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In der Betriebswirtschaftslehre gilt es als eine anerkannte Erfahrungstatsache, dass die einzelnen Artikel, die ein Unternehmen auf den Markt bringt, heutzutage in der Regel nur eine begrenzte «Lebensdauer» haben. Damit ist nicht gemeint, sie seien nicht lange brauchbar; anvisiert wird vielmehr, dass sie früher oder später nicht mehr absetzbar sind, weil etwas anderes und Besseres an ihre Stelle getreten ist.
Das hat schwerwiegende Konsequenzen beispielsweise für die Produzenten von Markenartikeln. Glaubte man diese Erzeugnisse früher geradezu dadurch definieren zu können, dass sie von ständig gleichbleibender Qualität seien, so trifft diese Charakterisierung in der Gegenwart nur noch ausnahmsweise zu.
Stattdessen müssen sich die Fabrikanten fortgesetzt bemühen, die Eignung zu verbessern und neue Verwendungszwecke zu erschliessen.
Doch beginnen wir mit dem Anfang des Lebenszyklus. Er setzt ein mit der Forschung und Entwicklung, mit einer Erfindung oder Entdeckung, d.h. mit Aufwendungen, die sich in bestimmten Gebieten auf riesige Beträge belaufen können und die nachher natürlich wieder hereingebracht werden sollten. Angenommen, es sei etwas Brauchbares zustandegekommen, so folgt eine etwas kritische Experimentierungs- oder Pionierphase, in der die Einführung auf dem Markt versucht wird. Auch dabei bleiben überaus zahlreiche Produkte auf der Strecke; sie haben wiederum Kosten verursacht, die durch andere Kostenträger gedeckt werden sollten.
Erneut vorausgesetzt, es sei nicht zu einem «flop», sondern zu einem Erfolg gekommen, so schliesst sich die Ausreifungsphase und damit die Massenproduktion an. Jetzt ist es nicht ausgeschlossen, dass jährliche Wachstumsraten der Umsätze von 20, 30 oder gar mehr Prozent erzielt werden und dass sich auch die Stückgewinne und die Gesamtgewinne befriedigend entwickeln. In dieser Periode spricht man denn auch von «Milchkühen», d.h. von Erzeugnissen, die sich melken lassen und die dazu bestimmt sind, unter anderem die bei den «negativen Lösungen» angefallenen Verluste auszugleichen.
In einer Markt- und Konkurrenzwirtschaft liegt es nahe, dass sich andere Unternehmer darauf stürzen, an den erzielbaren Gewinnen teilzuhaben, indem sie ihrerseits mit identischen oder doch ähnlichen Fabrikaten in den
Markt eindringen. Der Wettbewerb verschärft sich somit, und die Preise tendieren zum Sinken. Die Absatzmöglichkeiten dehnen sich zwar vorerst aus, stossen aber nach einiger Zeit auf Grenzen, die selbst mit Preisreduktionen nicht mehr weiter hinausgeschoben werden können. Damit ist aufgrund der zunehmenden Sättigung eine Phase der Stagnation erreicht, auf die gewöhnlich eine Epoche des Alterns, des Rückganges der Umsätze und insbesondere der Gewinne folgt, sei es, dass die betreffenden Erzeugnisse von der Mode vernachlässigt werden, sei es, dass sie durch Substitutionsgüter verdrängt werden, die qualitativ überlegen sind. War vorher sowohl ein Neubedarf als auch ein Ersatzbedarf zu decken, so bleibt es jetzt unter Umständen bei der Befriedigung des Ersatzbedarfs — was natürlich ungleich weniger einträgt als die frühere Summe.
Damit ist im Normalfall der Lebenszyklus abgeschlossen, und ein Unternehmen tut gut daran, auf diesen Zeitpunkt hin bereits mit neuen Schlagerartikeln und Kostenträgern aufzuwarten, ist doch sonst ihr eigenes Schicksal besiegelt. Immerhin ist der Fall nicht allzu selten, wo durch fortwährende Änderungen und Verbesserungen neue Anwendungs- und Absatzgebiete eröffnet werden können oder wo durch ein erfolgreiches Marketing der schliessliche Tod hinausgeschoben werden kann. Nichtsdestoweniger bleibt zu bedenken, dass es stetsfort schwerer fällt, auf einem bereits intensiv beackerten Sektor neue technische Fortschritte zustande zu bringen. Das Gesetz des abnehmenden Ertrages macht sich eben auch hier bemerkbar.
Eigenartigerweise lässt sich auch in der Rechtswissenschaft und selbst in der Moral so etwas wie ein Lebenszyklus beobachten. Er setzt ein mit der Verbindlicherklärung neuer Gebote oder Verbote, die zu diesem Zeitpunkt offenbar ein Vakuum ausfüllen und den gegebenen Umständen entsprechen. Ob es sich um das Zivilgesetzbuch oder die Tafel von Moses handle: die Vorschriften stehen im Einklang mit dem Zeitgeist, und die Kodifizierung wird als gültig und notwendig betrachtet.
