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Pascale Criton – Im Kontinuum des Klangs
Mit der Mikrotonalität gelangt man in den atomaren Bereich der Musik. Die Französin Pascale Criton ist eine Pionierin auf diesem Gebiet.
Thomas Meyer — Lange ziehen sich die Klänge, fluktuieren sanft, überlagern einander stets auf neue Weise, durchdringen einander – das klingt wie elektronische Musik, ist aber auf zwei Akkordeons im Vierteltonabstand realisiert: die Wander Steps, komponiert 2018 von der Französin Pascale Criton. Der Klang wandelt sich minimst, aber kontinuierlich. Man könnte von einem Klangkontinuum sprechen, und tatsächlich ist dieser Begriff für die Komponistin zentral. Ein berühmter Aussenseiter in der Musik des 20. Jahrhunderts verwendete ihn bereits: Ivan Wyschnegradsky (1893-1979) verstand darunter einen ultrachromatischen, mikrotonalen Tonraum.
Bei Criton weitet sich der Begriff «continuum sonore» aus auf alle Bereiche des Klangs: auf das Timbre, das Geräusch, den Puls, ja darüber hinaus ins Systemische, auf das Leben. Vor allem aber denkt sie sich dieses Klangkontinuum nicht mehr in Skalen, sondern unendlich variabel. Eine fixe Grammatik, ein System gibt es darin nicht mehr, Criton spricht von ständiger Transformation, von Metastabilität. Und das heisst auch: der Klang lässt sich nicht mehr bis in die letzte Nuance der Tonhöhe kontrollieren. Vielmehr geht sie von Variablen aus, die nebeneinander existieren. «Natürlich muss man für die Interpreten fixieren, was sie zu tun haben, aber nicht, um das kontrollierbare Resultat zu erreichen.» Und gleich bemerkt sie, dass das eigentlich zu schwache Worte sind, da sie alles wieder zu sehr terminieren.
Pascale Criton, geboren 1954 in Paris, gilt als Schülerin von Wyschnegradsky und Gérard Grisey. Der Exilrusse erkundete einst die Ultrachromatik, der Franzose war ein Vertreter der Spektralmusik, die ins Innere des Klangs, in den Bereich der Obertöne vordrang. Der «Unterricht» bei beiden sei allerdings eher ein Austausch gewesen, ein Dialog, erzählt sie. Ein dritter Lehrer war schliesslich Jean- Étienne Marie, der sich ebenfalls intensiv mit Mikrotonalität befasste. Ausserdem hat Pascale Criton Kurse in elektronischer Musik am IRCAM besucht und Musikwissenschaft studiert, wobei sie sich mit aussereuropäischen Musiken beschäftigte.
Einer Schule oder einem Stil lässt sie sich nicht zuordnen, ihre Stücke sind zum Teil sehr unterschiedlich im Konzept und in der Wirkung. Das Stück Thymes (1987-88) für Viertelton-klavier und Tonband ist mit seinen raschen Gesten weit entfernt von den Wander Steps, dieses wiederum von der wenig älteren Chaoscaccia für Cello solo. Erarbeitet hat Criton diese virtuose Musik zusammen mit der Interpretin Deborah Walker, die im Werkverzeichnis als Co-Autorin erscheint.
Vieles nämlich entsteht hier im Spiel. Der Mikroton ist hier nicht bis ins letzte Sechzehntel auskomponiert, sondern wird mit einer gewissen Freiheit aus dem Moment heraus gehandhabt. Das hat, auch wenn Criton die Kontrolle zurücknimmt, nichts mit Zufälligkeit zu tun. Es ist durchaus eine musikalische Verbindlichkeit vorhanden, aber der Raum ist flexibel.
«Rien n’est établi pour toujours.»
Von da lassen sich Parallelen zum Denken eines Gilles Deleuze und eines Félix Guattari ziehen: zu zwei Denkern, die philosophische, psychiatrische, gesellschaftliche, künstlerische Fragen zusammenführten. Sie entwarfen etwa das Konzept einer Deterritorialisierung und einer Nicht-Identität. Criton hat sich jahrelang damit auseinandergesetzt. Nichts ist mehr ein für alle Mal definiert, nichts mehr voreingenommen, sondern alles variabel. Wenngleich die Analogien zu Deleuze nicht strapaziert werden sollten: Genau da setzt Critons Musik an, bei dieser Variabilität des Tons, aus der eine Lebendigkeit und eine Aktion entsteht.
Etwas vom Wunderbarsten darin ist, dass die Instrumente kaum mehr so klingen, wie wir sie gewohnt sind. I Double für zwei Gitarren verwandelt sich in ein minimalistisches Feuerwerk. Out für Ondes Martenot klingt nicht mehr süss, sondern sehr geräuschhaft. Auch diese Klänge werden Teil eines Kontinuums.