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Psychologische Erklärungen lassen sich nicht auf neurowissenschaftliche Erklärungen reduzieren.
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Auch wenn geistige Zustände stets durch entsprechende Hirnzustände realisiert werden, so bedeutet dies nicht, dass sich psychologische Begriffe und Erklärungen auf neurowissenschaftliche Begriffe und Erklärungen reduzieren lassen. Dies liegt daran, dass diese Begriffe und Erklärungen zu ganz verschiedenen und voneinander unabhängigen Erklärungsebenen gehören, die durch spezifische Methoden und Erklärungsziele charakterisiert sind. Während es auf neurowissenschaftlicher Ebene darum geht, kausale Erklärungen für die Abfolge von Hirnzuständen zu finden, geht es auf der psychologischen Ebene darum, das Verhalten von Personen zum Beispiel unter Rückgriff auf deren Absichten, Erwartungen und Überzeugungen zu erklären. Um die Nicht-Reduzierbarkeit psychologischer Begriffe und Erklärungen zu illustrieren, wird im Folgenden auf ein Beispiel aus der Entwicklungspsychologie eingegangen.
Die Untersuchung von Stephanie Carlson und ihren Kollegen (2005) zum Zusammenhang zwischen inhibitorischer Kontrolle und symbolischer Repräsentation bei Vorschulkindern ist ein gutes Beispiel, um die zentrale Erklärungsfunktion von nicht-reduzierbaren kognitiven Begriffen in psychologischen Theorien der kognitiven Entwicklung zu veranschaulichen. Carlson und ihre Kollegen haben untersucht, welche Rolle das Verfügen über symbolische Repräsentationen für die Entwicklung der inhibitorischen Kontrolle von Gedanken und Handlungen spielt. Demnach besteht eine entscheidende Voraussetzung für die inhibitorische Kontrolle in der Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit gezielt zu steuern, um sie von den attraktiven Qualitäten begehrter Gegenstände fort zu lenken, die in uns spontane Handlungsimpulse auslösen.
Was ermöglicht diese Art der Aufmerksamkeitssteuerung? Carlson und ihre Kollegen argumentieren, dass das Verfügen über abstrakte symbolische Repräsentationen eine grundlegende Voraussetzung der Aufmerksamkeitssteuerung ist. Abstrakte Symbole versetzen uns nämlich in die Lage, uns von sinnlich wahrgenommenen Qualitäten geistig zu distanzieren und darüber nachzudenken, welches Verhalten in der betreffenden Situation zum Erfolg führt. Sie vertreten daher die Hypothese, dass sich Unterschiede im Grad der Abstraktheit verfügbarer Symbolsysteme in der Weise auf das Verhalten auswirken, dass sich die inhibitorische Kontrolle mit zunehmender Abstraktheit der Symbole verbessert.
Um diese Hypothese in ihren Experimenten zu überprüfen, haben Carlson und ihre Kollegen so genannte Konflikt-Aufgaben verwendet, bei denen die Vorschulkinder einen dominanten Handlungsimpuls unterdrücken und einen konträren Handlungsimpuls aktivieren mussten. Bei diesen Tests, die auch als „Weniger ist mehr“-Tests bezeichnet werden, wurden den Kindern stets zwei unterschiedlich große Mengen von Süßigkeiten präsentiert, die die Kinder gerne haben wollten. Diejenigen Süßigkeiten, auf die die Kinder zeigten, gingen dabei stets an ein Spielzeugtier, das den Kindern gegenüber saß, und sie selber erhielten die anderen Süßigkeiten. Die Kinder hatten also die Aufgabe, auf eine kleinere Belohnung (z.B. zwei Bonbons) zu zeigen, um selber die größere Belohnung (z.B. fünf Bonbons) zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass die Repräsentation der Süßigkeiten durch Symbole mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad tatsächlich den erwarteten positiven Einfluss auf das Problemlöseverhalten der Kinder hat.
In dieser psychologischen Erklärung spielt der Grad der Abstraktheit der verfügbaren Repräsentationen eine zentrale Rolle: Je abstrakter die verfügbaren symbolischen Repräsentationen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Vorschulkinder die Konflikt-Aufgaben richtig lösen. In der experimentellen Studie von Carlson und ihren Kollegen waren die Symbole von einer Maus und von einem Elefanten die abstraktesten Repräsentationen unterschiedlicher Mengen von Süßigkeiten. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu beachten, dass die Eigenschaft, eine abstrakte Repräsentation zu sein, nicht eine intrinsische, sondern eine relationale Eigenschaft ist. Es hängt nämlich ganz allein davon ab, wofür ein Symbol stehen soll. Wenn die Symbole von einer Maus und von einem Elefanten verwendet werden, um verschiedene Mengen von Süßigkeiten zu repräsentieren, dann können sie durchaus als abstrakte Repräsentationen betrachtet werden. Werden sie hingegen als Symbole für Mäuse bzw. für Elefanten verwendet, dann ist es nicht angemessen, sie als abstrakte Repräsentationen anzusehen.
Ob ein Symbol eine abstrakte Repräsentation ist, hängt also allein von dessen Inhalt bzw. davon ab, für welche Objekte dieses Symbol stehen soll. Der Inhalt von Repräsentationen kann aber mit neurowissenschaftlichen Begriffen grundsätzlich nicht erfasst werden, denn dazu müssen die Beschreibungen über das menschliche Gehirn hinausgehen und externe, außerhalb des Gehirns liegende Faktoren wie die Relationen zwischen geistigen Repräsentationen und den von ihnen repräsentierten Objekten berücksichtigen. Aus diesem Grund kann mit den Mitteln der Neurowissenschaften - unabhängig davon, wie groß deren zukünftige Fortschritte auch sein mögen – zum Beispiel der Unterschied zwischen abstrakten und konkreten Repräsentationen prinzipiell nicht erfasst werden. Folglich handelt es sich bei dem Begriff des Abstraktheitsgrades geistiger Repräsentationen um einen psychologischen Begriff, der grundsätzlich nicht auf neurowissenschaftliche Begriffe reduziert werden kann. Psychologische Erklärungen, die solche psychologischen Begriffe enthalten, lassen sich daher ebenfalls nicht auf neurowissenschaftliche Erklärungen reduzieren.