Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/2143

In der schrillen Diskussion um die Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen ist häufig von dem lediglich «kleinen biologischen Unterschied» die Rede, womit die primären Geschlechtsmerkmale gemeint sind, wobei recht besehen dieser offenkundige Unterschied keineswegs klein ist. Ein genauer Blick in den menschlichen Körper jedoch widerlegt diese Behauptung. Die Biologie geht weit über diesen «kleinen Unterschied» hinaus: Jede einzelne Körperzelle eines Mannes ist mit XY (männlich) markiert, jede weibliche dagegen mit XX (weiblich).1 Auch das Hormonsystem unterscheidet sich radikal. Interessant ist, dass selbst das Gehirn kein unbeschriebenes Blatt ist, welches durch Erziehung und andere Einflüsse geschlechtsspezifisch geformt wird. Im Gegenteil: Ein Baby kommt bereits mit einem typisch männlichen oder weiblichen Gehirn zur Welt.
Drei Pubertätsphasen
Bereits in der Embryonalentwicklung werden geschlechtsspezifische Hormone – angetrieben von der DNA – tätig. Sie bewirken im Jungen in zwei Schüben eine typisch männliche Ausprägung: in der 10.–24. Schwangerschaftswoche sowie ab circa der Mitte der Schwangerschaft bis zum sechsten Lebensmonat. In diesen Phasen kommt es zu einem stark erhöhten Testosteronspiegel (z. T. 15-fache Testosteronkonzentration im Serum im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen).2 Diese Spitzenwerte führen dazu, dass – neben vielen anderen Strukturen – auch das Gehirn sich in einer geschlechtsspezifisch männlichen Art formt. Bei den Mädchen führt die Abwesenheit des hohen Testosteronspiegels in diesen sensiblen Entwicklungsphasen dazu, dass sich ihr Gehirn klassisch weiblich entwickelt. Wichtig hierbei ist, dass noch keinerlei Erziehung in diese Prozesse hineingewirkt hat und allein diese Gehirnentwicklung bereits grosse Auswirkung hat. Mit anderen Worten: Jungen spielen bevorzugt mit Autos und Mädchen mit Puppen, weil ihr Gehirn so verschaltet wurde und nicht etwa, weil ihre Eltern ihnen diese Spielzeuge aufdrängen oder bevorzugt anbieten. Das Gehirn von Mädchen hat ausgeprägtere Areale für Gesichtserkennung (Gyrus fusiformis), was zu einer Vorliebe von Spielzeugen mit Gesichtern führt – auch Puppen genannt. Das Gehirn von Jungen ist von einer Vereinseitigung (Lateralisierung) der Gehirnhälften gekennzeichnet, welche dazu führt, dass räumlich-visuelle Fähigkeiten stärker ausgeprägt sind. Dies führt dazu, dass bewegte Gegenstände, wie zum Beispiel Spielautos, ihre Aufmerksamkeit rasch auf sich ziehen.
Die dritte «klassische» Pubertätsphase schliesslich, die in den Lebensjahren neun bis 14 Jahren verortet wird, geht mit grossen Veränderungen des Gehirns (v. a. des Präfrontalhirns) einher, welche für Entscheidungen, Begründungen, Planung, Impulskontrolle, Verständnis von Langzeitentscheidungen und so weiter zu tun hat.3
Wie gross ist der Unterschied?
In der Diskussion um die neurologischen Unterschiede von Männern und Frauen werden häufig Ausnahmen als Gegenbeweis zur Geschlechtsspezifität des Gehirns herangezogen. Die neurowissenschaftliche Untersuchung der unterschiedlichen Verdrahtung zielt jedoch – wie sonst auch in der wissenschaftlichen Vorgehensweise – auf eine statistische Mittelung von Männern und Frauen ab.4 Der durchschnittliche Mann unterscheidet sich also signifikant von der durchschnittlichen Frau – auch in neurowissenschaftlicher Hinsicht.5 Ausnahmen widerlegen diese Tatsache nicht, sondern sind vielmehr aus statistischer Sicht zu erwarten.
1 Dies führt nicht «nur» zu den unterschiedlichen Ausprägungen der Keimbahnen, sondern umfasst jeden Bereich des Körpers, beispielhaft sei hier das Immunsystem genannt, vgl. hierzu Diab-Elschahawi, Magda et al: Gibt es Geschlechterunterschiede bei Infektionen? In: Krankenhaushygiene up2date 8. 2013. S. 101 ff. DOI: 10.1055/s-0033-1344235
2 Vgl. Lautenbacher, Stefan; Güntürkün, Onur; Hausmann, Markus (Hrsg.): Gehirn und Geschlecht. Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Frau und Mann. Springer. 2007. S. 5; 35f.; 56. Vgl. ausserdem: Lobardo, Michael V. et al: Fetal Testosterone Influences Sexually Dimorphic Gry Matter in the Human Brain. 2012. DOI: 10.1523/JNEUROSCI.4389-11.2012. Vgl. Knickmeyer, Rebecca Christine et al.: Fetal testosterone and sex differences. 2006. DOI: 10.1016/j.earlhumdev.2006.09.014. vgl. Marco Hirnstein, Kenneth Hugdahl & Markus Hausmann: Cognitive sex differences and hemispheric asymmetry: A critical review of 40 years of research, Laterality: Asymmetries of Body, Brain and Cognition. 24:2, 204-252, 2019. S. 209. DOI: 10.1080/1357650X.2018.1497044.
3 Vgl. dazu die ausgewiesene Expertin für Phänomene von Transsexualität bei Jugendlichen Dr. C. Vonholdt: https://www.christl-r-vonholdt.de/english/transgender-issues-in-children-and-adolescents/#more-505 (zuletzt abgerufen am 26.09.2022)
4 Wobei durch Bildung gleicher Vergleichspaare möglichst viele weitere Bias (Fehlerquellen) wie Alter, Erkrankungen, IQ etc. minimiert werden.
5 Vgl. u. a. Nostro, Alessandra D. et al: Correlations Between Personality and Brain Structure: A Crucial Role of Gender. Cerebral Cortex; 27: 3698–3712. 2017. DOI: 10.1093/cercor/bhw191.
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 01/2023