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Wer ist schöner: Beatrice oder Laura? Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Kein Wunder, denn niemand weiss, wie die beiden wirklich ausgesehen haben.
Beatrice ist Dante Alighieris Traumfrau, seine «donna ideale». Ob sie je mit dem Dichter zusammengetroffen ist, ist unklar. Sie lebte im 13. Jahrhundert in Florenz.
Beatrice, die wohl nicht so hiess, war schon zwanzig Jahre tot, als Laura geboren wurde. Laura war die Angehimmelte von Francesco Petrarca. Er gilt neben Dante und Boccaccio als der wichtigste Vertreter der frühen italienischen Literatur.
Beatrice und Laura: Vielleicht haben Dante und Petrarca die beiden kurz getroffen. Ein einziger Blick vielleicht, oder zwei. Beide Dichter projizierten all ihre Wünsche, ihre Sehnsüchte, Verlangen und Phantasien in sie hinein und verklärten sie: Platonische, eingleisige, leidende und leidenschaftliche Liebe.
Die Diskussionen über die beiden Frauen erhalten zur Zeit neuen Auftrieb, weil im kommenden Juli der 650. Todestag des grossen Francesco Petrarca, des Mitbegründers des Renaissance-Humanismus, begangen wird. In diesem Zusammenhang werden die Leben und Legenden von Beatrice und Laura erneut ausgebreitet.
Beatrice – «glorreiche Herrin seines Herzens»
Dantes Beatrice hat offenbar wirklich gelebt. Allerdings hiess sie wohl nicht Beatrice. Im Jahr 1266 wurde in Florenz eine «Bice Portinari» geboren. Sie war die Tochter eines Florentiner Bankiers.
Der grosse Dante-Forscher Giovanni Boccaccio (1313–1375) vermutete als erster, «Bice» könnte die Beatrice in Dantes «Göttlicher Komödie» (Divina Commedia) sein. Im 19. Jahrhundert unterstützen mehrere andere Forscher diese Vermutung. Doch belegt ist nichts. Die Gleichsetzung von Bice und Beatrice ist nach wie vor umstritten.
Dante behauptet in seinem kleinen Werk «La vita nova», er habe als Neunjähriger das damals achtjährige Mädchen zum ersten Mal gesehen und sich unsterblich in sie verliebt. Neun Jahre später habe sie ihm an einem Fest ein Blumensträusschen überreicht. Das verwirrte ihn derart, dass er in sein Zimmer flüchtete und einschlief. Da erschien ihm der Gott der Liebe. «In der Hand der einen hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen schlief meine Herrin, blass, in rotes Tuch gehüllt». Soweit «La vita nova». Die Liebesqualen nagten an seiner Gesundheit.
Berühmt ist ein 1883 entstandenes Gemälde des Engländers Henry Holiday. Es hängt in der Walker Art Gallery in Liverpool. Es zeigt Beatrice (in der Mitte, in Weiss) am Ufer des Arno in Florenz zusammen mit ihrer Freundin Monna Vanna (links) und ihrer Dienerin. Die dargestellte Begegnung hat wohl nie stattgefunden.
Ein Leben lang verherrlichte und verklärte der grosse Dichter das Mädchen und die junge Frau. Er nannte sie «die glorreiche Herrin seines Herzen». In «La Vita Nuova» beschreibt er Beatrice als «eine Gottheit, die stärker ist als ich; und daherkommt und über mich herrschen wird.» In seiner «Divina Commedia» führt Beatrice den Dichter durch die Hölle, das Fegefeuer und schliesslich ins Paradies. Die Verehrung der Unerreichbaren dauerte auch an, als Dante längst mit einer anderen Frau, mit der Florentinerin Gemma Donati, verheiratet war.
Bice starb mit 24 Jahren am 8. Juni 1290 an einer Epidemie, möglicherweise an der Pest. Ihr früher Tod weckte Todessehnsüchte in ihm, und er begann des Leben zu verachten. Dante heiratete Gemma Donati übrigens in der Chiesa di Santa Margherita dei Cerchi im Zentrum von Florenz. In der gleichen Kirche wurde Beatrice fünf Jahre später beerdigt. Zufall?
