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Vom Warenkorb zum Konsumpreisindex
Modul Themen:
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Schweiz 1850-2000
Bild: Auf dem Weg zum sozialen Frieden? Angeheiterte Arbeiter an einer 1. Mai-Feier (Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv).
Eine Frage des „sozialen Friedens“
An die Untersuchung von Carl Landolt in Basel reihten sich bis in die 1940er-Jahre viele weitere Erhebungen von Haushaltrechnungen. Im Literatur-Kapitel finden Sie einige erwähnt. Als ein Beispiel wurde hier die Studie des Metallarbeiter-Verbands von 1910 vorgestellt. Einige dieser Untersuchungen waren komparativ angelegt: Sie verglichen die Einnahme- und Ausgabestruktur von Arbeiter/innen verschiedener Branchen und Regionen sowie von Arbeiter/innen und Angestellten. Durch diese Untersuchungen erhielten Staat und Verbände Aufschluss darüber, wie sich der individuelle Konsum- oder Warenkorb von Arbeiter/innen und Angestellten zusammensetzte. Und überall bestätigte sich die Engelsche Gesetzmässigkeit.
Löhne und Preise waren ein Hebel zur Milderung der „sozialen Frage“ und zum Erhalt des „sozialen Friedens“. Im klassenkämpferischen Klima nach dem Ersten Weltkrieg – Stichwort: Landesstreik von 1918 – wurde dies besonders dringend. Doch noch fehlte es an einer Konsum- und Sozialstatistik, die als frei von „Klasseninteressen“ galt.
|Praktischer Hinweis|
Bevor gezeigt wird, wie es zu einer Verständigungslösung kam, ist ein kurzer Blick auf die Lohnentwicklung angebracht. In der Lektion Entwicklung der Schweiz 1850 - 2000 finden Sie Ausführungen zu den langfristigen Lohn- und Preisveränderungen. Wie man ausgehend von den nominellen Löhnen unter Einbezug der Teuerung die Reallöhne berechnet, die für die Kaufkraft entscheidend sind, lernen Sie in der Economic History Online- Lektion Globalization: Real Wage Convergence since the 19th Century.
Lohnwachstum – und neue Not
Zwischen 1890 und 1914 wuchsen die Nominallöhne der schweizerischen Arbeiterschaft beträchtlich. Dies geschah einerseits als Folge der positiven Konjunktur, nicht zuletzt aber auch als Resultat von Arbeitskämpfen. Gleichzeitig stiegen die Preise weniger stark an als die Löhne. Damit ergab sich ein relativ grosser Reallohnzuwachs. Die Schweiz, die sich um 1890 punkto Löhne europaweit im unteren Segment bewegt hatte, holte damit in wenigen Jahren auf. Dieser Reallohnzuwachs verteilte sich allerdings recht ungleich, nicht nur nach Branchen, sondern insbesondere auch nach Geschlechtern.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und danach verschlechterte die starke Teuerung die physiologischen und sozialen Lebensbedingungen eines grossen Teils der Bevölkerung. Und die Arbeitslosigkeit in der Nachkriegskrise führte viele Familien ins nackte Elend. Gewerkschaften, Arbeitgeberorganisationen und statistische Ämter überboten sich im Erheben von Haushaltstatistiken und im Ausrechnen der „Kosten der Lebenshaltung“. Ob die Kosten wirklich übermässig stiegen, wer darunter litt, wer daran schuld war und was dagegen zu tun war – das waren erstklassige „political issues“. Solange jedoch kein allgemeiner Index existierte, der die effektive Preissteigerung wiedergab, solange waren auch keine generellen Aussagen über die Reallohnentwicklung und den Lebensstandard möglich.
Jacob Lorenz’ Warenkorb
Der Freiburger Statistiker Jacob Lorenz hielt dazu 1917 fest:
(Lorenz 1917, p. 5)
Lorenz stellte dafür zwei Methoden vor: Entweder man erhob weiterhin „fortlaufend Haushaltsrechnungen in grossem Stil“ oder man nahm den realen Warenkorb der Haushalte zur Basis, um daraus zusammen mit Preisstatistiken einen allgemeinen Konsumpreisindex zu erstellen. Mit dieser zweiten Methode entwickelte Lorenz 1915 den ersten periodischen schweizerischen Lebenskostenindex, der fortan im Organ des Verbands schweizerischer Konsumvereine, der späteren Coop-Genossenschaft, publiziert wurde.
