Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03401.jsonl.gz/662

Mount McKinley
Max Weibel, Zürich und Pfafihausen
Bilder so bis SS Verhängter Himmel und kalter Wind empfingen mich Ende Mai 1973 auf dem Flugplatz von Anchorage, wo meine vier Bergkameraden schon versammelt waren, und als wir vierzehn Tage später wieder nach Anchorage zurückkehrten, sah es abermals nach Regen aus. Dazwischen war uns jedoch ungewöhnliches Wetterglück beschieden. Eben in dieser Jahreszeit - gegen Ende Mai und Anfang Juni - wird in Mittelalaska der Winter fast übergangslos vom Sommer abgelöst. Dann wechselt die atmosphärische Strömung. Fegen im Winter trocken-kalte Winde aus Inneralaska, so wird im Sommer wegen der kontinentalen Erwärmung feuchte Meeresluft herangesogen. Schon bei unserem ersten Versuch ( 1971 ) erlebten wir anfangs Juni eine Schönwetterwoche. Aber wir waren damals nicht gut genug vorbereitet und mussten nach einer stürmischen Nacht im plattgedrückten Zelt auf 4600 Meter zum Rückzug blasen.
Der Mount McKinley, mit 6193 Metern Nordamerikas höchster Berg, wurde 1917 zum Nationalpark erklärt. Dieses grosse Naturschutzgebiet auf der Nordseite der Alaska Range ist gegen 170 Kilometer lang und 50 Kilometer breit, so dass es mit 7800 Quadratkilometern den Kanton Graubünden übertrifft und unseren Schweizerischen Nationalpark ( 170 km2 ) weit in den Schatten stellt. Bestrebungen sind im Gange, das gesamte Vor-landgebiet rund um den mächtigen Berg in seiner Unberührtheit zu erhalten. Dazu will man den Mount McKinley Park auf 20000 Quadratkilometer erweitern und die fast menschenleeren Wälder und Gebirgszüge im Nordwesten und Südwesten dem Reservat eingliedern. Nach Ansicht des jetzigen Parkdirektors bestehen gute Aussichten auf Verwirklichung dieser grosszügigen Pläne.
Der Parkeingang mit der Verwaltung befindet sich am östlichen Ende in McKinley Park ( 99755 Alaska, USA ). Früher erfolgte die bequemste Anreise mit der Eisenbahn Anchorage—Fairbanks; nun besteht seit 1973 auch die neue Direktstrasse, die den alten, um 300 Kilometer längeren Weg über Paxson ersetzt. Für Bergtouren im Park - das sind wegen der grossen Distanzen fast immer Expeditionen - braucht man eine Bewilligung, und um diese zu erhalten, muss ein ärztliches Zeugnis
North Peak Umkehr'71 5934 A 4600 D Lager 5 Denali Pass Kahiltna Pass ^ 3 # 5250 ^ 5550 H ,^3300 „ ,*« Lager2f5>sO-\>fle^
3000'Mount 3000
-O Lager 4 S. McKinley / Windy Corner 4350 \a6193 / South Peak CO* 1
1 ^°
Q Lager 1 A 2350 /
If ^
O 1
SI
s >—
Tu ) Landeplatz Tokositna ^ S
An klaren Tagen sieht man schon von Anchorage aus den 210 Kilometer entfernten Mount McKinley als weisse Fata Morgana über der nordischen Waldlandschaft. Noch eindrucksvoller ragt der Eisriese gegen Norden aus der welligen Tundra direkt von 700 Meter Höhe auf, nur von einer 2000 Meter hohen Fusskette umsäumt. Man ist überwältigt, wenn man an einem der seltenen klaren Tage bei Stony Hill ( 1200 m ) nach einer Biegung der Parkstrasse unvermittelt dem ganzen Berg gegenübersteht, von dessen Gipfel einen immer noch 60 Kilometer trennen. In unwirklicher Höhe zwischen Süd- und Nordgipfel ( 6193 und 5934 m ) täuschen die Eistreppen des Harper-Gletschers über einem 1000 Meter hohen Abbruch einen mühelosen Zugang vor. Man versteht, dass der Berg bei den Indianern Denali hiess, der Grosse. Seinen jetzigen Namen gab man ihm 1897 zu Ehren des 25. Präsidenten der Vereinigten Staaten, William McKinley.
