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In diesem Text geht es um die Erosion des Konzepts der Vergänglichkeit angesichts technologischer Versuche, Unsterblichkeit zu realisieren und um die These, dass es dem Menschen erst dann möglich wird, sich ernsthaft um die Gefährdung der Welt zu kümmern, wenn er fähig ist, sich selbst als vergänglich zu sehen und seiner eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken.
Unter anderem treten auf: Die von der Corona-Pandemie verunsicherte Menschheit, Immortalisten, die auf Künstliche Intelligenz setzen, Elon Musk mit SpaceX und Peter Thiel, auf einem Kuhfell liegend, Kinder und Jugendliche, die dem Tod begegnen, Otto Rank, der der Angst vor dem Tod die Angst vor dem Leben gegenüber stellt, zwei Frauen und ein Kind, die sich im Film Melancholia vor der Kollision der Erde mit einem Planeten in eine symbolische Hütte aus Ästen setzen, buddhistische Lehrer, die sagen, Vergänglichkeit sei die Essenz des Lebens, worin sie sich mit Corine Pelluchon und ihrer Ethik der Wertschätzung treffen, Henning Mankell und seine Sorge um den Atommüll, den wir unseren Nachkommen hinterlassen und, last but not least, Peter Sloterdijk, der meint, Menschen seien nicht dazu gemacht, die Natur zu schützen.
I. Die Vergänglichkeit der Vergänglichkeit
Der Tod am Wegesrand
Im Herbst 2020 konnte der Wanderer, der wegen der Corona-Reisebeschränkungen seine Ferien nicht am Mittelmeer, sondern im Tessiner Centovalli verbrachte, im Zentrum des Weilers Calezzo hinter einigen hässlichen blauen Containern versteckt eine alte Wegkapelle entdecken. Machte er sich die Mühe, um die Container herum zu klettern, die dem Recycling von Glas, Metall und Plastikflaschen dienen, so konnte er im Zentrum der schön ausgemalten kleinen Andachtsstätte Maria mit dem Kind sehen, flankiert von verschiedenen Heiligen. Das Fresko an der westlichen Außenwand, und allein dieses hatte das Interesse des Wanderers auf sich gezogen, stellt den Tod dar, als Skelett mit der Sense in der einen und dem Stundenglas in der anderen Hand. Darüber ist die Inschrift zu lesen: „IO ERA COME SEI TU, E TU VERRAI COME SON IO“ – „Ich war, wie du bist, und du wirst sein, wie ich bin.“
Beides, das von einem gewissen Giacomo Maggini 1846 gemalte Memento Mori wie die Recycling-Container, dienen einem ähnlich gelagerten guten Zweck, dem achtsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen, seien es Glas, Metall und Plastikflaschen oder die Begrenztheit und Vergänglichkeit des eigenen Lebens. Wie werde ich das, was ich heute tue, beurteilen, wenn ich am Ende meiner Tage angelangt sein werde? Werde ich mein Leben gut gelebt und sinnvoll verbracht haben? Was geschieht mit den Flaschen und Büchsen, wenn ihr Inhalt verbraucht und sie nutzlos geworden sind? Was wird nach dem Tod passieren?
Dieses zufällig und unverständlich wirkende Ensemble von alter Wegkapelle, historischem Waschhaus und zeitgenössischen Recycling-Containern legte dem Wanderer aber auch diesen Gedanken nahe: Ein bisschen ist sich der Mensch ja der Endlichkeit bewusst, der Vergänglichkeit seiner eigenen Existenz wie auch der Endlichkeit der Ressourcen. Doch ist er froh, wenn er sich vom davon ausgelösten Unbehagen, der Notwendigkeit, weiter darüber nachzudenken, dadurch freikaufen kann, dass er kleine symbolische Akte des Guten tut, Altglas, Plastikflaschen und leere Konservendosen in die Container wirft, so wie er in früheren Zeiten Münzen klimpernd in den Opferstock der Kirche fallen ließ.
Die Erosion der Sicherheit in unserem Bild von der Welt
Es ist auch im Jahr 2021 nicht möglich, über Vergänglichkeit und Tod zu sprechen, ohne an Corona zu denken. Corona steht für den Einbruch von etwas in unser Leben, das wir immer schon befürchtet hatten, ohne dass wir es jedoch als reale Möglichkeit für unser Leben denken mussten. Etwas, das alles zum Stillstand bringen kann, weltweit, und den Tod, der sonst immer nur wo anders stattfand, als reales Sterben in unsere Wahrnehmung bringt. Corona lässt uns erleben, wie das Gefühl, dass alles unter Kontrolle ist, ins Gegenteil kippen kann und Bedrohungsgefühle, gepaart mit Unwissenheit und Ratlosigkeit, plötzlich das Leben bestimmen.
Entpuppte sich die Idee, alles unter Kontrolle haben zu können, beim Thema Corona als Illusion, so drohen ähnliche Erfahrungen der Desillusionierung über unsere Unverwundbarkeit und die Sicherheit unseres gemütlichen Daseins auch in Bezug auf andere globale Themen unser Bewusstsein zu erreichen. Dann tritt immer öfter über unsere Bewusstseinsschwelle, dass wir vielleicht nicht nur mit einem vom Weltbiodiversitätsrat IPBES ausgerufenen „Zeitalter der Pandemien“ an einem Wendepunkt stehen, sondern dass auch das destabilisierte Klima irreversible Kipppunkte erreichen kann, oder Flüchtlingsströme unsere Lebenswelt einschneidend verändern könnten oder undurchschaubare Dinge wie Künstliche Intelligenz oder Manipulationen via Internet neue Sachverhalte schaffen, deren Dimensionen wir nicht verstehen und die deshalb unsere Ängste schüren.
