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Wer wird der nächste Präsident Amerikas? Diese Frage beschäftigt auch die Amerikaner mit Schweizer Wurzeln. Viele davon haben sich kurz vor der Wahl noch nicht zwischen Barack Obama und John McCain entschieden.
Eine, die keine Zweifel darüber hat, wen sie am 4. November zum Präsidenten wählen will, ist die schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin Emily Muelly.
"Barack Obama bietet die meisten Lösungen für Amerikas Probleme", sagt die 25-Jährige, die mit einem Schweizer verheiratet ist und an der Universität von Pennsylvania in Hershey Medizin studiert.
Bei den Vorwahlen hatte sie noch zwischen Hillary Clinton und Barack Obama gezögert, doch seit April unterstützt sie Obama.
"Er verhält sich wie ein Präsident. Er ist sehr eloquent, er erklärt die Probleme, wie beispielsweise die Wirtschaftskrise, verständlich und braust nicht auf, wenn er angegriffen wird. Seine Art und die Ruhe, die er ausstrahlt, empfinde ich als sehr positiv."
Trotzdem zweifelt Muelly an einem Sieg ihres Wunschpräsidenten. "Die Tatsache, dass es immer noch Leute gibt, die an die Überlegenheit der Weissen glauben, sowie die vereitelten Mordkomplotte gegen Barack Obama zeigen, dass in Amerika der Rassismus bis heute weit verbreitet ist."
Rassismus im Spiel
Pennsylvania ist einer der US-Bundesstaaten, wo das Rennen ums Weisse Haus noch nicht entschieden ist. Kürzlich bezeichnete John Murtha, demokratischer Abgeordneter in Pennsylvania, die ländliche Region im Südwesten des Staates als "rassistisch".
"Rassismus gibt es nicht nur im Südwesten von Pennsylvania, sondern im ganzen Staat. In Pennsylvania gibt es viele ländliche Regionen, wo die Leute Mühe mit dem Fremden haben", sagt Muelly.
Auch der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger John Hooker, der in Long Island im Bundesstaat New York lebt hegt seine Zweifel. Er sehe die Wahlen heute "realistischer" als noch im Juni, sagt er.
"Niemand ist perfekt, auch Obama nicht. Doch ich glaube, dass er zurzeit der beste Kandidat ist", sagt Hooker, der mit einer Schweizerin verheiratet ist und eine Zeit lang in Genf lebte.
Angst vor Veränderung
Hooker zeigt sich jedoch "besorgt" in Bezug auf die von Obama verkörperte Veränderung.
"Ich befürworte die von Obama vorgeschlagenen Änderungen. Doch die Veränderung ruft Angst hervor. Die Leute wollen sich versichern, dass es nach der Wahl politisch nicht zu stark nach links geht und das bestehende System umgestossen wird."
Genau deshalb hat sich der Amerikaner mit Schweizer Wurzeln, Gene Boscacci, vor zwei Wochen schliesslich für John McCain entschieden. "Ich befürchte, dass Obama zu sozialistisch ist", sagt der Personalberater – obwohl er auf den Wahllisten in San Francisco als Demokrat figuriert.
"Ich weiss nicht, ob ich mit all den von Obama anvisierten Änderungen umgehen könnte, auch wenn die meisten - wie die Verbesserung der medizinischen Versorgung - gut sind. Mit McCain gibt es einen schrittweisen Wandel."
Boscacci, der in Bezug auf die Präsidentschaftswahlen von einem historischen Moment spricht, glaubt jedoch nicht, dass McCain gewinnen wird.
Kampf um unentschlossene Wähler
Gemäss verschiedenen Meinungsumfragen sind 4 bis 10% der amerikanischen Wähler noch unentschlossen. Eine davon ist Mary Leedy aus Timonium im Bundesstaat Maryland, deren Vater und Grosseltern mütterlicherseits aus dem Kanton Schaffhausen nach Amerika ausgewandert sind.
"Ich werde mich sicher erst kurz vor den Wahlen für einen der beiden Kandidaten entscheiden", sagt sie.
Obama und McCain sind sich bewusst, dass namentlich die unentschlossenen Wähler und Wählerinnen - so etwa im Bundesstaat Ohio - das Zünglein an der Waage spielen werden.
In den letzten Tagen vor den Wahlen versuchen sie mit grossem Effort, diese für sich zu gewinnen. Mary Leedy sagt, dass sie im Ungewissen sei über die Qualifikation der Kandidaten, über sie selbst, und über das, was sie machen, wenn sie gewählt würden.
Suche nach dem "Retter"
"Das Land befindet sich in einem schlechten Zustand", sagt Leed. "Ich mache mir Sorgen um die Stellung Amerikas in der Welt, die tausenden Milliarden Dollars Schulden, den andauernden Irak-Krieg, das nach China fliessende Geld und die Arbeitslosigkeit."
Mary Leed wünscht sich einen Präsidenten, der in der Lage ist, die Probleme des Landes zu lösen." Sie ist jedoch weder bei Barack Obama noch John McCain sicher, in ihm den "Retter" der USA zu finden.
swissinfo, Marie-Christine Bonzom, Washington
(Übertragung aus dem Französischen: Corinne Buchser)
Präsidentschaftswahlen
Wahltag ist der 4. November. Der Präsident wird nicht direkt, sondern über ein Wahlkollegium mit 538 Mitgliedern (Wahlmänner) gewählt.
Für die Wahl des Präsidenten ist das jeweilige Resultat in den einzelnen Bundesstaaten ausschlaggebend. Der Kandidat mit den meisten Stimmen erhält in praktisch allen Bundesstaat die Stimmen aller Wahlmänner.
Die Zahl der Wahlmänner in den 50 Bundesstaaten hängt von der Bevölkerungszahl des Staates ab. Wer eine Mehrheit von 270 der insgesamt 538 Elektoren-Stimmen hat, hat die Wahl gewonnen.
Das bedeutet: Der Kandidat mit den meisten Volksstimmen wird nicht unbedingt der nächste Präsident.
Wie 2000, als Al Gore gegen George W. Bush verlor: Bush hatte landesweit weniger Stimmen erhalten, aber 271 der Wahlmänner auf seiner Seite, Gore nur deren 266, bei einer Enthaltung.
Amerika-Schweizer
Die Zahl der US-Schweizer wird auf rund 1,2 Mio. geschätzt.
Die grösste Dichte von Amerikanern mit Schweizer Wurzeln findet sich in Kalifornien, New York, Ohio, Wisconsin und Pennsylvania.
73'978 Schweizer Staatsangehörige waren Ende 2007 in den USA registriert. 52'415 darunter sind Doppelbürgerinnen und Doppelbürger.
Rund 6 Mio. Amerikaner leben im Ausland, davon 16'411 in der Schweiz (rund ein Viertel in Genf).
Die amerikanische Bevölkerung in der Schweiz ist hauptsächlich in der Privatwirtschaft oder bei humanitären Organisationen tätig. Auch zahlreiche amerikanische Rentnerinnen und Rentner leben in der Schweiz.
Die Amerikaner in der Schweiz sind mehrheitlich Anhänger der Demokraten.