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Es gibt Leute, die nennen es „Camptourismus“, wenn die westliche Politik versucht, sich ein Bild über die Zustände in den Flüchtlingscamps der aus Syrien vertriebenen Menschen zu machen. Und in der Tat war es mir nicht wohl, als ich Anfang Mai mit der beratenden Kommission für internationale Zusammenarbeit die Möglichkeit erhielt, das Flüchtlingscamp Azraq in Jordanien zu besuchen. Fast unbeholfen stellte ich meine Fragen und realisierte, wie wenig ich mich mit den verschiedenen Konflikten im Nahen Osten und der aktuellen dramatischen Flüchtlingssituation in Jordanien auskenne. Und doch bin ich eines von 246 Parlamentsmitgliedern, welches im Rahmen der Botschaft über die Internationale Zusammenarbeit die Rahmenkredite für die Hilfe der Schweiz in derart schwierigen Kontexten sprechen muss. Deshalb ist es richtig, dass wir uns mit den verschiedensten Konflikten und Herausforderungen auseinandersetzen. Wie kann das Parlament die richtigen Entscheide treffen, wenn es die Situation lediglich aus einer 450-seitigen Botschaft kennt und die Parlamentarier die Schweiz nie verlassen?
Jordanien hat eine Bevölkerung von über 9.5 Mio. Menschen, wovon rund ein Drittel Flüchtlinge sind. Rund 2 Millionen sind Palästinenser und ihre Nachfahren, die im Jahr 1948 und nach dem Sechstagekrieg 1967 aus ihrer Heimat geflohen sind und heute mehr oder weniger integriert sind. Rund 650‘000 Menschen sind aber aufgrund der Syrienkrise eingewandert und leben über das ganze Land verstreut in den Dörfern und den Städten Jordaniens. 18% von diesen syrischen Flüchtlingen sind in Flüchtlingslagern untergebracht. Davon viele Frauen und Kinder – traumatisiert vom Krieg. Perspektiven haben diese Syrer keine. Es fehlt an allem: Wohnraum, Bildung, Arbeit aber v.a. an sauberem Trinkwasser. Deshalb engagiert sich die Schweiz im Bereich Wasser. Mit Schweizer Know-how und Technologie hat sie für 2.21 Mio. CHF ein Wasserversorgungssystem im Flüchtlingslager Azraq gebaut. Mit 440 Meter tiefen Bohrlöchern wird Wasser gewonnen und mittels einer Hauptleitung von 13 km Länge den verschiedenen Campdörfern mit 36‘000 Menschen zugeleitet. Ein Projekt, durch welches jährlich rund 1 Mio. CHF eingespart werden kann, indem das Wasser nicht mehr durch Lastwagen in die Wüste gefahren werden muss. Die neue Wasserversorgung im Azraq Camp ist ein kleines Projekt der Schweiz, welches aber so vielen Menschen zu einem menschenwürdigeren Leben verhilft. Ein Projekt, welches einem Land wie Jordanien unglaublich viel Hilfe bringt. Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt und gibt kaum genug Wasser für die eigene Bevölkerung her.
Wenn man mit den Einheimischen spricht, dann hört man, wie schwer die Situation für sie ist. Aber was man nicht hört, sind Proteste. Eigentlich grenzt das fast an ein Wunder. Ein Wunder, welches bei uns aber kaum Aufmerksamkeit findet. Dabei sollten wir dankbar sein für jene Länder, welche sich derart für diese Hilfe vor Ort einsetzen. Wie sähen die Migrationsströme Richtung Westen aus, wenn sich Länder wie Jordanien nicht derart engagieren würden? Die Schweiz tut gut daran, mit humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit die Arbeit dieser Länder weiterhin tatkräftig zu unterstützen. Sei es durch Projekte der UNO-Organisationen und anderen internationalen Organisationen und NGO oder auch durch bilaterale Projekte der Schweiz.
Ich habe bei meinem Besuch in Jordanien viel gelernt und bin dankbar, dass ich diese Reise machen durfte. Wer lernen will was Nächstenliebe bedeutet, schaue sich den Umgang mit Flüchtlingen dort an.