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Jin Yong genießt in China ungefähr denselben Status wie J. R. R. Tolkien in Europa. Wenn Tolkien das Genre der Fantasy zwar vielleicht nicht neu erfunden, aber doch in eine dezidiert andere Form gegossen hat, so gilt ähnliches für Jin Yong und das Genre des Wuxia – ein Genre, das es so nur in China gibt. Es handelt sich dabei um eine Art Ritter- und Abenteuergeschichte (die es auch als Film gibt), wobei die Helden aber keine Ritter im herkömmlichen europäischen Sinne sind. Die Protagonisten des Wuxia sind allesamt an Körper und Geist hochtrainierte Nahkampf-Spezialisten, erfahren also im Kampf mit bloßen Händen ebenso, wie im Kampf mit Schwertern, Speeren oder was immer so im Nahkampf gegen einen Gegner / Feind eingesetzt werden kann. Ihr auf daoistischen oder buddhistischen Grundsätzen aufgebautes Training erlaubt ihnen dabei, die Gesetze der Physik auch schon mal ein wenig zu ritzen, was macht, dass Wuxia für uns Europäer auch phantastische oder eben Fantasy-Elemente beinhaltet. Das Genre ist relativ jung. Seine erste „goldene Zeit“ hatte es gerade erst von den 1950ern bis in die 1970er. (Der Vergleich mit Tolkien hinkt sachlich gesehen: Wenn der Engländer eine ganze neue Welt erfunden hat, so bettet der Chinese seine Romane in die Geschichte seines Landes ein. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welches nun die größere Kunst sei, weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden.)
An der goldenen Zeit des Wuxia war Jin Yong mit seiner Trilogie um die Kondor-Helden nicht unbeteiligt. Die Kondor-Helden stellen eine heterogene Gruppe von Kämpfern mit ihren Schülern dar, die im 12. und 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in die Auseinandersetzungen zwischen dem Jin-Reich im Norden Chinas und dem südlich davon gelegenen Reich der Song verwickelt waren. (Das stellt ein typisches Merkmal des Wuxia dar: Der Hintergrund solcher Romane ist historisch – meist im Mittelalter angesiedelt –, und ein paar der dargestellten Figuren haben tatsächlich gelebt.) Im Zentrum der Handlung der Kondor-Helden steht Guo Jing. Er stammt aus einer Familie berühmter Kämpfer – sein Vorfahre ist Guo Sheng, einer der 108 Räuber vom Liang-Schan-Moor. Womit wir gleich zwei weitere typische Merkmale des Wuxia vor uns haben: Sie beziehen sich immer – explizit oder implizit – auf solche traditionelle, klassischen Werke der chinesischen Literatur, wie eben Die Räuber vom Liang-Schan-Moor oder Die Geschichte der Drei Reiche. Auch der gewiefte Taktiker Sun Tsu wird ehrfürchtig erwähnt. Wie in ihren klassischen Vorbildern stammen die Helden des Wuxia aus allen Schichten des Volks. Wie in ihren klassischen Vorbildern finden wir auch Frauen darunter. Wenn – vor allem unter den „Großmeistern“ der bekannten Schulen – überdurchschnittlich viele daoistische und buddhistische Mönche erwähnt werden (in der Legende der Kondor-Helden nur Daoisten, keine Buddhisten), liegt das vor allem daran, dass diese natürlich sehr viel mehr Zeit auf die Vervollkommnung ihrer Kampftechnik verwenden konnten, als der durchschnittliche Chinese, und ihre Kampftechniken auch brauchten, denn in China (wie in Europa!) waren die Klöster oft recht reich und Besitzer großer Ländereien, die gegen Kaiser und Räuber verteidigt werden wollten. Diese Herkunft aus allen Schichten hebt die chinesischen Helden des Wuxia vom japanischen Samurai ab. Letzterer gehört einer ganz bestimmten Kaste an. Samurai haben auch alle einen Herren – ein herrenloser Samurai zu sein, gilt als unehrenhaft –, dem sie bedingungslos folgen, ohne dessen Motive zu hinterfragen. Wuxia-Helden ordnen sich höchstens temporär unter. Ihre Motive und ihre Ethik sind letzten Endes in konfuzianischen Lehren verankert, und bestehen darin, dass zu Unrecht Verfolgten in jedem Fall Hilfe geleistet werden muss. Dieser Charakterzug, den wir in Europa von Robin Hood kennen, lässt sie denn oft auch schon fast als eine Art Anarchisten im historischen Raum stehen.
