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Ein Plastiksack stand vor der Kandersteger Gemeindebibliothek. Drin einige alte Bücher, deponiert ohne Absender. Das war Anfang Juli. Eine der Bibliotheksmitarbeiterinnen, meine Freundin, fand in dem Sack fünf Bücher von Gotthelfs 42bändigen Sämtlichen Werken aus dem Rentsch Verlag. Darunter der 1911 als erster erschienene Band VII, der Roman «Geld und Geist». Weil darin der Schriftsteller C. A. Loosli als Mitherausgeber erwähnt ist, für den ich mich seit Jahren interessiere, hat mich die Freundin gefragt, ob diese Ausgabe speziell interessant sei. «Auf keinen Fall wegwerfen!», habe ich geantwortet. Loosli war der Initiator dieser Rentsch-Ausgabe, zeichnete aber nur in diesem Band VII als Mitherausgeber, weil er sich schnell mit den Gotthelf-Erben überwarf und nicht den Stallgeruch der Philologen hatte, die sich das grosse Projekt damals unter den Nagel rissen.
Bei meinem Besuch in Kandersteg kurz darauf konnte ich die fünf Bücher genauer anschauen. Alle gehörten – wie die Exlibris-Kleber verrieten – dem gleichen Eigentümer: Harry Maync. Hoppla! Maync war nicht irgendeiner. Er kam 1907 aus Marburg nach Bern, amtete an der Universität bis 1929 als Literaturprofessor und verheiratete sich 1908 mit einer Tochter des damaligen Stadtpräsidenten Adolf von Steiger. Als Philologe einen Namen gemacht hat er sich insbesondere dadurch, dass er 1911 aus dem Nachass der Zürcher Industriellentochter Barbara Schulthess eine Urversion von Goethes Meister-Roman – das Buch «Wilhelm Meisters theatralische Sendung» – erstmals herausgegeben hat. Daneben war er deutschnational und ein Apologet der Weimarer Literaturklassik. Das Geschreibsel der Eingeborenen in Bern, insbesondere jenes von Jeremias Gotthelf, war ihm «von Kuhmistgestank behaftet», wie Loosli notiert hat.
Immerhin hat Maync als Wissenschaftler einmal über Gotthelf publiziert: In der «Internationalen Monatszeitschrift für Wissenschaft Kunst u. Technik» veröffentlichte er ab August 1913 in zwei Teilen den umfangreichen Aufsatz «Jeremias Gotthelf. Eine Charakteristik». Und siehe da: Darin findet sich in der Spalte 1445 ein Zitat aus «Geld und Geist» – ein Eloge auf «die alte, ächte Hausfrau» – das im Kandersteger Exemplar auf den Seiten 309 und 310 mit feinem Bleistiftstrich hervorgehoben ist. Es darf demnach als erwiesen gelten, dass Maync vor hundert Jahren exakt aus diesem Buch zitiert hat.
«Es darf demnach als erwiesen gelten, dass Maync vor hundert Jahren exakt aus diesem Buch zitiert hat»
Fredi Lerch
Übrigens gehörte C. A. Loosli damals, wie man sich denken kann, in Bern zu jenen, die sich über Mayncs grossdeutsche Kuhmist-Polemik ärgerten. Als Maync 1926 für ein Jahr zum Rektor der Universität ernannt wurde, schrieb Loosli seinem Freund Jonas Fränkel: «Dass [...] Maync unsere Hochschule nach aussen glänzend vertreten wird, war mir eine Neuigkeit, die ich [...] in vollem Umfange zu würdigen weiss. Warum nicht? Aber siehst Du, wie recht ich hatte, als ich schon vor sechs Jahren behauptete, es gebe in unserm gesegneten Kanton nur eine Schule, die ihren Bestand wert ist, nämlich die Muniversität Rüti.» (13.7.1926) Und Fränkel, ein gebürtiger Ostjude aus Krakau, wusste, wovon Loosli sprach, denn er arbeitete an der Universität als ausserordentlicher Literaturprofessor unter dem Deutschnationalen Maync. An Loosli schrieb er, seit er als Privatdozent an die Uni gekommen sei, habe ihm «der Ordinarius – Maync – stets Hindernisse in den Weg» gelegt. (19.12.1937)
1929 entschliesst sich Harry Manyc, als Professor für neuere deutsche Literatur nach Marburg zurückzukehren, mag sein auch aus politischer Überzeugung. Immerhin sehen die Deutschnationalen damals eine grosse Zeit anbrechen. Sicher ist, dass er wie viele andere am 11. November 1933 das «Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler» unterschrieben hat. Als erwiesen gelten darf, dass Mayncs «Geld und Geist»-Exemplar die Reise nach Marburg mitgemacht hat: Im Buch findet sich eingelegt als Buchzeichen der obere rechte Teil einer gevierteilten A4-Vervielfältigung. Vermutlich die Einladung zu einer studentischen Feier, datiert mit «Marburg, den 6. November 1939».
