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Nachruf
Bei der Abdankung am Beerdigungsgottesdienst, der am 24. November 1978 in der Kapuzinerkirche von Mels abgehalten wurde, nannte der Provinzial seinen Mitbruder, Pater Theofrid Benz einen Sonnenschein. Wohin er kam auf den vielen Aushilfen und Volksmissionen, auf den Kanzeln und in den Pfarrhäusern, verstand er es bei allem Ernste, Sonntagsstimmung herzuzaubern. Er tat schwer, die früher übliche Predigt über die Hölle zu halten. Die lag ihm nicht, dem Mann der Freude und des Vertrauens. Zur Sonne wurde er Ungezählten, die zu ihm kamen oder zu denen er ging, Suchenden, Aengstlichen, Zweifelnden, Klagenden. Er begleitete sie jahrelang, ohne sie zu stark an sich zu binden. Sonne verschickte er per Post und Telefon, immer helfend, tröstend, Freundschaften vertiefend.
Als Sohn von Emil und Anna Benz-Loher wurde der Verstorbene am 22. Februar 1919 in Montlingen geboren. Gemeinsam mit drei Brüdern und sechs Schwestern verbrachte er seine Jugendjahre. In der Grossfamilie lernte er glücklich zu sein, ohne grosse Ansprüche zu stellen. Als aufgeweckter Knabe durfte Gerold, so war sein Taufname, nach der 6. Klasse in die Sekundarschule nach Oberriet wechseln. Dort erhielt er seine ersten Lateinstunden, zu denen er oft schon morgens um sechs Uhr anzutreten hatte. Der Lehrer erkannte die Fähigkeiten seines Schülers und er verhalf ihm zum Eintritt ins Kollegium Appenzell. Die letzten zwei Jahre vor der Matura studierte Gerold im Gymnasium der Kapuziner in Stans. Der Same zu seinem Entschluss, selber Franziskaner zu werden, mochte wohl schon in Appenzell gelegt worden sein. In Stans aber reifte er heran, denn hier war Gerold Student seines unvergesslichen Onkels, Pater Alfred Benz, der ihn, wie er später selbst erzählte, sehr streng, aber dennoch väterlich in die Zügel nahm.
Nach der Rekrutenschule trat Gerold Benz ins Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin bei Luzern als Novize ein. Seine theologischen Studien setzte er fort in Stans, Sitten und Solothurn. Am 8. Juli 1945 hatte Frater Theofrid sein Ziel erreicht. Er erhielt von Bischof Franziskus von Streng die heilige Priesterweihe.
Die erste Seelsorgetätigkeit entfaltete Pater Theofrid vom Kapuzinerkloster Wil aus. Nach zwei Jahren übersiedelte er nach Mels. Hier sollte der Verstorbene seine eigentliche Lebensaufgabe erhalten. Bei den vielen Sonntagsaushilfen im Bündnerland erkannte er bald, dass man das Innere eines Menschen nur erreichen kann, wenn man im weitesten Sinne seine Sprache spricht, wenn man, wie er sich ausdrückte, auf die gleiche Wellenlänge umzustellen versteht. Er sprach neben seiner Muttersprache korrekt französisch, italienisch und lernte auch noch spanisch, nicht aus Liebhaberei, sondern um dadurch andern seelsorglich besser helfen zu können. Seine Vorliebe aber galt dem Rätoromanischen, das er nach hartem Selbststudium und im Umgang mit dem Volke perfekt erlernte. Er kannte fast alle Sprichwörter, die er als Volksmissionar in Romanisch Bünden in seine Predigten einzuflechten verstand. Anno 1959 war er während eines Jahres Vikar in Tiefencastel. Mit Ausnahme dieses Unterbruches blieb er 24 Jahre lang in Mels stationiert. In dieser Zeit wurde die Kirche restauriert und das Kloster erhielt eine zeitgemässe Renovation und zugleich eine Erweiterung. Von 1969 bis 1972 bestimmten ihn die Obern als Guardian der Klostergemeinschaft. Schweren Herzens, aber in franziskanischem Gehorsam nahm Pater Theofrid 1972 Abschied vom Oberland. Vier Jahre leitete er als Guardian das Kloster in Rapperswil und kam dann ans Hospiz Heiligkreuz in St. Gallen. Er war bereit, die Hausmission zu übernehmen. Die Bereitschaft, über sich verfügen zu lassen, war Selbstverständlichkeit.
Wer Licht und Wärme verbreiten will, muss selber Licht sein. Von Natur aus begabt war der Verstorbene ein unermüdlicher Schaffer, der die Bücher nach den theologischen Studien nicht beiseite legte, sondern sich stetig weiterbildete. Er blieb stets auf der Höhe
des theologischen Wissens, las viel, auch Profanliteratur, und er wusste zu unterscheiden, das Gute zu wählen und zu behalten. Theologische und liturgische Extravaganten erhielten aus seinem Munde keine besonderen Koseworte.
Das unkomplizierte Wesen von Pater Theofrid mochte manchen zuerst etwas schockieren. Seine träfen Sprüche, die schalkhaften Witze und sein breites, befreiendes Lachen machten ihn aber liebenswürdig. Wer ihn näher kennenlernte, spürte die wohltuende Wärme einer starken Persönlichkeit. Trotzdem war er kein Anpasser. Wo berechtigte Rügen zu erteilen waren, da behielt er diese nicht zurück. Doch anstatt zu verurteilen, suchte er in gütlicher Zusammenarbeit eine Lösung der anstehenden Probleme zu finden. Trotz der Schwere seiner Aufgabe und oft auch von der Sache her fast unvermeidlicher Misserfolge blieb Pater Theofrid ein optimistischer Mensch. Gerade deshalb blieben auch die Erfolge nicht aus. Sie freuten ihn, machten ihn aber nicht überheblich. In allem blieb er der getreue Jünger seines Vaters Franz von Assisi, der einfache Mann in der braunen Kutte. Gütig und verstehend suchte er, den Menschen zu dienen. Freudig machte er die Erneuerung seines Ordens mit, weil er deren Notwendigkeit erkannte.
Erste Schatten kamen in sein Leben, als er sich einer Augenoperation unterziehen musste. Glücklich war er, als er mit der neu erhaltenen Sehkraft auch seine Freunde, die Bücher, wieder zu Rate ziehen durfte. Tatenfreudig nahm er seine Arbeit erneut auf. Mit seinen Mitbrüdern hielt er in der Stadtpfarrei Wil Volksmission. Eine ganze Woche lang stand er mehrmals täglich auf der Kanzel. Unerwartet trat eine gesundheitliche Störung ein, die nach kurzer Zeit im Kantonsspital St. Gallen zum Tode führte. Die täglichen Betrachtungen von Schrifttexten, aus denen er sich auch im grössten Stress ein Tagesmotto auswählte, hatten den feinfühligen Priester und Ordensmann für diesen Schritt vorbereitet.
Quelle: Unser Rheintal (1980) p. 103