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Der Historiker Max Baumann beschreibt im Buch «Als Kaufmann in Triest» eine wenig bekannte Schweizer Auswanderungsgeschichte im 19. Jahrhundert. Er schöpft aus einer umfangreichen Briefsammlung und kommt dadurch nahe an den Alltag und die Personen.
Triest erhielt 1719 das Privileg eines Freihafens und wurde so zum Tor zum Orient, was den Transit von Waren begünstigte. Mit dem Beschluss des Wiener Kongresses 1814/15 wurde die Stadt definitiv dem Habsburgerreich zugewiesen und galt in der Folge als wichtigste wirtschaftliche Grossmacht im Mittelmeerraum, insbesondere nach der Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869. Die wirtschaftliche Entwicklung zog zahlreiche Einwanderer aus den umliegenden Ländern an.
Triest im Jahr 1885, alte Postkarte. Foto: Wikimedia Commons.
Bereits im 17. Jahrhundert hatten sich vereinzelt Einwanderer aus der Schweiz in Triest niedergelassen, im 18. Jahrhundert kamen vor allem Zuckerbäcker aus dem Engadin. Um 1800 waren 21 von 37 Kaffeehäuser in Bündner Besitz, wie jenes des Cafetier Jan Pitschen Cloetta (1719-1788) aus Bergün. Sein Sohn gründete 1796 die Firma «Cloetta, Gadina & Comp.», die mit Landesprodukten, Speditionen und Kommissionsgeschäften handelte.
Die reformierte Schweizer Kolonie hatte im katholischen Umfeld einen starken Zusammenhalt und verband sich 1782 in der «Helvetische Gemeinde» mit einer Armenkasse zur Unterstützung der Neuankömmlinge. Zudem erwarb sie die Kirche San Silvestro als spirituelles Zentrum und verfügte im deutsch-lutherischen Friedhof über ein eigenes Gräberfeld.
In seinem Buch stellt Max Baumann verschiedene Schweizer Kaufleute in Triest vor, wie etwa Guglielmo Cloetta (1823-1889), ein Nachfahre der erwähnten Bündner Familie. Dieser eröffnete 1852 zusammen mit dem Aargauer Isaak Schwarz (1814-1890) aus Rüfenach die Firma «Cloetta & Schwarz». Sie importierten Baumwolle aus England, Indien und Amerika und exportierten diese nach Österreich, Böhmen, Ungarn und der Schweiz. Zudem betätigten sie sich in Bankgeschäften, waren Spediteure und spekulierten mitunter mit Öl, Kaffee oder Pfeffer.
Isaak Schwarz (1814-1890) aus Rüfenach/AG, Patron der Firma «Cloetta & Schwarz» in Triest.
Die beiden Schweizer Unternehmer waren so erfolgreich, dass sie kurz nach der Firmengründung eine mechanische Baumwollspinnerei und Weberei in Pragwald in der unteren Steiermark (slowenisch Celje) 150 Kilometer von Triest entfernt erwerben konnten. 1854 erweiterten sie den Betrieb mit 150 mechanischen Webstühlen und ersetzten die alte Dampfmaschine mit 18 PS durch eine leistungsfähigere mit 40 PS. Die Firma hiess nun «Stabilimento Commerciale per la Filatura e Tessitura di Pragwald». Im Schlossgebäude neben der Fabrik richtete sich Isaak Schwarz ein Logis ein, wo seine Familie jeweils den Sommer verbrachte. Der Geschäftssitz befand sich in Triest.
Die Spinnerei in Pragwald (Prebold, Slowenien), Postkarte um 1900.
Im Sommer 1856 trat der 21-jährige Cousin von Isaak, Gabriel Schwarz (1835-1897) aus dem Aargauischen Villigen, in die Firma in Triest ein; anfänglich als Angestellter, zwischendurch bildete er sich in London weiter, später wurde er Teilhaber. Seine Geschichte steht im Zentrum des Buches, die der Autor aufgrund der reichen Korrespondenz von Gabriel Schwarz mit der Familie in der Schweiz – Wirte des Gasthauses «Hirschen» in Villigen – nachzeichnen konnte. Die 179 vorgefundenen Briefe, 85 davon aus Triest, geben einen lebendigen Einblick in die Geschäfte, die politischen Umstände und in das Denken, Fühlen und Handeln von Gabriel, der während 37 Jahren als Kaufmann in Triest tätig war.
