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Die folgenden vier Fallstudien sollen exemplarisch die Situation erläutern, welche sich im informationstechologischen Wissensraum aus der konkreten Forschungspraxis ergibt.
Fallstudie 1: Schumanns "Träumerei"-- Insignifikante Forschungsresultate aufgrund Unkenntnis global verfügbarer Daten zur musikalischen Interpretation.
An einer Musikologenkonferenz in Berlin wurde im Sommer 1996 eine statistische Studie über die Gestalt von Tempokurven bei der Interpretation von Schumanns "Träumerei" vorgestellt. Die Resultate basierten auf lediglich zwei Tempo-Messungen zu einer privaten Interpretation und zu einer auf CD festgehaltenen des Pianisten Jörg Demus. Die Resultate konnten aber nicht in Anspruch nehmen, statistisch signifikant zu sein, da der Forscher es unterlassen hatte, die heute weltweit elektronisch verfügbaren Tempo-Messungen von 28 prominenten Interpretationen der "Träumerei" zu benutzen. Diese 1992 von Bruno Repp durchgeführten Messungen [154], die u.a. Interpretationen von Argerich, Brendel, Demus, Horowitz, etc. erfassen, sind via e-mail jederzeit elektronisch (als ASCII-Daten) abrufbar und können so auch für weitere Untersuchungen von allen Forschern benutzt werden.
Fazit 1: Global verfügbare Information muss genutzt werden, sonst riskiert ein Forscherteam, insignifikante Resultate zu veröffentlichen.
Fallstudie 2: Raffaels "Schule von Athen"-- Fehlerhafte Semantik in der Malerei aufgrund unvollständiger Informationsexplikation.
Zu Raffaels berühmtem Fresko "Die Schule von Athen" in den Vatikanischen Stanzen stellte sich im Rahmen eines Ausstellungsprojekts auf der Darmstädter Mathildenhöhe [137] die Frage nach der Bedeutung des Sterns, der rechts unten im Bild von der Bramante-Figur konstruiert wird [136]. Bisher war angenommen worden, der Stern stelle einen Davidstern dar [35], [169]. Diese Semantik war aber nie genauer überprüft worden hinsichtlich der wirklichen Gestalt des Sterns; ein Davidstern müsste aus zwei gleichschenkligen Dreiecken bestehen. Die Zentralperspektive, in der das Kunstwerk nachweislich gemalt wurde, lässt aber genauere Schlüsse auf die Gestalt von geometrischen Konfigurationen im Bild zu. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Architektur der Technischen Hochschule Darmstadt und der Fraunhofer-Gesellschaft-Arbeitsgruppe Graphische Datenverarbeitung wurden 58 Personenfiguren und wichtige geometrische Teile (Treppe, Quader, Kugeln, Bramante-Stern, etc.) computergraphisch rekonstruiert. Durch die mit Hilfe der Computergraphik aus allen Perspektiven einsehbare Objektkonfiguration wurde es möglich, neue Einsichten zu gewinnen durch geeignete, bisher verborgene Ansichten. Es stellte sich heraus, dass der Stern nicht aus gleichschenkligen, sondern aus rechtwinkligen Dreiecken besteht, die in Zusammenhang mit den Seitenflächen der platonischen Körper stehen, womit auch zu einer Zentralfigur des Platon im Bild Bezug geschaffen wird. Zugleich stellte sich heraus, dass die Ecken dieser Dreiecke mit erstaunlicher Präzision ähnlich liegen wie die Fusspunkte von semantisch bedeutsamen Personenfiguren des Kunstwerks [136]. Damit war aus der genauen geometrischen Analyse eine neue, im Gegensatz zur bisherigen Deutung stehende, bildimmanente Semantik ersichtlich geworden. Dieses "Experiment" wurde vom Schweizer Kunstwissenschaftler Oskar Bätschmann wissenschaftlich begleitet und begrüsst, siehe Bätschmanns Vorwort in [136].
Fazit 2: Ohne möglichst explizite Datenanalyse kann Verstehen nicht den Anspruch auf zuverlässigen Bezug zum Objekt haben. Alle mögliche Repräsentationen müssen effektiv verfügbar gemacht werden. Erst dann können die entsprechenden Evidenzen auch de facto wahrgenommen und interpretiert werden.
