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Briefe aus Marokko
Unser Auslandskorrespondent besucht die marokkanische Hauptstadt. Um an Insiderwissen zu gelangen, muss er jedoch Geld liegen lassen.
Nikola Gvozdic — 10/24/23, 04:14 PM
Rabatt ist die Stadt des Königs und der Bürokratie (Foto: Unsplash)
Häufig wird behauptet, dass Marrakesch kein idealer Startpunkt für Marokko sei. Es heisst, dort sei es für Neulinge zu chaotisch, zu unübersichtlich. Ich glaube aber, dass ein ganz anderer Grund gegen Marrakesch als Anfang spricht. Nach dem energiegeladenen Marrakesch wirken andere Orte im Direktvergleich viel zu ruhig und lahm.
Noch extremer fällt das auf, wenn die nächste Stadt Rabat ist. Die Hauptstadt Marokkos bietet einen krassen Kontrast zur Hektik Marrakeschs. Alles ist langsamer, übersichtlicher. Die Menschen hier sind mehr für sich, die Strassen offener, breiter und sauberer. Rabat ist der Sitz des Königs und gleichzeitig jener der Bürokraten und der Administration. Das merkt man.
Der nie vollendete Hassan-Turm. (Foto: Nikolai Gvozdic)
In der prallen Sonne erkunde ich die Stadt. Ich sehe mir die Kasbah an, spaziere durch andalusische Gärten, erfrische mich mit marokkanischem Tee, und gehe zum Hassan-Turm, dem unvollendeten Minarett der unvollendeten Moschee.
In der Nähe des Turmes kühle ich mich im Schatten eines Baumes ab. Ein alter Mann mit Cap und dicker Jacke bittet mich um Feuer. Als er realisiert, dass ich gar nicht arabisch spreche, setzt er sich neben mich. Er erzählt mir von Rabat, seinen Sehenswürdigkeiten und seiner Geschichte. Auch von Salé berichtet er mir, der ehemaligen Piratenstadt auf der anderen Seite des Flusses. Ich erinnere mich aus Robinson Crusoe an die Salé-Rovers, jene Korsaren, die die Meere unsicher machten.
Der Alte fragt mich, wie die Situation in Marrakesch sei, und ich berichte.
Am Ende unseres Gesprächs wird sein Blick ernst und er streckt mir die Hand hin. Ich will sie schütteln, aber er zieht sie weg. «Nein. Ich habe dir Informationen gegeben, dafür möchte ich jetzt Geld», sagt er. «Wir haben doch bloss geredet», erwidere ich. Er unterdrückt ein Lachen und streckt mir erneut die Hand hin. Resigniert gebe ich ihm einige Dirham und ärgere mich beim Weggehen leicht, dass ich nicht auch für meine Informationen etwas verlangt habe. So geht das hier halt.
Die Überfahrt nach Salé. (Foto: Nikola Gvozdic)
Am nächsten Tag mache ich mich früh auf den Weg nach Salé. Von der Kasbah wandere ich runter an die Küste bis zu den Stegen am Fluss Bou Regreg, wo ich mich für einige Münzen von einem Ruderboot hinüberschiffen lasse. Während der Überfahrt denke ich über die romantischen Seiten der Piraterie nach.
In Salé angekommen steige ich hinauf zum Borj Adoumoue, der Bastion der Tränen. Alleine erkunde ich die alte Festung und begegne einzig einem Strassenköter, der neugierig einen Haufen abgetrennter Hühnerfüsse beschnüffelt. Die Festung selbst ist kaum instandgehalten und von Müll übersät, strahlt aber dennoch jene Art von Stolz aus, wie es nur Gebilde können, die schon hunderte von Jahren überdauert haben.
Auf dem Rückweg gehe ich durch die Medina, einer der ältesten Marokkos. Obwohl nur ein schmaler Fluss Rabat von Salé trennt, ist das hier eine ganz andere Welt. Salé ist wild, schmutzig, roh und echt. Von den Einheimischen werde ich kaum beachtet, während ich mich durch die Souks zwänge.
Die Sicht auf die Kabash von Salé aus. (Foto: Nikola Gvozdic)
An Tourismus ist man hier nicht interessiert. Auf den Märkten werden nur Dinge für den täglichen Gebrauch angeboten. Von Mehl, über Oliven, über frischen Fisch, der von Hand mit kaltem Wasser kühl gehalten wird, zu Hühnern, die an Ort und Stelle getötet und gerupft werden. Ein Crescendo von Gacker-Todesschreien hallt durch die enge Gasse. Aber bereits nach wenigen Metern, wird es vollends vom Lärm der Menschen verschluckt.
Ziellos laufe ich weiter durch leere Strassen und entdecke eine Madrasa, eine alte islamische Schule, aus dem 14. Jahrhundert. Die Frau, die das Eintrittsgeld abnimmt, wendet nie ihren Blick von der Seifenoper auf ihrem Smartphone ab.
Madrasa Abu-al Hasan. (Foto: Nikola Gvozdic)
Im Vergleich zu anderen Madrasas ist diese hier deutlich heruntergekommener. In den Ecken des Innenhofes befinden sich mir unbekannte Insekten im Todeskampf, zwischen unzähligen Leichen ihrer Artgenossen. Ihr abgehacktes Surren wird nur von den entfernten Stimmen aus der Seifenoper untermalt.
Ich setze mich neben eine der Säulen und betrachte die Arabesken auf den Wänden. Da kommt ein alter Mann zu mir. Ein marokkanischer Burt Reynolds mit weissem Haar, goldenen Ray Ban's, gehüllt in eine helle Dschellaba. Er fragt mich, ob ich gerne zusätzliche Informationen hätte. Dankend lehne ich ab. Enttäuscht wendet er sich von mir ab und verschwindet. Ich bleibe noch eine Weile sitzen, zwischen dem letzten Surren der Insekten und gedämpften Klängen einer Telenovela.