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Seit wir nach Burns kamen, stellten wir uns immer wieder die Frage, wovon die Leute in dieser abgeschiedenen Gegend leben. Zwischen etwas nach Reno und Burns war es klar, da gab es ja ausser vereinzelten Ranches gar nichts. Aber nachher wurden die Siedlungen etwas grösser. Dass sie ihre besten Tage deutlich sichtbar hinter sich (oder gar nie) hatten, haben wir schon geschrieben. Doch dass der ganze Landstrich der Blue Mountains von etwa 350 auf 350 km derart heruntergekommen erscheint, hätten wir doch nicht erwartet. Mit der Zeit bekamen wir die eine oder andere Antwort auf unsere Frage. Die Holzwirtschaft blühte bis Anfangs der 1990er Jahre. Zwischen Burns und Seneca liegt entlang vom Hwy 395 das Gebiet mit dem grössten von der US-Regierung je getätigten Holznutzungsverkauf. Er war an die Auflage gebunden, eine Eisenbahn zu bauen, die von ca 1920 bis Mitte der 1980er Jahre in Betrieb war. Aber als alle Bäume gefällt waren, gab’s nichts mehr zu holen. Über die Goldgräbersiedlungen haben wir schon geschrieben. Mitchell lebt wohl im Wesentlichen von den paar Touristen, die in die Painted Hills kommen. Nordöstlich davon wird das Land laufend grüner und die Bauernhöfe zahlreicher. Doch Emmentalstimmung kommt nicht auf – jeder dritte Bauer hat eine Art Privatautofriedhof auf seinem. Wahrscheinlich meinten diese Bauern einmal, mit dem Verkauf von Altmetall ein Zusatzgeschäft zu machen. Jetzt haben sie wohl vor allem den verseuchten Boden…. Am schlimmsten war dieser Eindruck in Monument. Hier scheinen mehr als drei Viertel der Leute in mehr oder weniger mobilen Wohnwagen zu leben. Weil es in dieser Gegend selten regnet (ausser als wir da waren…), lagern viele Leute einen Teil ihres Hausrats nicht gerade strukturiert im Vor- oder Hintergarten. Long Creek war deshalb besser, weil es ein richtiges Restaurant und nicht nur einen „Wagorant“ (ein zur Burgerbraterei umfunktionierter Wohnwagen) gab. Dort haben wir von Rahel und Peter erfahren, dass man auch mit gegen 0 strebendem Einkommen ein Haus erstehen kann. Was die beiden damit alles erlebt haben, kann man nachlesen unter http://hashtonealley.mymusicstream.com/home. Vieles in den Blue Mountains erinnert an die abgelegenen Täler in den Karpaten in Rumänien oder der Slowakei. Zum Beispiel die aus alten Pneus gefertigten Blumentöpfe oder die ab und zu knallig bemalten Gebäudeteile. Der Tankstellenladenpostoffice-Chef in Dale (wir haben nur 3 Behausungen gesehen, wahrscheinlich hats im Wald noch mehr…), hat mich jedenfalls wie eine Furie angefahren, als ich mein Velo an eine Säule der Tankstelle stellte. Er hätte die erst gestern frisch gestrichen. Innen war dann definitiv eine Kopie eines Lebensmittelladens in einem abgelegenen Dorf in Rumänien: Von jedem Artikel gab es 1 bis drei Stück zu kaufen. Einzig das Biergestell war ordentlich gefüllt…. Der Eindruck , dass die ganze Region auf dem Entwicklungsstand gleich nach der Ankunft der ersten Siedler steckenblieb, bestätigte sich in Ukiah. Auch hier kein Händiempfang, dafür ein WiFi fürs ganze Dorf. Das Passwort kostete 5 $ und zum Eintippen musste ich das Händi der Tochter der Hotelinhaberin abgeben. Beim Frühstück hat uns Jim bestätigt, dass in dieser Gegend viele Leute ganz oder teilweise arbeitslos seien und von „governent payments“ und sonst der Hand in den Mund leben. Die Jagd sei z.B. überlebenswichtig hier für die Leute. Mit den Bildern einer einmalig eindrücklichen Landschaft und diesen Fragen rollten wir die 60 km (kein Tippfehler) runter nach Pendleton und hofften in diesem „Unterhaltungszentrum“ von Ostoregon auf einige Antworten auf unsere Fragen.
