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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998 von Ingrid Stallmann
Unter dem Motto «Frisch - Frei - Stark und Treu» wurde 1898 die Grütli-Turnsektion Wädenswil gegründet: Anlass, auf die bewegte hundertjährige Vereinsgeschichte zurückzublicken.
DIE ERSTEN 50 JAHRE
«Im Schosse des damaligen Grütlivereins wurde durch einige junge Mitglieder, die während ihres Aufenthalts in der Fremde Gelegenheit hatten, in einer Grütli-Turnsektion zu turnen, der Anstoss zur Gründung einer Grütli-Turnsektion gegeben. Der Grütliverein Wädenswil begrüsste diese Anregung und sicherte finanzielle und moralische Unterstützung zu. Am 20. Februar 1898 wurde die Gründung mit einem Bestand von 30 Mitgliedern vollzogen. Eine gute Unterstützung erhielt die junge Sektion durch den Beitritt der vier Brüder Strickler, die vorher infolge Unstimmigkeiten aus dem Turnverein Wädenswil ausgetreten waren.» Dies notierte Albert Baer, Mitbegründer und in späteren Jahren Oberturner, in seiner Jubiläumsschrift zum 50jährigen Bestehen des «Arbeiterturnvereins Wädenswil».
Der Verein war gegründet; nun musste man eine Turnhalle suchen. Eine erste Eingabe an die Dorfschulpflege zur Überlassung der Turnhalle Eidmatt oder eines anderen Lokals wurde abgewiesen. Der Orchesterverein dagegen durfte sie für seine Musikproben benützen. Für zirka zweit Monate stand dem Turnverein der ehemalige Tanzsaal in der «Hamburg» zur Verfügung. Hier konnte man nun Turnübungen abhalten, allerdings ohne Geräte. Eine weitere Eingabe an die Schulpflege - diesmal unterstützt vom Grütliverein Wädenswil und vom Zentralvorstand des Schweizerischen Grütliturnvereins - hatte dann insofern Erfolg, als man den Turnern aus Arbeiterkreisen den Turnkeller im Neuen Eidmatt-Schulhaus überliess.
Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee», 3. November 1898.
Nun mussten Turngeräte angeschafft werden. Vom Grütliverband wurde ein Pferd zur Verfügung gestellt, und durch Ausgabe von Aktien zu 20 Franken besorgte man die Mittel zur Anschaffung eines Barrens und eines Stellrecks. «Die Werbung neuer Aktivmitglieder wurde durch das ungeeignete und ungesunde Lokal mit zwei Säulen und einem Zementboden stark gehemmt, aber auch andere Hemmnisse aller Art blieben nicht unversucht, den Turnern den Lebensfaden abzuschneiden», bemerkte Chronist Albert Baer.
In den folgenden Jahren unter Präsident Walter Strickler, Oberturner Albert Baer und Emil Fehr wurde alles daran gesetzt, mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln eine Riege aufzubauen, die später sogar Olympiateilnehmer hervorbrachte. Der Verein war recht aktiv. Mindestes zwei Mal pro Jahr wurde ein Turnfest besucht. Und Turnfahrten in die nähere Umgebung waren ebenso selbstverständlich wie - zu Ehren der Passivmitglieder - der jährliche Unterhaltungsabend im «Engel», zusammen mit der «Harmonie». Ein jedes Jahr durchgeführtes Waldfest mit turnerischen Vorführungen half die Finanzen aufbessern.
Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee», 9. August 1904.
Kaum hatten sich die Festwogen gelegt, brach am 1. August 1914 ganz unverhofft der Erste Weltkrieg aus. Jäh unterbrach er das Vereinsleben; ein reduzierter Turnbetrieb wurde indessen aufrecht erhalten. Allen Widerständen seitens der Behörden zum Trotz gründete man 1915 eine «Zöglingsriege». Bereits 1916 hatten die jungen Turner an der Abendunterhaltung im «Engel» ihren ersten Auftritt mit Stabübungen, zusammen mit dem Sängerbund. Am 30. August 1916 wurde die erste Damenriege (Turnerinnen) gegründet. Diese stellte sich schon an der Abendunterhaltung vom November mit einem Elfenreigen der Öffentlichkeit vor.
Am Arbeiterschwingfest in Basel konnte die gut vorbereitete Sektion Wädenswil nicht antreten, weil die Vorstellung infolge eines Versammlungsverbots wegen Maul- und Klauenseuche abgesagt werden musste.
