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Jutta Znidar arbeitet als digital artist in der Umgebung von Zürich. Als ehemalige Informatikerin fühlte sie sich stets von der Kunst angezogen, bis sie 1990 freischaffende Künstlerin wurde. Seniorweb besuchte sie.
Seniorweb: Jutta Znidar, wie sind Sie zur Kunst, insbesondere zur digitalen Kunst, gekommen?
Jutta Znidar: Ich war nicht immer Künstlerin, aber kreatives Gestalten zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Als ich 1978, zur Pionierzeit der Informatik, in Frankfurt eine Stelle bei einem amerikanischen Hersteller für Office Automation Systeme begann, ahnte ich noch nicht, welche Auswirkungen diese Arbeit für mich haben würde. Als Betriebswirtin und Organisationsberaterin arbeitete ich in verschiedenen Funktionen, leitete Workshops und begleitete Menschen als Coach, damit sie abstrakte Inhalte der Informatik verstehen und anwenden können. Kommunikation unter Menschen, auch Mensch und Maschine, vernetztes Denken, Visualisierung oder Intuition standen stets im Mittelpunkt.
«Kabelsalat», 1994, 46 x 62 cm. Assoziative Assemblage mit Kabeln, Löffel und Gabel
Sind Sie direkt über Ihren Beruf digitale Kunstschaffende geworden?
Nein, zuerst besuchte ich verschiedene Kunstschulen in der Schweiz, um die traditionellen Kunsttechniken wie Zeichnen, Ölmalerei, Stillleben, Porträts zu lernen; seit 1980 lebe ich im Umfeld von Zürich. 1990 gab ich meine feste Stelle auf, um mich ganz auf das künstlerische Schaffen zu konzentrieren. Als Erstes schlachtete ich alte Computer aus und verfertigte Assemblagen aus Computerschrott. Es war die Zeit, als die Sprache sich durch die Informatik erweiterte, etwa Maustreiber, Chips, Memories, Begriffe, die ich als Wortspiele künstlerisch umsetzte.
«Memories, Tabernakel», 1995, 70 x 70 cm, Assemblage aus Leiterplatten und Magnetplattenstapel-Trennscheibe, auf Hartfaserplatte und Acrylfarbe
Ich setzte Hardware-Teile wie Leiterplatten, CDs, Computermäuse oder Druckerteile als Gestaltungsmaterial ein. Dabei entdeckte ich die Schönheit der nutzlosen, jedoch noch funktionsfähigen Einzelteile, die mitunter mit wertvollen Edelmetallen wie Blattgold beschichtet waren.
Wie kamen Sie zum Material, zum Computerschrott?
Bei Firmen konnte ich Computerschrott abholen. Da immer viele Kabel dabei waren, entstanden Arbeiten wie Kabelsalat, Kein Anschluss oder Alte Zöpfe. Später fing ich an, dicke graue und schwarze Kabel aufzuschneiden und entdeckte ein farbenfrohes Innenleben – Kabelseelen.
Ende der 1990er Jahre verbreitete sich das World Wide Web rasant, heute ist es omnipräsent. 1997 las ich in einer Pressemeldung: «Mehr als eine Million Webseiten in der Schweiz». Zuerst dachte ich an textile Gewebe, doch schnell wurde mir klar, dass Websites im Internet gemeint waren. Heute soll es gegen eine Milliarde Websites weltweit geben. Da ich mich von je her mit Netzwerken in verschiedenen Disziplinen auseinandersetze, auch mit ganzheitlichem Denken und Handeln, gestaltete ich ab 1997 meine ersten grossformatigen Werke Webseiten und Netzwerke.
«Webseiten» Nr. 1, 1997, 120 x 90 cm, feine Kabel über goldgelbem Acrylgrund auf Leinwand (Bild links). Digitale Bearbeitung eines Kabelbildes «Netzwerke 15» von 2002, 2007 (Bild rechts)
Wie sind die reliefartigen Bilder entstanden, die im Atelier aufgehängt sind?
