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Georg Simmel:
Philosophie
des Geldes
Duncker & Humblot
Verlag, Berlin 1900 (1. Auflage)
5. Kapitel: Das Geldäquivalent personaler
Werte - Teil III
(456-479)
Das Arbeitsgeld und seine
Begründung
Die Gratisleistung des
Geistes
Die Höhenunterschiede der Arbeit
als Quantitätsunterschiede
Die Muskelarbeit als
Arbeitseinheit
Der Wert physischer Leistung auf den
der psychischen Leistung reduzierbar
Die Nützlichkeitsunterschiede der
Arbeit als Gegengrund gegen das Arbeitsgeld; dadurch geförderte Einsicht
in die Bedeutung des Geldes
Die Bedeutung des Geldäquivalents der Arbeit ist auf diesen Seiten so
oft direkt und indirekt berührt, daß ich hier nur noch eine darauf
bezügliche Prinzipienfrage abhandeln möchte: ob die Arbeit selbst etwa
der Wert schlechthin ist, der also das Wertmoment in allen ökonomischen
Einzelheiten ebenso in concreto bildet, wie dasselbe in abstracto durch
das Geld ausgedrückt wird.
Die Bemühungen, die Gesamtheit der wirtschaftlichen Werte aus einer
einzigen Quelle abzuleiten und auf einen einzigen Ausdruck zu reduzieren -
auf die Arbeit, die Kosten, den Nutzen usw. - wären sicher nicht
aufgetreten, wenn nicht die Umsetzbarkeit aller jener Werte in Geld auf
eine Einheit ihres Wesens hingedeutet und als Pfand für die Erkennbarkeit
eben dieser Einheit gedient hätte.
Der Begriff des »Arbeitsgeldes«, der in sozialistischen Plänen
auftaucht, drückt diesen Zusammenhang aus.
Geleistete Arbeit als der allein wert-bildende Faktor gibt danach
allein das Recht, die Arbeitsprodukte Anderer zu beanspruchen, und dafür
weiß man eben keine andere Form, als daß man die Symbole und
Anerkenntnisse eines bestimmten Arbeitsquantums als Geld bezeichnet.
Das Geld muß also selbst da als Einheitsform der Werte konserviert
werden, wo seine augenblickliche Beschaffenheit verworfen wird, weil deren
Eigenleben es hindere, der adäquate Ausdruck der fundamentalen Wertpotenz
zu sein.
Wenn man selbst neben der Arbeit noch die Natur als Wertbildner
zuläßt, da doch auch das aus ihr entnommene Material der Arbeit Wert
besitzt, und so, wie man sagte, die Arbeit zwar der Vater, die Erde aber
die Mutter des Reichtums ist - so muß der sozialistische Gedankengang
dennoch am Arbeitsgeld münden; denn da die Schätze der Natur nicht mehr
Privateigentum, sondern die gemeinsame, jedem a priori in gleicher Weise
zugängige Grundlage des Wirtschaftens überhaupt sein sollen, so ist
dasjenige, was jeder in den Tausch zu geben hat, schließlich doch nur
seine Arbeit.
Er kann freilich, wenn er mit Hilfe dieser ein wertvolles Naturprodukt
(>457) eingetauscht hat und dieses weiter vertauscht, dessen Stoffwert
mit in Rechnung stellen; aber die Werthöhe desselben ist doch nur genau
gleich dem Werte seiner Arbeit, für die er es erworben hat, und diese
bildet also für das fragliche Naturprodukt das Maß seines Tauschwertes.
Wenn die Arbeit so die letzte Instanz ist, auf die alle Wertbestimmung
der Objekte zurückzugehen hat, so ist es eine Unangemessenheit und ein
Umweg, sie ihrerseits erst an einem Objekte von fremder Provenienz, wie
das jetzige Geld es ist, zu messen; vielmehr müßte man dann allerdings
eine Möglichkeit suchen, die Arbeitseinheit ganz rein und unmittelbar in
einem Symbol auszudrücken, das als Tausch- und Meßmittel, als Geld
fungierte.
Ohne von den angedeuteten Vereinheitlichungen des Wertes eine als die
allein legitime zu verkünden, möchte ich die Arbeitstheorie wenigstens
für die philosophisch interessanteste halten.
In der Arbeit gewinnen die Körperlichkeit und die Geistigkeit des
Menschen, sein Intellekt und sein Wille, eine Einheitlichkeit, die diesen
Potenzen versagt bleibt, solange man sie gleichsam in ruhendem
Nebeneinander betrachtet; die Arbeit ist der einheitliche Strom, in dem
sie sich wie Quellflüsse mischen, die Geschiedenheit ihres Wesens in der
Ungeschiedenheit des Produktes auslöschend.
Wäre sie wirklich der alleinige Träger des Wertes, so würde der
letztere damit in den definitiven Einheitspunkt unserer praktischen Natur
eingesenkt, und dieser würde sich den adäquatesten Ausdruck, den er in
der äußeren Realität finden kann, erwählt haben.
Im Hinblick auf diese Bedeutung der Arbeit erscheint es mir eine
untergeordnete Frage, ob man nicht der Arbeit daraufhin den Wert
abzusprechen habe, daß sie doch vielmehr die Werte erst erzeuge - wie die
Maschine, die einen Stoff bearbeitet, doch die Form nicht selbst besitzt,
die sie diesem erteilt.
Gerade wenn man nur den Produkten menschlicher Arbeit Wert zuspreche,
könne nicht sie selbst - die eine physiologische Funktion ist -, sondern
nur die Arbeitskraft Wert haben.
Denn diese allerdings werde vom Menschen erzeugt, nämlich durch die
Unterhaltungsmittel, die ihrerseits menschlicher Arbeit entstammen.
Daß sie sich dann in wirkliche Arbeit umsetzt, fordert er-sichtlich
nicht wiederum Arbeit, bedeutet also selbst keinen Wert; dieser vielmehr
haftet nun erst wieder an den von solcher Arbeit bedingten Produkten.
Ich halte dies indes für eine im wesentlichen terminologische
Angelegenheit.
Denn da die Arbeitskraft sicher kein Wert wäre, wenn sie latent bliebe
und sich nicht in wirkliches Arbeiten umsetzte, sondern erst in diesem
wertbildend wirkt, so kann man für alle Zwecke der Berechnung und des
Ausdrucks die Arbeit einsetzen.
Das wird auch nicht durch die Überlegung geändert, daß (>458) die
als Nahrung konsumierten Werte nicht Arbeit, sondern Arbeitskraft erzeugen
und deshalb nur diese, als Trägerin jener aufgenommenen Werte, selbst ein
Wert sein könne.
Die Nahrungsmittel können schon deshalb nicht die zulängliche Ursache
des vom Menschen verwirklichten Wertes sein, weil dieser letztere den in
den ersteren investierten übersteigt, da es andernfalls nie zu einer
Wertvermehrung kommen könnte.
Die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeit ist nur für die Zwecke
des Sozialismus wichtig, weil sie die Theorie anschaulich macht, daß der
Arbeiter nur einen Teil der Werte erhält, die er erzeugt.
Seine Arbeit produziert mehr Werte, als in seiner Arbeitskraft, in Form
der Unterhaltsmittel, investiert sind; indem der Unternehmer die ganze
Arbeitskraft um den Wert der letzteren kauft, profitiert er das ganze
Mehr, um welches die schließlichen Arbeitsprodukte diesen Wert
überragen.
Aber selbst von diesem Standpunkt aus scheint mir, man könnte, statt
der Arbeitskraft die Arbeit als Wert bezeichnend, innerhalb der letzteren
die Quanten gegeneinander abgrenzen, deren Werte einerseits als Lohn zum
Arbeiter zurückkehren, andrerseits den Gewinn des Unternehmers ausmachen.
Ich gehe hierauf also nicht weiter ein, sondern untersuche im folgenden
nur die nähere Bestimmung, unter welcher uns die Arbeitstheorie des
Wertes so häufig entgegentritt: sie sucht einen Arbeitsbegriff, der für
Muskelarbeit und geistige Arbeit gleichmäßig gilt, und mündet dabei
tatsächlich auf der Muskelarbeit, als dem primären Werte oder
Wertproduzenten, der als Maß jeglicher Arbeit überhaupt zu gelten habe.
Es wäre irrig, hierin nur proletarischen Trotz und prinzipielle
Entwürdigung geistiger Leistungen zu sehen. Vielmehr wirken dazu tiefere
und verwickeltere Ursachen.
Von dem Anteil des Geistes an der Arbeit ist zunächst behauptet
worden, daß er kein »Aufwand« sei, er fordere keinen Ersatz wegen
Abnutzung und erhöhe deshalb die Kosten des Produktes nicht; so daß als
Begründerin des Tauschwertes nur die Muskelarbeit übrigbleibe.
Wenn man dem gegenüber hervorgehoben hat, daß auch die geistige Kraft
erschöpfbar sei und ganz ebenso wie die körper-liche durch Ernährung
erhalten und ersetzt werden müßte, so ist dabei das Moment von Wahrheit
übersehen, das jener Theorie, wenn auch nur als instinktives Gefühl, zum
Grunde liegen mag.
