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Ein Bau im historischen Kontext
Gerhard Kaufmann
Vor 50 Jahren wurde das Gemeindehaus nach Plänen von Giovanni Panozzo erbaut. Mit dem traditionellen Giebeldach, Elementen aus Sichtbeton und grossen Fensterfronten verbinden sich darin Tradition und Moderne.
Wer in den Gemeinderatsprotokollen nach einem Beschluss für ein neues Gemeindehaus sucht, sucht vergeblich.1 Es ergab sich eher als Nebenprodukt der Dorfkernplanung.
Nachdem die Verantwortlichen der damaligen Taubstummenanstalt 1931 beschlossen hatten, diese von der Schmiedgasse an die Inzlingerstrasse zu verlegen, boten sie das mitten im Dorf gelegene Areal von 9206 Quadratmetern der Einwohnergemeinde zum Kauf an. Im Kriegsjahr 1940 wurde mit der Planung begonnen. Das Programm war zunächst noch sehr vage und sah einen Dorfplatz, einen Mehrzwecksaal, eine Markthalle und ein Wohlfahrtshaus vor. Dass zunächst niemand an ein neues Gemeindehaus dachte, das damals in der Alten Kanzlei untergebracht war, mag damit zusammenhängen, dass während der Kriegsjahre Riehens Bevölkerungszahl stagnierte und sich in der Verwaltung kein zusätzlicher Platzbedarf abzeichnete.
Der Druck, sich mit Neubauplänen zu beschäftigen, kam von ganz anderer Seite. Man hielt es damals für unumgänglich, die Alte Kanzlei in naher Zukunft abzubrechen, um den Verkehrsengpass an dieser Stelle zu beseitigen. Eine Vorahnung, die Bevölkerungszahl werde nach dem Krieg sprunghaft steigen – was auch der Fall war –, spielte ebenfalls eine Rolle.
Am ausgeschriebenen Wettbewerb für die Neugestaltung des Dorfkerns inklusive Gemeindehaus beteiligten sich 54 Architekturbüros. Den ersten Preis gewann gemäss Juryentscheid vom April 1943 das Projekt des Architekten E. A. Christen. Nachdem der Landgasthof als erstes einer ganzen Reihe von Gebäuden fertiggestellt war, wurde die weitere Planung 1954 einer Architektengemeinschaft übertragen: den Büros Bräuning + Dürig, Hans Wirz, Giovanni Panozzo, Jean Mory und Willi Müller. Denn mit dem Preisträger
Paläste und Rathäuser
Eigentliche Gemeindehäuser kamen in der Zeit der Helvetik auf, also an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Wo solche entstanden, wurde ihnen ein prominenter Ort innerhalb des Dorfes zugewiesen, vorzugsweise am Dorfplatz oder gegenüber der Dorfkirche. Denn Rathäuser und Gemeindehäuser sind nicht einfach Zweckbauten, sondern auch Ausdruck von bürgerlichem Selbstverständnis. Was den Monarchien ihre Paläste, sind den Republiken ihre Rathäuser. Auch die Dörfer hielten mit, gaben sich aber bescheidener.
Riehen erhielt sein erstes repräsentatives Gemeindehaus im Jahr 1836/37, das als ‹Alte Kanzlei› bekannte Gebäude an der Ecke Baslerstrasse/Erlensträsschen. Der Bau von Melchior Berri (1801–1854) vereinte Gemeindehaus, Bezirksschreiberei und Polizeiposten unter einem Dach und war eine Folge der Kantonstrennung von 1833. Der neu geschaffene Landbezirk brauchte eine Bezirksschreiberei. Im Mittelalter wurden die Gemeindegeschäfte im Gasthaus zum Ochsen beraten, seit 1640 im Vorgängerbau der Alten Kanzlei, einem einfachen Wachhaus. Das alte Gemeindehaus war bis 1961 in Gebrauch, die Bezirksschreiberei war mit der neuen Kantonsverfassung von 1875 obsolet geworden.
von 1943 hatten sich Gemeinderat und Baukommission überworfen. Giovanni Panozzo setzte sich im August 1957 mit einem überzeugenden Entwurf für das neue Gemeindehaus gegenüber seinen Kollegen durch. Drei der Architektengemeinschaft angehörende Mitbewerber waren bei anderen Gemeindebauten zum Zug gekommen. Kurz zuvor hatte sich Giovanni Panozzo mit dem Bau des Mädchengymnasiums am Kohlenberg für diese Aufgabe qualifiziert.
