Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/3520

Ich beobachte, wie zwei junge Studenten-Touristen eine ziemlich komplizierte Bestellung beim Kellner aufgeben und ich sehe den Ladenbesitzer, der als Letzter auch noch den Rollladen seines Ladens hochrollt, in dem er Lederjacken für Männer feilbietet. Ich beobachte die Szene in der Türe eines Coiffeurs, wo ich den Kopf eines Kunden sehe, eingeschmiert mit Rasierschaum und zwei Hände, die daran herum fingern. Ich sehe einen alten Mann auf einem Stühlchen kauernd, vor sich eine Kartonschachtel, die, wäre sie nicht unendlich viele Male mit Klebeband umwickelt worden, wohl wegen ihres Alters und täglichen Gebrauchs in sich zusammenfallen würde. Der Mann verkauft Zigaretten, einzeln oder im Paket, den ganzen Tag wird er hier sitzen und am Abend zumindest so viel verdient haben, dass es ihm für einen Teller Suppe reicht oder sonst etwas Existenzielles. Ein etwas jüngerer Mann steht bei ihm, vielleicht der Lehrling, der eines Tages das Geschäft übernimmt, wenn der Alte nicht mehr auf dem Stühlchen sitzen kann. Daneben steht ein altes Auto, ein Alfa, der mal schwarz war oder dunkelblau, jetzt aber verstaubt und verbeult ist und anscheinend trotzdem noch in Betrieb, denn er steht mit laufendem Motor da. Die Karre scheint niemandem zu gehören, die ganze Zeit, die es braucht, um ein Kännchen zu drei Tassen Tee zu trinken, steht das Auto da und verstinkt die Luft, ohne dass irgendwer sich darum kümmert. Ein Alfa ist hier selten zu sehen, dieser da muss eine interessante Geschichte haben. Ein Schuhputzer möchte sich meine Schuhe vornehmen, ich möchte aber nicht, irgendwie ist mir das peinlich, einen Menschen vor mir kauern zu haben, der an meinen Schuhen rummacht. Doch dem Mann geht die Arbeit trotzdem nicht aus, einige der Sitzenden, die ausnahmslos Männer sind, mit Ausnahme des weiblichen Teils des Studenten-Touristen-Paares das seine Bestellung, etwas das aussieht wie ein Cappuccino, bekommen hat, nehmen seine Dienste in Anspruch und ich denke mir, dass Coiffeure und Schuhputzer die letzten wären, denen hier in Tanger oder Marokko die Arbeit ausginge, ginge in Tanger oder Marokko die Arbeit aus.
In diesem Moment kommen ein paar Touristen um die Ecke, ältere Touristen, italienische Touristen, und es werden immer mehr, da hat wohl oben auf dem Grand Socco ein Touristenbus seine Ladung über die Medina gekippt, und wie sie eben so sind, die Touristen, bleiben stets alle zusammen, auf dass man niemanden verliert, und überschwemmen die engen Gassen der Medina, als wärs ein hochwasserführender Gebirgsbach im Misox. So sind sie für die Nepper und Schlepper ein gefundenes Fressen, eine ganze Horde hat sich schon um die armen Opfer versammelt, auf zwei Touristen kommt ein Händler, der ihnen irgendwas mehr oder weniger Unnützes andrehen will: Türvorlegeteppiche, Ohrringe, Schals, Teekännchen, Armbänder und tausend Dinge mehr.
Für die Touristen wird es nun schwierig, etwas von der Medina und ihrer Stimmung mitzubekommen, denn ist einer endlich abgewimmelt, hängt schon der nächste am Rockzipfel. Ebenso schwierig wird es in so einer Gruppe, sich in ein Café zu setzen, bei einem wunderbaren Minztee den Rundblick zu geniessen, zum einen wäre das Café sogleich überfüllt und anderseits müssten ja auch die Nepper und Bauernfänger irgendwie abgeschüttelt werden können, denn vor der Terrasse des Cafés machen die nicht Halt, genauso wenig wie die Schuhputzer, nur sind die weniger aufdringlich. Doch daran sind Touristen gar nicht interessiert. Sie werden wie auf der ganzen Welt zu den Sehenswürdigkeiten gekarrt, auf dass sie sich betrachten, was sie im gedruckten Reiseführer eingehend studiert haben, oder sich die nie endenden Erklärungen des lebendigen Reiseführers anhören. Nach einer Stunde oder zwei werden sie wieder aufgelesen, in diesem Fall fährt der Busfahrer vermutlich um die Medina herum und nimmt seine Klienten unten im Hafen wieder auf. Das finde ich logistisch ziemlich durchdacht, muss man doch als Tourist nicht wieder die relativ steile Rue Siaghine hochgehen. Mein Tee ist getrunken, mein Zug nach Rabat fährt bald und ausserdem stecken sich die beiden Studenten-Touristen je eine Zigarette an und der ganze üble Gestank zieht zu mir herüber. Zeit, Tanger zu verlassen. Das Geheimnis Tangers glaube ich entdeckt zu haben: Es gibt keines. Es ist wie überall: Man lebt und versucht sich dabei irgendwie über Wasser zu halten.
Aus: «Tre Vulcani», 2015