Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/797

"Zum 100. Geburtstag von Annie Rohner-Bühler und Rosie Bühler:
Adliswil im Jahr 1907"
Wie sah Adliswil aus, als die Zwillingsschwestern Annie Rohner-Bühler und Rosie Bühler geboren wurden? Weniger Einwohner, weniger Häuser, weniger Verkehr, weniger Lärm – richtig beschaulich also? Aus heutiger Sicht bestimmt, aber die damaligen Adliswiler und Adliswilerinnen sahen das vermutlich etwas anders, denn sie lebten in einer Zeit, in der Adliswil dank der florierenden Textilindustrie und dem allgemeinen technischen Fortschritt rasch wuchs.
Das Dorf hiess 1907 erst seit drei Jahren endgültig „Adliswil“, nach einem langen Kampf um die Beibehaltung des Namens „Adlisweil“. Die eine oder andere Firma verwendete vermutlich immer noch das Briefpapier mit dem alten Namen, bis es aufgebraucht war. Der grösste Arbeitgeber war die Mechanische Seidenstoffweberei MSA unter der Leitung von Direktor Heinrich Frick mit über 1000 Arbeitern. Sie konnte sich noch immer im Glanz der Gold- und Silbermedaillen sonnen, die sie an der Weltausstellung in Paris 1900 für ihre Produkte gewonnen hatte. Auf der anderen Seite, der Schattenseite, kämpften die MSA-Arbeiter 1907 und 1908 mit Streiks für bessere Arbeitsbedingungen.
Die Bevölkerungszahl Adliswils stand kurz vor der Rekordmarke von 5000 Einwohnern – 1880 waren es erst 2300 gewesen und bis 1940 sollten es dann nicht mehr als 5100 werden. Entsprechend musste die Gemeinde in Infrastrukturbauten investieren: Das 1896/97 erbaute zweite Schulhaus am Bahnhofplatz war der grosse Stolz der Adliswiler und durfte auf keiner Ansichtskarte fehlen, 1910 sollte das Sekundarschulhaus mit der ersten Turnhalle folgen (heute „Kulturschachtle“), 1912 das Krankenasyl. Und über dem Dorf thronten die beiden Kirchen, die 1898 eingeweihte reformierte Kirche links der Sihl und die 1904 eingeweihte katholische Kirche rechts der Sihl. Im Innern war die katholische Kirche aber ziemlich leer: die ganze Innenausstattung fehlte noch, ebenso die Orgel und die Glocken. Die Gemeindekanzlei war an der Kronenstrasse 14 in einem Privathaus untergebracht. Ihr Leiter Kaspar Knüsli war Gemeindeschreiber, Zivilstandsbeamter und Steuereinnehmer in einer Person.
Dank dem Bevölkerungszuwachs florierte auch die private Bautätigkeit. Noch gab es weder eine Bauordnung noch Bauzonen. Anders als die Seegemeinden Kilchberg, Rüschlikon und Thalwil hatte sich Adliswil nicht dem „Baugesetz für Ortschaften mit städtischen Verhältnissen“ unterstellt.
Über die Sihl führt eine gedeckte Holzbrücke mit einer Fahrbahnbreite von nur 2,5 Metern. Am 2. und am 30. Januar 1907 richteten sich besorgte Blicke auf den Fluss, der noch nicht durch den Sihlsee reguliert wurde: Zweimal erlebte die Sihl einen grossen Eisgang, eine sogenannte „Isscharrete“. Tausende von Kubikmetern Eis stauten sich schliesslich in Zürich von der Utobrücke bis nach Leimbach zurück. Und es dauerte bis in den März, bis das Eis abgeschmolzen war.
Dies hinderte die MSA aber nicht, in der Sihlau einen Steg für ihr Personal über die Sihl zu bauen, eine damals kühne Stahlbetonbrücke, die Ingenieur Alfred Frick, ein Sohn des Fabrikdirektors, projektiert hatte. Der Steg wurde am 22. September 1907 eröffnet. Vermutlich war damals auch bereits die Arbeitersiedlung in der Sihlau geplant, die dann 1909–1912 in den damals modernen Formen des Heimatstils gebaut wurde.
Auch das Vereinsleben florierte: Am 24. August 1907 fand die Gründungsversammlung der Damenriege als einer Untersektion des Turnvereins Adliswil statt. Die „Sihlthalbahn“ verkehrte im Jahr 1907 selbstverständlich noch mit Dampflokomotiven und musste gegen Velofahrer vorgehen, die sich mit den Zügen riskante Wettfahrten lieferten.
Private Telefonanschlüsse gab es in Adliswil erst rund zwei Dutzend. 1905 hatte die Gasversorgung in Adliswil Einzug gehalten, 1909 sollte die Elektrizität folgen, eine zukunftsträchtige Technologie, die 1911 auch das Haus von Annie und Rosie Bühler erreichte, den beiden Adliswilerinnen, die nun auf 100 Jahre Dorfgeschichte zurückblicken können.
Christian Sieber