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Meine Tochter Lara hat seit dem Schuljahresanfang neue Lehrer/innen. Eine Lehrerin heisst Frau Kahl. Als ich kürzlich mit Lara im Auto unterwegs war, wollte sie Folgendes wissen:
“Stell dir vor, Mami, du hättest morgen ein Fest und müsstest etwas zum Anziehen finden. Was machst Du?
a) Du nimmst, was du zu Hause hast.
b) Du gehst in die Stadt und kaufst ein neues Kleid.
c) Du leihst dir ein Kleid, das dir gut steht, von einer Freundin.
Übrigens hat uns das Frau Kahl gefragt.”
Lara schaute mich von der Seite erwartungsvoll an.
Okay, dachte ich bei mir, die moralisch richtige Antwort für Frau Kahl wäre wahrscheinlich a), aber was mich betrifft: ich hätte je nach Fest nichts Anständiges zum Anziehen. Ich hätte aber auch keine Zeit, in die Stadt zu gehen. Also würde ich ein Kleid von meiner Freundin ausleihen, falls diese zufällig genau das passende Kleid für mich hätte (was unwahrscheinlich ist, da wir unterschiedliche Länge und Geschmacksrichtungen haben). Aber das zählt ja nicht zur Frage.
Laut antwortete ich:
“c)”
“Habe ich auch gesagt”, sagte Lara erleichtert, “aber Frau Kahl meinte, diese Antwort sei falsch. Man sollte aus seinen alten Kleidern etwas zusammenstellen. Schliesslich habe man sie auch gekauft und darum soll man zufrieden sein damit.”
Nach kurzem Zögern fügte Lara hinzu: “Warum gibt Frau Kahl c) überhaupt als mögliche Antwort, wenn c) falsch ist?”
“Es war anscheinend ein Multiple-Choice Test.“
“Dann hast du es falsch gelöst?”
“Sie möchte Euch ermuntern, dass Ihr nicht verschwenderisch und gierig seid”, versuchte ich zu schlichten.
“Wenn ich kein Festkleid zu Hause habe, meine Freundin aber vier, wer ist dann verschwenderischer?”
Ich wollte etwas sagen, aber Lara kam mir zuvor:
“Wenn ich zufrieden bin mit einem ausgeliehenen Kleid und selber keines habe, bin ich dann gierig? Muss ich eines kaufen gehen und bin dann nicht gierig, da ich in diesem Fall keines mehr ausleihe? Doch dann würde ich mich wie Antwort b) verhalten, und Frau Kahl hat gesagt, Antwort b) wäre noch falscher als Antwort c). Also müsste ich vor Frau Kahls Frage ein Kleid eingekauft haben oder besitzen, um nicht gierig zu erscheinen….
“Hast Du Frau Kahl gesagt, warum du Antwort c) genommen hast?”
“Sie hat nicht gefragt.”
Moralisch hat Frau Kahl vielleicht recht, aber die Realität ist komplizierter.
Mental schrieb ich an Frau Kahl:
Liebe Frau Kahl
Wenn sie den Kindern eine Frage stellen und eine Antwort bekommen, was machen Sie?
- a) Sie fragen nach, was das Kind mit seiner Antwort meint.
- b) Sie bestimmen die richtige Antwort.
- c) Sie fragen eine Freundin, ob sie die Antwort des Kindes versteht.
Freundliche Grüsse
Frau P.