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Wenn sich die Dämmerung über die irische Grafschaft Meath legt, steigt Randal Plunkett in seinen schwarzen Mercedes und macht Jagd auf Wilderer. Der Metal-Sound in seinem Auto röhrt wie die Hirsche, die er vor Kugeln schützen will. Am Rückspiegel ist eine Kamera befestigt, um Beweise zu sammeln. Und ist er allein unterwegs, hängt eine weitere an seinem Körper, man weiss ja nie.
Randal ist keiner der Naturschützer, wie man sie vom WWF kennt. Der Begriff Naturschutz greift ohnehin zu kurz, um zu beschreiben, was auf Dunsany geschieht, eine halbe Stunde von Dublin entfernt, zwischen Agglomeration und Landwirtschaft – «Rewilding» trifft es besser: Die Natur holt sich das zurück, was ihr gehört. Und zwar so, wie es ihr und den Hirschen gefällt.
Dunsany Estate ist seit Jahrhunderten im Besitz von Randals Familie. Dazu gehören ein Schloss und 650 Hektaren Land, das die Plunketts 1649 ebenso gegen die Heere des Commonwealth verteidigten wie er heute jeden Abend nach Pick-ups Ausschau hält oder Zeichen an Bäumen, die Wilderer als Wegmarken angebracht haben könnten. Manchmal steigt er aus, um im Waldboden nach Stiefelspuren zu suchen, er, der 21. Baron von Dunsany. Oder man könnte auch sagen: der Lord of Rewilding.
Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Aber nur intakte Ökosysteme produzieren saubere Luft, sauberes Wasser und gesunde Böden, die Kohlenstoff binden und damit helfen, den Klimawandel aufzuhalten. So fordern die Vereinten Nationen, Brachland nicht länger als Problem zu sehen, sondern als Chance. Um den Zusammenbruch der Ökosysteme zu stoppen, müsste die Welt eine Fläche von der Grösse Chinas verwildern lassen.
Erkenntnisse wie diese haben den Steaks und Städte liebenden Randal in einen Veganer und Naturschützer verwandelt. Es begann mit Skepsis gegenüber den Bauern, die sein Land zu intensiv bewirtschafteten. Dann wollte der Filmproduzent Dunsany für einen Endzeitstreifen verwildern lassen. Den Film gibt es immer noch nicht, dafür ist sein Anwesen jetzt Teil des European Rewilding Networks, das vor zehn Jahren von der gleichnamigen NGO initiiert wurde und 75 Projekte in 27 Ländern propagiert. Zu den grössten zählen diejenigen, die Rewilding Europe mit lokalen Umweltorganisationen betreut, auf den verlassenen Feldern der rumänischen Karpaten zum Beispiel.
Inzwischen schliessen sich dem Netzwerk immer mehr Private an, um ehemaliges Kulturland in Biodiversitätsflächen zurückzuführen. Wobei Rewilding nicht gleich Rewilding ist. Im Gegensatz zu dem, was der Schweizer Nationalpark seit 107 Jahren macht, kann der Mensch beim Rewilding helfen, ökologische Prozesse wieder in Gang zu bringen. Die Definitionen fallen jedoch so unterschiedlich aus wie die Antworten auf zentrale Fragen: Was ist natürlich? Und wie sehr darf der Mensch eingreifen, um diese Vorstellung von Natur wiederherzustellen?
Ein paar Tage später werden wir rund 690 Kilometer südöstlich, auf dem Knepp Estate im englischen Sussex, die Schweine von Isabella Tree beim Umpflügen von Weiden sehen oder Ponys, die wie wilde Mustangs durch den Busch galoppieren. Wenn Randal so etwas wie der Lord of Rewilding ist, dann ist Isabella die Queen. Ihr Projekt hat Preise gewonnen und gilt als Musterbeispiel dafür, wie Rewilding in Zeiten des Massensterbens die Biodiversität boosten kann.
Die unterschiedlichen Vorstellungen der beiden zeigen, wie breit das Spektrum von Rewilding ist. Angefangen beim Wild: Randal gibt sich mit einheimischen Rothirschen zufrieden. Isabella liess Rehe, Dam- und Rotwild auswildern. In Dunsany geht man auf Pfaden, Knepp hat auch Wanderstrassen, auf denen Safari-Pinzgauer fahren können. Dunsany ist eine Oase, Knepp ein perfekt simuliertes Ökosystem.
