Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03271.jsonl.gz/580

1902 fuhren erstmals Reiter aus Osteuropa an ein internationales Reitturnier im Westen. Ziel war der CHI Turin (ITA), den man als ersten grossen, internationalen «Concours Hippique» der Pferdesportgeschichte bezeichnen kann. 147 Reiter waren am Start: eine Übermacht aus dem Veranstalterland, aber auch repräsentative Delegationen von je einem Dutzend Reitern aus Frankreich, Österreich-Ungarn, Deutschland und Russland. Dazu noch vier Belgier.
Italien, Frankreich und Österreich teilten sich in die 30 Preise der vier Hauptprüfungen. Nichts oder fast nichts gab es für Deutschland und Russland. Das hatte unterschiedliche Konsequenzen. Der deutsche Kaiser war so erbost, dass er seinen Offizieren ein Auslandsstartverbot auferlegte, das er erst 1911 für das Krönungsturnier in London aufhob. Der russische Zar befahl das Gegenteil: Die talentiertesten Offiziere wurden an die westlichen Kavallerieschulen von Saumur und Pinerolo entsandt. Zu Hause verlor der bis dahin unangefochtene Chefreitlehrer der Kavallerieschule von St. Petersburg, James Filles, an Einfluss. Als zehn russische Springreiter und 16 deutsche Offiziere 1911 nach London reisten, um am grossen Turnier in der Olympiahalle aus Anlass der Krönung von König Georg V teilzunehmen, zeigte sich das Ergebnis dieser unterschiedlichen Reaktion auf das Turin-Desaster. Die Deutschen blieben ohne zählbaren Erfolge, die Russen belegten hinter Frankreich im Nationenpreis um den «King Edward VII Cup» den zweiten Platz. Ihr bester Mann, Lt. Dimitri van Exe, gewann mit Piccolo den von Georg V gestifteten Gold Cup.
Russische Enttäuschung in Stockholm
In den drei folgenden Jahren siegten die Russen jedes Mal im Nationenpreis und nahmen die Trophäe nach Hause. Dimitri van Exe und Paul Rodzianko, der in den 20er-Jahren als Trainer die irische Equipe an die Weltspitze führte, gehörten jedes Mal zur siegreichen russischen Equipe. Es ist interessant, dass weder Rodzianko noch Van Exe zum russischen Team gehörten, das 1912 an den Olympischen Spielen in Stockholm teilnahm. Angeführt vom älteren der Rodzianko-Brüder, Alexander, schnitten die Russen in Stockholm enttäuschend ab: nur Platz fünf im Mannschaftsspringen und Rang neun als beste Einzelplatzierung. Bester Russe in Stockholm war Grossfürst Dimitri Pawlowitsch, der später als Mitverschwörer bei der Ermordung Rasputins bekannt wurde. Zu erwähnen ist noch der damalige Leutnant Alexei Pantschulidzew, der mit Barin 1914 den Kaiserpreis beim Turnier in Wien gewann. Als Freund von Prinz Bernhard lebte Pantschulidzew später in den Niederlanden und bestritt für sein neues Land die olympische Dressur von 1956 in Stockholm. Später war er, zusammen mit Prinz Bernhard, in den Lockheed-Bestechungsskandal verwickelt.
In den ersten Jahren nach der Wiederaufnahme des internationalen Turnierbetriebs nach dem Ersten Weltkrieg sah man keine Starter aus dem Osten Europas. Erst 1924, bei den Olympischen Spielen in Paris, nahmen Reiter aus den neuen Staaten Polen, Tschechoslowakei und Bulgarien teil. 1928 in Amsterdam kam Ungarn dazu und 1936 in Berlin erlebte man Reiter aus allen fünf Ostländern: Ungarn und die Tschechoslowakei gar mit vollen Equipen in allen drei Disziplinen. Polen, dessen Militär die Dressur ablehnte, stellte volle Equipen in Springen und Vielseitigkeit. Dazu kamen Rumänen und Bulgarien in Springen und Vielseitigkeit. Bei allen drei Starts gab es Olympiamedaillen für die Osteuropäer.
Medaillen für Polen und Tschechien
1924 gewann der Pole Adam Królikiewicz im Springen Bronze hinter dem Schweizer Alphonse Gemuseus und dem italienischen Titelverteidiger Tommaso Lequio di Assaba. 1928 holte Polen gleich zwei Mannschaftsmedaillen: Silber im Springen und Bronze in der Military. Bedeutender war allerdings der Einzelsieg des Tschechen Frantisek Ventura im Springen, vor Pierre Bertran de Balanda (dem Grossvater von Gilles) und dem Schweizer Charles Kuhn. 1932 in Los Angeles scheuten alle Ostländer (wie auch die Schweiz und Deutschland) die Reise. Aber 1936 waren sie wieder dabei. Im Springen gab es hinter dem deutschen Olympiasieger Kurt Hasse zwei Medaillen für die Ostländer: Henri Rang aus Rumänien gewann Silber, der Ungare Jozsef Platthy Bronze. Die Polen gewannen Teamsilber in der Military – die Tschechoslowaken wurden Vierte. Für die Dressurreiter gab es kein olympisches Edelmetall: zu stark waren die grossen drei, Deutschland, Schweden und Frankreich. Aber bei den seit 1927 ausgetragenen FEI-Dressurchampionaten auf GP-Ebene gab es einen Sieg und drei dritte Plätze: 1927, bei der ersten «Probe»-Austragung in Luzern, siegte der Bulgare Vladimir Stoytchev, als General später Mitglied des FEI-Bureaus. Dritte Plätze gab es für den Tschechen Emanuel Thiel (1931), seinen Landsmann Frantisek Jandl (1937) und den Ungarn Hartmann Pauly (1939). Auch die Militaryreiter erlebten Höhepunkte. Der Bulgare Kroum Lekarsky gewann gleich zweimal die grosse Vielseitigkeit von Aachen (1929 und 1933). Vier verschiedene Ungarn, darunter der später als Autor geschätzte Agoston Endrödy, siegten in Vielseitigkeitsprüfungen in Wien und Budapest.
In den Siegerlisten der Grossen Preise der Springreiter finden wir den bereits erwähnten Polen Królikiewicz (Nizza 1924, Luzern 1924, Rom 1926), die Rumänen Tomo Tudoran und Henri Rang (Aachen 1935 und 1936), und den in den 30er-Jahren erfolgreichen ungarischen Rotrock, Prinz Odescalchi (Luzern 1933). Polen siegte von 1920 bis 1940 in 16 Nationenpreisen, Rumänien in vier. Die Polen waren auch aktiv als Veranstalter. Zwölfmal wurde von 1927 bis 1939 der CSIO Warschau im Lazienki Park ausgetragen. Riga, die Hauptstadt Lettlands, organisierte in den 20 Jahren der Unabhängigkeit zwischen den beiden Kriegen sieben CSIOs, sie gewannen einmal den Nationenpreis. Beim letzten Nationenpreis von Aachen, vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen, siegte Deutschland vor Rumänien, der Schweiz, Ungarn, Belgien und Lettland. In den Kriegsjahren ruhte die internationale Turniertätigkeit. New York machte weiter bis 1941 und Rom wagte noch 1940 die Austragung des offiziellen Concours Hippique auf der Piazza di Siena. Eine Kuriosität ist die Reise einer Schweizer Offiziersequipe im Oktober 1942 nach Ungarn, wo sie in Klausenburg und Budapest gegen die besten Ungarn antraten.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 19/2017)
Die «PferdeWoche» auf Facebook mit speziellen News und Attraktionen.
Sie haben noch kein Abonnement der PferdeWoche?