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Ein Kelp- oder Seetangwald besteht aus Meeresalgen, die Längen von mehr als 45 Metern erreichen können. Sie haben keine Wurzeln, sondern Auswucherungen, mit denen sie sich an felsigen Meeresböden festklammern. Die Selbstversorger absorbieren Sonnenlicht und organischen Kohlenstoff aus der Umgebung und betreiben Photosynthese. Der Seetang bildet die Grundlage für Lebewesen aller Grössen in einem vielfältigen Netzwerk. Wirbellose Tiere wie Schnecken und Anemonen sind genauso Gäste wie grosse Meeressäuger. Seehunde beispielsweise naschen an im Kelp beheimateten Tintenfischen, Krebsen und Weichtieren, während Grauwale ihre Sprösslinge im dichten Seetang-Dschungel vor räuberischen Orcas verstecken.
Der Seeotter als Schlüsselart
Im Jahr 1970 studierte der Ökologe James A. Estes die Seeotter nahe der Alaskischen Inseln Amchitka und Shemya. Er entdeckte erstmals eine wichtige Verbindung zwischen den Seeottern und dem Kelp: Die Seeigel. Seeotter ernähren sich hauptsächlich von Seeigeln, die ihrerseits Meeresalgen fressen. Die Regelung der Seeigel durch die Otter hat einen indirekten Einfluss auf den Seetangwald. Überall dort nämlich, wo die Otter Seeigel konsumieren, erhöhen sich die Überlebenschancen der Kelpgewächse. Davon wiederum profitiert eine Reihe von anderen Lebewesen. Wenn aber die Seeotter nicht oder in zu geringer Zahl vorhanden sind, vermehren sich Seeigel unkontrolliert und sind imstande, ganze Seetangwälder abzufressen.
Die Seeotter als wichtige Schlüsselart erfüllen aber nicht nur eine regulatorische Rolle in Kelpwäldern. In der kanadischen Provinz British Columbia graben sie vorzugsweise nach Venusmuscheln, die sich inmitten von Seegraswiesen aufhalten. Das Plündern der Muschelbänke hat oft kahle Stellen in den Wiesen zur Folge. Dies führt nicht etwa zu einer Verwüstung der Unterwasserlandschaft, wie man dies vielleicht vermuten könnte, sondern ist vorteilhaft fürs Ökosystem. Das sanfte Wühlen am Meeresboden erlaubt es den Pflanzen, neuerlich zu keimen, und führt zu einer insgesamt robusteren und genetisch vielfältigeren Seegrasbesiedelung.
Erfolgsverwöhnter Hai?
Wahrscheinlich wenig überraschend zählen auch die Haie zu den maritimen Keystone Species bzw. Schlüsselarten. Mit ihren hochentwickelten Sinnen sind sie perfekt an das Leben im Meer angepasst. Kein Wunder, denn unseren Planeten bewohnen sie schon seit gut 450 Millionen Jahren – das sind immerhin 200 Millionen Jahre, bevor überhaupt die Dinosaurier über die Erde stampften… Sie erscheinen uns als sehr selbstbewusste Tiere; schliesslich haben Haie keine natürlichen Feinde und stehen aufgrund ihrer räuberischen Natur ganz weit oben in der Fresshierarchie. Überfischung, Meeresverschmutzung und der Handel mit Haifischflossen sind heute aber nur einige Gründe, die uns die Verwundbarkeit des stolzen Meeresräubers offensichtlich machen. Drei Viertel der Hai- und Rochenarten im offenen Meer sind vom Aussterben bedroht. Dabei werden männliche Weisse Haie erst mit 26 Jahren geschlechtsreif, während Weibchen im 33. Lebensjahr erstmals Nachkommen gebären. Jeder Hai, der also vorher stirbt, kann nicht mehr zum Erhalt der nächsten Generation beitragen. Dabei erfüllt der Hai eine unverzichtbare Rolle in seinem jeweiligen Ökosystem.
