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China altert schnell. Im Gegensatz zu den westlichen Industrienationen und Japan wird das Reich der Mitte alt bevor es reich wird. Die Finanzierung einer Altersvorsorge wird damit extrem schwierig. Zur Abwendung des Debakels hat Peking ein Gesetz erlassen, das der Jugend Konfuzianische Tugenden in Erinnerung rufen soll.
Nur zwei Autostunden von Chinas Hauptstadt Peking, dem Zentrum der Welt, führt der 74 Jahre alte Bauer Jiao Hongqi in einem Weiler ein kärgliches Leben. Nein, so schlimm wie während der Hungersnot beim von Staatengründer Mao Dsedong utopisch losgetretenen «Grossen Sprung nach vorn» (1958-61) sei es heute gewiss nicht mehr. Damals während der grossen Hungersnot hätten sie «Baumrinden und Grass gefressen». Heute im Jahr 34 der Wirtschaftsreform seien natürlich die Verhältnisse ganz anders, sagt er.
Bescheidene Renten
Dennoch, Jiao Hongqi lebt frugal. Mit seiner 69 Jahre alten Frau bewohnt er eine Hütte aus Backstein mit einem Kang (Bett), der im Winter mit Kohle gefeuert Wärme spendet. Doch die beiden Töchter des Ehepaars Jiao arbeiten im südlichen Shenzhen als Wandearbeiterinnen in einer Textil- und einer Elektronik-Fabrik. Einmal im Jahr zum Frühlingsfest, dem chinesischen Neujahr, besuchen sie ihre Eltern. Jiao bekommt seit einem Jahr eine staatliche Rente von 75 Yuan pro Monat (umgerechnet 12 Franken) und von den Töchtern nochmals 100 Yuan.
Doch selbst auf dem Lande ist es im modernen China schwierig, mit 175 Yuan pro Monat einigermassen würdevoll über die Runden zu kommen. Doch Jiao will nicht klagen, er habe schon so viel Schlimmes erlebt. Verglichen damit, gehe es ihm heute gut. Am frühen Morgen, lange bevor die schwelende Sommerhitze einsetzt, sitzt er mit anderen Rentnern unter einem Baum, spielt Mahjong, diskutiert und ist einigermassen zufrieden.
Steigende Lebenserwartung
Bauer Jiao gehört heute zu den 200 Millionen Alten, die in China über 60 Jahre alt sind und, wenn sie Glück haben, eine Rente beziehen. Die Alten repräsentieren schon 14,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2020 werden bereits über 17 Prozent der Bevölkerung alt sein, und bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnen chinesische Bevölkerungswissenschafter mit fast einer halben Milliarde Rentnern oder über 33 Prozent der Bevölkerung.
Anders ausgedrückt: heute kommen auf einen chinesischen Senior acht arbeitende Chinesen. Zur Jahrhundertmitte wird das Verhältnis drei oder gar zwei zu eins sein. Zhang Zuwei von der Akademie der Sozialwissenschaften formuliert es so: «Mit der jetzigen Geburtenrate altert China im internationalen Vergleich extrem schnell». Die mittlere Lebenserwartung liegt heute bei 75 Jahren, Tendenz rasch steigend.
Ende der Grossfamilie
Das Problem dabei: Die traditionelle Grossfamilie in China ist Vergangenheit. Das rasante Wirtschaftswachstum und die Ein-Kind-Familien-Politik der letzten drei Jahrzehnte haben sozial tiefgreifende Umwälzungen verursacht. Die Folgen sind nur schwer abzuschätzen. «Fast die Hälfte der Alten über 60 Jahre», stellt die amtliche Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) besorgt und tadelnd fest, «lebt getrennt von ihren Kindern». Eine solche Feststellung ist in einem Land, das nach einer kurzen Periode des utopischen Mao-Kommunismus wieder fest dem Konfuzianismus verpflichtet ist, vernichtend. Die Lehren des Konfuzius, der Respekt und die Ehrfurcht vor den Eltern, ist tief im kollektiven Unterbewusstsein verankert.
Die ländliche Jugend – weit über 200 Millionen Wanderarbeiter – zieht es wie die Töchter von Bauer Jiao in die Städte. Die Alten bleiben zurück auf den Dörfern. Die städtische Jugend wiederum ist mobil und lebt weit entfernt von ihrem Geburtsort. Wenn die Kinder in der gleichen Stadt wie die Eltern wohnen, sind die Wohnverhältnisse für eine Grossfamilie zu eng. Die Alten werden deshalb immer mehr, wenn auch mit schlechtem Gewissen, ins Altersheim abgeschoben.
