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Die Ärzte an der Spitze der Suva waren häufig Pioniere in ihrem Fach. Sie prägten sie die Entwicklung der Unfallmedizin in der Schweiz zu einem wesentlichen Teil mit – und sie bilden eine Konstante in der Geschichte der Suva: Innerhalb von hundert Jahren gab es nur acht Chefärzte.
Daniele Pometta war prädestiniert für das Amt des ersten Oberarztes der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt. Bekannt wurde er als «Tunnel-Doktor» beim Bau des ersten Simplon- und des Lötschbergtunnels (1898 bis 1906 und 1907 bis 1913) in Brig. Dort behandelte er die verunfallten und erkrankten Arbeiter und war somit einer der ersten Ärzte der Schweiz, der Erfahrungen in der Unfallmedizin sammelte. Er versorgte die Arbeiter sowohl auf der Baustelle als auch in der Freizeit.
Pometta wurde 1912 in den ersten Verwaltungsrat der Unfallversicherungsanstalt gewählt. 1914 bewarb er sich um den Posten des Oberarztes der Anstalt. Damals gingen 49 Bewerbungen ein, seine Wahl war nicht unumstritten.
Pometta baute den ärztlichen Dienst der Versicherungsanstalt auf. Die ersten Kreisärzte waren noch im Nebenamt beschäftigt, erst 1927 wurde das Vollamt eingeführt. Die medizinischen Herausforderungen ergaben sich aus den hygienischen Bedingungen der Zeit und – in der Unfallmedizin – aus der Schwierigkeit, Knochenbrüche zu fixieren, ohne dass es zu Verschiebungen oder Komplikationen kam. Aus der versicherungstechnischen Warte lag das Hauptanliegen von Pometta darin, die Verunfallten so schnell als möglich wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern. Unter ihm wurde mit dem «Quellenhof» (später «Schiff») in Baden auch das erste Nachbehandlungszentrum eingerichtet. 1929 war die Bäderheilanstalt, an die 1936 auch eine «Amputiertenschule» angegliedert wurde, gewissermassen eine Vorläuferin der späteren Rehabilitationskliniken.
Anders als Daniele Pometta galt Friedrich Zollinger als gewerkschaftsfreundlich. Auch die Ärzteschaft empfand die Rücktritte von Pometta als Oberarzt (1934) und von Alfred Tzaut als Direktor (1936) als eine Zeitenwende. Zollinger war Professor für Unfallmedizin an der Universität Zürich und für die Suva bereits als Kreisarzt in Aarau und Zürich tätig.
Er redigierte auch «Die Praxis» und die «Schweizerische Zeitschrift für Unfallmedizin und Berufskrankheiten». In seiner Funktion als Oberarzt der Suva begründete er die «Mitteilungen der medizinischen Abteilung» (heute «Suva Medical»), die erstmals 1937 erschienen.
Nach dem entlastenden Bericht der Expertenkommission, die im Auftrag des Bundesrates von 1933 bis 1937 die Arbeit der Suva unter die Lupe genommen hatte, war Zollinger massgeblich daran beteiligt, dass sich das Verhältnis zur Standesorganisation der Ärzte (FMH) entspannte. 1938 wurden die paritätischen Vertrauenskommissionen, die als Schiedsgerichte zwischen den Ärzten und der Unfallversicherungsanstalt dienten, und eine konsultative Fachkommission, die sich wissenschaftlichen Fragen widmete, geschaffen. 1939 trat ein neuer Ärztetarif, der Tarifsenkungen vorsah, in Kraft.
Zollinger kritisierte die Ärztedichte. Er war der Ansicht, dass der «Ärztebestand an erheblicher Überfüllung» leide und kein Zweifel bestehe, «… dass ein Verschwinden der derzeitigen Arzt-Plethora [Fülle] bei der Anstalt eine Senkung der Heilkosten zur Folge hätte.»
In der Zwischenzeit hatten sich die Kreisärzte als ein wichtiges Bindeglied zwischen der Versicherungsanstalt und den behandelnden Ärzten etabliert. In der Zentralverwaltung arbeiteten mittlerweile acht Ärzte, die Stellungnahmen zu komplexen Fällen verfassten. 1939 wurde erstmals ein Fall von Asbestose als eine Berufskrankheit anerkannt.
Fritz Lang aus Zürich stand bereits seit 1932 in den Diensten der Suva, zunächst als Gewerbearzt, ab 1936 auch als Stellvertreter von Friedrich Zollinger. Er war ein Spezialist auf dem Gebiet der Staublungenerkrankungen und liess die Asbestose in die Liste der Berufskrankheiten aufnehmen.
