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Seit dem Neolithikum ständig besiedelt, ist Belgrad eine der ältesten Städte Europas, deren Entwicklung jedoch durch häufige Unterbrüche und Verwerfungen, nicht hingegen durch Kontinuität und kumulatives Wachstum gekennzeichnet ist. Die Identität Belgrads weist historische Verbindungen zum Orient (Byzanz dem Ottomanischen Reich) und zum Okzident (der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) auf, doch physische Spuren dieser Reiche sind in der Stadt spärlich gesät. Heute besteht Belgrad aus zwei Städten, Alt-Belgrad und Zemun, die sich beiderseits der historischen Grenzen unabhängig voneinander entwickelt haben und erst nach dem Ersten Weltkrieg mit ihren Vorstädten und Dörfern und der nachfolgenden Errichtung von Neu-Belgrad, einem grosszügig angelegten modernen Projekt mitten im Herzen der Stadt mit bereits einer Million Einwohnern, zusammengewachsen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1980er Jahre hinein erlebten Jugoslawien und seine Hauptstadt Belgrad – mit internationaler Ausrichtung und einem niedrigeren Gravitationspunkt der politischen Macht – eine anders geartete sozialistische Modernität als das restliche Osteuropa.
Die jüngere Geschichte Belgrads war turbulent und durch den Zerfall Jugoslawiens, Bürgerkrieg, Diktatur und Bombardierung vonseiten der NATO gekennzeichnet. Einziger konstanter Faktor in der Stadt war über die letzten zwei Jahrzehnte das Tempo der Veränderung. Und nun steht Belgrad neuerlich vor einem Wendepunkt: Serbien soll der Europäischen Union beitreten. Die Stadt zählt heute 1.750.000 Einwohner und das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP liegt bei rund USD 1.500. Trotzdem hat die unkontrollierte Errichtung neoliberaler Investitionsprojekte auf Hunderttausenden von Quadratmetern die Stadt verändert. In einem soziopolitischen Paradigmenwechsel verkehrt sich die sozialistische Modernität rasch in ihr Gegenteil: in einen wilden, anarchistischen urbanen Produktionsmodus mit zugehöriger «Turbo»-Ästhetik. Diese Situation manifestiert sich im Fehlen einer langfristigen Positionierung der Funktion der Stadt und im Mangel an klaren Strategien für ihre Zukunft. Doch das ist nichts Neues: Ohne historische Stabilität und langfristige Erfolge hat sich eine Logik bzw. Mentalität kurzfristiger urbaner Taktiken entwickelt, die zugleich die vitalste Fähigkeit der Stadt darstellt.
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