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Die Route
Die Route führte mich erst von Vancouver nach Süden, dann über den Hwy 20 durch die North Cascades ins Innere des Staates Washington. Über Spokane gings dann weiter nach Coeur d'Alene (Idaho) wo später eine etwas komische Entscheidung anstand. Idaho ist so weit im Norden nur eine gute Tagesetappe breit, und so war ich alsbald im Westen von Montana.
Missoula und Helena waren dort zwei Etappenorte und von Helena ging es danach praktisch direkt südwärts über Three Forks (dort fliessen die drei Flüsse Madison, Gallatin und Jefferson zusammen und heissen nach deren Zusammenfluss - tataaa - Missouri!) und Ennis nach West Yellowstone.
Dort traf ich am 9. Oktober Michel und zusammen besuchten wir drei Tage hintereinander den Yellowstone Nationalpark. Einige Fotos aus diesem wunderschönen Flecken findet Ihr unter 'Fotos'.
Mitte Oktober ist in Montana und vor allem in der Höhe des Yellowstones bereits erste Schneezeit. Dies und weitere Überlegungen haben dazu geführt, dass ich mit Misch zwei Tagesetappen bis nach Park City weitergefahren bin. Von dort beginnt die 6. Etappe bis nach San Francisco.
Mittwoch, 21.09.2011 - Es geht weiter!
Habe bis spät in die Nacht meine Homepage updated (bis 03:00), schlecht geschlafen und bin um 07:00 wieder aus den Federn - hundemüde, heute falle ich sicher vom Göppel.
Erst mal zusammenpacken, Gepäck aufladen und ab auf den Zug. Fahre um 10:20 bei der King George Station ab und muss nach nur einem Kilometer wieder anhalten: Kette wechseln, denn die Neue springt wie verrückt über das alte Ritzel
Danach folgt die Fahrt nach Süden und der Grenzübertritt (der 8. inzwischen und wohl letzte). Der dauert ungewöhnllich lange, aber das kennt man ja von Ami-Zöllen ja mittlerweile.
Danach fahre ich weiter auf teils bekannten Strassen nach Bellingham und von dort weiter nach Süden zum Bay View State Park. Auf dem Weg dorthin treffe ich Peter, ein Rennvelofahrer, der sich für einige Kilometer an mein Tempo anpasst.
Zum einen erzählt (klagt) er mir seine ganze Lebensgeschichte, zum anderen rät er mir, den nördlicheren Hwy 20 anstatt des südlicheren Hwy 2 zu nehmen. Hwy 20 ist zwar hügliger und weiter, aber viel schöner und vor allem mit dem Velo besser zu fahren.
Gegen Ende des Tages plagen mich ziemlich komische Schmerzen im linken Oberschenkel. Fühlt sich an wie eine Tomate, nur hab ich nie eine gekriegt...
Tag 83: Distanz: 105.27 km - Fahrzeit: 6h00 - Höhenmeter: 704 - Wetter: bewölkt, abends Regen. 19-23°C
Donnerstag, 22.09.2011 - Es hapert noch mit der Motivation
Der nächste Morgen erinnert mich mit einem Schlag an den Cassiar Highway: Regen, Kochen im Nass, Innenzelt separat verpacken... kak! Schlussendlich Abfahrt im Regentenue. Treffe kurz vor Abfahrt noch auf 3 Jungs aus Colorado, die von Vancouver aus über die Olympic Peninsula (westlichster Teil des Staates Washington) nach Portland, Oregon fahren wollen.
Der wachste der drei ist hin und weg von meinem Rad. Die anderen beiden sind noch zu verpennt für emotionale Höhenflüge. Die Wegfahrt im Regen über den Hwy 20 (schon genau der richtige) führt zuerst nach Burlington als 4spurige Strasse, die sich fast als Autobahn anfühlt - das wird nach Burlington aber besser.
In B'ton kaufe ich noch Nudelsuppen ein (habe ich vergessen) und nehme Anlauf zu den North Cascades. Der Gegenwind und stetige Nieselregen machen das Leben etwas schwieriger als nötig. Ich bin um etwa 16:00 beim Rockport State Park, meinem neu gesteckten Tagesziel, denn Newhalem - erst anvisiert - liegt noch ein ganze Stück voraus. Doch dort: 'Campground Closed!' Wegen re-growth der Vegetation - dabei sieht mir die weiss Gott genügend grün aus...
Nun, Newhalem läge 23 Meilen (40 km) weiter, doch das schaffe ich in meinem Zustand niemals. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als dort zu bleiben, als 'Einbrecher'. Mit etwas schlechtem Gewissen schlage ich mein Zelt, so gut wie möglich versteckt auf. Ob ich so gut schlafen kann?
Tag 84: Distanz: 78.88 km - Fahrzeit: 5h00 - Höhenmeter: 356 - Wetter: Nieselregen, später nur noch bewölkt. 18°C
Freitag, 23.09.2011 - In den North Cascades - es wird wieder besser!
Ich beginne den Tag extra früh, denn heute wartet die Anfahrt auf die beiden Pässe auf mich. Weil ich es gestern nicht mehr nach Newhalem geschafft habe glaube ich nicht, dass ich heute über beide Pässe (100 km zum ersten , weitere 12 km zum zweiten) schaffe. Mit 1480 und 1670 Metern recht hoch, bin ich doch noch praktisch auf Meereshöhe. Doch etwas schönes hat der Tag für mich bereit: Sonne!
Apropos ich und Camping-Einbrecher: um 08:00 laufe ich dann doch noch einem Parkranger in die Finger.
