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Warum es keinen Gott gibt
Achim H. Pollert über das Ergebnis der grossen Zahl
Das Ergebnis der grossen Zahl sind wir allemal.
Eigentlich hätten es uns unsere Mathematik-Lehrer in der Schule beibringen müssen. Aber die meisten davon haben bekanntlich versagt dabei, die brillanteren von ihnen wenigstens so elegant, dass wir selber geglaubt haben, wir hätten versagt.
Es geht um den Umgang mit der Wahrscheinlichkeit.
Sie kennen das: Damit es heute so ist, wie es ist, sind gewisse Bedingungen nötig.
Damit es Leben geben kann, muss eine Sonne Planeten haben. Planeten als solches sind schon kein zwangsläufiger Nebeneffekt, sondern eine zufällige Erscheinung bei der Entstehung einer Sonne. Somit scheidet ein mehr oder weniger grosser Teil aller Sonnen bereits von vorne herein als möglicher Träger von Leben aus – nämlich alle die, die keine Planeten haben.
Diese Planeten dürfen nun keine Gasriesen wie Jupiter oder Saturn sein. Sondern sie müssen eine bestimmte Grösse und eine feste Oberfläche aufweisen. Und sie brauchen eine bestimmte Masse, die schon recht genau sein muss, weil sie auf Jahrmilliarden hinaus eine Atmosphäre binden können muss.
Die Sonnen ihrerseits müssen ein bestimmtes Licht ausstrahlen. Wenn sich in ihrem Spektrum etwa zu viel UV-Strahlung befindet, dann würde es schon sehr schwierig für das Leben. Und die betreffenden Planeten ihrerseits müssten einen Kern aus Eisen haben und sich um sich ihre eigene Achse drehen, so dass sie ein Magnetfeld besitzen, das den Sonnenwind abmildert.
Die Wahrscheinlichkeit
Und das ist eben der Umgang mit der Wahrscheinlichkeit.
Nehme ich an, dass jede der bisher genannten Bedingungen auch schon auf tausend Sonnensysteme zutrifft, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen solchen Planeten finden, mit diesen wenigen bisher genannten Bedingungen bereits bei einer 1 mit 15 Nullen. Und es ist wohl so, dass die Wahrscheinlichkeit für die eine oder andere Bedingung bei deutlich weniger als 1,000 liegt (vielleicht ist es etwa nur eine von einer Million Sonnen, die überhaupt Planeten trägt).
In unserem Beispiel mit der Wahrscheinlichkeit von 1,000 müsste es bei den Sonnen also eine Anzahl mit 15 Nullen geben, damit überhaupt einen Steinklotz (ohne Wasser, mit siedend heisser Oberfläche, mitten in einem Meteoritenfeld) rund um eine geeignete Sonne kreist.
Dieses Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten geht weiter.
Und jede neue Bedingung, die nötig war, damit es so wird, wie es heute ist, senkt die Wahrscheinlichkeit immer wieder entsprechend drastisch.
Wenn etwa ein Planet eine nur etwas höhere vulkanische Aktivität besitzt als die Erde, dann sieht es schlecht aus für Entstehung von Leben dort. Ebenso wenn seine Wetterphänomene nur etwas weniger wechselhaft sind als hier.
Wer an ausserirdische Zivilisationen glaubt – und sie zudem in unserem näheren räumlichen Umfeld im Universum vermutet, zudem noch im gleichen Zeitrahmen wie wir -, der schert sich eher wenig um diese Ueberlegungen rund um die Wahrscheinlichkeit. Aber das ist eine andere Geschichte.
Damit es so ist, wie es ist, muss eine gewaltige, unglaubliche Anzahl von Bedingungen erfüllt sein. Eine Zahl, die so gross ist, dass man sie sich kaum vorstellen kann.
Der Umkehrschluss daraus: Dass es uns so gibt, ist ein extrem unwahrscheinliches Ereignis.
Nun kennen wir alle aber
Murphy’s Law
„If something CAN happen, it WILL.“
Soll heissen: Bei entsprechend grosser Zahl von Ereignissen wird auch das unwahrscheinlichste Ereignis einmal eintreten, wenn es eintreten kann.
… was den einen oder anderen unangenehmen Pedanten im Berufsalltag natürlich dazu verleitet, diese gewaltige Zahl von möglichen Ereignissen durch Sicherheitsmassnahmen abdecken zu wollen. Erfolgreiche Unternehmer (oder Verwaltungsfachleute) sprechen dabei vom „Promillefall“, den abzudecken viel mehr Aufwand darstellt als der mögliche Schaden daraus.
Im übrigen haben nach der Alltagsbeobachtung tatsächlich viele Menschen ihre liebe Mühe mit der Wahrscheinlichkeit oder, sagen wir, der Statistik.
