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Titel
Puschlav,
italienisch
Val
Poschiavo, romanisch Puschlev (Kt. Graubünden,
Bez. Bernina,
Kreise
Brusio und
Puschlav). 2230-520
m. Eines der ennetbirgischen oder transalpinen Bergthäler
Graubündens, die dem Einzugsgebiet des Po, d. h. des Adriatischen
Meeres angehören. Die Wasserscheide zwischen dem
Engadin und
Puschlav bildet eine kleine natürliche Bodenschwelle zwischen
dem
Lago Nero
(Schwarzsee; 2222 m) und
Lago Bianco (Weisssee; 2230 m) bei der Berninapasshöhe (2330 m).
Die politische Grenze zwischen dem
Engadin und
Puschlav markiert der Abfluss des Cambrenagletschers, der in den
Lago Bianco
mündet. Die Länge des
Thales von hier bis an die Landesgrenze gegen Italien unweit
Campocologno beträgt 22 km bei einem
Gefäll von 1710 m.
Das oberste
Puschlav,
Val Lagone geheissen, steht über die
Forcola di Livigno mit dem Livignothal in Verbindung.
Unterhalb La
Rösa, dem die vielen dort wachsenden
Alpenrosen den Namen gaben, kommt von links die
Valle di Campo, die sich
oben zu beiden
Seiten des
Stockes des
Corno di
Campo in das
Val Mera und das
Val Viola Poschiavina gabelt.
Aus ihr führen drei Pässe nach Italien hinüber: der
Passo di Val Mera nach
Livigno, der
Passo di Val Viola nach dem italienischen
Val
Viola und der
Passo di Sacco nach dem
Val Grosina und dem Veltlin.
Bei Beginn der mittlern Thalstufe münden von links die Valle del Teo und von rechts das Thal von Cavaglia, in seinem obersten Teile Val di Pila geheissen. Die sumpfigen Alpen am Fuss des majestätischen Palügletschers haben sowohl diesem wie dem Piz Palü ihren Namen aufgedrängt (Palü = Sumpf). Die neue Poststrasse führt in weitläufigen, dem Terrain angepassten und durch das starke Gefäll des Thales notwendig gewordenen Schleifen und Kehren über La Rösa, indes ein weit kürzerer, heute aber nur noch für Fussgänger benutzbarer Weg, der schon vor oder bei der Berninapasshöhe abzweigt, über Cavaglia ins Thal hinunter leitet.
Die Strasse hat oft ihre Richtung gewechselt. Schon früh im Mittelalter fand zwischen dem
Engadin und
dem
Puschlav ein lebhafter Transitverkehr statt, was daraus hervorgeht, dass 827 Lothar I. dem
Bischof zu Como
Puschlav schenkte,
damit dieser ihm den
Pass treu hüte. Spätere Kaiser legten den Schlüssel zum
Pass in die Hände des
Churer
Bischofs. Nach
einer Urkunde von 1438 ging der Weg damals über La
Rösa nach dem Bergübergang «Barlina», worauf auch
Campell 1572 noch hinweist.
Dann benutzte man wieder die rechte Thalseite, bis 1729 eine vom
Sassal Masone niedergegangene Lawine grosses Unheil anrichtete
und zur Verlegung der Strasse zwang, die man nun nach dem Zeugnis Sererhards (1743) über
Pisciadello führte.
Der
Bernina sah manchen Kriegszug, so z. B. 1361, 1486 und 1512, als die Bündner auszogen, um das Veltlin zu erobern. 1627 fuhren
die Kanonen des Marquis de Cœuvres auf holperiger Strasse zu Thal, bei welchem Zug
viele Soldaten der grimmigen
Kälte zum Opfer
fielen. Ueber die
Forcola di
Val Mera zog 1635 von
Livigno her Herzog Rohan, um mit seinem Heer nach dem
Thal der Adda zu gelangen. Die jetzige Kunststrasse durchs
Puschlaverthal wurde 1864/65 in einer Breite von 4,2 m bei einer
Maximalsteigung von 9% erbaut und kostete von
Samaden bis
Campocologno beinahe eine Million Franken. Eine dritte Strassenanlage
war, wie Spuren lehren, einst auch im steilen
Val di Pila vorhanden.