Er fragt mich nüchtern, ob ich wisse, dass Camping hier verboten sei, worauf ich bejahe und ihm meine Situation gestern abend schildere. Er nimmt mir dies ab und lässt mich ohne ZS laufen. Als kleines Dankeschön werfe ich 10$ in die Donation Box des Parks. (Die US-Regierung hat den State Parks vor wenigen Jahren 52 Mio $ an Budget gekürzt. Diese müssen sie nun mit Spenden reinholen. 1.25 Mio $ pro Monat wären nötig. Sie sind weit davon entfernt... :-( Dabei sind die Parks sehr schön und sogar mit warmer Dusche eingerichtet - da wird am falschen Ort gespart).
Auf der Strasse fühle ich mich bald wieder pudelwohl. Es geht zwar nach Newhalem ständig empor, doch Peter (vor 2 Tagen) hatte recht, die Lanschaft ist absolut atemberaubend, das sag ich sogar als sonst verwöhnter Schweizer! Ich komme schliesslich 82 km weit und stoppe bei einem Trailhead (Beginn eines Wanderweges). Ist wohl auch nicht ganz legal, aber Verbotsschilder habe ich keine gesehen.
Tag 85: Distanz: 82.84 km - Fahrzeit: 5h45 - Höhenmeter: 1098 - Wetter: zu Beginn sich rasch verziehende Wolken, dann wunderschön. 20-24°C
Samstag, 24.09.2011 - Über die Pässe in ein neues Land
Ich bin recht früh auf den Beinen bzw. Rädern, denn ich will die 50 Meilen/80 km nach Winthrop bewältigen. Doch dazwischen stehen eben noch die beiden Pässe: der erste (Rainy Pass, 1480m, macht seinem Namen überhaupt keine Ehre) und der zweite (Washington Pass, 1670m). Danach teils rasante Abfahrten, später geradeaus nach Winthrop.
Bergauf wieder: bestes Wetter und schöne Landschaften. Auf 1670 m wars 24°C! Beim runterfahren war es frappant zu sehen, wie sich die Landschaft vom Pazifik-nahen, Regenwald-ähnlichen Wald innerhalb von wenigen Kilometern in eine sehr trockene, karge Landschaft verwandelte. Anstatt Bäume in Hülle und Fülle war da meist nur noch gelbgetrocknetes Gras und viele Felder waren mit Bewässerungsanlagen ausgestattet.
Winthrop verkauft sich als das Western und Cowboy-Städtchen im alten Stil, aber mit viel Tourismus drangeklatscht. Ich campe etwas ausserhalb im KOA, wo's dutzende Leute gab, die mich über meine Reise ausfragen. Esse eine Pizza im Restaurant - ein weiterer Aufsteller an diesem Tag!
Tag 86: Distanz: 85.28 km - Fahrzeit: 5h55 - Höhenmeter: 1048 - Wetter: Schönstes Wetter, bis 33°C. In der Nacht zieht ein Gewitter vorbei, bringt aber nur wenig Niederschlag
Sonntag, 25.09.2011 - Durch die Obstgärten von Washington
Der Himmel ist morgens bedeckt, aber ich wage die Prognose, dass es im Verlauf des Tages noch schön wird. Meine Abfahrt verzögert sich, zum einen wegen Surfens, zum anderen wegen der nach dem Vancouver-Break immer noch nicht ganz zurückgekehrten Motivation.
Das Ziel heute sind die gut 60 Meilen nach Bridgeport. Bald nach Abfahrt bläst mir auch schon ein Gegenwind entgegen, der so oft heute nicht aussetzt. Doch ich nehmen Meile für Meile, Ortschaft für Ortschaft. Die ganze Gegend dort hat sich dem Apfel-, Birnen-, Kirschen- und auch Pfirsichanbau gewidmet. Was sich grün vom gelben Gras abhebt sind praktisch immer Baumgärten einer dieser Obstart. Kurz vor Pateros halte ich bei einem Laden, der dieses Obst gleich Palloxenweise verkauft. Ich genehmige mir ein Pfirsich-Smoothie (sensationell) und einen Apfel (himmlisch)! Die restlichen 30 km nach Bridgeport sind dann auch bald getan, und im RV Park in dem es unablässig windet gibts Duschen, Essen und einen warmen Tee.
Hehe, für die Zelter haben die dort extra erhöhte quadratische Plätze gebaut, schön flach, etwa 3.5 m Seitenlänge mit Sandbelag. Doch mein Zelt passt da nicht drauf... Also stelle ich es kurzerhand daneben ist grüne weiche Gras. Aber nur bis die Camping-Lady vorbeikommt und meint, ich müsse das Zelt unbedingt auf diese Fläche stellen! Ich entgegne, dass es keinen Platz hätte und ich Grasboden eh bevorzuge. Darauf meint sie, ob ich wisse, warum dieses Gras so schön grün sei - das sei wegen dem Wassersprinkler, der jede Nacht automatisch aus dem Boden auftauche und den Boden nässe. Dort wo jetzt mein Zelt stehe sei genau einer darunter. Alsoguet, überschnoret.
