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Der Brief an den Beobachter endet mit einer verzweifelten Bitte: «Helfen Sie mir, meine Tochter zu finden.» Das war vor über einem Jahr. In der Zwischenzeit hat die 62-jährige Iris Gut (Name geändert) mit Hilfe des Beobachters ihre erwachsene Tochter gefunden. Sie war ihr bei der Geburt 1967 weggenommen und zur Adoption freigegeben worden. Vor acht Wochen hat sie ihre Tochter Franziska zum ersten Mal nach vier Jahrzehnten gesehen. Ein Happy End, würde man meinen. Doch das wirkliche Leben ist nicht schwarzweiss, sondern grau. Iris Gut ist in schwere Gefühlsturbulenzen geraten: «Ich muss mich erst wieder finden», sagt sie. Auch deshalb erzählt sie ihre Geschichte.
Sie sitzt in der Wohnstube, blickt nach draussen auf den Vorplatz, das Biotop, die lila Malven. Sie wohnt mit ihrem Partner in einem gemütlichen Häuschen in einer Berner Landgemeinde, wo sie als Kinesiologin arbeitet. Graues, kurzes Haar, eine Perlmuttkette um den Hals, freundliche Augen, ein offenes, waches Gesicht. Sie wirkt jünger. Ihre Worte wägt sie ab, bevor sie sie entlässt. Manchmal schweigt sie, hält für eine Gedankenlänge inne - um im Tonfall eines sachlichen Berichts weiterzufahren. Es gibt wohl keinen angemessenen Ton, mit dem man diese Geschichte erzählen könnte: Es ist die Geschichte einer ledigen schwangeren Frau, die in den sechziger Jahren von ihren Eltern gezwungen wird, ihr Baby zur Adoption freizugeben. Denn es wäre ein uneheliches Kind geworden. Eine Schande in jener Zeit - heute ist das kaum mehr nachzuvollziehen. Iris Gut beginnt zu erzählen. Der Kaffee vor ihr wird bald kalt sein.
«Meine Mutter wollte, dass ich abtreibe. Wir waren bei drei Frauenärzten. Alle weigerten sich, den Eingriff vorzunehmen. Ich war ja bereits im vierten Monat. Mein Freund und ich waren noch in der Lehre. Wir wollten eigentlich heiraten. Meine Eltern fürchteten um den Ruf meines Vaters: Er hatte eine Zahnarztpraxis. Alles nur, weil das Kind vor der Eheschliessung zur Welt gekommen wäre. Ich wurde sehr streng katholisch erzogen. Natürlich fragte ich mich hundertmal, warum ich damals nicht aufbegehrte. Aber ich kann es ja heute noch nicht. In der Praxis eines Psychiaters und im Beisein meiner Mutter musste ich die Verzichtserklärung unterschreiben. Ich tat das nicht freiwillig, sondern unter grossem Druck. Nicht zu unterschreiben stand gar nicht zur Diskussion.
Dann musste ich aus unserem Wohnort verschwinden. Ich war in der Lehre, lernte Hochbauzeichnerin - von einem Tag auf den anderen wurde ich aus dem Büro und der Gewerbeschule genommen. Man wollte alles verheimlichen. Ich war im vierten Monat, sehr schlank, man sah noch nichts. Ein Chefarzt des Kantonsspitals Baden nahm mich für die nächsten fünf Monate in seinem privaten Haushalt auf. Er war ein feiner, freundlicher Mann. Ich lebte dort mit seiner Familie, half mit, goss die Blumen.
Die Geburt meiner Tochter war am 16. April 1967 im Kantonsspital Baden. Es war so gegen fünf Uhr morgens, als ich die Wehen spürte. Einsam lag ich im Gebärsaal, mehrere Stunden. Da war nur eine dicke, eklige Fliege, die immer wieder die Scheibe hochkletterte, herunterfiel, hochkletterte, herunterfiel. Endlos. Die Fliege war mein einziger Begleiter. Ich gebar unter Narkose, meine Tochter habe ich nie gesehen. Es ist für mich traumatisch, dass ich dem Kind nie ein Gesicht geben konnte. Immer wieder träume ich diese Geburt. Zwei Wochen nach der Geburt kehrte ich ins Elternhaus und ins Büro zurück. Als ob nichts passiert wäre.
