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BERUFSBILDUNG
Geschichte
Die wichtigsten Meilensteine der Schweizer Berufsbildung
Die Formalisierung der Berufsbildung begann Ende des 19. Jahrhunderts und gründete auf der dualen Berufslehre und der Partnerschaft zwischen Berufsverbänden, Kantonen und dem Bund. Massgeblich vorangetrieben wurde die Entwicklung vom Gewerbeverband.
Von Lorenzo Bonoli, Forschungsleiter, Bereichskoordinator und Dozent am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung
Das schweizerische Berufsbildungssystem in seiner heutigen institutionellen Form geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts und die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Es resultierte aus einer Krise in der damaligen traditionellen Berufslehre, die sich in den Zünften entwickelt hatte. Ende des 19. Jahrhunderts starteten der Bund, die Kantone und die ersten Berufsverbände eine Reihe von Initiativen, aus denen allmählich die ersten Reglemente zur Berufslehre und die ersten Berufsschulen hervorgingen.
Der Bundesbeschluss von 1884 Die Gewerbe- und Handelsverbände, unter anderem der Schweizerische Gewerbeverband, spielten bei der Organisation der Fortbildungskurse, die abends oder an den Wochenenden stattfanden, eine massgebliche Rolle. Sie erarbeiteten Reglemente, führten Lehrabschlussprüfungen ein und übten Druck auf die Politiker aus, mit dem Ziel, eine eidgenössische Regelung in diesem Bereich zu erwirken. Der Bund seinerseits führte 1882 eine «gewerbliche Enquête» durch, um die Berufsbildungskrise der Jungen zu dokumentieren. Diese Erhebung lieferte dem Bund die politische Legitimation, um auf diesem Gebiet einzugreifen. Allerdings bot die damals geltende Bundesverfassung von 1874 nur einen beschränkten Handlungsspielraum. Der Bund hatte nicht das Recht, in den von den Kantonen streng gehüteten Bereichen Bildung und Handwerk Gesetze zu erlassen. Trotzdem konnte der Bund 1884 einen «Bundesbeschluss betreffend die gewerblich-industrielle Berufsbildung» und damit den ersten schweizweiten Erlass in der Berufsbildung verabschieden. In der Folge richtete der Bund den in der Lehrlingsausbildung tätigen Institutionen finanzielle Unterstützung aus, was massgeblich zum Aufbau der damaligen Handwerker- und Gewerbeschulen beitrug. Allerdings waren die Probleme, auf die die Berufslehre bei den Arbeitgebern stiess, noch nicht gelöst.
1890: Erstes kantonales Gesetz Die Lösung für diese Probleme lieferten die Kantone. Als sie feststellten, dass es unmöglich war, schweizweit geltende Bestimmungen zur Berufslehre zu verabschieden, begannen sie mit der Ausarbeitung ihrer eigenen kantonalen Gesetze. Mit diesen Gesetzen sollten in erster Linie die Lehrlinge vor unzumutbaren Arbeitsbedingungen geschützt werden, sie umfassten aber auch Bestimmungen zur Ausbildungsqualität. 1890 trat im Kanton Neuenburg das erste Lehrlingsgesetz in Kraft. Es folgten Gesetze in den Kantonen Genf (1892), Freiburg (1895), Waadt (1896), Obwalden (1901), Glarus und Wallis (1903) sowie Bern (1905). Viele Elemente, die auch heute noch zu den zentralen Grundsätzen der dualen Lehre der Schweiz gehören, wurden bereits mit diesen Gesetzen eingeführt: Es musste zwingend ein schriftlicher Lehrvertrag ausgestellt werden, die Lehrlinge mussten während der Arbeitszeit die Gewerbeschule besuchen und sie mussten eine Lehrabschlussprüfung ablegen. Überdies wurde die gesamte Lehre der Aufsicht des Bundes unterstellt und die vergebenen Abschlüsse und Titel wurden geschützt.
Der Weg zum ersten eidgenössischen Berufsbildungsgesetz Unterdessen veranlasste der nationale Koordinationsbedarf die gewerblich-handwerklichen Kreise, sich für ein neues Bundesgesetz für die Berufsbildung einzusetzen. Die Änderung eines Verfassungsartikels im Jahr 1908 ebnete endlich den Weg für ein solches Gesetz. 1930 war es so weit: Das erste Bundesgesetz über die Berufsbildung wurde verabschiedet. Es übernahm den Grossteil der Bestimmungen, die bereits in die ersten kantonalen Gesetze Eingang gefunden hatten, und passte sie dem nationalen Kontext an. Das Gesetz von 1930 legte den Grundstein für das heutige Berufsbildungssystem. Es setzte auf die duale Berufslehre und den Aufbau der Partnerschaft zwischen den drei Partnern (Bund, Kantone und Berufsverbände), deren heutige Rolle sich schon aus dem damaligen Gesetz erahnen liess. In den Jahren 1963, 1978 und 2002 wurde das Berufsbildungsgesetz angepasst, grundlegende Änderungen wurden aber keine vorgenommen. Seit dem ersten Berufsbildungsgesetz von 1930 ist die Zahl der gesetzlich reglementierten Berufe, Branchen und Bildungsstufen laufend gestiegen, die Kontroll- und Qualitätssicherungsinstrumente wurden ständig verbessert und die Berufsbildung ins allgemeine Bildungssystem der Schweiz integriert. Unverändert bleibt, dass die duale Lehre und die Verbundpartnerschaft auch heute noch das Rückgrat der Schweizer Berufsbildung bilden.
Links und Literaturhinweise
Bonoli, L. (2012): La naissance de la formation professionnelle en Suisse: entre compétences techniques et éducation morale. In: Éducation Permanente (Nr. 192, S. 209-221).