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musik
Bilder: Paul Marc Mitchell
«Die israelische Gesellschaft ist so kompliziert»
M&T: Chen Reiss, wir treffen uns hier in Luzern. Sie sind oft unterwegs. Gibt es überhaupt einen Ort, an dem Sie zu Hause sind?
Chen Reiss: Ja, schon. Ich fühle mich in mehreren Städten zu Hause, weil ich auch in mehreren Städten gewohnt habe. So in Wien, in London, in Tel Aviv, und ich fühle mich sogar in München und New York zu Hause, weil ich auch hier längere Zeit verbracht habe. In all diesen Städten fühle ich mich wohl, da weiss ich, wo meine Orte des Alltags sind, vom Supermarkt bis zur chemischen Reinigung oder zum Lieblingsrestaurant… Und dann gibt es natürlich neue Begegnungen mit Städten wie jetzt hier in Luzern. Da beginnt der Alltag immer neu. (Lachend) Da muss ich mir überlegen, wo ich zu Abend esse, wo ich Zahnpaste kaufen kann… Verstehen Sie? Ich finde an unserem Beruf beides sehr schön, neue Städte zu entdecken, aber auch an vertraute Orte zurückzukehren. Auch die Sprache spielt eine Rolle. So war ich schon mehrere Male in Tokyo, aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich dort zu Hause fühlen würde, so schön diese Stadt auch ist. Dafür fehlt mir die sprachliche Möglichkeit, sie selber zu erkunden.
M&T: Sie sprechen perfekt Deutsch. Hat das mit Ihren Wurzeln zu tun? Ihre Grosseltern waren ja deutschsprachige Ungarn.
Chen Reiss: Meine Grossmutter hat sehr gut Deutsch gesprochen, leider nicht mit mir. Mit mir hat sie sich nur Hebräisch unterhalten, was wohl mit der Geschichte zu tun hat. Sie hat immer auf Deutsch gelesen, mit meinem Grossvater jedoch ungarisch gesprochen, mit uns Enkelkindern und mit meinem Vater nur hebräisch. Meinen ersten Kontakt mit der deutschen Sprache hatte ich dennoch bei ihr. Ich war damals etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Ich wollte eine Arie von Bach singen und sprach kein Wort Deutsch. Ich kam zu ihr, damit sie mir hilft, was sie gerne gemacht hat. Das war das erste Mal, dass ich mit der deutschen Sprache in Kontakt kam. Wirklich begonnen Deutsch zu lernen, habe ich als Achtzehnjährige in Israel am Goethe-Institut. Und die Chance, mit der Sprache vertraut zu werden, bekam ich erst später, als ich nach München kam.
M&T: Aufgewachsen sind Sie in Israel. Wie war Ihr Weg zum Gesang? Ein direkter?
Chen Reiss: Der war ziemlich direkt. Meine Mutter ist auch Sängerin. Als Kind habe ich zuerst Klavierunterricht bekommen, dann schwebte mir vor, eine Ballerina zu werden – so habe ich während acht Jahren getanzt, sehr seriös! Mit vierzehn bekam ich meinen ersten Gesangsunterricht, meine Mutter hat mich schon in diese Richtung gepusht. Aber sie war nicht meine Lehrerin. Mit sechzehn war es dann so weit, die Musik berührte und bewegte mich so, dass ich mich entschied: Das ist es, diesen Weg will ich gehen!
M&T: Offensichtlich bestimmte Leidenschaft für den Gesang fortan diesen Weg, aber irgendwann mussten Sie wie alle jungen Frauen in Israel in den Militärdienst.
Chen Reiss: Ja, das ist für Männer wie Frauen Pflicht, dass man mit achtzehn in die Armee eingezogen wird. Das war am Anfang schon nicht ganz leicht, mit einer Waffe oder Gasmaske umzugehen, auch die physischen Anforderungen bedeuteten eine Herausforderung. Aber nach einem Monat bin ich zum Glück im Militärorchester gelandet, dort war ich Solistin und hatte während anderthalb Jahren eine gute Zeit. Sofort danach bekam ich mein erstes professionelles Engagement beim Nationaltheater – nicht in der Oper, sondern beim Schauspiel, für «Masterclass», ein Stück über Maria Callas, das damals vom Broadway kam und überall auf der Welt gespielt wurde. Darin musste ich singen und spielen. Das habe ich ein Jahr gemacht, bevor ich nach New York gegangen bin und dort studiert habe. Mein Weg war allerdings nicht so direkt wie es scheint. Ich musste schon kämpfen.
