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Eisfuchs
Alopex lagopus
© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Der «Hasenfüssige»
Das Nordpolargebiet gehört mit seinen langen, dunklen Wintern, den zumeist schneebedeckten Böden und der grimmigen Kälte zweifellos zu den unwirtlichsten Lebensräumen auf unserem Planeten. Nur ganz wenige Landsäugetiere haben im Laufe ihrer Stammesgeschichte die Herausforderung angenommen, sich hier anzusiedeln. Zu denen, welche dieses Kunststück fertiggebracht haben, gehören der Moschusochse (Ovibos moschatus), der Eisbär (Ursus maritimus), der Schneehase (Lepus timidus), der Halsbandlemming (Dicrostonyx torquatus) und - nicht zuletzt - der Eisfuchs (Alopex lagopus), von dem hier die Rede sein soll.
Der Eisfuchs ist innerhalb der Familie der Hunde (Canidae) eng verwandt mit den «echten» Füchsen der Gattung Vulpes
, zu denen auch unser bekannter Rotfuchs (Vulpes vulpes)
gehört. Tatsächlich haben der Eisfuchs und der Rotfuchs viele Gemeinsamkeiten, bezüglich ihres Körperbaus ebenso wie hinsichtlich ihres Verhaltens. Die arttypischen Merkmale und Eigenschaften des Eisfuchses, die ihn vom Rotfuchs unterscheiden, haben - wenig überraschend - fast ausnahmslos mit seinem Leben im hohen Norden zu tun. Es handelt sich um Anpassungen an das dort herrschende frostige Klima.
Der Eisfuchs ist ein verhältnismässig kleiner Wildhund: Erwachsene Männchen weisen im Durchschnitt eine Kopfrumpflänge von etwa 55 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 30 Zentimetern und ein Gewicht von knapp 4 Kilogramm auf. Die Weibchen sind im allgemeinen noch etwas kleiner.
Zweimal im Jahr wechselt der Eisfuchs mit dem Fell auch seine Farbe: Im Winter ist er weiss gefärbt, im Sommer graubraun. So trägt er jederzeit den passenden «Tarnanzug» und wird auf seinen Fresswanderungen nicht sofort von jedem Lemming (sprich: Beutetier) und von jedem Adler (sprich: Fressfeind) entdeckt.
Interessanterweise gibt es auch Eisfüchse, deren Winterfell nicht weiss, sondern hellgrau, stahlblau oder beinahe schwarz gefärbt ist. Diese «Blaufüchse» können in ein und demselben Wurf mit «normalen» Geschwistern vorkommen. Es handelt sich also lediglich um einen Farbschlag, vergleichbar etwa mit den Schwärzlingen bei gewissen gefleckten Wildkatzenarten. Die Häufigkeit der Blaufüchse ist dort besonders gross, wo die Schneedecke im Winter unvollständig ist. Beispielsweise bestehen auf den Pribilof-Inseln im Beringmeer, wo sich die Eisfüchse während des Winters hauptsächlich im nahrungsreichen, jedoch schneearmen Küstenbereich aufhalten, rund 90 Prozent des Bestands aus «blauen» Tieren.
Das dicke Winterfell des Eisfuchses ist zweifellos seine wichtigste Anpassung an die unfreundlichen Bedingungen, die in seiner arktischen Heimat herrschen. Mit 70 Prozent feinster, ausgeprägt wärmedämmender Unterwolle ist es eines der dichtesten im ganzen Tierreich. Wie bei anderen Tierarten, die häufig im Schnee unterwegs sind, darunter etwa dem Luchs (Lynx lynx)
, sind im übrigen die Pfoten des Eisfuchses im Winter rundherum mit dichtem Fell bekleidet. Dies dient einerseits natürlich dem Schutz vor Kälte, verbessert aber andererseits auch die Trittfestigkeit in lockerem Schnee und beugt dem Einsinken vor. Seinen warmen «Strümpfen» verdankt der Eisfuchs seinen wissenschaftlichen Artnamen: lagopus
bedeutet «hasenfüssig».
