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Die Schweiz streitet über ein neues Jagdgesetz und damit über die Frage, welche Tiere unter Schutz zu stellen sind und welche nicht. Der Wolf soll nach dem Gesetzentwurf, über den am 27. September entschieden wird, auf eine Liste von Tierarten gesetzt werden, die eigentlich geschützt sind, aber vorbeugend „reguliert“, das heißt zum Abschuss freigegeben werden können. Dies gilt dann, wenn ein Tier ein „auffälliges“ Verhalten zeigt und droht, dem Menschen zu schaden, etwa durch das Reißen von Schafen. Die Rolle, die der Mensch innerhalb einer solchen „Regulierung“ der Natur einnehmen soll und darf, die Bedürfnisse der Bauern und Bäuerinnen, sowie die Jagd an sich sind Themen, deren historische Dimension in den Debatten oft zu kurz kommen. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass das Recht des Menschen, Tiere überhaupt zu regulieren, nicht selbstverständlich ist. Für die Legitimierung des menschlichen Eingriffs in die Natur spielen vielmehr historisch entstandene Ideen von menschlicher und männlicher Überlegenheit eine zentrale Rolle. Mit den aufkommenden Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert wurden dazu Argumentationsmuster geschaffen, die noch immer im Hintergrund der heutigen Debatte stehen.
Die Jagd im 18. Jahrhundert: Verhandlung von Herrschaft und Männlichkeit
Im 18. Jahrhundert wurde die Jagd in neuer Weise diskutiert. Denker*innen der Aufklärung übten scharfe Kritik daran, dass die Jagd vielerorts ein Privileg des Adels darstellte: Das Wild, das für die königliche Jagd benötigt werde, fresse den Bäuer*innen das Korn weg. Gleichzeitig war diesen und allen andren Armen die Jagd verboten, obwohl sie auf Wild als Nahrungsergänzung oder auf das Jagen zum Schutz ihrer Felder angewiesen waren. Für den Adel hingegen war die Jagd keine Frage der Subsistenz, sondern des Vergnügens und des höfischen Rituals. Welchen Stellenwert die Kritik an der Jagd als Vergnügen der gesellschaftlichen Elite besaß, zeigt sich darin, dass die Abschaffung des Jagdprivilegs am Ende des Jahrhunderts zu einer zentralen Forderung der Französischen Revolution wurde.
Bei dieser Kritik ging es aber nicht nur um den Ausschluss von einer ständischen, sondern auch von einer männlichen Praxis. Obwohl in der Vormoderne auch adlige Frauen jagten, galt die Jagd als kriegerische Übung in Friedenszeiten, die insbesondere Männer auf das Töten im Kriegsfall vorbereiten sollte. Möglicherweise wurde die Jagd gerade deshalb zu einem so großen Thema der Französischen Revolution, weil sie mit Stärke und Männlichkeit verbunden war. Ein Ausschluss von dieser Praxis musste gerade für nichtadlige Männer eine Demütigung bedeuten.
Als die Jagd von einer adligen zu einer zunehmend bürgerlichen Praxis wurde, verschwand diese männliche Machtsymbolik nicht, sondern wurde aufgrund der modernen Geschlechtertrennung eher noch verstärkt. So ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass es auch heute noch politische Positionen gibt, die eine Befürwortung von patriarchalen Traditionen, der Armee und der Jagd vereinen. So fordert etwa der SVP-Politiker Franz Ruppen eine starke Armee und die Ausrottung des Wolfes. Wenn er davon spricht, „Herr im Haus“ bleiben zu müssen (in Bezug auf die Asylpolitik) bedient er sich zudem einer patriarchalen Sprache. Die SVP hat sowohl für das neue Jagdgesetz als auch für die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge die Ja-Parole beschlossen, den Vaterschaftsurlaub, ein zentrales feministisches Anliegen der Gegenwart, lehnt sie hingegen ab.
Das Gleichgewicht in der Natur bewahren: Der Mensch im Zentrum
Innerhalb des Jagddiskurses der Aufklärung wurden aber auch Ideen über das „Gleichgewicht“ in der Natur verhandelt, das wir heute als Ökosystem bezeichnen würden. So gab es schon im 18. Jahrhundert in den Jagdgebieten Schonzeiten, die sicher stellen sollten, dass für den Adel immer genug Wild vorhanden war. Dabei sollte eine Proportionalität zwischen den Tierarten erhalten bleiben, wie der Artikel „forêt“ der Encyclopédie betont, einem berühmten Nachschlagewerk der Aufklärung. Gäbe es zu wenig natürliche Feinde bei zu großen Wildbeständen, drohe das Wild die Keime des jungen Waldes abzufressen. Dasselbe Argument führen auch heute Förster*innen an, um sich für die Erhaltung der Wolfsbestände einzusetzen.
