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Wirtschaft ist langfristig – Gauner sind schnell
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- Erstellt: Montag, 27. März 2023 16:34
Die beiden folgenden Texte wurden 2012 publiziert, derjenige von Peter von Matt (Professor für Germanistik) in Buchform («Das Kalb vor der Gotthardpost»), derjenige von Claude Bébéar (Gründer des Axa-Versicherungskonzerns) in Interviewform in der NZZ am Sonntag.
Peter von Matt
Peter von Matts Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen. Der erste in dieser Sammlung ist betitelt mit «Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt. Zur Seelengeschichte einer Nation.» von Matt knüpft an das Bild des Alpenlandes von Albrecht von Haller an, der dem Alpenvolk einen überhöhenden Nimbus des Ursprünglichkeit, Gesundheit und Unversehrtheit zukommen liess. Dessen Tradition sieht von Matt in einem rückwärtsgewandten Isolationismus wieder aufscheinen. Demgegenüber beschreibt er die Beschleunigung, wie sie ein Alfred Escher hereingebracht hat (für welchen das Gotthard-Post-Bild gemalt worden war). Gottfried Keller beschreibt er als Schriftsteller, der das Dilemma erlebte und seine Seldwyla-Geschichten dafür einsetzte, die widerstrebenden Entwicklungen zu beschreiben – etwa das Fällen zahlloser Eichen nördlich von Zürich, weil man deren Holz für den Eisenbahnbau brauchte (technischer Fortschritt gegen Leben). Die folgende Passage knüpft an die Darstellung der erwähnten Strömungen an.
«Faktisch werden in der Schweiz heute zwei verschiedene politische Sprachen gesprochen. Eine produktive Kommunikation zwischen den beiden Positionen ist nahezu unmöglich, weil die um Begründungen und Argumente bemühte Rede sich einer rein behauptenden, dogmatisch geprägten Diktion gegenübersieht. Das ist nicht ungefährlich; denn wenn die politische Kommunikation ernsthaft gestört ist, wächst die Gefahr der Gewalt. In der Welt der Politik wird die Gewalt nur durch den freien Meinungsaustausch auf der Basis gemeinsam anerkannter Grundbegriffe verhindert. Bröckelt diese Basis, stirbt der Dialog ab. An seine Stelle tritt Lärm. Dieser muss nicht zu Gewalt führen, aber er ist, wo sie sich denn einmal regt, nicht nur nutzlos, sondern kann sogar als Brandbeschleuniger wirken.
Die beiden politischen Sprachen unterscheiden sich voneinander genau so, wie das Phantasiebild eines naturhaften Ursprungs in der abgerückten Natur sich unterscheidet von der Wirklichkeit einer extrem beschleunigten technischen Zivilisation mit ihrer weltweit operierenden Wirtschaft und einem unberechenbaren, jeder einzelstaatlichen Kontrolle enthobenen Finanz- und Bankensystem. Dieses trägt in seinen bizarren Abläufen wahnhafte Züge und ist, was die Plötzlichkeit und fatale Wirkung seiner Aktionen betrifft, mit dem Verhalten eines freilaufenden Geistesgestörten vergleichbar. Das zeigt sich an so absurden, eigentlich kindischen Tatsachen wie der, dass ein Funktionär, der in diesem System die Spitze der Karriereleiter erreicht, sich selbst Dutzende von Millionen im Jahr ausbezahlen lässt, seien es Dollar oder Euro oder Franken, Summen, die im Leben eines Einzelnen völlig sinnlos sind und an infantile Denkbilder wie den Gold scheissenden Esel erinnern.»
Ich komme nicht umhin, an dieser Stelle an den langjährigen CS-VR-Präsidenten Urs Rohner zu denken, der allein mit seinem CS-VR-Vorsitz 40 Millionen Franken verdiente (daneben dürfte er da und dort noch ein Trinkgeld erhalten haben). Nun hatte Rohner ein Problem zu lösen: Als Vermögender, der nicht auf eine Pensionskassenrente angewiesen ist, will er sich sein Pensionskassenguthaben auszahlen lassen. Das wäre im Kanton Schwyz einige zehn- oder hunderttausend oder gar Millionen Franken günstiger als an seinem Wohnort am rechten Zürichseeufer. Also nahm er sich eine Wohnung auf der anderen Zürichsee-Seite. Und weil das nicht zu sehr nach Steuervermeidung aussehen soll, liess er um sein Haus ein Gerüst errichten und schickte Handwerker ins Haus, um dieses etwas umzubauen. – Für wen nimmt man all die Mühe auf sich, wenn man während des Rests seines Lebens sowieso nicht das ganze Geld verbrauchen kann, das man auch ohne Pensionskassenguthaben hat? Ich denke, dass irgendwo ein Automatismus einsetzt (von Matt schreibt von infantilen Bildern): Es geht nicht mehr um Geld, das man braucht. Es geht nur noch darum zu vermeiden, dass jemand anderem – und sei es dem Staat – Geld zukommt, das man selber einstecken könnte.
