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Inanna – Universelle, sumerische Göttin, Königin des Himmels und der Erde
Im alten Mesopotamien des 3. vorchristlichen Jahrtausends bevölkerten Hunderte von Göttern das sumerische Pantheon. Inanna war die Nachkommin der mächtigsten unter ihnen, nämlich der Gebieter über die vier Reiche des Universums, über Himmel, Luft, Wasser und Erde.
Wer war sie, die die Große Göttin genannt wird?
Inanna stammt vom höchsten Göttergeschlecht ab, und verschiedene Gedichte, eingeritzt in Tontafeln in sumerischer Keilschrift, erzählen unterschiedliche Versionen zu ihrer Abkunft.
Einerseits entstammt sie der ersten Generation (je nach Mythos war sie Tochter des Himmelsgottes An oder des Luftgottes Enlil oder auch des Gottes der Weisheit und des Wassers, Enki). Andererseits gilt sie aber auch als Kind der zweiten Generation als die
Tochter des Mondgottes Nanna, damit war sie Zwillingsschwester des Sonnengottes Utu und die jüngere Schwester derHerrin der Unterwelt, Ereschkigal.
Der Name Inanna bedeutet Königin des Himmels, doch gleichermaßen wie der Himmel ist auch die Erde ihr Reich. In Babylonien und Assyrien hieß sie Ischtar, die Hethiter nannten sie Inaras, in der Bibel erscheint sie als Ashtoreth, Ashera oder Anath. Bei anderen und späteren Völkern heißt sie Astarte, Innin, Anat, Nana, Isis-Hathor… Unter vielen
Namen und in in vielen Sprachen wurde sie verehrt, die Eine, die Große Göttin, die in der Zeit der Frühgeschichte so viele Aspekte insich vereinte.
Als die Göttin der Liebe, der Zeugung, der Fruchtbarkeit, der Heilkunst, der Gerechtigkeit und des Krieges genoss Inanna Jahrtausende lang höchste Verehrung. Der Planet Venus als Morgenstern und als Abendstern war ihr Symbol, so war sie für die Menschen am Himmel sichtbar. Ihr Emblem war in späteren Zeiten ein achtzackiger Stern, während man sie in den sumerischen Ursprüngen als Frau mit einem Schilfrohrbündel dargestellt hatte. Gemäß einem anderen Mythos jedoch zeigte sie sich den Menschen als Mondgöttin in den wechselnden Erscheinungsformen des Mondes, und so ist sie die erste uns bekannte Göttin in der Reihe der zu allen Zeiten hochverehrten Mondgöttinnen.
Im Land von Euphrat und Tigris mit seinen mächtigen Städten herrschte Inanna in Uruk – als Göttin, Königin und Hohepriesterin ihres Tempels. Zum Gemahl nahm sie sich einen Sterblichen, den jungen Hirten Dumuzi, den sie zum König machte und zum Mitregenten über ihre Stadt. Alljährlich vollzogen sie die Heilige Hochzeit bei einem rauschenden Fruchtbarkeitsfest im Frühjahr, und das gesamte Volk nahm daran teil. Viele Jahrhunderte hindurch wurde diese mythische Hochzeit, der Hieros Gamos, von den Menschen zur Frühlingszeit nachvollzogen, wobei die Königin oder die Hohepriesterin sich mit dem König vereinigte, um die Fruchtbarkeit der Natur, das neue Erblühen und Grünen, die neue Frucht zu gewährleisten.
Im 19. Jahrhundert stieß man bei Ausgrabungen in Nippur auf das mythische Gedicht mit dem Namen; Der Abstieg der Inanna. In jahrzehntelanger Arbeit gelang es, den sumerischen Keilschrift-Text aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. zu entziffern: Man hatte die Entwicklungs-geschichte der Göttin Inanna gefunden!
Das junge Mädchen Inanna – noch ohne Reich und Macht und in Furcht vor dem Wort der älteren Göttergeneration – rettet den Huluppubaum aus den Fluten des Euphrat und pflanzt ihn in ihren Garten in Uruk. Sein Holz soll ihr später als Thron und Bett dienen. Böse Mächte nisten sich in ihm ein, eine Schlange in den Wurzeln, Lilith im Stamm und der Anzu-Vogel in der Krone. Aber der junge Held Gilgamesch kommt seiner heiligen Schwester, wie er sie nennt, zu Hilfe, ver-treibt die Eindringlinge, baut ihr Thron und Bett aus dem Holz des Huluppubaumes.