Die zweite Thalstufe reicht von Angeli Custodi (1116 m) bis zum Puschlaversee oder Lago di Poschiavo (962 m). In diese Ebene münden von rechts die Valle di Verona, ¶
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die Valle d'Orsè (von hier Passo di Confinale 2620 m), die Val die Gole (Passo di Canciano, 2550 m, nach Lanzada und Malenco) und das Val Murascio; auf der linken Thalseite finden wir hier keine Verzweigungen von Bedeutung. Von Meschino am Puschlaversee bis zur Schweizergrenze senkt sich das Thal wieder um 440 m und endigt bei Madonna di Tirano (450 m) im Veltlin. Während auch hier die linksseitigen Nebenthäler nur klein sind, kommt von rechts die lange Valle Sajento vom Pizzo Combolo (2902 m) her.
Vom Bernina bis Meschino finden wir auf beiden Thalseiten Glimmer- und Talkschiefer, von Meschino bis nach Campocologno Granit (der oberhalb Plaz's an einigen Orten gebrochen wird) und von Campocologno abwärts wiederum Glimmer- und Talkschiefer. Ein Kalkband (Lias und Trias) durchquert das Thal ungefähr in der Richtung Cancianogletscher-Le Prese-Forcola di Braga. Es beginnt am Cancianogletscher, verläuft eine kurze Strecke horizontal, sinkt dann plötzlich, am Anfang langsam, nachher rascher ab und taucht bei Le Prese unter. Auf der linken Thalseite ist es erst an der Forcola di Braga sichtbar. Bei Sassalbo erweitert es sich zu einem relativ mächtigen Kalkmassiv. Hier finden wir den Kalk öfters zu Marmor umgewandelt.
Wie der Name Val Minur (Minenthal) auf der nördl. Seite, so weist auch hier auf der S.-Flanke des Berninapasses
der Name Argentera auf die Silberbergwerke hin, von denen Urkunden des 12. und 13. Jahrhunderts reden und aus deren Metall
einst Münzen geprägt worden sein sollen. Prof. Theobald befürwortete eine Wiederaufnahme des Betriebes, doch brachte ein
Versuch nicht den gewünschten Erfolg. Die Gipsfelsen bei der Quelle des Puschlaverbaches bezeichnete
Theobald als «einen der schönsten Gipsberge». Ausserdem besitzt das Thal
noch an nutzbaren Mineralien Lavezstein und Asbest. Zur Ausbeutung des letztern hat eine kürzlich gegründete schweizer.
Gesellschaft von der Gemeinde
Puschlav die Konzession erworben.
Das gegen SSO. ziehende Thal gliedert sich in drei Stufen. Die grosse Höhendifferenz zwischen oberm und unterm Thalabschnitt bedingt auch die beträchtlichen Unterschiede in den meteorologischen Verhältnissen. Während die mittlere Jahrestemperatur auf dem Berninapass (Hospiz) tiefer als 0° sinkt, steht sie auf der untersten Stufe des Thales auf 10°. In Le Prese (970 m) betrug 1902 das Jahresmittel +7,2° bei einem Minimum von -8,9° und einem Maximum von +27° C. Die drei Thalstufen werden durch den Charakter ihrer Vegetation scharf voneinander geschieden.
Die oberste Stufe hat nur Alpweiden, die meist ⅔ des Jahres unter Schnee liegen; aber schon beim Ort
Puschlav treten an Stelle
der Tannenwälder die Laubholzbäume. Ausser Korn, Hanf, Gartengemüsen und Kartoffeln zeitigt die Ebene
beim Dorf
Puschlav bereits Pflaumen, Aepfel und Birnen, und dem erstaunten Wanderer kann es begegnen, dass er Alpenrosen und
südliche Pflanzen fast bei einander findet, wie dies in den südl. Alpenthälern überhaupt der Fall ist. Auf der untersten
Thalstufe hat die Vegetation schon ganz insubrischen Charakter; hier gedeihen Kastanie, Nussbaum, Maulbeerbaum
und auf den Aeckern wird neben Mais und Buchweizen häufig Tabak angebaut. Zu unterst gedeiht auch die Weinrebe.
