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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

22. Buch
19. Alle körperlichen Gebresten, die im irdischen Leben die Schönheit des Menschen entstellen, werden bei der Auferstehung verschwunden sein, bei welcher unter Beibehaltung des zur Natur gehörigen Stoffes, dessen Eigenschaft und Menge zu einheitlicher Schönheit zusammenfließen wird.
Nun zu den Haaren und Nägeln! Da muß man zunächst einmal einsehen, daß, wenn auch vom Leibe nichts zugrunde geht, so doch auch nichts Mißgestaltetes daran zu finden sein wird; dann wird sich von selbst die Erkenntnis einstellen, daß Dinge, die durch ihre ungeheuerliche Größe entstellend wirken müßten, nicht an einer Stelle auftreten werden, wo sie die Form der Glieder verunstalten würden, sondern nur im allgemeinen zur Gesamtmasse hinzutreten werden. Ein Bild aus dem Töpfergewerbe mag veranschaulichen, was ich meine: Macht man aus Lehm einen Topf und knetet ihn wieder zu Masse in der Absicht, ihn aus der nämlichen Gesamtmasse abermals entstehen zu lassen, so muß nicht gerade der Teil der Lehmmasse, der beim ersten Topf der Henkel war, wieder der Henkel werden, oder der, der den Boden gebildet hatte, wieder den Boden bilden; es genügt vielmehr, um die Absicht zu erreichen, wenn die Gesamtmasse in dem neuen Topf als Ganzem wieder enthalten ist, d. i. wenn die ganze Lehmmasse, ohne daß ein Teil davon verloren geht, wieder hineingebildet wird in das Gefäß als Ganzes. Es werden demnach die so und so oft geschnittenen Haare und Nägel nicht an ihre ursprüngliche Stelle zurückkehren, wenn sie da entstellend wirken; und doch werden sie keinem Auferstehenden verloren gehen, weil sie sich vermöge der Wandelbarkeit alles Stofflichen in das Fleisch des nämlichen Leibes verwandeln und dort irgendeine Stelle einnehmen unter Wahrung des Ebenmaßes der Teile. Man kann jedoch das Wort des Herrn1 : „Kein Haar von eurem Haupte wird verloren gehen“, statt von der Länge, viel passender von der Menge der Haare verstehen, wovon er auch an anderer Stelle spricht2 : „Die Haare eures Hauptes sind alle gezählt.“ Damit will ich indes nicht gesagt haben, daß einem Leib etwas verloren gehen könnte, was von Natur aus ihm angehörte; vielmehr wird das Ungestalte, was da entstanden wäre [natürlich nur, damit auch daran sich zeige, wie sehr das irdische Los der Sterblichen ein Strafzustand ist], nach meiner Ansicht so wiederkehren, daß die Ungestaltheit sich verliert, der stoffliche Vollbestand bleibt. Es kann doch ein Künstler ein Standbild, das er aus irgendeinem Grund ungestaltet gebildet hat, wieder einschmelzen und tadellos neu machen, so daß dabei lediglich die Ungestaltheit verschwindet, nicht aber vom Stoff etwas verloren geht; er braucht nicht etwa das, was an der ersten Figur ungehörig hervortrat und mit dem übrigen nicht im rechten Verhältnis stand, von der Gesamtmasse des Bildstoffes wegzunehmen und auszuscheiden, sondern kann es mit dem Gesamt-Bildstoff so verkneten und vermischen, daß er jede Mißgestaltung meidet, ohne doch deshalb die Stoffmenge verringern zu müssen. Und der allmächtige Künstler sollte nicht auch ähnlich verfahren können? Er sollte nicht alles Ungestalte an den menschlichen Leibern beseitigen und vernichten können, und zwar nicht bloß solches, was sich überall findet, auch die seltenen und ungeheuerlichen Mißgestaltungen, die wohl in dieses unselige Leben hereinpassen, aber mit der künftigen Seligkeit der Heiligen unvereinbar sind, und all das so beseitigen und vernichten, daß alle Auswüchse der Leibesmasse, welche Mißgestaltungen, selbst auch nur natürliche, hervorrufen, ohne Verringerung der Leibesmasse selber verschwinden?