1925 erteilte der Präsident der Fahnenkommission, Walter Strickler, der Firma Fräfel + Cie. in St. Gallen den Auftrag zu einer Vereinsfahne nach dem Entwurf von Walter Strickler jun. Die Weihe des neuen Banners fand im Mai statt, verbunden mit einer Kantonalturnfahrt, an der über 800 Turnerinnen und Turner teilnahmen. Als Patensektion amtete die Sektion Dürnten. Die Fahne war fortan stete Begleiterin zu allen festlichen Anlässen und Symbol der Zusammengehörigkeit und Treue zum Arbeitersport.
Eine Glanznummer in den jährlich wiederkehrenden Abendunterhaltungen waren die von 56 Mann in fünf Stufen tadellos ausgeführte Barrenübung und ein Schlussbild von 135 Personen. Überhaupt wirkten an den diversen Anlässen im Jahr immer mindestens 60 Aktive mit. Bei den obligatorischen Abendspaziergängen waren es noch mehr: Der von der Hauskapelle Schoch angeführte Bummel übers «Feld» nach der Schönegg zum Beispiel vereinigte 88 Turnerinnen und Turner.
SATUS Wädenswil am 4. Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportfest in Aarau, 1930.
1932 führte erstmals Fritz Preisig das Kommando über die Turnerschar. Das Kampfgericht bewertete die Sektionsarbeit als vorzüglich. Einmal mehr stand die Sektion im ersten Rang mit hohen 97,9 Punkten. Dies liess auch die hiesige Presse aufhorchen und brachte grosse Sympathien seitens der Wädenswiler Bevölkerung. Unter der bewährten Leitung von Marty Schuler reisten die Turnerinnen am 27. Juni 1936 zu einem friedlichen Wettkampf ans Kreisturnfest nach Schaffhausen, wo sie mit 469 Punkten den ersten Rang belegten und ihren männlichen Kollegen ebenbürtig waren.
In der Gründungszeit sprach man vom Grütliturnverein Wädenswil, dann vom Arbeiterturnverein Wädenswil. Er war eine Sektion des Schweizer Arbeiter-, Turn- und Sportvereins (SATUS) und übernahm zu nicht genau auszumachender Zeit die Bezeichnung SATUS.
Die Arbeitslosigkeit der dreissiger Jahre nötigte zur Reduktion der Festivitäten. Während die Abendunterhaltung nur noch einmal durchgeführt wurde, ging das Training weiter, und man fand den SATUS immer wieder in Spitzenrängen. Als der Leiter der Zöglingsriege, Domenico Carbonare, die Hochzeit feierte, schenkten ihm die Aktiven Holz. Dieses wurde am Hochzeitstag säuberlich zersägt und auf dem Estrich der neuen Wohnung deponiert.
1937 hatte Fritz Preisig die grosse Ehre, mit der SATUS-Mannschaft an der 3. Arbeiter-Sport-Olympiade in Antwerpen teilzunehmen und die Schweizer Farben zu vertreten. Bei starker Konkurrenz belegte er die Weltmeisterschaft am Barren und im Gesamtklassement den grossartigen sechsten Rang. Ganz nebenbei verliebte er sich noch in eine bildschöne und sehr gute Turnerin, eine Russin. Leider waren aber die Verständigungsschwierigkeiten zu gross, sodass er dieses Erlebnis abhaken musste.
1939 erhielt die Jugendriege, dank Spenden von Freunden und Gönnern, das lang ersehnte Fähnlein. Als Patensektion hatte sich die Jugendriege Wiedikon anerboten. Der turnerische Vorunterricht wurde von Edy Schoch erteilt.
Nachdem leider auch der Zweite Weltkrieg Tatsache geworden war, bot der Bundesrat am 29. August 1939 die Grenzschutztruppen auf und ordnete auf den 2. September die Generalmobilmachung der ganzen Armee an. Ein Grossteil der Aktiven und des Vorstandes hatte einzurücken. Es wurde daher ein Zweiervorstand gebildet mit Paul Pfister als Präsident und Werner Rotzer als Technischem Leiter. In dieser schweren Zeit dachte man weniger an Turnfeste, eher an die Aktiven im Feld, die man an Weihnachten mit einer kleinen Gabe überraschte. An einen richtigen Turnbetrieb war ohnehin nicht zu denken, brauchte man doch die Turnhallen als Truppenunterkünfte. Trotzdem versuchte man, das Vereinsleben aufrecht zu erhalten und ging das Wagnis einer Abendunterhaltung ein. Und dies mit Erfolg. Die Jugendriegen zeigten ihr Bestes; der Dank der Passivmitglieder war ihnen gewiss.
Der Verein organisierte mit den Zurückgebliebenen Skirennen und beschloss, im Juli 1943 auch am Bezirksturnfest in Affoltern am Albis teilzunehmen. Der Anmarsch betrug 35 Kilometer! Der Inspektor beurteilte die verlangten Freiübungen mit der Note «sehr gut».
Auf vielseitigen Wunsch und auf Anregung des Frauenbundes wurde am 28. Februar 1942 die Frauenriege gegründet. Als erste Präsidentin amtete Anny Luginbühl. Der monatliche Beitrag betrug 60 Rappen. Schon im September organisierte die über 30köpfige Riege den Kantonalen Frauenriegentag in Wädenswil. Die Frauenriege führte anfänglich keine eigenen Protokolle. Denn die verschiedenen Riegen des SATUS unterstanden einem gemeinsamen Vorstand. Seine Mitglieder wurden von der Generalversammlung jeweils für ein Jahr gewählt.
Im Jubiläumsjahr 1948, anlässlich des 50jährigen Bestehens, übernahm der Verein die Organisation des 20. Ostschweizerischen Arbeiterschwingfests auf dem Eidmattplatz und veranstaltete eine turnerische Freilichtaufführung. Im gleichen Jahr feierte der Turnverein Wädenswil sein 100jähriges Bestehen und lud alle Dorfvereine dazu ein. Der SATUS nahm mit 48 Mann beim Barren-, Pferd- und Reckturnen sowie am Kürturnen teil. Die Turnerinnen beglückten die Gäste mit dem kostümierten Reigen «Damen in Frack». Das zwanzig Nummern starke Programm war in jeder Beziehung eine Musterleistung, das zwei Tage dauernde Fest, an dem die ganze Bevölkerung Anteil nahm, ein voller Erfolg.
Die eigentliche Jubiläumsfeier der SATUS-Familie fand im Oktober 1948 in einfachem Rahmen im Hotel Engel statt. Dazu waren Delegationen aus der Gemeinde und aus befreundeten Vereinen eingeladen.
DIE ZWEITEN 50 JAHRE
In den kommenden Jahren - ohne Krieg - war alles einfacher; die Menschen waren erleichtert. Man kämpfte aber immer noch um Turnhallen, die Disziplin liess nach, und man hatte andere Probleme. Dies zeigt etwa ein Zitat aus dem Protokoll über die Generalversammlung 1954. Darin werden die Turnerinnen gerügt, «es stehe ihnen wohl an, die Frauenrieglerinnen auf der Strasse zuerst zu grüssen. Die Frauenriege hilft stets mit, das Vereinskässeli auf guter Basis zu halten. Die Frauenriege ist das Rückgrat der Turnerinnen, also mögen die Turnerinnen diese Mahnung beherzigen, denn sie ist wirklich nicht aus der Luft gegriffen.»
Der Besuch von Turnfesten, mit vereinseigenen Tambouren sowie Horn- und Fahnenträgern, war nach wie vor der Stolz des Vereins. Mit seiner grossen Teilnehmerzahl von bis zu 60 Personen galt er als stark und gut. Disziplin hatte hohen Stellenwert. Austritte wurden nicht einfach akzeptiert wie heute. Ein Austritt musste begründet werden, ebenso der Übertritt zu den Passiven. Es wurde darüber diskutiert und schliesslich abgestimmt. Um neue Mitglieder zu gewinnen, notierte man die Namen von Bekannten und Freunden. Jeder Einzelne wurde hierauf zu Hause besucht, um ihm den SATUS näher zu bringen und ihn für das Turnen zu werben.
Die Beiträge betrugen 1958 für Aktive 1.20 Franken im Monat oder 14.40 Franken im Jahr.
Passivmitglieder bezahlten einen Jahresbeitrag von 6 Franken, Freimitglieder von 4 Franken; von Mitturnern verlangte man 50 Rappen. Präsident, Jugendriegen- und Vorunterrichtsleiter bezogen eine Jahresentschädigung von 30 Franken; der Oberturner erhielt 80 Franken und der Einzüger (Beiträge wurden immer bar bezahlt) 50 Franken.
Um 1960 begann es in der SATUS-Sektion Wädenswil zu kriseln. Verschiedene Vorstandsmitglieder gaben ihren Rücktritt. Die Teilnahme an Turnfesten, Kursen und Schwingtagen, früher eine Selbstverständlichkeit, musste abgesagt werden. 1962 erhielt der Verein eine neue Fahne. Die Patensektion, der Arbeiterturnverein Dürnten, überbrachte sie mit dem Schiff; Fahnendelegationen der Wädenswiler Vereine begleiteten den Festumzug vom Seeplatz zum Eidmatt-Areal.
Im Jahre 1962 weihte der SATUS-Turnverein mit einem Fest auf dem Eidmatt-Areal eine neue Fahne ein.
Die «alte Garde» verliess langsam den Verein. Mit viel Energie versuchte man, die Mitgliederzahl aufzustocken und das Turnen attraktiv zu gestalten; die Jungen wurden nachgezogen, leider mit wenig Erfolg. Vom grossen SATUS Wädenswil konnte keine Rede mehr sein. An den Generalversammlungen nahmen kaum mehr 40 Personen teil. Der Verein war auf einem Tiefpunkt angelangt. In den Jahren 1972 bis 1976 führte man nicht einmal Protokolle. Dann leitete die ausserordentliche Generalversammlung 1977 einen Neubeginn ein und wählte für ein Jahr einen Vorstand unter dem Präsidium von Meni Carbonare. Ein Jahr später wagte man den Versuch, wieder eine Bubenriege zu gründen. Das Jahresprogramm fiel spärlich aus: Fitness-Plausch, Spieltag, Skiturnen, Altpapiersammlung, aber keine Abendunterhaltungen mehr. Das Angebot verschiedener Wädenswiler Vereine wurde immer grösser, und der SATUS musste sich sehr bemühen, neue Mitglieder zu werben.
Unter der Leitung von Margot Sieber kam es 1981 wieder zur Gründung einer Damenriege, und eine Volleyball-Gruppe konnte eine Bereicherung für den Verein werden. Zur Stärkung der Gemeinschaft, und um sich besser kennen zu lernen, führte man Vereinsmeisterschaften und Chlaushöcks ein. 1984 revidierte der SATUS Wädenswil die Statuten und beschloss auf Vorschlag von Ehrenmitglied Fritz Preisig, wieder ein Turnfest zu besuchen. Seiner Meinung nach gehörte ein Turnfest zu einem Turnverein. Persönlich reiste er darum nach Basel, um die Mannschaften zu unterstützen und zu loben.
1986 begann es im Verein abermals zu kriseln. Rücktritt wurden angemeldet, auch aus der Damenriege. Diese wünschte eine Leiterin von ausserhalb des SATUS. Das war anscheinend zu teuer, und andere fanden es nicht nötig. Wozu sie aber fähig war, zeigte die Riege erstmals an der Generalversammlung mit einer Gymnastik und dem von nur vier Damen dargebotenen Theaterstück «Si wänd cho erbe». Der volle Erfolg ermunterte zu einem Versuch im Jahre 1989: Nach fast zwanzig Jahren lud der Turnverein wieder zu einer Abendunterhaltung ein, diesmal ins Steinacher-Schulhaus in der Au. Wieder erntete man viel Beifall, und man fasste den Vorsatz, fortan alle zwei Jahre ein Kränzli durchzuführen. Die Idee setzte sich aber nur noch einmal durch, 1991. Die Mitglieder liessen sich weder für ein Turnfest noch für eine Abendunterhaltung motivieren.
Noch einmal trat der gesamte Verein an die Öffentlichkeit. Am 19. Mai 1996 organisierte er die «11. Zürcher SATUS Leichtathletik Jugendwettkämpfe» in Wädenswil. Die Mitglieder, Neulinge auf diesem Gebiet, waren gefordert. Aber alles verlief reibungslos, und man erfuhr, was man gemeinsam schaffen kann.
Im Jubiläumsjahr 1998 steht der SATUS erneut an einem Tiefpunkt. Die Jungen - sprich Volleyball-, Damen- und Bubenriege sowie die Turner (Sektion) - haben sich vom Verband und damit auch vom SATUS Wädenswil getrennt. Die Begründung: Sie können vom Verband nicht profitieren und brauchen ihn nicht; sie wollen eigenständig und frei sein! Das ist schade. Aber man kann heute niemanden mehr zwingen. Das Vereinsleben, wie es früher praktiziert wurde, gibt es heute leider nicht mehr. Man will profitieren, etwas haben fürs Geld und unabhängig sein.
Turnverein SATUS am Wädenswiler Fasnachts-Umzug 1998.
Der SATUS bleibt aber bestehen, mit Frauen-, Faustball- und Mädchenriege. An der Schwelle zum zweiten Jahrhundert ist er bestrebt, die fehlenden Riegen wieder aufzubauen. «Wir sind optimistisch. Packen wir’s an, es gibt viel zu tun!»