Wir sehen Bilder von brennenden Wäldern, stellen uns vielleicht auch das damit verbundene Massensterben von Tieren und Pflanzen vor. Wir sehen Bilder von schmelzenden Eisbergen und einsamen Eisbären, wir lesen von toten Gewässern und Unmengen an Plastik in der Natur, in Tieren und Pflanzen. Weniger sichtbar destabilisieren globale politische Umwälzungen unsere inneren Bezugssysteme, scheinen uns Menschen der westlichen Welt langsam aus dem Zentrum an die Peripherie des Globus zu verschieben, womit die uns so selbstverständlichen Freiheiten des Individuums, der Demokratie und des Denkens mitsamt unserem Glauben an Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt sublim bedroht erscheinen.
Schon aus all diesen Gründen könnten wir eigentlich ständig mit Sorgen um die Zukunft beschäftigt sein und uns aufgerufen fühlen, uns mit der Vergänglichkeit dieser Rahmenbedingungen unseres Lebens auseinandersetzen und möglichst viel zu tun, um das zu erhalten, was uns dringend notwendig erscheint. Doch erst mit der Covid-19-Pandemie ist nun eine Möglichkeit der Konkretisierung dieser Ängste hinzugekommen, nämlich die Einsicht, dass der Tod vielleicht viel näher ist, als wir dachten. Die vieldiskutierte Frage ist nun, hilft dies, uns den Veränderungen zu stellen, was braucht es, dass wir, sobald wir gegen Covid-19 geimpft sind, den Kopf nicht einfach wieder in den Sand stecken.
Weil all diese Entwicklungen das Potenzial zu haben scheinen, den Status Quo des bisherigen Lebens und Menschseins in Frage stellen, tragen sie zu einer diffusen Angst vor dem Verlust der gewohnten Modi unseres Daseins bei. Wenn Konstanten und Ankerpunkte unseres Denkens abhandenkommen, bekommen Gedanken an Vergänglichkeit und Tod Auftrieb. Und weil für die Bewältigung von Ängsten die Verfügbarkeit von Sicherheit und Gewissheiten hilfreich ist, erschwert die Erosion des vertrauten Weltbilds zugleich die Bewältigung der dadurch ausgelösten Ängste. Es ist, wie wenn man die Risse in seinem Haus zu reparieren versucht, und gewahr wird, dass diese Risse dadurch entstehen, dass der schmelzende Permafrost die Fundamente des Hauses nicht mehr hält und das ganze Haus langsam den Hang hinunterrutscht.
Digitale Unsterblichkeit
Eines der neuen Schlagworte, die für Entwicklungen stehen, von denen wir nur wenig verstehen und darum genauso gut utopische Hoffnungen wie dystopische Befürchtungen daran knüpfen können, ist die Künstlichen Intelligenz. Setzen die einen in die Künstliche Intelligenz die Hoffnung, sie werde unsere Welt retten, so scheint für andere damit das Menschsein in seinem bisherigen Sinn, die Conditio Humana als solche auf dem Spiel zu stehen. Die Künstliche Intelligenz, meinen deren Entwickler wie Kritiker gleichermaßen, werde die Menschheit insofern grundsätzlich verändern, als die Algorithmen den Menschen immer voraus sein werden und aufgrund der Simulationen mit riesigen Datenmengen in der Lage sein werden, für viele Fragen die richtigen Antworten zu finden werden. Nicht nur dafür, wie sich das selbstfahrende Auto im Kollisionsfall verhalten soll, sondern auch für die Partnerwahl oder die Lösung der Klimakrise. Bald einmal werde die Künstliche Intelligenz klüger sein als der Mensch, meint zum Beispiel Roberto Simanowski[1], und dann werde sie sich daran machen, die Probleme der Welt, wie etwa die Klimakrise, zu lösen. Das deshalb, weil die Künstliche Intelligenz langfristig nichts anderes ihr eigenes Überleben zum Ziel haben werde, und solange sie dafür auch den Menschen braucht, werde sie diesen auch dazu bringen, sich vernünftig zu verhalten. Und dies ganz ohne Gewalt, einzig dadurch, dass sie dem Menschen die richtigen Vorschläge macht und ihn dazu bringt, diese auch umzusetzen.
Die Künstliche Intelligenz stellt auch die Voraussetzungen für die Bewegung der Transhumanisten zur Verfügung, die sich vorgenommen hat, die Sterblichkeit des Menschen technologisch zu überwinden. Doch bei genauer Betrachtung ist zum Thema Tod und Vergänglichkeit als Grundtatsachen des menschlichen Lebens aus der Informatik Paradoxes zu vernehmen: Einerseits wird an der digitalen Unsterblichkeit gearbeitet, andererseits scheint die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz an einem Punkt angekommen zu sein, wo sie entdeckt, dass sie über eine Art Sterblichkeitsprogramm verfügen muss, weil, wie in der Natur, immer wieder etwas absterben muss, damit auch wieder Neues entstehen kann.
Wird der Künstlichen Intelligenz also einerseits Sterblichkeit einprogrammiert, so soll sie umgekehrt die Unsterblichkeit des Menschen möglich machen. Mit großem finanziellem Einsatz sind die sogenannten Immortalisten daran, Tod und Vergänglichkeit in Frage zu stellen, sie wollen den Tod überwinden, indem sie ihre Körper oder Gehirne einfrieren, um sie eines Tages wieder auftauen zu lassen, wenn die medizinische Forschung das Überleben ermöglicht haben wird. Als zweitbeste Option arbeiten sie daran, zumindest den Inhalt ihrer Gehirne auf Festplatten abzuspeichern, überzeugt davon, dass das, was das Individuum ausmacht, als digitale Information beschrieben und konserviert werden kann.
