Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/796

Aus dem tiefen Schwarz scheint ein schwacher Lichtkegel auf, bewegt sich aus der Ferne auf die Kamera zu, begleitet von einem immer lauter werdenden mechanischen Rattern. Scheinwerfer einer Dampflokomotive werden erkennbar, sie werfen Licht auf die schneebedeckten Gleise, die unter dem herannahenden Zug erzittern. Kurz darauf ein älterer Mann an einem Fenster. Er blickt auf den vorbeifahrenden Zug, von dem gleissend-flackerndes Licht durch dichten Nebel in das Fenster sticht. Durcheinandergeworfene Sprachfetzen und das Rattern des Zuges schwellen an, ehe die Lichtblitze den Mann verschlucken.
Der Mann, der durch den herannahenden Zug von traumatischen Erinnerungen heimgesucht wird, ist Alois Nebel, Bahnhofsvorsteher in Bílý Potok, einem abgeschiedenen Bergdorf an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze im Jahr 1989. Der Niedergang der Sowjetunion steht kurz bevor und mit ihm die samtene Revolution, die den Weg zur Gründung der Tschechischen Republik und ihrer Demokratisierung ebnen wird. Die Bewohner des kleinen Dorfes aber scheinen die politischen Umwälzungen wenig zu interessieren. Resistent gegenüber dem Zeitgeschehen sitzen sie allabendlich in der Bahnhofskneipe, trinken Hochprozentiges und nehmen den politischen Umsturz eher schulterzuckend zur Kenntnis. Der ist zwar über Fernsehsendungen und Radioansagen stets präsent, für sie jedoch kaum mehr als ein Dauerrauschen der fortrinnenden Zeit. Nebel hingegen plagen seine immer häufiger werdenden Erinnerungsattacken, die um eine schicksalhafte Nacht im Juni des Jahres 1945 kreisen, in der er sein geliebtes Kindermädchen zum letzten Mal sah.
Alois Nebel, das Langfilmdebüt des tschechischen Regisseurs Tomáš Lunák, ist die Verfilmung der gleichnamigen dreiteiligen Graphic Novel von Jaroslav Rudiš und Jaromír Švejdík. Um der Vorlage visuell nahezukommen, nutzte Lunák das Rotoskopie-Verfahren, auf das schon Richard Linklater in seiner dystopischen Verfilmung A Scanner Darkly nach Philip K. Dicks gleichnamigem Science-Fiction-Roman zurückgriff, um innere Zustände am Rande des Wahnsinns visuell greifbar zu machen. Für das Verfahren werden Realfilmaufnahmen mit Schauspielern gedreht und anschliessend digital “überzeichnet”, ähnlich dem “Abpausen” einer Projektion per Hand. Die so entstandenen Bilder in der Kombination aus realistischen Bewegungen und Gesten der Figuren und einem satten, scharfen und kontrastreichen Schwarzweiss sorgen für eine Noir-Ästhetik, anhand derer die raue und dystopische Lebenswelt von Nebel und die Wucht seiner wiederkehrenden Flashbacks visuell eindrucksvoll verdichtet werden. In seiner Auseinandersetzung mit verdrängter Kriegserinnerung bewegt sich Alois Nebel nah an Ari Folmans israelischem Animationsfilm Waltz With Bashir. Während Folman vornehmlich eigene Erinnerungen an seine Zeit als israelischer Soldat im ersten Libanonkrieg 1982 in fiebrige (Alb-)Traumbilder fasst, erinnert Lunáks Film mit seinen kalten, klinisch wirkenden Hochglanzbildern jedoch eher an den stilisierten Bilderrausch von Sin City.
Lange bleibt unklar, was genau an dem schicksalhaften Tag am Bahnhof von Bílý Potok passierte. Die Erinnerungsfetzen fügen sich nur langsam zu einem schlüssigen Ganzen, der Film spielt in der stückweisen Auflösung geschickt mit unseren Erwartungen. In Nebels wiederkehrenden Flashbacks werden Assoziationen zu Deportation und Holocaust aufgerufen, die wie auch der Filmtitel merklich auf Alain Resnais’ Nacht und Nebel (Nuit et brouillard) anspielen. Auch der Torbogen vor dem Haus des alten Raubeins Wachek erinnert auffällig an die Eingänge deutscher Konzentrationslager, zumal die Rolle des zwielichtigen Wachek in der Schicksalsnacht zunehmend klarer und die Abgründe offenkundiger werden.
Die Nähe zu Bildern des Holocausts, kombiniert mit dem unterkühlten Noir-Stil, öffnet einen interessanten Spielraum, in dem Popkultur und der Versuch authentischer Geschichtsannäherung nebeneinanderstehen. Eine Spannung zwischen Inhalt und Form, die mit der Auflösung des Traumas noch um eine provokante Pointe ergänzt wird. Entgegen den evozierten Holocaustbildern sind es hier nämlich nicht Opfer des Nationalsozialismus, sondern ist es das Schicksal vertriebener Sudetendeutscher – ein noch immer kontrovers diskutiertes Kapitel der Nachkriegsgeschichte –, das Alois Nebel Qualen bereitet.
So zeichnet der visuell und inhaltlich wagemutige Film eine aus der Zeit gefallene Gesellschaft von Traumatisierten und Verdrängenden, in der Korruption und Pragmatismus die Mittel zur Bewältigung des Alltags bleiben. Die Züge der Vergangenheit, so unerwünscht sie auch sind, holen am Ende sogar noch den alten Wachek ein. Ein sintflutartiger Regenschauer, der über dem Bergdorf hereinbricht, spült letztlich auch die tief vergrabene Schuld an die Oberfläche. Blutige Vergeltung eingeschlossen.
Was bleibt, sind Figuren, gefangen von den Ereignissen der Vergangenheit und doch ausgeschlossen von den Umwälzungen der Gegenwart: Geschichte schreiben die anderen, mit ihren Konsequenzen leben müssen Menschen wie Alois Nebel. Und doch: So düster sich der Film lange gibt, er traut sich zum Ende einen beinahe versöhnlichen und dennoch unaufgeregten Ausblick auf die Zukunft zu. Als der Regenschauer sich wieder verzieht und die Sonne zurückkehrt, scheint der Weg frei für neue Zeiten. Sogar für den Bahnhofsvorsteher Alois Nebel.