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Brigitte Blumer gründete 1972 ein Montessori-Kinderhaus, um Kindern zu mehr Freiheit zu verhelfen. Jetzt hört sie auf und blickt zurück.
Sie brauchte nicht viel, um einen Anfang zu wagen. «Ich rechnete aus, dass 10000 Franken reichen würden, trommelte interessierte Eltern zusammen und suchte geeignete Räume.» Das war 1972, als Brigitte Blumer in einer Dreizimmerwohnung an der Berner Gutenbergstrasse mit ihrer Montessori-Arbeit begann. Zwar gab es damals schon ein Kinderhaus in der Altstadt, geführt von einer Bernburgerin, einem Mitglied einer alteingesessenen Berner Patrizierfamilie. Der Versuch, dort angestellt zu werden, war jedoch gescheitert: «Vermutlich lag es daran, dass ich mich im Hippiekleid vorstellen ging. Ich war etwas naiv und wusste nichts über Bern.»
Mit ihrem Angebot hat sie zunächst eher bürgerliche Eltern erreicht. «Montessori hatte ja in Bern bereits den Ruf als etwas für ‹Bessere›.» Nach und nach kamen auch andere: Kinder deutscher, französischer oder englischer Eltern etwa, die sich an der späten Einschulung der Volksschule störten. «Meine Interpretation der Pädagogik von Montessori war von den Jahren um 1968 geprägt. Dies zog auch immer mehr Eltern aus diesem Umfeld an. Viele aus diesen Anfangszeiten sind meine Freunde geworden.» Politisch fühlte sie sich in dieser Zeit zur so genannten pädagogischen Diskussionsgruppe hingezogen, die alternative Kindergärten im Stil der selbstverwalteten und durch antiautoritäre Erziehungsvorstellungen geprägten «Kinderläden» fördern wollte. Die linken PädagogInnen interessierten sich jedoch nicht für Montessori.
Im Armenquartier
Bevor Brigitte Blumer in den Geist von Achtundsechzig eintauchte und schliesslich zu ihrer Berufung fand, stellten sich die Weichen ihrer Biografie auf eine für Frauen ihrer Generation typische Weise. Den Kindheitstraum Lehrerin durfte sie nicht verwirklichen. Der Vater, selber Lehrer, störte sich an den jungen Frauen, die mit ihrer Ausbildung am Seminar den Staat belasteten, um dann gleichwohl bald einmal zu heiraten. So besuchte die Tochter die Handelsschule in Zürich, freudlos und mit der Absicht, bald etwas anderes zu machen. Sie absolvierte eine Lehre als Buchhändlerin. Dieser Beruf sei jedoch damals schon zu einem reinen «Verkaufsjob» verkommen. Bald nach der Heirat führte sie die Karriere des Ehemannes und Architekten Jacques in die USA, nach Chicago. In einer Grossstadt zu wohnen, mit mittlerweile zwei Kleinkindern und einem Mann, der 150 Prozent arbeitete, sei für sie schwierig gewesen. Die Decke fiel ihr allmählich auf den Kopf. Da ereignete sich eine «glückliche Fügung»: «Per Zufall besuchte ich ein Montessori-Kinderhaus. Ich dachte: ‹Genau so möchte ich mit Kindern arbeiten.›» Sie fasste den Entschluss, die Ausbildung zur Montessori-Kindergärtnerin zu machen.
«Von da an hat mein Leben gestimmt. In Chicago hatte ich eine tolle Lehrerin. Diese entwickelte das für Montessori typische Arbeitsmaterial weiter. Danach arbeitete ich in diesem sehr besonderen Kinderhaus.» Es war ein so genanntes «Headstart»-Programm, ein Vorschulerziehungsprojekt, mit dem die USA in den sechziger Jahren arme Familien zu unterstützen versuchten. Brigitte Blumer arbeitete in einem Quartier, in dem hauptsächlich Einwandererfamilien lebten. Im Rahmen des «Headstart»-Programms kamen die Kinder bereits als Drei- oder Vierjährige in den Kindergarten. «Wir begannen unsere Arbeit in einem Kirchgemeindehaus. Jeden Abend mussten wir alles beiseite räumen. Dann schenkte uns das Architekturbüro, in dem mein Mann arbeitete, einen ausgebauten Wohnwagen, in dem wir mit den Kindern arbeiten konnten.» Doch bald habe die Elternarbeit fast ebenso viel Raum eingenommen wie das Betreuen der Kinder. Die Eltern seien daran interessiert gewesen, dass die Kinder vorankamen.
Riesenschritte im Kleinen
In Chicago wäre sie sehr gerne geblieben. Doch ihr Mann wollte zurück in die Schweiz, um eine Stelle als Partner beim Berner Architekturbüro Atelier 5 anzutreten.
