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Nate Silver ist Statistiker, Baseballwissenschafter und Wahlforscher. Das «Time» Magazin hat ihn 2009 – also im Jahr nach den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA – zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten gezählt. Nate Silver ist seit 2008 der anerkannte Meister der Wahlprognosen für die Vereinigten Staaten von Amerika. Er hat damals für 49 von 50 Staaten das Wahlergebnis richtig vorhergesagt – und der einzige Fehlstaat Indiana wurde von Barack Obama denkbar knapp mit 1 Prozent der Stimmen gewonnen. Überdies hat Nate Silver die Gewinner aller 35 Sitze im US-Senat richtig vorhergesagt, die 2008 zur Wahl standen.
Silvers Blog heisst «FiveThirtyEight.com», entsprechend der Zahl der 538 Wahlmänner, die nach der Volkswahl zusammentreten, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu wählen. Erforderlich für die Wahl sind nach heutiger Regelung die Mehrheit von 270 Wahlmännerstimmen. Silvers Blog wird regelmässig in der «New York Times» publiziert. Seine neueste Analyse dürfte Mitt Romney nicht gefallen.
Huffington Post: «More Good News For Obama»
Das Umfragespiel ist in den Vereinigten Staaten ein besonders reizvolles, weil kompliziertes und nicht ganz unparteiliches Game. Manche Institute wie Gallup oder Rasmussen neigen eher zu den Republikanern, weil sie Minderheiten wie die Afro-Amerikaner untergewichten und Mitt Romneys weisse Wähler leicht bevorzugen. Andere wie das Civitas Institute (Republikaner) oder das Public Policy Polling (Demokraten) sind direkt mit den Parteien verbunden. Erst die klare Sicht durch dieses Geflecht und die angewandten Methoden führt zur richtigen Einsicht.
Die «Huffington Post» hat für die eigenen Vorhersagen eine Modellrechnung entwickelt, die die unzähligen Umfragen gewichtet und daraus ein möglichst wirklichkeitsgetreues Ergebnis destilliert. Sie sieht Obama schon seit Wochen vorn und stellt jetzt fest, dass der Auftrieb für den Amtsinhaber seit dem demokratischen Parteikonvent durchaus nicht nachlässt. Obama führt in 19 von 20 neuen Umfragen, die die «HuffPost» diesen Montag in ihre Modellrechnung eingespeist hat (die einzige Umfrage zugunsten von Romney stammt aus dem Bundesstaat Montana, den die Demokraten seit zwanzig Jahren nicht mehr gewonnen haben).
Romney und sein Team: Augen zu und durch
Das Gesamtergebnis: Obama führt laut «Huffington Post» mit 332 zu 191 Wahlmännerstimmen, und die notwendige Mehrheit von 270 Stimmen wäre ihm auch sicher, wenn die 15 Stimmen aus North Carolina noch verloren gingen. Die «HuffPost» weiss das natürlich, aber sie schreibt auch mit Recht, dass die Umfragen dieser Woche eine eher zufällige Momentaufnahme sein können. Trotzdem: «Wenn die Republikaner in den Umfragen vom Montag gute News suchen, finden sie keine.»
Romneys Republikaner reagieren nach dem Motto: «Augen zu und durch». Der Kandidat selber spricht von einem knappen Rennen, das er gewinnen werde. Gleichzeitig versucht er, die reichen Spender bei Laune zu halten, die bereits dazu neigen, ihr Geld lieber in die Parlamentswahlen zu investieren als in einen Präsidentschaftskandidaten mit schwindenden Erfolgsaussichten. Und Romneys Wahlkampfteam erklärt die Menge schlechter Umfrageergebnisse für unwichtig weil unwissenschaftlich, und behauptet, es hätte seine eigenen Zahlen. Wie die aussehen, wollen Romneys Wahlkämpfer allerdings nicht bekannt geben.
