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Auch wenn er sich immer wieder auf’s neue versteckt: Nahezu jeder kennt ihn und hat schon mal nach ihm gesucht: Walter! Erkennbar an den markanten rot-weissen Streifen auf Pullover und Bommelmütze stürzt er sich in den bekannten Wimmelbilderbüchern von einem Abenteuer ins nächste. Am 21. September 1987 feierte er in seinem ersten Buch mit dem britischen Originalnamen «Where’s Wally?» sein Debüt. Während er für den deutschsprachigen Markt den Namen Walter verpasst bekam, wurde er in den USA zu Waldo umbenannt. Und genau unter dieser Benennung kam er auch zu seinem ersten Videospiel.
Plattform: NES
Genre: Puzzle (?)
Hersteller: Bethesda Software
Publisher: T*HQ
Spieler: 1
Erschienen: 17. September 1991 (USA)
Der Hauptdarsteller
Bevor wir uns dem eigentlichen Spiel zuwenden, wollen wir uns erst einmal dem rot-weiss gestreiften Superstar und dessen Werdegang widmen. Der von Martin Handford geschaffene Charakter feierte wie erwähnt 1987 seinen ersten Auftritt und durfte sich in 6 weiteren Büchern der Hauptreihe vor der Leserschaft verstecken. Eine doppelseitige Szene in einem Buch zu erstellen dauert laut Handford rund 8 Wochen. Gestartet wurde jeweils mit einer Handvoll Ideen, weitere Gags und Einfälle kamen im Laufe des Entstehungsprozesses dazu. Neben diversen Neuauflagen der klassischen Bücher in verschiedenen Formen, gab es auch zahlreiche Spinoffs in Form von Rätselbüchern und dergleichen, die unter demselben Franchise liefen. Selbst Wissenschaftler haben sich dem Phänomen von «Wheres Waldo?» gewidmet und unter anderem das perfekte Vorgehen gefunden, um Walter in den Büchern ausfindig zu machen. Mittlerweile wurden mehr als 43 Million Bücher in über 33 Ländern und 22 Sprachen verkauft.
Die weltweite Popularität Walters sorgte natürlich für eine Ausweitung des Walter-Universums. 1991 startete eine eigene Zeichentrickserie unter dem Namen «Where’s Wally?: The Animated Series». Die einzige Staffel, welche 8 Folgen umfasste, wurde 1991 bis 1992 auch in Deutschland als «Wo ist Walter?» ausgestrahlt. Inhaltlich reisten Walter und sein Hund Wau durch Zeit und Welt und erlebten verschiedene Abenteuer, die durch Sucheinlagen für den Zuschauer unterbrochen wurden.
Am 20. Juli 2019 debütierte in den USA eine neue Serie zu «Where’s Waldo?». Im Mittelpunkt stehen hier der 12-jährige Waldo und seine Freundin Wanda, die allerlei Abenteuer erleben.Die erste Staffel lief bis Ende des Jahres und umfasste insgesamt 20 Folgen.
Auch Rechte für Kinofilme wurden im Lauf der Jahre bereits mehrfach vergeben, Drehbücher bereits geschrieben, aber bislang wurde jedes Projekt eingestampft, noch bevor mit der eigentlichen Produktion begonnen wurde. Immerhin ist auf das Internet verlass und hat bereits massenhaft inoffizielle Trailer zu einem möglichen Where’s Waldo?-Film kreiert, wie in nachfolgendem Beispiel:
Auch ausserhalb von Büchern und Cartoons ist der gestreifte Superheld immer wieder zu entdecken. So tauchte er mehrmals bei den Simpsons auf, hatte einen Gastauftritt bei Al Bundy’s schrecklich netter Familie oder liess sich beim Kinofilm die Nackte Kanone 33 1/3 kurz blicken.
Auch Sportveranstaltungen bleiben nicht vor ihm verschont. Beim Super Bowl 2012 tauchte Waldo in einem Werbespot auf, bei Wrestling- oder Darts-Veranstaltungen ist auch immer mal wieder ein als Walter verkleideter Zuschauer zu entdecken, auch Flashmobs oder Fasnacht und Kostümparties sind schon öfters von Walters heimgesucht worden. Selbst bei Google Earth oder auch in Google Street View gibt es Walter zu entdecken. Auch als Tattoo ist er ein beliebtes Motiv:
Und natürlich hat es Waldo aka Walter auch geschafft, seinen Platz in der Welt der Videospiele zu sichern. Spiele für NES, SNES, Mega Drive, Wii und DS, ja sogar zu einem eigenen Arcade-Automaten hat er es gebracht. Angefangen hat alles mit Where’s Waldo? für das NES, womit wir nun also wieder beim eigentlichen Thema wären.
