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In sieben Tagen von Europa bis New York, ohne Umwege: Dies wird den Passagieren auf dem Atlantikdampfer «Kerberos» versprochen. Doch es kommt alles anders. So lautet die Ausgangssituation für die neue Netflixserie 1899, die im November dieses Jahres erschienen ist. Die Serie stellt das nächste grosse Projekt von den deutschen Filmemachenden Jantje Friese und Baran bo Odar dar, die mit dem Erfolg ihrer Netflixserie Dark hohe Erwartungen bei den Zuschauern hinterliessen. 1899 ist dabei ein würdiger Nachfolger.
Die Serie spielt auf dem Dampfschiff «Kerberos», welches auf dem Weg von Europa nach New York ist. Die versprochene, direkte Überfahrt wird jedoch unterbrochen, als die «Kerberos» auf das vor Monaten verschwundene Schiff «Prometheus» stösst, auf welchem sich bis auf einen kleinen Jungen niemand mehr befindet. Dieses Ereignis stürzt die «Kerberos» und ihre Passagiere ins Chaos. Die Ärztin Maura aus England ist die Protagonistin der Serie, mit der das Publikum über die 8 Episoden hin die Geheimnisse des Schiffs enthüllt. Neben Maura bilden der deutsche Kapitän, eine alleinreisende Engländerin, zwei spanische Brüder, eine japanische Geisha, ein unglücklich verheiratetes französisches Pärchen, eine dänische Familie in der dritten Klasse, ein Pole im Maschinenraum und ein französischer, blinder Passagier das zentrale Ensemble der Serie. Während der ersten Staffel werden die Figuren und die Zuschauer mit immer mehr Fragen und Geheimnissen bezüglich der «Kerberos» und ihrer Passagiere konfrontiert. Als klar wird, dass keine*r der Passagiere ist, wer er/sie vorgibt zu sein und die Passagiere der dritten Klasse eine Meuterei starten, wartet man gefesselt vor dem Fernseher auf die unvermeidliche Explosion der Ereignisse.
1899 ist ein einzigartiges Fernseherlebnis, vor allem für Netflix. Der Streaming-Service konnte mit der ersten Serie des Filmmacher-Duos Friese und Odar grosse Erfolge verzeichnen, trotzdem war 1899 ein Risiko. Dies nicht nur wegen der komplexen Ideen, der teilweise verwirrenden Handlung und der eindrucksvollen und wohl teuren Machart der Serie, sondern auch wegen der Mehrsprachigkeit des Ensembles. Jede Figur spricht in ihrer Muttersprache. So kommt zum Beispiel eine Szene zustande, in der ein spanischer und dänischer Priest sich verständigen wollen, ohne das Gegenüber zu verstehen. Eine Idee, die bei schlechter Umsetzung nicht funktioniert hätte. Doch 1899 macht die Mehrsprachigkeit kein Gimmick, um für Presse zu sorgen, sondern schliesst sie in die Handlung mit ein. Es entsteht eine Serie, wie man sie auf Netflix noch nie gesehen hat.
Was zuerst wie ein historisches Drama wirkt, etabliert sich schnell als etwas komplett anderes. Die Erwartung, dass alles in den 8 Episoden erklärt oder ersichtlich wird, ist hier aber fehl am Platz. Wer bereits Dark gesehen hat, weiss, dass man da bei Friese und Odar falsch ist. Denn auch ihre zweite Netflix-Produktion ist ein Puzzle, von dem man immer ein oder zwei Stücke nicht finden kann, man aber nicht aufgeben will, es fertig zu lösen. Dabei kann man nur an einen Satz denken, der eine hier noch geheimbleibende Figur immer wieder gegenüber den Passagieren auf der «Kerberos» erwähnt: «You’re not asking the right questions.»
Die einzige richtige Frage an dieser Stelle ist wohl eine, die nur Netflix beantworten kann: Wann erscheint die zweite Staffel?
Text: Franziska Schwarz
1899
Serienschöpfer: Jantje Friese & Baran bo Odar
Darsteller: Emily Beecham, Aneurin Barnard, Andreas Pietschmann, Miguel Bernardeau, José Pimentao, Isabella Wei, Maciej Musial, Yann Gael, Mathilde Ollivier, Jonas Bloquet, Rosalie Craig, Clara Rosager, Lucas Lynggaard Tonnesen, Maria Erwolter, Alexandre Willaume, Fflynn Edwards
Jahr: 2022
1 Staffel (8 Episoden)