Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03499.jsonl.gz/707

Russköpfchen - Agapornis nigrigenis
Sattelstorch - Ephippiorhynchus senegalensis
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Das im südlichen Afrika gelegene Sambia geniesst bei uns - im Unterschied zu seinen Nachbarländern Namibia, Botswana und Simbabwe - keinen ausgeprägten Ruf als Tierparadies. Dies allerdings zu Unrecht, denn innerhalb der Grenzen des 753 000 Quadratkilometer grossen Lands (Deutschland: 357 000 km2) findet sich ein breites Spektrum verschiedenartiger Landschaftsformen, welche einer überaus vielfältigen Fauna und Flora Lebensraum bieten. Mit über 600 Brutvogelarten ist beispielsweise die Vogelwelt Sambias formenreicher als diejenige des gesamten europäischen Kontinents.
Zwei Vertreter der gefiederten Einwohner Sambias sollen im folgenden vorgestellt werden: Es handelt sich erstens um das zierliche Russköpfchen (Agapornis nigrigenis)
, welches ausschliesslich in Sambia heimisch («endemisch») ist, und zweitens um den stattlichen Sattelstorch (Ephippiorhynchus senegalensis)
, der zwar in Afrika weitverbreitet vorkommt, von dem aber Sambia bedeutende Brutbestände beherbergt.
Das Russköpfchen
Das Russköpfchen gehört innerhalb der Familie der Papageien (Psittacidae) zur Gattung der Unzertrennlichen (Agapornis)
, von denen es auf dem afrikanischen Festland südlich der Sahara und auf Madagaskar insgesamt neun Arten gibt. Mit ihrem deutschen Namen «Unzertrennliche» wie auch mit ihrem wissenschaftlichen Gattungsnamen «Agapornis» (griech. für «Liebesvogel») sind die kleinen Papageien gut gekennzeichnet. Die Paare halten nämlich ausserordentlich stark zusammen, bekunden ihre Zusammengehörigkeit häufig durch gegenseitige Gefiederpflege und unternehmen stets alle Tätigkeiten gemeinsam.
Das Russköpfchen ist wie alle Unzertrennlichen ein kleiner, «kompakt» gebauter Papagei mit sehr kurzem Schwanz und verhältnismässig grossem Krummschnabel. Die Gesamtlänge beträgt im Durchschnitt etwas über 13 Zentimeter, das Gewicht um 30 Gramm. Arttypisch ist der braunschwarz gefärbte - «russfarbene» - Kopf, von dem ja auch der deutsche Name herrührt. Männchen und Weibchen unterscheiden sich weder durch ihre Färbung noch durch ihre Körpergrösse voneinander.
Von allen neun Unzertrennlichen hat das Russköpfchen zweifellos das kleinste Verbreitungsgebiet: Es bemisst sich auf lediglich etwa 6000 Quadratkilometer und befindet sich ganz im Süden Sambias im Bereich des Sambesi-Tals, vom Machili-Fluss ostwärts bis zur Gegend der Victoria-Fälle und von da nordwärts bis zum Kafue-Nationalpark. Es gibt Hinweise darauf, dass es früher auch im angrenzenden Nordsimbabwe sowie im Caprivi-Zipfel - einem schmalen, zu Namibia gehörenden, südwestlich von Sambia gelegenen Landstreifen - heimisch war. In beiden Regionen konnte die Art jedoch seit vielen Jahren nicht mehr nachgewiesen werden.
Das Russköpfchen scheint bezüglich seines Lebensraums sehr strikte Ansprüche zu haben. Jedenfalls findet man es innerhalb seines ohnehin stark begrenzten Verbreitungsgebiets ausschliesslich in trockenen, laubabwerfenden Wäldern in mittlerer Höhenlage, in welchen Mopane-Bäume (Colophospermum mopane)
vorherrschen und welche an Waldungen angrenzen, in denen vornehmlich Sambesiteak-Bäume (Baikiaea plurijuga)
wachsen. Soweit wir wissen, hält sich das Russköpfchen während der Trockenzeit praktisch ständig im Mopane-Wald auf und ernährt sich zur Hauptsache von den Samen gewisser Hyparrhenia
-Gräser, welche im lichten, lückigen Wald zwischen den Bäumen wachsen, sowie von den Samen bestimmter Büsche und Sträucher entlang der lokalen Wasserläufe. Während der Regenzeit unternimmt es dann regelmässig Ausflüge in den angrenzenden Sambesiteak-Wald, um hauptsächlich die frisch spriessenden Blätter der dort wachsenden Padouk-Bäume (Pterocarpus antunesiana)
zu verspeisen. Warum sich das Russköpfchen hinsichtlich seiner Kost dermassen «eigenwillig» verhält, ist nicht bekannt.
