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Geschichte
In Kürze
Unser Dorf konnte im Jahre 1995 sein 950-jähriges Bestehen feiern. Im Jahre 1045 tauchte die Bezeichnung des früheren, römischen Gutshofes Columbaria (Taubenfarm) erstmals als Dorf- und Siedlungsname auf. Er veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte zu Kulm. Im Jahre 1295 spaltete sich dann das Dorf in die beiden politisch selbständigen Gemeinden Oberkulm und Unterkulm.
Dorfname
Zur Römerzeit entstand auf dem heutigen Gemeindegebiet von Oberkulm ein ausgedehnter Gutshof mit angegliederter Siedlung. Er trug den Namen «Columbaria» (Taubenhof). Im fünften und sechsten Jahrhundert wanderten dann die germanischen Alemannen ein und vermischten sich mit der ansässigen gallo-römischen Bevölkerung. Sie bauten ihre Siedlung nördlich des langsam zerfallenden römischen Gutshofes. Im Jahre 1045 tauchte die Bezeichnung des früheren Gutshofes Columbaria erstmals als Dorf- und Siedlungsname auf: "Cholumbari", "Chulenbare". Er entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte über Kulumbe, Chulumbe, Chulmbe zu Kulme. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts verschwand dann auch das «e» und es entstand Kulm.
Lage
Unterkulm liegt zwischen bewaldeten Höhenzügen im mittleren Wynental und ist flächenmässig die viertgrösste Gemeinde des Bezirks Kulm. Von dem 888 ha messenden Gemeindebann sind 309 ha bewaldet. Die Bevölkerung des Dorfes entwickelte sich nie sprunghaft. Im Jahre 1850 war mit 1'730 Einwohnern ein erster Höhepunkt erreicht. Hernach sank die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 1888 auf 1'424 Seelen, um dann wieder allmählich anzusteigen. Im Jahre 1973 wurde der bisher höchste Stand mit 2'752 Einwohnern erreicht. Wegen des Wirtschaftsrückganges erfolgte dann eine vermehrte Rückwanderung von ausländischen Arbeitskräften in ihre Heimatstaaten. Trotz nachfolgendem wirtschaftlichen Wiederaufschwung hielt sich der Bevölkerungszuwachs in bescheidenen Grenzen. Unterkulm zählt heute knapp 3'000 Einwohner.
Familiennamen
Seit Generationen dominieren in Unterkulm die Ortsbürgernamen Müller, Kyburz, Berner, Spirgi, Elsasser, Hofmann, Wälti und Hartmann. Allerdings hat sich mit den Jahren auch mancher fremdländisch klingende Name ins Familienregister eingeschlichen, was auf die fortschreitende Völkervermischung zurückzuführen ist.
Bezirkshauptort
Mit der Gründung des Kantons Aargau im Jahre 1803 fiel Unterkulm die Ehre zu, als Hauptort des Bezirks Kulm bestimmt zu werden. Mit der Würde folgte aber auch die Bürde. Es fehlte damals nämlich an Räumlichkeiten für die Unterbringung des Bezirksamtes und des Bezirksgerichtes. Der erste Bezirksamtmann, Karl Friedrich von May - mit Wohnsitz auf dem Schloss Rued - musste die Sitzungen in einer Unterkulmer Wirtschaft abhalten und das Archiv in seinem Schlosse unterbringen. Das Bezirksgefängnis befand sich im alten Schulhauskeller. Die Gerichtskanzlei wurde im Landhaus des Müller Nobs ("Lindenhof") und das Gerichtslokal in der Wirtschaft «zur Sonne» (später «Cafe zur Post») eingerichtet. Nach langwierigen und teils hartnäckigen Beratungen und Verhandlungen liess die Gemeinde Unterkulm dann im Jahre 1834 das erste Bezirksgebäude erbauen, damit die Bezirksstellen unter einem Dach vereinigt werden konnten. Einige Räume dieses Gebäudes dienten dann noch mehrere Jahre der Gemeinde selber für ihre Verwaltung. Erst mit dem Erwerb des heutigen Gemeindehauses im Jahre 1911 konnten der Gemeindeverwaltung endlich separate Räumlichkeiten zugewiesen werden. Heute befindet sich die Bezirksverwaltung im repräsentativen Bezirksgebäude, welches 1991 bezogen werden konnte. Bauherr war der Staat Aargau. Mit dem Bezug des neuen Bezirksgebäudes wurde das Mietverhältnis mit der Gemeinde Unterkulm aufgelöst. Im Neubau sind alle Bezirksstellen, mit Ausnahme des Bezirks-Geometers, wieder unter einem Dach.
