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Volkswirtschaften und deren Unternehmen sind normalerweise recht langfristig an generische Strategien gebunden. So sind viele asiatische Volkswirtschaften mit ihren, im Vergleich zu den westlichen Ländern, niedrigeren Lohnkosten auf Effizienzgewinne aus. Bis dato waren und sind beispielsweise China und Indonesien – gemäss des World Economic Forums (WEF) – sogenannte «Efficiency-Driven Economies», welche tendenziell darauf ausgerichtet sind, durch effiziente Produktion Kostenvorteile zu erlangen. Die Schweiz und viele andere europäische Länder werden in der Kategorie «Innovation-Driven Economies» geführt und werden auf Basis innovativer Produkte und Dienstleistungen miteinander verglichen und beurteilt.
«Überholstrategien» unter neuen Vorzeichen
Das WEF-Ranking könnte den Eindruck vermitteln, als seien «Innovation-Driven Economies» nicht von «Efficiency-Driven Economies» bedroht. Und in der Tat versucht die chinesische Regierung erst gar nicht, chinesische Automobilproduzenten dazu anzuhalten, deutsches Know-how, beispielsweise in der Dieseltechnologie, ernsthaft zu konkurrenzieren. Der Abstand zwischen deutschem und chinesischem Dieseltechnologiewissen – flankiert und geschützt durch Patente – ist schlicht zu gross. Man muss sich also keine Sorgen machen, dass China die westlichen Volkswirtschaften einholt oder gar überholt? Die Theorie zum strategischen Management diskutiert sogenannten «Überholstrategien» und verweist dabei auf Unternehmen, die zunächst bei den «Kostenvorteilen» ein hohes Leistungsniveau erreichen, um dann zu einem geeigneten Zeitpunkt in der Dimension «Innovation» die Konkurrenz zu überholen, ohne in der anderen Dimension zurückzufallen. Beispielsweise waren in den 1980er-Jahren viele japanische Produkte wenig innovativ und leistungsfähig, weshalb europäische Unternehmen die japanische Billigkonkurrenz nicht allzu ernst nahmen. Doch konnten die Japaner durch konsequente Ausschöpfung ihrer Effizienzvorteile genügend Cash erarbeiten und viele westliche Konkurrenten in der nachfolgenden Produktgeneration überrunden. Von besonderer Bedeutung sind bei dem beschriebenen «Überholvorgang» revolutionäre Umbrüche, die die «Karten» neu verteilen. Zwar haben chinesische Automobilproduzenten wohl kaum eine Chance, die deutsche Konkurrenz auf dem Feld der Verbrennungsmotoren zu gefährden, aber durch den anstehenden Wandel in Richtung Elektromobilität werden die besagten Karten neu gemischt.
Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie
China ist nicht entgangen, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Digitalisierung den Volkswirtschaften Chancen eröffnen, die das «Blatt» auf Jahrzehnte neu zuteilt. Ein bis dato in Europa zumindest teilweise vernachlässigter Game Changer ist die Entwicklung der «Künstlichen Intelligenz (KI)», die mehr ist als nur ein Teilaspekt der Digitalisierung. KI wird als System verstanden, das in der Lage ist, Aufgaben zu erfüllen, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordert. China ist bestrebt, bis 2030 führend im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu werden. Geht es nach Peking, soll das Land nicht mehr länger nur die Werkbank der Welt sein, sondern den Aufstieg in die «Innovation-Driven Liga» schaffen. «Made in China» soll nicht mehr für Imitation und Massenware stehen, sondern für Innovation und Spitzentechnologie. Um den Sprung zur innovationsgestützten Volkswirtschaft zu vollziehen, wachsen in China einerseits die Forschungs- und Entwicklungsbudgets, anderseits setzt die Regierung auf den Ein- und Zukauf von KMU-Technologieführern im Ausland. China sieht in der KI eine Schlüsseltechnologie, die die gewünschte Transformation der Wirtschaft ermöglichen soll. Das Land hat erkannt, dass sich im Bereich der Künstlichen Intelligenz ein historisches Zeitfenster öffnet. China sieht KI als Möglichkeit, einen entscheidenden, wenn möglich sogar uneinholbaren Vorsprung gegenüber Konkurrenten aufzubauen. KI versetzt Systeme in die Lage zu lernen, zu planen und zu generalisieren, ohne dafür explizit programmiert beziehungsweise angelernt worden zu sein. Auf der Basis von Algorithmen lernen Systeme, Muster zu erkennen, für die sie nicht explizit programmiert wurden. Das Gelernte kann dann auch auf neue Daten und Muster angewandt werden, um erneut zu lernen und die Leistung kontinuierlich zu verbessern. Bildlich gesprochen, wird ein System bzw. ein Computer in die Lage versetzt, sich selber Schach beizubringen und diese Fähigkeit eigenständig zur Meisterschaft zu entwickeln.
