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WW: Im folgenden Koan steht Nansen im Mittelpunkt, der von 749-835 in der chinesischen Provinz Honan lebte. Schon als Knabe trat er in ein Kloster seiner Heimat ein, und mit dreißig Jahren wurde er Mönch. Jahrelang vertiefte er sich in die Schriften des Mahayana. In der Provinz Kiangsi schloss er sich dem Großmeister Ma-tsu an, der ihn bald in seinem engsten Schülerkreis aufnahm. Matsu hatte damals eine Hörerschaft von etwa achthundert Mönchen um sich, und es soll bei den Diskussionen in diesem Kreis sehr lebhaft zugegangen sein. Nur Nansen, so heißt es, habe in all dem Lärm ein ernstes Schweigen bewahrt. Nach seinem Abschied von Matsu hat er sich jahrelang in völliger Stille verborgen gehalten, bis er sich endlich mit sechsundvierzig Jahren den Südquell-Berg zu seinem Wohnsitz machte. In einem stillen Waldtal baute er sich eine Klause, machte selbst den Boden urbar und verkehrte mit Hirten, Holzhauern und Bauern. Auf die Besucher, die zu ihm kamen, machte er weniger durch das, was er sagte, als durch sein tiefes Schweigen Eindruck. Im Alter von achtundsiebzig Jahren ließ er sich endlich überreden, weiter unten am Berg ein Zen-Kloster zu bauen, um Schüler auf dem Zen-Weg zu führen. Dieser Nansen wandte sich einmal an die versammelten Mönche mit den Worten: „Alle Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft wissen nicht, dass es wirklich ist. Aber der Dachs und der Fuchs wissen, dass es wirklich ist.“
Diop: Wollen Sie damit sagen, dass Nicht-Wissen sehr eng mit Wirklichkeit zusammenhängt?
WW: Ja.
Diop: Wie würden Sie Wirklichkeit an sich beschreiben?
WW: Über dieses Thema haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen, Philosophen, Wissenschaftler, Theologen und viele mehr. Diesem möchte ich nichts hinzufügen, sondern die Sicht der Wirklichkeit vom Zen her beleuchten. In dem Wort „Wirklichkeit“ ist das Wort „wirken“ enthalten. Was aber wirkt? „Bin ich es, der wirkt?“, im aktiven Sinn, oder „wirkt Es?“, im passiven Sinn gemeint? Weiterhin sollten wir die Wirkung unseres gesamten Lebens nicht außer Acht lassen.
Diop: Für die meisten Menschen spielt die Bedeutung der Wirklichkeit nur eine sehr untergeordnete Rolle. Sie sagen: „Wirklichkeit ist das, was ich sehe, höre, rieche, schmecke, taste, so wie ich eben diese Welt erlebe“, und damit ist das Thema beendet.
WW: Mehr wissen sie nicht, und mehr können sie sich auch nicht vorstellen. Alles, was darüber hinausgeht, betrachten sie als reine Spekulation. Buddha bezeichnete dies als Nichtwissen. Dies ist jedoch keine Wertung, im Gegensatz zu „du bist aber klug“, sondern eine einfache Feststellung.
Diop: Der normale Mensch erlebt die Welt von sich als Mittelpunkt aus, als Subjekt und fühlt sich umgeben von Millionen Objekten, denen er sich gegenübersieht. „Ich bin hier und du bist dort“, das ist seine Sicht.
WW: Im Shinjin-mei steht geschrieben: „Das Objekt ist Objekt wegen des Subjekts. Und Subjekt ist Subjekt wegen des Objekts. Willst du beide Ebenen kennen, sie sind ursprünglich die eine Leerheit“. Man könnte auch sagen: Das schlechte Wetter ist schlechtes Wetter wegen des guten Wetters. Das gute Wetter ist gutes Wetter wegen des schlechten Wetters. Willst du beide Ebenen kennen, sie sind ursprünglich die eine Leerheit.
Diop: Aber diese Objekte haben doch auf uns auch eine bestimmte Wirkung und Anziehungskraft, die wir dann unterscheiden in angenehm oder unangenehm?
WW: Das ist richtig.
Diop: Wie werden eigentlich all diese Dinge in unserem Bewusstsein abgebildet?
WW: Das ist eine sehr interessante Frage. William James hat einmal gesagt: „Ein Ding entsteht dadurch, dass wir diesem Aufmerksamkeit schenken, jenem nicht. Diese Stückchen eingeengter Aufmerksamkeit werden dann mit Worten, Namen und anderen Symbolen bezeichnet und so in den imaginären Status realer und selbständiger Dinge erhoben. Und da alle Wörter, außer Eigennamen, dualistisch sind, verschärft dieser Prozess die Illusion, dass die Dinge für sich selbst existierende Gegebenheiten sind, die herumliegen und darauf warten, wahrgenommen zu werden. Hier ist die heillose Verwechslung unserer Symbole mit der Wirklichkeit vollkommen, welche das Weiterbestehen der Illusion gewährleistet.“
Diop: Aber spielt dabei nicht auch der Zeitfaktor eine gewisse Rolle?
WW: Ja natürlich. Oft befinden wir uns gedanklich in der Vergangenheit und hängen alten Erinnerungen nach, oder wir gehen in die Zukunft, um uns zu trösten. Manchmal flüchten wir uns in die Vergangenheit, manchmal in die Zukunft, je nachdem, was uns besser erscheint. Huang-po sagt: „Die anfanglose Zeit und der gegenwärtige Augenblick sind dasselbe. Du musst einfach nur verstehen, dass Zeitperioden keine wirkliche Existenz besitzen.“
Diop: Hunang-po will sagen, wir konstruieren uns die Wirklichkeit gedanklich?
