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Text: Tobias Hüberli
Fotos: Njazi Nivokazi
Ohne die brennende Zigarre, die lässig in seinem Mundwinkel steckt, könnte Marcello Corazza problemlos einen dieser fotogenen, eloquenten und stets souveränen Ärzte in einer TV-Serie verkörpern. Und im Gegensatz zu seinen Schauspielerkollegen wüsste er sogar, wovon er spricht. Dass der 35-jährige Ostschweizer heute nicht mehr im Operationssaal steht, sondern Zigarren und Kaffee verkauft, hat mit seiner Lebensphilosophie zu tun und mit seinem Cousin, aber der Reihe nach.
Im November 2008, eine Woche nachdem Marcello Corazza im Zürcher Grossmünster sein Staatsexamen gefeiert hatte, trank er in seiner Studentenbude zusammen mit Carlo Corazza einen Espresso. Der elf Jahre ältere Cousin war um die Jahrtausendwende nach Costa Rica ausgewandert und hatte in der Hauptstadt San José unter anderem ein Bijouteriegeschäft, eine Familie sowie eine kleine, aber feine Zigarrenfabrik gegründet. Und die dort gerollten, nach dem ursprünglichen Familiennamen Brun del Ré benannten Longfiller sollte Marcello nun gemäss Carlos Plan in der Schweiz verkaufen.
«Ich hatte absolut keine Ahnung von Zigarren», erinnert sich Marcello Corazza an jenen Moment. «Ich kannte zwar Zigarrenfachhändler Urs Portmann, aber den kennt in der Ostschweiz sowieso jeder.» Nichtsdestotrotz trank Marcello seinen Kaffee aus, schaute zu Carlo rüber und sagte: «Hey, wieso nicht?» Im Dezember 2009 kam die erste Lieferung, 50 Kisten, in der Schweiz an. Als Marcello beim Anblick der Zigarren mal kurz die Nerven flatterten, beruhigte ihn sein Vater: «Keine Sorge, im schlimmsten Fall rauchen wir das Zeug einfach selbst.»
Die nächsten zwei Jahre machte sich Marcello Corazza mit dem Schweizer Zigarrenmarkt bekannt und trieb gleichzeitig seine medizinische Karriere voran. Im Sommer 2013, nach einem Stage im Militärspital von Managua, realisierte er, dass die Karriere im Spital nicht sein Weg ist. «Als Chirurg an der Front kannst du nur das machen, was deine beiden Hände fertigbringen.» Das aber war ihm nicht genug. Zudem passten die Realitäten im Spital immer weniger mit seiner Vorstellung eines erfüllten Lebens überein. «Als Chirurg arbeitest du ständig, irgendwann läuft dir die Frau davon, und deine Kinder kennen dich nicht mehr, das kam für mich nicht in Frage.»
Also wechselte Corazza in die medizinische Grundversorgung und gründete mit Partnern eine Arztpraxiskette, die aktuell an drei Standorten in der Ostschweiz etwa 35 Mitarbeiter beschäftigt. «Ich wirke im Hintergrund, das erlaubt es mir, zwei verschiedene Sachen nicht nur gleichzeitig, sondern auch gleich gut zu machen.» Tatsächlich nahm auch das Zigarrengeschäft ab 2013 langsam Fahrt auf. Cousin Carlo schraubte die Qualität stetig in die Höhe und tüftelte an neuen Formaten. Die Minizigarre Piccolo beispielsweise kreierte er speziell für den Schweizer Markt (wer raucht im Winter schon gerne lange draussen?). 2014 kürten die Kollegen vom Magazin Cigar Journal Brun del Ré zum besten Zigarrenbrand von Costa Rica.
Ende Juni 2018 am Flughafen Zürich: Marcello Corazza fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut. Dreissig Minuten bleiben ihm, bevor er mit seinem Geschäftspartner und Zigarrenproduzenten Marcel Knobel das Flugzeug nach Las Vegas zur jährlichen Tradeshow der IPCPR besteigen wird. Das Sortiment seiner Importadora Corazza hat Corazza in den vergangenen vier Jahren um drei Zigarrenmarken erweitert, unter anderem mit dem US-amerikanischen Brand Gurkha. «Das war eigentlich mehr ein Unfall», erzählt Corazza. «Vor drei Jahren wollte ich an der IPCPR für mich privat Gurkha-Zigarren kaufen. Der Typ am Stand verstand mich aber falsch und schickte mich zum Distributor. Dieser wollte wissen, was ich so mache, und zwei Stunden später war ich Gurkhas Importeur für die Schweiz.»
