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Die Philosophie nimmt daher ihrer »Idee« (allerdings nicht immer ihrer Verwirklichung) nach den ersten Rang unter
den menschlichen Bestrebungen ein, insofern in derselben das (theoretische) Ideal eines vollkommenen Wissens sowie das (praktische)
Ideal eines vollkommenen Betragens verwirklicht erscheint. Im Bewußtsein der ihrer Verwirklichung entgegenstehenden Schwierigkeiten
wird erzählt, daß Pythagoras auf die Bezeichnung der »Weisheit« (Sophia) für die Philosophie verzichtet und mit der bescheidenern
der »Liebe zur Weisheit« (Philo-Sophia) sich begnügt habe. Auch diese erscheint noch
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zu weit, wenn man bedenkt, daß mit dem vollkommensten Wissen (theoretische Weisheit) das vollkommenste Betragen (praktische
Weisheit) nicht immer (wie es z. B. bei Sokrates wirklich der Fall war) notwendig verbunden sein muß. Die neuere Zeit insbesondere
hat sich gewöhnt, bei dem NamenPhilosophie sich an die erstere Bedeutung zu halten. Als Liebe zum Wissen umfaßt
die Philosophie (im Gegensatz zur einseitig auf das Wissen von der Natur, vom Geist etc. gerichteten Natur-, Geistes- etc. Forschung) alles
Wissen, im Gegensatz zu Scheinwissen und Afterweisheit (Sophistik) nur echtes Wissen.
Infolge des erstern Umstandes macht sie nicht nur alles von andern Wissenschaften »Gewußte«, sondern
auch das von keiner andern Gewußte, das »Wissen«, zum Gegenstand; infolge des letztern stellt sie nicht nur das Ideal echten
Wissens und ebensolcher Wissenschaft auf, sondern gestaltet sich selbst diesem Ideal gemäß. Als alles umfassendes Wissen ist
die PhilosophieUniversal-, als dem Ideal des Wissens entsprechendes Wissen zugleich Normalwissenschaft. Da nun das
Wissensall nur eins, das Wissensideal aber ein mannigfach verschiedenes ist, so kann es in ersterer Hinsicht nur eine Philosophie, in
letzterer dagegen mancherlei Philosophie geben.
Die übliche Unterscheidung zwischen Vernunft- (rationalem) und Erfahrungs- (empirischem) Wissen wirkt daher zurück auf den
Charakter der beiden entsprechenden Philosophien. Wird das rationale Wissen als echtes Wissen angesehen,
so entsteht eine rationalistische, wird das Erfahrungswissen als Wissen betrachtet, eine empiristische Philosophie (Rationalismus, Empirismus).
Es kann aber auch eine Philosophie geben, die beide Gattungen des Wissens als Wissen gelten läßt und daher einen gemischten Charakter
trägt. Zu den ungemischten Philosophien gehört der reine (positive) Rationalismus, der die Erfahrung,
und der reine Empirismus, der die Vernunft anschließt.
Infolge der letztern muß jede Wissenschaft, wenn sie denNamen verdienen will, den Forderungen der
Philosophie, welche das Wissenschaftsideal
aufstellt, sich anbequemen. In beiden Hinsichten ist Philosophie die »Wissenschaft der Wissenschaften«. Die Philosophie kritisiert
aber nicht bloß die nicht in ihren Umfang gehörigen (nichtphilosophischen) so gut wie die ihren eignen Umfang ausmachenden
(philosophischen) Wissenschaften, sondern auch sich selbst als »Liebe zum Wissen«. Dieselbe ist ursprünglich (wie jede Liebe)
blinder Drang, der das Gelingen (die Erreichung des Wissens) stillschweigend voraussetzt.
Wie die Liebe durch Gewahrwerden der »Täuschung«, wird die Philosophie durch
Gewahrwerden des »Irrtums« aus ihrem Wahn geweckt (»sehend« gemacht), das Vertrauen in Mißtrauen, der Glaube in Zweifel an der
Möglichkeit des Wissens (transcendentale Skepsis) verwandelt. Vor demselben herrscht Ruhe, während desselben Unruhe, welche
entweder nach Erkenntnis der Unmöglichkeit des Wissens zur Resignation (Verzichtleistung auf Wissen) oder
nach Erkenntnis der (unbeschränkten oder beschränkten) Möglichkeit zur Affirmation (Befestigung desselben) führt.
Jene stellt (gleichsam) das Kindes-, die zweite das Jugend- (Übergangs-), die dritte das (arm oder reich
gewordene) Reifealter der Philosophie dar. Da die obere Stufe die untere, der Skeptizismus den (naiven) Dogmatismus, die oberste die
obere negiert, während die beiden auf dieser letztern befindlichen Philosophie sich untereinander ausschließen, so geht
die Entwickelung der Philosophie durch einen beständigen Streit nicht nur der einzelnen Stufen derselben Philosophie, sondern
durch ebensolchen der einzelnen Gattungen der Philosophie untereinander und der Philosophie überhaupt mit den übrigen Wissenschaften vor sich.
Nicht nur der naive Dogmatismus wird durch den Skeptizismus negiert und letzterer sowohl durch den Nihilismus als durch den
diesen ausschließenden kritischen Dogmatismus beseitigt, sondern auch die ungemischte Philosophie schließt die
gemischte, der reine Rationalismus den reinen Empirismus, der Positivismus den Mystizismus und die wissenschaftliche Philosophie die
unphilosophische Wissenschaft aus; die letztere hört eben dort auf, wo die Philosophie anfängt. Während die Aufgabe der (besondern)
Wissenschaften darin besteht, sich von den Gegenständen Begriffe zu machen, macht die Philosophie als kritische
Normalwissenschaft sich deren Begriffe zum Gegenstand.
