Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03651.jsonl.gz/2531

Text und Bilder von Kurt Meyer
In den Sechzigerjahren, als ich meinen Schuldienst in Netstal aufnahm, gehörten die Staublawinen vom Wiggis zum Normalen. Jedes Kind wusste, dass, wenn man nach grossem Schneefall im Freien kaum mehr atmen konnte, eine Staublawine nächstens über das Dorf rollen würde. Man musste die Atemwege schützen und sich auf den Boden kauern oder sich gar hinlegen. Eine Episode, die ein Netstaler Sekundarlehrer, der aus den Flumserbergen stammte, sicher nie vergisst, geschah nach starkem Schneefall. Mit seinen Schülern wollte er in die Mugiweid zum Skifahren. Als Skilehrer wusste er über Lawinen Bescheid, nicht aber wie die Sekschüler mit der Staublawine umgingen. Auf dem Weg zur Mugi merkte er, dass ihm der Atem abgedrückt wurde. Sofort warf er sich auf die Schüler und wollte sie zu Boden drücken. Diese aber lachten ihn aus, drehten der Lawine den Rücken zu, hielten die Hände vor das Gesicht und warteten, bis die Lawine über sie hinweg war. Etwas bleich und schockiert kam der Lehrer ins Lehrerzimmer, wo er von seinen Kollegen aufgeklärt wurde, dass man in Netstal mit solchen Lawinen rechnen und leben müsse. An einem Samstagmorgen im Februar 1973 fuhr ich kurz vor acht Uhr morgens mit meinem VW-Käfer auf nasser Strasse von Glarus gegen Netstal. Bei den ersten Häusern rollte mir eine dunkle Wolke auf der Strasse entgegen. Sofort wusste ich: Das ist eine gewaltige Staublawine, die mich schon am Dorfanfang empfängt. Da ich überhaupt nichts mehr sah, fuhr ich aufs Trottoir und hielt an. Die Schneekristalle prasselten auf mein Auto, ein kräftiger Sturm rüttelte an meinem Auto und an den Scheibenwischern wurde arg gerissen. Nach einiger Zeit war der Spuk vorüber, und ich setzte meinen Weg nun auf schneebedeckter Strasse zur Schule fort. Was ich dort antraf, überstieg alles, was ich bisher erlebt hatte. In den Gängen und in den Schulzimmern hatte es Schnee. Die Lawine hatte einen Baum auf der Wiese hinter dem Schulhaus ausgerissen und ins Schulhaus geworfen. Die grosse Scheibe im Gang war in Brüche gegangen und hatte eine Schülerin leicht verletzt.
Die aufklappbaren Fensterflügel gegen den Wiggis waren aufgedrückt worden und so drang der Schnee bis in die Schulzimmer und Gänge. Meine Schüler redeten alle durcheinander, schilderten, wie sie zu Boden geworfen wurden oder sich in einen Hausgang flüchten konnten; wie sie am Boden liegend von einer Eisschneekruste überzogen wurden oder sich mit dem Rücken gegen den Sturm stemmten. Von Schock oder gar Angst war bei ihnen nichts zu spüren. Im Gegenteil, sie freuten sich, dass sie zu einem freien Samstagmorgen kamen, während die Lehrpersonen mit dem Hauswart sich daran machten, den Schnee aus dem Schulhaus zu befördern. Da die Zimmer der Sekundarschule keine Fenster gegen den Wiggis hatten, kamen die Sekschüler nicht in den Genuss eines freien Samstagmorgens. Sie hatten aber auch ihren Spass, weil einer der Lehrer während des Lawinenniedergangs im Lehrerzimmer etwas holen wollte. Doch liess sich die Schulzimmertüre nicht öffnen. Er glaubte, wie er später erzählte, jemand halte ihm die Türe zu. Dieser Jemand war die "Staublaui".
