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Ludwig XVI., Gefangennahme in Varennes (1791)
Vor allem in der französischen Nostradamus-Literatur hat das traurige
Schicksal Ludwigs XVI., der 1793 in Paris geköpft wurde, große
Beachtung gefunden. Berühmt ist dabei v.a. die Interpretation des
Verses 9/20, der von verschiedenen Interpreten so manipuliert wurde,
dass er mehr oder weniger auf die gescheiterte Flucht des Königs nach
Varennes passt. Übersetzt lautet der Vers etwa: "In
der Nacht wird man durch den Wald und von Rennes kommen. Zwei Partner
machen einen Umweg nach Ernée über den weißen Stein. Der schwarze Mönch
in Grau ist in Varennes. Der gewählte Geistliche verursacht Sturm,
Feuer und Schneide."
Es ist hier leider nicht möglich, im Detail
auf sämtliche Verdrehungen und Missdeutungen einzugehen, die nötig
sind, um aus diesem Vierzeiler das Schicksal Ludwig XVI. herauslesen zu
können. Doch soll anhand der letzten beiden Zeilen kurz demonstriert
werden, wie in Etwa eine solche Missdeutung überhaupt zustande kommen
kann.
Gehen wir einmal davon aus, dass einem Nostradamusinterpreten die
Französische Revolution und die bedeutendsten Ereignisse aus dieser
Zeit bekannt sind. Es besteht nun die Gefahr, dass der (gläubige)
Interpret mit der Erwartungshaltung an die Prophezeiungen herangeht,
ein französischer Seher wie Nostradamus müsse einfach zu diesem äußerst
bedeutsamen historischen Geschehen Vorhersagen gemacht haben. Trifft er
nun auf einen Vers, in dem Varennes namentlich genannt wird und in dem
gleich in der nächsten Zeile das Wort "Schneide" fällt, kann das dazu
führen, dass sämtliche Textkritik von der Woge der Begeisterung
weggespült wird. Dann steht es für diesen Interpreten nun unverrückbar
fest, dass mit Varennes genau jener Ort gemeint ist, in dem die Flucht
Ludwigs XVI. endete, obwohl es in Frankreich dutzende Gemeinden dieses
Namens gibt, von denen auch einige bedeutender sind als der Ort von
Ludwigs Gefangennahme. Dass mit der "Schneide" jetzt selbstverständlich
nur noch die Guillotine gemeint sein kann, versteht sich von selbst.
Nun gilt es, die Person des Königs in diesem Vers zu finden. Dazu
bieten sich gleich zwei Stellen an, die ihn (gemäß herkömmlicher
Deutung) auf verschiedene Weise beschreiben. Es sind dies "der schwarze
Mönch in Grau" und der "gewählte Geistliche" (im Original: "esleu
cap."). Obwohl Ludwig XVI. nicht unbedingt das bescheidene Leben eines
Mönches geführt hat, soll Nostradamus ihn hier als solchen bezeichnet
haben, da er zu diesem Zeitpunkt in Frankreich bereits von allen
verlassen gewesen sei (also einem Einsiedlermönch geglichen habe).
Abgesehen davon, dass den König u.a. seine Frau, Marie-Antoinette, auf
der Flucht begleitete, besass die Monarchie als solche in Frankreich
immer noch Anhänger, die selbst nach dem Tod des Herrschers noch gegen
die Republik kämpften. Das einzige treffende Element wäre hier
lediglich, dass Ludwig auf der Flucht tatsächlich einen grauen Umhang
getragen hat – aber für eine erfolgreiche Prophezeiung wäre dies allein
doch recht wenig. Ist ein Interpret aber erst einmal so weit gekommen,
dies zu akzeptieren, wird es für ihn keine besondere Schwierigkeit mehr
sein, auch die Stelle "esleu cap." auf den König zu beziehen. Es ist
nämlich richtig, dass die französischen Revolutionäre den König (aus
dem Hause Bourbon) "Bürger Louis Capet" nannten, da der erste König des
eigentlichen Frankreichs Hugo Capet hieß (987-996). Ludwig wurde nach
der gescheiterten Flucht (Juni 1791) völlig entmachtet. Die Verfassung
vom 3. September 1791 degradierte ihn zum politischen Statisten,
Frankreich wurde konstitutionelle Monarchie. Ihn aber deswegen als
"gewählten Kapetinger" zu bezeichnen (so wird in der Regel "esleu cap."
übersetzt) wäre schlichtweg falsch – der König wurde auch nach dieser
Verfassung nicht gewählt!
Außerdem ist die Auflösung von "cap." als "Capet" eine bloße Behauptung, die sich zudem nicht schlüssig belegen lässt.
Wir haben gesehen, wie weit man Nostradamus’ Text "zurechtbiegen" muss,
damit er auch nur annähernd und fehlerhaft zum ausgewählten
historischen Geschehen passt (in den ersten beiden Zeilen, auf deren
Präsentation hier verzichtet werden soll, werden die Manipulationen
noch krasser und die Fehldeutungen noch lächerlicher).
Was unser Seher in diesem Vers wirklich prophezeit hat, lässt sich im
Moment noch nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt jedoch einige
Vierzeiler, die interessante Parallelen zu 9/20 aufweisen. So ist etwa
in 10/91 von der Wahl eines "Grauen und Schwarzen" zum Papst die Rede,
der sich als äußerst bösartig herausstellen wird ("schwarz" weist im
Lateinischen u.a. auch die Bedeutung von "böse" auf). Dies würde gut
zum "esleu cap." aus 9/20 passen, wenn man das "cap." als "capelan"
(bedürftiger Geistlicher) auflöst und wenn man weiß, dass dieser Papst,
wie aus anderen Versen hervorgeht, aus dem Bettelorden der Franziskaner
stammen wird!
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(Letzte Änderung dieser Seite: 14.11.2015)