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Ein Traum von Pierre Stempfel, eine Idee von Albert Bugnon und ein Konzept von mir.» So beschreibt Cyrill Renz die Anfänge des Internationalen Folkloretreffens (RFI), das dieses Jahr zum 40. Mal stattfindet. Pierre Stempfel, der als Mitglied der Tanzgruppe «La Farandole» aus Courtepin schon selbst auf einigen Folklorefestivals gewesen war, hatte den Traum, in Freiburg etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Albert Bugnon, damals Direktor von Freiburg Tourismus, war von der Idee begeistert, im Sommer eine grosse, volkstümliche Veranstaltung durchzuführen. Gemeinsam kamen sie im Jahr 1973 auf Cyrill Renz, Leiter der Tanzgruppe «La Farandole», zu. Dieser erstellte in der Folge das Konzept: Der neue Anlass sollte originell, von hoher Qualität und vielfältig sein und zur kulturellen Bedeutung der Stadt Freiburg beitragen. «Springender Punkt war bei all diesen Überlegungen aber, dass wir nicht nur ein Festival machen wollten. Es sollte ein Treffen werden–der internationalen Künstler mit dem Publikum, mit der Freiburger Bevölkerung, den einheimischen Folkloregruppen, den Freiwilligen und nicht zuletzt auch der Künstler untereinander.»
Lieber feiern statt schlafen
Das erste Treffen ging 1975 über die Bühne: Sieben Gruppen aus sechs europäischen Ländern traten auf, das Festival dauerte drei Tage, das Budget betrug 50 000 Franken.
Nach dem ersten, grossen Erfolg entwickelte sich das Festival stets weiter: Eine Zeit lang führten die Organisatoren auch die «Jeux du Monde» oder wissenschaftliche Kolloquien durch, der Familientag kam hinzu, das Festival weitete sich auf Orte ausserhalb der Stadt aus, die für Künstler reservierte «Bar privé» und kleinere Auftritte wie derjenige in der Grotte der Buvette du Petit Train im Galterental wurden eingeführt–alles im Zeichen des «rencontre».
Dass die Idee des Treffens funktionierte und geschätzt wurde, zeigt eine der zahlreichen Anekdoten von Cyrill Renz, während mehr als 20 Jahren künstlerischer Leiter des RFI: Einige Jahre nach dem Mauerfall sei eine Gruppe aus dem Osten Deutschlands nach Freiburg gekommen. «Als sie die Unterkunft in einem Luftschutzkeller sahen, wollten sie sofort wieder umkehren.» Da die Heimreise am selben Abend zu weit gewesen wäre, blieben sie aber doch in Freiburg. «Am zweiten Tag traf ich mich mit der Gruppe. Obwohl ich wusste, dass ich auf die Schnelle nichts finden würde, versprach ich ihnen, für die nächste Nacht eine neue Unterkunft zu finden. So konnte ich sie zum Bleiben überzeugen», erzählt Renz. Dann kam der dritte Tag und damit der Meinungsumschwung der Deutschen. «Als ich sie an diesem Tag traf, wollten sie gar nicht mehr fort. Die unterirdischen Räume waren so unfreundlich, dass die Künstler lieber draussen mit den anderen Gruppen feierten, als schlafen zu gehen. Das wurde für sie zu einem unvergesslichen Erlebnis–und sie blieben bis zum Schluss.»
Obwohl das Folkloretreffen auch nach 40 Jahren noch immer ein volkstümlicher Anlass sei, der mehr bieten wolle als reine Unterhaltung, habe sich in dieser Zeit einiges verändert, sagt Cyrill Renz. So ist das Budget auf das gut Zwölffache der ersten Ausgabe angestiegen, zudem sei die Arbeit professioneller geworden. «Mittlerweile wird der Anlass von einem eingespielten und erfahrenen Team organisiert. Im ersten Vorstand sassen hingegen nur zwei Leute, die wirklich aus der Welt der Folklore kamen.»
Trotz des guten Rufs, den sich das RFI weitum hat, sei die Arbeit aber nicht einfacher geworden. Zum einen seien die Visa und finanzielle Beiträge der jeweiligen Kulturministerien nicht mehr so leicht erhältlich wie früher. «Damit sich eine Gruppe eine Reise in die Schweiz leisten kann, braucht sie manchmal mehrere Auftritte an Festivals in zwei oder drei verschiedenen Ländern. Dies gilt es, zu organisieren und zu koordinieren.»
Zum anderen hätten auch die Gruppen andere Erwartungen als früher. Insbesondere für die Gruppen aus den Oststaaten, aber auch für diejenigen aus anderen Ländern, sei es allein schon ein besonderes Erlebnis gewesen, wenn sie ihr Land verlassen und in die Schweiz reisen konnten. «Dies ist heute nicht mehr immer der Fall. Um das RFI zu einem besonderen Erlebnis zu machen, braucht es mehr.»