Dieser Diskurs über die „Regulierung“ der Natur war und ist nicht frei von Hierarchien, die zwischen Mensch und Natur aufgebaut wurden. Die Vorstellung, dass der Mensch zum Eingriff in die Natur berechtigt sei, entspringt einem tief in unserer Geschichte verwurzelten Anthropozentrismus – einem Weltbild, in dem sich alles erst einmal um den Menschen dreht. So herrschte im europäischen Christentum lange die Idee, dass Gott den Menschen als seinen Stellvertreter in der Welt eingesetzt habe. Als solcher konnte er für den Schutz der Natur verantwortlich gemacht werden, durfte das Tier aber auch für all seine Bedürfnisse nutzen.
Mit der zunehmend religionskritischen Haltung im 18. Jahrhundert wurde diese göttliche Legitimität ersetzt durch eine naturwissenschaftliche Begründung, in der der Mensch als angeblich einziges vernunftbegabtes Wesen Vorrang vor allen anderen Wesen hatte. So meint etwa der Naturphilosoph Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707–1788), der mit seinem 44-bändigen Werk über die Naturgeschichte als exemplarisch für das aufklärerische Naturbild gelten kann: „Es ist durch die Überlegenheit seiner Natur, durch die der Mensch herrscht und befiehlt, er denkt und ist deshalb der Herr über die Wesen, die nicht denken.“
Der Gesetzesentwurf für das neue Jagdgesetz spiegelt diese anthropozentrische Haltung. Wie bei Buffon wird angenommen, dass der Mensch quasi per Natur dazu berechtigt sei, über das Tier zu entscheiden, weil er die dafür nötige Rationalität besitzt und weil es seinem Nutzen dient. So wird dem Menschen zugetraut, zu bestimmen, wann ein „auffälliges“ Verhalten beim Wolf vorliegt und wann der Nutzen für den Menschen vor dem Artenschutz überwiegt. Von den Gegner*innen des Gesetzes wurde darauf hingewiesen, dass diese Formulierung zu voreiligem Abschuss einlädt, denn was der Mensch als auffällig interpretiert, muss nicht tatsächlich eine Gefahr darstellen. Dass der Wolf trotzdem ins Visier des neuen Gesetzes gerät, liegt auch an einer spezifischen Angst vor dem Tier, die sich ebenfalls weit zurückverfolgen lässt.
Gute Hunde – böse Wölfe
Auch im 18. Jahrhundert gab es die Gefahr, dass Wölfe Schafe rissen; ein Problem, das einen deutlich größeren Bestandteil der Bevölkerung betraf als heute. Dass damals wie heute der Fokus in der Debatte auf einer Bekämpfung des Wolfes und nicht auf der prekären Situation der Bäuer*innen liegt, hat auch mit einem spezifischen Bild des bösen Wolfes zu tun. Dieses geht weiter zurück als auf die Aufklärung, hier kommen aber einige interessante Aspekte hinzu. Denn in einer Gesellschaft, die den Nutzen des Tieres an erste Stelle stellt, können wilde Tiere nur verlieren. So schreibt Buffon über den Wolf, es gäbe nichts Gutes an ihm, außer seiner Haut. Es ist also nicht nur so, dass der Wolf dem Menschen schadet, er bringt ihm vor allem keinen Nutzen:
Unangenehm in allem, mit niederträchtiger Miene, wildem Aussehen, furchteinflößender Stimme, unerträglichem Geruch, perverser Natur und wilden Sitten ist er widerlich zu seinen Lebzeiten und unnütz nach seinem Tod.
In diesem vernichtenden Urteil zeigt sich Buffons Bild vom bösartigen Charakter des Wolfes, dem er gezielt den gutmütigen Hund entgegenhält. Obwohl sie sich so sehr glichen, seien sie charakterlich grundverschieden: Während der Hund sich leicht zähmen ließe, sei der Wolf unzähmbar und asozial. Diese Unterscheidung lässt sich mit dem aufklärerischen Anliegen erklären, die Natur durch den Menschen beherrschbar zu machen. Dieses Ziel verfolgte auch Buffon. Dass ihm dabei ausgerechnet ein Tier einen Strich durch die Rechnung machte, das dem Hund so ähnlich war, kann den großen Naturphilosophen nur geärgert haben. Schließlich verkörperte der Hund das Zähmungs-Erfolgsmodell des Menschen schlechthin. Buffon berichtet auch von eigenen gescheiterten Versuchen, den Wolf zu domestizieren, was seine Antipathie noch gesteigert haben mochte.
