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Daniil Medwedew spielte an diesem geschichtsträchtigen Abend in der Rod Laver Arena in Melbourne seine Rolle als Bösewicht bis zum Schluss perfekt. In der witzig gehaltenen Rede bei der Siegerehrung weit nach Mitternacht lobte er seinen Widersacher für dessen unglaublichen Kampfgeist und gratulierte Nadal zum Titel sowie dem alleinigen Rekord an Grand-Slam-Titeln, eher er spitzbübisch anfügte: «Das Rennen ist aber noch nicht vorbei.»
Im September in New York hatte es Medwedew noch geschafft, das Umschreiben der Tennis-Geschichtsbücher zu verhindern, als er Novak Djokovic den Grand Slam und den 21. Major-Titel vermieste, in Melbourne gelang ihm dies trotz einer 2:0-Satzführung nicht mehr, weil er es zu Beginn des dritten Durchgangs verpasste, den scheinbar geschlagenen Nadal endgültig zu bodigen. So holte der Spanier knapp 17 Jahre nach dem ersten Grand-Slam-Titel am French Open in Paris seine 21. Trophäe, womit er im Vergleich mit Djokovic und Federer vorlegte.
Dass Nadal, der nach dem Sieg vom grössten Comeback seiner Karriere sprach, ausgerechnet in Melbourne den Rekord knackte, ist Ironie des Schicksals. An keinem Ort stoppte ihn sein geschundener, aber enorm zäher Körper so oft wie in Down Under. Seine Teilnahme in diesem Jahr war lange Zeit ungewiss gewesen, da ihm der Fuss bis vor wenigen Wochen Probleme bereitete und - laut Nadal - sogar die Fortsetzung der Karriere in Gefahr war. Seit 2005 leidet er am Müller-Weiss-Syndrom, einer degenerativen Knochenkrankheit, die starke Schmerzen verursachen kann. Diese hatten dazu geführt, dass Nadal die letzte Saison vorzeitig abbrechen musste.
Gratulation von Federer
Federer gehörte zu den ersten Gratulanten seines grössten Rivalen. Vor ein paar Monaten hätten sie noch Witze gemacht über sich, weil beide an Krücken gingen, schrieb der Baselbieter, der den Rekord seit seinem Sieg am French Open 2009 inne gehabt hatte, in den sozialen Medien. «Dein unglaublicher Arbeitsethos, deine Hingabe und dein Kampfgeist sind eine Inspiration für mich und viele andere in der Welt.» Dass dem 40-jährigen Schweizer nach seinen Knieoperationen noch einmal ein ähnliches Comeback gelingen wird wie 2017 oder jetzt Nadal, glaubt niemand. Viele zweifeln, dass er überhaupt jemals auf den Platz zurückkehren wird.
Anders sieht die Situation bei Novak Djokovic aus. Der Serbe, der ein Jahr jünger als Nadal ist, bewies mit seinen drei Major-Titeln im letzten Jahr, dass er der Beste ist. Die fehlende Impfung und die letztlich vor allem deswegen verweigerte Einreise nach Australien hinderten den neunfachen Champion daran, seinen Titel in Melbourne zu verteidigen. Wie der Weltranglisten-Erste, der seine Spitzenposition im Ranking vorläufig verteidigen wird, die Posse um seine Person, die weltweit für Schlagzeilen sorgte, verkraftet hat, bleibt abzuwarten. Ebenso ungewiss ist, wie restriktiv die Teilnahmebedingungen aufgrund der Corona-Pandemie in Paris, Wimbledon und New York sein werden.
Vorteil Nadal
Djokovics Ehrgeiz dürfte nach den Geschehnissen rund um seine Person und dem Triumph Nadals allerdings nur noch mehr geweckt worden sein. Im Gegensatz zum Spanier hat der Serbe nie einen Hehl daraus gemacht, dass dieser Rekord einer der Hauptgründe ist, warum er weiterhin das harte Training und all die Entbehrungen auf sich nimmt. Nadal hingegen spielte die Bedeutung des Rekords auch nach dem Final herunter: «Klar ist die Zahl 21 speziell, aber für mich ist es einfach ein weiterer unglaublicher Erfolg. Ob ich nun der Beste der Geschichte bin oder nicht, kümmert mich nicht.»
Dass seine Karriere nicht mehr ewig dauern wird, hatte Nadal bereits auf dem Platz angedeutet. «Ich habe gedacht, dass dies vielleicht mein letztes Australian Open ist», sagte er mit der Trophäe in der Hand. Nun habe er aber wieder so viel Energie getankt, dass er hoffe, zumindest im nächsten Jahr noch einmal zurückzukehren. Ob der Spanier dann in Sachen Grand-Slam-Titel noch immer die Nase vorne haben wird, bleibt abzuwarten. Momentan heisst es «Advantage Nadal». Das Rennen um den GOAT, den Grössten aller Zeiten, ist aber noch nicht zu Ende.