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Thomas Kleiber sitzt im Poloshirt an seinem Tisch auf dem Balkon in einem ruhigen Quartier in Quebec City. Die Morgensonne lugt hinter dem gegenüberliegenden Gebäude hervor und strahlt auf die blühende Zucchettipflanze und die verwitterte Holzwand des Mietshauses. Kleiber hat heute frei, will ins nahe Café zu einem ausgiebigen Frühstück und danach in einen der zahlreichen Seen zum Baden gehen. So muss Sommer sein!
Der Meteorologe, der während elf Jahren bei SRF das Wetter präsentiert hat und vor zweieinhalb Jahren zu seinem Partner David nach Kanada ausgewandert ist, zeigt sein typisches Lachen, scheint sich aber gleichzeitig dafür entschuldigen zu wollen, dass er einen schönen Sommertag plant. Denn Kleiber verfolgt nicht nur die unerträgliche Hitzewelle im Westen seiner neuen Heimat, sondern auch die heftigen und lang andauernden Regenfälle in der Schweiz.
Das Wetter spielt verrückt, im Westen des nordamerikanischen Kontinents herrschen an die 50 Grad Hitze, und in Europa hört der Regen nicht mehr auf. Thomas Kleiber, was ist da los in der Atmosphäre?
Der Grund dafür ist der Jetstream. Das ist ein schmales Band von Windstrom, das die kalte Luft im Norden von der warmen Luft im Süden trennt. Normalerweise wabbert der Jetstream immer ein bisschen hin und her, und das führt dazu, dass sich Tief- und Hochdruckgebiete abwechseln. Nun sind wir aber seit Wochen in einer sehr stabilen Situation, und es finden kaum Veränderungen statt. Über dem nordamerikanischen Kontinent macht der Jetstream bildlich gesprochen eine Beule nach oben, sodass das Hochdruckgebiet dort verharrt, über Europa ist es eine Beule nach unten, welche die Tiefdruckgebiete immer am gleichen Ort verharren lässt.
Kann man voraussehen, wann sich der Jetstream wieder bewegen wird?
Die Bahn des Jetstreams kann man lediglich für ein, zwei Wochen einigermassen zuverlässig voraussagen. Für längere Zeiträume sind nur grobe Tendenzen erkennbar. Es spielen einfach zu viele, teils auch noch unbekannte Faktoren eine Rolle. Sehr beunruhigend wäre es, wenn sich in Zukunft solche blockierten Situationen, wie wir sie jetzt haben, immer mehr häufen würden.
Wie kann es zu Temperaturen von fast 50 Grad in einem so nördlichen Land wie Kanada kommen?
Der Sommer ist in vielen Regionen von Kanada warm, das ist völlig normal – hier im Osten, wo ich wohne, ist es eine feuchte Wärme, im Westen eine trockene Wärme. Winter und Sommer sind sehr ausgeprägt. Aber der bisherige Hitzerekord Kanadas wurde um beinahe fünf Grad übertroffen. Das ist fast schon absurd, das ist, wie wenn an der Fussball-EM ein Team mit 20:0 gewonnen hätte. Klimaforscher warnen ja davor, dass mit der Erwärmung solche extremen Ereignisse überproportional ansteigen. Aber wie extrem dies nun hier passiert ist, hat auch uns Meteorologen sprachlos gemacht.
«der Jetstream lässt Hoch- und Tiefdruckgebiete an Ort verharren»Thomas Kleiber, Meteorologe
Wie schützen sich die Menschen in den Hitzegebieten?
Glücklicherweise ist die Hitze im Westen trocken, dann kann der Körper mit Schwitzen etwas regulieren. Aber draussen und an der Sonne sind sol-che Temperaturen nicht mehr auszuhalten. Öffentliche Gebäude und Einkaufszentren mit Klimaanlagen stellen deshalb Platz zur Verfügung, wo sich Menschen hinlegen und sich erholen können.
In der Schweiz gibts gleichzeitig seit Wochen Starkregen, heftige Gewitter, Hagel und Dauerregen. Seen und Flüsse haben Höchststände, es gibt Überschwemmungen – woher all dieses Nass?
Das Phänomen ist dasselbe wie in Nordamerika, einfach umgekehrt: Die Tiefdruckgebiete nehmen immer die gleiche Bahn und sorgen für die dauernden Niederschläge in der Schweiz.
Aber woher kommen diese starken Gewitter, diese Windböen, die schon fast an Tornados gemahnen?
