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Daniel Hope im Interview
Daniel Hope zählt zu den wichtigsten Geigern seiner Generation. Bereits mit 11 Jahren trat er mit Yehudi Menuhin auf. Neben seiner solistischen Tätigkeit war er auch Mitglied im Beaux-Arts Trio. Ausserdem ist Daniel Hope Buchautor und hat bereits zwei Bücher geschrieben.
Ihre Mutter war eine von Yehudi Menuhins Sekretärinnen. Als Baby waren Sie bei Proben, Konzerten und Reisen immer mit dabei. Wie haben Sie als Kind und Jugendlicher Yehudi Menuhin erlebt?
Ich bin mit sechs Monaten in sein Haus gekommen. Bis ich sieben war, habe ich fast jeden Tag mit ihm verbracht, vor allem auch jeden Sommer in Gstaad. Später, mit 16, ging ich mit ihm auf Tournee und habe 10 Jahre lang mit und unter ihm Konzerte gespielt: Er hat dirigiert, ich war der Solist, auch bei seinem letzten Auftritt. Es war eine wunderbare Zeit, Menuhin war immer herzlich und familiär. Er nannte sich mein musikalischer Grossvater. Menuhin war sehr spontan. Immer lag eine Stradivari oder Guarneri im offenen Geigenkasten auf dem Tisch, er hat sie nie weggeräumt. Er nahm sie und spielte, ohne große Zeremonie. Als würde er ein Glas Wasser trinken. Von ihm habe ich gelernt, dass man jeden Tag spielen muss. Er sagte: „Man ist wie ein Vogel, und kannst du dir vorstellen, ein Vogel würde sagen, heute bin ich müde, heute möchte ich nicht fliegen?“.
Was bedeutet Yehudi Menuhin als Musiker und Geiger für Sie?
„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar zu Yehudi Menuhins Konzertdebüt, das dieser mit sieben Jahren in Berlin gab. Bruno Walter, der Dirigent des Abends, nannte ihn „den kleinen Jungen mit der großen Seele“. Obwohl Menuhin schon lange tot ist, werde ich ständig an ihn erinnert. Wenn ich Aufnahmen von ihm höre, dann denke ich natürlich an sein Spiel und an seinen unverwechselbaren Klang. Die Intensität der Emotionen, die er an den Hörer weitergibt, ist atemberaubend.
Gab es bei Ihnen als Konzertbesucher klassischer Konzerte ein Schlüsselerlebnis?
Ich hatte das Mendelssohn Violinkonzert op. 64 zum ersten Mal mit Pichas Zuckermann in London gehört, da war ich fünf. Von da an wollte ich es unbedingt spielen, war aber technisch längst nicht so weit. Auf meinem Internat war ich frustriert, weil ich zu wenig Stücke bekommen habe. Eines Tages habe ich mich ins Bad eingeschlossen und das Violinkonzert heimlich geübt. Die Noten hatte ich mir von einem Freund besorgt. Ich wurde dabei erwischt und bekam eine Standpauke. Meine Eltern wurden gerufen, die dachten, ich hätte die Schule in Brand gesetzt. Als sie aber hörten, um was es ging, nahmen sie mich von der Schule.
Gab es ein Schlüsselerlebnis bei einem Konzert als Musiker?
Das gibt es bei fast jeden Konzert!
Sie haben von 2002 bis 2008 als Geiger im Beaux Arts Trio gespielt. Gibt es Ihrer Meinung nach einen bestimmten Beaux Arts Trio Klang, für den Sie suchen mussten, oder haben Sie in diesem Trio einfach so gespielt, wie Sie immer spielen?
Die Zeit mit dem Beaux Arts Trio war eine Art kammermusikalische Spezialisierung. Und was könnte auch besser sein, als gemeinsam mit dem wundervollen Pianisten Menahem Pressler 400 Konzerte zu geben und drei CDs aufzunehmen? Ich habe in diesen Jahren vielleicht mehr gelernt als sonst in meinem ganzen Leben. In jeder Probe hat Pressler versucht, die Stücke neu zu erfinden – selbst wenn er sie schon mehrere tausend Male gespielt hatte. Es gab nicht eine einzige Probe etwa von Beethovens Erzherzog-Trio, bei der er nicht vorher eine halbe Minute innegehalten hätte. Bei ihm geht es immer um Leben und Tod. Er kämpft um jeden Akzent – und nimmt sich im Zusammenspiel so sehr zurück. So entstehen magische Momente. Bei der letzten Formation des Trios mit Pressler, dem Cellisten Antonio Meneses und mir hat die Chemie so gut gestimmt, dass Pressler am Ende wollte, dass wir beide das Trio mit einem anderen Pianisten weiterführen. Das konnte ich aber nicht. Das Beaux Arts Trio ist Menahem Pressler.
Sie sind auch Buch-Autor. Ihr erstes Buch Familienstücke wurde ein Bestseller in Deutschland. Darin beschreiben Sie die Suche nach Ihren Urgroßeltern in Berlin. Beide waren in Berlin lebende, zum Christentum konvertierte Juden und ihre beide Urgrossväter wurden während des Holocaust ermordet. Wann und weshalb ist die Idee aufgekommen, ein Buch darüber zu schreiben?
