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Ansprache von
Rektor der HSG
Sehr geschätzte Festversammlung! Gestatten Sie, dass ich den traditionellen Bericht des Rektors über das verflossene akademische Jahr 1982/83 für einmal sehr selektiv unter das Stichwort «Lob der Kleinheit» stelle. Mit gut 2000 Studenten, 180 Dozenten und 60 Professoren gehört unsere Hochschule zu den kleinsten akademischen Bildungsstätten Europas. Schulter an Schulter kämpfen wir mit der Universität Neuenburg um den — gemessen an der Studentenzahl —letzten Platz in der Rangliste der Schweizer Hochschulen. Unser Ehrgeiz ist es nicht, grösser zu werden. Wir wollen die kleinste Hochschule der Schweiz bleiben. Das hat seine Gründe.
Galilei schreibt in seinen «Discorsi», ich zitiere aus Bert Brechts Schauspiel: «Ist es nicht klar, dass ein Pferd, welches drei oder vier Ellen hoch herab fällt, sich die Beine brechen kann, während ein Hund keinen Schaden erlitte, desgleichen eine Katze selbst von acht oder zehn Ellen Höhe, ja eine Grille von einer Turmspitze und eine Ameise, wenn sie vom Mond herab fiele. Und wie kleinere Tiere verhältnismässig kräftiger und stärker sind als die grossen, so halten sich die kleinsten Pflanzen besser: eine zweihundert Ellen hohe Eiche könnte ihre Aste in voller Proportion mit einer kleinen Eiche nicht halten, und die Natur kann ein Pferd nicht so gross wie zwanzig Pferde werden lassen noch einen Riesen von zehn facher Grösse, ausser durch Veränderung der Proportionen aller Glieder, besonders der Knochen, die weit über das Mass einer proportionellen Grösse verstärkt werden müssen.» 1 Soweit Galilei.
Louis Harwood, ein Hühnerfarmer von New Jersey, beobachtete das Phänomen des Hühnerkannibalismus. Er stellte fest, dass auf grossen Hühnerfarmen, sobald ein Huhn zufällig verletzt wurde, die anderen Hühner angesichts des Blutes alsogleich über das verletzte Huhn herfielen und es zu Tode pickten. Er begann zu experimentieren. Die Reduktion der Hühnerzahl bzw. die Vergrösserung des Hühnerhofs erwiesen sich als unzweckmässig, weil beides teurer zu stehen kam als die Verluste durch Kannibalismus. Schliesslich fand Louis Harwood eine wirtschaftliche Lösung. Er setzte den Hühnern Brillen auf und später Plastiklinsen, die das Blickfeld der Hühner derart einengten, dass
sie nur ein paar wenige Hühner zu sehen vermochten. Dies änderte zwar nicht ihren angeborenen kannibalischen Trieb. Aber es bewirkte eine signifikante Verringerung des Blutvergiessens innerhalb der Kleingruppen, in welche die Hühner durch die Brillen geteilt wurden. Wenn es dennoch zu Ausschreitungen kam, so blieben sie begrenzt. Sie lösten keine Kettenreaktion aus, da sie von den meisten Hühnern unbemerkt blieben. 2
Die Beispiele liessen sich beliebig vermehren. So ist bekannt, dass die Ungetüme der Dinosaurier an ihrer Grösse zugrunde gegangen sind. Offensichtlich gibt es in der Natur bei Pflanzen und Tieren Gesetzmässigkeiten, wonach mit zunehmender Grösse die —im wörtlichen Sinne —Schwerfälligkeit wächst, das Gerüst der Äste oder Knochen überproportionaler Verstärkung bedarf und der Aggressionstrieb von Tieren bei Massenbetrieb gesteigert wird, ja ansteckend wirkt.
Vergleiche hinken. Natürlich liegt mir ein platter Sozialdarwinismus ebenso fern wie der Vergleich der Hochschulangehörigen —ungeachtet ob Studenten, Dozenten oder Verwaltungspersonal— mit Grillen, Hühnern oder Kannibalen. Aber es stellt sich die Frage, ob sich ähnliche Phänomene auch bei Menschen, Menschengruppen und von Menschen geschaffenen Institutionen feststellen lassen. Beispielsweise im Staat?
