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James Cameron (1954 in Kanada geboren) ist einer der innovativsten Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten Hollywoods. Die Liste seiner Arbeiten ist lang und umfasst eine Reihe von Filmen, welche sich durch technische Raffinesse und Sciencefiction auszeichnen, etwa «The Terminator» (1984), «Aliens – Die Rückkehr» (1986), «The Abyss» (1989) etc.
Alle seine Filme drehen sich um eine dystopische Zukunft. Mit «Titanic» (1997) schuf er ein monumentales Bild der Hybris des industriellen Zeitalters. In den Avatarfilmen, von denen im Ganzen vier geplant sind, setzt er seine apokalyptische Vision unserer Gesellschaft und ihrer Wirkung auf den Planeten Erde fort und stellt ihr eine hedonistische Welt von Eingeborenen auf dem fernen Planeten Pandora entgegen. Der Avatar-Mythos bewegt enorme Summen: «Avatar 1» kostete über 200 Mio. Dollar und ist damit einer der teuersten Filme, die je gedreht wurden. Die Einnahmen beliefen sich auf rund 2,2 Milliarden Dollar und machen Avatar 1 zum einträglichsten Film aller Zeiten. Alles deutet darauf hin, dass ihn der hier besprochene «Avatar 2 – The Way of Water» noch übertreffen wird.
Das mehr als dreistündige Filmepos «Avatar – The Way of Water» von James Cameron knüpft an die erste Folge «Avatar – Aufbruch nach Pandora» von 2009 an und führt die Geschichte der Kolonisation des Planeten Pandora durch uns Menschen unerbittlich fort: Wir kommen wieder, wir bauen wieder, wir jagen wieder, wir zerstören wieder – und dies alles in grösserem, gewaltigerem, spektakulärerem Masstab. Die Erde, Heimat von uns Kolonisatoren, ist unterdessen ausgebeutet, leer und unbewohnbar geworden. Ein neuer Angriff auf Pandora wird gestartet. Diesmal soll die Eroberung neuer Lebensräume auf Pandora von Anfang an klappen. Mit brachialer Gewalt brennt deshalb eine hochgerüstete Armee bei ihrem zweiten Anlauf ganze Urwälder nieder, um von Anfang an festzuhalten, wer hier in Zukunft das Sagen hat. Raffiniert wird der Angriff durch einen Spähtrupp geklonter Söldner unter dem Kommando von Colonel Miles Quaritch unterstützt, die den Urbewohnern, den Na’vi, zum Verwechseln ähneln. Ihr Auftrag ist es, denn Anführer der Indigenen, Jake Sully, und seine Familie aus dem Verkehr zu ziehen.
Uns Invasoren gegenüber stehen die Na’vi, die sanften Ureinwohner Pandoras: blau, mit goldenen Augen und langen Schwänzen, die sich gegen die Eroberung ihres Planeten wehren. Unterdessen geschult und gewitzt durch die ersten Kämpfe in Avatar 1, mit modernen von den Invasoren erbeuteten Waffen ausgestattet, fügen sie gleich am Anfang des Filmes den Besatzern eine schwere Niederlage bei, in dem sie einen Zug und damit eine neu gebaute Bahnlinie in die Luft sprengen. James Cameron setzt dieses Spektakel wie alle anderen Actionszenen in grosse Bilder um, die durch ihre virtuell erzeugte Realitätsnähe beeindrucken. Aber es geht in diesem Beitrag nicht um die stupende Filmtechnik, welche hinter dem Film steht – ein Höhepunkt von Motion Capture und computeranimierter Simulation –, sondern vielmehr um die Botschaft, welche der Film vermittelt. Sie ist angesichts der fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten Erde von grösster Aktualität.
James Cameron ist bekannt für sein persönliches Engagement für indigene Völker und die Erhaltung der Natur. Aber die wirkliche Wucht seiner Leidenschaft entfaltet sich in der von ihm erschaffenen Mythologie der Avatarfilme. Dabei scheut er sich nicht, alle Klischees des magischen Denkens auszubeuten, den Topos des Guten gegen das Böse bis zum Exzess auszuspielen. Ein Beispiel dafür ist die beklemmende und fast endlose Sequenz über den Walfang. Die riesigen Walfische in Avatar, genannt Tulkuns, von bizarrer Form wie aus einem Alptraum der Darwinisten, aber mit sanften Augen wie denen der Indigenen, werden von den Invasoren gnadenlos gejagt wegen Amrita, einer Flüssigkeit in ihrem Gehirn, welche ewiges Leben verspricht. Auch eine neue Sprache hat Camerons Team für die Indigenen erfunden: Amrita ist leicht als eine Abwandlung von Ambra, der kostbaren Substanz der Pottwale zu erkennen.
