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Es passiert ganz unbewusst, beim Schreiben, beim Lesen oder beim Sprechen: Wir beobachten schwarze Raben, die auf den Dächern krächzen. Wir lauschen unserem Pulsschlag oder schreien laut. Noch erkennen Sie vermutlich nicht, worauf ich hinaus will. Die Rede ist vom Pleonasmus, der sich in unzähligen Sätzen einschleicht.
Ein Pleonasmus ist eine überflüssige Häufung sinngleicher Ausdrücke. Eine Wortgruppe, die keine zusätzliche Information beisteuert, sondern dasselbe meint. Wird der Pleonasmus bewusst als Stilmittel eingesetzt, hat er eine verstärkende oder besonders hervorhebende Wirkung. Geschieht er willkürlich, ist er leider nicht mehr als eine Stilblüte. Und diese gilt es zu vermeiden. Der Klassiker unter den Pleonasmen ist der weisse Schimmel: Ein Schimmel ist immer weiss, es sei denn, die Kinder haben ihn aus Jux angemalt oder er entspringt einem Märchen. Aber in der realen Tierwelt ist Schimmel der Fachbegriff für ein weisses Pferd.
Jetzt ahnen Sie vermutlich, wo die Pleonasmen im ersten Textabschnitt versteckt sind. Oder haben Sie schon mal rosarote Raben gesehen? Wir haben einen Puls, der immer schlägt, mal schneller, mal langsamer. Aber er schlägt immer, sonst wären wir nämlich tot. Also genügt es, wenn wir vom Puls reden oder schreiben. Und wenn Sie es schaffen, leise zu schreien, dann schicken Sie mir bitte eine Audiomitteilung oder ein Video davon. Ansonsten würde ich behaupten, schreien klingt immer laut.
Inzwischen sind Sie bestimmt ein Profi des Pleonasmus. Dann starten wir doch gleich einen Testversuch, ob Sie im folgenden Satz alle erkennen: «Ich persönlich finde, es hat sich schlussendlich gelohnt, das Haus neu zu renovieren.»
Zum Abgleich liefere ich die Lösung: Der eine Pleonasmus steckt im «Ich persönlich», denn ICH suggeriert immer, dass es persönlich ist. Ein weiterer Pleonasmus ist schlussendlich. Schluss bedeutet dasselbe wie Ende, adjektivisch verwendet mit endlich. Nutzen Sie stattdessen «schliesslich» oder «letztlich». Worüber wir oft stolpern ist «neu renovieren». Renovieren bedeutet «erneuern» und stammt aus dem Lateinischen «novus» für neu. Man muss demzufolge nicht neu erneuern, sondern schlicht renovieren. Den vierten Pleonasmus könnten Sie womöglich übersehen haben, diesen habe ich Ihnen gleich zu Beginn des Satzes versteckt: Testversuch. Denn ein Test ist dasselbe wie ein Versuch.
Achten Sie bewusst darauf und Sie werden überrascht sein, wie sich Pleonasmen stillschweigend und tagtäglich in der Kommunikation einnisten, ohne dass wir es merken. Auch in der Werbung: Wir preisen Gratis-Geschenke an, obwohl ein Geschenk doch immer gratis ist und dann weisen wir die Kunden auf die beigelegte Rückantwortkarte hin. Aber eine Antwort kommt immer zurück, sonst wäre es keine Antwort. Ich könnte wie ein Düsenjet weiter durch die Pleonasmen fliegen, aber im augenblicklichen Moment höre ich damit auf, denn ich habe einen Termin beim Augenoptiker.
Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Entdecken der Pleonasmen.
Schön, einfach schön! Ich liebe Texte, die dem Schreiber oder Leser vor Augen führen, was er täglich so von sich „absondert“ (Tucholsky). Darum auch liebe ich das Gedicht vom Auto, das um die runde Ecke fährt, während es bei hellem Mondschein dunkel ist. Auch das liest man, wenn man es denn lesen will, immer einmal wieder. So gibt es in der deutschen Sprache unendlich viele Wendungen, die rein gar nichts bedeuten und auch keine oder eine mehrfache Aussage haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, was man immer am Ende der Tagesschau hört: „Ihnen noch einen schönen Abend.“ – nur dass es da gar nicht gewünscht wird.