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Zurflüh-Vetsch, Fritz (1910-1993)--DB3963
Person
Lebensdaten
31.03.1910-19.07.1993
Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort
Wynigen (BE)
Zivilstand, Konfession, Nachkommen
Verheiratet 1938 mit Marie Zurflüh-Vetsch; 2 Töchter, Marianne und Elisabeth
Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen
Sohn des Franz Zurflüh, Bauer, und der Anna Meister
Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit
Ausbildung
Ing. Agr. ETHZ 1930-1933; Institut Humboldtianum in Bern; Landwirtschaftliche Schule Waldhof; Welschlandjahr; Sekundarschule in Wynigen
Berufsausübung
Landwirtschaftliche Schule Rütti: Direktor 1954-1976 (als Nachfolger von Christen, Ernst (1884-1959)--DB3992 und Vorgänger von Niklaus, Peter--DB2565), Lehrer 1942-1954; Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement (EVD): Sektionschef-Stellvertreter für landwirtschaftliche Produktion im Eidgenössischen Kriegsernährungsamt 1942; Landwirtschaftlicher Kantonalverein SO; Bauernhilfskasse Solothurn; Schweizerisches Bauernsekretariat: Mitarbeiter der Buchhaltungsabteilung und des Schätzungsamtes 1934-1935; Mitarbeit auf dem elterlichen Hof
Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen
Schweizerischer Landwirtschaftlicher Verein (SLV): Vizepräsident 1977-1985 (als Nachfolger von Bernhard, Gottlieb (1908-1986)--DB296 und Vorgänger von Spreng, Hans (1926-1990)--DB3383); SBV: Mitglied des grossen Vorstandes, Mitglied der Arbeitsgruppe für die Lenkung der landwirtschaftlichen Produktion 1968-; Schweizerischer Saatzuchtverband (SZV): Präsident 1969-1980 (als Nachfolger von Piot, Jean-Claude (1927-2011)--DB2723 und Vorgänger von Golay, Etienne--DB1299), Vizepräsident 1966-1969 (als Nachfolger von Marbach, Walter (1895-1967)--DB2246 und Vorgänger von Deriaz, Louis--DB802), Vorstandsmitglied 1964-1966; Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften Bern und benachbarter Kantone (VLGB): Mitglied Verwaltungsausschuss 1963-; Bernische Saatzuchtgenossenschaft (BSG): Präsident 1962-1971 (als Nachfolger von Bracher-Dür, Hans (1889-)--DB473 und Vorgänger von Waber-Schwander, Hansruedi (1924-1991)--DB3691), Ehrenmitglied; Expertenkommission für die Errichtung eines Schweizerischen Landwirtschaftlichen Technikums: Präsident 1958-1968; Arbeitsgemeinschaft für das Versuchs- und Beratungswesen im schweizerischen Zuckerrübenbau: Erster Präsident 1956-1981 (als Vorgänger von Pilloud, Charles (1930-2008)--DB2722); Oekonomische und gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG): Präsident 1976-1983 (als Nachfolger von Bernhard, Gottlieb (1908-1986)--DB296 und Vorgänger von Spreng, Hans (1926-1990)--DB3383), Vorstandsmitglied 1954-, Mitglied der Kommission für Bildungswesen und Volkswirtschaft; Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF): Vorstandsmitglied 1954-1968; Confédération internationale des ingénieurs et techniciens de l'agriculture; Confédération internationale des betteraviers européenne: Vorstandsmitglied 1952-; Schweizerischer Verband der Lehrer an landwirtschaftlichen Schulen und der Ingenieur-Agronomen (SVIAL): Präsident 1953-1956 (als Nachfolger von Chavan, Jean-Pierre (1915-2003)--DB693 und Vorgänger von Sandoz, Fernand (1908-1982)--DB3023), Vizepräsident 1950-1953, Kassier 1944-1950 (als Nachfolger von Egli, Hans (1894-1969)--DB914 und Vorgänger von Marschall, Franz (1916-1983)--DB2260); Schweizerische Vereinigung der Rübenpflanzer der Zuckerfabrik Aarberg: Sekretär 1944-1964; Milchverband Bern: Vorstandsmitglied
Funktionen in anderen Institutionen
Infanteriemajor
Funktionen in der Politik
Einwohnergemeinde Zollikofen: Gemeinderatspräsident 1957-, Gemeinderat 1952-1957
Biographische Skizze
Fritz Zurflüh war von 1954 bis 1976 Direktor der landwirtschaftlichen Schule Rütti. Sein Wirken im bäuerlichen Bildungswesen, in den landwirtschaftlichen Organisationen, als Saatzüchter, Pflanzenbauer und Tierzuchtexperte auf nationaler und internationaler Ebene illustriert, dass in der OGG, die Zurflüh von 1976 bis 1983 präsidierte, auch im 20. Jahrhundert äusserst vielseitige Menschen tätig waren.
