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Einem Lauffeuer gleich ging im vergangenen November die Meldung international durch alle Scientology-kritischen Foren: Bretislav Josef Mrkos, genannt Hania (67), kehrt der Sekte den Rücken. Seither gilt er als Abtrünniger. Von den Familienmitgliedern, die weiterhin den Scientologen angehören, wurde er «disconnected», getrennt. Kontakt ist keiner mehr möglich.
Hania stellt einen gewichtigen Abgang dar: Seit den 1970er Jahren ist er Sektenmitglied. Er hat Scientology Basel und Bern massgeblich aufgebaut. Doch nun hat er gebrochen, nicht mit dem Glauben an die vom Sektengründer Ron Hubbard propagierten «Kommunikationstrainings», die einen zu einem besseren, «geklärten» Menschen erziehen sollen, aber mit der Art, wie die Sekte heute von David Miscavige geführt werde. Hania sagt im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag»: «Scientology ist zur kommerziellen Geldmaschine verkommen.»
Der Konflikt brach 2013 aus. Hania, der seit einigen Jahren in Prag lebt, hatte von der Zentrale die Anweisung erhalten, alles Scientology-Material zurückzuschicken. Diese sei fehlerhaft. Neue Bücher und Gerätschaft würden ihm gegen Entgelt geliefert. Fehlerhaft sei überdies auch seine «Auditing»-Ausbildung gewesen, die er deshalb wiederholen müsse. Für Hania ist klar: Der Sekte gehe es einzig um das Geld, das er aufwenden müsste, um erneut eine obere Stufe der «Ausbildung» zu machen.
Hania beabsichtigt nun, den Spiess umzudrehen: Wenn die «Ausbildung», für die er und seine Frau in Basel nach seiner Schätzung rund 180 000 Franken bezahlten, von Scientology als nichtig erklärt werde, so wolle er das Geld zurück. Seinen Basler Anwalt hat er in einem ersten Schritt beauftragt, eine Abrechnung der bisherigen Zahlungen von Scientology Basel zu verlangen. Eine spätere Klage behält er sich vor.
Der gebürtige Tscheche hat eine klassische Scientology-Karriere hinter sich. Er erzählt, wie er in München mit Scientology in Kontakt kam, nachdem er «auf der Suche nach Spiritualität» zuvor auch mit Drogen experimentiert hatte. Scientology haben ihn von den Drogen weggebracht und dafür neues Suchtverhalten provoziert. 1974 kam Hania in Basel an und baute mit einem halben Dutzend Leute ein City Office auf. Basel zählte als Niederlassung der Münchner Scientologen. Als München stärker auf den Basler Betrieb Einfluss nahm und «militärische Strukturen» einführte, so erzählt es zumindest Hania, sei er mit seiner Frau nach Bern weitergezogen, um dort eine Scientology «Mission» aufzubauen. Drei Jahre später sei er dort jedoch von der sekteninternen Disziplinierungsorganisation, dem «Guardian Office», entmachtet worden. Er sagt, er sei in München neun Stunden lang verhört worden. Zwölf Mal habe man ihm die gleichen 93 Fragen gestellt. Seine Zähne seien untersucht worden in der Paranoia, dort seien Mikrofone versteckt.
Von Scientology konnte Hania auch nach diesem Vorfall nicht lassen. Ende der 1970er-Jahre sei er von der Europa-Zentrale in Kopenhagen erneut rekrutiert worden, um den zerstrittenen Haufen der Basler Scientologen wieder zu bündeln. Hania «schulte» sich mehrere Monate in Dänemark. In Basel habe Scientology in den 80er-Jahren manchmal einen Umsatz von 100 000 Franken pro Monat gemacht. 35 Prozent konnten die Scientologen als Lohn behalten, ein Grossteil des Geldes floss ab.
Die Niederlassungen standen erstmals unter grossem finanziellem Druck. Eine Scientology-interne Finanzpolizei tauchte auf, um in verhörähnlichen Situationen zu erforschen, ob wirklich alle Einkünfte deklariert würden. So erzählt es Hania. Er, der ausgebildete Turnlehrer, der nach einem Sportunfall nicht in seinem Beruf arbeitete, fuhr in Basel damals Taxi und hielt in der ganzen Schweiz Scientology-Vorträge. Später stieg er in das Immobilien-Business ein und gründete mehrere Firmen.
1989 kam Hania in die Schlagzeilen der regionalen Medien. Er habe Mitarbeiter dazu angehalten, Scientology-Kurse zu besuchen. Per Gericht versuchte Hania, einen Bericht der Gratiszeitung «Doppelstab» über seine Aktivitäten zu verhindern. Das Gericht ging jedoch nicht darauf ein. Noch heute sagt Hania, er habe seine Mitarbeiter nicht zu Scientology gedrängt. Die Recherchen damals sagten etwas anderes.
Vor sieben oder acht Jahren habe er die «Auditoren»-Ausbildung gemacht, die ihm nun aberkannt worden ist. Hania meint zu wissen, weshalb: Die Sekte bekunde immer mehr Mühe, neue Mitglieder zu rekrutieren, und presse dafür die langjährigen Mitglieder finanziell aus. Diese würden «richtiggehend gemolken», sagt Hania. Die «Ziele» seien für einen normalen Bürger nicht mehr erreichbar, da er das Geld für die «Kurse» nicht aufbringen könne. Scientology werde zur Sekte der Reichen. Er sagt: «Je grösser das Portemonnaie, desto geistiger soll das Wesen sein.» Scientology sei damit ihren Zielen untreu geworden, meint der Scientologe.
Dass vor allem langjährige Scientologen zur Kasse gebeten werden, scheint sich auch beim forcierten Geldeintreiben für die Basler Ideal Org bestätigt zu haben. In einem Schreiben, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, hat der einflussreiche Scientologe Rudolf Flösser im Anschluss an einen Event die Schweizer Sektenmitglieder in typischer Scientology-Sprache in die Pflicht genommen: «Jeder anwesende Public und jeder Staff hat mit seiner Unterschrift ebenfalls seine Übereinstimmung bekundet und hat versprochen, die Zielsetzung einer geklärten Schweiz nachdrücklichst zu verfolgen und alles Nötige zu unternehmen, um alle Orgs der Schweiz ideal zu machen.»
Während der Treuhänder Flösser in der Scientology-Welt weiter aufsteigt, droht Hania der Absturz. Oder wie er selbst sagt: «Ich bin aufgewacht.» Einst war er ein «OT Klasse IV» in der Sektenhierarchie. Nun wurde ihm der Kontakt zu seiner Tochter gesperrt. Diese arbeitet in den USA für Scientology. Achtzig Stunden pro Woche für vierzig Dollar Entschädigung.
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