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Andy Beckett beobachtet seit Jahren die Entwicklungen bei den britischen Tories. Das Gebaren des derzeitigen Premierministers Boris Johnson und seines Kabinetts ist für den Historiker und Journalisten Beleg für den Verfall der altehrwürdigen Partei.
WOZ: Andy Beckett, die Tories begreifen sich eigentlich als Verteidiger des britischen Staates und von dessen traditionellen Institutionen. Aber jetzt haben wir einen Premierminister, der mit seinen Angriffen auf das Parlament und die Gerichtsbarkeit eine tiefe politische Krise ausgelöst hat.
Andy Beckett: Es sind verschiedene Faktoren im Spiel. Nach neun Jahren an der Macht sind die Tories ausgelaugt – sie haben weder Energie noch das beste Personal. Boris Johnson, sein Berater Dominic Cummings und der Rest des Kabinetts stellen eine etwas abgehalfterte Version des Konservatismus dar. Die Rhetorik ist grob, die Ideen sind abgestumpft. Auch Johnson ist kein erstklassiger Politiker. Viele haben das mittlerweile realisiert. Deshalb versuchen seine Berater, das Umfeld, in dem er operiert, so gut wie möglich zu kontrollieren: kaum Auftritte im Parlament, kaum Kontakt mit kritischen Journalisten oder mit der Öffentlichkeit.
Dabei hatte man erwartet, dass Johnsons Umgänglichkeit eigentlich zu seinen Stärken zählt.
Ja. Aber der Rahmen, in dem Johnson effektiv sein kann, ist sehr begrenzt: Wenn er kurz auftreten und einige clevere Phrasen von sich geben kann, kommt er zuweilen gut an. Doch ausserhalb dieses Umfelds ist das selten der Fall. Wenn die Tories überzeugt wären, dass Johnson ein guter Redner ist, dann würden sie tägliche Parlamentssitzungen befürworten, damit der Premierminister Gelegenheit hat, Jeremy Corbyn fertigzumachen. Aber Johnson ist nicht besonders trittsicher. Die Suspendierung des Parlaments ist ein Zeichen der Schwäche.
Sind diese Probleme der Konservativen Ausdruck einer längerfristigen Krise?
Ja, die Krise der Tories hat tiefe Wurzeln. Der Konservatismus in Grossbritannien stützt sich auf ein schrumpfendes Segment der Bevölkerung. Um seine Macht im Parlament aufrechtzuerhalten, muss Johnson auf extreme Massnahmen zurückgreifen: Er wendet konstitutionelle Tricks an, umgeht Gesetze oder bricht sie sogar. Ich sehe darin den Ausdruck einer politischen Bewegung, die zwar noch immer mächtig ist, aber nicht mehr über jene soziale Basis verfügt, die sie in der Thatcher-Ära hatte. Um dominant zu bleiben, ist der Konservatismus fast gezwungen, die Spielregeln zu brechen.
Weshalb ist diese Basis verschwunden?
Der britische Konservatismus hat das Interesse am Modernen verloren. Das Land urbanisiert sich schnell, aber die Tories haben in den Städten zunehmend Mühe, Stimmen zu gewinnen. In den siebziger Jahren wählten viele grössere Städte noch Tories ins Parlament, etwa Manchester, Liverpool, Newcastle – oder London: Margaret Thatcher hatte in der Hauptstadt immer viel Erfolg. Aber in den vergangenen zwanzig Jahren hat diese Unterstützung abgenommen. In gewisser Hinsicht gehen die Veränderungen des Landes an den Tories vorbei – etwa was die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung angeht oder die zunehmende Verbreitung sozialliberaler Haltungen. Entsprechend repräsentiert der Konservatismus in verstärktem Mass eine ältere Generation weisser Briten. Weil die eifrige Wähler sind, sind sie noch immer einflussreich. Aber, um es etwas salopp auszudrücken, dieser Teil der Bevölkerung stirbt aus. Die Tories bieten heute keine moderne Vision fürs Land – anders als es etwa noch Margaret Thatcher tat.
Wie bitte, Thatcher war modern?
Egal ob man mit ihrer Politik einverstanden ist oder nicht: Der Thatcherismus blickte in die Zukunft. Grossbritannien wurde in den Siebzigern und den Achtzigern individualistischer und materialistischer, und Thatcher vermochte das zu repräsentieren – ein Stück weit war sie ein Produkt dieses Wandels. Heute ist Grossbritannien zwar noch immer ein marktliberales Land, aber viele Leute, besonders jene unter vierzig, beginnen, den Kapitalismus zu hinterfragen. Konservative interessieren sich kaum für diese Verschiebung.
Also fehlen den Tories neue Ideen?
Der Konservatismus in Grossbritannien ist ziemlich antiintellektuell geworden, er ist nicht mehr so neugierig wie früher. Es gibt zwar in den konservativen Thinktanks clevere Köpfe, aber man hat das Gefühl, deren Ideen sind dieselben wie vor dreissig Jahren. Demgegenüber sind die Ansätze linker Thinktanks innovativ und ganz anders als noch vor fünf Jahren.
