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Eine Schilddrüsenunterfunktion hat Auswirkungen auf zahlreiche Abläufe im menschlichen Körper. Steht die Diagnose fest und sind Betroffene therapeutisch gut eingestellt, ist eine hohe Lebensqualität trotz Erkrankung möglich.
Im Hals, knapp unterhalb vom Schildknorpel des Kehlkopfs, liegt die Schilddrüse an der Vorderwand der Luftröhre. Zwei Seitenlappen sind durch die sogenannte Gewebebrücke miteinander verbunden und bilden die Form eines Schmetterlings. Die Glandula thyreoidea, wie die Schilddrüse im Fachjargon heisst, ist lebensnotwendig. Die von ihr produzierten Hormone steuern verschiedene überlebenswichtige Prozesse im menschlichen Körper. Dazu gehören die Herzaktivität und der Blutdruck, viele Stoffwechselvorgänge, die Hirnaktivität und die Psyche, die Verdauung und die Darmtätigkeit sowie das Wachstum und die Entwicklung von Ungeborenen und in der Kindheit. Gesteuert wird die Hormonproduktion aus dem Gehirn bzw. der Hirnanhangdrüse. Für eine gesunde Funktion benötigt die Schilddrüse Jod – der menschliche Körper kann das Spurenelement nicht selbst produzieren und auch nur begrenzt speichern. Das benötigte Jod muss also über die Nahrung zugefügt werden.
Mangelnde Produktion von Hormonen
In der Schweiz leiden 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung an einer Unterfunktion der Schilddrüse, auch Hypothyreose genannt. Von der Hypothyreose sind Frauen viermal häufiger betroffen als Männer. Die weitaus häufigste Form in der Schweiz ist die primäre Form. In den meisten Fällen ist die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis deren Grund: eine Fehlregulierung des Immunsystems, die eine anhaltende Entzündung der Schilddrüse mit sich bringt. Das Gewebe wird nach und nach zerstört, wodurch die Schilddrüse immer weniger Hormone bilden kann. Weitere häufige Ursachen einer Unterfunktion sind Strahlentherapien im Kopf- und Halsbereich, anderweitig bedingte Entzündungen der Schilddrüse oder chronischer Jodmangel. Angeboren ist eine Hypothyreose eher selten, dennoch werden routinemässig die Werte bei Neugeborenen geprüft.
Alles verlangsamt sich
Die Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion sind unspezifisch. Durch die verminderte Produktion an Schilddrüsenhormonen werden zahlreiche Prozesse im Körper entschleunigt. Das zeigt sich in Form von Müdigkeit und fehlender Energie, leichter bis mässiger Gewichtszunahme, Konzentrationsschwäche, trockener Haut, Wassereinlagerungen, Haarausfall, Libidoverlust oder kalten Armen und Beinen. Als sichtbares Merkmal gilt die Struma, umgangssprachlich Kropf, sie entsteht am häufigsten aufgrund eines Jodmangels (siehe Box). Die Anzeichen treten selten miteinander auf und werden oft erst symptomatisch therapiert, wodurch die Schilddrüsenunterfunktion nicht sofort festgestellt wird. Dabei ist die Erkennung einer Hypothyreose über das Blutbild möglich, die Hausärztin oder der Hausarzt kann die Werte bei einer Routineuntersuchung feststellen.
Jodreiche Ernährung und Hormonersatz
Mit einer ausgewogenen Ernährung wird die Schilddrüse in ihrer Funktion unterstützt. Wichtig sind dabei die beiden Spurenelemente Jod und Selen. Viel Jod ist in Meeresfrüchten, Milchprodukten und Eiern enthalten sowie in Spinat, Broccoli und Nüssen. Paranüsse, Kokosnuss, Thunfisch, Eier, weisse Bohnen und Rosenkohl sind gute Selenlieferanten. Stress und Nikotin können sich hingegen negativ auf die Hormonproduktion der Schilddrüse auswirken. Eine primäre Hypothyreose wird in der Regel mit einem Hormonersatz behandelt, eine lebenslange Therapie ist unumgänglich. Dabei wird ein Medikament mit dem Wirkstoff Levothyroxin zugeführt, ein künstliches Hormon, das wie das fehlende, körpereigene Hormon der Schilddrüse, Thyroxin, wirkt. Die Einnahme erfolgt am Morgen auf nüchternen Magen, weil dann die Bioverfügbarkeit besonders gut ist. Eingriffen in das endokrine System (Hormonsystem) gehen in jedem Fall eine sorgfältige Abklärung und regelmässige Messung voraus. Auf dieser Basis bestimmt die Ärztin oder der Arzt die Dosis und legt einen Therapieplan fest. Wer gut eingestellt ist, geniesst trotz Schilddrüsenunterfunktion eine hohe Lebensqualität. Mit den heutigen Mitteln ist es gar möglich, ganz ohne Schilddrüse zu leben. Die Fachpersonen in der Apotheke beraten rund um die Ernährung und die korrekte Einnahme von Schilddrüsenhormon-Präparaten.
