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Die Altstadt von Winterthur.
Der gepflegte Hof des Alterszentrums Neumarkt mit Blick zur Metzggasse.
Hinterhof in der Neustadt.
Leider wurde im 20. Jahrhundert viel von der historischen Bausubstanz zerstört. Zwischen 1901 und 2000 wurden insgesamt 227 Häuser abgebrochen und 119 ausgekernt. Der Grossteil der Abbrüche erfolgte dabei nach 1950, als die Wachstums- und Erneuerungseuphorie den Blick für den Wert der alten Strukturen verstellte. Diese Strukturen hatten sich ab dem Hochmittelalter entwickelt: Die zuvor locker bebaute Siedlung verdichtete sich zu einer kompakten Stadt mit zusammengebauten Häuserzeilen. In der Regel bestanden die schmalen tiefen Häuser aus einem Vorder- und einem Hinterhaus: An der Hauptgasse platzierte man die Läden und Werkstätten, darüber wurde gewohnt. Die Hinterhäuser dienten als Unterkunft für das Gesinde und als Lagerräume. Diese Struktur prägt auch heute noch die Altstadtgevierte.
Untertor / Marktgasse
Das Untertor ist der unterste Teil der ausgeebneten Gasse, die sich vom Graben bis zum Bahnhof durch die Altstadt zieht und die beliebteste Einkaufs- und Flaniermeile der Winterthurerinnen und Winterthurer ist. Das war schon früher so, wie das Bild aus dem Jahr 1918 zeigt.
Der Gassenzug zieht sich schnurgerade durch die ganze Altstadt - vom Hauptbahnhof bis zum Graben. Die Marktgasse, der sogenannte «Schluuch», ist Winterthurers Hauptgeschäftsstrasse und endet am Graben. Das ist historisch bedingt, endete doch hier die Altstadt. Die oberste Fortsetzung der Gasse, das Obertor, befand sich bis zum 13. Jahrhundert ausserhalb der Stadtbefestigung. Das gilt auch für das Untertor. Bis zum Bau des Bahnhofs (1857-1860) war das Gebiet vor dem westlichen Stadttor ländlich geprägt. Hier lebten Handwerker und einfache Bürgerinnen und Bürger in bescheidenen Häuschen mit etwas Umschwung. Das Untertor - ein Turm mit Torbogen - wurde 1867 abgebrochen. Die Marktgasse war demgegenüber die schicke Adresse für die vornehmen und begüterten Bürgerinnen und Bürger. Während Jahrhunderten war die Gasse die zentrale Lebensader der Stadt. Auch heute noch ist die Marktgasse ein teures Pflaster; hier werden die höchsten Mietzinse bezahlt, was Auswirkungen auf die Ladenstruktur hat. Viele der (Damen-)Kleidergeschäfte, welche die Gasse heute dominieren, gehören zu Ladenketten, die sich die happigen Preise leisten können. «Dä Schluuch bloche» nannte man früher das Promenieren auf der Gasse. Der Schluuch war der klassische Begegnungsort und ist es auch heute noch - insbesondere während des Abendverkaufs am Donnerstag, aber auch an den Samstagen. Die Winterthurerinnen und Winterthurer sind allerdings zusehends in der Minderheit, da die Altstadt immer mehr zu einem regionalen Einkaufszentrum geworden ist. Zusätzlich belebt wird die stark frequentierte Marktgasse durch Strassenmusikanten, Parteien, Pfadfinder, Tier- und Naturschützerinnen oder bekennende Christen.
Der Portraitmaler Anton Graff (Bild links) wohnte am Untertor. Ihm sassen wichtige und einflussreiche Leute Modell - etwa der Dichter Friedrich Schiller (Bild rechts).
Das schmucke Eingangstor zum 1790 erbauten Alten Stadthaus, in dem früher Teile der Stadtverwaltung untergebracht waren.
Das Hotel Krone ist das älteste Wirtshaus der Stadt.
1 Geburtshaus von Anton Graff
Im Haus Untertor 8 wurde der Maler Anton Graff (1736-1813) geboren. Er war ein berühmter Porträtmaler und arbeitete als Hofmaler und Lehrer an der Kunstakademie Dresden. Porträtiert hat er die wichtigen Leute seiner Zeit wie Ephraim Lessing, Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist oder den Musiker Christoph Willibald Gluck. Einige seiner Werke sind im Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten zu sehen.
2 Altes Stadthaus
An der Marktgasse gibt es - geschichtlich bedingt - eine ganze Reihe markanter Gebäude. Das Alte Stadthaus (Marktgasse 53) wurde 1790 gebaut. Das frühklassizistische Gebäude war ursprünglich das Verwaltungsgebäude für das «Obere Spital». Später wurden darin Teile der Stadtverwaltung untergebracht. Heute wird im Untergeschoss Theater gespielt (Kellertheater), im Erdgeschoss gibt es ein Goldschmiede-Atelier, und die oberen Räume werden für Veranstaltungen vermietet, ausserdem hat hier der Ombudsmann sein Büro.
Der Justitia-Brunnen: Wahrzeichen und Fixpunkt in der Marktgasse.
Das Waaghaus ist ein bedeutender spätgotischer Profanbau.
3 Hotel Krone
Das Hotel Krone (Marktgasse 49) ist schon seit 1434 ein Wirtshaus. Die Gnädigen Herren von Zürich stiegen hier ab, wenn sie ihre Untertanen in Winterthur besuchten. Und am 16. Dezember 1530 übernachtete im Gasthof Huldrych Zwingli, der sich auf dem Weg an die Pfarrsynode nach St. Gallen befand. Das klassizistische Wirtshausschild und die Fassade stammen aus der Zeit um 1875.
