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Das Verdingen war ein wichtiger Pfeiler einer repressiven Sozialpolitik. Armen Familien, die um staatliche Hilfe baten, wurde nicht selten vorgehalten, sie hätten eben zu viele Kinder und müssten eines oder mehrere weggeben, um über die Runden zu kommen. Auf diese Weise, so die damalige Sicht von Behörden, könne die Armut bekämpft und die Gemeindekasse entlastet werden.
Im Agrarkanton Bern kamen die völlig rechtlosen Kinder oft zu Bauern, wo sie harte Arbeit verrichten mussten und vielfach kaum ein gutes Wort zu hören bekamen. Erwachsene Knechte und Mägde zog es häufig in die wachsende Industrie in den Städten, wo sie besser verdienten. Auf den Land mussten an ihrer Stelle die Verdingkinder umso härter anpacken.
Vom harten Los der Verdingten und Zwangsversorgten berichtete unter anderem der Schweizer Schriftsteller Carl Albert Loosli in den 1920-er Jahren. In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden im Kanton Bern die Fälle von «Chrigel», einem Buben im Oberaargau, der von seiner Pflegefamilie sexuell missbraucht worden war, und jener eins fünfjährigen Knaben im Berner Oberland, der nach körperlichen Misshandlungen komplett abgemagert, mit blauen Flecken übersät und Frostbeulen an den Händen gestorben war. Die Pflegeeltern kamen in beiden Fällen vor Gericht.
Journalisten wie Peter Surava oder der Fotograf Paul Senn berichteten immer wieder über Schicksale von Verdingten und «Versorgten». Ein Wertewandel in der Gesellschaft setzte allmählich ein. Doch es sollte noch lange dauern, bis die Verdingkinder mit ihren Schicksalen Gehör fanden.
2006 gab der Kanton Bern als einer der ersten eine wissenschaftliche Studie in Auftrag, um das dunkle Kapitel aufzuarbeiten. 2011 erschien sie als Buch mit dem Titel «Die Behörde beschliesst - zum Wohl des Kindes?». Die Berner Behörden entschuldigten sich im gleichen Jahr bei den Betroffenen.
Die ehemaligen Verdingkinder sind heute längst im Rentenalter und sind zunehmend auf fremde Hilfe zur Bewältigung ihres Alltags angewiesen.