Der Bergsteiger, der im Juni, von Norden kommend, über den McGonagall-Pass ( 1740 m ) den mittleren Muldrow-Gletscher betritt, wechselt innerhalb von Stunden aus der mückenverseuchten Strauchheide in die Eisregion. Mit Einschluss des Harper-Gletschers misst der Muldrow, als der zweitlängste Eisstrom des Massivs, etwa 66 Kilometer. Der längste, der Kahiltna ( 73 km ), liegt, wie die übrigen langen Gletscher, auf der feuchten Südabdachung. Der Muldrow fliesst in seinem unteren Teil zuerst 25 Kilometer parallel zum Gebirge, macht dann eine scharfe Wendung ins Vorland und biegt nach 12 Kilometern ein zweites Mal nach links. Er endet nicht wie normale Gletscher am Gletschertor, sondern setzt sich beidseits des McKinley-Flusses noch etwa fünf Kilometer fort, von gewaltigen Moränen überlagert, die eine schüttere Strauchvegetation tragen. Das Toteis ruht hier wohl seit Jahrhunderten und tritt nur an den Steilwänden tief eingesenkter Schmelzwasserseen, die sich ab und zu zwischen den weglosen Schuttbergen auftun, zutage.
Bei unserem ersten Versuch hatten wir den grössten Teil des Muldrow-Gletschers mit Ski begangen, die wir zuunterst tragen mussten. Die einsame Gletscherlandschaft ist von unerhörter Eindrücklichkeit; aber die Route, die wir wegen der teilweise geschlossenen Parkstrasse wählten, kostete uns manchen zusätzlichen Schweisstropfen trotz einem Materialabwurf aus dem Flugzeug. Seither ( 1971 ) ist für touristische Zwecke jede Luftunterstützung innerhalb des Parkgebie-tes verboten. Der normale, mit Stangen markierte Weg schneidet das Muldrow-Knie ab, bietet aber ein eisiges Bad im McKinley-Fluss und führt beim McGonagall-Pass fast horizontal auf den Gletscher.
Über die Muldrow-Route waren 1913 die vier abenteuerlichen Erstbesteiger unter Führung von Stuck und Karstens aufgestiegen. Bis zum Einsatz von Gletscherflugzeugen blieb der Nordanstieg der einzige Weg, der aber wegen der Spalten und der exponierten Eisrippe am Harper-Eisfall nicht ganz anspruchslos ist. Die Parkstrasse nähert sich von Norden bis auf 44 Kilometer dem Gipfel. Sie wird in der Saison ab Ende Mai bis Anfang September mit Gratisbussen befahren; private Fahrzeuge sind nicht mehr zugelassen. Demgegenüber sind die langen Südgletscher schwieriger zu erreichen, so dass erst 1951 eine mit Flugzeugen ausgerüstete Forschergruppe den Aufstieg über die West Buttress ( Westrippe ) eröffnete. Diese Route ist heute am meisten begangen. Sie beginnt mit einer Gletscherlandung dicht an der Parkgrenze und ist im Vergleich zum Nordanstieg zwar kürzer und spaltensicherer, aber nicht so interessant und weniger abwechslungsreich.
Wie die meisten Partien liessen wir uns r 973 bei unserem zweiten Versuch von Talkeetna aus einfliegen. Nach einem phantastischen Flug 90 Kilometer über menschenleere Wälder, Sümpfe, Seen, Schotterebenen, Gletscher und Vorgipfel wird man auf einem Seitenarm des oberen Kahiltna-Gletschers in 2200 Meter Höhe abgesetzt und allein zurückgelassen. Der abrupte Wechsel von der grünen Landschaft am mächtigen Susitna-Fluss, von Zoo Meter über Meer zur Abgeschiedenheit im engen Gletscherkessel, der noch 14 Kilometer vom Südgipfel entfernt ist, wirkt wie ein Schock. Gletscherpilot Don Sh eldon ( t 1975 ) hat am Landeplatz einen Sender im Schnee deponiert, mit dem man das Lufttaxi für den Rückflug anfordert. Bei schlechtem Wetter heisst es tagelang in der kalten Einöde warten. Auch während der Besteigung muss man gemäss Vorschrift ständig ein Funkgerät mit sich führen.
Auf der Westroute benutzten wir wiederum Kurzski, die wir in einem gutmarkierten Depot bei 3400 Meter zurückliessen. Die Amerikaner kennen nur Schneereifen und machen sich wenig aus dem Tourenskifahren, ja in früheren Jahren waren Ski am Mount McKinley sogar verboten; denn die Parkverwaltung wollte keinen Skirum-melplatz aufkommen lassen! Beim Abstieg sind Schneereifen aber eine lästige Bremse und für den Ungewohnten eine Qual, wenn auch die Skiabfahrt im schweren, tiefen Schnee mit 25 Kilogramm am Rücken und Stürzen gleich Meteorit-einschlägen ebenfalls ihre Tücken birgt. Ski sind sogar schon verschiedene Male bis zum Gipfel mitgenommen worden; aber das erfordert eine aussergewöhnliche Höhenakklimatisierung.
Bis Lager 4 in 4350 Meter schoben wir die Lasten jeweils in zwei Transporten vor; dann liessen wir die Zelte zurück, da aufder West Buttress in 5250 Meter ein künstliches Eisloch Obdach bietet, und schleppten Benzin und Proviant für sieben Tage in einem Gang. Wer auf der West Buttress in schlechtes Wetter gerät, verlässt das Eisloch unter Umständen eine Woche lang nicht mehr. Den 200-Meter-Eishang in der Mitte der West Buttress hat man mit Reepschnüren und Aluminiumrohren « narrensicher » gemacht, wie auch die ganze Route mit Wimpeln, die dauernd wieder ergänzt werden, vorzüglich markiert ist. Vom Lager 5 zum Gipfel brauchten wir in der dünnen Luft achteinhalb Stunden - bei einem Stundenmittel von nicht mehr als i 50 Höhenmetern.
Manche mögen die technischen Schwierigkeiten an diesem Berg gering schätzen und das Problem nur in der Organisation, im Nachschub und Kräftehaushalt sehen. Aber der Mount McKinley ist ein arktischer Berg; er liegt auf 630 Nord, knapp 400 Kilometer vom Polarkreis. Ein Beobachter auf dem Gipfel sähe am längsten Tag auch um Mitternacht die Sonne nicht völlig unter dem Horizont verschwinden, da Höhe und Refraktion den Abstand zum Polarkreis kompensieren. Eine Sturmlaterne braucht man also nicht. Als extreme Hindernisse stellen sich Kälte, Wind und Höhe entgegen. Ein Minimumthermometer hatte während mehrerer Jahre auf dem Denali-Pass ( 5550 m ) -500 registriert. Wir massen dort bei unserem Aufstieg nach Mitternacht -300 und auf dem Gipfel am 5.Juni bei schönem Wetter über tiefliegender Wolkenschicht -280. Im Eisloch auf 5250 Meter war es Tag und Nacht bei —200 wie in einer Tiefkühltruhe.
Ist auch der Südpol noch eisiger, am Mount McKinley muss man sich auf die dauernd beissende Kälte selbst bei Tag und im Zelt einstellen. Der Körper gewöhnt sich zwar daran, machen ihm doch Schwankungen mehr zu schaffen als ständig tiefe Temperaturen, aber hinzu kommt die ungewohnte Höhe.Von unserer Fünferpartie erreichten nur drei den Gipfel. Ein Teilnehmer wurde auf Lager 5 höhenkrank und musste mit einem Begleiter, der selbstlos auf den Gipfel verzichtete, zum Lagerplatz und gleichentags nach Talkeetna zurückkehren. Von Lager 3 aus waren wir Zeuge, wie ein Rettungshelikopter mit grossem Begleitflugzeug einige Leute einer kommerziellen Kollektivtour von Lager 4 herunterholte. Rettungsaktionen werden von der Parkverwaltung bezahlt, was nicht dazu angetan ist, Abenteurer von Besteigungsversuchen fernzuhalten. Die Helikopter der Elmendorf Air Force Base landen aber nur bis 4500 Meter, weiter oben und bei Nebel kann man nicht mit Hilfe rechnen. 1972 glückte allerdings eine Landung auf dem Plateau der West Buttress ( 5250 Meter ) zur Bergung eines Verletzten.
Ohne beginnende Frostbeulen, vor allem an den Händen, geht es wohl kaum ab. Das Hantieren mit der Ausrüstung, dem Zelt, dem Kochgeschirr bringt es mit sich, dass man immer wieder die Handschuhe ausziehen muss. Verschüttetes Benzin auf der Haut wirkt bei dieser Kälte wie Gefrierätzung. Die Fingerspitzen werden rissig, bleich und druckempfindlich. Umgekehrt kann man sich bei der intensiven Sonnenstrahlung die Hände auch verbrennen, wenn man keine Handschuhe trägt. Erfrierungen an den Zehen holt man sich allzuleicht, ohne es zu merken. Die Wunden, die entstehen, heilen monatelang nicht 15 Inderin beim Herstellen eines Bottichs aus Lehm 16 Überquerung einer grossen Spalte im West-Eisbecken 17 Staublawine von der Muptse-Flanke auf den Khumbu-Gletscher aus. Am besten isolieren die Koreastiefel der Amerikaner, luftgepolsterte Gummischuhe, die aber nur schlecht in der Steigeisen- und Skibindung halten. Empfehlenswert sind Doppelschuhe und Nylon-Übergamaschen dazu, die auch die Sohle umschliessen ( overboots ).
