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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

20. Buch
3. Salomons Ausführungen im Buch Ecclesiastes über die den Guten und den Bösen hienieden gemeinsamen Lose.
Bekanntlich hat Salomon, Israels weisester König, der in Jerusalem regierte, sein Buch Ecclesiastes, das auch bei den Juden zum Kanon der heiligen Schriften gerechnet wird, begonnen mit den Worten1 : „Eitelkeit über Eitelkeit, sprach der Prediger, Eitelkeit über Eitelkeit, alles ist Eitelkeit. Was bleibt dem Menschen übrig von all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?“ An diesen Spruch anknüpfend, entwickelt er die übrigen Leitsätze, gedenkt der Mühsale und Irrgänge des irdischen Lebens und wie darüber die Zeit dahinschwindet, in der nichts feste Beständigkeit, nichts die Dauer bewahrt; und als eine der Eitelkeiten unter der Sonne beklagt er auch2 in gewissem Sinne, daß, obwohl die Weisheit über der Torheit stehe so hoch wie das Licht über der Finsternis und des Weisen Augen in seinem Kopfe seien, während der Tor in der Finsternis wandle, doch ein und dasselbe Geschick über alle hereinbricht, in diesem Leben natürlich meint er, das sich unter der Sonne abspielt, und deutet damit jene Übel an, die Guten und Bösen, wie der Augenschein lehrt, gemeinsam sind. Er sagt überdies ausdrücklich, daß Guten Schlimmes widerfährt, als wären sie schlimm, und Schlimmen Gutes zuteil wird, als wären sie gut; seine Worte lauten3 : „Eine Eitelkeit, die sich findet auf Erden, ist die, daß es Gerechte gibt, über die es kommt, als hätten sie gottlos gehandelt, und daß es Gottlose gibt, über die es kommt, als hätten sie gerecht gehandelt. Ich sage, auch dies ist eine Eitelkeit.“ Inmitten dieser Eitelkeit, deren möglichst eindrucksvoller Schilderung der weise Mann das ganze Buch gewidmet hat [natürlich nur, damit wir uns nach einem Leben sehnen sollten, worin sich keine Eitelkeit findet unter der irdischen Sonne, sondern die Wahrheit in Unterordnung unter den, der die irdische Sonne erschaffen hat], inmitten dieser Eitelkeit also schwindet der Mensch selbst auch dahin, aber auch er nur, weil er durch ein gerechtes Gottesgericht „der Nichtigkeit ähnlich geworden“4 ist. Indes kommt es in den Tagen seiner Nichtigkeit sehr darauf an, ob er der Wahrheit sich widersetzt oder gehorcht und ob er der wahren Frömmigkeit bar oder teilhaft ist; nicht weil er je nachdem erlangen und meiden könnte vergänglich dahinschwindende Güter und Übel, sondern wegen des künftigen Gerichtes, durch das ewig dauernde Güter und Übel zugeteilt werden. Und so hat jener Weise sein Buch beschlossen mit den Worten5 : „Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch; denn jedes Werk hienieden wird Gott vor sein Gericht ziehen bei jedem Verachteten, sei es gut oder schlecht.“ In der Tat das Kürzeste, Wahrste und Beste, was man sagen kann. „Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“ Wer immer nämlich überhaupt ist, ist das; ich meine ein Beobachter der Gebote Gottes; denn wer das nicht ist, ist nichts; er gestaltet sich ja nicht um zum Abbild der Wahrheit, und so bleibt er der Nichtigkeit ähnlich. „Denn jedes Werk hienieden, ob gut oder schlecht, wird Gott vor sein Gericht ziehen bei jedem Verachteten“, das will sagen selbst bei jedem, der hienieden als verächtlich angesehen und deshalb sogar übersehen wird; denn Gott sieht ihn und verachtet ihn nicht und übergeht ihn nicht im Gerichte.
1: Ekkle. 1, 2 f.
2: Eccle. 2, 13 f.
3: Ebd. 8, 14.
4: Ps. 143, 4.
5: Eccle. 12, 13 f.