Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/1429

Das interessante an Vintage-Uhren ist ja immer auch die Geschichte hinter dem jeweiligen Modell. Sei es die Geschichte der Marke, wie, wann und warum ein Modell auf den Markt kam. Wurde es vielleicht zu einem speziellen Anlass (Stichwort «Moonwatch») getragen? Wer hat sie getragen?
Wenn das Ereignis oder der Träger aus irgendeinem Grund berühmt wurden, entwickeln sich daraus Mythen um das entsprechende Modell und es wird begehrenswert(er). Diese Geschichten sind es, die die Beschäftigung mit Vintage Uhren für die meisten von uns so spannend machen. Sozusagen das Salz in der Suppe.
Einer der Höhepunkte in der Geschichte von Certina ist sicher das Kapitel «Tektite-Experimente».
Tektite I war ein staatliches Unterwasserexperiment, welches 1969 in der Lameshur-Bucht bei St. John, einer der Amerikanischen Jungferninseln in der Karibik, stattfand. Durchgeführt von der U.S. Navy, der NASA und dem amerikanischen Innenministerium in Zusammenarbeit mit General Electrics, lebten während 60 Tagen vier Aquanauten in dem Unterwasser-Habitat in 15 Metern Tiefe. Ziel des Experiments war neben der Erforschung des Meeresgrunds auch das Studium des Verhaltens der Wissenschaftler unter diesen Bedingungen.
Du fragst dich jetzt vielleicht, wieso die NASA „mit an Bord“ war. Nun, das Erforschen der Ozeane und des Weltalls haben viel gemeinsam. Wie Astronauten arbeiten Aquanauten während ihrer Stunden im Wasser mit verringerter Schwerkraft und müssen über längere Zeit auf engstem Raum zusammen leben. Dies waren, im Hinblick auf die in den folgenden Jahren geplanten Raumfahrtmissionen, wichtige Erkenntnisse für die Weltraumorganisation. Der Projektname „Tektite“ (englisch für Tektit) sollte übrigens ebenfalls die Verbindung zwischen Meereskunde und Raumfahrt verdeutlichen. Tektite sind bis zu einige Zentimeter grosse Glasobjekte irdischen Ursprungs, deren Bildung durch den Einschlag grosser Meteorite auf der Erdoberfläche verursacht werden. Beim Aufprall werden diese bis zu einigen hundert Kilometern fortgeschleudert und landen dann auch mal im Meer.
Das Unterwasser-Habitat von Tektite war von der General Electric Company Space Division entworfen und gebaut worden. Es bestand aus zwei Stahlzylindern auf einer rechteckigen Plattform. Die zwei Türme waren durch einen flexiblen Tunnel miteinander verbunden und beinhalteten jeweils zwei Stockwerke mit einem Durchmesser von 3.8 m und einer Höhe von 2.7 m. Es hatte folglich eine Gesamtnutzfläche von ca. 45 m². Einer der Zylinder verfügte über eine gläserne Beobachtungskuppel an der Oberseite. Die Wohnbereiche waren mit Stockbetten für 4 Personen, Schränken, Waschbecken, Ofen, Kühlschrank, Radio und Fernseher ausgestattet. Die Brücke enthielt u. a. Konsolen für Atemgaskontrolle, Alarm und Kommunikation. Der Ausrüstungsraum verfügte über das elektrische System, einen grossen Gefrierschrank und das WC. Der Nassraum enthielt eine Süsswasserdusche, Stahltische für Präparatsuntersuchungen sowie Trockner und Stauraum für die Ausrüstung.
© General Electric Company
Die Anlage wurde so wohnlich wie möglich gestaltet. Sie verfügte über Teppichböden, ausreichende Beleuchtung, ansprechende farbliche Gestaltung sowie grosse halbkugelförmige Fenster in jedem Raum. Die Mahlzeiten wurden teilweise im Habitat zubereitet. Das Tauch-Team bestand aus A. Waller, John G. Van Derwalker, Conrad . W. Mahnken, H. Edward Clifton sowie den Backup-Aquanauten Ian G. Koblick, Gary E. Davis und R. Lawrence Phillips.
