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Die Autonomen Bezirke (AO) sind in der Russischen Föderation nach den Republiken auf der zweiten Hierarchiestufe der (ethnischen) Autonomie. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden einige zu vollwertigen Republiken (z.B. Adygeja), andere wurden ganz aufgelöst (z.B. der AO der Ust-Ordinsker Burjaten). Die noch existierenden AO sind mit der Ausnahme von Tschukotka jeweils einem Oblast zugeordnet. Der AO der Chanten und Mansen / Jugra gehört zur Oblast Tjumen, die von der Grenze Kasachstans bis zum Nordmeer reicht und zudem den AO der Jamal-Nenzen umfasst.
Titularnationen von Jugra sind die Chanten und Mansen, zwei finno-ugrische Völker, welche die dem Ungarischen am nächsten verwandten Sprachen sprechen. Sie machen aber nur noch einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung von Jugra aus (Chanten – 1.5%, Mansen – 0.5%). Ihre Sprachen sind – anders als sonst in ethnischen Föderationssubjekten üblich – keine Amtssprachen, man findet in der ganzen Region keine Aufschriften auf Chantisch oder Mansisch und nicht einmal Zeitungen.
Nach den Städten Moskau und Sankt-Peterburg ist Jugra das drittwohlhabendste Föderationssubjekt Russlands. Dies liegt an den enormen Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Region – Jugra nennt sich deshalb das „Energie-Herz Russlands“. In der Region operieren zahlreiche russische Öl- und Gasunternehmen, die nach Städten Jugras benannt sind (z.B. Surgutneftegaz) – und natürlich Gazprom. Jugra gehört daher auch zu den teuersten Regionen Russland. Die Preise sind durchaus auf Schweizer Niveau, das Preis-Leistungs-Verhältnis oft schlechter.
Auf unserer Reise nach Jugra besuchten wir die Städte Niznevartovsk, Surgut, Chanti-Mansijsk und Pyt-Jach, danach verliessen wir den Autonomen Bezirk in Richtung Tobolsk und Tjumen.
Einreise und Bürokratie
Für die Einreise nach Jugra genügt ein gültiges russisches Visum, anders als für den nördlich angrenzenden AO der Jamal-Nenzen wird keine spezielle Reisebewilligung benötigt. Für die Ausstellung des russischen Visums wird eine offizielle Einladung benötigt, die im Internet (z.B. visatorussia.com) einfach besorgt werden kann. Für Reisen nach Jugra werden aber keine Einladungen ausgestellt – visatorussia.com beschied uns zu diesem Thema:
„We are ready to provide a tourist invitation but Nizhnevartovsk will not be listed on it. When applying for an actual visa at the Russian consulate, you will have to avoid indicating Nizhnevartovsk in your planned itinerary so that your application does not draw specific attention from the part of the Russian consulate.
We also feel it our duty to inform you that it will not be in our power to help you register your visa and getting a tourist visa registered at a private address in Nizhnevartovsk may be problematic. Of course, if you stay at a hotel, your visa will be automatically registered by the hotel reception. Your voucher will not be required for the registration.“
So beantragten wir schliesslich eine Einladung für Moskau, Tobolsk, Tjumen und Omsk. Da wir am Flughafen Moskau nach Russland einreisten, klappte dies tatsächlich völlig problemlos. Wir brauchten einzig die Registrierungen in den besuchten Städten.
Und diese Registrierungen stellten sich als viel bürokratischer als gewohnt heraus. Bekannte Vorschrift ist, dass man sich innerhalb von fünf Arbeitstagen nach der Einreise registrieren lassen muss. Was mir nach zahlreichen Russland-Reisen aber immer noch schleierhaft ist: Muss die gesamte Aufenthaltsdauer lückenlos mit Registrierungen belegt sein? Im Zug verbrachte Nächte können ja ohnehin nicht registriert werden. Aber würde auch die Registrierung einer einzigen Nacht für zwei Wochen Aufenthalt ausreichen?
