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Denksportaufgabe fürs Textatelier: Ich habe gelesen, dass Nachtschattengemüse Arthritis verursachen können. Weisst Du, was das alles bedeutet und ob ich als Gichtkandidat diese Tomaten, Peppers, Kartoffeln und Auberginen ebenfalls meiden soll?
Rolf P. Hess, Coralpoint, Mactan, Cebu, Philippines
Antwort: Beginnen wir das sportliche Nachdenken damit, dass wir uns die Eigenschaften der Nachtschattengewächse [1] in Erinnerung rufen. Neben verschiedenen Gift- und Heilpflanzen (siehe Judenkirsche) gehören auch die Tabakpflanze, unsere im Abendland beliebte Kartoffel, die Tomate, Paprika (englisch: peppers, für roten, grünen und gelben Paprika, aber auch für Paprikaschoten) und die Aubergine dazu insgesamt sind es rund 2300 Arten, die ursprünglich vor allem in Südamerika verbreitet waren; von dort wurden viele Nutzpflanzen von den seefahrenden spanischen Plünderern nach Europa gebracht. Gemeinsam ist dieser vielseitig verwendbaren Grossfamilie, dass sie viele Verbindungen aus mehreren Alkaloid-Gruppen enthalten: Stickstoffverbindungen, die aus einer oder mehreren heterozyklischen Verbindungen bestehen. Diese wirken auf das Nervensystem ein, und auf ihnen beruht denn auch die hauptsächliche Giftwirkung.
In der Kartoffelpflanze befindet sich das giftige Alkaloid Solanin in den Blüten, Beeren, in grünen, unreifen Kartoffeln, in den Keimen sowie in den Augen auskeimender Knollen. Die Knollen, die in der Küche verwendet werden, können bedenkenlos verzehrt werden; sie enthalten viele Mineralien und Vitamine, besonders die frisch geernteten; bei längerer Lagerung büssen sie an Vitaminen ein. Sie sollten im Dampf und nicht im Wasser gegart oder einfach gebraten werden. Die essbaren Nachtschattengewächse haben allesamt einen guten Gesundheitswert, wenn sie nicht erdlos (horssol) heranwuchsen, sondern aus der Bio-Landwirtschaft oder aus dem eigenen Garten stammen, den ja vernünftige Menschen nicht in eine Giftmülldeponie verwandeln.
Aber die Alkaloide sind es nicht, welche Arthritis verursachen können, und zudem wirkt ein grosser Gemüsekonsum rheumatischen Erkrankungen eher entgegen, weil Gemüse die Körpersäfte entsäuern. Ein Zusammenhang Nachtschattengewächse Arthritis lässt sich infolgedessen mit dem besten Willen nicht konstruieren.
Was ist es dann? Der Denksport wird jetzt anspruchsvoller, wenn er die nächste Hürde erfolgreich nehmen will: Wahrscheinlich ist es die Oxalsäure, die in Tomaten (auch in Rhabarber, Mangold, Spinat und Sauerampfer) vorkommt. Aus dem Umstand, dass es sich bei der Tomate um ein Nachtschattengewächs handelt, könnte irgendwo und irgendwann der falsche Rückschluss gezogen worden sein, alle Nachtschattengewächse seien für Arthritiker schlecht, gemäss dem bewährten syllogistischen Stil: Ein Elefant hat 4 Beine, die Maus hat 4 Beine: Also ist die Maus ein Elefant.
Wahrscheinlich geht es vor allem um diese Oxalsäure; sie ist die Übeltäterin. Sie reagiert nämlich mit dem Kalzium im Körper, und daraus bildet sich das schwer lösliche Kalziumoxalat, das Nierensteine begünstigen kann. Diese Oxalsäure ist es, die auch von Arthritis- und Gichtkandidaten gemieden werden muss, weil ein zusätzlicher kalziumräuberischer Angriff auf die bereits angegriffenen Knochen schmerzhafte (noch schmerzhaftere) Konsequenzen hat.
Und damit sind die übrigen oxalsäurearmen oder -freien Nachtschattengewächse im Prinzip freigesprochen.
Aber diese biochemische Betrachtungsweise greift zu kurz. Ich habe mich besonders während meiner 22 Jahre umfassenden Tätigkeit als Chefredakteur der Zeitschrift "Natürlich" immer wieder mit ernährungsphysiologischen Zusammenhängen befasst, wobei mir das gesammelte Wissen aus meiner ehemaligen Tätigkeit in der chemischen Forschung (bei der damaligen Firma F. Hoffmann-La Roche, heute: Roche) zugute kam. Mit der Zeit wurde mir immer deutlicher bewusst, dass die rein biochemische Betrachtungsweise zu stümperhaften, eingeschränkten Ergebnissen führen muss. Und auch meine obige Antwort auf die interessante Denksportaufgabe aus dem E-Mail-Verkehr mit meinem erfreulich wissensdurstigen, kritisch hinterfragenden Bruder, der mich immer wieder herausfordert, ist zu banal. Die gegenseitigen Wechselwirkungen nicht nur zwischen Brüdern, sondern vor allem zwischen Ernährung und dem übrigen Lebensstil sind komplex und unüberschaubar, so dass wir zu einigen Grundsätzen Zuflucht nehmen müssen.