Davon ist an diesem Samstagnachmittag vorerst nicht die Rede, als Randal durch die Wildnis von Dunsany stapft. Nebst seinen Terriern Lumpy, Chow, Beavis und Butthead ist eine Gruppe von Bankern dabei, die gerade ihre unkonventionellste Lektion in Biologie erhalten und Sätze hören wie: «Im Vergleich zu Rewilding ist konventioneller Naturschutz so sexy wie Engländer in Socken und Sandalen.»
Während konventionelle Projekte oft das Ziel haben, bestehende Lebensräume oder bestimmte Arten zu erhalten, soll sich die Natur beim Rewilding selbst entwickeln. Der Mensch kann ökologische Prozesse in Gang bringen, indem er beispielsweise einen Flusslauf renaturiert. Was dann entsteht, ist offen. Insofern ist Rewilding ein nie endendes Experiment, ein Abenteuer oder wie in Randals Fall – ein Desaster.
So zumindest beschreibt er die Anfänge auf der ehemaligen Kuhweide, wo in den ersten Jahren alles gelb wucherte. Jakobs-Kreuzkraut. Ausgerechnet. Es sieht ähnlich aus wie Löwenzahn, ist aber giftig für Rindvieh und tödlich für Pferde, sprich eines der meistgehassten Gewächse des Landes.
Randal hätte am liebsten einen Tank Herbizide darauf geleert. Heute ist er überzeugt, dass das Kraut den Boden ausbalancierte. Denn der ist jahrzehntelang von Kühen gedüngt worden, die mit Antibiotika vollgestopft waren. Zwei Jahre später war das Kraut verschwunden. Und heute sind die Wiesen ein Ozean aus Gras, das mal zwei Meter hoch ist, mal nur ein paar Zentimeter, mal fein, mal dick. Früher gab es hier drei Grasarten, jetzt sind es dreiundzwanzig.
«Konventioneller Naturschutz ist
so sexy wie ein Engländer in Socken und Sandalen»
Wo Randal die landwirtschaftlichen Drainagen entfernt hat, kehren Sumpfgebiete zurück und mit ihnen wasserliebende Libellen oder Fischreiher. Buntspechte haben auf Dunsany genistet, laut Bird Watch Ireland zum ersten Mal in der Grafschaft Meath. Biologen vom Trinity College in Dublin, die hier Studien durchführen, bestätigen die Ankunft wichtiger Beutegreifer wie des Mäusebussards. Sogar Otter wurden gesichtet. Und natürlich sind da die Rothirsche – eine der Schlüsselarten von Dunsany.
«Wissen alle, was die Hirschbrunft ist?», fragt Randal in die Runde, nur um die Antwort gleich selbst zu geben: «Die Brunft ist wie Glastonbury, das legendäre Rockfestival, das zuverlässig im Schlamm versinkt.» Die Hirsche wollen Spass haben, sie sind mit Testosteron vollgepumpt, sie prügeln sich um die schönsten Frauen, sie scharren, sie wälzen sich, sie pflügen alles um, Samen fallen in die offene Erde, Pflanzen keimen, Setzlinge spriessen. «So kann die Biodiversität injiziert werden. Ohne Schweine!», sagt Randal mit Genugtuung in der Stimme.
Umstrittene Megaherbivoren
Damit meint er die Schweine von Isabella Tree, die Tage später nahe dem englischen Städtchen Horsham im Herbstlicht leuchten. Nicht rosa, sondern orange: Tamworth-Schweine. Die englische Rasse ist im 19. Jahrhundert vermutlich durch eine Kreuzung von Haus- und Wildschwein entstanden. Mit ihren längeren Schnauzen können sie tiefer nach Wurzeln oder Regenwürmern bohren und Äcker in Kürze in ein Schlachtfeld verwandeln. Und genau das sollen sie im Knepp Estate tun, das mit 1400 Hektaren viel grösser ist als Dunsany und in einer Tageswanderung umwandert werden kann.
«Achtung! Nicht zu nahe ran, eines der Jungtiere reibt sich gerne an Menschen», sagt Mark McManus, während zwei Kühltruhen-grosse Muttersauen ihrem Nachwuchs den Weg durch die Wiese bahnen. Der Gentleman in Gummistiefeln ist einer der fünfzehn Safari-Guides von Isabella Tree und ihrem Mann Charles Burrell. Sie, die sogenannte Queen of Rewilding, und er, der Vorstand von Rewilding Britain, sind auf dem Heimweg aus Kenya, wo die Ökosysteme noch spärlich vorhanden sind, die sie hier nachbauen wollen.
