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In der Ostschweiz dominiert die Investitionsgüterindustrie
In der Grossregion Ostschweiz wohnen 11,6% der Bevölkerung der Schweiz. Die sechs Kantone umfassen 10,7% der Landesfläche und erwirtschaften 9,5% des gesamtschweizerischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Daraus ergibt sich ein BIP pro Einwohner, das lediglich 84% des Schweizer Mittelwerts beträgt – der niedrigste Wert aller Grossregionen.
Wirtschaftskraft unter dem schweizerischen Durchschnitt
Die im schweizweiten Vergleich unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft der Ostschweiz zeigt sich auch im Performance Index, der die wirtschaftliche Leistung einer Region anhand der Kriterien BIP pro Kopf sowie BIP- und Erwerbstätigenwachstum misst. Mit 104 Punkten liegt der Index in der Ostschweiz zwar über dem als Indexbasis dienenden westeuropäischen Mittel, jedoch unter dem entsprechenden Wert der Schweiz von 111 (siehe Grafik 1). Die Differenz zur Schweiz resultiert allerdings nicht aus der Wachstumskomponente. In der Entwicklung der letzten zehn Jahre (2003–2012) schneidet die Ostschweiz bezüglich BIP-Wachstum sogar leicht besser ab als die Gesamtschweiz (siehe Grafik 2).Im internationalen Vergleich mit Regionen, die ebenfalls einen Branchenfokus in der Investitionsgüterindustrie besitzen, schlägt sich die Ostschweiz punkto wirtschaftlicher Performance gut (siehe Grafik 1). Von den betrachteten Vergleichsregionen weist einzig die norwegische Region Agder og Rogaland einen höheren Performance Index auf als die Ostschweiz. Ihre Wirtschaftskraft liegt auf gleichem Niveau wie diejenige von Oberösterreich und Südfinnland, noch vor Regionen wie Freiburg, Tübingen oder der Lombardei.
Hohe Standortattraktivität dank niedriger Besteuerung
Ausgezeichnet präsentiert sich die Standortattraktivität der Ostschweiz, die sich aus verschiedenen Standortqualitäten für Arbeitskräfte und Unternehmen zusammensetzt. Ihr Attractiveness Index liegt mit 113 Punkten deutlich über dem westeuropäischen Durchschnitt und über den Werten der betrachteten Vergleichsregionen (siehe Grafik 2). Die hohe Standortattraktivität der Ostschweiz im europäischen Vergleich basiert insbesondere auf der relativ schwachen Regulierung der Arbeits- und Produktemärkte in der Schweiz sowie ausserordentlich tiefen Steuern. Die Besteuerung befindet sich selbst im schweizweiten Vergleich auf deutlich unterdurchschnittlichem Niveau. Insgesamt liegt die Standortattraktivität der Ostschweiz beinahe im schweizerischen Mittel (114). Bezüglich des zukünftigen Potenzials der regionalen Wirtschaft, das im Structural Potential Index festgehalten ist, bleibt die Ostschweiz (116) etwas weiter hinter der Gesamtschweiz (122) zurück. Im internationalen Vergleich besitzen insbesondere Südfinnland (127) sowie die beiden deutschen Vergleichsregionen Freiburg (117) und Tübingen (119) ein höheres Entwicklungspotenzial.
Investitionsgüterindustrie mit hoher Bedeutung
Bei der Betrachtung der Branchenstruktur fällt in erster Linie die industrielle Prägung der Ostschweizer Wirtschaft auf. Der Anteil der Wertschöpfung des sekundären Sektors an der Gesamtwirtschaft beträgt 37%. Dies entspricht dem höchsten Wert aller Grossregionen. In der Schweizer Gesamtwirtschaft liegt der Wertschöpfungsanteil des sekundären Sektors bei lediglich 27%. Die entsprechend niedrigere Bedeutung des tertiären Sektors in der Ostschweiz lässt sich in Grafik 3 anhand der tieferen Wertschöpfungsanteile sämtlicher Dienstleistungsbranchen nachvollziehen. Die höchsten Wertschöpfungsanteile an der regionalen Gesamtwirtschaft haben die Aggregate Öffentlicher Sektor (Öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildungsinstitutionen) und Handel zu verzeichnen.Innerhalb des verarbeitenden Gewerbes liegt der Fokus auf der Investitionsgüterindustrie. Deren Wertschöpfungsanteil liegt in der Ostschweizer Wirtschaft mit 13% fast doppelt so hoch wie in der Gesamtschweiz. Die Investitionsgüterindustrie besitzt in der Ostschweiz eine lange Tradition. Alleine in der Metallindustrie und im Maschinenbau arbeiteten im Jahr 1990 in der Ostschweiz 10% aller Erwerbstätigen. Aktuell beträgt der entsprechende Anteil noch knapp 8%.Der Maschinenbau stellt die grösste Einzelbranche der Investitionsgüterindustrie in der Ostschweiz dar. Die Branche weist beispielsweise im Rheintal, in der Region Uzwil, im Toggenburg, im nördlichen Teil des Kantons Glarus sowie in Schaffhausen eine hohe Konzentration auf (siehe Grafik 4). Zu den grössten Arbeitgebern der Ostschweizer Industrie zählt die in Uzwil beheimatete Bühler Group. Der Hersteller von Maschinen zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln beschäftigt in der Region rund 2500 Mitarbeitende. Zu den weiteren grossen Traditionsunternehmen, die ihren Standort in der Ostschweiz haben, gehören Bosch Packaging (Beringen, Verpackungsmaschinen) oder Netstal Maschinen (Näfels, Spritzgiessmaschinen).