4 Justitiabrunnen
Der prächtige Justitiabrunnen ist einer von insgesamt sieben historischen Altstadtbrunnen, die im 16. und 17. Jahrhundert der Trinkwasserversorgung dienten. Erhalten geblieben sind drei von ihnen, jedoch alle nicht in ihrer ursprünglichen Form. Der Trog des Justitiabrunnens entstand 1748, die Figur der Justitia wurde 1931 nach einer Vorlage von 1792 gestaltet. Der zweite Brunnen steht am Obertor, der dritte an der Langgasse, im Wildbachquartier.
5 Rothaus
Das Eckhaus (Marktgasse 37) wurde 1907 von den jungen, damals noch wenig bekannten Architekten Robert Rittmeyer & Walter Furrer gebaut und 1929-1930 erweitert. Der markante Jugendstilbau mit dem turmartigen Erker war das erste Warenhaus in der Stadt und galt als eines der modernsten Textilwarenhäuser in der ganzen Schweiz. Es gehörte der jüdischen Textilkaufmannsfamilie Biedermann. 1943 wurde es an den Konsumverein verkauft. Auf einem Eckpfeiler unter dem Erker sitzt mit angezogenen Beinen ein Schneider aus Stein.
Die Rathauspassage verbindet die Marktgasse mit der Stadthausstrasse. Im Rathaus tagt das Winterthurer Parlament.
6 Waaghaus
Das Waaghaus (Marktgasse 25) ist der bedeutendste spätgotische Profanbau der Stadt. Gebaut wurde das Haus mit den markanten Fensterbögen um 1503. Die offene Halle im Erdgeschoss diente erst als Kaufhaus und Waaghalle. Hier wurden die in Winterthur gehandelten Waren gewogen und verzollt. Im Obergeschoss gab es einen grossen Festsaal, in dem u.a. Theateraufführungen stattfanden. Am Albanitag, dem Stadtfeiertag, schenkte man hier den Bürgerinnen und Bürgern Wein aus und Musikanten spielten zum Tanz auf (Albanifäscht). Nach der Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene verlor das Waaghaus seine ursprüngliche Bedeutung, wurde umgebaut und war vorübergehend Feuerwehrmagazin und Kunstmuseum. Heute gibt es im Erdgeschoss ein Delikatessen-Lebensmittelgeschäft, der erste Stockwerk ist die Heimat des Marionettentheaters und zuoberst befindet sich die Kunsthalle.
7 Club «Zur Geduld»
Das frühbarocke Haus «Zur Geduld» (Marktgasse 22) ist der bedeutendste Bau aus der Zeit des ausgehenden 17. Jahrhunderts und eines der wenigen Altstadthäuser mit einer Natursteinfassade. 1919 erwarb der Kunstsammler und Mäzen Oskar Reinhart das Haus, liess es von den Architekten Joachim Rittmeyer & Walter Furrer umbauen und darin einen Club nach englisch-kolonialem Vorbild einrichten. Die gediegenen Räume mit den alten Möbeln, den Holz- und Stuckdecken und prunkvollen Öfen sind exklusiv den Clubmitgliedern und deren Gästen zugänglich für private Dinners, Geschäftsessen und Zusammenkünfte. Die Sitten und Gebräuche haben sich allerdings etwas gelockert. Eine Krawatte ist nicht mehr zwingend (ein Jackett allerdings immer noch «required»), ausserdem sind unterdessen auch Frauen als Clubmitglieder willkommen.
Die «Sonne» ist seit dem Mittelalter ein Wirtshaus. Im Restaurant gibt es eine schöne spätgotische Holzdecke zu bewundern.
8 Rathaus und Rathauspassage
Das imposante Rathaus (Markgasse 20) wurde zwischen 1782 und 1784 vom Basler Architekten Johann Ulrich Büchel als frühklassizistisches Repräsentationsgebäude erbaut. 1872-1874 baute Joseph Bösch es zum Stadtthalteramt, zur Bezirksrats- und Gerichtskanzlei sowie zum Schwur- und Bezirksgericht um. Alle diese Einrichtungen sind unterdessen in anderen Gebäuden unter-gebracht. Heute tagt im Rathaus - ein entsprechender zweckmässiger Saal wurde in den 1970er-Jahren eingebaut - das Winter-thurer Parlament. Im ersten Stockwerk des Hauses gibt es einen Festsaal mit reicher Stuck-Decke, getäferten Wänden und zwei Turmöfen. Er gilt als einer der schönsten Louis-XVI-Räume der Ostschweiz. Eine grosszügige, säulengesäumte Passage mit einem hohen Lichthof verbindet die Marktgasse mit der Stadthausstrasse (1872-1874). Im Durchgang gibt es ein Café-Restaurant, eine Buchhandlung und ein Buchantiquariat.
9 Restaurant Sonne
Die «Sonne» (Marktgasse 15) war bereits im Mittelalter ein Wirtshaus. Das heutige Gebäude stammt aus der Zeit um 1550. Das schöne alte Restaurant mit der spätgotischen Holzdecke und dem schmiedeisernen Wirtshausschild aus dem späten 18. Jahrhundert, ist die Heimbasis der Studentenverbindung Vitodurania, die hier seit 1892 ihre Zusammenkünfte zelebriert und der das Haus seit 1999 auch gehört. Vorbesitzerin war der Konsumverein gewesen, der die «Sonne» und das Nachbarhaus 1875 gekauft hatte. Er richtete darin seinen Hauptsitz ein und eröffnete ein Lebensmittelgeschäft, dessen Ziel es war, die Lebenshaltungskosten der Leute zu verbilligen. Von 1925 bis 1975 war das Erdgeschoss der «Sonne» Sitz der Genossenschaftsbuchhandlung.
Der Neumarkt
Der Königshof: Es wird vermutet, dass er einst Verwaltungssitz der Kyburger und Habsburger war.
