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Otto Rudolf Salvisberg und das Neue Bauen – Symposium in Bern
Otto Rudolf Salvisberg (1882-1940), der erfolgreiche Architekturbüros in Berlin (1913-1932), Bern (1920-1940, mit Otto Brechbühl) und Zürich (1929-1940) unterhielt, zählt zu den massstabsetzenden Entwerfern des 20. Jahrhunderts.
Salvisberg war der meistbeschäftigte Schweizer Protagonist der Architekturmoderne der 1910er bis 1930er Jahre, dessen beruflicher Brückenschlag ins Nachbarland Deutschland als einzigartige Erfolgsgeschichte dasteht. Dort entspann sich ein Netzwerk, das von Bruno Taut über Martin Wagner bis hin zu Hans Poelzig und Erich Mendelsohn reichte und von seiner grossen Anerkennung zeugt.
Als Heinz Johannes 1931 den ersten Architekturführer der Moderne veröffentlichte, wurde Salvisbergs Ende der 1920er Jahre realisiertes Oeuvre ganz selbstverständlich dem „Neuen Bauen in Berlin“ zugerechnet. Weit vor Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe ist er darin mit am prominentesten vertreten. Viele seiner Entwürfe wie die „Weisse Stadt“ in Berlin-Reinickendorf (1928-30, heute UNESCO-Welterbe), die Berner Universitäts-Institute (1929-31) und das Suvahaus (1929-31) sowie sein eigenes Wohnhaus (1929-31) und das Fernheizkraftwerk mit Maschinenlaboratorium der ETH (1929-34) in Zürich zählen zu den Hauptwerken des Neuen Bauens in Europa.
Eine andere Moderne?
Dennoch gilt Salvisberg heute als Exponent einer „anderen Moderne“, dem vermeintlich nie ein vollgültiger Beitrag zum Neuen Bauen gelungen sei. Hier wirkt ein Verdikt nach, das im CIAM-Kreis um Sigfried Giedion, Walter Gropius und Le Corbusier seinen Ursprung hat und noch die Wiederentdeckung des Architekten in den 1970er und 1980er Jahren überlagerte. Heute ist ein differenzierterer Blick auf die frühe Architekturmoderne möglich, der etablierte Entwicklungsmodelle und Narrative hinterfragt.
Danach muss der gebürtige Schweizer als Raumgestalter, Architekt und Städtebauer zu den massstabsetzenden Entwerfern gezählt werden, der sich am zeitgenössischen Theorie-Diskurs allerdings kaum beteiligte. Dies war seinem Nachruhm ebenso abträglich wie Salvisbergs plötzlicher Tod im Jahr 1940, ohne dass sein jüngeres Oeuvre in einer grösseren Monografie veröffentlicht worden war. Über die Reformarchitektur der 1910er, das Neue Bauen seit Mitte der 1920er Jahre und einen in der Tradition fundierten Entwurfsansatz, der parallel lief, vertrat er eine undoktrinäre und evolutionäre Architekturpraxis, die nicht zuletzt der Nachkriegsmoderne den Weg ebnete.
Das Symposium findet im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojektes „Otto Rudolf Salvisberg – Architekt der Moderne (1910-1940)“ statt, das am Institut für Kunstgeschichte, Abteilung Architekturgeschichte und Denkmalpflege der Universität Bern angesiedelt ist.
Ziel ist es, den Blick auf die frühe Architekturmoderne weiter zu differenzieren und Fragen zu erörtern, die sich im Rahmen des Forschungsprojektes zum Architekten sowie zur Architekturmoderne im Allgemeinen herauskristallisiert haben.
Das Symposium eröffnet mit einer Inputsektion und einem Abendvortrag, die durch eine breitere Betrachtung theoretischer und denkmalpflegerischer Aspekte zur Architekturmoderne die Themen des Symposiums öffnen und in einem Vorlesungssaal der von Salvisberg und Brechbühl 1928-31 erstellten naturwissenschaftlichen Instituten der Universität Bern stattfinden werden. Die zwei darauffolgenden Tage werden durch die folgend vorgestellten vier Sektionen thematisch strukturiert und mit einem Podiumsgespräch bereichert.