Je wärmer es ist, desto stärker können solche Phänomene werden. Schon jetzt beobachten wir in der Schweiz den Trend zu heftigeren Niederschlägen. Das wird sich in Zukunft noch verstärken. Aber was uns auffällt, sind nur die Extreme. Eine allgemeine Temperaturerhöhung von ein oder zwei Grad scheint vielen nicht dramatisch. Wir haben uns bereits daran gewöhnt, dass es im Sommer mehr Hitzetage gibt und im Winter seltener Schnee. Das scheint uns heute normal. Es sind aber genau diese scheinbar harmlosen Veränderungen, die dann zu den Extremen führen. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn es in Zukunft länger trocken bleibt, kann die Vegetation in solchen Zeiten kaum noch Wasser verdunsten und damit die Luft abkühlen. Diese Wetterlage, die wegen der Klimaerwärmung sowieso schon zu hohen Temperaturen führt, erzeugt nun wegen der Trockenheit eine noch schlimmere Hitze. Das Zusammenspiel von scheinbar banalen Veränderungen kann deshalb gravierende Konsequenzen haben.
«Wer die Natur lesen kann, sieht die Klimaveränderung»Thomas Kleiber, Meteorologe
Sie sagen, dass diese Ereignisse auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Können es nicht einfach Wetterkapriolen sein?
Ja und nein. Wetterkapriolen hat es immer schon gegeben. Dieses Argument wird ja oft gegen den Klimawandel verwendet. Aber das ist nicht der Punkt. Die Frage ist, wie oft diese auftreten. Ein Vergleich: Meteorologie ist wie die Laune eines Menschen, Klima ist der Charakter. Wenn jemand früher eine Frohnatur war und heute ein Melancholiker, dann ist es doch auch nicht sinnvoll, wenn ich dieser Beobachtung widerspreche mit «also früher war die Person auch schon mal traurig». Sowieso: Wer die Natur lesen kann, stellt Klimaveränderung fest. Nehmen Sie die Gletscher als einfaches Beispiel. Sie schmelzen immer mehr weg. Wenn man also den Klimawissenschaftern nicht glauben will, dann wenigstens der Natur. Gletscher haben keine politische Agenda, und sie lügen nicht.
Was ist für die Menschen und die Natur schlimmer: zu grosse Hitze oder zu viel Wasser?
Beides ist gleichermassen schlecht: Nahrung für Mensch und Tier kann sowohl bei grosser Hitze als auch bei zu viel Wasser nicht mehr angebaut werden. Was wir aber nicht übersehen dürfen: Eine Phaåse mit viel Niederschlägen kann zu Überschwemmun-gen und zu Schäden führen, ganz klar. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass Wasser lebenswichtig ist und beispielsweise die Grundwasserspiegel wegen der letzten trockenen und heissen Sommer in der Schweiz gesunken sind. Mehr Regen in einem Jahr kann also auch ein Glück sein. Auch wenn es ärgerlich ist und es einem die Ferien verregnet.
Können Sie uns wenigstens Hoffnung machen, dass sich hier der Sommer bald einstellt und in Nordamerika wieder normale Temperaturen herrschen?
Ich wäre ein sehr reicher Mann, wenn ich das präzise voraussagen könnte. Ich habe mich nicht im Detail mit der Situation in Europa befasst, aber so ganz unwissenschaftlich aus dem Bauch heraus: Nicht selten verhält sich der Spätsommer ganz anders als der Hochsommer. Die Sonne ist dann auch nicht mehr ganz so stark, und die Gewittertätigkeit schwächt sich langsam ab. Ich würde also die Hoffnung noch nicht aufgeben.
Und wie würden Sie uns das erklären, wenn Sie noch beim SRF-«Meteo»-Team in der Schweiz wären?
Das Wetter ist wie ein Umzug von verschiedenen Musikgruppen. Wenn der Umzug läuft, dann ist Party, weil die Abwechslung den Spass ausmacht. Stockt aber der Umzug, so wie jetzt, dann spielt vor uns dauernd die gleiche Gruppe das ewig gleiche Lied. Irgendwann nervt selbst die tollste Melodie, und wir hoffen inbrünstig, dass der Umzug wieder in Bewegung gerät … davonlaufen können wir ja nicht. Und da kann ich als Meteorologe trösten: Der Umzug wird wieder in Gang kommen, früher oder später.