Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03317.jsonl.gz/799

Humanistische Modelle
Therapieformen des humanistischen Modells
Aus dem humanistischen Ansatz sind viele Therapieformen, aber auch Selbsterfahrungstechniken und esoterische Verfahren hervorgegangen. Sie berufen sich alle auf ihre Wurzeln in der humanistischen Psychologie oder im Humanismus. Die folgende Aufzählung ist nicht vollständig, sondern soll einen Einblick bieten in das breite Spektrum von Handlungs-, Therapie- und Selbsterfahrungsmodellen, die sich unter dem Etikett der humanistischen Verfahren tummeln.
Zu diesen Verfahren können gezählt werden:
- Personzentrierte Psychotherapie (Gesprächspsychotherapie),
- Logotherapie und die Existenzanalyse,
- Psychodrama,
- Gestalttherapie,
- Transaktionsanalyse,
- Themenzentrierte Interaktion,
- Musiktherapie,
- Bewegungs- und körperorientierte Therapien,
- Encounter-Gruppen,
- Tanztherapie,
- Kunsttherapie,
- Bioenergetik, u.a.
Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Annahme, dass Blockaden oder Abspaltungen die Weiterentwicklungstendenz eines Menschen und sein volles Funktionieren behindern, sowie das Bemühen um eine ganzheitliche Sicht (nach Dorsch et al., 2013/Caspar).
Personzentrierte Psychotherapie
Für den therapeutischen Ansatz, der von Carl R. Rogers (1902-1987) entwickelt wurde, gibt es unterschiedliche Bezeichnungen. Von Carl Rogers stammen die Bezeichnungen client-centered-therapy und person-centered-therapy, zu deutsch Klientenzentrierte Psychotherapie oder (in der Schweiz üblich) Personzentrierte Psychotherapie. Die Bezeichnung Gesprächspsychotherapie geht auf das deutschsprachige Lehrbuch von Reinhard Tausch (1968) zurück (Kriz, 2014).
Das Ziel der klientenzentrierten Therapie besteht darin, das gesunde psychische Wachstum des Menschen zu fördern. Dieser Ansatz geht von der Annahme aus, dass allen Menschen ein grundlegendes Streben nach Selbstverwirklichung gemein ist. Gemäss Rogers verfügt der Organismus über eine «innewohnende Tendenz zur Entwicklung all seiner Möglichkeiten; und zwar so, dass sie der Erhaltung oder Förderung des Organismus dienen» (1989, S. 21). Eine gesunde Entwicklung wird durch fehlerhafte Lernmuster behindert, bei denen die Person die Bewertung durch Andere übernimmt, statt darauf zu vertrauen, was die eigene Psyche und der eigene Körper mitteilen. Ein Konflikt zwischen dem natürlicherweise positiven Selbstbild und negativer externer Kritik führt zu Angst und Unglücklichsein. Dieser Konflikt oder diese Inkongruenz liegt möglicherweise ausserhalb des Bewusstseins, so dass die Person Unglücklichsein und ein geringes Selbstwertgefühl erlebt, ohne zu wissen, warum (Zimbardo & Gerrig, 2008).
Nach Rogers besteht die Aufgabe der Therapie in der Gestaltung eines therapeutischen Umfelds, das dem Klienten erlaubt, Verhaltensweisen zu erlernen, die sein Selbstwachstum und seine Selbstverwirklichung fördern. Dies wird durch eine Atmosphäre der unbedingten positiven Wertschätzung erreicht — die nicht angreifbare Akzeptanz des Klienten und der Respekt vor ihm. Der Therapeut macht seine Gefühle und Gedanken gegenüber dem Klienten transparent. Über die Aufrechterhaltung dieser Authentizität hinaus versucht der Therapeut, die Gefühle des Klienten zu erleben. Diese vollständige Empathie erfordert, dass der Therapeut sich um den Klienten als einen wertvollen, kompetenten Menschen sorgt — jemanden, den man nicht beurteilt und bewertet, sondern dem man beisteht bei der Entdeckung seiner eigenen Individualität.
Der emotionale Stil und die Einstellung des Therapeuten ermöglichen dem Klienten, seine Aufmerksamkeit wieder auf die wahren Ursachen persönlicher Konflikte zu richten und die störenden Einflüsse, die seine Selbstverwirklichung behindern, zu beseitigen. Im Gegensatz zu Therapeuten anderer Therapieformen, die interpretieren, Antworten geben oder instruieren, sind klientenzentrierte Therapeuten unterstützende Zuhörer, die die bewertenden Äusserungen und Gefühle des Klienten spiegeln. Die klientenzentrierte Therapie ist bestrebt, nicht-direktiv zu sein, indem der Therapeut lediglich die Suche des Klienten nach Selbstbewusstheit und Selbstakzeptanz erleichtert (Zimbardo & Gerrig, 2008).
Originalzitat aus der Homepage der Schweizerischen Gesellschaft für den Personzentrierten Ansatz (PCA):
Personzentrierte Psychotherapie und Personzentrierte Beratung sind ein psychologisches Konzept für die therapeutische, beratende, pädagogische Arbeit mit PatientInnen, KlientInnen, Lernenden. Es wurde Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts von dem Amerikaner Carl R. Rogers (1902-1987) entwickelt. Das Konzept ruht auf zwei Säulen: einer wissenschaftlich überprüften Aussage über wirkungsvolles Eingehen von PsychotherapeutInnen und BeraterInnen auf ihre KlientInnen („personzentrierte Haltung“) und die Grundannahmen über die Natur des Menschen („Aktualisierungstendenz“ / „Bedürfnis nach bedingungsloser positiver Wertschätzung“).
Die therapeutische Beziehung
Die personzentrierte Psychotherapie lässt sich durch drei essenzielle Merkmale charakterisieren (Kriz, 2007):
- Die für diese Therapieform spezifische therapeutische Beziehung. Diese gibt einen konzeptuellen Rahmen dafür vor, unter welchen Bedingungen PCA-Therapeuten für Patienten hilfreiche Therapien durchführen können.
- Das Erklärungsprinzip der Aktualisierungstendenz. Dieses gibt Antwort auf die Frage, warum und wie diese spezifische therapeutische Beziehung wirksam wird.
- Eine Störungs- und Entwicklungstheorie (Rogers‘ Persönlichkeitstheorie), die wesentliche Aspekte einer gelingenden psychischen Entwicklung und ihrer Störungen beschreibt, eine praxisorientierte Verbindung zwischen 1) und 2) herstellt und Hinweise für die Therapie enthält.
Die therapeutische Beziehung
Die personzentrierte Haltung fordert eine seelisch-geistige Einstellung von PsychotherapeutInnen und BeraterInnen, die der ratsuchenden Person hilft, Blockierungen ihrer Wachstums- und Entwicklungsimpulse aufzulösen. Sie beschreibt die günstigen Beziehungsbedingungen für psychische Veränderung. Drei Aspekte kennzeichnen diese, die therapeutische Beziehung prägende Haltung («Basisvariablen»):
- Akzeptanz (bedingungslose positive Beachtung und Wertschätzung)
- Empathie (einfühlsames Verstehen, Verständnis, nichtwertendes Eingehen)
- Kongruenz (Echtheit)
-
Therapeut und Patient befinden sich in einer Beziehung zu einander. D.h. sie nehmen sich gegenseitig wahr und beziehen sich aufeinander, reagieren, bedeuten einander etwas.
-
Der Patient befindet sich in einem Zustand der Inkongruenz. Er ist mit sich selbst uneins, verletzlich, ängstlich. Er erlebt etwas, was er nicht als zu sich gehörend empfindet.
-
Der Therapeut ist kongruent. D.h. er erlebt und fühlt im Kontakt mit dem Patienten nichts, was er nicht als zu sich selbst gehörend betrachtet oder das er von seinem Bewusstsein fernhalten müsste.
-
Der Therapeut ist dem Patienten mit seinen Schwierigkeiten und Eigenheiten zugewandt, er kann ihm bedingungsfreie positive Wertschätzung gewähren.
-
Der Therapeut kann sich in den Patienten und sein Erleben einfühlen, auch darin, wie der Patient sich und sein Erleben bewertet. Er kommuniziert dem Patienten, was er auf dem Weg der Empathie vom Erleben des Patienten verstanden hat.
-
Die Ansprechbarkeit des Patienten für das therapeutische Beziehungsangebot: Die Mitteilungen des Therapeuten erreichen den Patienten; er versteht, dass der Therapeut ihn versteht und unbedingt wertschätzt.
Video: Rogers zu den Kernkonzepten
Im folgenden Videoausschnitt spricht Carl Rogers über die wichtigen Konzepte Empathie, Akzeptanz und Kongruenz.
Die Aktualisierungstendenz
Das zentrale Erklärungsprinzip von Rogers, die Aktualisierungstendenz stellt das grundlegende Motiv menschlichen Handelns dar. Es ist das ständige Streben des Menschen, seine Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten, zu entfalten und zu verwirklichen, sowie Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu erlangen.
