Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03572.jsonl.gz/2497

Pharmawaren und die Handelsbilanz der Schweiz
Exportstärke, Importpreise oder globale Nachfrage – in der Schweiz hat das Interesse an Themen zugenommen, welche eng mit dem Aussenhandel und der Handelsbilanz verbunden sind. Der markante Anstieg der Exporte vor und nach der Jahrtausendwende wirft die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung auf. Ist sie Ausdruck eines generellen Trends, welcher sämtliche Waren betrifft? Oder wurde der Anstieg durch das Wachstum einzelner Warenklassen verursacht? Es stellt sich heraus, dass letzteres der Fall ist: Der Strukturbruch der aggregierten Exporte geht auf das Wachstum der Exporte einer begrenzten Anzahl von sehr speziellen Waren – insbesondere aus dem Pharmabereich – zurück.
Langfristige Trends
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag der Wert der schweizerischen Warenimporte meist deutlich über dem Wert der schweizerischen Warenexporte. Dieses Verhältnis hat sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Dem Handelsbilanzdefizit von rund 4% des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Jahre 1990 stand ein Handelsbilanzüberschuss von über 3% des BIP im Jahre 2008 gegenüber (siehe Grafik 1
, linke Seite). Diese Entwicklung stellt eine ebenso rasante wie ungewöhnliche Zunahme der Nettoexporte dar.
Ebenfalls seit Mitte der 1990er-Jahre stieg das gesamte Handelsvolumen stark an. Besonders stark war das Wachstum der Exporte. So nahm der Wert der schweizerischen Warenexporte von rund 27% auf fast 40% des BIP zu. Der Anstieg der Warenimporte von 29% auf 36% des BIP fiel geringer aus (siehe Grafik 1
, rechte Seite). Die Entwicklung des Saldos der Handelsbilanz in Richtung eines Handelsbilanzüberschusses scheint also zu einem wichtigen Teil auf den Anstieg der Warenexporte zurückzuführen zu sein.
Anstieg der Exporte – Spurensuche
Tatsächlich lässt sich ein signifikanter Unterschied im Anstieg der schweizerischen Exporte vor und nach der Jahrtausendwende identifizieren. Was in Grafik 1
mit blossem Auge als eine Beschleunigung des Wachstums von Exportvolumen erscheint, wird im gängigen Jargon – und nach statistischer Analyse – als Strukturbruch bezeichnet. Während der Handelsbilanzüberschuss bis 2000 um durchschnittlich 0,32% des BIP pro Jahr zulegte, lag das entsprechende Wachstum seit 2000 bei etwa 1,11% des BIP.
Ein Blick in den Warenkorb
Der BIP-Anteil der Exporte innerhalb der Warenklasse Antisera und Impfstoffe stieg seit 2000 jährlich um rund 0,25 Prozentpunkte schneller als zuvor. Acht Jahre nach dem Bruch betrug der gesamte zusätzliche Anstieg der Exporte somit 2% des BIP. Bei den Exporten der Warenklasse Arzneiwaren stellt sich die Lage sehr ähnlich dar: Die jährliche Zunahme des BIP-Anteils betrug ebenfalls etwa 0,25 Prozentpunkte. Diese Zunahme von insgesamt 4% des BIP, welche zusätzlich zum allgemeinen Aufwärtstrend zu rechnen ist, erscheint – auch im Vergleich mit den 40% BIP-Anteil aller Warenexporte 2008 – enorm.Bei Importen treten in einigen Warenklassen ebenfalls Strukturbrüche in den Wachstumsraten auf; diese Brüche sind aber deutlich seltener (sie sind bei weniger Warenklassen festzustellen) und im Vergleich mit jenen der Exporte eher klein. Auch hierfür liefern die beiden Warenklassen Antisera und Impfstoffe sowie Arzneiwaren ein gutes Beispiel. Rechnet man die Strukturbrüche von Exporten und Importen gegeneinander auf, so zeigt sich, dass seit 2000 die BIP-Anteile der Nettoexporte der beiden Warenklassen zusammen pro Jahr um über 0,3 Prozentpunkte des BIP zugenommen haben. Anders