Eine andere Stoßrichtung verfolgen Start-ups, die bereits heute Simulationen von Toten herstellen, über die Hinterbliebene mit ihren Verstorbenen in Kontakt bleiben können. In einem millionenfach angeklickten YouTube-Video kann man miterleben, wie die mit Videospezialbrille und Sensorhandschuhen ausgerüstete Mutter eines mit sechs Jahren verstorbenen Mädchens weinend versucht, den von einem südkoreanischen KI-Unternehmen programmierten Avatar ihrer Tochter zu berühren.[2]
Andere IT-Pioniere ermöglichen, mit Verstorbenen sprechen oder chatten zu können. Im Silicon Valley programmierte James Vlahos ein digitales Ich seines Vaters, einen „Dadbot“, und er meint tatsächlich, seinen Vater damit unsterblich gemacht zu haben: „Mein Vater ist lebendig, wann immer ich mit ihm spreche.“ Seine Frau hingegen verwirrte der wie der verstorbene Vater ihres Mannes sprechende Dadbot nur, sie konnte nicht darüber hinwegsehen, dass es sich dabei um einen Computer handelte. Die Suche nach der Unsterblichkeit führt heute nicht mehr in den altgewohnten Himmel der religiösen Vorstellungen, sondern in die Cloud, meinen Moritz Riesewieck und Hans Block, die solche Entwicklungen recherchiert haben[3].
Solche Projekte der Überwindung der menschlichen Biologie, des Transhumanismus, treiben Männer wie Peter Thiel voran, der mit Investitionen in Start-ups wie Paypal und mit Hedgefonds reich wurde, oder Elon Musk, der zusammen mit Thiel Paypal betrieb, Tesla zum Erfolg führte und gerade mit seinem Unternehmen SpaceX die Besiedlung des Mars in Angriff nimmt. Zu SpaceX gehört Starlink, Musks weltweitem Internet aus dem Weltraum, für das er mehr als 40 000 Satelliten in den Orbit schießen will. Astronomen versuchten dies zu verhindern, weil sie befürchten, dass man in Zukunft von der Erde aus am Himmel nicht mehr die Sterne, sondern nur noch Musks Satelliten leuchten sehen wird, und dass dies die astronomische Forschung gefährden könnte – doch ohne Erfolg. Soviel zur Vergänglichkeit sogar des Sternenhimmels.
Was treibt solche Männer an, alles zu tun, um den Tod zu bekämpfen und ihre Unsterblichkeit mit technischen Mitteln anzustreben? Über Thiel hatte ein Journalist Folgendes geschrieben:
„Als Thiel das Wichtigste erfuhr, lag er auf einem Kuhfell und war drei Jahre alt. Er fragte, was mit der Kuh von seinem Fell passiert sei. Und sein Vater sagte: ›Die ist gestorben.‹ Seitdem hasst Thiel den Tod. Und investiert nun als Milliardär in Start-ups wie: Flüssige Nano-Computer, die Zellen reparieren. Einfrieren von Köpfen. Super-Vitamin-Cocktails. Erbschadenerkennung. Übertragung des Gehirns auf einen Computer.“[4]
Wenn Männer – und es sind immer Männer – wie Musk und Thiel, Immortalisten und Transhumanisten, dem Tod begegnen und dieser ihnen zuruft: „Ich war, wie du bist, und du wirst sein, wie ich bin“ – dann wollen sie zurückrufen können: „Nein, Alter, wir werden nicht so sein wie du, für uns soll das Gesetz der Vergänglichkeit nicht mehr gelten!“ Zumindest für die nicht, die sich das leisten können. Dem Tod bleiben die anderen.
II. Was wir aus dem Tod machen
Die omnipotenten Strategien der Kindheit
Bleiben wir also beim Kind auf dem Kuhfell, den ersten Begegnungen des Menschen mit der Vergänglichkeit. Kinder beschäftigen sich früher und häufiger mit dem Tod, als die Erwachsenen annehmen. Das Kind erforscht seine Umwelt und entdeckt, dass es Belebtes und Nicht-Belebtes gibt und dass es Lebendiges gibt, das tot werden kann. Es reagiert auf die von seinen Forschungen ausgelösten Gedanken im Rahmen seiner kognitiven Möglichkeiten in der Bewältigung der dominanten Gefahren, die es in seinem Leben gibt, seinen Ängsten vor Verlassenheit, Ohnmacht und Vernichtung. Das Kind bedient sich einiger einfacher Tricks, um diese Ängste, die sich auch mit seinen Vorstellungen vom Tod vermischen können, abzuwehren: es anerkennt die Realität des Todes einfach nicht, oder geht davon aus, dass der Tod rückgängig gemacht werden kann, oder es denkt, dass nur andere sterben und schließt die Möglichkeit aus, dass es selber oder seine Familie vom Tod betroffen sein könnte. Die omnipotente Abwehr der Kindheit erlaubt es davon auszugehen, dass man selber unverletzlich ist und der Tod immer nur die anderen trifft, weil man selber immun oder großartig ist oder unter dem Schutz eines allmächtigen Objekts steht und die Teilhabe an dessen Omnipotenz einen vor dem Tod bewahrt.[5]
Es ist offensichtlich, dass sich sehr viele Menschen auch noch im Erwachsenenalter mit solchen omnipotenten Strategien der Verleugnung des Todes behelfen, die nun aber in ihrer Magie das Denken infantil und gemessen an den kognitiven Möglichkeiten eines Erwachsenen erstaunlich wenig realitätsgerecht erscheinen lassen. Glaubt der Erwachsene noch immer, ihn werde der Tod nicht treffen, so ist er in Gefahr, Vorzeichen des Todes zu übersehen. Sucht er noch immer seine Rettung bei omnipotenten Objekten, so ist er dafür anfällig, Rettern und Heilsbringern aller Art Gefolgschaft zu leisten, vom gewöhnlichen Heilkundigen über den Guru bis hin zu politischen Führern und Despoten. Diese werden als Heilsbringer benutzt, die die abgespaltenen Ängste vor dem Tod aufnehmen, als das Böse nach außen, auf andere projizieren und die Mitglieder der eigenen Gruppe vor dem Unheil zu retten versprechen. Im Kampf für das Gute wird die eigene Anfälligkeit für Schwäche und Vergänglichkeit bekämpft. Den Tod zu den anderen tragen und für das Überleben der eigenen Idee zu kämpfen, diese Abwehr der Angst vor dem eigenen Tod erklärt, weshalb Menschen mit Begeisterung in Kriege ziehen.
