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Bereits Jahrhunderte bevor der erste Europäer seinen Fuss auf den amerikanischen Kontinent setzte, kannten die Ureinwohner des Amazonasbecken die Hevea brasiliensis. Sie nannten den bis zu 40 Meter in die Höhe ragenden Baum wegen seinem weissen, dickflüssigen Harz den „weinenden Baum“. Das Harz verarbeiteten sie zu einem elastischen Gummi, aus dem sie Bälle, einfache Schuhe und wasserdichte Kleidung herstellten.
Mit der Eroberung Südamerikas durch die spanischen und portugiesischen Konquistadoren, kam im 18. Jahrhundert der heute als Kautschuk bekannte Rohstoff nach Europa. Das neue Material begeisterte durch seine hervorragende Elastizität und wasserabstossende Eigenschaft. Schnell wurde der milchige Saft zum Experimentierobjekt. Doch der Rohstoff wies noch gravierende Mängel auf. Durch Wärme wurde er weich und klebrig und gab einen unangenehmen Geruch von sich, bei Kälte wurde er spröde und brüchig. Zudem war er nur schwer in die richtige Form zu bringen.
1839 machte der Nordamerikaner Charles Goodyear die bahnbrechende Erfindung der Vulkanisation und entdeckte damit das enorme Potential von Kautschuk. Durch die Vermischung des Kautschuks mit Schwefel und Metalloxiden konnte ein temperaturresistentes und widerstandsfähiges Material hergestellt werden. Der Gummi eignete sich für unzählige Produkte: Kabelisolierungen, elastische Schläuche, Fahrradreifen, Autoreifen, Gummihandschuhe und Regenmäntel. In Europa und Nordamerika, welche sich in den Startlöchern der Industrialisierung befanden, kam dieses Material zur richtigen Zeit. Die Nachfrage nach dem Pflanzensekret stieg rasant. Bald war auf den Rohstoff kein Verzicht mehr. Speziell die Automobilindustrie stürzte sich auf den Gummi, vorneweg der Industrieführer, Ford.
Das begehrte Naturprodukt fand man einzig im Regenwald des Amazonasbeckens. Schnell wurde es durch stetig steigende Nachfrage eines der wichtigsten Exportprodukte Brasiliens. Um den riesigen Mengen an nachgefragtem Kautschuk nachzukommen, wurden indigene Völker zum Kautschuk sammeln gezwungen. Sie wurden missbraucht und ausgepeitscht und mussten wie Sklaven arbeiten. Dafür bekamen sie meist nur einen Hungerlohn.
Ihr Arbeitstag begann am frühen Morgen. Mit einem Zapfenmesser mussten sie sich im dichten, schwerzugänglichen Urwald auf die Suche wildwachsender Kautschukbäume machen. Sie schnitten die Baumrinden an und fingen die Gummimilch in einem kleinen Becher auf. Am Abend wurde das mühsam gesammelte Latex über dem Feuer geräuchert und zu festen Kautschukballen verarbeitet. Um die Kautschukernte zu steigern, verschmähte man gelegentlich die langwierige Zapfmethode und liess ganze Bäume ausbluten.
Die Kautschuksammler, die Seringueiros, wurden grausam behandelt. Sie wurden gefoltert und sogar umgebracht. Unter den miserablen Umständen starben unzählige. Ganze Völker zerfielen oder wurden sogar komplett ausgelöscht. In den Industrieländern waren diese Umstände lange nicht bekannt.
Die Brasilianischen Kautschukbarone profitierten vom Boom und ihr Monopolstellung in der Kautschukindustrie. Es beschert sie mit immensem Reichtum und Wohlstand. Das verschlafenen Fischerdorf Manaus mitten im Brasilianischen Urwald wurde zur vermögendsten und modernsten Stadt des Kontinents. Sie verfügte über ein Opernhaus, prunkvolle Bauten und Alleen, Elektrizität, fliessend Wasser und eine Strassenbahn. Zwischen 1880 und 1920 stieg seine Einwohnerzahl von 5000 auf 100'000.
Um die Monopolstellung zu erhalten, war die Ausfuhr von Kautschuksamen strengstens verboten. Schmugglern drohte Gefängnis und sogar die Todesstrafe.
Was man im brasilianischen Kaiserreich nicht ahnte, war, dass der englische Naturforscher Henry Wickham bereits 1876 70’000 Kautschuksamen bei Nacht und Nebel aus dem Amazonasbecken nach Grossbritannien schmuggelte.
In einem botanischen Garten in London keimte er die Sämlinge. Als kleine Bäumchen wurden sie dann in die britischen Kolonien in Südostasien verschifft. Dort wurden sie auf Plantagen im grossen Stil kultiviert.
Im Jahr 1911 überschwemmte der asiatischer Plantagenkautschuk den Markt. Damit brachen die Preise in Brasilien ein. Da Manaus ganzer Wohlstand auf der Produktion von Kautschuk aufbaute, verwandelte es sich mit dem Untergang seines Monopols zu einer verlassenen Geisterstadt. In freier Natur gesammelter Wildkautschuk ist heute ein eher seltenes und exotisches Rohmaterial. Henry Wickham wird in Brasilien bis heute für seine Tat verachtet.
Erst als der Kautschukboom bereits dem Untergang geweiht war, wurden die Gräueltaten, welche der indigenen Bevölkerung in dieser Zeit angetan wurden, publik. 1911 veröffentlichte der britische Diplomat Iren Roger Casement, einer der größten Menschenrechtsaktivisten seiner Zeit, seinen Untersuchungsbericht, welcher die Untaten aufdeckte.
Doch auch wenn die enorme Nachfrage nach Kautschuk aus dem Amazonasbecken gesunken ist, sind die Nachfahren der Überlebenden dieser Gewalttaten noch immer bedroht. Die Ausbeutung des Regenwaldes geht bis heute weiter und bedroht erneut das Überleben indigener Völker. Illegale Holzfäller, angetrieben vom Wert seltener Edelhölzer, Sojaplantagen und Brandrodungen in nie dagewesenen Ausmassen dringen in den Lebensraum der Ureinwohner vor.
Die Hevea brasiliensis hat vor über 100 Jahren immenses Leid über das Amazonasbecken gebracht, und auch heute ist die Pflanze noch Auslöser für Missstände. Die Plantagen, die 1911 in Südostasien zum Zentrum der Kautschukproduktion wurden, sind es auch heute noch. Denn Naturkautschuk ist noch immer ein enorm nachgefragtes Produkt. Kautschuk kann zwar synthetisch hergestellt werden, doch das Produkt ist weniger haltbar und flexibel, und zudem teurer. Ein bisschen weniger als die Hälfte des weltweiten Gummibedarf liefert darum noch immer der Naturkautschuk. Jährlich werden weltweit zwei Milliarden Reifen aus Naturkautschuk produziert.
Um neue Kautschukplantagen anzubauen, werden aktuell riesige Flächen wertvoller Natur in China, Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha und Myanmar verdrängt. Sogar in Gebieten, welche klimatisch nicht optimal für die Pflanze sind. Die Zerstörung der Artenvielfalt, die die Rodung mit sich bringt, ist eine ökologische Katastrophe. Zudem sind Kleinbauern, die von der Kautschukernte leben, auf Grund der Instabilität des Kautschukpreises ständig einem grossen Risiko ausgeliefert.