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Die Verschuldung junger Menschen wird in der Schweiz als Hauptargument zur Einführung von Financial Education an der Schule ins Feld geführt. Allerdings fehlte es bisher an einer repräsentativen Untersuchung auf nationaler Ebene, welche belegen würde, dass die Jugendverschuldung höher ist als jene der Erwachsenen. Die Analyse des Schweizer Haushalt-Panels bietet zum ersten Mal ein repräsentatives Bild zur wirtschaftlichen Situation der jungen Bevölkerung. Auch wenn diese etwas schlechter ist, gehen die Jungen offenbar genau so verantwortungsvoll mit Geld um wie die Älteren und machen nicht mehr Schulden, als sie zu sparen vermögen.
Die Einführung von Financial Education an der Schule wird in der Schweiz
Vgl. Dossier in Die Volkswirtschaft, 6-2011. – wie in der gesamten OECD
Vgl. OECD (2005). – diskutiert. Hierzulande haben die Einzelpersonen wenig Spielraum bezüglich ihrer beruflichen Vorsorge und legen auch sonst ein Sparverhalten an den Tag. Financial Education an den Schulen hätte also hauptsächlich präventiven Charakter, um der Verschuldung der Haushalte – insbesondere der Jugendlichen – vorzubeugen.
Vgl. Manz (2011)
Bisherige Forschungsergebnisse für die Schweiz
Die Mehrzahl der Studien, die in der Diskussion herangezogen werden, stützen sich auf Projektionen oder auf Teilerhebungen. In einer Untersuchung von Intrum Justitia,
Vgl. Intrum Justitia (2004). dem wichtigsten europäischen Dienstleister im Bereich Kreditverwaltung, wird die Vermutung geäussert, dass rund einer von zehn Haushalten und einer von vier Jugendlichen in der Schweiz verschuldet sei. Der Eintritt in eine Schuldenspirale zeichne sich frühzeitig ab. So seien vier von fünf verschuldeten Personen bereits im Alter von unter 25 Jahren in Schwierigkeiten geraten, und im Alter von 13–20 Jahren habe eine von drei Personen Schulden in der Höhe von durchschnittlich 500 Franken. Die am häufigsten zitierte wissenschaftliche Untersuchung
Vgl. Streuli (2007), Streuli et al. (2008). differenziert diese alarmierenden Mutmassungen. Basierend auf elektronischen Fragebögen bei 500 jungen Deutschschweizern gelangt sie zum Schluss, dass rund ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen Schulden hätten. In der Mehrzahl handle es sich um Beträge von einigen 100 Franken (durchschnittlich 300 Fr.). Die Hälfte davon sei bei den Eltern oder Freunden ausgelehnt worden. Wie sieht es nun für die Gesamtheit der in der Schweiz wohnhaften jungen Personen aus?
Erste repräsentative Studie zur Jugendverschuldung
Die Frage, wie gross das Ausmass der Verschuldung der jungen Generation in der Schweiz ist, blieb bisher offen, da keine nationale Studie zu diesem Thema existierte.
Vgl. Hieber, Probst und Wüthrich (2011); Manz (2011).
Auswertung der Daten des Schweizer Haushalt-Panels
Im vorliegenden Artikel wird die wirtschaftliche Situation der jungen Bevölkerung der Schweiz erstmals repräsentativ statistisch analysiert. Die Untersuchung stützt sich dabei auf die Daten des Schweizer Haushalt-Panels (siehe Kasten 1
Das Schweizer Haushalt-Panel
Das Schweizer Haushalt-Panel (http://www.swisspanel.ch) wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Es handelt sich um eine multithematische Longitudinalerhebung, die von der Swiss Foundation for Research in Social Sciences (Fors) durchgeführt wird. Im Rahmen der Erhebung werden seit 1999 jedes Jahr ausgewählte Haushaltsmitglieder ab 14 Jahren befragt. Seit 2004 werden zwei zufällig ausgewählte Stichproben von Haushalten in der Schweiz befragt. Auf diese Weise wurden 2010/11 über 7500 Einzelinterviews realisiert.