Ihr Unterschied von der (unkritischen) Wissenschaft liegt nicht darin, daß sie andres, sondern darin, daß sie anders weiß.
Dieselbe gleicht einem Läuterungsfeuer, durch das alle (vermeintliche) Wissenschaft hindurchgehen muß, um das edle Metall
von der Schlacke zu sondern. Darum hat es zwar eine Philosophie erst gegeben, als Wissenschaft vorhanden war; aber
solange es diese gibt, wird es auch Philosophie geben. Weder die Katastrophe, welche die Philosophie am Ausgang des Altertums, als sie durch das
Christentum, noch diejenige, welche dieselbe in unsern Tagen traf, als sie durch die Beschäftigung mit den
positiven Wissenschaften verdrängt wurde, hat die Philosophie erstickt; vielmehr ist aus der erstern eine »christliche«,
aus der letztern die »positive« Philosophie neu hervorgegangen.
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Dieselbe hat durch die Berührung dort mit dem »Himmel«,
[* 7] hier mit der »Erde« frische Kräfte empfangen. Weder ihr zeitweiliges
Unterliegen noch ihre Vielgestaltigkeit darf an der Philosophie irre machen. Jenes geht aus ihrem Wesen, welches nicht fertiges Wissen,
sondern Streben nach Wissen ist (die Wahrheit ist, nach Lessing, »für Gott allein«),
diese geht aus der
Vielgestaltigkeit des Wissens selbst hervor. Die (oben genannten) Gattungen der Philosophie verhalten sich zu dieser wie die verschiedenen
auf der Erde herrschenden Religionen zur Religion. Die (oben genannten) Stufen der Philosophie stellen das Verhältnis der aufeinander folgenden
Konfessionen
[* 8] derselben Religion, z. B. der christlichen, zu dieser dar. In diesem Sinn läßt sich sagen,
daß, wenn auch keine der Philosophien die ganze Philosophie, das Ganze der Philosophien eine Philosophie sei.
Den Anfängen der Philosophie im Altertum wie jenen derselben in der neuern Zeit geht ein Zustand voraus, in welchem zwar Wissen, aber
keine »Liebe zum Wissen« vorhanden war, sondern dasselbe im Dienst andrer Zwecke (politischer, religiöser, technischer) gepflegt
wurde. Aus der Auflehnung gegen diese ist die Philosophie entsprungen u.
daher zu keiner Zeit mit günstigen Augen angesehen worden. Nachdem sie denKampf mit den herrschenden Mächten des Altertums
im Orient bei Chinesen und Indern, im Occident bei den Griechen aufgenommen und bis zum Ausgang des Römertums fortgesetzt hatte,
suchte sie dem Unterliegen unter die herrschenden Mächte des Mittelalters im christlichen Abend- und islamitischen
Morgenland dadurch zu entgehen, daß sie sich freiwillig zur »Magd«
der Theologie erniedrigte. Das Wiederaufleben der positiven Wissenschaften sowie die Wiederentdeckung der echten Quellen der
Philosophie des Altertums führten nach Ausgang der kirchlichen Weltherrschaft zur Wiedererstarkung des Wissenstriebs,
dessen Frucht die neuere Philosophie ist.
Als oberster Grundsatz der Moral gilt beiden die Einhaltung der richtigen Mitte. Die Philosophie bei den Indern ist
teils orthodoxe, sich an den Inhalt der heiligen Bücher (der Wedas) anschließende (streng genommen keine) Philosophie, wie in den beiden
Systemen der Mimansa (Karma-Mimansa und Wedanta), teils heterodoxe, auf eignes Denken gestützte (also wirkliche) Philosophie, wie in
den beiden Sankhyas des Kapila und Patandschali, in der Nyaya des Gautama und der Waiseschika des Kanada
(sämtlich etwa zwischen 1000 und 600 v. Chr. entstanden).
Beide Sankhyas berufen sich auf die Erfahrung als Quelle
[* 12] des Wissens: die erste auf die sinnliche (Sensualismus), die zweite
auf die übersinnliche (Mystizismus). Durch jene kommt die Seele zur Einsicht, daß sie von der sinnlichen Natur
verschieden, durch diese, daß sie mit der des übersinnlichen Urwesens (Brahma) eins und daher (im einen wie im andern Fall)
von den am Sinnlichen haftenden Mängeln (Krankheit, Alter, Tod, Wiedergeburt) frei ist. Dasselbe (praktische) Ziel, die Glückseligkeit,
wird der Nyaya zufolge durch die Vollkommenheit des (empirischen) Wissens erreicht, zu welchem Zweck eine
Kunstlehre des Schließens und Streitens (Dialektik) entworfen wird. In demSystem des Kanada werden die (physikalischen) Eigenschaften
und Unterschiede der Dinge auf Gestalt, Zahl und Lage kleinster Körperteilchen (Atome) zurückgeführt, aus welchen dieselben
zusammengesetzt sind. Verwandt mit der (ersten) Sankhya ist die Lehre des Buddhismus, welche als Ziel der
Philosophie die Erreichung des Nirwana als des (dem Nichtsein ähnlichen) Zustandes betrachtet, welcher jenem der Sansara (des Seins
der
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