Strukturwandel in der Investitionsgüterindustrie
Angesichts des hohen Wertschöpfungsanteils der traditionellen Industrie stellt der gesamtschweizerische Trend des Strukturwandels weg von der traditionellen Industrie hin zu wertschöpfungsintensiveren Branchen die Ostschweiz seit einiger Zeit vor eine grosse Herausforderung. Die verschiedenen Teilgebiete unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Betroffenheit und Ausprägung des Strukturwandels voneinander, was auf die regionale Fragmentierung zurückzuführen ist.Am eindrucksvollsten beobachten lässt sich der Strukturwandel im Kanton Schaffhausen. Betrug der Wertschöpfungsanteil der Schaffhauser Investitionsgüterindustrie im Jahr 1980 noch etwa 25% und waren über 11 000 Personen in den betreffenden Branchen tätig, haben sich die entsprechenden Werte bis zum Jahr 2013 halbiert. Die heftige Rezession zu Beginn der 1990er-Jahre führte zu einer Neuausrichtung der Schaffhauser Wirtschaft. Unter anderem dank der Nähe zu Zürich, einer aktiven Ansiedlungspolitik und wirtschaftsfreundlichen Steuergesetzrevisionen gelang die Fokusverschiebung zu wertschöpfungsintensiverer Spitzenindustrie und Dienstleistung. So etablierte sich Schaffhausen in den vergangenen 20 Jahren als wichtiger Standort der Schweizer Life-Sciences-Industrie. Allerdings musste die Region diesbezüglich jüngst einen Rückschlag hinnehmen: Durch den Wegzug des Pharma-Multis Abbott aus Beringen gehen im Kanton Schaffhausen 300 Stellen verloren. Die grundsätzlich erfreuliche Entwicklung zeigt sich ansonsten beispielsweise in der hauptsächlich dank IWC rasch expandierenden Uhrenindustrie. Zuletzt hat sich Schaffhausen zu einem gefragten Standort für Firmenhauptsitze entwickelt. Zahlreiche internationale Unternehmen wie Xylem (Wasser), Garmin (Navigationssysteme) oder Groupon (Internet) haben sich hier angesiedelt.Periphere Teilgebiete der Ostschweiz sehen sich ebenfalls mit den Schwierigkeiten der traditionellen Industrie konfrontiert. Sie verfügen jedoch nicht über die gleich guten Rahmenbedingungen, um diesen Strukturwandel zu bewältigen. Der strukturschwache südliche Teil des Kantons Glarus beispielsweise leidet unter der schlechten Standortattraktivität. Dahingegen bewältigt der nördliche Teil des Kantons Glarus dank gutem Anschluss an den Wirtschaftsraum Zürich den Strukturwandel recht erfolgreich. So schuf der Getränkehersteller Carlsberg in Ziegelbrücke durch die Einrichtung eines Handelszentrums im letzten Jahr über 200 neue Stellen. Pionierarbeit in der Spitzenindustrie wird im glarnerischen Mollis geleistet, wo die Firma Marenco Swisshelicopter den ersten komplett in der Schweiz produzierten Helikopter entwickelt. Ebenfalls im hoch spezialisierten Fahrzeugbau tätig ist die Stadler Rail Group, das Aushängeschild der Ostschweizer Industrie. Im Jahr 1989 zählte der im thurgauischen Bussnang ansässige Schienenfahrzeughersteller 18 Mitarbeitende. Inzwischen beschäftigt Stadler Rail in Bussnang und in Altenrhein SG über 2500 Personen und illustriert die Innovationskraft und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in der Ostschweiz.