In seiner kurzen Amtszeit wurde Lang für seine «Promesse Lang» bekannt. Er versprach den Schweizer Ärzten, dass sich die Frage der Ärzte-Haftpflicht für die Suva nicht stelle, solange keine ausserordentliche Grobfahrlässigkeit vorliege.
Kurz war die Amtszeit von Fritz Lang, weil er schon 1954 – als erster und bisher einziger Arzt – zum Direktor der Suva gewählt wurde.
Arthur Tillmann war der Stellvertreter von Fritz Lang und war bereits seit den Dreissigerjahren für die Suva tätig, unter anderem als Leiter der werkärztlichen Dienste auf Grossbaustellen. Dort wurden die Arbeiter, teilweise aber auch die lokale Bevölkerung in sogenannten «Werkspitälern» versorgt. Werkspitäler wurden beim Bau von Passstrassen, Kraftwerken oder Staudämmen errichtet.
In die Zeit von Tillmann fiel das verheerende Unglück von Mattmark, als der Allalingletscher am 30. August 1965 abbrach und die Staudamm-Baustelle unter sich begrub.
Tillmann baute den gewerbeärztlichen Dienst aus und stärkte die medizinische Prophylaxe gegen Berufskrankheiten. Er befasste sich vor allem mit den Berufskrankheiten des Bewegungsapparates, aber auch mit der Querschnittlähmung und den Schädel-Hirn-Verletzungen. Zusammen mit Fritz Lang trieb er die Planung eines Nachbehandlungszentrums in Bellikon voran.
Ernst Baur lehrte seit 1963 als Professor für Versicherungsmedizin an der Universität Bern und arbeitete für die Suva in Luzern, wo er sich speziell der Unfallchirurgie und Unfallneurologie widmete. Schon in den Sechzigerjahren liess er am Hauptsitz in Luzern eine orthopädisch-traumatologische Begutachtungsstation einrichten.
Er war der erste Chefarzt der Suva, der auch diesen Titel trug. Unter seiner Führung wurden die Rehabilitationsklinik in Bellikon (1974) eröffnet und das letzte Werkspital in Vättis (1977) geschlossen. Mittlerweile verfügte die Schweiz – insbesondere mit der 1952 gegründeten Rettungsflugwacht (Rega) – über zuverlässige Rettungsketten. Für die medizinische Erstversorgung brauchte es keine Werkspitäler mehr.
In den Siebzigerjahren gewann die Arbeitsmedizin zunehmend an Bedeutung. Asbest wurde als krebserzeugender Stoff anerkannt, gleichzeitig wurde ein erster Grenzwert für die Konzentration von Asbestfasern definiert. Zudem beschäftigte das Zementekzem die Arbeitsmediziner und Prophylaxe-Spezialisten.
Baur sorgte für eine veränderte Einstellung gegenüber psychischen Veränderungen von Verunfallten. Er forderte mehr Verständnis – sowohl der Ärzte als auch der Schadensachbearbeiter – und wies die Suva an, ihre Zurückhaltung gegenüber psychiatrischen Begutachtungen aufzugeben.
Schon bei der Wahl von Ernst Baur war Hans Schlegel als Kandidat für den Chefarztposten gehandelt worden. Damals verständigten sich die Kandidaten und die Direktion darauf, dass Schlegel das Amt nach der Pensionierung von Baur übernehmen werde; seit 1970 leitete er den Gewerbeärztlichen Dienst.
Schlegel baute die Laboratorien in Luzern, Winterthur und Lausanne aus. In den Achtzigerjahren etablierte sich das Biomonitoring als ein neues Mittel, um die Arbeitnehmer zu schützen. Ergänzend zu den Abklärungen von gesundheitsschädigenden Einwirkungen und zu den klinischen Vorsorgeuntersuchungen wurden nun auch biologische Marker überwacht. Im Bereich der Prophylaxe entwickelte die Suva auch das «Audiomobil» zur Früherkennung von Beeinträchtigungen des Gehörs von lärmexponierten Arbeitnehmern.
Gegenüber den Ärzten drängte die Suva unter Schlegel darauf, den sogenannten «Montagseffekt» zu vermeiden. Studien zeigten, dass Verunfallte häufig erst an einem Montag an die Arbeit zurückkehrten, auch wenn es möglich gewesen wäre, die Arbeitsfähigkeit bereits auf einen Freitag zu attestieren.
