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Plötzlich sieht das Mammut alt aus
Wer sich mit dem Zustand der Umwelt befasst, hat selten genug etwas zu lachen – der globale Temperaturrekord des vergangenen Monats beispielsweise ist furchterregend. Ich will meinen ersten Umweltbeitrag im Politblog deshalb mit einem Witz beginnen: Fragt der Museumsbesucher den Aufseher, wie alt das ausgestellte Mammutskelett sei. «Hunderttausendundacht Jahre.» – «Woher wissen Sie das so genau?» – «Als ich eingestellt wurde, war es hunderttausend Jahre alt, und ich arbeite jetzt seit acht Jahren hier.»
Der Witz, dem ich übrigens in einer Fachpublikation zur Umweltökonomie begegnet bin, ist lustig, weil der Museumsaufseher zeitliche Grössenordnungen durcheinanderbringt. Ich musste in den letzten Wochen zweimal an ihn denken. Erste Gelegenheit war der Vortrag einer Trendforscherin. Sie sollte auf das Jahr 2035 vorausblicken. «Das sind zwei Jahrzehnte», sagte sie. Schauen wir also zwei Jahrzehnte zurück – und wir erkennen ungefähr die Grössenordnung des Wandels: Der war, trotz Internet und Handys, überschaubar. Die zweite Gelegenheit war die Publikation eines Aufsatzes im Wissenschaftsmagazin «Science» vom Januar über das «Anthropozän». Der Begriff steht für ein neues Erdzeitalter, dessen prägendste Eigenschaft die vom Menschen (griechisch anthropos) ausgelösten Umweltveränderungen sind und das das bisherige Holozän ablöst. Das Anthropozän, postuliert der «Science»-Aufsatz, habe um 1950 begonnen.
Auf den ersten Blick gleicht diese Aussage derjenigen aus dem Witz: Man lässt Erdzeitalter nicht in einem bestimmten Jahrzehnt beginnen. Dagegen macht die Trendforscherin alles richtig, wenn sie zwanzig Jahre Zukunft mit zwanzig Jahren Vergangenheit vergleicht.
Auf den zweiten Blick ist das indes weniger klar. Aussagen über die Zukunft machen zu wollen, indem man die Vergangenheit extrapoliert, war immer schon fragwürdig. Man stelle sich vor, jemand hätte im Mai 1914 nur schon die nächsten paar Monate aufgrund von Erfahrungswerten voraussagen wollen. Oder man stelle sich vor, die Trendforscherin hätte die letzten 20 Jahre in einer chinesischen Stadt erlebt, die in dieser Zeit vom Provinznest zur Millionenstadt angewachsen ist.
Die globalen Umweltveränderungen unserer Zeit machen das Extrapolieren historischer Erfahrung aber in viel grundsätzlicherer Weise unsinnig. Vom Menschen ausgelöste Umweltveränderungen mit oft verheerenden Auswirkungen lassen sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen, aber im 20. Jahrhundert haben sie sich derart beschleunigt, dass harmlos erscheint, was vorher war. Der Berner Umwelthistoriker Christian Pfister hat diese Beschleunigung vor allem auf die 1950er-Jahre datiert – also auf die Zeit, die nun als Beginn des Anthropozäns definiert wurde – und dafür vor über 20 Jahren den Begriff des «1950er-Syndroms» geprägt. Und die Beschleunigung geht weiter: Seit 1990 hat die Menschheit ungefähr so viel CO2 aus fossilen Quellen in die Atmosphäre geblasen wie in ihrer gesamten Geschichte zuvor. Die Welt, in die ich vor einem knappen halben Jahrhundert geboren wurde, war nach gewissen Kriterien der Welt vor 200 oder gar 2000 Jahren ähnlicher als der heutigen.
Damit droht historische Erfahrung obsolet zu werden. Viele sagen, man könne aus der Geschichte sowieso nichts lernen – aber woraus wollten wir sonst lernen? Wenn es plötzlich einen Unterschied macht, ob ein Mammut hunderttausend Jahre alt ist oder hunderttausendundacht, macht das Angst. Aber ein klein wenig macht es auch frei, denn wenn alles anders wird, ist vieles möglich. Man müsste sich die Freiheit einfach nehmen, alle Trendforscher verlachen wie den Museumsaufseher aus dem Witz und auf Zukunftsszenarien – beispielsweise zur Zunahme des Verkehrs – pfeifen.