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Die Kunstkritikerin
Wie wird man ausgerechnet Kunstkritikerin und was erfährt man dabei
Als ich in den 1990er-Jahren die Verwaltung unseres Familienhauses in Twann am Bielersee übernahm, gab es daselbst zahlreiche ungehobene „Schätze“. Eines Tages nahm ich mir den alten Weidenkorb mit Papierkram meiner Urgrossmutter Louise Irlet-Feitknecht (1855-1930) vor. Plötzlich stosse ich auf Hefte, in deren Seiten sie mit Stecknadeln Zeitungstexte zu Musik und Kunst geheftet, aber auch Angaben zu Schweizer Stechern des 17. bis 19. Jh. notiert hatte. Da hat also meine Urgrossmutter ihrer Zeit entsprechend dasselbe gemacht wie ich als junges Mädchen.
Damals sammelte ich nämlich alles, was mir an Kunstabbildungen in die Finger kam – zum Beispiel die Umschlagseiten des Beobachters – und legte es in Ordnern ab, ergänzt um Angaben zu den einzelnen Malern, die ich jeweils im Lexikon nachschaute. Eine berührende, eine möglicherweise auch beängstigende, in diesem Fall aber bereichernde Erfahrung, dass die Gene nicht nur körperliche Veranlagungen speichern.
Sogleich war mir nun klar, dass meine Urgrossmutter die Stiche und die leider vielfach aus Büchern herausgetrennten Radierungen, die sich in Schachteln und Mappen im Estrich befinden, zusammengetragen hat. Der Unterschied zu mir: Meine Kunstsammlung braucht deutlich mehr Platz!
Während ich davon lange nichts wusste, war mir immer klar, dass die der Familie nahe stehende „Tante Ruth“ (eine Schwester meiner Mutter) meine Freude an Kunst bewusst gefördert hat. Sie, die selbst Bucheigner-zeichen (Exlibris) sammelte, schenkte mir und meiner Schwester jedes Jahr einen neuen Exlibris-Kunstdruck, den wir selbst aus einer Broschüre auswählen durften.
So hing in den 1950er/1960er-Jahren über meinem Bett abwechselnd mal ein Mohnfeld von Monet, eine kubistische Kathedrale von Lionel Feininger, ein expressives Stilleben von Lovis Corinth oder ein Porträt von Rembrandt.
Entscheidend war aber eine Ausstellung von Max Gublers expressivem Werk im Museum Allerheiligen in Schaffhausen. Die Spiegelung seiner Persönlichkeit im Stil und in der Wandlung seiner Malerei liess mich als Kantonsschülerin erkennen, dass Kunst eine Sprache des „Ich“ ist. Bis heute sind die zentralen Fragen, die mich interessieren: Warum macht jemand in einer bestimmten Zeit genau dies und nichts anderes? Wie verschränken sich Aussen-Einflüsse und persönliche Disposition in der bildnerischen Darstellung? Wie wandeln sich biographische Prägungen in visuelle Form?
Böse Zungen sagen: Die Zwez „löchert“ so lange, bis sie die Neurose gefunden hat, dann fängt sie zu schreiben an. Das ist wohl übertrieben, aber die Frage nach den Beweggründen, die Lust, den Künstler, die Künstlerin von innen heraus zu verstehen, mit in sein oder ihr Boot zu sitzen und von da aus die Welt zu betrachten, das ist für mich etwas Faszinierendes, das birgt die Glücksmomente, für die man letztlich arbeitet. Wenn man mir von Kunstkritiker-Kolleg(inn)en her manchmal „Psychologisiererei“ vorgeworfen hat, so war das meist nicht ganz unberechtigt, obwohl ich stets versuche, das richtige Mass zwischen Formulieren und Zurückbehalten, zwischen Aussen- und Innensicht zu finden. Doch es ist nun mal das, was ich so spannend finde an der Kunst und mir im Laufe der Zeit ungezählte Gespräche mit Künstlern und Künstlerinnen brachte, die weit über Form und Farbe und technische Umsetzung hinausgingen.
Astrologen würden vermutlich sagen: Typisch Skorpion, graben, graben, graben. Zweifellos hat diese Haltung mit mir selbst zu tun, aber es spiegelt sich sicherlich auch meine Generation darin, die Zeit des Aufbruchs der Frauen zu sich selbst. Das konnte nur über „wer bin ich, warum tue ich dies und nicht das?“ gehen. Dabei beschränkt sich mein Interesse ja nicht etwa nur auf „Befindlichkeitsmalerei“ – in aller Kunst steckt der Mensch, der sie schafft.
