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Vully
oder
Vuilly (Mont), deutsch
Wistenlacherberg (Kt. Freiburg,
Bez.
See, und Kt. Waadt,
Bez. Avenches).
437-657 m. Breitausladender
Bergrücken zwischen dem
Neuenburger- und dem
Murtensee. Erstreckt sich in der Richtung SW.-NO. und zeigt neben sanften und
lieblichen Geländeformen vielfach auch Steilabbrüche und scharfe Einschnitte, sodass er als ganzes grosse Abwechslung aufweist.
Während die Steilhänge tiefer unten mit
Rebbergen bestanden sind, tragen der breite
Rücken und die vielfach sanften
Gehängeflanken
Wald, Aecker und
Wiesen und umgeben Obstbäume und Gärten den Bergfuss mit einem grünen Gürtel. Anmutige
Dörfer reihen sich am
Murtensee dem Gehängefuss entlang auf. Der fruchtbare Boden, die vielen wasserreichen Quellen und das
milde Klima gestalten das
Wistenlach zu einem besonders gesegneten
Fleck
Erde, der eine weite Umgegend,
insbesondre die Städte Freiburg
und Neuenburg,
mit Gemüse versorgt. Seine angestammten Bewohner stellen einen ethnographischen Typus für sich
dar. Der
Wistenlacher oder «Vulliérain» ist von hohem Wuchs, hat dunkle
Augen und Haare, südländische Hautfarbe und sehr
weisse
Zähne. In Wort und Tat ist er lebhaft, tätig und unternehmend, fein und höflich. Während diese
Eigenschaften besonders beim Bewohner des Nieder
Wistenlach hervorstechen, zeigt sich derjenige des
Ober Wistenlach langsamer,
weniger impulsiv und weniger gesprächig. Der Vulliérain spricht neben der französischen Umgangssprache noch eine besondre,
ziemlich altertümliche Mundart. Dank seiner Arbeitskraft und Ausdauer ist es dem
Wistenlacher gelungen, seine stark abseits
der grossen Handels- und Verkehrsstrassen gelegene Heimat zu einem blühenden Mittelpunkt der Wein-,
Obst- und Gemüseproduktion zu gestalten. Im Jahr 1906 hat man am
Wistenlacherberg 13500 hl Wein geerntet, der sich nach Bukett
und übrigen Eigenschaften mehr oder weniger dem
Neuenburger vergleichen lässt. Eines besonders guten
Rufes erfreut sich der
Rotwein. Das mit dem Weinbau verbundene Risiko lässt aber den Bewohner des
Vully mehr und mehr seine
zweite Spezialität, den Gemüsebau, pflegen, der von immer grösserer Bedeutung wird. Während er früher auf den Bergrücken
ob den Weinreben beschränkt war, umfasst er jetzt das ganze ebene Gelände längs dem
Murtensee und gegen
das Grosse
Moos hin, wo er in dem rationell verbesserten Torfboden immer weiter um sich greift. Der Wistenlacherbauer zeigt
sich in seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit von rühmenswerter Ausdauer. Das mühsame Hinauftragen von
Erde und Mist die
steilsten
Halden hinan, die unendliche Mühe und Sorgfalt, die Anbau, Ernte und Herrichtung der zum Verkauf
bestimmten Produkte erfordern, die langen
Reisen auf Leiterwagen, Dampfschiff oder Eisenbahn bis zu den umliegenden
Märkten
gestalten das Leben der Bewohner keineswegs leicht. Die Ausfuhr von Produkten des Gemüsebaues aus dem
Wistenlach erreicht
heute einen geradezu grossartigen Umfang. So bedient z. B. das
Wistenlach für sich allein den berühmten grossen
Zwiebelmarkt der Stadt
Bern, zu dem
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es an die 20 Wagenladungen Zwiebeln zu expedieren pflegt. Neben den Produkten des Gemüsegartens führt das Wistenlach noch Spargeln, sowie grosse Mengen von Stein- und Kernobst aus. Eine Spezialität bildet der sog. «planton de Praz» (Setzlinge aller möglichen Gemüsepflanzen), der jedes Frühjahr die Märkte von Avenches, Payerne, Estavayer und Moudon geradezu überschwemmt. Von Ruf sind ferner die Obstbranntweine, die diese Gegend liefert. Die Fischer versorgen die Märkte der Umgegend mit dem reichlichen Ertrag ihres Gewerbes. Das Vieh erscheint im Wistenlach kleiner als im übrigen Gebiet, und auch die Pferde gehören einem besondern, lebhaften und ausdauernden Schlag an.
