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upg. Am 26. Mai 2021 überfuhr ein Motorradfahrer im Kanton Waadt bei einem Überholmanöver frontal das Velo mit Hanspeter Guggenbühl und tötete ihn. Drei Wochen vorher, am 4. Mai, hatte die Jury des Zürcher Journalistenpreises beschlossen, Guggenbühl für sein gesamtes Lebenswerk auszuzeichnen. An Stelle des tödlich Verunglückten nahm seine Lebenspartnerin Beatrix Mühlethaler den Zürcher Journalistenpreis am Montagabend im Zürcher Kulturzentrum Kaufleuten entgegen. Andrea Masüger, CEO des Medienhauses Somedia, das unter anderem die «Südostschweiz» herausgibt, hielt folgende Laudatio:
Laudatio von Andreas Masüger
Nachdem die Jury den Preis einstimmig beschlossen hatte, besuchte ich Hanspeter Guggenbühl am 17. Mai in seinem Haus in Illnau. Er freute sich riesig über diese Ehre.
Zehn Tage später wurde Hanspeter auf einer Velofahrt im Kanton Waadt von einem Motorradfahrer gerammt und tödlich verletzt. Stiftungsrat und Jury waren entsetzt und erschüttert.
Beide haben danach ganz selbstverständlich beschlossen, Hanspeter Guggenbühl den Preis posthum zu überreichen. Die folgende Laudatio wurde geschrieben, als Hanspeter noch am Leben war. Sie soll unverändert veröffentlicht und gehalten werden – im Präsens und nicht im Imperfekt – als Zeichen dafür, dass sein Werk noch weit in die Gegenwart hineinwirkt.
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Er beschreibt es als eine «läppische Kleinigkeit», aber der Vorfall ist bezeichnend für sein Journalistenleben und für sein Journalismusverständnis. Am 21. Februar 2008 stellte Hanspeter Guggenbühl an einer Pressekonferenz Energieminister Moritz Leuenberger die Frage, weshalb die dort präsentierte Vorlage noch immer keine CO2-Abgabe enthalte. Leuenberger wich aus, Guggenbühl legte den Finger in die Wunde und fragte dreimal nach. Bis der Herr Bundesrat explodierte und ein (fast) überall vernehmliches «Dumme Siech!» absonderte.
Die Episode zeigt zweierlei: zum einen die granitharte Kompetenz des Journalisten in Energiefragen, vor der selbst der Fachminister kapitulieren musste. Und zum zweiten seine Konstanz in der Thematik, die ihn ein ganzes Berufsleben lang begleitete – und auch heute noch topaktuell ist.
Hanspeter Guggenbühl ist der Schweizer Spezialjournalist für die Themen Energie, Verkehr, Umwelt und Umweltökonomie.
Bis vor wenigen Jahren wurden seine Analysen und Kommentare in allen grösseren Deutschschweizer Tageszeitungen abgedruckt. Für das Thema Energie interessierte sich vor 42 Jahren, als er das berühmte Pressebüro Index mit aufbaute, sozusagen niemand, für den Verkehr nur wenige. Seine Fixierung auf diese Materien sicherten ihm bald den Expertenstatus. In den Redaktionen – mehr noch in den Verlagen – fluchte man zwar bisweilen über seine linksgrüne Weltsicht, aber die Texte stimmten halt, sie waren wasserdicht, unfehlbar.
Guggenbühl selber führt dies auf seine Zahlenbegabung zurück, auf sein Faible für Mess- und Berechenbares. Wie kein zweiter konnte er Statistiken unterschiedlichster Provenienz auswerten, in Zusammenhänge stellen, journalistisch verwertbare Schlüsse daraus ziehen. Die heutigen Recherchedesks der digitalen Datenjournalisten sind ein müder Abklatsch der Guggenbühlschen Zahlenvirtuosität der Achtzigerjahre. Von Hand zeichnete er Skizzen und Grafiken, welche die damaligen Satzabteilungen mühsam analog aufbereiteten und zur Illustration seiner Texte verwendeten.
Daraus ergab sich ein probates Geschäftsmodell. Guggenbühl nahm den Mechanismus der heutigen Mantelredaktionen quasi vorweg, indem er für mehrere Medien gleichzeitig schrieb. Seine Spezialisierungen machten ihn unentbehrlich, sie waren sein Erfolgsrezept und bewahrten ihn vom Klumpenrisiko, welches die Tätigkeit für nur eine Zeitung bedeutet hätte. Damit kam er mehr recht als schlecht über die Runden.
Die Pressekonzentration und das Aufkommen der Mantelredaktionen mit heute noch vier Zentralredaktionen in der Deutschschweiz machten diesem Pool-Modell ironischerweise ein Ende. Guggenbühl wurde sozusagen ein spätes Opfer seiner eigenen Idee. Dennoch blickt er ohne Groll auf diese Entwicklung zurück. Sie fiel in eine Zeit, in der sich ein Journalist mit Jahrgang 1949 ohnehin langsam zurückziehen wollte. Heute schreibt er noch für den Infosperber, für die «Südostschweiz», für P.S. und bisweilen für die WoZ. Das genügt ihm.
Die Welt ist heute voller linker Journalisten, die rechts wurden; man kennt sie als die Markus Köppels und Roger Somms. Guggenbühl blieb stets der Gleiche und der Genügsame, was einige seiner einstigen Gefährten, die bei Zeitungen und im öffentlichen Rundfunk Karriere machten, als langweilig empfanden.
