Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/640

Bild:
Ein menschlicher Handabdruck, der vor etwa 30.000 Jahren an der Wand der Höhle von Chauvet-Pont-d’Arc in Südfrankreich entstand. Jemand hat versucht zu sagen: „Ich war hier!“
„Was soll ich tun?“ ist eine legitime Frage. Ich meine nicht Fragen wie „Soll ich heute Abend die Eltern besuchen?“, „Soll ich heute Abend Fußball spielen?“ oder „Soll ich etwas Gutes essen?“ oder „Soll ich mich einfach schon früh ins Bett legen?“
Ich meine mehr, was ist das Vernünftige, das Richtige, das Gute, dass ich tun soll. Es könnte hilfreich sein, sich, bevor man diese Frage beantwortet, zwei Vor-Fragen zu stellen:[i]
Erste Frage
Die erste Frage lautet: „Was ist denn wirklich wichtig?“. Wenn man ein bisschen nachdenkt, was denn wirklich wichtig ist im Leben, dann ist das gar nicht so schwer zu benennen. Auf den meisten Listen werden sich Gesundheit, Familie, Freunde und auch u.a. Finanzen finden lassen. Und bringt man dann die Ethik, vielleicht besser die alltagstaugliche und anwendbare Ethik mit ins Spiel, dann tauchen vielleicht soziale Achtung und auch so etwas wie Fairness auf.
Und in einem selbst taucht vielleicht auch Selbstachtung auf. Damit ist gemeint, man möchte doch gerne dauerhaft so leben, dass man morgens gut in den Spiegel schauen kann und sich dabei wohlfühlt. Es bietet sich an, die Frage, „Was ist denn wirklich wichtig?“, immer wieder mal explizit und in Hinblick auf die eigene Ethik zu formulieren.
Warum? Weil man solche wichtigen Dinge im Alltag öfters mal vergessen könnte. Im Alltag, und zwar gerade, wenn du im vollen Saft gärst, voll im Beruf stehst. Alles erfassen, was getan werden will. Da kann man vergessen, was eigentlich wichtig ist. Da kann Familie und die eigene Gesundheit in den Hintergrund rücken und man vergisst die eigentlich wesentlichen Dinge.
Ein Ethiker und ein Seifenhersteller spazieren im Wald. Die beiden unterhielten sich und der Seifenhersteller fragte den Ethiker: „Ihr Ethiker, wozu seid ihr eigentlich gut? Guck mal, seit über 2000 Jahren predigt ihr Menschen, ihr sollt anständig sein, niemanden morden, keine Diebstähle und so weiter und so fort.
Jetzt schlag doch die Zeitung von heute auf. Was liest du? Du liest von Vergewaltigung, Diebstahl, Mord usw. Wozu seid ihr Ethiker eigentlich gut?“ Der Ethiker schweigt.
Nach einer Weile kommen die beiden an einen Spielplatz. Kinder spielten dort. Am Vortag hatte es geregnet. Die Kinder waren schmutzig. Der Ethiker fragte den Seifenhersteller: „Wozu seid ihr Seifen Hersteller eigentlich gut? Ihr wollt doch, dass die Menschen sauber sind. Sieh die Kinder! Sie sind recht schmutzig, obwohl ihr Sachen herstellt, damit sie sauber sein können.“
„Das ist ja gerade der Nutzen“, sagte der Seifenhersteller. „Weil die Menschen immer wieder dreckig werden, macht unser Produkt so viel Sinn.“ „Eben“, sagte der Ethiker.
Zweite Frage
Angenommen, du hast herausgefunden, was wirklich wichtig ist für dich in deiner Welt, dann könntest du dich fragen: „Was hindert mich, entsprechend zu handeln, das umzusetzen?“
Jeder Mensch ist für Nachhaltigkeit. Warum haben wir nicht mehr davon? Warum fehlen nachhaltige Strukturen? Das lässt sich noch runterdampfen: Die Menschen würden gerne im Unternehmen respektvoll miteinander umgehen, würden es sehr schätzen, wenn man freundlich miteinander umgehen würde. Ohne ständige Intrigen, sondern, dass man produktiv, engagiert, motiviert miteinander umgeht, dass man sich freundlich begrüßt – das würden doch alle vorziehen.
Ist aber nicht die Realität, ist nicht der Alltag. Und deswegen ist die Frage so interessant: „Was hindert uns daran, im Alltag so zu leben, wie es uns die Ethik nahelegt?“
Wenn man anfängt darüber nachzudenken, führt dies zu einer Fülle von Punkten, die die Ethik interessant machen.
Epilog
Ob man 25 oder 85 Jahre alt ist, es kommt einem immer so vor, als hätte man nur noch wenig Zeit. Wenn man 85 ist, hat man noch so viele Dinge, zu denen man keine Gelegenheit hatte. Wenn man Enkelkinder hat, möchte man sie aufwachsen sehen. Wenn man 25 ist, hat man so viele Wünsche und Dinge, die man noch tun möchte, dass selbst 200 Jahre Leben nicht ausreichen. Es gibt immer noch etwas zu tun, egal wie alt man ist.
Dies erkannte auch der Philosoph und Kaiser Marcus Aurelius, als er in sein Tagebuch schrieb: „Nur noch kurze Zeit“, als er das größte Reich seiner Zeit regierte.
Da man es a) sowieso nicht allen recht machen kann und b) auch nicht alles tun kann, was es an Möglichkeiten auf diesem wunderbaren Planeten gibt, ist es doch mehr recht als billig, sich auf jene Dinge zu besinnen, die einem wichtig sind.
Unter anderem fällt mir dazu Yuval Noah Harari ein.
In den letzten Absätzen des Buches Homo Deus hat Harari ein paar Sätze geschrieben, die mir besonders aufgefallen sind:
In der Antike bedeutete Macht zu haben, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu haben, zu wissen, was man ignorieren kann.
Die Prämisse ist, dass es heute zu viele Informationen gibt, als dass ein Einzelner sie aufnehmen könnte, und ein Großteil davon ist irrelevanter Lärm.
Die Disziplin, die Informationsflut zu reduzieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ist eine großartige Fähigkeit.
Zum Schluss könnte man es dann „Weisheit“ nennen, den Lärm um uns herum zu ignorieren und uns zu fragen:
[i] Inspiriert durch den Vortrag von Prof. Dr. Andreas Suchanek: Wieviel Ethik kann sich ein Unternehmen leisten? (ab 8:12)