Nach Aristoteles gibt es für alles ein bestimmtes Mass, für die Tiere, Pflanzen und Werkzeuge ebenso wie für die Grösse eines Staates. 3 Er warnt davor, den Begriff einer grossen Stadt mit dem einer volksreichen zu verwechseln. Die Tatsachen bewiesen, dass es schwierig, wenn nicht unmöglich sei, einen allzu volksreichen Staat mit guten Gesetzen zu verwalten. Under empfiehlt, baue nie ein Schiff so gross, dass es mit dem Ruder nicht mehr zu steuern ist.
Schon vor Aristoteles hatte Platon über die optimale Grösse des Staates nachgedacht. Er wollte, mit verwerflichen Mitteln freilich, das Wachstum des Staates durch einen strikten Numerus clausus verhindern. 4 Platon war Athener, Aristoteles lebte in Athen. Dieser Kleinstaat Athen hat in einem Jahrhundert eine
grössere kulturelle Leistung vollbracht als das ganze Römische Reich während all der Jahrhunderte seiner Existenz. 5 So verwundert es nicht, dass Augustinus nach dieser Erfahrung die Weltreichsidee verwirft und die Rückkehr zu kleinen Einheiten empfiehlt. 6 Nach Montesquieu ist die republikanische Staatsform nur im Kleinstaat oder in der föderalistischen Unterteilung des Grossstaats möglich. 7 Rousseau meint, das kleine Staatswesen sei relativ stärker als das grosse. 8 Jacob Burckhardt attestiert dem Kleinstaat, dass er einen Fleck in der Staatenwelt bilde, wo die grösstmögliche Quote der Menschen Bürger im vollen Sinne sei; die Freiheit im Kleinstaat Wiege die gewaltigen Vorteile des Grossstaates, selbst dessen Macht, völlig auf. 9
Man mag einwenden, dass meine Auswahl der Staatsdenker diskriminierend sei. Es fehlten jene, welche die Grösse und die Macht verherrlichten von Hegel und Nietzsche bis zu Mussolini und Hitler oder dem Geopolitiker Haushofer, der die Kleinstaaten als «Verdampfungserscheinungen der Weltgeschichte» apostrophierte, oder auch zu einigen zünftigen Europäern der Nachkriegszeit, die sich am «politischen Schrebergarten» Europas stiessen. 10 Aber hat nicht diese vielgegliederte und vielgestaltete kleine Halbinsel Europa am Rande der riesigen asiatischen Landmasse in den letzten 2500 Jahren die grössten kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Leistungen hervorgebracht?
Auch könnte man einwenden, diese intuitiv gewonnenen Einsichten entbehrten genügender empirischer Absicherung. Nun hat unlängst eine empirische Untersuchung über Bevölkerungsgrösse und Staatsorganisation am Beispiel kleiner Schweizer Kantone 11 nachgewiesen, dass diese mit weniger Gesetzen und weniger Bürokratie auskommen, dass der Anteil der Individuen an Führungsaufgaben höher und gleichmässiger verteilt ist, dass die Zufriedenheit über die Teilnahme- und Einflussmöglichkeiten grösser ist, dass die eigene Verantwortlichkeit besser erkannt wird und dass die Identifikation mit den Zielen und Werten der Gemeinschaft stärker ist. Die Kehrseite davon ist freilich ein höherer Anpassungs- und Konformitätsdruck. Auch ist der kleine Kanton auf das Borgen von Leistungen grösserer Kantone angewiesen, was je nach Standort als Schlaumeierei, Trittbrettfahren oder Abhängigkeit beurteilt werden kann.
Wie verhält es sich mit der Grösse von Unternehmen? Gelangt die Betriebswirtschafts- und Managementlehre zu analogen Ergebnissen?
