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Nicolas Guigas, welches sind die Schwerpunkte der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit in Tadschikistan?
Gemäss der Kooperationsstrategie der Schweiz in Zentralasien für 2012–2015 konzentriert sie sich auf die vier Bereiche Gesundheit, Zugang zu Trinkwasser, Entwicklung des Privatsektors und Förderung der Rechtsstaatlichkeit. Dazu kommen in allen drei Ländern Zentralasiens (Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan) die Wasserbewirtschaftung und die Prävention der damit verbundenen Konflikte und Naturkatastrophen. Ausserdem unterstützt die Schweiz das Kunst- und Kulturschaffen in Tadschikistan und in ganz Zentralasien.
Zum Gesundheitsbereich: Welches sind die grossen Fortschritte der letzten 15 Jahre?
Zu Sowjetzeiten war die Sozialistische Republik Tadschikistan die ärmste Republik der Union und wurde von Moskau in hohem Masse unterstützt: Vor allem das Gesundheitssystem wurde stark subventioniert. Dadurch hatte die ganze Bevölkerung Zugang zu einer angemessenen und bezahlbaren Gesundheitsversorgung. Dieses System, das auf einem Netz von spezialisierten Spitälern beruhte, war allerdings relativ kostenintensiv.
Nach der Auflösung der Sowjetunion brach die Wirtschaft Tadschikistans wie jene der anderen Sowjetrepubliken zusammen, und die Zahlungen aus Moskau blieben über Nacht aus. Im darauf folgenden Bürgerkrieg wurde die Infrastruktur weitgehend zerstört oder beschädigt, und viele qualifizierte Personen verliessen das Land, um den Kämpfen und der Not zu entkommen. Am Ende des Krieges lagen das Land und das Gesundheitssystem in Trümmern. 1997 war das BIP pro Kopf nur noch ein Viertel so hoch wie 1988, und die Gesundheitsindikatoren waren katastrophal.
Angesichts der beschränkten personellen und finanziellen Ressourcen Tadschikistans war an einen Wiederaufbau des medizinischen Versorgungsnetzes wie zu Sowjetzeiten nicht zu denken. Mit Unterstützung der Entwicklungspartner, insbesondere der Schweizer Zusammenarbeit, hat die tadschikische Regierung ein dezentrales Versorgungssystem und Hausarztnetze entwickelt. Dieses System weist zahlreiche Vorteile auf: Die Kosten sind niedrig, der Schwerpunkt liegt auf der Prävention und der Früherkennung von gesundheitlichen Problemen, und es erreicht ärmere Bevölkerungsgruppen in abgelegenen ländlichen Gebieten. Gleichzeitig wurden Hunderte von Gesundheitszentren wieder aufgebaut oder rehabilitiert und mit den wichtigsten Medizinprodukten ausgestattet und über 400 Ärztinnen und Ärzte und 700 Pflegefachpersonen in dieser Art von medizinischer Erstversorgung ausgebildet. Daneben unterstützte die Schweizer Zusammenarbeit die staatliche medizinische Universität Tadschikistans bei der Entwicklung eines Studiengangs, der internationalen Standards entspricht.
Während die Bevölkerung vor 15 Jahren grossmehrheitlich keinen Zugang zu medizinischer Versorgung mehr hatte (abgesehen von den Leistungen der internationalen Nothilfe), kommt heute mehr als ein Viertel der Bevölkerung in den Genuss dieser neuen Einrichtungen. Es bleibt jedoch noch viel zu tun. Dringend nötig ist eine Erhöhung des Budgets für die Gesundheitsausgaben durch die tadschikische Regierung. Dazu muss aber zwingend mehr Wohlstand generiert und eine breitere Steuerbasis geschaffen werden, insbesondere dank dem Ausbau des Privatsektors.
Genau, die Schweiz konzentriert sich auch auf die Entwicklung des Privatsektors in Tadschikistan. Wo liegt Ihrer Meinung nach das grösste Potenzial des Landes?
Tadschikistan ist ein Gebirgsland (93% des Staatsgebiets sind gebirgig, und der Pik Somoni – früher bekannt als «Pik Kommunismus» – weist eine Höhe von nahezu 7500 m auf) mit einer sehr gastfreundlichen Bevölkerung, grandiosen wilden Landschaften und einer jahrtausendealten Kultur. Das touristische Potenzial ist riesig. Aber leider ist Tadschikistan ausserhalb der ehemaligen UdSSR praktisch unbekannt. Ich erinnere mich, als ich 2008 in Genf das Flugzeug nahm, um meinen Posten in Duschanbe anzutreten, fragte mich die Angestellte in der Gepäckabfertigung, wo Tadschikistan liegt: Sie hatte noch nie von diesem Land gehört und konnte sich nicht erinnern, in den über zehn Jahren, in denen sie am Flughafen arbeitete, jemals einen Passagier getroffen zu haben, der dorthin flog. Als ich ihr sagte, Tadschikistan sei eine ehemalige Sowjetrepublik nördlich von Afghanistan, meinte sie: «Oh, es muss aber sehr gefährlich sein, dahin zu gehen!» Nein, ist es nicht: Wenn man sich an die üblichen Sicherheitsregeln hält, ist Tadschikistan ein äusserst sicheres Land mit einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate.
Dank dem langen, heisstrockenen Sommer bringt Tadschikistan Früchte und Gemüse von unübertroffener Qualität hervor, wie z. B. die Aprikosen aus dem Fergana-Tal und Berge von Wassermelonen und Melonen in allen Grössen und Formen. Es besteht ein grosses Exportpotenzial für diese Produktion in Form von Frischobst, Trockenfrüchten oder als Fruchtsaft, vor allem in die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die kein so günstiges Klima aufweisen.
