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Im 14. und 15. Jahrhundert wütete in Europa die Pest. Sie raffte rund einen Drittel der damaligen Bevölkerung dahin, etwa 200 Millionen Menschen, hinterliess Witwen und Waisen en masse und entvölkerte Dörfer, Städte, ganze Landstriche und verunsicherte Menschen und Gesellschaft zutiefst.
In diese Zeit der Hoffnungslosigkeit hinein verfasste Giovanni Boccaccio seinen «Decamerone», eine Sammlung von 100 Novellen, die, so die Rahmenerzählung, innerhalb von 10 Tagen und Nächten auf einem Landgut bei Fiesole vor den Toren der Stadt Florenz entstanden seien, wohin sich sieben Frauen und drei Männer zurückgezogen hatten, um der Pest zu entfliehen und um sich gegenseitig zu erheitern.
Wie? Indem sie sich gegenseitig die Geschichten erzählten, die sie zuvor entlang einer von einem Primus inter Pares gegebenen Thematik verfasst hatten. Es sind heitere, zum Teil derbe, ja durchaus auch frivole, unkorrekte Stücke. Boccaccios «Decamerone» stand lang auf der Liste verbotener Bücher des Vatikans und war auch von einem Einfuhrverbot in die USA belegt, was allein schon für dessen Qualität spricht. Petrarca, Dante und Boccaccio stehen als geistige Vorboten der Renaissance, der Aufklärung und der Neuzeit schlechthin.
Zwischen dem Ofenpass und der Alp Mora liegt eine weite Prärie mit dem schönen Namen Buffalora (Bild: KH)
Geschichten anstelle von Fachartikeln, von Geboten und Verboten aufgrund angeblich wissenschaftlich erhärteter Analysen – könnte es sein, dass Erzählungen uns rascher und eleganter aus der Zerrissenheit nach der Pandemie des 21. Jahrhunderts führen? Weg von der Rechthaberei dieser oder jener Seite und hin zu neuer Gelassenheit, hin zu einem Gesellschaftsvertrag, der das Sowohl-als-auch wieder zulässt, der die Agnostiker nicht verfemt und der ein wohlwollendes einander Zulächeln, ganz ohne Maske oder Burka, wieder erlaubt?
Exerzitium der Gelassenheit
Nachfolgend deshalb eine Erzählung über fünf kurze Episoden. Sie handeln davon, wie zwei von Kindesbeinen an befreundete, etwas ältere, aber noch durchaus rüstige Semester diesen Sommer ein Exerzitium in Gelassenheit absolviert haben. Es stand uns kein italienisches Landgut zur Verfügung; die Wahl fiel vielmehr auf das Val Mora, südwestliches Nebental des Val Mustair, hart an der italienischen Grenze gelegen, nach Livigno entwässernd, bis vor kurzer Zeit weitgehend unberührt, auf 2000 Metern über Meer liegend, südlich abgeschlossen vom Piz Umbrail, der seinerseits hoch über dem gleichnamigen Schweizer Pass Umbrail und dem Stilfser Joch zwischen Südtirol und dem Veltlin aufragt. Spezifisches Ziel für das Campingvergnügen der zwei heiteren Senioren war der Lej da Rims, einer der wohl schönsten, aber ziemlich abgelegenen Bergseen überhaupt.
Zwischen dem Ofenpass und der Alp Mora liegt eine weite Prärie mit dem schönen Namen Buffalora (Bild: KH)
Bei diesem opalblauen Juwel das Zelt aufschlagen, den mitgebrachten Risotto con funghi zubereiten, den Rest des dafür mitgetragenen Weissweins zum Apéro, einen aus dem Rucksack gezauberten Rotwein zum Essen geniessen und Corona, die Welt, die EU, den Bundesrat und die Notenbanken für eine Weile vergessen ‒ Gelassenheit pur! Allein, so einfach verhielt es sich dann eben doch nicht.