Der Anteil des Geistes an einem Arbeitsprodukt bedeutet nämlich zwei
scharf zu unterscheidende Seiten desselben.
Wenn ein Tischler einen Stuhl nach einem längst bekannten Modell
herstellt, so geht das freilich nicht ohne einen Aufwand psychischer
Tätigkeit ab, die Hand muß vom Bewußtsein geleitet werden.
Allein dies ist keineswegs die ganze in dem Stuhl investierte
Geistigkeit.
Er wäre auch nicht herstellbar (>459) ohne die geistige Tätigkeit
desjenigen, der, vielleicht vor Generationen, das Modell dazu ersonnen
hat; auch die hiermit verbrauchte psychische Kraft bildet eine praktische
Bedingung dieses Stuhles.
Nun aber besteht der Inhalt dieses zweiten geistigen Prozesses in einer
Form weiter, in der er keinen psychischen Kraftaufwand mehr involviert:
als Tradition, objektiv gewordener Gedanke, den jeder aufnehmen und
nachdenken kann.
In dieser Form wirkt er im Protduktionsprozeß des jetzigen Tischlers,
bildet den Inhalt der aktuellen geistigen Funktion, die freilich von
dessen subjektiver Kraft getragen und vollzogen werden muß, und geht
vermöge dieser letzteren in das Produkt, als dessen Form, ein.
Die zweierlei psychischen Betätigungen, von denen ich erst sprach,
sind ganz sicher der Abnutzung und der Notwendigkeit eines physiologischen
Ersatzes unterworfen: sowohl die des Tischlers wie die des Erfinders des
Stuhles.
Aber das dritte geistige Moment, das offenbar für das jetzige
Zustandekommen des Stuhles entscheidend wichtig ist, ist allerdings dem
Verbrauchtwerden enthoben, und nach der Idee dieses Stuhles mögen
Tausende von Exemplaren gearbeitet werden, sie selbst leidet dadurch keine
Abnutzung, fordert keine Restaurierung und vermehrt also allerdings,
obgleich sie den formgebenden, sachlich-geistigen Gehalt jedes einzelnen
Stuhles dieser Art bildet, die Kosten desselben nicht.
Unterscheidet man also mit der erforderlichen Schärfe zwischen dem
objektiv-geistigen Inhalt in einem Produkt und der subjektiven geistigen
Funktion, die nach der Norm jenes Inhaltes das Produkt herstellt, so sieht
man das relative Recht jener Behauptung, daß der Geist nichts koste;
freilich auch ihr relatives Unrecht, weil diese unentgeltliche und
unvernutzbare Idee des Dinges sich nicht von selbst in Produkten
verwirklicht, sondern nur vermittels eines Intellekts, dessen jetziges,
jener Idee gemäßes Funktionieren organische Kraft fordert und zu dem
Kostenwert des Produktes aus denselben Gründen beiträgt, wie die
Muskelleistung es tut - wenngleich der durch einen so präformierten
Inhalt gelenkte psychische Aufwand natürlich ein viel geringerer ist, als
wenn er zugleich den Inhalt originell aufzubringen hat.
Die Differenz zwischen beiden ist die Gratisleistung des Geistes.
Und dieses ideell-inhaltliche Moment ist es, das den geistigen Besitz nach
zwei Seiten hin so völlig von dem ökonomischen unterscheidet: er kann
einem einerseits viel gründlicher, andrerseits viel weniger genommen
werden, als dieser.
Der einmal ausgesprochene Gedanke ist durch keine Macht der Welt wieder
einzufangen, sein Inhalt ist unwiderruflich öffentliches Eigentum aller,
die die psychische Kraft, ihn nachzudenken, aufwenden.
Deshalb aber kann er einem auch, wenn dies einmal geschehen ist, durch
keine Macht der Welt wieder (>460) geraubt werden, der einmal gedachte
Gedanke bleibt, als immer wieder reproduzierbarer Inhalt, der
Persönlichkeit so unentreißbar verbunden, wie es im Ökonomischen gar
keine Analogie findet.
Indem sich der geistige Prozeß aus seinem Inhalt, der diese
über-ökonomische Bedeutung hat, und dem psychologischen Prozeß als
solchem zusammensetzt, handelt es sich hier ersichtlich nur um den
letzteren, um die Frage, welche Rolle der seelische Kraftverbrauch in der
Wertbildung noch neben der Muskelarbeit spiele.
Daß die Bedeutung der geistigen Arbeit auf die der physischen
reduziert werde, ist schließlich nur eine Seite der ganz allgemeinen
Tendenz, eine Einheit des Arbeitsbegriffes herzustellen.
Das Gemeinsame aller mannigfaltigen Arten der Arbeit - einer viel
weiteren und abgestufteren Mannigfaltigkeit, als der bloße Gegensatz
zwischen physischer und psychischer Arbeit zeigt - gilt es aufzufinden.
Damit wäre theoretisch wie praktisch außerordentlich viel gewonnen,
soviel wie entsprechend mit der Tatsache des Geldes; man hätte nun die
generelle, qualitative Einheit, auf Grund deren alle Wertverhältnisse
zwischen den Ergebnissen menschlicher Tätigkeit rein quantitativ, durch
ein bloßes Mehr oder Weniger, auszudrücken wären.
Auf allen Gebieten hat dies den wesentlichen Fortschritt der Erkenntnis
bedeutet: daß die qualitative Abwägung der Objekte gegeneinander, die
immer eine relativ unsichere und unexakte bleibt, in die allein
unzweideutige quantitative übergeführt wird, indem eine durchgängige
innere Einheit an ihnen festgestellt wird und diese nun, als überall
dieselbe und selbstverständliche, in der Berechnung der relativen
Bedeutungen der Einzelheiten keine Berücksichtigung mehr verlangt.
Auf sozialistischer Seite ist dies offenbar eine bloße Fortsetzung und
Konsequenz der Bestrebung, alle Werte überhaupt auf ökonomische, als
ihren Ausgangspunkt und ihre Substanz zurückzuführen.
Und auf dieser Bestrebung mußte sie unvermeidlich münden, wenn sie
ihre Nivellierungstendenz zu Ende dachte.
Denn auf dem Gebiete des Ökonomischen kann man allenfalls eine
Gleichheit der Individuen als möglich denken; auf allen anderen:
intellektuellen, gefühlsmäßigen, charakterologischen, ästhetischen,
ethischen usw. würde das Nivellement, selbst nur das der
»Arbeitsmittel«, von vornherein aussichtslos sein.
Will man es dennoch unternehmen, so bleibt nichts übrig, als diese
Interessen und Qualitäten irgendwie auf jene, die allein eine annähernde
Gleichmäßigkeit der Verteilung gestatten, zu reduzieren.
Ich weiß wohl, daß der heutige wissenschaftliche Sozialismus die
mechanisch-kommunistische Gleichmacherei von sich weist und nur eine
Gleichheit der Arbeitsbedingungen herstellen will, von der aus die
Verschiedenheit der Begabung, (>461) Kraft und Bemühung auch zu
einer Verschiedenheit der Stellung und des Genusses führen soll.
Allein dem heutigen Zustand gegenüber, in dem Erbrecht,
Klassenunterschiede, Akkumulation des Kapitals und alle möglichen Chancen
der Konjunktur weit größere als den individuellen
Betätigungsunterschieden entsprechende Abstände erzeugen - würde jenes
nicht nur tatsächlich eine wesentliche Ausgleichung in jeder Hinsicht
bedeuten, sondern die Ausgleichung auch der Besitz- und Genußmomente
scheint mir auch heute noch für die Massen das eigentlich wirksame
Agitationsmittel zu sein.
Wenn der historische Materialismus zum wissenschaftlichen Beweisgrund
der sozialistischen Lehre gemacht worden ist, so geht hier, wie so oft,
der systematische Aufbau den umgekehrten Weg wie der schöpferische
Gedankengang, und man hat nicht aus dem unabhängig fest-gestellten
historischen Materialismus die sozialistische Theorie logisch gefolgert,
sondern die praktisch feststehende sozialistisch-kommunistische Tendenz
hat sich erst nachträglich den für sie allein möglichen Unterbau
geschaffen, die ökonomischen Interessen als den Quellpunkt und
Generalnenner aller anderen zu deklarieren.
Ist dies aber einmal geschehen, so muß sich die gleiche Tendenz in das
Gebiet des Ökonomischen selbst fortsetzen und die Mannigfaltigkeit seiner
Inhalte auf eine Einheit bringen, die über alles individuelle Leisten die
Möglichkeit einer Gleichheit und äußerlich nachweisbaren Gerechtigkeit
stellt.
Denn die Behauptung, der Wert aller wertvollen Objekte bestehe in der
Arbeit, die sie gekostet haben, genügt für diesen Zweck noch nicht.
Damit könnte sich nämlich noch immer die qualitative Verschiedenheit
der Arbeit vereinigen, derart, daß ein geringeres Quantum höherer Arbeit
einen gleichen oder höheren Wert bildete, wie ein erhebliches von
niederer Arbeit.
