Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03573.jsonl.gz/1368

Bettgenossen wider Willen? Wir betrachten den untrennbaren Zusammenhang zwischen Schlaf und Kopfschmerzen
Einführung
Der untrennbare Zusammenhang zwischen Schlaf und Kopfschmerzen ist seit Jahrhunderten bekannt. Wissenschaftler haben versucht, diese Interaktion zu beschreiben, die auf der Anatomie und Physiologie von bestimmten Regionen des Gehirns basiert, die bei beiden Zuständen ähnlich sind, aber bis heute weiss man immer noch sehr wenig über diesen Zusammenhang. Migräne kann sowohl durch Schlaf verursacht als auch gelindert werden. Ebenso kann sie die Ursache für zu viel oder zu wenig Schlaf sein. Sind Schlaf und Migräne einfach Gegenspieler oder haben sich diese komplexen neurologischen Zustände aus einem bestimmten Grund bei ihrer Entwicklung wechselseitig beeinflusst, und wenn ja, wie können wir diesen Zusammenhang nutzen, um die Beschwerden zu lindern?
Schlaf - Grundlagen
Der Schlaf als die Funktion unseres Körpers, die man am wenigsten vermeiden kann, fasziniert uns. Wir sprechen über ihn, versuchen, ihn zu kontrollieren, ihn vernunftmässig zu erklären und denken über ihn nach. Und obwohl Schlaf für uns ein absolutes Grundbedürfnis ist, stellt er doch für jeden Einzelnen eine einzigartige Erfahrung dar. Er kann für uns sehr angenehm sein oder uns in Schrecken versetzen, er kann uns Erholung bieten oder uns auslaugen, uns einfach überkommen oder für uns nicht zu erreichen sein.
Obwohl Schlaf definiert wird als leicht umkehrbarer Zustand, bei dem das Bewusstsein vermindert oder ausgeschaltet ist, kann Schlaf auf keinen Fall mit einem Zustand der Inaktivität gleichgesetzt werden. Vielmehr könnte man denken, dass die für den Schlaf massgeblichen neurologischen Systeme extrem aktiv sind.
Schlaf wird weitgehend durch zwei Mechanismen reguliert. Als Erstes über die biologische Uhr des Gehirns, welche innerhalb des 24-stündigen Hell-Dunkel-Zyklus signalisiert, wann die Zeit für Schlaf gekommen ist, was zumindest bei gesunden Menschen dann ist, wenn es dunkel ist. Bei Sonnenuntergang erkennen spezialisierte Zellen im Augenhintergrund (Retina) einen verringerten Lichteinfall und signalisieren dem Gehirn, mit der Produktion von Melatonin, einem schlaffördernden Hormon, zu beginnen. Die Melatoninkonzentration steigt und fällt in einem 24-Stunden-Rhythmus, der auf den Hell-Dunkel-Zyklus abgestimmt ist. Dieser 24-Stunden-Rhythmus, auch bekannt als zirkadianer Rhythmus, der die Melatonin-Produktion steuert, wird ergänzt durch einen separaten Zyklus, der durch den Schlafdruck bestimmt wird. Dieser nimmt während der Dauer des Wachzustands ständig zu und während des Schlafs auch rasch wieder ab. An dem Punkt, wo sich diese beiden Zyklen überschneiden, wird in bestimmten Regionen des Gehirns (insbesondere im Hypothalamus und Hirnstamm) die richtige chemische und physiologische Umgebung erzeugt, durch welche das Gleichgewicht zwischen Wachsein und Schlaf in die eine oder andere Richtung kippt.
Selbst in den Phasen von Schlaf und Wachsein gibt es schnellere kürzere Aktivitätszyklen im Gehirn. Im Schlaf durchläuft das Gehirn in einem regelmässigen Rhythmus verschiedene Schlafphasen unterschiedlicher Schlaftiefe und wechselt hierbei zwischen dem Schlaf mit schnellen Augenbewegungen (Rapid Eye Movement, REM) und dem Schlaf ohne schnelle Augenbewegungen (NREM). Im REM-Schlaf ist der Körper paralysiert, ausgenommen die Augen, die sich schnell bewegen. In dieser Phase ist die Traumaktivität am grössten. Während des NREM-Schlafs tritt das Gehirn in eine tiefere Schlafphase, in den sogenannten langsamwelligen Schlaf ein, von dem man glaubt, dass er für viele Prozesse sehr wichtig ist, unter anderem auch für die Gedächtnisverarbeitung und die Regulierung des Immunsystems und Stoffwechsels. Diese Schlafphasen beeinflussen bzw. regulieren ebenfalls das autonome Nervensystem, also den Teil des Nervensystems, der für die Kontrolle der Körperfunktionen verantwortlich ist, wie beispielsweise Blutdruck und Blutfluss durch Arterien und Venen, auch im Gehirn.
