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Entartung
(Degeneration), in der Naturwissenschaft die Abänderung eines Lebewesens im Sinn einer rückschreitenden Metamorphose, die zu einem unvollkommnern Zustand der Organisation und Arbeitsteilung führt, als sie bei den Ahnen oder dem diesen gleichenden jugendlichen Tier vorhanden war. Einem solchen Rückgang unterliegen die meisten Pflanzen und Tiere, welche die freie und selbständige ¶
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Ernährungsweise aufgeben und als Schmarotzer auf Kosten andrer Pflanzen und Tiere zu leben beginnen. Solche Pflanzen verlieren mehr oder weniger das Assimilationsvermögen im Licht [* 3] und mit demselben das Chlorophyll, und an die Stelle der grünen Blätter treten mißfarbige Schuppen. Die Schmarotzertiere verlieren durch Nichtgebrauch ihrer Bewegungsorgane ihre Freß- und Kauwerkzeuge, welche durch einen Saugapparat ersetzt werden, und manchmal wird das ganze Tier auf einen bloßen in oder auf dem Körper seines Wirtes festgesogenen oder -gewurzelten Klumpen oder Sack, ohne jegliche Gliederung der äußern Gestalt, reduziert, wie z. B. bei den Wurzelkrebsen.
Einer ähnlichen
Entartung oder rückschreitenden Metamorphose unterliegen auch die meisten Tiere, welche, ohne
eigentliche Schmarotzer zu sein, auf irgend einem Gegenstand im Wasser festwachsen, wie z. B. die Ascidien und die Rankenfüßer;
in allen diesen Fällen ist in der Regel das junge Tier, welches die Gestalt der Ahnen wiederholt und noch mit seinen vollständigen
Organen versehen ist, ein vollkommneres Wesen als das vor Anker
[* 4] gegangene erwachsene Tier, und in vielen
Fällen, wie z. B. bei den letztgenannten drei Beispielen, konnte die Stellung des Tiers im System und seine natürliche Verwandtschaft
erst aus der Beobachtung der Jugendlarve ermittelt werden. Bei manchen Tieren betrifft die
Entartung nur einzelne Organsysteme, wie
z. B. beiden in finstern Grotten lebenden Tieren, welche die Augen einbüßen, die dann nur noch bei ganz
jungen Tieren auftreten.
Vgl. Ray. Lankester, Degeneration (Lond. 1880).
In der Medizin bezeichnet man mit
Entartung die rückschreitende Metamorphose der tierischen Gewebe,
[* 5] wobei dieselben sowohl in ihrer
chemischen Konstitution als in ihren physikalischen Eigenschaften tiefgreifende Veränderungen erfahren
und nicht mehr in normaler Weise oder überhaupt nicht mehr zu funktionieren im stande sind. In chemischer Beziehung beruht
der wesentliche Vorgang bei der
Entartung darauf, daß die Eiweißsubstanzen der Gewebe, namentlich der Zellen, in andre Stoffe umgewandelt
oder mit gewissen dem gesunden Gewebe fremdartigen Substanzen vermischt werden.
Früher unterschied man die hierher gehörigen Zustände nach einzelnen groben äußern Merkmalen in
Erweichungen und Verhärtungen der Gewebe. Gegenwärtig unterscheidet man folgende Formen der
Entartung: 1) Die fettige Entartung beruht auf
der Umwandlung des Eiweißes der Zellen in Fett; die Zellen wandeln sich dabei in ein Häufchen von feinsten Fettkörnern um
und zerfallen schließlich zu einer resorbierbaren milchähnlichen Substanz. Ihre Ursachen sind Ernährungsstörungen
der verschiedensten Art. Die fettige
Entartung ist sehr häufig, kommt fast an allen Organen und Geweben vor; letztere werden dadurch
blaß, blutarm, schlaff und mürbe; schließlich verfallen sie der Atrophie (s. d.). 2). Die käsige
Entartung beruht auf einem
Wasserverlust, einem Eintrocknen der Zellen, und kommt vor an Entzündungsprodukten (käsige Lungenentzündung)
oder an entzündlichen Neubildungen und Wucherungen (Tuberkulose und Skrofulose).
3) Die schleimige
Entartung besteht in dem Auftreten von Schleim in den Zellen, der sich aus dem eiweißreichen Protoplasma der letztern
entwickelt, kommt vorzugsweise an den Epithelzellen der Schleimhäute und ihrer Drüsen, gelegentlich auch
an andern Geweben vor.
4) Die kolloide
Entartung besteht in dem Auftreten einer homogenen, leimähnlichen, durchsichtigen Substanz, welche keine positive
chemische Reaktion besitzt und wahrscheinlich ein modifiziertes Natronalbuminat
ist. Sie wird vorzugsweise an den Zellen der
Schilddrüse und beim Gallertkrebs des Magens und Darms beobachtet.
5) Die amyloide
Entartung, welche bei chronischer Auszehrung an den Gefäßen der Milz, Nieren, Leber, am Darm
[* 6] etc.
auftritt (s. Amyloidentartung). Nicht zu verwechseln mit der
Entartung ist die Infiltration der Gewebe, z. B. mit Fett, mit Pigment,
Kalk oder harnsauren Salzen.
Vgl. Virchow, Cellularpathologie (4. Aufl., Berl. 1871).