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Schatzmann, Rudolf (1822-1886)--DB3066
Person
Lebensdaten
05.06.1822-15.06.1886
Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort
Saanen
Zivilstand, Konfession, Nachkommen
Verheiratet mit Anna Schatzmann-Immer; zwei Kinder
Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen
Pfarrerssohn
Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit
Ausbildung
Studium der Theologie in Bern und Göttingen 1841-1846; Gymnasium 1835-1837
Berufsausübung
Milchversuchsstation Thun (Gründung 1873), ab 1875 Lausanne: Direktor 1872-1886; Lehrerseminar in Chur: Direktor 1869-1872; Landwirtschaftliche Schule Kreuzlingen: Letzter Direktor 1864-1869 (als Nachfolger von Römer, Friedrich--DB2909); Pfarrer in Vechigen bei Bern 1859-1864, Frutigen BE 1850-1859, Guttannen BE 1847-1850
Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen
Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verein (SAV): Präsident 1866-1886 (Nachfolger von Schild, Joseph (1824-1866)--DB3100 und Vorgänger von Vigier, Victor (1816-1890)--DB3648), Vizepräsident 1963-1866, erster Redaktor der "Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Monatsblätter" 1867-1886 (Vorgänger von Rödiger, Fritz (1824-1909)--DB2898); Oekonomische Gesellschaft Bern (OeG): Präsident 1864 (als Nachfolger von Dähler, Jakob--DB772 und Vorgänger von Greyerz, Emil von (1811-1869)--DB1339), "Bernische Blätter für Landwirthschaft" : Redaktor 1862-1865 (Nachfolger von Fellenberg-Ziegler, Albert von (1819-1902)--DB1028 und Vorgänger von Fellenberg-Ziegler, Albert von (1819-1902)--DB1028), Sekretär 1861-1864 (als Nachfolger von Fassbind, Franz--DB993 Vorgänger von Reisinger, Karl--DB2818); "Landwirtschaftliche Zeitung" : Mitarbeiter; SAV-Expertenkommission zur Prämierung der Luzerner Alpen: Mitglied 1878; Bündner Bauernverband: Präsident 1870-1873 (als Nachfolger von Wassali, Friedrich (1820-1882)--DB3739 und Vorgänger von Franz, Max--DB1102)
Funktionen in anderen Institutionen
Funktionen in der Politik
Biographische Skizze
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich neben Bauern, Käsern, Alphirten und Käsehändlern auch an Universitäten ausgebildete Forscher mit Milch und Milchprodukten zu beschäftigen. Letztere hinterfragten mit wissenschaftlich-empirischen Methoden die auf Überlieferung und Erfahrung basierenden, regional stark divergierenden Produktions- und Verarbeitungsmethoden. Einer von ihnen war Rudolf Schatzmann, der 1847 als 24-Jähriger in Guttannen seine erste Stelle als Pfarrer angetreten hatte, zu der auch eine Talwiese und ein Alpsömmerungsrecht gehörten. Anstatt, wie sonst üblich, seine Pfrund einem Bauern zu verpachten, griff der körperlich robuste Schatzmann selber zu Sense und Gabel, molk seine Kühe und übte sich in der Herstellung von Käse und Butter. Aus der zur Ergänzung des Pfarrlohnes und zur Selbstversorgung notwendigen Tätigkeit wurde alsbald eine Leidenschaft. Schatzmann studierte eifrig Literatur von naturwissenschaftlich und volkswirtschaftlich interessierten Autoren. Sein Anspruch bestand darin, deren Erkenntnisse mit traditionell überliefertem Wissen zu verbinden und auf den Nutzen für die Praxis der Milchwirtschaft im Alpenraum zu überprüfen.
