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Im Sommer 1993 war ich erstmals alleine in Übersee unterwegs. Nach dem Start in Miami, einem Abstecher in die Appalachen, einer aufregenden Woche in Manhattan und einer langen Fahrt durch Neuengland, Québec und Ontario um die grossen Seen hatte ich bereits über 10’000 Kilometer auf dem Zähler.
Mitte Juli erreichte ich Montana – nach einer langen Fahrt durch die Great Plains wurde die Landschaft endlich wieder etwas spannender. Unterkünfte durften damals kaum etwas kosten, das Reisebudget war beschränkt. Mein Erspartes aus der Radioarbeit sowie der Zustupf meiner Sedruner Grossmutter waren zwar stattlich, aber ich war total viereinhalb Monate unterwegs und schrieb jeden ausgegebenen Cent in ein Büchlein.
So folgte ich begeistert den Schildern “Motel 20$” an der Interstate 94. Das war schon extrem günstig. Ob da ein Haken war? Die Ausfahrt hiess “Wibaux”. Der Ort ist gemäss Wikipedia anno 1895 nach dem französischen Einwanderer Pierre Wibaux benannt worden. Ein klassisches Kaff in the middle of nowhere mit knapp 600 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Im Ort selbst fand dann ich ein neues Schild: “Motel 15$” – ja was denn, das ist doch nicht möglich! Doch, war es.
Die kleine Unterkunft nannte sich “W+V Motel” – hierher verirrten sich höchstens Durchreisende von Ost nach West oder umgekehrt, die dringend einen Platz zum Schlafen brauchten. Für W+V war es aber ein willkommener Nebenverdienst. Wie sich herausstellte, sollte das eine meiner schönsten Begegnungen der ganzen Reise werden.
Das ältere Paar war mir von Beginn an sympathisch, und ich ihnen scheinbar auch: Willis und Vonda Stull luden mich in ihre Stube ein und begannen zu erzählen.
Sie seien 50 Jahre verheiratet – Willis sei bei ihrer Hochzeit 1943 in der Navy gewesen, stationiert im Pazifik. Er gab Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg zum Besten, wie ich sie noch nie gehört hatte. In meinem Tagebuch steht auch, dass sie Clinton gewählt hätten – das schien ihnen (und mir) wichtig zu sein. Seit 1955 betrieben sie neben ihren bäuerlichen Arbeiten das Motel.
Auch Kater Tom muss im Krieg gewesen sein: Sein Ohr hatte im Kampf ein paar arge Schrammen davon getragen. Es schnurrte aber gemäss meinen Aufzeichnungen während des ganzen Abends und hielt bereitwillig sein Bäuchlein zum Kraulen hin. Irgendwann war es Mitternacht und Zeit zum Schlafen.
Sie servierten am Morgen noch einen Kaffee – auch ihre Tochter und ihr Sohn kamen noch für einen Schwatz – und wir machten ein paar Polaroid-Fotos und Dias. Willis und Vonda verabschiedeten sich mit einer dicken Umarmung und der Aussage “we wish you could be our son”. Das mag etwas “amimässig dick aufgetragen sein”, widerspiegelte aber definitiv die Stimmung an diesem 14. und 15. Juli 1993.
Mit einem warmen Gefühl im Bauch und der Erkenntnis, einen echten Cowboy kennengelernt zu haben, bestieg ich meinen Chevy 87 Station Wagon und brauste gen Westen zum Yellowstone Park weiter.
Wenn ich “einfach liebe Menschen” beschreiben müsste, kämen mir wohl zuerst Willis und Vonda in den Sinn. Das charmante Paar ist bis heute vermutlich die netteste Kurzbekanntschaft meines Lebens.