In seiner warmen Verpackung vermag der Eisfuchs der bittersten Kälte zu trotzen - und deshalb Gegenden zu bewohnen, in denen die Lufttemperatur bis zu 100° Celsius tiefer liegt als seine Körpertemperatur. Erst wenn die Umgebungstemperatur unter -70° Celsius abfällt, beginnt auch er zu frösteln. Der Eisfuchs gehört damit zu den kälteverträglichsten Lebewesen der Erde.
Appetit auf Lemminge
Der Eisfuchs hat eine zirkumpolare Verbreitung: Er kommt in allen Ländereien vor, welche an das Nordpolarmeer grenzen - vom nördlichen Alaska über Nordkanada, Grönland, Island, Spitzbergen und Nordskandinavien bis zu den nördlichen Bereichen Russlands. Hier bewohnt er zur Hauptsache die offenen, baumlosen Tundren, welche die meiste Zeit des Jahres von einer dicken Schneedecke überzogen sind. Während sich die sommerlichen Wurfplätze mehrheitlich im Binnenland befinden und sich die Eisfüchse dann mehr oder weniger gleichmässig über das Land verteilen, halten sie sich in den Wintermonaten gern in Küstennähe auf, oft in beachtlicher Entfernung von ihren Sommerwohngebieten. Manche von ihnen wandern dann auch weit auf das Packeis hinaus, das in dieser Jahreszeit das Nordpolarmeer bedeckt. Eisfüchse konnten schon lediglich 140 Kilometer vom Nordpol entfernt beobachtet werden!
Der Eisfuchs ernährt sich vornehmlich von fleischlicher Kost. In den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets machen verschiedene Lemmingarten - darunter der Berglemming (Lemmus lemmus)
, der Oblemming (Lemmus sibiricus)
und der Halsbandlemming - sowie die Sumpfmaus (Microtus oeconomus)
und die Graurötelmaus (Clethrionomys rufocanus)
den Grossteil seiner Beutetiere aus. Sein überaus empfindlicher Geruchssinn lässt ihn Nagetiernester selbst unter einer dicken Schneeschicht entdecken, was im Winter von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Arktische Brutvögel, Altvögel ebenso wie deren Eier und Jungen, machen ebenfalls einen wichtigen Teil der Eisfuchsnahrung aus. Und auch Aas verschmäht der kleine Wildhund keineswegs, wenn er welches findet.
«Tanten» und grosse Würfe
Während des Sommerhalbjahrs leben Eisfüchse paarweise in festen Territorien, deren Fläche sich nach dem Nahrungsangebot, also der lokalen Beutetierdichte, richtet. Sie sind selten kleiner als 8 Quadratkilometer, messen aber mitunter über 50 Quadratkilometer. Gewöhnlich verjagt das Männchen alle männlichen Widersacher und das Weibchen alle Rivalinnen unnachgiebig aus dem Revier. Manchmal duldet das Paar jedoch auf seinem Grundstück noch ein oder zwei weitere Weibchen. Es sind meistens erwachsene Töchter, die im Revier der Eltern «Gastrecht» haben und sich gewöhnlich nicht selbst fortpflanzen, sondern das elterliche Paar tatkräftig bei der Aufzucht von dessen Welpen unterstützen.
Früher war man sich über den Sinn dieses uneigennützigen Verhaltens nicht recht im klaren. Heute weiss man, dass es sich um eine zweckmässige Anpassung an die schwierigen Verhältnisse handelt, unter denen diese Arktisbewohner leben: Die jungen Weibchen vergrössern durch ihr Verweilen im elterlichen Territorium und ihre aktive Mithilfe im «Haushalt» den Aufzuchterfolg der Eltern. Gleichzeitig können sie als «Tanten» genügend Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern sammeln, bevor sie ihre eigene Familie gründen.
