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Gaby Cepeda über "Counter-humanism"
Sylvia Wynters faszinierend komplexe und visionäre Kritik des Humanismus und ihr Konzept von „spezifischen Gattungen des Mensch-Seins“ dienen mir aktuell als Inspiration, um zu verstehen, welche Kunst ich momentan sehen und über welche ich gerade nachdenken möchte: Kunst, die einen Ausweg aus den chaotischen, ausbeuterischen und entmenschlichenden Bedingungen sucht, unter denen wir heute leben. Für Wynter war der Mensch eine historisch kontingente und an sehr konkrete Umstände gebundene Erscheinung. Sie unterscheidet zwischen „Mensch 1“, der, wie Katherine McKittrick in ihrem Buch Sylvia Wynter: 'On Being Human as Praxis' (2015) erklärt, „mit der theologischen Ordnung des Wissens im lateinisch-christlichen Europa des Mittelalters vor der Renaissance verbunden war“ und einem auf ihn folgenden „Mensch 2“, „einer Figur auf Grundlage des westlich-bürgerlichen Modells des Mensch-Seins …, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als homo oeconomicus des liberalen Monohumanismus artikuliert wurde.“ Diese jeweiligen Gattungen schleppen einen gewaltigen Ballast in Form mächtiger Systeme des Wissens, der Gesetze und der Geschichte mit sich; Systeme, die – wie McKittrick schreibt – ihren Anteil haben an der Ermöglichung und Herausbildung
"[…] der gelebten und „rassifizierten“ Kategorien des Rationalen und Irrationalen, der Ausgewählten und Herausgewählten, derer, die besitzen, und derer, die nichts besitzen. Als asymmetrische, naturalisierte „rassifiziert“-sexuelle Menschengruppen, die an Ort, Zeit und Personen gebunden sind, kündigen sie jedoch einen Prozess an, durch den die empirischen und gelebten Leben aller Menschen mehr und mehr einer Figur [Mensch 2] untergeordnet werden, der von der Akkumulation lebt."
Wynter öffnet mit ihrem Glauben an eine Menschlichkeit, deren narrative Kapazitäten die Materialisierung von Realität ermöglichen (oder an „Geschichtenerzähler*innen, die sich nun geschichtenerzählend als rein biologisches Sein erfinden“, wie McKittrick schreibt), einen Weg in die Zukunft. Neue Konzeptionen des Selbst und anders formulierte Geschichten des Ursprungs könnten auf das folgen, was Wynter einen „planetarischen Humanismus“ nannte, einen Humanismus, der massgeschneidert auf all unsere Bedürfnisse passt – und damit sind hier die Bedürfnisse von allem Lebendigen auf dem Planeten gemeint, ob nun menschlich oder nicht: jede Spezies der Erde, die von den Menschen irgendwann einmal als auszubeutende Ressource betrachtet worden ist. Ich möchte glauben, dass das letzte Jahr, dass all der Verlust und die Zerstörung so vieler Leben und Lebensgrundlagen, der Verlust von so viel Freude, endlich den nötigen Druck aufgebaut hat, um eine spezifische Menschengattung zu erdenken, entwerfen und schaffen, die uns alle erfüllt – eine Gattung, die symbiotische Beziehungen zwischen den Arten zulässt.
Ich denke, dass Künstler*innen aller Richtungen eine zentrale Rolle bei einer derartigen Neuprogrammierung des Narrativs spielen sollten. Mich interessieren daher Künstler*innen, die entsprechend arbeiten und sich der gegenwärtigen Situation gegenüber grundlegend kritisch verhalten – und zwar ebenso imaginativ wie auch generativ. Solche Künstler*innen entwerfen neue Narrative und alternative Modelle des Mensch-Seins und verknüpfen Geschichte und verschiedene Auffassungen und Einsatzweisen von Material neu miteinander. Oft kritisieren sie den Humanismus, wie wir ihn üblicherweise verstehen, und das heisst: Sie kritisieren ein Verständnis, das sich der Anerkennung dessen verweigert, was Wynter und viele andere antikoloniale und Schwarze Denker*innen klar und deutlich sehen. Dass nämlich Begriffe wie „Mensch“, „man“, „Objekt“, „Ware“ und „Ressource“ noch nie stabil und klar abgegrenzt waren – eine Tatsache, die während des transatlantischen Sklavenhandels, der Kolonialisierung und des andauernden Prozesses der Kolonialität aufs Grausamste deutlich wurde und wird.
An diesem Punkt inmitten eines gewaltigen Bruchs, der durch die globale Pandemie nur noch deutlicher zutage tritt, ist es ein entscheidend, dass wir unsere Vergangenheit abstreifen und die Zukunft als gemeinsame neu entwerfen. Es geht um eine Zukunft, die sich gerade noch ungewisser anfühlt als je zuvor – eine Zukunft, die, wie es gegenwärtig leider aussieht, nach wie vor in einer Geschichte schändlicher Hierarchien und gewalttätiger Gegensätze wurzelt, deren bittere Früchte schon heute reifen.
–Gaby Cepeda
(Übersetzt von Dominikus Müller)
Gaby Cepeda (geboren 1985 in Mexiko) ist Kunstkritikerin und gelegentlich auch Kuratorin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Counter-Humanismus, Technologie, Feminismus, Akzelerationismus und der Arbeit der Kunst. Ihre Texte sind unter anderem in Artforum, Art in America, ArtReview, Terremoto und Rhizome erschienen. Sie hat Ausstellungen in Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Lima, Toronto, Chicago, Berlin und New York kuratiert bzw. daran teilgenommen. Momentan absolviert sie das Postgraduiertenprogramm in Kunstgeschichte/zeitgenössischer Kunst an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) in Mexiko-Stadt, wo sie lebt und arbeitet.