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2. Kapitel / Teil 3
Werner Zurfluh

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2.2. Wichtig ist allein die Kontinuität des Ich-Bewußtseins
Am 12. Juni 1974 hatte ich einen freien Nachmittag. Etwa um 14 Uhr legte ich mich zu einem Mittagsschlaf hin und stand um 17 Uhr wieder auf. Ich beschloß, die Einschlafphase von Anfang an zu beobachten, denn die Lektüre von Robert A. Monroes "Der Mann mit den zwei Leben" hatte mir wieder einen neuen Ansporn gegeben, die Sache mit der Außerkörperlichkeit genauer zu untersuchen.
12. Juni 1974
Zuerst lege ich mich auf das Bett meines Sohnes im Kinderzimmer, wechsle jedoch bald ins Wohnzimmer, weil der Lärm der auf der Straße spielenden Kinder zu stark ist. Mehrere Male werde ich aufgeschreckt Außerdem ist mein Arm eingeschlafen, und nun prickelt er heftig. Es dauert eine Weile, bis die störenden Empfindungen wieder verblassen. Im Wohnzimmer achte ich deshalb besonders auf die Lage der Arme. Sie dürfen nirgends so aufliegen, daß Druckstellen entstehen. Dann schließe ich die Augen und entspanne mich. (Inhalt)
Plötzlich wache ich wieder auf und bin deshalb ziemlich verärgert. Schon wieder! Jetzt hätte ich doch wenigstens in Ruhe schlafen wollen, nachdem im anderen Zimmer die Kinder mein Vorhaben, das Einschlafen zu beobachten, zu vereiteln wußten. Auch die Rückenlage behagt mir nicht mehr - und überhaupt, jetzt ist es genug! Ich will aufstehen und rolle nach rechts aus dem Bett hinaus. Und im gleichen Moment merke ich, daß ich mich abgelöst habe. Unverzüglich beginne ich mit den Beobachtungen und untersuche als erstes den Zweitkörper, mit dem ich ausgetreten bin. Das Aussehen des Zweitkörpers ist nicht genau bestimmbar. Von der Gestalt her gleicht er einem lockeren Tuch mit weitem Faltenwurf, das seine Form ständig verändert. Er fühlt sich auch amorph an, aber vielleicht nur deswegen, weil meine Sinneswahrnehmungen stark beschränkt sind. Ich kann das Tuch und meine Umwelt nur verschwommen und wie durch einen dichten Nebel sehen und diffus spüren. Ich sehe allerdings die Umrisse des Bettes und der Möbel und bin überzeugt, im Wohnzimmer zu sein.
Als nächstes versuche ich, mich auf dem Boden ein bißchen zu bewegen. Es gelingt. Unvermittelt treten aber sexuelle Spannungen auf, die jedoch schnell wieder schwinden, weil mir diese Empfindungen nicht nur von früheren Erfahrungen her bekannt sind, sondern weil sie mich auch an die Aussagen von Monroe erinnern. Dann denke ich daran, hochzufliegen und die Decke zu durchdringen - und spüre sogleich, wie ich hinaufschwebe, die Betondecke berühre und sie durchdringe. Das Raumgefühl ist derart gut, daß ich die Distanz genau abschätzen kann und auf dem Boden des oberen Wohnzimmers stoppe. Ich weiß, daß um diese Zeit niemand zu Hause ist, und glaube deshalb, mich ruhig umsehen zu dürfen. Dazu muß ich aber die Augen (des Zweitkörpers) öffnen, was nun trotz größter Anstrengungen nicht gelingt. Um mich herum bleibt alles nebelhaft verhangen, undurchdringlich und grau. Vielleicht wird es draußen vor dem Haus eher möglich sein, das Sehvermögen zu erlangen. Dieser Gedanke genügt, um mich horizontal hinausschweben zu lassen.
Vor dem Haus kann ich plötzlich wieder sehen - doch ich bin in eine fremde Welt hineingeraten, es hat mich in ein 'Jenseits' verschlagen. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Entwicklung und gehe daran, fliegend die unter mir liegende Landschaft zu erkunden. ... (Inhalt)
25. Juni 1974
Beim Einschlafen versuche ich, bewußt zu bleiben und willentlich einen Austritt herbeizuführen. Ich werde diesen Versuch machen, um einerseits die prinzipielle Möglichkeit einer Ablösung abzuklären und andererseits die Voraussetzung dafür zu schaffen, die Frage nach den außerkörperlichen Zuständen bei den Schamanen von der eigenen Erfahrung her anzugehen. Ferner interessieren mich die therapeutischen Verwendungsmöglichkeiten der Außerkörperlichkeit speziell im Hinblick auf die Wiedergewinnung eines verloren gegangenen Seelenteiles eines Kranken. Aber dazu ist es eben notwendig, daß die willentliche Ablösung gelingt und der außerkörperliche Zustand nicht zu ichhaften Zwecken ausgenutzt oder für sexuelle Spielereien mißbraucht wird. Jede Art von Machtmißbrauch wird mich scheitern lassen, weshalb ich mir dieser Gefahr bewußt bleiben muß.
