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Es gibt bekanntlich zwei Arten von Expertinnen und Experten des Sports. Da sind diejenigen ausserhalb der Arena. Sie sitzen an Stammtischen und liegen daheim auf Sofas, von wo aus sie ungehemmt kommentieren, lamentieren und parlieren. Egal wie, egal wo: Sie wissen Bescheid! Und dann gibt es diejenigen innerhalb der Arena. Die wissen wirklich Bescheid. Weil sie sich für eine einzige Sportart entschieden haben und dieser alles unterordnen. Weil sie dank ihres Talents und unermüdlichen Einsatzes Erfolge feiern und dafür
alles vieles in Kauf nehmen: Schmerzen, Freud und Leid. Und dann gibt es die Legenden. Die Legenden sind die Steigerung der wahren Experten. Deren Leistungen sind noch ein bisschen ausserordentlicher, deren überwundenen Hürden noch etwas höher, deren Wirken noch nachhaltiger. Nur: Wie nennt man eigentlich die Legenden der Legenden –also die, die in mehr als einer Disziplin Herausragendes leisten?
Hier mein Vorschlag: Man nennt sie Staub. Roger Staub!
Doch fangen wir am Anfang an: Da war einmal ein Bub, geboren im Juli 1936 in Arosa, der war nicht nur ein sehr begabter Eishockeyspieler, sondern auch ein äusserst talentierter Skifahrer. Bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo erreichte der junge Mann in der Abfahrt den vierten Rang. Bei den Skiweltmeisterschaften 1956 in Bad Gastein gewann er Silber in der Abfahrt, Bronze im Riesenslalom und Bronze in der Kombination. Zum Schweizer Helden aber machte ihn das Jahr 1957: Da fuhr er nämlich am Lauberhorn in der Abfahrt auf den zweiten Platz und holte sich in der Position des Stürmers mit dem EHC Arosa den Schweizermeistertitel (!). Stell dir das Chäferfest vor, hätte Beat Feuz im Jahr 2020 nicht nur die Lauberhorn-Abfahrt gewonnen, sondern auch den Schweizermeistertitel im Eishockey! Rock’n’Roll, Baby! Schade fürs Hockey, gut für die Skiwelt, dass sich Staub danach definitiv für den Skisport entschied. So brillierte er 1959 erneut am Lauberhorn, nämlich, als er mit zwei dritten Plätzen in der Abfahrt und im Slalom Zweiter in der Kombination wurde. Der Höhepunkt seiner Höhepunkte folgte 1960, als er bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley – Obacht Trommelwirbel – Olympiasieger (!) im Riesenslalom wurde. Staub war gerade einmal fünfundzwanzig, als er vom aktiven Skirennsport zurücktrat, um zusammen mit seinem Bruder Hans eine Skischule und die Karriere nach der Karriere aufzubauen.
So entwickelte Staub (unter anderem) die Mutter aller Bankräuber-Mützen – die legendäre Roger-Staub-Mütze, bei der – ausser Mund und Augen – der ganze Kopf bedeckt ist. Er fuhr im Wasserski mehrere Schweizermeistertitel ein. Und er zählte –zusammen mit Art Furrer – zu den ersten Skifahrern, die waghalsige Ski-Akrobatikeinlagen an Skishows zeigten. Müssig zu erwähnen, dass er unter anderem im Skifilm «Die Snowboys von Arosa» von Ruedi Homberger für einen der Höhepunkte sorgte. 1974 übergab er die Skischule seinem Bruder und zog nach Colorado, wo er Wintersportleiter des berühmten Skiresorts Vail wurde. Spektakulär wie sein Leben war auch sein Lebensende: Roger Staub stürzte beim Deltafliegen aus einer Höhe von 150 Metern ab. Er starb einen Tag vor seinem 38. Geburtstag, den er am 1. Juli 1974 gefeiert hätte.
Fragt also jemand in Zukunft: Roger who? Dann sagst du: Roger Staub – the Legend!
Ich meine, dieses Wissen gehört in jedes Expertinnen-Repertoire. Gern geschehen.
Text: Doris Büchel, Autorin, Liechtenstein