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Die grosse Lockerung
Ende der 1960er-Jahre wurde in der Schweiz über Haarlänge, Erziehung und das Frauenstimmrecht diskutiert. Die Gesellschaft veränderte sich in wenigen Jahren grundsätzlich.
Die Schweizer Gesellschaft der späten 1960er-Jahre befand sich im Kampf mit Haaren: Es wurde durchaus versucht, das Wachstum männlicher Haare aufzuhalten: Söhne und Lehrlinge werden zum Friseur geschickt, Rekruten rasiert und widerstände Langhaarige in Restaurants schlicht nicht bedient und von Tanzveranstaltungen ausgeschlossen. Doch es war nichts zu machen. Langsam schlichen sich die männlichen Locken und Strähnen in die Modemagazine ein und Schulterlänge wurde in den 1970er-Jahren auch für Männer annehmbar – ja, sogar chic.
1968 hat keine Revolution stattgefunden – doch die Jahreszahl erinnert an eine grosse Transformation der westlichen Gesellschaft, für die ein Jahr allein nicht ausreichte. In den 1960er-Jahren ging nicht nur die stramme männliche Kurzhaar-Frisur vor die Hunde, sondern etliche andere Dinge fielen endgültig aus der angestammten Form: Die Regeln für den Umgang zwischen Mann und Frau wurden freier, die Erziehung verabschiedete sich langsam von Prügelstrafe und autoritärer Härte. Die Kleidung wurde informeller: Die Krawatte, die beispielsweise Studierende bis in die 1960er-Jahre noch regelmässig an der Universität getragen hatten, wurde als Symbol der Zugehörigkeit zum Establishment zunehmend gemieden. Man begegnete sich stärker auf Augenhöhe und das «Du» kam weit schneller über die Lippen - Benimm- und Anstandsregeln wurden weniger verbindlich. Die Bücher von Loriot, die diese Regeln bereits Ende der 1950er-Jahren der Lächerlichkeit preisgaben, machen deutlich, dass dieser Wandel nicht vom Himmel gefallen - aber Ende der 1960er beschleunigt wurde.
Woher nahm diese Veränderung ihren Schub? Ein Grund war sicher das aufstrebende Ideal von Jugendlichkeit - das auch demographisch begründet war durch die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer nach 1945. Doch die Revolte des Lebensstils erhielt auch historischen Rückenwind durch die wirtschaftlichen Bedingungen: so befand man sich in einer vollkommen überhitzten Konjunkturphase - Arbeitskräfte waren knapp. Wer jederzeit einen neuen Job finden kann, der muss sich von seinem Chef nicht mehr alles gefallen lassen. 1968 fand in der Schweiz einer Tagung statt, in der sich Unternehmer über die «Autoritätskrise in der Wirtschaft» beklagten: Durch die Hochkonjunktur unabhängiger geworden würden die Arbeitnehmer jedes «kritische Wort, eine kleine Diskussion zum Anlass nehmen, um die Stelle zu wechseln».
Gleichzeitig wurde Konsum von Bedürfnis-Deckung zur Selbsterforschung. Werber forderten, man müsse die Menschen zu mehr Genuss und Bequemlichkeit umerziehen und verdammten puritanische Verzichtsforderung. Mitte der 1960er-Jahre kam Barbie auf den Markt, eine Puppe, mit der, wie die Marktforschung damals meinte, das spielende Mädchen gegen gegen die traditionellen Vorstellungen seiner Mutter rebellieren könne. Zur selben Zeit wurde der Minirock zum Symbol weiblicher Unabhängigkeit.
1968 steht vor allem für eine Ablehnung gegen Gleichförmigkeit und Langeweile: Die Revolte richtete sich gegen «Feierabend, Fernseher, Filzpantoffel, Flaschenbier», für mehr Satisfaction, wie es auf dem berühmten Plakat im Zürcher Sommer 1968 heisst. Die Menschen wollten sich neu erfinden und überkommene Vorstellungen hinter sich lassen – manche auf den Barrikaden, manche in den Supermärkten, manche, in der Art zu wohnen.
Imagine 68. Das Spektakel der Revolution
Landesmuseum Zürich
14.09.18 - 20.01.19
Nach den erfolgreichen Ausstellungen «1900–1914. Expedition ins Glück» (2014) und «Dada Universal» (2016) zeigen Stefan Zweifel und Juri Steiner 2018 ihre Perspektive auf die 68er-Generation. Die Collage der beiden Gastkuratoren aus Objekten, Filmen, Fotos, Musik und Kunstwerken macht die Atmosphäre von 1968 sinnlich erlebbar. Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf die Kultur dieser Zeit und lässt die Besucherinnen und Besucher durch Warhols Silver Clouds ins Reich der damaligen Fantasien schweben.