Volkskultur wird wichtiger
Dass das Internationale Folkloretreffen auch nach 40 Jahren jeden Sommer bis zu 30 000 Besucher anzulocken vermag, findet Cyrill Renz nicht erstaunlich. Das RFI gehöre mittlerweile als Tradition zu Freiburg, zudem werde der Stellenwert der Volkskultur immer wichtiger, ist er überzeugt. «Ich habe mich lange Zeit immer wieder gefragt, welchen Sinn es für andere Leute macht, wenn wir mit unserer Folkloregruppe auf der Bühne singen, tanzen und herumhüpfen», räumt er ein. Schliesslich sei er zu der Überzeugung gekommen, dass die Folklore ein Gefühl der Identität und Kontinuität vermittle. «Da unsere Gesellschaft immer multikultureller wird, nimmt auch die Bedeutung der Volkskultur, die wir zu bewahren versuchen, zu.» Für das Freiburger Folkloretreffen wünscht er sich deshalb: «Es muss nicht so bleiben, wie es jetzt ist. Aber ich hoffe, dass es sich in dieser Richtung weiterentwickelt.»
Griechen tanzen im Dorf der Nationen (1994). Bild Charles EllenaEin Paar aus Mexiko zeigt sein Können (1992). Bild Charles EllenaPassanten tanzen mit Künstlern aus Paraguay (1993). Bild Charles EllenaAuch Sibirien war 1996 schon in Freiburg zu Gast. Bild Aldo Ellena
Folkloretreffen: Neuheiten zur 40. Ausgabe
Die erste Gruppe ist am Freitag angekommen, die letzte wird am Dienstag in Genf landen – wir hoffen, sie haben keine Verspätung und nicht zu viel Stau», sagte Stéphane Renz gestern vor den Medien. Für die 40. Ausgabe des Internationalen Folkloretreffens, die im Zeichen der «Entdeckung» steht und heute mit dem traditionellen Eröffnungsumzug beginnt, hat der künstlerische Direktor einige Neuheiten parat: Bemerkenswert sei zum einen, dass mit den Formationen aus Lettland, der Ukraine und Nordossetien (Russland) gleich drei Kindergruppen vertreten seien. Dies tue aber dem hohen Niveau keinen Abbruch, betonte Renz: «Ich habe einige der Kinder bereits üben sehen; sie tanzen unglaublich gut.»
Neben Nordossetien gibt es mit Uruguay, Gabun, Singapur und Montenegro zudem fünf Länder zu entdecken, die zum ersten Mal in Freiburg vertreten sind. Die Neuentdeckungen werden ergänzt durch Formationen aus Martinique, Neuseeland und Chile.
Eine Überraschung biete auch die Eröffnungsvorstellung, die heute ab 20 Uhr in der Basketballhalle St. Leonhard stattfindet. «Neben den Folkloregruppen werden auch eine Hip-Hop-Gruppe sowie drei Schauspielerinnen auftreten, welche die Entdeckungsreise inszenieren», verriet Renz. Während die Veranstaltungen am Dienstag die Gruppen nur kurz präsentieren und eher ein Panorama zeigen, bietet sich ab Mittwoch die Gelegenheit, tiefer in die verschiedenen Kulturen einzutauchen: Unter der Rubrik «Un autre regard» treten einzelne Gruppen an speziellen Orten wie der Grotte im Galterental oder im Hof des Kollegiums St. Michael auf und die Galavorstellungen am Donnerstag- und Freitagabend sind jeweils fünf Gruppen gewidmet. Und schliesslich ist auch das Dorf der Nationen wieder im Stadtzentrum zu finden.
Wer gerne einmal selbst mittanzen möchte, ist am Samstag um 12.50 Uhr auf dem Georges-Python-Platz genau richtig: Mit einem Flashmob, bei dem auch alle 300 anwesenden Tänzerinnen und Tänzer mitmachen, feiert das Folkloretreffen nochmals seinen runden Geburtstag.
Neuigkeiten gibt es dieses Jahr aber nicht nur auf der Seite der Künstler: Die 40. Ausgabe ist zugleich auch die erste unter dem neuen Präsidenten Jean-Pierre Gauch. Kleinere Überraschungen und Schwierigkeiten habe er immer wieder angetroffen, und es habe eine Weile gedauert, bis er begriffen habe, wie das ganze Festival funktioniert. «Wir haben aber acht Monate lang hart gearbeitet, nun sind wir mittendrin. Ich hoffe nur, dass wir in den nächsten Tagen Sonne haben», meinte Jean-Pierre Gauch, überlegte kurz und fügte dann an: «Oder zumindest keinen Regen.» rb
Mehr Informationen: www.rfi.ch
Programm
Heute am Folkloretreffen
17 Uhr:Umzug der Gruppen von der Perollesstrasse bis zur Universität Miséricorde.20 Uhr:Eröffnungsvorstellung «Die Entdeckung» mit allen zehn Gruppen in der Basketballhalle St. Leonhard. Im Fribourg Centre gibt es zudem eine Ausstellung mit Fotos von Stéphane Schmutz zu entdecken.rb