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Die Corona-Fälle in der Schweiz steigen rasant. Am Freitag wurden 3105 neue Fälle gemeldet. Betroffen ist das ganze Land. Während im Frühling einzelne Regionen mehr oder weniger verschont blieben, trifft es nun alle.
Rudolf Hauri, der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, sagte heute an der heutigen Pressekonferenz in Bern, dass viele Ansteckungen im Amateursport und im Kreis der Familien passieren würden. Es bildeten sich viele kleine Cluster, die zu immer grösseren Fallzahlen führen. «Kleinvieh macht auch Mist», so Hauri.
Ganz unerwartet kommt diese Entwicklung nicht. Bereits im April* warnte der deutsche Virologe Christian Drosten im einflussreichen Podcast des NDR vor einer zweiten Welle, die schlimmer ausfallen könnte als die erste.
Der Institutionsleiter der Berliner Charité verweist auf das Beispiel der Spanischen Grippe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen 35 und 100 Millionen Menschenleben forderte, einen Grossteil davon während der zweiten Welle.
Die erste Welle der Spanischen Grippe begann Ende Juni 1918 und dauerte ca. einen Monat.
Bereits damals wurden Ausgangssperren verhängt und das Grippevirus schien in den Sommermonaten sowas wie eingedämmt. Drosten vermutet einen saisonalen Effekt. Die warmen Sommermonate verschleierten die eigentliche Problematik: Aus den einzelnen lokalen intensiven Brandherden wurde ein grossflächiger Schwelbrand:
Der deutsche Virologe verglich den saisonalen Effekt von damals mit den heutigen Distanzierungsmassnahmen. Das Virus kann sich so von den einzelnen neuralgischen Gebieten fast unbemerkt gleichmässig geographisch verteilen.
Als die spanische Grippe im Herbst 1918 erneut ausbrach, traf es nicht mehr nur die neuralgischen Gebiete, das Virus trat grossflächig auf. Aus dem Schwelbrand wurde ein Flächenbrand. Einen ähnlichen Ablauf konnte sich Drosten bereits im April für die Verbreitung des Coronavirus im Sommer vorstellen.
Die zweite Welle der Spanischen Grippe begann Anfang Oktober und endete erst Mitte Januar. Die Todesrate betrug phasenweise das Fünffache der ersten Welle. Auch die dritte Welle, die vom Februar 1919 bis Mitte April dauerte, wütete noch einiges heftiger als der erste Ausbruch.
Drosten schlug im Frühling aber auch beruhigende Worte an. Er wollte keine Panik schüren.
Wie die aktuellen Zahlen zeigen, dürfte Drosten mit seiner Prognose nicht ganz unrecht gehabt haben. Ob die zweite Welle tödlicher als die erste sein wird, lässt sich indes noch nicht sagen.
(cma/tog)
*Wir haben diesen Artikel im April in ähnlicher Form schon einmal veröffentlicht. Aus aktuellem Anlass haben wir ihn aktualisiert und erneut publiziert.