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Die Militärhilfe für die Ukraine gerät ins Stocken: Die EU wird ihr Versprechen bezüglich Lieferung von einer Million Stück Artilleriemunition bis im nächsten Frühling kaum einhalten können, und in den USA ist ein Multimilliardenpaket an Kriegsgütern im Kongress blockiert. Für den österreichischen Historiker und Militärexperten Markus Reisner sind das schlechte Aussichten für Kiew.
Markus Reisner
Der Österreicher Markus Reisner ist Historiker, Offizier des Bundesheeres und Militärexperte. Unter anderem ist er auch Vorstandsmitglied des Clausewitz Netzwerks für Strategische Studien.
SRF News: Wieso liefert die EU die versprochene Artilleriemunition nicht?
Markus Reisner: Die europäische Rüstungsindustrie war nicht auf einen derartigen Konflikt vorbereitet, sie konnte nicht entsprechend reagieren. Und trotz bald zwei Jahren Krieg hat sich an der Situation nichts geändert. Man ist in Europa nicht in eine Art Kriegswirtschaft übergegangen, um grosse Mengen Munition herstellen zu können.
In den USA hängt ein 60-Milliarden-Dollar-Paket für die Ukraine im Kongress fest. Um welche militärischen Güter geht es dabei?
Darin sind vor allem Munition – Artillerie oder Flugabwehr – enthalten sowie weitere Flugabwehrsysteme. Diese würden dringend gebraucht, um die erwarteten Angriffe der Russen auf ukrainische Infrastruktur zu verhindern.
Die Bevölkerung gerät angesichts des nahenden Winters stärker unter Druck.
Für die Ukraine wird es ohne das US-Waffenpaket schwierig, ihre Tiefe zu schützen, vor allem den militärisch-industriellen Komplex aus Waffen- und Munitionsproduktionsstätten. Ausserdem gerät die Bevölkerung angesichts des nahenden Winters noch stärker unter Druck, weil so vermehrt mit erfolgreichen russischen Angriffen auf kritische Infrastruktur wie die Stromversorgung gerechnet werden muss.
Gehen der Ukraine die Soldaten aus?
«Weil die Ukraine nicht vollumfänglich mit Waffen und Munition aus dem Westen unterstützt wird, dürfte sich der Krieg weitere Monate oder gar Jahre hinziehen», sagt Militärexperte Markus Reisner. Dabei habe die Ukraine einen gewichtigen demografischen Nachteil: Während Russland auf eine Bevölkerung von rund 145 Millionen Menschen zurückgreifen kann, sind es in der Ukraine nur rund 35 Millionen Menschen. «Da stellt sich die Frage, wie lange die Ukraine die kriegführenden Verbände mit immer neuen Soldaten ausstatten kann», so Reisner.
Wie sieht es mit Waffen und Munition auf russischer Seite aus?
Russland hat zu Beginn des Krieges sicher viele und riesige Fehler gemacht – doch inzwischen hat es sich in vielen Bereichen angepasst. So haben die Russen im letzten Jahr rund zehn Millionen Artilleriegranaten verschossen und man geht davon aus, dass sie pro Jahr rund zwei Millionen Stück produzieren. Hinzu kommen Lieferungen aus Nordkorea oder der Neubau einer eigenen Drohnenfabrik in Russland. Es bräuchte also entsprechende Lieferungen aus dem Westen, damit die Ukraine dem entgegenhalten kann.
Der ukrainische General Waleri Salushni sprach jüngst von einer Pattsituation an der Front, Präsident Selenski widersprach dieser Aussage umgehend. Wie beurteilen Sie die Lage an der Front?
General Salushni war ehrlich und er hat das ausgedrückt, was er maximal kann und darf als Kommandant der ukrainischen Streitkräfte. Dabei legte er den Finger in die offene Wunde: Der Krieg befindet sich wieder in einer Pattsituation – wie im letzten Sommer.
Ein Stellungskrieg wird vor allem von den Ressourcen entschieden.
Die Ukraine war immer dann gut, wenn sie beweglich in der Einsatzführung agiert hat. Doch wenn die Russen es schafften, sie in eine stationäre Einsatzführung zu zwingen, haben die Russen ihre Vorteile ausgespielt. Das taten sie vor allem mit ihrer Artillerie. Ein solcher Stellungskrieg wird grundsätzlich vor allem von den Ressourcen entschieden.
Wie geht es Ihrer Einschätzung nach weiter in dem Krieg?
Man kann davon ausgehen, dass die ukrainische Offensive zum Erliegen gekommen ist, der anvisierte Durchbruch ans Asowsche Meer wurde nicht erreicht. Die Ukraine muss sich über den Winter nun konsolidieren und die Tiefe des Landes schützen. Zudem muss sie versuchen, neue Verbände aufzustellen, um im nächsten Jahr wieder in die Offensive gehen zu können. Schliesslich lautet das Ziel nach wie vor, alle russisch besetzten Gebiete zurückzuerobern – inklusive der Krim.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.