Es erinnert ein bisschen an «The Truman Show», den Film, in dem Serienmacher eine Kleinstadtidylle inszenieren, während die Welt hinter der Kulisse vor die Hunde geht: Knepp liegt zwar inmitten der Rosamunde-Pilcher-Landschaft von West Sussex, grenzt aber an die vierspurige A 24 Richtung London. Auf Google Maps ist Knepp links von der A 24, während sich rechts die Landwirtschaft ausbreitet. Links ist alles grün, rechts ist das Ackerland in verschiedene Brauntöne aufgestückelt.
Mark arbeitet erst seit zwei Jahren für Knepp. Er war noch nicht hier, als der ehemalige Landwirtschaftsbetrieb von oben genauso aussah. Aber er schwärmt von Isabellas Bestseller «Wilding», in dem sie beschreibt, wie sie aus dem Lehmboden allen Düngern und Pestiziden zum Trotz immer weniger herausholen konnten. Wie sie vor 21 Jahren alle Kühe und Traktoren verkauften. Und wie sie ihr Ödland schliesslich in ein Ökoparadies verwandelten.
Heute wächst auf dem einst so intensiv bearbeiteten Land alles kreuz und quer, in- und durcheinander. Dornensträucher gehen in Bauminseln über, Sumpfgebiete in ein Mosaik aus Wald, Busch und Grasland, und bisweilen ist es, als wäre England tatsächlich in Afrika – insbesondere in den Morgenstunden, wenn noch keine Besucher unterwegs sind und Nebelschwaden über die von Reif überzuckerte Landschaft ziehen. Wenn Hasen herumhüpfen und es brettert im Gehölz, weil die brünstigen Hirsche aufeinander losgehen. Isabella beschreibt es als Serengeti-Effekt.
«Schaut, wie die Schweine wühlen!», ruft Mark voller Euphorie, weil die Sensation mehr im Kleinen liegt statt im Grossen, im Leisen statt im Lauten: Wo Tamworth-Schweine den Boden umgraben, können Samen in die Erde fallen, Pflanzen keimen und Ameisen kleine Hügel bauen, die Ameisen werden wiederum von Vögeln verspeist, die wiederum Kot mit Samen hinterlassen, die wiederum den Boden mit neuen Keimlingen verändern, und der wiederum kann anderen Pilz- und Flechtenarten als Lebensraum dienen.
Und das ist nur eine von unzähligen Mikroszenen, die sich abspielen, wenn man der Natur das Drehbuch überlässt, ihr den Raum gibt, sich auszudrücken. So definiert Isabella Tree Rewilding, obschon sie und ihr Mann ganz schön Regie geführt haben: Sie wilderten erst Damhirsche aus, dann Longhorn-Rinder, Exmoor-Ponys, Tamworth-Schweine und schliesslich Rothirsche – weil all diese Tiere sich anders durch die Landschaft fressen, knabbern, wühlen, fortbewegen oder reiben, an den Hufen oder im Fell Samen transportieren und mit ihrem Dung andere Nährstoffe verteilen. Indem sie also tun, was sie halt so tun, erschaffen sie ganz nebenbei vielfältige Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist die Megaherbivoren-Hypothese. Sie basiert auf der Annahme, dass Europa vor der Ausbreitung des Menschen kein Urwald war. Vielmehr sollen lebendige Mähmaschinen wie etwa das Mammut für eine offenere Vegetation gesorgt haben. Weil diese aber längst ausgerottet sind, übernehmen auf Knepp moderne Pflanzenfresser die Landschaftsgestaltung. Die Longhorn-Rinder zum Beispiel, die auf dem Weg von einer Wiese zur nächsten eine Pause machen.
«Urochsen-Doubles» nennt Mark die Viecher, die mit den nach unten gebeugten Hörnern weitaus wilder aussehen als ihre hornlosen Verwandten im Intensivstall. «Keine Sorge», sagt er, «die sind völlig entspannt.» Müssen sie ja auch sein, wenn Besucher hier fast so frei herumstreifen wie die Tiere, die immer draussen leben und weitgehend für sich selbst sorgen.