Die Tories sind seit Jahrhunderten die politische Stimme des britischen Kapitals. Johnson jedoch versucht, sich als Mann des einfachen Volkes zu inszenieren. Berühmt ist sein Satz: «Fuck business.» Repräsentieren die Tories gar nicht mehr das Kapital?
Das ist paradox: Auf der einen Seite sagt Johnson: «Fuck business», aber auf der anderen läuft sein Brexit-Projekt darauf hinaus, die Wirtschaft noch mehr zu deregulieren und dem freien Markt zu unterwerfen – man spricht hier auch vom Singapur-Modell. Für einige Konzerne ist das attraktiv. Aber ein anderer Teil der britischen Unternehmen beobachtet die Entwicklung mit grossem Unbehagen. Diese Leute, deren Haltung etwa in der «Financial Times» zum Ausdruck kommt, beginnen, sich zu sorgen: Schafft der Kapitalismus genügend zahlungskräftige Konsumentinnen und Konsumenten? Bietet er Möglichkeiten, den Klimawandel zu bekämpfen? Hat er einen gesellschaftlichen Nutzen?
Die Geschäftswelt ist also gespalten?
Ja. Sicher ist es für die Konservativen riskant, die Wirtschaft zu kritisieren, denn sie waren stets die Stimme der Konzerne. Die Wirtschaftselite in Grossbritannien ist viel politisierter als etwa in Deutschland oder Frankreich: Sie ist enger mit einer einzigen Partei verknüpft. Diese Beziehung ist noch nicht am Ende, aber der Brexit und Johnsons Politik setzen sie aufs Spiel. Und ich glaube nicht, dass das ein besonders kluger Schachzug der Konservativen ist.
Auf der anderen Seite haben wir eine Labour-Partei, die trotz ihres relativ radikalen Programms in der City of London, der mächtigen Finanzbranche, zunehmend Gehör findet. Ist dies allein auf die Angst vor dem Tory-Brexit zurückzuführen?
Der Brexit ist teilweise dafür verantwortlich. Obwohl Corbyn als EU-Kritiker gilt, hat er sich sukzessive einer «Remain»-Position angenähert. Das gefällt den Unternehmen. Aber es geht auch um etwas anderes: Die Leute in der City haben bemerkt, dass Schattenfinanzminister John McDonnell – die wichtigste Person in Corbyns Team – sich ernsthaft mit der Funktionsweise des Kapitalismus auseinandersetzt. Sie sind wahrscheinlich nicht mit seinen Vorschlägen einverstanden, aber McDonnell ist jemand, mit dem sie sich auf der intellektuellen Ebene austauschen können. Er ist ein seriöser Beobachter des modernen Kapitalismus.
Im Gegensatz zu den Tories?
Genau. McDonnell könnte wohl eine recht ordentliche ökonomische Vorlesung halten, während die Tories eine eher grobe und etwas veraltete Beschreibung des Kapitalismus liefern würden. Die reflektierteren Leute in der City merken also: Labour beginnt, ernsthaft über diese Fragen nachzudenken – hier passiert etwas, und wir müssen uns damit beschäftigen. Und noch etwas kommt hinzu: Ein kleiner Teil der Unternehmer hat sehr viel von tiefen Steuern und Deregulierung profitiert. Aber sie fürchten um den gesellschaftlichen Zusammenhalt; die steigende Obdachlosigkeit und Kriminalität, der Zerfall des Service public bereiten ihnen Sorgen. Und sie denken sich: Vielleicht sind mehr öffentliche Ausgaben, höhere Steuern gar nicht so schlecht.
Bringt das Labour nicht in eine schwierige Position? Ein Kuschelkurs mit der City of London raubt der Partei das Image des Gegenpols zum Establishment.
Labour muss sicher den Eindruck vermeiden, die Partei würde mit der City zusammenarbeiten. Aber ich glaube nicht, dass wir diesen Punkt erreicht haben. McDonnell und sein Team sind noch immer sehr kritisch gegenüber der City – sie attackieren etwa ihren Einfluss auf die Politik und die tiefen Steuern. Das Wirtschaftsprogramm, das am diesjährigen Parteitag diskutiert wurde, ist wohl noch radikaler als das von 2017. Damals wollte Labour eine Art Sozialdemokratie aufbauen, wohingegen McDonnell die Partei jetzt in einen modernisierten Sozialismus führen will. Seine Vorschläge gehen auf jeden Fall über sozialdemokratische Vorstellungen hinaus.
Andy Beckett (49) ist Historiker und Journalist. Er schreibt unter anderem für die linksliberale Tageszeitung «The Guardian» und die «London Review of Books». In seinem letzten Buch, «Promised You a Miracle» (2015), beschreibt er die ersten Jahre des Thatcherismus.