Hiezu gibt es ein interessantes Phänomen: Um 1991 – also just um die Zeit des ersten Irak-Krieges, aber das ist wohl „Zufall“ – wechselt Miriam Cahn (und mit ihr viele andere Künstlerinnen, Marianne Kuhn zum Beispiel) den Standort. Lange arbeitete Cahn aus ihrem persönlichen Ich-Erleben heraus („Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil“). Nun spricht sie von „Was mich anschaut“ (vgl. Bespr. MC Kunsthaus ZH, 1991). Das heisst, die Auseinandersetzung ist nicht mehr länger vom inneren, sondern neu vom äusseren Ich, dem Welt-Ich, geprägt. Der Wechsel der Perspektive heisst aber nicht, dass die Umsetzung nicht trotzdem subjektiv ist. Und dieses Subjektive ist es ja, welches die Dynamik des künstlerischen Prozesses vorantreibt. Später sucht MC dann die Synthese, aber das gehört nicht hieher.
Es gibt Kunstkritiker(innen), die gehen am liebsten anonym durch eine Ausstellung und formulieren dann ihre Ansicht, ganz nach dem benjaminschen Motto, die Kunst entstehe durch die Rezeption. Das interessierte mich nie. Ich bin immer nach dem (weiblichen?) Verdauungs-Prinzip vorgegangen, das heisst aus dem Integrieren der fremden, anderen Künstler-Optik, um sie mit meinem Denken zu verschmelzen und dann die mehr oder weniger harmonisch gewürzte Suppe in meinen Text fliessen zu lassen. Das bedingte von Anfang an, dass ich mich, wenn immer möglich, mit den Künstlerinnen und Künstlern zum Gespräch in ihrer Ausstellung/ihrem Atelier etc. traf, um zu spüren (spüren ist eine Mischung aus Intuition und Analyse), was da ist oder nicht ist, ob ich glaube, was ich höre oder nicht, ob ich sehe, dass das, was ich höre auch wirklich in der Kunst drin ist oder eben auch nicht.
Logisch nun fast, dass ich mit theoretischem Kunstgeschichte-Unterricht eigentlich nie zurecht kam. Trotzdem war und ist es natürlich nicht immer möglich, mit den Kunstschaffenden direkt zu kommunizieren, vielleicht, weil sie bereits verstorben sind, vielleicht aber auch weil sie bereits zu bekannt, zu weltgereist sind, um sich mit jedem einzelnen Schreiberling auseinanderzusetzen. Ein guter Katalogtext, eine gute Vermittlung seitens von Fachleuten, die im persönlichen Kontakt stehen, kann das durchaus bis zum einem gewissen Grad ersetzen, wenn auch mit einem höheren Fehlinterpretations-Risiko.
Zu einem persönlichen Text gehören persönliche Erlebnisse. Ich will also versuchen, ein paar Highlights herauszuschälen. Dabei geht es nicht um die „grössten“ Künstler, sondern eher um Menschliches. Ich gehörte eh nie zum Typus, der seine Texte auf den Bekanntheitsgrad eines Künstler, einer Künstlerin ausrichtete, um mir indirekt selbst ein Stück von dessen, deren Berühmtheit abzuschneiden. Wie hätte ich dies auch tun können als frau-engagierte Schreiberin!!! Dennoch macht es natürlich Spass, dass mein erster Text über Pipilotti Rist 1993 entstand – das heisst zu einer Zeit als sie noch nicht „unsere Pipilotti“ war.
Auch meine Erinnerung an den heutigen Shooting Star Olaf Breuning (geb. 1970) ist überhaupt nicht kunstkonform, erlebte ich ihn doch erstmals 1998 als die Eidgenössischen Stipendiaten (damals hiessen sie noch nicht „Preisträger“) in Schaffhausen ausstellten. Beim Mittagessen en groupe war der junge Künstler so höflich und zuvorkommend mir gegenüber, dass ich dachte – und das passierte mir später immer wieder – mon Dieu, der behandelt mich ja, wie wenn ich seine Mutter wäre! Der nächste Schock war dann als ich erstmals über eine Künstlerin schrieb, die jünger war als meine Kinder!
