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Aus der Landschaft Davos
Ackerbau und Bauerntum.
Von Dr. W. Schibier ( Sektion Davos ).
Unter Wilde versteht der Bewohner der Alpen eine Gegend, die infolge ihrer hohen Lage nur noch Holz und Heu hervorzubringen vermag. Der Reisende, der im Sommer auf schneller Fahrt die Landschaft Davos durcheilt, glaubt sich dann, umwogt von dem in tausend Farben schillernden Heer der Gräser und Kräuter, welche die Wiesen der ganzen Thalsohle und hinauf an den Bergflanken bis zum Beginn des düstern Schwarzwaldes erfüllen, in einem Graslande zu befinden. Er bemerkt nicht die dem Ackerbau gewonnenen Felder, sei es, weil diese nur klein an Zahl und gering an Größe sind, oder weil sie noch grünend im allgemeinen grünen Halmenmeer untergehen.
Im obern Teile der Landschaft Davos, dem „ Oberschnitt ", einer weiten, sonnigen Thalfläche, wo zwischen 1550—1600 Meter Meereshöhe an Stelle patriarchalischer Hirtendörfchen in kürzester Zeit eine Villen-stadt von halbstündiger Ausdehnung entstanden ist, ist Hand in Hand damit aus socialen, nicht aus klimatischen Gründen der Ackerbau fast verschwunden. Wenige Äckerlein, und jene terrassierten Wiesen, die an Stelle von solchen getreten sind, zeugen an der Sonnseite des Thales noch von anderen, früheren Zeiten.
Im Unterschnitt dagegen, von Frauenkirch abwärts bis zur Schlucht der Züge, im Hauptthal besonders an den Abhängen der sonnigen, alten Thalterrassen, in den Seitenthälern, im milden Sertig und im Thälchen von Monstein herrscht noch die alte Ordnung und baut noch immer der Bauer seine Gerste und seine Kartoffeln, und einzelne sollen in guten Jahren davon bis 200 Centner verkaufen können. Kartoffel und Gerste sind die einzigen Nutzpflanzen, um derentwillen in Davos Ackerbau getrieben wird. Der Roggen, besonders geschätzt um seiner langen Halme willen, die im Winter den Heuballen unterlegt dazu dienen, die schwere Last leichter von den Heubergen über den Schnee herunterziehen zu können, ist bis auf wenige Äcker in Monstein sonst ganz verschwunden.
Interessant sind die Standorte dieser Äcker. In einem Lande, wo der April noch + 1,8°, und der Mai erst eine mittlere Wärme von + 6,8° erreicht, ist Ackerbau — wie etwa Weinbau auf der schweizerischen Hochebene — nur in den sonnigsten Lagen möglich; und diese finden sich nur auf jener Thalseite, die sich dem Süden zuwendet, und im Hauptthal vor allem an steinigen, sandigen, von Natur sterilen Abhängen, welche im Frühling zuerst sich stark erwärmen und aper werden. Jedes Thal, ja jede Schlucht hat seine Sonnen- ( Sunni- ) und seine Schatten-(Lizi-)seite, und danach geschieden verschiedene Vegetationen. Vor allem deutlich zeigt sich dies im Sertigthal. Schattenhalb steigen die dunkeln Nadelwälder fast überall zum Thalbach hinunter; auf der andern Seite spielt dagegen der Sonnenstrahl noch lange auf üppigen Wiesen- und Getreidefeldern, wenn für die schwarze Wand gegenüber die Sonne schon lange zur Ruhe gegangen ist. Hier Norden, dort Süden, der Bach macht die Grenze. Und wo, wie etwa im Hauptthal, in der „ Spina " auch auf der Liziseite sich etwas Ackerbau einstellen will, da flüchtet er sich in Seitenschluchten jener Bäche, die von der Alp ins Wiesengelände herunterziehen. Auch hier wieder ist eine Seite eingehüllt in Drosgebüsch und Vogelbeeren, Alpenjohannisbeeren, Loniceren, Weiden, Lärchen und Tannen schaffen eine dunkle Wildnis; und auf der andern Seite des Baches liegen am steilen'Hang die kleinen Kartoffelfelder in der strahlenden Sonne.
Hier in der „ Spina " ob Glaris ist auch einer der Orte, wo der Ackerbau in Davos fast in das Gebiet der Alp hinaufreicht: Dicht neben den Hütten der Rieberalp, in der Schlucht des Rieberbaches, finden sich die letzten Äcker in einer Höhe von 1800 Metern. In Monstein gehen Kartoffel und Gerste nicht über 1650 Meter ob dem Dorfe, und in der Rüti, fast gegenüber auf der andern Thalseite, schon nahe der wilden, engen Klause der Züge, mitten im Walde noch fast ebensohoch. In der Mitte des Hauptthales an der Sonnenseite, ob Frauenkirch, ob der Längmatte, steigen sie vom Thal bis zum untern Waldrand und erreichen mindestens 1700 Meter Meereshöhe. Das Maximum des Ansteigens dieser Kulturoasen finden wir aber im reizenden, noch ansehnlich bevölkerten Sertig. Hier haust auf „ Gaschurna ", einer Reuti hoch über dem Thalbach, in seinem Hof — das Hans ist kaum von der Thalstraße aus sichtbar — noch ein Bäuerlein mit zahlreicher Kinderschar, und ob dem Hause an sonniger Halde unter dem Waldrand, bei mindestens 1830 Meter Höhe, baut er für sich und die Seinen Kartoffeln und Gerste.Von hier zu den Arven der obern Waldgrenze ist es nicht mehr weit, und trotzig schauen schon die wilden Dolomithäupter der Ducankette auf das freundliche Idyll. Aber noch weiter drinnen im Thal, schon den Alpen benachbart und geschieden zur Winterszeit von aller Welt durch einen Waldes- Aus der Landschaft Davos.
streifen, der das ganze Thal überzieht, steht in gleicher Meereshöhe eine ständig bewohnte Hütte, worin eine alte, tapfere Jungfrau mit ihren Ziegen, Katzen und Hühnern haushaltet; und willig trotzt sie allen Winterstürmen und lauscht, ob der Frühling wiederkehre, der sie hervorlocke zur Bestellung ihres Äckerleins. Keine besondere Verlassenheit, kein Mangel zwingt die resolute Person zu ihrer Einsamkeit, und wer sie fragt, ob sie sich darin nicht unglücklich fühle, wird nicht übel heimgeschickt. So viel und so wenig braucht der Mensch manchmal, um zufrieden zu sein! Nur wenige menschliche Wohnungen steigen in Davos noch höher ins Gebirge, und locken zum Ausharren auch im Winter in einer Region, die keinen Ackerbau mehr kennt, und nur der Viehzucht und einem Ge-müsegärtchen noch eine Stätte gewährt. Auf der Schatzalp ob Davosplatz, an der obern Waldgrenze ( 1875 m ), hat der Fremdenbesuch auch im Winter zu ständiger Besiedelung geführt; im Flüelathal ist es die Paßstraße, die in dem wilden Hochgebirgsthal noch auf der „ Alpenrose " bei 1830 Metern und auf dem Tschuggen bei 1941 Metern den Menschen dem rauhen Klima trotzen läßt. Das Plüelahospiz, den größten Teil des Jahres hindurch in arktischer Umgebung ( 2388 m ), liegt schon auf Engadinerboden. Das Dischmathal, an den Gletschern der Scaletta endigend, öde und bald des Waldes entbehrend, ist zur Winterszeit nur im vordem Thal bewohnt, und die letzten, ständig besetzten Häuser stehen schon bei 1700 Metern. Viel spärlicher bewohnt als das freundliche Sertig, kennen Flüela und Dischma kaum mehr den Ackerbau.
