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Panelverantwortlicher: Ernst Langthaler
Der Erste Weltkrieg wird gemeinhin als Zäsur begriffen, die ein Zeitalter der militärisch-industriellen Kriegsführung einleitete. Avner Offner öffnete mit seinem Buch «The First World War: An Agrarian Interpretation» (1989)[1] den Blick der historischen Erforschung des Ersten Weltkrieges und zeigt, dass eine Totalisierung des Krieges nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in der (Land-)Wirtschaft stattgefunden hatte. Das hier zusammengefasste Panel orientierte sich an Offers Bewertung des Ersten Weltkriegs als «[...] not only a war of steel and gold, but a war of bread an potatoes.»[2] Diesem Fokus verpflichtet, richtete die Sitzung das Augemerk einerseits darauf, die Differenz zwischen der bisherigen Agrar- und Ernährungsgeschichte zu nivellieren und andererseits auch darauf, nationale Ergebnisse miteinander vergleichen zu können. Um sich der komplexen Geschichte der «Ernährungsketten» während des Ersten Weltkrieges annähern zu können, wurden kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Konsumation, der Distribution und der Produktion vorgestellt und in einem globalen Kontext diskutiert.
JOHN MARTIN (Leicester, UK) stellte die britische Nahrungsmittelkontrolle während des Ersten Weltkrieges in den Fokus seines Vortrags. Dabei plädierte er für eine Neubewertung der bisherigen Einschätzung, aufgrund derer der oberste Nahrungsmittelkontrolleur in den Jahren 1916 und 1917, Lord Rhondda, als Vater eines «heroischen Zeitalters der Nahrungsmittelkontrolle» in die Geschichte eingegangen war. Martin verwies darauf, dass während der gesamten Kriegszeit Uneinigkeit zwischen den verantwortlichen Institutionen darüber herrschte, wie mit der Nahrungsmittelversorgung umgegangen werden sollte. Einem liberalen Geist verpflichtet, sahen die Verantwortlichen von frühen Lebensmittelrationierungen ab, favorisierten stattdessen Methoden, die an der Spitze der Verteilungskette ansetzten und griffen erst 1918 — getrieben von Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung und den daraus resultierenden sozialen Unruhen im Jahr 1917 — zum Mittel der Rationierung. Martin ist der Meinung, dass es vor allem persönliche Gründe waren, die dazu geführt haben, dass Lord Rhondda die Rolle einer Galionsfigur in der britischen Nahrungsmittelkontrolle zugeschrieben wurde. Die staatlichen Institutionen waren mit den Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung, die sich im Jahr 1917 entwickelten, mehrheitlich überfordert und entsprechend blieben Rhondda’s Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Prozess sehr begrenzt. Lord Rhondda als Urheber einer «heroischen» Nahrungsmittelkontrolle am Ende des Ersten Weltkrieges zu begreifen, erachtete Martin als ungerechtfertigt, denn neben einer beinahe mythischen Verklärung der Errungenschaften Rhonddas seien seine messbaren Erfolge sehr durchschnittlich ausgefallen. Vielmehr hätten ihm günstige Umstände in die Hand gespielt. Denn ein effektiver Rückgang der Versorgung mit Nahrungsmitteln habe es nur in der kurzen Phase während der zweiten Hälfte des Jahres 1917 gegeben, dieser habe sich aber rasch wieder erholt. Die Rationierungen, die gegen Ende des Krieges eingeführt wurden, hätten in erster Linie dazu gedient, soziale Unruhen zu glätten.
Während John Martin eine Geschichte der Kontrolle und Rationierung von knapp gewordenen Nahrungsmitteln und der damit verknüpften Politik präsentierte, stellte JAMES WATSON (Massey, NZ) eine Geschichte des Produktüberschusses in Neuseeland vor. Die Globalisie-rung des Handels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beflügelte die neuseeländische Landwirtschaft. Besonders Schaffleisch, Milchprodukte und Wolle wurden nach Grossbritannien exportiert. Dieser Handel wurde primär durch britische Kühlschiffe ermöglicht. Während des Ersten Weltkrieges fanden immer weniger Transportschiffe ihren Weg zu den Exporthäfen Neuseelands. Watson erachtete die Erklärung, dass dieser Exporteinbruch hauptsächlich der Ausweitung des U-Bootkrieges im Jahr 1917 zugeschrieben werden kann, als zu kurz greifend, da die Exportprobleme bereits im Jahr 1915 evident wurden. Er verwies darauf, dass viele Transportschiffe für die Verpflegung der weltweit stationierten Truppen benötigt wurden und daher an anderer Stelle fehlten. Ferner hätten aber auch Konsumvorlieben – Neuseeland exportierte primär Schaffleisch, während in Grossbritannien vermehrt Rindfleisch nachgefragt wurde – eine erhebliche Rolle für die Verminderung des britischen Imports aus Neuseeland gespielt. Doch auch kriegsstrategische Überlegungen nimmt Watson in seine Analyse auf: So habe sich England während des Krieges aus rationellen Gründen vermehrt auf den Handel mit Nordamerika konzentriert, da schlichtweg die Handelswege kürzer waren. Dass dennoch einige Transportschiffe aus England in Neuseeland ankamen und der Handel nicht gänzlich versiegte, führte Watson primär auf die Solidarität zwischen dem einstigen Mutterland und dem Dominion-Staat zurück.
