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Surge-Gletscher
Jürg Alean, Bülach
Flutkatastrophen verraten aussergewöhnliche Gletscherschwankungen Das Ötztal in Tirol und das Tal des Rio Mendoza in Argentinien ( Abb. 2, S.35 ) haben eine historische Gemeinsamkeit: in beiden Gebirgstälern, hier in den Ostalpen, dort in den südlichen Anden, spielten sich mehrmals Überschwemmungskatastrophen ab, die auf das aussergewöhnliche Verhalten eines Gletschers zurückzuführen sind.
Am 10. Januar 1934 um etwa 15 Uhr schwoll der Rio Mendoza bei Punta de Vacas ( rund 30 km südöstlich des Aconcagua ) urplötzlich bis auf eine Wasserführung von 3000 m3/sec an. Sein Normalabfluss beträgt an jener Stelle 130-250 m3/sec, gewöhnliche Hochwasser bei Schneeschmelze oder kräftigem Niederschlag hatten gelegentlich 500 m3/sec erreicht. Die Flut vom 10. Januar 1934 forderte weiter flussabwärts mehrere Todesopfer; das Trasse der transandinen Bahnlinie von Mendoza nach Santiago de Chile wurde auf 13 km Länge vollkommen weggeschwemmt; sieben von zehn Brücken wurden zerstört. Was war geschehen?
35 km südwestlich Punta de Vacas war am 6050 m hohen Nevado del Plomo der Nevado-Gletscher ( genaue Bezeichnung: Ventisquero Grande del Nevado del Plomo ) kräftig vorgestossen ( Karte 1 ). Die vorstossende Gletscherzunge erreichte das Tal des Rio Plomo. Das Eis bildete einen natürlichen Damm, hinter dem sich rund 60 Millionen m3 Wasser stauten. Offenbar fand das Wasser plötzlich einen Weg unter den Gletscher und brach gewaltsam durch. Die Flutwelle des Rio Plomo stürzte über den Rio Tupungato in den Rio Mendoza.
Nach dieser Flutkatastrophe verursachte der Nevado-Gletscher während Jahrzehnten keine weiteren spektakulären Ereignisse. Der Gletscher zog sich weit zurück. Ein Luftbild von 1974 zeigt ihn etwa 3 km vom Rio Plomo entfernt. Am 13./14. und am 22. Februar 1985 lenkten aber neue Flutwellen die Aufmerksamkeit wieder auf den Nevado-Gletscher. Zwar waren die Abflussspitzen mit lediglich CerroJuncal 6110 1934 500 m3/sec viel kleiner als 1934, doch hatte sich wieder als Folge eines massiven Gletschervorstosses ein eisgestauter See mehrmals gebildet und entleert.
Der Nevado-Gletscher war seit 1974 um über 3 km vorgestossen, und zwar zu einer Zeit, in der die anderen Gletscher der Region nur höchst bescheidene Zungenveränderungen durchmachten. Beim 1934er Vorstoss waren die benachbarten Gletscher gar in einer drastischen Rückzugsphase gewesen.
Wie ein solch aussergewöhnlicher Gletschervorstoss vor sich geht, konnten die damaligen Gletscherforscher am Vernagtferner im Ötztal direkt beobachten. Es dürfte sich dabei um die ersten exakten Messungen an einem Surge-Gletscher handeln. Die Gletscherzunge rückte im Sommer 1844 bereits mit der ungewöhnlichen Geschwindigkeit von 1 m/Tag vor. Im Winter 1844/45 beschleunigte sich der Zungenvorstoss auf 2 m/Tag und erreichte im Mai/Juni 1845 gar 12,5 m/Tag ( vgl. Karte 2 )!
