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von Patrick Truffer (English version). Er arbeitet seit über 15 Jahren in der Schweizer Armee, verfügt über einen Bachelor in Staatswissenschaften der ETH Zürich und über einen Master in Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin.
Zu Unrecht ist in den mitteleuropäischen Breitengraden von den Veränderungen in der Arktis wenig zu hören. Der an der Zusammenkunft des Arctic Circle in 2014 eingeführte Begriff “Global Arctic” unterstreicht die Tragweite der Veränderungen in der Arktis. Gemäss Konrad Steffen, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, hat das schmelzende Eisschild in Grönland in den letzten 40 Jahren den Meeresspiegel durchschnittlich um 1 mm pro Jahr ansteigen lassen; bis 2100 sollen es zusammengefasst noch einmal rund 1 m sein. Dies wird global zu einer nachhaltigen Veränderung der Küstenregionen führen. Nicht nur haben die Veränderungen in der Arktis globale Auswirkungen, sondern entfernte Ereignisse, wie beispielsweise zunehmende Kohlendioxidemissionen, bewirken weitreichende Veränderungen in der Arktis. Diese wechselwirkende Beeinflussung ist nicht nur im ökologischen, sondern auch im ökonomischen, geopolitischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bereich erkennbar (Lassi Heininen und Matthias Finger, “The ‘Global Arctic’ as a New Geopolitical Context and Method“, Journal of Borderlands Studies, 04.12.2017). Um so wichtiger ist eine überregionale aber auch interdisziplinäre Zusammenarbeit, um die heutigen und zukünftigen Herausforderungen in Verbindung mit der arktischen Region bewältigen zu können. Diese Rolle fällt dem Arktischen Rat zu, welcher ein zwischenstaatliches, stark wissenschaftlich geprägtes Forum darstellt. Die Ziele des Arktischen Rates sind Kooperation, Koordination und Interaktion zwischen den arktischen Staaten bei typisch arktischen Themen zu fördern und dabei die Gemeinschaften der indigene Bevölkerung mit einzubeziehen. Die in der Ottawa Deklaration von 1996 aufgelisteten arktischen Staaten, welche den Kern des Arktischen Rates bilden, sind Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden, und die USA. Zusätzlich besitzen momentan 13 Staaten, 13 internationale und 13 nichtstaatliche Organisationen einen Beobachterstatus. Nicht nur hat Finnland am 10. Treffen des Arktischen Rates im Mai 2017 für die nächsten zwei Jahre den Vorsitz übernommen, die Schweiz wurde auch offiziell in den Kreis der Staaten mit Beobachterstatus aufgenommen. Im Rahmen des von “foraus – Forum Aussenpolitik” in Zusammenarbeit mit der Finnischen, Schwedischen und Norwegischen Botschaft sowie mit dem Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten organisierten Anlass “The Arctic – closer than you think” wurde die arktische Strategie der drei nordischen Staaten betrachtet. Schliesslich blieb die Frage im Raum stehen, wie sich die Schweiz als Beobachter im Arktischen Rat möglichst gewinnbringend einbringen könnte.
Die finnische Strategie für die arktische Region wurde letztmalig im Oktober 2012 verabschiedet und hinsichtlich der Übernahme des Vorsitzes im Arktischen Rat 2016 leicht aktualisiert. Sie basiert auf vier Säulen:
- Finnland ist ein arktischer Staat. Ein Viertel des finnischen Territoriums liegt nördlich des Polarkreises. Ein Drittel der Bevölkerung, welche nördlich dem 60. Breitengrad lebt, besitzt die finnische Staatsbürgerschaft – dazu gehört auch ein Teil der Samen, die einzige indigene Volksgruppe innerhalb der EU. Für Finnland ist es deshalb wichtig, dass die Arktis ein stabiler und sichere Raum bleibt.
- Finnland verfügt über eine hohe arktische Expertise. Das Ziel der finnischen Regierung ist, dass Finnland die Veränderungen in der Arktis versteht, sich diesen Veränderungen anpassen oder diese gar nutzen kann. Finnland will jedoch nicht nur bei der arktischen Forschung einen Spitzenplatz einnehmen, sondern die wirtschaftliche Nutzung basierend auf der arktischen Expertise in einer verantwortungsvollen Art und Weise wahrnehmen.
