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Muss man sich die NiederländerInnen als die glücklichsten Menschen der Welt vorstellen? Auf jeden Fall sind sie die grössten: Niederländer werden im Durchschnitt 185, Niederländerinnen um die 170 Zentimeter gross. Und Grösse und Glück haben miteinander zu tun, sagt John Komlos, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität München. Das Körperwachstum hält er für einen «objektiven Wohlfahrtsindikator» - für einen «Spiegel des Gesamtbefindens».
Um den Zustand eines Landes zu bewerten, werden meist ökonomische Kennzahlen wie das Bruttosozialprodukt (BSP) studiert. Geld sei aber nicht alles, sagt Komlos: «Das Pro-Kopf-Einkommen erfasst viele Aspekte der Lebensqualität nicht.» Hausfrauen etwa tauchen in solchen Einkommensstatistiken nicht auf, ebenso wenig die geleistete Schwarzarbeit. Das BSP ignoriert sowohl Hintergründe des Wachstums als auch negative Auswüchse wie Umweltverschmutzung; Kriminalität oder Krieg mindern den Index nicht. Dieser ist auch blind gegenüber Verschuldung, denn er kümmert sich nicht darum, wie Güter und Dienstleistungen finanziert werden. Ausserdem sind Wirtschaftsdaten meistens Mittelwerte: Auf dem Papier kann eine Gesellschaft wohlhabend sein, selbst wenn in der Realität ein Grossverdiener unzähligen Slumbewohnern gegenübersteht.
Ökonomie des Glücks
Seit den siebziger Jahren suchen daher ÖkonomInnnen nach Alternativen oder zumindest Ergänzungen zu den traditionellen Wirtschaftsindikatoren. Richard Easterlin und andere Vertreter der Glückökonomie haben bei Befragungen der Bevölkerung zum Beispiel herausgefunden, dass die «durchschnittliche Zufriedenheit» der US-AmerikanerInnen seit Jahren trotz steigender Einkommen stagniert.
Die UNO berechnet seit 1990 einen «Index menschlicher Entwicklung» (HDI), und zwar aus der Lebenserwartung bei der Geburt, dem Alphabetisierungsgrad der Erwachsenen und der realen Kaufkraft pro Kopf. Während die USA in der Weltbankliste der Bruttonationaleinkommen an erster Stelle stehen, erreichen sie im HDI nur Rang acht, die Schweiz dagegen besetzt statt den zwanzigsten bei der Weltbank beim HDI den neunten Platz.
Die kanadische Organisation GPI Atlantic wiederum versucht, mit 26 Variablen nicht nur die wirtschaftliche und soziale, sondern auch die ökologische Lage eines Landes zu erfassen. Und die Regierung von Bhutan will gar ein «Bruttoglücksprodukt» berechnen. Sie muss allerdings zugeben, dass sie dazu kaum handfeste Daten vorlegen kann.
Steinzeitriesen in Frankreich
John Komlos seinerseits propagiert einen simplen «biologischen Lebensstandard». Die Körpergrösse hat er auch aus praktischen Gründen als Indikator gewählt: Sie kann einfach gemessen werden, lässt sich kaum verheimlichen oder verfälschen und ist über verschiedene Epochen und Wirtschaftssysteme hinweg vergleichbar. Seit gut zwanzig Jahren durchforstet Komlos deshalb Musterungsakten, Gefängniskarteien oder auch Beschreibungen entlaufener Sklaven in alten US-Zeitungen. Mit seinen MitarbeiterInnen hat er bisher Daten von über 250 000 Menschen ausgewertet.
