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Die Ausstellungen von Silvia Kolbowski und Laura Langer - Videos, Installationen und Malereien - sind kürzlich eröffnet worden und bis am 27. November zu sehen. Parallel dazu kann man sich in den Sammlungsräumen in die Werke von Greta Leuzinger vertiefen - noch bis Ende Januar 2023.
Silvia Kolbowski zeigt in zwei Ausstellungsräumen die Videoarbeiten „Who will save us?“ (2022) und „Missing Asher“ (2019) „Who will save us?“ ist speziell für das Kunsthaus geschaffen worden. Das Video ist eine Mischung aus den Filmen „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang und „THX 1138“ (1971) von George Lucas. Beide Science Fiction-Filme thematisieren das Leben und Arbeiten in einer hierarchisch strukturierten Zweiklassengesellschaft. Für „Who will save us?“ verdichtete Kolbowski das mehrstündige Ausgangsmaterial zu einem vierzehnminütigen Videofilm. Die gezeigten Inhalte beziehen sich auf die gegenwärtige, politische Situation. Aspekte der Gruppendynamik werden mit der Technologisierung und dem polarisierenden Reichtum verbunden. Politischer Widerstand und der Einfluss des Unbewussten auf gesellschaftliche Massenbewegungen werden angesprochen. Die Künstlerin greift auf historisches Material zurück und analysiert auf dieser Basis kulturelle Erscheinungsformen und Machtstrukturen.
Eine Auseinandersetzung mit aktuellen Themen auf der wirtschaftlich-gesellschaftlich-politischen Ebene, die aufhorchen lässt. Kurz ein paar gedankliche Brücken aus Sicht des Bloggers: die politischen Blöcke zwischen Ost und West zeigen die Auseinandersetzung zwischen Demokratien und Autokratien und spiegeln den aktuellen Aufrüstungswettbewerb. Macht und Einflussnahme werden zelebriert. Sie führen zu Konflikten und Kriegen. Die Digitalisierung fördert die Effizienz der Wirtschaft und nimmt auf das individuelle Leben Einfluss. Soziale Medien pflegen Lügen. Die Wahrheit wird zurückgebunden. Zwischen Wahrem und Falschem entstehen Spannungen. Während der Pandemie sind Protestbewegungen und Verschwörungen entstanden, die auf den Verzicht individueller Freiheiten zurückzuführen sind. Wo sind die Freunde der Wahrheit? In der Kultur der Hochstapelei wird die Verteilung der Vermögen immer stärker zu Gunsten der Reichen sichtbar. Die unbewussten Seiten der Menschen steigen aus den Tiefen des Ozeans herauf und lösen auf den Inseln des Bewusstseins schwer nachvollziehbare Reaktionen aus.
Die Videoarbeit „Missing Asher“* ist eine Erweiterung eines Installationsprojekts der Künstlerin aus dem Jahr 1990. Im Video spricht sie über die Entstehung und das Nachleben dieser Arbeit, die sie dazumal in einer Gruppenausstellung gezeigt hat. Die Künstlerin setzt sich mit den Schwierigkeiten auseinander, auf dem Kunstmarkt mit nichtkommerziellen, vergänglichen Kunstwerken zu überleben. Weiter untersucht sie den Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Individualismus, dem Neokapitalismus und den Abnützungssymptomen des Galeriensystems. Für die Künstlerin ist die Fragestellung zentral, ob sich die Grundbedingungen des Kunstmarkts konzeptuellen, forschungsbasierten Werken dauerhaft entgegenstellen können. Auf den ersten Blick eine weite Schlaufe von Themen, die Zusammenhänge der Geldwirtschaft mit dem Kunstmarkt aufnehmen. Klar ist, dass die grossen Kunstmessen reiche Sammler:innen anziehen und bei den künstlerischen Bluechips Investitionen auslösen, die rational nicht erklärbar sind. Im Zentrum der Sammler:innen stehen die Kapitalanlagen in Kunst. Der globale Kunstmarkt generiert rund 60Mrd. Dollar pro Jahr. Sind es narzistische Persönlichkeitsmerkmale zur Befriedigung von Egobedürfnissen und zur persönlichen Einkehr in eine Glaubenswelt, die als Ersatzreligion bezeichnet werden kann? ** Bekannt ist, dass beim Sammeln das Belohnungszentrum im Hirn aktiviert wird und die Menschen mit dem Sammeln glücklicher werden. Sammlungen bleiben und bestätigen, dass Wertanlagen funktionieren können. Die Leidenschaft zum Sammeln hat immer auch biografische Hintergründe. Ein bedeutender Kunstsammler sagt über sich: „Mit dem Sammeln von Kunst lerne ich Menschen kennen, die ich in ihren Motiven bisher nicht erkannt habe“.