Am 15. Februar 1969 betraten die vier Aquanauten das Habitat und blieben dort bis zum 15. April. Die Missionsdauer von 60 Tagen würde die nächsten 23 Jahre lang nicht überboten werden.
Da in den Sechzigerjahren der Tauchsport immer populärer wurde, entwickelte die Uhrenindustrie zunehmend neue und bessere Taucheruhren. So ergab es sich, dass auch zwei Schweizer Uhrenhersteller bei Tektite mit von der Partie waren. Certina und Rolex rüsteten einige Mitglieder von Tektite mit Taucheruhren aus um sie in der Praxis unter diesen extremen Bedingungen zu testen. Rolex lieferte Sea-Dweller und Submariner-Modelle, Certina stellte seine damalige Top-Taucheruhr, die DS-2 Super PH500M, Referenz 5801 123 zur Verfügung. Diese wurde bezüglich 13 Punkten bewertet und erhielt sechsmal die Note „sehr gut“, fünfmal „gut“ und zweimal „befriedigend“. Das „befriedigend“ betraf das Band und den Verschluss, wobei ich nicht weiss für welches Band das galt, da anhand der Fotos davon ausgegangen werden kann, dass Exemplare mit Stahlband und Tropic-Band getestet wurden. Nachfolgend ein Ausschnitt aus der Certina Hauszeitung „Certina Echo“, Ausgabe Frühling 1970 in welchem die Testergebnisse publiziert wurden.
Tektite I © Certina Echo
Tektite I © Life Magazin
Das Tektite I Projekt verlief so erfolgreich, dass die US-Wissenschaftler die beiden Tauchzylinder ein zweites Mal in der Great Lameshur Bay versenkten. Beim Tektite II Projekt, welches 1970 durchgeführt wurde, bewohnten fünf Aquanauten durchschnittlich jeweils zwei Wochen das Unterwasserhaus und schwärmten von dort zu Tauch-Exkursionen aus. Insgesamt wurden zwischen April und November 10 Missionen mit 53 Aquanauten durchgeführt. In der sechsten Mission von Tektite II wurde erstmals ein reines Frauen-Tauchteam unter der Führung der bekannten Meeresbiologin Dr. Silvia Earle eingesetzt. Dies war somit auch die erste NASA-Mission mit weiblicher Beteiligung.
Splashdown des Frauenteams © tektitedocumentary.wordpress.com
Gemäss dem unten abgebildeten Artikel aus der Certina Echo stellte man diesmal den neu erschienenen Nachfolger, die DS-2 Super PH1000M Referenz 5801 302, zur Verfügung. Nebst dem Habitat wurde die Certina DS-2 Super PH500M aber auf jeden Fall auch wieder verwendet. Dies sieht man z.B. auf Fotos aus dem National Geographic Magazin. Einige Mitglieder welche schon in Tektite I mit von der Partie waren benutzten wohl nochmals ihre liebgewonnene 500er.
Tektite II © Certina Echo
Tektite II © National Geographic Society
Soweit also der historische Hintergrund der Tektite Experimente und der Verwendung der Certina Uhren. Für die unter euch, die noch mehr über das Tektite-Projekt erfahren wollen oder einfach gerne Fimli anschauen hab ich folgend noch zwei sehenswerte Videos zum Thema angefügt:
Auch zu dieser Geschichte stellte ich einige Nachforschungen an. So konnte ich zum Beispiel anhand des oben gezeigten Artikels und von Fotos aus Magazinen belegen, dass die 500er und nicht, wie früher in der Certina Historie beschrieben, die Super PH1000m in Tektite 1 verwendet wurde. Die Korrektur in den Geschichtsbüchern von Certina ist also auf meinem Mist gewachsen.
Natürlich versuchte ich zwischendurch auch mal Kontakt zu damaligen beteiligten Personen herzustellen. Leider blieben diese Versuche aber erfolglos und aufgrund der räumlichen Distanz verfolgte ich das auch nicht allzu hartnäckig weiter.