Nach Abschluss der Sekundarschule in Wynigen absolvierte Zurflüh zuerst ein Welschlandjahr auf einem Betrieb im waadtländischen Lucens, besuchte dann während zwei Wintern die landwirtschaftliche Schule Waldhof und bereitete sich anschliessend am Humboldtianum in Bern auf die Aufnahmeprüfung an der ETHZ zum Agronomiestudium vor. Nach seiner Diplomierung 1933 arbeitete er zuerst auf dem elterlichen Betrieb, dann beim Schweizerischen Bauernverband und bei der Bauernhilfskasse in Solothurn sowie in der Verwaltung, wo er 1942 Stellvertreter des Sektionschefs für landwirtschaftliche Produktion im Kriegsernährungsamt wurde. Noch im gleichen Jahr wurde er als Lehrer an die landwirtschaftliche Schule Rütti gewählt. Als der 32-Jährige im Herbst 1942 hier begann, Pflanzenbau zu unterrichten, hatte er einen für die Agronomen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geradezu 'klassischen' Werdegang hinter sich: Herkunft aus dem bäuerlichen Milieu und eine weitgehend autodidaktische Vorbereitung auf das zielstrebig absolvierte Hochschulstudium, dem vor der Aufnahme der Lehrtätigkeit in der landwirtschaftlichen Ausbildung ein erneutes Engagement in der landwirtschaftlichen Praxis folgte.
Was Zurflüh den meisten seiner Agronomen-Kollegen voraushatte, war sein unbändiger Wille, 'vorwärts' zu kommen. Für den ehrgeizigen jungen Mann war von Anfang an klar: Er wollte nicht Landwirtschaftslehrer bleiben, sondern 'Lehrer' und 'Erzieher' sein und noch vieles anderes dazu werden. Sein Motto, 'Stillstand wäre Rückschritt', gab er auch seinen Schülern zu bedenken. Zurflüh hatte sich schon während seines Studiums bei landwirtschaftlichen Organisationen, also potenziellen Arbeitgebern junger, diplomierter Agronomen, nach deren Tätigkeit und Funktionieren erkundigt. Zwar fand er seine Haupttätigkeit dann im landwirtschaftlichen Bildungswesen, übernahm aber nebenamtlich unzählige Chargen in landwirtschaftlichen Organisationen. So beispielsweise die Geschäftsführung der Zuckerrübenpflanzervereinigung oder das Präsidium der Pflanzenbaukommission der OGG, der bernischen Saatzuchtgenossenschaft und des Schweizerischen Saatzuchtverbandes. Zurflüh nutzte diese Ämter sowohl zur Weiterentwicklung des Pflanzenbaus auf dem Gutsbetrieb der Rütti als auch zur Pflege der Beziehungen zur Suisse romande und über die Landesgrenzen hinaus. Er war ein aufmerksamer Beobachter internationaler Entwicklungen wie der 1972 einsetzenden weltweiten Getreide- und Eiweissknappheit, an deren Beispiel er den Bauern die Notwendigkeit zur Rationalisierung der Produktion und Ertragssteigerung auf den Höfen bildlich erläuterte. Auf rund drei Dutzend Fachreisen im Ausland studierte er auch die landwirtschaftlichen Verhältnisse ausserhalb der Schweiz.
Die in der landwirtschaftlichen Praxis fussende Perspektive Zurflühs prägte auch sein Engagement als Bildungspolitiker. Schon als Präsident des Berufsverbandes der Agronomen begann er Mitte der 1950er-Jahre den Ausbau des landwirtschaftlichen Bildungswesens zu thematisieren. Mit dem Argument, dass die Ausbildungszeit an den Fachschulen seit 100 Jahren gleich geblieben sei, der Stoff aber massiv zugenommen habe, setzte er sich ab 1957 unter anderem als Präsident einer Expertenkommission für die Schaffung eines landwirtschaftlichen Technikums ein, an dem Agrartechniker vor allem für das Beratungswesen und die Kontrolle des Vollzugs der agrarpolitischen Massnahmen durch die Verbände ausgebildet werden sollten. Dass er 1967 dann nicht Direktor des auf dem Rütti-Areal gebauten Technikums, der heutigen Hochschule für Landwirtschaft, werden wollte, hängt damit zusammen, dass er, wie er sagte, 'Bauer' bleiben wollte: Er wolle nicht auf die schönen Weizenfelder und Tierbestände des Gutsbetriebs der Rütti verzichten.