2007 bekam ich ein Angebot, für den Rowohlt Verlag meine Biografie zu schreiben. Ich war geschmeichelt, gleichzeitig, Anfangs 30, fande ich die Anfrage absurd. Ich habe also dankend abgelehnt. Ein paar Monate später war ich in Berlin, und besuchte das ehemalige Haus meine Urgrosseltern. Durch Zufall fande ich Erstaunliches heraus: Meine Vorfahren traf eines der typischen Schicksale dieser Zeit. Als der Druck auf sie zu groß wurde, stimmten sie einem Zwangsverkauf der Villa zu und wanderten nach Südafrika aus. Der Urgroßvater verkraftete die Reise nicht und starb noch auf dem Weg dorthin. Zunächst wurde das Haus von der privaten jüdischen Kaliski-Schule weitergenutzt, 39 Schüler kamen später bei der Shoa ums Leben. Ab 1939 benutzte das Reichsaußenministerium die Räume. Hier wurde die Hauptdechiffrierstation der Nazis von Aussenminister von Ribbentrop höchstpersönlich eingerichtet. Heute ist das deutsche Außenministerium immer noch Eigentümer des Hauses, das Deutsche Archäologische Institut betreibt hier ein Gästehaus. Es ist gleichzeitig schön und traurig, in dem Haus zu sein. Bei einem meiner ersten Besuche habe ich dort alte Möbelstücke meiner Vorfahren und ein Familienwappen entdeckt. Die Geschichte kam mir sehr spannend vor, da dachte ich an das Angebot von Rowohlt und griff zum Hörer. Daraufhin ist "Familienstücke" entstanden.
Im September 2009 erschien Ihr zweites Buch, ein Konzertführer mit dem Titel Wann darf ich klatschen? Warum und für wen wollten Sie dieses Buch schreiben?
Das Buch untersucht die sogenannten Spielregeln der klassischen Musik und ihrer Präsentation. Es fragt, warum es bestimmte Regeln gibt und wie sie entstanden. Ich habe es geschrieben, weil ich selbst nicht genug darüber wusste. Das Ziel ist, Leute ins Konzert zu bringen, indem ich ihnen die Dinge erkläre. Man kann dieses Wissen, nachdem man sich von der Hausmusik und von der Musikerziehung in Schulen fast vollständig verabschiedet hat, nicht mehr einfach voraussetzen. Es hatte mich auch bei der Lesung meines ersten Buches einmal jemand angesprochen, der mir sagte, er gehe nicht ins Konzert, weil er nicht wisse, wann er klatschen soll. So habe ich halt begonnen, mich über fünf Jahrhunderte hinweg mit dem Applaus zu beschäftigen . . .
Sie geben über 100 Konzerte im Jahr, spielen CD’s ein, treten am Fernsehen auf, schreiben Bücher, die zu Bestseller werden – Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Disziplin und ein tolles Team.
Sie engagieren sich dafür, dass möglichst viele Menschen die klassische Musik kennenlernen können. Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?
Live Music Now und Rhapsody in School sind zwei hervorragende Projekte die Musik und soziales Engagement auf ideale Art und Weise verbinden und an denen ich regelmässig mitwirke. Ich leite auch zwei Festivals (Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland und Savannah in den USA) -- beide haben gross angelegte Nachwuchsprogramme oder Kinderkonzerte.
Sie scheuen die Zusammenarbeit mit anderen Musikstilen neben der Klassik nicht. Wo liegt Ihre Motivation, verbindende Projekte mit Pop, Rock, Folk oder Techno Musik zu realisieren?
Mit Techno habe ich nicht viel am Hut, alle andere Genres schon. Ich finde es spannend und inspirierend, mit Musiker zu sprechen, zu kommunizieren und von ihnen zu lernen. Da spielen die Genres keine Rolle.
Die meisten Klassikstars möchten sich nicht mit anderer Musik befassen. Finden Sie das gut so, oder müsste da ein Umdenken stattfinden?
Jeder muss seinen eigenen Weg für sich finden. Für mich bedeutet Musiker zu sein, dass man die Ohren weit aufmachen muss.
Glauben Sie, dass die Klassik die Menschen tiefer berühren kann als die Popmusik?
Ohne Zweifel. Pop verhält sich zur Klassik ungefähr so wie Champagner zu Rotwein. Der Champagner wirkt unmittelbar, geht rasch ins Blut, ist unheimlich effektvoll, aber nur für kurze Zeit. Die Wirkung von gutem Rotwein kommt dagegen langsam, ganz allmählich, hält dafür viel länger an. Den Champagner-Geschmack hat man schnell vergessen, aber den edlen Wein spürt man auch noch am nächsten Tag auf der Zunge, und manchmal erinnert man sich noch nach Monaten an einen sehr guten Tropfen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 04.05.2012
Foto: Harald Hoffmann / DG