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„Er sagte mir, Künstlertum sei ein Humbug“
Marcel Duchamp zu Gast im Tinguely-Museum in Basel. Bis 30.06.2002
In der Ausstellung von Marcel Duchamp im Tinguely Museum in Basel verbindet sich ein „Traum“ Harald Szeemanns mit einer Begegnung Jean Tinguelys mit dem 72jährigen Duchamp 1959 in Paris.
Einstieg Nr. 1: „Marcel Duchamp war neben Picasso der grösste Künstler des 20. Jahrhunderts“, sagt Harald Szeemann, Kurator der Duchamp-Ausstellung bei Tinguely in Basel, an der Pressekonferenz. Fragt einer: „Worin unterschieden sie sich denn?“. Szeemann: „Der eine malte immer weiter, der andere dachte immer weiter“. Duchamp, der Vater der „Ready-mades“, als Erfinder widersprüchlicher Denkprozesse im Kunstkontext. Von da aus führt der Weg zur Ausstellung des „autonomen“ Duchamp.
Einstieg Nr. 2: „Ich bin ein von Duchamp erzogener Künstler. Er hat mir gesagt, das Künstlertum sei ein Humbug … Sein Beispiel ist mir im rechten Moment begegnet …“, sagt Jean Tinguely in einem zur aktuellen Ausstellung republizierten Interview von 1987. Diese Begegnung fand 1959 in Paris statt, vier Jahre nachdem Tinguely mit Pontus Hulten, dem späteren Inszenator Duchamps in Europa, erwirkt hatte, dass die „Rotative Démisphère“ und die „Rotoreliefs“ des US-Emigranten in Paris wiederentdeckt wurden. Und im selben Jahr, da Duchamp auf Tinguelys Mal-Maschine „Méta-Matic“ sein einziges abstraktes Bild „malte“. Von hier aus angegangen, zeigt sich Duchamps Gastspiel in Basel als „Verzahnung“ mit seinem Bewunderer Jean Tinguely.
Man könnte die widerstrebende „Hochzeit“ der beiden Ansätze als Spiegel der einer archäologischen Stätte gleich in die Ausstellung integrierten biographisch-bibliophilen Duchamp-Dokumentation Jacques Caumonts bezeichnen. Denn Duchamps geschaffenes und gedachtes Werk ist ebenso wie die immense Rezeption seiner Persönlichkeit seit den 60er Jahren ein Tummelfeld der Widersprüche. So zweifelt die Forschung heute zum Beispiel, ob Duchamp sein berühmtes „Pissoir“, seine „Flaschentrockner“ und das „Velorad“ wirklich so bewusst als „Ready-mades“ (ein Begriff, den er 1915 in den USA einführte) konzipierte oder ob er erst viel später realisierte, was sich gedanklich daraus machen lässt. Bei gewissen Objekten ist nicht einmal mehr sicher, ob es sie als „Originale“ überhaupt je gab. Er hat später so viele Replika autorisiert, dass ein materialisierter Ursprung obsolet wurde. Es ist, was gedacht ist, ob vom Künstler oder denen, die über ihn nachdenken.
Es war mit Sicherheit dieser subversive Gedanken-Tänzer, der nicht nur Bewegungsmaschinen erfand, nicht nur Alltagsgegenstände in den Kunstkontext verschob, sondern kraft des „Eros“ alles mit allem verheiratete, der Duchamp in gewisser Weise zum „Vater“ von Jean Tinguely und unendlich vielen anderen Kunstschaffenden machte.
Die Frage sei heute nicht mehr, schreibt Dieter Daniels im Katalog, wie Duchamp gewürdigt werden könnte, sondern wie man ihn wieder loswerde. Duchamp hat raffinierterweise in den Zeiten seines grossen, späten Erfolges kaum mehr Werke geschaffen, sondern als Historiker seiner selbst, sein Werk modellhaft in eine 68teilige Edition von „Schachteln“ verpackt und hatte damit einem Lab-Top gleich stets sein gesamtes Schaffen zur Verfügung.
