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Herbert Büttiker, Der Landbote (08.09.2009)
Eine Bühne auf Entdeckungsreise: Das Theater Luzern zeigt den «anderen Wozzeck»: Manfred Gurlitts zur gleichen Zeit wie Alban Bergs entstandene Oper auf Büchners Text.
Das macht die neue Luzerner Produktion in ihrer Geradlinigkeit und Konzentration eindrücklich deutlich: Manfred Gurlitt (1890–1972) war ein Komponist, der etwas zu sagen hat und, wie er es sagt, ist so eigen und fesselnd, dass sein «Wozzeck» in der Gegenwart der Aufführung den berühmteren (und grösseren) nicht zu scheuen braucht. Der Fall liegt ähnlich wie derjenige von Ruggero Leoncavallos «Bohème», die das Theater Luzern in der letzten Saison produziert hatte, und gehört ebenso zu den spannenden, vielleicht auch tragischen Zwischenfällen der Operngeschichte.
Als im Dezember 1925 Bergs «Wozzeck» in Berlin uraufgeführt und sogleich als epochales Werk begrüsst wurde, bereitete auch Manfred Gurlitt die Uraufführung seines «Wozzeck» vor. Am 22. April 1926 ging sie in Bremen, wo der Komponist Generalmusikdirektor war, über die Bühne – mit grossem Erfolg zwar, aber das Werk war und blieb «der zweite Wozzeck», über weite Strecken identisch, was die Auswahl der Szenen aus Büchners Fragment betraf, in gewissem Sinn moderner – gegen Bergs sinfonisches Gesamtgefüge steht hier die Reihung kurzer und karger Einzelszenen im Geiste des büchnerschen Fragments –, aber traditioneller in der Harmonik und im dramatischen Vokabular von Orchestertremolo, gestischem Unisono, Deklamation und lyrischer Kantabilität. Wobei der prägnante, kammermusikalisch reduzierte Einsatz der Stimmungsmittel den Musikdramatiker mit sicherem Griff verrät.
Das grosse Unglück für Gurlitts Karriere kam denn auch von anderer Seite. Obwohl er sich anzupassen versuchte und der Nazipartei beitrat, wurde er 1933 als «Kulturbolschewist» ausgebootet und 1937 auch rassisch diffamiert. Gurlitt, mit einer Japanerin verheiratet, ging nach Tokio. Auch hier konnten ihm Hitlers Diplomaten das Leben schwer machen, aber dennoch und nach dem Krieg erst recht leistete er einen entscheidenden Beitrag beim Aufbau des westlichen Musiklebens in Japan. Dafür wurde er auch in der Bundesrepublik geehrt, aber als Komponist konnte er sich im Westen nicht mehr etablieren – die Aufführung seiner «Nana» 1958 in Dortmund blieb Episode.
Erst 1987 wurde «Wozzeck» in Bremen wieder aus der Versenkung geholt. Erstmals in der Schweiz ist das Werk jetzt in Luzern zu sehen – wenn man will, mit einem gewissen Heimatrecht, denn Gurlitt hatte Innerschweizer Wurzeln (seine Mutter war die Tochter des bedeutenden, aus dem urnerischen Bürglen stammenden Bildhauers Maximilian Imhof).
Zu verdanken hat Gurlitt seinen Auftritt in Luzern aber vor allem der eigenständigen und entdeckungsfreudigen Spielplandramaturgie des Theaters, die am Sonntagabend auch von Premierenerfolg belohnt wurde. Grossen Applaus am Schluss der knapp eineinhalbstündigen Aufführung gab es für das ganze Ensemble unter kompetenter Leitung von Mark Foster. Insbesondere begeisterten Marc-Olivier Oetterli mit schönem und nuancenreichem Timbre als Wozzeck voller Wärme und tragischer Würde, Simone Stock als anmutig-intensive, wenn in der Höhe auch forcierende Marie und Thomas Gazheli mit pentrant karikierendem Bariton als Hauptmann. Starkes Profil erhielten auch der Tambourmajor mit Manuel Wiencke, der Doktor mit Patrick Jones und berührend auch Anmit Utku Kuzuluk.
Das «arme Kind»
Einen wichtigen Part hatte Caroline Vitali als Margarete und vor allem als Alte Frau: Deren trostlose Erzählung vom «armen Kind», die Gurlitt anders als Berg vollständig vertonte, gab sie die dunkle, aber warme Farbe, die das Werk überhaupt grundiert: als Gefäss des mitmenschlichen Erbarmens. Das bestätigt zuletzt der Epilog (in der Aufführung als Prolog vorangestellt), ein sehr berührendes Adagio unter dem Motto «Klage um Wozzeck».
Das «Leitmotiv» gibt der Chor mit seinem vielfach wiederholten «Wir arme Leut» vor. Während Gurlitt die Gesellschaftsszenerie auf der Bühne stärker reduziert als der realistische Berg, nutzt er die Vokalstimmen, um das musikalische Geschehen expressiv aufzuladen. Die Inszenierung von Vera Nemirova folgt dieser Stilisierung, auch wenn die Chöre in weissem, aber bürgerlichem Zuschnitt in Werner Hutterlis düster-offenem Bühnenraum stark präsent sind. Choreografische Abstraktion, schlicht montierte Szenenübergänge und ein relativ statisches Bewegungskonzept korre-spondieren eindringlich und schön mit der bezwingenden Lakonik von Gurlitts Musik.