Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/824

«Schau’ mir in die Augen, Kleines» – diesen Satz hat wohl so ziemlich jeder schon gehört. Ich selbstverständlich auch. Den Ursprung dieses Zitats, «Casablanca» von Michael Curtiz, habe ich jedoch nie mit eigenen Augen gesehen. Trotz Filmwissenschaftsstudium gehört «Casablanca» auf meine Liste mit dem Titel «Filme, die du gesehen haben solltest, aber nicht hast. Schäm’ dich!». Eine Aufarbeitung drängt sich demnach auf.
Es gilt also, die Shame-Liste Klassiker um Klassiker abzubauen. Den Anfang macht «Casablanca». 1942 von Michael Curtiz gedreht, wartet er mit grossen Namen der Filmgeschichte auf: Humphrey Bogart und Ingrid Bergman mimen zwei schöne Menschen mit komplizierter (gemeinsamer) Geschichte.
Casablanca ist während des Zweiten Weltkriegs Teil des unbesetzten Frankreichs und zieht somit viele Flüchtlinge an, die darauf hoffen, von dort in die USA zu gelangen. Der Schwarzmarkt mit Transitvisa floriert dementsprechend. Rick (Humphrey Bogart) führt das berüchtigte Café Américain, in dem die bunt gemischte Bevölkerung Casablancas ein und aus geht. Eines Tages mischt sich der tschechoslowakische Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid) unter die Gäste, der sich gemeinsam mit seiner Frau Ilsa (Ingrid Bergman) in die USA absetzen möchte. Der sonst stoische Rick wird durch die Anwesenheit der schönen Frau sichtlich aus der Fassung geworfen. Denn die beiden hatten vor längerer Zeit in Paris eine leidenschaftliche Affäre – bis sie ihn wortwörtlich im Regen stehen liess.
«Play it again, Sam!» (niemand, jemals in «Casablanca»)
«Casablanca» hat natürlich nichts von seinem romantischen Klassikerdasein verloren: Wem schmerzt nicht das Herz, wenn Rick (Achtung: Spoiler!) Ilsa am Ende ziehen lässt und sogar sein Leben für sie riskiert – das ist eben noch wahre Liebe!
Dennoch, fast 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung, ist Vieles etwa ähnlich gut gealtert wie Biomilch: Rassismus und Sexismus sind ziemlich offensichtlich und dienen obendrein dem Humor des Films. Sam (Dooley Wilson), der schwarze Pianospieler, wirkt zwar auf den ersten Blick als Ebenbürtiger; doch schaut man genauer hin, fungiert er als «Magical Negro» – als unterwürfiger Helfer der weissen Hauptfiguren. Währenddessen wird die Tatsache, dass der Polizeipräfekt Transitvisa gegen Sex mit jungen (verzweifelten) Frauen tauscht, belacht. Heute legt dies offensichtlich und eindeutig den nicht so schönen und lustigen Vergleich mit den Harvey Weinsteins dieser Welt nahe.
«Schau’ mir in die Augen, Kleines» (Humphrey Bogart in der älteren deutschen verharmlosten Version von «Casablanca»)
Daneben ist «Casablanca» verantwortlich für einige der berühmtesten Filmzitate der Geschichte – allen voran das romantisch-schmächtige «Schau’ mir in die Augen, Kleines». Lustig ist, dass diese Worte von Romantikern zwar heiss geliebt, in der aktuellen, deutschen Version so aber nie gesprochen werden. Das Zitat stammt aus der ersten Synchronfassung, die 1952 in die deutschen Kinos kam und in der sämtliche Szenen mit Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg entfernt wurden. Beide deutschen Übersetzungen sind übrigens ziemlich weit weg vom englischen Original, da sagt Bogart nämlich «Here’s looking at you, kid».
«Casablanca» ist und bleibt einer der berühmtesten und meistzitierten Filme und ist ein wichtiger Zeitzeuge des Hollywoods der 1940er Jahre.
Die wichtigsten Zitate des Films zu kennen, bevor man ihn gesehen hat, fühlt sich auch etwas falsch an. So als ob man ein getürktes Bingo spielt, bei dem man schon im Voraus weiss, dass man irgendwann lautstark «Bingo!» rufen darf.
Trotz oder gerade wegen den (zumindest aus heutiger Sicht) unübersehbaren Problemen, darf – oder muss – man sich den Film auch heute noch anschauen. «Casablanca» ist und bleibt einer der berühmtesten und meistzitierten Filme und ist ein wichtiger Zeitzeuge des Hollywoods der 1940er Jahre.
Mein persönlicher Tipp ist es in solchen Fällen, Herz und Hirn als unabhängige Zuschauer Einlass ins Kopfkino zu gewähren: Das (Film-)Herz darf sich dabei an «Casablancas» temporeicher Erzählung, seinen romantischen Momenten, der schönen Musik und den spannungsreichen Plottwists laben. Das Hirn dagegen vergisst nicht, dass Curtiz’ Werk unter ganz anderen Umständen entstand, denen man heute mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen muss.
–––
Filmfakten: «Casablanca» / Regie: Michael Curtiz / Mit: Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Claude Rains, Paul Henreid, Conrad Veidt, Sydney Greenstreet, Peter Lorre / USA 1942 / 102 Minuten
Bild- und Trailerquellen: Warner Bros. Pictures / Courtesy The Neal Peters Collection / Poster Artwork by Bill Gold / Screenshots by Wikimedia.