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Granatkolibri - Eulampis jugularis
Doktorvogel - Eulampis holosericeus
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Rund 340 Arten von Kolibris sind bis heute wissenschaftlich beschrieben worden. Sie alle leben in der Neuen Welt und werden in der Familie Trochilidae zusammengefasst. Der Familienname stammt aus dem Griechischen: trochilos bedeutet «kleiner Vogel». Innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) wird die Familie der Kolibris zusammen mit der Familie der Segler (Apodidae) und der Familie der Baumsegler (Hemiprocnidae) in die Ordnung Apodiformes gestellt. Auch dieser Name entstammt dem Griechischen: apod bedeutet «fusslos». Tatsächlich glaubte man früher, dass sowohl die Kolibris als auch die Segler ständig in der Luft umherflögen, darum keine Füsse benötigten und folgerichtig auch keine besässen. Dies ist natürlich nicht wahr: Beide Vogelgruppen haben Beine und Füsse, allerdings sehr kleine und schwache, die sich nicht zum Gehen eignen, sondern bestenfalls zum Kriechen, im Prinzip jedoch bloss zum Sitzen und Festklammern am Untergrund.
Im Folgenden sollen zwei karibische Kolibriarten vorgestellt werden, der Granatkolibri (Eulampis jugularis)
und der Doktorvogel (Eulampis holosericeus)
. Sie sind die beiden einzigen Mitglieder der Gattung Eulampis
- wobei auch dieser Name aus dem Griechischen stammt und für die beiden schillernden Vögel sehr treffend ist: eu
bedeutet hübsch, lampis
Leuchte.
Die Weibchen haben den grösseren Schnabel
Über die Stammesgeschichte der Kolibris ist wenig bekannt, da die winzigen, hohlen und entsprechend zerbrechlichen Knöchelchen der Kolibrivorfahren nur ganz selten als Fossilien erhalten blieben. Die Fachleute gingen bis vor kurzem davon aus, dass sich die Sippe einst in Südamerika herausgebildet hatte, weil dort die heutige Artenvielfalt am grössten ist. In der Tat beherbergen allein die beiden südamerikanischen Länder Brasilien und Ecuador über die Hälfte aller bekannten Kolibriarten. Überraschenderweise konnten nun aber im Jahr 2004 zwei in Süddeutschland gefundene, gut 30 Millionen Jahre alte Fossilstücke als Überreste zweier urtümlicher Kolibris identifiziert werden. Sinnigerweise erhielt die Art den Namen «Unerwarteter Europakolibri» (Eurotrochilus inexpectatus)
. Die Funde stellen das gängige Bild der Kolibristammesgeschichte stark in Frage, denn bisher ging man davon aus, dass Kolibris zu keiner Zeit ausserhalb der Neuen Welt vorgekommen waren. Theoretisch ist jetzt sogar denkbar, dass der Ursprung der Kolibris in der Alten Welt liegt. Eurotrochilus inexpectatus
ist nämlich der bei weitem älteste Kolibri, der jemals gefunden wurde.
Der Unerwartete Europakolibri hatte eine Länge von wahrscheinlich 8 bis 9 Zentimetern. Auch sämtliche modernen Kolibris sind kleine Vögel. Selbst der grösste unter ihnen, der Riesenkolibri (Patagona gigas)
, ist durchschnittlich nur 22 Zentimeter lang und wiegt um 24 Gramm. Der kleinste unter ihnen, die Bienenelfe (Mellisuga helenae)
, ist sogar - einschliesslich Schnabel und Schwanzfedern - bloss 6,3 bis 7 Zentimeter lang und bringt im Durchschnitt gerade mal 1,8 Gramm auf die Waage. Sie ist der kleinste Vogel der Welt.