Nur sehr wenige Menschen etwa sind bereit zu akzeptieren, dass bei einer Befragung von 500 Personen, die nach dem Zufallsprinzip über das ganze Land ausgewählt wurden, durchaus zuverlässig darauf geschlossen werden kann, was alle sieben Millionen Einwohner der Schweiz zu dem Befragungsthema denken.
Wie auch immer: Wir jedenfalls, so wie wir heute sind, sind das Ergebnis der sehr grossen Zahl. Der sehr, sehr grossen Zahl von Bedingungen, die in den letzten Milliarden von Jahren gegeben sein mussten.
Und genau das wiederum ist das, was wir beobachten, wenn wir um uns schauen. Wenn wir immer genauere, immer bessere Instrumente hinaus ins Universum richten, dann sehen wir die immense Zahl. Ein explodierendes Etwas mit Milliarden und Abermilliarden von Sonnen und Planeten, die auseinanderfliegen.
Massen von Galaxien, die Massen von Sternen enthalten. Riesige Staubwolken, in denen neue Sonnen und Planeten entstehen. Explodierende Sonnen, die ganze Milchstrassen erhellen. Schwarze Löcher aus zusammengeballter Materie, die alles auf ewig verschlingen, was in ihre Nähe kommt.
Das Ganze der Art nach vielleicht einem achtlos hingeworfenen Bündel von Staub und Sand und Geröll vergleichbar.
Und wenn ich dieses Bündel oft genug ungesteuert hinwerfe, dann wird da vielleicht auch plötzlich eine Struktur erkennbar sein. Durch Zufall entsteht dann auch einmal etwas, das aussieht, als wäre es geschaffen worden. Ein Staubschicht auf dem Boden, die klar erkennbar das Portrait von Arnold Schwarzenegger abbildet. Ein Haufen von Sandkörnern, die deutlich aussehen wie das Matterhorn.
Eben als Ergebnis der grossen Zahl.
Und so würde sich auch erklären, warum es rund um uns herum in diesem Universum so viele Dinge gibt, die in keiner Kausalität zu uns stehen, die viel zu weit weg sind, als dass wir je mit ihnen in Berührung kommen könnten, und die uns somit eigentlich „sinnlos“ erscheinen.
Der „Sinn“ des Ganzen ist die Statistik: In einem Universum mit erheblich geringeren Zahlen gäbe es uns nicht. Dann gäbe es vielleicht hier und da etwas grünen Einzeller-Schleim, den es auch so in diesen Weiten wohl einmal gibt. Aber eine Erde mit höherem Leben, etwas weiter entwickelten intelligenten Lebensformen gar, gäbe es bei geringerer Zahl eben nicht.
Denn dann würden sich eben alle diese Bedingungen nicht erfüllen, die es statistisch braucht, um höheres intelligentes Leben mit einer technischen Zivilisation hervorzubringen.
Also wohl eine Kausalität, aber eben eine sehr theoretische. Eine Kausalität, die für die menschliche Logik nicht ohne weiteres greifbar ist. Ursache und Wirkung wie sie nicht in einem direkt nachvollziehbaren Zusammenhang stehen.
Angewandt auf den Alltag beinahe schon etwas schräg: So als würde man sich bei der Roulettekugel fragen, die nun auf die eine Nummer 10 gefallen ist, warum es denn überhaupt die anderen 48 Nummern gibt. Wofür sind diese anderen 48 Nummern gut?
Gerade auch das Glücksspiel bestätigt diese Beobachtung der grossen Zahl.
Wenn die Zahl gross genug ist, werden auch die unwahrscheinlichsten Dinge passieren. So werden aus der Spielcasino-Welt immer mal wieder solche Dinge berichtet. Etwa dass irgendwo an einem Roulette-Tisch mehr als zehnmal hintereinander dieselbe Zahl geworfen wurde. Und dass im deutschen Lotto einmal dieselben Zahlen gezogen wurden wie eine Woche davor im niederländischen Lotto. Oder dass als Gewinnzahlen die sechs Zahlen von 41 bis 46 hintereinander gezogen wurden.
Dergleichen kommt vor bei der genügend grossen Zahl.
Ein Schöpfer
Vielleicht haben auch deswegen so viele Menschen ihre liebe Mühe mit der Statistik bzw. mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung, weil es sich eben nicht um ein lineares Ursache-Wirkung-Muster handelt sondern um einen tieferliegenden Zusammenhang, der sich einem nicht unmittelbar erschliesst.
Was haben die 500 Befragten der Umfrage mit all den Millionen zu tun, dass sie trotzdem dieselbe Meinung wie die haben? Was haben die paar hundert Test-Zuschauer, mit denen die Einschaltquote ermittelt wird, mit all den Millionen zu tun, die zwar prozentual die gleichen TV-Programme schauen, die aber eben nicht erfasst werden?