M&T: Inwiefern?
Chen Reiss: Ich musste meine Stimme entdecken. Zwar habe ich immer auf der Bühne gestanden, auch als Studentin hatte ich meine Aufführungen. Aber ich musste sehr vieles ändern, hatte meine Zweifel, der Erfolg kam nicht über Nacht.
M&T: Welche Bedeutung hatte die Unterstützung durch Zubin Mehta?
Chen Reiss: Er war sehr wichtig für mich, aber erst später, nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte. Da sang ich zunächst noch ein Jahr da und dort in Kanada und Amerika. Dann habe ich Zubin Mehta in New York vorgesungen. Er riet mir, nach Deutschland an ein Opernhaus zu gehen, um dort praktische Erfahrungen zu sammeln und ein Repertoire zu erarbeiten. So machte ich eine Audition-Tour durch Deutschland und bekam auch mehrere Angebote, zum Beispiel von Düsseldorf. Zubin Mehta war damals in München, doch ich musste auch noch dem Intendanten Sir Peter Jonas vorsingen. Er hat entschieden, und so durfte ich nach München an die Staatsoper kommen. Dort war ich drei Jahre fest engagiert und habe zum ersten Mal mit Mehta gearbeitet und Rollen wie Nanetta, Gilda oder Blonde in der «Entführung» gesungen, also ganz verschiedene Partien. Dafür bin ich sehr dankbar, denn er ist vor allem für Sänger ein fantastischer Dirigent. In meiner Zeit in München habe ich auch andere Dirigenten kennengelernt, die mich für Konzerte eingeladen haben. So habe ich angefangen.
M&T: Als künstlerischer Wandervogel rund um die Welt?
Chen Reiss: Ja, nach meiner Münchner Zeit war ich freiberuflich an ganz verschiedenen Orten täig. Ich habe vor allem sehr viele Konzerte gesungen, was mir bis heute sehr gut gefällt. Ich liebe es, nicht nur auf der Opernbühne zu stehen, sondern auch regelmässig Konzerte zu geben. Geistliche Musik und das Lied liegen mir sehr am Herzen. Es ist eine sehr schöne Herausforderung, dem Publikum diese wunderschönen Texte zu vermitteln. (Lachend) Opernlibretti sind nicht immer auf der Höhe von Goethe oder Schiller… Aber natürlich gibt es auch in der Oper Gegenbeispiele, denken wir nur an Hofmannsthals Texte für Richard Strauss. Ob «Rosenkavalier» oder «Arabella». Im März habe ich in Wien die Zdenka gesungen, dieses Libretto ist fantastisch.
M&T: War das ein Rollendebüt?
Chen Reiss: Ja, und ohne Orchesterprobe. Das war schon eine grosse Herausforderung! Zdenka ist eine schwierige Rolle, rhythmisch und melodisch so komplex.
M&T: Wenigstens war das nicht eine verstaubte Inszenierung, die bereits vierzig oder mehr Jahre auf dem Buckel hat, wie das in Wien ja vorkommen kann.
Chen Reiss: Ja, das gibt es. Aber den «Rosenkavalier» von Otto Schenk mag ich dennoch sehr, der ist immer noch sehr schön. Überhaupt liebe ich Otto Schenk, er ist ein so toller Regisseur. Ich habe 2014 für eine Neuinszenierung von Janaceks «Schlauem Füchslein» an der Staatsoper mit ihm zusammengearbeitet. Diese sieben Wochen Proben waren ein Traum, da war er schon 84 – total klar und mit einer unglaublichen Energie und Freude dabei. Und gelacht haben wir auch viel!
