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Mit einem Bagger liessen wir auf dem Bauplatz die kostbare dünne Erdschicht entfernen und neben dem Atelier deponieren.
Keith, der Partner unserer Nichte Clea, übernahm mit einem gemieteten Bagger den Aushub.
Dabei stiess er auf einen Felsrücken. Wir fragten in Oliver herum und bekamen die Telefonnummer von Sprengmeister Scotty. Er habe, erklärte uns dieser, seine Ausbildung in der britischen Armee genossen und liebe es, gefährlich zu leben. Seine Hobbys seien Tauchen und Fallschirmspringen. Wir sagten ihm, dass es auch für die Verlegung unserer Wasserleitung einige Stellen zu sprengen gebe. Ausgezeichnet, fand Scotty, das würde „a lot of fun“. Hoffentlich nicht „too much fun“, dachten wir. Als Marianne ihn darauf hinwies, dass es auf unserem Land Klapperschlangen gebe, erschrak Scotty, und Marianne musste bei der Besichtigung und Einrichtung der Sprengstellen immer vor ihm hergehen.
Sicherheitshalber legten wir Spanplatten auf die Oberlichter des Ateliers und sperrten jeweils kurz die Strasse. Scotty dosierte die Sprengungen mit beeindruckender Präzision. Eine kleine Baufirma goss die Fundamente und Kellerwände und dichtete sie mit einer Teerschicht ab.
Die beiden jungen „Contractors“, die schon das Balkenwerk des Ateliers zusammengefügt hatten, arbeiteten auch hier schnell und genau.
Das Haus nahm rasch Formen an.
Hier sind Schwager Hans, Marianne und ich beim Dachdecken zu sehen.
Im nächsten Blogbeitrag beginnen wir mit dem Innenausbau.
Wir hatten unsere 1981 ausgewanderten Verwandten im Okanagan Valley von 1982 an mehrmals besucht, hatten ihnen ein Stück Wildnis abgekauft, ein Zufahrtssträsschen einrichten und erfolgreich nach Wasser bohren lassen, in der Hoffnung, Kanada würde uns eines Tages als Einwanderer akzeptieren.
1994 entwarf Marianne ein Haus, das wir mit möglichst viel Eigenarbeit bauen könnten.
Ich zeichnete Pläne für ein Atelier, blieb 1995 nach unseren Sommerferien noch länger auf dem Secrest Hill, um es mit der Hilfe von zwei jungen „Contractors“ und meinem Schwager Hans zu bauen.
Falls wir nicht als „landed immigrants“ aufgenommen würden, könnten wir den Rohbau in ein Ferienhäuschen verwandeln. Im November rief mich Marianne aus Bern an: „Unser Einwanderungsgesuch wurde bewilligt.“ Sofort reiste ich fürs grosse Packen nach Bern zurück.
Mit Hilfe der Firma Pack-Impex füllten wir Kisten und verpackten die Möbel.
KLM war die einzige Fluggesellschaft, die bereit war, uns ein Ticket „Kanada einfach“ zu verkaufen. Hier das Flugzeug vor unserem Abflug in Kloten.
Während der Bauzeit würden wir bei unseren Verwandten wohnen dürfen.
Die Zollformalitäten für unseren Container konnten wir im Grenzstädtchen Osoyoos erledigen. Es war nicht einfach für den Lastwagenfahrer, ihn im Rückwärtsgang über unser schmales, steiles Strässchen vor das Atelier zu steuern.
Das Atelier bewährte sich jetzt als Möbel- und Warenlager.
Letzte Woche war es wieder soweit: Unsere RipOff Artists-Gruppe traf sich im Quail’s Nest Arts Centre von Oliver, um eine Woche lang vor Publikum zu arbeiten. (www.ripoffartists.ca) Wer noch nicht zweimal gegen Covid-19 geimpft war, trug eine Maske.
Dieses Jahr liessen wir uns vom Bild „Hills Killarney (Nellie Lake)“ des kanadischen Künstlers und Mitglieds der berühmten „Group of Seven“ A.Y. Jackson (1882- 1974) inspirieren. Für mich war es der 15. „RipOff-Challenge“. Beim ersten „Challenge“ von 2007 hatten wir uns vom „Weizenfeld mit Zypressen“ von Vincent van Gogh inspirieren lassen. Als Versuch war es damals erst ein „RipOff Saturday“ gewesen.
Hier ein Blick in einen der beiden Arbeitsräume:
Wichtig ist für uns, dass wir die „beraubte“ Künstlerin oder den „beraubten“ Künstler mit einem „Story Board“ vorstellen und dem Publikum verschiedene künstlerische Techniken zeigen.
