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Es gibt selten Filme, die sich schlecht nacherzählen lassen und trotzdem in guter Erinnerung bleiben. Die Krimi-Komödie «The Big Lebowski», die vor zwanzig Jahren anlief, gehört dazu. Worum es geht? Ums Kiffen und Kegeln, um die gefakte Entführung eines Porno-Starlets, nihilistische Techno-Teutonen, einen pädophilen Jesus, Weisse Russen und vor allem: um den Dude.
Gleich zu Beginn kauft der zottelige Alt-Hippie, unnachahmlich verkörpert von Jeff Bridges, im Bademantel eine Tüte Milch. Während George Bush, der Ältere, am Fernsehen den ersten Irakkrieg anzettelt, unterschreibt Jeffrey «The Dude» Lebowski einen Scheck über 69 Cents. Das Datum: 11. September 1991 – exakt zehn Jahre vor dem Attentat auf die Twin Towers. Far out, man!
Der echte Dude
Aber genau so abgefahren ist «The Big Lebowski», der an den Kassen zunächst floppte und danach Kult wurde – wortwörtlich: 2005 gründete ein US-Journalist auf der Basis der relaxten Lebensweisheiten des Antihelden eine eigene Religion, der heute eine knappe halbe Million Menschen anhängen. Dank seinem Ideen- und Anspielungsreichtum ist der Film eine wahre Wundertüte, die in vollen Zügen genossen zu allerlei Aluhut-Fantastereien verleiten kann.
Dabei ist «The Big Lebowski» durchaus realistisch geerdet. Das fängt schon mit der Hauptfigur an, für die ein langjähriger Freund der Gebrüder Coen Pate stand: Jeff Dowd. 1984 hatten die Coens den eigenwilligen Filmproduzenten und Marketingspezialisten («Blair Witch» und «Metallica: Some Kind of Monster») bei der Lancierung ihres Leinwanddebüts «Blood Simple» kennengelernt. Wegen seines Familiennamens trägt Dowd denselben Spitznamen wie der Dude. Auch sein Engagement gegen den Vietnamkrieg, das ihm drei Monate Gefängnis eintrug, wird im Film erwähnt.
Ähnlich verhält es sich mit Jeffrey Lebowskis bestem Freund, dem Vietnamveteranen und neokonservativen Waffennarren Walter, für den sich die Coens vom Filmemacher John Milius («Conan the Barbarian», «Apocalypse Now») inspirieren liessen. Und selbst so skurrile Episoden wie ein Autodiebstahl, der sich dank einer im Sitzpolster verloren gegangenen Schulprüfung zum Haus des minderjährigen Delinquenten zurückverfolgen lässt, geht auf das Erlebnis eines Coen-Bekannten zurück.
Dass diese Begebenheiten sich nie zu einem handlichen Plot runden, hat nichts mit Unvermögen der Filmemacher zu tun, es ist Absicht. Nach eigenem Bekunden schwebte den Brüdern eine filmische Entsprechung zu den Kriminalromanen Raymond Chandlers vor, in denen ein Privatdetektiv durch die sozialen Milieus stolpert und sich in diversen Tatmotiven verheddert.
In einem solchen Szenario steht der verpeilte Dude auf verlorenem Posten, und es nützt wenig, dass sein Freund Walter jede Situation eskaliert. Die gefährlichste Kugel, die im Film fliegt, ist zwar nur eine Bowlingkugel, der Kollateralschaden aber ist verheerend: Ausgerechnet der sanftmütige Donny («Shut up, Donny!») stirbt vor Aufregung an einem Herzversagen. Friede seiner Asche, die den Dude einstäubt.
Jesus kehrt zurück
«The Big Lebowski» hingegen hat auch nach zwei Jahrzehnten keinen Staub angesetzt. Das liegt mit daran, dass die Nostalgie fester Bestandteil ist in diesem Film, der die versponnene Geschichte aus den frühen Neunzigern mit den Kunstgriffen des alten Hollywood erzählt. Zu den eifrigsten Fans gehört übrigens Schauspieler John Turturro, der mit «Going Places» ein Remake von Bertrand Bliers Skandalfilm «Les valseuses» gedreht hat. Die Haupfigur ist der Bowler Jesus «You don’t fuck with the Jesus» Quintana – entlehnt aus «The Big Lebowski» und erneut dargestellt von John Turturro.
Und der Dude? Für ihn haben die Coen-Brüder kein Comeback vorgesehen. Das hat er auch nicht nötig. Der Dude war ja nie weg, er ist irgendwo da draussen. Für alle, die gelegentlich die Übersicht verlieren, ein tröstlicher Gedanke.