Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/2598

Morgen in einer Woche wird in den USA der Präsident gewählt. Aber auch Teile der beiden Kammern des Parlamentes, Repräsentantenhaus und Senat, werden durch die Wahl neu besetzt. Bisher konnten schon etwa 59 Mio. Wähler ihre Stimme frühzeitig abgeben. Diese Zahl ist bereits so hoch, wie die Gesamtzahl der vorzeitigen Stimmabgaben bei den letzten Wahlen in 2016. An den Finanzmärkten wird das Szenario einer blauen Welle diskutiert. Blau ist traditionell die Farbe von Joe Biden und der Demokratischen Partei und die «blaue Welle» steht für den Sieg von Joe Biden und der Erreichung einer Mehrheit im Senat und - wie bisher - im Repräsentantenhaus. Eine Szenario-Analyse zu den US-Wahlen jagt gegenwärtig die nächste. Insgesamt raten wir vor den Wahlen dazu, keine grossen Veränderungen vorzunehmen. Wir werden nach erfolgter Wahl und somit auf gesicherterer Grundlage einen Ausblick auf jene Anlagethemen verfassen, die uns für die neue Amtsperiode erfolgsversprechend erscheinen.Die Quellen für diese Szenarien, Einschätzungen oder oft auch Spekulationen stammen meist aus drei Bereichen:
Wenn man die vielen Umfragen zu den Wahlabsichten ("polls") aggregiert, dann scheint eine blaue Welle das wahrscheinlichste Ergebnis zu sein.Selbst wenn man die gleichen Prognosefehler wie bei der letzten Wahl annimmt, würde als Ergebnis dennoch eine blaue Welle resultieren. Die Analyse durch «FiveThirtyEight» sieht gegenwärtig einen deutlichen Vorsprung von 9.1% für Joe Biden.
Der Name der Firma «FiveThirtyEight» (538) steht für die Anzahl Wahlmänner, die über die 50 US Bundesstaaten zugeteilt sind und den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl bestimmen.Die Firma «FiveThirtyEight» wurde durch den Statistiker Nate Silver gegründet. Er wurde 2009 von der Zeitschrift «Time» auf die Liste der weltweit 100 einflussreichsten Personen aufgenommen.Dies nachdem er ein statistisches Modell für die Karriere-Perspektiven von Basket Ball Spielern erfolgreich entwickelt hatte und vor allem auch dadurch, dass er bei den Präsidentschaftswahlen 2008 das Wahlergebnis in allen 50 Bundesstaaten richtig prognostiziert hatte. Dies gelang ihm 2012 nochmals, dabei konnte er sogar die Besetzung aller zur Wahl stehenden 35 Sitze im Senat richtig prognostizieren.Nate Silver hat seine Firma später verkauft. Aktuell gehört sie ABC News, der wiederum Teil des Disney Konzerns ist. Bei den Wahlen in 2016 lagen Nate Silver's Prognosen aber ebenfalls falsch. Zwar war die prozentuale Zahl der Stimmen für Trump mit einer Prognose von 44.9% versus ein Ergebnis von 46.1% nur um 1.2% falsch und lag damit vermutlich innerhalb des statistischen Fehlers. Auch die Stimmenanteile für Hillary Clinton waren mit einer Prognose von 48.5% versus ein Ergebnis von 48.2% sehr genau. Durch das föderalistische System mit den Wahlmännern gewann Donald Trump die Wahl, ohne aber ein Volksmehr zu erreichen, mit 306 zu 232 Wahlmännern gegenüber Hillary Clinton.Die Prognose von Nate Silver zu den Wahlmännern war mit 302.2 zu 235 zugunsten von Clinton gerade spiegelverkehrt falsch. Diese Fehlprognose hat dazu beigetragen, dass Wahlprognosen an Glaubwürdigkeit verloren haben, obwohl viele Teil-Aussagen auch 2016 sehr genau blieben. Die Prognostiker konnten aber in den letzten Jahren die Fehlerquellen bei der letzten Wahl analysieren und man kann auf die Genauigkeit bei dieser Wahl gespannt sein.