Tatsache ist jedenfalls, dass Hotels unabhängig vom Visumtyp Registrierungen machen können, diese auch nicht von der in der Einladung aufgeführten Reiseroute abhängt und dass Hotels die Registrierung auch für längere Dauer als den tatsächlichen Aufenthalt im Hotel ausstellen können (und dazu häufig auch bereit sind). Manchmal kostet die Registrierung etwas, meistens ist sie aber gratis. Früher wurde die Registrierung auf die Rückseite der Migrationskarte aufgestempelt, neu erhält man jedes Mal einen separaten Zettel mit zahlreichen Nummern und Stempeln. Üblicherweise interessieren sich die Grenzwächter bei der Ausreise überhaupt nicht für die Registrierungen.
Umso mehr interessieren sich dafür die Receptionistinnen (Administratoren) der Hotels in Jugra, die so manchen bürokratischen Leerlauf provozierten. In Niznevartovsk wurden wir unaufgefordert für zwei Nächte registriert (trotz nur einer Nacht Aufenthalt). In Surgut hingegen – immerhin der grössten Stadt der Region – weigerten sich fast alle Hotels, uns als Ausländer aufzunehmen, weil sie keine Registrierungsmöglichkeiten hätten. Schliesslich fanden wir ein Hotel, das bereit war, uns auch ohne Registrierung aufzunehmen (was uns recht war). Am nächsten Tag bekam die Administratorin doch kalte Füsse und organisierte uns irgendwie die Registrierung.
In Chanti-Mansijsk kümmerte sich sogar die Hoteldirektorin um uns – und wusste offensichtlich nicht, wie mit uns verfahren, scheinbar sind Ausländer tatsächlich sehr selten in der Region. Sie holte dann ausführlich Erkundigungen beim Migrationsamt (OVIR) und anderen Stellen ein und kopierte verschiedene Dokumente von uns und entschied sich schliesslich, uns doch registrieren zu lassen – wozu das Hotel selbst nicht in der Lage war, sie musste es beim OVIR erledigen. Netterweise registrierte sie uns gleich für die gesamte Gültigkeitsdauer des Visums. Auch die Direktorin fand das ganze Prozedere sinnlos, aber sie wollte auf der sicheren Seite sein, und so sei Russland halt.
Überhaupt ist der AO der Chanten und Mansen ein gutes Pflaster für Freunde der russischen Bürokratie. So war auch für die Gepäckaufbewahrung am Bahnhof von Pyt-Jach ein aufwendiges Registrierungsprozedere notwendig, sogar die Nummer unser Registrierung von Chanti-Mansijsk wurde in ein grosses Buch eingetragen.
Verkehr und Transport
In Anbetracht der abgelegenen Lage und der riesigen Distanzen ist der AO der Chanten und Mansen verkehrstechnisch erstaunlich gut erschlossen, was natürlich auch am Öl- und Erdgasabbau liegt. Deshalb ist die Region auch problemlos mit dem öffentlichen Verkehr zu bereisen.
Eine Eisenbahnlinie durchquert Jugra in Nord-Süd-Richtung mit mehrfach täglich verkehrenden Zügen nach Novy Urengoj (Norden, AO der Jamal-Nenzen) und Tobolsk/Tjumen (Süden, Oblast Tjumen), ausserdem besteht ein Seitenast von Surgut nach Niznevartovsk. Die Hauptstadt Chanti-Mansijsk ist allerdings nicht ans Bahnnetz angeschlossen, der nächste Bahnhof liegt 270 Kilometer entfernt in Pyt-Jach.
Das Strassennetz ist ziemlich gut ausgebaut, die Strassen sind deutlich besser als üblicherweise in Russland. Zwischen allen ans Strassennetz angeschlossenen Städte verkehren regelmässig Busse und Marschrutki – allerdings sind bei weitem nicht alle Städte ans Strassennetz angeschlossen. Entlang dem unteren Lauf des riesigen Stroms Ob (unterhalb von Chanti-Mansijsk) gibt es zahlreiche Ortschaften, die nur per Flussschiff erreicht werden können. Diese verkehren ab Chanti-Mansijsk mindestens täglich. Mit zwei Tagen Fahrt (und einem Halt über Nacht in Berjozovo) erreicht man sogar Salechard, die Hauptstadt des AO der Jamal-Nenzen am Nordmeer.
