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Im ersten Abschnitt seines Buches „Biblische und Religiöse Psychologie“ setzt sich Bavinck mit der Frage auseinander, ob und inwiefern aus der Bibel überhaupt relevante Aussagen zur Psychologie abgeleitet werden können. Er sah jedenfalls in den damaligen Lehrmitteln kaum Hinweise auf eine „biblische Psychologie“. Es gehe jedoch nicht an, dass die Lehrer an den christlichen Privatschulen sich nicht mit diesem Thema auseinandersetzten – nämlich was die Bibel über Kräfte, Vermögen und Fähigkeiten des Menschen lehrt. Bavinck sah zwei Extreme: Die einen sahen in der Bibel genügend Material, welche für die Psychologie nötig seien. Wir müssten nur die Bibel studieren und hätten keine anderen Quellen nötig. Das würde allerdings dazu führen, dass alle anderen Wissenschaften ihre Daseinsberechtigung verlieren und wieder von der Theologie geschluckt würden. Es gibt jedoch offensichtlich Informationen für die Berufsausübung, die von Gott kommen und nicht durch die Schrift, sondern die Natur vermittelt werden (siehe Jes 28,23-28). Das andere Extrem ist das vollständige Beiseite-Lassen der Bibel für sämtliche psychologischen Fragestellungen.
Die Bibel behandelt jedenfalls nicht nur die himmlischen Dinge, sondern greift auch dieses irdische Leben auf. In der Entfaltung der „reichen, breiten Geschichte“ greift sie immer wieder Details und Phänomene in Natur, Menschheit und Geschichte auf. Sie fällt auch immer wieder Aussagen über die Natur des Menschen, seine Seele, seinen Geist und sein Herz. Ja, „nach allen Seiten greift die besondere Offenbarung“ tief in das Leben der Menschheit zurück. Die reformierte Theologie unterschied darum von alters her zwischen „auctoritas historiae“ und „auctoritas normae“, das heisst Ereignissen, die uns die Bibel berichtet, aus denen wir aber keine Normen ableiten, und anderen, welche für unser Glaubensleben verbindlich sind. So sollen wir die Unaufrichtigkeit Abrahams, die Täuschung Jakobs, den Ungehorsam von Mose, den Ehebruch Davids, den Fluch Hiobs und Jeremias oder die Verleugnung von Petrus keineswegs nachahmen. Andere Dinge befahl Gott bestimmten Menschen, so Abraham die Opferung seines Sohnes, Pinhas die Tötung eines Paares im Ehebruch, Saul die Tötung der Agagiter und dem reichen Jüngling, seinen Besitz zu verkaufen. Bavinck greift dann ein aktuelles Beispiel auf: Sind die ethischen Anweisungen des Neuen Testaments an die Sklaven (1Kor 7,20+21; Eph 6,5; Kol 3,22; 1 Tim 6,1; Tit. 2,9, vgl. 1Petr 2,18) auch im Falle eines öffentlichen Streiks, wie er in den Niederlanden 1902/03 stattfand, anwendbar oder nicht? Umstände und Form haben sich zwar geändert, kommt er zum Schluss, die Sache an sich jedoch nicht. Arbeitnehmer sind zum Gehorsam gegenüber Arbeitgebern verpflichtet.
Angewandt auf die Fragestellung einer biblischen Psychologie bedeutet dies: Die Bibel spricht über den Menschen, der trotz Veränderung von Zeit und Umständen der gleiche geblieben ist. Die Bibel bezeugt, dass der Mensch den Unterschieden in Geschlecht, Sprache, Nation, Kultur ungeachtet zum Sünder wurde, und, auch wenn er erlöst ist, in in seinem Wesen gleich bleibt. Er hat dieselbe Seele, die gleichen Bedürfnisse, Inspirationen und Hoffnungen. Das stärkste Argument sieht Bavinck in der Menschwerdung von Jesus, dem Zentrum der speziellen Offenbarung. Die Menschwerdung ist einerseits ein Wunder. Andererseits nahm Gottes Sohn volle Menschengestalt an. Er war uns in allem gleich, ausgenommen die Sünde. „Dieses Prinzip der Inkarnation dominiert die ganze spezielle Offenbarung.“ Gottes Wort ist zu uns gekommen und in das Wort der Menschen eingegangen, in die menschlichen, historischen, örtlichen, zeitlichen Umstände. Die spezielle Offenbarung öffnet also den Blick auf den Menschen – allerdings nur so weit, wie es für ihre Zwecke nötig ist. Die Bibel benutzt keine abstrakten philosophischen Konzepte, sondern sie ist in der Sprache des Lebens abgefasst. Als solche ist sie in dreifacher Hinsicht nützlich zur Entwicklung einer Psychologie: Sie lehrt uns über Ursprung, Wesen und Bestimmung des Menschen. Sie zeigt auf, welche Veränderungen den Menschen durch die Sünde bzw. durch die wiederherstellende Gnade betreffen. Und sie führt uns eine Art Galerie von Menschen vor, über denen der Eine steht, Christus.
Herman Bavinck. Bijbelsche en Religieuze Psychologie. J. H. Kok: Kampen 1920. (3-14)