Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03185.jsonl.gz/890

Briefe sollen die Homosexualität des Komponisten belegen – was vor allem in seiner polnischen Heimat brisant ist. Auch andere Künstler werden im Hinblick auf aktuelle Debatten beleuchtet.
Schon Frederic Chopins Zeitgenossen beschrieben die «weibliche Prägung» seiner Persönlichkeit.
Foto: Getty Images
«Ich erwarte dein Kommen, drücke dich herzlich, direkt auf die Lippen – erlaubst du es?» So schrieb der 17-jährige Frédéric Chopin an Tytus Woyciechowski. Auch sonst geht es oft um Küsse in seinen Briefen an diesen Studienkollegen, der in den meisten Chopin-Biografien als «Jugendfreund» vorkommt.
War er vielleicht mehr als das? Oder hätte sich Chopin (1810–1849) zumindest mehr gewünscht? Schon seine Zeitgenossen bemerkten die «weibliche Prägung» seiner Persönlichkeit; und dass seine spätere Beziehung zur Schriftstellerin George Sand eine platonische war, ist kaum umstritten. Die Frage, ob Chopin homosexuell war, ist also nicht neu; sie wird derzeit aber wieder intensiv diskutiert.
«LGBT-ideologiefreie Zonen» in Polen
Kürzlich brachte Radio SRF 2 Kultur eine zweiteilige «Passage»-Sendung über «Frédéric Chopins Männer», die naturgemäss keine Beweise liefern konnte. Ob Chopin von realen Küssen schrieb oder nur damals übliche Floskeln verwendete, ob diese Briefe seine Homosexualität belegen oder nur einen Hang zu romantischem Überschwang: Man wird es nie wissen. Sicher ist dagegen, dass manche dieser Briefe von Biografen falsch übersetzt wurden; ein polnisches «er» wird da plötzlich zum «sie». Zufall oder Absicht?
Ein schwuler Chopin wäre zweifellos nicht allen genehm, gerade in seiner polnischen Heimat. Das wurde klar, als der Warschauer Bürgermeister Rafal Trzaskowski 2019 eine Erklärung zur Unterstützung der LGBTQ-Rechte unterzeichnete und eine Aufnahme der entsprechenden Themen in die Lehrpläne angekündigte. Die Gegner dieses Vorhabens installieren seither in verschiedenen Gegenden Polens «LGBT-ideologiefreie Zonen». Diese haben zwar keinen rechtlichen Status, aber doch eine so starke symbolische Wirkung, dass sie sogar im Europaparlament verhandelt wurden. Mit 463 zu 107 Stimmen wurden diese Zonen dort im vergangenen Dezember verurteilt.
Wenn nun ein Komponist, der in Polen quasi als Nationalheiliger gilt, einmal mehr als Homosexueller geoutet wird, ist das deshalb brisant. Gleichzeitig entspricht es einem derzeitigen Trend: Chopin ist nämlich nicht der Einzige, dessen Biografie im Hinblick auf aktuelle Debatten durchleuchtet wird. In immer kürzeren Abständen wird etwa die Diskussion aufgefrischt, ob Beethoven vielleicht schwarz gewesen sei. Und bei Richard Wagners altbekannter Vorliebe für seidene Morgenmäntel und rosa Unterwäsche spricht man inzwischen von «Crossdressing».
Ein schwuler Chopin wird höchstens ein paar reaktionäre Geister dazu bringen, seine Musik nicht mehr zu hören.
Was bringt das? Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Debatten wohl nicht viel. Niemand wird sich durch eine Neudeutung einer historischen Biografie von seiner Position abbringen lassen. Ein eventuell schwuler Chopin wird keine «LGBT-ideologiefreien Zonen» verhindern, sondern höchstens ein paar reaktionäre Geister dazu bringen, seine Musik nicht mehr zu hören.
Für das Verständnis dieser Musik allerdings könnten diese Diskussionen durchaus ihr Gutes haben. Denn sie weisen ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt darauf hin, dass Komponisten auch in vergangenen Jahrhunderten Menschen waren. Und dass nicht jeder, der auf Porträts eine gepuderte Perücke oder einen altmodischen Stehkragen trägt, eine museale Figur gewesen sein muss.
Welche Folgen eine solche an sich selbstverständliche Einsicht haben kann, hat einst Milos Formans «Amadeus» gezeigt: Der Film war zwar in vielen Details historisch nicht korrekt. Aber er hat immerhin dazu geführt, dass sich heute niemand mehr traut, Mozarts Werke brav zu spielen.