Nižnevartovsk / Нижневартовск
Nižnevartovsk ist trotz seiner 250’000 Einwohner eine weitgehend unbekannte Stadt im Nordwesten Sibiriens, fernab von touristischen Routen. Die einsam gelegene Stadt, gehört aber zu den wohlhabendsten Russlands: Gemäss der russischen Wikipedia beträgt der durchschnittliche Monatslohn 44‘432 Rubel (ca. 1‘500 Fr.), der höchste Wert in ganz Russland.
Die Ortschaft wurde wegen dem Ölfeld Samotlor, dem grössten Russlands, ab den 1960er Jahren aus dem Boden gestampft und erst 1972 zur Stadt erklärt. Der Anschluss ans Eisenbahnnetz folgte 1976, das Bahnhofsgebäude wurde aber erst 2002 fertig.
Trotz dem erdölbedingten Reichtum sieht Nižnevartovsk wie ein überdimensioniertes Plattenbauquartier aus. Die ganze Stadt ist in “Mikrorayons” gegliedert, die anstelle von Namen Nummern tragen. Dazwischen verlaufen riesige, sechs- oder achtspurige Strassen, die man angesichts der Platzverhältnisse problemlos auch auf die doppelte Breite ausbauen könnte. So sieht die Stadt fast überall gleich aus, sogar richtige Hauptstrassen fehlen.
Zentrum der Stadt ist der grosse, leere Platz vor dem Kunstpalast, auf dem früher sicher mal die Leninstatue stand. Heute gibt es dort ein paar Bierzelte sowie moderne Denkmäler mit Alltagsszenen, meist kombiniert mit Sitzbänken, wie sie in ganz Russland beliebt sind. Eine davon zeigt einen Jungen mit einem Skateboard, wogegen eine ältere Frau demonstrierte. Sie war die einzige Person, die wir auf diesem Platz überhaupt antrafen.
Die einzige belebte Gegend der Stadt ist die Strandpromenade am Ob, die in den letzten Jahren aufgewertet worden ist – Restaurants und Kiosks fehlen aber weiterhin. Entlang der Strandpromenade verteilen sich die dünn gesäten Sehenswürdigkeiten von Nižnevartovsk: Die 1993 erbaute Christi-Geburt-Kirche, die Moschee (in der Stadt leben zahlreiche muslimische Baschkiren und Tataren), eine hässliche ostmoderne Pyramide (Hotel “Glanz Sibiriens”) und der abgewrackte Industriehafen. Ausserdem kann man einstündige Bootsfahrten auf dem Ob machen (300 Rubel).
Unterkunft: Hotel Žuravuška (Журавушка): Für ein einfach eingerichtetes Dreierzimmer in dem Hotel, das im Hinterhof von Plattenbauten liegt, zahlten wir etwa 200 Franken.
Ult-Jagun / Ульт-Ягун
War Nižnevartovsk schon ziemlich abgelegen, so ist Ult-Jagun definitiv ein Kaff, das den Eindruck macht ,als läge es am Ende der Welt: Nach drei Stunden Bahnfahrt erreichten wir diese Station und Siedlung mit etwa 2’500 Einwohnern, wo unser Zug ganze vier Stunden Aufenthalt hatte. Am Ende der Welt ist Ult-Jagun überhaupt nicht, im Gegenteil: Es ist der einzige Eisenbahnknotenpunkt von Jugra, hier treffen sich die Bahnlinien aus Tjumen/Surgut, Nižnevartovsk und Novy Urengoj, einer fast 700 km weiter nördlich gelegenen Stadt im ergasreichen Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen. Entsprechend gross ist die Eisenbahn-Infrastruktur, möglicherweise lebt die ganze Ortschaft hauptsächlich von der Eisenbahn. Natürlich wird aber auch hier in der Umgebung Erdöl abgebaut, was auf den Satellitenbildern gut erkennbar ist.
