Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/3067

Gino Romegialli, langjähriger Feriengast in Urmein, Exkursionsleiter und Buchautor «Das Ende des Lüschersees»:
«Auf meinen Führungen zum ehemaligen Lüschersee zeige ich den Leuten immer einen Murmeltierbau. Anhand diesem sieht man besonders gut, dass das Bodenmaterial im ehemaligen Seebecken völlig anders ist als rundherum. Als der See noch existierte, haben sich abgestorbene Wasserpflanzen sowie Schlamm, Kalk und Lehm abgelagert. Diese Schicht von Kalklehm wird auf ungefähr 80 Zentimeter geschätzt. Im ehemaligen Seebecken wächst daher eine ganz andere Vegetation als in der umliegenden Landschaft, deshalb sieht man die Uferlinie so gut. Im Seebecken hat es beispielsweise viele Disteln; passen Sie also auf, wohin Sie sich setzen.»
Die Tonschiefer des Nolla-Tons verwittern leicht, sind aber wasserundurchlässig. Dadurch sammelt sich das Regenwasser in den obersten Schichten an und verursacht eine breiige Masse. Da die Schichten am Heinzenberg gegen das Tal abfallen, rutscht der ganze Hang langsam talwärts. Im obersten Teil des Hangs, am Grat, bricht der Berg auseinander; so entsteht eine unruhige Topografie. Die sich lokal gebildeten Senken werden mit Wasser gefüllt.
Im Falle des ehemaligen Lüschersees befürchtete man, dass das Wasser aus dem Lüschersee ohne Oberflächenabfluss, den Rutschungsprozess beschleunigt. Schon 1742 sind erste Stimmen bekannt, die einen Zusammenhang des Lüschersees mit den Rutschungen am Heinzenberg vermuteten.
Auch die Ängste der einheimischen Bevölkerung werden in der Sage um den Lüschersee deutlich: «Im Seegrunde lässt die Volkssage einen Drachen hausen, der bei Änderungen des Wetters brülle. Alle hundert Jahre steige das Ungeheuer aus dem See und wälze sich, eine Spur der Verwüstung hinter sich lassend, den Berg hinunter.» (Gino Romegialli: Das Ende des Lüschersees. Verlag Desertina, Chur, 2012.)
Beim Lesen der Sage denkt man unwillkürlich an periodisch auftretende Hochwasser, eine grosse Bedrohung für die Dörfer und Siedlungen am Berg und für das Domleschg. So wurde der unterirdische Abfluss von Wasser aus dem Lüschersee von mehreren Ingenieuren als wichtigen Grund für die Rutschungen eingestuft und die Massnahme zur Entleerung des Lüschersees durch den Bund 1906 entschieden.
Der Seeablass
Geplant war der Bau eines Wasserableitstollens, der das stufenweise Ablassen des Seewassers ermöglichte. Die Erstellung des Stollens erwies sich für das Bauunternehmen als Herausforderung. Die Bauarbeiter hatten etliche Male Abweichungen der Stollenachse sowie zu wenig Holz vor Ort für die Auszimmerung des Stollens und kurz vor Beendigung forderte eine Fehlsprengung drei Tote und drei Verletzte. Immerhin hatte der Lüschersee im Winter 1910 während des Stollenbaus beinahe kein Wasser und der seeseitige Ausschnitt konnte im Trockenen gegrabenen werden.
Bis heute besteht keine Klarheit, ob der Seeablass wirklich zur Hangstabilisierung beigetragen hat. Dazu wären umfassende geologische Abklärungen notwendig. Viele wünschen sich diesen schönen Bergsee wieder zurück – reine Träumerei oder vielleicht doch einmal Wirklichkeit?