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Aus dem Nichts in die (ungeplante) Selbstständigkeit brachte meinen angeschlagenen, kaum mehr vorhandenen Nerven eine neue Herausforderung: Geldsorgen und Schlafstörungen (mehr als vorher), den Frust, dass ich dann, wenn ich Energie gehabt hätte, keine Arbeit hatte oder umgekehrt.
Wenn ich heute, nach sechs Jahren zurückblicke, kann ich erkennen: Die ersten Jahre meiner Selbständigkeit hatten oft einem Wettrennen geglichen:
Gewinnt das Monatsende indem es mit seinen Rechnungen schneller da ist als Aufträge, sprich Einnahmen? Oder schaffe ich es genug Aufträge zu generieren um finanziell über die Runde zu kommen? Wie vollbringe ich den Spagat, dass ich nicht nur arbeite um Geld zu verdienen sondern weil mir das, was ich tue, Freude bereitet? Und wie schaffe ich, dass das so bleibt?
Ich wollte nicht mehr nur arbeiten um zu
Arbeiten, um Geld zu haben für Wohnung, Pferd, Krankenkassenbeiträge, Nahrungsmittel, Steuern, Auto, Natel usw. Arbeiten um Anerkennung zu haben von Chef, Gesellschaft, Eltern. Arbeiten um in die Ferien zu können usw.
Stattdessen wollte ich das Arbeiten, was mir und anderen Freude bringt. Etwas, das bleibt und sinnvoll ist. Etwas, das mein Leben und das Leben der Menschen für die ich arbeite, bereichert. Und ich wollte nicht in die Spirale des mehr mehr mehr rutschen. Im Hinterkopf habe ich dazu immer eine meiner Lieblings-Weisheits-Geschichten. Die Geschichte vom Fischer:
Ein Banker stand in einem kleinen mexikanischen Fischerdorf am Pier und beobachtete, wie ein kleines Fischerboot mit einem Fischer an Bord anlegte; er hatte einige grosse Thunfische geladen.
Der Banker gratulierte dem Mexikaner zu seinem prächtigen Fang und fragte, wie lange er dazu gebraucht habe.
Der Mexikaner antwortete: ” Nicht lange ein paar Stunden nur.”
Warum er denn nicht länger auf See geblieben sei, um noch mehr zu fangen, fragte der Banker. Der Mexikaner sagte, die Fische reichten ihm, um seine Familie die nächsten Tage zu versorgen.
Der Banker bohrte weiter: “Aber was tust Du denn mit dem Rest des Tages?”
Der Fischer: “Ich schlafe morgens aus, gehe ein bisschen fischen; spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau Maria nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe im Dorf spazieren, trinke dort einen feinen Tee und spiele Gitarre mit meinen Freunden, so habe ich ein ausgefülltes Leben”.
Der Banker erklärte: “Ich bin ein Harvard-Absolvent und könnte Dir ein bisschen helfen. Du solltest mehr Zeit mit Fischen verbringen und von dem Erlös ein grösseres Boot kaufen. Damit könntest Du mehrere Boote kaufen, bis Du eine ganze Flotte hast. Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könntest Du direkt an eine Fischfabrik verkaufen und schliesslich eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen. Du könntest Produktion, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren. Du könntest dann dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Mexiko City, Los Angeles oder vielleicht sogar nach New York City umziehen, von wo aus Du dann Dein florierendes Unternehmen leitest.”
Der Mexikaner fragte: “Und wie lange wird dies alles dauern?”
Der Banker antwortete: “So etwa 15 bis 20 Jahre.”
“Und was dann?” fragte der Fischer.
Der Banker lachte und sagte: “Dann kommt das Beste. Wenn die Zeit reif ist, könntest Du mit Deinem Unternehmen an die Börse gehen; Deine Unternehmensanteile verkaufen und sehr reich werden. Du könntest Millionen verdienen.”
Der Mexikaner meinte: “Millionen. Und dann?”
Darauf der Banker: “Dann könntest Du aufhören zu arbeiten. Du könntest in ein kleines Fischerdorf an der Küste ziehen, morgens lange ausschlafen, ein bisschen fischen gehen, mit Deinen Kindern spielen, eine Siesta mit Deiner Frau halten, im Dorf spazieren, am Abend einen feinen Tee geniessen und mit Deinen Freunden Gitarre spielen.”
Fall seven times, stand up eight
Als ich meinen Job wegen gesundheitlicher Probleme kündigte, dachte ich, ich mache 2-3 Monate Pause und suche mir dann etwas Neues.
Nach einem halben Jahr war ich immer noch nicht auf den Beinen.
Manchmal, da geht einfach nichts mehr. Ich blieb liegen - im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich schlief viel.
In dieser Zeit fehlte mir die Kraft für alles.
Was nicht überlebenswichtig war, blieb liegen. Ich, die früher für 2 arbeiten konnte, auch 7 Tage die Woche, schämte mich dafür, dass ich nicht einmal mehr fähig war Wäsche zu waschen oder Aufzuräumen.
Zum Arzt zu gehen war keine Option mehr, denn inzwischen war ich ohne Versicherungsschutz und hatte bereits 6 Monate 'Pause' aus meinen Ersparnissen finanziert. Das RAV war ebenfalls keine Option - denn wie sollte ich mich für Stellen bewerben und meine Arbeitskraft anbieten, wenn ich nicht einmal die Energie hatte um den Geschirrspüler auszuräumen? Zudem wollte ich, bis ich wieder arbeiten konnte, niemandem auf der Tasche liegen, auch dem Staat nicht.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich komplett zurück gezogen. Nach 4 Monaten mehrheitlich schlafen und nur das überlebensnotwendigste tun, waren das einzige, für das meine Kraft irgendwann wieder reichte, Spaziergänge im Wald. Eines Tages, im November 2009, nahm ich dazu meine Canon mit.
