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Dennoch sind gerade Störungen der Kontrolle über die Harnblase äusserst häufig. Bei Kindern oder Jugendlichen handelt es sich dabei in der Regel um eine sog. Enuresis, während die Harninkontinenz den unwillkürlichen und unkontrollierten Harnverlust im Erwachsenenalter bezeichnet.
Enuresis, umgangssprachlich Bettnässen, bezeichnet regelmässigen nächtlichen unkontrollierten Urinabgang über das Schuleintrittsalter hinaus. Dieses führt in den betroffenen Familien zu grosser Verunsicherung. Eine sekundäre Enuresis liegt dann vor, wenn vorher bereits eine Kontrolle über die Blasenfunktion bestanden hatte.
Die Behandlung der primären Enuresis ist äusserst erfolgreich, wenn vorher (seltene) zugrundeliegende Erkrankungen der Harnwege ausgeschlossen worden sind. Wir setzen seit vielen Jahren mit Erfolg einen Weckmechanismus ein, der diese Störung meist in wenigen Wochen behebt.
Der Begriff „Überaktive Blase“ (engl.: Overactive bladder/OAB) bezeichnet vermehrten, kaum unterdrückbaren Harndrang. Abhängig von der Schwere dieser Erkrankung liegt noch kein Kontrollverlust über die Blase vor (engl.: OAB dry) oder es besteht eine Inkontinenz (OAB wet). In jedem Fall ist die überaktive Blase eine Erkrankung, die mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität einhergeht. Normale Tätigkeiten können aufgrund des plötzlichen Harndrangs unmöglich werden.
Ursachen können Erkrankungen der Blase selbst, der Prostata oder Fehlsteuerungen der Blase, z.B. bei neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, nach Schlaganfall, Wirbelsäulenverletzungen, aber auch nach Operationen im kleinen Becken, im Rahmen eines fortgeschrittenen Diabetes, als Medikamentennebenwirkung oder einfach altersbedingt sein.
Zur Abklärung kommen nach Ausschluss einer Entzündung oder eines Tumors mittels Urinuntersuchung, Ultraschall und Blasenspiegelung die Anlage eines Blasentagebuches und eine Blasendruckmessung (Urodynamische Untersuchung), die wir ambulant in unserer Praxis durchführen in Betracht. Bei letzterem werden über einen dünnen Messkatheter in der Blase und einen Ballonkatheter im Enddarm die Drücke bei Auffüllen der Blase gemessen, so dass der eigentliche Druck des Blasenmuskels errechnet werden kann.
Zur Beschwerdelinderung stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Diese Wirkstoffe haben eine hemmende bzw. entspannende Wirkung auf die Blasenmuskulatur. Sie können in Tablettenform eingenommen werden. Bei nicht ausreichender Wirksamkeit oder schlechter Verträglichkeit können wir heute einen Wirkstoff direkt in den Blasenmuskel einbringen, welcher zu einer markanten Verbesserung der Drangbeschwerden führt. Dieser Wirkstoff heisst Botulinumtoxin A und wird im Rahmen eines kurzen stationären Aufenthalts in einer leichten Form der Narkose während einer Blasenspiegelung eingespritzt.
Eine Harninkontinenz ist häufig: Rund 15% der Frauen zwischen 30 und 40 Jahren, 25% der Frauen zwischen 40 und 50 Jahren und weit über 60% der Patientinnen in Pflegeheimen klagen über eine Form der Harninkontinenz. Bei Männern ist die Harninkontinenz ähnlich häufig, unterscheidet sich jedoch wesentlich hinsichtlich Anatomie und Pathophysiologie. Prostataerkrankungen, und hier vor allem die benigne Prostatahyperplasie, sind beim Mann der dominante krankheitsauslösende Faktor. Die sozialmedizische Bedeutung dieses Symptoms ist bei beiden Geschlechtern vergleichbar.
Grundsätzlich werden fünf Arten der Inkontinenz unterschieden, wobei mit zunehmendem Alter Kombinationen häufiger werden.