Und auch unserer maniformen Konsum- und Fortschrittsideologie liegt der omnipotente, den Tod verleugnende Abwehrmechanismus der frühen Kindheit zu Grunde: Solange ich produzieren, konsumieren, neue Sachen kaufen kann, ist die Welt in Ordnung und ich kann daran glauben, dass sich der Tod durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften, wenn nicht besiegen, dann doch soweit hinausschieben lässt, dass ich noch lange nicht an ihn denken muss.
Entfremdung und das Projekt der Liebe
In der Adoleszenz verändert sich das Denken und das Verhältnis zur Welt ganz grundsätzlich und damit auch der Umgang mit dem Tod. Den Tod gibt es jetzt ganz konkret, und er liegt in meiner Hand: ich kann sterben, jeder kann sterben, und ich kann den Tod sogar aktiv selber herbeiführen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist nicht nur ein philosophisches Rätsel, sondern wird konkret gesucht und ausgetestet. Gehe ich an die Grenze, begebe ich mich an den Rand des Abgrunds, spüre ich meine Macht über Leben und Tod und zugleich meine Ohnmacht. In den für das Jugendalter typischen psychischen Störungen spielt den auch oft der Tod eine Rolle, in der Panikattacke, in der Magersucht, in der Depression, im Risikoverhalten.
Die Künstlerin Jun Ahn schreibt zu einem Bild, auf dem sie auf einem Hochhausdach am Rande des Abgrundes sitzt – und es schaudert einen schon nur beim Betrachten des Fotos: „Ich saß da, habe über die Stadt geschaut und nachgedacht – über mein Leben, meine Vergangenheit, die Zukunft. Plötzlich wußte ich, dass meine Jugend nun zu Ende ist. Ich saß auf der Kante des Dachs, schaute herunter und nahm auf eine ganz unwirkliche Weise den Raum, die Leere zwischen mir und der Stadt wahr. (…) dieser Moment veränderte meine Sicht auf das Leben, den Tod und auf die Zeit komplett.“[6]
Mit der Einsicht, dass jeder Mensch einmal sterben muss, geht ein Gefühl der Entfremdung von den Anderen und der Welt einher, plötzlich scheint jeder allein für sich auf seinem eigenen Weg unterwegs zu sein. In diesem Gefühl der existenziellen Geworfenheit und der Einsamkeit kann dann wieder eine paradoxe Wendung ins Gegenteil zur Ausflucht werden, die romantische Verklärung des Todes. Diese sagt: Ich habe keine Angst vor dem Tod, sondern sehne ihn als Gefährten herbei, der alle meine Probleme lösen wird.
Zugleich entdeckt der Jugendliche aber auch etwas ganz wichtiges Neues: die Liebe. Das Projekt der Liebe stellt den mächtigsten Gegenentwurf zum Tod und zur Entfremdung gegenüber der Welt und den anderen Menschen dar. Weil die Liebe die Entfremdung und Vereinzelung aufheben kann, stellt von nun an die Libido das Gegenmittel Nummer eins gegen den Tod dar. Umgekehrt sind von jetzt an auch die Unfähigkeit zu lieben oder die Angst, nicht liebenswert zu sein, die verwundbarsten Stellen, die zentralen Einfallstore für die Todesangst ins Leben.
Liebe, Neugier, Kreativität bilden den Gegenpol zum Tod. Die Libido steht für die Lebenskraft und befeuert das Projekt der Liebe, und die Kreativität ermöglicht immer neue Lösungen, um aus den Sackgassen des Lebens und Denkens herauszufinden, um sich weiter zu entwickeln und weiter zu leben. Die Libido muss sich entfalten können, um die Gedanken an den Tod zu binden und um neues Lebendiges zu kreieren. Deshalb geraten Menschen, die aus lauter Angst vor dem Tod ihr Leben nicht leben können, in einen negativen Teufelskreis und verlieren in der Wiederholung des Immergleichen ihre Lebendigkeit, wo sie diese doch dringend bräuchten, um sie den Todesgedanken entgegenzustellen. So kann die Angst vor dem Verlust des Lebens zur Vermeidung des Lebens selber führen und in eine neurotische Erstarrung münden. Aus dieser Angst vor Trennung und Verlust leitete der Psychoanalytiker Otto Rank die tragische Blockierung des neurotischen Menschen ab, der „fortwährend bestrebt ist, das Sterben aufzuhalten und den Tod abzuhalten, der aber damit den Destruktionsprozess nur beschleunigt und verstärkt, weil er nicht imstande ist, ihn schöpferisch zu überwinden.“[7]
Entwicklung und Erweiterung des Selbst
In der ersten Hälfte des Erwachsenenlebens geht es darum, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, eine Identität zu entwickeln, einen Beruf zu ergreifen, vielleicht eine Familie zu gründen. Spätestens in der Mitte des Lebens stören dann Gedanken an die Begrenztheit der noch vor einem liegenden Lebensspanne das geschäftige Leben, den Aufbau der eigenen Existenz. Gedanken an Vergänglichkeit und Zerfall leiten eine Neuorientierung in der zweiten Lebenshälfte ein, in der es unausweichlich wird, sich um eine Weiterentwicklung seines Selbst in dem Sinn zu kümmern, dass darin auch die drängender werdenden Fragen um die Endlichkeit des Lebens, um Vergänglichkeit und Verlust zugelassen und gedacht werden können.