Innerhalb seines grossen Reviers verfügt das Eisfuchspaar an einem sorgfältig ausgewählten Ort über einen geräumigen, selbstgegrabenen Erdbau, der sehr komplex strukturiert ist und manchmal bis zu fünfzig Eingänge aufweist. Darin bringt das Weibchen gewöhnlich im Mai oder Juni, nach einer Tragzeit von etwa 52 Tagen, 8 bis 12 Junge zur Welt. Dies ist eine im Vergleich zu den meisten anderen Raubtieren ungewöhnlich hohe Jungenzahl, auf deren Bedeutung wir noch zu sprechen kommen werden.
Die jungen Eisfüchse sind anfangs blind und völlig hilflos. Während dieser Zeit bleibt das Weibchen ständig im Bau und wird dort vom treusorgenden Männchen und eventuell vorhandenen Töchtern mit Nahrung versorgt. Etwa im Alter von zwei Wochen öffnen die Welpen ihre Augen und beginnen, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Wenig später krabbeln sie dann erstmals zum Baueingang, und schon wenig später spielen sie ausgelassen miteinander vor dem Bau und erforschen dessen nähere Umgebung. Das Männchen ist während dieser Phase überaus wachsam. Nähert sich ein Feind dem Bau, so versucht es, durch lautes Bellen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und von der Familie abzulenken.
Die Jungen wachsen sehr rasch heran. Schon mit 6 bis 8 Wochen werden sie entwöhnt. Wenn das Sommerende naht, verlassen sie gemeinsam mit ihren Eltern den sicheren Erdbau, und schon wenig später löst sich die Familie auf: Die Jungfüchse machen sich selbständig, und besonders die jungen Männchen wandern dann oftmals weit von ihrem Geburtsort weg. Die Alttiere verlassen ihr Territorium in vielen Fällen ebenfalls, um den Winter in Küstengebieten zu verbringen, wo der Winter weniger hart und die Nahrungsversorgung weniger schwierig ist.
Nur wenige Jungfüchse überleben gewöhnlich - ihrer Unerfahrenheit wegen - den ersten Winter. Diejenigen aber, die es schaffen, versuchen schon im darauffolgenden Frühjahr, sich ein eigenes Grundstück anzueignen, einen Partner zu finden und sich fortzupflanzen. Hauptsächlich des Wettstreits um günstige Reviere wegen gelingt dies allerdings längst nicht allen von ihnen.
Aufgrund der grossen Jungenzahl pro Wurf und der Tatsache, dass sich manche Jungen schon am Ende ihres ersten Lebensjahrs selbst fortpflanzen, vermögen Eisfuchspopulationen etwaig erlittene Bestandseinbussen ungewöhnlich schnell auszugleichen. Diese Fähigkeit ist für die arktischen Wildhunde von grösster Bedeutung. Die Populationen ihrer Hauptbeutetiere, der Lemminge, unterliegen nämlich starken zyklischen Schwankungen, welche mit den Umweltbedingungen zu tun haben. Und diese Schwankungen im Nahrungsangebot bleiben selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen auf die Eisfuchspopulationen, denn unter natürlichen Bedingungen «kontrollieren» bekanntlich nicht die Raubtiere ihre Beutetiere, wie man früher glaubte, sondern ist genau das Gegenteil der Fall. Bestandszusammenbrüche der Tundranager, welche alle paar Jahre vorkommen, haben deshalb unweigerlich Bestandszusammenbrüche der Eisfüchse zur Folge. Doch ebenso rassig, wie jene ihre Bestände wieder aufbauen, vermögen sich auch die Eisfüchse zu erholen. Beobachtungen in Nordrussland (Sibirien) deuten darauf hin, dass jährliche Bestandsschwankungen um den Faktor 10 durchaus möglich sind. Auch hinsichtlich seiner Fortpflanzungsrate ist der Eisfuchs also perfekt in seine hochnordische Heimat eingepasst.
Begehrte «Blaufüchse»
Der Eisfuchs muss sich, besonders in seiner Jugend, vor einem ganzen Spektrum von Fressfeinden in acht nehmen. Zu nennen ist in erster Linie der Wolf (Canis lupus)
, aber auch der Braunbär (Ursus arctos)
, der Eisbär, der Vielfrass (Gulo gulo)
und der Rotfuchs sowie verschiedene grosse Greifvögel, darunter die Schnee-Eule (Nyctea scandiaca)
und einige Adlerarten, können dem kleinen Wildhund gefährlich werden.