Im Januar 1957 hatten Gemeinderat und Baukommission eine Exkursion nach Freudenstadt gemacht, das nach dem Krieg wieder aufgebaut worden war. Dies bestärkte die Verantwortlichen in ihrer Absicht, den historischen Kontext in der Planung zu berücksichtigen.
Das Bauprogramm für das Gemeindehaus hatte inzwischen eine Erweiterung erfahren. Neben dem Verwaltungsflügel und dem Behördentrakt für Gemeinderat, Gemeindeparlament und Bürgerversammlung waren neu auch Schulzahnklinik, Gemeindebibliothek und Mütterberatung unterzubringen. Ab Mitte 1957 ging es dann zügig voran. Es wurden konkrete Planungsaufträge an den Architekten und die Fachingenieure erteilt. Ab Herbst 1957 verfügte die Gemeinde über eine eigene Bauverwaltung, im Juni 1958 bewilligte der weitere Gemeinderat einen Baukredit von 3,95 Millionen Franken und ein Jahr später konnte die Grundsteinlegung festlich begangen werden.
Mit der am 24. Juni 1961 erfolgten Einweihung hatte die Gemeinde ihr bisher grösstes Bauwerk glücklich über die Runden gebracht. Nach erfolgter Ingebrauchnahme zeigte man sich sowohl bei den Mitarbeitenden als auch beim Publikum zufrieden mit dem neu geschaffenen Bauwerk. Bürgerstolz machte sich breit und man sprach liebevoll vom ‹Palazzo Panozzo›.
Ein kleiner Schönheitsfehler sei indessen nicht verschwiegen: Es hatte schweizweit Aufsehen erregt, als 1958 die Bürgerversammlung den Riehener Frauen – als ersten im Lande – das Stimm- und Wahlrecht zuerkannte. Peinlicherweise unterblieb bei der in diesen Zeitraum fallenden Erstellung des Gemeindehauses der Einbau von Damentoiletten im Behördentrakt. Die Konsequenzen der politischen Gleichberechtigung der Frauen hatten sich die Verantwortlichen offenbar noch nicht in ihrer vollen Tragweite vorgestellt.
Riehens Selbstverständnis als Dorf prägte die Planung des Gemeindehauses. Man war bestrebt, damit einen Akzent zu setzen, den örtlichen Massstab aber zu wahren. Anders als 20 Jahre später mit dem Rathausturm in Lörrach blieb man in Riehen sozusagen auf dem Boden. Dass die traditionelle Form des Steildachs mit einer durchaus zeitgemässen Architektur vereinbar ist, bewies Architekt Giovanni Panozzo auf eindrückliche Weise. Verglaste Fensterfronten, tragende Elemente in Sichtbeton sowie geschlossene Fassadenpartien und Freitreppen aus rotem Sandstein bilden ein spannungsvolles Zusammenspiel mit den dunklen Flächen der Ziegeldächer. Im Innern fallen die grosszügig dimensionierte Eingangshalle auf, das weiträumige Foyer im Behördentrakt und die geräumigen Wartezonen – die allerdings im Lauf der Jahre zusätzlichen Büroräumen weichen mussten.
Eine Erweiterung des Verwaltungstrakts Richtung Bahnhofstrasse war von Anfang an vorgesehen und wurde 1978/79 ausgeführt. Die von der Gemeinde übernommenen zusätzlichen Aufgaben fanden ihren Niederschlag in zahlreichen späteren Um- und Ausbauten. Meist wurden diese mit Respekt vor dem Gestaltungswillen des Erbauers ausgeführt.
Der erhöhte Platz, auf dem das Gemeindehaus zwischen Schmiedgasse und Wettsteinstrasse steht, war als Ort der Begegnung gedacht in Anlehnung an die griechische Agora. Als solcher wurde er von der Bevölkerung nie wahr- und angenommen. Ausser bei Dorffesten und anderen Anlässen herrscht dort meist Leere. Trotz dieser Einschränkung hat sich das Bauwerk als Arbeitsort für die Gemeindeverwaltung ebenso bewährt wie als Versammlungsort für Bürgerinnen, Einwohner und politische Behörden.
1 Vgl. auch für das Folgende die Protokolle des Gemeinderats 1932–1962.
2 Basler Zeitung, 30. März 1993.