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Unbehauste Wanderer
Die russische Schriftstellerin Natalja Baranskaja (1908-2004) vergegenwärtigt sich in ihrer »Lebensbeschreibung« die Geschicke ihrer Familie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Ihre Eltern gehörten der illegalen revolutionären Untergrundbewegung an - ihre Mutter verkehrte mit dem jungen Lenin - und waren Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiterpartei seit deren Anfängen. Als politisch Verfolgte waren sie zu häufigen Ortswechseln gezwungen: Schauplätze ihrer frühen Kindheit sind Engelberg in der Schweiz, Berlin, München, Kopenhagen, später dann vor allem Moskau.
Die politische Geschichte ist präsent, aber das Hauptinteresse der Autorin gilt den persönlichen Schicksalen der Verwandten, Freunde, Menschen, die ihr in verschiedenen Epochen ihres Lebens und in unterschiedlichen Milieus nahe standen. Sie schildert den "alltäglichen Kleinkram des schäbigen, zerrütteten Lebens." Dieses Leben wird immer wieder bestimmt durch Verhaftungen und Verbannungen. Lebensentwürfe werden durchkreuzt, es gibt kein 'normales' Leben, alle sind "unbehauste Wanderer".
Viele Schauplätze, viele Personen, viele Schicksale, mächtige Ereignisse begegnen uns, immer geprägt durch die unverkennbare Stimme der Autorin, die sich über ihr Leben und ihr Land in schwieriger Zeit erinnernd klar werden möchte, nüchtern, mit feinem Humor, Schärfe des Blicks, mit grosser Menschlichkeit und Wärme.
Natalja Baranskaja
Zur Autorin
Natalja Baranskaja kam am 31.12.1908 in St.Petersburg zur Welt. Beide Elternteile stammten aus gebildeten Familien und widmeten sich der revolutionären Bewe-gung. Als Illegale waren sie im zaristischen Russland bedroht, mit der Machtergrei-fung der Bolschewiki waren sie als Menschewiki Angehörige einer verbotenen Partei und erneut Repressalien ausgesetzt. Wiederholte Verhaftungen und Verban-nungen der Eltern, die mehrheitlich getrennt voneinander lebten, bescherten ihr ein unstetes Leben.
1925 schloss sie in Moskau das Gymnasium ab und besuchte dann die Hochschul-kurse für Literatur. 1930 machte sie ihren Abschluss an der philologischen Fakul-tät der Moskauer Lomonossow-Universität. Mit 19 Jahren heiratete sie einen Mit-studenten, der bald darauf denunziert, verhaftet und dann in die Verbannung nach Kasachstan geschickt wurde. 1934 kam ihre Tochter zur Welt. N.B. arbeitete in verschiedenen Verlagen, schrieb Feuilletons für eine Zeitung. Diese Ehe wurde ge-schieden. 1937 heiratete sie ihren Cousin Nikolai Baranski.
1940 kam der Sohn Nikolai zur Welt. Kurz nachdem es der Familie gelungen war, sich in Moskau zu installieren, trat Russland in den Zweiten Weltkrieg ein. Ihr Mann fiel 1943 an der Front. Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst im Staatlichen Literaturmuseum in Moskau. 1958 wurde sie stellvertretende Direktorin eines neu eröffneten Puschkin-Museums. 1966 zog sie den Argwohn des Parteibüros auf sich, weil sie den staatlich verfolgten Dichter Iossif Brodski zu einer Veranstaltung im Museum einlud. Sie sah sich gezwungen, um frühzeitige Pensionierung zu bit-ten. Erst da fand sie zu eigener schriftstellerischer Tätigkeit.
1968 erschienen in der Zeitschrift "Nowy mir" zwei Erzählungen von ihr. 1969 folgte die Erzählung "Woche um Woche" (Nedelja kak nedelja). Sie hat den Alltag einer ganz gewöhnlichen sowjetischen Frau zum Gegenstand. Diese Erzählung fand im Inland und bald darauf auch im Ausland grosse Resonanz. Sie wurde in viele Sprachen übersetzt. Obwohl N.B. danach von der Zensur behindert wurde, erschienen weitere Bücher von ihr, vor allem Erzählsammlungen. 1979 wurde sie in den Schriftstellerverband aufgenommen. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2004 lebte sie in Moskau und arbeitete an neuen Erzählungen.
Die Übersetzerin
Beatrix Michel-Peyer, 1954 in Zürich geboren, studierte an der Universität Zü-rich Germanistik und Russistik.