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Manche Menschen spüren es, andere nicht.
Iouri Podladtchikov gehört zu ersteren. Er spürt, was zu tun ist, lange bevor er zur Ausführung schreitet. Er trägt die Vorstellung eines neuen Sprungs mit sich herum, manchmal über Jahre, und auf einmal packt es ihn, unter der Dusche, im Bett, beim Partymachen, und dann schnappt er sich das Snowboard, geht in die Berge und vervollständigt das Werk. Das ist es, was den Gewöhnlichen vom Begnadeten unterscheidet. Das und die Fähigkeit, sich selber als Begnadeten zu erkennen.
Eine Hürde, die Podladtchikov vor zehn Jahren genommen hat, als er schon in der Schweiz lebte, aber noch für Russland startete. In den Bergen war’s, der damalige Snowboard-Nationaltrainer Marco Bruni hielt vor angehenden Schweizer Olympiateilnehmern einen Vortrag über die Komfortzone, aus der sich herausbegeben müsse, wer an die Spitze wolle. Er verglich den Bereich, der zum Erfolg führt, mit dem Bull’s Eye einer Dart-Scheibe, wahnsinnig klein. Und er sagte: «Dorthin gelangen nur die wenigsten, denn dort seid ihr allein, und dort schmerzt es.» Und wie er so redete, sah er im Augenwinkel, dass sich der junge Podladtchikov in den Raum geschlichen hatte. Er schenkte ihm keine Beachtung. Doch am Tag darauf, als Bruni mit den Schweizern trainierte, stand plötzlich Podladtchikov neben ihm und sagte: «Ich bin der, den du suchst.» Bruni verstand nicht recht. Er sagte «ja, ja», wie bei einem lästigen Kind, das einen nicht in Ruhe lässt. Aber Podladtchikov insistierte: «Ich bin der im Bull’s Eye. Ich werde dorthin kommen, wo es schmerzt und man allein ist.»
Heute sagt Bruni, inzwischen nicht mehr verantwortlich für das Schweizer Nationalteam, sondern Podladtchikovs persönlicher Trainer: «Iouri hatte recht. Er ist der im Bull’s Eye. Auch wenn ich zwischendurch gezweifelt habe.»
Denn so sehr Podladtchikov auch über das Gespür verfügt, zu wissen, was zu tun ist – er hat nicht immer getan, was hätte getan werden müssen. Er kam, um es in seinen eigenen Worten zu sagen, vom Weg ab. Er war gerade im Kreis der weltbesten Halfpipe-Snowboarder angelangt, gewann hier einen Wettbewerb und dort, und mit der «10-to-10-Combo», also zwei aufeinanderfolgenden Tricks mit Drehungen um 1080 Grad, besass er ein Mittel, mit dem er es aufs Podest schaffte, wann immer er wollte. «Ich reiste, kam herum, hatte kaum Druck», sagt er. «Ich war zufrieden. Es war bequem. Ich geriet in den Schlafmodus.» Es fing nach den Olympischen Spielen 2006 an, überdauerte den Wechsel vom russischen ins Schweizer Team – und endete erst anderthalb Jahre vor den Winterspielen 2010 und auch nur, weil ihm Gian-Luca Cavigelli, ein ehemaliger Snowboarder, ins Gewissen geredet hatte. «Er sah durch mich durch», sagt Podladtchikov, «er erkannte, wer ich zu dem Zeitpunkt war.» Ein Genügsamer.
Wenn Podladtchikov eines nicht sein will, dann das: ein Genügsamer, eine Schlafmütze. «Stehenbleiben», sagt er, «ist unglaublich langweilig. Ich habe nicht alles richtig gemacht in meinem Leben, ich habe nicht alles gewonnen. Aber ich will sagen können, es sei immer aufwärts gegangen.»
