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Sprichwörter oder Redewendungen gehören zu jeder Sprache. Sie beschreiben in der Regel ein bestimmtes Verhalten oder eine Lebenserfahrung und werden genutzt, um Argumente zu bekräftigen oder um kleine Ratschläge zu geben. Miguel de Cervantes (1547–1616), Sprach- und Literaturwissenschaftler, umschrieb sie folgendermassen: «Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.»
Verwässerung der Sprache
Wir verwenden Sprichwörter und Redewendungen automatisch und gehen davon aus, dass unser Gegenüber deren Bedeutung versteht. Sie werden über Generationen hinweg weitergegeben. Die Grosseltern des Tandems – und das ist auch schon etwas älter – verwendeten deutlich mehr Sprichwörter als das Tandem selbst. Können die Jungen hier sprachlich noch mithalten? Aufgrund der Globalisierung und der wachsenden Migration sind wir einer immer stärkeren Sprachvermischung ausgesetzt. Gleichzeitig haben sich unsere Lebenswelt und unser Alltag massiv verändert. Wo finden wir im urbanen Alltag noch klare Wässerchen, die man trüben könnte? Wo wird einem Vorgesetzten noch das Wasser gereicht? Wo sehen wir bei einer «Metzgete» noch Blut fliessen?
Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz,Miguel de Cervantes (1547–1616)
der sich auf lange Erfahrung gründet.
Redewendungen sollten wir nicht leichtfertig verwenden, sie müssen zur Situation passen und die Wortfolge muss erhalten bleiben, damit das Sprachbild, die Metapher stimmt. Interessant ist, dass es mittlerweile immer mehr Mischformen von Sprichwörtern gibt oder einzelne Wörter plötzlich ersetzt werden und sie so ihre ursprüngliche Form verlieren – Sprichwörter werden «verwässert» und können missglücken. «Wir müssen schliesslich alle am selben Boot ziehen.» (Mischform von «Wir müssen alle am selben Strang ziehen.» und «Wir sitzen alle im selben Boot.») ist so ein verunglückter Versuch.
Das Wasser – sprichwörtlich
Viele Sprichwörter nutzen Naturerscheinungen, und rund ums «Wasser» gibt es so manche Lebensweisheit zu entdecken. Telsche (83) und Marianne (66) haben einige davon genauer unter die Lupe genommen und illustrieren die geflügelten Worte im Wechsel von persönlichen Geschichten und nach ihrer Herkunft.
«Nah am Wasser gebaut haben» – eine Geschichte
Wir haben Augen zum Sehen – Schönes und Schreckliches. Es kommt aber darauf an, wie alles auf uns wirkt, manche bleiben ungerührt, andere trifft es ins Herz, Tränen fliessen, werden zu kleinen Bächen und hören nicht mehr auf. Wie oft haben wir Mädchen gehört: «Du Heulsuse» oder «die hat aber nahe am Wasser gebaut». Weibliche Wesen gelten als empfindsam und sind wir später «harte Weiber» geworden, haben wir gewiss mit emotionaler Offenheit schlechte Erfahrungen gemacht. Männer werden anders sozialisiert, sie verdrängen ihre weiche Seite. Ich, zum Beispiel, habe meinen Vater nie weinen gesehen.
«Mit allen Wassern gewaschen sein» – die Herkunft
Ist jemand mit allen Wassern gewaschen, dann ist er/sie erfahren, gewitzt und ein wenig durchtrieben. Die Redewendung kommt aus der Seefahrt. Seeleute waren früher oft ihr ganzes Leben lang unterwegs. Sie sahen viele Länder und lernten unterschiedliche Kulturen kennen. Ein erfahrener Seemann war wortwörtlich mit allen Wassern gewaschen – mit allen Wassern der sieben Weltmeere.
«Nur mit Wasser kochen» – eine Geschichte
Da sitzt sie mit übergeschlagenen Beinen vor der Kamera, präsentiert am eigenen Leibe das «MUSS» des Tages: «Hi, Fans, bin wieder da. Schaut her, hab euch ’ne Idee für den Sommer mitgebracht: Quittegelbe Leggins, aber dazu geht nur ein exklusives Shirt in weiss von EGO, das ist jetzt total angesagt! I love you. I love you!» Hinter ihr gleitet unser Blick auf türkisfarbenes Meer. Gestern schien es, als entstiege die Influencerin im Hibiskusblüten-Bikini diesen Wellen wie schaumgeboren – und so geht es immer weiter in ihrem Blog. Der Alltag zeigt eine andere Realität – es wird überall nur mit Wasser gekocht.
«Jemandem nicht das Wasser reichen können» – die Herkunft
Diese Redewendung entstand bereits im Mittelalter, als die Menschen, anders als heute, mit den Händen assen. Wenn an einem Fürstenhof ein Festessen stattfand, haben Diener kleine Schälchen mit Wasser gereicht. Darin konnten sich die adeligen Herrschaften ihre Finger säubern. Die Pagen mussten sich dazu neben die Gäste knien und ihnen die Wassergefässe hinhalten. Aber nicht allen Dienern war es erlaubt, diese Tätigkeit auszuführen. Manche waren in der Rangordnung der Dienstboten so weit hinten, dass sie nicht einmal «gut genug» waren, den Adeligen das Wasser zu reichen.
«Das Wasser steht mir bis zum Hals» – eine Geschichte
Du läufst im seichten Wasser in Richtung Horizont, da, plötzlich eine Untiefe. Angst, Hilfe, ich gehe unter! Dieses Gefühl packte mich als Studentin ständig – das ist lange her – wenn am Monatsende Ebbe in der Geldtasche war. Geld leihen, von wem in Paris? Ich kannte nur die Besitzer, verarmte Adelige, die mir die armselige Bude vermietet hatten. Du fühlst dich elend und armselig, du überlegst, ob du vielleicht noch Flaschenpfand einlösen kannst, weisst aber genau: Gestern ging der letzte Franc für einen himmlischen Kuchentraum weg. Verdammt! Was bleibt? Ich kannte einen Rat: Leg dich ins Bett und warte, bis dein Vater wieder etwas schickt. Mir stand das Wasser bis zum Hals.
«Blut ist dicker als Wasser» – die Herkunft
Diese Grundformel des Sozialverhaltens besagt, dass sich ein Lebewesen um so wahrscheinlicher menschenfreundlich verhält, je enger der Verwandtschaftsgrad ist. Blut meint dabei die «Bluts»-Verwandtschaft, also Brüder, Schwestern, Mütter, Väter und den Rest der Gross-Familie. Familienmitglieder halten im Zweifel stärker zusammen als blosse Freunde, vor allem gegenüber eindeutig Fremden.
In aller Munde? Jetzt sind Sie an der Reihe
Sprichwörter und Redewendungen verwenden wir automatisch und gehen davon aus, dass unser Gegenüber die Bedeutung versteht. Doch stimmt diese Annahme?
Finden Sie es im Quiz heraus und ordnen Sie den Sprichwörtern und Redewendungen die passende Bedeutung zu.