Hierdurch aber wäre eine ganz andere als die beabsichtigte Wertskala
eingeführt.
Die entscheidenden Eigenschaften der Feinheit, Geistigkeit,
Schwierigkeit würden zwar auch dann immer noch mit und an der Arbeit
produziert, realisierten sich nur als Attribute ihrer; allein das
Wertmoment ruhte nun doch nicht mehr auf der Arbeit als Arbeit, sondern
auf der nach einem ganz selbständigen Prinzip aufgebauten Ordnung der
Qualitäten, für die die Arbeit als solche, die das Allgemeine aller
Arbeitsqualitäten ist, nur der für sich noch irrelevante Träger wäre.
Damit wäre die Arbeitstheorie in dasselbe Dilemma gebracht, dem die
moral-philosophische Lehre unterlegen ist, daß die Produktion von
Glücksgefühlen der alsolute ethische Wert sei.
Ist nämlich die Handlung wirklich in dem Maße sittlich, in dem sie
Glück zur Folge hat, so bedeutet es eine Durchbrechung des Prinzips und
die Einführung (>462) neuer definitiver Wertmomente, wenn das reinere,
geistigere, vornehmere Glück als das wertvollere gepriesen wird.
Denn dann wäre der Fall möglich, daß ein solches Glück, wenngleich
quantitativ, d.h. als bloßes Glück, geringer als ein niedriges,
sinnliches, selbstisches, dennoch diesem gegenüber das sittlich
erstrebenswertere wäre.
Die ethische Glückseligkeitstheorie ist deshalb nur dann konsequent,
wenn alle ethischen Unterschiede sinnlichen und geistigen, epikureischen
und asketischen, egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten
Grunde, alle Begleit- und Folgeerscheinungen eingerechnet, bloße
Maßunterschiede einer und derselben, qualitativ immer gleichen Glücksart
sind.
Ebenso muß die konsequente Arbeitstheorie es durchführen können, daß
alle die unzweideutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden
Wertunterschiede zwischen zwei Leistungen, die als Arbeit extensiv und
intensiv gleich erscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, daß in der
einen mehr Arbeit verdichtet ist, als in der anderen, daß nur der erste
und flüchtige Blick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer
dringende aber ein tatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den
Grund ihres Mehr oder Weniger von Wert entdeckt.
Tatsächlich ist diese Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zu-erst
scheint.
Man muß nur den Begriff der Arbeit weit genug fassen.
Betrachtet man die Arbeit zunächst in der Beschränkung auf ihren
individuellen Träger, so liegt auf der Hand, daß in jedem irgend
»höheren« Arbeitsprodukt keineswegs nur diejenige Arbeitssumme
investiert ist, die unmittelbar auf eben diese Leistung verwendet worden
ist.
Die ganzen vorhergegangenen Mühen vielmehr, ohne die die jetzige,
relativ leichtere Herstellung unmöglich wäre, müssen in sie, als für
sie erforderliche Arbeit, pro rata eingerechnet werden.
Gewiß ist die »Arbeit« des Musikvirtuosen an einem Konzertabend oft im
Verhältnis zu ihrer ökonomischen und idealen Einschätzung eine geringe;
ganz anders aber steht es, wenn man die Mühen und die Dauer der
Vorbereitung als Bedingung der unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum
derselben hinzurechnet.
Und so bedeutet auch in unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eine
Form von mehr Arbeit; nur daß diese nicht in der sinnlichen
Wahrnehmbarkeit momentaner Anstrengung, sondern in der Kondensation und
Aufspeicherung vorangegangener und die jetzige Leistung bedingender
Anstrengungen gelegen ist: in der spielenden Leichtigkeit, mit der der
Meister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel mehr Arbeitsmühe
verkörpert sein, als in dem Schweiß, den der Stümper schon um eines
sehr viel niederen Ergebnisses willen vergießen muß.
Nun aber kann diese Deutung der Qualitätsunterschiede der Arbeit
(>463) als quantitativer sich über die bloß persönlichen
Vorbedingungen hinauserstrecken.
Denn diese reichen offenbar nicht aus, um diejenigen Eigenschaften der
Arbeit in der angegebenen Weise zu redu-zieren, die ihre Höhe durch eine
angeborene Begabung oder durch die Gunst dargebotener objektiver
Vorbedingungen gewinnen.
Hier muß man sich einer Vererbungshypothese bedienen, die freilich
hier wie überall, wo sie insbesondere erworbene Eigenschaften einbezieht,
nur eine ganz allgemeine Denkmöglichkeit darbietet.
Wollen wir die verbreitete Erklärung des Instinkts akzeptieren, daß
er aus den aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu
bestimmten zweckmäßigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt haben
und in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, daß bei diesen
die zweckmäßige Bewegung auf den entsprechenden Nervenreiz hin rein
mechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen, erfolgt
- wenn wir dies akzeptieren wollen - so kann man die angeborene spezielle
Begabung als einen besonders günstigen Fall des Instinkts betrachten.
Nämlich als denjenigen, in dem die Summierung solcher physisch
verdichteten Erfahrungen ganz besonders entschieden nach einer Richtung
hin und in einer solchen Lagerung der Elemente erfolgt ist, daß schon der
leisesten Anregung ein fruchtbares Spiel bedeutsamer und zweckmäßiger
Funktionen antwortet.
Daß das Genie so viel weniger zu lernen braucht, wie der gewöhnliche
Mensch zu der gleichartigen Leistung, daß es Dinge weiß, die es nicht
erfahren hat - dieses Wunder scheint auf eine ausnahmsweise reiche und
leicht ansprechende Koordination vererbter Energien hinzuweisen.
Wenn man die hiermit angedeutete Vererbungsreihe weit genug
zurückgliedert und sich klar macht, daß alle Erfahrungen und
Fertigkeiten innerhalb derselben nur durch wirkliches Arbeiten und
Ausüben gewonnen und weitergebildet werden konnten, so erscheint auch die
individuelle Besonderheit der genialen Leistung als das kondensierte
Resultat der Arbeit von Generationen.
Der besonders »begabte« Mensch wäre demnach derjenige, in dem ein
Maximum von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zur Weiterverwertung
disponierter Form aufgehäuft ist; so daß der höhere Wert, den die
Arbeit eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letzten Grunde auch
auf ein quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das er freilich nicht
persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durch die Eigenart
seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht.
Die Leistung wäre dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjekte
vorausgesetzt, in dem Maße eine verschieden hohe, in dem die Struktur
ihres psychisch-physischen Systems eine verschieden große und mit
verschiedener Leichtigkeit (>464) wirkende Summe erarbeiteter
Erfahrungen und Geschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt.
Und wenn man die Wertgröße der Leistungen, statt durch das Quantum
der erforderlichen Arbeit, in der gleichen Tendenz durch die zu ihrer
Herstellung »gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« ausgedrückt hat,
so entzieht sich auch dies nicht der gleichen Deutung: der höhere Wert
der durch besondere Begabung getragenen Leistungen bedeutete dann, daß
die Gesellschaft immer eine gewisse längere Zeit hindurch leben und
wirken muß, ehe sie wieder ein Genie hervorbringt; sie braucht den
längeren Zeitraum, der den Wert der Leistung bedingt, in diesem Falle
nicht zu deren unmittelbarer Produktion, sondern zur Produktion der - eben
nur in relativ längeren Zwischenräumen auftretenden - Produzenten
solcher Leistungen.
Die gleiche Reduktion kann auch in objektiver Wendung erfolgen.
Die Höherwertung des Arbeitsergebnisses bei gleicher subjektiver
Anstrengung findet nicht nur als Erfolg eines persönlichen Talents statt;
sondern es gibt bestimmte Kategorien von Arbeiten, die von vornherein
einen höheren Wert als andere repräsentieren, so daß die einzelne
Leistung innerhalb jener weder größere Mühe noch größere Begabung als
die innerhalb anderer zu enthalten braucht, um dennoch einen höheren Rang
einzunehmen.
Wir wissen sehr wohl, daß unzählige Arbeiten in den »höheren
Berufen« an das Subjekt keinerlei höhere Ansprüche stellen, als solche
in den »niederen«; daß die Arbeiter in Bergwerken und Fabriken oft eine
Umsicht, Entsagungsfähigkeit, Todesverachtung besitzen müssen, die den
subjektiven Wert ihrer Leistung weit über den vieler Beamten- oder
Gelehrtenberufe erhebt; daß die Leistung eines Akrobaten oder Jongleurs
genau dieselbe Geduld, Geschicklichkeit und Begabung fordert, wie die
manches Klaviervirtuosen, der seine manuelle Fertigkeit durch keinen
Beisatz seelischer Vertiefung adelt.
Und doch pflegt nicht nur die eine Kategorie von Arbeiten der anderen
gegenüber tatsächlich viel höher entlohnt zu werden, sondern auch ein
sozial vorurteilsloses Schätzungsgefühl wird in vielen Fällen den-
selben Weg gehen.