Die Drang- oder Urgeinkontinenz ist die häufigste Inkontinenzform des Mannes. Zugrundeliegend ist in den meisten Fällen eine chronische Harnblasenentleerungsstörung aufgrund langjähriger Blasenauslassbehinderung durch eine nicht oder nur unzureichend behandelte Prostatavergrösserung. Die graduelle Erhöhung des Blasenauslasswiderstands wird durch eine Verdickung der Blasenmuskulatur kompensiert, welche die Blasenentleerung durch Druckerhöhung zu gewährleisten versucht. Diese Zunahme der Blasenmuskulatur geht jedoch mit einer erhöhten Erregbarkeit und damit Blaseninstabilität einher. Nicht hemmbare unwillkürliche Muskelkontraktionen werden vom Mann zunächst als zwingender Harndrang wahrgenommen. Die Dranginkontinenz resultiert, wenn der Harnröhrenverschlussdruck nicht mehr ausreicht, um dem erhöhten Blasendruck zu widerstehen.
Zusätzlich können die Reizblasenbeschwerden durch weitere klinische Faktoren der gutartigen Prostatavergrösserung verursacht werden. Groteske, in die Blase wuchernde Prostataanteile können ebenso wie Blasensteine zum permanenten oder intermittierenden Blasenreiz mit Dranginkontinenz führen. Dieses gilt auch für Blaseninfekte oder für Blasentumoren.
Seltener findet sich beim Mann eine sog. idiopathische Dranginkontinenz ohne fassbares organisches Korrelat, z.B. im Zusammenhang mit emotionalen Stresssituationen auftretend. Dies spiegelt die Bedeutung des vegetativen Nervensystems für die Funktion der Blase wider, die allein sympathisch und parasympathisch enerviert ist.
Neurologische Krankheiten, wie Parkinson und Multiple Sklerose, kommen als weitere Ursachen der Dranginkontinenz in Frage, ebenso hohe Verletzungen des Rückenmarks. Dabei liegt eine sogenannte Reflexinkontinenz vor, bedingt durch unwillkürliche reflexartige Blasenmuskelkontraktionen bei ausbleibender zentraler Hemmung.
Die Ueberlaufinkontinenz ist eine weitere Inkontinenzform, welche in den meisten Fällen auf eine langjährig bestehende Harnblasenentleerungsstörung bei Prostatavergrösserung beruht. Die kontinuierliche Erhöhung des Blasenauslasswiderstands wird hierbei nicht durch eine Blasenmuskelvermehrung kompensiert. Anstatt dessen kommt es zu bindegewebigem Umbau der Blase mit Verlust der Muskelkontraktilität und zunehmender Resturinbildung. Später bildet sich in vielen Fällen eine Ueberlaufinkontinenz aus, bei der jeweils nur kleine Mengen Urin unwillkürlich abgehen. Ein Blasenvölle- und ein Dranggefühl wie bei einer akuten Harnverhaltung wird bei diesem chronischen Krankheitsprozess von den meisten Männern nicht mehr empfunden.
Die Belastungs- oder Stressinkontinenz ist beim Mann seltener als bei der Frau. Im Gegensatz zu den oben aufgeführten Inkontinenzformen beruht sie nicht auf einer in der Regel Prostata-bedingten Harnblasenentleerungsstörung, sondern auf einer Schwäche des Harnröhrenverschlussmechanismus. In seiner leichtesten Ausprägung kommt es zum unfreiwilligen Urinabgang bei abdomineller Druckerhöhung, z.B. bei Husten, Niesen oder Lachen. Beim Mann tritt die Belastungsinkontinenz meist auf als in vielen Fällen zeitlich befristete, aber in einzelnen Fällen auch permanente Folge grosser beckenchirurgischer Eingriffe, wie der radikalen Prostatektomie beim Prostatakarzinom.
Immobilität aufgrund von verschlechtertem körperlichem Zustand und Demenz kommen ebenfalls als Inkontinenzursache in Frage. Die klinische Beurteilung ist dann komplizierter, zumal beim Mann in vielen Fällen gleichzeitig prostatabedingte Harnblasenentleerungstörungen vorliegen.
Eine Sonderform der Inkontinenz ist die sog. extraurethrale Inkontinenz, bei der harnableitende Kanäle ausserhalb von Blase und Schliessmuskels münden. Diese Inkontinenzform entsteht aufgrund von angeborenen Missbildungen oder als Folge von schweren Entzündungen im kleinen Becken, welches zu sogenannten Fisteln, d.h. unnatürlichen Verbindungen zwischen Blase und Scheide führt. Die Therapie dieser Inkontinenzform kann nur auf operativem Wege erfolgen.