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Ein Fremdling... und Einheimische
Inhaltsverzeichnis
Ein Fremdling...
Einige blühende Herden von Mufflon finden sich auf den Weiden des Walliser Chablais in der Gegend von Vionnaz und Vouvry. Es scheint, als hätten diese Wildschafe mit Spiralhörnern, seitlich schwarz geflecktem Fell und geschlitzten Pupillen wie beim Steinbock immer hier gelebt.
Es handelt sich aber um Einwanderer aus den Savoyer Alpen, Nachkömmlinge von Tieren, die den Populationen auf Korsika entnommen wurden. Spezialisten behaupten, dass sogar die Bestände auf Korsika künstlich seien: die Gesamtheit der "wilden" Mufflon solle von Hausschafen abstammen, die von Steinzeit-Bauern eingeführt wurden und wieder verwilderten... Man versteht, dass das Eidgenössische Jagdgesetz im Bemühen, unsere Wildfauna zu erhalten, diese Schafe auf den Index gesetzt hat.
...und Einheimische
Die Brunft des Rehs
Bäö bäö gut so, versuchen Sie es nochmals: ein explosiv gebrülltes "bä", gefolgt von einem "o", fast "ö", tiefer, kaum betont: bäö bäö Das ist der Ruf des brünftigen Rehs, die Stimme des Waldes im August. Für das zarte Tier erstaunlich kräftig, lässt diese Art Gebell, mitten in der Nacht, das Blut erstarren. Es zeigt die Erregung der Böcke in Gegenwart einer Geiss an. In der Hochsaison wickeln sich die Liebesspiele gelegentlich auch tagsüber ab, das Männchen dicht hinter dem auserwählten Weibchen; die Paare drehen sich ohne Unterlass im Kreis.
Ein nach vorn geneigter Rücken, ein schwach entwickeltes, rückwärts gerichtetes Geweih, ein kleines Herz, das alles zeigt an, dass das Reh ein Fluchttier ist, stets bestrebt, rasch Unterschlupf in einer Walddeckung zu finden, um abzuwarten, dass die Gefahr sich verziehte. Aber ein wenig voluminöser Verdauungstrakt nötigt es, sechs- bis achtmal täglich, auf einer Wiese oder einer Lichtung den Magen zu füllen. Mehr braucht es nicht, um die Vorliebe des Rehs für Lichtungen, lichte Wälder und Heckenlandschaften zu erklären. Nur wenige Schritte trennen das Weidegebiet, wo es die energiereichsten und am leichtesten zu verdauenden Pflanzen äst, vom geschützen Einstand, wo es wiederkäut und dabei die Umgebung beobachtet. Dieses kleine Hirschtier ist ein Feinschmecker, eines wählt sorgfältig Krokusblüten zu Frühlingsbeginn aus, ein anderes nimmt gerne Lilien.
Zu anderen Jahreszeiten und in anderen Gebieten werden Blätter oder Früchte gewählt. Aber es benimmt sich in seinem Territorium so, dass es seinen raffinierten Geschmack befriedigen kann, ohne die Vorzugspflanzen zu gefährden.
Ein massiger Erfolg
Zu Beginn des Jahrhunderts fehlte das Reh im ganzen Kanton und wurde 1902 durch die Jagdgesellschaft "Diana" von Entre mont im Ferret-Tal wieder eingesetzt. Seither hat es das ganze Wallis erobert. Ein Rehkitz im Wald von Les Ars oberhalb von Ferret beweist, dass es sich auch dort oben, nahe der Baumgrenze, vermehrt. Spuren im weichenden Schnee im Juni auf dem Crêt-du-Midi oberhalb von Vercorin zeugen von frühzeitigem Wandertrieb. Eine Herde von sechs Rehen im Dezember in Les Communaux oberhalb von St. Martin oder ein Rehbock, der auf über 2000 m durch den Februarschnee zwischen den letzten Lärchen von Albinen stapft, sind Ausnahmen. Aber alle Beobachtungen zeigen die Bindung an den Wald. Schmächtig, mit kurzen, dünnen Beinen ausgestattet, nützt es dem Reh wenig, leichter zu sein als der Hirsch; es sinkt im Schnee tiefer ein wegen des schlechten Verhältnisses von Gewicht und Fläche der Hufe ( 1 kg /cm2 beim Reh, gegenüber 0,25 kg/cm2 beim Hirschen). Wenn das Reh in Leukerbad, Ferden oder La Fouly überwintert, so nur dank der Krippenfütterung durch die Jäger. Im Turtmanntal, das im Winter unzugänglich ist, hat es immer nur unterhalb von Gruben gelebt. Die Winteraufenthalte in der Höhe gehören der Vergangenheit an: seit der Luchs in dieser künstlichen Situation Ordnung geschaffen hat, indem er die um Krippen versammelten Rudel dezimierte, sind die Fütterungsstellen verlassen.
