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Vertreter und Sachwalter (Prokurator) fungieren, insofern nicht ein persönliches Erscheinen der erstern notwendig ist. Bei
den Römern dagegen waren diese beiden Funktionen ursprünglich getrennt, indem die Stellvertretung nur nach und nach zulässig
und üblich, während das Auftreten als Patronus, Orator, Advocatus neben und zum Schutz einer Partei schon frühzeitig als
eine selbst für hochgestellte Männer angemessene Thätigkeit erachtet wurde. Erst unter dem Kaiserreich verlangte man juristische
Fachbildung, und geschlossene Advokatenkollegien (corpora togatorum) entstanden bei den römischen Gerichtshöfen. Im ältern
deutschen Prozeßverfahren finden sich zunächst auch nur sogen. Fürsprecher neben den Parteien, welche keinen besondern Stand
bildeten.
Das Eindringen des römischen Rechts und das schriftliche und geheime Prozeßverfahren mit seinen vielen
Formalitäten machten jedoch einen eignen Advokatenstand erforderlich, und so wurde die Vertretung der Parteien durch zünftige
Sachwalter für bürgerliche Rechtsstreitigkeiten zur Regel. In Frankreich dagegen hat sich die Trennung der Funktionen des Rechtsbeistandes
oder der Advokatur im engern Sinn einerseits und der Vertretung der Partei oder der Prokuratur anderseits
bis auf den heutigen Tag erhalten.
Nach der deutschen Rechtsanwaltsordnung ist die Advokatur zwar nicht vollständig freigegeben, aber es besteht doch insofern
Freiheit der Rechtsanwaltschaft, als derjenige, welcher in einem deutschen
Staate die Fähigkeit zum Richteramt
erlangt hat, in ebendiesem Staate die Zulassung zur Advokatur beanspruchen kann. Auch in jedem andern Bundesstaat kann der also
Befähigte zur Rechtsanwaltschaft zugelassen werden, wenn auch ein Recht auf Zulassung nur in jenem Staat besteht.
Über den Antrag auf Zulassung entscheidet die Landesjustizverwaltung nach vorgängigem gutachtlichen
Gehör
[* 15] des Vorstandes der Anwaltskammer. Aus bestimmten Gründen, Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter infolge gerichtlicher
Verurteilung, beschränkte Dispositionsfähigkeit, unwürdiges Verhalten, geistige oder körperliche Schwäche u. dgl., muß
die Zulassung versagt werden. Sie kann versagt werden, wenn der Antragsteller, nachdem er die Fähigkeit zur Rechtsanwaltschaft
erlangt hatte, während eines Zeitraums von drei Jahren weder als Rechtsanwalt zugelassen ist, noch ein Reichs-,
Staats- oder Gemeindeamt bekleidet hat, noch im Justizdienst oder als Lehrer des Rechts an einer deutschen Universität thätig
gewesen; ferner, wenn ihm auf Zeit die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter aberkannt; endlich, wenn der Antragsteller
früher Rechtsanwalt gewesen, aber innerhalb der letzten zwei Jahre auf Verweis oder auf Geldstrafe von mehr als 150 Mk.
im ehrengerichtlichen Verfahren gegen ihn erkannt worden ist.
Ein bei dem Prozeßgericht zugelassener Rechtsanwalt kann sich selbst vertreten. Der Rechtsanwalt muß an dem
Orte des Gerichts, bei welchem er zugelassen ist, seinen Wohnsitz nehmen (Domizilierungs- und Residenzpflicht der Rechtsanwalte).
Die gemeinsamen Interessen des Anwaltstandes werden durch die Anwaltskammern wahrgenommen. Für jeden Bezirk
eines Oberlandesgerichts und am Sitz eines solchen ist eine Anwaltskammer errichtet, bestehend aus den innerhalb jenes Bezirks
zugelassenen Rechtsanwalten.
Die Kammer wählt aus ihren Mitgliedern den aus 9-15 Personen bestehenden Vorstand, welch letzterer wiederum aus seiner Mitte
den Vorsitzenden und den Schriftführer sowie deren Stellvertreter erwählt. Der Vorstand hat neben andern
wichtigen Aufgaben, z. B. der Begutachtung von Gesetzentwürfen, namentlich die Aufsicht über die Erfüllung der den Mitgliedern
der Kammer obliegenden Pflichten zu führen und die ehrengerichtliche Strafgewalt zu handhaben. In letzterer Hinsicht entscheidet
der Vorstand in der Besetzung von fünf Mitgliedern als Ehrengericht.
Nachtquartier, Tagegelder) zu beanspruchen und zwar nach Maßgabe der Gebührenordnung vom Hiernach bestehen für
bürgerliche Rechtsstreitigkeiten feste Pauschquanta und bestimmte progressive Wertklassen. Als Verteidiger erhält der Rechtsanwalt für
die Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht 12, vor derStrafkammer 20 und vor dem Schwurgericht oder Reichsgericht 40 Mk.; im
Vorverfahren sind die entsprechenden Sätze 6, 10 und 20 Mk. Dazu kommen dann noch Einzelsätze für die nötigen Anträge,
Gesuche und Schriftsätze. Vertragsmäßige Übereinkunft über die Höhe der Gebühren ist zulässig. Mit der Rechtsanwaltschaft
ist vielfach auch das Notariat (s. d.) verbunden.
Ausgaben
der deutschen Rechtsanwaltsordnung von Meyer (das. 1879) u. a., der Gebührenordnung von Böger und Lange
(2. Aufl., Kiel
[* 19] 1880), Meyer (2. Aufl., Berl. 1884) u. a.;
Siegel, Die gesamten Materialien zur Rechtsanwaltsordnung (Leipz. 1883);
Osius und Bendix, Praktisches Handbuch für Rechtsanwalte
(Düsseld. 1882);