Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03212.jsonl.gz/5

Ernst hat schon wieder Ernsts Augenflimmern und geht zum Klosterarzt. Doch Frater Guillaume ist auch dieses Mal nicht beunruhigt und rät, ab und an eine Bouillon zu essen. Beim Wort Bouillon riecht Ernst plötzlich die Suppe mit Linsen, Lauch, Zwiebeln, Petersilienwurzel und Speck, die Ernst immer am Silvester mit Madame Debienne kocht und mit den ersten Glockenschlägen zu Neujahr isst. Seit Ernst gelesen hat, dass mit einer Linsensuppe Ernsts Finanzen fürs neue Jahr gesichert seien, hat Ernst nie mehr auf diesen schmackhaften Brauch verzichtet.
Ernst schliesst Ernsts Augen, schneidet den Speck in Scheiben und sagt tonlos: «Jahwe entscheidet sich im Opferstreit zwischen Kain und Abel für das Lamm und nicht für das Getreide. Auch Gott weiss einen feinen Braten zu schätzen. Und versprechen nicht auch die Fratres, Brot und Wein in Fleisch und Blut zu verwandeln?» Ernst runzelt Ernsts Stirn. Aber das wäre ja gerade das Gegenteil! Denn beim Abendmahl ist es nicht Gott, der einen Braten isst, sondern es sind die Fratres, die Gott als Brot essen! Ernst schleckt vergnügt Ernsts Lippen. Der Klosterarzt schaut Ernst verdutzt an. Was wohl im Kopf seines Patienten vorgeht?
Ernst erwacht aus Ernsts Rêverien und sagt: «Ernst hatte Angst, das Augenflimmern sei mehr als nur eine Migraine-sans-migraine. Ernst ist wohl überängstlich.» Doch Frater Guillaume lässt nicht locker und fragt, was Ernst eben durch Ernsts Kopf gegangen sei. Ernst erzählt, dass Ernst darüber nachgedacht habe, einen Gott zu essen.
Der Klosterarzt lacht: «Einen Gott essen?» Dabei geht er zu einer Vitrine, wo verschiedene Figürchen ausgestellt sind und sagt: «Das ist unsere Sammlung von Schabmadonnen. Sie sind aus Ton, dem etwas Reliquienstaub beigemischt wurde. Bei Bedarf schabt man mit einem Messer Pulver von der Madonna und isst es.»
Ernst ist fasziniert und fragt, ob Ernst eine Figur in Ernsts Hand nehmen dürfe. Obwohl sie allein sind, schaut sich Frater Guillaume verstohlen um. Dann öffnet er die Vitrine und Ernst hält zum ersten Mal eine Schabmadonna in Ernsts Hand. In diesem Moment hören sie ein Geräusch und der Arzt geht nervös zur Tür. Es ist Frater Paulus, der frisch geschnittene Kräuter bringt. Ernst benutzt diese Gelegenheit und schleckt die Madonna vom Kopf über den abgeschabten Busen bis hinunter zum Rocksaum ab. Dann steckt sie Ernst in Ernsts Manteltasche und geht zum Fenster, wo Ernst scheinheilig zum Klostergarten hinunterblickt. Nachdem der Arzt Frater Paulus verabschiedet hat, verspricht er, Ernst bei Gelegenheit die ganze Sammlung zu zeigen.
Zurück in Ernsts Kastanienklause nimmt Ernst einen zweiten Schleck von der Schabmadonna und setzt Ernst mit einer Tasse Tai He auf Ernsts Balkon. Ernst fühlt Ernst dabei rundum wohl.