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Sie waren jeweils unser Fixstern in der Nacht. Die hellen Leuchtschilder mit den bunten Schriftzügen wiesen uns den Weg zu Royal, Lambada, New Point. Mitternacht war längst Geschichte, wenn wir jeweils die Treppenstufen in die Kebabbude nahmen.
Neonbeleuchtete, mit Haarspray arrangierte und grottig fotografierte Menübilder versuchten, uns Lahmacun, Börek und Pide schmackhaft zu machen. Aussichtslos, denn es war längst klar, was der vom Ausgang verzehrte Körper brauchte: einen Döner. Er ist und hat alles, was man in einem solchen Moment will. Kohlenhydrate, Protein, Fett und, ganz wichtig, Salz. Er war immer da für uns.
Bis in den Morgen waren die Türen der Dönerstuben geöffnet. Wir blickten die Verkäufer mit einem Gesicht an, das die Geschichte der Nacht erzählte und bestellten so, wie wir es von ihnen gelernt hatten: «Mit alles, ohne scharf!» Wer noch Pläne für die nächsten Stunden hatte und geistesgegenwärtig genug war, liess die Zwiebeln weg und vielleicht sogar den Kohl.
Döner Dürüm
Die Geister schieden sich einzig an der Frage, ob das gehaltvolle Glück in eine Teigtasche gestopft oder in ein Fladenbrot gewickelt werden soll. Weil zweites so wunderbar klang, nämlich Döner Dürüm, gehörte ich zu dieser Fraktion.
Der Lambada-Kebab an der Zürcher Langstrasse war unser Favorit. Es war unsere Art des Protests gegen die New-Point-Kette, die zu jener Zeit überall Läden eröffnete. Antikapitalismus und so.
Jedes Mal lachten wir im Lambada über den gleichen Witz: Die Verkäufer taten so, als würden sie den Döner untendurch reichen und lachten schallend, wenn man dann mit der blutten Hand in die Scheibe knallte. Haha, good one.
Schliesslich liessen wir uns auf die Stühle sinken, auf dem Plastiktisch Tropfen von Joghurt- und Cocktailsauce, einem Jackson-Pollock-Gemälde gleich. Im Hintergrund liefen entweder die Wiederholung eines Fussballspiels der türkischen Süper Lig oder, viel häufiger, Videoclips von Sängerinnen in orientalischen Gewändern, kiloschwer behängt mit Pailletten und Glitzersteinen.
Fixstern Döner
Absolut unterirdisch, eigentlich. In jeder anderen Situation würde man darum bitten, ob nicht wenigstens kurz feucht über die Tischplatte gewischt werden könnte. Aber eben: Es war dunkle Nacht und der Döner unser Fixstern.
Wir bissen also wie der Weisse Hai in Angriffsmodus in unseren Kebab, es tropfte, schmierte, schmatzte. Die Gier führte immer – immer! – dazu, dass man zum Schluss in die Alufolie biss. Das gehörte dazu wie der Döner zu einer gelungenen Nacht. So sassen wir Ausgangsfreudigen beisammen, umgeben von anderen Discogesichtern, und sprachen über die letzten Stunden – den besten Track, den schönsten Typen und den Drink, der einer zu viel war.
Danke, Türkei, für dieses beste aller Nacht-Essen. #dankedönerPubliziert am 15.10.2016 | Aktualisiert am 15.11.2016