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«Dieses neue Tätigkeitsgebiet entspricht einem dringenden Bedürfnis und wird bald weiterausgebaut werden müssen.» Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel
Geschichte ist nicht linear - sie verläuft vielmehr parallel, überkreuzt sich, hat Brüche, wiederholt sich und dreht Kreise. Die Geschichte der Basler Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein beredtes Beispiel dafür, wie verschiedene Stränge langsam ein Ganzes formen, welches sich schließlich wieder ausdifferenziert.
Die Anfänge
Die kinder- und jugendpsychiatrische Poliklinik
Die psychiatrische Poliklinik - seinerzeit eine Abteilung der Friedmatt, der späteren Psychiatrischen Universitätsklinik - war im Gegensatz zur Friedmatt selbst, die am Stadtrand lokalisiert war, fast mitten im Stadtzentrum und in unmittelbarer Nähe zu den Spitälern, in einem unscheinbaren Gebäude am Petersgraben 1. In den ersten sechs Jahren wurde die Kinder- und Jugend-Abteilung durch eine Assistenzärztin, Frau Dr. Dora Gasser geleitet. Sie wurde in ihrer Arbeit unterstützt durch einen zweiten Arzt (Dr. S. Lippmann). Gemessen an dieser Personalausstattung war der Arbeitsaufwand immens, beispielsweise wurden 1950 an 280 Tagen 2025 Konsultationen bei 326 Patienten vorgenommen, also mehr als sieben Konsultationen pro Tag. Anfänglich umfasste die kinder- und jugendpsychiatrische Poliklinik zunächst nur eine Adoleszentensprechstunde, später auch kinder- und jugendpsychiatrische Nachmittage. Die Zuweisung zur Poliklinik erfolgte in den ersten Jahren in rund einem Drittel der Fälle durch die Eltern, jeder fünfte Patient wurde durch einen Arzt (vor allem Kinderärzte) zugewiesen; daneben wiesen aber auch Vormundschaftsbehörden, Anstalten und Heime, Berufsberater, Schulen, Kindergärten und Pfarrämter, Jugendanwaltschaften und Gerichte und andere Fürsorgeinstitutionen Kinder und Jugendliche zu Abklärung und Behandlung zu. Schon in den ersten Jahren zeichnete sich ab, daß ein solches kinder- und jugendpsychiatrisches Angebot nicht alleine für kurze Abklärungen, sondern zunehmend auch für längere Behandlungen beansprucht wird. So verwundert es nicht, daß bereits in diesen frühen Jahren neben der individuellen Spieltherapie in ausgedehntem Maße kleine Spielgruppen-Therapien angeboten wurden (1952 wurden beispielsweise in sechs regelmässigen Gruppen insgesamt 30 Kinder betreut).
Allen modernen Entwicklungen zum Trotz: Von einem stationären Betreuungsangebot war man noch etliche Jahre entfernt, und so mußten Kinder und Jugendliche in besonderen Fällen immer wieder in Beobachtungsstationen und teilweise auch in die Friedmatt eingewiesen werden. Von den 1950 betreuten 326 PatientInnen und Patienten wurden beispielsweise 14 in psychiatrische Beobachtungsstationen und 4 Jugendliche in die Friedmatt eingewiesen, 14 Kinder wurden in Spitäler, Spezial- oder Erziehungsheime überwiesen. Die Diagnosen verteilten sich in den Nachkriegsjahren über das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer deutlichen Häufung (knapp die Hälfte der PatientInnen) bei den «Psychogenen Reaktionen», zu welchen auch Depressionen, Enuresis, Stottern, Pavor nocturnus und «hysterische Reaktionen» sowie «Neurosen» gezählt wurden. 10-20% der PatientInnen zeigten psychopathische Zustandsbilder («sensitive, labile, triebhafte etc.»), ein längst nicht mehr üblicher Begriff, der sich heute am ehesten im Konzept der Persönlichkeitsstörungen wiederfindet. Neben den klinischen Tätigkeiten im engeren Sinne wurden von den zwei Mitarbeitern der Poliklinik zahlreiche Berichte und Gutachten ausgearbeitet, 1950 beispielsweise nicht weniger als 126 Berichte und 22 Gutachten.