Besonderes Interesse hatten die Ötztaler am Vernagtferner, da er schon früher vorgestossen war und in der Folge im Rofental den Abfluss des Hintereisferners blockiert hatte. Der eisgestaute See war mehrere Male katastrophal ausgebrochen ( vgl.Tabelle ). Brücken wurden weggeschwemmt und wertvolles Kulturland zerstört. 1845 legte das Hochwasser Karte 1 Gletscher am Nevado de Plomo in den argentinischen Anden, westlich von Mendoza. Während sich die meisten Gletscher der Region von 1912 ( strichlierte Linien ) bis 1934 ( ausgezogene, dünne Linien ) zurückzogen, stiess der IMevado-Gletscher während eines Surge vor und staute einen See auf, der anschliessend ausbrach. Bis 1974 ( fette Linien ) zog sich auch der IMevado-Gletscher weit zurück. Er erreichte beim Surge von 1985 aber wieder die Position von 1934. Es kam erneut zur Bildung eines eisgestauten Sees. ( Nach Helbling, 1950 ) Hintereisferner 1848 Karte 2 Kartenskizze des Ver nagtferners mit Zungenpositionen 1817 und 1845 ( Surge-Vorstoss und Bildung eines eisgestauten Sees ) sowie 1889 und 1966 ( massiver Gletscherschwund ). ( Nach Hoinkes, 1969 ) Tabelle:
Gletscher mit mehr als zwei bekannten Surges Gletscher Land Jahr des; Surges ( in Klammern:
Zeitraum zwischen den Surges ) Bruarjökull Island 1625 ( 95 ) 1720 ( 90 ) 1810 ( 80 ) 1890 ( 73 ) 1963 Carroll Alaska 1919 ( 24 ) 1943 ( 23 ) 1966 Kolka UdSSR 1834 ( 68 ) 1902 ( 67 ) 1969 Medvezhiy UdSSR 1937 ( 14 ) 1951 ( 12 ) 1963 ( 10 ) 1973 Nevado Argentinien 1788 * 1934 ( 51 ) 1985 Variegated Alaska 1906 1947 ( 17 ) 1964 ( 19 ) 1983 Vernagt* "
Osterreich 1600 ( 78 ) 1678 ( 95 ) 1773 ( 72 ) 1845 * 146 Jahre: möglicherweise fanden in diesem Zeitraum zwei weitere Surges statt. Das Ereignis von 1788 wurde nicht direkt beobachtet, sondern aufgrund eines Seeausbruches rekonstruiert.Wahrscheinlich fand etwa um 1926 ein unbeobachteter Surge statt. 1906-1947 = 41 Jahre, d.h. zwei Zyklen zu je rund 20 Jahren.
" " Die Ereignisse vor 1845 sind aufgrund von Seeausbrüchen rekonstruiert. Nur der Surge von 1845 ist durch direkte Beobachtungen weitgehend gesichert.
Angaben nach Helbling ( 1950 ), Hoinkes ( 1969 ) und Paterson ( 1981 ).
die 102 km lange Strecke bis Innsbruck in neun Stunden zurück. Der Wasserstand des Inn stieg dort noch um 60 cm an.
Zeitgenössische Darstellungen des Vernagtferners zeigen eine unglaublich stark zerrissene Gletscheroberfläche. Auch der Ne-vado-Gletscher in Argentinien war 1985 vollständig in einzelne Séracs und kleinere Eistrümmer aufgelöst ( Abb. 1, S.34 ). Heute wissen wir, dass es sich bei den wiederholten Vorstössen beider Gletscher nicht um normale Reaktionen auf Klimaveränderungen, sondern um sogenannte Surges handelt ( engl.
Während des allgemeinen Gletscherschwundes des ausgehenden 19.und beginnenden 20. Jahrhunderts verlor auch der Vernagtferner sehr viel Masse und machte seither zumindest keinen so markanten Surge mehr durch. Andere Surge-Gletscher sind in den Alpen nicht bekannt. Für das Phänomen gibt es denn bisher auch keine deutsche Übersetzung ( in englischen populärwissenschaftlichen Publikationen ist gelegentlich von « galoppierenden Gletschern ) die Rede ).