Mein Leben aber war bis ins Tiefste erschüttert. Hilfe bekam ich keine. Ein Gespräch mit meinen Eltern fand nie statt. Meine Mutter lebt noch. Die Beziehung zu meinem Freund, meiner Jugendliebe, ist an all dem zerbrochen. Er ging für fünf Jahre nach Amerika. Dutzende von Therapiestunden haben mir nicht helfen können. Auch eine spätere Beziehung, aus der zwei Söhne hervorgingen, hat nicht gehalten. Andere Beziehungen auch nicht. Ich konnte nicht mehr von Herzen lieben.
Jahre später versuchte ich, meine Tochter zu finden. Ein Mitglied der Behörde sagte mir am Telefon, meine Tochter wohne im Aargau, sei Gärtnerin, weile zurzeit ein Jahr in Australien. Man habe meine Adresse bei den Adoptiveltern deponiert. Doch die Behörde hatte mich rabenschwarz angelogen, wie sich dann später beim Treffen mit meiner Tochter herausstellte. Als ich damals nie etwas von ihr hörte, dachte ich, sie wolle nichts von mir wissen. Seither wartete ich immer. Dass man mir Hoffnung machte, finde ich unfair.
Erst nach Erscheinen des Beobachter-Artikels (siehe unter Artikel zum Thema «Sie rissen mir mein Kind aus den Armen») wagte ich es, meine 87-jährige Mutter auf das Thema anzusprechen. Doch es kamen nur Vorwürfe: Ich sei selber schuld, hätte nicht mit dem Freund ins Bett gehen müssen. Sie weiss noch nicht, dass ich nun meine Tochter gefunden und mich mit ihr getroffen habe.
Wir trafen uns vor zwei Monaten im Bahnhof Luzern. Wir erkannten uns sofort, denn wir hatten uns vorgängig Fotos geschickt. Als Erstes ging mir durch den Kopf: Endlich! Endlich ist ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen! Freude? Nein, irgendwie nicht. Ich bin vorsichtig geworden. Wir trafen uns um 10.45 Uhr und redeten auf einem Bänkli am See bis um vier Uhr nachmittags. Es war einer der ersten schönen Sommertage. Wir erzählten einfach drauflos, vermieden Fragen, das machte vieles einfacher. Sie warf mir nichts vor. Weinen musste ich nicht. Sie auch nicht. Vielleicht ist das ein Schutzmechanismus, denn ich möchte nicht noch einmal verletzt werden. Auch als sie mir Fotos von sich als Baby zeigte, weckte das nichts in mir. Es tat mir einfach nur leid, dass sie nicht bei mir aufwachsen durfte. Es ist ein fremder Mensch, den ich da kennenlernte. Da macht man sich 40 Jahre lang Vorstellungen, wie es wohl wäre, wie es sein könnte - und dann ist es völlig anders.
Für mich ist es jetzt schwierig, mit meinen Gefühlen klarzukommen. Ich bin mir ganz fremd geworden. Die Scham ist tief vergraben, das schlechte Gewissen ist mein Begleiter. Aber man kann es nicht ungeschehen machen. Noch heute kann ich Fliegen nicht ertragen.»
Adoptionsgeheimnis: Es tut sich noch immer nichts
«Gefallene Mädchen», die bis in die siebziger Jahre oft unter grossem Druck ihre unehelichen Kinder zur Adoption freigaben, haben kein Recht, die neue Identität ihrer Kinder zu erfahren. Das Adoptionsgeheimnis verbietet dies.
Auf Anregung des Beobachters reichte CVP-Präsident Christophe Darbellay 2006 im Parlament eine Motion ein: Das Adoptionsgeheimnis soll für diese Frauen gelockert werden. 69 Parlamentarier von links bis rechts unterzeichneten den Vorstoss. Der Bundesrat signalisierte in seiner Antwort Zustimmung: Man könne «die Augen nicht vor der tragischen Situation» dieser Mütter verschliessen. Deshalb sei er bereit, «das Anliegen zu prüfen». Doch der Vorstoss liegt seither unbehandelt in den Katakomben des Parlaments.