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Teil 1
Zur Person
Edith Straub (* 13. Juni 1918 in Zug, † 26. Februar 2022 in Zug) war die erste Anwältin in Zug.
Inhalt Teil 1
Edith Straub wird im alten Gotthardhof in Zug geboren. Zusammen mit einem Bruder und drei Schwestern wächst sie an der Artherstrasse 6 in Zug auf. Sie Spielen auf der Artherstrasse mit Rollschuhen und Leiterwägeli. In der Stadt sind viele Menschen auf Strasse und Trottoir unterwegs. Die Frauen tragen lange Röcke und die Männer immer Hut, den sie zum Gruss anheben. Das erste Auto, das sie wahrnimmt, gehört dem «Choller-Wyss», einem Parteifreund ihres Vaters, der damals die Chollermühle besitzt. Nie weiss man, ob die «Chläpfdrotschke» anspringt (04:22).
Edith Straubs Mutter entscheidet sich, ihre Kinder erst in der dritten Klasse zur Schule zu schicken. Sie lässt sie vorher zu Hause durch Privatlehrerin Fräulein Seitz unterrichten. Den Kindern gefällt das, weil sie dadurch viel Zeit «zum Umenandjoggle» haben (05:54). Später geht Edith Straub in die Mädchenschule zu Franziskaner-Schwestern [Kloster Maria Opferung]. Sie empfindet die Schulzeit als vorzüglich. Nach der Sekundarschule gehen sie und ihre Geschwister an die Kantonsschule in der Athene.
Edith Straub erinnert sich an die Seegfrörni [Februar 1929]: Trotz der zu dünnen Eisschicht und des ausgesprochenen Verbots, geht sie zusammen mit ihrer Schwester auf dem zugefrorenen Zugersee Schlittschuhfahren – und bricht durch das Eis. Die beiden Schwestern trauen sich nicht, zu Hause von davon zu erzählen. Trotzdem erfahren die Eltern bald davon (08:52).
Ihre besten Freudinnen waren Verena Keiser, Tochter des Architekten Dagobert Keiser, und Trudi Bracher, Tochter des Architekten Richard Bracher [Das Architekturbüro Keiser Bracher realisierte u.a. das Theater-Casino und das Schulhaus Neustadt (beide 1909)] (11:32). Gemeinsam mit den beiden Freudinnen geht Edith Straub für ein Auslandsemester nach Paris [1938]. Edith Straub studiert Jus. Viele Schweizer studieren in Paris, darunter einige Mädchen. Edith Straub nimmt keine Geschlechterkämpfe wahr und geniesst das Studentinnenleben.
Sie findet eine Bleibe bei einer «sehr angesehenen und netten» Familie mit einer vierjährigen Tochter. Beim Familienoberhaupt handelt es sich um den Adeligen Monsieur le Comte de Bonardi du Ménil. Seine Ehefrau ist eine einfache Bürgerin aus dem Elsass, «aber sie hatte das Geld.» (14:59). Eines Nachts wird Edith Straub durch laute Musik geweckt. Schweizer Studenten feiern ein Fest zu Ehren Philippe Etters Wahl in den Bundesrat [28. März 1934] und animieren sie zum Mitfeiern (16:30).
Sie verbringt ihre Ferien einen Monat vor Kriegsausbruch in Orléans. Der Besuch erschüttert Edith Straub, da sie in den Nächten die durchdringenden Geräusche der Kriegsmobilmachung hört (18:29). Ihre Eltern rufen sie nach Hause. Am 1. September 1939, dem Tag, als sie in die Schweiz zurückkehrt, bricht der zweite Weltkrieg aus. Sie erinnert sich an entsetzliche Szenen im Bahnhof von Paris: Militärangehörige sind da, aber auch Mütter mit ihren Kindern und Bébés, Hunden und Katzen (19:40).
Sie setzt ihr Studium an der Universität Zürich fort. Nach einem Auftritt im Studententheater wird sie vom damaligen Direktor des Schauspielhauses Zürich [Oskar Wälterlin] angesprochen. Er empfiehlt ihr, das Jus-Studium zugunsten einer Schauspielausbildung abzubrechen. Dieser Vorschlag stösst bei ihr auf offene Ohren. Nicht so bei ihrem Vater. Dieser sagt: «Schuster, bleib bei deinem Leisten!» (24:18) Am 22. März 1947 macht Edith Straub ihr Anwaltsexamen in Zug. Die Anwaltsprüfung findet in der Gerichtskanzlei statt. Ein weiterer Prüfungskandidat – er wird später zum Regierungsrat gewählt – hat grosse Angst vor dem Examen. Edith Straub tröstet und beruhigt ihn. Beide bestehen die Prüfung. Edith Straub arbeitet erst auf der Gerichtskanzlei, um Erfahrungen in der Gerichtspraxis zu sammeln (26:54). Ab und zu stattet der Gerichtspräsident der Gerichtskanzlei einen Besuch ab und fordert «Fräulein Edith» zum Jassen im Gotthärdli auf. Meist spielt Oberrichter Wettach aus Baar mit, der wild wird, wenn jemand beim Spielen einen Fehler macht (29:59).
