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Die Handelsverflechtungen der Länder haben im Zuge der zunehmenden Globalisierung in den letzten 25 Jahren deutlich zugenommen. Dies ist für kleine, offene Volkswirtschaften (Small Open Economies, Smopec) wie die Schweiz besonders relevant, da die Exporte einen grossen Anteil an den Wirtschaftsaktivitäten ausmachen und einen wichtigen Einfluss auf die Konjunkturentwicklung haben. Bei zunehmendem Aussenwert des Frankens verteuern sich die Exporte. Deshalb stellt der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) berechnete reale exportgewichtete Aussenwert des Frankens einen wichtigen Indikator dar, um festzustellen, wie sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exporte entwickelt. Ein an Wert gewinnender Franken vergünstigt aber auch die Importe, welche als Vorleistungen für die Produktion in der Schweiz von Exportgütern benötigt werden.
Neue Möglichkeiten zur Messung von Wechselkursschwankungen
Aus diesem Grund ist es interessant, den realen Aussenwert des Frankens anstatt nach dem gesamten Exportumsatz nach den Wertschöpfungsanteilen der Schweizer Exporte zu gewichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Vorleistungsimporte nicht denselben Wechselkursschwankungen unterliegen wie die inländische Produktion.
Wenn beispielsweise 10% der Exporte aus der Schweiz nach Frankreich gehen und diese zu 70% aus Schweizer und zu 30% aus US-amerikanischer Wertschöpfung bestehen, wird im modifizierten Wechselkursindex der reale Wechselkurs zwischen der Schweiz und Frankreich nur mit 7% anstatt mit 10% gewichtet. Die restlichen 3% werden dem realen Wechselkurs zwischen Frankreich und den USA zugeordnet.
Grafik 1 vergleicht die bisher übliche Gewichtung nach Exportumsatz mit der modifizierten Gewichtung nach der in den Exporten enthaltenen Wertschöpfung nach Währungsgebiet. Die Aufwertung des neuen, nach Wertschöpfungsgehalt der Exporte gewichteten Wechselkursindex fiel zwischen 2007 und 2011 um 30% geringer aus als der wie bisher üblich nach Exportumsatz gewichtete Aussenwert des Frankens. Grund dafür ist die natürliche Wechselkursabsicherung durch den Import von Vorleistungen, der sogenannte natürliche Währungshedge.Der Franken gewann in den letzten Jahren stark an Wert. Die Wirkung der Währungsaufwertung auf das Wirtschaftswachstum und die Exporte fiel jedoch geringer aus als befürchtet.
Siehe z. B Stalder P. und C. Schmidt: Auswirkungen der Eurokrise auf das Wirtschaftswachstum und das Produktionspotenzial der Schweiz, in: Die Volkswirtschaft 1/2-2013, S. 11–15.
Der natürliche Währungshedge über die Vorleistungsimporte in der Produktion von Schweizer Exporten könnte eine Erklärung dafür liefern.
Vorleistungsimport und Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz
Mit der Globalisierung der Wertschöpfungsketten hat der Import von Vorleistungen für die Produktion von Waren und Dienstleistungen in der Schweiz an Bedeutung gewonnen. Der Import von Vorleistungen weist nicht nur bei Währungsschwankungen Vorteile auf. Oft lassen sich dadurch die Produktionskosten reduzieren, da die Vorleistungen aus dem Ausland günstiger bezogen werden können.Wie die Auswertung der neuen Daten zeigt, haben sich die Vorleistungsimporte der Schweiz zwischen 2001 und 2008 erstaunlicherweise wertmässig nur geringfügig verändert. Zudem waren die Preisdifferenzen zwischen der Schweiz und dem Ausland bei international stark gehandelten Gütern im Jahr 2001 bereits relativ klein. Die Auswirkungen der Intensivierung von Vorleistungsimporten der Schweizer Produktion auf die heimische Wertschöpfung und Beschäftigung, welche mit den neu vorliegenden Daten für 2001 und 2008 hergeleitet werden kann, sind daher gering.Die Relevanz der Globalisierungseffekte über Vorleistungsimporte ist im Primär- und im Dienstleistungssektor deutlich geringer als in der Industrie. Während in der Schweiz im Jahr 2008 rund 20% des Bruttoproduktionswertes der Industrie aus Vorleistungsimporten bestand, waren es im Primärsektor 10% und im Dienstleistungssektor 5%. Allerdings hat die Relevanz des internationalen Dienstleistungshandels