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| Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

2.
1. „Ich will dir“, versetzte ich, „meine Meinung mitteilen. Es ist nämlich in der Tat die Philosophie ein sehr großes Gut, das auch vor Gott sehr viel gilt, zu dem sie allein uns führt, und mit dem sie allein uns verbindet, und wirklich heilig sind diejenigen, welche sich der Philosophie hingeben. Was aber Philosophie ist, und warum sie zu den Menschen geschickt wurde, bleibt der Menge verborgen. Denn sonst gäbe es nicht, obwohl sie nur eine einzige Wissenschaft ist, Platoniker und Stoiker und Peripatetiker und Theoretiker und Pythagoreer. 2. Warum sie aber vielköpfig geworden ist, will ich euch sagen. Es kam so: denen, welche sich zuerst ihr widmeten und infolgedessen berühmt geworden sind, schlossen sich später solche an, die nichts nach der Wahrheit fragten; sie staunten jene nur an wegen ihrer Tatkraft und Selbstbeherrschung und wegen des Seltsamen ihrer Lehren und hielten deshalb schon für wahr, was jeder von seinem Lehrer lernte; schließlich erhielten auch sie, da sie den Nachfolgern solche und ähnliche Lehren überlieferten, den gleichen Namen wie der Vater der Lehre. 3. Auch ich hatte anfangs diesen Wunsch, mich einem dieser Männer anzuschließen, und wandte mich deshalb an einen Stoiker. Nachdem ich längere Zeit mit ihm verkehrt war, ohne meine Kenntnisse über Gott zu bereichern - er selbst kannte ihn nämlich nicht, noch hielt er das Wissen um ihn für notwendig -, wandte ich mich von diesem ab und ging zu einem anderen Manne, einem sogenannten Peripatetiker, der sich für geistreich ansah. Dieser hatte nur die ersten Tage Geduld mit mir, dann verlangte er schon, ich solle die Bezahlung festsetzen, damit unser Verkehr nicht nutzlos wäre. Das war der Grund, warum ich auch ihn verließ, der nach meiner Ansicht überhaupt kein Philosoph war. 4. Da ich aber [S. 4] immer noch begierig war, den wesentlichen Vorzug der Philosophie kennen zu lernen, ging ich zu einem sehr berühmten Pythagoreer, einem Manne, der sich viel auf seine Weisheit einbildete. Als ich sodann mich mit ihm in der Absicht unterhielt, sein Hörer und Genosse zu werden, fragte er: ,Wie? Hast du dich mit Musik, Astronomie und Geometrie abgegeben? Oder glaubst du etwas von dem, was zur Seligkeit beiträgt, zu schauen, ohne zuvor das gelernt zu haben, was die Seele vom Sinnlichen ablenken und für das Geistige empfänglich machen wird, so daß sie das Schöne selbst und das Gute selbst sieht?’5. Nachdem er diesen Wissenschaften großes Lob gespendet und ihre Notwendigkeit betont hatte, schickte er mich weiter, weil ich ihm gestand, nichts davon zu wissen. Selbstverständlich ärgerte es mich nun, daß ich in meiner Hoffnung getäuscht war, um so mehr, da ich glaubte, er verstünde etwas. Ich achtete auf die Zeit, welche ich mit jenen Wissenschaften hätte verbringen müssen, und wollte mich deshalb nicht lange hinhalten lassen. 6. In meiner Ratlosigkeit entschloß ich mich, auch die Platoniker aufzusuchen; denn auch sie hatten großen Ruf. Da sich nun erst seit kurzem in unserer Stadt ein Gelehrter aufhielt, der unter den Platonikern eine hervorragende Stellung einnahm, verkehrte ich so oft wie möglich mit ihm; auch machte ich Fortschritte und vervollkommnete mich soviel wie möglich Tag für Tag. Sehr interessierte mich die Geistigkeit des Unkörperlichen, das Schauen der Ideen gab meinem Denken Flügel, in kurzer Zeit wähnte ich, weise zu sein, und in meiner Beschränktheit hegte ich die Hoffnung, unmittelbar Gott zu schauen; denn dies ist das Ziel der Philosophie Platos.