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Immer öfter wollen US-Bundesstaaten die Bildung ideologisch kontrollieren und verbieten gewisse Bücher an Schulen und Bibliotheken. Dabei werden bestimmte Bücher aus Bibliotheken und dem Schulunterricht ausgeschlossen. Die Bücher sind zwar weiterhin auf dem freien Markt erhältlich, dürfen aber nicht mehr unterrichtet, vermittelt oder verliehen werden.
Für Aufsehen sorgte letztes Jahr eine Statistik von PEN America, einer Nichtregierungsorganisation, welche für Meinungsäusserungsfreiheit in der Literatur einsteht. In der ersten Hälfte des vergangenen Schuljahrs stellte PEN einen weiteren Anstieg der Anzahl Verbote fest, schrieb die Gruppe vor wenigen Wochen in einem Update.
Die Verbote würden von einer kleinen Minderheit angetrieben. Eine grossangelegte Umfrage von Ende März 2022 hatte nämlich ergeben, dass über 70 Prozent der Eltern derartige Verbote ablehnen und Bibliotheken unterstützen. Besonders viele Verbote werden in den Bundesstaaten Texas, Florida, Missouri, Utah, und South Carolina ausgesprochen.
Zwischen Juni 2021 und Juli 2022 registrierte PEN 2532 Fälle von Buchverboten. Die Bücher stammen von 1261 Autorinnen und Autoren. Darunter waren sehr viele Jugendbücher und manche Bilderbücher. Über 5000 Schulen und an die vier Millionen Schülerinnen und Schüler waren betroffen. Dabei wurden jedoch nur die direkt PEN gemeldeten oder durch Medienberichte bekanntgewordenen Fälle erfasst. In der ersten Hälfte des zu Ende gehenden Schuljahrs sieht PEN eine Zunahme der Fälle um 28 Prozent
Ziel der Verbote sind in den meisten Fällen Themen wie Rassismus, sexuelle Orientierung oder Geschlechteridentitäten. Teilweise werden aber auch ganze Listen von Büchern vorsorglich aus Bibliotheksregalen entfernt, was dazu führen kann, dass weitere Themenfelder wie Religion oder Tod betroffen sind.
Hunderte lokaler Gruppen setzen Schulen unter Druck
PEN gab an, 50 Gruppen – vorwiegend aus der christlichen Rechten – identifiziert zu haben, welche sich auf lokaler und nationaler Ebene für die Verbote einsetzen. Die meisten seien 2021 gegründet worden und acht von ihnen haben zusammen über 300 lokale Untergruppen. Die Gruppen teilen untereinander Buch- und Leselisten und üben Druck auf lokale Schulgremien aus.
Damit dürften sie auch nach ausländischem Vorbild handeln. Im Sommer 2021 verbannte Ungarn Bücher, welche die sexuelle Orientierung thematisierten, aus Schulen und Bibliotheken. Zudem verbietet Russland seit 2013, dass Kinder mit neutralen oder positiven Darstellungen nicht-heterosexueller Beziehungen in Kontakt kommen. Der Journalist Andrew Marantz hat den regen Austausch zwischen der christlich-konservativen US-Rechten und Viktor Orbàns ungarischer Regierung dokumentiert. Er sagte in einem Interview mit dem US-Radiosender NPR: «Man kann sagen, dass das ungarische Gesetz nach dem russischen Vorbild modelliert wurde.»
Jonathan Friedman, einer der Autoren des PEN-Berichts, führte die Verbotswelle teilweise auch auf das «1619 Project» der New York Times zurück. Damit sollte die US-Geschichtsschreibung angepasst und die Konsequenzen der Sklaverei und die Beiträge schwarzer Amerikaner ins Zentrum des nationalen Narrativs gestellt werden.
Grossprojekt: Ideologische Bildungskontrolle
Im vergangenen Schuljahr beobachtete PEN eine Veränderung: nach den Elternprotesten funktionieren die Legislativen von Bundesstaaten als Verbotstreiber. «In vielen Staaten befolgen die Schulbezirke neue Gesetze, die ihnen vorschreiben, welche Art von Büchern überhaupt in Schulen zugelassen ist, welchen Prozess neue Bücher durchlaufen müssen, damit sie erlaubt sind , und wie bestehende Sammlungen überprüft werden.» Die Buchverbote, so Friedman, hätten sich zu einem Grossprojekt ausgeweitet, um ideologische Kontrolle über den gesamten Bildungssektor zu gewinnen.
«Die eingeführten Gesetze zielen zunehmend auf neue Territorien bezüglich der Verbote und Verbannungen. Und sie knüpfen Verbote an harsche Strafen. Einige der Verbote richten sich vollkommen gegen dokumentierte Geschichte, kritisches Denken und sogar gegen die Logik», erläuterte Friedman.
Und in einem TED-Talk sagte er: «Für mich tönt das nach einem Land, das Angst hat vor Bildung.» Vage, mehrdeutig formulierte Gesetze seien effektiv, besonders wenn an die Verbote auch noch Strafen geknüpft seien.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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