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Die Antwort auf die Herausforderung von nachhaltiger Rohstoffbeschaffung: die Blockchain-Technologie
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Michael Taylor
Ein Interview mit Douglas Johnson-Poensgen, CEO von Circulor.
Ende letzten Monats machte die Londoner Metall Börse (London Metals Exchange (LME)) ihre neuen Bestimmungen für verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung bekannt. Sie sind das Resultat einer formellen, branchenweiten Konsultationsphase, die am 23. April begann und fast ein ganzes Jahr in Anspruch nahm, um die unterschiedlichen Auffassungen und Sichtweisen der Marktakteure zu sammeln.
In den darauffolgenden Monaten spekulierten Branchenkenner, dass sich die Durchsetzung der neuen Vorschriften seitens der LME verzögern würde, da niemand eine Vorstellung hätte, wie diese umzusetzen seien. Am 25. Oktober beendete die LME die Konsultationsphase und verkündete die behördlichen Auflagen: Auf der Grundlage des OECD-Rahmens gibt es drei Wege um die Anforderungen der alternativen Auditierung zu erfüllen. (1) Die Vorschriften werden schrittweise eingeführt und vollständige Einführung muss bis 2022 erfolgen. Vollständige Erfüllung der Richtlinien ist bis 2023 gefordert. Es bleibt jedoch die Frage, wie werden die Produzenten diese erfüllem?
Während es ähnliche Richtlinien bereits in anderen Regionen gibt – das Dodd-Frank-Gesetz in den USA oder die EU-Gesetzgebung zu Konfliktmineralien, die im Januar 2021 in Kraft tritt – stellen die Massnahmen der LME eine Herausforderung für die Produzenten weltweit dar.
Der Direktor der Entwicklungsabteilung bei der chinesischen Handelskammer der Einführer und Ausführer von Metall, Mineralien und Chemikalien (China Chamber of Commerce of Metals, Minerals, & Chemicals) stellte fest, dass «die LME-Richtlinen eine grosse Herausforderung für chinesische Firmen darstellt.»(2). Es sieht so aus, als ob sich der Rohstoffmarkt heute mehr dann je auf seine Lieferkette fokussieren muss.
Laut Aussage von Douglas Johnson-Poensgen, CEO und Mitbegründer von Circulor (www.circulor.com), einem Unternehmen, das Rückverfolgbarkeitslösungen für industrielle Lieferketten anbietet, «müssen sich Händler mit der Herkunft beschäftigen.» Sein Unternehmen bietet Lösungen, die Blockchain und KI-Technologien verwenden, um jeden Rohstoff zurückzuverfolgen, angefangen bei Kobalt bis hin zu Baumwolle. So werden Herkunft und Rückverfolgbarkeit dargelegt, um Bedenken der Industrie auszuräumen auch hinsichtlich ethisch-korrekter und nachhaltiger Rohstoffbeschaffung.
Für den Blockchain-Bericht in der aktuellen Ausgabe von payoff, stellt Verum Capital in einem Interview Fragen an Johnson-Poensgen. Dabei geht es darum zu verstehen wie Circulor die Blockchain-Technologie nutzt, um die Herausforderungen von nachhaltiger Rohstoffbeschaffung zu meistern.
Verum Capital: Welche dringendsten Bedürfnisse der Industrie führten zur Gründung von Circulor?
Circulor: Circulor wurde unter der Prämisse gegründet, dass neue Technologien alte Probleme beheben können; in diesem Fall die Bedenken von Herstellern bei der verantwortungsvollen Rohstoffbeschaffung. Zunehmend sehen sich Produzenten, beispielsweise in der Unterhaltungselektronik oder der Automobilindustrie, dem Druck von Dritt-Sektor-Organisationen und deren Kunden ausgesetzt zu beweisen, dass sie in ihren Lieferketten Menschenrechte oder Umweltsünden nicht vorsätzlich missachten. Wir konnten sehen, dass Probleme im Zusammenhang mit ethischer und nachhaltiger Rohstoffbeschaffung weit verbreitet sind und dass Hersteller in der Lage sein müssen, ihre Lieferkette zurückverfolgen zu können, egal ob das Rohmaterial ein Mineral, Leder oder Palmöl ist.
«Wie kann ich verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung nachweisen, damit ich einen besseren Preis erzielen kann in einem gemischten Markt?»
Verum Capital: Warum sollten sich Rohstoffhändler mit der Rückverfolgbarkeit von Lieferketten auseinandersetzen?
Circulor: Abgesehen von dem Reglementierungsdruck, wie beispielsweise durch die LME-Vorschriften, ist verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung unglaublich relevant im Rohstoffmarkt, da die industriellen Endkunden die Herkunft dieser Rohstoffe wissen wollen. Um also die Integrität des Marktes zu erhalten, müssen Materialien, die neu in das Lager der London Metal Exchange aufgenommen werden, eine gewisse Herkunftssicherung aufweisen. Händler müssen nun Folgendes bedenken: «Wie kann ich verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung nachweisen, damit ich einen besseren Preis erzielen kann in einem gemischten Markt?» und «wie kann ich das erreichen ohne meine Kosten zu erhöhen?»
Verum Capital: Wie kann die Blockchain-Technologie die Rückverfolgbarkeit von Rohmaterialien unterstützen?
Nachverfolgung ist ein Prozessautomatisierungsansatz. Sie nutzt ein Sicherheitsbuch zur Gegenüberstellung von Eingängen und Ausgängen um sicherzustellen, dass das jeweilige Produkt der korrekten Menge an Rohmaterial zugeordnet werden kann. Es zeigt die Vorgänge auf, aber es bietet keine Garantie für die Lieferüberwachungskette an sich.