Cameron erfindet mit seiner Crew ein hochmodernes technisches Arsenal gemeinster Verfolgungstechniken, um die intelligenten Riesen zur Strecke zu bringen: Präzise Ortungsgeräte; mit Sendern ausgestattete Markierungsgeschosse, welche im Wal stecken bleiben, um sein Entkommen zu verhindern; raffinierte Harpunen, welche das Tier tödlich verwunden; aufblasbare Schwimmkörper, welche es an der Meeresoberfläche halten; Assistenz-U-Boote, welche den Rest der Arbeit besorgen und das verendende Tier ins Mutterschiff holen. Dort wird mit einem auf einer fahrenden Lafette montierten Spezialbohrer in den mächtigen Rachenraum des Wales gefahren, um das Hirn anzubohren und ihm die kostbare Flüssigkeit zu entnehmen. Der Oberboss dieses Jagdgeschwaders, Captain Mick Scoresby, die Karikatur des Ugly American, schwärmt von den Millionengewinnen, die er mit den wenigen Litern des Leben spendenden Elixiers machen werde. Der Rest des Wales ist für ihn uninteressant und wird in den Tiefen des Ozeans verrotten.
Das alles hat man schon gesehen, etwas primitiver vielleicht, mit analoger Technik quasi, aber ebenso verstörend. Es ist die Realität unserer Welt, die hier in modernster Hochglanztechnik daran erinnert, was Gier ist und was sie anrichtet. Der Verlust aller Empathie, welche dieses Handeln voraussetzt, wird kontrastiert durch das Wesen der edlen blauen Wilden. Sie unternehmen alles, um die urtümlichen Riesen vor den Invasoren, also vor uns, zu schützen. Die sanfte Lebensweise der Bewohner von Pandora, die spielerisch mit der Natur umgehen, mit ihr in Einklang leben und etwa in den Tauchszenen mit den drachenähnlichen Geschöpfen, die sie reiten und fliegen, ein Ballett der Schönheit und Eleganz vorführen, steht im absoluten Kontrast zu unserer Welt der Wertschöpfungsoptimierung und der Eroberung neuen Lebensraumes, weil wir den alten mit unserer Lebensweise kaputt gemacht haben.
Bei den Na’vis dreht sich hingegen alles um Fürsorge: Fürsorge für sich, Fürsorge für die anderen und Fürsorge für die Natur. Und sie beziehen ihre Kraft aus spiritueller Erfahrung. Wenn die Indigenen an den Lebensbaum andocken, verbinden sie sich mit dem Ganzen, wo Raum und Zeit keine Grenzen mehr setzen.
Es wäre nicht eine Produktion aus dem Hause Disney, wenn diese Fürsorge nicht teilweise zur ideologischen Verklärung der Familie geraten würde. Avatar ist eben wie viele amerikanische Filme zur Gewinnoptimierung auch ein Familienfilm. Umso mehr ist die Brutalität, welcher die Actionszenen auszeichnet, kaum jugendfrei – ein Phänomen das ja auch bei anderen Filmen zu beobachten ist.
Und auch die edlen Wilden sind alles andere als edel, wenn sie sich wehren müssen. Mit List und Tücke, mit Pfeil und Bogen, mit erbeuteten Waffen gehen sie gegen die Invasoren vor und überwinden sie schliesslich, unter anderem mit der Hilfe intelligenter Kreaturen wie der Walfische. Wer einmal gut gelaunte Wale auf See beobachten konnte, wird den Tanz der springenden Wale nach geschlagener Schlacht in Pandora ebenso bewundern können. Hier kommt die stupende Filmtechnik, welche James Cameron mit seinen tausenden von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen entwickelt und perfektioniert hat, vielleicht am schönsten zum Ausdruck. Sein Mythos Avatar erzählt die Geschichte des Unglücks von uns Menschen, die wir eine Welt ohne Empathie und Fürsorge geschaffen haben, die alles zerstört. Wir haben die Büchse der mythischen Frauenfigur Pandora geöffnet. Pandora als Planet aber ist der Ort der Fülle und der Fruchtbarkeit, wie eine andere antike Tradition den Mythos verstand. So stehen die Na’vis für unsere Sehnsucht, im Einklang mit der Natur zu leben.