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Seit Donald Trump mit seinem Slogan «America first» die Wahl gewonnen und England sich für den Brexit entschieden hat, steht die Frage nach der optimalen Wirtschaftspolitik eines Landes vermehrt im Zentrum. Klar ist jedoch, welche Folgen der Freihandel für die Länder hat.Von Kurt Schiltknecht
Die Menschen haben schon früh erkannt, dass sich der Wohlstand auch mit dem Tausch von Gütern über die Grenzen hinweg steigern lässt. Solange die Transportmöglichkeiten auf dem Lande schwierig waren, entwickelte sich der Handel vor allem entlang der Seewege. Der damalige Reichtum der Hafenstädte spricht Bände über die Bedeutung des internationalen Handels. Mit dem Aufkommen moderner Verkehrsmittel und sinkenden Transportkosten rückten die Länder und Kontinente einander wirtschaftlich immer näher, und der Güter- und Dienstleistungsaustausch nahm, von Kriegs- und Krisenzeiten abgesehen, stetig zu. Die wirtschaftliche Verflechtung ist heute so gross, dass kein Land ungestraft eine Wirtschaftspolitik verfolgen kann, die keine Rücksicht auf die anderen Länder nimmt. Staaten, die sich vom internationalen Geschehen abschotteten, haben zu allen Zeiten wirtschaftlich Schiffbruch erlitten.
Anfang des 19. Jahrhunderts formulierte der britische Ökonom David Ricardo die Theorie, gemäss der ein freier, internationaler Handel für alle beteiligten Länder von Vorteil ist. Würde ein Land zum Schutz der eigenen Industrie Zölle auf importierte Güter einführen, dann wäre das zum Schaden der eigenen Wirtschaft. Die Länder sollten jene Waren produzieren und gegen Waren der anderen eintauschen, für die sie durch ihre Lage, ihr Klima sowie andere nationale Vorteile geeignet seien. Beispielsweise sollte sich England auf die Herstellung von Textilien und Portugal auf die Produktion von Wein konzentrieren.
Die dieser Theorie zugrundeliegende Idee des komparativen Vorteils steckt bis heute hinter vielen Modellen zur Erklärung des internationalen Handels. Auch an der Aussage, dass der Freihandel in den weitaus meisten Fällen für alle beteiligten Länder Vorteile bringt, hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert.
Dennoch wird der Freihandel vor allem von linken Kreisen, aber auch von etlichen unter dem internationalen Wettbewerb leidenden Unternehmen stark kritisiert, was vor allem in Krisenzeiten offene Ohren findet. So versuchten während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zahlreiche Länder, ihre Wirtschaft mit protektionistischen Massnahmen zu schützen. Dies verschärfte allerdings die Krise nur noch. Aufgrund dieser Erfahrungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg grosse Anstrengungen zur Förderung des Freihandels unternommen. In Europa wurden die Europäische Gemeinschaft, die spätere EU, und die Europäische Freihandelsassoziation (Efta) geschaffen. Ähnliche Organisationen wurden auf den anderen Kontinenten gegründet. Um dem Freihandel weltweit zum Durchbruch zu verhelfen, wurde zuerst das Gatt und als dessen Nachfolgerin die Welthandelsorganisation (WTO) ins Leben gerufen.
Es zeigte sich allerdings, dass weltweite, umfassende Lösungen zum Abbau aller nationalen Handelshemmnisse sehr schwierig zu finden sind. Deshalb versuchten Länder mit ähnlich gelagerten Interessen in jüngerer Zeit, den Freihandel mit bilateralen oder multilateralen Abkommen weiter voranzutreiben. Bei allen Vorbehalten gegenüber den heutigen Abkommen und den noch immer bestehenden Handelshemmnissen ist zu sagen, dass die Liberalisierungen seit dem Zweiten Weltkrieg das weltweite Wirtschaftswachstum in unglaublichem Ausmass belebt und vielen Ländern die Flucht aus Armut und Elend ermöglicht haben. Wenn der Freihandel dennoch immer wieder in Frage gestellt wird, hängt das auch damit zusammen, dass dieser den Wettbewerb verschärft. Die Unternehmen müssen auf jede Änderung der Konkurrenzsituation in der Welt mit Innovationen und Produktivitätsverbesserungen reagieren. Ist die Wirtschaft eines Landes dazu nicht in der Lage, wertet sich dessen Währung so lange ab, bis die internationale Konkurrenzfähigkeit wiederhergestellt ist.