Tatsächlich hörte ich mitten in der Nacht eine Serie von Wassersprinklern ihre Arbeit verrichten. Ich stell mir mal vor wie das gewesen wäre, wäre so einer gleich unter mir losgegangen :-)
Tag 87: Distanz: 104.18 km - Fahrzeit: 5h40 - Höhenmeter: 460 - Wetter: erst bedeckt, dann schön. Bis 27°C
Montag, 26.09.2011 - Schwoudere u Chaschpaaggere
Die letzte Nacht war neben der Wassersprinklergeschichte extrem windig. Zum ersten Mal seit langem habe ich die 6 Seitenschnüre wieder befestigt - es hat ziemlich "g'chüblet". Mitten in der Nacht war der Himmel noch klar, aber am Morgen war er bedeckt. Kurz nach Abfahrt fielen dann auch die ersten Tropfen, obwohl die Wolken nicht regenschwanger aussahen. Und verirrte Sprinklertropfen waren es aber auch nicht: es begann zu nieseln. Das Nieseln verkam selten zu richtigem Regen, aber weil der Himmel so unifarbig gleich grau war wurde es trotzdem zu einem ganzen Tag in Regenklamotten. Bei der Grob-Planung in Winthrop habe ich mir Wilbur als Ziel ausgesucht, aber ich spiele heute mit dem Gedanken, bis nach Creston oder gar nach Davenport zu fahren. Von dort wäre das Erreichen von Spokane, der nächsten grösseren Stadt kein Problem mehr.
Doch bald merke ich, dass Wilbur heute das höchste der Gefühle sein kann. Erstens: stetiger Gegenwind und teilweise Windkapriolen, die mich fast vom Göppel blasen, zweitens: fast 1200 Höhenmeter machte die Strecke, was auf der Karte nicht ersichtlich ist (haben die schon mal den Begriff topographische Karte gehört?) sogar ziemlich schwierig. Gerade die abschliessenden 30 km begannen äusserst mühsam- 450 HM alleine aus Coulee City. Es wollte kein Ende nehmen. Da war das 5'000-km-Jubiläum nur bedingt zu geniessen. Der Anblick von Wilbur 2 km vor mir war dann auch einer der erlösenderen der bisherigen Tour. Habe mich am Abend dann mit einem Besuch im Pub, etwas Pub-Food und 2 Bier sowie dem Monday Night Football game belohnt.
Ich habe heute zudem den Chief Joseph-Damm (gemäss Beschreibung der zweitgrösste in der USA) sowie den Grand Coulee Damm (grosser Chueli-Damm :-) (Ist er der grösste? - weiss nicht) passiert. Beide generieren Strom für die unmittelbare Gegend, hauptsächlich aber für die Region Seattle.
Tag 88: Distanz: 99.42 km - Fahrzeit: 7h30 - Höhenmeter: 1197 - Wetter: Nieselregen und bedeckt, 17°C
Dienstag, 27.09.2011 - Gschwind wie de Wind
Pünktlich zum Aufwachen begann es zu regnen. Bin nicht motiviert, morgenessen zu kochen. So gibt's einen Kaffee beim RV Park und zwei Donuts beim Grocery Store.
65 Meilen, etwas über 100 km sind es bis nach Spokane - wohl etwas mehr, weil der Camping im Osten der Stadt liegt. Der Wind hilft heute ein wenig. Er kommt nicht direkt von hinten, sonder aus Südwesten. So vergehen die Kilometer rasch. Der Verkehr nimmt vor Spokane wie erwartet stark zu. Es fällt mir auch auf, in welch schlechtem Zustand die Strassen sind: Absenkungen im Belag wurden teilweise einfach mit neuem Teer aufgefüllt, dieser hat sich aber nicht mit dem alten Belag verbunden und bröckelt vor sich hin - es ist nun eine grosse Patchwork-Geschichte, die weder das Velo- noch das Autofahren angenehm macht. Nach über einer Stunde fahren durch die Stadt bin ich endlich beim Camping - doch Fehlanzeige: nur RV Mobile, keine Zelte. Also weiter bis zum KOA - und nochmals 17 km. Dort ist die Sonne schon am untergehen, mache heute über 135 km.
Unterwegs nach Spokane passiere ich zahreiche und endlose Kornfelder. Die sind alle schon gedrescht drum kann ich nicht sagen welches Getreide jeweils angebaut war - aber ich frage mich, ob die auch so etwas wie eine Fruchtfolge einhalten? Weizen - Gerste - Weizen - Gerste vielleicht? Nun, Getreide lässt sich mit ganzen Drescher-Armeen recht schnell ernten. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, ein mehrere Quadratkilometer grosses Feld Kartoffeln mit einem Samro zu ernten...
Tag 89: Distanz: 135.13km - Fahrzeit: 7h30 - Höhenmeter: 632 - Wetter: Nach anfänglichem Regenguss ganz ok, bewölkt bis sonnig, 19°C
Mittwoch, 28.09.2011 - Hummm, wie weiter?
Ausschlafen, etwas Morgenessen, noch ein wenig Arbeit am Compi (Koordinaten erfassen, Fotos downloaden, neue Speicherkarte für die Kamera einsetzen), dazu noch Batterien aufladen - der Morgen ist bald dahin ohne dass ich einen Kilometer gemacht hätte. Muss ich auch nicht, habe gestern genügend Überzeit gemacht. Weiter geht's nach Coeur d'Alene im Staate Idaho. Vor CdA denke ich, dass ich den Kahnderosa RV Park etwa 25 km weiter östlich ansteuern werde. Doch daraus wird nichts: das GPS berechnet einen 110 km langen Umweg - und es geht tatsächlich nicht anders, denn dort wo der Weg eben diese 25 km lang wäre, geht nur die I-90 (I für Interstate = Autobahn) durch.
Ich frage mich ein wenig durch die Leute die ich treffe. Einer meint, es gäbe schon Backroads, meist aber nur Schotterpisten und sehr hügelig. Andere wiederum meinen, dass sie schon des öfteren Radfahrer auf der I-90 gesehen hätten. Ob es erlaubt sei kann mir hier aber noch keiner sagen. Ich campe vorerst mal noch vor dem Pass, den es zu überwinden oder umfahren gilt, lasse es Abend werden, überlege ein wenig was ich tun soll und esse noch ein riesen Sirloin Steak im nahen Wolf Lodge Steakhouse - Mmmmh!
