Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03112.jsonl.gz/1142

Mit dem Jahrestag der Februarrevolution hat das Landesmuseum die Ausstellung 1917 Revolution. Russland und die Schweiz eröffnet
Lenins Exil-Aufenthalt in Genf und Zürich ist bekannt, dass er mit Genossen nach der Februarrevolution im angeblich plombierten Bahnwagen über Feindesland nach Petrograd reiste, wo er mit den Bolschewiki am 25. Oktober die Macht übernahm, ebenso. Aber wie sehr die Schweiz und Russland schon lange davor verflochten waren, wird nun durch die Ausstellung, die einen Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhundert bis in die 30er Jahre umfasst, umfassend erhellt.
Die Schweiz im 19. Jahrhundert war Auswanderungsland, aber auch liberales Asylland für politische Aktivisten. Im Zarenreich suchten Spezialisten wie Ärzte oder Käser, aber auch Lehrerinnen und Gouvernanten (vor allem aus dem Welschland; die russische Gesellschaft sprach französisch) ihr Glück, während Anarchisten und Sozialrevolutionäre aus Russland Zuflucht in der Schweiz suchten.
Dank Leihgaben aus in- und ausländischen Kunst- und historischen Museen, aber auch aus dem Sozialarchiv in Zürich konnte eine eindrückliche Ausstellung gebaut werden, in der Dokumente wie etwa die Präsenzliste der Zimmerwalder Konferenz, das berühmte Fabergé-Ei für die Zarenfamilie oder aussergewöhnliche Gemälde und Skulpturen der russischen Avantgarde, die bis heute die Kunstszene beeinflusst, gezeigt werden.
Aus der informativen Ausstellung, die – wie es sein sollte – auch einen Unterhaltungsfaktor hat, greifen wir drei Gegenstände heraus, die Jahrzehnte überdauerten, unerwartet auftauchten und nun im Museum gelandet sind:
- Der Schreibtisch in Lenins Zürcher Logis an der Spiegelgasse: Zufall
- Die Riesenstatue des Revolutionsführers Lenin die von Leningrad nach Eisleben und später ins Berliner Historische Museum gelangte: Unfall
- Das deutsche Typoscript des Romans Sonnenfinsternis von Arthur Koestler, das bis vor kurzem unentdeckt in Zürich lag: Glücksfall
Zufall: Ein Nachkomme von Titus Kammerer, der Lenin an der Spiegelgasse 14 eine Wohnung vermietete, da wo die Gedenktafel über Lenins Aufenthalt hängt, meldet sich beim Landesmuseum, als er hört, dass eine grosse Ausstellung zur russischen Revolution geplant sei: Er sei im Besitz jenes Schreibtischs, an dem Lenin damals seine Theorien zur neuen Gesellschaft konkretisierte. Nun steht das Eichenmöbel mit den Messingbeschlägen als besonderes Stück im Kapitel Schweiz der Lenin-Story. Gleich daneben im Zettelkasten der Nachweis über Lenins Ausleihen in der Zentralbibliothek.
Unfall: Im Zentrum der Ausstellung gibt es einen grossen, dreieckigen Saal, drin 26 kleine graue Pulte mit je einem kleinen grauen Stuhl davor, ausgerichtet auf eine riesige Statue von Lenin (die Beleuchtung – eine Art Strahlenkranz aus Leuchtstoffröhren verweist auf den Personenkult). Dass das überdimensionierte Metall-Trumm überhaupt noch da ist, war ein Unfall. Es wurde von der deutschen Wehrmacht von Leningrad nach Eisleben bei Leipzig gebracht, wo man es einschmelzen wollte. Aber der Lenin war zu sperrig, er passte in keinen Schmelzofen. So blieb er als Schrott liegen, bis ihn die Eisenacher kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee wieder aufstellten. Nach der Wende kam die Statue nach Berlin und nun für die Dauer der Ausstellung nach Zürich.
