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Jeanne Hersch, die erste Schweizer Philosophieprofessorin, verdankt ihre anhaltende Bekanntheit einerseits ihrem politischen Engagement als Sozialdemokratin, ihren energischen, nicht selten provozierenden öffentlichen Stellungnahmen zu brisanten politischen und gesellschaftlichen Fragen. Andererseits war sie präsent als Vermittlerin der Philosophie in Radiovorträgen, Reden, Aufsätzen und Büchern.
Geboren ist Jeanne Hersch am 13. Juli 1910 in Genf als erstes Kind der polnisch-jüdischen Immigranten Louta und Liebmann Hersch – erst 1931 wurde sie Schweizer Staatsbürgerin. Die Eltern, die dem polnisch-russischen Allgemeinen Jüdischen Arbeiter-Bund angehört hatten, prägten die sozialdemokratische Überzeugung ihrer Tochter. Nach der Matura begann Hersch 1928 mit dem Studium der Literaturwissenschaft an der Universität Genf mit dem Ziel, Gymnasiallehrerin zu werden. Bereits im Sommersemester 1929 absolvierte sie ein Auslandsemester in Heidelberg, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Hier kam es zur folgenreichen Begegnung mit Karl Jaspers, die Hersch bei mehreren Gelegenheiten schildert: Gelangweilt von den Veranstaltungen ihres eigenen Fachbereichs, wurde sie von einer Kommilitonin auf die Hegel-Vorlesung von Jaspers aufmerksam gemacht, die sie dann auch besuchte. Ohne dass sie viel verstanden hätte, war sie unmittelbar von Jaspers als Philosoph und Person eingenommen: „Ich wusste sofort, dass da etwas war, was ich verstehen musste. Was das war, wusste ich nicht.“ (Schwierige Freiheit, 29) Die Beziehung zu Jaspers sollte sowohl auf philosophischer wie persönlicher Ebene bestehen und bestimmend bleiben.
1931 schloss Hersch ihr Studium mit einer Arbeit über Henri Bergson ab. Bevor sie die Lehrtätigkeit an der Genfer École internationale aufnahm, wo sie zwischen 1933 und 1954 – unterbrochen von Aufenthalten in Südamerika und Thailand – Französisch, Latein und Philosophie unterrichtete, ergänzte sie ihr Studium durch weitere Semester zunächst in Paris, dann noch einmal in Heidelberg (1932/33), dieses Mal um gezielt bei Jaspers zu studieren. Darauf folgte im Sommersemester 1933 ein Aufenthalt in Freiburg i. Br. Dort hatte die Begegnung mit Martin Heidegger eine ähnlich nachhaltige Wirkung auf die 23-jährige Studentin jüdischer Abstammung, wie jene mit Jaspers, allerdings im gegenteiligen Sinn: Nicht nur war sie von Heidegger selbst und seinem Philosophieren enttäuscht, sie musste auch erleben, wie er als damaliger Rektor vor nationalsozialistischem Publikum auftrat. Damit war Heidegger für Hersch als Mensch und Philosoph disqualifiziert, und dass sie miterlebte, „wie ein totalitäres Regime sich durchsetzt“ (Schwierige Freiheit, 32), führte zu einer engagierten Abwehrhaltung gegen jegliche Ideologie mit totalitären Tendenzen – worunter für sie auch der Marxismus fiel.
Herschs erstes Buch, L’illusion philosophique, erschien 1936 und ist das unmittelbare Resultat ihrer Bekanntschaft mit Jaspers und der Auseinandersetzung mit seinem monumentalen Werk Philosophie von 1932. Hersch vertrat darin die These, die gesamte abendländische Philosophie beruhe wesentlich auf einer Illusion, die erst durch Jaspers definitiv zerstört worden sei, womit sich die Philosophie in einer Sackgasse, wenn nicht gar am Ende befinde. Mit dem eigenwilligen Erstling verfolgte die Autorin auch das Ziel, Jaspers’ Philosophie im französischsprachigen Raum bekannt zu machen. Damit hatte sie durchaus Erfolg: Das Buch stiess bei Gabriel Marcel, einem führenden französischen Philosophen, auf Interesse, sodass Hersch noch 1936 in den Kreis um Marcel, Jean Wahl und Gaston Fessard eingeführt wurde. In diesem Kreis würde auch Herschs zukünftiges philosophisches Wirken hauptsächlich stattfinden.
1942 erschien Herschs erster und einziger Roman Temps alternés, 1946 promovierte sie mit L’être et la forme, einer Untersuchung über die Abhängigkeit dessen, was wir als Wirklichkeit verstehen, von einer Form, die wir als erkennende, handelnde und schöpferische Subjekte einer gegebenen Materie aufprägen. 1947 wurde Hersch Privatdozentin an der Universität Genf, 1956 ausserordentliche, 1962-1977 ordentliche Professorin für systematische Philosophie. 1956 publizierte sie Idéologies et réalité, wo sie einen demokratischen Sozialismus als einzige Gesellschaftsform verteidigte, die eine Verbesserung der menschlichen Existenzbedingungen, mithin individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung möglich macht. Die Frage von Freiheit und Menschenrechten stand ebenfalls im Vordergrund, als Hersch 1966-68 die neugegründete Abteilung Philosophie der UNESCO leitete. In dieser Funktion gab sie 1968 die umfangreiche Sammlung von Texten zu Freiheit und Menschenrechten aus allen Erdteilen und Kulturen Le droit d’être un homme heraus.
In Herschs philosophischem Werk, das sich um die zentralen Fragen von Freiheit, Zeit und Sein drehte, blieb Jaspers – neben Kant, Kierkegaard und Bergson – stets präsent. Auch wenn sie sich nicht gerade unmittelbar mit seinem Denken beschäftigte, bildete dieses doch das Grundgerüst für Herschs eigenes Philosophieren. Daneben trug sie weiter dazu bei, Jaspers’ Werk im französischen Raum zugänglich zu machen, indem sie für die Übersetzung der Hauptschriften sorgte und eine Einführung in sein Denken – Karl Jaspers (1978) – verfasste. Nach Jaspers’ Tod 1969 wurde Hersch zur Initiantin und ersten Präsidentin der Karl Jaspers-Stiftung (1973 bis 1994).
Jeanne Hersch starb am 5. Juni 2000 in Genf.
Literatur zur Biographie:
G. und A. Dufour: Schwierige Freiheit. Gespräche mit Jeanne Hersch. Zürich, Köln: Benziger 1986.
E. Dufour-Kowalski: Jeanne Hersch, présence dans le temps. Lausanne: L’Age d’Homme 1999.
J. Hersch: Erste Liebe (Temps alternés). Roman. In der Übersetzung von Irma Wehrli neu herausgegeben und mit einem biographischen Nachwort versehen von Charles Linsmayer. Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber 2010.
Eine umfassende Bibliographie zu Hersch findet sich auf der Homepage der Jeanne-Hersch-Gesellschaft: http://www.jeanne-hersch-gesellschaft.ch/