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Der Fall Caster Semenya
Gibt es noch Fairness im Sport? Der Fall der Südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya hat in verschiedenen Kreisen, inklusiv medizinischen, viel zu diskutieren gegeben. Unterschiedliche Instanzen wurden vor die Frage gestellt, ob hyperandrogene Athletinnen ihren Testosteronspiegel senken müssen oder nicht. Ein Statement vom Sportmediziner Peter Jenoure.
Das Problem erfolgreicher androgyner Athletinnen kennt man seit den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist es auch seit Antreten von Caster Semenya im Jahre 2008 nie definitiv gelöst worden. Stattdessen widmeten sich die Sportverbände, insbesondere der Internationale Leichtathletikverband (IAAF), einem Hin und Her von Verboten, Aufhebungen und neuen Verboten mit unterschiedlichen Testosterongrenzwerten (zuerst 10 nmol/l, kürzlich noch 5 nmol/l).
Testosteron und Leistung
Nach wie vor stellt sich die Frage zum echten Stellenwert des Testosteronspiegels in der Leistung, sei es derjenige der Frauen, sei es derjenige der Männer. Die Wissenschafter sind sich keineswegs einig und eine relativ rezente Arbeit zweier französischer Forscher, die dem IAAF sehr nahestehen, provozierte noch mehr Unsicherheit. Drei weitere Wissenschafter haben die Datenbasis jener Studie, mit welcher der IAAF beweisen wollte, dass Athletinnen mit hohen Testosteronwerten in einzelnen Disziplinen einen Vorteil geniessen sollen, ungewöhnlich heftig kritisiert. Aber sollte Testosteron in der Tat einen grundsätzlichen Leistungsvorteil bringen, wieso sollte man dann nur einige Laufdisziplinen einschränken und nicht alle Kraft- und Schnellkraftdisziplinen wie beispielsweise auch Hammer- und Speerwurf oder Hoch- und Weitsprung?
Was heisst das für Ärzte?
Für Ärzte besonders problematisch ist der Entscheid, die genannten zu hohen Werte medikamentös senken zu müssen. Die betroffenen Athletinnen sind keineswegs krank, folglich widerspricht es der ärztlichen Ethik, Medikamente (vermutlich die wirksamsten, d.h. orale Kontrazeptiva) zu verschreiben und dies auch noch «off-label»! Wer kennt schon die Wirkung der Medikamente in einer solchen Situation? Ausserdem, wie hat man sich bezüglich dieses eindeutig medizinischen Problems die ganze Schweigepflicht des Arztes vorzustellen?
Chancengleichheit im Sport
Schliesslich stellt sich auch ganz allgemein die Frage nach der Chancengleichheit. Im Fall Caster Semenya stellt die Chancengleichheit das wichtigste Argument dar. Ist eine solche Gleichheit nicht ein Hirngespinst? Ist der sportliche Wettkampf nicht grundsätzlich Messung der verschiedenen Leistungsfähigkeiten teilnehmender Athletinnen und Athleten, die meistens ausserordentliche biologische Merkmale besitzen? Analysiert man auch nur oberflächlich die unzähligen intrinsischen (genetische, epigenetische, konstitutionelle usw.) oder extrinsischen Faktoren (Trainingsbedingungen, Ernährung, Betreuung, Lebensverhältnisse usw.), so sieht man auf den ersten Blick, dass per definitionem die Unterschiede, die eine persönliche sportliche Bestleistung beeinflussen können, so vielzählig sind, dass die angestrebte Chancengleichheit gar nicht existiert.
Was wäre die Lösung? Man hat im Sport Frauen von Männern fast überall getrennt, man hat aber auch Altersklassen eingeführt und mancherorts sogar Gewichtsklassen, wieso nicht auch eine Hyperandrogenämieklasse? (pj)
Der Fall Caster Semenya
Am 30. April 2019 wies das Sportschiedsgericht in Lausanne (TAS) den Rekurs der Südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya zurück. Der Rekurs focht den Entscheid des Internationalen Leichtathletik Verbands (IAAF) an, ihren natürlich erhöhten Blutspiegel an männlichen Geschlechtshormonen (Hyperandrogenämie) mit ausgeprägter Virilisierung medizinisch korrigieren zu müssen. Gemäss diesem Entscheid musste die Athletin ihren Testosteronspiegel senken, wollte sie bei den Frauen antreten. Dank einer superprovisorischen Anordnung des Bundesgerichts vom 3. Juni 2019 darf Caster Semenya wieder ohne Korrektur antreten, allerdings nur vorläufig. Das Bundesgericht hat diesen Entscheid des Sportgerichtes TAS vorläufig blockiert.