Geologisch gesprochen, bildet der Mont
Vully eine durch das Thal der Broye vom Rest des Mittellandes abgeschnittene
Fortsetzung des westl. Jorat und als solche einen aus den nahezu wagrecht liegenden Molassebänken herausgeschnittenen Tafelberg.
Neben der Erosion durch das fliessende Wasser hat auch die auf jeden Schritt und Tritt festzustellende Tätigkeit der diluvialen
Gletscher ihren grossen Anteil an der Modellierung des Mont
Vully. Die allgemeine Gestalt des Höhenzuges mit den sanften
und breiten Abfällen südwärts und den Steilabbrüchen nordwärts spricht deutlich für die erosive Einwirkung des Gletschers.
Spuren der schürfenden Arbeit des Gletschereises in Gestalt von Gletscherschliffen sind freilich auf der wenig widerstandsfähigen Molasse nicht mehr häufig vorhanden und lassen sich bloss noch hie und da an härtern Bänken erkennen. Ueberall aber liegen zahlreiche Moränenablagerungen. Ein grosser erratischer Block, in der Gegend selbst «Palet roulant» genannt, ist anlässlich der Jahrhundertfeier der Geburt des Naturforschers Louis Agassiz in Môtier im Wistenlach am «Bloc Agassiz» getauft worden.
Das Felsgerüst des Mont
Vully gehört im Bergsockel der grauen Molasse der langhischen Stufe und höher oben der helvetischen
Stufe an. Unten sind es weiche, oben etwas widerstandsfähigere und in viel dickern Bänken auftretende Sandsteine, die mit
grauen, roten oder bunten Mergeln wechsellagern. Die weichen Sandsteine werden an zahlreichen Orten gebrochen,
finden aber seit der Einführung des künstlichen Zementsteins im Baugewerbe nicht mehr so leicht Absatz wie früher.
Die harten Sandsteine gehören der Meeresmolasse (Einschlüsse von Haifischzähnen) an, bilden aber eine Uferfazies, wie dies durch die hie und da in ihnen gefundenen, oft gerollten Knochenreste von Säugetieren bezeugt wird. Unten zeigt dieser sog. Muschelsandstein einheitliches feines Korn, während er nach oben immer unregelmässiger gefügt und stellenweise derart grobkörnig erscheint, dass er eher einem Konglomerat gleicht. Benannt ist er nach den zahlreichen marinen Muschelschalen, die er als Versteinerungen umschliesst.
Auch im Muschelsandstein sind mehrere Steinbrüche angelegt. Sowohl gegen den Murten- als stellenweise gegen den Neuenburgersee bricht die Molasse des Wistenlacherberges in Steilufern (Falaisen) ab. Der sog. Vaillet am NW.-Gehänge des Bergrückens besteht nicht aus anstehendem Fels, sondern bildet den Ueberrest eines ansehnlichen Bergsturzes, der sich infolge der Herausbildung einer überkragenden Felsleiste infolge Unterspülung des Gehänges vom Bergkörper losgelöst hatte.
