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Ivan lebt ausserhalb eines kleinen Dorfes in den Bergen Herzegowinas. Viele der Steinhäuser sind stille Zeugen der Zeit. Die Läden verschlossen, die Hofzufahrten zugewachsen, liegen sie verstreut und verlassen in der Landschaft. Nur wenige der Ausgewanderten sind zurückgekommen, in die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. In die Dörfer ihrer Eltern und Grosseltern.
Die Wirtschaftskrise in den 60ern und der Krieg der 90er Jahre liess viele nach Italien, Deutschland und in die Schweiz auswandern. Die steinige Landschaft mit ihren Eichenwäldchen und den Trockensteinmauern, die sich auf Hügelketten reihen und Senken umschliessen, zeugen davon, dass hier in bescheidenem Mass Landwirtschaft betrieben wurde. Ivan ist Ende 60. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er in Kassel. Heute lebt er zurückgezogen im Haus seiner Eltern. Hier wuchs er mit seinen fünf Geschwistern auf. Damals hielt die Familie nebst zwei Kühen einen Esel, ein Pferd und einige Schafe.
Hinter dem Haus bearbeitet Ivan einen kleinen Garten, wo er Kartoffeln, Bohnen, Tomaten, Zwiebeln und Weisskraut wachsen lässt. Gerne würde er wieder Vieh halten, vielleicht einige Schweine, Hühner und ein Pferd zum Ausreiten. Doch die Zeit fehlt, denn noch immer pendelt er zwischen Deutschland, Zagreb, und Roško Polje. Ausserdem macht ihm die Hüfte zu schaffen, der Pferderücken wäre nicht zu bewältigen. Die schlechte Hüfte kommt vom Pickeln und Schaufeln. Ohne ein Wort der fremden Sprache kam er damals nach Deutschland und verdiente sein Geld auf dem Strassenbau. Später gründete er ein eigenes Bauunternehmen und verpflichtete Akkordanten - Landsleute aus Bosnien und Kroatien. Er zog vier Kinder auf, denen er das Studium finanzierte und die heute verteilt in Zagreb, Deutschland und der Schweiz wohnen, eigene Familien gründeten und mittlerweile «gute» Jobs haben.
Die Tage verbringt Ivan im Schatten unter seinem Lieblingsbaum, wo er die vielen streunenden Katzen mit Delikatessen vom Metzger füttert, beim Holz sammeln und kleinmachen oder in seinem Garten. Abends zündet er einen Stapel gut gelagertes Eichenholz an und gart einige schöne Stücke Fleisch vom Kalb und Zicklein auf der Glut. Das Knacken des Holzes, der aromatisch duftende Rauch und der Grappa unter dem Sternenhimmel, lässt Ivans Gedanken abschweifen, in die Zeit seiner Kindheit. Wo das Leben karg aber einfach war und die Zukunft süss nach Heu und Sommer roch.