Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03310.jsonl.gz/556

Schweiz – Russland: Migration und Reisen
Beim Ausbruch der Russischen Revolution 1917 lagen die Anfänge der Kontakte zwischen der Schweiz und Russland bereits mehrere Jahrhunderte zurück. Diese gründeten nicht bloss auf den Beziehungen zweier Länder, sondern vielmehr auf den Zehntausenden Männern und Frauen, die nach Osten oder in umgekehrter Richtung nach Westen reisten, um im Zielland für einen Kurzaufenthalt oder für immer zu bleiben.
Richtung Osten
Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts bis 1917 liessen sich mehr als 20'000 Schweizer im Zarenreich nieder. Das Land lockte - dank seiner an Westeuropa orientierten Modernisierungsbestrebungen - mit guten Berufsaussichten in den Bereichen Landwirtschaft, Bauwesen, Wissenschaft, Industrie und Erziehung (Hauslehrer). Einige der Schweizer Auswanderer bewegten sich in den höchsten Kreisen, so François Le Fort, Freund Peters des Grossen, oder Frédéric-César de La Harpe, Hauslehrer und Berater des zukünftigen Zaren Alexander I. Unter den herausragenden Mathematikern an der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg lehrte auch Leonhard Euler. Im 19. Jahrhundert brachten die wegen der Krise der Milchwirtschaft emigrierten Berner Käser ihr Wissen in die russische Produktion ein. Waadtländer Winzer gründeten auf Einladung Alexander I. eine Kolonie in der Nähe von Odessa. Zahlreiche Westschweizerinnen fanden eine Anstellung als Gouvernante in Oberschichtfamilien oder gar in jener des Zaren wie Jeanne Huc-Mazelet. Nach der Revolution mussten rund 8'000 Personen, oft völlig verarmt, in die Schweiz zurückkehren.
Tessiner Baumeister in St. Petersburg und Moskau
Tessiner Architekten prägten das Stadtbild der kaiserlichen Hauptstädte. Der 1703 von Peter dem Grossen nach St. Petersburg gerufene Domenico Trezzini spielte beim Aufbau der neuen Hauptstadt eine bedeutende Rolle. Er plante ganze Stadtteile und realisierte zahlreiche Bauwerke wie die Kathedrale St. Peter und Paul. Domenico Gilardi, Sohn von Giovanni Battista, beteiligte sich nach dem Brand von 1812 am Wiederaufbau Moskaus. Unter den unzähligen, in Moskau tätigen Tessiner Baumeistern des 15. bis 19. Jahrhunderts sind Carlo Rossi und Ippolito Monighetti hervorzuheben. Letzterer leitete auch den Bau der russisch-orthodoxen Kirche in Vevey.
Richtung Westen
Die Schweiz ihrerseits übte vor dem Ersten Weltkrieg eine grosse Anziehungskraft auf die Russen aus. Unter den russischen Eliten trug Nikolai Michailowitsch Karamzin mit seinen Schriften und der Übersetzung schweizerischer Idyllen zur Verbreitung eines verklärenden Schweizbilds bei. Russische Adlige bereisten als Touristen die Schweiz, wobei sich einige dauerhaft niederliessen. Viele an Tuberkulose Erkrankte machten Kuraufenthalte in Sanatorien. In Davos eröffnete die russische Regierung 1911 gar eine konsularische Vertretung. Zahlreiche Schriftsteller wie Dostojewski, Gogol, Turgenew und Tolstoi hielten sich für kurz oder lang in der Schweiz auf. Ab den 1860er Jahren suchten politischen Oppositionelle, unter ihnen führende Figuren des Anarchismus und des Kommunismus, Zuflucht in der Schweiz, wo sie ihren Kampf fortsetzten (Bakunin, Kropotkin, Trotzki und Lenin). Eine weitere gewichtige Gruppe bildeten russische Studierende, deren Anteil im Sommer 1914 mehr als ein Viertel aller an den Schweizer Universitäten Immatrikulierten betrug. Der Krieg und die Russische Revolution setzten diesem Austausch ein jähes Ende.
Russische Studentinnen in der Schweiz
Unter den russischen Studierenden in der Schweiz waren die Frauen in der Mehrzahl. Die Feminisierung der Hochschulen vom Ende des 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war weitgehend darauf zurückzuführen. Im Russischen Reich hatten Frauen, insbesondere Angehörige von diskriminierten Minderheiten, kaum Zugang zu höheren Studien, während die Schweizer Universitäten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihnen dies ermöglichten. Russinnen studierten vorzugsweise Medizin, so Nadeschda Suslowa, die 1867 an der Universität Zürich als erste Frau in der Schweiz promovierte, und Lina Stern, ab 1918 erste ausserordentliche Professorin an der Universität Genf. Zu den Vorkämpferinnen gehört auch die Philosophin Anna Tumarkin, die an der Universität Bern 1898 habilitierte und dort als erste Dozentin lehrte.