Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03570.jsonl.gz/775

«Big yellow taxi» von Joni Mitchell Songs und ihre Geschichten
Mit ihren Liedern führte Joni Mitchell Folk, Pop und Jazz auf ein neues Level. In ihrer Stimme, die von sirenenhaftem Sopran bis zu brüchigem Alt in den späteren Jahren reicht, schwingt schon der ganze Mythos Joni mit. Eine Stimme, die fasziniert, berührt, manchmal auch verstört.
Von Urs Musfeld
Für ihre Virtuosität an der Gitarre musste Joni Mitchell hart trainieren. Nach einer Kinderlähmung im Kindesalter konnte sie ihre linke Hand nicht mehr vollständig bewegen. Damit sie die Akkorde besser greifen konnte, stimmte sie ihre Gitarre einfach um.
Geboren am 7. November 1943 in der kanadischen Kleinstadt Fort Macleod, begann sie ihre Karriere in der Folkszene von Toronto. 1967 landete sie im Mekka des Singer/Songwritertums, dem New Yorker Greenwich Village.
Begnadete Erzählerin
1969 zog die neunfache Grammy-Gewinnerin nach Los Angeles und im selben Jahr schrieb sie das Lied «Woodstock», das von vielen Kolleg*innen gecovert wurde. Ohne selbst dort aufgetreten zu sein, erfasste sie den Geist des Festivals und verschaffte ihm seine Hymne. Wie kaum eine andere vor ihr sang sie über den kollektiven Aufbruch der 1960er- und 1970er-Jahre, die individuellen Folgeschäden des Scheiterns und die vielen Neuanfänge mit neuen Idealen, neuen Drogen, neuen Männern.
Als die Sängerin, Gitarristin und Pianistin angefangen hatte, Songs zu schreiben, galten ganz klare Erwartungen. Frauen sollten singen und gut aussehen, aber nicht unbedingt eigene Songs schreiben. Männer galten gemeinhin als die besseren Songwriter. Joni Mitchell kümmerte dies wenig und schrieb ihre eigenen Songs.
«Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt.»
Sie erwies sich als genaue Beobachterin und begnadete Erzählerin. «Also ich glaube, ein guter Text ist, wenn es etwas Überraschendes ergibt und wenn Bilder zusammengefügt werden, die man sonst in der Art und Weise noch nicht zusammen gesehen hat. Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt. Meine Songs sind sehr visuell», sagte sie über ihre Kompositionen. Tatsächlich war Mitchell auch als Malerin sehr talentiert. Viele Albumcover auf Basis eigener Ölbilder belegen das.
Einige Themen ihrer Songs sind immer noch relevant. «Big Yellow Taxi» im April 1970 war der erste erfolgreiche Umwelthit. Da war schon alles drin — von der Flächenversiegelung über den Pestizideinsatz bis zum Artensterben.
Pesthauch im Paradies
Joni erläutert: «Ich schrieb den Song während meiner ersten Reise nach Hawaii. Ich nahm ein Taxi zum Hotel, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, zog ich die Vorhänge zurück und sah diese wunderschönen grünen Berge in der Ferne. Doch unter mir erstreckte sich ein Parkplatz, soweit das Auge reichte, und das brach mir das Herz … dieser Pesthauch im Paradies.»
They paved paradise
Put up a parking lot
With a pink hotel, a boutique
And a swinging hot spot
(Sie haben das Paradies asphaltiert
Und einen Parkplatz daraus gemacht
Mit einem rosa Hotel, einer Boutique
Und einer flotten Disco)
In einer Zeile besingt sie die Foster Gardens in Waikiki, im Prinzip ein Museum für bedrohte Baumarten. Mitchell kann es nicht fassen, dass man hier anderthalb Dollar Eintritt zahlen muss für Bäume, die woanders rücksichtslos gerodet werden:
They took all the trees
Put ‚em in a tree museum
And they charged the people
A dollar and a half just to see ‚em
(Sie haben alle Bäume genommen
Und sie in ein Baummuseum getan
Und sie liessen die Leute anderthalb Dollar bezahlen,
Nur um sie zu anzusehen)
«Pack das DDT weg», singt Joni Mitchell in einer anderen Strophe. «Die Flecken auf meinen Äpfeln sind mir egal, solange die Bienen und Vögel am Leben bleiben». Ein erster Protest gegen ein Pflanzenschutzmittel, von dem man erst viel später erkennt, dass es nicht nur Insekten tötete, sondern auch das menschliche Erbgut schädigt.
Und wie eine Gebetsformel klingen die Zeilen: «Don`t it always seem to go that you don`t know what you`ve got till it`s gone?». Erst wenn man etwas verloren hat, weiss man es zu schätzen. Der Songtitel selbst kommt fast nur am Rande vor:
Late last night
I heard the screen door slam
And a big yellow taxi
Took away my old man
(Gestern spät in der Nacht
Hörte ich die Eingangstür zuschlagen
Und ein grosses gelbes Taxi
Fuhr mit meinem Freund davon)
2007 erschien ihr bisher letztes Album «Shine». Nach einem Schlaganfall 2015 widmete sich die heute 76-Jährige nach ihrer Genesung vermehrt der Malerei.
Joni Mitchell war immer eine «musician’s musician», eine Musikerin, die gerade auch von anderen Musikern hochgeschätzt wird. Leonard Cohen, einer ihrer früheren Geliebten, brachte es auf den Punkt: «Du hast die Art verändert, wie Frauen singen und Männer zuhören».
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/