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| Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

64. Bestimmung des Menschen.
[S. 210] Ich will nun jene wichtigste Wahrheit darlegen, die nicht einmal die Philosophen, die Wahres gesprochen haben, zu finden vermochten, weil sie die Folgerungen aus den Gründen nicht abzuleiten verstanden. Die Welt ist von Gott geschaffen, damit Menschen geboren würden; die Menschen werden geboren, damit sie Gott als Vater erkennen, und darin besteht die Weisheit; sie erkennen Gott, um ihn zu ehren, und darin besteht die Gerechtigkeit; sie ehren ihn, um als Lohn die Unsterblichkeit zu empfangen; sie empfangen die Unsterblichkeit, um Gott auf ewig zu dienen. Siehst du, wie hier alles miteinander verknüpft ist, das erste mit dem mittleren und das mittlere mit dem letzten? Ziehen wir nun die einzelnen Sätze in Betracht und sehen wir, ob bei ihnen die Begründung standhält. Gott hat die Welt um des Menschen willen gemacht. Wer das nicht einsieht, der unterscheidet sich nicht viel vom Tiere. Wer schaut zum Himmel empor außer der Mensch? Wer bewundert die Sonne, die Gestirne, die sämtlichen Werke Gottes außer der Mensch? Wer bebaut die Erde? Wer erntet ihre Früchte? Wer befährt das Meer? Wer hat die Fische, wer die Vögel, wer die vierfüßigen Tiere in der Gewalt außer der Mensch? Alles hat demnach Gott um des Menschen willen gemacht, weil alles dem Menschen zum Gebrauch überlassen ist. Das haben die Philosophen richtig erkannt; aber die Folgerung, die sich daraus ergibt, haben sie nicht durchschaut, daß nämlich Gott den Menschen selbst um Gottes willen geschaffen hat. Denn das wäre der folgerichtige, pflichtgemäße und notwendige Schluß gewesen: Nachdem Gott um des Menschen willen so große Werke geschaffen, nachdem er dem Menschen solche Ehre und Macht verliehen hat, daß er Herrscher ist in der Welt, so muß der Mensch in Gott den Urheber so großer Wohltaten erkennen, muß in ihm den Schöpfer erkennen, der den Menschen und die Welt um des Menschen willen geschaffen hat, und muß ihm die gebührende Anbetung und Verehrung erweisen. Hier ist Plato vom Wege abgeirrt, hier hat er die Wahrheit, die er anfänglich [S. 211] ergriffen hatte, aus der Hand gelassen, indem er über die Verehrung dieses Gottes, den er als Gründer und Vater des Alls bekannte, schweigsam geworden ist, indem er nicht erkannt hat, daß der Mensch an Gott durch die Bande der kindlichen Liebe gebunden (religatus) ist, woher die Religion selbst (religio) den Namen hat, und daß dies allein der Grund ist, warum die Seelen unsterblich werden. Plato war von der Unsterblichkeit der Seelen überzeugt, aber er stieg nicht auf Stufen zu dieser Überzeugung hinab. Indem er nämlich die Mittelglieder wegließ, stürzte er vielmehr wie über einen steilen Abgrund auf die Wahrheit hinab und ging dann keinen Schritt mehr weiter, weil er eben das Wahre durch Zufall, nicht durch Überlegung gefunden hatte. Man muß also Gott verehren, damit der Mensch durch die Religion, die zugleich Gerechtigkeit ist, von Gott die Unsterblichkeit empfange; und es gibt auch keine andere Belohnung für den frommen Geist; wenn dieser unsichtbar ist, so kann er vom unsichtbaren Gott nur mit einem unsichtbaren Lohne beschenkt werden.