Je älter der Mensch wird, desto drängender melden sich bisher übergangene Bedürfnisse des eigenen Selbst. Diese wahrzunehmen und sein Leben entsprechend neu einzurichten ist nötig, um aus dem Gefühl der Stagnation, das sich oft in der zweiten Lebenshälfte breit macht, herauszufinden. Gelingt dies, so kann man aus den Krisen, die das Älter- und Altwerden begleiten, mit angepassten Idealen und Zielen und einem weiterentwickelten Selbst herausgehen, und damit stehen dann auch die mächtigsten Waffen gegen den Tod, Libido, Neugier und Kreativität, wieder zur Verfügung.
Wie Rank sah auch C.G. Jung, ein anderer der von Sigmund Freud wegen seiner eigenwilligen Gedanken verstoßener Schüler, eine zentrale Aufgabe des Menschen darin, die von den Ängsten vor dem Tod erzeugte Tendenz zur Erstarrung immer wieder zu überwinden und sich auf die Suche nach der bisher zu kurz gekommenen eigenen inneren Wahrheit zu machen. Und diese innere Wahrheit führt dann paradoxerweise zu einer Erweiterung des Selbst nach außen, in letzter Konsequenz „zu einem bewußten inneren und äußeren Bezogensein des Menschen in das irdische und kosmische Weltgefüge.“[8]
Diese Fortentwicklung des Selbst mit dem Älterwerden macht es möglich, dass die Vergänglichkeit des eigenen Selbst vorgestellt und akzeptiert werden kann. Dies kann als eine Erweiterung des Selbst erlebt werden, das sich dann über die Grenzen der eigenen Person, der eigenen Familie ausdehnen kann auf die ganze Menschheit, alle Lebewesen, die Natur, die Welt oder das Universum. Eine solche Transzendierung der eigenen Existenz relativiert dann zugleich die Bedeutung des eigenen Selbst im Angesicht des großen Ganzen und vermag damit auch die Angst vor dem Tod zu mildern.
Eine wesentliche Voraussetzung für diesen Prozess der Entfaltung und relativierenden Erweiterung des Selbst stellt natürlich die Fähigkeit zu trauern dar, Trennungen und Verluste bewältigen zu können. Doch viele Menschen sind mit einem Drehbuch für ihr Leben unterwegs, in dem nur Glück, Geniessen und Gesundsein vorkommen sollen. Krankheit, Verlust, Alter und Tod sind darin nicht vorgesehen und werden deshalb als Kränkung oder persönliches Versagen erlebt. Wenn die Fähigkeit zu trauern nicht zur Verfügung steht, können die Beeinträchtigungen, die Leiden, die Begrenztheiten der Existenz nicht in das eigene Leben integriert und zur Erweiterung des Drehbuchs für die Entwicklung des Selbst genutzt werden. Solche Begrenztheiten werden dann als beschämende Schwächen und Mängel des Selbst erlebt und müssen im omnipotenten Modus der Kindheit bekämpft und ausgemerzt werden. Dies kann, wie wir gesehen haben, der Menschheit große Entdeckungen und technische Entwicklungen bescheren, aber genauso zu Unwissenheit, Leid und Kriegen führen.
III. Den Tod denken können
Die Himmel des Symbolischen über unserer Welt
Das beste Gegenmittel gegen die Angst ist, sich nicht von ihr abzulenken, sondern sich ihr neugierig zuzuwenden und über sie nachzudenken. So ist es auch mit der Angst vor Tod und Vergänglichkeit: Gelingt es, die vom Tod ausgelösten Gefühle und Impulse in Gedanken zu fassen, müssen wir nicht vor ihnen fliehen und auf die omnipotenten Strategien der Kindheit zurückgreifen. Denken heißt, Fragen und Ängste in eine symbolische Form zu bringen und dafür greifen wir üblicherweise auf die Geschichten, das Wissen, das in unserer Kultur zur Verfügung steht, zurück, oder wir entwickeln neue Gedanken und Rituale. So wird es möglich, sich unter dem Schutz der Welt unserer symbolischen Vorstellungen auf das schlussendlich dann doch Undenkbare zuzubewegen. Stehen solche Vorstellungsmöglichkeiten nicht zur Verfügung, drohen Angst und Verzweiflung überhand zu nehmen.
Wie hilfreich es sein kann, auch angesichts größter Gefahr die Denk- und Handlungsfähigkeit und damit die vertrauten symbolischen Strukturen aufrechtzuerhalten, möchte ich kurz anhand von Lars v. Triers Film Melancholia (2011) aufzeigen. Der Untergang der Erde steht unmittelbar bevor, denn sie wird mit dem Planeten Melancholia kollidieren. Angesichts dieser unausweichlichen Katastrophe beginnen die beiden Schwestern Justine und Claire mit Claires Sohn Leo abgestorbene Äste zu sammeln, sie bauen daraus eine symbolische Hütte, in die sie sich hineinsetzen und an den Händen halten. Damit werden sie natürlich die reale Katastrophe nicht aufhalten und ihren eigenen Tod nicht verhindern – sie benutzen nicht eine omnipotente Strategie der Verleugnung, sondern die reife Fähigkeit, trotz der Angst ein Ritual der Verbundenheit und Liebe zu kreieren. So können sie, weil sie zu symbolischem Handeln fähig bleiben, die symbolische Struktur ihrer Welt aufrechterhalten und verhindern, dass sie vor ihrem realen Tod unnötigerweise auch noch die psychische Katastrophe der Selbst-Auflösung in der Überflutung durch Panik erleben müssen.
Den Tod denken können, die Vorstellung vom eigenen Tod aushalten und mit Ritualen kreativ handhaben zu können, ist die reifere, erwachsene Form, zu der die omnipotenten Strategien der Kindheit weiterentwickelt werden können. Dazu gehört die Fähigkeit, das eigene Selbst zu relativieren und zu erweitern. Bereit dafür wären die Menschen in einem gewissen Maß schon in der Kindheit und Jugend. Doch in unseren westlichen Kulturen wird es oft erst dem älter werdenden Menschen, sobald er aus dem lärmenden Getriebe der Welt herausfällt, möglich, sich philosophischen und spirituellen Fragen zuzuwenden. Und dann können oft sogar hartgesottene Materialisten, die zuvor Religion und Mystik radikal abgelehnt hatten, plötzlich ihre Denkmöglichkeiten erweitern.