Und so braucht man um die Mageren und die Dicken nicht besorgt zu sein, sie möchten im Jenseits auch diese Leibesbeschaffenheit aufweisen, auf die sie schon hienieden gern verzichteten, wenn es auf sie ankäme. Alle körperliche Schönheit beruht nämlich auf der Zusammenstimmung der Teile, verbunden mit einer angenehmen Farbe. Wo es an der Zusammenstimmung der Teile gebricht, da ist der Grund des Mißfallens entweder eine Mißbildung oder ein Mangel oder ein Überschuß. Demnach gibt es eine durch Unstimmigkeit der Teile hervorgerufene Verunstaltung da nicht, wo die Mißbildungen beseitigt sind, der Mangel gegenüber dem Zukömmlichen ergänzt wird aus einem Stoff, um den der Schöpfer nicht verlegen ist, und das, was über das Zukömmliche hinausgeht, ohne Verringerung der Stoffmenge weggenommen wird. Und wie angenehm wird ferner die Farbe sein, wenn doch die Gerechten glänzen werden im Reiche des Vaters wie die Sonne!3 Dieser Lichtglanz war am Auferstehungsleib Christi sicher vorhanden und nur vor den Augen der Jünger verborgen. Das menschliche Auge ist zu schwach, einen solchen Anblick zu ertragen, und der Herr sollte doch von den Seinigen so fest angeblickt werden, daß er erkannt werden konnte. In dieselbe Reihe gehört es auch, wenn er ihnen seine Wundmale zeigte und zu berühren gestattete, wenn er sogar Speise und Trank zu sich nahm, nicht aus Bedürfnis nach Nahrung, sondern weil er dazu die Fähigkeit besaß. Aorasia nennt man im Griechischen diese Art von Unsichtbarkeit, bei der etwas wirklich Vorhandenes sich den Blicken derer entzieht, die anderes, ebenfalls Vorhandenes, sehen, wie das der Fall war bei jenem Lichtglanz, der vorhanden war unsichtbar für die, die anderes recht wohl sahen; unsere Übersetzer konnten das in der Genesis vorkommende Wort nicht lateinisch wiedergeben und übersetzen es mit „caecitas“ [Blindheit]. Nämlich die Sodomiten wurden von dieser aorasia heimgesucht4 , als sie die Türe zum Haus des gerechten Mannes suchten und sie nicht finden konnten. Hätte es sich da um Blindheit gehandelt, die das Sehvermögen aufhebt, so würden sie nicht nach der Türe gesucht haben, um einzudringen, sondern nach Führern, um von da weggebracht zu werden.
In unserer Liebe zu den seligen Märtyrern gehen wir nun allerdings merkwürdigerweise so weit, daß wir wünschten, im ewigen Reich an ihrem Leibe die Male der Wunden zu sehen, die sie um des Namens Christi willen sich schlagen ließen; und vielleicht werden wir sie auch wirklich sehen. Denn was sie für Christus gelitten haben, wird nicht als Verunstaltung an ihnen erscheinen, sondern als Ehrenzeichen und wird glänzen, zwar an ihrem Leibe, doch nicht als Leibesschönheit, sondern als eine Art Heldenschönheit. Nicht jedoch werden deshalb die Märtyrer, für die ja das Wort gilt5 ; „Kein Haar von eurem Haupte wird verloren gehen“, bei der Auferstehung der Toten der Glieder entbehren, die ihnen etwa abgetrennt und abhanden gekommen sind. Vielmehr werden, falls es in jener neuen Welt so in der Ordnung sein wird, die Male der glorreichen Wunden an jenem unsterblichen Fleische zu schauen, Narben zu sehen sein an den Stellen, wo Glieder abgeschlagen oder weggeschnitten wurden, die Glieder selbst jedoch werden wieder an ihrem Platze und nicht abhanden gekommen sein. Gewiß also werden alsdann alle Gebresten, die dem Leibe zugestoßen sind, verschwunden sein, aber Heldenmale sind eben nicht als Gebresten zu erachten oder anzusprechen.
1: Luk. 21, 18.
2: Ebd. 12, 7.
3: Vgl. Matth. 13, 43.
4: Gen. 19, 11.
5: Luk. 21, 18.