gesagt haben diese beiden Warenklassen zwischen 2000 und 2008 einen zusätzlichen Handelsbilanzüberschuss von etwa 3 Prozentpunkten des BIP erzeugt. Die beiden Warenklassen Antisera und Impfstoffe sowie Arzneiwaren sind keinesfalls zufällig herausgegriffen, fallen doch Strukturbrüche sämtlicher anderer Warenklassen sehr viel geringer aus. Darüber hinaus sind beide Warenklassen wichtig im Vergleich mit anderen Waren: Sie dominieren sowohl die aggregierten Exporte als auch die gesamte Handelsbilanz der Schweiz. Wie bereits erwähnt, erklären die Strukturbrücke beider Warenklassen zusammen einen Handelsbilanzüberschuss von etwa 3% des BIP im Jahr 2008, was der Grössenordnung des tatsächlichen Handelsbilanzüberschusses entspricht. Allgemein stellt sich die Entwicklung der Handelsbilanz also folgendermassen dar: Der langjährige Trend hin zu einer positiven Handelsbilanz hat sich seit Ende der 1990er-Jahre stark beschleunigt. Diese Entwicklung fiel zusammen mit einem besonderen Wachstumsschub der Schweizer Exporte, der wiederum hauptsächlich von der rasanten Zunahme der Exporte zweier Warenklassen erzeugt wurde, die man grob mit Pharmawaren bezeichnen kann.
Besonderheiten der Pharmaexporte
Um zu verstehen, welche Dynamik die Zunahme der Schweizer Pharmaexporte bestimmt hat, liegt es nahe, einen Blick auf deren weltweite Entwicklung zu werfen. Dieser macht deutlich, dass nicht nur der schweizerische, sondern auch der globale Aussenhandel in diesen Warenklassen enorm zugenommen hat (siehe Grafik 2
). Die Entwicklung der schweizersichen und der weltweiten Pharmaexporte – also die Summe der Exporte von Arzneiwaren und von Antisera und Impfstoffen – weisen erstaunliche Parallelen auf, dies sowohl in Bezug auf den zeitlichen Verlauf wie auch auf den Umfang des Anstiegs.
Diese Parallelen legen nahe, dass globale und nicht spezifisch schweizerische Faktoren den Anstieg der Exporte pharmazeutischer Produkte in den letzen beiden Jahrzehnten beeinflusst haben. Zu diesen globalen Faktoren gehören ohne Zweifel die weltweit zunehmenden Ausgaben für medizinische Waren. So sind in zehn der grossen OECD-Staaten die realen Gesundheitsausgaben in den Jahren 1970-2002 jährlich um fast 5% gestiegen.
Beim Vergleich der weltweiten Exporte fällt weiterhin auf, dass der BIP-Anteil der Pharmaexporte der Schweiz denjenigen aller anderer Länder um einen Faktor von 10 – 30 übersteigt. Zum Teil widerspiegelt dies den Status der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft, denn kleinere Länder haben einen überproportional hohen Aussenhandelanteil. Vor allem aber zeigt sich darin der Wettbewerbsvorteil der Schweiz in der Pharmabranche. So haben Schweizer Pharmaunternehmen im erwähnten Zeitraum eine Reihe von Medikamenten mit hoher Marktwirkung entwickelt und lizensiert.
Die Verbindung zwischen stark gestiegener Nachfrage bei Pharmawaren einerseits und Schweizer Wettbewerbsvorteil in dieser Branche andererseits erzeugt eine aussergewöhnlich hohe Exportnachfrage und kann somit einen grossen Teil des Exportüberschusses erklären.
Fazit
Die langfristige Entwicklung des Aussenhandels der Schweiz zeigt, dass der Anstieg des Handelsbilanzüberschusses der Schweiz seit Ende der 1990er-Jahre zu einem Grossteil auf den rasanten Anstieg des Exportwachstums zurückzuführen ist. Zwei pharmazeutische Warenklassen – Arzneiwaren sowie Antisera und Impfstoffe – trugen massgeblich zu diesem Wachstum bei. Deren rapides Exportwachstum geht allerdings eher auf die weltweit gestiegene Nachfrage und weniger auf spezifisch schweizerischer Faktoren zurück.
Diesen Artikel als PDF herunterladen (PDF, 143KB)