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Piano, Piano
Seit letzten Februar leuchtete die Mitte der Woche. Die restlichen Tage um den Mittwoch zogen sich hin, in der Blässe des Alltags.
Ich tupfte mir Dolce und Gabbana hinter die Ohren, langes Rätseln vor dem Kleiderschrank. Nichts Hochgeschlossenes, damit meine Schlüsselbeine offen lagen. Damit Liza meine Schlüsselbeine sehen konnte.
Ich liess die kalte Aprilluft ins stickige Zimmer strömen, strich mit dem Staublappen über den Klavierlack, die Tasten, die mir mehrstimmig Fragen stellten. Ich trank ein Glas Wasser, trocknete meinen Mund mit einem Taschentuch, zog kirschroten Lippenstift nach.
Liza kam durch die offene Tür hinein. Ganz in Schwarz gekleidet, nur der Anhänger aus Lapislazuli um ihren Hals leuchtete.
Guten Morgen, Dana, lächelte sie etwas gezwungen.
Sie kramte die Beethovensonate aus ihrem Rucksack, die ich ihr aus dem Sonatenheft kopiert hatte. Die Blätter segelten auf den Boden. Liza blieb reglos auf dem Klavierstuhl sitzen. Also sammelte ich sie auf. Als ich sie ihr gab, roch ich ihren Duft. Geriebene Zitronenschalen in Zucker. Ich schluckte. Liza setzte die Noten in die richtige Reihenfolge.
Ich wollte sie schon lange mit Scotch zusammenkleben, entschuldigte sie sich.
Fangen wir an, sagte ich.
Liza legte ihre langen Finger auf die Tasten, nahm sie weg, schaute auf die Noten, legte die Hände nochmals in Position.
Versuch doch, die Finger ein wenig zu krümmen, ermunterte ich sie. Das Spielen wird dir leichter fallen.
Liza schlug die ersten Takte an und lächelte. Danke. Stimmt, so ist es einfacher.
Sie verspielte sich.
Atme in den Bauch, Liza.
Sie hielt inne. Legte ihre Hände auf den Bauch. Schloss die Augen. Als sie sie öffnete, schimmerten sie nass.
Es tut mir leid, weinte sie. Ich bin heute etwas erschöpft.
Du hättest nicht zu kommen brauchen, sagte ich tapfer.
Aber die Musik hilft mir, sagte sie und lächelte ihre Finger an.
Ein Windstoss knallte das Fenster zu. Eine mattsilberne Wolkendecke hatte sich über den Himmel gelegt, verschob sich im Takt der Sonate, die Liza zögernd begann, mit ihrem weichen Anschlag. Wie immer fand sie schnell ins Stück.
Ich würde ihr sagen müssen, dass sie die Triolen gleichmässig spielen sollte. Ich musste es ihr sagen, obwohl ich ihre Art, die erste Note länger zu halten, charmant fand. Beethoven hätte die Sonate umgeschrieben, hätte er Liza spielen gehört.
Der Schlussakkord klang aus, in diesem muffigen Zimmer des Konservatoriums, in dem abertausende Schlussakkorde ausgeklungen waren. Sie nahm die Finger vom Klavier.
Ich bekomme ein Baby, sagte Liza.
Mein Herz brannte kurz, bevor es zu Asche zerfiel.
Dann hat es jetzt bereits Beethoven gehört, lächelte ich tapfer. Möchtest du, dass ich dir einen Tee koche? Du kannst ein wenig für dich spielen, bis ich zurück bin.
Ohne Lizas Antwort abzuwarten verschwand ich in die Schulküche, die mir zu steril war, in die ich lange schon eine Pflanze stellen wollte.
Ich übergoss den Teebeutel und schaute auf die Uhr. 6-8 Minuten Ziehzeit.
Regen setzte ein, strömte und trommelte leise gegen die Scheibe. Ich wärmte meine Hände an der dickwandigen Tasse. Das Wasser verfärbte sich teichgrün. Ich wollte nicht, dass Liza in einer halben Stunde das Konservatorium verliess. Ich wollte nicht in meinem Büro sitzen und Rechnungskram erledigen, bis Romeo kam und seinen Clementi runterhämmerte.
Magst du in die Küche kommen, Liza? Wir können die Stunde verlängern, mein nächster Schüler kommt erst um Vier.
Danke, Dana, sagte Liza und blies in ihren Tee, bevor sie einen Schluck trank.
