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Das Musikkollegium Winterthur feiert den deutschen Komponisten Johannes Brahms an einem sechstätigen Brahms-Festival. Damit erweist es eine Reverenz es an jene Jahre, als Brahms wiederholt in Winterthur ein und aus ging und seine Kompositionen vom Winterthurer Musikverleger Jakob Melchior Rieter-Biedermann veröffentlichen liess.
«Lieber Herr Brahms – Lieber Herr Rieter»
«Wohlan, es hat ein wackerer Mann, Herr Rieter-Biedermann in Winterthur, den Entschluss gefasst, dem Publicum und seinen Collegen, den Herren Verlegern, zu zeigen, dass ein Geschäft auch ohne Verbreitung schlechter Musik bestehen könne. Er hat seinen Verlag im Mai 1856 eröffnet … und sich dem gemäss an die besten deutschen Componisten gewandt …» So stand es in der Kölner «Niederrheinischen Musik-Zeitung». Nur eine kleine Korrektur ist hier anzubringen: Jakob Melchior Rieter-Biedermann, der älteste Sohn des Winterthurer Maschinenindustriellen Heinrich Rieter, eröffnete seinen Verlag bereits 1849. Doch gut Ding will Weile haben, und Rieter nutzte die Jahre, um bei den «besten deutschen Componisten» zu sondieren. 1856 schliesslich erschienen in seinem Verlag die beiden ersten Musikwerke, Theodor Kirchners «Albumblätter» op. 7 sowie Hector Berliozʼ «Les nuits dʼété».
«Wir drehen uns jetzt alle um Brahms»
Im selben Jahr 1856, im Mai, begegnete Theodor Kirchner – renommierter Pianist, Komponist und seit 1843 Stadtorganist in Winterthur – auf dem niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf zum ersten Mal Johannes Brahms. Bei dieser Gelegenheit machte er den Komponisten auf den Winterthurer Verleger Rieter-Biedermann aufmerksam. Kirchner waren die ersten Aufführungen von Werken Brahmsʼ in der Schweiz zu verdanken. Und so startete Brahms im August 1856 zu seiner ersten von insgesamt vierzehn Reisen in die Schweiz, zusammen mit seiner Schwester Elise sowie der seit wenigen Tagen verwitweten Clara Schumann und zweier ihrer Söhne. Die Reise führte zu einem ersten persönlichen Treffen mit Rieter-Biedermann, der bereits brieflich bei Brahms um Überlassung von neuen Kompositionen angefragt hatte.
Zwei Jahre später erschien schliesslich erstmals ein Werk von Brahms in Rieter-Biedermanns Verlag – «Volks-Kinderlieder mit hinzugefügter Clavierbegleitung, Den Kindern Robert u. Clara Schumannʼs gewidmet». Rieter-Biedermann war nicht nur ein qualitätsbewusster Verleger, er hatte auch grosses persönliches Interesse an der Musik – und am Musikleben in Winterthur. Bereits 1840 wurde er Bibliothekar des Musikkollegiums Winterthur und unterstützte das Orchester mit namhaften Beiträgen zur Veranstaltung von Konzerten. Er pflegte gute Kontakte zu Theodor Kirchner sowie zu dessen Nachfolger als Winterthurer Stadtorganist, Hermann Goetz. Von beiden verlegte er mehrere Kompositionen. Und nun stiess auch Brahms zu diesem Kreis. Kirchner meinte: «Wir drehen uns jetzt alle, jeder auf seine Weise, um Brahms, den ich, je länger ich mit ihm zusammen bin, immer mehr schätzen lerne. Der Mensch hat, abgesehen von seiner musikalischen Begabung, eine Fülle von Lebensweisheit und Tüchtigkeit der Gesinnung, wie ich sie selten gefunden habe.»
