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Das andere Programm
von Christoph Vögele
"Das andere Programm" von Lisa Schiess ist eine vielteilige Installation, reich an dialektischen Bezügen. Es öffnet ein weites Feld für Assoziationen, Gedanken und Stimmungen und hat darum auch nichts Programmatisches. Vordergründig bezieht sich "Das andere Programm" auf den Fernseh-Monitor, der am Ende, in der Achse des Raumes steht und MTV sendet. Lisa Schiess setzt dem Flimmerkasten eine "Brille" auf, rückt ihm eine nur teilweise transparente Frottée-Arbeit vor die Mattscheibe, sodass die TV-Bilder nur noch als diffuse Lichterscheinung rhythmisch durch den Stoff dringen. Dem Massen-Programm aus dem Westen wird etwas anderes entgegengehalten, dem Publikum eine neue Sichtweise angeboten. Um den Wechsel von Sichtweisen, rsp. deren dialektische Konfrontation geht es im Wesentlichen bei dieser Arbeit im Rahmen der Ausstellung "Oriental spirit in contemporary Zurich flats", welche den Umgang des Westens mit dem Osten thematisiert.
Für ihre Monitor-"Brillen", von denen sich an den seitlichen Wänden ein ganzes Set befindet, verwendet Lisa Schiess weisse Frottée-Tücher und weisse Acryl-Farbe. Beim Bemalen des Stoffes spart sie Binnenteile aus: Wörter, einfache Tierfiguren und abstrakte Formen. Während diese lichtdurchlässig und weich bleiben, schliesst die Acrylfarbe die restliche Bildfläche hermetisch und krustig-hart ab. Werden diese Frottéearbeiten nun als "Paravents" vor den leuchtenden Monitor gestellt, treten die Binnenformen als "Licht-Bilder" hervor.
Aus ihrem "Paravents"-Set hat Lisa Schiess als zentrales Beispiel ein Frottée-Tuch mit einer Kreisscheibe gewählt. Diese bezieht sich vorerst auf die japanische Flagge, kann aber zugleich als universales Zeichen für Mitte und Ganzheit, für Konzentration und Ausstrahlung von Kräften stehen. Die Symmetrie von Raum und Installation, die Einladung, sich auf die pulsierenden Erscheinungen einer zentralen Lichtquelle einzustellen, lassen an östliche Meditation denken.
Dieses Thema wird mit den Frottée-Arbeiten zur Linken aufgegriffen:
"SEE ME", "FEEL ME", "TOUCH ME" heisst es hier auf den Schriftbildern. Die Künstlerin erinnert damit an einen Song der englischen Pop-Gruppe "The Who" aus den 60er Jahren. Die den Liedtext abschliessende vierte Aufforderung "HEAL ME" fehlt; stattdessen treten blosse Wellenlinien, Zeichen der Bildstörung. Damit mag die westliche Flucht in östliche Meditation hinterfragt werden: Weder westliche noch östliche Programme vermögen den Menschen zu heilen; appelliert wird an die individuelle Verantwortung und Selbsthilfe. Als Werte betont Lisa Schiess die sinnliche Wahrnehmung des Sehens, Fühlens und Berührens. Auf diese weist sie durch die besondere Beschaffenheit ihrer Frottéearbeiten mit Nachdruck hin: Die Weisstöne von Farbe und Stoff wollen unterschieden, die rauhen und weichen Oberflächen erfühlt werden.
Auch auf der rechten Raumseite werden Störungen thematisiert. Neben den Tierfiguren der Kuh und des Schweins findet sich die Silhouette eines amerikanischen Bombers, der sich - einem Rochen gleich - in seltsamer Weise der zoologischen Reihe einordnet. Das "Tier" meint im Unterschied zu Kuh und Schwein nicht Glück, Leben und Lebenlassen, sondern Krieg und Tod, steht für die verheerenden Einflüsse des Westens auf den Osten, für eine tiefgreifende Störung und Verletzung.
"Das andere Programm" ist keine leichte Feierabend-Kost, dazu ist es zu komplex. Die sogenannten "Vernetzungen" zwischen Westen und Osten zeigen sich als Fangnetze: Hier sucht der Westler im "New Age" vergeblich nach östlichem Heil, dort versteht er sich mit seinen Bombern als Heilsbringer und Befreier. Über allem verbreitet sich der Schein von MTV, leuchtet der ganzen Welt heim, macht alle Menschen zu - westlichen - "Brüdern" ...
Zürich 1992