Weil die Montessori-Kinderhäuser heute vorwiegend private Einrichtungen für Gutverdienende sind, bringen die privilegierten Kinder meist schon viel von zuhause mit. Die Chicagoer Erfahrungen waren anders und sind deshalb für Brigitte Blumer so wertvoll geblieben. Maria Montessori selber ist im Römer Arbeiterquartier San Lorenzo auf ihre grossen pädagogischen Entdeckungen gestossen. Ursprünglich war ihre Tagesschule traditionell eingerichtet gewesen: feste Schulbänke, das Material wurde im Schrank aufbewahrt. Dann aber geschah das Unerwartete, erzählt Blumer: «Eines Morgens kam Montessori zu spät. Und weil sie zu spät kam, haben die Kinder das Material selber gewählt. Sie haben genommen, was zu ihnen passte, sich hingesetzt und angefangen zu arbeiten. Montessori stellte fest: Wenn die Kinder eine freie Wahl und das passende Material haben, können sich alle entsprechend ihren Fähigkeiten entfalten.»
Worin liegt denn für Blumer die Faszination der Pädagogik von Montessori? Bei der Montessori-Arbeit mit Kindern seien gerade die scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten des Alltags wichtig. Blumer gibt zwei Beispiele: «Ein Kind, das gewöhnlich sehr grob ist und dann eines Tage auf andere Kinder zugeht und ihnen hilft. Oder ein Knabe mit einer Behinderung, der deshalb Probleme hat, sich zu bewegen, dem es schliesslich trotzdem gelingt, sich die Schuhe selber anzuziehen. Für mich war dies ein absoluter Glücksmoment. Jeden Tag gibt es unzählige solche Erlebnisse von kleinen individuellen Entwick-lungsschritten.»
Verpasste Institutionalisierung
Im Arbeiterquartier Lorraine eröffnete Brigitte Blumer 1982 ihr Kinderhaus. Anfangs blieben die Kinder vormittags, später kam ein Mittagstisch hinzu. Brigitte Blumer stellte andere Frauen ein. In der Anfangszeit beherbergte das Haus auch eine Montessori-Schule. Die beiden Einrichtungen unternahmen einen erfolglosen Versuch, sich mit einem weiteren Kinderhaus in einem grösseren Haus unter einem Dach zusammenzuschliessen. So blieben die drei Institutionen mit der gleichen Philosophie voneinander isolierte Bereiche - was eines der Hauptprobleme der schweizerischen Montessori-Bewegung gut zum Ausdruck bringt. «Wir haben es verpasst, durch verstärkte Zusammenarbeit eine grössere Montessori-Bewegung in der Schweiz zu bilden.» Dies hat sicher auch mit den relativ geringen finanziellen Mitteln und dem Fehlen einer treibenden Kraft für den Aufbau einer grösseren Organisation zu tun.
So ist auch Blumers Kinderhaus für sich geblieben, privat finanziert und damit vorwiegend von Eltern genutzt, die es sich leisten können. Subventionen gibt es für diese Art von Betreuungsstätten nicht. «Muss man ohne Subventionen arbeiten und kann nicht astronomische Schulgelder verlangen, hat man wahnsinnig viel zu tun. Wir kochen selber und putzen auch täglich.»
In den letzten Jahren hat sich laut Blumer die Motivation vieler Eltern verändert, ihre Kinder in ihr Kinderhaus zu bringen: «Für viele Väter und Mütter ist der Montessori-Gedanke etwas in den Hintergrund gerückt. Dafür sind die Betreuungszeiten wichtiger geworden.»
Moderner Klassiker
Gehört Montessori als reformpädagogische Richtung in die Ecke der «Kuschelpädagogik»? Fehlt ihr die heute wieder vielbeschworene Leistungsorientierung? Blumer sieht das anders: «Bei uns gilt der Grundsatz: Den Kindern Zeit lassen. Sie nicht unter Druck setzen. Gleichzeitig machen wir ihnen jedoch klar, was sie können, oder zeigen ihnen, was sie ausprobieren könnten.» Ein Phänomen der heutigen Zeit seien lustlose Kinder, die eher zu viel Freizeitangebote haben. «Denen muss man Ruhe lassen. Unsere Haltung ist jedoch nicht nur abwartend. Wir geben ihnen gelegentlich auch einen ‹Schupf›.»
Die Montessori-Pädagogik gibt den Kindern die Freiheit, in einer auf sie zugeschnittenen Umgebung ihr individuelles Potenzial zu entfalten. «Dies geschieht, indem sie selber entscheiden, was, mit wem, wie lange und wann sie etwas tun wollen.» So würden die Kinder für voll genommen und nicht als unterentwickelte Erwachsene behandelt. «Dieser Gedanke ist sehr modern.»
