Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/1958

Probleme mit dem Stiefkind? Praktische Tipps für Stiefmütter und -väter
Patchwork-Familien haben es nicht immer leicht. Was tun, wenn Stiefmütter oder Stiefväter mit ihrem Stiefkind vor allem schwierige Zeiten erleben? Psychologin Ina Blanc hat fünf Tipps, die weiterhelfen.
Du bist seit einem Jahr der Stiefvater von Max, einem 10-jährigen Jungen, der sich dir gegenüber stark verschliesst und Widerstand leistet. Trotz deiner Bemühungen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, indem du gemeinsame Aktivitäten vorschlägst und Interesse an seinen Hobbys zeigst, reagiert er oft abweisend und verbringt lieber Zeit allein in seinem Zimmer. Er widerspricht dir bei den meisten Gelegenheiten, selbst bei kleinen Dingen, und lehnt es ab, über seine Gefühle zu sprechen. Dies führt dazu, dass du dich frustriert und unsicher fühlst, wie du eine Verbindung zu ihm herstellen kannst, während du gleichzeitig versuchst, eine harmonische Atmosphäre für die gesamte Familie zu schaffen. Erkennst du dich wieder?
Die Psychologin Ina Blanc von der Universität Basel bietet Patchwork-Familien einige Ratschläge an, um schwierige Situationen zu bewältigen.
Ina Blanc ist Kinder- und Jugendpsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie der Uni Basel.
Probleme mit dem Stiefkind? Diese 5 Tipps helfen
1 Definiere klare Rollen in der Patchwork-Familie
Ina Blanc: «Es ist sehr wichtig, dass in einer Patchwork-Familie die Rollen klar definiert sind. Als neue Partnerin oder neuer Partner übernimmst du keine Elternrolle und hast grundsätzlich keine direkte Erziehungsfunktion. Ausnahme: in Fällen, in denen der leibliche Elternteil kaum oder gar nicht mehr im Leben des Kindes präsent ist und/oder die Beziehung zum Kind besonders problematisch ist. Kinder akzeptieren in der Regel keine Ersatzeltern, weil sie ihre leiblichen Eltern nicht einfach ersetzt sehen wollen.»
Als neuer Partner oder Partnerin kannst du aber durchaus eine positive und unterstützende Beziehung zum Kind aufbauen. Deine Rolle kann eine ergänzende sein, die auf Vertrauen, Unterstützung und Verständnis basiert, nicht aber auf einer erzieherischen Autorität.
Die Dynamik und die Anforderungen an deine Rolle können sich je nach der Struktur der Patchwork-Familie deutlich unterscheiden. Das Zusammenleben kann ganz anders gestaltet sein, je nachdem, ob man permanent zusammenwohnt oder ob man sich lediglich an Wochenenden sieht. In jedem Fall ist es entscheidend, mit dem leiblichen Elternteil zu kommunizieren und gemeinsam zu entscheiden, wie die Beziehung zum Kind gestaltet wird und welche Grenzen und Verantwortlichkeiten dabei gelten.
Ina Blanc: «Die neue Partnerin oder der neue Partner sollte zwar keine direkten Erziehungsaufgaben übernehmen, kann jedoch ihren oder seinen Partner liebevoll unterstützen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es für das Kind eine Herausforderung sein kann, eine neue Person im Leben des Elternteils zu akzeptieren. Dies liegt oft an einem Loyalitätskonflikt gegenüber dem anderen Elternteil. Kinder können aus diesem Grund manchmal ablehnend reagieren oder sich gemein verhalten. Solche Reaktionen sollte man nicht persönlich nehmen.»
Es ist unbestritten, dass diese Situation viel Kraft erfordert. Eine mögliche Strategie für die neue Partnerin oder den neuen Partner kann sein, sich an bestimmten Wochenenden zurückzuziehen und beispielsweise eine erholsame Zeit mit Freunden zu verbringen. Dies kann helfen, den Druck aus der Situation zu nehmen und beiden – dem Kind und dem Elternteil – wichtigen Raum für ihre Beziehung zu geben. Ein solcher Rückzug kann auch für die Dynamik innerhalb der Patchwork-Familie entlastend wirken, indem er dem Kind und dem Elternteil ermöglicht, ungestörte Zeit miteinander zu verbringen und ihre Bindung zu stärken.