Die tatsächliche Entwicklung ist widersprüchlich. Einerseits setzt sich der wirtschaftliche Konzentrationsprozess immer noch fort. Anderseits besteht bei grossen Unternehmen die Tendenz, durch Dezentralisation Kleinheit innerhalb der Grösse zu schaffen. 12 Der Dinosauriereffekt des überproportionalen Anwachsens der Bürokratie in Grossunternehmen ist bekannt. Kleinunternehmen können kleine Mengen von Spitzenprodukten billiger erzeugen als Grossunternehmen. Die neueren Managementkonzepte weisen nach Walter Hess alle eine Tendenz zur Dezentralisation der Verantwortung auf. 13 Porter und Lawler haben bei wachsender Unternehmensgrösse eine Zunahme der individuellen Unzufriedenheit, der Fluktuations- und Abwesenheitsrate sowie der Arbeitskonflikte beobachtet. 14 Der aktuelle Bestseller auf dem Markt der Managementliteratur, das Werk von Peters und Waterman, stellt fest, dass Kleinheit die Philosophie erfolgreicher Unternehmen sei und dass kleine Unternehmen innovativer seien als grosse. 15 Toffler prophezeit als ein Kennzeichen der neuen Zivilisation der «dritten Welle» die Entmassung. 16
Die Fragezeichen bleiben. Immerhin ist die Parallelität der Beobachtungen in der Natur, im Staat und in den Unternehmen verblüffend. Auch die Hochschule ist ein Unternehmen. Und auch in bezug auf die Hochschule wurde registriert, dass die Äusserungen der Unzufriedenheit und die Konflikte, bis hin zu gewalttätigen, in den letzten 15 Jahren sowohl in Europa wie in den USA auf die Massenuniversitäten konzentriert waren. Offenbar ist die Gefahr der Anonymität, der Isolation, der Entfremdung, der bürokratischen Fernsteuerung und der Aggression in der kleinen Hochschule geringer als in der grossen. Ob man dies je nach politischem Standort als Folge höheren Konformitätsdrucks oder höherer Lebensqualität deutet —, jedenfalls ist unsere Hochschule von den Konflikten der Massenuniversitäten verschont geblieben, nicht nur, aber auch dank der Kleinheit.
Ich werde mich hüten, einem Kleinheitschauvinismus zu verfallen, u. a. schon deshalb, weil ich ja unsere akademischen Gäste, die uns heute die Ehre ihres Besuches erweisen und die allesamt von grösseren Hochschulen kommen, nicht vor den Kopf stossen möchte. Zumal wir von der grössten Schweizer Universität, unserem grossen Bruder, besser: unserer grossen Schwester in Zürich, beim Aufbau des Juristischen Lehrgangs und im Bereich der Informatik als Trittbrettfahrer Leistungen borgen, wofür auch an dieser Stelle einmal der gebührende Dank aus gesprochen sei. Grösse ist zudem ein sehr relativer Begriff. Was im Hochschulwesen noch vor 50 Jahren als gross galt, ist heute klein. «Dem Käfer im Grase kann schon eine Haselnussstaude (falls er davon Notiz nimmt) sehr gross erscheinen, weil er eben nur ein Käfer ist», schreibt Jacob Burckhardt in seinen «Weltgeschichtlichen Betrachtungen». Wenn wir mit unseren 2000 Studenten der Käfer sind und die Universität Zürich mit 15000 die Haselnussstaude, oder besser der Goldregenstrauch, dann ist dieser Goldregen im Vergleich etwa zur Massenuniversität von Berlin mit fast 50000 Studenten klein. Mit diesen vorsichtigen Absicherungen hoffe ich jegliche Beleidigung unserer akademischen Gäste von grossen Universitäten ausgeschlossen zu haben.
Und so darf ich es wagen, jenes Bonmot der kleinwüchsigen Appenzeller zum besten zu gebe, mit dem sie sich gegen Kleinmut schützen: «Lieber chli ond schöö, als gross ond domm.» Wer genau hinhört und die Appenzeller kennt, weiss, dass die Arroganz nur scheinbar und die Selbstironie stärker ist. Denn die Appenzeller sagen ja nicht, sie seien intelligenter, sondern nur schöner. Und so behaupte ich auch nicht, wir seien besser, wohl aber, wir hätten es an unserer kleinen Hochschule schöner.
