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Von Fréderic Bastiat, dem grossen französischen Liberalen des 19. Jahrhunderts, scharfsinniger Ökonom ebenso wie stilsicherer Publizist, stammt der berühmte Aufsatz „Was man sieht und was man nicht sieht“. Er bezog sich damit auf die vielen unbeabsichtigten und zunächst unsichtbaren Folgen von Handlungen, nicht zuletzt von staatlichen Interventionen. Heute soll hier von einer anderen Diskrepanz die Rede sein, nämlich jener zwischen dem, was eine Statistik vordergründig zeigt und dem, was sich dahinter versteckt. Es geht um die Investitionstätigkeit ausländischer Investoren in der Schweiz.
227 statt 69 US-Milliarden
Das Bild, das die von der Öffentlichkeit am meisten rezipierte offizielle Statistik über den Kapitalbestand ausländischer Direktinvestitionen in der Schweiz zeichnet, ist seit Jahr und Tag das Gleiche: die bei weitem meisten Investoren stammen aus der EU. Gemessen am Buchwert des Bestandes Ende 2011 (letzte verfügbare Zahlen) von etwas über 600 Mrd. Fr. betrug ihr Anteil fast 77%. Dazu kamen 6% aus dem übrigen Europa. Auf den ganzen Rest der Welt, darunter solche Schwergewichte wie die USA und Japan, entfielen ganze 17%. Das passt ins Bild einer Schweiz, die im Herzen Europas liegt und ihren Austausch an Waren und Dienstleistungen hauptsächlich mit den Nachbarländern und einigen weiteren europäischen Staaten pflegt.
Allerdings ist dieses Bild weit von der Wirklichkeit entfernt. Die Schweizerische Nationalbank veröffentlicht deshalb seit einigen Jahren eine zweite, von der Öffentlichkeit fast ignorierte Statistik. Sie zeigt, dass das Herkunftsland des Investors, der unmittelbar an einem schweizerischen Unternehmen beteiligt ist oder eine Filiale in der Schweiz gründet, sehr oft nicht identisch ist mit dem Land jenes Investors, der die Kontrolle ausübt. So kann ein japanisches Unternehmen über seine Tochter in Deutschland eine Beteiligung in der Schweiz erwerben. Dann erscheint das in der regulären Direktinvestitionsstatistik (unmittelbarer Investor) als deutsche Investition, während der letztlich berechtigte Investor in Japan sitzt. Das Phänomen ist relativ neu. Mehr als die Hälfte, nämlich 57% des ausländischen Kapitalbestands in der Schweiz, werden heute (2011) über dazwischengeschaltete Gesellschaften in Drittländern gehalten. Noch 2001 waren es erst 21%.
Vor allem Firmen aus den USA tätigen ihre Investitionen in der Schweiz hauptsächlich über dazwischengeschaltete Gesellschaften. Statt unmittelbar 69 Mrd. Fr. oder 11% machten ihre direkten und indirekten Investitionen zusammen 227 Mrd. Fr. oder 37% des Gesamtbestandes aus. Damit übertrafen die USA 2011 erstmals die EU, deren Unternehmen bloss für 200 Mrd. Fr. oder 33% letztlich berechtigte Investoren waren. Unternehmen aus Lateinamerika erhalten dagegen in dieser Betrachtungsweise ebenfalls mit 10% (statt 3%) deutlich mehr Gewicht.
«Round-Tripping»
Die Länder, die hier als Sitz von Zwischengesellschaften auftreten und deswegen in der regulären Statistik viel zu gewichtig erscheinen, sind vor allem die Niederlande und Luxemburg. Der Wert der Direktinvestitionen aus den Niederlanden lag offiziell bei 150 Mrd. Fr., letztlich berechtigt waren die Niederländer jedoch nur im Umfang von knapp 30 Mrd. Fr. Für Luxemburg lauten die analogen Zahlen 118 Mrd. Fr. und 19 Mrd. Fr. Auch in Österreich ist die Diskrepanz ähnlich gross, mit 68 Mrd. Fr. Bestand unmittelbar, aber nur 5 Mrd. letztlich berechtigten Investitionen. Die Schweiz taucht in dieser Statistik ebenfalls auf: 7% des Kapitalbestands an ausländischen Direktinvestitionen gehören letztlich Schweizer Unternehmen. Das ist ein höherer Wert als der für Deutschland oder Frankreich. Im Klartext bedeutet dies, dass sich Schweizer Unternehmen an anderen Unternehmen in der Schweiz in beträchtlichem Umfang nicht direkt beteiligen, sondern etwa über eine Tochter in Luxemburg. Gründe für dieses sogenannte «Round-Tripping» kann es viele geben, nicht zuletzt organisatorische und steuerliche.
Beim Personalbestand der ausländisch beherrschten Firmen kann man ähnliche Beobachtungen machen, nur sind die Diskrepanzen nicht ganz so krass. Von den 430 000 in der Schweiz bei ausländischen Unternehmen Beschäftigten arbeiten 66% in einem Betrieb, dessen letzter Berechtigte in der EU beheimatet ist. Schaut man lediglich auf die unmittelbaren Investoren, kommt man dagegen auf 81%. Aber die Tendenz ist gleich wie beim Kapitalbestand, es sind die gleichen Länder, die «verlieren», und es sind auch hier die USA, die nach der «Bereinigung» klar wichtiger werden.
Unsere Graphik zeigt neben dem Auseinanderklaffen von unmittelbaren und von letztlich berechtigten Investoren auch einen deutlichen Anstieg der Direktinvestitionen ab Ende 2005. Verschiedene Faktoren dürften dafür verantwortlich sein. Der banalste ist wohl eine Erweiterung des Erhebungskreises der Statistik. Solche Verbesserungen führen fast immer zu gewissen Brüchen. Wichtiger und einigermassen plausibel ist jedoch die Vermutung, dass es ab diesem Zeitpunkt vermehrt zur Verlagerung von Finanz- und Holdinggesellschaften in die Schweiz kam, etwa aus dem an Reputation verlierenden karibischen Raum. Die deutliche Zunahme dieser Gesellschaften in der Statistik der ausländischen Direktinvestitionen legt dies nahe. Schliesslich dürfte sich im starken Anstieg auch die Globalisierung spiegeln, denn im gleichen Zeitraum haben auch die Direktinvestitionen aus der Schweiz im Ausland markant zugelegt.
Dieser Artikel erschien in der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. Februar 2013.
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.