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Problemstellung und Theoretischer Hintergrund
Schulen stehen infolge ihrer erweiterten Selbstständigkeit zunehmend in der Verantwortung, kontextsensitive Strategien für die kompensatorische Bearbeitung sozial ungleicher Bildungschancen zu entwickeln und umzusetzen. Insbesondere Primarschulen sind hierbei mit dem strukturellen Widerspruch einer möglichst effektiven Lernförderung sozial benachteiligter Schüler/innen einerseits und der Generierung von Selektionsprämissen für die Regulierung des Übergangs in die Sekundarstufe andererseits konfrontiert.
Bislang werden schulische Förderstrategien im bildungspolitischen und fachwissenschaftlichen Diskurs als Teil der Lösung des Problems sozial ungleich verteilter Bildungschancen thematisiert. Die Frage, ob und inwiefern die Selektivität und Ausrichtung der schulinterner Förderpraxis und die mit ihr in Zusammenhang stehende Praxis der Differenzierung auch als Teil des Problems der sozialen Ungleichverteilung von Bildungschancen angesehen werden muss, ist im Rahmen der deutschsprachigen Schulentwicklungsdiskussion bislang nicht systematisch aufgeworfen und untersucht worden.
Im Zentrum des KoS-Projekts steht deshalb die Frage, wie diese Schulen ihre sozialen und institutionell-organisatorischen Kontextbedingungen interpretieren, wie sie den strukturellen Widerspruch von Förderung und Selektion differenzierungspraktisch bearbeiten und welche schulinternen Orientierungen bei der Planung und Umsetzung adaptiv-kompensatorischer Förderung handlungsleitend sind.
Die von Helmut Fend (2008) im Rahmen seiner Überlegungen zur Mehrebenenstruktur des Bildungssystems verwendete Metapher der Rekontextualisierung verweist in ihrer strukturfunktionalen Blickrichtung zunächst auf eine systeminterne, die differenzierten Handlungsebenen integrierende Leistung hin. Handlungstheoretisch gewendet, bezeichnet Rekontextualisierung die ebenenspezifische Umsetzung von Vorgaben und gesetzten Rahmenbedingungen, wobei Fend von einem „aktive(n) Gestaltungsanteil von Akteuren auf der jeweiligen Ebene“ (ebd. S. 26) ausgeht, der jene Integrationsleistung innerhalb des Gesamtsystems mit Varianz anreichert. Im Rahmen des KoS-Projekts wird der Begriff der Rekontextualisierung allerdings nicht lediglich in Bezug auf die Integration interner Handlungsebenen verwendet, sondern als Form der Bearbeitung von System/Umwelt-Differenzen in organisierten Sozialsystemen theoretisch reformuliert: Ausgehend von der ‚Polykontexturalität‘ schulischer Umwelten wird angenommen, dass Schulen als Organisationen ihre institutionell-organisatorischen ebenso wie ihre sozialen und psychischen Umwelten (in diesem Sinne sprechen wir von Kontexten) eigensinnig und selektiv konstruieren.
Schulische 'Kontexte' liegen dieser Grundannahme folgend nicht 'objektiv' vor, sondern werden von Schulen erst im Prozess der Rekontextualisierung als relevant interpretiert, nach internen Relevanzen differenziert und selektiv als schulischer Handlungsanlass definiert. Von Schulen kann in diesem Sinne erst dann von «pädagogischen Handlungseinheiten» (Fend) gesprochen werden, wenn sie auch, und möglicherweise primär, als 'pädagogische Interpretationseinheiten' verstanden und analysiert werden müssen.
Forschungsfragen
Das Forschungsprojekt geht von der Annahme aus, dass Primarschulen als Organisationen trotz einheitlicher institutioneller Rahmenvorgaben und vergleichbarer sozialer Kontextfaktoren auch in Hinblick auf die Umsetzung adaptiv-kompensatorischer Förderstrategien ‚eigensinnige‘ Rekontextualisierungsleistungen erbringen. Übergeordnetes Ziel des Forschungsprojektes ist es, ein empirisch fundiertes Verständnis komplexer Rekontextualisierungsprozesse, wie sie im Rahmen kontextsensitiver Schulentwicklung angenommen werden können, zu erarbeiten. Es wird insbesondere untersucht, welche kollektiven Orientierungen für die Primarschulen bei der Planung und Umsetzung adaptiv-kompensatorischer Förderung unter Berücksichtigung organisationaler Kontextmerkmale sowie der sozialen Kontextbedingungen der Schüler/innen entscheidungs- und handlungsleitend sind.
1. Ausgehend von der Prämisse, dass sich Schulen als Organisation eigensinnig zu ihrem sozialen Kontext in ein Verhältnis setzen, wird der Frage nachgegangen, in welcher Weise die sozialen Kontextbedingungen schulintern interpretiert, mit pädagogischen Problembeschreibungen verknüpft und als organisatorischer Handlungsanlass definiert werden.
2. Hinsichtlich der schulinternen Entscheidungsprozesse wird untersucht, nach welchen expliziten und impliziten Kriterien die untersuchten Primarschulen adaptiv-kompensatorische Förderangebote konzipieren, planen und realisieren. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, wie Primarschulen Förderbedarfe differenzieren und nach welchen Kriterien Schüler/innen differenziellen Förderangeboten intern zugeordnet werden.