- Finnland setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen in der arktischen Region ein.
- Finnland fördert die internationale Kooperation bezüglich der arktischen Region.
Der finnische Botschafter und Vorsitzender des Arktischen Rates, Aleksi Härkönen unterstrich die gute Zusammenarbeit im Arktischen Rat, auch wenn er sich aufgrund des negativen Trends in den Internationalen Beziehungen Sorgen über die weitere langfristige Zusammenarbeit macht. Die Internationalen Beziehungen werden insbesondere durch die globalen machtpolitischen Veränderungen und durch die geopolitische Konkurrenz der Grossmächte belastet. Deshalb scheint es für den Arktischen Rat von Vorteil zu sein, dass er sich nicht mit sicherheitspolitischen Themen befasst (siehe auch Christoph Humrich, “Sicherheitspolitik im Arktischen Rat? Lieber Nicht!“, Sicherheit & Frieden 33, Nr. 3 (2015): 23–29). Eine gute Zusammenarbeit im Arktischen Rat ist im Interessen aller, denn der Klimawandel wird zu grundlegenden Veränderungen in der arktischen Region führen, welche alle arktischen Staaten betreffen wird. Neue Seewege und neu verfügbare Ressourcen sollen in einer verantwortungsvollen Art und Weise genutzt werden. Es geht darum, die Region wirtschaftlich zu erschliessen und gleichzeitig Umwelt sowie den Lebensraum der indigenen Bevölkerung zu schützen. Deshalb will Finnland sich während seines Vorsitzes bis 2019 schwergewichtig für die Eindämmung und Anpassung der Folgen des Klimawandels und für die nachhaltige Nutzung des arktischen Raumes einsetzen. Betreffend der Nutzung neuer Seewege hat der Arktische Rat im Februar eine Internationale Konferenz zur harmonisierten Implementierung des “Polar Codes” organisiert, welcher seit anfangs 2017 durch die Internationale Seeschifffahrts-Organisation für Schiffe, welche in den beiden Polar-Regionen navigieren, in Kraft gesetzt wurde. Unter anderem betreibt der Arktische Rat ein Forum für das vorbildliche Verhalten arktischer Schifffahrt, führte im März in Finnland eine Stabsübung zur Bekämpfung einer Öl-Havarie im arktischen Meer durch, organisiert im Oktober dieses Jahres ein Kongress über die arktische Biodiversität und ein Treffen der Umweltminister aller arktischen Staaten (Aleksi Härkönen, “A Look Ahead: The Arctic Council in 2018“, Arctic Council, 09.02.2018).
Finnland ist mit seiner Strategie für die arktische Region nicht alleine. Norwegen und Schweden haben sehr ähnliche Strategien definiert. Die norwegische Botschafterin für arktische und antarktische Angelegenheiten, Anniken Krutnes erinnerte daran, dass die Arktis eine prosperierende, stabile und friedliche Gegend darstelle. Dabei handle es sich bei der Arktis nicht nur um Eis- und Schneefelder. Verschiedenen Regionen können unterschiedliche Gestalt annehmen und während des Sommers durchaus in einem grünen Kleid erscheinen. Der Klimawandel werde jedoch alle diese unterschiedlichen Regionen beeinflussen. Der Arktische Rat stelle eine wichtige Institution dar, um Prosperität, Stabilität, Frieden und eine nachhaltige wirtschaftliche Nutzung in dieser Region sicherzustellen. Der einfachere Zugang zu den natürlichen Ressourcen dürfe nicht zu einem Abbauwettkampf führen. Bei der Fischerei werde bereits heute basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen darauf geachtet, dass die Fischbestände in der arktischen Region nur soweit genutzt würden, wie sie sich wieder regenerieren könnten. Norwegen hat an der wirtschaftlichen Entwicklung der Region grosses Interesse, denn die Hälfte seiner Landmasse und rund 10% der norwegischen Bevölkerung befindet sich in der arktischen Region.
Der schwedische Botschafter für arktische Angelegenheiten, Björn Lyrvall unterstrich ebenfalls die Wichtigkeit des Arktischen Rates. Egal wie die zwischenstaatlichen Beziehungen in anderen Politikfeldern aussehen würden, gäbe es im Arktischen Rat einen Konsens über die wichtigsten Punkte und die Prioritäten. Dementsprechend hob er ebenfalls die Chancen hervor, welche mit der Klimaerwärmung einhergehen: Der Zugang zu Ressourcen und die Nordostpassage als kürzere, wirtschaftlichere und sicherere Verbindung zum ostasiatischen Raum, als dies heute mit der Standardroute durch den Suez-Kanal der Fall sei.
