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Ein Menetekel, so erklärt der Duden, ist das geheimnisvolle Anzeichen eines drohenden Unheils. Eine ziemliche Untertreibung: Als der babylonische Kronprinz Belsazar im 6. Jahrhundert v. Chr. dieses Anzeichen sah, war er am nächsten Tag tot.
Es mag auch daran gelegen haben, dass der mit seinen Getreuen zechende und Gott lästernde Belsazar die Zeichen ganz einfach nicht verstand. Die Bibel berichtet, während des wüsten Gelages seien wie von Geisterhand an der Palastwand, in flammender Schrift, die Worte erschienen: Mene mene tekel upharsin. Im Deutsch der Luther-Bibel von 1534 heisst das «gezählt, gewogen, geteilt». Die Flammen an der Wand lassen den Prinzen erbleichen, und keiner seiner Berater kann mit dem Spruch etwas anfangen. Erst der Palastdiener und Traumdeuter Daniel wagt eine Deutung: «Die Tage Deiner Herrschaft sind gezählt, Du bist gewogen und für zu leicht befunden, und Dein Reich wird unter den Medern und den Persern aufgeteilt werden».
So will es das Alte Testament. Tatsächlich ist Daniels Deutung eine sehr freie Übersetzung aus dem Akkadischen, einer heute ausgestorbenen Sprache, die bis ins erste Jahrhundert nach Christus in Mesopotamien und im heutigen Syrien gesprochen wurde. Mene mene tekel besteht, nüchtern betrachtet, nur aus uralten umgangssprachlichen Einheiten, darunter die hebräischen Währungen Mine und Schekel. Ein unlösbares Rätsel.
Und so sitzt Belsazar bleich und schlotternd vor der verglimmenden Schrift, und Daniels Deutung hallt im Raum. Das Ende von der Geschichte: Daniel wird reich belohnt, Belsazar umgebracht, und seither ist das Menetekel eine eingängige Kurzform des Sprichworts: «Hochmut kommt vor dem Fall».