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Heavy Metal. Glaubt man dem britischen Soziologen Keith Kahn-Harris, löst allein das Wort bei den meisten Menschen einen Strauss von Assoziationen aus: wallende Mähnen, grell heulende Gitarren, Leder und tätowierte Machos, die nicht wissen, wie sie sich zu benehmen haben. Christliche Jugendzeitschriften warnen vor Metal-Fans, die in heimischen Wohnzimmern satanistische Rituale feiern. «Extrem verstärkter, bombastischer Rocksound», der vor allem «weisse, junge Männer aus niederen Bildungsschichten mit Sexualängsten anzieht», so charakterisierte das vielbeachtete deutsche «Rock-Lexikon» das Genre bis in die neunziger Jahre.
Am Tag Programmierer, dann Metaller
Pirmin Betschart wurde 1987 geboren. Er ist weiss, jung, trägt Pferdeschwanz und ein «Iron Maiden»-Shirt. Er spielt rasend schnell Schlagzeug und mag «tighte, laute, komplexe Musik, die groovt». Doch damit hat es sich schon mit der Übereinstimmung zum Klischee. Ansonsten ist Betschart Wirtschaftsinformatiker, lebt mit seiner Freundin zusammen – sie steht auf Elvis – und ist ausgesprochen höflich. Dämonennamen wie Freya und Indra gefallen ihm, aber Okkultismus bezeichnet er als «Mumpitz».
Die Liebe zu harter Rockmusik entfachte im Innerschweizer eine AC/DC-Platte, die er als Schulbub hörte. Er, der früher in der Feldmusik Klarinette spielte, erklärt den Werdegang eines «normalen Metalheads» so: «Du beginnst mit Rock und ein paar verzerrten Gitarren, irgendwann entscheidet sich, ob du Härteres hören willst oder nicht. Wenn du Ja sagst, bleibst du dabei.»
«Metal ist eine Entscheidung fürs Leben. Man kann älter werden, ohne sich selbst zu verraten.»
Dietmar Elflein, Musikwissenschaftler
Über 300 Stile kennt das Genre. Vom klassischen Heavy Metal mit Bands wie Black Sabbath in den siebziger Jahren, die Proletarier in englischen Industriestädten aufmischten, bis hin zu jüngeren Bands wie Deadlock aus Deutschland, die ihren Stil als Mix aus «technical, melodic metal with the harsh atmospheric nature of today’s modern sounds» beschreiben.
«Unwichtig. Was zählt, ist die Musik», sagt Patrick Häberli dazu. Der Produzent, Fotograf und Tourmanager diverser Bands aus dem In- und Ausland ist profunder Kenner der Schweizer Metal-Szene. Für ihn zählen lediglich die grossen Unterteilungen, die den Fans helfen, sich zu orientieren und neue Bands zu entdecken: Death Metal, Black Metal, Thrash Metal, Power Metal, Folk Metal. Wenn eine Band mehr als drei Wörter brauche, um ihren Stil zu beschreiben, findet er das «es Bitz mühsam».
459 Schweizer Metalbands
Häberli spricht denn auch lieber über die verbindenden Elemente der Schweizer Szene, die er als äusserst lebendig und ohne jegliche Nachwuchssorgen beschreibt: der grosse Zusammenhalt, die vielen Instrumentalisten, die ihr Handwerk verstehen, und die Liebe zur «echten, handgemachten» Musik, die Musiker und Fans verbindet. 459 Schweizer Bands finden sich in der Online-Datenbank «Encyclopaedia Metallum», die Metal-Bands aus über 130 Ländern erfasst, unter anderem Botswana, Pakistan oder Iran (siehe Infografik «Swiss made Metal» unten).
Doch trotz der hohen Banddichte findet Metal in den Schweizer Medien kaum statt. Das hat laut Häberli vor allem damit zu tun, dass das Genre nach wie vor eine Untergrundszene ist, aber auch damit, dass der Schweizer Markt zu klein und damit unattraktiv für grosse Labels ist.
Es sei typisch für die Schweizer Kulturlandschaft, dass der Prophet im eigenen Land nicht viel gelte, sagt Chrigel Glanzmann, Frontmann der zurzeit erfolgreichsten Schweizer Metal-Band Eluveitie. Zwölf Wochen lang war «Origins», das letzte Album der Pagan-Metal-Band, in den Schweizer Charts. Den heimischen Erfolg erklärt Glanzmann auch mit dem Erfolg im Ausland. «Seit wir in den USA gross sind, traut man uns auch in der Schweiz.»
Interaktive Infografik: Swiss made Metal
Für Glanzmann ist Metal Seelenmusik. «Wenn ich Death Metal höre, sehe ich vor dem inneren Auge Berge, grüne Wiesen, blauen Himmel.» Der Multiinstrumentalist schätzt an der Metal-Szene das «Einheitsgefühl». Ein Metalhead sei ein Metalhead, ganz egal, wer er im Alltag sei. «Das ist auf der ganzen Welt so und ein wunderbares Symbol dafür, wie stark Musik Menschen verbindet.»
