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Hinter einer Shell-Tankstelle und einer McDonalds-Filiale reihen sich ausgemergelte Menschen auf. Sie wollen die Nadeln abgeben, mit denen sie sich über die Woche Opioide in die Venen geschossen haben. Der Himmel, der durch das gelbe M sichtbar ist, färbt sich orange. Die Sonne geht unter auf der sechsspurigen Sycamore View Road in Memphis, Tennessee.
Auf einem leeren Grundstück steht eine flache Bühne. Hier können die Konsumenten ihre Spritzen in grosse graue Plastikboxen entsorgen, anstatt sie einfach auf die Strasse zu werfen oder auf öffentlichen Toiletten zu lassen. So wird verhindert, dass die Konsumenten sich Spritzen teilen und sich dadurch mit HIV oder Hepatitis C infizieren. Im Gespräch mit Beratern und im Austausch für anonymisierte Daten erhalten die Konsumenten originalverpackte Spritzen zurück.
«Bring uns zehn gebrauchte Nadeln, dann kriegst du zehn neue», erklärt Ron Bobal, Gründer der Organisation «A Betor Way». Er organisiert das erste «Spritzenaustausch-Programm» für Opioid-Abhängige in Memphis.
Das Hauptproblem hier ist die Droge Fentanyl, ein Opioid etwa hundertmal stärker als Morphin. Obwohl es einigen Drogen nur zum Strecken beigemischt wird, ist das potente Fentanyl für einige Konsumenten an die Stelle von Heroin gerückt – die Folgen sind hier verheerend.
Memphis ist dabei kein Sonderfall, ganz im Gegenteil. Die Opioid-Krise wurde in den USA durch die Corona-Pandemie deutlich verstärkt. Die Zahlen sind erschreckend. Laut Nationalem Gesundheitsministerium (CDC) starben zwischen März 2020 und März 2021 so viele Menschen in den USA wie nie zuvor an einer Überdosis – insgesamt mehr als 96'000 (Vorjahr: 74'679). Allein illegales Fentanyl war laut American Medical Association (AMA), dem grössten Verband von Ärzten in den USA, im Jahr 2020 für mehr als 56'000 Überdosis-Tote verantwortlich.
Ron Bobal raucht genüsslich eine Zigarre, während er Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in seinem Programm willkommen heisst. Viele grüssen ihn, hier kennt man sich nur mit Vornamen.
Ein riesiger Glatzkopf mit geweiteten Pupillen trägt ein rot-getigertes Kätzchen herum. Er streichelt es beharrlich. Es wirkt, als beruhigen sich beide gegenseitig. Der Glatzkopf erkundigt sich nach den Rippchen, die hinter dem Trailer auf dem Grill schmoren. Einige Gäste sammeln sich um einen Tisch mit alter Kleidung. «Endlich ein Paar Socken», jubelt einer.
Nicht wenige der Klienten kommen in neuen SUVs, andere stolpern vom Gehsteig aufs Gelände und grüssen Ron Bobal. Über einhundert Konsumenten begrüsst der stämmige Mann jeden Freitag zum Nadelaustausch.
«Ich selbst habe nie harte Drogen konsumiert», sagt Bobal, während er an der Zigarre pafft. «Aber ich habe zwei Kinder aufgezogen, die süchtig wurden.» Eines seiner Kinder starb durch die Drogensucht:
Sohn Ronnie Bobal konsumierte schon länger Heroin, war mehrfach auf Entzug. Bei einem Rückfall erwischte er eine Dosis Heroin, die mit einer tödlichen Menge Fentanyl gestreckt war, erzählt sein Vater. Ronnie Bobal war Maler und Graffiti-Künstler. Sein Künstlername war «Betor» – das inspirierte den Namen der Organisation: «A Betor Way». Seit zwei Jahren organisiert Betors Familie den Spritzenaustausch.
Justin, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, nutzt den Service seit dem ersten Tag. Seine grossen Augen stechen aus seinem eingefallenen Gesicht hervor, das unter seiner Kapuze hervorragt. Auf seiner Nase und seinen Wangen klaffen offene Wunden. Meistens versteckt er beide Hände in der Bauchtasche seines lila Pullovers. Die Berater auf dem Event kennen Justin gut. Einer von ihm nennt ihn zwinkernd «unser Maskottchen».
Justin liebt den Smalltalk beim Spritzenaustausch. «Auch wenn wir hier nur übers Wetter reden, das fühlt sich immer sehr gut an. Niemand schaut auf mich herab.» Dies sei der einzige Ort, an dem er über etwas anderes als Drogen reden kann.
Fentanyl und Crystal Meth konsumiert er am häufigsten. Mindestens fünfmal am Tag spritzt er sich Fentanyl, erzählt der Dreissigjährige. Damit er seine Spritzen austauschen kann, muss Justin mit einem Berater sprechen. Alle Berater haben einst ebenfalls Drogen missbraucht. «Jeder Berater hier ist ein Überlebender», sagt Ron Bobal, der selbst nur als Organisator auftritt. «Die Berater wissen, was die Konsumenten durchmachen und vielleicht finden sie gemeinsam einen Weg raus aus der Sucht.»
