Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03421.jsonl.gz/1713

Das Spiel der Lawinen
( Altdorf ) Wenn man Lawinenbeobachtungen durchführt, so ist man oft genug ob deren seltsamem und fast unerklärlichem Ablauf beeindruckt. Gewaltige Lawinenmassen stürzen über die Hänge zu Tal - und im Talboden richten sie auf engem Raum Schäden an, die in gar keinem Verhältnis zu den sonst ausgedehnten Lawinen stehen. Sieht man näher zu, dann erkennt man, wie gar nicht abwegig der Ausdruck ist, den man ab und zu bei Gebirgsbewohnern trifft, wenn sie von einer « Schusslaui » sprechen, von einer Lawine, die gleich einem « Flinten-schuss » auf oder durch ein Objekt gefahren ist.
Drei Beispiele aus unserm Beobachtungegebiet im Urnerland mögen dies klarlegen.
Im Januar 1932 fegte die Bändertallaui im Maderanertal ( Gemeinde Silenen, Uri ) ausserordentlich gross nieder, zerstörte den rund 250 Jahre alten, geschlossenen Stössiwald, indem auf einer Fläche von rund 2l/i Hektaren gegen 1200 Stämme mit 800 Kubikmetern Holz gleich einem Kahlschlag niedergelegt wurden. Ein Teil der Bäume wurde von der Lawine über die Weide weggetragen und unter einer elektrischen Kraftleitung hindurch, ohne dass diese betriebsunfähig wurde. Bei der Leitung schnitt die Lawine kurzweg drei Holzmasten bodeneben ab und kippte dieselben an den Drähten hoch, so dass die Lawinen- und Holzmassen unter ihr durchgeschoben werden konnten und die Masten nach dem Lawinendurch-gang wieder zurückfielen und schräg an den Drähten hingen. Im Januar 1932 waren im Maderanertal grosse Schneemassen gefallen, die anhaltender Nordwestwind brachte. Der Bänderstock, der nördlich des Oberalpstocks im steilen Felsgrat sich als markante Felsburg erhebt ( 2840 m ), erhielt in seiner Nordflanke ganz besonders grosse Schneemassen. Diese brachen als Lawine in ca. 2800 m Höhe längs dem Grat ab und fegten durch das äusserst steile Bändertal hinab bis zum Bänderwald, folgten hier aber nicht dem nach rechts gegen DAS SPIEL DER LAWINEN Hinterstösse abbiegenden Tal, sondern überbordeten direkt in den Stössiwald hinein, ins Kästal, und legten den geschlossenen Wald auf ganzer Breite nieder. Gegen 450 Stämme wurden unter der hochgehobenen Kraftleitung zum gegenüberliegenden Hang getragen. Es scheint, dass die rund 100 Meter breite Lawine kaum eine Höhe von ca. 8 Metern besass, als sie über das Talbodengebiet und unter der Kraftleitung durchfuhr. Sie « Schoss » gleich einem Lawinenbrett durch.
Am 12. Dezember 1940 brach im Meiental südlich des Weilers Meienkapelle die Hasen- planggenlaui auf ca. 2000 m als Schneebrett ab. Sie wurde zur Staublawine, fuhr zwischen Butzen und Planggen über den Hang und erreichte um 18 Uhr den Talboden. Die Breite verengte sich zwischen Gummen und Eisten. Die Lawine erlitt einen Stau, aus dem die Lawinenmassen pfeilartig weiterschossen, direkt gegen den Weiler Meienkapelle. Glücklicherweise trug ein scharfer Weststurm die Hauptmassen östlich am Weiler vorbei, so dass diese zwischen Meienkapelle und Meiendörfli den Talboden erreichten. Es blieb wenig Lawinenschnee liegen. Der Litzigsteg wurde seines Geländers beraubt, am gegenüberliegenden Hang wurden bei Litzigen einige Lärchen hangaufwärts gelegt und die dortigen Ställe mit einem feinen Schneestaub geweisselt. Der ob der Strasse vor Meienkapelle stehende Stall des Gallus Baumann wurde vollständig weggefegt und zerstört. Ein schmaler Lawinenarm fuhr gegen den Weiler und drückte beim Bäckerhaus in der Rückwand einige Fenster ein. Ein weiterer Arm nahm Richtung Kapelle, hielt aber direkt vor deren Türe und türmte hier mannshoch den Schnee auf, während ein weiterer Arm auf das Schulhaus zuging und in dessen Rückseite ein Fenster eindrückte. Ein westlicher, schmaler Zug von nur wenig Metern Breite Schoss unter der elektrischen Kraftleitung und der Telephonleitung durch, liess diese völlig unbeschädigt, zwischen zwei Leitungsmasten hindurch und gegen eine 20 Meter lange Baubaracke, die vollständig zusammengelegt und zertrümmert wurde. Hier hatte die Lawine kaum eine Breite von 5 Metern und eine Höhe von ca. 4 Metern, führte wenig Schneemassen mit und glich einem « Pfeil », der durchschoss. Der damalige Revierförster Ludwig Gamma zu Wassen bezeichnete sie als « Schusslaui ». Einen der interessantesten Lawinenniedergänge dieser Art erlebten wir im Winter 1950/1951 in der Göscheneralp ( Uri ). Am O. Januar 1951 war vom Südhang des Tales die Bergseelaui unterhalb des Schijen in der grossen Hangmulde auf 2340 m Höhe abgebrochen, als ein grosses Schneebrett, fuhr in südlicher Richtung über die Felsen ab und griff ostwärts über den üblichen Weg hinaus, so dass sie hinter dem Alpweiler den ganzen Talboden überdeckte, etwa 120 Meter breit und teilweise bis zu 6 Metern hoch. Am 13. Februar löste sich im Nordwesthang des Plattenstockes die Plattenstocklaui, in ca. 2400 m Höhe, die normalerweise nur ins Wintergletschertal ( Dammagletscher ) fliesst. Sie war aber von ausserordentlicher Grösse, weshalb sie sich im Wintergletschertal nach rechts wandte, dem Tallauf folgte und im Göscheneralptal beim sogenannten Hubel gestaut wurde und sich weiter nach rechts Lawine 12. Dezember 1940 Melenkapelle ( Uri ) Nord t DAS SPIEL DER LAWINEN bog, um hier mit einer fast senkrechten LawinenkegeJwand von 4 bis 5 Metern Höhe plötzlich zu enden. Es scheint, dass die vor der Lawine hinfegenden Luftmassen gleich einem Luftkissen zwischen Hubel und dem Lawinenkegel der Bergseelaui gehemmt wurden, über das nun Lawinenpfeile hin wegschössen und den Weiler erreichten. Der äusserste Lawinenpfeil links nahm Richtung Alpdörfchen, Schoss auf das alte Haus des Julius Mattli zu, das am Westrand des Weilers stand, legte es wie ein Kartenhaus an das nächste Haus, wodurch die Lawinenmassen ( Luft und Schnee ) über die übrigen Gebäude fast schadlos hinweggehoben und längs dem Südrand des Weilers, wo beim Haus Gerig lediglich die Fenster des untern Stockwerkes eingedrückt wurden, während alle übrigen Hausteile fast unberührt blieben. Ein mittlerer Pfeil erfasste den Stall des Baumann, der vor den Häusern frei stand, riss ihn mit Dach, Lawine In der Göscheneralp. 13. Februar 1951 Oberteil und Heustock gegen 50 m weit mit und setzte ihn zerstört zwischen Weiler und Kapelle ab. Im Untergaden blieben 9 Stück Rindvieh und 6 Schafe tot, während 3 Schafe lebend geborgen werden konnten. Und sodann nahm ein dritter Pfeil direkt Richtung Kaplanei. Es war 11 Uhr 30. Der Kaplan, der gleichzeitig Schule hält, hatte an diesem stürmischen Vormittag die fünf Schulkinder in die Küche im obern Stock an den Tisch gesetzt, da es hier wärmer war und die Stürme in der Nacht zuvor das im Erdgeschoss liegende Schulzimmer fensterhoch eingeschneit hatten und deshalb nur wenig Licht im Raum war. Plötzlich erzitterte das ganze Haus. Der Lawinenpfeil Schoss auf das Haus zu, drückte die südliche Hälfte der Erdgeschosswand ein, fegte durch eine Kammer und das Schullokal, riss alles mit sich und bahnte sich durch die Ostseite, indem die Südostecke und die rechte Hälfte der Ostwand weggerissen wurden, einen Weg bis vor die Kapelle, wo Schnee und Trümmermaterial den Eingang verbarrikadierten. So fuhr dieser Lawinenkeil unter dem Wohnstock des Pfarrers durch, liess die linke Hälfte des Erdgeschosses unberührt stehen, den gemauerten Kellerraum, ebenso einen grossen Teil der rechten Blockwand, räumte aber den Zwischenraum völlig aus. Der glückliche Zufall, dass Lehrer und Kinder sich darüber in der Küche aufhielten, brachte es, dass nicht Kaplan und Kinder ihr Leben verloren oder schwere Verletzungen erlitten. Sie kamen mit dem Schrecken davon. Auch hier sprach der Volksmund von einer « Schusslaui », einem Lawinenpfeil, der kaum eine Grösse von 3 x 3 m besass, aber eine ungeheuerliche Gewalt in sich barg.
Ein seltsames Spiel der Lawinen! Aber viel, viel Verderben lag schon in solchen schmalen, unscheinbaren Lawinenausläufern, diesen Lawinenpfeilen!