Das «geehrte u. liebe Fräulein»
Im Haus zum Schanzengarten, wo Rieter-Biedermann mit seiner Familie residierte und das über einen grossen Saal verfügte, wurde häufig musiziert. Die beiden Töchter Louise und Ida spielten vorzüglich Klavier, was Brahms sehr freute, zumal er wiederholt Gast im Schanzengarten war. Zum Beispiel im Frühling 1866 ganze fünf Wochen lang. Er genoss es, dass Rieter-Biedermanns Gattin Louise für sein Wohlergehen sorgte und auch seine Garderobe in Ordnung hielt. Der Dank des Komponisten blieb denn auch nicht aus: «Ich empfinde jeden Morgen dankbar, wie freundlich und ganz mütterlich Sie dafür gesorgt haben, dass es mir – zwar nicht wohler in meiner Haut – aber ausserordentlich wohler in meiner Wäsche ist …
Ja, mehr noch: Mutter Louise und Tochter Ida halfen Brahms, der mit dem «Deutschen Requiem» beschäftigt war, passende Bibelstellen für die Vertonung zusammenzusuchen. Und sonst? Bemerkte keine der Frauen, was Clara Schumann bereits bei ihrem ersten Besuch in diesem Haus gespürt haben will und Brahms dann auch ans Herz gelegt hatte: dass Ida die passende Frau für ihn wäre? Kein Zweifel, Brahms mochte das «geehrte u. liebe Fräulein», wie er sie im einzigen erhaltenen Brief anredete: «Was meinte ich Alles zu sagen zu haben, wie fand ich Unser Einen so besonders berechtigt u. für befähigt dazu – u. wie überflüssig ist Alles in diesem schönen Fall.» Überflüssig geworden war alles durch Idas soeben stattgehabte Verlobung …
Winterthurer Brahms-Veröffentlichungen
22 Kompositionen liess Brahms zwischen 1858 und 1873 im Winterthurer Rieter-Biedermann-Verlag veröffentlichen, darunter so kapitale Werke wie das erste Klavierkonzert op. 15 (veröffentlicht 1861/62), den Liederzyklus «Die schöne Magelone» (1865/69), das Klavierquintett op. 34 (1865), die «Paganini-Variationen» op. 35 (1866) sowie «Ein deutsches Requiem» (1868). Weit über das rein Geschäftliche hinaus pflegte man auch einen freundschaftlich, ja vertrauten Umgang – «Lieber Herr Brahms» und «Lieber Herr Rieter» –, wovon die 165 Briefe von Brahms an seinen Verleger zeugen, die heute fast alle in der Stadtbibliothek Winterthur aufbewahrt werden. Von den Briefen Rieters an Brahms blieben leider nur wenige erhalten.
Bald einmal hatte Rieter-Biedermann seinen Verlag europaweit derart auf Erfolgskurs gebracht, dass er 1862 eine Verlagsfiliale in Leipzig, dem damaligen Musikzentrum Deutschlands, eröffnen konnte. Am 28. Januar 1876 verstarb der Verlagsgründer in Winterthur, nachdem ihm ein Augenleiden die Arbeit in den letzten Jahren sehr erschwert hatte. Der Verlag in Winterthur wurde 1884 gelöscht*. Brahms fand im traditionsreichen Verlagshaus Simrock eine neue, bleibende Heimat.
* Anmerkung der Redaktion: Die Leipziger Filiale Rieter-Biedermann wurde unter der Leitung von Edmund A. Astor, Rieters Schwiegersohn, der sich 1871 mit Ida vermählt hatte, weitergeführt. Anfänglich zusammen mit Karl Melchior, dem einzigen Sohn Jakob Melchior Rieter-Biedermanns. 1883 schied dieser freiwillig aus dem Leben. In der Folge übergab Edmond A. Astor den Verlag seinem Sohn Robert. 1917 verstarb dieser an den Folgen einer Kriegsverletzung, und noch im selben Jahr wurde der traditionsreiche Rieter-Verlag an die Edition Peters verkauft. Nur ein Jahr später starb im Alter von 74 Jahren Edmund A. Astor, der ehemalige Seniorchef des Verlags Rieter-Biedermann.