Der Neumarkt wurde lange als Parkplatz missbraucht, bevor er 2003 seine Würde als Platz zurückbekam.
Früher fand der Gemüse- und Blumenmarkt auf dem Neumarktplatz statt, wie diese Aufnahme aus dem Jahr 1923 zeigt. Später wurde er dann in die Steinberggasse verlegt (Bild links). Die Aufnahme des Neumarktplatzes von 1914 zeigt, dass der ursprüngliche Charakter des Platzes erhalten geblieben ist (Bild rechts).
Das älteste Altersheim der Stadt (Bild links: Aquarell um 1866) und der im Zusammenhang mit dem Neubau entstandene Innenhof mit der Lichtskulptur von Christopher T. Hunziker (siehe Kunstführer).
Der grosszügige Neumarktplatz musste sich seinen Status als würdiger Stadtplatz hart erkämpfen. Er war sozusagen das pièce de resistance der Gegner einer autofreien Innenstadt, um die ein jahrzehntelanger Kampf getobt hatte. Bis zuletzt wurde die Aufhebung der Parkplätze und damit verbunden die Aufhebung der Verkehrsverbindung zwischen Stadthaus- und Technikumstrasse durch Rekurse blockiert. Seit dem Sommer 2003 ist jetzt aber auch der Neumarkt verkehrsbefreit und neu gestaltet. Am intensivsten genutzt wird der Platz während des Weihnachtsmarkts, wenn sich hier Holzhäuschen an Holzhäuschen reiht und in der Luft ein Duftgemisch von Glühwein und Grillwürsten liegt. In alten Zeiten war der Neumarkt der zentrale Marktplatz der Stadt. Hier kauften die Damen mit ihren Mägden Gemüse, Obst und Blumen ein. Heute findet der Wochenmarkt auf der Steinberggasse statt - ohne Mägde, dafür mit einem zunehmenden Anteil an (Haus-)Männern.
10 Ein Alterszentrum mitten in der Stadt
Der klassizistische Bau an der Ostflanke des Neumarktplatzes ist das älteste Altersheim der Stadt (Neumarkt 6). Es wurde als «Unterer Spital» 1814 eröffnet und war für die arme Bevölkerung gedacht. Nebst Alten, wurden auch Kranke und Waisen aufgenommen. Etwas früher entstand das «Obere Spital» (Spitalgasse 5). Die Ursprünge des «Spitals» gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Finanziert wurde der Betrieb damals durch freiwillige Spenden wohlhabender Bürgerinnen und Bürger. Ein öffentlicher Durchgang verbindet den Neumarkt mit der Spital-gasse, die sich hier zu einem lauschigen Platzgeviert mit zwei Strassencafés weitet. Im gepflästerten Innenhof des Alterszentrums steht ein sehr schöner klassizistischer Brunnen aus dem Jahr 1812. Wie der Brunnen am Kirchplatz gehört er zu den wenigen Altstadtbrunnen, die noch an ihrem Originalstandort stehen. 2001 wurde das Altersheim durch einen Erweiterungsbau des renommierten Architekturbüros Stutz & Bolt ergänzt und ist heute ein modernes Alterszentrum, das wegen seines Standorts sehr beliebt ist. Im Erdgeschoss gibt es ein öffentliches Restaurant und im Innenhof hängt eine sehenswerte filigrane Lichtskulptur des Künstlers Christopher T. Hunziker.
11 Königshof
Die ältesten Teile des mächtigen Könighofs (Neumarkt 4) - einzelne Mauernpartien und das Rundbogenportal im Erdgeschoss - stammen noch aus romanischer Zeit (um 1200). Im 16. Jahrhundert wurde das Haus partiell neu gebaut. Es wird vermutet, dass es den Kyburgern und Habsburgern einst als Verwaltungssitz diente. Früher war im Gebäude ein Teil der Bauverwaltung untergebracht. Im Rahmen der Zentralisierung der Stadtverwaltung in einem Neubau auf dem Sulzerareal, der 2015 eröffnet wurde, wurde das Haus allerdings für andere Nutzungen frei. Im Parterre gibt es einen Treffpunkt für Seniorinnen und Senioren.
Steinberggasse
Die Steinberggasse mit den Judd-Brunnen.
Die Steinberggasse ist für Kennerinnen und Kenner die schönste Gasse der Stadt. Hier wurden in früheren Zeiten die Viehmärkte abgehalten, heute findet jeden Dienstag- und Freitagmorgen der bunte Wochenmarkt statt - ein fixer Termin im Wochen-kalender vieler Winterthurerinnen und Winterthurer. Einmal im Jahr wird die Steinberggasse zur grossartigen Open-Air-Arena für die Konzerte der Winterthurer Musikfestwochen. Die einstige Hintergasse stand immer im Schatten der Marktgasse, hat sich aber dadurch ihre spezifischen Qualitäten erhalten können. Sie bildet in ihrer ruhigen Unaufgeregtheit einen wohltuenden Kontrast zur hektischen Marktgasse, was allerdings nicht unbedingt im Sinne der ansässigen Geschäftsleute ist. Die Steinberggasse beginnt auf der Höhe der Spitalgasse, ihre Platzqualitäten entfaltet sie jedoch erst im oberen Teil. Den Einstieg markiert ein schöner alter Brunnen mit einem anmutigen Fischermädchen (vgl. Nr. 13). In der Fortsetzung stehen auf der Mittelachse der Gasse drei schlichte elliptische Betonbrunnentröge des berühmten amerikanischen Künstlers Donald Judd. Wenig Ehrfurcht vor den Kunstobjekten zeigen die Kinder, welche die Brunnen im Sommer ganz ungeniert als Planschbecken nutzen. Am schönsten ist die Steinberggasse am Abend, wenn die letzten Sonnenstrahlen die Gasse in ein warmes Licht tauchen. Eine ganze Reihe von Strassencafés laden dazu ein, bei einem Kaffee oder einem Bier die letzten wärmenden Strahlen und den Feierabend zu geniessen. An der Steinberggasse liegt übrigens auch der älteste Music-Club der Stadt, das legendäre Albani.
