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Du fragst nur nach dem Morgen
Morgen ist, wenn der Regen von letzter Nacht in der Luft hängt. Morgen ist ein leises Flattern von Vorhängen im Wind. Morgen ist noch schlafen und wissen, dass die Hand auf meiner Schulter dir gehört. Morgen ist meine Nase in deinem Nacken vergraben. Morgen ist ein verschlafenes Lächeln, Morgen ist ein leises Blinzeln. Morgen ist eine Strähne aus dem Gesicht streichen. Morgen ist dich immer noch mögen. Und Morgen ist ein Flüstern: Lass die Augen zu. Und küss mich.
Du umarmst mich. Auf der Strasse ist niemand ausser uns, ich küsse deinen Hals. Diese Richtung? fragst du und deutest die Strasse hinunter. Ich nicke, wir laufen zur Bahn. Wir gehen übers Kopfsteinpflaster, ich zähle die Steine, du die Autos am Ende der Strasse. Die Bahn ist schon da, als wir ankommen, die letzten Meter rennen wir, als wir Luft holen, schliessen sich die Türen. Ich mag dich, wenn du lachst.
Im Waggon, ein Mädchen schläft an einen Jungen gelehnt, zwei Männer steigen ein und singen Yesterday. Ich habe einen Kloss im Hals und ich möchte nicht, dass er weggeht. Bei der vorletzten Station bremst die Bahn abrupt und wirft mich gegen dich, du hältst mich fest.
03 Uhr 15. An der letzten Station steigen wir aus und gehen schweigend nach Hause.
Wir lassen das Licht im Treppenhaus aus und du zündest eine Kerze im Wohnzimmer an. Romantik ist nur dann kitschig, wenn man nicht dabei war. Wein? Du nickst, ich gehe in die Küche und suche die Gläser. Als ich zurückkomme, sitzt du am Klavier, ich bleibe leise und im Türrahmen stehen und kenne die Melodie nicht. Du bist ganz versunken, summst eine Zeile lang mit, plötzlich hörst du auf, du drehst dich um, siehst mich an. Und fragst nicht nach heute Nacht.
Du fragst nur nach dem Morgen.
(Das Bild ist eine gemeinsame Arbeit mit Michael)