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Geboren 1968 in Lausanne, Schweizer und Franzose.
Nachdem Manuel von Stürler sein Musikstudium am Neuen-burger Konservatorium für Musik sowie der Hochschule für Jazz und zeit-genössische Musik (Ecole de Jazz et de Musique Actuelle) in Lausanne, mit dem Schwerpunkt Posaune und Komposition, absolviert hat, tritt er als Bühnenmusiker mit akustischen und elektrischen Musikformationen auf, impliziert jedoch auch Improvisation und Komposition. Er arbeitet mit Künstlern wie Philippe Lang Group, Malcolm Braff, Léon Francioli und Stéphane Blok.
Er komponiert Bühnenmusik, gründet gemeinsam mit Arthur Besson die Compagnie DUO MATò und rückt die Musik ins Zentrum der Erzählung und des künstlerischen Theaterprozesses. Eine originelle Vorgehensweise, die auch Regisseure wie Dominique Bourquin, Denis Maillefer und Fabrice Gorgerat überzeugen.
Das Ausloten neuer Horizonte in seinem künstlerischen Schaffen geht einher mit der Ent¬deckung der Welt und so reisen er, seine Partnerin und die beiden Kinder zwei Jahre lang durch den Mittleren Osten, Persien, Osteuropa, Island, Bolivien, Chile und Patagonien. Hier entdeckt er auch seine alte Liebe zur Fotografie wieder und dreht mehrere persönliche Filme, denen einer im Auftrag des Unternehmens Securitas folgt.
2008 stürzt er sich in das Abenteuer HIVER NOMADE, ein Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, dessen Weltpremiere an der 62. Berlinale 2012 (Forum) stattfand.
Interview
Bevor Sie HIVER NOMADE, Ihren ersten Film, drehten, arbeiteten Sie als Musiker und Komponist für Bühne und Theater. Worin lag Ihre Motivation, sich dem Film zuzuwenden?
Nach meinem Musikstudium, 20-jährig, befand ich mich in einem Dilemma – sollte ich weiter meine erste Passion, die Musik, verfolgen oder mich der später entdeckten Leidenschaft für Fotografie und Film zuwenden? Schluss¬endlich entschied ich mich für die Musik, habe jedoch auch fotografiert und Amateurvideos gedreht. Meine Begegnung mit der Wanderschäferei weckte das starke Verlangen, mich einer an¬deren kreativen Aufgabe zu widmen und verlieh mir neuen Elan.
Das Nomadentum der Roma wird eher im Kino thematisiert als das der Schäfer, welche die Jahrtausende alte Tradition des Wanderhirtentums weiterführen. Was hat Sie zu die-sem Thema inspiriert?
Bei der Rückkehr nach einer langen Reise mit meiner Familie um die halbe Welt, hörte ich, dass während unserer Abwesenheit eine grosse Schafherde vor unserem Haus am Rand einer urbanen Siedlung vorbeigezogen war. Im darauffolgenden Winter lag ich quasi auf der Lauer und fand sie schliesslich in der Nähe eines benachbarten Städtchens. Es stiegen die gleichen Gefühle auf, die ich während des Reisens verspürt hatte. Mit den Schäfern entdeckte ich meine Region neu und sah die in die Landschaft eindringenden Villenviertel mit anderen Augen. Es war ein eindrückliches Zusammentreffen: das ausserordentliche Spektakel des schier endlose erscheinenden Flusses der Schafe, vor allem aber die Begegnung mit den Schäfern Pascal und Carole. Das Abenteuer des Wanderhirtentums zog mich in seinen Bann und öffnete mir die Augen über die Veränderung der Landschaft und Verstädterung («Los-Angelisation») des Schweizer Mittellandes. Die Idee darüber einen Film zu drehen war geboren.
Wie ist die Reaktion auf dem Land gegenüber dem Wanderhirtentum, diesem Relikt aus vergangenen Zeiten? Positiv?
Das biblische Symbol des Hirten, das Bild von Epinal und die Rückkehr zur Natur stehen repräsentativ für das Wanderhirtentum und üben eine verblüffende Faszination aus. Wo immer Schäfer mit ihren Herden vorbeiziehen, erwecken sie Neugier und Sympathie. Teilweise sogar dermassen, dass sie sich in einer geschützten Lichtung verbergen, um ungestört zu sein! Dennoch sind Schäfer und Herden nicht immer willkommen: Einige Landwirte sind aus den verschiedensten Gründen in der Defensive und verbieten ihnen den Zutritt zu ihrem Land. Die Wanderschäferei ist behördlich reglementiert und teilt Züchtern bzw. Herdenbesitzern gewisse Zonen zu, allerdings sind die Bauern nicht verpflichtet, die Schafe auf ihrem Land zu dulden.
Wie haben die Schäfer Sie aufgenommen?
Wir haben uns sofort geschätzt. Pascal, mit seinem scharfen Blick unter rauer Schale, und Carole übten gleich eine Faszination auf mich aus. Beide haben diesen Sinn für Schönheit und «Reinheit». Statt auf Jeep und synthetische Kleidung in grellen Farben zu setzen, ent¬schieden sie sich für Esel und die wundervolle, traditionelle Tracht der Bergamasker Schäfer. Schnell habe ich mich auf ihr Abenteuer eingelassen und wollte immer wieder zurückkehren - am nächsten Tag, am übernächsten, am überübernächsten...
