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Johannes Gruber
|Der Kapitalismus kann nicht nur aus der Perspektive sozialer Ungleichheit kritisiert werden. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Auswirkungen kapitalistischer Gesellschaften auf die vorherrschenden Formen von Subjektivität zu kritisieren.|

Historisch bedeutsam waren die Sozialcharakteranalysen der Kritischen Theorie, die typische Persönlichkeitsstrukturen im Faschismus und Fordismus beschrieben. Mit der Flexibilisierung des Kapitalismus entstehen in den gegenwärtigen Gesellschaften neue Ausprägungen von Subjektivität, die ich als Hinweise auf einen neuen, „flexiblen Sozialcharakter“ begreife.
Entfremdung und Verdinglichung
Bereits in seinen Frühschriften hat Karl Marx mit seinem Begriff und Konzept von „Entfremdung“ darauf hingewiesen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen im Kapitalismus es den Menschen nicht erlauben, ihr Leben frei zu entwerfen und zu gestalten. Die Zwänge, denen sich die Individuen in der kapitalistischen Produktion ausgesetzt sehen, bewirken, dass sie ihrer eigenen Tätigkeit, den Produkten ihrer Arbeit, ihren Mitmenschen und sich selbst entfremdet gegenüber treten. Der zentrale Zwang geht dabei von der Warenförmigkeit der Arbeitskraft aus. Die Individuen sind gezwungen sich selbst als Arbeitskraft wahrzunehmen und bestimmte eigene Fähigkeiten, nach denen eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt herrscht, auszubilden und der Aufrechterhaltung der Arbeitskraft ihre Lebensführung unterzuordnen.
Georg Lukács interpretiert den Zwang zu Konstitution und Verkauf der Arbeitskraft als Ursache von Verdinglichung. Dadurch, dass die Individuen dazu gezwungen sind, sich selbst wie ihre Umwelt ausschliesslich als Ressource der Kapitalverwertung zu begreifen, vollzieht sich eine Verdinglichung, die auch lebensweltliche Zusammenhänge und die innersten Regungen der Persönlichkeit erfasst. Wandel der Sozialcharaktere Um die Auswirkungen der kapitalistischen Vergesellschaftlichung auf die psychischen Strukturen analysieren zu können, versuchte man seit den 1920er Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung die marxsche Theoriebildung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds zu vermitteln. So begreift Erich Fromm die Freudschen Kategorien „Ich“, „Über-Ich“ und „Es“ historisch, indem er deren Wandel im Rahmen unterschiedlicher „libidinöser Strukturen“ (Triebstrukturen) beschreibt. Mit den ökonomischen Transformationen vollziehen sich auch Veränderungen der Kultur einer Gesellschaft und der Psyche der Individuen. Durch Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Medien sowie „ökonomische Auslese“ setzen sich bestimmte Formen von Individualität durch, die Erich Fromm als „Sozialcharaktere“ bezeichnet. Diese variieren historisch mit der jeweiligen Gesellschaftsformation. Während nach Fromm für den „Faschismus“ autoritäre Sozialcharakterformen typisch sind, in denen ein selbständiges „Ich“ nur mangelhaft ausgebildet wird und Unterwerfung unter die Mächtigen mit Aggressionen gegen die Schwachen einhergehen, sind für die westlichen Nachkriegsgesellschaften Züge eines „Marketing- Charakters“ typisch, der sich durch Konformismus und Beziehungslosigkeit zu sich selbst auszeichnet. Diese ermöglichen ihm nachfrageorientiert eine Persönlichkeitsfassade zu entwerfen, die immer wieder aufs Neue an die gesellschaftlichen Erfordernisse angepasst werden kann.
Meines Erachtens deutet eine Reihe von kritischen, sozialwissenschaftlichen Theorien und Studien darauf hin, dass der gegenwärtige Wandel der Sozialisationsbedingungen in Familie und Schule, die aktuellen Anforderungen an die Individuen in den Arbeitsund Lebenswelten des „flexiblen Kapitalismus“ sowie die Veränderungen psychopathologischer Phänomene zur Herausbildung eines „flexiblen Sozialcharakters“ beitragen.