Zu vermuten dass es einen Schöpfer gibt, der all dies erschaffen hat, der wollte, dass hier Menschen herumlaufen und wissen, was gut und böse ist, das ist substantiell dann wohl dieselbe Vermutung, als würde man annehmen, dass jeder von den Befragten einer Umfrage seinerseits von je zehntausend anderen gesagt bekommen hat, wie er hier zu antworten hat. Und zwar von jedem einzeln.
Zu vermuten dass es einen Schöpfer gibt, der aktiv in das Geschehen eingreift, weil er ein besonderes Interesse an den Menschen hat, das wäre so, als würde man vermuten, dass dieses eine Mal, als mehrfach hintereinander dieselbe Zahl am Spieltisch gefallen ist, jemand im Hintergrund das Ganze manipuliert hat. Vorher nicht. Und nachher auch nicht. Aber bei diesem einen Wurf schon.
Ganz zu schweigen davon, dass die Zahlen- und Wahrscheinlichkeitsverhältnisse im Kosmos ungleich verschieden von jedem Glücksspiel sind.
Die Tatsache, dass wir beim Blick in den Kosmos so eine grosse, so eine ungeheuere Zahl vor uns haben, deren Ergebnis wir selber sind, deutet eher darauf hin, dass hier nichts bewusst „geschaffen“ und „gestaltet“ wurde. Ganz im Gegenteil: Wir sehen das, was möglich ist, vor uns ausgebreitet, und eins davon sind eben wir selber.
Würde ich, beispielsweise, eine Welt mit intelligenten Wesen schaffen wollen, dann würde ich es nicht so machen. Dann würde ich gezielt die Bedingungen schaffen, die dafür nötig sind, und dann mein Spielchen beginnen.
Zumal, wenn ich allmächtig wäre.
Dann würde das Universum aus wenigen Sonnen und Planeten bestehen, die einander recht ähnlich wären (quasi Probe-Schöpfungen, „Beta-“ und „Gamma-Versionen“). Dann würde ich nicht reihenweise Galaxien, Sonnen und sonstige Masse-Ansammlungen schaffen, wo gar kein Leben möglich ist.
Ganz ähnlich wie der Politiker nicht danach streben sollte, einen der 500 in der Statistik Befragten direkt in seiner Meinung zu beeinflussen, sondern möglichst alle für dumm zu verkaufen und so eben auch prozentual Einfluss auf den einen Befragten zu nehmen.
Nur ein Schubs…
Wie gesagt: Das Universum in seiner Beschaffenheit deutet eher darauf hin, dass es kein allmächtiges Wesen gibt, das diese Welt geschaffen hat und nun im Hintergrund direkt beeinflusst.
Eher denkbar ist in dieser Konstellation ein Urwesen, das dies alles angestossen hat, im Bewusstsein, dass eine genügend grosse Zahl zwangsläufig auch Leben, höheres Leben, intelligentes Leben, eine Zivilisation hervorbringt. Ebenso wie etwa die Abgabe von ca. 14 Millionen Lottoscheinen mit verschiedenen Kombinationen eine ganze Menge Dreier, Vierer, Fünfer und zwangsläufig auch den Sechser erzielt.
Ebenso zwangsläufig wie jede Zahl ungefähr zehnmal fällt, wenn ich 480 mal eine Roulettekugel werfe (… nicht Geld setzen, bitte!).
Dann wäre das Ganze in einem Urknall angeschubst worden, womöglich von vorne herein konzipiert, auch wirklich ganz sicherzustellen, dass mindestens ein Haupttreffer dabei ist. Und ansonsten wäre es über die Jahrmilliarden sich selbst überlassen geblieben. Auch wieder ganz ähnlich wie die Roulettekugel oder die Ziehung der Lottozahlen. Statistische Aussagen und Erwägungen darüber sind im voraus möglich, konkrete allerdings nicht.
So jedenfalls sieht es aus, was wir um uns herum sehen.
Was für eine Rolle – sollte man ihn doch vermuten – ein solcher Gott mit seinem Schubs am Anfang ansonsten spielt, diese Erwägung bleibe jedem selbst überlassen. Das Ganze eine gezielte Aktion eines untergegangenen Universums? Das Ganze ein zufälliger Abwurf? Das Ganze eben doch ein Glücksspiel, bei dem zwei gewettet haben?
In diesem Fall stellt sich für uns natürlich die Frage: Sind wir, die Erde mit ihrer Menschheit und ihrer Geschichte, wohl ein Dreier? Ein Vierer? Ein Fünfer?
Oder sind wir dann doch der Sechser mit Zusatzzahl und Superzahl?
Wenn Ihnen einer begegnet, der das weiss… das ist dann wohl Gott…