Schon zeitig im Frühling, viel eher, als wohl der Tiefländer glaubt, der bis in den Sommer die Alpengegenden noch unter hohen Schnee- Dr. W. Schibier.
wällen vergraben wähnt, beginnt die Arbeit des Bauern auf seinem angestammten Boden. Ende März erscheinen auf den steilen Halden der Sonnseite, wo die Acker liegen, die ersten braunen Flecke in der weißen Decke, und Sonne und Föhn helfen sie rasch vergrößern. Da und dort weiß ein intelligenter Bauer durch Ausstreuen von Asche auf den Schnee den Schmelzungsprozeß noch zu beschleunigen. Im April ist der Acker aper geworden, und dann wird mit der Hacke — sind doch Pflüge unbekannt — die Erde aufgebrochen, und was davon durch Menschen und die Elemente ein Jahr hindurch in die Tiefe befördert worden, muß wieder in die Höhe „ aufgeherdet " werden — ein mühseliges Geschäft! Oben auf der Höhe der Halde wird ein Pflockring fest verankert, und an den Enden des Seiles, das durch den Ring läuft, zwei Schubkarren eingespannt. Jetzt beginnt die Arbeit des Flaschenzuges: ein Karren, unten mit Erde hochgefüllt, wird durch Menschenkraft nach oben gestoßen, der andere, leere wird durch einen Arbeiter nach unten gezogen. Geteilte Mühe ist halbe Mühe. Auf eben solche Weise wird der Dünger an Ort und Stelle befördert. Dann wird die Saat dem Boden anvertraut. Bei dem im Mai so wechselvollen Wetter, welches öfter noch Schneefälle und späte Fröste bringt, sind die Fortschritte des Wachstums erst sehr gering. Noch Anfang Juni, wenn in üppigen Tiefländern der Roggen schon mannshoch und in Blüte steht, ist hier das junge Grün erst einige Zoll hoch gewachsen, und von den Kartoffeln sind kaum einige Spitzen zu entdecken. Wenn dann aber der Alpensommer mit einem Male mit Macht einsetzt, beginnt auch in diesen Höhen ein üppiges Sprießen; noch bleibt aber alles grün, wenn drunten das gelbe Halmenmeer schon unter der Sichel gesunken ist. Und eines fehlt noch diesen dürftigen Gerstenäckern des Hochgebirges, das dem Getreidefeld einen so hohen, poetischen Reiz verleiht, es muß jener ganzen lieblichen Schar von Unkräutern entbehren, die, in den feurigsten Farben prangend, in rot und blau, violett und gelb, und oft seltsamer Farbenzusammenstellung uns eine Vorahnung der freudigen, heitern Orientflora geben. Wo sind sie, die roten Mohne, die Korn-rade, die blaue Cyane, die Acker-Ranunkel, Adonis, Rittersporn, Spiegel-glockenblume, Wachtelweizen und so viele andere, die uns von Kindheit auf vertraut und lieb geworden sind, und ohne die wir uns das wogende Ährenfeld nicht denken können? Nur einmal habe ich auf Davos ein dürftiges Exemplar von Papaver Rhoeas, eine Agrostemma Githago, einen Kamillenbusch gefunden auf einem Komposthaufen, vom Zufall ausgesäet und aufgegangen in einem Prachtsommer, mit einzelnen Roggen- und Kornstauden, die in schön blühenden Ähren standen und in Begleitung des seltsamen Erdbeerspinates, und eines ganzen Haufens stickstoffliebender Kräuter. Schon im nächsten Jahre war die ganze Florula wieder spurlos verschwunden. Die warmen Kinder des Südens gedeihen auch auf pri-vilegiertem Boden da nicht mehr, wo nur die genügsame Gerste noch fortkommt. Es sind nur unansehnliche Arten, gemeine, meist allverbreitete Pflanzen wüster Orte, des Wegrandes, der Äcker, welche in Davos als Getreideunkräuter auftreten. Bis der Schnee die Stoppelfelder eindeckt, noch im November blühen hier das unscheinbare Stiefmütterchen ( Viola tricolor f. arvensis ), einige Ehrenpreise ( Veronica polita, persica ) und die Sternmiere, zeitlose Pflanzen, denn im März, wenn der Schnee ringsum wieder aus den Stoppeln weicht, sind auch schon diese anspruchslosen Blümchen wieder da. Der Winter hat sie noch im Blühen überrascht, und nachdem sie monatelang unter tiefem Schnee in Erstarrung, im Winterschlaf gleichsam gelegen, hat sie der erste Licht- und Wärmestrahl nach langer Nacht wieder geweckt, und als ob nichts geschehen, setzen sie das unterbrochene Blühen einfach fort. Es scheinen diese Pflanzen eine ähnliche Lebenszähigkeit, eine Anpassung an Kälte und Hitze, gegen Gefrieren und Wiederauftauen, zu besitzen, wie es Kyellmann für einige blühende Kräuter ( z.B. Kochlearia fenestrata ) am Strande des Polarmeeres beobachtet hat.
Erst viel später treten auf den Äckern und zwischen den Halmen noch eine ganze Anzahl von Unkräutern auf; aber alle sind so wenig auffallend, klein und selten schön blühend, und so bleiben die Fluren für den Anblick merkwürdig frei von „ Unkraut ".
Unkräuterflora des Sertig bei 1600 Meter ( Juli — August ):
Viola tricolor arvensiaGaleopsis Tetrahit Thlaspi arvenseConvolvulus arvensis ( einmal ) Capsella Bursa pastorisChenopodium album Fumaria officinalisPolygonum Convolvulus Myosotis intermediaSonehu3 arvensis Arenaria serpyllifoliaLampsana communis Sherardia arvensisSenecio vulgaris Lnmiuni amplexicauleVicia Cracca Galium AparineVicia sepium Euphorbia HelioscopiaTrifolìura campestre In Monstein erscheint Anchusa ofticinalis nahe am Ackerrand, und der reizende, kleine Dianthus deltoïdes schmückt um Frauenkirch gerne die trockenen Rasenborde, welche die Getreidefelder einsäumen.