Umso erfreuter war ich als mich, Mitte Dezember 2016, ein Herr namens Ian G. Koblick kontaktierte (wenn du den Text bisher aufmerksam gelesen hast, klingelts schon). Dieser stellte sich nämlich als Aquanaut bei Tektite I und II heraus. Ian war bei Tektite 1 Backup-Aquanaut und bei Tektite 2 Projektmanager und Programmkoordinator. So kam es, dass ich ihn mit meinen Fragen löchern konnte und einige Lücken geschlossen werden konnten. Ian war ausserdem so freundlich und liess mir einige Tektite-Memorabilia zukommen welche meine bestehende Sammlung super ergänzen.
So. Hier könnte die Geschichte ja eigentlich fertig sein, oder? Aber da war doch noch was… Ach ja, da war ja noch seine Certina. Habe ich schon erwähnt, dass er sie verkaufen wollte? Er hatte mich kontaktiert um herauszufinden wie viel er dafür etwa verlangen konnte. Zufälligerweise stiess ich zu dieser Zeit auf der Seite Rolex Passion Report auf folgenden Artikel, den ich euch nicht vorenthalten möchte: Prototype Single Red Sea Dweller Non Valve from aquanaut Ian Koblick.
Ian hatte also neben der Certina auch noch eine Rolex erhalten. Er hat mir erzählt, dass er die Rolex hauptsächlich für die repräsentativen Anlässe trug, seine Arbeitsuhr welche er bei den Taucheinsätzen von Tektite I und II und später bei PRINUL benutzte war aber die DS-2 Super PH500M. Ian entwarf das Unterwasser-Labor von PRINUL, genannt „La Chalupa“, und managte das Programm von 1971 bis 1976. Ihr könnt im Artikel von Philippe auch viel über Ian und sein abenteuerliches Leben erfahren, deshalb wiederhole ich das hier nicht nochmals. Nur so viel; er hat sozusagen einen Grossteil seines Lebens unter Wasser verbracht und zu seinen Freunden zählten Legenden wie Jacques Piccard, Scott Carpenter usw.
Ian schickte mir auch noch einige Fotos wo er die Uhr während Tektite trägt. Eines meiner Lieblingsbilder ist folgendes:
Courtesy of Ian G. Koblick
Ich bat ihn mir auch ein Foto zu schicken wo er die Uhr aktuell trägt. Zwischen den beiden Fotos liegen 47 Jahre. Ian lebt mittlerweile in Key Largo, Florida und betreibt dort seit 1986 das Unterwasser-Hotel „Jules‘ Undersea Lodge“ welches das weltweit erste Hotel dieser Art war. Es wurde im ausgemusterten Unterwasser-Habitat „La Chalupa“ errichtet das zwischen 1972–1975 vor der Küste Puerto Ricos eingesetzt wurde. In diesem Habitat wurde 2014 übrigens auch der aktuelle Rekord für den längsten Aufenthalt eines Aquanauten unter Wasser aufgestellt. Seine Stiftung Marine Resources Development Foundation besitzt noch ein zweites Habitat, das MarineLab Undersea Laboratory. Dieses wird immer noch für Forschungszwecke eingesetzt.
Ian war ausserdem Koautor des Buches „Living and Working in the Sea“ welches 1985 erschien und als Standardwerk zum Thema Tauchen und Unterwasser-Habitate gilt.
Courtesy of Ian G. Koblick
Was soll ich sagen… Wir wurden uns schlussendlich handelseinig und die Uhr trat ihren Weg zu mir an. Und so ging am Ende ein Traum in Erfüllung von dem ich es nie erwartet hätte; eine der original Tektite-Certina-Uhren zu besitzen!
Übrigens gab es ursprünglich wahrscheinlich nur zwei oder drei Exemplare der 500er welche bei Tektite getestet wurden. Über den Verbleib der anderen Uhren weiss ich bisher nichts. Ian war so freundlich einige seiner ehemaligen Mitstreiter anzufragen. Daraus hat sich bisher aber (noch) keine neue Kenntnis ergeben.
