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Das Violoncello
Europa im 16. Jahrhundert. Das Mittelalter ist vergangen und ein gewaltiger Umbruch erfasst Wissenschaft, Kirche und die Künste. Die Renaissance markiert den Beginn der Neuzeit. Instrumentalmusik gewinnt im Vergleich zu Gesang an Bedeutung. In dieser Zeit entsteht die Geige. Schon bald kommt der Wunsch nach tieferen, aber ähnlich klingenden Streichinstrumenten auf. Es entsteht eine ganze Familie von Instrumenten, die sogenannten Armgeigen (itl. viola da braccio). Neben der Violine (Geige) umfasst diese Familie die Viola (Bratsche), das Violoncello (Cello) und den Kontrabass (Bassgeige).Aufgrund seiner Grösse konnte das Cello nicht wie eine Geige im Kinn eingeklemmt und im Arm gehalten werden, sondern wurde mit den Knien eingeklemmt. Es zählt aber trotzdem zu den Armgeigen. Im Gegensatz dazu werden alle Instrumente der Familie der Kniegeigen (itl. viola da gamba) zwischen den Beinen gehalten, selbst die für hohe Lagen. Obwohl die Haltung des Instruments die gleiche ist, gehört das Cello nicht in diese Familie. Es gibt wesentliche Unterschiede. So waren die Saiten der Kniegeigen nicht im Ab- stand von fünf Tönen gestimmt. Wie Gitarren hatten sie Bünde, um die Tonhöhe zu markieren, einen flachen Boden und hängende Schultern (siehe Bild). Kniegeigen waren vorwiegend beim Adel und wohlhabenden Bürgern beliebt, Armgeigen wurden als Instrumente der niederen Schichten betrachtet. Obwohl sich beide Familien parallel entwickelten, wurden die Kniegeigen im 18. Jahrhundert immer unpopulärer.
Was ist die beste Grösse für das Cello? Wie viele Saiten soll es haben? In welchen Tönen soll man diese stimmen? Es wurde mit verschiedenen Modellen experimentiert. Erst um das Jahr 1710 fand kein geringerer als Antonio Stradivari die noch heute gültigen Abmessungen des Cellos in Cremona, der Hochburg des Streichinstrumentenbaus. Diese Masse setzten sich allmählich durch und viele der vormals grösseren Instrumente wurden verkleinert. Das Cello ist nicht bloss eine vergrösserte Geige, denn dafür ist es viel zu kurz und zu dick.Um das Tonvolumen zu vergrössern, wurde die ganze Familie der Armgeigen nach der Mitte des 18. Jahrhunderts noch einmal verändert. Konkret wurden der Hals und das Griffbrett verlängert und nach hinten geneigt. Erst hundert Jahre später (ca. 1860) wurde das Cello mit einem Stachel ausgerüstet und brauchte nicht mehr mit den Knien eingeklemmt zu werden. Die dadurch gewonnene Stabilität ermöglichte vor allem in höheren Lagen, bei denen der Daumen auf dem Griffbrett liegt, viel virtuoser zu spielen.Die Entstehung der Bezeichnung Violoncello war sehr verworren. Wörtlich bedeutet der Name kleine Violone. Der Begriff Violone bezog sich zuerst auf die Kniegeige und erst als diese ausser Mode geriet, wurde er für das Bassinstrument der Arm- geigen verwendet.
Gambenspieler Christopher Simpson.
Wichtige Unterschiede zum Cello: Sechs Saiten, kein Stachel, Bogen im Untergriff gehalten, Bünde, hängende Schultern, kurzes Griffbrett.
Für die Virtuosität und den Klang ist der Bogen genauso verantwortlich wie das Instrument selbst. Er besteht aus einer gekrümmten Stange, die mit Pferdehaaren bespannt ist. Um die Haare zu spannen, wurde früher ein kleiner Holzblock zwischen die Haare und die Stange geklemmt. Da dieser Block ab und zu heraussprang, wurde er Frosch genannt. Heutzutage sind die Haare direkt am Block befestigt und dieser wird mit einer Schraube verstellt, um den Bogen zu spannen. Die Bezeichnung Frosch ist aber geblieben. Der Bogen hat sich seit der Barockzeit wesentlich verändert und erhielt seine heutige Form durch den Pariser Fran¨ois Tourte um 1800. Die Form der Bogenstange, die damals von den Haaren weggewölbt war, versah er mit einer zusätzlichen Biegung in Richtung der Haare. ähnlich wie bei Reflex-Pfeilbögen erhöht das die Spannung der Haare wesentlich. Die reinen gespannten Haare sind nicht klebrig genug, um die Saiten beim Streichen in Schwingung zu versetzten. Deshalb werden die Haare mit Baumharz (Kolophonium) eingerieben, um die Haftung zu erhöhen.Normalerweise werden die Saiten mit den Haaren des Bogens gestrichen (coll'arco). Manchmal werden sie mit den Fingern gezupft (pizzicato), können aber in seltenen Fällen auch mit der Holzstange des Bogens gestrichen oder geschlagen (col legno) werden. Die Saiten bestehen nicht aus einem Stück, sondern bestehen aus einem Kern, der mit Metalldraht umsponnen ist. Der Kern bestand traditionell aus Schafsdarm. Heute werden jedoch vorwiegend Stahl und Kunststoff eingesetzt. Zart besaitet ist das Cello nicht, die Belastung des Stegs beträgt mehrere "Kilogramm". Je nach Druck, Geschwindigkeit und Strichstelle des Bogens kann die Lautstärke, die Fülle und die Weichheit des Tons kontrolliert werden.
In seinen Kinderjahren wurde das Violoncello oft zusammen mit Cembalo, Orgel oder Laute zur Begleitung von höheren melodieführenden Stimmen eingesetzt (Generalbass). Erst im Spätbarock wurde es langsam von Komponisten als Soloinstrument entdeckt. Aus dieser Zeit stammen unter anderem die berühmten Suiten für Violoncello solo von Johann S. Bach (BWV 1007-12), die jeder Cellist spielt. In der Wiener Klassik wurde das Cello auch als Orchesterinstrument immer wichtiger. Es wurde beispielsweise in der Coriolan-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven auf eigenständige Art eingesetzt. Auch hier findet man Beethoven in seiner Rolle als Wegbereiter der Romantik, in der das Cello seinen definitiven Siegeszug an- getreten hat. Der lyrische, teilweise etwas melancholische Klang des Cellos passte ideal zu dieser Zeitepoche der Sehnsucht und Leidenschaft.Dank seines Tonumfangs, der etwa demjenigen der menschlichen Stimme entspricht, ist das Cello sehr vielseitig ein- setzbar. Dies wird eindrücklich durch erfolgreiche Ensembles, die ausschliess- lich aus Celli bestehen, demonstriert (z. B. 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker oder die Metal-Band Apocalyptica).Das Violoncello hat einen langen Entwicklungsprozess hinter sich. Instrument, Bogen und Saiten sind ideal aufeinander abgestimmt. Der "vielsaitige" Italiener ist nun erwachsen und hat eine wunderbare Stimme.This page was last modified November 2016.