Die sonst immer perfekt organisierte russische Eisenbahn überraschte mich bei dem Aufenthalt in Ult-Jagun etwas: Obwohl sogar im Online-Fahrplan die baustellenbedingten vier Stunden Aufenthalt vorgesehen waren, hatte die gesamte Zugbesatzung inkl. Zugchef keine Ahnung davon. Deshalb stieg nach der Ankunft auch niemand aus dem Zug aus, da man davon ausging, dass der Zug bald weiterfahren werde. Die Arbeiter des Bahnhofs hingegen kündigten von Anfang an den vierstündigen Aufenthalt an, nur wollten uns die Zugbegleiter nicht aussteigen lassen. So vertrieben wir uns – wie andere Passagiere – die Zeit erst mal im Zugrestaurant, bevor sich dann die Mehrheit der Fahrgäste doch auf den Perron begaben und sich mit einem Biervorrat eindeckten. Trotz der langen Pause beschwerte sich niemand, auch waren wir die einzigen, welche in der ganzen Zeit überhaupt das Bahnhofsgelände verliessen und noch das Dorf besichtigten.
Dieses ist denkbar unspektakulär, es besteht eigentlich nur aus einer Handvoll Häuserblocks hinter dem Bahnhof, einem Kulturhaus, einer Schule und einer Poliklinik. An einem Block hängt ein Plakat mit dem Motto „Sei gegrüsst und erblühe, mein Ult-Jagun!“ Hinter den Häuserblocks befinden sich einige als Garagen etc. genutzte Hütten, danach beginnt die einsame Erdölsteppe. Immerhin hat die Ortschaft eine Umfahrungsstrasse, an der der Ortseingang mit einem monumentalen Hinweisschild (siehe Foto) angekündigt wird.
Der Zug verliess Ult-Jagun schliesslich genau zur im Online-Fahrplan vermerkten Zeit.
Surgut / Сургут / Сәрханӆ
Surgut (Chantisch: Сәрханӆ) ist mit rund 320’000 Einwohnern die grösste Stadt des Autonomen Bezirks der Chanten und Mansen (Jugra) und gehört wie Nižnevartovsk zu den reichsten Russlands. Das wirtschaftliche Zentrum ist vom Erdölabbau geprägt: Moderne Hochhäuser verschiedener Erdöl- und Erdgasfirmen prägen das Stadtbild (darunter der Surguter Sitz von Gasprom), fast alle Einwohner sind im Erdölgeschäft tätig. Dies zeigt der riesige Busbahnhof mit etwa 40 Perrons eindrücklich: Nur auf einem Perron wird der öffentliche Fernverkehr abgewickelt. Von allen anderen Perrons aus fahren Firmenbusse der Surgutneftegaz die Ölarbeiter auf die verschiedenen Ölfelder, die Destinationen sind Nummern, keine Ortsnamen. Sogar die Souvenirs, die man in der Stadt kaufen kann, beziehen sich auf den Ölabbau: Ölpumpen sind omnipräsent, man kann sogar ein goldenes Modell einer Ölpumpe für satte 300 Franken kaufen.
Das Ölgeschäft bringt sehr viel Geld in die Region, dennoch schreckt man nicht vor sozialistisch anmutenden Parolen zurück. „Ölarbeiter! Machen wir unser nördliches Land durch unsere Arbeit berühmt!“ verkündet ein riesiges Schild am Busbahnhof, und vor der Uni heisst es: “ Das Professoren- und Lehrerkollektiv, die Studenten und die Mitarbeiter der Surguter Staatsuniversität grüssen das heldenhafte Kollektiv der Firma Surgutneftegaz zu ihren Arbeitssiegen. Ehre den Ölarbeitern!“
Surgut (Chantisch für „Fischloch“) gehört zu den ältesten Städten Sibirien und war lange Zeit ein russischer Vorposten in der Wildnis. Später geriet die Stadt aber in Vergessenheit und zählte 1939 nur 2’300 Einwohner. Erst als in der Gegend Erdöl gefunden wurde, wurde hier ab den 1960er Jahren eine Grossstadt aus dem Boden gestampft.