Die Verpackung
Auf der Front sticht gleich ein kleines Klarsichtmäppchen ins Auge, das unten links angebracht wurde. Es erinnert mich unweigerlich an ein Mini-Wo ist Walter-Buch, bei dem in einem fast identischen Mäppchen eine Lupe für die Sucharbeit enthalten war. Tatsächlich dürfte es aber eher daran liegen, dass mein Exemplar mal Teil eines Videospielverleihs war, auf was auch die kleine Etikette auf dem Qualitätssiegel hinweist. Aber kommen wir zum Artwork: Auf den ersten Blick wirkt die Verpackung wie etwas verkleinerte Version der Frontseite des ersten Buches. Wer genauer hinschaut stellt fest: So ist es auch! Zahlreiche Charaktere tummeln sich vor dem blauen Hintergrund. Sie fallen und schubsen und zeigen und plappern – und irgendwo unter ihnen hält sich auch Waldo auf. Überragt werden sie alle von einem grossen Umschlag, dessen Ecke eine Briefmarke mit Waldos Antlitz ziert und ausserdem mit mehreren Stempeln (Camp Site, Railway Station, Sports Stadium und On the Beach), welche die verschiedenen Etappen – zumindest des Buchs – festhalten. Darunter die namensgebende Frage in roter und blauer Farbe: Where’s Waldo?
Die Rückseite verspricht direkt eine Wanderung um die Welt mit spektakulären Einlagen: «Findet einen animierten Waldo in einer gruseligen Höhle oder begebt euch auf einen wilden Ritt mit der U-Bahn und siegt gegen den Zauberer Weissbart im Rennen um Waldo. Jedes Level ist gefüllt mit unzähligen Charakteren und weiteren Elementen, die jedes Mal neu angeordnet sind und so für praktisch unendlichen Spielspass sorgen! Dank High Definition Screens ist auch das kleinste Detail perfekt ersichtlich! Unterschiedliche Schwierigkeitsgrad sorgen für einen Familienspass für jedes Alter!» Das klingt ja fantastisch, also wer da nicht zugreift, ist selber schuld! Dazu noch die 3 bunten Screenshots mit einer Levelübersicht und zwei Wimmelbildern, die einem bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.
Die Anleitung
Wer die Verpackung noch nicht genug betrachtet hat, der kann auch auf Vorder- und Rückseite der Anleitung erneut auf Walter-Suche gehen. Inhaltlich sticht gleich ins Auge, dass die Überschriften und Symbole in Rot-Weiss-Blau gehalten sind. Nach einer kurzen Einführung über das Abenteuer von unserem «wandering Hero», geht’s auch gleich ans Eingemachte. «Waldo want’s to wander across the moon and he needs your help to get there”. Natürlich, machen wir doch gerne. Als kleine Starthilfe präsentiert uns Waldo persönlich, wie er in den Stages anzutreffen ist, aber zeigt auch andere Charaktere, welche man nicht mit ihm verwechseln sollte.
Nach einer kurzen Einführung zum Starten und Steuern des Spiels werden einzelne Abschnitte vorgestellt. Erstaunlicherweise wird sogar ein Bild des Abspanns nach der geglückten Mondlandung abgebildet. Vielleicht für den Fall, dass jemandem das Spiel vielleicht zu schwer sein könnte? Naja, wohl kaum. Abgeschlossen wird die überschaubare Anleitung mit den «Compliance with FFC Regulations» und dem Hinweis auf die 90-tägige Garantie. Solltet ihr also irgendwo ein neues «Where’s Waldo?»-Modul kaufen, das vor Ablauf der 90 Tage kaputt geht, bitte nicht an den Händler, sondern direkt an T*HQ retournieren.
Das Spiel
Für den ersten Videospielauftritt Waldos zeigt sich niemand geringeres als Bethesda verantwortlich. Kaum zu glauben, dass dieses Studio, das sich heute mit Nischentiteln wie «Fallout» oder «The Elder Scrolls» über Wasser hält, einst mit einem so grossen Namen arbeiten durfte. Nach dem Einlegen des Moduls werdet ihr im Titelbild von einer digitalen Version des «Where’s Waldo?»-Umschlags begrüsst. Nach Auswahl des Schwierigkeitsgrads spaziert Waldo erst einmal fröhlich zu einer ohrwurmverdächtigen Melodie über eine Weltkarte, bevor er gezielt den Bahnhof ansteuert – und genau jetzt beginnt auch das erste Szenario. Ihr findet euch in einem turbulenten Wimmelbild mit zahllosen Charakteren und Gegenständen, umrahmt mit einigen wenigen fixen Elementen wie dem Bahnsteig oder dem Bahnhofsgebäude. Nun kommt der Spieler an die Reihe: er übernimmt die Kontrolle über einen rechteckigen Cursor, welcher über das Wimmelbild manövriert wird und mit dem der gefundene Waldo markiert und bestätigt werden soll. Wer jedoch falsch liegt, wird mit einer Reduktion des Zeitlimits bestraft. Neben dem Bahnhof haben es auch weitere Schauplätze des ersten Buches in das Videospiel geschafft: Waldo versteckt sich auch auf dem Camping-Platz, einem Jahrmarkt, in der Stadt und einem mittelalterlichen Schloss.
