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Kraniche fliegen hoch
par Katja Fries
Publié le 02/08/2016
Schon im ersten Kapitel bietet New York zur Jahrhundertwende ein Bild des Elends, wenn der Tod in Strömen den East River hinunter gespült wird. Die Leichen der kleinen Leute bestimmen das Tagesgeschäft des Schiffskapitäns, dessen Arbeit als Totengräber tonangebend für den Roman ist. Die Toten des Ghettos machen keine Schlagzeilen, stattdessen feiert Gerhard Hauptmann in Berlin eine «unaussprechliche» Premiere nach der anderen, die der Zeitungsjunge Berl, der uneheliche Sohn des Schiffskapitäns, mit seinen Extra-Rufen in Manhattan an den Mann bringt. Und auch wenn «die Welt einen anständigen Zeitungsjungen nicht mit anständigen Nachrichten versorgt», so kämpft sich Berl hoch und erfindet nebenbei seine eigene Geschichte. Die schwangeren Frauen aus der Orchard Street taufen den singenden Jungen den «kleinen Caruso», da seine Lieder sie für kurze Zeit beglücken und ihre Misere vergessen lassen:
Von nun an verbrachte Berl die Abende mit Herschel, die Tage aber bei den Frauen. Der Alte erzählte ihm noch mehr über die Gebote und Verbote, die traurigen und heiteren Feste der Juden, über das nicht enden wollende Bemühen seiner Leute, sich sündenfrei zu halten. Eine große, unnötige und aussichtslose Anstrengung, wie es Berl schien. Denn sein Tag gehörte der Sünde. Nachdem Herschel das Haus verlassen hatte und bei der Delancey Street um die Ecke abgebogen war, lief er jedes Mal zur Wohnung der Schwangeren hinüber, wo er mit kleinen Seufzern und Ausrufen empfangen wurde. «Da ist er ja, unser kleiner Caruso!», riefen die einen. «Da ist er, der Mann, der das Glück bringt!», die anderen. So hatte ihn Betsy getauft, eine kleine, rothaarige Irin, die von ihrem Zuhause an der Elisabeth Street aus nur wenige Straßen hatte überqueren müssen, um ihre Schande wegmachen zu lassen. (S. 183)
Im Gegensatz zum Grossstadtlärm aus «dem Bauch der Metropole» bringt Elenas Grossmutter nach etlichen Totgeburten zwar nicht den erwünschten Sohn, jedoch eine gesunde Tochter im Donau-Delta zur Welt. Der Fischer Vanea, der Liebhaber der Kraniche, tauft seine Tochter nach der Mutter Elena. In diesem unberührten Naturreservat, wo die Donau im Osten Rumäniens in das Schwarze Meer mündet, wird die Stille einzig vom Raspeln der Schilfrohre oder dem Klappern der Störche gestört. Florescus sensibel gezeichnete Sprachbilder schaffen mit ihrer durchdringenden Körperlichkeit und Personifikation immer wieder eine lebendige Atmosphäre: «Das Delta hatte einen Atem. Es atmete im Frühling ein und im Spätsommer wieder aus. Auch das konnte man hören, wenn man geduldig war.» An diesem Ort unberührter Natur, «wo man nur einen Fingerbreit von Gott, aber auch vom Teufel entfernt war», scheint die Zeit eine andere zu sein, was die Zeitungslektüre unterstreicht:
«Lies lauter! Ich will auch wissen, was in der Welt passiert.»
«Aber es sind Nachrichten aus dem letzten Jahr. Von 1919. Inzwischen sind doch andere Dinge geschehen.»
«Das erfahren wir nächstes Jahr. Jetzt lies endlich vor!» [...]
«Hier ist eine Nachricht aus Deutsch-land,» buchstabierte er.
«Ich habe noch nie etwas von solch einem Land gehört. Was soll dort passiert sein?»
«Rosa Lu-xem-burg ermordet. Am 15. Januar.»
«Wer weiß, in welchen Kreisen sie sich herumgetrieben hat. Weiter!»
«Spartakus-Aufstand in Berlin. Auch im Januar. Dann steht da etwas über irgendwelche Berliner Märzkämpfe. Eintausendzweihundert Leute sind hingerichtet worden.»
«Das sind doch so viele wie in ganz Maliuc, Crisan, Uzlina und Murighiol zusammen!», rief Vanea.
«Weißt du, was ein Aufstand ist?», fragte der Junge, und Vanea legte seine Stirn in Falten.
«Ein Aufstand», sagte er nach einer Weile, «ist, wenn jemand aufsteht, der vorher hingefallen ist. Das ist ein Aufstand.» Zufrieden über seine Definition befahl er: «Lies weiter!»
«Hier ist was vom Mai. Reichs-wehr-trup-pen besetzen Mün-chen und kämpfen gegen Kom-mu-nis-ten. [...] Deutsche De-le-ga-tion unterschreibt Frie-dens-ver-trag von Versail-les. Es gab dabei keine Toten.»
«Jetzt fällt es mir wieder ein: Deutschland ist ein Land im Westen und hat den Großen Krieg begonnen. Das sagen die Männer in der Kneipe.» (S. 58f.)
In diesem, sich aus alten Schlagzeilen erschliessenden Geschichtsunterricht erhält Rumänien ein Gesicht: Ein Land, das sich nach dem 1. Weltkrieg von der ungarischen Armee befreite, Budapest besetzte, sich darauf wieder zurückzog und Transsilvanien einnahm. Auch Amerika, das Land der Träume, lernt Vanea aus der Zeitung kennen.
