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Von minder zu mondän
Ende des 19. Jahrhunderts hat die Stadt Zürich anstelle des mittelalterlichen Kratzquartiers ein mondänes Geschäftsviertel errichtet. Ein Spaziergang vom Münsterhof zum Bürkliplatz.
Wer auf der Bahnhofstrasse vom Paradeplatz Richtung See schlendert, würde nicht denken, dass hier einst Schiffe fuhren. Und wer dann eintaucht ins Geviert bis hin zur Limmat, kann sich kaum vorstellen, dass hier «mindere Leute» lebten.
Das Adressbuch von 1875 gibt Auskunft, wer im «Kratz», so hiess das Quartier, damals wohnte. Rund 250 Namen sind aufgeführt: die Schneiderin Maria Fäsi, der Gemüse- und Obsthändler Florentin Teissier oder der Coiffeur und Chirurg Eduard Helbling. Durchwegs arm seien die Leute nicht gewesen, aber durchmischt, betont der Ausstellungskatalog «Fast wie in Paris. Die Umgestaltung des Kratzquartiers um 1880» (Ausstellung 2000/2001 im Haus zum Rech am Neumarkt 4). In den folgenden Jahren – Zürich entwickelte sich zum Finanz- und Handelsplatz – entstand hier ein Geschäftsquartier mit Firmensitzen, Agenturen, Verwaltungsämtern, Rechtsanwälten und Kaufleuten.
Und anstelle des schiffbaren Fröschengrabens lud die aufgeschüttete Bahnhofstrasse zum Flanieren.
Wie ein Fels in der Brandung hat das im 9. Jahrhundert erbaute Fraumünster die Stellung gehalten. Zusammen mit der Poststrasse und dem Münsterhof bildete die Kirche den nördlichen Rand des Kratzquartiers, das sich bis zur heutigen Stadthausanlage (wo zur Zeit des Kratzquartiers das Stadthaus stand) ausdehnte.
Sturm der Erneuerung
Alles andere fegte der Sturm der Erneuerung zwischen 1880 und 1920 hinweg. Die mittelalterlichen Gebäude, Plätze und Gassen hat er ersetzt durch rechtwinklig angelegte Strassen sowie mondäne Bauten und Innenhöfe, die bis heute – zumindest äusserlich – mehrheitlich erhalten geblieben sind. Streng riecht es nach Geld. Angesiedelt haben sich etwa ein Luxushotel, Edelboutiquen, Banken sowie schicke Restaurants und Cafés.
Ein Durchgang führt von der Poststrasse her zum Innenhof des fünfgeschossigen Zentralhofs, wo nostalgische Gaslaternen, Cafégemurmel und Brunnenplätschern zum Verweilen einladen. Der denkmalsgeschützte Hof von 1876 war der erste Blockrandbau der Stadt Zürich, so eine Hinweistafel. Wie der angrenzende Kappelerhof bot der Zentralhof Raum für Geschäftshäuser sowie Mietwohnungen für gehobene Ansprüche.
Ein Juwel im Quartier ist das denkmalgeschützte Bürohaus «Metropol» zwischen Fraumünsterstrasse und Stadthausquai, einen Steinwurf vom Bau der Schweizerischen Nationalbank an der Börsenstrasse entfernt. Das «Metropol» mit Zwiebeltürmen und Fassaden aus Glas- und Eisenelementen beherbergte auch ein prunkvoll eingerichtetes Grand Café. Davon ist kaum etwas übrig geblieben. Die Hülle des Gebäudes jedoch wird zurzeit originalgetreu saniert. Die Arbeiten sollen 2022 abgeschlossen sein.
Gestank und Lärm
Rückblende: Zeitgenössische Kommentare setzten den Namen «Kratz» mit einer Sackgasse gleich, wie im Katalog «Fast wie in Paris» nachzulesen ist. Diese führe nirgends hin und man finde nur schwer wieder hinaus. Das leuchtet ein, war das Quartier doch dreiseitig von Wasser umspült: vom «Seesumpf» (den Bürkliplatz und die Quaianlagen gab es noch nicht), von der Limmat und vom Fröschengraben.
Wie aber hat man sich das Leben im alten Quartier vorzustellen? Auskunft gibt das Buch «Chratz & Quer. Sieben Frauenstadtrundgänge in Zürich». Es erzählt die Geschichte einer von mittelalterlichen Häusern und Plätzen geprägten Kleinstadt. Einheitliche Bauvorschriften gab es nicht. Zwischen die eng aneinandergebauten Häuser und Schuppen fiel wenig Licht. Entlang der schmalen Strassen führten Abwassergräben die Abfälle und Fäkalien des Quartiers in die Limmat ab. Der Gestank gehörte zur «minderen Stadt» wie der Lärm aus den Werkstätten und Wirtschaften, wie das Marktgeschrei und das Rattern der Fuhrwerke.
Innovativer Stadtingenieur
Das Wahrzeichen des Quartiers war der Kratzturm. Daneben erhob sich auf der Höhe der heutigen Börsenstrasse der Baugarten, ein Moränenhügel mit Gartenrestaurant. Turm und Hügel mussten der Bahnhofstrasse weichen. Mittel- und Treffpunkt des Quartiers war der Marktplatz. Wegen der im Rahmen der Quartiererneuerung gebauten Fraumünsterstrasse ging auch dieser Platz verloren. Der Wochenmarkt wurde 1882 an den Seilergraben verlegt.
Für die Modernisierung des Quartiers, so auch für die Kanalisation und Wasserversorgung zur Seuchenbekämpfung, war der 1860 zum Stadtingenieur gewählte Arnold Bürkli (1833-1894) verantwortlich. Der Bürkliplatz vorn am See erinnert an ihn. Zu seinen Projekten gehörten auch die üppig begrünten Quaianlagen, die bis heute zum Flanieren einladen.
Die Stadt ehrt den «Quai-Ingenieur» mit einem Denkmal am See.
Karl Wüst