Tadschikistan ist ein bedeutender Baumwollproduzent und hat dank seinem niedrigen Lohnniveau eine auf bestimmte Nischen spezialisierte Textilindustrie aufgebaut. Im Zuge der Gründung der euroasiatischen Zollunion, der zurzeit Weissrussland, Russland und Kasachstan angehören und bald auch Kirgisistan und Tadschikistan beitreten dürften, könnte das Land als Produktionsbasis für die globale Textilindustrie dienen und seine Erzeugnisse zu Vorzugstarifen in der Zollunion absetzen.
Und im Wasserbereich: Welche grundlegenden Veränderungen bewirkt der Zugang zu Trinkwasser im Alltag der Bevölkerung?
Zu Sowjetzeiten stand der städtischen Bevölkerung Trinkwasser rund um die Uhr und zu äusserst günstigen Preisen zur Verfügung, weil die Wasserversorgung stark subventioniert war. In Duschanbe z. B. tranken die Menschen das Leitungswasser, wie wir es in der Schweiz gewohnt sind! Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion und des Bürgerkriegs wurden die Wasserversorgungssysteme vernachlässigt, und ihr Zustand verschlechterte sich. In Khudjand, der zweitgrössten Stadt des Landes, waren 2005 nur 75 % der Haushalte an das Wassernetz angeschlossen und wurden lediglich 8 bis 12 Stunden pro Tag mit Wasser von schlechter Qualität versorgt, welches vor dem Trinken abgekocht werden musste. Natürlich war niemand bereit, dafür zu bezahlen, nachdem das Trinkwasser früher ununterbrochen und nahezu gratis geflossen war.
In Partnerschaft mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gewährte die Schweiz Vodakanal, dem kommunalen Wasserversorger von Khudjand, finanzielle und technische Unterstützung bei der Sanierung des Systems. Heute hat die gesamte Bevölkerung der Stadt, d.h. 165000 Personen, rund um die Uhr Zugang zu Trinkwasser. In allen Haushalten wurden Zähler installiert, die den Wasserverbrauch genau messen. Dadurch wurde die Bevölkerung für die Problematik der Wasserverschwendung sensibilisiert, und der Pro-Kopf-Verbrauch konnte zwischen 2005 und 2013 von 680 Liter auf 465 Liter gesenkt werden. Heute werden die Wasserrechnungen von den Konsumentinnen und Konsumenten bezahlt (dank dem Zählersystem kann die Wasserzufuhr an nicht zahlende Haushalte unterbrochen werden), so dass Vodakanal über die notwendigen Einnahmen verfügt, um die Sanierung der Wasserversorgung weiter voranzutreiben und das eigene Dienstleistungsangebot zu verbessern. Aufgrund des Erfolgs in der Stadt Khudjand hat die Schweizer Zusammenarbeit beschlossen, in elf weiteren Städten Tadschikistans ein ähnliches Programm zu lancieren.
Die Schweizer Zusammenarbeit unterstützt zudem die Schaffung von Trinkwassernetzen in ländlichen Gebieten, in denen die Bevölkerung nur die Wahl hat, entweder das meist verschmutzte Wasser aus den Bewässerungskanälen zu nutzen oder für teures Geld mehr oder weniger trinkbares Wasser zu kaufen, das in Tanklastwagen angeliefert wird. Nahezu 60000 Personen in zahlreichen stadtnahen Dörfern und Wohnvierteln kamen in den Genuss dieser Programme, mit eindrücklichen medizinischen Folgen: Die Prävalenz von Krankheiten wie Hepatitis A verringerte sich in diesen Pilotregionen um 95%, die Fälle von chronischem Durchfall um 65%.
Die DEZA legt Wert auf ein konfliktsensibles Projektmanagement. Wie geht sie dabei genau vor?
Entwicklungsprogramme werden häufig in Ländern mit instabilen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen durchgeführt, die zu offenen Konflikten zu eskalieren drohen. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, eine friedliche und harmonische Entwicklung zu fördern und eine Verstärkung der Spannungen und Gewalt unbedingt zu vermeiden. Zur Erreichung dieses Ziels wurden verschiedene Instrumente entwickelt, um die Konfliktsituationen zu überwachen und zu analysieren und angemessen darauf zu reagieren.
Ein konkretes Beispiel: Im Zentrum Tadschikistans, in den Bergen, gibt es ein sehr armes Tal, das Rasht-Tal, das während des Bürgerkriegs eine Hochburg der Opposition und Austragungsort heftiger Kämpfe mit den Regierungstruppen war. Auch nach dem Krieg kam es dort immer wieder zu Scharmützeln zwischen Armee und Rebellen (letztmals im September 2010). Bis vor kurzem wurde dieses Tal von der Regierung und den Entwicklungsagenturen aus innenpolitischen und Sicherheitsgründen links liegen gelassen. In der Erkenntnis, dass Armut und Ausgrenzung die Spannungen verschärfen und Konfliktpotenzial bergen, beschloss die Schweizer Zusammenarbeit, ein Programm zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung und zur Schaffung eines Hausarztnetzes in diesem Tal zu lancieren. Dieses Vorhaben mit Pilotcharakter soll einerseits die Entwicklung dieser Region unterstützen und Spannungen abbauen, und andererseits den anderen Entwicklungsagenturen vor Augen führen, dass man im Rasht-Tal erfolgreich arbeiten kann.