Malen auf Holz
Enkaustik
Collage
Nadelfilz
Künstlerischer Einsatz eines Computers
Bemalen von Gegenständen
Meine „RipOff-Spezialität“ ist jeweils eine 3-D-Version der Vorlage mit integriertem „found object“.
Den alten Autorückspiegel hatte ich vor Jahren von unserer Freundin Jen bekommen: „Du wirst ihn sicher eines Tages brauchen können.“
Sie hatte Recht.
Samstag um genau 15 Uhr läutet ein Glöckchen. Wir legen Pinsel, Schere usw. ab, stellen unsere Werke zusammen…
Im Schatten unserer Porch ist das Thermometer auf 47 Grad Celsius gestiegen. Unsere etwa fünf Autominuten von uns entfernte Freundin Jen ruft an: Unter ihre Porch liege ein Klapperschlange. Ob wir ihr helfen könnten, sie zu fangen. Ihr Nachbar und Klapperschlangenspezialist Mike sei leider nicht zu Hause. Wir packen unsere „Fang-Ausrüstung“ ins Auto: einen aus der Schweiz mitgebrachten Fruchtpflücker, einen von mir zusammengesetzten Haken und einen hohen Plastikkübel.
Jens Garten wirkt in dieser Hitze besonders idyllisch. Links im Bild ist ein wegfliegender Kolibri zu sehen.
Der Fruchtpflücker eignet sich nur für das Fangen junger Klapperschlagen. Marianne und Jen setzen ihn ein, um das ausgewachsene Tier so gegen den Haken zu treiben, dass ich ihn unter die Mitte des prächtig gezeichneten Körpers schieben kann. Schnell hebe ich die „balancierende“ Schlange hoch und lasse sie in den Kübel gleiten.
Jen und Marianne setzen den eindrücklichen Fang auf Mikes Grundstück aus. So wird die Klapperschlange ihren Winter-Den („Überwinterungshöhle“) problemlos wieder finden.
Ich fotografiere Jens idyllische Gartenoase.
Das saftige Grün ist in dieser glühenden Landschaft eine Wohltat!
Kein Wunder, dass die Schlange hier Kühle suchte.
Wie lange dauert es wohl, bis sie wieder auftaucht?
Kaum hatte ich meinen Beitrag über den Regenbogen als Sinnbild der Versöhnung veröffentlicht, ging am frühen Morgen des 21. Juni, dem „National Indigenous Peoples‘ Day“ im Okanagan Valley zuerst die Sacred Heart Catholic Church auf dem Gebiet der Penticton Indian Band in Flammen auf und wenig später auf dem Land der Osoyoos Indian Band die Saint Gregory Church.
Die Chiefs sprachen in Interviews von gemischten Gefühlen. Einerseits hätten sie Verständnis für die Empörung, die Wut, welche die Entdeckung der 215 unmarkierten Kindergräber auf dem Areal der einstigen Residential School in Kamloops ausgelöst habe. Aber es gebe bei ihnen auch manche gläubige Katholiken, für die der Brand der Kirchen ein Verlust sei. Hier seien sie getauft und gefirmt worden, in diesen Kirchen hätten sie geheiratet.
Die Kirche auf dem Reservat der Penticton Indian Band (hier eine Aufnahme von 1942) wurde 1911 gebaut.
Sie wurde durch den Brand vollständig zerstört.
Auch von der etwa zwanzig Autominuten von uns entfernten Saint Gregory Church sind nur noch verkohltes Holz und die Grundmauern zu sehen.
Am 24. Juni meldete die Cowessess First Nation in Saskatchewan, in der Nähe der einstigen Marieval Residential School seien mit Radarsonden 751 unmarkierte Gräber gefunden worden.
Am frühen Morgen des 26. Juni werden in unserem Nachbartal die 1910 gebaute St. Ann’s Church auf dem Gebiet der Upper Similkameen Indian Band und die um 1896 gebaute Chopaka Catholic Church auf dem Land der Lower Similkameen Indian Band ein Raub der Flammen.
Nach meinen beiden letzten Beiträgen verspüre ich das Bedürfnis, mich einem Sinnbild der Versöhnung zuzuwenden: dem Regenbogen. Hier leuchtet er, von unserer Zufahrt aus aufgenommen, aus der Stirn des Ny-lin-tin, des Geschichtenerzählers.
Ob dieser Regenbogen einen in einem benachbarten Hügelchen vergrabenen Goldschatz markiert?
Oder ist das Gold unter unserer Zufahrt versteckt?
Diesmal steigt ein Regenbogen aus dem Rücken des Ny-lin-tin auf.
Zum Schluss werfe ich – mit einem Gedankensprung von Tal zu Tal – einen Blick in die Centovalli.