Gegen diesen analytischen Ansatz von Lorenz – festhalten, was die Haushalte real konsumierten und was sie das kostete – gab es Einspruch von Seiten der Vertreter der ernährungsphysiologischen Schule. Der Arzt Alfred Gigon und der Basler Regierungsrat Fritz Mangold stellten eine Ernährungsziffer auf, mit welcher sie die Teuerung in Zusammenhang mit einem falschen Konsumverhalten brachten. Ähnlich wie einst Otto Rademann wollten sie darüber aufklären, dass die Arbeiterschaft "durch die rationellere Gestaltung des Speisezettels einem Teil der Teuerung ausweichen" (Mangold 1921, p. 202) könne .
Doch nach Kriegsende und mit dem Rückgang des Hungerproblems überwog bei Verbänden und Sozialpartnern das Interesse an der teuerungsbereinigten effektiven Kaufkraft. Aus der „physiologischen“ wurde wieder eine „soziale Frage“.
Verständigungslösung
Nachdem die Wirtschaftsverbände jahrelang für den Ausbau von Haushaltstatistiken und Preisindizes lobbyiert hatten, schaltete sich 1920 auch der Bund ein: Er schuf das Eidgenössische Arbeitsamt (später: BIGA, heute: seco), das fortan die Lebenshaltungskosten berechnen und publizieren sollte. 1922 erhielt das Arbeitsamt den schon lange geforderten sozialstatistischen Dienst, der im gleichen Jahr die amtliche Indexziffer der Lebenshaltungskosten in der gesamten Schweiz kalkulierte. Das Jahr 1914 bildete die Basis für die Berechnungen. Die Indexziffer sollte die seither erfolgte Preisentwicklung empirisch einwandfrei und „neutral“ nachweisen. Doch die Sozialpartner stritten sich über diese erste Indexziffer. Zum Zankapfel wurde die Frage, ob der Rückgang der kriegsbedingten Teuerung den Verzicht auf Lohnerhöhungen oder gar Lohnsenkungen rechtfertigte. Der Bundesrat setzte darauf hin eine paritätisch zusammengesetzte Indexkommission aus den verschiedenen Interessegruppen ein, die unter der Führung des Arbeitsamtes während vier Jahren nach einer für alle akzeptablen und damit "objektiven" Methode der Indexberechnung suchte.
Im Januar 1926 wurde dieser so genannte "Verständigungsindex" erstmals publiziert, der später und bis heute "Landesindex der Konsumentenpreise" heissen sollte. Der Warenkorb des einzelnen Haushalts enthielt nun nicht nur Nahrungsmittel, sondern beispielsweise auch die Ausgaben für die Kleider und die Wohnungsmiete.
Warenkorb heute
Seit 1922 wurde der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) achtmal revidiert. Der jüngste LIK trat 2006 in Kraft und nimmt die Zahlen vom Dezember 2005 als Basis (= 100). Der Warenkorb, auf dem der LIK basiert, setzt sich heute aus 83 Warengruppen zusammen. Neu hinzugekommen sind Produkte wie Energy Drinks, Präservative oder Kaffeekapseln, weil sie für viele Menschen in der Schweiz wichtige Güter des täglichen oder häufigen Bedarfs geworden sind. Dagegen haben Waren wie Rosenkohl, Friteusen oder VHS-Videorecorder derart an Bedeutung eingebüsst, dass sie auch aus dem volkswirtschaftlichen Warenkorb gestrichen wurden. Anders als die frühen Haushaltrechnungen, wird der LIK-Warenkorb gemischt erhoben: Für die Auswahl der Güter richten sich die statistischen Ämter nach den Verkaufshits der Grossverteiler in 11 Erhebungsregionen. Für die Gewichtung der einzelnen Warengruppen sind hingegen nach wie vor die Angaben der Konsumenten und Konsumentinnen relevant. Deren Kauf- und Ausgabeverhalten wird jährlich in der so genannten Einkommens- und Verbrauchserhebung (EVE) ermittelt. Zu diesem Zweck werden 3300 Haushalte zufällig ausgewählt und befragt.
Wie seine Vorgänger ist auch der aktuelle LIK ein Preis- und kein Lebenshaltungsindex. Er misst die Veränderung der relativen Preise eines fixen Warenkorbs mit Konsumgütern gegenüber dem Basismonat und wird damit zum Indikator für die Teuerung. Ein Lebenshaltungskostenindex würde dagegen die minimalen Kosten eines Güterbündels messen, das Individuen oder Familien für ihre Existenz benötigen, inklusive Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Solange nur ein Konsumpreisindex erhoben wird, werden diese so genannten Transferausgaben, aber auch Sparausgaben oder Investitionen und Krankenkassenprämien im Warenkorb jedoch nicht berücksichtigt.
|Herzlichen Glückwunsch|
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Self Assessment