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Der Ökonom Michael Spence veröffentlichte 1973 einen wissenschaftlichen Aufsatz, der ihm zusammen mit weiteren Arbeiten 2001 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften einbrachte. Darin argumentierte er: Bildungsabschlüsse sind ein wichtiges Instrument – in seiner Theorie als «Signal» bezeichnet – für Arbeitnehmende, damit sie ihre individuellen Fähigkeiten für eine bestimmte Stelle nachweisen können. Gleichzeitig sind Bildungsabschlüsse ein «Signal» für Arbeitgebende, um geeignete von ungeeigneten Arbeitnehmenden zu unterscheiden. Denn – so die Logik – Bildungsabschlüsse sind so konzipiert, dass sie sich für Individuen mit den entsprechenden Fähigkeiten lohnen, für alle anderen aber nicht. Dieses «Signal», das von Bildungsabschlüssen ausgehen kann, ist somit eine wichtige Voraussetzung für gut informierte Einstellungsentscheide.
Damit Bildungsabschlüsse ihre Funktion als «Signal» aber entfalten können, müssen Abschlüsse fälschungs- und manipulationssicher, sowie auch retrospektiv und systemübergreifend einfach validierbar sein. Genau diese Anforderungen sind mit herkömmlichen physischen Bildungsnachweisen schwierig – oder nur mit grossem Aufwand – zu gewährleisten.
Digitale Dossiers – anschlussfähig und verifizierbar
Digitale Dossiers – also eine von einem oder mehreren digitalen Nachweisen abgeleitete digitale Kopie (vgl. Box) – könnten hier einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Funktion von Bildungsabschlüssen als «Signale» für individuelle Fähigkeiten zu stärken. Grundvoraussetzung dafür ist ein Ökosystem digitaler Nachweise, in dem Bildungsinstitutionen aller Ausbildungsgänge und -stufen, Ausbildungsbetriebe und üK-Organisationen, ebenso vertreten sind, wie Arbeitnehmende oder Weiterbildungsanbieter.
In einem solchen Ökosystem können digitale Nachweise aus unterschiedlichen Quellen in einem anschlussfähigen digitalen Dossier in standardisierter und validierbarer Form zusammengefügt und kryptografisch verschlüsselt einer Überprüfungsstelle (z.B. einer Arbeitgeberin) vorgelegt werden. Eine Absolventin einer Fachhochschule (FH), nennen wir sie Giulia, könnte so ihren FH-Abschluss als Betriebsökonomin zusammen mit weiteren Nachweisen, wie beispielsweise einem Arbeitszeugnis ihres Lehrbetriebs, in einem digitalen Dossier zusammenfassen. Dieses digitale Dossier kann sie dann über eine direkte und verschlüsselte Verbindung einer potenziellen Arbeitgeberin übermitteln.
Technisch gesehen bestehen digitale Dossiers aus drei Komponenten:
- Metadaten sind generelle Aussagen zum digitalen Dossier, beispielsweise Nutzungsbedingungen, die regeln was mit dem Dossier nach Gebrauch geschehen soll.
- Nachweis(e): Eine Kombination bzw. ein Auszug aus einem oder mehrere digitaler Nachweise oder daraus abgeleitete Informationen. Für alle Nachweise werden zudem die für die Validierung notwendigen Informationen wie die «Credential Definition» und die digitale Signatur der Ausgabestelle mitgeliefert.
- Prüfangaben zum Dossier: Damit die Überprüfungsstelle sicher ist, dass das digitale Dossier von der besagten Person stammt, werden die digitale Signatur und der öffentliche Schlüssel der Inhaberin im Dossier mitgeliefert.
Wie sich der Austausch eines digitalen Dossiers Schritt für Schritt abspielt, können Sie mittels dieser interaktiven Grafik nachvollziehen.
Die Arbeitgeberin ihrerseits erhält nicht nur das digitale Dossier von Giulia, sondern eine Vielzahl anderer Bewerbungsdossiers in unterschiedlichen Formaten. Sie prüft jene Dossiers, die in die engere Auswahl kommen auf ihre Richtigkeit. Besonders bei Bewerbungsdossiers herkömmlichen Formates (z.B. als PDF-Dokument) ist diese Prüfung sehr zeitaufwendig. Zwar ist die Arbeitgeberin versiert darin, kennt die meisten regionalen FHs und kann die Echtheit eines Diploms gut einschätzen – selbst dann, wenn das Wasserzeichen auf dem Scan nicht mehr erkennbar ist. Allerdings hat es auch Diplome darunter, die noch auf den alten Namen einer FH lauten, was eine telefonische Rückfrage bei besagter Institution notwendig macht. Noch schwieriger wird es bei der Validierung von Arbeitszeugnissen. Die Rekonstruktion und Validierung jedes Einzelfalls ist hier schlicht zu aufwändig.