Zuerst einmal geht es um eine möglichst vielseitige Ernährungsweise, ähnlich wie bei den Kapitalanlagen um eine Diversifikation. Dafür bieten die asiatischen Nahrungsmittelangebote hervorragende Voraussetzungen. Tierische Produkte sollten gegenüber pflanzlichen in der Minderheit sein. Dann ist auf möglichst naturnah, das heisst langsam Gewachsenes zu achten (Bioprodukte), die am meisten wertgebende Inhaltsstoffe enthalten. Industriell verarbeitete Fertigprodukte sind tot und tragen zur Lebendigkeit und Gesundheit des Konsumenten nichts bei schon eher zur Verkürzung. Es gilt also, möglichst viele vollwertige Frischprodukte aus kontrolliertem Anbau zu verzehren.
Ich esse jeden Apfel mit Fliege, Kerngehäuse und Stiel; wir schälen unsere Biokartoffeln nicht. Man sollte immer die ganzen Früchte essen, wenn immer möglich, ohne gleich an einem Pfirsichstein zu ersticken... Bei Pouletfleisch esse ich möglichst viel vom Knorpel mit auch weichere Teile vom Knochengerüst können mit unseren Zähnen zerkleinert werden. Beim Käse schabe ich nur eine hauchdünne äussere Schicht der Rinde ab und verzehre möglichst viel von diesem schmackhaftesten Part, wo auch erfreulich viele darmbelebende Bakterien leben. Und wenn es schon einmal Crevetten sein müssen, zerkaue und schlucke ich auch den Panzer. Von Fischen verzehre ich die Gräten, wenn immer möglich; nur wenn sie messerscharf sind und von dieser Seite der Erstickungstod droht, lasse ich sie notgedrungen stehen. Speckschwarten und -knorpel sind mein Leibgericht, schon des Kollagens wegen. Ich sammle diese Delikatessen jeweils von der ganzen Tafelrunde ein und ignoriere das Kopfschütteln.
Immerhin brauche ich keinen Zahnarzt, keinen Hausarzt und von rheumatischen Anflügen hatte ich noch nicht die Spur. Auch mit meinen über 65 Jahren kann ich Zentnergewichte ohne Rückenschäden heben. Das sind Details. Das Einzige, was ich damit sagen will: Es kommt auf die Gesamtheit der Ernährungsweise an und nicht einfach auf das Weglassen von Tomaten oder Peperoni oder um die Halbierung des Mangold-Konsums. Wenn die Ernährung insgesamt mehr oder weniger stimmt, kann man auch einmal ein Pfund Tomaten fressen, ohne gleich anschliessend in die Rheumaklinik eingeliefert zu werden. Ich wähle nicht Kartoffeln oder Reis, sondern Kartoffeln und Reis und Mais und Hirse und Teigwaren und Quinoa und Amaranth, was immer gerade erhältlich ist. Es gibt nichts, das essbar ist und das ich nicht mit Vergnügen esse amerikanisches Hormonfleisch, Genfood und Chemiefutter nach Rezept der Nahrungsmitteltechnologen zähle ich allerdings nicht zum Essbaren.
Bei Gesundheitsfragen, die sich auf die Ernährung beziehen, spielen auch psychische Komponenten eine Rolle: Wer Sorgen hat, deprimiert und ohne Energie ist, hat einen gestörten Stoffwechsel. Wer beim Essen aus Angst vor einer Gewichtszunahme ständig Kalorien zählt, statt sich über die Speisen zu freuen, lebt ebenfalls falsch. Und wer vor allem Bequemlichkeitsfutter aus der Industrie wählt, macht einen Fehler, für den er später büssen muss.
Wahrscheinlich müssen wir alle in uns gehen und unsere Ernährungsweise im grossen Umfeld unserer Lebensweise überdenken.
Dann spielen die Nachtschattengewächse plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle, sondern ein Schattendasein.
Walter Hess
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[1] Zu den Nachtschattengewächsen (Solanaceae) gehören u.a. auch Stechapfel (Datura stramonium), Tollkirsche (Atropa belladona), Bilsenkraut (Hyoscamus niger), Alraune (Mandragora) und Engelstrompete/Trompetenbaum (Datura suaveolens), die sehr giftig sind und als Rauschdrogen konsumiert werden. Sie enthalten psychoaktive Substanzen wie Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin. Sie werden wegen ihrer halluzinogenen Wirkung als Rausch-, Zauber- oder Hexenpflanzen genutzt.
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