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In der Einführung von Herrn Jürg Spillmann, Geschäftsleiter der Elektronischen Börse Schweiz für technische Fragen, konnte ich es mir nicht verkneifen, das nebenstehende "Bildli" aufzulegen und die Frage in den Raum zu stellen, ob sich die abgebildete Situation auf die Inbetriebnahme der Elektronischen Börseübertragen lässt.
Zufälligerweise fand ich in der NZZ vom 1. Oktober 1996 auch noch die folgende Mitteilung:
Bogotá, 30. Sept.: Am vergangenen Freitag ist der Präsenzhandel der Aktienbörse aufgelöst worden; am Montag nahm an seiner Stelle das neue elektronische System den Betrieb auf... Das neue Winset-Handelssystem, das für 2 Mio. $ installiert wurde, wird für grössere Transparenz auf dem unübersichtlichen Markt sorgen. Bisher wurde ein Teil der Geschäfte zwischen den Händlern [direkt] abgewickelt. Der elektronische Handel legt ab sofort alle Geschäfte offen... Der durchschnittliche Handelsumsatz lag in diesem Jahr bei täglich 2,4 Mio. $.
Kolumbien führt also nur knapp 1 Jahr später als die Schweiz ein elektronisches Börsensystem zu einem Schleuder-Preis ein. Wo liegen die Unterschiede?
Nun, diese Fragen lassen sich aufgrund der Präsentation von Herrn Spillmann gut beantworten:
Die Elektronische Börse Schweiz (EBS) zentralisiert die Verwaltung und Organisation des in seinen Ansätzen 120-jährigen, schweizerischen Systems von Börsenringen in Zürich, Basel und Genf mit verschiedenen Nebenstellen (zB. in Bern). Wichtig für den Erfolg des Projekts war, dass wir nicht "auf der grünen Wiese" beginnen mussten - die umfasende Geschäftserfahrung am Ring haben ein massgeschneidertes System für die Zukunft entstehen lassen, das der Schweizer Börse einen komfortablen Vorsprung auf die ausländische Konkurrenz (inkl. London!) verschafft hat.
Rückgrat der Software ist ein skalierbarer, leistungsstarker Software-Bus (dh. CPUs können nach Bedarf fast beliebig zugefügt werden) basierend auf DEC NET und dem Reliable Transaction Router (RTR) von DEC sowie dem in der UNIX-Welt verbreiteten Sicherheitssystem Kerberos. Für die Datensicherung und die Archivierung aller Transaktionen werden optische Disks eingesetzt (heute sogar mit dem Placet des Gesetzgebers!).
Grundsätzlich wurden bei der Auslegung des Systems für die EBS gerade im Netzwerk möglichst langlebige Standard-Komponenten verwendet (ETHERNET, FDDI...). System-seitig erweist sich aber die daraus resultierende einseitige Herstellerabhängigkeit heute leider als eine immer schwerer wiegende Hypothek. Während im Bourse-Net Level4 von DEC (gemäss Hrn. Spillmann ein Memory- bzw. CPU-Killer) für die Benutzerschnittstelle, Rdb von DEC bzw. heute Oracle als Datenbanksystem und VAX und ALPHA mit VMS als Betriebsplattform verwendet wird, wird für das Händlersystem der EBS in den TCP/IP-Welten durchwegs MOTIF, C++, SYBASE und UNIX (90% Solaris, 10% DEC-UNIX) eingesetzt. Viele Banken bieten den Börsen-Händlern in ihrem Netz zudem selbst entwickelte Ergänzungen zum System der EBS an wie zB. Schnittstellen zum Backoffice der Bank, Riskmanagement-Software etc. Die EBS stellt zu diesem Zweck die in und für C++ entwickelte MAPI-Schnittstelle (MAPI = Member's Application Programming Interface) zur Verfügung. Über diese Schnittstelle wird voraussichtlich auch das System SOFFEX angebunden bzw. integriert.
Mit der Entwicklung der EBS-Software im Schweizer Alleingang wurde folgende Zielsetzung verfolgt:
Zur Geschichte des Software-Projekts EBS beschreibt Herr Spillmann die ersten Versuche (1. Projekt, das 1991 abgebrochen wurde) sehr vorsichtig als mit den gewählten Werkzeugen technisch nicht machbar. Was dann vor ca. 4 Jahrem mit 10 Leuten, einigen PCs und Workstations sowie vielen externen Mitarbeitern begann, wuchs in der Folge zu einem Projekt mit 130 Personen zur Spitzenzeit und beschäftigt heute ca. 110 interne und etwa 30 externe Mitarbeiter. Insgesamt wurden ca. 125 Mio. Fr. allein für die Softwareentwicklung aufgewendet - ursprünglich war ein Betrag von 76 Mio. vorgesehen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Aufwendungen für die Hardware sowie jene der Banken für das interne Händlersystem in diesem Betrag nicht berücksichtigt sind. Andererseits ist aber zugute zu halten, dass im Verlaufe des Projekts der Funktionalitätenumfang massiv erweitert (moving targets) und nicht zuletzt auch die Gesetzgebung grundlegend angepasst wurde bzw. werden musste. Die 1-jährigeVerzögerung des jetzt abgeschlossenen Projekts führt Herr Spillmann auf dessen Grösse und die enorme Komplexität zurück.
