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Begonnen wird mit unserer ureigensten Herkunft: Welche Vermischungen gab es mit dem Denisova-Menschen bzw. mit dem Neandertaler, welche Spuren wurden vom modernen Menschen bei seinem mehrfachen Auszug aus Afrika hinterlassen (diese Auseinandersetzung um den Zeitpunkt der Auswanderung dürfte noch lange andauern (und es gibt auch immer noch berechtigte(?) Zweifel an der Out-of-Africa-Theorie), könnte aber durch die genetischen Untersuchungen der Fossilien endgültig entschieden werden, wenn sich den genügend DNA aus den Knochen extrahieren ließe) und wann erschien Homo sapiens in Europa? Die Autoren gehen von der Annahme aus, dass dies vor etwa 100 000 Jahre erfolgte (Studien weisen darauf hin, dass dieser Zeitrahmen zu klein sein könnte) und dass im Zuge dieser Wanderbewegung dieser Mensch mit den außerhalb Afrikas lebenden Neandertalern bzw. dem Denisova-Menschen fruchtbare Nachkommen gezeugt hat. Weshalb der Neandertaler schließlich ausstarb (die letzten Spuren verlieren sich vor etwa 39 000 Jahren) ist nach wie vor ungeklärt, die Thesen reichen von schlichtem Brudermord und genetischen Ursachen bis zum Ausbruch eines Supervulkans in der Nähe der Phlegräischen Felder in Süditalien.
Die nächste genetische Reisen in Richtung Europa fand vor etwa 8000 Jahren statt: Die hier ansässigen Jäger und Sammler wurde zu einem Gutteil von anatolischen Einwanderern verdrängt, die die Landwirtschaft mitbrachten (mit einem mehr oder weniger starken Augenzwinkern wird dabei immer wieder auf die rezente “Flüchtlingskrise” angespielt bzw. auf Vorstellungen von einer europäischen (vielleicht sogar arischen) Urbevölkerung, die selbstredend vollkommener Nonsens sind). Dabei werden Anpassungen wie die helle Haut der im Norden siedelnden Bewohner erwähnt (wodurch die Vitamin-D-Aufnahme erleichtert wird) oder auch das Problem der Infektionskrankheiten, das durch die Tierhaltung der neuen Siedler immer stärker an Bedeutung gewann. Der nachfolgende Einwanderungsschub kam abermals aus dem Osten, diesmal aus der nordkaukasischen Steppenregion (der Jamnaja-Kultur): Eine offenbar schon zuvor aus nicht ganz klaren Gründen dezimierte Bevölkerung (möglicherweise durch eine Seuche) musste weichen vor dem Ansturm dieser Viehzüchter, in deren Begleitung auch das Pferd in Europa erschien. Rund 70 % der genetischen Struktur in Deutschland (und sogar 90 % in England) waren von dieser Veränderung betroffen (die Einwanderer selbst bzw. deren “Steppen-DNA” setzte sich hinwiederum aus Nordeurasiern und den Bewohner des heutigen Iran, des nördlichen fruchtbaren Halbmondes zusammen).
Weitere Kapitel sind der Sprachentwicklung gewidmet als auch den Reisen und Auswirkungen diverser Krankheitserreger (deren Geschichte wird bis in die Neuzeit verfolgt, auf bisher noch immer ungelöste Probleme – etwa mit der Syphillis – wird ebenfalls eingegangen). Das liest sich alles mit viel Genuss, ist keineswegs trivial und immer auch amüsant und aktuell angesichts der seltsamen Nationalismen, mit denen sich Europa seit einigen Jahrzehnten wieder plagen muss. Der Traum von uralten, autochthonen Gesellschaften oder Sprachgruppen, von genetisch fein säuberlich getrennten Bevölkerungen ist wissenschaftlich vollkommener Unsinn, wir Europäer sind nichts weiter als eine Promenadenmischung aus Jägern und Sammlern (die sich am reinsten noch auf der iberischen Halbinsel erhalten haben), anatolischen Ackerbauern und nordkaukasischen Viehzüchtern (deren patriachale Strukturen in weiten Teilen übernommen wurden). Unsere Vorfahren haben ganz ähnliche Wege genommen wie die heutigen Flüchtlinge und sind mit denen eng verwandt (des weiteren verweisen die Autoren wie schon Rutherford auf die Tatsache, dass es keinen genetisch uneinheitlicheren Kontinent gibt als das Afrika südlich der Sahara; die im wahrsten Wortsinne oberflächliche Beurteilung nach Hautfarbe hält der Genforschung nicht stand). – Ein gut geschriebenes, äußerst informatives Buch über unsere Herkunft, das gut und gerne auch doppelt so dick hätte sein dürfen.
Johannes Krause, Thomas Trappe: Die Reise unserer Gene. Berlin: Ullstein 2019.

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