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Ansichten eines Nicht-Ortes
Die Veranstaltung
Was: Gilles Fontolliet: No Comment
Wo: lokal-int, Hugistrasse 3, Biel
Wann: 15.11.2012
Bereich: Film+Fotografie
Der Autor
Tilman Hoffer: Jahrgang 1988. Studierte Soziologie, Philosophie und Literarurwissenschaft an der Universität Zürich, gegenwärtig Geschichte und Philosophie des Wissens an der ETH. Ist literarisch tätig.
Die Kritik
Von Tilman Hoffer, 14.11.2012
Tindouf ist eine kleine und unscheinbare Stadt im Westen Algeriens und sie wäre völlig bedeutungslos ohne den historischen Hintergrund des Westsaharakonflikts. Nachdem 1976 die spanischen Kolonialherren die Westsahara verliessen, begann bald die Annexion des Gebiets durch die angrenzenden Staaten Marokko und Mauretanien. Mauretanien zog sich bald zurück, die marrokanischen Truppen hingegen lieferten sich mit der einheimischen Befreiungsbewegung einen blutigen Besatzungskrieg, den sie schliesslich für sich entscheiden konnten. Tindouf ist Sitz der Exilregierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara, die zwar de facto als Vertretung der Saharauis in Verhandlungen mit Marokko fungiert, offiziell von der dortigen Regierung aber natürlich nicht anerkannt wird. Vor allem aber befinden sich in der Peripherie der Stadt vier grosse Flüchtlingslager, in denen heute insgesamt circa 160 000 Menschen leben – eine Folge der massiven Migrationsbewegung zu der in den 1970ern jene Bewohner der Westsahara gezwungen waren, die sich seinerzeit an den Kämpfen gegen die marokkanischen Truppen beteiligt hatten. Seitdem schwelt der Konflikt, hin und wieder kommt es zu kleineren Scharmützeln und Protestaktionen, angekündigte Referenden werden vertagt. Der sogenannte Arabische Frühling hatte hier keine nennenswerten Auswirkungen. International interessiert man sich kaum für die Westsahara, die Geschichte der Saharauis ist längst nicht so medientauglich wie die der Palästinenser; die Auseinandersetzung wird mitunter als «der vergessene Konflikt» bezeichnet.
Artifizielle Realität
Der Schweizer Künstler Gilles Fontolliet besuchte diese Flüchtlingslager im Rahmen eines Kooperationsprojekts – mit der Auflage, seine Erfahrungen in ein Werk einfliessen zu lassen. Er bemerkte nach eigenen Angaben jedoch bald, wie unpassend oder gewollt seine Skizzen wirkten; das Übrige taten die restriktiven Sicherheitsbestimmungen und die Hitze. Schliesslich entstand der Film «No comment», eine Collage aus Impressionen und Ausschnitten aus einer Lebenswelt, die uns seltsam irreal erscheint.
Ein Flüchtlingslager ist letztlich ein Nicht-Ort, ein seltsam hybrides Produkt aus verschiedensten – teils gewaltsam oktroyierten, teils händeringend gesuchten – politischen und kulturellen Einflüssen. Sogar dann, wenn es seit Jahrzehnten besteht: Es ist für die Identität der Bewohner unerlässlich, dass man nicht vergisst, dass es sich lediglich um ein Provisorium, um eine Übergangslösung handelt. Das Lager vollständig als Wirklichkeit anzuerkennen hiesse, sich mit dem Status quo zu arrangieren, also den Kampf aufzugeben. Es ist schwer vorstellbar, wie es sich in einer Siedlung lebt, deren Einwohner sich wünschen, dass sie schnellstmöglich wieder verschwindet. Es ist ein Ort, dessen Gegenwart negiert werden muss. Es gibt, selbst für die, die im Lager geboren sind, dank täglicher Re-affirmation durch Hymnen und Erzählungen nur die Vergangenheit (Heimat und Vertreibung) und eine vage Vorstellung von Zukunft (Rückkehr). Dazwischen liegt eine graue Dämmerung aus Trägheit, Depression und halbherzigem Arrangement. Es gibt kaum eine eigene Wirtschaft, man lebt praktisch ausschliesslich von Hilfslieferungen. Denn selbstredend muss auch in einem hoch-artifiziellen Setting wie einem Flüchtlingscamp der Alltag organisiert werden.
