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Erstbesteigungen von Kangchenjunga und Makalu Zum 50-Jahr-Jubiläum
1955 wurden innerhalb von zehn Tagen gleich zwei Achttausender erstbestiegen: am 15. Mai der Makalu, 8463 m, durch eine französische und am 25. Mai der Kangchenjunga, 8586 m, durch eine britische Expedition. Beide Gipfel heben sich markant von ihren Nachbarn ab, sind schwierig und werden entsprechend selten bestiegen.
Makalu und Kangchenjunga ist eines gemeinsam: Sie gehören zu den mächtigsten Achttausendern, die sich auch aus der Ferne – beispielsweise vom Flugzeug aus – durch ihre massigen Formen und ihre Höhe von den zahllosen Nachbargipfeln abheben. Tatsächlich bedeutet Maha Kala im Tibetischen der « grosse Schwarze », was wohl die richtige Deutung des Namens Makalu ist: Mit 8463 m ist er der fünfthöchste Berg der Welt. Der Kangchenjunga – die deutsche Schreibweise Kangchendzönga wird in der Umgangssprache oft mit « Kantsch » abgekürzt – ihm gegenüber ist aber noch mächtiger. Sein Massiv bildet vier Grate, die in die vier Himmelsrichtungen auslaufen, und weist vier über 8000 m hohe Gipfel auf. Der Hauptgipfel der « Fünf Schatzkammern des grossen Schnees » – so die wahrscheinlich zutreffende Deutung des tibetischen Namens des Bergs – ist mit 8586 m der dritthöchste Achttausender. Beide Berge stehen in Ostnepal, der Kangchenjunga ist gar der östlichste aller Achttausender und steht auf der Grenze zwischen Nepal und dem indischen Sikkim. Makalu und Kangchenjunga wurden im gleichen Jahr erstbestiegen mit einem gemeinsamen Aspekt: Es waren Erfolge fast ohne Zwischenfälle. Erreicht wurde dies dank hervorragend vorbereiteter, straff organisierter, mit dem neusten Material ausgerüsteter Gruppen, die aus den führenden Bergsteigern der zwei beteiligten Nationen bestanden, ergänzt durch Sherpas, mit denen die Alpinisten ausgezeichnet zu-sammenarbeiteten.
Der Erstbesteigung des Kangchenjunga waren mehrere Erkundungen vorausgegangen; 1929, 1930 und 1931 war je eine Gruppe am Berg, die mittlere geleitet von Günter Oskar Dyhrenfurth 1, die anderen zwei durch Paul Bauer. Dabei ereigneten sich verschiedene Unglücksfälle. Doch bereits lange davor war ein Team am Kangchenjunga unterwegs gewesen, dessen Geschichte so bizarr ist, dass sie hier Erwähnung verdient: Im August 1905 kam der Engländer Edward Alexander « Aleister » Crowley in Sikkim an, entschlossen, den Berg zu besteigen. Der 1875 geborene Crowley ist eine der schillerndsten Figuren in der Alpingeschichte. In seinen jungen Jahren war er ein guter Kletterer. Später widmete er sich vor allem seiner anderen Leidenschaft: Crowley war ein Teufelsverehrer und Anhänger der schwarzen Magie, der sich selbst grossspurig als « The Great Beast 666 » bezeichnete – ein neuroti-scher, egozentrischer Charakter, was sich auf seine Kangchenjunga-Expedition verhängnisvoll auswirkte. Mit auf dieser Expedition waren die Schweizer Dr. Jules 1, Jacot-Guillarmod 2, Alexis Pache und Charles Reymond sowie der junge italienische Hotelier aus Darjeeling Rigo de Righi, den das Team unterwegs aufgelesen hatte, und einige Träger. Die zusammengewürfelte Mannschaft gelangte gerade mal auf 6400 m. Beim Abstieg starben Pache und drei Träger in einer Lawine, Jacot-Guillarmod und de Righi überlebten. Crowley, der mit der Abstiegszeit nicht einverstanden gewesen war, lehnte jede Hilfeleistung ab – er trank Tee und verfasste einen Zeitungsbeitrag, während Reymond den andern zu Hilfe eilte. Am folgenden Tag passierte Crowley die Unfallstelle und stieg weiter nach Darjeeling ab, wo er seinen Artikel publizierte. Darauf folgte eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Jacot-Guillarmod und « The Great Beast », die einerseits zu grösserer Bekanntheit, andererseits zum Ende der Himalayakarriere beider Beteiligten führte.
