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Literatur
Miranda July
Als die Teenagerin Clee unerwartet bei Cheryl einzieht, ändert sich deren Leben auf sehr unerwartete Weise. Als Erstes fällt einmal ihr sorgfältig gepflegtes Ordnungssystem auseinander. Cheryls System ist schlicht: «Lassen Sie alles, wo es ist. Wie viel Zeit verbringen Sie damit, Gegenstände von A nach B zu tragen? (…) Bevor Sie einen Gegenstand weit von seinem angestammten Platz entfernen, denken Sie daran, dass Sie ihn auch wieder dorthin zurückbringen müssen – ist es das wirklich wert? Können Sie das Buch nicht auch lesen, während Sie neben dem Regal stehen und den Finger in die Lücke halten, in die Sie es danach wieder schieben werden? Oder noch besser: Lesen Sie es erst gar nicht.» Dass die Protagonistin in Miranda Julys wunderbarem Roman «Der erste fiese Typ» einen ziemlichen Knall hat, wird mit jeder Seite der vergnüglichen Lektüre eindeutiger.
Clee bringt nicht nur Cheryls System im Haushalt durcheinander, sondern auch deren Hormone. Die beiden unterschiedlichen Frauen beginnen, einander zu bekämpfen, was Cheryl auf eine seltsame Weise erregt: Sie beginnt, sich selber im Körper von Philipp, ihrem Seelenverwandten, zu sehen, bekommt eine Erektion, und Sperma tropft aus ihr raus. Klingt ziemlich irr? Ist es auch.
Die Künstlerin Miranda July hat sich mit ihren beiden starken Spielfilmen «Me and You and Everyone We Know» (2005) und «The Future» (2011) international als Filmemacherin einen Namen gemacht. Nun beweist sie, dass sie auch eine grossartige Autorin ist. Also: Das Buch unbedingt aus dem Regal nehmen und lesen – schlimmstenfalls halt mit dem Finger in der Lücke.
Miranda July in: Zürich Kaufleuten, Do, 12. November 2015, 20 Uhr. Moderation: Simone Meier. Die Veranstaltung findet auf Englisch statt, die deutschen Texte liest Schauspielerin Ursula Doll.
Silvia Süess
Installation und Konzert
Mit Kjartansson im Kummer baden
Als wir ihn das letzte Mal in Zürich sahen, lag er während zehn Wochen in einer herrschaftlichen Villa in der Badewanne, er hatte Kopfhörer auf und eine akustische Gitarre in den Händen: Ragnar Kjartansson, Musiker und Videokünstler aus Island. In seiner Installation «The Visitors» (2012) ereignete sich eine musikalische Hausbesetzung, so monumental wie innig, eine Suite über die Gemeinschaft, die aus der Vereinzelung erwächst. Das Migros-Museum für Gegenwartskunst zählte damals über 15 600 Eintritte für «The Visitors», wobei die Leute oft mehrmals kamen und auffallend lange verweilten, wie sich Direktorin Heike Munder erinnert: «Ein vergleichbares Phänomen gab es in Zürich nur bei Pipilotti Rist.»
Jetzt ist Kjartansson zurück, mit einer neuen Installation an der Gessnerallee im Rahmen des Culturescapes-Festivals, und diesmal sind wir es, die baden dürfen: im nicht enden wollenden Kummer nämlich. Für «A Lot of Sorrow» hat Kjartansson seine Lieblingsband The National buchstäblich auf Endlosschlaufe programmiert: Er hat Matt Berninger und seine Männer gebeten, sechs Stunden lang denselben Song, eben «Sorrow», zu spielen. Die Band erklärte sich bereit für die Herausforderung, und Kjartansson hat diesen konzertanten Marathon auf Repeat filmisch festgehalten und zu einer Videoinstallation montiert. Das sprichwörtliche Bad im Selbstmitleid wird so zur schieren Ausdauerübung für die Musiker – und für uns zum melancholischen Trip zwischen Andacht und Wiederholungszwang, bis der Gehörgang vom Kummer ganz aufgeweicht und schrumpelig ist.
Als Zugabe steigt Kjartansson in der Gessnerallee dann höchstpersönlich auf die Bühne und gibt ein Konzert mit seiner All Star Band. Für beides, den Marathon auf Video und die Show mit Kjartansson, gilt übrigens: gratis.
Ragnar Kjartansson in: Zürich Gessnerallee, Fr, 6. November 2015, 18–24 Uhr, und So/Sa/So, 8./14./15. November 2015, 13–19 Uhr. Konzert von Ragnar Kjartansson & Band: Fr, 6. November 2015, 21 Uhr. www.gessnerallee.ch. Im Rahmen von Culturescapes Island, gesamtes Programm siehe www.culturescapes.ch.
Florian Keller
Theater
Hotel Kosmos
«Erich, warum bisch du nid eerlich, mir sind doch nid gefäärlich, warum bisch du nur immer aggressiv» – so sang Müslüm vor fünf Jahren, als SVP-Stadtrat Erich Hess die Berner Reitschule an den Meistbietenden verhökern wollte. Das Lied machte Semih Yavsaner und seine Kunstfigur, den Klischeetürken Müslüm, schweizweit bekannt. Müslüm startete erfolgreich eine Karriere als Sänger und Schauspieler – und auch Erich stieg bekanntlich die Karriereleiter empor.
