Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03458.jsonl.gz/785

Schüler/innen, die den Unterricht stören, sich gegenseitig ablenken und den Anweisungen der Lehrperson nicht folgen, profitieren weniger vom Unterricht und bringen Lehrer/innen an den Rand ihrer Belastungsgrenzen. Durch gutes Classroom-Management lassen sich jedoch viele Unterrichtsstörungen reduzieren und ein angenehmeres Lernklima schaffen. Oft helfen bereits die folgenden Empfehlungen.
Achten Sie auf eine gute Sitzordnung
Classroom-Management beginnt bereits bei der Sitzordnung. Fragen Sie sich:
- Habe ich alle Schüler gut im Blick?
- Fördert die Anordnung der Pulte Unruhe (bei unruhigen Klassen sind Reihen eher zu empfehlen als ein U oder Gruppentische)?
- Sitzen die unruhigen Schüler so, dass sie sich nicht gegenseitig ablenken können?
- Sitzen die unruhigen Schüler in meiner Nähe, damit ich sofort eingreifen kann, ohne laut zu werden?
Die Pulte sollten so stehen, dass Sie alle Schüler/innen so rasch wie möglich erreichen können.
Viele Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Nähe der Lehrperson Unterrichtsstörungen wirksam reduziert. Das Lehrerpult sollte nicht zu weit von den Schülerpulten entfernt sein. Wenn Sie als Lehrperson vor dem Pult stehen, arbeiten die Schüler/innen besser mit, als wenn Sie hinter dem Pult sitzen.
Schüler, die während des Unterrichts quasseln, mit Radiergummis werfen etc., setzen sich bei freier Platzwahl oft neben andere Schüler, die ebenfalls stören. Gemeinsam suchen sie sich einen Sitzplatz, der es ihnen erlaubt, sich möglichst gut vor den Augen der Lehrperson zu verbergen. Lassen Sie das nicht zu. Es ist wichtig, dass jeder Schüler, jede Schülerin so sitzt, dass er oder sie optimal vom Unterricht profitieren kann. Im Zweifelsfall entscheiden Sie, wo die Schüler/innen sitzen.
Arbeiten Sie mit nonverbalen Signalen
Lehrkräfte mit einem besonders guten Classroom-Management zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit wenig viel erreichen. Dazu nutzen sie wann immer möglich nonverbale Kommunikation.
Wenn ein Schüler nicht aufpasst oder stört:
- Sehen sie ihn zunächst kurz, aber bestimmt, an
- Machen dann einen Schritt auf ihn zu
- Stellen sich wie zufällig neben ihn und unterrichten von diesem Platz aus weiter
- Oder tippen auf sein Blatt mit der Aufgabe
Schüler mit ADHS haben Mühe, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Gerne schweifen gerade die verträumten Kinder ab. Hier kann mit dem Schüler vereinbart werden, dass die Lehrperson ihn kurz an der Schulter berühren darf, um ihn wieder auf den Unterricht hin zu orientieren.
Geben Sie wirksame Anweisungen
Anweisungen wirken besser, wenn sie konkret, knapp und positiv formuliert werden.
Der letzte Punkt ist dabei besonders wichtig. Weshalb? Einerseits, weil wir positiv formulierten Anweisungen besser nachkommen können, andererseits, weil Schüler Sie bei positiv formulierten Anweisungen weniger gut in eine Diskussion verwickeln können.
Wenn Sie sagen: „Roman, hör auf zu schwatzen!“ könnte es gut sein, dass Roman etwas erwidert wie:
„Tobias hat auch geschwatzt!“ oder „Ich habe nur Tobias die Aufgabe erklärt!“
Nun kann es sein, dass Sie sich rechtfertigen möchten und es zu einer Diskussion kommt, die die anderen Schüler/innen mit Spannung verfolgen.
Die Anweisung: „Roman, konzentriere dich auf den Unterricht“ löst weniger Widerstand und Diskussionen aus.
