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Was, wenn Frauen nur 100 Wörter pro Tag sprechen dürften? Diese Frage stellt sich die Lingustin Christina Dalcher. Als Antwort auf diese Frage hat sie einen feministischen Thriller geschrieben. Was, wenn es den Frauen nur noch erlaubt wäre, zu summen oder zu singen, nachdem sie den Vorrat von hundert Wörtern pro Tag aufgebraucht haben?
Wir alle brauchen etwa 16’000 Wörter pro Tag. Eingerechnet ist da die vielseitige Kommunikation eines ganzen Tages. Sie beginnt mit dem Small Talk über die Nachtruhe, das Wetter, die Partnerin, die Tagesinfos, das Aktuelle, die Kinder, das Einkaufen, die Begegnungen und Telefonate, sie schliesst ein die Arbeits- und Berufsgespräche am Arbeitsplatz, und sie endet schliesslich mit dem Kerzenlicht-Dinner am Abend und dem Small Talk mit der Partnerin über die Erlebnisse des Tages. Grundsätzlich sprechen Frauen und Männer etwa gleich viel. Doch stellen Sprachforscher trotzdem einen Unterschied fest zwischen den beiden Geschlechtern.
Die androzentrische Regel besagt, dass Frauen und Männer zwar ähnlich viele Wörter pro Tag gebrauchen. Wenn Frauen aber ähnlich viele Worte machen wie Männer, entsteht der Eindruck, dass die Frauen viel mehr reden würden als die Männer. Frauen erscheinen schnell mal als geschwätzig. Dabei tut man den Frauen jedoch Unrecht. Die Linguistin Jennifer Coates hat nämlich festgestellt, dass Männer und Frauen darauf konditioniert sind, dass Frauen im Gespräch den Männern die grösseren Wortanteile überlassen. Es sind also meistens die Männer, die den Part des Erzählers übernehmen. Die Frauen halten sich – gemäss der androzentrischen Regel – im Gespräch mit Männern eher zurück. Das ist falsch, meint die Autorin Christina Dalcher. Wenn Frauen sich nicht ausreichend mitteilen dürfen, entstehen grosse Probleme, gibt sie sich überzeugt. Und sie erzählt in ihrem Roman, was dann alles in einer Familie passieren könnte.
Das Szenario im Roman „Vox“ von Christina Dalcher ist beängstigend. Der Roman spielt in einer nahen Zukunft in den USA. Ein fanatisch auftretender religiöser Prediger hat sich als Wahlhelfer des US-Präsidenten profiliert. Mit seiner „Bewegung der Reinen“ unterdrückt er nun das Land, und insbesondere die Frauen. Diese müssen ihre Jobs aufgeben, und sie müssen sich auf Haushalt und Familie beschränken. Keiner Frau ist es überdies erlaubt, mehr als 100 Wörter am Tag zu sprechen. Den Frauen wird am Handgelenk ein Wortzähler montiert. Überschreitet eine Frau die erlaubte Anzahl von hundert Wörtern, wird sie mit Stromstössen bestraft.
Was alles kann passieren, wenn der Redeschwall von Frauen auf nur noch hundert Wörter am Tag begrenzt würde? In der Geschichte von Christina Dalcher heisst die Heldin Jean McClellan. Die auf 100 Wörter begrenzte Tages-Kommunikation erlaubt es ihr abends nicht mehr, ihrer kleinen Tochter eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Einzig das Summen einer Melodie ohne Text ist ihr erlaubt. Ihr Mann stellt ihr auch bloss noch geschlossene Fragen, die sie mit einem Nicken oder einem Kopfschütteln beantworten kann. Um ihr Wörterkontingent nicht zu sprengen, ist ihr höchstens ein „Ja“ oder „Nein“ erlaubt, denn der Wortzähler ist unerbittlich. Die Folgen: Die Erziehungsarbeit misslingt. Und auch das Sexleben der Eheleute flaut ab.
Die Stimmen der Frauen sind unerlässlich. Unsere Menschlichkeit ist zutiefst von der Sprache abhängig. Unser Zusammenleben ist ohne einen ausreichenden und wortreichen Dialog gefährdet. Dies ist die Botschaft des Romans. Und diese Message kleidet die Autorin anschaulich in einen Plot. Die Protagonistin Jean McClellan schart schliesslich eine Gruppe von Aufständischen um sich und macht Jagd auf die fanatische „Bewegung der Reinen“. Um den Ausgang der Story in „Vox“ für einmal vorweg zu nehmen: Die Heldin erlebt ein Happy End in einem lustvollen Schwall von Wörtern.
Der feministische Thriller „Vox“ bricht eine Lanze für die grösste Leidenschaft des weiblichen Geschlechts: Für das Plaudern, das Tratschen und das Quatschen. Ausdrücke wie „Klatschtante“ oder auch das walliserdeutsche „Rätscha“ gehören als Unwörter abqualifiziert. Zumindest ist dies die Botschaft des feministischen Thrillers, der auf eine breite weibliche Leserschaft zielt.
Text und Foto (Symbolbild): Kurt Schnidrig.