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Die Geschichte der Personenschifffahrt in der Schweiz
Die Seen und schiffbaren Flüsse der Schweiz boten sich als nutzbare Verkehrswege an, lange bevor die Eisenbahn oder gute Strassen das Land erschlossen. Mit Marktschiffen wurden die Städte mit Waren aller Art beliefert. Auf den Alpenrandseen wurden Güter auf ihrem Weg über die Handelspässe transportiert. Pilger nutzten die sich bietende Gelegenheit zur bequemen Reise. Aber auch Kriegsschiffe wurden von den Zürchern, Innerschweizern und Bernern für ihre Interessen eingesetzt. Alle Schiffe wurden von Ruderknechten fortbewegt. Bei günstigem Wind setzte man die Segel. Schlechtes Wetter konnte aber die Schifffahrt beeinträchtigen oder gar ganz verhindern. 1823 kam das erste Dampfschiff in der Schweiz in Fahrt. Der amerikanische Konsul Edward Church erkannte, wie ideal sich ein solches Schiff auf dem Genfersee einsetzen liess. Ab dem 1. Juli 1823 verkehrte die «Guillaume Tell» zwischen Genf und Lausanne regelmässig. Der Dampfer brachte dem Besitzer finanziellen Erfolg. Bald konkurrierten das DS Winkelried, gebaut 1824, und die Waadtländer «Léman» (1826) auch um die zu transportierenden Güter und Personen auf dem Genfersee. Ausser auf dem Bodensee, wo ab 1824 der württembergische Dampfer Wilhelm die ersten Kursfahrten ausführte, kam 1826 zunächst nur auf dem Neuenburgersee die kleine «Union» in Fahrt. Im gleichen Jahr wurde auch auf dem Lago Maggiore die Schifffahrt lanciert; durch den König von Sardinien mit dem Raddampfer Verbano. Erst 1835 kamen auf anderen Schweizer Seen Dampfschiffe auf. So bot die Hoteliersfamilie Knechtenhofer aus Thun-Hofstetten ab dem 31. Juli für ihre Gäste des Hotels Bellevue Fahrten mit ihrem gleichnamigen Schiff auf dem Thunersee an. Auf dem Zürichsee brachte der Dampfer Minerva ab 1835 die Wirtschaft in Schwung. Es ist dies der erste fahrplanmässige Einsatz eines Schiffes mit eiserner Schale auf dem europäischen Kontinent.
Auf dem Vierwaldstättersee eröffnete Casimir Friedrich Knörr die Dampfschifffahrt im Jahre 1837 mit seiner «Stadt Luzern».Immer mehr Seen und Flüsse wurden in der Schweiz von Dampfschiffen befahren. Es waren kleine, bis zu 40 Meter lange und über die ganze Breite etwa neun Meter messende Glattdeckdampfer. Ausser den Radkästen und den Abgängen zu den Salons im Rumpf und dem Kamin hatten die Schiffe keine festen Aufbauten. Das Steuerrad war im Heck angebracht und wirkte direkt auf das Ruderblatt. Der Kapitän hatte die nötige Übersicht auf den Radkästen, von wo aus er stehend seine Kommandos erteilte. Die Passagiere fanden Schutz vor Wind und Wetter unter einem Zeltdach auf dem hinteren Teil des Freidecks. Auf dem Vorschiff wurden Güter geladen. Dort hatten sich auch die Fahrgäste einzufinden, welche sich die Fahrt 1. Klasse nicht leisten konnten.
Die «Belle Epoque»
Die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommende Eisenbahn beeinflusste die Schifffahrt wesentlich. Zuerst brachte sie mehr Personen und Güter an die Ufer der Seen, wo sie die Schifffahrt zum Weitertransport übernahm. Wo aber die Eisenbahn entlang des Gewässers fuhr, wie etwa beim Zürichsee, brachte sie die Schifffahrt nach einer kurzen wirtschaftlichen Blüte in die Krise. Als die «Belle Epoque» im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann, kamen vermehrt ausländische Touristen in die Schweiz. Vor allem der Genfer-, Brienzer- und Vierwaldstättersee konnten davon profitieren. Die Flotten wurden stark ausgebaut und die ersten Salondampfer erstellt. So kam in der Schweiz mit dem Salonraddampfer Oberland das erste Schiff dieses Typs auf dem Brienzersee in Fahrt. Die damals erst im Ausland bekannte Bauform, mit geräumigen Aufbauten auf dem Deck, wurde denn auch bezeichnenderweise von Hoteliers aus Interlaken und Umgebung gefordert. Auf dem Genfersee kam 1875 mit dem DS Mont Blanc der erste Salonraddampfer für den Lac Léman in Betrieb. Die Schiffe der Compagnie Générale de Navigation sur le Lac Léman (CGN) waren bekannt für ihre Gastronomie, welche den Vergleich mit den Restaurants an Land nicht zu scheuen brauchten.
