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1862 in erster, 1886 in zweiter umgearbeiteter und vermehrter Auflage erschienen (u.a. wurde ein satirisches Nachspiel hinzugefügt). Hinter dem Pseudonym Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky steckt kein Geringerer als der deutsche Literturwissenschafter und Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer (1807-1887).
Vischer war im 19. Jahrhundert kein Unbekannter. Als Literaturwissenschafter und Philosoph schuf er eine Ästhetik, die ihresgleichen suchte (eigentlich bis heute ihresgleichen sucht). Doch Vischer war ein Mensch mit Ecken und Kanten. Als linksdemokratischer Politiker in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, erwies er sich dort als Kritiker von Bismarck und dessen Politik. Eine Sammlung politischer Reden und Schriften (Kritische Gänge) wurde gleich nach der Veröffentlichung auf den Index gesetzt. Der doktorierte Theologe Vischer entfremdete sich seiner protestantischen Religion, habilitierte mit einer Schrift aus dem Bereich der Ästhetik (Über das Erhabene und das Komische) und erhielt im Laufe der Zeit einen Lehrstuhl für Ästhetik und Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen. Kaum hatte er den Lehrstuhl, erteilte man ihm auch bereits ein zweijähriges Lehrverbot, weil er sich öffentlich als Pantheist bekannt hatte.
Zu seiner Bekanntheit (oder Berüchtigtkeit – je nach Standpunkt) trugen seine nicht-akademischen Werke in hohem Masse bei. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden v.a. zwei davon noch oft gelesen. Da ist an erster Stelle Auch Einer, die Geschichte eines Mannes, der sich immer und immer wieder mit den kleinsten Dingen des Alltags abplagt – verlegten Notizbüchern oder Brillen und ähnlichem. A. E. ist überzeugt, dass die Dinge ihr (böswilliges) Eigenleben führen (die Tücke des Objekts), und manchmal bestraft er sie für ihre Widerspenstigkeit, indem er sie zerstört. Der zweite Teil spielt dann in einer völlig andern Welt, gibt doch der Ich-Ezähler vor, ein Manuskript des mittlerweile verstorbenen A. E. erhalten zu haben, in dem dieser in historischem Kleid eine hochromantische Geschichte um Krieg und Frieden, Liebe und Tod erzählt. Doch anders als der handelsübliche (spätestromantische) historische Roman, im Stil z.B. eines de la Motte-Fouqué, befinden wir uns nicht in einem idealisierten Mittelalter sondern in – der Pfahlbauerzeit. Das Publikum goutierte Vischers sowohl inhaltlich wie formal gewagten Roman offenbar sehr, und dem Werk war ein langes Leben beschieden. Noch 1962 konnte Heimito von Doderer in seinem Roman Die Merowinger oder Die totale Familie ohne weitere Erklärungen auf Vischers Auch Einer Bezug nehmen. (Und auch Zihal und andere Figuren, die Doderer geschaffen hat, sind entfernte Verwandte unseres A. E.; selbst Canettis Peter Kien aus der Blendung gehört mit seinem Charakter in die weitere Verwandtschaft von A. E.)
Ähnlich berühmt wie Auch Einer war Faust – der Tragödie dritter Theil. Hier schreibt der Literaturwissenschafter und Goethe-Kenner. Vischer kämpt einen Mehrfronten-Krieg. Erstes Ziel seiner Satire ist Goethe selber – der alte Goethe. Denn Vischer schätzt die Kraft und die Sprachgewalt des ersten Teils des Faust sehr. Vor allem die Klingel-Sprache aber, und die ständige Allegorisierung des zweiten Teils mag er gar nicht. Nun bin ich der erste, der Vischer beipflichtet, dass die Sprache des alten Goethe – zumindest in seiner Prosa – himmelschreiendes Juristen- und Amtsdeutsch geworden ist. In Faust II ist mir Goethes Sprache weniger aufgefallen, aber es ist wahr: Wenn einen Vischer mal darauf gebracht hat, wird man bemerken, dass der Alte immer wieder dieselben Rhythmen verwendete sowie Pseudo-Allegorien aufrufende Klingel-Reime am Laufmeter.1) Ich werde Faust II nie mehr so lesen können wie vor der Lektüre von Vischers Faust III… Weiter kritisiert Vischer an Faust II, dass der Held eigentlich gar nicht durch eigene Initiative in den Himmel gekommen ist, sondern immer durch äussere Umstände vor den schlimmsten Konsequenzen bewahrt wurde. So erleben wir in Faust III einen Faust, der nochmals durch ein paar Prüfungen hindurch muss, weil die himmlischen Instanzen zum Schluss gekommen sind, dass man es ihm damals doch zu leicht gemacht habe. Allerdings ändert sich daran auch im dritten Theil nichts; Faust wird abermals in den Himmel befördert, ohne Eigenes dazu getan zu haben. Die Satire ist perfekt.
Dennoch fühlte Vischer, dass er etwas Entscheidendes noch nicht oder zu wenig deutlich gesagt hatte, und so fügte er in der zweiten Auflage ein Nachspiel hinzu. Ganz ohne die Gestalt des Faust – was auch schon bezeichnend ist. Es geht im Nachspiel nämlich um die Interpretationen des Goethe’schen Faust, und Vischer lässt die Gruppe der symbolisch-allegorischen Deuter Goethes gegen die Faktenhuber, die positivistisch eingestellten Literaturwissenschafter, antreten. Zum Schluss tritt dann Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky sogar persönlich auf, und verteidigt seine Satire. Er gibt sich überzeugt davon, dass die Nachwelt ihm Recht geben werde.
Nun, ganz so gut ist es Vischer nicht ergangen. Die Nachwelt hat ihn zwar eine Zeitlang hoch geschätzt. Auch Einer und Faust III wurden oft aufgelegt und vielleicht auch gelesen. Noch vor kurzem habe ich in einem Antiquariatskatalog einen Faust III gefunden, der aus den Beständen der Bibliothek eines Zürcher Gymnasiums augeschieden worden ist. Was zeigt, dass Vischer zwar einmal kanonisch war, es heute aber nicht mehr ist. Ja, heute ist der Name Vischer wohl schon fast zum Schiboleth der Literaturkenner geworden. Es ist schade, ist er praktisch in Vergessenheit geraten, und ich für meinen Teil hätte es lieber gehabt, wenn die Wissenschaftliche Buchgesellschaft an Stelle der x. Ausgabe von Hesses Werken eine – sorgfältig editierte und kommentierte – der Werke Vischers herausgebracht hätte. Auch Einer und Faust III sind nämlich antiquarisch noch relativ leicht greifbar; Vischers Ästhetik muss sich der Interessent zusammensuchen. Dabei wäre Vischer ein Autor, der wieder gelesen zu werden verdiente.
1) Mich wird niemand, dem der zweite gefällt, überzeugen können, daß er den ersten in seinem Wert kenne und fühle.