Schatzmanns wachsendes Interesse an der Produktion und Verarbeitung von Milch sowie sein Drang zur Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse führten ihn Mitte der 1850er-Jahre in die Oekonomische Gesellschaft Bern. Von 1860 an amtierte er als deren Sekretär und 1864 war er für ein Jahr Präsident. Von 1862 bis 1865 war er zudem Redaktor der Bernischen Blätter für Landwirtschaft. In den 1860er-Jahren machte Schatzmann die Milchwirtschaft zum Thema in der Oekonomischen Gesellschaft Bern, in den 1870er-Jahren wurde sie zu seiner Lebensaufgabe, nachdem der Alpwirtschaftliche Verein ihn 1872 zum Direktor der neu eröffneten Milchversuchsstation in Thun ernannt hatte. Neben Versuchen – etwa über die Wirkung des Labs, die Herstellung von Butter oder die Kontrolle des Fettgehalts der Milch – widmete er sich besonders der Wissensvermittlung: Die Versuchsstation solle eine «Lehr und Auskunftsanstalt sein». In Kursen, auf Wandervorträgen, durch das Ausstellen von Geräten und Musterplänen zum Bau von Käsereien, Alpsennereien und Ställen und durch Publikationen – meist in den Alpwirtschaftlichen Monatsblättern – versuchte er, seine Erkenntnisse unter Bauern, Käsern und Alphirten zu verbreiten. Jüngere, naturwissenschaftlich ausgebildete Exponenten der Milchindustrie wie Niklaus Gerber kritisierten denn auch, Schatzmann betreibe gar «keine Milchversuchsstation, sondern eine Auskunftsstelle».
Für besonders wichtig hielt Schatzmann die Verbesserung der Qualität der Milch und der Milchprodukte, besonders des für den Export bestimmten Emmentalers. In einer Zeit, da die Vorstellungen darüber, was ein guter Käse sei, noch weit auseinander gingen, vertrat er die moderne Auffassung, Qualität sei objektiv messbar. Gleichzeitig wusste er um die heiklen, schwer kontrollierbaren Reifungs- und Gärungsprozesse. Deshalb nahm er nicht allein das Endprodukt, sondern ebenso stark den Prozess der Herstellung ins Visier. Guter Käse, so Schatzmann, sei Käse aus Milch mit einem hohen Gehalt an Fett und Eiweiss und mit einer möglichst geringen Zahl von Keimen und Fremdbestandteilen. Er verstand Qualitätssicherung als Prozess, der das verderbliche Ausgangsprodukt Rohmilch ebenso betraf wie alle Herstellungsschritte und die daran beteiligten Akteure. Damit die Käser die chemisch-physikalischen Vorgänge im Gärungsprozess unter Kontrolle bringen konnten, mussten auch Produktion und Behandlung der Milch standardisiert und kontrolliert werden können. In der Anleitung zur Behandlung und Untersuchung der gesunden und der kranken Milch auf dem Bauernhof und in der Käserei forderte er umfassende Sorgfalt: von den Produzenten bei der Fütterung und Behandlung der Tiere und bei der Einhaltung der von ihm aufgestellten Werte punkto Sauberkeit und Klima im Stall, von den Verarbeitenden eine umsichtige Behandlung der Milch bei der Verkäsung. Die Milch sei akribisch auf ihren Gehalt an Fett und Wasser zu prüfen und die Käser sollten die Feuchtigkeit im Käsekeller genau kontrollieren. Die dazu notwendigen Geräte wie den Cremometer zur Bestimmung des Fettgehalts oder die Lactodensimeter zur Bestimmung der Milchdichte bot die Milchversuchsstation gleich selber zum Kauf an. Und die Messresultate mussten in standardisierten Aufzeichnungsjournalen protokolliert werden.
