Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03606.jsonl.gz/1926

Zur Wichtigkeit der Haltungsschulung[1] im Tanzunterricht
In meiner langjährigen Unterrichtserfahrung habe ich immer wieder gesehen, dass sich Schüler beim Versuch, Körperspannung aufzubauen, total verspannen. In extremen Fällen, in welchen diese Verspannungen im Tanz regelmässig «trainiert» werden, kommt es in der Folge zu Schmerzen, die man durch Massage, Bäder oder sogar Schmerzpflaster lindern muss. Die häufigsten Verspannungen gibt es im Schulterbereich und in der Lendenmuskulatur am Rücken, aber auch im Nacken. Daher wurde mir klar, dass der Tanzschüler im Bharata Natyam von Anfang an verstehen muss, eine Verspannung von einer Anspannung zu unterscheiden. Das geht nur, wenn er lernt eine korrekte Körperspannung aufzubauen.
Im Tanz gibt es verschiedene Aspekte, die der Schüler von Beginn an kennenlernen und ins Training integrieren muss, um mit dem Körper optimal tänzerisch zu arbeiten. Es geht hierbei noch nicht um tanztechnische Grundlagen. Es geht vielmehr um die Grundlagen, auf die der Körper und das Bewusstsein angewiesen sind, um sich im Tanz überhaupt entfalten zu können. Zu diesen Grundlagen gehört die Atmung, da sie der Tänzerin hilft, Bharata Natyam nicht nur tanztechnisch korrekt, sondern auch energievoll und ausdrucksstark auszuüben.
Bharata Natyam ist ein Tanz-Stil, der sich einerseits in kraftvollen Bewegungskombinationen mit komplexen Koordinationselementen der verschiedenen Körperglieder, und andererseits in der Erzählung von Bedeutungsinhalten und der Entladung von Emotionen ausdrückt. Er ist in seiner heutigen Form nicht mehr eindeutig in bestehende Kategorien wie ‚Ritualtanz‘ oder ‚weltlicher Tanz‘ einzuteilen,1Vgl. LIECHTENHAN (2000:9). da
er sich ideologisch zwar auf einen rituellen Ursprung beruft, in seiner
zeitgenössischen Form aber den Status einer formalisierten Bühnenkunst
beansprucht. Der Inszenierung sind immer noch einzelne rituelle Aspekte eigen, wie z.B. die Begrüssung und Ehrerbietung an Gott Naṭarāja und an die
Muttergöttin. Dies sind jedoch Elemente, die dem Tanz durch sein Revival Mitte des 20. Jahrhunderts künstlich beigefügt wurden. Insofern kann man von einer rekonstruierten Ritualkunst sprechen. Ausserdem hat Bharata Natyam durch seine
Vergangenheit der letzten 150 Jahre den Charakter eines Heimattanzes
entwickelt.2LIECHTENHAN (2000:19) benutzt diesen Begriff im Zusammenhang mit der Charakterisierung von Volkstänzen. Im Fall des Bharata Natyam kann diese Charakterisierung durchaus auch für diese «klassische» Tanzform übernommen werden.
Obwohl er als südindischer Tanzstil gilt, stellt er ein
identifikationsstiftendes und identitätsverleihendes Brauchtum dar: «[…]
bharata natyam appears to conjure images of quintessential Indianness.»3O’SHEA (2007:70)
Das Spannungsfeld der modernen Bharata-Natyam-Tänzerin: Lehre der Tradition oder traditionelle Lehre?
Das moderne Bharata Natyam ist Teil einer südindischen Performance-Kultur, die in der Vergangenheit eine eigentümliche Art der Selbstwahrnehmung und -darstellung entwickelt hat. Dies begründet sich in der Art, wie sich diese Performance-Tradition selbst reflektiert: Es ist eine teilweise rekonstruierte, teilweise ideologisierte Geschichte, die den Anspruch einer elitären Kunstdarstellung hat und auf einer historisch geprägten Idee von «Indianness» aufbaut. Im indischen Tanz Bharata Natyam besteht daher ein Nebeneinander eines idealisierten Selbstbildnisses und die gleichzeitige Berufung auf eine authentische Tradition – ein komplexes Zusammenspiel von Authentizität, Ideologie, Klassizismus und Geschichte.1 Die folgenden Ausführungen beschreiben dieses künstlerisch-historische Spannungsfeld am Beispiel meiner eigenen tänzerischen und musikalischen Ausbildung.
Am 20. Juli 2018 ist einer der grossen Mridangam-Künstler der klassischen südindischen Musik gestorben. B. K. Chandramouli war Mitglied einer grossartigen Künstlerfamilie und ein Meister seines Fachs.
Mitte der 1980er Jahre kam B. K. Chandramouli erstmals in die Schweiz, im Rahmen einer Einladung meiner Mutter Vijaya Rao und ihrer indischen Tanzschule Nateschwara. Die Bekanntschaft zwischen ihr und Chandramouli war über die Jahre von einer guten Freundschaft geprägt. So wurde er für mich zur Vaterfigur und einem liebevollen Lehrer, den ich unglaublich schätze.
