Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/1130

Vor etwa zwei Jahren erwähnte ein Freund bei einem Konzert, dass er im Herbst 2010 einen Route-66-Trip machen möchte. Spontan bekundete ich Interesse, und aus der ursprünglichen Idee wurde nun im September 2010 eine Tatsache. Am Morgen des 5. 9. 2010 holten wir unsere Bikes, drei wunderschöne Harleys, bei der Mietstation in Los Angeles ab und machten uns auf den Weg nach Chicago. Wir, das sind Marga und TJ Baumgartner, Martha und Urs Röthlisberger, Jeanette Gröbli und meine Wenigkeit, Andy Martin. Eine coole Truppe, die eine coole Reise erlebt hat. Doch zuerst etwas zur Geschichte der legendären Route 66.
Die Route 66 (eigentlich: US Highway 66) wurde 1926 gebaut und bis 1938 vollständig geteert. Sie war die erste durchgehende Verbindung von Chicago nach Los Angeles und für Hunderttausende der Weg in den vermeintlich Goldenen Westen. Sie unterstrich die Bedeutung des Automobils, und sie verkörperte für die Amerikaner Freiheit und Mobilität. Ihre Mythenbildung begann schon in den Jahren der Konstruktion, in den 30er-Jahren wüteten schreckliche Sandstürme über dem Mittleren Westen, vernichteten Farmen und ganze Landstriche. Etwa 210.000 Menschen suchten ihr Glück in einer Flucht nach Kalifornien. Mit teilweise abenteuerlichen Fahrzeugen machten sie sich auf den Weg. Viele kamen nie an, die wenigsten waren willkommen. Die Zeit der „Dust Bowl“ und des Massenexodus gen Westen beschreibt John Steinbeck in seinem Buch „Früchte des Zorns“. Während des Zweiten Weltkrieges pumpte die Regierung enorme Gelder in die Kriegsindustrie in Kalifornien, hauptsächlich in das Gebiet um Los Angeles. Hier und beim Strassenbau entstanden Tausende von Arbeitsplätzen. Die Strasse wurde immer wichtiger, der Strassenverkehr immer mehr zur Konkurrenz zur Eisenbahn. Sie war Bindeglied zwischen dem industrialisierten Nordosten und Mittelwesten und dem bis dahin fast isolierten und schwach bevölkerten Westen. Auch der Tourismus profitierte nach dem Zweiten Weltkrieg von der Route 66.
Die Route 66 wurde zu einem florierenden Highway
Tankstellen, Motels, Diners und Geschäfte schossen aus dem Boden. Viele kleine Orte, die dank der Route 66 nun an die Metropolen angeschlossen waren, entwickelten sich zu boomenden Städten. Bis dann in den 60er-Jahren die Umkehr kam. Präsident Eisenhower, angetan von deutschen Autobahnen, entschloss sich, die Route 66 durch ein vierspuriges Highwaysystem zu ersetzen. Die neuen Interstates führen an ihr entlang oder überlagern die Route 66, teilweise verlassen sie die alte Streckenführung weitläufig. Für viele Geschäfte und sogar Orte bedeutete diese Entwicklung den Ruin. Aber der Geist der Route 66 lebt immer noch! Die Strasse ist nicht tot – im Gegenteil. Es haben sich in jedem Bundesstaat und auch weltweit Organisationen gebildet mit dem Ziel, die alten Strecken zu erhalten. Im Jahre 2000 sind etwa 20.000 Fans die Tour gefahren. Es sind noch über 80 % der Originalstrecke befahrbar, aber einige Fragmente führen in Sackgassen oder sind privatisiert. Die Route 66 zu befahren ist ein Abenteuer, und sie ist für viele Amerikaner und auch Europäer immer noch die „Strasse der Sehnsucht“. Die Route 66 mit dem Motorrad zu bewältigen ist eine besondere Herausforderung und ein unvergessliches Erlebnis.
Um dieses Abenteuer aber zu erleben, benötigt man einen oder mehrere Reiseführer und kommt um einige Vorbereitungen nicht herum. Die Flüge und Bikes haben wir Anfang 2010 bereits gebucht, die Hotels an unseren Etappenzielen bereits vorreserviert, und somit konnten wir uns ohne Stress auf den Weg machen. Zwei wichtige Änderungen zu der üblichen Route machten wir von Anfang an. Erstens starteten wir am eigentlichen Schluss der Strecke, am Pier von Santa Monica, und beendeten die Reise in Chicago. Zweitens machten wir einige Abstecher von der Route 66 weg (Grand Canyon, Monument Valley, Branson), die uns zwar zusätzliche Meilen abverlangten, aber uns mit traumhaften Landschaften und Eindrücken entschädigten. Diese Eindrücke sind es auch, von denen wir auch nach der Reise noch sehr lange zehren werden, wir können zwar jetzt allen erzählen, wie toll es war, Freunde und Kollegen „gluschtig“ machen, aber man muss dies einfach selbst erlebt haben. Los Angeles – ein Moloch, der Übergang über die San Gabriel Mountains nach Barstow, die Mojave-Wüste, Needles am Colorado River, die Strecke nach Oatman, die Esel auf der Strasse (damit meine ich richtige, vierbeinige Esel …), der Sitegraves-Pass, Kingman, Seligman, Williams, Page, Kayenta, Flagstaff, Winslow, Santa Fe, Santa Rosa, Tucumcari, Shamrock, Joplin, Branson, St. Louis, Bloomington und Chicago und all die weiteren vielen wunderschönen kleinen, mittleren und grossen Ortschaften entlang der Route 66. Der Grand Canyon, das Monument Valley, der Petrified Forrest und weitere Naturwunder, die wir besucht haben. All die vielen wunderbaren Begegnungen mit den Leuten, die wir „on the Road“ hatten (Johnny und Liza in Flagstaff, Debbie, das aufmerksame Zimmermädchen, in Branson u. v. a.). Die schönen, erholsamen Momente, wo wir alle nach dem Reisetag am Hotelpool mit einem Bier die Strecke Revue passieren liessen. Wir erlebten die Route 66 als vierspurige Interstate-Autobahn, als Serviceroad neben den Interstates, als US Highway 66 (in sehr gutem bis sehr schlechtem Zustand), als Schotterpiste, als Feldweg und natürlich ab und zu auch als Dead End. Die Hinweisschilder, Wegweiser, die uns auf der „Strasse der Sehnsucht“ führten, waren in einigen Staaten sehr gut, in anderen sehr verbesserungsfähig (um es sehr demokratisch auszudrücken). Am tollsten waren aber die Kameradschaft und der Teamgeist in unserer Gruppe. Jeder wurde akzeptiert, wie er ist, jeder hat seine Stärken und die Schwächen integriert, und dieser Teamgeist, das Abenteuer Route 66 zu geniessen, war sicherlich ausschlaggebend, dass alles reibungslos geklappt hat. Das tolle Wetter hat sicher auch enorm zu unserer Stimmung beigetragen, wir hatten in den drei Wochen an zwei Tagen je etwa zehn Minuten lang einige Regentropfen. Die Regenklamotten blieben in den Satteltaschen und werden uns nun hier in der Schweiz sicher wieder gute Dienste leisten. Die komplette Länge der Route 66 wird mit etwa 2.300 Meilen (3.700 km) angegeben, mit unseren Abstechern haben wir die Bikes in Chicago mit 3.500 gefahrenen Meilen (5.600 km) wieder abgegeben.
Für alle, denen dieser kurze Bericht über das Erlebnis „Route 66“ Lust auf mehr bereitet, sind wir gern bereit, Informationen weiterzugeben. Get your kicks on Route 66..