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Vor einigen Wochen verstarb François Musy im Alter von 68 Jahren. Die folgenden Zeilen sind eine Hommage an ihn – Aber nicht nur das, sie sind auch ein Besuch. François Musy, ein wahrer Klangzauberer und -spezialist, begleitete mehr als ein Dutzend Filme und machte schnell durch die Qualität seiner Arbeit auf sich aufmerksam. François Musy war ein Tüftler, ein Mann der akustischen Versuche und ein Pionier, dessen Studio in Rolle seit den 1980er Jahren zu einem der obligatorischen Ziele vieler Filmemacher geworden ist.
Zu diesen Filmemachern gehörte auch Silvio Soldini. Heute möchte Silvio Soldini ein paar Worte an den Mann richten, den man zweifellos als Tongenie bezeichnen kann.
FÜR FRANÇOIS
Am 23. November erhielt ich einen Anruf von Renault Musy, er sagte: 'Mon père est parti, Silvio...'.
Ich wollte nicht verstehen, was er versuchte mir zu sagen, ich musste ihn bitten, es zu wiederholen.... Ich wusste, dass François vor kurzem eine Chemotherapie gemacht hatte, dass er dabei war, mit der Rehabilitation zu beginnen, ich hatte ihm einige Tage zuvor eine Nachricht geschickt, auf die er nicht geantwortet hatte - aber das war nicht so ungewöhnlich, er nahm sich manchmal viel Zeit, um auf Nachrichten zu antworten.
Ich war sprachlos, ich weiß nicht, wie viele Sekunden lang. Ich konnte es nicht fassen.
Es fällt mir auch heute noch schwer, es zu glauben.
François war ein entfernter Freund, denn ich lebe in Mailand, er war in Rolle zu Hause und wir sahen uns sehr wenig, wir hörten uns sehr wenig... aber er war ein Freund. Es war keine dieser Freundschaften, in denen man sich viel Privates anvertraut. Es war eine Freundschaft des Kinos, geboren am Set, Filme realisierend, darum bemüht diese so gut wie möglich zu machen und sie basierte auf einem großen Respekt und einer großen Freude daran, sich zu sehen und zusammenzuarbeiten. Denn es ist wunderbar, mit einem Freund Filme zu realisieren, der die gleiche Begeisterung und Liebe für dieses Handwerk hat wie man selbst.
Wir hatten uns vor vielen Jahren in seinem Tonstudio getroffen, das war 1996. Mein dritter Film "Le acrobate" wurde von Ruth Waldburger koproduziert. Sie schlug mir vor, ihn von einem gewissen Musy abmischen zu lassen, dem Tontechniker von Godards Filmen, der 1983 bei den Filmfestspielen von Venedig einen Sonderpreis der Jury für den Ton von "Prenom Carmèn" gewonnen hatte: das einzige Mal, dass dieser Preis nicht für die Kameraführung, sondern für den Ton eines Films verliehen wurde.
Ich erinnere mich, dass ich, als ich mit Claudio Cormio, dem Cutter des Films, in Rolle ankam, ziemlich eingeschüchtert war. Mein Französisch war viel schlechter als heute, und François gab sich wenig Mühe, langsam zu Sprechen. Zuerst übertrug er den gesamten Mono-Ton, den wir auf magnetischem 35mm-Material aufgenommen hatten, auf ein Multitrack, dann mischten wir in Stereo. Für mich war das eine Premiere. Er fügte Geräusche hinzu, spielte mir neue Umgebungsgeräusche vor, die unsere ersetzen sollten, und schöpfte dabei aus seinem persönlichen Archiv vollgefüllt mit Geräuschen, die er im Laufe der Jahre aufgenommen hatte. Ich war sprachlos, eine solche Erfahrung hatte ich noch nie in einem Mischraum gemacht. Sein kleines Studio war perfekt, tiptop aufgeräumt, von ihm bis ins kleinste Detail gestaltet und gepflegt wie ein Kultort. Noch nie hatte ich den Ton einer meiner Filme so gut gehört.
An einem Abend vor der Abreise wurden Claudio und ich zum Essen ins Haus der Musys eingeladen. Serge, Renaud und Guillaume waren noch klein. Ich erinnere mich, dass es eine kleine Auseinandersetzung zwischen einem von ihnen und ihrer Mutter Gisèle gegeben hatte, François hatte sich eingemischt, sie diskutierten, aber ich konnte kaum verstehen, was sie sagten... Erst 2001 lernten wir uns richtig kennen, und langsam, indem es mir gelang, sein Französisch zu verstehen, wurde auch mein Französisch besser. Wir waren in La Chaux-de-Fonds, am Set von "Brucio nel vento", dem einzigen Spielfilm, den ich in der Schweiz gedreht habe. Ich hatte von Anfang an immer mit Live-Ton gearbeitet, als die meisten Filme in Italien noch synchronisiert wurden. Ich fand die Wahrheit des Direkttons immer notwendig für meine Filme. Aber mit François habe ich zum ersten Mal verstanden, was ein Direktton ist, der bis ins letzte Detail gestaltet wird, um aufregend, intensiv und kraftvoll zu wirken. Ich habe verstanden, was es bedeutet, jemanden zu haben, der die Verantwortung für den Ton des Films in seiner Gesamtheit übernimmt. Ich habe verstanden, was es heißt, mit Präzision, großem technischen Wissen und mit Liebe zu arbeiten.