). Die Analyse bezieht sich auf Personen, die in einem Haushalt leben, bei dem die älteste Person höchstens 25 Jahre alt ist (329 Fälle, siehe Kasten 2
Zusammensetzung der Stichprobe
In der Analyse haben wir uns auf Haushalte konzentriert, deren ältestes Mitglied höchstens 25 Jahre alt ist. Da die Anzahl der Fälle jedes Jahr unter 100 liegt, wurden die Fälle über 5 Jahre kumuliert (Welle 8–12 des Schweizer Haushalt-Panels, Jahre 2006-2010). Um die gleiche Person nicht mehrmals zu zählen, wurde jeweils nur die erste Befragung jeder Person berücksichtigt. Diese Bedingungen erfüllten insgesamt 329 Personen. Ihre wirtschaftliche Lage wurde mit jener der 8025 Personen verglichen, die zum Befragungszeitpunkt (ebenfalls 2006–2010) über 25-jährig waren. Überdies wurde innerhalb der Gruppe der Jungen die Situation der Frauen mit jener der Männer verglichen. Das Vertrauensintervall von 95% einer anhand der gesamten Stichprobe der Jungen berechneten Proportion liegt bei rund ±5,5%. Aus der Tabelle 1 lässt sich somit beispielsweise ableiten, dass der Anteil der Jungen, deren Haushalt ein Auto besitzt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% zwischen 50% und 62% liegt.
). Um die Situation der Jungen zu beleuchten, wurde sie mit der übrigen Bevölkerung verglichen (über 26-Jährige, 8025 Fälle). Aus methodischen Gründen wurden junge Personen, die bei ihren Eltern wohnen, nicht berücksichtigt, da diese ein anderes wirtschaftliches Profil – insbesondere bezüglich der finanziellen Abhängigkeit und der Wohnautonomie aufweisen. Die Verschuldung wird auf Ebene der Haushalte gemessen; es war daher nicht möglich, beim Vergleich mit der älteren Bevölkerung die individuelle Ebene zu untersuchen. Unterschieden wird zudem zwischen den Geschlechtern, denn einige Untersuchungen – so auch jene von Intrum Justitia – deuten darauf hin, dass junge Frauen mehr verschuldet sind.
Soziodemografische Merkmale der Jungen
Die Mehrheit der Jungen unserer Stichprobe (Altersdurchschnitt 23 Jahre gegenüber 50 der übrigen Bevölkerung) lebt alleine (42%) oder in einem Zweipersonenhaushalt (48%).
Zu 62% handelt es sich dabei um Paare. Nur gerade 10% sind in Dreipersonenhaushalten oder mehr wohnhaft.
Gegenüber 17% bzw.38% bzw. 45% für die restliche Bevölkerung. Kinder sind eher selten (7% der Personen in Mehrpersonenhaushalten). Die Geschlechterverteilung bei den Jungen ebenso wie bei den Älteren ausgeglichen. Der Anteil der Schweizer Staatsangehörigen ist bei den Jüngeren mit 83% etwas höher als bei der restlichen Bevölkerung (77%).Die Jungen sind zu 66% berufstätig; etwas mehr als der Hälfte davon arbeitet Vollzeit (55%). Die restlichen befinden sich mehrheitlich in Berufsausbildung (28%).
65% der restlichen Bevölkerung ist berufstätig, davon 40% Vollzeit. 1% befindet sich in Ausbildung. Das Bildungsniveau entspricht ungefähr demjenigen der restlichen Bevölkerung.Bei den Jungen sind wenig Unterschiede zwischen Frauen und Männern auszumachen. Frauen arbeiten aber vermehrt Teilzeit (15% gegenüber 6% bei den Männern), und entsprechend ist der Anteil Vollzeit arbeitender geringer (46% gegenüber 65%). Bei jungen Frauen liegt das Bildungsniveau etwas höher, verfügen doch 44% der jungen Frauen über einen gymnasialen oder universitären Abschluss, gegenüber 30% bei den jungen Männern. Die jungen Männer haben hingegen häufiger einen Lehrabschluss (49% gegenüber 41%) oder verfügen über gar keine nachobligatorische Ausbildung (21% gegenüber 15%).
Die finanzielle Lage der Jungen ist etwas schlechter
Die finanzielle Lage der Jungen ist etwas schlechter als diejenige der restlichen Bevölkerung. So liegt deren Einkommen (auf Stufe Haushalt und Individuum) um 30%–40% tiefer. Die diesbezüglich am besten vergleichbare Kennzahl ist das Haushaltäquivalenzeinkommen (standardisiert und gewichtet nach Haushaltgrösse, gemäss den Kriterien der Skos oder der OECD): Es liegt um 22%–23% unter demjenigen der übrigen Bevölkerung. Das Einkommen der jungen Frauen ist leicht geringer als dasjenige der Männer; generell sind aber kaum klare Unterschiede zwischen den beiden Gruppen auszumachen sind. Das Armutsrisiko
Das Armutsrisiko ist bei 60% des OECD-Medianäquivalenzeinkommens veranschlagt. bei den Jungen ist mit 26% etwas erhöht gegenüber der restlichen Bevölkerung mit 16% (keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern). Ein weiterer Indikator ist das Minimaleinkommen, d.h. das Einkommen, das von den Befragten als gerade genug zum Leben angegeben wird. Es wird von den Jungen um 37% tiefer veranschlagt als vom Rest der Bevölkerung.Etwa jede dritte junge Person (31% gegenüber 7% für die restliche Bevölkerung) erhält jedoch finanzielle Unterstützung
Der durchschnittliche jährliche Betrag dieser Hilfe für die Jungen liegt bei 6966 Franken. von Personen ausserhalb des Haushalts. Wahrscheinlich kommt die Unterstützung zur Mehrzahl von den Eltern. Junge Frauen werden häufiger unterstützt als junge Männer (44% gegenüber 22%), dies zweifellos aufgrund der ihrer prekäreren finanziellen Lage. Zudem erhalten mit 7% deutlich mehr Junge Stipendien als die restliche Bevölkerung (1%).
