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Leben mit Schulden
Wer in der Schweiz verschuldet ist, bleibt oft
jahrzehntelang in dieser prekären Lebenssituation.
Zudem haben Armutsbetroffene hierzulande
ein grösseres Risiko, sich zu verschulden. Die beiden
Surprise-Stadtführenden Lilian Senn und Tito
Ries erzählen auf ihren Touren der Sozialen Stadtrundgänge über ihren Weg in die Armut und
ihren jahrzehntelangen Kampf gegen den Teufelskreis der Verschuldung.
«Die Schuldenspirale ist ein Teufelskreis»
Tito Ries war ein erfolgreicher Unternehmer, bis acht Kunden nicht bezahlten. Jahrelang kämpfte er gegen seine Schulden, verlor seine Familie, verfiel dem Alkohol und wurde obdachlos.
«Ich habe 25 Jahre lang erlebt, was es bedeutet, durch Schulden in die Armut zu rutschen und aus der Gesellschaft ausgestossen zu sein. Mein Weg vom Unternehmer zum Obdachlosen verlief über Schulden. Nach meinem zweiten Lehrabschluss als Sanitärplaner machte ich mich mit einer Firma in der Haustechnikbranche selbstständig. Später baute ich zwei weitere Firmen im Bereich Personalberatung auf. Alle drei Firmen liefen erfolgreich. Meine Schuldensituation begann 1996, als acht Baufirmen nicht bezahlen konnten. Sie schuldeten mir 250’000 Franken. Die Folge waren unzählige Betreibungen und Pfändungen. Zwei Monate später kam mein erster Sohn auf die Welt. Ich erlitt ein Burnout. Mein jahrelanger Kampf, meine Schulden in den Griff zu bekommen, endete 2001 mit der Trennung von meiner Frau. Ich hatte keine Arbeit, keine Familie und lebte unterhalb des Existenzminimums. Ich war knapp 40 Jahre alt, als der Alkohol die nächsten zehn Jahre mein Leben bestimmte: Ich wollte meine Schuldgefühle betäuben, was eine jahrelange Abwärtsspirale zur Folge hatte.
Zwar hatte ich immer wieder kleine Aufträge und bewarb mich für Stellen, jedoch ohne langfristigen Erfolg. Einen weiteren beruflichen Neustart musste ich wegen starker Rückenschmerzen und Lähmungserscheinungen abbrechen. Ich konnte meine Miete nicht mehr bezahlen und war ab Mitte 2011 über zwei Jahre lang obdachlos. Ich hatte Glück und fand über persönliche Kontakte ein möbliertes Zimmer. 2015 kam ich mit meiner jetzigen Partnerin zusammen – sie ist seit 20 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Zwei Jahre lang suchten wir vergeblich eine Wohnung. Mit den vielen Betreibungen war es unmöglich, eine günstige und rollstuhlgängige Wohnung zu finden. Uns drohte die gemeinsame Obdachlosigkeit. Ich war verzweifelt – eine gewalttätige Auseinandersetzung führte zu einem Gefängnisaufenthalt.
Heute leben meine Partnerin und ich ein einfaches und gutes Leben. Das Leben mit Schulden ist bis heute ein schwieriges Kapitel für mich. Der ursprüngliche Schuldenberg von 250’000 Franken verfolgt mich bis heute. Weil ich wegen meiner jahrelangen Alkoholsucht und Obdachlosigkeit die Steuererklärung nicht ausgefüllt hatte, stiegen meine Schulden aufgrund der willkürlichen Einschätzungen der Steuerverwaltung auf heute über 600’000 Franken.
Auf meinen Touren als Stadtführer durch Basel erzähle ich darüber, wie der Weg mit Schulden und Betreibungen zurück in die Gesellschaft verschlossen ist: Denn ohne Job und mit vielen Betreibungen findet man keine Wohnung – ohne Wohnung bekommt man aber keine Arbeit. Ein grosses Problem ist die nicht regulierte Inkassobranche mit ihren oft nicht nachvollziehbaren oder widerrechtlichen Gebühren. Für mich bedeutete es, dass mein Schuldenberg immer grösser wurde. Aus eigener Erfahrung weiss ich: Wer wenig Geld hat, kann früher oder später die laufenden Lebenshaltungskosten nicht mehr decken. Überschuldung führt meist in die Armut – und Armut führt oft zu Schulden. Die Schuldenspirale ist ein Teufelskreis, aus dem es fast kein Entkommen gibt.
1998 ging ich das erste Mal zur Schuldenberatungsstelle. Dort erfuhr ich, dass ich meine Schuldensituation nicht lösen kann. Ein Privatkonkurs war an Bedingungen geknüpft, die ich damals und auch heute nicht erfüllen kann. Wer hierzulande verschuldet ist, erhält bis heute keine Chance für eine neue Lebensperspektive. Nicht nur ich, auch meine Familie hatte keine Chance auf einen Neuanfang. Ein Leben in Schulden und ohne Hoffnung auf einen Schuldenschnitt macht krank – das kann ich anhand meiner eigenen Erfahrungen bestätigen. Die Folgekosten der Verschuldung trägt auch die Gesellschaft – in meinem Fall ist dies inzwischen ein Betrag von rund 2 Millionen Franken, wenn man auch die jahrelangen Unterstützungsleistungen berücksichtigt. Stellt man diesem Betrag dem ursprünglichen Verlust von 250’000 Franken gegenüber, wird klar, dass sich dringend etwas ändern muss. Ein Restschuldbefreiungsverfahren hätte mein Schuldenproblem nach ein paar Jahren gelöst – wahrscheinlich wären mir und meiner Familie die gravierenden Folgen erspart geblieben.
