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von
Hans-Peter Widmer
15. Januar 2020
09:00
Gottlieb Zehnder kam am 15. Januar 1820 in Birmenstorf als ältestes von neun Kindern der «Bären»-Wirtsleute Johann und Maria Zehnder-Mösch auf die Welt. Er starb am 15. September 1901, 81-jährig und ledig im Kantonshauptort Aarau, den er zur «Hauptstadt der Kavallerie» gemacht hatte. Diese Bestimmung war dem Hotelierssohn nicht in die Wiege gelegt worden, obschon er in einem Privatinstitut früh Reitunterricht bekam. Weil seine Eltern den renommierten «Storchen» in Aarau übernahmen, wechselte auch Gottlieb an die noch junge aargauische Kantonsschule, die bereits als eine der besten Bildungsanstalten der Schweiz galt.
Nach Sprachaufenthalten in Freiburg und Payerne betätigte sich Zehnder vorerst im elterlichen Hotelbetrieb, worauf er 1848, im Gründungsjahr des schweizerischen Bundesstaates und nach der Teilnahme am Sonderbundfeldzug 1847, als 28-jähriger Kavallerieoffizier in die Militärinstruktion des Kantons Aargau eintrat. Er brachte es zum Oberst, zum Inspektor und Waffenchef der eidgenössischen Kavallerie sowie zum Kommandanten mehrerer Brigaden. Im Rahmen der Armeereform 1874 schuf er die Bundeskavallerie, die bis zur Auflösung 1972 existierte.
«Aargauer Kosaken»
Die Militärorganisation war ursprünglich nicht Sache des Bundes, sondern der Kantone. Seit er eine eigene Miliz besass – also praktisch von seiner Gründung 1803 an –, rüstete der Aargau neben Infanteristen und Artilleristen auch Kavalleristen aus. Aarau bildete für alle einen zentralen Sammelort. Die Berittenen waren unter anderem mit langen Spiessen bewaffnet, weshalb man von den «Aargauer Kosaken» sprach. Nach der Errichtung des Bundesstaates bekam die Reiterwaffe in dem aus Kontingenten der Kantone bestehenden lockeren Bundesheer zunehmende Bedeutung. Eine ständige Gliederung der Armee gab es noch nicht.
Auf dem Waffenplatz Aarau mit der 1849 errichteten neuen Kaserne begann 1850 die erste Dragoner-Rekrutenschule. Zehnder leitete mehrere Schulen und trat als Major 1858 in den Generalstab ein. Die Kavallerie wurde jedoch, wie die andern Truppengattungen, erst durch die Militärorganisation 1874 eidgenössisch. Den Anstoss gaben die gravierenden Mängel, die General Hans Herzog bei der Grenzbesetzung 1870/71 während des Deutsch-Französischen Krieges rügte. Es war um die Organisation, Ausbildung und Ausrüstung der Truppen – allen voran der Kavallerie – schlecht bestellt.
Handlungsbedarf erkannt
Gottlieb Zehnder befehligte bei der Grenzbesetzung und der Internierung der 87'000 Mann starken französischen Bourbaki-Armee am 1. Februar 1871 in Les Verrières die Infanteriebrigade 21. Er stand General Herzog nahe – beide wohnten ja auch in Aarau –, und er war mit dem Aargauer Bundesrat Emil Welti, dem damaligen Chef des Eidgenössischen Militärdepartements, freundschaftlich verbunden. So wurde er 1874 mit der Reform der Kavallerie beauftragt und 1875 zu deren Waffenchef befördert. Des Handlungsbedarfs war er sich bewusst. Ein Hauptgrund des Übelstands lag darin, dass die Rekrutierung zur Kavallerie nur davon abhing, ob einer ein Pferd stellen konnte. Geistige und körperliche Eignung spielten keine Rolle.
Zehnder regelte die Pferdestellung neu, verlängerte den Unterricht der Guiden- und Dragonerrekruten von 60 auf 80 Tage und verstärkte die Dragoner-Kompanien. Der Bund errichtete zur Ausbildung von Pferden und Reitern an mehreren Orten, auch in Aarau, Remonten-Depots. Remonten waren vorzugsweise Halbblutpferde, die für den dienstlichen Einsatz «zugeritten» wurden. Durch einen ersten Ankauf in Norddeutschland wurden der Kavallerie etwa 800 Pferde zugeführt. Sie mussten gleichzeitig zivilen Ansprüchen, als Zugpferde, genügen. Fachleute attestierten dem Kavallerie-Chef eine Begabung für die Pferdebeurteilung und die Reitkunst, Kritiker hingegen monierten, er messe dem Bahnreiten zu viel Gewicht bei.
Streng, aber wohlwollend
1892, 72-jährig und nach 50 Dienstjahren, trat Gottlieb Zehnder zurück. In Kavalleriekreisen blieben seine Verdienste unvergessen. Als strenger, aber gerechter militärischer Ausbildner und Kommandant legte er nicht zuletzt den Grundstein für den legendären kavalleristischen Korpsgeist. Nach aussen eher etwas rauh, sei er im Grunde wohlwollend und herzensgut gewesen, las man in einem Nachruf bei seinem Tod 1901. Diesen Charakterzug offenbarte er seiner Grossnichte Anna Iduna Zehnder (1877–1955) gegenüber. Er holte das zehnjährige Mädchen aus Birmenstorf nach Aarau, als es innert eines halben Jahrs die Eltern verlor, und ermöglichte ihm den Besuch der Bezirksschule. Aus ihr wurde eine Ärztin, Anthroposophin und Malerin.
Laut dem Lokalhistoriker Max Rudolf gehörten Zehnders Vater und die Verwandtschaft zu den Entdeckern und Betreibern der von 1842 bis 1971 existierenden Bitterwasserquelle in Birmenstorf.