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Erste Definitionen
Die Worte „Ostkirchen“, „orthodoxe Kirchen“, „Orthodoxie“ sind vieldeutig. Sie werden nicht unbedingt immer im Sinne der folgenden Definitionen verwendet.
Ostkirchen
Der Bezug zum „Osten“ geht auf das Römische Reich zurück. Kaiser Konstantin verlegte im Zeitraum von 324 bis 330 die Hauptstadt des Reichs von Rom am Tiber an den Bosporus und nannte sie offiziell das „Neue Rom“. Die Stadt ging aus einer griechischen Siedlung namens Byzantion hervor. Nach dem Tod des Kaisers wurde sie in Konstantinopel (= Konstantinsstadt) umbenannt. Der Bischof von Rom weigerte sich, seinen Sitz ebenfalls zu verlegen. Damit setzte er ein Zeichen dafür, dass das kirchliche Zentrum nicht der Logik der weltlichen Macht folgt, sondern auf dem Martyrium von Petrus und Paulus in Rom beruht. Der Patriarch von Konstantinopel gewann in der Folgezeit an Bedeutung und erhielt den Ehrentitel „Ökumenischer Patriarch“, weil er angesichts seiner Nähe zum Kaiser eine Verantwortung nicht nur für die Lokalkirche von Konstantinopel erhielt, sondern für die Oikoumene, den bewohnten Erdkreis des Oströmischen Reiches. Das Konzil von Konstantinopel 381 legt im Kanon 3 fest:
„Der Bischof von Konstantinopel hat den Vorrang der Ehre nach dem Bischof von Rom, denn Konstantinopel ist das Neue Rom“.
Kanon 28 des Konzils von Chalcedon 451 greift diese Bestimmung erneut auf:
„Wir folgen in jeder Hinsicht den Entscheidungen der heiligen Väter und entscheiden ... dasselbe auch unsererseits über die Vorrechte der heiligen Kirche von Konstantinopel, dem Neuen Rom. Denn dem Stuhl des Alten Rom haben die Väter begreiflicherweise die Vorrechte zugestanden, weil jene Stadt Kaiserstadt war. Aus demselben Beweggrund haben die 150 gottgeliebten Bischöfe [des Konzils von Nizäa] die gleichen Vorrechte dem heiligen Stuhl des Neuen Rom zugesprochen, wobei ihr Urteil ganz vernünftig lautete, die durch Kaiser und Senat geehrte Stadt, die die gleichen Vorrechte wie die alte Kaiserstadt Rom genießt, sei auch in kirchlicher Hinsicht wie jene mit Macht und Ansehen auszustatten, denn sie ist die zweite nach jener ...“.
Dieser Kanon wurde von der Kirche von Rom nicht anerkannt, weil er kirchliche Vorrechte auf politische Gründe zurückführt.
Das Wort Ostkirchen wird seit jener Zeit als Oberbegriff für alle Kirchen verwendet, die ihren Ursprung auf dem Gebiet des Oströmischen Reiches haben. Diese Bezeichnung kann Kirchen zusammenfassen, die untereinander nicht in Kommuniongemeinschaft stehen:
- die Ostkirchen, die mit dem Patriarchen von Konstantinopel in Communio stehen und auch „byzantinische Kirchen“ genannt werden;
- die „altorientalischen“ oder „orientalisch-orthodoxen“ Kirchen, die das Konzil von Chalcedon 451 und die folgenden Ökumenischen Konzilien nicht anerkennen. Sie werden von den byzantinischen orthodoxen Kirchen nicht als „orthodox“ (= rechtgläubig) anerkannt, obwohl sie sich selbst so bezeichnen;
- die mit Rom unierten „katholischen Ostkirchen“, die nach Sprache, Kultur, Liturgie und Theologie den Gebräuchen der östlichen Christenheit folgen und zugleich in Communio mit dem Bischof von Rom stehen. Sie werden von den beiden übrigen Gruppen nicht als „orthodox“ betrachtet
Orthodoxie, Orthodox
Das Wort „orthodox“ wird im Deutschen als Synonym zu „rechtgläubig“ verwendet. In dieser Weise kann man auch von „orthodoxen Juden“ sprechen. Auch die katholische Liturgie verwendet dieses Wort in der lateinischen Fassung des ersten Hochgebets. Die Gaben werden dargebracht „für deine heilige katholische Kirche in Gemeinschaft mit deinem Diener, unserem Papst N., mit unserem Bischof N. und mit allen, die Sorge tragen für den rechten katholischen und apostolischen Glauben (una cum omnibus orthodoxis, atque catholicae, et apostolicae fidei cultoribus). Im Wort „orthodox“ ist auch das griechische Wort „doxa“ enthalten, das Ehre, Lob, Herrlichkeit bedeuten kann; „orthodox“ in diesem Sinne ist der rechte Lobpreis, die wahre Verherrlichung Gottes, die sich im wahren Glauben, in der Liturgie und im kirchlichen Leben verwirklicht.
„Orthodoxie“ kann auch – ähnlich wie das Wort „Katholizismus“ – das soziologische Phänomen der Gesamtheit der orthodoxen Christen bezeichnen. Die Orthodoxen Kirchen selbst verstehen sich nicht als soziologische Gruppierung, sondern als die eine, wahre Kirche Jesu Christi, in der der apostolische Glaube treu überliefert wird und in der Zugang zum Heil in Jesus Christus gefunden wird.
Orthodoxe Kirche(n)
Wenn von den „orthodoxen Kirchen“ oder der „Orthodoxie“ gesprochen wird, können entweder nur die byzantinischen Kirchen gemeint sein oder die byzantinischen und altorientalischen Kirchen gemeinsam.
Die Orthodoxen Kirchen verstehen sich als die eine Kirche Jesu Christi und legen Wert darauf, dass man sie im Singular als „Die Orthodoxe Kirche“ anspricht. Sie sind ihrer Struktur nach dezentral, gleichsam föderalistisch verfasst und bestehen aus einer Reihe von selbständigen (autokephalen oder autonomen: s.u.) Lokalkirchen, die durch das gemeinsame Glaubensbekenntnis und weitgehend gleiche Gottesdienstformen und sakramentale Feiern verbunden sind.
Autokephalie, Autonomie
Eine Kirche wird als „autokephal“ bezeichnet, wenn sie gemäß der griechischen Wortbedeutung ein „eigenes Haupt“ hat. An der Spitze steht ein Patriarch, Erzbischof, Metropolit oder „Papst“. Eine autokephale Kirche hat das Recht, ihre Kirchenleitung selbst zu wählen und ihre Synode und andere kirchliche Organe ohne weitere Bestätigung zu konstituieren.
Eine Kirche wird als „autonom“ bezeichnet, wenn sie zwar in ihrer Gesetzgebung (nomos) weitgehend eigenständig ist, bezüglich ihres Oberhauptes und ggf. anderer Entscheidungen aber von einer autokephalen Kirche abhängig bleibt.
Schwesterkirche – Mutterkirche – Tochterkirche
Ernst Christoph Suttner betont: „Am Anfang stehen Schwesterkirchen“, weil in der Frühzeit der Kirche mit der Verkündigung des Evangeliums nicht gleichzeitig Traditionen des kirchlichen Lebens vermittelt wurden. Die Apostel und ihre Nachfolger vertrauten darauf, dass Gottes Geist die Gemeinden der Neubekehrten befähigen würde, die dem Glauben entsprechenden Gemeinschaftsformen hervorzubringen. So kennt die frühe Kirche von Anfang an eine Verschiedenheit der geistlichen Lebensgestalten. Kirchen als „Schwesterkirchen“ erkennen sich als Frucht desselben Geistes Jesu Christi an und lernen voneinander den Reichtum der Ausdrucksweisen des Glaubens.
Spätere missionarische Initiativen bringen „Tochterkirchen“ hervor, die von einer „Mutterkirche“ die dort bereits bestehenden kirchlichen und kulturellen Lebensformen übernehmen. Die kreativen Prozesse, die zur Entstehung einer neuen Schwesterkirche führen, entfallen. So kann es geschehen, dass die Tochterkirche langfristig mit der Mutterkirche in Konflikt gerät, weil sie ihre eigene Inkulturationsgestalt des Glaubens verwirklichen will.
Oft wurde die Kirche von Jerusalem als Mutter aller Kirchen bezeichnet, weil von hier aufgrund des Pfingstereignisses alle missionarischen Bewegungen ausgingen. Die faktische Schwäche des Jerusalemer Patriarchats macht diesen Titel zu einer rein historischen Wirklichkeit. Zur Zeit versteht das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel sich als „Mutter aller Kirchen“, weil in Konstantinopel durch die Präsenz des Kaisers, der den Entscheidungen der sieben Ökumenischen Konzilien Gesetzeskraft gab, die gemeinsame kirchliche Tradition grundgelegt wurde.