Verhindern Sie Diskussionen
Auch mit knappen, positiven Anweisungen lässt es sich nicht immer verhindern, dass Schüler/innen widersprechen. Mitten während des Unterrichts sollten Sie sich aber nicht auf Diskussionen einlassen. Wiederholen Sie einfach Ihre Anweisung – etwa so:
Lehrer: „Roman, du arbeitest den Rest der Stunde konzentriert mit.“
Roman: „Aber der Florian hat auch…“
Lehrer: „Ja, Roman, du arbeitest von jetzt an konzentriert mit.“
Roman: „Aber…“
Lehrer: „Du arbeitest jetzt konzentriert mit.“
Roman: „O.k.“
Lehrer: „Danke.“
Diese Methode, die Anweisung einfach zu wiederholen, wird als broken-record-Technik bezeichnet. Sie gibt deutlich weniger Anlass und Möglichkeiten für Diskussionen, als wenn die Anweisung ständig neu formuliert wird oder wenn jeweils neue Gründe für die Anweisung angeführt werden.
Wenn der Schüler Ihrer Anweisung nachkommt, ist es immens wichtig, dass Sie ihm kurz anerkennend zunicken und sich bedanken. Es kann sein, dass Ihnen nicht danach ist – schliesslich haben Sie ihn drei oder viermal bitten müssen. Aber in dem Moment, wo der Schüler Ihrer Anweisung nachkommt, macht er das, was Sie sich von ihm wünschen. Wenn Sie jetzt wertschätzend reagieren, wird es wahrscheinlich, dass Sie das nächste Mal die Anweisung nur dreimal anstatt viermal geben müssen. Lassen Sie diesen Schritt aus, kann es hingegen sein, dass Sie ihn das nächste Mal fünfmal anstatt viermal mahnen müssen.
Wirksame Anweisungen setzen auch voraus, dass Ihre nonverbale und verbale Kommunikation übereinstimmt. Bei vielen Lehrpersonen kann man auf Videoaufnahmen sehen, dass sie einen lächelnden Gesichtsausdruck aufsetzen, wenn sie einen Schüler ermahnen. Bei anderen kommt es vor, dass sie den Schüler in dem Moment, wo er kooperiert, bestrafen, indem sie einen genervten Gesichtsausdruck zeigen und etwas sagen wie: „Na also, warum nicht gleich so?“
Gerade Schüler/innen, die Mühe damit haben, soziale Signale zu entschlüsseln, werden durch solche Doppelbotschaften verunsichert. Auf der verbalen Ebene scheint die Lehrperson wütend zu sein und zu mahnen - nonverbal lächelt sie aber. Schüler/innen mit einer ADHS oder ASS (Autismus-Spektrum-Störung) gelingt es oft nicht, das Lächeln der Lehrperson richtig einzuordnen. Sie erkennen beispielsweise nicht, dass diese lächelt, weil ihr die Situation peinlich ist oder sie das Kind über die Beziehung animineren will, sich wieder auf den Unterricht einzulassen.
Achten Sie darauf, dass Sie den Schüler ernst anschauen, während Sie die Anweisung geben und dass sich Ihre Gesichtszüge kurz aufhellen, wenn Sie sich dafür bedanken, dass er der Anweisung nachkommt.
Behandeln Sie Störungen mit dem notwendigen Ernst
Schüler entwickeln relativ rasch ein Gespür dafür, wie viel sie sich bei einer Lehrperson „leisten“ können. Wenn Sie in Ihrer Klasse ein gutes Lern-Klima herstellen möchten, sollten Ihre Schüler/innen zwei Dinge erkennen:
- Ich bin dieser Lehrperson wichtig: Sie mag mich, interessiert sich für mich, zeigt mir Wertschätzung und Anerkennung und möchte, dass ich gut lernen kann
- Diese Lehrkraft will Ordnung in ihrem Klassenzimmer und sie arbeitet beharrlich daran, dieses Ziel zu erreichen.
Beharrlich daran zu arbeiten bedeutet nun nicht, störende Schüler ständig zu bestrafen, da dies oft wenig nützt und die Beziehung beeinträchtigt. Es bedeutet, auf die Störung zu reagieren und mit dem Schüler an einer Lösung zu arbeiten. Dies kann so aussehen:
- Die Lehrperson hat einen Schüler, der oft stört, nach vorne gesetzt. Dort stört es weniger, wenn er zum Beispiel kurz aufsteht, um Wasser zu trinken. Zudem kann sie schneller Nähe herstellen, um störenden Verhalten gleich zu Beginn zu unterbinden.
- Wenn sie bemerkt, dass der Schüler unruhig wird, macht sie ein paar Schritte auf ihn zu und stellt sich in seine Nähe. Sie unterrichtet von dort aus weiter.
