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Napoleon Bonaparte ging sehr strategisch vor. Nicht das ganze Gebiet der Schweiz interessierte ihn gleich stark, als er Ende des 18. Jahrhunderts sein Einflussgebiet auch auf die Schweiz ausdehnte und 1798 schliesslich mit der Armee einmarschierte. Er annektierte Genf, die Jura-Region und später das Wallis, die damit zu einem Teil Frankreichs wurden.
Die restliche Schweiz formierte sich unter seinem Einfluss zur «Helvetischen Republik», einer Schwesterrepublik nach französischem Vorbild. Die französischen Gesetze wurden dort aber nicht gleich konsequent umgesetzt wie in den annektierten Regionen.
Umfassende Reform
Das Wallis war nur kurze Zeit Teil von Napoleons Reich und hat die französischen Gesetze damals nicht eingeführt. «Der Jura und Genf aber erlebten eine tiefgreifende Reform ihres Rechtssystems», sagt Jan-Aaron Klaassen. Der Ökonom untersucht mit der Unterstützung des Forschungskredites der UZH in seiner Dissertation die Auswirkungen der neuen rechtlichen Ordnung.
Napoleon ersetzte die bisherige Ständegesellschaft und das Zunftsystem im Jura und in Genf durch eine am Römischen Recht orientierte, einheitliche Rechtsordnung: Ein neues Zivil- und Handelsrecht garantierte fortan mehr wirtschaftliche Freiheit, grössere Gleichheit unter den Bürgern und sorgte für mehr Rechtssicherheit.
Das Napoleonische Regime war nur von kurzer Dauer. Nach wenigen Jahren bürgerkriegsähnlicher Zustände scheiterte die «Helvetische Republik». Mit der Niederlage der französischen Truppen um 1813 waren die Schweizer wieder vollständig souverän. Die annektierten Gebiete gingen an die Schweiz zurück, behielten die französische Rechtsordnung aber weitgehend bei.
Weil die meisten anderen Schweizer Kantone das neue Recht erst im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen, hatten Genf und der Jura einen Vorsprung in der Umsetzung eines modernen Privat- und Handelsrechts.
Die Geschichte als Experiment
Klaassen geht der Frage nach, wie sich dieser Vorsprung in der Rechtsentwicklung auf die Wirtschaft auswirkte. Er stellt am Beispiel der Region Jura fest, dass diese im Vergleich zur restlichen Schweiz ein stärkeres Bevölkerungswachstum und eine überdurchschnittliche Vergrösserung der Städte erlebte. Zudem wies der Jura in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen sehr hohen Anteil Industriearbeiter an der erwerbstätigen Bevölkerung auf. Besonders florierte im Jura damals die Uhrenindustrie.
Die drei Variablen – Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Anteil Industriearbeiter – eignen sich gemäss Klaassen als Ersatz für damals noch nicht existente Kenngrössen wie das Bruttoinlandprodukt, um das Wirtschaftswachstum zu messen.
Passend zur Hypothese lassen sich die gefundenen Unterschiede zwar im 19. Jahrhundert nachweisen, sind aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr sichtbar. Inzwischen hatten auch die anderen Schweizer Kantone das neue Recht übernommen.
Entscheidende Rahmenbedingungen
Klaassen hat die wirtschaftliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts erstmals auf der Ebene der einzelnen Bezirke des Jura analysiert. Dies war nötig, da die französische Annexion nicht mit den Kantonsgrenzen übereinstimmte. Der Ökonom berücksichtigte auch die unterschiedlichen ökonomischen und geographischen Startbedingungen und mögliche Einflussfaktoren wie die Sprach- und Religionszugehörigkeit der Bevölkerung, die sich von Bezirk zu Bezirk unterschieden.
Mit seiner Arbeit hat Jan-Aaron Klaassen eine der Hauptthesen der so genannten Institutionenökonomik getestet. Diese Schule innerhalb der ökonomischen Theorie geht davon aus, dass die ökonomische Entwicklung vor allem durch die Rahmenbedingungen in Recht und Politik geprägt wird.
Experimente zur Prüfung dieser These sind in der Gegenwart selten möglich. Umso willkommener ist eine historische Situation, die zu einem plötzlichen, radikalen Wandel des Rechtssystems führte, während die benachbarten Gebiete über Jahrzehnte mit dem alten Rechtssystem weiterarbeiteten.
Ohne «Störfaktoren»
Bereits gut untersucht sind in der Wirtschaftsgeschichte die Gebiete, die von Frankreich in Deutschland annektiert worden waren (Pfalz, Rheinland, Königreich Westfalen). Diese Region erlebte nach Einführung des französischen Rechts ebenfalls einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dort haben allerdings auch die reichen Kohlevorkommen und die günstigen Transportwege des Rheins die wirtschaftliche Entwicklung massgeblich begünstigt.
Am Beispiel der rohstoffarmen Schweiz und insbesondere der damals ärmlichen Region des Jura konnte Klaassen den Einfluss der veränderten Rechtsordnung ohne diese «Störfaktoren» untersuchen. Im verbleibenden Jahr seines Doktorats will er weitere Auswirkungen der französischen Annexion untersuchen.
Mit Zwang zum Erfolg
Schon jetzt liefert die Analyse von Klaassen Argumente für eine in der Entwicklungsökonomie umstrittene These: Auch eine von aussen aufgezwungene neue Ordnung kann sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Das neue französische Recht war Teilen der Schweiz damals – gegen zum Teil massiven Widerstand — aufoktroyiert worden.
Welche politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung heutzutage förderlich sind, darüber wird in der politischen Diskussion heftig gestritten. Mit Blick auf die Schweiz des 19. Jahrhunderts ist für Klaassen aber offensichtlich, dass die damals neue Rechtssicherheit und Wirtschaftsfreiheit Vorteile für die ökonomische Entwicklung brachten.
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