Das Gebiet des Wistenlacherberges muss schon in prähistorischer Zeit besiedelt gewesen sein. Pfahlbauten reihen sich von
Vallamand bis Sugiez längs dem Gestade des Murtensees in ununterbrochener Folge auf. Diejenigen von Guévaux bis Môtier stammen
aus der Steinzeit und bestehen aus Steinhaufen, von denen derjenige vor Guévaux den Namen der «Tour des
Sarrasins» oder «Tour de Guévaux» trägt. In Môtier, Praz und Sugiez sehen wir eigentliche Pfähle. Auf dem obersten Rücken
des Mont
Vully hat man eine gallische Münze aufgefunden.
Die Römerstrasse von Avenches nach dem Berner Jura ging von Salavaux an über den Mont
Vully und durch das
Grosse Moos, ist aber je nach den Schwankungen des Wasserspiegels im Neuenburgersee mehrfach verlegt worden. Man hat das Vorhandensein
von zwei Brücken über die Broye festgestellt: einer ersten bei La Sauge, über welche die Strasse gegen die Zihlbrücke bei
der Maison Rouge weiterzog, und einer andern am einstigen Hafen von Joressant, die ebenfalls mit der Zihlbrücke
verbunden war.
Eine dritte Strasse soll von Môtier gegen Sugiez und von da nach Gampelen geführt haben. Anlässlich der Kanalisation der
Broye sind 1878 bei der Brücke von Joressant gallische und römische Waffen, eine römische Vase, Münzen etc. aufgefunden worden.
Bei Môtier hat man einen (heute noch hier aufbewahrten) steinernen Sarkophag mit einer Inschrifttafel
aufgedeckt, welch letztere leider zerstört worden ist. Der Name Wistenlach oder
Vully ist lateinischen Ursprungs: fundus Vistiliacus,
d. h. «Grundstück des Vistilius», eines römischen Ansiedlers. Im Mittelalter
lauteten die Namensformen pagus Wisliacensis, comitatus Vuisliacensis, Wistellacum. Dieser Begriff umfasste damals
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aber ein weit ausgedehnteres Gebiet als die heutige Bezeichnung
Vully oder Wistenlach, nämlich den ganzen Gau vom Mont
Vully
bis vor die Tore von Estavayer und vom Ufer des Neuenburgersees bis nach Dompierre und nach Cugy hinüber. Der pagus Wisliacensis,
von dem seit dem 6. Jahrhundert, anlässlich des Einfalles der Franken, die Rede ist, gehörte politisch
zu der eine Unterabteilung der Waadt
bildenden Grafschaft der Warasker (comté des Warasques), die das Land zwischen Neuenburger-
und Murtensee, der untern Broye und Estavayer umfasste.
Das Wistenlach teilte die Geschicke des transjuranischen Burgund und kam unter Berthold II. von Zähringen zusammen mit dem ganzen Gebiet links der Aare an dessen Schwiegersohn, den Grafen Wilhelm III. von Burgund. Dieser letztere gab das Ober Wistenlach dem Grafen Ulrich von Glâne zu Lehen, von dessen Enkelin es 1142 durch Heirat an den Grafen Ulrich von Neuenburg überging. Das Nieder Wistenlach, d. h. Sugiez, Praz, Nant und Chaumont, wurde von Berthold V. von Zähringen der freien Reichsstadt Murten verliehen.
Nach dem Erlöschen der Zähringer kam der grösste Teil des Waadtlandes in den Besitz des Grafen von Savoyen, während sich in den Rest die Grafen von Kiburg, von Greierz und von Neuenburg, sowie die Herren von Grandson teilten. Murten und die Herrschaft Lugnorre samt Joressant und Môtier wurden durch Kaiser Friedrich als freie Reichslehen erklärt. Während des Interregnums stellte sich Murten unter den Schutz des immer mächtiger sich entfaltenden Grafen Peter von Savoyen, des sog. kleinen Karl der Grosse, der dem Bischof von Sitten 1246 seinen Grundbesitz im Wistenlach abkaufte, mit Ausnahme freilich der dem Grafen von Genevois verliehenen Herrschaften Gouel (Guévaux) und Chomont (Chaumont).
