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Elli von Planta
«Unbestritten ist wohl, dass der Zeitgeist für die Menschen und ihre Seelen eine immer grössere Herausforderung darstellt.»
Als ein Freund mich kürzlich fragte: «Ist der Sinn des Lebens ein psychologisches Problem, das sich als philosophisches Problem maskiert?» wusste ich im ersten Moment nicht zu antworten. Und was macht man heute, wenn man nicht zu antworten weiss: Man googelt. «Die Philosophie definiert Systeme oder Kategorien, die dazu dienen, die Wirklichkeit zu erklären. Anstatt die Welt als Ganzes zu studieren, versucht die Psychologie hingegen, einzelne Variablen menschlichen Verhaltens zu isolieren und individuelle Unterschiede dabei zu berücksichtigen.» 1
Das würde ich folgendermassen ausdeutschen: Die Philosophie versteht sich als eine Art Meta-Ebene. Diese ist stets weiter weg, entfernter und abstrakter. In welcher Form, mit welchen Systemen und Kategorien sich die Welt und Wirklichkeit erklären lassen, hat dann nicht sofort etwas mit mir persönlich zu tun. Dafür ist es zu allgemein, zu generell und lässt sich so wohl auch eher wegschieben.
Wenn das Allgemeine und Generelle, die Lage der Welt, an Stabilität verliert, wenn die Lage der Welt sich geradezu als bedrohlich darstellt, dann kriecht das, was sich einst wegschieben liess, nah an uns heran, uns auf die Pelle und betrifft unsere Seele – die Psyche, das Psychologische.
Unbestritten ist wohl, dass der Zeitgeist für die Menschen und ihre Seelen eine immer grössere Herausforderung darstellt. Immer mehr Seelen scheinen gestört, verstört, krank. Die Stresslage hat sich verstärkt, erklären uns Soziologen. Woran liegt’s? Was ist passiert? Was mache ich mit der Aussage eines Politikers, der meint, dass die Lage besser sei als die Stimmung; eines anderen, der davon spricht, dass es nur Ausnahmen seien, wenn Lehrerinnen kaum mehr unterrichten könnten, weil sich die dafür nötige Ruhe in der Klasse nicht mehr herstellen lässt.
Und so finden wir uns wieder zwischen den jubelnden Hurrarufern, die meinen, das hat es ja früher auch schon gegeben, es sei alles gar nicht so schlimm, und wir sollten uns nicht so anstellen; und den deprimierten Hoffnungslosen, die keinen Anhaltspunkt dafür sehen, dass sich in absehbarer Zeit irgendetwas zum Besseren wenden könnte und die vor allem in ihrem persönlichen Leben, am Arbeitsplatz und der Familie so überfordert sind, dass ihnen geradezu der Sinn des Lebens abhandengekommen ist. Und natürlich gibt es all jene, die sich zwischen diesen Extremen im Mittelfeld der Befindlichkeit tummeln, schlingernd zwischen Wahrnehmung und Wahrheit im postpatriarchalen Durcheinander.
Auf die Frage, was die Menschen denn so unter Druck setze, antwortet der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Harmut Rosa: Zum einen gäbe es da sicherlich einen gewissen Corona-Nachholstress: Man könne wieder viel machen, was man seinerzeit nicht machen konnte. Gleichzeitig hätte Corona aber auch dazu geführt, dass Menschen nun Dinge täten, die zu tun ihnen überhaupt erst während der Corona-Zeit in den Sinn gekommen seien: Neue Hobbies, ziviles Engagement, ein Tier oder Sportgerät anschaffen, sich mit Freunden treffen oder in einem Chor singen.
