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Mit dem reich illustrierten und liebevoll gestalteten Buch «Armand Schulthess. Rekonstruktion eines Universums» hat der Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf dem Art-brut-Künstler ein Denkmal gesetzt, das zum Sinnieren und Schwelgen einlädt.
An der Tür zur Casa Reggio in Auressio befand sich ein Schild: «Armand Schulthess (1939–1951 commis de chancellerie au Département fédérale de l’économie publique à Berne)». Die Türe blieb meist verschlossen und war zusätzlich mit einem Gitter gesichert. Sie beschützte den scheuen Einzelgänger, der sich in den fünfziger Jahren ins Onsernonetal zurückgezogen hatte. So konnte Schulthess in Ruhe seine enzyklopädische Traumwelt entfalten.
Das erste Leben
Schulthess, 1901 in Neuenburg geboren und dann in Zürich aufgewachsen, absolvierte eine «abgekürzte kaufmännische Lehrzeit». Er bezeichnete sich später als Schneider und besass zwischen 1923 und 1934 eine Damenkonfektionsfirma. Das Geschäft musste Schulthess, der immer mit Geldsorgen kämpfte, «1934 auch infolge der Wirtschaftskrise endgültig aufgeben». Seine Bitten um Unterstützung bei «ma chère Maman!» stiessen auf taube Ohren. In einem Brief schrieb er: «Es geht nicht so sehr um den Betrag, die Zahl, sondern darum zu wissen, dass ich nicht völlig allein bin auf der Welt ...».
Nach Aufenthalten in Genf und bei seinem Bruder in Den Haag begann er 1939 in Bern eine neue Arbeit als Büroangestellter in der Handelsabteilung des Volkswirtschaftsdepartements. 1942 kauft er erstmals Land in Auressio und drei Jahre darauf die Casa Reggio. Er fasst den Plan, im Tessin einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. 1947 vergrösserte er seinen Besitz auf 18 000 Quadratmeter und galt fortan im Dorf als Grossgrundbesitzer. Vier Jahre später quittierte er den Dienst und zog definitiv nach Auressio.
Das zweite Leben
Schulthess begann die Bäume und Sträucher seines Grundstücks mit Blechtafeln zu behängen – sorgfältig von Hand mit philosophisch-poetischen Gedanken und Zitaten beschriftet. So verwandelte er seinen Kastanienwald über die Jahre in einen labyrinthisch-philosophischen Garten, in dem das Wissen der Welt in Fragmenten gespeichert war. Ausser Literatur und Philosophie beschäftigte er sich mit Astrologie und Sexualität, richtete in seinem Haus ein «Separat-Zimmerli mit Bett» ein. Dieses blieb ein Ort der Sehnsucht, die «weibliche Person» musste vor der Tür bleiben. Es wurde, wie alle anderen Räume des Hauses, zum Lagerplatz für die unzähligen erläuternden Dokumente und Materialien zu seinen Tafeln.
Der Filmemacher Hans-Ulrich Schlumpf wurde 1962 auf Schulthess aufmerksam, als ihn ein Freund auf einen Text von S. Corinna Bille hinwies. Die Schriftstellerin erwanderte 1953 Schulthess’ Garten und beschrieb «den Eichhörnchen-Mensch» zwei Jahre später im Text «Le propriétaire». Schlumpf begann jährlich den Garten zu besuchen und die Tafeln in den Bäumen und Sträuchern zu fotografieren. 1971 begann er sie mit dem späteren NZZ-Redaktor Hans Heusser systematisch zu dokumentieren und das Gelände zu kartografieren.
Am 29. September 1972 wird Schulthess tot in seinem Garten aufgefunden, am gleichen Tag erhält Schlumpf die Finanzierungszusage vom Bundesamt für Kultur für den Film «Armand Schulthess – J’ai le téléphone». Harald Szeemann, der 1972 die Documenta V in Kassel kuratierte, zeigte unter dem Label «Bildnerei der Geisteskranken» auch eine Fotodokumentation über Schulthess. Sie stammte von der im Tessin lebenden deutschen Künstlerin Ingeborg Lüscher, der es gelungen war, Zugang zu Schulthess zu finden. In der Folge wurde er den KünstlerInnen der Art brut zugerechnet.
Was bleibt?
Schulthess’ ErbInnen haben das Haus nach seinem Tod geräumt und die gestapelten Dokumente und den grössten Teil der selbstgefertigten Bücher verbrannt, an denen Schulthess wahrscheinlich seit den dreissiger Jahren gearbeitet hatte. Schlumpf, der bei der Räumung anwesend war, und – nach hartnäckiger Intervention – eine Stunde lang im Haus filmen durfte, konnte heimlich einige der Bücher und eine gepflegte Ledermappe mit drei Büchern zur Astrologie aus dem Fenster werfen.
Das Haus wurde umgebaut und in «Casa Armando» umgetauft. Das ist als einziger Hinweis auf den früheren Besitzer geblieben. Alles andere ist verschwunden – bis auf die fotografischen und filmischen Dokumente von Hans-Ulrich Schlumpf und die wenigen geretteten selbstgefertigten Bücher, die sich mit den Themen Sexualität, Frau und Ehe befassen.
Hans-Ulrich Schlumpf hat mit dem reich bebilderten Band «Armand Schulthess. Rekonstruktion eines Universums» ein Werk geschaffen, das die Spuren des Art-brut-Künstlers sichtet und auf akribische Weise dokumentiert. Es ermöglicht einen Einblick in den eigenwilligen Kosmos des Einzelgängers und lädt zum Träumen, Schmökern und Verweilen ein.
Schulthess gebühren die letzten Worte dieses Artikels: «L’ idée – s’asseoir et lire un livre» und «Grübeln Sie wie alles so ist & wird?».