zwischen 2001 und 2008 deutlich zugenommen. Wurden im Jahr 2001 lediglich 1,8% der Dienstleistungsvorleistungen importiert, waren es im Jahr 2008 bereits 5,3%. Bei den Exporten stieg gleichzeitig der Dienstleistungsanteil von 32% (2001) auf 36% (2008). Nach der Globalisierung der Gütermärkte scheint mit der Jahrhundertwende die Globalisierung der Dienstleistungsmärkte eingesetzt zu haben.Die Vermutung liegt nahe, dass die bisherigen Globalisierungsgewinne der Industrie grösstenteils bereits vor 2001 angefallen sind. Zur Entwicklung der Vorleistungsimporte nach Branchen gibt es vor 2001 keine Daten für die Schweiz. Werden für den Zeitraum 1995 bis 2001 die Daten anderer Smopec auf die Schweiz übertragen, hat zwischen 1995 und 2008 der Anteil der Vorleistungsimporte am Bruttoproduktionswert der Industrie um 6 Prozentpunkte zugenommen. Wir analysieren mit einem Input-Output-Modell die Wirkung dieses Anstiegs. Es wird angenommen, dass alle Vorleistungen, die im Jahr 1995 noch aus der Schweiz bezogen und im Jahr 2008 importiert wurden, ohne Intensivierung der globalen Wertschöpfungsketten im Jahr 2008 weiterhin zu Schweizer Preisen aus der Schweiz bezogen worden wären. Da die Schweizer Preise über den europäischen liegen, erhöht dies die Produktionskosten sowie die Absatzpreise und reduziert die Nachfrage.
Beträchtlicher Wertschöpfungsgewinn aufgrund der Globalisierung
Die Analyse kommt zum Schluss, dass die Zunahme der Vorleistungsimporte und der dadurch gewonnenen Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zwischen 1995 und 2008 im Jahr 2008 die Wertschöpfung der Industrie um 1,7% und jene der Gesamtwirtschaft um 0,5% erhöhte.In anderen europäischen Smopec waren die Wertschöpfungsketten der Industrie bereits im Jahr 1995 global. Knapp 20% des Bruttoproduktionswertes der Industrien ging bereits damals auf Vorleistungsimporte zurück. Im Jahr 2005 lag der Wert bei rund 25%. Übertragen hiesse das, dass rund 80% der bisher erfolgten Globalisierung in der Schweizer Industrie bereits vor 1995 stattgefunden haben. Hochgerechnet bedeutet dies, dass alleine die Globalisierung in der Industrie die Wertschöpfung der Schweizer Industrie im Jahr 2008 um schätzungsweise 8,5% und jene der Schweiz um 2,5% erhöhte. Nicht mitberücksichtigt sind dabei dynamische Effekte, die über den stärkeren Wettbewerb zu Effizienzsteigerungen im Inland führen. Der Wert stellt demnach einen unteren Schätzwert dar.
Wie wirkt ein effizienterer Binnensektor auf Importe und Exporte?
Die Preisdifferenzen zum Ausland sind in den traditionell binnenorientierten Sektoren deutlich grösser als in den exportorientierten Sektoren. So lagen die Güterpreise der Schweiz im Jahr 2008 um 10% über dem Durchschnitt der EU-15; bei den Dienstleistungen – die stärker binnenorientiert sind als die Güterproduktion – waren die Schweizer Preise um 35% höher als jene der EU-15. Eine Studie von Infras
Iten R., Peter M., Vettori A. und Menegale S. (2003): Hohe Preise in der Schweiz – Ursachen und Wirkungen, Studie im Auftrag des Seco, Strukturberichterstattung Nr. 19.
kam zum Schluss, dass rund 45% der beobachteten Preisdifferenz auf mangelnden Wettbewerbsdruck – vor allem im Binnenmarkt – zurückzuführen sind. Mit der stärkeren Globalisierung der Dienstleistungsmärkte erhöht sich auch der Wettbewerbsdruck in traditionell binnenorientierten Sektoren, die nun vermehrt im internationalen Wettbewerb stehen. Wir simulierten mit einem Input-Output-Modell, was passieren würde, wenn diese Preisdifferenz ausgeglichen würde. Es ist von folgenden Effekten auszugehen:· Die Binnensektoren werden effizienter. Das bedeutet, dass sie entweder ihre Vorleistungsnachfrage oder ihre nominale Wertschöpfung (Gewinne, Arbeitskosten, Kapitalkosten) reduzieren. Dies führt zu einer Abnahme der nominalen Wertschöpfung in den Binnensektoren und/oder ihren Vorleisterbranchen. Da dies mit einem sinkenden Preisniveau einhergeht, bleibt die reale Wertschöpfung jedoch in etwa konstant. Gleichzeitig werden in den Binnensektoren und ihren Vorleisterbranchen weniger Arbeitskräfte benötigt. Die weiterhin Beschäftigten erhalten eine Reallohnerhöhung.
