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Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
A. AVEC LES ÉTATS LIMITROPHES
1. Allemagne
1.1. Affaires politiques et militaires
Printed in
Ich möchte Ihnen ganz konzentriert einige Eindrücke von der gestrigen Zusammenkunft in Wülflingen widergeben. An derselben nahmen teil, deutscherseits Dr. Gutekunst, Germanist, Dr. Hügel, Assessor, Dr. Bühner, Kaufmann und Dr. Weidenbach, Schriftleiter des Stuttgarter Stadtblattes, alle aus Stuttgart, sowie Herr Tscharner und Dr. Fritz Schindler, Kennelbach, der die Herren im Auto her brachte. Die vier deutschen Herren sind kultivierte Süddeutsche. Gutekunst war Hörer von Dr. H. Ammann, als dieser in Freiburg im Breisgau einen Lehrauftrag für Schweizergeschichte innehatte, wodurch der Kontakt leichter gefunden wurde. Die deutsche Delegation war über Schweizerverhältnisse ausserordentlich gut informiert, zum Beispiel über Wesen und Wirken der Schweizerischen Mittelpresse. Es herrschte die Tendenz, von uns möglichst viel herauszuholen und selbst nicht allzu viel zu sagen, was Herr Dr. Ammann, unser Wortführer, mit Geschick bis zu einem gewissen Grade umbiegen konnte. Deutscherseits führte in Hauptsache Dr. Hügel das Gespräch. Die Herren gaben zu, dass sie mit Wissen und Willen des Propagandaministeriums und des auswärtigen Amtes gekommen seien. Erwähnt wurde, das ist nicht uninteressant, der letzte Besuch Musys in Berlin, welcher u.a. dort wegen den Genferzonen vorgesprochen hat und natürlich auch bezüglich der allgemeinen Beziehungen. Herr von Weizsäcker soll Musy herauskomplementiert haben mit der Bemerkung, er, Musy, sei Jäger und er tue gut, nach Hause zu gehen und englische Flieger, die das schweizerische Gebiet verletzten, herunterzuholen. Musy ist zweifellos nicht der Mann, um nach Berlin zu reisen und dort für die Belange der Eidgenossenschaft aufzutreten.
Als Konklusion der mehr als vierstündigen durch keinen Misston getrübten Unterredung ist folgendes zu sagen: Die Süddeutschen Herren kennen die Schweiz und bis zu einem gewissen Grade auch unsere für Angehörige grosser Länder, namentlich wenn diese diktatorisch regiert sind, schwer verständlichen demokratischen Einrichtungen. Berlin aber, sagten sie, sei sehr weit von der Schweiz entfernt, und es sei dort naturgemäss wenig Verständnis für unsere Eigenart vorhanden. Hierzu hat Dr. Ammann mit Recht bemerkt, dass, soviel er wisse, - es wurde dies auch bejaht - der Führer beträchtliche Kenntnisse über schweizerische Belange habe. Es wurde uns vorgehalten, unsere Haltung und namentlich jene unserer Presse, sei nicht neutral und teilweise auch unfreundlich. Zum Beispiel sei anlässlich der Gottfried Keller Feiern nie etwas darüber zu lesen gewesen, wie sehr Keller in Deutschland geschätzt und gefördert worden sei. Dieses und anderes habe man empfunden. Im Juni hätte sich durch den Schock, welcher bei uns durch die Kapitulation Frankreichs entstanden sei, die Tendenz gebessert, jetzt aber fange man wieder an, sich an den Strohhalm England zu klammern und setze zum so und sovielten Male auf das falsche Pferd. In Berlin sei man, weil man sich ausschliesslich den ganz grossen Fragen zu widmen habe, zurzeit an der Nebenfrage Schweiz desinteressiert, es sei aber unverkennbar, dass jetzt die Schweiz die letzte Chance zur Objektivität hätte, sonst, Hess man durchblicken, hätten die wohlwollenden Kreise Mühe, uns «Unannehmlichkeiten» zu ersparen. Wenn man die schweizerische Berichterstattung aus London und Berlin vergleiche - wir können diese Tatsache, unter uns gesagt, nicht leugnen-, so berichte man aus London, was man dort denkt und gerne hört, während aus Berlin meistens das geschrieben worden sei, was nicht wohlwollende internationale Kreise dort denken. Man wünscht dringend in allererster Linie, dass gute Korrespondenten der führenden schweizerischen Blätter wiederum nach Berlin kommen und auch auf ändern Gebieten wieder Kontakt genommen werde. Wir konnten glücklicherweise mitteilen, dass Herr Dürrenmatt3 von der S.M.P. im Begriffe sei, nach Berlin zu gehen, worüber man Genugtuung zeigte, aber gleichzeitig nachdrücklich gute Korrespondenten für die N.Z.Z., Basler Nachrichten und den Bund wünschte. Hierfür ist natürlich nicht nur die Personen-, sondern auch die Kostenfrage