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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1991 von Peter Ziegler
Das Armenhaus am Plätzli
Wie weite Teile Europas und der Schweiz wurde in den Jahren 1816/17 auch Wädenswil von grosser Teuerung betroffen. Bald gab es in der Gemeinde über 850 Arme; Bettel und Diebstahl nahmen bedrohliche Ausmasse an. Gemeinderat und Kirchenpflege richteten daher als Sofortmassnahme im Dorfschulhaus unterhalb der reformierten Kirche ein provisorisches Armenhaus ein.
Überzeugt vom Nutzen einer definitiven Anstalt, beschlossen die Bürger am Ostermontag 1818 in einer Gemeindeversammlung den Bau eines vierstöckigen, 20 Meter langen, 15 Meter breiten und 17 Meter hohen Armenhauses am Plätzli, am Standort des späteren Sparkassagebäudes. Gemeindebürger schossen den Behörden das Baukapital zu vier Prozent Zins vor. Am 5. Mai 1818 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, und in den beiden letzten Tages des gleichen Jahres zogen neunzig Personen aller Lebensalter ins neue Armenhaus ein.
Mit der Eröffnung des Waisenhauses (1848), des Krankenasyls (1877) und des Altersasyls am Rotweg (1905) wurde Wädenswils Armenanstalt in ihrem Zweck immer mehr eingeschränkt. Es tauchte sogar die Frage auf, ob ein Armenhaus überhaupt noch nötig sei. Starke Bautätigkeit und anwachsender Verkehr führten dazu, dass schon ums Jahr 1900 herum Stimmen laut wurden, das Armenhaus aus dem lärmigen Dorfkern in ein stilleres Aussenquartier zu verlegen, umso mehr, als auch das Gebäude modernen Ansprüchen längst nicht mehr genügte. Der Ruf nach Beseitigung des Armenhauses wurde 1909 lauter, als in der Anstalt Typhusfälle vorkamen und bei der Sanitätsdirektion Klagen eingingen, das Armenhaus bilde einen ständigen Seuchenherd. Mit dem Bau eines Bürgerheims an ruhiger Lage ausserhalb des Dorfes sollte Abhilfe geschaffen werden.
Das Wädenswiler Armenhaus am Plätzli, erbaut 1818, abgebrochen 1912.
Das Bürgerheim
Am 25. September 1910 beschloss die Bürgergemeindeversammlung den Bau eines Bürgerheims mit Ökonomiegebäuden. Dem vorgesehenen Standort im Büelenquartier erwuchs aber Opposition. 1911 entschied man sich daher für das Areal der Lehmannschen Liegenschaft im Musli, die einem Brand zum Opfer gefallen war. Im Sommer 1911 wurden die Arbeiten vergeben. Es war nicht leicht, ein Haus zu bauen, das einen deutlichen Unterschied markieren sollte zwischen der Armenpflegepraxis früherer Jahrhunderte und derjenigen der neuen Zeit, denn es gab erst wenige Vorbilder. Das mit einer Männer- und einer Frauenabteilung, mit Arbeitsräumen, einem Speisesaal und der Verwalterwohnung ausgestattete Bürgerheim entstand nach den Plänen und unter der Leitung des Thalwiler Architekten Heinrich Müller und konnte im September 1912 bezogen werden. Wenig später erfolgte der Abbruch des Armenhauses am Plätzli.
Bürgerheim Wädenswil, eingeweiht 1912, mit Ökonomiegebäuden am Standort des heutigen Krankenheims Frohmatt.
Viele «Bürgerheimler» arbeiteten früher im eigenen Landwirtschaftsbetrieb.
Das neue Heim galt als wohlgelungener Bau, über den ein Zeitgenosse schrieb: «Was die moderne Technik und die Hygiene bieten, das ist so ziemlich alles vorhanden, und es braucht für einen Privatmann schon eine ordentlich bezahlte Wohnung, will er auf alle Bequemlichkeiten Anspruch erheben, die das Wädenswiler Bürgerheim seinen Insassen bietet. Weit in der Runde kann diesem Heim nichts Ähnliches an die Seite gestellt werden. Der Bau ist sehr solid, und man sieht auf den ersten Blick, dass auch an die Zukunft gedacht wurde. Alle Räume sind einfach, aber wohnlich.»