Freilich sind mit der Kleinheit einer Hochschule nicht nur Stärken und Chancen verbunden, sondern auch Schwächen und Gefahren. Die kleine Hochschule ist in besonderem Masse der Gefahr des Provinzialismus ausgesetzt. Die Konzentration der Kräfte auf die Wirtschafts-, Staats- und Rechts wissenschaften muss Lücken in Kauf nehmen. Es ist die grosse und nur beschränkt einlösbare Aufgabe unserer Kulturwissenschaftlichen und unserer Naturwissenschaftlich-technologischen Abteilung, die ganze Universitas in unsere Hochschule hereinzuholen und damit jene
Autarkie zu gewährleisten, welche Platon und Aristoteles als Mass optimaler Grösse bestimmten. Das setzt voraus, dass wir unseren Kollegen der Phil. I- und Phil. II-Fakultät mehr zumuten als nur die Funktion der Ancilla oder des Sprachtrainings. Schliesslich kann es auch innerhalb der kleinen Hochschule Teilbereiche geben, die zu gross, und andere, die zu klein sind.
Lassen Sie mich auf einige Stärken und Schwächen unserer kleinen Hochschule zu sprechen kommen, und zwar in den drei Bereichen Forschung, Lehre und räumliche Infrastruktur.
Von den beiden Hauptaufgaben jeder Hochschule ist Forschung die grundlegende. Forschung ohne Lehre ist möglich. Lehre ohne Forschung aber führt über kurz oder lang zu einem Qualitätsverlust der Lehre.
Über die intensive Forschungstätigkeit an unserer Hochschule legen zwei Dokumente regelmässig Zeugnis ab. Es sind dies die halbjährlich erscheinende Publikationsliste aller Dozenten in den «St. Galler Hochschulnachrichten» und der jährlich veröffentlichte Forschungsbericht, der die grösseren Forschungsprojekte ab einem Mann/Jahr kurz beschreibt. Der jüngste Forschungsbericht umfasst 66 abgeschlossene Projekte, 97 in Bearbeitung befindliche und 18 geplante. Es steht mir nicht zu, qualifizierend und diskriminierend die wichtigsten Forschungsarbeiten herauszugreifen. Hingegen möchte ich auf vier Neuerungen im Bereich der Forschung hinweisen.
1. Die Gründung der Forschungsstelle für Wirtschaftsethik: Sie ist ein erster Schritt zur Erfüllung der Forderung einer verstärkten ethischen Durchdringung von Lehre und Forschung an unserer Hochschule. Dieser erste Schritt ist zu klein, um dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Weitere Schritte sollen folgen, insbesondere die Schaffung einer Professur für Wirtschaftsethik. Dass wir auf dem richtigen Wege sind, zeigt der Bericht des interimistischen Leiters der Forschungsstelle über den Aufschwung der Wirtschaftsethik in den USA, zeigt die Bildung
einer Arbeitsgruppe Wirtschaftsethik im Verein für Socialpolitik, der wichtigsten Vereinigung der Volkswirtschafter im deutschsprachigen Raum, und zeigt die Prüfung unserer Anregung an anderen Universitäten Europas, so u. a. an der Universität Innsbruck und an der Wirtschaftsuniversität Wien.
2. Die Gründung der Forschungsstelle für Arbeit und Arbeitsrecht: Sie soll eine wichtige Lücke in unserer Forschungsinfrastruktur schliessen. Beide Neugründungen von Forschungsstellen sind erste Schritte zur Durchbrechung des Institutsgründungsstops, der, sehen wir von einer Abspaltung ab, seit elf Jahren herrscht. Dieser Institutsgründungsstop ist paradox, wenn man bedenkt, dass der Lehrkörper aufgrund der Zunahme der Studentenzahlen und der Differenzierung des Lehrangebots (Juristischer Lehrgang!) zugenommen hat. Die Integration neu gewählter Professoren in die 15 Institute hängt zu sehr von hergebrachten und teilweise zufälligen Strukturen ab. Selbstverständlich kann auch ohne Institut geforscht werden und wird auch. Aber die Institute sind das wichtigste Gerüst der Forschungsinfrastruktur an unserer Hochschule, in denen die Forschungsgruppen zusammengefasst sind. Die wachsende Warteliste minderbemittelter Forschungsstellen ist auf Dauer nicht vertretbar. Voraussetzung für die Durchbrechung des Institutsgründungsstops ist aber eine Neuregelung der Instituts finanzierung.
