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Am 28. Dezember ist die amerikanische Essayistin und Schriftstellerin in New York gestorben.
Ich denke sofort, dass Susan Sontag dieses Layout gefallen hätte. Die Relativität ihres eigenen Lebens und Sterbens angesichts des Leidens anderer - hier der Tsunami-Opfer - das ist etwas, das sie nicht bloss in ihren Essays durchdacht, sondern auch mit Reisen und Solidaritätsaktionen für Vietnam, Kuba, Sarajewo (wo es bald eine Susan-Sontag-Strasse geben soll), Polen und Palästina/Israel praktiziert hat. Und die virtuelle Nachbarschaft zum delikat und mit Stil zubereiteten Vierstern-Blaubarsch hätte sie, die Autorin der 1964 erschienenen «Notizen zum Camp», einer witzigen und vor-postmodernen Entthronung des Ernstes im Umgang mit Kunst und Leben, bestimmt amüsiert. In gewisser Weise sagt diese nach den gängigen Regeln der Massenkommunikation zusammengestellte Titelseite mehr über die weltoffene US-amerikanische Intellektuelle aus als viele der langen feierlichen Nekrologe, die mit grossen künstlerisch hochstehenden Fotos der Autorin, aufgenommen zum Beispiel von Sontags zeitweiliger Lebenspartnerin Annie Leibowitz, vorab dem Ikonenstatus der Verstorbenen huldigen.
In den siebziger und achtziger Jahren wurde Susan Sontag einerseits als Hohepriesterin der US-Avantgarde gefeiert, andererseits war sie für viele der 68er-Generation schon etwas alt - über dreissig! - und passte mit ihrer Belesenheit eher in die Reihe der Professoren als der StudentInnen. Dank ihrem Flair für öffentliche Auftritte und Polemiken konnte man sie wirkungsvoll als alternative Autorität zitieren oder kritisieren, ohne sie gründlich gelesen zu haben. Das galt besonders für ihre politisch stets kühnen und manchmal etwas voreiligen Statements: erst für Hanoi und Kuba, später gegen den europäischen Kommunismus («ein Faschismus mit menschlichem Gesicht»), für den Militäreinsatz in Sarajewo, aber gegen den aktuellen Krieg im Irak. Und was ist nicht alles über die «Krankheit als Metapher» gesagt und geschrieben worden, ohne Sontags 1978 erschienenes gleichnamiges Buch (deutsch 1980) wirklich zur Kenntnis zu nehmen; dasselbe wiederholte sich bei «Aids und seine Metaphern» (englisch und deutsch 1989). Die wenigsten von uns haben gewusst, wie sehr sich die Autorin selber seit 1976 mit der Krankheit Krebs auseinander setzen musste, wie aggressiv und schmerzhaft die Operationen und extremen Bestrahlungen waren, mit denen sie ihr Leben erhalten wollte und jahrzehntelang auch konnte - nicht um jeden, aber doch um einen beachtlich hohen Preis.
Wer will, kann in Sontags Büchern und Essays verfolgen, wie diese Verletzungen ihr Mitgefühl gestärkt haben - nicht in der narzisstischen Form des Selbstmitleids, wozu sie allen Grund gehabt hätte, sondern als Empathie, als Mitleiden mit anderen. Ein Mitleid, das allerdings nach Ansicht der nach eigenen Angaben «besessenen Moralistin» immer mehr sein muss als bloss sentimentale Überidentifikation via TV-Röhre: «Die fingierte Nähe zum Leiden der andern, das durch Bilder geschaffen wird, behauptet eine Verbindung zwischen den weit entfernten Leidenden - die in Nahaufnahme auf dem Fernsehschirm erscheinen - und den privilegierten ZuschauerInnen, die einfach nicht wahr ist. Es ist eine weitere Vertuschung unseres wirklichen Verhältnisses zur Macht (...) Bilder können nur die Hölle zeigen, nicht den Weg hinaus.» Was Sontag in ihrem Buch «Die Leiden anderer betrachten» (2003) über die Kriegsberichterstattung sagt, gilt sinngemäss auch für eine Naturkatastrophe wie die Flutwelle im Indischen Ozean, die, wie die Wirtschaftsblätter frohlocken, zwar viele Menschen erfasst hat, aber kaum die global relevante ökonomische Infrastruktur.
In den sechziger und siebziger Jahren hatte sich Susan Sontag vor allem mit noch starren Grenzen und unversöhnlichen Gegensätzen von E- und U-Kultur, Stil und Inhalt, Moral und Ästhetik, Denken und Fühlen, Verstand und Sinnlichkeit auseinander gesetzt - in Büchern wie «Against Interpretation» (1966, dt. «Kunst und Antikunst») oder «On Photography» (1977, dt. «Über Fotografie»). Sie hat für mehr Sinnlichkeit und weniger Schulmeisterei im Umgang mit Kunst und Alltag plädiert. Oder wie der «New Yorker» es formuliert: Sontag verband ihre Leidenschaft für neue Arten des Sehens, etwa für Godard, Artaud oder Kunst-Happenings mit einer Treue zu klassischen Werten wie Wahrheit, Schönheit und Würde und baute so einer ganzen Generation eine Brücke zur Moderne; ich würde sogar sagen: und darüber hinaus.