Rohstoffnachverfolgung ist, in meinen Augen, der bessere Ansatz. Hierbei wird der Rohstoff auf seiner Reise entlang der Lieferkette verfolgt, indem ein «digitaler Zwilling» des Rohstoffs erstellt wird. Nachdem die physikalischen Eigenschaften des Materials erfasst wurden, wird die Information digital gesichert, wie ein Fingerabdruck. Diese Vorgehensweise ist komplizierter, aber die Nachfrage danach wächst, weil es die einzige Möglichkeit ist den Materialfluss von Anfang bis Ende überprüfbar zu machen.
Verum Capital: Wie funktioniert die Circulor-Lösung?
Circulor: Circulor arbeitet nach dem zweiten Ansatz und verfolgt den Rohstoff. Wir verwenden die «Hyperledger Fabric Blockchain» um den digitalen Zwilling an seinem Ursprung zu speichern. Anschliessend erstellen wir einen digitalen Faden, der die Überwachungskette des Materials zeigt, seine Bewegung und Umwandlung auf seinem Weg entlang der Produktkette. Während des Verarbeitungsprozesses kann ein Material seine chemische Zusammensetzung ändern. Wir können aber den Eingangsstoff bei jedem seiner Schritte zuverlässig mit dem fertigen Produkt bei dem jeweiligen Schritt verbinden.
Blockchain ist wichtig, weil es unveränderbare Daten erstellt. Somit wird verhindert, dass irgendjemand im Nachhinein Änderungen vornehmen kann. Blockchain bietet uns auch Konsens-Algorithmen (gewissermassen Regeln), die vorschreiben welche Art von Daten geschrieben werden können um verteiltes Vertrauen zu schaffen. Daraus erstellen wir dann ein Überwachungssystem der Lieferkette, das im Auftrag der Teilnehmer von neutralen Akteuren kontrolliert werden kann. Durch die Ergänzung mit «Machine Learning» zur Aufdeckung von Betrug und Unregelmässigkeiten wird unsere Lösung sowohl zu einem intelligenten Werkzeug für Akteure in der nachgeschalteten Wertschöpfungskette als auch zu einem Wirtschaftlichkeitsfaktor für diejenigen am oberen Ende.
«Blockchain ist wichtig, weil es unveränderbare Daten erstellt.»
Verum Capital: Welche Auswirkungen wird, Ihrer Meinung nach, Ihre Rückverfolgbarkeitslösung auf die Welt des Börsenhandels haben?
Circulor: Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass Herkunftsdaten, vom Ursprung bis ins Lagerhaus, tokenisiert werden könnten und, dass die Token als Nutzlast neben dem Handel fungieren könnten. Ein Händler würde somit einen Daten-Stack bekommen, der Informationen ansammelt hinsichtlich Eigentums und Standort bis zum Verkauf des Rohmaterials an jemanden, der es verwenden und einer richtigen Wertschöpfungskette zuführen möchte. Das würde bedeuten, dass wir den digitalen Faden für das Rohmaterial verlängern würden bis in die Finanzwelt. Wir würden Handelsdaten einbeziehen um die Sicherheit für den Käufer zu maximieren, aber auch um für den Verkäufer die Möglichkeit zu schaffen verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung zu monetarisieren.
Verum Capital: Wie wird die Blockchain-Technologie den Rohstoffmarkt der Zukunft beeinflussen?
Circulor: Wenn man das volle Potenzial des digitalen Fadens für das Sammeln von Daten über die Produktionsstadien hinaus und während der gesamten Lebensspanne eines Produktes in Betracht zieht, dann birgt die Rückverfolgbarkeitslösung mit Hilfe von Blockchain das Potenzial zur Stärkung neuer Rohstoffe, besonders recycelte Abfallstoffe.
Zurzeit gibt es weltweit eine Verknappung von Kobalt. Die weltweite Kobaltproduktion liegt bei 100.000 Tonnen jährlich und Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 der Bedarf eines mittelgrossen Automobilherstellers allein in dieser Grössenordnung liegen wird. Somit wird klar, dass das Recycling von derartigen Mineralien von essentieller Bedeutung ist. Unternehmen in China haben bereits die Rentabilität des Recycling von Lithium-Ionen-Batterien erkannt und sich Abbauverträge für Elektronikschrott in Abfalldeponien gesichert.
Global gesehen, befinden wir uns immer noch im Anfangsstadium unseres Denkens, dass Plastikabfall und Elektronikabfall einen Rohstoff darstellen. Aber in nicht allzu ferner Zukunft müssen wir Abfall ausfindig machen, transportieren und verkaufen um im grossen Umfang produzieren zu können.
Dieser Bedarf könnte Rohstoffhändlern, Nachhaltigkeitsprogramme wie Kreislaufwirtschaft und Blockchain-Technologie zusammenbringen und so neue Märkte schaffen. Die Nutzung von Blockchain-Technologie um Produkte am Ende ihres Lebenszyklus in der gleichen Weise zu verfolgen wie wir es ansatzweise schon vom Ursprung an tun, könnte die verlässliche Wiederaufnahme von Materialien in die Lieferkette von Produzenten ermöglichen.
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QUELLEN
1. https://www.lme.com/News/Press-room/Press-releases/Press-releases/2019/10/LME-sets-out-respon-
sible-sourcing-requirements
2. https://www.reuters.com/article/us-lme-metals-sourcing-exclusive/exclusive-london-metal-exchange-to-delay-ban-on-tainted-metal-until-2025-sources-idUSKBN1W31V2/