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Von Michael Sennhauser | 22. Mai 2016 - 09:15
Warum ausgerechnet der Arthur-Miller-Klassiker „Death of a Salesman“ das Strukturgerüst für Farhadis jüngstes Familiendrama liefert, erschliesst sich nicht ohne weiteres. Vielleicht hat er ein universal bekanntes Drama gesucht, vielleicht hat das Stück im Iran eine besondere Bedeutung. Aber Farhadis Meisterschaft bei der Inszenierung familiärer Beziehungen spiegelt sich gut in Millers fast siebzig Jahre alten Drama.
Der Film setzt ein mit den letzten technischen Bühnenvorbereitungen für eine Neuinszenierung des Stücks in Teheran. Scheinwerfer werden gerichtet, Beleuchtungsvarianten ausprobiert. Die spielende Truppe setzt sich aus sehr unterschiedlichen Männern und Frauen zusammen, die meisten von ihnen haben neben ihrer Leidenschaft noch einen Brotjob, wie sich herausstellt.
Auch Emad (Shahab Hosseini), der den Willy Lohmann spielt, mit seiner Frau Rana (Taraneh Alidoosti) in der Rolle von Willys Frau Linda, arbeitet tagsüber als Lehrer für Literatur. Emad und Rana sind ein junges, kinderloses Mittelklasse-Ehepaar, Teil des iranischen „Kulturprekariats“, wie einer der Theaterfeunde einmal halbscherzt.
Gleich in einer der nächsten Szenen müssen Emad und Rana überstürzt aus ihrem Wohnblock ausziehen. Bauarbeiten auf der nachbarlichen Parzelle haben die Gebäudestruktur so beschädigt, dass evakuiert werden muss. Ein älterer Theaterkollege bringt sie in einer Wohnung unter, die er bisher vermietet hatte, an eine Frau, von der noch ein ganzer Raum voller Möbel und Kleider gefüllt bleibt.
Als Rana am Abend ihren Mann klingeln hört, drückt sie den Türöffner und öffnet auch die Wohnungstür, bevor sie unter die Dusche geht. Und als Emad dann nach Hause kommt, findet er Blutspuren, nicht aber seine Frau.
Die ist im Spital, wo sie die Nachbarn hingebracht haben. Ganz genau weiss sie nicht, was passiert ist. Aber offenbar kam ein Fremder herein, als sie duschte.
Und nach und nach stellt sich heraus, dass die Nachbarn der Vormieterin einen sehr lockeren Lebenswandel unterstellen, bis Emad davon ausgeht, dass eine ihrer Männerbekanntschaften wohl in Unkenntnis ihres Auszugs in die Wohung gekommen sein muss. zumal er auf einem Bord Geld findet, einen Schlüsselbund und ein Mobiltelefon. Und ein Paar gebrauchter Socken im Schlafzimmer.
Emads obsessive Suche nach dem Mann und Ranas panische Angst vor dem Alleinsein bestimmen den weiteren Verlauf der Geschichte, alles eingebettet in das soziale Umfeld der beiden, Emads Schule, seine Schüler, die Theatertruppe und die Nachbarn. Die Spannung, die sich daraus ergibt, überträgt sich in diesen urbanen iranischen Alltag. Jede Begegnung, jede Handlung wird doppeldeutig.
Emad wirft seinem Freund vor, ihn absichtlich im Unklaren darüber gelassen zu haben, wessen Wohnung sie da übernommen hätten, Rana versucht, wieder aufzutreten, muss aber mitten in der Vorstellung aufgeben, von Weinkrämpfen geschüttelt. Und schliesslich findet Emad den Unbekannten, es kommt zum letzten Akt, sinnigerweise in der halbausgeräumten alten Wohnung im vom Einsturz bedrohten Wohnblock.
Was sich in der zusammenfassenden Schilderung ausnimmt wie ein kalkuliert metaphorisches Konstrukt, wirkt allerdings auf der Leinwand wie immer bei Farhadi absolut natürlich und packend. Die Figuren sind mehrschichtig, komplex und menschlich nachvollziehbar.
Forushande ist ein starker Film, der in der Erinnerung weiter wirkt (und sich in den Cannes-Erinnerungen mit Paul Verhoevens Elle zu einem seltsamen, beunruhigenden Amalgam verbindet). Aber gleichzeitig demonstriert er auch seine Konstruktion, wahrscheinlich durchaus beabsichtigt, darauf verweist die Titelsequenz mit dem Theateraufbau. Das macht den Film transparenter und luzider, auf Kosten der emotionalen Wucht.
Wenn ich als Zuschauer dieser Wucht, etwa von A Separation, ein wenig nach traure, dann ist das mein Problem. Farhadi hat etwas Neues probiert, es ist ihm gelungen.
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