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Thomas Schacher, Neue Zürcher Zeitung (13.06.2007)
Antonio Vivaldis «Motezuma» im Luzerner Theater
Im Jahr 1519 eroberte Fernando Cortez die Hauptstadt von Mexiko. In verschiedenen Schlachten bezwang das spanische Heer das Reich des aztekischen Herrschers Motezuma, daraufhin wurde Cortez als Gouverneur von Mexiko eingesetzt. Antonio Vivaldi war der Erste in einer Reihe von Komponisten, die diese koloniale Vergangenheit in einer Oper gestaltet haben. Doch das Libretto von Girolamo Giusti stellt keine Abrechnung mit dem spanischen Conquistador dar, sondern formt daraus eine konventionelle Opernhandlung mit Happy End.
Mexikanische Sicht?
Das Luzerner Theater hat Vivaldis «Motezuma» in einer Koproduktion mit dem Theater der Stadt Heidelberg auf die Bühne gebracht. Dass die Verantwortlichen die Regie und die Ausstattung zwei Mexikanern anvertraut haben, erweckte die Erwartung, dass hier eine mexikanische, antikolonialistische Sicht zum Zug kommen würde. Doch der Regisseur Martín Acosta hat nichts Derartiges im Sinn. Er zeigt den Spanier Fernando (Cortez) nicht als machtbesessenen Eroberer, und der schwächliche Aztekenkönig Motezuma eignet sich wenig als positive Identifikationsfigur.
Keine Neuinterpretation der Geschichte also. Dazu kommt, dass die Handlung durch verschiedene Verfremdungseffekte ironisiert wird. Dass die Handschellen, in denen Motezuma abgeführt wird, von einem Rugby-Spieler herbeigebracht werden, reduziert den Unterwerfungsakt auf das Niveau eines Sportereignisses. Und wenn in der Schlussszene kreuztragende Ku-Klux-Klan-Mitglieder auftreten und der heidnische Drache dem christlichen Engel widerwillig die Hand reicht, wirkt das nicht nur aufgesetzt, sondern lächerlich. Gelungen ist hingegen das mexikanische Kolorit der Ausstattung. Der Papierkünstler Humberto Spíndola hat die Kostüme der Azteken aus glitzernden Federn und gefalteten Papierelementen in den mexikanischen Nationalfarben Grün und Rot angefertigt. Farbsymbolik beherrscht auch die Stellwände der Bühne, wo das spanische Gold und das aztekische Rot am Schluss eine Verbindung eingehen.
Die Musik von Vivaldis «Motezuma» war während über zweieinhalb Jahrhunderten verschollen, bis der Musikwissenschafter Stefan Voss 2002 im Archiv der Berliner Singakademie einen Teil der Partitur wiederfand. Nachdem eine neuzeitliche Erstaufführung in Düsseldorf wegen eines Rechtsstreites mit der Berliner Singakademie geplatzt war, hat Universal eine CD-Einspielung mit dem Dirigenten Alan Curtis auf den Markt gebracht. Während Curtis die fehlenden Teile der Oper im Pasticcio-Verfahren aus anderen Vokalwerken Vivaldis herholte, beschreitet die in Luzern gezeigte «Heidelberger Fassung» einen gewagteren Weg: Der Komponist und Alte- Musik-Spezialist Thomas Leininger hat ein Verfahren gewählt, das von der melodischen und formalen Anlehnung an Vivaldische Werke bis zur Neukomposition im Stile Vivaldis reicht.
Sängerische Stärken
Leininger beherrscht sein Metier tatsächlich so perfekt, dass man als unvorbereiteter Hörer nicht unterscheiden kann, welche Arien original sind und welche nicht. Das Kompliment verbindet sich indes mit einer Kritik: Hinter dem Verfahren des Komponisten steckt eine fragwürdige Ästhetik des Vorspiegelns, welche die Brüche verdeckt, statt sie sichtbar zu machen. Mit dem gleichen Verfahren könnte man auch eine fünfte Jahreszeit der «Quattro stagioni» erfinden.
Die sängerischen Leistungen der Solistinnen und Solisten, die bis auf eine Ausnahme zum Ensemble des Luzerner Theaters gehören, sind beachtenswert. Heimliche Hauptfigur des Stücks ist Motezumas Frau Mitrena, die von Tanja Ariane Baumgartner mit grossartiger Mezzo-Stimme und emotionaler Glaubwürdigkeit gegeben wird. Dem Motezuma des Baritons Howard Quilla Croft fehlt es an stimmlicher Tiefe, und sein Charakter ist für einen Kaiser etwas weich. Über einen leuchtenden Sopran verfügt Simone Stock als Motezumas Tochter Teutile. Caroline Vitale gestaltet die Hosenrolle des Eroberers Fernando mit Festigkeit im Auftreten und in der Stimme. Die Altus-Stimme Bernhard Landauers, der Fernandos Bruder und Teutiles Liebhaber mimt, zeigt für vier Arien zu wenig Variationsmöglichkeiten. Die zierliche Teodora Gheorghiu ist in der Rolle des Aztekengenerals gewöhnungsbedürftig, aber ihr Sopran besticht durch phantastische Koloratur- und Höhenakrobatik. Ungeteiltes Lob gilt dem Barockensemble La Gioconda des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung von Michael Form, das die Sängerinnen und Sänger mit Stilempfinden, technischem Können und Feuer begleitet.