zu lösen. Bei N.Z.Z. und Basler Nachrichten scheint mir eine eindrückliche Demarche des Vorortes unsere Pflicht zu sein, daneben haben wir eine Deutschlandreise von geeigneten Redaktoren, auch französischer Zunge, angeregt - man wird sie sorgfältig aussuchen müssen - und eine Offiziersmission. Die wirtschaftlichen Belange wurden nur nebenbei gestreift, denn dort findet man sich bekanntlich leichter zum Gespräch. Bei aller Sympathie für unsere mittlern Blätter wurde uns gesagt, dass die Stimmung in der Schweiz ausschliesslich nach der Haltung unserer Grossblätter beurteilt werde. Die Herren scheinen Verständnis zu haben für manches, was sonst durch die deutsche Brille gesehen, falsch beurteilt wird, aber, ich wiederhole dies, sie haben Bedenken, in Berlin durchzudringen. Mir scheint, dass Regierung und Wirtschaft mit allergrösster Energie daraufdrücken, dass in Berlin wieder tüchtige Schweizerkorrespondenten sich niederlassen, die, wie es sich für einen solchen Mandatar gehört, das berichten, was dort vorgeht. Man verlangt keine Kniefälle, nicht einmal eine speziell wohlwollende Schreibweise, sondern nur Objektivität. Das Schulmeistern hat man nach den Erfolgen satt. Wir konnten auch darauf hinweisen, dass auch deutscherseits die Kontaktnahme behindert werde, indem man Herrn Dürrenmatt sieben Wochen auf das Visum warten liess. Ob sympathisch oder unsympathisch, es muss endlich von Seite der Regierung auf eine klügere Führung unserer grossen Blätter gedrückt werden. Man sollte auch erwarten dürfen, dass in diesen Kreisen unsere so bitter schwere aussenpolitische Lage verstanden und die Vogelstrausspolitik ad acta gelegt wird. Man kann sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass auch wenn die Auseinandersetzung mit England eine für das Reich wenig günstige Wendung nehmen sollte, so ist dessen Hegemonie auf dem Kontinent wohl einfach nicht zu brechen. Die kleinen Stiche sind auch zu vermeiden, zum Beispiel scheint es sehr zu pikieren, wenn eine schweizerische Zeitung schreibt: «Das Oberkommando der Wehrmacht behauptet...» Ich kann dem Argument, dass, wenn man uns nicht wohlwolle, die Pressepolitik nichts ändere, einfach nicht beipflichten. Nach all’den falschen Prophezeiungen, zu denen sich unsere Grosspresse wiederholt hat hinreissen lassen, welche ihren Ruf auch im eigenen Lande ausserordentlich herabgesetzt haben, sollte endlich die dem kleinen Neutralen geziemende Bescheidenheit und Schlichtheit Richtschnur werden. Die enorme Verantwortung unserer sogenannten Grosspresse aber auch der Regierungsstellen, die sie beeinflussen müssen, sind zurzeit aussergewöhnlich gross, und der Vorort hat die Pflicht, in dieser Sache sein ganzes Gewicht in die W/ö/agschale zu werfen.
Und nun noch eine Bitte. Herr Dürrenmatt hat letzten Samstag das Einreisevisum nach Deutschland erhalten, anderseits aber läuft sein Militärurlaub mit nächsten Sonntag ab. Sein Major ist gegen eine Verlängerung des Urlaubes, wogegen der Regimentskommandant, dieselbe unterstützt. Die Haltung des Divisionärs kennen wir noch nicht. Herr Haas interveniert beim General. Würden Sie dasselbe beim politischen Departement tun? Ich habe gestern geglaubt, Herr Dürrenmatt sei bereits verreist und bin über die Verzögerung sehr erstaunt.
- 1
- Lettre (Copie): E 2001 (D) 3/306. Industriel à Ziegelbrücke, Caspar Jenny assumait d’importantes responsabilités à la tête du Vorort de l’Union suisse du commerce et de l’industrie.↩
- 2
- Dans le prolongement de la rencontre du 9 novembre 1939 (cf. No 205), H. Hornberger avait été invité par A. von Tscharner à participer à un entretien avec des personnalités allemandes. Finalement, Hornberger n’avait pas pu participer à la rencontre; toutefois, il écrivit le 19 septembre 1940 à von Tscharner: Ich freue mich aber, Sie benachrichtigen zu können, dass ein prominenter Vertreter der schweizerischen Wirtschaft in der Person des Herrn Caspar Jenny, Grossindustrieller aus der Textilindustrie, der schweizerischen Delegation angehören wird. Ich habe Gelegenheit gehabt, mit Herrn Jenny über die Sache eingehend zu sprechen, und ich werde durch ihn über den Verlauf des Gesprächs seinerzeit orientiert werden. Ich hoffe, dass die Veranstaltung zu einem guten Ziele gelangt.↩
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