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Einer der grössten Gletscher der östlichen Alpen bettet sich am malojischen Südrand zwischen Piz Palü, Piz Bernina, Munt Pers und Piz Cambrena. Der Morteratschgletscher, welcher nach knapp sechseinhalb Kilometern ins Val Bernina mündet, ist seit Beginn der systematischen Beobachtungen im Jahr 1878 um rund zwei Kilometer zurückgewichen. Doch der Gletscher hat schon früher begonnen, sich zurückzuziehen. Damals werteten die Menschen dies als positives Zeichen, galten Gletscher doch als unheilvolle Ungeheuer, die gerne mal Kulturland und Behausungen verschlangen.
Die unfassbare Dimension des Gletschers ist auch heute noch schwer zu begreifen. Rund eineinhalb Milliarden Tonnen Material sind im Eis eingeschlossen. Das entspricht weit über 30 Millionen 40-Tonner-Lastwagen – eine Grösse die selbst in dieser Masseinheit schwer zu erahnen ist. Berechnungen zufolge wird sich bis 2040 das gesamte, im Eis gehaltene Wasser, aufgelöst haben. Für den Wasserhaushalt Oberengadiner Gemeinden sowie für die ganze Schweiz zeichnen sich ernstzunehmende Engpässe ab, wenn die grossen Wasserspeicher wie der Morteratsch verloren gehen. Die Menge geschmolzener Eismasse seit 1973 könnte mit 22,5 Kubikkilometer längst den Vierwaldstättersee füllen – zweimal! Besonders stark schmelzen die Gletscher im Tessin, Engadin und Südbünden.
Mit Kanonen auf Gletscher schiessen
Der Glaziologe Felix Keller von der Academia Engiadina möchte dem Verschwinden des Morteratschgletschers entgegenwirken. Messungen zufolge schwand der Gletscher im Jahre 2000 um 10 % weniger als gewöhnlich. Grund dafür waren Schneefälle rund um den 10. Juli, die oben am Gletscher 40 cm und unten noch 20 cm Schnee hinterliessen. Die Gletscher gehen vor allen Dingen während der Sommermonate überproportional zurück. Daher könnte man die Eisflächen mit Eisbrei aus Schneekanonen bedecken, um das Abschmelzen wirksam zu verlangsamen. Das Pilotprojekt, welches von der Gemeinde Pontresina unterstützt wird, soll diesen Sommer starten und den Gletscher mittels Schneekanonen täglich um 20 cm zu beschneien. Die Kanonen sollen mit Schmelzwasser aus einem kleinen See betrieben werden.
Diverse Wintersportorte wollen ihre Gletscherattraktionen erhalten und versuchen schon seit Jahren alles Mögliche. Wer am Titlis wandern geht, kann die Gletscherdecken aus Vlies sehen, die den Gletscherpark schützen sollen. Mit mässigem Erfolg.
Seit einigen Jahren schon verfolgt Professor Eduard Heindl von der Hochschule Furtwangen einen anderen Ansatz. Er sieht ausbleibende Regenfälle während der Wintermonate als Schlüsselproblem, welches er mit Sprinkleranlagen zu lösen versucht. Im Schwarzwald liess Heindl 2010 einen Minigletscher entstehen, der in einem Winter auf zweieinhalb Tonnen anwuchs. Mit eigens aus Israel bestellten Sprinklern liess er ein Feld mit Wasser besprühen, worauf sich tatsächlich Eiszungen bildeten. Damit der Gletscher aber wirklich von der Methode profitieren kann, muss bereits viel mehr Eismasse vorhanden sein, andererseits schmelzen die Toteisblöcke spätestens im Juli davon.
Mit nahen Wasserquellen blieben die Kosten für Kunstgletscher überschaubar. Heindl rechnet etwa mit 100`000 Euro pro Quadratkilometer Gletscher, was vertretbar sei, bedenkt man die enormen Investitionen mancher Wintersportorte in Infrastrukturprojekte.
Schneekanonen benötigen die 50-fache Energiemenge und sind weit anspruchsvoller als Sprenkler, deren versprühtes Wasser schnell zu Eis erstarrt. Der Gletscher im Südbadischen Furtwangen wuchs pro Nacht um einen Zentimeter. Längst werkelte der Glaziologie Heindl in Zermatt und anderen Schweizer Orten an seiner Idee, die Gletscher zu erhalten. Wie abstrus der Aufwand für einen künstlichen Eingriff wie diesen, auch grossflächig gesehen, wirklich wäre, wird sich noch zeigen müssen.
Weitere Informationen:Eduard Heindl erklärt wie man Gletscher züchtet