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Der Kampf gegen Ungerechtigkeit und globale Ungleichgewichte fängt am Ladentisch an. Moralisch vergammelte Ware ist zurückzuweisen. Man erkennt sie am falschen oder fehlenden Label.
Die Nachricht stand auf Seite 21 in der «Repubblica» vom 5. Oktober. «Zehn junge Frauen in Barletta verschüttet, fünf Tote.» Weiter erfuhr man, dass es sich um Textilarbeiterinnen handelt, die in einem baufälligen Wohnhaus für 3.95 Euro die Stunde schwarzarbeiteten. Eine der Toten war die erst 14-jährige Maria Cinquepalmi, Tochter des Besitzers Salvio Cinquepalmi. Auf den Seiten 1 bis 8 desselben Blattes hatte die «Repubblica» über die Eurokrise und über den Austritt von Fiat aus dem Unternehmerverband Confindustria berichtet. Einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen stellte das Blatt nicht her.
Erpressung statt Arbeitsmarkt
Dabei liegt der Zusammenhang auf der Hand. Von Barletta zur Finanzkrise führt eine schnurgerade Kausalkette. Maria Cinquepalmi steht für die Millionen von Arbeitnehmern, die froh sein müssen, irgendeinen Job zu haben, der knapp ihr Überleben sichert, aber nichts übrig lässt, um sich an den Kosten des Staates zu beteiligen. «E un ricatto», meint Luigi Antonucci, Generalsekretär der Gewerkschaft CGIL in Barletta, «wir haben hier keinen geregelten Arbeitsmarkt, bloss Erpressung.»
Und diese drückt auch die Einkommen des Mittelstands: Wer ständig den sozialen Abstieg vor Augen hat, stellt keine frechen Lohnforderungen. Das wiederum führt dazu, dass immer grössere Teiles des Wohlstands einer dünnen, aber fetten Oberschicht zufliessen. In den USA kassiert das reichste Prozent inzwischen fast einen Viertel aller Einkommen. In Italien und in Deutschland sind die Einkommen des reichsten Zehntels in den vergangenen zwanzig Jahren 11- bis 16-mal schneller gestiegen als die des ärmsten Zehntels.
Auch bei uns sind Einkommen und Vermögen sehr ungleich verteilt. Im Kanton Basel-Stadt etwa kassiert das reichste Zehntel der Steuerzahler ein Drittel aller steuerbaren Einkommen – etwa gleich viel wie die ärmsten sechs Zehntel zusammen. Wie eine Statistik aus dem Kanton Zürich zeigt, geht die Einkommensschere immer weiter auf. In den vergangenen zehn Jahren entfiel fast ein Drittel aller Einkommenszuwächse im Kanton Zürich auf das reichste Prozent der Steuerzahler – etwa gleich viel wie auf die «ärmsten» 90 Prozent.
Moderater Konsum der Reichen
Doch während sich die Einkommen immer weiter nach oben verschieben, hat sich beim Konsum wenig verändert. Einschlägige Statistiken aus der Schweiz und den USA zeigen, dass sich das Verhältnis zwischen dem Konsum des reichsten und des ärmsten Fünftels der Bevölkerung unverändert bei erstaunlich tiefen rund 2,5:1 bewegt. Die Einkommensschere klafft also viel weiter auseinander als die Schere des Verbrauchs.
Das heisst, dass die Reichen inzwischen weit unter ihren finanziellen Verhältnissen leben, während die ärmere Hälfte den eigenen Lebensunterhalt kaum noch bestreiten kann. In den USA geben inzwischen rund 60 Prozent aller Haushalte mehr aus, als sie verdienen. Damit die Wirtschaft mangels Nachfrage nicht laufend schrumpft, muss deshalb zwingend Kaufkraft von den Reichen zu den Armen zurücktransferiert werden.
Dieselbe Geschichte kann man auch Anhand der Erfolgsrechnungen und Bilanzen der Unternehmen erzählen: Fast alle Grossunternehmen weisen heute einen Netto-Cashflow aus: Ihr Gewinn nach Steuern und Dividenden ist grösser als ihre Investitionen. Im Verlaufe der letzten rund 20 Jahre sind die Ausgaben der Unternehmen für Löhne um etwa 5, für Investitionen um 3 und für Steuern um rund 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) gesunken. Sie haben also dank Lohndruck, Rationalisierungen und Steuerwettbewerb ihre Kosten massiv senken können.
Doch anders als im Lehrbuch der Ökonomie eigentlich vorgesehen, haben die Unternehmen diesen Kostenvorteil nicht an die Kunden weitergegeben. Dank Produktedifferenzierung und massiver Werbung, aber auch durch Fusionen, Kartelle und Absprachen haben sie den Wettbewerb ausgeschaltet und die Preise hochgehalten.
Insgesamt hat eine Umverteilung von den Privathaushalten zu den Unternehmen von rund 10 BIP-Prozent stattgefunden. Damit die Wirtschaft überhaupt noch läuft, müssen die Unternehmen das, was sie den Arbeitnehmern und dem Staat an Kaufkraft weggenommen haben, in Form von Krediten wieder zurückgeben.
