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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

39. Vortrag
4.
Was ich hier sage, könnt ihr aus täglichen Gleichnissen erkennen. Ein Mensch und ein anderer Mensch, wenn jener der Vater, dieser der Sohn ist. In Bezug auf sich selbst ist er Mensch, in Bezug auf den Sohn ist er Vater, und der Sohn hinwieder ist Mensch in Bezug auf sich selbst, Sohn aber in Bezug auf den Vater. Denn der Name Vater drückt eine Beziehung zu etwas aus, und ebenso drückt der Name Sohn eine Beziehung zu etwas aus; indes das sind zwei Menschen. Nun aber ist Gott der Vater in Bezug auf etwas Vater, nämlich in Bezug auf den Sohn, und der Sohn ist in Bezug auf etwas Sohn, nämlich in Bezug auf den Vater; allein nicht wie jene zwei Menschen, sind diese zwei Götter. Warum ist das hier nicht so? Weil jenes etwas anderes ist, dieses aber wieder etwas anderes ist; weil dies die Gottheit ist1. Da ist etwas Unaussprechliches, was sich mit Worten nicht ausdrücken läßt, so daß es sowohl eine Zahl ist als auch keine Zahl ist. Denn sehet, ob sich nicht gleichsam als Zahl zeigt: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ― eine Dreiheit. Wenn drei, was sind die drei? Es fehlt die Zahl2. So ist Gott weder ohne Zahl noch wird er von der Zahl umfaßt. Weil es [S. 585] drei sind, ist es gleichsam eine Zahl; wenn du fragst, was die drei sind, ist es keine Zahl. Darum heißt es: „Groß ist unser Herr, und groß ist seine Kraft, und seiner Weisheit ist keine Zahl3. Wo du zu denken anfängst, fängst du zu zählen an; wo du zähltest, kannst du nicht sagen, was du zähltest. Der Vater ist der Vater, der Sohn ist der Sohn, der Heilige Geist ist der Heilige Geist; was sind diese drei, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist? Nicht drei Götter? Nein. Nicht drei Allmächtige? Nein. Nicht drei Schöpfer der Welt? Nein. Also ist der Vater allmächtig? Gewiß allmächtig. Also ist nicht auch der Sohn allmächtig? Gewiß auch der Sohn ist allmächtig. Also ist auch der Heilige Geist nicht allmächtig? Auch er ist allmächtig. Also drei Allmächtige? Nein, sondern ein Allmächtiger. Durch das allein weisen sie auf eine Zahl, was sie in Bezug aufeinander sind, nicht was sie in Bezug auf sich selbst sind. Denn weil Gott der Vater in Bezug auf sich selbst Gott ist zugleich mit dem Sohne und dem Heiligen Geiste, sind nicht drei Götter; weil er in Bezug auf sich selbst allmächtig ist zugleich mit dem Sohne und dem Heiligen Geiste, sind nicht drei Allmächtige; weil er aber nicht in Bezug auf sich selbst Vater ist, sondern in Bezug auf den Sohn, noch Sohn in Bezug auf sich selbst, sondern in Bezug auf den Vater, noch Heiliger Geist in Bezug auf sich selbst, sofern er der Geist des Vaters und des Sohnes genannt wird, kann man nicht drei zählen, außer Vater, Sohn und Heiliger Geist, diesen einen Gott, einen Allmächtigen; also ein Anfang.
1: In dem angeführten Gleichnis muß man von zwei Menschen reden, weil jeder eine andere Menschheit besitzt; in der Trinität aber ist dem Vater und dem Sohn eine und dieselbe Gottheit eigen, darum sind es nicht zwei Götter wie dort zwei Menschen.
2: Die Gottheit oder das göttliche Wesen ist nur eines, hier wird nicht weiter gezählt wie bei den Personen.
3: Ps. 146, 5 [hebr. Ps. 147, 5].