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Vorwort: Wer mich kennt, der weiss das mein absoluter Lieblingsautor H.P. Lovecraft ist. Ich hatte daher mal Lust eine Geschichte im Stil von Lovecraft zu schreiben. Mitschuld daran ist auch ein guter Freund von mir der mich dabei angespornt hat, weil er ebenfalls ein Fan von den Werken ist.
Noch kurz erwähnt soll sein, dass der Name Nomerius nur sehr wenig mit der Geschichte zu tun hat. Ich gebe immer sehr zufällig irgendwelche Namen als Arbeitstitel und diesen ändere ich jetzt Ausnahmsweise Mal nicht.
Jetzt aber viel Spass beim lesen von Teil 2!
Ich hörte, wie die Türe im Erdgeschoss langsam geöffnet wurde und eine Person langsam die Treppe hinaufstieg. Die schweren Schritte knarrten auf dem alten Holzbohlen. Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und lief zum Gang hinaus, welcher kaum noch beleuchtet war. Auf der Treppe kam eine Gestalt auf mich zu, die mich ebenso höflich wie knapp begrüsste. Der Mann stellte sich als der Büttel vor, mit welchem ich schon Kontakt gehabt hatte, bevor ich in das dunkle Tal gereist war. Er bat mich, das Haus zu verlassen und in das Landhaus zu gehen; man erwarte mich schon und das Zimmer sei gerichtet. Ohne gross nach den Gründen seines Erscheinens zu fragen, beugte ich mich dem Willen und verabschiedete mich. Dabei fiel mir auf, wie der Büttel auf das Tagebuch starrte, welches ich unter den Arm geklemmt hatte.
Man hatte mir gesagt, dass das Landhaus über keine Parkmöglichkeit verfügte - an solchen Orten waren Automobile noch eine echte Seltenheit – und so nahm ich meinen Koffer aus dem Wagen und lief die Strasse hinunter. Da es Ende Oktober war, nachtete es schon relativ früh ein und in dem Dorf gab es keinerlei Beleuchtung; so musste ich eine dunkle Strasse entlanglaufen. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, wieder beobachtet zu werden. In den benachbarten Häusern drang vereinzelt Licht durch die alten Fensterläden und ich meinte, hier und da eine verstohlene Gestalt zu sehen, die verschwand, als sich mein Blick auf das jeweilige Fenster richtete. Ich redete mir ein, dass viele Leute hier wohl zum allerersten Mal einen Mann mit einem richtigen Automobil sahen und dies die Neugier dieses Bauernvolks geweckt haben musste. Ich war froh über die Tatsache, dass ich morgen wieder Richtung Stadt fahren konnte. Ich würde aber nicht direkt nach Hause gehen, sondern noch ein paar Tage in jener lieblichen Gegend verbringen, die mir bei der Hinfahrt so gut gefallen hatte; schliesslich hatte ich ja auch eine ganze Woche Urlaub genommen.
Nach einem Gespräch, welches karg an Worten war, sowie einer angemessenen Bezahlung, konnte ich mein Zimmer beziehen. Es war spartanisch eingerichtet, befand sich jedoch im Ecken des Gebäudes und bot mir auf beiden Seiten einen phantastischen Ausblick. Da der Mond schien und es eine bitterkalte, wolkenlose Nacht war, sah ich auf der Ostseite des Zimmers über das Dorf und weiter in das Tal hinein. Auf der anderen Seite blickte ich in Richtung Süden, auf die mit Tannen bewachsenen Hügel - jenen Wald, wo die Leiche meines Freundes gefunden wurde. Die Dame am Empfang versprach mir, das Kaminfeuer zu schüren, damit auch mein Zimmer auf eine angenehme Wärme aufgeheizt würde. Ich zündete mehrere Kerzen an, um den Raum zu beleuchten; leider war das elektrische Licht noch lange kein Standard, sondern eine Rarität, selbst in guten Landhäusern. Ich liess mich auf den ledernen Sessel fallen, so dass ich beide Fenster im Blick hatte. Trotz der langen Autofahrt war ich noch kein Stück müde geworden und so beschloss ich, dass es wohl nicht schlimm oder verwegen sei, ein paar Seiten im Tagebuch zu lesen. Schliesslich ist die Neugier dem Menschen angeboren und sollte nicht, wie andere Triebe, unterdrückt werden. Ich zog den Tisch mit den Kerzen an den Ledersessel und begann mit dem Lesen.
Die ersten Seiten beschrieben Richeards Eintreffen in dem Dorf und das eigentümliche Misstrauen, das von dessen Bewohnern ausging. Anscheinend waren die ersten Wochen für ihn eine schwere Herausforderung gewesen. Niemand hatte etwas mit ihm zu tun haben wollen, selbst die Kinder waren ihm gegenüber ausserordentlich scheu in der Schule. Er fühlte sich, wie ich heute, ebenfalls immer wieder beobachtet. Doch mit den Monaten legte sich das Misstrauen ihm gegenüber und er entschied sich, doch zu bleiben; denn fast hätte er die Stelle gekündigt und sich nach etwas anderem umgesehen.