Russköpfchen sind gewöhnlich in Schwärmen von zwanzig und mehr Individuen beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen unterwegs. Pfeilschnell - mit schwirrenden Flügelschlägen - fliegen sie anlässlich ihrer Fresswanderungen knapp über den Kronen des Mopane-Walds dahin, äussern dabei häufig ihre schrillen Rufserien und fallen hier und dort alle gleichzeitig an einem erspähten Futterplatz ein.
Sein Nest baut das Russköpfchen-Paar in einer Baumhöhle. Im Unterschied zu vielen anderen Papageien gibt es sich mit einer leeren Höhlung keineswegs zufrieden, sondern verfertigt darin aus zerfaserten Zweigen, Grashalmen und Rindenstreifen ein umfangreiches Kugelnest. Das Beschaffen des Nistmaterials ebenso wie das Verbauen desselben wird allein vom Weibchen erledigt. Das Männchen hält sich zwar ständig in unmittelbarer Nähe des Weibchens auf, scheint aber zum eigentlichen Nestbau nichts beizutragen.
Auf den gewöhnlich vier bis fünf, manchmal auch bis acht Eiern brütet nur das Weibchen. Es wird vom Männchen, das sich nachts ebenfalls ins Nest begibt, mit Futter versorgt. Nach gut drei Wochen schlüpfen die Jungen aus den Eiern. Sie wachsen rasch heran, denn sowohl das Weibchen als auch das Männchen sind nun ständig damit beschäftigt, die nimmersatte Jungenschar mit Futter zu versorgen. Fertig befiedert sind die jungen Russköpfchen nach etwas mehr als einem Monat, und etwa am vierzigsten Tag verlassen sie das Nest zum ersten Mal. Obschon sie von Anfang an selbständig nach Futter suchen, werden sie von ihren Eltern noch rund zwei Wochen lang zugefüttert. Sie sind im übrigen recht «frühreife» Vogelkinder, die schon im Alter von vier Monaten - sobald sie ihr Jugendgefieder gegen das Erwachsenenkleid eingetauscht und einen Lebenspartner gefunden haben - selbst zur Fortpflanzung schreiten können.
Der Lebensraum des Russköpfchens, der Mopane-Wald, eignet sich schlecht für die landwirtschaftliche Nutzung. Aus diesem Grund stand er zu keiner Zeit in Gefahr, vom Menschen «zweckentfremdet» und seinen tierlichen Bewohnern entzogen zu werden. Lebensraumverlust hat darum die Russköpfchenpopulation bisher kaum beeinträchtigt, und dies dürfte auch in absehbarer Zukunft so bleiben. Dennoch gilt die Art als bedroht. Zum Verhängnis ist dem hübschen Vogel geworden, dass er wie die meisten Mitglieder der Papageienfamilie als Käfig- und Volierenvogel in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt sehr begehrt ist.
