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Der Spaziergang folgt tendenziell entlang den alten Stadtmauern des Murer Stadtplans. Er beginnt am Stadelhofen und führt über Fraumünster und Weinplatz zur Peterhofstatt. Nach dem Lindenhof geht es mit dem Polybähnli weiter zu den Hochschulen und zum Kunsthaus – damit ist man schon fast wieder zurück am Stadelhofen.
Beim Opernhaus beginnt der Rundgang. Bis in die 50er Jahre besuchte man für das Weihnachtsmärchen das 1891 eröffnete Stadttheater, das später zum Opernhaus umbenannt wurde. Erst als 1926 das Zürcher Schauspielhaus am Pfauen eröffnet wurde, spezialisierte es sich auf Oper, Operette und Ballett. 60 Millionen Franken investierte die Stadt Zürich zu Beginn der 80er Jahre ins Opernhaus – die Folge waren Jugendkrawalle.
Felix und Regula
Der grosszügig angelegte Sechseläutenplatz lädt ein zum Sitzen und Sein. Apropos Sechseläuten: Bei den Zünften spielen die Frauen eine rein dekorative Rolle. Erst wenige Jahre darf die Frauenzunft offiziell mitmarschieren, aber abends wollen die Zünftler weiterhin unter sich bleiben. 2022 wird neu verhandelt.
Von der Quaibrücke sieht man Zürichs wichtigste Kirchen, die kleine Wasserkirche, das elegante Fraumünster, das imposante Grossmünster und den gemütlichen St. Peter. Die Kirchenpatrone von Grossmünster, Fraumünster und Wasserkirche waren ursprünglich Felix und Regula. Der Legende nach kamen die Geschwister Felix und Regula mit ihrem Diener Exuperantius, im Dialekt Häxebränz genannt, als Mitglieder der Thebäischen Legion nach Zürich. Die drei Heiligen wurden in Zürich von den Schergen des römischen Kaisers Maximilian gefangen genommen. Trotz Folter entsagten sie ihrem Glauben nicht. Sie wurden auf dem Richtplatz bei der späteren Wasserkirche enthauptet. Sie nahmen ihren Kopf und gingen 40 Ellen weiter. Wo sie schliesslich zusammenbrachen, wurde eine Kirche errichtet, das Grossmünster.
Frauen kaum beachtet
Schaut man an Hans Waldmann – hoch zu Ross – vorbei, weiss man, hinter der Ecke bei der Wasserkirche steht gross und breit der Zürcher Reformator Zwingli. Hinter Zwingli stand zeitlebens seine Frau Anna. Sie sieht man aber nicht – so wie man auch die Anna, die hinter Pestalozzi, der beim Globus stand, nicht sieht. Am Helmhaus erinnert eine Tafel an Anna Zwingli, die erste Pfarrfrau von Zürich, die sich dafür eingesetzt hat, dass die Gelder aus den Klöstern den Armen zugutekamen.
Beim Rüdenplatz, wenige Schritte Limmat abwärts, erinnert eine Tafel an Anna Pestalozzi, die immer wieder verhindert hat, dass ihr Gatte in den finanziellen Ruin getrieben wurde. Zwei Zürcher Frauen, beide mit dem Namen Anna und mit einem grossen Leistungsausweis, die kaum beachtet werden.
Fraumünster
Das Fraumünster gegenüber dem Grossmünster wurde im Jahr 853 von einem Enkel Karls des Grossen gegründet, indem er ein bereits bestehendes Kloster seiner Tochter Hildegard mitsamt weiten Ländereien bis ins Urnerland überschrieb.
Anders die Legende: Die zwei Töchter des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen, Hildegard und Berta, lebten von der Welt abgeschieden auf der Burg Baldern. Oft wanderten sie nach Zürich, um dort in der Kapelle der Heiligen Felix und Regula zu beten. Gott habe den frommen Schwestern einen weissen Hirsch mit auf den Weg gegeben, dessen Geweih hell leuchtete und ihnen den Weg durch den dunklen Wald wies. Der Hirsch habe ihnen schliesslich eine Stelle bei der Limmat gezeigt, wo sie eine Kirche errichten sollten. Ludwig der Deutsche habe darauf an dem bezeichneten Ort die Fraumünsterabtei gestiftet, der zuerst Hildegard, anschliessend ihre Schwester Berta vorstand.
