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Die Biografie über Bundesrat Arthur Hoffmann (1857 – 1927) von Paul Widmer fasziniert durch eine detailreiche Schilderung der Situation der Schweiz vor und während des ersten Weltkrieges.
Der Autor Paul Widmer ist, wie er in der Einleitung schreibt, selbst erstaunt, dass über Bundesrat Arthur Hoffmann noch keine Biografie existiert. Er führt diesen Umstand darauf zurück, dass Hoffmann schon zu Lebzeiten als reserviert und verschlossen gegolten habe. Sein Verhältnis zu den Journalisten und Publizisten sei eher kühl gewesen. Aus heutiger Sicht kann man dazu mit einer gewissen Verwunderung anmerken, dass es damals einem Mitglied der Landesregierung offensichtlich möglich war, den Medien gegenüber zurückhaltend zu sein!
Wichtiger sei aber wohl etwas anderes gewesen. Hoffmann habe keinen schriftlichen Nachlass hinterlassen. „Folglich muss man Denken und Handeln von Arthur Hoffmann auf einem mühsamen Umweg über offizielle Akten, Zeitungen und Memoiren von anderen Zeitgenossen erschliessen. Das ist kein verlockender Weg“, schreibt der Autor.
Gutgemeinte Versuche, Frieden zu stiften
Zum Glück ist der Autor diesen Weg gegangen. Und wir Leserinnen und Leser bekommen in Fülle von „jener Zutat, die eine Biografie erst lesenswert macht“, nämlich Dramatik. Arthur Hoffmann, Rechtsanwalt, aus einer St. Galler „Advokatendynastie“ stammend, wurde am 4. April 1911 als Mitglied der FDP zum Bundesrat gewählt mit 186 von 196 Stimmen. Am 11. Dezember 1913 wurde er mit 180 von 185 Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt. Am 19. Juni 1917 gab er im Bundesrat seinen Rücktritt bekannt.
Was war die Ursache des „jähen Falls“? Seine gutgemeinten, unklugen, geheim gehaltenen Versuche, Frieden zu stiften! Über diese Versuche schreibt Paul Widmer in grosser Ausführlichkeit. Kleine Schritte, unbedachte Äusserungen, eine Nichtgeheimhaltung führten zu unabsehbaren Konsequenzen. Das liest sich stellenweise wie ein moderner Agentenroman, wobei auch die Hauptstädte der damaligen Kriegsparteien zu Schauplätzen werden. Der grosse Umschlagplatz von Gerüchten, Nachrichten, Informationen aber war Bern. Die verfeindeten Staaten stockten ihre Botschaften mit zusätzlichem Personal auf. Begegnen konnten sie einander, wie Widmer schreibt, im neu eröffneten Hotel Bellevue.
Ein Meisterstück der Durchsetzungsfähigkeit von Bundesrat Arthur Hoffmann beschreibt Paul Widmer in der Wahl des Generals Ulrich Wille. Am 28. Juni 1914 wurde in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet. Das löste eine Kettenreaktion aus. Der Bundesrat stellte am 31. Juli die gesamte Armee auf Pikett, am 1. August rief er die allgemeine Mobilmachung aus. Am 3. August sollte in einer Sondersitzung des Parlamentes der General gewählt werden. Aber erst am späten Abend kam das Geschäft zur Abstimmung. Hinter den Kulissen fand ein ungeheures Tauziehen um den Favoriten von Hoffmann, Ulrich Wille, und seinen Konkurrenten Theophil Sprecher statt.
Vorbildliches humanitäres Wirken der Schweiz
Berührt hat mich auch die Schilderung des humanitären Engagements der Schweiz während des ersten Weltkrieges. „“Und nun rollte eine gewaltige Welle an humanitären und diplomatischen Herausforderungen heran. Der Bund, aber auch das IKRK sahen sich mit grossen organisatorischen und institutionellen Problemen konfrontiert. Hoffmann war der geeignete Mann im Bundesrat, um diese zu meistern.“…….
„Und er packte mit der ihm eigenen Energie ein Vorhaben nach dem anderen an und setzte diese auch um: die Rückschaffung von Zivilinternierten, die Evakuation von Vertriebenen, den Austausch von schwerverletzten Kriegsgefangenen und die Internierung von pflegebedürftigen Verwundeten und von Familienvätern mit vielen Kindern. Er setzte Massstäbe.“ Widmer setzt seine Schilderungen auch immer in grössere Zusammenhänge: „Die spezifische Ausprägung der eidgenössischen Aussenpolitik, die Verbindung von Neutralität und humanitärem Wirken, gab der Bundesrat bereits 1871 als Ziel vor. Hoffmann setzte sie m Ersten Weltkrieg im grossen Stil um. Er machte es mit Freude, mit innerem Feuer. Wiederholt soll er gesagt haben, eine der schönsten Erfahrungen im Bundesrat sei seine Tätigkeit für die Liebeswerke gewesen.“
Auch für mich als Leserin ist die Zeit des ersten Weltkrieges Geschichte. Meine Eltern erlebten ihn als Jugendliche. Erzählten aber nicht viel davon. In Erinnerung geblieben ist mir, dass damals eine grosse Spaltung durch die Schweiz ging. Die Sympathien in der Westschweiz und in der Deutschschweiz galten nicht denselben Lagern. Und unser Bundesstaat war bei Kriegsausbruch erst 66 Jahre alt. Also noch ein zartes Pflänzchen!
Der Verdienst von Paul Widmer ist es, dass er uns die damalige nationale und internationale politische Szenerie rund um Bundesrat Arthur Hoffmann, rund um die Schweiz, eindrücklich und detailreich vor Augen führt.
Paul Widmer: „Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall“. Verlag NZZ Libro 2017.
ISBN 978-3-03810-253-3