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Dunkle Wolken über Neufundland Labrador: Ressourcenreichtum wird zum Fluch
Rohstoff-Profit verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit in Kanada
Selbst im Rechtsstaat Kanada fliessen Rohstoff-Milliarden am Volk vorbei. Global vernetzte Konzerne diktieren die Bedingungen.
„Warum ist die Bevölkerung vieler Länder, die reich an Bodenschätzen sind, so arm?“ Mit dieser Frage beginnt ein Artikel im Wirtschaftsteil der NZZ vom 28. Juni 2019. Der Text identifiziert ein Hauptmerkmal der Rohstoffwirtschaft als Ursache für den sogenannten „Ressourcenfluch“: Eisen-, Kupfer-, Zink-, Uran-, Blei-, Gold- oder Kobaltreserven wie auch Öl- und Gasvorräte liegen häufig in autoritär und inkompetent geführten Staaten, vor allem in Afrika und Südamerika, in denen Konzerne Hand in Hand mit korrupten Herrscher-Clans Milliardenerträge an verarmten Bevölkerungen vorbei absaugen.
Darum geht es in Kanada nicht. Tatsache ist aber, dass auch in Kanada die breite Bevölkerung von den Milliardenerträgen aus dem Rohstoffabbau nur in erstaunlich bescheidenem Mass profitiert. Zum Beispiel in der kleinen Provinz Neufundland Labrador mit rund 530000 Einwohnern im äussersten Osten des kanadischen Bundesstaates, die über grosse Rohstoffvorräte verfügt.
In Labrador, auf dem kanadischen Festland, sind es unter anderem Eisenerz, Zink, Kupfer, Kobalt und Uran, die seit dem Zweiten Weltkrieg von internationalen Konzernen zunehmend intensiv gefördert werden. Am Churchill River liefert seit den 1970er-Jahren eines der grössten Wasserkraftwerke Nordamerikas Strom in die Bevölkerungszentren Kanadas und der USA. Und auf der Insel Neufundland, wo in der Hauptstadtregion St. John’s entlang der Ostküste rund die Hälfte der Einwohner der Provinz leben, wird seit Ende der 1990er-Jahre offshore Erdöl und Erdgas gefördert.
Rohstoff veränderte das Leben in Neufundland
Der Export von Rohstoffen hat das Leben in Neufundland und Labrador sehr verändert: Während Jahrhunderten lebten NeufundländerInnen isoliert und prekär vor allem von den legendären Kabeljaubeständen der „Grand Banks“. Im Winter waren viele Dörfer im Eis isoliert. 1898 öffnete eine Schmalspurbahn mit über 900 Kilometer Länge eine Verbindung von der Hauptstadt im Osten zum Hafen von Porte aux Basques im Westen und über eine Fähre zum kanadischen Festland und in die USA. Die Insel wurde Teil der arbeitsteiligen amerikanischen Wirtschaft. Tycoons aus den USA und Kanada investierten. Es entstanden Holz- und Papierfabriken, kleinere und später grössere Eisenerzminen sowie Fischfabriken. Die Insel wurde Rohstofflieferantin der Zentren im Süden.
Einen Entwicklungsschub brachte 1949 der Anschluss der vormaligen britischen Kolonie an den kanadischen Bundesstaat. 1965 war der Trans Canada Highway bis in die Hauptstadt St. John’s fertiggebaut. Aber der Lebensstandard in Neufundland hat sich nur sehr langsam verbessert. Neufundland Labrador blieb noch jahrzehntelang die Provinz innerhalb Kanadas mit dem tiefsten Prokopf-Einkommen. Im Bildungs- und Gesundheitswesen und für Transportinvestitionen blieb man auf Bundeshilfe angewiesen. Jahr für Jahr emigrierten tausende junger NeufundländerInnen nach Ontario, Alberta und British Columbia. Die Bevölkerung der Provinz wurde immer älter.
Dank Erdöl nur scheinbar alles besser
Mit dem Beginn der Ölförderung Ende der 1990er-Jahre wurde scheinbar alles anders. Statistisch rückte das notorisch bedürftige Neufundland Labrador plötzlich zu den reichsten kanadischen Provinzen Alberta, British Columbia und Ontario auf. Statistische Indikatoren zeigen eine rosige Entwicklung: Im kanadischen Vergleich erzielte Neufundland Labrador 2018 ein Spitzen-Bruttosozialprodukt (BSP) pro Kopf von 64 000 Kanada-Dollar, während das BSP im kanadischen Durchschnitt bei 55 000 Dollar lag. Für das laufende Jahr prognostiziert die Royal Bank of Canada für diese Provinz mit 5,2 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum des Landes (Durchschnitt in Kanada: plus 2,2 %). Auch das verfügbare Einkommen pro Kopf und Jahr sieht heute in Neufundland Labrador mit fast 32 000 Kanada-Dollar gut aus (Kanada: 32 300, Schweiz: 48 000). In den Ölboom-Jahren vor 2015 ist die jahrzehntelang ärmste Provinz statistisch gesehen „reich“ geworden.
