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Winterreise
Sanft, wie kleine weisse Flaumfedern ist der Schnee gefallen. Schon am Sonntag lag eine dünne Decke Pulverschnee und es folgte noch mehr, so dass wir jetzt lange Schneespaziergänge mit dem Holzschlitten unternehmen können.
Hier in Berlin hatten wir das letzte Mal Anfang 2016 für einige Tage Schnee. Und an eine sehr kalte, längere Episode des Winters kann ich mich zu Beginn 2006 erinnern. Damals wohnte ich in einer WG. Die Wohnung war grosszügig und mit zwei Bädern. Das eine Bad, war aber fast nicht beheizbar und das Wasser in der Toilette fror ein...
Doch zurück zu den Spaziergängen:
Die Landschaft liegt wie verwandelt vor mir. Alles ist weiss. Die dunklen Stämme und Äste der Bäume bilden einen wundersamen Kontrast zur Scheedecke. Die Gewässer sind dabei einzufrieren. Die Winterluft ist kristallklar und kalt. Das knirschen unter den Schuhen erinnert mich an die Winter in meiner Kindheit. Die Felder liegen flach und weit vor mir. Wenn das Wetter nicht so schön ist, sind wir fast alleine unterwegs. Die Winterlandschaft strahlt einen Frieden und gleichzeitig auch eine Verlassenheit aus.
Die Assoziation mit Franz Schuberts(1797-1828) Winterreise liegt auf der Hand.
Die Winterreise basiert auf Texten von Wilhelm Müller(1794-1827). Müller ist in Dessau geboren, hat in Berlin gelebt, wo er Philologie studierte und sich von den dort aufblühenden kulturellen Salons der Zeit inspirieren lassen. Diese Salons waren Kontaktbörsen der damaligen, bürgerlichen Gesellschaft. So lernte er dort Clemens Brentano, Achim von Arnim, Gustav Schwab und Ludwig Tieck und den Komponisten Ludiwig Berger kennen.
Wilhelm Müller ging 1818/19 nach Italien auf eine Bildungsreise um sich von einer unglücklichen Liebe abzulenken, die er in seinem Gedichtzyklus "Die schöne Müllerin" verarbeitete.
1821 heiratete er Adelheid Basedow mit der er zwei Kinder bekam. Mit der Heirat stieg er gesellschaftlich auf und wurde 1824 Hofrat. Doch bereits 1826 warf eine Krankheit, die wir heute dank Impfung im Griff haben, einen Schatten auf sein Leben. Er erkrankte an Keuchhusten. Trotz mehreren Kuraufenthalten erholte er sich nicht mehr davon und starb ein Jahr später an einem Herzschlag.
Franz Schubert entnahm die ersten 12 Gedichte der Winterreise aus dem 1823 erschienen Taschenbuch Urania – Taschenbuch auf das Jahr 1823 „Wanderlieder von Wilhelm Müller. Die Winterreise. In zwölf Liedern“ Im Autograph von Schubert ist nach dem 12. Lied eine Fermate zu finden- offenbar dachte Schubert, dass mit diesen 12 Gedichten der Zyklus beendet sei, doch dem war nicht so. Müller publizierte weitere Gedichte 1823 in Deutschen Blättern für Poesie, Literatur, Kunst und Theater um den Zyklus 1824 in seiner Werkausgabe Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten abzuschliessen. Zweites Bändchen. Er stellte dabei den Zyklus um und ergänzte ihn mit den Gedichten "Post" und "Täuschung".
Schubert übernahm die original Reihenfolge der ersten 12 Gedichte und erlaubte sich in den restlichen Gedichten eine Umstellung der Reihenfolge, dass die Gedichtfolge aus der Sicht von Müller wie folgt aussieht: Nr. 1 Gute Nacht, Nr.2 Die Wetterfahne, Nr.3 Gefrorne Tränen Nr.4 Erstarrung, Nr.5 Der Lindenbaum, Nr.13 Wasserflut, Nr.6 Auf dem Flusse, Nr.7 Rückblick, Nr.8 Irrlicht, Nr.14 Rast, Nr.15 Frühlingstraum, Nr.16 Einsamkeit, Nr.17 Die Post, Nr.18 Der greise Kopf, Nr.19 Die Krähe, Nr.20 Letzte Hoffnung, Nr.21 Im Dorfe, Nr.9 Stürmische Hoffnung, Nr.10 Täuschung, Nr.23 Der Wegweiser, Nr.11 Das Wirtshaus, Nr.12 Muth, Nr.22 Die Nebensonnen, Nr.24 Der Leiermann.
Der Autograph lässt vermuten, dass Schubert die ersten 12 Lieder im Frühjahr 1827 vertonte und dann wohl im Sommer auf die restlichen Gedichte stiess, die er im Oktober 1827 vertonte.
