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Warum Walliser Metzger während des Kriegs im Gefängnis landeten. Wieso Edith Zenhäusern zwölf Jahre lang kaum eine Nacht durchschlief. Und welchen Einfluss die katholische Kirche im Wallis auf die Familienplanung hatte.
WOZ: Frau Zenhäusern, Sie arbeiteten bereits als junges Mädchen, in den vierziger Jahren, in einem Geschäft in Genf. Waren damals viele Frauen erwerbstätig?
Edith Zenhäusern: Geld verdient hat nicht jede, aber «chripplu» mussten wir alle. Ganz besonders während des Kriegs, als alle Männer eingezogen wurden.
Wie erlebten Sie die Kriegsjahre?
Edith: Alles war knapp. Es gab diese Coupons einmal pro Monat – ohne die hast du nichts bekommen. Alles wurde aufs Gramm genau gewogen. Der Bäcker schnitt manchmal eine Scheibe Brot ab oder legte eine dazu. Es herrschte grosse Armut im Wallis.
Leute, die Hühner, Schafe oder Kühe hatten, waren aber nicht so sehr davon betroffen, oder?
Edith: Doch, es hatten alle gleich wenig. Ein Kontrolleur machte die Runde und wog alle Waren ab. Hattest du eine gewisse Anzahl Kilo Fleisch, bekamst du entsprechend weniger Coupons. So war es auch bei der Milch, den Eiern …
Albin Zenhäusern: Alles war kontingentiert.
Versuchte man da zu schummeln?
Edith: Das war unmöglich. Wenn du das «Schwingi» (Schwein) zum Metzger brachtest, wurde es gewogen. Stell dir vor: Wir hatten einen grosszügigen Metzger. An den Knochen für die Suppe liess er ein bisschen Fleisch dran. Doch das war verboten. Dafür musste er sogar ins Gefängnis!
Albin: Auch die Metzger aus Visp mussten abhocken, weil sie jemandem Fleisch gegeben hatten ohne Coupons. Und überall, wo heute Wiesen sind, hat man «Choru» (Roggen) und «Härpfel» (Kartoffeln) angepflanzt. Die Leute waren weitgehend Selbstversorger.
Edith: Ich erinnere mich noch gut an all die grossen «Chorufelder», als ich nach Unterbäch kam. Damals arbeitete ich bei Albins Bruder in der Pension Zenhäusern. So lernten wir uns kennen und heirateten.
Mussten die Eltern für die Hochzeit ihr Einverständnis geben?
Edith: Ich konnte selbst entscheiden. Doch Albins Mutter sagte: «Die musst du nehmen, die kann anpacken.» Das habe ich mal zufälligerweise gehört – und nie vergessen. Von wegen Liebe …
Albin: Eine jede hätte ich dann auch nicht genommen!
Edith: Und stell dir vor: Dann gebar ich innerhalb von zehn Jahren sechs Kinder! Alle kamen zu Hause zur Welt.
Gab es eine Hebamme im Dorf?
Edith: In Raron. Die war – Gott sei Dank – medizinisch mindestens so kompetent wie ein Arzt. Ich hatte sehr schwere Kinder – unser erster Sohn wog 5, die Tochter 4,8 Kilogramm.
Gab es Komplikationen?
Edith: Eines unserer Kinder hatte den Kopf oben und die Füsse unten, da mussten wir den Doktor kommen lassen. (Zu Albin) Und du hattest Nachtschicht und kamst erst am nächsten Morgen. Bei einer weiteren Geburt hat es meinen Beckenknochen gespalten – und zehn Monate später war ich schon wieder schwanger. Zwölf Jahre lang habe ich kaum geschlafen!
Waren damals viele Familien so kinderreich?
Edith: Das war normal. Wir hatten damals noch keine Verhütungsmittel. Und die Kirche und überhaupt die Religion spielten noch eine viel grössere Rolle im Alltag. Kürzlich las ich ein Buch einer Walliser Hebamme, die so alt wie meine Mutter war. Darin schreibt sie, dass der Pfarrer Frauen, die nicht jedes Jahr ein Kind gebaren, einen Besuch abstattete.
Wozu denn?
Edith: Um sie daran zu erinnern, dass sie ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen hätten. Kannst du dir das heute überhaupt vorstellen? Damals hatten viele Frauen zwischen zehn und zwanzig Kinder. Manche Männer hatten mehrere Frauen, weil ihre Frauen nach so vielen Geburten gestorben waren.
Seither hat die Kirche an Bedeutung verloren …
Albin: Ja, früher war das viel extremer. Wenn jemand nicht zur Messe ging, war er ein Aussenseiter. Und das ganze Dorf redete schlecht über ihn.
Edith: Und wehe, du hast während des Gottesdienstes einmal auf die Seite geschaut! Da wurdest du gleich bestraft und musstest dich hinknien und beide Arme ausstrecken, auf jedem Arm zwei Bücher …
Und heute?
Edith: Jetzt ist ja nur noch zweimal wöchentlich eine Messe. Aber selbst am Samstag oder Sonntag gehen viele Leute nicht mehr in die Kirche. Klar, früher war es zu extrem – aber was damals zu streng war, ist heute fast zu lasch.
Unterbäch hat einen Pfarrer aus Polen. Gibt es nicht mehr genug junge Walliser, die Pfarrer werden wollen?
Albin: Heute haben die Leute mehr Geld und eine grössere Berufsauswahl. Damals gabs noch nicht so viele Hochschulen – wer etwas lernen wollte, ging halt ins Pfarrerseminar nach Sitten oder St. Maurice. Dort bekam er eine bessere Bildung. So entschloss sich manch einer, Pfarrer zu werden. Das war das Billigste. Hatte die Familie Geld, konnte man auch Arzt werden.
Seit 1955 sind Edith (83) und Albin Zenhäusern (93) verheiratet und leben in Unterbäch. Der polnische Pfarrer, der dort und für drei weitere Oberwalliser Bergdörfer zuständig ist, wird nicht nur wegen seiner Offenheit geschätzt. Zum Erstaunen der UnterbächerInnen kann er auch backen, putzen und Hemden bügeln.