3. Unter Berücksichtigung des erwartbaren Spannungsverhältnisses, das die doppelte Aufgabe der Förderung sozial benachteiligter Schüler/innen und der gleichzeitigen Generierung von Selektionsprämissen erzeugt, wird der Frage nachgegangen, wie Primarschulen dieses Spannungsverhältnis im Rahmen der Konzeption adaptiv-kompensatorischer Förderstrategien sinnhaft bearbeiten.
4. Infolge der ‚Einbettung‘ der einzelnen Primarschule in die komplexe institutionell-organisatorische Mehrebenenstruktur des Schulwesens soll untersucht werden, in welchem Zusammenhang die Konzeption, Planung und Realisierung von adaptiv-kompensatorischen Fördermassnahmen mit a) internen schulischen Prozessmerkmalen (z.B. Kooperation, Schulleitungshandeln), b) externen Faktoren (z.B. Förderangebote von öffentlichen und privaten Anbietern oder externe Schulbeurteilung), c) motivational-affektiven Dimensionen der Schüler/innen sowie der Nutzung von Förderangeboten durch die Schüler/innen steht.
Forschungsdesign
Das Forschungsprojekt ist als kontrastiver Fallvergleich (Querschnitt) angelegt, wobei als Fall die einzelne Primarschule als organisierte Handlungseinheit definiert wird. Angesichts der mit den Forschungsfragen aufgeworfenen Komplexität des Beobachtungsgegenstandes erfolgt die methodische Umsetzung auf Basis eines Triangulationsdesigns, das es ermöglicht, einerseits die Prozesshaftigkeit der interpretativen Rekontextualisierungspraxis in den Schulen, anderseits die sozialen, institutionellen und schulinternen Strukturmerkmale als Kontextfaktoren im Sinne eines empirisch generierten Vergleichshorizontes zu berücksichtigen. Damit soll erreicht werden, dass Prozessbeschreibungen und Strukturbeschreibungen im Rahmen des Fallvergleichs aufeinander bezogen werden können. Um diese Anforderungen zu erfüllen, werden nicht-standardisierte und standardisierte Erhebungs- und Auswertungsmethoden eingesetzt:
► Auf Basis leitfadengestützter problemzentrierter Interviews mit den Schulleitungen der untersuchten Primarschulen wurden am Anfang des Forschungsprozesses vertiefte gegenstandsbezogene Kenntnisse zu den Förderstrategien und der konkreten Förderpraxis der einzelnen Schulen gewonnen.
► Auf Basis von Gruppendiskussionen mit einerseits 'Aktiven im Schulentwicklungsprozess' und andererseits primär operativ tätigen Lehrpersonen pro Schule werden in Bezug auf die internen Rekontextualisierungsprozesse handlungsleitende bzw. 'entscheidungsleitende' Orientierungen rekonstruiert. Die Auswertung der Daten erfolgt auf Grundlage der dokumentarischen Interpretation.
► Auf Basis standardisierter Befragungen von Schulleitungen, Lehrpersonen, pädagogisch-therapeutischen Fachpersonen sowie Schüler/innen der Klassenstufen 4 - 6 werden schulspezifische Struktur- und Prozessmerkmale als Kontextinformationen gewonnen.
► Im Rahmen standardisierter Befragungen von Schüler/innen der Klassenstufen 4 - 6 wird zudem die Seite der Adressat/innen in den Fokus genommen, indem lernrelevante motivational-affektive Dimensionen sowie Aussagen zur Nutzung und Beurteilung schulischer und ausserschulischer Förderangebote durch die Schüler/innen mit dem Ziel der Einschätzung der Adaptivität der schulischen Förderangebote herangezogen werden.
► Zusätzlich werden schulstatistische und soziodemographische Daten sowie schulinterne und schuladministrative Dokumente berücksichtigt.
Die differenzierte Datenbasis soll sowohl eine Rekonstruktion der Orientierungen der Schulen ermöglichen als auch die komplexe sozialräumliche, institutionelle und binnenstrukturelle Situiertheit der zu untersuchenden Rekontextualisierungsprozesse im Sinne eines empirisch begründeten Vergleichshorizonts integrieren.
Der Forschungsprozess selbst folgt aufgrund der eingesetzten qualitativen Methoden der Logik des komparativen Fallvergleichs und der fallübergreifenden Typenbildung. Auch die quantitative Datenbasis wird auf Schulebene fallvergleichend bearbeitet, damit Kongruenzen und Disgruenzen schulinterner Kontextfaktoren sichtbar gemacht und zu den qualitativen Befunden in Beziehung gesetzt werden können. Ziel ist zudem die Erstellung schulspezifischer Fallportraits, in die qualitative und quantitative Daten integriert und auf Grundlage des theoretischen Rahmens zu einer Differenzierung von Rekontextualisierungsstrategien und adaptiv-kompensatorischen Förderstrategien genutzt werden.
Tagung Chancen(un)gleichheit und Schulentwicklung (2017)
Die hier vorgestellten Präsentationen KoS-Projekt sind im Rahmen der Tagung Chancen(un)gleichheit und Schulentwicklung entstanden und repräsentieren erste, vorläufige Ergebnisse.