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Maysa Figueira Monjardim war ihr Geburtsname – später kannte man sie nur noch unter ihrem Vornamen “Maysa“ (Ma-isa) – als Sängerin, Komponistin und Schauspielerin.
Maysa erblickte das Licht der Welt in São Paulo, als jüngster Spross einer traditionellen Familie aus dem Bundesstaat Espirito Santo. Ihre Eltern flohen bald nach ihrer Geburt nach Rio de Janeiro, um dort zu heiraten, denn die Familie ihrer Mutter war gegen diese Ehe, wegen dem lockeren Leben ihres Vaters als stadtbekannter Bohemien. 1937 zogen sie um nach Bauru, einem kleinen Städtchen im Interior des Bundesstaates São Paulo. Bald danach zogen sie wieder um, zurück in die Hauptstadt São Paulo – und so ging es weiter – die Familie wechselte ihre Adresse noch mehrere Male.
Geboren in einer “Goldenen Wiege” (so sagt man in Brasilien) überraschte die kleine Maysa ihre Umwelt schon früh mit ihrem ernsten und couragierten Charakter. Als junges Mädchen war sie oft ungezogen und verliebt, aber sie zeigte auch eine gewisse Tendenz zur Depression. Zu jener Zeit beschäftigte sie sich bereits mit dem Klavierspiel. Ihre erste Komposition – sie war gerade mal zwölf Jahre alt – enthüllte ihren wenig optimistischen Gemütszustand. Es war der Song “Adeus“, den sie später auch auf Platte aufgenommen hat.
Maysa studierte in den traditionellen paulistanischen Schulen – “Assunção, Sacré-Coeur de Marie“ und Gymnasium “Ofélia Fonseca“. Sie war rebellisch und pflegte zum Unterricht ohne die vorgeschriebene Schuluniform zu erscheinen – stattdessen in abgerissener Kleidung – was zur Folge hatte, dass sie mehrmals vom Unterricht suspendiert wurde und man entsprechende Briefe an ihre Eltern verschickte, die jedoch eine Weile brauchten, bis sie von ihnen gelesen wurden, denn beide Eltern hingen an ihrem lockeren Leben als Bohemiens und waren selten zuhause. So geschah es, dass Maysa immer mal wieder mehrere Tage ihrer Schule fernblieb, um auf die Unterschrift ihrer Eltern zu warten.
Vom Gymnasium “Ofélia Fonseca“ wurde sie schliesslich wegen ihrer schlechten Noten und ihres untragbaren Verhaltens rausgeworfen. Ihre Eltern versuchten daraufhin, sie im traditionellen “Colégio Mackenzie“ unterzubringen – jedoch wegen ihres Curriculums wurde sie auch dort abgelehnt. Also war die Schule innerhalb des zweiten gymnasialen Teils für sie zu Ende. Die Ferien hatte sie immer in Vitória (Bundesstaat Espirito Santo) verbracht, umgeben von den Verwandten ihrer Mutter.
Im Alter von siebzehn Jahren heiratete Maysa den Unternehmer André Matarazzo, einen Mann, der siebzehn Jahre älter war als sie – ein Freund ihrer Eltern und Mitglied der bekannten, sehr wohlhabenden italienisch-brasilianischen Matarazzo-Familie.
Die Kathedrale “Catedral da Sé“, in São Paulo, war vollgestopft mit Menschen an jenem Nachmittag im Januar 1955. Die Familie Monjardim, aus einem der bedeutendsten Unternehmer-Clans von Espirito Santo, gab eine ihrer halberwachsenen Töchter in die Hand von André Matarazzo, dem Neffen des Grafen Francesco Matarazzo, einem der reichsten Männer Brasiliens. Das Mädchen betrat die Kirche mit einem Gewand aus weisser, italienischer Seide, geschmückt mit Perlen, und wurde von den gierigen Fotografen der Gesellschafts-Kolumnen wohl hunderte Male fotografiert. Für die meisten Mädchen jener Epoche war dies ein einziges Märchen – so stellten sie sich ihre Traumhochzeit vor. Erst später entdeckten sie, dass Maysa Figueira Monjardim anders war als die Meisten. Denn sie brach bald darauf aus ihrer Ehe aus und stürzte sich in eine Karriere als eine der einzigartigsten Sängerinnen Brasiliens – begeisterte die Massen und wurde Opfer von Liebesleid und Depressionen ohne Ende. Die Frau mit diesen grossen und tiefgründigen, grünen Augen ging ihren Weg, so wie die Musik von Tom Jobim und Aloysio de Oliveira es ausdrückt: “Berühmt durch ihre Stimme, um zu leben, zu lieben und zu leiden“.