Und hier kommen nun die Banken und die Finanzmärkte ins Spiel. Sie haben dafür gesorgt, dass dieser Kreditfluss umgekehrt wurde – von den Unternehmen zurück an die Haushalte. Das ist nicht trivial, denn normalerweise fliessen die Kreditströme umgekehrt: Die Haushalte sparen Geld und leihen es den Unternehmen, die dafür Maschinen und Fabriken kaufen. Die wiederum dienen den Banken als Sicherheit.
Es braucht einen neuen Boom
Um die Kreditflüsse umzukehren, mussten die Finanzmärkte erst einen Immobilienboom entfachen oder zumindest zulassen. Die Haushalte konnten locker Hypothekarkredite aufnehmen und damit den laufenden Konsum finanzieren. Dies geschah vor allem in den USA, England, Spanien, Irland und Griechenland. Die Folgen sind bekannt.
Ab 2008 laufen deshalb die Kredite fast nur noch über Staatsanleihen. Inzwischen ist klar geworden, dass auch diesen Forderungen keine reale Deckung gegenübersteht. Kein Wunder: Das Transfersystem dient schliesslich dazu, den für die Beschäftigung nötigen Konsum zu finanzieren. Die Investitionen haben die Unternehmen ja schon aus der Portokasse bezahlt.
Das Problem wird dadurch erschwert, dass die Konsumkredite auch zwischen den Ländern fliessen, und zwar seit etwa 15 Jahren immer in dieselbe Richtung. Laut den Berechnungen von Stephen G. Cecchetti, dem Chefökonomen des Bank für internationalen Zahlungsausgleich, haben sich die Aussenstände der Defizitländer USA, Grossbritanniens und der europäischen Südstaaten gegenüber den «Exportweltmeistern» China, Deutschland, Japan und einigen andern innerhalb von 15 Jahren von 15 000 auf 100 000 Milliarden Dollar erhöht.
An den Pranger
Unnötig zu sagen, dass kein privates Finanzsystem der Welt solchen realwirtschaftlichen Ungleichgewichten standhält, zumal mit diesen Krediten eben nicht Investitionen, sondern der laufende Konsum finanziert wird. Faktisch sind denn auch die westlichen Banken schon fast genau so verstaatlicht wie die chinesischen. Dank den Massenprotesten von «Occupy Wallstreet» oder «Occupy Paradeplatz» wird die Verstaatlichung des Bankensektors auch bei uns zum Thema.
Doch das ist blosse Symptombekämpfung. Die fatalen Ungleichgewichte müssen primär dort bekämpft werden, wo sie entstehen – in Barletta oder auch auf schweizerischen Baustellen, wo bosnische Schweisser 30 Prozent unter Tarif arbeiten. Die Waffe, mit der die globale Welt wieder ins Lot gebracht werden kann, ist schon erfunden. Sie heisst «Label». Beispiele dafür sind etwa Havelaar (Südfrüchte) Fairtrade und Living Wage (Textilien) oder Step (Teppiche).
Die Kriterien, nach denen diese Gütesiegel vergeben werden, sind allerdings noch sehr unterschiedlich, doch die allgemeine Stossrichtung ist klar: Die Konsumenten müssen wissen, wer in Barletta für 3.95 Euro pro Stunde arbeiten lässt, und sie müssen sich schämen, Kleider dieser Marke zu tragen. «Name and shame», Namen nennen und an den Pranger stellen. Was einst im Dorf üblich war, muss im Global Village wieder möglich werden.
Ähnlich wie Strom aus Sonne und Wind spielen auch die Produkte-Labels noch eine bescheidene Rolle. Aber wir sind dringend auf sie angewiesen, und dank der modernen Informationstechnologie haben sie ein enormes Potenzial. Und sie sind die einzige Chance, der globalen Wirtschaft wieder ein Gewissen einzupflanzen, bevor sie unsere Lebensgrundlage vollends kaputt macht.
Ökologisch und sozial
Die ersten Labels brachten Drittweltorganisationen in Umlauf, um den Bauern in Entwicklungsländern höhere und gerechtere Preise für ihre Produkte zahlen zu können. Bananen, Kaffee, Honig, Kakao, Nüsse gehörten zu den ersten Waren, die mit entsprechenden Gütesiegeln zuerst an Strassenständen angeboten wurden, bald aber auch Einzug in die Verkaufsregale von Grossverteilern hielten. Früh bekannt etwa war Havelaar-Kaffee. Mit sogenannten Fairtrade-Gütesiegeln wurden aber bald auch Textilien und Blumen aus naturgerechtem Anbau versehen. Neben ökologischen Aspekten sind zunehmend auch sozialverträgliche Produktionsbedingungen ein Kriterium für die Auszeichnung mit einem Label. In noch geringem Ausmass zwar, aber stetig weitet sich der faire Handel auch auf industrielle Produkte wie Bekleidung und Fussbälle sowie auf Diamanten aus.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11/11/11