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Prügeln im Namen der Liebe
Die «Wonder Woman»-Filme von Patty Jenkins zeigen die Superheldin als altruistische Kämpferin. So, wie ihr Schöpfer William Moulton Marston sie 1940 erdachte.
Zwei Diebe wollen sich aus einem Kaufhaus davonmachen mit ihrer Beute, werden gestellt, zücken ihre Pistolen – und bevor sie wissen, wie ihnen geschieht, hat Wonder Woman sie entwaffnet, gefesselt und der Polizei als Paket aufs Autodach geworfen. Sieht schmerzhaft aus, aber niemand stirbt.
«Wonder Woman» erschien 1941 zum ersten Mal. Der Comic über die Verwandte der Amazonen, die «ein Symbol der Rechtschaffenheit und Menschlichkeit» ist, «schön wie Aphrodite, weise wie Athena und schnell wie Merkur», wie Marston sie beschrieb, wurde sofort zum Erfolg.
Der Comic wurde zwar unter seinem Namen publiziert, aber Marstons Frauen waren massgeblich an der Schöpfung der Superheldin beteiligt, wie die Historikerin Jill Lepore das unterhaltsam und ausführlich in ihrem Buch «The Secret History of Wonder Woman» beschreibt. Der Psychologe, Autor und Erfinder war verheiratet mit der Juristin Elisabeth Holloway und lebte mit ihr in einer polyamourösen Beziehung mit Olive Byrne, einer ehemaligen Studentin. Die drei hatten zusammen vier Kinder.
Holloway und Byrne prägten eines der wichtigsten Merkmale von Wonder Woman, das Lasso der Wahrheit: Gemeinsam mit Elisabeth Holloway erfand Marston den Lügendetektor, und Olive Byrne weihte
ihn ein in die Geheimnisse von Bondage.
«Wonder Woman» ist ein Produkt der damaligen Zeit, als der Kampf für Gleichberechtigung in den USA erstmals richtig laut wurde. William Marston beteiligte sich aktiv daran. – Allerdings: Eine seiner ehemaligen Studentinnen, Joye Hummel, war lange Zeit Ghostwriterin von «Wonder Woman», die aber trotzdem nur unter Marstons Namen vermarktet wurden.
Wünsche haben ihren Preis
Die Figur der Wonder Woman hat sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder gewandelt. Zuerst, als William Marston 1947 starb. Der Comic bekam einen neuen Herausgeber, der mit Marstons Vision nichts anfangen konnte. Die Superheldin kämpfte jetzt weniger und beschäftigte sich stattdessen mehr mit ihrem Liebhaber, dem Piloten Steve. In den späten achtziger Jahren, als DC sämtliche seiner Helden und Wonder Woman von Grund auf neu entwarf, näherte sich die Figur wieder ihrer ursprünglichen Version an.
Dass jetzt auch die Regisseurin Patty Jenkins mit ihren beiden «Wonder Woman»-Filmen nah am Original bleibt, hat sich bezahlt gemacht. Teil eins von 2017 wurde zum Grosserfolg wie damals die Comics.
Am Montag, 8. März, läuft auf Sky Switzerland die Fortsetzung an, die eigentlich im Sommer hätte ins Kino kommen sollen. Der Kinostart soll nachgeholt werden. «Wonder Woman 1984» beginnt in Dianas Heimat, auf der Amazoneninsel Themyscira, wo sie als Kind bei einem Wettkampf lernen muss, dass Betrug feige ist und man Niederlagen akzeptiert. Zeitsprung ins Jahr 1984: Diana (Gal Gadot) arbeitet als Archäologin in Washington D. C., hat den Tod ihrer grossen Liebe Steve (Chris Pine), noch nicht überwunden und hilft als Wonder Woman den Schwachen.
Eines Tages bekommen sie und ihre neue Mitarbeiterin Barbara Minerva (Kristen Wiig) es mit einem antiken magischen Stein zu tun, der einem jeden Wunsch erfüllt. Aber Wünsche haben ihren Preis. Als der Fernsehstar und Möchtegern-Milliardär Maxwell Lord (Pedro Pascal) – eine sehr gelungene Trump-Parodie – das magische Objekt in die Finger bekommt, kann nur Wonder Woman der Menschheit noch helfen.
Das macht sie aber nicht so, wie man es von Superhelden kennt, sondern auf eine Weise, wie William Marston sie sich ausgedacht haben könnte. Seine Heldin ist eine Figur, die niemanden runtermacht, sich über niemanden erheben will, weil sie für Gleichheit kämpft. Das Original sieht sogar vor, dass ihre Kraft schwindet, wenn sie diese nicht fürs Gute nutzt. Entsprechend tötet Wonder Woman nicht.
Im Film von Patty Jenkins nutzt sie ihre Stärke, um ihre Gegner zu überlisten. Sie vernichtet sie nicht, sondern zwingt sie, mit ihren Missetaten zu leben. Die Bösewichte scheitern an sich selbst, an Neid und Gier.
Eine Identifikationsfigur für die Gegenwart
«Wonder Woman 1984» hat ein paar Längen, aber darüber kann man hinwegsehen, weil der Film sehr viel Spass macht. Einerseits wegen der Achtziger-Jahre-Atmosphäre, ob in der Ausstattung oder in Jenkins’ Inszenierung. Andererseits schaut man vergnügt zu, weil sie die Superheldenklischees nicht so bedient, wie man es erwartet.
Es gibt Actionszenen, aber nur wenige und verhältnismässig einfache, etwa so, wie diese in einem Achtziger-Jahre-Film aussehen würden. Sie erzählt eine spannende Geschichte, die man auch versteht, wenn man nicht das ganze DC-Universum auswendig kennt. Sie erzählt mit Humor, statt cool sein zu wollen. Jenkins’ Heldin ist schön und sexy, aber kein Sexobjekt. Sie ist stark und wird respektiert, sie kann alles. Diana Prince ist eine Identifikationsfigur für die Gegenwart.
Zuerst erschienen am 6.3.2021 in der «NZZ am Sonntag». (Bild: Warner Bros.)