12 Sodbrunnen aus dem Mittelalter
An der Steinberggasse wurden um 1500 zwei 27 Meter tiefe Sodbrunnen angelegt. Sie dienten als Notreservoirs für trockene Sommer oder eine allfällige Belagerung der Stadt. Einer der Brunnen ist durch eine in die Gasse eingelassene Glasscheibe sichtbar. Per Knopfdruck kann die Beleuchtung eingeschaltet werden. (Ecke Steinberggasse/Metzggasse. Orientierungstafel an der Hausfassade.)
13 Fischermädchen-Brunnen
Der anmutige Fischermädchen-Brunnen ist das Wahrzeichen der Steinberggasse. Die später dazu gekommenen berühmten Judd-Brunnen machen ihm diesen Platz nicht streitig, sondern ordnen sich diskret unter.
Die hoch über der Gasse auf einem Sockel stehende Skulptur des Mädchens mit dem Fisch in der Hand, wurde 1938 von Max Weber (1897-1982) geschaffen, der sich als Künstler autodidaktisch weitergebildet hatte und es bis zur Professur an der Ecole des Beaux-Arts in Genf brachte. Der Brunnentrog stand früher im Garten der prächtigen Villa Wehntal, dem Wohnhaus von Salomon Volkart, einem der Gründer des Handelshauses Volkart. Die Villa musste 1929 dem Neubau der «Winterthur» Versicherungen weichen (heute «Axa Winterthur»).
Der Fischermädchen-Brunnen und die drei Judd-Brunnen sind in das Leben der Steinberggasse integriert. Die Marktfrauen deponieren ihre Waren auf dem Brunnenrand, die Kinder plantschen unbeeindruckt in den Wasserbecken des berühmten amerikanischen Künstlers.
14 Judd-Brunnen
Die drei elliptischen Brunnentröge hat der amerikanische Minimal-Art-Künstler Donald Judd kurz vor seinem Tod für die Steinberggasse entworfen. Sie liegen in einer Reihe mit dem Fischermädchenbrunnen in der Längsachse der Steinberggasse und erinnern an den früher hier durchfliessenden Stadtbach. Der Wasserspiegel der Becken liegen alle gleich hoch, die Sichtbetontröge sind entsprechend dem Gefälle der Gasse unterschiedlich hoch.
Die Realisierung der Brunnen hat ein privater Verein finanziert, nachdem der Stadtrat 1993 aus Kostengründen beschlossen hatte - es ging dabei insbesondere um das unterirdische Pump- und Reinigungssystem - das Projekt nicht weiterzuverfolgen.
15 Das Haus der Alchemisten
Im Haus «Zum oberen Steinberg» (Steinberggasse 29), wohnte Johann Heinrich Ziegler (1738-1818), einer der Mitbegründer der ersten chemischen Fabrik der Schweiz, des sogenannten «Laboratoriums». Der Pfarrer, Arzt, Chemiker, Techniker und Industrielle war auch bei der Gründung der ersten mechanischen Spinnerei der Schweiz in der Hard dabei. Seinen Forschungstrieb übertrug er auf seinen Sohn, dessen Experimente allerdings eines Tages schief gingen. Es kam zu einer Explosion in der heimischen Küche und eine Magd wurde dabei getötet. Der Verursacher der Explosion entging nur deshalb einer Verurteilung, weil er kurze Zeit darauf ebenfalls starb.
In diesem Haus wurde der erste Bundespräsident der Schweiz, Jonas Furrer geboren. Heute ist es das Haus der Solidarität Nord-Süd.
Der untere Teil der Steinberggasse mit dem Bistro Fahrenheit, einem beliebten Treffpunkt für Junge und Junggebliebene.
Freie Sicht aufs Mittelmeer geniesst man vom Albani aus nicht, das Lebensgefühl ist aber durchaus mediteran.
16 Geburtshaus von Jonas Furrer
Der berühmteste Bewohner der Steinberggasse war Jonas Furrer, der erste Bundespräsident der Schweiz. An seinem Geburtshaus (Steinberggasse 18) ist eine Gedenktafel angebracht. Furrer gilt als einer der bedeutendsten liberalen Schweizer Politiker des 19. Jahrhunderts.
17 Erste Sulzer-Werkstatt
Im Haus «Feigenbaum» (Steinberggasse 16) wurde der Grundstein für den späteren Sulzer-Konzern gelegt. Hier befand sich die Drechslerwerkstatt von Johann Jakob Sulzer, aus der später die Giessereihütte am Holdertor wurde. Von da dislozierte man aus Platzgründen an die Zürcherstrasse, wo sich die Maschinenfabrik Sulzer zu einem internationalen Industrieunternehmen entwickelte und Winterthur wegen seiner dominanten Bedeutung den Übernamen «Sulzer-Town» einbrachte.
18 Das erste Schulhaus der Stadt
Das Gebäude an der Steinberggasse 13, das den Rhythmus der schmal aneinander gereihten Häuser mit seiner auffallenden Breite durchbricht, wurde 1586 als erstes Schulhaus der Stadt erstellt. Der Unterricht war damals noch nicht obligatorisch und die Eltern hatten für einen Grossteil des Lehrerlohns selbst aufzukommen. Durch die grosse Toröffnung des Hauses gelangt man in den historischen Innenhof mit Lauben und Holztreppen. Von dort führt ein Durchgang weiter zur Technikumstrasse. Heute ist das Erdgeschoss des Hauses Sitz eines eleganten Nespresso-Shops.