Die Körpergrösse registriert sehr sensibel die Lebensumstände während der Wachstumsphase in der Kindheit und Jugend, etwa Hungersnöte oder die Auswirkungen von Regimes, die lieber in Kanonen als Krankenhäuser investieren. Erbanlagen spielen zwar auch eine Rolle, die genetische «Zielgrösse» kann aber um bis zu zwanzig Prozent variieren. «Im Allgemeinen nimmt die durchschnittliche Körpergrösse in Zeiten guter Konjunktur zu», konstatiert Komlos: Die Vorfahren der Franzosen erreichten in der Steinzeit zum Beispiel schon einmal 179 Zentimeter, während der kleinen Eiszeit im 16. Jahrhundert hingegen nur 161. Tübinger ForscherInnen fanden heraus, dass in Deutschland die Körpergrösse in den 1920ern zulegte, ab 1933 aber zurückblieb - der Wirtschaftsboom zu Beginn der Naziherrschaft kam offensichtlich nur der Rüstung zugute.
John Komlos fasziniert, dass heute «die Amerikaner kleiner sind als die meisten West- und Nordeuropäer, obwohl sie nach offiziellen Zahlen an Reichtum gewonnen haben». Fast 200 Jahre lang überragten die BewohnerInnen der USA den Rest der Menschheit. Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts aber stagniert der durchschnittliche US-Mann bei 177 Zentimetern, die US-Frau schrumpfte sogar um 0,8 Zentimeter. Selbst die traditionell eher kleinen JapanerInnen sind den AmerikanerInnen nun auf den Fersen: Nach einem erstaunlichen Vierzehn-Zentimeter-Sprung in nur zehn Jahren schiessen sie im Schnitt bereits 172 Zentimeter in die Höhe.
Mauer weg, Männer gewachsen
Bei seiner Forschung hat Komlos darauf geachtet, dass EinwanderInnen die US-Daten nicht verzerren, er hat die Statistiken entsprechend gefiltert. Den Unterschied zwischen Amerika und Europa erklärt er damit, dass «die Gesundheitssysteme und die hohe soziale Sicherheit in anderen Industrienationen günstigere Bedingungen für Heranwachsende schaffen». Während «in weiten Teilen Europas ein Minimum an Schutz für die gesamte Bevölkerung garantiert ist, leben etwa fünfzehn Prozent der US-Population praktisch ohne medizinische Versorgung». Bei der Körpergrösse hinken die USA ebenso hinterher wie bei der Lebenserwartung und der Säuglingssterblichkeit, stellt Komlos fest: «Kurz gesagt sind die Reichsten weder die Grössten noch die Gesündesten.»
Nach Komlos' Massstab kann auch der «reale» Sozialismus nicht als Hort der Glückseligen gelten. Nordkoreanische Flüchtlinge sind heute mit 159 Zentimetern im Schnitt immer noch gleich gross wie vor sechzig Jahren - und bleiben dabei sechs Zentimeter hinter den SüdkoreanerInnnen zurück. Ähnlich fällt der Vergleich von ost- und westdeutschen Rekruten aus: 1989 waren die Ostdeutschen anderthalb Zentimeter kleiner. Zudem konnte von einer klassenlosen Gesellschaft im SED-Staat keine Rede sein: Männer der DDR-Oberschicht wurden 2,5 Zentimeter grösser als weniger gut versorgte Zeitgenossen, Frauen sogar 3,2 Zentimeter. Immerhin war die Ungleichheit in der DDR geringer als im frühkapitalistischen London zur Zeit Oliver Twists - dort klafften zwischen Arm und Reich ganze 22 Zentimeter. Seit dem Mauerfall haben sich die ostdeutschen Männer den westdeutschen Werten angenähert, die bei etwa 180 Zentimetern stagnieren. Vielleicht geht es nun im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung weiter aufwärts? Von afrikanischen Pygmäen ist allerdings bekannt, dass sie mangels Wachstumshormonen selbst bei bester Ernährung im Schnitt nicht grösser als 152 Zentimeter werden. Wo bei EuropäerInnen die natürliche Grenze des Wachstums liegt, weiss man nicht. Irgendwann wird jedenfalls aus biologischen Gründen Schluss sein: Riesen drohen Probleme mit dem Kreislauf und der Stabilität des Knochengerüsts. Grösse allein macht eben auch nicht glücklich.