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Im politischen Diskurs wird der Mitte der Gesellschaft ein hohes Gewicht beigemessen. Der Mittelstand steht in Abstimmungskampagnen im Zentrum, parlamentarische Vorstösse verlangen Berichte zur angeblichen Erosion der Mittelschicht, und der Bundesrat muss sich rechtfertigen, warum er keine Mittelstandsstrategie verfolgt.[1] Da sich nahezu alle Wähler subjektiv zur Mitte zählen, eignet sich diese eher schwammig definierte Mitte optimal zur politischen Profilierung.
Angesichts tiefgreifender struktureller Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft wie Digitalisierung, Individualisierung, Alterung und Migration könnte man durchaus vermuten, dass die finanziellen Herausforderungen in der Mitte der Gesellschaft am stärksten zunehmen. Ein Faktencheck zeigt aber: Die mittlere Einkommensschicht ist in den letzten Jahrzehnten erstaunlich stabil geblieben.
Die Einkommensverteilung kann man unterschiedlich messen. Im Folgenden fokussieren wir auf drei Masse. Als allgemeines Ungleichheitsmass legt der Gini-Koeffizient viel Gewicht auf die Mitte der Verteilung, wobei ein Koeffizient von 1 eine maximale Ungleichheit bedeutet und 0 für perfekte Gleichheit steht. Das «Polarisierungsmass», wiederum, betrachtet die durchschnittliche Differenz der individuellen Einkommen zum Median. Die Polarisierung ist hier umso ausgeprägter, je grösser die Abweichungen von der Mitte sind.[2] Das dritte Mass entspricht der relativen Abweichung des Median- vom Durchschnittseinkommen. Hier gilt: Je weiter sich die hohen Einkommen vom Median entfernen, desto grösser ist der Wert.
Eine Datenbasis für die letzten Jahrzehnte liefert die AHV. Anhand der beitragspflichtigen Arbeitseinkommen von Arbeitnehmenden und Selbstständigen lässt sich die Einkommensverteilung seit 1981 beschreiben (siehe Abbildung 1). Dabei zeigt sich: Während sowohl der Gini-Koeffizient als auch die Abweichung des Medians vom Durchschnitt im Trend leicht ansteigen, bleibt die Polarisierung stabil. Die hohen Arbeitseinkommen konnten also leicht zulegen – was die Mitte jedoch nicht auseinanderdriften liess.
Abb. 1: Ungleichheit anhand der Arbeitseinkommen (1981–2014)
Quelle: AHV-Einkommensstatistik, Zentrale Ausgleichsstelle Genf (2017), Berechnungen Frey und Schaltegger (2016) / Die Volkswirtschaft
Im Unterschied zu den AHV-Daten erlaubt die Statistik der direkten Bundessteuer als weitere Datengrundlage die Analyse nicht nur der Arbeitstätigen, sondern der Gesamtbevölkerung (siehe Abbildung 2). Das steuerbare Einkommen schliesst dabei neben den Löhnen auch Kapital- und steuerbare Transfereinkommen ein. Auch hier zeigt sich seit 1980 eine leichte Zunahme der Ungleichheit beim Gini-Koeffizienten sowie bei der Abweichung des Medians vom Durchschnitt. In der längerfristigen Entwicklung erscheinen diese Schwankungen jedoch nicht ungewöhnlich. Die Polarisierung der steuerbaren Einkommen ist seit 1980 stabil.
Abb. 2: Ungleichheit anhand der direkten Bundessteuer (1945–2013)
Quelle: Statistik der direkten Bundessteuer; Berechnungen Frey und Schaltegger (2016); Polarisierung gemäss Gorgas und Schaltegger (2014) / Die Volkswirtschaft
Erhebungsdaten bestätigen Stabilität
Die Haushaltsbudgeterhebung (Habe) des Bundesamtes für Statistik (BFS) liefert weitere Einkommensdaten. Dank der differenzierten Angaben lassen sich unterschiedlich grosse Haushalte äquivalent gewichten und das letztlich verfügbare Einkommen abbilden, also das Bruttoeinkommen inklusive Transferleistungen (Renten, Ergänzungsleistungen, Taggelder, weitere Sozialleistungen und Alimente) nach Abzug sämtlicher Zwangsabgaben (Steuern, Sozialabgaben und Krankenkassenprämien). Hier zeigt sich: Alle drei Verteilungsparameter weisen seit 1998 eine insgesamt stabile Entwicklung auf (siehe Abbildung 3).
