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4. In seine Haut schlüpfen
Treten Sie jetzt selber auf die Bühne, an die Stelle, wo Ihr Patient steht, und schlüpfen Sie Schritt für Schritt in seine Haut, so dass Sie sich – in assoziierter Form – in seine Befindlichkeit gewissermassen einschleichen, sich dabei immer aufmerksam fragend: "Wie geht es mir dabei?". Hierzu können Sie wieder die obige Liste von Fragen verfolgen.
• Stellen Sie sich genau an den Ort, wo er steht, mit derselben Umgebung um sich herum. Schauen Sie um sich herum. Wie fühlen Sie sich dort, umgeben von dieser Kulisse? Oder hat sich diese jetzt gerade geändert? Das wäre ja interessant.
• Nehmen Sie in Gedanken möglichst konkret und exakt seine Körpergrösse und seine Körperhaltung ein, und versuchen Sie dabei physisch zu spüren, wie sich eine solche Pose auf Ihr Befinden auswirkt. Bewegen Sie sich in der gleichen Art wie er – sei es rein mental oder andeutungsweise auch körperlich – und seien Sie neugierig, was das in Ihnen auslöst.
• Versuchen Sie zu spüren, wie sich seine Schmerzen auf Ihr Gemüt auswirken.
• Versuchen Sie, dieselbe (vielleicht auch fehlende) Bühnenpräsenz herzustellen. Wie fühlt sich das an?
• Ziehen Sie sich seine Kleider an. Wie wohl fühlen Sie sich dabei? Oder weshalb würden Sie sich nie so kleiden?
• Äffen Sie ungeniert seine Mimik nach. Versuchen Sie aber dabei respektvoll nachzuempfinden, wie man sich eigentlich fühlt, wenn man diesen Ausdruck nach aussen trägt: Wie würde sich seine Haken- oder Stupsnase in Ihrem Gesicht nach innen und nach aussen auswirken? Stellen Sie sich vor, Sie hätten links und rechts seine abstehenden Ohren oder sein fliehendes Kinn.
• Was müssten Sie ausdrücken wollen, um sich seinen borstigen Schnurrbart wachsen zu lassen oder um sich eine Frisur wie die seine zu komponieren? Oder schauen Sie einmal durch seine dicke Hornbrille in die Welt.
• Wie fühlen Sie sich mit seinen zusammengekniffenen, oder weit aufgerissenen oder seinen ausdruckslos müden Augen im Gesicht?
• Wie gefallen Sie sich mit seiner tiefen, vollen, oder mit seiner piepsenden, oder dünnen, tonlosen Stimme? Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie versuchen, in seinem Tonfall, mit seiner Monotonie oder mit seiner verworrenen oder kargen Formulierungsart zu reden?
• Schliesslich, würden Sie sich mit seiner natürlichen oder künstlichen Ausdünstung wohl fühlen?
• Was geschieht in Ihnen, wenn Sie sich selber (die Person, die Sie in Wirklichkeit sind) ganz konkret durch seine Augen mustern?
Dies war nun quasi ein umfangreicher "Immersionsunterricht" in seine Lebenslage. Vielleicht können Sie ihn nun besser verstehen, vielleicht haben Sie ihn jetzt gefühlsmässig eine Spur präziser erfasst. Doch als heimlichen Nebeneffekt haben Sie auch eine Menge über sich selber erfahren …
5. Die Gretchenfrage
Aus dieser sehr intimen Identifikation mit dem Patienten heraus ergibt sich die nächste, die wegweisende Doppelfrage:
- "Wie geht es mir in seiner Lage?" Natürlich wird Ihre Empfindung nicht zwingend eins zu eins die sein, wie es dem Patienten in Wirklichkeit ergeht. Aber Sie haben sich an seine Gemütslage so nahe herangepirscht, wie es sonst kaum möglich ist.
- Aus dieser veränderten Perspektive stellen Sie sich jetzt die zentrale Frage: "Was wünsche ich mir, was brauche ich, was erwarte ich von diesem Arzt eigentlich?" (gemeint sind Sie!). Genau genommen stellen Sie sich diese Frage selber, aber aus der ganz speziellen Optik der Identifikation heraus.
Achten Sie sich, dass Sie beide Fragen in möglichst authentischer Weise als "Patient" stellen, und nicht mit einer bestimmten, eigenen Erwartung. Seien Sie dabei nur neugierig, was herauskommt. Die Antworten konfrontieren Sie vielleicht damit, dass die Erwartungen Ihres Patienten nicht genau mit Ihren Vorstellungen übereinstimmen. Dann wird es richtig spannend und bereichernd. Es kann aber auch sein, dass Sie die Bestätigung erhalten, richtig zu liegen. Dann wird Ihnen noch deutlicher, was auf diesem Weg weiterhin zu tun ist.
6. … schliesslich die nicht unwichtige, letzte Frage
Kehren Sie nun in Ihre "Originalform" zurück, in den Arzt bzw. in den Therapeuten, und erspüren Sie nun, wie die so gewonnenen Erwartungen an Sie als Therapeut bei Ihnen ankommen. Berührt? Erschüttert? Beunruhigt? Ermutigt? Angewidert? Traurig? ... Je unerwarteter Ihre Reaktion desto fruchtbarer. Dies darf Sie aber nicht verunsichern, denn diese Übung hat Ihre therapeutische Kreativität so stimuliert und entfesselt, dass sie gewappnet ist, einer neuen Situation eine neue Antwort zu liefern.