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Zusammenfassung
1 Epidemiologische Lage
1.1. Allgemeine Situation
In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-2, unter welchen seit kurzem Delta (B.1.617.2) dominiert. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen, Intensivstation-Belegung, Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, ohne zwischen einzelnen Stämmen zu unterscheiden. Bis Ende Juni 2021 deuteten all diese Indikatoren auf eine kontinuierlich rückläufige Epidemie hin. Seit Juli 2021 gibt es klare Anzeichen für einen Anstieg mit einer momentan wöchentliche Verdopplung.
1.1.1. Dynamik
Basierend auf den aktuellen Daten schätzen wir, dass die SARS-CoV-2 Epidemie in den letzten Wochen, nach einer Phase der Abnahme, wieder ansteigt. Der 7-Tagesschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 1,49 (1,32-1,65); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 03.07. – 09.07.2021[1].
Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen[2]:
- 1,44 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 1,3-1,57) aufgrund der bestätigten Fälle, per 09.07.2021.
- 1,11 (95% UI: 0,53-1,91) aufgrund der Hospitalisationen, per 03.07.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 1,61 (95% UI: 1,39-1,83) geschätzt.
- 1,19 (95% UI: 0-5,63) aufgrund der Todesfälle, per 27.06.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 1,15 (95% UI: 0,51-2,04) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 1,61 (95% UI: 1,44-1,77) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin, dass die Re Werte das Infektionsgeschehen nur verzögert widerspiegeln, weil eine gewisse Zeit vergeht zwischen der Infektion und dem Testresultat oder dem etwaigen Tod. Für Re Werte, die auf Fallzahlen basieren, beträgt diese Verzögerung mindestens 10 Tage, für Todesfälle bis 23 Tage.
Parallel bestimmen wir die Änderungsraten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage3. Die bestätigten Fälle stiegen um 76% (UI: 92% bis 62%) pro Woche, die Hospitalisationen um 19% (UI: 102% bis -30%). Todesfälle traten nur vereinzelt auf und lassen eine Berechnung des zeitlichen Trends nicht zu. Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.
Eine Veränderung der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfällen stratifiziert nach Alter kann auf unserem Dashboard verfolgt werden[4]. Wir beobachten statistisch signifikant steigende Fallzahlen allen Altergruppen ausser der 65-74 Jährigen. Der Anstieg in den über 75 Jährigen ist mit 207% (52%-541%) pro Woche momentan am stärksten, beruht aber auf kleinen Fallzahlen und hat deshalb auch ein breites Konfidenzintervall. Hospitalisierungszahlen sind in allen Altersgruppen im einstelligen Bereich, was die Schätzung eines zeitlichen Trends erschwert.
1.1.2. Absolute Zahlen
Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 61 pro 100’000 Einwohner. Die Positivität liegt bei 1,8% (Stand 16.07.2021, das ist der letzte Tag, für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden).
Die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 21-28[5] Personen (die Änderung war -6% (UI: 16% bis -23%) pro Woche).
Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle über die letzten 14 Tage war zwischen 1 und 1[6]
1.2. Neue Varianten
Seit Kalenderwoche 26 ist Delta die dominante Variante in der Schweiz mit einer vorläufig geschätzten Häufigkeit von 83% (KW 27).
Im März 2021 war Alpha die dominante Virusvariante in der Schweiz geworden[7],[8], deren Übertragungsrate um etwa 50% höher als die des Wildtyps ist [9],[10],[11]. Die in der Schweiz verwendeten mRNA-Impfstoffe sind gegen Alpha hoch wirksam [12],[13],[14].
Die im ersten Quartal des Jahres 2021 erstmals in der Schweiz nachgewiesenen Varianten Beta (B.1.351) und Gamma (P.1) hatten über die letzten 14 Tage gemittelt eine Häufigkeit von respektive 0.0% und 2.3% [15].
Die ursprünglich in Indien beschriebene Variante Delta, die Public Health England als “variant of concern (VOC)” klassifiziert hat, ist inzwischen die dominante Variante in der Schweiz. Delta hatte in der Kalenderwoche 25 eine Häufigkeit von 32%, in der Kalenderwoche 26 eine Häufigkeit von 66% und in der Kalenderwoche 27 eine Häufigkeit von 83% unter den sequenzierten Fällen [16]. Wegen Verzögerungen, mit denen die Sequenzen erfasst werden, können sich diese Häufigkeit, vor allem in Kalenderwoche 27, noch ändern. Aus diesem Anstieg der Häufigkeit von Delta kann man einen Transmissionsvorteil gegenüber Alpha von 55-63% berechnen [17].
Delta dominiert mittlerweile die Epidemie in vielen Ländern, darunter Grossbritannien[18], den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande und Portugal [19]. Der Übertragungsvorteil von Delta gegenüber Alpha wurde im Rahmen einer Studie der University of Warwick auf 56% (95% Konfidenzintervall: 34%-81%) geschätzt, die in einem Preprint [20] beschrieben ist. Einem Preprint aus Kanada[21] und einer Studie aus Schottland[22] zufolge ist die Hospitalisierungsrate von Delta im Vergleich zu Alpha um 74%-85% erhöht. Eines Preprints von Public Health England[23] zufolge ist der Schutz der Impfung gegen Delta reduziert: nach der ersten Dosis BNT162b2 (dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer) ist die Wirksamkeit gegen Delta nur 34% (statt 51% gegen Alpha), nach der zweiten Dosis 88% (statt 93% gegen Alpha). Die Fallzahlen in Grossbritannien steigen seit Wochen wieder an. Zeitverzögert steigen dort nun seit einigen Tagen auch die Zahl der Spitaleintritte wieder an [24]. Im benachbarten Ausland wie auch in der Schweiz fand die Trendwende hin zu steigenden Fallzahlen in der zweiten Junihälfte statt. Die Dominanz der Delta Variante zusammen mit einer Zunahme der Kontakte birgt die Gefahr eines weiteren deutlichen Anstiegs der Fallzahlen über die nächsten Wochen in der Schweiz. Wir rechnen auch mit einem baldigen Anstieg von Hospitalisierungen, der wegen der geringeren Impfdeckung in der Schweiz verglichen mit Grossbritannien[25] voraussichtlich einen grösseren Anteil der Infizierten betreffen wird.
1.3. Situation in anderen Ländern und das Risiko einer schnellen Ausbreitung
Eine besonders schnelle Zunahme der Ansteckungen wird im Moment, im Juli 2021, in den Niederlanden beobachtet. Am 16.07.2021 wurde die effektive Reproduktionszahl auf 2.91 geschätzt [26], was einer Verdopplungszeit von etwa 66 Stunden entspricht. Wenn sich eine Epidemie konstant mit einer Verdopplungszeit von 66 Stunden über drei Wochen weiterentwickeln würde, würde die Anzahl Infektionen um etwa einen Faktor 200 anwachsen (21 Tage sind 504 Stunden; bei einer Verdopplungszeit von 66 Stunden entspricht das 504/66=7.64 Verdopplungen; 7.64 Verdopplungen entsprechen einem Zuwachsfaktor von 2^7.64=199). Dieses Beispiel zeigt, dass auch im Sommer und mit substantieller Impfabdeckung die Ansteckungen mit der Delta-Variante sehr schnell zunehmen können. Die Impfabdeckung in den Niederlanden ist ähnlich wie in der Schweiz[27].
