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zum 2. Essai: Fortsetzung
9) Glauben
Wenn einem der Glaube wichtig ist. Wenn einem der Begriff des Glaubens zentral ist, so zentral, dass er mit der Religiosität praktisch gleichbedeutend wird. Doch in diesem Fall bewegen wir uns wieder auf traditionellem Feld. Indem man gläubig an der Kirche hängt, wird man selig. Luther entfernte zwar die päpstliche Kirche und ersetzte die Zeremonien, obwohl er vieles beibehielt, durch den Glauben an das Wort, aber er blieb dennoch das zentrale Konzept der Theologie. Zwingli erklärt sein Verständnis mit der Auslegung des Verses Hebräerbrief 11,1, der klassischen Bibelstelle. In der revidierten Lutherbibel von 1956 lautet der Vers: "Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht." Zwingli übersetzt (IV,223, de providentia): "Der Glaube ist, sagt der Apostel (Zwingli meint Paulus), das Wesen der erhofften Dinge und die Offenbarung und das Begreifen der unsichtbaren Dinge". Und er kommentiert, in Auszügen: "Also ist die Meinung des Apostels, dass der Glaube die Essenz oder Substanz der erhofften Dinge ist, das heisst: eine wesentliche Sache der Seele. ... er meint ein festes und wesentliches Vertrauen der Seele, mit dem sie ganz, wie sie auch immer ist, auf die erhofften Dinge vertraut, da heisst: auf die Sache, auf die sie allein und einzig unfehlbar hofft." Typisch sind zwei Wendungen. 1) "Offenbarung und Begreifen". Es gibt bei Zwingli keine eigentliche Offenbarung, vielmehr ist die Offenbarung das Zeigen und das Begreifen des Gezeigten in der Lebens- und Welterfahrung. Es ist nicht der fremde Gott, der in die gottlose Welt einbricht, sondern der, der mir die Augen öffnet für seine längst geschehende Fürsorge. 2) "Vertrauen". Dieses ist der eigentliche Begriff, der bei Zwingli an der Stelle des Glaubens in anderen Theologien steht. Denn die "unsichtbaren Dinge" versteht er als "hebräische Umschreibung des einen Gottes" (IV,227), der als Ding viele ist.
10) Abendmahl
Sprache strukturiert die Welt. Unkommentierte Bilder bleiben stumm, oder bleiben beim subjektiven Eindruck, oder werden zu Machtmitteln als künstliches Geheimnis. So reagierte Zwingli auf die Deutung der Wandbilder als "biblia pauperum"; man könnte die Leute auch offen informieren, damit sie die Bilder auch verstünden. Auch da zeigt sich in einem Detail der Unterschied grundsätzlich verschiedener Weltanschauungen. Beim Abendmahl, auf dessen Form ich jetzt nicht eingehen will, drückten sich die Unterschiede aus an der Interpretation des Wortes "Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut". Bald nach der Einführung des Abendmahls anstelle der Messe in Zürich begann die literarische Diskussion. (Allerdings übertönt durch die Thesen eines anderen Theologen, Karlstadts.) Zwingli beruft sich auf die sinnliche Wahrnehmung: wenn er Wein und Brot im Abendmahl (oder der Messe) zu sich nimmt, empfindet er Wein und Brot, nicht Blut und Fleisch. Folglich ist es Wein und Brot. Gott macht doch keine Wunder, deren niemand "inne werde", ohne zu erwähnen, dass Gott keine Wunder brauche, da das Leben an sich Gottes Wunder sei. Luther hätte der Wahrnehmung noch zustimmen können, aber er fühlte sich durch das Bibelwort gebunden und durch seine Vorstellung vom Glauben, die eben darin bestand, etwas für sicher anzunehmen, das man nicht sehen konnte, was Zwingli ablehnte. Dahinter stand die Differenz, dass Luther die Welt zwiespältig erlebte und im Dualismus zwischen Gott und Teufel, und der Schuld, in die der Teufel mit seinen Verführungen die Menschen verstrickte. Also hing für ihn alles davon ab, dass man glaubte, dass es Blut und Fleisch ist, auch wenn man etwas anderes Wahrnimmt. Zwingli reagierte wie einer, der auch noch in der individualisierten Form Luthers die subtile Machtstruktur des Glaubens wahrnimmt. Wenigstens blieb, wenn der materielle Eingriff in Seele und Körper wegfiel, noch der Eingriff in die Wahrnehmung. Die Ableugnung der Richtigkeit und Vollständigkeit der sinnlichen Wahrnehmung musste die Menschen abhängig machen von der Belehrung durch die Kirche, auch wenn sie bibelbezogen war. Konsequenterweise hat Luther ebenso wenig, wie er die Struktur des Glaubens verändert hat, die Struktur der Kirche, der Messe und der liturgischen Einrichtungen verändert. Mit vergleichbarer Konsequenz hat Zwingli alles verändert - aufgrund seines veränderten Begriffs des Glaubens, der als solcher Begriff schon fast nicht mehr anwendbar ist, ohne irreführend zu wirken. Wie hätte er auch zugeben können, dass Brot und Wein etwas anderes in irgendeinem Sinn sein sollten, als sie sind? Wenn das "Hoc est corpus meus" wirklich etwas am Brot verändern würden, und wenn auch nur im Glauben, dass wären wir "die wirklichen Hexer", dann wäre es der wirkliche Hokuspokus - übrigens die einzige und wohl abschliessende Stelle in Zwinglis Schriften zur damals grassierenden Hexenverfolgung. Es ist dieselbe Denkform wie im Buch über die wahren Aufrührer: die Unterdrücker sind die wahren Aufrührer, und die Verfolgung der Hexen ist der Neid derer, die für sich selbst Hexerei beanspruchen. Nebenbei natürlich ein gezielter Stich ins Herz der scholastischen Dogmatik. Gott würde sicher auch nicht seine Wundertaten an kirchliche Einrichtungen binden, und wie soll man Gott im Leben erkennen, wenn er leibhaftig in der Messe und in Brot und Wein anwesend sein soll? Es würde nur die Erkenntnis verschleiern.
Der Streit mit Luther führte zu vielen hinundher geschriebenen Büchern, aber der Kern lag in den wenigen Sätzen, die ich oben formuliert habe. Der Landgraf Philipp von Hessen versuchte zwischen Luther und Zwingli zu vermitteln. Die Gespräche, für die Zwingli nach Marburg reiste, führten zu Übereinstimmung in allen Punkten, ausser dem einen: Dies ist mein Leib. Die Differenz blieb, nur über das "est" konnte man sich nicht einigen - dahinter stand die grundsätzliche Differenz der Weltauffassung, dessen was "ist" und aus welcher Kraft die Welt besteht.
Luther begann schon bald wieder zu schimpfen und Zwingli war in seinen Augen wieder nur der Ketzerfürst. Das verweist auf die anschleichende und anwachsende Tragik in Zwinglis Leben. Früh sich einschleichend steigerte sie sich durch jede Auseinandersetzung und führte schliesslich zu den kriegerischen Katastrophen in Kappel I und II.
(> 3.Essai.) 30.11.08