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08.04.2021 13:20:19

Head of Sustainability, North America
Die Einkommensungleichheit ist in Amerika kein neues Problem. Durch politische und gesellschaftliche Ereignisse war es in den vergangenen Jahren ein viel diskutiertes Thema und die Covid-19-Pandemie hat den Sachverhalt noch drastisch verschärft.
Eine der jüngst angekündigten Initiativen von Präsident Biden ist die Erhöhung des Mindeststundenlohns von 7,25 USD auf 15 USD. Viele Lobbyisten auf Unternehmerseite argumentieren, dass so ein Schritt Unternehmen entweder dazu zwingt, die zusätzlichen Kosten auf die Kunden abzuwälzen. Oder er kann zu Massnahmen der Kosteneinsparung führen. Dies würde Unternehmen in Branchen mit hohem Personalbedarf wie Dienstleistungen, Einzelhandel, Gastronomie und der industriellen Fertigung treffen.
Abbildung 1: Die 15 am schlechtesten bezahlten Berufe und ihre Anzahl an Beschäftigten
Ein für den Lebensunterhalt ausreichender Lohn für alle berufstätigen Amerikaner ist zweifellos kein leichtes Unterfangen, zudem sind mit einem solchen Lohnniveau Kosten verbunden. Viele Wirtschaftsforscher sind sich ausserdem darin einig, dass die Qualität der Arbeitsplätze einer der Hauptanreize für die Teilnahme am Arbeitsmarkt und das Wachstum des BIP ist. Denn nach ihrer Ansicht zahlen sich angemessene existenzsichernde Mindestlöhne aus volkswirtschaftlicher Sicht aus. Ausserdem zwingen sie möglicherweise Unternehmen sogar zu mehr Innovation und Effizienz.
Die 64.000-Dollar-Frage: Sind 15 USD pro Stunde das richtige Niveau?
46,5 Millionen Amerikaner hatten 2019 Beschäftigungsverhältnisse, bei denen der Durchschnittsstundenlohn unter 15 USD lag.
Um dies im Verhältnis zu sehen, gehen wir einmal davon aus, dass eine Arbeitskraft (mit Familie) einen Durchschnittsstundenlohn von 15 USD verdient. Wenn sie 52 Wochen im Jahr jeweils 40 Stunden in Vollzeit arbeitet (ohne Feier-, Krankheits- oder Urlaubstage) ergäbe dies einen Brutto-Jahresverdienst von 31.200 USD. Anhand der Daten, die von Zippia und dem MIT Living Wage Calculator zusammengestellt wurden, sieht man, dass 31.200 USD in jedem US-Bundesstaat unter dem Existenzminimum liegen.
Abbildung 2: Ein Stundenlohn von 15 USD ist nirgends in den USA ausreichend für den Lebensunterhalt.
Quelle: MIT, Zippia, Stand: März 2020. Das Existenzminimum ist der Lohn, der von einem Haushaltsmitglied verdient werden muss, um den Unterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten. Weitere Informationen finden Sie unter www.livingwage.mit.edu
Sollte sich die Debatte also stärker auf die Qualität des Arbeitsplatzes als nur auf die Löhne konzentrieren?
Bei einem guten Arbeitsplatz geht es um mehr als nur ein höheres Einkommen, selbst wenn die Bezahlung natürlich ein wichtiger Teil der Gesamtrechnung ist. Wichtig sind auch andere Grundbelange, wie Krankenversicherung, Altersvorsorge, berufliche Weiterbildung, regelmässige Arbeitszeiten und Chancengleichheit bei der Beförderung.
Hier werden viele Unternehmen ebenfalls argumentieren, dass sich die Zusatzkosten durch diese Sozialleistungen erkennbar negativ auf ihre Salden auswirken würden. Wir vertreten jedoch die Auffassung, dass Mitarbeiter mit schlechter Jobqualität, sehr wahrscheinlich Kosten für Unternehmen verursachen. Viele Arbeitgeber sind sich dessen aber nicht bewusst.
