Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03373.jsonl.gz/529

Video-Buchtipp
Die fünf besten Bücher 2023
Ich gebe Ihnen jede Woche einen Lesetipp, ein Buch das ebenso intelligent wie unterhaltend ist. 50 Bücher habe ich Ihnen dieses Jahr empfohlen. Jetzt ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Ich stelle Ihnen im Folgenden die fünf besten Bücher des Jahres 2023 vor. Das ist natürlich eine subjektive Wertung. Es gibt bestimmt weitere, sehr gute Bücher. Sagen wir also: Von den 50 Büchern, die ich Ihnen dieses Jahr empfohlen habe, sind es jene fünf Titel, die ich als besonders wichtig, als besonders wertvoll, eben: als besonders gut erachte. Ich habe für diese Auswahl alle Bücher noch einmal zur Hand genommen, noch einmal abgewogen und bewertet. Hier kommen Sie: Die fünf Bücher des Jahres, die Sie meiner Ansicht nach nicht verpassen dürfen, die ich selbst weiterschenke, die ich gerne noch ein zweites oder sogar ein drittes Mal lese. Der fünfte Titel auf der Liste hat mich selber überrascht.
Ich stelle Ihnen jede Woche ein Buch vor, das «ebenso intelligent wie unterhaltend» ist. Mir geht es dabei um gut erzählte Geschichten mit Tiefgang. Bücher, die sprachlich überzeugen, gedanklich anregen, inhaltlich zu beissen geben und sich gleichzeitig gut lesen lassen.
#1: «Die Postkarte» von Anne Berest
So, wie «Die Postkarte» von Anne Berest. Das Thema dieses Buches ist der Antisemitismus in Frankreich, vor und während des Zweiten Weltkriegs, aber eben auch in der Gegenwart. Ausgangspunkt der Geschichte ist eine Postkarte, die Lélia Picabia 2003 in ihrem Briefkasten findet. Die Karte zeigt auf der Vorderseite die Opéra Garnier, eines der zwei Pariser Opernhäuser, auf der Rückseite stehen untereinander vier Namen: Ephraim, Emma, Noémie und Jacques. Es sind die Namen der Grosseltern, des Onkels und der Tante von Lélia Picabia. Sie alle sind 1942 von den Nazis in Auschwitz ermordet worden. Von der ganzen Familie hat nur Myriam überlebt, Lélias Mutter. Fast zwanzig Jahre später will Lélias Tochter herausfinden, wer diese Karte geschrieben hat. Lélias Tochter ist die Schriftstellerin Anne Berest. Das Resultat ihrer Recherche ist der Roman «Die Postkarte». Das Buch öffnet einen heutigen Blick auf den Holocaust und den französischen Antisemitismus. Und zwar nicht nur den Antisemitismus der 40er Jahre, sondern auch den der Gegenwart.
Anne Berest erzählt ihre Geschichte nicht trocken und distanziert. Sie lässt uns erleben, dass wir Menschen von heute exakt dieselben Gefühle, dieselben Sehnsüchte und dieselben Ängste haben wie die Menschen in den 40er-Jahren, egal, auf welcher Seite wir stehen. Sie weckt damit einerseits das Bewusstsein für den Antisemitismus der Gegenwart und erschliesst andererseits jungen, gegenwärtigen Menschen die Geschichte der Shoa neu. Weil Anne Berest dies verpackt in die Suche nach dem Absender der geheimnisvollen Postkarte, gelingt es ihr, die Leserin, den Leser in ihre Geschichte hineinzuziehen und zu involvieren. «Die Postkarte» ist deshalb ein ebenso wichtiges wie packendes Buch.
