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Schwanengans
Anser cygnoides
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Familie der Entenvögel (Anatidae), welche rund 150 Arten von Enten, Gänsen und Schwänen umfasst, gehört gewiss zu den bekanntesten Vogelfamilien. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir ihre Mitglieder praktisch rund um den Globus herum an fast jedem Gewässer antreffen können - aber auch damit, dass wir aus ein paar ihrer Vertreter wertvolle Nutztiere herausgezüchtet haben.
Fossilfunde zeigen, dass die Stammesgeschichte der Entenvögel mindestens bis ins späte Eozän, also 40 bis 50 Millionen Jahre, zurückreicht. Die Sippe scheint sich auf der südlichen Erdhalbkugel herausgebildet zu haben, genauer auf dem einstigen Grosskontinent Gondwanaland. Das urtümlichste Mitglied der Familie, das wir heute kennen, die seltsame Spaltfussgans (Anseranas semipalmata)
, kommt nämlich auf den «Gondwanaland-Fragmenten» Australien und Neuguinea vor, und dasselbe gilt für ein paar weitere stammesgeschichtliche «Sonderlinge», darunter die rätselhafte Hühnergans (Cereopsis novaehollandiae)
und die Pünktchenente (Stictonetta naevosa)
.
Die Familie der Entenvögel wird in drei Unterfamilien gegliedert: 1. die Unterfamilie der Entenverwandten (Anatinae), welcher die Enten, Säger und Halbgänse angehören; 2. die Unterfamilie der Gänseverwandten (Anserinae), welche die eigentlichen Gänse, die Pfeifgänse und die Schwäne umfasst; und 3. die Unterfamilie der Spaltfussgänse (Anseranatinae), zu welcher einzig die oben erwähnte Spaltfussgans gehört.
Zur Unterfamilie der Gänseverwandten und dort zu den eigentlichen Gänsen gehören zehn Arten von Echten Gänsen in der Gattung Anser
, darunter die Graugans (Anser anser)
, die Schneegans (Anser caerulescens)
, die Zwerggans (Anser erythropus)
und - nicht zuletzt - die Schwanengans (Anser cygnoides)
, von der hier berichtet werden soll.
Energische Flieger
Mit ihrem verhältnismässig langen Schnabel und den relativ kurzen Beinen sieht die Schwanengans in ihrer Gestalt aus wie ein Mittelding zwischen Gans und Schwan. Dies kommt in ihrem deutschen Artnamen gut zum Ausdruck. Im Übrigen wird sie aus diesem Grund gelegentlich von den Echten Gänsen abgetrennt und in eine eigene Gattung namens Cygnopsis
(Schwanengänse) gestellt. Mit einer Länge von 80 bis 95 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 3 bis 3,5 Kilogramm ist sie ein stattlicher Vogel, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Weibchen.
Wie bei allen Entenvögeln sind die Flügel der Schwanengans ziemlich spitz und zudem im Verhältnis zur Körpergrösse und zum Gewicht recht kurz. Dies ergibt eine hohe Last je Flächeneinheit. Beim Fliegen müssen die Entenvögel darum schnell und ununterbrochen mit ihren Flügeln schlagen. Gleitphasen können keine eingelegt werden; sie hätten einen sofortigen Verlust an Höhe zur Folge und finden darum einzig bei der Landung statt. Nichtsdestotrotz sind die Enten und Gänse schneidige, «energische» Flieger. Ihr «Betriebsgeheimnis» bildet ihr leistungsfähiger Motor in Form einer besonders kraftvollen Brustmuskulatur, welche die Flügel betätigt. Die grossen Brustmuskelpakete verleihen den Entenvögeln nicht nur ihre breitbrüstige, untersetzte Gestalt, sondern sind auch der Grund dafür, weshalb sie ein begehrtes Jagdwild des Menschen sind.
Diejenigen Entenvögel, welche als Langstreckenzieher regelmässig weite Distanzen zurücklegen, verfügen über zusätzliche Massnahmen zur Verbesserung ihrer Flugleistung. Viele von ihnen fliegen in sehr grosser Höhe. Schwäne wie Gänse sind schon in mehr als 8000 Metern Höhe gesichtet worden - weit höher als alle anderen Vögel. In solcher Höhe können sie von den starken Winden profitieren, welche als so genannter «Jetstream» («Strahlstrom») in der untersten Schicht der Stratosphäre wehen. Zudem fliegen sie vielfach in perfekter V-Formation, bei der jedes Individuum - mit Ausnahme des vordersten - auf der «Bugwelle», das heisst den Luftverwirbelungen des vor ihm fliegenden «reitet» und dadurch Energie spart. Wie bei einem Radrennen ändert die Position der beteiligten Individuen in der Formation übrigens immer wieder, weil sich der führende Vogel nach jeweils einer gewissen Zeit zurückfallen lässt.
Eine Ostasiatin
Das Brutareal der Schwanengans befindet sich schwergewichtig im Grenzbereich zwischen Russland, China und der Mongolei. In Russland reichte es noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktisch zusammenhängend von der Altai-Region ostwärts bis zum Unterlauf des Amurs und zur Insel Sachalin, und von da südwärts bis zum Khanka-See. Heute ist das Vorkommen der Art innerhalb dieses Areals stark vermindert und zerstückelt.
