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Martin sieht genau so aus, wie ich mir einen amerikanischen Touristen in Südostasien vorstelle: Biederes weisses Hemd, etwas zu gross geschnittene schwarze Shorts, die knapp über die Knie reichen, und weisse Sportsocken zu den Sandalen. Er mag keine langen Schweigepausen, hat stets einen lockeren Spruch auf den Lippen sowie ein breites Strahlen im Gesicht.
Der 31-Jährige stammt aus einer stockkonservativen texanischen Grossfamilie. «In God We Trust» lautet das Motto seiner Eltern, der Staat ist dagegen etwas grundsätzlich Schlechtes, ein Konstrukt, dem nicht zu trauen ist. Deshalb ging Martin nie zur Schule, sondern wurde zu Hause unterrichtet.
Aus Martins Worten ist herauszuhören, dass er mit seinen Eltern nicht immer einer Meinung war. Den Glauben an Gott hat er aber übernommen. Und dieser Gott sei es auch gewesen, der ihn nach China geführt habe: «Es war eine Eingebung. Eines Morgens bin ich aufgewacht und für mich war klar, dass ich nach China muss.» Also sagte er den USA «Goodbye» und flog ins chinesische Hinterland, um an einer Uni nahe der tibetischen Grenze Chinesisch zu studieren.
Das war vor acht Jahren. Heute entspricht Martin nur noch optisch dem Bild eines 0815-Amerikaners. Er spricht perfekt Chinesisch, hat in Südchina eine kleine Firma aufgebaut, die mit Kaffeebohnen handelt und chinesische Bauern im Kaffeebohnenanbau unterrichtet, und eine Chinesin geheiratet, mit der er mittlerweile zwei Kinder hat. «Das dritte Kind ist unterwegs», sagt er.
Das Imponierendste an Martin ist aber nicht seine Biografie, sondern dass er meine Freundin Lea und mich mitnimmt, als wir in Laos am Strassenrand stehen. Ohne zu zögern fährt er rechts ran und sagt noch beim Aussteigen: «Wir würden euch gerne mitnehmen, aber ich weiss echt nicht, ob wir genügend Platz haben.»
Eigentlich hat er keinen Platz für uns: Der Kofferraum ist so vollgestopft, dass das Gepäck auf den Rücksitz zu fallen droht, wo seine Frau mit den beiden Kindern sitzt. Der Beifahrersitz ist mit weiterem Gepäck und einem Kindersitz belegt. Doch Martin lässt sich davon nicht entmutigen, krempelt alles um und sagt schliesslich strahlend: «So sollte es gehen.» Die Szene erinnert an Homer Simpson beim Tetris spielen.
Eine Minute später sitzen Lea und ich neben der dreijährigen Sina zusammengepfercht auf dem Rücksitz. Lea ist eingequetscht unter einem grossen Rucksack, ich habe einen Kindersitz sowie einen kleinen Rucksack auf meinem Schoss. Wir sehen keine zehn Zentimeter weit, sind aber trotzdem heilfroh über die Mitfahrgelegenheit. Denn gemäss Hitchwiki, dem Wikipedia für Autostöppler, ist Stöppeln in Laos eine äusserst mühsame Angelegenheit.
Doch nach zwanzig Minuten müssen wir bereits wieder anhalten: Der Mutter und der elf Monate alten Ria auf ihrem Schoss ist schlecht, sie müssen sich am Strassenrand übergeben. «Alle drei sind bereits seit mehreren Tagen krank», sagt Martin besorgt. Am schlimmsten steht es um die kleine Ria, sie hat innert kurzer Zeit ein Kilo verloren. «Wir hoffen, dass wir in Thailand einen Arzt finden, der ihr helfen kann.»
Nach Thailand ist die Familie unterwegs, weil Martin sein China-Visum erneuern muss. Obwohl er schon seit acht Jahren in China lebt und mit einer Chinesin verheiratet ist, muss er China alle drei Monate verlassen, um ein neues Visum zu beantragen. «Dieses Mal wollen wir das Ganze Prozedere mit einem Familienurlaub in Thailand verbinden», sagt Martin.
Bei zwei kranken Kindern und einer schwangeren Frau eine mutige Entscheidung, länger als 30 Minuten am Stück können wir nie fahren, weil es der Mutter und Ria so hundsmiserabel geht. Die ältere Schwester Sina scheint zwar wieder auf dem Weg der Besserung, sie nutzt die neu gewonnene Energie aber vor allem dazu, um ununterbrochen «Daddy, Daddy, Daddy!» zu rufen oder zu quengeln.
Vater Martin lässt sich von alldem nicht aus der Ruhe bringen. Sina versucht er zu beschäftigen, indem er bei jedem Lastwagen, jeder Kuh und jedem Hund ruft: «Schau da!» Bei den zahlreichen Stopps nimmt er seiner Frau die kleine Ria ab, gibt ihr den Schoppen, wiegt sie behutsam hin und her und redet beruhigend auf sie ein. Gleichzeitig zeigt er auch noch Interesse an den beiden Autostöpplern, die er sich zusätzlich aufgebürdet hat.
Der Texaner ist ein amerikanischer Superdad – einer dieser zahlreichen Helden des Alltags, die in den Medien normalerweise nie erwähnt werden. Wir sind beeindruckt. Aber als die 150 Kilometer lange Fahrt nach über fünf Stunden (!) zu Ende ist, fragt mich Lea feixend: «Du hast gesagt, du willst vier Kinder, gell?»