Die Megaherbivoren-These ist umstritten, Knepp jedoch ein Erfolg: Biologen zählen hier alle fünf britischen Eulenarten und dreizehn von achtzehn Fledermausarten. Im Sommer schwirrt eine Vielfalt von Schmetterlingen herum, darunter etwa der bedrohte Grosse Schillerfalter. Turteltauben gurren wieder, und sogar die Nachtigall singt.
Zur Freude auch von Sir David Attenborough, dem obersten Naturforscher des Landes. In einer BBC-Dokumentation lobte er Isabella Tree und ihren Mann dafür, «mit der Natur zu arbeiten statt gegen sie und ihr eine Chance zu geben, sich zu regenerieren».
Dennoch ist das alles komplizierter, als es aussieht, und weniger wild, als die «Knepp Wildland Safaris» sich vermarkten: Die Longhorns müssen aufgrund der offiziellen Bestimmungen gechippt und geimpft werden. Wenn sich Tiere verletzen, kommt der Tierarzt. Zusätzliches Futter gab es zuletzt im Winter vor zwei Jahren, damit die Tiere nicht verhungern würden wie die Konik-Ponys in den niederländischen Oostvaardersplassen.
Das Projekt des Biologen Frans Vera, der Knepp als Mentor beraten hatte, löste vor drei Jahren eine Debatte über Sinn und Unsinn des Simulierens von urzeitlichen Ökoprozessen in einer modernen Gesellschaft aus. Insbesondere, wenn das wichtigste Element des Kreislaufs fehlt: Raubtiere.
Werden die Bestände nicht in Schach gehalten, fressen sich Tiere gegenseitig die Nahrungsgrundlage weg und überweiden zudem das Grasland. Sind umkehrt zu wenige Tiere vorhanden, kann Gestrüpp
in einen Wald mit geschlossenen Kronen übergehen. Das Resultat ist in beiden Fällen dasselbe: Die Biodiversität sinkt. Die grosse Frage also ist: Wer spielt den Wolf?
«Wir», sagt Mark, ohne mit der Wimper zu zucken. Für Raubtiere wäre Knepp zu klein. Und weil alles eingezäunt ist, können die Tiere nicht fliehen. Eben sei der Bestand der Damhirsche reduziert worden, erzählt Mark. Rund 500 seien zu viel gewesen. Jetzt sind es noch etwa 350 – dank dem Wildhüter, der subtil vorgeht, damit die Glamping-Touristen nichts merken. Sie schlafen in Cabins oder Baumhütten. Im Café gibt es Hirschhamburger, und der Shop hat von Longhorn bis Tamworth alles im Kühlschrank. 2020 verkaufte Knepp 75 Tonnen Wildbret, Rind- und Schweinefleisch in Lebendgewicht für rund 250 000 Pfund.
Randal Plunkett, «Lord Wilding» im irischen Dunsany, 690 Kilometer nordwestlich, hat Mühe. «Ich pflanze Natur an. Meine Produkte sind Eichensetzlinge oder Eichhörnchen und keine Hamburger», sagt er. Zu viele Hirsche wird er vermutlich nie haben. Zu gross ist in Irland das Problem der Wilderei und das Versagen der Behörden.
Vierzigmal will Randal letztes Jahr die Polizei angerufen haben. Passiert sei nichts, sagt er. Also nimmt er die Sache bei Anbruch der Dämmerung wieder selbst in die Hand. Seit die Wilderer abends kommen, kommt auch er abends. Seit sie Nachtsichtgeräte einsetzen, patrouilliert auch er mit einem Nachtsichtfernglas.
«Seit dem Mittelalter hat sich hier nicht viel verändert», sagt Randal, der nur Tiere wie die Otterjungen aus der Wildtier-Auffangstelle auswildert, die jetzt auf dem zum Gehege umfunktionierten Tennisplatz das Wildnisleben üben. Tourismus würde zu viel Störung bringen, zu viele Probleme, sagt er. Obwohl er das Geld brauchen könnte. Einen Teil seines Landes verpachtet er zwar noch an Bauern. Aber das Schloss verschlingt im Unterhalt jährlich Hunderttausende. Seine Filmproduktionsfirma ist schon besser gelaufen, und von der Regierung hat er noch keine Unterstützung erhalten.
