Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/1527

Wie kommt es zu einer Depression?
Martin Schärer: Generell muss man sagen, dass eine Depression der Erscheinungszustand einer psychischen Erschöpfung ist, eines Energiemangels, vielleicht eines Antriebsverlustes. Stunden oder Tage dauernde Stimmungstiefs gehören zu jedem Menschen. Es muss ein gewisses Mass erreichen, also über zwei Wochen andauern, dass es als Depression bezeichnet wird. Bei den so genannten endogenen anlagebedingten Depressionen sind die Ursachen nicht klar, im Gegensatz zu den reaktiven Depressionen, die klar auf ein Ereignis bezogen sind. Reaktiv kann sein, dass der Verlust eines Partners oder einer Arbeitsstelle oder ein belastendes Lebensereignis jemanden in einen depressiven Lebensmodus hinein kippt. Etwa jeder fünfte Mensch durchlebt im Laufe seines Lebens einmal eine depressive Episode.
Wie erkennt man eine Depression?
Am häufigsten sind Stimmungsbeeinträchtigungen im Sinne von depressivem Erleben. Es herrscht zum Beispiel eine gewisse Hoffnungslosigkeit oder Niedergeschlagenheit. Man leidet unter Energiemangel, fühlt sich häufig schlapp, kraftlos und mutlos. Dann gibt es aber auch Leute, die eine sogenannte agitierte Depression haben. Agitiert heisst: Man ist erregt, hat zu viel Energie, hat innerlich einen Energiesturm. Diese Leute wirken sehr getrieben, müssen immer herumlaufen, sie schwitzen, seufzen und halten sich selber fast nicht aus. Sie muss man zuerst, abgesehen vom Versuch der Stimmungsaufhellung, beruhigen. Im Gegensatz dazu braucht es bei Patienten, die nicht agitiert sind, eher einen Energie-Pusher. Dabei muss der Psychiater sorgfältig schauen, welches Medikament er dem Patienten gibt. Auch der Selbstmord-Gedanke ist ein bedeutendes Symptom. Es ist ganz wichtig, dass man den Patienten danach fragt und nicht aus Angst vor der Antwort auf diese Frage verzichtet. Je depressiver ein Mensch ist, desto feiner sollte die Wortwahl des Arztes sein. Häufig geben Patienten ziemlich vorsichtig Hinweise, dass etwas nicht gut ist. Dann fragt man als Psychiater: Mögen sie den Alltag noch bestehen oder gibt es auch Momente, da sie zweifeln, ob es sich überhaupt lohnt zu leben? Die meisten Patienten sind, wenn man sie so befragt, eher befreit und sagen, dass sie manchmal Selbstmordgedanken haben.
Dann muss man als Psychiater herausfinden, wie weit entfernt oder wie nah der Patient dem Selbstmord bereits ist. Es stellt sich auch die Frage, ob schon Vorbereitungen, zum Beispiel ein Abschiedsbrief, getroffen worden sind. Je mehr solche Zeichen vorhanden sind, desto gefährdeter ist ein Mensch. Dann muss man wirklich schauen, dass man ihn einer Behandlung zuführen kann. Der mentale Zustand eines Klienten ist sehr wichtig. Ihr Gedankengang ist innerlich oft sehr aktiv, viele Leute haben ein richtiges Gedanken-Karussell, ein Einfall folgt dem Nächsten. Wenn man dieses Gedanken-Drehen analysiert, handelt es sich immer um die gleichen zehn oder zwanzig Gedanken. Es sind Sorgen, die sich dann immer aneinanderreihen. Wenn sich dies stundenlang dreht, macht einen dies total fertig. Es ist auch ein Mittel in der Behandlung von Depressionen, dass man versucht, dieses Gedanken-Karussell immer wieder abzubremsen und daraus auszusteigen. Die Zukunftsängste sind sehr wichtig. Die Zukunft erscheint einem depressiven Menschen anders. Depressive haben häufig ein Schwarz-Weiss-Erleben. Der Patient sieht vieles schwarz und knapp weiss, kann aber keine Farben mehr erkennen und keine Nuancen mehr wahrnehmen. Viele nehmen auch Aussenreize anders wahr. Klassisch ist, dass ein Mensch, der aus einer Depression kommt, sagt: „Jetzt höre ich die Vögel am Morgen wieder pfeifen, ich habe diese wochenlang nicht gehört.“ Die Psychiatrie kennt heute zum Beispiel die Hamilton-Depressions-Skala. Der Patient beantwortet 21 Fragen. Diese werden dann bepunktet. 14 bis 19 Punkte bedeuten eine leichte, 20 bis 26 eine mittelschwere und über 26 eine schwere Depression. Dieser Fragebogen ist eigentlich für die Klinik gedacht. Wenn ich ihn in meiner Praxis einsetze, bespreche ich ihn mit der Patientin oder mit dem Patienten. Häufig hilft es ihnen, wenn sie diesen Fragebogen sehen.