Aus der Verbindung mit André Matarazzo ging ihr einziges Kind Jayme Monjardim hervor, Direktor zahlreicher Tele-Novelas und Kinofilme, der von seiner Grossmutter aufgezogen wurde und später in einem Internat in Spanien heranwuchs. Maysa hatte nur diesen einen Sohn – wegen Komplikationen bei dessen Geburt konnte sie keine weiteren Kinder mehr bekommen.
Eine Sängerin wird geboren
In Rio de Janeiro präsentierte sich Maysa in Nachtclubs mit eigenen Kompositionen. Zu jener Zeit war es selten, dass sich eine Frau mit dem Komponieren von Musik befasste. Bald darauf machte sie ihre ersten Plattenaufnahmen, und ihr Erfolg nahm zu. Unter ihren erfolgreichsten Werken sind: “Meu Mundo Caiu, Agonia, Tarde Triste, Felicidade Infeliz, Pedaços de Saudade”, und eine meisterhafte Interpretation des französischen “Ne Me Quitte Pas“. Aber sie fühlte sich belästigt durch die ununterbrochene Verfolgung der Presse. Wie die Biografie “Maysa – Numa Só Multidão de Amores“, von Lira Neto, feststellt, gab es im Jahr 1958 nicht einen Tag, an dem nichts über die Sängerin in den Zeitungen von São Paulo und Rio de Janeiro geschrieben stand.
Ausser ihrer Karriere in den Nachtclubs von Rio, begann sich Maysa auch im Ausland zu präsentieren – sie erschien in Fernsehprogrammen und war in Filmen als Schauspielerin zu sehen. Und dieser Arbeitsdruck führte dazu, dass sie von Tag zu Tag mehr trank. Ausserdem pflegte sie Abmagerungstabletten einzunehmen, die ihren Gemütszustand negativ beeinflussten. Später würde sie zugeben, dass dies eine der turbulentesten Phasen ihres Lebens gewesen ist.
Ihre amourösen Verhältnisse waren von ähnlicher Intensität wie ihre Karriere. Eine ihrer grossen Leidenschaften war der damalige Journalist Ronaldo Bôscoli, den sie 1961 kennenlernte. Sie änderte sogar ihr Repertoire, um eine Platte der Kompositionen von ihm und Roberto Menescal aufzunehmen. Maysa und Bôscoli gingen zusammen auf Tournee nach Buenos Aires – obwohl er ein ernstes Verhältnis mit der Sängerin Nara Leão unterhielt. Es entwickelte sich ein amouröses Klima zwischen den Beiden, aber zur gleichen Zeit gab es auch skandalöse Streitereien in Restaurants und Hotels. Auf der Heimreise war Bôscoli entschlossen, bei Nara zu bleiben. Aber Maysa verkündete den Reportern nach der Landung auf dem brasilianischen Galeão-Airport: “Ich werde Ronaldo Bôscoli heiraten“! Und der wusste nun nicht mehr, was er tun sollte – aber Nara Leão wusste es – und löste ihr Verhältnis für immer.
