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Arme Schweiz
Seit Jahrzehnten streiten Historikerinnen und Historiker über den politischen Ursprung der Schweiz. Begann alles 1291 oder erst 1315 oder erst im 15. Jahrhundert? Formierte sich erst 1848 die moderne Schweiz, oder bestand schon früher eine Art Nationalbewusstsein? Der jahrzehntelange Streit ist bisweilen mühsam, hat aber sicher dazu beigetragen, dass unsere Vorstellungen der Vergangenheit realistischer geworden sind.
Es ist höchste Zeit, dass auch die schweizerische Wirtschaftsgeschichte zur öffentlichen Debatte beiträgt. Denn es herrscht immer noch grosse Verwirrung in Bezug auf die Frage, seit wann die Schweiz zu den reichen Ländern der Welt gehört. Viele sind der Meinung, dass die Schweiz noch vor 100 Jahren zu den ärmsten Regionen Europas gehörte. Erst im 20. Jahrhundert habe es das Land geschafft, Wohlstand für alle zu schaffen, nicht zuletzt dank dem Bankgeheimnis und der Neutralität.
Genau das Gegenteil ist wahr. Natürlich war es von Vorteil, dass die Schweiz von beiden Weltkriegen verschont worden ist. Auch das Bankgeheimnis hat ohne Zweifel dem Schweizer Finanzsektor geholfen. Aber das sind nicht die entscheidenden Punkte. Vor hundert Jahren war das durchschnittliche Einkommen nirgendwo auf dem europäischen Kontinent höher als in der Schweiz – zu dieser Zeit existierte weder ein kodifiziertes Bankgeheimnis noch spielte der Finanzsektor eine dominante Rolle. Die Schweiz ist wegen ihrer Industrie reich geworden.
Blickt man noch weiter zurück, zeigt sich noch deutlicher, wie verzerrt die Wahrnehmung ist. Bereits im 18. Jahrhundert gehörten mehrere Regionen in der Eidgenossenschaft zu den führenden Gewerberegionen Europas. Die Löhne waren sehr bescheiden, aber die Wirtschaftsstruktur war für die damaligen Verhältnisse modern. Im 19. Jahrhundert setzte die Industrialisierung in den Schweizer Kantonen besonders früh ein. Mitte des 19. Jahrhunderts war der industrielle Output pro Kopf höher als in ganz Kontinentaleuropa. Nur Grossbritannien, der industrielle Pionier, war damals produktiver. Auch damals waren die Durchschnittslöhne im europäischen Vergleich eher bescheiden, aber die moderne Wirtschaftsstruktur legte die Grundlage für den bald ansteigenden Wohlstand.
Natürlich gab es bis in die 1930er Jahre rückständige Gebiete in der Schweiz, aus denen viele auswanderten. Noch in den 1880er Jahren waren die Auswanderungsquoten beträchtlich. Aber ein Gefälle gab es in allen Ländern. Entscheidend war, dass es in manchen Regionen der Schweiz dynamische Wachstumszentren gab, die mit der Zeit die gesamte Volkswirtschaft mitrissen.
Und die Moral von der Geschichte? Der schweizerische Wohlstand ist viel breiter abgestützt, als wir uns manchmal bewusst sind. Und: Die Wirtschaftspolitik darf sich nicht einseitig auf einen Sektor zu Lasten der anderen Sektoren ausrichten. Der Finanzsektor ist wichtig, kein Zweifel, aber sich nur auf ihn zu verlassen würde der historischen Logik widersprechen.
P.S.: Wer sich für historische Daten interessiert, kann sich hier kundig machen.
P.S. II: Der Verweis ist ungenau, wie ein Kommentator zurecht gesehen hat. Hier ist ein besserer Link: Lebensstandard in der Geschichte (siehe v.a. S. 262: Pro-Kopf-Einkommen).