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«Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen», spottete einst der Physiker Niels Bohr. Weil niemand die Zukunft sicher voraussagen kann, behilft man sich mit Szenarien. Das heisst: Die Prognose gilt nur, falls die ihr zu Grunde liegenden Annahmen sich bewahrheiten.
Wenn wir heute feststellen, dass die Entwicklung der Bevölkerung in der Schweiz stets massiv von den Szenarien abwich (siehe Grafik weiter unten), so liegt das an den falschen Annahmen. Konkret: Die Verfasser der Szenarien haben die beiden Treiber des Wachstums unterschätzt, nämlich den Zuwanderungs-Saldo (also die Einwanderung nach Abzug der Auswanderung) und den Geburtenüberschuss. Deshalb hat in den letzten 30 Jahren das Wachstum sogar noch zugenommen.
Von 1950 bis zum ersten Szenario
Am stärksten wuchs die Schweizer Bevölkerung zwischen 1950 und 1973; das war die Zeit des Babybooms und der ersten grossen Einwanderungswelle. Danach sank die Bewohnerzahl kurzfristig, weil die Rezession 1974 und 1975 ausländische Arbeitskräfte zur Heimkehr zwang. Ebenfalls in den 1970er-Jahren häuften sich Meldungen, die Schweizer Bevölkerung werde schrumpfen. So sank die Zahl der Kinder pro Frau (die Geburtenziffer) ab 1971 unter 2,1, also unter die Schwelle, die es zur Erhaltung des Bevölkerungsstandes angeblich braucht.
1984 erstellte das Bundesamt für Statistik (BFS) seine ersten Szenarien über die Bevölkerungs-Entwicklung in der Schweiz bis 2025. Das Resultat des mittleren, also wahrscheinlichsten Szenarios: Die Einwohnerzahl werde bis zum Jahr 2021 auf 6,830 Millionen steigen und danach sinken. Die Wirklichkeit: Schon Ende 2013 lebten 8,140 Millionen Menschen in der Schweiz. Das sind 1,3 Millionen oder annähernd 20 Prozent mehr, als das BFS 1984 erwartet hatte!
Neue Szenarien, altes Muster
In den neueren Szenarien korrigierte das BFS – der wachsenden Bevölkerung folgend – seine Zahlen zwar nach oben. Doch das Muster blieb stets das Gleiche: Die Einwohnerzahl werde anfänglich noch deutlich, mittelfristig immer langsamer steigen und langfristig sinken (siehe Szenarien 1984, 2000 und 2010 in der Grafik). Laut Szenario von 2010 werden im Jahr 2050 knapp neun Millionen Menschen in der Schweiz leben.
Bevölkerung wuchs weitgehend linear
Die Resultate zeigen ein anderes Bild: Von 1950 bis zum Jahr 2013 wuchs die Bevölkerung – bei jährlichen Schwankungen – ziemlich gleichmässig. In der Periode von 1984 (dem Start des ersten Szenarios) bis 2013 stieg die Zahl der Einwohner im Schnitt um 58’700 Personen pro Jahr und damit sogar noch stärker als zwischen 1950 und 1984 (plus 50’600 pro Jahr). Sollte sich das Wachstum ab 2013 linear fortsetzen, was der Schreibende langfristig allerdings nicht prophezeit, so stiege die Einwohnerzahl in der Schweiz bis 2050 auf über zehn Millionen Personen (siehe punktierte Trend-Linie in der Grafik).
Ähnlich verlief übrigens die globale Kurve: Die Weltbevölkerung wuchs von 1980 bis 2013 regelmässig, im Durchschnitt um 82 Millionen Personen pro Jahr. Die globale Zunahme der Bevölkerung seit 1980 war damit ebenfalls grösser als zwischen 1950 und 1980 (plus 64 Mio./Jahr).
Wanderung und Alter unterschätzt
Bevölkerungs-Szenarien sind schwierig, nicht nur, weil sie die Zukunft betreffen, sondern weil die wichtigsten Einflussfaktoren – Wanderung, Geburtenziffer und Alterung – zusammenhängen und sich gegenseitig hochschaukeln können. Die Szenarien-Verfasser unterschätzten die höhere Lebenserwartung, welche die sinkende Geburtenziffer ausglich, und sie schätzten vor allem die wachsende Zuwanderung zu tief ein. Dazu kommt: Die mehrheitlich jungen einwandernden Ausländerinnen und Ausländer erhöhten nicht nur die Zahl, sondern veränderten auch die Struktur der Bevölkerung. Darum trägt die Zuwanderung ebenso wie die Alterung zum weiterhin beträchtlichen Geburtenüberschuss bei.
Wie lange die Lebenserwartung weiter steigt und der Zuwanderungs-Überschuss hoch bleibt, lässt sich schwer abschätzen. Darum sind alle Szenarien zur Bevölkerung, aber auch jene zum Wachstum der Wirtschaft und zum Verbrauch von natürlichen Ressourcen, mit Vorsicht zu geniessen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.