Tag 90: Distanz: 56.37km - Fahrzeit: 3h20 - Höhenmeter: 354 - Wetter: schön, wolkenlos, 20°C
Donnerstag, 29.09.2011 - Gott straft sofort - oder dann wenn er Zeit hat
Beim Aufstehen am Morgen staune ich nicht schlecht. Anstelle des üblichen Kondenswassers hat sich im Zelt Rauhreif gebildet. Ein Blick auf den Thermometer im Fahrradcomputer bestätigt es: -2°C. Dennoch, ich hatte schön warm in meinem Schlafsack, nur das Rauskriechen bedurfte einiger Überwindung. Nun gut, ich habe mir die Frage von gestern. (to be or not to be - bzw to Autobahn or not to Autobahn) reichlich überlegt und bin mir immer noch nicht ganz sicher. Der Weg aussenrum ist als 'scenic' also schöne Strasse mit eher weniger Verkehr gekennzeichnet, kostet mich aber einen Tag :-( Auf der anderen Seite habe ich die Autobahn beobachtet und bemerkt, dass das Verkehrsaufkommen sehr gering ist. Im Schnitt zwei Fahrzeuge pro Minute...
Ich fahre los, und dort wo links die Autobahneinfahrt und geradeaus der Scenic Highway beginnt halte ich und warte noch ein Weilchen, wie wenn dort die Erleuchtung hätte kommen sollen... Mit einem "Let's be bold" gebe ich dem 'Freeway Entrance'-Schild einen Klaps und fahre runter - die Autobahneinfahrt. Ich habe damit gerechnet, dass ich nun von jedem Auto angehupt werde - doch es war nur einer, und der hat erst noch zugewunken.
Nach 10 km bin ich oben auf dem Pass, wo ich die Ausfahrt nehme und etwas esse und trinke. Nun gehts runter, wiederum 10 km bis zur nächsten Ausfahrt, wo ich das Autobahn-Abenteuer auch wieder beenden werde. Nach 2 km aber ein schleifendes Geräusch am Hinterrad, und nach zweimaligem Check entdecke ich seit langem wieder eine gebrochene Speiche. Etwas später beginnt das Hinterrad zu schlingern und schwimmen und ich denke schon, dass es jetzt eine zweite Speiche erwischt hat und die Felge nun dahin sein könnte.
Es war aber 'nur' mein zweiter Plattfuss. So musste ich doch tatsächlich auf der Interstate meinen Göppel noch 2 km bis zur nächsten Ausfahrt schieben. Grummel! Jaja, da gehen einem so Gedanken durch den Kopf wie: "Gott straft sofort - oder dann wenn er Zeit hat".
So gibts gleich bei einer Tankstelle in der Nähe der Ausfahrt einen Boxenstop, und siehe da: es hat tatsächlich eine zweite Speiche erwischt. Alles geflickt und ausgetauscht geht's weiter. Aber nicht für lange, denn ich habe den Reifen nicht genau genug nach darin steckenden, plattenverursachenden Dingern untersucht und so bin ich wenig später abermals am mechen. Ich zähle das als einen Platten, es war schliesslich das selbe Drahtstück... :-)
Ja, die 'Shoulder' oder der Pannenstreifen auf der Interstate ist mit 4 Metern zwar sehr breit, aber auch ziemlich dreckig. Da liegen viele Steine und Schotter, gebrochenes Glas und anderer Abfall, und vor allem dann und wann ein geborstener Lastwagenpneu. Diese haben eine mit Drahtgeflecht verstärkte Lauffläche, und genau so ein Drahtstück wurde meinem Pneu zum Verhängnis. Nun, meinen bisher einzigen Platten hatte ich nach 1'300 km, und jetzt bin ich bei fast 5'300 - 4'000 km ohne Plattfuss, nicht schlecht!
Der Rest des Tages ist Radfahren, wie es in den Ferienprospekten drinsteht! Es gibt quer durch den 'Panhandle' des Staates Idaho den Coeur d'Alene Trail (der aber nicht in CdA vorbeikommt). Dies ist eine zurückgebaute Eisenbahnlinie der Northern Pacific Route, die mit Teerbelag für Radfahrer, Skater und Fussgänger hergerichtet wurde. Bis zum Ostende des Trails geht die Strecke zwar 500 HM nach oben, aber weil die Eisenbahn nicht zu grobe Steigungen bewältigen kann ist auch der Trail sehr angenehm zu fahren. Dies bei bestem Wetter und mit wenig bis gar keinem Verkehr (keine Autos) - Traumhaft!
Aber: an der Ostgrenze von Idaho rüber nach Montana stehe ich vor dem gleichen Problem wie damals in CdA: da gibt's keine Strasse ausser der Autobahn, und die Alternativen sind noch schlechter als zuvor. Hier aber habe ich das Glück, dass ich die beiden richtigen Rennradfahrer ankicke und um deren Rat frage. Sie können mir genau sagen welche Strassen ich nehmen muss, um dem weiteren, zwar von Gleisen befreiten aber nicht mehr weiter unterhaltenen Teil der ehemaligen Eisenbahnlinie folgen zu können. Es ist schon Abend und ich mache mich mal auf den Weg. Schon einige Kilometer ausser- und oberhalb der Dörfchens Mullan finde ich einen Ort zum Übernachten. Auf 1230 Metern und schon fast oben am Lookout Pass. Es wird eine der ruhigsten und klarsten Nächte seit langem!