M&T: Als israelische Musikerin haben Sie ein besonderes Verhältnis zum Israel Philharmonic Orchestra, was ja auch ein ganz besonderes Orchester ist. Und nur wenige haben so lange denselben Chefdirigenten …
Chen Reiss: … Sie wissen wohl, dass Zubin Mehta 2019 als GMD aufhört. Er wird das Orchester weiter dirigieren, aber nicht mehr als Chef dafür verantwortlich sein. Das Orchester hat eine enorme Bedeutung in Israel, es ist elf Jahre vor dem Staat Israel entstanden, ist also älter als unser Staat! Toscanini dirigierte damals das erste Konzert.
M&T: Was bedeutet Ihnen Ihre Beziehung zum Israel Philharmonic Orchestra?
Chen Reiss: Ich habe das Orchester als Kind gehört und träumte davon, eines Tages selber dort zu stehen und mit Zubin Mehta und diesem Orchester zu singen. Gott hat mich erhört und mir meinen Traum erfüllt, mehrmals! Ich habe von Anfang an viele Werke mit dem Orchester aufgeführt, das Brahms-Requiem, «Carmina Burana», «Don Giovanni», «Entführung aus dem Serail» – fast jedes Jahr haben wir gemeinsam musiziert. Dieses Orchester ist unser bester Botschafter in der ganzen Welt. Es steht über jeder Tagespolitik, über jedem Konflikt. Das ist die Macht der Musik, dass sie die unterschiedlichsten Leute zusammenbringt. Es ist eine Sprache, die jeder versteht, zumindest berührt sie jeden. Für mich ist das so wichtig, dass die Leute überall in der Welt dieses Orchester kennen, und wissen, was es tut und für alle Menschen in Israel bedeutet. Und nicht nur für die Israelis, sondern genauso für die Araber. Die Politiker kommen und gehen, aber das Israel Philharmonic bleibt immer und repräsentiert unser Volk – mit unserer ganzen Geschichte. Dafür klopft unser Herz ununterbrochen.
M&T: Das Orchester hat eine grosse Bedeutung im Land, über den Kulturbetrieb hinaus…
Chen Reiss: … in den News im Fernsehen zeigt man Israel sehr oft in nicht sehr schönen Farben. Das ist verständlich, unsere politische Situation ist sehr kompliziert zu verstehen. Wer hat eigentlich Recht? Die verfahrene Situation ist auch sehr schwierig zu lösen. Es gibt keine einfache Lösung – es sind so viele Löffel in der Suppe. Es gibt die extrem religiösen Juden, die extrem religiösen Muslime, das Militär, auch unter den Palästinensern gibt es so viele Gruppierungen, man muss die Hamas bedenken – es gibt fast keine Lösung. Die israelische Gesellschaft ist so kompliziert. Ich weiss nicht, ob wir eines Tages Frieden bekommen, ob wir eine Lösung finden – aber ich weiss, dass es gute Menschen in Israel gibt, fast alle wollen den Frieden und denken, dass jeder sein Recht hat, in Sicherheit zu leben. Und ich hoffe, dass die Musik den Leuten Hoffnung und Freude zu geben vermag. Daher ist das Orchester des Israel Philharmonic als Botschafter sehr wichtig.
M&T: Sie haben vorhin Ihre Liebe zu geistlicher Musik erwähnt. Im Vatikan sind Sie vor dem Papst aufgetreten. War das etwas Besonderes, an diesem Ort und vor dem obersten Repräsentanten der Katholischen Kirche zu singen?
Chen Reiss: Das war ein Highlight meines Lebens! Es ist so: Wenn ich geistliche Musik singe, bin ich mir bewusst, dass ich Jüdin bin und christliche Musik singe, fühle mich jedoch dennoch dazu gehörend, obwohl es nicht meine Religion ist. Durch die Musik fühle ich mich sehr nahe einem Gott – ich weiss, das ist ein grosser Begriff –, auf jeden Fall sehr nahe der spirituellen Seite dieser Musik. Das berührt mich sehr tief. Und macht mich demütig.
M&T: Schafft es die Musik, Trennungen und Unterschiede zu überbrücken, wie es im Leben und in der Politik nicht gelingt?
Chen Reiss: Musik ist eine internationale Religion, eine international verständliche Sprache. Das zeigt doch, dass ich als Jüdin christliche Musik singe – Musik kennt keine Grenzen, sie geht wirklich vom Herz zum Herzen.
