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Die Liebe als Beweggrund und Triebfeder
Dieses Kapitel ist wie eine wunderbare Einschaltung, die zeigt, dass das, was von der Natur Gottes ist, höher als die Offenbarungen des Geistes und vorzüglicher als diese ist. Gleichzeitig verbindet sich aber das Kapitel mit dem Schluss des 12. und dem Anfang des 14. Kapitels und zeigt, dass die Liebe der Beweggrund und die Triebfeder für die Ausübung der Gnadengaben sein muss, sonst geht deren Nützlichkeit verloren. Die drei ersten Verse beweisen dies.
Ohne Liebe nützt alles nichts
Verse 1-3
Im ersten Vers wird der Fall angenommen, dass einer mit den Sprachen der Menschen und der Engel redet. Wenn er keine Liebe hat, ist alles nur ein nutzloses Geräusch: ein tönendes Erz, eine schallende Zimbel, die weiter nichts hinterlassen.
Im zweiten Vers wird einer gezeigt, der weissagt, viel Erkenntnis hat, alle Geheimnisse weiss und einen Glauben hat, der Berge versetzt. Aber ohne die Liebe ist das alles nichts. (Es kann jemand den Glauben haben, von dem hier die Rede ist, ohne seine Wirklichkeit zu besitzen. Paulus spricht hier vom Glauben, der Berge versetzt, und nicht vom Glauben an die Person des Herrn Jesus Christus. Macht und Gnade müssen immer voneinander unterschieden werden.)
Der 3. Vers zeigt uns jemand, der bereit wäre, alle seine Güter zu verteilen und sogar seinen Leib hinzugeben, um verbrannt zu werden; wenn aber die Liebe nicht dabei ist, nützt das alles nichts. Es hätte nichts anderes zur Folge als Ruhm vor den Menschen (vgl. Mt 6,3.4). Nur Lärm zu machen, nichts zu sein und vor Gott keinen Nutzen zu haben, das wäre das Resultat dieser grossen Taten, wenn die Liebe fehlte.
Die göttliche Liebe
«Gott ist Liebe», das ist die unumschränkte Güte, die von Ihm zu anderen ausfliesst. Was wir hier finden, ist die göttliche Liebe in der Welt, also etwas völlig anderes als das Gesetz. Es ist das, was über allem uns umgebenden Bösen steht und doch ein Empfinden für all dieses Böse hat. Die Liebe ist darüber erschüttert, aber sie wird in sich selbst durch das Böse nicht berührt. Das ist es, was wir in diesen Auswirkungen sehen, und das sehen wir bei Christus, wenn wir Ihn auf seinem Weg durch diese Welt betrachten. Die Liebe ist unumschränkt.
Diese Liebe ist das Teilhaben an der Natur Gottes. Sie bringt Beweggründe hervor, die der menschlichen Natur fremd sind, denn wenn in diesem Kapitel von der Liebe gesprochen wird, dann handelt es sich um die Liebe Gottes, und nicht um menschliche Zuneigung. Die Liebe schöpft ihre Beweggründe in sich selbst, sie liebt ohne äusseren Anlass.
Merkmale und Tätigkeiten der Liebe
Verse 4-7
In diesen Versen finden wir zuerst zwei Merkmale, die die Liebe kennzeichnen:
- Sie ist langmütig und übt Geduld inmitten des Bösen, ohne sich von diesem Bösen herausfordern zu lassen.
- Weiter ist sie voll Güte und verbreitet das Gute, das sie aus ihrer wahren Quelle schöpft, ohne sich beirren zu lassen, wenn ihr Undank begegnet.
Wie haben sich doch diese beiden Merkmale der Liebe in vollkommener Weise im Leben des Herrn Jesus auf dieser Erde gezeigt, und welch ein Gegensatz zu den Gefühlen der gefallenen Natur, die wir von Adam geerbt haben! Das Fleisch kann keine Langmut üben, es ist voll Boshaftigkeit und nicht voll Güte.
Dann nennt der Apostel acht Tätigkeiten, die mit der Liebe unvereinbar sind und die sie nicht ausübt, die aber gerade die gefallene Natur des Menschen kennzeichnen.
- Das Fleisch ist voll Eifersucht,
- voll Prahlerei
- und Hochmut,
- es benimmt sich unanständig,
- sucht nur seinen eigenen Vorteil,
- ärgert sich über andere,
- unterschiebt ihnen Böses und
- freut sich über die Ungerechtigkeit.
Der Christ wird das alles unterlassen, wenn er in der Liebe wandelt, wie Christus in der Liebe gewandelt hat.
Nun folgt die positive Seite: fünf Tätigkeiten der Liebe. Zuerst finden wir, dass sie sich mit der Wahrheit freut. Wahrheit und Liebe sind eng miteinander verbunden. Wenn jemand zu lieben behauptet, die Wahrheit bei ihm aber nicht vorhanden ist, so ist das nicht die Liebe. Wenn die Wahrheit da ist, freue ich mich mit ihr. Sie beglückt mich. Wenn zum Beispiel die Wahrheit verkündigt wird, ist mein Herz ganz dabei, und ich freue mich darüber.
Die Liebe erträgt alles oder deckt alles zu, sie glaubt alles, hofft alles, erduldet alles. Ohne absolute Notwendigkeit enthüllt die Liebe das Böse nicht, sondern deckt es zu. «Die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden» (1. Pet 4,8). Die Liebe glaubt alles, d.h. sie ist nicht argwöhnisch. Die Liebe ist geneigt, an das Gute zu glauben, auch wenn es den Anschein macht, als sei nichts Gutes vorhanden. Sie hofft alles, selbst dass das Gute die Oberhand haben werde, und sie erduldet alle Ungerechtigkeit.