3. Die Neuregelung der Instituts finanzierung: Sie ist eingeleitet, aber noch nicht abgeschlossen. Gestützt auf die unbefangenen Vorarbeiten unseres neuen Verwaltungsdirektors, Dr. Franz Hagmann, beantragt das Rektorat dem Hochschulrat mit Zustimmung der Institutsleiterkonferenz eine Neuregelung, welche den Finanzierungsschlüssel an der Zahl der in ein Institut integrierten Professoren bemisst, diesen Infrastrukturbeitrag im realen Geldwert stabilisiert und ein massvolles Realwachstum der projektgebundenen Forschungsfinanzierung vorsieht. Dieses Realwachstum der projektgebundenen Forschungsfinanzierung zu Gunsten sowohl von Instituten als auch von nicht in Institute integrierten Forschern ist um so dringender, als die Mittel des Schweizerischen Nationalfonds geschrumpft sind und sich die Schere zwischen beantragten und bewilligten Projekten zunehmend öffnet.
4. St. Galler Forschungsgespräche: Eine kleine Hochschule ist stärker als eine grosse Universität auf Aussenkontakte angewiesen. Ohne intensive interuniversitäre Kontakte der einzelnen Forscher im nationalen und internationalen Rahmen wird Kleinheit zur Schwäche. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Dozenten mit eigenen Beiträgen an wissenschaftlichen Tagungen im In- und Ausland präsent sind. Und umgekehrt ist es wichtig, solche wissenschaftlichen Kongresse an unsere Hochschule zu locken, wie das im vergangenen Jahr beispielsweise geschehen ist mit dem Symposium für Operations Research.
Wir beabsichtigen, in der Palette der Forschungskontakte eine Neuerung einzuführen: «Die St. Galler Forschungsgespräche».
Die Idee ist, dass das Rektorat jährlich eine Projektgruppe beauftragt, ohne grosse Publizität, in einem kleinen Kreis von etwa einem Dutzend Fachleuten — wobei mindestens die Hälfte von auswärts kommen soll, und zwar die besten aus aller Welt —ein innovationsträchtiges Thema zu besprechen, zu dem wir selbst aufgrund eigener Forschungen etwas anzubieten haben.
Das erste Gespräch wird im September 1983 stattfinden und ist dem Thema «Management and Self-Organisation in Social Systems» gewidmet. Das zweite St. Galler Forschungsgespräch soll sich im kommenden Jahr mit der Wirtschaftsethik befassen und wird wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit dem Verein für Socialpolitik durchgeführt.
Der Auftrag der Hochschule für Forschung und Lehre fliesst in der Berufungspolitik zusammen. Sie ist die wichtigste Führungsaufgabe an einer Hochschule. Denn die Qualität der Hochschule steht und fällt mit der Qualität der Lehrer und Forscher. Der Personalplan ist denn auch das Kernstück des Entwicklungsplans 1984-87 unserer Hochschule, der von Prorektor Professor Dr. Claude Kaspar entworfen worden ist. Zwei Berufungsverfahren für Statistik und Technologie wurden im vergangenen akademischen Jahr abgeschlossen, drei sind im Gange, nämlich für Personalwesen, Managementlehre und Agrarökonomie.
Ich denke überhaupt nicht an diese abgeschlossenen oder hängigen Verfahren, wenn ich postuliere, in der Berufungspolitik die Tore weit aufzumachen. Besonders eine kleine Hochschule muss auf der Hut sein, nicht in Provinzialismus zu verfallen. Woran liegt es, dass die kleinsten Hochschulen der Schweiz, Neuenburg und St. Gallen, den kleinsten Ausländeranteil unter den Professoren aufweisen? Meist sind die besten Kandidaten nicht schon am Ort, mitunter sind es Ausländer. Wissenschaft ist international, und deshalb darf die Nationalität im Normalfall kein Auswahlkriterium sein. Unser Problem ist nicht ein zu hoher Ausländeranteil, sondern die Tatsache, dass es uns selten gelingt, Professoren ausserhalb des deutschsprachigen Raums zu gewinnen. Sollten wir nicht stärker als bisher bei Ausschreibungen nicht einfach reaktiv die Anmeldungen abwarten, sondern aktiv nach den besten in aller Welt Ausschau halten, so wie das die ETH mit Erfolg praktiziert?
Im Bereich der Lehre möchte ich vier Ereignisse oder Probleme besonders erwähnen.