Misst man mit heutigen Massstäben, kommt man zu einer etwas anderen Beurteilung: Das Haus beherbergte ursprünglich 80 Pensionäre, eine heute kaum mehr vorstellbare Zahl für ein Haus dieser Grösse. Aber damals war natürlich von Einzelzimmern noch keine Rede. Die Ärmsten der Armen, die Sozialfälle, die Aussenseiter der Gesellschaft der damaligen Zeit, waren in Schlafsälen untergebracht, wuschen sich an Waschtrögen im Gang und mussten in verschiedenen Werkstätten arbeiten. Da gab es Schneiderei, Schuhmacherei, Drechslerei, Holzhandel und Landwirtschaft. Vor allem oblag den Bewohnern die Kehrichtabfuhr im Dorf. Für Widerspenstige stand ein Arrestlokal zur Verfügung. Als erste Heimeltern wirkten Friedrich Joss-Burri. Ihnen folgte, ebenfalls für viele Jahre, Arthur Joss-Fisch.
In den 1960er Jahren erwiesen sich die Inneneinrichtungen des Bürgerheims als völlig veraltet, ungenügend, ja unhygienisch. Die Armenpflege beantragte daher der Urnenabstimmung vom 3. Oktober 1965 eine Totalrenovation des Hauses und die Umgestaltung zu einem modernen Heim. Der hohen Kosten wegen war diese Vorlage jedoch nicht genehm. Im Zusammenhang mit dem Bau des Krankenheims Frohmatt wurde dafür in den Jahren 1970/71 die dringend nötige Teilrenovation verwirklicht, welche das Bürgerheim baulich und betrieblich so verbesserte, dass es seinen Dienst weiterhin versehen konnte. Mit dem Innenumbau erhöhte man die Zahl der Zimmer von 15 auf 21; gleichzeitig senkte man die Zahl der Bewohner von 44 auf 32.
Krankenheim Frohmatt
In der Urnenabstimmung vom 19. Mai 1968 genehmigten die Stimmberechtigten das vom Wädenswiler Architekten Josef Riklin ausgearbeitete Projekt eines Pflegeheims für Chronischkranke mit Personalunterkünften und einem Verbindungtrakt zum Bürgerheim. Das dreigeschossige Krankenheim Frohmatt konnte am 1. Mai 1971 eingeweiht werden. Es war im nordwestlichen Teil des ehemaligen Bürgerheimareals erstellt worden und bildete eine betriebliche Einheit mit dem Altbau von 1912, der nun nicht mehr Bürgerheim, sondern Altersheim genannt wurde.
Als anfangs Mai 1981 in der Frohmatt das 70-jährige Bestehen des Altersheims, des früheren Bürgerheims, und gleichzeitig das 10-jährige Bestehen des Krankenheims gefeiert wurde, betreuten im Krankenheim 56 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – davon rund 60 Prozent Teilzeitangestellte – über 60 pflegebedürftige Personen. Im Altersheim wohnten damals 32 Pensionäre.
Das neue Altersheim Frohmatt
In der Urnenabstimmung vom 23. September 1984 bewilligten die Stimmberechtigten mit 4723 Ja gegen 933 Nein den Ausführungskredit von 10 260 000 Franken für den Neubau des städtischen Altersheims Frohmatt, welcher das 1912 bezogene Bürgerheim erweitern und das Krankenheim Frohmatt ergänzen sollte. Gleichzeitig wurde mit 4332 Ja gegen 1221 Nein ein Zusatzkredit von 490 000 Franken beschlossen, damit anstelle des ursprünglich vorgesehenen Flachdaches ein Giebeldach erstellt werden konnte. Der erste Spatenstich erfolgte am 11. März 1986, die Aufrichte am 10. Juli 1987. Ende Jahr war der Rohbau vollendet, und am 2. Dezember 1988 konnte der Neubau mit den zusätzlichen 56 Altersheimplätzen, ein Werk der Wädenswiler Architekten Appenzeller & Demmler, eingeweiht werden.