Der Übergang vom Wachen zum Schlafen bietet ungeahnte Schwierigkeiten, denn immer wieder wecke ich mich selbst auf, weil ich zu stark auf die Kontinuität des Ich-Bewußtseins achte und jeden Bewußtseinsverlust zu heftig kompensiere. Während dreier Stunden schwanke ich hin und her und höre jeden Glockenschlag der Kirchturmuhr in Hegenheim.
Aber endlich gelingt die Ablösung. Doch bereits beim ersten Versuch, mit dem Zweitkörper aus dem physischen Leib herauszukommen, gibt es ernsthafte Schwierigkeiten. Merkwürdigerweise löst sich nicht alles ab. Deshalb rolle ich wieder ganz in den im Bett liegenden Körper zurück und versuche es ein zweites Mal. Nach dem Abrollen nach links (auf der rechten Seite liegt meine Frau) bleibt der Zweitkörper wieder an gewissen Stellen hängen. Ich muß es nochmals versuchen. Erst nach mehreren Wiederholungen glaube ich, mich vollständig abgelöst zu haben. Etwas unbeholfen stehe ich auf.
Die Freude über das gelungene Experiment ist groß, aber noch größer ist meine Zurückhaltung, denn als erstes muß die Kontinuität meines Ich-Bewußtseins stabilisiert werden. Der willentliche Austritt hat viel Kraft gekostet und fordert nun seinen Tribut - ich verliere beinahe meine Luzidität. Um dem 'Schlafsog' des physischen Körpers nicht zu erliegen, konzentriere ich mich ausschließlich auf das Ich, bis ich mich für den nächsten Schritt stark genug fühle.
Mit geschlossenen Augen - optische Eindrücke könnten in dieser Anfangsphase zu verwirrend sein - achte ich auf die Raumempfindungen. Ich weiß ja nicht, ob mit der Ablösung gleichzeitig die Ebene gewechselt wurde. Dann müßte es aber zu spüren sein. Doch jetzt fühle ich mich nur etwa ein Meter von meinem physischen Körper entfernt. Also werde ich sehr wahrscheinlich immer noch auf der Alltagsebene sein.
Vorsichtig aktiviere ich (durch Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die optische Wahrnehmung des Zweitkörpers) den Sehsinn. Das Öffnen der Augen gelingt erstaunlich schnell - im Gegensatz zum letzten Mal. Um mich herum ist es ziemlich dunkel, und es ist schwierig, etwas zu erkennen. Die Dunkelheit scheint mir undurchdringlicher als sonst. Im normalen, d.h., im innerkörperlichen Zustand hätte ich mehr unterscheiden können. Jetzt sehe ich nur die Umrisse des Tisches, die Fenster und draußen den im helleren Licht liegenden Garten. Vielleicht ist mein außerkörperliches Sehvermögen noch gestört, unangepaßt und ungeschult. - Ich gehe langsam bis zum Tisch. (Inhalt)
Sachte stütze ich mich ab. Die Hände des Zweitkörpers würden sonst das Tischblatt durchdringen - und ein abruptes Durchsacken könnte mich erschrecken. Was soll ich nun tun? - Da höre ich eine Stimme, die laut und deutlich zu mir sagt:
«In diesem (außerkörperlichen) Zustand ist es - vor allem für den Anfänger - schwierig, Geräusche mit den sie erzeugenden Gegenständen in Verbindung zu bringen. Man meint, Glockenschläge würden von Schweinen erzeugt und Hundegebell von der Bewegung der Blätter im Wind. Dieses Problem muß man durch Übung in den Griff bekommen. Mit der Zeit wird es dann gelingen, Geräusche korrekt mit dem sie erzeugenden Gegenstand zu verbinden. Sonst gibt es nur Verwirrung!»
