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Armut politisch einbringen
Kürzlich wurde Claude Hodel (ein Verbündeter) von einem Kollegen seiner Philosophiegruppe gefragt, warum er sich immer wieder für Menschen in Armut engagiere. Da kam er auf die Idee, für sich und für interessierte Freunde und Bekannte ein Essay zu schreiben. Wir haben ihn dazu befragt.
Sie sprechen in diesem Essay auch von der eigenen Armutserfahrung als Kind und als Jugendlicher.
Mein Vater musste nach dem Krieg eine einfache Stelle bei einer Papierfirma annehmen. Das Geld reichte nicht für die ganze Familie. So arbeitete er auch noch abends oder nachts in der Securitas. Meine Mutter litt auch deswegen an Depressionen und musste immer wieder in die Klinik eingewiesen werden.
Auch der Zugang zu einem Beruf war dadurch nicht sicher.
Wegen einer mangelhaften Schulbildung und wenig Unterstützungsmöglichkeiten von den Eltern her lag eine längere Ausbildung nicht drin. So entschied ich mich für den Beruf als Koch, obwohl mein Vater meinte, dass ich zuerst etwas verdienen sollte, weil wir ja wenig Geld zum Leben hatten.
Später haben Sie dann Sozialpädagogik studiert. Und als Sozialdiakon entdeckten Sie…
Ja, ich erinnere mich noch gut, als ich in der Kirchgemeinde Leute besuchte und immer wieder feststellte, dass einige von ihnen plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren. Mit der Zeit erfuhr ich dann, dass sie in die Psychiatrische Klinik eingewiesen wurden, freiwillig oder verordnet. Eine Frau sagte mir: „Ich muss in die Spinnwinde! Was denken jetzt die Leute von mir?“ Das Phänomen dieser Abkapselung bewegte mich dann sehr.
Als Diakon haben Sie später auch ATD Vierte Welt kennen gelernt.
2002 konnte ich dank einem Sabbatjahr ein Praktikum bei der internationalen Bewegung absolvieren. In Noisy-le-Grand lernte ich dabei auch einen Nachfolger von Père Joseph kennen. André, wie der Priester von allen genannt werden wollte, wohnte mitten im Elendsviertel. Das beeindruckte mich. Das Leben mit der armen Bevölkerung teilen, indem man mit diesen Menschen zusammenwohnt, zu ihnen geht und ein Teil von ihnen ist.
In Ihrem Essay sagen Sie auch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Am Anfang der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lesen wir: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen. Das Leben in Würde hat somit damit zu tun, dass jeder Mensch wichtig, begabt und wertvoll ist. Und das unabhängig von seiner Lebenssituation.
Ihre Überzeugungen prägen auch Ihr politisches Engagement. Wie genau?
Seit vielen Jahren beschäftigen mich sozialpolitische Anliegen. Im Moment engagiere ich mich als Co-Präsident der SP Reinach im Einwohnerrat und in der Kommission Bildung, Soziales und Gesundheit.
Wie erleben Sie Ihre politische Arbeit mit der Bewegung ATD Vierte Welt heute?
Immer wieder stelle ich fest, wie weit weg die Politik von Menschen mit Armutserfahrung ist. Unsere Mitwirkung bei der Nationalen Plattform zur Prävention und zur Bekämpfung von Armut ist darum enorm wichtig. Wir sind gefordert, unsere Position mit aller Deutlichkeit in den politischen Alltag einzubringen und auf ein Umdenken hin zu arbeiten.
Interview durch Noldi Christen