Die Liebe denkt nichts Böses. Das Böse zielt dahin, die Seele niederzudrücken. Christus war in dieser Welt ohne irgendwelchen Gedanken des Argwohns, und in diesem Geist haben auch wir uns in der Welt zu bewegen. Wenn wir die Leute immer verdächtigen würden, wer hätte dann Zutrauen zu uns? Glauben und Hoffen ist ein wirksames Mittel, um zum Guten zu führen. Wenn man den andern misstraut und sie richtet, fordert man oft das Böse heraus. Alle diese Merkmale der Liebe fanden sich in Vollkommenheit beim Herrn Jesus auf dieser Erde.
Jetzt stückweise – dann vollkommen
Verse 8-11
Die Liebe ist die Natur Gottes selbst und vergeht daher nie. Dagegen werden die Kommunikationsmittel, durch die wir jetzt die Gedanken Gottes erfassen, ihr Ende haben. Wir werden dann nichts mehr lernen, denn Lernen setzt Unwissenheit voraus, sondern wir werden alles vollkommen erkennen. Die Prophezeiungen, dieses kostbare Mittel der Auferbauung, der Ermahnung und der Tröstung, ebenso die Erkenntnis, wie wir sie jetzt haben (obwohl uns alles offenbart ist): all das wird sein Ende finden. Was die Sprachen betrifft, so werden sie aufhören, und sie haben tatsächlich aufgehört. Jetzt ist alles Stückwerk. In unserer gegenwärtigen Schwachheit ist es uns nicht möglich, im gleichen Augenblick die Gesamtheit der Offenbarungen zu erfassen. Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, dann wird alles stückweise sein Ende haben. Ein Kind hat in Bezug auf die Dinge, die es umgeben, die seinem Alter entsprechende Auffassungsgabe. Wenn es erwachsen geworden ist, betrachtet es sie anders, d.h. so, wie sie wirklich sind.
Erkennen, wie Gott erkennt
Vers 12
In unserer Schwachheit sehen wir die Dinge undeutlich, rätselhaft, wie durch eine matte Fensterscheibe. Wenn das Vollkommene gekommen sein wird, werden wir von Angesicht zu Angesicht sehen, d.h. völlig klar. Wir werden erkennen, wie wir erkannt worden sind, wie Gott uns kennt. Welch ein Mass der Erkenntnis! Aber das wird eine moralische Erkenntnis sein, nicht nur eine Erkenntnis der Intelligenz. Bei dieser Erkenntnis werden alle unsere Eigenschaften mitspielen. Gott kennt mich jetzt von Grund auf. Dann werde auch ich erkennen, wie ich erkannt worden bin.
«Wenn das Vollkommene gekommen sein wird», das will heissen, die Zeit der Herrlichkeit, wenn alles vollkommen sein wird und alles Stückwerk aufgehört haben wird. Jetzt hat die Erkenntnis noch ihre Abstufungen: «Wir erkennen stückweise.» Dann aber wird diese Erkennungsweise vorbei sein. Wenn einer noch am Lernen ist, beweist dies seine Unwissenheit. Selbst in den göttlichen Dingen haben wir zu lernen. Aber dann wird es keine Unwissenheit mehr geben. Unser gegenwärtiger Zustand gibt uns einen guten Begriff unserer Kleinheit. Wenn alles Mangelhafte vorbei sein wird, werde ich ganz erkennen, wie ich erkannt worden bin. Ich denke, es bedeutet, auf die gleiche Art und Weise erkennen, wie Gott erkennt. Es geht nicht um das Mass der Erkenntnis, sondern um das Wie des Erkennens, nämlich wie Gott erkennt. Ich erkenne die Dinge so, wie sie erkannt werden können.
Glaube, Hoffnung, Liebe
Vers 13
«Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.» Nun oder jetzt haben wir diese drei. Die Grösste davon ist die Liebe, und sie wird bleiben, auch wenn der Glaube und die Hoffnung keinen Grund mehr zum Weiterbestehen haben. Der Glaube wird in Schauen verwandelt sein, und die Hoffnung in Wirklichkeit, und in diesem Schauen und dieser Wirklichkeit werden wir ewig die Liebe haben.
Es steht hier nicht zufällig von «Glaube, Hoffnung und Liebe». Diese drei Dinge charakterisieren jetzt den Zustand des Christen, wie wir in 1. Thessalonicher 5,8 lesen: «Angetan mit dem Brustharnisch des Glaubens und der Liebe und als Helm mit der Hoffnung der Errettung.» Im Neuen Testament finden wir den Glauben, die Hoffnung und die Liebe etwa zehnmal beieinander. Es sind positive Elemente. Der Glaube und die Hoffnung beziehen sich auf unseren jetzigen Zustand, die Liebe auf unseren jetzigen und zukünftigen. Der Glaube erfasst einen Gegenstand und die Hoffnung begehrt ihn. Liebe ist in Wirklichkeit das, was Gott ist. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und das ist unfehlbar so. Wenn wir einen Gegenstand besitzen, brauchen wir den Glauben und die Hoffnung, die sich darauf beziehen, nicht mehr. Das wird vorbei sein. Wir sind in den aktiven Genuss davon gekommen. Im Himmel wird es die Liebe geben, nicht aber den Glauben, weil wir dann sehen, und auch nicht die Hoffnung, weil wir dann besitzen werden, woran wir geglaubt und worauf wir gehofft haben. Der Ausdruck «Nun aber bleibt» zeigt die drei als gegenwärtige Dinge, aber die Liebe versiegt nie.