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Anfang 2018 zeigte eine neue Satellitenvermessung, dass die Antarktis rapider schmilzt als angenommen. Selbst wenn die Klimaziele des Pariser Abkommens erreicht werden, dürften die Küstenstädte der Welt mit einem steigenden Meeresspiegel konfrontiert werden. Rotterdam kennt das Problem schon seit Jahrhunderten und hilft sich mit schwimmenden Gebäuden, erhöhten Dämmen und Pfahlbauten.
Der Meeresspiegel steigt, und das schon seit dem Ende der letzten Kaltzeit vor ca. 20’000 Jahren. Mit der Industrialisierung beschleunigte sich der Anstieg aber deutlich. Während im 18. Jahrhundert der Wasserspiegel noch 2cm stieg, waren es im Folgejahrhundert 6cm und im letzten Jahrhundert schon 19cm. Hauptfaktor während dieser Zeit war die thermale Expansion des Wassers, welches mit steigender Temperatur seine Dichte verringert und sein Volumen erhöht.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts füllte die thermale Expansion des Wassers noch die Hälfte des Anstiegs, erreichte damit aber seine Plateauphase. Die soweit angestiegenen und erwärmten Ozeane und Ströme beschleunigen aber wiederum das Schmelzen von Eis, die neue Hauptursache des Anstiegs.
Schmelzende Gletscher und Polkappen tragen heute 60-70% zum Meeresspiegelanstieg bei. Das erwartete Ausmass der Schmelze von Gletschern, Eisflächen und Polarkappen musste vor allem für die Antarktis in den letzten Jahren nach oben korrigiert werden. Unterschätzt hatte man den Einfluss von wärmeren Strömen und die Eigendynamik der gewaltigen Eismassen, welche sich von dem gefrorenen Kontinent lösen.
Entsprechend steigen auch die Prognosen für den steigenden Meeresspiegel. Das NOAA prognostiziert einen Anstieg bis zum Jahr 2100 zwischen 0.3 – 2.5 Metern. Zur Verdeutlichung der Auswirkungen liess die US-staatliche Forschungsbehörde einen interaktiven Sea Level Rise Viewer entwickeln, mit dem man selber die Küstengebiete der Welt fluten kann.
Der Grund für den hohen Unterschied zwischen dem tiefsten (0.3m Anstieg) und dem extremsten (2.5m) Szenario sind einerseits die unberechenbar abbrechenden Eismassen, andererseits die von politischen Entscheiden abhängigen Treibhausgase. Selbst beim optimistischsten Szenario müssen sich tiefliegende Küstengebiete und -Städte aber auf den steigenden Meeresspiegel vorbereiten.
Küstenstädte unter Wasser
Nebst einer einfacher zu verteidigenden Position bietet die Position an der Küste Meereszugang für Fischerei, Handel und Transport. Die grössten Städte der Welt sind deshalb Küstenstädte: Shanghai, Tokyo, Istanbul, Mumbai, Karachi, London, New York.
Die direkteste Gefahr ist, dass tiefliegende Flächen von dem steigenden Meeresspiegel einfach überschwemmt werden. Es gibt aber auch indirekte Gefahren des Klimawandels: Fluten und Stürme werden häufiger und extremer, Niederschläge intensiver aber seltener, Trocken- und Dürreperioden länger.
Viele Städte müssen schon seit Jahrhunderten mit dem steigenden Meeresspiegel klarkommen. Die Hafenstadt Rotterdam zum Beispiel liegt heute offiziell 0 Meter über Meer, gewisse Gebiete bis zu Minus 6 Meter.
Rotterdam: Stadt der Deiche und Pumpstationen
Der Stadtrat von Rotterdam hat 2008 das Climate Proof programme ratifiziert. Mit dieser Initiative will die Stadt möglichst viel Wissen über Klimawandel-Anpassungs-Massnahmen sammeln, umsetzen und exportieren. Die globale Nachfrage dürfte angesichts der Klimaentwicklung steigen.
