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Henno Martin: Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste. Eine Robinsonade in der Namib. Windhoek, 1980 (Neuausgabe; Originalausgabe 1956)
Henno Martin und Hermann Korn, zwei deutsche frisch promovierte Geologen, halten sich zu Forschungszwecken in den Naukluftbergen in Südwestafrika auf, wo sie nach Wasservorkommen für einheimische Farmer suchen, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Aus Angst, als Deutsche interniert zu werden, fliehen sie in die Wüste Namib und kämpfen dort zwei Jahre lang ums nackte Überleben. Ihr Alltag gestaltet sich beinahe urzeitlich: Die Unterkünfte sind provisorisch und primitiv, das Jagdglück wechselhaft, die Lebensbedingungen extrem – zwischen Verhungern am einen und Ertrinken am andern Tag. Die Angst, entdeckt zu werden, ist allgegenwärtig.
Der Erlebnisbericht liest sich wie ein spannendes Abenteuerbuch. Es lebt von wunderbaren Natur- und Tierbeschreibungen und von Reflexionen über das Leben – geschrieben von einem Wissenschaftler, der es gewohnt ist, seine Umgebung genau zu beobachten. Lange war das Buch vergriffen. Unter dem Titel «The Sheltering Desert» wurde es 1992 verfilmt und 1996 neu aufgelegt. Zu Zeiten, in denen das Reisen schwierig geworden ist, lässt sich mit diesem Buch das Fernweh ein bisschen stillen.
Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Die Schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976–1980. Göttingen, 2021
Die komplett in der Bibliothek des Sozialarchivs vorhandene und im Lesesaal einsehbare Zeitschrift «Die Schwarze Botin» (Signatur D 4604) war eines der wichtigsten Sprachrohre der Neuen Frauenbewegung in den 1970er Jahren. Trotz der Kontroversen, die sie auslöste, steht die in Westberlin verlegte Zeitschrift bis heute im Schatten der bekannten feministischen Magazine «Emma» und «Courage», die fast zeitgleich gegründet wurden. Das vorliegende Buch zeichnet die ereignisreiche Entstehungsgeschichte der «Schwarzen Botin» nach und dokumentiert zahlreiche Originalbeiträge zwischen 1976 und 1980.
Eine Vielzahl der Autorinnen der «Schwarzen Botin» wurde später weit über feministische Kreise hinaus bekannt. Für die Zeitschrift schrieben unter anderen bekannten Namen etwa Elfriede Jelinek, Christa Reinig oder Heidi Pataki. Die Redaktion um die beiden Herausgeberinnen Gabriele Goettle und Brigitte Classen verfolgte mit dem Avantgarde-Journal nur ein Ziel: aus der Frauenbewegung heraus eine Kritik an derselben zu formulieren – ohne Rücksicht darauf, sich damit Feind:innen in anderen feministischen Fraktionen oder in der politischen Linken zu machen.
Elisabeth Joris und Martin Widmer: Mutters Museum. Das Oberhaus und die ländliche Oberschicht am Zürichsee. Zürich, 2021
Das Oberhaus in Feldbach am Zürichsee ist eine wahre Schatzkammer. Ein Haus, in dem tausende Alltagsgegenstände, Briefe, Dokumente und Fotos lagern – alles fein säuberlich geordnet. Nichts wurde weggeworfen. Es sind die Überbleibsel von Mitgliedern der Familie Bühler, die in dem herrschaftlichen Gutshaus zwischen 1743 und 2016 wohnten. Alles, was nicht mehr gebraucht wurde, kam in den Estrich.
Die Historiker:innen Elisabeth Joris und Martin Widmer haben das Oberhaus-Archiv gesichtet und dies zum Anlass für ein Buchprojekt genommen. Die Fülle der Zeugnisse ermöglichte es ihnen, den Spuren der Familienmitglieder bis ins 18. Jahrhundert zu folgen und diese Geschichte reich bebildert nachzuerzählen. Es entsteht das Bild einer ländlichen Oberschicht, die sich immer wieder mit historischen Umwälzungen konfrontiert sah – und für die nicht zuletzt das Heiraten entscheidende Weichen stellte.
Heute ist das Oberhaus übrigens ein Bed and Breakfast: «B&B Oberhaushof» (oberhaushof.ch).
«Kein anderer Stoff hat das moderne Leben so geprägt wie das Erdöl», sagen die Kulturforscher Alexander Klose und Benjamin Steininger. Sie erzählen von der «schaurig» schönen Zeit des Erdölzeitalters, der sogenannten Petromoderne: von ihren Errungenschaften wie Luftballons, Kraftstoff oder Kosmetik genauso wie von den negativen Auswirkungen des Abbaus und Verbrauchs wie Kriege ums Öl, Klimakrise oder mit Plastik vermüllte Meere. In 43 Kapiteln zeigen die beiden Autoren auf witzige und kluge Weise auf, wie sehr wir mit dem «Schwarzen Gold» verstrickt sind und wie schwierig es ist, sich von ihm zu trennen. In den einzelnen Kapiteln geht es beispielsweise um Pferdekopfpumpen, den «Terminator» (Arnold Schwarzenegger) oder um Daten als das «neue Öl».