Unter einem Regenbogen durch sind Intragna und Cavigliano zu sehen.
Auf meinen letzten Blog hin bekam ich mit Email aus der Schweiz von unserem Freund Peter Schweizer eine eindrückliche Ergänzung zugeschickt, die ich hier mit seiner Erlaubnis veröffentliche:
„Dein letzter Blog hat bei uns (wieder einmal) Erinnerungen an unsere Canadazeit geweckt. Diesmal ist es Alert Bay auf Cormoran Island. Eine kleine Insel vor Port McNeill. In der Zeit von 1995 – 2015 waren wir beinah jedes Jahr dort. Die Insel selbst (Ecological Park), aber auch ihre Einwohner haben uns immer wieder angezogen.
Dort habe wir denn auch die Geschichte der Residential School und der unrühmlichen Bedeutung für die Kinder der näheren und weiteren Umgebung (bis Haida Gwaii) richtig kennen gelernt. Immer wieder sind wir mit direkt betroffenen Einheimischen ins Gespräch gekommen.
Die Residential School in Alert Bay wurde 1975 nach 46 Jahren Betrieb geschlossen. Sie war von Anglikanern geführt worden. Von 1975 bis 2012 wurde das Gebäude für verschiedene Aufgaben genutzt. Unter anderem als Restaurant, Nachtclub und Büros der ‚Namgis Band. Ein Versuch, 15 Mio. $ für ein Sprachzentrum für indigene Sprachen zu sammeln, scheiterte. Im Jahr 2015, kurz vor unserem letzten Besuch auf Cormoran Island, wurde das Gebäude unter grosser Anteilnahme ehemaliger Schüler/innen, Politiker und Bandmitglieder abgerissen.
Mit dem U’mista Cultural Centre haben die First Nations ein wunderbares Museum eingerichtet, das unzählige Potlatchgegenstände enthält. Diese konnten nach langen Verhandlungen aus der ganzen Welt zurück geholt werden. Sie waren 1951 nach einem unerlaubten Potlatch beschlagnahmt und „verscherbelt“ worden.
Ein besonderes Ereignis: Eines Tages sind wir im Hafen herumgeschlendert und dabei auf einen älteren Fischer mit seiner noch älteren Mutter getroffen. Wie sich herausstellte, hatten beide ihre Erfahrungen mit der Residential School gemacht. Sie haben uns sehr emotional von der physischen und psychischen Erniedrigung erzählt.
Anschliessend haben wir uns mit einem Lachs, 2 Cedar Bark Bracelets und einer Tasche (wir hatten keine dabei) beglückt. Beinahe so etwas wie ein Potlatch!
Eine Begegnung, die uns für immer in Erinnerung bleiben wird.“
Mit einer Radarsonde wurde auf dem Areal der einstigen „Residential School“ in Kamloops, British Columbia, das nicht markierte Massengrab für 215 First Nations-Kinder entdeckt. Die Schule war im Auftrag der kanadischen Regierung von der katholischen Kirche geführt worden.
Ich denke an das 2012 erschienene Buch „The Inconvenient Indian“ des indianischen Schriftstellers Thomas King. Es ist ein aufrüttelnder Gang durch die Geschichte der von den Weissen gebrochenen Verträge, der unterdrückten indianischen Kulturen, der staatlich abgesegneten christlichen Internatsschulen, in denen „zahllose indianische Kindheiten ans Kreuz geschlagen wurden“. Der Papst hat die erschütternde Entdeckung „con dolore“ zur Kenntnis genommen. Die kanadischen First Nations erwarten von ihm, dass er sich im Namen der Kirche entschuldigt.
Auch für die kanadische Regierung besteht – um den Poltiker-Jargon zu übernehmen – „dringender Handlungsbedarf“!
In Kanada sind die Fahnen an allen öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesenkt. In Oliver bei der Feuerwehr…
… vor der Town Hall…
… und bei der High School. Schülerinnen und Schüler haben orange Bänder vor den Eingang gehängt.
1973 wurde der sechsjährigen Phyllis Webstad an ihrem ersten Tag in einer Residential School ihre leuchtend orange Bluse weggenommen, auf die sie so stolz gewesen war. Seit 2013 ist der 30. September als „Orange Shirt Day“ ein Gedenktag für die Residential School-Kinder. Die ersten Residential Schools waren um 1870 eröffnet worden. 1996 schloss in Saskatchewan die letzte ihre Tore. Man nimmt an, dass insgesamt 150’000 First Nations-, Inuit- und Métis-Kinder zum Besuch einer Residential School gezwungen worden waren.
Chief Clarence Louie erinnert daran, dass auch manche Kinder der Osoyoos Indian Band ihren Eltern weggenommen und nach Kamloops geschickt wurden.