Wegen der Möglichkeit einer solchen schnellen Ausbreitung der Epidemie ist es essentiell, Entscheidungen nicht nur auf die Entwicklung der Hospitalisationen abzustützen. Eine schnelle Zunahme der Ansteckungen kann mit einer gewissen Latenz auch zu einer schnellen Zunahme der Hospitalisationen führen. Wenn die Altersverteilung der Ansteckungen ein Gleichgewicht in der Bevölkerung erreicht hat, dann führt eine Verdopplung der Ansteckungen in der Regel auch zu einer Verdopplung der Hospitalisationen. Der Effekt der Impfung ist dann immer noch sichtbar: wegen der Impfung führt ein kleinerer Teil der Ansteckungen zu einer Hospitalisation – aber die Zuwachsrate der Hospitalisationen entspricht trotzdem der Zuwachsrate der Ansteckungen, wenn die Altersverteilung der Ansteckungen konstant ist. Dies zeigt sich in Grossbritannien, wo zunächst ‘nur’ die Fallzahlen stark angestiegen sind, während dem Hospitalisationen und Todesfälle auf einem niedrigen Niveau fast konstant blieben. Inzwischen steigen Fallzahlen (von einem sehr hohen Niveau aus), Hospitalisationen und Todesfälle mit vergleichbarer Dynamik um 40-50% pro Woche[28].
Wegen der Zeitverzögerung zwischen Ansteckung und Spitaleintritt werden in einer sich ausbreitenden Epidemie die Hospitalisationen noch rund 12 Tage weiter zunehmen nach einer Intervention, welche die Ansteckungen reduziert. Die Zeitverzögerung zwischen Ansteckung und Hospitalisation beträgt rund 12 Tage [29]. Wenn also zu einem bestimmten Zeitpunkt die Ansteckungen erfolgreich reduziert werden, dann nehmen die Hospitalisationen während rund weiteren 12 Tagen mit unveränderter Geschwindigkeit weiter zu, bevor sich der Effekt der Intervention dann auch bei den Hospitalisationen zeigt. Im extremen Fall einer Verdopplungszeit bei den Hospitalisationen von 3 Tagen würde das einem Zuwachs um einen Faktor 16 (2^(12/3)=16) entsprechen.
2. Fortschreiten der Impfkampagne
2.1. Situation in der Schweiz
In Kalenderwoche (KW) 23 hatten 4.06% der Schweizer Bevölkerung eine Erstdosis einer mRNA-Impfung erhalten. Seitdem hat die Geschwindigkeit der Impfkampagne insbesondere hinsichtlich der Erstimpfungen um 76% nachgelassen, sodass in KW 27 nur noch 0.98% der Gesamtbevölkerung erstmals geimpft wurde[30]. Falls die Impfgeschwindigkeit nicht wieder erhöht werden kann, werden erst im September 60% der Gesamtpopulation eine erste Impfung erhalten haben, für einen vollen Impfschutz dauert es jedoch noch sechs Wochen länger. Daten aus England zeigen, dass die Schutzwirkung einer einmaligen mRNA-Impfung gegen Delta mit 30-40% ungenügend ist, erst nach der 2. Dosis wird gegen Delta ein hoher Schutz im Bereich von 90% erreicht[31]. Aufgrund der hohen Übertragbarkeit von Delta ist ein Immunitätsniveau von 60% der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht ausreichend, um die sich aufbauende 4. Pandemiewelle in der Schweiz entscheidend zu bremsen. Dazu wäre eine nahezu flächendeckende Populationsimmunität von >85% notwendig.
Bei der Impfkampagne in der Schweiz zeigen sich zunehmende kantonale Unterschiede: Während die vier schnellsten Kantone am 15. Juli bei knapp 56% Erstimpfungen der Gesamtbevölkerung lagen, erreichten die sechs langsamsten Kantone noch nicht einmal 47%.
2.2. Vergleich mit anderen Ländern
Für die Gesamtschweiz ergibt sich Mitte Juli damit ein Zwischenwert von 52.4% der Bevölkerung mit Erstimpfungen, was signifikant niedriger ist als in den Nachbarländern (Deutschland 59%; Österreich 57%; Frankreich 54%) und dies bei langsamerer wöchentlicher Impfgeschwindigkeit. Italien, Spanien und Grossbritannien liegen bereits jetzt zum Teil deutlich über der 60% Marke[32].
Abbildung 1: Anzahl Impfdosen, die pro Tag verabreicht werden, für die Schweiz und die Nachbarländer, pro 100 Menschen, gleitender Mittelwert über 7 Tage. Quelle: ourworldindata.
Diese Unterschiede in den Impfkampagnen können zu grossen Unterschieden im Anteil der Nicht-Immunen führen. In der Schweiz liegt bei den Menschen über 50 Jahren der Anteil der nicht doppelt geimpften bei momentan knapp 35% [33]; in Grossbritannien ist dieser Anteil bei etwa 5%[34], das heisst ungefähr siebenmal kleiner. Bei den Menschen über 70 Jahren sind in Grossbritannien nur etwa 2% nicht doppelt geimpft9, was fast zehnmal tiefer ist als der Anteil der nicht doppelt Geimpften in dieser Altersklasse in der Schweiz. Eine Immunität haben neben den Geimpften auch ein grosser Teil der Genesenen. Der Anteil der Genesenen ist in Grossbritannien tendenziell höher als in der Schweiz[35]. Zusammenfassend heisst das also, dass der Anteil der Nicht-Immunen in der Schweiz bei den Menschen ab 50 Jahren – je nach Altersklasse – über fünfmal grösser ist als in Grossbritannien.
Bei anderen Infektionskrankheiten ist in der Schweiz die Impfabdeckung hoch im europäischen Vergleich (Abbildung 2). Das legt nahe, dass die aktuelle Differenz in der COVID-Impfabdeckung zwischen der Schweiz und Ländern mit sehr hoher Durchimpfungsrate keinem generellen Trend folgt sondern durch verstärkte Anstrengungen verkleinert werden kann. In England und Spanien, die beide sehr hohe Impfabdeckungen erzielt haben, wurden zum Beispiel die Menschen ab einem gewissen Alter direkt und persönlich von lokalen Vertretern des Gesundheitswesens kontaktiert, um eine Impfung zu besprechen oder ihnen eine Impfeinladung zukommen zu lassen.
Abbildung 2: Impfabdeckung für Masern (blau) und Diphtherie, Starrkrampf und Keuchhusten (orange) bei Kindern im Alter zwischen 12 und 23 Monaten in der Schweiz und ausgewählten Europäischen Ländern im Jahr 2017. Daten von https://ourworldindata.org/vaccination
In Deutschland – wo momentan eine ähnliche Situation bzgl. Neuinfektionen und Impfungen besteht – wird, basierend auf Modellierungen eine größere Welle erwartet[36]. Dies führt dann auch zu einem Anstieg der Spitaleintritte und Intensivbettenbelegung. Zudem wird in der Modellierungsstudie festgestellt, dass die Kinder bei hoher Inzidenz in den Schulen nicht vor einer Infektionswelle geschützt werden können, und dass eine steigende Inzidenz bei Kindern gleichzeitig wieder zu mehr Neuansteckungen bei den Erwachsenen führt.
3. Immunität und Suszeptibilität in verschiedenen Altersklassen
3.1. Übersicht
Langfristig wird SARS-CoV-2 mit grosser Wahrscheinlichkeit endemisch werden. Das bedeutet, dass langfristig der grösste Teil der Menschen Immunität erwerben wird gegen SARS-Cov-2, entweder durch Impfung oder durch eine Ansteckung. Weiter wird davon ausgegangen, dass diese Immunität immer wieder aufgefrischt wird, am ehesten durch natürliche Viruszirkulation, bei besonders gefährdeten Personen allenfalls auch durch Boosterimpfungen. Immunität durch Impfung hat eine Reihe von gesundheitlichen wie auch wirtschaftlichen Vorteilen (siehe Abschnitt 3.3.). Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Anzahl der bislang noch nicht immunen Menschen in verschiedenen Altersklassen zu betrachten und die Konsequenzen zu analysieren, wenn diese Menschen geimpft oder angesteckt werden.