Die Basisstufe, eine Neuerung der Volksschule, die momentan im öffentlichen Schulsystem erprobt wird, ist für Brigitte Blumer eine «riesige Enttäuschung». Es sei zwar unübersehbar, dass Montessori-Ideen in dieses Konzept eingeflossen sind. «Aber niemand ist bereit, diese konsequent umzusetzen.» Nach Montessori zu arbeiten bedeute nicht, neben einer beliebigen Fülle von Lehrmitteln auch noch ein paar Montessori-Materialien anzuschaffen. «Das ist mehr als fragwürdig. Montessori-Arbeit kann nur in einer speziellen Umgebung mit einer gemischten Altersgruppe und mit Lehrpersonen stattfinden, die die Montessori-Pädagogik von Grund auf kennen und den Kindern mit dem Selbstverständnis zurückhaltender BeobachterInnen und BegleiterInnen begegnen.» So gibt es zum Beispiel den berühmten rosaroten Turm. Der grösste Würfel umfasst 10 mal 10 cm, der kleinste 1 mal 1 cm. Das Kind kann ihn aufbauen, ihn aber auch mit anderen Materialien kombinieren, die nach den Regeln des Dezimalsystems aufgebaut sind. Es kann Bezüge herstellen, mit einem zusätzlichen Bausatz ausprobieren, wie viele der kleinsten Würfel in den zweitgrössten passen, und anfangen, dreidimensional zu denken, sich auf Mathematik vorbereiten. «Den rosaroten Turm isoliert anzuschaffen, ist völlig absurd. Bei der Pädagogik geht es schliesslich um einen ganzheitlichen Ansatz. Da kann man geradeso gut einen jener weit preisgünstigeren Würfeltürme aus Kunststoff kaufen, wie sie alle Kleinkinder haben: Auf dem ersten ist ein Häschen, auf dem zweiten eine Giraffe usw. Die Kinder können zwar auch damit Erfahrungen sammeln: Turmbauen, Statik, von Gross zu Klein. Aber da ist es etwas ganz anderes.»
Nach 38 Jahren Montessori-Arbeit wird es für Blumer Zeit aufzuhören. Schliesslich will sie gemeinsam mit ihrem Mann noch viel unternehmen: «Ein Jahr mit dem VW-Bus unterwegs sein, den Jakobsweg zu Fuss begehen. Mich über das lang ersehnte Enkelkind freuen. Einen Hund kaufen.» Hätte niemand das Kinderhaus weiter betreiben wollen, wäre es ihr schwer gefallen, aufzuhören. Nun übergibt sie es ihrer Kollegin Susanne Bossart. Damit lege sie es in gute Hände, in die einer Montessori-Pädagogin und langjährigen Mitarbeiterin. Diesen Herbst noch fährt Brigitte Blumer nach Moskau, um beim Aufbau eines Montessori-Kinderhauses zu helfen. «Ich habe viel Arbeitsmaterial, von dem ich immer sagte: ‹Wenn es Leute gibt, die irgendwo ein Kinderhaus aufbauen wollen, bringe ich es ihnen.› Jetzt habe ich eine Frauengruppe aus Moskau kennen gelernt, die zudem der internationalen Friedensbewegung Frauen für den Frieden angehört. Das gefällt mir.»
Die Montessori-Pädagogik
Montessori bezeichnet eine der wichtigsten reformpädagogischen Richtungen neben der Waldorf-Pädagogik Rudolf Steiners. Die Begründerin war Maria Montessori (1870-1952), italienische Ärztin, Pädagogin und Frauenrechtlerin. 1907 eröffnete sie im römischen Arbeiterbezirk San Lorenzo eine Tagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Familien, die so genannte Casa dei Bambini (Kinderhaus). Hier machte sie ihre bahnbrechenden Beobachtungen: Konnten die Kinder selber die verschiedenen Materialien auswählen, wandten sie sich konzentriert und dauerhaft einer Beschäftigung zu und konnten bereits als Vier- oder Fünfjährige ohne äusseren Druck Rechnen, Lesen und Schreiben lernen.
Mit ihren Entdeckungen und Ideen stiess Montessori weltweit auf Interesse und Anerkennung. 1929 gründete sie in Amsterdam die Association Montessori Internationale, um die Weitergabe der unverkürzten und originaltreuen Montessori-Pädagogik zu gewährleisten. Sie kehrte Italien 1936, nach einem naiven Versuch, Montessori im faschistischen Italien zu etablieren, den Rücken und ging zunächst nach Spanien und schliesslich nach Indien ins Exil. Montessori starb 1952 in Holland.
1976 wurde in Genf die Association Montessori Suisse gegründet. Sie setzt sich für die Einführung der Montessori-Pädagogik in Kindergärten, Volksschulen und Lehrerausbildungsstätten ein und organisiert zu diesem Zweck Versammlungen und Vorträge. Zudem fördert sie die Aus- und Weiterbildung von Montessori-LehrerInnen.
In der Schweiz existieren gegen fünfzig privat geführte Kinderhäuser, Schulen und Kindertagesstätten. In Deutschland sind es über 900 Institutionen öffentlicher oder privater Trägerschaft. Über ein dichtes Netz an Montessori-Einrichtungen verfügen insbesondere Finnland, Schweden und die Niederlande.