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Seit neun Tagen ist Flug MH370 der Malaysia Airlines spurlos verschwunden. Seither jagen sich wilde Gerüchte und widersprüchliche Informationen. Versuch einer Einordnung.
Ein Flugzeug verschwindet auf Nimmerwiedersehen – so etwas kommt häufiger vor als man denkt. Doch der Fall der verschollenen Boeing 777 der Malaysia Airlines ist in mancher Hinsicht einzigartig. Noch nie ist ein Jet dieser Grössenordnung mit 239 Personen an Bord verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Viele Fragen bleiben offen.
Flug MH 370 startete am 8. März um 0.41 Uhr Ortszeit von Kuala Lumpur in Richtung Peking. Um 1.07 Uhr sandte das Aircraft Communications Adressing and Reporting System (ACARS) letztmals ein Signal. Das nächste wäre eine halbe Stunde später fällig gewesen, wurde jedoch nie registriert. Um 1.19 Uhr erfolgte der letzte Funkspruch an die Bodenkontrolle: «Alright, good night.» Die Ermittler gehen davon aus, dass er nicht vom Piloten Zaharie Ahmad Schah, sondern vom Kopiloten Fariq Abdul Hamid abgesetzt wurde.
Um 1.21 Uhr fiel das Transponder-Signal des Jets aus, danach bestand kein direkter Kontakt mehr. Um 1.30 Uhr wurde die Maschine letztmals von einem zivilen und um 2.40 Uhr von einem militärischen Radar erfasst. Da war sie bereits von der Nordost-Route abgewichen und Richtung Westen über der Strasse von Malakka unterwegs. Ein Satellit empfing noch bis 8.11 Uhr so genannte Ping-Signale. Die Ermittler glauben, dass die Boeing noch bis sieben Stunden in der Luft war, nachdem die Kommunikationssysteme deaktiviert worden waren.
Aufgrund der Satelliten-Signale schliessen die Ermittler auf zwei riesige mögliche Korridore. Der eine erstreckt sich über Laos und den Süden Chinas bis an die Grenzen von Kasachstan und Turkmenistan. Der andere läuft in südlicher Richtung von Indonesien in den Indischen Ozean hinein, wo es nur kleine Inseln gibt, die zu Australien gehören.
Der Satellit registriert nur den Winkel des Ping-Signals, er kann den Ort nicht lokalisieren, von dem es gesendet wurde. «Malaysia Airlines soll ihre 777-Flotte noch nicht auf das neueste Inmarsat-System umgestellt haben, das eine exakte Positionsbestimmung über mehrere Satelliten ermöglicht», schreibt die Aviatik-Website aero.de. Deshalb sind zwei gegensätzliche Routen auf dem gleichen Radius denkbar (siehe Grafik). Man arbeite daran, die Informationen weiter zu verfeinern, heisst es aus Ermittlerkreisen.
Bei einem Flug auf der Südroute ist ein Absturz ins Meer sehr wahrscheinlich. Der Indische Ozean ist dort teilweise mehr als 3000 Meter tief, was eine Ortung erschwert. In nördlicher Richtung könnte das Flugzeug theoretisch irgendwo gelandet sein. Doch in dieser von politischen Spannungen geprägten Region gibt es viele militärische Radaranlagen.
Zwar könnte man die Maschine so tief steuern, dass sie unter dem Radarschirm «durchrutscht». Doch das bedingt enormes fliegerisches Können, und der Treibstoffverbrauch ist sehr hoch. Experten bezweifeln deshalb, dass die Boeing 777 unentdeckt geblieben wäre. Sie kann mit ihrer Grösse auch nicht auf jedem Rollfeld landen. Trotzdem verfolgen die Ermittler gemäss «Wall Street Journal» die Vermutung, dass das Flugzeug entführt wurde «mit der Absicht, es später für einen anderen Zweck zu verwenden». Zum Beispiel für einen Terroranschlag?
