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Sean Duggan ist langjähriges Mitglied der englischen Unterstützungsgruppe von Calcutta Rescue und Journalist. Er hat im Februar 2017 die Projekte von Calcutta Rescue besucht und eine Serie von bewegenden Geschichten unter dem Stichwort „Mein Zeugnis“ („I witness“) geschrieben. Hier ist die siebte Geschichte dieser Serie:
Beharrlichkeit zahlt sich aus für das Strassenmedizin-Programm von Calcutta Rescue
Zehn Minuten nach Ankunft des Strassenmedizin-Busses von Calcutta Rescue im riesigen Slum von Canal West hängt bereits eine Reihe von Gesundheitserziehungs-Plakaten an einer Leine zwischen zwei Pfosten, ist ein Vordach am Heck des Busses aufgespannt und warten die ersten Kranken auf einer Holzbank im Schatten auf die ärztliche Konsultation. Die Ambulanz wurde erwartet, denn einige Mitarbeitende von Calcutta Rescue waren schon gestern hier, um die heutige Aktion anzukündigen, und identifizierten bereits Dutzende von neuen Patientinnen und Patienten. Eine Schar Kinder, barfuss und aufgeregt, versammelt sich. Sie halten ihre Finger hoch, gestikulieren und tun so, als knipsen sie Fotos, und versuchen, die Aufmerksamkeit des Teams, das mit dem Aufbau beschäftigt ist, zu erhaschen. Dr. Jack trifft ein. Er reisst aus einem alten Fotokalender einige Bilder heraus – einen Tiger, einen Wal, einen Elefanten – und gibt sie den Kindern zu ihrem offensichtlichen Vergnügen. Dann wendet er sich den Patientinnen und Patienten zu und stellt sicher, dass alle optimal versorgt werden.
Als erstes ist ein Tuberkulosekranker mit grüner Gesichtsmaske an der Reihe. Er ist zur Kontrolle hier und ein Teammitglied von Calcutta Rescue ermutigt ihn, die begonnene Behandlung mit einer Kombination von mehreren Medikamenten zuverlässig fortzuführen. Bei korrekter Einnahme der Medikamente während drei weiteren Monaten wird er von der Krankheit geheilt sein. Die nächste Patientin ist eine Frau, die von ihrem Mann absichtlich mit brennendem Kerosin verletzt worden war. Der Arzt kontrolliert, ob ihre Brandwunden gut verheilen. Da sie für ihre Verhältnisse viel Geld für eine Brandsalbe ausgeben musste, wird ihr der Betrag von Calcutta Rescue nun zurückerstattet. Jetzt treten die Leute zur Seite und machen einer Velorikscha Platz, in welcher ein älterer Mann mit einem eingegipsten Bein sitzt. Er brach sich das Bein, als er von einem Motorrad angefahren wurde. Der Arzt kontrolliert den Heilungsprozess und auch seinen Blutdruck.
Die Frau, welche als nächstes an der Reihe ist, ist dem Team bestens bekannt und bei den Mitarbeitenden sehr beliebt. Vor einem Jahr wurde bei ihr Lepra diagnostiziert und nach neun Monaten konsequenter Medikamenteneinnahme ist sie nun geheilt. Sie hat sechs Töchter, drei von ihnen hat sie heute dabei. Nachdem sie beschlossen hatte, dass das genug Kinder wären, unterzog sie sich letzte Woche einer Eileiterunterbindung, welche von Calcutta Rescue finanziell unterstützt wurde. Der Arzt kontrolliert nun ihre Genesung. Eine Mutter trägt ihr dreijähriges Töchterchen in den Armen, welches unbekleidet ist und bloss mehrere Amulette an Hals, Armen und Hüften trägt. Es sind Hautläsionen erkennbar und das Mädchen hat Juckreiz; es könnte sich um Krätze handeln.
Hier in dieser Gegend leben schätzungsweise 20’000 Menschen in winzigen zweistöckigen Hütten, die auf einer Länge von etwa zwei Kilometern an beiden Ufern eines Kanals mit stehenden Wasser gebaut sind. Niemand kennt die genaue Zahl. Viele sind Flüchtlinge aus den Sundarbans (Flussdelta-Gebiet) von Bangladesch und zogen in der Hoffnung hierher, genug Geld zu verdienen, um ihre Familien ernähren zu können. Hier leben sie in grossem Elend und verdienen meist nur einen Hungerlohn. Sie durchsuchen riesige Säcke mit dreckigem Abfall und sammeln daraus Papier, Glas und Plastiksäcke. Den Abfall suchen sie in der ganzen Stadt zusammen und verkaufen das Brauchbare weiter fürs Recycling. Da sie Wirtschaftsflüchtlinge sind, haben sie keinen legalen Status und wissen oft nicht, wo sie medizinische Hilfe finden können. Auch wenn sie es wüssten, könnten die Leute die Zeit für einen Arztbesuch nicht aufbringen, da ihnen dann diese Zeit fehlt, um Geld für die nächste Mahlzeit zu verdienen. Diese Menschen sind das Paradebeispiel der schwer erreichbaren Bevölkerung. Deshalb kommt Calcutta Rescue mit dem Strassenmedizin-Bus zu ihnen. Die Wohnverhältnisse hier sind so dreckig und unhygienisch wie fast nirgendwo sonst. Selbst die Luft ist grau von den Autoabgasen und vom Rauch, der aus den kleinen tönernen Brennholzöfen vor den Hütten aufsteigt. In den Abflussrinnen sickert halbfester übelriechender Unrat, über dem die Fliegen kreisen. Ein paar Meter weiter entfernt steigt übler Gestank aus dem Kanal auf. Jede Fläche, von den Trottoirs über die Abdeckplanen auf den Hütten bis hin zu den Leuten selber, ist von Russ bedeckt. Kein Wunder leiden so viele Menschen hier an Atemproblemen.
Doch die Umstände werden besser. Wenige hundert Meter von der Ambulanz entfernt befinden sich nun Toiletten und eine Wasserpumpe, die im November 2016 offiziell in Betrieb genommen wurden, nachdem Calcutta Rescue jahrelang dafür lobbyiert hatte. Da die Bedürfnisse so gross sind, kommt die Hilfsorganisation mit ihrem Bus jede Woche hierher (sie fährt auch regelmässig in 13 weitere Slums von Kolkata). Fast jedes Kind ist mittlerweile geimpft. Zahlreiche Tuberkulose- und Leprakranke konnten bisher durch das Team von Calcutta Rescue identifiziert, einer Behandlung zugeführt und geheilt werden. Säuglinge gedeihen besser dank der prä- und postnatalen Betreuung durch die Hilfsorganisation.
Die Arbeit des Teams von Calcutta Rescue ist schwierig und körperlich anstrengend. Sogar schon im Februar erreichen die Temperaturen im Schatten einer Plane 32℃. Wie müssen die Arbeitsbedingungen wohl in der drückenden Hitze des Sommers oder in der Regenzeit sein? Man kann es sich kaum vorstellen. Doch genau die Ausdauer und Beharrlichkeit der Mitarbeitenden von Calcutta Rescue sind der Schlüssel zum Erfolg: Die Patientinnen und Patienten werden geheilt, weil das Team Woche für Woche hierher kommt und hartnäckig dafür sorgt, dass alle Kranken nachverfolgt werden uns sie ihre Medikamente minutiös bis zum Ende der Therapie einnehmen.