Mittlere Standortattraktivität innerhalb der Schweiz
Ein entscheidender Faktor für die Erfolgschancen bei der Bewältigung des Strukturwandels stellt die Standortattraktivität dar. Grafik 5 zeigt die Aufschlüsselung des eingangs erwähnten Attractiveness Index für die Ostschweiz im Vergleich mit dem Schweizer Mittel. Dabei ragt der weit überdurchschnittliche Index bei der Besteuerung von Unternehmen heraus, wobei ein hoher Wert ein niedriges Besteuerungsniveau anzeigt. Bezüglich tiefer Steuerlast belegt die Ostschweiz unmittelbar hinter der Zentralschweiz einen Spitzenplatz innerhalb der Schweiz und positioniert sich damit als attraktiver Standort von Firmensitzen.Auch hinsichtlich der Besteuerung von hoch qualifizierten Arbeitskräften weist die Ostschweiz ein tieferes Niveau auf als die Gesamtschweiz. Dennoch ist die Ostschweiz für Hochqualifizierte nur bedingt attraktiv. Dies zeigt sich beim Blick auf die deutlich unterdurchschnittliche Tertiärquote der Ostschweizer Bevölkerung. Begründet liegt dies hauptsächlich im knappen Angebot attraktiver Arbeitsstellen mit vergleichsweise wenigen multinationalen Firmen und einem Lohnniveau für anspruchsvolle und schwierige Arbeiten, das gut 15% unter dem schweizerischen Mittel liegt.Einen grossen Nachteil hinsichtlich der Qualität der Standortfaktoren besitzt die Ostschweiz in der Erreichbarkeit. Sowohl bezüglich nationaler wie kontinentaler Erreichbarkeit sind die Werte der Region im Rahmen des Attractiveness Index unterdurchschnittlich. Durch die gute Anbindung einiger Teilgebiete an Zürich besteht arbeitnehmerseitig nichtsdestotrotz eine enge wirtschaftliche Verflechtung mit dieser Region. Die Ostschweiz besitzt den höchsten relativen Wegpendlerüberschuss aller Grossregionen. Auch bezüglich Grenzgänger erweist sich die Randlage der Ostschweiz als Herausforderung. Insbesondere aufgrund der attraktiven Arbeitsplätze der Unternehmen in Liechtenstein ist sie die Grossregion mit dem höchsten Grenzgängerabfluss.
Branchenmix als Hypothek für die Zukunft
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Ostschweizer Wirtschaft in der letzten Dekade erfreulich entwickelt hat. Angeführt von stark expandierenden Unternehmen in der Spitzenindustrie, bewirkte der Wandel in der Branchenstruktur einen deutlichen Produktivitätszuwachs und ein landesweit leicht überdurchschnittliches Wachstum des realen BIP. Gleichzeitig ist mit der hohen Bedeutung der Investitionsgüterindustrie ein gewisses Abhängigkeitsrisiko verbunden. Die immer noch vergleichsweise grosse traditionelle Industrie dürfte weiter an Bedeutung verlieren. Auch die Spitzenindustrie – insbesondere der Maschinenbau – kämpft mit schwierigen Rahmenbedingungen, wie etwa der mittelmässigen Standortattraktivität bei eher hohen Produktionskosten im internationalen Vergleich. Ohnehin bedeutet das weiterhin unterdurchschnittliche Gewicht der wertschöpfungsintensiven Branchen eine grosse Herausforderung für die Ostschweizer Wirtschaft. Ein weiter vorangetriebener Strukturwandel stellt die Bedingung für eine erfolgreiche Entwicklung dar. Angesichts des aktuellen Branchenmix und der mittelmässigen Standortattraktivität im nationalen Vergleich dürfte die Ostschweiz im nächsten Jahrzehnt zu den weniger rasch expandierenden Regionen gehören.
Andreas Eberli Wissenschaftlicher Mitarbeiter, BAK Basel Economics
Die Stadler Rail Group kann als Aushängeschild der Ostschweizer Industrie bezeichnet werden. Im Jahr 1989 zählte der Schienenfahrzeughersteller noch 18 Mitarbeitende, inzwischen sind es über 2500.
Foto: Keystone
Zitiervorschlag: Eberli, Andreas (2014). In der Ostschweiz dominiert die Investitionsgüterindustrie. Die Volkswirtschaft, 15. November.