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Stellen wir uns mal einen Klub vor, der wegen seines russischen Besitzers de facto handlungsunfähig ist. Er darf keine neuen Verträge abschliessen, was unter anderem ein Grund dafür ist, dass der Klub einen der weltbesten Verteidiger verliert. Er muss gar mit dem Bus zu Spielen reisen, da die Reisekosten von der Regierung beschränkt wurden und Flüge zu teuer wären. Kann man in diesen Klub noch mehr Unruhe hineinbringen? Die Antwort heisst: Ja.
Das zeigt Todd Boehly bei Chelsea. Im Mai 2022 übernahm der US-Amerikaner als Anführer einer Aktionärsgruppe den Londoner Fussballklub vom Russen Roman Abramowitsch. Seither stürzte der Klub, der in der letzten Saison noch Dritter der Premier League geworden war, auf den elften Platz ab. In der Champions League scheiterte Chelsea erneut im Viertelfinal an Real Madrid, mit einem Gesamtskore von 0:4 jedoch deutlich klarer als in der letzten Saison, als erst die Verlängerung des Rückspiels die Entscheidung gebracht hatte.
Nach der Niederlage gegen Brighton am letzten Wochenende platzte Boehly der Kragen. In einer Kabinenansprache schimpfte er über die in seinen Worten «peinliche Saison». Er und die weiteren Investoren – Behdad Eghbali und der Schweizer Hansjörg Wyss waren in der Kabine dabei – hätten deutlich mehr erwartet, als das, was das Team in dieser Saison gezeigt habe. Schliesslich hat Chelsea über 600 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Ein nicht genannter Spieler soll gemäss dem «Guardian» besonders harsch kritisiert worden sein. Dabei sollte Boehly lieber erst vor der eigenen Haustüre kehren.
Chelsea hat vor allem ein Problem. Defensiv können die «Blues» mit den Topklubs mithalten – nur Newcastle, Manchester City und Arsenal kassierten weniger als die 33 Tore, die Chelsea in 31 Ligaspielen zugelassen hat. Aber in der Offensive hapert es gewaltig. 30 Tore sind der sechstschlechteste Wert in der Premier League.
Schon das Herausspielen von Chancen ist ein Problem, doch mit knapp 40 Expected Goals liegt Chelsea immerhin auf Platz 10. Nur kann niemand im Kader diese wirklich nutzen. Die Diskrepanz zwischen dem Erwartungswert und den tatsächlich erzielten Toren ist nur bei Everton und West Ham grösser – beide befinden sich im Abstiegskampf. Es fehlt dem Londoner Klub eindeutig an einem treffsicheren Stürmer.
Trotz der horrenden Transferausgaben wurden nur zwei Stürmer verpflichtet: Pierre-Emerick Aubameyang und im Winter David Fofana, der 20-Jährige kam erst auf drei Kurzeinsätze. Boehly, der bis im November als Interims-Sportdirektor fungierte, schien die Position trotz der Abgänge von Romelu Lukaku und Timo Werner – letzte Saison bester und viertbester Torschütze des Klubs – nicht als besonders wichtig zu betrachten.
Dies lag zwar auch am damaligen Trainer Thomas Tuchel, der sich gegenüber Boehly unter anderem gegen eine Verpflichtung von Cristiano Ronaldo aussprach. Doch auch im Winter, als der Deutsche längst nicht mehr Trainer an der Stamford Bridge war, wurde die Position nicht neu besetzt. Stattdessen verpflichtete Chelsea weitere Flügelspieler und Verteidiger – Positionen, auf denen bereits im Sommer mehrere hundert Millionen Euro in Spieler wie Raheem Sterling, Wesley Fofana oder Marc Cucurella investiert wurden.
Nach dem Champions-League-Aus äusserte sich Chelsea-Verteidiger Thiago Silva kritisch über die Transferpolitik seines Klubs. «Wir haben alleine im Januar acht neue Spieler verpflichtet. Wir müssen damit aufhören und eine Strategie entwickeln, sonst machen wir im nächsten Jahr dieselben Fehler.» Eine solche war bisher nämlich nicht zu erkennen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Einzelspieler über Talent verfügen – einige gar über eine Menge davon –, nur passt insgesamt wenig zusammen.
