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«Fast car» von Tracy Chapman Songs und ihre Geschichten
Ihr Auftritt beim Nelson Mandela-Benefiz-Konzert am 11. Juni 1988 im Londoner Wembley-Stadion machte die amerikanische Folk-Musikerin Tracy Chapman mit einem Schlag bekannt. Wenig später war sie ein Welt-Star.
Von Urs Musfeld
600 Millionen Zuschauende vor den Fernsehgeräten und 72 000 Leute im Londoner Wembley-Stadion erleben am 11. Juni 1988 Auftritte von Stars wie Whitney Houston, George Michael, Sting, Peter Gabriel, Harry Belafonte oder Eric Clapton. Wegen technischer Probleme muss der Überraschungsgast Stevie Wonder sein Konzert absagen. Zur Überbrückung darf die damals noch weitgehend unbekannte 24-jährige Singer/Songwriterin Tracy Chapman ein zweites Mal auf die Bühne. Allein mit Akustikgitarre, ihrer markanten, kehligen Stimme und Songs wie «Talkin`bout a revolution» und «Fast car» erobert sie das Publikum.
Aufgewachsen ist sie in einem schwarzen Arbeiterviertel von Cleveland, Ohio. «In Cleveland herrschte viel rassistische Gewalt, auch in der düsteren Gegend, in der ich aufwuchs. Dann wurde in den Schulen die Aufhebung der Rassentrennung durchgesetzt – per Gerichtsbeschluss. Dagegen protestierten jede Menge Weisse, was zu grossen Spannungen führte und auch zu Aufruhr in den Strassen. Ich hatte oft Angst. Nur mit Musik konnte ich mich etwas ablenken». So schildert Tracy Chapman ihre Kindheit.
Aufgrund eines Begabten-Stipendiums kann sie später an einer Universität in der Nähe von Boston Anthropologie und Afro-Amerikanistik studieren. Nach ihrem Examen konzentriert sie sich nur noch auf das Schreiben von Songtexten.
Der American Dream
Im April 1988 – zwei Monate vor ihrem Wembley-Auftritt – erscheint ihr selbstbetiteltes Debut-Album. Im traditionellen Stil einer Folk-Bardin der 1960er-Jahre erzählt sie in ihren Liedern Kurzgeschichten über hoffnungslose Randexistenzen, häusliche Gewalt, Rassismus und Krawalle und über den amerikanischen Konsum-Wahn. In «Talkin`bout a revolution» hört die Sängerin die Leute von einer Revolution reden, vorerst nur hinter vorgehaltener Hand: «Die Armen werden sich erheben und sich nehmen, was ihnen gehört.»
Gleichzeitig werden nicht nur soziale und gesellschaftliche Missstände beschrieben. So singt Tracy Chapman in ihrem grössten Hit «Fast car» vom Streben nach einem besseren Leben. Dem bescheidenen American Dream:
You got a fast car
I want a ticket to anywhere
Maybe we make a deal
Maybe together we can get somewhere
Any place is better
Du hast einen schnellen Wagen
Ich will eine Fahrkarte, egal wohin
Vielleicht treffen wir eine Abmachung
Vielleicht gelangen wir zusammen irgendwohin
Jeder andere Ort ist besser
Das schnelle Auto soll die Erzählerin und ihren Freund aus ihren schwierigen Verhältnissen wegführen. Es soll sie in die Stadt fahren und in ein gutes Leben:
Won’t have to drive too far
Just ‹cross the border and into the city
You and I can both get jobs
Wir müssen nicht zu schnell fahren
Nur über die Grenze
Du und ich, wir bekommen sicher beide einen Job
See, my old man’s got a problem
He live with the bottle, that’s the way it is
He says his body’s too old for working
His body’s too young to look like his
My mama went off and left him
She wanted more from life than he could give
Weisst du, mein alter Herr hat ein Problem
Er hängt an der Flasche, so ist das
Er sagt, sein Körper ist zu alt zum Arbeiten
Ich sage, sein Körper ist zu jung, um so auszusehen
Meine Mutter ist ihm weggelaufen
Sie wollte mehr vom Leben, als er ihr gab
Der Rest ist vorhersehbar: Die Erzählerin schlüpft in die Rolle der Tochter, bricht die Schule ab, kümmert sich pflichtbewusst um ihren trinkenden Vater, jobbt an der Supermarktkasse. Die alten Muster bleiben. Sie arbeitet. Ihr Freund vergeudet das Geld, kümmert sich mehr um die Freunde als um die gemeinsamen Kinder. Sie versucht, alles zusammenzuhalten, er sprengt es auseinander.
Langsam sterben die Hoffnungen, die Ziele, die Träume von einem kleinen bisschen Wohlstand und Freiheit. Und mittendrin die Erkenntnis: Ihre Hoffnungen hat sie auf den Falschen gesetzt. Und das Fazit:
Du musst eine Entscheidung fällen
Du gehst heute Nacht, oder lebst und stirbst weiter so
Das Album «Tracy Chapman» klingt sehr persönlich. Und obwohl nicht alle Songs autobiografisch sind, schreibt Chapman sie aus der Ich-Perspektive. Das schafft eine unmittelbare Nähe. Die Musik ist ebenso einfach wie eindringlich. Einige der sparsam arrangierten Lieder bestehen nur aus wenigen Akkorden oder einem einzigen Riff.
Das Album stand u.a. in den USA, Kanada, Grossbritannien, Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz eins in den Hitparaden, gewann drei Grammys und verkaufte sich weltweit 27 Millionen Mal. Es folgten weitere, erfolgreiche Platten. Die bisher letzte erschien 2008.
Aus dem Rampenlicht hat sich Tracy Chapman zwar zurückgezogen, dennoch ist sie weiterhin als Musikerin und Songwriterin sehr aktiv und engagiert sich sozial und politisch.
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Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/