Doch gesamthaft betrachtet, war mir der Bekanntheitsgrad eines Kunstschaffenden nie wirklich wichtig, sofern mir eine vertiefte Auseinandersetzung von innen heraus gewinnbringend schien (was sich natürlich auch als Täuschung entpuppen konnte!).
Das ist /war vielleicht naiv und für mein Palmares wenig förderlich. Denn ebenso wenig habe ich darum gerangelt, meine Texte an möglichst prominenten Orten zu veröffentlichen. So ganz 1970er-Jahr-Denken entsprechend, schien mir stets wichtiger, was ich zu erkennen und zu schreiben vermag, als wo der Text erscheint. Vielleicht ist das ein Stück weit Gender-Story, das heisst, dass ich mich als Frau mit Jahrgang 1947 lieber da bewegte, wo ich mich sicher fühlte und nicht da, wo es ums Kämpfen ging. Ähnliches Verhalten findet man ja auch bei vielen Künstlerinnen dieser Generation. Wie dem auch sei, für mich stimmte es. Allerdings wurde mir zuweilen schon der Tarif durchgegeben. Dann etwa, wenn sich KünstlerInnen wohl mit Anteilnahme für Texte bedankten, sie dann aber nicht in ihre Bibliographie aufnahmen, weil ihnen der Ort der Publikation nicht wichtig genug erschien.
Nun, keinerlei Ehrgeiz habe ich natürlich auch nicht. Und so nahm ich 1998 das Angebot von Reinhard Storz, der damals mit www.xcult.ch gerade seine Online-Kunst-Plattform lancierte, mit Vergnügen an, sodass fast alle meine wichtigeren Texte seit diesem Zeitpunkt (2007 waren es bereits mehr als 500) auch im Netz verfügbar sind und von „google“ getreulich heraufgeholt werden, wenn sich jemand nach einer Künstlerin oder einem Künstler erkundigt, über welche(n) ich irgendwann mal schrieb. Für diese Möglichkeit bin ich Reinhard Storz bis heute dankbar.
Zurück zu ein paar Geschichten
Einen meiner ersten Texte habe ich im Juli 1972 (siehe Bild resp. Texte 1972) über einen gewissen Ben Ami geschrieben, einen bejahrten, ursprünglich aus Polen stammenden St. Galler Künstler, der im Kurbrunnen in Rheinfelden (AG) ausstellte. Der Künstler war anwesend als ich kam – der Kurbrunnen bot damals lediglich die Möglichkeit Bilder und Skulpturen zu zeigen, also musste die Künstler selbst „hüten“.
Dass der 75-jährige mich junges Ding (damals noch keine 25 und erst noch schwanger) mit all seinem Charme, mit seinem enormen Fundus an Erinnerungen, seinem ganzen Leben im Gepäck durch die Ausstellung führte und mir von seinem Schaffen erzählte, berührte mich ungemein. Zu sehen waren figürliche Themen, vor allem auch Porträts und insbesondere Tänzerinnen, in einer französischen Tradition mit expressivem Einschlag. Natürlich sah ich, dass das nicht Weltklasse war, aber Kunst ist mehr als das, es geht nicht nur um Podestplätze, Kunst ist Teil der Gesellschaft, kommt mitten aus ihr heraus und ist immer dann „qualitativ gut“, wenn sie im Einklang mit dem Kunstschaffenden steht, wenn der Künstler und seine Kunst eine Einheit bilden (nicht Produktion sind).
Mein Text war nur klein und erschien im Aargauer Kurier – war also nicht von sonderlicher Bedeutung (und weist, rückblickend betrachtet, insbesondere bezüglich der Bildbeschreibungen auch noch deutlich Anfängerstatus auf). Trotzdem erhielt ich nach dessen Publikation eine rundes Kartonrohr zugeschickt mit einer Skizze von einer Tänzerin darin; eleganter Strich, eine Spur Erotik, ein Festhalten von Bewegung.
Noch heute ist sie in meiner Grafikmappe und immer wenn ich sie sehe, überkommt mich Wehmut. Ich habe den Künstler nie wieder getroffen, aber das Damals habe ich nie vergessen. Hätte ich ihn später mit viel, viel mehr eigener Erfahrung getroffen, hätte ich wahrscheinlich bezüglich der Bedeutung des Künstlers geseufzt und kaum Notiz davon genommen. So sind eben auch Kunstkritiker(innen) immer an einem bestimmten Punkt ihres eigenen „Œuvres“.
