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Das Wort «Heiratsstrafe» wird von der Öffentlichkeit so verstanden, dass Verheiratete im Vergleich zu unverheirateten Paaren finanziell benachteiligt sind. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. «Es wird gerne unterschlagen, dass nicht erwerbstätige Verheiratete ein Beitragsprivileg haben», schreibt Kolumnist Claude Chatelain im Sonntags-Blick. Deshalb gehöre der Begriff «Heiratsstrafe» zu den Unwörtern des Jahres – ähnlich wie «Scheininvalide», «Ökoterror» oder «Dichtestress».
Die CVP pickt willkürlich die Tatsache heraus, dass bei doppelverdienenden Ehepartnern die Einkommen addiert werden, so dass sie zu einem höheren Steuersatz besteuert werden als doppelverdienende Konkubinatspaare, und dass Ehepartner zusammen nur anderthalb AHV-Renten bekommen, selbst wenn beide erwerbstätig waren. Daraus machte die CVP den Begriff «Heiratsstrafe» und ging bei ihrer Wählerschaft auf Stimmenfang.
Die «Heiratsstrafe» wandelt sich in einen Heirats-Bonus, wenn man nicht isoliert und willkürlich nur den höheren Steuersatz von doppelverdienenden Ehepaaren betrachtet. Die Argumente von Claude Chatelain:
- Es wird gerne unterschlagen, dass nicht erwerbstätige Verheiratete von der Beitragspflicht befreit sind, wenn der andere Partner AHV-Beiträge bezahlt – ohne dass dadurch die anderthalbfache Rente für das Ehepaar gekürzt würde. Für die AHV gibt es dadurch Mindereinnahmen von 200 Millionen Franken. [Eine Sekretärin zahlt mit ihren AHV-Beiträgen an die AHV-Renten von nicht erwerbstätigen Hausfrauen von Managern.]
- Deutlich stärker fallen Witwen- und Witwerrenten ins Gewicht. Sie schlagen mit jährlich 1,7 Milliarden Franken zu Buche. Nur ein Teil dieser Renten ist gerechtfertigt. Das ist aber eine andere Geschichte. Unverheiratete Paare erhalten weder Witwen- noch Witwerrenten.
- Dann gibt es auch noch einen Verwitwetenzuschlag, der die AHV-Rechnung um weitere 1,2 Milliarden Franken belastet. Das geht so: Stirbt der Ehepartner, wird die Plafonierung der Rente rückgängig gemacht, und der überlebende Teil erhält auf die Einzelrente einen Verwitwetenzuschlag von 20 Prozent. Die Einzelrente plus Zuschlag darf jedoch die Maximalrente von 2370 Franken nicht übersteigen.
- Schliesslich gibts auch bei den Steuern einen verlockenden Heiratsbonus: Nicht bei der Einkommens-, aber bei der Erbschaftssteuer. Frauen und Männer zahlen auf das Erbe ihres Ehepartners keine Erbschaftssteuer, Konkubinatspartner hingegen schon. Ausser im Kanton Schwyz.
Infosperber hat die «Heiratsstrafe» schon seit Jahren als irreführenden Begriff entlarvt:
28. Dezember 2013«Die Heiratsstrafe ist ein Schwindel – ein Urteil des Bundesgerichts»
19 Januar 2014«Tages-Anzeiger und Bund halten die Heiratsstrafe weiter für gegeben, trotz klarem Bundesgerichts-Urteil.»
30. April 2014«Einige Familienmythen begraben»
6. April 2015«Konkubinatspaare subventionieren die Verheirateten bei den Sozialversicherungen mit rund 800 Millionen Franken pro Jahr.»
12. Oktober 2015«Deregulieren Ja: Zivilstandsunabhängige Steuern»
16. Februar 2016:«NZZ merkt, was Infosperber schon lange klarstellte: Heiratsbonus statt Heiratsstrafe»
23. März 2018«Die Tagesschau verbreitet das Märchen von der ‹Heiratsstrafe›»
Die SRF-Tagesschau ist wie andere Medien Wiederholungstäterin: Sie verbreitete dieses Märchen letzte Woche bei der Berichterstattung über die Parlamentsberatungen erneut.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine