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Adventlich-vorweihnächtliche Rezepte aus der Alchemistenküche
Hass und Hässlichkeit - dies meine These - gibt es nur beim Menschen. Tiere hassen nicht - und sind deshalb auch nie hässlich. Vielleicht gefällt uns einmal ein Tier nicht - das macht es aber noch lange nicht hässlich. Hässlich ist nicht dasselbe wie 'unschön' oder 'nicht gefallend'. 'Hässlich' ist nicht nur etymologisch mit 'Hass' verwandt, es ist gekoppelt an den Hass: Hass macht den Hassenden hässlich - und nicht etwa, wie Hassende oft wähnen, das gehasste Objekt.
Tiere - postuliere ich - hassen nicht. Sie kämpfen manchmal gegen andere Wesen, aber weil sie fressen bzw. nicht gefressen werden , weil sie im Wettbewerb um ein Weibchen, um eine Herde obsiegen wollen - aber nicht aus Hass. Es gibt Menschen, die Tieren Hass unterschieben, aber dabei handelt es sich - so behaupte ich - um eine klassische Projektion einer eigenen, als schlecht bewerteten Eigenschaft nach aussen, auf andere Wesen. Wir müssten vielleicht noch versuchen einzugrenzen, was wir unter 'Hass' verstehen wollen. Hier ein Definitionsversuch, der aber nur Gültigkeit für diesen Text bzw. für mich heute - und für die, die mein Geschreibe verstehen möchten - Gültigkeit beansprucht:
'Hass ist eine gerichtete Empfindung, die jenseits aller rationalen Begründung in Gedanken oder auch in Handlungen Teile oder alles, was die hassende Entität emotional und/oder rational als negativ einstuft, in Richtung des gehassten Objekts schleudert'.
Das 'gehasste Objekt' kann durchaus der Hassende selbst sein, was einmal mehr zeigt, dass die Subjekt-Objekt-Spaltung eine willkürliche, relative, veränderbare - und damit auch überwindbare ist, eine These, die die Grundlage meines Buches 'Glück - Eine Philosophie des Einverstandenseins' bildet. Man kann sich selbst als Hassobjekt auswählen, genauso wie man sich selbst als Liebesobjekt selektionieren kann. Beiden Prozessen ist gemeinsam die Selektion, die Fokussierung, die Zielgerichtetheit, aber auch das 'Schleudern' der Emotion, das Fliessenlassen von Gefühlen völlig unabhängig vom Zielobjekt. Weder Hass noch selektionierende Liebe bzw. 'Begierde' spürt über den Rand der eigenen Befindlichkeit hinaus. Die Reaktion des gehassten bzw. geliebten Objekts wird erst relevant beim Versuch, die Emotionen in Handlungen umzusetzen. Aber auch dann wird sie vom emotional 'Bewegten' höchstens als Behinderung oder Erleichterung der eigenen Aktivität wahrgenommen. Eine eigentliche Zuwendung, ein achtsames Annähern, ein wirkliches 'Kennenlernen' im Sinne des 'Erkennens' findet nicht statt, weder beim Hass noch bei der Gier. Hassen ist 'Weghaben-Wollen', begehren ist 'Haben-Wollen'.
Selektionierende Liebe, Begierde oder eben 'Libido', wie Freud das Wenige nennt, was er von dem grossen, facettenreichen Riesenbegriff 'Liebe' erkannt zu haben glaubte in seiner unsäglich engen und bescheidenen Sicht, ist - als Korrelat zum Hass - mithin zwar ebenfalls eine typisch menschliche Möglichkeit oder Potenz, verliert aber viel von ihrem vermeintlichen Zauber, wenn sie nur als konträrer Gegensatz zu Hass fungiert. Wie nahe die beiden rüpelhaften Emotionen miteinander verwandt sind, zeigt die Erfahrung, wie leicht die eine in die andere umschlagen kann. Dass der Umschlag von Begierde in Hass, von 'Haben-Wollen' in 'Weghaben-Wollen' dabei markant häufiger ist als das Gegenstück, hat meines Erachtens mit der Entropie, mit der Tendenz der Materie, nach dem Energieminimum zu tun bzw. mit dem damit verwandten aus der Gruppenpsychologie bekannten Phänomen, dass die negativen Emotionen in einer Gruppe stärker nach unten ziehen als die positiven nach oben. Ein weiterer Erklärungsansatz wäre, dass auf
Zerstörung und 'Tod' gerichtete Hass-Energie bereits soviel 'Tod' in sich hat, dass sie bereits auf der Energie-Ebene 'Tod' ausstrahlt - und 'Tod' meint auf der materiellen Eben Auflösung des Zusammenhalts, Auseinanderfallen von Strukturen, Mustern, Systemen in Chaos, in Unordnung. Ordnung (griechisch = Kosmos) braucht aber mehr Energie, Leben ist Energie, wenn also eine zur Destabilisierung, Auflösung, Unordnung zielende Energie wie der Hass einer auf Zusammenfügung, Leben, Ordnung zielenden Energie gegenübersteht, die aber insofern schwächlich ist, als sie fokussiert und selektioniert, so kann es nicht verwundern, dass Hass-Energie häufig das Spiel gewinnt, dass also Begehrens-Energie leichter in Hass umschlägt als umgekehrt.
Erst wenn die Selektionsintensität abnimmt und damit die Qualität der Liebe sich von der Stufe der gierigen , egozentrierten Libido, des 'Nur-Haben-Wollens' in Richtung des 'Nur-Geben-Wollens', der All-Liebe, die ich mit dem griechischen Begriff 'Agape' zu fassen versuche, zu entwickeln beginnt, wächst auch ihre Kraft, Ablehnung, ja sogar Hass in Zuwendung, in integrierende, grenzauflösende Umfassung bzw. Hingabe zu verwandeln.
Damit wird vielleicht auch klar, in welche Richtung ich mit dem vorweihnächtlichen Tipp 'Mach etwas aus deinem Hass' ziele. Anstatt einfach dazusitzen und vor uns hinzuhassen - wen oder was auch immer, vom grauen Wetter über Personen, die uns zu wenig Beachtung und Anerkennung schenken oder im Weg stehen bis zu Politikern und Wirtschaftskapitänen, die unseres Erachtens alles falsch machen - könnten wir etwas aus dieser Energie machen. Repression ist - nicht nur, aber auch hier - mässig und vor allem nicht nachhaltig erfolgreich. Sowohl Individualpsychologie wie Geschichtswissenschaft und Soziologie, aber auch Vulkanologie, Geologie etc. zeigen uns immer wieder auf, wie Unterdrücktes sich früher oder später Freiraum schafft, meist in einer eher explosiv-eruptiven Art, die bedeutend mehr Schaden anrichtet, als wenn man mit der Unterdrückerei schon gar nicht begonnen hätte. Überhaupt ist Energie viel zu kostbar, als dass man sie einfach unterdrücken sollte, anstatt sie nutzbar zu machen. Darauf sollten wir im Zeitalter der materiellen Energieverknappung eigentlich sensibilisiert sein.
"Mach etwas!" meint aber auch, überhaupt tätig zu werden, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange vor dem eigenen Hass zu sitzen und - entsetzt darüber, dass man offenbar des Hasses fähig ist - zu beginnen, sich selbst für das Hassen zu hassen, denn spätestens dann beisst sich die Schlange - der legendäre οὐροβóρος der Alchemisten - in den Schwanz (wenn Sie's lieber kulturell naheliegender haben, nehmen Sie die Katze)
So ein klein wenig praktische Alchemie kann bestimmt nicht schaden, es muss ja nicht immer gleich Gold sein, das aus Blei (-kugeln?) gewonnen wird. Wobei der Vergleich gar nicht so daneben liegt: Es gälte, aus dem bleischweren Hass goldene Liebe zu basteln. Versuchen wir doch einmal den Werkzeugkasten zusammen zu stellen.
