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Ein Team vom Overland Journal findet ein antikes Werkzeug, eine steinerne Axt, rund 750‘000 Jahre alt.
Vor 750‘000 Jahren lebte in Ostafrika, im Grossen Afrikanischen Grabenbruch am westlichen Rand des Turkana-Sees, eine Gruppe früher Menschen, Homo erectus (lat. für aufgerichteter Mensch), direkt unter einem steilen vulkanischen Felsvorsprung, der aus dem Turkana-Becken emporragte. In Sichtweite gab es Wasser und Herden zogen vorbei. Spitzenprädatoren, die am Ende der Nahrungskette stehen, machten Jagd auf diese Vierbeiner – und auf die frühen Menschen.
Das temporäre Lager dieser Menschen befand sich bergauf und windabgewandt vor einem besonders geschäftigen Wasserloch. Das Werkzeug der Wahl war, wie bei fast allen frühen Menschen, ein Steinwerkzeug, das Archäologen den Acheuléen-Faustkeil nennen. Diese Stein-Artefakte – nach ihrem ersten Fundort, Saint-Acheul in Frankreich, benannt – finden sich auf mehreren Kontinenten über einen grossen Zeitraum hinweg. Von vor 1,7 Millionen Jahren bis vor etwa 200‘000 Jahren war es das vorherrschende Werkzeug. Unsere Gruppe hatte die Herstellung sicherlich durch Beobachten und Nachahmen von anderen Hominiden gelernt. Zerkleinern, spalten, schaben, graben, durchstechen und schneiden – der Acheuléen-Faustkeil konnte alles. Man könnte sagen, er war das Schweizer Armeemesser des frühen Menschen.
Da kauerte unsere Gruppe nun und beobachtete das Wasserloch; ein Jäger entfernte sich. Er hatte Basalt gesehen, ein glattes, schnell auskühlendes Vulkangestein. Dessen feinkörnige Struktur macht es beim Behauen berechenbar. Flink schlug er mit einem gefundenen Kieselstein Splitter von beiden Seiten ab. Geschickt formte er den Quellstein, mit einer Reihe von Schlägen schärfte er die Aussenkanten. Das Werkzeug nahm schnell die bekannte Form einer spitzen Träne an. Mit dieser frisch angefertigten Steinaxt kehrte er zur Gruppe zurück. Unten am Wasserloch erlegte gerade eine grosse Raubkatze einen jungen Wiederkäuer. Die Katze frass und zog sich dann ins hohe Gras zurück. Der Jäger rannte als Erster zum Kadaver hinunter. Sein Ziel war das Fleisch, das die Katze übriggelassen hatte. Leider trübte der Hunger seine Sinne; der Angriff von hinten erfolgte schnell. Er wurde zu Boden geworfen, scharfe Eckzähne schlugen zu und zerquetschten seinen Schädel. Der Rest der Gruppe floh – sie versuchten nicht einmal, seinen Faustkeil zu bergen. Es gab keinen Grund dafür, dieses Risiko einzugehen; jeder erfahrene Jäger konnte ein ähnliches Werkzeug herstellen.
750‘000 Jahre später kommen fünf moderne Menschen, Nachfahren des Homo erectus, an besagter Stelle vorbei. Scott Brady von Overland Journal, ich selbst und der Rest unseres Teams sind müde nach einem unerlaubten Grenzübertritt aus Uganda, der uns direkt zu einer bewaffneten Miliz in Kenia geführt hatte. Mit drei Mercedes-Geländewagen fahren wir etwa einen Kilometer weit von der A1 (in diesem Abschnitt eine unbefestigte Strasse) in den Busch ab, zum Übernachten und für notwendige Reparaturen.
Man kennt das Turkana-Becken möglicherweise noch aus dem Geschichtsunterricht oder einem der zahlreichen Beiträge in National Geographic über frühe Menschen und Evolution. Forscher bezeichnen diese Region auch als die Wiege der menschlichen Zivilisation, weil die frühen Menschen hier den Gebrauch von Steinwerkzeugen und Feuer erlernten, bevor sie sich über die Erde ausbreiteten. Tektonik, Klima, Wind, Regen, Vulkanismus, Weidevieh, Menschen, Kriege, Kolonialismus und weitere Faktoren haben diese Landschaft über viele hunderttausend Jahre geprägt. Aber es finden sich bisweilen immer noch Zeugnisse des frühen Menschen.
