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Unsere Endlichkeit ist gegeben
Eine Freundin besucht mich, erzählt, sie habe per Zufall eine Schulfreundin getroffen, die in Äthiopien mit Mikrokrediten Frauen unterstütze. Spontan sei sie nach Addis Abbeba gereist, um sich ein Bild vor Ort zu machen.
Das Projekt in Afrika habe sie Demut gelehrt. Sie berichtet von einer jungen Frau, die als Baby auf einer Müllhalde ausgesetzt und gefunden wurde. Später im Alter von etwa 15 Jahren ist sie von 16 Soldaten vergewaltigt worden, die sie anschliessend einfach auf die Strasse geworfen haben, wie ein Stück Dreck. Wieder hat man sie mitgenommen und „zusammengeflickt“.
Von einem ihrer Vergewaltiger ist sie schwanger geworden und hat Zwillinge geboren, für die sie gesorgt hat. Vor kurzem hat sie die Diagnose Brustkrebs im Endstadium erhalten, ihre Kinder sind 8 Jahre alt. Meine Freundin meint, die Frau strahle eine unwahrscheinliche Ruhe und Würde aus, und ihr selbst sei klar geworden, dass sie in ihrem privilegierten Leben nicht den geringsten Grund habe, sich über etwas zu beschweren, zu jammern. Die Reise in dieses Land habe ihre Sicht aufs Leben verändert.
Dann sprechen wir über die Endlichkeit. Meine Freundin hat mit elf Jahren erlebt, dass ihre Mutter eine Hirnblutung hatte und drei Monate im Spital lag. Ihr sei damals klar geworden, dass es keine Garantie gebe, alt und schrumplig zu sterben. Ihre Mutter lebt heute noch. Aber mit 23 Jahren hat meine Freundin ihren Vater verloren. Er ist beim Velofahren umgefallen, weil er einen Hirnschlag hatte. Im Spital versetzten sie ihn einige Tage in ein tiefes Koma, in der Hoffnung, dass sich sein Hirn erhole. Als sie ihn dann aber aus dem Koma holten, konnten sie nur noch seinen Hirntod feststellen und stellten kurz darauf im Einverständnis mit der Familie die Maschinen ab. Sie habe von ihrem Vater Abschied nehmen können.
Diese Erlebnisse hätten sie geprägt, ihr sei die Endlichkeit des Lebens und die Kostbarkeit der Zeit sehr bewusst.