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Für Millionen Araber und Muslime ist Mohamed Salah der grösste Held dieser Zeit. Das sagt jedoch mehr über den Zustand des Nahen Ostens als über den Star des FC Liverpool.
Jetzt haben sie auch noch seine Schuhe ins Museum gestellt: Seit Donnerstag präsentiert das British Museum in London Mohamed Salahs massgeschneiderte, mintgrüne Treter zwischen Pharaonenstatuen und altägyptischen Fussbekleidungen. «Die Schuhe erzählen die Geschichte einer modernen ägyptischen Ikone, die im Vereinigten Königreich spielt und wahrhaft weltweite Wirkung entfaltet», sagt Neal Spencer, Leiter der Abteilung für das Alte Ägypten und Sudan im British Museum.
Eine ägyptische Ikone – diesen Status hat Salah in den vergangenen zwölf Monaten wahrhaft erlangt. Erst schoss er Ägyptens Nationalmannschaft zur ersten WM-Teilnahme seit 1990. Dann führte er den FC Liverpool in den Champions-League-Final gegen Real Madrid. 32 Tore in der Premier League, zehn Treffer in der Champions League, zwölf in der WM-Qualifikation – das sind die nackten Zahlen, die fast jeder Ägypter kennt und die auf T-Shirts gedruckt werden, die Strassenhändler in Kairo verkaufen.
Doch diese Zahlen erklären nicht im Ansatz die Popularität, die Salah in seiner Heimat geniesst. Und sie erklären auch nicht die Faszination, die der Fussballer auf Millionen Ägypter ausübt. Selbst Gerüchte und Halbwahrheiten über Salah werden inzwischen zu Fakten aufgeblasen, die seinen Legendenstatus untermauern sollen.
Da ist etwa die Legende, dass Salah bei der Präsidentenwahl in Ägypten Ende März auf dem zweiten Platz gelandet sein soll. Tatsache ist, dass einige Ägypter Salahs Namen auf den Wahlzettel geschrieben und Fotos davon in den sozialen Netzwerken verbreitet hatten. Aus der Tatsache, dass gleichzeitig mehr als 1.7 Millionen Wähler ihre Stimme ungültig gemacht hatten, strickten Medien kurzerhand die Schlagzeile: «Mehr als eine Million Stimmen für Salah bei der Präsidentenwahl in Ägypten.» Einmal in der Welt, liess sich diese Geschichte kaum mehr einfangen.
Ähnliches gilt für Mythen aus Salahs Jugend. Rund 150 Kilometer liegen zwischen seinem Heimatort Nagrig und dem Trainingszentrum seines Jugendvereins El Mokawloon im Kairoer Stadtteil Nasr City. Selbst ein klappriger ägyptischer Bus legt die Strecke in maximal drei Stunden zurück. Je öfter Medien Salahs Geschichte erzählt haben, desto länger wurde jedoch die Zeit, die Salah täglich im Bus verbracht haben soll. Inzwischen ist die Rede von zehn Stunden pro Tag.
Dabei war diese Karriere wahrlich nicht vorauszusehen. Salah spielte in seiner Jugend bei keinem der grossen Vereine wie Ahly oder Zamalek Kairo. Sein Klub El Mokawloon gehörte einem Bauunternehmen, spielte in der unteren Hälfte der ägyptischen Liga und besass in etwa die Strahlkraft des VfL Wolfsburg.
Es ist bittere Ironie, dass Salah indirekt von der grössten Tragödie in der Geschichte des ägyptischen Fussballs profitierte: Nachdem am 1. Februar 2012 bei Ausschreitungen in Port Said 74 Menschen getötet wurden, setzte der Verband den Spielbetrieb aus. Fortan kickte Salah nur noch in der U23-Nationalmannschaft. Im März 2012 spielte die Auswahl gegen den FC Basel. Salah erzielte in einer Hälfte zwei Tore und erweckte die Aufmerksamkeit der Schweizer. Im Sommer desselben Jahres wechselte er nach Basel.
Im Januar 2014 verpflichtete ihn der FC Chelsea, wo sich Salah aber nicht durchsetzen konnte. Seine Karriere schien mit Anfang 20 zu stagnieren. Nach einem Jahr wurde der Ägypter zum AC Florenz verliehen, von dort im Sommer 2015 an die AS Rom weitergereicht.
Erst dort gelang ihm in der Saison 2016/2017 der Durchbruch, als er mit 28 Skorerpunkten in 31 Spielen grossen Anteil an der Vizemeisterschaft hatte. Es folgten der Wechsel nach Liverpool und die Fabelsaison unter Jürgen Klopp. Plötzlich hat Salah sogar gute Chancen, der erste Weltfussballer seit 2007 zu werden, der nicht Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo heisst.
Für Millionen Ägypter, Araber und Muslime ist Salah schon jetzt ein Held. Das sagt jedoch mehr über die Lage in der arabischen Welt aus als über den Fussballer selbst. Mehr als 400 Millionen Menschen leben im Nahen Osten und in Nordafrika. Salah ist aus seiner Generation der einzige, der es aus eigener Leistung in seinem Metier in die Weltspitze geschafft hat, ohne von seiner familiären Herkunft profitiert zu haben und der dazu noch im Westen respektiert wird.
Damit ist er vor allem für die mehr als 200 Millionen Araber, die jünger sind als der 25-Jährige, das perfekte Vorbild. Es gibt ausser ihm praktisch auch niemanden, zu dem sie aufschauen könnten. Da sind ein paar libanesische Popsternchen, die jedoch eher belächelt werden als bewundert. Da sind Gewinner von Castingshows, da ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der sich gern zum Helden der arabischen Jugend aufschwingen würde.
Und sonst? Der letzte Literaturnobelpreis an einen arabischen Autoren wurde vor 30 Jahren vergeben, bei der digitalen Revolution spielt der Nahe Osten nur eine Randrolle. Millionen Araber aus der Generation Salah würden ihre Heimat lieber heute als morgen verlassen, wenn sie die Gelegenheit hätten.
Salah hat genau das geschafft – und trotzdem seine Wurzeln nicht vergessen. Das macht ihn so einzigartig.