Die Bilder, die Gilles Fontolliet eingefangen hat, sind, um es direkt zu sagen, im Grunde langweilig. Weder sind die Motive sonderlich spektakulär, noch gibt es etwas, das auch nur entfernt an eine Handlung erinnern würde. Man sieht Männer, die offenbar alle Zeit der Welt haben, um Tee zu trinken; unterschiedliche Autotypen, die auf was auch immer für abenteuerlichen Wegen nach Afrika gelangt sein mögen; Kamele, die in improvisierten Gehegen gehalten werden. Die einzelnen Einstellungen sind ausgesprochen lang, teilweise kratzen sie an der Schmerzgrenze. Doch gerade dadurch vermitteln sie eine Stimmung des Wartens und der Apathie, eine atmosphärische Schwere, die sicherlich die eindrucksvollste Wirkung des ganzen Werks ist.
Auch scheinen die Menschen nach und nach die Anwesenheit der Kamera zu vergessen, sie interagieren kaum mit ihr, was zu merkwürdigen Effekten führt – zum einen zu Momenten, in denen die Authentizität total zu sein scheint; zum anderen aber wirkt manches geradezu surreal, um nicht zu sagen gestellt. Die Realität selbst ist hier das Artifizielle: nämlich die Konstruktion einer Kultur und einer Normalität, die offensichtlich die Nachbildung eines Anderen, Abwesenden ist. Dies zeigt sich in alltäglichen Szenen, besonders offensichtlich aber bei Kulturdarbietungen. Von grimmigen Männern in Camouflage-Anzügen flankiert, zelebriert man hier Formen von Folklore und traditionalistischer Selbstvergewisserung, denen zwingend etwas Gemachtes, Erzwungenes anhaftet.
The artist is (nearly) absent
Wenn heutzutage über etwas Einigkeit besteht, dann darüber, dass es keine unschuldige, «neutrale» Beobachtung gibt. Gleichwohl gibt es, wenn man so sagen darf, lautere und leisere Beobachtungen. Da der Film sich ganz am leisen Ende dieser Skala ansiedelt, eröffnet er zugleich Reflexionen über den Blickwinkel und die Rolle der Kunst selbst. Trotz der scheinbar «reinen» Abbildung lässt sich kaum vermeiden, dass auf bestimmte Bilder symbolische Inhalte projiziert werden: etwa wenn man sieht, wie ein Zementbau errichtet wird, obgleich sich sonst vieles nur in Zelten abspielt. Oder wenn eine blaue Mülltüte von Wind ergriffen wird, und ziellos durch die sandfarbene Kulisse treibt – unweit vom schmutzig-beigen, aber gleichfalls flatternden Fahnentuch der Organisation UNHCR. Es ist darum so verlockend, Bedeutung in die Bilder hineinzulegen, weil dem Betrachter diese Aufgabe nicht von einem Off-Kommentar oder einer aufdringlichen Schnitttechnik abgenommen wird. Denn erinnern wir uns daran, was ein sogenannter Dokumentarfilm in Wirklichkeit ist: Das Erzählen einer Geschichte anhand von suggestiven Bildern, deren Grundgerüst aus einigen ausgewählten Tatsachen besteht. Verglichen damit ist «No comment», wenn man an dem Begriff festhalten möchte, bei weitem dokumentarischer. Man fragt sich mitunter, ob der Verzicht auf eine Stimme oder einen Kommentar tatsächlich die richtige Entscheidung war. Andererseits: Was kann ein Künstler denn schon sagen über eine so fremde Form der Vergesellschaftung? Muss er nicht versuchen – gegen alle Widerstände, von denen uns die modernen Kunsttheorien berichten – trotz allem versuchen, sich selbst so weit zurückzunehmen, wie es nur geht?
Einmal taucht ein Klassenzimmer auf, offensichtlich wurde gerade Englisch unterrichtet, man hat an einem Satz das Konjugieren, die Zeitformen und die Verneinung geübt, sodass nun an der Tafel steht: «I am writing a story.» Und daneben: «I am not writing a story. I was writing a story. I was not writing a story.» Die Wahrheit liegt – sowohl für die Bewohner der Lager, als auch für den Film selbst – vermutlich irgendwo dazwischen.