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Sonntagabend, 20 Uhr. Interessierte schauten gebannt auf den Fernseher, wo entweder das private TF 1 oder der staatliche Sender France 2 liefen, selbst das Schweizer Fernsehen hatte in ihrer Sondersendung TV-Bildschirme dieser beider Kanäle aufgestellt. Das Resultat ist bekannt: Hollande führt vor Sarkozy, Le Pen, Mélenchon und Bayrou. Die restlichen Kandidaten konnten kaum nennenswerte Stimmanteile verbuchen.
Hollande mit über 28% vorneGemäss dem staatlichen TV-Sender France 2 liegt der für die Parti Socialiste angetretene François Hollande nach Auszählung der meisten Stimmen mit fast 29% der Stimmen an der Spitze, gefolgt von Nicolas Sarkozy (UMP) mit 27%. Mit 18% konnte die rechtsextreme Front National überraschend viele Stimmen verbuchen, Umfragen hatten Marine Le Pen rund 16 Prozent attestiert, nun holte sie zwei Prozentpunkte mehr als ihr Vater zehn Jahre zuvor, als der zulasten von Premierminister Lionel Jospin in die Stichwahl einziehen konnte und Frankreich in einen Schockzustand warf. Addiert mit den 11% des Linkspopulisten Jean-Luc Mélénchon gingen satte 29% der Stimmen an politische Extreme, was vor allem mit dem Blick auf Le Pen besorgniserregend wirkt. Der Mittepolitiker François Bayrou, der in der Stichwahl das Zünglein an der Waage spielen kann, erreichte zwar beachtliche 9.1% der Stimmen, konnte jedoch seinen Erfolg von 2007 nicht wiederholen, als 16.8% der Wähler seinen Namen auf den Zettel schrieben. Die Stimmbeteiligung lag um 17 Uhr bei rund 70%, was weniger war als vor fünf Jahren, dennoch überraschend hoch, da zur Zeit in Frankreich Schulferien angesagt sind und viele Bürger deshalb nicht im Land weilen. Sarkozy musste gegenüber 2007 erhebliche Einbussen hinnehmen, während Hollande gegenünber seiner ehemaligen Lebensgefährtin und damaliger PS-Präsidentschaftskandidatin Segolène Royal zulegen konnte. So holte die PS dieses Jahr auf der karibischen Inselgruppe Guadeloupe satte 21% mehr Stimmen als vor fünf Jahren, während Sarkozy just um diesen Fünftel an Wähler verlor.
Die Differenz zwischen Hollande und Sarkozy fällt aber geringer aus als erwartet. Nichtsdestotrotz wurde erstmals in der Geschichte der Fünften Französischen Republik der amtierende Präsident im ersten Wahlgang von seinem Herausforderer geschlagen. Das Volk ist gespannt, wie Le petit Nicolas auf diese Niederlage reagieren wird. Seine UMP konnte vor allem in den Grenzregionen zu Deutschland, der Schweiz und Italien sowie auf Korsika und in ländlichen Regionen des Loiretals punkten, während der grösste Teil der Atlantikküste, die westlichen Mittelmeerdépartements sowie die Grenzregion zu Belgien die meisten Stimmen Hollande zukommen liessen. Das Département Gard, dessen Hauptstadt Nîmes ist, scheint fest in rechtspopulistischer Hand zu sein, hier holte die FN am meisten Voten.
Was die Stichwahl mit sich bringt
Nun ist es auch definitiv, dass es am 6. Mai zu einer Stichwahl kommt, bei der sich François Hollande und Nicolas Sarkozy gegenüberstehen. Hollande kann dabei auf einen Grossteil der Stimmen von Mélenchon rechnen, da dieser im Vorfeld der Wahl eine Empfehlung für Hollande im zweiten Wahlgang abgegeben hatte. Marine Le Pen hat noch kein Bekenntnis abgegeben, es ist aber anzunehmen, dass sicherlich die von Sarkozy zu ihr übergelaufenen Stimmen wieder den amtierenden Präsidenten wählen, aber ob eingefleischte FN-Wähler Sarkozys Zettel in die Urne werfen werden ist fraglich. Die Empfehlung des Mittepolitikers François Bayrou wird wohl eine entscheidende Rolle spielen, seine Wählerschaft könnte auf beide Seiten eine Mehrheit für die Kandidaten schaffen. Bisher hat sich Bayrou noch nicht geäussert. Sollten die Wähler von Sarkozy, Le Pen und Bayrou geschlossen hinter Sarkozy stehen, könnte dieser maximal 53% erringen, was jedoch unwahrscheinlich ist. Hollande würde mithilfe aller linksgerichteten Parteien rund 44 Prozent (mit Bayrou ebenfalls knapp 53%) erhalten, zusätzlich Stimmen aus anderen politischen Lagern, vor allem Protestwähler Le Pens. Umfragen haben ergeben, dass 57% der Befragten in einer Stichwahl die Stimme Hollande geben würden.
Die Sondersendung des Schweizer Fernsehens vom 22. April 2012, 19:55 Uhr
Videokommentar des NZZ-Korrespondenten Manfred Rist