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Das ehemalige Kratzquartier in der Züricher Innenstadt gibt Geheimnisse preis
Das Kratzquartier in Zürich existiert nur noch auf alten Illustrationen und Fotos. Im Zuge der „Grossen Bauperiode“ wurde es in den Jahren von 1877 bis 1891 vollständig abgerissen und durch neue Bauten ersetzt. Bei diversen Werkleitungssanierungen, die von der Stadtarchäologie begleitet wurden, kam im letzten Jahr allerdings eine grosse Zahl an Funden aus der Vergangenheit ans Tageslicht, die eine teilweise Rekonstruierung des Quartiers erlauben.
Das Kratzviertel entstand am ehemaligen Stadtrand zwischen Zürichsee und Fraumünster-Abtei. Bis auf einen schmalen Zugang zur Limmat war es durch das Kloster, den See und die Stadtmauer abgeschlossen. Daher rührt wohl auch der Name. „Kratten“ ist ein anderes Wort für Korb und deutet auf die Sackgasse hin, die das Viertel bildete. Die erste urkundliche Erwähnung des Kratzquartiers stammt aus dem Jahr 1315. Bis zum Reformationsjahr 1524 war es im Besitz der Fraumünster-Abtei.
Von der Gründung bis Ende des 16. Jahrhunderts bewohnten überwiegend Arme und Aussenseiter das Kratzviertel. Mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung gehörte zu den ärmsten Leuten in Zürich – in anderen Vierteln waren es höchstens 20 Prozent. Diese Struktur änderte sich erst mit der Fertigstellung des Bauhauses im Jahr 1586, nach der vermehrt Handwerker wie Zimmerleute oder Steinmetze und auch Beamte sich dort niederliessen. Damals hatte jedes Gebäude einen eigenen Namen, von denen die meisten bis heute erhalten geblieben sind, etwa „Zum Goldenen Ring“, „Leere Taschen“, „Zum reisenden Mann“ oder „Harzpfanne“.
Eine sehr starke Veränderung erfuhr das Quartier durch Aufschüttungen am Seeufer und seine Befestigung in südlicher Richtung. Im Zuge dieser Massnahmen in den Jahren 1540/41 verlagerte man die Ufermauer in den See und legte das neu entstandene Gelände trocken. Dieses Areal diente in der Folge als Werkplatz für die oben erwähnten Handwerker.
Der „Kratzplatz“ mit seinem Brunnen wurde das neue Zentrum des Viertels. Auf Begehr der Quartiersbewohner wurde der Brunnen 1632 erneuert. Heute ist er das einzige grössere Überbleibsel des Kratzviertels – nachdem er wegen des Baus der Börsenstrasse und dann noch einmal 1919 wegen der Nationalbank zweimal versetzt worden war – und steht jetzt zwischen Fritschi- und Zypressenstrasse bei einer kleinen Parkanlage.
Das konstante Wachstum Zürichs konnte bis Mitte des 19. Jahrhunderts grösstenteils mit der Bebauung leerer Flächen aufgefangen werden. Danach aber wurde es eng, und die ersten Pläne für eine Erneuerung durch Abriss tauchten auf. Treibende Kraft war Arnold Bürkli, ein Politiker und Ingenieur. Der Stadtrat beschloss schliesslich 1858, für die Neubebauung des Kratzquartiers einen Wettbewerb auszuschreiben – inklusive eines neuen Stadthauses.
Für dessen Pläne zeichnete der Schweizer Architekt Gustav Gull (1858-1942) verantwortlich. Ausser dem Eidgenössischen Postgebäude in Luzern stehen seine wichtigsten Bauwerke allesamt in Zürich, darunter das Schweizerische Landesmuseum, die quer durch die Stadt verlaufende Achse von der Rudolf-Brun-Brücke bis hin zu den städtischen Amtshäusern mit der Sternwarte Urania sowie einige Erweiterungsbauten der ETH.
Das neue Stadthaus entstand an der Stelle der Fraumünster-Abtei. Dabei gestaltete Gull den Innenhof zwischen Stadthaus und Fraumünster mit Teilen des alten Kreuzgangs. Damals nannte man dies „schöpferische Denkmalpflege„, ohne sich weitere Gedanken um ausführlichere archäologische Untersuchungen zu machen.
Die eingangs erwähnten Werkleitungssanierungen gaben im letzten Jahr den entscheidenden Anstoss, das Areal rund um Fraumünster und Stadthaus ausführlich zu untersuchen. Teilweise waren 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amts für Stadtarchäologie an den Grabungen beteiligt, deren Gesamtkosten sich auf etwa drei Millionen Franken belaufen. Eine Million trägt der Bund dazu bei. Erfasst wurden etwa 50’000 Funde, z.B. Bruchstücke eines Kachelofens, die mit figürlichen Dekorationen versehen waren. Darüber hinaus wurden 700 Lagepläne sowie etwa 2’000 Fotos angefertigt. Bis zum Abschluss der Untersuchungen im Frühsommer 2014 wird noch einmal rund die Hälfte dazukommen.
Die Stadtarchäologie ist aber bereits jetzt in der Lage, weite Teile des ehemaligen Kratzquartiers zu rekonstruieren. Ein 200 Meter langer Schnitt durch alle Erdschichten der Zürcher Historie ermöglicht tiefe Einblicke in die Stadtentwicklung, deren Ergebnisse aber noch eine ganze Weile ausgewertet werden müssen. Der wichtigste Fund ist vielleicht ein Rest der alten Klostermauer. Der 25 Meter lange Abschnitt liegt direkt vor dem Stadthaus und bezeugt nicht nur den Zustand der Abtei unmittelbar vor dem Abriss, sondern ermöglicht auch einen Rückblick auf die Baugeschichte bis ins frühe Mittelalter. Ein Teil der Mauer kann wohl erhalten bleiben, denn das Budget für die Sanierung erlaubt es, die neuen Werkleitungen um das Relikt herumzulegen.
Wie von den Experten erwartet, kam innerhalb der Mauer ein alter Friedhof zum Vorschein. Neben anderen Überresten sorgt ein seltsames Grab für interessante Fragen. In ihm lagen die Skelette eines Erwachsenen und mehrerer Kinder übereinander. Eventuell handelt es sich um Opfer der Pest, Genaueres lässt sich aber erst nach einer gründlichen Analyse der Knochen sagen. Für die Denkmalpflege ist das Kratzviertel verloren, auf die Stadtarchäologie aber warten noch spannende Grabungen in diesem Jahr.
Oberstes Bild: Detailgetreues Modell der Stadt Zürich des Architekten Hans Langmark. Da der Müllerplan (1794) ihm als Grundlage diente, ist im Modell das Kratzviertel zu sehen. (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)