Gern, sagte ich.
Sie war in einem guten Alter, um Mutter zu werden. Mitte Dreissig, schätzte ich.
Wenn du reden willst, dann höre ich dir zu, ermunterte ich sie.
Es ist eigentlich gut. Obwohl es nicht so geplant war, passt es bestimmt in mein Leben, sagte Liza und senkte die Augen.
Das Kind will offensichtlich zu dir, sagte ich vorsichtig.
Sie lächelte. Da war ein schiefer Zahn in einem sonst geraden Gebiss. Kleiner Vampirzahn, dachte ich und lächelte zurück. Ach Scheisse. Ich war die, die getröstet werden musste. Sie würde heiraten, ihre Familie lieben, in ein Haus ziehen, Blumensamen streuen. Was hatte ich in ihrem Leben verloren? Ich würde darüber hinwegkommen, wie ich immer über alles hinwegkommen musste. Ich würde wandern gehen, endlich eine Geige suchen, die mich begleitete, Konzerte einüben. Mein Herz drückte mir auf die Luftröhre.
Das Kind soll zu mir kommen, wenn es unbedingt will, der Mann nicht, sagte Liza plötzlich. Der Mann erstickt mich und wenn das Kind erstmals da ist, dann werden mich beide ersticken.
Mein Herz fand aus der Asche, rutschte wieder an seinen Platz.
Liza knallte die Tasse auf den Tisch. Ich will jetzt Klavier spielen.
Ohne mich einmal anzuschauen spielte Liza den Beethoven wieder und wieder. Ihr Kiefer spannte sich an, ihre Hände verhedderten sich, sie begann von vorne. Je weniger Fehler sie machen wollte, desto mehr Tasten erwischte sie, die die Harmonie störten.
Es hatte aufgehört zu regnen. Das Frühabendlicht spiegelte sich in den kleinen Fenstern der Altstadthäuser. Aus den Wirtshäusern klang das fröhliche Klappern von Geschirr. Der Wind dämpfte das Kreischen der Möwen, die über der Limmat kreisten. Noch waren die Läden offen, auch wenn um diese Zeit weniger Kunden kamen. Ich schob das Fahrrad über die Pflastersteine. Ich mochte nicht so schnell wieder in meiner Wohnung sein. Allein. Mein Handy meldete hell eine Nachricht. Ahnungsvoll lehnte ich das Fahrrad gegen den Stüssibrunnen. Eine Gruppe von Schülerinnen zog lachend vorbei und ich streckte mein Gesicht ins Sonnenlicht. Es war Frühling und Liza hatte mir eine Nachricht geschrieben. Danke liebe Dana. Für den Tee und die verlängerte Stunde. Ich bin gern bei Dir. Liebe Grüsse, Liza.
Ich schob das Fahrrad weiter zu meinem Lieblingsladen, kaufte ein Brot, dreierlei Sorten Käse, Oliven gefüllt mit Mandeln aus dem Offenverkauf, legte einen Sack mit Schokoladencantuccini dazu, scherzte mit Frau Freuliger an der Theke, klemmte den Einkauf auf den Gepäckträger und fuhr in meine Dachwohnung. Ginger hatte sich auf meinem schwarzen Flügel ausgestreckt, als würde sie gleich ein anstössiges Chanson zum Besten geben. Ale leckte unter dem Klavierstuhl ihre Vorderpfote.
Gern geschehen, liebe Liza. Du darfst mich jederzeit anrufen. Ich freue mich auch immer, wenn Du zu mir kommst. Liebe Grüsse, Dana.
Das hätte ich nie schreiben dürfen. Liza war meine Schülerin, wenige Jahre jünger als ich. Was um Himmels Willen brachte mich dazu, ihr dieses Angebot zu machen? Ausserdem kannte ich mich mit Schwangerschaften nicht aus. Die Nachricht wurde erfolgreich gesendet, mit zwei grauen Häkchen, die sich wenige Minuten später, als ich aufs Display schaute, in zwei blaue verwandelten.
Langsam ass ich zwei Brote mit Käse, knabberte ein Paar Oliven und schob dann alles in den Kühlschrank. Als ich mich an den Flügel setzte, wärmte mir Ale die Füsse, so dass ich das Pedal nicht erreichen konnte. Egal. Ich schlug einen a-moll Akkord an.