In der Vergangenheit haben einzelne Länder ihre Wettbewerbssituation durch Manipulation ihres Wechselkurses oder durch Subventionen zu verbessern versucht. Wenn heute der amerikanische Präsident Donald Trump China oder Deutschland vorwirft, ihre Wechselkurse zuungunsten der amerikanischen Wirtschaft zu manipulieren, so ist ein solcher Vorwurf auf politischer Ebene nichts Neues. Währungskriege gab es zu allen Zeiten. Trumps Äusserungen sind allerdings fehl am Platz, weil es jüngst vor allem die USA waren, die mit einer kompetitiven Abwertung des Dollars ihre Wirtschaft zu beleben versuchten. So gab die amerikanische Notenbank nach dem Ausbruch der Bankenkrise mit ihrem Quantitative Easing den Startschuss für einen – nicht offen ausgetragenen – Währungskrieg. Als Gegenwehr haben andere Notenbanken ebenfalls ihre Geldschleusen geöffnet, und die dadurch ausgelöste Geldschwemme trug zur Destabilisierung der Finanzmärkte bei.
Die Diskussionen über kompetitive Abwertungen machen einerseits deutlich, dass der Freihandel nur dann erfolgreich funktionieren kann, wenn die Länder auf solche Währungsmanipulationen verzichten. Andererseits zeigen sie auch, wie eng der internationale Handel und die nationale Geldpolitik miteinander verknüpft sind. Die EU hat mit der Schaffung einer gemeinsamen Währung versucht, die Probleme der kompetitiven Abwertungen innerhalb des Binnenmarktes aus dem Weg zu räumen. Dies gelang. Dafür machten sich andere Probleme bemerkbar. Den einzelnen Ländern des Euro-Raums fehlen nun die wichtigsten geldpolitischen Instrumente. Wenn beispielsweise ein Land international seine Wettbewerbsfähigkeit verliert, kann es diese nicht mehr durch eine Abwertung wiederherstellen. Die Anpassungen müssen über eine Senkung der Löhne und Preise erfolgen – ein politisch sehr schwieriges Unterfangen.
Kompetitive Abwertungen sind nie eine Lösung. Eine zu expansive Geldpolitik führt, wenn sie tatsächlich die Wirtschaft ankurbelt, früher oder später zu Inflation und damit zum Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die anderen Länder auf die kompetitive Abwertung eines führenden Landes mit einer expansiven Geldpolitik reagieren, wird das internationale Finanzsystem destabilisiert, und es droht die Gefahr einer weltweiten Inflation. Deshalb gibt es für die Notenbanken keine andere Lösung, als ihre Geldpolitik konsequent auf Preisstabilität auszurichten und die Wechselkursschwankungen zu akzeptieren, die sich wegen der unterschiedlichen Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Ländern ergeben.
Drohungen, mit Schutzzöllen oder Subventionen gegen kurzfristig unerwünschte Wechselkursbewegungen vorzugehen, sind fehl am Platz. Vielversprechender ist es, die Produktivität im eigenen Land mit besserer Ausbildung, mit weniger Regulierungen und einer vernünftigen, auf die nationalen Bedürfnisse abgestimmten Fiskalpolitik zu erhöhen. Dafür besteht in allen Ländern ein riesiger Spielraum. Letztlich gilt auch für die Wirtschaftspolitik der Ausspruch von Gotthelf: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»