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Kulturbauten – Grosse Schachtel
Integriert in die Stadt
Die neue Institution erhielt einen passenden und angemessenen Standort; der Heimplatz liegt an der Rämistrasse. Diese verbindet das Ufer des Sees bei dessen Ausfluss in die Limmat mit einem Hangplateau über der Altstadt. Dabei folgt sie dem einstigen Verlauf der dritten Befestigungsanlage Zürichs aus dem 17. Jahrhundert. In mancher Hinsicht ähnelt die Rämistrasse der Ringstrasse in Wien, denn an ihr wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts Bildungs- und Kulturinstitutionen errichtet und um sie herum Parks angelegt – wobei der Vergleich mit dem imperialen Zentrum der Habsburger Kontinentalmacht natürlich seine Grenzen hat. Am Heimplatz kreuzen sich die Radialstrassen in die Quartiere vor der Altstadt mit der Tangente des beschriebenen «Ringfragments»; an seine Nordseite grenzte der Turnplatz der Kantonsschule, die in einiger Distanz etwas höher an der Rämistrasse liegt. In die Gründerzeit-Blockrandbebauung der Ostseite des Platzes wurde der Saal des Schauspielhauses eingefügt.
So ergänzte das Kunsthaus das Angebot für Bildungsbürgerinnen und -bürger in räumlich-geografischer Hinsicht optimal. Der Ursprungsbau begrenzt den Platz auf der Südseite. Seine Architektur von Karl Moser (1860 – 1936) galt zur Zeit der Eröffnung als modern und neuartig. Er lässt sich als zurückhaltend-sachlicher, introvertierter Palast bezeichnen. Ein erster Ausbau erfolgte 1924 – 1926 auf der parkartigen Rückseite des Ursprungsbaus, wiederum durch Karl Moser. Die nächste, 1958 eröffnete Erweiterung bestand in einem prägnanten Seitenflügel, der quer zum Ursprungsbau in den Platz vortritt und diesen nach Westen klar begrenzt. Stilistisch eigensinnig, repräsentiert er kompromisslos eine repräsentative, eher gravitätisch schwere, monumentale Interpretation der Moderne. Der über einem offenen oder verglasten Sockel schwebende Flügel, ein Werk von Hans und Kurt Pfister, beherbergt den frei unterteilbaren, mit einer Lichtdecke versehenen Bührlesaal, so benannt nach seinem Spender, dem Industriellen Emil G. Bührle.
Bevor die nächste Erweiterung anstand, sie erfolgte von 1973 – 1976 als Verdichtung wieder auf der Südseite des Ursprungsbaus, zog am Heimplatz in den frühen 1960er-Jahren der radikalste Gestaltungsvorschlag folgenlos vorüber: Jørn Utzon, der aus Dänemark stammende Architekt des Opernhauses von Sydney, plante ein neues Schauspielhaus. Es hätte mit dem Kunsthauskomplex den autofrei gestalteten Platz völlig umschlossen und sich nach Norden den Hang empor bis zur Kantonsschule erstreckt.
Kinder ihrer Zeit
Die letzte und sich noch im Bau befindende Erweiterung steht in bescheideneren Ausmassen am Ort von Utzons Schauspielhaus-Entwurf. Wie die früheren Etappen widerspiegelt er die Befindlichkeit und das ästhetische Credo seiner Planungs- und Entstehungszeit. Heute sind beide etwas widersprüchlich: Der Bilbao-Effekt und das «Auftrumpfen» spielen eine Rolle, ebenso aber der Willen, sich in die Umgebung einzupassen. Anlass für den zusätzlichen Raumbedarf ist grundsätzlich der Ehrgeiz der Stadt Zürich, sich auf einer globalen Karte der «Pilgerstätten» für Kunstbeflissene auf einem Spitzenrang zu behaupten: Mehr Raum für ein grösseres und vielseitigeres Kunstangebot und mehr Ausstellungsfläche für die Sammlung, von der aktuell nur 10 Prozent ausgestellt werden können. Dafür opferte die Stadt den baumbestandenen Turnplatz der Kantonsschule mit den beiden Turnhallen auf der Nordseite des Heimplatzes. Er bildete den Perimeter eines Architekturwettbewerbs, der 2008 stattfand. Städtebaulich ist das Bauvorhaben in den «Masterplan Hochschulgebiet» eingebettet, der in der Parklandschaft entlang der Rämistrasse eine Verdichtung erwirken soll.
Die Lage des Wettbewerb-Perimeters führte zwingend zu einem Solitärbau, der dem bisherigen Kunsthaus gegenübersteht. Deshalb war unter dem Heimplatz ebenfalls zwingend eine Verbindung einzuplanen. Weiterer Programmpunkt war ein «Garten der Kunst» zwischen dem Neubau und der Kantonsschule. Mit einer Nettogeschossfläche von rund 12 750 m² und einem Volumen in der Grössenordnung von 90 000 m³ war ein Gebäude zu erwarten, das dem bisherigen Komplex in seiner Ausdehnung ebenbürtig ist – eine Erweiterung, die keine Nebensache, sondern als gleichwertiger (Heim)-«Platz-Hirsch» ebenfalls Hauptsache ist.
