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Wissenschaftler legten bisher ein großes Augenmerk auf die Entwicklung der Meereisausdehnung in der Antarktis im Zuge des Klimawandels und dessen Auswirkungen auf die antarktischen Tiere an der Spitze der Nahrungskette. Über den Zusammenhang Festeis — Spitzenräuber war jedoch nur wenig bekannt. Daher nahm ein internationales Forscherteam nun die Beziehung zwischen der Variabilität des Festeises sowie lokalen Wetterbedingungen und dem Bruterfolg von Kaiserpinguinen in der Ostantarktis genauer unter die Lupe.
In der aktuellen Studie untersuchten Wissenschaftler aus Frankreich, den USA und Australien den Zusammenhang zwischen Festeis und dem Bruterfolg der Kaiserpinguinkolonie am Point Géologie in der Ostantarktis unter Verwendung langjähriger Datensätze. Sie werteten Satellitenbilder, Wetterberichte und Aufzeichnungen über den Bruterfolg der Kaiserpinguine aus, die einen Zeitraum von 39 Jahren abdecken.
Eine Erkenntnis der Studie, die in der Fachzeitschrift Biology Letters veröffentlicht wurde, ist, dass Eisberge einen großen Einfluss auf das Verhalten des Festeises haben. Ein Eisberg, der in den 1980er Jahren vom Schelfeis abbrach und im Jahr 2010 mit einem Gletscher nahe der Kolonie kollidierte, führte zu einem Eisstau, sodass der Weg von der Kolonie bis zur Eiskante für die Pinguine zu weit war, um ihre Küken ausreichend zu versorgen. Daraufhin kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Kükensterblichkeit zwischen 2012 und 2014, die in den folgenden Jahren wieder etwas zurückging. Insgesamt ist die Anzahl der Brutpaare am Point Géologie von 6.075 in den frühen 1970er Jahren auf heute etwa 3.500 gesunken.
Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, wie stark Pinguinpopulationen durch kleine Veränderungen in ihrer Umwelt beeinflusst werden können. Mit zunehmender Erwärmung werden diese immer unvorhersehbarer.
Die Forscher fanden zudem heraus, dass die Eisbedingungen nur in einem schmalen Bereich optimal sind für den Bruterfolg der Kaiserpinguine, entsprechend einer Normalverteilung. Gibt es zu wenig Festeis bzw. schmilzt es zu früh, dann laufen die Küken mit ihren Flaumfedern Gefahr, ins Wasser zu stürzen und zu erfrieren. Ist der Weg bis zur Eiskante und somit zur Nahrungsquelle zu weit, können die Elterntiere nicht genügend Futter für die Küken heranschaffen.
Das Eis reagiert so sensibel auf Umweltveränderungen und die Pinguine reagieren wiederum sensibel auf veränderte Eisbedingungen, sodass der Klimawandel über das Schicksal der Kaiserpinguine entscheiden wird.
Insgesamt ist Festeis jedoch noch zu wenig erforscht, obwohl es eine essentielle Rolle spielt für das Überleben der Kaiserpinguine. Die Gründe dafür liegen in seiner Variabilität und im Einfluss verschiedener Faktoren wie Stürme, Eisberge oder der Bruchfestigkeit des Eises selbst. All dies erschwert die Modellierung und die Erstellung genauer Vorhersagen. Auch bei der Kolonie am Point Géologie, die zu den am besten dokumentierten Kolonien gehört, gingen Wissenschaftler lange davon aus, dass den Kaiserpinguinen mit der zunehmenden Erwärmung das Eis unter den Füßen wegschmilzt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. In den letzten zehn Jahren hat die Ausdehnung des Festeises zugenommen. Wie Alexander Fraser, Glaziologe an der University of Tasmania und Co-Autor der Studie, gegenüber der National Audubon Society sagt, sind zu einem Großteil Eisberge dafür verantwortlich.
Aufgrund der globalen Erwärmung werden laut Klimaforschern in Zukunft mehr Eisberge abbrechen. Und die haben das Potential, die Umweltbedingungen so zu verändern, dass die Auswirkungen für die Pinguinkolonien verheerend sein könnten. Die Aussichten für Kaiserpinguine, die mit geschätzten 595.000 Tieren die am wenigsten zahlreichen aller antarktischen Pinguinarten sind, sind also alles andere als rosig.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Labrousse Sara, Fraser Alexander D., Sumner Michael, Le Manach Frédéric, Sauser Christophe, Horstmann Isabella, Devane Eileen, Delord Karine, Jenouvrier Stéphanie and Barbraud Christophe, 2021. Landfast ice: a major driver of reproductive success in a polar seabird. Biol. Lett.172021009720210097 http://doi.org/10.1098/rsbl.2021.0097