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Marielle Pinsard
Schweizer Theaterpreis 2017
Marielle Pinsard
Eigenwilliges multidisziplinäres Erzähltalent
Marielle Pinsard, geboren 1968 mit kreolischen Wurzeln in Nanterre/F, kam als 12-Jährige in die Schweiz. In Neuenburg studierte sie Neuere Sprachen. Dank eines Stipendiums des Kantons Waadt belegte sie in New York Schreibkurse für Sitcoms. Zurück in der Schweiz, studierte sie von 1989 bis 1992 Schauspiel an der Ecole d’art dramatique (heute La Manufacture) in Lausanne. Es folgten weitere Studien in Berlin und Dessau, bevor sie unter verschiedenen Schweizer Regisseuren spielte. Nachdem sie einige Jahre mit der Gruppe Cabaret Voyage arbeitete, gründete sie 2000 ihre eigene Cie Marielle Pinsard. Sie schreibt und inszeniert, darunter Titel wie «Comme des couteaux» (2001), «Les Parieurs» (2002) oder «Pyrrhus Hilton» (2006). 2004 schuf sie mit «Genève, je me souviens» ein Spektakel, in dem Migrantinnen und Migranten über ihre ersten Erlebnisse in der neuen Heimat erzählen. Im gleichen Jahr erhielt sie den Prix jeunes créateurs der Kulturstiftung des Kantons Waadt.
Marielle Pinsard entwickelte in ihrem mehr als 20jährigen Schaffen eine vielseitige und eigenwillige Lesart von gesellschaftlichen Rollen und Stereotypen. Sie nutzt verschiedene Genres, verwebt auf der Bühne Musik, Tanz und Spiel und würzt die Themen gerne mit einem politisch nicht immer ganz korrekten Humor. 2008 arbeitete sie mit dem Performer Massimo Furlan für das Festival von Avignon zusammen. Veranstaltungspartner in der Romandie sind das Théâtre de Saint-Gervais in Genf, Arsenic und Théâtre Vidy in Lausanne. 2009 erschien eine Auswahl ihrer Texte in der Edition Campiche. Pinsard bereist seit 2009 Süd-, West- und Zentralafrika, gibt dort Workshops für Theater- und Tanzschaffende und profitiert von Schreibresidenzen. Die jüngste Produktion «On va tout dallasser Pamela !» (2016) widmet sich dem «drague à l‘africaine». Anhand afro-französischer Verführungsmanieren zeigt Pinsard eine soziologische und zugleich unterhaltsame Studie unserer Gesellschaft.
«Alles scheint farbig, klangvoll, vertraut, fast banal. Doch auf der Bühne und auch auf der Strasse haben ihre Beobachtungen die überraschende Kraft von Begegnungen mit der Komplexität oder der Zerbrechlichkeit des Seins. Unmöglich, unsere Ängste zu verbergen, unseren Zynismus, unsere Grausamkeiten oder unsere Oberflächlichkeit: Sie entlarvt das schlechte Gewissen der Neureichen, die Absurdität ihrer Werbesprache, die afrikanische Kunst der Anmache und damit die Konventionen, auf die sich Existenzen ausrichten. Stets hat Pinsard den Ehrgeiz einer Sprachführung, die gesellschaftliche Absurditäten aufdeckt. Denn sie kann dieser Gesellschaft genauso gradlinig begegnen, wie sie sie beschreibt.»
Anne Fournier, Jurymitglied