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Der Tiefseesaibling des Bodensees, Salvelinus profundus, ist ein kleiner, blasser Fisch. Mit seinen grossen Augen und dem Überbiss ist er gut an das Leben in der Tiefe angepasst, wo er sich von im Schlamm lebenden Würmern, Schnecken und Muscheln ernährt. In den 1960er-Jahren noch häufig gefangen, ist er im Zuge der Eutrophierung des Bodensees zunehmend aus den Netzen der Fischer verschwunden. Die Nährstoffbelastung führte zu einem Mangel an Sauerstoff in der Tiefe, wodurch sich die Eier von tieflaichenden Fischen nicht mehr richtig entwickeln konnten. Als sich das Phosphatlevel im See Ende der 90-er Jahre wieder dem natürlichen Zustand anzunähern begann, versuchte die Weltnaturschutzunion IUCN mit Hilfe der ansässigen Forschungsinstitute über zehn Jahre, den Fisch nachzuweisen – erfolglos. Daraufhin erklärte die IUCN den Tiefseesaibling des Bodensees 2008 für ausgestorben.
«Doch dann rief uns 2012 eine Kollegin von der Universität Konstanz an», erzählt Carmela Dönz, Doktorandin an der Universität Bern und am Zentrum für Ökologie, Evolution und Biogeochemie in Kastanienbaum. In ihren Netzen hätten sie einen einzelnen kleinen Fisch entdeckt, auf den die Beschreibung des ausgestorbenen Saiblings passte. «Diese Nachricht liess uns hoffen, dass es die Art vielleicht doch noch gibt», sagt die Forscherin, «aber wir waren sehr vorsichtig, da in der Vergangenheit immer wieder vermeintliche Tiefseesaiblinge gefangen wurden, die aber keine waren».
Gezielte Suche nach dem Seesaibling
Zwei Jahre später, als der Bodensee im Rahmen des «Project Lac» auf seine Fischvielfalt untersucht wurde, setzten Carmela Dönz und Ole Seehausen zwei zusätzliche Netze, um gezielt nach dem Tiefseesaibling zu suchen. In alten Quellen fand die Fischbiologin eine von Hand skizzierte Karte, auf der die genaue Stelle des letzten offiziellen Fundes von 1972 vermerkt war. Und tatsächlich fanden sich in den beiden Netzen sieben Tiefseesaiblinge. Ein weiterer kam im Rahmen der grossen Fangaktion des «Project Lac» zum Vorschein. «Das blieb erfreulicherweise nicht der einzige Nachweis», sagt Carmela Dönz. Die Fische seien seither ab und zu wieder in Fängen gesichtet worden. «Wie gross die Population ist, können wir zurzeit aber nicht abschätzen».
Die Wiederentdeckung bewog die Wissenschaftlerin und ihren Betreuer Ole Seehausen, Eawag Professor für aquatische Ökologie und Evolution an der Universität Bern dazu, die Tiere morphologisch und genetisch genauer zu untersuchen und mit dem nahe verwandten Seesaibling (Salvelinus umbla), der ebenfalls im Bodensee vorkommt, zu vergleichen. Die Daten zeigen, dass die beiden Arten genetisch verschieden und auch äusserlich gut voneinander zu unterscheiden sind. Doch auch, dass es möglicherweise zur Hybridisierung, das heisst zur Verpaarung zwischen den Arten mit genetischem Austausch, gekommen ist. Dafür spricht auch eine morphologische Veränderung: Die beiden Saiblinge unterscheiden sich kaum mehr in der Anzahl sogenannter Kiemenreusendornen, dornartigen Fortsätzen auf den Innenseiten der Kiemenbögen, mit denen sie wirbellose Tiere als Nahrung aus dem Bodensediment herausfiltern. Dabei ähnelt der Seesaibling heute mehr dem Tiefseesaibling als früher. Wie genau das zu erklären ist, wissen die Forschenden jedoch noch nicht. Auch wie der Tiefseesaibling die Eutrophierung überhaupt überleben konnte, ist noch unklar. «Wir haben es hier mit einer Entdeckung zu tun, die viele Fragen aufwirft», sagt Carmela Dönz. «Das macht den Fisch für die Zukunft sehr interessant».
Die Fischökologen wissen aber mit Sicherheit, dass der Saibling noch existiert. Daher haben sie bei der IUCN einen entsprechenden Antrag auf die Änderung des Schutzprädikats eingereicht. Bis es soweit sei, könne es noch eine Weile dauern, so Carmela Dönz. Hingegen sei in der Schweiz der Status vom Bundesamt für Umwelt bereits angepasst worden: Hier ist der Tiefseesaibling aktuell als «vom Aussterben bedroht» aufgeführt.
Quelle: eawag