Doch auch hier ist es schwierig unterzukommen. Die Wartelisten für die wenigen Altersheime schwanken zwischen fünf und sage und schreibe 100 (in Worten: einhundert) Jahren. Kurz, die Realitäten des modernen chinesischen Alltags stehen für Jung und Alt im Widerspruch zur Tradition von Meister Kong, wie der grosse Philosoph Konfuzius mit chinesischem Namen heisst.
Sozialgesetz statt Sozialversicherung
Da die staatliche Vorsorge noch rudimentär ist und bis zur Jahrhundertmitte kaum auf ein Niveau vergleichbar mit der Schweizer AHV angehoben werden kann, versucht die Regierung jetzt mit einem Gesetz, der Jugend die konfuzianischen Tugenden der Ehrfurcht vor den Alten im Allgemeinen und der Eltern im Speziellen in Erinnerung zu rufen. Das Gesetz, im Dezember verabschiedet vom Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses, ist anfangs Juli in Kraft getreten. Das neun Paragraphen umfassende Gesetz trägt den Titel: «Schutz der Rechte und Interessen der alten Menschen» und definiert die Pflichten und Dienste der Kinder für die «spirituellen Bedürfnisse der Alten». So müssen nach dem Gesetz die Kinder «oft» ihre Eltern besuchen und «ab und zu» Grüsse schicken. Unternehmen, Fabriken und Verwaltungen sollen den Kindern «genügend Zeit» für Eltern-Besuche einräumen. Das flauschig formulierte Gesetz sieht explizit keine Strafen vor. Immerhin, die moralische konfuzianische Pflicht ist jetzt auch zur gesetzlichen Pflicht geworden.
Ende der Ehrfurcht
Es ist wohl kein Zufall, dass – kaum war das Gesetz in Kraft – auch schon der erste Fall vor Gericht verhandelt wurde. Eine 77 Jahre alte Mutter verklagte Tochter und Schwiegersohn wegen «Vernachlässigung». Richter Yuan Ting in der Stadt Wuxi (Provinz Jiangsu) sprach ein konfuzianisches – oder westlich ausgedrückt – ein salomonisches Urteil. Die Angeklagten müssen Muttern alle zwei Monate besuchen und darüber hinaus noch eine Kompensation bezahlen. «Mentale Unterstützung», so Richter Yuan zur Nachrichten-Agentur Xinhua, «ist ein wichtiger Aspekt in der Verteidigung der Rechte und Interessen alter Menschen».
Zum Urteil meint mein Nachbar, der 83 Jahre alte Wittwer Ren Shijie, dass Ehrfurcht vor den Eltern nach alter konfuzianischer Tradition selbstverständlich sei. Dazu brauche es doch kein Gesetz. Im Gegensatz zu Bauer Jiao ist der pensionierte Beamte Ren in einer sehr viel besseren Position. Als ehemaliger Angestellter im Aussenministerium bekommt er eine ansehnliche Rente. Er wohnt bei seinem Sohn – einem von vier Kindern – der gut verdient und sich deshalb eine grosse Wohnung samt Haushaltshilfe rund um die Uhr leisten kann. Aber Ren ist unter den derzeit rund 200 Millionen Pensionären die Ausnahme.
Grau statt reich
Die Altersvorsorge ist für Partei und Regierung ein grosses Problem. Zhang Zuwei von der Akademie der Sozialwissenschaften meint, dass das Wachstum der Bevölkerung in rund zehn Jahren den Scheitelpunkt erreicht haben wird, und schon in wenigen Jahren werde die arbeitende Bevölkerung abnehmen. Die Konsequenzen sind absehbar: Arbeitskräftemangel, steigende Löhne, sinkender internationaler Wettbewerbsvorteil sowie Schwierigkeiten bei der Finanzierung der landesweit geplanten Altersrenten.
Wie eine einigermassen ausreichende Altersvorsorge zu finanzieren ist, weiss heute noch niemand. Weder Konfuzius noch Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Dsedong oder Deng Xiaoping sind da natürlich besonders hilfreich. Pekings rote Mandarine sind mit der unausweichlichen Tatsache konfrontiert, dass China – im Gegensatz zu den westlichen Industrie-Nationen – zuerst grau bevor reich wird. Eine so luxuriöse Lösung wie die schweizerische AHV ist auch im besten aller denkbaren Szenarien schlicht nicht möglich. Selbst mit chinesischen Wachstumsraten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine