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Kultur
Michel de Montaignes Lebenswerk
1571, mit 38 Jahren, zieht sich Michel de Montaigne von seinem Amt als Parlamentsrat zurück und beginnt im Turmzimmer auf Schloss Montaigne, umgeben von Büchern, seine "Essais" zu schreiben: "Von meiner Bibliothek überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. (...) Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoss wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber nun befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war."
Da oben schreibt er also seine Essais, Aufsätze zu verschiedensten Themen, wie: "Über Traurigkeit, Furcht, Freundschaft, Einsamkeit, Alter, Trunksucht, Bücher, Dünkel, Zorn, Erfahrung, Eitelkeit" usw. Auffallend ist, dass er sich dabei nicht wie üblich an die gewählten Themen hält, sondern frei und eigenwillig seinen Assoziationen folgt: "Kein Gegenstand ist so geringfügig, dass er nicht mit Fug und Recht in diese bunte Folge aufgenommen würde."
Immer wieder - und das ist das Faszinierendste - schreibt er nüchtern und ehrlich seine spontanen Selbstreflexionen nieder, "Ich, der ich mich näher beobachte und stets im Blick behalte, wie eben einer, der nicht viel andres zu tun hat (...) getraue mich kaum zu sagen, wie viel Unzulänglichkeit, ja Unvermögen ich in mir entdecke." oder hält seine Gedanken und Beobachtungen, die sein unmittelbares Schreiben betreffen, fest: "Mögen meine Aufzeichnungen auch noch so belanglos sein, bin ich doch, will ich sagen, fest entschlossen, sie ebenso wenig zu verheimlichen, wie ich das mit einem Porträt tun würde, auf dem der Maler mich kahlköpfig und ergraut dargestellt hätte: nicht mit makellosem, sondern meinem wahren Gesicht; und auf gleiche Weise gebe ich meine Gefühle und Meinungen hier so wieder, wie ich sie zu haben glaube, nicht wie man sie zu glauben hat."
Das Ganze ist durchsetzt mit Geschichten und Anekdoten aus seiner Zeit und aus der Antike und immer wieder zitiert er aus antiken Quellen (ohne sie anzugeben). 1580 veröffentlicht er die beiden ersten Bände der Essais und 1588 den dritten.
Michel de Montaigne kommt am 28. Februar 1533 als Sohn wohlhabender Kaufleute (Amtsadel) zur Welt. Seine ersten drei Lebensjahre wird er zu einer Waldarbeiterfamilie gegeben, anschließend wird er - wieder zuhause - von einem Privatlehrer aufgezogen, der ausschließlich Latein mit ihm spricht. Montaigne wächst ohne "christliche Latinität" sozusagen als "Heide" auf. Mit sechs Jahren kommt er in das Collège de Guyenne, das er mit 13 Jahren verlässt, um in Bordeaux und Toulouse Rechtswissenschaft zu studieren. Mit 19 Jahren wird er Ratsherr in Périgeux und mit 24 (auf Vermittlung des Vaters) Parlamentsrat in Bordeaux. 1565, mit 32 Jahren, geht er auf Wunsch des Vater eine Vernunftehe mit der wohlhabenden Françoise de la Chassagne ein. 1568 stirbt der Vater, der ihm zeitlebens viel bedeutet hat. 1570, inzwischen 37 Jahre alt, verkauft Montaigne sein Parlamentsamt und zieht sich ein Jahr später nach Schloss Montaigne zurück. 1572 bis 73 arbeitet er am ersten Band der Essais und 1577 bis 80 am zweiten. 1580 bis 81 reist er nach Italien und schreibt ein Reisetagebuch (Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland) welches er nicht veröffentlicht. 1586 bis 87 arbeitet er am dritten Band. Inzwischen wird in Paris eine nicht autorisierte Ausgabe der Essais verkauft, was den Schluss zulässt, dass die Essais schon zu Lebzeiten Montaignes ein kommerzieller Erfolg waren. 1588 lässt er die jetzt dreibändigen Essais neu auflegen. 1592 stirbt Michel de Montaigne am 13. September auf Schloss Montaigne. Bis zu seinem Tod hat er sein Handexemplar der letzten Ausgabe mit zahlreichen Änderungen und Ergänzungen versehen. Dieses "Exemplaire de Bordeaux" ist 1987 in einer hervorragenden Faksimileausgabe der Edition Sklatine, Genf/Paris, wieder veröffentlicht worden und bildet die Basis der hier vorliegenden Übersetzung.
Insgesamt hat Michel de Montaigne also zwanzig Jahre an seinen Essais gearbeitet. Wie er selbst schreibt, haben spielerische und gut klingende Formulierungen ihm besondere Freude bereitet. 400 Jahre später, 1998, präsentierte Hans Stilett - nach zehnjähriger Arbeit - eine moderne Gesamtübersetzung der Essais im Eichborn Verlag. Seine vielgelobte Übersetzung wurde unverändert für die vorliegende Taschenbuchausgabe übernommen. Die vermutlich dadurch bedingte Verwendung der alten Rechtschreibung wirkt allerdings für eine "erste moderne Gesamtübersetzung" etwas befremdlich.
Da aufgrund der selbstverständlich wirkenden Lesbarkeit die dahinterstehende enorme und qualifizierte Übersetzerarbeit von Hans Stilett kaum erkennbar ist, möchte ich sie mit einem Beispiel darstellen: So lautet im französischen Originaltext ein Ausspruch über das Wissen des Menschen: "La peste de l'homme c'est l'opinion de savoir." Bei Wikipediea ist folgende Übersetzung zu finden: "Die tödliche Krankheit des Menschen ist seine Meinung, er wisse." und Stilett schreibt: "Die Pest des Menschen ist, dass er zu wissen wähnt."
Zu guter Letzt noch ein paar Bemerkungen Montaignes zu seiner Person als Kostproben dieser hervorragenden Übersetzung der Essais...
"(...) denn ich lasse andre sagen, was ich weniger gut zu sagen vermag: manchmal aus Schwäche meiner Sprache, manchmal aus Schwäche meines Verstands."
"Alle Welt richtet den Blick aufs Gegenüber, ich jedoch nach innen, dort halte ich mich dauerhaft beschäftigt."
"Ich habe ein dickes Fell, und ich lasse es mit Bedacht von Tag zu Tag dicker werden."
"Über mein Vermögen kann ich um so freier verfügen, je mehr es mein ist, und über mich, je mehr ich mir gehöre."
"Was nun mich betrifft, will ich lieber durch Unverblümtheit lästig sein als mich durch Heuchelei einschmeicheln."
"Wenn ich also auch ein Mensch bin, der einiges gelesen hat, so doch einer, der nichts behält."
"Ich verzichte hiermit im voraus auf alle schmeichelhaften Zeugnisse, die man mir dereinst vielleicht ausstellen wird - man tut es ja nicht, weil ich sie verdiene, sondern weil ich tot bin."
"Namentlich in einer so verderbten und hirnlosen Zeit wie der jetzigen ist die Hochachtung der Menge geradezu beleidigend."