Cavigellis Brandrede rüttelte ihn auf. Vom einen Tag auf den anderen trainierte er mit einer Konsequenz, als hätte er schon immer gewusst, dass nur harte körperliche Arbeit zum Ziel führt. Eine Zeitlang fiel es ihm ganz leicht, den richtigen Weg zu gehen. Und bald gehörte er zu den Ersten, die über ein ansehnliches Repertoire an Double Corks verfügten, die Doppelsalti mit Schrauben, die 2010 in Vancouver die Olympiaentscheidung prägten und auch dieses Jahr in Sotschi von zentralem Belang sein werden. «Man stellt sich das so einfach vor», sagt Podladtchikov, «man meint, es sei einfach, in diesem Sport nach immer Höherem zu streben. Aber das stimmt nicht. Es ist verdammt hart. Es braucht Eier, sich jeden Tag aufs Neue in die Pipe zu schmeissen, sich fast umzubringen beim Versuch, einen neuen Trick zu stehen.»
Eier. Sich in die Pipe schmeissen. Sich fast umbringen. So redet Podladtchikov, wenn er den Kern seines Sports zu vermitteln versucht. Was er sagen will: Was so elegant und zusammenhängend ausschaut, also ein Run mit fünf oder sechs Sprüngen, ist in Wahrheit das Resultat eines Überwindungsprozesses, der jeden Morgen von vorne beginnt. Podladtchikov stellt sich ihm – allerdings mit Bedacht. Zum einen öden ihn Sportler an, denen keine Hingabe anzumerken ist. Er will keiner von ihnen sein. «Es ärgert mich, Sportlern zusehen zu müssen, die gewinnen wollen, denen aber die Tricks dazu fehlen.» Und zum anderen irritieren ihn jene, die sich auch bei Wind und Regen und gefährlichen Bedingungen in die Pipe schmeissen, um es in seinen Worten zu sagen. Sie wirken auf ihn wie solche, denen der Respekt vor ihrem Körper fehlt. «Man muss», sagt er, «ein Gleichgewicht finden zwischen Überwindung und Vorsicht.»
Die Art, wie Podladtchikov von den Gegnern spricht, könnte ihm als Arroganz ausgelegt werden, und wahrscheinlich würde er sich nicht einmal dagegen wehren. Oder er würde sagen, die Abgrenzung diene ihm dazu, sich selber zu definieren. Zum Beispiel so: «Die meisten Sportler knicken ein, wenn sie vor einer wirklich grossen Aufgabe stehen. Vor einer Contest-Woche, die nur aus Essen, Schlafen, Trainieren und Kämpfen besteht.» Was bedeutet, dass er, Podladtchikov, nicht vorhat, einzuknicken. Obschon er weiss, wie eine ebensolche Contest-Woche auch ihn auslaugt, ihn vielleicht ganz besonders, «Brain dead» nennt er den Zustand, in dem er sich nach einer Veranstaltung wie den X-Games in Aspen, Colorado, befindet. Der Wettkampf Ende Januar war der letzte Test vor den Olympischen Spielen.
Und der bedeutendste. Podladtchikov, der Qualifikationsbeste, wollte gewinnen. Aber er wurde Sechster. Und war trotzdem zufrieden. Denn das nackte Resultat war ihm weniger wichtig als der Yolo Flip, an den er sich knapp ein Jahr nach der Premiere wieder heranzutasten versuchte. Im Training stand er ihn mehrere Male, im Wettkampf scheiterte er dreimal. Zweimal landete er auf dem Hintern, einmal auf der Kante der Pipe. Es fehlte nie viel, und das reichte, um ihm Zuversicht zu geben. Dass die Umsetzung vom Training in den Wettkampf noch nicht klappte, führte er darauf zurück, dass er den Run kurzfristig umgebaut und vor dem Yolo Flip erstmals den Frontside Double Cork 1080 eingefügt hatte. Diese Kombination aus zwei Sprüngen mit zwei Salti hintereinander, vielleicht die schwierigste überhaupt, gibt ihm Vertrauen, wie er sagt – selbst für den Fall, dass er sie in Sotschi nicht so zeigen sollte. «Es ging mir darum, mich mit möglichst komplexen Aufgaben herauszufordern, damit ich meine Routine verbessern kann.»
Anderseits hat der Auftritt in Aspen auch gezeigt, was bei Olympia schiefgehen kann: Wer auf Teufel komm raus nach dem Sieg strebt, läuft Gefahr, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Podladtchikov will Gold, und sein Einsatz dafür wird derart hoch sein, dass er im dümmsten Fall nicht einmal Silber oder Bronze holt. Alles. Oder Nichts.
