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Der Hochgeschwindigkeitszug braucht 30 – 40 Minuten von Shanghai bis Suzhou. Um ein Billett zu kaufen, brauche ich etwa dreimal so lang. Ausländer können am Billettautomaten kein Bahnbillett kaufen, weil die Maschine ihre ID nicht lesen kann und so nicht weiss, ob sie reiseberechtigt sind. Nach einigem Suchen finde ich dann die Billettschalter, die sich nicht im Bahnhof, sondern etwas abseits in einer benachbarten Strasse befinden. Hier ist alles nur noch chinesisch angeschrieben. Die Langnasen, wie wir offenbar – im Gegensatz zu Schlitzaugen – genannt werden, sind aber in solchen Situationen solidarisch. Neben sehr vielen Chinesinnen und Chinesen hat es im Schalterraum noch zwei Russinnen. Wir tun uns zusammen und stehen an drei verschiedenen Schaltern an, in der Hoffnung, jemand werde den richtigen erwischen. Das ist zwar nicht der Fall, aber ein Schalterbeamter kann schliesslich englisch, hat Mitleid und verkauft uns die Billette.
Suzhou ist einiges älter als Shanghai, es liegt am „Kaiserkanal“, einer 1800 km langen Wasserstrasse vom Norden des Landes zum Yangtsekiang, ungefähr von Beijing nach Hangzhou. Im kaiserlichen China war der Kanal ein wichtiger Handelsweg und von grosser strategischer Bedeutung.
Suzhou wird Gartenstadt oder auch – nicht sehr originell – „Venedig des Ostens“ genannt. Viele Mandarine hatten hier wunderschöne Gartenanlagen erbaut, die heute zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Die Stadt ist von vielen Kanälen durchzogen. Einige Kanäle sind in Touristenzonen umgewandelt, an ihnen entlang kann man flanieren, einkaufen, Dumplings essen und Tee trinken. An anderen wird gewohnt wie eh und je. Man wäscht am Kanal die Wäsche und trocknet sie dort, die Toiletten der Quartiere befinden sich am Kanal und z.T. werden die Waren noch auf dem Kanal transportiert.
Die Schönheit der Stadt hat sich herumgesprochen, die bekanntesten Gärten sind übervoll mit Blumen und sich selbst knipsenden Touristen. Es gibt aber auch kleinere, weniger bekannte Gärten, in denen man durchatmen, am Wasser sitzen und grünen Tee trinken kann. Die chinesische Gartenbaukunst besteht darin, alles so wachsen zu lassen, dass man kaum merkt, wie die Natur sanft in Bahnen gelenkt wird. Ein guter Gartenbauer erreicht Harmonie zwischen Pflanzen, Steinen, Wasser, Bauten und Mobiliar. In solchen Gärten stimmt alles, es ist einem sofort wohl.
Zurück im Shanghai gehe ich am Abend in einer Nebenstrasse etwas essen. Dreistöckiges, einfaches aber offenbar beliebtes Restaurant mit „Hot Pots“ als Spezialität, wir würden sie Mongolentöpfe nennen. Ich erhalte einen Platz im obersten Stock. Um mich herum hat es drei weitere Tische, die mit Familien oder jungen Paaren besetzt sind. Sie gönnen sich zu viert oder sechst einen Mongolentopf. Friedliche Stimmung, alle rühren mit Stäbchen in ihren Töpfen herum, schwatzen, lachen. Als die erste Familie fertig ist und den Tisch verlässt, kommt eine Gruppe etwa 30- bis 40-jähriger Männer in unseren Stock. Leicht aufgeschwemmte Gesichter, wie man es bei Männern, denen es etwas zu gut geht, häufig sieht. Sie wollen offenbar den ganzen Stock für sich. Und sie beginnen uns rücksichtslos „auszuräuchern“. Alle stecken sich eine Zigarette an, sie sitzen auf die Tischkanten, gehen herum und qualmen drauf los, bis wir alle ruhig werden und unsere Tische räumen. Im ganzen Restaurant wird sonst nicht geraucht. Das Personal unternimmt nichts, ausser, dass es noch hektischer herumschreit als sonst und versucht, es dieser Gruppe so recht wie möglich zu machen. Ich mag falsch liegen, aber für mich sieht die Gruppe stark nach Schutzgelderpressern aus.