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Peter Hammarstedt verbringt den Grossteil des Jahres auf hoher See. Für die NGO Sea Shepherd macht er Jagd auf illegale Fischerboote. Seit dem Erfolg der Netflix-Dokumentation «Seaspiracy» ist das Thema Überfischung auch in der Schweiz ein grosses Thema. Hammarstedt, der ebenfalls einen Auftritt in «Seaspiracy» hat, hat mit watson über seinen Job gesprochen.
Er erklärt, weshalb Europa ein Teil des Problems ist, und erzählt von einem schockierenden Fund auf einem spanischen Fischerboot vor der Küste Liberias. Der 37-jährige Schiffskapitän legt ausserdem dar, was passiert, wenn die Meere komplett leergefischt sind und spricht darüber, ob wir nun alle komplett auf Fisch verzichten sollen.
Wir erreichen Hammarstedt via Zoom-Call in Los Angeles, wo er wohnt, wenn er gerade nicht auf See ist.
Wissen Sie was mein Lieblingsessen war, als ich Student und knapp bei Kasse war?
Peter Hammarstedt: Nein, sagen Sie's mir.
Spaghetti mit Dosen-Thunfisch und Mayonnaise.
Okay ...
Aber spätestens jetzt, da ich die Netflix-Doku «Seaspiracy» gesehen habe, beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn ich an diese Low-Budget-Mahlzeiten zurückdenke ...
Ja, «Seaspiracy» hat viele Leute dazu gebracht, über das Problem der Überfischung nachzudenken. Sir Paul McCartney sagte einmal: ‹Wenn Schlachthäuser gläserne Mauern hätten, wären wir alle Vegetarier.› Was die industrielle Fischerei betrifft: Die findet hunderte oder tausende Kilometer vor der Küste statt, weswegen sich die Menschen normalerweise noch weniger Gedanken darüber machen als über die Fleischherstellung. Ich bin sehr froh, dass es jetzt Diskussionen über die Gesundheit unserer Ozeane gibt.
Immerhin war mein Dosen-Thunfisch mit einem Nachhaltigkeits-Label versehen. Was halten Sie von diesen Labels?
Labels wären ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Regeln auf See auch eingehalten würden. Werden diese nicht eingehalten, sind die Labels für die Konsumierenden irreführend.
Sie haben auch einen Auftritt in «Seaspiracy». Dort sagen Sie, Labels würden verschleiern, was wirklich auf den Weltmeeren passiert. Was meinen Sie damit?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor etwa drei Jahren unterstützten wir die Küstenwache Liberias. Wir stoppten ein Schiff mit dem Namen «Star Shrimper XXV». Das war ein nigerianisches Schiff, das ohne Lizenz in liberianisches Gewässer vordrang. Dieses Schiff fischte Garnelen und hatte ein Nachhaltigkeits-Zertifikat für den Export in die USA und Europa. Gemäss Vorgaben des Zertifikates hätte das Schiff in seinem Netz eine Vorrichtung zum Schutz von Schildkröten haben sollen. Das sogenannte «Turtle excluder device» (TED), das es Schildkröten erlaubt, aus dem Netz zu entkommen. Tatsächlich war ein TED an Bord, doch die Crew benutzte es beim Fischen nicht. Deswegen sind Inspektionen auf See so wichtig.
Auf «Seaspiracy» kommen wir später nochmals zurück. Es gibt nämlich auch einige Kritik an der Dokumentation. Sprechen wir aber zunächst über die NGO Sea Shepherd, bei der Sie als Kapitän arbeiteten. Was genau ist Ihr Job?
Wir haben Missionen auf der ganzen Welt. Aber bleiben wir doch in Westafrika. Wir haben dort Partnerschaften mit acht Staaten. Wir assistieren der Küstenwache, stellen unsere Schiffe und unser Know-how zur Verfügung. So konnten wir in den vergangenen Jahren 68 Schiffe stoppen, die illegalen Fischfang betrieben. Vor Liberia und Gabun konnten wir den illegalen Fischfang in den vergangenen fünf Jahren quasi stilllegen.
Wieso braucht es dazu eine NGO wie Sea Shepherd? Können die Staaten ihre Gewässer nicht selber kontrollieren?
Die Länder, mit denen wir zusammenarbeiten, haben zwar eine Küstenwache, aber nicht unbedingt die Schiffe, die es zur Überwachung der Gewässer braucht. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel ...
Gerne.