Bôscolis Geschichte mit Maysa hielt sich, zwischen Gehen und Zurückkommen, während ein paar Jahren – auch nachdem sie bereits mit dem Spanier Miguel Azanza verheiratet war. Als sie dann herausfand, dass Bôscoli die Sängerin Elis Regina heiraten wollte, stellte Maysa sie in einer Bar zur rede und fauchte sie an: “Du miese „Gauchinha“, du kannst überhaupt nicht singen“ (Elis Regina gilt heute als eine der grössten Sängerinnen Brasiliens überhaupt), und warf eine Flasche Whisky nach ihr, die sie nur knapp verfehlte. Immerhin ab Marisa einige Jahre später zu: “Die Elis ist Brasiliens beste Sängerin“.
Schliesslich war es soweit, dass Maysa die Nase voll hatte von Bühnenauftritten und Klatschreportagen der Medien – ausserdem spürte sie, dass eine andere Musik im Kommen war (der Bossa Nova) – so entschloss sie sich, eine Zeit in Spanien auszuspannen. Sie kehrte 1969 zurück und präsentierte eine Show im grössten Show-House von Rio de Janeiro, dem “Canecão“ – das Publikum erzwang ihre achtmalige Rückkehr auf die Bühne! Die Illustrierte “Visão“ textete in der darauf folgenden Woche: “Als ihre warme, rauchige Stimme den gesamten Canecão umfloss, war Stille. Nicht ein Ton, nicht das geringste Geräusch war zu hören, nicht einmal die Eiswürfel in Tausenden von Gläsern wagten es zu klirren“!
Maysa und ihr Gesangsstil
Ihre Kompositionen und Lieder suchte sie passend zu dem besonderen Timbre ihrer Stimme aus, denn die war nicht etwa vulgär – ganz im Gegenteil, Maysa besass eine melancholische, fast traurige Stimme, die sich als besonders passend für den “Samba-Canção“ erwies. An ihrer Seite begannen Sängerinnen wie Nora Ney, Ângela Maria und Dolores Duran ihren Aufstieg.
Ihr Gesangsstil wurde mit dem Bolero verglichen, durch die Hervorhebung des Themas “Romantische Liebe“ oder durch das Leid einer unerfüllten Liebe. Der “Samba-Canção“ (erschienen in den 1930er Jahren) begeisterte die Menschen vor dem Bossa Nova (erschienen Ende der 1950er Jahre) – und mit dem identifizierte sie das Publikum und Maysa sich selbst : “Meine Musik spiegelt des Zustand meiner Seele, meiner Trauer und meiner Einsamkeit. Es ist mir nie gelungen, etwas fröhliches zu komponieren“.
Der Bossa Nova präsentierte dann eine Verfeinerung in seinen Melodien und Leichtigkeit seiner Interpretationen, zum Nachteil des enthaltenen Dramas und der melodischen Gefühle. Maysas Vermächtnis ist das einer Sängerin mit einer schleppenderen Stimme, als die der Bossa-Nova-Interpreten, und deshalb liegt sie näher beim Bolero.
Berühmt wurden folgende Interpretationen: “Felicidade Infeliz (Maysa), Solidão (Antônio Bruno), Bom dia, Tristeza (Adoniran Barbosa/ Vinicius de Moraes), Tristeza (Haroldo Lobo/ Niltinho), Ne Me Quitte Pas (Jacques Brel)” und “Bloco da Solidão (Jair Amorim/ Evaldo Gouveia)”. Ausserdem werden die folgenden Interpretationen von Maysa gerne zitiert: “Adeus, Agonia, Dindi, Eu sei que vou te amar, Marcada, Meu mundo caiu, Não vou querer, Ouça, Resposta, Rindo de mim, Tarde triste, O barquinho”.
Als Zeitgenossin der Komponistin und Sängerin Dolores Duran, komponierte Maysa 26 Lieder zu einer Zeit, in der es kaum Frauen in diesem Metier gab. Alle wurden aufgenommen und befinden sich auf einer Platte unter dem Titel “Maysa por ela mesma“, die ein grosser Erfolg wurde. Maysas Interpretationen waren einzigartig, personifiziert, mit unvergleichlicher Stimme, Gefühl und Ausdruck. Eine guturale Stimme, die Momente der Einsamkeit und des Ausdrucks ihrer Gefühle heraufbeschwor.
