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Michail Gorbatschow verbindet man zu Recht mit drei Begriffen: Perestroika, Glasnost und dem ‹Neuen Denken›. Der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, der, wie der biblische Prophet, im eigenen Lande nach wie vor nicht allzu viel gilt, hat im Vorfeld des 30. Jahrestages des Putschs vom 19. August 1991 in der englischsprachigen Zeitschrift «Russia in Global Affairs» einen langen Essay veröffentlicht, in dem er um die Deutungshoheit seines politischen Erbes kämpft und den gegenwärtigen globalen Rückfall ins alte Denken scharf kritisiert.
Eine Geschichtslektion
Seine Kritiker in Russland, so kontert Gorbatschow, hätten vergessen, wie die moralische und psychologische Situation 1985 in der Sowjetunion ausgesehen habe: «Der bürokratische Apparat beanspruchte die totale Kontrolle über die Gesellschaft, ohne aber die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen gewährleisten zu können. Das Land versank immer tiefer in Stagnation. Die grosse Mehrheit war der Ansicht, dass man so unmöglich weiterleben könne.» Die Perestroika sei ein humanistisches Grossprojekt gewesen: der Bruch mit der Vergangenheit, in der die Menschen jahrhundertelang einem autokratischen und dann totalitären Staat unterworfen waren.
Auch die Aussenpolitik befand sich in einer Sackgasse. Der militärisch-industrielle Komplex habe kolossale Ressourcen absorbiert, ohne dass die Superrüstung das Land sicherer gemacht hätte. In den 1980er Jahren sei die Welt mit der rapide wachsenden Gefahr eines Atomkrieges konfrontiert gewesen. Im Mittelpunkt des ‹Neuen Denkens› stand daher die These vom Vorrang der universellen Interessen und Werte in einer zunehmend integrierten, interdependenten Welt und das daraus folgende Konzept der Gemeinsamen Sicherheit. Die wirklichen Ergebnisse der Perestroika sind für Gorbatschow: «Das Ende des Kalten Krieges, beispiellose nukleare Abrüstungsabkommen, Erwerb von Rechten und Freiheiten – Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit, das Land zu verlassen, alternative Wahlen, Mehrparteiensystem. Dies sind auch heute die Bezugspunkte, ohne die man sich verirren kann.»
Ruf nach neuer Ethik
Angesichts der gegenwärtigen Militarisierung der Weltpolitik plädiert Gorbatschow nicht nur ein weiteres Mal für die vollständige Abschaffung aller Atomwaffen, er macht zugleich deutlich, dass selbst dieser Schritt angesichts der bereits angehäuften Unmengen sogenannter ‚konventioneller‘ Waffensysteme, die in ihrer Zerstörungskraft an die nuklearer Waffen längst heranreichen, nicht ausreichend wäre. Die Überwindung der aktuellen globalen Krise kann, so seine Überzeugung, nur in einem ethischen Ansatz wurzeln, der auf den Grundsätzen der universellen Moral beruht: «Diese Verhaltensregeln sollten Zurückhaltung, die Berücksichtigung der Interessen aller Parteien, Konsultationen und Mediation im Falle einer Verschärfung der Lage und drohender Krisen beinhalten.»
Der 90jährige Michail Gorbatschow ist auch heute noch seiner Zeit sehr weit voraus.
(Dieser Artikel von Leo Ensel erschien zuerst in der Oldenburger «Nordwest Zeitung».)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Leo Ensel hat über viele Jahre als Trainer im Bereich «Interkulturelle Kommunikation» gearbeitet. Dabei ist er spezialisiert auf den postsowjetischen Raum.
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