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In der Sowjetunion nannten sie ihn den «Floh». Genauso gut hätten sie ihn «Blitz» oder «Gepard» nennen können, denn Oleg Blochin, Sohn einer berühmten Leichtathletin, lief die 100-Meter-Strecke unter elf Sekunden. Der gegenwärtige Fussballnationaltrainer der Ukraine kam 1952 in Kiew zur Welt. Als Spieler war er ein Weltstar, mehrmals Fussballer des Jahres und Torschützenkönig in der Sowjetunion 1972, 1973, 1974, 1975 und 1977. Im Jahr 1975 wurde er gar zu Europas Fussballer des Jahres gekürt. Ausserdem gewann er mit seinem Stammverein Dynamo Kiew achtmal die Meisterschaft, fünfmal den Cup und zweimal den Europacup der Cupsieger. Blochin war ein dynamischer Goalgetter mit Spielmacherqualitäten, und er galt in seinen besten Zeiten als «Johan Cruyff des Ostens». Für das Nationalteam der UdSSR absolvierte Oleg Blochin über hundert Länderspiele.
Einen ganz grossen Traum konnte Blochin freilich auf dem Höhepunkt seiner langen Spielerkarriere nicht verwirklichen. Die sowjetische Nationalmannschaft hatte 1972 das Finale der Europameisterschaft erreicht und war auf gutem Weg, sich für die Weltmeisterschaft von 1974 in Deutschland zu qualifizieren. Damals gab es tatsächlich noch Barragespiele zwischen europäischen und südamerikanischen Mannschaften, und die Sowjetunion musste sich bloss noch gegen Chile qualifizieren. Doch die Equipe reiste nicht nach Santiago de Chile. Die Verbandsführung liess verlauten, die sowjetischen Fussballer weigerten sich, in einem Stadion zu spielen, in dem Diktator Augusto Pinochet kurz zuvor Regimegegner habe foltern und umbringen lassen.
Dass der Boykott wirklich von den Spielern ausging, darf bezweifelt werden. Verbürgt ist dagegen, dass jenes Qualifikationsspiel in Chile tatsächlich angepfiffen wurde, obwohl nur die Heimmannschaft auf dem Platz stand. Die Chilenen spielten den Ball nach dem Anpfiff gemächlich nach vorne und erzielten einen Treffer ins verwaiste Tor. Erst da wurde der wohl erste Match der Fussballgeschichte ohne Gegenteam abgebrochen und als Forfaitsieg für Chile gewertet.
Im kommenden Sommer könnte Oleg Blochin, der als Coach mit dem Nationalteam der Ukraine unter anderem 2006 die Schweiz aus dem WM-Turnier warf – wir erinnern uns an das legendäre Penaltyschiessen, bei dem der Schweiz nicht ein einziges Tor gelang –, seinem glanzvollen Lebenslauf ein weiteres Erfolgskapitel hinzufügen. Wenn im Juni die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine startet, gilt Blochins Mannschaft zumindest als Anwärter auf den Viertelfinal. Doch ausgerechnet jetzt, da Blochin wie in den frühen siebziger Jahren von einem verheissungsvollen Sommer träumt, liegt wieder ein Boykott in der Luft. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel jedenfalls hat damit gedroht, wegen der Haftbedingungen der ukrainischen Exministerpräsidentin Julia Timoschenko nicht an die EM zu reisen. Ob sie gar die deutsche Nationalmannschaft zum Boykott bewegen will, ist zurzeit noch unklar.
Oleg Blochin wird dies alles wenig kümmern. Es heisst, er rede an Pressekonferenzen nur über Dinge, die unmittelbar mit dem Spiel seines Teams zu tun haben. Als Trainer habe er die Werte und Methoden aus sowjetischer Zeit beibehalten. Er sei äusserst autoritär und hart. Diese Einschätzung kann, je nachdem, wie es seiner Nationalmannschaft gerade läuft, als Lob oder Vorwurf verstanden werden. Blochin selbst erklärt sich so: «Wenn wir ein Spiel verloren haben und ich auf der Heimfahrt sehe, dass die Spieler schon wieder miteinander scherzen und Karten spielen und lachen, dann habe ich den Eindruck, ich lebe in der falschen Zeit oder in der falschen Welt oder beides.»
Oleg Blochin habe sich als Spieler nach Niederlagen nicht das geringste Lächeln erlaubt. Da er aber fast immer gewann, kam das selbst auferlegte Lachverbot kaum je zum Tragen.
Pedro Lenz (47) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Für tiefere Einsichten in den ukrainischen Fussball empfiehlt er die Lektüre von «Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fussballreise» seines Berufskollegen und Freundes Serhij Zhadan, soeben erschienen im Suhrkamp-Verlag.