Doch allmählich wechseln die äusseren Umstände und die inneren Einstellungen. Bleiben die Normen trotzdem unverändert, so mag es sich ereignen, dass sie ihren Sinn einbüssen. Dann kommt es zu jener Erscheinung, die
schon Goethe im «Faust» beschrieb: «Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. Weh dir, dass du ein Enkel bist. Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist leider! nie die Frage.»
Ein aktuelles Beispiel dazu stammt aus dem Bereich des Sexualstrafrechts, das nunmehr nach jahrzehntelanger Geltung revidiert werden soll.
Die äusseren Umstände, die anders geworden sind, bestehen in dem bekannten Prozess der Akzeleration, der nicht nur ein stärkeres Grössenwachstum der Heranwachsenden mit sich gebracht hat, sondern ausserdem eine frühere Geschlechtsreife. Hinzugetreten ist 1964 «die Pille», welche die Empfängnisverhütung auf eine völlig neue Basis stellte. In bezug auf die Werthaltungen ist insbesondere eine sehr viel unbefangenere Einstellung zur Sexualität und der Abbau zahlreicher Tabus zu vermerken. Infolgedessen scheint es angezeigt, den veränderten Bedingungen durch eine Anpassung des Gesetzestextes Rechnung zu tragen, wenn man nicht Gefahr laufen will, plötzlich überholte Normen durchsetzen zu wollen. Die alten haben ihren Lebenszyklus vollendet.
Ahnlich verhält es sich selbst mit einzelnen Sätzen der Moral — wenn auch keineswegs mit allen. Als Exempel seien jene herausgegriffen, die sich auf das menschliche Fortpflanzungsverhalten beziehen und die zu einer Zeit als gültig erklärt wurden, in der pro Familie noch sieben bis acht Kinder nötig waren, um zu gewährleisten, dass genügend männliche Nachkommen darunter waren und dass die Familie nicht ausstarb. Der Grund lag natürlich vor allem in der überaus hohen Kindersterblichkeit. Sie war es denn auch zur Hauptsache, die dafür sorgte, dass selbst bei einer derart grossen Kinderzahl die Bevölkerung lediglich einigermassen stationär blieb.
Doch auch hier haben sich die Voraussetzungen seit den Agrargesellschaften früherer Jahrtausende radikal verschoben. Dank der modernen Hygiene und Medizin ist die für den ursprünglichen Zweck «notwendige» Geburtenziffer drastisch gesunken. Wo sie trotzdem beibehalten wurde — sei es nun aus moralischen Gründen oder lediglich wegen der verzögerten Umstellung auf die neuen Verhältnisse —, ergab sich eine Bevölkerungsexplosion. Sie ist es, die in den Entwicklungsländern von heute die Überwindung von Not und Elend und die Schaffung genügender Arbeitsplätze vielfach so überaus erschwert. Hält man nun an den überlieferten Moralvorstellungen fest, die seinerzeit für total andere Bedingungen am Platze waren, so macht man sich mitschuldig an Armut und Arbeitslosigkeit.
Der Ausdruck «Lebenszyklus» stammt selbstverständlich ursprünglich aus der Biologie, und es soll deshalb hier einmal jener Begriffsinhalt zu Worte kommen, der dem Ganzen zugrunde liegt.
Hier ist es nun so, dass im Samen einer Pflanze oder eines Tieres schon die volle Entwicklung vorprogrammiert ist, die sich ereignen wird. Es ist, anders ausgedrückt, bereits festgelegt, welches die schliessliche Grösse sein wird und wie lange es dauern wird, bis sie erreicht ist. Bestimmt sind auch die Formen und Strukturen, und zwar bis in alle Einzelheiten.
Beim Menschen zum Beispiel rechnet man damit, dass er etwa 50 Zellteilungen oder Zellenerneuerungen erleben wird und dass es nachher mit ihm zu Ende geht. Ebenso scheint es, dass die Zellen von Anfang an altern, d.h. an Elastizität einbüssen. Ferner wird behauptet, dass täglich ein paar Hundert Gehirnzellen absterben und dass auch der schliessliche Tod bereits einigermassen vorbestimmt ist. Immerhin versichern uns die Mediziner, dass wir bei vernünftiger Lebensführung ziemlich gesund ungefähr 85 Jahre alt werden können, falls uns der Sensenmann nicht auf irgendeine Weise vorher einholt.
Wie immer dem auch sei: Fest steht, dass wir sterben müssen, und im Gegensatz zum Tier wissen wir das auch. Indem die biologischen Zustände, die wir bis dahin durchlaufen, ziemlich genau determiniert sind, könnte man im Sinne der Philosophie von Entelechie sprechen, also von einem zielgerichteten Werden, Sein und Vergehen. Unser Lebenszyklus ist insofern ungleich strenger geregelt als bei den Produkten der Betriebe und bei den Normen der Jurisprudenz und der Moral. Von Willensfreiheit ist in diesem Zusammenhang kaum die Rede.
