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Leseprobe aus 'Märchen aus Toffiland' von Verena K. Bauer
Das Waffeleisen
Es war einmal eine sehr arme Frau, die Martha. Sie war so arm, dass sie nur noch ihr altes Waffeleisen besass. Dieses hütete sie wie einen Schatz, denn es war
alles, was ihr noch als Erinnerung an ihre Mutter geblieben war. Sogar ihr Häuschen hatte sie verkaufen müssen. Da es ein kleines und altes Häuschen war, brachte
der Verkauf aber nicht viel Geld ein und so zog sie von da an durchs Land und schlief, wo sie ein trockenes Plätzchen fand. Oft war Martha abends so hungrig, dass
sie kaum einschlafen konnte. 'Was nützt mir denn das Waffeleisen, wenn ich mir nicht Eier und Mehl, Butter und Salz und vielleicht etwas Zucker leisten kann', dachte
sie oft. Aber trotzdem behielt sie das Eisen und trug es mit sich, wohin sie auch ging. Eines morgens als sie aufwachte, stand eine Blechschüssel neben ihr und darin
lag ein Beutel. Neugierig öffnete Martha den Beutel und fand drei Eier, etwas Mehl, ein Stück Butter und sogar ein wenig Zucker und Salz. „Jetzt kann ich mir Waffeln
backen.“ freute sich die arme Frau. Aber zuerst musste sie ein Feuer finden, denn Streichholz besaß sie keins.
So wanderte Martha weiter, bis sie auf einen Jungen traf, der an einem kleinen Feuer saß und bitterlich weinte. „Was hast du denn?“ fragte sie ihn voller Mitleid. „Ich habe den Schlüssel zum Keller verloren. Mein Meister wird mich schlagen und aus dem Haus jagen!“ klagte er. „Gräme dich nicht“, sagte Martha. „Da du ein Feuer hast, kann ich uns Waffeln backen und danach suchen wir diesen Schlüssel.“ So machte sie einen Teig, aber nur gerade so viel, dass zwei Eier übrig blieben. „Bald können wir essen.“ sagte Martha. Aber wie staunten sie, als die arme Frau das Waffeleisen öffnete. Denn da lag keine Waffel, sondern ein Schlüssel. „Der sieht genau so aus, wie mein verlorener Kellerschlüssel!“ rief der Junge überglücklich. Hurtig bedankte er sich bei Martha und beeilte sich, den Keller aufschließen zu gehen, bevor der Meister kam. Martha freute sich darüber, dass ihr Waffeleisen dem Jungen einen Schlüssel gebacken hatte, aber hungrig war sie immer noch. Und jetzt war auch noch das kleine Feuer ausgegangen. Der Hunger machte sie müde und so blieb sie einfach sitzen, wo sie war.
Bald darauf kam ein alter Mann des Weges. „Frau, dir ist das Feuer ausgegangen. Ich habe ein Streichholz und zünde es wieder an. Mir ist kalt.“ sagte er. Martha nickte und sagte: „Ja, das ist gut, alter Mann. Aber wieso bist du traurig? Wenn du das Feuer wieder anfachst, kann ich uns Waffeln backen und wir haben etwas zu essen.“ „Ach“, seufzte der Mann. „Mach du dir nur Waffeln, aber ich kann nicht essen. Ich war in der Stadt und habe meiner Frau mit unserem letzten Geld eine Flasche Medizin gekauft. Sie ist sehr krank. Und ich dummer Mann habe die Flasche unterwegs verloren. Jetzt wird meine arme Frau sicher sterben.“ „Das ist nicht gut, alter Mann. Aber da du jetzt das Feuer wieder angezündet hast, kann ich uns Waffeln backen. Wenn unser Bauch voll ist, gehen wir die Flasche suchen.“ So sprach Martha und machte mit dem zweiten Ei einen Teig. Der alte Mann war damit einverstanden und sah zu, wie Martha den Teig in das Waffeleisen gab und dieses über das kleine Feuer hielt. „Jetzt habe ich wirklich großen Hunger.“ sagte Martha. Aber als sie diesmal das Eisen aufklappte, fand sie wiederum keine Waffel, sondern eine kleine Flasche. „Das ist die Flasche, die ich verloren habe! Du musst eine gute Fee sein, vielen Dank!“ rief der alte Mann und ging mit der Flasche davon, so schnell er es noch konnte. „Ich bin keine gute Fee, ich bin eine hungrige, arme Martha und wenn ich nicht bald etwas esse, bin ich eine tote Martha.“ sagte diese leise und setzte sich wieder auf den Boden. „Aber die Frau des alten Mannes wird wieder gesund und das ist gut.“
Wie sie da so saß und fror und hungrig war, kam ein kleines Mädchen des Weges. Es war ein armes Waisenkind. Das Kind trug nur ein dünnes Kleid und war barfuß. „Ohje!“ rief Martha. „Du armes kleines Mädchen! Wie schrecklich kalt muss dir sein. Und jetzt ist das Feuer aus, das dich hätte wärmen können und Waffeln kann ich uns ohne Feuer auch keine backen.“ Die arme Frau war sehr traurig, weil sie dem kleinen Mädchen nicht helfen konnte. Hatte sie doch selber nichts. Aber da kam ihr eine Idee. „Schau, Kleine, nimm mein Waffeleisen. Es ist alles, was ich besitze. Geh in die Stadt und verkaufe es. So kannst du dir wenigstens einen Mantel und Schuhe kaufen.“ So sprach Martha und drückte dem armen Kind ihr Waffeleisen in die Hand. In diesem Moment fiel ein großer Sack voller Gold neben ihnen auf den Boden. Er war so schwer, dass sie ihn kaum tragen konnten. So konnte sich Martha wieder ein Häuschen kaufen und das Waisenmädchen lebte bei ihr. Nie vergaßen sie, wie arm sie gewesen waren und jedes Mal, wenn ein hungriger Mensch an die Türe ihres Häuschens klopfte, buken sie ihm Waffeln. Das Waffeleisen zauberte niemals wieder, aber ich glaube, es hat Wunder genug getan.
(Alle Rechte bei Verena K. Bauer)