Die Unterweisung hat für mich eine ganz praktische Bedeutung, denn ich höre nun den Tisch läuten und die Mauern bellen und bin zunächst völlig verwirrt, da mir diese Zuordnungen unbegreiflich sind. Ohne Unterweisung hätte ich meine Luzidität in diesem Augenblick verloren. Aber jetzt kenne ich das Problem und finde die Angelegenheit nicht besonders aufregend, sondern bloß verblüffend. Ohne mich mit der Geräuschzuordnung weiter zu beschäftigen, durchdringe ich die Verandatür und spüre plötzlich ein Verlangen nach sexueller Betätigung.
«Aha, jetzt ist es wieder soweit», denke ich. Doch allein schon das Bewußtsein, daß das Sexuelle überwältigend sein könnte, genügt, um es gar nicht erst zum Ausbruch kommen zu lassen.
Ich drehe mich um meine Achse, um meinen Standort zu verifizieren. Alles deutet auf die Veranda der materiellen Ebene hin. Dann schaue ich zum Himmel hinauf und bemerke rechts eine deutlich hellere Zone, die mich an das Erlebnis mit dem Pegasus erinnert. Ich rufe laut nach dem geflügelten Pferd und ärgere mich sofort über mich selbst. Bin ich denn naiv? Ein Anfänger, der nicht einmal die Technik der Geräuschzuordnung beherrscht, muß sich an die Grenzen seiner momentanen Fähigkeiten halten! Doch ich scheine sie bereits überschritten zu haben, denn ich werde ohnmächtig und spüre Sekundenbruchteile nach dem totalen 'Blackout' meinen physischen Körper wieder. Das Ich-Gefühl ist dasselbe wie zuvor, nur empfinde ich jetzt einen starren Körper, der sich langsam wieder belebt. Während des Austritts sind vor allem die Arme ganz steif geworden, doch kümmere ich mich nicht darum, denn dieser Effekt scheint mir nebensächlich. Wenn ich mich ein bißchen gedulde, wird sich alles wieder bewegen lassen.
Ich freue mich über den erfolgreichen Versuch und die mir zugedachten Unterweisungen, die mir sehr geholfen haben. Letztere sind das eigentlich Überraschende, denn für mich ist die Stimme auch ein Hinweis auf verborgene Möglichkeiten der Außerkörperlichkeit
Nach dem Aufstehen protokolliere ich das Erlebte. Ein Blick auf die Uhr zeigt, daß ein Uhr knapp vorbei ist. Demnach müssen die Glockentöne, die mich im außerkörperlichen Zustand verwirrt haben, diejenigen gewesen sein, die eine volle Dreiviertelstunde schlugen. Also bin ich etwa zwanzig Minuten 'draußen' gewesen.
Aber was ist mit dem 'Bellen der Mauern': Am offenen Fenster lausche ich in die Nacht hinaus. In der Ferne kläfft ein Hund. Erst jetzt wird mir der Zusammenhang klar!
Und wie steht es mit dem Geschauten: Es fällt mir auf, daß einer der Rolläden im Gegensatz zu dem, was ich außerkörperlich zu sehen glaubte, unten ist. Diese Abweichung gibt mir zu denken. Könnte es sich beim außerkörperlich gesehenen Umfeld um einen 'psychischen Nahbereich' gehandelt haben, in dem die alltäglichen Eindrücke als beinahe exakte Kopie ein in sich geschlossenes System bilden?
Aber gibt es denn überhaupt verschiedene Ebenen - oder ist alles nur eine einzige Wirklichkeit, in der klassifikatorische Netze mit verschiedenen Maschenweiten ausgeworfen werden? Ich weiß es nicht, gehe wieder schlafen und möchte das Experiment ein zweites Mal durchzuführen. Aber schon nach den ersten Versuchen merke ich, daß zu wenig Energie vorhanden ist, um die Sache durchzustehen. Außerdem habe ich ein schlechtes Gefühl. Noch habe ich mich nicht mit dem Erlebten auseinandergesetzt. Es hat sich weder gefestigt noch gesetzt. Deshalb wäre es ein Frevel, gleich zur nächsten 'Sensation' zu hasten. (Inhalt)
11. Juli 1974
Beim Einschlafen versuche ich ganz bewußt, in den 'Traumzustand' hinüberzugleiten oder einen Austritt durchzuführen. Nach mehreren, sehr mühsamen Anläufen strenge ich mich nicht mehr weiter an, sondern lasse mich in die Bewußtlosigkeit des Schlafes absinken - und stehe plötzlich mitten auf einer Straße. Ich bin mir meines Zustandes bewußt, weiß genau, daß ich mich auf einer 'psychischen Ebene' befinde und kenne den Ort, wo mein materieller Körper schläft. ...
