Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03411.jsonl.gz/1593

Johannes Aal
* um 1500 Bremgarten AG, † 28.5.1551 Solothurn, auch Johannes All, latinisiert Anguilla.
Onkel des Stiftsschulmeisters und Dramatikers →Hanns Wagner.
1529 wurde A. Dekan von Bremgarten, verlor dieses Amt jedoch wenige Monate später an →Heinrich Bullinger, da er nach der Einführung der Reformation am alten Glauben festhielt. Danach war A. in Baden als Leutpriester tätig. 1536–38 studierte er beim Humanisten Heinrich Glarean an der Universität Freiburg im Breisgau. 1538 folgte die Berufung zum Stiftsprediger zu St. Ursen in Solothurn, wo er 1544 mit der Wahl zum Probst das Bürgerrecht erhielt. A., der an der Universität in Freiburg mit Dramenaufführungen in Berührung gekommen war, veranstaltete in Solothurn beispielsweise 1543 eine Aufführung von →Georg Binders "Acolastus". Literarische Bedeutung erlangte er durch seine "Tragoedia. Joannis des Heiligen vorlöuffers und Töuffers Christi Jesu warhaffte Histori". Das für zwei Tage konzipierte Spiel wurde unter A.s Leitung am 21. und 22.7.1549 auf freiem Platz (wohl vor der St.-Ursen-Kirche) von Solothurner Bürgern aufgeführt und erschien im gleichen Jahr bei Matthias Apiarius in Bern. Das aus 7090 Reimpaarversen bestehende Stück steht in der Tradition des spätmittelalterlichen Mysterienspiels und sollte in gegenreformatorischer Absicht, aber ohne jegliche Polemik der Verbreitung der katholischen Glaubenslehre dienen; in formaler Hinsicht (Einteilung in vier Akte und Szenen sowie Gattungsbezeichnung "Tragoedia") lässt sich ein humanistischer Einfluss erkennen. Das Stück zeichnet sich durch eine lebendige und einfache Sprache, eine komplexe Handlungsführung sowie den effektvollen Einsatz von Musik aus. 1575 wurde das Spiel von Andreas Meyenbrunn für eine Aufführung in Colmar umgearbeitet. A. ist eventuell auch der Verfasser des sechzehnstrophigen St.-Mauritzen- und St.-Ursen-Lieds; man vermutete in ihm ausserdem den Autor des "Ältern St. Ursenspiels" (Handschrift von 1539).
Literatur
- Gombert, Ludwig: J. A.s Spiel von Johannes dem Täufer und die älteren Johannesdramen, 1908 [Neudruck 1977].
- Kully, Elisabeth: Das ältere St. Ursenspiel. In: Jahrbuch für solothurnische Geschichte 55/1982.
- Michael, Wolfgang F.: Das deutsche Drama der Reformationszeit, 1984.
Autor: Reto Caluori
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Caluori, Reto: Johannes Aal, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 21.