Rogers sieht in der Aktualisierungstendenz das wichtigste Prinzip für ein personzentriertes Verständnis von Entwicklung — einschliesslich Störungsentstehung und Psychotherapie. Er hat mit Berufung auf den Gestaltpsychologen Kurt Goldstein und holistisch-organismische Konzepte seiner Zeit ein Prinzip erkannt, dessen Bedeutung erst in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend in der interdisziplinären Forschung (Systemwissenschaft und Selbstorganisationstheorien) entdeckt, belegt und gewürdigt wurde: Es geht dabei darum, dass komplexe, nichtlinear rückgekoppelte Systeme in der Lage sind, ohne von aussen induzierte Ordnung inhärent gegebene Ordnungen zu entfalten und zu realisieren. Dies gilt bereits für manche Systeme aus toter Materie — für lebende Systeme ist dies hingegen die Regel. In heutiger interdisziplinärer Terminologie spricht man von Selbstorganisationsprozessen (Kriz, 2014).
Dass diese Sichtweise 2-3 Jahrzehnte nach Rogers zu einem zentralen Bestandteil interdisziplinärer Systemwissenschaft werden sollte, war noch Mitte des 20. Jahrhunderts für viele Wissenschaftler eher eine abenteuerliche Spekulation. Daher wurde auch Rogers‘ Prinzip von vielen missverstanden und abgewertet — selbst in den eigenen Reihen. In ihrem Bemühen um «Wissenschaftlichkeit» versuchte die Psychologie lange (und teilweise noch heute), auch den Phänomenen des Lebens naturwissenschaftlich-methodische Erklärungsprinzipien des 19. Jahrhunderts überzustülpen — und hat sich dabei paradoxerweise immer stärker vom Fortschritt der modernen Naturwissenschaften abgekoppelt.
Rogers hat zumindest einige der bedeutsamsten Ergebnisse der multidisziplinären Systemforschung, die seine Vorstellungen über Therapie zunehmend stützten, wahrgenommen und in seinen Schriften darauf verwiesen (Kriz, 2014).
Die Persönlichkeitstheorie
Rogers hat 19 Thesen zu seiner Persönlichkeitstheorie aufgestellt (1973/1951). Diese vertiefen im Wesentlichen die Begriffe und Konzepte, die in den vorausgegangenen Kapiteln zur personzentrierten Psychotherapie beschrieben wurden, und stehen hier als Vertiefungsstoff (zitiert nach Kriz, 2014, S. 199).
- Jedes Individuum existiert in einer ständig sich ändernden Welt der Erfahrung, deren Mittelpunkt es ist.
- Der Organismus reagiert auf das Feld, wie es erfahren und wahrgenommen wird. Dieses Wahrnehmungsfeld ist für das Individuuum «Realität».
- Der Organismus reagiert auf das Wahrnehmungsfeld als ein organisiertes Ganzes.
- Der Organismus hat eine grundlegende Tendenz, den Erfahrungen machenden Organismus zu aktualisieren, zu erhalten und zu erhöhen.
- Verhalten ist grundsätzlich der zielgerichtete Versuch des Organismus, seine Bedürfnisse, wie sie in dem so wahrgenommenen Feld erfahren wurden, zu befriedigen.
- Dieses zielgerichtete Verhalten wird begleitet und im Allgemeinen gefördert durch Emotionen. Diese Emotionen stehen in Beziehung zu dem Suchen aller vollziehenden Aspekte des Verhaltens, und die Intensität der Emotion steht in Beziehung zu der wahrgenommenen Bedeutung des Verhaltens für die Erhaltung und Erhöhung des Organismus.
- Der beste Ausgangspunkt zum Verständnis des Verhaltens ist das innere Bezugssystem des Individuums selbst.
- Ein Teil des gesamten Wahrnehmungsfeldes entwickelt sich nach und nach zum Selbst.
- Als Resultat der Interaktion mit der Umgebung und insbesondere als Resultat wertbestimmender Interaktion mit anderen wird die Struktur des Selbst geformt — eine organisierte, fliessende, aber durchweg begriffliche Struktur von Wahrnehmungen von Charakteristika und Beziehungen des «Selbst» zusammen mit den zu diesen Konzepten gehörenden Werten.
- Die den Erfahrungen zugehörigen Werte und die Werte, die ein Teil der Selbststruktur sind, sind in manchen Fällen Werte, die vom Organismus direkt erfahren werden, und in anderen Fällen Werte, die von anderen introjiziert oder übernommen, aber in verzerrter Form wahrgenommen werden, so als wären sie direkt erfahren worden.
- Wenn Erfahrungen im Leben des Individuums auftreten, werden sie entweder (a) symbolisiert, wahrgenommen und in eine Beziehung zum Selbst organisiert, (b) ignoriert, weil es keine wahrgenommene Beziehung zur Selbststruktur gibt, oder (c) geleugnet oder verzerrt symbolisiert, weil die Erfahrung mit der Struktur nicht übereinstimmt.
- Die vom Organismus angenommenen Verhaltensweisen sind meistens die, die mit dem Konzept vom Selbst übereinstimmen.
- Verhalten kann in manchen Fällen durch organische Bedürfnisse und Erfahrungen verursacht werden, die nicht symbolisiert wurden. Solches Verhalten kann im Widerspruch zur Struktur des Selbst stehen, aber in diesen Fällen ist das Verhalten dem Individuum nicht «zu Eigen».
- Psychische Fehlanpassung liegt vor, wenn der Organismus vor dem Bewusstsein wichtige Körper- und Sinneserfahrungen leugnet, die demzufolge nicht symbolisiert und in die Gestalt der Selbststruktur organisiert werden. Wenn diese Situation vorliegt, gibt es eine grundlegende oder potenzielle psychische Spannung.
- Psychische Anpassung besteht, wenn das Selbstkonzept dergestalt ist, dass alle Körper- und Sinneserfahrungen des Organismus auf einer symbolischen Ebene in eine übereinstimmende Beziehung mit dem Konzept vom Selbst assimiliert werden oder assimiliert werden können.
- Jede Erfahrung, die nicht mit der Organisation oder der Struktur des Selbst übereinstimmt, kann als Bedrohung wahrgenommen werden, und je häufiger diese Wahrnehmungen sind, desto starrer wird die Selbststruktur organisiert, um sich zu erhalten.
- Unter bestimmten Bedingungen, zu denen in erster Linie ein völliges Fehlen jedweder Bedrohung für die Selbststruktur gehört, können Erfahrungen, die nicht mit ihr übereinstimmen, wahrgenommen und überprüft und die Struktur des Selbst revidiert werden, um derartige Erfahrungen zu assimilieren und einzuschliessen.
- Wenn das Individuum all seine Körper- und Sinneserfahrungen wahrnimmt und in ein konsistentes und integriertes System aufnimmt, dann hat es notwendigerweise mehr Verständnis für andere und kann sich ihnen gegenüber akzeptierend verhalten.
- Wenn das Individuum mehr und mehr von seinen organischen Erfahrungen in seiner Selbststruktur wahrnimmt und akzeptiert, merkt es, dass es sein gegenwärtiges Wertsystem, das weitgehend auf verzerrt symbolisierten Introjektionen beruhte, durch einen fortlaufenden, organismischen Wertungsprozess ersetzt.
Video: Zur Theorie Rogers
Im folgenden Video erläutert Prof. Dr. Michael Behr Grundideen von Rogers sowie die Begriffe Kongruenzund Inkongruenz (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).
Literatur
Kriz, Jürgen. (2014). Grundkonzepte der Psychotherapie. Mit Online-Materialien (7. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Darin: Kapitel «Personzentrierte Psychotherapie»
Kriz, Jürgen & Slunecko, Thomas (Hrsg.). (2007). Gesprächspsychotherapie. Die therapeutische Vielfalt des personzentrierten Ansatzes (UTB, Bd. 2). Wien: Facultas.
Im folgenden Video reflektiert Carl Rogers über sein Leben, seine Beiträge zur Psychotherapie, und er vertritt seine persönlichen Ideen zu Psychotherapie, Erziehung und sozialer Gerechtigkeit. Das Interview wurde kurz vor seinem Tod aufgenommen (Video mit Untertiteln versehen an der HfH).
Das PCA-Institut hat zum Ziel, das Menschenbild und das wissenschaftliche Werk sowie das psychologische, psychotherapeutische und das sozialethische Gedankengut von Carl R. Rogers zu vertreten, weiter zu entwickeln und durch Lehrveranstaltungen für verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche zugänglich und nutzbar zu machen.Schweizerische Gesellschaft für den Personzentrierten Ansatz: http://www.pca-acp.ch/
Logotherapie und Existenzanalyse
Viktor Frankl (1905-1997) war ein österreichischer Neurologe und Psychiater und begründete die Logotherapie und Existenzanalyse. Die Logotherapie stellt die «Selbstbestimmung des Menschen aufgrund seiner Verantwortlichkeit und vor dem Hintergrund der Sinn- und Wertewelt» (Frankl, 1990) ins Zentrum der Betrachtung. Frankl verwendet den griechischen Begriff des «logos» im Kontext seines Ansatzes in der Bedeutung von Sinn. Schon 1926 verwendete er den Begriff Logotherapie in öffentlichen Vorträgen; den Begriff Existenzanalyse, für Frankl eine alternative Bezeichnung und gleichzeitig anthropologische Basis für die Logotherapie, gebrauchte er ab 1933 (Kriz, 2014).
