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Zeit seines Lebens war Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il Ostasiens böser Bube. Internationale Medien hatten ihn stets bevorzugt mit Etiketten wie «letzter stalinistischer Sonnenkönig», «Irrer mit der Bombe», «Zombie» und «psychopathischer Führer eines Gulagsystems» versehen. Und mehrfach hatten sie ihn für tot erklärt. Doch nun war es ausgerechnet die staatliche Nachrichtenagentur KCNA, die mit zweitägiger Verspätung meldete, dass der 69-jährige Kim Jong Il am Samstag einem schweren Herzinfarkt erlag. Eine herbe Schlappe für die Phalanx selbst erklärter Nordkorea-BeobachterInnen und Geheimdienst-«Experten». Ihnen blieb nurmehr der Hinweis darauf, die nordkoreanische Bevölkerung sei in «staatlich gelenkte Trauerhysterie» verfallen.
Doch wer war dieser Kim Jong Il eigentlich, nach dessen Tod die nordkoreanischen Medien das Land dazu aufforderten, die allgegenwärtige «Traurigkeit in Stärke umzuwandeln und seine Schwierigkeiten zu überwinden»?
Unter der Ägide seines Vaters, des Staatsgründers Kim Il Sung, war Kim Jong Il als Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Partei der Arbeit Koreas (PdAK) bereits seit den siebziger Jahren mit Parteiaufgaben betraut und in die Führungselite eingeführt worden. Im Dezember 1991 wurde er zum Oberkommandierenden der Volksarmee ernannt, anderthalb Jahre später avancierte er knapp auch zum Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission – des (partei-)politisch mächtigsten Amtes in der Volksrepublik. Mithilfe einer Verfassungsänderung kontrollierte und kommandierte Kim Jong Il ab 1992 die gesamten Streitkräfte der Volksrepublik und bekleidete gleichzeitig deren höchste militärische Position.
Der Tod seines Vaters im Juli 1994 führte zu Gerüchten über eine bevorstehende Destabilisierung des Regimes. Doch Kim Jong Il vermochte seine politische Legitimität unter Berufung auf die Fortführung der Lehren und der Praxis seines Vaters zu stärken und somit seine eigene Machtbasis zu sichern. Der Posten des Präsidenten allerdings blieb nach dem Tod Kim Il Sungs bis heute unbesetzt. Gemäss einer neu in die Verfassung aufgenommenen Präambel war Kim Il Sung «ewiger Präsident». Kim Jong Il wurde lediglich nach Ablauf der offiziellen Trauerphase von drei Jahren im Oktober 1997 formell zum Generalsekretär der PdAK ernannt. Ihm war das recht, denn so blieben ihm ungeliebte repräsentative Verpflichtungen und öffentliche Empfänge erspart. Diese übernahm Kim Yong Nam, der Vorsitzende des Präsidiums der Obersten Volksversammlung, der nach langjähriger Mitarbeit in der Internationalen Abteilung des ZK der PdAK und als Exaussenminister offiziell «den Staat repräsentiert».
Der Sohn des Staatsgründers und die um ihn gruppierte Führungsschicht garantierten politische Kontinuität, die das nordkoreanische System nicht nur vor einer Implosion bewahrte, sondern es sogar stärkte. Sie vermochten es stets, die militärische und zivile Machtbalance zwischen alten Partisanen, im Ausland (vorrangig in der damaligen Sowjetunion, in Osteuropa sowie in der DDR) geschulten Kadern und im Inland ausgebildeten Führungskräften zu wahren.
Und so wird es auch jetzt sein. Alle Zeichen innerhalb der nordkoreanischen Führung deuten auf Kontinuität hin. Diese ist von langer Hand geplant. So avancierten Kim Jong Ils jüngster Sohn Kim Jong Un und seine Schwester Kim Kyong Hui bereits im September 2010 zum Viersternegeneral beziehungsweise zur -generalin. Kim Jong Il, der seit Sommer 2008 unter den Folgen eines Schlaganfalls litt, blieb zwar offiziell und unangefochten an der Spitze der Nationalen Verteidigungskommission. An seiner Seite – in der Rangfolge der Nomenklatura auf Platz zwei – herrschte jedoch der einflussreiche Chang Sung Taek, Kims Schwager und Mitglied von dessen engstem BeraterInnenstab. Chang ist sowohl Vizevorsitzender der Kommission als auch Sekretär der PdAK-Verwaltungsabteilung. Selbst wenn nun nach Kim Jong Ils Tod dessen (wohl) 28-jähriger Sohn Kim Jong Un als Sachverwalter und Nachfolger seines Vaters antritt, werden Chang und einige hochrangige Militärs hinter den Kulissen dafür Sorge tragen, dass das politische Erbe der beiden Vorgänger gewahrt bleibt.
Denn das eigentliche Ansinnen der nordkoreanischen Führung war, ist und bleibt es, einem Regime- beziehungsweise Systemwechsel zu trotzen. Wenn man international schon nicht als Freund geachtet wird, so das Kalkül in der Hauptstadt Pjöngjang, will man wenigstens als ernst zu nehmender Feind geächtet werden. Dann kann man auf gleicher Augenhöhe Direktverhandlungen mit dem Erzfeind USA erwirken – zum eigenen Wohl und mit Blick auf einen Ausgleich.
Zudem wird im Ausland gern übersehen: Die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea, für die der südkoreanische Präsident Kim Dae Jung im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis erhielt, wäre undenkbar gewesen, hätte Kim Jong Il nicht als Gastgeber des ersten innerkoreanischen Gipfels in Pjöngjang fungiert. Doch den bösen Buben wollte man im fernen Oslo durch eine solche Auszeichnung nicht aufwerten.
Rainer Werning ist (gemeinsam mit Du-Yul Song) Ko-Autor des im März 2012 im Wiener Promedia-Verlag erscheinenden Buchs «Korea. Von der Kolonie zum geteilten Land».