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Glosse Nr.42 / 07. Dezember 2011

Begegnung auf der Wohnzimmerschwelle
Es war eines dieser Wechselbäder des Lebens, wo man eben noch entspannt im Sessel ein Buch las, um im nächsten Augenblick schon hektisch eine überkochende Pfanne mit Reis von der Herdplatte zu reissen. Manchmal ändert das Drehbuch des Alltags so schnell die Szenerie, dass man Mühe hat darin eine gute Figur zu machen. An diesem Dezembernachmittag war es bei mir daheim wieder einmal so weit, mit einem Kammerspiel für zwei Personen.
Ich war vertieft in den ersten Band des Urkundenbuchs der Stadt Basel. Dort folgte ich den Spuren des Bischofs Heinrich von Thun, als mich ein unerwartetes Geräusch aufhorchen liess. Es scheuchte mich hoch, mitten aus der Befreiung der Klöster Bürglen und St.Blasien vom Brückenzoll. Mit der Stimmung einer genervten Diva schlurfte ich forschend in den Wohnungsflur, wo mir unvermittelt ein wildfremder Mann gegenüber stand.
Seiner Physiognomie und seinem Habitus nach schloss ich, dass er einen sehr weiten Weg zurückgelegt hatte, um neben meinem Schirmständer aufzutauchen (wobei das Mittelmeer auf diesem Reiseweg eventuell eine Rolle gespielt haben könnte). Das weitere Geschehen offenbarte, dass es sich nicht um einen verirrten Besucher des Wohnblocks handelte, sondern vielmehr um einen Unbefugten auf der Suche nach unverschlossenen Türen.
Sein Gesicht bei meinem Auftreten verriet, dass ihn die Situation ebenso überraschte wie mich. Die Lage war für ihn ungünstig. Proportional liess sie sich am ehesten mit dem Gleichnis beschreiben, in dem Woody Allen von Gérard Depardieu beim Klauen in dessen Weinkeller ertappt wird. Mein exotischer Großstadtneurotiker nutzte seine körperliche Unterlegenheit zu seinem Vorteil, und verliess leicht und flink die Bühne.
In diesem Kontext hätte ich eigentlich die Rolle des Obelix ausfüllen müssen, und dem Fliehenden ein "Die Spinnen, die Einschleicher" nachschmeissen sollen. Das schien mir aber dem Moment zu wenig angemessen. Ich griff stattdessen auf das Vokabular von Archibald Haddock zurück, und erfüllte das Treppenhaus mit herzhaftem "Hundertausend heulende und jaulende Höllenhunde, Kartoffelkäfer, Süsswassermatrose, Tonnerre de Brest!"
Damit war der Einakter beendet. Die beiden Hauptrollen waren relativ schlicht angelegt. Die eine verlangte geschmeidiges aber auch flinkes Bewegen, während die andere körperliche Bühnenpräsenz und die Gabe zum Rezitieren saftiger Beleidigungen beanspruchte. Wie es sich danach zeigte, fand das Vorspiel zur dramatischen Hauptpassage an den Türen anderer Wohnungen im Block statt, und zwar vom obersten Stockwerk an absteigend.
In Einschleichers Testreihe war meine Tür die erste unverschlossene. Hinter ihr wartete Totenstille in einer scheinbar unbelebten Wohnung. Diese verlockende Konstellation hatte sich als trügerisch erwiesen. Der Rest ist nun bekannt. Ich entschloss mich zu einer britischen Vorgehensweise und kochte nach dem Informieren der Polizei einen Tee, um meine weiteren Reaktionen zu durchdenken. Einerseits bot sich hektischer Aktionismus an.
Nach dem System von Dr. Sheldon Cooper hätte ich den eiligen Umzug in einen Landesteil erwägen können, wo die Kriminalität in der Ödnis verhungerte. Dem stand entgegen, dass man in einer fernen Einsiedlerhütte nicht als Basler Stadtführer arbeiten konnte. Und solange sich eine solche Situation einzig durch mein Auftreten klären liess, gab es keinen Anlass wegzuziehen. Es hat manchmal durchaus Vorteile, wuchtig auftreten zu können.