«Das Leiden am sinnlosen Leben» (so der Titel eines seiner Bücher, 1977), die dadurch bewirkte noogene Neurose, ist eines der Hauptprobleme, denen sich die Logotherapie widmet. Als noogene Neurose bezeichnet Frankl eine psychogene Erkrankung, die nicht auf Komplexe und Konflikte im herkömmlichen Sinn zurückgeht, sondern im Sinnlosigkeitsgefühl, im existenziellen Vakuum, in Gewissens- und Wertkonflikten begründet ist (Kriz, 2014).
Dabei geht es allerdings nicht nur um Entwicklungs- und Lebenskrisen, sondern ebenso um Phobien, Depressionen, Zwänge, Süchte usw., denen ein solches existenzielles Vakuum zugrunde liegt.
Durch ihr bereits in den 1930er Jahren vorgetragenes Anliegen einer Rehumanisierung der Psychotherapie sowie durch ihre philosophisch-anthropologische und phänomenologisch-existenzialistische Basis steht die Logotherapie den humanistischen Ansätzen sehr nahe.
Mit den speziellen logotherapeutischen Interventionsformen, insbesondere mit der paradoxen Intention und der Dereflexion hat Frankl verhaltenstherapeutische, kognitive Aspekte und systemische Konzepte, die heute zu den aktuellsten Interventionsansätzen gehören, bereits um viele Jahrzehnte vorweggenommen (Kriz, 2014).
Beschreibung der Logotherapie auf der Homepage des Schweizerischen Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse
Logotherapie — nicht zu verwechseln mit Logopädie — ist eine auf Sinn zentrierte Psychotherapie. Ihr Begründer, der international bekannte Psychiater und Neurologe Prof. Dr. Viktor Frankl, geht von der Erkenntnis aus, dass der Mensch seinem Wesen nach wert- und sinnorientiert ist. Wird der Wille zum Sinn nachhaltig frustriert, so gerät der Mensch in eine Missbefindlichkeit. Diese kann Fehl-Erlebensweisen, Fehl-Verhaltensweisen und neurotische Störungen wie Arbeitsunlust, Depressionen, Lebensmüdigkeit, Süchte, Apathie, Langeweile, nihilistische Anschauungen usw. auslösen.
Immer mehr gesunde und kranke Menschen, besonders der reichen Nationen, geraten in den Zustand der existenziellen Frustration. Das heisst: sie sind unfähig, einen Sinn in ihrem Leben zu entdecken und zu verwirklichen. In solchen Situationen ist Sinnentdeckungshilfe zu leisten. Deren Ziel besteht u.a. darin, dass der betroffene Mensch — im Vor-Blick auf seine objektive Situation und im Rück-Blick auf seine spezifischen Fähigkeiten (Existenzanalyse) — seine ureigensten Sinnmöglichkeiten entdecken und verwirklichen kann. Dabei ist entscheidend, dass die Therapeutin bzw. der Therapeut keine Sinnmöglichkeiten von sich aus anbietet, sondern vielmehr den Klienten bzw. die Klientin zur eigenständigen Sinnentdeckung und Sinnverwirklichung freisetzt. Auf diese Weise wird die in der psychotherapeutischen Szene vielfach vernachlässigte Dimension des Geistes für den Heilungsprozess fruchtbar gemacht. Das aber heisst: Der Mensch wird nicht allein als psychosomatisches Wesen wahrgenommen, das Triebkonflikte (S. Freud) lösen muss, sondern vor allem als Wesen, das für seine Lebensgestaltung Verantwortung übernehmen und schöpferisch sein kann.http://www.logotherapie.ch/index.php?id=6
Bedeutung der Sinnfrage
Die Frage nach dem Sinn, Frankls Hauptthema, entwickelte sich auf dem biografischen Hintergrund seiner Arbeit im «Selbstmörderinnenpavillon» (einer Abteilung im Psychiatrischen Krankenhaus Wien, in der er in jungen Jahren arbeitete) und auf dem Hintergrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die seine Eltern, seinen Bruder und seine Frau ermordeten. Das Sinnlosigkeitsgefühl ist nach Frankl immer bedeutsamer für die Menschen geworden, weil biologische Instinkte und auch kulturelle Traditionen immer weniger Orientierung ermöglichen. Noogene Neurosen und existenzielle Frustration sind die Folgen davon.
Interventionsansätze
Es ist nicht die Logotherapie, die dem Leben des Patienten Sinn geben kann, aber sie soll im Patienten die Überzeugung wecken, dass er Sinn finden kann. Dafür stehen verschiedene Interventionsansätze zur Verfügung.
- In Sinnfindungsgesprächen oder im sokratischen Dialog werden durch geschickte Fragen bestimmte Haltungen und Überzeugungen des Patienten hinterfragt.
- In eine ähnliche Richtung zielt die sog. Einstellungsmodulation.
- Das Konzept der Dereflexion wird bei psychosomatischen Funktionsstörungen eingesetzt (z.B. Schlaflosigkeit, Sexualprobleme). Gemäss diesem Konzept wird der Störung vom Patienten zu viel Aufmerksamkeit gewidmet, d.h. es findet zu viel Reflexion statt. Das Symptom, das vermieden werden sollte, wird so in einem Teufelskreis verstärkt und aufrecht erhalten. Ziel der Dereflexion ist es, die Aufmerksamkeit vom Symptom abzuziehen, indem sie auf etwas Anderes gelenkt wird.
- Ein ähnliches Vorgehen wird mit der paradoxen Intention verfolgt (diese ist auch in der kognitiven Verhaltenstherapie als Symptomverschreibung bekannt). Dabei soll der Patient seine Symptome herbeiwünschen oder sich vornehmen. Am Beispiel der Erwartungsangst — der neurotischen Erwartung, dass ein beängstigendes Ereignis eintreten könnte — kann man sich dies so vorstellen: die Erwartungsangst bewirkt das Symptom, vor dem sich der Patient fürchtet. Ein schwaches Symptom erzeugt ein unangenehmes Gefühl, die Angst davor verstärkt das Symptom, was in einem Teufelskreis wieder die Erwartungsangst verstärkt (Kriz, 2014). Der Patient wird nun in möglichst humorvoller Weise angehalten, die befürchteten Symptome herbeizuwünschen und sich ihnen zu stellen (siehe nachfolgendes Beispiel). Die paradoxe Intention setzt allerdings voraus, dass der Patient den Übungscharakter des Verhaltens erkennt.
Beispiel einer paradoxen Intention
Durch diverse Erweiterungen im Rahmen der Existenzanalyse(vor allem durch Alfried Längle) hat die Logotherapie auch für die Pädagogik eine grössere Bedeutung erlangt:
Video: Viktor Frankl
Gestalttherapie
Die Gestalttherapie wurde von Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman begründet. Diverse Ansätze und Strömungen sind in die Gestaltherapie eingeflossen. Perls arbeitete ursprünglich als Psychoanalytiker, weshalb viele psychoanalytische Gedanken in die Gestalttherapie eingebaut wurden. Ebenfalls auf Perls biografischem Hintergrund beruht der Einfluss der Gestaltpsychologie. Die Gestalttherapie ist jedoch nicht etwa die praktische Anwendung der Gestaltpsychologie; Perls hat die gestaltpsychologischen Konzepte nur in sehr verallgemeinerter Form verwendet (Kriz, 2014). Auch die Gestaltpsychologen verwahren sich gegen die Gleichsetzung.
Wichtig für die Gestalttherapie waren Perls Kontakte mit Moreno, der ihm das Psychodrama näher brachte, und die Kontakte mit Paul Goodman (Sozialpsychologe). Generell kann man sagen, dass Perls eher eine bestimmte Lebensform vermittelte als eine fundierte Theorie (Kriz, 2014).
In diesem Sinne kann man die Gestalttherapie als «eine wenig geschlossen-strukturierte Ansammlung von Interventionstechniken» bezeichnen (Kriz, 2014, S. 211). Die neun Kerngebote (siehe Vertiefung) haben als Ziel eine möglichst hohe Awareness. Das Leben wird als fortwährender Wachstumsprozess verstanden; zentrale Begriffe sind dabei: Wachstum, Selbstaktualisierung, Gewahrsein, Bewusstheit, Kontakt, Umwelt, Innenwelt, Begegnung. Die Auseinandersetzung des Organismus mit der Umwelt läuft in Kontaktzyklen ab. Das Selbst besteht aus Ich, Es und Persönlichkeit und koordniniert die Auseinandersetzung zwischen Organismus und Umwelt (Kriz, 2014).
