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Zum Monat des Autismus: Die Inselbegabten
Der berühmteste Savant-Experte, Darold Treffert, unterscheidet zwischen prodigious Savants (erstaunliche, die auch allgemein herausragende Fertigkeiten besitzen) und talented Savants (talentierte mit sonst höchstens durchschnittlichen Leistungen). Derselbe Autor beschreibt eine angeborene häufige Form und eine nach Unfall oder Krankheit erworbene Form des Savant-Syndroms. Personen mit einem erworbenen Savant-Syndrom entwickeln besondere Begabungen nach Hirnverletzungen oder Hirnerkrankungen, die den linken Temporallappen betreffen. Eine erworbene Form besitzt zum Beispiel Daniel Tammet, ein Rechenkünstler mit enormem Gedächtnis, der nach einem epileptischen Anfall mit 3 Jahren autistisch wurde.
10 Prozent zeigen Savant Skills
Bis heute sind nur ungefähr 100 Fälle weltweit bekannt, wobei diese Einschätzung wahrscheinlich zu gering ist. Spektakuläre Fälle sind in der Regel gut dokumentiert, lediglich talentierte Savants sind jedoch weitaus häufig zu beobachten. Ich persönlich erinnere mich an ein Kindergartenkind, das weder schreiben noch lesen konnte, jedoch bei Google Maps die Wohnhäuser aller seiner Freunde im nu identifizieren konnte, oder an einen Hochbegabten, leider auch psychotischen Asperger, der über eine Vorliebe für biochemische Formeln verfügte und diese auf Nachfrage augenblicklich reproduzieren konnte. Publiziert habe ich hingegen lediglich über einen Kalenderrechner, der eigentlich noch über andere Inselbegabungen verfügte, die jedoch nicht einfach zu ergründen waren.
Etwa 50 % aller Inselbegabten sind Autisten. Sechs von sieben Inselbegabten sind männlich. Treffert behauptet, dass etwa 10 % der autistischen Menschen Savant Skills zeigen, dies ist auch meine Erfahrung.
Normale oder überdurchschnittliche Intelligenz
Es gibt ein begrenztes Spektrum von Savant Skills. Savants zeigen vor allem Kompetenzen in den Bereichen Gedächtnis, Musik, Zeichnen, Rechnen und Lesen (s. weiter unten "Leistungen des Savant-Syndroms"). Gemeinsame Merkmale der Savants sind eine normale oder unterdurchschnittliche Intelligenz, ein überdurchschnittliches Gedächtnis in Bezug auf die Inselbegabung, ansonsten aber ein Normgedächtnis. Es wurde bisher noch kein Faktor identifiziert, der alle besonderen Fähigkeiten berücksichtigt (Core of Savant Skills). Studien über Savant Skills bestehen mehrheitlich aus Einzelfällen. Die Forschung ist dadurch erschwert, dass:
- es sich um seltene Fälle handelt
- es keine einheitliche Klassifikation der Savant Skills gibt, die
- die Vielfalt der Erscheinungsformen berücksichtigt
- einige typische Savant-Beschäftigungen wenig sinnvoll sind
- die objektive Bewertung dieser Fertigkeiten problematisch ist
- die kognitiven Fertigkeiten der Savants sehr unterschiedlich sind
- Es sich nicht um eine Störung/Problem sondern um eine Gabe (zu diesen existieren allgemein weniger Studien!) handelt.
Wie funktionieren Savant Skills?
