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Sie alle haben schon Spuren menschlicher Füsse im Sand oder den Abdruck von Schuhen im Schnee gesehen, doch Erfahrung im Lesen von Spuren rennender, springender und kletternder Menschen im Museum hat von uns kaum jemand. Die schwarzen Streifen, der Schmutz auf den weissen Wänden und den rauen Oberflächen der Skulpturen, die ausserhalb des traditionellen Museums niemand beachten würde, haben Traceure hinterlassen, für die Karin Hueber eine Ausstellung mit neuen Werken konzipierte und einrichtete, welche ihnen perfekte Sprünge und schnelle Bewegungen im Raum ermöglichen sollten. Die Skulpturen wurden von ihr nicht allein nach visuellen Kriterien präsentiert, bestimmend für deren Anordnung in der Ausstellungshalle waren Bedürfnisse und Möglichkeiten der Athleten, welche die Ausstellung vor der Eröffnung als herausfordernden Parcours benutzt haben. Die in Pastellfarben lackierten, organisch-stereometrischen Volumen aus Holz, von denen einige mit blauen Spanngurten an den Betonpfeilern befestigt waren und andere wie Rampen oder Sitzbänke im Ausstellungsraum standen, erinnern an Möbel, die der österreichische Architekt und Designer Friedrich Kiesler 1943 in New York für die Galerie Art of this Century von Peggy Guggenheim entworfen und in seinem Manifeste du Corréalisme (1947) vorgestellt und beworben hat. Die multifunktionalen Objekte waren Sitzmöbel, Sockel und Liege in einem und sollten, wie die Objekte in dieser Ausstellung auch, je nach Anforderung in schnell wechselnder Abfolge unterschiedliche Funktionen erfüllen können. Kiesler, befreundet mit europäischen Künstlern, die während des Zweiten Weltkriegs wie er im New Yorker Exil lebten, war ein begnadeter Szenograf, dem einige der aufregendsten Innenausstattungen der Moderne sowie rätselhafte Inszenierungen von Werken befreundeter surrealistischer Künstler zu verdanken sind. Die Installation Traceur/Traceuse (Anreisser, Kundenwerber) aber ist kein Werk der Szenografie – die Analogie mit Kiesler beruht auf einer äusserlichen Ähnlichkeit –, sondern eine Installation, die neben den Skulpturen auch die Spuren auf den Objekten selbst und vor allem an den Wänden umfasste. Die Spuren machten in Verbindung mit den in der Halle verteilten Objekten und dem über der Treppe von der Decke hängenden Trapez die unterschiedlichen, einzeln nicht identifizierbaren möglichen, stattgefundenen und zukünftigen Bewegungen im Raum als illusionistischen Bildraum sichtbar und sind der Grund dafür, dass diese Raumarbeit keinen bestimmten Betrachterstandort mehr voraussetzt. Die Traceure, über deren genaue Anzahl die Künstlerin die Besucher nicht ins Bild setzte, waren technische Mitarbeiter der Künstlerin, keine Co-Autoren. Die Ausstellung haben sie wie eine Übungsanlage benutzt und dadurch erst vor Ort das von der Künstlerin konzipierte Werk produziert, das wir als Besucher danach wahrnehmen konnten und dabei – wie die Athleten – die Architektur, in der sich die Installation entfaltete, als Bestandteil des Werks erlebt haben.
Anlässlich der Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel.
Roman Kurzmeyer
Kunstwissenschafter, freier Kurator und Dozent am Institut Kunst an der Hochschule FHNW, Basel