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Augustinus in seiner Predigt zu Psalm 116,10-13. Ein wunderschönes Beispiel für eine soteriologische Anwendung in Predigten zu den Psalmen II («Sermones» 22-34), S. 1049-1055.
Ich habe geglaubt, darum rede ich; ich wurde aber sehr gebeugt. Ich sprach in meiner Bestürzung: »Alle Menschen sind Lügner!« Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltaten an mir? Den Kelch des Heils will ich nehmen und den Namen des Herrn anrufen.
Gefüllt werden, damit wir ausschütten können
Der Apostel sagt: ‘Da wir aber denselben Geist des Glaubens besitzen, worüber geschrieben steht: ‘Ich habe geglaubt, deshalb habe ich geredet’, glauben auch wir und reden deshalb auch wir’ (2Kor 4,13; Ps 116,10). Wer reden will, obwohl er nicht glaubt, will ausschütten, was er nicht gefüllt hat. Man muss füllen, damit du ausschütten kannst. Aber man muss für die anderen so ausschütten, dass du selbst nicht leer zurückbleibst. Deshalb verhiess der Herr den Gläubigen die Fülle des Heiligen Geistes: Es entstehe in ihnen, sagte er, ein Wasserquell, das ins ewige Leben sprudelt (Joh 4,14). Die Eigenart einer Quelle ist es nämlich, so zu sprudeln, dass sie nicht leer wird. Und wenn uns Gott das gewährt, was vergelten wir dem Herrn für alles, was er uns vergolten hat?
… Er hat mir nämlich nicht gegeben, sondern mir wieder gegeben, weil ich Böses für Böses verdiente, und er mir Gutes für Böses wiedergab. … Wenn du also deswegen der Herr bist, weil du meiner Güter nicht bedarfst, was soll ich dem Herrn wiedergeben? (Ps 116,12)
Aus sich selbst heraus ist jeder Mensch ein Lügner
… in Bestürzung sprach er, ängstlich sprach er, er weiss nicht, was er sagte, verwirrt sprach er. Das könnte ich sagen, wenn nicht der Apostel Paulus diesen Satz bestätigt hätte, als er sagte: Nur Gott ist wahrhaftig, jeder Mensch aber ein Lügner, wie es geschrieben steht (Röm 3,4; Ps 116,11). Wenn also Gott wahrhaftig ist und allein wahrhaftig ist, jeder Mensch aber ein Lügner (Ps 116,11), woher wird der Mensch wahrhaftig sein, ausser wenn er sich dem angenähert hat, der kein Lügner ist? Schliesslich wird zu dem Menschen gesagt: Einst wart ihr Finsternis (Eph 5,8). … Darauf wollte also die Schrift hinweisen, dass jeder Mensch, absolut jeder, soweit es das Menschsein selbst betrifft, ein Lügner ist. …
Aus sich selbst heraus vermag er nichts anderes als ein Lügner zu sein; nicht weil er überhaupt nicht wahrhaftig sein könnte, sondern weil er von sich aus nicht wahrhaftig sein wird. … Wenn du also wahrhaftig bist, bist du erfüllt worden, hast Anteil an der Wahrheit erhalten.
Wir geben zurück, was wir empfangen haben
… Welchen Kelch? Des Heiles. Welchen Heiles? Christi. … Diesen Kelch empfange, wenn du dem Herrn etwas wiedergeben willst für all das, was er dir wieder gegeben hat. Wie nämlich Christus sein Leben für uns hingegeben hat, so müssen wir auch das Leben für die Brüder hingeben (1Joh 3,16). … Deswegen hast, wenn du etwas wiedergeben willst, nichts zurückgegeben, was du erhalten hast, sondern du hast noch etwas darüber hinaus erhalten. … Von ihm selbst wurde uns also alles geschenkt; durch ihn haben wir, was wir sind, wenn wir etwas Gutes sind.
Siehe auch meine Kurzresension zu “Augustinus. Die Theologie seiner Psalmen.”