Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03145.jsonl.gz/2487

Als Elisabeth Joris 1970 nach eineinhalb Jahren Pause wieder in der Universität Zürich stand, erkannte sie das Historische Seminar nicht wieder: «Plötzlich gab es Kolloquien über Methodologien, ein Wort, das ich noch nie gehört hatte. Die Texte einer gewissen Hannah Arendt wurden als Theorien herangezogen, der Soziologe Max Weber wurde gelesen. Es war wirklich krass.»
Joris war 1966 als Zwanzigjährige aus Visp nach Zürich gekommen, nach abgeschlossener Handelsschule, aber ohne Matur; im Wallis duldete man damals noch keine Mädchen an den Gymnasien. Damit sie in Zürich trotzdem das ersehnte Geschichtsstudium beginnen konnte, musste sie einen Umweg über das SekundarlehrerInnenpatent machen. An der Uni Zürich besuchte sie dafür Geschichtsseminare, in denen es um berühmte alte Männer ging, die die Geschicke der Welt lenkten. So brütete sie über Otto von Bismarck und Winston Churchill. Nach dem Abschluss unterrichtete sie eineinhalb Jahre als Sekundarlehrerin in Weinfelden und Visp.
Als sie dann zurück an die Uni ging, um endlich richtig Geschichte zu studieren, hatte dort in der Zwischenzeit ein Globus-Krawall der anderen Art stattgefunden: Der Lauf der Zeit wurde jetzt nicht mehr als Faden begriffen, der von grossen, berühmten Männern gesponnen wurde. Man nahm nun soziale und ökonomische Strukturen in den Blick, die vergangene und gegenwärtige Zeiten modellierten, und nannte es «Sozialgeschichte».
Schlachtenspiele im Zürcher Oberland
1971 gründeten Rudolf Braun, Hansjörg Siegenthaler und Hans Conrad Peyer in Zürich die Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (FSW). Die drei Historiker wollten den interdisziplinären Austausch zwischen Geschichte und Wirtschaft pflegen und das Interesse für Themen und Ansätze aus der Sozialgeschichtsschreibung fördern. Unabhängigkeit und Forschungsfreiheit waren den frisch berufenen Professoren wichtig. Gemeinsame Forschungsprojekte gab es nicht, auch ein Forschungszweck wurde nie definiert, und die Interessen der drei waren sehr heterogen: Braun brachte kulturanthropologische Ansätze der Zeitgeschichte in die FSW, Peyer forschte zur Sozialgeschichte des Spätmittelalters, und Siegenthaler widmete sich der neueren Wirtschaftsgeschichte.
Unter den drei Gründern war Rudolf Braun damals der profilierteste. In seiner Studie zur Frühindustrialisierung des Zürcher Oberlands von 1965 mit dem Titel «Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet im 19. und 20. Jahrhundert» führte er neue sozial- und kulturgeschichtliche Methoden ein, die er sich in Chicago angeeignet hatte. Unter anderem arbeitete er mit Interviews und Statistiken. 1983 schaffte es das Zürcher Oberland dank Brauns Studie sogar ins berühmte Buch «Die Erfindung der Tradition» von Eric Hobsbawm. Dieser vertrat darin die These, dass Nationen nicht, wie es auch die alte Schweizer Nationalgeschichtsschreibung behauptete, quasi natürlich gewachsene Einheiten sind, sondern auf der Konstruktion, eben der Erfindung einer Tradition beruhen.
Hobsbawm zog Brauns Schilderungen aus dem Zürcher Oberland als prominentes Beispiel für seine These heran. Dort spielten am Ende des 19. Jahrhunderts die Fabrikherren mit ihren Arbeitern zu speziellen Anlässen die mythischen Schlachten der alten Eidgenossen nach, um im Kampfestaumel gegen fiktive Habsburger und den «bösen Gessler» Klassengrenzen zu überspielen und den Zusammenhalt in der Fabrik zu stärken.
Auch wenn in dieser kleinen Anekdote der nationalistisch übertünchte Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital traumhaft zur Geltung kommt, war Rudolf Braun kein Marxist. Er war davon überzeugt, dass jeder neue Forschungsgegenstand das Recht auf einen zu ihm passenden Forschungsansatz hatte, und hielt nichts von den dogmatischen Konstruktionen und Globaltheorien des orthodoxen Marxismus, den Teile der Achtundsechzigerbewegung vertraten.
Kurz vor der Gründung der FSW war Braun von seinem Lehrstuhl an der politisch bewegten Freien Universität in Berlin und der fiebrigen Faszination für den Marxismus der dortigen StudentInnenschaft nach Zürich geflüchtet. «Sonst hätte ich Theologie mit fundamentalistischer Unterfütterung studiert», sagte der vor zwei Jahren verstorbene Basler einmal dem «Etü», der Zeitschrift der Zürcher GeschichtsstudentInnen.