Diese Vorgehensweise bietet nicht nur eine Atempause für die neue Partnerin oder den neuen Partner, sondern unterstützt auch eine positive Entwicklung der Beziehung zwischen dem Kind und seinem Elternteil. Es ist ein Zeichen von Empathie und Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes sowie für die Bedeutung der elterlichen Bindung. Durch das Schaffen von Freiräumen und die Berücksichtigung der emotionalen Landschaft innerhalb der Patchwork-Familie kann ein harmonischeres Zusammenleben gefördert werden.
Ina Blanc: «Es ist allgemein anerkannt, dass bestimmte Erziehungsstile förderlicher für die Entwicklung von Kindern sind als andere. Drei weitverbreitete Stile sind der autoritäre, der permissive (auch Laissez-faire genannt) und der autoritative Erziehungsstil.
Der autoritäre Erziehungsstil zeichnet sich durch strenge Regeln und eine geringe emotionale Wärme oder Empathie aus. Kinder, die unter einem solchen Stil aufwachsen, entwickeln oft einen geringen Selbstwert und besitzen wenig soziale Kompetenzen. Dies ist bedenklich, da es die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit behindern kann.
In den 1960er-Jahren gewann die permissive Erziehung an Popularität, die auch als Laissez-faire bekannt ist – frei nach dem Motto: Kind, mach was du willst. Hier ist zwar emotionale Wärme vorhanden, aber Kinder können sich bei zu viel Freiheit und fehlenden Grenzen unsicher fühlen. Auch in diesem Fall tendieren Kinder dazu, nur geringe soziale Kompetenzen zu entwickeln, haben Schwierigkeiten, stabile Bindungen einzugehen, und bilden oft keinen starken Selbstwert aus.
Der autoritative Stil hingegen stellt einen ausgewogenen Weg dar. Dieser Stil kombiniert klare Regeln und Grenzen mit viel Liebe und Empathie. Es wird versucht, das Kind zu stärken und zu Eigenverantwortung zu ermutigen. Es ist bekannt, dass Grenzen Kindern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und für ihre Entwicklung essentiell sind.
Wenn der Vater am Wochenende alles durchgehen lässt, kann dies das Kind überfordern. Kinder testen Grenzen aus und provozieren Erwachsene, weil sie sich durch das Setzen und Einhalten von Grenzen sicherer fühlen. In diesem Kontext wäre es vorteilhaft, wenn der Vater einen autoritativen Ansatz wählen würde, indem er liebevoll auf das Kind eingeht, gleichzeitig aber klare Grenzen setzt.»
Ina Blanc: «Besonders wichtig bei Patchwork-Familien ist, dass die Ex-Partner eine gute Beziehung zueinander haben und Eltern- und Paarrollen gut trennen können. In der Elternrolle sollten Vater und Mutter auch nach der Trennung versuchen zu kooperieren. Wenn sie jeweils der neuen Beziehung positiv gegenüberstehen, ist es für das Kind viel einfacher, eine gute Beziehung zum neuen Partner oder zur neuen Partnerin aufzubauen.
Wenn aber zum Beispiel die Ex-Frau die neue Beziehung des Mannes ablehnt, spürt das Kind das natürlich. Es hat dann vielleicht den Eindruck, dass es sich in Situationen mit der neuen Partnerin gar nicht wohlfühlen darf. Und dieser Loyalitätskonflikt schafft eine innere Zerrissenheit und einen grossen Leidensdruck für das Kind, die schwere Konsequenzen für seine Entwicklung haben können.»
Ina Blanc: «Trotz aller Probleme, die in Patchwork-Familien zwischen Stiefkindern und Stiefmüttern oder –vätern entstehen können: Es ist nicht gut, wenn ein Paar nur der Kinder wegen zusammenbleibt oder ein Elternteil unglücklich allein bleibt und keine neue Beziehung beginnt. Es ist für die gesamte Familie wichtig, dass auch die Eltern glücklich sind. Kinder sind sehr anpassungsfähig und können viele neue Situationen gut bewältigen, wenn sie in einem wohlwollenden Umfeld aufwachsen, wo sie respektiert und beschützt werden und wo das Wohlbefinden aller Familienmitglieder zentral ist.»