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Die Rumänin muss nur neun Monate statt vier Jahre pausieren. Allerdings nicht, weil sie gedopt hat, sondern weil sie nachlässig war. Die Sperre hat sie längst abgesessen – wann sie zurückkehrt, ist dennoch offen.
Einer der aufsehenerregendsten Dopingfälle im Tennis nahm am Dienstag eine unerwartete Wende. Die ehemalige Weltranglisten-Erste Simona Halep darf wieder wettkampfmässig Tennis spielen. Der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne (TAS) folgte ihrem Einspruch und reduzierte die Dopingsperre gegen sie von vier Jahren auf neun Monate. Weil die 32-jährige Rumänin diese längst abgesessen hat, ist sie sofort wieder startberechtigt.
Halep war am 7. Oktober 2022 gesperrt worden, weil sie zwei Monate zuvor am US Open positiv auf den Wirkstoff Roxadustat getestet worden war, der bei Niereninsuffizienz und symptomatischer Blutarmut eingesetzt wird. Das Medikament soll den Sauerstofftransport im Blut optimieren und damit auch die Ausdauerfähigkeit erhöhen. Deshalb gehört es seit längerem zu den von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) gebannten Substanzen.
Dass die Sperre gegen Halep derart drastisch ausgefallen war, ist darauf zurückzuführen, dass im Frühjahr 2023 weitere Vorwürfe wegen «Unregelmässigkeiten in ihrem biologischen Pass» aufgetaucht waren. Dieser wird von der Wada als Langzeitprofil für Athletinnen und Athleten genutzt, das Biomarker aus den Dopingkontrollen enthält.
Haleps Blutpass wies zahlreiche Ungereimtheiten auf
Halep hatte die Unregelmässigkeiten im Blutpass stets auf einen zurückliegenden chirurgischen Eingriff zurückgeführt. Gleichzeitig hatte sie beteuert, der positive Dopingtest sei durch die Einnahme eines verunreinigten Lebensmittelergänzungs-Präparats verursacht worden. Sie legte deshalb beim TAS Rekurs ein und erhielt nun nach einer Anhörung im Februar recht. Der TAS folgte ihrer Argumentation, wonach sie keine nachweisliche Schuld am positiven Test trage. Gleichzeitig konnten ihre Anwälte in einem aufwendigen Verfahren offensichtlich schlüssig beweisen, dass die positiven Dopingproben tatsächlich auf eine verunreinigte Substanz zurückzuführen waren.
Der TAS schrieb in seinem Urteil, dass Frau Halep zwar eine Teilschuld trage, weil sie nicht genügend Sorgfalt habe walten lassen, gleichzeitig sei ihr aber keine Betrugsabsicht zu unterstellen.
Die Aufhebung des Urteils ist eine herbe Niederlage für die verantwortlichen Stellen im internationalen Profitennis. Die Standesorganisation WTA schrieb in einer Stellungnahme, sie respektiere den Prozess, der dazu da sei, die Integrität des Sports zu schützen und für einen sauberen und fairen Sport zu sorgen.
Ähnlich äusserte sich auch die International Tennis Integrity Agency (Itia), welche die Sanktion ausgesprochen hatte. Die Geschäftsführerin Karen Moorhouse wird zitiert: Ein zentrales Element des Antidoping-Prozesses sei das Recht der Spieler auf Berufung. Doch man werde die detaillierte Urteilsbegründung genau studieren.
Stellt Halep nun noch Schadenersatzforderungen?
Die ehemalige French-Open- (2018) und Wimbledon-Siegerin (2019) hat wegen des nun gekippten Verdikts seit der ersten Runde des US Open 2022 nicht mehr gespielt und mittlerweile auch kein Ranking mehr. Dazu kommt der psychische Druck, unter dem sie in den vergangenen Monaten gestanden hat. In einem Eintrag auf Instagram schrieb sie noch vor der Veröffentlichung des TAS-Urteils: «Der Albtraum, in dem ich eineinhalb Jahre gelebt habe, ist endlich vorüber. Ich durfte meinen Standpunkt endlich vor dem TAS darlegen.» Mit hocherhobenem Kopf erwarte sie nun ihr Urteil.
Am Dienstag ist dieses gefallen. Der TAS verurteilte die Itia zur Zahlung einer Genugtuung in der Höhe von 20 000 Dollar an die Rumänin. Doch durch die Sperre sind Halep potenziell Hunderttausende von Dollar an Preisgeldern und Sponsoreneinnahmen entgangen. Ob sie dagegen noch zivilrechtlich vorgehen wird, ist noch nicht bekannt. Ebenso wenig, wo sie auf die Tour zurückkehren wird. In der kommenden Woche beginnt in Indian Wells das erste grössere Tennisturnier seit dem Australian Open im Januar. Dort ist Halep nicht gemeldet. Möglicherweise wird sie eine Wild Card für das folgende Turnier in Miami beantragen.
Wahrscheinlich aber ist, dass die Rumänin erst in der europäischen Sandplatzsaison auf die Tour zurückkehrt. Hinter ihr liegen anderthalb extrem schwierige Jahre. Es wird für sie auch emotional nicht einfach sein, den Anschluss an die Weltspitze wieder zu finden. Mit 32 Jahren gehört sie mittlerweile zu den älteren Spielerinnen. In den Top 20 ist momentan keine Frau klassiert, die das dreissigste Lebensjahr bereits hinter sich hat.