Während die Motoren abkühlen, öffnet ein Crew-Mitglied Kaltgetränke mit dem Multi-Tool. Im Schatten des erodierten vulkanischen Felsvorsprungs kappt ein anderer mit dem Taschenmesser einen Kabelbinder, während ein dritter mit einem Schraubendreher die Schelle am Kühlerschlauch anzieht; Snacks schneiden wir mit einem Kochmesser. Und da ist er, wartete Jahrtausende darauf, gefunden zu werden. Ich entdecke ihn direkt neben dem Vorderreifen eines unserer Trucks – den Acheuléen-Faustkeil. Treuer Helfer über die Zeit hinweg, wie der Monolith in Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“.
Gute Ausrüstung war schon immer wichtig, und auch vor 750‘000 Jahren galt “Form follows Function”. Wen man damals ein Werkzeug auf der Jagd benutzte, dann war es der Acheuléen-Faustkeil. Auf Overland- und Expeditionsreisen gehört immer ein Messer und ein einfaches Multi-Tool zur Ausrüstung – manche bezeichnen es heute als “Every Day Carry”.
Der Grund, warum diese so unverzichtbar sind, findet sich in universellen Aufgaben: Schneiden, Graben, Schaben, Zerkleinern, Stampfen, Durchstechen und Spalten. Und diese Aufgaben sind es, die den modernen Menschen mit seinen frühen Verwandten, den Hominiden und den nachfolgenden Generationen, verbindet.
Über den Einsatz-Zweck des Acheuléen-Faustkeils können wir heute nur spekulieren; wurde er als Speerspitze benutzt? War die charakteristische Tropfenform das Ergebnis einer inhärenten Humangenetik oder eines erlernten Verhaltens? Hatte dieses Werkzeug eine tiefere psychologische Bedeutung? Alles gute Ansatzpunkte für tolle Lagerfeuergespräche oder Diplomarbeiten.
Eines ist sicher. Die Menschen nutzten über lange Zeit hinweg weltweit kein anderes Werkzeug. Nichts ist vergleichbar. Der steinerne Faustkeil ist das erste originale und ultimative Werkzeug, von dem alle modernen Messer, Äxte und Multiwerkzeuge abstammen. Möge dieser Gedanke dich begleiten, wenn du das nächste Mal dein Lieblings-Taschenmesser oder -Beil in Händen hältst.
Die Archäologie (die wissenschaftliche Erforschung von Überresten prähistorischer und historischer menschlicher Kulturen) wird oft mit der Paläontologie verwechselt (die wissenschaftliche Erforschung vergangener Lebensformen, oft über Fossilien, die früheren geologischen Perioden zugeschrieben werden). Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen, besonders an frühmenschlichen Stätten, wo ausgestorbene Arten, Fossilien und prähistorische menschliche Kulturen aufeinandertreffen. Fachleute dieser Disziplinen und andere, wie Geologen und Paläoanthropologen, forschen oft gemeinsam.
Internationale Verträge schützen unser gemeinsames kulturelles Erbe weltweit und ahnden Aktivitäten wie den illegalen grenzüberschreitenden Handel mit Antiquitäten und den Kauf gestohlener Artefakte. Fast jedes Land hat Gesetze zum Schutz der archäologischen, kulturellen, paläontologischen und historischen Ressourcen innerhalb seiner Grenzen. Verstösse führen zu Strafen, einschliesslich Geld- und/oder Freiheitsstrafen.
Für leidenschaftliche, gesetzestreue Schatzsucher gilt dieser Rat: Wenn du keine legitime Genehmigung zur Durchführung wissenschaftlicher Forschung hast, dann lass alle Materialien genau dort, wo du sie findest. Nimm nur Erinnerungen und Fotos mit. Es gibt zahlreiche Freiwilligenprogramme für Archäologie oder Paläontologie, in denen man von Profis lernen und mit ihnen zusammenarbeiten kann. Einige Stätten befinden sich an exotischen oder abgelegenen Orten, andere vielleicht auf dem Marktplatz um die Ecke.