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2018 erschien unter dem englischen Titel Why Read Arendt Now eine kompakte und packende Darstellung zu Hannah Arendts Leben und Denken. Suhrkamp publizierte 2020 eine deutsche Übertragung unter dem programmatischen Titel Denkerin der Stunde. Über Hannah Arendt. Richard J. Bernstein war Professor für Philosophie an der New Yorker New School for Social Research, an der auch Hannah Arendt bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 lehrte. 1972 begegnen sie sich zum ersten Mal. Es sind die inneren Zusammenhänge zwischen Handlung, Politik und öffentlicher Freiheit, die Bernstein interessieren. Mit Arendt beleuchtet er die Verfinsterung und den drohenden Zerfall demokratischer Strukturen, die idealerweise von der plural verfassten Meinungsbildung öffentlicher Debatten leben sollten. In der Realität lässt sich indes eine verheerende Grenzverwischung zwischen «Tatsachen- und Meinungswahrheit» beobachten, was Harry G. Frankfurt als sogenannten «Bullshit» charakterisiert. Bernstein seinerseits erinnert an Trumps Präsidentschaftswahl von 2016 und führt an: «Das Image tritt an die Stelle der Wirklichkeit. Solchem Lügen wohnt stets ein Element Gewalt inne.» – Das Gewaltpotenzial solcher Konstrukte wird sich leider mit der Invasion Russlands in die Ukraine, die als Militäroperation propagiert wurde, grauenhaft bewahrheiten.
Universeller Denker mit jüdischen Wurzeln
Richard J. Bernstein kam 1932 in Brooklyn als Sohn russisch-jüdischer Immigranten zur Welt. Er war sich seiner jüdischen Herkunft bewusst, gleichzeitig galt er nicht als genuin jüdischer Denker. Doch ausgerechnet die bereits früher einsetzende Beschäftigung mit Arendt machte für Bernstein die Dringlichkeit der sogenannten «Judenfrage» deutlich – dies auch auf einer persönlichen Ebene: «Because writing has always also been a personal quest, I thought of this project as a way of exploring my own relation to my Jewish heritage and how it has influenced (or not influenced) my intellectual concerns.» Diese Zeilen von 1996 finden sich im Vorwort zu «Hannah Arendt And The Jewish Question». Bernstein folgt Arendts Spur der «Gleichschaltung» auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene. Es handelt sich dabei um die Zersetzung des moralischen Bewusstseins, die mit der Zerstörung politischer Kultur einhergeht: Der Mensch wird auf fundamentale Art und Weise urteilsunfähig, und ist nicht mehr in der Lage, wahr von falsch und gut von böse zu unterscheiden. Diesen Befund verdichtete Arendt mit der sprengstoffmässigen Formel von der «Banalität des Bösen», welche die Gemüter so erhitzte. Bernsteins – pragmatische – Leistung besteht darin, mit einem ideologiefreien Blick die Qualität von Arendts provokativen Analyse freizulegen. Und gleichzeitig ist er zutiefst fasziniert von ihrer denkerischen Unabhängigkeit und Widerständigkeit, was sich einer Schubladisierung entzieht.
Amerika und seine philosophische Tradition
Bernsteins philosophischen Anfänge verweisen auf die Studentenjahre in Chicago. Da trifft er auf ein anregendes intellektuelles Milieu, das von Persönlichkeiten Suanne Sontag, George Steiner, Philip Roth und Richard Rorty geprägt ist. Mit Rorty wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden.
Die amerikanischen Gründerjahre der Philosophie gehen auf das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts zurück, wobei zwei Figuren prominent hervorzuheben sind: Charles Sanders Peirce und William James: Insbesondere Letzterer gilt als der Begründer des Pragmatismus schlechthin. Zu diesem Zeitpunkt existierte in den USA noch keine universitär verankerte philosophische Tradition. 1872 gründeten Peirce und James den sogenannten «Metaphysical Club», um sich in ironischer An- und Ablehnung von der europäisch geprägten Metaphysik kritisch abzugrenzen. Der philosophische Konversationsclub lässt sich im Sinne von William James auf den passenden Ausdruck «universe of discourse» hin bündeln: Mit einem Stirnrunzeln stellt sich die berechtigte Frage, warum die abendländische Philosophie die fixe Idee der Einheit und der metaphysischen Letztbegründung ausbildete. James stellt dem die plurale Verfasstheit des Universums entgegen. Die damit einhergehende offene – und von Kritikern als vage beschimpfte – Denktradition löste sich in der akademischen Aufbauphase der Universitäten auf. Den bedenkenswerten Hintergrund dazu erblickt Bernstein insbesondere in jener Migrationsbewegung, welche den logischen Positivismus der Wiener Schule in den 30er-Jahren des vorgängigen Jahrhunderts nach Amerika importierten. Dies führte zu einer problematischen Verengung und Reduktion hin zu Sprachphilosophie mit szientistischer Grundausrichtung.