Bei vollem Bewußtsein der gleichen oder höheren subjektiven Arbeit,
die das eine Produkt erfordert, wird man dem anderen dennoch einen
höheren Rang und Wert zusprechen, so daß es hier wenigstens scheint, als
ob andere Momente als die des Arbeitsmaßes seine Schätzung bestimmen.
Doch ist dieser Schein nicht unüberwindlich. Man kann nämlich die
Arbeitsleistungen höherer Kulturen in eine Stufenreihe von dem
Gesichtspunkt aus einstellen, welches Quantum Arbeit bereits in den
objektiven, technischen Vorbedingungen aufgehäuft ist, auf Grund deren
die einzelne Arbeit (>465) überhaupt möglich ist.
Damit es überhaupt höhere Stellungen in einer Beamtenhierarchie gebe,
muß erstens eine unübersehbare Arbeit in der Verwaltung und der
allgemeinen Kultur bereits geleistet sein, deren Geist und Ergebnis sich
zu der Möglichkeit und Notwendigkeit solcher Stellungen verdichtet; und
zweitens setzt jede einzelne Tätigkeit höherer Funktionäre die
Vorarbeit vieler subalterner voraus, die sich in ihr konzentrieren; so
daß die Qualität solcher Arbeit wirklich nur durch ein sehr hohes
Quantum schon vollbrachter und in sie eingehender Arbeit zustande kommt.
Ja, gegenüber der »un-qualifizierten« beruht alle qualifizierte
Arbeit als solche keineswegs nur auf der höheren Ausbildung des
Arbeiters, sondern ebenso auch auf der höheren und komplizierteren
Struktur der objektiven Arbeitsbedingungen, des Materials und der
historisch-technischen Organisation.
Damit auch der mittelmäßigste Klavierspieler möglich sei, bedarf es
einer so alten und breiten Tradition, eines so unüber-sehbaren
überindividuellen Bestandes technischer und artistischer Arbeitsprodukte,
daß allerdings diese in ihr gesammelten Schätze seine Arbeit weit über
die vielleicht subjektiv viel erheblichere des Seiltänzers oder
Taschenspielers erheben.
Und so im allgemeinen: was wir als die höheren Leistungen schätzen,
nur nach der Kategorie des Berufes und ohne daß personale Momente ihre
Höhe bewirkten, das sind diejenigen, die in dem Aufbau der Kultur die
relativ abschließenden, am meisten von langer Hand vorbereiteten sind,
die ein Maximum von Arbeit Vor- und Mitlebender als ihre technische
Bedingung in sich aufnehmen - so ungerecht es auch sei, aus diesem, durch
ganz überpersönliche Ursachen entstandenen Wert der objektiven
Arbeitsleistung eine besonders hohe Entlohnung oder Schätzung für den
zufälligen Träger derselben herzuleiten.
Auch wird dieser Maßstab selbstverständlich nicht genau innegehalten.
Wertungen von Leistungen und Produkten, die durch ihn begründet sind,
werden auf andere, dieses Rechtsgrundes entbehrende, übertragen: sei es
wegen äußerlich-formeller Ähnlichkeit, sei es wegen historischer
Verknüpfung mit jenen, sei es, weil die Inhaber der betreffenden Berufe
eine aus anderer Quelle fließende, soziale Macht zur Steigerung ihrer
Schätzung benutzen.
Ohne solche, aus der Komplikation des historischen Lebens folgende
Zufälligkeiten abzurechnen, läßt sich aber überhaupt kein einziger
prinzipieller Zusammenhang in sozialen Dingen behaupten.
Im großen und ganzen kann, wie mir scheint, die Deutung
aufrechterhalten werden: daß die verschiedene Wertung der
Leistungsqualitäten, bei Gleichheit der subjektiven Arbeitsmühe, dennoch
der Verschiedenheit der Arbeitsquanten entspricht, die in vermittelter
Form in den betreffenden (>466) Leistungen enthalten sind.
So erst wäre der Gewinn für die theoretische Vereinheitlichung der
ökonomischen Werte, auf den die Arbeitstheorie ausging, in vorläufige
Sicherheit gebracht.
Damit ist aber nur der allgemeine Begriff der Arbeit maßgebend
geworden und die Theorie beruht insoweit auf einer sehr künstlichen
Abstraktion.
Man könnte ihr vorwerfen, sie baue sich auf dem typischen Irrtum auf,
daß die Arbeit zunächst und fundamental Arbeit überhaupt wäre, und
dann erst, gewissermaßen als Bestimmungen zweiten Grades, ihre
spezifischen Eigenschaften dazu träten, um sie zu dieser bestimmten zu
machen.
Als ob diejenigen Eigenschaften, auf die hin wir ein Handeln als Arbeit
überhaupt bezeichnen, nicht mit seinen übrigen Bestimmungen eine
vollkommene Einheit bildeten, als ob jene Scheidung und Rangordnung nicht
auf einem ganz willkürlich gesetzten Grenzstrich beruhte!
Gerade als ob der Mensch erst Mensch überhaupt wäre, und dann, in
realer Scheidung davon, erst das bestimmte Individuum!
Freilich ist auch dieser Irrtum begangen und zur Grundlage sozialer
Theorien gemacht worden.
Der Arbeitsbegriff, mit dem die ganze vorhergehende Erörterung
rechnet, ist eigentlich nur negativ bestimmt: als dasjenige, was
übrigbleibt, wenn man von allen Arten des Arbeitens alles wegläßt, was
sie voneinander unterscheidet.
Allein, was hier tatsächlich übrigbleibt, entspricht keineswegs, wie
eine verlockende Analogie nahelegen könnte, dem physikalischen Begriff
der Energie, die, in quantitativer Un-eränderlichkeit, bald als Wärme,
bald als Elektrizität, bald als mechanische Bewegung auftreten kann; hier
ist allerdings ein mathematischer Ausdruck möglich, der das Gemeinsame
aller dieser spezifischen Erscheinungen und sie als Äußerungen dieser
einen Grund-tatsache darstellt.
Menschliche Arbeit aber, ganz im allgemeinen, gestattet keine derartig
abstrakte, aber doch bestimmte Formulierung.
Die Behauptung, daß alle Arbeit schlechthin Arbeit und nichts anderes
wäre, bedeutet, als Grundlage für die Gleichwertigkeit derselben, etwas
genau so Ungreifbares, abstrakt Leeres, wie jene Theorie: jeder Mensch sei
eben Mensch und deshalb seien alle gleichwertig und zu den gleichen
Rechten und Pflichten qualifiziert.
Soll der Begriff der Arbeit also, dem in seiner bisher angenommenen
Allgemeinheit mehr ein dunkles Gefühl als ein fester Inhalt seine
Bedeutung geben konnte, eine solche wirklich erhalten, so bedarf es einer
näheren Präzision des realen Vorganges, den man unter ihm verstehen
kann.
Als dieses letzte, konkrete Element ist, worauf ich jetzt zurückkomme,
die Muskelarbeit behauptet worden; und wir fragen nach dem Rechte dieser
Behauptung, nachdem wir ihren Beweis aus der (>467) Kostenlosigkeit der
geistigen Arbeit oben in seiner Gültigkeit beschränkt haben. Ich will
nun von vornherein gestehen: ich halte es nicht für schlechthin
ausgeschlossen, daß einmal das mechanische Äquivalent auch der
psychischen Tätigkeit gefunden werde.
Freilich, die Bedeutung ihres Inhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle
in den logischen, ethischen, ästhetischen Zusammenhängen steht absolut
jenseits aller physischen Bewegungen, ungefähr wie die Bedeutung eines
Wortes jenseits seines physiologisch - akustischen Sprachlautes steht.
Aber die Kraft, die der Organismus für das Denken dieses Inhaltes als
Gehirnvorgang aufwenden muß, ist prinzipiell ebenso berechenbar wie die
für eine Muskelleistung erforderliche.
Sollte dies eines Tages gelingen, so könnte man allerdings das
Kraftmaß einer bestimmten Muskelleistung zur Maßeinheit machen, nach der
auch der psychische Kraftverbrauch bestimmt wird, und die psychische
Arbeit wäre nach dem, was daran wirklich Arbeit ist, auf gleichem Fuße
mit der Muskelarbeit zu behandeln, ihre Produkte würden in eine bloß
quantitative Wertabwägung mit denen der letzteren eintreten.
Dies ist natürlich eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartun kann,
daß die Reduktion aller wirtschaftlich anrechenbaren Arbeit auf
Muskelarbeit selbst für einen keineswegs dogmatisch-materialistischen
Standpunkt nicht den prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mit dem
der Dualismus von Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuch zu
schlagen schien.
In etwas konkreterer Weise scheint sich die folgende Vorstellung dem
gleichen Ziele zu nähern.
Ich gehe davon aus, daß unsere Unterhaltsmittel durch physische Arbeit
produziert werden.
Zwar ist keine Arbeit rein physisch, jede Handarbeit wird erst durch
das irgendwie wirkende Bewußtsein zu einer zweckmäßigen Leistung, so
daß auch diejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Bedingungen
bereitet, selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält.