Das Buch ist sehr sorgfältig gemacht und wurde in Deutschland als eines der schönsten Bücher 2021 ausgezeichnet. Texte, Fotos und visuelle Gestaltung überzeugen. Zwischen den Kapiteln gibt es Querverweise, so dass sich das Buch linear, aber auch mit Gewinn querlesen lässt.
Die Autoren haben das Forschungskollektiv «Beauty of Oil» gegründet und die Ausstellung «Oil – Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters» im Kunstmuseum Wolfsburg (4.9.2021 bis 9.1.2022) mitgestaltet. Der Katalog zur Ausstellung ist ebenfalls im Sozialarchiv verfügbar (Signatur 146858).
Martin J. Bucher: Führer, wir stehen zu dir! Die Reichsdeutsche Jugend in der Schweiz, 1931–1945. Zürich, 2021
«Ich gelobe, dem Führer Adolf Hitler treu und selbstlos zu dienen.» Bis 1945 schworen über 2’500 deutsche Kinder und Jugendliche in der Schweiz ihren Eid auf den Führer des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie waren Mitglieder der Reichsdeutschen Jugend in der Schweiz, eines Ablegers der Hitlerjugend. Noch bis zum 1. Mai 1945 tolerierten die Schweizer Behörden die Aktivitäten der Organisation. Nach deren Verbot wurden der Landesjugendführer und andere fanatische Nazis aus der Schweiz ausgewiesen.
Die Dissertation von Martin J. Bucher zeigt, wie zu Beginn der 1930er Jahre die ersten Standorte der Hitlerjugend in der Schweiz parallel zu NSDAP-Ortsgruppen entstanden. Ziel der deutschen Hitlerjugend war es, alle im Ausland lebenden «reichsdeutschen Jungen und Mädel» unter ihrer Fahne zu vereinigen. Dafür baute man bis 1943 rund fünfzig Standorte der Reichsdeutschen Jugend in der Schweiz auf. Die Kinder und Jugendlichen unterstanden hiesigen Hitlerjugend-Führern, die vom Auslandsamt der Reichsjugendführung in Berlin angeleitet wurden. Die Tätigkeit der Reichsdeutschen Jugend unterschied sich nicht von derjenigen der Hitlerjugend in Deutschland: Heimabende mit weltanschaulicher Schulung, Sport, Fahrten und Lager prägten den Dienst.
«Wir wissen, wie man rassistisch ist. Wir wissen, wie man so tut, als ob man nicht rassistisch wäre. Jetzt müssen wir nur noch lernen, wie man antirassistisch wird.»
Ibram X. Kendi, einer der meistdiskutierten Historiker Amerikas, stellt in seinem neuen Buch die These auf, dass das Gegenteil von «rassistisch» nicht etwa «nicht-rassistisch» wäre, sondern «antirassistisch» heisst. Selbstkritisch und anhand von Ereignissen aus seinem eigenen Leben erzählt Kendi von seinem sich entwickelnden Konzept des «Antirassismus». Er erklärt unter anderem, warum «Nichtrassistisch-Sein» und «Color-Blindheit» verschleierter Rassismus sind und wieso eine Neutralität in der Rassismus-Debatte schlichtweg nicht existieren kann. Dabei berührt er sowohl Beobachtungen und Erfahrungen, die er selber als Kind und später als Professor gemacht hat, als auch zeitgenössische Ereignisse wie den Raubüberfall auf O.J. Simpson oder die Präsidentschaftswahlen von 2000 in den Vereinigten Staaten, aber auch historische Momente wie die wissenschaftlichen Vorschläge zum Polygenismus im Europa des 16. Jahrhunderts und zur Rassentrennung in den Vereinigten Staaten.
Kendis Konzept des Antirassismus gibt dem Diskurs über Rassengerechtigkeit in Amerika neuen Schwung und entwirft ein grundlegend neues Verständnis von Rassismus. Wir alle sind Rassist:innen, ob wir es merken oder nicht, und wir sind in unserer Ignoranz so lange Teil des Problems, bis wir Teil der Lösung werden und antirassistisch handeln. In seiner Erzählweise ist «How to Be an Antiracist» auch für Nicht-Historiker:innen geeignet und empfehlenswert für alle, die über ihr Bewusstsein für Rassismus hinausgehen wollen.