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Die Giessbachbahn
130 Jahre Giessbachbahn 1879 - 2009
Die Drahtseilbahn zu den Giessbachfällen am Brienzersee im Berner Oberland gilt als die älteste noch bestehende Standseilbahn Europas. Berühmt wurde neben den wilden Wasserfällen auch das aus der Zeit der Belle Époque stammende Hotel, das seit dem 21. Juli 1879 durch die Drahtseilbahn erschlossen ist. Den Auftrag zum Bau dieser ersten touristischen Seilbahn in der Schweiz erhielt die1873 von einigen Banquiers gegründete Internationale Gesellschaft für Bergbahnen, deren Werkstätte in Aarau von Niklaus Riggenbach und Oliver Zschokke als Direktoren geleitet wurde. Ihr Mitarbeiter, der junge Maschineningenieur Roman Abt, machte sich 1878 an die Projektierung der Drahtseilbahn und erkannte bald, dass aus Kostengründen eine Anlage mit zwei parallelen Gleisen, wie bisher üblich, nicht in Frage kam. Statt dessen fand er eine Lösung mit nur einem Gleis und einer Ausweichstelle in der Streckenmitte, wo der bergwärts fahrende Wagen dem entgegenkommenden ausweichen konnte. Als Antrieb für die Bahn wählte er das Wasserballast-Prinzip, das sich im Ausland bereits bewährt hatte und in der Schweiz nun erstmals zur Anwendung kam. Damit die Fahrgeschwindigkeit reguliert werden konnte, mussten die zwei Wagen mit einer Zahnradbremse ausgestattet werden. Zu diesem Zweck wurde in Gleismitte eine Zahnstange, natürlich von der Bauart Riggenbach, eingebaut. Die Konstruktion der automatischen Ausweiche gestaltete sich recht kompliziert, da der eine Wagen mit normalen Radsätzen mit innenseitig angeordneten Spurkränzen ausgestattet war, während sich diese beim anderen Fahrzeug aussenseitig befanden. Diese konstruktive Lösung bewirkte die Zwangsführung der Wagen über die ihnen zugeordnete Seite auf der Ausweichstelle, was aber für die Spurkränze und die Zugseile entsprechende Durchlässe in den Weichenstücken und Zahnstangenköpfen voraussetzte. Etwas mehr als die Hälfte der sonst geradlinigen Strecke der Giessbachbahn führt über fünf elegant geschwungene, eiserne Bogenbrücken, die ebenfalls aus den Werkstätten von Niklaus Riggenbach stammen.
Nachdem die Internationale Gesellschaft für Bergbahnen bereits 1880 in Konkurs gegangen war, übernahm die Firma Theodor Bell in Kriens die Betreuung der Anlage und führte nach diversen kleineren Verbesserungen im Jahre 1912 einen grösseren Umbau aus. Anstelle des Ballastantriebes kam nun eine Wasserturbine mit Getriebe in der Bergstation zum Einsatz, so dass auch fortan das reichlich vorhandene Wasser des Giessbaches genutzt werden konnte. Im Jahre 1948 wurde dann aber die Wasserturbine durch zwei Elektromotoren von je 12,5 PS ersetzt und die Fahrgeschwindigkeit von 1,2 m/sek. auf 1,9 m/sek. erhöht. Gleichzeitig wurden die Gebäude der Tal- und der Bergstation, die Schifflände und der gedeckte Verbindungsgang neu erstellt. 1958 wurden die zwei Motoren durch einen einzigen der Firma MFO ersetzt, der bis zum jüngsten Umbau im Winter 1998/99 im Einsatz blieb. Seither verrichtet eine moderne Antriebsgruppe (Motor und Getriebe) der Firma Von Roll und eine neue Steuerung ihren Dienst in der Bergstation. Erhalten geblieben ist die mächtige, über drei Meter Durchmesser aufweisende, dreirillige Antriebsscheibe mit den vier Seilumlenkrädern, die alle noch aus der Zeit der Wasserturbine stammen. Die herausragensten Merkmale, die das Erscheinungsbild dieser Drahtseilbahn aus der Pionierzeit des Bergbahnbaues wesentlich prägen, sind aber sicher die beiden original restaurierten, dreiachsigen Seilbahnwagen mit den Zahnradbremsen und die fünf eisernen Bogenbrücken mit ihren gemauerten Zwischenpfeilern.
