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Einmal da war eine Wiese voll von blühenden Primeln und Gänseblümchen. Zwei Kinder liefen darin herum und pflückten mit vollen Händen die Blumen. Da kam zufällig ein Menschenfresser vorbei und wollte die zwei Kinder haben. Er nahm sie in die Arme, um sie in sein Haus zu tragen, das Bübchen auf der einen Seite, das Mädchen auf der anderen. Das kleine Mädchen war ganz furchtlos und hielt sein buntes Schürzchen voll Gänseblümchen und Primeln fest.
Der Menschenfresser lief, denn er hatte Eile, und bei jedem Schritt von ihm fielen aus dem Schürzchen einige Blümchen und sofort wuchsen auf dem Pfad Pflanzen von diesen Blumen.
Als er zu Hause angekommen war, beriet sich der Menschenfresser mit seiner Frau und entschloss sich, das Bübchen in den Hühnerstall einzuschliessen, um es zu mästen, während das Mädchen es bedienen sollte.
Eines Tages wollte der Menschenfresser in den Wald gehen Holz zu hauen und nahm sein Werkzeug mit sich. Aber als er auf dem Platze war, bemerkte er, dass er das Beil vergessen hatte und schickte das Mädchen nach Hause, um es zu holen. Währenddem setzte er sich auf einen Stein und schrie mit seiner Donnerstimme: „Frau, gib ihr, was sie dir sagen wird."
Als das Kind ins Haus kam, fragte die Menschenfresserin, was sie ihr geben solle. Das Mädchen sagte, dass sie ihr das Brüderchen und Brot geben solle. Ab und zu schrie der Riese aus dem Walde: „Hast du ihr gegeben, um was ich sie geschickt habe?"
Und die Menschenfresserin schrie zurück: „Ja."
Aber niemals kam das Mädchen an. Da wollte der Riese sehen, wo sie bliebe und kehrte nach Hause zurück. Sein Zorn war gross, als er gewahrte, dass die zwei Kinder entschlüpft waren. Die beiden folgten aber dem Fusspfad, wo die Pflänzchen von Primeln und Gänseblümchen blühten. Dieser blumige Pfad führte sie an einen grossen Fluss, welchen man überqueren musste, doch sie wussten nicht wie es machen. Sie wandten sich an eine Frau in der Nähe, die Mitleid mit den armen Kleinen hatte. Sie nahm ein Betttuch, warf es nach der anderen Seite des Flusses und auf ihm schritten die Kinder hinüber. Ihr habt sicher schon gemerkt, dass diese Frau die Madonna war.
Kurz darauf kam der Menschenfresser an, der hinter den beiden Flüchtlingen drein lief Aber er musste am Ufer des Flusses anhalten, den er nicht überschreiten konnte. Er fragte darum die Frau, wie die zwei Kinder hinübergekommen seien und die Madonna antwortete: „Sie haben ein wenig von diesem Wasser getrunken, um den Fluss aufzutrocknen und hinüber ans andere Ufer zu kommen."
Da versuchte der Menschenfresser zu trinken, aber das Wasser trocknete nie auf, immer neues kam gelaufen. Und er trank und trank, bis er so aufgeschwollen war, dass er platzte. Und die Kinder kamen heil zu ihren Eltern, die sie schon verloren glaubten und beweinten. Da waren alle glücklich, sich wieder zu haben.
Quelle: L. Clerici, Helene Christaller (Übers.), Märchen vom Lago Maggiore.
Nach mündlicher Überlieferung gesammelt von Luigi Clerici, Basel o. J.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch; typografisch leicht angepasst.