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Was wissen wir über die Ursachen des gegenwärtigen Klimawandels? Welchen Konsens gibt es bei der Beantwortung dieser Frage? In welchen Punkten bestehen Meinungsverschiedenheiten? Gibt es unterschiedliche Interpretationen von Forschungsergebnissen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussion einer Arbeitsgruppe, die vom Sachverständigenkreis Globale Umweltaspekte (SVGUA) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eingerichtet worden war. Die Arbeitsgruppe sollte einen Bericht über den Konsens und vor allem den Dissens in der Klimaforschung erstellen, um die von der Öffentlichkeit und politischen Gremien wahrgenommenen und in den Medien oft übertrieben oder falsch dargestellten vermeintlichen Widersprüche in den Aussagen der Klimaforschung aufzulösen (BMBF-Broschüre, www.bmbf.de/pub/klimawandel.pdf).
Liest man Edgar Gärtners Besprechung der BMBF-Broschüre, könnte man leicht einen anderen Eindruck vom Inhalt bekommen. Man könnte meinen, es handle sich um einen eher klimaskeptischen Aufsatz, der zwar die Erwärmung der globalen bodennahen Atmosphäre durch den anthropogenen Treibhauseffekt nicht ausdrücklich in Frage stellen, aber die Erkenntnisse der aktuellen Klimaforschung doch in einem neuen, sehr skeptischen Licht erscheinen lassen würde. Als Leser der Broschüre wird man jedoch feststellen, dass Herr Gärtner diesen Eindruck durch selektives Zitieren und geschicktes Wortspiel zu erwecken versteht. So taucht das Wort «Treibhauseffekt» stets in Anführungszeichen auf und wird auch schon mal mit dem Adjektiv «umstritten» verziert. An anderer Stelle interpretiert Herr Gärtner Abbildungen eigenwillig, ohne sich um die im Text gegebene ausführliche Erklärung zu kümmern. Wieso die Broschüre erst nach «einigem Hin und Her» vorgelegt worden sein soll, ist mir als Koautor nicht klar.
Was steht nun tatsächlich in der Klimabroschüre? Die Broschüre gibt zunächst eine knappe Darstellung des gegenwärtigen Wissenstandes über das Klimasystems, seiner historischen Variabilität und seiner Beeinflussbarkeit durch den Menschen sowie Szenarien der Klimazukunft. Die Broschüre stellt weder den natürlichen noch den anthropogenen, durch Emission von Treibhausgasen hervorgerufenen Treibhauseffekt in Frage. In der Zusammenfassung heisst es klar: Anthropogener Klimawandel findet statt. Neben den als gesichert geltenden Erkenntnissen werden offene Fragen der Klimaforschung besonders hervorgehoben. Dabei haben sich die Autoren auf die Diskussion unter Klimawissenschaftern beschränkt, die auf Fachtagungen oder in der Fachliteratur geführt wird. Obskure Meinungen, die jeder ungeprüft im Internet oder in nichtbegutachteten Zeitschriften oder Faltblättern veröffentlichen kann, blieben unberücksichtigt. Der Leser wird feststellen, dass der Dissens in der Klimaforschung wesentlich kleiner ist als oft in den Medien dargestellt.
Zu den offenen Fragen gehört beispielsweise die genaue Abschätzung des anthropogenen Anteils an der Erwärmung der bodennahen Luftschicht im letzten Jahrhundert. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand haben in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts neben der Emission von Treibhausgasen natürliche Effekte, wie Anstieg des solaren Energieflusses und Rückgang der Vulkanaktivität, zur Erwärmung beigetragen. Doch die Erwärmung in den letzten drei Dekaden muss überwiegend durch die Zunahme der anthropogenen Treibhausgase verursacht worden sein. Vergleicht man die natürlichen und anthropogenen Klimaantriebe, so weist nur der anthropogene Antrieb in dieser Zeit einen nennenswerten Trend auf.
Die Klimabroschüre wird abgerundet durch einen Exkurs in die sozialwissenschaftliche Dimension des Klimaproblems. Der betreffende, relativ kurze Abschnitt kann das weite Thema nur streifen. In der Vorbemerkung steht explizit, dass sich die Darstellung des Klimaproblems im wesentlichen auf naturwissenschaftliche Aspekte beschränkt. Der sozialwissenschaftliche Exkurs ist daher mehr als Forderung nach einer Sozial- und Naturwissenschaften integrierenden Klimaforschung zu verstehen. Der anthropogene Klimawandel wird als ernstzunehmendes Problem dargestellt, dem wir mit Vermeidungs- und Anpassungsmassnahmen begegnen müssen.
Martin Claussen ist Geschäftsführender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und Koautor der Broschüre.