausnehmend gut gefallen habe.
Am 28. August 1920 findet sich in den Akten ein Schreiben an den Bezirkstierarzt mit der Bitte, für die Vorstellung den Transport von acht Schafen von Langnau a. Albis in den Dolderpark zu veranlassen. Aus welchen Gründen die Schafe nicht aus der direkten Umgebung rekrutiert werden konnten? Wahrscheinlich fehlte es den Zürichbergschafen an schauspielerischem Talent oder sie waren überfüttert … .
Eine Aufführungskritik oder Fotos befinden sich im Dossier leider keine. Erhalten geblieben sind hingegen ein Zeitungsinserat und eine Besetzungsliste. Zwei der Darsteller – Annie Kley und Lorenzo Staeger-Pierot sind im Portraitarchiv des Stadttheaters aufbewahrt. Wer nun Lust bekommt hat, in den Akten des Stadttheaters zu stöbern: Sie sind im Stadtarchiv unter der Signatur VII.12.B zu finden.
Gabriela Mattes