Welche Menschen sind von Depressionen betroffen?
Grundsätzlich kann es jede und jeden treffen. Für Menschen, bei denen in der Familiengeschichte Depressionen gehäuft vorkommen, ist das Risiko grösser. Bei Frauen und Männern ist es, soviel ich weiss, etwa gleich. Ich bin jedoch kein Statistiker. Früher war man der Meinung, dass es die kindliche Depression fast nicht gibt. Aber man erkannte sie häufig einfach nicht. Heute weiss man, dass auch Kinder oft Depressionen haben. Es lohnt sich, diese zu behandeln. Wenn man sie in jungen Jahren behandeln kann, sind die Spätfolgen weniger gravierend.
Was kann man gegen eine Depression machen?
Eine Depressionsbehandlung kennt verschiedene Bereiche. Zum einen den Gesprächsbereich. Man bespricht sich mit dem betroffenen Menschen und versucht mehr über die Zusammenhänge und die Entstehungsbedingungen herauszufinden. Dann spielen die eigenen Wünsche und Nöte der Menschen eine wichtige Rolle: Welche Erwartungen hat ein Mensch an sich selber und an die Umwelt? Oft misst ein Patient das, was er erlebt, an dem, was er erwartet. Depressive neigen dazu, zu hohe Erwartungen an sich und die Welt zu haben. Sie leiden häufig am Unterschied zwischen Erwartung und Realität, weil sie nicht erreichen, was sie sich erhoffen. Zur Behandlung von Depressionen braucht es oft auch Medikamente. Die erste Stufe sind pflanzliche Medikamente wie das Johanniskraut, das heute recht bekannt ist. Es ist für leichte bis mittlere Fälle. Häufig reicht es nicht, dann braucht es die chemischen Anti-Depressiva. Da gibt es verschiedene Hauptgruppen, zum einen die trizyklischen Anti-Depressiva und zum andern die moderneren, sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Hier wird im Blut und in den Hirnzellen der Serotonin-Gehalt angereichert, was dazu führt, dass die Signalübertragung zwischen den einzelnen Hirnzellen besser läuft. Bei einem schweren Fall muss man auch die stationäre Behandlungsmethode erwägen. Da versucht man, die Patientinnen zu motivieren, in ein Krisen-Interventions-Zentrum oder in eine Klinik zu gehen. Heutzutage sind auch die Selbsthilfegruppen wichtig. Betroffene lernen häufig fast besser von Mitbetroffenen und von Leuten, die sie als Gleichgesinnte erleben. Das sind dann Orte, wo sie sich immer wieder begegnen und einander stützen können. Das ist gerade bei Depressiven, die manchmal Kontakthemmungen haben, hilfreich, weil man in der Gruppe über die Zeit auch privat Kontakt hat. Man kann jemanden anrufen oder ein Treffen vereinbaren, wenn man eine Frage oder Krise hat. Ich persönlich erlebe dies immer als sehr stützend, wenn jemand in eine Selbsthilfe-Gruppe geht.
Kann man von einer Depression geheilt werden?
Grundsätzlich ist es so wie bei anderen psychischen Erkrankungen. Es gibt Leute, die erleben einmal eine depressive Episode, und wenn sie ausheilt, tritt sie nicht mehr auf. Sie haben nachher quasi Ruhe von diesem Thema. Dann gibt es Menschen, bei denen es nach einer gewissen Zeit wieder auftreten kann. Es gibt unterschiedliche Verläufe einer Depression. Diese sind nicht voraussehbar. Menschen, die wiederholte depressive Episoden haben, können lernen, mit ihren Lebensbedingungen und ihren inneren Umständen besser umzugehen. So wird das Risiko für eine Depression kleiner. Eine Depression kann auch chronisch werden, wenn einfach immer wieder depressive Episoden auftreten, die man leider nicht verhindern kann. Das Motto lautet heute, dass man lernen muss, mit solchen Symptomen und trotz solcher Symptome zu leben. Man kann nicht davon ausgehen, eine Depression wegzutherapieren, sodass sie nie mehr wiederkommt. Man muss lernen, mit diesen Umständen so umzugehen, dass möglichst wenige Folgeschäden entstehen und bestehen bleiben. Es ist einfacher, wenn eine Depression mit traumatischen Erlebnissen oder belastenden Erlebnissen zusammenhängt. Die Chance ist dann gross, dass es den Betroffenen der Behandlung nachher zumindest besser geht. Es gibt jedoch viele Leute bei denen keine klaren Auslöser oder Traumata am Anfang der Depression stehen. Oft spielen dabei familiäre Belastungen und anlagebedingte Faktoren eine wichtige Rolle.