Geographische Verteilung und Charakteristika der Surge-Gletscher Inzwischen sind den Glaziologen Hunderte von Surge-Gletschern bekannt. Der Amerikaner Austin Post identifizierte mehr als 200 im westlichen Nordamerika. Besonders viele gibt es im kanadischen Yukon-Territorium und in Alaska in den St. Elias Mountains, in der Alaska Range in den Wrangell und den Chugach Mountains. Insbesondere in den Chugach und St. Elias Mountains ist das Klima ausgesprochen ozeanisch, das heisst, die Temperaturen sind verhältnismässig ausgeglichen und die Schneemengen ausserordentlich gross. Mindestens 40 Surge-Gletscher gibt es aber auch im kontinental trockenen Pamir und sieben im Kaukasus.
Surge-Gletscher sind des weiteren im Karakorum und einer auf der Kamtschatka-Halbin-sel bekannt. Vereinzelt gibt es sie auf den kanadischen Arktisinseln Axel Heiberg und Ellesmere Island. Mehrere Gletscher auf Spitzbergen haben Surges durchgemacht, wobei ein Gletscher 21 kmvorstiess!
Besonders weit zurück reichen die Beobachtungen von wiederholten Surges beim isländischen Bruarjökull. Die Daten von Gletschern, bei denen mehr als ein Surge bekannt ist, sind in der Tabelle angegeben. Man erkennt sofort, dass sich Surges an einem Gletscher normalerweise alle zehn bis hundert Jahre mit bemerkenswerter, aber nicht absolut genauer Regelmässigkeit wiederholen. Surge-Gletscher einer Region verhalten sich jedoch völlig unabhängig voneinander, das Schema Surge-Gletscher im
FG: Falls die Surge-Front die Gletscherzunge erreicht, stösst der Gletscher während einiger Wochen kräftig vor. Anschliessend ist der Zustand A wieder erreicht.
heisst, Surges treten nicht etwa zu einer bestimmten Zeit gehäuft auf. Auch kräftige Erdbeben im Bereich der grossen tektonischen Störungslinien in Südalaska scheinen keine Surges auszulösen.
Surge-Gletscher sind meist relativ lange Talgletscher geringer Neigung. In Nordamerika ist der Bering-Gletscher mit 200 km der längste Surge-Gletscher ( Abb.3, S.36 ). Allerdings ist der kleinste bekannte Surge-Glet-scher nur 1,7 km lang.
Der Variegated Glacier in Alaska im Die Geschichte des Variegated Glacier in den St. Elias Mountains von Alaska ( Abb.4 ) erlaubte es den Glaziologen, einen Surge für 1981 bis 1985 vorauszusagen. Ab 1973 wurde der Gletscher genau beobachtet, um nicht nur den Surge, sondern auch den Zustand des Gletschers vor Beginn des aussergewöhnlichen Bewegungsverhaltens zu untersuchen.
Der Variegated Glacier ist 20 km lang, sein mittleres Gefälle beträgt 10% und die maximale Dicke 400 m. Pro Jahr beträgt der Schneezuwachs im Nährgebiet 6 m und mehr. Messungen der Eisbewegung in den siebziger Jahren zeigten, dass der Gletscher sehr langsam floss. Von der im Nährgebiet jährlich entstehenden Eismenge floss nur etwa ein Achtel durch die Gletscherbewegung ins Zehrgebiet. Dadurch verdickte sich der obere Gletscherteil von 1973 bis 1981 um bis zu 60 m, während die Zunge gleichzeitig um 45 m dünner wurde ( vgl. Schema, Situation A—C ). Dadurch wurde natürlich die Gletscheroberfläche immer steiler, und die Eisgeschwindigkeit nahm in der Folge langsam zu ( typische Sommerwerte im Nährgebiet: 0,4-1 m/Tag, im Zehrgebiet 0,1-0,2 m/Tag; die äusserste Zunge war praktisch bewegungslos ).
