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Das Mittelalter
Nicht grundlos wird das Mittelalter als «die finstere Epoche» bezeichnet. Die naturwissenschaftliche Entwicklung war während dieser Zeit deutlich abgebremst. In Europa herrschte vorwiegend sehr fanatisches Christentum - viele, neuartige Ideen wurden als subversiv oder gotteslästerig angesehen. Ideenaustausch war bei Weitem nicht frei. Diverseste Texte wurden verbrannt oder weggesperrt, zahlreiche Persönlichkeiten getötet, gefoltert oder inkarzeriert lediglich aufgrund Ihres Gedankengutes.
Das vielfaltige Konzept der «Acedia» wurde vorwiegend ab dem 16ten Jahrhundert und in der späteren Depressionsforschung wieder ergriffen, ist aber heutzutage kaum anzutreffen. Die symbolische und ausführliche Beschreibungen von «Acedia» als Endstation oder den letzten Dämonen, würde aber bei vielen ME/CFSlern einen Anklang finden.
DER MITTELALTERLICHE SYMBOLISMUS
In der mittelalterlichen/altchristlichen Erfassung wurden diverse gesundheitliche Probleme, sowohl geistiger als auch körperlicher Natur, öfters auf eine symbolische und/oder mystische Art wahrgenommen. Die Müdigkeit war öfters gleichgesetzt mit einer Sünde und somit als Anzeichen der geistigen Schwäche angesehen. [1]
Eine besondere und differenziertere Bezeichnung entstand hier auch relativ früh: die «Acedia» oder auch «Accidie». Der Begriff stammte aus dem Altgriechischen «akedeia», wörtlich «Nachlässigkeit», und wurde bereits in den Schriften aus dem 4ten Jahrhundert verwendet, um einen Unruhezustand zu bezeichnen, in welchem Arbeiten oder Beten nicht mehr möglich war. [2] Schon gegen Ende des 4ten Jahrhunderts beschrieb der Evagrius von Pontus die «Acedia» als den «Mittagsdämon», den schlimmsten und den letzten aller 8 bösen Gedanken, den «Logismoi», die einen Mönch in seiner Hingebung zu Gott zu behindern versuchen. Er schrieb: «Der Dämon der Acedia, auch bekannt als der Mittagsdämon, ist der mühsamste von allen Dämonen. Er übernimmt den Mönch um die vierte Stunde des Morgens und kreist um seine Seele bis zu der achten. Erstens, verlangsamt oder stoppt er die Sonne, so dass der Tag scheinbar 50 Stunden dauert. Dann zwingt er den Mönch zum Ausschauen durch das Fenster und Rausrennem aus seiner Zelle, um die Sonne zu beobachten und sich Gedanken zu machen, wie lange es noch dauern wird bis zur neunten Stunde, und um sich in alle Richtungen herumzuschauen, ob andere Brüder noch da sind. Dann überfällt er ihn mit Hass über diese Ort, seine Lebensart und das Werk seiner Hände; dass die ihn Liebe seiner Brüder verlassen hat und dass es niemanden gibt, um ihn aufzumuntern. Hat jemand vor Kurzem den Mönch beleidigt, wird der Dämon auch das hinzufügen und seinen Hass verstärken. Es führt zur Sehnsucht nach anderen Orten, wo man zu seinen Bedürfnissen leichter kommt und leichteres Kraftwerk praktizieren könnte. Alles im Allen, Gott zu gefallen hängt ja nicht von Geographie, fügt der Dämon hinzu. Gott sei überall zu würdigen. Zusätzlich, fügt der Dämon die Erinnerung des Mönches an seine Familie und seine frühere Lebensweise hinzu, und suggeriert ihm, dass er noch ein sehr langes Leben vor sich hat, indem er ihm vor Augen vorführt, wie mühsam das asketische Leben ist. So setzt er jedes Mittel ein, um den Mönch aus seiner Zelle zu befördern, damit er sein Vorhaben aufgibt. Es kommen keine weiteren Dämonen nach diesem hier, wenn der Kampf überstanden ist, wird die Selle mit Frieden und unaussprechbarer Glücklichkeit belohnt.» [3]
DIE ACHT BÖSEN GEDANKEN
Die 8 bösen Gedanken/Logismoi von Evagrius (Superbia – Stolz, Invindia – Eifersucht, Ira – Wut, Avaritia – Gier, Tristia – Trauer, Gula – Fülle, Luxuria – Lust, Acedia – Nachlässigkeit) waren ein wichtiger Zwischenschritt in der weiteren Handhabung und Benennung der Todessünden. Sowohl Evagrius, als auch spätere Mönche betonten oft den sequentiellen Charakter der Logismoi, wo der eine in den anderen mündete. Die «Acedia» hielt dabei eine ganze besondere Stellung, da sie immer zuletzt kam und keine weiteren bösen Gedanken gebarte. In dem Sinne war sie die Endstation – wenn nicht gebändigt, blockierte sie alles Andere und führte zum Suizid.
WEITERE ANWENDUNGEN UM DEN BEGRIFF "ACEDIA"
Was vorerst als Problem unter Mönchen und Asketen angesehen worden war, entwickelte sich über weitere Jahrhunderte und wurde in allerlei Lebenssituationen angewendet. Zu den später detaillierter beschriebenen Symptomen der «Acedia» gehörten u.A.: Schlaflosigkeit, allgemeines Unwohlsein, Debilität, Knieschwäche, Schmerzen in den Extremitäten, Fieber, verminderte Aufmerksamkeit und Interesse am Alltag sowie generelle Unzufriedenheit mit dem Leben. Die Betroffenen waren träge, gelangweilt und faul. Einige postulierten, dass dahinter eine enorme Unruhe stecke mit Unmöglichkeit des Lebens im «hier und jetzt» sowie Betrachtung der Zukunft als überwältigend. Eine häufige Begleiterscheinung sei Vernachlässigung im breiterem Sinne: des Aussehens, der Hygiene, der Bekanntschaften, der Gesellschaft. Als ursächlich angenommen wurden u.A. eine ungesunde Entscheidungsfreiheit und fehlende Hingabe. Man sprach von Verlust des einzig Wahren und Wichtigen – der Erinnerung an Gott. Einer der berühmtesten Theologen, der heilige Thomas Aquinas erwähnte in dieser Hinsicht zwei Betrachtungsweisen der «Acedia» - als Trauer über spirituale Güte («trista de bono divino») und Abneigung gegenüber Tat («taedium operandi»). Der Betroffene fand sich in der eigenen Dualität gefangen, zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, und verfiel in tiefgründige Zweifel und Rückzug. [4]
QUELLEN:
[1] “Exhaustion: A History”
Anna Katharina Schaffner
Columbia University Press, Published October 2017
[2] “The Concise Oxford Dictionary of the Christian Church (2 rev. ed.)”
Edited by E. A. Livingstone
Oxford University Press, First Published 2006
[4] “Summa Theologiae”
Thomas Aquinas
First published in 1485
Bildquelle:
www.wikipedia.com