2015 verfolgten wir das berüchtigtste Fischerboot der Welt, die «Thunder». Dieses machte in zehn Jahren einen Profit von 60 Millionen US-Dollar mit illegaler Fischerei. Wir jagten die «Thunder» von der Antarktis bis nach Westafrika. Im Golf von Guinea gab ihr Kapitän schliesslich auf und versenkte das Schiff, um Beweismaterial zu vernichten. Wir retteten die «Thunder»-Crew und übergaben sie der Küstenwache von São Tomé. Diese verfügte aber lediglich über zwei Schiffe, die sich höchstens 20 Seemeilen von der Küste entfernen konnten. Die «Thunder» sank jedoch 80 Seemeilen vor der Küste – die Küstenwache von São Tomé hätte dort also gar nicht patrouillieren können. Die exklusive Wirtschaftszone von São Tomé reicht sogar bis 200 Seemeilen ins Meer hinaus.
Sie sprechen jetzt vor allem die Probleme in Westafrika an. Wie sieht es denn mit der Überfischung in Europa aus?
Die europäische Fischerei-Flotte ist momentan etwa zweieinhalb Mal zu gross, um in den eigenen Gewässern nachhaltigen Fischfang zu betreiben. Deshalb weichen die europäischen Schiffe nach Westafrika aus. Die europäische Fischerei und die Überfischung in Westafrika hängen stark zusammen.
Vor Westafrika stoppen Sie also auch europäische Schiffe?
Die Mehrheit der 68 Schiffe, die wir gestoppt haben, waren chinesische Schiffe. Die Chinesen haben eine Flotte von 17'000 Schiffen, die weit entfernt von der Heimat fischen, da die Fischbestände in Südostasien quasi kollabiert sind. Aber einige der Schiffe waren auch aus Europa.
Aus welchen Ländern?
Meistens aus Spanien.
Da fahren also Schiffe aus Málaga los, um vor Westafrika zu fischen?
Die Europäische Kommission unterzeichnet überall auf der Welt sogenannte Fisch-für-Geld-Verträge mit Entwicklungsländern. Die Kommission bezahlt einen gewissen Betrag, erhält dafür Fischerei-Rechte. Die Länder erhalten etwa fünf bis zehn Prozent des Wertes des gefangenen Fisches. Meistens ist dies Thunfisch.
Illegal ist das aber nicht ...
Wenn sich die Schiffe an die Regeln halten würden. Aber das ist wie bereits erklärt nur schwer überprüfbar. Von den 68 Schiffen, die wir gestoppt haben, fischte etwa die Hälfte zu nah an der Küste.
Das heisst?
In Gambia leben etwa 200'000 der rund zwei Millionen Bewohner direkt vom Fischfang. Die Menschen fischen meist in kleinen Booten direkt vor der Küste. Um die Lebensgrundlage der Küstenbevölkerung zu schützen, hat die Regierung eine Zone von neun Seemeilen errichtet, in denen kein industrieller Fischfang betrieben werden darf. Weil die Regierung aber nicht die nötigen Schiffe hat, um diese Schutzzone zu kontrollieren, berichten die lokalen Fischer jede Nacht von grossen Fischerei-Schiffen, die bis zu einer Seemeile an die Küste heranfahren. Mit fatalen Folgen für die lokale Bevölkerung.
Die wären?
Die grossen Schiffe zerstören die Netze der kleinen Fischer und rammen Kanus. Immer wieder ertrinken Menschen. Zudem gehen die Fischbestände zurück, was die lokale Bevölkerung vor Ernährungsprobleme stellt. Schiffe von den reichsten Industrienationen stehlen Fische von den ärmsten Menschen der Welt.
Europäische Schiffe, die acht Seemeilen in geschützte Gewässer vordringen?
Das waren meistens chinesische Schiffe. Die europäischen Schiffe sind meistens weiter draussen und fischen Thunfisch. Aber auch hier gibt es Verstösse.
Zum Beispiel?
Zusammen mit der liberianischen Küstenwache konnten wir ein spanisches Schiff stoppen. Dieses hatte eigentlich eine Lizenz zum Thunfischfangen. An Bord befand sich aber kein einziger Thunfisch, sondern nur Haie und Hai-Flossen. Zudem eine Produktionsanlage, um Öl aus Haifischlebern zu gewinnen. Alle 18 Tage produzierte dieses Schiff 50 Tonnen Haifischleberöl. Um diese Menge zu produzieren, muss man 66'000 Tiefseehaie töten. Dieses eine Schiff hat also jedes Jahr mehr als eine halbe Million Haie getötet.
Und nun soll also Sea Shepherd dieses riesige Problem lösen? Bei allem Respekt, Ihre NGO wird die Ozeane wohl kaum retten ...
Nein, Sea Shepherd wird die ganzen Ozeane nicht retten. Aber das müssen wir auch nicht.
Sondern?
Man muss nicht unbedingt die ganzen Ozeane retten. Man muss kritische Zonen mit einer hohen Biodiversität schützen. Viele Leute haben eine falsche Vorstellung vom Fischfang.
Dann klären Sie uns auf ...
