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Wie muss man sich fühlen, wenn man zu einem Sequel, dessen Original filmmusikalische Geschichte geschrieben hat, als Komponist tätig wird? Steht man vor einem Berg unlösbarer Aufgaben? Kopiert man einfach das Original? Oder ist man Jerry Goldsmith und schreibt eine Psycho-Musik, die seine Handschrift trägt? Letzteres war bei Richard Franklins Psycho II in der Tat der Fall, auch wenn Goldsmith für eine kurze Erinnerungssequenz vor dem Titelspann Herrmanns Duschmusik eingespielt hat.
Anstelle des mit lediglich 30 Minuten Länge dürftig ausgefallenen Albums von 1983 (MCA), das im Jahr 2000 von Varèse auf CD in gleicher Manier aufgelegt wurde, präsentiert uns Intrada hier den gesamten, 56 Minuten dauernden Score. Was für eine Wohltat für die Fans und endlich, endlich eine „runde“ Sache.
Natürlich können weder ein Remake noch eine Fortsetzung an ein Meisterwerk heranreichen, dennoch ist Richard Franklins Sequel eine gelungene Angelegenheit, nicht zuletzt dank stimmungsvollen Bildern, toller Spannung, einem guten Cast und der Musik von Goldsmith, 1983 entstanden und somit in einer Zeit in der Goldsmith immer öfter Orchester mit Elektronik kombinierte. Das ist auch bei Psycho II der Fall. Das 70 Mannfrau Ensemble, das von Streichern dominiert wird – im Blechblasregister sind nur Hörner zu hören – unterlegt Goldsmith mit Effekten und Klängen aus dem Synthesizer und hie und da mit Craig Huxyles Perkussionen. Klanglich ist Psycho II mit Auszügen aus Twilight Zone-The Movie („Mother’s Room“ zB.), dem grossartigen Poltergeist, aber auch mit dem 4 Jahre später erscheinenden Sequel Poltergeist II-The Other Side zu vergleichen, wobei letzterer um einiges deutlicher auf Elektronik setzte. Psycho II findet hingegen die ganz feine Linie aus der Kombination Elektro/Orchester, auch wenn seine Streicherarbeit nebst der unheimlich dichten Atmosphäre das herausragende in dieser Musik ist.
Thematisch am auffälligsten sind die Motive, die mit Norman Bates verbunden sind. Zuerst hören wir in der Titelmusik ein kindliches, einfaches und sentimentales, aber auch ein ungutes Gefühl hinterlassendes Motiv, gespielt vom Klavier, in folgenden Stücken wird es auch vom Synthesizer intoniert. Kurz nach diesem Motiv ist von den Streichern das eigentliche Thema für Bates zu hören, warm und freundlich gestaltet, an eine vielleicht ganz glückliche Kindheit erinnernd (auch dieses lässt Goldsmith ab und an elektronisch erklingen). Das ist nicht unpassend, denn an sich ist Norman ja ein lieber Kerl (huch…) und zu Beginn des Films tut er alles dafür wieder in die Gesellschaft eingegliedert zu werden nachdem er aus der Psychiatrie entlassen wurde. Beide Motive sind eng miteinander verbunden und erklingen oft auch gemeinsam. Ist nur das erste Motiv zu hören, so geht in Normans Kopf schon wieder so einiges ab was nicht zu Gutem führen wird (als Beispiel: „Blood Bath“).
„Mother’s Room“, „Out to Lunch“ oder „New Furniture“ führen uns zurück in faszinierende Klangwelten wie wir sie in Poltergeist von Goldsmith zu hören bekommen haben. Interessant ist „The Peep Hole“ gestaltet mit dem plätschernden Klavier, Holzbläsern, verstörten Synthieklängen und tremoli der Streicher. In „Toomy’s Death“ lässt Goldsmith für zwei ganz kurze Momente herrmannsche Streicher erklingen, eingebunden in eine, wie der Titel erahnen lässt, ungute Stimmung – daneben ist erstmals auch ein „einschneidender“ Effekt zu hören. „It’s Starting Again“ ist der endgültige Startschuss zum musikalischen Mordtreiben im und um das Haus Bates. Es folgt mit „Blood Bath“ (Alien!) ein fantastisches Stück, das zweifellos beim 80er Goldsmith-Fan einen lustvollen Schnalzer auslösen wird. Erst in „Don’t Take Me“ sind nach langer Zeit die beiden Hauptthemen wieder, für einen kurzen Moment, vereint und versprühen etwas Hoffnung, ehe mit „She’s not Dead“ und dem Suspense trächtigen „The Cellar“ über Norman und Mary (Meg Tilly) der Horror einbricht, während das Klarinettspiel in „Hello Mother“ uns wieder an Poltergeist erinnert. Famos ist das etwas mehr als 5 Minuten dauernde „It’s Not Your Mother“ mit den Themenvariationen und einem fulminanten Finale für Klavierrhythmen, Hörner, Synthie und angriffigen, zupackenden Streichern.
Zusätzlich gibt es 17 Minuten Bonusmaterial: Nebst den beiden Klavierstücken, die Norman Bates im Film spielt, ist am auffälligsten das nicht verwendete Schlusstitelstück, das man sich sehr gut als Abschluss hätte vorstellen können.
Die 56 Minuten Score zeigen wie meisterhaft Jerry Goldsmith in diesem Genre tätig war, wie unterschätzt Psycho II in erster Linie wegen des alten 30 Minuten Albums war (nur schnell, schnell weg damit in die hinteren Regalreihen!) – und wenn es auch mehr als 30 Jahre gedauert hat, jammern wir nicht mehr, sondern erfreuen uns an diesem grossartigen Score!