Von 1979 bis 1981 beobachten die Glaziologen während der Sommermonate kurze und Zunge des Nevado-Glet-schers nach dem Surge 1985. Der Gletscher hatte einen See gestaut, der sich im Bildvordergrund Photo W Haeoei vorübergehende Geschwindigkeitszunahmen, z.B. von 0,4 auf 3 m/Tag, die man fortan als bezeichnete. Am Gletscherrand installierte Seismographen registrierten im Januar 1982 ein Rumoren im Gletscher: der Surge begann. Im oberen Gletscherbereich wuchs die Eisgeschwindigkeit bis auf 10,4 m/Tag an. Der monatelangen Beschleunigungsphase folgte aber am 26. Juni ein abrupter Rückgang der Geschwindigkeit. Der untere Gletscherteil wurde von dieser ersten Surge-Phase noch gar nicht betroffen. Das Hauptereignis hatte sich offenbar noch nicht abgespielt.
befunden hatte. In den Schutthalden links und rechts sind noch Strandlinien erkennbar.
Der Surge des Variegated Glacier 1982/83 Im Winter 1982/83 wurde die Entwicklung dramatisch. Die zweite und bedeutendere Surge-Phase begann im Oktober 1982 mit einer neuerlichen Beschleunigung der Eisbewegung. Normale Gletscher fliessen im Winter langsamer als im Sommer. Das Gleiten des Eises über das Gletscherbett wird durch Menge und Druck des im Gletscher vorhandenen Schmelzwassers beeinflusst. Im Winter gibt es zwar auch am Variegated Glacier nur wenig Wasser ( er ist aber durchwegs ( temperiert ), das heisst nicht am Bett angefroren ). Aber das System von Kanälen im Eis war anscheinend schlecht entwickelt oder verstopft, so dass der Wasserdruck stieg, die Reibung am Gletscherbett sich laufend verringerte und die Bewegung des Eises zunahm. In der nachfolgenden Maximalphase des Surges war der Wasserdruck zeitweise so gross, dass der Gletscher hydrostatisch nahezu getragen wurde, also praktisch ( schwamm ) und die Bodenreibung weitgehend verlor.
Das katastrophale Anwachsen der Eisbewegung nahm im Nährgebiet seinen Anfang und setzte sich immer weiter gletscherabwärts fort. Da aber somit im Oberteil das Eis schon schnell floss, im unteren aber zunächst noch nicht, bildete sich durch die Kompression zwischen den beiden Gebieten eine wellenförmige Verdickung aus, die die Glaziologen die nennen ( vgl. Schema, Situation D und E ). Die Surge-Front bewegte sich mit rund 80 m pro Tag gletscherabwärts. Wo sie vorbeikam, hob sich das Eis um bis zu 100 m!
Hinter der Surge-Front bot der Gletscher einen phantastischen Anblick ( vgl. Abb. 6 und 7, S.40 ). Wo man noch im Frühjahr mit Skis normal auf dem Gletscher herumgehen konnte, Tal des Rio Mendoza. Die über 100 m hohe Schotterterrasse bezeugt die rezente tektonische Hebung dieser Andenregion und die gewaltige Erosionskraft des Rio Mendoza. Die Erosionswirkung des Flusses wird bei Ausbrüchen des eisgestauten Sees nach Surges des IMevado-Glet-schers für kurze Zeit vervielfacht. Am 10. Januar 1934 flössen an dieser Stelle über 3000 m3 Wasser pro Sekunde durch, während es zur Zeit der Aufnahme rund 200 oder 300 waren.
befand sich ein Meer von Eistrümmern. Die Gletscheroberfläche wurde so unzugänglich, dass die zur Geschwindigkeitsmessung notwendigen Metallstangen nicht mehr wie üblich montiert werden konnten, sondern vom Helikopter aus auf das vollständig zerrissene Eis abgesetzt werden mussten. Berstende Seracs zerstörten sie immer wieder und veranstalteten einen weithin hörbaren Lärm.
