Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03234.jsonl.gz/1858

| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Viertes Buch. (Extract)
1. Cap. Marcion hat zur Begründung seiner Lehre, das der Gott des alten Bundes ein von dem Gott des Evangeliums verschiedener sei, ein Werkchen mit dem Titel „Antithesen“ verfasst, worin er immer eine Stelle des alten je einer Stelle des neuen Testamentes gegenüberstellt, um ihre Grundverschiedenheit zu beweisen. Tertullian erwidert, dass man diese Behauptung Marcions in präskriptiver Weise mit einem Schlage widerlegen könne durch den Nachweis, dass im alten Testamente deutlich die Abschaffung des alten und die Errichtung eines neuen Bundes vorhergesagt sei, und führt diesen Nachweis. Neues aber ist, wenigstens der Art und Beschaffenheit nach, immer vom Alten verschieden.
[S. 256] Nunmehr prüfen wir jede einzelne Meinung und das sämtliche Zeug des gottlosen und sakrilegischen Marcion an seinem Evangelium selbst, d. h. an dem, welches er durch seine Fälschungen zum seinigen gemacht hat. Zum Zwecke, einen Glauben zu lehren, hat er, als eine Art Mitgift dafür, das Werk angefertigt, welches wegen der einander darin gegenübergestellten Gegensätze „Antithesen“ betitelt und auf künstliche Scheidung von Gesetz und Evangelium berechnet ist. Danach unterscheidet er zwei, darum natürlich verschiedene Götter, einen für jedes Instrument oder Testament (nach dem gebräuchlicheren Ausdruck), um dadurch auch dem Evangelium, das nach Maassgabe der Antithesen geglaubt werden muss, einen Halt zu geben. Ich hätte auch letztere in besonderer Bekämpfung Stück für Stück, d. h. alle einzelnen Einwürfe des Pontikers, zusammengehauen, wenn sie sich nicht schicklicher mit dem Evangelium selber, dem sie zur Stütze dienen, widerlegen ließen — wiewohl es so leicht ist, ihnen im Präskriptionswege entgegenzutreten, — und zwar in der Weise, dass ich sie annehme, sie gelten und für uns sprechen lasse, als wären sie schon jetzt unsere Antithesen gegen Marcion.
So räume ich denn also ein, es habe sich im alten Heilsplan unter dem Schöpfergott ein anderes Verfahren entwickelt, als im neuen bei Christus. Ich leugne nicht, dass die Urkunden seiner Aussprüche, die Tugendvorschriften und die gesetzlichen Ordnungen Abweichungen aufweisen, doch so, dass alle diese Verschiedenheiten sich mit der Einheit und Identität Gottes vertragen, jenes Gottes nämlich, der sie, wie feststeht, angeordnet und auch vorher angekündigt hat. In alter Zeit predigte Isaias, [S. 257] „ein Gesetz werde ausgehen aus Sion und das Wort des Herrn aus Jerusalem“,1 natürlich ein anderes Gesetz und ein anderes Wort. „Er wird Richter sein unter den Nationen und sehr viele Völker strafen“, versteht sich, nicht nur den jüdischen Stamm allein, sondern auch Heidenvölker, die infolge des neuen evangelischen Gesetzes und des neuen Wortes der Apostel ihr Gericht finden und überführt werden vor sich selbst, nämlich ihres vorigen Irrtums. Dieselben haben alsbald den Glauben angenommen und „schmieden ihre Schwerter zu Pflügen und ihre Lanzen“, wie der Ausdruck lautet, „zu Sicheln um“, d. h. sie verwandeln ihr einst wildes und grausames Gemüt in eine rechtschaffene, gute Früchte bringende Gesinnung. Und wiederum heisst es: „Höret mich, höret mich, mein Volk und ihr Könige, und richtet euer Ohr auf mich; denn es wird ein Gesetz ausgehen von mir und ein Gericht zur Erleuchtung der Nationen“.2 Damit ist sein Urteil3 und Beschluss gegeben, dass auch die Heiden durch das Gesetz und das Wort des Evangeliums erleuchtet werden sollen. Dies dürfte dann auch das Davidische „untadelige Gesetz“4 sein, weil es vollkommen ist und die Seelen bekehrt, nämlich von den Götzen zu Gott. Dies dürfte auch das Wort sein, wovon es bei demselben Isaias heisst: „Kurz wird sein die Rede, die der Herr richten wird an die Erde“;5 denn das neue Testament ist vereinfacht und von den buntscheckigen Lasten des Gesetzes frei.