Einer der schönsten Bergseen überhaupt: Lai da Rims (Bild: KH)
Denn wir, auf einigermassen korrektes Verhalten verpflichtete Citoyens, wissen bis heute nicht so recht, ob man das überhaupt noch darf. Frei campieren. Zwar konsultierten wir die einschlägige Internetseite des Bundesamts für Landestopografie, wo der Nationalpark, Wildruhezonen und ähnliche Sperrgebiete verzeichnet sind. Aber man las und hörte auch von einem «Biosphärenprojekt Val Mustair» und von Massnahmen gegen den seit Corona offenbar unerträglich gewordenen Drang von Radfahrern ins Val Mora. Besser nicht fragen, sagten wir uns. Gesagt, getan:
Erste Episode: Dem Nudging ausweichen
Von Zernez herkommend stiegen wir auf dem Ofenpass mit den grossen Rucksäcken aus dem Postauto und wurden sogleich von zwei netten, aber bestimmt auftretenden Herren der «Biosfera Val Mustair» in Beschlag genommen. Was wir denn in dieser wunderschönen Gegend vorhätten und ob wir ihre Beratung wünschten. Freundlich lächelnd erwiderten wir, nach der langen Reise auf der Terrasse nebenan zunächst einen Kaffee trinken zu wollen. Die Beratung könne noch warten. Nach gehabter Erfrischung verliessen wir das Restaurant dann durch die Hintertüre und stahlen uns an den Rangern vorbei in die Bergwelt. Analog vermieden wir in der Folge Annäherungen an Wildhüter oder andere Leute, die wie Ranger aussahen. Unsere Biwaktour wurde durch das Schnippchen gegenüber der wohlmeinenden Obrigkeit deutlich spannender, und sei es, dass wir lediglich einer hypothetischen Gefährdung unseres Campingvergnügens auswichen. Ein bisschen ziviler Ungehorsam macht Spass und gehört zur postulierten Gelassenheit in rigiden Zeiten.
Zweite Episode: Dem Restrisiko ins Auge blicken
Im Val Mustair gibt es Wölfe und ab und zu auch den einen oder anderen Bären. Die zum Zwecke der Sicherung unseres Proviants mitgebrachten Stricke machten, wir hätten es wissen sollen, auf unserem famosen Campingplatz beim Lej da Rims wenig Sinn: Auf 2400 Metern über Meer fehlen dazu schlicht die Bäume. Also die Nacht durchwachen und schlottern, vor Kälte und eventualiter vor Angst? In der Ferne hörte man Schafe blöken. Ein Wolf, ein Bär würde sich wohl zuerst an diesen Tieren gütlich tun, bevor er sich hinter unsere wohlverpackten Vorräte oder gar an die in dicke Daunenschlafsäcke eingewickelten Senioren machen würde. Das liess uns trotz einschlägigen, grauslichen Vorstellungen friedlich einschlafen. Vielleicht half der mitgebrachte Wein auch ein bisschen, wer weiss. Gelassenheit verlangt nach vernünftiger Einordnung unwahrscheinlicher Ereignisse. Das Dauerbombardement mit Bildern von Intensivstationen hat uns das verlernt. Es gilt darüber hinwegzukommen.
Dritte Episode: Vernarbung ist möglich
Vom Piz Umbrail (3031 m ü.M.) blickt man direkt ins Ortlermassiv. Einer hervorragend gestalteten Panoramatafel unter dem Gipfelkreuz kann man entnehmen, wo sich in der Zeit zwischen 1915 und 1918 die habsburgisch-österreichischen und die italienischen Truppen gegenüberstanden. Die einzelnen Gipfel sind oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Einige wechselten im Verlaufe des grausamen Gebirgskriegs ihre Besatzung mehrfach. Die meisten Opfer kamen aber nicht durch Schüsse und Granateinschläge ums Leben, sondern durch Lawinen, Steinschlag, Erfrierung und Krankheit. Abertausende junger, hoffnungsvoller Menschen mussten hier sterben und hinterliessen dies- und jenseits des Alpenkamms trauernde Ehefrauen, Mütter, Väter und Kinder. Noch sinnloser als jenes Kriegsgeschehen kann man sich kaum eines vorstellen. Die einen kämpften für ein längst obsoletes Kaiserreich, die andern für die junge Nation Italien, die es so vielleicht gar nicht hätte geben sollen und die noch heute in Europa mehr Schaden stiftet als Freude macht. Das geschichtliche Fanal ist unbestritten. Es beeindruckte uns erneut und infolge physischer Nähe zum damaligen Geschehen sehr. Aber: Es ist auch vorbei! Dies- und jenseits des Stilfser Jochs und des Ortlermassivs leben Menschen, die nie im Leben mehr auf die Idee kämen, sich gegenseitig umzubringen. Frieden ist möglich. Die Zeit heilt.
Vielleicht selbst in Afghanistan oder im Donbass, wenn man die Leute dort endlich mal ihre Dinge selber regeln liesse.