Lang wird die Woche sein, sang ich. Denn anrufen wirst du mich nicht. Während in deinem Bauch ein Wesen wächst, stirbt etwas in mir drin, oh, stirbt etwas in mir drin.
Es wurde tatsächlich wieder Mittwoch. Schwer atmend legte Liza ihren Mantel auf die Fensterbank, strich sich eine verschwitzte Locke aus dem Gesicht und blieb regungslos auf dem Klavierhocker sitzen.
Heiss für einen Apriltag, meinte ich.
Eben nicht, sagte sie. Der April hat die Freiheit, sich das Wetter auszusuchen. Alle anderen Monate haben sich nach unseren Vorstellungen zu richten und wenn sie dies nicht tun, werden sie kritisiert. Vielleicht sollte ich mein Kind April nennen.
Ich lachte und wurde gleich darauf wieder ernst. Wie geht es dir, erkundigte ich mich.
Besser, sagte sie. Du wirst es gleich hören.
Sie spielte den Beethoven beschwingt, fast fehlerfrei.
Was inzwischen wohl passiert war? Hatte sie sich entschieden, mit dem Vater des Kindes zusammenzubleiben? Waren es die Hormone, die sie fröhlich stimmten? Aus irgendeinem Grund verletzte mich ihre gute Laune. Hatte ich gehofft, sie in den Arm zu nehmen? Ich schluckte und bemühte mich um ein Lächeln.
Man hört, dass es dir viel besser geht. Magst du noch eine Sonate einspielen? Oder ist dir nach etwas anderem zumute?
Liza strich sanft über die Tasten. Hast du etwas Kitschiges? So in der Art von "Bridge over troubled water?"
Sie schaute mich mit ihren grossen braunen Augen an, mit diesem Blick, der sich durch meine Haut frass.
Spiel doch "Bridge over troubled water", wenn du Lust darauf hast. Vielleicht fällt mir dann etwas ein.
Sie kramte in ihren Noten, fand sie, begann zu spielen. Fast zu innig, zu bewegt.
Dann passierte nicht mehr viel. Ich kopierte ihr die Noten zu "The long and winding road". Wie immer spielte sie zuerst die Melodie der rechten, dann den Bass der linken Hand, setzte das Stück zaghaft zusammen, tastete sich vor, korrigierte sich, genoss eine Harmonie.
Als sie ihre Hände auf den Tasten liegen liess, legte ich meine Hand auf ihre Hand. Liza zog sie nicht weg. Ich wusste nicht, ob es mein oder unser Blut war, dass heftig pulsierte. Sie schaute mich an. Dana, sagte sie warm.
Ich nahm meine Hand weg. Sie schob die Noten in ihre Tasche, stand auf, zog an ihrem Kleid, umarmte mich ein wenig länger als nötig, nahm ihren Mantel und ging wortlos aus dem Zimmer.
Ich wankte ins Büro und fuhr den Computer hoch. Romeo hatte seine Rechnung wieder nicht bezahlt. Bekam er eben eine zweite Mahnung.
April, lächelte ich in das gierige Geräusch des alten Druckers.
Mein Handy meldete eine Nachricht. Sofort legte ich den Finger auf den Knopf, der das Display erhellte. Romeo meldete sich ab wegen einer Migräne. Ich fuhr den Computer herunter, schloss das Klavierzimmer ab und fuhr mit dem Fahrrad Richtung Innenstadt. Der Fahrtwind kühlte mein Gesicht. Die Strasse war nur leicht befahren, so dass ich die Vögel zwitschern hören konnte. Vor der Altstadtbibliothek liess ich mein Fahrrad stehen. Vielleicht hatte Liza nach ihrer Stunde dieselbe Idee gehabt und sass im Lesezimmer? Ob Liza ihre Bücher kaufte oder auslieh? Wir hatten uns über die Bücher von Knausgard ausgetauscht, erinnerte ich mich. Auch sie hatte alle bis auf den letzten Band gelesen, zögerte diesen hinaus, weil sie sich von seinem Leben nicht verabschieden wollte.
Immer wunderte ich mich über die sterilen Räume dieser Bibliothek, das grelle Licht, dass dem hervorragend sortierten Bücherort seine Romantik nahm.
