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Jaspers schrieb dieses Buch im Jahr 1934. In einem nachträglichen Vorwort zur 2. (1946) und 3. Auflage (1950) äusserte er sich über die Grundabsichten dieses Buches folgenderweise: „Mein Buch möchte eine Interpretation sein, die unabhängig vom Augenblick ihrer Entstehung sachlich gültig ist. Aber in jenem Augenblick von 1934 und 1935 wollte das Buch zugleich gegen die Nationalsozialisten die Denkwelt dessen aufrufen, den sie zu ihrem Philosophen erklärt hatten.“ „Das Buch ist ein Versuch, den Gehalt der Philosophie Nietzsches herauszuarbeiten gegen den Strom des Mißverstehens seitens der bisher ihn aufnehmenden Generationen und gegen die Abgleitungen in den eigenen Notizen des sich dem Wahnsinn nähernden Mannes. Der Schein soll verschwinden zugunsten des prophetischen Ernsts des bisher vielleicht letzten großen Philosophen.“
In diesem Vorwort findet sich auch der Hinweis, dass Jaspers ein weiteres Kapitel vorgesehen hatte, aber dann aus „Achtung vor Nietzsche“ ausgelassen habe. In diesem Kapitel habe er die Absicht gehabt, „das Irren von Nietzsche in naturalistischen und extremistischen Wendungen“ zu belegen. Aber er wollte damals durch Kritik nicht weiteren Missverständnissen und Fehlinterpretationen von Nietzsches Philosophie Vorschub leisten, wie sie aufgrund der Berufung von nationalsozialistischen Ideologen (etwa Alfred Bäumler) auf Nietzsche ohnedies schon vielfach verbreitet waren. Dieses kritische Kapitel hat Jaspers in späteren Auflagen aber nicht hinzugefügt. Erst im Nachlass fanden sich kritische Passagen und Einwände gegen Nietzsches Philosophie, die den weitgehend positiven Eindruck, der im Buch vermittelt wird, erheblich relativieren.
Dass Nietzsche das Denken von Jaspers in vielen Punkten mitgeprägt und beeinflusst hat, ist in der Jaspers-Forschung ein unbestrittener Tatbestand. Die Bedeutung, die Nietzsche für Jaspers gehabt hat, wird an dem Umstand deutlich, dass man in fast allen psychologischen und philosophischen Werken von Jaspers explizite Bezugnahmen oder auch kritische Gedanken zu Nietzsche finden kann. Sehr oft werden etwa Parallelen zwischen Kierkegaard und Nietzsche hergestellt (vgl. Vernunft und Existenz, 1973, 7ff). Auch im Zusammenhang mit dem Problem des Nihilismus und seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Christentum nimmt Jaspers auf Nietzsche Bezug (vgl. Der philosophische Glaube, 1985, 128-128; Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, 1963, 85, 514). Zur letzteren Thematik hat er 1947 eine eigene Schrift Nietzsche und das Christentum veröffentlicht.
In einem 1950 publizierten Artikel mit dem Titel Zu Nietzsches Bedeutung in der Geschichte der Philosophie (wiederabgedruckt in: Jaspers: Aneignung und Polemik. Gesammelte Reden und Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, München 1968, 389-402) setzt Jaspers Nietzsche nicht nur in Beziehung zu Kierkegaard sondern auch zu Marx. Für ihn hatte jeder dieser drei Denker eine eigene „Vision des Zeitalters“ mit der er als Prophet der Moderne bedenkliche Tendenzen aufgewiesen habe, die erst viel später Realität geworden seien.
In den beiden Nachlassbänden zu Jaspersʼ umfangreichen Projekt einer Weltgeschichte der Philosophie (Jaspers: Die Großen Philosophen Nachlaß 1 u. 2, München 1981) lässt sich über Jaspersʼ Einschätzung von Nietzsche folgendes entnehmen: Er wollte ihn in seiner monumental geplanten, aber Fragment gebliebenen Weltgeschichte der Philosophie unter die Rubrik „Die großen Erwecker“ einordnen, und zwar zusammen mit Pascal, Lessing und Kierkegaard.
Karl Jaspers: Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens, Nachdr. d. 4. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter 1981. 487 Seiten.