· Das sinkende Preisniveau der Binnengüter hat zwei weitere positive Effekte: Einerseits steigt durch die sinkenden Vorleistungskosten die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Exportgütern und damit die internationale Nachfrage nach diesen. Anderseits werden Importe durch Inlandgüter substituiert, weil der Import von Gütern, die der Binnensektor produziert, im Vergleich zum Bezug aus dem Ausland an relativer Attraktivität verliert.
· Gemäss den Berechnungen ist die Arbeitsnachfrage nach diesen Reaktionen insgesamt geringer als vor den Effizienzsteigerungen in den Binnensektoren. Würden diese Beschäftigten arbeitslos bleiben, wären sie die Verlierer und die weiterhin Beschäftigten mit einer Reallohnerhöhung die Gewinner der Effizienzsteigerung in den Binnensektoren. Im Rahmen des Strukturwandels ist jedoch damit zu rechnen, dass der Arbeitsmarkt das freie Arbeitskräftepotenzial im Laufe der Zeit zu grossen Teilen wieder aufnimmt und produktiver als bisher einsetzen kann. Das bedeutet, dass ein effizienterer Binnensektor das BIP-Potenzial der Schweiz erhöht, dies bei gleichzeitig besserer internationaler Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors und der Binnenwirtschaft.
Das quantitative Bild dieser Simulation präsentiert sich wie folgt:
· Die Effizienzsteigerung in den Binnensektoren führt dazu, dass diese und ihre Vorleisterbranchen ca. 250 000 Vollzeitbeschäftigte weniger benötigen. Dies entspricht rund 7% der Beschäftigten im Jahr 2008. Im Gegenzug erleben die Beschäftigten aufgrund der günstigeren Preise für inländische Güter eine Reallohnerhöhung von 4,5%. Die reale Wertschöpfung bleibt konstant, da nach wie vor dieselbe Gütermenge wie bisher produziert wird.
· Die zunehmende Exportnachfrage und die Substitution von Importen durch inländische Produktion erhöhen die reale Wertschöpfung um 1% und die Arbeitsnachfrage um 50 000 Vollzeitstellen.
· Es verbleibt ein Nettoeffekt von 200 000 Vollzeitstellen. Würden alle Arbeitskräfte eine neue Anstellung finden, würde der effizientere Binnensektor netto zu einer Zunahme der realen Wertschöpfung der Schweiz um rund 4,5% führen. Bereits wenn jeder fünfte Beschäftigte des Nettoeffekts wieder produktiv eingesetzt werden kann, würden leicht positive Wertschöpfungseffekte entstehen. Seit der Jahrtausendwende nahm die Anzahl der Erwerbstätigen in der Schweiz jährlich um 55 000 zu. Es ist daher zu erwarten, dass ein Strukturwandel in diesen Grössenordnungen in der Schweiz innerhalb weniger Jahre ablaufen könnte.
Wettbewerbsfähigere Schweizer Wirtschaft
Die Analysen zeigen, dass die Integration der Schweiz in globale Wertschöpfungsketten die Schweizer Produktion deutlich wettbewerbsfähiger gemacht hat. Dieser Effekt wirkt über mehrere Kanäle: Globale Wertschöpfungsketten mildern die Wirkung von Wechselkursschwankungen auf die Exportpreise und reduzieren damit das Währungsrisiko der Exportbranchen. Damit wird die Wirkung von Wechselkursveränderungen auf die Konjunktur reduziert. Die Schweizer Exportwirtschaft kann von tieferen Vorleistungspreisen im Ausland profitieren, und Schweizer Produkte können somit im internationalen Markt günstiger angeboten werden. Dies wirkt sich positiv auf die Exportmengen und -werte aus. Weil neben Waren auch immer mehr Dienstleistungen gehandelt werden, wird der internationale Wettbewerbsdruck zu einer effizienteren Produktion im Inland allmählich auch in bisher eher binnenorientierten Branchen steigen. Die effizientere Produktion von Binnengütern führt dazu, dass die einheimischen Produkte gegenüber Importen an Attraktivität gewinnen und die Schweizer Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger wird.