Das ist aber auch alles: Keine einzige der schönen, deutlich den Stempel einer wärmern Natur tragenden Arten der Getreidefelder unserer Tiefregion wagt sich mehr in die Höhe; es sind meist nur gemeine Ruderalpflanzen, die doch, um nur fortzukommen, den begünstigten Boden der kultivierten Erde aufsuchen müssen. Mit dem Menschen und seiner Kultur steigt und fällt diese ganze Flora.
In dieser Pflanzenreihe zeigt sich schon deutlich der Unterschied des sonst so begünstigten rätischen Hochlandes und seiner doch nordischen Art und Klimas gegenüber der trockenen Wärme des Wallis: Hier gehen die Getreidefelder, der Roggen und die ganze Schar der schönsten Un- kräuter1 ) im Findelenthal bis 2100 Meter hinan bis zum Gletscher, „ wo man im Winde die Ähren das Eis streifen sahdort nur noch spärliche Gerstenfelder bei 1830 Metern und im Gefolge einige mißachtete Proletarier!
Immerhin ist dieses hohe Ansteigen des Ackerbaues in einem ganz auf der Nordseite der Alpen gelegenen Thale höchst bemerkenswert und in letzter Linie doch nur erklärbar durch das begünstigte Klima, welches sich die mitten im Bündner Hochboden gelegene Landschaft geschaffen hat. Das hohe Maximum im Ansteigen des Getreidebaues rückt hier in ein um so helleres Licht, wenn wir es vergleichen mit jenem des übrigen Nordrandes der Schweizeralpen. Nach Christ geht dort die Gerste nur bis 1275 Meter und die genügsamere Kartoffel auch nur bis 1560 Meter. Davos läßt sich nur mit dem Engadin zusammenstellen; an beiden Orten sind die Maxima ungefähr dieselben.
Gönnen wir dem Gartenbau in Davos, der noch etwas höher wie der Feldbau, bis auf die Schatzalp ( 1870 m ) und ins Sertigdörfli ( 1860 m ) ansteigt, und Gemüse von unerreichter Zartheit und Güte liefert, einen raschen Blick. Die Bauerngärten freilich, nur kleine, oft mit zerfallendem Holzzaune umgebene Vierecke neben den Häusern bildend, mahnen eher an kleine Wildnisse, und außer etwas Kraut und Rüben, einem Vogelbeerbusch und flatterndem Rosenstrauch ist nicht viel darin zu finden. Der Davoser ist kein Vegetarianer. Gemüse ist daher auf Davos ein teurer, zumeist von außen importierter Artikel, und doch werden, wie die Gärten „ am Platz " beweisen — mag auch jeden Sommer der Schnee ein paarmal die Beete für einen oder zwei Tage rasch einhüllen — mit Erfolg gezogen: Radieschen, Rettiche, Randen, weiße und gelbe Rüben, Erbsen, Blumenkohl, Salat, Spinat, Kohlrabi, Kohl, Saubohnen, Schwarzwurzel, Sellerie, Lauch. Die Gartenerdbeere reift in Menge und hohem Wohlgeschmack ihre köstliche Frucht. Gern werden auch Himbeeren und Johannisbeeren in den Gärten gezogen, kommen sie doch überall auch wild vor. Eigentümlicherweise schmecken die Früchte der wilden Johannisbeere süßlich, fast widerlich, und kennen die pikante Säure der Kulturpflanze nicht. Es mag auch interessieren, daß im Kurhausgarten am Platz ein hochstämmiges Apfelbäumchen steht ( 1570 m ), das jedes Jahr reichlich blüht. Kirschen sind da und dort, meist am Spalier zu finden und reifen öfters noch im September ihre Frucht bis hinauf „ zur Grüne " ( 1650 m ). Auf dem Hitzenboden in ebensolcher Höhenlage hält ein solcher Kirschbaumbusch, wie es scheint, aus weg-geworfenem Stein aufgegangen und von Ziegen maltraitiert, ganz verwildert aus. Auch Flieder, allerdings nie reichlich blühend, und in schwachen Gebüschen, hält doch hier oben aus, wie längst verlassene Gärten beweisen, und kann der schützenden Hand des Menschen entbehren. Der Schmuck unserer Laubbäume, welche uns in ihren Laubmassen die Fülle einer glücklicheren Natur zum Bewußtsein bringen, jene gewaltigen Buchen und Ahorne, Eschen und Ulmen, welche noch im Walde von Klosters ( 1200 m ) prangen, sind größtenteils der Landschaft Davos versagt. Wahrscheinlich sind es die Schneefälle des Sommers, welche die großblättrigen Laubbäume — ich denke vor allem an den Ahorn, der doch in andern Alpengegenden des Nordabhanges bis zur Höhe von Davos ansteigt — von diesem Hochthal ausschließen, da im Sommer der Schnee, ungleich dem feinstaubigen, trockenen Winterschnee, in großen, nassen Flocken fällt, und sich in schweren Massen in die belaubten Zweige lagert, so daß er selbst große Äste zusammenzudrücken vermag. Wohl steht da und dort in den Gärten und Anlagen ein Ahorn, sogar noch eine strauchige Esche, ob Davos Dorf am Waldrand bei 1700 Metern noch eine Buche, die nie aus der Hut eines gewaltigen Felsblockes herauszuwachsen vermag, aber alle angepflanzt und seit 30 Jahren erst zu schwachen Bäumen gediehen, können sie sich nicht vergleichen mit den stolzen Gestalten, die dicht'daneben, einige Hundert Meter tiefer, uns noch im Prätigau entzücken. Es sind daher zumeist die einheimischen, kleinblättrigen Laubbäume und Alpensträucher, die zum Schmucke der Anlagen und Alleen herangezogen werden, und die Dürftigkeit einer herberen Natur nicht ganz verleugnen: Vogelbeere, Birke, Weiden ( Salix daphnoides, nigricans, decandra, grandifolia, Caprea, purpurea ), Erlen, Zitterpappeln, Traubenkirsche. Aber auch die Roßkastanie, noch in Klosters ein reichlich blühender Baum, habe ich schon einige Winter ausdauern sehen; Goldregen und Jungfernrebe sind winterfest.
Der Bauer, auf intensivere Bodennutzung bedacht, ist der Anpflanzung und Duldung solcher Gewächse nicht günstig gesinnt, und nur da und dort läßt er in der Wiese einen Strauch der Traubenkirsche stehen, oder zieht eine Rose im Garten; am ehesten trifft man noch um Stall und Scheune einen Traubenholunder oder Gebüsche von Himbeeren. Daher liegen auch die weißen Bauernhäuser, die Menge der dunkeln Ställe und Stadel, so allen Blicken bloßgestellt im Thal und auf allen Abhängen bis zum düstern Nadelwald, der Alleinherrscher ist in Davos; und daher muten auch die Dörfer, nur eine Anzahl weithin zerstreuter Gehöfte einsam und nackt in weiter Grasflur liegend, erst den Fremden so seltsam an, der das Dorf bei uns nur vergraben und verborgen im Obstbaumwalde kennt!