Claude Bébéar
Am 8. Januar 2012 publizierte die NZZ am Sonntag ein Interview von Charlotte Jacquemart, einer Journalistin, die ich sehr schätze, mit Claude Bébéar, dem Gründer des Axa-Versicherungskonzerns. Auch hier geht der Blick zurück auf die Finanzkrise. Das Interview knüpft an Bébéars 2003 erschienenes Buch «Ils vont tuer le capitalisme» an. Während beispielsweise der Hochfrequenz-Börsenhandel zur Zeit seiner Lancierung da und dort kritisch kommentiert wurde, gehört diese Spielart des Börsenhandels heute ebenso selbstverständlich wie strukturierte Produkte zum Finanzgeschäft. Was technisch möglich ist, ist erlaubt. Bébéar kritisiert Schnelligkeit und Kurzfristigkeit in verschiedener Beziehung. Hier ist es wieder, das Thema, das von Gottfried Keller behandelt wurde – 150 Jahre nach dem Börsenkrach von Wien. (Auszüge aus dem Interview:)
«Die Kurzfristige Spekulation ist … angekurbelt worden. Diese widerspricht aber der Natur des Wirtschaftens, die langfristig angelegt ist. Wenn ich als Unternehmer eine grosse Investition tätige, tue ich das mit einem Horizont von mehreren Jahren. … Entscheidungen mit langfristigem Charakter werden durch die kurzfristige Sicht der Kapitalmärkte erschwert. Diese Quartalsberichterstattungen, die heute die Märkte regieren, sagen nichts darüber aus, wie es einer Firma geht. Sie sind komplett unsinnig. Firmen sollten sich der Quartalsberichterstattung verweigern, doch die grosse Mehrheit lässt sich davon terrorisieren. … Das Problem ist, dass wir heute an den Börsen sekundenschnelle Preisstellungen haben. Vor 20 Jahren geschah das einmal am Tag. Wissen Sie, wem das dient? Den Spekulanten, die mit Transaktionen innerhalb von Sekunden Geld machen. Es gibt keinen ökonomischen Gegenwert dafür. Der Handel in Nanosekunden gehört verboten. Dasselbe gilt für Leerverkäufe, bei denen Sie Aktien verkaufen, die Sie gar nicht haben. … : Spekulanten setzen Gerüchte in die Welt, diese bringen Aktien für kurze Zeit unter Druck, und schon streichen die Brandstifter fette Gewinne ein. Ich habe das mit Axa selbst erlebt. … Marktbewertungen in der Buchhaltung sind eine Katastrophe. Sie sind völlig ungeeignet, weil sie nichts mit der wirtschaftlichen Realität zu tun haben. Auch da hat der Regulator versagt. Wieso? Weil Börsenkurse noch nie den wahren Wert einer Firma wiedergegeben haben. Die Börse ist nur ein Handelsplatz, wo der eine etwas kaufen, der andere etwas verkaufen will. Da kommt ein Preis zustande. Der Wert einer Firma liegt viel höher! … Die Märkte sind … nicht effizient. Oder können Sie mir erklären, wieso Aktien heute im Verlaufe eines Tages 10 Prozent schwanken, ohne dass sich fundamental etwas an der Firma verändert hat? Sie sehen: Die Börse hat mit der Realität nichts zu tun. Wenn ich Axa als Beispiel nehmen darf: Die Börse hat sich – systematisch – bei jeder Transaktion, die wir angekündigt haben, geirrt. Immer. Ich habe mich stets darum foutiert. Weil ich wusste: Langfristig mach ich das Richtige. Die Börsen haben keine Visionen, sie täuschen sich, sind ineffizient. … Ziel der Firmen muss es sein, treue Aktionäre zu haben. Also muss man Anreize dafür schaffen. Indem das Stimmrecht an eine bestimmte Haltedauer der Aktie gebunden wird. Oder man gibt jenen, die länger dabei sind, mehr Stimmen als dem, der die Aktie vor acht Tagen gekauft hat. Zweitens: Wer mir treu bleibt, dem zahl ich mehr Dividende. In Frankreich darf ich das bereits. Aber in lächerlichem Ausmass: Wer eine Aktie länger als zwei Jahre hält, dem darf ich 10 Prozent mehr Dividende ausschütten. Man sollte drei-, viermal so viel auszahlen dürfen an jene, die Aktien lange halten! Schauen Sie, was mit Pensionskassen passiert ist: Vor zehn Jahren hielten diese Aktien im Schnitt 7 Jahre - heute sind es 7 Monate! Wieso? Es gibt Leute, die verdienen, wenn vielgehandelt wird. Wenn ich der Pensionskasse dreimal so viel Dividende zahlen kann, überlegt sie zweimal, ob sie verkaufen soll. Vor allem muss sie den Verkauf besser erklären. … Viele Patrons, die ihre Banken in den letzten Jahren miserabel geführt haben, haben gleichzeitig unanständig viel verdient. Das muss verboten sein. Hohe Löhne müssen in einer Firma grundsätzlich gut begründet werden. Verstehen Mitarbeiter nicht, wieso Chefs viel verdienen, wird die Loyalität der Mitarbeiter untergraben. Wer nicht loyal ist, ist auch nicht motiviert. Das schadet der Firma massiv.»