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Komische Zeiten…, da denkt man, dass Musiker genügend Zeit haben, und viele wollen trotzdem keine Interviews geben (laut Labels). Oder sie verstecken sich hinter Managements, welche für die "wichtigsten" Rapper zuständig sind, und es ist gar kein Durchkommen zu den ach so bodenständigen Muckern. NICHT so bei Holy Mother und Sänger Mike Tirelli. Der Ami, der schon bei Jack Starr's Burning Star (ehemals Gitarrist bei Virgin Steele), Riot (V), Messiah's Kiss und diversen anderen Projekten gesungen hat, wurde durch seine unglaubliche Gesangsstimme bekannt. Soeben wurde seine Band Holy Mother reaktiviert, und mit «Face This Burn» im Gepäck hat der New Yorker einen wahren Killer auf uns Unwürdige los gelassen. Mike entpuppte sich als kleines Schlitzohr, der immer mit dem Schalk in Nacken und einen freundlichen wie breiten Grinsen dem Interviewer gegenüber sass. Wie es zum neuen Werk kam, warum sich Holy Mother für eine längere Zeit trennten, wie es zum Engagement bei Riot kam und was der schwerste Moment in seinem Leben war, das erzählte der Sänger im folgenden Interview.
MF: Wieso dauerte es achtzehn Jahre bis zum neuen Album?
Mike: Grundsätzlich…, mein Partner und Co-Writer Jim Harris (Drummer) und ich haben die Band nach dem letzten Album «Agoraphobia» aufgelöst. Wir hatten mit SPV ein neues Label. Vorher wurden unsere Scheiben immer über eine kleine Plattenfirma veröffentlicht. Jim zog sich ein bisschen zurück, so dass «Agoraphobia» zum grössten Teil von mir stammte. Als wir mit SPV arbeiteten, entsprach dies nicht unseren Vorstellungen. Ich benötigte eine Pause und stieg bei der deutschen Metal Band Messiah's Kiss ein. Wir veröffentlichten einige Scheiben und gingen auf Tour. Daneben war ich in unterschiedlichen Projekten involviert, hier in den Staaten. Ich war immer beschäftigt und dachte nicht, dass ich wieder mit Holy Mother was am Start haben könnte. Aber die Fans fragten immer wieder nach etwas Neuem von Holy Mother. Besonders zu der Zeit, als ich bei Riot sang. Jim und ich waren der Meinung, dass die Zeit reif für ein Comeback ist. Ich schreibe stetig neue Tracks und war immer in Kontakt mit Jim, da wir sehr gute Freunde sind. Ich schrieb neues Material, schickte es ihm zu und er komponierte die Texte dazu. Es fühlt sich gut an, wieder zurück zu sein und es ist momentan eine sehr aufregende Zeit. Vielleicht brauchte es diese Pause, aber sie hat geholfen, dass wir mit frischem Wind Neues kreieren konnten. Das hört man «Face This Burn» auch an.
MF: Wie wichtig ist Jim für dich und die Band?
Mike: Er ist extrem wichtig für die Truppe. Ich schreibe viele Songs und er die Lyriks dazu. Ich singe meine Prototypen ein, Jim verfeinert das Ganze und macht daraus grossartige Texte. Zudem hat er eine tolle Gesangsstimme, die mit meiner bestens harmoniert. Eines ist klar, ohne ihn würden heute Holy Mother nicht wieder existieren. Nicht zu vergessen, wie wichtig Randy Coven für die Band war! Er verstarb leider 2014. Ich versuchte die Bass-Spuren zu schreiben. Die werden aber niemals so gut sein, wie jene von ihm (lacht). Randy war unglaublich. Er hat mit vielen tollen Musikern zusammen gespielt. Er war bei Yngwie Malmsteen, Zakk Wylde und Steve Vai. Zudem hatte er dieses unglaubliche Projekt Ark, mit Jorn Lande und John Macaluso. Es ist schwierig ohne ihn neue Lieder zu schreiben.
MF: Hört man sich die neuen Tracks an, so bleibt die Frage wie wütend und angepisst du warst, als du am Komponieren...