Tag 91: Distanz: 91.02km - Fahrzeit: 6h00 - Höhenmeter: 934 - Wetter: super, kein Wölkchen, 20-24°C
Freitag, 30.09.2011 - Lookout-Pass, Sackgassen und ein fehlender Campground
Der erwartete Rauhreif ist heute morgen ausgeblieben. Schnell etwas Morgenessen, leider ohne Haferflocken denn die sind ausgegangen und dann wieder los. von 1200 Metern gehts hoch auf 1500. Wiederum auf dem alten Railway Trail - Hammer! Der Tip der beiden Rennvelofahrer gestern war goldig! Oben hätte ich auf die I-90 wechseln können, doch ich blieb auf dem Trail. Dieser windet sich allmählich runter ins Tal, macht wohl dutzende Kilometer mehr als die direkte Interstate, doch das ist mir sowas von egal. Später in Saltese finde ich plötzlich die Fortsetzung nicht mehr, bis mir ein Local sagt, dass ich auf diese Brücke hoch müsse, um nach Haugan zu kommen. Dort passiert es, dass ich zum allerersten Mal mein Göppel eine Steigung hochschieben muss. Und für die etwa 80 Meter lange, gefühlte 45° Steigung geht gleich eine Viertelstunde drauf.
Die Fortsetzung des Trails ist dann nicht mehr ganz so angenehm. Denn die Gleise sind zwar weg, aber der grobe Eisenbahnschotter ist geblieben. Irgendwie kämpfe ich mich da durch und gelange nach Haugan, einem Ort wo ich mich für die geleistete Passfahrt mit einem Glacé belohnen kann. Danach kommt das, auf was ich hoffe: Frontage Roads. Bis ins nächste Kaff und darüber hinaus - und dann: Dead End, Sackgasse, fertig. Muss 2 km wieder zurück, versuche es auf der anderen Seite der I-90 - auch nix. Es gibt nichts anderes, ich muss zurück auf die Interstate. Eine Ausfahrt später sehe ich wieder eine Frontage Road, und auch die versuche ich, und auch die endet draussen im Nirvana. Grummel! Ich komme zu weiteren Autobahnkilometern, zumindest bis nach St.Regis.
Das Autobahnfahren ist aber absolut ungefährlich. Das Verkehrsaufkommen ist gering, die Bahn erst noch zweispurig und der Pannenstreifen (meine Spur) über 4 Meter breit. Das ist weniger gefährlich als manche Landstrassen. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl, denn ich weiss, dass in einigen Staaten der USA das Radfahren auf Interstates gestattet ist, weiss aber nicht, ob Montana dazu gehört. Und der Gedanken an einen Highway Patrol Officer, der mich nicht ganz so nett fragt was ich hier mache ist nicht sooo appealing. Anyway, ab St.Regis gehts aussenrum weiter. In Dry Creek schlage ich eine erste Campingmöglichkeit aus, in Superior eine Zweite. Ich suchen den State Park 'Quartz Flat' weiter südlich. Doch den gibt es nicht oder ich finde ihn nicht. Schlussendlich campe ich auf einem Stoppelfeld, umgeben von weidenden Rehen. 5 km vor dem Tagesziel geht zudem wieder eine Speiche kaputt. Es ist diejenige, die zu lang war. Sie hat immerhin seit Dease Lake gehalten, und das waren über 2'100 km.
Nachtessen gibts kalt. Ich würde mit dem Campingkocher das ganze Stoppelfeld anzünden. Dann wär ich etwas im Seich. Also gibts Trailsnack. Und die Speiche flicke ich morgen früh.
Tag 92: Distanz: 132.76km - Fahrzeit: 8h00 - Höhenmeter: 922 - Wetter: wiederum wolkenlos, bis 30°C
Samstag, 01.10.2011 - Auf nach Missoula
Ich fahre erst 5 km zurück zur Einfahrt der Interstate. Dann gut 30 km auf dieser nach Alberton, wo ich einen Kaffee trinke und etwas einkaufe. Dabei verpasse ich einen kleinen Regengutsch. Kurz nach Einfahrt auf die Interstate dann die Auflösung des gestern nicht gefundenen Campgrounds: der ist an eine Raststätte an der Interstate angebaut und wäre geschlossen gewesen. Immerhin zeigt meine Karte nicht nen kompletten Chabis an. Weiter geht es auf einer Frontage Road, wo ich aber eine Abzweigung verpasse und deswege nochmals 5 km auf die Interstate 'muss'. Danach ist aber fertig mit I-90 und ich komme auf Neben- und Hauptstrassen nach Missoula. Dort will ich den Adventure Cycling Association Shop (www.adventurecycling.org) besuchen. Die haben Karten von zig Velotrails in den Staaten und geben auch sonst gute Tipps. Doch am Samstag Nachmittag ist der Shop bereits zu. Ich entscheide mich kurzerhand, hier in Missoula einen Ruhetag einzulegen um am Montag Morgen hier vorbei zu gehen.
Der KOA in Missoula ist ein ganz cooler Campground und im Pizza Hut verdrücke ich eine ganze Medium Pizza - die Servierdüse meint, dass ich der erste sei, der eine ganze solche hier im Resti verspiesen hätte. Nun, wenn ich mich so umsehe und all die Fässer sehe glaube ich das nicht...
Tag 93: Distanz: 110.56km - Fahrzeit: 5h55 - Höhenmeter: 656 - Wetter: recht dunstig, ein kleiner Gutsch, südlich von mir mehr Regen, in der Nacht im Osten Gewitter. 30°C
Sonntag, 02.10.2011
Ruhetag
Montag, 03.10.2011 - Rekooooord!