Fallstudie 3: Bachs "Kunst der Fuge"-- Kollaborative vernetzte Forschung zwischen vier Instituten in Deutschland und der Schweiz.
Im Rahmen eines DFG-Projekts an der Universität Osnabrück zur Analyse und Interpretation von Bachs "Kunst der Fuge" stellte sich 1996 die Frage eines Zusammenhangs zwischen harmonischen Strukturen und der Gestaltung von Aufführungs-Interpretationen der Komposition. Der Forscher kontaktierte per e-mail das Multimedia Lab am Institut für Informatik der Universität Zürich, wo im Rahmen eines NF-Projekts die Analyse- und Interpretationssoftware RUBATO entwickelt wurde. Um die Werkzeuge für harmonische Analyse zu implementieren, wurde von der Technischen Universität Berlin [143] ein Programmentwurf eingeholt. Dieser wurde auf der Mathematik-Software Mathematica geschrieben und als Attachment per e-mail nach Zürich übermittelt. Dort wurden die entsprechenden Algorithmen in die RUBATO Software eingebaut, getestet und nach Osnabrück weitergegeben. Letzteres geschah über den ftp-Server des Instituts für Informatik, da grosse Programmpakete via e-mail nicht übermittelt werden können. In Osnabrück wurde das Programmpaket nun im Rahmen des DFG-Projekts angewendet. Die Resultate mussten nun auch statistisch genauer untersucht werden. Dazu wurden sie als Datenpakete an einen Spezialisten des Statistikdepartments der Universität Konstanz gemailt, der die statistische Analyse nun nach Osnabrück und Zürich zurücksenden konnte. Damit war ein Projektschritt realisiert worden, der vier verschiedene Kompetenzbereiche umfasste und nur elektronisch zu bewältigen war.
Fazit 3: Kompetenzen, Arbeitsinstrumente und Arbeitskapazitäten sind in der Regel an einem einzigen Forschungsplatz nicht vorhanden. Komplexe Aufgaben können deshalb nur kollaborativ erledigt werden. Grosse Informationsmengen und Wissensdokumente können dabei nur unter Verwendung lokaler und globaler Datenverarbeitungs- und Kommunikationsanlagen ausgetauscht werden.
Fallstudie 4: Aristoteles' "Topik"-- Navigation im Internet und Erzeugung von persönlichen Hypertexten.
Für den vorliegenden Bericht war Aristoteles' "Topik" zu studieren, insbesondere waren alle Referenzen zum Begriff "Topos" im Werk auszumachen und eine Zitatsammlung anzulegen mit allen Sätzen im Werk, wo "Topos" vorkommt. Die Werk-Ausgabe der Philosophischen Bibliothek ist dazu ungeeignet, da man im Sachregister unter "Topos" resp. "Ort" nur auf "Seiten 27, 28ff." verwiesen wird. Es werden aber alle 41 insgesamt vorhandenen Referenzen gewünscht, inklusive schnelle Zugriffsmöglichkeit. Und dazu auch noch Suchmöglichkeit nach anderen Begriffen oder Begriffskombinationen. Das Problem kann schnell gelöst werden durch Aufruf eines Internet-Archivs zu klassischen philosophischen Texten, etwa [47], [86], [101] oder [58]. (Bemerkenswerterweise findet man nur US-englische Übersetzungen!) Nach Herunterladen kann der Text mit geringem Aufwand mit Suchfunktionen und Einsetzen von Hyperlinks zu einem komfortablen Hypertext verwandelt werden, auf den man nun jederzeit und schnell Zugriff hat. Dies wurde für den vorliegenden Bericht ausser mit der "Topik" auch mit der "Metaphysik" durchgeführt. Solche Hypertexte sind für jeden gezielten Zugriff hinsichtlich Vollständigkeit von Querverweisen eine grosse Hilfe.
Fazit 4: Via Internet-Quellensuche kann man schon heute auf viele wichtige Texte der Geisteswissenschaften zugreifen, kann sie für den persönlichen Gebrauch in Hypertexte verwandeln und so ihren Wert für effizientes, genaues, reproduzierbares und interaktives wissenschaftliches Textstudium merklich steigern.
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