Allein diese psychische Leistung des Handarbeiters wird doch ihrerseits
erst wieder durch Unterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je
niedriger der Arbeiter steht, d.h. je geringfügiger das seelische Element
seiner Arbeit im Verhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine
Unterhaltsmittel (im weitesten Sinne) durch Arbeit von wesentlich
physischem Charakter hergestellt werden - mit einer der modernsten Zeit
angehörigen und im letzten Kapitel zu behandelnden Ausnahme.
Da sich dies Verhältnis nun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt,
so ergibt dies eine unendliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit
zwar nie verschwinden kann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben
wird.
So ruhen die Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf
einer Reihe von Arbeiten, in (>468) denen der psychische Beisatz jedes
Gliedes durch ein Glied von rein physischem Wert getragen wird, so daß
jener sich auf der letzten Stufe dem Grenzwert Null nähert.
Es läßt sich also denken, daß prinzipiell alle äußeren Bedingungen
der geistigen Arbeit in Muskelarbeitsgrößen ausdrückbar sind.
Könnte man nun die alte Theorie vom Kostenwert gelten lassen, so würde
der Wert der geistigen Arbeit, insofern er den Kosten ihrer Produktion
gleich ist, dem Werte gewisser Muskelleistungen gleich sein.
Und nun wäre diese Theorie vielleicht in einer Modifikation haltbar:
der Wert eines Produkts ist zwar nicht seinen Kosten gleichzusetzen, wohl
aber könnten sich die Werte zweier Produkte zueinander verhalten, wie die
ihrer Entstehungsbedingungen.
Eine Psyche, durch Unterhaltsmittel ernährt und angeregt, wird
Produkte hergeben, die den Wert jener von ihr verbrauchten Bedingungen um
ein Vielfaches übersteigen mögen; darum könnte aber doch das
Wertverhältnis je zweier Bedingungs-komplexe gleich dem je zweier
Produkte sein - wie die Werte zweier Bodenerzeugnisse, von denen jedes ein
Vielfaches seines Samens ist, sich so verhalten können wie die Werte der
Samen zueinander; denn der werterhöhende Faktor könnte, für den
Durchschnitt der Menschen, eine Konstante sein.
Wenn alle diese Voraussetzungen zuträfen, so wäre damit die Reduktion
der geistigen Arbeiten auf physische in dem Sinne vollbracht, daß man
zwar nicht die absolute, aber die relative Wertbedeutung jeder der
ersteren durch bestimmte Verhältnisse der letzteren ausdrücken könnte.
Nun erscheint aber der Gedanke, daß die Werthöhen der geistigen
Leistung sich proportional den Werten der Unterhalts-mittel verhalten
sollten, völlig paradox, ja unsinnig.
Dennoch lohnt es, die Punkte aufzusuchen, in denen sich die Wirklichkeit
ihm wenigstens nähert, weil diese tief in die inneren und kulturellen
Beziehungen geistiger Werte zu ihren wirtschaftlichen Bedingungen und
Äquivalenten hinabreichen.
Wir haben uns wohl vorzustellen, daß im Gehirn, als dem Gipfelpunkt der
organischen Entwicklung, ein sehr großes Maß von Spannkräften
aufgespeichert liegt.
Das Gehirn ist offenbar imstande, eine große Kraftsumme abzugeben,
woraus sich unter anderem die erstaunliche Leistungsfähigkeit schwacher
Muskeln erklärt, die sie auf psychische Reize hin entfalten können.
Auch
die große Erschöpfung des ganzen Organismus nach geistigen Arbeiten oder
Alterationen weist darauf hin, daß die psychische Tätigkeit, von der
Seite ihres physischen Korrelats her angesehen, sehr viel organische Kraft
verbraucht.
Der Ersatz dieser Kraft ist nun nicht nur durch ein bloßes
Mehr derjenigen Unterhaltsmittel, die der Muskelarbeiter braucht, zu
erzielen, denn die Aufnahmefähigkeit (>469) des Körpers ist in
Hinsicht auf das Quantum von Er-ährung ziemlich eng begrenzt und bei
überwiegend geistiger Arbeit eher herunter- als heraufgesetzt.
Deshalb kann der Kraftersatz ebenso wie die erforderliche nervöse
Anregung bei geistiger Arbeit in der Regel nur durch eine Konzentrierung,
Verfeinerung, individuelle Angepaßtheit des Lebensunterhaltes und der
allgemeinen Lebensbedingungen geleistet werden.
Zwei kulturhistorisch bedeutsame Momente werden hier wichtig.
Unsere täglichen Nahrungs-mittel sind in einer Periode erwählt und
ausgebildet worden, in der die übrigen Lebensbedingungen von den heutigen
der intellektuellen Stände sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frische
Luft gegenüber der Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweise
dominierten.
Die zahllosen, direkten und indirekten Verdauungskrankheiten
einerseits, das hastige Suchen nach konzentrierten und leicht
assimilierbaren Nährmitteln andrerseits verkünden, daß die Anpassung
zwischen unserer körperlichen Verfassung und unseren Nahrungsstoffen in
weitem Umfang unterbrochen ist.
Aus dieser ganz allgemeinen Beobachtung ist ersichtlich, mit wie
großem Rechte für Menschen sehr differenzierter Berufe auch
differenzierte Ernährung gefordert wird, und daß es nicht nur Sache der
Zungenkultur, sondern der Volksgesundheit ist, dem höchstentwickelten
Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen, verfeinerten und durch
persönliche Ansprüche bestimmten Ernährung zu gewähren.
Wesent-icher aber und zugleich verborgener ist der Umstand, daß die
geistige Arbeit ihre Vorbedingungen weit mehr in die Gesamtheit des Lebens
hin erstreckt und von einer viel weiteren Peripherie mittelbarer
Beziehungen umgeben ist, als die körperliche.
Die Umsetzung der körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen
unmittelbar geschehen, während die geistigen Spannkräfte ihre volle
Arbeit im allgemeinen nur leisten können, wenn, weit über ihr
unmittelbar-aktuelles Milieu hinaus, das ganze komplizierte System der
körperlich-geistigen Stimmungen, Eindrücke, Anregungen sich in einer
bestimmten Organisiertheit, Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit
befindet.
Selbst unter denjenigen, die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell
nivellieren wollen, ist es deshalb schon ein trivialer Satz, daß die
höhere Entlohnung des geistigen Arbeiters durch die physiologischen
Bedingungen seiner Tätigkeit gerechtfertigt werde.
In diesem Zusammenhang wird verständlich, daß der moderne geistige
Mensch so viel mehr von seinem Milieu abhängig zu sein scheint, als der
frühere Mensch, und zwar nicht in dem Sinn, daß er bildsamer, qualitativ
bestimmbarer ist, sondern gerade so, daß die Entwicklung seiner
spezifischen Kräfte, seiner innerlichen Produktivität, (>470) seiner persönlichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm
individuell angepaßte Lebensbedingungen möglich ist.
Die un-glaublich bescheidenen Verhältnisse, unter denen früher oft
ein höchstes geistiges Leben sich entfaltete, wären für die
überwiegende Mehrzahl der heutigen geistigen Arbeiter von vornherein
erdrückend, diese würden in ihnen nicht die Begünstigungen und
Anregungen finden, die sie - manchmal jeder anders als der andere - gerade
für ihre individuelle Produktion brauchen.
Das kann jedem Epikureismus völlig fern liegen, und geht, als reale
Bedingung der Leistung, vielleicht einerseits aus der gewachsenen
Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, andrerseits aus der
zugespitzten Individualisiertheit hervor, die auf jene einfachen, d.h.
typisch-generellen Lebensreize nicht reagieren kann, sondern sich nur auf
entsprechend individualisierte hin entfaltet.
Wenn die neueste Zeit die historische Milieu-Theorie aufs
entschiedenste durchgeführt hat, so dürften wohl auch hier reale
Verhältnisse durch ihre Exaggerierung eines Elementes uns den Blick für
dessen Wirksamkeit auch auf Stufen seiner geringeren Entwicklung geöffnet
haben - gerade wie die in Wirklichkeit gestiegene Bedeutung der Massen im
19. Jahrhundert erst die Veranlassung geworden ist, sich ihrer Bedeutung
auch in allen früheren Epochen wissenschaftlich bewußt zu werden.
Insoweit diese Verhältnisse gelten, besteht also wirklich eine gewisse
Proportion zwischen den Werten, die wir konsurnieren, und denen, die wir
produzieren, d.h. die letzteren, als geistige Leistungen, sind Funktionen
der Muskelleistungen, die in den ersteren investiert sind.
Allein diese mögliche Reduktion geistiger auf Muskelarbeitswerte
findet von verschiedenen Seiten her eine sehr frühe Grenze.
Jene Proportion ist nämlich zunächst nicht umkehrbar.
Zu bestimmten Leistungen gehören allerdings sehr erhebliche personale
Aufwendungen, aber diese ihrerseits erzeugen keineswegs überall jene
Leistungen: der Unbegabte, in noch so günstige und verfeinerte
Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch niemals dasjenige leisten, wozu
ebendieselben den Begabten anregen.
Die Reihe der Produkte könnte also nur dann eine stetige Funktion der
Reihe der Aufwendungen sein, wenn die letzteren genau im Verhältnis der
natürlichen personalen Begabungen erfolgten.
