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In der Nachkriegszeit träumte die Schweizer Maschinenindustrie von einem eigenen Reaktor. Eine atomtechnische Versuchsanlage sollte mitten in Zürich zu stehen kommen, im Fernheizkraftwerk der ETH an der Clausiusstrasse.
Zum Jahreswechsel 1958/59 erhielt der Bundesrat drei Subventionsgesuche für den Bau von drei verschiedenen atomtechnischen Versuchsanlagen. Alle drei Gesuche wurden von privaten Initiativen getragen, bei allen Projekten waren mehrere - teils dieselben - mittelgrosse bis grosse Schweizer Industrieunternehmen beteiligt, alle drei strebten den nationalen Unabhängigkeitsbeweis im Bereich der atomaren Energie- bzw. Wärmeproduktion an. Die drei privatwirtschaftlichen Projektgruppen "Konsortium", "Energie Nucléaire S.A." und "Suisatom" hatten sich aus der Überzeugung heraus gebildet, dass in der Schweiz kein Unternehmen über die notwendigen Ressourcen verfügte, um im Alleingang einen eigenen Reaktortyp zu entwickeln. Wie das amerikanische Manhattan-Project unmissverständlich vorgeführt hatte, waren Entwicklungen im Bereich der Kernenergie nur noch mit kooperativen Organisationsformen, grosstechnischen Versuchsanlagen und verteilten Innovationsprozessen denkbar.
|Ein gemeinschaftliches Vorgehen der Privatwirtschaft war für die schweizerische Innovationslandschaft höchst unkonventionell, in der kernenergetischen Forschung war es allerdings bereits erprobt worden: An der Reaktor AG, dem ersten schweizerischen Reaktorforschungsinstitut, das nach amerikanischem Vorbild im aargauischen Würenlingen mitten auf der grünen Wiese entstand, hatten sich über 120 Firmen beteiligt, mehr als 14 Millionen Franken Forschungsgelder waren bei der Gründungsversammlung vom 1. März 1955 zusammengekommen. Eine federführende Rolle bei der Einrichtung dieses ersten nationalen Forschungszentrums hatte die ETH gespielt. Seit dem Ersten Weltkrieg war das physikalische Institut unter der Leitung von Paul Scherrer mit Kernforschung beschäftigt. Nach Erscheinen des "Smyth-Reports" 1945, des offiziellen amerikanischen Berichts über die Atombombenherstellung, verblüffte der charismatische Professor die Wissenschaftsgemeinde und das interessierte Publikum mit weitsichtigen Einschätzungen der physikalischen, technischen und wirtschaftlichen Produktions- und Nutzungsbedingungen der Kernenergie.||

Als Präsident der 1945 gegründeten eidgenössischen "Studienkommission für Atomenergie" gelang es Scherrer zudem, umfangreiche Kredite für die Förderung der Atomforschung zu akquirieren. Gemeinsam mit BBC-Verwaltungsratspräsident Walter Boveri präsentierte der ETH-Professor 1953 die Vorlage für ein privatwirtschaftliches Reaktorforschungsinstitut. Die 1955 gegründete Reaktor AG, die innerhalb von fünf Jahren zwei Forschungsreaktoren in Betrieb nahm, wurde 1960 dem Bund übergeben und unter dem Namen "Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung" (EIR, heute Paul Scherrer Institut PSI) als Annexanstalt der ETH weitergeführt.