Entsprechend dominieren auch hier Plattenbauten und breite Strassen das Stadtbild. Die Stadt gliedert sich in die fünf phantasievoll benannten Rayons Zentral, Ost, Nordost, Nord-Industriell und Nord-Wohnrayon, die ihrerseits wieder in etwa 50 nummerierte Mikrorayons zerfallen. Am Stadtrand herrscht auch heute noch ein Bauboom, zahlreiche bis zu 20-stöckige Plattenbauten sind im Bau. Zentrale Einkaufsstrasse ist – Überraschung – die Lenin-Strasse (Bild oben), die aus Plattenbauten, Beton und farbigen Werbetafeln besteht. Ganz und gar nicht das, was man von der laut russischen Wikipedia lebenswertesten Stadt Russlands erwarten würde.
Die grösste touristische Attraktion der Stadt ist nach meinem subjektiven Empfinden die beiden riesigen Wärmekraftwerke, die zu den grössten Kraftwerken Russlands gehören (siehe nächstes Foto/Bericht). Das Plattenbau-Stadtzentrum hat man schnell gesehen, ins Auge sticht dort ein Nachbau des Big Ben in London bei einer Sprachschule. In der Stadt gibt es ausserdem einige neue Kirchen, eine ziemlich sehenswerte Moschee und ein Freiluftmuseum mit einer Handvoll traditionellen Häusern der Region sowie einer Holzkirche. Die Promenade entlang dem Fluss Ob ist noch im Bau und momentan ziemlich unansehnlich, es ist aber zu erwarten, dass dort in den nächsten Jahren einige absurde Monumente entstehen, so wie dies allgemein zu den Aufwertungsmassnahmen russischer Städte gehört. Leider steht das Lenin-Denkmal nicht mehr, dafür muss irgendwo vor einer Schule noch ein Karl Marx stehen.
Unterkunft: In Surgut ist es nicht einfach, ein Hotel zu finden. Zwar sind die Preise etwas moderater als in Nižnevartovsk, aber fast alle Hotels weigern sich, Ausländer einzuquartieren, weil keine bürokratische Infrastruktur zur Registrierung besteht. Wir erklärten uns zwar bereit, gerne auf die Registrierung zu verzichten (das wird an der Grenze ohnehin kaum kontrolliert), die Hotel-Administratoren wollten aber dieses Risiko nicht eingehen. Schliesslich nahm man uns doch auf im einfachen Hotel „Majak“, das am Stadtrand über einem grossen Chinarestaurant liegt. Das Dreierzimmer kostete dort 4100 Rubel (ca. 125 Franken) pro Nacht.
Wärmekraftwerk Surgut / Сургутская ГРЭС
Höhepunkt unserer Stadtbesichtigung von Surgut war der Ausflug zu den Wärmekraftwerken Surgut ГРЭС-1 und ГРЭС-2. So wie Tourismus in Jugra allgemein nicht vorgesehen ist, ist dies natürlich für die Kraftwerke noch weniger der Fall. Betriebsfremde Personen dürfen das Gelände der beiden Kraftwerke nicht betreten, auch das Fotografieren in der (doch sehr fotogenen) Umgebung ist gemäss den Hinweisschildern streng verboten. Durch das Kraftwerksgelände und über den angrenzenden Damm verläuft aber eine öffentliche Strasse, von der aus man beste Aussicht auf die ganze Anlage hat. Im Stadtzentrum von Surgut haben wir einen Taxifahrer gefunden, der uns an alle interessanten Aussichtspunkte ums Kraftwerk herum gefahren hat.