Allein das Unmögliche selbst angenommen, daß die letzteren sich exakt
feststellen ließen und eine ideale Anpassung, nach dieser Feststellung
die Unterhaltsmittel genau bemessend, die Leistungshöhen zum Index der
letzteren machen wollte, so würde dies Unternehmen seine Grenze immer an
der Ungleichmäßigkeit der Unterhaltsbedingungen finden, die selbst
zwischen den zu gleichen Leistungen qualifizierten Persönlichkeiten
(>471) besteht.
Hier liegt eines der großen Hemmnisse sozialer Gerechtigkeit.
So sicher nämlich im allgemeinen die höhere, geistige Leistung auch
höhere Lebensbedingungen fordert, so sind doch die menschlichen
Beanlagungen gerade in den Ansprüchen, die die Entfaltung ihrer höchsten
Kräfte stellt, äußerst ungleichmäßig.
Von zwei Naturen, die zu der objektiv gleichen Leistung befähigt sind,
wird die eine zur Verwirklichung dieser Möglichkeit ein - der Höhe nach
- ganz andres Milieu, ganz andre materielle Vorbedingungen, ganz andre
Anregungen nötig haben, als die zweite.
Diese Tatsache, die zwischen den Idealen der Gleichheit, der
Gerechtigkeit und der Maximisierung der Leistungen eine unversöhnliche
Disharmonie stiftet, ist noch keineswegs genügend beachtet.
Die Verschiedenheit unserer physisch-psychischen Strukturen, der
Verhältnisse zwischen zweckmäßigen und hemmenden Energien, der
Wechselwirkungen zwischen Intellekt und Willenscharakter bewirkt, daß die
Leistung, als Produkt der Persönlichkeit und ihrer Lebensbedingungen, in
der ersteren einen höchst inkonstanten Faktor findet; so daß, um das
gleiche Resultat zu ergeben, auch der andere Faktor entsprechend große
Variierungen erleiden muß.
Und zwar scheint es, als ob diese Abweichungen der Naturelle in bezug
auf die Verwirklichungsbedingungen ihrer inneren Möglichkeiten um so
erheblichere wären, je höher, komplizierter und geistiger das
Leistungsgebiet ist.
Die Personen, die überhaupt die Muskelkraft zu einer bestimmten Arbeit
haben, werden für deren Ausführung so ziemlich der gleichen Ernährung
und allgemeinen Lebenshaltung bedürfen; wo aber führende, gelehrte,
künstlerische Tätigkeiten in Frage stehen, wird die oben bezeichnete
Verschiedenheit zwischen denen, die schließlich alle das gleiche leisten
könnten, bedeutsam hervortreten.
Die persönliche Begabung ist so variabler Art, daß die gleichen
äußeren Umstände, auf sie einwirkend, die allerverschiedensten
Endresultate zeitigen, und dadurch bei dem Vergleich von Indivi-duum mit
Individuum jede Wertproportion zwischen den materiellen
Unterhaltsbedingungen und den darauf gebauten psychischen Leistungen
völlig illusorisch wird.
Nur wo große historische Epochen oder ganze Bevölkerungsklassen in
ihrem Durchschnitt miteinander verglichen werden, mögen die relativen
Höhen der physisch beschaffbaren Bedingungen dasselbe Verhältnis wie die
der psychischen Leistungen zeigen.
So kann man z.B. beobachten, daß bei sehr niedrigen Preisen der
notwendigen Nahrungsmittel die Kultur im ganzen nur langsam fortschreitet,
also die Luxusartikel, in denen eine erheblichere geistige Arbeit
investiert ist, außerordentlich teuer sind; wogegen die Preiserhöhung
jener ersteren mit einer Preiserniedri- (>472) gung und weiteren
Verbreitung der letzteren Hand in Hand zu gehen pflegt.
Für niedere Kulturen ist es charakteristisch, daß der unentbehrliche
Unterhalt sehr billig, die höhere Lebenshaltung dagegen sehr teuer ist,
wie etwa noch jetzt in Rußland im Verhältnis zu Zentraleuropa.
Die Billigkeit von Brot, Fleisch und Wohnung läßt es einerseits zu
dem Druck nicht kommen, der den Arbeiter zur Erkämpfung höherer Löhne
zwingt, die Teuerung der Luxusartikel andrerseits rückt ihm diese ganz
außer Sehweite und verhindert ihre Ausbreitung.
Erst die Verteuerung des ursprünglich Billigen und die Verbilligung
des ursprünglich Teuren - deren Zusammenhang ich schon oben hervorhob -
bedeutet und bewirkt ein Aufsteigen der geistigen Betätigungen.
Unter all der ungeheuren Inkommensurabilität im einzelnen verraten
diese Proportionen dennoch eine allgemeine, in jenen Einzelheiten dennoch
wirksame Beziehung von physischer und psychischer Arbeit, die das Wertmaß
der letzteren durch die erstere auszudrücken wohl gestatten würde, wenn
ihre Wirksamkeit nicht durch die soviel stärkere der individuellen
Begabungsunterschiede übertönt würde.
Endlich gibt es einen dritten Standpunkt, von dem aus die Reduktion
alles Arbeitswertes auf den Wert der Muskelarbeit ihres rohen und
plebejischen Charakters entkleidet wird.
Sehen wir nämlich genauer zu, woraufhin denn eigentlich die
Muskelarbeit als Wert und Aufwand gilt, so ergibt sich, daß dies gar
nicht die rein physische Kraftleistung ist.
Ich meine damit nicht das schon Erwähnte, daß diese überhaupt ohne
eine gewisse intellektuelle Dirigierung ganz nutzlos für die menschlichen
Zwecke wäre, in welcher Hinsicht aber das psychische Element ein bloßer
Wertbeisatz bleibt; der eigentliche Wert könnte dabei doch immer in dem
rein Physischen bestehen, nur daß dasselbe, um die erforderliche Richtung
zu bekommen, jenes Zusatzes bedürfte.
Ich meine vielmehr, daß die physische Arbeit ihren ganzen Ton von Wert
und Kostbarkeit nur durch den Aufwand von psychischer Energie erhält, der
sie trägt.
Wenn jene Arbeit, äußerlich angesehen, das Überwinden von Hemmnissen
bedeutet, die Formung einer Materie, die dieser Formung nicht ohne
weiteres gehorcht, sondern ihr zunächst Widerstand entgegensetzt - so
zeigt die Innenseite der Arbeit dieselbe Gestalt.
Die Arbeit ist eben Mühe, Last, Schwierigkeit; so daß, wo sie das
nicht ist, betont zu werden pflegt, daß sie eben keine eigentliche Arbeit
ist.
Sie besteht, auf ihre Gefühlsbedeutung hin angesehen, in der
fortwährenden Überwindung der Impulse zu Trägheit, Genuß,
Erleichterung des Lebens - wobei es irrelevant ist, daß diese Impulse,
wenn man sich ihnen wirklich ununterbrochen hingäbe, das Leben
gleichfalls zu einer Last machen (>473) würden; denn die Last der
Nichtarbeit wird nur in den seltensten Ausnahmefällen empfunden, die der
Arbeit aber nur in eben solchen nicht empfunden.
Niemand pflegt daher Leid und Mühe der Arbeit auf sich zu nehmen, ohne
etwas dafür einzutauschen.
Was an der Arbeit eigentlich vergolten wird, der Rechtstitel, auf den
hin man eine Vergeltung für sie fordert, ist der psychische Kraftaufwand,
dessen es zum Aufsichnehmen und Überwinden der inneren Hemmungsund
Unlustgefühle bedarf.
Die Sprache deutet diesen Sachverhalt gut an, indem sie den
äußerlich-ökonomischen ebenso wie den innerlich-moralischen Ertrag
unseres Tuns gleichmäßig als Verdienst bezeichnet.
Denn auch im letzteren Sinne tritt dieses doch erst ein, wenn der
sittliche Impuls Hemmnisse der Versuchung, des Egoismus, der Sinnlichkeit
überwunden hat, nicht, wenn die sittliche Handlung aus einem ganz
selbst-verständlichen, die Möglichkeit des Gegenteils von vornherein
ausschließenden Triebe quillt; so daß, um den sittlichen Musterbildern
nicht das sittliche Verdienst absprechen zu müssen, die Mythenbildung der
Völker allenthalben ihre Religionsstifter eine »Versuchung« besiegen
läßt und Tertullian sogar den Ruhm Gottes für größer hält, si
laboravit.
Wie sich der eigentlich moralische Wert an das überwundene Hemmnis
entgegengesetzter Impulse knüpft, so der ökonomische.
Wenn der Mensch seine Arbeit leistete, wie die Blume ihr Blühen oder
der Vogel sein Singen, so würde sich kein entgeltbarer Wert mit ihr
verknüpfen.
Dieser liegt also nicht in ihrer äußeren Erscheinung, in dem
sichtbaren Tun und Erfolg, sondern auch bei der Muskelarbeit in dem
Willensaufwand, den Gefühlsreflexen, kurz, in den seelischen Bedingungen.
