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Schwere- und ziellos lässt sich die dreizehnjährige Hanna unter Wasser treiben. Mit diesen ernsthaften und konzentrierten Bildern, die sich als Leitmotiv durchziehen, beginnt der Film. Die Metapher für die Pubertät mag sich vielleicht zu sehr aufdrängen, und doch trifft sie den Kern des Lebensgefühls der Adoleszenz: vom passiven Sich-Totstellen und -Treibenlassen zum kräftigen Abstossen und lustvollen Ausstossen von Luftblasen.
Der stark autobiografisch geprägte Film Lea Pools beschreibt ein Jahr im Leben der Schülerin Hanna (Karine Vanasse). Sie stammt aus schwierigen Verhältnissen, mit Eltern, die zu sehr in ihren eigenen Problemen und Obsessionen verfangen sind, als dass sie für ihre Tochter verfügbar sein könnten. Der Vater - ein erfolgloser Schriftsteller - kompensiert seine Frustration mit äusserst patriarchalischem Gehabe. Die Mutter sorgt als Näherin für den Lebensunterhalt der Familie und tippt abends völlig übermüdet die Manuskripte ihres Mannes. Wenn Hanna sich zur Mutter ins Bett legt, um von ihrer ersten Periode zu erzählen, hört die schlafende Mutter, die regelmässig in tiefe Depressionen versinkt, nichts. Und wenn die beiden Frauen auf der Eisbahn einen seltenen ausgelassenen Augenblick erleben, endet das Abenteuer mit den Tränen der eben noch lachenden Mutter. Einzig der geliebte ältere Bruder bringt einen Tupfer Unbeschwertheit ins angespannte Familienleben. Aber auch in ausgeglicheneren Familienverhältnissen zeichnet sich die Zeit der Pubertät durch eine Mischung aus Verlorenheit und Klarsicht aus. Hanna sucht nach Vorbildern, die sic zu Hause nicht findet, und identifiziert sich mit Nana (Anna Karina) aus Jean-Luc Godards Vivre sa vie. Sie hält die Zigarette wie sie, tanzt so ausgelassen wie sie und lernt von ihr, dass man selbst für das eigene Leben verantwortlich ist. Hanna beginnt, sich von zu Hause abzulösen. Eine erste Verliebtheit in ein gleichaltriges Mädchen, die in Liebeskummer mündet, bringt sie vorübergehend aus der Fassung, und sie sucht Halt bei ihrer Lehrerin, die sie entfernt an Nana erinnert. Diese wird ihr am Schluss des Films für die Zeit der Sommerferien eine Filmkamera ausleihen - der Aufbruch zu neuen, eigenen Gestaden. Der hervorragenden Schauspielerin Karine Vanasse gelingt es eindrücklich, die ganze Palette jugendlicher Gefühlsregungen, das Lavieren zwischen völliger Einsamkeit und ungebrochener Freude feinfühlig darzustcllen und auszudrücken. Dies zieht einen derart in Bann, dass die symbolisch überfrachtete Figur des Velofahrers, der immer wieder seine nächtlichen Runden zieht und wohl für das unbestimmte Neue stehen soll, überflüssig erscheint.
Ging es Léa Pool schon in ihren früheren Filmen Anne Trister (1986), A corps perdu (1988) und Mouvements du désir (1994) immer um die Identitätssuche weiblicher Hauptfiguren, erzählt sie hier in feinen Zwischentönen eine Geschichte, die diesmal die Veränderung zum inneren Antrieb hat und im Gegensatz zu ihren früheren Werken die Gefahr umschifft, in Klischees abzugleiten.