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Emma Graf, die Schülerin aus der damals so genannten Taubstummenanstalt St.Gallen berichtet aus dem Schulalltag. Das Bild von 1913 zeigt den Unterricht in der Sprachheilschule, die Kinder üben das richtige Artikulieren.
Als Liseli Spengler in die Schule kam, war sie überrascht, dass Hr. Bühr schon da war. Herr Bühr sagte zu Liseli: „Guten Tag.“ Da bemerkte er an der Schürze eine Brosche. Er sagte, sie habe sich im Krieg ausgezeichnet durch besondere Tapferkeit. Die Deutschen Soldaten, welche sich im Krieg ausgezeichnet haben, erhalten ein eisernes Kreuz, die Franzosen eine Medaille. Ich habe eine Dame in Schaffhausen gesehen, welche ein Medaillon hat. Auch Schüler erhalten durch besonderen Fleiss eine Auszeichnung, entweder Lob oder ein gutes Zeugnis oder eine Prämie.
Am Montag amtierte der Stellvertreter von Hrn. Pfr. Bischoff, Hr. Pfr. Bärlocher. Hr. Pfr. Bischoff ist jetzt bettlägerig. Er hat Brustfellentzündung. Hr. Pfr. Bärlocher ist ein ganz junger Herr.
Die Österreicher haben die Hauptstadt von Montenegro Cetinje, eingenommen. Darauf haben die Montenegriner um Frieden gebeten. Das war klug von ihnen. Besser Frieden machen, als das Land verwüsten lassen. Die Österreicher gewähren ihnen den Frieden unter der Bedingung, dass sie die Waffen strecken.
Am Mittwoch Abend ging Seppli mit Ursula T. wieder zu Ritter & Co. Dort holten sie ein Buch Packpapier. Als sie im Laden warteten, kam Herr Bühr herein. Hr. Bühr wollte das Bezugsbüchlein dem Geschäft bringen, damit man das Packpapier u. die Hefte, die man vorgestern gebracht hatte, einschreiben könne. Er hat das Bezugsbüchlein zu Hause nicht gefunden. Er fragte in dem Geschäft, ob es dort sei. Es war so. Das Packpapier kostete 1,60 fs., also mehr als 2 mal so viel als das Musterpapier, das man letzte Woche geholt hatte. Man hat 3 Sorten Hefte gebracht. Es sind breite Schönschreibhefte, vierfachlinierte für die Unterklassen, dreifachlinierte Hefte für die Mittelklassen, zusammen rund 1500 Stück.
Am Donnerstag Nachmittag kam eine Mädchenunterklasse aus der Stadt in Begleitung ihrer Lehrerin in die Anstalt. Die Lehrerin hat den Mädchen vorletzte Woche eine Erzählung vorgelesen, die von einem taubstummen Mädchen handelt.[1] Da erwachte die Neugier in den Mädchenköpfen. Sie wollten sehen, wie man taubstumme Kinder unterrichtet.
Gestern Morgen ist ein Schreiner gekommen. Alle wackeligen Stühle des Mädchenhauses wurden zusammengetragen. Der Schreiner reparierte sie in der Werkstätte des Knabenhauses. Es sind so viele Stühle kaput[t], dass im Wohnzimmer nur noch einer steht. Unsere Stühle sind nicht solid. Sie sind einmal billig gewesen.
Gestern Vormittag wurde ein taubstummes Kind vorgestellt. Es heisst Hans Schwendener; es ist von Buchs, wie alle Schwendener und Rohrer. Er ist bald 9 Jahre alt. Herr Bühr glaubt, dass es ein begabtes Kind sei. Er machte bei der Prüfung alles gut. Beim Bilderanschauen gebärdete es sofort lebhaft. Im Alter von einem Jahr ertaubte er an Gehirnentzündung.
[1] Vermutlich handelt es sich um die Biographie der taubblinden amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller (1880-1968), die von ihrer Lehrerin, Anne Sullivan, unterrichtet worden war. Ihr Werk „Die Geschichte meines Lebens“ wurde zeitgenössisch stark rezipiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch in Deutsch mehrfach neu aufgelegt. So weist z.B. die Kantonsbibliothek Vadiana in St.Gallen für das Jahr 1907 die 35. Auflage aus.
Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und A 451/7.4.02 (Bild)