Sind die Heilungschancen bei einer guten Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt grösser? Kann ein Patient geheilt werden, wenn er daran glaubt?
Ich kann das nicht mit Ja oder Nein beantworten. Es gibt viele Leute mit unbekannten Depressionen, die gar nie zu einem Hausarzt, Psychiater oder Psychologen kommen. Viele versuchen, ihre Depressionen selber zu behandeln, Jugendliche häufig mit Cannabis oder mit dem Suchtmittel Nummer Eins, dem Alkohol. Viele der späteren Alkoholabhängigen sind ursprünglich depressiv. Man sagt, dass 40 Prozent der alkoholabhängigen Menschen eine Depression haben. Zum Behandlungskonzept von Alkoholismus gehört auch die Depressionsbehandlung. Sonst kommen die Patienten über die Depression wieder zum Alkohol. Es ist sicher so, dass Patienten, die aktiv mitarbeiten, grössere Chancen auf eine Heilung haben. Doch vielfach gelingt es nicht, Depressionen aus dem Leben zu verbannen. Das ist, wie eine chronische Krankheit die immer wieder kommt, an der man immer wieder arbeiten muss. Die Depression hat auch einen sehr starken biologischen Teil und ist nicht nur mit dem Willen behandelbar.
Wie sollte man auf Menschen mit Depressionen reagieren?
Wichtig ist, zuerst mit der Person zu reden und Rückfragen zu stellen. Vielleicht muss man sich auch zuerst ein Bild verschaffen, ob es sich wirklich um eine Depression handelt. Dies ist für Laien manchmal schwierig. Eine entsprechende Ausbildung ist eigentlich meistens nötig. Sicher sollte man einfühlsam mit solch einem Menschen umgehen. Wenn man erkennt, dass jemand an einer Depression leidet, ist es gut, wenn man diesen Menschen motiviert, zu einer Person seines Vertrauens zu gehen, sei dies der Hausarzt oder jemand aus dem Bekanntenkreis, der Erfahrung mit Depressionen hat. Man sollte im Gespräch Worte wählen, die zu der Situation passen, in der sich der Betroffene befindet. Wichtig ist: Behutsam nachfragen, nicht mit dem Dampfhammer zuschlagen, einfach Verständnis aufbringen. Häufig wird depressiven Menschen unterstellt, sie wollten einfach nicht. Das sollte man im Zweifelsfall anerkennen, aber dann auch fachlich abklären.
Wie soll man reagieren, wenn man nach einer Depression wieder in den Alltag zurückkehrt?
Es ist für alle ein unangenehmes Thema, für den Betroffenen wie auch für seine Kolleginnen und Kollegen. Wichtig ist, dass es nicht tabuisiert wird, sondern dass man darüber redet. Und deshalb ist es gut, eine Form von Offenheit zu schaffen, vielleicht kurz zu sagen: „Es ist mir nicht gut gegangen, ich hatte eine Depression. Wer mehr wissen möchte, kann gerne auf mich zukommen.“ Wenn man seine Depression verschweigt, bleibt eine Mauer bestehen. Auch ein Chef sollte gegenüber einem Betroffenen im Betrieb so taktvoll wie möglich sein. Er muss versuchen, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, sonst ist die Situation für alle Betroffenen zu schwierig.
Info
Dr. med. Martin Schärer ist Psychiater mit eigener Praxis in Winterthur. Das Medizinstudium schloss er 1983 an der Universität Zürich ab. Es folgten Assistenzjahre in verschiedenen psychiatrischen Institutionen und am Kantonsspital Winterthur. 1989 bis 1997 war er Oberarzt an der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur im Kanton Zürich. Neben seiner Tätigkeit als Psychotherapeut und Psychiater arbeitet er als Einzel- und Teamsupervisor in verschiedenen Institutionen.Martin Schärer ist 52-jährig und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Frauenfeld. Nachts ist er Jazzgitarrist. Er spielt in verschiedenen Formationen mit, ist aber auch mit einem Soloprogramm unterwegs. Er liebt Engagements im Jazz- und gehobenen Unterhaltungssektor. Es bestehen Hinweise, dass es zwischen einer gelingenden Therapie und einem berührenden Konzert sehr viele Ähnlichkeiten gibt.