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Eines Morgens beim Frühstück – meine Frau trinkt ihren Tee, Mika rinnt Milch übers Kinn, ich schlage vor, dass wir am Wochenende Äpfel pflücken gehen – knallt Yang plötzlich mit dem Gesicht in die Müslischüssel. Die Bewegung ist abrupt, mechanisch, und Müsli und Milch spritzen über den ganzen Tisch. Yang richtet sich wieder auf, schaut gelassen geradeaus, als wäre nichts passiert, und dann knallt er wieder mit dem Gesicht in die Schüssel. Mika findet das natürlich zum Totlachen. Sie ahmt Yang nach, beugt sich über ihre eigene Schüssel, aber Kyra hebt sie rasch aus ihrem Stuhl und verschwindet aus der Küche, damit ich mich um Yang kümmern kann.
Ich bin nicht der Typ, der in solchen Momenten einen klaren Kopf behält. Ich stehe in der Küche, hinter mir liegt mein umgekippter Stuhl, und ich bin komplett ratlos. Ihn runterfahren oder den Hersteller anrufen, ihn runterfahren oder den Hersteller anrufen? Die Schüssel ist inzwischen leer, Milch tropft vom Tisch, die ganze Scheissküche ist voller Cheerios, und Yang hat einen roten Abdruck vom Schüsselrand auf der Stirn. Über seinem linken Augenlid hat sich ein Stück Haut vom Rahmen gelöst. Ich beschliesse, ihn herunterzufahren. Der Hersteller kann mir dann beim Reboot helfen.
Ich stelle mich hinter Yang, und als er sich wieder ruckartig nach vorne beugt, zerre ich ihm das Hemd aus der Hose und drücke den Entriegelungsknopf auf seiner Rückenplatte. Sie springt nicht auf – das Teil ist festgeschraubt.
«Kyra», rufe ich Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort, nur Mikas Schreie aus dem Obergeschoss und immer wieder der dumpfe Aufprall von Yangs Kopf auf der Tischplatte. «Kyra!»
«Was ist?», ruft sie zurück.
Bums.
«Ich brauche einen Kreuzschlitz!»
«Was?»
Bums.
«Einen Schraubenzieher!»
«Ich kann grad nicht! Mika hat einen Wutanfall.»
Bums.
«Toll, danke.»
Normalerweise sind Kyra und ich nicht so. Wir sind ein gutes Team, kommunikativ und liebevoll, aber Stresssituationen bringen unsere schlimmsten Seiten zum Vorschein. Die Haut über Yangs linkem Auge ist geplatzt, darunter kommt die weisse Membran zum Vorschein. Ich habe keine Zeit, in den Keller zu rennen, schnappe mir das Buttermesser vom Tisch und versuche, es als Schraubenzieher zu benutzen. Die Spitze ist viel zu breit für das kleine Metallkreuz, also völlig nutzlos, weshalb ich das Messer in das Steuerungsmodul in Yangs Rücken ramme und es aufzuhebeln versuche. Es knackt, und ein Stück fleischfarbenes Bioplastik schlittert über den Linoleumfussboden. Ich drücke den An-/Aus-Schalter und warte, dass das blassblaue Lämpchen ausgeht. In der unheimlichen Stille richtet Yang sich auf, als wäre etwas nicht in Ordnung, und neigt den Kopf Richtung Fenster. Draussen flattert ein Rotkardinal von einem Ast. Dann sackt Yang mit einem innerlichen Seufzer nach vorne, das Kinn fällt ihm auf die Brust. Die Beleuchtung unter seiner Haut erlischt, wodurch sein Gesicht aschfahl und kränklich wirkt.
Ich höre, wie Kyra und Mika die Treppe runterkommen. «Ist mit Yang alles okay?»
«Nicht reinkommen!»
«Mika will zu ihrem Bruder.»
«Bleibt bloss draussen! Yang geht es nicht so gut.» Auf ihrem Weg zurück nach oben hallen die gedämpften Schritte meiner Frau und meiner Tochter in der Küche wider.
«Scheisse», murmle ich. Ihm geht es nicht so gut? Yang ist Schrott, und ich habe gerade sein Steuerungsmodul zerstört. Gott weiss, was das kostet. Ich zücke mein Handy und rufe Brothers & Sisters Inc. an.
Als wir Mika vor drei Jahren adoptierten, kam uns das sehr fortschrittlich vor. Wir hielten es für unseren kleinen Beitrag gegen das Klonen. Kyra und ich sind beide weiss und kommen aus der Mittelschicht; wir haben ein vergleichsweise einfaches und privilegiertes Leben geführt und dachten, es sei an der Zeit, der Welt etwas zurückzugeben. Es war…