Zur Abwechslung wurden drei weitere Abschnitte eingestreut, welche spielerisch etwas anders ablaufen als die oben genannten Suchlevels und auch nicht direkt dem Buch entstammen. Zum einen geht es in eine Höhle, in welcher Waldo umherhuscht und mittels Cursor im Dunkeln gefunden werden muss. Ist dies geschafft, kann der Spieler entweder direkt den normalen Ausgang nehmen oder aber mit der Sanduhr ein Spielchen wagen und einen möglichen Zeitbonus gewinnen – oder auch kostbare Sekunden abgezogen bekommen. Eine weitere Station auf dem Weg zum Mond ist die Subway. In dem Gewirr aus Schienen und Weichen gilt es Waldo und dessen Brille zu finden und anschliessend ins Ziel zu gelangen. Dabei ist eine Begegnung dem Zauberer Weissbart tunlichst zu vermeiden. Befindet ihr euch am selben Ort wie er, werden die vorhandenen Zeitreserven so lange drastisch reduziert, bis ihr das Weite sucht. Und zu guter Letzt wartet als finaler Level ein einarmiger Bandit auf euch. Bringt auf allen 3 Feldern Waldo zum Stehen um die Mondrakete erfolgreich abzufeuern.
Zusätzlich bietet das Spiel 4 unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Der Practice Mode erlaubt die ersten drei Abschnitte ohne Zeitlimit auf der einfachsten Stufe zu spielen. Die weiteren Schwierigkeitsgrade in Form von Easy, Medium und Hard unterscheiden sich in verschiedenen Bereichen. Da wäre zum einen das Zeitlimit, welches von 10 Minuten (Easy) auf bis zu 5 (Hard) reduziert wird. Auch die Bestrafung für einen falschen Klick fällt bei Hard wesentlich heftiger aus (30 Sekunden). Dazu wird in den Suchleveln mit jeder Stufe das Suchgebiet grösser und der Cursor ein ganzes Stück kleiner. Ab der mittleren Stufe trägt Waldo zudem nicht immer sein klassisches Rot-Weiss-Blaues Outfit, sondern ist meist in anderen Farbkombinationen unterwegs. Auch die weiteren Levels – mit Ausnahme der Höhle – erweisen sich als wesentlich kniffliger in höheren Stufen.
Die musikalische Untermalung des Spiels offenbart sich leider als recht spartanisch: Ein Titellied, das Weltkarten-Thema und Jingles für Game Over, einen geschafften Level und das Ende. Dazu gesellt sich 1 (!) Soundeffekt für das Suchen an falscher Stelle mehr gibt es nicht und qualitativ ist das ganze leider auch nicht überragend. Aber viel wichtiger ist bei der Sucherei ja die Optik, die ja dank «High Definition Screens» für tollen Suchspass sorgen sollte. Nun ja, auf den Röhrenfernsehern ist davon leider nicht viel zu sehen, die Suchbilder gleichen einem Pixelprei und die Figuren sind – vor allem in höheren Stufen – teils schwer zu unterscheiden. Auf moderneren TVs sieht das ganze etwas besser aus, für das ungeschulte Auge bleibt es trotzdem ein Pixelheuhaufen, in welchem die Waldo-Nadel gefunden werden muss. Es braucht schon etwas Übung und Erfahrung, um grad bei den höheren Stufen erfolgreich zu sein.
Die Steuerung ist an sich simpel gehalten: Mit dem D-Pad wird der Cursor manövriert, für alle anderen Aktionen nutzt man den A-Knopf. Leider ist das Positionieren des Cursors aufgrund des rutschigen Verhaltens nicht immer ganz einfach, dazu kommt dass er selbst bei kurzem Antippen einen ordentlichen Sprung macht. In Sachen Umfang fällt das Spiel arg dünn aus: Die 8 Schauplätze sind auf niedriger Stufe innert weniger Minuten absolviert. Damit hat man eigentlich bereits alles gesehen. Medium ist mit etwas Übung ebenfalls zu schaffen, auf der Schwierigsten Stufe kann man jedoch durchaus die eine oder andere Stunde (und damit unzählige Anläufe) verbringen, bis man wirklich durch ist.
