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Der Bub schaut fasziniert einer Blaustirnamazone zu, wie sie theatralisch auf dem Sandboden umherschreitet, an einem Grashalm zupft, die Pupille verengt, sodass der orange Augenring im Sonnenlicht blitzt, um dann lieblich zu rufen: «Uhuuu!». Der Junge ist hingerissen von diesem Vogel. Er möchte am liebsten auch einen Papagei haben.
Der Wunsch, Tiere zu halten, zieht sich wie ein roter Faden durch die menschliche Kulturgeschichte. Die direkte Bezugnahme von Mensch und Tier kann durch nichts ersetzt werden. Es gibt Menschen, die es vorziehen, Tiere in der Natur zu beobachten. Andere sind von deren Haltung fasziniert. Sehr viel, was wir über Tiere wissen, entstammt Beobachtungen von Tieren unter menschlicher Obhut. Der Wunsch, Vögel zu halten, ist verständlich. Viele, die heute erfolgreiche Vogelpfleger oder gar -züchter sind, wurden als Kind geprägt, so wie der Junge in dieser Geschichte. Die Begeisterung für Papageien oder andere Vögel entstand, ja setzte sich im Kopf fest. Schlecht wäre es gewesen, wenn der Bub diesem Wunsch nachgegangen wäre und bald danach einen einzelnen, zahmen Vogel erworben hätte. In den seltensten Fällen kommt eine solche Haltung langfristig gut.
Viele Papageien werden aus einer falschen Vorstellung heraus gekauft
Die weltbekannte britische Papageienspezialistin Rosemary Low beschäftigt sich seit ihrer frühsten Kindheit mit Vögeln und insbesondere mit Papageien. Sobald sie schreiben konnte, notierte sie die Namen und Preise von Vögeln, die sie an Ausstellungen und in Zoohandlungen sah. Als junge Frau ging sie einst in eine Zoohandlung. Damals, in den Sechzigerjahren, kam gerade ein Import von Gelbstirnamazonen an. Ein Vogel spazierte geradewegs auf die junge Papageienliebhaberin zu und stieg ihr auf die Hand. Sie kaufte ihn. Litho sollte die nächsten 50 Jahre an ihrer Seite leben können, kam mit ihr nach Teneriffa, wo sie eine Stelle als Kuratorin im Loro Parque erhielt, wechselte nach Gran Canaria und reiste wieder zurück in die Grafschaft Nottinghamshire, bis der Vogel dann im ungefähren Alter von 50 Jahren an Altersschwäche verstarb. Eine grosse Seltenheit. Wer kann einen Vogel sein Leben lang halten und ihm gerecht werden? In der heutigen Zeit wohl niemand. Spontankäufe sind immer schlecht. Bei Vögeln wirken sie sich oft verheerend aus. Ein Vogelkauf will überlegt sein.
«Würden Sie Ihrem Kind ein Araberpferd kaufen, nur weil es den Wunsch äussert, reiten lernen zu wollen?» fragt Low in einem ihrer Bücher. Nur weil jemand begeistert von Papageien ist, heisst das noch lange nicht, dass er ihnen langfristig eine gute Unterkunft und Haltung gewähren kann. Wer sich Papageien anschaffen will, muss es sich gut überlegen, denn Papageien haben kein begrenztes Alter wie ein Hund, sondern können 50 Jahre alt werden und, um nochmals Rosemary Low zu zitieren, benehmen sich oft wie ein kleines Kind, das nie erwachsen wird.
Warum warne ich so eindringlich? Ich war doch einst auch als Kleinkind von Papageien fasziniert, bin seit Kindheit begeisterter Halter und beschäftige mich seit ich mich erinnern kann mit diesen Vögeln. Als Züchter habe ich mir zukünftige Käufer immer gut ausgesucht. Nichtsdestotrotz war ich aber immer mal wieder enttäuscht, wenn schon nach zwei Jahren die Vögel nicht mehr gehalten, sondern einfach weitergegeben wurden.
Zudem belastet mich die Situation der Auffangstation für Papageien und Sittiche APS in Matzingen TG. Dass es diese Institution gibt, ist gut und wichtig. Doch sie ist auch ein trauriges Zeugnis, denn all die Papageien dort konnten aus irgendwelchen Gründen nicht mehr gehalten werden. Sicher haben sie in der APS nun ein sehr gutes Leben, haben stets Beschäftigung, können Freundschaften mit anderen Papageien eingehen und können von der besten veterinärmedizinischen Versorgung profitieren.
Es gibt auch immer wieder verständliche Gründe, warum Papageien abgegeben werden müssen. Leider werden aber immer noch viele Papageien aus Leichtsinn, aus einer blossen Begeisterung und mit falschen Vorstellungen gekauft. Das gilt es zu vermeiden.
Wer sich also einen zahmen Vogel wünscht, der lustig ist, mit einem schmust, spricht und pfeift, der hat sich zu wenig mit Papageien beschäftigt, denn kurz oder lang wird er enttäuscht sein. Es ist heute gesetzlich vorgeschrieben, dass immer zwei artgleiche Vögel zusammen gehalten werden müssen, auch Wellensittiche. Somit entfällt der Traum des zahmen, einzelnen Papageis.
