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Eher beziehungsscheu sind sie, die Quallen, birgt ein direkter Kontakt doch mitunter die Gefahr, vom Partner gefressen zu werden. Und so ist Sex bei Quallen auch eine eher unpersönliche Sache, Körperkontakt gibt es keinen. Wenn Mann und Frau sich treffen, läuft das in etwa so ab: Der Quallenmann spuckt sein Sperma ins umgebende Wasser und die Quallenfrau macht das ebenso mit ihren Eiern. Immerhin sind sie nicht geizig und geben Sperma und Eier massenhaft ab. Tatsächlich kommen diese dann auch irgendwie, irgendwo, irgendwann zusammen. Et voilà – aus dem befruchteten Ei entsteht eine kleine Larve. Diese setzt sich dann an einer Stelle auf dem Meeresgrund oder einem Riff fest und bleibt dort ihr Leben lang. Die festsitzende Version der Qualle nennt sich Polyp. Irgendwann beginnen aus diesem Polypen schwimmfähige Quallen, Medusen genannt, zu sprossen und das Ganze beginnt wieder von vorne. Die Medusengeneration vermehrt sich also geschlechtlich, die Polypengeneration ungeschlechtlich. Dieser Vorgang nennt sich Generationenwechsel.
Das ist aber nicht bei allen Quallen so. Einige, z.B. Hochseequallen, lassen das Polypenstadium aus, andere wiederum das Medusenstadium. So bestehen Korallenriffe aus Polypen, die kein Medusenstadium mehr haben. Und die gefürchtete Portugiesische Galeere besteht nur aus voneinander abhängigen Polypen. Die einzelnen Tiere haben sich zu einem grossen Individuum zusammengeschlossen. Dabei haben sich die Einzeltiere spezialisiert, die einen beispielsweise aufs Fressen, die anderen auf die Fortbewegung.
Der englische Name der Portugiesischen Galeere ist „Floating Terror“. Diese Bezeichnung entbehrt nicht einer gewissen Dramatik. Grund dafür sind die Nesselzellen, die fast alle Quallen auf ihren Tentakeln haben, und die schon manchem Schwimmer schmerzhaft verletzt haben. Die Portugiesische Galeere nimmt dabei auf der Schmerzskala einen Spitzenplatz ein. Quallen brauchen die Nesselzellen, um ihre Beutetiere zu lähmen. Das sind meist Kleinkrebse, bei grösseren Quallen stehen aber auch kleine Fische oder andere Quallen auf dem Speiseplan. Der Abschuss der Nesselzellen wird durch zwei verschiedene Reize ausgelöst: durch Berührung und durch chemische Reize. Quallen reagieren dabei offenbar auf verschiedene Stoffe, die sich auf der Haut von Beutetieren oder Fressfeinden befinden. Sie sind in der Lage, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, was erklärt, warum die Seeanemone den Anemonenfisch nicht zum Frühstück verspeist. All die Nesselzellen nützen indes wenig, wenn eine Meeresschildkröte naht: Die frisst die Quallen mit Tentakel und Schirm einfach auf.
Quallen gehören zu den Lebewesen, die am besten mit der zunehmenden Übersäuerung und Verschmutzung der Meere klarkommen. Während Fische und Meeressäuger unter den sich verändernden Bedingungen leiden, geht es Quallen prächtig damit. Fischer, die in den Mündungsgebieten grosser Flüsse in Asien und Afrika unterwegs sind, finden immer mehr und immer grössere Exemplare. Quallen brauchen – im Gegensatz zu Fischen – nur wenig Sauerstoff und auch Rückstände aller Art machen ihnen nichts aus.
Seit über 600 Millionen Jahren gibt es Quallen und so wie es aussieht, bleiben sie noch eine Weile. Mit der Einschränkung, dass der Mensch nicht wäre, der er ist, wenn er nicht auch bei Quallen einen gewissen kommerziellen Nutzen entdeckt hätte. So zerhäckselt eine Firma in Kiel seit einigen Jahren tonnenweise Ohrenquallen, um aus ihnen BSE freies Kollagen zu gewinnen. Heilsam für angeschabte Menschenknorpel, gut gegen Falten, eher unschön für die Ohrenqualle.
Medusen sind keine Meisterschwimmer. Sie können zwar mit Hilfe von Muskeln ihren Schirm zusammenziehen und sich so fortbewegen, gegen stärkere Wellenbewegungen und Strömungen kommen sie aber nicht an. Ergo ist es eher Zufall, wenn Quallen massenhaft vor irgendeiner Urlaubsinsel auftauchen. Quallen sind von Wesen und Charakter her ohnehin eher unkomplizierte Zeitgenossen. Sie leben im Hier und Jetzt, haben, wie erwähnt, keine grossen Ansprüche und auch keinerlei böse Absichten oder Hintergedanken. Das mag daran liegen, dass ihnen der grösste Stolperstein auf dem Weg zur Erleuchtung – das Gehirn – dabei nicht im Wege steht. Quallen besitzen nämlich keines.
Kathi Keinstein (Dienstag, 05 Februar 2019 14:07)
Ich finde Quallen unglaublich faszinierend, besonders wenn ich Gelegenheit habe, ihnen aus sicherem Abstand beim Treiben im Wasser zuschauen zu können. Wie befremdlich (und vermutlich auch
deshalb schnell mal abstossend) diese Tiere auf uns wirken, wird mir dabei nur noch selten bewusst.
Vor ein paar Monaten dafür aber besonders deutlich: Als im Aquarium in Konstanz ein kleiner Junge neben mir am Quallenbecken sich an seine Mutter wandte: "Mama, sind das auch Tiere?" Das wusste die Mutter noch mit einem klaren "Ja" zu beantworten. Die nächste Frage hat sie da schon mehr ins Stocken gebracht: "Wo fühlen die sich wohl?" Hier würden die beiden die Antwort jedenfalls finden :).
Ende des letzten Jahres haben wir übrigens Australien bereist - die Heimat einiger der unangenehmsten Besitzer von Nesselarmen. Da empfehlen die Australier dringend, nur in Ganzkörperbadekleidung ("stinger suits") ins Meer zu gehen - und haben für ihre Küstenstadbewohner ein kostenloses Schwimmbecken direkt am Strand. Gesehen haben wir in freier Wildbahn aber keine einzige Qualle - weder Medusen noch Staatsquallen. Im November und Dezember scheinen die (zu unserem Glück) wohl fern von Australiens Küsten herum zu treiben.
Liebe Grüsse,
Kathi