Abb. 3: Ungleichheit auf Basis der Haushaltsbudgeterhebung (1998–2014)
Quelle: Habe; Berechnungen Frey und Schaltegger (2016) / Die Volkswirtschaft
Das BFS definiert die Mittelschicht als Haushalte mit einem äquivalenzgewichteten Bruttoeinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Medians. Der Bevölkerungsanteil dieser Gruppe liegt 2014 bei 57 Prozent und hat sich seit 1998 nicht verändert. Alternativ kann der Einkommensanteil der mittleren 60 Prozent der Bevölkerung herangezogen werden – mit anderen Worten: die Einkommen zwischen dem 20. und dem 80. Perzentil. Am verfügbaren Gesamteinkommen beträgt der Anteil dieser Gruppe 54 Prozent und ist von 1998 bis 2014 ebenfalls konstant geblieben. Unabhängig von der Definition der Mittelschicht und unabhängig vom verwendeten Verteilungsmass lässt sich also auch auf Basis der Habe-Daten eine ausgeprägte Stabilität feststellen.
Real verfügbare Einkommen wachsen
Die Mittelschicht wird dabei nicht etwa durch eine aufgehende Schere zwischen Arm und Reich auseinandergezerrt. So ist das Verhältnis zwischen dem Einkommen der reichsten 20 Prozent und der ärmsten 20 Prozent der Erwerbshaushalte seit 1998 konstant. Auch auf Basis der Steuerstatistik erweisen sich die Einkommensanteile der Reichsten sowie auch deren Belastung durch die progressiven Einkommenssteuern in der Schweiz als langfristig ausserordentlich stabil.[3] Somit zeichnen die Verteilungsdaten insgesamt ein konsistentes Bild: Die Mittelschicht verliert im Vergleich zu unteren und oberen Einkommen nicht an Boden.
Könnte allenfalls eine stagnierende Kaufkraft der Einkommen Sorgen bereiten? Auch diese Befürchtung wird nicht bestätigt, wie das reale Wachstum der verfügbaren Einkommen der Erwerbshaushalte zeigt (siehe Abbildung 4). Seit dem Jahr 2000 haben die Einkommen der Mittelschicht sogar stärker als die unteren und die oberen Einkommen zugenommen: In den mittleren Dezilen (3 bis 8) beträgt der Anstieg der real verfügbaren Einkommen zwischen 17 und 20 Prozent.
Abb. 4: Reales Wachstum des Äquivalenzeinkommens von 2000 bis 2014 (ohne Rentnerhaushalte)
Quelle: Habe, LIK; Berechnungen Frey und Schaltegger (2016) / Die Volkswirtschaft
Gefühlte Ungleichheit
Angesichts der dargestellten Statistiken erstaunen die breit geäusserten Sorgen um die Situation der Mittelschicht. Doch ist die effektive Einkommensverteilung für die Wahrnehmung der Mittelschichthaushalte überhaupt relevant? Ein Vergleich von mehreren Ländern hat ergeben, dass zwischen der effektiv gemessenen und der subjektiv gefühlten Ungleichheit kaum ein Zusammenhang besteht.[4]
Auslöser eines Gefühls der Unsicherheit können etwa strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft sein. So steigen beispielsweise die Bildungsanforderungen am Arbeitsmarkt aufgrund des technologischen Fortschritts. Entsprechend ist der Lohnzuschlag für einen tertiären Abschluss (Bildungsprämie) von 1996 bis 2010 gestiegen.[5] Hingegen blieb der Zuschlag für eine abgeschlossene Berufslehre in dieser Zeitspanne nahezu konstant.