Dank ihrer schöpferischen Intelligenz hat Inanna einen wichtigen Entwicklungsschritt bewältigt und aus eigener Kraft die Grundlagen für Fruchtbarkeit und Macht (Bett und Thron) geschaffen.
Das Mädchen Inanna wird zur Frau. Voll Freude und Lust besingt sie im Mythos das Erblühen ihres schönen Körpers; sie fühlt sich völlig im Einklang mit der Natur, in deren Rhythmus sie sich einfügt, dem sie sich unterordnet. Sie findet als Frau und Königin zu ihrer wahren Identität und krönt sich schließlich selbst mit der zarten Krone des Weidelandes, wie es im Gedicht heißt.
Aus eigener Kraft wird Inanna Königin von Uruk und Hohepriesterin ihres Tempels.
Das Gedicht erzählt weiter, wie Inanna ihren Vater Enki (den Gott des Wassers und der Weisheit) besucht, um ihm Ehre zu erweisen. Beim Gastmahl schenkt ihr der berauschte Enki nach und nach alle Gaben und Fähigkeiten des kulturellen Lebens, die Gaben der Stadtkultur, die sogenannten Me. Inanna bringt alle diese kostbaren Me in ihrem Boot nach Uruk – trotz aller Ungeheuer und Sturmfluten, die der inzwischen wieder ernüchterte Enki ihr nachsendet, um sie zurück zu holen. Doch Inanna erweist sich dieser Gaben als würdig durch kluge Entscheidungen, so vermehren sie sich sogar während ihrer Reise. Das Volk jubelt bei ihrer Ankunft: Das Gedeihen ihrer Stadtkultur ist gesichert. Nachträglich bestätigt Enki die Schenkung und gewährt der Tochter Schutz und Segen.
Jetzt ist sie bereit zur Heiligen Hochzeit mit Dumuzi. Sie feiern mit großer Lust und Hingabe, und Inanna verspricht Dumuzi, ihn in seinem neuen Königsamt als Mitherrscher zu stützen und zu beraten. So
verkörpert sie ein weibliches Prinzip, das sich sowohl sinnlich-schöpferisch als auch geistig-inspirierend, also ganzheitlich ausdrücken will.
Zentrum und Höhepunkt des Mythos um Inanna ist ihr Abstieg in die Unterwelt zu ihrer wilden, dämonischen Schwester Ereschkigal, der gefürchteten Herrin des Totenreiches. Inanna fühlt sich von ihrer Schwester gerufen, sie soll der Bestattung von Ereschkigals Gemahl, des Heiligen Himmelsstieres Gugulanna beiwohnen. Vor ihrem Abstieg beauftragt sie ihre Vertraute, Ninshubur, dass diese ihr Hilfe schicken möge, falls sie nach drei Tagen nicht zurückgekehrt sei.
Angetan mit allen Zeichen ihrer Macht (Krone, Meßstock und Meßleine, Lapislazuli- und Goldschmuck, Brustschild, Palagewand der Herrscherin) begibt sich Inanna hinunter zum Land ohne Wiederkehr. An den sieben Toren wird sie der Reihe nach aller Insignien und Gewänder entkleidet und erscheint gebeugt vor der Königin des Totenreiches und den Richtern der Unterwelt. Ihre in Wut und Trauer rasende Schwester heftet das Auge des Todes auf sie, und Inanna erleidet den Tod. Ihr Leichnam wird an einem Pfahl hängend der Verwesung preisgegeben.
Doch die Oberwelt sinnt auf Rettung. Ihrem Göttervater Enki gelingt es durch zwei kleine von ihm geschaffene Wesen Ereschkigals Raserei und Schmerz zu besänftigen, ihr einen Hauch des Mitfühlens zu übermitteln und sie zur Herausgabe des Leichnams zu bewegen. Die kleinen Wesen bringen das Wasser des Lebens und die Speise des Lebens zu Inanna. Inanna ersteht wieder auf!