Sektion 1: Neues Bauen in Deutschland – Neues Bauen in der Schweiz
Während das Neue Bauen in Deutschland ab 1925/27 eine breitere Basis in den Kommunen und Ländern hatte, war es in der Schweiz im engen Zirkel des Schweizerischen Werkbundes (SWB) und den 1928 gegründeten CIAM dezidiert avantgardistisch ausgerichtet. Die deutsche Architekturpublizistik seit Mitte der 1920er Jahre betonte dagegen insgesamt mehr die Pluralität des Neuen Bauens. Eine Position, die auch der Schweizer Kritiker Peter Meyer vertrat.
Im Gegensatz dazu postulierten die Programmschriften des Berliner „Ring“-Kreises sowie der Schweizer CIAM-Gruppe um Sigfried Giedion und Hans Schmidt einen programmatischen Funktionalismus. Hier fanden die architektonischen Projekte von Salvisberg keine Beachtung. Giedions und später Alfred Roths Blickwinkel gaben, über Jahrzehnte kaum hinterfragt, die Richtung vor. Danach war die Internationale Moderne eine Pioniertat weniger Protagonisten (Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier), die sich als „Internationaler Stil“ dann auf breiter Basis in Europa und Nordamerika durchsetzte.
Die Sektion fragt nochmals nach den Wurzeln und Charakteristika des Neuen Bauens, die nicht allein als Weiterentwicklung und Umsetzung weniger Pioniere vor dem Ersten Weltkrieg beschrieben werden kann. Auch die Architekturreform seit der Jahrhundertwende und deren Suche nach einem „Neuen Stil“ zeigte mitunter bereits rationalistische und puristische Tendenzen, die das Neue Bauen vorbereiteten (z.B. Hans Poelzig, Bruno Paul, Josef Maria Olbrich). Diese gemeinsamen Wurzeln unter dem Dach der Werkbünde in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von den radikalen „Neuerern“ jedoch übergangen und dem Historismus gründerzeitlicher Prägung quasi gleichgesetzt.
Sektion 2: Die Rolle des Materials: Bedeutung – Verwendung – Erhaltung
In der architekturhistorischen Forschung stand das Material bislang kaum im Fokus. In den grundlegenden Übersichtswerken zur Architekturgeschichte der Moderne wurde dem Material – und im besonderen Eisen, Glas und Beton – zwar eine konstitutive Rolle für die architektonische Entwicklung zugesprochen, seine Bedeutung aber fast ausschliesslich auf die neuen konstruktiven Möglichkeiten und, damit eng verbunden, auf die Form der neuen Architektur reduziert. Das Material scheint lediglich Pate für den technischen Fortschritt zu stehen, der von den Propagandisten der Moderne als Grundlage für eine neue „Internationale Architektur“ (Walter Gropius, 1925) angesehen wurde.
Die sich in den letzten Jahren etablierende materialorientierte Kunstwissenschaft im Umfeld von Monika Wagner konnte jedoch aufzeigen, dass Materialien in Kunst und Architektur weitaus vielschichtiger und komplexer in ihren Bedeutungsebenen verstanden werden müssen und dass eine Reduktion des Materials auf rein rationalistische Bedeutungszusammenhänge innerhalb der Moderne nicht haltbar ist. Dies zeigt sich in der Architektur Otto Rudolf Salvisbergs exemplarisch, der die Baustoffe als „Palette des Baukünstlers“ benannte, die sich aus den materialimmanenten sowie produktions- und bearbeitungsbedingten Eigenschaften wie Struktur, Textur und Faktur (Moholy-Nagy, 1929) des Materials zusammensetzt. Salvisbergs Umgang mit den Materialien veranschaulicht, wie jenseits einer von Schlagworten geprägten Theorie-Diskussion mit den zeitgenössischen Forderungen nach Form, Funktion und Rationalisierung architektonisch umgegangen werden konnte.