Justin versucht das seit Jahren. Einen Entzug in der Reha kann er sich nicht leisten. Aktuell ist er obdachlos. Er schützt sich vor der Kälte mit einer Decke, die er unter einer Highway-Brücke versteckt.
Die Angst vor dem Entzug bringt Justin zum Stammeln: «Fentanyl ist der Teufel. Es nicht zu bekommen, ist wie eine furchtbare Grippe. Du kotzt die ganze Zeit. Es ist, als würde man sterben. Ich würde lieber erschossen werden, als auf Fentanyl zu verzichten.» Hatte Justin jemals eine Überdosis? «Ja, 52 Mal.» Im Fall einer Überdosis rette ihn das Medikament Narcan, das Justin immer bei sich trage.
Die Droge Fentanyl wird mit den meisten Überdosis-Toten im Shelby County (927'000 Einwohner), dem Regierungsbezirk um Memphis, in Verbindung gebracht. Und die Zahl der Toten steigt rasch an. Im Jahr 2020 zählte das Gesundheitsamt im Shelby County im Schnitt 7.9 Überdosis-Tote pro Woche. Dieses Jahr sind es 9.9 pro Woche. In der vorigen Woche starben sieben Menschen an einer Überdosis.
Im Mai 2020 schlug das Gesundheitsamt erstmals Alarm. Damals hatte die Zahl der Toten die Marke von 50 übersprungen. Im April und im Juli wurde diese Zahl erneut überschritten – doch der Alarm blieb aus.
Bryan Owens ist Sozialarbeiter, war einst selbst süchtig. Heute hilft er Konsumenten beim Entzug von Drogen. In einer Präsentation auf dem Opioid-Gipfel des Countys zeigt Owens, dass die Zahl der Klienten, die Fentanyl gezielt konsumieren, um 500 Prozent gestiegen ist. Als Primärdroge nennen aber nur zwei Prozent der Befragten Fentanyl. «Die meisten Konsumenten realisieren gar nicht, dass sie Fentanyl konsumieren», vermutet Owens.
Die Droge, die günstig importiert werden kann, wird in den meisten Fällen als Streckmittel genutzt. Oft in gefälschten Schmerzmitteln wie Oxycodon oder Beruhigungsmitteln wie Xanax. Am prominentesten aber in Heroin. Beim Unterkochen von Fentanyl in Drogenküchen verteilt sich der Stoff aber nicht gleichmässig in den Opioiden. Es entstehen Fentanyl-Inseln, wodurch manche Dosen Heroin um ein Vielfaches tödlicher sind als andere und zu einer Überdosis führen können.
Eine Überdosis tötete auch Ron Bobals Sohn. Nach dessen Tod suchte Bobal nach einer Möglichkeit, Menschen zu helfen, die mit ähnlichen Problemen kämpfen wie sein Sohn: «Ich wollte einen Ort schaffen, an den die Süchtigen regelmässig zurückkehren. An dem sie herumhängen können, ohne verurteilt zu werden. Das bringt ein wenig Stabilität ins Leben.»
Einige seiner Klienten kommen nach einer Zeit nicht mehr; manche gehen in den Entzug, andere sterben. «Wir können sie nun mal nicht über Nacht heilen», argumentiert Bobal nüchtern. Er sagt:
Seine kraftvollste Waffe in diesem Kampf ist das Medikament Narcan, auch bekannt als Naloxon. Im Falle einer Überdosis stoppt Narcan, dass die Opioide an Nervenzellen im Gehirn andocken.
Narcan gibt es als Nasenspray und als Spritze, die das Medikament direkt durch die Muskeln in die Blutbahn bringt. Bobal verteilt Narcan an Konsumenten und Passanten. «Meiner Meinung nach, sollte jeder in Memphis Narcan in der Autotür haben. So könnten wir viele Leben retten», sagt Bobal.
Danach stellt er Tyler vor, der kürzlich eine Überdosis überlebt hat. Tyler hat lange braune Haare, tätowierte Oberarme und trägt ein schwarzes Bandshirt. Er sieht aus wie der Metal-Fan von nebenan.
Bei sich hat er seine Verlobte Erica, die hochschwanger ist. Stolz zeigt Tyler auf Ericas Bauch. «Das wird mein Sohn. Ich glaube, ich nenne ihn Lexios.» Kurz danach erzählt er, wie seine achtzigjährige Oma ihm das Leben gerettet hat.
«Ich habe mir eine Überdosis im Bad gespritzt. Gott sei Dank, habe ich meiner Oma vorher gezeigt, in welcher Schublade das Narcan liegt. So hat sie mich zurückgebracht.»
Dann beendet Tyler das Gespräch: «So wie wir hier darüber reden, habe ich richtig Bock bekommen, mir etwas Fentanyl zu gönnen.» Tyler und Erica rennen zu ihrem Auto, ohne sich zu verabschieden.
Die US-Regierung will Sportlerinnen und Sportler zu den Olympischen Winterspielen nach China schicken, aber keine diplomatischen Vertreter. Peking reagiert höchst verärgert, noch bevor die offizielle Verkündung überhaupt da ist.