Ich fand zwei Bücher, die ich lange schon hatte lesen wollen und zwei Filme, die ich im Kino verpasst hatte. Als ob meine leichte Laune ein Magnet war, der das Gute anzog. Anschliessend fuhr ich an einer Mutter, die mit ihren Kindern stritt, vorbei, Richtung See, setzte mich auf einen sonnenwarmen Steinquader und begann zu lesen. Immer wenn mein Blick in den Himmel fiel, spürte ich Lizas Augen auf mir, ihre Umarmung, die ganz bestimmt länger war, als es uns zugestanden hätte.
Auf der langen, windigen Strasse, die ich nach Hause fahre, denke ich an dich und April, tippte ich in mein Handy. Wie benommen schickte ich es ab und erschrak.
Irgendetwas musste ich tun, um mich abzulenken. Ale strich besorgt um meine nackten Beine. Ich schnitt ein Radieschen in winzig kleine Würfelchen, die ich unter den Salat mengte, teilte eine Melone, legte Truthahnscheiben auf einen Teller. Endlich hörte ich das Glockenspiel, welches eine eingegangene Nachricht ankündigte. Feierlich trocknete ich meine Hände an der Schürze und guckte nach. Wir wurden aufgefordert, einen Doodle für die Teamsitzung der Musiklehrerschaft auszufüllen. Was für ein Blödsinn.
Nie und niemals hätte ich ihr eine solche Nachricht schicken dürfen, erzählte ich meiner Schlaftablette, bevor ich sie mir in den Mund steckte.
Lizas Umarmung verlor mit jedem vergangenen Tag ihren Zauber. Wieso hätte sie mich nicht umarmen sollen? In den gut drei Monaten, in denen sie bei mir Klavierstunden nahm, hatten wir uns unterhalten, als ob wir uns schon immer gekannt hätten. Sie hatte mir von ihrer ersten Klavierlehrerin erzählt, die sie als Grundschülerin hatte. Eine problembeladene Frau, die ihr, einem zarten Mädchen, vom frühen Tod ihrer Eltern erzählte, ihrer Einsamkeit. Liza brachte das Klavierspiel lange mit depressiven Gefühlen in Verbindung. In ihren Teenagerjahren berührte sie keine einzige Taste, hörte aber unentwegt Musik.
An Weihnachten, als die kleine Tochter ihrer Schwester etwas vorspielte, merkte sie, was ihr die ganze Zeit über gefehlt hatte. Liza beschloss, sich die Stunden bei mir zu Weihnachten zu schenken.
Hätte die Nichte nicht vorgespielt, hätte ich jetzt nicht dieses schwere, schwere Herz mit mir herumschleppen müssen.
Ich schaute einen der Filme, um mich abzulenken. Aber da fanden sich die zwei Liebenden im letzten Moment und küssten sich in ihrem Tattoo-Studio.
Ich googelte "wie ich mich von fixen Gedanken befreie" und traute den Einträgen nicht.
Ich trank ein Bier, dass erst vor einem halben Monat abgelaufen war.
Ich fand etwas Gras und versorgte es wieder, weil es mich immer in eine Gedankenspirale schob, aus der ich nicht wieder herausfand.
Ich spielte "Bridge over troubled water" und fühlte mich danach etwas getröstet.
Liza hatte nicht auf meine Nachricht reagiert. Und dann wurde es wieder Mittwoch.
Wieder segelten Lizas Notenblätter zu Boden, als sie sie auf die Vorrichtung des schwarzen Schimmels stellen wollte. Ich war schneller als sie, sammelte sie auf, stellte sie ihr in der richtigen Reihenfolge hin. "The long and winding road" spielte sie fehlerfrei, aber so, als wolle sie möglichst schnell gehen, um ans Ende der langen, langen Strasse zu gelangen, auf der es sie verwirbelte. Niemand wartete da auf sie, niemand geleitete sie zur Tür. Ausser mir. Ich wartete da. Ich schenkte ihr ein Lächeln, das zwischen uns hängen blieb.
Sie gähnte.
Soll ich dir einen Kaffee bringen, fragte ich.
Ich soll nicht so viel Kaffee trinken, das ist nicht gut fürs Baby, sagte sie. Aber danke.
Du hast heute nicht viel Energie, sagte ich blöde.
Nein, sagte sie kraftlos.
Möchtest du nach Hause gehen? Wir können diese halbe Stunde gern wiederholen, wenn es dir besser geht.
Ja, das möchte ich gern. Danke, Dana.
Sie stützte sich auf den Hocker, um aufstehen zu können, sammelte die Noten ein, nahm ihren Mantel und hielt mir die Hand hin.