Mit meiner schwankenden Einstellung verhinderte ich selbst einen kontinuierlichen Übergang. Ich durfte nicht gleichzeitig mit dem Austrittsversuch die Ereignisebenen wechseln wollen - wenigstens nicht als Anfänger. Entweder beschränkte ich mich auf die Ablösung, oder ich gab mir autosuggestiv den Befehl, sofort luzid zu werden, wenn ich die (Traumebene) erreicht hatte.
Auch zeigte es sich hier deutlich, daß die Luzidität wesentlich war und nicht die bewußte Ablösung. Das bewußte Herbeiführen des Austrittes absorbierte unter Umständen zu viele Kräfte, die ich dringender für die sofortige Bewußtwerdung nach dem Ebenenwechsel brauchte. Ich durfte mich nicht auf die Ablösung als solche versteifen, sondern hatte 'bloß' auf die Luzidität des Ichs zu achten. Es war unwesentlich, ob sich der Übergang in den außerkörperlichen Zustand unbewußt abspielte und von einem 'Blackout' begleitet war, wenn ich die Fähigkeit hatte, in einem anderen Wirklichkeitsbereich luzid zu werden. Durch die Beachtung der 'Technik der Körperablösung' lenkte ich mich von der Problematik der Aufrechterhaltung der Kontinuität des Ich-Bewußtseins ab. Der bewußte Austritt ergab sich als selbstverständlicher Nebeneffekt der Luzidität, während eine Ablösung die Ich-Kontinuität auf die Dauer nicht gewährleistete, sondern sie viel zu sehr in Anspruch nahm. Der Aufwand rechtfertigte das Ergebnis nicht. Ich konnte auf einer anderen Ebene luzid werden und bewußt bleiben, ohne zuvor durch die Plackerei der willentlichen Ablösung des Zweitkörpers gegangen zu sein. Es gab also noch einen weiteren Weg, der es erlaubte, die Kontinuität des Ichs zeitlich auszudehnen. Und irgendwo traf sich dann der 'luzide Alltag' mit dem 'luziden Traum' im Moment der Körperablösung. (Inhalt)
2.3. Hindernisse auf dem Weg zur Kontinuität
22. Juli 1974
Mehrere Ablösungsversuche schlagen fehl, obwohl ich mich an diesem Abend bis zum Äußersten anstrenge. Schließlich gebe ich auf - und da reißt es mich völlig unerwartet aus dem physischen Körper. Mein Zweitkörper schnellt hoch und klappt zusammen, so daß Hände und Füße sich berühren. Dann kauere ich mich neben dem Bett zu Boden. Mit dem Gesicht und den Handflächen spüre ich die rauhe Oberfläche des Teppichs. Merkwürdigerweise kann ich nicht aufstehen, ich bin regelrecht blockiert. Plötzlich schleudert es mich wieder ins Bett zurück, als würde ein gespanntes Gummiband losgelassen. Auslösender Faktor ist das etwas laute Atmen meiner Frau, die mich dadurch aus meiner mißlichen Lage befreit.
Dieses Lehrstück war deutlich! Es erinnerte mich an die Unmöglichkeit, einen komplizierten Bewegungsablauf in seinen Einzelheiten zu steuern. Dort, wo ein Impuls genügte, sollte ich nicht eingreifen. Im Gegenteil - ich verhinderte den Ablösungsvorgang durch meine Beeinflussungsversuche.
An dieser Stelle möchte ich auf den Austritt vom 7.August 1974 hinweisen, (Anm.1) weil es meines Erachtens kein besseres und schnelleres Verfahren gibt, um auszutreten und von einem Zustand in den anderen zu wechseln, als den 'Vibrationsstoß'. Ich kann leider nicht angeben, wie er im einzelnen zu bewerkstelligen ist. Zu beachten bleibt allerdings ein wesentlicher Begleitumstand: Ich hatte nur am Rande an einen Austritt gedacht und damit wohl einen optimalen Impuls gegeben, der den Trennungsvorgang einleitete. Der Bewegungsablauf selbst wurde nicht im geringsten durch meine Vorstellungen gestört! (Inhalt)
11. März 1975
Zwei Stunden nach Mitternacht erwache ich im Bett und spüre, daß ich mich leicht mit dem Zweitkörper ablösen kann. Dennoch gibt es beim Abrollen Probleme, weil ich nicht bei der Sache bin und mich nicht dazu aufraffen kann, auf den Zustandswechsel zu achten. Ich muß mir einen gehörigen 'Schubs' geben, um meine Gleichgültigkeit diesem Geschehen gegenüber zu überwinden. In dem Moment, wo ich bewußt mitmache, gelingt die Ablösung.
