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1973 erschien Jacques Chessex’ Roman L’ogre, der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde und 1975 unter dem Titel Der Kinderfresser auf Deutsch erschien. Jetzt, rund 15 Jahre später, hat Simon Edelstein die Geschichte verfilmt, die vom tragischen Schicksal des Mittelschullehrers Jean Calmet berichtet: Dieser wird von der übermächtigen und vitalen Figur des Vaters über dessen Tod hinaus bedrängt. Calmet vermag sein Leben nicht zu meistern, mit nichts und niemandem kommt er zurecht und flieht in den Freitod.
Chessex’ Roman ist voll plastisch dargestellter und sprachgewaltig nachempfundener Gegensätze. L’ogre ist ein Roman der Vitalität, des prallen Lebens, dem Jean Calmet nicht gewachsen ist. Edelstein, gelernter Fotograf, schon in seinem Film L’homme en fute ein Verfechter des gepflegt schönen Bildes, ist nicht der Regisseur, der Chessex’ dynamischen Stil direkt in den Film umsetzt. Bei dieser Sprache und diesem Duktus ist das wohl auch gar nicht möglich, so dass sich Edelstein absetzt und eine persönliche Lektüre anstrebt: Die Handlung spielt Mitte der achtziger Jahre, Erinnerungen an die revolutionäre Stimmung der ausgehenden Sechziger Jahre sind verschwunden. Edelstem erzählt die Geschichte, verglichen mit dem Original, kühl, beinahe distanziert und eher statisch. Es genügt ihm etwa, den Vater knapp anzudeuten. Lehrer-Kollegen von Calmet werden nur kurz skizziert. Der Altersunterschied zwischen Calmet und den Schülerinnen ist kleiner geworden, was den Beziehungen – auch jener zu Thérèse, der Kunstgewerblerin – jenes merkwürdige Schwanken zwischen Gefährlichkeit und Harmlosigkeit nimmt: Edelsteins Calmet ist ein junger, blässlicher, etwas unbeholfen wirkender Intellektueller, beinahe knabengesichtig. Was Edelstein im Film aber sehr eindrücklich gelingt, ist das Aufzeigen des allmählichen Zerfalls der Persönlichkeit Cal- mets, der die Orientierung verliert, sich in seinen Beziehungen verheddert, tragischer Selbstzerstörung entgegensteuert und sich schliesslich umbringt.
Die Stadt Lausanne im Roman von Chessex ist mit ihren Cafés und Bistros leicht vergammelt. Edelstein hat auf diese „originale“ Atmosphäre verzichtet und ein sauberes, gepflegtes, fast zu schönes Lausanne zur Szenerie der Geschichte gemacht. Auch damit wird die oft widerborstig anmutende Dimension der Vorlage geglättet: Die Geschichte Chessex’ wird privater. Dieses Übertragen von Z ‘ogre in die unmittelbare Gegenwart gibt dem Film aber eine nicht minder beklemmende, wenn auch andersgeartete Aktualität.