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Einst überwinterten in Kalifornien Millionen von Monarchfaltern. Dann verschwanden sie. Jetzt versucht ein Dokumentarfilmer, sie auf der Ranch seines Vaters wieder anzusiedeln – mit Erfolg.
«Schmetterlinge gibt’s nicht mehr», sang 1983 die Kölner Gruppe Gänsehaut. Mit ihren Liedern von Karl dem Käfer, Johanna dem Huhn und den verschwundenen Schmetterlingen orientierte sich die Band aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle am politischen Geist der frühen grünen Bewegung. Gänsehaut wirkten dabei fast schon prophetisch in einem Europa mit saurem Regen, Waldsterben und einer immer weiter wachsenden industriellen Landwirtschaft.
In Kalifornien schien in den damaligen Reagan-Jahren die Welt heil zu sein, zumindest für die Schmetterlinge. In den 1980er Jahren seien hier noch Millionen von Monarchfaltern in den Überwinterungsgebieten an der kalifornischen Küste gezählt worden, sagt Ole Schell. Aufgewachsen ist er auf einer Ranch in Bolinas, einer kleinen Gemeinde, die bloss 21 Kilometer Luftlinie von San Francisco entfernt liegt, gleich hinter der Meerenge des Golden Gate: «Als ich ein Kind war, befanden sich Hunderttausende von Monarchfaltern in diesen Bäumen. Man konnte an einem Ast schütteln, und Tausende Schmetterlinge flogen auf einmal los.» Heute sind die wandernden Monarchfalter in Kalifornien fast verschwunden – und Ole Schell tut alles dafür, sie wieder anzusiedeln.
Sein Vater kaufte die Ranch in den 1970er Jahren. Bolinas war ein Ort, der auf den Karten kaum vermerkt war. Nur eine Strasse führte dorthin. Bolinas war Anziehungspunkt für Künstler, Musiker, Literaten, Aussteiger und Andersdenkende, die ausserhalb der damals noch boomenden Metropole San Francisco ein anderes Zusammenleben ausprobieren wollten. Am Highway 1 wurden die Hinweisschilder für Bolinas entfernt. Man wollte seine Ruhe, sich selbst verwalten, und das unabhängig von jeder staatlichen Einmischung.
Ole Schells Eltern waren Hippies, wie viele in dieser abgeschiedenen Ortschaft hinter den Hügeln der Marin Headlands, direkt am Pazifik. Sie wollten zurück zur Natur und Farmer werden. Der aus Berkeley stammende Autor Ernest Callenbach beschrieb Ende der 1970er Jahre in seinem Öko-Zukunftsroman «Ökotopia» Bolinas als eine abgelegene Gemeinschaft, in der ein «pionierhafter Geist» vorherrsche.
Die Monarchfalter gehörten immer dazu: «Sie sind ein Teil unseres kollektiven Gedächtnisses», sagt der 49-jährige Schell. «In der örtlichen Kunstgemeinde sind die Schmetterlinge das bestimmende Thema. Es werden Gedichte über sie geschrieben, und Schmetterlinge werden gemalt. In unserem Laden im Ort hat es ein grosses Wandbild mit diesen Schmetterlingen.»
Als junger Mann zog Ole Schell fort. Er studierte und machte in New York eine Karriere als Dokumentarfilmer. Doch vor ein paar Jahren kam er zurück nach Bolinas in sein Elternhaus, auf die Ranch mit dem endlosen Blick über den Pazifik. Er war schockiert, als er erkannte, dass kaum noch Monarchfalter zu finden waren. Die Schmetterlingspopulation hatte sich in seiner Abwesenheit von Jahr zu Jahr massiv vermindert. Die Naturschutzorganisation Xerces Society for Invertebrate Conservation erfasste 2016 im Gliedstaat Kalifornien rund 300 000 Monarchfalter, 2018 waren es 20 000. Im Jahr 2020 wurden nur noch 1850 Monarchfalter gezählt. Die Lage war dramatisch.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Der Klimawandel, der sich im Westen der USA auch durch die riesigen Waldbrände bemerkbar macht, zerstört die Lebensräume der Falter. Doch auch die Feuerprävention im Golden State schadet den Schmetterlingen. Überall in Nord- und Zentralkalifornien findet man Eukalyptusbäume, die im Westen der USA nicht heimisch sind, aber zur Heimstatt für die Monarchfalter wurden. In diesen Bäumen überwintern die Insekten.
Doch mittlerweile werden die Eukalyptusbäume in ganz Kalifornien zur Verhütung von Feuern gefällt. Der Grund: Ihre herabfallende Rinde wirkt am Boden für ein Feuer wie Zunder, und wenn ein Waldbrand ausgebrochen ist, explodiert das ölhaltige Holz richtiggehend. Auch in Bolinas verlangen viele Bürgerinnen und Bürger die Abholzung der Bäume, ohne Rücksicht auf das Überwinterungsgebiet der Monarchfalter. Einzig die hohen Kosten für einen Kahlschlag haben das bisher verhindert.
