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Glaubt man Greta Thunberg und anderen Schwarzmalern, steht die Welt kurz vor dem Untergang. Doch die Untergangs-Propheten irren. Die freien, marktwirtschaftlichen und wohlhabenden westlichen Gesellschaften bringen den Umweltschutz voran.
Verfolgt man die öffentlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre rund um den Umweltschutz und das Klima, könnte man meinen, alles gehe den Bach runter: Der Planet leide an Überbevölkerung. Böse Konzerne betrieben Raubbau an der Natur. Ignorante Verbraucher konsumierten, als gäbe es kein Morgen mehr. Die industrialisierte Produktionsweise und der Individualverkehr verpesteten die Umwelt. Der an Fahrt aufnehmende Zug der Klimaapokalypse habe den Bahnhof bereits verlassen und könne nur noch mit radikalen Massnahmen verlangsamt werden. Es sei nicht 5 vor 12, sondern bereits 12. Um es in den Worten von Greta Thunberg zusammenzufassen: «I want you to panic!»
Dieser Ausspruch könnte gerade so gut von einem anderen Schwarzmaler stammen, der Ende des 18. Jahrhunderts mit seinen Theorien Angst und Schrecken verbreitete. Der Ökonom und Pfarrer Thomas Robert Malthus warnte – untermauert durch das von ihm aufgestellte Bevölkerungsgesetz – davor, dass die Bodenerträge nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4, usw.) ansteigen könnten, während die Bevölkerungszahl in geometrischer Progression wachse (1, 2, 4, 8, 16, usw.). Dies, weil die Mehrzahl der Menschen in den unteren sozialen Schichten auf materielle Verbesserungen mit einer Erhöhung der Geburtenrate reagiere. Deswegen drohe der Menschheit Hunger und Armut. Malthus plädierte deshalb unter anderem für Geburtenkontrollen.
Der Kollaps ist ausgeblieben
Es kam bekanntlich anders. Der Kollaps ist ausgeblieben. Die weltweite Armut konnte in der Zwischenzeit trotz Bevölkerungswachstum stark reduziert werden. Laut Angaben der Weltbank haben relativ freie internationale Märkte allein seit 1990 über einer Milliarde Menschen geholfen, der Armut zu entkommen – insbesondere in Entwicklungsländern. Mussten im Jahr 1990 noch 37,1 Prozent der Weltbevölkerung mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen, ist dieser Anteil heute auf unter 10 Prozent gefallen.
Springen wir in das Jahr 1972: In diesem wurde der viel beachtete Bericht des Club of Rome mit dem Titel Grenzen des Wachstums veröffentlicht – und auch in diesem wurde nicht gerade mit düsteren Prognosen gespart. Prophezeit wurde nichts Geringeres als der Kollaps der Ressourcen, der Nahrungsmittelversorgung und der Bevölkerung. Gemäss dem Modell sollten wir in unseren Zeiten gerade den Zusammenbruch der Nahrungsversorgung miterleben. Auch hätten uns bereits diverse Rohstoffe vor dem Wechsel ins 21. Jahrhundert ausgehen müssen, so etwa Aluminium, Erdgas, Gold und Silber.
Vier Gründe des Irrtums
Wie konnten Malthus und der Club of Rome derart daneben liegen? Es scheint, als hätten sie ähnliche blinde Flecken wie die heutigen Klima- und Umwelt-Alarmisten. Zumindest gibt es erstaunliche Parallelen.
Erstens wird der Faktor des menschlichen Erfindungsreichtums vernachlässigt: Insbesondere in einem freimarktwirtschaftlichen System entstehen im kontinuierlichen Wettbewerb um die Gunst der Kunden fortlaufend Verbesserungen. Selbst grosse Herausforderungen können dadurch mittels unternehmerischen Handelns angepackt und überwunden werden. So entwickelte sich etwa die Nahrungsmittelversorgung dank diverser Innovationen eben nicht so, wie Malthus dies vorhergesagt hatte, weshalb der Hunger für die gesamte Menschheit ein immer geringeres Problem darstellte und es auf dem Erdball seit einigen Jahren mehr Übergewichtige als Unterernährte gibt.
Zweitens hat sich der angenommene Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und steigender Bevölkerung nicht bewahrheitet. Der grössere Wohlstand, der in Systemen mit relativ hoher wirtschaftlicher Freiheit auftritt, hat nicht dazu geführt, dass die Menschen mehr Kinder haben. Der Statistiker Hans Rosling hat gezeigt, dass die Frauen in fast allen Ländern mit einem Jahreseinkommen pro Kopf von über 15’000 Dollar im Durchschnitt weniger als 2,1 Kinder gebären. Das Bevölkerungswachstum kann deshalb durch marktwirtschaftliche Reformen und entsprechend wachsende Lebensstandards gestoppt werden, weshalb es nicht zu einem Kollaps der Versorgung mit Rohstoffen kommen dürfte.
