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Übersetzer sind verwegene Kämpfer, die den Turm von Babel angreifen.
Albert Camus
Als Gott die Menschheit für ihren babylonischen Grössenwahn mit dem Fluch der Vielsprachigkeit belegte, da versuchten die Engel, ihn davon abzubringen. „Bedenke, oh Allgütiger“, sagte Azariel, „dass Mehrsprachigkeit eines Tages dazu führen wird, dass die Leute in den Werbeagenturen ihre eigene Sprache vergessen und Englisch für Deutsch halten.“ Aber er konnte Gott nicht überzeugen, weil Werbeagenturen bekanntlich ein Werk des Teufels sind.
„Berücksichtige, oh Allwissender“, sagte Barachiel, „dass in einer mehrsprachigen Welt die deutschen Gebrauchsanweisungen eines Tages so chinesisch sein werden, dass sie einem spanisch vorkommen.“ Auch davon liess sich Gott nicht erweichen. Wer allmächtig ist, hat kein grosses Interesse an Gebrauchsanweisungen.
Da versuchte es Gabriel, der würdigste der Erzengel, und sprach also: „Bestrafe nicht jene, oh Allerbarmender, die unter der Mehrsprachigkeit unschuldig leiden werden!“
Der liebe Gott wusste in seiner Allwissenheit auch gleich, wen Gabriel damit meinte: Die Übersetzer und Übersetzerinnen von J.K.Rowling. Von ihnen würde man eines Tages verlangen, dass sie das neueste Buch der siebenfachen Potter-Mutter in nur drei Wochen übersetzen sollten. Einundzwanzig Tage lang sollten sie täglich dreiundzwanzig Seiten druckfertiges Manuskript abliefern, und dazu auch noch heilige Schwüre tun, den Inhalt des Buches niemandem zu verraten, schon gar nicht irgendwelchen Journalisten.
„Warum muss es denn so schnell gehen?“, fragte ein kleines Engelchen, dessen Fähigkeit in die Zukunft zu sehen noch nicht sehr weit entwickelt war, und das deshalb nicht wissen konnte, dass das Weihnachtsgeschäft eines Tages wichtiger sein würde als die Qualität einer Übersetzung.
Der liebe Gott, der sich noch gut daran erinnerte, was für ein Stress es gewesen war, die Welt in nur sieben Tagen zu erschaffen, war fast überredet und wollte auf seinen Erlass schon verzichten. Aber weil er auch allgerecht ist, beschloss er J.K.Rowlings erstes Buch für Erwachsene erst mal zu lesen.
Bei der Lektüre von „The Casual Vacancy“ (denn Gott liest natürlich den Originaltext) ist er dann leider eingeschlafen, wie noch viele andere Leser nach ihm. Und so wurde der Befehl zur babylonischen Sprachverwirrung nicht rechtzeitig widerrufen.
Das haben wir jetzt davon.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 28.Oktober 2012,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«