Ein eigenartiges Erlebnis hatte ich in Lager 4, auf 4350 Meter, im flachen Schneezirkus unter der West Buttress. Ich war um Mittag allein im Zelt; draussen herrschte leichter Nebel bei einer abnorm milden Temperatur um Null. Da hörte ich einen Vogel, glaubte an eine Täuschung, aber wenig später hüpfte ein spatzengrosser Redpoll ( Acanthis ) ins Zelt, über den Schlafsack und wieder davon. Abends klärte sich das Wetter, und die Temperatur fiel auf-250. Was mag das sonst gesellig lebende Vögelchen in die Einöde getrieben haben? Ob es durch warme Aufwinde in diese Höhe gelangte? Vögel können einen unerklärlichen Wandertrieb entwickeln, beobachtete man doch Raubmöven ( Skua ) mitten auf dem absolut lebensfeindlichen Antarktiseis weit über 1000 Kilometer von der nächsten Küste.
In den letzten Jahren hat eine wahre Invasion auf den Mount McKinley eingesetzt. Wie von Ameisen wimmelt der obere Kahiltna-Gletscher aneinzelnenTagenvonLastenpendlern, die allerdings lange nicht alle den Gipfel erreichen. Dölf Reist leitete 1961 die 20. erfolgreiche Expedition; 1971 war die Zahl schon bei 100. Bis Ende 1975 haben rund 1000 Einzelpersonen den Südgipfel erklommen.
Die Kehrseite dieses Andranges liess allerdings nicht auf sich warten, findet man doch um das blankgefegte Eisloch auf der West Buttress kaum noch sauberen Schnee zum Schmelzen! Wer wollte sich auch auf dieser Höhe bei nicht seltenem Sturm und Nebel zur Verrichtung notwendiger Dinge weit weg begeben?
Die Amerikaner sparen nicht mit Material und Zeit und machen sich vielfach in grossen Gruppen umsichtig ans Werk. Am Denali-Pass begegneten wir einer Partie, die auf der Muldrow-Route schon einen Monat unterwegs war, während wir 18 Der Lhotse ( 8ßoi m ): Mordwestwand, über welche der Aufstieg erfolgte.Vorne die Nuptse-Schulter 19 Luchsinger auf dem Gelben Band in der Lhotse-Flanke Photos 15, 16, 19 Ernst Reiss, Basel Photos 17, 18 Hornberger, Arosa keinen Tag des schönen Wetters verlieren wollten. Langsame Akklimatisierung und kurze Etappen, mehrmals mit kleinen Lasten begangen, sind Grundsätze, die es auch mittelmässigen Bergsteigern ermöglichen, bis zum Gipfel vorzustossen. Für die Amerikaner besitzt der Mount McKinley eine noch grössere Anziehungskraft als für uns, die wir von den Alpen verwöhnt sind. Aber die Strapazen einer Mount-McKinley-Expedition kann man nicht genügend ernst nehmen.
Nur wer ein Anhänger des winterlichen Zeltens bei 20-300 unter Null ist, wer nach etlichen Sturmtagen im engen Eisloch auf 5250 Meter den Humor nicht verliert, wer den getrockneten Dauerproviant als angenehmen Kostwechsel empfindet, wer das Lastenschleppen im Pendelverkehr über die riesigen Gletscher gerne auf sich nimmt, wer im Summen des Benzinkochers beim stundenlangen Schneeschmelzen Musik vernimmt, wer sich mit drei gleichgesinnten Begleitern zur vorgeschriebenen Mindestzahl von vier zusammenfindet, wer schliesslich auch die körperliche Konstitution besitzt — nur der soll das Abenteuer einer Mount-McKinley-Besteigung in Amerikas letztem Westen auf sich nehmen. Wenn er dann, wie wir, von seltenen Wetter- und Schneeverhältnissen begünstigt, auf dem höchsten Punkt des nordamerikanischen Kontinentes steht, wird er um ein Erlebnis reicher, das ihn in der Erinnerung sein Leben lang nicht mehr loslässt.
20 Mount Hunter ( Nordgipfel, 4442 m ), ein formschöner, 22 Lager IV am Fuss der West Buttress, Mount McKinley, schwieriger Berg südlich des Mount McKinley. Lager 1nach einem Temperatursturz ( —25° ) Im Hintergrund der ( 2350 m ) auf dem oberen Kahiltna-GletscherMount Foraker ( 5300 m ) 21 Lager 1. So schützt man sich gegen Kälte und Strahlung. Im Hintergrund der Mount Crosson ( 3900 m )