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Alexandre Yersin war Arzt, Forscher und Abenteurer. Auf seiner Lebensgeschichte basiert der preisgekrönte Roman «Pest und Cholera» des Franzosen Patrick Deville, der kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist. Yersin-Fans hoffen deshalb auf mehr Aufmerksamkeit für ihren «Helden» – auch hierzulande. «Der Roman hat einen regelrechten Wirbelsturm an Interesse für Yersin ausgelöst», sagt der Schweizer Yersin-Kenner Jacques-Henri Penseyres.
Yersin entdeckte nicht nur den Pest-Erreger und ermöglichte damit die Bekämpfung der Seuche, er revolutionierte auch die Landwirtschaft in Indochina, wohin er 1890 auswanderte. In Vietnam wird er heute noch als Held gefeiert.
Ein zweiter Buddha
«Yersin wird sogar vom Mahayana-Buddhismus verehrt», sagt Jacques-Henri Penseyres, der oft auf Yersins Spuren in Vietnam unterwegs ist. «In einer Pagode habe ich Yersin auf einem Altar gesehen, der sich links vom Haupt-Buddha befindet. Yersin ist dort also eine Art zweiter Buddha.»
Yersin wird 1863 in Aubonne am Genfersee geboren. Doch schon als junger Mann kehrt er der Schweiz den Rücken. Zuerst studiert er in Paris bei Louis Pasteur, dem französischen Gründervater der Mikrobiologie, dann verlässt er Europa.
Er wird Entdecker und kartiert in zahlreichen Expeditionen das Hinterland des heutigen Vietnams. 1894 reist er nach Hong Kong, denn dort ist die Pest ausgebrochen. Yersin will den Erreger finden. Die Pest ist noch immer eine furchtbare Krankheit, die Ärzte können nichts gegen sie ausrichten. Yersin trifft auf eine entvölkerte Stadt: Jeder zweite Einwohner ist geflohen.
Mit Bestechung zum Durchbruch
In Hong Kong wird Yersin in einen wissenschaftlichen Konkurrenzkampf verwickelt. Ein japanischer Forscher ist bereits vor Ort und versucht Yersin auszubooten. Yersin erhält keinen Zugang zu den Pesttoten und kann deshalb keine Autopsien vornehmen. Doch er weiss sich zu helfen. Er besticht die Totengräber.
Nach wenigen Tagen schon hat Yersin das Pestbakterium im Eiter der Pestbeulen gefunden. Ihm zu Ehren wird der Erreger später «Yersinia pestis» genannt. Zu Lebzeiten wird Yersin gefeiert und ist weit herum bekannt als Bezwinger der Pest – um so mehr als es ihm später auch gelingen wird, die Pest zu heilen.
Er legt jedoch auf Ruhm und Ehre wenig Wert. Yersin ist scheu und lebt zurückgezogen in einem Fischerdorf, wo er sich neben der Forschung vor allem der Landwirtschaft widmet. Unter anderem führt er den Kautschuk-Baum in Indochina ein und verhilft der Region damit zu einem wichtigen Exportrohstoff. Ausserdem züchtet er Kühe und Hühner, indem er europäische Sorten in lokale Sorten einkreuzt und damit verbessert.
Posthume Ehrung
Dass Yersin heute in seinem Geburtsland Schweiz so wenig bekannt ist, hänge vermutlich damit zusammen, dass er beinahe sein ganzes Leben in Indochina verbracht habe, sagt Jacques-Henri Penseyres. Und dass er schon während seiner Pariser Studentenzeit die französische Staatsbürgerschaft annahm.
Der Roman «Pest und Cholera» des Franzosen Patrick Deville könnte Yersin nun auch in der Schweiz zu mehr Bekanntheit verhelfen. In Morges, wo er aufwuchs, soll 2016 eine Ausstellung über ihn eröffnet werden. Yersin selbst würde das posthume Interesse an seiner Person vermutlich kalt lassen.