Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03374.jsonl.gz/2509

Kommentar zum Abbruch bzw. Abschluss
der amerikanischen WHI Hormon-Studie
Der Abbruch eines Teils einer amerikanischen Hormonstudie im
Rahmen der "Women's Health Initiativ" (WHI-Studie)
hat in der Laienpresse zu vielen
Schlagzeilen geführt und entsprechend viele betroffene Frauen verunsichert.
Zunächst muss festgehalten werden, dass nur ein Arm der Studie, nämlich die
Kombinationsbehandlung Östrogen-Gestagen,
vorzeitig gestoppt wurde. Der Studienarm mit der
alleinigen Östrogenbehandlung wurde weitergeführt und erst
kürzlich nach 7 Jahren wie geplant abgeschlossen.
Eigenartigerweise haben die Medien kaum darüber berichtet, dass unter alleiniger
Östrogensubstitution weniger Brustkrebsfälle gefunden wurden, als
in der Kontrollgruppe ohne Hormone!
|Nachteilige Ergebnisse
(Oestrogen-Gestagen-Gruppe)
||Positive Ergebnisse

- Zunahme der Brustkrebfälle um "26%"
(absolut von 3 auf 3,8 Fälle / 1'000 Frauen p.a., also weniger als 1
Fall !)
- Zunahme der Thromboseerkrankungen um ca.
100%
(von 1,6 auf 3,4 / 1'000 Frauen p.a.)

- Abnahme der Knochenbrüche um ca. 33%
(von 1,5 auf 1 / 1'000 Frauen p.a.)
- Abnahme des Dickdarmkrebses um 37%
(von 1,6 auf 1 / 1'000 Frauen p.a.)