M&T: Um Ihre Botschaft vom Herz zum Herzen zu vermitteln brauchen Sie Ihre Stimme. Wie pflegen Sie Ihr Instrument?
Chen Reiss: Ich werde immer Gesangsunterricht nehmen. Das ist sehr wichtig, denn wir hören uns selber ganz anders als das, was Sie von aussen hören. Wichtig ist es auch, jemanden zu haben, zu dem man Vertrauen hat. Ich habe einen Gesanglehrer, auch Gesangscoach, Korrepetitoren in Wien, in London, sogar in Israel. Wenn ich neue Rollen studiere, nicht nur für die Oper, sondern auch Konzertpartien, ist es mir sehr wichtig, dass mich jemand hört und kontrolliert, sowohl technisch wie in der Interpretation.
M&T: Gibt Ihnen das mehr Sicherheit?
Chen Reiss: Auf jeden Fall. Und wenn ich zu lange ohne diese Unterstützung bin, rutsche ich zurück in die alten falschen Gewohnheiten. Auf der Bühne soll man frei singen, und mit dem Gesangslehrer gelingt es mir, während der Proben die Stimme in guter Kondition zu halten. Ich betrachte mich auch als Athletin. Mein Instrument ist im Körper, und was ich mit meinem Instrument mache, ist eigentlich Akrobatik. Und auch die erfolgreichsten Athleten trainieren mit ihrem Coach, auch nach einem Olympiasieg… Daher ist mir das schon sehr wichtig – wenn man langfristig singen will. Wir haben nur unsere Stimmbänder, die klein wie ein Reiskorn sind und die man sehr schnell verletzen kann.
M&T: Ein gemeinsames Projekt mit dem Mandolinisten Avi Avital führt Sie im Herbst nach Zürich. Dieses Projekt ist nach einer berühmten Brücke – «Ponte Vecchio» – benannt. Können Sie uns darüber etwas erzählen?
Chen Reiss: Avi und ich, wir sind beide aus Israel. In Berlin kam er zu einem Konzert von mir und sagte mir danach: Wir müssen etwas zusammen machen. Später traf ich ihn zufällig in einem Café in Tel Aviv. Er hatte seinen Computer dabei und meinte: Chen, jetzt schreiben wir unser Programm! So kam es wirklich ganz spontan zu diesem Projekt. Das Programm ist inspiriert von Volksliedern in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Ländern. Wir hatten alle Lieder zu bearbeiten für Sopran, Mandoline, Gitarre und Cello. Es beginnt mit «Cinq mélodies populaires grecques» von Ravel auf Französisch. Darauf folgen berühmte Lieder wie «Die Forelle» oder «Heidenröslein» von Schubert, allerdings in einer völlig neuen Bearbeitung, ohne Klavierbegleitung. Da bekommen alle diese Lieder einen total anderen Klang. Meiner Meinung nach sind wir da – sozusagen auf Troubadourart – fast näher am Volksliedcharakter all dieser Lieder dran – (lachend) Das sage ich als klassische Sängerin! Weiter singen wir beispielsweise Lieder von Rimsky-Korsakow und Donizetti – jeweils in ihren Originalsprachen, auch spanische und portugiesische Stücke kommen vor. Manche sind sehr berühmt, andere hört man eher selten. Auf jeden Fall hat alles dieses leichte Temperament von Volksliedern.
M&T: Können Sie uns aufklären, was das mit dem berühmten «Ponte Vecchio» von Florenz zu tun hat?
Chen Reiss: (Lachend) Wir singen auch «O mio babbino caro» und darin droht Lauretta ja ihrem Vater, sich von dieser Brücke in den Arno zu stürzen… Das hat uns den Namen gegeben. Aber es gibt auch einen roten Faden durch das Programm, das Altes mit Neuem verbindet, eben Brücken schlägt. Beispielsweise spielen wir ein Stück aus den «Bachianas Brasileiras» von Villa-Lobos. Der verbindet auch: seinen individuellen Weg, aber based on Bach. Auch unsere Idee schlägt Brücken, wir verbinden klassische Werke mit neuen Bearbeitungen. Das ist unser Ponte Vecchio! Die Brücke zwischen Bekanntem und so noch nie Gehörtem.■