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Monatsbrief
Der rote Luftballon
Liebe Leserin, lieber Leser
Wie ich mir vorstelle, haben Sie manchmal auch Träume.
Tagträume meine ich von grossen, unerfüllten Wünschen. Von Hoffnungen, die zu gross sind,
um sie sich selbst erfüllen zu können. Nicht nur als Kind hat man solche Wünsche; auch später noch, obschon man doch als Erwachsener «realistischer» wird.
Vielleicht kleidet man diese Träume in ein Gebet, das man zum Himmel schickt. Möglicherweise tut man das auch nicht, weil man es zu unwahrscheinlich findet, dass so alles in Erfüllung geht.
Der Glaube an Wunder gehört zu fast allen Religionen. Unter einem Wunder
kann man aber Verschiedenes verstehen. Genau genommen ist es nicht unbedingt etwas Übernatürliches. Es ist irgendein Ereignis, bei dem jemandem
klar wird, dass dahinter das wohlwollende Wirken einer höheren, göttlichen Macht steht.
Zu diesem Thema schicke ich Ihnen hier eine Geschichte von Barbara Imgrund,
die sich vor einigen Jahrzehnten in Italien so hätte abspielen können.
Es ist eine Geschichte für Kinder ... aber ganz bestimmt auch für Erwachsene jeden Alters.
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Alle Kinder waren in der Schule. Nur Beppo, acht Jahre alt, stand mutterseelenallein
allein auf einem Hügel und starrte angestrengt zum Himmel hinauf. Dort oben war ein winziger, roter Punkt. Seinetwegen hatte Beppo die Schule geschwänzt. Es war ein roter Luftballon.
Beppo hatte zwanzig Lire geopfert, um ihn kaufen zu können. Das war eine Menge Geld für Beppo! Trotzdem hatte er den Luftballon gekauft - nur so, zum Davonfliegen?
Beppo hatte niemandem erzählt, was er damit anfangen wollte.
Heimlich hatte er einen Brief geschrieben und ihn an die Schnur des Luftballons angebunden.
Und als alle Kinder in der Schule waren, hatte er sich fortgeschlichen, um auf einem Hügel seinen Luftballon steigen zu lassen. Hoffentlich würde der Wind die Botschaft nicht abreissen!
«Lieber Gott», stand mit grossen Buchstaben auf dem Zettel geschrieben,
«in ein paar Wochen bekomme ich einen kleinen Bruder. Wir sind sechs Kinder, und meine Eltern haben wenig Geld. Wir schlafen zu dritt in einem Bett, weil wir nicht genug Bettzeug haben.
Bitte, lieber Gott, mach doch, dass ich dem kleinen Bruder einen Strohsack mit Bettzeug zurechtmachen kann. Es darf ruhig etwas Gebrauchtes sein. Ich wohne in Arcole in Italien.
Dein Beppo Sala.» So hatte Beppo geschrieben, und er hoffte, dass der, für den der Zettel bestimmt war, ihn würde lesen können. Und als der kleine rote Punkt in der
Höhe verschwunden war, trottete Beppo voll Zuversicht nach Hause: Gott wird helfen.
Die nächsten Tage waren für Beppo nicht leicht zu ertragen. Er wartete voll Spannung.
Aber nicht das geringste geschah. Es war, als ob es seinen roten Luftballon niemals gegeben hätte. Das einzige, was sich ereignete, war, dass er nachsitzen musste, weil er die Schule geschwänzt hatte. Aber dann geschah doch etwas. Es war am vierten Tag, nachdem er den
Luftballon losgelassen hatte. Schon von weitem erkannte Beppo den Paketkarren des Postboten vor seinem Elternhaus. Aufgeregt stürmte er ins Haus.
Drinnen fand er die ganze Familie in der Küche versammelt. Mitten auf dem Tisch lag ein Paket. Vater Sala zankte sich mit dem Postboten. Aus dem Stimmengewirr hörte Beppo den Bass seines Vaters heraus. «Du willst Postbote sein, Antonio, und begreifst nicht einmal, dass dieses Paket unmöglich für uns sein kann?» Der Briefträger rollte die Augen. «Du Dummkopf!» schrie er. «Kannst du nicht lesen? Familie Sala - da steht es!» «Jawohl, so heissen wir. Aber wir kennen niemand in Rovigo. Und geschenkt nehme ich nichts, das weißt du! Nimm das Paket nur wieder mit!» Und damit versetzte der Vater dem Paket einen Hieb, dass die zwei kleinen
Salakinder, die munter auf dem Fussboden herumkrochen, erschreckt unter den Tisch flüchteten.
Beppo hielt es nicht länger aus. «So mach das Paket doch auf!» schrie er, ausser sich vor Erregung, «dann werden wir ja sehen, ob es für uns ist oder nicht!» Der Lärm verstummte.
Unter den buschigen Brauen hervor warf der Vater einen finsteren Blick auf den vorlauten Sohn und überlegte. «Also los!» fuhr er den Postboten an. «Du hörst es doch, öffne!»
Hastig riss der Mann die Schnüre auf. Als er den Deckel zurückschlug wurde es ganz still in der Küche. Und alle sahen, wie es weiss aus dem Karton herausleuchtete: Windeln, Bettzeug und winzige Kinderwäsche. Nicht gerade nagelneu, aber heil und sauber. Ein Schatz für Familie Sala! Die Augen der Mutter leuchteten. War es nicht wie ein Wunder, dass Gott ausgerechnet in Rovigo, fast hundert Kilometer von Arcole entfernt, ein Paket für die Familie Sala zur Post gabt?
Ein Glück, dass wenigstens kein Absender angegeben war, dachte Beppo.
Nun konnte der Vater das Paket nicht zurückschicken! Und während der Inhalt des Paketes von Hand zu Hand ging, schlich Beppo sich leise hinaus. Sein Herz war übervoll. Rasch, rasch eilte er zum Hügel, wo er vor vier Tagen den Luftballon zum Himmel geschickt hatte, und
dankte dem gütigen Geber.
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Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch die Nachricht von Ihren Hoffnungen und Träumen am richtigen Ort ankommt; und dass Sie ähnlich wie Beppo die eine oder andere himmlische Antwort bekommen.
Herzlich grüsst Sie im Namen des Kirchgemeinderats und des Pfarrteams von Seedorf
Pfarrerin Verena Schlatter