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Martin Dinges, was gilt heute als besonders männlich? Wie muss der Mann von heute sein?
Es gibt nicht den Mann, sondern immer vielfältigere Leitbilder von Männlichkeit. Zentral bleibt überall die Fähigkeit, sich selbst und gegebenenfalls Dritte zu ernähren, also die Arbeitsfähigkeit. Das Familienmanagement wird heute höher eingeschätzt als noch vor 30 Jahren. Demgegenüber haben traditionelle Vorstellungen von Härte an Bedeutung verloren.
Sind die heutigen Männer in einer Identitätskrise?
Ihre Frage verweist auf die Herausforderungen durch den Feminismus. Diese waren insgesamt sehr nützlich und ermöglichten auch Männern eine Erweiterung ihres Verhaltensspektrums. Viele Männer erleben das positiv und verändern sich. Manche betonen dagegen stärker traditionelle Vorstellungen. Einige mögen durch starke Frauen in eine Identitätskrise kommen. Aber jede Krise eröffnet die Möglichkeit zu Veränderungen. Frauen sind fraglos durch ihre höhere Bildungsbeteiligung zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt geworden. Das macht manchen Männern zu schaffen. Insgesamt ist es aber eine Bereicherung.
Wie hat sich das Männlichkeitsbild im Laufe der europäischen Geschichte gewandelt? Gab es grössere Brüche und Zäsuren?
Das Leitbild von Männlichkeit wurde in Deutschland seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon, also von etwa 1813 an bis 1945, zunehmend auf wehrhafte, harte und schliesslich soldatische Männlichkeit hin zugespitzt. Das blieb nicht ohne Folgen für die zweite grundlegende Anforderung an Männlichkeit: nämlich die Fähigkeit eines Mannes, sich selbst und seine eine Familie ernähren zu können. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich der antrainierte Kampfwille aus der soldatisch orientierten Erziehung gewissermassen in die Arbeitswelt. Die gebrochenen Männerbiographien und die Verdrängung der NS-Zeit sollen hier aber nicht vertieft werden.
Das Konzept des Familienernährers verweist auf eine weitere Komponente des hegemonialen Männerbildes: Vollständig Mann war man damals fast nur als Familienvater. Wie schon im 19. Jahrhundert traute man den Frauen in der Adenauerzeit beruflich wenig zu und wollte ihnen – gut paternalistisch – die Doppelbelastung von Beruf und Familie ersparen. Sie wurden auf Familien- und Mutterrollen reduziert. Ehefrauen durften in der BRD bis 1977 nur mit Genehmigung des Ehemanns berufstätig sein!
Welches Verhältnis hatten die Männer zu den starken Frauen? Galten diese als männlich?
Starke Frauen wurden oft als beängstigend wahrgenommen, manchmal als maskulin oder als Mannweib abgewertet. Psychologisch stecken dahinter tiefe Ängste. Ich persönlich finde starke Frauen viel interessanter als schwache.
Welche Rolle spielte der männliche Körper für die Männlichkeitsideale?
Er war immer wichtig – früher vor allem für die Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Männliche Schönheitsideale gibt es spätestens seit der Antike. Heutzutage wird der Körper sogar zur Wahrheitsressource, etwa für Gesundheit und Fitness. Auch markiert er bei lockereren sexuellen Verhältnissen und leichterer Auflösung von Paarbindungen eine erotische Attraktivität. Das wurde wichtiger, seitdem Frauen sich finanziell besser selbst versorgen können. Schliesslich entdeckte die Kosmetikindustrie den Männerkörper, der dadurch insgesamt stärker in den öffentlichen Blick rückt.
Welche Rolle spielt Homosexualität im Rahmen der Männlichkeitsforschung?
Sie war und bleibt ein wichtiger Anstoss zur Relativierung traditioneller Männlichkeitsbilder, zur Infragestellung der Kopplung von Männlichkeit und Zeugungsfähigkeit und zur Konstruktion von Männlichkeitsleitbildern bis hin zu einer erneuten Reflexion über Vaterschaft.
Zur Person
Martin Dinges ist stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin Stuttgart und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Zudem Koordinator des Arbeitskreises für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung in Dortmund. Forschungsschwerpunkte: Gesundheitsgeschichte der Neuzeit und Geschlechtergeschichte.
Literatur von Martin Dinges
«Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spätmittelalter und Früher Neuzeit». Göttingen 1998 (Herausgeber)
«Männer – Macht – Körper. Hegemoniale Männlichkeiten vom Mittelalter bis heute». Frankfurt 2005 (Herausgeber)
«Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wande,l ca. 180 –ca. 2000», Stuttgart 2007 (Herausgeber)