Im Gegensatz zum « Kantsch » war der Makalu vor dem Zweiten Weltkrieg kaum erforscht. Erst 1954 gelangten erste Expeditionen an den Berg, dann aber gleich drei: eine amerikanische, die auf gut 7000 m scheiterte, eine neuseeländische unter der Leitung von Ed Hillary, welche die Nordseite des Makalu erkundete und 25 Gipfel in seiner Umgebung bestieg, und schliesslich eine französische, die in der Nachmonsunzeit über den Nordgrat bis auf knapp 7900 m aufstieg. Im Frühling 1955 kamen die Franzosen, vom Expeditionsleiter des Vorjahrs, Jean Franco, angeführt, zum Makalu zurück. Ohne grössere Zwischenfälle bestieg die optimal vorbereitete und ausgerüstete Expedition den Berg: Am 15. Mai standen Lionel Terray und Jean Couzy nach dem Aufstieg vom Makalu La aus erstmals auf seinem Gipfel. In den nächsten zwei Tagen folgten Jean Franco, Guido Magnone und der Sherpa Gyaltsen Norbu, dann Jean Bouvier, Serge Coupé, Pierre Leroux und André Vialatte. Erstmals erreichten sämtliche Bergsteiger einer Expedition den Gipfel eines Achttausenders. Wie Jean Franco und auch Lionel Terray später schrieben, waren die Bergsteiger beinahe enttäuscht über das leichte Spiel, das ihnen der Berg bereitete: « Im Grund genommen waren wir ein wenig enttäuscht, und vielleicht, wenn man die Mittel in Betracht zieht, die uns zur Verfügung standen, und das Glück, das die ganze Zeit nicht aufgehört hatte, mit uns zu sein, hätten wir gerne einen zäheren Gegner gefunden. » 3
Die Erstbesteigungs-Expedition des Kangchenjunga über dessen Südseite unter der Leitung von Charles Evans verlief gut, abgesehen vom traurigen Tod des Sherpas Pemi Dorje: Er starb am 26. Mai im Basislager, am gleichen Tag der Gipfelbesteigung durch Norman Hardie und Tony Streather. Bereits am Tag davor, dem 25., hatten George Band und Joe Brown erstmals den Gipfel erreicht. Alle vier Alpinisten, die drei Briten und der Neuseeländer Hardie, machten ein paar Schritte vor dem höchsten Punkt Halt, um den bei den Einheimischen als Sitz der Götter verehrten Berg zu respektieren. Den Sherpas kam es wohl dennoch so vor, als ob die Götter des Kangchenjunga ein Opfer gefordert hätten. Dieser Tod war umso bedauerlicher, weil die Ausländer hervorragend mit den Sherpas zusammengearbeitet hatten – das Team war zu einer Gruppe von Freunden geworden, die « gemeinsam am Erfolg teilhatten », wie Georg Band in seinem Expeditionsbericht schrieb. 3
Die Zweitbesteigungen dieser beiden Achttausender glückten erst viel später. Waren 1970 Japaner am Makalu erfolgreich, so gelang 1977 einer indischen Militärexpedition die Zweitbesteigung des « Kantsch » entlang dem Nordostsporn bis zum Nordgrat. Bereits 1961 hatte eine britisch-amerikanische Expedition unter Hillary Abstieg im Sturm vom Makalu La Querung von Lager II in der Rinne unter den Makalu La einen Versuch unternommen, den Makalu ohne Flaschensauerstoff zu besteigen, was den Teilnehmern fast das Leben kostete. Am « Kantsch » gelangen 1973 einer japanischen und 1975 einer deutschösterreichischen Expedition die Besteigung des Yalung Kang, des 8433 m hohen Westgipfels. Wieder den Franzosen vorbehalten war die Erstbesteigung des Makalu-Westpfeilers im Jahr 1971, einer äusserst ästhetischen und schwierigen Route, die zu den begehrtesten Linien an den Achttausendern gehörte; Bernard Mellet und Yannick Seigneur gelangten dabei bei sehr widrigen Bedingungen bis zum Gipfel. 4 Makalu und Kangchenjunga heben sich nicht nur massiv von den Nachbargipfeln ab, sie gehören bis heute zu den schwierigen und entsprechend selten bestiegenen Achttausendern. Und wer Neuland sucht, ﬁndet an diesen zwei wunderschönen Bergen immer noch unbegangene Linien und ungelöste Probleme.