Die geschätzten Kosten unmotivierter Mitarbeiter sind spürbar: 37 % höhere Abwesenheit, 18 % niedrigere Produktivität und 15 % niedrigere Ertragskraft - all dies führt zu geschätzten Gesamtkosten von 34 % des Gehalts eines unmotivierten Mitarbeiters. Mit anderen Worten: Ein unmotivierter Mitarbeiter kostet somit potenziell 3.400 USD für je 10.000 USD Verdienst.
Würde ein höherer Lohn Abhilfe schaffen?
Viele Diskussionen haben das "Risiko" und wie höhere Personalkosten sich auf eine Organisation auswirken zum Thema.
Durch die Investition in Mitarbeiter ergeben sich jedoch beträchtliche Chancen der Wertschöpfung. Studien zeigen, dass eine Verringerung der Mitarbeiterfluktuation um 50 % die Produktivität um 20 % steigern kann. Besser bezahlte Mitarbeiter können zu einem Umfeld mit hoher Arbeitsmoral beitragen, was oft in einem besseren Kundenservice und einer stärkeren Kundenbindung beiträgt.
Es hat sich gezeigt, dass ein hohes Engagement der Mitarbeiter in Zusammenhang mit hohem Umsatz (+20 %) und hoher Ertragskraft (21 %) steht. Noch wichtiger ist, dass ein hohes Engagement der Mitarbeiter zu 70 % weniger Arbeitsunfällen und einer Verringerung der Abwesenheit um 41 % führt.
Frau Professorin Zeynep Ton, Gründerin des The Good Jobs Institute, hat viel zu diesem Thema geschrieben. Nach ihrer Ansicht können die Bezahlung existenzsichernder Löhne und das Investieren in Mitarbeiter langfristig zu einer Überlegenheit des Unternehmens und zu höheren Umsätzen und Gewinnen führen. Die effektive Umsetzung von Rahmenbedingungen für "gute Arbeitsplätze", so die Professorin, widerlegt den Mythos, dass höhere Löhne stets mit niedrigerem Ertrag einhergehen.
Mehr hochwertige Arbeitsplätze sind auch unerlässlich für eine gerechtere Wirtschaft. Das Erreichen einer hohen Beschäftigungsqualität ist ausserdem wesentlich für eine langfristig stärkere US-Wirtschaft. Personen, die bislang am stärksten vom Mangel hochwertiger Arbeitsplätze betroffen waren, hätten nämlich eine zunehmend höhere Kaufkraft.
Ein einschneidender Wendepunkt
Nach unserer Ansicht sollte es um die Frage gehen, ob Unternehmen bereit sind, Ihre Bilanzen und Geschäftsmodelle eingehend zu betrachten, um Wege zu finden, ihren Mitarbeitern Mindeststundenlöhne, Sozialleistungen und regelmässige Schichten anzubieten. Wir ermutigen Unternehmen dazu, langfristig zu denken. Sie müssen bereit sein, kurzfristig mögliche Nachteile in Kauf zu nehmen (beispielsweise höhere Löhne), um daraus langfristigen Nutzen durch eine Erhöhung der Produktivität, des Marktanteils und der Einnahmen zu ziehen.
Die gesellschaftlichen Vorteile sind offensichtlich. Die politischen Rahmenbedingungen scheinen auch gegeben zu sein, um dies umzusetzen. Aus Sicht der Anleger ist der Meinungsaustausch der Interessengruppen viel transparenter geworden und Unternehmen stehen mittlerweile unter erhöhtem Druck - sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der öffentlichen Hand - die Mitarbeiter gut zu behandeln.
Nach unserer Einschätzung werden Unternehmen, die nicht bereit sind, sich in Richtung eines 15-USD-Stundenlohns positiv zu verändern, den Druck von Verbrauchern und Wettbewerbern spüren, die dies umsetzen werden ... und dennoch rentabel bleiben und letztendlich davon profitieren. Als Investoren sind wir darum bestrebt, uns mit beiden Seiten der Gehaltsdebatte intensiv auseinanderzusetzen. Wie bei allen grossen Herausforderungen werden aber nur die Starken überleben.
Hier erfahren Sie mehr: https://www.schroders.com/de/ch/asset-management/insights/
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