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Ein Ort in Radovish, an dem Marica willkommen ist
16. Januar 2020
Der Januar ist eine Zeit, in der viele von guten Vorsätzen angetriebene Menschen Sport treiben, um etwas von ihrem Zuviel abzutrainieren. Was aber ist mit Menschen wie Marica, denen eher das Zuwenig Sorge bereitet, für die selbst eine warme Mahlzeit pro Tag keine Selbstverständlichkeit ist?
Radovish ist eine Kleinstadt im Südosten von Nordmazedonien mit rund 16’000 Einwohner/innen. Wie so viele andere Städte des Landes hat auch Radovish eine nur schwach entwickelte Wirtschaft. Wem es irgendwie möglich und wer körperlich dazu in der Lage ist, fährt jeden Tag in nahegelegene Städte, um dort Arbeit zu suchen. Doch vor allem Menschen über 45 oder 50 Jahre sind für die Mehrheit der Arbeitgeber nicht von Interesse. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit treibt viele in die Armut, aus der sie kaum noch einen Ausweg finden.
Nahrung und Kleidung
Zu den Menschen, die in Radovish von Armut betroffen sind, gehört auch Marica. Sie kommt regelmässig zum Projekt «Warme Mahlzeit in Radoviš», das die Methodist/innen Nordmazedoniens aufgebaut haben. Die Mahlzeiten kommen aus dem 30 km südöstlich von Radovish gelegenen Strumica. Dort hatte die Methodistenkirche vor vielen Jahren das «Miss Stone-Zentrum» aufgebaut. Fünfmal pro Woche beginnen die Angestellten dort am frühen Morgen damit, mehr als 160 Mahlzeiten für Menschen in schwierigen Lebenssituationen zuzubereiten. Diese werden dann mit einem Fahrzeug ausgeliefert. Sobald die Mahlzeiten für das «Essen auf Rädern»-Programm gekocht sind, beginnt die Vorbereitung von weiteren 50 Mahlzeiten, die dann nach Radoviš gebracht werden. Im Raum, der in Radovish für die Mahlzeitenabgabe gefunden werden konnte, werden auch gebrauchte Kleider gesammelt. Neben der warmen Mahlzeit können die rund 50 Begünstigten des Programms also auch ein gut erhaltenes Kleidungsstück mitnehmen, wenn sie ein solches benötigen.
Schutzlos
Die heute 61-jährige Marica wurde unehelich geboren, aber nach zwei oder drei Jahren heiratete ihre Mutter den jetzigen Stiefvater von Marica, der noch lebt, während ihre Mutter verstorben ist. Als Marica fünf oder sechs Jahre alt war, wurde sie von den Kindern aus der Nachbarschaft immer wieder verspottet, dass sie keinen Vater hätte. Oft fragte sie ihre Mutter, wo ihr Vater sei, aber sie bekam nie eine richtige Antwort. Und die Vorstellung, dass ihr Stiefvater ein richtiger Vater sein könnte, stimmte überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Maricas Stiefvater misshandelte und schlug sie immer wieder, bis Marica im Alter von acht Jahren mit einer gebrochenen Wirbelsäule und einer Lähmung im Krankenhaus landete. Glücklicherweise war Marica nach einigen Wochen Therapie wieder auf den Beinen, aber mit lebenslangen Folgen. Aufgrund des damaligen Systems in Mazedonien gab es für Marica und ihre Mutter keinen Ort, an dem sie Hilfe oder Zuflucht hätten finden können.
Auch in der Schule wurde Marica von ihren Mitschüler/innen schikaniert. Wenn sie nach Hause kam, erlebte sie das gleiche Mobbing von ihrem Stiefvater, sodass sich die Situation allmählich auf ihre geistige Gesundheit auswirkte. Schliesslich wurde bei ihr eine geistige Behinderung diagnostiziert. Während all dieser Jahre wurde auch ihre Mutter ständig missbraucht. Sie litt ebenso, konnte aber bis zu ihrem Tod im Alter von 65 Jahren keinen Schutz und keine Hilfe finden.
Die schönste Zeit
Als Marica längst eine erwachsene Frau war, stand sie vor der Frage, wer sich um ihren alten Stiefvater von 85 Jahren kümmern würde. Sie beschloss, ihn zu pflegen und ihm zu helfen, so viel sie kann und so viel ihre geistige Behinderung es ihr erlaubt. Die beiden leben immer noch im selben Haus. Marica hat ein Zimmer, das ihr als Rückzugsmöglichkeit dient. An Rache denkt sie nicht. Mit einem Lächeln aber sagt sie, dass dies die schönste Zeit in ihrem Leben sei. Sie ist sehr dankbar für das Projekt «Warme Mahlzeit in Radovish». Hier erhält sie eine warme Mahlzeit und hat eine Möglichkeit zur Gemeinschaft an einem Ort, an dem sie sich sicher und willkommen fühlt.
Die Programme in Radovish und Strumica vermögen keine strukturellen Probleme zu lösen. Aber sie lassen Menschen in schwierigen Situationen Hilfe erfahren. Sie wecken bei Menschen wie Marica Hoffnung und geben ihnen Mut, selber Schritte zu wagen.
Quelle: Miss Stone-Zentrum, Strumica / Urs Schweizer (Bischofssekretariat)
Beitragsbild: Martin Konev, Miss Stone-Zentrum, Strumica
Sie können helfen!
Connexio, das Hilfswerk der Methodist/innen in der Schweiz, unterstützt die Arbeit des Miss Stone-Zentrums. Hier können Sie spenden. (Unter «Bemerkung» bitte angeben: Projekt-Nr.: 22570 & 22580)