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Letzthin in der Reitschulbeiz «Sous le pont» in Bern, Gespräch mit B. S. über meine Motivation als Journalist. Ich äussere mich desillusioniert, er fordert, ich müsse mit meiner Arbeit doch für irgendetwas einstehen, für «Wahrheit» beispielsweise.
Dass ich spontan hilflos auflache, macht ihn für einen Augenblick perplex. Irgendwelche ideellen Gründe muss ein WoZ- respektive neuerdings WOZ-Journalist doch ins Feld führen können: Weshalb sonst sollte er die Arbeit seiner besten Berufsjahre derart unter dem Marktwert verkaufen? Mir geht durch den Kopf, inwiefern B. als Theologe auf die Gültigkeit der grossen Wörter angewiesen sein könnte und führe dann mein berufsethisches Standardargument an, mit meiner journalistischen Schreibarbeit könne ich äusserstenfalls erreichen, relativ Mächtigeren, die zu ihrer Legitimation darauf angewiesen seien, bis zu einem gewissen Grad «recht» zu haben, öffentlich nachzuweisen, dass auch sie nicht recht hätten (sondern eben Macht).
Mein Job sei, kurzum, Machtansprüche nach bestem Wissen und Gewissen zu delegitimieren, Machtausübende immer wieder zu neuerlicher Legitimation und damit zu neuerlicher Ideologieproduktion zu provozieren, die danach neuerdings ideologiekritisch anzugreifen sei, und so weiter. Eine Versöhnung gebe es nicht, denn im gesellschaftspolitischen Raum gebe es keine Wahrheit, sondern ausschliesslich Interessenlagen. Für mich als Journalist sei demnach das zu Schreibende und in diesem Sinn als hier und jetzt gültig Erkannte nicht «Wahrheit», sondern Ausdruck und Abbild einer aktuellen Interessenkonstellation, das heisst eines aktuellen Machtverhältnisses, insoweit es sich in Wörtern ausdrücke, respektive in den mir zur Verfügung stehenden Wörtern ausdrücken lasse.
Erst jetzt, in der Einleitung zu Laudses «Daudesching» lesend[1], verstehe ich mein hilfloses Lachen im Gespräch mit B.: Konfuzius habe darüber geklagt, dass «wenn die Namen nicht richtig» seien, «die Sprache mit der Wahrheit nicht übereinstimmt» (S. 47). Das heisst: Wahrheit in der Sprache setzt «richtige Namen» voraus. Ich bin aber der Meinung, dass «Namen», das heisst Begriffe nicht «richtig» oder «falsch» sein können, weil sie jederzeit umstrittene, gesellschaftliche Konventionen sind und den Dingen rein äusserlich bleiben. Ich glaube auch nicht, dass irgendeine Sprache mit der «Wahrheit» übereinstimmen kann, nicht einmal, dass sie dies sollte. «Wahrheit», vermute ich, ist nur wahr, insofern sie ausserhalb der Sprache wahr ist. In Sprache gefasste «Wahrheit» ist entweder Regel, Norm, Gesetz – also sanktionierbar –, oder sie ist blosser ideologischer Schein – also falsch.
Nichts anderes ist ja jeder Versuch zur journalistischen Wahr-Sagerei: «sagbar das Dau / doch nicht das ewige Dau / nennbar der name / doch nicht der ewige name». Mit diesen Worten beginnt Laudses erster Abschnitt (S. 51). Im Universum des Relativen hilft die Postulierung eines Absoluten nichts; ebensogut könnte man zur Orientierung für Schiffe Holzpfosten ins Meer schlagen wollen. Gibt es nicht so etwas wie eine zu stark logozentrische Konzeption von «Wahrheit»? Stellt sich «Wahrheit» nicht viel eher im Handeln der Menschen her, wenn klar wird, was sie zuvor mit dem Gesagten wirklich gemeint haben? Es ist ja viel einfacher, uneigentlich zu kommunizieren als uneigentlich zu handeln.
[1] Ich las damals in der Ausgabe von Ernst Schwarz [Hrsg]: Laudse. Daudesching. Leipzig (Verlag Philipp Reclam jun.) 1978.