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Im Schloss Thun ist bis Ende Februar die Ausstellung „Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte“ zu sehen, um deren Thema sich allen voran das Berner Oberland selber lange gedrückt hat. Es geht um einen Teil der eigenen Geschichte, um den des kurzlebigen Kantons Oberland während der Helvetik 1798 bis 1803.
Der Stein des Anstosses für die Ausstellung „Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte“ ist im Kleist-Jahr zu suchen. Im Jahre 2011 gab es eine Serie von Veranstaltungen in Thun, weil der Schriftsteller auf dem Oberen Inseli 1802 und 1803 weilte, um ein einfaches Bauernleben zu führen. Das Inselchen wurde dann auch im Zuge des Jubiläums in Kleist-Inseli umbenannt. Verdutzt stellte man fest, dass im Rahmen der Kleist-Ausstellung im Schlosse zu Thun nicht auf Kleists Verhältnis zur Helvetischen Revolution verzichtet werden konnte, eine Stellwand wurde dieser ambivalenten Liaison gewidmet. Daraus wurde dann mehr.
Nie hat man sich im Kanton Bern an die die Helvetischen Republik gross erinnert, geschweige denn das Jubiläum gefeiert, ausser in den alten, befreiten Teilen davon wie im Kanton Waadt oder im Kanton Aargau, ebenso wenig im Kanton Oberland, der bei der eigenen Bevölkerung nicht gut ankam und dem ein kurzes Dasein beschieden war.
Widerstand gegen Fortschritt
Die Oberländer waren schon immer rückständig. Während der Reformation im 16. Jahrhundert wehrten sie sich und kämpften erfolglos für den Katholizismus, während des Bauernkrieges 1653 unterstützten sie nicht die aufständischen Genossen aus dem Emmental und Entlebuch, sondern kämpften grösstenteils an der Seite der Stadtberner Patrizier gegen sie. Diese Sympathie für die Unterdrücker hatten sie auch 150 Jahre später nicht verloren, als 1798 Napoléon die Untertanenlande und die gemeinen Herrschaften von der Eidgenossenschaft der 13 Orte befreite. Der Kanton Bern, der damals als kleinste Grossmacht Europas galt, oder wahlweise auch der grösste Kleinstaat genannt wurde, wurde in vier Kantone aufgespalten: Waadt, Oberland, Aargau und (Rest-)Bern. Die Kantone wurden von eigenständigen Staaten in Verwaltungsregionen umfunktioniert. Alle waren gleichberechtigt. Andere Kantone wurden zusammengelegt, wie es zum Beispiel für Uri, beide Unterwalden, Zug und Teile von Schwyz geschah, die zum Kanton Waldstätte verschmolzen.
Doch die Oberländer wussten, im Gegensatz zu den Waadtländern und Aargauern, nichts mit dem Geschenk anzufangen. So gesehen ist es auch heute noch evident, wie sie mit einer Art Neid auf den Kanton Jura schauen und jegliche Autonomie- oder Fusionstendenzen des Südjuras, der immer noch zum Kanton Bern gehört, vehement ablehnen.
Thomas Knutti, SVP-Grossrat aus Weissenburg, ist so ein Beispiel. Als es um die teilweise Schliessung, resp. um die Zusammenlegung der Spitäler im Obersimmental und im Saanenland ging, hat er nicht die vielen teuren Privatspitäler für die Oberschicht in und um die Stadt Bern angegriffen, sondern die öffentlichen im Berner Jura, bei denen nicht gespart und zusammengelegt werde.
Dieser Geist, dass die Oberländer immer auf der falschen Seite standen, schimmert auch etwas an der Ausstellung durch. Das Beste sind die Stellwände, welche die Sachverhalte und Widersprüche zum Teil sehr schön aufzeigen. Wenn man die Ausstellung der Reihe nach anschauen will, muss man sich aber zuerst durch die Familienwappen und -namen mit den dazugehörigen Amtszeiten der alten Berner Geschlechter durchkämpfen, die als Schultheissen in Thun eingesetzt worden sind. Man kann sie aber getrost links liegen lassen. Neben ein paar Schriftstücken und Ausstellungsgegenständen gibt es auch noch eine Nachbildung eines Freiheitsbaums zu bewundern, wie sie in der Zeit gestellt wurden. Die Jakobinermütze aus Filz sieht zwar eher etwas billig aus, und trotz der grünen Farbe Wilhelm Tells sahen und sehen die meisten Oberländer darin wohl eher einen Gesslerhut, ohne zu merken, dass die Herren von Bern die fremderen Vögte waren als die Armee der französischen Bürger, welche ihnen z.B. die Pressefreiheit brachten, bis erstere diese wieder erstickten.
