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Elvis Presley wohnt auf der Avenida Paulista in São Paulo, gibt Autogramme und wirft Kusshände ins Publikum. Alle Getreuen des “King of Rock“ wissen es, dass er nicht am 16. August 1977 gestorben ist. Er zirkuliert durch die Stadt, schwingt die Hüften, singt weich und betörend oder erhebt seine Stimme in einem kehligen Sound der Rebellion.
Am Sonntag, an Feier- und Festtagen, von 09:30 bis 14:30 Uhr, wird die Avenida Paulista zu seiner Bühne, fast an der Ecke mit der Rua Augusta, dort wo die Künstler der Strasse sich ihrem Publikum präsentieren.
Weisse, spitz zulaufende Stiefel mit hohen Absätzen, weisse Jeans und weisses, über der Brust offenes, Seidenhemd, riesige Sonnenbrille und eine mit Gel toupierte Perücke machen aus dem Paulistaner Marcio Henrique de Aguiar (40) eine durchaus sehenswerte Elvis-Kopie. Er wirft Kusshände in die Menge, gibt Autogramme, posiert für Fotos mit dem Publikum und singt tatsächlich wie Presley – wenn man kein Englisch kann, wie die meisten seiner Fans, ist der Eindruck vollkommen, Resultat eines Studiums vieler konzentrierter Stunden mit antiken Plattenaufnahmen und Videos des Idols.
Marcio kann nur wenige englische Brocken – hat mal einen kurzen Einführungskurs absolviert – dagegen imitiert er die Lautmalerei in Perfektion, und selbst wer des Englischen mächtig ist, glaubt den Text zu verstehen, der gar nicht da ist – unglaublich geschickt untermalt von der Mimik, Gestik und sensuellen Körpersprache, die man von dem echten Elvis kennt, das auf- und abschwellen seiner Stimme mit dem Schluchzer-Zitter-Sound, der besonders das weibliche Publikum rund um den Erdball in verzückte Schreikrämpfe versetzte.
Marcio hat “viele Dinge im Leben probiert“, seit er im Alter von vierzehn Jahren von zuhause fortlief, um der Gewalt zwischen seinen Eltern zu entgehen. Unter “Tausenden von Jobs“ war er auch Kellner, Barmann und Verkäufer. Als er erwachsen war, fühlte er sich von der Kunst angezogen, das war im Inland des Bundesstaates Minas Gerais. Da versuchte er sich als zweiter Mann in einem Country-Duo, trat einer Rock-Band bei, spielte Theater auf Hotelbühnen und sang auch mal in einer nationalen Hitparade – ohne grossen Erfolg.
2010 kehrte er nach São Paulo zurück. Anfangs wohnte er auf der Strasse. “Dann hab’ ich ein bisschen Kleingeld gespart und bin in eine Pension umgezogen“. In den folgenden Monaten verkaufte er Eis am Stiel. Als die Kälte kam, übergab er den Eis-Karren einem Kollegen, erstand eine Gitarre für 30 Reais und begann eine Karriere als Strassensänger, um zu überleben. Damit eroberte er sich eine bestimmte Lokalität vor der Bar “Charme da Paulista“, beim Trianon-Park. Er bekam Applaus und Münzen.
Lauf Elvis lauf!
“Wenn ich Reggae spielte, setzte ich mir eine Maske von Bob Marley auf – die “Mamonas Assassinas” (brasilianische Ex-Gruppe) imitierte ich in einer Gefängnisuniform“, gab Marcio in einem Interview eines TV-Senders preis.
Und natürlich hat er auch Raul Seixas gespielt: “Ich bin runter in die 25 de Março (Einkaufsstrasse) und habe dort einen Bart zum Ankleben für R$ 2,50 gekauft, dann eine Ray-Ban-Brille vom Strassenhändler ins Gesicht, und dazu eine jener Black-Power-Perücken, die ich mit einer Schere in Form gebracht habe. Damals habe ich übertrieben, hab’ einen Raul verkörpert, noch verrückter als der Echte“ erzählte er weiter.
Seine allerbeste Imitation jedoch war der “Dinho Ouro Preto“. Als Lead-Sänger der Gruppe “Capital Inicial“ hatte Marcio einen Riesenerfolg beim traditionellen Silvester-Marathon 2010. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er im nächsten Jahr ganz in Weiss in Erscheinung träte… und erschien als Elvis Presley zum Silvesterlauf von São Paulo 2011.
“Ich hatte zwölf Kilo zugelegt in diesem Jahr – hatte einen Bauch, als ob ich zwei “Feijoadas“ verdrückt hätte. Ich rannte mit der Gitarre und bei strömendem Regen“. Er kam als einer der letzten am Ziel Ibirapuera-Park an.
Eine Freundin, die Marcio als seine Adoptivmutter verehrt, wurde krank, und er verschob seinen Plan, sich in den Rock-Star zu verwandeln. Aber im Oktober 2012 erweckte er ihn dann endgültig zum Leben – wurde er der “Elvis Presley da Paulista“ – von dem das Publikum immer wieder “My Way“ verlangt, ein Evergreen, mit dem einst auch Frank Sinatra grossen Erfolg hatte.
Marcio sagt dem BrasilienPortal, dass er keine Zukunftspläne hat. “Mein Traum ist es, immer weiter Kunst zu machen. Ein neuer Schritt, ein neuer Song, eine neue Verkleidung. Mir gefällt es, mich in dieser Metamorphose zu bewegen“.
Unser Tipp:
Wenn sie in nächster Zeit São Paulo besuchen sollten, planen sie unbedingt ein Konzert mit “Elvis Presley da Paulista“ ein.