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17. November – 30. November 2015
Route: Nieuw Nickerie > Paramaribo > Brownsberg Nature Park > Atjoni > Groningen > Albina
Suriname, Paramaribo, Namen die auf der Zunge vergehen wie Schokolade, süsse Träume wecken und nach Kaffee riechen. Namen, die auch an ferne Länder erinnern, an Sklaverei. Eine holländische Vergangenheit, die sich immer noch in der Amtssprache zeigt: Niederländisch. Die Sklaverei zeigt sich in der Bevölkerungszusammensetzung: 37% sind afrikanischer Herkunft, Menschen, die aus dem relativ nahen Afrika als Arbeitskräfte eingeführt wurden. Davon sind etwas über 22% Maroons, Nachkommen jener schwarzen Sklaven, die vor 1863, also vor der Abschaffung der Sklaverei in die surinamesischen Regenwälder geflüchtet sind. Gegen 16% sind ehemalige schwarzafrikanische Sklaven, Kreolen, die nach 1863 noch 10 Jahre als bezahlte Kontraktarbeiter auf den Plantagen gearbeitet haben, sich mit anderen Bevölkerungsgruppen gemischt haben und meist in der Hauptstadt Paramaribo leben. Etwa 27% sind indischer, 13% javanischer Abstammung und nur gerade 7% sind Europäer, Chinesen oder anderer Abstammung. So bunt wie dieses Völkergemisch ist, so bunt sind die Sprachen, der Kulturmix und die religiöse Vielfalt. 550‘000 Einwohner leben auf einer Fläche, die 4x grösser ist als die Schweiz, da herrscht kein Dichtestress, oder doch? Fast alle Einwohner leben am schmalen Küstenstreifen, der Rest ist Regenwald.
Am 1. Juli 1863 wird die Sklaverei abgeschafft, 35‘000 ehemaligen Sklaven erhalten einen Namen und jeder Haushalt einen Nachnamen Das erklärt, weshalb die Fussballnationalmannschaft Hollands so viele schwarze Spieler mit holländischen Nachnamen hat. Nach 1873 werden Vertragsarbeiter für die Plantagen aus Britisch Indien, China und Indonesien, damals Niederländisch-Indien ins Land geholt. Gearbeitet wurde auf Zuckerrohr-, Kaffee-, Baumwoll- sowie Kakaoplantagen. Heute besteht noch eine einzige Kaffeeplantage, das Zuckerrohr und die Melasse für die Rumdestillation wird eingeführt und der Kakaoanbau wird auch eher hobbymässig betrieben.
Am 25. November 1975 wurde Suriname unabhängig, wir erlebten in Paramaribo den 40. Jahrestag, der mit Paraden und vielen Imbissbuden gefeiert wurde. Allerdings sehr südamerikanisch und ohne fixes Programm, was unsere Geduld etwas strapazierte und wir der Hitze wegen wieder auf unseren Campingplatz zurückkehrten und auf den Srefidensi verzichten.
Auf unserem perfekten Standplatz im Domburg Harbor Resort, einem Treffpunkt aller Weltumsegler, fanden wir alles was das Herz begehrt: spannende Menschen und interessante Gesprächsthemen beim Nachtessen, saubere sanitäre Anlagen, Swimmingpool und Waschmaschine.
Wie in Holland bewegen sich viele Menschen mit dem Velo fort, so auch wir. Wir entdeckten die alte Zuckerplantage und ehemalige Rumdistillerie Marienburg, heute nur noch eine Industriebrache mit marodem Charme. Ganz schön war die Führung durch die Kaffeeplantage Kattwijk. Doch leider fehlen hier Arbeitskräfte um eine volle Produktion aufrechtzuerhalten. 4 Arbeiter hegen, pflegen und ernten ca. 5 Tonnen Kaffee pro Jahr. Die Arbeit in den Plantagen ist hart, spezielle Stiefel gegen hochgiftige Schlangen, Millionen von Moskitos, tropische Hitze und Feuchtigkeit, da reisst sich niemand drum. Wir kaufen 1kg Kaffee und sind erstaunt wie gut er schmeckt. Das Geheimnis liegt nicht nur bei den Bohnensorten Arabica und Robusta sondern vorallem im Röstprozess.
Weil wir nur zu Zweit sind, bekommen wir eine aussergewöhnliche Führung mit vielen Kindheitserinnerungen des Managers. Die Zeit vergeht wie im Flug und kurz bevor wir wieder zu unserem Auto kommen, werden wir von einem tropischen Gewitterregen überrascht und abgeduscht. Herrlich.
