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Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom
Der allgemein zu Recht als Pionier des Rock’n’Roll gefeierte US-Musiker Little Richard ist dieses Wochenende in seinem Haus in Nashville verstorben. In den letzten Jahren hatte er sich als um die Welt tingelndes Rock’n’Roll-Denkmal gemeinsam mit anderen Legenden wie Chuck Berry, Fats Domino und Jerry Lee Lewis auf kleinen Bühnen verdingt, aber Little Richard war in seiner Blütezeit von 1955–1959 eine entscheidend wichtige Stimme für die Bewegung um Anerkennung der Schwarzen Amerikaner, aber auch der Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen als Heterosexualität, der einzig legalen Orientierung in den 1950er Jahren. Little Richard war ein mutiger Mann, der der Meinung war, zwischen Menschen sollte jede Kombination möglich sein – wie in den gemischten Trockenfrüchten «Tutti Frutti».
Details seines Todes sind unklar, aber letzten Endes wohl auch nicht so entscheidend, denn Little Richard war zum einen 87 Jahre alt und zum zweiten ist seine Hochblüte als Künstler und als unfreiwilliger Aktivist seit Jahrzehnten vorbei. Trotzdem sind sein Beitrag und seine Wirkung nicht hoch genug einzuschätzen, denn die weiteren Pioniere des Rock’n’Roll waren zahmer, gesitteter und vor allem waren ihre Anliegen weniger kontrovers. Rock’n’Roll bedeutete in den 1950er Jahren, dass man mit einem Mädchen rummachen konnte, ohne es zuvor geheiratet zu haben. Es bedeutete, dass man seine Haare nicht nur als Crew Cut – als Bürstenschnitt – tragen konnte und es bedeutete auch, dass man nicht ausschliesslich die schmalzige Schlagermusik der Zeit hören wollte.
Doch das war für Little Richard nicht genug. Der als Richard Wayne Penniman geborene Pianist war 1932 in Macon im Bundeststaat Georgia geboren worden – einer Gegend der USA, in der Rassismus und Homophobie bedauerlicherweise bis heute zur politischen DNA gehört. 1932, als noch Veteranen des Bürgerkriegs lebten und unmittelbar in der Grossen Depression, wurde einem kleinen Schwarzen Jungen eine Zwangsjacke übergestülpt, die für viele äusserst unangenehm war, die aber für einen lauten und extrovertierten Jugendlichen wie «Little» Richard Penniman unerträglich war.
Little Richard beschrieb in seiner Musik ein Verhalten, das die Grenzen des Erlaubten sprengen würde: Promiskuität etwa, wenn er in seinem ersten grossen Hit Tutti Frutti beschreibt, wie sich seine Freundin «Sue» verhält: «She rockst o the East, she rocks to the West, but she’s the girl that I love best». Man konnte sich unter Sues Verhalten vorstellen, was man wollte, aber unbestritten geht es darum, dass Sue sich nicht an die für «brave Mädchen» erlaubten Verhaltensweisen hielt. Und Richard lebte selbst die Ambiguität vor, die heute mit den Buchstaben LGBTQ umschrieben wird: Little Richard hat sich früh als «gay» bezeichnet, später – das heisst nach seiner Re-Christianisierung – umschrieb er seine sexuelle Orientierung bei Talkmaster David Letterman wie folgt: «God gave me the victory. I'm not gay now, but, you know, I was gay all my life. I believe I was one of the first gay people to come out. But God let me know that he made Adam be with Eve, not Steve. So I gave my heart to Christ.» Weniger wichtig als die persönlichen Vorlieben war die Distanzierung der binären heterosexuellen Orientierung, für die Little Richard eintrat. Schon als Knabe zog er Kleider seiner Mutter an und schminkte sich – wofür ihn sein Vater gnadenlos verprügelte. Und als er mit Beginn der Pubertät mit Menschen beiderlei Geschlechts Erfahrungen sammelte, schmiss ihn sein Vater aus dem Haus. Er war damals gerade 15 Jahre alt. Zu Beginn seiner Karriere er arbeitete auch zusammen mit Billy Wright (1918/1928/1932–1991), einem offen schwul lebenden Musiker aus Atlanta, der auch als Crossdresser auftrat und der ein Einfluss war auf Little Richards schrille und Aufmerksamkeit heischende Persönlichkeit.
In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre hatte Little Richard den grössten Einfluss auf die Musik und seine grössten Hits. Tutti Frutti, Good Golly, Miss Molly, Lucille, aber auch mit Covers machte er Kasse: Whole Lotta Shakin Going on, das Big Maybelle 1955 veröffentlicht hatte, wurde für Little Richard wie für Jerry Lee Lewis zum Hit. Aber er coverte auch traditionelere Bluestitel wie Goodnight Irene von Leadbelly oder Big Mama Thorntons Hound Dog.
Unsterblichkeit aber erreicht er mit seinem Titel Tutti Frutti, einem Song, der bereits im Titel das «Anything goes» thematisiert. Gleich wie Früchte aller Farben, Grössen und Sorten zusammenkommen, so würden auch die Menschen am besten Schmecken, wenn es keine Trennung mehr gibt. Der Titel beginnt mit dem Scatgesang eines Drum-Intros: Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom und geht dann in den Refrain «Tutti Frutti, all rooty! Tutti Frutti, all rooty», wobei «all rooty» im Jugendslang der damaligen Zeit ein Ausdruck war für «Ist schon in Ordnung». Im ursprünglichen Text hiess es «Tutti Frutti, good booty!» - also «scharfe Hintern», aber es war allen klar, dass man diese Version vielleicht live singen konnte, aber die Radiozensur würde das niemals zulassen. Dieser Titel forderte freien und ungehinderten Zugang zur Sexualität – und zwar zu jeder Art Sexualität! Die Wirkkraft des Titels zweigt sich darin, dass Amerikas Liebling der 1950er Jahre, Pat Boone (1934–) ihn ebenso coverte wie Elvis Presley (1935–1976) oder Carl Perkins (1932–1998). Ebenfalls begeistert von dem Titel war Freddie Mercury (1946–1991), so dass Queen diesen Stimmungkracher in ihr Live-Repertoire aufnahmen. Udo Lindenberg veröffentlichte 1978 eine deutsche Version des Songs, welche die sexuellen Anspielungen gekonnt übersetzt:
Ab den 1960er Jahren begann Little Richard mit übermässigem Alkoholkonsum, er rauchte Marihuana und ab 1972 hatte er eine Abhängigkeit zu Kokain entwickelt, die ihn zur Aussage verleitete «They should have called me Lil Cocaine». Ab 1975 kamen PCP und Heroin dazu, so dass dem in einem tief religiösen Haushalt aufgewachsenen Richard nur noch der Weg zu Gott blieb: Ab 1977 begann er sich in der evangelikalen Kirche zu engagieren. Schliesslich liess er sich zum Priester machen und als 1984 seine Mutter starb hatte er ihr versprochen, ein braver Christ zu bleiben. Er führte Trauungen durch und Predigen und er predigte auch an den Beisetzungen von Wilson Pickett (1941–2006) und Ike Turner (1931–2007).
Wie diese zählte auch Little Richard zu einer Generation Schwarzer Musiker, die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren, keinerlei Bürgerrechte hatten, bis sie gestandene Männer waren. Sie wuchsen in der Doppelmoral und im Rassismus der Zeit auf, und der Drang, hieraus zu entfliehen und in einer Welt zu leben, welche vielleicht nicht klinisch sauber ist, in der man aber seinen inneren Bedürfnissen nachgehen kann, trieb den Rock’n’Roll des Little Richard zeitlebends an.