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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (18.10.2005)
«La forza del destino» von Verdi im Zürcher Opernhaus
Ein schreckliches Verhängnis waltet über den Protagonisten dieser romantischen Verdi-Oper: Leonora, die Tochter des Marchese di Calatrava, verletzt die Familienehre, indem sie einen Mestizen, Alvaro, liebt. Als dieser sie entführen will, tötet er ungewollt ihren Vater, weil sich ein Schuss aus seiner Pistole löst. Auf der Flucht verlieren sich die zwei Liebenden. Zeitsprung und Szenenwechsel: In einem Heerlager in Italien rettet Alvaro dem Sohn des Marchese, der Rache an ihm und seiner Schwester geschworen hat, das Leben. Nachdem sie sich ewige Freundschaft gelobt haben, entdeckt Carlo die Identität Alvaros. Neuer Zeitsprung, zurück nach Spanien: In einem Kloster, wo Leonora als Eremitin und Alvaro als Laienbruder jahrelang unerkannt nebeneinander gelebt haben, kommt es endlich zum Duell. Alvaro tötet Carlo, der sterbend seine Schwester ersticht. Opfer eines unergründlichen Schicksals, wie es der Werktitel suggeriert? Nein, Opfer eines erstarrten Ehrbegriffs, der auf Standesdünkel, Rassenhass und Jungfräulichkeitskult gründet und der Liebe als Ausdruck individueller Selbstbestimmung keine Chance lässt.
Dekorative Bilder
Am Zürcher Opernhaus scheint nicht nur über den handelnden Figuren, sondern über dem Werk selbst ein schlechter Stern zu stehen. «La forza del destino» war, in der Regie von Tony Palmer, 1991 die zweite Opernneuinszenierung der Intendanz Pereira - und nach dem glanzvollen Auftakt mit Robert Wilsons «Lohengrin» ein szenischer Absturz. Jetzt unternimmt Alexander Pereira einen zweiten Versuch, diesmal mit Nicolas Joel, dessen ketzerische «Traviata»-Interpretation von 1985/86 als einer der grössten Skandale der Ära Drese in Erinnerung bleibt. Ist es wirklich derselbe, der jetzt diese gefällig dekorativen Gruppenbilder (mit einem vokal imposanten Chor), diese spannungslosen Liebes- und Kampfszenen arrangiert und sich dazu von Franca Squarciapino malerische Kostüme nach der Mode des mittleren 19. Jahrhunderts, der Entstehungszeit des Werkes, hat kreieren lassen?
Die Bühnenbilder stammen von Ezio Frigerio: wechselvoll in ihrer Motivik, doch einheitlich düster, ohne die Stimmungs- und Hell-Dunkel-Kontraste, welche die Werkdramaturgie vorgibt. Vor duftig romantischen Hintergrundsprospekten und einem goldgefassten Christusbild reihen sich massive Ausstattungsstücke. Als penetrant symbolträchtiges, monströs hässliches Leitmotiv dient eine zerklüftete Felswand, die sich am Schluss des ersten Bildes auf die Szene zu senken beginnt und zuletzt, ergänzt durch ein Gitter, an dem die sterbende Leonora sanft niedersinkt, die verbleibenden Akteure ganz einschliesst. Welcher Widerspruch zu der durchsichtig zarten Musik, mit der Verdi hier - in der Mailänder Fassung - die Vision einer Versöhnung und Vereinigung im Tod in Töne gesetzt hat.
Überzeugende Besetzung
Mehr Glück hat Pereira diesmal mit der Sängerbesetzung. Da ist der warme, lyrisch grundierte Sopran von Joanna Kozlowska, der die weitgespannten Legatobögen der Leonora mit grossem Atem und feinem Klangsinn nachzeichnet. Ein eindrückliches Rollendébut, wenn auch nicht ganz frei von Premierennervosität, unter der auch Vincenzo La Scolas Alvaro zu leiden schien. Die edle Substanz seines Tenors entfaltet sich am schönsten in den leiseren Abschnitten. Sobald er auf dramaturgische Ausdruckskraft zielt, verhärtet und verengt sich die Stimme. Als Darsteller ist La Scola ebenso ein Opfer von Joels indifferenter Personenregie wie Leo Nucci, der jedoch als Don Carlo mit dem ganzen Potenzial seiner meisterhaften Technik, seiner Rollenerfahrung und seines nach wie vor in allen Lagen intakten, mühelos ansprechenden Baritons aufwarten kann. Nicht weniger souverän gestaltet Matti Salminen mit seinem tragenden, üppig strömenden und doch nuancenreichen Bass die Rolle des würdevollen Padre Guardiano. Der für Carlos Chausson eingesprungene Paolo Rumetz ist sängerisch ein untadeliger Fra Melitone, verleiht der grotesk komischen Figur aber kaum geschärftes Profil. Wie bei der letzten Zürcher Einstudierung verkörpert Stefania Kaluza die Preziosilla, und wie damals kommt ihr heller, schlanker Mezzosopran kaum zur Deckung mit dem feurigen Temperament der Zigeunerin und Marketenderin.
Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem folgenreichen Zürcher Début mit «La forza del destino» hat Nello Santi die musikalisch so kraftvolle und farbige, szenisch ihrer episodenhaften Collage-Dramaturgie wegen so schwierige Verdi- Oper ein weiteres Mal einstudiert, und er wagt dabei sogar eine Neuerung, indem er die Ouverture nicht zu Beginn, sondern zwischen dem ersten und dem zweiten Akt spielen lässt. Dem Spannungsaufbau ist das nicht förderlich, die erste Szene steht dadurch gleichsam im Leeren. Doch das Orchester hat sich, wie es Santis Absicht war, bis zu diesem grossen Instrumentalstück tatsächlich aufgewärmt, und Dramatik bringt der Maestro, neben vielen Feinheiten koloristischer, dynamischer und artikulatorischer Art, im weiteren Verlauf des Abends noch genügend ein. Was aber den Regisseur Nicolas Joel betrifft, so bleibt zu hoffen, dass er sich bei seiner nächsten Zürcher Produktion, Verdis «Aida» im kommenden Mai (mit demselben Ausstatterteam und mit Adam Fischer am Pult), nicht mit szenischer Konfektionsware begnügt.