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Carl Emanuel Steiner 1771-1846, Arzt und Staatsmann
Dr. Carl Emanuel Steiner (1771-1846) Arzt, Haus «zur Hoffnung« (Marktgasse 24). Studium in Zürich, Jena, Berlin und Wien. Ausgedehnte politische Tätigkeit als Bezirksstatthalter und später Oberamtmann.
Wie kein zweiter Arzt des alten Winterthur hatte sich Carl Emanuel Steiner (1771-1846) um den Aufbau des jungen Kantons Zürich gekümmert. Zum Besuch der höheren Schulen begab sich Carl Emanuel 1786 nach Zürich. Das Studium der alten Sprachen, das er schon in Winterthur begonnen hatte, setzte er am dortigen Collegium humanitatis fort. Professor Breitinger, in dessen Haus er wohnte, erteilte ihm Privatunterricht in Mathematik und Physik. Mit dieser Vorbildung konnte sich Carl Emanuel an das 1782 neu von Johann Heinrich Rahn gegründete Zürcher Medicinisch-chirurgische Institut begeben, das angehenden Ärzten und Chirurgen eine solide medizinische Grundausbildung bot. Als Abschlussarbeit konnte er nach zwei Jahren eine Abhandlung über die Herzkrankheiten vorlegen, die ihm Achtung einbrachte. Auf Rat seiner Lehrer wechselte Steiner 1790 an die Universität Jena, die zu dieser Zeit für Medizin einen ausgezeichneten Ruf genoss. Steiner wohnte im Haus des berühmten Mediziners Johann Christian Starke (1753-1811), für den er zeitlebens eine Anhänglichkeit behielt.
Nach vier Semestern legte Steiner eine Dissertation über die sekundären Krankheiten vor. Zur Weiterbildung begab er sich 1792 nach Berlin. In der Hauptstadt Preussens war er mit der Ausrüstung der Truppen der vereinigten Armee unter dem Herzog von Braunschweig rege beschäftigt. Obwohl verlockend, schlug Steiner die Einladung, dem Feldzug nach Frankreich als Militärarzt zu folgen, aus. Nachdem er in den berühmten Spitälern Wiens weitere Kenntnisse gesammelt hatte, kehrte Steiner im Frühling 1793 nach Winterthur zurück.
Er begann eine medizinische Praxis, die er auch später, als er mit mannigfachen politischen Aufgaben belastet war, nicht aufgab. Als erstes öffentliches Amt wurde Steiner in den Schulrat gewählt. Bald wurden seine Fähigkeiten und seine Gewandtheit in politischen Fragen offensichtlich. Er gehörte zu den Gründern der Winterthurer Hülfsgesellschaft. Die Schulen und das Waisenwesen lagen Steiner besonders am Herzen. Er konnte viele wesentliche Verbesserungen durchsetzen. 1798 erfolgte seine Wahl in den Grossen Rat, dem er 38 Jahre lang angehörte. In der Helvetik trat er für Winterthur der Municipalität (Versammlung von Gerichtspersonen) bei und übernahm polizeiliche und administrative Geschäfte. Während der französischen Besatzung war der Divisionsgeneral Oudinot, der spätere Herzog von Reggio, in seinem Haus einquartiert.
In den Wirren der Helvetik übernahm Steiner das Amt des Statthalters für den Bezirk Winterthur. Während der Unruhen im Frühling 1804 konnte er seine Entschlossenheit unter Beweis stellen. Als herumziehende Scharen am 27. März die Stadt Winterthur bedrohten, ergriff Steiner die notwendigen Sicherheitsmassnahmen und übernahm das militärische Oberkommando, bis eidgenössische Truppen eintrafen. Die von Steiner zu erledigenden Geschäfte waren nicht immer einfach. Als er 1806 die Beschränkung der Einfuhr von englischen Waren durchsetzte, musste er der eigenen Vaterstadt Nachteile beibringen, da gerade dort ein bedeutender Handel mit englischen Garnen betrieben wurde.
Durch die Wahl in den neu gegründeten Regierungsrat des Kantons Zürich im Juni 1814 wurde Steiners Einflussbereich nochmals erweitert. Nachdem Zürich jahrhundertelang die Oberherrschaft über Winterthur ausgeübt hatte, kam nun ein Winterthurer in die oberste Landesbehörde. Durch eine Umorganisation des Kantons von vormals fünf Bezirken in nun elf Oberämter wurde das Amt des Statthalters hinfällig. Da der Regierungsrat die Wahlbehörde darstellte, wurde Steiner als dessen Mitglied vorerst nicht als Oberamtmann für das Oberamt Winterthur gewählt. Als aber der erste Amtsinhaber Troll nach drei Jahren starb, wurde Steiner 1819 als Oberamtmann bestätigt. Im neuen Amt erhielt er auch noch die richterlichen Geschäfte übertragen. 1831 verabschiedete sich Steiner im Alter von 60 Jahren aus dem Staatsdienst, um jüngeren Platz zu machen, verblieb aber noch fünf Jahre im Grossen Rat Winterthurs.
Während seiner ganzen Wirkungszeit als Staatsmann hatte Steiner seine medizinische Praxis fortgesetzt, wenn sicherlich auch nur in bescheidenem Rahmen. 1842 hielt er zur Einweihung des neuen Bibliotheks- und Knabenschulgebäudes, der heutigen Museum Oskar Reinhart, in der Kirche eine Rede. Als er sich bereits betagt im Januar 1846 mit seinem zwölfjährigen Enkel auf eine Eisfläche bei Seuzach begab, belustigten sich Bauernjungen mit einem sogenannten Windschlitten. An einer über 50 Fuss langen Leine wurde ein kleiner Schlitten um einen Mittelpunkt gedreht, in der Absicht, den darauf Sitzenden durch die Fliehkraft von dem Schlitten zu schleudern. Steiner, der bei seiner Schwachsichtigkeit in der beginnenden Abenddämmerung das Spiel nicht bemerkte, kam immer näher und wurde schliesslich vom Seil erfasst. Er stürzte schwer auf Rücken und Hinterkopf. Unter heftigen Schmerzen starb er nach 50 Tagen.
Quelle: „Schwitzkur und Angstschweiss“ von Urs Leo Gantenbein, Neujahrsblatt Stadtbibliothek Winterthur, 1997, mit der interessanten Medizingeschichte der Stadt Winterthur.