30 000 Besucher in drei Monaten
Knepp hingegen ist dank Rewilding von einem maroden Bauernbetrieb zu einem Erfolgsunternehmen geworden. Ohne Subventionen hätten Isabella Tree und ihr Mann es zwar nicht geschafft, inzwischen machen sie allein mit dem Tourismus eine Million Jahresumsatz.
Spurlos geht das auch an den Einheimischen nicht vorbei: Im «Crown Inn»-Pub von Dial Post, einem der angrenzenden Dörfer, erinnert man sich noch zu gut an den Sommer 2020, als auf Knepp zum ersten Mal weisse Störche nisteten. Zum ersten Mal in England! Nach 600 Jahren! Und das ausgerechnet nach dem ersten Lockdown, als die Engländer zum ersten Mal wieder ihre Häuser verlassen durften.
Zuerst kamen die Kamerawagen und Drohnen der BBC-Natursendung «Springwatch», dann fluteten 30 000 Touristen innert drei Monaten das Nest. Sie parkierten in den Einfahrten der Cottages oder direkt in den sauber gestutzten Vorgärten, wo sie Abfall hinterliessen und manchmal sogar das eigene Geschäft. Und so fragt sich in Dial Post schon der eine oder andere: Wie weit soll das noch gehen?
Die kurze Antwort lautet: weit. Die längere kann nur Isabella Tree geben, die Queen of Rewilding. Zwei Wochen später ist sie aus Kenya zurück und lacht in die Zoom-Kamera. «Ja, es war wie Glastonbury, als wir den Buchungskalender öffneten, stürzte alles ab», sagt sie mit der Gelassenheit einer Frau, die vor wenigen Tagen noch beobachtet hat, wie Löwen ein Zebra auseinanderreissen.
Das Problem scheint fast gelöst: Seit neustem zählt ein Ranger zu den 46 Mitarbeitern, der sich mit 200 Freiwilligen nur um sogenannte Mensch-Wildnis-Konflikte kümmert und Besuchern diplomatisch erklärt: Nein, die Schweine sollten nicht gefüttert werden. Und nein, auch wenn der Eintritt gratis ist, Knepp ist privat, und es wird weder Picknickplätze noch Toitoi-WC geben, dafür ein Restaurant und einen Shop.
«Mit jedem Grad wärmer wandern die Arten 150 Kilometer weiter nach Norden»
«Ich wehre mich gegen die ‹Vergärtnerisierung› der Landschaft», sagt Isabella, an der alles ein bisschen wild ist, die Kurzhaarfrisur ebenso wie die Ideen in ihrem Kopf. Momentan schreibt sie ein Buch über das Rewilding von Gärten, Landwirtschaftsbetrieben und allen möglichen Flächen. «Man kann auch einen Schrebergarten ‹rewilden›, wenn Menschen den Job der Schweine oder der Ponys übernehmen», sagt Isabella, die grundsätzlich lieber gross denkt.
Rewilding soll wachsen. Mehr als ihr Geschäft und weit über die Zäune von Knepp hinaus. Biodiversitätsflächen und -korridore sollen das Land überziehen wie ein Spinnennetz. Eben hat sie ein Vereinbarung mit Bauern und Landbesitzern unterschrieben, um Knepp mit der Küste zu verbinden. Ein Korridor von Süden nach Norden soll Tieren und Pflanzen insbesondere dann helfen, wenn West Sussex das Klima von Südfrankreich haben wird. «Mit jedem Grad wärmer wandern die Arten 150 Kilometer weiter nach Norden, wir müssen vorwärtsmachen», sagt sie.
Sogar Boris Johnson spricht jetzt von Rewilding. Isabella ist skeptisch. Zu oft sind es kleine Dinge, die grosse Ideen zum Scheitern bringen. So kleine Dinge etwa, wie Labrador Hugo, der für seine Verhältnisse schon wieder ziemlich gross im Sinne von dick ist.
Er gehört einem Rentner aus Dial Post, der seinen Hugo jeden Morgen auf den Wegen von Knepp Gassi führt. An die Leine will er den Hund nicht nehmen – obwohl die Muttersauen schon ein paarmal auf Hugo losgegangen sind, um ihre Ferkel zu verteidigen. Sein Besitzer hat darum eine Beschwerde eingereicht. Naturschutz ist schon gut, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.