Eine zentrale Frage ist, wie die zukünftigen epidemiologischen Entwicklungen in der Schweiz Menschen in verschiedenen Altersklassen betreffen. Viele wichtige Faktoren unterscheiden sich stark zwischen Altersklassen – die Konsequenzen einer Infektion, die Häufigkeit und Art der (potenziell infektiösen) Kontakte mit anderen Menschen und auch die Verfügbarkeit einer Impfung und der Grad der Impfabdeckung. In diesem Dokument diskutieren wir die aktuelle Situation im Juli 2021 und die Aussichten für vier Altersklassen.
Der Anteil der aktuell nicht immunen Menschen unterscheidet sich stark zwischen verschiedenen Altersklassen. Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die Anzahl Menschen in vier grossen Altersklassen und erlaubt einen Vergleich zwischen der Anzahl der bislang infizierten und der Anzahl der momentan noch nicht immunen Menschen. Die Anzahl der momentan noch nicht immunen Menschen gibt einen Eindruck über die momentane potentielle Krankheitslast in jeder Altersklasse: das ist die maximale Anzahl an schweren, akuten Erkrankungen mit Hospitalisationsbedürftigkeit, falls alle nicht immunen Menschen in diesem Alter mit SARS-CoV-2 infiziert würden. Die momentane potentielle Krankheitslast entspricht keiner Prognose über die zu erwartende Anzahl Erkrankungen, sondern beschreibt die obere Grenze der Krankheitslast für den ungünstigsten Fall, dass sich alle nicht immunen Menschen anstecken würden. Die potentielle Krankheitslast nimmt über die Zeit ab, wenn mehr Leute geimpft werden oder nach einer SARS-CoV-2 Infektion wieder genesen.
Tabelle 1. Nicht-immune Menschen in verschiedenen Altersklassen. Alle Zahlen sind gerundet.
a Momentan nicht Immune werden abgeschätzt basierend auf der Anzahl ein- und zweimal Geimpfter am 11. Juli 2021, der geschätzten Wirksamkeit der Impfung bezüglich Sterblichkeit nach der 1. und 2. Dosis, und der geschätzten Anzahl Genesener (basierend auf Seroprävalenzdaten).
b Hospitalisation und Todesfall pro Infektion: die meisten Daten basieren auf Infektionen mit den SARS-CoV-2 Stämmen, die bis März 2021 dominant waren. Bei Infektionen mit der Variante Delta ist das Risiko einer Hospitalisation oder eines Todesfalls grösser (Details im Abschnitt “Epidemiologische Situation”) als bei den Stämmen, die bis März 2021 dominant waren. Angegeben ist der Bereich der Werte über die ganze Altersklasse hinweg.
c Momentane potentielle Krankenheitslast: die maximale mögliche Krankheitslast falls alle Menschen infiziert würden, die im Moment nicht immun sind. Das ist also die obere Grenze für die mögliche Krankheitslast mit den aktuell bekannten Virenstämmen. Hier ist nicht berücksichtigt, dass bei Infektionen mit der Variante Delta das Risiko einer Hospitalisation oder eines Todesfalls grösser ist als bei den Stämmen, die bis März 2021 dominant waren. Dieser Umstand führt zu einer weiteren Erhöhung der momentanen potentiellen Kranhkeitslast.
Alters-
klasse
Anzahl
Menschen
Bislang
infiziert
Bislang hospitalisiert (seit 2.2020)
Bislang gestorben (seit 2.2020)
Momentan nicht immuna
Hospitalisation pro Infektionb
Todesfall pro Infektionb
Momentane
potentielle Krankheitslastc
0-19
1’700’000
450’000
490
3
1’200’000
0.06-0.16%
0-0.001%
etwa dreimal so hoch wie bisher
20-49
3’430’000
880’000
3’200
50
1’400’000
0.2-0.6%
0.001-0.1%
etwa doppelt so hoch wie bisher
50-69
2’260’000
510’000
9’000
900
590’000
1.3-2.5%
0.07-0.3%
etwa gleich hoch wie bisher
ab 70
1’230’000
175’000
16’300
9300
190’000
6-16%
1.7-13%
etwa gleich hoch wie bisher
Die in Tabelle 1 gezeigten Abschätzungen beruhen auf einer Reihe von Annahmen, wie auch im wissenschaftlichen Update vom 6. Juli 2021 beschrieben [37]. Die Anzahl Infizierter pro Altersklasse wurde geschätzt durch Extrapolation der neusten Seroprävalenzdaten aus Genf, unter folgenden Annahmen: dass die Infektionssterblichkeit in Genf gleich ist wie im Rest der Schweiz; dass die Altersverteilung der Bevölkerung gleich ist in Genf wie im Rest der Schweiz; und dass die Verteilung der Infektionen über die verschiedenen Altersklassen gleich ist in Genf wie im Rest der Schweiz. Die Schätzung der Zahl der Nicht-Immunen in verschiedenen Altersklassen beruht auf folgenden Annahmen: dass sich der Anteil vorgängig Infizierter nicht unterscheidet zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften (diese Annahme wird gestützt durch Daten über Seroprävalenz und Impfadeckung aus Genf); dass zwei Impfdosen in 97% der Fälle vollen Schutz vor dem Tod verleihen; und, dass eine Impfdosis in 67% der Fälle vollen Schutz vor dem Tod verleihen. Die Abschätzung berücksichtigt den Umstand nicht, dass Menschen mit Risikofaktoren prioritär geimpft worden sind.
Im Moment, im Juli 2021, ist die potentielle Krankheitslast in jeder dieser vier Altersklassen gleich gross oder grösser als die totale bisherige Krankheitslast seit Beginn der Pandemie. Das bedeutet, dass im ungünstigsten Fall – wenn die grosse Mehrheit dieser Menschen infiziert würde statt sich impfen zu lassen – die gesamte Krankheitslast durch COVID-19 in der Schweiz nochmals so gross oder grösser werden könnte als kumuliert im gesamten bisherigen Pandemieverlauf. Das Eintreten dieses ungünstigsten Falles ist unwahrscheinlich, da sich fortlaufend noch mehr Leute impfen lassen. Diese Überlegung zeigt aber, wie wichtig eine weitere Erhöhung der Impfabdeckung ist. Mit jeder Person, die geimpft wird, reduziert sich die potentielle Krankheitslast.
Im folgenden diskutieren wir die vier Altersklassen näher und legen dar, welche spezifischen Vorteile eine Erhöhung der Impfabdeckung für jede Altersklasse hat.
3.2. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 19 Jahre
Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 19 sind aktuell, Mitte Juli 2021, etwa 70% noch nicht immunisiert gegen SARS-CoV-2; das sind etwa 1.2 Millionen Menschen (Tabelle 1). Etwa 25% der Menschen bis 20 weisen Antikörper auf nach einer vergangenen Infektion mit SARS-CoV-2. Bei den Jugendlichen ab 12 kommt zusätzlich Immunität durch Impfung dazu: seit dem 04.06.21 ist die Impfung von Pfizer/BioNTech zugelassen, und wöchentlich nimmt der Anteil der mindestens einmal geimpften in dieser Altersklasse um rund 2.5% zu [38]. Bei den Jugendlichen ist die Impfung also ein wirkungsvolles Instrument, um grossflächige Ansteckungen zu verhindern und andere Massnahmen zum Reduktion von Übertragungen zu reduzieren.
