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Wer Aikidoka beim Training zuschaut, sieht in der Regel grosse, runde Bewegungen, die nicht allzu schnell ausgeführt werden. Es sieht nicht so aus, als würde ein Kampf stattfinden. Und dieser Eindruck ist richtig. Trotzdem sind Aikidobewegungen effizient, denn sie sind den Bewegungen des Partners und seinen Intentionen angepasst. Die Kraft eines Angriffs wird nicht aufgehalten, sondern ins Leere oder auf den Angreifer zurück gelenkt. Das eigene Zentrum bleibt dabei die Achse der Bewegung und somit in Ruhe. Ziel ist es, den Partner zu kontrollieren und zu lenken, nicht ihn zu schädigen oder gar zu zerstören. Das Messen reiner Muskelkräfte ist dem Aikido genauso fremd wie ruckartige Bewegungen. An die Stelle von reiner Kraft tritt „Ki“, für mich eine Mischung aus der dynamischen Kraft des Atems, dem richtigen Weg einer Bewegung und der Kraft der Vorstellung. All das ermöglicht es Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen Aikido zu lernen und miteinander zu praktizieren: jung und alt, Männer und Frauen. Es ist wahrscheinlich unmöglich, die Philosophie des Aikido erschöpfend in Worte zu fassen. Am besten ist es, einem Dojo beizutreten und es auszuprobieren.
Im Folgenden versuche ich, die eher technischen Aspekte des Trainings zu beschreiben. Der überwiegende Teil des Aikidotrainings besteht aus dem Üben von vorgegebenen Bewegungsabläufen.
Dabei arbeiten meist zwei Leute mit zwei verschiedenen Rollen zusammen. Die Rollen heissen Tori und Uke. Von Uke geht ein Angriff auf Tori aus. Tori blockt den Angriff nicht ab, sondern passt sich Ukes Bewegung an und lenkt Ukes Energie um. Tori bringt Uke aus dem Gleichgewicht, so dass dieser fällt (Ukemi Wasa), wirft ihn oder zwingt ihn zum Springen (Nage Wasa) oder bringt ihn in eine fixierte Lage am Boden (Osae Wasa). Danach beginnt der Bewegungsablauf ohne Pause von vorn. In der Regel wechseln nach vier Durchgängen – wiederum ohne Pause – die Rollen.
Wenn beide den Bewegungsablauf beherrschen, entsteht so eine fliessende und harmonische Bewegung, die bei Fortgeschrittenen durchaus auch eine gewisse Schärfe aufweisen kann. Nach jeder Instruktion durch den Lehrer wechseln in der Regel auch die Übungspartner, so dass während eines Trainings jeder mit jedem unabhängig von Gradierung, Alter oder Geschlecht mindestens einmal geübt hat. Wichtig ist, zu verstehen, dass man nicht nur in der Rolle von Tori Aikido ausübt. In der Rolle von Uke lernt man nicht nur wirkungsvoll anzugreifen, sondern auch sich zu schützen durch rundes Vorwärts-, Seitwärts- und Rückwärtsrollen oder möglichst weiche Falltechniken. Gerade Letzteres dürfte im Alltag mit grösserer Wahrscheinlichkeit von Nutzen sein, sei es in anderen Sportarten oder bei Unfällen.
Angriffe sind u.a. Griffe an die Handgelenke, Arme, Schultern oder Kragen, Schläge, Tritte, Würger und für Fortgeschrittene sogar Attacken mit einem Holzmesser (Tanto), einem Holzstab (Jo) und einem Holzschwert (Bokken). Die Aikidotechniken sind darauf ausgelegt, den Angreifer möglichst zu schonen und ihn nicht zu verletzen. Im Idealfall soll der Angreifer einsehen, dass ein weiterer Angriff sinnlos ist und davon absehen. Selbstverteidigung steht im Aikido nicht im Vordergrund. Ein langes und intensives Training schult jedoch Reaktionen, die im Falle einer Gefahrensituation sehr nützlich sind (z.B. das erste, kontrollierte Ausweichen, das entspannte Atmen, den Überblick zu behalten,…).
Wettkämpfe gibt es im Aikido nicht. Es gibt jedoch Prüfungen, die je nach individuellem Fortschritt angesetzt werden und das Training nach freieren Phasen zeitweise etwas zielstrebiger werden lassen. Weitere Infos zu Prüfungen und Gradierungen befinden sich auf der Prüfungsseite.
Neben dem Training im eigenen Dojo empfiehlt sich der Besuch von Aikido-Lehrgängen (Stages). Dort hat man nicht nur Gelegenheit hochgradierte Aikidomeister aus der Schweiz oder sogar aus Japan zu sehen und von ihnen zu lernen, sondern trainiert mit einer grossen Zahl von Aikidoka aus anderen Dojos. Auf einem 2-6 tägigen Lehrgang macht man oft grosse Fortschritte. Der schweizerische Aikidoverband (ACSA) bietet regelmässig solche Stages an. Im Dojo wird darüber per Aushang informiert.
Wolfgang Grentz