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Wenn die Velofahrer nicht wären, würde man sich schon nach 12 Stunden in die flämische Stadt Gent verlieben. Doch sogar noch um Mitternacht muss man beim Überqueren der Strassen und Strässchen aufpassen, von den Leisetretern nicht überfahren zu werden. Sie selbst müssen allerdings auch schauen, dass sie nicht in eine Tramschiene geraten.
Velo oder Tram gehören weniger zu den Fortbewegungsmitteln von Aviel Cahn – und ein Leisetreter ist der Zürcher schon gar nicht. Auf die Frage, wie man denn von Brüssel nach Gent komme, antwortete der Direktor der Flämischen Oper Antwerpen/Gent: «Mit dem Zug – oder besser mit dem Taxi.»
Cahn ist in Fahrt, aber nicht mit irgendeinem Regionalzug, sondern in einem japanischen Superschnellzug. Wurde in den letzten Jahren ein Operndirektor in Wien oder München diskutiert, fiel immer auch der Name Cahn.
Der 43-Jährige hat die Flämische Oper seit 2009 auf den Radar der internationalen Opernauguren gespielt. Zum Start zeigte er Camille Saint-Saëns’ biblischen Stoff «Sam-son und Dalila» in der Regie eines jüdisch-palästinensischen Leitungsteams – die Diskussionen darüber wollten nicht enden.
Als er 2013 «Rosenkavalier» ansetzte, überredete er den Oscarpreisträger Christoph Waltz, die Regie zu übernehmen. Noch in Helsinki, Cahn war erst 26, liess er Dario Fo inszenieren. Typisch Cahn: Immer eins grösser denken als die anderen. Sollen Basler Intendanten einen Salzburger-Stier-Träger inszenieren lassen, er holt einen Nobelpreisträger.
Seine nächste Direktorenstelle werde an einem ganz grossen Haus sein, sagten alle. Nun ist es Genf geworden. Ein «ganz grosses Haus»? Mit ironischem Unterton bejaht Cahn die Frage – Genf sei doch mit seinen 1500 Plätzen grösser als Zürich mit 1100 Sitzen –, um dann ernst anzufügen: «Genf ist eigentlich hinter Paris das zweite Haus im französischsprechenden Raum.»
Als Kind sah er im Fernsehen in einer Genfer TV-Übertragung Tenorlegende Luciano Pavarotti und jammerte: «So etwas gibt es in Zürich nie!» Genau diesen Satz will er ab 2019 wieder hören – und Zürich in den Schatten stellen.
Absage ans Opernhaus Zürich
Das Opernhaus Zürich taucht beim Mittagessen mit Cahn alle zehn Minuten auf, jeder Opernfreund glaubt zu wissen, dass Cahn nie ein anderes Ziel hatte, als Operndirektor in seiner Heimat zu werden.
Er hat die Gabel noch nicht berührt, als er sagt: «Wenn ich ein Jahr in Genf bin und mich dann Zürich anfragen würde, müsste ich sagen: ‹Pardon, geht nicht›: 2022 bin ich kein Kandidat.»
Auf die Bemerkung, dass er dann aber lange nicht in Zürich sitzen werde, da 2022 die Ära eines neuen Zürcher Intendanten beginnen wird, antwortet er trocken: «Ausser Andreas Homoki verlängert nochmals bis 2027.» So formuliert man Lebensziele.
Vorerst will er in Genf für Wirbel sorgen. Ein guter Zeitpunkt, ist die Stadt doch in Aufbruchsstimmung, man baut ein Schauspielhaus, einen Konzertsaal – und 2018 ist die 70 Millionen teure Renovation der Oper abgeschlossen.
Schon jetzt geniessen es die Genfer, wenn sie Cahn sagen hören: «Genf soll eine führende Opernstadt der Welt werden.» Mittlerweile glaubt er wohl selbst an seine Worte, dass es spannender sei, dort etwas zu machen, wo viel Potenzial liegt, als sich in Wien oder München auf einen Thron zu setzen und zuzusehen, wie sich das Haus sowieso füllt.
Fragt sich nur, ob seine Pläne mit dem derzeitigen Genfer Budget möglich sind. Doch Geld scheint für Cahn kein Problem zu sein.
«Man hat nie genug Geld, aber in Antwerpen habe ich gezeigt: Mit wenig Mitteln kann man sehr viel erreichen.» Dort kam er mit 28 Millionen Euro Subventionen aus, in Genf hat er 40, in Zürich sind es 80,5 Millionen Franken. Der Vergleich mit Zürich hinkt, da in Antwerpen wie Genf nicht Repertoire- sondern Stagione-Betrieb herrscht: Man hat zwar Produktionsstätten, Orchester, Ballett und Chor, aber das Gesangsensemble ist viel kleiner.
Eine Produktion wird geprobt, 8- bis 10-mal gespielt, danach folgt die nächste, insgesamt spielt man viel weniger Opern. Oft wird zudem kostensparend mit anderen Stagione-Betrieben koproduziert.
Für Cahn ein Ideal, solange er die Premiere und somit das Medieninteresse bekommt – oder zumindest auf die Produktion Einfluss nehmen kann. «Tailermade productions» nennt er die Resultate: massgeschneiderte Opernproduktionen.