1. Höchste Studentenzahl: Mit 2090 immatrikulierten Studierenden erreichten wir in diesem Jahr den bisherigen Höchststand in der Geschichte unserer Hochschule. Weniger wären uns lieber, denn die hohe Zahl drückt mangels Dozenten und Räumen auf die Qualität der Lehre. Platons Empfehlung, zur Bewahrung der optimalen Grösse den Überschuss auszusperren, ist politisch nicht machbar, mit Ausnahme der Ausländer, deren Anzahl wir entsprechend einem Hochschulratsbeschluss strikt unter 25 Prozent der Gesamtstudentenzahl halten. Dabei mussten wir bei der letzten Ausländerprüfung erstmals auch mit «gut» bewertete ausländische Kandidaten abweisen. Eine intrauniversitäre Selektion durch Verschärfung der Zwischen- und Schlussprüfungen ist nicht vertretbar. Der Prüfungsdruck an unserer Hochschule liegt bereits an der oberen, noch vertretbaren Grenze. Rund ein Drittel der Studierenden verlässt unsere Hochschule freiwillig oder gezwungenermassen ohne Abschluss. Verschärft wird das Problem durch die unausgewogene Verteilung
auf die verschiedenen Lehrgänge, Studienrichtungen und Vertiefungsgebiete. Der Andrang in der Betriebswirtschaftlichen Studienrichtung ist eher zu gross, die Volkswirtschaftliche Studienrichtung und der Staats wissenschaftliche Lehrgang sind zu klein. Die Studentenzahl im Juristischen Lehrgang wäre optimal, wenn pro Jahrgang zwei Seminargruppen geführt werden könnten. Zur Steuerung einer ausgewogenen Verteilung der Studenten auf die verschiedenen Studiengänge fehlt ein wirksames Instrumentarium. Im freien Markt aber spielen nicht nur rationale Faktoren eine Rolle, sondern auch irrationale, wie beispielsweise der Herdentrieb.
2. Juristischer Lehrgang: Im vergangenen Jahr haben die ersten Juristen, sechs an der Zahl, das Lizentiat der Rechts wissenschaft geschafft. Das ist Anlass zu besonderer Freude. In den frühen fünfziger Jahren waren die ersten Pläne geschmiedet worden. Dreissig Jahre danach ist es nun endlich soweit. Wir sind überzeugt, dass es sich um eine gute Sache handelt und dass die Absolventen dieses strengen Lehrgangs sich in der Praxis durchsetzen werden. Der Entscheid zur Schaffung des Juristischen Lehrgangs war nicht zuletzt auch angesichts wachsender Studentenzahlen unter dem Gesichtspunkt optimaler Grössen richtig.
3. Kleine Studienreform: Die grosse Studienreform ist im Herbst 1978 in Kraft gesetzt worden. Mit dem Sommersemester 1982 waren alle acht Semester nach neuer Ordnung erstmals abgeschlossen. Seither ist die Nachevaluation der neuen Studienordnung im Gang. Die Abteilungen haben ihre Anträge gestellt. Der Senat hat den Auftrag an die Studienreformkommission verabschiedet. Der Ball liegt jetzt bei dieser Kommission. Zur Diskussion stehen insbesondere die Verstärkung der Informatik, die Einführung der Soziologie als Zwischenprüfungswahlfach, die Aufnahme der Wirtschaftsethik in den Kanon der Kulturfächer, die Prüfung einer neuen Studienrichtung «Internationale Wirtschaft», die Zulassungsbedingungen zum Doktorat, das Praktikum für Juristen, die Überprüfung schwach besuchter Lehrveranstaltungen sowie eine Menge von kleineren Korrekturen. Die revidierte Studienordnung kann frühestens im Herbst 1984 in Kraft gesetzt werden.
4. Öffentliches Programm: Höchst erfreulich entwickelt sich das von Prorektor Professor Dr. Johannes Anderegg betreute öffentliche Programm sowohl in der Hochschule, als auch in St. Katharinen unten in der Stadt. Die attraktiven Semesterprogramme erfreuen sich wachsenden Zuspruchs aus Stadt und Region. Im vergangenen Jahr wurden rund 60 Vorlesungs- und Seminarzyklen im Rahmen einer breiten Palette des ganzen Spektrums der Universitas von über 3000 Hörern besucht.
