Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03132.jsonl.gz/770

In der Ausstellung »Beuys & Duchamp. Künstler der Zukunft« des Kaiser Wilhelm-Museums zu Krefeld werden erstmals die Werke dieser beiden wegweisenden Künstler des 20. Jahrhunderts gegenübergestellt.
In der Aktion von 1964 »Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet« setzte sich Beuys künstlerisch mit Duchamp auseinander und kritisierte seinen Anti-Kunstbegriff. Während Duchamp, der 1912 beschloss, keine professioneller Maler mehr zu sein und der mit seinen Ready-mades den ästhetischen Rummel zu entmutigen gedachte und schliesslich lieber Schach spielte, weil das Schachspiel eine Schule der Schweigsamkeit sei, erklärte Beuys: »Schachspielen verdirbt das Denken.«
Der Mann vom Niederrhein suchte die Öffentlichkeit geradezu für seinen Diskurs. Ein befreundeter Kritiker schrieb mir aus Italien: »Der Redeschwall von Beuys wird überbewertet.« Duchamps Aussage »Alles im Leben ist Kunst. Wenn ich es Kunst nenne, ist es Kunst, oder wenn ich es in ein Museum hänge, ist es Kunst« unterscheidet sich von der Beuys’schen Auffassung von der sozialen Plastik, wie sie in der Bemerkung »Jeder Mensch ist ein Künstler« aufscheint. Während Beuys Werke in grosser Zahl hinterliess, ist die Zahl der Werke von Duchamp relativ klein. All das, was Duchamp geschaffen hat, ist in »La Mariée mise à nu par ces Célibataires, même« (meist einfach das »Grosse Glas« genannt) resümiert, das 1923 definitiv unvollendet blieb und heute in Philadelphia zu sehen ist.
Beide Künstler teilten jedoch, wie die Ausstellung vor Augen führt, Themen, Motive und Strategien, alle voran das utopische Potenzial ihrer Kunst. Beiden verdanken wir Werke, mit denen die herrschenden Vorstellungen von Kunst auf den Kopf gestellt wurden. Beide arbeiteten an der grundlegenden Veränderung des Kunstbegriffs.
1917 sorgte Duchamps unter dem Pseudonym »R. Mutt« (auch als »Armut« zu lesen) eingereichtes Werk »Fountain«, ein Pissoirbecken für öffentliche Bedürfnisanstalten, gekauft bei der New Yorker Firma J. L. Mott Iron Works, für heftige Diskussionen bei der Jahresausstellung der »Society of Independent Artists« in New York und schliesslich zur Zurückweisung durch die Jury der Ausstellung, der Duchamp selbst mit angehörte und aus der er nach der Zurückweisung des Werkes austrat. Das heute verlorene Objekt ist durch eine Fotografie von Alfred Stieglitz in der zweiten Ausgabe von »The Blind Man« (New York, Mai 1917) überliefert, wird in biografischen Schriften über Duchamp allerdings gerne unerwähnt gelassen.
Erhalten und in der Krefelder Ausstellung neben weiteren ca. 150 Leihgaben zu sehen ist die »Toilette«, deren Porzellan Beuys 1979 im Rahmen seiner Ausstellung »Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiss ab« in der Berliner Galerie Block mit zwei Braunkreuzen versah und deren Holzsockel er mit brauner Farbe bemalte. Als »Braunkreuz« bezeichnete Beuys die braune Farbe, die er seit den frühen 1950-er Jahren in vielen Arbeiten verwendete. Häufig benutzte er sie für ein Kreuz, das für ihn auch ein Symbol für das Streben nach Erkenntnis war, letztlich konnte damit aber jede Form gestaltet werden und behielt dennoch den Namen »Braunkreuz«. Beuys verknüpfte mit diesem Braun die Vorstellung von Erde und Blut, letztlich von Lebensenergie.
»Beuys & Duchamp. Künstler der Zukunft«, Kaiser Wilhelm-Museums, Krefeld, bis zum 16. Januar 2022. Der umfassende und reich bebilderte Katalog zur Ausstellung erschien im Verlag HatjeCantz. Zu Beuys und Duchamp siehe auch das Kapitel ›Duchamp‹ in dem jüngst erschienenen »Joseph Beuys-Handbuch Leben – Werk – Wirkung«, hrsg. von Timo Skrandies und Bettina Paust. Unter Mitarbeit von Jasmina Nöllen, Zsuzsanna Aszodi, Alina Samsonija. J. B. Metzler Verlag, 2021.
Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.