- Stört der Schüler trotzdem, gibt sie ihm die Anweisung, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Sie wiederholt diese solange, bis der Schüler der Anweisung nachkommt. Dann bedankt sie sich.
- Stört der Schüler in der gleichen Stunde ein zweites Mal, sagt sie (am besten so, dass nur er es hört): Roman, ich musste dich in dieser Stunde schon einmal ermahnen – wir reden nach dem Unterricht miteinander.
Nach dem Unterricht spricht sie mit Roman. Dabei achtet sie darauf, dass dieses Gespräch wirksam ist.
Unwirksam sind „Wieso hast du das gemacht? Das geht nicht!“-Gespräche. Wirksam sind Gespräche, bei denen Roman erkennt: Meine Lehrerin möchte, dass ich es schaffe, im Unterricht aufzupassen. Sie will mir dabei helfen und verfolgt dieses Ziel sehr beharrlich.
Das Gespräch könnte wie folgt ablaufen:
Lehrerin: „Roman, mir fällt auf, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut gelingt, dich auf den Unterricht zu konzentrieren. Mir wäre es aber sehr wichtig, dass du gut aufpassen und mitmachen kannst. Und ich habe mich gefragt, was wir tun könnten, damit du das besser schaffst.“
Roman: „Der Tobias hat…“
Lehrerin: „Ja…weisst du, es geht mir nicht darum, was heute los war. Ich frage mich, was wir tun können, damit du das morgen und übermorgen besser schaffst. Hättest du da eine Idee?“
Roman: „Weiss nicht…“
Lehrerin: „Hm… ich frage mich, ob ich etwas tun könnte, damit du besser aufpassen kannst. Was meinst du, wenn ich merke, dass du nicht mehr aufpasst, dürfte ich dich dann kurz an der Schulter berühren? Würde das nützen?“
Roman: „Vielleicht…“
Lehrerin: „Ich könnte dir auch ein geheimes Zeichen geben, wenn ich merke, dass du gut aufpasst, um dir zu zeigen, dass mich das freut.“
Roman: „Das fände ich gut.“
Lehrerin: „Weisst du etwas, das du tun könntest, damit du das schaffst?“
Roman: „Weiss nicht…“
Lehrerin: „O.k., denk mal in Ruhe drüber nach – ich frage dich morgen nochmal. Machen wir es mal so: Ich mache dieses Zeichen, wenn ich gesehen habe, dass du gut aufpasst hast. Wenn du nicht aufpasst, dann komme ich kurz vorbei und berühre dich an der Schulter. Du überlegst bis morgen, ob dir auch noch etwas einfällt. O.k.?“
Roman: „O.k.“
Lehrerin: „Gut. In einer Woche schauen wir, ob du es schon ein bisschen besser schaffst. Danke für das Gespräch.“
Roman: „Danke, tschüss…“
Natürlich kann das Gespräch auch anders ablaufen. Wichtig ist aber, dass der Schüler oder die Schülerin:
- Merkt, dass Sie vor allem daran interessiert sind, dass sich in Zukunft etwas verändert
- Auf seiner Seite stehen, ihm eine Veränderung zutrauen und bereit sind, ihn oder sie zu unterstützen
- Positive Veränderungen wahrnehmen und wertschätzen
- Seine Entwicklung und die Regel ernst genug nehmen, um darauf zurückzukommen und die Fortschritte zu überprüfen
Gerade Kinder mit ADHS können sich oft sehr schlecht selbst einschätzen. Fragt man sie nach einem Schultag, an dem sie sehr oft den Unterricht gestört haben, wie sie sich verhalten haben, kann es sehr gut sein, dass sie felsenfest davon überzeugt sind, dass es sehr gut lief und die Lehrerin zufrieden ist. Eine Strafe empfinden sie dementsprechend als äusserst unfair, was die Beziehung weiter belastet. Unser Vorschlag lautet daher: Verwenden Sie die Zeit, die Sie für das Aufgeben und Kontrollieren von Strafaufgaben benötigen würden besser dafür, dem Schüler häufiger Rückmeldungen zu geben und in kurzen Gesprächen an einer Verbesserung zu arbeiten. Diese Gespräche und kleine, häufige positive Rückmeldungen verbessern die Beziehung zwischen Ihnen und dem Schüler und führen dazu, dass der Schüler sich immer mehr bemüht.
Aktuell: Unsere Weiterbildungstage für Lehrkräfte
Buchtipps zum Thema Klassenführung: