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Appenzell Inner Roden. Um das Gleichgewicht zwischen unserm ursprünglichen Artikel,
worin wir uns möglichster Kürze befliessen, und der Behandlung später folgender Kantone durch andre Autoren einigermassen
herzustellen, wollen wir noch einiges nachtragen, ohne auch damit auf absolute Vollständigkeit Anspruch zu machen.
1. Grœsse und Grenzen.
Infolge
einer 1903 angestellten Nachrechnung fand das eidg. topographische Bureau, dass es bisher das
Gebiet von
Oberegg Ausser
roden zugeschieden hatte. Die bereinigte Rechnung ergibt nun für
Appenzell
Inner
roden einen Flächeninhalt
von 172,88 km2, so dass auf den km2 78,08 Einwohner kommen. Die Grenze zwischen
Inner
roden und Ausserroden wurde im
allgemeinen durch den Landteilungsvertrag von 1597 und etwas genauer durch den Konferenzabschied von 1667 festgesetzt,
wobei indessen das Gebiet von
Oberegg gegenüber den anliegenden ausserrodischen Gemeinden (bes. gegenüber
Reute) nie genau
ausgeschieden wurde.
Hier vor allem, aber auch in andern Grenzgebieten galt lange der Grundsatz, dass die Besitztümer von Katholiken zu
Inner
roden,
diejenigen reformierter Bewohner zu Ausser
roden gehören, wie ja der katholische
Appenzeller Bürger selbst
ein
Innerroder, der Reformierte ein Ausserroder war. Dadurch entstanden mit den Jahren den ungefähren Grenzlinien entlang
eine ganze Anzahl sogen. exempter Güter, d. h. von ausserrodischem Gebiet umschlossene Liegenschaften, die zu
Inner
roden
gehörten, und umgekehrt.
Dies war besonders dem
Rothbach entlang der Fall, was zu vielen Anständen und Verhandlungen führte.
Erst im Jahr 1870 wurden die Grenzen unter Mitwirkung des eidg. Kommissärs, Landammann Aepli von St. Gallen
in gegenseitigem Uebereinkommen
genau festgelegt, wobei die meisten exempten Güter an Ausser
roden fielen und
Oberegg in 2 nirgends zusammenhängende Teile
zerrissen wurde, weil
Inner
roden in erster Linie die Zugehörigkeit der beiden exempten
Klöster
Wonnenstein
und
Grimmenstein für sich retten wollte. Die Grenzen sind darum oft selbst da nicht natürliche, wo eine solche in der Nähe
gelegen hätte.
Die W.-Grenze gegen Ausser
roden beginnt in der Mitte des Windmesserhäuschens auf der Säntisspitze, steigt hinunter zur
Einsattelung zwischen dem
Blauen
Schnee und der Tierwies und hinauf zur
Girenspitze (Vereinbarung von 1896),
von da hinunter zur Kammhalde (Grenzstein Nr. 1), deren
Grat sie folgt, bis er sich verliert. Dann wendet sie sich gegen
¶
forlaufend
den Weissbach, dem sie etwa 2,5 km weit folgt, um dann die Lauftegg zu übersteigen, das Thal des Kronbachs zu durchqueren und im ganzen nord-ostwärts auf die Hundwiler Höhe zu steigen. Von da folgt sie dem Grat bis Steigershöhe, dann dem Buchenbach nach bis zur Sitter und dieser bis zur Mündung des Rotbaches. Dieser bildet dann die N.-Grenze bis unterhalb Bühler, wo sie in einem ziemlichen Bogen nach S. ausweicht und dann erst 2 km weiter oben den Bach wieder trifft. Bald verlässt sie diesen wieder, zieht sich durchschnittlich südöstlich gegen den Hohen Hirschberg, an dem sie 500 m nördlich vorbeistreicht, um in ö. Richtung die Brandegg (Grenzstein Nr. 46) und dann in einem Bogen, nördlich ausweichend, den Hörchelkopf zu erreichen.