Aber bin ich jetzt tatsächlich ausgetreten? Es ärgert mich, daß ich nicht auf Anhieb zweifelsfrei feststellen kann, ob ich wirklich draußen bin. Doch die Körperablösung ist derart sanft und ohne Nebeneffekte geschehen, daß mir nichts anderes übrigbleibt, als auf die bewährte Zustandskontrolle zurückzugreifen - für einen Anfänger wie mich immer noch das beste Mittel, um Gewißheit zu erlangen.
Doch zunächst kann ich wieder mal nichts sehen! So sehr ich mich auch anstrenge, ich bringe meine Augen nicht auf. Schließlich gelingt es mir doch - nur sind es die des physischen Körpers. Ich muß also von vorne anfangen und ein weiteres Mal austreten. Beim Versuch, die Augen zu öffnen, gehe ich nun zurückhaltender und ohne große Willensanstrengungen vor. Endlich ist es soweit. Etwas wackelig stehe ich neben dem Bett und weiß immer noch nicht definitiv, ob ich im Zweitkörper bin. Wenigstens sehe ich den kleinen Tisch, die Stühle und die Fenster. Ich werde gleich über meinen Zustand Bescheid wissen, denn ich werde nach ein paar Schritten an einen Stuhl stoßen. Die Berührung schmerzt nicht, sondern geht in das seltsame Gefühl der Durchdringung von Materie über. Das Feste scheint bröselig, zäh und locker zugleich.
Trotz oder gerade wegen früherer außerkörperlicher Erfahrungen kann ich diesen Zustand nicht mehr unbeschwert und naiv erleben. Die kritische Einstellung macht mich aber irgendwie verletzlicher und anfälliger für einen Bewußtseinsverlust Ich beschränke deshalb meine Aufmerksamkeit auf den Zustand als solchen, denn es besteht ein diffiziles Gleichgewicht zwischen dem Zweitkörper und der physischen Leibhaftigkeit. Dabei ist das Gewicht in den Waagschalen ungleich verteilt, die physische Seite ist stärker belastet und übt einen kaum spürbaren und doch wirksamen Sog auf den Zweitkörper aus. Mich beruhigt diese Gewichtung, weil sie mir die Gewähr bietet, beim geringsten Fehler oder der kleinsten Störung auf der materiellen Ebene automatisch in den schlafenden Körper zurückzufallen. Andererseits zwingt mich dieser Sachverhalt zu ganz besonderen Verhaltensweisen. Ich kann meine Aufmerksamkeit nicht grundlos einmal hierhin und dann wieder dorthin schweifen lassen, sondern muß bei einer bestimmten Sache bleiben und diese zu Ende bringen, ohne mich ablenken zu lassen.
Und ich darf weder 'rasch denken' noch mich sonstwie abrupt bewegen - egal in welchem Bereich. Ich habe meine Konzentration ziemlich stur auf einen kleinen Ausschnitt der Gesamtwirklichkeit auszurichten und darf sie vorerst nicht ausweiten, um ein breiteres Feld abzudecken. Ich taste mich also langsam und vorsichtig - immer mit einem Seitenblick auf die Verschiebung des Gleichgewichtes - an einen neuen Gedanken heran, fasse ihn sanft am Rande, ziehe ihn hinein und versuche, ihn in die Tat umzusetzen und mit dem nächsten Gedanken zu verknüpfen. Auf dieselbe Weise verfahre ich mit einem 'äußeren' Gegenstand. Nur zögernd wende ich mich ihm zu und prüfe ihn sorgfältig auf seine Eignung im Gesamtzusammenhang.
Einige Minuten lang bleibe ich sinnend und in mich hinein lauschend auf der Veranda stehen, ohne mich um die Gegenstände der Außenwelt zu kümmern, die wegen der Dunkelheit so oder so kaum zu sehen sind. Jetzt bin ich auch bereit, mich mit dem Problem der Sexualität auseinanderzusetzen - aber nirgends regt sich ein versteckter Wunsch oder ein uneingestandenes Bedürfnis, obwohl sich dieser Komplexbereich in diesem Augenblick eigentlich äußern müßte. Wahrscheinlich gibt es keine unbewußt angesammelte Energie mehr, die aufbrechen könnte. Ich scheine also in bezug auf das Sexuelle nichts mehr verdrängt zu haben oder der energetische Inhalt des Sexualkomplexes ist einfach zu gering, um sich auswirken zu können. Wie dem auch sei, ich wende mich nun der Umwelt zu und trete auf die Rasenfläche des Gartens hinaus.