Vierte Episode: Nonne ohne Wonne
Am dritten Tag unserer Expedition machen wir im Postauto von Fuldera nach Lü Bekanntschaft mit einer Nonne aus dem Kloster Son Jon in Mustair. Die rüstige Frau unbestimmten Alters ist zu einer Bergwanderung aufgebrochen, die sie zum Kloster zurückführen wird. Wir werden nach S- charl weiterwandern. Die Nonne lässt sich aus über die Geschichte ihres Klosters. «Zum Glück!», sagt sie, habe die Reformation Halt gemacht in Sta Maria etwas weiter oben im Tal; dieser und anderen glücklichen Fügungen sei die Tatsache zu verdanken, dass die Klostergemeinschaft bis heute bestehe.
Dass aktuell nur noch neun Schwestern das einst grosse Kloster bewohnen, ist laut der Nonne ebenfalls der Reformation und der nachfolgenden allgemeinen Säkularisierung zuzuschreiben. Die Nonne seufzte tief. Gerne hätte ich ihr ein Jesus-Wort mit auf den Weg gegeben, jenen Inbegriff von Gelassenheit für Zeiten vermeintlicher Glaubensferne: «Wo zwei und drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» (Matth. 18, 20). Zwei oder drei genügen, liebe Frau Nonne. Es kommt nicht auf die Anzahl an, sondern auf den Inhalt. Dann wird Son Jon noch weitere tausend Jahre überleben. Und überdies hätte ich ihr zum Thema der Kirchenspaltung gerne gesagt: «Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen» (Joh. 14, 2).
Aber ich liess es bleiben. Ich geb’ es gerne zu: wegen falschen Hemmungen. Am Ende hätte die Nonne aufgrund meiner Bibelkenntnisse in mir den protestantischen Leibhaftigen im Schafspelz erkannt! Aber solche Hemmungen sind in der Tat falsch. Solange wir als Preis für Versöhnungsversuche Gegenliebe erwarten, werden wir an Ort treten. Das gilt nicht nur für die Nonne, sondern auch für die Zerrissenheit in unserer heutigen Gesellschaft. Versöhnung verlangt Vorleistung. Sonst kommt sie nicht.
Fünfte Episode: Wo die Gelassenheit zu Hause ist
Auf dem Weg vom Münstertal in Richtung S-charl kommt man am Waldstück «Tamangur» vorbei. Es ist berühmt. Als Naturmonument, denn es handelt sich um einen einzigartigen Arvenwald mit knorrigen Bäumen, denen man die vielen hundert Jahre von klimatischem Auf und Ab buchstäblich ansieht. Als Projektionsfläche zahlreicher literarischer Versuche in Roman- und Gedichtform. Als landschaftliches Kunstobjekt der besonderen Art, denn im Winter gleicht Tamangur – Sie entschuldigen, nun kommt halt ein wenig Boccaccio – einem Büschel Haar auf blanker Lende, zeitlos schön.
Mit viel Schwein ins neue Jahr! (Bild von der Alp Tamangur Dadaint, KH)
Wer Gelassenheit lernen will, soll nach S-charl und nach Tamangur pilgern. Auf einer Orientierungstafel vor der Alphütte Tamangur Dadora findet sich das folgende kurze Gedicht der Bündner Dichterin Madlaina Stuppan (*1930):
Tamangur
Ich bin, stehe und bleibe.
Ich weiche nicht, du wirst es sehen.
Denn ich habe gesehen und weiss, dass jeder Winter
Dem Frühling Platz macht.
Genau, das ist es! Das macht Gelassenheit aus: dass jeder Winter dem Frühling Platz macht. So wurde die Schöpfung gestaltet.
«Tamangur» kommt angeblich aus dem Lateinischen, von «Attegia Monachorum», «Hütte der Mönche», wenn das stimmt. Vielleicht ist «Tamangur» auch keltisch. Oder etruskisch ‒ oder höhlenbewohnerisch.
Aber immer kam der Frühling wieder. Ich wünsche Ihnen ein gelassenes, ein gesegnetes neues Jahr mit einem blütenreichen, duftenden Frühling.
Toter Baum im Wald Tamangur, Engadin (Bild: Keystone)
Text einer Lesung anlässlich des «Konzerts zwischen den Zeiten» der J.S.Bach-Stiftung St. Gallen vom 30. Dezember 2021.