Nate Silver: Obamas Führung zunehmend uneinholbar
Eindeutig klar und wissenschaftlich nachvollziehbar ist sicher die neueste Analyse des Umfrage-Gurus Nate Silver. Er verarbeitet für seine Arbeit die verfügbaren Zahlen der US-Wahlen seit 1936. Bis 1968 sind die Daten ziemlich dünn, danach immer dichter, und heute gibt es eine Überfülle. Nate Silver macht den Vergleich über diesen langen Zeitraum verstehbar – und bringt Obamas Anhänger zum träumen.
Der Kolumnist Kevin Drum gibt seiner Freude Raum in «Mother Jones», dem Magazin, das mit dem Video von Mitt Romneys Sponsorendinner weltbekannt geworden ist. Das sind die neuesten «Highlights»:
> Obama führt auf nationaler Ebene mit 3.7 Prozent. Seit 50 Jahren hat kein Kandidat mehr verloren, der Ende September einen solchen Vorsprung hatte.
> Kein Kandidat mit mehr als 47 Prozent der Stimmen gegen Ende September hat in der ganzen Geschichte der amerikanischen Präsidentschaftswahlen jemals verloren. Obama erreicht gegenwärtig 48.7 Prozent.
> Grosse Veränderungen in der letzten Phase des Wahlkampfs sind nicht unmöglich, aber sie sind in den letzten 40 Jahren immer seltener geworden.
Wenig Unentschlossene – gefestigter Trend
Nate Silver selber macht das auf «FiveThirtyEight.com» noch präziser.
> «Es gibt wenig unentschlossene Wähler dieses Jahr», sagt er. Bei den meisten Wahlberechtigten ist die Entscheidung gefallen; also sind für die letzte Phase des Wahlkampfs keine grossen Veränderungen mehr zu erwarten. Das entspricht der Tendenz seit 1972.
> Obamas Vorsprung vor Romney ist für einen amtierenden Präsidenten nicht sonderlich beeindruckend. Aber das lässt sich durch die schwierige Wirtschaftslage erklären, die jedoch vielleicht nicht schlecht genug ist, um ihn abzuwählen.
> Obamas gegenwärtige Umfragezahlen sind sehr ähnlich denen von George W. Bush 2004, George H.W. Bush 1988 und Franklin D. Roosevelt 1944. Alle haben, zum Teil deutlich, gewonnen.
Wissenschaft und Wettbüros: 4:1 für Obama
Nate Silvers Zahlen ergeben insgesamt – Stand Sonntag, 23. September – für Obama eine Chance von 80 Prozent, dass er wieder gewählt wird. Silver errechnet für ihn zurzeit 309 Wahlmännerstimmen (gegenüber 209 für Romney) und gut 51 Prozent Wählerstimmen (gegenüber knapp 48 für Romney). All das, so Silver selber in seinem Blog, «spiegelt sich auch in den Quoten der Wettbüros, die Obama als 4:1-Favoriten sehen.»
Selbstverständlich kann bis zum 6. November noch viel geschehen; der Statistiker, Baseball- und Wahlforscher Nate Silver schliesst das nicht aus. Vielleicht bringen unerwartete, grosse Ereignisse, kriegerische Aktionen oder Naturkatastrophen eine Wende. Vielleicht machen Obama und sein Team einen groben Fehler. Vielleicht packt Mitt Romney die letzte Chance in den drei Fernsehdebatten mit Barack Obama, die am 3. Oktober beginnen. Wie seine konservativen Freunde und Kritiker schon etwas verzweifelt hoffen.
Endkampf mit allen Mitteln
Oder vielleicht helfen die schmutzigen Tricks. Zum Beispiel der Ausschluss von potentiellen Obama-Wählern aus den Wahlregistern. Karl Rove, der grosse Meister der politischen Intrigen ist wieder zurück im Wahlkampf der Republikaner, nachdem er Millionen für ihren Wahlkampf gesammelt hat. Er hat es auch mit solchen Tricks zur Meisterschaft gebracht und für George W. Bush erfolgreich damit gearbeitet. In mindestens zwölf Staaten sind entsprechende Gesetze noch unterwegs zu den Gerichten.
Aber das ist ein anderes Thema.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine