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SRF News Online: Martin Eichler, was ist wirtschaftlich gesehen besser: Grosse oder kleine Kantone?
Martin Eichler: Wichtig ist nicht die Grösse eines Kantons an sich, sondern dass die Grösse zu den wichtigsten anstehenden Aufgaben passt, um diese optimal lösen zu können. Der Raum sollte so klein wie möglich sein, damit man flexibel und der Situation angepasst agieren kann. Gleichzeitig sollte er aber gross genug sein, um alle externen Effekte einbeziehen zu können.
Können Sie ein Beispiel für solche externen Effekte machen?
Diese sind sehr vielfältig. Ein einfaches Beispiel: Vom Entscheid, ein Theater in der Stadt zu betreiben, profitieren auch Besucher, die ausserhalb der Stadt leben. Oder: Vom Bau einer Umfahrungsstrasse ausserhalb der Stadt profitieren auch die Einwohner der Stadt.
Welches sind die Hauptfaktoren, die für den wirtschaftlichen Erfolg eines Kantons verantwortlich sind?
Auch hier sind die Faktoren vielfältig. Von staatlicher Seite sind für die mittel- und langfristige Entwicklung eine adäquate staatliche Regulierung besonders wichtig. Diese müssen gute Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung bieten, ohne aber die Wirtschaft dabei unnötig einzuschränken. Zudem müssen ausreichende staatliche Infrastrukturen zur Verfügung stehen. Dazu gehören beispielsweise das Verkehrssystem, aber auch das Rechtssystem.
Welche Kantone kann man als Wirtschaftsmotoren bezeichnen?
Die Zentren sind produktiver, weil sie dichter besiedelt sind. Städte profitieren von dieser Dichte. Dort sind allerdings auch die Kosten höher. Dies muss über die in den Zentren höhere Wertschöpfung wettgemacht werden. So gesehen ist klar: Zürich ist zentral – verglichen beispielsweise mit der Region Zentralschweiz – und fungiert daher als Wirtschaftsmotor.
Was sich auch in dem höheren BIP pro Kopf von Zürich zeigt?
Genau. Allerdings ist hier ein statistischer Effekt zu beachten: Die grossen interkantonalen Pendlerbewegungen in der Schweiz verzerren diese Kennzahl. So hat der Kanton Basel-Stadt ein extrem hohes BIP pro Kopf, weil ein grosser Teil der Arbeitskräfte gar nicht dort wohnt. Das zeigt: Die administrativen Räume entsprechen nicht unbedingt den wirtschaftlichen Räumen.
Auf welche Kantone trifft dies zu?
In der Schweiz gibt es zahlreiche derartige Verflechtungen. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel verdeutlichen. Auch die Nordwestschweiz und Zürich sind vielfältig verflochten, insgesamt bilden sie jedoch eigenständige Wirtschaftsräume. Hingegen sind Basel-Stadt und Basel-Landschaft sehr stark voneinander abhängig. Das kann für beide Kantone funktionieren, wenn sie unterschiedliche Rollen im Wirtschaftsraum einnehmen. Ein Kanton fokussiert sich stärker auf die Unternehmen, während sich der andere vorrangig als Wohnkanton positioniert. Klar ist jedoch: Als Wirtschaftsraum funktionieren sie nur zusammen. Und werden nur zusammen erfolgreich sein.
Wo liegen den die Schweizer Wirtschaftsmotoren?
Die stärksten Wirtschaftsmotoren liegen in den drei metropolitan geprägten Regionen Zürich, Basel und Genf.
Und das Mittelland?
Das Mittelland ist wirtschaftlich ebenfalls stark, aber nicht so ausgeprägt, wie die drei genannten Regionen. Hierbei spielt auch die etwas weniger stark internationale Ausrichtung der Wirtschaft eine Rolle.
Also ist es die internationale Ausrichtung, die einen Kanton oder Wirtschaftsraum attraktiv macht?
Der internationale Wettbewerbsdruck zwingt die Unternehmen, sich ständig weiterzuentwickeln und produktiver zu werden. Davon profitiert dann auch der ganze Wirtschaftsraum.
Was können denn Kantone unternehmen, damit sie an wirtschaftlicher Attraktivität gewinnen?
Es gibt hier kein Patentrezept. Jeder Kanton und jede Region muss eine Nische im Markt finden – genau wie jedes Unternehmen. Das können deshalb sehr unterschiedliche Strategien sein. So ist es für die Innerschweiz nicht sinnvoll, in Richtung internationale Metropole zu steuern. Das ist schon von den Begebenheiten her gar nicht möglich und nicht zielführend. Allerdings: Die Zentralschweizer Kantone sind in ihren Bestrebungen durchaus erfolgreich.
Welche Bereiche sind das für die Zentralschweiz konkret?
Als ein Beispiel lässt sich die Steuerpolitik nennen, die die Region für Unternehmen attraktiv gemacht hat. Verschiedene Teile der Innerschweizer Kantonen konnten sich als attraktive Wohnstandorte positionieren. Dies ist ebenfalls eine mögliche Strategie – gerade im Umfeld der Metropole Zürich. Nicht zuletzt gibt es auch im Bereich Forschung und Innovation Ansatzpunkte, mit entsprechenden Institutionen.
Bis jetzt haben wir nur über das Wachstum gesprochen. Welchen Kantonen stossen an Grenzen und wo ist das Wirtschaftswachstum gefährdet?
Derzeit drohen die grössten Gefahren nicht einzelnen Kantonen oder Regionen. Vielmehr ist die gesamte Schweiz in wirtschaftlicher Hinsicht mit grösseren Risiken konfrontiert. Eines davon ist sicherlich die weitere Entwicklung Europas, die EU ist schliesslich unser wichtigster Handelspartner. Zwar scheint derzeit die akute Krise in Europa allmählich überwunden zu werden, die tatsächlichen Ursachen der Eurokrise sind jedoch nach wie vor nicht gelöst.
Also Probleme von aussen. Wie sieht es mit Ursachen im Inland aus?
Bei den hausgemachten Entwicklungen ist sicherlich die Masseneinwanderungs-Initiative zu nennen. Dadurch wird die Verfügbarkeit von Arbeitskräften reduziert. Dies passiert genau in einer Phase des demografischen Wandels. Das Stichwort lautet Fachkräfte-Mangel. Je nach Umsetzung der Initiative kann dies die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz mittelfristig erheblich bremsen.
Noch wesentlich wichtiger sind jedoch die politischen Auswirkungen dieser Initiative. Wie sieht es mit der Integration in Europa aus? Was passiert mit den bilateralen Verträgen? Gibt es noch Möglichkeiten für die Schweiz, weitere Verträge mit der EU abzuschliessen? Viele Dossiers sind noch offen. Um nur ein Beispiel anzuführen: Das Energie-Dossier liegt zurzeit auf dem Verhandlungstisch. In einer geringeren Integration in den Wirtschaftsraum Europa liegt ein grosses Gefahrenpotenzial für die Schweiz. Davon wären dann alle Kantone und Wirtschaftsregionen des Landes betroffen.
Das Interview führte Richard Müller
Martin Eichler
Der Deutsche Martin Eichler ist seit April 2013 Chefökonom bei BAK Basel. Der studierte Volkswirtschaftler ist zuständig für den Geschäftsbereich Regionen. Dazu gehören wirtschaftspolitische Analysen und Beratungen in der Schweiz sowie auf internationaler Ebene. Seit 2001 arbeitet er beim BAK und ist seit 2006 Mitglied der Geschäftsleitung.
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