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Im Dachstuhl der Kirche Leutwil befinden sich die zwei spezielle Särge, in der Literatur «Leutwiler Pestsärge» genannt. Sie sind Zeugen der Pest von 1628–29, der über 200 Menschen aus der Kirchgemeinde zum Opfer fielen.
Pest, auch «Schwarzer Tod» genannt, ist eine hochinfektiöse Krankheit, die bei epidemieartigem Ausbruch immer wieder sehr viele Menschenleben kostete. In Europa wurde in der grossen Pestepidemie in der Mitte des 14. Jahrhundert etwa ein Drittel der in Europa lebenden Menschen dahingerafft.
Während solcher Epidemie starben innerhalb von kurzer Zeit sehr viele Menschen, die aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr so schnell als möglich beigesetzt werden mussten. Wegen der Massensterben war es auch nicht mehr möglich, Verstorbene in der üblichen Bestattungsweise (Erdbestattung in Einzelgräbern, bei der auch der Sarg in der Erde verblieb) beizusetzen. Stattdessen wurden Massengräber errichtet.
Aufgrund der Anzahl der Toten und der Tatsache, dass oft auch die notwendigen Särge fehlten, wurde ein spezieller, wiederverwendbarer Sargtyp entwickelt, eben der «Pestsarg». Diese Särge waren mit einem speziellen Klappmechanismus so konstruiert, dass sie nach unten aufgeklappt werden konnten. Sie wurden mit den Leichen bis zu den jeweiligen Massengräbern transportiert, dort geöffnet, sodass die Leichen nach unten ins Grab fielen. Die Pestsärge konnten anschliessend für die nächsten Toten wiederverwendet werden. Üblich waren zwei Masse dieser Särge: je einer für einen erwachsenen Menschen und für ein Kind.
Die beiden Särge, die in der Kirche Leutwil aufbewahrt werden, sind sehr gut erhalten. Sie haben die Masse 1,96 cm und 1,51 cm in der Länge. Es handelt sich also um je einen Erwachsenen- bzw. einen Kindersarg.
Die Skizze (nach Reinhold Bosch, in: Die Kirche von Leutwil, Seite 12) zeigt die Konstruktion des einen Pestsarges von Leutwil (den hinteren Sarg auf dem Foto)
Viele weitere Informationen über diesen Sargtyp sind im aufschlussreichen Artikel des Historikers Stefan Hess «Der sogenannte Pestsarg von Mandach: ein aufschlussreiches Zeugnis frühneuzeitlicher Sepulkralkultur» (in: «Argovia: Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau» von 2013) zu finden. Hier wird auch die Tatsache erwähnt, dass das Modell des «Pestsarges» nicht nur während diesen Epidemien zum Einsatz kamen, sondern dass sie vielmehr auch bei Bestattungen von Menschen zum Einsatz kamen, deren Hinterbliebene sich keinen Individualsarg leisten konnten (der ja im Grab verblieb). Der Autor geht davon aus, dass, zumindest im 16. Jahrhundert, die meisten Kirchgemeinden solche wiederverwendbaren Särge zur Verfügung hatten und sie bei Bestattungen einsetzten: «Solche wiederverwendbaren Gemeindesärge ermöglichten den ärmeren Schichten ebenfalls ein würdiges Begräbnis. Dem widerspricht auch die konstruktive Funktionalität und Schmucklosigkeit der meisten erhaltenen Exemplare nicht, denn meist war der Sarg beim Transport der Leiche mit einem Bahrtuch belegt, das ebenfalls von der Kirchgemeinde zur Verfügung gestellt wurde.» Deshalb und aufgrund neuerer Untersuchungen zu diesem Thema schlägt der Autor vor, den Begriff «Pestsarg» nur mit Vorbehalt zu verwenden, da es sich bei diesem Sargtyp oft auch um den erwähnten Kirchgemeindesargtyp handelte.
Wer den Film «Amadeus» von Miloš Forman (1984) gesehen hat, wird sich sicherlich an die bewegende Schlussszene erinnern, in der der mit erst 35 Jahren Verstorbene – bei strömendem Regen, ohne Angehörige, nur mit einem Kutscher, drei Friedhofsdienern und einem Geistlichen – in aller Eile und mit dem auf das unabdingbare Minimum Reduzierte an sakraler Handlung beigesetzt wird. In dieser Friedhofs- und Begräbnissszene rückt der Sarg filmisch schrittweise in den Mittelpunkt; sie kulminiert (auch und gerade mit dem raffiniert eingesetzten Soundtrack) mit dem Kippen des Leichnams aus dem Sarg in ein offenes, anonymes Massengrab – und dem Blick in dieses, nachdem einer der Friedhofsdiener noch hastig zwei Schaufeln ungelöschten Kalk auf die Leiche geworfen hat. Beim Sarg, der bereits wieder in die Kutsche verladen worden war, handelt es sich ebenfalls um ein wiederwendbares Modell, hier allerdings mit einer Klappe an der unteren Schmalseite (also an der Fussseite der Verstorbenen). Zur Schlussszene ertönt das «Lacrimosa» aus Mozart letztem Auftragswerk (das er nur teilweise selber vollenden konnte): sein berühmtes Requiem in d-Moll, KV 626.
Ob die beiden Särge in der Kirche Leutwil tatsächlich anlässlich der Pestepidemie von 1628–29 verwendet wurden, lässt sich aus den genannten Gründen nicht mit letzter Sicherheit feststellen, dafür dies: Sie sind die einzigen erhaltenen «Pestsärge» im Seetal und somit wertvolle Zeugen einer vergangenen Bestattungskultur.
Text «Die beiden Pestsärge von Leutwil – Zeugen der Pestepidemie von 1628–29» aus dem a+o vom März 2016 PDF (114 KB)