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Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen, 1995
Virtuos steuert der Autor den mörderischen Tunnel an © Unsplash Casey Horner
Welche Wohltat, in einer Welt der immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und zugepitzten Formulierungen auf «Perlmanns Schweigen» zu stossen. Auf ein Buch und einen Autor, der die Virtuosität der Sprache nicht nur unaufgeregt zelebriert, sondern in den Mittelpunkt einer spannend-verwinkelten Geschichte zum Wissenschaftsbetrieb rückt, die surreal-groteske Züge annimmt und sich unerwartet in einen Kriminalroman wandelt.
Philipp Perlmann, ein angesehener Professor für Linguistik in Frankfurt am Main, wird von einem Vertreter eines italienischen Computerherstellers angefragt, ob er für ein neuartiges Forschungsprojekt ein Team mit den besten Forschern zusammenstellen und leiten könne. Geld spiele keine Rolle. Trotz seines anfänglichen Unbehagens sagt Perlmann zu und trifft die wissenschaftliche Crème de la Crème im Luxushotel Santa Margherita Ligure bei Rapallo hoch über dem traumhaften Meer.
Perlmann reist an. Sein Unbehagen wächst. Es wird ihm bewusst, dass er nichts mehr zu sagen hat, dass das akademische Leben oberflächlich und leer ist, ihm die Intrigen und Eitelkeiten zuwider sind. Er sollte am mehrwöchigen Forschungsprojekt ebenfalls einen wissenschaftlichen Artikel verfassen und vortragen. Aber es fällt ihm nichts ein, die Sprache ist Perlmann abhandengekommen. Er versucht, sich an seinen vorangegangenen Arbeiten und seinen akademischen Meriten festzuhalten. Auch dies gelingt nicht, es zerrinnt vor seinem geistigen Auge. Er weiss nicht mehr, was er bei diesem Kongress soll. Perlmann verfällt in eine Depression, verbringt Stunden in einer Pizzeria, eine Weltchronik lesend, verbarrikadiert sich in seinem Hotelzimmer.
Die Rettung findet sich in seinem Gepäck in Form eines Manuskripts des sonderbaren russischen Linguisten Vassily Leskov. Dieser befasst sich mit der Frage, wie die Sprache die Erinnerung beeinflusst und prägt. Perlmann übersetzt wie ein Besessener Wort für Wort, Seite um Seite. Die Gedanken und die Sprache gehen zusehends in seine über, bis er den akademischen Höchstverrat begeht: Perlman gibt Leskovs Aufsatz als seinen eigenen aus.
Dann wird Leskovs verspätete Ankunft am Kongress bekanntgegeben, der eigentlich gar nicht hätte anreisen sollen. Perlmann verfällt in Schockstarre und dreht durch. Er will nicht als Plagiator entlarvt werden und sein Gesicht für immer verlieren. Perlmann geht verschiedene Optionen durch und entschliesst sich, Leskov umzubringen. In seinem teils messerscharf-analytischen, teils animalisch-unberechenbaren Gedankengebäude bereitet er den Mord minutiös vor.
Pascal Mercier hat einen klugen Roman zum Wissenschaftsbetrieb geschrieben, der anrührend und bisweilen komisch ist. Die Beschreibung der Umgebung, der Menschen und ihrer inneren Zustände sowie die gedachten und wirklichen Ereignisse sind einfühlsam und plastisch. Es gelingt Mercier, die Leserin und den Leser auf eine philosophische Sprachreise mitzunehmen, auf der man über die Schönheit der eleganten Sätze staunt und sich bestens unterhält.
Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen, btb Verlag 1997, 640 S. etwa Fr. 23.-
- Lebensdaten: 1944 (Bern) – 2023 (Berlin)
- Lesetipps: «Der Klavierstimmer» (1998), «Nachtzug nach Lissabon» (2004)
- Fussnoten: Pascal Mercier ist ein Pseudonym, das sich aus dem Vornamen des französischen Philosophen Blaise Pascal und dem Familiennamen des Schriftstellers Louis-Sébastien Mercier zusammensetzt. Im richtigen Leben heisst Mercier Peter Bieri und war Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zeichnete den Philosophen mit der Lichtenberg-Medaille aus.
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