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Er hat viel geübt, Lew Soloff, sehr viel. Zum einen, weil er aus unerfindlichen Gründen davon ausging, er müsse mehr üben als die andern. Zum andern weil er als Zehnjähriger einen Trompeter traf, der ihn sehr beeindruckte. Der sagte zu ihm: «Ich gebe dir zwei Trompeten-Stunden pro Woche. Zwei. Unter einer Bedingung: Du musst mir versprechen, dass du jeden Tag 90 Minuten übst.»
Karriere-Boost dank Rock-Band
Eineinhalb Stunden jeden Tag? Das hätten wohl nicht viele Kinder mitgemacht. Der zehnjährige Lew Soloff aber hielt Wort, und von da an gab es für ihn nichts anderes mehr. Quasi über Nacht wurde er zum besten Musiker in seiner High-School-Band.
Schon als Teenager spielte er in den Sommerferien in Hotels und Klubs. Und mit Anfang 20 war Lew Soloff bereits einer der begehrtesten Big-Band-Trompeter in der New Yorker Szene, spielte in den Bands von Jazz-Grössen wie Clark Terry oder Maynard Ferguson. Soloff war überall begehrt, wo sehr hohe Trompetentöne gefragt waren.
Der grosse Karriere-Boost kam dann aber nicht etwa in der Band eines grossen Jazz-Musikers. Nein, ausschlaggebend war die Zeit bei der US-amerikanischen Jazz-Rock-Band Blood, Sweat and Tears Ende 1960er-, anfangs 70er-Jahre. Dort spielte Lew Soloff sehr früh schon eines der berühmtesten Soli der Jazz-Rock-Geschichte ein, sein Trompeten-Solo auf dem Track «Spinning Wheel» und bekam dafür goldene Schallplatten und einen Grammy.
Später meinte er zu diesem Lebensabschnitt: «Der Sänger David Clayton-Thomas haute mich aus den Socken. Und die Band spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Rock-Musik. Aber es war nicht wirklich die Musik, die ich spielen wollte.»
Ohne Scheuklappen durch die Musikwelt
Lew Soloff suchte nach der Zeit bei Blood, Sweat and Tears nach einem besseren musikalischen Gleichgewicht. Er spielte einerseits in Bands von – wie er sie nannte – Puristen: für ihn Leute, die kompromisslos ihre Kunst verfolgten, ohne kommerzielle Seitenblicke, ein Gil Evans zum Beispiel, oder den Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman.
Andererseits beackerte Lew Soloff das musikalische Feld so breit wie kaum ein zweiter Studio-Trompeter in der US-Szene. Von der Minimal-Musik eines Philip Glass über Jazz von Miles Davis oder Carla Bley bis hin zu Soul und Blues spielte er für alle, auch für den Schweizer Band-Leader George Gruntz. Dazu kamen Film-Scores (von «Intouchables» bis «The Big Lebowski») und unzählige Werbe-Jingles.
Auch mit über 70 Jahren war Lew Soloff noch so umtriebig wie nur wenige seiner Kollegen. Er habe die Fähigkeit, jeden seiner Gigs so zu spielen, wie wenn es sein letzter wäre, sagte Soloff kürzlich in einem Interview. Am Sonntag gab die Tochter von Lew Soloff den Tod ihres Vaters über Facebook bekannt.