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Neue Heimat
Belleville befindet sich grösstenteils im 19. und 20. Arrondissement im Nordosten der Stadt. Hier haben stets diejenigen gewohnt, die sich ein Leben im teuren Westen nicht leisten konnten. So nahm das traditionelle Arbeiterviertel im Laufe des letzten Jahrhunderts unzählige Immigrantenwellen auf. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts kamen zuerst vom Völkermord in ihrer Heimat flüchtende Armenier, bald darauf Griechen, die der griechisch-türkische Krieg aus ihrem Land vertrieben hatte.
In den 30er-Jahren folgten Juden, welche vor den Zuständen in Deutschland auf der Flucht waren. Kurz darauf Spanier, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land flüchteten. Auch die Unabhängigkeitserklärung Tunesiens Mitte der 50er-Jahre und der Algerienkrieg in den Sechzigern bekam man in Belleville zu spüren: Algerische und tunesische Juden siedelten sich in dem Viertel an. Seit den 80er-Jahren ist nun die schwarzafrikanische und asiatische Zuwanderung prägend.
Multikulti
Heute sind über 80 Nationalitäten in dem Viertel zu finden. Zweimal in der Woche breitet sich auf dem Boulevard de Belleville ein Markt aus, der in arabischer Hand zu sein scheint. Die Verkäufer sind ausschliesslich Männer, die mit voller Stimme ihre Ware anpreisen. Immer wieder werden einem aufgeschnittene Früchte angeboten, damit man auch weiss, wofür man sein Geld ausgibt. Doch so billig wie hier kann man wohl nirgends in Paris seine Einkaufstaschen füllen.
Wenn man vom Boulevard de Belleville in die Rue de Belleville einbiegt, verlässt man die arabische Welt und taucht in ein kleines Chinatown ein. Chinesische Restaurants, Supermärkte, Kramläden und Buchhandlungen säumen den unteren Teil der Strasse. Wenn man sich weiter durch das Quartier schlendert, entdeckt man immer wieder Spannendes, wie zum Beispiel einen an die jüdische Kundschaft angepassten Supermarkt an der Rue Botzaris, bei dem es von Milch über Chips bis zu Haribo-Gummibärchen alles koscher zu kaufen gibt.
Stadtmauern
Bei dieser multikulturellen Vielfalt könnte man fast vergessen, wo man sich eigentlich befindet. Der französische Charme und der dörfliche Charakter seiner Vergangenheit sind in Belleville aber auch heute noch präsent. Das Viertel war nämlich zuerst ein kleines Dorf abseits des grossen Paris. Lange Zeit befand es sich jenseits der Stadtmauern und die Bauern und Handwerker mussten an der Stadtgrenze Zollabgaben entrichten, wenn sie im Stadtzentrum ihre Waren und Dienste anbieten wollten.
Erst 1860 wurde Belleville in die Stadt integriert und im Laufe der Zeit immer stärker Heimat der Arbeiterschicht. 1881 gehörten 80% der Bewohner des Viertels der Arbeiterklasse an. Man muss schon etwas Vorstellungskraft haben, um sich das heutige Belleville als Dorf vorzustellen. Dennoch findet man nach wie vor etliche kleine Läden, die der anonymen Grossstadtstimmung entgegenwirken: einige Schuhmacher, Metzgereien, kleine Käseläden und sogar eine winzige Kaffeerösterei. Selbstverständlich sind auch die unzähligen Boulangeries, auf die man an jeder Strassenecke stösst, nicht wegzudenken.
Auf dem Vormarsch
In den letzten Jahren hat nun eine Entwicklung stattgefunden, die Belleville in ein ganz neues Licht gerückt hat. Die Pariser Szene hat das Viertel entdeckt. Nachdem diese im Marais von den in die Höhe geschnellten Mieten vertrieben und in der Gegend rund um die Bastille vom Touristenstrom überrumpelt wurde, flüchtete sie weiter nach Nordosten. Dank dem multikulturellen Einfluss und den für Pariser Verhältnisse tiefen Mieten kann sich die Szene momentan zumindest in Ruhe entfalten. Doch immer mehr Blicke wenden sich nach Belleville, die Mietpreise liebäugeln mit ungewohnten Höhen und die Nächte werden immer länger. Man sollte sich also beeilen, will man Belleville noch jenseits des Touristenstroms entdecken.