Will heissen: Er kann mit einer Oper auf ein aktuelles Thema fokussieren, jedes Projekt soll ein «unique seller», ein einzigartiges Verkaufsversprechen, sein. Spielt er, wie im Juni 2017, Rimsky-Korsakows unbekannte Märchenoper «Sadko», ist das für die Szene eine lohnende Ausgrabung. In der Premiere sitzen denn auch die Opernkritiker der «Welt» und der «FAZ».
Viele Intendanten würden darob jubeln, Cahn aber will mehr, will, dass «Sadko» alle etwas angeht, sieht die vermeintliche Märchenoper im Spannungsfeld zwischen Natur und Reichtum und hat flugs ein Schlagwort parat: «Natur opfert sich für Geldgewinnung!»
Die Uno, die Genfer Konvention, das Rote Kreuz, die Exil-Russen, der Calvinismus, die Bijouterie- und Uhrenindustrie sind Themen, die er auf die Genfer Bühne hieven will.
Meistens ist ein roter Faden in seinen Spielplänen erkennbar – oder er redet ihn gekonnt herbei. «Wir müssen Geschichten erzählen, viel mehr als früher, das begeistert die Leute.»
Oft ist er unterwegs, um sein Wort an sein Publikum zu richten. «Bei Alexander Pereira konnte ich das lernen, er war Zürichs Hauptveranstalter. Das machte er wohl nicht aus einer sozialen Ader heraus, aber aus dem Bedürfnis, dass sein Opernhaus wichtig ist.» Wann sieht heute jemand einen Zürcher Theater- oder Opern-Intendanten auf einem Podium oder in Cafés?
Neben der Vermittlung sind grosse Namen sehr wichtig. Stolz erzählt Cahn, wie die Tarantino-Waltz-Freunde den «Rosenkavalier» sahen, wie die «Monty Python»-Fans sich dank Regisseur Terry Gilliam mit «Damnation de Faust» auseinandersetzten.
Er hat das Durchschnittsalter seiner Opernbesucher von 63 auf 49 Jahre gesenkt. Und wenn er, wie eben geschehen, 30 Lehrer in die Generalprobe einlädt, schafft er ohne grossen Aufwand einen Multiplikationsfaktor.
Cahn lechzt nach Beachtung in der Szene, gewiss, aber es ist ihm ein Anliegen, nicht für den Kreis der glücklichen Wenigen zu spielen, er will Produktionen, die alle bewegen.
«Aida» und die Genfer Konvention
Die schwammige, von allen Intendanten der Welt gemachte Aussage, dass sie die Inspirationen für die Produktionen aus der Region erhielten, kann er für sich mit vielen konkreten Produktionen belegen.
In Genf wird es ganz andere Geschichten zu erzählen geben als in Belgien. Die Uno, die Genfer Konvention, das Rote Kreuz, die Exil-Russen, der Calvinismus, die Bijouterie- und Uhrenindustrie sind für ihn Themen, die er auf die Genfer Bühne hieven will.
«Für Ravels ‹L'Heure espagnole› könnte Rolex eine Riesenuhr bauen!». Er lacht. Und die Genfer Konventionen erwähnend, denkt er an «Aida». «Damit im Kopf geht man mit dem Aida-Thema Kriegsgefangenschaft ganz anders um. Dann gebe ich dem Publikum eine Geschichte.»
Bei der Frage, ob er keine Angst habe, dass man bald mit viel weniger Geld auskommen müsse, zuckt er die Schulter: «Dann müssen halt die Gagen runter, dann verdient Frau Bartoli vielleicht die Hälfte – und der Orchestermusiker gleich viel wie der Sicherheitsbeamte. Es ist immer einfach, sich zu beklagen. Jede Zeit kennt neue Herausforderungen.»
Und schon spricht er von Völkerbewegungen, die ein neues Gedankengut in unsere Kultur brächten. «Die Italiener und Portugiesen, die in den 1970er Jahren in die Schweiz kamen, hatten mehr oder weniger noch dasselbe Denken, gehörten zum selben Kulturkreis. Aber Menschen aus Sri Lanka, Syrien oder Korea denken anders: Die Integration dieser Menschen und die Weiterentwicklung der Gesellschaft mit ihnen ist eine andere Herausforderung. Auf die Künste kommen grosse demografische Veränderungen zu, da dürfen die Opernhäuser den Anschluss nicht verpassen.»
Genf kann sich auf etwas gefasst machen, und Zürich wird heftig in die Pedalen treten müssen, um mithalten zu können.
Sie sorgten für Aufsehen
Oscarpreisträger Schauspieler Christopher Waltz inszenierte in Antwerpen den «Rosenkavalier» von Richard Strauss, im Dezember folgt Verdis «Falstaff».
Nobelpreisträger Dario Fo führte 2003 in Helsinki, wo Cahn Direktor der künstlerischen Planung war, Regie bei Rossinis Oper «Il viaggio a Reims».
Performance-Star Marina Abramovic entwirft 2018 in Antwerpen das Bühnenbild und die Kostüme zu Debussys «Pelléas et Mélisande».