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Ich möchte Dir eine Geschichte erzählen, die mir vor vielen Jahren passiert ist.
Ich war noch keine 20 Jahre alt. Damals habe ich in einem Restaurant ein Praktikum gemacht. Es war Sommer, wunderschönes Wetter und ich hatte auf der grossen Terrasse meine eigene Station von 8 Tischen. Es war Mittagszeit, aber es waren noch kaum Gäste da. Dann kam eine kleine Gruppe von vier Personen zu meiner Station und setzte sich an einen Tisch. Es war ein Herr und zwei Damen etwa um die 50 Jahre alt und ein ca. 15-jähriger junger Mann. Sie schien keinen besonders guten Tag zu haben. Ihre Gesichter waren ernst, ja schon fast niedergeschlagen und traurig. Als ich sie kommen sah und sie sich an einen meiner Tische setzten beschloss ich für mich: Ich werde alles daransetzen, dass wenigstens ein kleines Lächeln über Ihre Gesichter huscht.
Also los, sagte ich zu mir. Ich ging an den Tisch und fragte freundlich mit einem Lächeln, was sie denn gerne hätten. Der Herr bestellte ein Bier. Was die beiden Damen und der junge Mann bestellten weiss ich nicht mehr. Ich brachte ihnen die bestellten Getränke und stellte sie ihnen auf den Tisch. Ich kann mich nicht erinnern wie es passiert ist, das Glas Bier kippte um und das Bier lief über den ganzen Tisch und dem jungen Mann über die Hose. «Grossartig», dachte ich, «so wird das nie etwas mit dem Lächeln». Ich blieb freundlich und entschuldigte mich. Nachdem ich das Tischtuch ersetzte hatte, der junge Mann seine Hose etwas getrocknet hatte und jeder nun etwas zu trinken hatte, konnte ich die Bestellung für das Essen aufnehmen.
Ein paar Minuten nachdem ich die Bestellung an die Küche gegeben hatte, merkte ich, dass die Gruppe mich seltsam ansah. Ich ging hin und fragte, ob alles in Ordnung sei. Eine der Damen war etwas erstaunt, dass der bestellte Salat noch nicht da sei. «Salat?», dachte ich, «Sie haben Salat bestellt?» Das war mir irgendwie entfallen. Ich entschuldigte mich und rannte in die Küche und bestellte per Express einen Salat. Ich entschuldigte mich auch in der Küche, für die Eile.
Kurz nachdem die Gäste den Salat hatten, bemerkte ich wieder diesen fragenden Blick. Ich ging also wieder hin und fragte freundlich, ob alles in Ordnung sei. Nun meinte der Herr, er habe auch einen Salat bestellt. Ich dachte nur «Du meine Güte, was ist denn hier los? Wieso habe ich den zweiten Salat auch vergessen? Das gibt es doch nicht…» Ich entschuldigte mich nochmals freundlich, rannte wieder in die Küche mit einer Eilbestellung und entschuldigte mich auch wieder in der Küche. «Wenn das so weitergeht, bekomme ich von diesen Leuten nie ein Lächeln. Im Gegenteil. Die werden sich noch richtig Beschweren. Und ich könnte das sogar noch verstehen.» Ihr könnt meine Gedanken sicher verstehen. Es lief bis dahin ja so ziemlich alles schief bei diesem Tisch. Zu meiner Beruhigung lief dann beim Hauptgang alles problemlos.
Die Gruppe bestellte dann später auch noch vier Coupes. Ahnt Ihr schon was passiert ist? Als die vier Coups fertig waren, ergab es sich, dass die stellvertretende Restaurationsleiterin grade bei der Eisstation stand und mir half die Coupes zu diesem Tisch zu bringen. Sie nahm zwei Coupes, stellte sich an den Tisch zwischen den Herrn und eine der Damen. Beim Versuch einen der Coupes auf den Tisch zu stellen, kippte der andere um, die Vanillekugeln vielen aus der Schale und purzelte der Dame auf die Schulter über die Bluse auf den Tisch. Mein erster Gedanke: «Nein, nicht schon wieder an diesem Tisch! Die werden nie wieder hierher kommen. Und von denen ein Lächeln zu bekommen, das kann ich eh vergessen» Mein zweiter Gedanke: «Wenigstens war es diesmal nicht ich!»
Wir entschuldigten uns natürlich und versuchten den Schaden so gut es ging zu beheben. Einige Zeit später rief mich die Gruppe zu ihrem Tisch um zu bezahlen. Ich ging mit keinem guten Gefühl an diesen Tisch. Leicht frustriert, aber trotzdem freundlich und mit einem Lächeln. Ich entschuldigte mich nochmals für die vielen Pannen. Weisst Du was der Herr mir da sagt?! «Ach, das ist nicht so schlimm. Als wir hierherkamen, hätten wir nicht gedacht, dass das der Tag heute noch so lustig werden könnte.» Und er sagte es mit einem riesigen breiten Lächeln, ja seine Augen leuchteten schon fast. Die ganze Gruppe lächelte. Und ich habe selten so viel Trinkgeld von einem Tisch bekommen wie von diesem. Trotz all der Pannen, Missgeschicke, Bier auf der Hose, Vanilleeis auf der Bluse, vergessenem Essen.
Mein Fazit aus dieser Geschichte ist: Egal was alles schiefgeht. Wir sind alle nur Menschen. Es hilft nichts sich aufzuregen. Ich habe mich natürlich auch geärgert. Aber ich bin weiterhin freundlich geblieben und habe gelächelt. Ich weiss nicht warum diese Gruppe so traurig und mit langen Gesichtern in unser Restaurant kam. Vielleicht hatten sie sich gestritten, vielleicht ist etwas Trauriges passiert, vielleicht kamen sie grade von einer Beerdigung. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass sich Ihre Stimmung verändert hat. Und nach all meinem Frust über die Pannen… Was glaubst Du was das Lächeln dieser Gruppe in mir ausgelöst hat? Kurzum: Es hat meinen Tag gerettet. Mindestens die Hälfte meines Frusts war wie weggeblasen. Es war als würde mir ein Stein von der Schulter fallen.
Ein Lächeln kann so viel bewirken. Egal wer vor Dir steht. Traurig, frustriert, wütend, genervt… Schenk dieser Person ein Lächeln. Und wenn es sein Befinden nur um 1% verbessert, ist das immerhin eine Verbesserung. Und wenn ihm noch ein paar weitere Menschen ein Lächeln schenken sind es schon ein paar Prozent mehr.
Und weisst Du was? Es verändert sich auch Dein Zustand. Alleine Dein Wissen, dass Du ein Lächeln geschenkt hast, dass Du etwas versuchst, dass es jemand anderem besser geht. Das alleine gibt Dir schon ein besseres Gefühl.
Wann hast Du das letzte Mal ein Lächeln verschenkt? Wie hat sich das angefühlt? Wann hast Du das letzte Mal ein Lächeln bekommen? Von wem war das? Was hat das in Dir ausgelöst? Was hat sich verändert?