Landwirtschaft
Bis ins Mittelalter scheint in Unterkulm ein freies bäuerliches Grundeigentum nur geringe Bedeutung gehabt zu haben. Der weitaus grösste Teil des Kulturlandes war damals Eigentum fremder Grundherren. Die Bauern selber waren als Pächter oder Taglöhner zu betrachten. Als damalige Grund- und Zinsherren sind unter anderem zu erwähnen: Stifte Schänis, Beromünster und Zofingen, die Klöster Engelberg, St. Urban und Marbach usw. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Unterkulm mit seinen Aussenhöfen noch ein ausgesprochenes Bauerndorf. Mit der zu dieser Zeit noch üblichen Dreizelgenwirtschaft wurde vorwiegend Getreidebau betrieben. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich aber auch das Produktionsbild der Landwirtschaft. Der Getreidebau wich mehr und mehr der Milchwirtschaft, so dass die vorhandenen zwei Kundenmühlen ungefähr um 1890 durch die beiden Käsereien Dorf und Wannenhof ersetzt wurden. Heute verfügt Unterkulm noch über 29 reine Landwirtschafts-Betriebe. Ihre Zahl geht jedoch laufend zurück. In Bezug auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche fällt dies jedoch kaum ins Gewicht, weil die heute noch vorhandenen Bauern das frei werdende Land in der Regel übernehmen, um ihre Betriebe auf eine rentablere Basis zu stellen.
Industrie
Die in Unterkulm seit 1817 ansässige Textilindustrie verlor in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Bedeutung, nachdem die Baumwollspinnerei in den Jahren 1828 und 1848 zweimal durch Grossbrände vernichtet worden war. Der Versuch, Uhrenindustrie anzusiedeln, misslang. Im Jahre 1874 begann Adolf Karrer von Teufenthal in einer stillgelegten Kundenmühle mit der Fabrikation von Musikdosen, wohl kaum ahnend, dass aus diesem Kleinbetrieb einmal die grösste Armaturenfabrik der Schweiz, die heutige KWC AG (vormals AG Karrer, Weber & Cie.) entstehen würde. Anlässlich ihres 100-jährigen Geschäftsjubiläums im Jahre 1974 beschäftigte die KWC 480 und im Jahre 1989 rund 600 Mitarbeiter. Aus anderen Handwerks- und Gewerbezweigen entstanden sodann in den letzten Jahrzehnten weitere, zum Teil bedeutende Betriebe wie eine Bandweberei, eine Schulmöbelfabrik, ein graphisches Fachgeschäft, eine Schuhfabrikation, zwei Transportunternehmen etc. Auf dem Sektor des Gastgewerbes verfügt Unterkulm über einen Gasthof, fünf Restaurants, einen Pizza-Kurier und ein Café.
Bildung
Die Anfänge der öffentlichen Schule gehen ins Jahr 1565 zurück. Das Kirchspiel Kulm eröffnete damals die erste Schule. Die ersten Schulmeister waren wandernde Gesellen. Im 19. Jahrhundert ging dann die Schulaufsicht an den Staat über. Mit dem Ausbau des öffentlichen Schulwesens mussten im Laufe der Jahre das Schulhaus Wannenhof (1831), das Primarschulhaus (1842), das Bezirksschulhaus mit Turnhalle (1939) und die Schulanlage Färberacker mit Doppelturnhalle (1972) erstellt werden. Im Sommer 1977 wurde der Erweiterungsbau der Bezirksschule eingeweiht. Die dem ganzen mittleren Wynental dienende Bezirksschule wurde im Jahre 1863 von dem damals in Neapel tätigen Unterkulmer Bürger Amedeo Berner ins Leben gerufen. Im Jahre 1961 folgte dann die Eröffnung einer Sekundarschule. Der Kindergarten entstand durch private Initiative und konnte im Jahre 1969 eröffnet werden. Bis 1985 wurde im Schulhaus Wannenhof noch eine der wenigen Gesamtschulen des Kantons geführt. Sie musste jedoch wegen Schülermangel geschlossen werden und dient heute der Tagesschule Wannenhof als Unterrichtslokal.
Als neuste Schulbaute konnte im Jahr 2006 die Erweiterung der Bezirksschule in Betrieb genommen werden. Zusammen mit der ebenfalls sanierten Mehrzweckhalle bietet diese heute der Kreisschule Mittleres Wynental genügend Infrastruktur, um einen optimalen und modernen Schulbetrieb zu gewährleisten. Heute besuchen rund 500 Schülerinnen und Schüler den Unterricht am Schulstandort Unterkulm.
