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Welche Gefährdungen gibt es für die Schweizer Bevölkerung? Wie könnte ein grosses Schadenereignis in der Schweiz konkret ablaufen? Welche Auswirkungen hätte dies auf Mensch, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz? Und was können Sie selber tun, um sich besser zu schützen?
Mit der nationalen Gefährdungsanalyse von „Katastrophen und Notlagen Schweiz“ schafft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS Grundlagen für die vorsorgliche Planung und Ereignisvorbereitung. In diesem Rahmen wird für jede untersuchte Gefährdung ein Referenzszenario definiert. Damit gibt das BABS wissenschaftlich fundierte und breit abgestützte Antworten auf die einleitend gestellten Fragen. Im Alertswiss-Blog informieren wir Sie regelmässig über die Ergebnisse dieser Gefährdungsanalyse.
Ein grösseres Gesteinspaket löst sich aus dem Gebirgsverband und stürzt in einen Stausee. Infolge dieses Felssturzes entsteht bei der Absturzstelle eine Flutwelle, die sich in alle Richtungen ausbreitet. Die Staumauer wird von der Welle überschwappt und die Wassermengen stürzen talabwärts. Im gefährdeten Gebiet wird unverzüglich Wasseralarm und allgemeiner Alarm ausgelöst.
Ein solches Szenario stellt in der Schweiz eine reale Gefährdung dar.
Worum geht es?
Stauanlagen werden dazu verwendet, Wasser oder Schlamm zu speichern oder aufzustauen. Sofern sie Wasser aufstauen können, gelten auch Bauwerke, die für den Rückhalt von Geschiebe, Eis und Schnee dienen, als Stauanalgen. Es wird zwischen zwei Arten von Stauanlagen unterschieden: Dämmen (aufgeschüttet) und Mauern (Beton-Konstruktion).
Ein Unfall bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Ereignis, bei dem das gestaute Wasser nicht im geplanten Mass durch die Anlage rückgehalten werden kann. Unterhalb der Anlage kommt es so zu einem unkontrollierten Wasserabfluss oder zu einer Flutwelle. Dabei gibt es drei Ereignistypen: Überströmen, Überschwappen und Versagen des Bauwerkes. Die sichere Ableitung von natürlichen Hochwassern, auch mit kontrolliertem Überlauf der Anlage, ist hingegen kein Unfall.
Ein Überströmen erfolgt, wenn der Zufluss grösser ist als die Ableitkapazität der Entlastungs- und Ablassvorrichtungen und gleichzeitig die Retentionswirkung des Stausees erschöpft ist. Ein Überschwappen kann resultieren, wenn eine grosse Wassermenge im Stausee schlagartig verdrängt und dadurch eine Flutwelle ausgelöst wird, beispielsweise infolge eines Bergsturzes. Bricht die Stauanlage, wird von einem Versagen gesprochen.
Ereignisbeispiele
Referenzszenario: Möglicher Ereignisablauf
Gegen Ende des Herbstes bemerkt der Anlagenbetreiber, dass ein Bereich oberhalb des Stausees sich in Bewegung gesetzt hat, und ein grösseres Volumen von Erdmaterial in den Stausee zu rutschen droht. Es ist so gross, dass sein Gleiten die Sicherheit der Talsperre und des Tales darunter bedroht. Sofort wird damit begonnen, den Stausee bis zu einem sicheren Niveau abzusenken. Dies erfordert einige Tage Zeit. Parallel dazu wird die Planung von Sicherungsmassnahmen aufgenommen. Die Bevölkerung im gefährdeten Gebiet wird von den Behörden angehalten, sich auf eine allfällige Evakuierung vorzubereiten. Innerhalb eines Tages verstärken sich jedoch die Anzeichen eines bevorstehenden Gleitens der Rutschzone und die Behörden entscheiden daher, das gefährdete Gebiet vorsorglich zu evakuieren.
Nur wenige Stunden nach der Evakuation gleitet die Rutschzone in den Stausee. Bei der Absturzstelle entsteht eine Flutwelle, welche sich in alle Richtungen ausbreitet. Die Welle überschwappt die Staumauer und grosse Wassermengen stürzen talabwärts, die Staumauer bleibt intakt. Im gefährdeten Gebiet wird sofort Wasseralarm sowie allgemeiner Alarm ausgelöst und die zurückgebliebenen Einwohner sind aufgefordert, sich umgehend an sicher geltende Orte zu begeben.
Zwei Stunden nach dem Überschwappen der Stauanlage ist das Wasser soweit abgelaufen, dass die enormen Schäden sichtbar werden und die Einsatzkräfte sich in das Schadensgebiet begeben können. Die Rettungs- und Aufräumarbeiten beginnen. Nach und nach treffen einzelne Vermisstmeldungen ein. Rund 24 Stunden nach dem Ereignis wird das gesamte Ausmass der Schäden offensichtlich und eine koordinierte Hilfe ist aufgebaut. Die betroffene Stauanlage wird vollständig entleert und auf Schäden untersucht.