Überall zerstreut im Thal und auf den Abhängen, nach echt germanischer Art, jedes mitten auf seinem Erbe, den fetten Wiesen, dem Stolz und ersten Reichtum des Landes, hat der Davoserbauer sein Haus erbaut. Es giebt nur ein Dorf im landläufigen Sinne in Davos, das ist Monstein, und wohl nur durch die Lage am sonnigen Berghang im Hinter- Dr. W. Schibier.
grund des kleinen Thälchens gezwungen reiht es seine Häuser an einer Dorfgasse auf. Überall sonst, von allen Seiten grüßen helle, weißgetünchte Façaden einzeln, frei von Licht und Sonne umflutet, ins Thal. Davos besitzt zwar kein ihm eigenes, typisches Haus, und vielfach finden sich auch jene ganz aus Holz ausgeführten Prätigauerbauten, wie sie Ludwig im Band XXIX des Jahrbuches geschildert und abgebildet hat. Immerhin ist jenes Haus am meisten für Davos charakteristisch, das zwar wie im Engadin ganz aus Stein aufgebaut ist und dessen kleine Fenster, wie Schießscharten sich nach innen verengend, in die weißen, dicken Mauern eingelassen sind, aber immer einzeln steht, getrennt von Stall und Scheune, die im Engadin mit dem Haus unter einem Dache vereinigt werden. Und hier wie im Prätigau steht die First des Hauses senkrecht zum Berg, so daß die Hauptfaçade sich dem Thal zukehrt, und im rechten Winkel zum Hause, von diesem etwas abgetrennt, hat der Bauer die hölzerne Scheune nach Prätigauerart mit dem Stall unter einem Dach errichtet.
Auch die innere Einteilung erinnert an das Prätigauerhaus; nur ist sie meistens reicher ausgeführt, da links und rechts vom Eingang, der immer auf einer Seite, nie vorne sich findet, Räume sich anlegen. Die Thüre, in der Mitte geteilt, so daß sie auch nur zur obern Hälfte fenster-artig geöffnet werden kann, führt in einen weiten Raum, einen Korridor, der das ganze Haus bis zur andern Seite durchquert, wenn nicht manchmal nach hinten die Küche davon abgetrennt wird. Hier aus diesem Vorraum steigt die Treppe in den obern Stock, eine andere leitet in den:
Aus der Landschaft Davos.
Keller, und hier steht auch ein Teil des gewaltigen Ofens, der in der Wohnstube einen großen Raum in der innersten Ecke ausfüllt. Die Wohnstube ist das Hauptgemach des Hauses, immer an der freundlichsten, sonnigsten Hausecke gelegen. Mit zwei Fenstern von den drei in der Front des Hauses, schaut sie ins Thal hinunter, und noch von zwei Fenstern auf der Seite des Eingangs erleuchtet, wird sie zum hellsten Räume im ganzen Hause. Neben der Stube liegt die Nebenstube, schon schmal und finster, da nur noch ein Fenster in der Frontmauer für sie übrig bleibt. Auf der andern Seite des Korridors, gegen den Berg, sind auch noch zwei kleinere Gemache, eine Stube oder die Küche, oder Speicher zur Aufbewahrung von Fleisch und Milch. Ganz dieselbe Einteilung des Hauses wiederholt sich im ersten Stock. Von dem großen Korridor mit dem Kamin führen die Thüren in die Schlaf kammer ob der Wohnstube und in die Zukammer daneben, und auf der andern Seite in kleinere Gelasse für allerlei Zwecke eines Bauernhauses. Gerade ob der Hausthüre geht oft eine Thüre auf eine hölzerne Laube, von der im Sommer Nelken in stolzen Farbensträußen herunterhängen. Kammer und Zukammer haben meist nur noch ein Fenster in der Front, jene noch eines auf der Seite, beide kaum genügend, um Licht und Luft gehörigen Zutritt zu gewähren, da der Bauer hier wie anderwärts Wärme höher schätzt als jene Himmels-gaben. Ein wenig geneigtes Holzdach begrenzt einen nur noch durch Lücken erleuchteten Raum, die Dilli, den Estrich, und vollendet die Architektur des Hauses.
Dieser Typus der Wohnstätten kehrt immer wieder, hier einfacher, dort größer mit mehr Gelassen, in Holz oder in Stein, und doch enthalten diese kleinen Häuser mit ihren niedern Zimmern mehr Raum, als man nur von außen vermuten möchte. Freilich in den Familien, die darin wohnen, ist man nicht verwöhnt; außer einer Stube zum Aufenthalt am Tage braucht Dr. W. Schibkr.
es nur einen Platz zum Schlafen, und einen zum Kochen und einige Räume zur Aufbewahrung der Vorräte. Die Zimmer sind denn auch einfach genug möbliert. In der Schlafkammer sind außer den Betten bloß etwa seltsam bemalte Truhen zu finden, die an Stelle der Schränke treten. Nur im Korridor steht noch manchmal ein mit Kunst geschnitzter Schrank, dem aber die Altertumsjäger aufsätzig sind. In der Stube fehlt nie, dicht neben dem Eingang, das Büffett, von der Bäuerin schön herausgeputzt mit bunt bemaltem Geschirr voller Sinnsprüche; auf der andern Seite der Thüre lagert sich der gewaltige, gevierte, geweißte Ofen. An diesen sich anlehnend, steht das „ Gutschi ", eine Art einfachsten Ruhebettes; immer vorhanden, dient es dem müden Wanderer und dem feiernden Bauern, der hier seine Pfeife schmaucht und von hier auf kürzestem Wege ins Bett gelangt auf einer schmalen Stiege hinter dem Ofen und durch eine Fallthüre, die in die Schlafkammer führt. Im Winter gackern wohl auch in vergittertem Verschlage unter einem Ofenbänklein ein paar Hennen, die dort, mag draußen auch noch meterhoch der Schnee liegen, von der Ofenwärme getäuscht, dem Frühling entgegenträumen und sich schon fleißig in der Kunst des Eierlegens üben. Ein Tisch, eine Bank in der Fensterecke, eine Kom- mode, ein paar Stühle sind schon das ganze Mobiliar, das, keiner Mode unter- worfen, ein paar Menschenalter aushält. Zwei Wanduhren, eine die andere kontrollierend, ein paar Photographien in einfachsten Rahmen und ein paar Kränze, Andenken teurer Geschiedener an den Wänden predigen Zeit und Ewigkeit. Noch steht da und dort in einer Zukammer ein unförmlicher Webstuhl, auf dem ein altes Mütterchen aus selbstgewonnener und gesponnener Wolle das unverwüstliche Lodentuch anfertigt, in das sich männiglich kleidet.