Die Kerngebote der Gestalttherapie
wurden vom Perls-Schüler Eric Marcus (1979) wie folgt formuliert (nach Kriz, 2014, S. 212):
- Lebe jetzt. Kümmere dich um die Gegenwart statt um die Vergangenheit und die Zukunft. Vergangenheit und Zukunft, das sind Phantasien, Gedanken.
- Lebe hier. Beschäftige dich mit dem Anwesenden statt mit dem Abwesenden. Es müssen viele «unerledigte Geschäfte» aus der Vergangenheit erledigt, «unfertige Gestalten» geschlossen werden, bis man im Hier und Jetzt leben kann.
- Höre auf, dir etwas vorzustellen. Erfahre die Realität. Die Therapie besteht im Wesentlichen darin, dem Klienten zu helfen, zwischen seiner Phantasie und der Wirklichkeit zu unterscheiden.
- Höre auf, unnötig zu denken. Besser: Probier und schau. Experimentiere mit dir!
- Drücke dich lieber aus, anstatt zu manipulieren, zu erklären, zu rechtfertigen und zu urteilen.
- Lass dich auf Unerfreuliches und Schmerz ebenso ein wie auf Freude. Schränke deine Bewusstheit (awareness) nicht ein. Also: Vermeide nichts!
- Akzeptiere keine «sollte» oder «müsste» ausser deinen eigenen. Bete keine Götzenbilder an.
- Übernimm die volle Verantwortung für deine Handlungen, Gefühle, Gedanken.
- Akzeptiere dich (und die anderen), wie du jetzt bist (wie sie jetzt sind). — Nur wenn wir die Unausweichlichkeit des jetzigen Zustandes akzeptieren, können wir neue Bewusstheiten akzeptieren, entwickeln und neue Seinsweisen im nächsten Augenblick ausprobieren.
Grundkonzepte der Gestalttherapie
Das Selbst besteht aus Ich, Es und Persönlichkeit und koordiniert die Auseinandersetzung zwischen Organismus und Umwelt. Das Ich ermöglicht es, einen geschlossenen Kontaktzyklus entstehen zu lassen, d.h. dass im günstigen Fall ein Verlangen oder eine Emotion ins Selbst transformiert und dadurch erfahren wird (Kriz, 2014).
In Kontaktzyklen werden Gestalten wahrgenommen; auf einem Hintergrund wird eine Figur erkannt. Vollständig durchlaufene Kontaktzyklen führen in Auseinandersetzung mit der Umwelt zu Assimilation und Integration. Kontaktprozesse können aufgrund von äusseren, z. B. erniedrigenden oder traumatischen, oder inneren Einflüssen unterbrochen werden. Diese unvollendeten Gestalten oder unerledigten Situationen vermeiden zwar äussere Konflikte, lassen aber innere entstehen und behindern den lebendigen Austausch mit der aktuellen Umwelt. Lösungen sollen in der Kommunikation von Ich und Du im Hier und Jetzt ausgehandelt werden (Kriz, 2014).
Kontaktstörungen: Nicht alle Bedürfnisse werden zur Figur. Wird aber der Kontakt (zu sich selbst oder zu andern) unterbunden, entsteht eine unvollendete Gestalt. Diese unvollendeten Gestalten tauchen immer wieder als Störungen im Bewusstsein auf.
Der Begriff des Kontakts ist mit dem Begriff der Grenze verbunden: Ein Kontakt kann nur da stattfinden, wo eine Grenze vorhanden ist; ohne Grenze würde eine Verschmelzung stattfinden (Konfluenz).
Kontaktzyklus
Der Kontaktzyklus verläuft jeweils in vier Schritten (Kriz, 2014, S. 214):
- Vorkontakt: Aus dem Organismus oder der Umwelt taucht ein Verlangen bzw. ein Reiz auf, der zur Figur wird (aus der Sicht des Selbst wird der übrige Körper bzw. die übrige Umwelt zum Hintergrund). Die Wahl des hervortretenden Elementes wird dabei durch viele Faktoren bestimmt, die man grob unter dem Begriff Interesse zusammenfassen könnte.
- Kontaktnahme: Das Verlangen wird zum Hintergrund und als Figur tritt ein Suchbild für die Möglichkeiten zur Befriedigung; das Herantreten rückt in den Vordergrund, Möglichkeiten werden differenziert und ausgewählt — hier ist die Funktion des Ich entscheidend.
- Kontaktvollzug: Im Kontakt selbst sind Körper und Umwelt Hintergrund, die Figur und der Kontakt selbst werden intensiv erlebt. Die Intention des Ich wird in die Spontaneität des Selbst transformiert, d. h., die ganze Person ist nun vom Erleben (Wahrnehmen, Fühlen) erfasst.
- Nachkontakt: Der Kontaktprozess ist zu Ende, das Selbst verblasst, die Figur tritt in den Hintergrund zurück. In der Begegnung mit dem Nicht-Selbst vollzog sich im optimalen Fall ein Wachstums- und Reifeschritt. Der Organismus ist nun bereit für den nächsten Kontaktzyklus.
Der leere Stuhl
«Die Bewusstmachung unerwünschter Gefühle und die Fähigkeit, sie zu ertragen, sind die conditio sine qua non für eine erfolgreiche Behandlung» — dieser Satz von Perls (1978, S. 216) zeigt, dass Gestalttherapie im Kern eine Widerstandsanalyse ist. Im Gegensatz zur Psychoanalyse aber wird der Widerstand nicht gedeutet oder «beseitigt», sondern als Gestalt prägnant und dem Klienten erfahrbar gemacht. In der Gestalttherapie steht nicht das (wegzensierte) Material, sondern der Kontakt- und Blockierungs-Prozess selbst im Zentrum. Im Verhalten hier und jetzt, in den Bewältigungsstrategien, in der Art des Umwelt- und Selbstkontaktes zeigen sich die unvollendeten, nicht geschlossenen Gestalten (Kriz, 2014).
Die Awareness des Klienten, besonders die Awareness für sein eigenes Abwehrverhalten, muss verstärkt werden durch die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Dies dient dazu, das eigene Erleben zu aktivieren. Der Klient soll die so neu erfahrenen, bisher abgespaltenen Anteile seiner Person als zu ihm gehörend anerkennen, wodurch diese Anteile ins Selbst reintegriert werden können. Dafür werden verschiedene Techniken eigesetzt, z. B. die Technik des leeren Stuhls, auch Gestalt-Dialog genannt (Kriz, 2014). Der Klient setzt dabei eine Bezugsperson oder auch ein bestimmtes Gefühl oder eine Reaktion von sich selbst auf einem leeren Stuhl gegenüber und nimmt im Rollentausch einen Dialog auf.
Technik des leeren Stuhls
In Gestalttherapie-Workshops ermutigen die Therapeuten die Teilnehmer, wieder den Kontakt mit ihren «authentischen inneren Stimmen» aufzunehmen. Eine der bekanntesten Methoden der Gestalttherapie ist die Technik des leeren Stuhls. Bei dieser Technik stellt der Therapeut einen leeren Stuhl in die Nähe des Klienten. Der Klient soll sich vorstellen, dass sich auf diesem Stuhl ein Gefühl, eine Person, ein Objekt oder eine Situation befindet. Der Klient «spricht» dann mit dem Etwas auf dem Stuhl. Klienten werden beispielsweise dazu ermutigt sich vorzustellen, auf dem Stuhl sässe ihre Mutter oder ihr Vater, und Gefühle zu zeigen, die der Klient unter anderen Umständen nicht offenbaren würde. Dann kann sich der Klient vorstellen, jene Gefühle befänden sich auf dem Stuhl, um mit diesen Gefühlen über den Einfluss, den sie auf sein Leben haben, zu «sprechen». Diese Technik ermöglicht es dem Klienten, starke, bislang unausgedrückte Gefühle, die sein psychisches Wohlergehen beeinträchtigen, zu erkunden und sich mit ihnen zu konfrontieren (Zimbardo & Gerrig, 2008).
Das folgende Video zeigt eine Originalaufnahme mit Fritz Perls (Ausschnitt). Er zeigt am Beispiel des Lampenfiebers in einer Session mit Studierenden grundsätzliche Techniken und Konzepte der Gestalttherapie auf (Video mit Untertiteln versehen an der HfH). Link zum vollständigen Video: https://www.youtube.com/watch?v=ZsZqJXf4vMI
Institutionen in der Schweiz:
Der Schweizer Verein für Gestalttherapie und Integrative Therapie, svg, ist ein Fachverband für Menschen, die die Ideen der Gestalttherapie, der Integrativen Therapie und der körperzentrierten Psychotherapie vertreten und deren Methoden in ihrer beruflichen Tätigkeit anwenden. URL: http://www.gestalttherapie.ch/
Das Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg (IGW) ist ein Aus- und Weiterbildungsinstitut für Gestalttherapie und Gestaltberatung, das auf eine Erfahrung von über 30 Jahren zurückblicken kann. In etlichen deutschen Städten sowie in der Schweiz, Österreich und Kroatien werden verschiedene Aus- und Weiterbildungslehrgänge angeboten. Homepage: http://www.igw-schweiz.ch/
In den 1920er Jahren entwickelte der Wiener Psychiater Jacob Moreno (1889-1974) die als Psychodrama bezeichnete Therapieform. Dabei spielen die Gruppenmitglieder wie in einem Stegreifspiel Rollen. Die Atmosphäre soll die Teilnehmer sich so sicher fühlen lassen, dass sie ihre Gefühle und Gedanken ausdrücken, neue Verhaltensweisen und Einstellungen ausprobieren und sich in die Empfindungen und Ansichten anderer einfühlen. Häufig spielen die Gruppenmitglieder auf einer Bühne und sogar vor Publikum.
