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In den 2010er Jahren sind sowohl von verschiedenen UNO-Organisationen, wie NGOs und Landwirtschaftsbasisinitiativen substantielle Vorstösse gemacht worden, die letztlich alle das gleiche wollen.
Vorletztes Jahr wurde die Initiative für Ernährungssicherheit mit grosser Mehrheit vom Volk angenommen. Letztes Jahr scheiterte die Ernährungssouveränitätsinitiative nicht nur an der gegnerischen, häufig verleumderischen Propaganda, sondern vermutlich auch an der grösseren Komplexität und der mangelhaften Kommunikation der Intitiantinnen und Initianten. Letztes Jahr thematisierte Agrarinfo am Welternährungstag das Thema Agrarökonomie und am kommenden Welternährungstag gilt der Schwerpunkt der UN-Deklaration zu den Kleinbauernrechten von 2018, die sich, wie auch die Ernährungssouveränität an den Forderungen internationaler Kleinbauernorganisationen wie Via Campesina orientiert. Ebenso, wie das 10 Punkte-Programm für die globale Landwirtschaft der Zukunft der Welternährungsorganisation FAO.
Unterschiedlicher Zuspruch für die gleichen Anliegen
Irritierend ist, dass die verschiedenen genannten nationalen und Internationalen Initiativen, Kampanien, Deklarationen und Bewegungen zum Teil in den gleichen Kreisen auf sehr unterschiedliche Reaktionen stossen, obwohl sich im Wesentlichen alle auf ähnliche wissenschaftlichen Erkenntnisse und demokratische Grundrechte stützen.
Kurz gesagt, versuchen alle, die Bäuerliche Landwirtschaft gegen die zunehmende Industrialisierung und Monopolisierung der Landwirtschaft zu stoppen, die Interessen der Landbevölkerung, Bäuerinnen und Bauern, sowie der Arbeitenden in der Landwirtschaft zu schützen.
Nicht aus reinem Altruismus oder sogenanntem Gutmenschentum:
Der Uno-Welternährungsrat hat längst erkannt, dass die Sicherstellung der Welternährung nicht mit der kurzfristig Gewinn- (und Renditenorientierten) industriellen Landwirtschaft der Grosskonzerne gewährleistet wird. Sondern dass vielmehr durch den Erhalt traditioneller Pflanzensorten und (konventionellen) neuen Züchtungen die Landwirtschaft unter dem Strich resistenter und ertragreicher wird.
Schutz vor der Agrarindustrie
Alle zu Anfang erwähnten Lösungsansätze zielen letztlich darauf ab, dass die Böden schonender bearbeitet werden und statt Monokulturen ein vielfältiger Anbau gefördert werden soll. Und dass das Wissen und die Erfahrungen der Bauern wertgeschätzt und international ausgetauscht und vor den Monopolgelüsten der Agrarindustrie geschützt werden müssen.
Konzerne und korrupte Regierungen drängen weltweit Bauernfamilien das patentierte und zum grossen Teil genmanipuliertem Saatgut zu kaufen. Die UN Erklärung stärkt die Rechte auf eigenes Saatgut von besonders diskriminierten, ausgegrenzten und in ihrer Existenz bedrohten Gruppen auf dem Land, die einen Grossteil der Welternährung sichern.
Industrielle Landwirtschaft vernichtet Nahrungsmittel und Ressourcen
Der Lebensmittelbedarf der Weltbevölkerung steigt. Die Antwort der meisten Regierungen und insbesondere der grossen Agrokonzerne darauf lautet Industrielle Landwirtschaft, manipuliertes und patentiertes Saatgut und – trotz allen bitteren Erfahrungen mit Hungersnöten und Vergiftung der Böden in Folge der sogenannten Grünen Revolution der 60er und 70er Jahre – riesige Monokulturen, Leistungszuchten und unmenschlicher Industrieller Fleischproduktion, die mehr Nahrungsmittel verbraucht als sie produziert. Nach Erkenntnissen der FAO sind die derart angepriesenen Ertragssteigerungen in aller Regel nur von kurzer Dauer. Langfristig laugt die Kombination aus Hochertragssorten, Pestiziden und Kunstdünger ohne Fruchtwechsel die Böden aus. Gerade in der Dritten Welt führt der unsachgemässe Einsatz von Pestiziden zu zahlreichen Todesfällen. Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung führt zu Resistenzen, die zunehmend zum lebensbedrohlichen Problem für Spitalpatientinnen und -patienten auf der ganzen Welt werden. Dass immer noch rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger leiden, liegt nicht an einem generellen Mangel sondern ungerechter Verteilung und rücksichtsloser Profitmaximierung.