Es sind die Lichtfänger und Lichtblicke. Die ersten dieser Arbeiten entstanden 1998 als Gegenpol zur visuellen Reizüberflutung. Sie wurden in einem langwierigen meditativen Prozess, der sich über Wochen oder Monate ausdehnen konnte, hergestellt. Die Strukturen des Reliefs bestehen aus feinem gerissenem Baumwollstoff oder zerknülltem Papier, Kassenrollenpapier, das ich vom Hersteller erhielt. Darüber trage ich Schicht um Schicht fein lasierende Farben in unterschiedlichen Nuancen auf und verbinde sie zu einer harmonischen Einheit. Die so entstandenen reliefartigen Bildobjekte in monochrom wirkenden Farben fangen Licht und Farben der Umgebung ein und spiegeln sie zurück.
Ausschnitt «Lichtblicke Nr. 17», 2010, 100 x 150 cm mit reliefartigen Strukturen (Bild links). «Lichtfänger Nr. 17» digitale Bearbeitung (Bild rechts)
Seit wann setzen Sie den Computer für Ihre Arbeiten ein?
Seit 2008 setze ich den Computer als Werkzeug für digital-artwork-Kreationen ein. Mit der Digitalkamera fotografiere ich meine eigenen Werke und transformiere auch die handwerklich erstellten Arbeiten. Die Digitalaufnahmen geben die grundlegenden Gestaltungselemente wie Farbe, Material sowie Struktur wieder und sind für die neuen Kreationen massgebend. Die Bildelemente werden neu zueinander in Beziehung gesetzt und umgestaltet. Dies ermöglicht eine neue Bildsprache, wobei die individuellen Merkmale des ursprünglichen Bildes erhalten bleiben.
Kleines Acrylbild, 2012, gemalt auf Baumwolle, 30 x 30 cm. Das grosse grüne Bild daneben basiert auf dem gelben Acrylbild und ist ein Jahr später als digital bearbeitetes Druckunikat entstanden, 70 x 90 cm, 2013.
Es fällt auf, dass Sie vielfach in Serien arbeiten
Ich bin eine «Serientäterin». Wenn mich ein Thema interessiert, gibt es immer gleich Serien. Es wird nicht nur einmal gestaltet. Oft hole ich ein Bild später wieder hervor und bearbeite es in unterschiedlichen Techniken weiter, so dass ein neues Werk entsteht; und das über Jahre hinweg. Auch Naturaufnahmen, wie die Fotoserie vom Limmatuferweg, werden digital zu Unikaten verarbeitet und auf Leinwand aufgezogen.
«Limmatuferweg», 2013, digitales Druckunikat auf Leinwand 60 x 80 cm
Wie verbreiten Sie Ihre Werke?
Zu Beginn verkaufte ich viele, auch grössere Arbeiten an Firmen; es war eine Novität. Eine Zeit lang produzierte ich zudem Postkartenserien, eigene digitale Drucke von Hand auf Karten aufgeklebt, die von Firmen zur Werbung eingesetzt wurden. Aber ich nahm auch an zahlreichen Ausstellungen teil oder organisierte diese selbst.
Die «Spiegelbilder» bestehen aus einem Strukturbild, das in unterschiedlicher Weise übereinandergelegt und digital bearbeitet wird.
In letzter Zeit begann ich, meine Serien zu archivieren und in Mäppchen nach Themen zu ordnen. Da Drucke relativ teuer herzustellen sind, bin ich dazu übergegangen, sie nicht mehr im grossen Format auszudrucken, sondern Serien in Broschüren und Büchern herauszugeben. Meine neueste Serie Spiegelbilder besteht aus Strukturbildern, die mehrfach übereinandergelegt digital erfasst werden, so dass sich neue, komplexe kaleidoskopartige Bilder ergeben.
Titelbild: Die Künstlerin Jutta Znidar in ihrem Atelier in Dietikon. Foto: rv.
Bilder: Jutta Znidar
Mehr Informationen finden Sie unter den Webseiten:
https://artspace-jutta-znidar.ch/
https://www.digitalartwork.ch/