Laura – «Glut und heisse Lust»
Vierzehn Jahre nach Beatrices Tod – wir befinden uns jetzt Anfang des 14. Jahrhunderts – wurde im Städtchen Arezzo südlich von Florenz Francesco Petrarca geboren. Sein Vater war aus Florenz ausgewiesen worden, da er im Streit zwischen Ghibellinen (Anhänger des Kaisers) und Guelfen (Anhänger des Papstes) auf der falschen Seite, auf der Seite der Guelfen, stand. Er flüchtete über Arezzo nach Avignon. Dorthin folgte ihm dann der siebenjährige Sohn Francesco, der dann in Montpellier und Bologna Jura studierte. 1326 kehrte er nach Avignon zurück.
Dort traf er ein Jahr später, an einem Karfreitag oder Ostermontag, in der Kirche Sainte-Claire die 16-jährige Laura de Noves. Obwohl sie mit dem Grafen Hugues II. de Sade jungverheiratet war, verliebte sich Petrarca in sie. Sie wurde – analog zu Dantes Beatrice – zur unerreichbaren, idealen Frauenfigur und lebenslang zur Quelle seiner dichterischen Inspiration. Und immer schwingt der Schmerz und die Trauer mit, dass sie ihn nicht will und ihn nicht liebt. Viele seiner Gedichte sind von einer wunderbaren Melancholie.
Laura gebar elf Kinder und wurde 38 Jahre alt. Sie starb – wie vermutlich Beatrice – an der Pest. In seiner Liedersammlung («Canzoniere»), beschwört Petrarca unaufhörlich seine Liebe zu ihr. Der Zyklus besteht aus über 300 Sonetten, Kanzonen und Balladen, gedichtet nicht in Latein, sondern in Italienisch. Selbst nach ihrem Tod am 6. April 1348 hebt er sie leidenschaftlich in den Himmel und hört nicht auf, sie zu verehren. Laura, über die sich «Glut und heisse Lust ergiesst» (110. Sonett), wird zur Obsession.
Arezzo, wo Petrarca geboren wurde, bereitet sich schon jetzt mit vielen Anlässen auf die Gedenkfeiern zum 650. Todestag vor. Das Geburtshaus des Dichters, das sich hoch oben im Städtchen unweit des Doms befindet, wird herausgeputzt. Selbst sein grosses Denkmal, das im Park neben dem Geburtshaus thront, wirkt herausgeputzt.
Doch Petrarca war nicht nur der verschmähte, leidende Liebhaber. Der Dichter und Gelehrte wurde in der damaligen Welt geehrt wie kaum einer. Viele verglichen ihn mit Vergil, Cicero, Horaz und Livius. Die Mächtigsten jener Zeit verehrten ihn; er verkehrte mit Kardinälen und Königen und reiste durch ganz Europa. Am 26. April 1336 hat er nach eigenen Angaben gar den 1909 Meter hohen französischen Mont Ventoux bestiegen. Ob er auch oben war, bezweifeln einige Forscher. Petrarca starb am 19. Juli 1374.
Noch heute nehmen viele italienische Eltern Bezug auf Dante und Petrarca und nennen ihre Töchter Beatrice oder Laura. Die beiden jungen Frauen gehören zum obligatorischen Schulstoff in Italien und werden oft nebeneinander gestellt. Die beiden alten Vornamen sind keineswegs tot.
Wie die beiden Frauen ausgesehen haben, weiss man nicht. Zeitgenössische Zeichnungen oder Gemälde von ihnen gibt es nicht. Die ersten Bilder wurden hundert Jahre nach ihrem Tod angefertigt. Bis ins 20. Jahrhundert liessen sich Maler von den beiden Frauen inspirieren und malten sie nach eigener Vorstellung.
Sie oder sie? «Wer ist schöner, Beatrice oder Laura?», fragte kürzlich eine Lehrerin ihre Schülerinnen und Schüler in einer Primarklasse in Arezzo. Der zehnjährige Matteo antwortete wie aus dem Rohr geschossen: «Beatrice ist die Schönste.» «Und weshalb weisst du das?», fragte die Lehrerin. Antwort: «Meine Mutter heisst Beatrice.»