Pragmatische Rückbesinnung
Es sind Zufälle, die mitspielen, dass Bernstein sich selbst vom Vorurteil zu lösen versteht, als sei der Pragmatismus bloss eine rudimentär ausgebildete Vorstufe des logischen Positivismus gewesen. In Yale schliesst sich Bernstein einer Lesegruppe an – und entdeckt die inspirierenden Qualitäten von John Dewey. So verfasst er jenseits der modischen Strömungen seine Dissertation zu Dewey und entdeckt durch die Rückbesinnung auf den Pragmatismus weniger eine Denkschule als vielmehr ein Ethos: Ähnlich wie die Skeptiker der Welt mit einer Grundhaltung der Distanz entgegentreten, bilden die Unschärfen und Unberechenbarkeiten des Lebens einer der Leitmotive im Denken Bernsteins. Das Ethos besteht darin, eine Tugend auszubilden, die wir gegenwärtig unter der psychologischen Rubrik der «Ambiguitätstoleranz» verhandeln können: Der Fähigkeit, mit der prinzipiellen Mehrdeutigkeit des Lebens einen – passenden – Umgang zu finden. Dies betrifft ebenfalls den Umgang mit Wissenschaft, welche als Teil der menschlichen Lebensform Legitimität beansprucht, aber nicht in Wissenschaftsglauben kippen darf. Jede Wissensformation zeichnet sich durch Fallibilität aus, will heissen: ist interpretations- und korrekturbedürftig und logischerweise auch fehleranfällig. Die pragmatistische Pointe liegt für Richard J. Bernstein darin, von ideologischen Verkrustungen zu befreien, um das Denken dynamisch, fluid und entsprechend lebendig und zukunftsgerichtet zu gestalten.
Neue Konstellationen im Zeichen des Dialogs
Diese Überzeugung und Leidenschaft spiegeln sich in Bernsteins philosophischem Gesamtwerk wie eine Perlenschnur wider. Eine herausgegriffene Perle lässt sich prägnant an seinem Buch «Praxis and Action» von 1971 ablesen. Diese Schrift schafft einen mehrfachen Transfer. Einerseits werden darin die europäische sowie die angelsächsisch-amerikanische Denktradition verhandelt und zueinander in Beziehung gesetzt. Andererseits wird einem amerikanischen Publikum die kontinentale Tradition transatlantisch vermittelt, und zum Dritten kommt es durch die Mitherausgeberschaft von Jürgen Habermas zu einer im besten Sinne verstandenen Übersetzung der amerikanischen Tradition in Hinblick auf die deutsche Leserschaft. Aus der Freundschaft mit Habermas ergibt sich gleichzeitig eine denkerische Konstellation. Mit einem feinen Gespür sind es ebensolche Konstellationen, denen Bernstein Raum gibt, um auch den weltanschaulich geprägten Graben zwischen der anglo-amerikanischen analytischen und der kontinentalen Philosophie zur schliessen. Ganz im postmodernen Geiste von Leslie Fidlers «Cross the Border – Close the Gap» überschreitet Bernstein die Grenzen, um exemplarisch Interferenzen zwischen französischer Dekonstruktion und neopragmatischen Ansätzen denkend aufzusuchen. Es ist, als ob Bernstein jeweils vermittelnde Gespräche – mit offenem Ausgang – zwischen den philosophischen Positionen führen würde. Die Metapher der Konstellation führt dann auch 1991 programmatisch zur Schrift mit dem Haupttitel «The New Constellation».
Was das Dialogische betrifft, sei hier nochmals auf seine jüdischen Wurzeln verwiesen. 1998 steht die Frage nach der jüdischen Identität ganz im Zentrum seiner Studie «Freud und das Vermächtnis des Moses». Ohne in die Details gehen zu können, möge darin das Kapitel 4 Erwähnung finden, das er «’Dialog’ mit Yerushalmi» betitelt. Mit freundlicher Gesinnung streitet sich Bernstein mit Yerushalmi ganz im dialektischen Geiste des Talmuds, worin «ein Disputant um der Diskussion und der möglichen Wahrheitsfindung willen bereit ist, die Thesen des anderen fürs erste zu akzeptieren».
Es ist dieses unbestrittene Ethos, das dem Denken Richard J. Bernsteins die Würde verliehen hat. Dieses Jahr konnte die New School for Social Research noch seinen 90. Geburtstag feiern. Er verstarb am 4. Juli in New York. Ein grosser Denker der Stunde ist gegangen. Was bleibt, ist die unvergängliche Konstellation mit jenem Denken Arendts, das «ohne Geländer» auskommt und sich in einer Spätschrift Bernsteins (2016) als lebenssatten Titel wiederfindet: Ironic Life. Posthum erschien in diesem Herbst das Buch der Stunde: «The Vicissitudes of Nature. From Spinoza to Freud». Darin verhandelt Bernstein das ideengeschichtlich geprägte prekäre Verhältnis des Menschen gegenüber der Natur, um dieses im Zeichen als adäquate Weltpassung neu zu justieren. In der Tat: Die gegenwärtigen Wechselfälle des Lebens benötigen Bernsteins Pragmatismus mehr denn je!
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