Dazu kommt, dass schon die schiere Grösse des Kaders für Probleme sorgt. Dieses umfasst derzeit 28 Feldspieler, es ist also fast unmöglich, allen regelmässige Einsätze zu verschaffen und gleichzeitig eine gewisse Kontinuität zu erreichen. Das Ausmass des Kaders war gar so gross, dass die Kabine zu klein wurde und sich einige Spieler vor dem Training auf dem Gang umziehen mussten. Silva bemüht sich, das Positive daran zu sehen. «Wir haben jetzt eine Menge fantastischer Spieler im Kader», sagt der Brasilianer, fügt aber an: «Andererseits sind einige immer unglücklich, weil sie nicht spielen können.»
Es wird die grösste Aufgabe der neuen sportlichen Leitung um Laurence Stewart und Paul Winstanley sein, eine solche Transferstrategie zu implementieren – neben der Suche nach einem neuen Trainer.
Denn die Zeit von Graham Potter als Trainer des FC Chelsea ist nach knapp sieben Monaten bereits wieder vorbei. Dabei sollte dieser eine langfristige Lösung sein, er wurde mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet. Dennoch wurde Potter kaum Zeit gelassen, seine Philosophie zu implementieren oder die vielen jungen Spieler zu entwickeln. Dinge, die er in drei Jahren bei Brighton sehr erfolgreich getan hatte. Nach dem 31. Spiel als Chelsea-Coach, einer 0:2-Niederlage gegen das sehr formstarke Aston Villa, wurde er entlassen.
Dabei hatte Chelsea in den vier Spielen zuvor dreimal gewonnen und nie verloren, in der Champions League führte Potter das Team in den Viertelfinal. Obwohl der Punkteschnitt von 1,42 Zählern pro Spiel für Chelsea natürlich nicht genug ist, konnte man von Potter in solch kurzer Zeit keine Wunderdinge erwarten. Zumal er in der Premier League aufgrund der Kadergrösse die Startaufstellung gemäss «The Athletic» so häufig umstellen musste wie kein anderer Trainer.
Nachdem der 47-jährige Potter entlassen worden war, sagte Thiago Silva: «Wir können den Trainern nicht die Schuld geben, wenn wir selbst keine Verantwortung übernehmen.» Im Verein gebe es zurzeit zu viel Unentschlossenheit, fügte der brasilianische Nationalspieler an. Ausserdem bezeichnete der 38-Jährige den Schritt als «falsch».
Dass Boehly schnell ungeduldig wird, merkte schon Thomas Tuchel, demgegenüber der neue Präsident von Beginn an kritisch eingestellt war. Nach gerade einmal einem Monat und sieben Spielen in der neuen Saison musste der 49-Jährige, der Chelsea in der Saison 2020/21 noch zum Champions-League-Titel geführt hatte, gehen. Tuchel war von seiner Entlassung ebenso überrascht wie viele seiner Spieler. Die amerikanische «Hire-and-Fire»-Mentalität hatte ein erstes Mal zugeschlagen. Und über Boehly kursiert seither das Gerücht, er habe Tuchel vergeblich vorgeschlagen, es doch mal in einem 4-4-3-System zu versuchen – was mit einem Goalie zu einer «Startzwölf» statt einer Startelf führen würde.
Zwei Trainerentlassungen in einer Saison werfen aber auch ein schlechtes Licht auf den Klub und die Situation, in der sich dieser befindet. Gefragte Coaches werden sich zweimal überlegen, ob sie sich in ein solches Umfeld begeben und damit ihren Ruf riskieren wollen. So müssen sich Boehly und Co. darum bemühen, den Anschein einer ungeduldigen Führung möglichst schnell loszuwerden. Mit der Einstellung von Frank Lampard, der mit vier Niederlagen gestartet ist, bis zum Sommer, haben sie sich immerhin etwas Zeit verschafft, um den nächsten Coach sorgfältig auszusuchen. Unter den Kandidaten befinden sich unter anderem Julian Nagelsmann und Mauricio Pochettino.
