Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/874

42 195 Meter in unter 120 Minuten zu laufen, ist bis zum heutigen Tag noch keinem Läufer gelungen. Unzählige Profis nahmen die Herausforderung bei diversen Marathons weltweit an und scheiterten. Viel fehlte jeweils nicht, keine Frage: Die männliche Läufer-Elite nähert sich in grossen Schritten und ist nicht gewillt, aufzugeben. Allen voran ein gewisser Eliud Kipchoge, Marathon-Olympiasieger 2016 in Rio de Janeiro und bester Langstreckenläufer 2017. Eine solche Zeit zu laufen, beginne im Kopf und nicht in den Beinen: «Wenn du nicht Herr deines Verstandes wirst, wird dein Verstand dich beherrschen.»
Als sich Kipchoge 2013 von Wettkämpfen zwischen 1 000 und 10 000 Metern verabschiedete, verschwand jede Menge Ehrgeiz, Disziplin und Herzensgüte aus den Leichtathletikstadien dieser Welt. Der junge Eliud stellte unzählige Rekorde auf, fand jedoch nie vollkommene Zufriedenheit. Er sah sich zu Höherem berufen und wechselte in den Langstreckenbereich – mit dem Marathon als Königsdisziplin. «Einmal ein Marathonläufer, immer ein Marathonläufer.» Diesen Satz kriegst du non-stop zu hören, sobald du dich im Kreise von Läufern bewegst. Es sei wie ein Fluch, der dich nicht mehr loslässt. Genauso erging es wohl Kipchoge, als er bei seinem Debut den Hamburg-Marathon mit einer Zeit von 2 Stunden, 5 Minuten und 30 Sekunden gewann. Gleich mit dem ersten Marathon rannte sich der aufgestellte Kenianer in die internationale Fachpresse – ein Comeback ohne vorherigen Rücktritt, sozusagen.
Kipchoge vor seiner Langstreckenläufer-Karriere beim Sieg über 5 000 Meter an der WM 2003 in Paris.
Im selben Jahr liess er einen zweiten Platz beim Berlin Marathon folgen, den er eine Minute und 25 Sekunden schneller absolvierte als denjenigen in Hamburg. Ein Jahr nach seinem grandiosen Einstieg setzte er mit den beiden ersten Plätzen in Rotterdam sowie Chicago noch einen (beziehungsweise zwei) drauf. Eine ganz steile Karriere mit viel Ruhm und Ehre. Obwohl er dies alles eigentlich schon von der Leichtathletik her kannte. Auf dem einen Gipfel angekommen, hielt Kipchoge Ausschau nach dem nächsten... und erklomm auch diesen problemlos.
No human is limited.Eliud Kipchoge
Grenzen kennt er keine. Somit erstaunt es auch nicht, dass er 2015 sein Palmares um die Siege in London und Berlin erweitern konnte. Die Krönung zum derzeit erfolgreichsten Marathonläufer ermöglichte er – wiederum nur ein Jahr später – mit dem Olympiasieg in Rio de Janeiro. Der 167 Zentimeter kleine Afrikaner wird im Eilzugstempo zum Grössten. Und bleibt dabei stets auf dem Boden. In jedem Interview weist er daraufhin, wie wichtig das Herz und der Kopf sei. Natürlich müssen auch die Beine stimmen, aber oft werde die psychologische Komponente unterschätzt.
Der (bisherige) Höhepunkt einer ganz speziellen Karriere: Olympiasieger Eliud Kipchoge, 2016 in Rio de Janeiro.
All diese Erfolge hielten Kipchoge nicht davon ab, am Weltrekordversuch auf der Formel-1-Rennstrecke in Monza teilzunehmen. Im Gegenteil, sie stachelten ihn dazu an, noch schneller zu werden. Der Laufschuhhersteller Nike hatte das Projekt «Breaking2» ins Leben gerufen und nebst Lelisa Desisa und Zersenay Tadese auch Kipchoge eingeladen, mitzulaufen. Einen Marathon in weniger als zwei Stunden bewältigen: Diese Chance liess sich der leichtfüssige Kenianer nicht nehmen und erreichte nach 2:00:25 das Ziel. Diese Zeit gilt «nur» als inoffiziell schnellste je gelaufene Marathon-Zeit, da der Weltverband IAAF den Nike-Event nicht als reguläres Rennen anerkannte.
