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Sechs Jahre lang reiste John Thackwray durch die Welt und fotografierte 1200 junge Menschen in ihren Schlafzimmern. Entstanden ist ein intimes Porträt einer Generation. Zehn Porträtierte sagen, was sie vom Leben erwarten.
ROOM#024 – JOSEPH – 30 Jahre alt – Künstler – Paris – Frankreich
Joseph lebt als Künstler seit über einem Jahrzehnt in diesem Zimmer, in dem er schläft, kocht und kreativ tätig ist. Der Musiker, Schauspieler und Zirkusartist betrachtet es als Symbol für seine Disziplin und Hingabe für das Künstlerleben und ist überzeugt, dass in Armut entstandene Kunst am stärksten und aufrichtigsten ist. Er bedauert, dass das Leben in Paris immer unerschwinglicher wird und die soziale und kulturelle Vielfalt der Stadt bedroht ist. Aber er denkt nicht daran, aufzugeben.
Frankreich in Zahlen
Geburtenrate: 2,0 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 82 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 22,3 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 38 500 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#290 – YUAN – 22 Jahre alt – Kellnerin – Dali – China
Yuan gehört zur Volksgruppe der Bai, einer von über fünfzig ethnischen Minderheiten in China. Sie lebt nahe der burmesischen Grenze und ist stolz auf ihre über zweitausend Jahre alte Kultur. Sie trägt so oft wie möglich die traditionelle Tracht, welche die Mädchen am Tag der Geschlechtsreife bekommen. Das weisse Band auf dem Hut bedeutet, dass Yuan noch ledig ist. Dass sich immer mehr Gleichaltrige westlich kleiden, kann sie zwar nachvollziehen, da dies bequemer und billiger ist. Gleichzeitig empfindet sie es ein Stück weit als Verlust der Selbstbestimmung.
China in Zahlen
Geburtenrate: 1,6 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 76 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: n/a
Pro-Kopf-Einkommen: 8800 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#219 – MALEEQ – 28 Jahre alt – Entertainer – New York – USA
Maleeq lebt in Brooklyn, bezeichnet sich als «Performer» und versucht sich im Showgeschäft als Sänger, Tänzer, Schauspieler oder sogar Stuntman. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er jedoch mit Fitness- und Zumba-Unterricht sowie Ernährungsberatung. Maleeq sorgt sich um die Gesundheit und das Übergewicht vieler Amerikaner.
USA in Zahlen
Geburtenrate: 1,8 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 79 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 9,2 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 59 500 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#1049 – OSIA – 18 Jahre alt – Hirte – Ha Selomo – Lesotho
Osia lebt in einem kleinen Dorf mit ein paar Hütten, die nächste asphaltierte Strasse ist eine Stunde entfernt. Als er 13 war, zogen seine Mutter und seine Brüder nach Südafrika, um dort auf grossen Farmen Arbeit zu finden. Seither lebt er hier alleine und kümmert sich um das Dutzend Gänse und die vier Kühe der Familie. Auf der Suche nach Wasser zieht er mit der kleinen Herde umher und lässt sie Tag und Nacht nicht aus den Augen. Dieses Leben bedeutet für Osia nicht Verzicht, sondern Freiheit.
Lesotho in Zahlen
Geburtenrate: 3,1 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 54 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: n/a
Pro-Kopf-Einkommen: 1180 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#1112 – JENNIFER – 18 Jahre alt – Gymnasiastin – Le Bouveret – Schweiz
Jennifer lebt in einem kleinen touristischen Dorf am Genfersee mit zwei Vergnügungsparks. Sie verbringt ihre Freizeit am liebsten mit Freunden im Kino, im Einkaufszentrum oder beim Bowlen. Aufgewachsen in der mehrsprachigen Schweiz ist sie von Fremdsprachen fasziniert und überzeugt, dass deren Erlernen unser gesamtes Denken strukturiert und in einer globalisierten Welt immer wichtiger wird. Jennifer spricht perfekt Französisch, Spanisch und Portugiesisch und lernt in der Schule Deutsch, Englisch und Italienisch.
Schweiz in Zahlen
Geburtenrate: 1,5 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 83 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 8,1 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 80 200 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#416 – OLEG – 24 Jahre alt – Telekom-Ingenieur – Nowosibirsk – Russland
Oleg stammt aus Kasachstan und kam fürs Studium nach Nowosibirsk. Heute reist er beruflich durchs Land, um Mobilfunkmasten aufzustellen. Seine Generation kennt die Zeit der Sowjetunion nur noch aus Erzählungen. Erinnern kann sich Oleg erst an die Zeit danach, als Russland in eine Wirtschaftskrise stürzte und sich vor den Lebensmittelgeschäften lange Schlangen bildeten. Heute, so findet er, gehe es dem Land zwar besser, aber alles drehe sich nur noch ums Geld.