3.2.1. Negative Auswirkungen von Massnahmen
In den meisten Ländern – innerhalb und ausserhalb von Europa – waren die Schulen für einen Teil der Zeit seit Februar 2020 geschlossen, entweder über alle Stufen hinweg oder dann auf einzelnen Schulstufen[39]. In der Schweiz waren die Einschränkungen des Schulbetriebs im internationalen Vergleich gering. Von Mitte Mai 2020 bis Ende Oktober 2020 war die Schweiz eines von wenigen Ländern, in denen der Schulbetrieb nicht wenigstens für einzelne Stufen eingestellt war (nur Burkina Faso, Burundi, Weissrussland und Nicaragua hatten in dieser Zeitspanne vergleichbar wenig Schulschliessungen wie die Schweiz [40]). Neben Einschränkungen, die den gesamten Schulbetrieb betreffen, führen auch Quarantäne- und Isolationsmassnahmen zu Unterbrüchen im Präsenzunterricht. Das Ausmass dieser Unterbrüche hängt neben den Quarantäneregeln wesentlich von der Inzidenz von SARS-CoV-2 ab: wenn die Inzidenz niedrig ist, müssen weniger Kinder und Jugendliche wegen Isolation und Quarantäne dem Präsenzunterricht fernbleiben.
Die Pandemie, und Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie, haben diverse mögliche negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Im wissenschaftlichen Update vom 5. Mai haben wir pandemie-assoziierte psychische und psychosomatische Konsequenzen beschrieben[41]. Einschränkungen des Präsenzunterrichts – durch Schulschliessungen oder Isolation und Quarantäne – haben dazu direkte Folgen für die Lernfortschritte. Eine neue Studie aus den Niederlanden zeigt auf, dass Schülerinnen und Schüler während dem Fernunterricht wenig bis keine Fortschritte gemacht haben[42].
Weitere negative Folgen der Massnahmen waren Einschränkungen beim Sport, bei musikalischen und kulturellen Aktivitäten sowie im Freizeitverhalten insbesondere was die stark reduzierten Möglichkeiten für private Zusammenkünfte mit Gleichaltrigen angeht. Die durch die Pandemie selber sowie durch die dagegen gerichteten Massnahmen verursachten Einschränkungen der Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen haben bei Kinder vor allem Hyperaktivität und aggressives Verhalten verstärkt, während es bei Jugendlichen zu einer Zunahme von Angststörungen und depressiven Symptomen mit psychosomatischen Manifestationen gekommen ist[43].
3.2.2. Positive gesundheitliche und epidemiologische Auswirkungen von Massnahmen
Die unmittelbaren Nutzen von Eindämmungsmassnahmen sind eine Reduktion der Ansteckungen von Kindern und Jugendlichen. Was ist die Bedeutung dieser Reduktion aus der Perspektive der Individuen und der Volksgesundheit?
Ein wichtiger Punkt ist, dass Kinder (wie auch der Rest der Bevölkerung) nicht langfristig davor geschützt werden können, mit SARS-CoV-2 in Kontakt zu kommen und potenziell angesteckt zu werden. Wie oben diskutiert wird SARS-CoV-2 wahrscheinlich endemisch werden, so dass die meisten Menschen, und damit auch Kinder und Jugendliche, längerfristig diesem Virus ausgesetzt werden[44]. Die Frage ist deshalb nicht, ob Kinder (und wir alle) mit dem Virus in Kontakt kommen werden, sondern ob dieser Erstkontakt mit dem Virus mit oder ohne immunologische Vorbereitung durch Impfung stattfinden wird. Ausserdem haben wir durch Eindämmungsmassnahmen einen gewissen aber begrenzten Einfluss darauf, wann und in welcher epidemiologischen Dichte dieser Erstkontakt in einer gegebenen Population stattfindet. Ein Schutz vor einem Kontakt mit SARS-CoV-2 ist deshalb nur temporär möglich. Das wirft die Frage auf, welchen Nutzen die individuellen Kinder und Jugendlichen – oder die Gesellschaft – davon haben, wenn durch Schutzmassnahmen der Zeitpunkt dieses Kontaktes hinausgezögert wird.
Ein erster möglicher Nutzen ist, dass dadurch Kinder und Jugendliche die Chance haben, sich impfen zu lassen bevor sie infiziert werden, und dadurch direkte und indirekte Krankheitsfolgen vermieden werden (siehe unten). Für Jugendliche ab 12 Jahren ist seit dem 04.06.21 ein mRNA-Impfstoff zugelassen, und aktuell (Mitte Juli 2021) lassen sich jede Woche zusätzlich ca. 2.5% dieser Altersklasse impfen. Für Kinder unter 12 Jahren ist momentan kein Impfstoff zugelassen. Wenn durch Schutzmassnahmen mehr Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden können, und ein grosser Teil der Kinder bis 12 vor einer Infektion geschützt werden bis sie Zugang zu einer Impfung haben, dann erlaubt das diesen Menschen eine Immunisierung durch Impfung vor einer Infektion. Unten ist ein kurzer Vergleich aufgeführt der gesundheitlichen Konsequenzen dieser beiden Arten von Immunisierungen.
Ein zweiter möglicher Nutzen ist, dass durch eine Reduktion der Ansteckungen bei Kindern Zeit gewonnen wird, um mehr über die Krankheitsverläufe, mögliche gesundheitliche Einschränkungen bei einem Teil der Infizierten und neue Behandlungsmethoden zu erfahren. Das könnte bedeuten, dass später infizierte Kinder bei längerfristigen gesundheitlichen Einschränkungen oder seltenen schweren Verläufen besser medizinisch unterstützt werden können.
Ein dritter möglicher Nutzen von Schutzmassnahmen bei Kindern und Jugendlichen ist der bremsende Effekt auf die Epidemie in der Schweiz, und damit der Schutz von Erwachsenen, die ein ungleich grösseres Risiko für schwerwiegende Erkrankung, eine Hospitalisation oder einen Todesfall haben. Seit der Einführung der Impfung (in der Schweiz im Dezember 2020) hat sich die Bedeutung dieses Effekts gewandelt: Jetzt können sich die allermeisten Erwachsenen direkt schützen lassen durch eine Impfung. Damit entfällt eines der bisherigen Argumente für die Verordnung von Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen aus epidemiologischen Gründen. Wie oben ausgeführt, ist die Durchimpfung der erwachsenen Bevölkerung im Moment (Mitte Juli 2021) noch zu wenig weit fortgeschritten, um eine Überlastung des Gesundheitssystems bei starker epidemiologischer Beschleunigung auszuschliessen. Dies rechtfertigt jedoch Schulschliessungen oder andere stark einschränkende Massnahmen bei Kindern und Jugendlichen nicht (mehr), denn es ist bedeutend wirkungsvoller, möglichst viele Erwachsene durch Impfung direkt zu schützen, um die potentielle Krankheitslast möglichst schnell zu reduzieren und gleichzeitig die Epidemiologie zu verlangsamen. Schutzmassnahmen (oder Impfung) bei Kindern und Jugendlichen haben einen begrenzten Einfluss auf die Epidemiologie bei der erwachsenen Bevölkerung.
Welche Schutzmassnahmen wären geeignet, um Kinder und Jugendliche für einige Monate ohne starke Einschränkungen vor einer SARS-CoV-2 Infektion zu schützen?