Von diesem Moment an, hat er sich um den Ton aller meiner Filme gekümmert. Sieben von elf. Bei den letzten beiden sahen wir uns aus verschiedenen Gründen leider nur im Mischraum und nicht am Set. Und das bedaure ich sehr. Denn, ihn jeden Morgen an jedem einzelnen Arbeitstag zu sehen, mit seiner Energie, seinem Enthusiasmus, seinem Lachen, seinem Kaffee und seinen Zigaretten, gab mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Meine Tasche mit all meinen Sachen, meinen Notizen und dem Drehbuch habe ich neben seinem Cantàr aufgehängt; ich wusste, dass sie dort sicher war. Die Ernsthaftigkeit, mit der François seine Arbeit verrichtete, mit der er sich Respekt verschaffte und ihr die Bedeutung verlieh, die sie verdiente, machte ihn einzigartig, manchmal auch hart, rau, kämpferisch... Vor einigen Jahren sagte er mir eines Tages: "Das Erste, was ein Tontechniker am Set lernen muss, ist, sich Respekt zu verschaffen".
Ich fühlte mich beschützt. Mit seiner Anwesenheit, vielleicht ohne es zu wissen, hat François das Set beschützt; mit seinem Warten, bis er 'läuft' sagte, nachdem ich 'Kamera' gesagt hatte, nämlich erst dann als die Stille am Set absolut war, hat er meine Arbeit, die Schauspieler, die Konzentration, den Film beschützt.
Und jetzt fühle ich mich verwaist.
Alleine zurückgelassen von einem Freund, auf den ich zählen konnte, von einem unersetzlichen Mitarbeiter, vom einzigen Menschen, der mir sagen konnte, ob der Ton der gelungenen Szene "top" oder vielleicht sogar "proche à l'étérnel" war.
Er erzählte mir einmal, er habe eine Idee für einen Film. Es ging um zwei alte Männer, die gezwungen sind, eine Bank auszurauben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. "Versuch es aufzuschreiben", sagte ich ihm. "Bring zu Papier, was du im Moment im Kopf hast, und dann versuchen wir daraus einen Filmstoff zu schreiben". Er sagte: "Okay, ich werde es versuchen. "Wir könnten auch zusammen eine Firma gründen, die den Film produzieren würde", fügte er an einem anderen Tag hinzu.
Aber dann hat er nie angefangen zu schreiben. Ab und zu erinnerte ich ihn wieder daran, er sagte ja, aber es kam nichts. Nach etwa drei Jahren schlug ich ihm vor, sich mit mir zu treffen und mir seine Idee genauer zu erzählen. Wir beschlossen, uns auf halbem Weg zwischen Mailand und Rolle zu treffen, in einem kleinen Hotel in der Nähe von Aosta. Es war Herbst. Als ich gegen Abend ankam, wartete François bereits in dem verlassenen Hotel auf mich, mit meinem Zimmerschlüssel in seiner Jackentasche, denn die Besitzerin hatte eine Verabredung und es war sonst niemand da. Es war Nachsaison, wir waren die einzigen Kunden. Kurz darauf, bei einem Bier im Salon dieses dunklen und verlassenen Hotels, in völliger Stille, nahm ich François' Geschichte auf. Oder besser gesagt, was er sich ausgedacht hatte zur Idee, zweier alter Männer im Ruhestand, die sich aufmachten, um für die Gerechtigkeit zu stehlen. Ich bat um Erklärungen, Klarstellungen, weitere Details, um so gut wie möglich zu verstehen, was er im Sinn hatte. Nach ein paar Stunden schalteten wir den Aufnahmerekorder aus, gingen zum Abendessen, tranken guten Wein, rauchten, tranken einen Whisky und gingen ins Bett.
Am nächsten Morgen fuhren wir beide in verschiedene Richtungen nach Hause. Der Plan war, dass ich die Aufnahme transkribierte und seine Idee ausformulierte. Das habe ich nie getan.
Es auf Französisch zu machen hätte lange gedauert... aber ich hätte es ja auch auf Italienisch schreiben und es dann ins Französische übersetzen lassen können. Aber ich habe es nie getan.
Und François hat mich nie darum gebeten. Vielleicht hat er eingesehen, dass es nicht so wichtig war, oder er wollte mich nicht belästigen.
Oder vielleicht war das Schöne für uns beide einfach nur, sich auf halbem Weg zu treffen, an irgendeinem Tag, ohne einen Film zu drehen oder zu mischen, und sich Zeit für uns zu nehmen.
- Silvio Soldini