Von Pflanzenarten, die für den Botaniker von ganz besonderem Interesse sind, führen wir hier nur einige der seltensten an: Arabis Halleri (bei Le Prese), Cardamine asarifolia (Tobel von Sansana), Carex fimbriata (Cancianopass), Molopospermum cicutarium (bei Caneo), Peucedanum austriacum var. raiblense (bei Le Prese), Sesleria sphaerocephala (auf dem Sassalbo), Achillea tanacetifolia und Chenopodium botrys (bei Brusio). Prachtvolle Moose und Flechten. Nähere Angaben gibt Brügger ist dem unten genannten Buch von Leonhardi.
Fauna.
Die Seen sind sehr fischreich. Der Puschlaversee hat ausser Forellen auch Aale, denen aber leider noch viele Fischottern nachstellen. Eine Eigentümlichkeit des Puschlav ist die von Fatio Mus poschiavinus benannte Ratte, die sich hauptsächlich von Tabak nährt und in der Nähe der Zigarrenfabriken aufhält. Im untern Thal Zikaden und zahllose Eidechsen (darunter die grosse grüne Lacerta viridis). Reiche Insektenfauna. Das Wild ist nicht mehr sehr zahlreich. Bären und Wölfe sind heute verschwunden. 1634 wurden zwei Hirtenknaben in Cavaglia von Wölfen zerrissen. Den letzten Bären schoss man hier vor 50 Jahren. Manche Ortsnamen erinnern noch an das Vorkommen des Bären.
Die Bevölkerung ist italienischen Stammes und italienischer Zunge, zeigt aber doch manche Unterschiede vom Oberitaliener, die in der Gebirgsnatur und der politischen Entwicklung des Thales begründet sind. Der Puschlaver ist intelligent, tatkräftig und sparsam, daneben auch genügsam und höflich, einfach in Hauseinrichtung und Lebensweise. Bettler trifft man keine. Ein hervorstechender Zug ist die Anhänglichkeit an die Heimat, in die der Auswanderer stets wieder zurückzukehren strebt.
Die industrielle Tätigkeit ist im Ganzen wenig bedeutend. Zu nennen ist die Tabakindustrie in Brusio, die aber neuerdings eher im Rückgang begriffen ist. Im Ort Puschlav und in Le Prese Fremdenindustrie. Von den reformierten Familien wandern etwa 50% der männlichen Angehörigen aus, früher hauptsächlich nach Spanien als Zuckerbäcker und Cafetiers. Die Auswanderung der Katholiken ist weniger intensiv. Urkundliche Formen für den Namen des Thales sind 824: Posclavium; 1010: Posclavi; 1201: Posclavio.
Aehnlich wie Chiavenna bildete auch Puschlav den Schlüssel zu einem Bergpass, um den im Mittelalter zwischen dem Bischof von Chur und den Herzogen von Mailand viel gekämpft wurde. In seinem Wappen führt Puschlav zwei sich kreuzende Schlüssel, weshalb der Name wohl mit clavis = Schlüssel zusammenhängen dürfte. Nachdem die Reformation auch in Puschlav Eingang gefunden, blühte hier reges wissenschaftliches Leben, und eine berühmte Druckerei versorgte auch die Protestanten Oberitaliens mit reformatorischen Büchern. 1620 fanden bei Anlass des Veltliner Protestantenmordes auch Puschlaver den Tod. Ein neuer Mordanschlag der kathol. Partei auf die Protestanten erfolgte 1623. Aus dem Puschlav stammen der Professor in Siena Gaudenzi Saganino (1595-1649), die Rechtslehrer an der Universität Ingolstadt Domenico Bassi und de Lassio, der Churer Bischof Francesco Rampa und der schweizerische Bundesrichter Gaudenzio Olgiati.
Bibliographie:
Leonhardi G. Das Poschiavino Thal [mit floristischen Notizen von Chr. Brügger]. Leipzig 1859; Killias E., Das Thal von Poschiavo und die Kuranstalt von Le Prese (Europ. Wanderbilder. 155). Zürich 1889; ¶
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Marchioli D. Storia della Valle di Poschiavo. Sondrio 1886; Camenisch, C. Urkundliches über die Engadiner Bergstrassen (im Engadin Express. Jahrgang I. Samaden); Theobald, G., Geolog. Beschreibung der südöstl. Gebirge von Graubünden (Beiträge zur geolog. Karte der Schweiz. 3). Bern 1867.