Nichtsdestoweniger bleibt wenigstens eines offen, nämlich, was wir aus den gegebenen Anlagen herausholen und ob wir unsere Gesundheit schädigen oder stärken. Wir haben es in der Hand, bis zu den Grenzen unseres Potentials vorzustossen oder dies zu unterlassen. Wir sind wenigstens frei, mit dem Pfund zu wuchern, das uns anvertraut wurde. Wir könnten somit vielleicht Akrobaten oder Virtuosen auf einem ganz bestimmten Gebiet werden, sei es im körperlichen, geistigen oder künstlerischen Bereich. Je mehr wir uns freilich spezialisieren und in einer bestimmten Richtung unsere Fähigkeiten entwickeln, desto höher wird der Preis. Er besteht darin, dass der Fachidiot den Überblick über das Ganze verliert und dass sein Menschsein
leidet. Genau wie die Volkswirtschaften mit Monokultur wird er verwundbar und anfällig, einseitig und unausgeglichen. Wenn er kraft der Autorität, die er in seinem Fach errungen hat, Urteile fällt über Sachverhalte, die ihm fremd sind, ist grösstes Misstrauen am Platze.
Es liegt nahe, die logistische Wachstumskurve auch auf ganze Gesellschaftskörper zu übertragen und dann Phasen des Aufstiegs, des Zenits und des Verfalls auseinanderzuhalten. Insbesondere ist die Versuchung gross, sie auch für prognostische Zwecke zu verwenden — und zu missbrauchen. Einen der bekanntesten Fehlschlüsse lieferte in dieser Hinsicht Spengler mit seiner Voraussage vom Untergang des Abendlandes. Die Organismus-Analogie, die seiner Geschichtsvorstellung zugrunde liegt, ist gewiss überaus anregend und interessant. Analogieschlüsse sind jedoch nie stringent im Sinne der Logik.
Sie sind es selbst dann nicht, wenn man — wie der englische Historiker Toynbee in seinem grossen Werk über den «Gang der Weltgeschichte» — nicht weniger als 21 Zivilisationen in ihrem Aufstieg, Höhepunkt und Niedergang beobachtet. Damit liegt fraglos ein ungeheures Erfahrungsmaterial vor, und die Folgerung drängt sich wirklich auf, das erkannte Schema werde sich auch bei uns wiederholen.
Sind nicht Anzeichen der Dekadenz bereits heute da und dort unverkennbar? Ist die Verwöhnung und Verweichlichung, die permissive Gesellschaft und anderes nicht als Symptom dafür zu werten, dass auch Gesellschaftskörper ihre Elastizität und Widerstandskraft verlieren? Wird nicht die Belastung der «sozialen Lastesel» durch die Überalterung der Bevölkerungspyramide immer grösser? Sind nicht Kulturen, die sich nicht mehr erneuern, zwangsläufig vom Tode bedroht?
Dagegen ist verschiedenes einzuwenden. Wie bereits Rüstow mit aller Deutlichkeit betonte, kam es beim früheren Verschwinden mancher Kulturen und Reiche in aller Regel zu einer «Überlagerung» von aussen, wobei den Eindringlingen dann gewöhnlich ein höherer Grad von Vitalität eigen war. Die Barbareninvasion gehört mit anderen Worten zu den Gründen des Verschwindens. Solche Erscheinungen sind heute unwahrscheinlicher, wenn auch nicht unmöglich geworden. Sollten sie sich für Westeuropa wiederholen,
so müsste man wohl von Selbstverschulden und Versagen sprechen. Der Zeitgeist hätte dann dem Selbständigkeits- und Widerstandswillen im Wege gestanden. Es gibt eben auch eine «Lust am Untergang». Oder müssten wir sagen, das Verhängnis sei in ähnlicher Weise unabwendbar wie in der griechischen Tragödie?
In zweiter Linie ist hervorzuheben, dass es gewiss trendmässige Entwicklungen gibt — ebenso aber auch Trendbrüche, die sich dann kaum vorhersehen lassen. So ist nicht auszuschliessen, dass es wieder einmal einen Babyboom gibt, auch wenn gegenwärtig die Bevölkerung in den Industrieländern stagniert. Ebensowenig ist von der Hand zu weisen, dass Wirtschaftswachstum und Arbeitsproduktivität wieder einmal sprunghaft zunehmen werden, falls umwälzende technische Neuerungen in das Stadium der Massenfabrikation gelangen. Wer weiss, ob nicht dem Wohlstandsüberschuss eine Hinwendung zu vermehrt asketischem und spartanischem Leben folgt? Niemand ist sicher, ob nicht neue Perioden mit ausgeprägterer Prüderie und Disziplin kommen werden. Es wäre nicht der erste derartige Wechsel in der Geschichte.
