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Alexander Skrjabin: Zwei Stücke für Streichorchester
1. (Andante] A-dur – entstanden 1899
2. [Scherzo] F-dur – entstanden 1888
Die Manuskripte beider Stücke für Streichorchester befinden sich im G1inka-Museum in Moskau unter den Signaturen „CKP IX/6“ (Andante) und „CKP IX/12“ (Scherzo). Es handelt sich um gut lesbare Partituren, die, wie es leider bei den meisten frühen Handschriften Skrjabins üblich ist, mit Erreichen der Reprise abbrechen. Im Falle des Scherzos ist im Trio- Teil noch die Modulation von a-moll nach C-dur angedeutet, die Reinschrift aber nicht mehr ausgeführt. Meine Rekonstruktion besteht aus der Ergänzung der fehlenden Reprisentei1e, einzelner nur angedeuteter Überleitungstakte und im Scherzo in der Ausführung der zweiten Hälfte des Trios, sowie der in der Partitur zwar vorgesehenen, aber leergelassenen Kontrabassstimme. Dazu kam die Korrektur von offensichtlichen Schreibfehlern (Versetzungszeichen). Alle Ergänzungen des Herausgebers sind in der Partitur durch [ ] gekennzeichnet.
Die Datierung der beiden Stücke ist zweifelsfrei möglich, da sich die Handschriften im Kontext von chronologisch fortlaufenden Skizzenheften Skrjabins befinden. Der Komponist vermerkt in seinem eigenen, die Jahre 1885-1889 umfassenden Jugendwerkverzeichnis, eine Suite für Streichorchester und es ist denkbar, dass das Scherzo ein Teil davon werden sollte, ebenso wie ein bereits nach 17 Takten abbrechendes Fragment im 5/4-Takt für Streichquintett aus derselben Zeit.
Die hier vorgeschlagene Reihenfolge der beiden Stücke entspringt rein aufführungspraktischen Überlegungen.
Das Scherzo entstand im Umfeld der Mazurken op.3 und der frühen Klaviersonate in es-moll (deren erster Satz später als „Allegro appassionato“ op.4 publiziert wurde). Mit diesen Werken begann sich Skrjabin von der Harmonik Chopin’s zu lösen, welche vieler seiner Jugendwerke unverkennbar prägte und eine eigene harmonische Sprache zu entwickeln.
Das Andante komponierte Skrjabin 11 Jahre später, etwa zur Zeit der Reverie op.24 für Orchester und der Mazurken op.25, also kurz vor seiner ersten grossen Symphonie (op.26). Ob dieses Andante Teil einer grösseren Komposition werden sollte, geht weder aus Skrjabins Werkaufzeichnungen noch aus Korrespondenzen hervor. 1898 schrieben zehn russische Komponisten je eine Variation für Streichquartett über ein russisches Volkslied, welche sie ihrem Verleger und Freund, Mitrofan Bejaev, als Geburtstagsgeschenk überreichten. Skrjabin ist dabei der Autor der zweiten Variation und möglicherweise war dies eine Anregung zur Komposition des Andantes für Streichorchester.
Wald, September 1987
Daniel Bosshard