Edith Straub übernimmt in der Liegenschaft ihrer Eltern das Büro ihres Vaters, der selbst Anwalt ist. Kaum fängt sie mit ihrer Tätigkeit als Anwältin an, vermittelt ein Taxichauffeur ihr einen Klienten. Für diesen Klienten kümmert sie sich um internationale Mandate, die sie mitunter nach Wien, Brüssel und New York führen (31:29).
Inhalt Teil 2
Während des zweiten Weltkriegs ist man dauernd in Sorge. Alle bekommen ein Kontingent an «Märkli» für Butter, Milch, Fleisch und Brot. Es muss darauf geachtet werden, stets genug «Märkli» zu haben. Es findet ein reger Handel damit statt: Sie werden getauscht, verschenkt oder verkauft. Nachts müssen die Fenster verdunkelt werden, damit die feindlichen Piloten nichts erkennen können. Das Gerücht macht die Runde, deutsche Kampftruppen würden vom Zugersee her angreifen. Louis Weiss erteilt Edith Straub und weiteren «Artherstrassen-Mädchen» Schiesskurse. Sie kommen so in den Besitz eines Revolvers und observieren jede Nacht den Zugersee.
Edith Straub kennt niemanden, der die Nazis geschätzt hat. Nachdem die Alliierten Leningrad befreien, besucht sie in der Tonhalle Zürich ein Konzert, an dem die Leningrader Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch aufgeführt wird. «Das war ein Fest – etwas Unerhörtes», erinnert sich Straub. Als bekannt wird, dass Leningrad von den Deutschen befreit wurde, ruft ihr Vater alle ins Wohnzimmer und verkündet die Botschaft. Er ist überzeugt, dass Deutschland mit dem Verlust Leningrads den Krieg verlieren wird. Zu diesem Anlass öffnet er einen Champagner (05:35). Der Vater hört Radio Andorra und hat die Zürcher Zeitung abonniert, die täglich dreimal erscheint – als Morgen-, Mittag- und Abendblatt. So informiert man sich über das Kriegsgeschehen.
Autos können sich damals wenige Leute leisten. Gerichtspräsident Friedrich Iten und Edith Straub fahren jeweils mit dem Fahrrad «zu einem Augenschein». Hinterher will Iten immer einen Kaffee trinken. Nach einer weiteren kurzen Fahrradstrecke ein Glas Rotwein in der nächsten Beiz (09:02). Sie erinnert sich an eine weitere Fahrradtour. Während ihres Semesters in Paris lernt sie einen jungen Mann mit dem Studentennamen Mezzo aus Gähwil im Toggenburg kennen. Ein Jahr später folgt Edith Straub seiner Einladung nach Gähwil. Mit der Bahn fährt sie bis nach Winterthur und legt das letzte Stück mit dem Fahrrad zurück. Im Dorf Gähwil wird sie von Mezzo mit einer reizenden Orgelmelodie empfangen. «Das war sehr nett», resümiert Edith Straub und fügt an, dass daraus nichts Ernsthaftes entstanden ist. Sie heiratet einen anderen Mann (11:07).
Während des Krieges müssen auf den Wiesen des elterlichen Grundstücks Kartoffeln, Rüebli und Kabis angebaut werden. Dies aus Angst vor einer Abhängigkeit vom Ausland (Anbauschlacht). Die Schwestern des Marienheims bestellen diesen Garten. Edith Straubs Bruder leistet Militärdienst (14:43). General Guisan empfängt auf dem Rütli alle hohen Offiziere, um über eine «Teilopferung» der Schweiz zu Gunsten des restlichen Landes zu diskutieren [Rütlirapport vom 25. Juli 1940]. Das löst in der Bevölkerung grosse Entrüstung aus. Eine grosse «Prozession», darunter viele Mütter mit Kinderwägen, zieht am 1. Mai durch die Artherstrasse in Richtung Innerschweiz (17:12). Das Ende des zweiten Weltkrieges feiert Edith Straub zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Gerichtskanzlei mit Tee und Kuchen. Man ist müde, aber glücklich darüber, dass der Krieg endlich vorbei ist (19:59).
Die Ehefrau des Monsieur le Comte de Bonardi du Ménil – die Gastmutter aus Paris – meldet sich bei Edith Straub und bittet sie verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach ihrem Kriegsdienst leistenden Ehemann, der sich lange nicht gemeldet hat. Mithilfe des Internationalen Roten Kreuzes kann Edith Straub helfen. Monsieur le Comte wird gefunden (21:04).
Aufnahmedatum: 24. November 2017
Interview: Beat Holdener
Kamera, Ton, Postproduktion und Redaktion: Remo Hegglin