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Ein erster Blick bezog sich auf das Dorf Meilen um 1920 mit seinen knapp 3900 Einwohnern und grossen Bebauungslücken selbst im Zentrum – Anteil Ausländer 5%, Katholiken 1%, Rebfläche abnehmend, aber dennoch fünfmal grösser als heute. Überhaupt war die Landwirtschaft in Meilen gegenüber dem schweizerischen Durch-schnitt noch relativ dominant (31/26%) und ebenso Industrie und Gewerbe (55/42%), entsprechend tief der Dienstleistungssektor.
Was ist nun gegenüber dem Handwerk zur eigentlichen Industrie zu zählen? Neben der Produktion in Serie und auf Lager, weiträumigem Absatzgebiet, höherer Betriebsgrösse und entsprechendem Kapitalbedarf hauptsächlich die Mechanisierung der Produktion (was aber schon Manufakturen hatten), aber damals neu insbesondere der Einsatz von Arbeitsmaschinen d.h. Motorisierung bzw. Einsatz von nicht-manueller Energie.
Stellt man Letzteres ins Zentrum, zeigen sich allerdings überraschende Einsichten. Und zwar insofern, als dann selbst die seit dem 13. Jahrhundert bestehende Obermühle – 1920 seit Jahrzehnten keine Kornmühle mehr, sondern eine Sägerei – wegen Verwendung der Wasserkraft auch als industrieller Betrieb zu bezeichnen ist. Obwohl 1954 auch das Firmenarchiv einem Brand zum Opfer fiel, lässt sich mit Hilfe der kantonalen Wasserrechtsakten die Betriebsanlage (u.a. mit traditionellem Mühleweiher und 1866 gebautem Zweienbachweiher) rekonstruieren. Von denselben Kriterien her muss etwa auch die damalige Druckerei Ebner (von Vorgängern 1863 gegründet) mit ihrem ersten Elektromotor der Gemeinde trotz ihrer Kleinheit und fehlender Unterstellung unter das Fabrikgesetz unter die Industriebetriebe gereiht werden, ebenso die seit dem 17. Jahrhundert bestehende, viel grössere Gerberei, die neben der Wasserkraft auch über eine Dampfmaschine verfügte – wohl nicht zuletzt deswegen, weil die Wunderlys als Eigentümer über ein Industrieimperium mit Fabriken von Linthal bis Windisch und damit entsprechenden Erfahrungen verfügten.
Der grosse Rutsch neuer Firmen erfolgte dann aber erst mit der 1894, also sehr spät eröffneten rechtsufrigen Eisenbahnlinie. Gleich 1895 zog die mechanische Steinschleiferei Bluntschli & Cie (in der Ausstellung nicht erwähnt) samt ihrem Petrolmotor zu, ebenso zwei Jahre später die «Erste schweizerische Gesellschaft zur Herstellung unvergorener und alkoholfreier Obst- und Traubenweine, Bern», Vorläuferin der heutigen Midor, sinnvollerweise gleich gegenüber dem Bahnhof. (Bei diesen «Weinen» handelte es sich schlicht um pasteurisierte Trauben- und Obstsäfte und Sirupe.) Daneben kam später, genau 1900, räumlich direkt anschliessend die Möbelfabrik Aeschlimann, Pionier der Sperrholzfabrikation und Lieferant von Möbeln für die ganze Schweiz. Mit zeitweise bis zu 72 Arbeitern war diese Fabrik der grösste Arbeitgeber Meilens. Im heutigen Werkgebäude der «Infra» war 1920 die Wäsche- und Stickereifabrik Charles Rüegg & Cie bereits der dritte Betrieb nach der 1899 errichteten «Feinmechanischen Werkstätten Mayer & Teuber & Cie» und den «Spinnmaschinenwerken Emil Stauder» (ab 1902). Wir erwähnen diese Kleinbetriebe hier, weil sie in der Ausstellung fehlen, wie denn auch die Nachfolger Bluntschlis (Maschinenfabrik Berger & Cie, Farbenfabrik Münzel) auf dem Areal, wo sich später die «Vernicolor» etablierte, eher unbekannt geblieben sind.
Bei den übrigen Betrieben umfasste mein Referat denselben Bestand wie er auch in der Ausstellung gezeigt wird – hoffentlich kann sie nach der Coronakrise nochmals geöffnet werden! Zusätzlich wurde einfach – dem Titel «Meilen als Industriestandort 1920» entsprechend – zusätzlich dem Aspekt und dem Nachweis des industriellen Charakters besondere Bedeutung geschenkt. Was das einstige, 1908 als Privatfirma gegründete Gaswerk betrifft, wissen nicht mehr alle, dass dieses bis 1982 das Gas selbst produzierte. 2008 erfolgte durch die Erdgas Zürich die Schliessung. An die 1912 gegründete Gummi- und Lederwarenfabrik Holzscheiter an der Rosengartenstrasse vermögen sich sicher noch viele zu erinnern. Sie hatte am selben Ort zwei Vorgänger, die fabrikmässig Fenster produzierten; einer von beiden war ausnahmsweise sogar gebürtiger Meilemer alten Geschlechts.
Dies verweist indirekt darauf, dass sonst die gesamte Meilemer Industriewelt von Zugezogenen aufgebaut worden ist. Ob es an mangelnder Initiative oder mangelndem Kapital der Einheimischen lag, muss gegenwärtig offenbleiben – vielleicht könnte eine vergleichende Studie über mehrere Gemeinden hier neue Informationen bringen. Tatsache ist jedenfalls, dass zwischen 1894 und 1920 in Meilen 15 neue Firmen gegründet wurden, davon allerdings deren acht nur als Nachfolger ihrer kurzlebigen Vorgänger. Von all diesen existiert in Meilen keine mehr, ebenso wenig wie von den Firmen vor dem Bahnbau, auch baulich nicht – mit Ausnahme einzig der ehemaligen Florettspinnerei und späteren Möbelfabrik Borbach im Wasserfels, als Gebäude gerettet in den 1980er-Jahren durch Architekt C. F. Grob, und dem allerdings stark veränderten heutigen Werkgebäude der «Infra».