Neben zugegebenermassen eigenen Fehlern musste das Entwicklungsteam aber auch da mit Widrigkeiten externen Ursprungs kämpfen: Im Bourse-Net standen Probleme bei der Integration der Subsysteme sowie Hardware-Probleme (von den gelieferten Systemen mussten fast 50% zurückgeschoben werden - dead-on-arrival oder dead-within-2-weeks!) als Bauchwehproduzenten im Vordergrund. In der UNIX-Welt übernahm die mangelhafte Systemleistung diese Rolle. Die Qualität der eingesetzten Software-Werkzeuge verlockte Herrn Spillmann zur generellen Aussage "Die Produkte der Hersteller wurden über die Jahre hinweg immer lausiger" und "verschiedene Software-Wartungs- und Dienstleistungsverträge haben wir mehrfach bezahlt; auch haben wir den Eindruck, dass wir die Ausbildung der Support-Mitarbeiter der Lieferanten mindestens mitbezahlt haben". Wesentliche Komponente bei jedem Beschaffungs-Entscheid war denn auch die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Anbieter ein Jahr danach noch existiert bzw. den gleichen Namen trägt. Ab 1994 wurde deshalb ein sog. "Werkzeug freeze" durchgezogen. Ein spezielles Problem musste mit dem System KERBEROS gelöst werden: Die US-Regierung machte (zeitraubende) Schwierigkeiten dem Nicht-NATO-Land Schweiz zunächst aus Geheimhaltungsgründen die Exportbewilligung für den Chiffrieralgorithmus zuzugestehen...!
Wenig optimistisch beklagt sich Herr Spillmann auch über die Haltung unserer "Verhinderungsgesellschaft", die den Fortschritt heute gerade im Software-Bereich durch unkooperatives Verhalten und fehlende Bereitschaft zum Konsens praktisch zum erliegen bringt.
Einige der erfahrenen Ringhändler haben sich nach dem Übergang zur elektronischen Börse vom Geschäft zurückgezogen, da sie sich ihres wichtigsten Berufs-Werkzeugs beraubt fühlten, das sie über Jahre hinweg mit Raffinesse eingesetzt hatten - Handzeichen, Gesichtszüge, Mundwinkelzucken lassen sich in der elektronischen Welt nur schwer übertragen. Aber: Einige anfänglich zum Teil sehr skeptische "Alte Hasen" haben den Sprung zum elektronischen Handel geschafft.
"Erreicht haben wir jedenfalls eine heute weltweit einzigartige, durchgehende Informationskette vom Auftrag bis zur Abrechnung, die - obwohl in wenigen Sekunden effektiv abgewickelt - leider bis auf weiteres wegen administrativer Usanzen ("3-day Settlement") von den Banken nicht bis zum End-Kunden weitergegeben werden darf" - Durch Änderung der Parameter in den beteiligten Systemen kann jederzeit auf "Intra- DayClearing" umgestellt werden. Auch die Forderung nach Transparenz der Transaktionen wird heute mit dem System vollumfänglich erfüllt - kein Mundwinkelzucken, das interpretiert werden kann, keine direkten HändlerHändler-Geschäfte, die ohne Transaktionsaufzeichnung ablaufen... Bezüglich der erwarteten Volumenzunahme des Börsenumsatzes ist Herr Spillmann eher vorsichtig, da die direkten Händler- Händler-Transaktionen die Statistik von früher stark verfälschen. Wir brauchen noch etwas Zeit - wir stehen ja noch am Anfang und es hat noch enorm viele Parameter zum Schrüüble. Immerhin verarbeiten wir heute im Tagesdurchschnitt ein Volumen von 2 Mia. sFr. [!] - allein im Monat August ca. 50 Mia Fr. Zur Zeit wird auch an der Schnittstelle zum Internet gearbeitet und Herr Spillmann empfiehlt Interessenten, die Homepage der EBS unter http://www.bourse.ch im Auge zu halten. Im Gegensatz zur Inbetriebnahme der SOFFEX (ähnliche Systemplattformen), wo der abendliche Crash zum Tagesgeschehen der ersten Phase gehörte, ist das System der EBS sehr weich und ohne grossen Systemabsturz angelaufen.
"Wir haben die Infrastruktur für eine Zukunft geschaffen, jetzt müssen wir die Politik, die Gesetze (Stempelsteuer...etc) und den Markt schaffen, um uns diese Zukunft zu erschliessen".
Die GST dankt Herrn Jürg Spillmann ganz herzlich für seine kompetenten Ausführungen und wünscht dem mutigen Unterfangen, dass sich dem geglückten Start eine ebenso erfolgreiche Zukunft anschliessen möge!