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„Meine Mutter schreibt auch.“
von Cedric Weidmann
Er sass im Bus in den Sitzen, von denen man die Beine in den Stehbereich strecken konnte. Es war früher Feierabend, die Menschen rückten eng zueinander auf. Ich stand im Gedränge vor ihm. Er sah mich schon beim Einsteigen erkennend an und ich lächelte zurück. Ich kannte ihn, von fern oder aus früheren Zeiten. Doch ich konnte das pausbäckige Gesicht mit dem spriessenden Bart mit keiner Gelegenheit oder Begegnung zusammenführen.
„Hey!“, sagte er.
„Hoi“, sagte ich.
„Du bist doch der Cedric.“
„Ja, und du der …“
„Mirko.“
„Mirko. Klar, der Mirko.“
Der Bus brummte. Eine Schülerin, die so dicht neben mir stand, dass sie unser Gespräch überhörte, sah Mirko prüfend an, als hätte sie die Vermutung, er löge.
„Wie geht es dir? Schreibst du eigentlich immer noch.“
„Ja, ich versuche es, so gut es eben geht neben dem Rest.“
„Cool.“
Wir nickten eine Weile. Auf meiner Hand entdeckte ich eine Verletzung, von der ich nicht wusste, woher ich sie hatte. Es war eine unregelmässige Schürfung am Handgelenk. Ich lief oft in Gegenstände hinein oder verletzte mich an einer rauen Wand meiner Wohnung. Aber früher hatte ich wenigstens noch gespürt, wenn mir etwas zustiess. Das Mädchen schien sich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Füssen halten zu können, nur der Arm, mit dem sie sich an der Deckenstange hielt, war ein festgelötetes Gelenk, das nicht locker liess. Sie blinzelte wie in Zeitlupe und vor dem Augenschliessen konnte ich zweimal beobachten, wie sich die Augäpfel nach oben zu kehren begannen, kurz bevor sich das Oberlid über die Pupille senkte.
„Sehr cool. Da muss man ja echt viel wissen und lesen. Ich selber habe es ja wahrscheinlich nie so ganz mit Sprache gehabt. Aber ich habe auch gerne mal Geschichten geschrieben, aber so den Schritt sich vorzuwagen aus der Schreibkammer, der ist mir immer schwer gefallen.“
„Ja, das verstehe ich“, sagte ich.
Ein Mann stand mir auf den Fuss und entschuldigte sich. Ich spürte ein unangenehmes Gefühl an den Zehen, aber es war kaum ein Schmerz. Das Mädchen stiess mit der Schulter gegen meine Brust.
„Meine Mutter schreibt auch“, sagte er plötzlich.
„Ah?“
„Ja, schon lange. Ganze Romane.“
„Oh.“
„Ich weiss, wie hart es ist. Ich weiss es von meiner Mutter. Es ist echt schwer, einen Publisher zu finden, der deine eigenen Wünsche wahrnimmt und dir nicht alles aus den Fingern reisst. Sie hat noch keinen, aber sie will bald einen finden. Sie schreibt Kurzgeschichten und Romane. Von Hand, nicht am Computer. Sie zieht sich ganze Wochenenden zurück und will alleine arbeiten, was manchmal unsere Familienpläne durcheinanderbringt. Aber klar, es braucht auch viel Konzentration und Geduld.“
„Das ist toll“, sagte ich.
„Ach was“, er zuckte mit den Schultern. „Eltern. Aber eben, Respekt, es braucht echt viel Begeisterung.“
Die Stationen kamen jetzt schneller, während der Bus ausserorts fuhr. Er erzählte mir von seiner Mutter, sie schreibe einen Roman über die Zombieapokalypse. „Sie schleift an jedem Satz. Sie hat ganze Notizbücher gefüllt. Sie hält sich wach, indem sie liest. Wir alle sind stolz auf sie, vor allem Vater, denn was sie macht, ist nicht ohne.“
Seine Haltestelle kam. Er verabschiedete sich und musste sich, Entschuldigungen ausstossend, an seinen Sitznachbarn vorbeischieben.
„Hat mich gefreut, Cedric.“
„Mirko.“
Er hielt kurz inne, schulterte nachdenklich den Rucksack. „Wahnsinn, dass du noch schreibst.“ (Er schüttelte dazu den Kopf.)
„Komm gut heim“, sagte ich.
Jetzt nickte er und zog sich die Kopfhörer über die Ohren, seine Pausbacken glühten in den Abend. Die Schülerin öffnete die rollenden Augen, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht, und sah mich erschrocken an. Ich blickte auf meine Hände. Das trockene Blut liess sich einfach abreiben und bröselte auf die Schuhe der Passagiere.