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Ja, das Zitat in meinem Texträtsel stammt aus dem Kommunistischen Manifest, das Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) um die Jahreswende 1847/48 im Auftrag des Bundes der Kommunisten schrieben. Was mich an diesem Zitat fasziniert, ist, wie genau Marx & Engels schon vor 170 Jahren die Globalisierung beschreiben konnten — die Globalisierung war damals offensichtlich schon voll im Gang.
Happy Birthday, lieber Karl
Heute würdest Du 200 Jahre alt, Du würdest mit Gratulationen und Hassmails überschüttet. Du würdest staunen, was aus Deinen Analysen und Theorien alles entstanden ist. Und sicher würdest Du Dich ein bisschen gebauchpinselt fühlen ob all den Portraits, Büchern, Artikeln, Dokumentarfilmen und Gedenkausstellungen, die zu Deinem 200. Geburtstag entstehen. Gefallen könnte Dir zum Beispiel das vom ZDF produzierte Dokudrama Karl Marx — der deutsche Prophet, das ausgeht von Deinen wenig bekannten Reisen in Deinem letztem Lebensjahr und Dich aus der Sicht Deiner jüngsten Tochter Eleanor portraitiert als weitsichtigen Weltendeuter in grossem Zwiespalt.
Im Nachhinein ist man ja immer schlauer, aber hättest Du gedacht, dass Historiker, Finanzfachleute und Deine Biografen oder der Berater des französischen Präsidenten jemals darüber diskutieren würden, wie aussagekräftig Deine Weltbeschreibung heute noch ist? In vielem hätten sie Dir zugestimmt, in einigem hätten sie Dir widersprochen, sicher aber ist: Du könntest Dich trefflich mit ihnen streiten. Wärst Du noch am Leben, würdest Du Dich wundern, wie krass sich die Welt weiterentwickelt hat, wie krisenanfällig und zugleich krisenresistent die kapitalistische Produktionsweise inzwischen war und nach wie vor ist.
Mir persönlich hat das dialektische Denken, das die Grundlage Deiner Politischen Ökonomie*) bildet, sehr geholfen, die Welt und was sie im Innern zusammenhält zu verstehen. Allerdings sind im Lauf der Zeit auch die Mängel Deines Theoriegebäudes zu Tage getreten. Einen blinden Fleck hattest Du zum Beispiel in Bezug auf die ursprüngliche Akkumulation, die in vorkapitalistischer Zeit zur Bildung grosser Vermögen führte, die wiederum Voraussetzung für die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise waren. Diese Gratis- oder Quasi-Gratisaneignung von Werten, die nur in Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnissen möglich ist, hat nie aufgehört, sondern setzt sich gemäss Rosa Luxemburg als Parallelakkumulation im ausserkapitalistischen Milieu fort. Während im kapitalistischen Sektor Lohn bezahlt wird, der nur einem Teil des geschaffenen Mehrwerts entspricht, wird im ausserkapitalistischen Milieu (Schattenwirtschaft, moderne Sklaverei, Prostitution, Mafia und Drogengelder) praktisch der gesamte Mehrwert mittels Gewalt, Zwang, Erpressung und Abhängigkeit direkt angeeignet. Diese überschüssigen Mehrwerte, die über Geldwäscherei in den kapitalistischen Geldkreislauf eingeschleust werden, sind die Vorausstetzung, um die chronischen Akkumulationskrisen im kapitalistischen Sektor zu überwinden.
Zu Deiner Zeit war Umweltverschmutzung bereits ein Problem, aber hättest Du gedacht, dass mit der Ausweitung der kapitalistischen Produktionsweise die Ausbeutung natürlicher Ressourcen so stark zunimmt, dass die Existenz der Menschheit bedroht ist? Mit Dir lebten ein bis zwei Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind wir mit 7.5 Milliarden fünf Mal so viele. Und wir verbrauchen weltweit 68% mehr natürliche Ressourcen als uns insgesamt zur Verfügung stehen, d.h. wir bräuchten eine Zusatzwelt, die wir aber nicht haben. Wie Du Dir sicher an einer Hand abzählen kannst, ist dieser Ressourcenverschleiss — wir nennen ihn ökologischen Fussabdruck — global sehr ungleich verteilt: Die Leute in Nordamerika verbrauchen 5x so viel Ressourcen, wie zur Verfügung stehen, wir EuropäerInnen 2.8x, die AsiatInnen 1.4x — nur die Leute in Afrika brauchen weniger, als weltweit vorhanden ist. Ich finde, Du solltest Band I von „Die Ökologie“ bald einmal publizieren, sonst ist es zu spät, denn „Après moi le déluge!“ ist inzwischen nicht mehr der Wahlspruch jedes Kapitalisten, sondern der ganzen Menschheit.
Sicher ist auch, dass Du bei Deiner Analyse der kapitalistischen Produktionsweise Dein Augenmerk allzu stark auf die Produktion gerichtet und den Bereich der Reproduktion zu wenig wichtig genommen hast. Die Feministische Ökonomie (ja, das gibt’s inzwischen auch) kritisiert, dass Du und Engels in Eurer Theorie die Frau zwar als unterdrücktes Wesen gesehen und doch die Reproduktionsarbeit der Frau als gesellschaftlich notwendige Praxis kaum berücksichtigt habt. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat deshalb Eure Theorien mit einer feministischen Perspektive transformiert und den Arbeitsbegriff so erweitert, dass alle Formen von Praxis, auch die der Frau, dazu gehören. Die gesellschaftlichen Reproduktionsprozesse werden so in die Analyse integriert.
Wie Du siehst, war Deine Theoriearbeit keineswegs für die Katz‘ — im Gegenteil: Du hast vielen Menschen geholfen, die kapitalistische Produktionsweise besser zu verstehen. Du hast sie inspiriert, Deine Ideen und Theorien weiterzuentwickeln und für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu kämpfen, denn: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“
In diesem Sinne, lieber Karl, happy Birthday!
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*) Gemäss Wikipedia gibt es in der Politischen Ökonomie unterschiedliche Denkansätze und -strömungen. Im marxistischen Ansatz ist es „die Wissenschaft von der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. Aus ihrer Sicht untersucht sie Gesetze, denen die Produktion und die Verteilung der materiellen Güter in der menschlichen Gesellschaft auf ihren unterschiedlichen Entwicklungsstufen unterworfen sind.“