Auf dem Heimweg noch schnell im Supermarkt vorbei-hier wären chinesische Sprachkenntnisse von Vorteil. Es gibt eine tolle Auswahl an holländischen Produkten, aber die Supermärkte werden alle von Chinesen geführt, die teilweise weder Holländisch noch Englisch sprechen und obwohl wir in Südamerika sind, geht auch mit Spanisch gar nichts. Dafür muss ich die fehlenden 30 Cents nicht bezahlen, die Kassierin hat ein spezielles Portemonnaie für solche Fälle. Ein andermal werde ich auf meine paar Cents Rückgeld verzichten, so geht es immer wieder auf. Nur eines geht in Surinam nicht, mit Kreditkarte bezahlen! Da gilt: Nur Bares ist Wahres.
Ein Bummel durch Paramaribo am Sonntagmorgen ist sehr interessant, nicht nur wegen der wunderschönen Kolonialhäusern, den Kirchen, Moscheen und Hindutempeln sondern wegen des Vogelsingwettbewerbs auf dem Onafhankelijkheidsplein (zu Deutsch: Unabhängigkeitsplatz). Gefühlsmässig besitzt jeder surinamesische Mann einen oder mehrere Vogelkäfige mit Piepmätzen, die er täglich ausführt. Statt mit dem Hund geht man in Surinam mit dem Vogelkäftig spazieren oder Velo- oder Töfffahren. Man trainiert den Vogel. Die Ausfahrt soll ihn zum Pfeifen stimulieren. Das Training ist hart für Vogel und Mann und voller Stolz wird der Käfig samt Inhalt am Sonntagmorgen auf dem obengenannten Platz präsentiert. Ein männlicher Vogel im Käfig beträllert ein Weibchen im Käfig und umgekehrt, ein Schiedsgericht misst das Gezwitscher, der Bessere schaffts eine Runde weiter. Ein interessanter Zeitvertreib. Zum Zmittag geniessen wir indische Roti mit scharfer Curryfüllung.
Die Segler aus Innsbruck, der Schweiz und Deutschland segeln weiter nach Trinidad Tobago und wir tuckern in den Brokopondo Nationalpark, wo die Wasserfälle kleine Rinnsale sind, die Brüllaffen heftig in den Bäumen turnen, die Giftschlangen gegen Abend auf Jagd gehen und wir eine sensationelle Aussicht auf den riesigen Stausee haben. Nachts frischt es auf 450müM stark auf, was uns ein angenehmes Schlafen beschert.
Ein lustiges Abenteuer ist die Flussfahrt auf dem Surinam River. Von Atjoni aus, wo wir uns mehr in Afrika als in Südamerika fühlen, fahren Pirogen den Fluss hinauf. Wir fragen uns durch welches Boot denn wann zur Menimi Lodge abfährt. Bald werden wir fündig und verbringen den Rest des Nachmittages mit warten, denn das Boot geht erst um 16 Uhr. Die Boote werden mit Fracht beladen, in den Dörfern gibt es nur beschränkte Einkaufsmöglichkeiten, nebst Alltäglichem wird auch eine Matratze auf unser Schiff geladen. Rechts und links Regenwald, Dörfer der Saramacca, eben den Maroons, (entlaufenen Sklaven) ziehen vorbei. Frauen sind am Kleiderwaschen, Mädchen spülen das Geschirr, Buben baden, Männer fischen, das Leben spielt sich am und im Fluss ab. Bei der ersten von drei Stromschnellen müssen wir aussteigen, die Fracht bleibt auf dem Boot, die Matratze ist feucht, wir steigen wieder ein, die nächste Stromschnelle kommt, wir wieder raus und zu Fuss weiter, die Matratze ist nass, bei der dritten Stromschnelle tropft die Matratze. Immer wieder wird Fracht gelöscht, der Mann am Ruder beherrscht seinen Motor und das Boot auch im Dunkeln und bringt uns sicher ins Paradies. Da sind wir nun so weit im Dschungel und unser „Hotelier“ meint ganz salopp zu unserem Erstaunen, wir sollen unbedingt vom schnellen wifi und dem Internet profitieren. Im grossen LED Flachbildfernseher kommt eine Reklame für ein Geschirrspülmittel in einer Designerküche. Was war das was wir am Fluss gesehen haben? Der Zusammenprall von verschiedenen Welten könnte nicht grösser sein. Bei der Rückfahrt dürfen wir über die Stromschnellen im Boot bleiben und hoffen, dass der Spass nicht im Wasser endet, kalt ist es nicht, tief auch nicht, aber es wäre schade um unsere elektronischen Spielzeuge und die Fotoapparate.
Zurück in Atjoni holen wir unser Auto ab, ein Mädchen, nicht älter als 14 und hochschwanger hat für wenig Geld darauf aufgepasst. Das Mädchen ist kein Einzelfall, überall laufen grosse Aufklärungskampagnen über AIDS.
Wir fahren nach Groningen und verbringen unser letztes Wochenende mit Karin-Marijke und Coen, die ihren Landcruiser vor dem Verschiffen nach Asien hier auf Vordermann bringen. Für uns geht’s nicht so weit. Nur mit der Fähre über den Maroni Fluss nach Französisch Guyane.