Aber wie kam «Geld und Geist» nach Kandersteg? In Muri lebt Marcelle Langhans. Sie ist Tochter der Schriftstellerin Susy Langhans-Maync (1911-2003) und Grosstochter von Harry Maync. Sie sagt, sie habe ihren Grossvater nicht gekannt, und schliesse aus, dass ihre Mutter aus Marburg Bücher geerbt habe. Denn ihre Grossmutter sei zwar 1929 mit Maync noch nach Deutschland ausgewandert, habe sich aber 1931 scheiden lassen und sei nach Bern zurückgekehrt.
In Marburg lebt heute noch Ilse Maync – eine Tochter der zweiten Frau des Professors –, die, wie sie sagt, nie Kontakt gehabt hat zu dessen Schweizer Nachkommen aus erster Ehe. Mit Mayncs Bücher sei es so: Als er kaum zwei Jahre nach Ende des Kriegs im März 1947 gestorben sei, habe ihre Mutter die grosse Professorenwohnung verlassen und sich von vielem trennen müssen. Ein Teil der Bibliothek sei von US-amerikanischen Besatzungstruppen konfisziert worden, die Fachliteratur habe man der Universität übergeben (wo später verschiedenes weggekommen sei) und ein weiterer Teil habe ihre Mutter, um zu Geld zu kommen, an einen Buchhändler in Bonn verkauft.
«Gedruckte Bücher haben einen Mehrwert: Sie erzählen, ganz abgesehen davon, was drin steht, die Geschichten ihrer Geschichte»
Fredi Lerch
Aber wie kam «Geld und Geist» nach Kandersteg? Zum Glück ist man Journalist: Am 28. Mai 1947 tat die knapp 16jährige Traudl Schäfer etwas Verbotenes. Sie schaute im Hofgut Fortbach bei Ilschausen, wenige Kilometer südlich von Marburg, unter die Plastikblache jenes Lastwagenanhängers, den die US-amerikanischen Besatzungstruppen hier vorderhand untergestellt hatten, weil man auf Befehle wartete, was mit dieser Ladung deutscher Bücher zu tun sei. Weil sie Bücher liebte und keine eigenen hatte, raffte Traudl zusammen, was sie tragen konnte und verschwand damit unerkannt. Als sie im Sommer des gleichen Jahres – vermittelt vom Internationalen Roten Kreuz – die Chance bekam, zur Erholung drei Monate in die Schweiz zu fahren, nahm sie jene Bücher mit, die ihr den grössten Bezug zu jenem Land zu haben schienen. Und weil sie, ohne noch einmal für länger ins Hessische zurückgekehrt zu sein, 1949 in Grindelwald Gottlieb Bohren geheiratet hat, standen die fünf Gotthelf-Bände seither im Berner Oberland.
Wie sie nun in diesem Sommer über die Kleine Scheidegg, die Sefinenfurgge und das Hohtürli nach Kandersteg gekommen sind, kann man sich leicht vorstellen, ohne dass ich auch das noch recherchiere. Eigentlich wollte ich ja auch nur sagen: Ganz egal, wie wenig Geld der Geist eines E-books kostet, gedruckte Bücher haben einen Mehrwert: Sie erzählen, ganz abgesehen davon, was drin steht, die Geschichten ihrer Geschichte.