Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/793

| Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

V. Hauptstück. Von der Gestalt der Lebewesen und deren Glieder.
§ 1. Als Gott im Anfange die Lebewesen schuf, [S. 240] war es nicht seine Absicht, sie kugelförmig1 zu bilden, auf daß ihnen etwa die Möglichkeit geboten sei, sich sowohl zum Gehen anzuschicken, als auch nach allen Seiten hin. sich leicht zu bewegen, sondern er ließ aus dem obersten Teile der Körpermasse selbst den Kopf hervortreten; desgleichen ließ er einige Glieder länger wachsen, nämlich die Füße, die auf den Boden sich stützen und das Lebewesen dorthin bringen sollten, wohin der Wille dasselbe führe oder der Zwang, sich Nahrung zu verschaffen, es riefe.
§ 2. Aus dem [ganzen Körper] Rumpfe ließ er vier Gliedmaßen hervortreten, zwei nach unten, und das sind bei allen Lebewesen2 die Füße, dann zwei ziemlich nahe am Kopfe und Halse, zum verschiedensten Gebrauche bestimmt. Bei den zahmen und wilden Tieren sind es Füße, den hinteren Gliedmaßen ähnlich, beim Menschen aber sind es die Hände, zum Arbeiten und Angreifen geeignet.
§ 3. Es gibt noch eine dritte Klasse, wo jene vorderen Gliedmaßen weder Füße noch Hände sind, sondern Flügel, an denen reihenweis angebrachte Federn das Fliegen ermöglichen; so hat ein einziges Bildungsglied verschiedenes Aussehen und verschiedene Verwendung.
§ 4. Um ferner der Körpermasse selber einen festeren Halt zu geben, hat er aus ziemlich starken, kurzen und untereinander verbundenen Knochen gleichsam einen Kiel zusammengefügt, das sogenannte Rückgrat; er wollte dasselbe nicht aus einem einzigen Knochen bilden, damit dem Lebewesen die Möglichkeit geboten sei, zu gehen und sich zu drehen.
§ 5. Ungefähr von der Mitte des Rückgrates aus ließ er Rippen, d. i. querliegende flache Knochen nach entgegengesetzter Richtung hervorwachsen, durch deren sanfte Biegung und fast zu einem Kreise gegeneinander erfolgte Krümmung die Eingeweide bedeckt werden sollten, damit die Teile, die weicher und weniger [S. 241] fest werden mußten, durch jenen festen Korb geschützt wären.
§ 6. An der Spitze dieses Gebildes, das wir mit einem Schiffskiel verglichen, brachte er das Haupt [caput]3 an, den Sitz der Regierung über das ganze Wesen; es wurde dein Haupte deshalb dieser Name gegeben, weil, wie wenigstens Varro an Cicero schreibt, hier Sinne und Nerven [caput, initium capiunt] ihren Anfang nähmen.
§ 7. Bezüglich der oben erwähnten Gliedmaßen aber, welche darum hervortreten, um entweder das Gehen oder das Arbeiten oder das Fliegen zu ermöglichen, trug er Sorge, daß sie um der schnellen Beweglichkeit willen weder aus allzu langen, noch um der Festigkeit willen aus allzu kurzen, sondern aus einigen mächtigen Knochen bestehen sollten.
§ 8. Es sind dies entweder zwei wie beim Menschen oder vier an der Zahl wie beim Tier. Diese Knochen schuf er [der Schöpfer] jedoch nicht massig, damit nicht beim Gehen ihre Schwerfälligkeit hinderlich sei, sondern hohl und im Innern, um die Körperfrische zu erhalten, mit Mark gefüllt. Die einzelnen Knochen jedoch bildete er nicht in ihrer ganzen Länge von gleichem Durchmesser, sondern er machte sie an den Enden stärker, damit sie durch Sehnen sowohl leichter angezogen werden als auch mit größerer Sicherheit sich drehen könnten, daher der Name vertibula [Gelenk von „vertere“, drehen].
§ 9. Die dicken Enden versah er mit einer weichen Lage, Knorpel genannt, natürlich in der Absicht, damit sich die Knochen nach allen Seiten hin ohne Reibung und ohne Schmerzgefühl beugen könnten.
§ 10. Die Knorpel jedoch bildete er nicht sämtlich in derselben Weise. Einige machte er beinahe kreisrund; dies tat er aber nur bei jenen Gelenken, in denen die [S. 242] Gliedmaßen sich nach allen Seiten hin drehen sollten, wie z. B. bei den Schultern, weil man die Hände nach allen Seiten hin bewegen und drehen muß; einige aber formte er gleichmäßig breit und nur nach einer Seite hin rund; dies geschah natürlich dort, wo die Gliedmaßen sich nur beugen sollten, wie beim Knie, dem Ellbogen und dem Handgelenke.
§ 11. Sowie sich nämlich eine Drehung des Armes in der Achselhöhle als schön und nützlich herausstellt, so wäre, wenn eine derartige Bewegung auch beim Ellbogen stattfände, dies sowohl überflüssig wie auch häßlich.
§ 12. Denn es würde die Hand nach Verlust ihrer Würde [Grazie] durch die allzu große Bewegungsfähigkeit mehr einem Rüssel ähnlich sehen, und es würde der Mensch ein schlangenhändiges Wesen, wie uns ein solches in wunderbarer Weise in jenem Untier [Elephant] entgegentritt.
§ 13. Denn Gott, der seine mächtige Fürsorge in der wunderbaren Verschiedenheit der Dinge zeigen wollte, hat an diesem Tiere, da er dessen Kopf nicht so lang hatte wachsen lassen, um mit dem Maule die Erde berühren zu können — was ein gräßlicher und häßlicher Anblick gewesen wäre —, und da er dessen Maul in der Weise mit vorstehenden Zähnen versehen hatte, daß ihm dennoch, wenn es auch den Boden hätte erreichen können, die Zähne die Möglichkeit zu weiden benommen hätten, zwischen diesen das weiche, bewegliche Glied hervorwachsen lassen, auf daß es damit alles erfassen, alles festhalten könne, ohne daß die vorstehenden Zähne oder der kurze Nacken die Nahrungsaufnahme verhinderten.
1: Vgl. Platons Symposion, p. 189 D.
2: Laktanz hat hier zunächst die höher entwickelten Lebewesen im Auge.
3: Soll von initium capere kommen. — Wohl ist es vom Stamme cap, wovon capere stammt, abzuleiten, aber in der Bedeutung fassen [begreifen, verstehen], wie auch jetzt noch im Italienischen capisco ich verstehe heißt. Unser Wort ‚Haupt‛ gehört hierher. Gotisch Haub-ith.