Der Granatkolibri ist ein verhältnismässig grosser Kolibri. Die Männchen weisen typischerweise ein Gewicht von 9 bis 12 Gramm auf und sind damit eine Spur kräftiger als die Weibchen, welche zwischen 7 und 10 Gramm wiegen. Beide Geschlechter haben allerdings die gleiche Länge von 11 bis 12 Zentimetern, und sie sind gleich gefärbt, was nur bei etwa 20 der insgesamt 340 Kolibriarten der Fall ist. Interessanterweise ist aber der Schnabel des (kleineren) Weibchens mit etwa 2,5 Zentimetern Länge deutlich grösser und zudem stärker gebogen als der des Männchens. Warum dieser Geschlechtsunterschied besteht, wissen wir nicht.
Der Doktorvogel ist mit einer Länge von 11 bis 12,5 Zentimetern ähnlich gross wie der Granatkolibri. Er ist aber schlanker gebaut: Die Männchen wiegen gewöhnlich zwischen 5,5 und 7,5 Gramm, die Weibchen zwischen 5 und 5,5. Auch beim Doktorvogel ist das Gefieder bei den beiden Geschlechtern gleich gefärbt und der Schnabel beim Weibchen länger und stärker gebogen als beim Männchen.
Kleine Antillen als Heimat
In ihrer Heimat - Nord-, Mittel- und Südamerika - bilden die Kolibris eine überaus anpassungsfähige Sippe, welche ein breites Spektrum von Lebensräumen zu besiedeln vermocht hat - von Regenwäldern bis hin zu Trockenwüsten, von der Meeresküste bis hinauf zu den Andenhochländern. Auf dem Festland sind die Kolibris von Alaska im Norden bis nach Patagonien im Süden verbreitet, und sie kommen auf vielen benachbarten Inselgruppen vor, insbesondere natürlich auf den Grossen und Kleinen Antillen sowie auf den Bahamas, beispielsweise aber auch auf den Juan-Fernandez-Inseln, welche 400 Kilometer westlich der chilenischen Küste im Pazifischen Ozean liegen. Am artenreichsten sind die Kolibris in Äquatornähe; von dort nimmt ihre Artenzahl polwärts mehr und mehr ab. So leben beispielsweise in Ecuador mehr als 130 Arten, in Mexiko ungefähr 50 und in Kanada 4 Arten.
Dominica, welches die vorliegenden Briefmarken verausgabt hat, ist eine zu den Kleinen Antillen zählende, am Ostrand des Karibischen Meers gelegene, rund 751 Quadratkilometer grosse Tropeninsel. Sie beherbergt rund sechzig Brutvögel, darunter vier Kolibriarten. Neben dem Granatkolibri und dem Doktorvogel handelt es sich um den Haubenkolibri (Orthorhyncus cristatus)
und den Zweifarbenkolibri (Cyanophaia bicolor)
.
Sowohl der Granatkolibri als auch der Doktorvogel sind aber nicht nur auf Dominica heimisch, sondern kommen auf fast allen Kleinen Antillen vor: Als Brutvögel bewohnen beide Arten (von Norden nach Süden geordnet) Anguilla, St. Martin, St. Barthélemy, Barbuda, St. Kitts, Nevis, Antigua, Montserrat, Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, Barbados, St. Vincent und die Grenadinen, der Doktorvogel zusätzlich noch Grenada und überdies die jenseits der Anegada-Passage liegenden, zu den Grossen Antillen zählenden Jungferninseln sowie Puerto Rico. Das Verbreitungsgebiet des Doktorvogels ist darum mit einer Fläche von ungefähr 8400 Quadratkilometern deutlich grösser als dasjenige des Granatkolibris, welches etwa 5600 Quadratkilometer umfasst.
Das grössere Verbreitungsgebiet des Doktorvogels dürfte auf die etwas grössere Anpassungsfähigkeit der Art an unterschiedliche Lebensräume zurückzuführen sein: Beide Kolibriarten kommen in Regenwäldern, Trockenwäldern und Sekundärwäldern vor und besuchen auch Bananen- und andere Plantagen. Der Doktorvogel weiss aber zusätzlich Sekundärbuschland und Gärten zu nutzen. Im Übrigen bevorzugt er im Unterschied zum Granatkolibri jeweils die trockeneren Inselteile in Lagen unterhalb von 500 Metern ü.M. Der hauptsächliche Lebensraum des Granatkolibris sind hingegen Waldgebiete in Lagen zwischen 800 und 1100 Metern ü.M.
