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In Indien bedeutet Abfallmanagement im Allgemeinen, dass der Müll auf offenen Flächen, den sogenannten Deponien abgelagert wird. Auf diesen Flächen gibt es kein Sortiersystem. Alles vermischt sich miteinander. Eine klare Gefahr fürs Trinkwasser, für die Luft und für die Umwelt im Allgemeinen. Dabei sind Systeme der Abfall-Kategorisierung bekannt. Man könnte sie, wenn es von vornherein besser organisiert würde, in folgende Bereiche unterteilen: abbaubare, nicht abbaubare, organische, anorganische, industrielle, medizinische, gefährliche und radioaktive Stoffe. Die belanglose Vermischung führt zu umweltschädlichen chemischen Prozessen und sind gefährlich für Mensch und Tier. Oft fangen solche Deponien auch Feuer.
Bei der am meisten betroffenen Personengruppe handelt es sich um die “Lumpensammler”. Viele von ihnen arbeiten und leben direkt auf den Deponien. Sie tragen keine Schutzkleidung und sind sich der Gesundheitsrisiken nicht bewusst. Die Lumpensammler gehören zu den untersten Schichten der Gesellschaft. Sie verfügen nicht über alternative finanzielle Mittel, um sich eine bessere oder andere Beschäftigung zu suchen.
Anbalagan gehört zur Kaste der Lumpensammler, hatte aber nie das Schicksal, sich mit Müllsammeln einen Verdienst sichern zu müssen. Er konnte studieren und machte Feldstudien, durch die er angeregt wurde, die Organisation “Aimabig” in Tamil Nadu, im Bezirk Vellore, zu gründen. Es handelt sich dabei um ein Modell, das den “Lumpensammlern” eine formelle Beschäftigung bieten wird. Dabei bedeutet eine “formelle Beschäftigung”, dass sie zum ersten Mal Sozialleistungen und eine Krankenversicherung erhalten. Zusätzlich zu einer Grundausbildung und Sicherheitsausrüstung, können sie sich eine neue berufliche “Aimabig” Identität zulegen.
«Abfall ist nur dann Abfall, wenn wir ihn verschwenden» - Will’i’am
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an einen Lumpensammler denken? Lassen Sie mich raten: Ein Mann, schmutzig, schlecht gekleidet, der umherstreift, um in einem Müllhaufen nach Abfallstoffen zu suchen? Doch die Realität sieht so aus: Die meisten Lumpensammler sind keine Männer, es sind Frauen oder kleine Kinder, die hart arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.
Ich bin in einem kleinen Dorf in Tamil Nadu mit weniger als tausend Einwohnern aufgewachsen. Es liegt in der Nähe von Vellore und am Fuße eines sandigen nicht begrünten Hügels. Meine Eltern waren Tagelöhner, die trotz ihrer harten Arbeit nur schwer über die Runden kamen. Aufgrund finanzieller Engpässe war ich nach Abschluss der Sekundarschule gezwungen, in einer Lederfabrik zu arbeiten. Dort verdiente ich 750 Rupien, also etwa 10 Dollar im Monat. Ich musste Schafsleder in kleine Stücke schneiden, um Handschuhe herzustellen. Die Arbeit war hart, meine Hände bekamen Schwielen, ich hatte Atemprobleme und meine Beine waren vom vielen Stehen überanstrengt. Doch es war eine ganz normale Arbeit für Jugendliche meiner Kommune. Damals war ich gerade einmal 16 Jahre alt.
Trotzdem machten diese Arbeitsbedingungen uns wütend und wir fingen an, Teile des Leders absichtlich zu beschädigen und zu vergeuden. Ich habe noch heute ein schlechtes Gewissen wegen diesem Verhalten, denn alle Ressourcen sind wertvoll und sollten mit Sorgfalt behandelt werden.