Der Zyklus wurde von Tobias Haslinger in zwei Teilen verlegt unter dem Namen „Winterreise. Von Wilhelm Müller. In Musik gesetzt für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte von Franz Schubert. 89tes Werk“ Das erste Heft erschien am 24. Januar 1828 und das zweite Heft sechs Wochen nach Schuberts frühem Tod am 31. Dezember 1828. Am 10. Januar 1828 wurde die Nummer eins aus dem Zyklus uraufgeführt. Franz Schubert hat eine Fülle an Werken hinterlassen und zwar in allen Gattungen. Oper, Sinfonien, Messen und Lieder. Schubert hatte, wenn man zeitgenössischen Berichten glauben darf, einen sehr strikten und gut gegliederten Tagesablauf. Gleich nach dem Aufstehen komponierte er um dann am frühen Nachmittag spazieren zu gehen und sich mit Freunden zu treffen. Er war ein geselliger Mensch, der auch gerne mal trank. Geld hatte er sein Leben lang nie. Aufgewachsen als 13. von 20 Kindern wurde bei ihm schon früh das musikalische Talent entdeckt und gefördert. Er verfügte über eine sehr schöne Knabensingstimme, so dass er bei den Wiener Sängerknaben aufgenommen und ausgebildet wurde. Doch mit 15 Jahren hatte er genug von den Sängerknaben und kehrte zurück nach Hause, wo er seinem Vater als Gehilfe in der Schulstube zur Hand ging. Er hasste den Lehrberuf und hielt es nicht länger als zwei Jahre aus. Ohne Gehalt konnte er sich ein eigenständiges Leben als Komponist nicht wirklich leisten, doch er hatte Glück. Er kam abwechselnd bei Freunden wie Franz von Schober oder Moritz von Schwind unter und sein grösser werdender Freundeskreis unterstütze ihn auch finanziell, so dass er sich voll und ganz auf das Komponieren konzentrieren konnte. Seine Freunde organisierten "Schubertiaden", wo die Werke von Franz gespielt wurde. Franz Schubert versuchte seine Werke an die Verlage zu bringen um etwas Bekanntheit zu erlangen. Doch die lehnten ab. Da er nicht den Öffentlichkeitsdrang eines Mozarts oder eines Beethovens besass und sich ungern ins Rampenlicht drängte, hatte er es schwer Geld zu verdienen. Er bewarb sich auf verschiedene Kapellmeister Stellen, doch ohne Erfolg.
Auf das Drängen seiner Freunde hin gab Schubert sein einziges Konzert im März 1828. Das brachte ihm 800 Gulden ein. Schuberts gesundheitliche Konstitution wurde zunehmend schlechter. Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob er an Syphilis erkrankt ist; es weisen jedoch sehr viele Indizien darauf hin. Vermutlich war es nicht die Syphilis an der er starb. Die zwei letzten Lebenswochen geprägt durch kontinuierliches Fieber weisen auf eine Infektionskrankheit wie Typhus hin, damals "Nervenfieber" genannt.
Der früher Tod verbindet Schubert und Müller. Die beiden sind sich nie persönlich begegnet und es ist nicht bekannt, ob Müller von Schuberts Vertonungen wusste.
Die Symbiose von den Texten Müllers und der Musik Schuberts eröffnete komplett neue Wege und Möglichkeiten und bilden gleichzeitig den Höhepunkt der Gattung des Kunstliedes. Auch die Texte vom Lied "Hirt auf dem Felsen" und dem Liedzyklus "Die schöne Müllerin" sind aus Müllers Feder. Doch während bei "Der schönen Müllerin" sich ein Faden durch die Gedichte zieht, sucht man diesen in "Die Winterreise" vergeblich. Jedes Lied ist in sich eine geschlossene Geschichte. Eigentlich sind es verschiedene Momentaufnahmen des lyrischen "Ich". Wie ein Bild unter 24 Bildern, das an der Wand hängt und beim Betrachten etwas in uns auslöst. Der Winter und die Winterlandschaft wird mit Vergangenheit und der Vergänglichkeit gleichgesetzt. In manchen der Gedichten wandert der Blick nach innen und auf den Seelenschmerz um dann wieder nach aussen in die Natur zurück zu finden, in die scheinbare Trostlosigkeit und Einsamkeit des Winters.
Ich bin dankbar für den Schnee und die Kälte. Es bringt Abwechslung in meinen Alltag und andere Betrachtungsweisen. Die langen Spaziergänge erden mich und die kristallklare Luft frischt meinen Geist auf. Väterchen Frost soll ruhig noch eine Weile bleiben....:)