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Von Michael Sennhauser | 14. Mai 2016 - 15:42
Sookee, Trick- und Taschendiebin aus einem spezialisierten Haus für Waisen, wird vom Heiratsschwindler «Count» als persönliche Zofe zu einer reichen japanischen Erbin geschickt. Sie soll dafür sorgen, dass sich Hideko in den «Count» verliebt und ihn heiratet.
Aber dann verliebt sich Sookee selber in die geheimnisvolle, naive und einsame Schönheit, die von ihrem Grossonkel ihres Erbes wegen mehr oder weniger gefangen gehalten wird.
Der Südkoreaner Park Chan-Wook machte in Cannes schon 2003 mit seiner Rache-Groteske Old Boy Furore, 2009 zeigte er die Vampir-Geschichte Thirst, und vor drei Jahren kam seine erste amerikanische Produktion ins Kino, Stoker mit Nicole Kidman.
Nun erzählt er wieder in Korea, und aus Korea. Dabei stammt die Vorlage für The Handmaiden kurioserweise aus England. Es ist der «dickensische» Roman «Fingersmith» von Sarah Waters, der auch schon einer BBC-Mini-Serie als Grundlage diente.
Park transferiert die Geschichte aus dem viktorianischen England in die Zeit, als Korea von Japan aus kolonialisiert wurde. Das erlaubt ihm ein vergleichbares Setting mit Klassensystem und Standesdünkel und vertikaler Mobilität.
Hier am Filmfestival in Cannes zeigte sich das unter anderem daran, dass die französischen Untertitel im Film in zwei Farben gezeigt wurden, gelb für Dialoge in Japanisch, weiss für jene in Koreanisch.
Park hat die Dreiteiligkeit der Vorlage beibehalten, sein Film erzählt Rashomon-artig den ersten Teil aus der Perspektive von Sookee, den zweiten aus jener von Hideko und den dritten zumindest partiell aus der Sicht des «Count».
The Handmaiden ist eine Geschichte der Leidenschaften und des Betrugs, ein wenig auch der Rache, wie meist bei Park Chan-Wook. Aber mit dem düsteren japanisch-koreanisch-viktorianischen Schloss (komplett mit Folterkeller und Krakentank), dem skrupellosen Buchliebhaber, der seine koreanischen Wurzeln verleugnet und gerne Japaner wäre und schliesslich den beiden schönen Frauen, die für einander zu glühen beginnen, hat der Film auch alle Elemente für klassisches Genrekino. Insbesondere die mehrfachen Twists im Plot, die sich mit den Perspektivenwechseln ergeben.
Park spielt auf allen Registern. Der sadistische Hausherr ist ein Sammler und Verkäufer erotischer Literatur. Unter anderem besitzt er den infamen Hokusai «Der Traum der Fischersfrau» mit dem Kraken – und im Keller den passenden Kraken dazu. Er zwingt Hideko zu erotischen Lesungen vor seiner Käuferschaft, und er hat sie schon als Kind dafür trainiert.
Im Zentrum des Films aber steht die körperliche Leidenschaft der beiden Frauen füreinander. Vom ersten Blick bis zum raffiniert inszenierten und gefilmten ultimativen Sex steigert Park die Darstellungen, bis man zumindest als männlicher Zuschauer beinahe der Illusion erliegt, tatsächlich weibliches Begehren und weibliche Erotik zu erleben.
Den Kontrast dazu liefert dann eine Sequenz, in der die beiden Frauen in orgiastischer Wut die Bibliothek ihres Peinigers zerstören, Buch für Buch, Bildrolle für Bildrolle.
Parks Film ist grossartig ausgestattet und noch viel grossartiger gefilmt, mit einer fliessenden Kamera, nostalgischem Breitwandbild, satten Farben und – zumindest bei den männlichen Darstellern – einer gehörigen, traditionsbewussten Portion von Overacting.
Das ist unterhaltsam, manchmal auch anrührend, und ästhetisch sehr ansprechend. Zugleich aber bleibt, zumindest für ein westliches Publikum, ausser purem Handwerk wenig im Gedächtnis haften. Der Plot mit seinen Twists erinnert an ähnliche Verfahren wie etwa in Clouzots Les diaboliques von 1955. Die Kraft, welche gutes Genrekino gelegentlich im gesellschaftlichen Kontext entwickelt, fehlt The Handmaiden. Oder, und das ist nicht von der Hand zu weisen, sollte sie da sein, erschliesst sie sich für uns im Westen kaum – im Gegensatz zur retroaktiven Sprengkraft, die in der britischen Buchvorlage durchaus gegeben ist.
Mit anderen Worten: Ob Park Chan-Wook sein Kulturtransfer vollständig gelungen ist, kann unsereins schlicht nicht beurteilen. Aber was wir davon mitkriegen, das kann sich mehr als sehen lassen.
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