In China brütet die Schwanengans vor allem im Nordosten des Landes - in der Provinz Heilongjiang, in der Autonomen Region Innere Mongolei und wahrscheinlich auch in der Provinz Jilin. In der Mongolei selbst war die Art einst weit verbreitet. Besonders im Westen des Landes galt sie zeitweilig als sehr häufiger Entenvogel. Auch hier sind die Brutbestände jedoch stark geschwunden. Vor kurzem wurde berichtet, dass die Schwanengans auch ganz im Osten Kasachstans, im Bereich des Zajsan-Sees, brütet. Noch gibt es aber keine genaueren Angaben über die dortige Bestandssituation. Wahrscheinlich brütete die Schwanengans einst auch in Nordkorea, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken; möglicherweise tut sie dies heute noch. Leider gibt es aber seit geraumer Zeit praktisch keine Informationen über die Wildtiere in diesem verschwiegenen Land.
Hinsichtlich ihrer Lebensweise steht die Schwanengans irgendwo zwischen den Echten Gänsen und den Schwänen. Alle Mitglieder der Entenvogelfamilie bewohnen bekanntlich Lebensräume an Gewässern, doch verhalten sich die Gänse in der Regel stärker terrestrisch als die Enten und die Schwäne. Sie haben etwas längere Beine und einen etwas schmaleren Leib und können sich deshalb an Land etwas leichter fortbewegen als ihre watschelnde Verwandtschaft. Auch vermögen sie vom festen Boden aus zu starten und auf diesem zu landen, während die Enten und Schwäne ihre Start- und Landebahn gewöhnlich auf dem Wasser haben. Die Schwanengans ist etwas aquatischer als die übrigen Echten Gänse, steht somit den Enten und Schwänen etwas näher, und genau dies kommt - wie eingangs erwähnt - in ihrem Körperbau und Namen zum Ausdruck.
Innerhalb ihres nordostasiatischen Brutareals bewohnt die Schwanengans Sümpfe, See- und Flussuferzonen sowie andere Feuchtgebiete in Steppenregionen, sowohl in tiefen Lagen als auch im Hochland. Sie legt ihr Nest gewöhnlich gut versteckt in dichtem Röhricht, in Hochgrasbeständen oder in Strauchdickichten an, und zwar vorzugsweise auf Inselchen in Flüssen, Seen oder Sümpfen, wo sie vor bodenlebenden Fressfeinden einigermassen sicher ist. Je nach Breitengrad beginnen die Vögel zu etwas unterschiedlichen Zeiten mit der Brut: In der chinesischen Provinz Heilongjiang tun sie es gewöhnlich um Mitte April, auf der russischen Insel Sachalin selten vor Anfang Mai und am Amur-Unterlauf meistens um Mitte Mai.
Wie die Mehrzahl ihrer Kusinen gehen die erwachsenen Schwanengänse langjährige, oftmals lebenslange Paarbeziehungen ein. Jahr für Jahr finden sich dieselben Paare an denselben Nistplätzen ein. Das Nest und dessen unmittelbare Umgebung verteidigen sie als Territorium gegenüber allen fremden Artgenossen, weshalb sich auch in besonders günstigen Brutgebieten bloss sehr lockere Brutkolonien bilden. Das Nest wird an einer trockenen Stelle am Boden gebaut und besteht aus einer nicht sonderlich kunstvollen Ansammlung von Pflanzenstoffen. Das Gelege umfasst normalerweise fünf bis sechs Eier.
Die Jungvögel zirpen im Ei
Das Weibchen, nicht aber das Männchen, entwickelt zur Brutzeit einen so genannten «Brutfleck». Dabei handelt es sich um eine unbefiederte Hautstelle an der Brust, welche sehr gut durchblutet ist und dank der die Eier beim Brüten besonders gut gewärmt werden. Tatsächlich setzt sich vor allem das Weibchen auf das Gelege. Das Männchen tut dies nur, wenn das Weibchen auf Nahrungssuche geht. In der übrigen Zeit stellt sich das Männchen jedoch meistens als Wachposten in die Nähe des Nests und leistet so ebenfalls seinen Beitrag zum Brutgeschäft.
Das Weibchen legt seine Eier in je eintägigem Abstand. Mit dem Bebrüten des Geleges beginnt es erst, wenn dasselbe vollzählig ist. Die Brutdauer beträgt ungefähr 28 Tage. Drei bis vier Tage vor dem Schlüpfen beginnen die Jungvögel in ihren Eiern zu zirpen. Dieses Zirpen dient zum einen gewiss der Information der Altvögel über das baldige Erscheinen ihres Nachwuchses. Zum anderen ermöglicht es offenbar den Jungvögeln, den Zeitpunkt des Schlüpfens untereinander abzustimmen. Dies ist insofern bedeutsam, als die Jungen wie bei allen Entenvögeln ausgesprochene Nestflüchter sind: Sie schlüpfen in einem sehr fortgeschrittenen Entwicklungszustand und verlassen - unter der Führung ihrer Eltern - ihr Nest gewöhnlich alle zusammen schon am ersten Tag nach dem Schlüpfen. Würde ein Junges deutlich später als seine Geschwister aus dem Ei schlüpfen, so würde es zurückgelassen und hätte praktisch keine Überlebenschance.