In den für den Wahlausgang wichtigen Staaten wie Florida, Pennsylvania oder Arizona zeigen die Wahlumfragen, dass Donald seinen deutlichen Rückstand in den letzten Wochen stetig aufholen konnte. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen war am Ende der Trend auf Donald Trumps Seite. Ob ihm dies wieder gelingt, ist aber sehr fraglich, da Trumps Rückstand heute noch erheblich bleibt. Das Thema der Pandemie gewinnt in den USA durchsteigenden Spitaleinweisungen und steigende Infektionszahlen wieder deutlich an Aufmerksamkeit und dieser Umstand könnten den Aufholtrend bei Donald Trump ausgerechnet in der letzten wichtigen Woche vor der Wahl bremsen.Die Wettquoten und die Preise für Terminkontrakte auf den Wahlausgang zeigen ein weniger eindeutiges Bild und würden ein sehr knappes Ergebnis voraussagen.Die Aussagekraft von Umfragen für das erwartete Wahlergebnis ist aufgrund der breiteren Datenbasis aber vermutlich stärker als die von Wettquoten. Betrachtet man die Kursentwicklung von Aktienkörben, welche die unterschiedliche Perspektive bei Kernthemen reflektieren und die sich bei Republikanern und Demokraten verschieden darstellen, kommen manche US-Broker zu folgenden Empfehlungen:
In einem «demokratischen» Aktienkorb sind die Sektoren Infrastruktur, Erneuerbare Energien, Krankenversicherung, und Cannabis Aktien ausgewählt. Ausserdem wird in der US-Analystenszene manchmal erwartet, dass der Verkauf von Waffen an private bei einem demokratischen Sieg zunehmen würde und die Umsätze dieser Unternehmen begünstigen würde (sic!). Bei einem «republikanischen» Korb werden die Sektoren Energie (fossil), Rüstung und Verteidigung, Finanztitel (Deregulierung), sowie private profitorientierte Bildungs- und Strafvollzugs Unternehmen begünstigt werden. Man erkennt im Verhalten und beim Kommunikationsstil der Broker in den USA deutlich, dass Kriterien des nachhaltigen Anlegens bei privaten Investoren nicht die gleiche Aufmerksamkeit geniesst, wie in der Schweiz oder in anderen Europäischen Ländern.
Die jüngste Flut an Wahlprognosen und Szenarioanalysen durch Finanzinstitute, die vor allem in den USA aber auch in der Schweiz Anleger zu reger Transaktionstätigkeit ermuntern soll, bleibt sehr spekulativ und ist wenig im Sinne unserer strategisch orientierten Anlagephilosophie. Dennoch ist der Sieg von Joe Biden aus unserer Sicht das wahrscheinlichste Szenario. Weniger gesichert, ist die Erreichung einer klaren Mehrheit der Demokraten im Senat. Vieles spricht dafür, dass nachhaltiges Anlegen bei einem Sieg von Joe Biden als Strategie profitieren könnte. Die Themen Dekarbonisierung der Wirtschaft und Erneuerung der Infrastruktur könnten für die Demokraten neue Gestaltungsspielräume eröffnen.Wir haben gerade in diesem Bereich als Bank unsere Anlagestrategien in den letzten Jahren erfolgreich weiterentwickelt und umgesetzt. Die blaue Welle würde aus unserer Sicht eine Kehrtwende in der US-Energiepolitik einleiten. Eine erneute Unterzeichnung der Pariser Klimaabkommens wäre denkbar. Ausserdem würde in der Gesundheitsversorgung weiterhin eine breite und staatlich mitfinanzierte Grundversorgung angestrebt. In der Woche nach der Wahl wird das oberste US-Gericht bereits über die Frage entscheiden, ob das Affordable Care Act (Obamacare) verfassungskonform ist.Die Republikaner haben wohl auch aus diesem Grund die Nominierung der obersten Richterin Amy Coney Barrett, die als konservativ gilt, unüblicherweise schon vor der Wahl rasch vorangetrieben. Heute Abend wird in den USA Amy Coney Barrett voraussichtlich durch den Senat als oberste Richterin bestätigt. Die US-Handelspolitik könnte auch bei einem Sieg Bidens weiterhin protektionistische Züge beibehalten. Dies könnte sich auch bei einer Niederlage Donald Trumps als sein wichtigstes Vermächtnis erweisen. In der Steuer- und Sozialpolitik ist bei einem Sieg von Joe Biden mit einer Trendwende zu rechnen. Joe Biden strebt eine Verdoppelung des Mindestlohns von 7.25$ auf 15$ an.
