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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

17. Vortrag.
8.
Wie finden wir nun in diesen beiden Befehlen des Herrn die zwei Gebote der Liebe angedeutet? "Nimm, sagt er, dein Bett und wandle." Welches die zwei Gebote sind, das, Brüder, überdenket mit mir. Denn sie müssen ganz bekannt sein und uns nicht bloß jetzt in den Sinn kommen, da sie von uns erwähnt werden, sondern sie dürfen niemals aus unserm Herzen verschwinden. Denket überhaupt immer daran, man müsse Gott und den Nächsten lieben: "Gott aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüte, und den Nächsten wie sich selbst". Dies muß man immer bedenken, dies überlegen, dies behalten, dies tun, dies ins Werk setzen. Die Liebe Gottes ist früher in der Ordnung des Befehlens, die Liebe des Nächsten aber ist früher in der Ordnung des Vollbringens. Denn wer dir die Liebe in den beiden Geboten ans Herz legen würde, der würde dir nicht zuerst den Nächsten und dann Gott nennen, sondern zuerst Gott und dann den Nächsten. Du aber, weil du Gott noch nicht siehst, sollst durch die Liebe des Nächsten verdienen, daß du ihn siehst; durch die Liebe des Nächsten reinigst du das Auge zum Schauen Gottes, wie klar Johannes sagt: "Wenn du den Bruder, den du siehst, nicht liebst, wie wirst du Gott, den du nicht siehst, lieben können"?1 Siehe, es wird dir gesagt: Liebe Gott. Wenn du mir sagst; Zeige mir den, welchen ich lieben soll, was werde ich antworten, als was Johannes selbst sagt: "Gott hat niemand je gesehen"2 . Und damit du nicht meinest, du seiest ganz und gar vom Schauen Gottes ausgeschlossen, sagt er: "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott"3 . Liebe also den Nächsten und schau in dich selbst hinein, warum du den Nächsten liebst, da wirst du, soviel dir möglich, Gott sehen. Beginne also, den Nächsten zu lieben. "Brich dem Hungrigen dein Brot, und führe den obdachlosen Armen in dein Haus; wenn du einen Nackten siehst, kleide ihn, und verachte nicht deine Blutsverwandten." Wenn du aber dies tust, was wirst du erlangen? "Dann wird hervorbrechen wie Morgenrot dein Licht"4 . Dein Licht ist dein Gott, für dich "ein Morgenrot", weil er sich nach der Nacht der Welt dir zeigen wird; denn er selbst geht weder auf noch unter, weil er immer bleibt. Er wird für dich ein Sonnenaufgang sein, wenn du zurückkehrst, wie er für dich ein Sonnenuntergang war, als du dich abkehrtest: Also mit der Aufforderung: "Nimm dein Bett", scheint er mir gesagt zu haben: Liebe deinen Nächsten.
1: 1 Joh 4,20
2: Joh 1,18
3: 1 Joh 4,16
4: Is 58,7 f.