Gemäss den Statistiken des Kantonalen Jagdschutzamtes von 1975 bis 1989 soll der Rehbestand um 38% abgenommen, von 4272 auf 2645 Tiere, und sich seither bei 3000 stabilisiert haben. Die Gründe für den Rückgang muss man unter 1500 m ü. M. suchen, wo die meisten Rehe leben. Ich erinnere mich an kleine Herden, die durch die Aprikosengärten von Ecône oder die Wiesen in der Ebene von Arbin in Riddes zogen. Die Reben und die Blumenkohlfelder haben gleichzeitig das Reh, die Wühlmäuse und den Turmfalken, die Feldgrillen, die Rotflügeligen Ödlandschrecken und die Neuntöter vertrieben. Unnötig, den Luchs zu bemühen; das Verschwinden der Wiesen und die chemische Unkrautvertilgung haben den Rückgang bewirkt. In den Jahren um 1970 frassen die Reben leicht eine Hektare der Hänge pro Woche leer, während in der Höhe die Chaletbauten die Heckenlandschaften der Rehe zerstörten. Der Rückgang der Landwirtschaft in den Seitentälern, wo sich jetzt die Brachen und die Schafweiden ausdehnen, hat die Situation für den Feinschmecker nicht verbessert.
Ausserden haben von 1963 bis 1975 die Bestände der Hirsche, Rehe, Gemsen und Steinböcke zugenommen. Es ist natürlich, dass der Schwächste unter ihnen im geteilten Territorium am meisten unter den Winterbedingungen gelitten hat. Da hätte die Jagd korrigierend eingreifen müssen, um den Druck auf jene Art, die schon durch die Milieu-Veränderungen bedrängt war, zu mindern. Das war leider nicht der Fall. Noch heute finden Treibjagden auf Rehe mit Hunden statt, die halt die Grenzen der Jagdschutzgebiete nicht kennen, und man schiesst noch mit Schrot, was zu Verletzungen führt, die später den Tod bewirken.
Die heikle Rückkehr des Hirsches
Im Engadin geschützt, im Wallis wieder eingeführt unter Nutzung der eidgenössischen Reservate und des Forstschutzes, ist der Hirsch heute im ganzen Kanton Wallis, wenn auch in unterschiedlichen Beständen, vorhanden. Am häufigsten ist er im Entremont und im Goms. Die Populationen in den Seitentälern, die erst kürzlich von selbst oder mit Hilfe des Jagdschutzamtes besetzt wurden, zeugen hingegen von bemerkenswerter Lebenskraft. Die Bestände nehmen noch zu, von 1975 bis 1987 um 40%. Zur Zeit sind nur die Südhänge nicht vollständig kolonisiert.
Die Überbevölkerungsprobleme im Nationalpark, das erfolgreiche Aussetzen und das Waldsterben haben zusammen den Rothirsch zum Schreckgespenst der Förster gemacht. Im Gespräch scheint sein Name mit dem Begriff "Überpopulation" verbunden zu sein. Es ist wahr, man kann dieses "grosse Tier", das gerne in Rudeln lebt und gewohnheitsmässig besonders günstige Wintereinstände aufsucht, nicht übersehen. Drei Hirsche fressen gleichviel wie eine Kuh. Voreilige Ausagen wie "Es gibt zu viele Hirsche, man sollte mehr erlegen" haben keinen wirklichen Wert: sind es 10 oder 1000, die zu viel sind? Muss man 100 alte Hirsche abschiessen oder 500 Hirschkühe und deren Kälber erlegen, um das Problem zu lösen? Um eine Antwort zu finden, muss man die Dynamik der Populationen studieren. Zählungen, so genau als möglich, Stichproben und Feinanalysen der Jagdlisten ermöglichen, Parameter festzulegen wie das Geschlechterverhältnis (sex ratio), die Alterspyramide, die Fruchtbarkeit (durchschnittliche Anzahl Junghirsche, die pro Jahr und Hirschkuh gekalbt wurden) und die Dichte
Wohlverstanden, diese Parameter werden stets von einem Streubereich begleitet sein. Es ist zwar leicht, die Fläche eines Gebiets genau zu messen, die Zählung der Hirsche hingegen wird immer unsicher bleiben, hängt sie doch weitgehend von den meteorologischen Bedingungen ab. Nur ein ganz harter Winter veranlasst alle Hirsche, aus dem Wald zu treten; darum ist man gezwungen anzunehmen, dass die Zählungen meistens fehlerhaft sind. Anderseits kann eine durchschnittliche Dichte weit entfernt von der wirklichen sein; denn da bleibt ein Sektor unbewohnt, während andernorts wegen Sicherheit und Nahrungsangebot ganze Herden in günstigen Zonen versammelt sind und Konflikte verursachen, indem sie eine landwirtschaftliche Unternehmung oder den Wald, insbesondere Plantationen, bedrohen. Trotz dieser Nachteile ist es möglich, die Bestände und ihre Entwicklung abzuschätzen und darauf basierend Abschusspläne zu erstellen; denn solange der Wolf fehlt, können nur Jagd, Hunger oder Krankheit regulierend auf den Hirschbestand einwirken.
