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Der Landschaftsgestalter Gilles Clément wurde 1943 in Argenton sur Creuse geboren. Als ausgebildeter Gartenbauingenieur und Landschaftsgärtner, auch als Entomologe, Botaniker, Schriftsteller und Künstler, konzipiert und realisiert er seit 1972 Parkanlagen, Gärten, private und öffentliche Räume. Parallel dazu unterrichtet er an der École nationale supérieure du paysage in Versailles (ENSP) [Nationale Hochschule für Landschaft], der Wiege der Erneuerung des französischen Landschaftsdenkens, bei dem er einer der wichtigsten Akteure war.
Der Garten in Bewegung
In «La Vallée», seinem Garten im Departement Creuse, beobachtet er den Reichtum der Brachen, die Illusion der totalen Kontrolle über die Natur – «man kommt gegen den Wind nicht an» – und das Interesse, die Natur zu begleiten statt sie einzuengen. Er definiert das Konzept des «Gartens in Bewegung» als einen «Geisteszustand», der «den Gärtner dazu bringt, mehr zu beobachten und weniger einzugreifen». Und zum ersten Mal wendet er das Konzept im öffentlichen Raum auf einem Grundstück im André Citroën-Park in Paris an. 1991 publiziert er bei Sens & Tonka sein Werk «Le Jardin en mouvement», das seither mehrmals neu aufgelegt wurde. Er gestaltet zahlreiche Gärten, die auf dieser Art der Pflege beruhen, worunter insbesondere den Garten der landwirtschaftlichen Schule Jules Rieffel in Saint Herblain.
In Frankreich ist Gilles Clément Urheber wichtiger Werke wie des Jardin des Méditerranées in der Domaine du Rayol (Var), des Parks Matisse in Lille, des Parc Oriental de Maulévrier in Maine-et-Loire, der Gärten der Abtei Valloires in der Picardie, der Gärten des Schlosses Blois, der Gärten in der Défense, des Museums des Quai Branly in Paris – unter anderen. Er reist, beobachtet, lernt und arbeitet auf der ganzen Welt an Gartengrundstücken mit köstlichen Namen, darunter der Arbre-Ballon in Brüssel, der Ti-Jean-Garten auf der Insel La Réunion, der Garten bei Pamplemousses auf Mauritius.
Der Planetengarten
Das Thema Planetengarten wurde 1996 im Essayroman "Thomas und der Reisende" (Albin-Michel) skizziert und war 1999-2000 Gegenstand einer grossen Ausstellung in der Grande Halle in der Villette, Paris. Gilles Clément skizzierte die Endlichkeit des Lebens und die Grenzen der Biosphäre, ähnlich wie in einem Garten. « Diese Beobachtung erschüttert unsere Beziehung zur Natur zutiefst und verweist die Menschheit - den Passagier auf Erden - auf ihre Rolle als Verantwortliche für ein selten gewordenes und zerbrechliches Leben, ihre Rolle als Gärtnerin.» Die Ausstellung stiess auf grosses Echo.
Das Manifest des Dritten Landschaftsraums
Mit dem 2004 publizierten und in viele Sprachen übersetzten «Manifest des Dritten Landschaftsraums» überschritt Gilles Cléments Bekanntheit die Grenzen Frankreichs. Im Rahmen einer Landschaftsanalyse der Gegend von Vassivière im Limousin entstand das Konzept «der Dritte Landschaftsraum - ein "unentschiedenes" Fragment des Planetengartens.» Es beschreibt die Summe aller Räume, in denen der Mensch die Landschaft ausschliesslich der Natur überlässt. Also handelt es von aufgegebenen städtischen oder ländlichen Gebieten, Übergangsräumen, Brachen. Diese nicht mehr bewirtschafteten Standorte nehmen die sonst überall verdrängte biologische Vielfalt auf, und aus eben diesem Grund sind sie kostbar geworden. Als symbolisches Werk von Gilles Clément wächst ein Garten des Dritten Landschaftsraums, bestehend aus Pflanzen, die keiner Pflege bedürfen, frei auf dem Dach der ehemaligen U-Boot-Basis Saint-Nazaire.
Collège de France und Cerisy
Gilles Cléments Erfahrung und seine theoretische Arbeit erneuern das Verhältnis zur Natur, die Wahrnehmung ihrer Dynamik und die Art und Weise, wie man in sie eingreift. 2011-2012 war er eingeladen, den Lehrstuhl für künstlerisches Schaffen am Collège de France zu übernehmen. Seine Lehrtätigkeit konzentrierte sich auf «Gärten, Landschaft und Naturwissenschaftliche Technik». Nach und nach ging er von der Realisierung der Gärten zu Design und Text über. Er veröffentlichte mehr als dreissig Bücher, Essays, Erzählungen und Romane. Aufgrund seiner Arbeiten kamen zwei Cerisy-Symposien zustande, eines 2016 über Gärten in der Politik, das andere 2018 über globale Umwälzungen. Seine Erfahrungen und Überlegungen, wie man Vielfalt nutzen kann, ohne sie zu zerstören, haben ihm ein weltweites Publikum verschafft.
Gärten des Widerstands
Diese Bekanntheit erzeugt Multiplikatoreffekte. Im Jahr 2011 schlägt Gilles Clément eine Schule für «die Anerkennung der Vielfalt in der Stadt» vor. Aus dieser Idee entsteht eine erste Schule des Planetengartens in Essonne. Andere werden unter seiner Schirmherrschaft eröffnet. Er leitet den Verein Perou (Pôle d'exploration des ressources urbaines [Forschungsstelle für städtische Ressourcen]), ein Labor für Forschung und Aktion in der feindlichen Stadt, das Migranten, Roma, Menschen in prekären Situationen unterstützt und für sie eintritt.
Beim Konzept des «symbiotischen Menschen» beschäftigt er sich mit der Frage des Recyclings: Wie können wir der Umwelt die aus ihr gewonnene Energie zurückgeben, ohne Schaden anzurichten? Er versteht den Garten als ein Widerstandsprojekt, gerichtet gegen Massenvertrieb und übermässigen Verbrauch. Er unterstützte die Projekte für ökologischen Landbau, für ein Leben in einer nicht marktbezogenen Gesellschaft und andere gemeinschaftliche Experimente, welche die Bewohner im Gebiet von Notre-Dame-des-Landes in der Nähe von Nantes durchführten, die sich erfolgreich dem Projekt eines Grand Ouest-Flughafens widersetzten.
Der in Besitz genommene Boden
Von Solac in der Herzegowina über Lecce in Apulien bis zum Quartier Le Vallon in Lausanne hat Gilles Clément den Umgang mit dem in Besitz genommenen Boden weiterentwickelt: Es gilt, gemeinsam zu handeln und die sich selbst überlassenen und deshalb biologisch vielfältigen, privaten oder öffentlichen, Räume für die Allgemeinheit zu erhalten.
Lorette Coen
Kuratorin
Werkliste und vollständige Bibliographie auf