Prekarisierung der Arbeit
So ist ein typisches Merkmal des gegenwärtigen Wandels der Arbeitswelt die Prekarisierung einer Vielzahl von Lohnabhängigen durch die Schaffung von kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen und Arbeitsplatzunsicherheit, geringe Entlohnung der Arbeit und Leiharbeit. Typisch sind auch permanente Restrukturierungen von Firmen und Konzernen mit dem Ziel flacher, effizienter Hierarchien, einem Zwang zu individueller Autonomie am Arbeitsplatz und Outsourcing. Trotz neuer formaler Freiheiten am Arbeitsplatz erhöhen sich Anpassungs- und Leistungsdruck. In projektartigen Arbeitsverhältnissen verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, Aspekte der privaten Lebensführung bzw. der Individuen als Privatperson werden immer mehr auch für die Ausbildung, Aufrechterhaltung und Optimierung von deren Arbeitskraft nutzbar gemacht und damit vereinnahmt. Damit verbunden ist die Zuweisung individueller Verantwortung bzw. die Betonung von individueller Autonomie. In dieser Perspektive sind nicht mehr die Arbeitsverhältnisse Schuld an Problemen am Arbeitsplatz, sondern das Fehlverhalten der Erwerbstätigen.
Prekarisierung des Intimlebens
Die Zuweisung individueller Verantwortung findet sich auch immer mehr in der Lebenswelt, so dass private Probleme nicht mehr als Ausdruck gesellschaftlicher Lebensverhältnisse erscheinen, sondern als Versagen der Individuen, die nicht mit ihrer Freiheit umgehen können. Es verbreiten sich auch in den Nahbeziehungen der Individuen Verhaltensweisen, die Konsum- und Konkurrenzmustern folgen und eine „Prekarisierung des Intimlebens“ (Zygmunt Bauman) der Menschen bewirken, indem sich Kurzfristigkeit und Unsicherheit durchsetzen. Zwar kommt es zu einer neuen sexuellen Vielfältigkeit. Aber auf der Grundlage interaktiver Aushandlungsprozesse in sexuellen Begegnungen und Beziehungen setzt sich auch eine neue Rationalisierung und Standardisierung des Sexuellen durch, die zu Formen von Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung führt. Erwerbsarbeit wird immer wichtiger für das Selbstbild der Individuen, während das Privatleben eine Entwertung erfährt. Zugleich findet eine Angleichung von Arbeits- und Privatleben statt, indem unter dem Druck steigender Anforderungen am Arbeitsplatz auch die private Lebensführung nach Effizienzgesichtspunkten rationalisiert wird.
Den untersuchten Studien zufolge werden in der Arbeitswelt wie in Partnerschaft, Familie, sexuellen Verhältnissen und Freizeitgestaltung von den Individuen die Ausbildung von Flexibilität, Leistungsoptimierung, Selbstkontrolle, Selbständigkeit und Selbstvermarktungsfähigkeiten erwartet. Die sich im Kontext eines „flexiblen Kapitalismus“ durchsetzenden arbeitsund lebensweltlichen Anforderungs-profile nötigen die Individuen, einen „flexiblen Sozialcharakter“ auszubilden. Dass nicht alle Individuen in gleicher Weise diesem Anforderungskatalog gerecht werden können, liegt auf der Hand.
Leiden an sich selbst
Mit dem „flexiblen Sozialcharakter“ wird ein „Leiden an sich selbst“ erzeugt, wie sich in ganz unterschiedlicher Weise zeigt. Zum einen scheitern viele Individuen, die Phasen von Kindheit und Jugend mit der Ausbildung eines stabilen Selbst abzuschliessen und leiden daran. Zum zweiten bewirkt der Anpassungsdruck in Arbeits- und Lebenswelt, dass die Individuen funktionale fragmentierte Identitäten formen, die sich psychopathologisch vor allem durch Ich- Schwäche auszeichnen und bei denen sich Konkurrenz- und Optimierungszwänge tendenziell in Aggressionen gegen sich selbst und Gewalt gegen andere entladen. Zum dritten leiden auch die Individuen, denen die Anpassung misslingt. Diese mögen zwar nach wie vor mit einem stabilen Selbstgefühl versehen sein und mit kohärenten Entwürfen ihr Leben zu meistern versuchen, dabei treffen sie allerdings in Arbeits- und Lebenswelt auf die beschriebenen „pathologischen“ Zwänge zu Optimierung, Leistung, Flexibilität, Selbstkontrolle und Selbstvermarktung. Der „flexible Sozialcharakter“, der durch den „flexiblen Kapitalismus“ hervorgebracht wird, ist von individuellem Leiden an solchen Flexibilitätszwängen unterlegt.
Johannes Gruber, Soziologe an der Uni Basel, hat diesen Artikel auf der Grundlage seiner Dissertation erstellt.