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«Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» stand etwas schief in der französischen Literaturlandschaft. Schief heisst in diesem Fall: «amerikanisch». Ein «amerikanischer» Roman eines Schweizer Schriftstellers in der Endauswahl des wichtigsten französischen Literaturpreises, des Prix Goncourt: plötzlich war das Phänomen Joël Dicker in aller Munde. Der Autor wurde über Nacht zu einem Star. Dass der Pariser Verleger Bernard de Fallois Dickers 600seitiges Manuskript unerwartet in seine Ferien zugeschickt bekommt – «Joël hat mir gar nichts von diesem Buchprojekt erzählt» –, unverzüglich nach Paris zurückkehrt und den Roman fast unverändert publiziert, fügt sich tadellos in den amerikanischen Traum des kometenhaften Aufstiegs ein. Auch dass der kleine Joël als Kind die Bücher den Spielkonsolen vorzog, soll die Öffentlichkeit selbstverständlich erfahren.
So viel Rummel musste auch die Gralshüter der Literaturtradition der «Grande Nation» auf ihre Posten rufen, die Dicker abwechselnd lobten, ihn aber auch aufgrund seiner «amerikanischen» Schreibe als zu platt abtaten. Dass nun übertriebener Starkult aber nicht zwingend mit einem schlechten Produkt einhergehen muss, zeigt schliesslich das Buch selbst. Die Geschichte erzählt vom jungen Autor Marcus Goldman, dem mit seinem ersten Roman ein grosser Erfolg gelungen ist und der sich nun an seinem zweiten Roman, an den er vertraglich gebunden ist, die Zähne ausbeisst. Die «Schriftstellerkrankheit» nennt Dicker die leeren Seiten, die Goldman verzweifeln lassen. In dieser Verzweiflung wendet er sich an seinen ehemaligen Professor für Literatur und Träger des Pulitzerpreises, Harry Quebert. Dieser lädt ihn zu sich ein und versucht Marcus über die Untiefen des Schriftstellerdaseins hinwegzutragen. Statt Ruhe und Absorption findet Goldman sich aber plötzlich als zentraler Akteur im Fall des potentiell pädophilen Mörders Harry Quebert wieder. Er sieht sich unversehens in der Pflicht, seines Mentors Unschuld zu beweisen, stürzt sich in die Vergangenheit des verschlafenen Städtchens Aurora und beginnt Leiche für Leiche aus den Kellern der frommen Bürger zu holen. Mit jeder Leiche kommt er der Wahrheit etwas näher – und schafft gleichzeitig den Grundstein für sein zweites Buch.
Was an diesem Roman überzeugt, ist weder einzig das Spiel mit dem Roman-im-Roman-Setting noch bloss die gute Geschichte, die – geben wir es ruhig zu – auch aus der Schmiede von John Grishams Ghostwritern hätte stammen können. Was überzeugt, ist die Entwicklung seiner Protagonisten. Was interessiert, ist entsprechend auch nicht die Aufklärung des zu lösenden Kriminalfalls, sondern die Vergangenheit der Einwohner Auroras. Allen voran diejenige der 14jährigen Nola, die vor über 30 Jahren verschwand und deren Knochen im Garten Harry Queberts gefunden wurden. Mit im Grab: das Manuskript von Queberts Erfolgsroman «Der Ursprung des Übels». Die Unverschämtheit, mit der wir als Leser hier genötigt werden, in den Einzelschicksalen zu wühlen, erinnert stark an jenen Sog, den auch Patricia Highsmith im Umgang mit ihren komplexen Romanfiguren erzeugt: Mit ähnlicher Geduld und Akribie umkreist Dicker sein Personal und lässt aus knappen Stereotypen Menschen entstehen. Menschen mithin, die bewundert und gemocht werden wollen, die aber auch ein ums andere Mal bitter enttäuschen.
Dicker, der 28jährige Genfer Jurist, ist ein blendender Erzähler und hat es mit seinem zweiten Roman geschafft, ein feines Bild der amerikanischen Mittelklassegesellschaft zu zeichnen. Wenn man den übertriebenen Starkult mit einem Augenzwinkern beiseiteschiebt, bleibt nach dieser Lektüre vor allem eins: die Vorfreude auf sein nächstes Buch.
Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. München: Piper, 2013.