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Abschiedsbrief an den Alkohol
Lieber Alkohol,
ich weiss noch genau, wie wir uns kennenlernten: in einem Klassenlager. Ich war 15, und jemand, ich glaube, es war Michèle, hielt mir eine Flasche Kokoslikör hin. Ich nahm einen Schluck und dann, weil es zwar brannte, aber auch schmeckte, noch einen. Von da an waren wir dicke Freunde.
Mein Feierabendgetränk nach dem Gymi war Martini. Meine Mutter behauptete, ich würde ihn schon über Mittag saufen, was zwar nicht stimmte, aber für sie wogen Befürchtungen stets schwerer als Tatsachen, weswegen ich mich eines Tages in einem Bündner Internat wiederfand. Dort gab es Bier. Ziemlich viel davon.
Damals lernte ich Deine unangenehmen Seiten kennen: den lodernden Durst am darauffolgenden Morgen. Das hämmernde Kopfweh. Aber ich war 19 Jahre alt. Ein Kater dauerte damals ungefähr 30 Minuten, und der Schwur, nie wieder zu trinken, hielt genau bis nach dem Abendessen.
Nach dem Militär (viel Bier!) bezog ich meine erste Wohnung und fühlte mich endgültig erwachsen. Es musste also ein erwachsenes Getränk her. Ich bestimmte Wodka Tonic dazu. Der Kater dauerte nun spürbar länger als eine halbe Stunde, aber das gehörte zum Erwachsensein nicht nur dazu, nein, es war dessen Essenz! Ständig verkatert zu sein, wie Bruce Willis als John McLane! Dachte ich damals.
Es folgten die besten Jahre unserer Beziehung: die mit dem Rotwein. Und den Frauen, mit denen ich ihn trank. Frauen reagieren ausgesprochen positiv auf Rotwein, vor allem junge, kluge Frauen. Mit denen konnte ich erst stundenlang reden und dann, zugegebenermassen weniger lang, die Früchte dieser Gespräche ernten. Das war grossartig. Ich danke Dir dafür.
Du standest mir aber nicht nur bei, als Türen sich öffneten, sondern auch, als sie zugeworfen wurden. Du begossest das Verschmelzen der Herzen und tröstetest ihren Bruch. Wobei ich eine Einsicht gewann, die mir Jahre später als offizielle Redensart wieder begegnete: «Don’t drink and dial.» Oder etwas technischer und auf Deutsch: Du senkst die Hemmschwelle nicht nur, um Spass zu haben, sondern auch, um sich zum kompletten Idioten zu machen. Ohne Dich hätte ich eine Reihe von Nachrichten, die ich kurz darauf bereute, nicht geschrieben. Oder zumindest nicht abgeschickt.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich meine Abende konsequent in Bars verbrachte und nur dann zuhause war, wenn ich im Bett lag. Entweder zu zweit oder erkältet. Und dass Du immer bei mir warst, ob ich froh war oder traurig. Und dass das möglicherweise nicht so gesund ist.
Nicht nur bei mir, auch bei meinen Freunden fiel mir auf, dass wir uns permanent an Dich wandten, um die Nöte unseres Daseins zu lindern. Stress in der Beziehung? Saufen! Beziehung vorbei? Viel saufen! Stress im Büro? Noch mehr saufen! Schlechter Selbstwert? Täglich saufen!
Du warst auf so ziemlich alles die perfekte, da ständig verfügbare und stets überzeugende Antwort. Aber Probleme gelöst hast Du keine, nicht ein einziges. Du hast bloss behauptet, es gebe keine. Ich begann mich zu fragen, ob Du einfach nur ein dummer Schwätzer bist.
Ausserdem hast Du zusehends Deine erheiternde Wirkung eingebüsst. Bis dahin gab es etwas, das ich durchaus als spirituelles Saufen bezeichnen würde, als festliches Durchspülen der Gedankengänge, aber nun, mit etwas mehr als 40, fühlte ich mich immer wieder einfach nur betäubt. Früher langweilte ich mich nüchtern, nun langweilte ich mich betrunken.
Allerdings hatten wir ja nicht eine Affäre, die man einfach so beenden kann, sondern eine ernsthafte Beziehung. Also versuchte ich, diese zu retten – wohl wissend, dass das nie funktioniert, weil man hilflos versucht, an Zeiten anzuknüpfen, die längst vergangen sind. Die Bilanz fiel entsprechend mies aus, bei jedem Versuch.
Vorteile des Saufens nach 40
– man fühlt sich wieder ein wenig wie vor 40
– man braucht sich einen Abend lang nicht um seine Probleme zu kümmern
Nachteile des Saufens nach 40
– Vermissen der einstigen Wirkung des Saufens
– Schlafstörungen
– Alpträume
– Sodbrennen
– schreckliche Fürze
– seelische Instabilität
Eines Abends, es war im Juni 2020, war ich ein weiteres Mal genervt ob Deiner Wirkung, die ich erneut als lähmend und dumpf empfand, und mir wurde klar: Wir müssen uns trennen. Am nächsten Morgen hatte ich keine Zweifel mehr an diesem Beschluss. Mein Kopf, mein Magen und meine Laune schrien ihn im Chor.
Ich vermisse Dich nicht
Wir sind jetzt seit zehn Monaten getrennt, und Du fehlst mir kein bisschen. Nicht zu trinken, ist einfacher, als man denkt: Man trinkt halt einfach nicht. Für die anderen ist das viel herausfordernder als für einen selbst. Sie werden ganz nervös: Was, du trinkst nicht? Ja, bist du krank? Frauen werden gefragt, ob sie schwanger seien, obwohl das niemanden etwas angeht. Die dritte Möglichkeit wird nicht ausgesprochen, hier greift dann der Respekt: Der trinkt nicht, weil er trockener Alkoholiker ist! Aber wie die Erklärung auch immer lautet: Wenn jemand nicht trinkt, stimmt was nicht mit ihm. Ein trauriger Konsens.
Eine andere faszinierende Beobachtung bestand darin, dass ich aus dem Nichts heraus stinkwütend wurde. Oder tieftraurig. Ohne Grund, einfach so, und richtig heftig. Alte Emotionen, die ich nie richtig bewältigt, sondern heruntergespült hatte, und die nun endlich ihren Weg nach draussen fanden.
Lieber Alkohol, ich danke Dir für unsere gemeinsame Zeit. Mein Leben war sehr lustig mit Dir. Aber halt eben nur so lange, wie Du dazu gepasst hast. Alles darüber hinaus war mühsam und sinnlos. Wie bei jeder Beziehung, die ihren Zweck längst erfüllt hat und einen nur noch kleinhält und bremst. Ich sage Dir ein letztes Mal: zum Wohl!
Herzlich, Dein Thomas.