Die marktwirtschaftlichen und politischen Perspektiven auf die Nahrungsmittelketten im Ersten Weltkrieg ergänzte YVES SEGERS (Leuven, BE) mit einem kulturhistorischen Beitrag, der den Blick auf den Bereich des Konsums in Belgien richtete. Belgien war, wie viele andere europäische Länder, stark vom Import von Nahrungsmitteln abhängig. Der Krieg unterbrach traditionelle Handelslinien und stürzte das Land in eine Versorgungskrise. Die Nahrungsmittelvorräte gingen während des Krieges rasch zurück. Segers interessierte sich in diesem Zusammenhang für Rationalisierungsvorschläge betreffend der Zubereitung von Nahrungsmitteln. Ärzte, Lehrer, Ernährungswissenschaftler, Agronomen und Köche partizipierten an Projekten, welche einen rationellen Umgang mit Essen in der Öffentlichkeit bewarben. Das Ziel dieser Projekte bestand darin, die zur Verfügung stehenden Kalorien möglichst ohne Verluste dem Verzehr zuführen zu können. Segers untersuchte Rezepte, Broschüren und Tagebücher, welche ihm Hinweise auf Ratschläge für alternative Zubereitungsarten boten. So wurde beispielsweise der Verzehr von Gemüse, das einfach anzubauen war, angepriesen oder untypische Nahrungsmittel zum Verzehr beworben. Ferner war es ihm wichtig, die entsprechenden Kommunikationsstrukturen zu bewerten und Inhalte auf regionale und schichtspezifische Unterschiede hin zu analysieren. Segers verglich die Befunde für Belgien mit jenen aus Deutschland jener Zeit und fragte danach, welche Methoden, die in der Kriegszeit implementiert wurden, auch in der Nachkriegszeit noch praktiziert wurden. Er kommt zu dem Schluss, dass das Ziel der Rationalisierung im Umgang mit Nahrungsmitteln in beiden Ländern essentiell war. In deutschen Ratschlägen machte Segers hinsichtlich der Sprache eine gewisse Militarisierung der Heimfront aus, die im besetzten Belgien fehlte. In beiden Ländern könne man allerdings beobachten, dass moderne Ideen der Ernährungswissenschaften, wie beispielsweise der Vegetarismus, während des Krieges bewusst gefördert wurden. Die Frage, inwiefern die Ratschläge adaptiert wurden, sei aufgrund der Quellenlage allerdings schwierig zu beantworten. Die traditionellen Essgewohnheiten stellten sich mit der Erholung des Imports am Ende des Krieges wieder ein.
GRAHAM PITTS (Washington D.C., USA) richtete in seinem Paper den Blick auf ein relativ unbekanntes Thema: Die Hungersnot in Libanon in den Jahren 1915–1918. Die libanesische Bevölkerung litt während des Ersten Weltkrieges an einer schweren Hungersnot; 30% verhungerten. Die bisherige historische Forschung zu diesem Thema verwies hauptsächlich auf die fehlende Unterstützung durch die Administration des Osmanischen Reiches. Pitts versuchte anhand einer breiten, internationalen Quellenlage (er untersucht Archivbestände in Libanon, in der Türkei, in Frankreich und den Vereinigten Staaten) eine globale Sicht auf die Hungersnot zu werfen und dabei bisher vernachlässigte Faktoren in seine Analyse zu integrieren. Dabei entstand eine differenzierte Analyse der Hungerkrise in Libanon, die sowohl politik- wie umweltgeschichtliche Kontexte mit einbezieht. Die diplomatische Korrespondenz zwischen Frankreich und England legt beispielsweise den Verdacht nahe, dass die britische Marine ihre Seeblockadepolitik auch auf die libanesische Küste anwendete mit dem Ziel, soziale Konflikte innerhalb des Osmanischen Reiches zu schüren und die Legitimität der türkischen Herrschaft zu unterwandern. Doch auch interne strukturelle Mängel nimmt Pitts in seiner Arbeit auf. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die libanesische Gesellschaft einerseits über moderne Märkte verfügte, welche einen entsprechenden Handel auch zu Kriegszeiten hätten aufrecht erhalten können, dass aber staatliche Institutionen weitgehend fehlten, die eine Nahrungsmittelkontrolle, wie etwa in Grossbritannien, hätten errichten können.
Die unterschiedlichen Zugänge zu den Nahrungsmittelketten im Ersten Weltkrieg zeigten, dass der Ansatz, den Ersten Weltkrieg aus einer agrarhistorischen und ernährungshistorischen Perspektive zu betrachten, noch viel Potential für die künftige Erforschung dieses Ereignisses birgt. Die Vorträge brachten zum Ausdruck, dass der Erste Weltkrieg sowohl gravierende Hungersnöte, überquellende Nahrungsmittellager, überforderte Beamte und innovative Experten hervorbrachte. Diese Ungleichzeitigkeiten und Parallelen offenbaren fruchtbare Themenfelder. Das hier zusammengefasste Panel hat gezeigt, dass besonders die Verschmelzung von Ernährungs- und Agrargeschichte ermöglicht, die komplexen Beziehungen von Produktion, Verteilung und Konsum besser in den Blick zu bekommen und globalen Vergleichen den Weg zu ebnen.