Die reale Situation der Bevölkerung ist aber viel weniger vorteilhaft: Zwar ist der Anteil der unter der Armutsgrenze lebenden Personen kleiner geworden. Aber mit einer Arbeitslosigkeit von 12,1 Prozent (Kanada 5,9 %) steht die Provinz 2019 mit Abstand an der Spitze aller Gliedstaaten. Im zur Hälfte von indigenen Inuit bewohnten selbstverwalteten Gebiet von Nunatsiavut in Labrador, wo der Vale-Konzern in der Nickel-, Kobalt- und Kupfermine von Voisey’s Bay an der Atlantikküste täglich 6000 Tonnen Erze abbaut, ist die Arbeitslosigkeit sogar noch signifikant höher.
Die Analysten der Royal Bank of Canada führen in ihren Statistiken einen „discomfort index“, der die Höhe der Arbeitslosigkeit und Inflation berücksichtigt. Dieser Negativ-Faktor ist für Neufundland Labrador mit 13,2 Prozent fast doppelt so hoch wie im kanadischen Durchschnitt.
Wer wie viel von den lukrativen Erträgen aus dem Rohstoffabbau kassiert, ist nicht transparent. Klar ist aber, dass diese Erträge sehr ungleich verteilt werden. In afrikanischen Diktaturen geht die Normalbevölkerung oft fast ganz leer aus. Aber auch in Kanada sind die von den Gliedstaaten erhobenen Abbaugebühren (royalties) und Steuern bescheiden. Zudem beschäftigen die Rohstoffkonzerne relativ wenig Arbeitskräfte: 2017/18 zählte man in der Provinz Neufundland Labrador in elf Minen 2000 direkt von den Konzernen angestellte MitarbeiterInnen und 1000 in Begleitjobs. Die Öl- und Gasindustrie zählte 5200 direktangestellte Mitarbeiter, zeigt die nationale Statistik. Im Sog des Öl- und Erzgeschäfts entstanden viele minderqualifizierte Dienstleistungsjobs, zum Beispiel in Restaurants und Fastfood-Lokalen.
Globale Konzerne mächtiger als Staaten
Dass auch ein Rechtsstaat wie Kanada im Rohstoffgeschäft nicht für eine bessere Abgeltung für den Abbau sorgt, hat einen einfachen Grund: Das extreme Machtgefälle zwischen den Konzernen als Käufer und den Rohstoffländern als Verkäufer. Auf der Käuferseite agiert heute praktisch weltweit ein umfassendes im Handel, Abbau und auch in der Verarbeitung tätiges Konglomerat von globalen Rohstoffkonzernen.
Die gigantischen Unternehmen sind im Milliardenrausch des Rohstoffhandels der letzten zehn Jahre aus Fusionen und Übernahmen entstanden. Sie sind in zahllosen Schachtelfirmen undurchsichtig organisiert, unter sich monopolartig so vernetzt, dass sie weltweit Abbaubedingungen diktieren, Preise als „Weltmarktpreise“ manipulieren und dank ihren extremen Gewinnen immer neue Unternehmen schlucken können. Mit ausgewählten Firmensitzen werden die Durchsetzung von Rechtsansprüchen erschwert und Steuern minimiert.
Dazu kommt: Auf der Anbieterseite bestehen bei vielen Erzen sowie im Öl- und Gasgeschäft weltweit Überkapazitäten. In dieser Situation sind auch bedeutende Rohstoffländer wie Kanada für die Konzerne weitgehend auswechselbare Manövriermasse. Ein Staat, der versuchen sollte, auf politischem Weg markant höhere Abbaugebühren, schärfere Umwelt- oder bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen, muss damit rechnen, vom Club der Konzerne ausgesperrt zu werden. Ein Zwerg wie die Provinz Neufundland ist da völlig chancenlos.