Es ist ein großes, tüchtiges Geschlecht, das in diesen einfachen Häusern wohnt; die Männer oft gewaltig, mit wallendem Haar und flatterndem Bünderbart, feiner die Frauen, dunkelfarbig, und nur hie und da ist ein roter darunter und verrät die germanische Abstammung. Die Namen der Geschlechter sind fast alle deutsch 1 ), und nur der Name des Landes, 1 ) Z. B. Meißer, Ambühl, Branger, Kaufmann, Gadraer, Buol, Sprecher, Jost, Kindschi, Müller, Prader, Zeiger etc. dagegen Accola, Beeli, Taverna.
der Seitenthäler, mancher Berge und Lokalbezeichnungen ( Plüela, Dischma, Sertig, Ardüs, Gaschurna, Schiahorn etc. ) verraten, daß auch hier einst der Romane gehaust hat. Aber selbst die Tradition hierüber ist verloren gegangen, wollen doch die Davoser als erste Ansiedler und freie Walser, das sind deutsche Walliser, von der Wildnis Besitz ergriffen haben, und erst ihrem Fleiß sollen die Wälder, ein Zufluchtsort wilder Tiere, gefallen und durch sie das Land zur Heimstätte für Menschen umgeschaffen worden sein. Ich vermag die Richtigkeit dieser Erzählung nicht zu beweisen, aber eine kleine Analogie zwischen Davos und Wallis ist mir immer aufgefallen, die Ähnlichkeit in der Bauart der Speicher. Noch stehen im Unterschnitt ziemlich zahlreich in der Nähe der Felder, zur Aufbewahrung der Garben, zum Dreschen benutzte Blockhäuschen, tiefbraun oder schwarz gebrannt von der Sonne der Jahrhunderte, und wie im Wallis stehen sie auf 4 kleinen, aus behauenen Stämmen aufgeführten Säulchen; nur hat der Walliser als Kapital gleichsam am Ende jeder Säule eine runde, glatte Schiefer- oder Gneistafel aufgesetzt, wodurch den Mäusen der Zutritt zum Speicher verwehrt wird. Dieses Stück fehlt immer in Davos; sonst aber fällt die Ähnlichkeit in die Augen, und vermag ich mich nicht zu entsinnen, anderswo dasselbe gesehen zu haben.
Einfach und kräftig ist die Nahrung des Bauern, und wie es in Davos keine Armut giebt, die am Abend nicht weiß, wohin das Haupt legen, und am Morgen, woher das Brot nehmen, um wieder einen Tag das Leben zu fristen, auch überall ungefähr dieselbe. Der Natur des Landes gemäß, die fast ganz auf Viehzucht hinweist, liefert das Tierreich den Hauptbestandteil, Milch, Butter, Magerkäse, Fleisch, Eier bilden und fördern die Kraft. In jedem Hause werden jedes Jahr ein paar Schweine, Schafe, Ziegen, eine Kuh geschlachtet, und das Fleisch als Würste oder in Stücken, an der Luft getrocknet, aufbewahrt, da es in der reinen, trockenen Bergluft nicht verdirbt; die besten Stücke des Rindes, als „ Binden " in jedem Hause in freier Luft aufgehängt, geben eine Speise von unvergleichlicher Kraft und Würze. Brot, Reis, Polenta, Kartoffeln kommen aus dem Pflanzenreich hinzu, das aber als Nahrungsspender lange nicht die Rolle spielt, wie auf dem Speisezettel des Tief landbauern. Gönnt man sich bei Gelegenheit ein Glas Wein, so gilt allein der landesübliche Veltliner, dessen Ruhm man erst auf Bündens Bergen würdigen lernt, da er nur in alpiner Höhe alle seine Eigenschaften zu entfalten scheint. Wenn auch der Davoser seine Gerste noch selber baut, wird nirgends mehr das ganze Jahr hindurch selber gebacken; auch würde die gewonnene Getreidemenge hierzu nicht ausreichen. Man nutzt das Stroh, man füttert oft die Körner den Hühnern, aber noch wird im Unterschnitt in einigen primitiven Mühlen, deren Anblick an Illustrationen zu Buschs „ kühner Müllerstochter " erinnert, ein Mehl gewonnen, das, gekauftem zugesetzt, ein besonders gutes Brot geben soll. Um die Neujahrszeit herum wird immer von den sorg- samen Frauen ein feines, reichlich mit Rosinen oder Birnenschnitzen durchsetztes Brot gebacken, das, mit „ Rötheli ", einem selbst angemachten Liqueur, genossen, die Festtage feiern hilft. Außer dieser Zeit wird wohl von allen Familien das Brot gekauft, und Papa Lendi, der Bäcker vom Dorf, fährt jede Woche zu seinen bestimmten Tagen, den Wagen hoch mit Laiben bepackt, unfehlbar, mag das Wetter dräuen, wie es will, die Landschaft hinunter und in die Thäler hinein; da und dort hält er an und stößt in sein Horn, und dann eilen die Hüterinnen des Herdes von allen Halden herunter, um die geschwundenen Vorräte zu ergänzen. Da mag es sich ereignen, daß in tiefem Winter Bäcker und Doktor sich auf einsamer Straße, welche die Lawine unwegsam gemacht hat, begegnen, und Roß und Schlitten ausspannen und sich gegenseitig über das Hindernis hinüberhelfen.
Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist ein vorzüglicher. Alles wirkt hier günstig, die kräftige Nahrung, die Kleidung aus Wolle, ein Klima, das auch im Winter mit ruhiger Luft und hellem Sonnenschein zum Leben im Freien lockt. Hierzu hilft das Wohnen auf einzelstehenden Höfen, die fast nie zu enggebauten Dörfern zusammenschließen, in denen Anhäufung von Abfällen aller Art gar oft die Züchtung von Krankheiten begünstigt. Licht und Luft haben überall Zutritt zu Haus und Hof, so daß selbst die allzuspärlich durchgeführte Lüftung der Stube nicht zu großem Nachteil ausfällt. So werden auch die Schulen nicht von blassen, ewig kränklichen Kindern bevölkert, deren Erbteil Tuberkulose, Skrofeln, Rhachitis ausmacht — das sind hier seltene Gäste — nein, frisch und gesund blicken die jungen Menschen in die Welt, und daß sie in einem Alter, in dem die Grundlage gelegt wird zu späterer Kraft und Ausdauer, den ganzen Sommer über sich in freier Luft, im Wald und auf den Bergen, die Herz und Lunge entwickeln, tummeln dürfen statt in enger, staubiger Schulstube zu schmachten, kommt Körper und Geist fürs ganze Leben zu gute. Ein gesunder Körper und Geist geht eben auch mit Lust zur Schule, und das Lernen wird zum Vergnügen. Oft sind die Kinder wegen Krankheit kaum zu Hause zu behalten; sie verlangen immer wieder zur Schule!
