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Ich spreche keinen Dialekt
Erst kürzlich hat eine Schweizer Gratiszeitung in Zürich eine Umfrage durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten deutschen Zuwanderer kein Schweizerdeutsch sprechen, viele verstehen es nicht einmal. Nur die wenigsten haben die Landessprache erlernt – doch ihre Aussprache ist derart schlecht, dass die Einheimischen sie auslachen.
Wer der Meinung ist, Schweizerdeutsch sei nur ein Dialekt, irrt sich. Es ist mehr. Es ist der Ausdruck einer Identität. Diese phonetische Besonderheit ist für die Schweizer eine wichtige Möglichkeit, sich von ihren nördlichen und östlichen Nachbarn abzuheben. Ob sie verstanden werden oder nicht, ist zweitrangig. Sie wollen damit ausdrücken: „Ich bin Schweizer. Ich bin anders.“
Schweizerdeutsch heute und gestern
Die Schweizer Verfassung bezeichnet Schriftdeutsch als eine der vier offiziellen Landessprachen der Schweiz. Doch die Realität sieht anders aus: Bei der Volkszählung im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass über 90 Prozent der deutschschweizer Bevölkerung im Alltag Dialekt sprechen. Besonders überraschend war folgendes Ergebnis: über 66 Prozent gaben an, nur Dialekt zu sprechen. Offensichtlich beherrscht ein grosser Teil der Bevölkerung gar kein Standarddeutsch!
Nicht immer war der Dialekt so wichtig. Für lange Zeit war Schweizerdeutsch die Sprache der sozialen Unterschicht. Die gehobenen Klassen und die Bourgeoisie sprachen französisch, um ihrer Eleganz Ausdruck zu verleihen. Vor dem ersten Weltkrieg schienen die regionalen sprachlichen Sonderheiten auszusterben und der deutschen Einheitssprache Platz zu machen.
Das Wiedererwachen der alten Dialekte
Doch dann kam alles anders: Die Fronten während der Kriegsjahre, dann die krisengeschüttelte Zwischenkriegszeit und am Ende das Reich Hitlers und der Zweite Weltkrieg. In diesen Horrorjahren ging Deutschland als der Bösewicht des Jahrhunderts in die Geschichte ein. Die Schweiz, trotz seiner geographischen Lage im Herzen Europas und in der Mitte der Konfliktherde, schaffte es jedoch konsequent, seine Neutralität und damit den Frieden zu bewahren. Das Land der Berge, der Schokolade und der Banken war besser dran, als der restliche, deutschsprachige Raum in Europa. Als Ausdruck der kulturellen Unterschiede begannen die Schweizer wieder vermehrt ihre alten Dialekte zu verwenden.
Doch ein richtiger „Schwizerdütsch-Boom“ startete erst in den Sechzigern. Im ganzen Land begannen die Jugendlichen wieder ihre einheimische Sprache zu praktizieren. Mit der Entstehung der privaten Radiosender in den 80ern startete ein neuer Trend: Dialekt in den Medien. Die dialektträchtigen Massenmedien waren so erfolgreich, dass schon bald das staatliche Radio und das staatliche Fernsehen von der Schriftsprache in den Dialekt wechselten. Ebenso erfolgreich waren die Musiker, die wieder in ihrer heimatlichen Redensart sangen. Heute ist Schweizerdeutsch überall zu finden – es ist Teil des Alltags.
Eine Hürde für die Anderen
Heute ist die Schweiz zu einem wichtigen Einreiseland in Europa geworden. Nicht nur für Afrikaner und Asiaten ist die kleine Schweiz attraktiv. Durch seine vergleichsweise starke Wirtschaft und den hohen Lebensstandard kommen immer mehr EU-Bürger auf der Suche nach Arbeit in die hiesigen Städte – vor allem aus Deutschland. Viele Deutsche sind gut ausgebildet, finden zuhause keine Arbeit und reisen dann in die Schweiz. Hier finden sie leicht einen Job, denn der deutschen Sprache sind sie ja mächtig. In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der zugewanderten Deutschen mehr als verdoppelt.
Statistiken beweisen, dass die Schweiz von der Einwanderung profitiert. Trotzdem haben immer mehr Einheimische Angst vor der deutschen Welle. In der Bahn hört man täglich den harten, nordischen Akzent, beim Einkaufen auch – schlicht überall. Die Antwort auf die sich ausbreitende Überfremdungsangst ist Schwizerdütsch. Die Schweizer greifen auf ihre altbewährte Methode zurück: Der Dialekt gibt ihnen die Möglichkeit, sich abzugrenzen.
Abgrenzung oder Ausgrenzung?
Ob die Abgrenzung der Schweizer gleich zur Ausgrenzung der Ausländer führt, ist umstritten. Im Grunde stösst man im Alltag auf drei Gruppen von Schweizern: die Nationalisten, die Multikultis und die Sprachgenies:
Die Nationalisten – auch Hardliner genannt
Sicherlich gibt es immer wieder Nationalisten, die einen “Deutschsprachigen” oder einen “Österreichsprachigen” erst einmal schief ansehen, wenn er den Mund aufmacht. “Lern Schweizerdeutsch, wenn Du schon hier leben willst”, das hört man immer wieder.