«Ein Leben ohne Hoffnung macht krank»
Insolvenz, Schulden und Betreibungen prägten viele Jahre das Leben von Lilian Senn: Zweimal verschuldete sie sich, verarmte und lebte jahrelang unterhalb des Existenzminimums, um ihre Schulden zurückzahlen zu können. Es gelang ihr, schuldenfrei zu werden und dank guter Stellen einen grossen Betrag zurückzuzahlen. Sie kündigte ihre Tätigkeit, verlor die Wohnung und wurde jahrelang obdachlos.
«Armut und Schulden haben mich mein Leben lang begleitet. Ich wuchs mit armutsbetroffenen Eltern auf und habe bereits früh gelernt, mit wenig Geld auszukommen und zu verzichten. Allerdings habe ich nie gelernt zu sparen. Meine Schuldenkarriere begann bereits mit 25 Jahren. Ich lernte meinen ersten Mann kennen, der Schulden hatte. Wir zahlten gemeinsam seine Schulden zurück, was damals kein Problem war, denn wir verdienten zusammen rund 12’000 Franken pro Monat. Später kauften wir ein Haus und bekamen zwei Söhne. Hundert Prozent Arbeit, Haushalt und die Betreuung der Söhne wurden zu viel für mich. Die Folge war ein Burnout und die Scheidung im Jahr 2003.
Ich war Mitte 40 und verschuldet – ich liess mir meine Pensionskasse auszahlen und gründete eine eigene Hilfsorganisation. Leider verlief dieses Projekt im Ausland nicht erfolgreich. Ich kehrte in die Schweiz zurück und sass auf einem Schuldenberg von CHF 250’000. Im Laufe der Zeit verdoppelten sich diese Schulden, da ich keine Einnahmen hatte. Ich musste Insolvenz anmelden und liess mich von Schuldenberatungsstellen beraten. Sie konnten mir jedoch nicht helfen. Ohne Geld bekam ich keine Hilfe zum Abbau meiner Schulden. Dank der Unterstützung eines engagierten Betreibungsbeamten gelang es mir, mit den Gläubigern eine Lösung zu finden – ein Teil der Schulden wurde mir erlassen. Der Beamte erstellte mit mir einen Budgetplan und ermöglichte mir eine «stille» Lohnpfändung, damit mein Arbeitgeber nicht in das Verfahren involviert wurde.
Schliesslich konnte ich zehn Jahre lang bis 2012 meine Schulden in der Höhe von CHF 250’000 zurückzahlen. Hierfür lebte ich jahrelang unterhalb des Existenzminimums. Diese Jahre am Limit waren sehr erdrückend. Deshalb wollte ich 2012 meinem Leben einen neuen Sinn geben und kündigte meine gut bezahlte Arbeitsstelle. Dadurch rutschte ich wieder in die Schulden ab. 2013 konnte ich meine Miete nicht mehr bezahlen, wurde obdachlos und lebte rund vier Jahre lang in Basel in Notschlafstellen, Kirchen oder bei einer befreundeten Pastorin.
In meinem aktuellen Betreibungsauszug werden noch Schulden im Umfang von 100’000 Franken ausgewiesen. Der zweite Schuldenberg fing mit meinen unbezahlten Wohnungsmieten im Umfang von rund 25’000 Franken an, später folgten unbezahlte Krankenkassenprämien und Steuerschulden. Ein grosser Anteil der Schuldensumme setzt sich allerdings aus Gebühren für Betreibungen und Pfändungen von Inkassobüros und Betreibungsämtern zusammen – dadurch entstand in zehn Jahren ein riesiger Schuldenberg. Einige Schuldtitel hat die Krankenkasse an eine Inkassofirma verkauft. Ich kann nicht nachvollziehen, wie es der Staat zulässt, dass die Krankenkassen auf dem Rücken von Armutsbetroffenen Profit machen.
Die jahrelangen Schulden lähmten mich. Als ich bemerkte, dass ich nichts dagegen unternehmen kann, gab ich auf. Es macht mich wütend, dass Organisationen Millionen an den Schuldscheinen verdienen, aber die Betroffenen sich ohne Unterstützung nicht aus der Schuldenspirale befreien können.
Auf meinen Touren als soziale Stadtführerin ist es mir ein grosses Anliegen, die persönlichen Folgen von Armut und Schulden aufzuzeigen. Denn ein Leben ohne Hoffnung macht krank. Oft wusste ich nicht mehr weiter und hatte Suizidgedanken. Verzweifelt suchte ich nach Lösungen und Geld, denn ich wollte es ohne staatliche Hilfe schaffen und habe nie Unterstützung bei der Sozialhilfe beantragt.
Für ein menschenwürdigeres Leben ist ein künftiges Restschuldbefreiungsverfahren eine grosse Chance für einen Neustart. Diese Möglichkeit wäre eine Entlastung – auch für meine beiden Söhne. Sie könnten nicht mehr für meine Schulden zur Rechenschaft gezogen werden. Dies ist seit vielen Jahren eine grosse Belastung für mich. Bedrückend sind die Schuldzuweisungen aus der Gesellschaft: Viele denken, dass Armutsbetroffene mit Schulden selbst schuld sind. Aber Schulden und Armut können jeden treffen.