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Das Ende naht: Zahlreiche Gletscher zerfallen
Gletscher ohne Eisnachschub lösen sich auf
Erhält die Gletscherzunge im Zehrgebiet kein Eisnachschub aus dem Firnfeld, so zieht sich der Gletscher zurück. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts kann man in den Schweizer Alpen immer häufiger kleinere Gletscher beobachten, welche zerbrechen und dabei die Verbindung vom Nährgebiet zum Zehrgebiet durch Abschmelzen des Eiskörpers unterbrochen wurde. Oft wird die ehemalige Gletscherzunge dieser Gletscher zu Toteis. Diese Gletscher, vor allem wenn ihre Firnfelder unter 3'000 m ü.M. liegen, verschwinden in den Zeiten des Klimawandels Schritt für Schritt.
Ein Gletscher, welcher noch um die Jahrtausendwende deutlich sichtbar von den Hängen des Stössenstocks im Obwaldner Teil des Nider Surenentales hinunter floss, ist der Grassengletscher. Innerhalb von 20 Jahren hat sich der zuvor zusammenhängende Eiskörper des Gletschers in zahlreiche Einzelteile aufgelöst. Der Gletscher ist nicht mehr aktiv und wird in absehbarerer Zeit verschwinden.
Eine vergleichbare Entwicklung wie beim Grassengletscher ist beim den benachbarten Gletschern Firnalpelifirn (Kanton Obwalden), Wendengletscher (Kanton Bern) sowie dem Gigligletscher und dem Taleggligletscher im Gadmental (Kanton Bern) beobachtbar.
Im Glarnerland werden der Alpelifirn am Hausstock im Sernftal, die beiden Rötifirne am Glarner Tödi, der Sandfirn im Obersand und der Spitzalpelifirn am Clariden in absehbarer Zeit aus dem Landschaftsbild verschwinden.
Aktive Gletscher, welche sich in einer Vorwärtsbewegung befinden, bilden bei Richtungsänderungen, bei Änderungen der Geländeneigung oder bei einer Geländeausweitung Spalten. Diese Spalten öffnen und schliessen sich je nach Stärke des Eisnachschubs und der Jahreszeit.
Absterbende Gletscher, ohne einen Eisnachschub aus dem Firnfeld, bilden ebenfalls Spalten, welche sich allerdings in ihrem Verlauf und ihrer Form deutlich von den Quer-, den Rand- und den Radiärspalten der aktiven Gletscher unterscheiden. Bei zerbrechenden Gletschern wirken die unregelmässig verlaufenden Bruchlinien oft wie "ausgefranst".
Der Rückgang der Eismassen der Gletscher kann man am Verlauf der End- und der Seitenmoränen ain den Talböden bzw. an den Talrändern beobachten.
Ein Beispiel, wie sich die Gletscherzunge rasant bergwärts zurück verschoben hat, ist der Steingletscher im Gadmental (Kanton Bern).
Beim Rhonegletscher wird besonders deutlich die Abnahme der Eisdicke sichtbar.
Bei Gletschern wie dem Muttgletscher im Obergoms (Kanton Wallis), bei welchen sich der Eiskörper bis hinauf in die Firnmulde zurückentwickelt hat, sind die Abschmelztendenzen von Auge weniger gut überprüfbar. Bei diesen Gletschern vemindert sich die Eisdicke wesentlich stärker als die Eisfläche.
Hitzesommer 2022: Ein prägendes Klimaereignis
Der Sommer 2022 war in vielerlei Hinsicht (Energiekrise als Folge des Ukraine-Kriegs, Covid-Pandemie) eine ausserordentliche Jahreszeit. Wochenlang strahlte tagsüber die Sonne vom Himmel und in vielen Teilen der Schweiz gab es wochenlang wenig bis gar keine Niederschläge. Die Sommerhitze und der Wassermangel setzten der Natur, den Menschen und Tieren gleichermassen zu. Die Gletscher litten zusätzlich unter den geringen Schneefällen während des Winterhalbjahres 2021/21. Im August 2022 waren bei den meisten Schweizer Gletschern die das Eis schützenden Schneeschichten fast vollständig weggeschmolzen. Auf viele Gletschern gingen zahlreiche Felststürze nieder, weil in den Felswände über den Gletschern die stabilisierende Eisschicht im Untergrund (Permafrost) ebenfalls durch die extrem hohen Temperaturen geschwächt wurde.