Metzggasse / Garnmarkt / Kirchplatz
Historischer Innenhof des Hauses Steinberggasse 13, das ursprünglich ein Schulhaus war.
An der Ecke Metzggasse / Steinberggasse stand in früheren Zeiten die alte «Metzg», der einzige Ort in der ganzen Landvogtei Kyburg, an dem geschlachtet werden durfte. Die «Metzg» wurde 1833 abgebrochen. Geblieben ist der Name Metzggasse und auch die Häuserzeile oben und rechts im Bild hat sich wenig verändert.
Die Metzggasse war zur Zeit, als in Winterthur die Kyburger das Sagen hatten, der einzige Ort in der ganzen Landvogtei, an dem geschlachtet werden durfte. Die alte Metzg und die dazu gehörenden Stallungen standen an der Ecke Steinberggasse / Metzggasse und wurden 1833 abgebrochen. Nach sorgfältigen Renovationen und Umbauten ist das Gebiet um Metzggasse, Garnmarkt und Kirchplatz heute ein attraktives Wohn- und Geschäftsviertel mit einem charmanten Mix von kleinen Läden, Boutiquen, Restaurants und Bars. An der Metzggasse wird seit rund 30 Jahren die einzige Genossenschaftsbeiz der Stadt, der «Widder» betrieben; an der Pfarrgasse verströmt das «Piccolo mondo» Italianità pur, gleich daneben liegt das kleinste Blumengeschäft der Stadt, gefolgt von einem entzückenden kleinen Laden mit Traumkreationen für kleine Balletteusen. Der Garnmarkt ist traditionell der Sitz der Lokalzeitung «Der Landbote». In den heutigen Geschäftsräumlichkeiten der Boutique Ademas wurde die Zeitung früher auch gedruckt. Die «Valentina» am Kirchplatz ist nicht nur für ihren schönen alten Modeschmuck weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, sondern auch für ihre originellen Schaufensterdekorationen. Ausserdem am Kirchplatz: «Boacouture», das kleine, exklusive Schneiderinnenatelier von Wanda Frischknecht.
Die Geschichte der Stadtkirche St. Laurentius lässt sich bis ins 7. oder 8. Jahrhundert zurückverfolgen.
Die Wandgemälde von Paul Zehnder stellen das Leben und Leiden Christi dar.
Die Glasfenster in der Stadtkirche sind von Augusto Giacometti.
19 Stadtkirche
Die Geschichte der St. Laurentius-Kirche lässt sich bis zu den allerersten Anfängen von Winterthur zurückverfolgen. Unter dem heutigen Bodenniveau liegen die Fundamente von insgesamt sechs früheren Kirchen. Der älteste nachgewiesene Bau ist eine Holzkirche aus dem 7. oder 8. Jahrhundert. Sie ist der Beweis dafür, dass schon damals im Gebiet der Altstadt eine Siedlung existierte. Rund um die Kirche wurden auch alte Gräber gefunden. Die Holzkirche wurde im 9. oder 10. Jahrhundert durch eine massive Steinkirche ersetzt, die dritte, eine romanische Kirche, entstand um Ende des 11., Anfang des 12. Jahrhundert. Die ältesten, noch erhaltenen Bauteile der Stadtkirche stammen aus der Zeit um 1180 (unterster Teil Nordturm). Der Bau der heutigen, spätgotischen Kirche datiert aus der Zeit zwischen 1486 und 1515, die barocken Hauben mit den Drachenköpfen wurden den Türmen 1659 (Südturm) und 1794 (Nordturm) aufgesetzt. Die Turmuhr kam aus der renommierten Winterthurer Uhrmacherwerkstatt der Familie Liechti. Diese brachte in zwölf Generationen 19 Uhrmacher hervor. Der Gründer der Dynastie war Laurentius Liechti, der im 16. Jahrhundert als bedeutender Turmuhren-Hersteller in der ganzen Nordostschweiz sowie in Süddeutschland tätig war.
Der fast comicartig wirkende, farbige Bilderzyklus an den Innenwänden der Kirche entstand in den Jahren 1923 -1930 und stammt vom Berner Künstler Paul Zehnder. Er erzählt die Geschichte Christi und bildet Gleichnisse, Propheten, Evangelisten und Reformatoren ab.
Zur gleichen Zeit wie die expressiven Malereien entstanden auch die Glasmalereien von Augusto Giacometti im Chor. Die weltberühmte Barockorgel hatten die Winterthurer 1808 den St. Gallern vor der Nase weggeschnappt. Sie war 1766-1768 für das Kloster Salem bei Überlingen gebaut worden. Nach Aufhebung des Klosters wollte St. Gallen die Orgel erwerben, der entsprechende Kaufertrag war schon unterwegs in die Ostschweiz. Genau in dieser Zeit begannen sich auch die Winterthurer für die Orgel zu interessieren. Sie sorgten dafür, dass der Kaufvertrag noch vor seinem Eintreffen in St. Gallen abgefangen wurde und es gelang ihnen, ihrerseits in den Besitz des kostbaren Instruments zu kommen. Die berühmte Orgel lockte in der Folge bekannte Komponisten wie Theodor Kirchner (1823-1903) und Hermann Goetz (1840-1876) als Stadtorganisten nach Winterthur.
Sankt Laurentius ist der Schutzheilige der Stadtkirche. Der gebürtige Spanier war im 3. Jahrhundert Diakon und Schatzmeister der christlichen Gemeinde in Rom. Er soll, so die Legende, aus Liebe zu den Armen und Kranken den Märtyrertod gestorben sein.