Auch Elisabeth Joris befasste sich in ihrem Studium mit Fabrikarbeit. Bei den Recherchen für ihre Lizenziatsarbeit merkte sie aber, dass das praktische Leben der marxistischen Theorie manchmal auch seine Streiche spielt: «Ich wollte über Fabrikarbeiter im Wallis schreiben. Am Tag standen sie unten im Tal an den Schmelzöfen der Alusuisse, und am Abend pflügten sie oben in den Dörfern ihre Kartoffeläcker um. Zu dieser Wirklichkeit passten die marxistischen Vorstellungen vom Industrieproletariat überhaupt nicht.» So kam Joris zur Kulturanthropologie und zu Rudolf Braun.
Von La Volta zu Travolta
Dieser ergänzte das manchmal etwas abstrakte Interesse der Sozialgeschichte für gesellschaftliche Strukturen mit einem anthropologischen Interesse für den konkreten Menschen. In Brauns zeithistorisch-ethnologischem Buch «Sozio-kulturelle Probleme der Eingliederung italienischer Arbeitskräfte in der Schweiz» von 1970 klang das dann so: «IF/1 hat sich in seinen Nahrungsgewohnheiten noch kaum umgestellt. Er fährt monatlich einmal nach Italien und kauft dort, mit Ausnahme einiger Lebensmittel, alle Konsumgüter, die er benötigt. IF/2 passt sich dagegen in seinen Nahrungsgewohnheiten weitgehend an die schweizerischen an. Er liebt Cervelats, Würste, Sauerkraut, Speck und Bier.»
Heute mag das wie ein zoologischer Bericht über zwei frisch eingewanderte Problembären aus dem Piemonteser Wald klingen. Damals waren solche Beobachtungen aber ein fortschrittlicher Versuch, jenen viel zitierten Satz Max Frischs ernst zu nehmen, den Braun seinem Werk als Motto voranstellte: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.»
Brauns Seminare, so lässt sich in einem Nachruf seiner Schüler Markus Bürgi und Mario König von 2012 nachlesen, trugen Titel wie «To suffer and be still. Die Frau im 19. Jahrhundert» oder später «Von La Volta zu Travolta: Sozialgeschichtliche Probleme des Tanzens seit dem 16. Jahrhundert». Die linken GeschichtsstudentInnen rannten ihm die Hörsaaltüren ein. Und so war Braun vor dem Politischen in der Akademie – trotz seiner Skepsis gegenüber der Achtundsechzigerbewegung – auch in Zürich nicht sicher.
Nicht nur in Zürich erlebte die Akademie in den sechziger Jahren einen Aufbruch: 1970 studierten an den Schweizer Universitäten doppelt so viele Menschen wie noch 1960 – fast die Hälfte von ihnen GeisteswissenschaftlerInnen. Die öffentliche Hand investierte bereitwillig in den Ausbau von Instituten und Fakultäten. Und so kam mit den vielen neuen StudentInnen auch neues Wissen an die Unis: In der Germanistik verschaffte sich die Nachkriegsliteratur von Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Otto F. Walter und Walter Matthias Diggelmann Gehör. Sie hatte die helvetische Staatsräson des Kalten Kriegs schon in den fünfziger Jahren infrage gestellt.
Man begann, die «imagologische Bastelei» (ein Begriff, den der Luzerner Historiker Guy P. Marchal prägte) der Geistigen Landesverteidigung zu zerschneiden, in der Professoren wie Karl Schmid und Emil Staiger die Mythen aus der Alten Eidgenossenschaft, Friedrich Schillers «Wilhelm Tell», Jeremias Gotthelfs «Käserei in der Vehfreude» oder Gottfried Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten» zu einem Nationalmärchen zusammengeklebt hatten.
In der Soziologie und den Politikwissenschaften kamen mit der Achtundsechzigerbewegung neomarxistische Ansätze ins Spiel, etwa vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Der neue Rechtspopulismus der Nationalen Aktion um James Schwarzenbach wurde analysiert und ökologische Fortschrittskritik geübt.
Tod des «objektiven Forschers»
All dies beeinflusste auch die Geschichtswissenschaft. Dem Réduitmythos, nach dem die Schweiz als einig Volk neutraler Eidgenossen dem Feinde im Berg und an der Grenze widerstanden habe, rückte Niklaus Meienberg mit seinen historischen Reportagen als einer der Ersten und von ausserhalb der Akademie zu Leibe. Gleichzeitig wurden an der FSW und anderswo nun ArbeiterInnengeschichte, Frauengeschichte, neuere Wirtschaftsgeschichte oder etwa mittelalterliche Stadtforschung vorangetrieben.
Mit dem Wandel der Themen und Methoden ging auch ein neues wissenschaftliches Selbstverständnis einher. Der objektive Forscher, «der sich selbst über den Ereignissen schweben sieht, ohne Zorn und Eifer, unabhängig von seiner Klasse, unbefangen in Vorurteilen, besessen nur vom ‹unerbittlichen Streben nach immer strengerer Unvoreingenommenheit›», wie es Meienberg 1971 in seiner Kritik am Basler Historiker Edgar Bonjour und dessen Weltkriegsgeschichtsschreibung ausdrückte, wurde (fast) für tot erklärt.
