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Effekt der Statine auf die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms
Die Studie untersuchte, ob Statine einen protektiven Effekt gegen das kolorektale Karzinom haben?

Titel
Statins and the risk of colorectal cancer.
Autoren
Poynter JN, Gruber SB, Higgins PD, Almog R, Bonner JD, Rennert HS, Low M, Greenson JK, Rennert G.
Quelle
N Engl J Med. 2005 May 26;352(21):2184-92.
Abstract
Fragestellung?
Haben Statine einen protektiven Effekt gegen das kolorektale Karzinom?
Hintergrund
Statine sind eine Medikamentenklasse, die das Enzym HMG-CoA-Reduktase hemmen. In vitro Studien unterstützen die Hypothese, dass Statine dank der Beteiligung der HMG-CoA-Reduktase in Cholesterolsynthese und Zellwachstum eine chemopräventive Rolle beim kolorektalen Karzinom spielen könnten. So ist die HMG-CoA-Reduktase in Kolonkarzinom Zellen überexprimiert und Statine induzieren eine Apoptose in Karzinomzelllinien.
Die Resultate der bisherigen randomisierten Studien mit Statinen waren hinsichtlich des protektiven Effekts auf die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms inkonsistent. Allerdings waren diese Studien alle auf kardiovaskuläre Endpunkte ausgerichtet und hatten aufgrund der kleinen Zahl aufgetretener Karzinome nicht genügend statistischen Power um einen Zusammenhang zwischen Statinen und Karzinomrisiko zu entdecken. Dies sollte mit der vorliegenden Arbeit versucht werden.
Methoden
Design
Retrospektive Datenanalyse im Rahmen einer Bevölkerungsbasierten epidemiologischen Fallkontrollstudie.
Setting
Fallkontrollstudie.
Einschlusskriterien
Alle Patienten einer grossen HMO in Nordisrael (Marktabdeckung: ca. 70% der > 60-jährigen Bevölkerung) bei denen zwischen dem 31.5.1998 und dem 31.3.2004 ein Kolonkarzinom diagnostiziert wurde. Die Kontrollgruppe wurde aus der gleichen Datenbank rekrutiert. Als Kriterien galten Geburtsjahr, Geschlecht, Wohngegend und ethnische Zugehörigkeit. Potentielle Kontrollpersonen wurden ausgeschlossen bei einer Anamnese von kolorektalem Karzinom.
Intervention
Interview bei allen Beteiligten hinsichtlich: demographische Daten, persönliche und Familienanamnese für Karzinom, Geburten, persönliche Anamnese, Medikamentenanamnese und Gesundheitsverhalten. Ausserdem wurde eine Ernährungsanamnese erhoben.
Die Studienteilnehmer wurden aufgefordert, jede Medikation der vergangenen 5 Jahre anzugeben. Hierdurch wurde der Statingebrauch identifiziert Dieser wurde zusätzlich durch die dokumentierten Verschreibungen in der Datenbank verifiziert.
Statistik
Kontingenztabelle und Regressionsanalyse.
Beobachtungsdauer
Mindestens 5 Jahre.
Resultate
Basisdaten
Von 3’181 potentiell möglichen Patienten konnten 2’146 (67.5%) eingeschlossen und interviewt werden. Gleiches gilt für 2’162 passende Kontrollpersonen (52.1% der möglichen Gesamtgruppe). Die Studie präsentiert die vorhanden Daten von 1’953 Patienten und 2’015 Kontrollpersonen. Das Durchschnittsalter betrug 70 Jahre, Ashkenazi Juden waren überrepräsentiert.
Die Einnahme von Statinen während mindestens 5 Jahren war mit einer signifikanten Reduktion des relativen Risikos eines kolorektalen Karzinoms assoziiert (Patienten 6.1%, Kontrollgruppe 11.6%). Dieser Zusammenhang blieb auch nach Anpassung weiterer Faktoren, wie der Einnahme von ASS, NSAR, körperlicher Aktivität, Hypercholesterinämie, Familienanamnese für kolorektales Karzinom, ethnischer Zugehörigkeit und Ernährungsgewohnheiten signifikant. Die Einnahme von Fibraten als Lipidsenker war nicht mit einer signifikanten Risikoreduktion verbunden, allerdings wurden diese nur von 1% der untersuchten Gruppen verwendet.
Diskussion durch die Autoren
Es besteht ein deutlicher inverser Zusammenhang zwischen dem Risiko einer Erkrankung an einem kolorektalen Karzinom und der langfristigen Einnahme von Statinen (relative Risikoreduktion um 47%).
Zusammenfassender Kommentar
Die Chemoprävention des kolorektalen Karzinoms ist zweifellos ein attraktives Konzept, wie schön wäre es doch, wenn sich durch die Einnahme von ein oder zwei Pillen am Tag neben dem kardiovaskulären auch gleich das Karzinomrisiko aus der Welt schaffen liesse. Doch auch wenn eine Risikoreduktion um 47% beeindruckend tönt, ist die absolute Zahl doch bescheiden. Die Autoren haben errechnet, dass sie 4’814 Personen mit Statinen behandeln müssten, um ein Kolonkarzinom zu verhüten. Die Studie weist aber noch andere Schwächen auf: sie ist retrospektiv angelegt und beruht in erster Linie auf Selbstdeklaration. Vielleicht hat sich aber auch ein grundsätzlicher Bias eingeschlichen, indem ein Kollektiv, das langfristig Statine, also Medikamente, die der kardiovaskulären Präventionen dienen, grundsätzlich gesünder ist, als andere. Es ist zumindest bemerkenswert, dass Nikotin- und Alkoholkonsum nicht als eigene Variablen aufgenommen und analysiert wurden. Mag das ein Grund sein, weswegen andere Studien bisher die Korrelation von Statineinnahme und geringerem Karzinomrisiko nicht nachweisen konnten? Das Resultat der Studie von Poynter et al. ist zweifellos provozierend und weitere Untersuchungen werden sicher folgen. Gibt die Arbeit in der Zwischenzeit ein zusätzliches Argument, um mit gutem Gewissen eine langfristige Statintherapie auch bei fraglicher Indikation zu verordnen? Dies sicher nicht; Schuster bleib bei deinem Leisten! Statine sind Lipidsenker mit der primären Indikation kardiovaskulärer Erkrankungen. Die adäquate Prävention des kolorektalen Karzinoms ist bei der über fünfzigjährigen Bevölkerung die Kolonoskopie.
Besprechung von PD Dr. med. Ludwig T. Heuss, Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsspital Basel.
NEJM 2005;352:2184-2192 - JN Poynter et al
01.12.2005 - undefined