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Der erste Kontakt zwischen dem Verleger Egon Ammann und seinem künftigen Hausautor Thomas Hürlimann beginnt mit einer Irritation. Bei einem Aufenthalt in Berlin um 1980 will Ammann die Gelegenheit nutzen, sich mit Hürlimann spontan zu verabreden. Doch bekommt er auf Anfrage zunächst eine abschlägige Antwort: Es gehe erst abends, da Hürlimann tagsüber «feste Bürozeiten» einhalte. Der Autor lässt den Verleger also zunächst einmal abblitzen, um in Ruhe sein festgelegtes Tagespensum zu verrichten. Se non è vero, è ben trovato... Doch dürfte Ammann nicht bloss wegen dieser Unverfrorenheit «irritiert» gewesen sein, sondern auch angesichts des Umstandes, dass ein Schriftsteller seiner Tätigkeit offenbar in der Regelmässigkeit eines Beamten nachgeht. Widerspricht das nicht allen Klischees dichterischer Kreativität, die sich so schlecht mit gesellschaftlichen Konventionen verträgt? Festgelegte Arbeitszeiten? Um acht Uhr morgens den Stift anspitzen und punkt fünf Uhr nachmittags den Griffel niederlegen… Wo bleibt da die Inspiration?
Furor – der Mythos der Inspiration
Ob wahr oder erfunden, die Anekdote ist ex negativo ein Beleg für das verbreitete Bild schriftstellerischer Tätigkeit, die man sich nicht anders als aussergewöhnlich vorstellen kann: irgendwie inspiriert, obsessiv vielleicht, einem intrinsischen Schaffensdrang folgend. Dieses Bild wurde früh geprägt, in der griechischen Antike bei Platon als dichterische «Mania», später in der Renaissance als Furor poeticus. Schon Cicero bezog sich auf Platon mit der Devise, es gebe keine grosse Dichtung ohne poetischen Furor. Verbunden mit diesem Ausdruck war die Vorstellung, dass der Dichter von der Muse geküsst und von der Inspiration dermassen ergriffen wird, dass ihm die Verse mühelos, wie in einem unbewussten Taumel, aus der Feder fliessen. Er lässt lediglich ausströmen, was ihm von oben diktiert wird. In der Renaissance-Ikonographie wurde der inspirierte Dichter entsprechend mit geflügeltem Haupt und entrücktem, zum Himmel gewandtem Blick dargestellt (siehe unten). Er braucht das Auge nicht auf die Schreibtafel zu fixieren, wenn ihm der poetische Furor die Feder von alleine führt.
Auch wenn heute niemand mehr an Musenküsse und göttliche Eingebung glaubt, so bleibt die Vorstellung von ekstatischen Momenten im literarischen Schreibprozess unter säkularen Vorzeichen bis in die Gegenwart erstaunlich präsent. Noch Friedrich Nietzsche erklärte den Rausch als Ausser-sich-Sein zur physiologischen Vorbedingung des Künstlers. So verwundert es kaum, dass die Rede vom Schreibrausch immer wieder literarische Texte begleitet, um ihnen eine gewisse Exklusivität zu verleihen oder auch nur die seit der Antike geläufige Erwartung zu bestätigen, dass grosse Literatur unter besonderen Schreibumständen entstehe. Allerdings lässt sich ein Schreibrausch in actu kaum fassen. Er wird kolportiert durch Erlebnisberichte und Selbstaussagen und gehört deshalb ins Reich der Anekdoten. Das mag mit ein Grund sein, weshalb solche Selbstaussagen rasch zum Stereotyp verkommen und dadurch den Verdacht nähren, dass sie Teil einer geschickten Auto(r)inszenierung sind, die dem literarischen Werk ein spektakuläres Making of verpassen oder sich und es in die Tradition der Rauschschreiber einreihen will.
Flow – alles im Fluss
Die moderne Referenzgrösse für den produktiven Schreibrausch markiert niemand Geringerer als Franz Kafka. Genauer gesagt dessen Tagebucheintrag…