Mit dem Projekt eines "ETH-Fernheizreaktors" der Arbeitsgemeinschaft "Konsortium", das 1958 mit einem subventionsbedürftigen Kostendach von 55 Millionen Franken beim Bundesrat einging, sollte die kernenergetische Vorreiterrolle der ETH nochmals unterstrichen werden. Seit 1930 wurde das Polytechnikum durch ein eigenes Fernheizkraftwerk mit Wärme und Heisswasser versorgt, Mitte der 1950er-Jahre kam die Anlage an der Clausiusstrasse an ihre Leistungsgrenzen. Bruno Bauer, Ordinarius für angewandte Elektrotechnik und Direktor des Kraftwerks, brachte die Idee auf, als neue und leistungsfähigere Heizquelle einen Atomreaktor zu installieren. Zusammen mit verschiedenen Maschinenfirmen plante er - und ab 1957 sein Nachfolger Walter Traupel - den Bau eines kleinen Kernkraftwerks in einer Kaverne unter der ETH. Einen Grossteil der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten leistete neben den Instituten der ETH die Winterthurer Firma Sulzer, die Atomtechnik frühzeitig zu einer "Schlüsseltechnologie" erklärt hatte. Seit 1955 unterhielt sie eine eigene Forschungsabteilung "für Reaktoranlagen". Die Pläne sahen einen Druckröhrenreaktor mit schwerem Wasser als Moderator und Natururan als Brennstoff vor. Sicherheitsbedenken bezüglich eines mitten in der Stadt gelegenen Atomkraftwerks regten sich zu jener Zeit noch keine: Der Schulrat wie auch der Zürcher Regierungs- und Stadtrat unterstützten die Eingabe. "Interessant, noch nie erprobt", meinten OECE-Experten zum geplanten Design des FHK-Projekts.
Schon eher überfordert zeigte sich hingegen der Bundesrat. Konfrontiert mit drei verschiedenen Subventionsgesuchen traf er keine Auswahl, sondern verlangte von den Projektgruppen, sich auf eine einzige Eingabe zu einigen. Diese schlossen sich zur "Nationalen Gesellschaft zur Förderung der Industriellen Atomtechnologie" NGA zusammen. Der eidgenössische Kompromiss brachte schliesslich den von der Westschweizer Industriegruppe "Enusa" vorgeschlagenen Reaktorstandort Lucens VD mit den Plänen des Zürcher "Konsortiums" sowie mit dem Betriebskonzept von "Suisatom" zusammen. Das Kernkraftwerk an der ETH wurde zwar nie gebaut, das dafür geplante Reaktorkonzept kam jedoch bei dem in Lucens realisierten einzigen von Schweizer Firmen entwickelten Atomkraftwerk zur Anwendung. Die Aufträge für die Herstellung des Versuchsreaktors gingen an die aus dem ETH-Fernheizreaktorprojekt hervorgegangene Firmengruppe "Thermatom", der Sulzer, Escher Wyss, die Maschinenfabrik Oerlikon sowie weitere Maschinenbaufirmen angehörten. Beim Bau gab es Verzögerungen, insbesondere bei der Konstruktion der Kaverne - von den Baufirmen Züblin, Losinger und Zschokke in Auftrag genommen - kam es zu Pannen und weiteren Schwierigkeiten. Ausserdem hemmten die streng hierarchischen Strukturen der NGA einen effizienten Entscheidungsprozess. "Für das Scheitern verantwortlich war zu einem wichtigen Teil auch die Organisationsstruktur der NGA", folgert der Historiker Tobias Wildi in seiner Studie über die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. "In den internen Aushandlungsprozessen mussten zu viele Partikularinteressen mit berücksichtigt werden. Auch nach jahrelangen Bemühungen gelang es nicht, sich auf ein für alle Aktionäre verbindliches Entwicklungsprogramm zu einigen." (Wildi 2003)
Als Lucens 1968, nach einer Bauzeit von sieben Jahren, in Betrieb genommen wurde, galt nicht nur die Technologie der verwendeten Brennelemente bereits als veraltet. Auch einige der energiepolitischen Hauptakteure wie etwa die "Nordostschweizerischen Kraftwerke AG" NOK oder die Sulzer waren in der Zwischenzeit vom nationalen Weg der Reaktorentwicklung abgekommen. Dass das zunehmend fragwürdige Projekt eines schweizerischen Versuchsreaktors gleichwohl bis zur verunglückten Inbetriebnahme vom Januar 1969 weiterverfolgt wurde, hat nicht zuletzt mit der passiven Rolle des Bundes zu tun. Im Unterschied zu anderen Regierungen hatte der schweizerische Bundesrat im nukleartechnologischen Innovationsprozess keine Führungsrolle übernommen. Als bedeutendster Geldgeber hätte er es aber in der Hand gehabt, das letztlich unrentable Prestigeprojekt rechtzeitig zu stoppen.
Monika Burri