Obschon die ICOMOS Tagung „Konservierung der Moderne“ 1997 zum Schluss kam, dass Bauten der Moderne nicht anders zu behandeln sind wie alle übrigen Denkmale, scheint die Akzeptanz von Veränderungen und Geschichtsspuren an diesen Gebäuden noch wenig verbreitet zu sein. Dem häufig angebrachten Argument für die komplette Rekonstruktion aufgrund der experimentellen Anwendung und mangelnden Erfahrung mit neuen Baustoffen in der Moderne stehen dabei u.a. die Bauten Salvisbergs gegenüber, die sich bis heute in ihrer Nutzung und materiellen Substanz äusserst gut erhalten und für eine denkmalgerechte Ertüchtigung bewährt haben.
Aufgrund ihrer reduzierten ästhetischen Mittel verlangen Gebäude der Moderne allerdings eine äusserst hohe Qualität der Restaurierung, die auf einer breit abgestützten Quellenbasis und einer kritischen Hinterfragung der materiellen Befunde basieren sollte, um so auch über Veränderungen am Gebäude fundiert diskutieren zu können. Die Sektion fragt nach Bedeutungszusammenhängen und Verwendungsweisen von Material in der Architektur die nicht zuletzt für die restauratorische und denkmalpflegerische Praxis von Relevanz sind.
Sektion 3: Transformation der Moderne
1932 erschien Erich Mendelsohns Streitschrift „Der schöpferische Sinn der Krise“, in der er angesichts modernistischer Formalismen wieder auf architektonische Archetypen, auf die Antike und das Mittelmeer allgemein verwies. Bereits Josef Frank hatte mit seinem Buch „Architektur als Symbol“ (1930) eine Debatte losgetreten, Hans Poelzig, Wilhelm Pinder u.a. sekundierten.
Ausdruck, geschlossene Form, die Materialsemantik der Bauten und die Abkehr von einem normativen Stilparadigma spielten nun verstärkt eine Rolle. Architekten wie Bruno Taut, Martin Elsässer, Ernst May, aber auch J.J.P Oud und Otto Rudolf Salvisberg traten für eine undoktrinäre Aneignung und Weiterentwicklung des Neuen Bauens ein, die zusammen mit vergleichbaren Tendenzen in den Benelux-Ländern und Skandinavien (Willem Marinus Dudok, Alvar Aalto, Erik Gunnar Asplund oder Kay Otto Fisker) der Nachkriegsmoderne den Weg ebnete.
Neu bewertet wurde u.a. die Bedeutung öffentlicher Bauaufgaben sowie – vielfach erzwungen durch Emigration und Exil – das Spannungsverhältnis von Regionalismus und Alterität. Unter den demokratischen Staaten Europas entwickelte die Schweiz in den 1930er Jahren den sog. “Landistil“ als Synthese traditioneller und moderner Tendenzen unter Verwendung von Regionalismen und dekorativer Elemente; Ähnliches ist auch in den Niederlanden zu beobachten. Auf anderer Ebene, etwa in Frankreich im Vorfeld der Weltausstellung 1937, wurde der Monumentalbau ein Thema der Moderne.
Salvisberg steht exemplarisch in diesem Geflecht der 1930er Jahre. Entwürfe wie sein Masterplan für F.Hoffmann-La Roche in Basel (1935-40) mit Verwaltungs- und Fabrikgebäuden sowie Welwyn/England (1936-38) und Mailand (1938-39) folgten einer rationalistischen Moderne und entwickelten eine „corporate architecture“.
Die beiden Zürcher Mietshaus-Blöcke (Lindengut 1936-38 und Dreikönigsegg 1939-40) stehen für eine Weiterentwicklung des privaten Apartmentblocks, während der stark auf Repräsentation ausgerichteten Entwurf für den Bankenverein am Zürcher Paradeplatz (1937) unter den Aspekten der Monumentalität und Angemessenheit diskutiert wurde. Typenprägend wirkte zudem Salvisbergs letztes Werk, der Bleicherhof in Zürich (1939-40), mit dem er den Geschäftshausbau der 1940er und 1950er Jahre in Europa massgeblich beeinflusste. Die Sektion fragt nach der Moderneentwicklung und den architektonischen Debatten in den 1930er Jahren vor dem Hintergrund politischer Totalitarismen und kanonisierter Topoi der Architekturgeschichte.
