Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/1816

Alle Jahre wieder: Die Wirtschaftsgazetten publizieren die Einkommen der hochbezahlten Wirtschaftskapitäne, worauf gegen die zum Teil grotesken Entschädigungen da und dort Kritik laut wird. In diesem Jahr blieben aber die Reaktionen verhalten, obschon auch 1993 die Big Bosse der grössten US-Firmen Einkommenssteigerungen von 8,5 Prozent verzeichneten.
203 Mio Dollar - damit könnte man annähernd das Bruttosozialprodukt von Grenada egalisieren oder fünf Airbusse des Typs A319 kaufen. 203 Mio Dollar ist auch die Summe, die Michael Eisner, Vorstandsvorsitzender der Walt Disney Company, im letzten Jahr an Salär und Kompensationen kassierte. Das sind 556'000 Dollar im Tag, 23'166 Dollar die Stunde, 386 Dollar pro Minute, egal ob er arbeitet, Golf spielt oder schläft.
Zugegeben: Eisners Jahreseinkommen 1993 erheischt einige Erläuterungen, denn die von den diversen Wirtschaftspublikationen veröffentlichten Lohnstatistiken sagen wenig über den langfristigen Verdienst aus. Der Disney-Chef kommt deshalb auf dieses astronomische Einkommen, weil er 1993 einen grossen Teil seiner Aktienoptionen einlöste. Nimmt man aber sein offizielles Gehalt von 750'000 Dollar, dann sieht dieses im Vergleich zu seiner vollen Kompensation oder im Vergleich zu den Gehältern anderer CEOs geradezu bescheiden aus. Thomas Hahn vom weltweit grössten Papierproduzenten Georgia Pacific und Richard Jenrette von der Versicherungsholding Equitable Cos. bezogen 1993 ein Jahresgehalt plus Bonusse von über 12 Mio Dollar.
Laue Reaktion der Öffentlichkeit
Verblüffend schwach fiel dieses Jahr die Reaktion der Öffentlichkeit aus. "Man sah keine Revolte der Aktionäre und keinen Gegenstoss der Mitarbeiter. Kein Donnern in den Hallen des Parlamentsgebäudes. Keine Resolution der Aktionaäe, um Eisners Salär zu limitieren, obschon Disneys Reingewinn im letzten Jahr um 63 Prozent nachgelassen hatte", wundert sich "Business Week". In der Tat werden solche Top-Saläre kommuniziert, als ob das die normalste Sache der Welt wäre.
Doch der Schein trügt. Behörden und Aktionärsgruppen sind alles andere als glücklich über diese Situation. Doch wenn sie in diesem Jahr die Lohnverhältnisse relativ gelassen zur Kenntnis nahmen, dann nicht zuletzt auch deshalb, weil sich doch die Verhältnisse gegenüber früheren Jahren zum Positiven wendeten. Wohl sind die Entschädigungen der Verwaltungsratsdelegierten auch 1993 angestiegen, wie die New Yorker William M. Mercer Inc. im Auftrag des "Wall Street Journals" bei 350 Grossunternehmen ermittelte - und zwar um 8,5 Prozent. Aber gleichzeitig gehen auch Gewinne und Dividenden. Und im Gegensatz zu früher werden die Gehälter und Kompensationsregelungen wenigstens nicht mehr geheimgehalten. Nachdem die obersten Bosse auch in der Rezession hemmungslos absahnten, sah sich die Securities & Exchange Commission (SEC) zum Einschreiten veranlasst und verordnete eine klare Offenlegung von Gehältern sowie insbesondere Kompensationen und langfristigen Incentives. Gerade letztere sorgten oft für Unruhe, da sie gerne im Form von Aktienoptionen abgegeben werden.
Gesetzliche Beschränkungen der Entschädigungen ist auch bei der SEC kein Thema. Man geht davon aus, dass das Korrektiv in der Transparenz liegt. Einiges deutet darauf hin, dass man mit dieser Annahme nicht weit daneben liegt. Wohl gibt es immer noch unvorstellbare und ungerechtfertigte Entschädigungen; mehr und mehr findet man aber auch Beispiele, die belegen, dass die Proteste der Öffentlichkeit nicht auf taube Ohren stiessen. Beim Pharmamulti Merck & Co. beispielsweise reduzierte sich nicht nur der Reingewinn um 11 Prozent; auch der Lohn und die Bonusse von CEO Roy Vagelos schrumpften um 11 Prozent. Der Spielwarenhersteller Mattel Inc. hatte eine Gewinneinbusse von 26 Prozent zu beklagen, wogegen CEO John Amerman gar 41 Prozent weniger verdiente. "Kein Zweifel", so ein Konsulent in "Business Week", "wir sehen leistungsabhaengige Löhne wie nie zuvor."
Verschiedenste Berechnungsmöglichkeiten
Der Festlegungsmodus der Manager-Saläre kann sich an den verschiedensten Variablen orientieren. Die traditionelle Lehrmeinung vertritt die Ansicht, das Manager-Salär von finanztechnischen Eckdaten wie etwa Gewinn pro Aktie abhängig zu machen. Die Verbände der Aktionäre hingegen sprechen einer Abhängigkeit zwischen Salär und Aktienkurs das Wort. So habe man Gewähr, dass die Manager stärker auf die Anliegen der Aktionäre eingingen. Doch dieser Vorschlag ist nicht ohne Zweifel, schliesslich werden die Kurse oft von anderen als den betrieblichen Ergebnissen beeinflusst, allen voran den Zinssätzen. Unter Umständen erhielten die Wirtschaftsbosse selbst bei negativen Betriebsergebnissen Gratifikationen. So schlägt die Institutional Shareholder Services in Washington für die Bestimmung der Kompensationen ein komplexes Modell mit den verschiedensten Finanzdaten vor. Dabei spielen auch Aktienwert und Dividenden eine erhebliche Rolle. Doch von einer strikten Limitierung will die Aktionärs-Vereinigung nichts wissen; der Executive solle entsprechend seinem Wert bezahlt sein.
Mehr und mehr findet man eher unkonventionelle Kompensationspläne. Bei der Büromöbelfabrik Herman Miller Inc. in Zeeland, Michigan, verdient der CEO das Zwanzigfache des Durchschnittslohns seiner Belegschaft, wie das "Wall Street Journal" berichtet. Der gleichen Quelle ist zu entnehmen, dass der oberste Boss der Ben & Jerry's Homemade Inc. aus Waterbury, Vermont, nur achtmal mehr verdienen darf als der am schlechtesten bezahlte Mitarbeiter. Freilich ist Ben & Jerry noch in mancher Hinsicht ein Unikum, so dass die Geschäftsphilosophie des Eiscreme-Herstellers durchaus als "alternativ" umschrieben werden kann. Dies ist aber auch für den Chef nicht umsonst zu haben: Im Schnitt verdient der CEO einer "Fortune-500"-Gesellschaft das 117-fache des Durchschnittslohns seiner Belegschaft. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 2000 Dollar wären das 234'000 Dollar .
Erschienen in der Handelszeitung am 26. Mai 1994