Während der Klub im Winter vor allem damit beschäftigt war, neue Spieler einzukaufen, sollte ein Spieler den Verein eigentlich verlassen. Chelsea verhandelte mit PSG über eine Leihe mit Kaufoption von Hakiem Ziyech. Diese kam jedoch nicht zustande, da Chelsea mehrmals das falsche Dokument geschickt und so die Deadline verpasst habe. Die «Blues» befanden sich noch in Verhandlungen über den Transfer von Enzo Fernandez, der kurz vor Fristende für rund 120 Millionen Euro von Benfica Lissabon nach London wechselte. So blieb Jorginho, der zum Stadtrivalen Arsenal ging, der einzige Chelsea-Abgang im Winter. Eine anonyme Quelle von PSG beschrieb die Situation bei Chelsea gegenüber «The Athletic» als «Zirkus erster Klasse».
Den Transferausgaben von rund 611 Millionen Euro stehen in dieser Saison Einnahmen von knapp 68 Millionen Euro gegenüber. Das ergibt ein Minus von 543 Millionen Euro. Ein erheblicher Betrag – erst recht für einen Klub, der in der Vergangenheit bereits Probleme mit dem «Financial Fair Play» (FFP) von der UEFA bekommen hat und deshalb schon länger unter genauerer Beobachtung steht. Bisher konnten die Vorgaben, auch jene der Premier League, vor allem durch Spielerverkäufe jeweils eingehalten werden. In dieser Saison werden die «Blues» dazu aber noch einige Einnahmen generieren müssen.
Die «Times» berichtete bereits im Februar, dass Chelsea grosse Probleme mit dem FFP bekommen könnte, sollte es sich nicht für die Champions League in der nächsten Saison qualifizieren können. Im Winter wurden den Neuzugängen noch sehr lange Verträge gegeben, um die hohen Ablösesummen über mehrere Jahre amortisieren zu können und die Finanzregelung so zu umgehen. Die UEFA kündete jedoch bereits an, dieses Schlupfloch einschränken zu wollen, und ohnehin wurde mit den Einnahmen aus der «Königsklasse» budgetiert.
Nun hat Chelsea jedoch kaum noch eine Chance, sich für den Europacup zu qualifizieren, und so dürften im Sommer einige Spieler verkauft werden. Um die daraus generierten Einnahmen aber noch im laufenden Finanzjahr verbuchen zu können, müssen die Transfers vor dem 30. Juni abgeschlossen werden. Das heisst, diese müssen innerhalb Englands über die Bühne gehen, da nur dort das Transferfenster bereits am 11. Juni öffnet.
Wie «The Athletic» berichtet, warten nun einige Premier-League-Rivalen nur darauf, die Verzweiflung Chelseas auszunutzen und gewisse Spieler unter dem eigentlichen Wert zu erhalten. Der sechsfache englische Meister befindet sich durch die finanzielle Not in einer sehr schlechten Verhandlungsposition. Spieler wie Eigengewächs Mason Mount oder auch Christian Pulisic, deren Verträge im Sommer 2024 auslaufen, dürften unter diesen Vorzeichen nur schwer zu halten sein. Chelsea ist nicht davor gefeit, Spieler verkaufen zu müssen, die es eigentlich halten wollen würde.
Chelsea steht eine unsichere Zukunft mit einigen wegweisenden Entscheidungen bevor. Am wichtigsten wird sein, einen geeigneten Trainer zu finden und diesem auch die nötige Zeit einzuräumen, um seine Philosophie zu implementieren. Ausserdem müssen einige Spieler aussortiert werden. Viele Profis – vor allem die Neuzugänge – besitzen langfristige und wohl gut dotierte Verträge, da wird es nicht einfach sein, diese zu einem Wechsel zu bewegen. In einem Jahr hat Todd Boehly seinem Klub viele potenzielle «Altlasten» eingebrockt. Nun hilft nur Geduld – eine Tugend, die der US-Amerikaner auch erst noch beweisen muss.
Auf seiner Wikipedia-Seite findet man 55 Einträge, wenn man das Wort «Verletzung» eingibt. Auf den Seiten seiner beiden Erzrivalen Novak Djokovic und Roger Federer sind es nur 18 bzw. 12. Ja, Rafael Nadal ist ein echter Pechvogel.