Russland in Zahlen
Geburtenrate: 1,8 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 72 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 16,8 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 10 700 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#256 – RYOKO – 25 Jahre alt – IT-Ingenieurin – Tokio – Japan
Ryoko wuchs in einem kleinen Dorf auf und wollte Polizistin werden, war aber zu klein dafür. Heute lebt sie in diesem Raum in Tokio, der wie ein Kinderzimmer eingerichtet ist. «Lolita» heisst dieser Mode-Stil, den sie mit Gleichgesinnten pflegt. Während die Offenheit für Dresscodes in Japan grösser ist als sonst wo, sorgt sie sich um die Auswirkungen der Technologie auf die Jugend. Viele Junge würden ihr Leben ausschliesslich mit Arbeiten und Gamen verbringen. Die Konsequenz sei die sexuelle Abstinenz. Die vielen «Sexlosen» sorgten dafür, dass Japan nicht mehr genügend Nachwuchs produziere, um seine Zukunft zu sichern.
Japan in Zahlen
Geburtenrate: 1,4 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 84 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 4,6 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 38 400 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#326 – NIKESH – 18 Jahre alt – Fischer – Mumbai – Indien
Nikesh lebt in Dharavi, in einem der grössten Slums der Welt, bekannt durch den Blockbuster «Slumdog Millionaire». Die Grossfamilie teilt sich zwei Räume, allein in diesem Zimmer übernachten mehr als ein Dutzend Familienmitglieder, das einzige Bett bekommen die Jüngsten. Die meisten Menschen hier arbeiten für reiche Leute als Hausangestellte, Chauffeure oder Arbeiter. Weil der Slum im Herzen des boomenden Mumbai liegt, versuchen Immobilienspekulanten neuerdings, die Slumhütten aufzukaufen. Nikesh wehrt sich dagegen.
Indien in Zahlen
Geburtenrate: 2,3 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 69 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: n/a
Pro-Kopf-Einkommen: 1900 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#117 – MAJA – 22 Jahre alt – Architekturstudentin – Berlin – Deutschland
Dank dem Internet und Billig-Airlines war das Reisen für junge Menschen noch nie so einfach und erschwinglich wie heute. Maja ist regelrecht süchtig danach. Sie war bereits in Thailand, Mexiko sowie vielen europäischen Ländern und träumt davon, ein Jahr lang um die Welt zu reisen. Ganz alleine, ohne von jemandem abhängig zu sein. Wenn sie heimkehrt, überkommt sie jeweils der Traveler’s Blues und sie ist einige Wochen deprimiert. Aber trotzdem bereut sie nie, weggegangen zu sein.
Deutschland in Zahlen
Geburtenrate: 1,5 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 81 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 6,8 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 44 500 Dollar
Quelle: World Bank
ROOM#665 – MARCELLO – 18 Jahre alt – Schüler – La Paz – Bolivien
Bolivien hat den höchsten Anteil an indigenen Menschen von Lateinamerika.
Marcello gehört zum Volk der Aymara, das sich als direkte Nachkommen der Inkas versteht. Er träumt davon, Soziologe zu werden und die Aymara-Musik zu erforschen. Er bedauert, dass die Traditionen zu verschwinden drohen, da es immer mehr Jugendliche – wie ihn selbst – in die Städte zieht.
Bolivien in Zahlen
Geburtenrate: 2,9 Kinder pro Frau
Lebenserwartung: 69 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit: 7,7 Prozent
Pro-Kopf-Einkommen: 3400 Dollar
Quelle: World Bank
Das «My Room Project»
2010 begann der südafrikanische Fotograf John Thackwray mit seinem auf mehrere Jahre angelegten «My Room Project». Das Konzept: Junge Männer und Frauen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren wurden, weltweit in ihren Schlafzimmern zu fotografieren und sie über ihren Lebensstil, ihre Bildung, ihre Religion oder die Liebe zu befragen. Mehr als 1200 Millennials aus 55 Ländern haben bereits daran teilgenommen. Das Projekt kombiniert visuelle Anthropologie und Sozialfotografie und weckt das Bewusstsein für die Vielfalt der Lebensstile, die Zerstörung von Traditionen und die Zunahme von Ungleichheiten.
2017 erschien das Buch «Mein Zimmer, Porträt einer Generation». Es ist eine repräsentative Zusammenstellung von hundert Schlafzimmern mit Aussagen der Bewohner. Das Buch ist bisher in englischer und französischer Sprache erschienen. Die Bilder und Texte dieses Artikels sind dem Buch entnommen.