Kurz: Der Lebenszyklus der Kulturen und Zivilisationen folgt nicht einem starren Schema. Eine kritiklose Übertragung biologischer Gesetzmässigkeiten ist fehl am Platze. In der Geschichte sind eben keineswegs naturwissenschaftliche Zwangsläufigkeiten am Werk, sondern es ist der Mensch, der sein Schicksal gestaltet. Er verfügt dabei über Freiheitsgrade, die dem instinktprogrammierten Tier abgehen.
Ähnliche Einschränkungen sind anzubringen gegenüber einer Anwendung des Begriffs des Lebenszyklus auf ganze Wirtschaftsordnungen oder Wirtschaftssysteme. Besonders eingebürgert hat sich in dieser Hinsicht die Einteilung von Sombart, der eine Aufeinanderfolge von Frühkapitalismus, Hochkapitalismus und Spätkapitalismus festhält. Schon diese Ausdrucksweise legt den Gedanken nahe, dass die Epoche des Spätkapitalismus, in der wir uns heute befinden, früher oder. später ihr Ende finden müsse und dass sie zwangsläufig abgelöst werde durch eine andere Eigentumsordnung. An die Stelle der dezentralisierten Planung in den einzelnen Unternehmungen und Haushalten werde die zentralisierte Planung durch den Staat
treten. Die Ungleichheit der primären Einkommensverteilung, wie sie der Marktmechanismus hervorbringt und die gemäss dem Leistungsprinzip stattfinde, werde ersetzt durch eine grössere Gleichmässigkeit und die Zuteilung gemäss dem Bedarfsprinzip.
Auch Schumpeter schliesst sich dieser Prognose an, wobei er beifügt, der Kapitalismus gehe unter nicht etwa an seinen Defekten, sondern im Gegenteil an seinen Leistungen und Erfolgen. Damit meint er im Einklang mit Karl Marx, die Mobilisierung der Einzelinitiative, wie sie für diese Ordnung kennzeichnend sei, habe zwar überwältigende Verdienste in bezug auf die Hebung des Versorgungsniveaus der Bevölkerungen mit materiellen Gütern. Aber gerade dieser Wohlstand schaffe seine eigenen und neuen Probleme. Marx wiederum ist überzeugt, mit seinem historischen Materialismus die unabänderlichen Funktionsgesetze der Entwicklung erkannt zu haben. Erneut stossen wir somit hier auf absolut deterministische Auffassungen, die biologische Vorstellungen mehr oder minder unkritisch übertragen auf gesellschaftliche Tatbestände. Sie übersehen, dass soziale Systeme auch lernfähig und innovationsfähig sind. Wer etwa den Frühkapitalismus mit der Gegenwart vergleicht, wird objektiv zugestehen müssen, dass sich sowohl ein Wandel der Verhältnisse wie der Institutionen vollzogen hat, der in seiner Tragweite keinesfalls unterschätzt werden darf. Man könnte daher genauso gut die Auffassung vertreten, der Zug für einen Übergang zum Kommunismus sei in den westlichen Gesellschaften endgültig abgefahren. Ja, man ist sogar geneigt, bei der Betrachtung der Sowjetunion von einer Art von Spätsozialismus zu sprechen. Denn gerade dort herrscht im Gegensatz zum Westen ein ausgeprägter Konservativismus vor, in dem die offene Diskussion verfemt ist. Neue Ideen stossen auf verkrustete Machtstrukturen. Was im Kreml herrscht, ist die Gerontokratie, eine Herrschaft von Greisen, bei der die Ablösungsprobleme institutionell nur mangelhaft oder gar nicht gelöst sind.
Demgegenüber ist der Kapitalismus im Westen aufs engste verbunden mit Demokratie und Rechtsstaat, mit Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, mit Mehrheitsentscheiden und einer nach oben offenen Gesellschaft. Hier gelang es, die Gewerkschaften in das System zu integrieren und eine fortlaufende Innovation sicherzustellen. Die Stunde des jüngsten Gerichts scheint daher für den Kapitalismus noch längst nicht geschlagen zu haben, auch wenn zuzugeben ist, dass die Frage vorerst offen bleibt, wie wir den Wohlstand und die zunehmende Freizeit bewältigen.
Einleuchtender erscheint demgegenüber auf den ersten Blick die Verwendung des Lebenszyklus für die Erklärung des geschichtlichen Ablaufs bei einzelnen Nationen. Aufstieg, Grösse und Niedergang des Römischen Reiches drängen sich sogleich als Paradefall auf. Der englische Historiker Gibbon, aber auch Jacob Burckhardt haben diesen Vorgängen glanzvolle Beschreibungen gewidmet. Geschichtlich näher liegen die Geschehnisse in Spanien und Portugal, Reiche, in denen seinerzeit die Sonne nie unterging, die aber seither zu Randfiguren der Weltpolitik abgesunken sind.