Nicht nur Ausländer haben dadurch Verständigungsschwierigkeiten. Auch die französisch- und italienischsprechenden Mitbürger haben es nicht gerade leicht, sich in den deutschsprachigen Landesteilen durchzuschlagen. Im Berufsleben sind sie oftmals benachteiligt, weil sie sich auf Deutsch nicht so gut ausdrücken können – und oft noch mehr Schwierigkeiten haben, den Dialekt zu verstehen.
Die Mutlikultis – oder die Toleranten
Es handelt sich um Menschen, die offen für ausländische Kulturen und gleichzeitig auf ihr Schweizertum stolz sind. Sie plaudern gerne mit Zuwanderern, die den Dialekt nicht beherrschen und versuchen, ihnen ein Schweizer Flair zu vermitteln. Wie? Indem sie trotz Verständigungsschwierigkeiten im Dialekt weiterreden – zwar etwas langsamer, aber trotzdem beharrlich. Ausländer empfinden diese Haltung immer wieder als sehr angenehm. Anfangs haben sie zwar Schwierigkeiten beim Verstehen, aber dann gewöhnt sich das Ohr an die Intonation. So verinnerlichen irgendwann sogar die Norddeutschen die süssen Klänge der Eidgenossen. “Poschte”, “lose” und “lüte” werden Teil ihres Wortschatzes. Bei den Multikultis profitieren beide Seiten voneinander.
Die Sprachgenies – als Transformationskünstler
Diese letzte Kategorie von Schweizern spricht zwar Dialekt untereinander. Doch sobald sich ihnen ein Ausländer nähert, fangen die Sprachgenies an, hochdeutsch zu sprechen – manche mit einem starken eidgenössischen Dialekt; andere mit einer so tadellosen Aussprache, dass man meinen könnte, es handle sich um Deutsche. Natürlich ist diese Haltung gerade für Neu-Zugereiste sehr praktisch, doch blockiert dies auch den Lernprozess der “Nicht-Dialekt-Sprechenden”.
Schweizer sind offen
Die Ausländer-Problematik besteht weiterhin in der Schweiz – der Dialekt ist dabei ein zentrales Element: Von vielen wird er als Hürde bei der Integration angesehen. Immer wieder kommt es zwischen Einheimischen und Zugereisten zu Missverständnissen: Manche fühlen sich durch den Dialekt ausgeschlossen, andere glauben vom Hochdeutsch überrollt zu werden. Doch im Grossen und Ganzen ist festzuhalten: Die Schweizer sind relativ offen. Wichtig ist, dass beide Seiten versuchen, aufeinander zuzugehen. Der Dialekt kann dabei als Brücke verwendet werden.
Dialog bei einem Geschäftsessen
Ich bin Österreicherin. Seit zwei Jahren lebe und arbeite ich in Zürich. Dass ich den hiesigen Dialekt nicht spreche, finden viele Schweizer nicht so toll. Erst kürzlich kam das Thema anlässlich eines Geschäftsessens wieder auf.
Mein Gegenüber fragte mich, warum ich denn noch immer nicht gelernt habe, Schweizerdeutsch zu sprechen. Meine Antwort: „Wozu denn? Meine Muttersprache ist deutsch. Ich verstehe die Schweizer. Warum soll ich nun einen Dialekt sprechen, welcher nicht meiner ist? Die Leute hier verstehen mich doch auch mit meinem österreichischen Akzent. Wäre ich jetzt in Frankreich, so würde ich Französisch lernen, um mich zu verständigen. Aber in der Deutschschweiz kann ich auch ohne Dialekt mit den Einheimischen kommunizieren.“
Stille. Dann atmete mein Geschäftspartner einmal tief durch, schluckte seine Empörung hinunter und bohrte weiter: „Aber wenn Sie unseren Dialekt nicht lernen, dann werden Sie nie einen Schweizer Pass bekommen.“ Dieser Angriff lud geradezu ein, diese arrogante Haltung ein für allemal zu kontern: „Einen Schweizer Pass? Was soll ich denn damit? Nur weil die Werbeplakate der SVP viele Hände zeigen, die nach dem Schweizer Pass greifen, heisst das noch lange nicht, dass alle Ausländer Schweizer werden wollen. Ganz im Gegenteil. Wie ich schon sagte, ich bin Österreicherin – und ich will gar keinen Schweizer Pass. Sollten die Schweizer mich eines Tages hier nicht mehr haben wollen, weil ich Ausländerin bin, dann fahre ich wieder nach Hause. Dort ist es ja auch schön.“
Mein Geschäftspartner fragte nicht weiter. Das Thema war abgehakt. Wir haben fertig gegessen, bezahlt und uns verabschiedet. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Hätte ich Schweizerdeutsch gesprochen, dann hätte ich ihm vielleicht einige meiner Produkte anlässlich dieses Geschäftsessens verkaufen können. Mit meiner österreichischen Sprache konnte ich ihn jedoch nicht überzeugen…