Potente Lobby investiert in Politiker
Mit einer potenten Lobby hat die Rohstoff- und Finanzwirtschaft im letzten Jahrzehnt dafür gesorgt, dass Kanada sein Rohstoff-, Umwelt-, Arbeits-, Finanzplatz- und Steuerrecht immer mehr von Einschränkungen befreite. Professor John Peters von der Laurentian University in der Minenstadt Sudbury spricht von „organisiertem Business“, das in Parteien, Think Tanks und in Politiker „investiert“; dies bis in höchste Regierungsränge.
Recherchen von Medien im Zusammenhang mit den sogenannten “Paradise Papers“ zeigen, dass Premierminister Justin Trudeau enge Kontakte zu milliardenschweren Familien unterhielt, die seiner Liberalen Partei wiederholt Wahlgeschenke gemacht haben. In einer Kolumne in der führenden Tageszeitung „Globe and Mail“ las man von einer „coziness (Gemütlichkeit) zwischen Plutokraten und Politikern“ und den Satz: „Wir leben in einer Zeit von zunehmender Einkommensungleichheit zwischen denen ganz oben und allen andern“. (Margret Went in "Globe and Mail" vom 10.11.2017).
Ungleich ist die Verteilung der Rohstofferträge auch im Arbeitsalltag auf der Ebene der Löhne: Hohe Löhne gehen an direktangestellte Fachleute, denen international organisierte Gewerkschaften Schutz vor Lohndumping bieten. In einer Erz-Mine in Labrador City zum Beispiel verdienen Mineure und Fahrzeugpiloten der Iron Ore Company of Canada (IOC) rund 200 000 Kanada-Dollar pro Jahr. Durch Automatisierung und Outsourcing sind die Konzerne aber immer mehr in der Lage, die Macht der Gewerkschaften und ihre Privilegien zu brechen.
Hohe Rohstoff-Profite, steigende Wohnkosten
Den Rohstoffgewinnen folgen hohe Wohnkosten. Unter anderem als Folge der gigantischen Geldflüsse aus dem Rohstoffgeschäft ist in Kanada einer der weltweit grössten Finanzplätze entstanden, der wesentlich davon lebt, globale Rohstoffgewinne für superreiche Kunden weiter zu vermehren. Zwischen 2010 und 2018 sind so Milliarden in den kanadischen Immobilienhandel geflossen. Die Folge war eine Explosion der Haus- und Wohnungspreise; dies vor allem in der Agglomeration von Toronto und noch extremer in Vancouver. In zehn Jahren sind Hauspreise in der Agglomeration Toronto um 131 Prozent gestiegen. In Vancouver allein im Jahr 2016 um 30 Prozent.
Der International Monetary Fund (IMF) identifiziert globale Geldzuflüsse als Haupttriebfeder dieser Immobilien-Entwicklung. Analysen wie etwa jene von Canadian Business vom 11. April 2017 bezeichnen den Trend als „completely insane". In einem neuen Bericht zeigt eine Expertengruppe auf, dass ein grosser Teil dieses Booms auf dem kanadischen Immobilienmarkt von Geldern aus nicht identifizierten Quellen angetrieben wurde. Die Rede ist von Geldwäsche in Höhe von mindestens fünf Milliarden Kanada-Dollar. Gekauft und viel teurer verkauft wurden offenbar vor allem Billigobjekte, Häuser von Leuten mit bescheidenem Einkommen.
Die Experten verweisen darauf, dass Geldwäsche im Häusermarkt, anders als beim Kauf von Luxusautos oder Casinogeschäften, der Bevölkerung direkt Schaden zufügt. Die Preisexplosion habe einen Hauserwerb für eine ganze Generation ausser Reichweite versetzt. Vancouver und Toronto seien „unaffordable cities“ geworden, meldeten die BBC News am 11. Mai 2015. John Peters sieht im Liegenschaftsboom einen indirekten „Kollateralschaden“ des kanadischen und globalen Rohstoffgeschäfts auf dem Buckel von Normalbürgern, die von den Gewinnen aus dem Rohstoffabbau direkt kaum profitieren.
Lesen Sie morgen die Fortsetzung: "Kabeljau überfischt, Wasserkraft verkauft, Minenstadt bedroht"
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
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Eine Meinung
Und die Leitmedien vermitteln uns täglich, dass dieses System alternativlos sei, so alternativlos wie die selber geschaffenen Feindbilder, worauf sich die irrwitzige Aufrüstung inkl. nuklearer Wahnsinn gründen.
Too sad to be true!
Abos der Leitmedien künden und Infosperber unterstützen!
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