Die Zeitgenossen noch unmittelbarer berührt das Schicksal des britischen Imperiums. Dabei muss ausdrücklich hervorgehoben werden, dass Grossbritannien nicht erst nach dem Verlust der Kolonien und der daraus fliessenden Einkommen ins Hintertreffen geriet, sondern bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also gerade im viktorianischen Zeitalter, in der Periode des Imperialismus und der pax britannica, als noch mit Stolz verkündet wurde: «Britannia rules the waves».
Dieses Land, das anfänglich an der Spitze der ersten industriellen Revolution gestanden hatte, wurde jetzt von Deutschland und den USA überholt, und zwar gerade in bezug auf die zukunftsträchtigen Branchen der chemischen und der elektrotechnischen Industrie.
Heute ist man versucht, von der englischen Krankheit zu sprechen, womit nicht die Rachitis, sondern die wirtschaftliche Arteriosklerose Grossbritanniens gemeint ist. Man kann, wie H. Bachmann, auf seinen Soziomarasmus hinweisen und darauf, dass es in der Rangliste des realen Sozialproduktes pro Kopf auf das Niveau von Italien abgesunken und von Deutschland bei weitem überrundet wurde, obwohl dieses nach dem Zweiten Weltkrieg zu den am stärksten kriegsversehrten Ländern zählte. Etwas freundlicher formuliert, wäre von einer «Siesta Society» zu reden, in der die Pausen wichtiger erscheinen als die geleistete Arbeit. Boshafter wäre die Charakteristik Grossbritanniens als Altersheim, in dem die Insassen den Rest ihrer Tage in grösstmöglicher Bequemlichkeit verbringen möchten.
Welche Darstellung auch immer gewählt werden mag — sicher ist, dass wir es hier mit einem Land zu tun haben, das sich ähnlich wie seinerzeit Spanien und Portugal auf dem absteigenden Ast seines Lebenszyklus befindet. Ob die Rosskur von Frau Thatcher daran eine entscheidende Änderung herbeizuführen vermag, muss vorläufig offen bleiben. Hingegen verdient die Frage
ernsthafte Erörterung, ob es einer Volkswirtschaft überhaupt gelingen kann, ständig an der Spitze der ökonomischen Entwicklung zu bleiben. In diesem Zusammenhang interessiert natürlich etwa die Schweiz, die bereits im 18. Jahrhundert zu den am stärksten und frühesten industrialisierten Gebieten zählte.
In dieser Hinsicht sei eine subjektive Meinungsäusserung gestattet. Die schweizerischen Unternehmungen hatten in den siebziger Jahren eine Bewährungsprobe sondergleichen zu bestehen. Der Franken erreichte eine Aufwertung wie keine andere Währung der Welt. Die Inflationsrate wurde von gegen 12 Prozent auf ungefähr 1 Prozent pro Jahr heruntergedrückt. Dem überlagerte sich die Ölpreissteigerung und die weltweite Rezession. Dazu traten Strukturbereinigungen aussergewöhnlichen Ausmasses in der Uhrenindustrie und in der Bauwirtschaft.
Diese einzigartige Kumulation von Krisen forderte selbstverständlich schwere Opfer. Weil sie jedoch von den Betroffenen mit Bravour gemeistert wurde, bedeutete sie gleichzeitig so etwas wie einen Jungbrunnen. Tatsächlich kann man feststellen, dass die Anpassungsfähigkeit und Elastizität wieder grösser geworden sind. Ähnlich wie beim Lebenszyklus der Produkte liesse sich davon sprechen, dass ein neuer Anfang eingeleitet wurde, dass das überflüssige Fett verschwunden ist und dass die Fitness zugenommen hat. Von Alter kann nicht im geringsten die Rede sein. Daran zeigt sich, dass manche Länder durchaus nicht auf die Dauer zum Niedergang verurteilt sind. Die alte Eidgenossenschaft war gewiss 1798 morsch. Es kann jedoch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sich die Eidgenossen wieder aufgerappelt haben und dass sie auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts der Zukunft mit Zuversicht entgegenblicken dürfen.
Unterliegen auch ganze Produktionszweige einer Art von Lebenszyklus? Diese Frage ist recht eng verwandt, wenn auch nicht identisch mit derjenigen, ob Produkte altern und schliesslich absterben. Dort wird sie bejaht, mit dem Vorbehalt, dass es zu einem Wiederaufschwung kommen kann, wenn qualitative Verbesserungen, die Erschliessung neuer Anwendungsgebiete und ähnliches zustande kommen. Hier geht es ausserdem darum, ob eine Umstellung auf ganz andere Produktionsmethoden und vielleicht auch Produkte
gelingt. Das Beispiel der schweizerischen Uhrenindustrie drängt sich in diesem Zusammenhang geradezu auf.
