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Themen, welche auf diesem Blog kritisch «besprochen», oder zumindest erwähnt, werden - Mal mit dem Versuch etwas tiefergehender Analyse, Mal eher augenzwinkernd - folgen oft einem einfachen Muster: Ein (Massen-)Medium verwertet ein mehr oder weniger aktuelles bzw. relevantes wissenschaftliches oder pseudowissenschaftliches Thema, ohne dieses kritisch zu hinterfragen, obwohl dies angebracht wäre.
Ein kurzer Artikel, welcher am 24. September in 20minuten erschien, folgt auf den ersten Blick diesem Muster:
Das Ereignis, welches Grundlage dieses Artikels ist, ist die Übergabe eines «afrikanischen Anführerstabs» durch Ruth Dreifuss, eine ehemalige Bundesrätin, an die unlängst in den Bundesrat gewählte Simonetta Sommaruga. Dieser Moment war, für den hier interessierenden Kontext, belanglose Symbolik: Belanglos, weil dabei nichts geschah, was in irgendeiner Weise einen Anspruch an wissenschaftliche Relevanz erhöbe oder, allgemeiner, mit kritischem Denken in Konflikt geriete; kameragerechte Symbolpolitik spricht in der Regel Emotionen an, mehr nicht.
Auch der 20minuten-Artikel scheint zunächst allein auf dieser Ebene zu operieren; der Titel verkündet, «Sommarugas afrikanischer Stab» sei ein «Billig-Souvenir» - spontan entlockt mir diese Aussage ein apathisches Schulterzucken. Der Lead aber verkündet Interessantes:
Ein Zauberstab? Mitnichten. Das Präsent, das Ruth Dreifuss der frischgewählten Simonetta Sommaruga übergab, hat bestenfalls die Magie eines Wanderstocks.Zauberstab? Wer spricht hier von Zauberstäben? Es ist doch nicht etwa das irrelevante Requisit der kleinen Showeinlage Dreifuss' und Sommarugas gemeint? Aber, gut, der Artikel wird scheinbar kritisieren, dass Sommaruga glaube, es handle sich um einen «Zauberstab», was an und für sich zu begrüssen wäre; die Sache wird aber - wie könnte es anders sein - ins Absurde verdreht.
Scheinbar hat Sommaruga gesagt, sie werde «ihren Zauberstab» immer im Büro haben; eine ähnliche Aussage hat sie gegenüber 10vor10 gemacht:
Eine Randbemerkung: Warum es wichtig ist, Politikerinnen und Politiker nach «kleinen und persönlichen Sachen» zu fragen, ist unklar, handelt es sich doch um zwei Personen, welche in ein politisches Amt, nicht auf die Titelseite der «Schweizer Illustrierten» gewählt wurden.
Was aber eigentlich interessiert, ist der «Zauberstab». In der Tat nennt Sommaruga den Stab so; dass sie aber mit dieser Aussage ernsthaft ausdrücken will, bei diesem Stab es handle sich um einen Gegenstand mit «magischen» Kräften, bezweifle ich - meine (durchaus vielleicht falsche) Interpretation des obigen 10vor10-Ausschnittes ist, dass Sommaruga einerseits den symbolpolitischen Akt mit dem «Anführerstab» weiterführt, andererseits etwas «Herziges» sagt, also wiederum bestimmte Emotionen ansprechen will.
Die Autorin oder der Autor des 20minuten-Artikels sieht das anders: «Doch was hat es wirklich auf sich mit dem ominösen Stab aus Afrika?» Seit wann ist dieser Stab «ominös», also unheilverkündend? Die weitere Argumentation des 20minuten-Artikels ist abwegig. Ruth Dreifuss, die ursprüngliche Besitzerin des «ominösen» Stabes, weiss scheinbar nicht genau, woher er stammt - was auch Sinn macht, weil der Zweck dieses Holzstückes, wie ich oben argumentiere, eine symbolträchtige «photo opportunity» ist, mehr nicht.
Dreifuss soll bei der Übergabe «Den kannst du im Bundesrat gut gebrauchen» gesagt haben. Die Reaktion im 20minuten-Artikel auf diese Aussage:
Genau dies bezweifeln Experten. Noch schlimmer: Sie sprechen dem Stab die Echtheit ab.Die Experten bezweifeln, dass Sommaruga den Stab wird gebrauchen können? Nicht Mal als Rückenkratzer? Und was ist am Stab nicht echt? Ist er aus Plastik und nicht aus Holz? Lorenz Homberger, Afrika-Kurator des Museums Rietberg in Zürich, erklärt, beim interessierenden Stab handle es sich vermutlich um einen «Wedel» als typischem Souvenir für Touristen. Ein zweites Zitat Hombergers ist «Zudem müsste einem Stab, der einem Clanführer heilig ist, ab und zu ein Huhn geopfert werden». Direkt auf diesem Satz folgt einer, welcher nicht von Homberger, sondern von der Autorin oder dem Autor des 20minuten-Artikels stammt:
Sonst verliere er seine Kraft.Sicher ist also nur, dass der befragte Experte gesagt hat, dass einem Stab, welcher einem Clanführer heilig sei, ab und zu ein Huhn geopfert werden müsse. Ob die (möglicherweise «kreative») Paraphrasierung «sonst verliere er seine Kraft» der Originalaussage des Experten entspricht, ist unbekannt.
An dieser Stelle muss ein Bogen zurück zum Lead gemacht werden. Dort steht «Ein Zauberstab? Mitnichten.» - nun ist klar, wie diese «Kritik» gemeint ist: Es gibt «Zauberstäbe», aber jener von Sommaruga ist entweder nur ein billiges Souvenir, oder er hat seine «Zauberkräfte» schon verloren.
Zusammenfassung
In diesem Artikel ist folgender Mechanismus beobachtbar: Ein belangloses Ereignis wurde in einem 20minuten-Artikel pseudowissenschaftlich aufgeladen und im Rahmen dieser Aufladung kritisiert. Ob Simonetta Sommaruga und Lorenz Homberger tatsächlich an «Zauberstäbe» glauben oder nicht (meine Vermutung ist Letzteres), ist irrelevant: Die Autorin oder der Autor hat die ursprünglich «neutrale» Angelegenheit aktiv und explizit aus pseudowissenschaftlicher Sicht beurteilt.
Im Weiteren scheint 20minuten Simonetta Sommaruga mit dem Vorwurf fehlender «Zauberkräfte» des Stabes konfrontiert zu haben. Darauf deutet der Abschluss des 20minuten-Artikels:
Der Führerstab, ein ordinäres Souvenir also. Sommaruga ist trotzdem nicht traurig: «Ob mit oder ohne Magie: Der Stab hat für mich einen grossen ideellen Wert. Ohnehin glaube ich nicht daran, dass im Bundesrat mit Zauber allein etwas auszurichten wäre», so die konfessionslose Bernerin.Wenn Teile der Massenmedien - in diesem Fall die meistgelesene Tageszeitung der Schweiz - Pseudowissenschaft nicht nur aufgreifen und verwerten, sondern Alltagsereignisse aktiv und gezielt pseudowissenschaftlich aufladen, ist ein neues Niveau an Irrationalität erreicht.