Gabriel Schwarz (1835-1897) aus Villigen/AG, nach 1860. Der Kaufmann in Triest war zu beschäftigt, um eine Familie zu gründen.
Der Leser erfährt, wie sich Gabriel Schwarz während der kaufmännischen Lehre in Vevey unterfordert und ausgenützt fühlt. Sein Vetter Isaak Schwarz bietet ihm eine Stelle in seiner Firma in Triest an, die Gabriel gerne annimmt. Die beiden Cousins haben stets grosse Sympathie füreinander, bleiben aber stets höflich beim «Sie».
In den ersten Briefen beschreibt Gabriel die abenteuerliche Reise von Villigen nach Triest, die am 21. Juli 1856 beginnt. Mit der Postkutsche über den Gotthard und mit der Eisenbahn nach Mailand und Venedig. Mit einem Fremdenführer lernt er die Lagunenstadt kennen, stets auf der Hut «nicht betrogen oder bestohlen» zu werden. Am 26. Juli bringt ihn das Dampfschiff «bei starkem Regen und hohem Wellengang» nach Triest, wo ihn seine zukünftigen Chefs, die Herren Cloetta und Schwarz, empfangen.
Gabriel Schwarz findet sich in Triest bald zurecht und der Vetter ist mit ihm zufrieden. Im März 1857 schreibt er über die «Spekulationswut» in Triest, die in einer Weltwirtschaftskrise mehrere Handelshäuser in den Konkurs treibt. Aber offenbar arbeitet die die Firma «Cloetta & Schwarz» solide und ist nicht betroffen. Stets fragt Gabriel seine Familie auch nach den Verhältnissen in der Schweiz, insbesondere bezüglich der Stroh- und Baumwoll-Industrie im Aargau.
Die alte Börse von Triest. Stahlstich Louis Hoffmeister, 1840.
Man lernt Gabriels finanzielle Verhältnisse kennen, die vom Geschäftsgang der Firma abhängen. Das Salär richtet sich nach dem Ergebnis des vorherigen Jahres und wird erst nach der Schlussrechnung definitiv festgelegt. Auch schildert er ausführlich die negativen Auswirkungen auf den Handel durch das Kriegsgeschehen 1859 zwischen dem Königreich Sardinien-Piemont und dem Kaisertum Österreich. Er erwähnt die grossen Verluste durch die Schlacht in Solferino, wo das österreichische Heer von den Truppen von Napoleon III geschlagen wird.
Adolphe Yvon, Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859, 1861, Château de Compiègne. Foto: Wikimedia Commons. Bekannt ist diese Schlacht, weil Henry Dunant dabei war und daraufhin die Rot-Kreuz-Hilfsorganisation entwickelte.
Während der Handel wegen der politischen Konflikte oft darniederliegt und die Wechselkurse stark schwanken, sieht Gabriel Schwarz eine Chance, aus diesen Wirren Profite zu erzielen. Da sich die Firma «Cloetta & Schwarz» auch im Bankgeschäft, vor allem im Bereich von Wechseln, betätigt, kennt sich Gabriel gut aus. Er beabsichtigt, Währungen billig einzukaufen und bei gestiegenem Kurs mit Gewinn wieder abzustossen. Doch da ihm das nötige Kapital fehlt, sucht er dieses bei seiner Familie in der Schweiz. Die Korrespondenz zwischen Triest und Villigen intensiviert sich zwischen 1866 bis 1868 mit immer neuen Geldforderungen und Gewinnaussichten an die Familie.
Bis zum Schluss bleibt Gabriels Leben und das seiner Compagnons eine ständige Gratwanderung. Sie ist erfolgreich, fordert schliesslich aber auch Opfer. Die Geschichte vom Kaufmann in Triest ist spannend, auch wenn das Buch nicht als Roman konzipiert ist. Die Briefe in Kombination mit den vom Autor recherchierten historischen Quellen geben lebendige Einblicke in eine Zeit, die uns aufgrund der aktuellen Situation recht vertraut vorkommt.
Titelbild: Alte Börse von Trient, 2004. Foto: Wikimedia Commons
Die Bilder sind dem Buch entnommen sowie Wikimedia Commons.
Max Baumann, «Als Kaufmann in Triest – Gabriel Schwarz und die Schweizer Kolonie in Triest im 19. Jahrhundert», Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2022. ISBN 978-3-03919-543-5