Es ist eines der grössten Rätsel um MH370: Warum haben die 227 Passagiere nicht eingegriffen, wenn das Flugzeug noch fast sieben Stunden in der Luft war, nachdem es den Kurs gewechselt hatte? Im Fall von United-Airlines-Flug 93 am 11. September 2001 hatten die Fluggäste die Entführer überwältigt und die Maschine über dem US-Bundesstaat Pennsylvania zum Absturz gebracht.
Eine Möglichkeit wäre, dass die Passagiere und die Kabinencrew nicht bemerkten, dass etwas schief ging, schreibt der «Guardian». Sie könnten auch bedroht oder bewusstlos geworden sein, etwa durch Sauerstoffmangel. Der «Guardian» hält es für möglich, dass die 777 stundenlang im Autopiloten unterwegs war. Doch das bleibt hoch spekulativ.
Die Ermittler glauben, dass die Kommunikationssysteme «mit hoher Wahrscheinlichkeit absichtlich» abgestellt wurden. Deswegen wird offiziell wegen Sabotage, Entführung und Terrorismus ermittelt. Es gibt jedoch weder ein glaubwürdiges Bekennerschreiben noch ein mögliches Motiv.
Der oder die Täter müssen sich mit der Technologie an Bord eines Flugzeugs ausgekannt haben, deshalb werden Crew und Passagiere entsprechend überprüft. Unter den Fluggästen war ein 29-jähriger Luftfahrtsingenieur, der für die Execujet Aviation Group mit Hauptsitz Zürich gearbeitet hat. Falls jedoch einer oder mehrere Passagiere versucht hätten, das Flugzeug zu kapern, hätte die Cockpit-Crew vermutlich einen Notruf abgesetzt.
Deshalb konzentrieren sich die Ermittlungen auf die beiden Piloten. Der 52-jährige Kapitän Zaharie Ahmad Shah besass einen Flugsimulator, der von seiner Flugleidenschaft zeugte. Er war Anhänger des malaysischen Oppositionsführers Anwar Ibrahim, der am Vortag des Flugs MH370 in einem höchst umstrittenen Verfahren wegen des Vorwurfs der Homosexualität zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war. Berichte, der Pilot sei deswegen ausser sich gewesen, wurden jedoch von einem Parteifreund zurückgewiesen.
Der 27-jährige Kopilot Fariq Abdul Hamid ist der Sohn eines einflussreichen Beamten. Er wird als «folgsam und fromm» beschrieben, allerdings nahm er es mit den Vorschriften nicht immer so genau. Einmal lud er zwei Frauen unerlaubt ins Cockpit ein. Hamid soll den letzten Funkspruch abgesetzt haben.
Doch für ihn wie für Schah gilt: Ein überzeugendes Motiv ist nicht erkennbar. Auch ein gemeinsames Vorgehen bei der Kaperung der Maschine ist unwahrscheinlich. Laut Malaysia Airlines haben sie nicht verlangt, zusammen auf Flug 370 eingeteilt zu werden.
Das Schicksal von MH370 ist eines der grossen Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Weitere Fragen stellen sich, etwa warum die Handys der Passagiere nicht geortet werden können, obwohl einzelne noch Tage nach dem Verschwinden ein Freizeichen sendeten? Sogar über eine «Cyber-Entführung» wird spekuliert. Die technischen Möglichkeiten sollen vorhanden sein. Aber lässt sich ein Grossraumflugzeug sieben Stunden mit «Fernsteuerung» in der Luft halten, ohne dass jemand an Bord eingreifen kann?
Fragen über Fragen, die Antworten aber fehlen. Und vielleicht wird es sie nie geben, falls die 777 tatsächlich in den Tiefen des Indischen Ozeans versunken ist. Aviatik-Experten gehen davon aus, dass es Jahre dauern könnte, bis man das Flugzeug findet – wenn überhaupt.