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Die 46-jährige Han Kang gehört zu den wichtigsten Autorinnen Südkoreas. Im deutschsprachigen Raum war sie bislang kaum bekannt. Das änderte sich, als sie im Mai den renommierten «Man Booker International Prize» erhielt. Für die englische Übersetzung eines Romans, der einen verdächtig schlichten Titel trägt.
«Die Vegetarierin» ist im Original bereits 2007 erschienen, im deutschsprachigen Raum wird das Buch nun als literarische Entdeckung des Jahres gefeiert. Es lebt von simplen Sätzen, die es in sich haben – gerade auch in Sachen Abgründe.
Schon der Anfang macht das klar: «Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Beziehung für völlig unscheinbar.»
«Ich hatte einen Traum»
Die Frau, um die es geht, kommt selber kaum zu Wort. Ihre Geschichte wird vom Ehemann, dem Schwager und der Schwester erzählt. Yong-Hye ist tatsächlich völlig unscheinbar – sie unterrichtet Computergrafik, erledigt den Haushalt und verbringt die meiste Zeit lesend in ihrem Zimmer.
Eines Nachts findet sie der Ehemann vor dem Kühlschrank. Wie in Trance schmeisst sie alle tierischen Produkte in den Müll. Gefragt, was es mit dem plötzlichen Fleischverzicht auf sich habe, sagt sie immer nur: «Ich hatte einen Traum». Wie Herman Melvilles «Bartleby der Schreiber» mit seinem gebetsmühlenartigen «Ich möchte lieber nicht.»
Das Menschsein verweigern
Was steckt dahinter? Der Titel des Buches könnte auch «Die Verweigerin» lauten, sagt Han Kang im Gespräch: «Die, die sich weigert Fleisch zu essen. Oder die, die sich weigert Mensch zu bleiben.» Es gehört zu den Stärken des Romans, dass er aber gerade Yong-Hyes existentielle Verweigerung nie zu Markte trägt.
Es hat also nichts mit Lifestyle zu tun, dass Yong-Hye kein Fleisch mehr isst, noch nicht einmal mit ökologischen Gründen. Sie will eine Pflanze, ein Baum werden: Es ist die gewaltloseste Existenz, die sie sich vorstellen kann. Am Schluss isst sie gar nicht mehr. Licht und Wasser müssen genügen. In der Klinik wird sie zwangsernährt, zuletzt scheitert auch das.
Gewalt an sich
«Die Vegetarierin» ist kein psychologischer Roman. Yong-Hye hat zwar immer denselben blutrünstigen Traum, und es mag in ihrer Kindheit und in ihrer lieblosen Ehe Anflüge von Gewalt gegeben haben, aber darum geht es nicht. Es geht um Gewalt an sich.
Han Kang markiert das mit Verweisen, die man leicht überliest: Zweimal erwähnt sie, dass Yong-Hyes Vater ein Vietnamkriegsveteran ist. Vom Schwager, einem Videokünstler, heisst es einmal, er gelte als «Priester der Mai-Massaker» – gemeint ist die blutige Niederschlagung des Gwangju-Aufstands vom Mai 1980.
Perfektionistische Suche nach Unschuld
Han Kang schrieb einen Roman über den Gwangju-Aufstand: «Human Acts» (2013). Für die Autorin gehören «Die Vegetarierin» und «Human Acts» zusammen. Auch wenn das Thema Gewalt in Yong-Hyes Fall abstrakter formuliert ist als im Roman über die brutale Unterdrückung der südkoreanischen Demokratiebewegung.
«Die Vegetarierin» betrachtet das Thema Gewalt von allen Seiten. Beleuchtet zum Beispiel die Möglichkeiten oder eben auch die Unmöglichkeit, Gewalt zurückzuweisen. Oder die perfektionistische Suche nach Unschuld.
Ob eine solche Suche verrückt ist? Auch darüber denkt der Roman nach. Und er lässt die Antwort offen. Denn was Yong-Hye postuliert, ist nicht so leicht vom Tisch zu wischen: Es gibt keine gewaltfreie menschliche Existenz.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.9.2016, 16:50 Uhr.
Buchhinweis
Han Kang: «Die Vegetarierin», Aufbau Verlag, 2016.