Man nehme:
- 1 Portion Hass-Energie (gehackt)
- 2 Esslöffel Geduld
- 3 Meter Distanz zu sich selbst
- 2 Kaffeelöffel Erkenntnisdrang
- 1 Messerspitze Humor (hier eignet sich die Marke 'Selbstironie' am besten, erhältlich in jedem guten Fachgeschäft)
Das Ganze in eine Herz-Hirn-Schale geben, mit dem Schwing-Schwung-Schwangerbesen gut durchmischen, in eine grosse Kartoffelsuppenpfanne geben, 1 Prise Zuwendung darunterziehen und auf kleinem Feuer garen lassen. Danach kühl stellen und in kleinen Portionen über eine längere Zeit integrieren - ich meine natürlich: 'einnehmen'.
Nun kann es uns natürlich gehen wie Goethes Zauberlehrling oder seinem Doktor Faust: Magisches Geköche kann zu überraschenden Resultaten führen, auch zu unkontrollierbaren. Aber ein wenig Risiko gehört nun mal zu jedem Abenteuer. Ich beschreibe einmal die vom Rezeptaussteller intendierte Wirkung des Gebräus:
- Aufgrund der Distanz zu sich selbst kann sich der Koch selbst beim Kochen zusehen. Er steht in sicherer Entfernung und kann auch lachen (über sich? - nun ja, lassen wir die Frage offen, wie weit der Beobachter und der Beobachtete identisch seien und ob es überhaupt Identität gebe...), falls der Kochende ungeschickt hantiert, ihm z.B. etwas vom Gehackten zu Boden fällt, er ungeduldig mit den Geduldslöffeln herumschwadroniert und die Häfte des kostbaren Guts verschüttet oder sich der eingekaufte Humor als pure Schadenfreude entpuppt - oder das Datum des Erkenntnisdrangs abgelaufen ist etc.
- Der Hass hat bereits durch das Hacken Kontur und Profil verloren; das 'gehasste Objekt' ist nicht mehr richtig als abgegrenzte Entität erkennbar und der Hass damit etwas richtungslos geworden.
- Der Erkenntnisdrang führt zusammen mit der Zuwendung zu einer genaueren Analyse des Gehackten und fördert viele Ähnlichkeiten mit eigenen (An-)Teilen des Kochs zutage. Er erkennt wohlbekannte eigene äussere und innere Eigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen.
- Bei der Durchmischung in der Herz-Hirn-Schale nimmt die etwas weisslich-rahmig-fade Geduld dem Hass die rotschwarz glänzende Farbe und die 'piment langues d'oiseaux'-Schärfe.
- Das Garen (unterhalb des Siedepunktes!) wärmt und verbindet die Ingredienzien weiter, ohne dabei ihre Grundstruktur zu zerstören.
- Das Kühl-Stellen verhindert, dass man sich an dem Gebräu die zarten Lippen, die Zunge oder auch nur schon die Finger verbrennt und bringt auch etwas Ruhe in die neu verbundenen Teile - der zweite Löffel Geduld hilft zusammen mit den Humor-Körnchen, auch diese Phase zu überstehen.
- Das Endprodukt kann trotz allem immer noch schwer aufliegen und Magen- oder andere Beschwerden wie Identitätskrisen heraufbeschwören, deshalb sollte es in nahezu homöopathisch kleinen Dosen über einen längeren Zeitraum hinweg eingenommen werden - wobei, seien Sie auch nicht allzu zart mit sich selbst. Wegen ein bisschen Rumoren im Bauch stirbt man nicht gleich. Und Identitätskrisen sind etwas vom therapeutisch Wertvollsten, was Ihnen überhaupt passieren kann: zu erkennen, dass alle Grenzen, auch die ums eigene gehätschelte 'Ich', willkürlich, von uns selbst gezogen und damit auch von uns selbst veränderbar, ja auflösbar sind. Aber das ist eine Denk-Aufgabe für sich, ein 'weites Feld', wie der alte Briest bei Fontane sagen würde.
