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Weniger Antibiotika für Atemwegsinfekte sind sicher
Müssen wir befürchten, dass es zu mehr Komplikationen kommt, wenn wir weniger Antibiotika bei Infekten der oberen Atemwege einsetzen? Dieser Frage ist ein Forscherteam von englischen Hausärzten nachgegangen und kommt zu einem erwarteten und beruhigenden Ergebnis.
Da ein unnötiger und unverhältnismässig breiter Antibiotikaeinsatz zwangsläufig zur Selektion von Antibiotikaresistenzen führt, wird von Experten und Fachgesellschaften eine deutliche Reduktion des gegenwärtigen Antibiotikaverbrauchs gefordert. Infekte der oberen Atemwege sind oft viraler Ätiologie und selbstlimitierend. Sie erfordern daher keine Antibiotikatherapie. Trotzdem werden in England (und anderenorts) Antibiotika bei ca. 50% der Hausarztkonsultationen für Atemwegsinfekte verschrieben. Damit bieten Atemwegsinfekte ein enormes Sparpotential von Antibiotika.
Die vorliegende Studie untersuchte nun anhand einer Datenbank von 610 repräsentativen Hausarztpraxen in Grossbritannien, ob in den Praxen mit dem geringsten Antibiotikaverbrauch zwischen 2005 und 2014 das Risiko von Komplikationen (Pneumonie, Peritonsillarabszess, Empyem, Mastoiditis, Meningitis, intrakranielle Abszesse und Lemierre Syndrom) erhöht war.
5 Kategorien selbst-limitierender Atemwegsinfekte wurden gebildet:
- Erkältungen und „Infekte der oberen Atemwege“
- Halsschmerzen (incl. Pharyngitis, Laryngitis)
- Husten und akute Bronchitis
- Otitis media
- Rhinosinusitis
Über den Studienzeitraum von 2005-2014 nahm der Anteil der Antibiotikaverschreibungen anlässlich von Konsultationen für diese selbst-limitierenden Atemwegsinfekte geringfügig ab: von 54 auf 51% bei Männern und von 55 auf 52% bei Frauen. Im gleichen Zeitraum kam es zu keiner Änderung der Inzidenz von Pleuraempymen und Hirnabszessen, jedoch zu einer signifikanten Abnahme von Peritonsillarabszessen (-1%/Jahr), Mastoiditis (-4.6%/J.) und Meningitis (-5.3%/J.) sowie zu einem geringen Anstieg der Pneumonieinzidenz (+0.4%/J.) (s. Abb.).
,Je höher der Anteil der Antibiotikaverschreibungen, desto weniger Pneumonien und Peritonsillarabszesse traten auf. Praxen im höchsten Quartil verschrieben Antibiotika bei durchschnittlich 65% der selbst-limitierenden Atemwegsinfekte Praxen im niedrigsten Quartil lediglich bei durchschnittlich 38%. Die standardisierten Inzidenzen für Pneumonien waren 157 und 119 pro 100’000, bei den höchsten und niedrigsten Antibiotikaverschreibern, respektive. Bei Peritonsillarabszessen waren die entsprechenden Inzidenzen 16 und 13 pro 100’000. Für die übrigen, no ch selteneren Komplikationen gab es dagegen keinen Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigverschreibern.
Pro 10%-igem Anstieg der Antibiotikaverschreibungen (pro Atemwegsinfekt) fand sich eine Reduktion der Pneumonien und der Peritonsillarabszesse um 13, respektive 10%.
Was bedeutet das?
Bei einer durchschnittlichen Praxisgrösse in England von 7000 Patienten käme es bei einem Abfall der Antibiotikaverschreibungen um 10% zu:
- 2030 weniger Antibiotikaverschreibungen / Jahr,
- 1 zusätzlicher Pneumonie / Jahr,
- 1 zusätzlichem Peritonsillarabszess / Jahrzehnt (!),
- ohne Anstieg weiterer Komplikationen (Empyem, Mastoiditis, Meningitis, intrakranielle Abszesse und Lemierre Syndrom),
- bei Risiko-stratifizierter Beurteilung dürften diese Anstiege jedoch noch geringer ausfallen als erwartet.
Die Vorteile eines reduzierten Antibiotikaeinsatzes liegen auf der Hand (weniger Antibiotika-assoziierte Nebenwirkungen und Allergien, geringeres Risiko für Clostridium difficile Colitis, weniger Antibiotikaresistenzen mit vielen weiteren Vorteilen, geringere Kosten) und überwiegen eindeutig. Sowohl Pneumonie als auch Peritonsillarabszesse sind therapierbar und daher rechtfertigen diese geringen bis minimalen Anstiege ihrer Häufigkeit keineswegs einen breiteren Einsatz von Antibiotika für sebstlimitierende Atemwegsinfekte.