Doch wozu noch mehr? Es ist ja sonnenklar, dass vom Schöpfer durch denselben Propheten eine Erneuerung angekündigt wird. „Vergesset das Frühere und denkt nicht mehr an das Alte. Das Alte ist vorbei, Neues entsteht. Siehe, ich mache alles neu, was nun entstehen wird.“6 Ähnlich sagt Jeremias: „Machet alles bei Euch ganz neu und säet nicht mehr unter die Dornen, sondern beschneidet Euch an der Vorhaut Eures Herzens.“7 Und anderswo: „Siehe, es werden Tage kommen“, spricht der Herr, „und ich werde mit dem Hause Jakob und dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen, nicht wie den alten Bund, den ich geschlossen habe mit ihren Vätern am Tage, wo ich sie bei der Hand8 ergriff, um sie hinauszuführen aus dem Lande Ägypten.“ Also stellt er den vorigen Bund als einen zeitweiligen hin, indem er ihn als einen veränderlichen charakterisiert und einen ewigen für die Zukunft verspricht, nämlich durch Isaias: „Höret mich und Ihr werdet leben und ich will Euch einen neuen Bund einrichten“,9 hinzufügend „die Heiligkeit und Treue Davids“, um damit anzuzeigen, dass dieser Bund in Christus seinen Verlauf nehmen [S. 258] werde. Diesen hat er, als aus dem Geschlechte Davids stammend, entsprechend dem Census Mariens, auch in dem Reis, das aus der Wurzel Jesse hervorgehen sollte, figürlich vorherverkündet.
Wenn es also heisst, es würden andere Gesetze, andere Reden und andere Anordnungen der Testamente vom Schöpfer ausgehen in der Weise, dass er sogar andere vorzüglichere Opferdienste, und zwar noch dazu bei den Heiden in Aussicht nahm, — denn Malachias sagt: „Mein Wille ist nicht mit Euch“, spricht der Herr, „und ich werde keine Opfer annehmen von Euren Händen; denn vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang wird mein Name verherrlicht werden unter den Nationen, und an jedem Orte wird meinem Namen geopfert und ein reines Opfer dargebracht werden“,10 nämlich einfältiges Gebet aus reinem Gewissen, — so muss also jede Veränderung, die Folge einer Erneuerung ist, eine Verschiedenheit zu den betreffenden Dingen eingehen, und wegen der Verschiedenheit auch in Gegensatz treten. Denn so wenig als etwas eine Veränderung erleiden kann, ohne verschieden zu sein, so wenig kann es verschieden werden, ohne gegensätzlich zu werden. Es wird also bei den Dingen, wo eine Veränderung als Folge einer Erneuerung eingetreten ist, auch eine Gegensätzlichkeit als Folge der Verschiedenheit angenommen werden. Wer eine Veränderung vornahm, der hat auch eine Verschiedenheit herbeigeführt; wer eine Erneuerung ankündigt, der hat auch eine Gegensätzlichkeit in Aussicht gestellt. Warum folgerst Du nun aus den Verschiedenheiten der Dinge eine Verschiedenheit der Kräfte? Was kehrst Du die in der Schöpfung vorkommenden Antithesen gegen den Schöpfer, während man sie sogar in den Gedanken und Stimmungen desselben wiederfinden kann? „Ich werde schlagen“, sagte er, „und auch heilen,11 ich werde töten und lebendig machen“, nämlich „Unglück herbeiführen und dann den Frieden verleihen.“12 Daraufhin pflegst Du ihm Unbeständigkeit und Wankelmut vorzuwerfen, wenn er verbietet, was er befiehlt, und befiehlt, was er verbietet. Warum hast Du nicht auch Antithesen zu den wesentlichen Eigenschaften des Schöpfers gerechnet, da er sich immer widerspricht? Wagst Du nicht, wenigstens die Beobachtung zu machen, dass die Welt, wenn ich nicht irre, sogar auch in Pontus aus den Gegensätzen sich untereinander bekämpfender Substanzen erbaut sei? Daher hättest Du auch erst einen Gott für das Licht und einen zweiten für die Finsternis ansetzen müssen, um danach einen für das Gesetz und einen zweiten für das Evangelium durchsetzen zu können! In den handgreiflichen Schöpfungen desjenigen, dessen Werke und Entwürfe auf Gegensätzen beruhen, ist aber das Präjudiz gegeben, dass auch seine Heilsgeheimnisse dieselbe Beschaffenheit haben werden.
1: Is. 2, 3 ff.
2: Is. 51, 4.
3: Indicaverat. Mir scheint iudicaverat wäre dem Zusammenhang angemessener.
4: Ps. 19, 8.
5: Is. 10, 23. Tertullian übersetzt hier genau nach der LXX.
6: Is. 43, 18 ff.
7: Jer. 4, 3 ff.
8: Jer. 31, 31 [al. 38, 31], Tertullian las dispositionem eorum.
9: Is. 55, 3.
10: Malach. 1, 10.
11: Deuter. 32, 39.
12: Is. 45, 7.