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Berner Jurist und Pionier des Arbeitsrechts Philipp Lotmar wird geehrt
Philipp Lotmar, ehemaliger Rechtsprofessor, Dekan und Rektor der Universität Bern, erhält von der Stadt Bern und dem Romanistischen Institut der Universität Bern eine Gedenktafel. Er wird damit als Mitbegründer des modernen Arbeitsrechts in Europa gewürdigt und als Akademiker, der sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts intensiv mit Gleichstellungsfragen beschäftigte.
Philipp Lotmar (* 8. September 1850 – † 29. Mai 1922) war während 34 Jahren als Professor für Römisches Recht an der Universität Bern tätig. In dieser Zeitspanne war er viermal Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und amtierte auch als Rektor der Universität. Er leistete zahlreiche bedeutende Beiträge zu den Rechtswissenschaften und gilt noch heute als einer der Begründer des modernen Arbeitsrechts in Europa.
«Aufgrund seiner Sensibilität für das soziale Leben und für Gleichberechtigung beschäftigte er sich mit dem Arbeitsverhältnis. Lotmar entwickelte sich interdisziplinär und schuf mit seinem Wissen aus dem Römischen Recht ein neues Fach – das moderne Arbeitsrecht», erklärt Iole Fargnoli, Professorin für Römisches Recht, die Lotmars Biografie sowie Werk erforscht und 2019 eine unveröffentlichte Monographie von Lotmar posthum herausgegeben hat.
Einfluss aufs heutige Arbeitsrecht und Spuren am Bundeshaus
Nachdem er bereits Ende des 19. Jahrhunderts Aufsätze zum Arbeitsrecht veröffentlicht hatte, publizierte Lotmar 1902 und 1908 den ersten sowie den zweiten Teil seiner Dogmatik des Arbeitsrechts («Der Arbeitsvertrag nach dem Privatrecht des Deutschen Reiches»). Damit strukturierte er das Arbeitsrecht, das bis anhin einen kleinen Teil des Privatrechts ausgemacht hatte.
«Dank Lotmar wurden dem Arbeitnehmenden Rechte als Mensch zugeschrieben, was zur Verbesserung der menschlichen Existenz führte», sagt Fargnoli. Weiter baute Lotmar das Arbeitsvertragsrecht in einer Revision auch zugunsten der Arbeitnehmenden aus. «Sein Wirken hatte einen wichtigen Einfluss auf die Praxis und hat das heutige Arbeitsrecht geformt», so Fargnoli.
Lotmars Spuren sind auch in der Stadt Bern sichtbar: Er soll Urheber der Worte «Curia Confoederationis Helveticae» sein, die sich in goldenen Lettern auf der Vorderseite des Bundeshauses befinden. Denn: Hans Wilhelm Auer, der Bundeshaus-Architekt, war zur gleichen Zeit wie Lotmar Professor an der Universität Bern. Auch zum Künstler Paul Klee hatte Lotmar Kontakt, da dieser ein Schulfreund seines Sohnes war. Der Maler verewigte seinen Sohn in einem Aquarell.
Revolutionärer Akademiker
Lotmar beschäftigte sich zudem mit der Gleichstellung von Mann und Frau. Bereits 1892 beklagte Lotmar die juristische und finanzielle Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau in einem Aufsatz. In seiner Antrittsrede als Rektor 1897 mit Titel «Die Freiheit der Berufswahl» kritisierte er die damalige fehlende Freiheit der Frau, ihren Beruf zu wählen. «Diese Aussage war für die damalige Zeit sowohl innovativ als auch bahnbrechend, da er aus einer Machtposition – und im 19. Jahrhundert – betonte, wie wichtig es sei, seinen Beruf frei auswählen zu können, ohne an andere Umstände gebunden zu sein, und dass kein Beruf der Natur einer Frau widersprechen müsse», erklärt Fargnoli.
Der Frau sollte es seiner Ansicht nach möglich sein, einen anderen Beruf als ihren ‘natürlichen Beruf’ – Gattin oder Mutter – auszuüben. Zu welchen Reaktionen und praktischen Auswirkungen seine Kritik führte, ist nicht dokumentiert. Es ist aber eine Tatsache, dass Anna Tumarkin als erste Frau an der Universität Bern habilitierte, während Lotmar Rektor war. Tumarkin war europaweit die erste Professorin, der auf dieser Karrierestufe die gleichen Rechte wie einem Mann zugeschrieben wurden.
