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Keiner verkörperte so sehr die goldenen Jahre des sowjetischen Eishockeys wie Wiktor Wassiljewitsch Tichonow, Oberst der Roten Armee. Nun ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.
Er hatte es in einer Beziehung besser als die Bandengeneräle im Westen: Sein Team, ZSKA Moskau, war die Mannschaft der Roten Armee. Im Range eines Oberst hatte er militärische Befehlsgewalt gegenüber seinen Spielern. Und er konnte die besten Spieler des Landes per militärischen Marschbefehl in seine Mannschaft transferieren. Deshalb waren ZSKA Moskau und die sowjetische Nationalmannschaft mehr oder weniger identisch.
Er stand im Ruf, ein «Sklaventreiber» zu sein. Einer, der unerbittlich darauf aus war, ein Maximum aus seinen Spielern herauszupressen und er war der Erste, der Eishockey durch intensivstes Sommertraining zum Ganzjahresport machte. Und tatsächlich hassten ihn die meisten Stars. Erst später erinnerten sie sich mit Dankbarkeit an «Väterchen». Er hatte sie zu dem gemacht, was sie waren.
Er hat an sich selbst die gleichen (hohen) Anforderungen gestellt wie an seine Spieler. Er war der unermüdliche Arbeiter, immer auf der Suche nach dem perfekten, nach dem noch besseren Hockey.
Wiktor Tichonows Trainerkarriere begann in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Er führte den «Provinzklub» Dynamo Riga von der dritten in die erste Spielklasse und dort bis auf den 4. Platz. Nun war klar: Das ist der Mann für ZSKA Moskau und das Nationalteam.
Er hat einmal gesagt, er könne kein Hockeyspiel zum Zeitvertreib als Zuschauer anschauen. Für ihn war Eishockey nicht einfach ein Zeitvertreib und ein Spektakel zur Unterhaltung der Zuschauer. Er nahm dieses Spiel ernst wie vielleicht kein anderer Trainer seiner Generation, ernster noch als die kanadischen Coaches.
Er sah Eishockey als Wissenschaft und entwickelte unablässig neue Strategien, Systeme, Angriffsauslösungen und Defensivorganisationen. Er war besessen vom Eishockey, von seiner Arbeit als Trainer. Wenn er nach seinem Erfolgsrezept gefragt wurde, dann pflegte er zu sagen: «Arbeit, Arbeit, Arbeit». Er sagte es nicht einfach so. Er meinte es so.
Kein anderer Coach war während seiner Aktivzeit so hoch geachtet und so populär in seinem Land wie Wiktor Tichonow. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Mann, der Eishockey als Arbeit, als Wissenschaft und nicht als Spektakel sah, hat uns auf internationaler Ebene das grösste Spektakel beschert.
Sein Meisterwerk ist der beste Fünferblock, den es je im internationalen Hockey gegeben hat. Sein Kunstwerk für die Hockey-Ewigkeit. Torhüter Wladislaw Tretjak, die Verteidiger Slawa Fetisow und Alexej Kasatanow und vorne die Stürmer Sergej Makarow, Igor Larionow und Wladimir Krutow. Nie vorher und nie nachher ist Eishockey mit so hoher Präzision so schnell, so perfekt gespielt worden.
Im Herbst 1987 haben wir die besten drei internationalen Hockeyspiele aller Zeiten gesehen. Dies ist nicht nur meine Einschätzung. Es ist auch die Meinung der meisten nordamerikanischen Kollegen. Die drei Finalpartien des Canada Cups in Montréal und Hamilton. Die Sowjetunion gegen Kanada. 6:5 n.V:, 5:6 n.V und 5:6.
Die Spielkunst der Sowjets stand auf dem höchstmöglichen Niveau und die Kanadier hatten zum ersten und einzigen Mal Mario Lemieux und Wayne Gretzky im gleichen Team und in der gleichen Sturmlinie. Nie mehr vorher und nie mehr nachher ist auf internationalem Niveau so viel offensives Talent auf so hohem Niveau entfaltet worden. Mike Keenan war der Coach der Kanadier.
Wiktor Tichonow war nicht ganz unbesiegbar. Wenn wir denn bei diesem Grossmeister des Eishockeyschachs überhaupt von Schwäche reden dürfen – dann war es seine Hilflosigkeit gegenüber der Unberechenbarkeit des Spiels. Etwa dann, wenn es ganz cleveren Defensivstrategen gelang, wenigstens zeitweise das vorher und seither nie mehr erreichte Kombinationsspiel der Sowjets zu stören und Emotionen ins Spiel zu bringen. Oder anders gesagt: Wenn aus der Wissenschaft ein leidenschaftlicher, nicht mehr zu steuernder Kampf wurde.
Etwa bei der WM 1985 in Prag, als es den taktisch schlauen Tschechen gelang, die Sowjets in einem Spiel zu besiegen und den Titel zu holen. Oder eben wie 1980 beim Olympischen Turnier in Lake Placid. Die Sowjets verloren gegen ein Team aus US-College-Boys 3:4, Gold ging an die Amerikaner. Bis heute die grösste Sensation im internationalen Eishockey und als «Miracle on Ice» sogar verfilmt.
Wladimir Putin pflegt die Auflösung der Sowjetunion als grösste geopolitische Katastrophe der Geschichte zu bezeichnen. Der Untergang der Sowjetunion war aber auch das Ende des Eishockeys und der Arbeits- und Trainingsmethoden von Wiktor Tichonow. Es war nun nicht mehr möglich, jahrelang Spieler, die zu den besten der Welt gehörten, in einem Team zu trainieren und zu formen. Die Stars wechselten in die NHL – und einige (Slawa Bykow, Andrej Chomutow, Igor Larionow) sogar in die Schweiz.
1992 feierte «Väterchen» Tichonow mit dem Olympiasieg in Albertville seinen letzten Triumph. Zwei Jahre später reichte es in Lillehammer nur noch zum 4. Platz. Seine Ära war beendet. Er musste gehen. In der nun einsetzenden Krise erinnerten sich die Verbandsgeneräle noch einmal in ihren ruhmreichsten Trainer. 2004 kehrte er noch einmal für kurze Zeit als Nationaltrainer zurück, erreichte aber bei der WM nur den 10. Schlussrang.
Ich habe Wiktor Wassiljewitsch Tichonow als freundlichen, zurückhaltenden Mann ohne alle Allüren kennen gelernt. Im Gespräch leise und höflich, manchmal ein bisschen ungeduldig. Offiziell sprach er nur Russisch. Doch einmal, als wir uns über einen offiziellen Übersetzer unterhielten, unterbrach er unwillig seinen Dolmetscher und erklärte in durchaus verständlichem Englisch, was er tatsächlich gemeint hatte.