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Der Fuchs im Hühnerstall
Statt auf eine Frage des Moderators Stuart Varney zu antworten, setzte Doug Wead, ein früherer Assistent von Ex-Präsident Geroge H. W. Bush, zu einer Lobhudelei auf Präsident Donald Trump an: «Was er derzeit tut, ist aus historischer Perspektive nahezu perfekt.» Wead war Anfang Woche Gast des Senders Fox Business, eines Schwesterkanals von Fox News.
Trump, sagte der konservative Kommentator, sei «von Natur aus transparent» und habe sich wiederholt für mehr Offenheit seitens der Regierung eingesetzt, etwa im Fall angeblicher UFO-Sichtungen oder der Ermordung von John F. Kennedy. Unerwähnt blieb die Zurückhaltung des Präsidenten, was Transparenz punkto seiner früheren Geschäfte oder seiner Steuererklärung betrifft.
«Ein Chor des Hasses»
Donald Trump, lobte Doug Wead, sei «jenseits jeglicher Ideologie» und werde mit dem Coronavirus besser fertig, als Barack Obama es getan hätte: «In Trump sehen wir einen Mann, der für diesen Moment geboren wurde.» Der Präsident selbst hatte gleichentags auf die Frage, wie er seine Reaktion auf Covid-19, einstufe, ohne Zögern geantwortet: «Ich würde mir eine 10 (auf einer Skala von 1 bis 10, d. Red.) geben.»
Eine Woche zuvor hatte sich auch Moderatorin Trish Regan auf demselben Kanal als unerschrockene Verteidigerin Donald Trumps gezeigt: «Ein Chor des Hasses auf den Präsidenten schwillt an, während Demokraten ihm und nur ihm die Schuld für ein Virus in die Schuhe schieben, das seinen Ursprung auf der andern Seite der Hemisphäre hat.»
Das Ganze, so Regan, sei schlicht ein weiterer Versuch, den Präsidenten seines Amtes zu entheben, und jene, die das versuchten, würden sich wenig um die Zerstörung kümmern, die sie zurückliessen, zum Beispiel was die Börse betriftt: «… Der Hass kocht über, etliche in den Medien missbrauchen … das Coronavirus, um zu versuchen, den Präsidenten zu dämonisieren und zu zerstören.»
Eine unfreiwillige Neuausrichtung
Der Ausbruch, unbelegt durch irgendwelche Fakten, war nach äusserst heftigen Reaktionen von aussen selbst für die Oberen des Senders zu viel des Schlechten. Sie setzten die abends zur besten Sendezeit ausgestrahlte Sendung «Trish Regan Primetime» ein paar Tage später «auf unbestimmte Zeit» ab mit der Begründung, Fox Business wolle seine Ressourcen vor allem tagsüber einsetzen, um besser über das Coronavirus und die globalen Märkte berichten zu können.
Der Entschluss des Managements war Teil eines Kurswechsels, den Fox Business und Fox News unternommen haben, nachdem Donald Trump den Ausbruch die Pandemie lange Zeit verharmlost und verniedlicht hatte. Erst nachdem der US-Präsident den nationalen Notstand ausgerufen hatte, fühlten sich die Starmoderatorinnen und -Moderatoren auf Fox News mit einer Ausnahme bemüssigt, Donald Trumps irreführende Botschaften nicht mehr so fraglos und unterwürfig nachzuäffen.
Allein Tucker Carlson anerkannte auf Fox News die Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, und forderte sein Publikum auf, das Virus ernst zu nehmen: «Es ist sicher nicht nur die Grippe.» Obwohl auch Carlson es nicht lassen konnte, wie Trump die «korrupten» Medien zu tadeln. Der Moderator soll dem Präsidenten in dessen Residenz Mar-a-Lago in Florida sogar persönlich zugeredet haben, empathischer auf die Pandemie zu reagieren.
Nach wie vor aber ist Fox News, wie die Zeitschrift «Rolling Stone» bissig formuliert, «eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit», weil es für Rupert Murdochs Fernsehsender wichtiger sei, Donald Trump und die republikanische Partei auch mit «Fake News» zu unterstützen, statt ausgewogen und sachgerecht über das Coronavirus zu berichten. Moderator Sean Hannity, ein Spezi des Präsidenten, hat vor kurzem etwa noch behauptet, es werde «ein mutiger, neuer Präzedenzfall gesetzt, die Welt wird erneut stark von Amerikas Führung profitieren», obwohl es im Land an Testgeräten und überlebenswichtiger Spitalausrüstung wie Beatmungsapparaten mangelt. Hannity nannte das Virus ursprünglich einen «schlechten Scherz».
Trump-gläubiges Fernsehpublikum
Was und wie Fox berichtet, ist insofern von Tragweite, als sich der Fernsehsender unter seinem Publikum grosser Glaubwürdigkeit erfreut. Zuschauerinnen und Zuschauer, in der Mehrheit über 65 Jahre alt und punkto Covid-19 Angehörige der Risikogruppe, trauen Donald Trump noch mehr, als es Republikanerinnen und Republikaner im Allgemeinen schon tun.
