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Es ist leicht, sich mit lang vermissten Eltern wieder zu vereinen
Es ist leicht, sich mit lang vermissten Eltern wieder zu vereinen (Raw Frand zu Parschat Nizawim 5765 (Beitrag 2))
Parschat Nezavim wird immer am Schabbat vor Rosch Haschanah gelesen. In dieser Parscha steht eine interessante Gruppe von Pesukim: „ Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebe, ist dir nicht zu schwer und liegt dir nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen könntest: ‚Wer wollte für uns in den Himmel steigen, es uns zu holen und es uns vernehmen zu lassen, dass wir danach tun.’ Und es ist nicht jenseits des Meeres, dass du sagen könntest: ‚Wer wollte für uns über das Meer fahren, es uns zu holen und es uns vernehmen zu lassen, dass wir danach tun.’ Sondern es liegt dir sehr nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen, so dass du danach tun kannst.“ [Devarim 30: 11-14]
Der Ramban stellt fest, dass die Mizva (Gebot), auf welche sich diese Stelle („diese Vorschrift“) bezieht, die Mizva von Teschuva (Rückbesinnung) ist.
Der Neziv meint, dass sich die Mizva ausdrücklich auf die „Rückkehr aus Liebe“ („Teschuva me’Ahava“) bezieht. Der Neziv stellt dazu jedoch die Frage, wieso die Torah die Mizva von Teschuva als „leicht“ bezeichnen kann? „Rückkehr aus Liebe“ zu vollbringen scheint für uns Menschen eine der schwierigsten Aufgaben zu sein. Wie kommt die Torah zu der Behauptung, dass man dies mit Leichtigkeit erfüllen kann?
Der Neziv verstärkt diese Frage noch: Wer zu einem Menschen Liebe empfinden soll, muss ihn erst kennenlernen. Dies versteckt sich im Ausdruck „wer ihn kennt, der liebt ihn“. Ein Mensch liebt den anderen, weil er weiss, was im anderen vorgeht. Wenn Menschen sich kennen und schätzen lernen, kann dies zu einer starken gegenseitigen Bindung führen.
Es geht über unseren Horizont, den Allmächtigen zu verstehen. Wie ist es denn möglich, Ihn zu lieben? Wie können wir „aus Liebe“ zu ihm zurückkehren? Was ist damit gemeint, dass es „sehr leicht“ sei, diese Art von Rückkehr zu vollbringen?
Die Antwort des Neziv verwendet den mystischen Gedanken, dass Israel und der Heilige, gelobt sei Er, eine Einheit sind. Ein Vater kann seinen Sohn lieben, auch wenn er ihn nicht kennt und sogar, wenn er ihn niemals zu Gesicht bekommt. Sie werden sich beim ersten Zusammentreffen, ohne eine grosse Vorstellungszeremonie, zueinander hingezogen fühlen. Die natürliche Verbindung zwischen Vater und Sohn überbrückt jede erdenkliche Kluft.
Es gab eine 49-jährige adoptierte Frau in Kalifornien, deren Adoptiveltern ihr sagten, dass sie ursprünglich aus Israel stamme. Die Frau hatte schon immer bemerkt, dass sich ihr Aussehen von demjenigen ihrer Eltern unterschied. Es war klar, dass diese nicht ihre natürlichen Eltern waren. Sie begann ihre Vergangenheit zu erforschen. Zur gleichen Zeit schrieb ein israelischer Journalist einen kritischen Bericht über das skandalöse Verhalten gegenüber marokkanischen Juden, welche in den frühren 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts eingewandert waren. Vielen marokkanischen Müttern, welche die Sprache noch nicht gut beherrschten und im Land noch keine Beziehungen besassen, sagte man, dass ihre Kinder während der Geburt gestorben seien. In Wirklichkeit wurden diese Kinder gestohlen und an Adoptiveltern verkauft, in Israel und im Ausland.
Die Frau aus Kalifornien reiste nach Israel und traf sich mit dem Aufklärungsjournalisten. Sie entdeckte gewisse Dokumente und wandte sich an das Spital, in dem sie geboren worden war. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Ein DNA-Test gab der Frau die Möglichkeit, ihre marokkanische Mutter zu lokalisieren. 49 Jahre zurück hatte man dieser Mutter gesagt, dass ihr Kind kurz nach der Geburt gestorben sei.
Hier ging es um zwei Frauen aus Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Fast fünfzig Jahre, sozusagen dem ganzen Leben der Tochter, hatten sie nichts miteinander zu tun gehabt. Bei ihrem ersten Zusammentreffen fielen sie sich in die Arme, begannen sich zu küssen und unkontrolliert zu weinen.
Die Mutter kannte die Tochter nicht und die Tochter nicht die Mutter. Keine verstand die Sprache der anderen und sie konnten sich nicht anders verständigen als durch ihre Tränen, Küsse und Umarmungen. Wieso reagierten sie auf diese Weise? Sie reagierten so, weil es sich um eine Mutter und ihre Tochter handelte.
Hören sie nochmals auf die Worte des Neziv: Vater und Sohn, ungeachtet dessen, dass sie sich noch nie zu Gesicht bekommen haben: Beim ersten Zusammentreffen fühlen sie sich unwillkürlich zueinander hingezogen, weil die Natur nachhilft.
Der Neziv fügt hinzu: Was wir bei Eltern und Kindern aus Fleisch und Blut feststellen können, gilt auch für die Begegnung (Teschuva) zwischen unserem Vater im Himmel und seinen missratenen Kindern. Die Sache liegt uns nicht fern. Dies trotz der Tatsache, dass ich ein Mensch bin und Er ewig. Dies trotz der Tatsache, dass ich mit Ihm jahrzehntelang nichts zu tun gehabt habe.. Er ist unser Vater und wir sind Seine Kinder. Deshalb liegt es „in der Macht deines Mundes und der Kraft deines Herzens, dies zu erreichen.“
Die Sache kann leicht bewerkstelligt werden. Die Verbindung zwischen Kind und Eltern kann leicht wieder hergestellt werden und ist niemals unwiederbringlich verloren.
Quellen und Persönlichkeiten:
Ramban (1194 -1270) [Rabbi Mosche ben Nachman]: einer der führenden Toragelehrten des Mittelalters; Gerona, Spanien, Jerusalem.
Rav Chajim Soloveitschik (1853 – 1918): Rabbiner in Voloschin, Brisk (Brest-Litovsk), Litauen.
Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin [Neziv] (1817 – 1893): Rosch Jeschiwa der berühmten Jeschiwa von Volschin, Russland.
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