Das Matterhorn war vollständig schneefrei, was ein ausserordentlich seltenes klimatisches Ereignis ist. Der Aufstieg von der Hörnlihütte zum Matterhorn wurde zeitweise von den Behörden wegen extrem hoher Steinschlagsgefahr gesperrt.
Das Abschmelzen der Gletscher im Alpenraum hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Abgesehen von einer kleinen "Eiszeit" in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich da Eisvolumen der Alpengletscher im Durchschnitt um 2% jährlich vermindert. Höhepunkt dieser Entwicklung war das Jahr 2022, in welchem die Gletscher gar über 6% ihres Eisvolumens verloren. Kleinere Gletscher sind unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit bereits vollständig oder auf dürftige Reste abgeschmolzen,. Dazu gehören zwei Gletscher im Obergoms (Kanton Wallis), der Sidelengletscher im Geretal und der Mettligletscher im Gonerli. Am meisten Beachtung fand das Verschwinden des Pizolgletschers, welcher seit 2019 nicht mehr vermessen wird.
Im benachbarten Ausland wurde im Spätsommer 2022 der Südliche Hintereisfener in der Zugspitz-Region im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich als Gletscher deklassiert. Deutschland verfügte seit 2022 nur noch über 4 Gletscher.
Besonders vom Klimawandel betroffen: Gletscher im Engelberger- und Surenental
Der östliche, höher gelegene Talabschnitt mit dem Namen Surenen gehört zum Kanton Uri, der westliche Teil zum Kanton Obwalden.
Vom Surenenpass her fliesst die Engelberger Aa in Richtung Engelberg OW. Die Engelberger Aa transportiert das Schmelzwasser von zahlreichen Gletschern in den Vierwaldstättersee.
Im Surenenttal fliessen an der nach Norden exponierten Talflanke zahlreiche Gletscher talwärts. Wie auch in anderen alpinen Regionen der Schweiz haben sich diese Gletscherströme als Folge der Klimaerwärmung markant zurückgebildet.
Die Verbindung zwischen den einzelnen Gletscherfeldern ist teilweise schon weggeschmolzen. Im Jahr 2000 waren die Firnfelder entlang der Grate noch untereinander verbunden. Im Jahr 2020 fanden sich dort bereits einige nicht mehr miteinander verbundene Eisflächen. Der einst kompakte Eispanzer hat sich in einzelne Eisfelder aufgelöst.
Wo sich 2004 noch stattliche Eismassen talwärts schoben und Gletscherspalten von ihrer Bewegung zeugten, befanden sich im Herbst 2020 Dutzende von zusammenhanglosen Eisflecken. Der Grassengletscher hat sich im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte in viele Einzelteile aufgelöst. Die Hauptgletscherfläche hat sich in dieser Zeit durch ein Abschmelzen des Verbindungstücks in zwei unabhängige Eiskörper aufgeteilt. Von den aufgesplitterten Überresten des ehemaligen Firnfeldes, welches im Jahr 2001 noch intakt war, wird bei unveränderter Klimaentwicklung künftig kein neu gebildetes Firneis mehr nachgeschoben.
Nach dem Gletschereis die Geröllwüste
Nach dem Abschmelzen der hellen Eisflächen der Gletscher bleiben graue Gröllwüsten an den Bergflanken zurück. Die dunkeln Gesteinsflächen reflektieren das Sonnenlicht und mit ihm die Infrarot-Wärmestrahlen kaum mehr. Im Gegenteil: Die dunkeln Flächen nehmen die Wärmestrahlen auf und erwärmen sich. Die Luftschichten über solchen Geröll- oder Felsflächen sind vor allem während den Nachtstunden wesentliche höher als über den schneebedeckten Flächen, welche tagsüber die Licht- und Wärmestrahlen zu einem grossen Teil reflektieren (Albedo-Effekt).
