Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/1282

Man braucht nicht allzuweit zurückzugreifen, um den Ursprung des Automobilismus, der glänzendsten und interessantesten Erscheinung des 20. Jahrhunderts, zu finden.
Die zahlreichen Versuche einzelner Erfinder mit Dampffahrzeugen, welche fast ohne Ausnahme wirtschaftlichen Zwecken dienten, Versuche, die vom Jahre 1800 — 1836 in England, dem Vaterlande der Dampfmaschine, vorgenommen wurden und im Jahre 1865 dort durch die berühmte und berüchtigte „Locomotiv-Act” ein frühzeitiges Ende fanden, regten den Gedanken des automobilen Transportes schwerer Lasten, der übrigens in Frankreich zuerst gegen das Ende des 18. Jahrhunderts von dem bekannten Militärtechniker Cugnot in die Tat umgesetzt worden war, in Frankreich aufs neue an, und es entstanden mehrere Dampfschleppmaschinen, von denen diejenigen von Dietz — 1835 — und von Lotz — 1836 — die bekanntesten waren.
Auch der Krimkrieg, der russisch-türkische Krieg und der Feldzug 1870 — 71 findet die Dampfschleppmaschine in Gestalt der Straßenlokomotive in mehreren Exemplaren im Dienste der Armeen, noch immer aber ausschließlich zur Lastenbeförderung durch Anhängewagen und ohne einen Gedanken an
die glänzende Zukunft, die dem automobilen Fahrzeug im Laufe der nächsten 30 Jahre beschieden sein sollte Verwendung.
Schon bald nach dem Feldzuge, im Jahre 1873, baute der Ingenieur Amedée Bollée in Le Mans ein automobiles, mit Dampf betriebenes Fahrzeug, das zur Personenbeförderung dient, im Jahre 1888 folgt ihm Serpollet, dann de Dion, Le Blant u. Scott.
Wir stoßen also schon um diese Zeit auf Namen, die heute noch in der Automobilindustrie als glänzende Sterne leuchten, aber wir sehen auch, wie die Dampfmaschine mit ihrem Schwergewicht trotz aller Versuche und Bemühungen der oben genannten Erfinder und Konstrukteure nicht vermochte, sich die Beachtung und das Interesse weiterer Kreise zu erringen.
Wohl gebührt ihr als der älteren der Vorrang in den ersten Versuchen mit automobilen Fahrzeugen auf schienenlosen Wegen, die Weiterentwicklung des automobilen Gedankens aber war dem von Lenoir, einem in Frankreich lebenden Belgier, im Jahre 1860 erfundenen und ihm patentierten Gasmotor vorbehalten, der sich als stationäre Maschine schon Anfang der achtziger Jahre einer großen Verbreitung erfreute.
Übrigens beweisen auch die Akten des französischen Automobilklubs und das französische Patent von 1864, daß Lenoir in der Tat der erste war, der ein mit einer Explosionskraftmaschine ausgerüstetes Fahrzeug wirklich in Verkehr gesetzt hat.
Der Lenoirsche Versuch scheiterte an der Schwere und der geringen Tourenzahl der Maschine — 100 pro Minute — und noch vergehen 20 Jahre, bis der Automobilmotor, die leichte Explosionsmaschine mit hoher Tourenzahl, und zwar diesmal nicht in Frankreich, sondern in Deutschland das Licht der Welt erblickt.
Gottlieb Daimler, hervorgegangen wie Benz aus der Branche der stationären Gasmaschinen, gebührt das Verdienst, der Vater und Erfinder des leichten Automobilmotors zu sein.
Er war es, der nach dreijährigen Versuchen mit seinem Freund, dem später so berühmt gewordenen Ingenieur Maybach, in der Abgeschiedenheit einer kleinen Versuchswerkstatt in Cannstatt in Württemberg im Jahre 1885 sein erstes Patent auf einen Vergaser für flüssige Brennstoffe und auf einen Automobilmotor beantragte und erhielt, dessen rotierende Teile eingekapselt waren, im Ölbad liefen und dessen Zylinderkopf mit Wasser gekühlt war.
Merkwürdigerweise machte Daimler seine ersten Fahrversuche auf der Straße mit einem Motorzweirad und dann erst mit einem vierräderigen Fahrzeug mit Riemenübertragung, dann, im Jahre 1887 mit einem motorisch betriebenen, auf Schienen laufenden, kleinen Straßenbahnwagen, der im Jahre 1889 auf der Weltausstellung in Paris im Betriebe vorgeführt wurde und berechtigtes Aufsehen erregte.
Daimler war schon damals der Ansicht, daß seine Erfindung die Möglichkeit der Herstellung lenkbarer Luftschiffe in greifbare Nähe rücke und bot sein Patent der deutschen Regierung zum Kauf an. Die Gegenwart beweist, wie recht er hatte.
Kurz nach der Pariser Ausstellung erfolgte der Verkauf der Daimlerschen Patente an das französische Haus Panhard & Levassor in Paris, das sich bis dahin mit der Herstellung von Holzbearbeitungsmaschinen befaßt hatte, und das Erscheinen des ersten, wirklich brauchbaren, nach Daimlers Patenten in Frankreich hergestellten, automobilen Fahrzeuges mit V-förmigem Zweizylindermotor erregte bald darauf das größte Aufsehen in den Straßen von Paris.
Vor allen Dingen aber erregte das neuartige Fahrzeug ohne Pferde das lebhafte Interesse der zahlreichen Pariser Radsportsleute, und dieses Interesse verfehlte nicht, die Firma Panhard & Levassor, sowie den Erfinder Daimler zur unermüdlichen Verbesserung und Vervollkommnung ihrer ersten Fahrzeuge Anzuregen.
Auch die Fahrradfabrik A. Peugeot interessierte sich lebhaft für die neue Maschine, und Herr Armand Peugeot baute im Jahre 1891 für seinen eigenen Gebrauch einen Wagen mit Daimlermotor, mit dem er imstande war, von Paris nach Brest zu fahren.
Die kurze Zeit von 1889 — 1894 genügte den beiden Häusern Panhard & Levassor und Peugeot, immer mit Unterstützung Daimlers u. Maybachs, die von ihnen hergestellten Fahrzeuge so weit zu vervollkommnen, daß sie allmählich betriebssicher wurden, und daß die Fabrikation dieser ersten Typen Aussicht auf Erfolg und Verdienst bot. Die Basis für eine Fabrikation war also geschaffen — es fehlten nur noch die Käufer.
Es ist bezeichnend für die Stellung, die die französische Presse von jeher zur französischen Automobilindustrie eingenommen hat, daß es nicht die Fabrikanten, sondern ein französischer Journalist, Pierre Giffard, der Herausgeber des „Petit Journal” war, der sich und sein Blatt in den Dienst der guten Sache stellte und es, natürlich mit Hilfe einer Anzahl von kühnen Sportsleuten, unternahm, dem großen Publikum den Beweis zu liefern, daß es Wagen ohne Pferde gebe, die, auf allen Straßen leicht zu handhaben, imstande seien, größere Strecken ohne jede Gefahr für die Insassen zurückzulegen und weder im Einkaufspreise, noch im Betriebe und in der Unterhaltung wesentlich teurer seien als Pferdewagen. So das „Petit Journal”, welches unter dieser Devise und mit dieser Absicht im Jahre 1894 die erste Konkurrenzfahrt für Automobil-Fahrzeuge von Paris nach Ronen in Szene setzte.
Man braucht nicht allzuweit zurückzugreifen, um den Ursprung des Automobilismus, der glänzendsten und interessantesten Erscheinung des 20. Jahrhunderts, zu finden.