So kam die Uhr nach ihrer dreitägigen Reise aus Florida bei mir an:
Man sieht; die Uhr wurde benutzt. Definitiv kein Deskdiver sondern eine Toolwatch mit Geschichte. Und das soll und darf man der Uhr ja auch ansehen. Zifferblattseitig scheint mal Feuchtigkeit vorhanden gewesen zu sein. Das Werk, ein 25-651 schaute sauber aus, die Krone liess sich noch verschrauben und der Drehring funktionierte auch. Bei dieser Konstruktion muss man den Drehring herunterdrücken um ihn zu drehen, ansonsten ist er verriegelt. Wenn man die Krone drehte, ertönte jedoch ein hässliches malmendes Geräusch. Die Dichtungen waren nur noch klebriger Brei. Ich habe zuerst also mal die Reste der Bodendichtung entfernt. Danach ging es ab zum Uhrmacher des Vertrauens. Das Gehäuse sollte natürlich unangetastet bleiben, die Uhr ist ja schliesslich ein Zeitzeuge. Höchstens ein bisschen reinigen. Aber technisch sollte sie wieder einwandfrei funktionieren.
Nach ein paar Tagen konnte ich die Uhr wieder abholen. An dieser Stelle vielen Dank an Remo Serrem für die speditive Erledigung. Das Werk war trocken gelaufen und mein Uhrmacher musste einige Teile ersetzen. Rost war aber weder im Werk noch unter dem Zifferblatt vorhanden. Das Kaliber läuft wieder als ob es frisch aus dem Laden kommt. Ein richtiger Certina-Traktor halt! Danach habe ich das Gehäuse noch etwas gereinigt. Hier nun ein paar Bilder der revidierten Uhr:
Das folgende Bild stammt aus dem True Magazin, Ausgabe September, von 1969. Auf dem Bild seht ihr links Ian G. Koblick mit seiner, also ich meine natürlich meiner, Certina DS-2 Super PH500M. Er trägt sie hier übrigens am rechten Arm. Ian ist Linkshänder.
© True Magazin
Nun, was soll ich sagen? Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine der Tektite-Uhren mein Eigen nenne. Für mich sind die Tektite-Experimente für Certina das, was für Omega die Mondlandung war… Ja ich weiss, das ist jetzt etwas hoch gegriffen, aber ihr wisst sicher was ich damit sagen will. Und dass diese Uhr, eine der, historisch gesehen, wertvollsten Certinas überhaupt, mein „Holy Grail“, nach fast 50 Jahren meinen Weg gekreuzt hat kann doch fast kein Zufall sein oder? Ich möchte Ian dafür danken, dass ich ihn mit meinen Fragen belästigen durfte und er schlussendlich die Uhr mir überlassen hat.
Die Sechzigerjahre waren sowas wie die Blütezeit dieser Unterwasser-Experimente. Dank dieser machte man enorme Fortschritte in der Tauchtechnik. Viele Erkenntnisse flossen später aber auch in die Weltraumfahrt ein. Die kollegiale Nähe zwischen Aqua- und Astronauten erreichte einen Höhepunkt im August 1965, als der US-Astronaut Gordon Cooper per Funk Kontakt mit seinem ehemaligen Kollegen Scott Carpenter aufnahm. Cooper kreiste damals in der Raumkapsel „Gemini 5“ gut 240 Kilometer über der Erde, während Carpenter, mittlerweile Aquanaut, 62 Meter unter Wasser vor der Küste Kaliforniens im Habitat „Sealab II“ sass.
Das ist vielleicht die letzte noch existierende Certina DS-2 Super PH500M welche bei Tektite benutzt wurde…
Links zum Thema
Veröffentlicht: 30.03.2017
Der Betreiber von vintagecertinas.ch ist in keiner Weise für den Inhalt oder die Korrektheit einer mit dieser Website verlinkten Internetseite (und deren Seiten) verantwortlich.