Die Jungvögel werden nicht aktiv durch ihre Eltern gefüttert, sondern werden von diesen lediglich an Orte geführt, wo reichlich Nahrung vorhanden ist. Dort picken sie dann selbst nach dem Futter. Wie die meisten Gänse ernähren sich die Schwanengänse fast ausschliesslich vegetarisch. In ihren Brutgebieten nehmen sie vor allem verschiedene Seggenarten (Carex spp.)
zu sich. Im Herbst verspeisen sie viele Beeren, darunter Heidelbeeren (Vaccinium)
und Krähenbeeren (Empetrum)
. Im Winter wiederum bilden die Wurzeln von Wasserpflanzen wie der Vallisneria asiatica
und die Samen von Sumpfpflanzen wie der Suaeda salsa
wichtige Nahrungsdinge.
Die jungen Schwanengänse sind ziemlich gefrässig und wachsen entsprechend rasch heran. Im Alter von einem Monat sind sie schon fast so gross wie ihre Eltern. Sie schliessen sich in der Folge mit ihresgleichen zu teils kopfstarken «Jugendgruppen» zusammen.
Im Spätsommer verlieren die Altvögel vorübergehend ihre Flugfähigkeit, denn sie durchlaufen in dieser Jahreszeit eine Mauser, bei der sie alle ihre Schwungfedern aufs Mal verlieren und durch neue ersetzen. Sie sehen in dieser Phase ziemlich elend aus und sind in der Tat recht hilflos gegenüber bodenlebenden Raubsäugern wie Füchsen, Wölfen oder Katzen, weshalb sie sich vorübergehend an möglichst unzugängliche Stellen in Seen, Sümpfen oder Flussdeltas zurückziehen.
Sobald die Schwungfedern der Jungvögel komplett und diejenigen der Altvögel nachgewachsen sind, machen sich die Vögel auf die Wanderung in ihre Winterquartiere. Normalerweise verlassen sie ihre Brutgebiete im Verlauf des Septembers.
Geringe Fluchtdistanz
Der Grossteil der Schwanengans-Population verbringt den Winter entlang der Ostküste Chinas, hauptsächlich im Bereich der Provinz Jiangsu, und entlang des Mittellaufs des Yangtsekiang, dort vor allem beim Poyan-Hu-See in der Provinz Jiangxi und am Dongting-Hu-See in der Provinz Hunan.
Viele der im Osten Russlands und in Nordostchina brütenden Schwanengänse ziehen auf dem Weg in ihre Winterquartiere über die Koreanische Halbinsel hinweg. Vor den 1960er Jahren konnten in Südkorea Abertausende ziehender Schwanengänse gesichtet werden. Sie zogen beiden Küstenlinien entlang, und kleinere Schwärme von etwa fünfzig Individuen überwinterten sogar im Land. Heute werden erheblich weniger Individuen verzeichnet, doch überfliegen beispielsweise noch immer rund tausend Individuen jeden Frühling und Herbst das Mündungsgebiet des Flusses Han an Südkoreas Westküste.
Der gesamte Artbestand wird gegenwärtig auf 50 000 bis 60 000 Individuen geschätzt und ist stark rückläufig. Die Schwanengans wird daher von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «Bedroht» eingestuft. Die Ursachen sind erstens die Vernichtung der Lebensräume durch die Umwandlung von Feuchtgebieten in landwirtschaftliche Nutzflächen, und zwar im Brutareal genauso wie im Winterquartier, zweitens die Bejagung. Die Schwanengans ist leichter zu erlegen als andere Wildgansarten, da sie nicht sonderlich scheu ist: Sie flüchtet jeweils erst vor einem Menschen, wenn sich dieser längst in Schussweite befindet. In einigen Gegenden Chinas wird die Schwanengans ferner in Netzen gefangen. Gebietsweise werden überdies ihre Eier für den Verzehr eingesammelt.
In Südkorea, in Russland, in der Mongolei und in einzelnen Provinzen Chinas steht die Schwanengans unter gesetzlichem Schutz. Überdies befinden sich mehrere ihrer Brutgebiete und Winterquartiere innerhalb der Grenzen von Naturschutzgebieten. Offensichtlich scheinen diese Schutzmassnahmen aber nicht zu genügen. Soll dem dramatischen Schwund der Schwanengansbestände Einhalt geboten werden, so müssen dringend gezielte Artenschutzmassnahmen getroffen werden. Ein lobenswertes Beispiel hierfür ist das «Russisch-japanische Schwanengans-Erhaltungsprogramm», das sich seit dem Jahr 2000 intensiv der Erhaltung des (auf fünf Prozent der Gesamtpopulation geschätzten) Schwanengans-Brutbestands am Barun-Torey- und am Zoon-Torey-See in der russischen Transbaikal-Region widmet.
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