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Über «Wiederherstellungsbestrebungen» und andere deutsche Bandwurmwörter ereiferte sich einst Mark Twain: Sie waren für ihn einer der Gründe, «the German language» mit dem Prädikat «awful» zu belegen, «grässlich». Vielleicht war er nur neidisch, denn die Fähigkeit, durch Zusammenfügen neue Wörter zu bilden, ist eine Kernkompetenz des Deutschen. Und eben nicht eine «Kern Kompetenz», wie es modisch heissen könnte, angelehnt an den englischen Sprachgebrauch (nicht «Sprache Gebrauch»), der die unverbundene Aneinanderreihung pflegt.
Was der Schriftsteller Twain im 19. Jahrhundert nicht schaffte (und sich nicht einmal anheischig machte), gelingt seinen heutigen amerikanischen Landsleuten, ohne dass sie es überhaupt versuchen: der deutschen Sprache diesen Aspekt der Grässlichkeit auszutreiben. Jedenfalls vermute ich, dass die Vorherrschaft des Englischen als globalisierte Geschäfts- und Werbesprache aufs Deutsche abfärbt, wenn wir etwa von der «Jungfrau Region», vom «Bratensauce Töpfli» oder vom Film «Missen Massaker» lesen. Werden die Regeln der deutschen Sprache angewendet, so muss da überall ein Bindestrich stehen. Anhand von Strassen und Institutionen, die mit Vor- und Nachnamen nach einer Person benannt sind, wurde das kürzlich an dieser Stelle dargelegt.
Der Deppen Leerschlag
Das Weglassen des Bindestrichs ist inzwischen so verbreitet, dass es einen eigenen «Fachausdruck» erhalten hat: Deppenleerschlag (oder Deppen-Leerschlag). Als ich einst Google danach suchen liess, fragte die Suchmaschine zurück: «Meinten Sie Deppen Leerschlag?» Seit es aber die Website deppenleerzeichen.de gibt, lässt sich Google nicht mehr als Depp foppen, und die Liste der Fundstellen wird länger und länger. Nun ist es natürlich jeder Institution unbenommen, ihrem Namen so ein Leerzeichen einzufügen.
Neben dem englischen Vorbild mag auch die Hemmung mitspielen, einen Markennamen mit einem Bindestrich zu beflecken. Und so wird der Opel Mokka (unverbunden richtig, weil kein Getränk) als «Opel Neuwagen» angeboten, wie wenn auch das ein Modellname wäre. Die Migros nimmts zwar mit dem Bindestrich nicht immer so genau, wohl aber dort, wo ihr kulturelles Prestige auf dem Spiel steht: beim Migros-Kulturprozent. Nur dessen Logo verstösst gegen die Rechtschreibung: Das erste Wort steht ganz in Grossbuchstaben, das zweite ganz in kleinen. Da kommts auf ein fehlendes Strichlein auch nicht mehr an.
Linck-Keramik von Linck Keramik
Oft lauert der unbeabsichtigte Humor: Kennen Sie die Jungfrau namens Region? Die Berner Oberländer Touristiker könnten die Unbeflecktheit ihres Wahrzeichens auch ganz einfach durch eine Umstellung retten: «Region Jungfrau». Die Nachstellung des Namens ohne Bindestrich ist im Deutschen vorgesehen, wie beim Schützen Tell oder dem Dichter Schiller. Dasselbe gilt, wenn «namens» dazwischenstehen könnte, ohne dass ein Name vorliegt: die Geissel Krieg. Weiter bei (militärisch angehauchten) Funktionsbezeichnungen: Chef Unterhalt. Oder bei Massangaben: ein Liter Milch oder auch ein Korb Haselnüsse, obwohl das kein genaues Mass ist. In Firmenbezeichnungen braucht es ebenfalls keinen Bindestrich, wenn dem Namen der Ort oder das Fachgebiet folgt: Linck Keramik. Was man dort kauft, ist aber eine Linck-Keramik.
Kurzum: Was die Sprache zusammengefügt hat, soll der «Werbe Mensch» nicht trennen. Anderseits sollte das Privileg, zusammengesetzte Wörter zu bilden, wie jedes Privileg nicht missbraucht werden; den legendären Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän brauchts wirklich nicht, die Strassenverkehrskontrollverordnung nicht unbedingt in dieser amtlichen «Kurzform». Aber die Zusammenschreibung oder den Bindestrich, der die gleiche Wirkung hat, gleich ganz abzuschaffen – das wäre eine Kindmitdembadausschüttung, und die mögen wir Mark Twain nicht gönnen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».