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Seit der Ankündigung einer Produktionskürzung seitens OPEC+ ist der Erdölpreis um rund 20 Prozent gestiegen – ohne Entspannung in Sicht. Hinzu kommen mehrere Preiserhöhungen für das nächste Jahr, während die Reallöhne voraussichtlich stagnieren werden.
Kein freier Markt
Über die Sommermonate ist der Erdölpreise ständig gestiegen. Diese Entwicklung ist hauptsächlich den vom OPEC+ im Juli beschlossenen Produktionskürzungen geschuldet. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ist ein Kartell, das das Rohöl-Angebot ihrer Mitglieder künstlich beeinflusst. Ziel ist es, den Erdölpreis in einem Zielpreiskorridor zu halten und den Schwankungen der internationalen Nachfrage und einer Überproduktion entgegenzuwirken. Die OPEC besteht aus afrikanischen Ländern, Staaten des Nahen Ostens sowie Venezuela, die zusammen rund ein Drittel der globalen Produktion ausmachen. Aufgrund der allmählichen Reduktion des OPEC-Anteils über die Jahrzehnte wurde 2016 die sogenannte OPEC+ gegründet – eine erweiterte Organisation, die weitere wichtige Erdölförderer wie Russland, Kasachstan und Oman umfasst. Die Kontrolle über den globalen Markt sollte damit erhöht werden.
Die Mitteilungen einer Produktionskürzung werden von den Markteilnehmenden häufig mit einer gewissen Skepsis bezüglich der tatsächlichen Umsetzung wahrgenommen. Die OPEC-Mitglieder sind heterogen und manchmal in einem schlechten Verhältnis zueinander. Zudem führt eine Produktionskürzung zu Anreizen zum Betrug bei den kleineren Mitgliedern. Einem erdölproduzierenden Land dürfte bekannt sein, dass dieses Geschäft in Zukunft mit wichtigen Veränderungen konfrontiert sein wird. Die angestrebte Abkehr von fossilen Brennstoffen und der technologische Fortschritt in den westlichen Ländern werden die Nachfrage verringern. Wenn eine Produktionskürzung angekündigt wird, muss jedes Kartellmitglied eine Entscheidung zu seiner Kooperationsbereitschaft treffen. Unter der Annahme, dass die Elastizität der Nachfrage tief ist (d.h. die Nachfrage reagiert wenig auf Preisänderungen), führt ein kooperatives Verhalten zu einer grossen Angebotsreduktion und höheren Preissteigerung. Da aber nur wenige Länder (vor allem Saudi-Arabien) eine tatsächliche Marktmacht haben, ist der Anreiz für die kleinere erdölproduzierende Länder gross, den Beschlüssen nicht zu folgen und von höheren Absatzpreisen zu profitieren. Die OPEC kennt keinen Sanktionsmechanismus gegen fehlbare Mitglieder, und viele Staatshaushalte hängen stark von den Öleinnahmen ab. Deshalb wäre eine Produktionsdrosselung für viele ein Schuss ins eigene Knie.
Jährlicher Höchststand erreicht
An den globalen Finanzmärkten gibt es zwei Referenzpreise für das Rohöl. Die Sorte Brent Crude wird in der Nordsee gefördert, und sie ist die Benchmark für die europäischen, afrikanischen und nahöstlichen Länder, während in den USA die Sorte West Texas Intermediate (WTI) den Markt dominiert. Der Spread zwischen beiden Ölsorten wird meistens von geopolitischen Spannungen beeinflusst: Der Brent-Preis ist diesen mehr ausgesetzt, da die OPEC Brent als Referenz für ihre Erzeugnisse verwendet, und daher wird er direkt von OPEC-Entscheidungen beeinflusst.
Diese Woche knackte der Brent-Preis (genauer der Preis des Terminkontrakts mit der kürzesten Laufzeit) die Marke von 90 Dollar pro Barrel und weist seit dem Tiefpunkt von Juni eine klar steigende Tendenz auf. Das war keine erfreuliche Nachricht für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten, die im Sommer – genau in der Ferienzeit – die Erhöhung der Treibstoffpreise an der Zapfsäule spürten. Die Erdölpreiszunahme könnte die Inflation wieder befeuern oder zumindest deren Rückgang verlangsamen. Ein erster Hinweis darauf lieferten die August-Inflationszahlen für die Eurozone und die Schweiz, in welchen die Disinflation zum Erliegen kam. Inwiefern der Erdölpreis steigen und dadurch die Inflation beeinflussen wird, ist schwierig prognostizierbar: die Verlängerung der Produktionskürzung bis Ende Jahr von Saudi-Arabien spricht eher gegen Korrekturen nach unten.
Steigende Miet- und Hypothekenzinsen, erhöhte Stromtarife, hohe Nahrungsmittelpreise, ein kräftiger Anstieg der Krankenkassenprämie und jetzt noch die Treibstoffpreise: Das Budget der Schweizer Haushalte wird auch im nächsten Jahr mehr belastet. Gemäss der jüngsten Schätzung vom Bundesamt für Statistik dürfte daher das reale Lohnwachstum im Jahr 2023 stagnieren (nominales Lohnwachstum im ersten Halbjahr: 1,8 Prozent). Dabei wirkt sich Teuerung nicht für die gesamte Bevölkerung gleich aus, da die einkommensschwachen Haushalte stärker davon betroffen sind. Sie geben anteilmässig einen grösseren Teil ihres Einkommens für die Grundbedürfnisausgaben (Wohnen, Essen usw.) aus und werden deshalb ihren Konsum in anderen Bereichen oder ihre Sparquote reduzieren, was in beiden Fällen einen Wohlstandverlust bedeutet.
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