Tatsächlich ist die Anhängerschaft der harten Musik bunt zusammengesetzt. Weder Alter noch Bildung zählen, was verbindet, sind die Live-Auftritte und die Insignien des Rock ’n’ Roll: Bier saufen, den Kopf schütteln und den Zeige- und den kleinen Finger als Teufelszeichen zum Himmel recken. Laut Musikwissenschaftlern wie Elflein sind Metal-Fans dabei in gewissem Sinne konservativ. Tatsächlich: Seit die Band Steppenwolf vor über 40 Jahren in ihrem Song «Born to Be Wild» zum ersten Mal die Wörter «heavy metal» intonierte, hat sich an den Insignien wenig geändert. Man trägt dieselben Frisuren, dieselben Lederbändel ums Handgelenk und stört sich auch mit 50 nicht an der diabolischen Fratze auf dem verblassten Band-T-Shirt.
Das Behäbige zeigt sich auch in der Art, wie Metal-Fans Musik konsumieren. Am liebsten live, direkt vor der Bühne, ohne Handyscreen vor der Nase. Neben den Schlagerfans sind die Metaller auch die Letzten, die ihre Musik nicht streamen, sondern auf Tonträgern kaufen. Das liege in der Natur der Sache, sagt der Eluveitie-Frontmann Glanzmann: «Wer auf handgemachte, ehrliche Musik steht, rennt nicht mit einer Google-Glass-Brille herum. Viel lieber kauft er ein Sixpack Bier und geht an der Aare grillieren.»
Mit 14 hat es sie gepackt
Manchmal tut es Cristina Roduner doch: ein Album downloaden. Ganz einfach weil ihr langsam der Platz ausgeht für weitere Platten und CDs. Sie war 14, als sie zum ersten Mal Metal hörte. Der Plattenladen bebte förmlich, als die drei langhaarigen Jungs hinter der Theke eine CD der norwegischen Black-Metal-Band Darkthrone einlegten. Roduner fand: «Huerä geil!» Die Musik habe eine unglaubliche Kraft gehabt, düster, brachial und trotzdem dicht, musikalisch. «Ich habe mich sofort daheim gefühlt.»
Roduner, heute 39, selbständige Kommunikationsberaterin in Uesslingen im Thurgau, reagiert sofort, wenn sie beim Gegenüber Irritation verspürt: «Ich weiss, ich wirke anders, offen, fröhlich, kontaktfreudig.» Vielleicht gerade deshalb berühre sie die Musik so stark: «Metal schlägt eine Saite in mir an, zu der ich im Alltag wenig Zugang habe. Die Eremitin, die Melancholische.»
«Metal-Fans sind sehr empfindsame Wesen.»
Adrian North, Professor, Heriot-Watt University, Edinburgh
Ganz so einfach ist es laut Roduner dann doch nicht. Die Szene sei patriarchalisch. Frauen seien in erster Linie als Zierde des Herrn geduldet. Es habe sie einiges an Einsatz gekostet, sich Respekt und Anerkennung zu erkämpfen. Erst kürzlich sei sie an einem Konzert gefragt worden, ob sie nicht lieber ein Cüpli wolle. Sie hatte an der Bar einen Whisky bestellt.
Vegan zu leben sei – abgesehen von der Schwierigkeit, lederfreie Stiefel zu finden – in der Metal-Szene hingegen kein Problem. Gerade im Hardcore- und Metalcore-Bereich gebe es inzwischen viele Veganer. «Metalheads sind ein Stück weit eine Randgruppe und daher offen für alternative Lebensstile», ist Roduner überzeugt. Und viele hätten unter der harten Schale einen verletzlichen Kern und daher Verständnis für das Anliegen, Tiere zu schützen.
«Metal-Fans sind sehr empfindsame Wesen», sagt Adrian North, Professor an der Heriot-Watt University in Edinburgh. Er hat die Persönlichkeiten von Musikfans verschiedenster Stile und Länder genauer studiert. Die Fans von Metallica und Co. seien im Schnitt jünger als Mozart-Anhänger, ansonsten unterscheide wenig die beiden Gruppen. Sowohl Klassikfans als auch Metaller seien kreativ, freundlich und mit sich selbst im Reinen.
Metaller sind signifikant glücklicher
Laut der kalifornischen Forscherin Tasha Howe sind Metal-Fans «signifikant glücklicher» als andere, obwohl sie in ihrer Jugend öfter risikoreiche «Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll»-Erfahrungen machten.
Machen die Exzesse der Jugend hart für die Unwägbarkeiten des Erwachsenendaseins? Oder lebt es sich vielleicht ganz einfach besser, wenn die eigene Welt noch eine Ordnung hat? Anders gefragt: Was ist der grösste gemeinsame Nenner der Metal-Szene? Patrick Häberli sagt: «Die Echtheit. Kein Bullshit. Geh einfach auf die Bühne und spiel.» Hat was.
So klingen die einzelnen Metalgenres – und so sehen ihre Fans aus
Hinter dem, was für Freunde der sanften Popklänge nur Lärm ist, versteckt sich ein hochdifferenziertes Genre mit unzähligen Stilrichtungen. Die Vorlieben eines Metalheads spiegeln sich oft in seinem Äusseren. Eine Orientierungshilfe bietet unsere nicht ganz ernst gemeinte Typologie. Die Auswahl der Bands zeigt die Vielfalt von «Swiss made Metal» und die internationale Entsprechung.