Shaun White – das ist die Aufgabe, der sich Podladtchikov stellt. White ist der Überflieger, der allerbeste Halfpipe-Snowboarder der Welt, zweifacher Olympiasieger, der Konkurrenz entrückt. Ohne White, den 27-jährigen Amerikaner, kann die Geschichte des um zwei Jahre jüngeren Podladtchikov nicht erzählt werden. Allein darum nicht, weil die Gespräche mit Podladtchikov oft bei White anfangen und bei White enden. White ist, was Podladtchikov sein möchte, und White ist der, den Podladtchikov ehrlich bewundert. Nur, und das ist der springende Punkt: Wenn White nicht wäre, hiesse das noch nicht, dass Podladtchikov an seiner Stelle den allerbesten Halfpipe-Snowboarder verkörpern würde. Ohne White gäbe es auch Podladtchikov nicht, nicht in der jetzigen Form.
Aber die Chance, dass Podladtchikov der ewige Zweite bleibt, solange White am Start ist, ist grösser als die Möglichkeit, dass Podladtchikov White in Sotschi übertrumpft. Jedenfalls in den Augen Aussenstehender. Nicht in den Augen Podladtchikovs. Podladtchikov ist ein Gläubiger. Er glaubt an sich selber. Das ist, wie er findet, auch so ein Detail, das ihn von den anderen unterscheidet.
«Jeder Sportler sagt, dass er gewinnen wolle», sagt er und holt zu einem jener Monologe aus, die mindestens ebenso an ihn selber wie an sein Gegenüber gerichtet sind. «Aber das führt nicht ans Ziel. Ans Ziel gelangt, wer zu sagen imstande ist, er könne gewinnen. Können, nicht wollen. Vor vier Jahren, in Vancouver, habe ich gesagt, ich wolle Shaun schlagen. Heute, vor Sotschi, sage ich, ich könne. Ich würde das nicht sagen, wenn ich mich dafür anlügen müsste. Sonst würde ich mich verirren im Dickicht zwischen Druck und Unvermögen. Stattdessen muss ich mit mir abklären, ob die Zuversicht berechtigt ist. Ich muss mich in den Dschungel aus Training, Schweiss, Formeln, Gleichungen begeben – und wenn ich herauskomme, muss ich wirklich an das glauben, was ich sage.»
Podladtchikov glaubt. Das merkt man, wenn er erzählt, was seit den Olympischen Spielen in Vancouver geschehen ist, wo er Vierter geworden war. Die Niederlage war der zweite entscheidende Wendepunkt in seiner Karriere. Der, der zeigt, dass Sport manchmal mehr sein kann als Unterhaltung, nämlich eine Inspiration. Podladtchikov ist kein schlechter Verlierer, das betonen viele seiner Gefährten. Aber wenn man weiss, wie überschwänglich er das Glück zelebriert, zum Beispiel beim Yolo Flip, dann ahnt man, wie sehr ihn eine Enttäuschung runterziehen kann. Der Grat ist schmal. Und so kam es eben, dass Podladtchikov am Tag nach dem Olympiafinal verbittert beim Abendessen sass, und wenn in dem Moment nicht seine Eltern bei ihm gewesen wären und sein Vater auf ihn eingeredet hätte – keine Ahnung, wo Podladtchikov heute wäre. Sein Vater aber sagte voller Eindringlichkeit: «Diese Energie, die du spürst, die Enttäuschung, aus der machst du jetzt etwas Grosses.»
Und zwei Wochen später landete Podladtchikov an den X-Games Europe in Tignes den Double McTwist 1260, zwei Salti um die horizontale mit dreieinhalb Schrauben um die vertikale Körperachse – der Trick, mit dem White den Olympiafinal für sich entschieden hatte. Für den Run erhielt Podladtchikov 98 Punkte, in der ganzen X-Games-Geschichte war nur ein Halfpipe-Snowboarder besser: Shaun White 2012 in Aspen, 100 Punkte, das Maximum.