Das Gletschereis vieler Gletscher wird immer grauer, weil sich an den Talflanken immer häufiger Steinschlag oder Felsstürze lösen und auf die Gletscher niedergehen. Das mit Gesteinspartikeln durchsetzte Graueis hat ein weniger grosses Rückstrahlvermögen als helles oder mit Schnee bedecktes Eis. Graueis schmilzt daher schneller als helles Eis. Helles, mit Schnee bedecktes Gletschereis auf dem Titlis. Die kompakte Schneeschicht reflektiert viel Licht und Wärme. Sie schützt das Gletschereis vor dem Abschmelzen.
Gletscher in der Aletsch-Region: Zeugen der Zeit
Der Grosse Aletschgletscher ist mit rund 20 km Länge (Stand: 2022) der längste Gletscher in den Alpen und mit einer Fläche von rund 79 km2 Eisfläche auch der flächenmässig grösste. An seiner dicksten Stelle, dem Konkordiaplatz misst er noch rund 800 m. Tendenz: abnehmend. Am Verlauf seiner ehemaligen Schliffgrenze aus dem 19. Jahrhundert hoch über dem heutigen Eispanzer ist ersichtlich, welche Eismassen hier in den Vergangenen Jahrzehnten abgeschmolzen und als Wasser talwärts geflossen sind.
Gletscherwasser liefert einen wichtigen Beitrag zur Energie- und Wasserversorgung der Schweiz
Gletscher verleihen der der alpinen Landschaft eine zusätzliche Attraktivität. Neben diesem landschaftlich gestalterischen Element, welches im Tourismus genutzt wird, dienen Gletscher als Wasserspeicher und an einigen Orten als Skipisten.
Gletscherwasser leistet neben den Regenfällen und dem Wasser aus der Schneeschmelze einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der grossen Schweizer Flüsse mit Wasser. Das Flusswasser wird als Kühlwasser bei Kernkraftwerken und zum Bewässern von Ackerkulturen genutzt. Ausserdem hält es den Grundwasserspiegel vor allem im Schweizerischen Mittelland stabil und ist daher eine wichtige Trinkwasserquelle vor allem für urbane Räume. Eine grossflächige Abwasserbewirtschaftung in Siedlungsräumen ist heute ohne Flusswasser bzw. Quellwasser noch undenkbar.
Das Schmelzwasser der Gletscher hilft mit, die Speicherseen zu füllen. Mit dem Wasser aus den Stauseen wird in Wasserkraftwerken Spitzenenergie erzeugt und das Stromnetz bei Bedarf stabilisiert. Das Wasser in allen alpinen und nicht alpinen Speicherseen hat 2022 für die Produktion von rund 15% des Jahresbedarfs der Schweiz an Elektrischer Energie gereicht.
Die Bewohnerinnen und Bewohner im Gebiet der heutigen Schweiz waren es seit Jahrhunderten gewohnt, dass die grossen Flüsse ganzjährig ausreichend viel Wasser durch das Mittelland transportiert haben. Die Schweiz muss in naher Zukunft damit rechnen, dass im Jahresdurchschnitt weniger Wasser aus den Alpen ins Mittelland fliessen wird. Ein Teil des elektrischen Energie kann aus anderen erneuerbaren Energiequellen als der Wasserkraft erzeugt werden. Die Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend Trink- und Nutzwasser sowie die Landwirtschaft mit genügend Bewässerungswasser ist hingegen auf den Nachschub von Wasser aus dem Alpenraum angewiesen. In Zeiten von ständig wachsenden Bevölkerungszahlen ist das Verhindern des Wassermangels eine der grossen Herausforderung für alle Akteure des Gemeinwesens.