Mächtige Äbtissinnen
Im Kreuzgang findet man die Geschichte von Berta, Hildegard und dem Hirsch, von Kaiser Karl und der Schlange und von Felix und Regula in Wandgemälden dargestellt. Letzte Äbtissin des Fraumünsters war Katharina von Zimmern. Sie gab ihre Machtposition 1524 widerstandslos ab, als Zwingli die Klöster säkularisierte – und verhinderte so viel Blutvergiessen. Damit nahm die 671 Jahre dauernde Geschichte des Klosters ihr Ende. Im Kloster Fraumünster war nicht nur gebetet worden, die Äbtissinnen waren im heutigen Sinn Managerinnen, die ihre wirtschaftlichen Interessen nachhaltig vertraten. Als Unternehmerinnen nahmen sie beispielsweise auch die Funktion von Bankerinnen wahr. Es waren Frauen, die als Vorreiterinnen des Feminismus gelten, verhandelten sie doch mit führenden Männern als geachtete Handelspartnerinnen. Die Zürcher Frauenzunft, gegründet 1989, geht auf Katharina von Zimmern zurück. Deren «Denkmal», ein Kupferstreifen am Boden des Kreuzganges, ist nicht einfach zu finden.
Turnachkinder
Am Münsterplatz stehen zwei Zunfthäuser. Wie ein französisches Barockschlösschen mutet das Zunfthaus zur Meisen an. Es wurde 1757 im Stil eines barocken Stadtpalais mit Ehrenhof und schmiedeeisernem Tor als Versammlungshaus der Zunft zur Meisen erbaut. Für den Frauenstadtrundgang ist die Meise von Bedeutung, weil sich hier regelmässig der BPW Zürich, der Club der Business and Professional Women Switzerland, trifft. Der BPW setzt sich ein für die Förderung berufstätiger Frauen, Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Er ist eine Antwort auf die verschiedenen Netzwerke, denen lange Zeit nur Männer beitreten durften. Weiter geht es zum Weinplatz. Das Hotel Storchen ist heute eines der vornehmsten Hotels der Stadt. Gegenüber steht das Haus zum Schwert, das früher als Hotel bekannte Persönlichkeiten beherbergt hat. Hier wohnten die «Turnachkinder im Winter». Die Turnachkinder sind die Jugenderinnerungen der 1854 geborenen Zürcher Autorin Ida Bindschedler.
Peterhofstatt
Die Kirche St. Peter ist ein Ort der Kraft und der Andacht, ein berühmtes nationales Baudenkmal und der erste protestantische Sakralbau in der Stadt Zürich nach der Reformation. Der Turm besass lange Zeit das grösste Zifferblatt Europas. Hier befindet sich die Stube des Feuerwächters. Auffallend ist der Unterschied zwischen Turm und Kirchenschiff, das barock ist. Einzigartig: Der Turm gehört der Stadt Zürich, das Kirchenschiff der Kirchgemeinde. Die Peterhofstatt war schon früh ein Kulthügel, und auch auf dem Lindenhof finden sich Spuren der Römer.
Hedwig ab Burghalden
Für den Frauenrundgang ist der Lindenhof nicht nur wegen dem schönen Blick über die Limmat, zur ETH und Universität relevant. Hier steht auch die tapfere kleine Zürcherin, Hedwig ab Burghalden. 1292 gelang es den Zürcher Frauen, die sich bewaffnet auf dem Lindenhof versammelt hatten, die Habsburger, welche die Stadt belagerten, in die Flucht zu schlagen, nachdem die Männer auf dem Schlachtfeld nicht siegreich waren. Der Legende nach zogen die Habsburger ab, weil sie von der Übermacht des Heeres auf dem Lindenhof beeindruckt waren.
