Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03533.jsonl.gz/979

Man sagt von den Philosophen, sie würden realitätsfremd in ihrem Elfenbeinturm leben. Aus ihrem Zufluchtsort weit weg vom Alltagsleben und den wirklichen Problemen würden sie das Leben beobachten und analysieren.
Thomas Kesselring lebt sicher nicht in einem Elfenbeinturm. Seine Fragestellungen und Interessen sind konkret und reichen von Kindererziehung über globale Klimaerwärmung bis zur Entwicklungspolitik.
Der Professor für Philosophie an der Universität Bern und für Ethik, Ökologie und Multikulturalität an der Fachhochschule für Pädagogik in Bern bewegt sich in Zwischenräumen und entdeckt neue Wege. Und dies nicht nur in den Grotten und Höhlen, die er erforscht. Für die Philosophen befasst er sich mit zu empirischen Fragen, und die Pädagogen finden ihn zu abstrakt.
"Dank eines Deutschlehrers am Gymnasium stiess ich auf die Philosophie. Er ermutigte einige Schüler, u.a. mich, Philosophie zu studieren." Man kann behaupten, dass der Zufall das Leben von Thomas Kesselring geprägt hat, allerdings immer von einer guten Portion Reflexion und Entschlossenheit geleitet.
"Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte"
Auf die Frage, wie er auf die Themen stiess, dank derer er zum Spezialisten für Hegel, einem der Gründer des deutschen Idealismus, und für den Schweizer Psychologen der Kinderentwicklung, Jean Piaget, wurde, erläutert er: "Das ist eine lange Geschichte mit vielen Verzweigungen." Er habe Hegel gewählt, weil er sich in einer Klasse profiliert habe und dieser für ihn ein strategisches Thema sei:
"Doch ich hatte keine Ahnung, was ich mit Hegel anfangen sollte. Während eines Semesters las ich die absurdesten und komplexesten Texte dieses Philosophen, ohne zu wissen, was ich damit machen sollte." Während eines Spaziergangs entdeckte er die Regelmässigkeit in der Beweisführung und entwickelte darauf das ´Modell des Spiegels´: "Das Subjekt widerspiegelt sich selbst und entwickelt sich, indem es sich selbst auf seine früheren Positionen zurückbesinnt."
Gegenwind
Ich traf Thomas Kesselring im Stadtzentrum Berns in einer kalten und regnerischen Nacht. Der starke Wind erschwerte das Gehen und stülpte die Regenschirme um. Er zwang uns, Widerstand zu leisten, um voranzukommen. Ich konnte nicht wissen, dass dieses Bild des Gegenwinds so gut zum Profil und der Laufbahn des Philosophen und Forschers passte.
Wiederum war es eine strategische Überlegung und Gegenwind, die ihn zum nächsten Thema führten. Um sich um einen Lehrstuhl zu bewerben, begann er Jean Piaget zu lesen. Er vertiefte sich in dessen Werk, da ihn einige Denkaspekte faszinierten. Er gibt zu, dass ihm das 'Modell der Spiegel` sehr geholfen habe, Piaget zu verstehen. Seine Einführung in Piaget gehört noch heute zu den Standardwerken.
"Dank Piaget war es für mich eindeutig, dass Gedanken und Überlegungen aus der Handlung entstehen. Jedes Mal, wenn wir uns an ein Erlebnis erinnern, widerspiegeln wir uns in dieser Situation und blicken von oben nach unten in die Vergangenheit zurück. Und dies ist mit der Spiegeltheorie Hegel vergleichbar," philosophiert er.
Als er beschloss, für seine Doktorarbeit Hegel und Piaget zu vereinen, stiess er wiederum auf Gegenwind. Fachkollegen schien es unmöglich, zwischen den beiden eine Beziehung herzustellen. Doch sie wussten nicht, dass ihn gerade Sackgassen und das Unmögliche anzogen. Handlung als Ausgang des Denkens und der Überlegungen wie bei Piaget.
"Die Muskeln brauchen und nicht nur das Hirn trainieren"
Ebenfalls aus seiner Gymnasialzeit stammt seine andere Leidenschaft, das Interesse für Grotten und Höhlen. Per Zufall stiess der junge Thomas auf ein Buch über das Hölloch im Kanton Schwyz, die grösste Schweizer Grotte und damals auch die grösste weltweit bekannte. Er kontaktierte die Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung und bekam die Bewilligung, auch der Öffentlichkeit nicht zugängliche Grotten betreten zu dürfen. Kesselring verhehlt seinen Stolz nicht, dass er auch in verschiedenen Höhlen im Ausland war, in welche vorher noch niemand hatte eindringen können.
Die Höhlenforschung bringt eine Art Gleichgewicht in sein Leben. "Etwas, um die Muskeln zu benützen und nicht nur das Hirn zu trainieren," meint er. Mit Genugtuung erzählt er, dass er vor zwei Wochen in einer Grotte herumgeklettert sei. Und mit seiner besonderen Art, alles miteinander in Verbindung zu bringen, besteht er darauf, dass Philosophie und Höhlenforschung viele Gemeinsamkeiten haben. "Die Gedankengänge sind ebenfalls komplex und manchmal dunkel, genau wie die labyrinthartigen Texte Hegels," meint er humorvoll.
Auslanderfahrungen
Nach sechs Jahren Philosophieunterricht an der Freien Universität Berlin wurde er nach Brasilien eingeladen. Dort begleitete er auch Alphabetisierungskurse in einer Favela (Elendsviertel) und lernte die Probleme des Amazonasgebiets und die Arbeit mit Strassenkindern aus der Nähe kennen.
Vor fünf Jahren unterrichtete er an der Pädagogischen Universität Mozambique Ethik, wo er sich auch mit der Verbesserung des Grundschulwesens beschäftigte. Sein Projekt zur Veränderung der Lehrmethoden an Schulen wird gegenwärtig von der Regierung des Landes geprüft.
Zudem hat Kesselring auch Gastlesungen in El Salvador, Guatemala, Argentinien und Paraguay erteilt.
Globalisierung und Ethik
Die Erfahrungen in Lateinamerika zwangen ihn darüber nachzudenken, dass es sich bei allen Problemen im Zusammenhang mit ungerechter Einkommensverteilung, Ökologie und fehlender Infrastruktur um philosophische Fragen handelt. "Ich wollte immer diese anderen Wirklichkeiten kennenlernen, aber ich dachte nie, dass es ein philosophisches Problem sein könnte."
Nach langer Forschung veröffentlichte er 2003 "Ethik und Entwicklungspolitik - Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung", das ins Portugiesische übersetzt wurde. Gegenwärtig arbeitet er an einem neuen Buch, einer Einführung in die Ethiklehre.
Was ihm den Schlaf raubt
Auf die Frage, was ihm den Schlaf nicht als Philosoph, sondern als Bürger raube, wird er ernst und antwortet nachdenklich: "Ich bin besorgt um Syrien. Irak, Syrien und Afghanistan, all diese Konflikte haben ihren Ursprung in einer unglücklichen politischen Interaktion, wo der Westen zu tiefst verstrickt ist," behauptet er und fügt hinzu: "Auch das Klimaproblem und die fehlende politische Reaktion beschäftigen mich. Deutschland und auch die Schweiz haben diesbezüglich einige Fortschritte gemacht."
Auch Landraub (land grabbing) und die Privatisierung der Wasserressourcen erwähnt er. Da Kesselring zu diesen Problemen politisch Stellung nimmt, geniesst er bereits den Ruf eines Aktivisten.
swissinfo.ch