WW: Ja. Wir sehen das schöne Wetter heute nicht, sondern jammern darüber, dass der Wetterbericht für morgen Regen vorausgesagt hat. Wir sehen die Dinge nicht mehr so, wie sie sind, sondern so, wie sie morgen sein könnten oder gestern waren. Gleichzeitig durchlaufen wir alle möglichen Gefühlsebenen von euphorisch bis depressiv und reagieren entsprechend zurückhaltend, je nachdem, welche Welt wir in uns entstehen haben lassen. Wir empfinden unser Ich durch lange Gewohnheit als das Subjekt unserer ganzen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, und wir glauben, dass dieses Ich diese ganze äußere Welt wahrnimmt. Die wahre Wirklichkeit jedoch kennt keine Zweiheit. Unser Ich kann niemals Subjekt sein, denn es kann von mir als Objekt wahrgenommen und beobachtet werden.
Diop: Wer ist es also, der sich dieses Ichs bewusst sein kann? Oder anders gefragt: Was in mir ist es, das wahrnimmt?
WW: Rinzai nennt einen Menschen, der die Wirklichkeit auf nicht-duale Weise erkennt, den „Wahren Menschen ohne Rang.“ „Ohne Rang“ bedeutet, dass über diesen Menschen nichts mehr ausgesagt werden kann. Der „Wahre Mensch ohne Rang“ im Zustand nicht-dualen Gewahrseins ist wie der Dachs und der Fuchs die Wirklichkeit selbst, während der ego-besetzte Mensch immer ein von allem anderen getrennter Mensch sein muss.
Diop: Unser großes Dilemma ist: Wenn wir etwas über die nicht-duale Wirklichkeit aussagen wollen, sind wir gezwungen, Begriffe zu gebrauchen.
WW: Ja. Weil alle unsere Begriffe dualen Charakter besitzen, ist es bereits verkehrt, wenn wir den Mund aufmachen.
Diop: Wie können wir aber sprechen und doch frei von Begriffen sein?
WW: Das muss jeder für sich selbst herausfinden! Die nicht-duale Wirklichkeit kennt weder Zeit noch Raum. Meister Eckehart sagt dazu: „Das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun. Solange der Mensch Zeit und Raum hat und Zahl und Vielheit und Menge, so ist er gar unrecht dran und Gott ist ihm fern und fremd.“
Diop: Das Hauptziel jeder meditativen Praxis ist es also, in diese ewige Gegenwart durchzustoßen?
WW: Ja. Buddha, das bedeutet „der Erwachte“, hat einmal gesagt: „Seht zu, dass ihr auf die andere Seite des Morastes gelangt, und lasst den Augenblick nicht verstreichen, denn jene, deren Augenblick verstrichen ist, werden zu beklagen sein.“ Ernst Schrödinger, ein Physiker der Quantenphysik, sagt: „Ich wage, den Geist unzerstörbar zu nennen, denn er hat sein eigenes und besonderes Zeitmaß; nämlich, er ist jederzeit jetzt. Die Gegenwart ist das einzige, was kein Ende hat. Wir dürfen - zumindest glaube ich das - bei aller gebührender Anerkennung, dass die physikalische Theorie zu allen Zeiten relativ ist, behaupten, sie lege in ihrem derzeitigen Zustande entschieden nahe, dass der Geist nicht durch die Zeit vernichtet werden kann.“
Diop: Unser Denken kann also die Wirklichkeit nie ganz erfassen, weil Denken immer nur selektiv geschieht und nie alles auf einmal erfasst.
WW: Aus diesem Grund geschieht es, dass wir mit unserem Denken die Wirklichkeit zerteilen in viele einzelne Häppchen, die wir linear aufreihen.
Diop: Diese Aneinanderreihung empfinden wir dann als Zeit.
WW: Ja. Zeit ist im Grunde nichts anderes als das Betrachten der Welt durch Denken. Wir alle wissen aber, dass sich die Natur überall gleichzeitig ereignet. Wir hören den Vogel singen, die Sonne scheint, mein Körper atmet, ein Auto fährt vorbei usw. All dies geschieht nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, überall, ohne Vorher oder Nachher, ohne Zeit. Das ist die Ewigkeit. Selbst unserer Vergangenheit können wir uns nur in diesem jetzigen Augenblick bewusst werden. Das Gleiche gilt für die Zukunft. So fallen Vergangenheit und Zukunft in ein Jetzt zusammen, in diesen Punkt, in diesen Kreis, in diesen Planeten, in diesen Kosmos, in dieses dimensionslose, zeitlose Ganze. „Alle Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft wissen nicht, dass es wirklich ist.“
Diop: Vielleicht Sie?
WW: Wir sollten nicht darüber nachdenken, wir würden es nie verstandesmäßig ergründen. Es genügt, sich einfach hinzusetzen und tief in den gegenwärtigen Augenblick hineinzusteigen. Wir alle müssen diese beschwerliche Reise antreten. Im Vers zum Koan heißt es: „Überall durch das Universum erhält alles seine Nahrung. Auf der Spur bleibend findet man alles frei in Überfülle.“
Diop: Wenn ich es richtig verstehe, dann kreisen alle Fragen im Zen eigentlich um das Leben, um unser wirkliches Leben.
WW: Ja. Um das Leben, das nicht geboren ist.
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