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Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)
In seiner Rektoratsrede hat Werner Kuhn [30] deutlich gemacht, wie die einzelnen speziellen Gebiete sich zunächst getrennt entwickeln können und müssen, um sich dann bei neuen, zunächst nicht vorhergesehenen Aufgaben zusammenzufinden, wie also die Lösung eines speziellen Problems auf einem Teilgebiet durch detaillierte Einzeluntersuchung zum Erreichen allgemeiner Ziele verschiedenster Wissenschaftsbereiche entscheidend
sein kann.
Abb. 29: Werner Kuhn mit älterem Bruder und Schwester vor dem elterlichen Pfarrhaus
Besser als aus Worten sehen wir das, wenn wir die wichtigsten Etappen im Leben von Werner Kuhn kurz betrachten.
Abb. 30: Werner Kuhn 13 Jahre alt
Werner Kuhn wurde am 6. Februar 1899 in Maur am Greifensee geboren, wo sein Vater Pfarrer war. Wir sehen ihn in Abb. 29 (rechts) mit Bruder und Schwester vor dem Pfarrhaus. Um diese Zeit hat er angefangen, Raupen zu züchten und zu verfolgen, wie sie zu Schmetterlingen wurden. Seine Beobachtungsgabe und sein unermüdliches Fragen und Ueberlegen sind dem Vater, wie sein Bruder schrieb, schon früh aufgefallen. Seine Experimentierlust und sein Grundsatz: Man muss alles probieren stempelten ihn bald zum Naturwissenschaftler. Abb. 30 zeigt ihn als 13jährigen. Er besuchte die Literarabteilung des Kantonalen Gymnasiums in Zürich. Die Aufnahme der Abb. 31 wurde an seinem 17. Geburtstag gemacht.
Abb. 31: Werner Kuhn 17 Jahre alt
Nach der Maturität im Oktober 1917 begann er sein Studium der Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. 1921 erhielt er das Diplom als Ingenieur-Chemiker. Er wurde dann Assistent am Physikalisch-Chemischen Institut der Universität Zürich bei Victor Henri und promovierte dort 1923 mit einer Arbeit über die photochemische Zersetzung des Ammoniaks, für die er eine besondere Auszeichnung erhielt [31]. Die Wechselwirkung von Licht mit der Elektronenhülle von Atomen und Molekülen faszinierte ihn, und so reizte es ihn, zu Niels Bohr nach Kopenhagen zu gehen. Wir sehen ihn in Abb. 32 in der Mitte einiger Kollegen. Bei Bohr arbeitete er 2 Jahre als Rockefeller-Stipendiat. Er war sehr beeindruckt von der einfachen, stets nach anschaulichen Bildern und nach möglichst klaren und übersichtlichen Modellvorstellungen suchenden Denkweise Bohrs. Das Bohrsche Korrespondenzprinzip, die Erkenntnis, dass man sich viele Prozesse in gequantelten Systemen an klassischen Ersatzmodellen klar machen kann, hat seine Denkweise geprägt. Es entstand seine wichtige Arbeit über die Summenbeziehung für die Gesamtstärke der von einem Zustand ausgehenden Absorptionsbanden [32].
Abb. 32: Werner Kuhn mit Freunden in Kopenhagen (Mitte)
S.203