Im Psychodrama kommen verschiedene Rollenspieltechniken zum Einsatz. Bei der Technik des Hilfs-Ich oder der Spiegelung porträtiert ein Gruppenmitglied ein anderes und zeigt ihm so, wie es auf andere wirkt. Im Rollentausch spielen zwei Gruppenmitglieder die jeweils andere Person. In der Technik des Wunderladens tauschen die Teilnehmer eine ihrer unerwünschten persönlichen Eigenschaften zeitweise gegen eine aus, die sie erstreben. All diese Aktivitäten werden vom Spielleiter oder Therapeuten geleitet, der auch jedem Teilnehmer Rückmeldung zu seiner Darstellung gibt. Auch das Publikum kann nützliches Feedback geben (Comer, 2008).
Viele Verhaltens- und humanistische Therapeuten setzen heute das Rollenspiel ein, um bei den Mitgliedern ihrer Gruppen Selbstsicherheit und soziale Fertigkeiten zu fördern. Die Bedeutung, die das Psychodrama auf Spontaneität und Empathie legt, hat auch in vielen Gruppentherapien seinen Niederschlag gefunden (Comer, 2008).
Grundkonzepte des Psychodramas
Die Rolle
Der Begriff der Rolle ist eines der zentralen Konzepte des Psychodramas. In der Rolle als Kategorie sind gesellschaftlich vordefinierte Handlungsmuster enthalten (analog zu den Rollen im klassischen Theater); die Rolle als aktive Handlung dagegen beinhaltet die gegenwärtigen Aktionen des Ich (analog zum Stegreiftheater). Im Psychodrama soll die Erfahrung und Reflexion dieser Rollen gefördert werden. Die vier Aspekte der Lebenswelt eines Menschen — Raum, Zeit, Kosmos und Realität — sind für die Praxis des Psychodramas wesentlich (Kriz, 2014).
Moreno betonte die Bedeutung des aktiven Spielens von Rollen. Das menschliche Selbst entwickelt sich in der Ausübung von Rollen. Die Rolle als aktive Handlung macht das Ich aus und ist Ausdruck der spontanen Kreativität.
Die Szene
Ein weiteres Schlüsselkonzept ist die Szene. Sie bezeichnet das dynamische Zusammenwirken von mehreren Einflüssen. Die folgenden Dimensionen beeinflussen die Szene:
- Einflüsse aus einverleibten Erfahrungen, sowohl aus dem autobiografischen Gedächtnis als auch aus dem sozialen Gefüge, in dem der Mensch eingebettet ist (erlebte Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen).
- Werte und Normen, die aus der spezifischen Kultur übernommen werden.
Diese Erfahrungen und Einflüsse werden im Stegreiftheater als lebendiges Geschehen spontan vermischt (Kriz, 2014).
Praxis der Psychodrama-Therapie
Die Psychodrama-Therapie setzt auf die heilende Wirkung des Nacherlebens und Ausagierens von belastenden Erfahrungen. Sie findet gewöhnlich in einer Arbeit mit Gruppen statt. Folgende Begriffe sind die sechs wesentlichen Konstituenten des Psychodramas:
- Bühne oder Spielfläche abgegrenzt: Die Bühne ist der Raum, in dem der Protagonist Szenen aus Vergangenheit und Zukunft gestaltet, aber auch seine Träume, Ängste, Phantasien, Beziehungen, Lebenssituationen darstellt.
- Protagonist: Als Autor und Hauptdarsteller setzt der Protagonist spontan um, was ihm in den Sinn kommt. Mit Hilfe des Spielleiters und der Mitspieler soll ein möglichst hoher affektiver Realitätsgehalt angestrebt werden. Wichtig sind das Wiedererleben, aber auch neue Erfahrungs- und Verhaltensmöglichkeiten.
- Spielleiter: Der Therapeut ist in der Regel der Spielleiter. Er steht dem Protagonisten bei und ermöglicht ein möglichst intensives Spiel. Die Problemdarstellung soll intensiviert werden. Anschliessend wird der Ablauf besprochen und analysierend aufgearbeitet.
- Mitspieler, Hilfs-Ich oder Assistenten: Diese spielen ihre Rollen gemäss den Anweisungen des Protagonisten oder des Spielleiters. Sie sollen sich möglichst gut einfühlen.
- Teilnehmer: Die Teilnehmer sind Publikum und Resonanzboden für das dramatische Geschehen. Durch Rückmeldungen unterstützen sie den Protagonisten und nehmen am Geschehen teil. Die Mitspieler geben ausserdem Rollen-Feedback.
- Psychodrama-Techniken: Der Ablauf einer Sitzung erfolgt in drei Phasen:
- Initialphase, Warm-Up, Problemfindungsphase
- Handlungsphase: Aktions-, Spiel-, Problembearbeitungs-Phase
- Abschlussphase: Sum-Up, Gespräche, Integration, Nachbearbeitung.
Jede dieser Phasen verwendet weitere spezifische Techniken wie z.B. den leeren Stuhl, Rollenwechsel, Doppeln etc. (Kriz, 2014).
Die Konzepte und Ideen aus Morenos Psychodrama-Therapie beeinflussten viele weitere Therapierichtungen, wie Kriz (2014) dies beschreibt: Weit über seine Bedeutung als eigenständiger, abgegrenzter Therapieansatz hinaus hat das Psychodrama Konzepte von vielen anderen Therapieansätzen beeinflusst. So stammt z. B. der zentrale Begriff humanistischer Psychologie, die Begegnung, von Moreno (bereits 1915 erschien dessen Schrift «Einladung zu einer Begegnung»); auch das Konzept der Empathie, einer der drei Kernaspekte in Rogers personzentrierter Psychotherapie, wurde von Moreno erstmals thematisiert, ebenso wie die Hervorhebung des Hier und Jetzt, das Erleben des Klienten und die therapeutische Arbeit. Ferner sind wesentliche Aspekte der heutigen Gruppentherapien und der interaktionellen, systemischen Therapie bereits Jahrzehnte zuvor von Moreno vorweggenommen worden. Fritz Perls (Gestalttherapie) und Eric Berne (Transaktionsanalyse) waren ebenso wie fast alle Schüler Kurt Lewins (Gestalt- und Feldtheorie) in Morenos Vorlesungen. Rollenspiel, Rollentausch und leerer Stuhl sind z. B. Elemente, die Perls für seine Gestalttherapie von Moreno übernahm (S. 228)
Transaktionsanalyse
Die Transaktionsanalyse wurde in den 1940er und 1950er Jahren vom Psychiater Eric Berne entwickelt (1910-1970); im deutschsprachigen Raum ist sie bekannt geworden durch die Bücher von Eric Berne und Thomas A. Harris («Spiele der Erwachsenen» resp. «Ich bin o.k. — du bist o.k.»).
Die Transaktionsanalyse bietet eine Möglichkeit, menschliche Kommunikation mit Schwerpunkt auf der Beziehungsgestaltung zu untersuchen. Sie ist sowohl von psychoanalytischen als auch von individualpsychologischen Konzepten geprägt; das Menschenbild entspricht dem der humanistischen Psychologie: der Mensch als einzigartiges Wesen, bestimmt durch Ganzheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit. Ziele der transaktionsanalytischen Therapie sind die sozial verantwortliche Selbstverwirklichung und das Wachstum der Person.
Bernes Schriften präsentieren sich als anschauliche und eingängige Texte; die beschriebenen Konzepte sind dadurch gut fassbar und nachvollziehbar. Trotzdem bestehen in der Transaktionsanalyse grosse Lücken in theoretischer Hinsicht (Kriz, 2014).
Die Grundkonzepte der Transaktionsanalyse wurden häufig in andere Ansätze integriert. Gerade das Fehlen einer differenzierten Theorie erleichtert es, die griffigen Grundkonzepte weiter zu verwenden (Kriz, 2014).
Das Strukturmodell der Persönlichkeit
Transaktionen sind Mitteilungen, die zwischen verschiedenen Ich-Zuständen der Kommunikationspartner ablaufen. Die drei Ich-Zustände der Persönlichkeit regeln Wahrnehmen, Fühlen und Denken, aber auch die nach aussen gerichteten Aktivitäten (Kind-Ich, Erwachsenen-ich, Eltern-Ich, siehe nächster Abschnitt). Ein Gespräch besteht zumeist aus vielen einzelnen Transaktionen.