Die Entwicklung einer Population hängt vom Gleichgewicht zwischen Todesfällen und Geburten ab. Auswanderung und Zuwanderung spielen auch eine Rolle, bei den Hirschen jedoch ist das nebensächlich. Die Geburtenziffer wird bestimmt durch die Anzahl Junghirsche, bezogen auf eine Population von 1000 Individuen. Ist die Anzahl der männlichen Hirsche identisch mit derjenigen der Hirschkühe, werden sich nur 500 Individuen vermehren. Neigt sich hingegen die sex ratio zugunsten der Hirschkühe, wird die Geburtenrate ansteigen. Aus diesen Gründen versucht man heute, das natürliche Gleichgewicht der Geschlechter zu respektieren, wenn man Abschusspläne aufstellt.Diese demographische Annäherung mag zwar "Zahlengläubige" beruhigen, aber sie beweist nicht und entkräftet auch nicht eine tatsächliche Überbevölkertheit, was doch ein sehr unbestimmter Begriff ist, abhängig von der Idee, die sich ein jeder vom Wald macht: ist er nur eine Ansammlung von Bäumen oder eine Vegetationsgruppe, bewohnt und geprägt von den Wildtieren. Seltsamerweise sprechen diejenigen von Schäden, die in den Wäldern nur Holzkulturen sehen und an Abschöpfungen und Geländeverletzungen bloss den Holzschlag und die Waldstrassen zulassen. Für sie haben Holzinsekten, Hirsche und Lawinen, die nicht auf der ETH die Bank gedrückt haben, höchstens das Recht, sich ans Gras im Unterholz heranzumachen. Für den Biologen, der versucht, sich einen Wald mit Wisent und Auerochse vorzustellen, ist die Fauna integraler Bestandteil der Waldgemeinschaft und prägt den Charakter des Waldes mit.
Das Röhren
In schwerzugänglichen und ruhigen Regionen röhrt der Hirsch auch tagsüber. Aber in der Stille der Nacht ist es leichter, die Rufe zu hören, und der Anblick ist eindrücklich und mysteriös zugleich. Jeder männliche Hirsch belegt sein Revier Jahr für Jahr. Mit ein wenig Erfahrung und Aufmerksamkeit kann man die Lichtungen und Waldränder kennen, die er mit seinem Rudel aufsucht. Die Forscher nehmen an, dass die Stärke des Röhrens die Kraft eines Hirsches anzeigt, sodass die Konkurrenten einen von Anfang an verlorenen Kampf vermeiden können, wenn sie sich schwächer einschätzen.
Die Mehrzahl unserer Hirsche unternimmt eine jährliche Verschiebung, die sie im Sommer zu den Höhen führt. In Lawinenzügen, die mit Erlen bewachsen sind, kalbern die Hirschkühe im Juni. Im Goms leben Hirsche sogar oberhalb der Waldgrenze, während sie andernorts nur nächtliche Exkursionen auf die Alpweiden unternehmen. Der Schnee treibt sie wieder in die Niederungen, hin zu den Dörfern. Hänge und bewaldete tiefliegende Täler schützen sie am Tag, aber die Spuren im Schnee, die Zusammenstösse längs der Eisenbahn und Autostrassen, flüchtige Schatten im Lichte der Scheinwerfer beweisen, dass Hirsche nicht zögern, die Ebene, die Rhone, Strassen und Dörfer zu queren, um nicht geerntete Früchte und Gemüse zu ergattern. In Pfyn, vielleicht auch in Pouta-Fontana, halten sich einzelne Hirsche das ganze Jahr in der Ebene auf.
Siehe auch