Der Wettbewerb wurde vom Team um den britischen Architekten David Chipperfield gewonnen. Dessen Projekt nähert sich nun der Fertigstellung. Es meisterte 2012 in der Stadt Zürich eine Volksabstimmung für einen Investitionsbeitrag von 88 Mio. Franken, der einen Beitrag in gleicher Höhe, erbracht durch die Zürcher Kunstgesellschaft von privater Seite, ergänzt, plus 30 Mio. Franken aus dem Lotteriefonds des Kantons Zürich. Vor und nach diesem Verdikt galt es auch Rekurse zu überstehen, die einerseits die Erhaltungswürdigkeit der Turnhallen, andererseits die Dimensionierung und die Gestalt des Neubaus betrafen. Aufmerksamkeit erregte einige Monate vor der Abstimmung auch ein Vertrag zwischen der Zürcher Kunstgesellschaft und der Stiftung Sammlung E. G. Bührle (benannt nach dem erwähnten Saalspender), die langfristige Leihgabe von rund 190 Gemälden und Skulpturen an das Kunsthaus betreffend. Diese Werke gelten als enorme Bereicherung, mitunter machen sie das Kunsthaus, was die die französische Malerei anbetrifft, zu einem Schwerpunkt, wie er angeblich ausserhalb von Paris sonst nirgends in Europa erfahren werden kann. Allerdings wurde diese Gabe direkt mit der Zustimmung des städtischen Stimmvolks zum Chipperfield-Projekt, in dem sie ausgestellt werden soll, verknüpft. Dieser «Hebel» durch ein Mäzenatentum stiess einigen etwas sauer auf.
Kubischer Körper
Der streng rechtwinklige Entwurf von David Chipperfield wirkt wie eine grosse Schachtel, die in den Hang hineingeschoben ist. Gegenüber den früheren Turnhallen ist der Bau leicht zurückversetzt, sodass am Rand des rege vom Verkehr durchkreuzten Heimplatzes ein leicht erhöhter Zugangsraum entsteht. Als in Ortbeton erstellter Massivbau steht die Erweiterung solide, gravitätisch und unverrückbar an dem ihm zugewiesenen Ort. Der Anspruch auf Klarheit und «Ewigkeit» wird unterstrichen durch eine rundumlaufende, völlig gleichmässige Natursteinfassade; sie gliedert die Schachtel mit Lisenen, die an gotische Sakralbauten und an die Sandsteinarchitektur in Zürichs Altstadt erinnert. Horizontale Gesimse deuten die drei Geschosse an, zwischen der engen Lisenen-«Schraffur» lassen sich grosse Fensteröffnungen ausmachen. Bei all dieser Strenge, die durch keinerlei vorkragende Elemente, An- oder Aufbauten gestört wird, erscheint das Gebäude von aussen dennoch als reiner stereometrischer Körper und fein ausbalancierte Komposition. Es gibt keine Symmetrie, eine räumliche Hierarchie ist nur diskret angedeutet. Die Trennung zwischen innen und aussen ist scharf und konsequent.
Drei Ausstellungsgeschosse sind organisiert um eine teilweise über alle Geschosse reichende, mit einer Lichtdecke versehenen Halle. Sie durchquert wie eine überdimensionierte Diele das Volumen vom Heimplatz bis zum rückwärtigen «Garten der Kunst», der über eine breite Freitreppe zu erreichen ist. Brücken verbinden in den oberen Geschossen die beiden unterschiedlich breiten Gebäudehälften zu beiden Seiten dieses zentralen Raums. Direkt angrenzend befinden sich in der etwas breiteren östlichen Hälfte des Gebäudes auf derselben Achse der Eingang vom Heimplatz her, der Aufgang aus der unterirdischen Verbindung vom Hauptbau und der Zugang zum Garten. Die Übergänge zwischen dem öffentlichen Raum und der Halle zwingen Besucherinnen und Besucher durch Richtungsänderungen zu einem regelrechten ein- respektive Ausfädeln – eine neue, rollstuhlgängige Art der Schwelle. Links des Eingangs am Heimplatz befindet sich eine Bar, die sich bis zur Ecke mit der Rämistrasse erstreckt. Dahinter liegt, bereits im Hang, ein fensterloser, multifunktionaler Festsaal für Konzerte und externe Veranstaltungen. Er kann bis zu 500 Personen fassen und lässt sich ohne Störung des Ausstellungsbetriebs nutzen. In den oberen Geschossen bietet die Erweiterung Raumkammern, die sich durch verschiedene Parcours miteinander verbinden lassen. Im zweiten Obergeschoss sind mehrere dieser Einheiten mit Lichtdecken versehen. Die Fluchttreppen wurden in die Wände integriert, wodurch bei einigen Durchgängen der Eindruck von dicken, soliden Mauern entsteht.
Es ist ein edles Gebäude, das Zürich sich selbst und der Welt schenkt. Ob es eine gute Idee ist, es auch noch die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft verkörpern zu lassen, wird sich noch weisen müssen. Der Gesamtenergiebedarf für Gebäudebetrieb (Wärme, Kälte, Elektrizität), Baustoffe (Graue Energie) und Mobilität soll gegenüber bestehenden Museen mit ökologisch nachhaltigen Lösungen massgeblich reduziert werden. Die Verwendung von Recyclingbeton, der ungefähr 95 Prozent der Gesamtmenge des verbauten Betons ausmacht, ist eine Massnahme in diese Richtung. Eine weitere ist eine starke Dämmschicht zwischen dem soliden Beton und der Natursteinfassade, die teilweise von Rückhaltewinkeln fixiert wird und als Kruste den zur Schau gestellten monolithischen Charakter Lügen straft. ●
Bautafel
Bauherrschaft Einfache Gesellschaft Kunsthaus-Erweiterung (EGKE), Zürich
Architektur David Chipperfield Architects, London
Bauingenieure IGB Ingenieurgruppe Bauen, Karlsruhe und dsp – Ingenieure & Planer AG, Greifensee
Bauunternehmer Marti AG, Zürich