Der durchschnittliche jährliche Betrag der Stipendien für die Jungen liegt bei 5128 Franken.
Weniger Güter und Dienstleistungen, aber dennoch mit Ersparnissen
Aufgrund ihres kleineren Einkommens verzichten die Jungen öfter auf ein Auto (zu 44%) oder eine 3. Säule (zu 70%), als dies beim Rest der Bevölkerung der Fall ist (13% bzw. 35%). Ihre Wohnungen sind etwas kleiner (durchschnittlich 3 Zimmer gegenüber 4,5 Zimmern) und billiger (durchschnittlich 1175 Fr./Monat gegenüber 1593 Fr./Monat). Unterschiede sind im Konsumverhalten festzustellen. So verzichten die Jungen zwar auf gewisse Güter, sind aber häufiger im Restaurant anzutreffen: 70% geben an, mindestens einmal pro Monat ins Restaurant zu gehen, gegenüber 57% der restlichen Bevölkerung. Keine Unterschiede festzustellen sind bezüglich des Grundbedarfs (in beiden Gruppen gehen beispielsweise 2%–3% nicht zum Zahnarzt) oder bezüglich des Sparverhaltens. So geben 59% der Jungen an, pro Monat mindestens 400 Franken sparen zu können, was keinen statistisch signifikanten Unterschied zum Rest der Bevölkerung (64%) darstellt.Innerhalb der Gruppe der Jungen sind wenig Unterschiede zwischen Frauen und Männern auszumachen. Einzig bei der 3. Säule ist der Anteil der Frauen mit 24% etwas tiefer als derjenige der Männer (36%), wohl auch als Folge ihres geringeren Einkommens.
Die Jungen sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage weniger zufrieden
Die prekärere wirtschaftliche Situation der Jungen hat Auswirkungen auf ihr Zufriedenheitsgefühl. Es liegt auf einer Skala von 1 bis 10 mit 6,2 für die individuelle Zufriedenheit und 6,7 für die Zufriedenheit des Haushalts unter den entsprechenden Werten der restlichen Bevölkerung (7,1 bzw. 7,3). Die Jungen beurteilen ihre Lage auch als leicht schwieriger zu handhaben als die ältere Bevölkerung (7 ggü. 7,3). Es sind keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen.
Mehr Zahlungsrückstände bei den Jungen, aber nicht mehr Verschuldung
Zahlungsrückstände kommen bei den Jungen mit 16% etwas häufiger vor als bei der älteren Bevölkerung (10%), wobei die Frequenz bei beiden Gruppen in etwa gleich ist. Bezüglich der Anzahl Haushalte, die monatliche Raten für Kredite, Leasing oder Darlehen (ohne Hypotheken
Hypothekarschulden wurden nicht berücksichtigt, da die Analyse auf die Konsumschulden fokussiert ist.) zu bezahlen haben, gibt es keine Unterschiede; der Anteil bewegt sich zwischen 15% und 16%. Der Grund für diese Schulden ist in beiden Gruppen identisch: in 81% der Fälle ist es die Finanzierung grösserer Anschaffungen, wie z.B. eines Autos. Die Raten bewegen sich ebenfalls in der gleichen Grössenordnung (durchschnittlich 500–600 Franken pro Monat).Die Verschuldung der Jungen ist aber weniger chronisch als beim Rest der Bevölkerung, liegt doch die durchschnittliche vertragliche Zahlungsdauer bei 8 gegenüber 11 Monaten. Zudem liegt die jährliche Summe mit 4000 Franken unter derjenigen der älteren Bevölkerung (7000 Franken). Die finanzielle Belastung ist also in etwa gleich gross, da die Einkommen der Jungen generell tiefer sind.