Wenn der Winter gegangen, wenn die Jungen und die Mädchen den Schlitten, der sie auf sausender Fahrt von allen Höhen so oft zum Schulhaus getragen, wieder in den Winkel gestellt haben, und der Frühling gekommen, dann legt alles Hand an beim Bestellen der Felder, beim Mist anlegen auf den langsam ergrünenden Thalwiesen. Anfang Juni endlich, nicht vor dem bestimmten Tag, geht 's auf die Alp. Jeder Bauer zieht allein, ohne viel Geräusch und ohne Gesang, wenn nicht ohne Klang, da jede Kuh ihre Glocke läutet. Jeder besitzt auch seine Alp allein, oder teilt sie nur mit wenigen Genossen. Gemeindealpen und Gemeindewald, eine Allmend giebt es auf Davos, außer in Monstein, fast keine; alles Land ist fast ganz in Privateigentum übergegangen. Zu hinterst in den Thälern, wo Lärche und Arve bald keine Stätte mehr finden, liegen die Alphütten in Weilern bei einander, alle einander längs dem Thalbach folgend, so im Dischma bis nahe zum Gletscher, so in Sertig, in den Seitenthälern von Monstein, oder sie scharen sich am Berghang an der Waldesgrenze, immer zwischen 1850—2000 Metern noch von Wald und lauschiger Wiese umgeben, um die gemeinsam allen dienende Sennerei. Selten steigen, wie auf der Lochalp, die Hütten einzeln etwas höher in die Alp hinan; immer aber haben die Herden einen weiten Weg in die Alp hinauf und zu den grünenden Gräten. In Davos giebt es keine Maiensäße, Mittel-und Oberstafel, denn im Maien liegt der Schnee noch bis zum Wald herab. Nur da und dort, schon den Gipfeln näher, ist noch ein einsames, höchst primitives Steinhüttchen zu finden, in dem der Rinderhirt und Hüter des Galtviehs unterkriecht, und das keinen Vergleich mehr aushält mit dem oft behaglich eingerichteten Sommerhäuschen, in dem sich der Bauer mit Kind und Kegel, Schweinen, Hühnern und Katzen bis in den September aufhält. In den tiefen, fetten Weiden ertönen die Glocken der Kühe, die im August an sonnigen, beblumten Gräten da und dort bis 2600 Meter ansteigen; auf den schlechten, höher gelegenen Alpen schon in aller Einsamkeit bimmeln die Glöckchen des Galtviehs bis zu hinterst im wilden Ducanthal, wo auf verlorener, grüner Oase sich ein paar Wochen sogar einige Pferde tummeln, von denen man nicht begreift, wie sie hierher den Weg durch wüste Felseneinöde gefunden haben. Auf den Gräten und um die Gipfel klettern die Ziegen, deren muntere Schar der Geißbub jeden Morgen austreibt, und mit der er bei sinkender Sonne jeden Abend ins Sommerdörfchen zurückkehrt. Wie das stößt, wie das neckt, wie jedes Tier allein seinen Stall findet, immer dasselbe reizende alpine Bild. Im Bereich der Ziegen weiden auch die Schafe, oft wochenlang sich selber überlassen und oft weithin auf fremde Alpen sich verirrend. Was der Bauer nicht selber an Milch nutzt, das verkauft er um bestimmten Preis an den Sennen in die gemeinsame Sennerei, der Magerkäse und Butter bereitet. Im Juli beginnt die Heuernte und dauert ununterbrochen, höchstens durch schlechtes Wetter aufgehalten, bis in den September hinein. Zuerst kommen die fetten Thalwiesen an die Reihe, gemäht zu werden, und das duftende Heu wird in den großen, ob dem Stall aufgebauten Scheunen, und den vielen schwarzbraunen Blockhäusern, den Heustadeln aufgespeichert, die überall in den Wiesen zerstreut liegen und dem Unkundigen die Landschaft bevölkerter erscheinen lassen, als sie in Wirklichkeit ist. Wenn der wunderbare Schmuck der Fettwiesen unter der Sense gefallen ist, werden auch die weniger ertragreichen, sogenannten Magerwiesen geerntet. Gar oft aber hindert ein Regenwetter den lustigen Fortgang der Arbeit und tagelang hängt trübselig das nasse Gras an den Heinzen. Endlich Ende August rückt die frohe Schar der Schnitter und Heuerinnen in die Mähder hinauf, weite Graslehnen, die ob der Waldgrenze, von 1850 Meter an etwa bis manchmal zu 2300 Meter hoch in die Alp hinaufreichen. Von zahlreichen Wasserrinnen und Bächen durchzogen, die erst drunten im Wald sich in tiefe Schluchten einsenken, von diesen weidenumfriedeten Bächen aus oft bewässert, aber nie gedüngt, stehen auf den Mähdern die Kräuter und Gräser besonders dicht und würzig, aber so niedrig, daß man kaum begreift, wie sie die Sense fällen soll. Ist der Ertrag denn auch kein großer, so ist das Heu doch ausnehmend fein und duftend und von hohem Nährwert, und wird in allen den kleinen, braunen Blockhüttchen untergebracht, die zahlreich, vom Thale aus gesehen, wie kleine, schwarze Punkte eingestreut sind ins Grün der Alp.
Der Heuersonntag, die Älplerkilbi, Mitte August, bezeichnet den Höhepunkt des alpinen Sommerlebens der Bergleute. Da geht es „ hinter den Ecken ", im Sertig Dörfli, wenn einmal des Pfarrers Rede im alten Bergkirchlein, zu dem er Sommers über schon manchmal hinaufgestiegen, verklungen ist, hoch her bei Wein und Tanz und Lustbarkeit bis in den Morgen hinein.
Der Herbst verkündigt sich gewöhnlich Anfang September durch einen Schneefall, der oft schwer auf das Laub der Kartoffelfelder und in die Halme der Gerstenäcker drückt, welche nun endlich gelb geworden von allen Höhen nicken und kund thun, daß Davos noch in der Zone des Getreidebaues gelegen ist. Mitte September ist die Ernte reif, und bald hört man da und dort den anheimelnden Ton des Dreschens auf den Böden der Speicher. Die sorgsame Bäuerin hält auch Blaktenernte: Sie sammelt und kocht in großen Kesseln auf Herden im Freien jene seltsamen, im Umkreis der Ställe auf stickstoffreichem Substrat wuchernden hohen, blatt- Aus der Landschaft Davos.
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reichen Stengel des Alpenampfers ( Rumex alpinus ) und versorgt sie in mit Brettern ausgefütterten Erdlöchern, um hier in karger Jahreszeit für die Schweine ein Winterfutter zu finden. Auf den Thalwiescn winkt neue Arbeit; noch wird auf manchen ein würziges Emd gewonnen und nur zu oft krönt die duftenden Haufen ein zierliches Schneekrönchen. Noch einmal im Oktober ist alles auf der grünen Fläche versammelt, die Wiesen zu düngen, die Ernte des kommenden Jahres zu sichern. Inzwischen sind auch die Herden Ende September einzeln, wie sie gekommen, und ohne Festlichkeit ins Thal zurückgekehrt. Dann ist es still und einsam, fast traurig, um die erst noch so belebten Alphütten geworden; alle Fenster sind geschlossen, kein Rauch steigt mehr über das traute Sommerdörfchen; nichts Lebendiges ist mehr zu entdecken, als etwa da und dort auf sonniger Wiese eine mausende Katze, die bei der Heimkehr, der „ Robete ", vergessen wurde, sich hier noch einige Tage der Ruhe und Stille erfreut und später doch immer den Weg allein nach Hause findet. Nach einigen Wochen kehren aber doch noch einmal wenige Hirten mit ihrer lebendigen Habe in den Hintergrund dieserAlpen-thäler zurück, und nutzen das dort gesammelte Heu oft noch bis gegen Neujahr.
