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Herr Rau, die Menschheit wird immer älter; welchen Faktoren ist dies zu verdanken?
Die Menschheit wird immer älter; welchen Faktoren ist dies zu verdanken?
Seit rund 170 Jahren lässt sich ein dauerhafter Anstieg in der Lebenserwartung um circa zweieinhalb Jahre pro Jahrzehnt beobachten. Auch wenn das Tempo dieses Anstiegs sehr beständig ist, waren immer wieder unterschiedliche Altersgruppen dafür verantwortlich.
Was heisst das?
Waren es bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts vornehmlich verbesserte Überlebenschancen für Säuglinge und Kinder, sind es heutzutage Reduktionen in der Alterssterblichkeit. Damit einhergehend hat sich natürlich auch das Spektrum der Todesursachen verlagert. Das Zurückdrängen von ansteckenden Krankheiten wie beispielsweise der Tuberkulose war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sicherlich entscheidend. Und in den vergangenen Jahrzehnten hat die Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dazu geführt, dass die Menschen immer länger leben.
Wird die Lebenserwartung weiter steigen oder ist der Peak bald erreicht?
Das kann niemand wirklich sagen. In der wissenschaftlichen Diskussion gibt es Meinungen, die besagen, dass der Peak bald erreicht sein wird, aber auch solche, die davon ausgehen, dass die Lebenserwartung noch weitaus höher und schneller ansteigen kann.
«Den Rekord für das höchste Alter hält weiterhin Jeanne Calment, die 1997 im Alter von 122 Jahren verstarb.»
Zu welcher Fraktion gehören Sie?
Ich denke, dass moderater Optimismus durchaus angebracht ist. Dies weil es Untersuchungen bezüglich der Langlebigkeit von Bevölkerungsgruppen gibt, die sich besonders gesund verhalten, wie beispielsweise Wissenschafterinnen und Wissenschafter. Diese leben jetzt schon ein paar Jahre mehr als die Durchschnittsbevölkerung. Das heisst, selbst wenn es keinen medizinischen Fortschritt mehr geben sollte – wovon ich nicht einmal ansatzweise ausgehe –, gäbe es noch Luft nach oben. Den Rekord für das höchste Alter hält weiterhin Jeanne Calment, die 1997 im Alter von 122 Jahren verstarb.
Wie wird die Langlebigkeit unsere Gesellschaft und Wirtschaft verändern?
Es gibt kaum einen Bereich, der von der zunehmenden Langlebigkeit nicht beeinflusst wird. Es geht ja nicht nur um die Zukunft der Rente, der Krankenversorgung und der Pflege. Verkehr, Infrastruktur, Städtebau und viele weitere Bereiche müssen sich ebenfalls an die durch die alternde Gesellschaft geänderten Rahmenbedingungen anpassen.
Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse für den Umgang mit der Langlebigkeit?
Bei allen gesellschaftlichen Herausforderungen, die durch die zunehmende Langlebigkeit entstehen, wird häufig vergessen, dass dahinter – insbesondere in den letzten Jahrzehnten –auch eine Erfolgsgeschichte steckt. Ein persönliches, aber hoffentlich illustratives Beispiel: Als mein Grossvater in den 80er Jahren im Alter von 79 Jahren verstarb, sagten viele: Er hat ein schönes Alter erreicht. Stirbt heutzutage jemand mit 79, hört man häufig: Der ist aber jung verstorben.
Zur Person
Roland Rau ist Professor für Demografie an der Universität Rostock. Zudem ist er am Max-Planck-Institut für demografische Forschung tätig. Dort leitet er als Max-Planck-Fellow die Arbeitsgruppe Mathematische Demografie.