Tschüss Dana, ich wünsche dir eine gute Woche.
Das wünsche ich dir auch, sagte ich so beschwingt wie möglich.
Als sie zur Tür hinaus war fühlte ich mich, als hätte mich jemand auf unbewohntes Land ausgesetzt.
Mein Kollege Ralph, der akribisch akustische Gitarre unterrichtete, hantierte an der Kaffeemaschine.
Trinkst du auch einen?
Gern, sagte ich und setzte mich langsam.
Wir wollen ein Traktandum verfassen, für die Teamsitzung, begann er.
Ja, versuchte ich möglichst interessiert zu wirken.
Die Teppiche im Konservatorium sind so alt wie das Haus, zumindest müffeln sie so, schmunzelte er. Sie sollten dringend erneuert werden, was meinst du?
Das wäre sicher nicht schlecht, sagte ich und versteckte mein Gesicht hinter der Kaffeetasse, die sich ungefähr so schwer wie mein Herz anfühlte.
War das nur eine Ausrede gewesen, von Liza? Hatte sie die Müdigkeit vorgetäuscht, weil sie mit mir überfordert war? Bald würde ich die Nachricht erhalten, dass sie nicht mehr in meine Stunde kommen könne. Ohnehin würde sie bald nicht mehr kommen, sobald April auf der Welt wäre. Am Liebsten hätte ich Ralph gefragt, wie man einen Menschen vergessen könne. Aus dem Gedächtnis und aus dem Herzen verbannte. Hätte ich Mut besessen, hätte ich Liza geschrieben, dass sie nicht mehr bei mir Stunden nehmen konnte. Nur noch ein Lächeln, vielleicht eine kleine Umarmung. Dann würde ich ihr sagen, Liza, ich kann das nicht mehr, du kostest mich zu viel Kraft, entzaubere mich, hit the long and winding road and don't you come back no more.
Ralph wusch unsere leeren Tassen aus und stellte sie in das Abtropfgitter, wo sie etwas ratlos verharrten.
Dann wirst du dem Traktandum zustimmen, fragte Ralph.
Ja, sagte ich, wäre doch schön, neue Teppiche, neuen Schwung, neues Leben.
Wenn es so einfach wäre, lachte Ralph.
Ja, wenn es so einfach wäre, sagte ich ernst und dachte, was für ein Idiot, zart besaitet ist hier bloss seine Gitarre.
Danke für den Kaffee sagte ich und verliess die Küche, bevor er doch noch bemerkte, dass ich nah am Weinen war. Gib mir mein verdammtes Herz zurück, Liza, du hast doch schon zwei.
Ginger und Ale hatten in der Nacht auf meiner Bettdecke gelegen. Zwei schwere, wohltemperierte Katzen, die sich immer wieder verschoben, auf meinen Beinen, meinem Po spazierten, mein Gesicht beschnupperten, vom Bett sprangen und von da wieder zurück aufs Bett. Oft schlief ich so tief, dass sich die Bewegungen der Katzen mit meinen Träumen verwoben. Doch in dieser Nacht drehten meine Gedanken unaufhörlich um Liza und wie ich sie vergessen konnte. Liza ritt auf meinem Herzen, ihr ganzes Gewicht lag auf ihm, so dass ich kaum atmen konnte. Endlich fand ich in den Schlaf.
Als ich aufwachte, war es bereits 11 Uhr morgens. Zum Glück brauchte ich heute nicht zu unterrichten. Ich schlug zwei Eier in eine Pfanne, salzte, pfefferte sie und rührte sie um. Hunger verspürte ich, Appetit hatte ich keinen. Erst jetzt getraute ich mich, auf mein Handy zu schauen. Liza hatte angerufen.
Als ich die Zähne putzte, zitterten meine Hände. Wollte sie mich treffen? Vielleicht konnten wir nach dem Abendessen spazieren gehen, die Frühlingsluft zusammen einatmen? Wollte sie ihre Stunde verschieben? Oder brauchte sie einfach jemanden, der ihr zuhörte?
Liza? Du hast mich gesucht?
Können wir uns auf einen Kaffee treffen?
Gern. Ich habe heute meinen freien Tag.
Ich habe Weiterbildung bis um 16:00. Treffen wir uns um 16:15 beim Bellevue, Kiosk?
Ich freue mich.
Ich freue mich auch, bis dann.