Trotz der Finsternis erkenne ich in der Ferne die Umrisse einer Bergkette, ich blicke also von einem - dem Alltäglichen zumindest sehr ähnlichen - Standort aus in eine andere Welt hinein. Auf einem der Bergrücken auf der linken Seite sehe ich einen Lichtpunkt. Um rasch dorthin zu kommen, werde ich fliegen müssen. Aber es gelingt nicht, ich bleibe auf dem Boden. Und ich darf es nicht noch einmal versuchen, denn die ruckartige Bewegung beim Abheben - ein sanfter Start ist aus unerfindlichen Gründen nicht möglich - würde mich in den schlafenden Körper zurückfallen lassen. Es bleibt mir nur der Weg zu Fuß!
Mit jedem Schritt gerate ich tiefer in eine andere, alltagsferne Welt hinein. Bis zum Morgen werde ich noch genügend Zeit haben, um geradeaus weiterzugehen und mir dieses Land anzusehen. Denn nun wird es von Minute zu Minute heller: ich verlasse langsam die dunkle Zwischenzone. Unterwegs achte ich genau auf die Stabilität und Kontinuität des Ich-Bewußtseins, um nicht in einen traumartigen Zustand zu geraten, in dem meine eigenen Vorstellungen dominierend werden. Ich verzichte auch auf jede direkte Beeinflussung des Geschehens und schaue einfach hin. ... (Inhalt)
28. Dezember 1975
Beim Einschlafen will ich mich entspannen, wobei ich nach einem bestimmten Übungsschema vorgehe. Dabei denke ich mehr an den vorgeschriebenen Ablauf als an die Aufrechterhaltung der Kontinuität des Ich-Bewußtseins. Und weil ich auf den Spannungszustand der verschiedenen Muskelgruppen achte, vergesse ich das 'Loslassen' der Glieder! Ablenkend wirkt auch das starke Prickeln, das zwischendurch auftritt. Ich fasse es leichtfertig als Ablösungsphänomen auf, ohne zu wissen, ob es tatsächlich damit zusammenhängt.
Ferner sehe ich auch eine Unmenge dämonischer Gestalten von schwarz-grüner Ausstrahlung in einem wilden Durcheinander - vor allem, wenn ich mich in seitlicher Körperlage zu entspannen suche. Auf dem Rücken liegend, sehe ich nur einen schwarzen Punkt, der von einem gelben Kreis umschlossen wird. Statt diese flüchtigen optischen Eindrücke als völlig unwesentliche Nebeneffekte zu betrachten, bleibe ich an ihnen hängen. Es gelingt mir zwar mit der Zeit beinahe, meine Achtsamkeit ganz punktuell auf das Ich auszurichten, wodurch all diese Erscheinungsformen verschwinden und tatsächlich eine Ablösung geschieht - aber dann ist das Ich zu unstet, um sich mehr als ein paar Sekunden stabil halten zu können. Es zerfließt zum Traum-lch, ist sich seines spezifischen Zustandes nicht mehr bewußt - und versinkt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Hier waren es drei Geisteszustände, die den Austrittsversuch scheitern ließen. Als erstes hatte ich mir vorgenommen, eine ganz bestimmte Übung durchzuführen, von der ich im Kapitel «Die Herauslösung des Mentalkörpers und ihre Technik» von Reinhard Fischer gelesen hatte. (Anm.2) Ich hielt stur an meinem Vorhaben fest und blockierte damit den Entspannungs- und Austrittsvorgang.(Anm.3) Als nächstes ließ ich mich von der wirren, flatternden Bilderwelt und den körperlichen Sensationen (Prickeln) ablenken. (Anm.4) Und schließlich glitt ich sofort nach dem Austritt in den unbewußten Zustand ab. (Anm.5) (Inhalt)
30. Dezember 1975
Nach dem Aufwachen - mitten in der Nacht - beschließe ich, bewußt mit dem Zweitkörper auszutreten. Nach einigen Minuten größter Konzentration bei total entspanntem, auf dem Rücken liegenden physischen Körper merke ich, daß die Arme sich ablösen lassen. Es gelingt mir aber nicht, die anderen Teile des Zweitkörpers herauszunehmen, weshalb ich mich nach links abrolle. Mit dieser Bewegung hoffe ich, den Rest hinauszubringen, doch bleiben die Unterschenkel und Füße stecken, so daß ich mit dem ausgetretenen Körper ganz verdreht zu liegen komme. Vorsichtig winde ich mich heraus und kann endlich aufstehen.
