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Mit seiner Erzählung «L’anno della valanga» aus dem Jahre 1965 – zu Deutsch «Der lange Winter» – begründete Orelli seinen Erfolg als Schriftsteller. Bereits das Manuskript der Erzählung wurde mit dem Veillon-Preis ausgezeichnet. Eine eindrückliche Erzählung aus den Tessiner Bergen, für die Orellis Tagebuch aus dem Lawinenwinter 1951 als Vorlage diente. Er selber war damals Lehrer an der Gesamtschule im Bedretto-Tal, das gänzlich evakuiert werden musste.
Ringen um Sprache und Form
Lange habe er um Form und Sprache gerungen, um über die Vorlage des Tagebuchs hinauszukommen, äusserte Orelli in einem Gespräch dazu. Denn für Orelli ist die Reduktion auf das Wesentliche essentiell.
Mit «Der lange Winter» verabschiedete sich Orelli aber zugleich vom Bedretto-Tal und der Tessiner Idylle. Er wolle nicht mehr Sänger der kleinen Leute sein, wie er dazu verlauten liess, sondern sich visionären Themen zuwenden. Und das ist ihm mit seinem Roman «Il giuoco del Monopoly» 1980 gelungen.
Satire auf den Finanzplatz Schweiz
«Der frechste Roman über die Schweiz» titelt der Limmat Verlag, der nun zum 85. Geburtstag des Autors «Monopoly» neu auflegt. Giovanni Orelli ist mit seinem Roman «Monopoly» ein grosser literarischer Wurf gelungen. Ein visionärer und zugleich satirischer Roman um Macht, Geld und Finanzkrise.
33 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen hat er nichts an seiner Aktualität eingebüsst: «Es gibt viertausend Banken im Lande; es ist, als stocherte man in einem Haufen Kuhmist voller Fäulnis und Würmer. Man sprach von Bankrott, von Unregelmässigkeiten, die bislang nicht geklärt werden konnten, und schliesslich von kolossalen Verlusten.»
«Monopoly» parodiert, wie der metaphorische Titel nahelegt, den Finanzplatz Schweiz als geldspuckenden Spielautomaten und konterkariert diesen mit dem Bild des fleissigen, sparsamen und verantwortungsvollen Schweizers. «Aber alles im Zeichen eines gesunden Prinzips: Wer sich selber hilft, dem hilft Gott». Der Roman handelt von den maroden Machenschaften einer nationalen Wirtschaftselite. Einer Elite, die von den rivalisierenden Bankdirektoren Dash und Crunch angeführt wird.
Der Springer und der Beisser
Dash, frei übersetzt «der Springer», kommt aber bereits zu Romanbeginn unter mysteriösen Umständen zu Tode. Sein tödlicher Sprung oder Fall über eine Felsplatte bleibt ungeklärt. Und Crunch, in etwa übersetzt mit «der Beisser», tritt die Nachfolge Dashs als wichtigste Finanzautorität des Landes an. Sozusagen nach einer Schweigeminute, die gezählt maximal sieben Sekunden währt.
Ob Mord, Suizid oder Unfall, Dashs Ende steht symbolisch für das, was das Spiel um Macht und Geld letztlich ist: eine menschenfeindliche Maschinerie mit ewigem Umlauf: «Aber das Kapital ist eine Hydra mit hundert Köpfen. Ein Dash stirbt, und es erscheinen neunundneunzig andere, sie stehen bereit, und neunundneunzig Hintern wollen sich im Sessel niederlassen.»
Doch Dash und Crunch sind nicht die einzigen Figuren, die Orellis Roman bevölkern. Dazu gehören auch: Grundbesitzer, Spekulanten, Versicherungsunternehmer und Intellektuelle. Sie alle sind Figuren in einem Tagebuch, das ein Professor namens Cornelius Agrippa – die Hauptfigur in Orellis Roman – geschrieben hat. Ein Tagebuch wie ein Monopoly-Spiel, in dem alle angeführten Figuren aus Agrippas Leben um Macht und Geld würfeln.
Die wissenschaftliche Seele verkauft
Die Romanfiguren ziehen wie im richtigen Monopoly-Spiel von einer Stadt zur nächsten. In den einzelnen Kapiteln, die nach Schweizer Städten benannt sind, entfaltet Orelli die Erlebnisse, Gedanken und Betrachtungen von Professor Cornelius Agrippa. Dieser war vor seiner Professur PR-Beauftragter von Crunch. Und hat als Intellektueller das kulturelle Gewissen von Crunch vertreten. Oder umgekehrt formuliert, seine wissenschaftliche Seele an den Mammon verkauft.
Orelli lässt seine Romanfiguren miteinander dialogisch sprechen. Sein Schreiben ist polyphon, mit einer Vielzahl an autobiografischen und intertextuellen Bezügen. Seine Sprache bleibt dabei präzise. Orelli spielt mit regionalen und überregionalen Besonderheiten. Mit ironischen Anspielungen, wie beispielsweise bei der Namensgebung. Da gibt es einen Knacknuss, einen Galak, einen Toblerone und einen Pralines. Sie alle sind einflussreiche Wirtschafsleute und der ironische Schluss drängt sich auf: Schoggi regiert die Welt.
Spiel im Spiel
Cornelius Agrippa ist ein ungemein belesener Mensch – wie Giovanni Orelli selbst –, der in seinem Tagebuch mit Vorliebe Bezug auf die Grossen der italienischsprachigen Literatur (wie Dante oder Manzoni) nimmt. Diese intertextuellen Bezüge verleihen dem Roman eine dritte Dimension. Diese wiederum versteht der Leser nur, wenn er in der italienischen Literatur bewandert ist.
Giovanni Orelli ist ein Meister des Spiels im Spiel. Cornelius Agrippa heisst nicht von ungefähr so. Der Name referiert auf den gleichnamigen deutschen Humanisten und grossen Gelehrten, der im 15. und 16. Jahrhundert gelebt hat. Damit will Orelli seine Hauptfigur als Vertreter eines veritablen Kulturbegriffs auftreten lassen.
Eine fragwürdige Rolle, denn Orellis Cornelius Agrippa gelingt es nur, aus dem Seelenfresserspiel auszuscheiden, indem er in faustischer Manier einen Pakt mit dem Teufel schliesst.
Buchhinweis
Giovanni Orelli: «Monopoly». Limmat Verlag, 2013.