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Ein Begriff, viele Bedeutungen
Sharing bedeutet auf Deutsch Teilen. Menschen teilen alles Mögliche. Wir teilen Bilder auf sozialen Medien, leben in WGs und teilen uns die Miete, leihen uns Werkzeug von unseren Nachbarn. Sharing ist allgegenwärtig. Darum beschäftigt sich inzwischen auch die Wissenschaft mit dem Phänomen. Und sobald etwas wissenschaftlich wird, will man herausfinden, womit man es überhaupt zu tun hat. Am Anfang jedes Artikels über Sharing steht also die Frage: «Was ist Sharing?».
Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Es kommt nämlich ganz darauf an, wen man fragt. Virginija Grybaitè und Jelena Stankevičienė haben festgestellt, dass es in der Forschung noch keinen einheitlichen Sharingbegriff gibt, und dass verschiedene Forscher auch verschiedene Definitionen benutzen1. Einer der ersten, die in dem Zusammenhang von Sharing redeten, war Russell Belk. Er schrieb:
«Sharing ist eine Alternative zu privatem Besitz, der in Markttransaktionen und im Verschenken eine Rolle spielt. Beim Sharing teilen sich zwei oder mehr Personen die Vorteile (und Kosten) die durch den Besitz einer Sache entstehen.» 2
Hier wird also unterschieden zwischen Verschenken, Verkaufen und Teilen von Gegenständen. Beim Teilen nach Belk findet kein Besitzerwechsel statt. Traditionelles Sharing findet unter Freunden und in Familien statt. Man teilt sich einen Kühlschrank, leiht sich in der Schule einen Stift oder von einem Nachbarn den Rasenmäher. Carsharing, wie es von Firmen angeboten wird, ist seiner Meinung nach kein Sharing, sondern eine neumodische Form der Vermietung. Virginija Grybaitè und Jelena Stankevičienė sind aber der Meinung, dass man sowohl das Teilen in Familien und unter Freunden, das Russell Belk unter Sharing versteht, als auch die diversen Firmen, die das Teilen professionalisiert haben, zu Sharing zählen sollte.
Manchmal hört man im Zusammenhang mit Firmen auch den Begriff «Sharing Economy». Alex Stephany erklärt, dass durch das Teilen von zu wenig genutzten Gütern ein Mehrwert entstehen kann, dadurch, dass man sie für andere Personen verfügbar macht3. In die Sharing Economy gehören Unternehmen, die das Teilen zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Darunter fallen in der Schweiz Firmen wie Sharely und Mobility, aber auch internationale Unternehmen wie AirBnB. Mit dem Internet werden solche Plattformen möglich. Sie vernetzen Privatpersonen oder Firmen, die etwas teilen wollen, mit Leuten, die etwas zum ausleihen suchen.
Aber kann es nicht auch Sharing sein, wenn ein Verein wie Grassrooted in Zürich Gemüse vor der Biogasanlage rettet und mit der Bevölkerung teilt? Daniel Roos und Rüdiger Hahn finden, Sharing im Sinne eines geteilten Konsums sei :
“verleihen, vermieten, verschenken, tauschen oder kaufen von gebrauchten, gemeinsamen oder ungenutzten Ressourcen. Ein Schritt weg von nicht nachhaltigem, linearem Konsum, hin zu nachhaltigeren Konsumpraktiken» 4
Man könnte also auf die Frage «Sharing, was ist das?», auch antworten:
Sharing bedeutet, dass ein Produkt nicht einfach von einer Person gekauft, genutzt und weggeworfen wird, sondern auf seinem Weg vom ersten Kauf bis zur Entsorgung mehrere Besitzer hat und somit geteilt wird.
Diese Definition würde auch Bibliotheken, Flohmärkte und Tauschbörsen beinhalten. Hier steht Sharing als Kontrast zur Wegwerfgesellschaft und zeichnet sich auch durch Nachhaltigkeit aus.
Die Typologie der Hochschule Luzern
Das Team hinter dem Sharing-Monitor hat sich gefragt, wie man diese Masse an Angeboten am besten beschreiben kann. Dabei entstand dieser Entscheidungsbaum.
