Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03568.jsonl.gz/289

In einem grösseren Artikel in der SonntagsZeitung setzt sich der Journalist Rico Bandle mit der Frage auseinander, ob sich der zulässige Meinungskorridor in der Schweiz verengt habe.
Dabei kommt auch die Nationalrätin der Grünen Partei und letztjährige Nationalratspräsidentin Irène Kälin zu Wort. Sie ist der Ansicht, dass wir unsere Worte mit Bedacht wählen sollten, um unser Gegenüber nicht zu verletzen: "Dazu gehört auch inklusiver zu sprechen und zu schreiben als früher, weil es ein neues Bewusstsein gibt und unsere Gesellschaft bunter und vielfältiger geworden ist. Zu behaupten, man dürfe nicht mehr alles sagen, ist eine Scheindebatte. Man darf mehr sagen denn je, denn 'geschätzte Kolleg*innen' ist Ausdruck von Vielfalt und Freiheit."
Man bemerke die dialektische Volte: Man "dürfe" (d.h. solle) "geschätzte Kolleg*innen" sagen, aber diese soeben von ihr vorgegebene uniforme Ausdrucksweise verkörpere eben gerade Vielfalt und Freiheit. Dies erinnert mehr als nur ein wenig an den "Freiheitsbegriff" im ehemaligen realsozialistischen Ostblock.
Ihre Ausführungen beginnt sie hingegen in scheinbar bester liberaler Manier mit einem angeblichen Zitat von Immanuel Kant: "'Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt' wusste schon Kant."
Wer Kant kennt, dem kommt diese Aussage etwas gar simpel für den grossen Philosophen vor. Pflegte sich dieser doch jeweils mit etwa vier, maximal fünf Sätzen pro Seite zu begnügen - die dafür entsprechend lang und kompliziert ausfielen. Seine Ausdrucksweise war eher von dieser Art: "Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann." Dies, wohlgemerkt, noch einer der einfacheren und verständlicheren Sätze Kants.
Prompt vermeldet die Webseite falschzitate.blogspot.com, dass es sich bei Kälin's vermeintlichen Kant-Zitat um einen Satz handle, das fälschlicherweise Kant zugeschrieben werde.
So bekommt Irène Kälin's Aussage: "Man darf mehr sagen denn je" - noch eine ganz andere Bedeutung. Zum Beispiel falsche Zitate zu verbreiten.
Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.