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Wie geht man mit Patientinnen und Patienten um, welche die ortsübliche Sprache nicht beherrschen? Wie mit einer Person, die wegen eines Fussproblems ins Spital eintritt, aber eine Suchterkrankung aufweist? Solche Fragen stellt sich Professor Bodenmann seit Jahren. Der Sozialmediziner engagiert sich für die Gesundheitsversorgung benachteiligter Bevölkerungsgruppen.
Gesundheitliche Ungleichheiten sind ein zentrales Thema in der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz. Die DEZA engagiert sich in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in stabilen oder fragilen Kontexten sowie für Volkswirtschaften in Transition. Darüber hinaus schuf sie die Plattform «Traverse» für öffentliche Diskussionen über aktuelle und kontroverse Themen der internationalen Zusammenarbeit. Ende 2018 war Professor Bodenmann zur Teilnahme an einer Podiumsdiskussion eingeladen mit dem Thema «Die Ursachen für Ungleichheiten im Gesundheitsbereich anpacken».
Der Mediziner ist seit 20 Jahren in Lausanne tätig. Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung ist nicht nur ein Problem von Ländern in humanitären Notlagen. Seit 2016 hat er den schweizweit und europaweit einzigen Lehrstuhl für Medizin für vulnerable Bevölkerungsgruppen an der Universität Lausanne inne. Seiner Ansicht nach könnte die Arbeit der Schweiz in diesem Bereich in grösserem Massstab exportiert werden. Ein Gespräch.
Herr Professor Bodenmann, können Sie uns erklären, wer die sogenannten vulnerablen Bevölkerungsgruppen sind?
Jede Person, wo immer sie sich auf der Welt befindet, kann krank werden und sich in einer schwierigen Situation wiederfinden. Besondere Merkmale einer Person können diese Verletzlichkeit noch verschärfen. Dazu gehören beispielsweise Arbeitslosigkeit, fehlende oder ungenügende soziale Sicherheit, ein mangelnder Zugang zum Bildungssystem usw.
Einige Bevölkerungsgruppen sind aufgrund einer Häufung von Risikofaktoren besonders verletzlich. So etwa Personen ohne Krankenversicherung, Menschen, die zur Migration gezwungen wurden, Personen mit Behinderungen, Suchtproblemen, Angehörige von LGBT-Minderheiten usw.
Es ist erwiesen, dass Ungleichheit einer nicht angemessenen und weniger guten medizinischen Versorgung Vorschub leistet. Dies gilt unabhängig davon, ob man in der Schweiz oder in der Zentralafrikanischen Republik lebt.
Welches sind die Hindernisse, die den Zugang dieser Bevölkerungsgruppen zur Gesundheitsversorgung erschweren?
Es stellen sich Probleme auf drei Ebenen, die in der internationalen Literatur gut dokumentiert sind. Die Probleme können auf der Ebene der Patientinnen und Patienten, auf jener des Gesundheitssystems oder auf der Ebene der Gesundheitsfachleute angesiedelt sein.
Bei den Patientinnen und Patienten können zum Beispiel Sprachprobleme, ein mangelndes Verständnis des Gesundheitssystems, fehlende oder ungenügende soziale Sicherheit, Prekarität oder Behinderung eine Rolle spielen. Diese Probleme kommen zur Krankheit hinzu und erschweren die Gesundheitsversorgung.
Es gibt auch systemimmanente Hindernisse. Haben Personen ohne Krankenversicherung beispielsweise Zugang zum Gesundheitssystem? Und haben fremdsprachige oder hörbehinderte Personen Anspruch auf eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher?
Schliesslich gibt es noch Hindernisse auf der Ebene der Gesundheitsfachleute. Diese benötigen transkulturelle klinische Kompetenzen und Instrumente, um zu verstehen, was hinter den Symptomen steckt. Dies, um eine angemessene und gerechte medizinische Versorgung zu gewährleisten.
Handelt es sich um Hindernisse, die immer wieder auftauchen, egal ob in der Schweiz oder im Ausland?
Diese Gliederung in drei Problemebenen ist international anerkannt. Das Problem des Zugangs zur Gesundheitsversorgung existiert in allen Ländern, variiert aber je nach Wohlstands- bzw. Armutsniveau des Landes. Etwas wagemutig könnte man sagen, es ist Sache des Gesundheitssystems, gewisse Ressourcen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen bereitzustellen. Aber nicht alle Länder sind in dieser Hinsicht gleich. In den Entwicklungsländern ist das Problemspektrum breiter.
Welche Rolle spielt der Lehrstuhl für Medizin für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Lausanne?
Am Lehrstuhl für Medizin für benachteiligte Bevölkerungsgruppen an der Universität Lausanne sind die akademischen Aktivitäten angesiedelt: Lehre, Weiterbildung, Entwicklung und Forschung.
Diese Aktivitäten stützen sich auf unsere klinischen Befunde am Zentrum für Allgemeinmedizin und öffentliche Gesundheit der Universität Lausanne (Unisanté). Wir sind somit nahe bei den Patientinnen und Patienten. Unser Ziel ist es, Betreuungsmodelle umzusetzen, welche die Chancengerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung fördern.
Unsere aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Einführung des
Case-Managements bei Personen, die in den Spitälern der französischen Schweiz besonders häufig den Notfalldienst in Anspruch nehmen, die Bereitstellung von klinischen und institutionellen Instrumenten zur Förderung einer gerechten Versorgung für hörbehinderte und gehörlose Menschen und die Analyse eines Modells für die Betreuung von zwangsemigrierten Familien aus Syrien.
Was kann die Schweiz für Chancengerechtigkeit im Gesundheitswesen tun?
Auch die Schweiz hat Probleme mit der Chancengerechtigkeit im Gesundheitswesen. Das sehen wir in unserer klinischen Praxis. In der Schweiz haben wir den Vorteil, dass die Mittel vorhanden sind, um Ungleichheiten zu dokumentieren und Lösungen umzusetzen. Die Schweiz kann diesbezüglich ein Modell sein. Sie kann als kleines Land aufgrund ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt eine wegbereitende Rolle spielen.
Ihre wissenschaftliche Sorgfalt und Gründlichkeit sind anerkannt. Unsere Stimme wird im Ausland gehört, auch in den USA, die uns in Bezug auf diese Überlegungen zur Gerechtigkeit im Gesundheitswesen um mehrere Jahre voraus sind. Die Arbeit des Lausanner Zentrums ist bekannt und wird anerkannt. Wir werden oft für Reflexionsarbeit, Ratschläge und Kooperationen beigezogen. Die Schweiz spielt eine wichtige Rolle beim Austausch und Transfer von Erfahrungen in diesem Bereich.
Lässt sich Schweizer Know-how exportieren?
Ja, ich glaube schon.
Wir haben unter anderem im Notfallbereich viel Arbeit geleistet. Das Notfallsystem kann soziale Ungleichheiten im Gesundheitsbereich verschärfen. Die Probleme sind überall die gleichen, egal ob Sie sich in der Westschweiz, im Tessin oder in der Deutschschweiz befinden. Wir haben eine Methode zur Betreuung von Personen entwickelt, die regelmässig – mehr als fünf Mal im Jahr – in die Notaufnahme kommen. Wir sind dabei, diese überall in der Westschweiz umzusetzen. Die ersten Ergebnisse sind greifbar und sehr interessant. Das legt die Vermutung nahe, dass sich dies in grösserem Massstab replizieren lässt. Zunächst in der Schweiz. Und dann, warum nicht, in anderen Ländern.