Nach dem Erlöschen der Kiburger übertrug Kaiser Richard dem Grafen Peter die von diesem Geschlecht innegehabten Lehen. Derart auf festem Boden gestellt, beeilte sich Peter, Murten als eines der Bollwerke seiner Macht zu befestigen und unterhalb Sugiez einen Turm zu errichten, der den Zugang zum Murtensee vom Grossen Moos her beherrschte. Amadeus VI. von Savoyen, der sog. Grüne Graf, verfügte 1274 zu gunsten seines Vetters, des Herrn von Grandson, der von den Grafen von Neuenburg bereits die Herrschaft Lugnorre erworben hatte, über Praz, Nant, Sugiez und Chaumont. Als aber die Stadt Murten dagegen protestierte und ihre Rechte geltend machte, widerrief der «Grüne Graf» seine Schenkung und versprach der Stadt Murten, ihr ihre Untertanen im Wistenlach nie entfremden zu wollen.
Bald nach diesen Ereignissen erwarben sich die Grafen von Neuenburg die Herrschaft Lugnorre wieder zurück und gaben ihr, gleichwie den Städten Le Landeron, Boudry, Le Locle etc. 1398 einen Freibrief. Immerhin hatten sich die Herren von Grandson das Recht vorbehalten, die Herrschaft um 1000 Goldgulden zurückkaufen zu können Dieses Rückkaufsrecht ging dann mit der Einziehung der Güter der Herren von Grandson an die Grafen von Savoyen über und wurde von Amadeus IX. 1469 an die Stadt Murten abgetreten, die vom Grafen als Entgelt für die befohlene Ausbesserung der Befestigungswerke eine Vergrösserung ihres Gebietes verlangt hatte.
Trotz dem Widerspruch des Grafen von Neuenburg wurde nun Murten im folgenden Jahr in den Besitz der Herrschaft Lugnorre gesetzt, wodurch die Stadt zum Herrn über das ganze Wistenlach ward. Als dann Murten in den Burgunderkriegen an die Eidgenossen kam, benutzte Graf Rudolf von Neuenburg die Gelegenheit, um sich der Herrschaft Lugnorre wieder zu bemächtigen. Dies gab Anlass zu einem Streitfall mit Bern und Freiburg, den beiden neuen Oberherrn von Murten, der erst 1505 dadurch sich erledigte, dass Louis d'Orléans-Longueville, der Gemahl der Johanna von Hochberg, der Erbin der dritten Dynastie der Grafen von Neuenburg, im Namen seiner Frau auf die Herrschaft Lugnorre und den Kirchensatz von Môtier verzichtete.
Statt nun aber Lugnorre, Môtier und Joressant neuerdings der Stadt Murten anzugliedern, erklärten Bern und Freiburg diese Orte als ihre direkten Untertanen, indem sie ihnen zugleich ihre frühern Freiheiten bestätigten. 1530 predigte Farel im Wistenlach die Reformation. Erst die Mediationsakte machte der gemeinsamen Oberhoheit von Freiburg und Bern über das Wistenlach ein Ende, indem sie dieses zusammen mit Murten dem Kanton Freiburg angliederte. Man hat im Wistenlach da und dort burgundische Schwerter gefunden, die aus der Schlacht von Murten herstammten. Ebenso kam in Joressant ein im Boden vergrabener Münzschatz aus jener Zeit zutage, der aus etwa tausend Brakteaten und 800 venetianischen, florentinischen etc. Gold-, Silber- und Kupfermünzen des 15. Jahrhunderts bestand.
Das Wistenlach hat mehrere hervorragende Männer hervorgebracht, von denen wir nennen: den in Nant 1790 gebornen und in Pondichéry 1870 gestorbnen Botaniker Samuel Perrottet, dessen Herbarien sich im Pariser und im Freiburger Museum befinden;
Abraham Ruchat, den Geschichtschreiber der Reformation, und endlich den berühmten Naturforscher Louis Agassiz (geb. 1807 in Môtier, † 1873).