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Das Gedankenexperiment
Vor langer Zeit haben Hasen und Füchse in Feindschaft gelebt: Füchse haben Hasen gejagt und gefressen, die Hasen haben die Füchse gefürchtet. Inzwischen haben sie aber miteinander Frieden geschlossen. Seither ernähren sich die Füchse nicht mehr von Hasen und die Hasen brauchen die Füchse nicht mehr zu fürchten. Beide leben friedlich zusammen. Trotzdem gibt es Probleme. Denn viele Hasen trauen den Füchsen nicht. Sie sagen: „Sie sind Raubtiere und es liegt in ihrer Natur, Hasen zu jagen. Man muss sich also vor den Füchsen in Acht nehmen.“ Die Füchse sagen: „Das muss man nicht ernst nehmen. Hasen sind ängstlich und dumm, das liegt nun einmal in ihrer Natur.“ Die Folge davon ist, dass viele Hasen den Füchsen aus dem Weg gehen, obwohl nie mehr ein Hase von einem Fuchs angegriffen worden ist. Dagegen haben viele Füchse keinen Respekt vor den Hasen, weil sie sie für dumm und ängstlich halten. Sie glauben, dass es viele Dinge gibt, die nur Füchse tun können, weil Füchse viel schlauer sind. Obwohl Hasen und Füchse also friedlich zusammenleben, gibt es doch einen Riss in ihrer Gesellschaft. Woher kommt dieser?
Der Input von Silvan Imhof
Der Duden gibt die Bedeutung von „Vorurteil“ wie folgt an: „ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene, meist von feindseligen Gefühlen gegen jemanden oder etwas geprägte Meinung“. In dieser Definition der Bedeutung sind die zwei zentralen Aspekte von Vorurteilen angesprochen: Der erste betrifft die Art des Bezugs auf die „objektiven Tatsachen“ und deren „Prüfung“ – es handelt sich um einen epistemischen Aspekt. Der zweite ist die Charakterisierung von Vorurteilen als „meist von feindseligen Gefühlen“ geprägte „Meinung“. Demnach ist bei Vorurteilen eine emotionale Dimension im Spiel. Mit beiden Aspekten sind gewisse Tücken verbunden, die im Zusammenspiel die Problematik ausmachen, die das Gedankenexperiment darstellt.
Betrachten wir zuerst die epistemische Seite. Unser Wissen ist so geartet, dass wir sowohl spezifisches Wissen über partikuläre Einzeldinge haben können wie auch allgemeines Wissen über ganze Klassen von Dingen (und mit „Dingen“ sind immer auch Personen gemeint). Die Möglichkeit von allgemeinem Wissen erleichtert es uns beträchtlich, uns in der Welt zurechtzufinden. Man stelle sich vor, dass sich unser Wissen immer nur auf einzelne Dinge beziehen würde. Ich könnte dann zum Beispiel etwas über den Apfel wissen, den ich gestern gegessen habe. Wenn ich aber heute einen anderen Apfel essen möchte, hätte dieses Wissen keine Bedeutung: Der Apfel von heute wäre für mich ein völlig neues, unbekanntes Ding und ich hätte keinen Grund anzunehmen, dass er gleich schmeckt wie der Apfel von gestern oder dass er überhaupt essbar ist. Hier kommen uns allgemeine Urteile zu Hilfe, Urteile, die sich nicht nur auf ein bestimmtes Einzelding beziehen, sondern auf eine ganze Klasse von Dingen.
Dies setzt voraus, dass wir Dinge in Klassen einteilen können, und das können wir tun, weil verschiedene Einzeldinge gleiche Eigenschaften aufweisen. Der epistemische Vorteil liegt auf der Hand: Wenn ich mein Wissen über die einzelnen Äpfel, mit denen ich es bislang zu tun hatte, als Wissen über alle Äpfel bzw. die ganze Klasse der Äpfel betrachten kann, kann ich die Annahme machen, dass jeder einzelne Apfel, mit dem ich es zu tun bekomme, die gleichen Eigenschaften aufweist wie die Äpfel, mit denen ich es bereits zu tun hatte. Eine solche Erwartung ist ein „Vor-Urteil“, ein Urteil über einen mir noch unbekannten Apfel, das ich fälle, bevor ich tatsächlich Erfahrung mit dem Apfel mache.
Derartige Vor-Urteile, die wir aufgrund allgemeiner Urteile fällen, können natürlich falsch sein. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich jedes Ding einer Klasse tatsächlich so verhält, wie die Dinge derselben Klasse, mit denen wir es bislang zu tun hatten. Hier scheint das sogenannte „Induktionsproblem“ auf, demzufolge daraus, dass sich alle bisher beobachteten Dinge einer Klasse gleich verhalten haben, nicht geschlossen werden darf, dass sich alle Dinge dieser Klasse gleich verhalten. Die Wissenschaft, die ja wesentlich auf allgemeine Aussagen zielt, hat methodische Wege gefunden, mit diesem Problem umzugehen, indem sie allgemeine Urteile als Hypothesen betrachtet, die fallengelassen werden müssen, wenn sie mit den beobachteten Tatsachen in Widerspruch stehen. In unserem nicht-wissenschaftlichen Alltag gehen wir allerdings mit allgemeinen Urteilen weit weniger methodisch um: Wir neigen dazu, die aus allgemeinen Urteilen abgeleiteten Vor-Urteile als gesichertes Vor-Wissen über Dinge anzusehen, mit denen wir noch keine konkrete Erfahrung gemacht haben.