Trotzdem liefen die Menschen ständig mit einem tonnenschweren Druck auf der Brust durch die Gegend. Es sei ein gefühlter Druck, der ausgeht von all dem, was man angeblich tun und schaffen müsse. Der Möglichkeitshorizont sei immer grösser geworden, und damit würden die To-do-Listen explodieren. Es sei nicht unsere Gier, die diese To-do-Listen vollschreibt, sondern die legitimen Erwartungen, die alle gleichzeitig auf uns eindringen. Ständig habe man irgendetwas zu tun, abzuliefern, zu erledigen. Man kann nicht mehr auf stand-by schalten – nicht einmal in den Ferien. Früher seien z.B. berufliche Erwartungen stand-by gewesen, sobald man zu Hause war. Heute könne man umgekehrt auch im Büro seine private Kommunikation erledigen. Es gäbe keine sicheren Räume mehr. Jede Sicherheit müsse man sich heute ständig performativ (von englisch. to perform/performance = aufführen, vorführen, vollziehen, leisten) erarbeiten. Das gilt für Beziehungen ebenso wie in der Familie. Sie seien prekär und fragil geworden, ebenso wie der Wohnort und das Berufliche. Das sichere Gefühl, man habe einen Anker, einen Ort, wo man hingehört, sei es im Job, in der Familie oder auch in der Religion, sei abhandengekommen.
Rosa geht so weit zu sagen, dass sogar das Einatmen und das Ausatmen, das Grundverhältnis unserer Weltbeziehung, mit Corona fragil geworden sei. Sein Fazit: «Was fehlt, ist ein robustes Grundvertrauen in die Welt.»
Mir ist die Individualpsychologie immer eine grosse Hilfe gewesen, wenn es darum geht, Phänomene menschlichen Verhaltens, Befindlichkeiten und Störungen zu erklären. Natürlich ist damit noch kein Problem gelöst, aber Stress, Entmutigung sowie deren Dynamik und Konsequenzen einordnen zu können, ist hilfreich. Als Adlerianer:innen brauchen wir diese Unterscheidung zwischen Philosophie und Psychologie zum Beispiel nicht zu machen: Alfred Adler hat seine Beobachtungen, Schlussfolgerungen, Ideen und Visionen sowohl philosophisch (in den grossen Zusammenhang) als eben auch psychologisch (persönlich individuell) zu- und eingeordnet.
Der Mensch, als soziales Wesen, ist ohne die Gemeinschaft nicht denkbar und damit auch nicht ohne die Systeme und Kategorien, welche die Wirklichkeit erklären. Und psychologisch wird es dort, wo er die Sicht und die persönlichen Schlussfolgerungen der Menschen auf diese Wirklichkeit hin individuell betrachtet.
Das zeigen zum Beispiel seine Ausführungen zum ‘männlichen Protest’2. Adler sah in der gesellschaftlichen Vorherrschaft des Mannes über die Frau einen wesentlichen Ursprung von Neurosen. Er nahm – im Gegensatz zu Freud – «männlich» und «weiblich» als soziokulturelle, wertorientierte Metaphern wahr: Männlichkeit wird gleichgesetzt mit Stärke und Aktivität, Weiblichkeit mit Minderwertigkeit, Schwäche und Passivität.
Auch der Begriff Adlers von der «eisernen Logik des Zusammenlebens» macht die Verknüpfung von Philosophischem und Psychologischem deutlich . Die eiserne Logik des Zusammenlebens meint die sozialen Notwendigkeiten und Gesetze, die für das Zusammenleben der Menschen nötig sind und deren Missachtung Harmonie und Mitarbeit unmöglich machen. Erste Notwendigkeit, die wichtigste Voraussetzung dafür, dass das Zusammenleben funktioniert, ist die Gleichwertigkeit aller Menschen, das heisst: gegenseitiger Respekt.
An die Logik des Zusammenlebens schliesst die Formel von «the need of the situation» – das, was die Situation erfordert, nahtlos an. Gemeint damit ist das Bemühen, das Bedürfnis bzw. die Forderung der Sache, um die es geht, in Einklang zu bringen mit dem, was das Individuum braucht. Wenn die Gefühle von Zugehörigkeit, Respekt (Gleichwertigkeit), Selbstwert und Verantwortung gegeben sind, kann das Ego hinter die Sache zurücktreten, und der Mensch kann sich auf die Sache, die Aufgabe oder das Problem konzentrieren, das vor ihm liegt.
Im zeitgeistlichen «Neusprech» reden wir (und auch ich: s.o.) von Herausforderungen statt von Problemen, und Sprache deckt ja oft auf, was eine solche Sprachregelung zu verbergen trachtet: Herausforderungen stellen sich; man kann sie darstellen; ihnen begegnen, kann sie hin- und annehmen. Das alles mag auch für Probleme gelten. Aber in einem Punkt unterscheiden sich Herausforderungen ganz erheblich von Problemen: Probleme (linguistisch) wollen und müssen gelöst werden!