Berne unterscheidet Komplementär-Transaktionen (wenn die Sender den gleichen Ich-Zustand ansprechen oder die Nachrichten einander ergänzen) und Über-Kreuz-Transaktionen. Sind die Botschaften stimmig (komplementäre Transaktion), kann sich die Kommunikation ungestört fortsetzen.
Dargestellt wird das Strukturmodell der Persönlichkeit durch drei übereinander liegende Kreise.
Grundkonzepte der Transaktionsanalyse
Zentrale Konzepte der Transaktionsanlayse sind die Strukturanalyse, die Transaktionsanalyse, die Spielanalyse und die Skriptanalyse, die im Folgenden kurz beschrieben werden (nach Kriz, 2014).
Strukturanalyse
Die Persönlichkeit kann diagnostisch erfasst werden, indem sie in drei Ich-Zustände gegliedert wird, die der Reihenfolge in der Entwicklung entsprechen, nämlich das Kind-Ich, das Eltern-Ich und das Erwachsenen-Ich. Wenn Menschen kommunizieren, sprechen sie jeweils ein bestimmtes Ich an. Dargestellt werden die Ich-Zustände in Form von drei übereinander liegenden Kreisen.
Im Ich-Zustand des Kind-Ich sind frühkindlich fixierte Inhalte und Gefühle aufgezeichnet. Handlungen in diesem Zustand werden von spontanen Gefühlsregungen und Wünschen beherrscht. Wenn ein Mensch von Gefühlen gepackt wird, hat sein Kind-Ich die Führung übernommen.
Der Zustand des Eltern-Ich wird dominiert von den internalisierten Normen und Werten. Im Eltern-Ich sammeln sich die elterlichen Vorschriften, Ermahnungen, Vorwürfe, aber auch Lob und Anerkennung.
Das Erwachsenen-Ich urteilt, denkt, legt sich seine Handlungen zurecht und berücksichtigt auch die Handlungskonsequenzen. Ein gut ausgebildetes Erwachsenen-Ich lässt nur die Normen und Wertsetzungen aus dem Eltern-Ich zu, die aktuell adäquat erscheinen, und jene Teile aus dem Kindheits-Ich, die situationsangemessen sind.
Kommunikationsmodell der Transaktionsanalyse
Transaktionen sind die Botschaften, die in zwischenmenschlichen Beziehungen von jedem Ich-Zustand aus an jeden Ich-Zustand des Partners gesendet werden können. Die aus einem der drei Kreise gesendeten Botschaften des Senders sind also je nach Inhalt an einen der drei Kreise des Empfängers gerichtet und lösen dort wieder eine Reaktion aus. Dabei sind drei Hauptformen der Transaktion möglich: parallele oder komplementäre Transaktionen, gekreuzte Transaktionen und verdeckte Transaktionen, wobei im Detail 81 Transaktionsmuster möglich sind. Wiederkehrende Transaktionsmuster gelten als Ausdruck von eingelernten Rollen oder grundlegenden Lebenseinstellungen einer Person (Kriz, 2014).
Spielanalyse
Die Spielanalyse untersucht verdeckte Komplementärtransaktionen, die unternommen werden, um einen emotionalen Gewinn zu erhalten (Kriz, 2014). Der emotionale Gewinn besteht in der Regel aus Ersatz- oder sog. Racket-Gefühlen, frühkindlich gelernte Ersatzmuster für unerlaubte Gefühle. Diese sind gekoppelt mit Glaubenssätzen und unbewussten Botschaften.
Die Vielfalt der analysierten Spiele und ihrer Typologien (wie in seinem Buch «Spiele der Erwachsenen» beschrieben) kann als Hauptbeitrag Berne’s zur Psychopathologie bezeichnet werden (Kriz, 2014).
Ich bin O.K. — du bist O.K.
Skriptanalyse
Spiele und Transaktionen bilden nach Berne einen Lebensplan, der als Skript bezeichnet wird. Das Skript beinhaltet die sog. Lebensgrundposition und die weiteren Entwicklungen der Persönlichkeit durch Indoktrination, Handlungsanweisungen und Rezepte, und durch Modellverhalten (Kriz, 2014). Fünf Lebenseinstellungen werden unterschieden:
- Ich bin O.K. — du bist O.K.
- Ich bin nicht O.K. — du bist O.K.
- Ich bin nicht O.K. — du bist nicht O.K.
- Ich bin O.K. — du bist nicht O.K.
- Ich bin O.K. — du bist O.K.
Lebenseinstellungen, entsprechend den kindlichen Entwicklungsstufen (nach Kriz, 2014, S. 105)
-
Ich bin O.K. — du bist O.K (prä/postnatal)
Das Neugeborene kommt mit Urvertrauen (Erikson) auf die Welt: Die intrauterine, absolute Geborgenheit und Sicherheit bleibt auch postnatal zunächst noch erhalten. In dieser Grundhaltung ist das Kind sich selbst die wichtigste Person auf der Welt, es ist O. K., und alle, die diese Ansicht teilen, sind auch O. K. Diese Grundhaltung muss aber zu Enttäuschung führen, wenn sie nicht durch eine aktiv erworbene gleichartige Grundhaltung (Nr. 5) ersetzt wird.
-
Ich bin nicht O. K. — du bist O. K. (1. Lebensjahr)
Sehr bald schon muss das Neugeborene erfahren, dass es hilflos, klein und von der Gnade anderer abhängig — also nicht O. K. — ist. Allein schon durch die notwendige Pflege erhält das Kind Streicheleinheiten von der Pflegeperson, die somit O. K. ist. Wird diese Haltung beibehalten, so resultiert daraus mangelndes Selbstwertgefühl, Depression mit Tendenz zu Suizid oder Sucht.
-
Ich bin nicht O.K. — du bist nicht O.K. (ca. 2. Lebensjahr)
Lässt die intensive Pflege, und damit die Verteilung von Streicheleinheiten nach, erfolgen vielleicht Strafen oder sogar Missachtung, kommt das Kind zu der Überzeugung, dass die anderen auch nicht O.K. sind. Würde dieser Zustand beibehalten, so würde die Entwicklung des Erwachsenen-Ich hier aufhören, da es keine Streicheleinheiten als Verstärker erhält, deren Sicherstellung seine wesentliche Funktion ist. Abgestumpftheit, Mutlosigkeit und sogar Schizophrenie können die Folgen sein.
-
Ich bin O. K. — du bist nicht O.K. (ggf. ab 2. Lebensjahr)
Diese Grundhaltung entspricht im Gegensatz zu den ersten drei keinem Stadium der normalen Entwicklung, sondern entsteht nur bei fortdauernder Deprivation oder Misshandlung — die anderen sind also nicht O. K. Das eigene O. K. ist hier eine Folge des «Selbststreichelns». Daraus resultiert eine arrogante, selbstgefällige Haltung mit Neigung zur Kriminalität und Soziopathie bzw., bei leichteren Störungen, die Haltung der «Retter».
-
Ich bin O. K. — du bist O. K. (realistisch)
Die obigen Lebensanschauungen beruhen auf Gefühlen und sind unbewusst, weil die zugrunde liegenden Entscheidungen bereits in der frühen Kindheit gefällt wurden. Diese fünfte Lebensanschauung hingegen ist eine bewusste Entscheidung und beruht auf Denken, Glauben und Einsatzbereitschaft (Harris, 1975). Diese Lebensanschauung, aus der ein «Gelten und Gelten lassen» entspringt (Petzold, 1980a), ist Ziel der therapeutischen Interventionen in der Transaktionsanalyse.
Therapeutische Intervention
Ziel der transaktionsanalytischen Therapie ist die Befreiung vom Lebensskript durch eine Neuentscheidung für eine alternative Grundeinstellung. Zu den Grundmethoden gehören klärende und provozierende Interventionen.
Der «therapeutische Imperativ» ist eine Botschaft des Therapeuten, die an das Erwachsenen-Ich des Klienten gerichtet ist und das destruktive Grundgebot der Eltern aufheben soll. Zusätzlich werden in der Transaktionsanalyse viele Interventionstechniken verwendet, die aus andern Therapieformen stammen, wie z.B. Rollenspiele, der «leere Stuhl», Traumarbeit, Körperarbeit, verhaltenstherapeutische Techniken (Kriz, 2014).
«From a 1966 NET Science broadcast special on Dr. Eric Berne’s wildly successful book Games People Play. The author interviews Dr. Berne at his home in Carmel where Dr. Berne explains the theory behind Transactional Analysis. One of few videos with sound of the genius Dr. Berne before his untimely death.» (Link zum vollständigen Video: https://www.youtube.com/watch?v=SUkXZ7grMwE)
Themenzentrierte Interaktion (TZI)
Ruth C. Cohn (1912-2010), ist Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI) und eine der einflussreichsten Vertreterinnen der humanistischen Psychologie.
