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Wieviel würden Sie für ein Fernsehprogramm bezahlen, von dem Sie nur einen Bruchteil verstehen können? Für die knapp 10'000 Gehörlosen in der Schweiz stellt sich diese Frage erst gar nicht - sie bezahlen die vollen Gebühren. Und das obwohl laut einer Statistik des Schweizerischen Gehörlosenbundes 1997 weniger als drei Prozent der Programme von SF1 und SF2 untertitelt oder mit Gebärdensprachfenster versehen waren. Letzteres ist ein verkleinertes Bild im Bild, in dem die Handbewegungen der übersetzenden Person zu sehen sind.
Deshalb ist es für die meisten der Gehörlosen nur recht und billig, dass es seit 1981 am Samstagvormittag eine Sendung gibt, die extra für sie konzipiert und produziert wird. Da viele Gehörlose auf mehrere Ausdrucksformen gleichzeitig angewiesen sind, wird in «Sehen statt Hören» betont langsam gesprochen. So geht bei der Untertitelung nichts verloren, und die Lippenbewegungen können gut mitverfolgt werden. Ausserdem gibt es auch noch ein Gebärdensprachfenster.
Doch damit ist bald Schluss. Anfang Juli teilte das Schweizer Fernsehen mit, dass «Sehen statt Hören» auf Ende 1998 gestrichen werde. Im Gegenzug werde das bestehende Programm umstrukturiert und ausgebaut. Chefredaktor Peter Studer ist der Meinung, dass SF DRS mit dem zusätzlichen Untertitelungsservice mehr für die Integration der Gehörlosen leisten könne und dazu noch die viel grössere Gruppe der Hörbehinderten mit einbeziehe.
Ungenügendes Ersatzangebot
Davon hält Toni Koller, TV-Kommissionspräsident des Schweizerischen Gehörlosenbundes (SGB), gar nichts. «Wir glauben, dass die Verantwortlichen von SF DRS keine Erfahrung mit der Untertitelung haben. Vielleicht stellen sie sich fälschlicherweise vor, dass die Untertitelung die Gebärdensprache und die Gebärdenkultur ersetzen könne.»
Koller ist selber gehörlos und hat neun Jahre lang bei «Sehen statt Hören» mitgearbeitet. Jetzt leitet er die SGB-Kommission, die das Schweizer Fernsehen bei der Programmgestaltung für Hörbehinderte berät.
Politischer Sukkurs
Am Welttag der Gehörlosen in Basel am 26. September demonstrierten denn auch mehr als 1000 Anwesende gegen die Absetzung von «Sehen statt Hören» - und bekamen dabei Hilfe aus dem politischen Lager: Die Nationalrätinnen Ruth Gonseth (GP) und Angeline Fankhauser (SP), die Nationalräte Marc F. Suter (FDP) und Rudolf Rechsteiner (SP) sowie Ständerat Gian-Reto Plattner (SP) riefen das Schweizer Fernsehen zur Berücksichtigung von Minderheitenrechten auf.
Das Schweizer Fernsehen reagierte nervös. Schon wenige Tage vor der Kundgebung informierte SF DRS, dass ab 1999 «Schweiz aktuell» sowie der «Kassensturz» in einer Zweitausstrahlung untertitelt werden. Weitere wichtige Sendungen sollen folgen. Wenige Tage später wurde ergänzt: Ab Neujahr gibt es am Samstagvormittag eine Jugendserie mit Gehörlosen-Untertitelung. Und dann gab Peter Studer auch noch bekannt, dass den Verbandsvertretern der Behinderten in Kürze eine Pilotsendung des «Kassensturzes» mit Gebärdensprachefenster gezeigt werde.
Toni Koller vermutet, dass SF DRS mit der tranchenweisen Informationspolitik Proteste verhindern wollte und will. Genützt hat das wenig. «Die Verlautbarungen überzeugen uns überhaupt nicht», lässt der SGB verlauten.
Doch das Seilziehen geht weiter. Bald wird sich auch das Parlament mit der Streichung von «Sehen statt Hören» beschäftigen. Auch die geplante Einstellung des Magazins «Trend» und der stückweise Abbau des Schulfernsehens sollen dabei zur Sprache kommen: Der Nationalrat hat kürzlich eine Motion gutgeheissen. Sie soll die SRG in Sachen Bildungsauftrag in die Pflicht nehmen.
Trotzdem droht Ende Jahr das Aus für «Sehen statt Hören». Wie hiess es doch auf einem Spruchband am Gehörlosen-Welttag: «SF DRS - keiner ist so taub wie der, der nicht hören will.»