Betritt man die Stadtkirche durch den südlichen Seiteneingang, stösst man auf der rechten Seite auf einen mit einer Glasplatte bedeckten, in den Boden eingelassenen Grabstein. Als Halbrelief ist darauf eine in mittelalterliche Kirchentracht eingehüllte Frau zu erkennen. Die adelige Dame Elsbetha von Bach hatte in ihren jungen Jahren viel Staub aufgewirbelt, bevor sie sich zurückzog, um fortan fromm und unauffällig zu leben. Sie war verdächtigt worden, zusammen mit ihrem zweiten Ehemann ihren ersten Gatten umgebracht zu haben. Man nahm sie fest, verhörte sie und folterte sie «nach allen Regeln der Kunst». Sie blieb aber dabei unschuldig zu sein und wurde deshalb freigesprochen, obwohl ihr zweiter Ehemann - ebenfalls unter Folter - den Mord gestanden und ausgesagt hatte, auch seine Ehefrau sei daran beteiligt gewesen. Elsbetha von Bach erregte fortan keinerlei Aufsehen mehr und starb 1519 vermutlich während einer Pestepidemie. Als geachtete und vermögende Bürgerin erhielt sie ein eigenes Grab - und das erst noch in der Kirche.
Während durch die Metzggasse früher das Vieh zur Schlachtbank getrieben wurde, präsentiert sie sich heute als Flaniermeile mit Läden und Restaurants.
Der Garnmarkt ist traditionell der Sitz des Landboten, der Winterthurer Lokalzeitung.
Der Kirchplatz.
20 Kirchplatz
Der Kirchplatz ist eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit. Man sitzt im Schatten von Rosskastanien und Sommerlinden, es gibt einen Spielplatz und einen der ganz wenigen Altstadtbrunnen, die noch an ihrem originalen Standort stehen. Das spätklassi-zistische Prunkstück mit dem ovalen Muschelkalkbecken wurde 1850-1855 gebaut.
Der Innenhof der Stadtbibliothek ...
... und des Gewerbemuseums.
21 Stadtbibliothek
In den mittelalterlichen Liegenschaften «Tösserhaus» und «Blumengarten» (Obere Kirchgasse 4 und 6) ist die grösste Freihandbibliothek der Schweiz untergebracht. Täglich gehen hier rund 1200 Menschen ein und aus. Die attraktive Stadtbibliothek ist ein beliebter Treffpunkt und Aufenthaltsort. Dazu trägt neben dem reichen Ausleih-, Zeitschriften- und Zeitungsangebot nicht zuletzt die Gastlichkeit des Hauses bei, mit der Cafeteria, dem wunderschönen Hinterhof und den Sitznischen im ganzen Haus. Das «Tösserhaus» ist übrigens das älteste Steinhaus in der Stadt.
22 Gewerbemuseum
Das klassizistische Gebäude des Gewerbemuseums (Obere Kirchgasse 14) wurde vom Zürcher Architekten Ferdinand Stadler 1849-1853 als Mädchenschulhaus gebaut. 1871, während des Deutsch-Französischen Kriegs, waren im ehe-maligen Schulhaus Teile der Bourbaki-Armee interniert. Von 1917 bis 1927 dienten die Schulzimmer als Notwohnungen. In einem Schulzimmer waren zwei Familien untergebracht, lediglich getrennt durch eine rohe Bretterwand. Die Wohnungsknappheit war die Folge der raschen industriellen Entwicklung in der Stadt, die eine enorme Zuwanderung brachte. Auch in anderen Schulhäuser wurden Notwohnungen eingerichtet. 1927 fand das Gebäude eine neue Bestimmung; nach einem Umbau wurde es als Gewerbemuseum wieder eröffnet. Ziel war die «Förderung von Handwerk und Gewerbe» und die «Bildung des guten Geschmacks in Stil und Form». Heute ist das Gewerbemuseum ein Haus für angewandte Kunst, Design, Handwerk und Industrie, ausserdem ist darin die hochkarätige Uhrensammlung Kellenberger untergebracht.
Obergasse / Graben
Während der Graben sich heute als lauschiger Boulevard präsentiert, betrachtete man Anfang des 20. Jahrhunderts als fortschrittliche Errungenschaft, dass das Tram durch
den Graben und das Obertor fuhr. Im Hintergrund sind die akkurat gestutzten Alleebäume zu sehen. Alte Aufnahme um 1930.
Der Holderplatz um 1900 und heute: Das Holdertor war eines der Eingangstore zu den Zeiten, als Winterthur noch von einer Stadtmauer
umschlossen war, und wurde in den 1830er-Jahren abgebrochen.
Hinter der neugotischen Fassade der «Loge» am Graben entstanden moderne Kinos, ein Restaurant und ein Kleinhotel.
Die Alte Kaserne ist heute ein Kulturzentrum.
Die Obergasse: Eine typische Altstadtgasse mit Läden Bars und Cafés.