Der schlimmste Feind des Eisfuchses ist allerdings der Mensch, der ihm von alters her seines prächtigen Winterfells wegen nachstellt. Seit Jahrtausenden fertigen die in arktischen Regionen lebenden Völker Teile ihrer Kleidung aus Eisfuchsfellen. Und seit Jahrhunderten gehören Eisfuchsfelle zu den begehrtesten Fellen auf dem internationalen Pelzmarkt - «Blaufüchse» noch mehr als «Weissfüchse». Für die menschliche Bevölkerung des hohen Nordens hat der Eisfuchs deshalb vielerorts grosse wirtschaftliche Bedeutung. So beläuft sich beispielsweise in Kanada der Wert der gewonnenen Eisfuchsfelle Jahr für Jahr auf viele Millionen Dollar, und für manche Eskimogemeinschaften bildet der Verkauf von Eisfuchsfellen die weitaus wichtigste Einnahmequelle.
Fallensteller und Jäger bedeuten für den Eisfuchs allerdings keine übermässige Bedrohung - sofern diese Form der Nutzung umsichtig und nicht masslos gehandhabt wird. Dank seines aussergewöhnlichen Vermehrungsvermögens kann der Eisfuchs selbst grössere Ausfälle verhältnismässig rasch ausgleichen. Doch auch seiner Nachzuchtrate sind Grenzen gesetzt. Dies hat sich beispielsweise in Finnland, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, gezeigt: Im 19. Jahrhundert war der Eisfuchs in Nordfinnland noch recht häufig gewesen. Dann wurde er durch massive, unkontrollierte Bejagung innerhalb kurzer Zeit an den Rand der Ausrottung gedrängt. Ein winziger Restbestand konnte zwar gerade noch gerettet werden, als die Art 1940 unter gesetzlichen Schutz gestellt wurde, doch hat sich dieser in der Folge nicht mehr zu erholen vermocht. Der Eisfuchs kommt heute nur noch in den abgeschiedensten Bereichen Nordfinnlands vor. Selbst in den günstigsten Jahren bleibt der Bestand unter 100 Tieren, und in schlechten Jahren fällt er manchmal gar unter 10 Tiere. Im Rahmen eines auch vom WWF unterstützten Projekts zugunsten der skandinavischen Eisfuchs-Bestände wird gegenwärtig abgeklärt, wie den kleinen Wildhunden geholfen werden könnte.
Ob eine echte, langfristig wirksame Hilfe für die Art überhaupt möglich ist, erscheint allerdings fraglich. Denn es zeichnen sich heute übermächtige, ebenfalls vom Menschen hervorgerufene Gefahren ab, welche das gesamte arktische Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. Zu nennen ist vor allem der «Treibhauseffekt», welcher hauptsächlich durch den globalen Anstieg des Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre verursacht wird. Es ist davon auszugehen, dass sich die Erde innerhalb der nächsten Jahrzehnte deutlich erwärmen wird - unter anderem mit dem Resultat, dass die tierlichen und pflanzlichen Lebensgemeinschaften der Arktis tiefgreifende Veränderungen erfahren werden.
Zwar ist es unmöglich, vorherzusagen, welche Auswirkungen diese Veränderungen für den Eisfuchs haben werden. Denkbar wäre aber beispielsweise, dass die allgemeine Erderwärmung es dem anpassungsfähigen Rotfuchs erlauben wird, sein Verbreitungsgebiet weiter nach Norden auszudehnen - in Gebiete, die heute noch dem kälteverträglichen Eisfuchs vorbehalten sind. Wo sich die Verbreitungsgebiete der beiden Wildhundearten heute überlappen, ist der Rotfuchs dem Eisfuchs in jeder Beziehung deutlich überlegen und verdrängt seinen kleinen Vetter weitestgehend. Eine Ausweitung des Rotfuchsvorkommens nach Norden hätte deshalb höchstwahrscheinlich katastrophale Folgen für den Eisfuchs.
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