Anne Berest: Die Postkarte. Roman. Rowohlt-Berlin, 544 Seiten, 39.50 Franken; ISBN 978-3-8270-1464-1
Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/die-postkarte/
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783827014641
#2 «Der Apparat» von J.O. Morgan
Das Buch von Anne Berest ist zwar packend, aber es dreht sich um ein trauriges Thema: den wieder aufkeimenden Antisemitismus in Europa. Wenn Sie sich zum Jahresende lieber nicht mit einem so schweren Thema beschäftigen möchten, empfehle ich Ihnen «Der Apparat» von J.O. Morgan. Dieses Buch hat mich auch formal überzeugt. Ein Roman erzählt normalerweise eine längere Geschichte. Im Zentrum steht eine Hauptfigur, die eine persönliche Entwicklung durchmacht, ein grosses Rätsel lösen oder ein Abenteuer bestehen muss. «Der Apparat» von J.O. Morgan funktioniert anders. In den elf Kapiteln treten immer wieder andere Figuren auf. Sie alle kreisen um eine neue Technik: Der Roman spielt in einer Welt, in der das Internet nie erfunden wurde, dafür aber ein Apparat für die Teleportation. Mit dem Apparat lassen sich also zunächst Gegenstände und dann auch Menschen über Leitungen transportieren wie Telegramme. Wie das Internet durchdringt dieser Apparat mit der Zeit die ganze Welt, verändert Beziehungen, ja das Leben. Die Verfremdung vom Internet zur Teleportation reicht aus, dass wir diese veränderte Welt von aussen sehen und die neue Technik viel kritischer betrachten als unser aller Internet.
Das Buch führt uns auf diese Weise vor Augen, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was eine Technik konkret leistet und ob Sie oder ich da System benutzen. Der Punkt ist, dass uns schon die blosse Existenz der Technik verändert. In der realen Welt erfolgt diese Veränderung subtil, schrittweise, wir bemerken sie kaum. Plötzlich braucht es keine Telefone und keine Briefkästen mehr, Rechnungen tauchen automatisch im Bankkonto auf und die Jungmannschaft meldet sich per Videobotschaft aus Japan, den USA oder wo auch immer sie gerade ist. In seinem Buch macht J.O. Morgan diese Veränderungen sichtbar, indem er die Technik verfremdet. Das macht sein Buch so faszinierend. Und unterhaltend, möchte ich anfügen.
J.O. Morgan: Der Apparat. Rowohlt, 240 Seiten, 33.90 Franken; ISBN 978-3-498-00302-9
Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/der-apparat/
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498003029
#3 «Malinverno oder Die Bibliothek der verlorenen Geschichten» von Domenico Dara
«Der Apparat» ist ein eigentlicher Science-Fiction-Roman: Er spielt in einer alternativen Realität. fokussiert auf eine technologische Innovation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Wem das zu technisch ist, dem kann ich «Malinverno oder Die Bibliothek der verlorenen Geschichten» von Domenico Dara empfehlen. Es ist nicht direkt ein Fantasy-Roman, aber eine wunderbar phantasievoll erzählte Geschichte rund um Bücher und das Lesen. Im fiktiven Dorf Timpamara am untersten Zipfel Italiens entstand im 19. Jahrhundert die erste Papierfabrik Kalabriens. Weil Altpapier der wichtigste Rohstoff der Fabrik ist, wird sie tonnenweise mit alten Zeitungen und Zeitschriften gefüttert. Und mit alten Büchern. Mit der Zeit haben die Arbeiter damit begonnen, einzelne Artikel und Buchseiten zu retten und zu Hause zu lesen oder sich vorlesen zu lassen. So wurde aus dem kleinen Flecken ein literarisches Dorf. Held des Romans von Domenico Dara ist Astolfo Malinverno. Er ist in Personalunion der Bibliothekar und der Friedhofswärter des Dorfs – und damit der Hüter der beiden wichtigsten Quellen für Geschichten. Astolfo führt ein ruhiges Leben zwischen Büchern und Grabsteinen, bis er sich in die Fotografie einer namenlosen Frau auf einem Grabstein verliebt. Und dann taucht auf dem Friedhof plötzlich eine sehr lebendige junge Frau auf, die präzise aussieht wie die Frau auf dem Grabstein.
