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Jährlich wird am 1. Juni der Weltmilchtag von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) und dem Internationalen Milchwirtschaftsverband (IDF) organisiert, um für den Konsum von Kuhmilch zu werben. Doch im Gegensatz zu dem „natürlichen und gesunden Getränk für alle Altersstufen“, als das sie die Industrie gerne darstellt, ist die Milch mit viel Leid und Umweltverschmutzung verbunden.
Belastung für Tier…
In den Reklamen sieht man friedlich weidende Kühe auf offenen Feldern. Von der Realität ist dieses idyllische Bild weit entfernt. In Realität erleiden die Milchkühe ähnliche, massenhafte Qualen wie in der Fleischindustrie. Kühe erzeugen wie alle Säugetiere nur dann Milch, wenn sie Nachkommen zur Welt gebracht haben. Aber Milchkühe werden nicht als Lebewesen begriffen, deren Bedürfnisse zählen, sondern als Produktionseinheiten. Damit sie für die Industrie nutzbar sind, unterliegen sie einem lebenslangen Kreislauf von Trächtigkeit und Laktation. Im Alter von ungefähr zwei Jahren bekommt eine Kuh ihr erstes Kälbchen. Ab dann wird sie jährlich künstlich befruchtet und ist fast ununterbrochen schwanger, damit sie ununterbrochen Milch erzeugt. Kurz nach der Geburt werden Kalb und Mutterkuh voneinander getrennt, sodass wir die Milch ganz für uns haben können. Das ist ein traumatisches Erlebnis für die sozialen und sensiblen Tiere, deren Gefühle der Mutterliebe und Bedürfnisse nach körperlicher Nähe sich evolutionär ganz ähnlich den unseren ausgeprägt haben. Wer in der Nähe eines Bauernhofes lebt, kann das Muhen von Kälbchen und Kuh, die einander vermissen, oft nächtelang hören. Anstelle von Muttermilch werden Kälber mit künstlich hergestellter Ersatzmilch grossgezogen. Je nach Geschlecht treten sie in die Hufstapfen ihrer Mütter oder sie werden gemästet und nach 22 Wochen geschlachtet. Die Mutterkuh wird nach nur 5 Jahren ebenfalls geschlachtet, obwohl Kühe eine Lebenserwartung von bis zu 30 Jahren haben. Ab diesem Alter nimmt ihre Milchproduktion ab und sie können mit den hohen Ansprüchen an ihr Rentabilität nicht mehr mithalten.
…Mensch…
Erwachsene Tiere und Menschen benötigen keine Muttermilch — schon gar nicht die einer anderen Spezies. Weil Milchzucker natürlicherweise nur in der Muttermilch von Säugetieren vorkommt, wird das zu seiner Verwertung benötigte Enzym Laktase nur im Säuglings- und Kleinkindalter gebildet. Nach der Stillzeit und der Umstellung auf feste Nahrung nimmt die Produktion des Enzyms und damit die Fähigkeit ab, Laktose zu verdauen. Milchunverträglichkeit ist also keine Krankheit, sondern eine natürliche Körperreaktion und Ausdruck einer gesunden Entwicklung und Ernährung.
Auch die Reklamebotschaft „Milch macht starke Knochen“ darf nicht mehr zu Werbezwecken verwendet werden, da diese Aussage wissenschaftlich nicht belegt werden kann. Im Gegenteil deuten die Zahlen stark darauf hin, dass in zahlreichen Ländern mit geringem Milchkonsum weitaus weniger Fälle von Osteoporose auftreten als in unseren Breiten. Zahlreiche Studien stellen zudem einen Zusammenhang zwischen dem Milchkonsum und unterschiedlichen Gesundheitsrisiken her, wie der Anfälligkeit für verschiedene Krebsarten, Hauterkrankungen, Verdauungsbeschwerden sowie Infektionen.
…und Umwelt
Bei der Produktion von einem Liter Kuhmilch wurden gemäss Erhebungen der FAO im Jahr 2010 in Industrienationen etwa 2,4 Kilo CO2 ausgestossen. Das entspricht der Menge an Emissionen, die bei der Verbrennung von rund einem Liter Benzin entstehen. In dieser Zahl sind die Betriebsemissionen der Massentierhaltung und die Verdauungsprozesse der Kühe, aber noch nicht der Transport, die Verarbeitung und Lagerung der Milch berücksichtigt. Neuere Untersuchungen sprechen indessen von tieferen Werten — auf rund 1,4 Kilo CO2 seien laut FAO die Emissionen der Milchproduktion gesunken (Stand 2015). Der Grund für diesen Rückgang: „Verbesserungen der Tierproduktivität“. Mit anderen Worten muss eine Kuh nun mehr Milch produzieren. Dies wurde erreicht durch ständig intensivierte Zuchtauswahl, die künstliche Zugabe von Hormonen und die gesteigerte Verfütterung von Kraftfutter (Proteinpellets aus gepresstem Getreide oder Soja mit diversen Beimischungen), welches für das komplexe Verdauungssystem der Wiederkäuer nicht geeignet ist.
Diese Einsparungen werden jedoch komplett übertrumpft durch die steigende Nachfrage und Produktion. Die Treibhausgasemissionen des Milchsektors weltweit stiegen zwischen 2005 und 2015 um 18 Prozent, da die Produktionsmenge in derselben Zeit um ganze 30 Prozent anstieg.
Wir Schweizerinnen und Schweizer konsumieren im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn viel Milch: Im Jahr trinken Frau und Herr Schweizer durchschnittlich knapp 60 Liter Milch und essen zusätzlich 310 Kilogramm Milchprodukte. Um diesen Hunger zu stillen, sorgen rund 19’000 Ganzjahresbetriebe für stetigen Nachschub — mit bedrohlichen Folgen für die Umwelt. 70% der stickstoffhaltigen Luftschadstoffe stammen aus der Landwirtschaft, nur 18% aus dem Verkehr, 9% aus Industrie und Gewerbe und 3% aus den Haushalten. Die Nutztierhaltung, angetrieben durch die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten, trägt gar 90% der Ammoniak-Emissionen bei. Diese belasten die Umwelt und beeinträchtigen die Biodiversität, die Luft, die Gewässer- und Trinkwasserqualität sowie die Waldfunktionen stark.
Wir alle sind — mal mehr, mal weniger — aufgewachsen mit wohlmeinenden Empfehlungen zum Milchkonsum, gepaart noch mit dem Image der Milch als einem „gut schweizerischen“ Produkt. Solche Prägungen rühren tief und mögen in ihrem Gesamtumfang auch nicht vollkommen verkehrt gewesen sein — inwieweit sie das dann doch waren, ist gerade Gegenstand heisser ernährungswissenschaftlicher Debatten. Klar nachzeichnen lässt sich indessen, dass wir dabei zu wesentlichen Teilen auch treu den Werbeanstrengungen einer umtriebigen Milchindustrie folgten; mit dem Ergebnis, dass wir heute ein Vielfaches mehr Milchprodukte trinken und verzehren, als es die vermeintlichen historischen Vorbilder einer „natürlichen“ Ernährung jemals getan haben.
Quellen und weitere Informationen:
FAO (2010): Treibhausgas-Emissionen im Milchsektor
FAO (2019): Climate change and the global dairy cattle sector
Swissmilk: Milchfakten
SCNAT (2020): Übermässige Stickstoff- und Phosphoreinträge schädigen Biodiversität, Wald und Gewässer
Swissveg: Die Milch im Mythen-Check
Zentrum der Gesundheit: Milchprodukte
Kampagne: Sag Nein zu Milch