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Wer sich mit einer toten Sprache auseinandersetzt, sollte mit ihrer Lebensgeschichte vertraut sein – ansonsten sucht einen der vermeintlich leblose Sprachkörper in Form von argen Fehlübersetzungen heim. Ein Praxisbeispiel, was dies für die Übersetzungen frühmittelalterlicher Schriften bedeuten kann und ein Plädoyer dafür, sich bei der nächsten Seminararbeit wieder an eigene Übersetzungen zu wagen.
Latein ist nicht gleich Latein! Zu dieser Erkenntnis kam ich beim Schreiben einer Arbeit, bei der ich Texte aus dem karolingischen Frankenreich betrachtet und interpretiert habe. Online-Übersetzungsprogramme stoßen beim Latein des Frühmittelalters schnell an ihre Grenzen, weil eine weiterführende Interpretation der Texte nur im Zusammenhang mit dem historischen Kontext möglich ist – wie so oft in der Geschichtswissenschaft. Die Quellen treten uns, ähnlich einer Heiligenreliquie, als ‚lebende Tote‘ entgegen. Innerhalb von zweitausend Jahren hat sich in der lateinischen Sprache einiges getan: Nach dem Zerfall des weströmischen Kaiserreiches musste die heidnische Bildung der römischen Bevölkerung endgültig den christlichen Lehren weichen und das Mittellatein setzte sich durch, welches stärker von den gesprochenen Volkssprachen geprägt ist. Das Mittellatein ist die christliche Gelehrtensprache des Frühmittelalters und unterscheidet sich von der goldenen Latinität Ciceros und der silbernen Latinität Senecas durch stilistische Unsicherheit, vereinfachte Grammatik und kreative Wortneuschöpfungen.
Vertreter dieser Art des Lateinischen sind die Annales Petavianorum Continuatio – fränkische Annalen, die zwischen 770 und 790 entstanden sind und bis vor Karls Kaiserkrönung im Jahre 800 über das Geschehen im Frankenreich Bericht erstatten. Für solche Informationen zu mittelalterlichen Quellen befragte ich die Internetseite Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters, und stieß dort auf die kritische Edition der Monumenta Germaniae Historica. Nach einigem Ringen mit dem etwas veralteten MGH-Interface waren die sorgfältig aufgearbeiteten Quellentexte schnell gefunden und ich konnte mit der Übersetzungsarbeit der gewünschten Stelle, in diesem Fall des Eintrags zum Jahre 766, beginnen.
766. quando Pipinus fuit in Wasconia; et eodem anno domnus Frotgandus episcopus obiit.
766. Wann Pipinus war in Wasconia; und ebenjenem Jahre Herr Frotgandus Bischof starb.
Kurze Sätze und eine einfache Sprache erleichterten mir die wortgetreue Übersetzung, die ein erstes Bild der Situation in meinem Kopf entstehen ließ. Das Perfekt, in diesem Falle fuit wird in Übersetzungen frühmittelalterlicher Quellen meist im Präteritum wiedergegeben. Rudimentäre Übersetzungen dieser Art bieten auch Programme wie ChatGPT, jedoch sind Sprachprogramme bis anhin nur begrenzt in der Lage, genauere Angaben zu den Texten zu machen. Auf Anfrage vermutete ChatGPT hinter Pipinus richtigerweise Pippin den Jüngeren, vermochte Frotgandus jedoch nicht einzuordnen und setzte das historische Gebiet Wasconia unkritisch mit dem heutigen Baskenland gleich, obwohl die Verortung dieses Herzogtums in der Forschung äußerst umstritten und unklar ist.
Genauere Nachforschungen sind gefragt, doch Hilfe naht. Die Internetseite Nomen et Gens listet bei der Suche nach bestimmten Namen alle Personen auf, die aus frühmittelalterlichen Quellen bekannt sind. Zeitlich passt in diesem Falle auf Pipinus nur Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, der zu dieser Zeit König der Franken war und somit eindeutig mit dem Namen in der Quelle identifiziert werden kann. Schwieriger wurde es bei Frotgandus, da ein Lautersatz von [hr] zu [fr] oder [chr] erfolgte und ich ein wenig mit den Lauten herumspielen musste, um den Namen Chrotgandus zu erhalten. Zu spät bemerkte ich, dass bereits in den Fußnoten der MGH auf die besondere Schreibweise des Namens hingewiesen wurde und auch Nomen et Gens im Namen Frotgandus den Bischof Chrodegang von Metz erkannt hätte. Weil ich mehr über diese Personen erfahren wollte, nutzte ich NdB-online (Neue deutsche Biographie) und LexMa-online (Lexikon des Mittelalters) als erste Anlaufstellen. Für einschlägigere Literatur blieb mir der Besuch in der Bibliothek nicht erspart.
Ähnlich verhält es sich mit der Frage, wo die Wasconia liegt und ob damit das Gebiet der Basken, der Gascogner oder der Aquitanier gemeint ist, oder ob es sich um einen Überbegriff für die Gebiete dieser drei Bevölkerungsgruppen handelt. Befriedigend kann diese Frage Walther Kienast zufolge nicht beantwortet werden, weswegen ich in der Übersetzung den Quellenbegriff mit einem Verweis auf die Forschungsdebatte stehen ließ.
Selbst das vermeintlich einfach übersetzbare fuit („er war“) birgt Tücken, da es in diesem Falle, wie Sören Kaschke bemerkt, militärisch konnotiert ist. Dies wird erst bei weiterer Quellenlektüre ersichtlich, da die kriegsfreien Jahreseinträge meist mit sine hoste fuit („ohne Feinde war er“) beginnen und sich bei Verwendung von fuit häufig Feldzüge nachweisen lassen. Offensichtlich steckt der Teufel im Detail! Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen verfasste ich folgende Übersetzung:
766. Als Pippin (der Jüngere) in die Waskonia zog; und in demselben Jahre starb der Herr Bischof Chrodegang.
Das Beispiel hat mir gezeigt, dass eine zutreffende Übersetzung nach Lateinkenntnissen, Kontextwissen, Quellenanalyse und den richtigen Nachschlagewerken verlangt. Deswegen folgt abschließend eine kleine Auswahl hilfreicher Recherchetools. Wer mehr – viel mehr – davon möchte, wirft am besten einen Blick in das Einführungswerk Proseminar Geschichte: Mittelalter von Hans-Werner Goetz. Viel Spaß beim Übersetzen und Vale!
Hilfreiche Literatur und Websites zum Einstieg:
Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 2014.
Habel, Edwin; Gröbel, Friedrich: Mittellateinisches Glossar, Paderborn 1989.
Monumenta Germaniae Historica: https://www.dmgh.de/index.htm
Nomen et Gens: https://neg.ub.uni-tuebingen.de/gast/startseite.jsp
Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters: https://www.geschichtsquellen.de/start
Neue deutsche Biographie: https://www.deutsche-biographie.de/home
Frag-Caesar: https://www.frag-caesar.de