Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/80202

<h2>SubmittedText<h2><p>Das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, ist im Umkreis von fünf Kilometern eines Atomkraftwerks erhöht. Das ist das Ergebnis einer Fallkontrollstudie des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz, die im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) durchgeführt wurde. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits Peter J. Baker (Meta-analysis of standardized incidence and mortality rates of childhood leukaemia in proximity to nuclear facilities, in: European Journal of Cancer Care, 2007, 16 355-363). Bei ihm heisst es: "The meta-analysis was able to show an increase in childhood leukaemia near nuclear facilities." Der Bundesrat wird beauftragt:</p><p>1. Eine Fallkontrollstudie betreffend Leukämie bei Kindern im Umfeld von Atomkraftwerken von unabhängigen Experten durchführen zu lassen. Die Einzugsgebiete sind so festzulegen, dass statistisch aussagekräftige Analysen möglich sind.</p><p>2. Auch die Krebsrate von Erwachsenen im Umfeld von Atomkraftwerken ist mit Fallkontrollstudien und auf Basis von kantonalen Krebsregistern oder Befragungen von Ärzten zu analysieren.</p><p>3. Ein weiteres Studienprogramm soll der Fragestellung nachgehen, inwiefern sich die radiologische Wirkung von Atomanlagen von der natürlichen Strahlung unterscheidet, was die erhöhte Häufigkeit von Krebs in der Umgebung von Atomkraftwerken erklären kann.</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Der Bundesrat hat Kenntnis von den Resultaten der vom Motionär aufgeführten Studien. Im Umkreis von 5 Kilometern von 16 deutschen Atomkraftwerken sind in der Zeitspanne zwischen 1980 und 2003 insgesamt 77 Fälle bösartiger Neubildungen von Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren aufgetreten. Im statistischen Durchschnitt wären 48 Fälle zu erwarten gewesen. Zum Vergleich: In Deutschland sind in dieser Altersgruppe zwischen 1980 und 2003 insgesamt 13 373 bösartige Neubildungen aufgetreten. </p><p>Zur Ursache des vermehrten Auftretens von Krebserkrankungen bei Kindern in der Umgebung von Kernkraftwerken können die deutschen Experten jedoch keine gesicherten Aussagen machen. Die zusätzliche Strahlenexposition der Bevölkerung durch den Betrieb der Kernkraftwerke ist so gering, dass der Effekt nach heutigem Stand der Wissenschaft dadurch nicht erklärt werden kann. Die Resultate müssen in internationalen Expertengremien diskutiert werden.</p><p>Der Bundesrat nimmt die Ergebnisse der deutschen Studie zum Anlass, die Situation auch in der Schweiz vertieft zu untersuchen. Das Kinderkrebsregister der Schweizerischen pädiatrischen Onkologiegruppe verfügt über gute und genügend vollständige Daten. Eine vergleichbare Studie ist bezogen auf Krebserkrankungen bei Kindern auch in der Schweiz machbar. Etwas anders verhält es sich bei Untersuchungen über Krebserkrankungen von Erwachsenen. Eine solche Untersuchung stützt sich auf die kantonalen Krebsregister ab. Es ist davon auszugehen, dass die zehn Register nur etwa 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung abdecken. </p><p>1. Der Bundesrat ist bereit, gestützt auf Daten des Schweizerischen Kinderkrebsregisters eine Studie über Leukämie bei Kindern, die in der Nähe von Kernkraftwerken wohnen, zu veranlassen. Der Bund beteiligt sich im Rahmen der bei der zuständigen Stelle im Voranschlag und Finanzplan eingestellten Mittel an der Studie. Voraussetzung ist allerdings, dass eine ausgewogene Finanzierungslösung unter den interessierten Stellen und Organisationen gefunden werden kann. Erste Ergebnisse sind im Jahr 2010 zu erwarten.</p><p>2. Eine entsprechende Studie mit Erwachsenen im Umfeld von Kernkraftwerken ist mit der heutigen unvollständigen Datenbasis noch nicht durchführbar. Aus Sicht des Bundes muss zunächst die Datenerhebung und -auswertung der bestehenden kantonalen Krebsregister vereinheitlicht werden, damit eine gesamtschweizerische Auswertung möglich ist (vgl. die Stellungnahme zur Motion Müller Geri 07.3638, "Flächendeckendes Schweizer Krebsregister").</p><p>3. Die radiologische Wirkung künstlich erzeugter und natürlicher Radioaktivität wird seit Jahrzehnten untersucht. Die Resultate werden regelmässig von einem wissenschaftlichen Komitee der Vereinten Nationen bewertet und publiziert. Sowohl die Strahlung selbst als auch die Wirkungsmechanismen künstlich erzeugter und natürlicher Strahlung sind nach heutigem Wissen vergleichbar. Von zusätzlichen schweizerischen Studienprogrammen sind angesichts der grossen internationalen Forschungsanstrengungen in diesem Bereich realistischerweise keine oder nur wenig neue Erkenntnisse zu erwarten. Der Bundesrat erachtet die Durchführung zusätzlicher Arbeiten zur Frage, inwieweit sich die radiologische Wirkung von Kernkraftwerken von der natürlichen Strahlung unterscheidet, nicht als nötig.</p> Der Bundesrat beantragt die Annahme von Ziffer 1 und die Ablehnung der Ziffern 2 und 3 der Motion.