Der Wolf fiel bei Buffon einer Trennung zwischen dem wilden und dem domestizierten Tier zum Opfer, die im 18. Jahrhundert intensiviert wurde. Während in dieser Sichtweise das domestizierte Tier als Verbündeter des Menschen galt, wurde das wilde Tier zum Feind, eben gerade deshalb, weil es sich nicht domestizieren ließ. Dass aber auch die Beziehung zu Schafen, Kühen etc. keineswegs immer auf harmonischem Einvernehmen beruhte – schließlich wurden die Tiere am Ende wohl gegen ihren Willen geschlachtet – wurde in diesen Überlegungen unterschlagen. Die widersprüchliche Unterscheidung, die unsere eigene Zeit in der Bewertung und Behandlung von Nutz-, Haus- und Wildtieren macht, ist auf dieses Weltbild zurückzuführen, das Tiere nach ihrem Nutzen und Gehorsam dem Menschen gegenüber einteilt.
Welche Rechte für welche Tiere?
Dennoch, die Aufklärung wäre nicht die Aufklärung, hätte es nicht auch kritische Stimmen zur uneingeschränkten Herrschaft des Menschen über die Tiere gegeben. So weist etwa Jean-Jacques Rousseau darauf hin, dass Tiere zu Unrecht vom Naturrecht ausgeschlossen würden, nur weil sie die menschlichen Gesetze nicht verstünden. Vielmehr sollten sie auf der Basis ihrer Leidensfähigkeit das Recht erhalten, zumindest „nicht unnötigerweise“ misshandelt zu werden. Rousseau denkt seine Tierethik allerdings nicht konsequent zu Ende, sondern erlaubt es dem Menschen immer noch, sein Verhältnis zu Tieren seinem eigenen Nutzen anzupassen wo „nötig“. Insgesamt ist also auch Rousseau ein Kind seiner Zeit, eine Zeit, in der der menschliche Nutzen im Zentrum steht.
Die aktuelle Debatte wäre allerdings ein guter Anlass, kritische Ansätze aus der Aufklärung, wie das Kriterium der Leidensfähigkeit, weiterzudenken. So sollten wir uns fragen, weshalb Wolf, Hund und Schaf einen so unterschiedlichen Status in unseren politischen Debatten bekommen, obwohl sie eine ähnliche Leidensfähigkeit haben. Einerseits ist die Lebensrealität der Bauern und Bäuerinnen in diesen Fragen ernst zu nehmen. Ansonsten würden wir riskieren, in einen hierarchischen Zustand ähnlich dem Ancien Régime zurückzufallen, in der eine Elite das Tier als Vergnügungsobjekt betrachtet und die Erfahrungen und Interessen der ländlichen Bevölkerung dabei keinen Platz haben. Andererseits müssen wir aufhören, so zu tun, als sei der Wolf der „Feind“, wir aber die Beschützer*innen von Schafen und Wild. Die historisch gewachsene Trennung zwischen verbündetem Nutz- und feindlichem Wildtier verschleiert nur den Umstand, dass wir selbst ebenfalls nicht zimperlich mit Schafen, Rehen und anderen Tieren umgehen.
Das Problem der Städter*innen in dieser Frage ist daher nicht, oder zumindest nicht nur, den Wolf zu verniedlichen, sondern vielmehr, das Schaf zu kommodifizieren. Im städtischen Alltag ist das Schaf ein Produkt, das in aufklärerischer Manier den größtmöglichen Nutzen einbringen soll. Eine Politik, die eine Landwirtschaft im Kompromiss mit den Wildtieren ermöglichen soll und gleichzeitig die Bauern und Bäuerinnen nicht außen vorlässt, kann aber nicht immer nur einem Kosten-Nutzen-Prinzip folgen. Den Umgang mit dem Wolf durch finanzielle Unterstützung und eine Verbesserung des Herdenschutzes zu regeln ist sicher eine aufwendigere Angelegenheit, als das Problem mit der Flinte zu lösen. Es würde aber bedeuten, dass wir versuchen, die Natur außerhalb ihres ökonomischen Nutzens für den Menschen zu verstehen und unsere eigenen Praktiken, Ängste und Grenzziehungen zu hinterfragen, die noch immer auf einem anthropozentrischen und androzentrischen Weltbild beruhen. Dies bedeutet vielleicht manchmal, die Kontrolle über unsere Umwelt ein Stück weit abzugeben. Es bedeutet aber auch, unser Denken voranzutreiben und zu versuchen, Tiere wie den Wolf mit ihren jeweils spezifischen Verhaltensweisen ernst zu nehmen, ohne uns zu sehr von historischen Schreckensbildern irritieren zu lassen.