It's not about the legs, it's about the heart and mind.Eliud Kipchoge
Kipchoge kümmerte dies kaum, da ihm seine Weltklasseleistung aufzeigte, dass die Zwei-Stunden-Marke möglich und nur mikrige 25 Sekunden entfernt ist. Die Richtung stimmt, die Beine machen mit, mental ist er ready. Die Frage ist nicht, ob Kipchoge den Rekord knacken wird. Die Frage ist, wann es soweit sein wird.
In Monza hat er die zwei Stunden nicht geschafft. 25 Sekunden erscheinen uns Laien als sehr wenig. Jeder vernünftig denkende Mensch rechnet und schlussfolgert: Das ist nicht einmal eine Sekunde pro Kilometer, die er bei seinem nächsten Lauf schneller sein müsste, um die Marke zu knacken. Erzählst du diese Theorie aber einem Langstreckenläufer, wird dieser nur ein müdes Lächeln für dich übrig haben. Auf den ersten Kilometern ja, da ist eine Sekunde schneller zu laufen kein Ding der Unmöglichkeit. Mit fortschreitender Erschöpfung wird das ganze Unterfangen aber von Kilometer zu Kilometer schwieriger. Und erst so richtig hart nach 30, 35 oder 40 Kilometern.
Tägliches Training ist auch bei hervorragender mentaler Verfassung unerlässlich.
Selbst wenn der Kopf mehr als die halbe Miete ist, getragen wird auch dieser von den Beinen. Und damit die stimmen, sind präzises Training, eine penible Vorbereitung und das Abspulen zahlreicher Trainingskilometer eine Notwendigkeit, um zu reüssieren. Denn auch in Monza nützt der beste Fahrer der Welt nichts, wenn sein Motor nicht läuft.
Das Breaking2-Projekt und die dort gemessene Zeit sind nicht mit einem Marathon vergleichbar. Dieser Aussage würde zweifelsohne auch Kipchoge zustimmen. Bei einem Marathon geht es selbst für die Profis nicht nur um die Zeit. Das Taktieren und Kontrollieren der Gegner spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Du läufst nicht nur gegen die Uhr, sondern auch gegen die Konkurrenz. In Monza war Kipchoges einziger Gegner die Zwei-Stunden-Marke. Die Läufer neben ihm waren – bis auf Desisa und Tadese – Pacemaker. Freunde, Gehilfen und Wegbegleiter. Auf keinen Fall aber Konkurrenten.
Umringt von Pacern und 120 % fokussiert: Kipchoge ist auch beim Breaking2-Projekt in seiner eigenen Welt.
Diese Mischung lässt die magische Grenze, die derart nahe und greifbar scheint, wieder etwas weiter in die Ferne rücken. Kipchoge lässt sich davon aber nicht beirren und arbeitet unentwegt seinem Ziel entgegen. Dabei schafft er es, eine Leichtigkeit an den Tag zu legen, die seine Läufe als gemütliche Spaziergänge erscheinen lassen. Er ist offenherzig, kommt aus einfachsten Verhältnissen und hat gelernt, jeden Tag zu geniessen und das Leben zu leben. «Marathon is life», meint er im obenstehenden Video. Zu rennen heisst für ihn zu leben: «Du weisst nie, was dich erwartet. Einen Marathon zu planen ist wie dein Leben zu planen. Es ist unmöglich, jedes einzelne Detail vorherzusehen. Und dennoch versuche ich bei jedem Rennen, mich auf alle Eventualitäten vorzubereiten.»
Der Kleinste wird am Ende der Grösste sein – Kipchoge und Co. beim Training in Kenia.
Gerade deshalb wird dies nicht der letzte Text sein, den du über Eliud Kipchoge lesen wirst. Ein Blick in die Medienlandschaft der Zukunft prophezeit folgende Schlagzeile: «Es ist geschafft – Eliud Kipchoge durchbricht die Marathon-Schallmauer». Eliud Kipchoge, ein kleiner Mann ganz gross.
Es sind noch keine Kommentare vorhanden
Du bist nicht mit dem Internet verbunden. Stelle bitte sicher, dass du eine funktionierende Verbindung hast um auf der Seite weiter zu navigieren.