Reiche Industriestaaten tun mehr für Umweltschutz
Drittens bedeuten höhere Lebensstandards auch nicht, dass die Menschen mehr Ressourcen verbrauchen und damit die Umwelt vermehrt schädigen. Im Gegenteil: Nur wohlhabendere Gesellschaften können sich den Umweltschutz leisten. Dass die Öko-Bewegung ihre Wurzeln gerade im reichen Westen geschlagen hat, ist kein Zufall. Die Menschen werden dort mit den lebensnotwendigen Gütern versorgt, sodass sie sich überhaupt erst Umweltanliegen zuwenden können. Wohlhabende Gesellschaften in den westlich geprägten Industrieländern fordern mit ihrem ökobewussten Konsumverhalten sauberere Produktionsmethoden ein, leisten sich Autos mit Abgasfiltern, bleifreies Benzin, Klär- und Kehrrichtverbrennungsanlagen, die Aufforstung von Wäldern, den Schutz der Artenvielfalt, Bio-Produkte und Spenden an Umweltorganisationen sowie für den Tierschutz.
Freie Marktwirtschaft schont Ressourcen
Die freie Marktwirtschaft ermöglicht es zudem, immer mehr Bedürfnisse mit immer weniger Ressourcen zu befriedigen. Man denke nur einmal daran, wie viele vorherige Alltagsgeräte allein das Smartphone obsolet gemacht hat: Klobige Radios, Nachttisch-Wecker, Telefonkabinen, der heimische Telefonapparat, GPS-Geräte, gedruckte Zeitungen, dicke Lexika und Telefonbücher, Fotoapparate und Videokameras, Taschenlampen und vieles weiteres. Diese teils materialintensiven Geräte und Produkte müssen heute nicht mehr oder nicht mehr im selben Umfang hergestellt werden, was natürliche Ressourcen schont.
Viertens wurden und werden die umwelt- und ressourcenschützenden Mechanismen der liberalen Marktwirtschaft vernachlässigt. Der marktwirtschaftliche Preismechanismus schützt knapper werdende Ressourcen: Bei sinkendem Angebot steigen die Preise und machen dadurch den Verbrauch der entsprechenden Ressource weniger attraktiv. Gleichzeitig steigt der Anreiz einer Substitution des Rohstoffs im Produktionsprozess, weil steigende Produktionskosten die Profite gewinnorientierter Unternehmen schmälern. Dadurch werden knappe Rohstoffe vor einer ungesunden Übernutzung geschützt und die Natur geschont.
Freiheitlichere Länder leben umweltbewusster
Wenn man heute eine Zwischenbilanz zieht, stellt man fest, dass die Umweltverschmutzung in den letzten Jahrzehnten vor allem in den tendenziell freien Ländern drastisch reduziert werden konnte. Die im Wettbewerb entstandenen technischen Innovationen ermöglichten es, die wirklich bedrohlichen Schadstoffe aus dem Produktionsprozess zu eliminieren. Die Schadstoffemissionen der sechs stärksten Luftverschmutzer konnten beispielsweise in den USA zwischen 1980 und 2019 drastisch reduziert werden: Schwebstaub um 63 Prozent, Stickoxid um 68 Prozent, Kohlenstoffmonoxid um 75 Prozent, Schwefeldioxid um 92 Prozent und Blei um 99 Prozent. In den wohlhabenden Ländern wurde zudem das «Waldsterben» gestoppt: 1990 bis 2015 sind die Wälder in Europa um 0,3 Prozent pro Jahr gewachsen.
Die Umweltbilanz tendenziell marktwirtschaftlicher Länder verbessert sich laufend, während die wirtschaftlich unfreisten Länder beim Umweltschutz die hintersten Ränge belegen. Es scheint allerdings, dass diese Erkenntnisse bei vielen Klimademonstranten und in der Öko-Bewegung noch nicht angekommen sind. Unbeirrt fordert man dort paradoxerweise ein Überdenken desjenigen wirtschaftlichen Systems, das uns all diese Fortschritte beim Umweltschutz gebracht hat.
Die Lösung wird in einer Art Klima-Weltregierung gesehen, die allen politischen Gebietskörperschaften einen einheitlichen Plan zur «Rettung des Planeten» diktieren kann. Zentralismus, Dirigismus und Planwirtschaft sollen es also richten. Dass solche Experimente in der Realität noch nie funktioniert haben und diese immer die enorme Gefahr des Machtmissbrauchs, der Entmündigung und des Freiheitsabbaus in sich bergen, wird viel zu selten thematisiert. Ein solcher «Systemwechsel» würde die prognostizierten Öko-Katastrophen überhaupt erst herbeiführen, weil die Welt so zurück in einen Zustand der Armut katapultieren würde, in dem die Menschen ganz andere Sorgen hätten als langfristige Klimaveränderungen um ein paar Grad.
Olivier Kessler
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Zur Person: Olivier Kessler ist Ökonom, Publizist und Direktor des Liberalen Instituts in Zürich (www.libinst.ch). Das 1979 gegründete Liberale Institut verfolgt das Ziel der Erforschung freiheitlicher Ideen. Das Institut untersucht die Schweizer Tradition und Kultur von individueller Freiheit, Frieden, Offenheit und politischer Vielfalt und setzt sich für die Weiterentwicklung der liberalen Geistestradition ein.