Dezentrierung und Relativierung des Selbst
Mit dem Älterwerden wird es möglich, wie von außen auf sein Leben zu schauen, dieses wie als Ganzes wie von dessen Anfang bis zu seinem Ende zu überschauen. Sieht man so sein Leben vor dem Hintergrund der ganzen, nach dem eigenen Ableben weiter existierenden Welt vor sich, dann ist man auf dem Weg, eine dezentrierte Position in Bezug auf die Welt und das eigene Selbst einzunehmen. Die Erkenntnis daraus kann sein, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn ich sterbe. Weil damit die Wichtigkeit des eigenen Selbst in Relation zur ganzen Welt oder dem ganzen Kosmos enorm relativiert wird, erscheint, wie schon erwähnt, auch das Sterben des eigenen bescheidenen Selbst als weniger dramatisch.
Kann die Einsicht, dass nur das eigene Selbst vergeht, während die Welt weiterbestehen wird, die Ängste vor dem Tod erheblich mildern, so wäre zu erwarten, dass damit das Bedürfnis wächst, sich um das Weiterbestehen dieser Welt, die man verlassen wird, zu kümmern. Der eigene Tod verliert an Bedeutung und wird zu einem Phänomen allgemeiner, übergeordneter Gesetzmäßigkeiten, und damit kann zugleich auch das Bewusstsein der eigenen Verantwortung für die Welt wachsen. So können diese Erweiterung und Transzendierung des eigenen Selbst zur Identifikation mit etwas Größerem wie der Menschheit oder der Natur als Ganzem führen.
Für den Menschen des Westens stellt diese Relativierung der Position des eigenen Selbst in Bezug auf die Welt als Ganze einen viel größeren Schritt dar, als in anderen Kulturen, weil die Transformation des individualistischen Selbst ein Gefühl der Verlorenheit und Angst auslöst, wenn wir uns nicht in ein tragfähiges spirituelles System eingebettet erleben. Doch haben alle Kulturen Modelle der Transzendenz und spirituelle Praktiken entwickelt. Betrachten wir zum Beispiel den Buddhismus, so sehen wir, dass dieser gerade das, was das westliche Denken und Alltagsbewusstsein ausklammern möchte, zum Ausgangspunkt seiner Philosophie nimmt: Leiden und Vergänglichkeit. „Die grundlegende Lehre des Buddhismus ist die Lehre von der Vergänglichkeit beziehungsweise vom Wandel. Dass alles sich wandelt, ist die Grundwahrheit jeder Existenz. Niemand kann diese Wahrheit bestreiten, und darin ist die gesamte Lehre des Buddhismus zusammengefasst“, schreibt der bekannte japanische Zen-Meister Shunryū Suzuki[9]. Weil alles Wandel und Veränderung ist, gibt es auch kein festes Selbst, an das es sich zu klammern lohnt. Gerade dieses Anklammern des Menschen an etwas, das er als sein Selbst betrachtet, stellt aus buddhistischer Sicht eine Wurzel der Entfremdung und des Leidens dar. Erst wenn wir akzeptieren können, dass sich alles wandelt und alles vergänglich ist, auch unser Selbst, können wir Gelassenheit finden.
Denken lernen, wie ein Buddhist denkt, erfordert, gewohnte Denkweisen und Gewissheiten aufs Spiel zu setzen, gerade auch in Bezug darauf, was wir uns unter unserem Selbst vorstellen. Wissen aufzugeben und Nicht-Wissen auszuhalten, das alleine ist schon eine gute Übung für die Entwicklung des Selbst und den Umgang mit dem Tod. Suzuki schreibt, an den westlichen Leser gewandt: „Wenn ihr den Buddhismus verstehen wollt, müsst ihr alle eure vorgefassten Meinungen vergessen. Zunächst einmal müsst ihr die Vorstellung von Substanzhaftigkeit oder Existenz aufgeben. (...) Die buddhistische Lebensauffassung umfasst sowohl Existenz wie Nicht-Existenz. Der Vogel existiert und gleichzeitig existiert er nicht.“[10] Dies, weil die Vergänglichkeit des Vogels immer schon mitgedacht ist.
Was Buddhisten aus der Anerkennung von Wandel und Vergänglichkeit ziehen, ist nicht ein Konzept von Jenseitigkeit und Transzendenz, sondern von Diesseitigkeit und Präsenz im Hier und Jetzt. Sie finden in der Praxis der Meditation keine Erleuchtung im Sinne einer mystischen Verschmelzung mit einer höheren Macht, die sie unsterblich machen würden. Dies wäre ein infantiles Konzept der Omnipotenz im Umgang mit der Vergänglichkeit. Sondern im Gegenteil: „Wir suchen nicht nach etwas außerhalb von uns selbst. Wir sollten die Wahrheit in dieser Welt finden, durch unsere Schwierigkeiten, durch unser Leiden.“[11] Deshalb liegt die Betonung auf den Beziehungen und den Handlungen im Hier und Jetzt, denn nur diese stehen wirklich unter unserem Einfluss. Und paradoxerweise wächst mit der Akzeptanz meiner Vergänglichkeit zugleich die Fähigkeit, das jetzige Leben bewusst zu gestalten und zu genießen, anstatt in der Angst vor dem Tod zu erstarren.
