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Einleitung
Philos Schrift über das Lehen Mosis gehört zu der Gruppe seiner apologetischen Schriften (vgl. Einl. S. 7). Dafür spricht schon der erste Satz. Der Verfasser erklärt darin, er beabsichtige mit dem Leben des jüdischen Gesetzgebers die Kreise bekannt zu machen, die es beanspruchen dürfen, damit nicht unbekannt zu bleiben. Darunter können nur die Hellenen, besonders die Gebildeten unter ihnen, verstanden werden. Denn dass es den Juden nicht bekannt sei, konnte er nicht annehmen. Auch der Versuch, in der Einleitung das Schweigen der meisten hellenischen Schriftsteller über Moses zu erklären, ist ein Beweis dafür. Bekanntlich unternimmt Josephus in seiner gleichfalls apologetischen Schrift „über das Alter der Juden", gewöhnlich „gegen Apion" genannt, dieselbe Aufgabe, indem er den Gegenbeweis durch Anführung einer Anzahl von Griechen und anderen Nichtjuden führt, die von dem jüdischen Volke berichten. Dafür spricht ferner die Tatsache, dass der Verfasser in der verhältnismässig umfangreichen Schrift nirgends, wie er es sonst, namentlich in den Einleitungen, zu tun pflegt, auf seine früheren Arbeiten ähnlicher Art Bezug nimmt. Die einzige seiner früheren Schriften, die er erwähnt (II §115), scheint eine Abhandlung allgemein wissenschaftlicher Art über Zahlentheorien gewesen zu sein (περί άριqμων πραγματεία), deren Kenntnis er also auch bei hellenischen Lesern voraussetzen oder ihnen empfehlen durfte; sie ist uns nicht erhalten, aber auf sie wird auch in andern Büchern Philos Bezug genommen. Auch die Form der Darstellung, die wesentlich von der der andern uns erhaltenen Lebensbeschreibungen des Verfassers verschieden ist, beweist dies. Man vergleiche das Leben Abrahams und das Josephs in ihrem Aufbau mit dem Leben Mosis. Im Leben Abrahams werden stückweise bestimmte Ereignisse aus seinem Leben erst nach dem Wortsinn erzählt und dann die Erzählung symbolisch gedeutet, teils nach allegorischen Deutungen anderer, teils in selbständiger Auslegung. Die gleiche Art der Darstellung lässt sich auch im Leben Josephs, besonders im ersten Teile dieser Schrift, verfolgen. Obwohl nun nach Philo auch Moses ähnlich wie die Patriarchen die Aufgabe hat, gewissermassen das beseelte Gesetz in seinem Leben darzustellen, ist in der Schilderung dieses Lebens eine Scheidung wie die oben angeführte nicht unternommen. Es soll vielmehr dies Leben eine Art philosophischen Romans wie Xenophons Cyropaedie sein, und wie dort nicht blosss, wie der Titel es verspricht, die Erziehung des Cyrus, sondern auch sein ganzes Leben und Wirken idealisiert wird, ebenso wird hier ein idealisiertes Bild von Moses' Jugend, seiner Erziehung und seiner Tätigkeit als politischer Führer, als Gesetzgeber, als oberster Priester und als Prophet gezeichnet. Die allegorischen Partien in diesem Werke, die wesentlich (Eine scheinbare Ausnahme, die Deutung des Dornbuschs, erklärt sich leicht aus der Situation.) nur im zweiten Teile vorkommen, beziehen sich fast ausschliesslich auf die von ihm getroffenen Einrichtungen, deren jede einzelne die symbolische Darstellung eines philosophischen Gedankens durch die Gesetzgebung zum Zwecke hat. Dagegen das Leben des Gesetzgebers selbst wird uns in der philosophisch-rhetorischen Manier jener Zeit plastisch ohne Symbolik im allgemeinen nach dem Text der heiligen Schrift oder vielmehr ihrer griechischen Übersetzung geschildert.
