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December 8, 2011 / erstellt am: December 8, 2011

Weiterbildung, HKB, Diplomarbeit, Master-Thesis, Theorie / Bewertung: 9
Ist «sichtbare Abwesenheit» ein Paradoxon?
Es geht um die Sichtbarmachung von Abwesenheit. Was abwesend ist, ist nicht anwesend und somit nicht sichtbar, könnte man meinen. Abwesendes sichtbar machen, mag vorerst paradox erscheinen. Aber dieser Widerspruch ist nur scheinbar ein Paradoxon, da es unzählige Beispiele von Bildern gibt, die Abwesenheit darstellen. Wie ist das möglich?
In einem ersten Teil der Master-Thesis an der HKB Bern ging es darum innerhalb von rund zwei Monaten eine schriftliche Reflexion mit wissenschaftlichem Anspruch über das frei gewählte Thema zu schreiben, welche als Grundlage für die anschliessende praktische Arbeit gilt. Es soll eine reflektierte Auseinandersetzung mit einer gestaltungsrelevanten Fragestellung sein, welche Voraussetzungen und Bedingungen klärt und das Thema in seinen Kontext erfasst.
Wie bin ich auf dieses scheinbar paradoxe Thema «sichtbare Abwesenheit» gestossen? Bereits während der Recherche habe ich bemerkt, dass mich dieses Thema bereits seit langem mehr unbewusst als bewusst beschäftigte. Ausgehend von Texten zum Beispiel fragte ich mich, wie etwas gesagt werden kann, ohne es explizit zu sagen. Übertragen auf Bilder fragte ich mich, wie etwas gezeigt werden kann, ohne es explizit zu zeigen. Mich fasziniert einerseits dieser Interpretationsspielraum und andererseits die gezielte visuelle Kommunikation. Wie kann etwas gezeigt werden, das nicht anwesend ist?
Meine Motivation dieses Thema zu bearbeiten, liegt in meiner Faszination des erwähnten scheinbaren Paradoxons, der Vielseitigkeit des Themas und in der Faszination menschlicher Imaginationskraft. Wir sehen ein Bild und nehmen mehr wahr, als tatsächlich dargestellt ist. Bilder, die eine «sichtbare Abwesenheit» zeigen, umgibt eine Aura des Rätselhaften. Wir sehen ein Bild und denken darüber nach, was abwesend sein könnte.
Ziel meiner schriftlichen Reflexion ist es, eine Typologie von «sichtbarer Abwesenheit» zu erstellen. Diese Typologie soll die Frage, wie Abwesenheit sichtbar gemacht werden kann, beantworten. Ausgehend vom Titel «Sichtbare Abwesenheit» gilt es zuerst die beiden Begriffe «sichtbar» und «Abwesenheit» zu erörtern um den Gegenstand dieser schriftlichen Reflexion definieren zu können. Es ist einerseits eine Auseinandersetzung mit Bildern und andererseits eine thematische Herangehensweise. Um das Thema eingrenzen zu können, müssen auch diese Grenzen angeschaut werden. Zum Beispiel «das Unsichtbare» oder «das Nichts» stehen in engem Zusammenhang mit «Abwesenheit».
Wer oder was abwesend ist und auch die Frage nach dem warum etwas abwesend ist, sollen sekundär sein, was nicht heisst, dass sie nicht wichtig wären. Es geht viel mehr darum, dass eine Abwesenheit als Hauptbotschaft wahrgenommen werden kann. Welche Kriterien oder Merkmale verweisen auf eine «sichtbare Abwesenheit»? Ist zum Beispiel ein Mensch abwesend, soll genau diese Abwesenheit des Menschen sichtbar gemacht werden. Ein Stuhl alleine in einem Zimmer zum Beispiel reicht nicht aus um die Abwesenheit eines Menschen zu zeigen, weil wir primär den Stuhl als anwesendes Objekt erkennen und die Hauptaussage nicht auf der Abwesenheit des Menschen liegt. Aber wann steht ein leerer Stuhl für eine Abwesenheit und wann wird er einfach als leerer Stuhl wahrgenommen?
Ich glaube sogar, dass durch die Sichtbarmachung einer Abwesenheit das Augenmerk erst recht darauf gelenkt wird und somit eine beabsichtigte Aussage noch verstärkt werden kann. Diese Hypothese versuche ich in einem letzten Teil zu begründen. An Hand verschiedener Bildbeispiele soll das Thema «sichtbare Abwesenheit» konkretisiert werden. Was ist mit «sichtbarer Abwesenheit» gemeint? Die Auswahl der Bildbeispiele entstand im Hinblick auf die Typologie in der anschliessenden Analyse, welche die Erkenntnisse verallgemeinert.
Entstanden ist eine ziemlich umfangreiche Arbeit, wie ich sie im voraus nicht erwartet hätte. Dies hängt damit zusammen, dass sowohl der Begriff «Abwesenheit» wie auch der Begriff «Bild» unterschiedliche Definitionen zulassen und sehr weit gefasst werden können, was eine der vielen Erkenntnisse dieser schriftlichen Reflexion ist. Während der Arbeit und den Besprechungen mit meiner Mentorin sind einige Probleme aufgetaucht, die für mich aus gewisser Distanz betrachtet den Lerneffekt dieser Arbeit ausgemacht haben. So stellte ich zum Beispiel fest, dass mein Thema relativ schnell ins Philosophische und auch Psychologische abdriftet, wo ich nicht wirklich zu Hause bin, da ich weder Philosoph noch Psychologe bin. Oder die grundsätzliche Frage, ob eine solche Arbeit in die Breite oder in die Tiefe gehen soll, war ein weiteres Problem. Meine Fokussierung auf eine gestaltungsrelevante Hauptfrage und daraus abgeleiteten Hypothese verlangt nach einer gewissen Breite, da ich möglichst viele Aspekte «sichtbarer Abwesenheit» zeigen wollte. Dass dabei eine gewisse Gefahr von Oberflächlichkeit auftreten kann, nahm ich in Kauf. Dank einer klaren Struktur der Arbeit, habe ich mich jedoch nicht verzettelt, sondern konsequent mein im voraus formuliertes Ziel angestrebt. Ein weiteres Problem betrifft den objektiven Schreibstil, der bei einer schriftlichen Reflexion mit wissenschaftlichem Anspruch verlangt wird. Ich glaube, dass dadurch der Vorwurf einer gewissen Gefühlslosigkeit entstanden ist, da Äusserungen über Gefühle meist sehr subjektiv sind. Ich wollte zum Beispiel Wertungen von Themenfeldern oder Beweggründen vermeiden, habe jedoch gelernt, dass Wertungen auch objektiv sein können, wenn sie allgemeingültig sind. Dass ich oft unterschiedliche Ebenen miteinander vermische, wurde mir zwar bewusst, brachte mich aber an meine intellektuellen Grenzen.
Dennoch finde ich, dass ich eine interessante, verständliche, einleuchtende, reichhaltige, aufschlussreiche und anschlussreiche Arbeit geschrieben habe, wie es verlangt wurde. Und vor allem ist eine Arbeit entstanden, die mir im Hinblick auf meine praktische Arbeit weiterhelfen kann.
praktische Arbeit
Ausstellung zur Master-Thesis
Text zur Ausstellungsbeschreibung
Fotografien während des Ausstellungsaufbaus