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Torbjörn Bergflödt, Aargauer Zeitung (15.01.2008)
Gruss von der Reconquista: Erstmals am Opernhaus Zürich ist Massenets «Le Cid» gezeigt worden - voller achsialsymmetrischer Verkrampfungen.
Spanischer Nationalheld? Man darf ungestraft an Don Quijote denken, den «Ritter von der traurigen Gestalt». Jules Massenet hat zu ihm eine Oper komponiert. Aber es gibt da - eine Komplementärfigur sozusagen - auch den «Cid». Das Nachleben des im 11. Jahrhundert siegreich gegen die Mauren (und zeitweise auch in ihrem Solde) kämpfenden Rodrigo Diaz de Vivar, genannt «El Cid», scheint übrigens vor allem das Resultat einer fleissigen Legendenschreibung zu sein. Auch zu dieser Gestalt hat Massenet eine Oper, einen ganz späten Gattungsbeitrag zur Grand Opéra, geschrieben. Uraufführung war 1885 in Paris.
Der affirmative Ton fern von donquijotesken Melancholieeintrübungen, mit dem der Held bei Massenet bedacht wird, lässt einem den Recken nicht richtig ans Herz wachsen, und eine Erscheinung des heiligen Jakobus nähert sich bedenklich dem Kitsch. Aber Massenet hat ja gerne die weibliche Seele akustisch auszuleuchten versucht, und auch «Le Cid» ist nicht zum Wenigsten eine Oper über eine Frau. Hier ist es Chimène, deren Vater ausgerechnet von ihrem Geliebten Rodrigue getötet wird, weil dieser einen Ehrverletzungshandel zu rächen hatte. Pflicht und Neigung kämpfen noch schmerzlicher gegeneinander in der Brust der Grafentochter als in der Heldenbrust des Cid. Den Liebesbund ermöglicht Chimènes finale Vergebung.
Im pathetischen Gestenrepertoire und in der immer wieder allzu starr achsialsymmetrischen Postierung von Gruppen verrät Nicolas Joel keinen ingeniösen Umgang mit seiner Regieaufgabe. Ein mitlaufender Subtext mit antiheldischen Konterkarierungen? Fehlanzeige. Einfallsreicher wirkt da die Ausstattung von Andreas Reinhardt, der am 24. Dezember verstorben ist, seine Arbeit aber den Werkstätten noch hat abgeben können. Ein einem Fluchtpunkt zustrebendes Liniensystem legt sich über die Szene, ein dicht gesponnenes Koordinatennetz. Schwarz dominiert bei den Kostümen. Eine Ausstattung, die einerseits mit dem überzogenen Ehrbegriff korres- pondiert, an dem diese Menschen laborieren, und mit den filigranen Linien auch heimlich Widerspruch anzumelden scheint gegen das Heroentum. Allerdings vermittelt sich doch auch ein Zuviel an Abstraktion und atmosphärischer Dürre bei, wiederum, achsialsymmetrischen Verkrampfungen.
Der Vater von José Cura sei am Morgen des Premierentages gestorben, war von Hausherr Alexander Pereira zu erfahren. Angesichts der vokalen «forza» und der Ausdrucksmacht, die der argentinische Sänger am Abend in den Part der Titelrolle zu legen vermochte, kann man die Professionalität dieses Künstlers nur bewundern. Bravo! Isabelle Kabatu als Chimène liess einen strahlkräftigen Sopran hören und horchte daneben auch schwebende Qualitäten von Massenets «féminité» aus. Den Chor hat Jürg Hämmerli sorgfältig einstudiert.
Die Chance, dass die klangliche Dimension sich weitgehend ungestört von Regie und Ausstattung entfalten durfte, nutzte am Dirigentenpult Michel Plasson, ausgewiesener Experte im französischen Fach. Unter ihm lotete (auch) das Hausorchester das Ausdrucksspektrum von martialisch bis lieblich aus, wobei neben zarten Farbnuancierungen manchmal auch im Fortissimo «zugelangt» werden konnte. Schade, dass die Balletteinlagen dem Rotstift zum Opfer gefallen sind.