Vor lauter Freude, daß ich es in derart kurzer Zeit geschafft habe, hüpfe ich hoch und stoße prompt mit ausgestreckten Armen an die Zimmerdecke. Schon dringen die Finger in den Beton ein.
«Das lieber nicht», denke ich und stelle erleichtert fest, daß der Abstoßimpuls nicht ausreicht, um die Decke ganz zu durchdringen. Ich will nämlich nicht ins obere Stockwerk hinauf, da ich befürchte, dem fremden Umfeld nicht gewachsen zu sein. Meine Bewußtseins-Kontinuität und Ich-Stabilität sind noch zu wenig auf den außerkörperlichen Zustand eingependelt und deshalb zu anfällig. Vorerst genügt es, wenn ich eine Weile im Wohnzimmer herumgehe und mich ein wenig umschaue. Mein Sehvermögen ist zwar vorhanden, doch kann ich wegen der Dunkelheit kaum etwas erkennen.
Dann verstärkt sich die Sogwirkung des physischen Körpers. Ich spüre, wie mein Zweitkörper magnetisch angezogen wird. Unwiderstehlich zerrt mich der Sog in die Nähe des Bettes. Hier wird die Zugkraft derart stark, daß sie mich regelrecht an den im Bett liegenden Körper heranreißt, wo eine blitzartige Drehung in die Horizontale geschieht. Dann 'klinkt' mein Zweitkörper ruckartig in den physischen Leib ein.
Beim zweiten Versuch öffne ich die Augen und sehe die hellen Fensterflächen. Ich glaube einen Fehler gemacht und das physische Sehvermögen aktiviert zu haben - und versuche es von neuem. Oft drohe ich dabei in einen Bilderrausch abzugleiten, weil meine Konzentration nachläßt und die Kontinuität des Ich-Bewußtseins sich aufzulösen beginnt. Mehrere Male muß ich mich wieder 'raufholen' und von vorne anfangen. Doch nach einigen fruchtlosen Bemühungen, bei denen ich nur jedesmal wieder die hellen Fenster sehe, gebe ich auf. Ein weiterer Grund ist meine Frau, die sich nun im Schlaf von der rechten auf die linke Seite dreht und laut atmet.
Um das Geschehen auf einem neben dem Bett bereitliegenden Blatt zu notieren, öffne ich die Augen und taste nach dem Bleistift. Sonst bewege ich mich nicht, bleibe also genau so liegen wie zuvor bei den Austrittsversuchen. Aber wo sind die hellen Fenster? Ich kann nichts sehen, nur eine schwarze Mauer. Bin ich blind? Oder was ist geschehen? Vielleicht bin ich ausgetreten, ohne es bemerkt zu haben. Ich taste nach den Augenlidern und bewege sie bewußt. Immer noch nichts - nur eine schwarze Mauer. Ich werde nun doch ein bißchen unruhig und sitze auf - und sehe plötzlich die hellen Fenster.
Nun merke ich erst, was geschehen ist. Ich hatte nämlich die Kissen, die tagsüber auf dem Bett liegen, zu einer kleinen Mauer aufgeschichtet, so daß ich die Fenster vom Bett aus überhaupt nicht sehen kann! Unsere Liegestatt besteht nur aus einer zusammenlegbaren Matratze, die direkt auf dem Boden aufliegt. Deshalb wird die Sicht zum Fenster schon durch wenige Kissen versperrt. Offensichtlich hatte ich bis jetzt nicht an diesen Sachverhalt gedacht und mich bei den vorherigen Austrittsversuchen von meinen Vorstellungen täuschen lassen. Ich ärgere mich über meine Unachtsamkeit.
Meine Ablösungsversuche waren erfolgreich - nur hatte ich nichts davon bemerkt. Dieser Umstand durfte mich nicht erstaunen, denn in bezug auf das Ich-Bewußtsein konnte es keine Unterschiede geben! - Vor allem deshalb nicht, weil der physische Körper bewegungslos blieb und keine besonderen Empfindungen 'produzierte'. Außerdem befand ich mich in einem Entspannungszustand, in dem ich so oder so nicht auf das körperliche Wahrnehmungsfeld achtete. Nun sah ich aber etwas, was ich 'normalerweise' nicht hätte sehen dürfen - die hellen Fenster. Und als unerfahrener Anfänger übersah ich dieses für die Zustandskontrolle eminent wichtige Phänomen.
