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Geschichte der Politischen Gemeinde Au
Geschichtliche Streiflichter
Prof. Dr. phil. I. Johannes Huber, St. Gallen
Lage und landschaftliche Prägung
Die Politische Gemeine Au liegt im Kanton St. Gallen, geografisch im untersten Teil des Alpenrheintals, im ehemaligen Bezirk Unterrheintal resp. in der heutigen Region Rheintal. Die Lage des Dorfs am Engpass zwischen Heldsberg und Rhein hat bewirkt, dass Au seit der Antike ein Durchgangsgebiet bildet. Spätestens seit dem Mittelalter wurden Waren über den Rhein, bereits viel früher über das Land verschoben. Die uralte Wegverbindung über den Heldsberg ist im späteren Mittelalter an dessen Fuss verlegt und ausgebaut worden. Seit dem 19. Jahrhundert führt die Eisenbahn nahe am Heldsberg vorbei, seit dem 20. Jahrhundert zusätzlich die Autobahn A13. Nördlich des Heldsbergs weitet sich die Landschaft, geprägt durch den Rhein, der dem nahen Bodensee zufliesst. Südlich öffnet sich das Gebiet ins Rheintal hinein. Hier liegt auch der zweite Siedlungsschwerpunkt der Gemeinde Au, nämlich Heerbrugg (um 1078 [unsicher] und 1303 erstmals erwähnt).
Dörfer und Höfe
Zu den ältesten Siedlungen der Gemeinde gehören Au, Haslach, Hard und Monstein. Während der erhöht am Abhang der Meldegg liegende Hof Hard als Weiler überblickbare Dimensionen bewahrt hat, sind die früheren Hofsiedlungen, so Monstein und Haslach, längst aufgegangen in Au, das kräftig gewachsenen ist. Im Verlauf des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit ist der Siedlungsname Haslach allmählich verschwunden und der Name Au als einzige Bezeichnung des inzwischen stattlichen Dorfs verblieben.
Im 19. Jahrhundert ist südlich von Au, nahe bei der bäuerlichen Kleinsiedlung und dem gleichnamigen Schloss, der Gemeindeteil Heerbrugg sozusagen aus dem Nichts entstanden (das Dorf umfasst Gebietsteile von Au, Berneck und Balgach). Die Lage von Heerbrugg im Kreuz der Verkehrsachsen St. Margrethen-Altstätten und Berneck-Widnau/Diepoldsau trugen zu einem schnellen Wachstum bei. Schloss Heerbrugg, im Gebiet der Gemeinde Balgach gelegen, befand sich 1839–1867 im Besitz des deutschen Revolutionärs, Emigranten, Erziehers, Wirtschaftspioniers und Politikers Karl Völker (1796–1884). Er führte auf dem Schloss ein Erziehungsinstitut mit Internat, ferner einen landwirtschaftlichen Versuchsbetrieb und ab 1858 eine Ziegelei. 1867/1871 übernahm Jakob Schmidheiny (1838–1905) das Schlossgut und die Ziegelei; Letztere führte er in einer Zeit grosser Nachfrage nach Baustoffen zu einer gewinnträchtigen Unternehmung, womit er die spätere Bedeutung der Familie begründete. Der Bahnhof Heerbrugg entwickelte sich zu einer Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs, was weitere Gewerbe-, später auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe angezogen hat.
Leben am Rhein
Im Ortsnamen Au, der 1316 urkundlich erstmals fassbar wird, ist ein zentraler Aspekt der späteren Gemeindegeschichte erkennbar: Au bezeichnet nämlich ein bewachsenes, wasserreiches, feuchtes oder sumpfiges Ufergelände. Der Name meint das Ufer des Rheins, das von den Menschen besiedelt und zur landwirtschaftlichen sowie zur kleingewerblichen Produktion genutzt wurde. Hatte die Nähe zum Rheinstrom durchaus auch Vorteile, so war mit diesem Fliessgewässer auch immer Zerstörung und Tod verbunden. Bis ins 20. Jahrhundert hinein warfen die Überschwemmungen des Alpenrheins die Entwicklung des Dorfs Au regelmässig zurück; im 19. Jahrhundert zählte Au zu den ärmsten Gemeinden des Kantons St. Gallen.
