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Hannibal wurde im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekt im Herbst 2015 von Österreich über die Alpen in den Süden geführt. Die Vögel der Gruppe wurden zuvor darauf trainiert, ihren menschlichen Zieheltern überallhin zu folgen. Für die Überführung in den Süden flogen diese in einem Ultraleichtflugzeug voraus.
Beinahe am Ziel, beim Flug über den Apennin, verlor Hannibal aber den Anschluss, wie das Waldrappteam des Wiederansiedelungsprojekts LIFE+ Reason for Hope am Donnerstag mitteilte.
Lange Zeit fehlte jede Spur von der Vogeldame mit dem roten, kahlen Kopf, dem langen, gebogenen Schnabel und den langen Nackenfedern. Im Juni wurde Hannibal schliesslich überraschend bei Mailand gesichtet, verschwand aber rasch wieder von dort. Am Dienstag tauchte sie dann im Tessin auf, am Nordende des Lago Maggiore. Sie sei offensichtlich in guter Verfassung, heisst es in der Mitteilung.
Es ist nicht das erste Mal, dass es Waldrapp-Zugvögel in die Schweiz zieht. Hannibals Artgenossin Shorty war durch einen ähnlichen Fall berühmt geworden: Das Waldrapp-Weibchen war verloren gegangen, als es im Herbst 2012 als Jungvogel während der Herbstmigration den Anschluss an einen Artgenossen verloren hatte. Sie überwinterte alleine in der Schweiz am Zugersee.
Dass Hannibal einen Winter allein auf sich gestellt überlebt habe, ist für das Waldrappteam aber “fast noch überraschender”. Denn während Shorty als Wildvogel aufgewachsen sei, sei Hannibal von menschlichen Zieheltern aufgezogen worden. Sie stammt aus dem Tiergarten Rosegg im österreichischen Kärnten, wo sie und 31 Artgenossen von ihren Zieheltern umsorgt wurden.
Das Waldrappteam bezeichnet Hannibal daher als Glücksfall. “Sie zeigt, dass auch unsere menschenaufgezogenen Vögel sehr gut in freier Wildbahn überleben können, selbst wenn sie auf sich allein gestellt sind”, liess sich der Leiter des Wiederansiedlungsprojektes, Johannes Fritz, in der Mitteilung zitieren.
Das Waldrappteam will Hannibal nun fangen, um sie in die Wildpopulation zu integrieren. Denn Waldrappe sind sehr soziale Vögel.
Dazu will das Team bei den Schweizer Behörden eine Fanggenehmigung beantragen und Schweizer Partner um Hilfe bitten, insbesondere die Schweizer Zoovereinigung und die Vogelwarte Sempach. Da der Vogel keinen GPS-Sender trägt, hofft das Team zudem auf Sichtmeldungen aus der Bevölkerung.
Auch Vogeldame Shorty wurde damals wieder mit ihren Artgenossen zusammengeführt. Nachdem sie zwischenzeitlich nochmals in die Schweiz zurückgekehrt war, hat sie in ihrem Zuhause im deutschen Burghausen nun im letzten Jahr erstmals zwei Küken ausgebrütet.
Der Waldrapp ist eine der am stärksten bedrohten Zugvogelarten. Bis ins 17. Jahrhundert war er auch in Mitteleuropa heimisch, bis er durch übermässige Bejagung verschwand.
Im Rahmen eines Artenschutzprojekts mit acht Partnern aus Österreich, Deutschland und Italien soll der Waldrapp in Europa wieder als Zugvogel angesiedelt werden. Mit Hannibal umfasst der Bestand aktuell 99 Vögel.
Brutgebiete sind im deutschen Burghausen sowie in Kuchl im österreichischen Bundesland Salzburg. Ein drittes Gebiet in Überlingen am Bodensee soll bald gegründet werden. Gemeinsames Wintergebiet ist die südliche Toskana.
(SDA)