Gemischtköstler
Eine auf Dominica während der Trockenzeit durchgeführte zweiwöchige Feldstudie hat ergeben, dass wirbellose Kleintiere einen sehr wichtigen Teil der Kost sowohl des Granatkolibris als auch des Doktorvogels ausmachten. Tatsächlich ernähren sich die Kolibris keineswegs ausschliesslich von Nektar, wie wir oft meinen, sondern essen auch gern kleine, weichhäutige Insekten sowie gelegentlich kleine Spinnen. Denn für ihre vollwertige Ernährung sind tierliche Eiweissstoffe ebenso wichtig wie die Zucker aus dem Blütennektar.
Nektar lecken sie mithilfe ihres langen, dünnen Schnabels und ihrer Zunge, welche doppelt so lang ist wie der Schnabel, vom Grund diverser Blüten auf. Sie sitzen zu diesem Zweck nie auf der jeweiligen Blüte ab, sondern bleiben in kolibritypischem Schwirrflug kurz vor der Blüte in der Luft «stehen» und nehmen den Nektar mit rascher Zungenbewegung auf. Zehn bis fünfzehn Leckbewegungen führen sie im Allgemeinen je Sekunde aus. Ihre tierlichen Bissen finden sie gewöhnlich auf oder am Grund der Blüten, die sie besuchen. Mit grösster Gewandtheit fangen sie Insekten aber auch in der Luft. Mitunter «stehlen» sie sogar Insekten, die sich in Spinnennetzen verfangen haben, und packen auch gleich die Spinne, wenn deren Grösse es erlaubt.
Zwar gibt es keine Erhebungen darüber, welche Blütenarten der Granatkolibri und der Doktorvogel beim Nahrungserwerb besuchen. Die grossen, auffälligen Blüten der Heliconien (Heliconia spp.)
aus der Familie der Bananengewächse (Musaceae), von denen es in der Neuen Welt etwa 150 Arten gibt, spielen aber zumindest für den Granatkolibri eine wichtige Rolle.
Die Jungenaufzucht obliegt dem Weibchen
Alle Kolibris sind ziemlich ungesellige, ja aggressive Vögel. In Menschenobhut verwenden sie im Allgemeinen etwa gleich viel Zeit darauf, andere Kolibris von einem Trinkgefäss zu vertreiben, wie sie zum Trinken selbst verwenden. Zudem beschränken sie sich bei ihren Angriffen nicht auf ihre Artgenossen, sondern attackieren auch andere Nektar suchende Vögel und sogar grössere Insekten. Selbst Menschen belästigen sie mitunter.
Das Granatkolibri-Männchen hält das ganze Jahr über ein rund um eine Blüte angelegtes Territorium besetzt, das Weibchen nur ausserhalb der Brutsaison. Im Gegensatz hierzu verhält sich weder das Männchen noch das Weibchen des Doktorvogels territorial. Allerdings bewachen auch sie zeitweilig eine besonders gute Nahrungsquelle, beispielsweise einen reich blühenden Wandelröschen-Busch (Lantana sp.)
.
Beim Granatkolibri beginnt das Fortpflanzungsgeschehen jeweils damit, dass ein Weibchen in das Territorium eines Männchens eindringt - und von diesem postwendend daraus verjagt wird. Nach fünf oder mehr solcher territorialer «Übergriffe» seitens des Weibchens beginnt das Männchen, dieses kurz von «seiner» Blüte naschen zu lassen, verjagt es dann aber gleich wieder. Bleibt das Weibchen hartnäckig, so gibt das Männchen seinen Widerstand letztlich auf und gewährt dem Weibchen Gastrecht in seinem Territorium. Es folgen kurze Balzgesten seitens des Männchens, danach kommt es zur Begattung - und gleich anschliessend vertreibt das Männchen das Weibchen erneut aus seinem Territorium. Die ganze Angelegenheit dauert in der Regel keine fünf Minuten - doch damit hat das Männchen seinen Beitrag zur Fortpflanzung bereits geleistet.