Es geht später weiter als gedacht. Dies, weil Zelt und Schlafsack vom Kondenswasser nass bzw. feucht sind. Mein erstes Ziel ist das Büro von Adventure Cycling Association. Dort treffe ich erst auf Richard, später auf Gründer Greg. Greg wollte unbedingt ein Foto von mir und meinem Göppel haben, dazu die Erlaubnis, dieses evtl. in ihrem Magazin abzubilden. Die hat er auch gekriegt. Dazu haben wir auch (zu dritt) mein Bike gewogen. Greg meinte, es könnte durchaus den Rekord brechen.
79 kg / 174 lbs - tatsächlich, neuer Rekord! Ich fahre das schwerste dort gemessene Velo in der Landschaft herum - und sie messen nicht erst seit gestern. Auf der einen Seite ja cool, aber auf der anderen Seite - ich habe wohl einfach zu viel mit dabei :-) Andere können es mit weniger. Oder liegt es wirklich hauptsächlich daran, dass ich alleine unterwegs bin und darum mein 'sowieso nötiges Gepäck' (Zelt, Kocher) nicht aufteilen kann? Sicher ist: mein Zelt ist mein Palast, könnte für mich alleine aber kleiner und leichter sein. Der Schlafsack ist 20 Jahre alt, die gibts mittlerweile auch kompakter, und das Notebook wäre auch nicht so nötig - aber dann gäbe es diese Page nicht...
Was aber viel wichtiger ist: Richard konnte mir Tips geben, wie ich von Salt Lake City aus weiterkomme. Hurra, neue Perspektiven! Dazu hat Greg mir den einfachsten Weg nach West Yellowstone gezeigt - auf der Interstate - ist in Montana definitiv und offiziell erlaubt!
Wieder zurück auf dem Sattel bin ich eben auf derselben, als einige Meter vor mir plötzlich ein Auto auf dem Pannenstreifen anhält. Daraus grinst mich einer an, den ich damals auf dem Camp in Winthrop getroffen habe. Einer der dutzenden, die mich über meine Reise ausgefragt haben. Er ist ausser sich vor Freude (dass die Welt so klein ist) und wir quatschen sicher 20 Minuten lang über dieses und jenes am Rande der Autobahn :-) Cool!!!
Die Übernachtung gibts heute im Bearmouth RV Park - als einziger Übernachtender dort weit und breit. Nur 63 Kilometer heute, aber wegen Greg's Tipps so gut machbar.
Tag 95: Distanz: 63.58 km - Fahrzeit: 3h30 - Höhenmeter: 338 - Wetter: in Missoula schön, weiter gegen Osten bewölkt, 2 kleine Regengüsse, aber nicht der Rede wert
Dienstag, 04.10.2011 - Überstunden
Entgegen meiner Erwartung hat es heute Nacht nicht geregnet und auch im Zelt hat sich kein Kondenswasser gebildet. Also: Morgenessen, packen und nix wie los. Bis zum Cromwell Dixon Campground in der Nähe der Continental Divide sind es locker 100 km. Die ersten 45 km sind alle auf Frontage Roads, dann kommen etwa 15 km auf der Autobahn. In Garrison fahre ich auf dem Hwy 12 weiter. In der Zwischenzeit hat sich die anfängliche lockere Bewölkung zu einer geschlossenen Wolkenschicht verdickt und dann und wann einige Tropfen zu mir runterfallen lassen. Nach einigen weiteren Kilometern, während des Aufstiegs zum MacDonald-Pass regnets dann richtig. Da oben bin ich auf über 1900 Metern und es ist anständig kalt. Immer warte ich noch darauf, dass dieser Campground kommt (gemäss Karte während des Aufstiegs)... doch der ist zuoberst... und geschlossen. Super!
Nun gut, ich habe genügend Zeit fürs Weiterfahren, aber keine Kenntnisse von Campgrounds in Helena. Nach etwas herumfragen finde ich dann einen. Etwas runtergekommen und mit sehr vielen Dauermietern gefüllt. Wahrscheinlich Opfer der Hypokrise... Nun, fast 140 km heute, und das ungewollt. Naja, dann wirds morgen etwas lockerer.
Tag 96: Distanz: 139.58 km - Fahrzeit: 7h30 - Höhenmeter: 1082 - Wetter: stets bewölkt, teils Regen. 12°C, in der Höhe 7°C
Mittwoch, 05.10.2011 - Fehlentscheid ohne Folgen
In der Nacht hats geregnet. Mir egal, denn am Morgen habe ich genügend Zeit fürs trocknen lassen. Wegen den extra Meilen gestern steht heute ein easy Tag an. Komme wohl nur knapp auf 60 km bis nach Townsend - habe ich gedacht... aber ich habe die Rechnung ohne mich gemacht.
Um 11:30 mache ich mich auf den Weg. Weiter auf dem Hwy 12. Doch nach kurzer Fahrt kackt mich dieser an. Zuviel Verkehr. Ich erinnere mich an einen Tip von Greg (Missoula), der gesagt hat, dass Hwy 284 hinten am Canyon Ferry Lake rum viel angenehmer sei. Also verlasse ich Hwy 12 in nördlicher Richtung. Mein primäres Bauchgefühl aber sagt mir, dass ich mir hier einen rechten Brocken auflade. Und mein sekundäres Bauchgefühl meint, dass es aber schon reichen werde. Ich entscheide mich, Hwy 284 zu nehmen - und damit habe ich mir aus einem gemütlichen 60-km-Tag einen mühseligen 110-km-Tag gemacht. Denn während der ganzen Strecke blies mir ein Gegenwind ins Gesicht (ok, wäre auf der andern Seite nicht anders gewesen), dazu ging es zu Beginn ständig auf und ab. Dennoch, Townsend lag immer locker im bereich des Machbaren. Es wurde erst unangenehm, als 15 km vor Townsend eine weitere Speiche brach und das Rad ziemlich zu achtern begann.