Hier beginnt die O.-Grenze gegen den Kant. St. Gallen. Diese befindet sich bis über Fähnern hinaus am O.-Abhang der Höhen, geht dann beim Unterkamor auf die W.-Seite des Berges über, steigt aber bald wieder zur Spitze des Kamors auf und hält sich nun auf der Wasserscheide über den Hohen Kasten, Furgglenfirst, Roslen, Kraialpfirst (wo sie S.-Grenze wird), Altmann, Rotstein, bis zum Säntis. (Auf der topographischen Karte ist die Grenze östlich der Fähnern falsch angegeben, indem sie den Forstsee berühren sollte.)
Von der Landmarch weg, wo noch etwa 200 m der Ruppenstrasse auf
innerrodisches Territorium fallen, zieht sich die erst 1875 in
Kraft getretene Grenzlinie des äussern Landesteils bald auf die Wasserscheide zwischen Rheinthal und
appenzellischem Hügelland
und behält diese (aber immer nur ungefähr) bis an die Strasse Oberegg-Rehetobel bei, um von da die unregelmässigsten
Kurven gegen Heiden, Reute und Wolfhalden zu beschreiben. Im weitern Verlauf gegen Walzenhausen weicht sie nicht mehr zu sehr
von der Geraden ab, steigt von 760 m auf 935 und sinkt wieder auf 657 m. Die Grenze gegen St. Gallen
bleibt immer am Abhange
des Rheinthales zwischen 600 und 700 m, während der oberste Grat zwischen 800-1100 m schwankt. Sie steigt nur im westlichen
Abschnitt wieder zur Landmarch bis 1023 m auf.
Dass hier das (auch ausserrodische) Appenzeller Gebiet überall den Abhang hinabgreift, rührt ohne Zweifel daher, dass es von unten her besiedelt wurde und sich erst später politisch vom Unterland losgetrennt hat. Beweis hiefür ist nicht nur eine bemerkenswerte Uebereinstimmung der Dialekte, sondern auch die frühere Zugehörigkeit dieser Gegenden zu den Kirchen von Höchst (Vorarlberg) und St. Margrethen. Kleinere Gebiete sind heute noch nach Berneck und Marbach kirchgenössig. Im Gegensatz dazu geht im südl. Teil die Grenze ostwärts über die Wasserscheide hinab, weil hier die Bevölkerung von N. her eindrang und der Bergabhang mit Wald bedeckt blieb, der nach Bedürfnis von oben und unten in Anspruch und Besitz genommen wurde.
2. Geologie, Mineralogie, Botanik etc.
sind, soweit unser ursprünglicher Artikel nicht genügt, ausführlicher in den Artikeln Sæntis und Sankt Gallen behandelt, so dass wir auf diese verweisen können. Zur Fauna ist vielleicht nachzutragen, dass die Kreuzotter (Pelias berus) trotz gegenteiligen Behauptungen mit Sicherheit in unserm Gebiete noch nicht nachgewiesen werden konnte und wahrscheinlich gar nicht vorkommt, dass aber die Ringelnatter (Coluber natrix) und die österreichische Natter (C. austriacus) sich finden, ebenso der Fadenmolch (Triton helveticus) und die Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans).
An ersten Gipfelbesteigungen sind (nach Lüthi und Egloff) bekannt: 1825 Altmann (Apotheker Fröhlich), 1884 Freiheit (Bodenmann, Eugster und Dörig), 1890 Türme (Nänny und J. B. Fässler), 1891 Lisengrat (Nänny), 1894 Hängeten (Egloff).
Es ist natürlich trotz diesen Angaben nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Höhepunkt schon früher von einem Jäger oder Hirten bezwungen worden ist.
Die erste Unterkunftshütte auf dem Säntis wurde 1845 von Jakob Dörig, genannt Schribers Jock, errichtet, der dann gleichfalls 1850 die erste Hütte zur Aufnahme von Touristen auf dem Hohen Kasten erbaute.
3. Vom Seealpsee
wird seit 1905 die Kraft bezogen (etwa 300 PS.) für das «Elektrizitätswerk
Appenzell",
,
das vom und für das Dorf Appenzell
erstellt wurde, aber auch an die zwischenliegenden Gegenden Licht und Kraft abgibt, so wie für
den Betrieb der kommenden Säntisbahn in Aussicht genommen ist. Die Sitter mit ihren Nebenadern treibt
in
Inner
roden 8 Sägemühlen und 1 Mühle, der Auer- und der Kronbach je eine Sägemühle, der Fallbach mit Nebenbächen 4 Sägen
und 1 Mühle.