War es ein Leichtes für Sie, Pascal und Carole von ihrer Teilnahme am Film und dem Dreh generell zu überzeugen?
Zunächst waren sie skeptisch. Nicht zu vergessen, dass sie häufig fotografiert werden und bereits zahlreiche Amateurvideos über sie existieren. Als ihnen jedoch klar wurde, dass dieses Projekt weitaus anspruchsvoller war und sie meine Entschlossenheit spürten, änderte sich ihre Einstellung und sie nahmen mich ernst. Während der fast zwei Jahre dauernden Projektvorbereitung habe ich an einer kompletten Wanderung mit der Herde teilgenommen - eine Zeit, die für den Aufbau des gegenseitigen Vertrauens notwendig war.
Sie betonen die Kenntnisse der Schäfer sowie ihre Fähigkeit, die Herde zu «genehmigten» Weiden zu führen und über ihre Gesundheit zu wachen. Haben diese Kompetenzen Sie beeindruckt?
Es ist ein facettenreicher Beruf, der dem Schäfer viel abverlangt. Mein Anliegen war, die ganze Komplexität, harte Realität und das Führen der Herde zu vermitteln. Schäfer sind permanent wachsam und echte Ruhepausen sind nur selten. Eine achthundertköpfige Herde, auf einem drei Meter breiten und von ausgesäten Feldern gesäumten Weg zu führen, ohne dass ein einziges Schaf ausbricht, können definitiv nur wenige. Hier ist das Feingefühl eines Diri¬genten gefragt!
Einzige Zerstreuung für Schäfer ist die Lektüre. Was lesen sie im Licht ihrer Stirnlampe?
Carole hat stets ein Buch bei sich, das sie in jeder ruhigen Minute zur Hand nimmt. So las sie beispielsweise Nördlich des Weltuntergangs von Arto Paasilinna.
Welche Entfernung haben Sie während der 4-monatigen Wanderung zurückgelegt?
Rund 600 km bzw. durchschnittlich 5 km am Tag.
Die Schäfer sind mit drei Eseln, achthundert Schafen, vier Hunden unterwegs und verbringen die kalten Winternächte am Rand der Wälder. Wie hat sich das Filmteam an diese besonders schwierigen Bedingungen angepasst?
Das Team wurde gemäss meinen Zielen und den aussergewöhnlichen Bedingungen der Wanderschäferei zusammengestellt. Camille Cottagnoud, unser bildgestaltender Kameramann, ist Dreharbeiten in den Bergen gewohnt und auch mein für die Tonaufnahmen verantwortlicher Bruder, Marc von Stürler, ist abgehärtet. Natürlich galt es, uns an den Rhythmus der Schafwanderung anzupassen und nicht etwa umgekehrt!
Der Soundtrack des Films lässt nur wenig Platz für Musik. Weshalb bevorzugten Sie den Originalton?
Es lag mir daran, all die wunderbaren Geräusche der Hirtenwanderung zur Geltung zu bringen und erwog sogar, vollständig auf Musik zu verzichten. Schlussendlich schien mir aber doch, dass Musik notwendig war, um Akzente zu setzen, eine Art „Verschnaufpausen" einzulegen, die Vergänglichkeit zu markieren und auch um etwas Distanz aufzubauen.
Obwohl selber Komponist, haben Sie Olivia Pedroli beauftragt, die Musik für diesen Film zu komponieren. Was war der Grund?
Da Regiearbeit aufwendig ist, blieb mir kaum Zeit, auch die Musik zu komponieren. Ausserdem fand ich es interessant, die Erzählung durch eine anderen Sicht- und Hörweise zu ergänzen.
Für das Konzept des Films haben Sie mit Claude Muret, der bereits zahl¬reichen Schwei-zer Regisseuren zur Seite stand, zusammengearbeitet. War es eine produktive Zusam-menarbeit?
Obwohl seit über 20 Jahren in diversen kreativen Prozessen eingebunden, wurde mir rasch klar, dass ich einen «alten Hasen» an meiner Seite und dessen Erfahrung benötigte. Hier spielte Claude Muret eine Schlüsselrolle und er war an jeder Schaffensphase beteiligt.
Stellte Ihre fehlende Erfahrung ein Handicap bei der Suche nach einem Produzenten dar?
Bevor ich Kontakte zu Produzenten aufnahm, hatte ich bereits ein solides Team für dieses Projekt zusammengestellt und stand also nicht mit leeren Händen da! Heinz Dill und Elisabeth Garbar waren sofort begeistert. Sie waren auch die ersten, die das Potential des Films erkannten und mir vertrauten.
Nach dieser ersten erfolgreichen Regieführung, planen Sie weitere Filmprojekte?
Ja, es liegen bereits weitere Projekte für Dokumentarfilme vor, essentiell jedoch ist, die «richtigen» Vibrationen zu spüren, um ein Projekt langfristig und voller Überzeugung durchführen zu können.
Interviews durchgeführt von Françoise Deriaz