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Seit den Anfängen des Theaters in der Antike war die Bühne für viele Jahrhunderte Männern vorbehalten. Sie verkörperten sämtliche Rollen, von der Magd bis zur Königin.
In Shakespeares Stücken etwa stellten gar Burschen die jungen Geliebten dar. Bisweilen ein vertracktes Unterfangen, wie die Rolle der Rosalind in «As you like it» zeigt: Da schlüpft ein männlicher Schauspieler in die Rolle einer Frau, die so tut, als sei sie ein Mann.
Frauen traten erstmals im 16. Jahrhundert mit der italienischen Commedia dell’Arte als professionelle Schauspielerinnen auf die Theaterbühne.
«Vor allem komödiantische Stücke boten Gelegenheit für die parodistische Überzeichnung von Geschlechterrollen», erklärt die Theaterwissenschaftlerin Beate Hochholdinger-Reiterer: «Sie besassen ein subversives Potential und boten schon früh Gelegenheit, stereotype Darstellungen aufzubrechen.»
Die Kunst der Verkleidung
Die Darstellung von Bühnenrollen durch Personen des anderen Geschlechtes, die Travestiekunst, nahm über die Jahrhunderte unterschiedlichste Formen an.
Im Theater waren sogenannte Hosenrollen sehr beliebt, ebenso in der komischen Oper. Dort sangen oft Frauen – gelegentlich auch Kastraten – die Partie des jugendlichen Liebhabers.
Die Travestiekunst, wie sie in der Kleinkunst und in Cabarets gepflegt wurde, erlangte in den 1950er-Jahren ihren Höhepunkt und findet bis heute ein Publikum.
Während dort Geschlechterrollen häufig idealisiert oder parodiert werden, gewannen seit den 1990er-Jahren Strategien der Übertreibung und Dekontextualisierung an Bedeutung. In postdramatischen Theaterformen, die sich vom traditionellen Sprechtheater abgrenzen, wird bis heute kritisch mit Geschlechterstereotypen gespielt.
Binäre Geschlechterkonzepte hinterfragen
Heute stehen vermehrt Figuren auf der Bühne, die zwischen männlichen und weiblichen Rollen changieren und deren Zuordnung nicht eindeutig ist. Genderfluide Figuren verhandeln aktuelle Debatten um Geschlechterzuschreibungen und betonen den Konstruktionscharakter von Identität.
Die Spielformen sind dabei vielfältig, wie eine kleine Auswahl aktueller Theaterstücke zeigt:
Genderfluide Figuren im Theater
1. Vielfältige Geschlechterperspektiven in «Der Goldene Drache»
Der deutsche Autor Roland Schimmelpfennig wiederum jonglierte 2009 in «Der Goldene Drache» mit vielfältigen Geschlechterperspektiven. Das Stück handelt von einem jungen Chinesen, dem in einem asiatischen Schnellrestaurant der schmerzende Schneidezahn gezogen wird, wodurch er schliesslich verblutet. Dazu liess er wenige Personen in sämtliche Rollen seines Stückes schlüpfen: Männer wurden von Frauen, Frauen von Männern, Junge von Alten und Alte von Jungen gespielt.
2. Transgender im Theater mit «Frau Schmitz»
Lukas Bärfuss etwa stellte sich jüngst gegen die binäre Einteilung in Mann und Frau in unserer Gesellschaft. Mit dem Stück «Frau Schmitz» warf er vergangenen Herbst auf der Bühne Fragen auf, welche Codes zum Tragen kommen. Ist Frau Schmitz wirklich eine Frau? Welche Kleidung passt zu ihr? Welche Erwartungen setzt ihre Umgebung in sie, als Ehefrau, Arbeitskollegin und Konkurrentin?
3. Kollektive Körperbilder in «50 Grades of Shame»
Noch einen Schritt weiter geht das in den 1990er-Jahren gegründete deutsche Performance-Kollektiv She She Pop. In Anlehnung an die Erotikschnulze «Fifty Shades of Grey» inszeniert She She Pop in seinem aktuellen Stück «50 Grades of Shame» fragmentierte Körperteile, die vor der Live-Kamera miteinander zu immer neuen, kollektiven Körperbildern verschmelzen. Das Publikum erfährt damit, wie individuelle körperliche Grenzen zu Alter und Geschlecht, Scham und sexueller Identität aufgelöst werden.
Zwölf Schauspielschüler
Zur Person
Beate Hochholdinger-Reiterer ist Professorin am Institut für Theaterwissenschaft in Bern. Forschungsschwerpunkt ist u.a. Geschlechterforschung im Theater. 2014 erschien ihr Buch «Kostümierung der Geschlechter. Schauspielkunst als Erfindung der Aufklärung».