Seit Beginn seiner Lehrtätigkeit auf der Rütti hatte er sich für einen Ausbau der landwirtschaftlichen Ausbildung im Allgemeinen und derjenigen auf der Rütti im Speziellen eingesetzt. Seinen Lehrerkollegen Bieri, Hermann (1910-2011)--DB340, der im Auftrag der OGG seit 1947 für den Ausbau der landwirtschaftlichen Berufslehre im Kanton Bern zuständig war, ermahnte Zurflüh Anfang der 1950er-Jahre wiederholt, die Jahresschule auf der Rütti nicht durch einen forcierten Ausbau des Lehrlingswesens zu torpedieren. Die zunehmende Nachfrage nach Lehrlingen führte nämlich dazu, dass immer mehr Jünglinge der Absolvierung einer Lehre gegenüber dem Besuch der Jahresschule den Vorzug gaben. Denn neben einer solideren praktischen Ausbildung bot eine Lehrstelle auf einem gut geführten Bauernbetrieb erst noch den Vorteil, dass nicht – wie in der Jahresschule – Kostgeld zu entrichten war, sondern ein bescheidener Lohn gezahlt wurde.
Besonders wichtig war Zuflüh die in die landwirtschaftliche Welt eingebettete Autonomie der Fachschulen. Als die kantonale Landwirtschaftsdirektion Anfang der 1950er-Jahre vorschlug, die Lehrer an den landwirtschaftlichen Schulen erst nach dem Besuch pädagogischer Kurse bei Primar- und Seminarlehrern definitiv zu wählen, wandte er sich mit dem Argument dagegen, er wolle nicht, dass am Ende Schulinspektoren den landwirtschaftlichen Fachschulen dreinredeten. Sein Kampf für die Autonomie basierte aber nicht auf Zufriedenheit mit dem Status quo. Im Gegenteil: Lehrerkollegen, die sich Mitte der 60er-Jahre für die Übernahme von Vorbereitungskursen für das geplante Technikum nicht erwärmen konnten, gab er zu bedenken, dass die Rütti hier gerade deshalb zugreifen müsse, weil damit auch innerhalb der Fachschulen etwas Neues entstehen könnte. Auch setzte er sich immer wieder dafür ein, dass die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse dem Rütti-Personal zugänglich waren.
Doch für Zurflüh war die Wissenschaft nie Selbstzweck, sondern immer in den Dienst der landwirtschaftlichen Praxis zu stellen. So setzte er sich mit grossem Engagement dafür ein, dass auf dem Gutsbetrieb die Reinhaltung der Getreidesorten in Zusammenarbeit mit den Forschungsanstalten auch dann noch praktiziert wurde, als das wegen der zunehmenden Motorisierung der Getreideernte einen zusätzlichen Aufwand bedeutete. Auf den Rütti-Feldern duldete er keine Blacken und interessierte sich für jedes betriebliche Detail. Kühe waren für ihn nie nur Tiere, die Milch und Fleisch zu liefern hatten, sondern sie sollten auch in den 1960/70er-Jahren immer noch auch 'schön und rund' sein, wie sich ein ehemaliger Werkführer erinnert. Dieser Praxisbezug machte Zurflüh auch zu einer respektierten 'Leitfigur' für die Meisterbauern im Kanton Bern.
So wie Fritz Zurflüh sich mit Haut und Haaren 'seiner' Rütti verschrieben hatte, so stellte sich auch seine Familie in den Dienst der ältesten landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte im Kanton Bern. Seine Frau Marie Zurflüh-Vetsch galt als 'gütige Hausmutter'. Auch seine Töchter wurden Teil des Rütti-Betriebs: Marianne erteilte denjenigen Schülern, die nicht deutscher Muttersprache waren, zuweilen Nachhilfeunterricht, wenn kein Lehrer zu finden war, und Elisabeth heiratete den Rütti-Jahresschüler Mehmet Adakan, mit dem sie in die Türkei zurückkehrte, wo die beiden einen grossen Landwirtschaftsbetrieb führten.
Autor: Peter Moser
Quellen und Literatur
Eigene Publikationen
Quellen
- AfA Personendossier Nr. 143
- Die Grüne. Schweizerische landwirtschaftliche Zeitschrift 28.03.1980, S. 7-14
- Moser, Peter: Fritz Zurflüh - Schuldirektor, Bildungspolitiker, Pflanzenbauer, Viehexperte, in: Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG (1759-2009). Herausgegeben von Martin Stuber, Peter Moser, Gerrendina Gerber-Visser und Christian Pfister, unter Mitarbeit von Dominic Bütschi, Bern-Stuttgart-Wien, 2009
- 50 Jahre Schweizerische Fachstelle für Zuckerrübenbau, 2006
Schlagworte
Suisse - SchweizKanton BernArbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF)Landwirtschaftliche Schule Rütti - ZollikofenMilchverband BernOekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG)Schweizer BauernverbandSchweizerischer Landwirtschaftlicher Verein (SLV)SVIALSolothurnischer Bauernverband (SOBV)SwisssemVerband Landwirtschaftlicher Genossenschaften von Bern und benachbarter Kantone (VLG)Schweizerische Fachstelle für Zuckerrübenbau (SFZ)Bernische Saatzuchtgenossenschaft (BSG)Akademisch-Landwirtschaftlicher Verein an der ETH Zürich