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Filip Steiner
ist Winterthurer Sportler des Jahres
Im Krematorium Rosenberg treten verstorbene Menschen ihre letzte Reise an. Krematoren zeigen, wie die Leichname zu Asche werden.
Ableben Ein schmales, eingefallenes Gesicht. Auf den Augen liegen zwei Münzen. «Das sehe ich selten», sagt Mirco Meienhofer, stellvertretender Leiter der Aufbahrung und des Krematoriums Rosenberg in Winterthur. Der Mund ist geschlossen. In beiden Händen hält ein alter Mann Wanderstöcke. Er ist in einen Anzug gekleidet. Der Leichnam hat bereits zu verwesen begonnen. Es riecht leicht säuerlich. Der Verstorbene liegt in einem Sarg, der Deckel daneben. Im Hintergrund surrt – gut hörbar – der Kremationsofen, in den der Leichnam gleich eingefahren wird.
Im unteren Geschoss des Krematoriums empfängt der Leiter der Aufbahrung und des Krematoriums Rosenberg Alfred Baumgartner seine Gäste, wie er die Verstorbenen nennt. Gleich mehrere Leichenwagen fahren an diesem Freitagnachmittag rückwärts in den Empfangsbereich der Aufbahrung. Im Kofferraum liegt jeweils ein Sarg mit einer verstorbenen Person, in manchen gleich zwei Särge.
Der Bestatter zieht den Sarg aus dem Kofferraum und legt ihn auf einen Gabelstapler. Der Sarg wurde nach dem Einsargen des Verstorbenen mit vier Schrauben verschlossen. Diese dreht der Bestatter heraus und hebt den Deckel an. Ein letztes Mal kontrolliert er, ob der Leichnam schön aussieht. Im Sarg liegt eine ältere Frau. In den Händen hält sie ein Plüschtier, das ihr vermutlich die Angehörigen mitgegeben haben. Die Haare sind frisch gekämmt; adrett sieht sie aus. Das Gesicht ist leicht blass, die Muskeln sind entspannt. Es wirkt, als würde die Seniorinlächeln.
Baumgartner erfasst die Daten der älteren Dame in einer Excel-Liste: den Vor- und Nachnamen, das Geburts- und das Todesdatum, die Einwohnergemeinde. Den Sarg fährt er dann mit dem Gabelstapler zu einem der zwanzig Kühlräume. Diese Räume haben eine konstante Temperatur von sieben bis zehn Grad. «Bei diesen Temperaturen wird die Verwesung verlangsamt», sagt Baumgartner.
Angehörige können sich in den Räumen der Aufbahrung auf dem Friedhof Rosenberg von den Verstorbenen verabschieden. Eine Glasscheibe trennt jedoch den Kühlraum vom Besucherraum. «Diese Scheibe schützt die verstorbene Person und auch deren Besucher. Die Angehörigen nehmen dadurch den Geruch des Verstorbenen weniger wahr», so Baumgartner.
Nach dem Tod nimmt der Körper keinen Sauerstoff mehr auf. Bestimmte Enzyme lösen abgestorbene Körperzellen auf. Dadurch verflüssigen sich die inneren Organe und es entsteht ein Verwesungsgeruch. «Oft sind sich die Angehörigen dessen nicht bewusst. Dadurch haben sie oftmals wenig Verständnis, dass eine Aufbahrung der Verstorbenen auch bei guter Kühlung nur höchstens drei bis vier Tage möglich ist.»
Meienhofer hat eine Metallschiene vor dem Kremationsofen hochgefahren, um den Sarg – mit dem alten Mann mit den Münzen auf den Augen – darauf zu platzieren. Er zieht sich Gummihandschuhe an, um die Finger des toten Mannes von den Wanderstöcken zu lösen. Alles, was nicht verbrennt, muss der Mitarbeiter vor der Kremation aus dem Sarg nehmen. Dazu gehören Gegenstände aus Glas, Karbon und Metall. Meienhofer verschliesst den Sarg und legt einen nummerierten feuerfesten Stein darauf. Die Öffnung des Ofens geht hoch, die Schiene fährt mit dem aufgebahrten Sarg in den bereits rot-orange leuchtenden Ofen. Die Kremation beginnt.
Hauptsächlich sterben ältere Menschen. Dennoch müssen die Mitarbeitenden auch immer wieder Kinder einäschern. So auch Meienhofer: Am Vormittag kremierte er einen 12-jährigen Jungen. «Bei Kindern ist es schwieriger als bei alten Menschen.» Für zwei, drei Minuten mache er sich dann Gedanken. «Mir wird in solchen Momenten bewusst, wofür ich in meinem Leben dankbar bin», so Meienhofer. Er ist im mittleren Alter und hat selbst Kinder. «Betagte Menschen konnten leben und das Leben geniessen. Daher beschäftigen sie mich weniger als Kinder.» Meienhofer gibt sich ruhig und gefasst. Einzelne Momente lassen einen über das Leben nachdenken. Dennoch sagt er, dass der Tod auf sein Leben wenig Einfluss habe. «Durch die Arbeit im Krematorium bin ich kein anderer Mensch geworden. Ich lebe noch so wie zuvor.»
Das Krematorium im Friedhof Rosenberg hat zwei Öfen. In diesen äschern die Krematoren durchschnittlich dreizehn Leichname pro Tag ein; rund 44 000 Kremationen waren es seit dem Bau des Krematoriums. Eine Kremation dauert rund drei Stunden. Das hängt davon ab, wie dick oder dünn, wie gross oder klein und wie gesund eine Person war.
In der Hauptbrennkammer fängt der Sarg in den ersten zwei Minuten Feuer. Dieses geht dann auf den Leichnam über. Bei etwa 750 Grad Hitze verbrennen die Muskeln, Sehnen und andere weiche Körperteile. Nach ungefähr einer Stunde fallen die sterblichen Überreste in die Nachverbrennungskammer. In der dritten Kammer kühlt die Asche dann ab.
Meienhofer zieht einen Metallbehälter aus dem Ofen und zeigt die Asche. Darin liegt noch der feuerfeste Stein mit der Kremationsnummer. Er nimmt ein künstliches Hüftgelenk heraus. «Wir finden in der Asche auch andere künstliche Gelenke, Gelenkkapseln, Herzschrittmacher oder Zahnprothesen. Hier erkenne ich an den Knochen, dass diese Person an Osteoporose litt», sagt Meienhofer. Er trägt dabei Handschuhe und eine Gesichtsmaske, um sich vor Feinstaub zu schützen. Mit einem handgrossen Magnet durchsucht er die Asche nach metallischen Gegenständen.
Danach legt Meienhofer die Asche in eine Maschine. Grobe Mahlgeräusche sind zu hören, danach feine. Die Asche besteht lediglich aus den Knochen eines Menschen und wiegt nun noch zweieinhalb bis drei Kilogramm. Der Mitarbeiter legt die Asche und den feuerfesten Stein in eine Urne. Diese beschriftet er mit dem Vor- und Nachnamen sowie dem Geburts- und Sterbejahr der verstorbenen Person. Die Urne ist jetzt bereit für die Beisetzung.
Jan Gubser
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