Dazu hatte die Strasse (schicked mol de Sämi do übere!) alle 10 Meter so einen Riss, der jeweils mächtig rüttelte - am Velo und an meinen Nerven!
Dann in Townsend war der angesteuerte RV Park nur für Rigs und nichts für Zelter, so blieb mir nichts anderes übrig, als auf der Westseite des Sees wieder 10 km nach Norden zu pedalen, in die falsche Richtung notabene. Dort war das Camping-Office schon zu, und ich versuchte mich auf dem viel zu kompliziert gezeichneten Plan des Campgrounds zu orientieren. Gerade lange genug, bis die Camping-Lady doch noch auftauchte, und mir nach etlichem Zureden und Nachfragen eines ihrer Cabins (Blockhütte) zum selben Preis wie ein Zeltplatz andrehte.
Ich ging nach dem Einrichten im nahen Restaurant noch für ein Bier und einen Burger: sozusagen um einen Fehlentscheid zu feiern - oder für mich besser ausgedrückt: meinen primären und sekundären Bauchgefühlen Danke zu sagen. Die waren nämlich beide richtig :-)
Tag 97: Distanz: 111.71 km - Fahrzeit: 6h45 - Höhenmeter: 858 - Wetter: bewölkt, teilweise Nieselregen. 12-17°C
Donnerstag, 06.10.2011 - weisse Kreuze und viel carrion in der Luft
Als erstes repariere ich heute morgen die kaputte Speiche und bald darauf fahre ich los. Es sollte ein easy Tag werden, etwa 70 km bis nach Three Forks. Distanzmässig und von den Bedingungen (Rückenwind) her wars tatsächlich easy. Doch der Hwy 287 ist ein direkter Zubringer von Helena zur I-90 und ist deshalb mit erhöhtem Verkehrsaufkommen gesegnet. Dazu hat es eine maximal 50 cm breite Shoulder. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass dies die bisher gefährlichsten 60 km dieser Tour waren. Stets erinnern einem weisse Kreuze am Strassenrand daran, dass andere hier weit weniger Glück hatten. Dazu kam, dass pro Meile ein bis zwei tote Tiere lagen. Rehe, Murmeltiere, Schafe, Waschbären oder andere Vierbeiner - und es stank zum Teil fürchterlich. In Three Forks hätte es einen Campground gehabt, doch den hätte ich für mich wieder aufmachen müssen. Mangels Alternativen und auch wegen der kühlen Witterung habe ich (erstmals seit der Alaska/Yukon-Überquerung mit Jo) wieder in einem Motel eingecheckt.
Immerhin ein wenig NHL-Start habe ich mitgekriegt. Der Besitzer des Motels, Roger, ist ein echtes Original. Wohl zwischen 60 und 70 Jahre alt und immer am Quasseln. Dem muss man die Schnauze separat totschlagen :-) Aber er ist auch einer, der die Welt auch noch hinter seinem Tellerrand kennt. Das ist etwas, das ich in dieser Gegend nicht jedem zutraue. Aber ich lasse mich - wie von Roger - gerne eines Besseren belehren.
Tag 98: Distanz: 72.32 km - Fahrzeit: 3h20 - Höhenmeter: 360 - Wetter: stets bewölkt, Rückenwind. Teilweise verblasene Regentropfen, 13°C
Freitag, 07.10.2011 - Gleich zwei Jubiläen
Fahre zeitig (noch vor 10:00) ab. Es stehen 'nur' knapp 50 Meilen (<80 km) nach Ennis an. Gleich nach dem Start in Three Forks erreiche ich die 50'000 Höhenmetermarke - und etwas später sind seit Prudhoe Bay 6000 Kilometer hinter mir. Nun, die knapp 80 km heute werden mühsam. Stetiger, recht starker Gegenwind erschwert das Vorwärtskommen. Dazu lerne ich, dass der KOA in Ennis gar nicht in Ennis ist, sondern 20 Meilen weiter westlich - Also, Pfiiffeteckel, gehe wieder in ein Motel. Neben kühlen Temperaturen (selten über 10°C), zwei saftigen Steigungen sorgte auch ständiger Nieselregen für unangenehme Bedingungen. Es ist sicher ein guter Entscheid, heute nochmals mit festem Dach und warm zu nächtigen.
Wie es morgen wird? Keine Ahnung. Bis West Yellowstone sind es 71 Meilen, 120 km. Eigentlich zu viel für einen Tag...
Tag 99: Distanz: 76.70 km - Fahrzeit: 5h55 - Höhenmeter: 788 - Wetter: Nieselregen, Gegenwind, max 10°C
Samstag, 08.10.2011 - Unüblicher Besuch beim Nachtessen
Ich fahre noch früher ab als gestern. Ich will mir die Möglichkeit offen halten, es ganz bis nach West Yellowstone durchzuziehen, Witterungsbedingt ist das vielleicht ja nötig. Doch das Wetter ist viel besser als gestern und bald habe ich entschieden, dass ich den hundertsten Tag seit Abfahrt in Prudhoe Bay auch im Zelt - dort wo meistens - abschliessen werde. So bin ich recht früh beim ersten der beiden Campgrounds, die entlang des Earthquake Lakes liegen. Dieser See existiert, weil 1959 ein Erdbeben einen Erdrutsch verursacht hat und dieser wiederum den aus dem Hebgen Lake ausfliessenden Madison River gestaut hat. Über Nacht ist damals dieser See entstanden und Bäume, die halbwegs darin versoffen sind ragen heute noch aus der Wasseroberfläche empor.
