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Damals, als ich Sebastian kennen lernte, hätte ich mir niemals erträumen lassen, dass dieses Pferd mal mir gehören wird.
(Vorgeschichte: Pferdischer Beginn)
Sebastian war völlig abgemagert, litt an hochgradigen Kissingspines und hatte eine halb durchgetrennte Zunge, als ich ihn übernahm. Die halb durchgetrennte Zunge stammt von einer uralten Verletzung, die Kissingspines waren akut. Er lief völlig unausbalanciert und stützte sich beim Bremsen voll auf die Zügel. Trotz den grossen Verschleisserscheinungen war er stets brav, biss auf die Zähne und liess alles mit sich machen und geschehen. Nichts konnte ihn erschüttern, er war ein Fels in der Brandung.
Der erste Tierarzt sagte mir knallhart ins Gesicht, dass ich dieses Pferd mit den hochgradig entzündeten Kissingspines nie wieder reiten könne. Ich zog eine zweite Meinung bei. Dieser Tierarzt gab mir eine entzündungshemmende Lösung, die ich täglich auftrug. Sebastian erholte sich zunehmend, nahm wieder zu, sein Fell glänzte wieder und die Kissingspines waren nicht mehr entzündet. Sie verknöcherten miteinander.
Anfangs ging ich nur spazieren, ein paar Monate später ritt ich ihn, allerdings ohne Sattel. Nach einem Jahr bastelte ich eigenhändig ein Westernpad, das im Bereich seiner Verknöcherung einen Ausschnitt hatte, so dass weder Pad noch Sattel in Berührung kam mit der Verknöcherung.
Das grösste Problem war das Bremsen. Weil ich nicht immer am Zügel ziehen wollte und damals reiterlich nicht wirklich weit war und keine Pläne hatte, sprang ich öfters aus dem Gallop ab. Dann bremste er nämlich von alleine, wenn das Reitergewicht weg war. Irgendwann, im Laufe der Zeit, war es jedoch kein Problem mehr, ihn auch am Halfter oder Halsring zu bremsen. Wie wir das hinbekamen, weiss ich nicht mehr, es ging einfach irgendwann.
Es kam der Tag, wo ich ihn anfing, ohne Sattel und ohne Kopfstück oder Halsring zu reiten, im Gelände! Das war Freiheit pur!
Ich liess ihn oft frei grasen irgendwo, sass dann in seiner Nähe und genoss diese Zeit in vollen Zügen.
So verbrachten wir viele viele Stunden miteinander.
Diese tiefe Verbundenheit zwischen Sebastian und mir war einmalig und seither habe ich das in dieser Form nie wieder erlebt.
Im Nachhinein denke ich waren es mehrere Faktoren, die dieses Vetrauen entwickelten: Die Unbeschwertheit meinerseits, die viele Zeit, die ich ohne irgendwelchen Zeitdruck mit ihm verbrachte. Keine Bilder im Kopf, die mir sagten, ein Pferd müsse so und so geritten werden und niemand, der mir reinredete. Ich nahm Sebastian an, wie er war und er nahm mich an, wie ich war. Dann kam seine spürbare Dankbarkeit dazu. Bis heute bin ich überzeugt, dass diese Pferd mir dankbar war, dass er seine letzten Jahre bei mir verbringen durfte. Er blühte förmlich auf und stahl manchem Pferd die Ausstrahlung.
Sebastian war 19 Jahre alt, als ich ihn kaufte.
Als er 23 Jahre alt war, gab er von einem Tag auf den folgenden nach. Er wurde müde, von seinem turbulenten Leben geprägt, 2x vom Metzger gerettet. Wie eine Blume, die nochmals frisch aufgeblüht war, verblühte er langsam. Aber mit einer Zufriedenheit in den Augen.
Er wollte gehen. 8 Monate lang begleitete ich ihn dabei, ich liess ihn gewähren, solange er nicht leiden musste. Dann kam der Sommer und er hatte keine Kraft mehr, die Hitze setzte ihm zu sehr zu, trotz kühlem Stall.
Der Zeitpunkt war da, Sommer 2000.
Für mich brach eine Welt zusammen. Aber es war der richtige Zeitpunkt und die richtige Entscheidung. Stundenlang sass ich neben dem toten Pferdekörper. Er sah so friedlich aus, als ob er schlafen würde, wie ich ihn in den vergangenen Monaten oft erlebt habe.
Heute noch, wenn ich diese Zeilen schreibe, spüre ich die Wehmut.
Niemals wieder wird mir wohl so ein Pferd begegnen. Niemals werde ich den kleinen Haflinger Sebastian vergessen. Er prägte mich tief.