Schlaf und Kopfschmerzen - der Beweis
Klar ist, dass einige Kopfschmerzerkrankungen stark durch Schlaf beeinflusst werden und dass einige auch nur während des Schlafs auftreten. Umgekehrt können diese beiden Gruppen von Kopfschmerzerkrankungen den Schlaf beeinträchtigen, was zu einem Kausalitätsdilemma (oder zu der Frage «Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?») führt.
Migräneanfälle sollen eher zwischen 04.00 und 09.00 Uhr morgens auftreten, wodurch sich ein Zusammenhang mit dem Schlaf oder dem zirkadianen Rhythmus oder mit beiden ableiten lassen könnte. Schlafmangel ist ein bekannter Auslöser, ebenso wie zu viel Schlaf (beispielsweise bei längerem Schlafen am Wochenende). Auch Schichtarbeit und Jet-Lag wurden für einige Personen als Auslöser genannt, was auf einen Einfluss von Schlaf und zirkadianem Rhythmus hindeutet. Übermässige Müdigkeit kann während der Warnphase vor einem Migräneanfall auftreten, aber auch ein Symptom nach einem Anfall sein. Schlaf kann während eines Migräneanfalls eine gute therapeutische Wirkung haben und oft dabei helfen, den Anfall falls möglich zu beenden, besonders bei Kindern.
Zwischen Cluster-Kopfschmerzen und Schlaf besteht ein markanter Zusammenhang. Anfälle treten hauptsächlich, wenn auch nicht ausschliesslich, während des Schlafs auf und oft jeden Tag und jede Nacht ungefähr zur gleichen Zeit. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Schlafbiologie und/oder der zirkadiane Rhythmus bei den Betroffenen gestört sind/ist.
Vom schlafgebunden Kopfschmerz glaubt man, dass er eine seltene Form einer Kopfschmerzerkrankung ist, die hauptsächlich ältere Frauen betrifft und sie durch dumpfe Kopfschmerzen ohne besondere Symptome aus dem Schlaf weckt, oft mehrmals in der Nacht. Die Schlafphasen verändern sich mit zunehmendem Alter. Der langsamwellige Schlaf nimmt bei älteren Menschen ab, sodass durchaus angenommen werden kann, dass schlafgebundene Kopfschmerzen das Ergebnis des verringerten langsamwelligen Schlafs bei sensiblen Menschen sind. Interessanterweise soll Koffein, das eine stimulierende Wirkung hat, in einigen Fällen wirksam helfen.
Insbesondere chronisch Betroffene können gleichzeitig unter Schlaflosigkeit und Migräne leiden. Die Kombination von Schlaflosigkeit und Migräne betrifft häufiger Menschen, die oft relativ leichte Kopfverletzungen im Rahmen eines postkommotionellen Syndroms erleiden. Übermässige Müdigkeit, insbesondere am Tag, kann mit Kopfschmerzen verbunden sein. Dumpfe Kopfschmerzen am Morgen sind oft ein Symptom einer obstruktiven Schlafapnoe. Dies ist eine schlafbezogene Atemstörung, die den Schlaf nachts so erheblich stört, dass es für Betroffene schwierig ist, am Tag wach zu bleiben. Ausserdem sollen Menschen mit Narkolepsie, die plötzliche unkontrollierbare Einschlafattacken erleben, häufiger an Kopfschmerzen leiden als die allgemeine Bevölkerung.
Unter dem Begriff Parasomnien sind Schlafstörungen zusammengefasst, die durch Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf gekennzeichnet sind. Schlafwandeln und Alpträume sollen häufiger bei Migräne-Patienten, und hier besonders bei Kindern, auftreten. Das Restless-Legs-Syndrom (unruhige Beine) ist verbunden mit einem unangenehmen Drang, die Beine bewegen zu wollen, besonders in den Abendstunden und nachts, was zu Schlafstörungen führt. Für diese Erkrankung wurde kürzlich nachgewiesen, dass sie bei Migräne-Patienten häufiger auftritt.
Abschliessend bleibt noch zu erwähnen, dass einige der Medikamente, die sich bekanntermassen gut zur Kopfschmerz-Prävention eignen, deutliche Auswirkungen auf die Müdigkeit am Tag, auf Schlafphasen, Traumerlebnisse und den zirkadianen Rhythmus haben.