Einer der anthologischen Momente jener dramatischen Charakterisierung war 1974 die Präsentation von “Chão de Estrelas“ (von Silvio Caldas und Orestes Barbosa) und “Ne Me Quitte Pás“ (am 10. Juni 1976), präsentiert in zwei Ausgaben des Programms “Fantástico“ des TV Globo.
Dieser “Maysa-Stil“ der Interpretation hatte grossen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen, zum Beispiel in den Gesangsstilen von Simone, Leila Pinheiro, Fafá de Belém, Ângela Rô Rô, und anderen.
Das Ende
Nachdem sie von Miguel Azanza geschieden war, lernte sie den Schauspieler Carlos Alberto kennen, mit dem sie ebenfalls die Ehe einging. Das Paar lebte nun in Maricá, einem Städtchen am Meer (Niterói, Rio de Janeiro) in dem Maysa bis an ihr Lebensende verblieb. Diese Ehe half ihr, weniger zu trinken, und ihr Glück brachte ihre hinreissende Schönheit zurück. Sie nahm wieder neue Platten auf und wirkte in Novelas mit. Und doch nutzte sich auch dieses Verhältnis ab – bis zur Trennung 1975. Melancholie und Ängste begannen erneut, sie zu umfangen.
Anfang 1977 erhielt sie die Nachricht, dass sie Grossmutter werden würde. Sie war von Freude erfüllt über diese Neuigkeit, aber alle anderen Dinge des Lebens schürten ihre Depressionen weiterhin. Und die Abmagerungsmittel liessen sie tagelang nicht richtig schlafen. Alkoholisiert stieg sie in ihren Wagen und fuhr von Rio zurück nach Maricá – kam jedoch nicht bis ans Ende der Brücke, die über die Guanabara-Bucht hinüber nach Niterói führt, sondern knallte mit ihrem “Blauen Brasilia“ in hoher Geschwindigkeit auf einen Betonpfeiler…
Der Unfall am 22. Januar 1977 verkürzte das Leben einer der unvergleichlichsten Persönlichkeiten und Mythen der brasilianischen Musikszene. In ihrem Tagebuch steht als eine ihrer letzten Eintragungen: “Ich bin vierzig Jahre alt. Zwanzig davon sind Karriere. Ich bin eine einsame Frau. Was wird mir die Zukunft bringen“?
Ihre Karriere wurde im Januar 2009 von TV Globo in der Mini-Serie “Quando Fala o Coração“ (Wenn das Herz spricht) portraitiert. Die Serie wurde vom Autor Manoel Carlos geschaffen, die Hauptrolle dargestellt von der jungen Schauspielerin Larissa Maciel, und Regie führte Jayme Monjardim, Maysas Sohn.
Maysa Figueira Monjardim
Geboren: São Paulo, (Bundesstaat São Paulo) am 6. Juni 1936
Gestorben: Niterói (Bundesstaat Rio de Janeiro) am 22. Januar 1977
Diskographie
- Simplesmente Maysa-Vol. 1 a 4 (2000)
- Barquinho (2000)
- Tom Jobim por Maysa (1997)
- Canecão apresenta Maysa (1992)
- Maysa por ela mesma (1991)
- Para sempre Maysa (1977)
- Maysa (1974)
- Ando só numa multidão de amores (1970)
- Maysa (1969)
- Canecão apresentação Maysa (1969)
- Maysa (1966)
- Maysa (1964)
- Canção do amor mais triste (1962)
- Maysa, amor… e Maysa (1961)
- Barquinho (1961)
- Voltei (1960)
- Maysa canta sucessos (1960)
- Maysa é Maysa… é Maysa… é Maysa (1959)
- Convite para ouvir Maysa nº 4 (1959)
- Convite para ouvir Maysa nº 3 (1958)
- Convite para ouvir Maysa nº 2 (1958)
- Maysa (1957)
- Convite para ouvir Maysa (1956)