Die Erklärungen, wie Savant Skills funktionieren, variieren zwischen sehr einfachen bis sehr komplexen Herleitungen. Übereinstimmung schient darüber zu herrschen, dass die Ursachen, so wie auch die Savant Skills, sehr verschieden sind. Einige Autoren plädieren für das Modell der “Hypermnesie” (Erweiterung der Gedächtnisfunktionen), die z. B. für die Entwicklung eines fotographischen Gedächtnisses verantwortlich ist. Dies ist bei Stephen Wiltshire, der lebenden Kamera, der Fall. Stephen kann dank seines fotographischen Gedächtnisses und seines zeichnerischen Talents Städte-Panoramen originalgetreu reproduzieren, nachdem er sie lediglich kurz gesehen hat. Er lebt von dieser Tätigkeit, die sich auf seine Inselbegabung stützt, für die Verrichtung der alltäglichen Routine ist er hingegen auf die Hilfe seiner Schwester angewiesen. Zu vermerken ist, dass ein gutes eidetisches Vorstellungsvermögen (die Fähigkeit, sich einen visuellen Reiz bei geschlossenen Augen vorzustellen und auch tatsächlich zu sehen) eine Kompetenz ist, die normale Kinder bis zum Alter von 14 Jahren aufweisen.
Andere Theorien gehen davon aus, dass bei Autisten eine „Isolierung der Hirnhemisphäre voneinander“ besteht, schwächere Verbindungen zwischen den linken und rechten Hirnteilen (langen Konnexionen), und somit vermehrte, starke kortikale Repräsentationen von lokalen Verbindungen (innerhalb derselben Hemisphäre) entstehen, die die Basis der Savant-Fertigkeiten bilden. Kim Peek fehlte u. a. der Corpus Callosum, eine Struktur, die die Hirnhälften verbindet.
Alte Theorien berichten über die Rolle der sensorischen Deprivation (wie das blinde Musiktalent Leslie Lemke) und der sozialen Isolation. Die Rolle von obsessiv-perseverativem Verhalten, abnormer Aufmerksamkeit und extensiven Übens wird wahrscheinlich überschätzt, jedoch tritt eine Fokussierung auf Spezialinteressen tatsächlich bei Savant Skills deutlich häufiger auf.
Fazit
Während auf dem Gebiet der autistischen Störungen im letzten Jahrzehnt viel geforscht wurde, ist die Literatur bezüglich Savant-Syndrom nicht gleichermassen gewachsen. Es fehlt eine klare Definition des Savant-Syndroms. Bis heute liegt kein einheitliches Modell vor, das in der Lage ist, die Vielfalt des Savant-Phänomens abzubilden. Ausserdem ist eine einheitliche Ursache des Savant-Syndroms eher unwahrscheinlich.
Die Eltern der Savant-Betroffenen nehmen oft die Empfehlung aus der Literatur ernst: Train the talent. Ich finde, dies ist auch der Schlüssel, damit sich die Savants in der komplizierten und ungenauen Welt der „Neurotypischen“ zurechtfinden.
Einige Leistungsbereiche des Savant-Syndroms
- Kalenderberechnungen: Der Wochentag kann zu jedem beliebigen Datum genannt werden.
- Arithmetik: Schnelles Multiplizieren und Radizieren
- Zeichnen: Anfertigen perspektivisch exakter Bilder
- Musizieren: Absolutes Gehör
- Gedächtnis: Genaues Erinnern einer Vielzahl von vergleichbar trivialen Daten und Fakten wie z.B. Telefonnummern
- Sensorische Diskrimination: Ausgeprägte Geruchswahrnehmung
- Mechanik: Reparieren mechanischer Geräte (z.B. Uhren) ohne entsprechende Vorkenntnisse erworben zu haben
- Koordination: Ausgeprägte Feinmotorik
- Geografie: Herausragende räumliche Orientierung und Fähigkeit, Karten zu lesen
- Lesen: Hyperlexie
Dr. med. Alessia Schinardi ist eingebürgerte Italienerin, Kinder- und Erwachsenen-Psychiaterin, SIM zertifiziert, mit einer eigenen Praxis in Zürich. Ihre Schwerpunkte sind Autismus und ADHS. Sie leitet ein nach eigenem Konzept entwickeltes Training der Sozialkompetenz für Erwachsene. Als Hobby sammelt sie psychotherapeutische Kurse und schreibt leidenschaftlich zu verschiedenen Themen.
Dr. med. Alessia Schinardi
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