Schon bald nachdem das Russköpfchen im Jahr 1906 entdeckt und wissenschaftlich beschrieben worden war, gelangten ein paar der kleinen Papageien nach Europa, wo sie sich als einfache und liebenswerte Pfleglinge herausstellten. Die Nachfrage nach Russköpfchen wuchs damals schnell, so dass zur Deckung des Bedarfs die Wildbestände regelrecht «geplündert» wurden. Fang und Export erreichten 1929 ihren Höhepunkt, als innerhalb von nur vier Wochen sage und schreibe 16 000 der bedauernswerten Vögel der freien Wildbahn entnommen wurden! Damals hat - wen wundert's - die Wildpopulation einen Kollaps erlitten, von dem sie sich bis heute nicht mehr erholt hat. Obschon Jagd, Fang und Ausfuhr von aus der freien Wildbahn stammenden Russköpfchen gemäss sambischer Gesetzgebung seit geraumer Zeit verboten sind und obschon heute tatsächlich kaum mehr «Wildlinge» auf dem internationalen Vogelmarkt auftauchen, treten die Vögel innerhalb ihres Heimatgebiets weiterhin örtlich begrenzt und nur in kleinen Beständen auf. Aus diesem Grund - und weil ein neuerliches Aufflackern von Fang und Handel wildlebender Russköpfchen angesichts der Unsummen, die von skrupellosen Papageienzüchtern für solche «Raritäten» bezahlt werden, stets möglich ist - müssen die bestehenden Gesetze zum Schutz der Art unbedingt aufrecht erhalten bleiben und strikt vollzogen werden.
Nur ein schwacher Trost ist die Tatsache, dass in Gefangenschaft ein recht umfangreicher, gut züchtender Bestand an Russköpfchen existiert. Denn zum einen hat die häufige Kreuzung der Tiere mit anderen Unzertrennlichen dazu geführt, dass die meisten Bestände in Menschenobhut nicht mehr reinblütig sind. Zum anderen darf dies keinesfalls die Rechtfertigung dafür sein, mit den Bestrebungen zur Erhaltung der Vögel in der freien Wildbahn nachzulassen.
Der Sattelstorch
Der Sattelstorch ist einer von weltweit neunzehn Mitgliedern der Storchenfamilie (Ciconiidae). Mit einer Standhöhe von etwa anderthalb Metern, einer Flügelspannweite von bis zu 2,7 Metern und einem Gewicht um 6 Kilogramm gehört er zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde.
Ausserdem zählt der Sattelstorch zu den weitestverbreiteten Vögeln Afrikas: Südlich der Sahara kann man ihm fast in allen Regionen des Kontinents begegnen. Allerdings kommt er stets örtlich stark begrenzt, fleckenweise, vor. Dies hat mit seinen Lebensraumansprüchen zu tun: Der Sattelstorch ist ein Vogel grossflächiger Feuchtgebiete, insbesondere ausgedehnter Sümpfe, weitläufiger Überschwemmungsebenen und umfangreicher Verlandungszonen seichter Seen. Nur hier findet der stelzbeinige Storch ideale Lebensbedingungen.
Der Sattelstorch ernährt sich ausschliesslich von tierlicher Kost. Fische bilden seine Hauptnahrung, doch ist sein Speisezettel recht abwechslungsreich und umfasst unter anderem auch Frösche, Krebse, Schnecken, Schlangen und Nager. Bei der Jagd nach Beutetieren schreitet der eindrucksvolle Vogel gewöhnlich in eiliger, geschäftiger Art im seichten Wasser umher - mit vorgestrecktem Kopf und nach unten gerichtetem, stets einsatzbereitem Schnabel. Hie und da stösst er blitzschnell und zielsicher nach Beutetieren, die seine Augen erspäht haben. Alle paar Schritte taucht er aber auch den Schnabel «blindlings» ins Wasser, um dadurch Wassertiere aufzuschrecken, die sich zwischen den Pflanzen versteckt halten und die er dann mit einer erstaunlichen Reaktionsschnelligkeit und Präzision erhascht. Mitunter jagt der Sattelstorch auch nach «Reihermanier»: Er bleibt wie versteinert an einer günstigen Stelle stehen und wartet darauf, dass ein unvorsichtiges Beutetier in seine Reichweite kommt.
Sattelstörche sind sesshafte Vögel. Sie halten sich paarweise in festen Territorien auf, aus denen sie besonders während der Brutzeit sämtliche fremden Artgenossen energisch vertreiben. Jedes Paar verfügt innerhalb seines Reviers über ein mächtiges, aus Ästen und Zweigen gebautes Nest, das sich stets im obersten Bereich eines möglichst hohen, einzelstehenden Baums befindet und somit freie Sicht nach allen Seiten gewährt. Jahr für Jahr benützt das Sattelstorchenpaar diesen Horst als «Kinderstube», wobei es ihn alljährlich während der Balz- und Paarungszeit noch etwas ausbessert und die Nestmulde neu mit Blättern, Schilfhalmen und lehmiger Erde auskleidet.
