Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03363.jsonl.gz/652

Zukunft für Kinder
Die Geschichte, wie alles angefangen hat
2003 entschied sich Daniel Elber, nach mehr als 35jähriger Tätigkeit im Bankensektor, seinen Job aufzugeben, um sich während einer längeren Auszeit in Bali, Indonesien, Gedanken über seine weitere berufliche Zukunft zu machen.
Bereits im Laufe der ersten Monate in Bali begegnete er vielen Bettlerinnen mit ihren Kindern in den Strassen von Ubud. Diese Begegnungen berührten und irritierten gleichzeitig. Irgendwie passten bettelnde Menschen zu diesem Zeitpunkt einfach nicht in das Bild, das sich Daniel Elber von dieser, im «Paradies» lebenden, extrem familien- und gemeinschaftsorientierten Gesellschaft machte. Sie lösten Fragen über Fragen aus. Woher kommen diese Frauen? Wieso müssen sie betteln? Wie sehen ihre Lebensumstände aus? Was unternimmt die Regierung, um diesem Problem zu begegnen und den Frauen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen? Wäre es richtig, spontan zu handeln und den Bettlerinnen Geld zu geben?
Die Auszeit hatte den Vorteil, dass Daniel Elber genügend Zeit hatte, um diesen Fragen nachzugehen. Obwohl die wenigsten Befragten wirklich konkrete Antworten geben konnten oder wollten, kristallisierte sich heraus, dass die Bettlerinnen alle aus der gleichen Gegend kommen mussten, aus dem Norden der Insel, aus einem Gebiet mit dem Namen «Munti» oder Muntigunung.
Auf dem Rücksitz eines Motorrades fuhr Daniel mit Iluh, einer Balinesin aus Amed, eines Tages nach Muntigunung, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen und eventuell sogar Bettlerinnen, die er in den vergangenen Wochen noch in Ubud gesehen hatte, an ihrem Wohnort anzutreffen. Nichts, aber auch gar nichts war so, wie er es sich vorgestellt hatte. Muntigunung während der Trockenzeit ist eine Gegend, die mit dem extrem fruchtbaren, tropisch feuchten Süden Balis überhaupt nichts gemein hatte. Halbwüstenähnlich, gelb-braungebrannte Landschaft, staubbedeckte Naturstrassen, heiss und trocken, eine eher unwirtliche Gegend mit einfachen Bambushütten…und, das erfuhr Daniel Elber aus Gesprächen mit Einheimischen, ohne irgendwelche Wasserressourcen. Die Einheimischen mussten bis zu 5 Stunden täglich gehen, um Wasser für Ihre Familien zu beschaffen.
Auf der Rückfahrt nach Ubud entschied sich Daniel Elber spontan, Hilfe für die Leute von Muntigunung zu organisieren. Fritz Lienhard und Ruth Moser, die Daniel Elber während dieser Zeit in Bali besuchten, erklärten sich spontan bereit, den Verein Zukunft für Kinder zu gründen und damit die Hilfe für Muntigunung zu initiieren. Der Verein wurde im Dezember 2004 gegründet.
Das Gebiet von Muntigunung liegt am nördlichen Abhang der Batur Caldera in Bali, zwischen 100 und 800 Metern über Meer. Es umfasst auf einer Fläche von 28 km2 36 Dörfer mit knapp 6000 Einwohnern. 15 dieser Dörfer haben keine Strassenverbindungen und sind somit schwer zugänglich.
Die Nordseite Balis und damit auch das Gebiet von Muntigunung ist extrem trocken, da während des grössten Teil des Jahres (ca. 8 Monate), die Regenwolken, von Süden kommend, an der natürlichen Barriere, welche die Berge Agung, Abang und Batur bilden, abregnen. Die nördlich dieser Berge liegenden Gebiete erhalten damit in der Zeit zwischen Mai und Dezember keinen Regen. Da das Gebiet Muntigunung auch über keine natürlichen Quellen verfügt, ist die Wasserbeschaffung für die Bevölkerung das vordringlichste Problem. Bis zu 5 Stunden werden täglich für das Heranschaffen von Wasser aus dem fernen Lake Batur oder von der Küste benötigt. Dies ist vornehmlich Frauen- und Kinderarbeit.
Die ausgeprägte Trockenheit verhindert den Anbau von Agrarprodukten während des grössten Teils des Jahres. Fehlende Ausbildung (die meisten älteren Einwohner sind Analphabeten) und fehlende Möglichkeiten zur Beschäftigung und zur Generierung von nachhaltigem Einkommen zwingen deshalb die Frauen und Kinder von Muntigunung, in den Touristenzentren im Süden der Insel zu betteln, um ihr Überleben zu sichern. 95% aller Bettler in Bali kommen aus dem Gebiet von Muntigunung, weshalb man dieses Gebiet auch «das Armenhaus von Bali» nennt.
Fehlendes Wasser, fehlendes Know How zur Reinigung von Wasser, fehlende Toiletten und damit eine sehr unhygienische Umgebung fordern ihren gesundheitlichen Tribut. 9% aller Kinder sterben während der ersten 5 Jahre ihres Lebens. Fehlende Mittel und fehlendes Wissen bezüglich gesunder Ernährung führen zu Mangelernährung und deshalb auch zu einem reduzierten Wachstum des Hirns und damit zu reduzierter Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit von Informationen.
Da ein Grossteil der Bevölkerung nicht registriert ist und demzufolge auch nicht über eine eigene «Identität», respektive über eine Identitätskarte verfügt, sind diese Menschen nicht berechtigt, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge für alle (Bali Mandara), gratis in Spitälern behandelt zu werden.
Da die Menschen auf Einkünfte des Bettelns angewiesen sind, werden ihre Kinder als «emotionale Verkaufsunterstützung» in diese Tätigkeit integriert, mit der fatalen Folge, dass diese ein relativ wirkungsvolles System zur Geldbeschaffung lernen. Damit ist der falsche Samen für ihre Entwicklung bereits gelegt. Ausserdem verhindert diese externe Betteltätigkeit wie auch das fehlende Bewusstsein der Eltern bezüglich Nutzen einer Ausbildung auch den Besuch der Schule.
Die Ursachen der Armut der Bevölkerung in Muntigunung liegen somit in einer Vielzahl von unterschiedlichsten, in einander verwobenen Faktoren! Ohne Hilfe von Aussen ist es der Bevölkerung nicht möglich, sich aus dieser Armut zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.