Mutterseelenallein hausen sie hier mit ihren Tieren, und sind bis zur Rückkehr manchmal tief eingeschneit. Der Bündner ist ein „ innerlicher " Mensch, und für Lust und Freude hat er gewöhnlich keine lauten Äußerungen, und was er denkt, das ergründet so bald keiner auch unter seinen Volksgenossen. Das kleidete jener Landammann, der an der Landsgemeinde, seiner Wiederwahl sicher, dennoch einen andern aus der Schlacht als Sieger hervorgehen sah, in die Worte: Volk, Volk, du bist en unheimlige Hufe!
Doch noch ist der Winter nicht gekommen; er hat nur erst gedräut, und schöne und schönere Tage folgen sich ununterbrochen, oft wochenlang. Das ist die Zeit des fröhlichen Herdenläutens in den Thalwiesen, die Poesie des Hirtenbubenlebens und der Jagd. Wer einmal, das Gewehr in der Hand, den herbstlichen Gebirgswald durchstreift hat, wo um die grauen und rötlichen Stämme des grandiosen Naturparkes die warmen Strahlen eines wolkenlosen Himmels spielen — alles ringsumher so unsagbar feierlich stille, überall in das Dunkel eine einflutende Lichtfülle, nur hie und da ein Laut, das Pochen eines Spechtes, das Rascheln und unwillige Knurren eines schwarzen Eichhörnchens, das mutwillige Spiel der Tann-meisen, das leise Fallen eines von Kreuzschnäbeln geworfenen Zapfens, dann ein gewaltiges Getöse, der Aufflug eines gescheuchten Birk- oder Auerhahnes — der wird diesen Zauber nimmer los und verfällt ihm immer wieder. Auch der Bauer huldigt der edeln Leidenschaft und jagt hinter der flüchtigen Gemse her auf den Gräten, dem scheuen, schon zahlreich gewordenen Reh im Walde oder gar dem seit einem Jahrzehnt in Davos wieder einheimisch gewordenen Hirsche, der im Frühjahr in die Saaten geht; und wer auch nur ein Murmeltier erbeutet, weiß doch am Abend in Clubhütten oder Hospizen bei feurigem Veltliner von Abenteuern zu erzählen. Und noch immer einsamer wird es im Wald, auf den weitgedehnten, grau in grau getönten Alpen und Bergrücken, wenn erst der Jäger dem Alpenhasen und den Schneehühnern nachstellt, die mit den einzelnen Schneefällen vom Grat zum Wald allmählich herunterrücken und weißer und weißer werden, je mehr sie sich der Heimat des braunen Hasen nähern. Endlich treffen sie mit diesem zusammen und dem Steinhuhn und stolzen Birkhahn, wenn eines Tages um die Mitte Novembers ein unendliches Flockengewimmel vom Himmel rieselt und Gebirg, Wald und Thal und alles Lebendige unter einer Decke begräbt.
Das Gebirge ist eingeschneit, und ein halbes Jahr weicht der weiße Mantel nicht aus dem Thale. Der Bauer hält sein Vieh schon lange im warmen Stalle in der Winterung. Das Herbeischaffen des Heues auf niederem Hornschlitten, den er lenkt von Hand oder dem er oft ein Rind vorspannt, aus weitzerstreuten Stadeln, auf kaum gebahnten Wegen, beschäftigt einen Teil seiner Zeit. Die festgeschnürten, gewaltigen Heubündel aus den Mähdern ob der Waldgrenze, denen des leichteren Gleitens wegen Stroh untergelegt wird, in sausender Fahrt durch den winterlichen Wald über stotzige Halden zu lenken, erfordert hohe Kraft und Geschicklichkeit. Die Wartung seiner Kühe und Rinder, Füttern und Melken sind Pole der Thätigkeit des alpinen Bauern im Winter; und lange Zeit wird auch süßer Ruhe gewidmet auf dem Gutschi neben dem stets warmen Ofen, der sich nährt von der gewaltigen Scheiterbeige unter den Fenstern.
Da und dort begegnet man auch einmal einer wandernden Kuhherde, und seltsam tönen die Glocken, wie zur Alpfahrt, in der weißen schweigenden Landschaft. Das ist ein Senntum, das, wenn an einem Orte das Futter zur Neige gegangen, auszieht, um auf schmalen, holprigen Wegen ein anderes „ Heimet ", das wieder bis zum Frühling neue Unterkunft gewähre, zu erlangen, und manchmal zieht Kind und Kegel mit.
Auch im Wald ist neues Leben eingekehrt: Krachend fallen die stolzen Stämme unter Axt und Beil, und pfeilschnell fahren die Blöcke auf Schneerinnen zu Thal zur gebahnten Straße. Früher kaum geachtet, ist heute der Wald zum wertvollen Gut geworden, dem man nur immer mehr Schonung wünschen möchte.
Der Winter und die Vereinsamung der Höfe versammelt die ganze Familie um den Herd; er bringt die Herzen einander nahe, er fördert die Liebe der Kinder zu den Eltern, der Eltern zu den Kindern. Nie habe ich unter Menschen ein innigeres Verhältnis getroffen, als es so oft unter diesen einfachen Bauern des Hochgebirges besteht. Was giebt es da auch für kluge und feine Frauen, die dem Lande ein halbes oder ein Dutzend Kinder erziehen, in einer Welt, die weltverloren aus links und rechts emporstehenden Bergflanken voll dunkeln Waldes, aus einem rauschenden Bach in einer kleinen Thalründe sich zusammensetzt. Darüber spannt sich ein kleines Stück blauen Himmels, aus dem des Tages, wenn es gut geht, ein paar Stunden lang am Mittag die Sonne scheint — und das heißt eine Welt! An einem andern Ort klebt ein Haus an einem Berghang; zum einzigen Schutz steht ein Stück Wald darüber, und unter dem Dache schlafen ruhig Eltern und Kinder jahraus und jahrein, auch wenn nachts links und rechts die Lawinen donnern, die so manchen schon begraben haben. Treu hält hier der Bauer aus und erhält das Land seiner Kultur und erzieht der Republik aufs neue die alte Stütze!
Wie eng ist der Kreis, der hier das Leben begrenzt! Einfach ist Leben und Denken dieser Leute, kräftig wie die Kost, die sie genießen, gesund wie die Luft, die sie atmen. Patriarchalisch ist die Sitte: Arbeit und Ruhe, Freude und Schmerz wandeln stets in denselben uralten Bahnen.
