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Hermann Kesten: Literat und Weltbürger
Nur Kenner der Literatur wissen heute noch, wer Hermann Kesten war. Das ist ein fast nicht zu begreifender Kontrast zu der Bekanntheit, die Kesten bis in die 1970er Jahre im deutschen Sprachraum hatte. Man kannte ihn wie Erich Kästner, Thomas und Heinrich Mann oder wie Joseph Roth, den Hermann Kesten übrigens erst berühmt machte.
Glanz und Elend
Es ist ein Glücksfall, dass Albert M. Debrunner die Biographie von Hermann Kesten wie einen Spiegel auf das vergangene Jahrhundert gerichtet hat. Je mehr man von Kesten erfährt, desto mehr spürt man den Puls seiner Zeit.
Glanz und Elend prägten schon Kestens Kindheit. Er kam im Jahr 1900 in einer galizischen Kleinstadt zur Welt. Sein Vater war ein recht erfolgreicher Kaufmann, so dass die Familie sich einen Traum erfüllen konnte, den damals viele Ostjuden hatten: in den Westen zu ziehen, in diesem Fall nach Nürnberg. Am Ende des 1. Weltkriegs verstarb sein Vater in einem Lazarett in Lublin (Polen). Hermann Kesten hat unter diesem Verlust unsäglich gelitten.
Ort der Verlorenen
Die Nachkriegsjahre waren durch wirtschaftliche Not geprägt. Kesten studierte zunächst Jura und Nationalökonomie, wandte sich dann aber den Geisteswissenschaften zu. Einige Jahre unterstütze er seine Mutter bei ihrer Arbeit im Trödelhandel.
1926 konnte er eine erste Novelle in der Frankfurter Zeitung veröffentlichen. 1927 trat er eine Stelle als Lektor im Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin an. 1928 erschien sein erster Roman, „Josef sucht die Freiheit“. Der eigentliche Ehrgeiz lag aber darin, für das Theater zu schreiben. Zeitweilig arbeitete er mit Ernst Toller zusammen. Weil dabei aber der grosse Erfolg ausblieb, gab Kesten dieses Vorhaben auf.
Ausführlich schildert Albert Debrunner, wie Hermann Kesten seine Autoren förderte und wie er selbst in Cafés unermüdlich schrieb. Es war eine kulturell vibrierende Szene, aber sie war von der aufziehenden Naziherrschaft überschattet. Berlin war für Kesten zwar der Ort, an den er als Literat gehörte, aber zugleich auch ein Ort der Verlorenen.
Verpflichtendes Engagement
Für Kesten und die meisten seiner Freunde war Literatur nicht l´art pour l´art. Es ging um Wahrheit, um Gerechtigkeit, um ethische Perspektiven. Literatur ohne Engagement war für Kesten verwerflich. Als die Nazis an die Macht kamen, gehörte er zusammen mit seiner Frau zu den ersten Emigranten.
Zunächst ging er nach Paris, hin und wieder nach Sanary-sur-Mer, wo sich zahlreiche exilierte Schriftsteller aufhielten. In Nizza wohnte er zeitweilig mit Josef Roth und Heinrich Mann unter einem Dach. Aber er reiste auch nach Amsterdam und London, wo er sich wegen seiner mangelnden Englischkenntnisse und des Fehlens jeglicher Cafés überhaupt nicht wohlfühlte. Dazu das Wetter!
Internierung
Gerne wäre er wieder nach Nizza gereist, aber dafür fehlte das Geld, obwohl er auch im Exil literarisch aktiv war und zusammen mit Walter Landauer die deutsche Abteilung des holländischen Verlags Allert de Lange leitete.
Als die Deutschen Frankreich überfielen, wurde Hermann Kesten in französischen Lagern interniert. Debrunner schildert die Schikanen, die Kesten und seine Leidensgesossen zu erdulden hatten. Kesten hatte aber Glück und kam aufgrund der Intervention prominenter Freunde bald wieder frei. Seine Frau und er wollten nach Amerika, aber zunächst bekam nur Hermann Kesten ein Visum. Seine Frau wurde ebenfalls unter schauderhaften Bedingungen in ein Lager in den Pyrenäen gesperrt. Später konnte sie ihm nachfolgen.
Retten als Passion
In Amerika arbeite Hermann Kesten im „Emergency Rescue Committee“ an der Rettung seiner deutschen Schriftstellerkollegen. Debrunner schreibt, dass er dabei Aufgaben übernahm, die Thomas Mann aufgrund seiner starken Belastung delegieren musste. Hier entfaltete sich einmal mehr das „Genie der Freundschaft“ Hermann Kestens. Nicht jeder Gerette wusste dies allerdings zu danken.
Debrunner erzählt eine hübsche Anekdote: Hermann Kesten hatte Differenzen mit Bertolt Brecht, die in der Literaturszene bekannt waren. Bei einer Einladung fragte ein besorgter Gastgeber Kesten, ob es ihm etwas ausmache, auch Brecht zu begegnen. Überhaupt nicht, meinte er, schliesslich verdanke Brecht ihm sein Leben.