Hinzu kommen die Grossveranstaltungen der Aulavorträge, die im vergangenen Jahr den Naturwissenschaften gewidmet waren. Paradox, dass unsere Hochschule ausgerechnet mit den Naturwissenschaften am meisten Publikum anzuziehen vermag. Vielleicht war etwas von jenen legendären «Neue Welt-Zyklen» der fünfziger Jahre zu spüren, welche damals die St. Galler so sehr stimulierten, dass sich Regierungs- und Stadträte im Hotel Hecht darüber stritten, wer unsere Hochschule übernehmen und finanzieren dürfe.
Die Qualität von Lehre und Forschung ist abhängig von einer angemessenen räumlichen Infrastruktur. Diese ist eindeutig zu klein. Vor 20 Jahren für 900 Studenten gebaut, muss unsere Hochschule heute über 2000 Immatrikulierte verkraften. Die Raumprobleme verschärfen sich von Semester zu Semester. Nicht nur platzt die Bibliothek aus allen Nähten, nicht nur fehlt ein grosser Hörsaal für die gemeinsamen Vorlesungen der unteren Semester, nicht nur sind die räumlichen Behinderungen des Informatik-Unterrichts unhaltbar —in diesem Jahr kam ganz gravierend hinzu der Mangel an genügend grossen Seminarräumen, überhaupt an Seminarräumen.
Immerhin stellen wir mit Genugtuung fest, dass die Vorbereitung des Ergänzungsbaus zügig vorangeht. Im vergangenen Jahr wurde der Wettbewerb abgeschlossen. Mit dem ersten Preis wurde in der Person von Herrn Bruno Gerosa sowohl ein sehr guter Architekt als auch ein funktionell und städtebaulich sehr ansprechendes Projekt ausgezeichnet. Die Arbeit in der Projektierungskommission unter der Leitung von Regierungsrat Professor Dr. Willi Geiger ist ein Vergnügen. Bis zur Jahreswende
1983/84 sollte die Botschaft des Regierungsrates an den Grossen Rat vorliegen. Wir hoffen, dass die Volksabstimmung Ende 1984 stattfinden und noch 1985 mit dem Bau begonnen werden kann.
Wir sind optimistisch, weil die Regierung und insbesondere der Erziehungschef, Regierungsrat Ernst Rüesch, mit vollem Engagement für den Ergänzungsbau einstehen, weil wir fast täglich in Stadt und Land viel Goodwill spüren und weil wir überzeugt sind, dass der St. Galler Stimmbürger einem massvollen, notwendigen und dringlichen Projekt der kleinsten und mit Abstand kostengünstigsten Hochschule der Schweiz nach 15jähriger Wartezeit zustimmen wird.
Unlängst hat der Bildungsausschuss einer Partei unsere Hochschule als die vernachlässigste Bildungsinstitution des Kantons bezeichnet. Worauf der Vorstand einer anderen Partei nachdoppelte, es gehe beim Ergänzungsbau schlichtweg darum, der Hochschule jene räumliche Infrastruktur zu gewähren, die für Primar-, Mittel- und Berufsschulen selbstverständlich sei. Wir danken für diese kräftige Unterstützung.
Sehr geschätzte Festversammlung! Ich komme zum Schluss. In bewusster Antithese zum Buch unseres hochverehrten Ehrendoktors Karl Schmid über das «Unbehagen im Kleinstaat» 17 hat Max Bill seiner Rede zur Entgegennahme des Zürcher Kunstpreises den Titel «Das Behagen im Kleinstaat» gegeben. 18 Wenn es unserer Hochschule gelingt, die Schwäche der Kleinheit zu überwinden, indem wir die grosse Welt in die kleine Hochschule hereinholen, und wenn es uns gelingt, die Stärken der Kleinheit, vor allem die Möglichkeit der persönlichen Kontakte zwischen Hochschulbehörden, Dozenten, Studenten und Verwaltung zu nutzen (alle echte Kommunikation ist Kommunikation von Angesicht zu Angesicht)—, dann überwiegt das Behagen in der kleinen Hochschule, dann bestätigt sich der Titel des berühmten Buches von E. F. Schumacher: «Small is beautiful»!