Die Segnungen der Helvetischen Revolution kamen wegen deren Kurzlebigkeit nicht über das geduldige Papier hinaus, doch im Oberland wären sie wohl auch noch nicht angekommen. Schulpflicht und demokratische Rechte wurden im ersteren Falle abgelehnt und im letzteren nicht wahrgenommen.
Brot und Spiele
Aber das war nicht überall so. Während das westliche Oberland, allen voran das Simmental, aber auch das Frutigland, das in den Dreissigerjahren eine faschistische Hochburg war und wo noch heute Schwarzenbachs Republikaner-Nachfolgerin, die EDU, sehr stark ist, war das östliche Oberland immer fortschrittlicher. Die Herren von Bern mussten diese Region nach dem Ende des autonomen Kantons sogar entschädigen, indem sie ihnen Brot und Spiele anboten, und auf dem Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee das Unspunnenfest installierten. Dieser Klassenfrieden wurde „Versöhnung zwischen Stadt und Land“ genannt. Doch auch das war nicht lange nötig, nach 1805 gab’s nur noch 1808 eine Ausgabe. Danach war fast hundert Jahre Funkstille, 1814 fand zwar noch ein Aufstand der Oberländer gegen die Stadt statt, aber ein Jahr später, mit dem Wiener Kongress, wurde aus dem Bundesstaat wieder ein Staatenbund, das Ancien Régime war zurück. 1905 wurde das Fest folkloristisch wieder aufgenommen und entleert, zuerst durch Tourismusorganisation, dann durch Trachtengruppe. Heutzutage findet der Anlass alle zwölf Jahre statt, dazwischen ein Unspunnenschwinget. Politik ins Spiel brachte erst wieder die 17 Jahre andauernde Entführung des Unspunnensteins durch die jurassische Jugendorganisation Béliers.
Von all diesen Zusammenhängen ist an der Ausstellung nicht die Rede, aber einen Ausflug ist sie wegen der Fakten trotzdem Wert. Sie beschränkt sich, bis auf die erwähnte Ahnengalerie, auf die Periode von 1798 bis 1803. Die Ausstellung ist wegen des Interesses sogar verlängert worden, eigentlich wäre letztes Jahr Schluss gewesen. Im Museum lohnt sich ansonsten noch die Dauerausstellung über eine historische nachgebaute Porzellanmanufaktur aus Heimberg eine Étage tiefer, und auch auf dem Boden darüber die industriegeschichtliche Relevanz der verkehrstechnischen Erschliessung des Tors zum Oberland durch die Eisenbahn. Doch die Reaktion ist auch dort präsent und der Fortschritt, räumlich von unten nach oben angeordnet, wird etwas getrübt. Der grösste Teil dieses dauerhaften Ausstellungsteils handelt von der Thuner Militärgeschichte und Kadettentradition, die jedes Jahr im närrischen „Fulehung“ und dem damit verbundenen „Ausschiesset“ gipfelt. Als Zwischenstation zu den vier Türmen des Schlosses, welche einen wunderschönen Ausblick auf Stadt, See und Berge bietet, lohnt sich dieser Spiessrutenlauf aber alleweil.
Canton Oberland – Eine Episode der Berner Geschichte
Ausstellung bis 28. Februar 2013, täglich 13–16h, Schlossmuseum Thun, Schlossberg 1, Thun.
Die Helvetische Revolution 1798 brachte die kurzlebige Helvetische Republik hervor, diese wiederum den Kanton Oberland, dessen Verwaltungssitz Thun war. 1803 mit der Mediation war alles wieder vorbei, viele Fortschritte wurden rückgängig gemacht, und 1815, mit dem Wiener Kongress und der damals eingeleiteten Restauration, kam es abermals zu einem Backlash.
Eintritt frei mit Museumspass/Raiffeisen-Mitgliederkonto, ansonsten Wegzoll…
www.schlossthun.ch/ausstellungen/sonderausstellungen/canton-oberland.html