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Schräge Typen, starke Frauen
Persönlichkeiten aus dem Kratzquartier
Wo Johanna Spyri das Heidi schrieb
«Du hast keinen Begriff, was jetzt von morgens 6 Uhr bis abends 7 Uhr stets fort für ein Gehämmer u. Geklopf ist hier vor meinem Fenster auf dem einst so wunderschönen Stadthausplatz, dazu dringt immerfort ein solcher Gestank von Theer und Steinkohlen herein, dass es keine Freude mehr ist, da zu sitzen. Es ist ein Jammer.» (Aus einem Brief von Johanna Spyri an Familie Kappeler, 4.6.1882).
Zehn Jahre lang konnte sich Johanna Spyri der Aussicht auf den Stadthausplatz erfreuen, nachdem sie 1868 zusammen mit ihrem Mann, dem Stadtschreiber Johann Bernhard Spyri, eine Amtswohnung im Stadthaus bezogen hatte. Ab 1878 begannen in ihrer Nachbarschaft die Häuserabbrüche, die schliesslich vom Kratzquartier nichts mehr übrig lassen sollten. Da auch für das Stadthaus Abbruchpläne bestanden, musste Johanna Spyri 1885 die dortige Wohnung verlassen.
Im Stadthaus am Stadthausplatz, im Zentrum Zürichs, sind zahlreiche Werke der Autorin Johanna Spyri entstanden. Am bekanntesten ist das zweibändige Heidi-Buch, «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat». Das erste schrieb Spyri 1879 und veröffentlichte es im Dezember dieses Jahres vordatiert auf 1880. Das zweite erschien 1881, nun unter dem vollen Namen der Autorin.
Mord am Dampfschiff-Direktor
In der Nacht vom 11. auf den 12. April 1874 geschah im Helfereigässchen vor dem an den Stadthausplatz stossenden Haus zum Spinnhof ein Verbrechen, das die Zürcher Bevölkerung schockierte. Der im Spinnhof wohnhafte Heinrich Isler, Mitglied des Parlaments, alt Direktor der Dampfschifffahrt auf dem Zürichsee und Direktor der Uetlibergbahn, wurde beim Öffnen der Haustüre von hinten erstochen.
Die am Tatort zurückgelassene Tatwaffe, ein Stockdegen (Spazierstock mit herausziehbarem Degen), führte die Polizei zu deren Besitzer Billoin, einem beschäftigungslosen «Abenteurer», der seit einiger Zeit im Hotel Bellevue wohnte. Dieser wurde verhaftet und später in einem Prozess verurteilt. Schon früher hatte er versucht, Männer dafür zu gewinnen, gegen Geld den Dampfschiffdirektor zu verprügeln. Der Konflikt scheint daraus entstanden zu sein, dass sich beide für dieselbe Serviertochter im Restaurant Tonhalle interessierten. Der Prozess gegen Billoin war einer der ersten, in dem aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens eine verminderte Zurechnungsfähigkeit zugebilligt wurde.
Honeggers – Musiker von Welt
Im Kratzquartier waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch «d'Honeggere» zu Hause, eine damals in Zürich sehr beliebte Musikkapelle. Sie erfreuten an öffentlichen Vergnügungsorten wie z.B. dem Stadtcasino am Hirschengraben die Zuhörerschaft. Man engagierte sie aber auch in den besten Kreisen.
Ein im Hotel Baur (en Ville) am Paradeplatz gastierendes Mitglied der englischen Hofkapelle wurde auf die Musiker Honegger aufmerksam und ermutigte sie, mit ihm nach England, nach Windsor, zu kommen, wo sie der Königin Viktoria (1819–1901) aufspielen mussten. Die Königin hatte so grosse Freude an der Zürcher Gruppe, dass sie sie in England behalten wollte. «D' Honeggere» zogen es aber vor, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Auf der Heimreise soll der Kapitän sie aufgefordert haben, sich auf dem Schiff engagieren zu lassen, was die Musiker aber ebenfalls ablehnten. Sie verliessen das Schiff in Bordeaux, um den Weg nach Zürich auf dem Landweg anzutreten.
Die Äbtissin des Fraumünsters
Das Fraumünster war bis zur Reformation von 1525 nicht nur eine Kirche, sondern ein Kloster, und als solches nicht nur eine geistliche, sondern auch eine weltliche Institution mit zahlreichen Rechten, welche die ganze Stadt betrafen. Die Äbtissin besass das Münz-, Zoll- und Marktrecht und nahm bis ins 14. Jahrhundert Einfluss auf die Gesetzgebung in der Stadt Zürich. Als Vorsteherin eines karolingischen Eigenklosters reichte ihre Bedeutung weit über die Grenzen Zürichs hinaus. Als «Reichsfürstin» gehörte sie im Deutschen Reich zu einem ca. 100-köpfigen Kreis von Personen, die in der Hierarchie direkt hinter den Kurfürsten standen.
Nach dem Aussterben der Zähringer, welche in Zürich die Reichsvogtei inne gehabt hatten, im Jahr 1218, entfaltete sie ihre Macht als Stadtherrin. In ihrer Abtei hielt sie fürstlich Hof. Höhepunkte waren die wiederholt belegten Besuche des deutschen Königs in den Jahrzehnten um 1300. Im Spätmittelalter machte der erstarkte Rat der Stadtbürger der Äbtissin ihre Kompetenzen streitig. Im Jahr 1526 übergab die letzte Äbtissin Katharina von Zimmern die letzten Herrschaftsrechte sowie Kirche und Kloster an den nun reformierten Stadtstaat.