Die hauptsächliche Fortpflanzungszeit fällt beim Granatkolibri wie beim Doktorvogel in die Monate Februar bis Mai. Bei beiden Arten sind die Nester winzige, kompakte Näpfe, welche in der Vergabelung eines dünnen Zweigs gebaut werden. Beim Granatkolibri befindet sich das Nest gewöhnlich etwa drei bis fünf Meter über dem Boden in der Krone eines Baums, beim Doktorvogel im Allgemeinen einen bis vier Meter über dem Boden an der Peripherie der Krone eines Buschs oder Strauchs. Als Baumaterial dienen zur Hauptsache zarte Pflanzenfasern aller Art, welche sorgfältig miteinander verwoben und mit Spinnenfäden befestigt werden. Die Nestaussenseite wird zwecks Tarnung häufig mit Moos-, Flechten- und Rindenstückchen verkleidet. Die Nestinnenseite wird mit besonders weichen Stoffen wie Baumwoll-, Kakteen- und anderen Haaren ausgepolstert.
Ist der Nestbau beendet, legt beim Granatkolibri wie beim Doktorvogel das Weibchen zwei winzige weisse Eier hinein und bebrütet diese, bis nach 17 bis 19 Tagen die Jungen schlüpfen. Beim Granatkolibri bleiben die Jungen während 17 bis 20 Tagen im Nest und sind nach dem Flüggewerden noch zwei bis drei Wochen von der Betreuung durch ihre Mutter abhängig. Die jungen Doktorvögel benötigen ein wenig länger, bis sie sich selbstständig machen können: Sie bleiben 20 bis 22 Tage im Nest und danach noch drei bis vier Wochen mit der Mutter zusammen. Das Granatkolibri-Weibchen verhält sich während der Brut- und der Nestlingsphase im Bereich seines Nistplatzes ausgesprochen aggressiv: Es greift alle, auch weit grössere Lebewesen an, welche näher als etwa zehn Meter an sein Nest herankommen.
Waldrodungen und Pauschaltourismus
Obschon die beiden vorgestellten Kolibriarten global gesehen ein ziemlich beschränktes Verbreitungsgebiet haben, gelten sie beide nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie erstens an vielen verschiedenen Orten vorkommen und dass es zweitens keine Hinweise auf einen Schwund ihrer Verbreitungsgebiete oder ihrer Bestände gibt. Zwar liegen für beide Arten keine Bestandserhebungen und somit keine genaueren Informationen zur Bestandssituation vor. Die Artbestände werden aber als recht hoch eingeschätzt, weil beide Arten in manchen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets als «häufig» gelten. Die Bestandsdichte des Doktorvogels beträgt beispielsweise bei Basse Terre auf Guadeloupe 5 bis 7 Paare je Quadratkilometer, diejenige des Granatkolibris im Edmond-Reservat auf St. Lucia sogar 8 bis 12 Paare je Quadratkilometer.
Auf vielen der Kleinen Antillen ist allerdings die Inselnatur im Verlauf der vergangenen fünf Jahrhunderte enorm zurückgedrängt worden. Insbesondere wurden die ursprünglichen Wälder grossflächig gerodet, um Kultur- und Siedlungsland zu gewinnen. In jüngerer Zeit hat zudem der stetig anwachsende Pauschaltourismus zahlreichen Inselökosystemen schwere Schäden zugefügt. All dies dürfte auch den beiden vorgestellten Kolibris zu schaffen gemacht haben. Ihr Vorteil gegenüber so manchen anderen tierlichen Inselgeschöpfen ist es jedoch, dass sie über eine verhältnismässig grosse ökologische Anpassungsfähigkeit verfügen und auch vom Menschen beeinträchtigte Lebensräume nutzen können. Dank dieser Flexibilität sind sie bislang nicht übermässig in Mitleidenschaft gezogen worden.
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