Die Bewegungsmessungen ( Abb. 8 ) ergaben eine grösste Eisgeschwindigkeit für eine Messstange von 65 m/Tag ( während zweier Stunden am 9. Juni ). Viele Alpengletscher benötigen ein ganzes Jahr, um so weit zu fliessen. Das Eis bewegte sich übrigens keineswegs gleichmässig, sondern ruckartig. Wellen von Geschwindigkeitsspitzen konnten verfolgt werden, die sich mit etwa 600 m/Tag gletscherabwärts fortpflanzten. Wenn eine solche Welle an einem Ort vorbeikam, stieg die Geschwindigkeit beispielsweise von 40 auf 60 m/ Tag, um nachher abrupt wieder abzunehmen. Beim Zusammenbruch der Geschwindigkeitsspitzen wurde beobachtet, wie an der Gletscherzunge grosse Wassermassen austraten. Dieses Phänomen ist bei der Deutung der Surge-Vorgänge sehr wichtig: Es scheint, als würde durch die ungewöhnlich schnelle Eisbewegung das Schmelzwasser-Drainagesystem innerhalb des Gletschers immer wieder gestört: Wasserkanäle stürzen ein oder werden zusammengepresst, so dass im Gletscher der Wasserdruck vorübergehend steigt. Dadurch beschleunigt sich die Gleitbewegung des can-gehobenen> Gletschers. Durch die Reibung des Eises am Gletscherbett wird Wärme und damit noch mehr Schmelzwasser produziert. Somit beschleunigt sich das Eis erst recht. Wenn sich das Wasser aber schliesslich doch einen Ausweg verschafft, fällt der Wasserdruck und damit die Eisgeschwindigkeit.
Ein besonders heftiger Wasserausbruch begleitete das Ende des Surges des Variegated Glacier am 4./5. Juli. Inzwischen war die Surge-Front in die breite Gletscherzunge hinausgefahren ( Abb. 9, S.40 ), hatte aber rund eineinhalb Kilometer vor dem schuttbedeckten Gletscherende Halt gemacht. Gewaltige Eiswülste und Überschiebungen von bewegtem auf stagnierendes Eis zeigten die stehengebliebene Surge-Front an. Im Gebiet des Basislagers der Glaziologen war die Landschaft vollständig verändert, unter anderem hatte sich ein kleiner eisgestauter See gebildet, in dem nun Eisberge herumschwammen ( Abb. 10, S.40 ). Einzelne Messeinrichtungen, so zum Beispiel eine automatische Kamera, hatten im letzten Moment vor dem anrückenden Eis gerettet werden können.
Der Gletscher hatte Versäumtes nachgeholt: das während 19 Jahren im Nährgebiet aufgehäufte Eis war innert Monaten ins Zehrgebiet hinunter verfrachtet worden. Der obere Gletscherteil war dabei um bis zu 50 m einge-sackt, der untere um bis zu 100 m angeschwollen ( entsprechend Situation F im Schema; ein Zungenvorstoss entsprechend Situation G trat im Gegensatz zu den Surges des Nevado-Gletschers und des Vernagtferners nicht ein, da die Surge-Front vor dem Zungenende zum Stehen kam ).
Zungenbereich des 200 km langen Bering-Gletschers in den Chugach Mountains von Alaska. Er ist der grösste Surge-Gletscher Nordamerikas. Der hohe Berg links oberhalb der Mitte ist der Mount Tom White ( 3417 m ). Ganz im Hintergrund sind die Wrangell Mountains zu erkennen. ( Flugaufnahme vom 16. Juli 1983 ) Die Bedeutung der Surge-Gletscher Welchen Nutzen haben Untersuchungen über Surge-Gletscher? Selbstverständlich ist jede Prognose eines Surges wichtig, wenn die Möglichkeit besteht, dass sich wie am Ne-vado-Gletscher ein eisgestauter See bilden kann, oder wenn sich im Gletschervorfeld Bauten oder Verkehrswege befinden. Beispielsweise ist es denkbar, dass bei einem neuerlichen Surge des Black Rapids Glacier ( Alaska Range ) die Transalaska-Pipeline überfahren werden könnte. Wie die Tabelle zeigt, ist die Periodizität sich wiederholender Surges nicht perfekt. Gefährliche Surge-Gletscher müssen somit laufend beobachtet und ein sich anbahnender Surge frühzeitig erkannt werden.
