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Die eidgenössischen Wahlen 2019 haben gezeigt, dass der Nationalrat nicht nur parteipolitischen, sondern auch demografischen Veränderungen unterliegt. Eine Analyse der Struktur von Nationalrat und Bevölkerung soll diese Entwicklung aufzeigen
Historisch waren sie, die Wahlen 2019 des eidgenössischen Parlaments. Seit einigen Wochen vorbei, doch vielen werden sie längerfristig in Erinnerung bleiben. Die neue politische Zusammensetzung des Parlaments ist so jung wie noch nie, so grün wie noch nie und so weiblich wie noch nie. Der Nationalrat gleicht sich demnach zumindest geschlechtertechnisch der Stimmbevölkerung an. Trotz aller Euphorie bleibt eine Frage offen: Waren die letztjährigen Wahlen des Parlaments auch so repräsentativ wie noch nie?
Der Nationalrat, die grosse Kammer des Schweizer Parlaments, soll mit 200 Sitzen das Schweizer Volk vertreten. Jeder Kanton hat nach Bevölkerungsgrösse bemessen mindestens einen Sitz zu Gute, Zürich führt die Liste mit 35 Sitzen an. Uri, Glarus sowie den Halbkantonen stehen je nur einer dieser Sitze zu. Wie wichtig ist es nun, dass die kantonalen Volksvertreter die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegeln?
Repräsentation kann auf verschiedene Arten gemessen werden; unter anderem über politische Anliegen, Parteizugehörigkeit, Frauenanteil, Bildungsniveau, Berufe oder Religionszugehörigkeit. Demografische Repräsentation kann unter anderem durch das Alter und Geschlecht der Stimmbevölkerung betrachtet werden. Relevant ist diese Art der Repräsentation, da die politischen Interessen zwischen Geschlechter- und Altersgruppen klar auseinandergehen. Schweizer Stimmbürgerinnen unterstützen Umwelt-, Gesundheits- und Gleichberechtigungsanliegen stärker als Stimmbürger (Funk & Gathmann 2015). Schweizer Männer dagegen stimmen häufiger für das Militär und gegen die Erweiterung des Staates als Frauen (Funk & Gathmann 2015). Ebenfalls bestehen Unterschiede im Abstimmungsverhalten zwischen jung und alt: junge Schweizer stimmen eher progressiv, alte eher konservativ (Milic 2016).
Der Frauenanteil im Nationalrat wurde mit den Wahlen 2019 im Vergleich zu 2015 um 10 Prozentpunkte erhöht. Dies kommt nicht überraschend, 2019 haben mehr Frauen kandidiert als je zuvor (Eidgenössische Kommission für Frauenfragen 2019) und obwohl sie in den Medien weniger Aufmerksamkeit erhalten haben als ihre männlichen Gegenspieler, (SRF 2019) konnten sie eine Rekordanzahl von Sitzen gewinnen.
Während sich das Parlament 2019 so jung wie noch nie präsentiert, ist die Schweizer Bevölkerung so alt wie noch nie. 49 Jahre beträgt das Durchschnittsalter im Nationalrat (Das Schweizer Parlament 2019), während es für die Schweizer Bevölkerung (inklusive unter 18-jährige Schweizer) 43.6 Jahre beträgt. Die Schweizer werden immer älter, Geburtenzahlen waren lange Zeit abnehmend; wie sich der Nationalrat dem demografischen Wandel der letzten 48 Jahre angepasst hat zeigt die folgende Grafik:
1971 fanden die ersten nationalen Wahlen nach der Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts der Schweizerinnen statt. Genau 10 Sitze konnten von Frauen im Nationalrat besetzt werden; 5 % war ihr Anteil in der grossen Kammer. Eine Steigerung auf 42 % in 48 Jahren, ist das genug? Festzustellen ist, dass der Frauenanteil zuerst langsam, dann jedoch stetig zugenommen hat. Bei den Wahlen 1991 wurde zum ersten Mal eine weibliche Alterskategorie vollständig im Nationalrat abgedeckt und es gab prozentual mehr 46 bis 55-jährige Nationalrätinnen als Frauen in der Stimmbevölkerung. Seit 2015 sind bereits drei Alterskategorien der 36 bis 65-jährigen Frauen abgedeckt. Die Vertretung der Frauen gleicht sich dem Bild der Männer an, ganz junge und über 65-jährige sind im Parlament untervertreten, während 36 bis 65-jährige bei beiden Geschlechtern übervertreten sind. Das Durchschnittsalter der Schweizer war 1971 35.6 Jahre, Ende 2018 43.6 Jahre. Während das Bevölkerungsalter über Zeit anstieg, sank das Alter im Nationalrat von 52 auf 49 Jahre und ist 2019 damit näher am Durchschnittsalter der Bevölkerung als je zuvor.
Zu Beginn wurde die Frage aufgeworfen, wie wichtig es ist, dass die kantonalen Volksvertreter die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegelt. Ein Vergleich einzelner Kantone bringt wenig Mehrwert, denn je geringer die Sitzanzahl desto schwieriger ist die demografisch repräsentative Vertretung. Ein Blick in die Schweizer Regionen soll jedoch Aufschluss über lokale Unterschiede bringen:
Bezüglich Alter deckt die Nordwestschweiz die meisten Klassen ab; zwischen 18 und 75 ist in jeder Altersklasse mindestens eine Person im Parlament vertreten. In der Genferseeregion, dem Mittelland und der Nordwestschweiz sind in der ältesten Kategorie nur Männer im Nationalrat zu finden, was vielleicht erstaunt, da Frauen älter werden. In der Zentralschweiz sind sehr wenig junge Leute im Nationalrat vertreten, ganz im Gegensatz zu Zürich, der Nordwestschweiz und der Ostschweiz, wo die Jungen stärker vertreten sind. Die Ostschweiz bietet ein ziemlich ausbalanciertes Parlament an, während in der Zentralschweiz und Zürich je eine männliche Alterskategorie ausreisst. Bezüglich Geschlechtervertretung fällt die Nordwestschweiz auf, die mehr Nationalrätinnen als Nationalräte hat. In der Zentralschweiz ist das klare Gegenteil der Fall und die anderen Regionen verhalten sich eher unauffällig in diesem Bezug.