Zeigen, wo man steht
Das Zerlegen der Mythen aus der Geistigen Landesverteidigung machte kritische HistorikerInnen in den achtziger und neunziger Jahren auch zu politischen AkteurInnen, schliesslich arbeitete und arbeitet die Rechte in der Schweizer Politik bis heute mit diesen Mythen. Für die Generation, die an der Forschungsstelle in Zürich und anderswo die Lehrstühle von Braun und Co. erbte – Jakob Tanner, Carlo Moos und Philipp Sarasin in Zürich, Martin Schaffner und Georg Kreis in Basel oder Guy P. Marchal in Luzern –, stellte sich die Frage, wie die Teilnahme an politischen Debatten mit wissenschaftlicher Redlichkeit zu verbinden ist.
Elisabeth Joris löste dieses Dilemma, indem sie ihren Standpunkt offenlegte. Als Historikerin, Feministin, Gymnasiallehrerin und Mutter trennte sie nie zwischen Forschung und Politik: «Für mich war und ist die Reflexion über die eigene Lage, in der ich forsche und schreibe, immer gekoppelt an dieses Forschen selbst.» Was notabene oft unter lauter Männern geschah. Wenn es so etwas wie Objektivität in der Geschichtswissenschaft gibt, dann zeige sie sich in dieser Haltung, die die Offenlegung des eigenen Standpunkts einem vermeintlichen Verzicht auf einen solchen vorzieht, meint Joris.
Im Vorwort zu ihrer Dokumentation «Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz», die Joris 1986 gemeinsam mit Heidi Witzig herausgab, legten die beiden HistorikerInnen ihre Lebenssituation denn auch offen. Das Buch gilt bis heute als Meilenstein der Geschlechterforschung in der Schweiz. Und noch immer teilt Joris, die vierzig Jahre lang an der Kantonsschule Riesbach Geschichte unterrichtete, weil sie lieber autonom forschen wollte, als an der Uni Karriere zu machen, ihr Büro im Zürcher Seefeld mit Witzig.
Mittlerweile hat die Sozialgeschichte an der Uni eher an Boden verloren. Sie wurde ergänzt durch die Kultur- und Wissensgeschichte. In Zürich bekam die FSW 2005 Gesellschaft vom Zentrum Geschichte des Wissens. Hier versammeln sich Historikerinnen, Philosophen, Kunsthistorikerinnen und Literaturwissenschaftler von Uni und ETH Zürich. Man fokussiert nicht mehr so stark auf die Erforschung sozialer Gruppen wie Arbeiter, Frauen, Einwanderinnen oder Tänzer, die im Gegensatz zu den grossen Männern lange ihrer Geschichte beraubt waren. Es geht vielmehr um die Funktion von Wissen bei der Verteilung von Macht in der Gesellschaft, um die Erforschung der Rolle, die die Wissenschaft bei der Konstruktion von Menschenbildern einnimmt: Wie wurde eine Gesellschaft nicht nur regiert, sondern auch gedacht? Wie greift die Wissenschaft auf den Menschen zu?
Falsches Gründungsdatum
Die Psychiatrie, die Medizin, der Körper, die Kulturförderung oder der Schweizer «Kolonialismus ohne Kolonien» in Kultur und Wirtschaft erfreuen sich in den letzten Jahren vermehrter geschichtswissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Ging es in den siebziger Jahren noch darum, die grossen Männer von den Sockeln zu stossen, drehen sich die Diskussionen seit der Jahrhundertwende vermehrt darum, den Status von Wissen und Wissenschaft selbst zu hinterfragen. Dabei schwebt Wissen nicht mehr als Wahrheit über der Geschichte, sondern ist selbst geschichtlich, in einem ständigen Wandel begriffen, ist Umdeutungen und Überschreibungen ausgesetzt.
Man könnte deshalb heute wissen: 1291 wurde nicht die Schweiz gegründet. Es waren nur ein paar Bauern, die einen Solidaritätspakt untereinander schlossen, der ausser ihnen eigentlich niemanden interessierte. «Morgarten» fand eher in den Zürcher Oberländer Fabriken um 1880 statt als 1315 in der Zentralschweiz. Und wenn nächstes Jahr 500 Jahre «Neutralität» im Gedenken an die «Schlacht von Marignano» gefeiert werden, kann man sich getrost wieder einmal fragen, weshalb eine nicht kleine Anzahl unserer MitbürgerInnen eigentlich immer noch lieber an schlechte Märchen glaubt, als einmal ein anständiges Geschichtsbuch zu lesen.
Dann nämlich würden sie wissen: Neutralität war in diesem Land in den letzten 500 Jahren vor allem ein Argument, um in Kriegen Geschäfte mit allen machen zu können, und nicht, um keine mehr zu führen. Aber wie wusste schon die Sängerin Shirley Bassey: «It’s just history repeating.»