Die phantastische Liebesgeschichte ist aber nur das Rückgrat von Domenico Daras Roman. Das Buch lebt von den vielen Geschichten, die Astolfo in seinen beiden Welten begegnet. Sie sind voller literarischer Anspielungen und Domenico Dara erzählt sie mit viel Lust am Fabulieren. Zum Beispiel die Geschichte von Elea Maierà, der von den Toten auferstanden war. Der Arzt hatte ihn für tot erklärt, der Priester hatte ihn geölt, er lag im offenen Sarg, als er sich während der Abdankung zu bewegen begann. Eine Woche später starb ein Mädchen im Dorf. Die Bewohner munkeln deshalb, Elea habe einen Handel mit dem Teufel geschlossen. Elea hat alles verloren, sogar seine Sprache. Er besitzt nur noch sein Grab auf dem Friedhof, die Grube, die sie ihm am Morgen seines Todestages gegraben haben. Hier sitzt er oft, stumm und in sich gekehrt, am Rand seines Grabs und lässt die Beine in seine Grube baumeln. Oder Marcantonio Parghelìa, pensionierter Schiffszimmermann und Witwer, der überzeugt ist, sein Hund sei kein Tier, sondern ein Mensch, der nur nicht sprechen kann. Marcantonio möchte deshalb seinen Hund auf dem Friedhof begraben lassen, was zwar verboten ist, Malinverno findet aber einen Weg, das Hundegrab zu ermöglichen und zeigt Marcantonio, wie er die Grabstelle, die direkt daneben liegt, kaufen und für sich reservieren kann.
Im Buch verschwimmen und verschmelzen Geschichten und Realität miteinander. Malinverno sagt dazu: «Die Menschen, denen ich begegne, wenn sie an der Bar etwas trinken oder fluchend Karten spielen, wenn sie ein Buch aufschlagen oder um tote Freunde weinen, sie leben ein doppeltes Leben wie wir alle. Jenes, das uns gegeben wurde, das im Tempo der anderen abläuft und uns über die Haut und das Gesicht gleitet. Und dann das andere Leben, das wir uns aussuchen und welches in die einsame Zeit projiziert wird, das Leben, das durch unser Inneres strömt, durch unser Blut, die Sinnesorgane, den Kopf. Die Mehrheit wählt das erstgenannte Leben und versteckt das andere unter einer schweren schwarzen Decke; sie ertränkt es, unterdrückt es und schlägt es in Stücke.
Ich hingegen zog es vor, dieses innere Leben an die Oberfläche kommen zu lassen, es zur Einfriedung meiner Existenz zu machen, und vielleicht besteht meine Andersartigkeit gerade darin, dass ich vermischt habe, was der Rest der Menschheit säuberlich zu trennen versteht. Ich habe es vermischt auf die Art von Madame Bovary oder Don Quijote, die ihre Zeit der Zeit der Welt aufzuerlegen versuchten.» (Seite 57)
Darum geht es in diesem wunderbaren Buch: Dass wir uns nicht mit dem banalen äusseren Leben abfinden, sondern dieses andere Leben leben, jenes Leben, das wir uns selbst aussuchen können, das durch unser Inneres strömt, durch unser Blut, die Sinnesorgane und den Kopf. Und die Seele, ist man versucht, anzufügen.
Domenico Dara: Malinverno oder Die Bibliothek der verlorenen Geschichten. Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 25.90 Franken; ISBN 978-3-462-00581-3
Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/malinverno/
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462005813
#4 «Rauch und Schall» von Charles Lewinsky
Ich gebe gerne zu: Wir Büchermenschen haben eine Schwäche für Bücher, die von Büchern handeln. Und wir Schreiber für Bücher, die vom Schreiben handeln. Ich habe dieses Jahr deshalb mein Herz an «Rauch und Schall» von Charles Lewinsky verloren. Er stellt das Schreiben als Handwerk ins Zentrum seines Romans. Hauptfigur ist kein Geringerer als der Herr Geheimrat und Grossschriftsteller Johann Wolfgang von Goethe. Grossartig an Goethe ist allerdings wenig: Goethe leidet. Unter Hämorriden und unter einer Schreibblockade: Der Stuhlgang schmerzt physisch, das Schreiben psychisch. Nichts geht mehr beim Herrn Geheimrat. Kein Einfall, kein vernünftiges Wort. Die Musen, die doch all die Jahre treue Gefährtinnen waren, verweigern auf einmal jede Unterstützung. Immer verzweifelter steht Goethe an seinem Pult und ringt nach Worten. Dabei geht es keineswegs nur um die Produktion von Literatur. Seine Durchlaucht, Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Herzog von Weimar, Freund und vor allem Dienstherr von Geheimrat Goethe, hat ein Geburtstagsgedicht für seine Gemahlin bestellt. Nicht weil er seine Frau so sehr liebt, eher im Gegenteil, weil sich mit einem pompösen Gratulationsgedicht trefflich beweisen lässt, dass Serenissimus sich seiner Verpflichtungen als Ehegatte und Landesherr bewusst ist. Also hat er bei Goethe ein Gedicht bestellt. Der hat das prompt vergessen und ist, wie ein Pennäler, auch noch in Zeitnot geraten. Charles Lewinsky schildert in seinem Roman auf höchst vergnügliche Weise das Ringen des Dichterfürsten mit dem Federkiel. Dabei eröffnen sich spannende Fragen: Kann ein bestelltes Gedicht Literatur sein? Darf ein Schriftsteller schreiben, um zu überleben? Und wie soll das Genie die Schreibblockade überwinden?