Neben dem Bürgerheim wurde 1971 das Krankenheim Frohmatt eröffnet.
Der ursprüngliche Flachdachbau wurde laut Beschluss der Urnenabstimmung von 1984 mit einem Giebeldach versehen.
Das 1990 restaurierte und im Innern umgestaltete Bürgerheim.
Speisesaal und Treppenhaus im 1990 umgebauten Bürgerheim.
Innenrenovation des ehemaligen Bürgerheims
Nach dem Bezug des neuen Altersheims Frohmatt hätte der Altbau von 1912 einer sanften Renovation unterzogen werden sollen. Mittlerweile hatte sich aber die Einsicht durchgesetzt, dass nicht zwei Kategorien von Altersheimplätzen geschaffen werden sollten. In der Urnenabstimmung vom 24. September 1989 bewilligten die Stimmberechtigten daher einen Zusatzkredit von 1 470 000 Franken für eine umfassende Innenrenovation des noch vor dem Ersten Weltkrieg gebauten Hauses mit mächtigem Mansardendach. Der gesamte Baukredit für die Sanierung und den Umbau des ehemaligen Bürgerheims wurde mit etwa 2,9 Millionen Franken angenommen; die effektiven Kosten betragen rund 3,2 Millionen Franken.
Die Wädenswiler Architekten Hotz + Grau hatten beim Innenumbau im wesentlichen folgendes Konzept zu verwirklichen: im Erdgeschoss Räume für die Verwaltung; im ersten Obergeschoss Speisesaal, Office, Stationszimmer, zwei Pensionärszimmer mit Nasszellen, WC-Anlagen; im zweiten Obergeschoss sieben Pensionärszimmer mit Nasszellen sowie Aufenthaltsraum und Baderaum; im Dachgeschoss fünf Pensionärszimmer mit Nasszellen und eine 4 ½ Zimmerwohnung für die Abwartsfamilie; im Estrich 15 Estrichabteile und eine Lüftungszentrale.
Neubau des städtischen Altersheims Frohmatt; eingeweiht am 3. Dezember 1988.
Zwischen dem 4. und 25. Januar 1991 zogen die neuen Pensionärinnen und Pensionäre ins fertig renovierte Haus ein, dessen Zimmer nun heute geltenden Normen entsprechen und in Standard und Komfort jenen des Neubaus von 1988 angepasst sind.
Von 1987 bis Ende Mai 1991 stand das Alters- und Pflegeheim Frohmatt unter gemeinsamer Verwaltung mit dem Spital Wädenswil. Mit dem Rücktritt von Spitalverwalter Peter Büchi wurde der Managementsvertrag zwischen der Stadt Wädenswil und dem Stiftungsrat des Spitals aufgehoben. Seit 1. Juni 1991 steht Johannes Zollinger der «Frohmatt» als Verwalter vor. Heimleiter ist Ueli Kummer, als Oberschwester wirkt Brigitte Schneebeli, als Heimarzt Dr. med. Bernhard Rom. Die Einweihung des renovierten Baus fand am Wochenende vom 29./30. Juni 1991 im Rahmen eines Frohmattfestes statt, an dem sich die Türen des Altersheims für die Bevölkerung öffneten.
Zusammen mit dem 1988 bezogenen Neubau, der mit dem alten Kernbau verbunden ist, verfügt Wädenswil in der Frohmatt heute über ein Angebot von zwischen 75 und 80 Altersheimplätzen. Dazu kommt das Krankenheim, das im Innern ebenfalls eine, allerdings bescheidene, Erneuerung erfahren hat und derzeit 63 Patienten beherbergt.