Das Gelege der Sattelstörche besteht gewöhnlich aus zwei bis drei, gelegentlich aus vier, selten aus fünf Eiern. Beide Altvögel wechseln einander beim einmonatigen Bebrüten der Eier regelmässig ab und beteiligen sich anschliessend auch zu gleichen Teilen am Hudern und Füttern der sehr gefrässigen Jungen. Die Jungstörche beginnen schon im Alter von etwa zwei Monaten, ihre Flügel bei geeignetem Wind auszubreiten und spielerisch in die Höhe zu springen. Erst nach ungefähr drei Monaten sind sie jedoch flügge und damit in der Lage, das Nest zu verlassen und ihre Eltern zu den Futterplätzen zu begleiten. Dort lernen sie dann durch Nachahmen die Kleintier-Fangtechniken, die ein Sattelstorch zum Überleben braucht. Die Geschlechtsreife erreichen die jungen Sattelstörche zwar erst im Alter von etwa drei Jahren, doch sind sie wie alle Störche recht langlebige Wesen: Einzelne Individuen sind in Menschenobhut schon bis zu 36 Jahre alt geworden.
Im Gegensatz zum Russköpfchen ist der Sattelstorch in keiner Weise durch den Tierhandel, hingegen massiv durch den fortschreitenden Verlust von Lebensraum gefährdet. Feuchtgebiete gelten leider auch heute noch auf der ganzen Welt als wertlose «Unländer», die es nach Möglichkeit trockenzulegen und urbar zu machen oder aber aufzustauen und für die Gewinnung elektrischer Energie zu nutzen gilt. Das ist auch in Afrika der Fall, wo die rasch anwachsende menschliche Bevölkerung immer mehr Anbaufläche und elektrische Energie benötigt. Als Folge davon schrumpft der Lebensraum des Sattelstorchs seit Jahrzehnten Stück für Stück; immer weiter wird der grosse Storchenvogel zurückgedrängt.
Über die Grösse der Sattelstorch-Restbestände in den verschiedenen Regionen Afrikas gibt es bislang erst wenige Informationen. Eines der wenigen Gebiete, wo eine präzise Bestandserhebung durchgeführt wurde, ist das grossflächige Bangweulu-Becken im Nordosten Sambias. Der dortige Sattelstorchbestand - einer der grössten, die wir kennen - wurde Anfang der achtziger Jahre auf lediglich etwa 275 Individuen geschätzt. Eine Schätzung aus jüngerer Zeit liegt im übrigen für die Republik Südafrika vor: Dort sollen alles in allem höchstens noch fünfzig Sattelstorchenpaare überleben. Es deutet also manches darauf hin, dass der Gesamtbestand des Sattelstorchs bedeutend geringer ist, als man aufgrund seines riesenhaften Verbreitungsgebiets anzunehmen geneigt ist.
Kein Zweifel: Um den Fortbestand des Sattelstorchs zu sichern, müssen dringend seine letzten Rückzugsgebiete vor dem schädigenden Zugriff durch den Menschen geschützt werden. In Sambia ist die Situation diesbezüglich recht erfreulich: Nicht nur liegt ein Grossteil des Bangweulu-Beckens innerhalb bestehender Natur- und Wildschutzgebiete, darunter dem Isangano-Nationalpark. Auch die feuchten Kafue-Niederungen im mittleren Westen Sambias, welche ebenfalls einen ansehnlichen Sattelstorchbestand beherbergen, stehen grossenteils innerhalb der Grenzen des Kafue-Nationalparks unter Schutz. Lassen die Bestrebungen der sambischen Behörden zur Erhaltung dieser Schutzgebiete nicht nach, so hat der Sattelstorch zumindest hier eine gute längerfristige Überlebenschance.
ZurHauptseite