Das war die Geburtsstunde meiner heutigen Fotografie.
Ich wollte mich nicht selbständig machen
Daher hatte ich auch keinen Plan, wie das funktionieren könnte. Während ich noch angestellt war, träumte ich ab und an von 50:50. Mindestens 50% fest angestellt zu sein damit die Fixkosten gedeckt sind und ich Versicherungsschutz habe. Die restliche Zeit für die Freiheit so viel wie ich mag das zu Arbeiten, was mir richtig Freude macht.
Hätte ich das gewusst, wäre ich den Weg nicht gegangen
Körperliche Beschwerden kamen und gingen. Einige - wie mein 24h schmerzhaftes, nicht mehr belastbares Knie (Überbelastung durch das Fotografieren) - blieben über Jahre.
Ein Arzt war nach wie vor keine Lösung, denn selbst wenn ich krankgeschrieben worden wäre, war da keine Versicherung, die dafür bezahlt hätte. Also sparte ich mir das Geld für die Arztrechnung und humpelte zu den Shootings. Aufgrund der Schmerzen konnte ich zwar weniger Termine abmachen, aber das war besser als gar nichts. Ein Tag Shooting, zwei Tage Knie schonen.
Wie wenig Ahnung ich hatte, was es heisst selbständig zu sein, erkannte ich drei Jahre später (und auch noch viele weitere Male), als mein Versicherungsberater mir erklärte, was alles passieren könnte und was für Versicherungen alles nötig wären - nur schon für eine Grund-Absicherung. Wie es für mich aussieht, wenn ich krank würde, weil ich keinerlei Versicherungen hatte.
Ich erschrak nicht nur, weil ich bisher nichts davon wusste, sondern - wie ich dann sogleich feststellte - weil ich mir auch die Prämien gar nicht erst leisten konnte.
Ich bin nicht der Typ Mensch der Über-Versicherung und doch wurde mir bewusst, welche Privilegien eine Anstellung bei einem Arbeitgeber mit sich bringen kann, da der Arbeitgeber nebst vielen anderen Risiken auch einen grossen Teil der Prämien trägt.
Und so kam es, dass ich weiter ohne jeglichen Versicherungsschutz arbeitete. An die AHV Kasse bezahlte ich den Mindestbetrag um dort keine Ausfallslücke entstehen zu lassen.
Als wäre es gestern gewesen, weiss ich noch, wie ich bei diesem Gespräch dachte - und es sogar laut ausgesprochen habe:
‚Zum Glück habe ich das vor drei Jahren nicht gewusst, sonst wäre ich den Weg nie gegangen‘.
Im ersten Jahr wollte ich jede Woche einmal aufgeben.
Im zweiten Jahr immernoch mindestens jeden Monat einmal.
Immer dann, wenn ich aufgeben wollte, war ein kleines Wunder zur Stelle.
Menschen, die mir nahe standen und immer mehr weitere, die ich gar nicht kannte, machten mir Komplimente. Mein Freund erinnerte mich daran, wie viel ich schon erreicht hatte, wie weit ich schon gekommen war.
Jemand hatte einmal die Idee, ich solle doch Ausgaben und Einnahmen grob in einer Exceltabelle aufführen um zu sehen, ob es auf- oder abwärts geht. Und um mich zu motivieren, wenn ich sehe, dass es sich positiv verändert. Es veränderte sich - sehr langsam aber doch immerhin in die gewünschte Richtung - und so gab ich mir ein weiteres Jahr und noch eins und noch eins.
Diese Wunder wiederholten sich immer wieder, auch heute noch. Bei jedem Rückschlag war jemand zur Stelle um mich daran zu erinnern, dass das Gute überwiegt, dass ich Fortschritte mache. Jemand, der mich ermunterte weiter zu machen.
Einmal las ich irgendwo, dass man jeden Tag jemandem helfen oder etwas nettes sagen soll, denn es könnte sein, dass man der einzige ist, der dies tut und dass es den weiteren Verlauf des Lebens dieses Menschen verändern könnte... es braucht so wenig: Ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine liebe Geste. Vielleicht kennst du dieses Gefühl?
Deine Freude zeigt dir deinen Weg
Und so entschied ich mich jedesmal, es ein weiteres Mal zu versuchen und noch nicht aufzugeben.
Ganz nach meinem beliebten Motto, wenn ich irgendwo spazieren gehe: 'nur noch um diese Ecke schauen' und 'oh nur noch um diese Ecke, dann ists gut'. 'Ach, da war jetzt nichts spezielles zu sehen, also gehe ich eine weitere Ecke, das ist wirklich die letzte, ganz sicher' und dann weiter mit 'wow das ist so schön hier, was ist denn wohl hinter der nächsten'.
So umrundete ich schon einmal eine ganze Insel ohne es vor zu haben. Und unter anderem aufgrund dieser Eigenschaft von mir stehe ich heute wohl da wo ich bin.
Meine Website 2011 und heute
Heute kann ich darüber lächeln und sehe es als grosses Glück an, dieses Nichtwissen.
Es war genau die richtige Prise Naivität, die meinen Weg ermöglichte und ihm die nötige Portion Unbeschwertheit schenkte.
Angekommen? Nein. Ich möchte immer wieder um die Ecke schauen.