Die Erbauer der Giessbachbahn, links: Niklaus Riggenbach (21. 5.1817 - 25. 7.1899), Direktor der Werkstätte Aarau (Int. Gesellschaft für Bergbahnen) und Erfinder des nach ihm benannten Zahnstangensystems, das auch bei der Giessbachbahn als Bremssystem zur Anwendung kam. Rechts: Roman Abt (16. 7.1850 - 1. 5.1933), Projektant der Giessbachbahn und Erfinder der selbsttätigen Ausweichstelle für Standseilbahnen.
Technische Daten:
|Erbaut durch||Werkstätte Aarau / Th. Bell, Kriens|
|Inbetriebnahme||21. Juli 1879|
|Horizontale Länge||333 m|
|Fahrbahnlänge||345 m|
|Höhe Talstation||570 m.ü.M.|
|Höhe Bergstation||668 m.ü.M.|
|Höhendifferenz||98 m|
|Neigungen||24 - 32 %|
|Spurweite||1000 mm|
|Brücke||174 m|
|ø Zugseil||26 mm|
|Wagen||2 à 40 Pers.|
|Wagenleergewicht||6000 kg|
|Fahrgeschwindigkeit||1,9 m/sek.|
|Förderleistung||480 Pers./h|
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Abb.1: Die Schiffsanlegestelle "Giessbach See" mit dem Aufnahmegebäude, dem gedeckten Verbindungsgang und der Talstation der Drahtseilbahn. Abb.2: Abfahrbereiter Wagen in der Talstation. Abb.3 + 4: Nach der Talstation verläuft die Strecke bis vor die Ausweichstelle noch auf festem Untergrund.
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Abb.5: Die Abt'sche Ausweiche mit den Zahnstangen, wie sie sich heute präsentiert. Die gesamte Gleisanlage wurde 1989 letztmals erneuert. Abb.6 - 8: Sich begegnende Seilbahnwagen auf der Kreuzungsstelle. Abb.9: Die fünf eisernen Fachwerk-Bogenbrücken stammen ebenfalls aus der Werkstätte Aarau von N. Riggenbach.
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Abb.10: Ursprünglich wiesen die fast 11 m langen Seilbahnwagen talseits ein zweiachsiges Laufgestell und bergseits eine Einzelachse auf, um die Kurvenradien von 200 m bei der Ausweiche besser befahren zu können. Im Jahre 1891 wurden neue, dreiachsige Untergestelle beschafft, doch bereits 1903 wurde die mittlere Achse entfernt unter gleichzeitiger Verstärkung der äusseren Laufachsen. Mit dem Umbau im Jahre 1912 auf eine Wasserturbine wurde die mittlere Achse wieder eingebaut. Abb.11+12: Wagen auf dem oberen Streckenstück bei der Bergstation. Abb.13: In der Bergstation.
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Abb.14: Blick unter den Wagen 1 auf die bergseitige Achse mit der Zahnradbremse. Ganz links ist die breite, spurkranzlose Walze zu sehen, in der Mitte die Bremstrommel der Zahnradbremse und rechts das Doppelspurkranz-Laufrad, das für die Zwangsführung des Wagens verantwortlich ist. Abb.15: Das wuchtige, dreirillige Antriebsrad in der Bergstation mit der modernen Antriebsgruppe. Abb.16: Damit das Antriebsrad vom Zugseil dreimal umschlungen werden kann, muss es von zwei schräggestellten Gegenrädern jeweils umgelenkt werden. Die zwei Ablenkräder im Vordergrund führen das Seil auf die Ebene das Gleises. Abb.17: Die Giessbachbahn gehört zum Grandhotel Giessbach, das 1875 eröffnet wurde und im Jahre 1883 nach einem Brand sein heutiges, neubarockes Aussehen erhielt. 1978 stellte der damalige Besitzer ein Abbruchgesuch um Platz zu schaffen für ein modernes Gross-Chalet, und nur Dank dem unermüdlichen Einsatz von Natur- und Umweltschützer Franz Weber und der Stiftung "Giessbach dem Schweizervolk" konnte schliesslich das historische Hotel gerettet werden. Heute zählt das Grandhotel Giessbach zu den schönsten Bauten seiner Art in der Schweiz.
Alle Fotos: C. Gentil
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