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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

3. Buch
13. Kapitel1: Bei der Beurteilung von Taten hat man sich nach den Umständen zu richten, unter denen sie geschehen sind
19. Man muß deshalb sorgfältig darauf achten, was den Landessitten, den Zeitumständen und den persönlichen Verhältnissen des einzelnen angemessen ist: sonst brandmarkt man vielleicht voreilig etwas als Schandtat. So ist es durchaus möglich, daß der Weise, ohne irgendwie den Vorwurf der Schlemmerei und der Gefräßigkeit zu verdienen, die kostbarsten Speisen genießt, während der Tor der schmählichsten Gaumenlust dient, obwohl er nur ganz wertlose Gerichte zu verschlingen trachtet. Alle Leute von gesunder Lebensauffassung ziehen es, so wie es auch der Herr gemacht hat, vor, einen Fisch zu essen, als sich wie das Vieh von Linsen oder Gerste zu nähren, wie es Abrahams Enkel, Esau, gemacht hat. So sind die meisten Tiere bloß deshalb, weil ihre Nahrung aus geringeren Dingen besteht wie die unsrige, keineswegs mäßiger als wir. Denn bei allen Dingen dieser Art hängt das Lob oder der Tadel unserer Tat nicht von der natürlichen Beschaffenheit der zum Gebrauche dienenden Sache ab, sondern nur von dem Grunde, weshalb man sie gebraucht, und von der Art, wie man darnach verlangt.
20. Unter dem Bilde des irdischen Reiches stellten sich die Gerechten des Alten Bundes das himmlische Reich vor und unter diesem Bilde verkündeten sie es auch. Die Absicht, eine zahlreiche Nachkommenschaft zu erhalten, war der Grund zu der an sich unentschuldbaren Gewohnheit, daß ein Mann zur gleichen Zeit mehrere Weiber hatte; aus demselben Grunde war es sittlich unzulässig, daß ein Weib mehrere Männer besaß. Denn ein Weib ist nicht um so kinderreicher (je mehr Männer sie hat), sondern es grenzt schon mehr an schändliche Buhlerei, Gewinn und Kinder gewissermaßen auf dem Markte zu suchen. Was bei solchen sittlichen Zuständen die Heiligen jener Zeit ohne sinnliche Lust taten, das tadelt die Schrift nicht, obgleich es in unserer Zeit nur aus böser Lust geschehen könnte. Was dort an solchen Dingen erzählt wird, das muß man unter dem Gesichtspunkt der Liebe Gottes oder des Nächsten oder beider erklären, mag man es nun in rein sachlichem und wörtlichem oder auch in figürlichem und prophetischem Sinn auffassen. So war es beispielsweise bei den alten Römern eine Schande, die Tunika bis zu den Knöcheln und mit langen Ärmeln zu tragen; heutzutage aber ist es für Leute aus anständigem Hause eine Schande, sie gegebenenfalls nicht so zu tragen. So müssen wir auch beachten, daß es sonst darauf ankommt, daß eben die böse Lust fern bleibt. Diese mißbraucht eben nicht allein in sündhafter Weise die Gewohnheit ihrer Zeit, ja sie setzt sich förmlich über ihre Schranken hinweg und offenbart so ihre unter dem Verschlusse gewohnheitsmäßig geheiligter Sitten verborgene Häßlichkeit in den schändlichsten Ausbrüchen.
21. Was aber mit den Sitten derjenigen übereinstimmt, auf deren Lebensverkehr die Notwendigkeit oder die Pflicht jemanden hinweist, das muß von guten und großen Männern auf den Nutzen und auf das Wohltun bezogen werden, und zwar entweder im eigentlichere Sinn, so wie es uns gewöhnlichen Menschen zusteht, oder im figürlichen, wie es den Propheten freisteht.
1: Die Maurinerausgabe beginnt das 13. Kapitel erst mit Nr. 21.