Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03264.jsonl.gz/2118

Funktionelle Darmkrankheiten
Funktionelle Magendarmkrankheiten sind sehr häufig in der ambulanten Praxis. Sie sind das Ergebnis von krankhaft veränderten Funktionen des Magendarmtraktes ohne Nachweis von erkennbaren morphologischen und biochemischen Veränderungen.
Nach neuen Richtlinien werden die funktionellen Erkrankungen nach den anatomischen Abschnitten des Magendarmtraktes in 6 voneinander abgrenzbare Problemkreise unterteilt:
1. Störungen der Speiseröhre (z.B. Globusgefühl, funktionelle Brustschmerzen)
2. Störungen des oberen Magendarmtraktes (z.B. funktionelle Dyspepsie)
3. Dickdarmstörungen (Reizdarmsyndrom, funktionelle Obstipation, funktionelle Diarrhöe)
4. Funktionelle Bauchschmerzen
5. Funktionelle Störungen der Gallenwege
6. Störungen des Enddarmbereichs (z.B. Stuhlinkontinenz)
Diese Syndrome können in unterschiedlicher Anzahl und Ausprägung gleichzeitig bei einer Person vorkommen, so dass sich die Beschwerden häufiger überlappen. Die funktionelle Dyspepsie und das Reizdarmsyndrom sind am häufigsten, wobei nahezu 1/3 der Bevölkerung betroffen ist und Frauen häufiger darunter leiden als Männer. Dyspepsie und Reizdarmsyndrom sind in 30% der Fälle miteinander assoziiert. Auch ein Wechsel von einem Syndrom zum anderen ist möglich. Die Symptome variieren bei funktionellen Störungen beträchtlich, rezidivieren aber oft über Jahrzehnte, unabhängig von der Art der Therapie. Nur ein kleiner Teil der Erkrankten wird wieder völlig beschwerdefrei. Trotz des gutartigen Charakters der funktionellen Störungen (Patienten haben eine normale Lebenserwartung) können die Patienten in ihrer Lebensqualität erheblich beeinträchtigt sein. Die funktionellen Störungen sind nicht nur für die einzelnen Kranken, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von enormer sozio-ökonomischer Relevanz. Diese häufigen Beschwerdebilder generieren, u.a. auch durch den damit verbundenen Arbeitsausfall, erhebliche Kosten.
Als Zuweisungszentrum beschäftigen wir uns primär mit den Patienten, deren Krankheit durch einen schweren Verlauf gekennzeichnet ist. In dieser speziellen Situation ist eine breite apparative Infrastruktur hilfreich, um funktionelle Probleme weiter untersuchen und gegen organische Störungen abgrenzen zu können. Im sog. Funktionslabor stehen uns deshalb folgende Untersuchungen zur Verfügung:
- 24h-pH-Metrie des Ösophagus und Magens
- Motilitätsabklärungen
- Atemteste zum Nachweis von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Helicobacter pylori
- Pankreasfunktionsteste
- Hypersensitivitätsabklärungen mittels Barostat
- Anorektale Funktionsabklärung
- Szintigraphische gastrointestinale Transitmessungen
Das Interesse an funktionellen Krankheiten ist gekoppelt mit einem klinischen Forschungsprogramm, in dem die Ursachen der funktionellen Störungen besser charakterisiert werden sollen. Insbesondere sind wir daran interessiert, diejenigen Mechanismen zu identifizieren, die therapeutisch angegangen werden können. Das Management von funktionellen gastrointestinalen Krankheiten hat sich in den letzten Jahren stark verändert und ist, neben den allgemeinen Massnahmen, von neuen medikamentösen Therapien und verhaltenstherapeutischen bzw. psychologischen Ansätzen geprägt. Hier stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die sicher in den kommenden Jahren neue Möglichkeiten erschliessen wird.
PD Dr. med. Lukas Degen, Leitung Endoskopie, Abteilung Gastroenterologie und Hepatologie, Kantonsspital Basel.