** Kunst und Kapital – Begegnungen auf der Art Basel, Kunstwissenschaftliche Bibliothek, Band 44
Laura Langer zeigt in ihrer Ausstellung „Headlines“ zwei neue Werkgruppen. Eine Serie von Malereien mit Spiralen und eine Installation im Oberlichtsaal des Kunsthaus Glarus. „Die Entscheidung für die Motive Spiralen und Schlagzeilen kam stufenweise, in Etappen. Ich glaube hauptsächlich aus einer Kombination von Intuition und dem Nachdenken darüber, wie ich mit dem Ausstellungsraum umgehen würde“… „Die Spirale ist mir zuerst in einem Traum begegnet. Ich nahm den Traum ernst und habe daraufhin damit begonnen, mir Spiralen anzusehen. Ich mag das Symbol der Spirale sehr. Es stellt den Bezug zu vielen anderen Fachbereichen her, wie etwa zu dem der Kunst, der Psychoanalyse, der Metaphysik“, sagt Laura Langer im Interview mit Melanie Ohnemus, das anlässlich der Ausstellung erschienen ist. Spiralen gehören zu den alten Symbolen und können als Sinnbild für Zyklus und Evolution gelesen werden. In der Kunst wird die Spirale häufig als Ornamentmotiv gebraucht. In der Natur gibt es viele Pflanzen und Tiere die in ihren Bauplänen spiralige Strukturen aufweisen. Diese basieren auf Logarithmen und wachsen exponentiell an. Die Malereien der Künstlerin zeigen unterschiedliche Ausschnitte des immer gleichen Motivs. Sie assoziiert mit den Spiralen Gedanken, die immer wieder auftreten und nicht loszuwerden sind. Die Spirale ist eine Form, die sich bis in die Unendlichkeit um sich dreht. Als Gegenpol zu den Spiralen zeigt die Künstlerin die Installation „Weapons“ – 2022 – Es ist eine Installation, die sich am Raster des Oberlichtsaals orientiert. Hier treffen gerade Linien auf sich und kreuzen sich. Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein System der Ordnung. Das ordentliche Denken trifft sich mit dem vielfältigen Denken und steht zueinander in einem komplementären Verhältnis. Die sehr starke Ausprägung des ordentlichen Denkens führt zur Pingeligkeit und das vielfältige, auch kreative Denken, kann zu chaotischen Zuständen führen. Laura Langer hat auf dem Raster der Ordnung Ausschnitte von Überschriften aus Londoner Boulevard-Zeitungen collagiert und gibt Hinweise auf aktuelle Geschehnisse. Die Texte machen die sprachliche Gestaltung von Schlagzeilen sichtbar. Als Rest bleibt der Modus der Sprache. Aus den Ausschnitten und dem Netz von zusammengesetzten Wörtern werden Bedeutungszusammenhänge sichtbar. Laura Langer:“ Die U-Bahnen in London, wo ich lebe, befinden sich tief unter der Erde, dass man keinen Empfang hat. Daher bleibt den Leuten nichts anderes übrig, als wirklich diese Zeitungen zu lesen“. Aus den gesammelten „Headlines“ entstehen Ansätze zur Frage, wie wir subjektiv Informationen verarbeiten und unsere Gedanken erweitern. Laura Langer: „Die Schlagzeilen sind wie eine vertraute Stimme, die einem sagt, was man wissen muss, über was man sich Sorgen machen muss und sogar, wie man zu etwas stehen soll“. Als Blogger erinnere ich mich an drei Grundpfeiler der Wahrnehmung, die immer subjektiv, selektiv und Sinn- und Gestalt gebend ist. Die Malerin und Gestalterin verbindet ihre Arbeit mit der Repräsentation im Raum und versucht die Wahrnehmungen der Betrachter:innen einzubeziehen.
Die Sammlung zeigt einen grossen Teil des druckgrafischen Werks von Greta Leuzinger. Sie wurde 1912 geboren und ist 2003 in Ennenda gestorben.Die Arbeiten sind noch bis zum 29.1.2023 zu sehen. Nebst der Malerei hat sich Greta Leuzinger im Wesentlichen mit Druckgrafik, Radierung und Zeichnung befasst. Es ist ein umfassendes Werk entstanden, welches sich prioritär mit Tieren befasst, am stärksten mit den Vögeln. Die Zeichnungen kommen mit wenigen Elementen zurecht, erzeugen aber mit den Kompositionen eine spürbare Spannung. Mit wenigen Strichen entstehen dynamische Bildsituationen. Die Arbeiten sind schlicht gestaltet und in ihren Formen abstrakt. Greta Leuzinger war eine leidenschaftliche Beobachterin der Tiere, mit Bevorzugung der Vögel.
Eduard Hauser