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Zum ersten Mal rettete ein Schokoladekuchen Alis Leben Danach das Zeichnen - immer wieder.
Eigentlich verdankt Ali sein Leben einem Schokoladekuchen. Damals war er fünfundzwanzig Jahre alt und wollte eben seine Freundin besuchen. Doch seine Mutter hielt ihn auf: «Ich habe gebacken, iss erst noch ein Stück», sagte sie. Also blieb Ali, und während er Kuchen ass, zerstörte eine Bombe das Haus der Familie seiner Freundin. Alle waren sofort tot. Das war im Krieg.
Mit zwölf Jahren hatte Ali zu zeichnen begonnen. Zunächst zeichnete er ausschliesslich Frauenkleidung, die er sich im Kopf ausdachte. Doch seine Mitschüler machten sich darüber lustig und so änderte er seine Motive. Er begann stattdessen, Tiere zu zeichnen, hauptsächlich Vögel und Schmetterlinge – wiederum vorwiegend ohne Vorlage. Etwa mit fünfzehn verlegte er sich dann auf Gesichter und Porträts.
Eines Tages wurde der Kunstlehrer seiner Schule auf ihn aufmerksam. Er sagte zu ihm: «Ali, du wirst einmal Künstler werden!», und bot ihm an, ihn während der Schulferien privat zu unterrichten. Alis Vater war bereit, dafür zu bezahlen, und so erhielt Ali schliesslich über drei oder vier Jahre wöchentlich Privatlektionen im Zeichnen.
Hauptberuflich wurde Ali Buchhalter, nebenbei widmete er sich seiner Kunst. Mit fünfundzwanzig Jahren konnte er einmal seine Bilder in einer grossen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren. Das Geld, das er durch den Verkauf seiner Bilder verdiente, spendete er für Waisenkinder. In dieser Zeit war Ali bereits im Militär. Als er an einem Wochenende nach Hause kam, war ein ganzer Berg von Briefen mit Zuspruch für seine Kunst und Dank für seine Hilfe angekommen. Bis heute bleibt dies eine seiner schönsten Erinnerungen.
Doch der Krieg überschattete jeden Erfolg und Alis ganze Jugendzeit. Er musste mehr als sieben Jahre Militärdienst leisten. Er sah und erlebte schreckliche Dinge, von denen er nicht erzählen mag. Oft war er dem Tod nahe, viele Freunde und Verwandte haben nicht überlebt. Der Krieg war schliesslich auch der Grund, weshalb er seine Heimat verliess und mit seiner Frau und den beiden Kindern in die Schweiz flüchtete.
Ali lebt nun seit 23 Jahren in der Schweiz und hat noch immer nur den F-Ausweis, eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung. Er hatte nie eine feste Anstellung. Anfangs durfte er gar nicht arbeiten, später wollten die Arbeitgeber lieber jemanden mit einer B- oder C-Bewilligung. Auch war seine Frau lange Zeit schwer krank, er musste sich um die Kinder kümmern, ihnen Vater und Mutter zugleich sein. Vor fünf Jahren erlitt Ali einen schweren Fahrradunfall. Als er im Spital aufwachte, erkannte er seine Familie nicht mehr. Es wurde wieder besser, doch die Folgen sind bis heute spürbar. Ali arbeitet heute im zweiten Arbeitsmarkt. Er packt Schokolade ein.
Mit dem Zeichnen hörte Ali in all dieser Zeit aber nie auf. Das Zeichnen helfe ihm, sich ganz und gesund zu fühlen. «Gott sei Dank, kann ich immer noch zeichnen!», sagt er. «Das Zeichnen ist für mich eine Therapie, die Farbstifte sind meine Medikamente. Man könnte sogar sagen, das Zeichnen hat mir das Leben gerettet. Wenn ich zeichne, fühle ich mich, als wäre ich wieder vierzehn Jahre alt. Kunst kennt kein Alter!»
Mit meinen Bildern wollte ich nie Profit erzielen. Am liebsten verschenke ich sie direkt. In meiner Heimat konnte ich das mit der Kunst verdiente Geld spenden, denn damals hatte ich eine Wohnung, einen Beruf und eine Identität, ich hatte alles. Nun habe ich nichts mehr und kann mir teilweise nicht einmal das Material für meine Bilder leisten. Noch immer verschenke ich einen Grossteil meiner Werke. Es würde mich allerdings freuen, falls sich in Zukunft die Gelegenheit ergäbe, dass ich mit meiner Kunst auch etwas verdienen könnte.