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Daniel Foppa
«Noch nie war ich derart in Gefahr», berichtet der Genfer Dominique Wavre über jene dramatischen Tage Mitte Dezember. Der 53-Jährige segelte als Teilnehmer der Vendée Globe im stürmischen Indischen Ozean, als sich plötzlich der Kiel von seiner Jacht zu lösen begann. Das Boot drohte zu kentern. Bis dahin hatte der Genfer um eine möglichst gute Platzierung gekämpft. Nun ging es um sein Leben.
Wavre war zusammen mit 27 Konkurrenten und 2 Konkurrentinnen am 9. November im französischen Les Sables d’Olonne gestartet. Das Rennen, das alle vier Jahre stattfindet, kennt ein denkbar einfaches Reglement: Gewonnen hat, wer nach der Umrundung der Erde am schnellsten wieder zurück in Les Sables ist. Die Route führt über 46 000 Kilometer am Kap der Guten Hoffnung und am gefürchteten Kap Hoorn vorbei. Im Gegensatz zu anderen Regatten sind die Teilnehmer alleine auf dem Schiff, dürfen keinen Hafen anlaufen und keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. «Dieses Rennen ist der Everest des Segelsports», sagt die Engländerin Elle MacArthur, die 2001 als 24-Jährige den zweiten Platz in der Vendée Globe belegte und die Regatta weltweit populär machte.
243 Tage Einsamkeit
Lanciert wurde die verrückte Idee 1968 von der britischen «Sunday Times». Die Zeitung lancierte unter dem Namen «Golden Globe Race» ein Nonstop-Segelrennen um die Welt: Starten durften die Segler von einem beliebigen Hafen aus, zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen dem 1. Juni und dem 28. Juli. Neun Unerschrockene machten sich auf die Reise. Unter ihnen war Chay Blyth, der zwar über den Atlantik gerudert war, jedoch kaum über Segelerfahrung verfügte. Freunde segelten nach dem Start eine gewisse Zeit in seiner Nähe, um ihm die korrekten Manöver zu zeigen. Irgendwie schaffte es Blyth bis nach Südafrika, wo er aufgab.
Ein halbes Jahr nach dem Start waren noch vier Teilnehmer im Rennen. Einer von ihnen verfiel dem Wahnsinn. Der Hobbysegler Donald Crowhurst war mit einem seeuntüchtigen Boot angetreten, weil ihn Geldsorgen plagten und die 5000 Pfund Preisgeld lockten. Bald sah er die Hoffnungslosigkeit seines Tuns ein und entschied sich zu einer Verzweiflungstat: Crowhurst übermittelte fingierte Positionen und gab vor, um Kap Hoorn zu segeln. Tatsächlich kreuzte er im Atlantik. Sein Logbuch offenbarte später, wie ihn der Betrug zunehmend verzweifeln liess, während ihn die «Sunday Times» als Helden feierte und eine triumphale Heimkehr vorbereitete. Crowhursts Reise wurde zum psychedelischen Trip. Er liess sein Boot führungslos treiben, halluzinierte, entwarf eine eigene Relativitätstheorie – und ging nach 243 Tagen Einsamkeit über Bord. «Es ist vollbracht. Es ist die Gnade», lautete der letzte Logbuch-Eintrag.
Ungewöhnliches ereignete sich auch mit dem damaligen Leader des Rennens. Als der Franzose Bernard Moitessier Kap Hoorn passiert und die Welt praktisch umrundet hatte, setzte er kurzerhand zu einer weiteren Weltumrundung an. Der Exzentriker sagte später, er habe seine Seele retten und dem Rummel entfliehen wollen. Nachdem er eineinhalbmal um die Welt gesegelt war, landete er auf Tahiti, blieb in der Südsee – und wurde zur Legende. Kein Mensch ist seither eine längere Nonstop-Strecke auf einem Schiff gefahren. Als Einziger kehrte schliesslich der Brite Robin Knox-Johnston nach 313 Tagen zurück. Das Boot seines letzten Konkurrenten war im Sturm vor den Azoren gesunken. Von Knox-Johnston fehlte 134 Tage jede Nachricht, und die «Sunday Times» hatte bereits einen Nachruf gedruckt.
1989 rief der Franzose Philippe Jeantot mit der Vendée Globe eine Neuauflage dieses Rennens ins Leben. Im Gegensatz zu den tollkühnen Pionieren von 1968 treten seither Profis auf 18 Meter langen Hightech-Jachten an. An Dramatik hat das Rennen deswegen nichts eingebüsst. Legendär ist etwa die Rettung des Franzosen Raphaël Dinelli 1996.