Auch Gletscher, die keine Surges durchmachen, verändern sich. Zungenvorstoss oder Rückzug werden durch veränderte Schneezu-fuhr und Eisverlust durch Ablation verursacht. Dabei spielt der Eisfluss vom Nährgebiet ins Zehrgebiet und damit Gleitvorgänge am Gletscherbett eine wichtige Rolle. Bei Prognosen zukünftigen Gletscherverhaltens muss man somit nicht nur über das Klima, sondern auch über Eismechanik Bescheid wissen. Das Gleiten des Eises kann bei Surges gleichsam im Extremzustand untersucht werden.
St. Elias Mountains bei der Yakutat Bay, Alaska - Übersichtsaufnahme vom 15. Juli 1983. Im mittleren Hintergrund fliesst der rund 8 km breite Hubbard Glacier ins Meer. Der Variegated Glacier ist der Talgletscher rechts davon. Im Bildvordergrund erkennt man eine rezente Schotterflur ( Mitte ) und ältere End- Extrem schnelles Gleiten des Eises kann auch Tage oder Wochen vor dem Abbruch grosser Eislawinen auftreten ( vgl. DIE ALPEN, QH 111/85 ). Es lassen sich Parallelen ziehen zwischen Surges und sogenannten bei steilen Gletschern, die Eislawinenniedergängen vorausgehen können.
Nachtrag:
Surge des Hubbard Glacier 1986 Nach der Fertigstellung des Manuskriptes für diesen Beitrag ereignete sich in unmittelbarer Nähe des Variegated Glacier ein weiterer Surge. Da die Auswirkungen auf die Landschaft ausserordentlich gross sind, soll die Situation kurz beschrieben werden:
In der ersten Jahreshälfte 1986 wurde ein massiver Vorstoss des Hubbard Glacier registriert. Dieser Gletscher ist der längste Talgletscher Nordamerikas ( 150 km ). Mit einer 10 km breiten und bis zu 100 m hohen Eisfront endet er in der Disenchantment Bay, der nördlichen Fortsetzung der Yakutat Bay ( vgl. Abb. 4 ). Es sind ältere, grosse Veränderungen der Zungenposition bekannt. Nach einem Zungenrückzug im 19. Jahrhundert stiess der Hub- moränen ( rechts unten ) des Malaspina Glacier, der wahrscheinlich ebenfalls gelegentlich Surges durchmacht.
bard Glacier im 20. Jahrhundert wieder vor. Es war vorauszusehen, dass bei einem anhaltenden Gletschervorstoss der seitlich in die Disenchantment Bay einmündende Rüssel Fjord vom Meer abgeschnitten würde.
Wie Abb. 5 ( S. 38-39 ) zeigt, war die Verbindung zwischen Rüssel Fjord ( links oben ) und Disenchantment Bay im Juli 1983 noch offen, wenn auch sehr schmal. Enorme Gezeiten-strömungen flössen durch die schmalen Verbindungen und rissen herumschwimmende Eisberge hin und her. Der 1986er Surge des Hubbard Glacier bewirkte offenbar einen derart raschen Vorstoss, dass die Erosionswirkung der Gezeitenströme die Wasserverbin-dung nicht mehr offenhalten konnte und die Lücke sich schloss.
Der ehemalige Rüssel Fjord ist nun ein 50 km langer See. Sein vorerst noch salziges Wasser wird durch Niederschlag und Schmelzwasser der Gletscher laufend verdünnt. Seit dem Beginn des Surge im März bis Details der Eisoberfläche nach dem Surge ( 13. Juli 1983 ).
