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Der Basler Zeckenforscher Willy Burgdorfer wurde durch die Entdeckung des
Erregers der Lyme-Borreliose schlagartig berühmt. Nun beleuchtet ein neues Buch
der Wissenschaftsjournalistin Kris Newby seine Rolle im US-Biowaffenprogramm.
Martin Hicklin
Es war eine mysteriöse Krankheit, die da Anfang der siebziger Jahre im US-Bundesstaat Connecticut und New York die Menschen zu befallen begann. Zu Dutzenden erkrankten vor allem junge naturliebende Leute. Sie klagten über Fieberschübe und Gelenkschmerzen. Oft zeigte sich zu Beginn ein wandernder ringförmiger Ausschlag: Erythema migrans. Besonders betroffen war die Gegend um die Städtchen Lyme und Old Lyme. Das Leiden bekam den Namen Lyme-Krankheit. Bald war klar, dass es sich um eine durch einen von der Hirschzecke Ixodes scapularis übertragenen Erreger ausgelöste Infektion handelte. Wer das war, blieb vorerst ein Rätsel. Die schwarzbeinige Zecke, eng verwandt mit dem in Europa parasitierenden Holzbock Ixodes ricinus, lauert ihren unfreiwilligen Gastgebern auf Gräsern und Büschen auf. Als Zwischenwirte dienen Hirsche, Hunde und kleine Säugetiere, vor allem Nager.
1981 ging Jorge Benach von der Stony Brook University auf Shelter Island vor der Küste New Yorks Zecken sammeln. Im Herbst sandte er einen Teil seiner Ausbeute in die fernen Rocky Mountain Laboratories im Flecken Hamilton (US-Staat Montana) an einen anerkannten Spezia-
listen für Zecken: Willy Burgdorfer, damals 56 Jahre alt, Amerikaschweizer und in Basel ausgebildet. Er wollte untersuchen, ob Benachs Zecken den Erreger des gefürchteten Rocky Mountains Fleckfiebers mit sich trugen.
Burgdorfer hatte zu den ersten zwei Doktoranden von Rudolf Geigy am damals noch jungen Schweizerischen Tropeninstitut gehört. Gründer Rudolf Geigy interessierte sich für das verheerende Zeckenrückfallfieber in Afrika. Burgdorfer fiel es zu, Hunderte von Zecken zu sezieren, die Geigy auf seinen Reisen in Afrika sammelte und per Post nach Basel schickte. Mit für die Augenchirurgie entwickelten Skalpellen und Schweizer Uhrmacherpinzetten untersuchte er die blutsaugende Ornithodoros moubata auf den Erreger Borrelia duttoni und klärte in einer Doktorarbeit, wie die Zecke die Spirochaeten in die Wirte bringt. Tausende der achtbeinigen Blutsauger hatte er in Basel und seit 1951 in Hamilton seziert. «Ich bin der Zeckenchirurg», sagte Burgdorfer von sich.
Als er nun Benachs Zecken öffnete und ihren Hämolymph untersuchte, entdeckte er im Mitteldarm plötzlich schwach sichtbare Korkenzieherspiralen. Es waren Borrelien, wie Burgdorfer sie aus Basel kannte. Heureka! Der Erreger der Lyme-Krankheit war gefunden. Die Spirochaete wurde später zu seinen Ehren Borrelia burgdorferi getauft. Es war ein Münzenwurf, der den Basler Zoologen 1951 in die USA gelenkt hatte. Als Sohn eines Detektivkorporals war Willy 1925 als jüngerer von zwei Brüdern in Basels Kleinhüningen aufgewachsen. Die Verhältnisse waren eng, und doch gelang es ihm, gegen alle Voraussagen das Gymnasium zu bestehen. In seinem Zoologiestudium an der Universität Basel spezialisierte er sich in Parasitologie und bewarb sich erfolgreich um einen Forschungsplatz am neuen Tropeninstitut. Hätte Doktorvater Rudolf Geigy das Einfrankenstück etwas anders geworfen und wäre Helvetia nicht mit Schild und Speer auf die Nase gefallen, Willy Burgdorfers Zukunft hätte anders ausgesehen. Doch auf «Kopf» hatte er gesetzt, als es auszulosen galt, wer von den
zwei ersten Doktoranden des Instituts als Postdoc ins begehrenswert warme Sardinien oder – zweiter Preis – über den Atlantik an das Rocky Mountain Laboratories ziehen darf. Dort suchte der mit Geigy bekannte Direktor einen Fachmann für Parasiten, Zecken insbesondere. Dass das
Los entscheiden sollte, war Rudolf Geigys Idee gewesen.
Die Entdeckung, die er 1982 mit Benach und anderen in «Science» publizierte, machte Burgdorfer schlagartig berühmt. Als ich ihn, eben von der Uni Bern mit einem Ehrendoktor beehrt, 1986 bei einem Besuch in Basel für ein Zeitungsporträt traf, meinte er, das Auge für die schwer sichtbaren Borrelien habe er in Basel trainiert. «Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist», hat Louis Pasteur geschrieben. Auch ein Mikrobenjäger.