Besiedlung und Herrschaften
Es wird angenommen, dass das für eine Dauerbesiedlung lange Zeit nur eingeschränkt nutzbare Gebiet von Au von den umliegenden Dörfern aus erschlossen worden ist. Da das Gebiet Widnau-Haslach, einschliesslich der Auer Höfe, zum rechtsrheinischen Reichshof Lustenau gehörte, dürfte auch dieser Hof an der Besiedlung der Auer Rheinauen beteiligt gewesen sind. Die oberhalb von Au gelegene Burg Zwingenstein, 1282 erwähnt und später von den Appenzellern zerstört, dürfte den Verwaltungs- und Gerichtsmittelpunkt der lustenauischen Gebiete links des Rheins gebildet haben. Ab 1395 stand der Hof Lustenau unter der Herrschaft der Familie von Ems. In den Grafenstand erhoben, nannte sich diese Familie seit dem 16. Jahrhundert von Ems zu Hohenems. Die linksrheinischen Gebiete, darunter Au, gehörten ab 1490 zur eidgenössischen Vogtei Rheintal. 1593 wurden im Zusammenhang mit einer Hofreorganisation die eidgenössischen Gebiete des Hofs Lustenau abgetrennt und zur eigenen Gerichtsherrschaft und Hoforganisation Widnau-Haslach zusammengefasst. Dem neuen Hof wurden auch stattliche Anteile des rechtsrheinischen Riedgebiets (Genossenschaftsland) mitgegeben; dieses Gebiet wird seither als Schweizer Rieter bezeichnet. Aus organisatorischen Gründen, aber auch im Bestreben nach mehr Selbstbestimmung wurde 1775 das Hofgebiet abermals aufgeteilt, und zwar in die drei Roden Au-Haslach, Widnau und Schmitter. Dabei wurde das 1593 an Widnau-Haslach abgetretene Riedland rechts des Rheins anteilsmässig nach Bevölkerung auf die neu entstandenen Gerichtsgemeinden aufgeteilt.
Den 1759 ausgestorbenen Grafen von Hohenems folgten 1766 (bis 1776) als Herren des Niedergerichts die Grafen von Harrach, 1782–1798 die Bündner Familie Salis-Soglio. Der Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft hatte auch für die Rheintaler Gerichtsgemeinden einschneidende Folgen. 1803, dem Jahr der Gründung des Kantons St. Gallen, wurde Au mit der politischen Gemeinde Berneck vereinigt. Interne Differenzen zwischen Au und Berneck führten bereits 1805 zur Trennung der beiden Dörfer und damit zur Gründung der Politischen Gemeinde Au.
Kirchliche Entwicklung
Eine Beziehung zwischen den beiden Dörfern Au und Berneck hatte bis 1802 auch in kirchlicher Hinsicht bestanden, da Au zum Pfarrgebiet von Berneck gehört hatte. Seit 1802 bildet katholisch Au eine eigene Pfarrei. Die seit 1721 in Au stehende Kapelle wurde 1804 durch einen Kirchenbau ersetzt, dieser Bau 1924/1925 durch eine markante neubarocke Kirchenanlage ersetzt.
Bis zirka 1800 bildete Au ein weitgehend katholisches Gebiet. Mit der Niederlassungsfreiheit nahm im 19. Jahrhundert im Gebiet der Gemeinde Au die Ansiedlung von Menschen mit reformiertem Bekenntnis zu. Eine Folge davon war die Entstehung von konfessionell getrennten Schulgemeinden und zweier nebeneinander bestehender Sondergesellschaften (katholisch, reformiert). Erst 1972 wurden die Schulgemeinden vereinigt. Die Reformierten von Au besitzen seit 1952 ein eigenes Gotteshaus. Vgl. zur kirchlichen Entwicklung von Heerbrugg weiter unten. Bis weit ins 20. Jahrhundert dominierte in der Gemeinde, und zwar sowohl in Au wie in Heerbrugg, die katholische Kirche das politische und gesellschaftliche Leben. Ab zirka 1970 lösten sich zwischen den konfessionellen Lagern die starren Grenzen allmählich auf. Die letzten 50 Jahre waren geprägt einerseits durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den beiden konfessionellen Körperschaften (Ökumene), anderseits durch die Niederlassung von Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften und die religiöse Ungebundenheit vieler Menschen.