Über den äusseren Anlass zur Abfassung dieser Schrift sei die folgende Vermutung gestattet. Es soll den Hellenen das Leben des Moses und zugleich die Erziehung des Volkes Israel durch ihn und seine Gesetzgebung für den Beruf eines Priestervolkes vorgeführt werden, das für die gesamte Menschheit, ja für das ganze Weltall der Gottheit Opfer, Hymnen und Gebete weiht. De spec. leg. II §163 heisst es: „In demselben Verhältnis wie zum Staat der Priester steht zu der gesamten Menschheit das Volk der Juden", und ebendas. §167: „Deshalb ergreift mich Verwunderung, wie manche es wagen, ein Volk des Menschenhasses zu beschuldigen, das ein so hohes Mass von Gemeinsinn und Wohlwollen für alle allenthalben zeigt, dass es seine Gebete, Feste und Spenden für das gesamte Menschengeschlecht weiht und dem wahrhaft seienden Gott sowohl für sich seinen Dienst widmet, als auch für alle, die sich dem schuldigen Gottesdienst entzogen haben". Die letzterwähnte Stelle gibt vielleicht auch Aufschluss über die eigentliche Veranlassung zu der Schrift über das Leben Mosis. Es scheint dies die „Beschuldigung des Menschenhasses" zu sein, die zu Philos Zeit mehr denn je vorher gegen die Juden erhoben wurde und die wiederholte Ausbrüche der Wut und der Raubsucht des aufgehetzten Pöbels zur Folge hatte, die mit den Pogroms unserer Zeit sich dreist messen können. Man wird es daher begreifen, dass es einem begeisterten Verehrer hellenischer Bildung, der sich die Vereinigung der beiden Kulturen zum Lebensziel gesetzt hatte, eine heilige Herzenssache sein musste, die ganze Ungerechtigkeit der Angriffe auf das Judentum und seine Bekenner den Besseren seiner Zeit durch eine Schrift wie die vorliegende darzulegen. Freilich ist die Schilderung des Gottesmannes in der damals üblichen Manier abgefasst, einer Manier, die U. v. Wilamowitz-MÖllendorff treffend kennzeichnet, wenn er sagt (Kultur d. Gegenwart I, VIII, S. 114): „Sie (die Biographie) ist nicht vom Individuum ausgegangen, der Beschreibung des Lebens, das ein bestimmter realer Mensch gelebt hat, sondern von dem Bios, der Art zu leben; der einzelne war dafür nur ein Exempel". Ähnlich dem Bilde des stoischen Weisen wird hier das eines jüdischen, wie Philo es sich denkt, gezeichnet. Aber mit Unrecht hat man die Lebensbeschreibungen Abrahams und Josephs mit der des Moses zusammengestellt. Diese Schriften sind nicht blosss, wie oben ausgeführt, in der Grundanlage, sondern auch in ihrer Tendenz von der vorliegenden verschieden. Sind sie ja vornehmlich für Wissende, für Juden, geschrieben und haben demgemäss mehr die Absicht, zu erbauen, zu deuten und objektiv zu belehren. So handelt es sich für den Verfasser weniger da-rum, das wirkliche Leben der Patriarchen und des Joseph, als vielmehr ihre Bedeutung als Verkörperungen religiös-ethischer Begriffe zu zeigen, während Moses, für Hellenen geschildert, im Gegensatz zu der oben angegebenen Tendenz in der ganzen Schrift als eine idealisierte, aber echte Gestalt von Fleisch und Blut dargestellt wird.
Das Leben Mosis verdankt also, wie es scheint, seine Entstehung einer ähnlichen — wenn nicht derselben — Veranlassung, wie die Schriften „gegen Flaccus" und die „Gesandtschaft an Gaius", nur dass diese mehr die Ermutigung und Aufrichtung der vom Unglück gebeugten Glaubensgenossen zum Zweck haben, während unsere Schrift wie die leider nur in Bruchstücken vorhandene „Verteidigung der Juden" gleich der von Josephus später nach Apions Tode verfassten Schrift sich an Hellenen wendet. Nichts aber liegt unserm Philosophen ferner, als, wie es ihm von dem obenerwähnten Gelehrten vorgeworfen wird, sein „hellenisiertes, also denaturiertes Judentum gegen die Griechen auszuspielen" und „mit Berechnung zwei verschiedene Masken aufzusetzen" (a. a. O. S. 156.): vielmehr ist es ihm um die Verbindung echt jüdischer Frömmigkeit mit hellenischer Bildung und Wissenschaft heiliger Ernst. Wer Philo der „Halbschlächtigkeit" für fähig hält, der kennt ihn schlecht. Der philosophische Visionär war wohl manchmal das Opfer einer Selbsttäuschung, aber Unaufrichtigkeit war sicher seinem ganzen Wesen fremd. „Wie das Wort der Natur (das Naturgesetz) wahrhaft ist und alles offenbart, so soll auch das Wort des Weisen ganz ohne Falsch sein und die Wahrheit ehren" (Leben Mos. II § 128). Diese Deutung des Schmuckes auf der Brust des Hohenpriesters ist unserm Philosophen stets heilig geblieben, das beweist dem verständnisvollen Leser fast jede Zeile seiner Schriften.