Goethe leidet dabei so sprachmächtig, wie es nur ein Goethe tun – und nur ein Lewinsky darstellen kann. Als nicht einmal Schillers Geheimrezept von den drei faulenden Äpfeln in der Schreibtischschublade die Blockade lösen kann und sich die Notizen von der Schweizerreise nicht als die notierten Geistesblitze, sondern als blosses «Katzengold» erweisen, greift Goethe zum äussersten Mittel: Er hechtet geradezu über seinen Schatten und lässt sich von seinem Schwager Christian August Vulpius helfen, dem verachteten Lohnschreiber. Der Vulpius schreibt Trivialromane, manchmal sogar zwei gleichzeitig. Der Mann muss davon leben. Lewinsky stellt die beiden ungleichen Literaten nebeneinander: Hier der geniale Dichterfürst, da der Trivialschreiber, der sich mit seinem nächsten Roman eine neue Hose erschreiben muss. Wir sind uns gewohnt, den Blick bewundernd zu Goethe zu erheben und den Trivialschreiber kaum eines Blicks zu würdigen. Doch abgesehen vom materiellen Erfolg trennt die beiden weniger als man denkt. Schreibhandwerk bleibt Schreibhandwerk, ob es nun um «Pandora» und den «Wilhelm Meister» geht, oder um die «Abentheuer des Ritters Palmendos» und die «Geschichte Blondchens».
Dass Goethe nur der Literatur verpflichtet ist und Vulpius ein schnöder Lohnschreiber, unterscheidet die beiden Männer nur auf den ersten Blick. Denn auch Goethe ist auf Lohn angewiesen. Wenn er weiter blockiert bleibt und nicht liefern kann, muss er um seine Stellung fürchten. Der Herzog könnte ihm seine Ämter wegnehmen, die Ehrungen aberkennen und Goethe wieder zu einem Gewöhnlichen machen, einem Handwerker, der in seinem Handwerk versagt hat. Je mehr er sich anstrengt, von diesen Ängsten nicht überwältigt zu werden, desto mehr überwältigen sie ihn. Je mehr er sich einredet, morgen, ausgeschlafen und erfrischt, werde ihm das aufgetragene Werk schon gelingen, desto weniger will sich auch nur ein Wort von ihm formulieren lassen. Es ist schiere Existenzangst: Ihm schnürt sie die Kehle zu, seinen Schwager treibt sie zu trivialschreiberischen Höchstleistungen – wenigstens was die Zahl der ausgestossenen Worte angeht. So wird der Schreibhandwerker Vulpius zum Schreibcoach des Genies.
In seinem Roman rückt Charles Lewinsky Kollege Goethe also ganz nah ans Stehpult. Nebenbei erfahren wir so einiges über den Haushalt des Geheimrats, über seine Frau Christiane Vulpius, die er, entgegen aller Sitten und Standesregeln, liebt und mit der er gerne häufiger alleine wäre, insbesondere im Schlafzimmer, was der summende und brummende Haushalt des vielbeschäftigten Ministers aber kaum zulässt. Oder über Sohn August, den Lewinsky als quirlig-kluges Kind portraitiert, das gern die Spiele spielt, die Onkel Vulpius für ihn erfindet. Es ist ein mit viel Zuneigung gezeichnetes Porträt von Goethes Haushalt. Lewinsky holt den Herrn Geheimrat von seinem Sockel runter und macht ihn geradezu liebenswert.