Nicht zuletzt dank des durchlässigen Schweizer Bildungssystems nimmt der Bildungsstand der Arbeitsbevölkerung stetig zu. Verfügte 1996 lediglich ein Fünftel der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter über einen tertiären Bildungsabschluss (Hochschule oder höhere Berufsbildung), so sind es heute bereits über 40 Prozent. Das steigende Angebot an Fachkräften wirkt der Bildungsprämie und damit der Einkommensungleichheit entgegen.[6] Die Konsequenz ist jedoch, dass bildungsferne Bevölkerungsschichten zurückfallen.
Auch die gesellschaftlichen Veränderungen in den Haushalts- und Erwerbsstrukturen können die gefühlte Situation des Mittelstands beeinflussen. Machten Einpersonenhaushalte im Jahr 1960 gerade mal 14 Prozent der Haushalte aus, stellen sie heute mit 35 Prozent die wichtigste Haushaltsform dar.[7] Hinzu kommt: Unter den Familienhaushalten gibt es immer mehr Alleinerziehende. Der traditionell wichtige Ausgleich innerhalb des Haushaltsverbands fällt damit zunehmend weg.
Weiter stammen die Ehepartner zusehends aus der gleichen Einkommensschicht («assortative mating»). Diese Korrelation der Löhne verstärkt die Polarisierung in Hoch- und Niedriglohn-Haushalte.[8] Gleichzeitig ändern sich durch die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen auch die Erwerbsmodelle in Paarhaushalten, was die Polarisierungstendenz zusätzlich verstärkt.
Starke Umverteilung
Auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen wie die Alterung, die Globalisierung oder Migrationsströme beeinflussen die Situation der Mittelschicht und können Ängste auslösen. Solche Befürchtungen erscheinen jedoch angesichts der Stabilität der mittleren Einkommen als unbegründet. Offenbar sind die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen – etwa bei der Bildung, im Arbeitsmarkt und bei den Sozialversicherungen – so ausgestaltet, dass die Auswirkungen der Strukturveränderungen auf die Mittelschicht zuverlässig ausgeglichen und neutralisiert werden. Doch genau dies könnte auch einen gewissen Missmut hervorrufen.
Zwar bleibt die mittlere Einkommensschicht durch eine umfassende soziale Absicherung stabil. Innerhalb der Mittelschicht können die mit der Absicherung verbundene starke Umverteilung und Nivellierung der Einkommen jedoch zu einer Unzufriedenheit führen.[9] Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sich zusätzliche Arbeitsleistung aufgrund hoher effektiver Grenzsteuersätze kaum noch im verfügbaren Einkommen niederschlägt. Analysen zur Situation der Mittelschicht sollten deshalb insbesondere den Einfluss des Steuer- und Transfersystems auf die Arbeitsanreize umfassend untersuchen.
Steigende Mobilität
Eine weitere Erklärung für die Sorgen der Mittelschicht kann eine erhöhte Einkommensmobilität sein. So sind bildungsferne Mittelschichthaushalte durch strukturelle Veränderungen tatsächlich zunehmend abstiegsgefährdet. Andererseits erhalten untere Einkommensschichten vermehrt die Möglichkeit aufzusteigen. In diesem Fall bleibt die Mittelschicht durchaus stabil – jedoch bei über die Zeit wechselnder Besetzung.
Eine höhere Mobilität ist im Hinblick auf eine chancengerechte, meritokratische Gesellschaft durchaus zu begrüssen. Gleichzeitig kann die damit verbundene Unsicherheit die gefühlte Situation der Mittelschicht beeinträchtigen. Um dieser möglichen Erklärung nachzugehen, wäre eine vertiefte Analyse der Entwicklung der Einkommensmobilität über die Zeit notwendig. So erlauben bisherige Arbeiten lediglich eine Einschätzung des Niveaus der sozialen Mobilität – noch nicht untersucht wurde aber, wie sich die Mobilität über die Zeit verändert.[10]
- ESTV (2015); Bundesrat (2016).
- Foster und Wolfson (2010).
- Frey und Schaltegger (2016).
- Niehues (2016).
- Favre, Föllmi und Zweimüller (2012).
- Puhani (2005).
- Morger (2015): 19.
- OECD (2011): 202.
- Engler (2011).
- De Coulon und Zürcher (2004); Bauer (2006); Moser (2013).