Eine weitere lustige Geschichte spielte sich einmal zur Winterzeit in meinem Schulzimmer ab. Wir waren gerade daran, den Ablauf einer Arbeit zu wiederholen. „Erster Schritt“, gab ich einen Denkanstoss. Sofort kam die Antwort von einer Schülerin: „Wir müssen den ganzen Text lesen.“ Nun stellte ich die Frage: „Und was kommt dann?“ „Ä Staublaui!“, schrie einer, ohne dass er von mir aufgerufen wurde. Sofort stürmten alle in den Gang und konnten hinter der grossen Scheibe aus Panzerglas sehen, wie die Schneewalze auf das Schulhaus zu rollte. Wie Hagelkörner prallten die gefrorenen Schneekristalle auf die Scheibe. Es wurde durch die Schneewolke kurze Zeit dunkel im Schulhaus. Ich forderte die Schüler auf, wieder ins Schulzimmer zu gehen, denn diese Lawine sei so gross, dass sie bestimmt auf der anderen Talseite zurückpralle und nochmals über unser Schulhaus ziehe. Wie vermutet, geschah es auch. Die Fenster und Türen wurden nun noch von Osten her zugeklebt und die sonst apere Landstrasse war für kurze Zeit schneebedeckt.
In den Sportferien 1986 erhielt ich aus dem Lehrerzimmer ein Telefon, ich müsse ins Schulhaus kommen, denn eine Staublawine hätte in den Schulzimmern grossen Schaden angerichtet. Was ich dort antraf, war mit der Lawine von 1973 vergleich- bar. Hinter dem Schulhaus hatte der Ballfänger auf dem Sportplatz dem Luftdruck nicht standgehalten und war in arge Schieflage gedrückt worden. Ein Fussballtor lag auf der Wiese zwischen Schulhaus und Sportplatz. Die Masten der Hochspannungsleitung waren auf einer Höhe von zwei Metern abgeknickt. Abgebogen stand der Beleuchtungsmast des Turnplatzes hinter dem Schulhaus. In den Gängen des Schulhauses hatte es überall Wasser von dem geschmolzenen feinen Schneestaub.
Jeden Herbst musste der Hauswart die Flügel der Oberlichter gegen den Wiggis verriegeln. Doch man hatte die Rechnung ohne die Lawine gemacht, denn die Scheiben aus Panzerglas hielten dem Druck wohl stand, nicht aber die Scharniere der Fenster. Sie wurden aus den Fensterrahmen gerissen und das Fenster hing nur noch am Hebel, mit dem es geöffnet werden konnte, lose im Schulzimmer. Überall war es nass und auf den Pulten lag eine harte Schneeschicht. Die Modellflugzeuge, die wir im Werken bastelten, hatten ihren unfreiwilligen Jungfernflug, ob fertig gebaut oder nicht, hinter sich. Viele Bücher und Hefte waren nass und mussten entsorgt werden. Die Flugzeuge machten natürlich auch eine Punktlandung im Abfallcontainer. Die Scheiben aus Panzerglas hatten ihren Dienst getan, doch drang der feine Schneestaub durch die kleinsten Ritzen. Seit diesem Ereignis gibt es im Schulhaus gegen den Wiggis hin keine Oberlichter mehr zum Öffnen. Die Axpo hat ihre Hochspannungsleitung im Bereich des Lawinenzuges in den Boden verlegt.
Was in den Anfangsjahren meiner Lehrerzeit in Netstal bei einer grossen Lawine vielleicht eine kurzen Notiz in den Glarner Zeitungen wert gewesen wäre, würde heute mit Reportagen in allen Medien weltweit bekannt gemacht. In den Genuss einer zusätzlichen Ferienwoche kam ich im März 1999. Wegen grosser Schneefälle im Kanton mit verschiedenen grossen Lawinenniedergängen – ein Mast der Pleusbahn in Elm wurde von einer Lawine mehrere Meter verschoben und die Meissenbodenlawine verschüttete die Hauptstrasse vor Elm haushoch – verordnete die Lawinenzentrale in Schwanden die Schliessung der Schule. Ältere Netstaler, die ich auf meinem Gang durchs Dorf an einem wunderschönen Wintertag antraf, schüttelten ob dieser Massnahme nur den Kopf. Für die Kinder waren es willkommene Ferien, und nur ängstliche Eltern liessen ihr Kinder nicht ins Freie.