Somit decken sich die Inhalte und Strategien der drei nordischen Botschaftern. Natürlich sei die Klimaerwärmung eine Herausforderung, doch die dadurch entstehenden Chancen seien zu nutzen. Diese Sichtweise scheint etwas zu positiv gefärbt zu sein, denn die Herausforderungen für die Küstenregionen aufgrund der Erhöhung des Meeresspiegels sowie für die indigene Bevölkerung aufgrund der Veränderung der Lebensweise durch die Klimaerwärmung wurden von den Botschaftern nicht näher angesprochen. Insbesondere der Abbau der Bodenschätze könnte einen negativen Einfluss auf Umwelt und Bevölkerung der Region haben. Gemäss der U.S. Geological Survey befinden sich 13% der noch nicht erschlossenen Erdölressourcen und 30% des Erdgases in der arktischen Region. Ein nachhaltiger, umweltfreundlicher Abbau dieser Ressourcen grenzt an einer Wunschvorstellung. Deshalb fand Anna Stünzi, Co-Leiterin Programm Umwelt, Energie & Verkehr bei “foraus – Forum Aussenpolitik” in der Diskussion, dass es hinsichtlich der nachhaltigen, umweltfreundlichen Entwicklung der arktischen Region besser wäre, wenn auf einen Abbau dieser Bodenschätze verzichtet würde. Die Reaktion der norwegischen Botschafterin zeigte jedoch unmissverständlich auf, dass Norwegen auf eine solche wirtschaftliche Gelegenheit nicht verzichten will, sei es nur schon, um der norwegischen Bevölkerung in dieser Region eine möglichst positive wirtschaftliche Zukunftsperspektive zu bieten. Im Gegenteil, bereits heute baut die norwegische Statoil, bei welcher 67% der Aktien in staatlichem Besitz liegen, Erdgas in der arktischen Region ab und betreibt in Hammerfest die in Europa grösste Aufbereitungsanlage für Flüssigerdgas. Ausserdem baut die norwegische Store Norske Spitsbergen Kulkompani in kleinem Rahmen Kohle in Spitsbergen ab. Auch die finnische Strategie zeigt unmissverständlich auf, dass Finnland die Ressourcen in der Arktis wirtschaftlich nutzen will.
Die Schweiz könnte sich als Beobachter im Arktischen Rat für den Schutz der Umwelt und für die Lebensweise der indigenen Bevölkerung einbringen. Noch scheint die schweizerische Strategie in der Arktik nicht formuliert zu sein – dieser Eindruck vermittelte jedenfalls der schweizerische Botschafter Stefan Flückiger, Leiter des Leistungsbereichs Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen im Staatssekretariat für Wirtschaft des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Er unterstrich lediglich die Wichtigkeit des Beobachterstatus hinsichtlich der gemeinsamen Forschungsanstrengungen. Die Schweizer Alpen hätten viel Gemeinsames mit der Arktis. Während der vier Jahre dauernden Kampagne zur Erlangung des Beobachterstatus im Arktischen Rat wurde die Schweiz als “vertikale arktische Nation” angepriesen. Die Schweiz ist seit über 100 Jahren in der Arktis aktiv und im Forschungsbereich kann sie sich mit den Besten messen (Tina Herren, “Beobachter im Arktischen Rat – ‘Wir haben ähnliche Probleme wie die Arktis’“, Interview mit Stefan Flückiger, Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), 12.05.2017). Um die Forschung in diesem Bereich noch stärker zu fördern wurde 2016 das Swiss Polar Institute gegründet. Der Arktische Rat seinerseits unterstützt jährliche 10 Forschungsprojekte in der Arktis. Die Schweiz kann also hinsichtlich der Forschung nicht nur viel von ihrem Beobachterstatus profitieren, sondern auch viel anbieten. Trotzdem wäre es eine ungenutzte Chance, wenn sich die Schweiz als Beobachter im Arktischen Rat ausschliesslich auf Forschungsthemen beschränken würde.