Die Anlage der beiden Kraftwerke sieht ähnlich aus wie beim ehemaligen ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl (und wohl noch zahlreicher anderer Kraftwerke in der ehemaligen Sowjetunion). Mit einer Kapazität von 5’597.1 Megawatt ist das Surguter ГРЭС-2, das dem Energiekonzern E.ON gehört, das grösste mit Erdöl betriebene Kraftwerk der Welt. Das gleich daneben liegende ГРЭС-1 ist immerhin das drittgrösste solche Kraftwerk (Kapazität: 3’280 MW). Im Sinne von „aus der Region – für die Region“ wird das regional produzierte Erdöl (im ГРЭС-2 auch Erdgas) hier verbrannt und in Energie umgewandelt.
Nicht sehr überraschend entstehen dabei riesige Mengen an Abwärme. Im Winter wird ein Teil davon für die Beheizung der Fernwärmeanlagen von Surgut genutzt. Kühltürme hat das Kraftwerk keine. Deshalb wird einfach ständig ein Strom siedend heissen Wassers in den See daneben geleitet, der dadurch im Sommer wie auch im Winter ungewöhnlich hohe Temperaturen aufweist. Bei unserem Besuch war das Wasser lauwarm, und an verschiedenen Stellen stieg Dampf auf. Den Einheimischen zufolge kann man sogar im Winter (wenn es in Surgut -30°C oder noch kälter wird) in diesem See baden.
ГРЭС steht übrigens für „Staatlich-Rayonales Kraftwerk“ (Государственная Районная Электростанция), einmal mehr eine wenig sinnvolle Abkürzung aus dem sowjetischen Sprachgebrauch.
Neftejugansk / Нефтеюганск
Von dieser Stadt etwa eine Stunde von Surgut entfernten Stadt haben wir nur wenig gesehen, wir sind nur im Bus nach Chanty-Mansijsk dort durchgefahren. Aber der Ortsname sagt eigentlich schon alles, er setzt sich aus „Neft“ (Erdöl) und dem Namen eines nahe gelegenen Flusses (Jugansker Ob) zusammen. Nach ersten Erdölfunden 1961 wurde die Stadt danach mitten in die Tundra gebaut. Sie hat mittlerweile 125’000 Einwohner. Nicht sehr überraschend sieht Neftejugansk darum aus wie die anderen zuvor beschriebenen Städte. Die sowjetische Betonarchitektur dominiert nicht nur, es gibt schlicht nichts anderes. Wirtschaftliches Rückgrat von Neftejugansk ist – vergleichbar mit Surgutneftegaz in Surgut – die Firma Juganskneftegaz. Bei dieser Benennung haben es die russischen Ölbürokraten verpasst, zweimal das Wort „Erdöl“ (Neft) in einen Firmennamen zu packen: Neftejuganskneftegaz wäre doch schon gewesen.
Wie in anderen Städten Jugras leben auch in Neftejugansk zahlreiche zentralasiatische Gastarbeiter, die hier vor allem im Dienstleistungsbereich arbeiten. Auch viele Baschkiren und Tataren wohnen hier. Früher waren Tatarstan und Baschkortostan wichtige Erdölförderregionen. Als sich das Zentrum der Ölförderung später in diese Region verlagerte, zog viel Fachpersonal mit. Aus diesen Gründen leben in Jugra zahlreiche Muslime, in jeder Stadt gibt es mindestens eine Moschee. Besonders prächtig ist jene in Neftejugansk.
Chanty-Mansijsk / Ханты–Мансийск / Ёмвоҷ
Chanty-Mansijsk (Chantisch: Jomvoč) ist die Hauptstadt des Autonomen Bezirks der Chanten und Mansen (Jugra) und die wohl einzige Stadt der Welt, die nach zwei Ethnien benannt ist, nämlich nach den ugrischen Völkern Chanten und Mansen.