Was sind die Gründe für einen so engen Zusammenhang?
Das Gleichgewicht von Schlaf und Wachsein und dessen richtiges Timing beruhen auf einem fein abgestimmten System, welches man in der Natur Homöostase nennt. Wenn das System so sehr überlastet wird, dass ein Zustand (Schlaf oder Wachsein) begünstigt wird, wie zum Beispiel durch langes Aufbleiben, häufig unterbrochenen Schlaf, langes Schlafen an den Wochenenden oder Schlafen zu Zeiten, die nach der inneren Uhr unpassend sind (wie dies bei einem Jet-Lag der Fall ist), versucht das System, dies zu kompensieren und das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Eine Idee könnte sein, dass ein Migräneanfall sogar einen dieser Regulierungsmechanismen darstellt, wenn auch einen der extremen Art, der zu einer abnormalen Überkompensation führt. Wenn Sie zum Beispiel unter Schlafmangel leiden, kann eine Migräne Sie dazu zwingen, sich ruhig zu verhalten und im Dunkeln liegen zu bleiben, in der Hoffnung, einschlafen zu können und sich so selbst von der Migräne zu befreien. Zu viel Schlaf kann die gegenteilige Wirkung haben und Sie mit einer Migräne in mehreren nachfolgenden Nächten wachhalten. Beide Szenarien könnten ein Weg sein, um Schlafdruck und zirkadianen Rhythmus zu regulieren und somit das System im Gleichgewicht zu halten.
Wie können wir dies zu unserem Vorteil nutzen?
Natürlich sind diese homöostatischen Mechanismen nicht die einzige Grundlage für Migräne, aber es ist ein logischer Gedanke, dass der Versuch, einen ausgeglichenen Schlaf-Wach-Rhythmus aufrecht zu erhalten, die Wahrscheinlichkeit für einen Migräneanfall verringert. Es ist daher für Migräne-Patienten vielleicht wichtig, etwas zu beachten, das gute Schlafhygiene genannt wird. Zur Schlafhygiene gehört eine Reihe von Vorschlägen, um einen möglichst gleichmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus und eine möglichst gleichbleibende Schlafqualität zu erreichen.
Trotz einiger ziemlich überzeugender Beweise einer engen Wechselwirkung zwischen Schlaf und Kopfschmerzen, gibt es immer noch viele Dinge, die wir lernen und therapeutisch nutzen müssen. Die wissenschaftliche und klinische Untersuchung dieser beiden Hirnzustände wird wahrscheinlich in der Zukunft ein klareres Bild dieser komplexen Beziehung ermöglichen.
Schlafhygiene
Versuchen Sie, jeden Tag zur gleichen Zeit aufzustehen und schlafen zu gehen, denn es ist wichtig, dass Sie in der richtigen Phase Ihres zirkadianen Zyklus schlafen.
Sie müssen wissen, wie viel Schlaf Sie brauchen und auch wann (wann fühlt es sich für Sie richtig an, ins Bett zu gehen) und wie lange Sie schlafen sollten (die meisten Erwachsenen brauchen ungefähr 8 Stunden Schlaf in der Nacht).
Versuchen Sie, sich tagsüber einige Zeit im Freien oder im Tageslicht aufzuhalten, da Ihr Gehirn hierdurch ein wichtiges Signal für die Feineinstellung der inneren Uhr erhält.
Sorgen Sie für eine möglichst erholsame Schlafumgebung mit ausreichender Dunkelheit und Ruhe, mit einem bequemen Bett und nur wenigen Geräten in Bettnähe, wobei dies insbesondere für beleuchtete Geräte gilt.
Sportliche Aktivität, vorzugsweise vor dem Abendessen und nicht erst vor dem Schlafengehen, kann ebenso hilfreich sein, wie mit dem Rauchen aufzuhören, denn Nikotin besitzt eine stimulierende Wirkung und hemmt die Melatonin-Produktion.
Eine sinnvolle Empfehlung wäre, dass Sie Ihr Bett nicht für Tätigkeiten nutzen, die Sie auch an anderer Stelle erledigen können (wie beispielsweise Fernsehen, Lernen), und dass Sie nicht im Bett liegen bleiben sollten, wenn Sie hellwach sind.
Es wird empfohlen, vor dem Schlafengehen auf den Genuss von Nikotin und Alkohol zu verzichten, weil hierdurch die Gesamtqualität Ihres Schlafes eher verschlechtert und nicht, wie gemeinhin angenommen, verbessert wird.