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«Ein Leben», sagte der alte Thomas Mann mit Blick auf Heinrich Kleist, «braucht nicht 80 Jahre zu währen, um auf seine Art voll bestanden und siegreich vollendet zu sein». Und so war Hermann Burgers Suizid mit einer Überdosis Schlaftabletten am 28. Februar 1989 seltsam konsequent. Denn Todes- und Selbstmordthemen durchziehen sein ganzes Werk, alles lebt immer dem Friedhof zu. Seine Erzählung «Der Schuss auf der Kanzel» schliesst mit dem Satz: «Schriftsteller sein heisst Sprache haben über den Tod hinaus.» Auf die Frage: «Wie möchten sie sterben?», hatte Burger 1983 geantwortet: «Definitiv». Dass er nach seinem Tod tatsächlich schnell in Vergessenheit geriet, ist indes eine krasse Ungerechtigkeit. Vor allem aber ist es eine Selbstvergessenheit, ein Schaden, den die Nachwelt sich selbst zufügt, wenn sie meint, einen ihrer Grossen nicht vermissen zu müssen. Denn der 1942 im aargauischen Menziken geborene Burger zählte zu den herausragenden Schriftstellern des ausgehenden 20. Jahrhunderts und zu den bedeutendsten Autoren der Schweiz überhaupt.
Zwanzig Jahre nach seinem Tod wird sein bis heute berühmtestes Werk, der 1976 erschienene Débutroman «Schilten», neu aufgelegt. Damals ein Ereignis, erweist sich der Roman, den der Autor für seinen besten hielt, weiterhin als Meisterwerk. Es geht um den gescheiterten Dorfschullehrer Peter Stirner in Schilten, einem abgelegenen Dörfchen im hintersten Aargau, wo die Turnhalle praktischerweise auch als Abdankungshalle dient. Ihm, der sich Armin Schildknecht nennt, legen seine Vorgesetzten «absurde Umtriebe» zur Last. Er rechtfertigt sich in einem langen Schulbericht, einer Vierhundert-Seiten-Suada, mit monologischen Fantasien. Seine Rechtfertigungsschrift ist sowohl pädagogisch-existentieller Hilfeschrei wie auch Anklage, eine trotzige Brandrede gegen die Obrigkeit der «Inspektorenkonferenz» und alle Autorität.
Der Tod ist präsent in jedem Satz. Das Schulhaus, in dem Schildknecht unterrichtet, liegt direkt neben dem Friedhof, und Friedhofschwermut legt sich über alles Leben und Lernen. Er weiss denn auch nicht recht, dieser Lehrer, auf was anderes als den Friedhof er sein Schulgut vorzubereiten hätte. Einst wollte er es besser machen als Vorgänger Haberstich, der die Schüler mit ausgestopften Vögeln quälte. So erfindet er immer neue Fächer, insbesondere die «Totenkunde». Die Realien werden durch «Surrealien und Irrealien» ersetzt. Nicht fürs Leben wird gelernt, sondern für den Nebel. Längst hat der Schulmeister keine Klasse mehr, längst ist er aus dem Dienst entlassen. In seinem leeren Schulhaus gefangen, hält er dennoch Tag für Tag Unterricht vor leeren Bänken und diktiert der imaginären «Einheitsförderklasse» in die nebelfesten Generalsudelhefte. Er fühlt sich einsam, unbeachtet, im Niemandsland lebendig begraben. Seine Krankheit ist nicht spezifisch, sondern fundamental und generell, und so ist der Roman auch eine einzige Krankengeschichte.
Einmal mehr zeigt sich, dass grosse Literatur mit wenig «Stoff» auskommt. Da schreibt einer überragende Literatur, obwohl er über Dutzende von Seiten stofflich nicht vom Fleck kommt. Schilten ist eine einzige Ohrfeige für die stupide These, in der kleinen Schweiz, dem «Diskurs in der Enge» (Paul Nizon), sei welthaltige Literatur nicht möglich. Schildknechts Prosa ist verwegen angereichert mit Fremdwörtern, Fachausdrücken und Neologismen. Seine Sätze wollen oft kein Ende nehmen, Sprache gegen den Tod; gegen ihn, scheint es, hilft nur Kunst. Magisch bannt sie auf Zeit das Verschwinden. In seinem universalen Lebens- und Todeswiderspruch gelingen dem Erzähler die wunderbarsten Sätze. Ein Glück, dass dieser frühe Wurf nun wieder lieferbar ist.
vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich
Hermann Burger: Schilten, hrsg. von Peter von Matt. Zürich: Nagel und Kimche, 2009