Ohne uns abgesprochen zu haben, schlugen wir den Weg in die Altstadt ein, suchten uns in einem Café einen
Platz an der Sonne und bestellten zwei Tassen Latte Macchiato.
Liza sah ausgeruht aus, ihre Augen schienen grösser geworden zu sein. Vielleicht war auch ihr Gesicht schmaler geworden.
Geht es dir gut, erkundigte ich mich.
Wir haben uns alle gefangen, lächelte sie. Im Juni ziehen wir zusammen und werden dann eine kleine Familie.
Wie schön, lächelte ich zurück und bildete mir ein, dass ich es genauso meinte. Wieso sollte ich mich nicht für sie freuen? Schliesslich sollte mir alles daran gelegen sein, sie glücklich zu wissen.
Eine selbstsichere Frau in den Zwanzigern brachte uns den Kaffee. Die Sonne brannte stark auf den kleinen Aluminiumtisch, der das Licht beissend zurückwarf. Irgendwo weinte ein kleines Kind so heftig, als ob etwas Furchtbares passiert wäre.
Wie geht es dir, fragte Liza aufrichtig interessiert. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, für einen kurzen Moment wurde es fast angenehm kühl.
Mir geht es sehr gut, log ich. In der letzten Zeit bin ich etwas erschöpft, aber ansonsten habe ich keinen Grund zu sagen, dass es mir nicht gut geht.
Schön, lächelte sie, riss ein Zuckersäckchen auf und liess es in ihren Kaffee rieseln. Sie rührte um, leckte den Löffel ab, legte ihn auf die Untertasse und holte Luft. Hör mal, Dana, es tut mir leid, aber ich kann keine Stunden mehr nehmen. Ich hätte sowieso damit aufhören müssen, wegen des Kindes. Es war ein Luxus, den ich mir geleistet habe. Du bist eine wunderbare Lehrerin. Es ist mir wichtig, dir dies bei einem Kaffee sagen zu können.
Das schätze ich sehr, danke, sagte ich. Mein Herz fiel in einen dunklen, grundlosen Brunnen.
Eine Weile sagten wir beide nichts. Das Kind weinte noch immer. Ich fröstelte. Liza nahm meine Hand. Wir lächelten uns an, drehten uns weg, schauten in verschiedene Richtungen.
Gibst du mir Bescheid, wenn April da ist? Hörte ich mich fragen.
Ich gebe dir Bescheid, wenn Annie auf der Welt ist, sagte sie und winkte die Kellnerin an unseren Tisch.
Lea Gottheil, 2021
LYRIK
tier sein
wie die katzenpfote
vor dem ersten tropfen tau erzittert
gerade so ziehe auch ich meine hand
vor tagesbeginn zurück
suche verheissungen in baumschemen
und einem himmel
der hinter bunten siedlungen endet
immer bleibt dein museum nach nächten
vor mir verschlossen
aber meine hand greifst du
um in den tag zu stolpern
wie wünschte ich wir würden zusammen trost trinken
aus grossen warmen bechern
alles was an berührung bleibt
ist unser streifkuss
und meine hand an deiner hosentasche
die den einkaufszettel hinein schiebt
wie die katzen müsste man sein
taschenlos
feuchte erde unter den pfoten
verkatert krallte man sich die tage
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abstossen
wie ich es mir heute wünsche:
rote vogelfüsse
stosse ab
kopfüber in eine wolke
unten: himmel
oben: erde
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rückkehr
aus ihren füllhornträumen kugeln äpfel in den tag
sie wird ihrer fantasie wieder eine wohnung mieten müssen
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einigelung
wie ihn der november vorgibt
so einen nebel möchte ich mir stricken
mich darin unauffindbar verknäueln
gedanken teilvereisen
damit sie frisch bleiben
wenn es taut
meine beiden kinder will ich ganz
schliesse die läden
weltpalaver perlt vom hauslack
wenn ich nur auch dies zweite kind
starkgesund in die welt entlassen kann
man wird uns finden im milchstrom
ich möchte mir so einen nebel stricken
die hausklingel verzementieren
aus schaffell spielt dumpf dosenmusik
für meine nerven die gehen durch
rieselnden unfrieden
wachsende herzen unter meinem dichten dach
ich höre nichts als ihr schlagen
irgendwann
treten wir unter die schneeglocken
schieben vorhänge
rufen klaren auges
ist noch wer da