Begegnungen mit Künstler(innen) sind nicht immer ganz unproblematisch. Es kann nämlich auch sein, dass man Krach bekommt im Gespräch, dass man plötzlich angegriffen, für dumm hingestellt wird. Ich habe nicht allzu viele solche Erinnerungen (und Namen gehören hier nicht hin), aber sie sind natürlich schon auch prägend. Und da ist es dann auch nicht einfach, das Subjektive abzustreifen und für den Text auch solches zu integrieren und umzuwandeln.
Einmal jedoch musste ich mir im Nachhinein aber sagen, sie hat recht. Dabei ging es nicht um einen Text, sondern um eine Haltung.
Da gibt das Aargauer Kunsthaus das Jahresprogramm 1994 bekannt. Mit sieben Einzelausstellungen von sieben Männern. Da platzt einer Reihe engagierter Aargauerinnen (u.a. auch Marianne Suter) der Kragen. Wir fordern Beat Wismer heraus und schlagen eine Veranstaltung mit Vorträgen und Podium vor. Wegen eines Todesfalles wird die Veranstaltung vom 14. September 1994 abgebrochen bevor sie begonnen hat und auf den 13. Januar 1995 verschoben. Mit von der Partie: u.a. Miriam Cahn. Sie spricht nach mir (siehe Archiv: 1995) und haut mich richtig in die Pfanne (man kennt das ja von ihr), indem sie meint, was ich da gesagt hätte, sei nun wirklich kalter Kaffee, die Frauen der 90er-Jahren müssten sich ihre Chancen eben holen.
Nun, das Jahresprogramm des Aargauer Kunsthauses von 1994 sprach eine andere Sprache, aber im Kern hatte Miriam Cahn recht. Und so ist diese engagiert vorangetriebene Veranstaltung für mich so etwas wie der Abschied vom Feminismus im engeren Sinn; das Thema ist fürderhin auch für mich abgehakt. Ich halte zwar an meinem Prinzip fest, dass ich wenn immer möglich schreibe, wenn irgendwo in einer Schweizer Institution eine Künstlerin zum Zug kommt, doch Quoten errechne ich keine mehr.
Ausser einmal: Als Marc Fehlmann und Ralf Beil im Jahr 2000 im Kunstmuseum Bern die Ausstellung „Eiszeit“ als Vorbereitungsausstellung für die Abteilung Gegenwart des Museums präsentieren und dabei nicht eine einzige Künstlerin im Boot haben, platzt mir an der Pressekonferenz mal wieder der Kragen, worauf alle beschämt sind und sämtliche Zeitungen davon schreiben … (siehe „Machen Männer kalte Kunst?“, Besprechungen 2000).
Und die Bilanz? Mit welchen Texten habe ich etwas bewirkt? Sicher nichts mit Texten über die Grössen der Kunstgeschichte von Pablo Picasso über Jackson Pollock bis Brice Marden, Bruce Nauman und Bill Viola. Über die habe ich zwar gerne geschrieben, aber tausend Andere auch. Am Nachhaltigsten sind wohl schon die Texte zu spezifischen Frauen-Themen (1989-1996), weil ich da eine der wenigen war, die Recherchen betrieben, aufzeigten, über Gemeinsamkeiten und Differenzen nachdachten und dies auch publizierten.
Ich kann mich erinnern als wäre es gestern gewesen: Ausstellung Maria Lassnig im Kunstmuseum Luzern 1989. Im grossen Saal frühe, grossformatige Pinselzeichnungen mit den Umrisslinien ausgespannter weiblicher Körper. Nie zuvor hatte ich so erotische Zeichnungen einer Frau gesehen, einer Frau, die sagt, man solle nicht die Anatomie malen, sondern die Umrisse des Fühlkörpers. Es war mir schon länger aufgefallen, dass Frauen lieber Frauen malen, zeichnen etc., ihre Gefühle lieber im eigenen Körper suchen als in Projektionen (wie die Männer). Aber war das wirklich etwas Allgemeingültiges? Oder war das nur ich, die das so interpretierte? Bei einem Tabu-Thema wie der Sexualität gar nicht so einfach zu beantworten.
