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«Britishness»
Patrik Stainbrook
Denkt ein durchschnittlicher Höre an die Geburtsorte, die Entstehungsplätze moderner Musik (sprich: 20. Jahrhundert bis heute), hat er hauptsächlich zwei Länder im Kopf: Die Vereinigten Staaten und Grossbritannien, spezifischer England. Zwei Länder mit vielen Ähnlichkeiten und doch grösseren kulturellen Unterschieden: Die USA, stumpf, energetischer, oft simpler und direkter als England, das philosophisch, intellektueller, jedoch nicht ohne Hochnäsigkeit ist. Seit Rockmusik populär ist, finden viele amerikanische Hörer diese Attitüde störend, zu viele Verzierungen um etwas eigentlich doch so Simples: Rock’n’Roll. Vielen Engländern sind amerikanische Musiker eben zu einfach, zu trocken. Dies führte oft zu einem geteilten musikalischen Raum, mit Stars, die im jeweils anderen Markt nicht mal in den Charts sind.
Genau dieses Thema will ich heute ansprechen. Gewiss gibt es Gruppen, die weltweiten, grenzüberschreitenden Erfolg gefunden haben. Im heutigen Artikel werden wir solche ikonische Alben der alten Welt unter die Lupe nehmen, und genauer anschauen, wie sie ihren Ruhm erlangt haben. Jedes dieser Werke hat eindeutige britische Merkmale (Akzent der Sänger, Redewendungen etc.), die stiltypisch für ihre Herkunft sind. Doch wie konnten diese überhaupt in Amerika gut ankommen? Beginnen wir zuerst in den 80er-Jahren
«The Queen is Dead», The Smiths, 1986
Die Achtziger waren eine schwierige Zeit für die Britische Rockmusik. Die Punkszene der Siebziger (Sex Pistols, etc.) war dramatisch abgeflaut, und während fast des ganzen Jahrzehnts hörte man auf den meisten Radiostationen 3 Sachen: Disco, Classic-Rock von früher und amerikanischen Glam-Rock. Dies löste in der sich schnell vergrössernden Alternativszene eine vehemente Gegenreaktion aus. Hinfort mit dem kitschig-simplen Ami-Trash, es war die Zeit des Nachdenkens und der Philosophie. Gruppen wie Joy Division, Echo & The Bunnymen und The Velvet Underground setzten auf glaubwürdige Texte von Herzen, die in kleinen Clubs in den nördlichen Städten Englands anstatt in Stadien vorgeführt wurden. Und für viele ist die Quintessenz dieser Richtung dieses Album.
Obwohl The Smiths nur kurze 5 Jahre zusammenwaren, hinterliessen sie einen grossen Abdruck. Der virtuose Gitarrist Johnny Marr schrieb musikalisch komplexe, jedoch geniessbare Stücke, zu denen man gut tanzen und nachdenken konnte. Ihm gegenüber standen die komplexen, mysteriösen Texte des charismatischen Sängers der Gruppe, Morrissey. Dieser war ein fanatischer Leser von klassischen Englischen Autoren, vor allem der Lyrik Oscar Wildes. Beide standen sich fast täglich im Konflikt, welches zum frühen Bruch der Gruppe führte. Doch bei diesem Werk resultierte es in einem Meisterwerk. Die Hits «Bigmouth Strikes Again» und «There Is a Light That Never Goes Out» sind essentiell für den Stil der Britischen Alternativszene. Jedes Lied fliesst mit dem anderen perfekt zusammen und bleibt dabei doch thematisch und musikalisch interessant.
Für Hörer, die gerne Texte analysieren oder einfach sanften Gitarren-Rock geniessen vollen: «The Queen Is Dead» ist ein empfehlenswertes Exemplar.
«Wish», The Cure, 1992
In jeder Musikszene gibt es Interessierte an den eher dunkleren Seiten des Lebens. Für einige ist das glücklichste Thema das Traurigste. Ende der Siebziger baute sich mit Musikern wie Bauhaus und Siouxsie and the Banshees ein eindeutiges Genre auf: Gothic-Rock. Inspiriert von Autoren der Romantik und des Existentialismus, kamen immer öfters Lieder über verlorene Liebe, Trauer und Tod auf. The Cure waren lange nur «eine dieser depressiven Bands». Sie hatten es geschafft, unzählige Herzen und Köpfe der britischen Jugend anzusprechen, jedoch hatten sie es nie in den Mainstream, geschweige denn in die USA, geschafft. Dies änderte sich am Anfang der Neunziger.
Ende der Achtziger hatte Robert Smith, Sänger und Songwriter der Gruppe, fast alles, was für einen grossen Erfolg notwendig war. Das Image der Gruppe, Haar und Schminke, war fast ikonisch und ihre Texte und Musik waren am Höhepunkt nach ihrem Album «Disintegration». Das Einzige, was Robert Smith fehlte, war ein Hit. Somit machte er das undenkliche: Er schrieb ein süsses, glückliches Poplied. «Friday I’m in Love» ist schon fast krankhaft optimistisch, begleitet durch hüpfende Instrumentalbegleitung. Mit diesem ultimativen Stadionlied, ihr meistverkauftes übrigens, erreichte «Wish» Platz 2 der Billboard Hot 200. «A Letter to Elise» und «To Wish Impossible Things» erinnern schon eher an ihre frühere Richtung, jedoch konnten sie nie dieses Level an Erfolg erreichen.
Glück und Trauer intelligent balanciert: «Wish» ist ein einflussreicher Klassiker.
«Parklife», Blur, 1994
Leser meines letzten Artikels erinnern sich sicherlich an die Band Oasis und ihre blutige Rivalität mit dieser Gruppe. Nun, für die meisten Musikhistoriker lieferte der Startschuss für diesen Kampf das Album «Parklife». Gruppen wie Suede hatten Britpop kreiert, jedoch brauchte diese Jugendrevolution der neuen britischen Rockszene eine Ikone. England brauchte seinen Kurt Cobain für die frühen Neunziger. Um 1994 hatte Damon Albarn, Sänger und Songwriter, beschlossen, diesen Status zu erreichen. Er wusste, dass seine Musik das Zeug zum Hit hatte, jedoch fehlte etwas. Und da kam ihm die Idee, einen alten, englischen Konflikt wiederzubeleben.
Oasis war die Stimme der armen Arbeiterklasse aus dem Norden Englands. Albarn wusste dies genau und positionierte sich als das genaue Gegenteil dieser Kultur: Blur, eine Gruppe gutaussehender, wohlerzogener Buben des Mittelstandes waren die Alternative zu den kalten Proletariern. Die Singles reflektieren diese Welt auf eine zugängliche Art. «Boys and Girls» ist ein Loblied auf die klassischen englischen Billigferien nach Spanien oder Griechenland, die unter der sexuell offenen Jugend Londons beliebt waren. Und «Parklife» ist dagegen die perfekte Verkörperung dieser Kultur. Mit einem dicken Akzent erklärt uns ein gesottener Londoner die Regeln des sozialen Kreises.
Albarn konnte diesen Erfolg jedoch nicht lang weiterführen. Oasis gewann letztlich den «Krieg», und Albarn hatte den Aufstieg zur Stimme der Neunziger verpasst. Doch an Erfolg fehlte es ihm nicht, denn wenige Jahre später kreierte er die nun legendäre virtuelle Gruppe Gorillaz.
Um Einblick in diese lustige Phase der englischen Musikgeschichte zu erlangen, ist «Parklife» ein guter Anfangspunkt. Es ist schon erstaunlich, was ein paar arme, britische Jugendliche erreichen können, wenn sie den Willen dazu haben.