Höhere Töchterschule
Mit dem Polybähnli geht die kurze Fahrt zum Hauptgebäude der ETH. Gestiegen ist der Frauenanteil bei den Studierenden an der ETH, rund ein Drittel sind Frauen. Von Anfang an durften Frauen hier studieren. Die ersten Frauen an der ETH waren Russinnen. Für Zürcher Mädchen fehlten Schulen, die zu einer Matura führten. Erst 1904 wurden im Rahmen der Höheren Töchterschule erstmals Klassen mit Schülerinnen, die sich auf die Matura vorbereiteten, gebildet. Doch weder die eidgenössische noch die kantonale Maturitätskommission anerkannten sie als eigenständige Maturitätsschule. Die Schülerinnen wurden deshalb von dieser Kommission nochmals geprüft. 1920 wurde der Töchterschule endlich die kantonale Maturitätsberechtigung zugestanden.
Emilie Kempin-Spyri
Beim Besuch der Universität gleich neben der ETH denkt man an das beeindruckende Buch von Eveline Hasler: Die Wachsflügelfrau. Es erzählt die Geschichte der Emilie Kempin-Spyri, die, 1853 geboren, als erste Schweizerin in der Schweiz als Juristin promovierte und habilitierte. Als Frau durfte sie jedoch nicht als Anwältin praktizieren, weshalb sie nach New York auswanderte, wo sie an einer von ihr gegründeten Rechtsschule für Frauen unterrichtete. Zeitlebens kämpfte Kempin-Spyri für ihre Zulassung als Anwältin und zerbrach schliesslich an diesem erfolglosen Kampf sowie an privaten Problemen nach der Scheidung. Im September 1897 wurde sie wegen Geisteskrankheit in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen, 1898 entmündigt. Ob sie geisteskrank war, ist sehr umstritten.
Gottfried Keller und die Frauen
Ein Besuch wert ist der Rechberggarten mit seinen wunderschönen schmiedeeisernen Toren. Mit dem Rechberg ist einer der schönsten Barockgärten in Zürich erhalten geblieben.
Gegenüber vom Haus zum Rechberg beginnt die Neumarktgasse. Gleich zu Beginn der Gasse steht das Haus, wo der Zürcher Dichter Gottfried Keller geboren wurde. Für Zürcher Schüler gehört «Der grüne Heinrich» zur Pflichtlektüre. Im autobiografischen Roman stehen zwei Frauen im Zentrum: Anna, die Tochter eines Lehrers, ein Mädchen in Heinrichs Alter, und Judith, eine etwa dreissigjährige schöne Witwe. Zwischen beiden Frauen ist der junge Heinrich hin- und hergerissen. Die zarte, engelhafte Anna erfüllt ihn mit romantischer, verklärender und idealisierender Liebe, die lebensfrohe, verführerische Judith erweckt seine Sinnlichkeit. Heinrich kann zu keiner der beiden Frauen eine Beziehung aufbauen und die Episode endet, ohne eine Auflösung zu finden, indem Anna zwei Jahre später stirbt und Judith nach Amerika auswandert.
Lydia Welti-Escher
Neben dem Kunsthaus findet man den Lydia-Welti-Escher Platz. Sie war eine hochgebildete Mäzenin, Gründerin einer Kunststiftung und eine der reichsten Frauen der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Sie heiratete den Sohn eines Bundesrates, verliebte sich aber nach der Heirat in den Künstler Karl Staufer und floh mit ihm nach Rom. Bundesrat Welti liess seine Beziehungen spielen, Lydia bekam die Diagnose «systematisierter Wahnsinn» und wurde in einer Irrenanstalt interniert. Sowohl Lydia Welti-Escher als auch Karl Staufer zerbrachen und beendeten ihr Leben mit dem Freitod.
Lyceum Club
Das Schauspielhaus spielte während dem Zweiten Weltkrieg eine tragende Rolle. Gegenüber befindet sich das Musikhaus Jecklin, daneben der Lyceum Club. Der Lyceum Club ist ein Zusammenschluss von Frauen, die sich für literarische, musische, künstlerische, soziale und ökologische Fragen engagieren. Sein Zweck ist, auf anspruchsvollem Niveau kulturelle Veranstaltungen zu organisieren und junge Talente zufördern. Daneben erhebt sich der legendäre «Affenkasten», die ehemalige Töchterschule «Hohe Promenade». Hier erhielten viele Zürcherinnen eine Ausbildung, die ihnen den Weg in Wissenschaft, Kultur und Politik eröffnete. Nun ist man bereits wieder oberhalb des Bahnhofs Stadelhofen, wo der Rundgang begonnen hat.
Regula Zellweger