Vom Kirchplatz gelangt man durch die schmale kurze Schulgasse in die Obergasse. An der Schulgasse liegt der Aufgang zur Restaurantterrasse des «Obergass», die im Sommer zu den lauschigsten Plätzen in der Altstadt gehört. Die Obergasse ist eine der typischen Altstadtgassen mit kleinen Läden und Strassencafés u.a. dem Cappuccino, das den Ruf hat, die italienischste Bar in der Stadt zu sein, der Lounge-Bar Fumetto oder dem Weincafé Riva, an der Ecke Obergasse / Steinberggasse. Ebenfalls an der Obergasse beheimatet ist das exklusive Massatelier für Korsetts und Dessous von Beata Sievi. Aber zurück zur Gastronomie. Das eigentliche Mekka der Strassenbeizen ist der Graben. Hier reiht sich Lokal an Lokal und Imbissecke an Imbissstand. Über Mittag bevölkern Scharen Berufstätiger, Schülerinnen und Schüler die attraktive Flaniermeile mit dem südfranzösischen Flair. Aber auch an lauen Sommerabenden ist die Gasse erfüllt vom Stimmengewirr gut gelaunter Gäste. Historisch bildete der Graben den Abschluss der Stadtbefestigung gegen Osten. Der ehemalige Stadtgraben wurde 1835 zugeschüttet und als Allee gestaltet. Im Zuge der Motorisierung dominierte dann aber lange Zeit der Autoverkehr: Erst im Zuge der Realisierung der autofreien Innenstadt wurde dem Boulevard seine ursprüngliche Bedeutung zurückgegeben. Zentrales Gestaltungselement des Grabens ist eine Platanenallee, die als grüne Insel mitten durch den Graben verläuft. Das südliche Ende des Grabens begrenzt ein runder gusseiserner Brunnen, Nachguss eines Originalbrunnens aus dem Jahr 1872, das nördliche zwei in den Boden eingelassene Brunnenbecken mit Sitzstufen. Während am Oberen Graben praktisch noch die ganze Zeile der zusammengebauten Altstadthäuser erhalten ist, geben die Fassaden am Unteren Graben kein intaktes Bild mehr ab.
23 Haus «Zum Baumwollbaum»
Das Zeilenhaus Oberer Graben 12 bestand bereits 1648. Es wurde 1761 vom Fabrikanten Hans Kaspar Sulzer umgebaut und zählt es zu den schönsten spätbarocken Bürgerhäusern des 18. Jahrhunderts.
24 Loge
Die «Loge» wurde 1864 durch den Umbau eines älteren Gebäudes in der heutigen Form von Stadtbaumeister Wilhelm Bareiss gebaut. Vom ursprünglichen Gebäude ist lediglich noch die neugotische Fassade erhalten. Im Haus des Baumeisters Heinrich Sulzer war im zweiten Obergeschoss der Tempel der 1818 gegründete Freimaurerloge Akazia untergebracht. Heute ist die «Loge» ein Kinohaus mit Restaurant und Kleinhotel.
25 Holderplatz
An seinem südlichen Ende öffnet sich der Graben zum Holder-platz. Hier begrenzte bis in die 1830er-Jahre das Holdertor die Altstadt. Es diente auch als Gefängnis und im Nachbarhaus wohnte der Scharfrichter, der gleichzeitig auch für die Entsorgung von Kadavern verantwortlich war.
26 Alte Kaserne
Der Riegelbau vor dem Holdertor (Technikumstrasse 8) erstellte 1765 der Holzwerkmeister Salomon Sulzer als städtisches Baumagazin. Im 19. Jahrhundert wurde das Gebäude zu einer Kaserne umfunktioniert. Im Erdgeschoss richtete man Ställe und eine Reitschule ein, in den Obergeschossen waren die Kavallerie-Rekruten untergebracht. Später diente die Kaserne als Unterkunft für die Radfahrer-Rekrutenschule. Seit 1992 ist die Kaserne nach einem grossen inneren Umbau - ein verheerendes Feuer hatte die ursprüngliche Hängekonstruktion zerstört - ein Kulturzentrum. An der Nordseite der Kaserne ist ein grosses Stück der alten Stadtmauer zu sehen.
Neustadt / Obertor
Die Neustadtgasse einst und jetzt: Die niedrigen Zeilenhäuser sind weitgehend erhalten geblieben, ebenso der Charakter der Gasse. Historische Aufnahme um 1910.
Dieses markante Gebäude wurde 1845 als Baumwollmagazin gebaut. Winterthur war zu jener Zeit eine blühende Handelsstadt und der Baumwollhandel ein wichtiger Zweig.
Die «Badewanne-Moschee» an der Badgasse. In der «Badewannen-Moschee» fand auch der streng nach Geschlechtern getrennte Schwimmunterricht statt.
Hof des Zentrums Obertor.
Das kleinste Haus der Stadt ist kaum grösser als eine Einzimmerwohnung.
Die Neustadtgasse mit dem Neustadthus (braune Fassade).
Der Fortuna-Brunnen gehört zu den schönsten Winterthurer Brunnen.
In der Neustadt am Obertor, wohnten, ebenso wie am Untertor, die Handwerker und weniger begüterten Kleinbürgerinnen und -bürger. Sie hielten sich Ställe mit Hühner und Ziegen und pflanzten in ihren Gärtchen Gemüse an. Die Neustadt war eine offene ländliche Vorstadt, bis sie im 13. Jahrhundert in die Befestigungsanlage der Stadt integriert wurde. Das kompakte Geviert mit seinen niedrigen Häusern und den verwinkelten Hinterhöfen hat seinen intimen Charakter weitgehend wahren können. Die Zeilenhäuser an der Neustadtgasse stammen in ihrer jetzigen Form aus dem 18. und 19. Jahrhundert. In der Gasse haben sich Kleingewerbe und kleine Nischengeschäfte eingenistet, in den oberen Geschossen wird gewohnt. Das Obertor bildete das östliche Eingangstor zur Stadt. Es wurde in den 1860er-Jahren abgebrochen.
27 Baumwolllager
Das dominante Gebäude an der Ecke Innere Tösstalstrasse / Neustadtgasse diente dem Kaufmann Jakob Andreas Biedermann als Baumwolllager. Er liess es 1845 von Architekten Ferdinand Stadler bauen. Winterthur war damals eine blühende Handelsstadt. Der Baumwollhandel hatte sich seit dem späten 18. Jahrhundert zu entwickeln begonnen und erreichte seinen Höhepunkt mit der Gründung der Welthandelsfirma der Gebrüder Volkart.