Nun ist Semih Yavsaner einmal mehr mit dem Club 111 um Meret Matter und Grazia Pergoletti aktiv: Er tritt im neuen Stück «Hotel Kosmos» auf. Dazu wird die Bühne des Schlachthaustheaters in eine Hotellobby verwandelt, in der die unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt auf der Durchreise aufeinandertreffen. In weiteren Zimmern des Theaterhauses erzählen die Reisenden, unter ihnen Mathis Künzler, Ntando Cele, Rula Badeen und Raphael Urweider, aus ihrem Leben.
«Hotel Kosmos» in: Bern Theater Schlachthaus, Premiere: Fr, 6. November 2015, 20.30 Uhr. Weitere Vorführungen: Sa, 7. November 2015, 20.30 Uhr, So, 8. November 2015, 16 Uhr, Di–Sa, 10.–14. November 2015, jeweils 20.30 Uhr. www.schlachthaus.ch
Silvia Süess
Konzert
Tage für Neue Musik
Das Sinfonieorchester improvisiert – zumindest ist nicht alles haarklein ausnotiert wie gewohnt im neuen Stück «No Alarming Interstice» des Genfer Komponisten, Improvisators und Performers Jacques Demierre. Die Partitur besteht vor allem aus Kästchen mit Strichen und Spielanweisungen. Für das Experiment schliesst sich das Tonhalle-Orchester unter Sylvain Cambreling mit einem europaweit bekannten Improtrio zusammen: Neben Demierre am Klavier gehören ihm auch der Bassist Barre Phillips und der Saxofonist Urs Leimgruber an.
An den Tagen für Neue Musik Zürich stehen heuer Komposition und freie Improvisation dicht nebeneinander. Nach Demierre erklingt in der Tonhalle Wolfgang Rihms Trio Concerto, bei dem ein klassisches Klaviertrio den Solopart spielt. Und in der Samstagsnocturne ist das vor allem aus Schweizer ImprovisatorInnen bestehende Stone Orchestra zu hören. Einige von ihnen werden dabei auf Lithophonen, also auf Steininstrumenten, musizieren.
Das Festivalprogramm, dieses Mal von der polnischen Komponistin Bettina Skrzypczak kuratiert, wirkt erfreulich abwechslungsreich. Klassiker der Neuen Musik erklingen, so etwa Karlheinz Stockhausens «Gesang der Jünglinge», ein Pionierstück der elektronischen Musik, und Perkussionsstücke von Iannis Xenakis. Das aussergewöhnliche Klavierduo Grau Schumacher spielt, unterstützt von Liveelektronik, Philippe Manourys «Le Temps, Mode d’Emploi», und die nicht minder phänomenalen Neuen Vocalsolisten Stuttgart singen Salvatore Sciarrinos «Carnaval». Hinzu kommen Uraufführungen jüngerer Komponisten. Viel zu entdecken also für alle Generationen. Auch für die Jüngsten gibt es erstmals ein Angebot: ein von Sylwia Zytynska betreutes Kinderkonzert. Bei «54’22: TOBENDe STILLe» treten SchülerInnen der Musikschule Zürich zusammen mit MusikerInnen des Collegium Novum Zürich auf.
Tage für Neue Musik in: Zürich Zürcher Hochschule der Künste, Tonhalle, Rote Fabrik, Kunsthaus, 12. bis 15. November 2015. www.tfnm.ch
Thomas Meyer
Kino
Aus Syrien vertrieben
«Ich hätte eine elegantere und weniger kostspielige Freiheit bevorzugt», meint Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh im syrischen Roadmovie «Our Terrible Country». Die zerstörten Gebäude im Hintergrund unterstreichen seine Aussage. Der Film von Mohammad Ali Atassi und Ziad Homsi begleitet Saleh und Homsi auf dem Weg von Duma nahe Damaskus über die vom IS kontrollierte Stadt Rakka in die Türkei. Saleh, der wegen Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei verhaftet worden war und zwischen 1980 und 1996 im Gefängnis gesessen hatte, sah sich unter den neuen Machthabern gezwungen, seine Heimatstadt Rakka zu verlassen.
Die Tragik der syrischen Revolution spiegelt sich im Lebenslauf Salehs: Unter der Regierung des Assad-Clans sass er im Gefängnis, nun vertreiben junge Männer mit Gewehren «im Namen des gnädigen Gottes» SyrerInnen wie Saleh. Und drücken ihnen ihre Regeln auf: Der Film zeigt einen bärtigen Mann, der ruft: «Jeder Frau in Duma ist es untersagt, unverhüllt hinauszugehen.» «Our Terrible Country» eröffnet die Filmreihe «Zwischen Geschichte und Zukunft» mit neuen Filmen aus Ägypten, Palästina und Syrien. Die jeweiligen RegisseurInnen sind an den Filmvorführungen in der Roten Fabrik in Zürich anwesend.
«Zwischen Geschichte und Zukunft» in: Zürich Rote Fabrik, 11. November bis 6. Dezember 2015, jeweils Mi, 20 Uhr, und So, 17 Uhr. Am Mi, 2. Dezember 2015, stellen Armin Köhli und Andreas Zumach die Arbeit der NGO Geneva Call in Syrien vor. www.rotefabrik.ch
Rahel Locher