Gurkha wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Der Hersteller investiert selbst viel ins Marketing, oftmals sind es die Konsumenten, die Gurkha bei ihrem Fachhändler explizit nachfragen. «Das hilft uns extrem.» Daneben vertreibt Marcello seit zwei Jahren den nicaraguanischen Boutique-Brand Mombacho («eine Perle») sowie seit 2017 die Zigarrenmarke Adventura, die Marcel Knobel zusammen mit Henderson Ventura in der Dominikanischen Republik produziert.
Seine Geschäftspartner sucht sich Corazza nach eigenen Kriterien aus: «Klar müssen die Zigarren gut sein, die Konditionen stimmen. Zuallererst aber muss es menschlich passen.» Bei Marcel Knobel, der in Altendorf auch ein Zigarrenfachgeschäft führt, ist das der Fall. «Eigentlich kreierte ich die Adventura-Zigarren für meinen eigenen Laden», so Knobel. Als dann aber Corazza auf ihn zugekommen sei, habe er schnell gemerkt: «Das ist der perfekte Match.»
Während Knobel mehr über Rohtabake und die Fertigung von Premiumzigarren weiss als die meisten, kennt Corazza den helvetischen Markt und bringt es immer wieder fertig, eines der raren Plätzchen in den Humidoren der Fachhändler zu ergattern. Seit letztem Jahr ist das Duo oft zusammen unterwegs, in Dortmund, Nicaragua oder Las Vegas. «Es ist schon streng mit ihm», scherzt Corazza. In solch entspannten Momenten, vornehmlich bei einer Zigarre, haben die beiden bereits zahlreiche Ideen ersonnen – und einige davon schnurstracks umgesetzt. «Ich binde Marcello stark in die Konzeption meiner Zigarren mit ein», so Knobel. Während er oft einen verrückten Ansatz wähle, bringe Corazza die nötige Vernunft mit und wisse, was sich verkaufen lässt.
Welche Position er mittlerweile im nationalen Markt bekleidet, ist für Corazza zweitrangig. «Wir wollen weiter wachsen, das ist klar.» Vor allem in der Westschweiz und im Tessin gebe es noch Nachholbedarf. Nicht verhandelbar sind dabei seine Grundwerte. Zentral in Corazzas Geschäftsphilosophie ist die Wertschätzung der Mitarbeiter. Den Spruch «Der Kunde ist König» lässt er nicht gelten, zumindest nicht ohne einen weiteren Zusatz. «Ich plädiere vielmehr dafür, die Mitarbeiter wie Könige zu behandeln», so Corazza. Der Gedanke dahinter ist so simpel wie einleuchtend: Fühlt sich ein Mitarbeiter wie ein König, wird er die Kunden erst recht gut bedienen.
Aktuell vertreibt die Importadora Corazza GmbH vier Zigarrenmarken in der Schweiz. Es handelt sich dabei um sehr unterschiedliche, aber gleichermassen spannende Brands.
Brun del Ré
In der 2007 von Carlo Corazza gegründeten Fabrik in San José werden aktuell pro Jahr 350 000 Zigarren gerollt. 2014 kürte das Magazin Cigar Journal Brun del Ré zum besten Zigarrenbrand von Costa Rica. Das Sortiment besteht aus drei Hauptlinien (Premium, Gold und Colonial) sowie aus Spezialformaten. Dazu gehören etwa die Culebras oder aber die 76 Millimeter kurzen Piccolo-Zigarren.
www.brundelrecigars.ch
Gurkha
Vor drei Jahren – und eher zufällig – entstand die Kooperation mit der international agierenden US-amerikanischen Zigarrenmarke Gurkha. Die in der Dominikanischen Republik hergestellten, stets innovativ verpackten Premium-Zigarren erfreuen sich seither auch in der Schweiz wachsender Beliebtheit. Im Sortiment führen Marcello Corazza und sein Team unter anderem die Linien Gurkha Cellar, Royal Challenge oder Heritage.
www.gurkhacigars.ch
Mombacho Cigars
Die Zigarrenfabrik des gebürtigen Sizilianers Claudio Sgroi in der nicaraguanischen Stadt Granada ist eine wahre Perle. Das Wohl der Mitarbeiter steht an erster Stelle, was sich direkt auf die Qualität der Longfiller auswirkt. Von den ausschliesslich aus den besten Tabaken Nicaraguas gefertigten Zigarren sind in der Schweiz die Linien Tierra Volcàn und Liga Maestro erhältlich.
www.mombachocigars.com
Adventura Cigars
2016 lancierte Marcel Knobel zusammen mit dem Master-Zigarrenblender Henderson Ventura die auf fünf Serien konzipierte Zigarrenlinie Adventura. Mittlerweile sind die Serien The Explorer und The Navigator in der Schweiz erhältlich. Der dritte Streich, The Conqueror, folgt in der zweiten Septemberwoche. Erfolgreich ist auch die Seitenlinie El Loco, die Knobel zusammen mit der mexikanischen Tabacalera A. Turrent entwickelt hat.
www.adventuracigars.com