Um breitflächige Ansteckungen bei Kindern und Jugendlichen in der kommenden Zeit zu verhindern, bieten sich in Schulen und Ausbildungsbetrieben eine Reihe von Massnahmen an. In einem Dokument vom 18. Januar 2021 haben die Vor- und Nachteile einer Reihe von Massnahmen evaluiert[45]. Die Grundlage und gleichzeitig wirksamste Massnahme bildet das Anstreben einer möglichst niedrigen Viruszirkulation in der Gesamtbevölkerung, was nicht ohne eine sehr hohe Impfrate aller Erwachsenen und insbesondere aller Betreuungspersonen von Kindern erreichbar sein wird.
Neben der Aufrechterhaltung und dem konsequenten Training der Basismassnahmen wie Abstand und Händehygiene sind klare Regeln für das Verhalten bei Symptomen und nach Exposition inklusive gezieltem Testen und Nachverfolgung von Ausbrüchen eine unabdingbare Grundlage. Um die zu erwartende Zirkulation von SARS-CoV-2 in dieser Altersklasse rasch zu erkennen und zu reduzieren, haben sich regelmässige und breitflächige Tests an Schulen und Betreuungsstätten als wirksam erwiesen. Dazu bieten sich gepoolte Speichel-PCR-Tests besonders an wegen ihrer hohen Sensitivität und Spezifität sowie der deutlich höheren Akzeptanz durch Kinder bei repetitiver Durchführung im Vergleich zu Abstrich-basierten Screenings. Angesichts der aktuellen Entwicklung mit exponentieller Epidemiologie sollte damit unmittelbar nach Wiederaufnahme des Unterrichts nach den Sommerferien möglichst flächendeckend begonnen werden, da mit einem hohen Import verschiedener Viren aus dem In- und Ausland zu rechnen ist.
Gegen Aerosol-basierte Virusübertragungen können folgende Massnahmen wirksam sein: Installation von CO2-Sensoren zur kontinuierlichen Messung der Luftqualität, um die Lüftungsfrequenz zu fördern, sowie das konsequente Tragen von chirurgischen Masken in Innenräumen. Einen Zusatznutzen könnten auch Luftfiltrierungsanlagen bieten, insbesondere in Räumen mit ungünstigen Lüftungsbedingungen und/oder hoher Belegung.
Mögliche Krankheitsfolgen einer SARS-CoV-2 Infektion im Vergleich zu möglichen Impfnebenwirkungen bei Kindern <12 Jahre. Bei der Diskussion von Schutzmassnahmen und Entscheidungen für Impfempfehlungen für Jugendliche und Kinder (für die allerdings im Moment keine Impfung zugelassen ist) ist ein Punkt wichtig: weil SARS-CoV-2 mit grosser Wahrscheinlichkeit endemisch werden wird, werden die allermeisten Menschen mit SARS-CoV-2 in Kontakt kommen und sich infizieren. Je nach Alter und vorangegangener Immunisierung kann dieser Erstkontakt mit SARS-CoV-2 sehr unterschiedliche gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Diese Punkte möchten wir am Beispiel der Kinder bis 12 zu erläutern, für die im Moment noch kein Impfstoff zugelassen ist. In der Schweiz leben rund eine Million Kinder bis 12 Jahre. Von diesen haben etwa 25% resp. 250’000 im bisherigen Pandemieverlauf eine SARS-CoV-2 Infektion durchgemacht und. Wenn von den restlichen 750’000 die meisten infiziert werden, erwartet man etwa folgende maximale Krankheitslast, vorausgesetzt dass die Virulenz der Delta-Variante im Vergleich zum Wildtyp bei Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen nicht relevant erhöht ist:
- 1000-1100 Kinder, die wegen oder mit COVID-19 hospitalisiert werden müssen, und 6 Kinder, die daran versterben könnten.
- 200-300 Kinder mit Pädiatrischen Inflammatorischen Multisystem Syndroms (PIMS-TS, [46],[47]).
- 15’000 Kinder mit mindestens einem persistierenden Symptom drei Monate nach einer Infektion mit SARS-CoV-2, basierend auf einer Schweizer Studie von Kindern im Alter von 6-16 Jahren[48].
Ein wichtiger Aspekt bei Entscheidungen über eine Infektionsprävention durch Impfung ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko Abwägung: Um mögliche Nebenwirkungen einer Impfung zu bewerten, ist der relevante Vergleich nicht eine Situation ohne Impfung und ohne Ansteckung. Die Nebenwirkungen der Impfung müssen verglichen werden mit den gesundheitlichen Konsequenzen einer Infektion, welche aufgrund der sehr hohen Übertragbarkeit von SARS-CoV-2 bei fast allen Kindern im Verlauf stattfinden wird. Aufgrund von noch fehlenden Sicherheitsdaten der mRNA-Impfstoffe bei Kindern <12 Jahre verwenden wir hier orientierend und als grobe Annäherung die Daten der 12-15 Jährigen (Selbstverständlich müssen die Sicherheitsdaten in jeder Altersgruppe und für jeden Impfstoff vor einer allfälligen Zulassung genauestens überprüft werden):
- Vorübergehende Nebenwirkungen wie Schmerzen, Rötung und Schwellung im Bereich der Impfung sind genauso wie Fieber und Muskelschmerzen häufig (10-40%) zu erwarten und fast immer nach 1-3 Tagen abgeklungen. Sie können individuell als stark beeinträchtigend und schwerwiegend empfunden werden, aus medizinischer Sicht werden sie fast immer als harmlos beurteilt.
- Anaphylaxie: Es ist davon auszugehen, dass die Häufigkeit anaphylaktischer Reaktionen auf mRNA-Impfstoffe bei Kindern und Jugendlichen ähnlich hoch sein wird wie bei Erwachsenen. Damit wäre mit 0.25-1 anaphylaktischen Reaktion auf 100’000 Impfdosen respektive mit 5-20 betroffenen Kindern zu rechnen, falls alle Kinder (= 1’000’000) zweimal geimpft würden [49].
- Myokarditis: Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnte ein Zusammenhang zwischen mRNA-Impfungen und dem Auftreten einer Herzmuskelentzündung gezeigt werden. Dies betrifft vor allem Männer und Knaben innert weniger Tage nach der 2. Impfdosis. Die Häufigkeit wird auf 0.4/100’000 Erstdosen und 1.2/100’000 Zweitdosen geschätzt mit einem Maximum von 3.2 Fällen auf 100’000 Zweitdosen bei jungen Männern[50]. Insgesamt wären bei kompletter Durchimpfung aller Kinder 20 Fälle einer Myokarditis zu erwarten, falls diese Nebenwirkung auch bei Kindern <12 Jahre mit vergleichbarer Häufigkeit auftreten sollte. Bisher sind keine Fälle beschrieben worden, bei denen sich die Herzfunktion im Verlauf nicht wieder erholt hat.
- Andere Nebenwirkungen sind möglich, können aber erst nach Vorliegen der Studienresultate für die entsprechende Altersgruppe und den jeweiligen Impfstoff bezüglich Häufigkeit und Schweregrad eingeordnet werden.
3.3. Erwachsene zwischen 20 und 49 Jahren
Bei den Erwachsenen zwischen 20 und 49 Jahren sind aktuell etwa 46% nicht immunisiert gegen SARS-CoV-2. Das sind rund 1.5 Millionen Menschen, und damit fast doppelt so viele, wie sich bislang in dieser Altersklasse insgesamt mit SARS-CoV-2 infiziert haben.