Ebenfalls könnten die Steuersätze für hohe Privateinkommen von über 400'000 USD pro Jahr und für Unternehmen steigen. Diese Änderungen im Steuersystem mit weniger Wachstum in der Wirtschaft gleichzusetzen ist aber nicht statthaft. Wenn höhere Staatseinnahmen sinnvolle Investitionen in die oft veraltete US-Infrastruktur und das Bildungssystem ermöglichen, könnte auch die Wirtschaft davon profitieren.Schliesslich gibt der Staat die Mittel die er erhält zuverlässiger aus als Privathaushalte, welche die Sparquote erhöhen können.Es gibt somit oberflächliche Argumente die beide Positionen hohe oder tiefe Steuern als wirtschaftsfreundlich darstellen. Politiker benutzen im US-Wahlkampf in beiden Lagern diese Floskeln sehr oft, um ihr Profil zur Wirtschaftskompetenz zu stärken. Eine seriösere ökonomische Argumentation zum Thema «konjunkturelle Auswirkung von Steuern» aufzubauen, muss natürlich auch die Qualität der mittels Steuermittel angestrebten Investitionen würdigen. Dies zu diskutieren, sprengt aber den Rahmen dieses Kommentars.An den Börsen verspricht man sich von einer blauen Welle auch endlich einen Entscheid zu einem neuen und noch umfangreicheren Hilfsprogramm, der die Folgen der Pandemie weiterhin abfedern soll. Gegenwärtig stehen diese Verhandlungen so kurz vor der Wahl still. Dieser blaue «Reflation-trade» in dem die Demokraten die Wirtschaft mit massiver staatlicher Förderung zu Wachstum und mehr Inflation führen, könnte den Dollar weiter schwächen und die Aktienmärkte heben. Aber auch bei einem Sieg von Donald Trump, könnte die Blockade für die weiteren Hilfsprogramme überwunden werden und ein Absturz der Börsen, scheint auch in diesem Fall nicht wahrscheinlich. Allerdings ist bei einem unerwarteten Sieg von Donald Trump immer noch mit einem gespaltenen Parlament zu rechnen. Somit wäre der Handlungsspielraum Trumps in seiner zweiten Amtszeit möglicherweise geringer als in seiner ersten.Das ungünstigste Szenario wäre aus unserer Sicht aber eine langanhaltende Unsicherheit bei der Auszählung der Wahl. Eine damit verbundene unvermeidliche Polemik zum Ausgang der Wahl könnte viele Wochen dauern und das oberste Gericht der USA involvieren. Mit mehr Volatilität an den Börsen müsste in diesem Fall gerechnet werden.
Wir bleiben bei den Aktien nahe der langfristigen strategischen Quote positioniert. Wir sind innerhalb unserer Aktienanlagen aber etwas defensiver investiert. So sind Schweizer Aktien aktuell in den Portfolios übergewichtet, zu Lasten von Aktien USA und Aktien Europa. Zudem sind wir in Anlagethemen aus den Bereichen Technologie, Demographie und Healthcare investiert. Unsere Exposition zum US-Dollar haben wir bereits vor einigen Monaten etwas reduziert.
Die Aktienmärkte eröffnen heute mit Verlusten in Europa. Der Absturz der SAP Aktie um mehr als 10 % zieht den DAX etwa 2 % ins Minus. In der Schweiz ist SMI hingegen nur leicht negativ. An den US-Börsen wird heute ebenfalls eine etwa 1 % tiefere höhere Eröffnung erwartet.Wir wiederholen an dieser Stelle erneut, dass Angst ist in diesem Umfeld kein guter Ratgeber ist. Wir raten an Aktienpositionen festzuhalten. Möchten Sie regelmässig über die aktuelle Börsenlage informiert werden? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Investment Letter.