Zurück zur Hochschule
Nach zwei Jahren Arbeit konnte ich mit meinen Ersparnissen und Sozialleistungen wieder an die Hochschule zurückkehren und meinen Abschluss machen. Aber dann gab es wieder einmal Mangel an finanziellen Mitteln und ich musste wieder und wieder meine postgraduale Ausbildung unterbrechen. Dann nahm ich meine Arbeit in der Lederfabrik wieder auf, nun aber als Personalassistent. Schliesslich absolvierte ich, nebenbei per Fernstudium, einen Master in öffentlicher Verwaltung. Hier war es, wo meine Leidenschaft für die Abfallwirtschaft begann.
Später führte ich eine Feldstudie darüber durch, wie sich das Verhalten der Mitarbeiter negativ auf die Abfallwirtschaft auswirkt. Ich kontaktierte mehrere Lederunternehmen, um ihre Zustimmung zu erhalten. Die Arbeitgeber sagten, sie fänden es gut, aber sie erlaubten keinem Außenstehenden, mit ihren Mitarbeitern zu sprechen. Das war also eine Sackgasse. Schließlich blieb mir nur noch die Möglichkeit, die Zielgruppe zu ändern. Im Jahr 2018 interviewte ich einen Studenten, der aus der Lumpensammler Kommune stammte. Die Begegnung mit ihm hatte mich sehr beeindruckt.
Die Unterstützung veränderte sein Leben
Er hatte seinen Vater verloren und seine Mutter arbeitete als Lumpensammlerin, um ihre Familie zu ernähren. Da man ihm erlaubte, in die Schule zu gehen und er sehr hartnäckig lernte, bekam er ein Stipendium. Er konnte sein Studium abschließen und er bekam einen Job in der IT-Branche. Sein Leben hat sich durch diese Unterstützung deutlich verändert, aber seine Altersgenossen führen immer noch ein Leben am Rande der Gesellschaft und arbeiten weiter als Lumpensammler.
In allen Phasen meines Lebens war ich eng mit dem Leben der Lumpensammler verbunden. Ja, ich bin nicht einer von ihnen. Aber ich habe alle Umstände der Benachteiligung und des Schmerzes erlebt, mit denen sie in ihrem Leben konfrontiert sind. Denn ich stamme aus der gleichen Gemeinschaft. Noch heute stellt diese Gemeinschaft 99 Prozent der Arbeitskräfte für die Reinigung der Umwelt, sowohl im formellen als auch im informellen Sektor.
Aimabig
Meine Initiative “Aimabig” startet ein Modellprojekt in Vellore in Tamil Nadu, das den Lumpensammlern eine Beschäftigung im formellen Sektor eröffnet. Sie können sich als Mitglied registrieren und erhalten dann eine Grundausbildung im Umgang mit verschiedenen Arten von Abfall, unter Verwendung von Sicherheitsausrüstung.
Darüber hinaus können sie ihre Arbeit unter der Identität von Aimabig fortsetzen. Nicht nur als Lumpensammler, sondern auch als Vertreter von Aimabig. Wir sammeln die Abfälle von Müllhaufen oder direkt bei den Haushalten ein, was viel sicherer ist. Um sicherzustellen, dass die Lumpensammler bereits getrennte und sichere Abfälle erhalten, organisiert Aimabig regelmäßig Workshops zur Reduzierung der Abfallerzeugung und zur Optimierung des Verbrauchs. Die Workshops richten sich an Gemeindemitglieder und junge Menschen, insbesondere an Studenten und Freiwillige. Diese zweitägigen Workshops sollen das Bewusstsein für die Abfallwirtschaft schärfen und die Teilnehmer mit Erfahrungen vertraut machen.
Ich kann kein Wunder vollbringen, um das Leben der Lumpensammler zu verändern. Aber ich glaube, dass Abfall, wenn er richtig gemanagt wird, ein Material ist, das eine wichtige Rolle bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft spielt. Die Förderung neuer Wege der Abfallbewirtschaftung könnte für viele Menschen eine Existenzgrundlage bieten. Deshalb möchte ich würdige Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, die zu einer saubereren und nachhaltigeren Umwelt und einer gesunderen Gesellschaft führen.