Monatelang fragte ich bei passender Gelegenheit Freundinnen da, Bekannte dort. Bis ich sicher war und dann machte ich mich auf die Suche in der Kunstgeschichte, fand die Paula Modersohn Becker, die wohl als erste den eigenen sinnlichen Körper zum Motiv machte (1906), betrachtete Angela Kaufmanns Selbstporträts unter neuen Auspizien, fand eine weibliche Aktzeichnung von Alice Guggenheim von 1936 und eine ebensolche von Ilse Weber (mit einem Schmetterlingsring um den Bauch) usw.
Ich sah die Selbstdarstellungen der Aufbruch-Frauen der 1970er-Jahre nun unter doppelten Auspizien und erkannte, dass Karin Schaubs monumentale Kohlköpfe ebenso erotisch gedacht sind wie Annette Barcelos Wolfs-Spiele. Spannend war das und wohl nie zuvor so formuliert. Der Text erschien unter dem Titel „Der Impetus der Ich-Erfahrung“ in der Kunstzeitschrift artis, anfangs 1993.
Ansonsten kann ich wichtige Texte schwerlich einzeln benennen. Wahrscheinlich ist es eher so, wie Pierre Keller einmal bemerkte, nachdem eine Bekannte mich beim Bundesamt für Kultur für den damals neuen Kunstkritikerpreis anmeldete und ich eine Liste abgegeben musste mit den in jenem Jahr geschriebenen Texten (der Preis ging dann nicht an mich, sondern an Kollega Niklaus Oberholzer). Item, Pierre Keller erkannte mich an irgendeiner Vernissage in Lausanne zunächst nicht sofort, dann aber sagt er: Ach ja die Fleissige, natürlich! Da hatte ich es wieder: Die Fleissige oder manchmal auch Die Energische – tausendfach habe ich das gehört in meinem Leben. Aber wahrscheinlich nicht ohne Grund. Nur Franz Eggenschwiler, der Charmeur, wandelte es ab und sagte: Die Leidenschaftliche.
So ist der Fleiss denn wohl schon ein Markenzeichen, sich zum Beispiel daran zeigend, dass ich von 1972/1973 bis 1998 die Ausstellungen im Aargauer Kunsthaus über die ich nicht geschrieben habe, an den Händen abzählen kann. Darum war es ja dann auch höchste Zeit, dass ich in den Kanton Bern wechselte, denn es gab immer mehr Leute im Aargau, die sich nicht mehr an eine Zeit erinnerten als die Zwez noch nicht schrieb …
Wie viele Texte ich im Laufe der letzten 40 Jahre geschrieben habe, weiss ich nicht. Vielleicht zähle ich sie dann einmal.
Noch ein Wort zum Thema Kunstkritikerin: Im Aargau macht in den 1970er eigentlich nur das Aargauer Kunsthaus Pressekonferenzen. Da lerne ich Kollegen wie Fritz Billeter, Annemarie Monteil oder Niklaus Oberholzer kennen – es kommt aber auch vor, dass Heiny Widmer (Direktor bis zu seinem Tod 1984) und ich allein auf eine Foyer-Ausstellung oder ähnlich anstossen. Fakt ist, dass ich in dieser Zeit zu wenig Kontakt habe zu „Kunstkritik“ in einem grösseren Zusammenhang. Mehrwissen eigne ich mir durch das Lesen von Büchern und Katalogen an. Erst mit der Ausweitung meiner Tätigkeit auf die Städte Zürich, Luzern, Basel, Bern etc. beginne ich mich national vernetzt zu fühlen.
Gleichzeitig wird auch die Kunstkritik immer stärker ein Frauenberuf – wie sagte doch Guido Magnaguagno 1993 nicht ganz ohne Ironie anlässlich einer nur von Frauen besuchten PK im Kunsthaus Zürich mit drei Künstlerinnen (Schön, Wick, Ess): “Wer könnte besser über diese Ausstellung schreiben“. Die Situation gilt auch für den Aargau, wo ich mich mit Sabine Altorfer in den 1990er-Jahren in die Kunstberichterstattung der (damals neuen) Aargauer Zeitung teile.