Weltweit sterben jedes Jahr rund 200 000 Menschen an den Folgen des Pestizideinsatzes. Ausserdem sind Saatgut und Dünger gerade für Kleinbauern, die heute laut dem renommierten Medizinerfachblatts «Lancet» die Hälfte bis drei Viertel aller Grundnahrungsmittel produzieren, schlicht zu teuer. Sie werden von Knebelverträgen der Saatgut-, Düngemittel- und Pestizidproduzenten schlicht in den Ruin getrieben und letztlich ihrer Ländereien beraubt.
Fressen und Moral sind nicht zu trennen
Zwar kommt das Fressen laut Brecht vor der Moral. In diesem Zusammenhang ist aber beides nicht voneinander zu trennen. Die Agrarindustrie verletzt systematisch und mit Hilfe korrupter Regierungen oder Ordnungskräfte massiv die Menschenrechte von Kleinbauernfamilien, Landarbeiterinnen und – arbeiter sowie indigener Völker, insbesondere in Lateinamerika, Afrika und Südostasien. Dabei schrecken sie weder von gewaltsamer, illegaler Vertreibung noch vor Mord, Vergewaltigung und faktischer Versklavung zurück. Damit muss endlich Schluss gemacht werden.
Es gibt keinen Nahrungsmittelmangel
Kein Zweifel: Der Nahrungsmittelbedarf wächst mit der Weltbevölkerung. Allerdings werden schon heute deutlich mehr Lebensmittel produziert als eigentlich benötigt werden. Allerdings werden sie zum grossen Teil sinnlos als Futtermittel für die Massentierhaltung vergeudet. Ein Drittel aller Lebensmittel (etwa anderthalb mal so viel, wie es bräuchte um die derzeitige Weltbevölkerung zu ernähren) wird schlicht (zum Teil aus Spekulationsgründen, zum Teil aus Unachtsamkeit, zum Teil, weil in der ersten Welt nur erstklassig Ware akzeptiert wird) weggeworfen.
Die Ziele der Ernährungssouveränitätsinitiative waren de fakto weder utopisch noch all zu kompliziert. Wie die FAO mit ihrer Leitlinie «10 Elements of Agroecology» und der Uno-Deklaration zum Schutz der Kleinbauernrechte, verlangte sie als Lösung für Hunger-, Mangel- und Fehlernährung und zahlreiche ökologische und soziale Probleme eine Abkehr von der industriellen, hin zur regionalen und bäuerlichen Landwirtschaft. Laut FAO ist erwiesen, dass industrielle, ressourcenintensive Landwirtschaftssysteme zu massiven Abholzungen, Verlust der Biodiversität, Umweltschaden und Treibhausgasemissionen führen. Wenn es auch in Zukunft eine Landwirtschaft geben soll, muss diese bäuerlich, regional, ökologisch und sozial gerecht sein und Rücksicht auf die regionalen Anbaubedingungen aber auch die Lebensbedingungen und Kultur der regionalen Bevölkerungen nehmen.
Gerade die aktuelle Coronakrise zeigt auch auf, wie wichtig eine regionale Ernährungssouveränität von heute auf morgen werden kann. Höchste Zeit, die Kräfte im Kampf gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft zu bündeln, statt weiter mit Tunnelblick auf einzelne Probleme planlos nebeneinander herzuwursteln.