Ähnlich wie bei andern Systemen ist es offenbar der Grad der Lern- und Innovationsfähigkeit, der den Ausschlag gibt für den Erfolg und nicht so sehr die vorhandenen Anlagen und Maschinen und nicht einmal die verfügbaren Patente. Insofern ist es falsch, wenn die Theorie von den komparativen Kosten selbst in einer Epoche der ausgesprochenen Dynamik wie heute noch stets so grosses Gewicht legt auf die in einem bestimmten Zeitpunkt gegebenen Stückkosten.
An dieser Stelle soll indessen einmal ein Problem der Wirtschaftspolitik angeschnitten werden, nämlich die Frage, ob und in welcher Form der Staat alternden Branchen zu Hilfe eilen soll. Die Antwort ist häufig passiv, insbesondere dann, wenn in der Umwelt verbreitete Arbeitslosigkeit herrscht und wenn man sich sagt, es sei besser, die Arbeitskräfte blieben an ihrem angestammten Platz und trügen noch etwas zum Sozialprodukt bei, statt dass sie auf die Strasse geworfen würden, um dann von der Allgemeinheit vollständig unterstützt zu werden und gar keine produktive Leistung erbringen zu können.
Also: Erhaltungsinterventionen? Ständige Bluttransfusionen, um dem Körper ein Weiterleben zu ermöglichen? Branchen auf der Intensivstation des wirtschaftspolitischen Spitals?
Wenn schon derartige Ideen ventiliert werden, ist der Gedanke der Sterbehilfe nicht weit. Er würde besagen, dass für Patienten, für die keine Aussicht auf Erholung und Heilung besteht, die Zufuhr nährender Flüssigkeiten oder die künstliche Beatmung abgeschnitten wird. In brutal-ökonomischer Betrachtungsweise bestünde die Rechtfertigung eines solchen Beschlusses darin, dass sie — in Gestalt von Subventionen und des Schutzes vor fremder Konkurrenz — viel zu teuer zu stehen kommt und dass dadurch knappe Mittel andern und wichtigeren Verwendungszwecken entzogen werden.
Das ist genau die Haltung, die man in Japan einnimmt. Alte und schrumpfende Branchen lässt man dort ungerührt ihren Lebenszyklus vollenden. Staatliche Unterstützung wird dagegen jungen, aufstrebenden Zweigen zuteil, die sich noch im Beginn ihres Aufschwunges befinden und die in der Experimentierungsphase Anlaufschwierigkeiten zu überwinden haben. Die Argumentation, die dahinter steht, geht davon aus, dass auf diese Weise die
Schlacht um die Zukunft zu gewinnen sei, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefördert werde und dass namentlich neue Arbeitsplätze entstünden, die im Falle des Aufblühens der Branche ganz von selbst eine Vermehrung erfahren würden.
Den Arbeitskräften wird dabei allerdings zugemutet, dass sie zwischenberuflich und zwischenörtllch beweglich seien, dass sie Existenzkrisen wie technologische Freisetzungen zu bewältigen vermöchten und dass sie auf die Herausforderungen positiv reagierten. Eine Defensivstrategie, eine Abkapselung gegenüber unerwünschten Importen mit entsprechend höheren Preisen für die einheimischen Abnehmer, gilt demgegenüber als unzeitgemäss, die Erhaltung des Status Quo zugunsten der Eingesessenen als makroökonomisch verschwenderisch. Intensivstation und künstliche Ernährung werden abgelehnt.
Der materielle Erfolg gibt diesem Vorgehen unzweifelhaft recht. Es ist freilich auch geprägt von Grausamkeit gegenüber jenen, die sich aufgrund mangelnder Elastizität bei fortgeschrittenem Alter nicht mehr umstellen können oder wegen starker Heimatbindung keinen Ortswechsel vornehmen wollen. Um ihren Anliegen Rechnung zu tragen, liesse sich vielleicht eine Zwischenlösung ins Auge fassen, die zwar Hilfe gewährt, aber in Gestalt von Beiträgen an die Umschulung und Umsiedlung, oder die nur eine befristete Erhaltung zugesteht, welche auf einen bestimmten Termin hin allmählich vollständig abgebaut wird.
Die Organismus-Analogie, die der Vorstellung vom Lebenszyklus zugrunde liegt, wird nicht selten auch auf die Generationenfolge angewandt. So war etwa der Urgrossvater Handwerker, der Grossvater bereits Leiter einer Unternehmung, der Vater Chef eines Konzerns, der Sohn dagegen ist Playboy. Seine Funktion besteht darin, das ererbte Vermögen wieder unter die Leute zu bringen.
Beschreibungen solcher Abläufe gibt es in grosser Zahl. Klassisch geworden sind etwa die Buddenbrooks von Thomas Mann oder die Forsyte Saga von John Galsworthy. Sie legen dar, welches die Kräfte sind, die den Aufstieg einer Familie zu Macht und Ansehen hervorrufen oder doch begünstigen. Sie zeigen aber auch, wie es wiederum zu Degeneration und Abstieg
kommt. Die Folgerung, die daraus nahegelegt wird, geht dahin, es handle sich um Prozesse, die gleichsam mit naturwissenschaftlicher Zwangsläufigkeit abliefen, so wie es bei Goethe von der Sonne heisst: «Und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang.»
