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Den Schmerz wählen
Die ältere Dame liegt im Sterben. Der Ehemann sitzt daneben. Er hält ihre Hand. Er weint. Es schüttelt ihn. Er hatte mit dieser Frau mehr als 40 Jahre zusammen verbracht; sie hatten Kinder grossgezogen, Freuden und Leiden geteilt, kannten sich so gut wie niemand anders. Wenn dann einer stirbt, bleibt einer zurück. Der Schmerz dieses Zurückbleibens ist die andere Seite der Liebe.
Wer einen solchen Schmerz vermeiden will, darf sich auf die Liebe nicht einlassen. Manchmal, wenn es passt, frage ich Angehörige, die sich von jemandem verabschieden müssen: Angenommen, Sie hätten die Möglichkeit und könnten sich entscheiden zwischen zwei Optionen: a) Sie hätten den Menschen, von dem Sie sich jetzt verabschieden müssen, gar nie kennengelernt. Sie hätten also all das Gute und Schöne, das Sie mit ihm erlebt haben, nicht erlebt - und müssten jetzt auch nicht den Schmerz des Abschieds hinnehmen. Oder b) Ihr Leben wäre genau so verlaufen, wie es jetzt eben verlaufen ist - mit all dem Schönen, aber auch mit dem Schmerz des Abschieds, der Sie jetzt überwältigt. Welche Option würden Sie wählen?
Ich habe noch nie erlebt, dass jemand Option a) gewählt hätte. William Faulkner soll einmal gesagt haben: «Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Schmerz und dem Nichts, wähle ich ohne zu zögern den Schmerz.»
Hubert Kössler, kath. Co-Leiter Seelsorge Inselspital
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