Die Situation der Kunstkritik hat sich spätestens seit 2000 stark verändert. Der Meinungsjournalismus ist weitgehend einem Informations-Journalismus gewichen. Man beschreibt eine Ausstellung, man stellt die Meinungen der Kuratoren und Künstler ins Zentrum. Oder man schreibt gar nicht. In diesem Umfeld werde ich mehr und mehr zum „Fossil“, bin ich doch immer noch der Ansicht, dass man aus einem Artikel herauslesen können müsse, ob einem eine Ausstellung gefalle oder nicht.
Als Redaktorin beim Bieler Tagblatt und auch später als „Autorin“ desselben Blattes habe ich das Privileg, dass ich so schreiben darf, wie ich es möchte; somit „alte Schule“. Auch muss ich mich nicht auf 3000 Zeichen einzwängen lassen, sondern darf immer noch einigermassen umfangreiche Texte schreiben, in denen auch eine Argumentation möglich ist. Dank der Website verlassen diese Texte dann den regionalen Rahmen und stehen einer breiteren Leserschaft zur Verfügung. Erst kürzlich rief mich Albrecht Schnyder aus Berlin an und sagte u.a. er hätte an einem Tag zwei Reaktionen aus Deutschland erhalten zu Texten von mir …
Dennoch hat sich auch mein Stil verändert – auch ich versuche stärker Zitate einzubringen, verständlich zu vermitteln. Allerdings weigere ich mich standhaft bei „Adam und Eva“ zu beginnen, auch wenn in der Blattkritik dann oft steht, meine Texte seien „hochgeschraubt“, „zu anspruchsvoll“, für Laien nicht auf Anhieb verständlich etc. Sorry – für etwas gibt es ja eine Kulturseite!!!
Schwieriger ist die Situation beim Kunstbulletin, wo es oft gilt mit 1300 Zeichen ein ganzes Porträt zu zeichnen. Aber das Bulletin ist für die Kunst in der Schweiz so wichtig, dass ich es immer wieder versuche, trotz zeitweiligem Frust. Es ist mir auch klar, dass ich – in meinem Alter – das Etikett meiner Generation trage und ich kann auch nicht verleugnen, dass es mir in Ausstellungen mit sehr vielen jungen Kunstschaffenden oft nicht sonderlich wohl ist. Sprich: Ich verstehe gewisse Bezüge nicht mehr (insbesondere was Film und Musik anbetrifft) und bin dann enorm glücklich, wenn ich unter den Jungen mal wieder auf einen Künstler, eine Künstlerin mit intellektuellem Anspruch oder Bezügen zu Geschichte stosse.
Etwa bei Beat Lipperts Entführung der Nike aus dem Louvre … Raphaël Zarkas Expedition nach Gibellina auf Sizilien, Peter Reglis vielseitigen „Reality Hackings“, Christian Kathriners „Tore“ zu Max von Moos (Bild: Zwez im Gespräch mit Kathriner in Kreuzlingen) und mehr. Hmmm – ich zähle lauter Männer auf … wahrscheinlich ist es schon so, dass mir aufgrund meiner langen Erfahrung Werke von Frauen so vertraut sind – habe kürzlich eine Skulptur von Klaudia Schifferle gekauft, eben einige Seelenkarten von Sara Rohner zum Rahmen gebracht und demnächst kommt eine Skulptur von Véronique Zussau in die Sammlung – dass sie mich weniger herausfordern, auch wenn ich mich in und mit ihnen sehr wohl fühle (Stand: April 2011 – immer noch einverstanden: Dezember 2011)
Inzwischen – November 2013 – muss ich gestehen, dass ich heilfroh bin, nicht mehr über aktuelle Ausstellungen schreiben zu müssen. Das Neo-Konzeptuelle, das insbesondere von der HKB her kommt, das Retro-Moment im Sinne von Rückgriffen auf die „Moderne“ oder auch die 1970er-Jahre, tausendfach abgewandelte Appropriationen, aus Fundstücken neu in Szene Gesetztes, vom einen zum anderen Stil und Medium Wechselndes, macht mir zuweilen Mühe (abgesehen davon, dass ich nur einmal Gesehenes oft schnell wieder vergesse). Den Ausnahmen bin ich sehr, sehr dankbar!! So erlaube ich mir (nicht ganz ohne schlechtes Gewissen) vermehrt Ausstellungen von Kunstschaffenden nachzugehen, die ich schon lange kenne und wo die Wiederbegegnung mit älteren Werken, aber auch kraftvollen Entwicklungen, grosse Freude ist.