Chinas Weg zur «Innovation-Driven Economy»
Nun mag man einen Computer, der sich selber Schach beibringt, als Spielzeug belächeln, aber wenn Computer unterstützt von KI – wie in «Nature» berichtet – neuartige Moleküle aus bereits existierenden Bausteinen zusammensetzen und diese auf ihre pharmakologischen Nutzen hin prüfen können, dann zeichnet sich der besagte «Game Changer» deutlich ab. In China paart sich staatlicher Dirigismus mit gesellschaftlicher Begeisterung für die KI-Technologie, die dazu führt, dass Staat und Wirtschaft viel Wagniskapital bereitstellen. Künstliche Intelligenz ist nicht allein Sache von Grosskonzernen wie Tencent und Baidu, sondern auch von mehr als 700 in China beheimateten Start-ups. Hierzulande macht der immer erfolgreicher agierende Smartphone-Hersteller Huawei mit seinem in den hauseigenen Mobiltelefonen integrierten KI-Chip auf sich aufmerksam. Huawei-Smartphones sollen mit Hilfe dieser Chips den Nutzer beim fotographieren helfen. Die KI erkennt das abzulichtende Motiv und passt die Kamera-Einstellung entsprechend an. Da die KI selbstständig lernt und sich mithilfe des Nutzers laufend verbessert, könnte Huawei sehr bald einen uneinholbaren Vorsprung in der Bilderkennung haben. So verwundert es nicht, dass das in China beheimatete Start-up «Sense Time» zu den Technologieführern in der Bilderkennung zählt und mit drei Milliarden US-Dollar als wertvollstes KI-Start-up geführt wird. Huawei liefert die Hardware und Sense Time die Bilderkennungssoftware, die man auf mehr als 100 Millionen chinesischen Smartphones findet. Huawei ist zudem auch das führende Unternehmen bei der Entwicklung des nächsten Mobilfunkstandards 5G, welcher es ermöglichen wird, riesige Datenmengen, gesammelt auf Smartphones, in Echtzeit, mithilfe von KI, zu analysieren.
Verschläft Europa die Entwicklung der KI?
Während die Amerikaner verstanden haben, dass China auf dem besten Weg ist, die KI-Spielregeln zu definieren, um das Spielfeld zu dominieren, hat Europa den Ernst der Lage noch nicht antizipiert. China schützt die eigenen Hightech-Unternehmen und unterstützt tatkräftig Firmenübernahmen im Ausland. Nur langsam begreift man, dass die anstehende technische Revolution entscheiden wird, welche Unternehmen in welchen Ländern für sehr lange Zeit das Innovationszepter in den Händen halten werden. Führende europäische KI-Forscher warnten unlängst in einem offenen Brief davor, dass China, aber auch die USA mehr und effizienter Gelder in die KI-Forschung stecken würden als die Europäer und vor den sich daraus ergebenden Folgen. Ohne Zweifel, die Schweizer und europäischen Forscher an den renommierten Hochschulen sind sehr engagiert bei dem Thema KI und finden sich an vorderster Front bei der Grundlagenforschung. Das alleine wird aber nicht reichen, und die traditionelle Schwäche der Europäer, Ergebnisse aus der Grundlagenforschung gewinnbringend in die Volkswirtschaften einzubringen, bedroht den Status europäischer Länder als «Innovation-Driven Economies». Die Politik wird nicht umhin kommen, sich des Themas KI verstärkt anzunehmen, Forschungsgelder zu sprechen, Start-up-Förderung zu betreiben und insbesondere die innovativen KMU im Bereich der KI vor feindlichen Übernahmen – vorrangig aus China – besser zu schützen.