In dieser Altersklasse bewegt sich die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation nach einer Infektion zwischen 0.2% (für 20-30-jährige) und etwa 0.6% (für 40-49-jährige). Die Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls liegt zwischen 0.001% (für 20-30-jährige) und etwa 0.01% (für 40-49-jährig; [51]). Diese Abschätzungen berücksichtigen die Dunkelziffer – die Ansteckungen, die nicht erkannt und deshalb nicht gemeldet werden: Die Hospitalisationen und Todesfälle in jeder Altersklasse werden hier nicht relativ zu den bestätigten Fällen dargestellt, sondern relativ zur Schätzung der gesamten Zahl der Infektionen in dieser Altersklasse, inklusive der Infektionen, die nie erkannt und gemeldet wurden.
Diese Zahlen unterschätzen jedoch die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung mit Hospitalisations- oder Todesfolge substantiell, denn sie widerspiegeln die Gefährlichkeit und Virulenz des ursprünglichen Virus vom Herbst 2020. Bereits mit der Variante Alpha kam es im Frühling 2021 in dieser Altersgruppe zu ca. 50% mehr Hospitalisationen. Gemäss einer neuen Studie aus Kanada, könnte die Virulenz von Delta dazu führen, dass Hospitalisations- und Todesrate der ungeimpften Menschen dieser Alterskategorien nach Infektion mit Delta mindestens doppelt so hoch sein könnte im Vergleich zum ursprünglichen Virus, welches im Herbst/Winter 2020/2021 in der Schweiz die starke 2. Welle verursacht hatte[52]. Diese Daten zur erhöhten Virulenz von Delta werden unterstützt durch Analysen aus Schottland, die ein doppelt so hohes Hospitalisationsrisiko nach Infektion mit Delta gegenüber einer Infektion mit Alpha zeigen[53].
In dieser Altersklasse besteht zudem ein relevantes Risiko für längerfristige gesundheitliche Einschränkungen (auch bekannt unter dem Begriff Long-COVID): gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigen 10-20% der jungen Erwachsenen zwischen 16 und 30 Jahren ein halbes Jahr nach einer Infektion Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung sowie andauernde Müdigkeit [54].
Eine Erhöhung der Impfabdeckung in dieser Altersklasse hat deshalb eine Reihe von positiven Konsequenzen: sie führt insgesamt zu einer Reduktion von Hospitalisationen und seltenen Todesfällen vor allem auch bei Menschen mit alltäglichen Risikofaktoren wie zum Beispiel Adipositas (BMI >30) oder Schwangerschaft, und reduziert das Auftreten von längerfristigen gesundheitlichen Einschränkungen. Besonders letztere sind häufig in dieser Altersklasse. Sie betreffen nicht nur die direkt betroffenen Menschen, sondern können auch einen signifikanten Einfluss auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse in Form von Abwesenheit von der Arbeit oder anderen sozialen Aktivitäten haben.
Oekonomischer Vergleich von Arbeitsausfällen durch Impfnebenwirkungen oder durch natürliche SARS-CoV-2 Infektion. Viele Menschen, die sich impfen lassen, haben leichte Nebenwirkungen und sind vorübergehend arbeitsunfähig. Diese Nebenwirkungen sorgen also auch für wirtschaftlichen Schaden. Wie verhält sich der Arbeitsausfall aufgrund von Nebenwirkungen im Vergleich zu krankheitsbedingten Ausfällen? Sehr genaue Informationen zu diesen Fragen gibt es leider nicht. Man müsste zum Beispiel wissen, wie viele Menschen tatsächlich Impf-Nebenwirkungen haben, wie lange, und ob sie überhaupt nicht arbeiten können oder «nur» teilweise betroffen sind. Zu diesen Aspekten sind uns keine verlässlichen Daten bekannt. Dennoch können wir hier einige einfache Rückrechnungen und Überlegungen anstellen.
Das (nominale) Bruttoinlandsprodukt (2019) beträgt 727 Milliarden CHF. Dieses wurde 2019 von 5,1 Millionen Erwerbstätigen erwirtschaftet. Wenn also eine durchschnittliche erwerbstätige Person wegen einer Impfnebenwirkung einen Tag nicht arbeitsfähig ist – und diese Arbeit nicht nachgeholt wird (weil zu anderen Zeiten Flaute herrscht) – dann reduziert dies das Schweizer BIP um 390 CHF (das durchschnittliche BIP pro Erwerbstätigen und Tag). Es ist zu beachten, dass die Bemerkung zwischen den Bindestrichen wichtig ist – in der Praxis ist man oft in der Lage, einen versäumten Arbeitstag nachzuholen, so dass dieser durchschnittliche Effekt wahrscheinlich (deutlich) kleiner ist.
Wie gross sind die Arbeitsausfälle infolge von Impf-Nebenwirkungen, und wie viel Arbeit würde verpasst werden, wenn diese Personen nicht geimpft wären, aber durch eine Infektion eventuell immunisiert würden? Wir haben insgesamt ca. 4,75 Millionen Menschen, die in der Schweiz leben und arbeiten, davon sind – basierend auf der Tabelle 1 – wahrscheinlich ca. 2,7 Millionen derzeit nicht immun. Die Frage läuft nun darauf hinaus, wie viele Arbeitstage entweder durch die Impfung oder die natürliche Immunisierung verloren gehen. Wir können zwei extreme Szenarien durchspielen. Im ersten würden alle in dieser Kohorte geimpft werden. Wenn jeder von ihnen aufgrund der Impfung und ihrer Nebenwirkungen durchschnittlich einen Arbeitstag im Wert von 390 CHF verpassen würde, würde sich dies auf etwas über 1 Milliarde CHF an verlorener Wertschöpfung summieren.
Im zweiten Fall würden alle durch eine Infektion immunisiert werden. Laut einer Meta-Analyse[55] bleibt zirka 30% der SARS-CoV-2-Infektionen während des gesamten Infektionsverlaufs asymptomatisch. Wenn wir davon ausgehen, dass ein symptomatischer Fall im Durchschnitt 7 Tage zur Genesung benötigt (bzw. 7 Tage ohne Arbeit in Isolation ist), und ein solcher Tag mit 390 CHF bewertet wird, würde sich dies auf zirka 5,2 Milliarden CHF an verlorener Wertschöpfung summieren, d.h. ein Mehrfaches der Wertschöpfungsverluste infolge von Impf-Nebenwirkungen.
Hierbei ist zu beachten, dass hier nur die reine Wertschöpfung aufgrund des Arbeitsausfalls berücksichtigt wird. Die Kosten des Gesundheitssektors, Impfkosten und andere soziale Kosten sind in dieser Rückrechnung nicht enthalten. Sie berücksichtigt auch nicht jene Form von Kosten, die mit Long-Covid verbunden sind. Darüber hinaus sind kürzere und planbare Abwesenheiten (verbunden mit Impfungen) für ein Unternehmen wahrscheinlich leichter zu kompensieren als längere unvorhergesehene Abwesenheiten (verbunden mit Infektionen). Auch implizieren Infektionen Abwesenheiten anderer Kollegen aufgrund von Quarantäne, die in diesen Betrachtungen nicht berücksichtigt werden.
Es liegt daher nahe, dass eine rasche und umfassende Durchimpfung nach wie vor auch wirtschaftlich sehr vorteilhaft ist.
3.4. Erwachsene zwischen 50 und 69 Jahren
Bei den Erwachsenen zwischen 50 und 69 Jahren sind aktuell etwa 28% nicht immunisiert gegen SARS-CoV-2. Das sind rund 650’000 Menschen, und damit ähnlich viele, wie sich bislang in dieser Altersklasse insgesamt mit SARS-CoV-2 infiziert haben.