Es ist sinnvoller, mit kleineren, weniger anspruchsvollen Arten zu beginnen
Nicht nur das hohe Alter von Amazonen und Graupapageien, auch die lauten Stimmen, besonders die von Amazonen, sind oft dafür verantwortlich, dass die Vögel wieder abgegeben werden. Hinzu kommt der Gefiederstaub, der sich überall in der Wohnung ausbreitet. Das sind aber Tatsachen, die man lange vor der Anschaffung der Vögel kennt. Wer sich Vögel kaufen will, soll vorher Fachliteratur lesen. Es reicht nicht aus, lediglich Berichte in Fachzeitschriften zu studieren. Wichtig ist auch, dass man sich in Fachbücher vertieft und das Gespräch mit Haltern und Züchtern sucht. Schlecht ist, sich lediglich Informationen aus dem Internet zu holen, da stehen oft nur oberflächliche Fakten.
Nach dem eingehenden Studium der Fachliteratur wird wohl vielen klar, dass die Haltung eines Amazonenpaares in einer Mietwohnung langfristig kaum gut kommen wird. Der Wunsch ist aber dennoch da, Vögel zu besitzen. Wer Amazonen, Edelpapageien oder Graupapageien halten möchte, wird mit Problemen konfrontiert, denn diese Vögel sind anspruchsvoll und entwickeln oft psychische Auffälligkeiten, da ihre Bedürfnisse im menschlichen Wohnbereich vielfach nicht befriedigt werden können. So könnte das anfängliche Glück bald zu einem Trauma für Vögel und Besitzer werden. Es gibt aber Möglichkeiten, sich der Vogelhaltung zu widmen, ohne dass man gleich grosse Risiken eingeht. Es ist ohnehin sinnvoller, mit kleineren, anspruchsloseren Arten zu beginnen und erst später die Haltung von Grosspapageien anzupeilen.
Somit trifft Rosemary Low mit ihrer Aussage über das Araberpferd ins Schwarze. Auch kleine Vögel wie Wellensittiche oder Agaporniden werden über 15 Jahre alt. Sie haben aber viele Vorteile, denn solche Arten findet man schneller und einfacher als Grosspapageien, die nur bei spezialisierten Züchtern erworben werden können. Gerade bei grossen Papageien wird es oft zum Problem, wenn ein Gegengeschlecht zu einem Vogel gesucht wird, denn sie sind rar geworden. Wer den Wunsch verspürt, erstmals Papageien zu halten, der sollte sich auf Agaporniden wie Pfirsich-, Schwarz- oder Russköpfchen beschränken.
Auch der Wellensittich ist ein Papagei. Wer eine Zimmervoliere von circa 2 × 2 Meter × Zimmerhöhe als Lebensraum bieten und interessant einrichten kann, der hat mit drei Paaren Wellensittichen ein ungemein befriedigendes Haltungssystem. Wellensittiche sind nicht aggressiv gegeneinander. Natürlich verlangen aber auch sie eine regelmässige Pflege, verursachen Staub und teilen sich durch ihre steten Lautäusserungen mit. Zu Verhaltensproblemen kommt es bei dieser Haltungs-form aber kaum. Auch ein Käfig von 100 × 80 × 80 Zentimeter kann einem Paar ein Zuhause sein, wenn die Vögel Freiflug in der Wohnung geniessen dürfen.
Vögel können nicht einfach ausgetauscht werden wie unliebsame Gegenstände
Wie komplex das Verhalten von Wellensittichen ist und was es an ihnen alles zu entdecken gilt, kann im Buch von Dr. Esther Wullschleger Schättin, «Wellensittiche verstehen und artgerecht halten», nachgelesen werden. Grassittiche wie Bourke-, Schmuck-, Fein-, Glanz- oder Schönsittiche haben leise Stimmen und können gut im Wohnbereich gehalten werden. Wer einige Jahre solche Arten gepflegt hat und zu einem leidenschaftlichen Vogelhalter geworden ist, der kann sich dann an grössere Arten wagen. Schlecht ist aber, wenn bestehende Vögel einfach ausgetauscht werden. Wer sich für eine Art entscheidet, sollte sie nach Möglichkeit auch bis ans Lebensende halten, denn Vögel sind nicht Gebrauchsgegenstände, die ausgetauscht werden können.
Wenn also der Knabe anstatt der Amazone ein Paar Pfirsichköpfchen oder Wellensittiche erwirbt, sie in einem Käfig oder noch besser in einer Zimmervoliere hält, dann wird er mit dem Leben von Papageien vertraut und ist auch in der Lage, die Vögel artgerecht zu halten und für sie zu sorgen. Pfirsichköpfchen oder Wellensittiche sollen keine richtigen Papageien sein? Von wegen. Wer beispielsweise Agaporniden pflegt, befindet sich in bester Gesellschaft, denn der weltbekannte deutsche Zoodirektor Professor Dr. Dr. Bernhard Grzimek hielt einst als junger Veterinär Jorinde und Joringel, zwei kleine Agaporniden.