Bisher zeigten die Wahlen 2019 aus repräsentativer Sicht ein positives Bild. Ein kurzer Blick in zwei Kantone soll jedoch aufzeigen, dass lokal noch Arbeit zur Verbesserung der Abbildung der Stimmbevölkerung im Parlament geleistet werden muss. Das Tessin und Wallis wurden nicht in der regionalen Grafik untergebracht, um hier genauer betrachtet werden zu können. Beide Südkantone haben je acht Sitze im Nationalrat. Das Wallis lässt sich trotz Frauenwahljahr nur von Männern im Nationalrat vertreten; immerhin im zweiten Wahlgang der Ständeratswahlen durfte doch eine Walliserin nach Bern. Das Tessin schickt eine einzige Nationalrätin nach Bern, ursprünglich gewählt wurden zwei; Marina Carobbio Guscetti wurde später in den Ständerat gewählt. Während im Wallis alterstechnisch eine breite Vertretung vorhanden ist, stammen im Tessin sechs von acht Nationalräten aus der 36 bis 45-jährigen Kategorie.
Gesamtschweizerisch brachten die Wahlen aus demografischer Sicht erfreuliche Veränderungen; die Demografie im Nationalrat gleicht sich der Stimmbevölkerungsdemografie immer stärker an. Ob sich Abstimmungsresultate durch diese Ausbalancierung verändern werden, bleibt abzuwarten. Was nicht vergessen werden darf, ist, dass nebst Alter und Geschlecht weitere Faktoren einen Einfluss auf die politische Meinung und das Abstimmungsverhalten einzelner haben. Strukturelle Faktoren wie zum Beispiel Bildung, oder kulturelle Faktoren wie Sprach- und Religionszugehörigkeit haben Einfluss auf das politische Verhalten (Milic 2016). Zudem wird rund ein Viertel der Bewohner der Schweiz von der hier dargestellten demografischen Repräsentation ausgeschlossen, denn nur wer das Schweizer Bürgerrecht besitzt, darf wählen und gewählt werden.
Daten, Methoden und Validität
Die verwendeten Daten zu den Wahlen 2019 stammen vom Bundesamt für Statistik (https://wahlen.admin.ch/ogd/sd-t-17.02-NRW2019-kandidierende-appendix.csv). Alle Bevölkerungsdaten seit 1971 sind ebenfalls auf der Webseite des Bundesamt für Statistik zu finden (für Kantone: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kataloge-datenbanken/daten.assetdetail.9566500.html, für die gesamte Schweiz: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/stand-entwicklung/komponenten-bevoelkerungsentwicklung.assetdetail.9486043.html).
Alle Nationalräte seit 1971 stammen von der Schweizer Parlament Webseite ( https://www.google.ch/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=5&ved=2ahUKEwjxnoSw4OrmAhWCGuwKHZwtChgQFjAEeg
QIBxAC&url=https%3A%2F%2Fwww.parlament.ch%2FDocuments%2FRatsmitgliederDownload%2F
Ratsmitglieder_1848_DE.xlsx&usg=AOvVaw2U9mEvHxZYfKp3xHO0OCj7) .
Die Daten wurden zum Zweck deskriptiver Statistik benutzt, den Code für die verschiedenen Darstellungen finden sie hier
Für die Zeitreihenanalyse wurden nur Nationalräte analysiert die eine gesamte vierjährige Legislaturperiode absolviert haben. Das jeweilige Alter der Nationalrate wurde mittels Jahrgang per Ende Jahr ermittelt. Der Vergleich zur Demografie bezieht sich nur auf in der Schweiz gemeldete und wohnhafte Bürger, jeweils per 31. Dezember. Für die demografischen Werte von 2019 wurden die Zahlen vom 31.12.2018 des BFS verwendet.
Literaturverzeichnis
Das Schweizer Parlament. (2019). ZAHLEN ZU DEN RATSMITGLIEDERN. Abgerufen am 12 2019 von Das Schweizer Parlament: https://www.parlament.ch/de/über-das-parlament/fakten-und-zahlen/zahlen-ratsmitglieder
Eidgenössische Kommission für Frauenfragen. (2019). Wahlaufruf: So viele Frauenkandidaturen wie noch nie – Zeit für halbe-halbe! Abgerufen am 12 2019 von Eidgenössisches Departement des Innern: https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/58588.pdf
Funk, P., & Gathmann, C. (2015). Gender Gaps in Policy Making: evidence from direct democracy in Switzerland. Economic Policy Journal, 143-181.
Milic, T. (2016). Der Altersgraben an der Stimmurne ist weniger tief als angenommen. Abgerufen am 12 2019 von Die Volkswirtschaft: https://dievolkswirtschaft.ch/de/2016/10/milic-11-2016/
SRF. (2019). SRF Tagesschau: Frauen erscheinen im Wahlkampf weniger in den Printmedien. Abgerufen am 12 2019 von Play SRF: https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/frauen-erscheinen-im-wahlkampf-weniger-in-den-printmedien?id=727a7ba1-512a-44b4-aab5-f436bfb16b9f
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Autor: Anna Meisser, 16-702-243, <email-pii>
Modul: Vorbereitung zum Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus
Dozenten: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Theresa Gessler, Alexandra Koller
Abgabedatum: 05.01.2020
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