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Ruedi Widmer warnt: Es wird noch viele Tote wegen Fussballern geben
Die Geschichte um den walisischen Stürmerstar Aaron Ramsey (FC Arsenal) beschäftigt mich sehr, seit ich sie in der «Gala» gelesen habe, wo sie keinesfalls hingehört. Sie gehört in den «Scientific American» oder ins Magazin der Max-Planck-Gesellschaft.
Nach jedem bedeutsamen Tor Ramseys für seinen Klub oder auch für das walisische Nationalteam ist am Tag darauf eine prominente Person gestorben. Das klingt nach Aberglaube oder Zauberei, aber die Beweislast ist erdrückend. Die Todestorserie begann am 1. Mai 2011, als Ramsey gegen Manchester United ein Tor schoss. Am nächsten Tag traf es ausgerechnet Usama Bin Laden, der von US Special Forces getötet wurde. Im Oktober 2011 war es Steve Jobs, der allerdings die Spielregeln noch nicht kannte und erst 72 Stunden nach Ramseys Tor verschied.
Ramsey schoss weiter bedeutsame Tore: einen Tag vor dem Ableben Muammar al-Gaddafis, einen Tag vor demjenigen Whitney Houstons, einen Tag vor Paul Walker, einen Tag vor Robin Williams. Auch 24 Stunden vor dem Tod von David Bowie, HR Giger und Nancy Reagan traf er jeweils das Tor. Letzten Freitag hat Ramsey die beiden Tore von Wales sogar nur vorbereitet, trotzdem traf es am Samstag Elie Wiesel.
Ramsey sei verteufelt, heisst es. Zeit, das wissenschaftlich zu untersuchen. Möglicherweise besteht eine Beziehung der genannten Toten zu Ramsey. Vielleicht sind sie überhaupt nur prominent geworden, weil Ramsey vor ihrem Ableben ein Tor schiessen wird. David Bowie wäre ein erfolgloser Klampfenspieler geblieben, Muammar al-Gaddafi hätte das Wüstenzelt nicht verlassen, Steve Jobs wäre nie aus der Garage gekommen und hätte den Bettel hingeschmissen. Wer aus 10 000 Kilometer Entfernung töten kann, der kann auch aus 10 000 Kilometer Entfernung mehrere Jahrzehnte zurück Karrieren ermöglichen. Rückwirkende Prominenz, das erklärt auch die anhaltende Erfolglosigkeit so vieler den Erfolg suchender Menschen. Ihrem Todestag geht einfach kein bedeutendes Fussballspiel voraus.
Noch wissen wir nicht, welcher noch ungeborene, dereinst Tore schiessende Fussballer für den Tod von Zac Efron, Miley Cyrus, Ashley Tisdale, Selena Gomez, Helene Fischer und Pharrell Williams verantwortlich sein wird. Das ist sehr unangenehm für diese Prominenten, und es ist ein lohnenswerter neuer Geschäftszweig, im Auftrag dieser zahlungsfreudigen Kundschaft potenzielle Fussballstars genug früh auszumachen, bevor sie zuschlagen können. Es braucht auch Aufklärung in der Jugendarbeit der Fussballvereine.
Enttäuschend für Ramsey: Prince und Muhammad Ali sind nicht seinetwegen gestorben. Auch das Dreigestirn Götz George, Manfred Deix und Bud Spencer hat der Waliser nicht auf dem Gewissen. Ramsey traf nicht am Tag davor. Aber wer ist für deren Tod verantwortlich? Es ist statistisch erwiesen, dass am Tag vor jedem Tod eines Menschen Fussball gespielt wird und Tore gemacht werden. Schuld am Tod Götz Georges ist möglicherweise entweder der Belgier Radja Nainggolan, der am 22. Juni gegen Schweden das 1 : 0 schoss, oder der Ire Robbie Brady, der das 1 : 0-Siegestor gegen Italien erzielte. Und das sind erst die am ehesten auf der Hand liegenden Verdächtigen. Vielleicht muss man auch gegen unbedeutende Fussballer mit bedeutenden Siegen in unbedeutenden Ligen ermitteln. Irgendein namenloser Stürmer der drittuntersten Kreisliga in Deutschland vielleicht. Oder sogar jemand vom FC Rümlang 4. Aaron Ramsey ist einfach der erste bekannte Täter (oder das erste Opfer) dieses Naturgesetzes. Weitere werden folgen. Es ist zu hoffen, dass die Schläfer entdeckt werden und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.
Ramseyologie ist eine noch junge, fehleranfällige Wissenschaft. Die Zeiten sind ideal. Die Leute sind nicht mehr so gut auf «Gerechtigkeit» und ähnlichen Kitsch zu sprechen, deshalb ist es auch nicht so schlimm, wenn mal die falsche Fussballhexe aufs Schafott gelangt.
Ruedi Widmer möchte eines fernen Tages am liebsten von einem brasilianischen Fussballwunderkind getötet werden.