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Friedrich Gerstäcker (1816-1872) war, bevor er von Karl May abgelöst wurde, der wohl berühmteste Verfasser von Abenteuerromanen in Deutschland. Sein bekanntester Roman, Die Flußpiraten des Mississippi, wird bis heute immer mal wieder aufgelegt. Gerstäcker war wohl tatsächlich auch das Vorbild (eines der Vorbilder) Karl Mays – weniger, was den Plot der Romane angeht (Gerstäckers Protagonisten sind keine Supermänner wie die von Karl May), vielmehr durch sein eigenes Leben, aus dem Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Staaten Nord-Amerikas einen kurzen Ausschnitt erzählt, nämlich, wie der junge Gerstäcker zum ersten Mal nach New York und weiter ins Innere der USA reiste und dort seinen Lebensunterhalt als Jäger in den Wäldern von Arkansas verdiente.
Wie Old Shatterhand in Winnetou I war Gerstäcker damals (1837) ein junger Deutscher, der Deutschland mittellos verliess, halb mit dem Gedanken einer definitiven Auswanderung (obwohl wir die Gründe dafür nie erfahren, genau wie bei Old Shatterhand), nach den USA hinüber segelte und dort vom Osten zusehends gen Westen driftete, immer mehr der Wildnis zu, immer mehr in Gegenden, in denen kaum Menschen sich aufhielten, jedenfalls kaum Weisse. Gerstäckers Wilder Westen lag allerdings noch weiter östlich als derjenige Old Shatterhands: Gerstäcker hielt sich vorwiegend in jener Gegend auf, die wir heute als mittleren Westen bzw. Süden der USA betiteln, mit Ausflügen allerdings bis nach Kanada: Texas, Missouri, Arkansas. Grosse Städte mied er, auch wenn der sehr interessante Anfang seiner Streif- und Jagdzüge die Erlebnisse des jungen Mannes, frisch angekommen, in New York schildern; schildern, wie ebendieser junge Mann systematisch von andern, ein wenig früher Angekommenen (auch und gerade Landsmännern!) übers Ohr gehauen wird. Der Mississippi und seine Nebenflüsse haben es ihm angetan; New Orleans aber, am Schluss seiner Streifzüge, wird dann bedeutend weniger interessant geschildert. Der junge Mann will ganz eindeutig nur noch eines: nach Hause.
Gerstäcker liebte das freie Leben eines Jägers in den (mehr oder weniger Ur-)Wäldern des mittleren Westens und Südens. Den Hauptteil seines Reiseberichts / seiner Autobiografie machen denn auch die Erzählungen seiner Erlebnisse dort aus. Mehr als einmal ist er in Lebensgefahr: Hohes Fieber ist fast sein ständiger Begleiter, Regen, Schnee und Kälte lassen ihn beinahe erfrieren, und Jagdunfälle bzw. Angriffe wilder Raubkatzen und Bären fügen ihm schwerwiegende Verletzungen zu. In dieser Hinsicht ist der Wilde Westen Gerstäckers – logischerweise – bedeutend realistischer gestaltet als der Old Shatterhands.
Zwei Dinge hat Karl May hingegen ganz gewiss von Friedrich Gerstäcker abgekupfert: Auch bei Gerstäcker werden – allerdings mehr der Not gehorchend als dem eignen Triebe – ständig Bären mit dem puren Messer erlegt. Und dann sind da die Originale, die Gerstäcker immer wieder in der Wildnis antrifft. Merkwürdig gekleidet sind sie (der Mann, der im Frack zur Jagd geht, gar kein anderes Kleidungsstück besitzt, kommt schon bei Gerstäcker vor) oder weisen körperliche Deformationen auf. Was Karl May vorwiegend zum Amüsement seiner Leser einsetzt, ist bei Gerstäcker noch unaufgeregte Schilderung einer erlebten Realität. Ebenfalls eine ‚Erfindung‘ Gerstäckers sind die immer wieder eingestreuten Erzählungen seiner Jagdgefährten aus früheren Zeiten. May hat das vor allem in seinen frühen sog. ‚Reiseerzählungen‘ aus dem Wilden Westen oft eingesetzt, bei ihm war es allerdings mehr ein Trick, um zu verbergen, dass er gerade nicht wusste, was er mit seinen Nebenfiguren machen sollte, ein Trick auch, um in seinem Text Zeilen zu schinden, wurde er doch nach Anzahl abgelieferter Zeilen bezahlt. Bei Gerstäcker fügen sich diese Exkursionen in die Vergangenheit harmonischer ins Ganze ein.
Im Übrigen ist Gerstäcker natürlich auch interessant, wenn man Karl May nicht kennt oder nicht mag. Er gibt einen realistischen Einblick in eine Welt, die wir heute nur noch aus verklärenden Filmen und Romanen kennen und sollte mehr gelesen werden.
PS. Ich habe die Streif- und Jagdzüge in einem Nachdruck des Melchior-Verlags nach der zweiten Auflage von 1856 gelesen.