Wir verfolgen im Roman The Legends of the Condor Heroes vor allem die Geschicke des Guo Jing, eines Song-Mannes. Wir sind dabei Zeugen seiner Entwicklung vom tumben Bauernbuben zum Meister-Kämpfer – praktisch von seiner Zeugung an, über die Ermordung seines Vaters (natürlich auch er ein bekannter Kämpfer!) durch verräterische Jin-Chinesen noch vor seiner Geburt, über seine Zeit des Exils unter den Mongolen (wo der Knabe durch seine Aufrichtigkeit und seine Rechtschaffenheit das Wohlwollen und die Freundschaft Dschingis Khans erwirbt und so eine erste kriegerische Ausbildung erhält), seine Entdeckung durch Han-chinesische Meister, bis hin zu seiner Teilnahme an den Kriegszügen der Mongolen gegen die Jin. Als es nach deren Besiegung gegen die Song gehen soll, Gou Jings – ihm allerdings zu jenem Zeitpunkt noch unbekannte – Heimat, trennt er sich mit seinen Meistern von Dschingis Khan, um auf der Seite der Song das Reich vor der Invasion zu retten. (Jin Yong folgt der realen Geschichte: Es ist Dschingis Khans frühzeitiger und unvorhergesehener Tod, der – zumindest vorläufig – verhindert, dass die Chinesen unter mongolische Herrschaft geraten. Unsere Helden haben damit nichts zu tun.) Guo Jing wird uns in der Geschichte als ein zwar fleißiger, aber nicht allzu begabter Schüler seiner chinesischen Meister dargestellt. Dennoch gelingt es ihm nach und nach, sich so viel anzueignen, dass er auch gegen bekanntere und eigentlich bessere Kämpfer einigermaßen bestehen und letztendlich seinen Vater rächen kann.
Das Buch strotzt von Schilderungen großer Schlachten und detaillierten Beschreibungen der Zwei- und Mehrkämpfe der Kampfkunst-Meister. Schon im dritten Kapitel schauen wir zu, wie so ein Meister ein kleines Detachement der Jin-Armee aus sechs oder sieben Leuten in kürzester Zeit im Alleingang massakriert. Da werden Köpfe ebenso abgeschlagen, wie Bäuche aufgeschlitzt oder Hauptleute mit dem Schwert von oben nach unten halbiert. Die Gesetze der Physik sind dabei temporär außer Kraft gesetzt. Im Übrigen klingt diese meine Zusammenfassung jetzt blutiger, als es der Roman im Ganzen ist. Mit seinem über alles gelegten konfuzianischen Ethos und Figuren, bei denen nicht immer klar ist, auf welcher Seite sie stehen, haben wir ein Werk vor uns, das vielleicht nicht ganz große Weltliteratur darstellt, aber auf jeden Fall ganz großes Kino. (Jin Yong hat auch Drehbücher für chinesische Wuxia-Filme verfasst!) Es ist für uns Europäer ob der verschiedenen Namen, den die Protagonisten je nach Situation tragen, manchmal schwierig, nachzuverfolgen, wer sich denn nun gerade mit wem duelliert. Hier ist das meiner Ausgabe von der Übersetzerin beigegebene Personenverzeichnis sehr hilfreich.
Jin Yong: A Hero Born. Ins Englische übersetzt von Anna Holmwood. Während es – ausser dieser englischen – Übersetzungen in praktisch alle südostasiatischen Sprachen gibt, finde ich keine deutsche. Der Roman erschien zunächst ab 1957 in Hongkong als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitung. Die Übersetzung von Anna Holmwood erschien 2018 zum ersten Mal bei MacLehose Press in London. Vor mir liegt eine Lizenzausgabe der Folio Society (ebenfalls London) von 2019. Es muss schon frühere Übersetzungen ins Englische gegeben haben, stellt doch Anna Holmwood in einem Appendix klar, dass sie den Begriff „Kondor“ im Titel beibehalten habe, obwohl es in China eigentlich gar keine Kondore gibt (die sind südamerikanisch). Da aber die Vögel des Romans mythisch riesig sind und sowieso keiner in China existierenden Art entsprechen, konnte sie gerade so gut die Bezeichnung „Kondor“ dafür belassen.

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