4. Die Viehzählungen
ergaben folgende Resultate:
|1866||1896||1906|
|Rindvieh||6748||8998||10257|
|Pferde||262||118||170|
|Maultiere||-||-||4|
|Schweine||2446||9572||9323|
|Schafe||919||327||265|
|Ziegen||4825||4850||3813|
Wie aus diesen Angaben ersichtlich, nimmt die Zahl ¶
forlaufend
der Pferde, die infolge der Eisenbahnen zurückgegangen war, allmählich wieder zu. Die Rindviehzucht zeigt eine fortwährende Progression, die vermutlich ihren Höhepunkt erreicht haben wird, da jetzt schon bedeutende Futtermittel eingeführt werden müssen, um die vorhandenen Tiere zu ernähren. Die Schweine sind an Zahl, wohl nur vorübergehend, etwas zurückgegangen; immerhin hat Appenzell I. R. mit 676 Stück auf 1000 Ew. noch verhältnismässig den grössten Bestand an diesen Borstentieren, nicht nur von allen Kantonen, sondern sogar von allen Zählbezirken. Die Schafe nehmen, wie fast in der ganzen Schweiz und aus den selben Ursachen, konstant ab. Die Ziegen haben ihren Tiefstand überschritten (1901: 3282), was mit rationellerer Züchtung und daher rührendem besserm Absatz zusammenhängt. Besonders nach N.-Deutschland findet ein fast regelmässiger Export unserer Ziegen statt.
5. Bevœlkerung.
Die eidgen. Volkszählungen geben folgendes Bild:
|Jahr||Ew.||Zunahme||Kantonsbürger||Bürger anderer Kantone||%||Ausländer||%||Männlich||Weiblich|
|1850||11272||.||10969||229||2,0||74||0,6||5350||5922|
|1860||12000||6,4||11507||372||3,1||121||1,0||5760||6240|
|1870||11909||-0,7||11376||406||3,4||127||1,1||5711||6198|
|1880||12841||7,8||11581||957||7,6||303||2,3||6363||6478|
|1888||12888||0,3||11547||1046||8,1||295||2,3||6312||6576|
|1890||13499||4,7||11783||1387||10,3||329||2,4||6526||6973|
|von 1850-1900||.||19,7||.||.||.||.||.||48,4%||51,6%|
|Jahr||Deutsch.||Franz.||Italien.||Roman.|
|1880||12821||2||16||2|
|1888||12849||8||28||2|
|1900||13412||7||69||8|
|Jahr||Kathol.||%||Reform.||%||Israel.||Andre||Häuser||Haushaltungen|
|1850||11230||100||42||0||-||-||-||2629|
|1860||11884||99||115||1||-||1||1853||3159|
|1870||11720||98||188||2||-||1||1979||3052|
|1880||12294||96||545||4||1||1||2075||3143|
|1888||12213||95||673||5||-||2||2112||3163|
|1900||12665||94||833||6||-||1||2184||3017|
Wie aus dieser Zusammenstellung leicht ersichtlich, geht die Bevölkerungszunahme nur langsam vor sich.
Es ist dies keineswegs eine Folge geringer Fruchtbarkeit oder starker Sterblichkeit, da im Gegenteil Jahr für Jahr ein Ueberschuss
der Geburten über die Sterbefälle von durchschnittlich mehr als einem Prozent (1896 bis 1906 = 1544 Personen) konstatiert
werden kann. In der Tat hat Appenzell
I. R. durch die inländische Wanderung prozentual (ausser Schaffhausen)
am meisten von
seiner Wohnbevölkerung verloren, nämlich 12,1% der im Lande Geborenen, wozu noch die ins Ausland Wandernden zu rechnen
wären, die eine verhältnismässig nicht geringe Zahl ausmachen. Dass diese Abwanderung nicht von heute ist
und auch nicht im letzten Jahrzehnt eingesetzt hat, können wir leicht daraus schliessen, dass die Anzahl der überhaupt
in andern Kantonen lebenden Bürger
(also inklusive die auswärts Gebornen) 32,5%, also beinahe einen Drittel der Bürgerschaft
ausmacht, in welcher Beziehung wir nur von Thurgau
und Schaffhausen
übertroffen werden. Die im Ausland Lebenden würden ohne
Zweifel den Drittel überschreiten lassen. Die Gesamtzahl der in der Schweiz wohnenden Bürger
Inner
rodens (also samt den
zu Hause gebliebenen) beträgt 17458, demnach 3959 mehr als die Totalbevölkerung des Kantons.
