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(Fabricius, 1775)
- DE: Gefleckte Schnarrschrecke
- EN: Speckled Grashopper
- FR: L' Oedipodes des torrents
- Syn.: No synonym!
Morphologie
Bryodemella tuberculata gehört zu den grössten und spektakulärsten Ödlandschrecken. Ihre Grundfarbe ist grau bis schwarz. Während einige Männchen bis auf eine helle Fleckenzeichnung der Hinterbeine fast gänzlich schwarz sein können, sind die Weibchen variabler. Bei ihnen kommen algenartig grüne oder orange Zeichnungen öfter vor. Die namensgebende Fleckung ist vor allem bei hellen Tieren und Weibchen auf den breiten Flügeln gut zu erkennen, kann aber auch fehlen. Kontrastreiche Zeichnungen befinden sich wie bei vielen anderen Ödlandschrecken auf der Innen- und Aussenseite der Hinterschenkel. Die Hinterschienen sind gelblich bis orange, die Hinterknie schwarz. Das auffälligste Kennzeichen sind die Hinterflügel. Sie sind bei beiden Geschlechtern an der Basis leuchtend rosarot gefärbt. Gegen aussen sind sie bräunlich gesäumt bis durchsichtig. Die Längsadern sind vor allem beim Männchen stark verdickt und dienen der Gesangserzeugung. Weibchen mit prall gefülltem Hinterleib, die vor der Eiablage stehen, wirken ziemlich plump.
Gesang
Das Flugverhalten von Bryodemella tuberculata gehört zu den spektakulärsten Verhaltensweisen unter mitteleuropäischen Heuschrecken. Die Männchen zeigen Spontanflüge und erzeugen dabei einen mässig lauten, schnarrenden Ton. Es wechseln sich geräuschvolle Abschnitte, bei denen die Tiere meist an Flughöhe gewinnen, mit kürzeren, geräuschlosen Abschnitten ab, bei denen sie gleiten. Oszillografisch zeigt das Geräuschmuster verschiedene Formen. Das Frequenzspektrum zeigt ein Maximum bei 6-7 kHz. Das Geräusch entsteht wahrscheinlich, wenn sich die verdickten Adern der Hinterflügel berühren. Die Details sind allerdings unbekannt. Die Männchen erreichen Flughöhen von bis zu 10 m und legen dabei Distanzen von mehreren hundert Metern zurück. Dabei können sie ohne weiteres einen Flussarm überqueren. Fliegende Männchen kann man zu jeder Tageszeit beobachten, die Spontanflüge treten aber gehäuft kurz nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang auf. Die Funktion dieser Spontanflüge ist noch nicht vollständig klar. Wahrscheinlich dienen sie als Werbe- oder Territorialverhalten. Beide Geschlechter erzeugen bei kurzen Fluchtsprüngen ein metallisches Geknister. Beim Aufeinandertreffen am Boden kommunizieren die Tiere, indem sie die Beine gegen die Vorderflügel reiben. Das dabei entstehende Geräusch gleicht jenem von Psophus stridulus, welches er am Boden äussert.
Spontanflug von Bryodemella tuberculata - DE, Bayern, Vorderriss an der Isar, 20 °C.
Ausschnitt aus dem Spontangesang von Bryodemella tuberculata - DE, Bayern, Vorderriss an der Isar, 20 °C.
Ausschnitt aus dem Spontangesang von Bryodemella tuberculata - DE, Bayern, Vorderriss an der Isar, 20 °C.
Verbreitung
Bryodemella tuberculata hat ein grosses Verbreitungsgebiet. Sie kommt von Mitteleuropa über Asien bis an die Pazifikküste von China vor. Die westliche Arealgrenze liegt in Mitteleuropa. Hier lebt die Art in den wenigen, natürlich verbliebenen Alpenflüssen Süddeutschlands und Österreichs. Seit den 1960er Jahren ist sie in der Schweiz am Inn im Kanton Graubünden ausgestorben. Ebenso ausgestorben ist die Art in Norddeutschland und Dänemark. Die nördlichsten Vorkommen befinden sich in Schweden (Öland), Finnland, dem Baltikum und an wenigen Orten in Osteuropa. Über die genaue Verbreitung in Asien ist wenig bekannt. In Asien leben neun weitere Arten der Gattung Bryodemella.