Als grüner Journalist brauche man nicht viel, um leben zu können, sagt er. Er, der den Wachstumsglauben unserer Gesellschaft stets kritisiert und auch in Büchern die Sprachparadoxie vom «Nullwachstum» schonungslos seziert hat, lebt in einem bescheidenen energieoptimierten Haus mit seiner Partnerin eine Existenz, die im alten Sparta auf Bewunderung gestossen wäre. Was er nicht braucht, wird gespendet. Selten wohl hat ein Journalist seinen Lebensentwurf derart konzis auf seine innere Überzeugung ausgerichtet. Guggenbühl lebt, was er schreibt.
Mit den Jahren hat er sein tagesaktuelles Werk mit insgesamt sieben Büchern erweitert, die er meist mit Co-Autoren herausbrachte. Die Themen waren Marktwirtschaft, Wirtschaftswachstum, die Energiewende und vieles mehr. Seine Sicht auf die Welt ist mit den Jahren etwas milder geworden. Eine schrumpfende Wirtschaft, so glaubt auch er mittlerweile, würde zu Verteilkämpfen bis hin zu Kriegen führen. Guggenbühl fragt sich heute: «Wie begrenzt man die Menge, damit sie planetenverträglich wird, und wie verteilt man sie richtig?»
Wer sich fast 50 Jahre lang mit solchen Themen beschäftigte und diese in klarer und eindrücklicher Sprache und bisweilen auch mit Sarkasmus und Humor zu Papier bringen konnte, hat den Zürcher Journalistenpreis fürs Gesamtwerk verdient.
Der Energieminister hat sich übrigens später einmal bei Hanspeter Guggenbühl für den «Dumme Siech» entschuldigen wollen. «Nicht der Rede wert, Herr Leuenberger, wechseln wir das Thema», fiel er ihm ins Wort. Es war die Antwort eines grünen Grandseigneurs.
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Weitere Preisträgerinnen und Preisträger des Zürcher Journalistenpreises 2021
Der Zürcher Journalistenpreis, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Journalismus in der Schweiz, wird seit 1981 verliehen. Jeder der Hauptpreise ist mit 10’000 Franken dotiert, der 2018 geschaffene Newcomer-Preis mit 5’000 Franken. Ausgezeichnet werden Gesamtwerke sowie hervorragende und wegweisende Arbeiten, unabhängig davon, ob sie über einen Zeitungs-, Zeitschriften- oder Online-Kanal verbreitet wurden.
Neben dem Preis an Hanspeter Guggenbühl für sein Gesamtwerk hat die Jury folgende Autorinnen und Autoren für folgende Artikel ausgezeichnet:
- Christoph Gertsch und Mikael Krogerus befassten sich im «Magazin»-Artikel «Die Magglingen-Protokolle» mit der Ausbildung von Nachwuchssportlerinnen im Sportzentrum oberhalb von Biel. Das harte Training brachte die jungen Frauen oft an die Grenzen ihrer seelischen Belastbarkeit – und darüber hinaus. Die erschütternden Einblicke in den Hochleistungssport des Kunstturnens lösten auch in der Politik ein Echo aus. «Wir alle werden nie mehr einen Wettbewerb in <Rhythmischer Gymnastik> verfolgen können, ohne an diese Reportage zu denken.»
- Christopher Gilb bewies ein gutes Gespür und Hartnäckigkeit, als er sich für die «Luzerner Zeitung» mit den Hintergründen einer unbekannten Firma zu befassen begann, welche eine St. Galler Unternehmensgruppe kaufen wollte. In sechs Artikeln über «Kratzer am Image eines Firmenretters» legte er den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität der dubiosen Firma offen. Die Übernahme platzte schliesslich – wie es Gilb vorausgesagt hatte.
- Katharina Bracher und Sacha Batthyany nahmen den wachsenden Konsum von Kinderpornografie zum Anlass, die Hintergründe dieser hässlichen Realität auszuleuchten («<Bin doch erst 13> – <Umso besser>») Mit einem fingierten digitalen Profil eines Mädchens machten sie sich auf ins dunkle Reich der digitalen Triebtäter. Es wurde ein Marsch durch Abgründe. Den Journalisten der «NZZ am Sonntag» gelang ein dramaturgisches Meisterwerk, hält die Laudatio fest.
- Den Newcomer-Preis gewann Samuel Tanner für seinen in der «NZZ am Sonntag» erschienenen Artikel «Glaube und Macht». Er begleitet darin den Mitte-Präsidenten Gerhard Pfister auf einer Rückfahrt in die politische Vergangenheit der Schweiz, als es noch ein katholisch-konservatives Milieu gab, das zuverlässig CVP wählte. Tanner hat ein «wunderschönes Parteiporträt» geschrieben, und «en passant ist der Text auch ein tolles Gerhard-Pfister-Porträt», so die Laudatio.
Die ausgezeichneten Beiträge und Laudationes sind zu lesen und zu hören auf: www.zh-journalistenpreis.ch
Seit einem Jahr steht der Zürcher Journalistenpreis finanziell auf einer neuen Basis. Träger der Stiftung sind nun die drei Zürcher Medienhäuser NZZ, Ringier und Tamedia. Zudem unterstützen namhafte Unternehmen und Institutionen die Veranstaltung mit Geldbeiträgen. Die Stiftung dankt für diesen Support, insbesondere für den Beitrag des Tabakkonzerns Japan Tobacco International mit Sitz in Carouge GE.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine