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Hand aufs Herz: Woran denken Sie, wenn Sie das Wort «Polyeder» lesen? Wenn Sie von der Ferne der Eindruck anweht, dass Sie den Begriff schon einmal im Matheunterricht gehört hätten: Wunderbar, Sie sind auf der richtigen Spur. Das Polyeder ist laut Wikipedia «eine Teilmenge des dreidimensionalen Raumes, welche ausschließlich von geraden Flächen (Ebenen) begrenzt wird, beispielsweise ein Würfel.»
Hand wieder aufs Herz: Hätten Sie vermutet, dass das Polyeder für Papst Franziskus die Idealgestalt unserer Weltgesellschaft ist, wie er sie in seiner im vergangenen Oktober erschienenen neuen Sozialenzyklika Fratelli tutti entwirft?
Wenn Sie auf diese Frage überrascht «Nein» antworten, geht es Ihnen wie mir: Auch ich war zunächst von diesem Wort im Kontext eines päpstlichen Schreibens sehr irritiert. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie sehr der Papst eine unmittelbare, poetische, überraschende und häufig auch irritierende Sprache schätzt, mit der er weite Leserkreise auch abseits theologischer Zirkel ansprechen will.
Und ich erinnerte mich an die wirkmächtigen Sprachbilder vergangener Schreiben des Papstes, die sich bei mir festgesetzt haben: allen voran die «verbeulte Kirche», eine «Wirtschaft, die tötet» (beide Evangelii Gaudium) oder die «anthropozentrische Masslosigkeit» (Laudato si’).
Unterstellen wir dem Papst aber nicht, dass er solche sprachgewaltigen Bilder (und die aktuelle Enzyklika fügt diesen noch viele weitere hinzu, etwa die «mafiöse Pädagogik» krimineller Halbweltgestalten oder auch den «oberflächlichen Wortschwall» heutiger Medienlandschaften) einfach nur des Effektes wegen einsetzt. Mit ihnen ist die Hoffnung verbunden, sozialethische Anliegen plastisch werden zu lassen, eingängige Formulierungen für oft sehr komplexe gesellschaftliche Vorgänge zu finden.
Und so ist auch das Polyeder ein gelungenes Sprachbild, das den Kerngedanken dieser Enzyklika verdeutlicht: Belastbare, echte menschliche Geschwisterlichkeit entwickelt sich für Franziskus da, wo die Unterschiede zwischen den Menschen nicht einseitig eingeebnet, kolonisiert oder neutralisiert werden, sondern da, wo Menschen ihre Menschenwürde wechselseitig achten und dadurch die Vielfalt in der Menschengemeinschaft als Wert bestehen bleiben kann. Nicht ein perfekter geometrischer Körper wie die Kugel schwebt dem Papst somit als Ideal vor Augen, sondern viele kleine lokale Flächen, die wiederum mit zahlreichen anderen lokalen Flächen verbunden sind und aufs Ganze gesehen einen Zusammenhalt bilden.
Dieses Ideal entwickelt der Papst im klassisch gewordenen sozialethischen Dreischritt «Sehen-Urteilen-Handeln». Im ersten Teil seiner Schrift prangert er die zahlreichen Entwicklungen unserer Zeit an, die Menschen einander fremd werden lassen. Hier wendet er sich gegen das Wiedererstarken des Nationalismus ebenso wie gegen einen übersteigerten Individualismus, gegen den Neoliberalismus ebenso wie gegen die Tendenz sozialer Plattformen, Hassgruppen eine wohl abgeschottete Filterblase zu bieten. Auch wenn man dem Papst hier bei vielen seiner prägnant formulierten Aussagen grundsätzlich folgen mag, wünscht man sich an mancher Stelle doch mindestens einen freundlichen Nebenblick auch auf die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre. So entzweien die heutigen Kommunikationsmittel ja nicht nur, sondern sie ermöglichen auch wertschätzende Kommunikation zwischen Menschen, die sich ansonsten niemals kennengerlernt hätten.
Was die Rede von der Geschwisterlichkeit praktisch bedeutet, entfaltet der Papst in den folgenden Kapiteln. Hier sind inhaltlich-theologisch keine wesentlichen Neuerungen zu den früheren Enzykliken auffällig, sondern es wird unter dem Gesichtspunkt der Geschwisterlichkeit beleuchtet, wie Besitz (eher weniger als mehr), Wirtschaft (gemeinwohlorientiert), Unternehmertum (schützt die Würde des Arbeiters!), Politik (Populismus muss heissen, vom Menschen her zu denken), Medien (wahrheitssuchend) Demokratie (beteiligungsfördernd) … zu verstehen und zu leben sind. Deutlich positioniert sich der Papst gegen Todesstrafe sowie Krieg – ein weiteres Signal für den kritischen Blick des Papstes auf unsere Gegenwart, die solches (wieder) notwendig macht.
Wer bereits die früheren Schriften des Papstes kennt, wird also eine grosse Kontinuität in den Themen und den Standpunkten feststellen – was auch daher rührt, dass sich der Papst über weite Strecken selbst zitiert. Gehörte es nämlich sonst eher zum guten Ton päpstlicher Enzykliken, vor allem die eigenen Vorgänger durch häufiges Zitieren zu ehren, erscheint der Text an mancher Stelle wie ein Kompilat diverser Reden und früherer Veröffentlichungen. Das macht die Lektüre nicht immer einfach. Sympathisch wiederum ist, dass der Papst wichtige Aussagen von den unterschiedlichen Bischofskonferenzen der Weltkirche zitiert; erkennbar wird darin das Anliegen, die vielfältigen kirchlichen Stimmen erklingen zu lassen.
Allerdings – und das ist durchaus kritisch zu verstehen – hat der Papst wieder einmal vollständig ausgeblendet, dass es tatsächlich Menschen mit zwei X-Chromosomen gibt, die auch als Zitatgeber taugen würden. Ein ärgerlicher Missstand! Schieben wir dies einmal auf einen möglichen Mitverfasser des Textes, der dann auch an manch anderer Stelle geschlampt hätte: Einige Gedanken finden sich nicht nur einmal im Text sondern mehrmals, ebenso erstaunt an anderer Stelle ein ganzer Abschnitt mit einer fast wissenschaftlichen Argumentation für ein differenziertes Verständnis populistischer Praktiken.
Die durchaus vorhandenen Schwächen des Textes sind neben dem Problem der schieren und kaum zu bändigenden Fülle an Inhalten und Perspektiven jedoch als gering einzuschätzen neben dem grossartigen Schlussteil der Enzyklika, der Geschwisterlichkeit auf den interreligiösen Dialog ausbuchstabiert und die grosse Wertschätzung verdeutlicht, die Papst Franziskus Menschen anderen Glaubens entgegenbringt. Im Ganzen ist die Sozialenzyklika deshalb eine gewinnbringende Reflexion auf die grossen Themen seiner Zeit als Kapitän einer Kirche, die in stürmischen Gewässern unterwegs und in mancherlei Hinsicht reif für die Werft ist.
Von daher ist die Lektüre der Sozialenzyklika unbedingt zu empfehlen, die von Jürgen Erbacher auch noch stimmig und mit einigen hilfreichen Bemerkungen eingeführt wird.
Michael Hartlieb
Papst Franziskus: Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. Mit Einführung und Register. Ostfildern: Patmos 2020.