Die alten Schergen
Der eindrucksvollste Teil dieser ausführlichen und mit vielen Illustrationen schön gestalteten Biographie handelt von der Nachkriegszeit. Denn Hermann Kesten war keine Heimkehr vergönnt. Das hing nicht nur damit zusammen, dass das Nürnberg seiner Kindheit hoffnungslos in Schutt und Asche lag. Vielmehr war Nürnberg der Ort der Reichsparteitage und der Ort der Rassengesetze, und dieses Odium war nicht vergangen. In den Trümmern lebten noch zu viele, die innerlich Nazis geblieben waren.
An der Biographie Kestens wird noch einmal deutlich, wie stark die Bundesrepublik von alten Nazis geprägt war. Und was Kesten ganz besonders empörte: Schriftsteller, die sich den Nazis angedient hatten, wurden nicht etwa geächtet, sondern konnten weiterschreiben wie bisher. Das galt unter anderem für Ina Seidel, Hans Carossa und Hans Grimm. Mit besonderem Abscheu bedachte Kesten Gottfried Benn, der für ihn den „geistigen und moralischen Bankrott der Nation“ verkörperte. Aber auch an dem „Kriegsverherrlicher“ Ernst Jünger liess er kein gutes Haar.
Generationenkonflikt
Eine besondere Tragik liegt darin, dass Hermann Kesten keinen Draht fand zur jungen Schriftstellergeneration, die zu einem erheblichen Teil in der „Gruppe 47“ zusammengefunden hatte. Im Laufe der Zeit stiess Kesten auf immer heftigere Ablehnung. Man sah in ihm einen verbitterten Emigranten, der die Zeichen der Zeit nicht mehr recht zu deuten wusste.
An den Ausführungen Debrunners wird klar, dass es sich dabei auch um einen klassischen Generationenkonflikt handelte. Kesten war in der Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwurzelt und er war, wie Debrunner schreibt, aufgrund seiner literarischen Bildung der nachwachsenden Generation haushoch überlegen. Wie gebildet Kesten war, hat er unter anderem mit seinen romanhaften Biographien von den spanischen Herrschern, Ferdinand und Isabella (1936) und König Philipp II. von Spanien (1938), über „Copernicus und seine Welt“ (1948) und seine Schilderungen des Lebens von Giacomo Casanova (1952) unter Beweis gestellt.
Rom
Stilistisch ist Kesten übrigens in keiner Weise angestaubt. Man kann ihn heute noch mit grösstem Vergnügen lesen. Doch begann sein literarischer Stern ab den 1960er Jahren zu sinken. Erhoffte Erfolge stellten sich nicht ein, und Kesten wurde klar, dass er sich auf die Schriftsteller seiner Generation konzentrieren musste. Auf diese Weise entstanden eindrucksvolle Sammlungen von Porträts.
Wo aber leben? 1949 erhielt Hermann Kesten den amerikanischen Pass, aber das Ehepaar Kesten zog es nach Europa. Von 1953 bis 1977 lebten sie in Rom. Diese Stadt war für sie zunächst der Inbegriff des Glücks. In den 1970er Jahren veränderte sich die Stadt zum Negativen, und sie zogen wieder nach New York.
Ehrungen
Auch wenn die literarischen Erfolge nachliessen und Kesten aufgrund eines heftigen Disputs mit Uwe Johnson während einer öffentlichen Diskussion in Rom und seines darauf folgenden äusserst ungeschickten Verhaltens zum Teil in Verruf geraten war, konnte er sich über mangelnde Anerkennung nicht beklagen. Von 1972 bis 1976 war Kesten Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und erwarb sich Verdienste durch sein Engagement für verfolgte Schriftsteller. 1974 erhielt er mit dem Georg-Büchner-Preis die höchste literarische Auszeichnung Deutschlands, und 1977 zeichnete ihn die Stadt Dortmund mit dem Nelly-Sachs-Kulturpreis aus. Dazu kamen Ehrendoktorate der Universität Erlangen-Nürnberg und der Freien Universität Berlin. 1980 erhielt Kesten die Ehrenbürgerschaft der Stadt Nürnberg. Hermann Kesten verstarb 1996 in einem Altersheim in Basel.
Die Biographie von Albert M. Debrunner ist wie ein Hologramm des 20. Jahrhunderts. Denn Hermann Kesten verkörpert den Glanz und das Elend seiner Zeit. Sie regt dazu an, einige der neu aufgelegten Bücher von Hermann Kesten zu lesen.
Albert M. Debrunner: „Zu Hause im 20. Jahrhundert“ – Hermann Kesten: Biographie, 412 Seiten, Nimbus Verlag, Kunst und Bücher, Wädenswil 2017.