Mit der Revision des Unfallversicherungsgesetzes von 1984 kam es auch für die medizinische Abteilung zu einigen wichtigen Neuerungen. Vor allem galt es, Berechnungsgrundlagen für die Entschädigung von sogenannten «Integritätsschäden» zu erstellen. Integritätsschäden waren ein neuer Begriff in der Gesetzgebung und bezeichneten die «dauernde und erhebliche Schädigung der körperlichen oder geistigen Unversehrtheit» einer Person. Integritätsentschädigungen waren keine Renten anstelle des Verdienstausfalles, sondern ein «Schmerzensgeld».
1989 stellte die Suva den ersten Psychiater an.
Erich Ramseier war bereits Chefarzt der Abteilung Unfallmedizin, als er zum Suva-Chefarzt gewählt wurde. Er hatte sich während Jahren mit der Thematik der Schleudertraumata der Halswirbelsäule auseinandergesetzt. Dies war eines der medizinischen Hauptthemen der Neunzigerjahre.
Wo dies aufgrund der Fragestellung geboten schien, wurden nun konsequent auch Psychiater und Neurologen beigezogen. Dabei stellten sowohl Ramseier als auch die Versicherungsmediziner von privaten Versicherungsgesellschaften fest, dass die Gutachten von Privat- oder Spitalärzten häufig erhebliche Mängel aufwiesen. Ramseier förderte deshalb die Entwicklung eines neuartigen Gutachterkurses für Fachärzte, die medizinische Beurteilungen zuhanden der Versicherungen erstellten.
1994 publizierte die Suva erstmals Toleranzwerte für das Biomonitoring.
Unter den arbeitsmedizinischen Herausforderungen nahmen die Latexallergien aufgrund des vermehrten Gebrauchs von gepuderten Latexhandschuhen im Gesundheitswesen zu. Auch die blutübertragbaren Krankheiten, Tuberkulose oder Gesundheitsstörungen wegen Desinfektionsmitteln und Anästhesiegasen beschäftigten die Arbeitsmediziner.
1999 nahm die Clinique Romande de Réadaptation in Sion ihren Betrieb auf. Neben der Unfallrehabilitation spezialisierte sich die Klinik auf die Betreuung von Paraplegie-Patienten. Die Bäderklinik in Baden wurde im Jahre 2000 geschlossen.
Erstmals in der Geschichte der Suva kam 2001 mit Christian Ludwig ein Quereinsteiger an die Spitze der medizinischen Abteilung. Ludwig war zuvor Leiter des Direktionsstabes am Berner Inselspital. Berufsbegleitend hatte er eine universitäre Managementausbildung absolviert.
Zu seinen vordringlichen Aufgaben in Luzern gehörte die Reorganisation der Abteilung Versicherungsmedizin. Diese wurde aus der Abteilung Unfallmedizin und dem kreisärztlichen Dienst gebildet. Nach der Übernahme der Militärversicherung durch die Suva galt es auch, die Ärzte der Militärversicherung zu integrieren.
Die medizinischen Abteilungen und die Kliniken entwickelten sich zu prozessgeleiteten Organisationen und führten zertifizierte Managementsysteme ein. Diese bildeten eine zentrale Grundlage für die Qualitätssicherung sowie die Weiterentwicklung der medizinischen Dienstleistungen.
2005 wurden die Übermittlung und Archivierung von Röntgenbildern digitalisiert.
Ein von der Öffentlichkeit stark beachteter Schwerpunkt der Arbeitsmedizin war der Bau des Gotthard-Basistunnels. Dort überwachte die Suva nicht nur die Exposition der Arbeiter gegenüber Quarzstaub und Asbestfasern, sondern auch die Temperaturen. Wegen zu grosser Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit verfügte die Suva zeitweise sogar die Einstellung der Arbeiten.
Personen, die Asbest ausgesetzt waren, werden seit 2012 in ein spezielles Computertomographie-Screening-Programm einbezogen. Gleichzeitig begann die Suva, sich mit den sogenannten «berufsassoziierten Gesundheitsstörungen» zu befassen. Das sind physische oder psychosoziale Belastungen, die letztlich ein Unfallrisiko darstellen.
Unter der Führung von Christian Ludwig wurde die Qualität der externen Gutachten mit einem neuen Clearingprozess verbessert. Gleichzeitig wurde die Versicherungsmedizin professionalisiert. Ludwig war Mitbegründer von «Swiss Insurance Medicine», der schweizerischen Interessengemeinschaft für Versicherungsmedizin. 2005 wurde an der Universität Basel die erste Professur für Versicherungsmedizin errichtet und ein Masterstudiengang für Versicherungsmedizin entwickelt.
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