Auf dem Vierwaldstättersee weisen Schiffsnamen wie «Victoria», «Germania» oder «Italia» auf die Bedeutung der ausländischen Touristen hin. Die Salons der heute noch fahrenden Dampfschiffe Uri und Unterwalden sind Zeugen jener glanzvollen Zeit.
Weltbekannte Schweizer Lieferanten
Die Gebrüder Sulzer aus Winterthur und Escher Wyss aus Zürich konnten während der Belle Epoque eine grosse Anzahl Dampfschiffe für die Schweizer Seen liefern. Ihr Ruf für den guten Schiffsbau und insbesondere für die Qualität der Dampfmaschinen machte sie auch im Ausland bekannt.
Zwei Weltkriege und die Wirtschaftskrise
Die Schifffahrtsgesellschaften in der Schweiz wurden vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges völlig überrascht. Ihren Glauben an den wirtschaftlichen Erfolg und an einen anhaltenden Tourismusboom, welche die «Belle Epoque» gebracht hatte, stellten sie nicht in Frage. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen in der Schweiz nur noch vereinzelt grössere Dampfschiffe in Fahrt. Als allerletzter Raddampfer der Schweiz stiess 1928 die «Stadt Luzern» zur Flotte auf dem Vierwaldstättersee. Immer mehr lösten Dieselmotorschiffe die teilweise veralteten und nicht rentablen Dampfschiffe ab. Diese benötigen weniger Personal und sind schneller betriebsbereit, da sie nicht für die Dampferzeugung vorgeheizt werden müssen.
Hochkonjunktur in der Schifffahrt
Die Personenschifffahrt in der Schweiz lag nach dem Zweiten Weltkrieg darnieder. Erst die zahlungskräftigen Touristen aus England und Amerika liessen diese wieder aufblühen. Aber für die zum Teil alten, ungepflegten und unrentablen Schiffe musste Ersatz beschafft werden. Umfassende Flottenerneuerungsprogramme wurden aufgelegt. Moderne Dieselmotorschiffe verdrängten die Dampfschiffe im fahrplanmässigen Einsatz. Die Freunde der Dampfschifffahrt organisieren sich Der Glaube an das Moderne führte zu einem scheinbar nicht aufzuhaltenden Dampfersterben. In verschiedenen Vereinen organisierten sich die Dampferfreunde der ersten Stunde. Das Ziel war klar: Die noch vorhandenen Dampfschiffe sollten erhalten bleiben und möglichst oft im Einsatz stehen. Die Dampferfreunde leisteten Überzeugungsarbeit bei den Schifffahrtsgesellschaften und sammelten so viel Geld, dass finanzielle Argumente der Dampfschiffgegner nicht stichhaltig waren. Denn oft kam die Restaurierung eines Dampfers mit der finanziellen Unterstützung der Dampferfreunde günstiger als der Neubau eines Motorschiffes. Der höhere Personalaufwand beim Betrieb wird durch den grossen Werbeeffekt für die Schifffahrt wettgemacht. Heute sind die in der Schweiz während der Hochsaison im Einsatz stehenden Raddampfer Publikumslieblinge und nicht mehr wegzudenken.
Die Erneuerung der Flotten der Schweizer
Schifffahrtsgesellschaften führte zum Bau von verschiedensten modernen Motorschiffen. Diese bieten den Fahrgästen heute die Möglichkeit, komfortabel zu reisen. Grosse und niedrig gehaltene Fenster vermitteln während der Fahrt den Eindruck der Nähe zum Wasser und zu den vorbeiziehenden Landschaften. Nicht selten zieht auch das kulinarische Angebot auf den Schiffen viel Publikum an. So sind im Sommer kalte Buffets und Grilladen, Sushi und Egli die Renner, während in der kühlen Jahreszeit eine zünftige Metzgete und Wildspezialitäten sowie verschiedene Zubereitungsarten von Fondues auf der Speisekarte stehen. Der Weinfreund wird durch ein ausgezeichnetes regionales Angebot verwöhnt. Mit diesen und anderen Angeboten macht sich die Schweizer Schifffahrt vom Wetter und den Jahreszeiten etwas unabhängiger.