Ihre Sprachen sind die mit dem Ungarischen am nächsten verwandten Sprachen, es gibt auch tatsächlich lexikalische Gemeinsamkeiten. Sie werden aber nur von 10’000 (Chantisch) bzw. 1’000 Personen (Mansisch) gesprochen und spielen in dem Autonomen Bezirk mit seiner erdrückenden russischsprachigen Mehrheit praktisch keine Rolle, nicht einmal jene einer Amtssprache. Das Mansische wird voraussichtlich in einigen Jahrzehnten ausgestorben sein. Ein Grossteil der rund 31’000 Chanten lebt in Chanty-Mansijsk, wo auch die chantischsprachige Wochenzeitung „Хӑнты ясаӈ“ (Chantisches Wort) erscheint. Die etwa 12’000 Mansen leben weiter östlich. Auch ihre Wochenzeitung „Лӯимā сэ̄рипос“ (Morgendlicher Sonnenaufgang) erscheint in Chanty-Mansijsk. An allen Kiosken in Chanty-Mansijsk, an denen ich nach diesen Zeitungen gefragt habe, waren sie allerdings nicht erhältlich – im Gegensatz zum Internet: Хӑнты ясаӈ, Лӯимā сэ̄рипос.
Chanty-Mansijsk hat 80’000 Einwohner und ist damit nur viertgrösste Stadt von Jugra. In den letzten Jahren ist sie stark gewachsen, 1989 hatte Chanty-Mansijsk erst 35’000 Einwohner. Anders als die restlichen Städte der Region wurde sie aber nicht wegen des Ölbooms nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft, sondern existiert schon seit dem 17. Jahrhundert. Damals lag das Ortszentrum weiter unten am Fluss und die Stadt hiess Samarovo. 1930 wurde 5 Kilometer von dort entfernt auf der grünen Wiese Ostjako-Vogulsk als Verwaltungszentrum des Autonomen Bezirks der Ostjaken und Vogulen gegründet. Mit der Umbenennung dieser Völker in Chanten und Mansen erhielt auch die Stadt den neuen Namen.
Die Stadt macht, auch verglichen mit den anderen Städten der Region, einen sehr wohlhabenden Eindruck: Fast alle Gebäude und Strassen sehen aus, als wären sie erst in den letzten fünf Jahren erstellt oder renoviert worden. Eintönige Plattenbau-Mikrorayons wie in den anderen Städten Jugras gibt es fast keine. Das Stadtzentrum bildet ein grosser Platz mit Kaufhäusern und den Regierungsgebäuden, von dort aus führt eine Fussgängerzone ein paar Hundert Meter bis an den Stadtrand. Die Stadt besticht mit piekfein herausgeputzten Parks und zahlreichen modernen Bauten, wie dem futuristischen Schach-Zentrum oder der Staatsuniversität von Jugra.
Lange fehlte im „Siegespark“ (ein solcher Park existiert in fast jeder postsowjetischen Stadt im Gedenken an den 2. Weltkrieg) ein Panzer aus dem 2. Weltkrieg, ein allenthalben beliebtes Fotosujet. Mit zunehmendem Wohlstand wollte Chanty-Mansijsk diesen Misstand beheben. Deshalb wurde im Juni 2007 aus einem See in der Nähe der westrussischen Stadt Velikie Luki (Oblast Pskov) ein solcher Panzer geborgen.
Chanty-Mansijsk versteht sich als Sport-Metropole. Die Biathlon-Weltmeisterschaften haben schon zweimal hier stattgefunden. Zwischen dem alten und dem neuen Stadtzentrum befindet sich ein gut ausgebautes Biatlon-Städtchen, komplett mit einer Sesselbahn (von Doppelmayr aus dem Rheintal). Fürs Skifahren sind die 200 Höhenmeter allerdings nicht sehr beeindruckend. Unten an der Skipiste steht das Stadion des Hockeyclubs Jugra, der in der Kontinental Hockey League, der höchsten Eishockeyliga Russlands und seiner Nachbarländer, mitspielt. 2010 fand ausserdem im Schach-Zentrum die Schach-Weltmeisterschaft statt.
