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Die 1934 in Schaffhausen geboren und in Zürich aufgewachsene Stamm war Kriminalbeamtin, Jugendanwältin und Richterin. Von 1983 bis 1999 sass die promovierte Juristin im Nationalrat. 1996/97 präsidierte sie die grosse Kammer und war und war damit höchste Schweizerin.
In ihrer politischen Arbeit setzte Stamm Schwerpunkte im Sozial- und Umweltbereich sowie in der Rechtsetzung. Stamm reichte 1986 eine Motion für die Durchsetzung des Gleichstellungsartikels der Bundesverfassung ein und erreichte so zwei Jahre später die Schaffung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau.
Die Linksbürgerliche zeigte immer wieder Mut zu eigenwilligen Positionen. Sie setzte sich für die Fristenlösung als strafrechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches ein und vertrat eine Herabsetzung des Schutzalters. Ländliche und konservative Parteikreise stiess Stamm damit vor den Kopf. Doch in der Stadt und Agglomeration erzielte sie bei den Wahlen Spitzenergebnisse.
«Zuerst musste ich herausfinden, was mit Emanze genau gemeint war», sagte die ledige Stamm einmal. «Mit der Zeit habe ich dieses Etikett als Auszeichnung betrachtet, weil die Menschen meinen klaren Standpunkt auch schätzen gelernt haben.»
Präsidentin für Frauenfragen
Nach der Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Luzern im Jahr 1970 wurden Stamm als 37-Jährige und eine Kollegin als erste Frauen in den damaligen Grossen Rat - heute Kantonsrat - gewählt. Stamm vertrat dort von 1971 bis 1984 die CVP (heute Mitte). 1983 wurde sie schliesslich in den Nationalrat gewählt.
1986 war sie erfolglos Bundesratskandidatin für die Nachfolge von Kurt Furgler und Alfons Egli. Für sie war es inakzeptabel, dass ihre Partei der Bundesversammlung keine Frau zur Wahl vorschlagen hatte.
1989 wählte der Bundesrat sie zur Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Vom selben Jahr an bis 2007 war sie auch Zentralpräsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sowie Präsidentin der Rütlikommission.
Stamm wurde für ihre Verdienste um das Wohl der Stadt Luzern 2002 mit der Ehrennadel der Stadt ausgezeichnet. 2008 erschien ihre Biografie unter dem Titel «Beherzt und unerschrocken. Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete».
Erster weiblicher Polizeioffizier
Unter den ersten war Stamm nicht nur bei den Wahlen. Die in Zürich aufgewachsene gebürtige Schaffhauserin doktorierte in Rechtswissenschaft und trat 1960 als Polizeiassistentin in das luzernische Polizeikorps ein. Sie brachte es bis zur «Frau Oberleutnant» und war damit der erste weibliche Polizeioffizier der Schweiz.
Als Kriminalbeamtin engagierte sie sich früh für eine Reform der Befragungspraxis bei Opfern von Sexual- und Gewaltdelikten. Nach 20 Jahren Kantonspolizei wurde sie Jugendanwältin.
«Ihrer Zeit weit voraus»
Ihre Partei würdigte Stamm in einer Stellungnahme als Vorbild für viele. «Mit ihrem Tatendrang und unermüdlichen Engagement zu Gunsten der Gesellschaft war sie eine prägende Figur in der Schweizer Politik», teilte die Mitte Kanton Luzern im Kurzbotschaftendienst Twitter mit.
Tief betroffen haben wir vom Tod unserer Alt-Nationalratspräsidentin Judith Stamm erfahren.— Die Mitte Kanton Luzern (@DieMitteLuzern) July 20, 2022
Mit ihrem Tatendrang und unermüdlichen Engagement zu Gunsten der Gesellschaft war sie eine prägende Figur in der Schweizer Politik und für viele ein Vorbild! @Mitte_Centre @chparlament pic.twitter.com/LeiyKgiMk5
Mehrere Parteikolleginnen strichen Stamms Taten zugunsten der Frauen hervor. Die Luzerner Ständerätin Andrea Gmür nannte sie auf Twitter «eine mutige, geradlinige Frau», die «ihrer Zeit weit voraus» gewesen sei.
Mit Stamm sei «eine grosse Politikerin, ein Vorbild für viele Frauen, auch für mich und eine grosse und unermüdliche Kämpferin für Gleichstellung» verstorben, schrieb die Luzerner Nationalrätin Ida Glanzmann: «Viele ihrer Spuren werden uns auch in Zukunft begleiten.»