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Heute kennt man Carl Albert Loosli (1877-1959) am ehesten noch als Autor berndeutscher Bücher; seine Erzählbände heissen «Mys Dörfli» (1910), «Üse Drätti» (1910) und «Wi’s öppe geit» (1921); sein Gedichtband «Mys Ämmitaw» (1911). Aber Loosli war auch gesellschaftskritischer Essayist («Bümpliz und die Welt», 1906; «Ist die Schweiz regenerationsbedürftig?», 1912), und als Bilingue neben Carl Spitteler ein wichtiger Brückenbauer zur Romandie während des Ersten Weltkriegs. Er war der erste Biograf von Ferdinand Hodler (4 Bände, 1921-1924). Er verfasste Mitte der zwanziger Jahre mit den «Schattmattbauern» einen der ersten bedeutenden Schweizer Kriminalromane. Er engagierte sich publizistisch für ein liberales Asylrecht, für die verfolgte Minderheit der Juden, für eine Reform in der Jugenderziehung. Und er kämpfte über Jahrzehnte gegen die staatliche Internierungspraktiken («Anstaltsleben», 1928; «Adminstrativjustiz und schweizerische Konzentrationslager», 1939). Carl Albert Loosli ist zweifellos einer der bedeutenden Schriftsteller der Schweiz.
Aber wer war er wirklich? Der Basler Historiker Erwin Marti, der sich seit bald zwanzig Jahren als Herausgeber von vergriffenen Arbeiten um Loosli verdient macht, versucht diese Frage nun zu beantworten. Im Chronos-Verlag hat er den ersten Band einer umfassenden Loosli-Biographie herausgegeben: «Zwischen Jugendgefängnis und Pariser Boheme 1877-1907». Loosli wurde als uneheliches Kind in Schüpfen (BE) geboren und bis zum zwölften Lebensjahr von einer Pflegemutter aufgezogen. Nach deren Tod wuchs er im Erziehungsheim Grandchamp bei Neuchâtel auf. Als der selbstbewusste Vollwaise Loosli aus gesundheitlichen Gründen das Gymnasium abbrechen musste, wurde er vom Gemeinderat Sumiswald – der zuständigen Vormundschaftsbehörde – kurzerhand in die Besserungsanstalt Aarwangen und später in die Jugend-Zwangserziehungsanstalt Trachselwald eingewiesen. Kaum war er volljährig, sass er als freier Hörer an der Universität Neuchâtel, reiste mehrmals nach Paris, lernte Emile Zola kennen und engagierte sich in der Dreyfus-Affäre auf seiten des jüdischen Offiziers. Seit 1904 lebte er, unterdessen verheiratet, als Journalist, Redaktor und Schriftsteller dauernd im Bümpliz bei Bern.
In seinem Buch hat Marti nun diese ersten dreissig Jahre von Looslis Leben umfassend aufgearbeitet. Die Schwierigkeit seiner Recherche lag darin, dass zu den beiden entscheidenden Lebensabschnitten – Trachselwald und Paris – kaum direktes Quellenmaterial erhalten war. Trotzdem machen gerade diese Kapitel die Lektüre spannend. Marti erforschte Looslis damalige Lebensräume derart dicht und rekonstruierte sie derart plausibel, dass – sozusagen als «implizites Forschungsergebnis» – der jugendliche Loosli als Schattenriss vorstellbar wird. Mit der Schilderung der menschenvernichtenden Zustände in Trachselwald wird nicht nur Loosli lebenlanges Engagement gegen solches «Anstaltsleben» aus der Biographie verständlich, Marti hat hier ein dunkles Kapitel der Berner Sozialgeschichte ausgegraben und ist dabei auf merkwürdig gelichtete Aktenbestände gestossen: «Um Trachselwald aber lag und liegt ein unheimliches Schweigen und ein Hauch von schlechtem Gewissen.» Das grosse Geheimnis des jungen Loosli hat Marti allerdings auch nicht endgültig lüften können: Wie ist es möglich, dass ein Jugendlicher, der sich seine Bildung vorab autodidaktisch aneignen musste, aus einem Knast mit brutalem Regime zuhinterst im Emmental nach Paris geht, um sich für eine Auseinandersetzung von weltpolitischen Dimensionen zugunsten des zu Unrecht Verfolgten zu engagieren? Warum Loosli so handelte, wird sein Geheimnis bleiben, dass er es tat, hat seine weitere intellektuelle Biografie – seinen kritischen, weltoffenen Blick und seine Kenntnis der französischen Kultur – entscheidend geprägt.
Die einzige Kritik an Martis Buch, die mir nötig scheint: Der riesige Recherchenaufwand zog eine weitere Riesenarbeit nach sich: die Auswahl und Gewichtung des Materials. Sie ist nicht überall gelungen, unter der Fülle leidet bisweilen die Übersichtlichkeit. Es gibt Passagen, die über Martis Akribie mehr als über Looslis Biografie aussagen. Dass der Verlag dem Text ein Inhaltsverzeichnis mit falschen Seitenzahlen voranstellte, in dem auch noch wichtige Lesehilfen wie Personenregister und die ausführliche Inhaltsübersicht unterschlagen wurden, ist insofern symptomatisch. Für den zweiten Band – in dem auch Looslis Gotthelf-Handel umfassend dargestellt werden soll – wünscht man dem Verlag genügend Mittel für das Lektorat. Martis Arbeit hat es wirklich verdient.
Erwin Marti: Carl Albert Loosli 1877-1959. Zwischen Jugendgefängnis und Pariser Boheme, 1877-1907, Zürich (Chronos) 1996.
Im Vergleich zum WoZ-Beitrag sind hier einige kleine Straffungen rückgängig gemacht worden. Gestrichen worden ist ein Verweis auf den Gotthelf-Handel, der dort sinnvoll war, weil diese Rezension als Zweitstoff zur ausführlichenDarstellung dieses Literaturskandals abgedruckt worden ist.