Von einer derartigen Gesetzmässigkeit kann Indessen bei näherem Zusehen keine Rede sein. Empirische Gegenbeispiele gibt es in Fülle. So sei etwa an die Habsburger erinnert, mit denen sich schon die alten Eidgenossen herumschlugen und die während vielen Jahrhunderten führende Positionen mit Auszeichnung bekleideten. Umgekehrt ist und bleibt der soziale Aufstieg für die allermeisten verwehrt, obwohl wir heute eine nach oben offene Gesellschaft haben.
Zur Fortsetzung der bestehenden Strukturen trägt eine Tendenz bei, die umschrieben wird als «gleich und gleich gesellt sich gern». Danach gehören die Ehepartnerin der Regel ähnlichen Gesellschaftsschichten an, und zwar mit einem gewissen Recht, weil sonst der Abstand Anlass zu fortwährenden Spannungen gibt. Dies bedeutet jedoch, dass die Armen vornehmlich unter sich heiraten und nicht zuletzt deshalb arm bleiben. Es bedeutet aber auf der andern Seite des Spektrums, dass die Reichen «ebenbürtige» Partner wünschen und zumeist auch antreffen, so dass sich gestützt darauf auch die Vermögen zusammenballen. Immerhin ist, wie wir bereits an anderer Stelle sahen, in einer Zeit rascher wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Veränderungen die Erbschaft noch bei weitem kein zureichender Grund für den Erfolg oder nur für die Wahrung der Position. Bekanntlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Gemeint ist damit offenbar, dass Wohlstand den Charakter verdirbt oder die Degeneration fördert.
Es war vielleicht dieser Sachverhalt, der den in Lausanne lehrenden italienischen Soziologen und Volkswirtschafter Vilfredo Pareto bewog, ein Gesetz von der «Rotation der Eilte» zu formulieren. Darin wird behauptet, dass die Idee vom Lebenszyklus auch auf die Träger von Macht und Einfluss, auf die Reichtumselite, die Bildungselite und die Wertelite zutreffe. Wiederum handelt es sich hier jedoch um eine Aussage, der nur mit starken Einschränkungen zuzustimmen ist und die daher besser als blosse Tendenz zu bezeichnen wäre.
Es liesse sich nun noch der Lebenszyklus der Haushalte erörtern, vom «leeren Nest» der Jungverheirateten über das «volle Nest» bis hin zum wieder «leeren Nest», weil die Kinder ausgeflogen sind.
Man könnte die Lebenszyklustheorie des Sparens wiedergeben. Doch sei hier darauf verzichtet, um stattdessen eine etwas andere Erscheinungsform näher unter die Lupe zu nehmen, die sich aus dem Zusammenwirken von Individuen und Organisationen ergibt.
Da gelangt man im Militär in eine bestimmte Kompanie, ein Bataillon, ein Regiment und eine Division. Darin leistet man eine gewisse Anzahl Jahre Dienst, tritt dann in eine andere Altersklasse über oder scheidet aus. Die Einheit, in der man aktiv war, besteht jedoch weiter, zusammengesetzt aus andern Mitgliedern.
Genau so verhält es sich mit der Firma, der Verwaltung oder auch der Schule. Hier beginnt ein Student im ersten Semester, findet Kameraden, macht seine Zwischenprüfungen und Schlussexamina; daraufhin löst sich die Gemeinschaft auf und zerstreut sich in alle Winde. Die Hochschule als solche existiert jedoch nach wie vor. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Lehrkörper. Einer wird zunächst Dozent oder Privatdozent, avanciert dann zum Extraordinarius und Ordinarius oder wird in seltenen Fällen sogar Rektor. Früher oder später kommt indessen für jeden der Zeitpunkt für den Rücktritt. Damit verlässt er die akademische Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Diese selbst überlebt ihn: Die Hunde bellen, die Karawane marschiert. Um die Zurückbleibenden kann sie sich nicht kümmern. Das Marschieren ist ihr Auftrag, ihr kategorischer Imperativ.
So zeigt sich denn, dass es Gebilde gibt wie das Gemeinwesen, die auf die Dauer angelegt sind und die ihre individuellen Träger überdauern. Ja, sie können im Prinzip fast unsterblich sein, im Gegensatz zu ihren menschlichen Mitgliedern. Was vor sich geht, ist so etwas wie ein Stoffwechsel: Den Neueintritten stehen fortwährend Austritte gegenüber. Die Individuen sind vom Ganzen her gesehen auswechselbare Bestandteile, mehr nicht. Sie mögen zwar das Gesicht «ihrer Institution» eine Zeitlang prägen; es wäre jedoch falsch, wenn die Einrichtung allzu sehr auf sie angewiesen wäre. Sie muss vielmehr auf Kontinuität bedacht sein. Deshalb wird denn auch ein Unterschied gemacht zwischen dem Politiker, der nur an die nächsten Wahlen
denkt, und dem Staatsmann, der auch das Wohl der kommenden Generationen im Auge hat.