Bei Schwierigkeiten schränken sich die Jungen lieber ein oder wenden sich an ihr Umfeld
Im Fall von finanziellen Schwierigkeiten reagieren die jüngeren Haushalte etwa gleich wie die älteren. Allerdings geben sie an, sich häufiger an nahestehende Personen zu wenden: 44% der Jungen leihen sich bei den Eltern oder Freunden Geld aus, gegenüber 27% der restlichen Bevölkerung. Das trifft besonders auf junge Männer zu (55% gegenüber 37% bei den Frauen). Junge Frauen schränken sich eher ein (90% gegenüber 59% bei den Männern). Nur 2% der Jungen nehmen jedoch einen Bankkredit auf, gegenüber 12% bei der restlichen Bevölkerung.
Welche Jungen sind verschuldet?
Unabhängig vom Alter betrifft die Verschuldung (Kredite, Leasing, Darlehen) besonders folgende Kategorien: ausländische Personen (25% gegenüber 14%), Personen ohne Armutsrisiko (17% gegenüber 11%), Vollzeit Arbeitende (21% gegenüber 11%) und in Zweipersonenhaushalten Lebende (17% gegenüber 10%). Bezogen auf junge Verschuldete vermindert die geringe Anzahl von 51 Fällen die analytischen Möglichkeiten. Es findet sich jedoch ein ähnliches Profil wie dasjenige der Gesamtbevölkerung. Der Umstand, in einem Zweipersonenhaushalt zu leben (24% gegenüber 10%), Vollzeit zu arbeiten (23% gegenüber 7%) oder nicht einem Armutsrisiko ausgesetzt zu sein (20% gegenüber 5%), erhöht das Verschuldungsrisiko stark. Zwischen den Geschlechtern sind keine statistisch signifikanten Unterschiede auszumachen. Entgegen der intuitiven Vermutung sind es also nicht die Personen mit den prekärsten finanziellen Verhältnissen, die sich verschulden, sondern jene, welche auch die Mittel haben, um die Schulden zurückzahlen zu können.
Nutzen und Grenzen einer Analyse des Schweizer Haushalt-Panels
Die vorliegende Untersuchung stützt sich auf eine repräsentative Stichprobe der Schweizer Bevölkerung. Dank des Schweizer Haushalt-Panels konnten wir die wirtschaftliche Situation der Haushalte analysieren, in denen die älteste Person höchstens 25 Jahre alt ist. Die Aussagekraft der Resultate ist insofern eingeschränkt, als sie nicht die gesamte junge Bevölkerung abdecken. Vor allem die bei den Eltern wohnhaften Jungen wurden nicht erfasst. Die Verschuldung wird mit den regelmässigen Ratenzahlungen gemessen und berücksichtigt somit die gelegentlichen Darlehen bei Familienangehörigen oder Freunden nicht. Auffallend ist die grosse Solidarität des Freundeskreises, denn beinahe eine von drei Personen bekommt Hilfe von ausserhalb der Familie. Wir konnten allerdings nicht feststellen, ob die Hilfe in Form von Darlehen oder Schenkungen geleistet wird. Anzufügen ist, dass sich die Untersuchung auf die Aussagen der Befragten stützt, welche dem so genannten Social-Desirability-Effekt unterworfen sein können, d.h. der Tendenz, sich bei der Befragung im besten Licht präsentieren zu wollen. Allerdings besteht kein Grund zur Annahme, dass dieser Effekt ausgeprägter ist als bei der älteren Bevölkerung. Der Vergleich zwischen der jungen und der älteren Bevölkerung ist somit als sinnvoll zu betrachten, insbesondere da mit der Untersuchung gewisse Vorurteile ausgeräumt und alarmierende Vermutungen bezüglich des wirtschaftlichen Verhaltens der Schweizer Jungend korrigiert werden können.
Junge verhalten sich wirtschaftlich verantwortlich
Ausser einigen auf das tiefere Einkommen junger Frauen zurückzuführende Differenzen sind keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen. Trotz ihrer finanziell bescheideneren Verhältnisse sind die Jungen offenbar nicht stärker verschuldet als die Älteren. Entgegen dem konsumwütigen Image, das ihnen manchmal angelastet wird, schränken sich die Jungen mehr oder weniger freiwillig ein oder suchen Hilfe in ihrem Umfeld, anstatt Kleinkredite aufzunehmen. Die eingangs erwähnten alarmierenden Mutmassungen müssen also revidiert werden. Auch wenn die Jungen einen anderen Konsumstil – vor allem bezüglich der Restaurantbesuche und dem Autobesitz – pflegen, erweisen sie sich als ebenso fähig wie die ältere Bevölkerung, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen, und vermögen auch zu sparen. Nur wenige tätigen ihre Anschaffungen auf Kredit, und wenn, dann sind es in der Regel Berufstätige mit einem genügend hohen Einkommen, um die Rückzahlung leisten zu können.