Chanty-Mansijsk ist nicht ans Bahnnetz angeschlossen, der Bahnhof der Stadt befindet sich im 240 Kilometer entfernten Pyt-Jach (siehe nächster Bericht). Auch die Anbindung ans Strassennetz erfolgte erst 1996 mit dem Bau der Strasse nach Neftejugansk/Pyt-Jach, vor zwei Jahren folgte zudem eine neue Strasse nach Tobolsk. Zuvor war Chanty-Mansijsk nur auf dem Flussweg sowie auf Winterpisten erreichbar gewesen. Die Flussschifffahrt spielt auch heute für den Passagierverkehr noch eine wichtige Rolle. Täglich verkehren Passagierschiffe zu Ortschaften am Irtysch und am Ob, mit dem sich der Irtysch 20 Kilometer unterhalb von Chanty-Mansijsk vereinigt. Es ist sogar möglich, auf diesem Weg nach Salechard zu gelangen, der Hauptstadt des nördlich von Jugra gelegenen Autonomen Bezirks der Jamal-Nenzen. Täglich fahren nämlich Schiffe von Chanty-Mansijsk aus nach Berjozovo, das etwa auf halber Strecke und je eine Tagesreise von beiden Städten entfernt am Ob liegt. Von dort aus geht es am nächsten Morgen weiter nach Salechard.
Unterkunft: Hotel Geofizik (ul. Gagarina 101). Das alte Hotel erinnert etwas an ein Pfadi-Lagerhaus in der Schweiz, auch vom Komfort her. Mit 3000 Rubel (ca. 90 Fr.) für ein Dreierzimmer sind die Preise im regionalen Vergleich relativ fair. Daneben gibt es in der ganzen Stadt mehrere teure Luxushotels.
Pyt-Jach / Пыть-Ях
Pyt-Jach ist mit seinen 45’000 Einwohnern eine eher kleine Stadt in dieser Region, und auch sie lebt in erster Linie vom Erdölabbau. Unweit von Neftejugansk gelegen, gibt es in der Umgebung von Pyt-Jach einige Ölfelder.
Pyt-Jach ist aber in erster Linie der Bahnhof von Chanty-Mansijsk und Neftejugansk, das Einzugsgebiet des Bahnhofs umfasst etwa 300’000 Einwohner. Entsprechend ist der Bahnhof das Zentrum der Stadt, ein grosser, weisser, klobiger Betonklotz aus den 70er Jahren. Trotz seiner Grösse ist das Bahnhofsgebäude ständig überfüllt, da die Passagiere aus Neftejugansk und Chanty-Mansijsk zur Sicherheit einige Stunden vor Abfahrt des Zuges in Pyt-Jach eintreffen (Russen planen beim Reisen immer viel Spatzung ein) und sich die Zeit dann im Bahnhof totschlagen müssen, da die Stadt sonst nicht viel zu bieten hat. Der Bahnhof allerdings auch nicht: Die drückende Hitze im Café im obersten Stock macht selbst die motivierteste russische Trinklaune zunichte. So auch unsere, deshalb verlagerten wir uns nach zwei Runden auf das Perron. Dort ist das Trinken – wie überall in Russland in der Öffentlichkeit – verboten, und tatsächlich haben einige Passagiere Bussen erhalten.
Ansonsten besteht Pyt-Jach aus der Bahnhofstrasse, welche die Hauptstrasse ist, und Plattenbauquartieren zu beiden Seiten davon. Etwa ein Kilometer vom Bahnhof entfernt befindet sich ein kleiner Markt mit einem kaukasischen Restaurant, wo man sich deutlich besser verpflegen kann als am Bahnhof. Noch weiter stadtauswärts gibt es sogar ein „Beer House“, das aber abgesehen von Chips und Trockenfisch kein kulinarisches Angebot hat.
Unterkunft: Wir haben in Pyt-Jach nicht übernachtet (was sich ohnehin nicht lohnen würde), sondern den Nachtzug genommen. Der Bahnhof verfügt aber über „Ruhezimmer“ (Комнаты отдыха), wo man preiswert übernachten kann. Hotels habe ich keine gesehen.