Dort hörte Vanea auch zum ersten Mal etwas über Amerika. Ein Luftschiff hatte elf Tage gebraucht, um bis nach Europa zu fliegen ein anderes war über einer Stadt, die Chicago hieß, abgebrannt. Man verhaftete Anarchisten und brachte Schwarze um. Bomben gingen hoch an einer Straße, die offenbar von Bedeutung war: Wall Street. Ein gewaltiger Orkan tötete in einem Golf namens Mexiko sechshundert Menschen. Jetzt wussten sie immerhin, dass Amerika an ein Meer grenzte, das vielleicht so groß war wie das Schwarze Meer. (S. 60f.)
Nach Amerika zieht es auch Elenas Mutter, die in einem Friseursalon in Sulina Arbeit findet und hier mit den neuen Rhythmen Amerikas, den Songs wie Cheek to Cheek, Let’s Face the Music and Dance, Puttin’ on the Ritz oder Blue Skies vertraut wird. Nicht nur von der Musik Irving Berlins, sondern auch von Petru, dem Sohn eines Kunden, der einst Fischer am Ende der Welt und nun mit weißen Handschuhen im berühmten Moskovitz & Lupovitz in New York kellnert, träumt Elenas Mutter. Doch aus dem Traum von einem besseren Leben in Amerika an der Seite Petrus wird nichts. Wie schon Vanea, ihr leiblicher Vater, so erkrankt die Mutter an der Lepra und muss in die Isolierstation bei Tulcea ziehen. Hier wird die dritte Elena geboren, die von der Seuche verschont bleibt, aber der Mutter mit nur einem Jahr entrissen wird. Die oft tragischen Familienbeziehungen bestimmen die Romanhandlung, die aber immer wieder gekonnt durch Flashbacks oder Vorwegnahmen und nicht zuletzt durch kontrastreiche Komik oder spitze Sozialkritik, bspw. an die Häuserwände Manhattans projiziert, gebrochen wird. In die USA reist die dritte Elena mit einem Gurkenglas, das die Asche der Mutter enthält, um diese auf der Aussichtsterrasse der Zwillingstürme zu verstreuen:
Ich war endlich entschlossen, mein Vorhaben umzusetzen. Ich suchte die nächste U-Bahn-Station auf und fuhr zur Chambers Street. Anstatt aber direkt auf den Südturm zuzugehen, wanderte ich um die beiden Türme herum. Ich machte ihnen den Hof. Ich wusste, was für eine Art Spiel ich spielte. Dass ich die Asche nicht einfach hergeben wollte.
Ich ging durch die Querstraßen Downtowns und spähte von jeder Ecke aus nach den Türmen. Oft waren sie sehr gut zu sehen, wenn auch nur das oberste Drittel. Manchmal schoben sich andere Bürohäuser davor und versperrten mir die Sicht.
Ich wich zurück auf den West Broadway und die Greenwich Street, ging sogar noch weiter weg, von wo aus sie sich geisterhaft am Himmel abzeichneten. Kurz vor dem Washington Market Park waren sie wieder besser zu sehen. Trotz der vielen Hochhäuser gab es noch Backsteinhäuser, deren Feuerleitern die Verzierungen und Ornamente vornehmerer Häuser ersetzten. Es war die einzige Zierde der Wohnorte der Armen. Die Plattenbauten aus meiner Heimat hingegen standen nackt da, denn weder Verzierung noch Fluchtwege waren vorgesehen. (S. 245)
Dieser bild- und kontrastreiche Exilroman, der zeitweise an Klassiker der deutschen Literatur erinnert wie Wagners Sturm-und-Drang-Drama Die Kindermörderin oder Jahrestage, Johnsons Roman der Postmoderne, schreckt selbst vor der Realität des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht zurück, wenn Elenas privates Vorhaben durch jene die Welt verändernde Tragödie des 11. Septembers unmöglich wird. So muss sich die Heldin dieses zeitgenössischen Epos plötzlich selbst vor den über sie einstürzenden Türmen des World Trade Centers in Sicherheit bringen. Aber hier wird dem Gevatter Tod frech ins Gesicht gelacht, wenn sich das Gurkenglas öffnet und sich die Asche der Mutter mit jener der Toten mischt. Elena findet schliesslich in einem Kellertheater Zuflucht, wo, Phöbus gleich, die Liebe ihres Lebens auf der Bühne steht: Es ist Ray, der Mann, der ihr das Glück bringt.
Florescu ist ein mitreissender Erzähler, dessen faszinierender Jahrhundertroman sich nach seinem preisgekrönten Familienepos Jakob beschließt zu lieben (2010) als schwarze Komödie entpuppt. Das zuweilen grotesk inszenierte Aufeinanderprallen der trügerischen Idylle einer pittoresken Provinz Rumäniens mit der makabren Metropole New Yorks der Jahrhundertwende gibt sich als ein kulturkritisches Lehrtheater. Doch trotz der dunkel drapierten Kulisse eines allzu reisserisch geschilderten Totentanzes in Ost und West entwickelt sich dieses fast barocke Werk zu einem memento mori. Die bewegende Geschichte zeigt Menschen auf der Flucht, damals wie heute – zum Glück immer wieder gewürzt mit einer Prise jüdischen Humors.