Einfacher hat es die Arbeitgeberin bei Giulias Bewerbung, da hier alle Nachweise in Form eines digitalen Dossiers vorliegen. Eine Überprüfung von Giulias digitalem Dossier kann somit digital und automatisiert erfolgen. Dabei werden auf der Blockchain – dem Vertrauensregister des Ökosystems digitaler Nachweise – für jeden Nachweis in Giulias Dossier zwei Merkmale geprüft:
- Entspricht der Nachweis einer auf der Blockchain hinterlegten «Credential Definition».
- Stammt die digitale Signatur des Nachweises von der besagten Ausgabestelle.
Stimmen beide Merkmale für jeden Nachweis digitalen Dossier mit den Informationen auf der Blockchain überein, weiss die potenzielle Arbeitgeberin sekundenschnell, dass alle Nachweise von Giulia gültig und korrekt sind.
Darüber hinaus – datensparsam und selbstbestimmt
Die informierte Leserin oder der informierte Leser werden sich jetzt denken, dass eine solch einfache Verifikation von Nachwiesen auch ohne ein Ökosystem digitaler Nachweise möglich wäre. Tatsächlich gibt es bereits heute Lösungen, bei denen mittels digitalem Fingerabdruck die Echtheit beispielsweise von PDF-Dokumenten überprüft werden kann. Digitale Dossiers bieten aber über die einfache Verifikation hinaus noch drei weitere Vorteile.
- Digitale Dossiers sind «datensparsam», das heisst sie erlauben die selektive Übermittlung der minimal notwendigen Daten für einen bestimmten Zweck. In Giulias Fall bedeutet dies: Sie kann aus dem digitalen Nachweis ihres FH-Abschlusses nur das Fach und die Information, dass sie diesen tatsächlich hat, im digitalen Dossier freigeben. Andere zumeist obsolete Informationen, wie ihre Matrikelnummer oder ihre Wohnadresse während des Studiums, werden so nicht übermittelt.
- Digitale Dossiers stärken die selbstbestimmte Identität. Da die Verifikation der digitalen Dossiers über nicht personenbezogene Informationen auf der Blockchain geschieht, wird die Aufbewahrung von personenbezogenen Daten zum Zwecke der Validierung bei den Ausgabestellen überflüssig. Die Daten liegen beim Individuum – in unserem Fall bei Giulia – und sie entscheidet wem sie diese Daten zur Verifikation vorlegt. Die Überprüfungsstelle wiederum ist nicht auf einen Austausch mit der Ausgabestelle angewiesen – was Giulias selbstbestimmte Identität wiederum stärkt.
- Digitale Dossiers erlauben es, Nutzungsbedingungen für die Daten im Dossier zu formulieren. So kann Giulia festhalten, dass ihr digitales Dossier nach Gebrauch vollständig gelöscht werden muss. Eine automatisierte Nachricht kann ihr den Abschluss dieses Vorgangs bestätigen.
Apropos Giulia: Wie sich Giulia auf die beschriebene datensparsame und selbstbestimmte Weise bereits zu ihrem FH-Studium angemeldet hat, zeigt unterstehendes Video.
Implikationen digitaler Dossiers auf Bildungsabschlüsse
Die eingangs erwähnte Funktion von Bildungsabschlüssen als «Signal» spielen auf dem Arbeitsmarkt deshalb eine grosse Rolle, weil Arbeitnehmende gegenüber Arbeitgebenden einen Informationsvorsprung im Hinblick auf ihre eigenen Fähigkeiten haben. Je glaubwürdiger diesbezügliche Informationen über Bildungsabschlüsse vermittelt werden können, desto eher finden sich Arbeitgebende und Arbeitnehmende deren Anforderungen und Fähigkeiten zueinanderpassen.
Ein Ökosystem digitaler Nachweise hat somit das Potenzial, Einstellungsentscheide für alle Beteiligten zu verbessern. Dies gilt nicht nur für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, deren Bildungsabschlüsse zu glaubwürdigeren «Signalen» werden. Auch bereits arbeitstätigen Individuen stünden bei Stellenwechsel bessere «Signale» für ihre individuellen Fähigkeiten zur Verfügung indem auch Arbeitszeugnisse oder Microcredentials mittels digitalen Nachweisen fälschungssicherer und überprüfbar würden. Dadurch gewinnt sowohl die Bildung als auch das lebenslange Lernen an Informationsgehalt zur Signalisierung individueller Fähigkeiten.