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Bringt man Kindern das Sprechen bei, soll man das, so die gängige Empfehlung, in derjenigen Sprache (oder Sprachen) tun, die man selbst in der Kindheit von seinen Bezugspersonen gelernt hat, also in der sogenannten Muttersprache. Gut gemeinte Förderungsbemühungen mit Englisch auf Schulniveau oder bruchstückhaft gelerntem Chinesisch seien vergebliche Mühen. Weshalb eigentlich? Natürlich aus dem naheliegenden Grund, dass man die eigene Muttersprache in den meisten Fällen schlicht am besten beherrscht. Aber eben auch, weil sie noch viel mehr umfasst als korrekte Aussprache und fehlerfreie Grammatik. Die in der Kindheit gelernte Sprache ist Trägerin von Gefühlen, Erinnerungen, Charakterzügen, Kultur und vielem mehr – kurz, sie ist Trägerin eines grossen Stücks eigener Identität. Wird eine Sprache nicht mehr gesprochen, geht mit ihrem Verschwinden also auch ein wesentlicher Teil der Identität ihrer Sprecher:innen verloren. Dieses Schicksal kennt die jiddische Sprache nur zu gut, die mehrmals in ihrer Geschichte geächtet und hinter verschlossene Türen verbannt wurde.
Jiddisch ist neben dem Deutschen die zweite germanische Sprache, die in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg im ganzen Raum von Polen bis Rumänien verbreitet war. Im Mittelalter wurde die Alltagssprache der jüdischen Minderheit allerdings weit darüber hinaus von Nordostfrankreich bis ins Rheinland gesprochen. Im Zuge der Kreuzzüge wurde das Jiddische dann allerdings in den europäischen Osten vertrieben. Während die Sprache als einfache Sprache des Volkes auch unter jüdischen Gelehrten einen schweren Stand hatte und aus dem Westen mehr und mehr verschwand, wuchs sie im Osten umso stärker: Nach 1800 umfasste die Zahl derer, die Jiddisch sprachen und schrieben, mehrere Millionen Menschen.
Und obwohl die Sprache aufgrund der Ablehnung der bessersituierten jüdischen Bevölkerung und den beginnenden sowjetischen antijüdischen Repressionen schon damals wieder zur «Geheimsprache» wurde, entwickelte sich in den 1920er-Jahren eine lebendige jiddische Theaterszene mit eigenem jiddischen Repertoire, das durch Dramen von Shakespeare bis Strindberg und auch Opern von Rigoletto bis Parsifal (!) in jiddischer Übersetzung ergänzt wurde.
«kleynkunst» – Jiddische Cabaret-Lieder aus dem Polen der Zwischenkriegszeit
Neben ernstem Theater waren aber vor allem auch die Unterhaltungsbühnen und die reisenden Kompanien für «kleynkunst» mit ihren komödiantischen, parodistischen Stücken – die stets mit Musik verbunden waren – sehr erfolgreich. Es ist ein Wunder, dass diese jiddischen Cabarets die wohl einschneidendste Katastrophe in der modernen jüdischen Geschichte überlebten. Während der Zweite Weltkrieg tobte und der Holocaust das jahrhundertealte jüdische Leben Osteuropas in all seiner Vielfalt zu einem Ende brachte, wurden etwa in Polen, inmitten der Zerstörung, weiterhin jiddische Revuen aufgeführt. In den Ghettos von Warschau und Lodz wurden jüdische und jiddische Theater von den deutschen Besatzern gar gezielt erlaubt. Die Eintrittskarten waren einigermassen erschwinglich (für den Preis eines Brotes gab es sechs Karten), und obwohl die Bevölkerung unter Kälte und Hunger litt und die Bedingungen sowohl für die Künstler:innen als auch für das Publikum nur schwer auszuhalten waren, erfreuten sich die Theater in den Ghettos grosser Beliebtheit.
Fünf jiddische Lieder aus den polnischen Cabarets der Zwischenkriegszeit hat das Jerusalem Quartet ausgewählt und den Komponisten Leonid Desyatnikow mit deren Vertonung beauftragt. Auch Desyatnikow, der 1955 in Charkiw in der heutigen Ukraine geboren wurde, kennt das Jiddische aus der eigenen Kindheit als Geheimsprache – aber als eine, die seine Eltern gelegentlich verwendeten, um Dinge zu besprechen, die nicht für Kinderohren bestimmt waren … Das Jerusalem Quartet und die aus Israel stammende Hila Baggio, die sowohl im Konzert The Yiddish Cabaret als auch auf der gleichnamigen CD als Sängerin in Erscheinung tritt, eröffnen damit einen faszinierenden Blick auf die vergangene Kunst des jiddischen Cabarets und lassen ein Stück jiddischer Identität wiederaufleben.