Sektion 4: Architekturschulen der 1920er und 1930er Jahre
Als Otto Rudolf Salvisberg im Dezember 1928 an die ETH Zürich berufen wurde, war die Architekten- Ausbildung im deutschsprachigen Raum breit aufgestellt und von einem generellen Reformwillen geprägt. Waren es seit der Jahrhundertwende vornehmlich die Kunstgewerbeschulen, als deren Leiter reformorientierte Baukünstler berufen wurden (Hans Poelzig 1900 nach Breslau – seit 1903 als Direktor, Peter Behrens 1903 nach Düsseldorf und Bruno Paul 1907 nach Berlin), verharrten die Technischen Hochschulen zunächst weitgehend im Akademismus des 19. Jahrhunderts, was durch die lange Amtszeit prägender Diplom-Professoren begünstigt wurde (Friedrich Bluntschli an der ETH Zürich 1881-1914, Julius Raschdorff an der TH Berlin 1878-1911, Friedrich von Thiersch an der TH München 1882-1921).
Erst mit der Berufung Theodor Fischers 1908 an die TH München, Karl Mosers 1915 an die ETH Zürich sowie von Hans Poelzig 1923 an die TH Berlin öffneten sich auch die Technischen Hochschulen konsequent den Gedanken der Reform, wie sie der Deutsche Werkbund seit 1907 und der Schweizerische Werkbund seit 1913 vertraten. Insbesondere unter Poelzig in Berlin, Karl Moser in Zürich und z.T. auch Paul Bonatz in Stuttgart hielt seit Mitte der 1920er Jahre zunehmend das Neue Bauen Einzug in die Architekturlehre.
Mit seiner Berufung an die ETH Zürich 1928 konnte Otto Rudolf Salvisberg das von Karl Moser gelegte Fundament systematisieren und einer ganzen Architektengeneration den Weg weisen. Über einen Zeitraum von 12 Jahren wirkte er als alleiniger Diplom-Professor und baute die ETH zur seither führenden Architekturhochschule im deutschsprachigen Raum aus, die nach 1933 in zunehmender Zahl insbesondere Studenten aus Deutschland und den skandinavischen Ländern anzog. Die Architekten-Ausbildung an den Baugewerkschulen, Gewerbe- und Kunstgewerbeschulen, Bauschulen und Technischen-Hochschulen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist, trotz jüngster Bemühungen, bislang wenig erforscht.
Auffällig ist u.a., dass viele führende Architekten der Generation Salvisbergs nicht, wie heute verpflichtend, ein Hochschulstudium absolvierten oder abschlossen, später aber selbst einflussreiche Architekturlehrer wurden. Paul Artaria, Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Bruno Taut und Salvisberg selbst studierten etwa an Gewerbe- oder Kunstgewerbeschulen (in der Schweiz auch Technika) oder brachen, wie Walter Gropius und Ludwig Hilberseimer, ihr Hochschulstudium ab. Nach den seither stark formalisierten Regularien des BDA und BSA dürften sie heute allesamt ihren Beruf nicht mehr ausüben. Die Sektion fragt nach der Strukturierung, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden an den Bau- bzw. (Kunst)Gewerbeschulen und den Technischen Hochschulen sowie nach den Inhalten, gegenseitigen Einflüssen und Schwerpunkten der Architektenausbildung im deutschsprachigen Raum der 1920er und 1930er Jahre.
Titelbild: Institutsgebäude Bern, Naturwissenschaftliche Institute der Universität Bern (1928-31) von Salvisberg und Brechbühl
Textquelle: Universität Bern
Quelle des Titelbilds: Moderne Bauformen 1933, Fotograf: Franz Henn Bern