This map is based on occurrence records available through the GBIF network and may not represent the entire distribution.
Phänologie & Lebensweise
Ausgewachsene Tiere von Bryodemella tuberculata findet man von Mitte Juli bis Oktober.
Die Eier werden an trockenen Stellen in 20-30 mm Tiefe abgelegt. Die Larven schlüpfen ab Mitte Mai. Beide Geschlechter durchlaufen 4 Larvenstadien. Die Männchen von Bryodemella tuberculata gehören zu den mobilsten Heuschrecken überhaupt. Beide Geschlechter fliegen, die Weibchen allerdings nur wenige Meter bei Fluchtsprüngen. In den frühen Morgenstunden und späten Nachmittagsstunden zeigen die Männchen minutenlange Spontanflüge, ähnlich einem Schmetterling. Dabei lassen sie das typische Flugschnarren erklingen, welches mit den Hinterflügeln erzeugt wird. Sie können auf diese Weise Flussarme überqueren und neue Kiesinseln kolonisieren. Die Flüge werden in 5-10 m Höhe durchgeführt und dauern 1-6 Minuten. Erstaunlicherweise scheinen diese Flüge unabhängig von der Temperatur zu sein. Es konnte ein Aktivitätsmaximum zwischen 8-10 Uhr und 18-20 Uhr festgestellt werden.
Lebensraum
Bryodemella tuberculata lebt in zwei unterschiedlichen Lebensraumtypen. In Mitteleuropa ist sie nur an natürlichen, spärlich mit Vegetation bewachsenen Flussbetten anzutreffen. Im Baltikum und Nordeuropa besiedelt sie sandige Heide- und Moorlandschaften. An der Isar in Deutschland und am Lech in Österreich werden leicht erhöhte Schotterflächen bevorzugt, die mit Silberwurz, Weiden und Kiefern bewachsen sind, aber noch genügend offene Stellen aufweisen. In der Schweiz lebte sie in ähnlichen Lebensräumen am Inn im Unterengadin.
Gefährdung & Schutz
Bryodemella tuberculata ist in der Schweiz ausgestorben. Durch die grossräumige Zerstörung der Alpenflüsse, insbesondere durch Flussregulierungen (Kanalisierungen, Kraftwerke), sind die meisten Vorkommen erloschen oder auf Restpopulationen geschrumpft. Weitere Gefährdungsursachen sind die Kiesentnahme, Freizeitnutzung der Flussbette und die Verwaldung geeigneter Habitate. Bryodemella tuberculata ist auf grossflächige, dynamische Flüsse angewiesen und ist daher in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht. Die rücksichtslose Sand- und Kiesgewinnung am Inn-Ufer und den benachbarten Alluvionsflächen im Unterengadin veränderten die Lebensräume der lokal verbreiteten und seltenen Arten wie Bryodemella tuberculata, Epacromius tergestinus ponticus, Tetrix tuerki und Chorthippus pullus. Die beiden erstgenannten Arten sind in der Schweiz ausgestorben.
- CH: RE (In der Schweiz ausgestorben)
- DE: 1 (Vom Aussterben bedroht)
- AT: EN (Stark gefährdet)
- Europa: VU (Verletzlich)
Ähnliche Arten
Bryodemella tuberculata kann mit Psophus stridulus verwechselt werden. Beide Arten können im selben Lebensraum angetroffen werden. Das beste Unterscheidungsmerkmal ist die Hinterflügelfarbe. Bei Bryodemella tuberculata ist es ein dunkles Rosarot, bei Psophus stridulus ein leuchtendes Orangerot. Der Halsschild ist bei Bryodemella tuberculata oben abgeflacht und von zwei Querfurchen durchzogen, während es bei Psophus stridulus erhaben ist und keine Quernaht besitzt. Die Hinterschienen sind bei Psophus stridulus dunkel. Die beiden Arten der Gattung Oedipoda weisen eine deutlich stärkere hell-dunkel Bänderung auf den Vorderflügeln auf und die Adern der Hinterflügel sind nicht verdickt.