In den folgenden zwei Wochen werden durch die technischen Betriebe und beauftragte Unternehmen die Verkehrsverbindungen und die Infrastrukturanlagen wiederhergestellt. Ebenso werden provisorische Unterkünfte für diejenigen bereitgestellt, die Ihr Haus oder ihre Wohnung verloren haben. Priorität hat auch die provisorische Wiederinstandstellung der betroffenen Gemeindeverwaltungen und Schulen. Zahlreiche Gebäude und Infrastrukturanlagen müssen abgerissen und neu gebaut werden.
Die Regenerationsphase und der Wiederaufbau zerstörter Gebäude und Infrastrukturanlagen dauern über ein Jahr.
Referenzszenario: Mögliche Auswirkungen
Ein grosser Teil der Bevölkerung bringt sich nach der behördlichen Evakuationsanordnung in Sicherheit und zieht vorübergehend zu Verwandten und Freunden in sichere Gebiete. Ein weiterer Teil kommt in Notunterkünften unter.
Durch die enormen Wassermassen wurden unzählige Bäume, Geröll, Schlammmaterial und Trümmerteile mitgeführt und verteilt. Chemikalien gelangen ins Wasser, Kläranlagen funktionieren teilweise nicht mehr und Zivilisationsmüll wird weggespült. Dies wiederum führt zu Wasserverschmutzungen in den Gewässern unterhalb des Schadensgebietes, wodurch eine Verunreinigung des Trinkwassers verursacht wird.
Verschiedene Strassen- und Bahnverbindungen sowie Versorgungsleitungen wurden durch die Wassermassen zerstört. Die Instandsetzung von Eisenbahnlinien, Strassen und Brücken dauert mehrere Monate und in einigen Fällen mehr als ein Jahr. Dadurch sind viele Personen in ihrer Mobilität eingeschränkt. Viele Schulen und Kindergärten sowie Geschäfte und Infrastrukturen sind beschädigt oder zerstört und müssen wieder Instand gestellt oder neu aufgebaut werden.
Die Schäden an Gebäuden, Infrastruktur und anderen Sachwerten sind nach einem solchen Ereignis massiv. Zusammen mit den Bewältigungskosten – das heisst, Kosten für Einsatzkräfte, für Notunterkünfte, für die Versorgung der Unterstützungsbedürftigen sowie temporäre Unterbringung von Nutztieren – betragen diese etwa 270 Millionen Schweizer Franken. Die Reduktion der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit – Logistik, Landwirtschaft, Produktion, Tourismus – liegt ebenfalls im Bereich von 270 Millionen Schweizer Franken.
Risikobeurteilung und Vergleich mit anderen Risiken
Ein Unfall bei einer Stauanlage ist in der Schweiz grundsätzlich vorstellbar, aber doch selten zu erwarten. Gemäss der Nationalen Gefährdungsanalyse des BABS ist ein Unfall bei einer Stauanlage häufiger zu erwarten als ein Meteoriteneinschlag oder ein KKW-Unfall, jedoch bedeutend weniger häufig als ein Hochwasser oder ein Erdbeben. Hinsichtlich der finanziellen Auswirkungen ist ein Unfall bei einer Stauanlage etwa vergleichbar mit einem Gefahrgutunfall beim Transport mit der Eisenbahn.
Vorsorge und Verhaltensanweisungen: Was können Sie tun?
Wird der Wasseralarm oder allgemeine Alarm ausgelöst, stehen Ihnen nur Minuten zur Verfügung, um das Gebiet zu verlassen. Die Flutwelle beschädigt oder zerstört Gebäude und Infrastrukturen unterhalb der Stauanlage. Wie bei einem Hochwasser werden Keller, Erdgeschosse und möglicherweise auch Obergeschosse überschwemmt. Entsprechend wichtig ist es, die Bevölkerung präventiv auf die Gefahr vorzubereiten. Mit diesen einfachen Anweisungen kann das Schlimmste verhindert werden:
- Verlassen Sie sofort das gefährdete Gebiet und gehen Sie in ein höher gelegenes Gebiet.
- Beachten Sie die örtlichen Merkblätter und Anweisungen.
Bereit für alle Fälle
Beachten Sie die Empfehlungen zu Notvorrat und Notfallapotheke sowie zu den Vorbereitungen betreffend Notunterkunft und Notgepäck im Alertswiss Notfallplan.
Weitere Informationen
- Die vollständige Ausführung der Informationen, die in diesem Blogartikel angesprochen werden, finden Sie im Gefährdungsdossier Unfall bei Stauanlage.
- Informationen zu weiteren Gefahren finden Sie im Bereich Gefahren kennen.