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Diese Kolumne soll vom Hungarian Pastry Shop handeln. Das ist das bezaubernde Café, in das ich mich täglich begebe, um an meinem Roman zu werkeln. Aufmerksame Leserinnen werden sich erinnern, dass ich das Café bereits beim letzten Mal erwähnt habe. Vielleicht denkt nun die eine oder andere: Möge der Autor seinen Allerwertesten aus dem Lokal bewegen. Dann weiss er noch anderes aus New York zu berichten, als was er grad isst und trinkt.
Ich werde in Kürze auf diesen an sich plausiblen Einwand eingehen. Zunächst aber sei dem duldsamen Teil des Lesepublikums verraten: Als Erstes bestelle ich immer einen Pfefferminztee und ein Croissant. Das Croissant kommt mit Aprikosenkonfitüre und Butter (gesalzen, leider) und kann mit allem mithalten, was Pariser Boulangerien so vor sich hinbacken. Um die Mittagszeit bestelle ich dann einen Latte (man sagt hier «Laah-Teh», als handle es sich um eine Yoga-Stellung) und ein Schokoladenéclair. Das Schokoladenéclair kann mit allem mithalten, was Schweizer Konditoreien so vor sich hinbacken. Eines Tages wird man mich aus dem Lokal rollen müssen. Und mein zweieinhalbjähriger Sohn wird das Gefährt, in dem das geschieht, Papa-Mobil nennen.
Im Hungarian Pastry Shop lernt man New York besser verstehen. Darum soll der Rest der Kolumne von diesem Ort handeln: 1961 von ungarischen Immigranten gegründet, 1976 von drei Amerikanern übernommen, seit zwei Jahren von Philipp geführt, dem Sohn eines der pensionierten Besitzer. In Manhattan ist Prominenz nie weit. Der Schauspieler Bill Murray ist ein Freund des Hauses und war eine Zeit lang Stammgast. Woody Allen hat Szenen von «Husbands and Wives» hier gedreht. An der Wand hängen die Covers der Bücher, die New Yorker Literaten in diesem Café geschrieben haben. Und die Nähe zur Columbia, einer der weltbesten Unis, bedeutet, dass auch jede Menge geistige Eminenz hier verkehrt.
Einmal sass ich schräg gegenüber einer Japanerin, die sich in hohem Tempo mit einer anderen Japanerin über ein Buchmanuskript unterhielt, das zwischen den beiden lag. Ab und zu schrieb die andere Japanerin irgendwelche Korrekturen ins Manuskript. Als die beiden gingen, realisierte ich: Die andere Japanerin war in Wahrheit eine weisse Amerikanerin – vermutlich eine internationale Koryphäe für Literatur aus der Meiji-Periode. Ein andermal sass ich in der Nähe eines schönen und leider erst noch sympathischen Mannes Ende dreissig. Er glich einem Hollywoodschauspieler, dessen Name mir entfallen ist (ich habe nur schon Mühe, Brad Pitt und Johnny Depp auseinanderzuhalten). Der schöne und leider sympathische Mann war Russe, wie sich herausstellte. Er diskutierte mit einem alten Amerikaner über String-Theorie – theoretische Physik. Die beiden hauten sich Formeln um die Ohren, als seien sie Politiker, die in der «Arena» über die Personenfreizügigkeit streiten. Nachdem der Alte die Debatte gewonnen zu haben schien, richtete er folgenden Trost an den schönen und leider sympathischen Hollywoodphysiker aus Russland: «Du bist ja ursprünglich Philosoph.»
Nun ist mein Platz bereits aufgebraucht, und ich habe längst nicht alles erzählt, was man im Hungarian Pastry Shop über New York erfahren kann. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als das Thema beim nächsten Mal erneut aufzunehmen. Danach stürze ich mich aber ins Stadtleben. Deal?
Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an: <email-pii>
Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor der annabelle, Buchautor und «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.