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Als Kind sei er von psychischen Erkrankungen in seinem nahen Umfeld nicht betroffen gewesen, sagt Andreas Weber, sondern wurde erst mit Mitte Zwanzig damit konfrontiert. Als er als Letzter von zuhause auszog, verlor seine Mutter den Sinn ihres Daseins und rutschte in eine schlimme Krise. Der berufstätige Vater unterstützte seine Frau nach besten Kräften, trotzdem zerbrach die Ehe der Eltern kurze Zeit später. «Der schlechte Zustand meiner Mutter hat mich sehr bewegt», sagt Andreas Weber. Als ausgesprochener Familienmensch seien Harmonie und Zusammenhalt schon immer eminent wichtige Werte für ihn gewesen. Als sich seine Eltern trennten, geriet auch er in eine Krise.
Nur ein Jahr zuvor wurde Andreas Weber selber Vater eines Sohnes, Noah. Etwa zeitgleich mit der Erkrankung seiner Mutter wurde bei Noah eine seltene Krankheit in ihrer schwersten Ausprägung diagnostiziert. Die unzähligen Aufenthalte im Kinderspital verlangten der jungen Familie viel ab, die Angst um Noah und der Stress waren riesengross. «Wir haben aber irgendwie einen Weg gefunden, mit der Krankheit unseres Sohnes umzugehen», sagt Andreas Weber. Im gleichen Jahr konnte er dann aber seine Ressourcen bei der Arbeit plötzlich nicht mehr abrufen, fand als Fachangestellter Gesundheit keinen Zugang mehr zu seinen Patienten und auch nicht mehr zu sich selbst. So verbrachte er drei Monate stationär in einer Klinik, kam wieder einigermassen auf die Beine und kehrte ins Berufsleben zurück.
Zwei Jahre später kam die Tochter, Noëlle, zur Welt, die an der gleichen Krankheit wie ihr Bruder litt, obwohl die Ärzte versicherten, dieses Risiko wäre praktisch ausgeschlossen. Als sein Sohn Wochen später beinahe an einer Infektion starb, kollabierte das ganze Familiensystem – die Belastungen hörten einfach nicht mehr auf. Seine Rolle als Familienvater konnte er nicht mehr wahrnehmen, seine Werte gerieten ins Wanken. Seine Frau bestand schliesslich auf einem erneuten Klinikaufenthalt. Dort fühle er sich als Versager, als einer, der seine Familie in einer äusserst schwierigen Situation im Stich gelassen hatte. Dieser Zustand wurde so unerträglich, dass er auf einem Spaziergang einen Suizidversuch unternahm. Auch die Kräfte seiner Frau waren nun aufgebraucht, sie musste sich ebenfalls stationär behandeln lassen. Die beiden Kinder wurden von den Eltern und der KESB fremdplatziert – freiwillig, obwohl diese Situation für beide Elternteile zusätzlich eine riesengrosse Belastung war. Dann reichte seine Frau noch aus ihrem eigenen Klinikaufenthalt die Scheidung ein, sein Arbeitgeber kündigte ihm. Andreas Weber war nicht in der Lage, noch irgendetwas zu unternehmen, um «den Karren rumzureissen», wie er es selber nennt. Nach einem erneuten Suizidversuch landete er mit einer «Fürsorgerischen Unterbringung» wieder in einer Psychiatrischen Klinik. Die Summe der Erlebnisse war einfach zu hoch.
Heute, nach drei Jahren, leben seine beiden Kinder wieder bei der Mutter. Die Situation zwischen Andreas Weber und seiner Exfrau ist angespannt, die Kinder zeigen sich unsicher in der Beziehung zum Vater. Noah hat in seinem jungen Alter schon viel erlebt, er ist ein unruhiges Kind. Noëlle hingegen war noch so klein, als sie von zuhause wegging, dass sie gar nie ein intaktes Familienleben kennenlernen konnte. Andreas Weber war doppelt betroffen von psychischen Krankheiten: sowohl selber als, zwar erwachsenes, Kind seiner Mutter, als auch als Vater seiner eigenen Kinder. Er hat sich viele Gedanken gemacht, ob seine Kinder einen Schaden erlitten hätten und wie es ihnen als Erwachsene wohl ergehen werde. Er musste lernen, dass seine eigene Geschichte sich bei seinen Kindern nicht wiederholen muss. Heute ist er froh, dass sich die KESB um eine gute Platzierung seiner beiden Kinder gekümmert hat, und er ist dankbar, in einem Land zu leben, wo alles so gut geregelt ist und die Notfallpläne funktionieren.
Seit Andreas Weber seine Kinder wieder regelmässig bei sich hat, konnte er grosse Fortschritte erzielen. Sein Verantwortungsgefühl ist gestiegen, er sieht wieder Perspektiven. Sein alter Arbeitgeber hat ihm angeboten, wieder in eine Tagesstruktur einzusteigen. Geholfen auf seinem Genesungsweg haben ihm hauptsächlich die vielen Gespräche mit Peers und das Recovery-Seminar im vergangenen Sommer bei der Clienia in Littenheid. Die wichtigste Erkenntnis war, zu entdecken, dass es trotz seiner schwierigen Lebensgeschichte auch gesunde Anteile und Gutes gibt, worauf er sich konzentrieren kann. Und dass es dennoch möglich ist, wieder einen positiven Weg zurück ins Leben zu finden.
*Name geändert