Definitive Ergebnisse der
Gruppe mit Oestrogen alleine nach 7 Jahren Behandlung

Brustkrebs:
pro 1000 Frauen pro Jahr

- ohne Oestrogen: 3,3 Fälle
- mit Oestrogen:
2,6 Fälle
(= Abnahme um "23%")
Die prozentualen Angaben müssen den effektiven, kleinen
Fallzahlen gegenübergestellt werden. So handelt es sich beim Brustkrebs
in der Oestrogen-Gestagen-Gruppe um eine
Zunahme von nicht einmal einem Fall (von 3
auf 3,8) pro 1'000 Probandinnen pro
Jahr. Andererseits beträgt die Abnahme des Brustkrebsrisikos
unter Oestrogen alleine nach 7 jähriger Therapie 23%, d.h. 2,6 Fälle statt der
erwarteten 3,3 Fälle pro 1000 Frauen. Statistisch sind derart kleine Zahlen sehr fragwürdig. Bei Ereignissen,
die so selten (kleine Fallzahlen) und zudem - wie der Brustkrebs
- von vielen anderen Faktoren abhängig sind, werden von Statistik-Experten viel
grössere Studiengruppen verlangt. Relative Zu- oder Abnahmen unter 200%
bis 300% müssen
entsprechend sehr vorsichtig interpretiert werden. (Erst eine Zunahme von
beispielsweise 3 auf 9 Fälle könnte als Beweis gelten).
Zudem muss die besagte Risiko dem erhöhten Brustkrebsrisiko bei
Übergewicht, Kinderlosigkeit, Zigarettenkonsum, Bewegungsarmut usw.
gegenübergestellt werden. Das Brustkrebsrisiko sollte demnach kein
Entscheidungskriterium sein, eine Hormonersatzbehandlung nicht durchzuführen
oder allenfalls abzubrechen.
Die amerikanische WHI-Studie lässt sich auch aus anderen Überlegungen nicht direkt
auf unsere Verhältnisse übernehmen bzw. rechtfertigt vorerst nicht ein
Absetzen einer bisherigen Hormonersatzbehandlung::
- Das primäre Endziel der Studie war die
Beobachtung von
Herzkreislauferkrankungen unter Hormontherapie und nicht die Zu-/Abnahme des Brustkrebsrisikos.
- Die Studie wurde mit hochdosierten
Hormonpräparaten durchgeführt und die Dosierung nicht wie heute üblich
individuell an die Patientin angepasst!
- Es wurden nur Frauen in die Studie
aufgenommen, die keine Hormonausfallsymptome (wie z.B. Wallungen,
nächtliches Schwitzen) hatten. Dies entspricht nicht der europäischen
Indikation für eine Hormonersatzbehandlung. Viele Frauen wurden
demnach unnötig und mit einer viel zu hohen Hormondosis behandelt, statt nur
das zu ersetzen, was fehlt.
- Das Durchschnittsalter der Studiengruppe lag bei 63
Jahren! Es handelt sich demnach nicht um gesunde Frauen in
der frühen Menopause. Viele Frauen erhielten zusätzliche Herzmedikamente
wie z.B. Aspirin cardio oder wurden wegen Diabetes
behandelt (=Risikopatientinnen für Thrombosen, Hirnschlag oder
Herzinfarkt).
- Amerikanische Frauen leiden bekanntlich vermehrt an
Übergewicht, was bereits an sich ein Risikofaktor für Brustkrebs ist, weil
diese Frauen vermehrt Östrogene in das Brustgewebe einlagern. Eine
Östrogen-Gestagen Behandlung in hoher Dosierung ist bei übergewichtigen
Frauen zu überdenken, weil damit eine übernatürlich hohe
Gewebskonzentration an Hormonen in der Brust verursacht werden kann.
- Die Studie vermischt die Aussage
über eine längerfristigen Hormonwirkung als Prophylaxe (=Vorbeugung)
bei gesunden Frauen in der frühen Menopause mit einer Hormonwirkung als
Therapie bei älteren Frauen (ohne Hormonausfallserscheinungen) zur
Behandlung von Herzkreislaufkrankhheiten.
- Die Studie sagt nichts aus über eine
Hormonersatzbehandlung in niedriger Dosierung oder mit Präparaten, die
über die Haut aufgenommen werden. Zudem werden bei uns
meistens andere
Hormonkombinationen (mit anderen Gestagenen) verwendet.
Welches sind die Schlüsse für betroffene Frauen:
- Keine Panik! Kein Absetzen der bisherigen Behandlung
ohne Rücksprache mit dem Arzt!
- Anlässlich der nächsten Routineuntersuchung bisherige
Therapie besprechen und wo angebracht ev. Wechsel auf ein anderes
Behandlungsschema mit möglichst tiefer Dosierung oder
Präparat, welches über die Haut aufgenommen wird.
- Frauen, welche Livial® (Tibolon) einnehmen,
brauchen sich weniger Sorgen zu machen:
Livial führt nachweislich nicht zu vermehrten Thrombosen, sondern steigert
die sog. "Fibrinolyse", d.h. es hilft beginnende Thrombosen
aufzulösen. Zudem wird die Brust unter Livial® nicht hormonell
stimuliert, sondern das Gegenteil ist der Fall: unter Livial®
wird die Brust in der Regel weniger dicht, womit die Mammographie aussagekräftiger wird
und kleine Tumoren besser erfasst werden können. Zudem
ist bekannt, dass ein dichtes Brustgewebe als eigenständiger Risikofaktor
für Brustkrebs gilt.
Welche Schlüsse ziehen wir für unsere Praxis und
Hormonberatung:
- Wir fühlen uns mit unserer Philosophie der
individuellen Beratung bestätigt: Beschwerdebild der Patientin sowie
potentielle Nutzen bzw. Risiken müssen gegen einander abgewogen und
diskutiert werden.
- Abklärung des Osteoporoserisikos mittels
DEXA Messung zu Beginn der Menopause.
- Falls Hormone angebracht: so tief als möglich- so
viel als nötig!
- Bei Frauen ohne Gebärmutter: möglichst nur
Östrogene, möglichst in niedriger Dosierung durch die Haut.
- Bei erhöhtem Risiko für Osteoporose: zusätzlich
Calcium und Vitamin D. Nach Bedarf. auch sog. Biphosphonate (Wochentabletten,
Monatstabeltten oder Infusionen). Sport und Krafttraining haben einen
positiven Einfluss auf die Knochenqualität. Bei
bestehender Osteoporose kann auch eine Therapie mit Antikörpern erfolgen,
welche die Knochenbälkchen abbauenden Zellen (Osteoklasten) hemmen.
- Frauen mit familiär erhöhtem Risiko für Brustkrebs
oder mit schmerzhaften, oft gespannten Brustdrüsen: Therapie mit Livial®
(Tibolon). Ev. auch Evista® (Raloxifen) und lokale Östrogene
zur Befeuchtung der Schleimhäute (Vaginalzäpfchen - oder Crème /
Augentropfen usw)
- Bei Frauen mit Übergewicht oder mit regelmässigem
Alkoholkonsum: wenn angezeigt nur sehr vorsichtige und niedrige
Östrogendosierung.
- Wo erwünscht: Abklärung der erblichen Veranlagungen
(Genpolymorphismus) mittels Gen-Chip (Femsensor®).
- Besprechung von Alternativbehandlungen: Phytoöstrogene
(Soja oder Rotklee-Extrakte),
wobei diese Präparate keinen Schutz vor Osteoporose bieten.
- Lifestyle-Besprechung (Sportliche
Aktivität, Gewichtsreduktion, Ernährung).
Zögern nicht, bei Ihrer nächsten Routineuntersuchung
Ihre Ängste zu äussern und die
bisherige Behandlung zu diskutieren.