Die unvergänglichen Hinterlassenschaften
Ganz ähnlich wie im Buddhismus argumentiert die französische Moralphilosophin und Ethikerin Corine Pelluchon, dass, wenn man nicht das eigene Selbst, sondern die Verbundenheit mit allen anderen Menschen und Wesen ins Zentrum stellt, dies auch das Verhältnis zum eigenen Tod verändern könne. Dies setze allerdings die Bereitschaft voraus, das „Unmögliche zu durchqueren“ und „keine Furcht vor seiner eigenen Verwundbarkeit zu haben.“[12] Sie schreibt:
„Wenn man (…) den Tod von der gemeinsamen Welt her denkt, will sagen auch ausgehend von anderen und den natürlichen und kulturellen Werken, die diese gemeinsame Welt bilden, ist er nicht Vernichtung. Die Hoffnung, das zu verwirklichen, was noch nicht ist, und eine bewohnbare Welt weiterzugeben, wird die Angst und den Skandal des Todes nicht verschwinden lassen, aber sie kann Zeugnis dafür sein, dass sein Sinn ausgehend von einem Engagement in der Welt und nicht bloß vom Selbst her verstanden werden muss.“[13]
Je besser wir die eigene Verwundbarkeit und Sterblichkeit anzuerkennen vermögen, desto mehr werden wir uns vom Leiden der Anderen betroffen fühlen und offen dafür sein, dass wir das Zerbrechliche der eigenen Existenz auch im Anderen wiederfinden können.
Wie diese Verbindung zwischen der Offenheit für die eigene Vergänglichkeit und der Bezugnahme auf die gemeinsame Welt und das Leiden der anderen aussehen kann möchte ich zuletzt noch am Beispiel des vor allem als Krimiautor bekannten Henning Mankell und dessen letztem Buch Treibsand[14] aufzeigen. Mankell arbeitete an diesem Werk während und zur Verarbeitung seiner Krebserkrankung, an der er nach Beendigung des Buches auch starb. Eines der Themen, auf die Mankell immer wieder zurückkommt, ist das ungelöste und potentiell todbringende Problem der radioaktiven Abfälle. Er versucht dem Leser die Augen für den Skandal zu öffnen, dass wir unseren Nachkommen unseren radioaktiven Müll hinterlassen. Wenn wir längst auch schon von den Nachkommen der Nachkommen unserer Nachkommen vergessen sein werden, strahlen die radioaktiven Abfälle mit ihren Halbwertzeiten von mehreren zehntausenden und mehr Jahren weiter, in Stahlfässer verpackt, die, so fordert das zum Beispiel das deutsche Gesetz, über eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen.
Auch er selber werde eines Tages in Abfall verwandelt, schlägt Mankell dann den Bogen zu seiner eigenen Vergänglichkeit, und dieser Zeitpunkt sei wegen seiner Krankheit erheblich näher gerückt. Deshalb habe er nun seinen „ganzen Mut zusammengenommen und nachgelesen, wie die Auflösung des Körpers abläuft.“[15]Dieses Wissen zu haben, beruhige ihn, fährt Mankell fort, denn dieses Wissen ermögliche ihm den Gedanken, dass „Sterben heißt, in der größten existierenden menschlichen Tradition aufzugehen.“
Sich vorstellen zu können, wie das Sterben und der Zerfall seines Organismus vor sich gehen wird, hatte für Mankell als etwas Klärendes – er konnte sich seinen Tod besser vorstellen. Doch seine Sorge und Beunruhigung blieb bei der Welt, die er hinterlassen würde, dem radioaktiven Müll, der über für uns Menschen unvorstellbar lange Zeiträume mit seiner radioaktiven Strahlung die Natur und das Leben belasten kann. Mit diesem Müll hätte es die Menschheit dann tatsächlich geschafft, so etwas wie unsterbliche Spuren zu hinterlassen, nicht nur wie Fußabdrücke oder Knochen der Dinosaurier oder die Ruinen der alten Römer, sondern tickende Bomben. Ein todbringender Nachlass des Menschen, genauso unsichtbar wie Röntgenstrahlung, Mikroplastik oder die Klimaerwärmung. Die Avatare Verstorbener, die tiefgekühlten Immortalisten und die Künstliche Intelligenz werden in kurzer Zeit zerfallen, wenn eines Tages kein Strom mehr zur Verfügung steht, doch die Radioaktivität wird, in menschlichen Zeitdimensionen gedacht, ewig weiterstrahlen, sie ist unvergänglich.
Es ist erstaunlich, wie selten Menschen miteinander über Ihre Vorstellungen über den Tod sprechen, obwohl dieses Thema alle betrifft und also auch alle verbinden könnte. Wehrt sich ein Mensch schon dagegen, sich bewusst mit der Möglichkeit des eigenen Todes zu beschäftigen, dann ist es nicht erstaunlich, dass er sich auch nicht mit der Vergänglichkeit und der Bedrohtheit der Welt um ihn herum auseinandersetzen will. So resultiert aus der Verleugnung der eigenen Sterblichkeit die für die belebte Natur und unsere Nachkommen insgesamt viel bedeutsamere Verleugnung der möglichen Vergänglichkeit der Lebenswelt um uns herum.
Dafür, für die Natur Verantwortung zu übernehmen, scheint der Mensch schlecht ausgerüstet zu sein. So meint Peter Sloterdijk[16] in einem Beitrag zur Coronakrise: „Menschliche Wesen sind nicht dafür gemacht, sich als Naturschützer zu verhalten. Sie bewegen sich in der sogenannten Natur anfangs wie eine Spezies unter anderen. (...) Die Natur wird als die grosse Versorgerin betrachtet, in der essbare Pflanzen und Tiere leben.“ Zwar habe die Menschheit schon früh für die Regeneration der Natur durch Opfergaben Sorge getragen, doch sei undenkbar gewesen, dass der Mensch der Natur einen ernsthaften Schaden würde zufügen können, weil die Menschen nie Grund hatten, daran zu zweifeln, „dass die Natur viel zu mächtig ist, ... zu erhaben, zu riesenhaft, um vom Menschen irgendetwas erwarten zu müssen.“ Können wir nun erwarten, dass die weltweite kollektive Erfahrung einer Pandemie ein Umdenken fördern könnte, das den Menschen nicht nur die eigene, sondern auch die kollektive Vergänglichkeit, die Gefährdung der Grundlagen unseres Lebens, deutlicher vor Augen führen würde?