Seine geschickte Platzierung an der Küste, an dem Delta der Maas und des Rheins verwandelte Rotterdam in eine florierende und dicht bewohnte Handelsstadt. Genau dies ist nun aber auch ihre Schwachstelle, da der Klimawandel auch den Pegel der Flüsse beeinflusst.
Schon heute ist die Hafenstadt relativ gut geschützt. Robuste Deiche und Sturmschutzbarrieren schützen vor Hochwasser und Stürmen. Ein ausgeklügeltes System aus Kanälen, Seen, Poldern, Wasserwegen, Kanalisationen und Pumpstationen sorgt für eine ausbalancierte Verteilung der Wassermassen.
Das System ist durchdacht, aber auch komplex, zentralisiert und unflexibel. Bei einer einzigen Fehlleistung einer Pumpstation wären die Folgen für Menschen und Einrichtungen fatal. Extreme Regenfälle oder Stürme sorgen bereits heute für Überlastungen, und diese werden im Verlauf dieses Jahrhunderts immer häufiger erwartet.
Rotterdam plant deshalb nebst dem Ausbau des existierenden Systems eine Ausdehnung auf viele kleine, unabhängige Massnahmen. Einerseits um nicht von einem System abhängig zu sein, andererseits um neue Technologien zu testen.
Schwimmende Gebäude
Die bereits bewährten Massnahmen sind die Erhöhung tiefliegender Gebiete und die Verstärkung der Barrieren. Die 1997 fertiggestellte Maeslantkering Sturmbarriere wird noch bis zu einem Meeresspiegelanstieg von einem halben Meter taugen, danach muss sie neu gebaut werden.
Auch die bestehenden Wasserreservoire will Rotterdam ausbauen. Diese sollen bei intensiveren Regenfällen Überschwemmungen verhindern und für die immer länger werdenden Dürreperioden Wasser bereitstellen. Dieses soll einerseits die neuen Naturparks bewässern, welche die Deiche zusätzlich stabilisieren. Andererseits soll so auch der Flusspegel während Trockenperioden hochgehalten werden, um das Eindringen von Salzwasser über das Delta zu verhindern.
Bei der Vergrösserung der Wasserspeicher bezieht die Stadt auch öffentliche Plätze oder Strassen ein, die temporär Wasser auf der Oberfläche speichern können, ohne dass Schaden oder Stau entsteht.
Die kostenaufwendige Erhöhung von ganzen Gebieten will Rotterdam teilweise umgehen, indem Gebäude stattdessen wasserdicht, auf Pfählen oder schwimmend konzipiert werden.
Anpassung ist Symptombekämpfung
Das Beispiel von Rotterdam zeigt, dass der Klimawandel auch eine Gelegenheit für neue Innovationen und Wirtschaftszweige ist. Schlussendlich sind die Massnahmen der Stadt aber lediglich eine Symptombekämpfung. Eine, die für ländliche Küstengebiete oder Inseln nicht gleich realistisch sein dürfte wie für Städte, bei denen finanzielle Mittel viel konzentrierter sind.
Die hauptsächliche Ursache des beschleunigten Klimawandels sind menschliche Treibhausemissionen. Selbst wenn wir diese über Nacht vollständig eliminieren würden, dürften die Temperaturen und der Meeresspiegel weiter ansteigen. Nebst einer Reduktion der Emissionen braucht es also auch einen gezielten Abbau der Treibhausgase.
Vulkanausbrüche haben in der Vergangenheit für eine drastische Abkühlung der Erde gesorgt. Dies könnte man gezielt imitieren durch stratosphärische Aerosol-Injektionen. Dies ist keine sonderlich attraktive Notmassnahme, weil ihre langfristigen Nebeneffekte schwer einzuschätzen sind. Handelt die internationale Gemeinschaft aber nicht entschlossen genug, bleibt nichts Anderes übrig.