Mike: …ich war doch nicht wütend (lacht). Schau dir an, was in der Welt passiert. Speziell jetzt mit der Pandemie. Da wirst du automatisch wütend oder frustriert, wenn du Musiker bist und nicht raus kannst. Ich versuche meine Wut zu unterdrücken (lacht). Aber das geht allen Künstlern so, die versuchen ihre Musik auf der Bühne zu spielen und mit den Fans zu teilen. Viele Leute entdecken Holy Mother erst mit «Face This Burn», weil sie die Truppe vorher nicht kannten. Besonders hier in den USA: "Wow cool. Tolle neue Band. Ihr seid unglaublich, ich bin zum Fan geworden". Das ist wirklich aufregend. Es fühlt sich toll an, diese Feedbacks zu erhalten. Echt, das bläst mich förmlich aus den Socken. Auch wenn dies erst jetzt passiert und uns die Amis zu registrieren scheinen. Was jetzt fehlt ist, dass wir raus auf die Bühne können.
MF: Das neue Album ist ein wahrer Killer. Aggressiv wie ein Schlag ins Gesicht und alles mit einem kleinen, modernen Touch. War dies auch der Masterplan für «Face This Burn»?
Mike: Absolut! All die Ideen, die ich täglich sammle…, der Plan war, alles aggressiv zu gestalten und versuchen neue Fans für uns zu gewinnen. Da alles geklappt hat (lacht)! Ich denke, wir haben einen guten Job abgeliefert. Du sagst es richtig. «Face This Burn» besitzt viel vom klassischen Metal, ist wie ein Schlag ins Gesicht, aber alles hat immer einen feinen modernen Anstrich. Das Schlagzeug oder auch die Art des Gesanges und die Produktion. Kane Churko (Mix und Mastering), der schon mit Five Finger Death Punch, Ozzy, Disturbed oder Papa Roach zusammen arbeitete, hat uns geholfen auf dieses Level zu kommen. Ab und zu ist es schwer für Mucker ihre Musik so auszuleben, dass die Leute auch verstehen, wie und was damit gemeint ist. Aber wenn ich deine Meinung höre, dann weiss ich, dass es uns sehr gut gelungen ist. Es war mein Ziel meine Wurzeln nicht zu verleugnen, aber sie trotzdem mit einem neueren Sound zu vermischen. Bei allen Tracks ist es gelungen, ausser bei «The River». Wir haben diesen Song, der ursprünglich von «Toxic Rain» stammt, nochmals aufgenommen. Diese Version wurde aber nicht von Kane gemischt und verbindet auf eindrucksvolle Art und Weise unseren traditionellen Stil mit dem neueren, modernen. Weisst du, wie damals Judas Priest mit «Painkiller» (lacht).
MF: Schaut man sich eure Scheiben von der ersten bis zu «Face This Burn» an, dann stellt man fest, dass ihr immer härter und aggressiver wurdet. Nähert ihr euch somit dem Endziel, was ihr mit eurer Musik erreichen wollt?
Mike: Wenn ich komponiere, versuche ich nicht bewusst härter und aggressiver zu schreiben. Auch nicht für das nächste Album, das es definitiv geben wird (grinst). Klar versuche ich heavier zu werden und mit den vierzehn Tracks für die kommende Scheibe haben wir gutes Material zur Auswahl. Vielleicht "kicken" diese noch ein bisschen mehr (grinst), weil Jim noch härter auf sein Schlagzeug drauf schlägt (grinst). Mit dieser unglaublichen Maschinengewehr-Double-Bass Drum (lacht). Aber es soll ja auch eine Herausforderung für ihn sein (lacht).
MF: In der Vergangenheit habt ihr eine Coverversion von Black Sabbaths «Never Say Die» aufgenommen. Wieso diese Nummer und nicht «War Pigs», «Black Sabbath» oder «Heaven And Hell»?
Mike: Das ist eine verdammt gute Frage, weil! Es ist lustig…, wir sprechen tatsächlich darüber, für die kommende Scheibe «Heaven And Hell» als Cover einzuspielen (grinst). Wir haben «Superstar» von den Carpenters auf «Face This Burn» aufgenommen. Das war auf der ganzen Welt ein grosser Hit. Ich wollte diesen Pop-Song ein bisschen dunkler präsentieren. Aber es ist tatsächlich so, dass Jim und ich über «Heaven And Hell» sprechen. Als wir damals «Holy Diver» coverten, hatten wir grossen Erfolg damit. Dio ist mein Held. Ich liebe ihn, und er ist in meinen Augen der beste Heavy Metal Sänger aller Zeiten.