Ende 1951 verliess Frau Dr. Nussberger-Gasser die psychiatrische Poliklinik Basel und übernahm per 1952 die Leitung der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation Gotthelfhaus-Biberist.
Die kinder- und jugendpsychiatrische Poliklinik unter Carl Haffter
Haffter brachte rasch neue Ideen in die klinische Arbeit, beispielsweise setzte er sich für die Anwendung des Child-Guidance-Systems ein, was praktisch bedeutete, daß sich zwei oder mehrere Mitarbeiter die Betreuung von Kind und Mutter bzw. Vater teilten. Dies führte zu gänzlich neuen Abklärungsverläufen und zu einer erheblichen Ökonomisierung.
Hatte er die Aufgabe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie anfangs noch parallel zur Tätigkeit in der Erwachsenenpoliklinik übernommen, so wurde aber Mitte der 1950er-Jahre überdeutlich, daß die vielfältigen Aufgaben nicht von einem Oberarzt alleine würden bewältigt werden können. Haffters Antrag auf einen zweiten Oberarzt wurde 1955 stattgegeben. Der eingestellte zweite Oberarzt übernahm die Erwachsenen-Poliklinik, und Haffter konnte sich ab Mitte 1955 ausschliesslich der Kinderpsychiatrie zuwenden.
Die kinder- und jugendpsychiatrische Poliklinik etablierte sich in den ersten 20 Jahren ihres Bestehens als feste Einheit. Jährlich wurden rund 250 bis 425 (1951) Kinder und Jugendliche betreut. Dieser Aufwand war nur durch den Einsatz zusätzlicher Kräfte möglich: So waren zeitweise Volontärärzte, Heilpädagogen und Psychologen mit Teilpensen an der Poliklinik beschäftigt.
Zusammenarbeit mit dem Kinderspital: Konsilien und eine kinderpsychiatrische Sprechstunde
Eine neue Ära: Dieter Bürgin
Mehrere strukturelle und administrative Änderungen prägten in den 1980er/1990er-Jahren die Geschichte der Klinik. Ende der 1980er Jahre erfolgte die Umbenennung der bisherigen PUPKJ in KJUP, Kinder- und Jugendpsychiatrische Universitätsklinik und -poliklinik Basel-Stadt.
1995 erfolgte die Herauslösung der KJUP, die bis dahin gewissermaßen zweibeinig einerseits von der Psychiatrischen Universitätsklinik, andererseits vom Kinderspital verwaltet wurde, aus der administrativen Verantwortung der Psychiatrischen Universitätsklinik und die alleinige verwaltungsmässige Zuordnung zum neustrukturierten Kinderspital. Diese Neuzuordnung sollte jedoch nicht lange währen: Bereits zum 1. Januar 1999 wurde die Kinder- und Jugendpsychiatrische Universitätsklinik und -Poliklinik eine eigenständige Spitalabteilung des Sanitätsdepartements, weil das Universitäts-Kinderspital (UKBB) seinen Betrieb als selbständige öffentlich-rechtliche Institution unter eigener Trägerschaft aufnahm - die KJUP wurde (analog zu den Verhältnissen im Nachbarkanton Basel-Land) nicht in dieses neue Gebilde integriert. Ungeachtet dieser Verwaltungsveränderung blieben die Akutbetten zur Hospitalisierung von kinder- und jugendpsychiatrischen Patientinnen und Patienten jedoch erhalten; unverändert kümmerten sich ÄrztInnen und PsychologInnen der KJUP im Kinderspital um diese Patientinnen und Patienten, nun gewissermaßen als eine vom UKBB «eingekaufte» Leistung im Rahmen vertraglich geregelter Leistungsvereinbarungen. Einige bis dahin von der KJUP verwaltete Bereiche und Mitarbeiter wechselten damit aber administrativ ins UKBB (Spitalpädagogik, Logopädie).
Ende 2004 wurde Dieter Bürgin nach über 30 Jahren als Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel emeritiert. Interimistisch übernahm zum 1. Januar 2005 die Leitende Ärztin Dr. Barbara Rost für ein Jahr die Leitung der nun mit KJPK bezeichneten Klinik.