Die Verbreitung der Lyme-Krankheit hat seit den Anfängen dramatisch zugenommen. Allein in den USA rechnet man mit jährlich 300 000 Fällen. Die meisten verlaufen nach früher Antibiotikabehandlung glimpflich, aber viele entwickeln sich zur chronischen Belastung. Wie sich das anfühlt, davon erzählt die amerikanische Wissenschaftsautorin Kris Newby in ihrem Buch «Bitten» aus eigener schmerzvoller Erfahrung. Sie war 2002 bei einem Bootsausflug auf der gut 100 Kilometer von Lyme entfernten Insel Nashawena mit ihrem Mann von einer Zecke befallen worden.
Mit erzählerischem Talent und gut dokumentiert zeichnet sie das Drama um die Lyme-Krankheit nach. Mit Willy Burgdorfer als Hauptperson. Von den Anfängen in Basel bis 2014, wo Burgdorfer – längst pensioniert – in Hamilton an Parkinson verstirbt. Newbys These: Die Lyme-Krankheit ist die Folge eines Unfalls der amerikanischen Biowaffen-Forschung mit aufmunitionierten Zecken. Etwa in den auf Plum Island stationierten Centers for Animal Re-search, die Amerika vor dem Eindringen von Krankheiten wie Maul- und Klauenseuche schützen sollen. Burgdorfer – so Newbys Vermutung – sei am Aufrüsten beteiligt gewesen und habe mehr gewusst, als er je preisgab.
Dass das in den Rocky Mountain Laboratories versammelte Wissen für die seit 1943 betriebene US-Biorüstung angezapft wurde und auch Willy Burgdorfer als Amerikaner sich als Zeckenexperte beteiligte, ist belegt. Es herrschte Kalter Krieg, und man traute dem Gegner alles zu. So wurde untersucht, was immer krank machen und den Gegner lähmen konnte. Darunter als Vektoren alle Arten von Gliederfüsslern, von Moskitos bis zu achtbeinigen Zecken. So wollte man auch auf Angriffe gerüstet sein. Nun gibt es Arbeiten Burgdorfers, die einen solchen Hintergrund gehabt haben könnten. Zum Beispiel Methoden zu finden, wie man Zecken mit Erregern belädt. Merkwürdig nur, dass er die angeblich geheimen Ergebnisse in einschlägigen Fachjournalen publizierte.
Eine düstere Rolle schreibt Kris Newby einem «Swiss Agent» zu, einem Erreger, den Burgdorfer aus der Schweiz in die USA gebracht haben soll. Er war für einige Zeit in Burgdorfers Laborjournalen aufgetaucht, um dann spurlos zu verschwinden. Tatsächlich war Burgdorfer zu einem Sabbatical mit seiner Frau in der Schweiz gewesen und hatte die Zeit damit verbracht, mit dem Mitdoktoranden und Freund André Aeschlimann, Zoologieprofessor in Neuenburg, Zecken zu sammeln. In der Ixodes ricinus habe er denn auch «seine» Borrelie gefunden. Der Erreger habe auf Seren von Lyme-Patienten aus USA reagiert und sehr viele Ähnlichkeiten aufgewiesen. Rätselhaft bleibe, warum der Krankheitsverlauf in der Schweiz nach der Infektion anders sei.
Dass bei Tests mit Biowaffen in den USA Pannen auftraten, ist belegt. Als auf dem Dugway Proving Ground in Utah 6 500 Schafe vermutlich an Nervengift starben, war das 1969 Anlass für Präsident Nixon, das ganze offensive Programm Knall auf Fall zu beenden. Akten aber gibt es vielleicht noch. So hat aufgrund von Kris Newbys Buch das US-Repräsentantenhaus einem Amendment zugestimmt, das vom Pentagon die Herausgabe von Unterlagen verlangt. Allerdings muss auch noch der Senat zustimmen. Ob so Willy Burgdorfers Rolle klarer wird, muss sich zeigen. Obwohl Kris Newby Zugang zu seinem Nachlass und ihn verschiedentlich getroffen hatte, gelang es ihr nicht, den ausgewanderten Basler zum Kronzeugen zu machen. Selbst in einem letzten Interview, schwer von Parkinson gezeichnet, hatte er nur verschieden interpretierbare Äusserungen gemacht. Sam Telford, anerkannter Zecken-Experte und Epidemiologe an der Tufts University, hält Newbys These für eine unhaltbare Verschwörungstheorie. Lyme-Zecken seien als Biowaffen zu unzuverlässig. Vor allem aber habe er schon 1985 in seiner Doktorarbeit infizierte Zecken in Museumsproben entdeckt, die aus der Zeit vor Beginn des Waffenprogramms stammten. Sogar bereits 1896 auf Long Island gesammelte Mäuse seien infiziert gewesen.
Die dramatische Zunahme von Lyme-Infektionen dürfte laut Telford ökologische Gründe haben. Die Lebensgrundlagen der Zecken hätten sich durch Wiederaufforstung und Zunahme der Wirtspopulation, etwa des Rotwilds, verbessert. Der Klimawandel könnte mitspielen.
So mehren sich Berichte, dass weltweit von Zecken übertragene Krankheiten zunehmen und man die Blutsauger häufiger auch mit einem Cocktail von Erregern antrifft. Es wird noch viel zu tun geben.