Sie darf die Unterwelt verlassen, jedoch nicht ohne die rächenden Dämonen, die sie begleiten und nach den Gesetzen des Totenreiches Ersatz für sie fordern. Inanna schützt alle, die ihr Ehre erweisen, doch sie opfert ihren Gemahl Dumuzi, der sich inzwischen auf ihrem Thron eingerichtet hat und sich bei ihrer Rückkehr gleichgültig zeigt. Nun heftet sie das Auge des Todes auf ihn und gibt ihn dem Totenreich preis.
In der späteren babylonischen Version des Mythos mit Ischtar und Tammuz erklärt sich Tammuz` Schwester Geshtinanna aus Liebe zu ihrem Bruder bereit, mit ihm zu gehen. Ischtar bestimmt daraufhin, dass jeder von beiden jeweils die Hälfte des Jahres in der Unterwelt verbringen solle.
Inanna und ganz Uruk trauern zwar um Dumuzi, doch offenbar hatte er sich als unreif und als der Anteilnahme, der Empathie, des Mitfühlens unfähig erwiesen. Auch ihm wird von Inanna die Auseinandersetzung mit der Unterwelt verordnet, das heißt auch mit seiner eigenen Unterwelt. Die gleiche Stärke und Weiseheit wie sie sollte auch er erlangen.
Worin liegt die tiefere Bedeutung des Abstiegs in die Unterwelt? Warum begab sich die Göttin und Königin auf der Höhe ihrer Macht in die Gewalt ihrer dämonischen Schwester?
Inanna, das Symbol für Liebe und Freude, Schönheit, Harmonie und Gerechtigkeit wusste wohl, dass die in die Unterwelt verbannte Schwester ihre eigenen Schattenseiten – Zorn und Hass, Wildheit und Rachsucht – verkörperte und dass sie sie erlösen musste. Es geschah aus weiser Einsicht, dass sie hinabstieg, um sich ihrem eigenen Schatten zu stellen. So konnte sie Ereschkigals Blockade aufbrechen und ihr die Chance zur Anteilnahme am Lebendigen geben. Das bedeutet, sie integrierte die Dunkle Schwester in ihre Persönlichkeit. Sie hielt nicht am Prinzip der Dauer fest, sondern folgte dem göttlichen Gesetz der ständigen Verwandlung und Entwicklung.
Nach dem Übergangsritual des Überschreitens der Schwelle zur unteren Welt und der erneuten Rückkehr ins Leben wurde sie auf einer höheren spirituellen Ebene wiedergeboren. Durch das Annehmen ihrer Schattenaspekte gelangte sie zur Ganzheit und Vollkommenheit.
So wurde Inanna in jeder Hinsicht zur umfassenden Göttin. Nicht nur für die suchenden Menschen in ihrer Zeit und ihrer Kultur war sie Vorbild in ihrer Weisheit und Stärke; was sie uns lehrt, ist zeitlos gültig – und nicht nur für die weibliche Psyche.
Für uns ist die Begegnung mit Inannas Geschichte nicht nur wegen der uralten und ewig neuen Thematik des Weiblichen faszinierend, sondern weil wir in diesem Mythos nachvollziehen können, wie eine Göttin ihre wahre Göttlichkeit aus eigener Kraft gewonnen hat.
Literatur:
* Samuel N. Kramer: Die Wiege der Kultur, Time Life 1969
* Samuel N. Kramer: Die Geschichte beginnt mit Sumer, Büchergilde Gutenberg, FfM
* Diane Wolkstein und Samuel N. Kramer:Inanna, Queen of Heaven and Earth, New York 1983
* Syvia Brinton Perera: Der Weg zur Göttin der Tiefe, Ansata 1985
* Elisabeth Hämmerling: Mondgöttin Inanna. Kreuz 1990
* Hajo Banzhaff: Schlüsselworte zum Tarot, Legesystem Inannas Abstieg in die Unterwelt, Goldmann 1990.
Autorin: Rotraud Plattner (www.muenchen.neue-akropolis.de)