Damit gewinnen wir die Ergänzung für die an das andere Ende der
wirtschaftlichen Reihen sich anschließende fundamentale Erkenntnis: daß
aller Wert und alle Bedeutung der Gegenstände und ihres Besitzes in den
Gefühlen liegt, die sie hervorrufen, daß das Haben ihrer als ein bloß
äußerliches Verhältnis gleichgültig und sinnlos wäre, wenn sich nicht
innere Zustände, Affekte der Lust, der Erhöhung und Erweiterung des Ich,
daran schlössen.
So wird die Sichtbarkeit wirtschaftlicher Güter von beiden Seiten -
des Leistenden wie des Genießenden - her durch psychische Vorgänge
begrenzt, die allein es begründen, daß für die einzelne Leistung ein
Gegenwert gefordert wie gewährt wird.
Ebenso unwesentlich und beziehungslos, wie uns ein Besitzgegenstand
ist, der nicht in eine psychische Erregung übergeht, wäre uns das eigne
Tun, wenn es nicht aus einem inneren empfundenen Zustande hervorginge,
dessen Unlust und Opfergefühl allein die Forderung eines Entgeltes und
deren Maß in sich trägt. In Hinsicht des Wertes kann (>474) man
deshalb sagen, Muskelarbeit sei psychische Arbeit.
Als Ausnahme hiervon könnten nur diejenigen Arbeiten gelten, die der
Mensch als Konkurrent der Maschine oder des Tieres vollbringt; denn obwohl
sich auch diese in bezug auf die innere Bemühung und psychische
Kraftaufwendung wie alle anderen verhalten, so hat doch der, zu dessen
Gunsten sie vollbracht werden, keine Veranlassung, für diese innere
Leistung etwas zu vergüten, da der ihm allein wichtige äußere Effekt
auch durch eine rein physische Potenz erreichbar ist und die
kostspieligere Produktion nirgends vergolten wird, sobald eine billigere
möglich ist.
Aber mit einem ganz kleinen Schritt tiefer ist vielleicht auch diese
Ausnahme in die Allbefaßtheit des Äußerlichen durch das Seelische
zurückzuführen.
Was an den Leistungen einer Maschine oder eines Tieres vergolten wird,
ist doch die menschliche Leistung, die in Erfindung, Herstellung und
Dirigierung der Maschine, in der Aufzucht und Abrichtung des Tieres
steckt; so daß man sagen kann.
Jene menschlichen Arbeiten werden nicht wie diese
physisch-untermenschlichen vergolten, sondern, umgekehrt, diese werden
gleichfalls mittelbar als psychisch-menschliche gewertet.
Dies wäre nur eine ins Praktische hineinreichende Fortsetzung der
Theorie, daß wir auch den Mechanismus der unbelebten Natur schließlich
nach den Kraft- und Anstrengungsgefühlen deuten, die unsere Bewegungen
begleiten.
Wenn wir unser eignes Wesen der allgemeinen Naturordnung einfügen, um
es in ihrem Zusammenhange zu verstehen, so ist dies nur so möglich, daß
wir zuvor die Formen, Impulse und Gefühle unserer Geistigkeit in die
allgemeine Natur hineintragen, das »Unterlegen« und das »Auslegen«
unvermeidlich zu einem Akt verbindend.
Wenn wir, dies Verhältnis zur Welt auf unsere praktische Frage
ausdehnend, an der Leistung untermenschlicher Kräfte nur die Leistung
menschlicher durch Gegenleistung aufwiegen, so fällt damit in der hier
fraglichen Hinsicht der prinzipielle Grenzstrich zwischen denjenigen
menschlichen Arbeiten, deren Entgelt sich auf ihr psychisches Fundament
stützt, und denen, die wegen der Gleichheit ihres Effektes mit rein
äußerlich-mechanischen diese Begründung ihres Entgeltes abzulehnen
schienen.
Man kann also jetzt ganz allgemein behaupten, daß nach der Seite des
aufzuwiegenden Wertes hin der Unterschied zwischen geistiger und
Muskelarbeit nicht der zwischen psychischer und materieller Natur sei,
daß vielmehr auch bei der letzteren schließlich nur auf die Innenseite
der Arbeit, auf die Unlust der Anstrengung, auf das Aufgebot an
Willenskraft hin das Entgelt gefordert werde.
Freilich ist diese Geistigkeit, die gleichsam das Ding-an-sich hinter
der Erscheinung der Arbeit ist und den Binnenwert derselben bildet, keine
intellektuelle, (>475) sondern besteht in Gefühl und Willen; woraus
dann folgt, daß derselbe dem der geistigen Arbeit nicht koordiniert ist,
sondern auch diesen fundamentiert.
Denn auch an ihm bringt ursprünglich nicht der objektive Inhalt des
geistigen Prozesses, sein von der Persönlichkeit gelöstes Resultat, die
Forderung des Entgeltes hervor, sondern die subjektive, vom Willen
geleitete Funktion, die ihn trägt, die Arbeitsmühe, der Energieaufwand,
dessen es für die Produktion jenes geistigen Inhaltes bedarf.
Indem so als der Quellpunkt des Wertes nicht nur von seiten des
Aufnehmenden, sondern auch des Leistenden her sich ein Tun der Seele
enthüllt, erhalten Muskelarbeit und »geistige« Arbeit einen
gemeinsamen, - man könnte sagen: moralischen - wertbegründenden
Unterbau, durch den die Reduktion des Arbeitswertes überhaupt auf
Muskelarbeit ihr banausisches und brutal materialistisches Aussehn
verliert.
Das verhält sich ungefähr wie mit dem theoretischen Materialismus,
der ein ganz neues und ernsthafter diskutables Wesen bekommt, wenn man
betont, daß doch auch die Materie eine Vorstellung ist, kein Wesen, das,
im absoluten Sinne außer uns, der Seele entgegengesetzt ist, sondern in
seiner Erkennbarkeit durchaus bestimmt von den Formen und Voraussetzungen
unserer geistigen Organisation.
Von diesem Standpunkt, auf dem die Wesensverschiedenheit körperlicher
und geistiger Erscheinungen statt der absoluten eine relative wird, ist
das Verlangen, die Erklärung für die im engeren Sinn geistigen in der
Reduktion auf die körperlichen zu suchen, sehr viel weniger
unerträglich.
Hier, wie in dem Falle des praktischen Wertes, muß das Äußere nur
aus seiner Starrheit, Isolierung und Gegensätzlichkeit gegen das Innere
erlöst werden, damit es sich als einfachster Ausdruck und Maßeinheit
für die höheren »geistigen« Tatsachen auftun könne.
Diese Reduktion mag gelingen oder nicht; aber mit ihrer Behauptung
vertragen sich nun wenigstens prinzipiell die Forderungen der Methode und
der fundamentalen Wertsetzungen.
Diese Ausführungen können nicht sowohl erweisen, daß das Äquivalent
für die Arbeit sich ausschließlich an das Quantum der Muskeltätigkeit
knüpft, als gewisse Bedenken beseitigen, die man dieser Verbindung
vorzuhalten pflegt.
Dennoch findet sie eine Schwierigkeit, die mir unüberwindlich scheint,
und zwar die von dem ganz trivialen Einwand ausgehende, daß es doch auch
wertlose, über-flüssige Arbeit gebe.
Denn die Widerlegung, unter der Arbeit als dem fundamentalen Werte
verstehe man natürlich nur die zweckmäßige, durch ihr Ergebnis
gerechtfertigte Arbeit, enthält ein Zugeständnis, das der ganzen Theorie
verderblich ist.
Wenn es nämlich wertvolle und wertlose Arbeit gibt, so gibt es
zweifellos auch (>476) Zwischenstufen, geleistete Arbeitsquanten,
welche einige, aber nicht lauter Elemente von Zweck und Wert enthalten;
der Wert des Produktes also, der der Voraussetzung nach durch die in ihm
investierte Arbeit bestimmt wird, ist ein größerer oder geringerer, je
nach der Zweckmäßigkeit dieser Arbeit.
Das bedeutet: der Wert der Arbeit mißt sich nicht an ihrem Quantum,
sondern an der Nützlichkeit ihres Ergebnisses!
Und hier hilft nicht mehr die oben bezüglich der Qualität der Arbeit
versuchte Methode: die höhere, feinere, geistigere Arbeit bedeute eben
der niedrigeren gegenüber mehr Arbeit, eine Häufung und Verdichtung eben
derselben allgemeinen »Arbeit«, von der die grobe und unqualifizierte
Arbeit nur gleichsam eine größere Verdünnung, eine niedrigere Potenz
darstelle.
Denn dieser Unterschied der Arbeit war ein innerer, der die
Nützlichkeitsfrage noch ganz beiseite ließ, indem die Nützlichkeit als
der fraglichen Arbeit in immer gleichem Maße einwohnend dabei
vorausgesetzt wurde: die Arbeit des Straßenkehrers ist für diese
Überlegung nicht weniger »nützlich« als die des Violinspielers, und
ihre geringere Schätzung stammt aus der inneren Quantität ihrer als
bloßer Arbeit, aus der geringeren Kondensiertheit der Arbeitsenergien in
ihr.
