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Am 24. August 1910 schrieb der Schriftsteller C. A. Loosli an seinen Kollegen Alfred Huggenberger in einem Brief, er bereite «etwas ganz Schändliches vor»: einen Band berndeutscher Gedichte nämlich, aber «nicht etwa lauter Sachen im Volkston, sondern Stanzen, Sestinen, Sonette, Ghasele, Terzinen, Dezimen, Kanzonen und dergleichen.»
Entstanden ist damals der Gedichtband «Mys Ämmitaw», der 1928 und 1957 zwei erweiterte Auflagen erlebte und seit Looslis Tod 1959 – unterdessen in der Schreibweise «Mys Ämmital» – drei weitere Male aufgelegt worden ist (zuletzt im Rotpunktverlag 2008). Dreizehn dieser gut 200 Gedichte hat der alte Loosli im Herbst 1958 im Radio Studio Bern selber ins Mikrofon gesprochen. In den letzten Jahren hat der Schauspieler Paul Niederhauser viel für diese berndeutschen Gedichte getan.
Rezitationen mit Gitarre und Klarinette
Nun erscheint die CD «Verbannte Träume». Sie bringt eine Auswahl von rund dreissig berndeutschen Gedichten aus «Mys Ämmital» und konfrontiert sie mit einer Auswahl von «Weisheiten in Zweizeilern», die Loosli 1934 im Berner Feuz Verlag veröffentlicht hat. Diese Weisheiten sind hochdeutsch und in Distichen abgefasst – einer kunstvollen zweizeiligen Form, die schon im alten Griechenland verwendet worden ist.
Vorgetragen werden die Texte abwechselnd von Jasmine Jäggi und Walter Stutz vom Theater 1231. Dieses Theater ohne feste Bühne wurde 2009 gegründet und will die Tradition jenes kritischen Volkstheaters weiterführen, für das zwischen 1978 und 1998 Peter Schneiders Kellertheater 1230 an der Kramgasse 4 weitherum bekannt geworden ist. Jäggi und Stutz beherrschen Looslis Berndeutsch, und sprechen so präzis, dass man mit dem Buch in der Hand feststellen kann, dass Loosli in einem Gedicht von 1911 «e wungerschöne Troum» hat («E Troum»), ihm aber in einem später geschriebenen Gedicht «öppis Wunderschöns ertroumet» («E Troum [2]). Daraus kann man schliessen, dass Loosli – seit 1904 in Bümpliz lebend – das emmentalische «Wunger» später als stadtbernisches «Wunder» geschrieben hat. Item.
Jäggi und Stutz rezitieren wenn nötig auch mit ironisch verstellter Stimme oder – in «Chilbi» – gar rhythmisiert und halb singend über eine volkstümliche Melodie. Die hochdeutschen Weisheiten in Zweizeilern bringen sie nicht in abgehobenem Bühnendeutsch, sondern so, wie man im Emmental eben etwa hochdeutsch spricht.
Die insgesamt 62 kurzen Nummern der CD bieten aber mehr als Texte: Das Duo Macchia (Gerrit Boeschoten, Klarinette und Daniel Jaun, Gitarre) lockern mit musikalischen Zwischenspielen auf, leiten die «Weisheiten in Zweizeilern» jeweils mit Kürzestimprovisationen ein und unterlegen einzelne Rezitationen mit sinnigem Hintergrund: Das berührende Gedicht «Unehlig» mit der Klezmermelodie «The Blessing Nigun», den «Summeräge» mit einer Etüde des kubanischen Komponisten Leo Brouwer, die aus lauter plätschernd gebrochenen Akkorden besteht, das schwermütige Sonett «Winternäbu» mit langen, im Hintergrund verhallenden Klarinettentönen.
Ist Loosli der Grossvater der «modern mundart»?
Das Besondere an dieser CD ist der kluge Feinsinn, mit dem Texte und Musik interpretiert werden und das Material zu einem Ganzen montiert ist. Auf der Textebene brechen die hochdeutschen Einsprengsel geschickt den Eindruck des Heimattümelnden, den Looslis zum grossen Teil vor über hundert Jahren gewählte Dialektwörter hervorrufen könnten. Und in gleicher Weise bricht die Musik jede falsche Idylle: Zwar gibt ist auch schweizerisch Volksmusikalisches zu hören, aber diese Klänge werden konfrontiert mit Melodien aus anderen Weltgegenden und aus anderen Zeiten.
Stark wirken insbesondere die eingestreuten Four Pieces von Igor Strawinsky, von denen das Andante als Leitmotiv dreimal erklingt. Diese Klänge wirken wie Gesten der Welthaltigkeit, die diskret darauf hinweisen: Verwechsle Loosli nicht mit einem Gespenst aus dem «bluemten Trögli» – wenn es überhaupt so etwas wie eine schweizerische Moderne gegeben hat, so ist er einer ihrer Protagonisten. Ist Loosli mit «Mys Ämmitaw» am Ende gar der Grossvater jener Lyrik in der Berner Umgangssprache, die Walter Vogt 1967 mit «modern mundart» bezeichnet hat?
Dazu bringt die CD «Verbrannte Träume» Looslis Meinung unter dem Titel «Nachruhm» allerdings kurz und bündig so:
«Nachruhm, wenn wir ihn erlebten,
wie würd er uns bitter enttäuschen,
würde an uns doch gerühmt,
was wir selbst niemals gemeint!»