Seppatoni & Where’s Waldo?
Ich habe erst während meiner Sammler-Zeit erfahren, dass es tatsächlich ein Waldo-Spiel für das NES gibt, und dies war «The Great Waldo Search». Den Vorgänger «Where’s Waldo?» entdeckte ich nochmals eine ganze Ecke später. Wirklich begeistert war ich von dem Spiel nicht, im Gegenteil, in einem Gamecheck für’s NES Center liess ich kein gutes Haar an dem Titel. Nichtsdestotrotz nahm ich die beiden Waldo-Module aufgrund ihrer Skurrilität zusammen mit einem umgebauten Universal-NES mit an die NCON, wo es aber weitgehend ungespielt blieb. Trotzdem nahm ich die Spiele wieder mit an die folgenden NCONs, und auf der NCON 6 offenbarte der Titel tatsächlich, was für ein begeisterndes Suchtpotenzial ihm innewohnt.
Nachdem am Samstagmorgen ein paar wenige mit der Suche nach dem gestreiften Superhelden starteten und sich manch einer wunderte, wie man in dem Pixel-Matsch überhaupt etwas erkennen sollte, wuchs die Gruppe zwischenzeitlich auf bis zu 14 Personen an, die gemeinsam nach Waldo Ausschau hielten. Mit vereinten Kräften starrte man auf den Röhren-TV, wer fündig geworden war, zeigte gepaart mit einem lauten «DA!» auf die Stelle am Bildschirm, während der Spieler am Joypad den Cursor dahin manövrierte. Als grösster Knackpunkt erwies sich dabei die Subway-Stage. Nicht nur, dass es je nach zufällig generiertem Aufbau recht knifflig war, das Labyrinth erfolgreich abzuschliessen, nein, der willkürlich auftauchende Zauberer lässt innert Sekundenbruchteilen die Zeitanzeige auf Null rasseln und führt zum Game Over.
Dennoch hat man sich nicht davon abbringen lassen und das Spiel auf Medium mehrmals beendet. Insbesondere maddog2k1 mauserte sich an diesem Wochenende zum absoluten Waldo-Profi und verbrachte einen Grossteil der NCON mit der Suche nach ihm. Die Anläufe auf der höchsten Schwierigkeitsstufe scheiterten jedoch einer nach dem anderen. Höhepunkt war das Erreichen des letzten Suchbildes beim Schloss, ansonsten war spätestens bei der übertrieben harten Subway-Stage jeweils Schluss. Dies tat dem Hype jedoch keinen Abbruch, N-Zone-Christoph gründete gar vor Ort einen eigenen Waldo-Fanclub und ernannte mich direkt zum Präsidenten. In der folgenden Ausgabe widmete er gar einige Zeilen der Walter-Suche.
Auch die folgenden Jahre war Where’s Waldo? ein steter Begleiter an die Conventions. Auch wenn mit der Zeit die Teilnehmerschaft abnahm, so hatte ich mir zum Ziel gesetzt, das Ding irgendwann einmal auf der höchsten Schwierigkeitsstufe zu beenden. Und so war es auf den Conventions fortan fast schon Tradition, dass ich jeweils am frühen Morgen zwischen 6 und 7:00 Uhr in den jeweils noch ruhigen Räumlichkeiten mich auf die Suche nach Waldo machte, während noch manch ein schlaftrunkener Teilnehmer von den zarten Klängen der Weltkartenmusik wachgeküsst wurde. Jahrelang versuchte ich es immer wieder – und scheiterte jedes Mal erneut. Bis irgendwann an einem frühen Sonntagmorgen: Schnell war Waldo überall gefunden, dazu den Zeitbonus in der Höhle abgestaubt und nun wartete die Subway. Unverhofft entknotete ich das Schienengewirr blitzschnell, wurde vom Zauberer Weissbart verschont und schaffte es tatsächlich zum Ausgang. Das Schloss-Szenario war kein Hindernis, und auch der einarmige Bandit am Ende konnte mich trotz hoher Rotationsgeschwindigkeit nicht davon abhalten Waldo auf der höchsten Schwierigkeitsstufe endlich auf den Mond zu befördern. Nach unzähligen Versuchen und Anläufen war ich also endlich am Ziel angelangt. Oelk meinte auch bereits, was ich nun in Zukunft jeweils morgens an den Veranstaltungen zocken würde, nachdem dieses Kapitel nun abgeschlossen wäre. Ich wusste es nicht, aber zumindest die eine oder andere Runde «Where’s Waldo?» gab es auch weiterhin.