Nun aber zeigt sich, daß diese Voraussetzung eine zu einfache war und
daß die Verschiedenheit der äußeren Nützlichkeit nicht gestattet, die
Wertungsunterschiede der Arbeit von ihren bloß inneren Bestimmungen
abhängen zu lassen.
Wenn man die unnütze Arbeit, oder richtiger: die
Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit aus der Welt schaffen und bewirken
könnte, daß die Arbeit genau in demselben Maße mehr oder weniger
nützlich sei, in dem sie mehr oder weniger konzentriert,
kraftverbrauchend, mit einem Wort: mehr oder weniger Arbeitsquantität ist
- so wäre damit zwar noch nicht die Muskel-arbeit als der einzige
Wertbildner erwiesen; wohl aber könnte dann die Arbeit überhaupt als
Wertmaß der Objekte gelten, da dann deren anderer Faktor, die
Nützlichkeit, immer derselbe wäre, also die Wertrelationen nicht mehr
alterierte.
Allein die Nützlichkeitsunterschiede bestehen eben, und es ist ein
Trugschluß, wenn das ethisch vielleicht begründbare Postulat: aller Wert
ist Arbeit - in den Satz umgekehrt wird: alle Arbeit ist Wert, d.h.
gleicher Wert.
Hier zeigt sich nun der tiefe Zusammenhang der Arbeitswerttheorie mit
dem Sozialismus; denn dieser erstrebt tatsächlich eine Verfassung der
Gesellschaft, in der der Nützlichkeitswert der Objekte, im Verhältnis zu
der darauf verwendeten Arbeitszeit, eine Konstante bildet.
Im dritten Bande des »Kapital« führt Marx aus: die Bedingung alles
Wertes, auch bei der Arbeitstheorie, sei der Gebrauchswert; allein das
bedeute, daß auf jedes Produkt (>477) gerade so viel Teile der
gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit verwendet werden, wie im Verhältnis
zu seiner Nützlichkeitsbedeutung auf dasselbe kommen.
Es wird also sozusagen ein qualitativ einheitlicher Gesamtbedarf der
Gesellschaft vorgestellt - dem Motto der Arbeitstheorie, Arbeit sei eben
Arbeit und als solche gleichwertig, entspricht hier das weitere,
Bedürfnis sei eben Bedürfnis und als solches gleich wichtig - und die
Nützlichkeitsgleichheit aller Arbeiten wird nun erzielt, indem in jeder
Produktionssphäre nur so viel Arbeit geleistet wird, daß genau der von
ihr umschriebene Teil jenes Bedarfes gedeckt wird.
Unter dieser Voraussetzung wäre freilich keine Arbeit weniger
nützlich als die andere.
Denn wenn man z.B. heute Klavierspielen für eine weniger nützliche
Arbeit als Lokomotivenbauen hält, so liegt das nur daran, daß mehr Zeit
darauf verwandt wird, als dem wirklichen Bedürfnis danach entspricht.
Wäre es auf das hiermit bezeichnete Maß eingeschränkt, so wäre es
genau so wertvoll wie Lokomotivenbauen - gerade wie auch das letztere
unnützlicher würde, wenn man mehr Zeit darauf verwendete, d.h. mehr
Lokomotiven baute, als Bedarf danach ist.
Mit anderen Worten: es gibt prinzipiell gar keine
Gebrauchswertunterschiede; denn wenn ein Produkt momentan weniger
Gebrauchswert hat als ein anderes (also die auf jenes verwandte Arbeit
wertloser ist, als die dem letzteren geltende), so kann man einfach die
Arbeit an seiner Kategorie, d.h. die Quantität seiner Produktion, so
lange herabsetzen, bis das darauf gerichtete Bedürfnis ebenso stark ist,
wie das auf den anderen Gegenstand gerichtete, d.h. bis die »industrielle
Reservearmee« völlig verschwunden ist.
Nur unter dieser Bedingung kann die Arbeit das Wertmaß der Produkte
getreu ausdrücken.
Das Wesen jedes Geldes nun ist seine unbedingte Fungibilität, die
innere Gleichartigkeit, die jedes Stück durch jedes, nach quantitativen
Abwägungen, ersetzbar macht.
Damit es ein Arbeitsgeld gebe, muß der Arbeit diese Fungibilität
verschafft werden, und dies kann nur auf die soeben geschilderte Weise
geschehen: daß ihr der immer gleiche Nützlichkeitsgrad verschafft wird,
und dies wiederum ist nur durch Reduktion der Arbeit für jede
Produktionsgattung auf dasjenige Maß erzielbar, bei dem der Bedarf nach
ihr genau so groß ist wie der nach jeder anderen.
Dabei würde natürlich die tatsächliche Arbeitsstunde noch immer
höher oder tiefer bewertet werden können; aber jetzt wäre man sicher,
daß der höhere Wert, aus der höheren Nützlichkeit des Produktes
abgeleitet, ein proportional konzentrierteres Arbeitsquantum pro Stunde
anzeigt; oder umgekehrt: daß, sobald auf die Konzentrierung der Arbeit
hin der Stunde ein höherer Wert zugesprochen wird, sie auch ein höheres
Nützlichkeitsquantum (>478) enthält.
Dies aber setzt ersichtlich eine völlig rationalisierte und
providenzielle Wirtschaftsordnung voraus, in der jede Arbeit planmäßig,
unter absoluter Kenntnis des Bedarfs und des Arbeitserfordernisses für
jedes Produkt erfolgt - also eine solche, wie sie der Sozialismus
erstrebt.
Die Annäherung an diesen völlig utopischen Zustand scheint nur so
technisch möglich zu sein, daß überhaupt nur das unmittelbar
Unentbehrliche, das ganz indiskutabel zum Leben Gehörige produziert wird;
denn wo ausschließlich dies der Fall ist, ist allerdings jede Arbeit
genau so nötig und nützlich wie die andere.
Sobald man dagegen in die höheren Gebiete aufsteigt, auf denen
einerseits Bedarf und Nützlichkeitsschätzung unvermeidlich
individueller, andrerseits die Intensitäten der Arbeit schwerer
festzustellen sind, wird keine Regulierung der Produktionsquanten bewirken
können, daß das Verhältnis zwischen Bedarf und aufgewandter Arbeit
überall das gleiche sei.
So verschlingen sich an diesen Punkten alle Fäden der Erwägungen
über den Sozialismus; an ihm wird klar, daß die Kulturgefährdung
seitens des Arbeitsgeldes keineswegs eine so unmittelbare ist, wie man
meistens urteilt; vielmehr, daß sie aus der technischen Schwierigkeit
stammt, die Nützlichkeit der Dinge, als ihren Wertungsgrund, im
Verhältnis zur Arbeit, als ihrem Wert-träger, konstant zu erhalten -
eine Schwierigkeit, die sich im Verhältnis der Kulturhöhe der Produkte
steigert und deren Vermeidung freilich die Produktion zu den primitivsten,
unentbehrlichsten, durchschnittlichsten Objekten herabsenken müßte.
Dieses Ergebnis des Arbeitsgeldes beleuchtet nun aufs schärfste das
Wesen des Geldprinzips überhaupt.
Die Bedeutung des Geldes ist, daß es eine Einheit des Wertes ist, die
sich in die Vielheit der Werte kleidet; sonst würden die
Quantitätsunterschiede des einheitlichen Geldes nicht als den
Qualitätsunterschieden der Dinge äquivalent empfunden werden.
Dadurch geschieht nun freilich diesen oft genug unrecht, wird namentlich
den personalen Werten eine Gewalt angetan, die ihr Wesen verlöscht.
Von dieser Verfassung des Geldes strebt das Arbeitsgeld hinweg, es will
dem Gelde einen zwar immer noch abstrakten, aber doch dem konkreten Leben
näherliegenden Begriff unterbauen; mit ihm soll ein eminent personaler,
ja, man könnte sagen, der personale Wert zum Maßstab der Werte
überhaupt werden.
Und nun zeigt sich, daß es, weil es doch nun einmal die Eigenschaften
alles Geldes besitzen soll: die Einheitlichkeit, die Fungibilität, die
nirgends versagende Geltung - gerade der Differenzierung und personalen
Ausbildung der Lebensinhalte bedrohlicher wäre, als das bisherige Geldl
Wenn es die unvergleichliche Kraft des Geldes ist, sich um einer Folge
willen der entgegengesetzten (>479) nicht zu entziehen, wenn wir es
einerseits der Herabdrückung, andrerseits der oft sogar exaggerierten
Steigerung personaler Differenziertheit dienen sehen, so raubt ihm der
Versuch, es konkreter, wenngleich noch immer äußerst allgemein zu
gestalten, seine Stellung sozusagen über den Parteien, und stellt es auf
die eine Seite der Alternative, mit Ausschluß der anderen.
So sehr man am Arbeitsgeld die Tendenz, das Geld den personalen Werten
wieder näherzurücken, anerkennen muß, so erweist jener Erfolg doch
gerade, wie eng die Fremdheit gegen diese mit seinem Wesen verbunden ist.