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Ich traf den älteren Mann im oberen Valle Maira, in den piemontesischen Alpen. In ein Tarnnetz gehüllt, lag er auf einem Berggipfel und hatte etwas bei sich, das wie eine kleine Kanone aussah. Er war überaus freundlich, schenkte mir sein halbes Mittagessen und erklärte, er warte auf den Gipeto. Ich brauchte eine Weile und einen Umweg über das Französische, bis ich verstand, wen er meinte: den Bartgeier. Die «Kanone» war eine Kamera.
Fünf Jahre später blättere ich in einem Buch, das mir damals geholfen hätte. Darin sind alle Vogelnamen in fünf Sprachen angegeben. Dazu alles, was es für eine Bestimmung braucht: Grössenangabe, Silhouette, Beschreibung des Rufes, der Ernährung und der Fortpflanzung ... und vor allem grossartige Fotos, offensichtlich aufgenommen von angefressenen OrnithologInnen, die die Stunden nicht zählen, wenn sie in ihre Tarnnetze gewickelt warten. Wer diese Bilder sieht, versteht ihre Begeisterung für die Felsenschwalbe, den Ziegenmelker und den Wiedehopf. Und da ist er ja endlich, der Gipeto, der sich damals nicht blicken liess. Auf einem Bild ist er sogar in einen Luftkampf mit einem Steinadler verwickelt.
Das Buch beschränkt sich nicht auf Vögel des Hochgebirges, sondern umfasst das ganze Alpengebiet. Mit Ausnahme einiger Wasservögel sind darin praktisch alle Arten vertreten, die in der Schweiz vorkommen. Zu jeder Vogelart gehört auch ein Foto der Landschaft, in der sie sich am liebsten aufhält. Die Einleitung von Alessandra Demichelis – ein persönlicher Text in einem Bestimmungsbuch! – erzählt von einer Annäherung ans Vogelbeobachten und findet einen schönen Grund für diese Tätigkeit: Wer nach Vögeln Ausschau hält, lernt die Welt bewusster wahrzunehmen.
Und plötzlich merke ich, dass das Buch aus dem Italienischen übersetzt ist und ausgerechnet aus den piemontesischen Alpen stammt. Das Vorwort wurde in Sambuco geschrieben, wo ich vorbeigewandert bin. Und diese Felswand auf Seite 73 kenne ich doch ... Ich glaube fast, der Mann auf dem Berggipfel war einer der Autoren.