Lewinsky zeigt damit auch, dass er Literatur weit fasst und die Schreibhandwerke nicht voneinander abgrenzt. Das Gefühl, das nach der Lektüre von Lewinskys Roman zurückbleibt, ist grosse Heiterkeit. Sein Roman ist genau das, was ich mir auf meinem Nachttisch wünsche: intelligente Unterhaltung.
Charles Lewinsky: Rauch und Schall. Roman. Diogenes, 304 Seiten, 34 Franken; ISBN 978-3-257-07259-4
Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/rauch-und-schall/
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257072594
#5 «Tesla oder die Vollendung der Kreise» von Alida Bremer
Kommen wir zum fünften Buch. Dieses Buch hat mich überrascht. Als ich es zur Hand nahm, hätte ich nicht gedacht, dass es mich so beeindruckt. «Tesla oder die Vollendung der Kreise» dreht sich nicht um die bekannte Automarke und auch nicht um ihren illustren Besitzer, sondern um den serbischen Elektroingenieur und Erfinder Nikola Tesla, der zur Zeit von Thomas Alva Edison in den USA unter anderem den Wechselstrom entwickelte. Dieser Nikola Tesla steht im Zentrum des Romans. Das heisst aber nicht, dass das Buch wirklich von ihm handelt. Die Erzählung kreist vielmehr um Tesla als einem unerreichbaren Zentrum. Hauptfigur des Romans ist der Kroate Anton Matijaca, der wie Tesla in die USA auswandert und da Medizin studiert. Alida Bremer zeigt, wie stark das Leben des Mannes geprägt ist durch seine Herkunft aus dem zerfallenden Österreich-Ungarn, die Emigration und das Zerriebenwerden zwischen den Ländern im Krieg.
Berührend und äusserst kenntnisreich erzählt Alida Bremer die Lebensgeschichte von Anton Matijaca. Von seiner Ankunft als mittelloser Auswanderer in New York. Wie er sich ohne die Unterstützung einer Auswanderercommunity durchzuschlagen versucht, sich eine Stelle in einem Anatomiemuseum ergattert, da in Berührung mit der Medizin kommt, seinen Schulabschluss nachholt und Medizin studiert, bis er im ersten Balkankrieg mit dem roten Kreuz als Sanitäter zurück nach Kroatien reist und da Kriegsversehrte verarztet. Wie er in England heiratet, in den USA seinen Abschluss macht und in Chicago erfolgreich als Arzt arbeitet. Seine Heimat lässt ihn aber nicht los. Er vermisst die Seeigel aus der Bucht bei Kastel Luksic und das tiefe Blau des Meers. Er kehrt mit seiner Frau zurück nach Dalmatien und gerät immer wieder in Konflikt mit der Weltpolitik, weil er als Kroate sich immer wieder zwischen Stuhl und Bank sitzt. Alida Bremer erzählt beides, das Leben des Arztes und die Wirren auf dem Balkan, spannend und informativ. Ich habe viel gelernt über Medizingeschichte und historische Behandlungsmethoden, über die Kriege auf dem Balkan, über Jugoslawien und Kroatien und, ja, auch über Nikola Tesla.
Alida Bremer hat Wissenschaftsgeschichte zu Poesie verarbeitet. Nicht Elektrotechnik, wie man das anhand des Titels vermuten würde, sondern Geschichtswissenschaft und Medizin, Völkerkunde und Soziologie. Entstanden ist ein wunderbarer Roman über das Leben eines Arztes aus Dalmatien, ein Stück Antikriegs- und Antinationalismuslitratur. Anton Matijaca ist mir zu einem Freund geworden, wie das starke Figuren aus guten Büchern an sich haben. Er wohnt in meiner Erinnerung irgendwo zwischen Giorgio aus den «Schwarzen Brüdern» und Ravic aus «Arc de Triomphe» von Erich Maria Remarque.
Alida Bremer: Tesla oder die Vollendung der Kreise. Jung und Jung, 368 Seiten, 35.50 Franken; ISBN 978-3-99027-286-2
Hier gibts die ausführliche Buchbesprechung: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/tesla-oder-die-vollendung-der-kreise/
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783990272862
Basel, 20. Dezember 2023, Matthias Zehnder
PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter: Sie erhalten jeden Freitag ein Mail mit dem Hinweis auf den aktuellen Buchtipp, einen Sachbuchtipp und den Wochenkommentar. http://www.matthiaszehnder.ch/abo/