Nun ist es freilich so, dass selbst Organisationen altern können. Dann werden sie gross und schwerfällig und büssen ihre Anpassungsfähigkeit ein. Die Saurier sind bekanntlich ausgestorben. In der modernen Wirtschaft hat sich interessanterweise gezeigt, dass die mittleren und kleineren Unternehmen die Bewährungsprobe der siebziger Jahre im allgemeinen besser bestanden, nicht weil sie unbedingt jünger waren, sondern weil sie ihre Flexibilität besser bewahrt hatten. Umgekehrt gibt es grosse Körperschaften, die beinahe zu «unsinkbaren Schiffen» geworden sind, und zwar darum, weil ihr Verschwinden mit allzu bedeutenden, geradezu makroökonomischen Konsequenzen verbunden wäre. In diesem Falle fühlt sich vielleicht sogar die Nationalbank verpflichtet, einer solchen Bank ein Hilfsangebot zu unterbreiten. Vielleicht wirkt sich die Lebenskrise aber auch heilsam aus und wie eine Frischzellentherapie oder eine Verjüngungskur. Krisen mögen mit andern Worten notwendige und nützliche Vehikel für den Fortschritt sein. Sie sind Geburtshelfer für Neues, so sehr sie im Augenblick verwünscht werden.
Der Jugendkonflikt der Gegenwart könnte genauso dieselbe Wirkung auslösen, falls er konstruktiv und nicht bloss abwehrend bewältigt würde, falls er, anders ausgedrückt, Anlass gäbe zu einer gründlichen Selbstbesinnung darüber, was in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und im Staat allmählich faul geworden ist und der Remedur bedarf. Eine solche unvoreingenommene Analyse würde unzweifelhaft zeigen, dass zahlreiche und schwerwiegende Gründe für das manifest gewordene Unbehagen vorhanden sind.
Zum Abschluss versteht es sich nahezu von selbst, dass die Vorstellung vom Lebenszyklus nicht bloss auf die Lebewesen im allgemeinen, sondern auch auf den einzelnen Menschen im besonderen anwendbar ist. In dieser Hinsicht offenbart sich beispielsweise, dass ein Jahr in der Jugend mit ungeheuer vielen Ereignissen ausgefüllt ist und im subjektiven Bewusstsein sehr viel länger dauert als im fortgeschrittenen Alter. Je weiter
man verrückt, desto grösser wird die Zahl der Jahre, die bereits zurückliegen, und desto kleiner die Zahl derjenigen, die noch bevorstehen. Allen, die die vorliegenden Ausführungen gelesen haben, stehen seit dem Beginn der Lektüre weniger Minuten zur Verfügung bis zu ihrem Tod als am Anfang. Auch die Zahl ihrer funktionsfähigen Gehirnzellen ist bereits kleiner geworden, und die übrigen Zellen haben weiter an Elastizität verloren.
Das ist der Lauf der Welt, und dagegen ist kein Kraut gewachsen. Unterscheiden wir bei diesem unausweichlichen Geschehen einzelne Phasen, so gibt es zunächst jene, die man die Lernphase nennen könnte. Hier eignet sich das Individuum jenes Wissen und Können an, die es befähigt, in der gegebenen Umwelt zu bestehen und sich zurechtzufinden. Es ist die Rede von Sozialisation, von Einordnung in die Gesellschaft der Erwachsenen. Es wird studiert, und es werden Prüfungen aller Art über das Erlernte abgelegt — oder nicht bestanden.
Die zweite Phase, die daraufhin folgt, ist normalerweise die des Schaffens und Leistens. Hier dreht es sich um den eigenständigen Erwerb des Lebensunterhaltes und den Aufbau einer Familie. Hier geht es um Erfolg und Gestaltung, um das Äussere und das Werk. Man durchläuft die Firma, das Militär, die Politik, die Hochschule, den Verein und den Verband, bis man schliesslich aus allem wieder ausscheidet.
Dann kommt das dritte Lebensalter, der Ruhestand, in dem man nicht mehr viel aktiv verändern kann. Es gelingt nicht mehr, in zwei Stunden den Säntisgipfel zu erreichen. Nicht mehr Mut, sondern Demut ist jetzt gefragt. Abbau und Verzicht sind die dominierenden Merkmale. Der Lebenskreis wird enger, und es gilt, das Schicksal zu akzeptieren, weil man es nicht mehr stark beeinflussen kann. Leistungen sind auch jetzt notwendig, obwohl sie eher im Dulden als im Tun bestehen. So rundet sich denn der persönliche Lebenszyklus. Wohl dem, der auch das letzte Examen erfolgreich besteht.