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Abrechnung mit Marcel Ospel
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- Freitag, 04. Dezember 2015 06:30
Von Robert U. Vogler, promovierter Historiker und früherer Mitarbeiter der UBS*
Die Schrift ist in Französisch verfasst und findet damit einmal mehr bis jetzt keine Beachtung in den Medien der Deutschschweiz. Sie enthält einige interessante Erklärungen und Beschreibungen zu den Vorgängen und Personen der Ereignisse, die zur Fusion der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) mit dem Schweizerischen Bankverein (SBV) von 1998 führten.
Die Eleganz der französischen Sprache erlaubt es dem Autor, Animositäten – um es ebenso elegant zu umschreiben – mit damals handelnden Personen, insbesondere aus der eigenen Bank offen zu deklarieren und gleichzeitig Fehleinschätzungen mit dem Mittel der Sprache abzuschwächen.
Grösste Fusion der Schweizer Wirtschaftsgeschichte
Blums Publikation leidet allerdings daran, dass das Ganze nur aus Sicht des SBV beleuchtet wird. Dennoch kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass bei weitem nicht alles im Vorfeld und bei der Umsetzung der grössten Fusion der Schweizer Wirtschaftsgeschichte in Minne verlaufen ist, auch in seiner Bank. Einige der wichtigsten Punkte ohne Anspruch auf Vollständigkeit kann man in der Folge zusammenfassen.
Um einen Eindruck zu erhalten, wie sich die Fusion auf Seiten des SBV anbahnte dient die folgende Schilderung. Im November 1994 lud Marcel Ospel, damals Chef der internationalen Geschäftseinheit des SBV seinen Chef und CEO, Georges Blum ausserhalb der Bank zu einem Gespräch ein, in dessen Verlauf er diesem schwere Vorwürfe machte.
Ospel setzte Blum das Messer an die Brust
Er habe auf Grund von einigen Vorkommnissen, bei denen Blum Zweifel an seinen Interessen für diese Einheit habe aufkommen lassen, die Autorität vieler seiner Kader verloren. Ospel setzte Blum das Messer an die Brust: Es könne nur eine Lösung geben, nämlich ihn entweder zu bitten, die Bank zu verlassen oder Blum solle zu seinen Gunsten die Funktion des CEO niederlegen.
Laut Blum war das ein klarer Versuch Ospels, die Tatsache, dass 1992 nicht er, sondern Blum CEO geworden war, rückgängig zu machen. Dazu kam es auch zur Drohung, die Bank könnte durch einen Management-Buy-out mit Hilfe der BZ Bank von Martin Ebner durch eine Gruppe von Investoren übernommen werden.
Persönliche Bereicherung
Daraus wurde bekanntlich nichts, auch wenn Ospel in der Folge an den damaligen Verwaltungsratspräsidenten Walter Frehner ebenfalls weitreichende Forderungen zum Umbau des SBV stellte. Blum stellt lakonisch fest, dass die von Ospel und seinen Getreuen geplante Redimensionierung der Bank darauf zielte, weniger Kadern mit weniger Risikokontrolle die persönliche Bereicherung («l’enrichissement personnel») zu ermöglichen und bezeichnete das als «Abenteuer». Für den Leser von heute, der die Katastrophe der UBS mitverfolgen konnte, eine fast prophetische Aussage.
Bei der ersten, klandestinen Besprechung mit der SBG mit deren Verwaltungsratspräsident Nikolaus Senn und CEO Robert Studer im April 1995 spürte Blum ein gewisses Interesse der anderen Seite, gleichzeitig aber auch die deutliche Haltung der SBG, nämlich dass diese eindeutig in der stärkeren Position sei und einen Führungsanspruch anmeldete.
Der Koloss liess noch einmal die Muskeln spielen
Bei einem späteren Telefonanruf von Robert Studer an Blum schlug ihm Studer vor, dass er selbst Verwaltungsratspräsident einer neuen Bank und Mathis Cabiallavetta CEO werden sollte, was für Blum natürlich nicht akzeptabel war. Für ihn kam nur eine Aufteilung dieser zwei Toppositionen unter die beiden Banken vor.
Der träge gewordene, aber finanzkräftige Koloss SBG liess noch einmal seine Muskeln spielen. Später sah das dann aber ganz anders aus und die SBG wurde vorerst zum Verlierer, als nach der Fusion die Führung der neuen Bank mehrheitlich durch Manager aus dem SBV wahrgenommen wurde. Die auch von Blum angestrebte Fusion inter pares fand nicht wirklich statt.