Der Variegated Glacier ist an dieser Stelle 700 m breit. Nach dem Surge ( Aufnahme vom 13. Juli 1983 ) ist das Eis völlig aufgebrochen. Noch im Mai konnte dieser Teil des Gletschers problemlos zu Fuss begangen werden. ( Der Schleier von P. Alean dient zur Abwehr von Mücken. ) Messen der Eisgeschwindigkeit. Das elektrisch betriebene Di-stanz- und Winkelmess-gerät unter dem Sonnenschirm wird von Solarzellen ( rechts am Boden ) gespeist, die auch bei bedecktem Himmel noch ausreichend Strom liefern.
Im Zungenbereich des Variegated Glacier ( 13. Juli 1983 ). Sowohl links als auch rechts im Bild befindet sich schuttbedecktes Eis des Gletschers. Rechts wurde jedoch das Eis noch von der Surge-Bewegung er- fasst, vorwärtsgestos-sen und auf stagnierendes Eis ( links ) aufgeschoben. Die markante Stufe oberhalb der Beobachterin ist die stehengebliebene Surge-Front.
Mitte August stieg der Wasserspiegel im Rüssel Lake um fast 17 m an. Im See sind zahlreiche Meeressäugetiere gefangen, die in Süsswasser nicht leben können. In einer Rettungsaktion versuchen Umweltschützer, Tümmler und Seehunde im Rüssel Lake einzufangen, um sie ins offene Meer zu befördern. Seelöwen und einzelnen Seehunden gelang es sogar, aus eigener Kraft eine Moräne zwischen Disenchantment Bay und Rüssel Lake zu überwinden.
Die weitere Entwicklung beim Rüssel Lake kann auf zweierlei Arten erfolgen: Würde der Hubbard Glacier nicht mehr weiter vorstos- Durch den Surge des Variegated Glacier wurde ein kleiner eisgestauter See gebildet. Die Zelte der Glaziologen erkennt man auf der Seitenmoräne rechts. ( Flugaufnahme vom 11. Juli 1983 ) sen, könnte der Eisdamm brechen, und es käme zu einem kolossalen Ausbruch des eisgestauten Sees in die Disenchantment Bay. Bleibt die Eisbarriere aber erhalten und wird noch dicker, könnte der Rüssel Lake bei einem Anstieg des Wasserspiegels um 50 oder 60 m schliesslich südwärts über das Yakutat Foreland direkt in den Golf von Alaska ausfliessen. Dabei ginge viel wertvoller Nadelwald verloren, und möglicherweise wäre der Flugplatz, im schlimmsten Fall sogar die Siedlung Yakutat selber gefährdet. Derzeit wird das kritische Gebiet genau kartiert und der Hubbard Glacier natürlich laufend beobachtet. Somit ist ausgeschlossen, dass die Einwohner Yakutats von einer plötzlich eintretenden, vom Hubbard Glacier verursachten Katastrophe überrascht werden.
( Literatur u.a.: Gemmel, C, 1986: Alaska's galloping glacier. New Scientist Nr. 1528, 2. Okt. 1986, p. 22 und 23. ) Die in diesem Bericht verwendeten Zahlenangaben stammen weitgehend aus folgenden Quellen:
Helbling, R. ( 1950 ): Ausbruch eines Gletschersees in den argentinischen Anden und aussergewöhnliehe Gletscherschwankungen im allgemeinen. Schweizerische Bauzeitung Bd.115, Nr.11.
Hoinkes, H. C. ( 1969 ): Surges of the Vernagtferner in the Oetztal Alps since 1599. Canadian Journal of Earth Sciences, Vol.6, Nr.4 ., p.853-861.
Kamb, B., et al. ( 1985 ): Glacier Surge Mechanism: 1982-1983 Surge of Variegated Glacier, Alaska. Science, Vol.227, Nr.4686, p.469-479 ( von Kamb, B.; Raymond, CF.; Harrison, W. D.; Engelhardt, H.; Echelmeyer, K. A.; Humphrey, N.; Brugman, M. M.; Pfeffer, T. ).
Paterson, W. S. B. ( 1981 ): The Physics of Glaciers ( 2nd ed. ). Pergamon Press.