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Zum Autor
Peter Arbenz, 78, war von 1990 bis 1993 Direktor des Bundesamts für Flüchtlinge. Von 2001 bis 2012 war er Präsident der Entwicklungsorganisation Helvetas. 1997 wurde er mit dem Preis für Menschlichkeit der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz ausgezeichnet.
Ich bin Schweizer. Meine Vorfahren stammen aus dem Aostatal. Damals wohnten einige «Arbensons» auf einer kärglichen Alp, andere betrieben Mühlen an Bergbächen. Sie hatten ein hartes Leben, und so entschlossen sich im 16. Jahrhundert einige tüchtige Söhne, in die Schweiz auszuwandern.
«Mein» Arbenzen-Zweig liess sich in Andelfingen im Zürcher Weinland nieder und widmete sich wieder der Müllerei. Auch Schweizer wanderten und wandern aus. Sie verlassen im Erwerbs- oder im Pensionsalter ihre Heimat, kappen ihre Wurzeln und finden dort eine neue Heimat, wo sie in anderen Kulturkreisen neue berufliche Herausforderungen erwarten beziehungsweise in einem milderen Klima mit preisgünstiger Alterspflege rechnen können.
Meine erste Heimat war ein Winterthurer Vorstadtquartier, wo ich bei Eltern und Grosseltern aufwuchs. Mit der Heirat zog ich aus und verbrachte mit meiner jungen Familie bald einige Jahre in Tunesien und Nepal. Seit 40 Jahren leben wir im eigenen Haus in Winterthur-Seen.
Glücklicherweise verschont geblieben
Mein jahrelanges Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit führte mich in verschiedene Länder aller Kontinente. In persönlichen Begegnungen mit Dorfgemeinschaften, sei es in Kamerun, Mali, Sri Lanka, Nepal, Laos oder Guatemala, wurde mir bewusst, dass auch für diese Menschen ihre Familie, Sippschaft und der ethnische Clan Heimat bedeuten und sie das Land, dem sie ihre Existenz verdanken, lieben.
Viele tüchtige Erwachsene trennen sich aber frühzeitig von der Heimat, weil sie zu Hause keine Lebensperspektiven sehen, und suchen ihr Glück in der Fremde. Andere müssen fliehen, weil ihr Leben bedroht ist oder Bürgerkriege oder Naturkatastrophen sie vertreiben. Ein solches Schicksal ist mir und meiner Familie glücklicherweise erspart geblieben.
Im Kontakt mit Migranten und Flüchtlingen erlebte ich in der Schweiz oft schwierige Einzelschicksale, Menschen in ihrem Trennungsschmerz, aber auch mit der Hoffnung, bei uns aufgenommen zu werden – mit dem Wunsch, sich hier zu integrieren und eine neue Heimat zu finden.
Manchmal kommen mir Zweifel
In Andelfingen, wo meine Vorfahren einwanderten, bin ich mit Migrationshintergrund heimatberechtigt. In meiner Wohnstadt Winterthur fühle ich mich zu Hause und bin hier mit Freunden und Nachbarn verbunden. Letztlich ist meine Heimat die Schweiz.
Bürger dieses Staates zu sein ist ein Privileg und erfüllt mich mit Dankbarkeit. Die Schweiz hat mir berufliche Perspektiven und Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet. So konnte ich etwa als Stadtrat und Bauvorsteher in Winterthur Gassen und Plätze neu gestalten, schützenswerte Gebäude renovieren und mehr. Ich liebe diese Stadt. Die Winterthurer geben sich gern bescheiden, wissen aber ihre Wohn- und Lebensqualität zu schätzen.
Nicht nur unserer Stadt, auch unserem Land wollte ich immer auf verschiedene Art und Weise dienen, mich für seine Werte einsetzen, sei es zu Hause oder im Ausland. Wäre die Schweiz je militärisch bedroht gewesen, hätte ich sie als Milizsoldat und Brigadekommandant verteidigt.
Heute kommen mir allerdings manchmal Zweifel, ob die Schweiz immer noch das Land sei, das sich einst so offen, freiheitlich und demokratisch entwickelt hat. Wir pflegen mit anderen Europäern friedliche Beziehungen. Doch wir Eidgenossen sind etwas engstirnig geworden, sorgen uns um den Verlust unseres eigenen Wohlstands, statt notwendige Reformen anzupacken und uns für die grundlegenden politischen Werte einzusetzen, die die Schweiz verkörpert.
Im sicheren Heimathafen leben wir Schweizerinnen und Schweizer in gegenseitiger Abhängigkeit mit ausländischen Partnern gut. Wir dürfen uns deshalb nicht isolieren, sondern müssen mit der ganzen Welt solidarisch vernetzt bleiben. Denn auch wir sind auf sie angewiesen.
Autor: Peter Arbenz
Bilder: Andri Pol, Janosch Abel
Illustration: Thilo Rothacker