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Wo einst die Ratten herumliefen
November 2016
Wo einst die Ratten herumliefen Spitalquartier
Auf dem Gebiet einer ehemaligen Müllhalde steht heute das Spitalquartier im Westen der Stadt Schlieren. Die Bewohner schätzen den Zugang zu Freiräumen und Naturflächen.
«Hier kann man nichts ausser wohnen und kranksein.» So charakterisiert Heidemarie Busch das Spitalquartier am Westrand der Stadt Schlieren. Sie wohnt seit 1975 im Quartier und sitzt seit 2010 für die CVP im Stadtparlament. Das Quartier liegt zwischen der Badenerstrasse/Zürcherstrasse im Norden, der Urdorferstrasse im Süden, der Kesslerstrasse im Osten und der Spitalstrasse/Schönenwerdstrasse im Westen. Prägend sind das Spital Limmattal, der Namensgeber des Quartiers, die vielen Mehrfamilienhäuser und Wohnblocks sowie die grosse, unüberbaute Fläche im Gebiet Färberhüsli. Das Spitalquartier ist seit den Siebzigerjahren entstanden. Vorher befand sich in diesem Gebiet eine Müllhalde. «Hier sind einst die Ratten herumgelaufen», sagt Busch. Dann entstand zuerst das Spital und nach und nach die Mehrfamilienhäuser und Wohnblocks. Einfamilienhäuser gibt es dagegen keine. «Am Anfang konnte man von hier aus noch die Limmat sehen», erinnert sich Busch, die im 6. Stock eines Hochhauses wohnt. Auch das Altersheim Sandbühl ist im Quartier angesiedelt.
Wenig Infrastruktur
Infrastruktur für das tägliche Leben gibt es im Spitalquartier praktisch keine. Ausnahmen sind ein Kindergarten und zwei Spielplätze. Aber Läden sucht man vergebens. Zum Einkaufen fahren die Quartierbewohner an den Kesslerplatz, wo sich Denner, Migros sowie Confiserie und Café Tschannen befinden. Manche erledigen ihre Einkäufe auch in Urdorf im nahe gelegenen Zentrum Spitzacker. Im Quartier ist ein einziges Restaurant zu finden – der Chinese Chang-Cheng an der Spitalstrasse. Zur Schule gehen die Kinder ins Schulhaus Kalktarren im Osten ausserhalb des Quartiers. Das Spitalquartier ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen. Auf der Spitalstrasse verkehren die Buslinien 303 und 311, auf der Urdorferstrasse die Buslinien 302 und 308. Sie bieten Verbindungen nach Schlieren Zentrum sowie in die Nachbargemeinden Dietikon und Urdorf. In Zukunft soll auch die Limmattalbahn im Quartier durchfahren – gegen den Willen der Quartierbewohner, die sich in grosser Zahl im Verein «Limmattalbahn – so nicht» versammelt haben. Kritisiert wird, dass es an der Spitalstrasse zu Landenteignungen kommt und Bäume gefällt werden müssen. Gefordert wird, dass die Bahn, die von der Haltestelle Reitmen herkommend im Tunnel ins Quartier fährt, weiter im Tunnel unter dem Quartier durchgeführt wird – mit einer unterirdischen Haltestelle beim Spital. «Wir brauchen die Limmattalbahn nicht, wir haben hier die Busse, die uns genügen», sagt Busch, die sich stark für eine andere Linienführung der Bahn ins Zeug gelegt hat.
«Man kennt sich»
Die Bevölkerung des Spitalquartiers sei gut durchmischt, sagt Busch. Es gebe viele Eingesessene, die mit dem Quartier gewachsen und älter geworden seien. «Den Zügelwagen sieht man hier selten.» Die Ausländer hätten sich gut integriert und würden kaum als solche auffallen. «Man kennt sich, weil es nur wenige Wechsel im Quartier gibt», sagt Busch. Einen Zusammenhalt hätten die Quartierbewohner aber trotzdem nicht entwickelt, sehe man einmal vom Engagement gegen die Limmattalbahn ab. Der Treffpunkt im renovierten Färberhüsli, wo es jeweils am Donnerstagnachmittag Kaffee und Kuchen gibt, werde im Schnitt von 15 bis 20 Personen besucht. Im Quartier sei es ruhig, Probleme gebe es keine. «Die Polizei sieht man nur selten hier», weiss Busch. Eine Zeitlang wurde allerdings befürchtet, das Gebiet an der Hang-/Langackerstrasse könnte verwahrlosen. Das war nach 1989, als der Eiserne Vorhang fiel und Osteuropäer nach Schlieren fuhren, um an der Badener-/Zürcherstrasse Occasionsautos zu kaufen. «Sie kamen zu fünft in einem Auto, in dem sie übernachteten. Die Büsche benutzten sie als WC. Dann fuhren sie am anderen Tag mit fünf Autos weg», erinnert sich Busch. Doch mit dem Occasionshandel verschwanden auch diese Probleme.
Zwiespältiges Urteil
Im Urteil der Bewohner schneidet das Spitalquartier im Vergleich zu Gesamtschlieren teilweise unterdurchschnittlich ab. Das zeigte eine 2014 veröffentlichte Umfrage der ETH Zürich im Auftrag der Stadt Schlieren. Unter dem Mittelwert liegen demnach im Spitalquartier die Ortsverbundenheit und die Verbundenheit in der Nachbarschaft. Nicht ganz zufrieden ist man auch mit der Sicherheit im öffentlichen Raum. Gleichzeitig schätzen die Quartierbewohner leicht überdurchschnittlich die mässige bauliche Dichte und den Zugang zu Freiräumen und Naturflächen. Die stark im Spitalquartier verankerte Busch hat eine andere Wahrnehmung: «Ich habe noch niemanden gesprochen, der gesagt hat, hier gebe es keine Lebensqualität.» Sie selbst fühlt sich gut aufgehoben und wohl im Quartier. «Mir gefällt es hier, ich vermisse nichts», sagt sie.
Text und Fotos: Martin Gollmer