Mit dieser Grafik ist es möglich, Sharing in verschiedene Kategorien einzuordnen. Wenn ich meine Erfahrung über ein Hotel auf einer Bewertungsplattform mit anderen teile, handelt es sich um ein nicht greifbares Gut, damit bin ich bei den Virtuellen Inhalten. Wissen und Arbeitskraft sind ebenfalls nicht greifbar. Man kann sie aber auch teilen. Das geschieht zum Beispiel über Zeitbanken.
Wenn wir uns von unserer Nachbarin einen Kärcher leihen, handelt es sich um ein greifbares Gut, es findet kein Besitzwechsel statt, und der Kärcher gehört einer einzelnen Person, der Nachbarin. Also landen wir beim Peer Ownership Sharing. Auch wenn eine Plattform wie Pumpipumpe Privatpersonen zum Verleih von Gegenständen zusammenbringt, fällt das in diese Kategorie. Wenn eine Nachbarschaft zusammen eine Solaranlage baut, diese gemeinsam bezahlt und nutzt, handelt es sich um Joint Ownership Sharing, bei welchem man sehr teure Gegenstände mit anderen zusammen anschafft und nutzt. Im Gegensatz zum Kärcher der Nachbarin gehört diese Solaranlage dann allen zusammen.
Ein Auto, das jemand über Mobility bezieht ist greifbar, es findet kein Besitzwechsel statt und das Auto gehört einer Firma, womit wir bei den Sharing-Geschäftsmodellen sind. Wenn der Besitzer oder die Besitzerin eine Öffentliche Institution ist, entstehen Sharing-Angebote meist nicht, um Profit zu generieren, sondern um möglichst vielen Menschen den Zugang zu einem Gut zu ermöglichen. Dies ist beispielsweise bei Ludotheken der Fall.
Bei Gütern, die weitergegeben werden, gibt es zwei Kategorien. Der Kauf einer Gebrauchten Stereoanlage auf Ricardo fällt ins Sequenzielle Sharing, weil die Stereoanlage in den Besitz von jemand anderem übergeht. Wenn unbenutzte Sachen weitergegeben werden wie beispielsweise Essen, das kurz vor dem Ablaufdatum über Too Good To Go angeboten wird, redet man von Verbrauchssharing. Auch Social Dining fällt ins Verbrauchssharing. Hier werden Gäste an Leute, die gerne kochen vermittelt.
Fazit
Abschliessend lässt sich sagen, dass die Sharing-Landschaft in der Schweiz immer komplexer wird. Durch die zunehmenden Möglichkeiten, die wir mit dem Internet, sozialen Medien und einer Fülle von einfach zu bedienenden Apps erhalten, entstehen auch immer neue Arten des Teilens. Dieser Überblick soll bei der Orientierung helfen, und zeigen, dass Sharing nicht für alle dasselbe bedeutet. Wir haben uns für eine breite Definition entschieden, da wir die Vielfalt des Sharing spannend finden, haben aber gleichzeitig Unterkategorien erstellt, die eine eindeutige Zuordnung von Angeboten zu einem Sharing-Typ ermöglichen.
Schlussendlich werden wir damit leben müssen, dass der Sharing-Begriffsdschungel existiert, und jede/r seine oder ihre eigene Ansicht hat. Wichtig ist dann, dass man darüber nachdenkt, warum man genau diese Definition benutzen will und dass man weiss, dass es andere gibt. Dabei konnte dieser Artikel hoffentlich helfen. Was ist Sharing für Euch? Wir freuen uns über Eure Inputs in den Kommentaren.
Literatur
- Grybaitė, Virginija; Stankevičienė, Jelena (2016): Motives for participation in the sharing economy – evidence from Lithuania. In: Ekonomia i Zarzadzanie 8 (4), S. 7–17. DOI: 10.1515/emj-2016-0028.
- Belk, Russell (2007): Why Not Share Rather Than Own? In: The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science 611 (1), S. 126–140. DOI: 10.1177/0002716206298483.
- Stephany, Alex (2015): The business of sharing. Making it in the new sharing economy. Basingstoke, Hampshire: Palgrave MacMillan.
- Roos, Daniel; Hahn, Rüdiger (2017): Does shared consumption affect consumers‘ values, attitudes, and norms? A panel study. In: Journal of Business Research 77, S. 113–123. DOI: 10.1016/j.jbusres.2017.04.011.
Titelbild: Annie Spratt