Der Einfluss von Haien auf das Ökosystem
In der “Shark Bay”, einem knapp 23'000 km2 grossen Reservat in Westaustralien haben Untersuchungen gezeigt, dass die dort ansässigen Tigerhaie als Regulatoren in Erscheinung treten. Shark Bay bietet sich an als idealer Ort, um Haie zu beobachten. Die Tigerhaie sind dort saisonale Besucher, sodass die Forscher Unterschiede im Verhalten von anderen Arten in den Zeiten ihrer An- und Abwesenheit miteinander vergleichen können. Eine besondere Pflanzenart hier ist das Seegras, das vielerlei wichtige Funktionen ausübt. Unter anderem verlangsamt es Wasserströmungen, hilft, das Wasser sauber zu halten und bietet zudem unzähligen Arten Nahrung und Lebensraum. Vielleicht die wichtigste Eigenschaft der Seegrasbeete ist aber die Bindung von CO2. Sind sie intakt, stabilisiert dies die als wichtige Kohlenstoffspeicher wirkenden Meeresbodensedimente. Das regelmässige Patrouillieren der Tigerhaie hält Pflanzenfresser wie Dugongs (Seeschweine) und Meeresschildkröten auf Abstand und führt als Nebeneffekt dazu, dass das kohlenstoffsatte Sediment regelmässige Ruhephasen erhält.
Nicht nur betreffs der Intaktheit der Nahrungsnetze, sondern sogar in Bezug auf den Klimawandel ist es deswegen gravierend, wenn Haipopulationen abnehmen, Schildkröten & Co. durch den verkleinerten Räuberdruck Seegrasflecken überweiden und CO2 frei wird. Die Haie regulieren also die Populationen von Pflanzenfressern, sind als «Doctors of the ocean» aber auch für die allgemeine Gesundheit in ihrem Ökosystem mitverantwortlich. Sie leisten sozusagen medizinische Hilfe, indem sie schwache und kranke Individuen aus Populationen entfernen. Das hilft dem Hai, der auf der Jagd weniger Energie verschleisst, und hält gleichzeitig das Ökosystem gesund – nachteilige Gene werden nicht weitergegeben. Das verbessert die Überlebungschancen der nächsten Generation. Eine intakte Räuberpopulation ist also auch im marinen Ökosystem äusserst wichtig.
Nun ist natürlich Hai nicht gleich Hai. Es gibt mehr als 500 Haiarten, die zum Teil in sehr unterschiedlichen Umgebungen leben und auch in ihrer Grösse und bevorzugten Beutewahl variieren. Diese Komplexität und Varietät macht es enorm schwierig, genau abzuschätzen, wie „die Haie“ Ökosysteme zu beeinflussen vermögen. Es gibt allerdings deutliche Anzeichen, dass Haie sich ganz allgemein einen Rang als Keystone Species verdienen, indem sie einen unverhältnismässig grossen, regulierenden Effekt auf ihr Ökosystem ausüben.
Auch Räuber brauchen Schutz
2009 hat sich Palau als erstes Land der Welt dazu verpflichtet, ein «Shark Sanctuary» zu werden und den kommerziellen Fischfang über ein Gebiet von 600’000km2 zu verbieten. Tatsächlich gibt es in dieser Situation nur Gewinner. Nicht nur ist der Schutz vorteilhaft für eine grosse Zahl von Meereslebewesen; auch ökonomisch macht es Sinn, denn der Tourismus boomt. Ein lebendiger Hai bringt nämlich viel mehr ein als ein toter. Über einen Zeitraum von 10 Jahren kann beispielsweise ein einziger Riffhai fast 2.4 Millionen Dollar einbringen.
Vorschau
Doch nicht nur Räuber sind Keystone Species; auch Beutetiere können Schlüsselarten sein. Zwar sind sie oft klein und scheinen gar unwichtig im grossen Ganzen. Jedoch sind sie häufig in Scharen vorhanden und bilden so die Grundnahrung vieler Arten, die ihrerseits auf gesunde Beutepopulationen angewiesen sind. Der winzige Antarktische Krill wie auch der Lachs sind Beispiele einer solchen Schlüsselart. Deren Rolle im Ökosystem wird in der nächsten Woche Thema sein.