Veränderung der Siedlungsstruktur und Landschaft
Zu den ältesten Auer Hofsiedlungen gehören jene auf Hard und an der Hangflanke östlich davon. Hier, ausserhalb der Überschwemmungszone des Rheins, hat sich auch historische Bausubstanz erhalten. Sie weist charakteristische Züge auf, die sich als Hofraumsiedlung, als ein in sich geschlossener Lebens- und Wirtschaftsraum, zusammenfassen lässt. Die punktuell gesetzten Höfe verweisen auf die Landwirtschaft als Grunderwerbszweig, zu dem im Verlauf des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Textilproduktion als Zusatzbeschäftigung verbreitet Heimarbeit trat (Weberei, Stickerei). Mehrere Einzelhöfe am Heldsberg betrieben Rebbau, in Monstein waren Kleingewerbe und Flussschifffahrt angesiedelt. Mehrheitlich Landwirtschaft wurde auch in den fruchtbaren Schwemmgebieten des Rheins im Talgrund betrieben, später dann ebenfalls kombiniert mit Stickerei. Eine Siedlungsverdichtung ergab sich in Au im Umkreis der Kapelle und späteren Kirche. Hier standen mehrere Wirtschaften, das Schulhaus der Katholiken und mit der Kirche auch der Versammlungsraum der Bürgerschaft (Gemeindeversammlung).
Der im 18. und 19. Jahrhundert angewachsenen Bedrohung durch den Rhein und seine Zuflüsse begegnete man 1893–1923 mit der Rheinregulierung und Binnengewässerkorrektion. Sie zählen zu den grössten schweizerischen Korrektions- und Meliorationswerken überhaupt und haben zum Gedeihen zahlreicher Rheintaler Gemeinden beigetragen. Das finanzielle und personelle Volumen dieses baulichen Grossprojekts ist entfernt mit dem Bau der Gotthardbahn (1872–1882) zu vergleichen. Das Korrektionswerk ermöglichte die Melioration der Rheinebene ab den 1940er-Jahren (s. unten).
Ein wichtiger Meilenstein für die wirtschaftliche Entwicklung bildete 1858 auch der Anschluss von Au und Heerbrugg ans schweizerische und wenig später ans internationale Eisenbahnnetz. Laufend passte man auch die gemeindeeigene Infrastruktur den Bedürfnissen an: 1867 wurde in Monstein die alte Rheinfähre durch eine Holzbrücke ersetzt, 1878 erfolgte die gleiche Massnahme auch in Oberfahr. Inzwischen in die Jahre gekommen und für den wachsenden Verkehr nicht mehr ausreichend, wurden 1955–1957 beide Brückenwerke durch die noch heute bestehende, modern wirkende Betonkonstruktion der Neuen oder Internationalen Brücke ersetzt.
Die Infrastruktur und gute Erschliessung der Gemeinde Au wurden vom Gewerbe genutzt, später von der Industrie und zahlreichen Dienstleistungsbetrieben. Einher mit dem Ausbau des Produktionsstandorts Au-Heerbrugg ging eine vergleichsweise rasante bauliche Entwicklung der beiden Dörfer Heerbrugg (ab zirka 1860) und Au (zwischen 1890 und 1910, ab 1945). 1864 gründete Johann Friedrich Laurenz Block (1828–1887) aus dem deutschen Emden die Zichorien- und Senffabrik Hollandia. 1874 ergänzte er diese mit der ersten Rheintaler Stickereifabrik, der ‹Britannia›. Die Stickereizeit, geprägt durch die Eröffnung weiterer Stickereibetriebe, führte Au und Heerbrugg in eine Hochkonjunktur (1880–1914). Die Blüte schlug sich auch baulich nieder, indem in beiden Dörfern das Quartier rund um den Bahnhof starke Veränderungen erfuhr. Von der wirtschaftlichen Entwicklung konnte auch Oberfahr profitieren, das im Vergleich zu anderen Weilern der Gemeinde überdurchschnittlich wuchs. In der gleichen Zeit nahm der Zuzug von Menschen aus dem Ausland stark zu und erreichte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs rund einen Drittel der Gesamtbevölkerung. Die ausländische Bevölkerung fand vor allem in der Stickerei, im Bau und in weiteren Gewerbebetrieben vorerst reichlich Arbeit.
Kriegszeit und Nachkriegszeit
Als Grenzgemeinde erlebte Au die beiden Weltkriege besonders nahe, und mit den Schweizer Rietern befanden sich sogar Gebietsanteile (allerdings der Ortsgemeinde gehörende) auf österreichischem Territorium. Der Zweite Weltkrieg konfrontierte Au mit versehentlichen Bombenabwürfen, drastischer landwirtschaftlicher Mehrproduktion, Festungsbau (Heldsberg) und Flüchtlingen. Der später als ‹Judenretter› bekannt gewordene, 1939 wegen Fluchthilfe an verfolgten Menschen aus Grossdeutschland aus dem Dienst entlassene St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger (1891–1972) hatte seinen Wohnsitz ab 1944 wieder in Au; 1993 wurde er politisch rehabilitiert und seither mehrfach posthum geehrt.
