Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03391.jsonl.gz/579

In Miami fragt sich wohl der eine oder andere, ob es wirklich Sinn macht, die Durchführung des Masters-1000-Turniers durchzuboxen. Das Teilnehmerfeld des in früheren Zeiten auch schon als fünfter Grand Slam bezeichneten Events ist so mager wie wohl noch nie in der 36-jährigen Geschichte.
Nur zwei der Top 6 am Start. Kein einziger Grand-Slam-Sieger der letzten sechs Jahre im Feld. Rafael Nadal und Andy Murray fehlen wegen Verletzungen, Roger Federer, Stan Wawrinka, Novak Djokovic und Dominic Thiem brauchen Training oder Erholung. Das Fehlen der Topstars hat viele Gründe, alle haben aber mit Corona zu tun.
Denis Shapovalov hat diese Entwicklung vorausgesagt. Die Weltnummer 11 aus Kanada prophezeite beim Turnier in Dubai: «Ich bin überzeugt, dass es viele Absagen geben wird, weil die Preisgelder zu tief sind.» Wobei tief relativ ist. Shapovalov kassierte für seine Halbfinal-Qualifikation im Golfemirat immerhin gut 78'000 Dollar. Noch vor einem Jahr wäre es allerdings fast doppelt so viel gewesen. «Das ist nicht gerade motivierend, um jede Woche zu spielen.»
Shapovalov weist auf die gravierenden Einschränkungen hin, denen sich die Spieler unterwerfen müssen. Dazu gehören das isolierte Leben in einer Blase während der Turniere und vor allem die Beschränkung der Begleiter auf ein Minimum, die es beispielsweise Familienvätern wie Federer, Djokovic oder Murray praktisch verunmöglichen, mit ihren Angehörigen zu reisen.
«Ich hoffe, die ATP oder sonst jemand finden noch die Möglichkeit, die Preisgelder wieder auf das Niveau von vor der Pandemie zu erhöhen», erklärte der 21-jährige Shapovalov. «Sonst befürchte ich, dass manche gar nicht mehr spielen.» Aufgrund der reduzierten oder fehlenden Zuschauer entgehen den Turnieren aber auch viele Einnahmen.
Bei den Stars gespart
Darben müssen die Tennisprofis im Vergleich mit den meisten anderen Sportlern allerdings kaum. Das Preisgeld für die Männer in Miami sank im Vergleich zur letzten Austragung vor zwei Jahren zwischen 9 (1. Qualifikationsrunde) und 78 Prozent (Turniersieger). Die Veranstalter achteten darauf, die Durchschnittsspieler weniger stark bluten zu lassen als die Topstars. Henri Laaksonen verdiente als Verlierer der ersten Qualifikationsrunde nur 295 Dollar weniger als zuvor, der Nachfolger von Roger Federer als Turniersieger «verliert» hingegen 1,05 Mio. Dollar.
Shapovalov ist dennoch nicht der Einzige, der Kritik an der ATP übt. Noch deutlicher wurde Alexander Zverev nach seinem Turniersieg in Acapulco. «Die sind nur darauf fokussiert, das Finanzielle in Ordnung zu halten», sagte der 23-jährige Deutsche der «Bild»-Zeitung. «Die Meinung der Spieler ist nicht deren Priorität. Das ist schade, denn die ATP sollte für die Spieler da sein. Im Moment ist man offensichtlich mehr für die Turnier-Veranstalter da.» Zverev hatte wie zuvor auch Djokovic gefordert, an einem Ort alle Turniere zu spielen, um das Reisen und somit das Risiko einer Corona-Ansteckung zu minimieren. «Das hat die ATP nicht interessiert», meinte der Weltranglisten-Siebte.
Auch dieser Fokus der Spieler ist allerdings etwas gar einseitig. Sie fordern zwar mehr Preisgeld, lassen aber ausser acht, dass ein guter Teil dieses Geldes und anderer Leistungen von lokalen Sponsoren kommt, die kaum ein Interesse daran haben, dass ihr Turnier im Nahen Osten statt in Miami oder Rotterdam stattfindet.
Miami hat unabhängig von der finanziellen Kompensation auch durch die Absage des Turniers von Indian Wells viel an Attraktivität eingebüsst. Für Spieler wie Djokovic, Thiem oder Wawrinka war es nicht erstrebenswert, für nur ein Turnier über den Atlantik zu jetten. Angesichts der wieder steigenden Ansteckungszahlen in Europa muss aber auch hinter die bald beginnende Sandsaison ein Fragezeichen gesetzt werden. Da wäre Einigkeit zwischen Spielern und ATP sicher hilfreicher als interne Grabenkämpfe.