Die Herausforderung dabei besteht also darin, der Möglichkeit des Todes ins Auge schauen zu können, ohne vor Angst zu erstarren oder zu den omnipotenten Verleugnungsstrategien der Kindheit Zuflucht nehmen zu müssen. Denn, wie sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, führt zu viel Angst vor dem Tod die Menschen dazu, dass sie mit Abwehr reagieren, den eigenen Besitzstand verteidigen wollen, sich gegen Fremdes und Neues abgrenzen. Werden wir von der Angst vor dem Tod geleitet, dann ist unser übergeordnetes Ziel: „Vertrauen in unsere Weltanschauung, unser kulturelles Weltbild, aufrechterhalten, um unserer Wirklichkeitswahrnehmung Ordnung, Bedeutung und Beständigkeit zu verleihen.“[17] Dies geht auf Kosten der Fähigkeiten, sich in andere einzufühlen und für Veränderungen offen zu sein. Je weniger man hingegen in der Angst um die Existenz seines eigenen Selbst erstarren muss, desto freier wird man, sich auch um die Welt außerhalb zu kümmern.
Weil sich der Mensch den eigenen Tod nicht vorstellen könne, könne er die Tatsache, sterben zu müssen, nur als Absurdität empfinden, meinte Jean-Paul Sartre. Sein Leben könne der Mensch daher nur gegen diese absurde Zumutung des Todes leben. Die Freiheit, die dem Menschen jedoch bleibe, sei die Freiheit des Handelns. Ganz ähnlich klingt dies im Buddhismus: „Meine Handlungen von Körper, Rede und Geist sind das Einzige, was mir gehört.“[18] Und dies soll auch eingesetzt werden. Der Unterschied zwischen Sartres Haltung und der buddhistischen liegt jedoch darin, dass das eine Mal ein Leben gegen den Tod, das andere Mal ein Leben mit dem Tod propagiert wird. Sartre hatte seine These, man müsse das Leben gegen den Tod leben, in seinen Dreißigern, also noch in seiner ersten Lebenshälfte, formuliert. Doch je älter der Mensch wird, desto lebendiger und sinnerfüllter kann sich das Leben anfühlen, wenn man mit dem Tod lebt statt gegen den Tod. Und man kann schließlich der unvermeidbaren Vergänglichkeit auch sinnvolle Seiten abgewinnen: Vergänglichkeit ermöglicht Veränderung, sie kann Leiden beenden und Platz für Neues schaffen.
Postscriptum
Verändert hat sich inzwischen auch das Ensemble von Wegkapelle, Waschhaus und Abfall- und Recyclingcontainern in Calezzo. Die Kapelle mit dem Sensenmann und das Waschhaus wurden restauriert, heute stehen die Container auf der gegenüberliegenden Straßenseite und verstellen nicht mehr den Blick auf den Tod und seine Worte. Und plötzlich offenbart sich dem Wanderer noch eine andere Lesart der Inschrift „Ich war, wie du bist, und du wirst sein, wie ich bin“, sobald er sie nicht nur als Mahnung, als Drohung hört, sondern als schlichte Beschreibung von Positionen auf dem Weg des Lebens versteht. Dieser begann mit der Geburt des Kindes, welches im Inneren der Kapelle von seiner Mutter Maria gehalten wird, und endet damit, dass man so wie der Tod sein wird. So gesehen wird es am Ende dann auch in Ordnung sein, wenn man dann selbst an der Stelle des Todes steht, mit der Sense in der einen und dem Stundenglas in der anderen Hand, und Wanderern die Augen zu öffnen versucht. Dann jedenfalls wird die Zeit des Noch-Nicht-Wissens, der Angst vor dem Tod, vorüber sein.
[1] Simanowski, R. (2020): Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz. Wien (Passagen).
[2] https://www.youtube.com/watch?v=uflTK8c4w0c, 25 Millionen Aufrufe am 26.1.2021.
[3] Riesewieck, M. & Block, H. (2020): Die digitale Seele. Unsterblich werden im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. München (Goldmann). Einem Artikel der Autoren in Die Zeit, 8.10.2020, S. 60 sind die Zitate im vorangegangenen Abschnitt entnommen.
[4] Seibt, C. (2016): Kein Tod, keine Steuern, kein Pardon. Tages-Anzeiger 15.6.2016, 12–13, S. 13.
[5] Yalom, I.D. (1980): Existenzielle Psychotherapie. Bergisch-Gladbach (EHP) 5. Aufl. 2010.
[6] Jun Ahn: Selfportrait, 2009 (art, 5/2018, S. 28f.)
[7] Rank, O. (1931): Die Analyse des Analytikers und seine Rolle in der Gesamtsituation. Technik der Psychoanalyse, Bd. III. Gießen (Psychosozial-Verlag) 2006, S. 429.
[8] Jacobi, J. (1971): Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Olten (Walter), S. 167.
[9] Suzuki, S. (1970): Zen-Geist, Anfänger-Geist. Unterweisungen in Zen-Meditation. Bielefeld (Theseus) 2016, S. 116.
[10] a.a.O., S. 126.
[11] a.a.O., S. 117.
[12] Pelluchon, C. (2018): Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2019, S. 118.
[13] a.a.O., S. 117f.
[14] Mankell, H. (2014): Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Wien (Zsolnay) 2015.
[15] a.a.O., S. 94.
[16] Sloterdijk, P. (2020): Der Mensch, das Distanzwesen. NZZ 29.8.2020, S. 33.
[17] Solomon, S.; Greenberg, J. & Pyszczynski, T. (2015): Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst. München (dva) 2016, S. 23.
[18] Hanh, T. N. (2012): Der furchtlose Buddha. Was uns durch die Angst trägt. München (Arkana) 2013, S. 44.