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Plumpe Analogien
Am 5. April 2016 wurde der neue Tunnelbahnhof Châtelet-Les Halles mit Canopée (dt: Überdachung), entworfen von den Architekten Jacques Anziutti und Patrick Berger, eingeweiht. Das Bauwerk – ein Mix aus Bahnhof und Shoppingmall mit einem Wert von einer Milliarde Euro öffnet sich in einer städtebaulich einladenden Geste zum (noch zu gestaltenden) Forum. Trotz allen Ringens der Gestalter um geschichtliche, kulturelle oder emotionale Verankerung nimmt der Ersatzneubau wenig Bezug auf seinen Kontext und steht als Solitär ohne überzeugenden Narrativ und Fantasie deplatziert da.
Text: Anna Valentiny – 6.6.2016
Ein Ort voller Geschichten
Als Émile Zola 1873 den Weg zum Grossmarkt Halles Centrales in seinem Buch Le Ventre de Paris beschrieb, war seine Erzählung von einem romantisierenden, wenn auch nie naïven Erzählton geprägt. Schon damals analysierte der Schriftsteller, der sich Jahre später mit Germinal einen Namen als Sprecher des Proletariats machen sollte, die Mechanismen des Kommerzes. So warDer Bauch von Paris die Schilderung eines Ortes, der die Ungleichheiten von Händlern zu Einkaufenden offenbarte und dennoch gleichzeitig das raue Lebens des einfachen Volkes pittoresk idealisierte.
1985 liess dann auch Patrick Süsskind den Protagonisten seines Romans Das Parfum, den späteren Poeten und Mörder Jean-Baptiste Grenouille, einen Steinwurf vom heutigen Canopée, am anschliessenden Cimetière des Innocents des frühen 18. Jahrhunderts, «am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs» zwischen Fischköpfen das Licht der Welt erblicken.
Les Halles ist rückblickend immer ein Ort der Geschichten des vollen und sinnlichen Lebens gewesen.
Vom Markt zum Kaufhaus
Der Markt im 2. Arrondissement war über Jahrhunderte hinweg Umschlagplatz für Lebensmittel, die unter freiem Himmel verkauft wurden. Der Blumen- Obst- und Gemüsemarkt entwickelte sich im Zuge der urbanen Reorganisation Napoleon III. zum Grossmarkt. 1848 wurde ein Wettbewerb für Hallen ausgeschrieben, den Victor Battard gewann. Aus seinem Entwurf entstanden zwischen 1852 und 1870 zehn Stahl-Glas-Pavillons nach Vorbild des Londoner Chrytal Palace.
Als der Markt 1969 in die Peripherie der französischen Hauptstadt verlegt und die alten Pavillons abgerissen wurden, war der Marktgedanke endgültig Geschichte. Mit der Modernisierung des Verkehrsnetzes und der Ausformulierung des Forum des Halles zum unterirdischen Bahnhof mit anschliessendem Einkaufs- und Freizeitzentrum wurde die Parzelle in den 1970er-Jahren in die Neuzeit befördert. Im Entwurf von Jacques Anziutti und Patrick Berger von 2016 bilden das Canopée und die Station Châlet-Les Halles nun ebenfalls wieder ein Ensemble. Die zwei Geschosse hohe Überdachung überspannt die Aushebung aus den 1970er-Jahren und liegt auf der Nord- und Südseite auf. Täglich strömen nun 800 000 Pendler an den Schaufenstern internationaler Marken vorbei.
Ein analoger Entwurf
Architekt Patrick Berger bezeichnet das Canopée als analogen Entwurf, der in einem zweiten Schritt digital (nach-)modelliert wurde. In seiner Vorstellung wurde der Körper von Bewegungsströmungen der Menschenmassen, Regenläufen und dem Zug des Windes abgeschliffen und geformt. Auch in seiner Projektbeschreibung verwendet Berger ein originäres Vokabular und lehnt eine Einordnung als parametrischen Entwurf ab.
Die Oberfläche des Mantels besteht aus 18 000 Modulen – teils transluzent, teils sandsteinfarben. Sie haben unterschiedliche Grössen und setzen damit eine komplexe Unterkonstruktion voraus. Berger spricht vom Wunsch nach Natürlichkeit im Urbanen: Der aus den Untergründen der Stadt zum Canopée hin aufsteigende Pendler soll sich beim Hinaustreten wie unter dem schützenden Blätterdach eines Waldes fühlen, wo das Licht nur partiell auf den Boden fällt und den Raum in weichem indirektem Licht erhellt. Während frühe Renderings seine Idee noch unterstützen und das grobschlächtige Wesen des Entwurfs unter grüner und transparenter Textur kaschieren, lässt die nun fertiggestellte Struktur wenig Raum für Romantik.
Gewollte Morphogenese statt fundierter Positionierung
Während OMAs Wettbewerbsbeitrag eine Akkumulation solitärer Kaufhaustürme auf freiem Feld und damit eine zeitgenössische Neuinterpretation der obsoleten Pavillontypologie des 19. Jahrhunderts vorschlug, scheint der realisierte Entwurf sich mit einer «Reaktion» auf das Gegebene on site zufrieden zu geben. Die Geste wirkt auf den ersten Blick gross, ist aber letztlich banal. Berger liess sich von den Strukturen Frei Ottos inspirieren. 7 000 Tonnen Stahl lassen von beschwingter Leichtigkeit aber wenig spüren. Der Entwurf gibt sich mit sehr subjektiven und wenig wissenschaftlichen Parametern zufrieden und kann daher den Sprung zum skulpturalen und kraftvollen Architekturverständnis einer Zaha Hadid nicht schaffen. Von allen Analogien, die man aus der Geschichte des Ortes oder dem städtebaulichen Kontext hätte gestalterisch abstrahieren können, hat das Duo den Sandstein als einenden Nenner entdeckt. Das Gold des Canopée Glases gibt dem Bauwerk einen leicht elitären Charakter und wirkt zugleich willkürlich. Bahnhof und Shoppingmall waren als grosse neue Erzählung im Pariser Stadtraum gedacht, doch wird die plumpe Naturanalogie wohl eher Unverständnis als Begeisterung auslösen.