Was ist also das Problem, das es zu lösen gilt? Und wer soll es lösen? Oder anders gefragt: Wie lässt sich das Grundvertrauen in die Welt wiederfinden? Und wer ist dafür zuständig?
Das ist natürlich eine viel zu grosse und komplexe Sache, die nicht handstreichmässig zu erledigen ist. Aber als Adlerianer:innen haben wir immerhin Anhaltspunkte für Erklärungen und auch Handlungsanweisungen, um Hand anzulegen. Um einen Anfang mit zuversichtlicher Ausrichtung zu machen: Jeder an seinem Platz hilft mit, das zu lösen, was die Situation erfordert.
Für das Gefühl von Sicherheit, um Vertrauen aufbauen und aufrechterhalten zu können, brauchen wir einen Platz. Wir müssen wissen, wohin wir gehören, dass wir wohin gehören. Ist dieses Gefühl nicht vorhanden, kippen wir in das Gefühl der Minderwertigkeit. Wer das Gefühl hat, klein, doof, schwach – eben minderwertig – zu sein, reagiert in der Regel so, dass das Verhalten schliesslich auch zulasten der Gemeinschaft geht. Das heisst, am Ende fühlt sich nicht nur der Einzelne klein, doof und schwach, sondern dieses Gefühl infiziert auch das Umfeld. Wir können das sehr hübsch daran beobachten, dass es im Moment viel medienwirksamer ist, sich als Opfer zu inszenieren und alle jene, die nicht genügend Rücksicht nehmen, als Täter zu schmähen.
«Für das Gefühl von Sicherheit, um Vertrauen aufbauen und auf-rechterhalten zu können, brauchen wir einen Platz.»
Wir wissen, dass Ermutigung wichtig ist; und wir wissen auch, dass Zugehörigkeit wichtig ist. Jeder von uns kann sich in seinem direkten Umfeld, da, wo wir Einfluss nehmen können, dafür einsetzen, dass Menschen sich dazugehörig fühlen. Das ist ja manchmal schon in der eigenen Familie nicht einfach. Aber dort anzufangen, ist immerhin das buchstäblich Naheliegendste.
Um einen Anfang zu machen, könnten wir uns – jeder für sich – einmal überlegen, was bzw. wo sein oder ihr Platz denn ist. Um dann gleich weiter zu fragen, welche Funktion mir dieser Platz zuweist. Will ich diesen Platz und diese Funktion? (Und eine Funktion braucht es in der Regel, damit es funktioniert.) Fühle ich mich an diesem Platz wohl? Was heisst funktionieren für mich und auch für diejenigen um mich herum? Wer hat mir diesen Platz zugewiesen? Warum habe ich ihn mir zuweisen lassen?
Für diejenigen, die ohne Urvertrauen in die Welt geschickt wurden, ist der Weg, diesen Platz zu finden wohl schwerer als für die Unverdrossenen, Belastbaren, Mutigen/Mutigeren. Aber sollten nicht gerade diejenigen, die mit mehr Stabilität, Sicherheit und eben Vertrauen ausgestattet wurden, sich derer annehmen, denen helfen, denen es schwerer fällt, Halt und Zuversicht zu finden? Verantwortung übernehmen, ermutigen… ohne zu bevormunden versteht sich.
Diese Fragen – ehrlich – zu beantworten, damit hat man schon einmal alle Hände voll zu tun. Aber tätig zu sein, ist ein feines Rezept gegen Niedergeschlagenheit, Angst und Depression. Und nützlich! Nützlich sollte man sich auch machen. Adler ging so weit zu sagen, dass man sich in nur 14 Tagen von einer Depression befreien könnte, wenn man sich nur jeden Tag überlegen würde, wie man anderen helfen könne… «Übertreiben macht anschaulich.»
2 Männlicher Protest: nach Adler das Aufbegehren vieler Frauen gegen die Einschränkungen, die die traditionelle weibliche Geschlechterrolle ihnen auferlegt.
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