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| Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)

Zwölftes Buch
24. Von vielen wahren Auslegungen soll man nicht vermessentlich eine als allein Moses' Sinne entsprechend hinstellen.
Doch wer von uns wird aus so vielen Wahrheiten, die sich bei so verschiedener Auffassung der fraglichen Worte dem Forscher aufdrängen, gerade den Sinn herausfinden, so daß er ebenso zuversichtlich sagen kann, dies habe Moses gemeint und so habe er seinen Bericht verstanden wissen wollen, wie er behauptet, seine Auffassung entspreche der Wahrheit, ob es nun Moses so oder so gemeint habe? Denn siehe, mein Gott, ich, dein Knecht, ich habe dir das Opfer meines Bekenntnisses in dieser Schrift gelobt und bitte dich, daß ich nach deinem [S. 325] Erbarmen "mein Gelübde erfüllen möge"1. Siehe, mit voller Zuversicht sage ich: Du hast alles, das Unsichtbare wie das Sichtbare, in deinem unwandelbaren Worte erschaffen. Aber behaupte ich auch mit gleicher Zuversicht, daß Moses nichts anderes gemeint hat, als er die Worte schrieb: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde"? Gewiß nicht; denn so gewiß ich dies im Lichte deiner Wahrheit erkenne, so wenig vermag ich in seinem Geiste zu lesen, daß dies beim Niederschreiben jener Worte seine Meinung gewesen sei. Denn er konnte bei den Worten "im Anfange" an den Beginn der Schöpfung selbst denken; er konnte ebenso bei den Worten "Himmel und Erde" nicht die bereits gestaltete und vollendete, geistige oder körperliche Schöpfung, sondern den Beginn dieser doppelten Schöpfung in ihrer anfänglichen Gestaltlosigkeit verstanden wissen wollen. Ich sehe mit Gewißheit, daß beide Ansichten in Wahrheit ausgesprochen werden können, aber was sich Moses in Wirklichkeit gedacht, das sehe ich nicht ebenso klar. Mag aber jener große Mann, als er diese Worte niederschrieb, eine der von mir angeführten Ansichten oder eine andere im Sinne gehabt haben, ich zweifle keineswegs, daß er die Wahrheit erkannt und sie in geeigneter Form ausgesprochen hat.
1: Ps. 21,26.