Die 1942–1960 durchgeführte Melioration der Rheinebene trennte Landwirtschafts- und Bauzonen und schuf den notwendigen Raum zur Expansion der Wohn- und Industriegebiete sowie der Bauten für den wachsenden Verkehr (Rheinbrücke, Autobahn A13). Au erlebte seit den 1960er-Jahren ein starkes Wachstum der Bevölkerung, was auch seiner Grenzlage zu verdanken ist. In wirtschaftlicher Hinsicht ging seit 1945 der Primärsektor (Urproduktion) noch mehr zurück, während Gewerbe und Industrie sowie vor allem der Dienstleistungssektor stark an Gewicht zunahmen. Wachstum auf der einen Seite, schlanke Strukturen und Sparsamkeit auf der anderen bewirkten, dass zwischen 1975 und 1991 von allen st. gallischen Gemeinden Au den niedrigsten Steuerfuss aufwies; bis heute ist er auch einer der tiefsten geblieben. Die Folge dieses beinahe grenzenlos anmutenden Wachsens ist die dichte Überbauung grosser Teile des Gemeindegebiets.
Dienstleistungszentrum Heerbrugg
Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich die zukünftige Bedeutung des Dorfs Heerbrugg ab. Um die Ziegelei und den Bahnhof weitete sich die Siedlung zunehmend aus, gut erschlossen durch die Rheintalbahn, Strassenbahnlinien und später durch Busse. Auch in Heerbrugg siedelten sich zahlreiche Stickereibetriebe an. Das Dorf erlebte zwischen 1880 und 1914 eine stürmische Wachstumsphase, während der sich in der Umgebung des Bahnhofs städtische Züge auszubilden begannen. Die positive demografische Entwicklung führte 1906 zur Gründung der Schule und Schulgemeinde Heerbrugg und 1912 zur Bildungung einer katholischen Kapellgenossenschaft. Nach 1914 erlebte auch Heerbrugg vorerst einen markanten Einbruch. Ab 1921 begannen Heinrich Wild (1877–1951) und Jakob Schmidheiny (1875–1955) mit dem Aufbau eines erfolgreichen Optikwerks (1989 Leica AG, heute Leica Geosystems AG).
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Heerbrugg zum bedeutendsten Industrie-, Verkehrs- und Dienstleistungszentrum des Mittelrheintals. Zu baulichen Symbolen des zyklisch erfolgenden Wachstums wurden das 1975 eingeweihte Hochaus auf dem Gelände des ehemaligen Marktplatzes und der benachbarte, 2007/2008 erbaute Geschäftsturm ‹Am Markt Heerbrugg›. Zum grössten Betrieb im Gebiet der Gemeinde wurde die Firma SFS Holding AG, die seit 1949 in Heerbrugg ansässig ist.
Auch die Institutionen hielten mit dieser Entwicklung Schritt. Weitere Schulgründungen (Heilpädagogische Schule Heerbrugg, Musikschule Unterrheintal, Oberstufe Mittelrheintal und Kantonsschule Heerbrugg) folgten, und die Heerbrugger Ortskirchen (katholisch, reformiert) entwickelten autonome Strukturen mit eigenen Gotteshäusern. Weitere Glaubensgemeinschaften mit lokalen Zentren bilden die Freie Evangelische Gemeinde FEG Heerbrugg und der Türkische Kulturverein Fatih Camii.
Attraktive Wohngemeinde mit viel Freizeitpotenzial
Die Gemeinde Au ist heute eine attraktive, pulsierende und junge Gemeinde. Der Steuerfuss ist im kantonalen Vergleich tief, die Infrastruktur zeitgemäss und vielseitig, das kulturelle Angebot breit. Zahlreiche Vereine beleben die Dorfkultur, und die Verbindungen über den Rhein sind kurz und lukrativ. Dank ihrer natürlichen Anschlüsse bieten sich Au und Heerbrugg als Ausgangspunkte für sportliche Ertüchtigung und Fitnessprogramme aller Art an. Von Au aus lassen sich etliche Skigebiete schnell erreichen, während der nahe Bodensee ein vielseitiges Freizeitangebot zu bieten hat.
Die Geschichte geht noch weiter…
Die Geschichte der Gemeinde Au lässt sich auch nachblättern, ausführlicher erkunden und mittels zahlreicher Illustrationen neu entdecken. Im Jahr 2012 erschien von Autor Dr. Johannes Huber, St. Gallen, das neue Auer Geschichtsbuch mit dem Titel: ‹Au Heerbrugg. Zwei Rheintaler Dörfer im Wandel›. Der Band ist bei der Gemeindeverwaltung Au erhältlich.
dat. 28. April 2013