In dieser Altersklasse bewegt sich die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation nach einer Infektion zwischen 1.3% (für 50-59-jährige) und etwa 2.5% (für 60-69-jährige). Die Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls liegt zwischen 0.07% (für 50-59-jährige) und etwa 0.3% (für 60-69-jährig; [56]). Diese prozentualen Werte sind bezogen auf die Gesamtzahl der Infektionen in dieser Altersgruppe inklusive der Dunkelziffer. Auch diese Zahlen unterschätzen die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung mit Hospitalisations- oder Todesfolge sowie die Notwendigkeit einer Behandlung auf einer Intensivstation aufgrund der als deutlich höher beschriebenen Virulenz der inzwischen dominanten Delta-Variante. Gemäss der bereits erwähnten Studie aus Kanada ist das Risiko für eine Behandlung auf der Intensivstation nach einer Infektion mit Delta um mehr als das dreifache höher als nach einer Infektion mit dem Virus der 2. Welle[57]. Dies ist besonders relevant, da die 50-69 Jährigen bereits mit dem Aufkommen der Alpha Variante und der altersabhängigen Impfpriorisierung im Frühling 2021 weitaus am stärksten zu der vergleichsweise hohen Belastung von Intensivstationen in der 3. Welle beigetragen hatten. Gemäss einer noch nicht publizierten Analyse des RISC-19-ICU Registers der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin lag das Alter von intensivmedizin-pflichtigen Patient*innen in der 3. Pandemiewelle im Median bei 62 Jahren (Interquartile range / IQR: 54-68 Jahre). Die Patient*innen waren somit gut 5 Jahre jünger als zuvor und weniger als 15% der Patient*innen war älter als 70 Jahre (Hilty et al., accepted for publication). Obwohl gut 70% der 50-69-jährigen Menschen geimpft sind, könnte die höhere Virulenz von Delta den Effekt dieser Impfrate hinsichtlich der Notwendigkeit einer Behandlung auf einer Intensivstation weitgehend zunichte machen. Bei einem starken Anstieg der Infektionen mit Delta in dieser Altersgruppe ist mit einer hohen Belastung der Intensivstationen zu rechnen.
Auch bei 50-69-jährigen SARS-CoV-2 infizierten Personen kommt es zu Long-COVID: Zwischen dem Schweregrad einer akuten SARS-CoV-2 Infektion und der Häufigkeit, Dauer und Anzahl beeinträchtigender Symptome bei Long-COVID konnte eine direkte Assoziation gefunden werden: Je schwerer die akute COVID-Erkrankung, desto häufiger kommt es zu relevanten langfristigen Beeinträchtigungen[58]. Da der Schweregrad von akutem COVID-19 eine klare Altersabhängigkeit zeigt, können Menschen zwischen 50-69 auch individuell stärker betroffen sein, falls es zu Long-COVID kommt.
Eine rasche Erhöhung der Impfabdeckung in der Altersgruppe der 50-69 Jährigen hat oberste Priorität, um das Gesundheitssytem in der jetzt stattfindenden 4. Welle vor einer Überlastung zu schützen. Die 650’000 ungeimpften Menschen dieser Altersgruppe stellen aktuell das höchste Risiko für eine übermässige Belastung von Spitälern und Intensivstationen dar, falls sich viele dieser Menschen in kurzer Zeit infizieren sollten.
3.5. Erwachsene ab 70 Jahren
Bei den Erwachsenen ab 70 Jahren sind aktuell etwa 16% nicht immunisiert gegen SARS-CoV-2. Das sind rund 200’000 Menschen, und damit ähnlich viele, wie sich bislang in dieser Altersklasse insgesamt mit SARS-CoV-2 infiziert haben.
In dieser Altersklasse bewegt sich die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisation nach einer Infektion zwischen 6% (für 70-79-jährige) und etwa 16% (für Menschen ab 80 Jahren). Die Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls liegt zwischen knapp 2% (für 70-79-jährige) und etwa 13% (für Menschen ab 80 Jahren). Auch diese Abschätzungen berücksichtigen die Dunkelziffer und stellen aufgrund der erhöhten Virulenz von Delta mit hoher Wahrscheinlichkeit signifikante Unterschätzungen dar[59]. Ungeimpfte 70-79-Jährige ohne relevante Vorerkrankungen können ebenfalls zu einer Belastung der Intensivstationen beitragen, sie werden aber aufgrund des kleineren Anteils (<15% aller IPS-Patient*innen in der 3. Welle) und der höheren Durchimpfung voraussichtlich nicht ausschlaggebend für allfällige Kapazitätsengpässe sein. Menschen über 80 Jahre werden wegen der sehr schlechten Prognose mit >60% kurzfristiger Mortalität nur vereinzelt wegen COVID-19 intensivmedizinisch behandelt (Hilty et al., accepted for publication).
Es ist möglich, dass ein relevanter Anteil dieser ungeimpften >70-jährigen Menschen insbesondere in Alters- und Pflegeheimen im Rahmen eines Vorsorgeauftrages zusammen mit Vertrauenspersonen entschieden hat, bei einer akuten SARS-CoV-2 Infektion nicht mehr hospitalisiert werden zu wollen. Darüber liegen uns jedoch keine systematisch erfassten Daten vor. Sollten sich viele ungeimpfte Senior*innen innert weniger Monate mit SARS-CoV-2 infizieren, ist von einem deutlichen Anstieg der COVID-assoziierten Todesfälle auszugehen.
Eine weitere Erhöhung der Impfabdeckung in der Altersklasse der über 70-Jährigen ist besonders relevant, um eine Reduktion der Hospitalisationen und der Todesfälle zu erreichen.
4. Risiko von grösseren Ausbrüchen bei GGG Veranstaltungen unter den Nicht-Immunen
Erhält eine grosse Anzahl Personen mit negativem Testergebnis Zutritt zu einer GGG Veranstaltung, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines grösseren Ausbruchs auf solch einer Veranstaltung substantiell. Der Grund ist, dass Personen trotz vollständiger Impfung, Genesung oder negativem Test infektiös sein können. Das Virus dieser infektiösen Person kann sich bei grossen GGG Anlässen dann möglicherweise schnell unter den negativ Getesteten verbreiten. Im Folgenden erklären wir diese Aussage im Detail.
Grosse Veranstaltungen mit vielen Nicht-Immunen (d.h. Personen ohne vollständigem Impfschutz oder vorheriger Infektion) können trotz GGG zu grösseren Ausbrüchen führen. Bei grossen GGG Veranstaltungen nehmen mit erheblicher und gemäss Inzidenz steigender Wahrscheinlichkeit infektiöse Personen teil (siehe übernächster Abschnitt). Bei grossen GGG Veranstaltungen mit vielen jüngeren Personen befinden sich aufgrund der (noch) niedrigen Impfrate viele nicht-Immune und somit infizierbare Teilnehmerinnen und Teilnehmer, welche mit negativem Testergebnis Zutritt erhalten. Eine infektiöse Person kann dann unter vielen nicht-Immunen einen grossen Ausbruch hervorrufen. Das Risiko von Übertragungen und damit eines größeren Ausbruchs ist insbesondere erhöht bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit mässiger Lüftungskapazität, bei engen Kontakten über lange Kontaktzeiten, grosser Durchmischung und lauter Vokalisierung. Unter diesen Umständen ist es möglich, dass auch Personen mit geringer Viruslast größere Ausbrüche auslösen können. Ausserdem ist die Variante Delta ansteckender als bisher zirkulierende Varianten[60], so dass vermehrt grössere Ausbrüche durch Delta ausgelöst werden könnten. Solch ein Ausbruch bei einer GGG Veranstaltung wurde in den vergangenen Tagen in Utrecht beobachtet, obwohl die Konzerte dieser Veranstaltung unter freiem Himmel stattgefunden haben[61].