«Gut für Körper und Geist» ist ein gängiger Slogan, den man gerne auf Flyer oder Poster für angepriesene Tanzkurse lesen kann. Doch dahinter steckt weit mehr, als nur eine plakative Phrase. Dass Tanzen gesund für den Körper ist, diesen Umstand muss ich hier kaum weiter ausführen. Tanz fordert unseren Körper sowohl in Ausdauer als auch in Kraftmaximierung. Tanzen ist daher so effektiv und gesund, wie ein gutes Intervalltraining oder vielseitig gestaltete Fitnessprogramme. Siehe dazu auch meinen Blog über das ideale Tanztraining.
Wieviel Einfluss Tanz auf unseren Geist – also unser Gehirn – hat, dies untersuchte man wissenschaftlich an der Universität von Maryland und der Universität in Houston. Die Ergebnisse dieser dreijährigen Studie sind letztes Jahr herausgekommen. Sie bestätigen das, was mir als Tänzerin schon lange klar war. Es ist bspw. sofort offensichtlich, wie positiv sich Tanz auf die kognitive Leistung auswirkt, wenn man sich betagte Tänzerinnen anschaut, die auch in hohem Alter noch unglaubliche Schaffenskraft an den Tag legen. Ich denke da spontan an Anna Halprin, die grosse amerikanische Tanzpionierin. Ich sah Videos von ihr, da war sie weit über 80 Jahre alt, wirkte geistig aber wie eine Frau von der Hälfte ihres Alters.
Die erwähnte amerikanische Studie über Tänzer und ihr Gehirn bestätigte also diese Erfahrung von mir – und vermutlich allen Tänzerinnen: Das Gehirn wird im Tanz nicht nur im Bereich der Bewegung und Motorik, sondern allumfassend gefordert. In einem Bericht der Tanzzeitschrift dancemagazine.com wird Karen Kohn Bradley zitiert, eine pensionierte Professorin des Tanzdepartements der Uni Maryland. Sie weist darauf hin, dass man im Tanz Aspekte wie Raum, Zeit, Ablauf, Ausdruck usw. gleichzeitig beachten muss. Tanzen ist also Multi-tasking, oder es trainiert zumindest unsere Fähigkeit dazu.
Der bewusste Umgang mit dem Körper im Tanz ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. In letzter Zeit beschäftige ich mich intensiv mit Bewegungspädagogik und Körpertraining. Dabei ist das Gefühl für den bewegenden Körper und der Grad, wie tief dieses Körpergefühl im Tänzer eingearbeitet ist, ein wiederkehrendes zentrales Thema. Ich spreche bewusst von «einarbeiten», denn ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass sich dieses Körpergefühl mit den richtigen Methoden durchaus anlernen und verstärken lässt. Ohne dieses Körpergefühl versprüht der Tanz kein Esprit, ohne dieses Körpergefühl wirkt die Tänzerin nicht authentisch und im Endeffekt ausdruckslos.
Ich habe vor einigen Monaten den Film „Dancer“ über den jungen Balletttänzer Sergei Polunin gesehen. Der Film hat mich tief berührt. Ich stand selbst bereits als Kind auf der Bühne. Die Emotionen, den Druck und die Verlorenheit des erwachsen werdenden Tänzers, wie sie in diesem Film dargestellt werden, kann ich sehr gut nachempfinden. Der Film hat mich aber auch Demut gelehrt. Wie klein und unbedeutend sind meine Schmerzen und meine Verzweiflung, die ich in meiner Karriere durchlebt habe, im Gegensatz zu dieser tragischen Geschichte?! Die wahre Tragik dieser Biografie zeigte sich vor allem in einer Aussage von Polunin gegen Ende des Films. Er habe vergessen, warum er eigentlich tanze, weswegen er sich aus dem professionellen Tanz zurückgezogen hat. Er entdecke die Freude am Tanz erst jetzt, da er keinen Grund mehr hat, zu tanzen.
Die Tendenz zur Hyperlordose in der Bharata Natyam-Grundhaltung
Ob ein Mensch tanzt oder nicht, kann man im Alltag oft an seiner Haltung erkennen. Trainierte Tänzerinnen haben meist eine aufrechte Haltung, bewegen sich anmutig im Raum und wirken dadurch sehr selbstbewusst. Dass das Tanzen den Rücken stärkt und ein Bewusstsein für eine aufrechte Haltung vermittelt, bestreite ich nicht. Mittlerweile gibt es sogar Ärzte, die das Tanzen empfehlen, um sich eine verbesserte Haltung anzueignen.
Die Art und Weise, wie Bharata Natyam in Tanzschulen unterrichtet wird, gibt mir immer wieder Rätsel auf. Mit dem Vorwand, der Tradition treu bleiben zu wollen, folgt man einer völlig veralteten Tanzpädagogik, die in manchen Bereichen ziemlich mangelhaft ist.
Obwohl die Allgemeinheit Tanz eher mit Tänzerinnen als Tänzern assoziiert, komme ich in meinen Blogs der Genderfrage nur insofern nach, als dass ich beide
Geschlechter frei und nach meinem Ermessen verwende.
Da dieser Blog allen zugänglich und für alle verständlich sein soll, die sich dafür interessieren, werde ich auf die diakritische Darstellung von indischen Begriffen
verzichten. Im Normalfall verwende ich für alle spezifischen Begriffe die englische Schreibweise.