Viele denken, man könne überall im Meer Fisch fangen. Doch die meisten Fische versammeln sich beim Kontinentalschelf, bei Riffsystemen und in Zonen in der Nähe der Küste. 85 Prozent der Fische werden in den Gewässern eines Landes gefangen. Wir müssen die kritischen Zonen identifizieren und diese schützen. Wir haben realisiert, dass wir an Land Nationalparks brauchen. Nun brauchen wir sogenannte Marine Parks, oder Meeresschutzgebiete, die patrouilliert werden, um ökologische Resilienz zu kreieren.
Sie klingen zuversichtlich. Können sich die Ozeane mit zusätzlichen Marine Parks tatsächlich noch erholen, oder ist es schon zu spät?
Nein, die Ozeane können sich unglaublich schnell erholen. Die Fische sind sehr produktiv ...
... wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben.
Genau. Es gibt jetzt Bestrebungen, 30 Prozent der Ozeane bis 2030 zu Schutzgebieten zu erklären. Dieses Ziel sollte unbedingt verfolgt werden. Momentan sind nur etwas weniger als drei Prozent der Weltmeere geschützt.
Kommen wir also zu «Seaspiracy» zurück. In der Dokumentation wird behauptet, dass die Weltmeere bis 2048 leergefischt seien. Diese Zahl ist jedoch sehr umstritten ...
Natürlich kann man über diese Zahl streiten. Die Realität ist, dass wir eine Meereskrise erleben. Die Hai-Population in den vergangenen 50 Jahren ist um 90 Prozent zurückgegangen. Die UN sagen, dass 90 Prozent der Fischgründe ausgebeutet sind. Und zu alldem kommt noch der Klimawandel hinzu. Die UN schätzen, dass die Fischpopulation vor Nigeria nur schon wegen des wärmeren Wassers bis 2100 um 85 Prozent zurückgehen würde. Aber ich weiss, auch andere Zahlen aus dem Film werden kontrovers diskutiert.
Ja etwa der Anteil an Plastik in den Weltmeeren, der von Fischernetzen stammen soll. In der Dokumentation wird behauptet, dieser liege bei rund 50 Prozent.
Nehmen wir mal eine etwas konservativere Schätzung, wonach nur 20 Prozent des Plastiks in den Weltmeeren von Fischernetzen stammt. Das sind immer noch Millionen von Tonnen von Plastik, der entworfen wurde, um Tiere zu töten. Wir können über die Details diskutieren, aber dann verlieren wir den Fokus auf das grosse Ganze. Nämlich, dass wir ein Problem haben.
Was passiert eigentlich, wenn wir die Meere tatsächlich komplett leerfischen würden?
Etwa 50 Prozent der Weltpopulation lebt an der Küste. Für die meisten dieser Leute ist Fisch die primäre Proteinquelle. Wenn die Fischbestände kollabieren, werden wir massive Migrationsströme sehen. Zudem produzieren die Ozeane einen Grossteil unseres Sauerstoffs und absorbieren eine grosse Menge CO2. Wenn wir die Fische aus dem Meer nehmen, hat dies einen Einfluss auf das Phytoplankton und darauf, wie viel CO2 die Ozeane absorbieren können. Das ist ein erhebliches Problem für uns. Mit einem toten Ozean sind wir nicht in der Lage zu überleben.
Ein weiterer Kritikpunkt am Film ist, dass ein privilegierter Mann der Welt erzählt, sie solle aufhören, Fisch zu essen. Dabei haben Millionen von Menschen gar keine andere Wahl, sie sind auf die Proteine vom Fischfang angewiesen.
Ja, aber man muss sich schon in Erinnerung rufen, dass es ein Netflix-Film ist. Das Netflix-Publikum ist grösstenteils westlich und lebt in urbanen Räumen. Ich glaube nicht, dass es die Absicht der Filmemacher war, den Leuten in Liberia das Fischessen zu verbieten. Der Fokus im Film ist auch auf den Fisch-Sorten, die Leute wie Sie und ich im Supermarkt kaufen. Etwa Ihr Dosen-Thunfisch, den Sie mit Spaghetti und Mayonnaise gegessen haben.
Würden Sie auch empfehlen, komplett auf Fisch zu verzichten?
Ich lebe seit 19 Jahren vegan. Ich habe entschieden, keinen Fisch zu essen, bin mir aber auch meiner privilegierten Position bewusst. Ich glaube, dass der grösste Teil der Bevölkerung in der Schweiz und der westlichen Welt ohne Probleme auf eine pflanzenbasierte Ernährung umstellen könnte. In Entwicklungsländern wie Liberia ist das nicht realistisch. Meine Erfahrung auf hoher See hat gezeigt: Beim Fisch im Supermarkt kannst du in den meisten Fällen nicht sicher wissen, woher er kommt und wie er gefischt wurde.