Neben den gewaltigen Waldbränden ist auch der breite Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft für den Rückgang der Schmetterlingszahlen in Kalifornien verantwortlich. Ausserdem haben Baumassnahmen viele Überwinterungsplätze der Monarchfalter zerstört, die auf ihrem jährlichen Flug zwischen Oktober und Februar von British Columbia in Kanada, aus den Gliedstaaten Washington, Oregon und von überall her westlich der Rocky Mountains in Küstenregionen wie diese ziehen.
Während die Monarchfalter der viel grösseren östlichen Population in die mexikanische Sierra Nevada wandern, verbringen jene der westlichen Population den Winter an der kalifornischen Pazifikküste. Bolinas ist dabei der nördlichste Punkt, den die Tiere anfliegen. Weiter südlich gibt es weitere bekannte Plätze, etwa in Santa Cruz, Pacific Grove, Pismo Beach bis hinunter nach Goleta in Santa Barbara County. Fast 400 solcher Anflugorte der Monarchfalter existieren in Kalifornien. Noch.
Die Küstenstreifen direkt am Pazifik sind wärmer, es gibt weder Frost noch Schnee. Hier ernähren sich die Schmetterlinge in den Wintermonaten vor allem vom Nektar der örtlichen Pflanzen, mit dem Ziel, rund zehn Prozent an Körpermasse zuzulegen. Von hier geht es am Ende des Winters nur etwa sechs bis acht Kilometer landeinwärts. Dort legen sie ihre Eier ab und leben nur noch wenige Wochen.
Dieser Prozess wiederholt sich, bis die Tiere nach ein paar Generationen in ihrem angestammten Lebensraum westlich der Rockies angekommen sind. Dort wächst dann eine «Super-Generation» von Faltern heran, die bis zu vierzig Prozent grösser sind als andere Monarch-Generationen – und damit gerüstet, um die lange Reise in die Überwinterungsgegenden anzutreten. «Diese Individuen sehen wir hier in Bolinas über die Wintermonate, bis es wieder wärmer wird und an der Zeit ist, aufzubrechen», erzählt Ole Schell.
Nach seiner Rückkehr kontaktierte er die Xerces Society, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. «Ich sagte ihnen, ich hätte dieses riesige Stück Land, auf dem ich gerne etwas machen würde. Und sie meinten, am Anfang sollte ich rund 1200 dieser in Kalifornien heimischen Pflanzen anpflanzen.» Sie gaben ihm eine Liste mit sechzig verschiedenen Pflanzenarten. Darauf standen Namen wie Kaffeebeere oder Kojotenminze. «Wir haben alle angepflanzt», sagt Schell.
Er fand Mitstreiter für die Rettung der Schmetterlinge. Sogar eine Gruppe von Irak-Veteranen half beim Bau der Zäune zum Schutz der Pflanzen vor Rehen und Hasen. «Wir versuchten, einen Korridor für die Monarchfalter zu schaffen.» Dafür brauchten sie Wasser aus dem eigenen See auf dem Grundstück. Dann eine Nahrungsquelle, die sie mit den Pflanzen geschaffen hätten, sowie eine Überwinterungsmöglichkeit.
Der 49-Jährige zeigt auf einen riesigen Eukalyptusbestand am Rande des Grundstücks. Bis jetzt nächtigen die Falter noch an einer anderer Stelle der Gemeinde, täglich kommen jedoch mehr zu seinem Monarch-Garten auf die Ranch. «An manchen Tagen sitze ich hier und beobachte einfach. Während 20 Minuten sieht man dann 25 Monarchfalter fliegen.» Das klinge nach einer kleinen Zahl, aber sei ein hoffnungsvolles Zeichen, dass sie zurückkämen. Im vergangenen Jahr wurden in Kalifornien wieder nahezu 200 000 Monarchfalter gezählt.
Vom rauschenden New York City ins ländliche und abgeschiedene Bolinas am äussersten Ende des Kontinents: «Naiverweise dachte ich, das gehe mal auf die Schnelle», sagt Ole Schell lächelnd. «Aber Zäune errichten, Löcher graben, Pflanzen kaufen und einbuddeln, wässern, jemanden anstellen, eine Bewässerungsanlage verlegen – das alles ist ziemlich viel Arbeit.» Es sei wohl gut gewesen, dass er anfangs nicht gewusst habe, was da auf ihn zukomme. «Sonst hätte ich es wohl nicht gemacht», sagt er und zeigt mit dem Finger auf zwei Monarchfalter, die wie spielend und sich jagend durch die Luft gleiten.
Mehr über das Schmetterlingsprojekt in Bolinas kann man auf der Website westmarinmonarchs.org erfahren.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»