Braucht es Financial Education an der Schule?
Das sich aus der vorliegenden Untersuchung ergebende Gesamtbild zeigt, dass die Jungen ausreichende finanzielle Kompetenzen erworben zu haben scheinen, um mit ihren Einkünften und Ausgaben adäquat umgehen zu können. Dieser Befund stellt aber nicht grundsätzlich die Notwendigkeit von Financial Education an der Schule infrage. Denn der Umstand, dass sich die Jugendlichen ihre finanziellen Kompetenzen ausserhalb der Schule aneignen, zeigt, dass sie diesem Thema gegenüber nicht gleichgültig sind. Ausserdem sind die Vorstellungen bezüglich Umgang mit Geld je nach Milieu sehr unterschiedlich. Die Schule könnte also die Chancengleichheit für den Erwerb von finanziellen Kompetenzen gewährleisten. Ausserdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass einige junge Menschen in finanziellen Schwierigkeiten stecken, und dass man so gut wie nichts über diesen Personenkreis weiss. Um gezielte unterstützende Massnahmen anbieten zu können, sollte diese Gruppe unbedingt genauer untersucht werden.
Tabelle 1: «Indikatoren zu Einkommen und Lebensstandard: Vergleich zwischen jungen Personen und der restlichen Bevölkerung sowie zwischen jungen Frauen und jungen Männern»
Kasten 1: Das Schweizer Haushalt-Panel
Das Schweizer Haushalt-Panel
Das Schweizer Haushalt-Panel (http://www.swisspanel.ch) wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Es handelt sich um eine multithematische Longitudinalerhebung, die von der Swiss Foundation for Research in Social Sciences (Fors) durchgeführt wird. Im Rahmen der Erhebung werden seit 1999 jedes Jahr ausgewählte Haushaltsmitglieder ab 14 Jahren befragt. Seit 2004 werden zwei zufällig ausgewählte Stichproben von Haushalten in der Schweiz befragt. Auf diese Weise wurden 2010/11 über 7500 Einzelinterviews realisiert.
Kasten 2: Zusammensetzung der Stichprobe
Zusammensetzung der Stichprobe
In der Analyse haben wir uns auf Haushalte konzentriert, deren ältestes Mitglied höchstens 25 Jahre alt ist. Da die Anzahl der Fälle jedes Jahr unter 100 liegt, wurden die Fälle über 5 Jahre kumuliert (Welle 8–12 des Schweizer Haushalt-Panels, Jahre 2006-2010). Um die gleiche Person nicht mehrmals zu zählen, wurde jeweils nur die erste Befragung jeder Person berücksichtigt. Diese Bedingungen erfüllten insgesamt 329 Personen. Ihre wirtschaftliche Lage wurde mit jener der 8025 Personen verglichen, die zum Befragungszeitpunkt (ebenfalls 2006–2010) über 25-jährig waren. Überdies wurde innerhalb der Gruppe der Jungen die Situation der Frauen mit jener der Männer verglichen. Das Vertrauensintervall von 95% einer anhand der gesamten Stichprobe der Jungen berechneten Proportion liegt bei rund ±5,5%. Aus der Tabelle 1 lässt sich somit beispielsweise ableiten, dass der Anteil der Jungen, deren Haushalt ein Auto besitzt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% zwischen 50% und 62% liegt.
Kasten 3: Literatur
Literatur
− Hieber A., Probst B. und Wüthrich S., Finanzielle Allgemeinbildung an den Schweizer Schulen: Braucht es eine nationale Strategie?, in: Die Volkswirtschaft, 6-2011, S. 61–65.− Intrum Justitia, Endettement chez les jeunes, 2004. Internet: http://www.my-money.ch/cms.cfm/s_page/68670/mItem/200780.− Manz M., Financial Education – Rolle und internationale Entwicklungen, In: Die Volkswirtschaft, 6-2011, S. 57–60.− OECD, Improving Financial Literacy: Analysis of Issues and Politics, 2005.− Streuli E., Verschuldung junger Erwachsener – Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse, Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit. Basel, 2007.− Streuli E., Steiner O., Mattes C. und Shenton F., Eigenes Geld und fremdes Geld – Jugendliche zwischen finanzieller Abhängigkeit und Mündigkeit. Basel, 2008, Gesowip.