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Verheerende Krisen bieten mitunter auch ungeahnte Chancen. Dies zumindest gilt für den Weinbau im Kanton Tessin, der mit 1037 ha Rebfläche hinter den Kantonen Wallis, Waadt und Genf die viertgrösste Weinbauzone der Schweiz ist. Nach den verheerenden Attacken der aus Amerika eingeschleppten Pilzkrankheiten (Echter und Falscher Mehltau) und der Reblaus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts lag der Tessiner Weinbau praktisch am Boden.
Die Merlot-Traube als Rettung
Bei der Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführten Evaluierung neuer Rebsorten brachte die aus Frankreich eingeführten und auf reblausresistente Unterlagen aufgepfropften Merlot-Stöcke die besten Resultate. Der früh reifende Merlot erwies sich zwar als ertragskräftiger, krankheits- und fäulnisresistenter als andere getestete Varietäten, konnte jedoch gleichwohl nur langsam Fuss fassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich als unbestrittene Leitsorte durch. Vier Fünftel der Rebfläche des Kantons Tessin sind heute mit ihr bestockt.
Ceneri sorgt für Unterschiede
Der Monte Ceneri unterteilt das Tessin in zwei geographische Zonen, die auch für den Weinbau hinsichtlich der Boden- und Geländebeschaffenheit sowie des Klimas von Bedeutung sind. Im nördlichen, noch stark vom nahen Alpenmassiv geprägten Teil, dem Sopraceneri, dominieren mehrheitlich leichte, sandig-steinige, wasserdurchlässige Böden, in denen Granit und Gneis vorherrschen.
Im südlichen Teil, dem Sottoceneri, dagegen sind die Böden schwerer, Kalk- und Lehmböden überwiegen. Obwohl diese grobe Beschreibung die Komplexität der verschiedenen Terroirs nur annähernd wiederzugeben vermag, so zeichnen sich die Weine des Sopraceneri im Allgemeinen durch Struktur und Charakter aus, jene des Sottoceneri durch Volumen und Schmelz. Relativiert wird diese Typisierung freilich durch den Einfluss des unberechenbaren Klimas, das dem Kanton zwar rekordhohe Sonnenstundenwerte beschert, gleichzeitig aber auch heftige und ausgiebige Niederschläge, die von Hagelschlag und starken Gewittern begleitet sein können. Dazu kommen zahlreiche Mikro- und Mesoklimata, die ihrerseits den Charakter und Reifungsprozess der Trauben beeinflussen. Eine nicht zu unterschätzende Terroirkomponente ist der Winzer, der mit seiner Arbeit im Rebberg und im Keller die Richtung vorbestimmt, in welche sich der Wein entwickeln soll.
Deutschschweizer geben Impulse
Wie in anderen Weinbaugebieten in der Schweiz und in Europa setzte auch im Tessin in den 1980er-Jahren eine umfassende Qualitätsrevolution ein. Eine heterogene Gruppe von vornehmlich aus der Deutschschweiz stammenden Zuzügern leistete dabei wertvolle Pionierarbeit. Der ausgebildete Winzer Werner Stucky und die Quereinsteiger Daniel Huber, Adriano Kaufmann und Christian Zündel übernahmen alte, teils nicht mehr bewirtschaftete Rebberge, setzten sie instand und kelterten die Trauben selbst. Ihre reinsortigen Merlots und Merlot-Assemblagen (mit Cabernet Sauvignon und/oder Cabernet franc) setzten neue Qualitätsstandards.
Gleichzeitig ermutigten diese beeindruckenden Gewächse eine wachsende Zahl von bestandenen wie jungen Winzern, im eigenen Betrieb die Messlatte gleich hoch zu legen. Es sind dann auch weniger die Grossbetriebe, sondern vorab die professionellen, in der Associazione viticoltori vinificatori ticinesi zusammengeschlossenen Selbstkelterer, die dem Weinbau im Tessin neue Impulse gegeben haben und immer noch geben.
Dazu gehört etwa der Anbau der roten Bondola-Rebe, einer alten, autochthonen Tessiner Sorte, die lange vom Aussterben bedroht war und leicht rustikale, nach Kirschen duftende Weine ergibt. Im Sopraceneri erlebt sie zurzeit eine kleine Renaissance und wird auf rund 14 ha angebaut.