"...Als ich dann noch mit Messiah’' Kiss auftrat, wurde ich wieder gefragt, ob ich religiös sei. Aber das hat damit überhaupt nichts zu tun..."
MF: Gibt es eine Geschichte zum Bandnamen?
Mike: Die Leute fragen mich immer wieder danach, weil sie glauben, dass wir eine christliche Band sind (grinst). Aber es gibt keine Story dazu. Ich glaube Randy kam mit dem Namen ums Eck und wir dachten, ja das klingt wirklich cool! Holy Mother…, Mother…, Holy shit… (lacht). Als ich dann noch mit Messiah's Kiss auftrat, wurde ich wieder gefragt, ob ich religiös sei. Aber das hat damit überhaupt nichts zu tun (lacht).
MF: Wenn wir schon bei Messiah's Kiss sind. Gibt es Pläne für eine neue Scheibe?
Mike: Absolut. Wir arbeiten langsam an der Entstehung (lacht). Seit den letzten fünf bis sechs Jahren sind wir immer wieder am Komponieren. Viele Tracks sind fertig. Wayne und Jason Banks leben in England. Ich in New York. Eckhard Ostra und Alexander Hitz leben in Deutschland. Was die Combo erfolgreich macht, ist dieser traditionelle Heavy Metal. «Dragonheart» ist mein absolutes Lieblingsalbum. Wayne ist ein grossartiger Songwriter, aber sein Material klingt nach Punk (grinst). Eckhard gefällt dies überhaupt nicht. Ich denke aber, dass wir zu Beginn des nächsten Jahrs wieder mit einem Album auffahren können, das sehr traditionell klingt. Mit den Wurzeln von Judas Priest, Black Sabbath und Accept. Georg Kraft war einer der wichtigsten Stützen beim Schreiben, aber er ist nicht mehr Mitglied in der Band, weil er zwei Herzattacken hatte. Dies Mixtur aus traditionellem von Messiah's Kiss und das leicht Moderne mit Holy Mother gefällt mir sehr gut. Dabei will ich aber nicht "zu modern" werden, weil dies nicht zu mir passen würde.
MF: Wie kam es dazu, dass du kurzzeitig bei Riot gesungen hast, und wieso hat diese Konstellation nicht gehalten?
Mike: Frank Gilchriest, der Schlagzeuger…, wir sind sehr gute Freunde. Er war beim letzten Holy Mother-Album dabei. Aus diesem Grund empfahl er mich Mark Reale, dem Bandgründer von Riot. Zur der Zeit war auch Randy Coven Mitglied bei Riot. Er schwärmte von meiner Stimme und wie gut sie zu Riot passen würde (grinst). Mark war sich aber nicht sicher, weil er einen Sänger suchte, der wie David Coverdale klingt. Trotzdem rief er mich. So wurde ich Mitglied und wir tourten zweieinhalb Jahre zusammen durch Europa und zum 20. Geburtstag für «Thundersteel», zusammen mit dem Originalsänger Tony Moore. Mark wollte diese Gigs nicht spielen. Aber ich sagte zu ihm: «Mark, das ist eine grossartige Idee, weil die Leute darauf warten, das Album mit euch zusammen feiern zu können!» Ich bekam zu dieser Zeit den gleichen Magen-Krebs wie Ronnie James Dio. Aus diesem Grund war ich für einen Moment weg vom Fenster, da ich krank war und mich um meine Chemotherapie kümmern musste. Mark hatte wenig später auch gesundheitliche Probleme. Das hat mich aus dem Spiel genommen und Riot nahmen zusammen mit Tony Moore ein neues Album auf («Immortal Soul»). Das ist ein unglaubliches Werk, ich liebe es! Später war ich nochmals Mitglied bei Riot, als Mark gestorben war und sich die Truppe in Riot V unbenannte. Zusammen mit Todd Michael Hall, der einen unglaublich tollen Job ablieferte…, er ist ein verdammter Killer als Sänger. Das Lustige ist, dass Todd nach meinem Ausstieg bei Jack Starr's Burning Star den Job als Sänger erhielt. Er hat all das gesungen, was ich aufgenommen habe (grinst). Als ich Riot V verliess, nahm er erneut meinen Platz ein. Er ist der perfekte Sänger für die Jungs. Er kann diese hohen Schreie für das «Thundersteel»-Material singen.
MF: Aber auch deine Stimme ist unglaublich und noch immer fantastisch gut, nach über 55 Jahren. Hattest du nie Probleme?