Die TZI entstand vor dem theoretischen Hintergrund der Psychoanalyse, der Gruppentherapien sowie der humanistischen Psychologie und berücksichtigt Erfahrungen aus der Gestalttherapie und der Gruppendynamik. Das ursprüngliche Anliegen Ruth Cohns war es, ein Konzept zu entwickeln, das «dem ursprünglich gesunden Menschen ein Leben ermöglicht, in dem er gesund bleiben kann». Gesundheit bezieht sich hier nicht bloss auf das individuelle Wohlbefinden, sondern auch auf die politische Verantwortlichkeit in der Welt.
TZI ist ein Gruppenkonzept, das auf aktives, schöpferisches und entdeckendes Lernen — «Lebendiges Lernen» — und Arbeiten ausgerichtet ist.
TZI bringt Strukturen in den Gruppenprozess, die dynamisches Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Bedürfnissen des Einzelnen, der Interaktion der Gruppeund deren Aufgabe anstreben (Ich-Wir-Es-Balance). Das Umfeld oder die Umwelt(globe), in einem engeren und weiteren Sinn, soll stets mitberücksichtigt werden. Die Autonomie des Menschen ist um so grösser, je bewusster er seine soziale und universelle Interdependenz anerkennt und aktiviert (http://www.tzi.ch/)
Ich, Wir, Es und Globe werden im so genannten TZI-Dreieck abgebildet (siehe nächster Abschnitt). Je nach Entwicklung und Verlauf des Gruppenprozesses wird einer der vier Faktoren stärker beleuchtet. Die TZI versucht die Gruppe voranzubringen, indem alle vier Faktoren bearbeitet werden. Entgegen der Bezeichnung «themenzentriert» geht es nicht nur darum, das Thema (Es) in den Mittelpunkt zu stellen, sondern alle vier Faktoren und ihre Beziehungen zur Sprache zu bringen.
Grundkonzepte der TZI
Existenzielle Daseinsposulate
Die philosophische Grundhaltung der TZI äussert sich im Versuch, eine humanistische Grundhaltung in Form einer psychologischen Didaktik anzuwenden. Kernpunkt sind dabei die beiden existenziellen Daseinspostulate, wie sie Ruth Cohn formuliert hat:
- Sei dein eigener Chairman: Dieses Postulat betont einerseits die Verantwortung mir selbst und meiner individuellen Welt gegenüber, auf der andern Seite aber auch meine Verantwortung gegenüber der Umwelt (Quitmann, 1996).
- Störungen haben Vorrang: Grundlegendes existenzielles Postulat der TZI. In Gruppenprozessen sollen Störungen in der Interaktion der Gruppenteilnehmer, aber auch Störungen duch externe Einflüsse, wahrgenommen und akzeptiert werden, inklusive der Möglichkeit, sie hier und jetzt zu verändern (Quitmann, 1996).
- das Ich: die Persönlichkeitdes Einzelnen, mit seiner Biographie und seiner aktuellen Verfassung.
- das Wir: betrifft die Gruppe und das sich entwickelnde Beziehungsgefüge.
- das Es: betrifft den Inhalt oder die Aufgabe, zu deren Bearbeitung und Erledigung die Gruppe zusammenkommt.
Das Dreieck wird umschlossen von der Kugel, auch Globeoder Globus genannt. Diese bezeichnet den näheren und weiteren Kontext, in welchem sich die Gruppe trifft. Der Kontext kann organisatorische, strukturelle, soziale, politische, wirtschaftliche, ökologische oder kulturelle Bedingungen beinhalten, die die Zusammenarbeit der Gruppe beeinflussen und die umgekehrt von der Arbeit der Gruppe beeinflusst werden.
Aufgabe des Gruppenleitersist es, eine Balancezwischen diesen Faktoren zu erreichen. Wachstumder einzelnen Persönlichkeit ist nur möglich, wenn es gleichzeitig zu inhaltlichem Wachstum und Gruppenwachstum kommt (Quitmann, 1996).
Die Hilfsregeln
Die Ziele der TZI werden von sog. Hilfsregeln unterstützt, die das Kommunikationsverhalten strukturieren und die praktische Umsetzung der Postulate ermöglichen. Der Leiter hat die Aufgabe, diese Regeln am Anfang in die Gruppe einzubringen.
-
Vertrete dich selbst in deinen Aussagen, sprich per Ich und nicht per Wir oder Man.
Der Sprechende soll die volle Verantwortung für das von ihm Gesagte übernehmen und deshalb verallgemeinernde Rededwendungen vermeiden, wie: wir glauben, man sollte, jeder weiss oder niemand sollte.
-
Wenn du eine Frage stellst, sage warum du fragst und was deine Frage dür dich bedeutet. Sage dich selbst aus und vermeide das Interview.
Es ist beinahe immer besser, eine persönliche Aussage zu machen als eine Frage an andere zu stellen, die möglicherweise eigene Erfahrungen verschweigt.
-
Halte dich mit Interpretationen (von anderen) so lange wie möglich zurück. Formuliere stattdessen deine eignen Reaktionen.
Interpretationen sind selten förderlich für zwischenmenschliche Beziehungen. Eher: welche Bedeutung hat Verhalten das Andern für mich persönlich?
-
Störungen haben Vorrang: Dieses existenzielle Postulat dient auch als Hilfsregel. Jeder Teilnehmer soll das Gespräch unterbrechen, wenn er «nicht mehr richtig teilnehmen kann» (Quitmann, 1996). D.h. Störungen einzelner Teilnehmer müssen vorrangig geklärt werden.
-
Achte darauf, dass immer nur 1 Teilnehmer das Wort hat, dass dieser ausreden kann und dass du ihm zuhörst.
Die Entscheidung darüber, wer spricht, sollte von jedem einzelnen in Eigenverantwortung gefällt werden. Seitengespräche sind keine Lösung, sie stören den Gruppenprozess; es sei denn, sie werden als Störung thematisiert.
-
Beachte die Signale aus deiner Körpersphäre und beobachte diese Signale auch bei den andern Teilnehmern. Diese Regel soll die Wahrnehmung unseres Körpers und unserer Gefühle aktivieren.
Video: Matthias Kroeger
Die folgende Videoaufnahme zeigt Matthias Kroeger (emerit. Professor für Theologie- und Kirchengeschichte) in einer Einführungsveranstaltung zur themenzentrierten Interaktion.
TZI und Pädagogik
Das Thema(Es) steht im Mittelpunkt jeder interaktionellen Gruppe, über den Ichund Wirmiteinander verbunden werden. Dadurch ist es möglich, die Arbeit am Thema zwar selbsterfahrungsorientiert zu gestalten, jedoch gleichzeitig zu verhindern, dass das Ichoder das Wirzum Mittelpunkt werden, d.h. eine therapeutische Gruppe entsteht. Psychotherapie dient der Auflösung fehlgeleiteter und fixierter Strebungen bzw. der Reaktivierung verschütteter Möglichkeiten; Pädagogik dagegen richtet sich auf die Erfüllung und Erweiterung des freien Potentials.
Pädagogikist für Ruth Cohn die «Kunst, Therapie antizipierend zu ersetzen. Therapie ist nachträgliche Pädagogik». Auch die Praxis der Hilfsregel «Störungen haben Vorrang» zeigt diesen Unterschied: wenn ein Gruppenmitglied eine Störung anmeldet, ist es oft so, dass die persönliche Betroffenheit des einzelnen die ganze Gruppe erfasst. Für einen Moment unterscheidet sich die TZI-Gruppe nicht von einer therapeutischen Gruppe. Da psychopathologische Phänomene in der Gruppe jedoch nur in ihrer Wirkung auf die gegenwärtige Situation behandelt werden, nicht aber in ihrer dynamischen Bedeutung für die gestörte einzelne Persönlichkeit, ist es Aufgabe des Leiters, die Situation so zu strukturieren, dass die Betroffenheit vom einzelnen und der Gruppe zwar zugelassen und erlebt werden kann, dass die Gruppe aber zielstrebig zum inhaltlichen Thema zurückkehrt.
Das von der Psychoanalyse übernommene Prinzip «Widerstand vor Inhalt» betrachtete Ruth Cohn als Weg allen lebendigen Lernens. Auf diese Weise werden Inhalteund Gefühleals gleichwertige Themen einer Gruppe definiert.
Ein häufiger Einwand gegen die TZI ist, dass das Postulat «Störungen haben Vorrang» einen so grossen Raum einnimmt, dass die Gruppe zum inhaltlichen Arbeiten gar nicht mehr kommt. Diese Gefahr besteht; denn einerseits braucht es Übung in der sinnvollen Anwendung dieser Regel, andererseits kann die Balance zwischen Ich, Wir und Es erst im Laufe eines Gruppenprozesses hergestellt werden. Die dafür aufgewendete Zeit kann jedoch meistens im Verlauf des Arbeitsprozesses durch die intensivere Arbeitsfähigkeit der Gesamtgruppe ausgeglichen werden.
(nach Quitmann, 1996)
Literatur
Cohn, Ruth C. (2009). Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Von der Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle(Konzepte der Humanwissenschaften, 16. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.
