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Dieser fiktive Roman, der sich am Lebenslauf von Else Hoffa, der ersten Obergärtnerin Deutschlands orientiert, beginnt mit einem Prolog – Hedda kehrt viele Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs nochmals zurück in den Garten über der Elbe in Hamburg Blankenese, aus welchem sie vor Kriegsbeginn als Halbjüdin nach England geflüchtet ist und sich dort eine zweite Gärtnerkarriere aufgebaut hat. Von der ursprünglichen Pracht des Gartens über der Elbe sind nur Teile übriggeblieben, aber die Erinnerungen an die mediterrane Terrasse und an Hecken nach italienischen Vorbildern sind noch präsent.
Die schmale, grosse Frau mit kastanienrotem Haar stammt aus einer Würzburger Gärtnerfamilie. Nachdem die Mutter sehr früh verstorben ist, wird sie durch einen mental und physisch mehrheitlich abwesenden Vater und eine lieblose Tante aufgezogen. Die familieneigene Gärtnerei hat der Vater nicht seiner Tochter vermacht, sondern einem entfernten Verwandten, der diese in wenigen Jahren ruiniert hat. Heddas Erbe genügte für die Bezahlung einer Gärtnerlehre bei einem Gärtnermeister in Veitshöchheim und für eine weiterführende Ausbildung an der Königlichen Gärtnerlehranstalt.
Fünfundzwanzig Jahre hat Flora Hedwig (genannt Hedda) Herzog auf dem Berg über der Elbe gelebt und für den hanseatischen Bankier Ludwig Clarenburg und seine Familie gearbeitet und zwischen 1913 und 1938 den riesigen Garten massgeblich mitgestaltet. Auch für den Entwurf und den Bau der mediterranen Südterrasse und des Amphitheaters war sie genauso verantwortlich, wir für die Aufgabe, dass jederzeit genügend Gemüse und Früchte aufgetischt und konserviert werden konnten. Beruflich hat sie als unverheiratete Frau alles, was sie sich je erträumt und erhofft hat erreicht, zweifelt aber doch zwischenzeitlich an ihrem Lebensentwurf.
Schon der 1. Weltkrieg hat tiefe Wunden hinterlassen und Hedda hat lange gebraucht, bis sie verstanden hat, welche wichtige Bedeutung die langjährige Affäre mit Lorenz, einem verheirateten Gärtner und Vater von vier Kindern, tatsächlich in ihrem Leben eingenommen hat und noch mehr Zeit war nötig, bis sie über seinen Tod auf dem Feld hinweggekommen ist. Doch die Welt steht Ende der 30er Jahre erneut auf dem Kopf und diese Tatsache lässt sich nicht länger ignorieren. Heddas Studierstube, über Jahrzehnte ein geliebter und sicherer Rückzugsort gefüllt mit Gartenbüchern, Gartenplänen und Erinnerungsstücken ist kein Refugium mehr. Doch während die Clarenburgs konkrete Pläne schmieden, das Land zu verlassen, kann die erfolgreiche Gärtnerin sich lange nicht zu diesem Schritt überwinden, obwohl sie sogar ein Stellenangebot in England vorliegen hat.
Die Erzählung enthält detaillierte Beschreibungen über die Gartenanlage und -pflege und wird immer wieder unterbrochen durch die sehr offene, ja intime Briefkorrespondenz zwischen Hedda und ihrer Freundin Elisabeth aus Kindertagen, die in mit Mann, Kindern und Stiefkindern in England lebt. Hedda ist kein einfacher Mensch und hat nicht sehr viele persönliche Beziehungen. Auch die Beziehung zu ihrer Arbeitgeberin Ada ist sehr schwierig. Man liest aber auch davon, wie Hedda jüdische Jugendliche ausbildet, damit diese nach ihrer Auswanderung eine berufliche Grundlage haben. Und lesende Gärtnerinnen und Gärtner freuen sich an den vielen Zitaten aus berühmten Gartenbüchern und -romanen sowie botanischen Werken. Ein Epilog aus dem Jahr 2017 bildet einen passenden Abschluss für diesen perfekt in den Sofagarten passenden Gartenroman.
Marion Lagoda:
Ein Garten über der Elbe
C.Bertelsmann Verlag, 2022
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.