Wahrscheinlich hatte ich mich vom physischen Körper abgelöst und schwebte etwa einen halben Meter über dem Boden - von wo aus ich natürlich die Fenster sehen konnte. Vielleicht war es mit den Augen des Zweitkörpers auch möglich, durch die Dinge hindurchzusehen. Nachprüfen ließ sich weder das eine noch das andere. Denn nur im außerkörperlichen Zustand konnte ich die beiden Hypothesen überprüfen und eventuell durch andere, passendere Annahmen ersetzen. (Inhalt)
«Das Wort bedeutet 'Gummi, Harz, Extrakt oder Saft von einem Baum'; als Adjektiv kann es sowohl 'rot, dunkelrot oder braun' wie auch 'wohlriechend, zusammenziehend, unsauber, schmutzig' heißen. Kashâya als Substantiv heißt auch 'ein zusammenziehender Geschmack oder Geruch'; ebenfalls 'anstreichen, einschmieren, salben; den Körper mit duftenden Salben einreiben (der Grundstoff von Salben besteht aus harzigen Extrakten gewisser Bäume); Schmutz, Unsauberkeit'. In bezug auf die Psyche bedeutet das Wort 'Bindung an weltliche Objekte; Leidenschaft, Affektivität, Stumpfheit, Dummheit'. So darf man wohl sagen, kashâya bezeichne etwas mit starkem Geruch und Aroma Behaftetes, Klebriges, das das Helle verdunkelt. Das Wort wird im Vedanta benutzt, um metaphorisch eine versteifte oder verhärtete Seelenhaltung zu kennzeichnen. Ein solcher Adept ist unfähig, zu lernen und zur Ruhe im Selbst zu kommen, weil seine geistige Beweglichkeit durch die latenten, von seinen Liebhabereien, Passionen, Zu- und Abneigungen bestimmten Abhängigkeiten und Tendenzen (wörtlich 'Gerüche, Düfte', kashâya) versteift, verhärtet, gelähmt oder betäubt worden ist. Diese Tendenzen quellen wie Harz aus den unbewußten, verborgenen Kammern, in denen die Erfahrungen aus früheren Leben aufgespeichert liegen und nun die Ursache sind für alle die besonderen persönlichen Reaktionen des Individuums auf Eindrücke und Ereignisse. Diese Veranlagungen - das karmische Erbe aus früheren Zeiten - äußern sich als heimliches Begehren nach erneutem Genuß. Sie erfüllen die innere Atmosphäre wie duftender Rauch verbrannten Harzes oder wie ein Wohlgeruch, der lang Vergangenes ins Gedächtnis ruft, und so versperren sie den Weg. Sie verursachen Bindungen, Gedanken an weltliche Dinge, die man schon hinter sich gelassen haben sollte. Sie überziehen das Feld innerer Visionen wie eine dunkle Salbe. Und so ist das Ziel der Aufmerksamkeit verschwommen, das Streben nach dem inneren Selbst abgelenkt, der Verstand festgebannt in den Zauber lockerer, aufreizender Rückerinnerungen und verführerischer Vergangenheitsbilder, hinschmelzend in tiefem Heimweh. So ist der Adept außerstande, sich zu stählen für die Kraftanspannung, die er zur Erlösung braucht» (Zimmer (1951) 1961:391-392 (Hervorhebungen von mir)).Anm.3 Ende - zurück zum Text
«Die Schwingung des Geistes kann nicht in die eindeutige Richtung gelenkt werden, die schließlich zum Samadhi hinführt. Der Geist verharrt in seinem normalen Wachsein, weil er durch Sinneseindrücke abgelenkt und zerstreut wird. Allerlei Bilder, Gedanken und Erinnerungen tauchen in ihm auf, eine Folge seiner elementaren Neigung, sich in alles hineinzuverwandeln, das ihm Sinne, Gedächtnis und Intuition anbieten. So bleibt der Adept ein Behälter für vorbeirauschende, flüchtige Inhalte, und es heißt von ihm, er sei 'zerstreut' (vikshipta). Vikshepa ist die Geisteshaltung im Alltagsleben. Auch dann, wenn die Kräfte sich notwendig konzentrieren sollten, kommen sie doch nicht zur Ruhe. Den Yoga-Sutras zufolge muß dieser unfreiwillige Zustand überwunden werden durch eine wohldurchdachte, eiserne Anspannung der Konzentration, bevor überhaupt mit einem Weiterkommen auf dem Wege der Yogapraktik gerechnet werden kann» (Zimmer (1951) 1961:391).Anm.4 Ende - zurück zum Text