Die Prävalenz von Infektiösen unter 18-34 Jährigen ist achtmal grösser als zum Zeitpunkt der letzten Lockerungen am 26.6.2021. Bei den 18-34 Jährigen haben sich die Zahl der Neuinfektionen Ende Juni innerhalb von 10 Tagen verdreifacht. Momentan werden täglich rund 300 Fälle in dieser Altersgruppe bestätigt (7-Tages Durchschnitt am 17.7.2021). Wir machen die grobe Abschätzung, dass nur jede dritte Infektion bestätigt wird, dass infizierte Personen für 7.1 Tage das Virus übertragen können [62] und dass 40% der Personen in dieser Altersklasse entweder vollständig geimpft oder genesen sind (Tabelle 1 und [63]). Damit schätzen wir dass rund 1 Million von den 1.677 Millionen Personen in dieser Altersklasse noch keine Immunität haben, und dass davon zur Zeit 6’368 infektiös sind. Das entspricht einer Punktprävalenz der Infektiösen von rund 633 pro 100’000 unter den 18-34 Jährigen (im Vergleich zu 78 pro 100’000 am 26.6.2021). Die Prävalenz ist sehr wahrscheinlich noch höher, da die kompletten Daten nur bis 17.7.2021 verfügbar sind, und die Anzahl Neuinfektionen immer noch am Steigen sind.
Bei grösseren GGG Veranstaltungen nehmen mit hoher Wahscheinlichkeit infektiöse Personen teil. Erstens können negativ getestete Personen aufgrund der niedrigen Sensitivität der Antigen-Tests trotzdem positiv und infektiös sein. Dazu erstellen wir eine einfache Rechnung: Wir nehmen an dass Antigen-Tests beim Screening asymptomatischer Personen eine Sensitivität von 60% haben und dass an einem GGG Anlass mit 1000 Personen in der Altersklasse der 18-34 Jährigen rund 600 Personen, die keine Immunität gegen SARS-CoV-2 haben, mit negativem Test Einlass haben (wie oben wird angenommen, dass 40% vollständig geimpft oder genesen sind), und dass die Teilnehmer der GGG Veranstaltungen eine zufällige Gruppe der 18-34 Jährigen ist. Damit kann die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein infektiöser Gast anwesend ist, auf rund 78% abgeschätzt werden. Somit befinden sich bei mehr als 3 von 4 dieser GGG Veranstaltungen infektiöse Personen. Diese Wahrscheinlichkeit ist seit 26.6.2021 sehr stark gestiegen (20.44%) und war am 7.7.2021 bereits bei 50% (Abbildung 3, Tabelle 2). Bei Veranstaltungen mit erhöhtem Übertragungsrisiko (geschlossene Räume mit mässiger Lüftungskapazität, bei engen Kontakten, grosser Durchmischung, körperlicher Aktivität und lauter Vokalisierung) kann solch eine Infektion zu einem grösseren Ausbruch führen. Selbst unter der Annahme, dass nur Personen mit höherer Viruslast einen grösseren Ausbruch auslösen können (für solche Personen nehmen wir eine höhere Sensitivität des Antigen-Tests von 80% an) beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine infektiöse Person bei einem solchen Anlass anwesend ist bereits über 50% (Abbildung 3, Tabelle 2). Weiterhin zeigt Abbildung 3 die Wahrscheinlichkeit von mindestens einer anwesenden infektiösen Person wenn keine Tests durchgeführt werden oder wenn nur PCR Tests verwendet werden. Die Linie zu den PCR Tests ist eine Unterschätzung der Wahrscheinlichkeiten: während die Sensitivität unter Labor-Bedinungen 98-99% beträgt, beträgt die Sensitivität für klinische Abstriche von symptomatischen Personen in den 5 Tagen von maximaler Viruslast nur 85-95% (die Prozentzahlen unter Laborbedingungen werden nicht erreicht da manche Abstriche zu wenig Virus enthalten). Die getesteten Personen sind symptomfrei was die Sensitivität weiter reduziert[64].
Zweitens zeigen Daten aus Singapur dass ein Teil der geimpften Personen infiziert werden und weitere Personen anstecken können[65]. Genesene Personen können zudem re-infiziert werden und das Virus übertragen. Mit diesen beiden weiteren Übertragungsquellen ist die Wahrscheinlichkeit einer infizierten Person auf einer GGG Veranstaltung höher als die dargestellten Zahlen in Abbildung 3.
Abbildung 3: Wahrscheinlichkeit dass mindestens eine infektiöse Person an einer GGG Veranstaltung mit 1000 18-34 Jährigen Personen teilnimmt (y-Achse) als Funktion der Anzahl positiv getesteter Fälle (x-Achse) für verschiedene Testsensitivitäten. Die gestrichelten vertikalen Linien zeigen die Zahl der bestätigten Fälle (7-Tages Durchschnitt) am 26.6.2021 (als Massnahmen gelockert wurden), 10.7.2021 und 17.7.2021 (letzter Tag mit vollständigen Daten). Wir nehmen hier an, dass keine der geimpften und genesenen Personen infektiös ist.
Tabelle 2: Wahrscheinlichkeit dass mindestens eine infektiöse Person an einer GGG Veranstaltung mit 1000 18-34 Jährigen Personen teilnimmt für verschiedene Test-Sensitivitäten an drei Zeitpunkten (am 26.6.2021 wurden Massnahmen gelockert). Die in fett markierte Zahl zeigt die Wahrscheinlichkeit welche aus den realistischsten Annahmen abgeleitet ist. Diese Zahl ist jedoch weiter eine Unterschätzung da in den Berechnungen angenommen wird, dass keine der geimpften und genesenen Personen infektiös ist. (RAT – Rapid Antigen Test).
Test Sensitivität
Gemeldete Fälle/Tag (7-Tages Durchschnitt)
0%
60%
80%
90%
26 Jun
37
37.51
17.14
8.97
4.59
10 Jul
171
88.65
58.08
35.24
19.53
17 Jul
299
97.78
78.15
53.23
31.61
5. Neue Policy Briefs der ncs-tf
Grenzkontrollmassnahmen zur Eindämmung von SARS-CoV-2[66]
Wir aktualisieren den Policy Brief zu den Massnahmen an der Grenze zur Kontrolle der Verbreitung von importiertem SARS-CoV-2 und passen ihn an zwei neue Elemente an: Impfstoffe und das Aufkommen bedenklicher Varianten mit erhöhter Übertragbarkeit. Wir schlagen Faktoren für die Klassifizierung von Ländern vor, sowie Massnahmen für das Management von Reisenden.
Hinweise:
[1] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[2] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[3] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.
[34] https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/healthandsocialcare/conditionsanddiseases/bulletins/coronaviruscovid19infectionsurveyantibodyandvaccinationdatafortheuk/latest#percentage-of-adults-testing-positive-for-covid-19-antibodies-and-percentage-of-adults-vaccinated-against-covid-19-by-grouped-age-in-england-wales-northern-ireland-and-scotland
[46] https://sciencetaskforce.ch/en/policy-brief/paediatric-inflammatory-multisystem-syndrome-temporally-associated-with-sars-cov-2-pims-ts-multisystem-inflammatory-syndrome-in-children-mis-c-in-switzerland/
[62] https://elifesciences.org/articles/63704/figures#fig1s1, Abbildung 1C