Der Abgang wird bei weitem nicht durch Zuwanderung gedeckt, indem Ausländer und Schweizerbürger andrer Kantone zusammen
nur 12,7% der Bevölkerung ausmachen. Schweizerbürger anderer Kantone sind zwar bei uns prozentual nicht
am wenigsten zahlreich, indem wir erst die 5. Stelle einnehmen, wohl aber ist die absolute Zahl die kleinste, und in Bezug
auf Ausländer haben wir in beider Hinsicht die geringste Zahl. Das nämliche Bild zeigt sich beim Sprachenverhältnis,
wo
Inner
roden sowohl absolut als relativ am wenigsten Leute mit andrer als deutscher Sprache aufweist. Allerdings mag die
nächste Volkszählung vielleicht ein andres Resultat zu Tage fördern; italienisch Sprechende kommen immer mehr nicht bloss
als vorübergehend Arbeit suchende Maurer, Erdarbeiter etc. hieher, sondern sie lassen sich mehr und mehr
mit ihren Familien als Handwerker, Wirte oder Krämer nieder.
Bekanntlich gehörte unser Gebiet ursprünglich zu Rätien und kam dann unter die Herrschaft der Alemannen. Die beiden Typen scheinen jetzt noch unterscheidbar zu sein, wenn auch wohl keiner mehr in voller Reinheit vorhanden ist. Ziemlich deutlich heben sich Brachy- und Dolichozephalen voneinander ab, dagegen verteilen sich neben der braunen Haarfarbe, die hellblonde und schwarze, nebst entsprechender Iris, keineswegs sichtlich auf die eine oder andre Kopfform. Leider lässt uns die Statistik hierüber, wie noch über manchen andern Punkt, im Stiche. Doch überwiegen jedenfalls die Brachyzephalen, die zugleich einen kurzen, gedrungenen Wuchs haben, so dass der Appenzeller zu den kleinern Leuten der Schweiz und die Appenzellerin zu den zierlichem Gestalten gerechnet werden kann.
Die Dolichozephalen mit hohem, schlankem Wuchs sind nicht so zahlreich, um den allgemeinen Eindruck zu ändern, obwohl selbstverständlich auch Uebergangsformen aller Art Vorkommen. Man darf ferner sagen, dass der Appenzeller wenig zur Fettleibigkeit neigt, wie auch die Breitschultrigkeit (des Berners z. B.) ganz selten gefunden wird.
6. Charakter und Sitten.
Der Appenzell-Innerroder zeichnet sich durchwegs weniger durch Freude an intensiver Arbeit, als durch Sparsamkeit und natürliche Anlagen für den kleinen Handel aus; er ist witzig, schmiegsam und ohne grosse Bedürfnisse. Seine engere Heimat liebt und schätzt er über alles; was ausser ihren Marken liegt, heisst «fremd», und «frönt», wie er sagt, hat immer einen Beigeschmack von Verachtung. In gleicher Weise ist er der Kirche zugetan, wie die zahlreiche Teilnahme an Gottesdienst, Andachten, Prozessionen, Wallfahrten und Missionen zeigt.
Dass gleichwohl die gemischten Ehen zunehmen (von 1870 bis 1900 von 1 auf 4%) erklärt sich hinreichend
aus der an protestantische Gebiete anstossenden Lage und aus der (wenn auch langsam) wachsenden Verschiebung der Bevölkerung.
Der
Innerroder ist sonst für Neuerungen nicht sehr eingenommen. «Nüz Nüs»
d. h. «Nichts Neues» hat schon öfter an Landsgemeinden
und eidg. Abstimmungen eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Trotzdem verschwinden manche alte Bräuche im Strom der Zeit.
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