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Keiner prägte die Designsprache von Volvo so wie Jan Wilsgaard. 40 Jahre lang entwarf der Designer legendäre Modellreihen. 2020 wäre Jan Wilsgaard 90 Jahre alt geworden; leider verstarb der langjährige Volvo Designchef im Jahr 2016.
Jan Wilsgaard liebte gerade Linien – die Reduktion auf die Funktion. So lautete ein berühmtes Credo des 1930 in Brooklyn geborenen Norwegers «simple is beautiful». Bis er zu dieser Erkenntnis kam, liess sich aber auch der jugendliche Jan Wilsgaard vom amerikanischen Barock- und italienischem Renaissance-Autodesign verführen.
Als Jan Wilsgaard 1950, frisch von der «Gothenburg School of Applied Arts» kommend, bei Volvo als Designer anfing, bekam er sogleich die Aufgabe, einen Volvo zu entwerfen, der auch den US-Amerikanern gefallen könnte. Wilsgaard liess sich von den üppigen Rundungen der US-Strassenkeuzer inspirieren und designte den Volvo Philip.
Der 1952 präsentierte Prototyp – mit V8-Motor, der später in Volvo Trucks verbaut wurde – ging zwar nie in Serie, blieb aber bei der Traktorenfirma Bolinder-Munktell noch Jahre als Direktionsfahrzeug im Einsatz. 1955 beauftragte man den Jung-Designer für eine Weiterentwicklung der von Michelotti designten Prototypen Elisabeth I + II – entstanden ist der Volvo Margaret Rose. Auch diese Studie sollte nicht in Serienfertigung gehen. Ebenfalls aussen vor blieb der Jungspund, als es um das Design des Volvo P1800 ging; der Entwurf von Pelle Petterson war schlicht perfekt. Doch Wilsgaards grosse Zeit sollte erst noch kommen.
Mit dem Design des Volvo Amazon gelang dem erst 26-jährigen Jan Wilsgaard 1956 sein erster grosser Wurf. Das sah Volvo Mitbegründer Assar Gabrielsson anders: «Das Auto sieht aus wie ein Pin-Up-Girl, es ist viel zu hübsch. Es sollte hässlicher sein.» Zum Glück setzte sich der Patron nicht durch. Und der Volvo Amazon wurde zum bis dato erfolgreichsten Modell überhaupt. Das ist Segen und Fluch zugleich, insbesondere dann, wenn es um die Entwicklung eines Nachfolgemodells geht.
Wie sollte Wilsgaard seinen eigenen Erfolg noch toppen? Indem er einen kompletten Stilbruch wagte, der so radikal war, dass die Kunden Bauklötze staunten, als sie 1966 zum ersten Mal die Volvo 140er-Reihe sahen. Statt rund gab es nun eckig. Die Kante war zum Schneiden scharf. Und trotzdem war die 140er-Baureihe aerodynamischer als andere, dynamischer erscheinende Konkurrenzmodelle. Und er gefiel den Käuferinnen und Käufern. Über 1,2 Millionen Mal verkaufte sich die 140er-Reihe in allen Modellvarianten (142/144/145). 1968 kam mit dem Volvo 164 erstmals ein Modell auf den Markt, das sich an der Oberklasse orientierte. Für viele Wilsgaard-Fans gilt der Volvo 164 als sein schönster Wurf.
Andere wiederum sehen im «Schneewittchensarg» den Gipfel von Wilsgaard Designkunst. Es war anfangs der 1970er-Jahre, als er den Auftrag bekam, einen Nachfolger für den Volvo P1800 zu entwerfen. Wilsgaard entwickelte ein Shooting-Brake, das wegen seines hohen Fensteranteils spöttisch als Schneewittchensarg bezeichnet wurde. Der Sportkombi ging weg wie warme Semmel. Doch die Euphorie dauerte nur zwei Jahre.
Es war allerdings nicht die böse Schwiegermutter, die der Schönheit neidisch war, sondern neue Sicherheitsbestimmungen in den Vereinigten Staaten, die 1973 den Volvo P1800 ES in den ewigen Schönheitsschlaf versetzte.
Mit dem Ende der 140er-Modellreihe sah sich Wilsgaard 1974 erneut mit dem ihm bekannten Problem konfrontiert. Wie soll man sein erfolgreichstes Design noch toppen können? Mit der 240er-Baureihe gelang ihm schliesslich das Unglaubliche; fast 19 Jahre lang wurden die 240er (242, 244, 245) gebaut und setzten neue Sicherheitsstandards. Die Modellreihe war so erfolgreich, dass der Nachfolger, der Volvo 740, um ein Jahr verschoben wurde. Auch die 740er-Baureihe zeichnete sich durch Wilsgaard Motto aus: «Das Funktionelle ist oft das Schöne. Man folgt den Gesetzen der Natur und macht die Dinge nicht komplizierter, als sie wirklich sind. Funktionelle und vernünftige Lösungen sind oft die attraktivsten.» Der Erfolg gab ihm Recht: der Volvo 740/760 sollte – inklusive der Weiterentwicklung als Volvo 940/960 – bis 1998 gebaut werden.
1991 verliess Jan Wilsgaard Volvo. Er arbeitete 41 Jahre lang für Volvo und leitete die Designabteilung drei Jahrzehnte lang. Jan Wilsgaard starb im September 2016 im Alter von 86 Jahren.
Tribute to Jan Wilsgaard