Auch sonst war der bekennende Sozialdemokrat Lotmar progressiv, nahm er doch als einziger Universitätsprofessor an den Umzügen vom 1. Mai teil. «Er war zu revolutionär für seine Zeit und stand zudem immer im Schatten von Eugen Huber, Schöpfer des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, der auch an der Universität Bern lehrte», sagt Fargnoli.
Feierliche Gedenktafeleinweihung
Nun findet am Mittwoch, 8. September um 17h die Einweihung einer Gedenktafel am ehemaligen Wohnort von Philip Lotmar, im Berner Kirchenfeld, statt. Um seine umfassenden Beiträge zu den Rechtswissenschaften zu würdigen, sollte die Gedenktafel bereits 2020, zum 170. Geburtstag von Philipp Lotmar eingeweiht werden. Aufgrund der Pandemie musste diese jedoch verschoben werden. Die vom Romanistischen Institut der Universität Bern gestiftete und von der Stadt Bern mitfinanzierte Gedenktafel wird in einer kleinen Zeremonie enthüllt. Christian Leumann, Rektor der Universität Bern, wird einführend ein Grusswort sprechen: «Mir ist es ein Anliegen, dass Lotmar geehrt wird, nicht nur um seinen Beitrag zur Universität Bern, sondern auch zur Wissenschaft und Gesellschaft anzuerkennen». Die Expertin für Philipp Lotmar, Iole Fargnoli, Römischrechtlerin an der Universität Bern und Prof. Dr. Luca Nogler, Arbeitsrechtler und Lotmar-Forscher an der Università degli Studi di Trento, werden kurze Ansprachen halten.
Gerne laden wir Sie zur Veranstaltung ein:
Datum: Mittwoch, 8. September 2021, 17.00 Uhr, anschliessend Apéro
Ort: Feldeggweg 3, 3005 Bern
Eintritt: Frei.
Anmeldung: Interessierte sind gebeten, sich bis am Montag, 6. September unter <email-pii> anzumelden.
Für Italienischsprechende und Interessierte findet am selben Tag um 14.00 Uhr im Kuppelraum der Universität Bern, Hochschulstr 4, 3012 Bern, eine Präsentation einiger Auszüge vom Werk Lotmars, die ins Italienische übersetzt wurden, statt. Die Präsentation wird unter der Mitwirkung der Bundeskanzlei, Zentrale Sprachdienste, Abteilung Italienisch, veranstaltet.
Medienschaffende sind gebeten, sich bis am Montag, 6. September 2021, anzumelden. Interviewanfragen können an dieselbe Adresse gerichtet werden:
Iole Fargnoli, Tel. +41 31 684 48 55, <email-pii>
Referentinnen und Referenten:
- Prof. Dr. Christian Leumann, Rektor der Universität Bern
- Prof. Dr. Iole Fargnoli, Professorin für Römisches Recht, Romanistisches Institut, Universität Bern
- Prof. Dr. Luca Nogler, Rechtsprofessor, Università degli Studi di Trento
Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter www.roma.unibe.ch

Forschungsprojekt Philipp Lotmar
Am Romanistischen Institut beschäftigten sich Forschende im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projektes von 2015-2018 mit Philipp Lotmar. Ziel des Projekts war die Publikation des romanistischen Hauptwerkes von Philipp Lotmar. Als Philipp Lotmar 1922 starb, war sein Werk über den Irrtum im Römischen Recht noch nicht veröffentlicht worden. In diesem 2000-seitigen, in deutscher Handschrift (sog. Sütterlin) verfassten, unpublizierten Manuskript hat Lotmar hunderte von Quellenstellen, die die Begriffe 'error' oder 'errare' in einem Rechtsbereich thematisieren, untersucht und sich der Herausforderung gestellt, mittels pandektistischer Methode, eine Irrtumslehre zu begründen.Weitere Informationen zu Lotmars Irrtumswerk, welches 2019 von Prof. Dr. Iole Fargnoli herausgegeben wurde.

Interview in «uniaktuell» mit Prof. Dr. Iole Fargnoli vom Romanistischen Institut
Vater des modernen Arbeitsrechts und Frauenrechtler
Der Rechtsprofessor Philipp Lotmar (1850-1922) hat das moderne Arbeitsrecht begründet und ist schon früh für Gleichberechtigung eingetreten. Jetzt erhält er dank Iole Fargnoli vom Romanistischen Institut eine Anerkennung, wie sie ihm sein Leben lang kaum zuteilwurde.
03.09.2021