Dieser Campground hat aber die Barrieren geschlossen - aber ich versuche es trotzdem. Auf dem Weg zu den Plätzen treffe ich einige Leute an die mit Holzschlag beschäftigt sind. Die frage ich, ob campen trotzdem möglich und erlaubt ist - und sie geben mir mit dem Hinweis auf 'Bear-aware Verhalten' die Erlaubnis. Sie sind sichtlich erleichtert, als ich ihnen sage, dass ich seit Alaska unterwegs sind und sie merken, dass ich offenbar mit den Verhaltensregeln vertraut bin.
Gleich nach Ankunft an einem superschönen, sonnigen Platz beginne ich mit Holz suchen und hacken, erst später mich kochen. Während dem das Reis am kochen ist höre ich im Wald draussen Äste knacken. Andere Camper? Unwahrscheinlich! Tier? Yep! Welches? Und da kommt er: ein Elch (Moose) 'versteckt' sich hinter einem Baum (wenn ich dich nicht sehe siehst du mich nicht - haha) und kommt Baum für Baum näher. Der Kerl kommt bis auf 5 Meter an meinen Zeltplatz ran, bis ich ihm dann mal sage, dass er jetzt nicht mehr weiter soll. Tatsächlich folgt das Tier dann meiner ausgestreckten Hand und verschwindet wo es her kam. Auch in der kommenden Nacht sollte es sich nicht blicken oder hören lassen. Aber ein Elch 5 m von einem entfernt - das war doch einiges nächer als normal (Man sagt, 25 m Mindestabstand solle man einhalten). Aber der Kerl hat ja mich besucht und nicht ich ihn.
Tag 100: Distanz: 80.04 km - Fahrzeit: 5h05 - Höhenmeter: 742 - Wetter: bewölkt, aber trocken, zeitweise sogar sonnig, 15°C
Sonntag, 09.10.2011 - Punktlandung!
Ich habe meine 100. Nacht (davon die 73. im Zelt) in vollen Zügen geniessen können. Ich bin zwar auf über 2'000 Metern Höhe und draussen war die Temperatur unter dem Gefrierpunkt, aber drinnen im Schlafsack war es wohlig warm. Ich habe keinen Stress und fahre gemütlich weiter nach Osten. Unterwegs SMS'le ich Misch, dass ich etwa um 13:00 in West Yellowstone sein werde. Cool wäre ja, wenn keiner von uns lange auf den anderen warten müsste.
Und tatsächlich kriegen wir die Punktlandung hin! Misch ist ca. 12:45 beim Hotel, sieht dort kein Göppel und keinen Moser und entscheidet, mir entgegen zu fahren. Er kommt gerade 500 Meter weit als wir uns kreuzen. Touchdown mit 1600 km Anlauf.
Schnell einchecken und gleich ab in den Nationalpark. Das Wetter ist heute zu gut um es nicht auszunützen. Es wird ein perfekter Abschluss der 5. Etappe von Vancouver nach West Yellowstone, die über 1'000 Meilen, über 1'600 Kilometer lang war.
Tag 101: Distanz: 41.78 km - Fahrzeit: 2h35 - Höhenmeter: 280 - Wetter: wie gestern, gegen Yellowstone hin sogar fast wolkenlos
Am Sonntag besuchten wir den Fountain Paint Pot, Grand Prismatic Spring, Bisquit Basin und den Old Faithful. Am Montag waren es dann die Gibbon Falls, den Upper und Lower Fall und die Mammooth Hot Springs auf der nördlichen Schleife durch den Park. Immer wieder steigt Wasserdampf auf, Felsformationen in den kuriosesten Formen und ganze Büffelherden neben (und einige auf) der Strasse (mann sind diese Tiere gross! Der Elch vom Samstag ist ein Schmusekätzchen dagegen!) sorgen für ein unglaubliches Erlebnis.
Wir haben uns schnell darüber geeinigt, dass Misch mich und mein Equipment einige hundert Kilometer in den Süden mitnimmt. Dass dies absolut der richtige Entscheid war zeigte sich schon am Dienstag, als wir in der Nähe des Old Faithful den Morning Glory Pond anschauen wollten (und auch gemacht haben), aber total verregnet wurden. Dieser Regen wurde wenig später auf dem Weg zum Südausgang zu Eisregen und noch etwas später zu Schnee. Auf der Höhe der Continental Divide lagen gut und gerne 10 cm Schnee und unser SUV liess sich nur gemächlich über die Passtrassen steuern (...)
Die Nacht vom 11. auf 12. Oktober verbrachten wir in Jackson, Wyoming und Tags darauf hingen wir gleich noch eine Autoetappe an. Ziel war das Skiresort Park City, östlich von Salt Lake City.
Mir war absolut bewusst, dass ich mit dem Velo nicht mehr viel später in diesen nördlichen Gefilden auf dieser Höhe unterwegs sein konnte. Und so hat sich das mit dem Treffen mit Misch und der gemeinsamen Weiterfahrt (danke!!!) absolut optimal ergeben.
Als nächstes fahre ich am 13. Oktober von Park City nach Salt Lake City. Dort investiere ich einen Tag in das Update der Homepage. Danach geht's weiter in Richtung Süden, wo ich ziemlich sicher einen kleinen Besuch des Bryce Canyons machen werde und dann von Cedar City aus den Weg (von Adventure Cycling in Missoula vorgeschlagen) in Richtung San Francisco unter die Räder nehmen werde.
Die Etappen- und Tourdaten:
Distanz: 1668.03 km
Fahrzeit: 101h10
Höhenmeter: 12'843
Durchschnittssgeschwindigkeit: 16.5 km/h
Max. Geschwindigkeit: 70.7 km/h
Totale Tour bisher
Distanz: 6135.9 km
Fahrzeit: 387h38
Höhenmeter: 51'795