White ist das Dauerthema. Podladtchikov beobachtet ihn, wenn er am Start steht («er schaltet alles aus, es gibt nur ihn»), er liest seine Interviews («er ist freundlicher geworden»), und er studiert seine Runs, manchmal bis tief in die Nacht, in Slow-motion, er will jedes Detail erkennen. «Wenn ich besser sein will als Shaun, muss ich wissen, was er besser macht.» Das sagte er sich vor vier Jahren, und seither hat er einige Antworten gefunden, im Wesentlichen zwei Erkenntnisse: Fitness und Technik. Weshalb Podladtchikov seit anderthalb Jahren einen Personal Trainer beschäftigt, der für sich allein eine Geschichte wäre, Dumezweni Mncube, ein Kraftpaket mit Rastalocken, breites Lachen, noch breitere Schultern. Seine Lebhaftigkeit ist ansteckend, zu ihm sagt man nicht zweimal Nein. Bis zur ersten Begegnung hatte er Podladtchikov nicht einmal vom Namen her gekannt. Der Trainer trimmte den Sportler, jagte ihn aufs Laufband, auf die Joggingrunde und in den Kraftraum, «du schaffst es noch in die Leichtathletik-Nationalmannschaft!», brachte ihn zum Schwitzen, wie er nie zuvor geschwitzt hatte, «heute hast du 5000 Kalorien verbrannt!», und es kam tatsächlich der Moment, den Podladtchikov nie zu erleben geglaubt hatte: «Plötzlich fand ich es geil, mich zu verausgaben.» Und vor ein paar Wochen kam der Moment, da Mncube sagte: «Es ist vollbracht. Du bist fertig. Topform.» Und Podladtchikov meinte, nicht recht verstanden zu haben.
Etwas komplizierter war es, den technischen Rückstand auf White zu verringern. Denn dieser bestand nicht in der Art, wie sich White in der Luft dreht, was naheliegend sein könnte – sondern in der Art, wie er auf dem Brett steht und den Weg von der einen Seite der Halfpipe zur anderen gestaltet, den Weg zwischen zwei Sprüngen. Basiskönnen, eigentlich, aber keiner erledigt es mit der Eleganz von White. Podladtchikov sagt: «Du springst nicht höher, indem du mehr Anlauf holst und zwischen den Tricks längere Wege fährst, zumal du dir damit die Pipe verkürzt und dir die Chance auf einen sechsten Sprung nimmst – sondern indem du sauberer fährst, weniger verkantest.» Also hat sich Podladtchikov, ein Skateboarder seit Kindsbeinen, eine Vert-Ramp geleistet, weil Skateboarden weniger Fehler verzeiht als Snowboarden. Und im Snowboarden hat er seine Fahrweise von Grund auf auseinandergenommen. Es gab in den letzten Monaten Trainingstage, die waren allein darum ein Erfolg, weil Podladtchikov eine im Detail falsche Bewegung, die sich ihm eingebrannt hatte, losgeworden war. «Meine Routine ist gut. Mit ihr schlage ich alle, nur Shaun nicht. Also muss ich die Routine ausreizen.»
White ist auch im Kopf, wenn Podladtchikov versucht, seinen Olympia-Run zusammenzusetzen. Backside Air, Frontside Double Cork, Yolo Flip, Double Crippler, Backside Double Cork? Oder reicht die Länge der Pipe für einen sechsten Sprung, also einen zusätzlichen Frontside 1080? Oder doch eher: Backside Air, Frontside Double Cork, Yolo Flip, Frontside 900, Backside Double Cork, Double Crippler? Oder soll der Backside Air zu Beginn ganz weggelassen werden? Schafft er, was ihm bisher nicht gelungen ist – vier Sprünge mit je einem Doppelsalto in einem Run? Oder fällt der Double Crippler ganz raus? Was kompliziert tönt, ist noch viel komplizierter, wenn es ausgeführt werden soll. Podladtchikov studiert hin und her, zählt die Salti und Schrauben, vergleicht sie mit dem Run von White, zählt und rechnet und sagt irgendwann, die Gleichheit der stilistischen Ausführung vorausgesetzt: «Das könnte reichen. Damit gewinne ich, ha!» Aber auch: «Shaun ist nicht blöd. Er wird versuchen, auch noch einen Trick dazuzulernen.»
Es liegt nahe, Podladtchikov eine Obsession zu unterstellen, eine White-Obsession. Aber das wäre zu negativ ausgedrückt, «dafür bin ich zu sehr Egoist», wie Podladtchikov sagt. Er nimmt sich alles, was er für den Erfolg braucht, von allen.