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Zivilisierter, aber häufig ausweichend
Verglichen mit der ungezügelten und lärmigen Schlammschlacht, die Donald Trump in der vergangenen Woche bei der ersten Präsdidentschaftsdebatte gegen seinen Herausforderer Joe Biden provoziert hatte, war die Diskussion zwischen dem amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence und seiner demokratischen Kontrahentin Kamala Harris eine verhältnismässig würdige Auseinandersetzung. Die Kontrahenten fielen sich nicht ständig ins Wort und liessen sich am Ende sogar herbei, der Gegenseite einen gewissen Respekt zu bezeugen. Vor allem Pence war aber selten bereit, der mehrfach wiederholten Aufforderung der Moderatorin zu folgen und die vereinbarten Redezeiten einzuhalten.
Gebremste Schlagkraft?
Pence wirkte in seiner Rhetorik steifer und zugeknöpfter als die kalifornische Senatorin Kamala Harris, die mehr Temperament zeigte und die im Falle eines demokratischen Wahlsieges als erste Frau und als erste farbige Politikerin in Amerika das Amt einer Vizepräsidentin übernehmen würde. Als Juristin und langjährige frühere Staatsanwältin ging ihr der Ruf voraus, eine besonders schlagkräftige Debattenrednerin zu sein. Wenn sie über diese Qualitäten tatsächlich verfügt, so hat sie sie gegenüber Pence nicht voll zur Entfaltung gebracht. Bei einigen Punkten liess sie die Gelegenheit aus, Pence auf offenkundige Widersprüche und Unwahrheiten in seiner Argumentation festzunageln. Möglicherweise wollte sie mit solcher Zurückhaltung auch einen Kontrast zur aggressiven Bulldozer-Vorstellung zeigen, die Präsident Trump in der vergangenen Woche beim Duell gegen Joe Biden inszeniert hatte.
Wer bei dieser Debatte mehr Punkte respektive Wählerstimmen gewonnen hat, wird nie eindeutig zu messen sein. Erste Blitzumfragen im amerikanischen Fernsehen sehen Kamala Harris mit deutlichem Vorsprung, doch sind solche Erhebungen mit grosser Vorsicht zu geniessen. Ohnehin wird allgemein angenommen, dass die Mehrheit der Amerikaner, die sich am Wahlgang beteiligen werden, ihre Entscheidung bereits gemacht haben. Nur eine Minderheit unter ihnen dürfte durch diese Debatten bei der Stimmangabe noch beeinflusst werden. Bis zur Wahl am 3. November sind zwei weitere Duelle zwischen Trump und Biden vorgesehen. Trump beharrt trotz seiner Corona-Infektion, von der er kaum schon restlos genesen ist, darauf, diese beiden Auftritte zu bestreiten.
Wortreiches Ausweichen
Wenig überzeugend für die Zuschauer war die Tendenz von Harris und Pence, auf bestimmte konkrete Fragen der Moderatorin Susan Page eine klare Antwort zu vermeiden. Der amtierende Vizepräsident übte sich besonders hartnäckig in der Taktik des wortreichen Ausweichens. Er vermied jede halbwegs greifbare Aussage zur Frage, ob der Präsident bei jüngsten Veranstaltungen im Weissen Haus, bei der eine grössere Anzahl von Gästen dicht gedrängt und ohne Masken zugegen war, die Vorsichtsmassnahmen gegen die Corona-Ansteckung allzu fahrlässig ignoriert habe.
Auch zum Thema von Trumps Einkommenssteuerzahlungen, die laut Enthüllungen der «New York Times» während einer Reihe von Jahren nur einen für einen Milliardär lächerlichen Betrag ausmachten, blieb Pence eine glaubhafte Antwort schuldig. Das Gleiche gilt für seine Antwort auf die Frage der Moderatorin, ob die Administration Trump-Pence den Klimawandel als eine existenzielle Herausforderung für Amerika betrachte. Wie Trump behauptet er, die katastrophalen Waldbrände in Kalifornien seien in erster Linie die Folge einer unzureichenden Forstwirtschaft. Die erklärte Absicht Bidens, als Präsident die USA wieder am internationalen Pariser Abkommen gegen die Klimaerwärmung zu beteiligen, geisselte Pence dagegen als einen Feldzug zur Überregulierung des Umweltschutzes und als Anschlag gegen das Wirtschaftswachstum. Im Zusammenhang mit der Wirtschaft behauptete er weiter, seine Herausforderin Harris stehe politisch weiter links als der demokratische Linksexponent Bernie Sanders.
Streitpunkt Supreme Court
Aber auch die kalifornische Senatorin spielte während der Debatte nicht durchwegs mit offenen Karten. Zur Beteuerung von Pence, die Demokraten hätten im Falle eines Wahlsieges die Absicht, die Zahl der Richter am Obersten Gericht zu erweitern, um so eine progressive Mehrheit durchzusetzen, vermied sie ein klares Dementi. Zwar wäre ein solches Manöver höchstens dann theoretisch möglich, wenn die Demokraten im November nicht nur die Präsidentschaft, sondern auch die Mehrheit im Senat gewinnen würden.
Und selbst in diesem Fall steht in keiner Weise fest, dass Präsident Biden und eine Senatsmehrheit zu einer personellen Umschichtung im Supreme Court Hand bieten würden. Weil Harris es aber vermied, diese Möglichkeit kategorisch auszuschliessen, bietet sie den Republikanern die Chance, die Demokraten als politische Radikalisten anzuschwärzen. Ob Ihnen das im Wahlkampf nützen wird, ist allerdings ziemlich zweifelhaft. Seit Monaten sagen die demoskopischen Umfragen einen Wahlsieg von Biden-Harris voraus.