Mike: Oh danke schön, Martin. Ehmm (überlegt lange)…, nein, nicht wirklich. Weisst du, wenn man auf Tour ist, sechs oder sieben Shows spielt, ohne freien Tag, musst du einfach auf deine Stimme achten. Ich war immer Sänger, wie auch bei diesem Whitesnake Tribute-Ding. David (Coverdale) ist ein weiterer Shouter, den ich sehr verehre. Weisst du, diese hohen Schreie, die sich dann bis zum Flüstern ändern können (grinst). Diese Metal-, Rock-, Blues- und Pop-Songs an einem Abend singen zu können, war immer eine schöne Herausforderung. Über all die Jahre lernte ich viel über die unterschiedlichen Arten des Singens. Verschiedene Stile, welche ich mit grossartigen Musikern spielen durfte. Ich achtete dabei immer auf meine Stimme. Wäre ich krank gewesen auf Tour, hätte ich nicht singen können. 2016 waren wir in einem grossen Bus auf Tour. Alle um mich herum waren krank. Ich trug schon damals eine Maske und wurde von allen ausgelacht. "Hört mal Jungs, wenn ich krank werde, dann fahre ich nach Hause und ihr könnt die Tour absagen" (lacht). Es ist schwierig zu sagen, was ich mehr mag. Ob nun diese hohen Schreie bei Holy Mother oder das eher Traditionelle bei Messiah's Kiss. Ich mag es zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu wechseln. Auch wenn das Material für Holy Mother vielleicht eine leicht grössere Herausforderung ist.
MF: Was waren deine Hoffnungen und Wünsche, als du mit der Musik begonnen hast?
Mike: Ich denke, das gleiche wie bei allen anderen Musikern auch. Du beginnst und willst der kommende Rock-Star werden (lacht). Aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich touren und die Welt sehen. Ich bekam die Möglichkeit jedes Land in Europa und Japan zu sehen. Das Lustige ist, dass ich kaum die Gelegenheit hatte in Amerika aufzutreten. Hey, ich liebe mein Land (lacht).
"...Auch wenn es eine schwierige Epoche war 2002, als das Downloaden uns viele Plattenkäufer wegnahm. Aber die Tour damals zusammen mit Doro war toll..."
MF: Welches war die erfolgreichste Zeit für dich?
Mike: Ich hoffe jetzt mit dem neuen Album (lacht). Im Moment laufen die Dinge sehr gut und ich bin guter Dinge, dass wir bald wieder raus gehen und spielen können. Als wir mit Messiah's Kiss starteten, erlebte ich eine sehr erfolgreiche Zeit. Auch wenn es eine schwierige Epoche war 2002, als das Downloaden uns viele Plattenkäufer wegnahm. Aber die Tour damals, zusammen mit Doro war toll. Wacken war unsere erste Show (grinst zufrieden).
MF: Was war der schwierigste Moment für dich?
Mike: Sicher die Zeit, als ich gegen den Krebs ankämpfte. Die Diagnose erhielt ich 2009. Vieles änderte sich in meinem Leben. Ich musst lernen zu essen und mich zurück kämpfen, um wieder singen zu können. Ich war 2010 in einer Show in Las Vegas mit dem Namen «Rock Star». Zu der Zeit hatte ich noch immer meine Chemotherapie. In trat dort mit unterschiedlichen Sängern auf und spielte David Coverdale. Daneben standen Joan Jett und Nancy Wilson (grinst). Es war eine tolle Show, aber auch eine schwere Zeit für mich, neben der Krankheit auch auf der Bühne zu stehen. Trotzdem lernte ich viele talentierte, junge Musiker kennen, wie Brent Fitz, der heute bei Slash Schlagzeug spielt. Es war eine tolle Zeit, und ich wurde gut behandelt während meiner Genesungszeit. Die Musik half mir durch die schwierigste Zeit meines Lebens zu kommen.
MF: Dann wünsche ich dir weiterhin beste Gesundheit und alles Gute für die Zukunft. Ich hoffe, dich bald wieder in der Schweiz zu sehen! Danke für dieses offene und unterhaltsame Gespräch.
Mike: Danke dir Martin, es war mir ein Vergnügen! Glaub mir, zu 100 %, wenn wir in der Schweiz sind, dann sehen wir uns. Bleib gesund mein Freund.