Welche prächtige, alte Mütterchen, aufrechte Greise wohnen unter den alten Dächern, keine wandelnden Mumien, deren Mark und Sinne längst abgestorben sind; nein, gesund wie Lärche und Arve an der Waldgrenze, verwittert zwar und zerzaust wie diese, reichen sie an die höchste Lebensgrenze hinan, bis ein letzter Sturm das alte, abgearbeitete Herz endlich fällt.
Wie gering ist auch die Kindersterblichkeit, trotzdem bei mangelnder Muttermilch dem Säugling fast vom ersten Tage an ganze Kuhmilch, womöglich sein erstes „ Schmalzmüesli " gereicht wird. Alle möglichen Surrogate vermögen eben niemals gesunde Geburt, sorgsame Pflege, eine ausgezeichnete Kuhmilch zu ersetzen.
Hier unter dem alten Volke giebt es auch noch Originale; davon nur ein Beispiel und eine kleine Geschichte. Hansli von der Längmatte war schon kein Jüngling mehr, als er auf die „ Freite " ging, und kein Adonis, als er dann seine nur zehn Jahre ältere Dorothe heimführte. Gar zu gern hätte er aber einmal gewußt, wie tief ihn seine Eheliebste ins Herz geschlossen, und so beschloß er denn, sie auf die Liebesprobe zu stellen. Hansli stand an diesem Tage mit schlechter Laune auf und zankte mit Dorothe schon am frühen Morgen. Als sie ihn dabei ruhig gewähren ließ, behauptete Hansli endlich, daß gewiß, wenn er sich ein Leid anthun möchte, sie sich wenig darum bekümmern würde. Darauf erwiderte Dorothe nur kurz: Probier's! Da rief Hansli wütend, das Wort werde sie noch bereuen, und stürmte aus dem Zimmer und über die Stiege in die Schlafkammer hinauf. Hastig riß er hier die Flinte von der Wand, öffnete das Fenster, ein gewaltiger Knall ertönte, und schon fiel der Körper mit großem Gepolter auf den Boden; still zog der Rauch aus dem Fenster. Ein, zwei Stunden blieb alles still. Endlich kam Hansli kleinlaut die Treppe wieder herunter und rief dann doch seiner Dorothe, die ihn ruhig in der Stube erwartete, zornig zu: Siehst du, habe ich dir 's nicht gesagt, sterben könnte ich, du würdest dich nicht um mich kümmern. Dorothe sagte gar nichts, sie lächelte nur still auf den Stockzähnen; sie kannte eben ihren Hansli.
Der Winter ist auch die Zeit der Liebe. Zeit und Gelegenheit bringt die Herzen hier eher zusammen. Dann kommt der Bursch am Abend zum „ Hengert " ans Fenster und in die Stube, und manches Gutschi weiß von mancherlei Liebesgeschichten zu erzählen. Nach Weihnachten führen die Jungen ihre Schönen in rauschender Schlittenfahrt durch die stille, weiße Landschaft, und trotz schneidender Kälte entfacht sich manches Flämmchen, das erst zart angegangen, zu lodernder Glut. Aber auch die Alten bleiben nicht zurück; und zum Beweise, daß das eheliche Feuer im Alltagstreiben nicht erloschen, feiern die Verheirateten ihre besondere Schlittenfahrt das Land hinunter oder hinauf bis zum eisigen Joche der Flüela. Kälte erwärmt die Herzen nicht minder, als sommerliche Wärme je es vermag.
Jede Woche einmal, am Dienstag, strömen die Bauern aus ihren Thälern zu Markte an den Platz. Auf einfachen Schlitten, mit aufgebundener Kiste einen Sitz improvisierend, bringen sie ihre Produkte zum Verkauf: Holz, Kälber, Kartoffeln, Fleisch, Käse, erbeutetes Wild. Mancher, der kein Rößlein im Stalle hat, macht den stundenweiten Weg bescheiden zu Fuß, und es gewährt einen eigenen Anblick, stattliche Mannen mit kleinen Körbchen am Arme zu sehen, die Butter, Eier, Käschen enthalten. Nach Mittag sammeln sie sich in Gruppen auf dem alten Rathausplatze, und dann geht 's in lustiger Fahrt, die Schlitten alle voll mit Bauern bepackt, wieder der Heimat zu.
Welch ein Gegensatz! Hier am Platz ein Stück Großstadt, gewaltige Hotels, elegante Villen, reiche Kaufläden, alles getaucht am Abend in ein verschwenderisches Meer von Licht, die Straßen, die Boulevards belebt von einer bunten Menge, Vertretern jeder Sprache, jeglicher Bildung, jeglichen Glaubens, herbeigeströmt aus allen Winkeln der Erde, die selt-samste Stadt Europas in einer Höhe von fast 1600 Metern — dort dicht daneben das alte Volk, einfach und zufrieden, auf seinen einsamen Höfen weltentrückt und weltverloren, dahinten im Sertig, in der Spina, auf dem Hitzenboden, wohin nie ein Fremder sich verirrt! Wie im Märchen liegen sie da, die stillen Häuser mitten im meterhohen Schnee unter dem blauen Himmel, an der strahlenden Sonne, darüber der schwarze Wald, die weißen Firne. Am hellen Mittag tropft es leise von allen Dächern, sonst ringsum alles so wunderbar still, ein einziger Friede. Hier und nirgends muß jedes kranke Herz gesunden, hier zerrüttete Nerven die Ruhe wiederfinden. Langsam werden die Tage länger und weicht der Schnee aus dem Thale; langsam ergrünen die Matten, wenn der Strom der Fremden, den Schmelzwassern folgend, dem üppigen Frühling der Tiefe zueilt. Hier oben ist die Natur noch ernst, wenn am zweiten Sonntag im Maien die Bauern von allen Seiten her vor dem altehrwürdigen Rathause, das Jahrhunderte gesehen und Geschichte erlebt hat, sich versammeln. Da werden in freier Tagung die Geschicke des Landes entschieden, Landammann und Rat und Gericht aufs neue bestellt. Bacchantische Lust erfüllt die Nacht, und Freude zieht ein in alle Herzen, denn bald ist die Zeit wieder gekommen des Lebens auf hoher Alp!
Wenn wieder in hundert Jahren einmal der Wanderer die Schwelle des Wolfgang erklommen hat, wo vor dem erstaunten Blick zum erstenmal der träumerische See, das weite Thal, in das ernst und bedeutsam der stolze Zahn des Tinzenhorns hereinschaut, sich aufthut, was wird er findenEine schönere, größere Stadt, wer weiß esAber eines ist geblieben, das alte Volk, das zuerst sich diese Scholle zur Heimat schuf, die freien Bauern des Hochgebirges!
Ich schließe mit den Worten Gottfried Kellers:
Und dennoch ist 's das echte, Das bleibende Volk, das rechte, Das auf der Scholl' erblaßt, auf der es ward geboren; Das Schifflein geht verloren, des Anker diesen Grund nicht faßt!