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Das Wasser im Schwimmbecken riecht nach Chlor und schimmert türkisfarben. Der Pool gehört zum Hotel und ist etwa zwanzig auf fünfzehn Meter gross. Die Hälfte des Beckens ist überdacht und die Seitenwände zum See hin sind aus bunten Glasscheiben, durch die man während dem Schwimmen hinausschauen kann…
Laura steht einen Moment am Beckenrand, bevor sie sich ins kalte Wasser gleiten lässt und abtaucht.
Im gleichen Moment, als sie den Atem anhält, erinnert sie sich an einen Sommernachmittag ihrer Kindheit. Sie muss damals etwa zehn Jahre alt gewesen sein und war mit dem Vater im Schwimmbad, um sich auf einen Tauchwettbewerb vorzubereiten. Genauso wie heute war sie damals eingetaucht, hatte sich mit den Füssen vom Beckenrand abgestossen und folgte, den Schwung nutzend, pfeilgerade den schwarzen Linien am Beckenboden. Dabei brannte ihr das Chlor nur wenig in den Augen, die sie geöffnete hatte, um die Richtung nicht zu verlieren. Sie wollte diesmal mehr als eine Länge unter Wasser schaffen. Oben ging der Vater mit der Stoppuhr den Beckenrand entlang.
Die Wand glitt schneller als erwartet auf sie zu, die erste Länge war geschafft. Sie drehte um, winkelte die Beine an, stiess sich erneut mit den Füssen ab und nahm die zweite in Angriff. Während dem Tauchen stellte sie fest, dass ihr die Luft nicht ausging. Auch nach der zweiten Länge nicht. Sie atmete ganz normal, obschon sie schon viel länger unter Wasser war als jemals zuvor. Ihre Lungen füllten sich mit Luft, die sie bedächtig ein- und ausströmen liess. Das registrierte sie ohne erstaunt zu sein, es schien ihr ganz natürlich. Wieder glitt die Wand auf sie zu, auch die dritte Länge hatte sie problemlos hinter sich gebracht. Laura fühlte sich leicht, geschmeidig. Sie tauchte weiter und weiter, ohne darüber nachzudenken. Bis sie plötzlich gepackt und an die Oberfläche gezerrt wurde. Der Vater war ins Wasser gesprungen und zog sie prustend hinter sich her an den Beckenrand. Er war wütend und schimpfte und wollte ihr nicht glauben, dass sie unter Wasser atmen konnte wie ein Fisch.
Seit jenem Nachmittag hatte Laura nie wieder das Gefühl gehabt, ein Fisch zu sein. Ein leichtes, geschmeidiges Wesen unter der Oberfläche, dem das Wasser zur Luft wird. Alles ist anders gekommen und Laura lächelt beim Gedanken daran. Dann taucht sie auf, schnappt nach Luft und schwimmt langsam an der farbigen Glaswand vorbei.
Dort, wo die Scheiben rot sind, haben der See und die Hügelkette im Hintergrund etwas Bedrohliches. Die Palmenblätter hinter Glas wirken fetter und saftiger, wie in einem feuchten, düsteren Dschungel. Die Wicken, die sich um die verschnörkelte Balkonbrüstung schlingen, sehen aus wie unbekannte Tiere, die sich ans Fenster drücken. Laura schwimmt weiter ins Freie hinaus, vor ihr liegt jetzt der Park mit den wilden Blumen. Sie erreicht den Beckenrand, zieht sich hoch und räkelt sich an der Sonne bis ihre Haut trocken ist.
Dann geht sie in den Park hinein. Zwischen den hohen Gräsern bleibt sie stehen und wartet, bis sie das leise Rascheln hört. Es ist nicht das Rascheln der Gräser, die sachte im Wind schaukeln. Es ist eher ein schlurfendes Knistern und es kommt von unten, nicht von oben wie der Wind. Laura duckt sich zwischen die Gräser auf die warme Erde und wartet geduldig. Wenig später taucht die Schildkröte auf. Sie hebt ihren Kopf mit dem faltigen Hals und schaut aus kleinen Augen, die sie zu Schlitzen zusammengezogen hat. Ohne ein Anzeichen von Neugier oder Ablehnung starrt sie Laura ausdruckslos an.
Beide verharren einen Augenblick bewegungslos, dann senkt die Schildkröte ihren Kopf, dreht sich bedächtig um und kriecht weiter. Langsam setzt sie ein Bein vor das andere, die kleinen Krallen greifen in die staubige Erde und ihr Körper schaukelt hin und her. Laura kauert noch einen Moment zwischen den Gräsern und spürt die Wärme der Sonne auf ihrem Panzer. Dann folgt sie der Schildkröte und die beiden verschwinden im Park.