28 Die Badewannen-Moschee
Zu den Zeiten, als es in den Häusern noch kein fliessendes Wasser gab, wurde an der Badgasse 6 nach den Plänen des damaligen Stadtbaumeisters Karl Wilhelm Bareiss eine Bade- und Waschanstalt für die Bevölkerung errichtet (1862-1864). Wegen ihres orientalischen Baustils wurde sie von den Winterthurerinnen und Winterthurern Badewannen-Moschee genannt. Die Badanstalt bot zwölf Badewannen aus Carrara-Marmor, zwei Duschzellen, sieben Wasserklosetts sowie eine Kundenwäscherei mit Waschmaschinen und Warmlufttrocknern, was damals sensationelle Einrichtungen waren. Der Anlage war auch ein türkisches Bad mit zwei Schwitzräumen sowie ein Hallenbad (das erste in der Schweiz) angegliedert. Im acht mal zwölf Meter grossen Bad, das einem natürlichen Teich nachempfunden und mit entsprechenden Malereien an den Wänden verziert war, fand der obligatorische Schwimm-unterricht für die Schülerinnen und Schüler statt. Heute sind in der Badewannnen-Moschee städtische Büros untergebracht. Während die Badewannen-Moschee einer stilgerechten Renovation unterzogen wurde, hat das als Minarett gestaltete Hochkamin leider nicht überlebt.
29 Das Lörlibad
Schon vor der Zeit der Badewannen-Moschee existierte an der Badgasse ein Badehaus, das Lörlibad (Badgasse 8), dessen gewölbte Badezellen im Erdgeschoss noch erhalten sind. Zum Bad gehörte ein Wirtshaus mit Gästezimmern. Das Wasser lieferte der Rettenbach. Ein Besucher berichtete 1809, er habe Männer und Weiber aus der Stadt, aber auch Bauersleute aus dem Weinland gesehen, die in Holzzubern sassen und Psalmen sangen. Mit dieser fröhlichen Geschlechterdurchmischung war es nach der Realisierung des Neubaus (Badewannen-Moschee) vorbei. Ab sofort badeten Männlein und Weiblein getrennt. An der Adresse ist heute der Schwulen- und Lesbentreff beheimatet. Er wird vom Verein WILSCH (Winterthurer Lesben und Schwule) betrieben: Die «Badgasse 8» ist ein gemütliches Clublokal, in dem auch Veranstaltungen und Themenabende stattfinden.
30 Das kleinste Haus der Stadt
Das kleinste Haus der Stadt (Neustadtgasse 18a) ist nicht zu übersehen. Es fügt sich nicht in die Häuserzeilen ein, sondern produziert sich als schmuck herausgeputzter Solitär. Im Puppenhaus gibt es kaum mehr Platz als in einer Einzimmerwohnung, auch wenn die vielen Fenster den Anschein erwecken, es handle sich um ein veritables Einfamilienhaus. Gebaut wurde das Minihaus 1863 als Werkstätte. Seit 1903 wird darin gewohnt.
31 Neustadthus
Das Neustadthus (Neustadtgasse 14-16) war Ende der 1970er-Jahre ein vielbeachtetes Pionierprojekt. Handwerker, Kunsthandwerkerinnen und weitere Kreative aus dem alternativen Umfeld taten sich zusammen, unterzogen die ehemalige Schreinerei in Eigenregie einer sanften Renovation und richteten darin ihre Werkstätten, Ateliers und Läden ein. Das Projekt hat bis heute überlebt, der Mietermix allerdings hat sich verändert. Ein paar wenige Pioniere sind aber bis heute geblieben - so etwa der Buchbinder Hans-Ruedi Zoller oder der Möbelrestaurator und Initiant des Projekts, Urs Hersche.
32 Zentrum am Obertor
Das Zentrum am Obertor (Obertor 6- 14) wurde in den 1970er-Jahren als Begegnungszentrum konzipiert und realisiert. Ziel war eine Verbindung der Generationen. So wurde bei der Mieterschaft ein ausgewogener Mix zwischen älteren und jüngeren Bewohnerinnen und Bewohnern angestrebt. Es gab Kurse und Veranstaltungen, die sehr beliebt waren, u.a. A-capella-Konzerte im Innenhof und philosophische Gesprächsabende. Ende 2016 wurde das Zentrum aufgegeben. Die Axa Winterthur als Betreiberin setzt neu auf überregionale Projekte. Der schöne Innenhof des Zentrums ist aber immer noch einen Besuch wert.
33 Fortunabrunnen
Der Fortunabrunnen, auch Florabrunnen genannt, ist einer der schönsten Winterthurer Brunnen. Er gehört zu den insgesamt sieben historischen Altstadtbrunnen, die im 16. und 17. Jahrhundert der Trinkwasserversorgung der Stadt dienten und von denen noch drei erhalten sind (Justitiabrunnen, Fortunabrunnen und Brunnen an der Langgasse 60). Die Urversion des Brunnens entstand bereits 1580, im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde er erneuert und 1932 wurde die Figur durch eine Kopie ersetzt. Die Originalstatue steht auf der Mörsburg.
34 Malerischer Durchgang
Zwischen den Häusern Obertor 27 und 29 mit ihren Renaissancefassaden führt ein schmaler malerischer Durchgang zu den Hinterhofgärten des Rettenbachwegs und vermittelt einen reizvollen Eindruck vom früheren Leben in der Altstadt.
Übersichtsplan Altstadt
18 Das erste Schulhaus der Stadt
19 Stadtkirche
20 Kirchplatz
21 Stadtbibliothek
22 Gewerbemuseum
23 Haus zum Baumwollbaum
24 Loge
25 Holderplatz
26 Alte Kaserne
27 Baumwolllager
28 Badewannen-Moschee
29 Das Lörlibad
30 Das kleinste Haus der Stadt
31 Neustadthaus
32 Zentrum am Obertor
33 Fortuna-Brunnen
34 Malerischer Durchgang