Jodtabletten und Kernkraftwerke
Bei einem Kernkraftwerk-Unfall kann radioaktives Jod in die Umgebung austreten. Wenn man dieses einatmet, über Essen oder Getränke einnimmt, besteht die Gefahr, dass es sich in der Schilddrüse anreichert. Als Folge davon ist langfristig die Entstehung von Schilddrüsenkrebs möglich. Rechtzeitig eingenommene Jodtabletten schützen einzig vor der Aufnahme von radioaktivem Jod und dessen Anreicherung in der Schilddrüse. Jodtabletten werden alle zehn Jahre an Schweizer Haushalte abgegeben, die im Umkreis von 50 km eines Schweizer Kernkraftwerks liegen. In den Gebieten ausserhalb dieses Bereichs sorgen die Kantone für die Lagerung der Jodtabletten, damit sie im Ereignisfall die Bevölkerung versorgen können. Die Jodtabletten sollte man keinesfalls vorbeugend einnehmen.
Annalise Foletti
Eidg. dipl. Apothekerin und Co-Betriebsleiterin
Was ist bei der Einnahme von Schilddrüsenhormon-Präparaten zu beachten?
Die Aufnahme dieser Medikamente wird durch gewisse Lebensmittel beeinträchtigt. Deshalb sollten sie nur mit Leitungswasser und mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück eingenommen werden. Wenn die Einnahme am Morgen nicht möglich ist, kann sie auch unmittelbar vor dem Schlafengehen, mindestens zwei Stunden nach der letzten Mahlzeit erfolgen. Eine Einnahme immer zum gleichen Zeitpunkt und unter den gleichen Bedingungen (nüchtern) ist wichtig, um einen stabilen Hormonspiegel zu erreichen. Es kann auch zu Wechselwirkungen mit Bestandteilen von Nahrungsmitteln (z. B. Milch), anderen Medikamenten und Multivitaminpräparaten kommen, manche vermindern die Wirkung der Schilddrüsenhormon-Präparate. Solche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel müssen in einem Abstand von mindestens zwei Stunden zu den Schilddrüsenhormon-Präparaten eingenommen werden. In der Apotheke geben wir gerne detailliert Auskunft.
Wie äussert sich eine Schilddrüsenüberfunktion?
Anders als bei der Unterfunktion läuft der Stoffwechsel bei einer Hyperthyreose auf Hochtouren. Symptome sind Nervosität, Unruhe und Gereiztheit, vermehrtes Schwitzen und warm-feuchte Haut, Zittern, Schlaflosigkeit sowie Bluthochdruck. Auch hier sind die Anzeichen unspezifisch und treten selten miteinander auf.
Was passiert bei einer Überdosierung von Jod?
Manche Nahrungsergänzungsmittel enthalten Jod. Die tägliche Einnahme kann problematisch sein, wenn sie mehr als 1 Milligramm Jod enthalten. Wer dauerhaft zu viel Jod zu sich nimmt, erhöht das Risiko einer Schilddrüsenüberfunktion. Eine Überdosierung durch Lebensmittel ist kaum möglich. Eine Ausnahme sind getrocknete Algen, insbesondere Seetang.
Kretinismus in der Schweiz
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Kretinismus in der Schweiz weitverbreitet. Davon betroffene Menschen litten aufgrund eines Jodmangels an einer Entwicklungsstörung, die zu Kleinwuchs und geistiger Behinderung führte. Viele hatten einen Kropf in teilweise grotesken Dimensionen. Kretinismus war insbesondere in Bergregionen verbreitet, da die dortigen Böden arm an Jod sind und die lokalen Nahrungsmittel deswegen kaum Jod enthalten. Es dauerte lange, bis man erkannte, dass das Krankheitsbild auf Jodmangel zurückzuführen war. Der Chirurg Hans Eggenberger aus Herisau sammelte Unterschriften, um den Verkauf von jodiertem Salz zu ermöglichen. Seit 1922 ist es erhältlich, bereits nach einigen Jahren Salzjodierung waren Erfolge dieser Massnahme sichtbar. Salz wird zur Jodversorgung verwendet, weil es kostengünstig ist und über das ganze Jahr konsumiert wird. Zudem ist das technologische Verfahren zur Anreicherung einfach.