In den folgenden Seiten beschrieb er, wie niedrig der Bildungsstatus der Leute hier war, er beschrieb sie als dumm oder gar als schwachsinnig, denn nicht wenige von ihnen glaubten an phantastische Ammenmärchen oder an Geschichten, die nicht real sein konnten. Er bemühte sich sehr, dass die Kinder in der Schule viel lernten, damit immerhin die nächste Generation an Dörflern einen klaren Verstand haben würde. Ich las ebenfalls, dass er in regelmässigen Abständen beim Pfarrer zum Essen eingeladen war, oder er den Pfarrer zu sich gebeten hatte. Die beiden schienen ein gutes Verhältnis gepflegt zu haben, denn der Geistliche war selbst ein Auswärtiger, der vor vielen Jahren in das Dorf gekommen war, um die Kirche zu führen. Dem Pfarrer war es anfänglich gleich ergangen wie meinem Freund Richeard, doch sei das Misstrauen erst einmal beiseite geschaffen, so hatte er versprochen, seien die Dörfler wie eine grosse Familie. Diese enge Freundschaft endete jäh mit dem Ableben des alt gewordenen Pfarrers; dies hatte Richeard mir auch in dem Brief geschrieben. Was ich aber nicht wusste, war die Tatsache, dass die Kirche nun von einem Dörfler geführt wurde, der über keinerlei Qualifikationen verfügte. Dies würde ich wohl der Stadtverwaltung melden müssen, wenn ich wieder zuhause angekommen war
12. März 1917
Es sind nun drei Monate vergangen seit dem Tod von Pfarrer Altson. Wirkten die Dorfbewohner anfangs nicht sehr traurig über das Ableben, so scheint es mir jetzt fast, als wären sie erleichtert. Seitdem die Führung ein Familienvater ohne jegliche Ausbildung übernommen hat, sind jetzt an den Sonntagen mehr Leute in der Kirche anzutreffen. Ausserdem gibt es immer wieder Treffen in der Kirche, zu welchen ich nicht eingeladen, sondern bewusst ausgeschlossen werde. Mich nimmt das nicht sonderlich mit, denn langsam habe ich das Gefühl, dass sie mich loswerden möchten, allmählich gewinne ich selbst auch die Überzeugung, dass ich hier nicht hingehöre. Ich fühle mich einsam, daher schreibe ich auch regelmässig hier in mein Tagebuch und lese sehr viel. Ich habe mich der deutschen Sprache ermächtigt und lese jetzt Werke aus der Zeit des Realismus. Mir gefällt diese literarische Form, sie befasst sich nicht nur mit unserer Welt, sondern auch mit der Geisterwelt und den Schnittstellen beider Welten. Wie eine Möwe, die einmal in der Luft sichtbar ist, aber gleichzeitig auch auf dem Wasser gespiegelt wird, so könnte es doch auch mit unserer Welt und der Geisterwelt sein? Na ja, sei es drum, es ist schon tief in der Nacht und ich sollte mich hinlegen, ehe meine Gedanken sich zu sehr an dem Übernatürlichen verhängen.
Ich musste mehrere Seiten belanglosen Unsinn lesen, ehe ich wieder auf eine sehr interessante wie auch erschreckende Stelle im Tagebuch traf.
27. April 1917
Die Dörfler scheinen irgendwie seltsamer zu sein als sonst. Sie treffen sich jetzt fast jeden Abend in der Kirche und man hört entfernte Gesänge. Ich traue mich nicht in die Nähe, denn ich weiss, dass ich unerwünscht bin. Ich darf mich gerade so weit umher bewegen wie es von meinem Beruf her nötig ist. Das Essen bringt mir jetzt eine ältere Dame von gegenüber. Mir wurde gesagt, dass der Laden im Dorf leider schliessen musste, aber die Schule hat jemanden organisiert, der für mich die Einkäufe erledigt. Wahrscheinlich, damit ich nicht im Dorf herumschnüffle oder dergleichen.
Wie bereits erwähnt, scheinen die Dorfbewohner nervöser und misstrauischer als sonst. Viele der Kinder sind von ihren Müttern krankgemeldet worden, so dass ich im Moment nur eine Handvoll Schüler unterrichten muss.
Mir wird es langsam zu bunt hier, habe mich bereits in der Stadt für eine neue Stelle beworben.
30. April 1917
Es ist mitten in der Nacht, aber ich könnte schwören, dass ich Gesänge aus der Kirche höre. Sie sind nur sehr leise und kaum hörbar, deswegen kann ich nicht genau ausmachen was sie singen, aber nach bekannten Kirchenliedern klingt es nicht. Vielleicht ist dies ein alteingesessener Brauch der Dörfler, würde mich nicht wundern, wenn diese auch heidnische Bräuche aus vergangenen Zeitaltern feiern.
Es sind jetzt mehrere Stunden vergangen und ich sehe schwaches Laternenlicht im Wald. Scheint mir so, als wären mehrere Männer mit ihren Laternen in den Wald gelaufen. Die Gesänge sind vor wenigen Augenblicken verstummt, diese Bauern haben fast die ganze Nacht durchgesungen. Ich hatte versucht zu schlafen, doch ich wachte immer wieder auf, weil ich schlecht geträumt habe. Ich werde mir demnächst eine kleine Pause gönnen, um in der Stadt meinen alten Freund besuchen und mich bei der Gelegenheit nach der Stelle zu erkundigen.
Dieser Freund war ich. Er hatte mich im Frühling für ein paar Tage besucht. Leider war aus der Stelle nichts geworden, da sie schon an einen anderen vergeben worden war. Zu jener Zeit hatte mir Richeard nichts davon erzählt, wie es ihm wirklich erging in dem Dorf. Er war mir zwar leicht verändert erschienen, aber ich hatte aus Anstand nicht genauer nachgefragt, was ihn denn bedrückte.
Die letzten paar Seiten hatten meine Neugierde angeregt; ich zündete eine neue Kerze an und beschloss weiterzulesen.