Spieltherapie nach Virginia M. Axline
Virginia M. Axline (1911-1988) war als Psychologin und Psychotherapeutin die Begründerin der nicht-direktiven Spieltherapie, heute im deutschsprachigen Raum als personzentrierte Spieltherapie bekannt und durch Fachverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreten. Mit der Übernahme und Weiterentwicklung der Konzepte von Rogers schuf Virginia M. Axline eine kinderorientierte Therapie, die auf der Persönlichkeitstheorie, dem Therapiekonzept und den Therapiezielen von Rogers basiert.
Kinder, und besonders Kinder mit Behinderungen, haben oft Schwierigkeiten, sich sprachlich auszudrücken und Gefühle zu verbalisieren. Speziell für Kinder mit Lernschwierigkeiten und psychischen Problemen stellt die Sprache zunächst kein günstiges Ausdrucksmedium dar (Bundschuh, 2008).
Axline formulierte als Basis für die Begegnung mit dem Kind achtGrundprinzipien (siehe unten). Als weitere entscheidende Bedingung nannte sie das freie Spiel, mit dem sich das Kind in selbst gewähltem Tempo ausdrücken und mitteilen kann. Axline machte die Erfahrung, dass dieses therapeutische Angebot, in dem nicht versucht wird, das Kind zu ändern, sondern es grundsätzlich so zu akzeptieren und anzunehmen, wie es im Augenblick ist, zu tiefgreifenden Veränderungen führt.
Acht Grundprinzipien bilden die Basis des Spieltherapiekonzeptes (nach Bundschuh, 2008):
- Der Therapeut muss eine warme, freundliche Beziehung zum Kind aufnehmen, die sobald wie möglich zu einem guten Kontakt führt.
- Der Therapeut nimmt das Kind ganz so an, wie es ist.
- Der Therapeut gründet seine Beziehung zum Kind auf eine Atmosphäre des Gewährenlassens, so dass das Kind all seine Gefühle frei und ungehemmt ausdrücken kann.
- Der Therapeut ist wachsam, um die Gefühle, die das Kind ausdrücken möchte, zu erkennen — er reflektiert sie.
- Der Therapeut achtet die Fähigkeit des Kindes, mit seinen Schwierigkeiten selbst fertig zu werden, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.
- Der Therapeut versucht nicht, die Handlungen oder Gespräche des Kindes zu beeinflussen. Das Kind weist den Weg, der Therapeut folgt ihm.
- Der Therapeut versucht nicht, den Gang der Therapie zu beschleunigen.
- Der Therapeut setzt nur dort Grenzen, wo diese notwendig sind.
Gegenüber Kindern mit schulischen Schwierigkeiten besteht oft wenig Verständnis und Einfühlungsvermögen für ihre Probleme seitens der Eltern oder Erziehungsberechtigten. Diese Kinder gelangen möglicherweise zu keinem Gefühl von Selbstwert(Axline, 1997). Hier kann die Spieltherapie eine gute Hilfe bedeuten. Die Kinder lernen sich schätzen, akzeptieren, kommen vielleicht mit ihren eigenen Problemen und den behindernden Bedingungen im Bereich der Umwelt besser zurecht. Sie lernen durch die spielerische Erfahrung und begleitet von positiven Gefühlen, Kontakt aufzunehmen und sich mitzuteilen. Sie werden ermutigt, die Welt selbstständig zu entdecken (Bundschuh, 2008).
Methoden der Spieltherapie
Kindzentriertheit
Bei Kindern mit Verhaltensstörungen und bei Kindern mit geistiger Behinderung besteht die Gefahr, dass sie sich in Deprivations- und Konfliktsituationen zurückziehen und damit ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme nicht wahrnehmen. Hier geht es darum, dem Kind zu helfen, Wertschätzung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und es zur Beachtung der eigenen Gefühle anzuleiten. Kindzentriertheisst, Ziele und aktuelle Bedürfnisse des Kindes zu beachten. Der Therapeut muss die Kommunikation an die Möglichkeiten des Kindes anpassen (vorwiegend nonverbal) und Spielaktivitäten anbieten, die dem Entwicklungsstand und den Interessen des Kindes entsprechen.
Das Spielmaterial sollte intensive und vielfältige Sinneserfahrungen ermöglichen und den Kontakt zur Gruppe erleichtern. Ausserdem sollte es so gestaltet sein, dass das Kind selbstständig damit umgehen kann und klare Ergebnisse erzielt (Bundschuh, 2008).
Methodische Prinzipien der Spieltherapie (nach Bundschuh, 2008)
- Der Therapeut akzeptiert die Bedürfnisse des Kindes und kommuniziert auf seiner Ebene: Er lässt dem Kind Zeit, Kontakt aufzunehmen oder Tätigkeiten zu beginnen, ist bereit, die ihm angewiesene Rolle zu übernehmen, oder reflektiert und begründet im Falle einer Ablehnung seine Gefühle. Er teilt sich dem Kind widerspruchsfrei mit (Übereinstimmung von Sprechweise, Gestik, körperlicher Zuwendung) und begibt sich räumlich und mit seiner Sprache auf die Ebene des Kindes.
- Er übernimmt den Bewegungsrhythmus des Kindes, ahmt ihn nach oder erwidert ihn, leitet ihn allenfalls in einen regelmässigen Rhythmus über (z. B. Atemrhythmus).
- Der Therapeut «verankert» positive Gefühle: Er zeigt positive Gefühle bei Spiel und/oder Kontakt demonstrativ. Er verbindet positive Gefühle des Kindes mit anderen Signalen (Ausrufe, Berührungen), um Auslöser (Anker) aufzubauen.
- Er spiegelt dem Kind dessen Gefühle vorwiegend nonverbal, bei entsprechendem Sprachverständnis auch über Benennungen wider. Damit verdeutlicht er dem Kind, dass es beachtet wird, ohne es zu beurteilen oder zu etwas aufzufordern.
- Er strukturiert das Spiel durch die Vorauswahl des Spielmaterials, indem er die Aufmerksamkeit des Kindes lenkt und gezielte Spielangebote wählt. Lenkung soll eingesetzt werden, wenn das Kind lange Zeit passiv, fern der Gruppe bleibt, sich mit Stereotypien beschäftigt oder aggressiv wird.
Facilitativer vs. interaktioneller Modus
Behr (2012) unterscheidet am Beispiel der Spiel- und Jugendtherapie zwei Therapieprinzipien und die entsprechenden Grundhypothesen:
Das facilitative Paradigma
Die Therapeutenperson und der Praxisraum stellen ein Erfahrungsumfeld bereit, in dem der junge Mensch seine Erfahrungen organisieren kann, seine Gefühle und sein Selbst erleben und ausdrücken, ohne dafür bewertet zu werden. Fragmentierte Erfahrung kann sich in diesem Umfeld zu Kongruenz ordnen. Der Therapeut erleichtert («facilitiert») dies durch bedingungsfreie Wertschätzung und Empathie (Behr, 2012).
Das interaktionelle Paradigma
Die Therapeutenperson verhält sich als realer Beziehungspartner, mit dem der junge Mensch seine Beziehungsmuster ändern kann. Dies ermöglicht gemeinsames Spielen und Aushandlungsprozesse. Ziel dieses Modus sind neue, optimale Interaktionserfahrungen, die konstruktiv die Strukturen des Selbst verändern (Behr, 2012).
Im folgenden Video erläutert Prof. Dr. Michael Behr den facilitativen und den interaktionellen Modus (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).
Interaktionelle Konzepte des Selbst
Es gibt verschiedene Ansätze, die die personzentrierten Modelle mit interaktionellen Konzepten ergänzen. Im folgenden Video zeigt Prof. Dr. Michael Behr, dass interaktionelle Prozesse bereits im frühen Kinderalter wichtig sind (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).
Heilpädagogische Bezüge
Im sonder- und heilpädagogischen Arbeitsfeld sollte man diese Therapieform, speziell das Spiel- und/oder das Gesprächsangebot den Voraussetzungen der Kinder entsprechend und unter Berücksichtigung der sozialen und erzieherischen Bedingungen variieren. Die Bedingungen seitens des Therapeuten oder der Erzieherin (einfühlendes Verstehen, Echtheit, Offenheit, Fassadenlosigkeit, emotionale Wärme, zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung und Akzeptierung) sollen jedoch im Sinne Axlines beibehalten werden. Bei Anwendung in Förderschulen wird im Rahmen der personenzentrierten Spieltherapie die Einbettung in eine übergreifende pädagogische Konzeption empfohlen, «denn für alle Beteiligten, Kinder, Lehrer, Eltern sollte durchschaubar bleiben, dass letztendlich nicht primär therapeutische, sondern pädagogische Ziele verfolgt werden» (Goetze 1980, 199). Zu empfehlen sind spieltherapeutische Möglichkeiten an allen sonder- und heilpädagogischen Einrichtungen. Die äusseren Bedingungen hierzu (Spielraum, Spielmaterialien, Kooperation mit dem pädagogischen Personal) lassen sich relativ leicht herstellen, allerdings wird eine entsprechende Qualifikation verlangt (Bundschuh, 2008).