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Von Stefan Volken
Krisen und Kriminalität beeinflussen sich gegenseitig. Ein Blick in die Geschichtsbücher hilft, dies besser zu verstehen. Wie Kriminelle sich in der Krise neu orientieren, erzählt der Experte für Finanzkriminalität Leo Müller.
Am 13. November 2020 hätte die Schweizerische Expertenvereinigung «Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität» SEBWK ihre jährliche Tagung durchführen wollen. Aber im Coronajahr 2020 kam alles ganz anders. Anstelle der jährlichen Tagung organisierte der Vorstand der SEBWK nun eine Miniserie von Interviews.
Das vierte Interview fand mit dem Experten für Finanzkriminalität Leo Müller statt, welcher sich auf investigative Due Diligence spezialisiert hat.
Leo Müller
Ein Blick zurück in die Wirtschaftsgeschichte helfe laut dem Interview mit Leo Müller, die gegenwärtige Krise aus dem kriminologischen Blickwinkel zu betrachten und besser zu verstehen. «Von Wirtschaftshistorikern gut untersucht sind grosse Wirtschaftskrisen, die durch Kriminalität verursacht worden sind oder Kriminalität als systemisches Element hatten», sagt Müller. Dazu gehöre die grosse Wirtschaftskrise von 1929. «Ich erinnere an Charles Ponzi, dem «Erfinder» des Anlagebetruges, der 1920 mit seinen Schwindelprojekten begonnen hat». Es gebe auch jüngere Krisen, die durch die Ponzi-Kultur stark beeinflusst worden sind wie die Savings and Loans Krise in den 1980er Jahren in den USA, die Dotcom Blase und auch die Bankenkrise von 2007 und 2008.
Nun haben wir eine Krise, die ähnlich einer Naturkatastrophe verursacht worden ist: die Pandemie. Kriminalität sei hier nicht die Ursache, sondern eine Folge der Krise, so Müller. Man könne drei Segmente von Opfern sehen: den Staat, die Konsumenten und die Unternehmen. Banken als Opfer seien dieses Mal ein geringeres Problem. Gelegenheitstäter nutzten die Krise aus, wobei es auch Menschen gebe, die aus Not zu Tätern würden.
«Crime never sleeps, den Spruch kennen wir von der Wall Street»,
sagt Leo Müller. Kriminell operierende Mitglieder der Gesellschaft versuchen, sich in der Krise umzuorientieren. Player, die ihre Werbung bisher zum Beispiel auf Begriffen wie «Blockchain» oder «Artificial Intelligence» aufgebaut hatten, versuchten nun, ein neues Marketing-Tool zu finden. «Das ist Covid-19. Und diese Player versuchen, mit angeblichen Angeboten zur Überwindung der Pandemie auf den Markt zu kommen», meint er. Solche Tatmuster werde man noch mehr sehen. Man stehe erst am Anfang dieser Entwicklung.
In Unternehmen werden Bilanzen gefälscht, um an Covid-19 Staatskredite zu kommen, Missbrauch von Kurzarbeitsentschädigung findet statt und Schwindelprojekte tauchen auf dem Markt für Pharma- und Medizinprodukte auf.
«Die Instrumente, um die Kriminalität zu sehen, sind erst jetzt vorhanden»,
sagt Müller. Das werde aber erst ab 2021 erkennbar. Die entsprechenden Jahresberichte und Bilanzen 2020 seien zum Teil noch nicht geschrieben, beurteilt oder revidiert.
Wenn man vergangene Krisen betrachtet, wird man vermutlich bald erkennen, dass frühere Formen von Kriminalität jetzt kollabieren. Müller nennt als Beispiel Anlagebetrüger, die in einer Krise ihr «Projekt geschmeidig beenden, indem sie einen Konkurs durch die Krise legitimieren». Dank Bilanzuntersuchungen werde man feststellen können, dass es Bilanzfälschungen und -manipulationen mit dem Ziel des Kreditbetrugs gab.
Gemäss Müller braucht es ein
«schnelles Handeln zum Schutz der Opfer».
Für den Staat gelte es, die Konsumenten und sich selbst zu schützen. Leo Müller sieht gute Beispiele bei Europol und dem Department of Justice (DOJ) in den USA. Diese hätten sehr schnell gehandelt und angefangen, diese Phänomene zu beobachten, zu benennen und mit Warnlisten arbeiten. Auf der Website des DOJ werden täglich Anklagen gegen mutmassliche Täter publiziert. Für Konsumenten und Unternehmen gelte, dass sie sich am effizientesten mit professioneller Sammlung, Aufbereitung und Analyse von Informationen für ihre Betrugsabwehr schützen können.
Zum gesamten Interview:
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Der nächste Beitrag auf dem Blog Economic Crime erscheint am 12. April 2021.
Frohe Ostern!
Über den Autor
Stefan Volken ist dipl. Wirtschaftsprüfer, CIA und hat den MAS Economic Crime Investigation an der Hochschule Luzern absolviert. Er war als leitender Wirtschaftsprüfer und Partner bei Prüfungs- und Beratungsgesellschaften im In- und Ausland tätig. Zudem war er für den Aufbau von Dienstleistungen im Bereich der Prävention und Untersuchung von Wirtschaftskriminalitätsfällen verantwortlich. Heute leitet der die Niederlassung der BDO in Frauenfeld. Stefan Volken ist Vorstandsmitglied der Schweizer Expertenvereinigung „Bekämpfung Wirtschaftskriminalität“ (SEBWK).