Auseinandersetzungen mit Martin Ebner
Blum realisierte, dass sich die Interessen der SBG in der Folge abkühlten, nicht zuletzt wegen der personellen Fragen. Für die SBG waren ausserdem die Auseinandersetzungen mit Martin Ebner und seiner BZ Bank wichtig geworden. Studer wurde im April 1996 neuer Verwaltungsratspräsident, Cabiallavetta CEO und fast gleichzeitg Blum Verwaltungsratspräsident des SBV und Marcel Ospel dessen CEO.
Bei einem Treffen in New York äusserte Studer gegenüber Blum seine Befürchtung, dass der SBV bestrebt sei, mit einer List («par ruse») die Kontrolle über die SBG (!) zu übernehmen. Denn nach der schroffen Ablehnung der SBG an ein Fusionsangebot des Credit Suisse durch dessen Verwaltungsratspräsidenten Rainer E. Gut bestanden im SBV wieder Hoffnungen auf Zusammengehen mit der SBG.
Ospel kritisierte fast alles und jeden
Marcel Ospel begann die Bank umzubauen, Blum beklagt dessen ausgeprägtes Ego und bedauert, dass er und Ospel sich eigentlich sehr gut hätten ergänzen können. Aber dieser kritisierte fast alles und jeden.
Nach vielen internen Diskussionen kam es dann im Frühsommer 1996 zu einer erneuten Annäherung mit der SBG, Ospel führte die Verhandlungen mit ihr. Danach hätte Cabiallavetta CEO einer neuen Bank werden und Ospel die internationalen Aktivitäten, will heissen Investmentbanking übernehmen sollen, ein Co-Präsidium Studer-Blum wäre an der Spitze des Verwaltungsrates gestanden. Bald kamen beide Seiten zum Schluss, dass die Bedingungen dazu nicht vorteilhaft waren und stoppten den erneuten Anlauf.
Angst vor einem Massenexodus
Doch dann begann das, was Blum den «Putsch final» nennt. Seine Beziehungen zu Ospel hatten sich etwas normalisiert. Doch dieser hatte sich eine derart starke Hausmacht aufgebaut, dass es bei einer Ablehnung eines erneuten Fusionsversuchs durch den Verwaltungsrat des SBV zu einem Massenexodus in der Geschäftsleitung gekommen wäre.
Ospel drohte mit seiner Demission, in der Folge kippte der Verwaltungsrat und akzeptierte eine Fusion mit der SBG. Damit war der Weg frei, denn, so Blum, die SBG sei derart unter Druck gestanden, weil die Bank grosse Verluste mit japanischen Wertschriften erlitten habe, dass sich Cabiallavetta am 16. Oktober 1997 «in die Arme von Marcel Ospel» geworfen habe.
Fusion war nicht wirklich notwendig
Diese These Blums widerspricht aber seiner eigenen Feststellung, dass der SBV, will heissen Marcel Ospel, an die Honigtöpfe der SBG wollte («La Société de Banque Suisse voulut avoir accès au trésor de guerre de l’Union de Banques Suisse»). Am 8. Dezember 1997 wurde die Fusion öffentlich gemacht.
Als Fazit aus seinen Erinnerungen kommt Georges Blum auf diese Erkenntnisse: Die Fusion war aus Sicht des Schweizerischen Bankvereins nicht wirklich notwendig, noch weniger als bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, beide hätten überleben können, wenn auch der SBV kurz vor der Fusion von 1998 sich bezüglich Eigenkapital auf Grund seiner vielen vorangegangenen, überteuerten Akquisitionen wohl in einer weniger komfortablen Lage befand, als Blum zugestehen will.
Fast nichts mehr übrig geblieben
Die SBG war wesentlich stärker kapitalisiert und eigentlich auch gesünder, selbst mit der Hypothek eines gröberen Verlustes mit dem Hedgefonds LTCM, der ein knappes Jahr später zum Rücktritt von Mathis Cabiallavetta als Verwaltungsratspräsident der jungen UBS AG und endgültig zur Vorherrschaft der SBV-Manager geführt hatte.
Mit Bedauern stellt Blum aber fest, dass vom alten SBV fast nichts mehr übrig geblieben sei, die Bank heisse UBS – die alte französische und englische Abkürzung der SBG – und habe seit ihrer Neustrukturierung von 2015 ihren Sitz in Zürich, in Basel sei kaum mehr etwas geblieben. Er wiederholt zuletzt auch den Ausspruch von Nikolaus Senn von deren erster Begegnung von 1995, dass bei einer Fusion eins und eins nie zwei machen würden. Wie Recht er hatte.
Georges Blum, Société de Banque Suisse – Union de Banques Suisses, La vérité et le pourquoi de cette fusion, Editions Favre, Lausanne, 2015.
*Robert U. Vogler ist promovierter Historiker. Er war von 1988 bis 1998 Pressesprecher der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), danach Leiter Historical Research und bis 2009 Senior Politicial Analyst bei Public Policy von UBS. Heute arbeitet er als unabhängiger Historiker.
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