Die epistemische Betrachtung zeigt, weshalb wir Vorurteile haben. Sie zeigt auch, dass Vorurteile durchaus nützlich sind, dass sie berechtigt sein können und auch durchaus wahr sein können. Sie sind aber nicht unproblematisch, was daran liegt, dass falsche allgemeine Urteile zu falschen Vor-Urteilen über Einzeldinge führen. Und hier liegt der eigentliche Grund für die Problematik von Vorurteilen: Diese entsteht daraus, dass man an allgemeinen Urteilen festhält, obwohl die daraus abgeleiteten Vor-Urteile falsch sind, daraus also, dass man an falschen allgemeinen Urteilen festhält. Dies ist der Fall im Gedankenexperiment, wenn die Hasen die Füchse immer noch für gefährlich halten, obwohl sie sich als friedfertig erwiesen haben. Weshalb sollte man aber an falschen Urteilen festhalten wollen?
Hier kommt der zweite Aspekt von Vorurteilen ins Spiel, der emotionale. Wir halten an allgemeinen Urteilen nicht nur aus theoretischem Interesse an Wissen und Erkenntnis fest, sondern auch deshalb, weil wir damit Gefühle, Einstellungen und Wertungen verbinden. Wenn wir ein Urteil für wahr halten, dann haben wir eine Überzeugung. Dass wir ein Urteil für wahr halten, d.h. eine Überzeugung haben, bedeutet aber nicht, dass das Urteil tatsächlich wahr ist. Wir können also falsche Urteile für wahr halten, d.h. falsche Überzeugungen haben. Das liegt daran, dass es unterschiedliche Gründe und Motive gibt, weshalb wir ein Urteil für wahr halten. Neben den rein epistemisch-theoretischen Gründen können auch Gefühle, Einstellungen und Wertungen Motive für das Fürwahrhalten von Urteilen sein. Solche Motive sind emotionaler, psychologischer, sozialer oder moralischer Art. So können wir an einem Urteil festhalten, obwohl es – theoretisch gesehen – nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass es sich anders verhält; weil es uns psychisch entlastet; weil es in unserem sozialen Gefüge verankert ist; oder weil es moralisch so sein soll. Die Überzeugung der Hasen, dass Füchse gefährlich sind, könnte zum Beispiel durch eine tief verwurzelte Angst aus früheren Zeiten motiviert sein. Solche Motive können bekanntlich sehr stark sein, so stark, dass sie die objektiven, theoretischen Gründe, die für oder gegen ein allgemeines Urteil sprechen, überwiegen und es uns schwerer fällt, eine falsche Überzeugung aufzugeben als die Gefühle, Einstellungen und Wertungen, die diese Überzeugung motivieren.
Es ist also das Zusammenspiel zwischen dem epistemischen und dem emotionalen Aspekt, der die Problematik von Vorurteilen ausmacht: Wir bilden allgemeine Urteile über bestimmte Klassen von Dingen, mit denen wir es zu tun haben, und entwickeln auf deren Grundlage Erwartungen bzw. Vorurteile in Bezug auf jedes einzelne Ding dieser Klasse. Diese Erwartungen oder Vorurteile können sich als richtig oder falsch erweisen. Gefühle, Einstellungen und Wertungen, die immer mit allgemeinen Urteilen verknüpft sind, können dazu führen, dass wir von diesen Urteilen auch dann noch überzeugt sind (d.h. sie für wahr halten), wenn sich die darauf basierenden Erwartungen in der Erfahrung mit einzelnen Vertretern einer Klasse als falsch herausstellen. Und weil Überzeugungen nicht nur für unsere Erkenntnis relevant sind, sondern auch unser Handeln bestimmen, ergeben sich daraus die bekannten Konsequenzen, die, vor allem im Umgang mit anderen Personen, oft negativ, manchmal sogar katastrophal sind. So werden die Hasen im Gedankenexperiment wohl Diskriminierung erfahren, weil die Füchse sie für dumm und ängstlich halten.
Da die epistemische Betrachtung gezeigt hat, dass Vorurteile unmittelbar mit der Art und Weise verbunden sind, wie wir uns epistemisch in der Welt zurechtfinden, und dabei letztlich unverzichtbar sind, wäre es sinnlos und illusorisch, Vorurteile eliminieren zu wollen und generell Vorurteilsfreiheit zu fordern. Gefordert ist aber ein kritisches Bewusstsein dafür, dass wir ständig mit Vorurteilen operieren und dass unsere allgemeinen Urteile, auf denen unsere Vorurteile beruhen, nie als absolut gesicherte Wahrheiten betrachtet werden dürfen. Gefordert ist auch eine gesunde Skepsis gegenüber unseren eigenen Überzeugungen und den Motiven, aus denen wir bestimmte Urteile für wahr halten. Gefordert ist zuletzt die Bereitschaft, Überzeugungen aufzugeben, wenn uns die Erfahrung eines Besseren belehrt.
Dorschel, Andreas: Nachdenken über Vorurteile. Hamburg 2001.
Förster, Jens: Kleine Einführung in das SchubladenDenken. Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils. München 2008.