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|5 Jahre Motor der Erwerbsloseninitiative: Mit einer eigenen Zeitung die Sprachlosigkeit der Betroffenen durchbrechen|
1993 lud die KONTAKTSTELLE FÜR ARBEITSLOSE zu einem Apéro für Erwerbslose ein. Ca. 65 Personen erschienen. Die düstere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt schlug sich in der Stimmung nieder. Öfters wurden Voten gegen GrenzgängerInnen, Doppelverdienerinnen und Ausländer laut. Erst der von verschiedenen Erwerbslosen eingebrachte Vorschlag, eine eigene Zeitung zu machen, schuf einen Stimmungsumschwung. Etwas Konkretes tun und nicht lamentieren, selber etwas tun, Neues lernen, gemeinsam etwas versuchen, neue Leute kennen lernen, in die Öffentlichkeit gehen; das waren die Stichwörter, die eine Dynamik erzeugten. Dank vielen Er-werbslosen aus dem graphischen Bereich konnte zwei Wochen (!) später die erste Nummer der Zeitung 'Stempelkissen' auf der Strasse für einen Franken verkauft werden. Mit dem Erlös wurden die Druckkosten bezahlt.
Von 1993 bis 1997 wurde jede Woche eine offene Redaktionssitzung abgehalten. Über 190 Personen nahmen eine längere Zeit daran teil und bestimmten Themen, schrieben, korrigierten, setzten, gestalteten, organisierten den Verkauf, akquirierten Inserate, warben und suchten Sponsoren für die Zeitung. Die ständig wechselnde Belegschaft musste mit den verschiedensten Schwierigkeiten kämpfen: die wenig verbindliche Arbeitssituation führte immer wieder zu Leerläufen, Doppelspurigkeiten und endlosen Sitzungen.
Die Nummer mit dem Schwerpunktthema "Streitkultur" führte bei den Beteiligten selber zu grösseren Streitereien. Es zeigte sich, dass das Projekt jedoch in Konfliktsituationen an Stärke gewann, sofern die Konflikte mit einer guten Streitkultur ausgetragen werden konnten. In den Konflikten offenbarte sich das ganze Ausmass und ein genaues Abbild der Schwierigkeiten, aber auch deren möglichen Lösungsansätze.
Pro Jahr konnten im Durchschnitt acht Zeitungen produziert werden. Der Umfang wuchs bis auf 32 Seiten. 1996 erfolgte die Umstellung auf das Magazinformat und die Änderung des Titels zu 'Surprise'. Aus dem Umfeld der Zeitung entstanden verschiedene weitere Projekte wie die Produktion einer Sondernummer mit SchülerInnen einer Berufswahlklasse, das 'Artprise' - eine Kunstnummer, Wanderungen, der Aufbau einer Druckerei und des Computer Raumes (siehe unten).
Erfolgreicher Spin-off als eigenständiges Unternehmen
1996 und 1997 bestimmten folgende Entwicklungen den weiteren Gang des Projektes: Einerseits konnten Menschen in grossen Schwierigkeiten für den professionellen Verkauf auf der Strasse gewonnen werden, was den Absatz der Zeitung erhöhte. Auch die erfolgreichen Erfahrungen der Strassenzeitungen in anderen Ländern, welche wir durch die Teilnahme am Internationalen Netzwerk für Strassenzeitungen (INSP) kennenlernten, wiesen in die Richtung einer Professionalisierung in der Herstellung: Damit kann die regelmässige Herausgabe garantiert werden und der Strassenverkauf mit einer gut durchdachten Betreuung der VerkäuferInnen aufgebaut werden. Gleichzeitig fehlten dem Projekt immer mehr die tragenden Erwerbslosen, da diese oft den, in diesen Jahren breit einsetzenden, Beschäftigungsmassnahmen der Arbeitslosenversicherung zugewiesen wurden.
Wir fassten einen Neustart mit einer professionellen Crew ins Auge, welche das Projekt selbständig weiterführen würde. Es wurde zwecks Finanzmittelbeschaffung ein erster Businessplan erstellt. Ein Mitarbeiter in einem Arbeitseinsatz interessierte sich für die Übernahme der Geschäftsleitung, ein Journalist und eine Layouterin konnte gewonnen werden, dieses riskante Unternehmen zu starten. Gleichzeitig galt es für die verbliebenen Mitarbeiter/innen Abschied zu nehmen, da die Kompetenz der Herausgabe nun bei der neuen Crew lag. Nach einem Jahr Probelauf mit fünf Nummern vollzog sich die Trennung - obwohl seit Langem geplant, nicht ohne Streit. Zuviel Herzblut zu vieler Menschen war in den vergangenen Jahren in dieses Projekt eingeflossen. Doch der Neustart 1999 verhalf dem Projekt zum neuen Erfolg. Heute erscheint Surprise monatlich in einer Auflage von 20'000 Exemplaren.
Fazit:
Das erfolgreiche Experimentierfeld des Zeitungsbetriebes erklärt sich aus verschiedenen Perspektive. An der Produktion einer Zeitung können viele teilnehmen. In kurzer Zeit liegt ein Produkt auf dem Tisch, an dem die eigene Tätigkeit sichtbar wird. Die Zeitung richtet sich an eine Öffentlichkeit und schafft Verbindungen aus dem "Getto der Erwerbslosen" hinaus. Eine persönliche Teilnahme kann passgenau auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt werden. Sie ist "open ended", d.h. jede Person entscheidet selber, wann die Mitarbeit beendet wird oder nicht. Die vielfältigen Aspekte des Zeitungsmachens erlauben eine Teilnahme an verschiedensten Arten von Tätigkeiten. Offene, vielfältige Strukturen erlauben ein unverbindliches Navigieren, bis jeder/jede selber entscheidet, an welche Tätigkeit angedockt wird. In Phasen der beruflichen Neuorientierung sind diese Navigationsmöglichkeiten sehr hilfreich. Gut ausgetragene Konflikte stärken die Beziehungen. Die vielen Kontakte erhöhen die Chancen für eine Stelle. Ohne die Kontinuität des Beisitzes von ein bis zwei Mentoring-Personen, wäre das Projekt zwischen einem der unzähligen Generationenwechsel im Produktionsteam untergegangen. Spin-off: In den fünf ersten Jahren konnten die Produktionskosten durch die Einnahmen aus Abos, Strassenverkauf und Spenden gedeckt werden, da keine Löhne bezahlt wurden. Trotz höheren Umsätzen konnte der qualitative Sprung hin zu einer Professionalisierung der Produktion nicht ohne Sponsoring geschafft werden. Der emotionalen Seite der Trennung wurde zuwenig Gewicht beigemessen: während das Projekt bisher im Verbund und in gegenseitiger Unterstützung zu anderen Erwerbslosenprojekten stand, konnte der professionelle Neustart nur realisiert werden, wenn die Beteiligten ihre gesamte Energie in die Entwicklung dieses einen Projektes setzten.