Doch nicht nur «für» das Kinderspital ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, sondern in vielfältigen Bereichen auch in gemeinsamer Arbeit «mit» dem Kinderspital. Auf verschiedenen Ebenen wurden ab Mitte der 1990er-Jahre interdisziplinäre Strukturen und Angebote entwickelt, bei welchen MitarbeiterInnen des Kinderspitals gemeinsam mit MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik auftreten
Und heute?
Mit einem Mitarbeiterstamm von rund 80 MitarbeiterInnen erfüllt die KJPK als Teil der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel heute den Versorgungsauftrag für den Kanton Basel-Stadt. Der Mitarbeiterstab besteht aus zahlreichen Fachleuten aus den Gebieten der Kinder- und Jugendpsychiatrie / -psychotherapie und -psychologie, der Kinderkranken- und Psychiatriepflege, der Sozial- und Heilpädagogik sowie der Sozialarbeit und der Psychomotorik.
Heute wie früher werden Kinder und Jugendliche mit Störungsbildern aus dem gesamten Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie angemeldet. Neben besonderen Schwerpunkten mit Spezialsprechstunden (z. B. Autismus-Sprechstunde) wird ein breites Angebot für sämtliche kinder- und jugendpsychiatrische Krankheitsbilder zur Verfügung gestellt. So reicht denn auch die Vielfalt der Anmeldungsgründe von psychischen Erkrankungen wie Angst-, Zwangs- oder Depressionserkrankungen, Psychosen, Sozialverhaltensstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörungen, beginnenden Persönlichkeitsstörungen, tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, Essstörungen und anderen psychosomatischen Störungen bis hin zu Lern- und Leistungsstörungen.
Im Zentrum aller diagnostischen und therapeutischen Bemühungen der Mitarbeitenden der KJPK steht die Wiederherstellung und Förderung des psychischen Wohlbefindens und der Fähigkeit zur Teilnahme an altersgemässen Aktivitäten sowie die Stärkung der persönlichen und familiären Ressourcen der jungen Patientinnen und Patienten. Um dies optimal zu gewährleisten, findet eine enge Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Disziplinen, wie z. B. der Pädiatrie und Neurologie, und mit Spezialistinnen und Spezialisten aus anderen Fachgebieten, wie z.B. der Psychologie, der (Schul)- Pädagogik, der Sonder- und Heilpädagogik und der Logopädie, statt.
Neben den umfangreichen ambulanten und stationären wie teilstationären Betreuungsangeboten wird ein 24-Stunden-Notfalldienst für die Klinik und Notfälle im Kinderspital sowie in den liaisonpsychiatrisch verbundenen Institutionen angeboten. Zurzeit wird die Etablierung eines jugendforensischen und eines familienrechtlichen Schwerpunkts voran getrieben.
Das zunehmend breite Aufgabengebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik umfasst neben der psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 18 Jahren durch Abklärungsuntersuchungen, Beratungen und stationäre wie ambulante Behandlungen und Therapien auch zivil- und strafrechtliche sowie Versicherungsgutachten im Auftrag von Behörden, Gerichten und Versicherungen, Lehrverpflichtungen in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychologen, Supervisionen und eine breite Forschungstätigkeit.
Geschichte verläuft nicht linear. In den über 60 Jahren ihres Bestehens hat die institutionalisierte Kinder- und Jugendpsychiatrie zahlreiche Wandel, auch Brüche und Schleifen erlebt. Dabei wurde das Angebot zunehmend diversifiziert und spezialisiert, ohne den Blick für das Ganze zu verlieren. Manche Stränge wurden abgebunden, teilweise auch durch schmerzliche, unfreiwillige Einschnitte. Dafür konnten an anderer Stelle neue Strukturen geschaffen werden. Beeindruckend scheint, daß manche Ideen über Jahrzehnte Bestand haben, auch wenn sie mitunter für viele Jahre nicht realisiert werden können; solche Ideen scheinen sich sozusagen immer wieder neu zu erschaffen.
Eine außergewöhnlich hohe personelle Konstanz bei der Chefarztposition hat viele Entwicklungen erst ermöglicht. Kritisch bleibt anzumerken, daß naturgemäß bei solch hoher Kontinuität möglicherweise andere Entwicklungen auch erschwert oder gar verhindert wurden.

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