Kirchen
Wann in Unterkulm die erste Kirche gebaut wurde, verliert sich im Dunkeln des Mittelalters. Das früheste Gotteshaus war dem Heiligen Martin, Bischof von Tours, geweiht. Es muss lange vor dem Jahre 1000 schon bestanden haben. Zur Pfarrei Kulm gehörten ab etwa 1350 die Marien-Kaplanei zu Zetzwil, seit 1491 die Schlosskapelle Trostburg in Teufenthal und bis 1614 noch Dürrenäsch. Der heutige Kirchenbau mit dem Käsebissenturm, der als weithin sichtbares Wahrzeichen der Gemeinde Unterkulm gilt, entstand in der Zeit zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert. Die bei der letzten Renovation freigelegten mittelalterlichen Fresken haben grosse kunstgeschichtliche Bedeutung und können sich rühmen, unter den mittelalterlichen Wandmalereien im Kanton Aargau den ersten Platz einzunehmen. Anno 1500 folgte die Erhöhung des Turmes auf die heutige Höhe. Nebst einem fünfstimmigen Geläute ist im Turm auch die älteste heute noch im Betrieb stehende Turmuhr des bekannten Winterthurer Uhrmachers Laurentz Liechti installiert. Erbaut wurde sie im Jahre 1530. Trotz ihres Alters übertrifft sie in der Genauigkeit noch manch modernes Uhrwerk. Bis zum Jahre 1528 war die Bevölkerung von Unterkulm katholisch. Dann führten die Berner durch Rudolf Kissling, Kilchherr zu Kulm, trotz anfänglicher Widerstände, die Reformation ein. Seither ist der grössere Teil der Bevölkerung reformiert. Die Katholiken, die der Katholischen Kirchgemeinde Reinach-Menziken angehören, liessen im Jahre 1957 in Unterkulm eine eigene Kirche erbauen. Ebenfalls vertreten sind die Neuapostolen und die Pilgermission St. Chrischona, die beide auch über eine eigene Kapelle verfügen. Zwischen den verschiedenen Konfessionen herrscht ein gutes Einvernehmen.
Märkte
Am 10. Juni 1818 bewilligten Bürgermeister und Kleiner Rat des Kantons Aargau der Gemeinde Unterkulm die Abhaltung von zwei Jahr- und Viehmärkten, von denen einer auf den zweiten Freitag im April und der andere auf den letzten Freitag im Oktober festgelegt wurde. Im Laufe der Jahre erfuhr das Marktrecht durch weitere Bewilligungen der Regierung eine Erweiterung auf insgesamt vier Waren- und Viehmärkte und zwei reine Viehmärkte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Viehmärkte immer mehr an Bedeutung und fallen heute ganz aus. Die Warenmärkte erfreuen sich jedoch nach wie vor einer grossen Anziehungskraft. Seit dem Jahr 2012 werden ergänzend zu den Warenmärkten noch vier Samstag-Märkte durchgeführt, an denen vorwiegend regionale Produkte angeboten werden.
Verkehr
Von besonderer Wichtigkeit für Unterkulm waren seit jeher die Verkehrswege im Haupttal und die Querverbindung zu den Nachbartälern. Die ersten grossen Verkehrsverbesserungen erfolgten um 1814/15 mit dem Ausbau der Ruederstrasse (heute Brandholzstrasse) und um 1823/24 mit dem Ausbau der Wynental- oder Hauptstrasse. Die Neuanlage der Böhlerstrasse (Verbindung nach Schöftland) fällt in die Jahre 1871 - 1874. Anno 1904 wurde dann mit der Inbetriebnahme der Wynentalbahn (früher WTB heute WSB) eine direkte Verkehrsverbindung zur Kantonshauptstadt und zum oberen Wynental geschaffen. Der Ausbau der Hauptstrasse innerorts auf die heutige Breite erfolgte in den Jahren 1960/64. Gleichzeitig wurde im Dorfzentrum zwischen dem Gasthof Sonne und dem Bezirksgebäude ein grosser öffentlicher Parkplatz erstellt, auf welchem im Jahr 2006 das neue Zentrumsgebäude realisiert wurde.
Literatur
Detailliertere Informationen über die Gemeinde Unterkulm finden Sie auch in folgenden Drucksachen:
- Ortsgeschichte Unterkulm (Ausgabe 1957)
- Unterkulm 100 Jahre in Bildern (Ausgabe 1998)
- Werbebroschüre Unterkulm (Ausgabe 2002)