Kenterung bei 20 Meter hohen Wellen
Sein Boot war in einem Sturm mit 20 Meter hohen Wellen gekentert – 2200 Kilometer südlich von Australien, am Rand des Südpolarmeers. Es gibt kaum einen einsameren Ort auf der Erde. Nur Astronauten sind schon weiter vom Land entfernt gewesen als Segler in diesen Breiten. Dinelli stieg an Deck der sinkenden Jacht und wartete auf das Ende. Derweil empfing die Rennleitung seine Notsignale. Da kein Schiff in der Nähe war, bat sie Dinellis Konkurrenten Pete Goss, der 300 Kilometer vor ihm lag, umzukehren. Der Engländer folgte der Aufforderung, kämpfte sich unter Lebensgefahr zu Dinelli durch und konnte ihn im letzten Moment bergen.
Im selben Rennen sanken drei weitere Jachten, und der Kanadier Gerry Roufs wurde über Bord gespült und nie gefunden. «Höchste Zeit, nach Kap Hoorn zu kommen. Wenn man es zu lange hinzieht, kann man sicher sein, zu Schaden zu kommen», lautete seine letzte E-Mail. Nur 6 von 16 Booten erreichten das Ziel. Pete Goss wurde bei seiner Ankunft in Les Sables von 150 000 Menschen gefeiert.
Auch in der aktuellen Vendée Globe sind bereits 18 von 30 Seglern ausgeschieden. Dramatisch verlief die Rettung von Jean Le Cam, der vor Kap Hoorn kenterte. 17 Stunden harrte der Franzose in einer Luftblase im Innern der Jacht aus, bis ihn Vincent Riou rettete. Dabei wurde Rious Mast beschädigt, und auch für ihn war das Rennen vorbei. Im Gegensatz zu Le Cam oder Yann Eliès, einem anderen Franzosen, den die australische Marine wegen eines Oberschenkelbruchs bergen musste, rettete sich Dominique Wavre aus eigener Kraft.
Der Genfer stabilisierte seine havarierte Jacht, indem er die Wassertanks flutete. Er reduzierte die Segelfläche und schaffte es in einer nervenaufreibenden Fahrt bis zum Kerguelen-Archipel. Etwas später traf auch Landsmann Bernard Stamm auf der gottverlassenen Insel ein. Steuerprobleme hatten ihn zur Aufgabe gezwungen. Beim Landemanöver strandete seine Jacht, und der Waadtländer musste sich in einer Rettungsinsel an Land retten.
Den beiden Schweizern war bereits der Rennbeginn komplett missglückt. Kurz vor dem Start stellte Wavre entsetzt einen Batterieschaden fest. Der Genfer segelte trotzdem los und wollte das Problem unterwegs lösen. Nach wenigen Stunden musste er jedoch umkehren und sich ein Ersatzgerät besorgen. Als er wieder in See stach, kam ihm Stamm entgegen. Seine Jacht war in der Nacht mit einem Schiff kollidiert und musste repariert werden.
Kaum eine Stunde Schlaf am Stück
Für Wavre ist das Scheitern besonders bitter. Er hat bereits zweimal an der Vendée Globe teilgenommen und die Plätze vier und fünf belegt. 2008 fuhr er auf Sieg. Der 53-Jährige weiss, dass dies eine der letzten Möglichkeiten war, die «Mutter aller Regatten» zu gewinnen. Denn die körperlichen Strapazen sind enorm; geschlafen wird kaum eine Stunde am Stück. «Das Meer entscheidet, wen es durchlässt und wen nicht», sagt er. Ob Wavre nochmals antritt, ist offen. Nichts hält er jedenfalls von jenen Stimmen, die ein Verbot der Regatta fordern: «So reden Theoretiker, die keine Ahnung vom Segeln haben.»
Unbegründet ist die Diskussion indes nicht. Denn im Gegensatz zum Himalaja, wo Alpinisten in der Todeszone nicht zur Hilfeleistung verpflichtet sind, müssen Seefahrer jedem in Seenot geratenen Schiff zu Hilfe eilen. Vor allem in Australien droht die öffentliche Meinung von Bewunderung in Ablehnung zu kippen, da Vendée-Globe-Segler regelmässig aus prekären Situationen gerettet werden müssen. Kritiker sprechen nun von einem «Demolition Derby» – einem «Zerstörungsrennen». Auf Bitte Australiens wurde immerhin die Strecke etwas näher zur Küste gelegt. Dies soll Rettungsaktionen erleichtern.
Die Skipper irritiert das nicht. In Führung liegt derzeit der Franzose Michel Desjoyeaux, der das Rennen bereits 2001 gewonnen hat. 13 000 Kilometer hinter ihm segelt der Österreicher Norbert Sedlacek – weit abgeschlagen im Südpazifik. Mit einem alten Boot und dem kleinsten Budget angetreten, geht es für ihn darum, das Ziel zu erreichen. Wenn er in ein paar Wochen heil in Les Sables eintrifft, wird er vier Monate alleine auf See verbracht haben. «Wirklich vorbereiten kann man sich darauf nicht», sagte der 47-Jährige vor dem Start: «Die Vendée Globe ist eine Reise ins eigene Ich. Wo die Grenze liegt, weiss man erst, wenn man sie überschritten hat.»