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Kürzere Flügel bei der Flügelschwalbe vergrösseren ihre Überlebenschancen im Autoverkehr.
Weniger tote Vögel im Verkehr: Evolution hilft mit
Klippenschwalben in Amerika passen sich in der Natur anscheinend derart an, dass sie immer seltener von Autos überfahren werden.
Wie der Name sagt, baut die amerikanische Klippenschwalbe (cliff swallow) ihr Nest im gehärteten Schlamm an überhängenden Klippen. Sie brütet in grossen Kolonien und ernährt sich hauptsächlich von Insekten, die sie im Flug fängt.
Die Klippen sind die natürlichen Brutplätze der Schwalben. Sie suchen sich aber auch gerne von Menschen erschaffene Bauwerke aus – zum Beispiel unter Betonbrücken. Das ist zwar nützlich, kann gleichzeitig aber fatale Folgen haben, wenn die Vögel zur Brut hin- oder von ihr wegfliegen: Sie können vom Verkehr erfasst und überfahren werden.
Forschungsprojekt über dreissig Jahre
Die Biologen Charles und Mary Brown von den Universitäten in Tulsa und Nebraska-Lincoln haben während 30 Jahren von Autos und Lastwagen getötete Klippenschwalben eingesammelt und vermessen. Das gleiche Prozedere wandten sie auf mit Netzen gefangene Vögeln an, wie der britische «Economist» berichtet.
Ihre Ergebnisse hat das Forscherpaar jüngst im Magazin «Current Biology» publiziert. Die beiden zeigen auf, dass die Schwalben eine Evolution durchlaufen und dass der Evolutions-Druck durch das Risiko im Strassenverkehr getötet zu werden, bestimmt ist.
Weniger tote Vögel trotz viel mehr Nestern
Als die Browns ihre Forschung 1982 in Nebraska begannen, sammelten sie pro Jahr rund 20 tote Vögel ein. 2012 waren es noch vier. Im gleichen Zeitraum aber nahm die Zahl der Nester in der untersuchten Region von 10’000 auf 25’000 zu.
Eine plausible Erklärung dafür – weniger tote Vögel, massiv mehr Nester – besteht darin, dass die Schwalben gelernt haben, Fahrzeuge als gefährlich einzustufen und die Schwalben darum ihr Verhalten geändert haben.
Aber Charles und Mary Brown glauben, dass zumindest ein Teil der Erklärung mit dem Umstand einer natürlichen Selektion zu tun hat und nicht ein Lerneffekt ist. Sie haben nämlich herausgefunden: Vögel, die von Fahrzeugen überfahren werden, haben im Schnitt längere Flügel als die übrige Population. Die Differenz macht zwar nur ein paar Millimeter aus (auf eine Flügellänge von 11 cm), aber sie ist statistisch signifikant.
Kürzere Flügel ermöglichen steileren Abflug
Die kleine Differenz ist aber auch biologisch signifikant, denn die Aerodynamik lehrt, dass kürzere Flügel einen steileren Abflug von der Strasse weg ermöglichen. Das würde aber bedeuten, dass ein Vogel mit kürzeren Flügeln einem heranbrausenden Auto schneller ausweichen kann. Da die Schwalben tatsächlich oft ganz in der Nähe ihrer Nester landen, ist das schnelle Wegfliegen überlebenswichtig.
Wenn die natürliche Selektion hier also eine Rolle spielt, muss die Flügelspannweite der Schwalben eigentlich kürzer werden. Genau das ist über die Generationen hinweg geschehen. Die Browns haben herausgefunden, dass die durchschnittliche Flügellänge der Schwalben über die Jahre von 10,9 auf 10,7 cm zurückgegangen ist.
Sie haben auch andere Erklärungsversuche für ihre Beobachtungen herangezogen – aber wieder verworfen. Der Verkehr ist in der fraglichen Region nicht zurückgegangen. Auf der andern Seite ist die Zahl der Aasfresser nicht gestiegen, die den Browns Vogel-Kadaver weggeschnappt hätten. Die Idee, dass die Schwalben einfach schlauer geworden sind, ist keine plausible Erklärung: Junge Vögel werden nicht öfter getötet als ihr Anteil an der Gesamtpopulation ausmacht. Auch denken die Browns nicht, dass sie selber über die Jahre weniger geschickt geworden sein, tote Tiere aufzuspüren und einzusammeln.
Ein einziges stichhaltiges Gegenargument
Das einzige stichhaltige Argument gegen die Hypothese der Forscher ist der Umstand, dass die Zahl der entdeckten Verkehrsopfer im Vergleich zur Gesamtpopulation klein ist.
Die Browns haben sicher nicht jeden einzelnen getöteten Vogel entdeckt. Aber wieviele unentdeckt blieben, ist nicht klar. Jede Anschluss-Forschung müsste das herauszufinden suchen. Alles in allem scheinen Browns aber durch das geduldige Sammeln von Daten über drei Jahrzehnte hinweg einen natürlichen Evolutionsprozess entdeckt zu haben.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine.
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