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Zentral im fensterlosen Raum steht ein mächtiger Sitzungstisch. Die opulenten Ledersessel auf der einen Seite sind bequem. Frontal gegenüber hängt ein zum Betrachter hin gewölbter Bildschirm, der - erst schwarz - unvermittelt einen gemeinsamen Konferenzraum inszeniert. Ohne Rauschen, ohne Wackeln, ohne Flimmern. Gestochen scharf sitzt am Sitzungstisch desselben Typs ein adrett gekleideter Mann, der sich als Andrew M. Miller vorstellt. Er amtet seit Mai als President and CEO von Polycom. Scherzend deutet er auf die Getränke, die in Zürich, der Schweizer Niederlassung von Polycom, nicht aber bei ihm in Andover, einem seiner 15 Standorte in den USA, auf dem Tisch stehen. Er sieht uns ja auch - huscht es einem durch den Kopf.
Polycom gilt als grösster Anbieter von Telepräsenz- und Videokonferenzsystemen. Doch wie festigt das Unternehmen seine Marktführerschaft mit 40% in Anbetracht der starken Konkurrenz des gigantischen US-Mitbewerbers Cisco? «Nicht schlafen», antwortet Miller verschmitzt, wobei er eine «bessere Investition und eine bessere Performance» anstrebe, die er mit einer strategischen Partnerschaft mit IBM, Microsoft und HP erreichen wolle. Er muss es wissen, schliesslich hat Miller vor seinem Wechsel zu Polycom vor einem Jahr bei allen relevanten Mitbewerbern gearbeitet: Elf Jahre für Cisco bzw. fünf Jahre für Tandberg.
Von Wirtschaftskrise profitiert
Für die Branche hat aber auch der Welten Lauf das Seinige getan: Wie dem Schirmverkäufer im Regen ist es Polycom ergangen, als im April ein isländischer Vulkan den Flugverkehr Europas lahmlegte: Geschäftsreisen wurden verzögert, verlängert, verunmöglicht, sodass etliche Unternehmen beim Dienstleister um Hilfe ersuchten. «Die Menschen erkannten, dass Dinge im Leben geschehen können», sagt Miller, «und dies hat die Nachfrage nach einem sicheren Weg des Austausches gefördert.» Aber auch Ereignisse wie 9/11 oder Sars hätten dazu beigetragen, dass der Markt überproportional stark wachse. Doch ohne die gleichzeitige Verbesserung der technischen Möglichkeiten hätte sich dies nie so deutlich manifestiert.
Selbst die Wirtschaftskrise förderte den Absatz. Den massiven Sparübungen der Firmen fielen, so Miller, nämlich des Öftern zuerst die Business Trips zum Opfer. Wenn die geschäftlichen Meetings virtuell fast schon real abgehalten werden können, macht Polycom das geschäftliche Reisen obsolet? Miller ist überzeugt, dass die Manager auch in Zukunft reisen: «Nichts geht über ein Händeschütteln.» Eine Konkurrenzsituation zwischen Fluggesellschaften und der von ihm geleiteten Firma sieht er nicht: Zum einen sprechen die Zahlen dafür, dass beide Lösungen von der globalisierten Welt profitieren. Anderseits ist Telepräsenz inzwischen die verlässliche Alternative, wenn Flüge unerwartet gestrichen werden. Entsprechend kommt laut Miller ein neues Angebot immer mehr auf: Bei Polycom-Partnern wie der Regus-Gruppe kann man einen Telepräsenzraum für rund 250 Dollar pro Stunde mieten.
Nichtsdestotrotz führt Polycom dem potenziellen Kunden vor, wie viel er einsparen könnte, wenn er, statt zu reisen, seine Meetings virtuell abhalten würde. Ein von der Firma entwickelter ROI-Rechner (Return on Investment) macht dies möglich. Dieser ermittelt mit Hilfe eines Algorithmus die Differenz zwischen den Ausgaben für wiederholte Flugreisen, Verpflegung, Unterkunft sowie Automiete und einer einmaligen Investition in ein mindestens zweiteiliges technisches Set einer Telepräsenz- oder Videokonferenzlösung - und kommt so auf den Ertrag, den sich ein Abnehmer von Polycom versprechen darf. Zudem werden die Zeitersparnis und die CO2-Reduktion ausgewiesen. Entscheidet sich der Kunde für eine Highend-Telepräsenzlösung für 0,5 Mio Dollar, zahlt sich die Anschaffung nach 18 Monaten aus; wählt er ab 6000 Dollar eine Budget-Videokonferenzlösung, erfolgt die Amortisation nach sechs Monaten. Egal wie: «So lassen sich die Reisekosten um mindestens 20% senken», ergänzt Miller.
Ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem in den verlinkten Kabinen zeigt den Polycom-Chef von seiner besten Seite: Die Augen leuchten hell, kein Schatten trübt das Gesicht. Und die Wolkenanimation im Hintergrund nimmt der Aufnahme die Sterilität. Zweifellos kommt Miller aber auch seine Telegenität zugute, deren sich nicht jeder Manager rühmen kann. Steht da dem Erfolg seines Unternehmens nicht eine natürliche Scham des Menschen entgegen? «Selbstverständlich kann ich während der Sitzung kein Sandwich essen», erwidert er und zupft sogleich an seinem Anzug herum: «Und anständig gekleidet muss ich auch sein.» Ein solches In-Szene-Setzen sei mitnichten eine gekünstelte Einlage. Die Begegnung stehe vielmehr im Dienste der Authentizität.
Produktivität deutlich steigern
Auf die Frage, wie viel Zeit er durch die virtuellen Treffen einspare, antwortet Miller: «Sechsmal am Tag halte ich eine Telepräsenz- oder Videokonferenz und kann so meine Produktivität um 40% erhöhen.» Über die Zeit verfügen, den Tag verlängern - ein lang gehegter Traum der Menschheit scheint Wirklichkeit. Trotzdem deutet das Gegenüber in den USA nun auf seine Uhr. Das nächste Meeting steht an. Ein echtes? «Ja», erwidert Miller, stottert, korrigiert sich: «Per Telepräsenz.» Dass er die Grenzen zwischen Illusion und Realität verkennt, will und kann man ihm nicht vorhalten, wie man nach dem Selbsttest zugestehen muss.