Daten des Pew Research Centers zufolge glaubt nur einer unter fünf Fox-Zuschauern, dass das Virus im Alltag eine Bedrohung darstellt. Zwei Drittel des Publikums sind der Ansicht, Demokraten würden das Risiko einer Ansteckung zumindest leicht übertreiben. Umgekehrt stufen laut einer Umfrage von Reuters/Ipsos Demokraten das Coronavirus doppelt so häufig als unmittelbare Gefahr für die USA ein als Republikaner. Überzeugungen schlagen sich jedoch auch in Handlungen nieder, was Max Boot, einen Kolumnisten der «Washington Post», zur Schlagzeile veranlasste: «Fox News bringt Leben in Gefahr».
Inzwischen spielt der Sender das Coronavirus nicht mehr herunter und ist von Verschwörungstheorien abgerückt, wie sie der Jurist Jerry Falwell Jr., Sohn eines national bekannten fundamentalistischen Baptistenpredigers, noch jüngst unwidersprochen verbreiten durfte: Dass nordkoreanische und chinesische Wissenschaftler das Virus kreiert hätten, um den Vereinigten Staaten zu schaden. China als Feindbild aber ist geblieben. Wie Donald Trump, der statt vom Coronavirus neuerdings vom «chinesischen Virus» spricht, haben die Moderatoren von Fox News ihren Sprachgebrauch angepasst.
«Dieses Unglück, diese Pandemie, war vermeidbar», behauptete zum Beispiel Tucker Carlson: «Sie ist ausgebrochen, weil China den Rest der Welt über die Wahrheit im Dunkeln liess.» Sean Hannity teilte mit, das monatelange Versteckspiel der Chinesen verursache «weltweit Tod und Zerstörung und Gemetzel». Und Laura Ingraham meldete: «China hat Blut an seinen Händen.»
Soziale statt asoziale Medien
Zwar trifft es laut «Washington Post» zu, dass chinesische Offizielle anfänglich wenig unternommen haben, um die Öffentlichkeit über den Ausbruch der Epidemie zu informieren, und die Risiken einer Übertragung des Virus als eher gering dargestellt haben. Doch auch Präsident Donald Trump, von Schwiegersohn Jared Kushner beraten, hat das Virus erst fahrlässig unterschätzt. «Wir haben es total unter Kontrolle», sagte er am 22. Januar. «Wir sind in ausgezeichneter Form», bekräftigte er am 14. Februar. «Das Coronavirus ist in den USA weitgehend unter Kontrolle … Die Börse macht mir einen sehr guten Eindruck», twitterte er noch am 24. Februar.
Derweil verbreiten zur Überraschung vieler soziale Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube in Sachen Coronavirus plötzlich nützliche und verlässliche Informationen. Gemäss Ben Smith, dem neuen Medienkolumnisten der «New York Times, «lösen sie ihr altes Versprechen ein, die Information zu demokratisieren und die Menschen zusammenzubringen, und halten ihr neueres Versprechen, den giftigen Informationssumpf zu entwässern». Der Titel der Kolumne: «Wenn Facebook vertrauenswürdiger ist als der Präsident».
Auf die Frage der «Times», wieso es zu diesem lobenswerten Schritt eine globale Gesundheitskrise brauche, antwortete Facebook-Gründer Marc Zuckerberg, im Falle einer medizinischen Krise sei gute Information leichter von schlechter Information zu unterscheiden als in der Politik. Die Online-Plattformen, schreibt Smith, hätten offenbar aus ihren Fehlern im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gelernt, als Fake News grassierten und Trolle ihr Unwesen trieben.
Zweifelhafte Nachhaltigkeit
Nicht zuletzt auch auf Druck der Öffentlichkeit hätten die Tech-Firmen begonnen, die Probleme ernst zu nehmen und nach Mitteln und Wegen zu suchen, toxische Inhalte einzudämmen. Auf YouTube zum Beispiel werden Benutzer, die sich Videos zum Thema Coronavirus anschauen, auf vertrauenswürdige Quellen wie die amerikanische Bundesbehörde Center for Disease Control (C. D. C.), eine Stelle des Gesundheitsministeriums, verwiesen.
Ob dieses Umdenken auch anhalte, wenn die Corona-Krise dereinst vorüber sei, erkundigt sich am Ende der «Times»-Kolumnist. «Ich hoffe es», antwortet Twitter-CEO Jack Dorsey: «Es liegt an uns allen.» Marc Zuckerberg ist sich da nicht so sicher. «Es ist schwierig, genau vorauszusagen, wie das alles ausgehen wird», sagt der Facebook-Gründer: «Und es ist sowieso nicht wirklich mein Job.»