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Es war ein Bild, das so gar nicht zu seiner glanzvollen Karriere passte. Usain Bolt, der die Rekordbücher neu geschrieben hatte, der Goldmedaille an Goldmedaille reihte, lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Bahn und hielt sich den Oberschenkel. Ein Sanitäter und seine Teamkollegen beugten sich über ihn, auch ein Rollstuhl stand bereit.
Deshalb machte sich am späten Samstagabend kurz nach 22 Uhr eine merkwürdige Stimmung bei den knapp 60’000 Zuschauern im Queen Elizabeth Park breit. Einerseits jubelten sie mit dem britischen Quartett, das alle in die Schranken wies und überraschend zu Gold sprintete. Andererseits litten sie mit Usain Bolt, den sie bereits am Morgen im Vorlauf frenetisch gefeiert hatten.
Statt mit seinem zwölften WM-Titel trat der womöglich grösste Leichtathlet aller Zeiten als gefallener Held ab. «Der Zusammenbruch eines Imperiums», schrieb die spanische Zeitung Marca. «Eine Nacht, in der Götter fallen», meinte die italienische Zeitung La Repubblica zum Drama auf Bahn 5.
Nach dem ersten Schock hatte sich Bolt aufgerafft, er humpelte über die Ziellinie, ehe er die grosse Bühne nicht im Glanz und Scheinwerferlicht, sondern durch den Hinterausgang verliess.
Während Usain Bolt die Kameras und Mikrofone mied und sich später über die sozialen Medien nur bei seinen Fans bedankte, äusserten sich andere zum Zwischenfall. Der jamaikanische Teamarzt berichtete von einem Krampf im linken Oberschenkel. «Der grösste Schmerz kommt aber von der Enttäuschung, das Rennen verloren zu haben.» Bolts Teamkollege Yohan Blake, der 2011 in Daegu vom Fehlstart Bolts im 100-m-Final profitiert und WM-Gold geholt hatte, fühlte mit: «Das tut schon weh, eine Legende, einen echten Champion so zu sehen».
Kritik an den Organisatoren
Für die Organisatoren setzte es Kritik ab. Justin Gatlin, der eine Woche zuvor über 100 m Bolt den Nimbus der Unbesiegbarkeit genommen hatte, beklagte das lange Prozedere bis zum Start mit zwei Siegerehrungen und führte das auf das Fernsehen zurück.
Man sei bei den kühlen Temperaturen zu lange ohne Trainingskleider dagestanden und bereits wieder ausgekühlt gewesen, als der Startschuss fiel. Und Blake sagte: «Ich denke, sie haben uns zu lange im Call Room gehalten. Usain war wirklich kalt».
Der Rockstar unter den Leichtathleten
Trotz des bitteren Abgangs und der mageren Bilanz von einer Bronzemedaille in London sprechen Usain Bolts Zahlen für sich: 14 WM-Medaillen, acht Olympiasiege, die Weltrekorde über 100 m, 200 m und mit der Sprintstaffel. Vor allem die an den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin gelaufenen 9,58 Sekunden über 100 m sind eine Marke, die womöglich noch lange Bestand haben wird.
Während die Siege und die herausragenden Zeiten in Peking 2008 und Berlin 2009 Usain Bolt zum globalen Superstar aufsteigen liessen, machte ihn im zweiten Teil seiner Karriere auch sein Charisma zur Überfigur der Leichtathletik.
Bolt sorgte für Unterhaltung und füllte alleine die Stadien dieser Welt, in einer Zeit, in der die olympische Sportart Nummer 1 um globale Aufmerksamkeit zu kämpfen hat. Mit seiner Aura und seinen locker, lässigen Auftritten avancierte er zum Rockstar unter den Leichtathleten.
Die zehn Tage in London zeigten aber, dass die Zeit auch für den schnellsten Menschen der Geschichte vergänglich ist. Bereits an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro, als Bolt zwar sein drittes olympisches Sprint-Double gewann, aber nicht mehr so leichtfüssig und überlegen wie zu seinen besten Zeiten auftrat, zeichnete sich ab, dass das Ende seiner Regentschaft naht. Mit einem solchen Ende in London hatte dann aber doch niemand gerechnet.
(sda)