Für Schatzmann war die Qualitätsförderung kein Selbstzweck, sondern ein wirksames Mittel zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Nur durch Qualität könne der Platz auf dem Weltmarkt gehalten werden, argumentierte er. Deshalb wollte er auch das betriebswirtschaftliche Denken unter den Bauern und Käsern fördern – schliesslich sei die Milch deren «Haupterwerbsquelle». Ein Wirtschaftsförderer im modernen Sinne also? Auch, aber bei weitem nicht nur. Denn für Schatzmann war die Milch wegen ihres Nährwerts ein «Volksnahrungsmittel». Er äusserte sich besorgt über den rückläufigen Milchabsatz und den gleichzeitig steigenden Branntweinkonsum. Dem Vorwurf, die Milch sei als Folge der stark gestiegenen Käseherstellung für Minderbemittelte zu teuer geworden, widersprach er hingegen vehement. Die Milchpreise seien in Relation zu den Preisen anderer Nahrungsmittel und zum Nährwert der Milch zu stellen. Vielerorts sei ja gerade erst durch die Dorfkäserei die Milch breiten Bevölkerungsschichten «in gesunder und unverfälschter Form» zugänglich geworden. Zudem sei sie dort «gewöhnlich billiger zu erhalten als bei den Milchhändlern». Er unterstützte deshalb auch die Genossenschaftsbewegung zur Verbesserung der Milchversorgung in der Schweiz. Auf einer Deutschlandreise hatte er die neu gegründeten Milchgesellschaften in Hamburg und Magdeburg aufgesucht und die Vorteile einer genossenschaftlich organisierten Milchverarbeitung auch für die Trinkmilchversorgung kennen gelernt.
Mit den Qualitätsanforderungen und Untersuchungsmethoden, die er nach und nach entwickelte, wurde Schatzmann zum Wegbereiter des Qualitätsprinzips, wie es für Milch und Milchprodukte im 20. Jahrhundert zum Standard wurde: «Die Verwendung einer nach strengen Vorschriften erzeugten, zweimal täglich abgelieferten, nicht zu weit transportierten und gewissenhaft kontrollierten Rohmilch.» Und Schatzmanns Bestreben, der rasch wachsenden städtischen Bevölkerung Zugang zu frischer und gesunder Milch zu ermöglichen, nahm im Grunde das nach dem Ersten Weltkrieg von Behörden, Milchverbänden und Konsumgenossenschaften gemeinsam entwickelte Konzept eines Service public bei der Trinkmilchversorgung vorweg.
Als Präsident des SAV hatte Schatzmann engen Kontakt zum Präsidenten des 1863 gegründeten Schweizerischen Landwirtschaftlichen Vereins Tschudi, Friedrich von (1820-1886)--DB3616. Zudem arbeitete er mit Planta, Andreas Rudolf von (1819-1889)--DB2729 zusammen, der ihn als Seminardirektor nach Chur holte.
Autor: Beat Brodbeck
Quellen und Literatur
Eigene Publikationen
- Die Butterfabrikation, 1868
- Über Organisation und Führung landwirtschaftlicher Fortbildungsschulen, 1871
Quellen
- Alp- und Milchwirtschaftliches Monatsblatt Nr. 8, 1886
- Brugger, Hans: Die schweizerische Landwirtschaft 1850 bis 1914, Zürich 1978
- Tätigkeitsbericht OGG 1947
- Wahlen, Hermann: Rudolf Schatzmann 1822-1886. Ein Bahnbrecher der schweizerischen Land-, Alp- und Milchwirtschaft und ihres Bildungswesens, Münsingen 1979
- Brodbeck, Beat: Gesunde Milch für alle - Credo und Lebenswerk des Pfarrers Rudolf Schatzmann, in: Martin Stuber, Peter Moser, Gerrendina Gerber-Visser und Christian Pfister, unter Mitarbeit von Dominic Bütschi (Hg.), Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG (1759-2009), Bern-Stuttgart-Wien 2009, S. 175-178
- AfA Personendossier Nr. 11
Schlagworte
Suisse - SchweizKanton BernKanton GraubündenKanton ThurgauKanton WaadtBündner BauernverbandLandwirtschaftliche Schule KreuzlingenOekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG)Schweizer BauerSchweizerische Alpwirtschaftliche MonatsblätterSchweizerischer Alpwirtschaftlicher Verein (SAV)