Vielleicht machte nicht zuletzt das Überbrücken von (unsichtbaren) Hürden in ihrer eigenen - man könnte sagen typisch amerikanischen - Biografie Susan Sontag zur guten Vermittlerin. Zwar durchläuft die am 16. Januar 1933 in Manhattan geborene Susan Rosenblatt nicht die klassische Karriere von der Tellerwäscherin zur Millionärin, aber eine Variante davon. Sie kommt aus gutbürgerlicher Familie mit Hausangestellten; der Vater betreibt Pelzhandel mit China und ist meist landesabwesend, die Mutter Alkoholikerin und auch oft weg. Mit fünf Jahren verliert Susan ihren Vater, die Mutter verheiratet sich mit einem Mr. Sontag; die Familie lebt fortan im Südwesten der USA, in Tucson und Los Angeles. Die Tochter ist ein klassischer Blaustrumpf; sie wird von beiden Elternteilen gewarnt, dass zu viel Lesen sie für Männer unattraktiv mache. Diese Sorge war umsonst. Susan Sontag schliesst mit fünfzehn die North Hollywood High School ab, studiert einige Semester an der UC Berkeley in San Francisco. Mit siebzehn geht sie an die Universität von Chicago, trifft den Soziologiedozenten Philip Rieff, den ersten Menschen, mit dem sie wirklich reden kann, wie sie sagt. Zehn Tage später sind die beiden verheiratet. Sie ziehen zusammen nach Boston. 1952 kommt Sohn David zur Welt. 1954 schliesst Sontag an der Harvard Universität mit einem Masters Degree in Englisch ab, ein Jahr später folgt der Philosophieabschluss. Weitere Studien in Oxford und Paris. 1958 Scheidung von Dr. Rieff. 1959 kommt die sechsundzwanzigjährige Frau nach New York zurück - «mit 70 Dollar, zwei Koffern und einem Siebenjährigen», wie sie selbst schreibt. Sie arbeitet als Dozentin und Redaktorin. 1963 kommt ihr erster Roman «Der Wohltäter» heraus; vier Jahre später folgt «Todesstation». Sontag selber ist mit ihrer schriftstellerischen Leistung nicht zufrieden. Die nächsten Jahrzehnte konzentriert sie sich auf Essays, Erzählungen, Kurzgeschichten, Filmskripts, Stücke.
Erst 1992 schreibt sie ihren dritten Roman «Der Liebhaber des Vulkans» - ein Bestseller, wie auch das 2000 erschienene «In Amerika»: die Geschichte der polnischen Schauspielerin Helena Modjeska, die im 19. Jahrhundert nach Kalifornien emigrierte, um dort eine Kommune à la Fourier zu gründen. Dieses Buch habe ich in der Wochenzeitung damals ziemlich bissig rezensiert: als «Hinwendung von analytischem Scharfsinn zu schriftstellerischer Belanglosigkeit». Ich konnte es Susan Sontag einfach nicht verzeihen, dass sie statt weitere brillante Essays höchst mittelmässige Romane schreibt und diese erst noch höher schätzt als ihre Sachbücher.
Erst bei der Lektüre einer Rede, die Susan Sontag Ende April letzten Jahres anlässlich einer Literaturpreisverleihung in Los Angeles hielt, verstand ich etwas von ihrer Motivation, vom Essay zur Erzählung umzusteigen. Immer noch geht es ihr darum, die Welt für den Einzelnen und für die Menschheit auszuweiten und die Herzensbildung - die Fähigkeit zur Anteilnahme - zu fördern. Doch während sie das in den sechziger Jahren vorab mittels Abbau erstarrter Sehgewohnheiten anstrebte, sieht Susan Sontag jetzt die überwältigende Menge und Ubiquität von Information und Sinneseindrücken als Hindernis für eine weltumspannende Humanität und ein fundiertes moralisches Urteil. Literatur, meint sie, könne heute Verantwortung für die Weltvermittlung übernehmen, weil jede Geschichte die Verbreitung und Gleichzeitigkeit von allem Geschehen in eine Form bringt und dabei ästhetische und moralische Prioritäten reflektiert und setzt. Noch einmal, diesmal mit Belletristik, will uns die Autorin lehren, Spannung wahrzunehmen und auszuhalten zwischen hier und dort, Glück und Unglück, sich und den andern. Es sei nicht «natürlich», sich ständig daran zu erinnern dass die Welt so weit und ausgedehnt sei. Dafür brauche es die Literatur. Oder aber eine Essayistin wie Susan Sontag.