Marcel Duchamp war ein begnadeter Schach-Spieler, nahm an zahlreichen internationalen Turnieren teil und dachte längere Zeit daran, die Kunst zu Gunsten des Schachs aufzugeben. Das Tinguely-Museum veranstaltet aus diesem Grund nicht nur ein Simultan-Schachturnier mit Viktor Kortschnoj (25. Mai), sondern vernetzt auch den Künstler und dem Schach-Spieler . Real indem die Ausstellung Werke wie „Les Joueurs d’Echecs“ von 1911, von Duchamp gestaltete Plakate zu Schach-Turnieren etc. zeigt, aber auch virtuell, indem der Stratege Duchamp durch das ganze Austellungskonzept blitzt. Dieses betont nicht die Ready-mades, sondern führt die Linie weiter, die Szeemann schon in den 70er Jahren veranlasste, Duchamp in die Berner „Junggesellenmaschinen“ zu integrieren. Die Linie, die sich in Duchamps weiblichem Alter Ego, der „Rrose Selavy“ phonetisch Rose (Eros), c’est la vie manifestiert: Die in Gegenstandsformen (Mühlen zum Beispiel) und Wandlungsreihen übersetzte „Vierte Dimension“ des Weiblichen. Dieses Setzieren und neu Zusammensetzen bestimmt nicht nur das berühmte „Grosse Glas“ mit dem rätselhaften Titel „La Mariée mis à nu par ses Célibataires, même“. Das manische, aber seltsam unkörperliche Dekonstruieren und in Bewegung (Wandlung) versetzen beginnt schon im berühmtesten Bild Duchamps, der „Femme descendant un Escalier“ von 1912 und der Weiterführung in „Le Passage de la Vierge à la Mariée“ (ebenfalls 1912).
Diese Betonung ist richtig, denn sie ist es, die emotional mit Tinguely verschmilzt, die Lust und Zerstörung ausspannt. Schon 1960 liess Tinguely in New York eine „Maschine“ in die Luft gehen; die ausgebrannten Überreste sind in Basel zu sehen, zusammen mit dem Vers, den Duchamp dazu schrieb: „Si la si si la si / (Et) si la si (qui) si la si / (Est) la si (qui) si la si / Il y a suisside métallique“. Schade, dass die Sprachspiele Duchamps in Basel etwas stiefmütterlich behandelt werden, doch sind sie vielleicht eher Material für eine Ausstellung, die den Franzosen mit dem verstorbenen Luzerner André Thomkins verschwägert …
Die heimliche Coup
Schon im ersten 5-Jahres-Plan, welcher der regelmässig am Kunsthaus Zürich inszenierende Harald Szeemann dem Haus vorlegte, figurierte eine Ausstellung Marcel Duchamp. Doch befand die Leitung des Hauses die Latte als zu hoch und schliesslich stahl Pontus Hulten mit seiner exquisiten Duchamp-Ausstellung im Palazzo Grassi in Venedig (1993) dem Schweizer Ausstellungsmacher und Zürich die Show. Nun ist Szeemanns Mitstreiter (und Bewunderer) in Zürich, Guido Magnaguagno, ab nach Basel ans Tinguely-Museum. Was lag näher als in der Reihe von „Tinguelys Favorites“ Marcel Duchamp vorzusehen, mit Harald Szeemann als Kurator. Kein anderer hätte die Verbindungen, zum Beispiel nach Philadelphia, das die grösste Duchamp-Sammlung besitzt, oder zu den (Stief)-Nachkommen Duchamps gehabt, die notwendig sind, um so Hochkarätiges wie Werke von Duchamp ausgeliehen zu erhalten. Und so stiehlt diesmal das populäre Basler Privatmuseum Zürich den prominenten Auftritt. Und wie! Tinguely und Duchamp hätten ihre Freude daran.