- Nach dem Genuss der kühlen Kugel verwandelten Hasses sollte sich ein lockeres Wohlbefinden einstellen, ein gelassenes Lächeln Ihre Lippen umspielen. Ist nun 'Gourmandise' eine Kapitalsünde oder eine Tugend - eine Frage, die sich rund um die Weihnachts-, Neujahrs-und Jahresschluss-Feiern wohl mancher stellt. Könnte es an uns liegen, wie wir es handhaben? Könnte überhaupt viel mehr an uns liegen, als wir gemeinhin annehmen? Wie war das doch genau mit dem genetischen Determinismus, der von der Epigenetik abgelöst wurde, die zeigt, dass Gene gar nicht unser Verhalten steuern, dass sie zuerst von Umwelteinflüssen ausgelöst, angekickt werden müssen, damit sie Wirkung entfalten - ein weiterer Hinweis darauf, dass wir mehr Verantwortung für unser So-Sein und damit auch für unser Schicksal tragen, als uns manchmal lieb ist? - Aber zurück zum Resultat unserer Brauerei: Die stechende Schärfe des Hasses sollte minimal einer gelassenen 'gleichen Gültigkeit' (nicht zu verwechseln mit 'Gleichgültigkeit' im Sinne von 'Wurstigkeit'), optimal einer Integration des ehemals gehassten Objekts Platz machen. Wir haben ja erkannt, dass wir uns nur spiegelten im Gehassten, dass das Weghaben-Wollen letztlich unseren eigenen Eigenschaften oder Verhaltensweisen galt. Das gehasste Objekt entpuppte sich ja als blosser Erfüllungsgehilfe bei der Selbst-Erkenntnis. - Hassen Sie sich jetzt bitte nicht gleich, wenn sich dieses Resultat bei Ihrem ersten Versuch nicht gleich einstellen sollte. Wir haben alle Zeit der Welt (schon wieder eine Behauptung, die eine eigene Denk-Aufgabe ausfüllen könnte - für Ungeduldige: im 'Glücks-Buch' S.33ff; 520ff).
Doch: "Genug der Worte sind gewechselt worden, lasst uns nun endlich Braten sehen" - so oder ähnlich lautet doch das Zitat, oder? Die Gelegenheit ist günstig, denn gerade das 'Fest der Liebe' hat ja eine erstaunliche - oder eben doch nicht so erstaunliche? - Tendenz, latent vorhandene Hassgefühle zum Kochen und oft auch zum Ausbruch zu bringen. Die Weihnachtszeit ist für viele getränkt mit Erwartungen, Ansprüchen, die man stellt, die an uns gestellt werden, mit Zwangs-Begegnungen, die man das ganze Jahr tunlichst vermeidet, mit Unterschreitung dessen, was wir als 'gesunde Distanz' empfinden ("Ich habe überhaupt nichts gegen Onkel Dagobert, solange er dort bleibt, wo er hingehört: weit weg!" - Kommt Ihnen das bekannt vor? Man kann selbstverständlich die Chiffre 'Onkel Dagobert' durch jedwelche persönliche und damit brisante Entitätsbezeichnung ersetzen...) - und all diese getränkten adventlichen Erwartungen versucht man dann vielleicht zu ertränken. Das kann klappen, aber manchmal können sie schwimmen - oder die dumme Volksweisheit 'in vino veritas' öffnet die Mäuler, statt sie zuzulallen. Advent ist ja die Zeit der Hoffnung auf das Kommen des Erlösers - und mutiert so oft zur Hoffnung auf das Nichtkommen gewisser Gehasster - das wäre die Erlösung. Manchmal bleibt nur die zynische Feststellung: 'Besuche machen immer Freude, wenn nicht beim Kommen, dann beim Gehen.'
Genau in solchen emotionalen Befindlichkeiten möchte ich Sie, bereits mit der Hand an der Flasche, in die Küche locken zu unserem alchemistischen Koch-Abenteuer. Wir können ja auch beim Kochen eine Flasche entkorken - ja eigentlich könnte man das obige Rezept ergänzen mit der Angabe: "Während des Garens immer wieder einen Spritzer gut vorgekosteten Rotweins dazugeben, um die Masse vor dem Eintrocknen zu bewahren" - denn trocken soll es beileibe nicht sein, das Ganze, weder der Prozess noch das Resultat.
Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen viel Vergnügen in der Küche - zur Erholung können Sie ja nebenher versuchen, die sensationellen Brunsli der Grossmutter herzustellen.