Pendleton ist mit gut 15’000 Einwohnern die grösste Stadt am Hwy 395 seit Reno (von dort sind wir etwa vor drei Wochen abgefahren). Schon bei der Einfahrt merken wir, dass hier die Uhren anders ticken – in Pendleton wird schliesslich eines der 4 grössten Rodeos der USA ausgetragen. Es gibt Rotlichter, Betonbrücken unter dem Interstate hindurch und jede Menge Hotels und Restaurants! Als erstes besuchten wir das Kulturzentrum im nahe gelegenen Indianerreservat. In einer grossartig angelegten Ausstellung erfuhren wir vieles über die „Natives“ dieser Region in den letzten 300 Jahren. Am Nachmittag machten wir uns auf zu einer Tour in den Underground von Pendleton. Wir wussten ja nicht so recht, was da auf uns zukommt. Diese Führung war echt der Hammer. Eine ehemalige Lehrerin (und Schauspielerin im lokalen Theater) schilderte sehr lebhaft, was ein Cowboy durchmachte, wenn er nach einem Jahr Schafe oder Kühe hüten wieder einmal in die Stadt kam. Das war die perfekte Ergänzung aus dem realen Leben zu den Schilderungen über Pete French vor einigen Tagen. Erste Station war der Saloon im Untergrund, wo er einige Drinks zu sich nahm und vom Barkeeper um einen wesentlichen Teil seines in Goldstaub ausbezahlten Lohns gebracht wurde (wie das genau vor sich ging, lässt sich nicht in wenigen Worten beschreiben, aber ich weiss jetzt, weshalb in jedem Western der Barkeeper dauernd die Theke poliert). Dann ging es zum Bad und in die Wäscherei, die von Chinesen betrieben wurde. Das erste Bad am Tag kostete 10 Cents – nachher würde es immer billiger, schliesslich hatte man ja keine Zeit, das warme Badewasser für jeden Kunden auszutauschen…. (Alles im Untergrund und weitgehend original erhalten). Die dritte Station war dann das Bordell. Davon hat es in Pendleton bis 1957 18 Stück gegeben. Erkenntlich waren sie an den geschwungenen Fenstern im ersten Obergeschoss. Eines dieser „Working Girls Hotels“ ist noch weitgehend im Originalszustand erhalten. Es wurde von Miss Stella betrieben, die sehr fürsorglich zu ihren Girls schaute. Als der Methodistenpfarrer 1957 den Bürgermeister mit einer Liste der Freier erpresste, die Bordelle über Nacht zu schliessen, hat sie es mit einer List geschafft, ihres unauffällig weiterzubertreiben, bis sie 1967 starb. Das Gebäude blieb dann bis 1995 unberührt und konnte von den „Underground Tours“ übernommen werden. Miss Stella wird nachgesagt, dass sie das soziale Gewissen der Stadt gewesen sei und sie hat es zu einer Statue an der Mainstreet gebracht. Eine Puffmutter als Stadtberühmtheit – wahrscheinlich nicht nach dem Geschmack des Methodistenpfarrers von 1957…
Zurück zum Underground. Pendletons Altstadt ist durchzogen von Tunnels, die verschiedenen Zwecken dienten. Gebaut wurden sie von den chinesischen Einwanderern. Ihnen dienten die Tunnels und Räume auch als Wohnstätte. Am Tageslicht waren sie von der weissen Bevölkerung nicht erwünscht. Sie arbeiteten beim Eisenbahnbau und übten ganz bestimmte Berufe aus, wie zB der oben erwähnte Bader und Wäscher. Im Underground gab es auch Bars und Spielstätten zur Zeit des Alkoholverbots (prohibition) und vieles mehr. Alles in allem eine komplett andere Welt als in den letzten rund 8 Tagen in den Blue Mountains!
Das Museum der historical Society des Umatilla County ist das pure Gegenteil zu jenem in Burns. Attraktiv aufgemacht werden die einzelnen Puzzleteile der Geschichte zusammengefügt. Die Puzzleteile sind die verschiedenen Ethnien, die hier leben: nebst den Indianern die Basken, die Portugiesen, die Hispanics etc. Die Gegend hier war eine wichtige Etappe auf dem Oregon Trail, auf welchem die frühen Siedler unter grössten Strapazen auf Ochsenwagen ihren gesamten Hausrat nach Westen schafften (wenn man selber unter Einsatz der eigenen Muskelkraft hier ankam, bekommt man Hühnerhaut beim Lesen der Reiseberichte). Der entbehrungsreichen Reise der frühen Siedler ist ein rechter Teil des Museums gewidmet. Was wir hier in historischer Aufmachung sehen, erinnert in Vielem übertragen in die heutige Zeit an unsere Eindrücke aus Seneca, Monument, Long Creek und Ukiah: „Sorry for the mess, we have just arrived“.
PS: Was es in Pendleton am Hwy sonst noch gibt: Die älteste Sattlerei im Westen der USA mit einer grossen Ausstellung von wunderschönen Pferdesätteln und die älteste Wollmühle (mit Weberei) im Westen.