Das Propaganda-Plakat der ROSTA (Russische Telegrafenagentur) zeigt den Arbeiter, der jederzeit bereit ist, in den Bürgerkrieg zu ziehen. Die bebilderten Wandzeitungen richten sich vor allem an ein leseunkundiges Publikum. Wladimir Lebedew | Wladimir Majakowski, One Must Work, the Rifle Is Right Here, 1920/21. © 2017, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg
Die Zürcher Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin eingerichtet. Hier in Zürich geht es um die Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz, dem zaristischen und dem bolschewistischen, in Berlin wird ab Oktober die Revolution von 1917 im Spiegel Deutschlands gezeigt. Zentrales Thema aber ist die Entwicklung in Russland vom Zarenreich bis zum Stalinismus.
Der Raum mit den grauen Pulten symbolisiert eindrücklich den Aufbau der Sowjetunion vom Aufbruch kreativer Menschen über die Solidarität und Einheit bis zur Ausgrenzung Andersdenkender und der Gleichschaltung in einer unerbittlichen Bürokratie, die für viele im Gulag statt in einer besseren Welt endet.
An der linken Wand des spitz zulaufenden Raums Propaganda, Grafiken und Fotos von namhaften Künstlern, die mit Eifer für das neue System arbeiten. An der gegenüberliegenden Wand Statistiken zur rasanten und mit aller Gewalt vorangetriebenen Wirtschaftsentwicklung. In den Schreibpültchen unter Glasscheiben Dokumente und Objekte aus dem realen Sozialismus – Uniformstücke eines Rotarmisten oder Fotos über Menschen kurz vor dem Hungertod.
Glücksfall: Arthur Koestler, Zionist, Kommunist, angesichts der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse tief enttäuscht, schreibt eine bittere Anklage gegen die Unterwerfung unter einen politischen Machtapparat. Der Roman Sonnenfinsternis erscheint 1940 in englisch. Ein Durchschlag des verschollen geglaubten deutschsprachigen Originaltyposkripts wurde jüngst in einem Nachlass entdeckt, der an die Universität Zürich gelangte. Nun wird es im letzten Kapitel über die literarisch-philosophischeAbrechnung mit dem Sowjetregime gezeigt.
Natalija Gontscharowa (1881–1962) ist die wohl einflussreichste russische Avantgarde-Künstlerin und Bühnenbildnerin. 1913 werden über 800 ihrer Werke in Moskau gezeigt. 1915 verlässt sie Russland. Natalija Gontscharowa, Die Fabrik, 1912 © 2017, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg / 2017, ProLitteris, Zurich
Verarmt und ohne Illusionen kommen Russlandschweizer nach dem ersten Weltkrieg in ihr Ursprungsland zurück, während Schweizer Kommunisten voller Tatendrang in die junge Sowjetunion reisen um beim Aufbau zu helfen. Tragische Figur ist Fritz Platten, der – mit Lenin befreundet – einst die geheimen Konferenzen in Zimmerwald und Kienthal mitorganisierte, den Revolutionär bei der Rückreise unterstützte und schliesslich von Stalin liquidiert wurde. Bis zuletzt glaubte er an einen fatalen Irrtum.
Mit dem Generalstreik, bei dem die Schweizer Behörde die Armee gegen die Arbeiter aufbot, endet der Parcours, zugleich öffnet sich ein Fenster auf ein nächstes für die Geschichte der Schweiz bedeutendes Jahr: 1918.
Zu derAusstellung hat das Schweizerische Nationalmuseum einen Katalog und gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Museum einen Essayband mit Beiträgen namhafter Fachleute herausgegeben. Hilfreich sind auch Audioguides, diesmal nebst deutsch, französisch, italienisch und englisch sogar in russischer Sprache erhältlich. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen begleiten die Ausstellung. Erwähnt sei die Vortragsreihe Frauen in der russischen Geschichte an der Volkshochschule.
Bis 25. Juni