Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/1277

In sehr vielen alten Kulturen bedurfte es immer wieder Opfer, um die Götter zu besänftigen, wohlwollend zu stimmen oder um fehlerhaftes (sündiges) Verhalten zu sühnen. Diese Auffassung finden wir auch in der Bibel wieder und zwar sowohl im AT wie auch im NT. Gott verlangt Opfer (Abraham), er nimmt Opfer an oder weist sie zurück (Kain und Abel), er opfert sogar seinen «Sohn» und lässt diesen im schlimmsten Moment im Stich (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!) oder er opfert sogar sich selbst. Diese Opfertheorien (Auslegungen, Interpretationen) haben vielerorts bei zum heutigen Tag Gültigkeit. Ebenso das Mysterium der leibhaftigen Auferstehung. Diese Ansichten und wunderbaren Geschehen haben auch mich ein Leben lang begleitet, verwirrt, bedrückt und klein gemacht. Ich fühlte mich immer schuldig am Tod dieses Nazareners, dieses Gottmenschen, dieses Menschengottes und er blieb mir so trotz allen Bemühungen fremd und wundersam abgehoben.
Doch immer mehr beginne ich dieses Geschehnis aus anderen Perspektiven zu sehen, das heisst, ich kann sowohl meinen Geist als aber auch gleichzeitig und gleichwertig meinen Verstand brauchen.
Vom historischen Standpunkt her wissen wir nur sehr wenige Fakten, die auch belegbar sind: ein nazarenischen Zimmermann namens Jesus wurde von den Römern im Jahre 32 gekreuzigt. Es wird durch die Todesart vermutet, dass sie ihn für einen Aufwiegler, einen Rebellen hielten. Und dann vergehen ca. 60 Jahre, bis die ersten Texte (Paulus, die vier Evangelien, welche aber nicht von vier Einzelpersonen, sondern ganzen Schulen geschrieben worden sind) erscheinen.
Nebst dem, dass die Geschehnisse beträchtliche Unterschiede der Schilderungen aufweisen (es handelt sich nämlich nicht um Reportagen, sondern um Deutungen eines traumatischen Geschehens) muss auch berücksichtigt werden, dass ein orientalisches, bild- und symbolhaftes Denken die Grundlage dieser Kommunikation bildet.
Das ganze Ostergeschehen wird gleichsam rückwärts erzählt, Symbole eingeflochten, um zu betonen, Klarheit zu schaffen. Auch die messbare Zeit (Chronos) wird durchbrochen (drei Tage von Karfreitag bis Ostern), wunderbare Geschehnisse (leibliche Auferstehung) sollen die Einzigartigkeit eines Geschehens (vergleichbar mit der unbefleckten Empfängnis) betonen. Und genau an diesen Stellen blieb ich immer wieder in meinem Nachdenken und mitfühlen hängen. Muss ich meinen Verstand wirklich ausschalten, einfach für wahr halten – verlangt dies Gott von mir oder kann ich meine Angst vor so ketzerischen Gedanken verlieren und mir die Augen für eine weitere Deutung (keine absolute Wahrheit!) öffnen lassen?
Zuerst zu diesem Menschenfreund – dem Nazarener. Sprechen wir von ihm als «Gottessohn», so ist dies nicht primär eine familiäre Bezeichnung, sondern der Ausdruck tiefster und innigster Verbindung (es gab zur damaligen Zeit keine stärkere Beziehung, als die zwischen Vater und seinem ältesten/einzigen Sohn). Wenn umgekehrt Jesus Gott anspricht mit dem Ausdruck «Abba» (Züritüüsch: Papi) so ist auch dies Zeichen für die Nähe, Vertrautheit und Verbundenheit. Jesus wird für mich dort fassbar, ist mir dort nahe, wo ich wahrnehme, wie er mit dieser Kraft, mit den Menschen, der Schöpfung überhaupt und nicht zuletzt auch mit sich selbst verbunden ist. Diese Verbundenheit, diese Authentizität bleibt bis ins letzte Leiden, bis in den Tod und gerade dadurch auch darüber hinaus. Dass an dieser Stelle Gott auch nicht zum Zauberer wird, sondern so sichtbar wird, dass unser aller Leiden sich in dieser Gottesnähe ereignet, das gibt mir Raum, das macht mich frei und schenkt Lebens- und Sterbensmut. So muss niemand mehr für andere Sündhafte geschlachtet (Opferlamm) werden.
So wird auch Auferstehung für mich zu einer Erkenntnis, dass wir unsere Zusage nämlich als Ebenbilder Gottes (der Liebe) leben dürfen, leben sollen, denn nichts, auch nicht der Tod kann uns von dieser Kraft trennen.
Diese Haltung zu leben ist aber für uns Menschen mit mehr Schwierigkeiten verbunden, als wenn wir daran glauben, dass in der Auferstehung physikalische Gesetze überwunden worden sind.
Wie immer wir uns bemühen, das Ganze bleibt Geschenk, wie ja das unser Leben überhaupt.
Ich wünsch Dir / Euch von ganzem Herzen frohe Ostern!
«Bruder» Reto, geschrieben in der Osternacht 2008