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Oder: «Hilf mir, ich brauche dich, ich mache das nicht absichtlich ...»Kennen Sie das: Sie müssen zusammen mit ihrem Kleinkind rechtzeitig aufbrechen und kommen nicht vom Fleck, weil es lieber weiterspielen möchte. Wenn das Kind dann doch Anstalten macht, mit Ihnen mitzukommen, dann will es sich ganz alleine anziehen und zwar nach seinen eigenen Vorstellungen und in seinem Tempo.
Auch wenn es Ihnen in diesen Momenten schwerfällt, dies zu glauben: Kleinkinder sind durchaus daran interessiert zu kooperieren. Es kommt auf Ihre eigene Haltung an, mit der Sie Ihrem Kind begegnen. Messen Sie seinen Bedürfnissen den gleichen Stellenwert zu wie Ihren eigenen, dann werden Sie wohl relativ leicht durch diese Zeit kommen. Wenn sich Ihr Kind nicht so verhält, wie Sie es sich wünschen, dann versuchen Sie, sich in die Situation Ihres Kindes reinzuversetzen und nachzuvollziehen, warum es sich so und nicht anders verhält.
Vermeiden Sie es, Ihr Kind durch in Aussicht gestellte Belohnungen zu dem von Ihnen gewünschten Verhalten zu bewegen. Das kann ausnahmsweise mal als Notlösung akzeptabel sein, sollte aber nicht zur Gewohnheit werden. Eigentlich sind Belohnungen nur die geschönte Form von Strafen. Wenn das Kind nämlich nicht kooperiert, erhält es etwas nicht, was es sonst bekommen hätte. Belohnungen entsprechen einem Machtmissbrauch des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren, um diesen fügsam zu machen, was einer Manipulation gleichkommt. Oder anders ausgedrückt: Ein Kind hat das Recht, als Subjekt behandelt zu werden, also als Individuum mit einem eigenen Ich und nicht als Objekt, das die Eltern nach ihren eigenen Wünschen formen (1).
Alfie Kohn hat dies in seinem Buch «Liebe und Eigenständigkeit» sehr schön formuliert: «Den Blick auf die Bedürfnisse der Kinder zu richten [], bedeutet, Kinder ernst zu nehmen. Es bedeutet, sie als Menschen zu behandeln, deren Gefühle, Wünsche und Fragen wichtig sind. Die Wünsche eines Kindes können nicht immer erfüllt werden, aber sie können immer berücksichtigt werden und man sollte nie einfach darüber hinweggehen. Es ist wichtig, ein Kind als jemanden mit einem einzigartigen Blickwinkel, mit sehr realen Ängsten und Sorgen (die oft ganz andere sind als unsere) und mit einer ganz eigenen Art zu denken [] anzusehen.»
Unsere Lebensweise macht einen solchen Umgang mit dem Kind oft nicht ganz leicht, da unser Alltag häufig durch Vorgaben von Arbeitgeber, Betreuungseinrichtungen etc. strukturiert ist mit Terminen, die einzuhalten sind. Demgegenüber steht das Zeitgefühl des Kleinkindes, das eher einem Ewigkeitserleben entspricht geprägt von Wiederholungen und wiederkehrenden Rhythmen (adaptiert aus (2)). Bis etwa zum zweiten Geburtstag sind Kinder nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten jenen der Eltern zurückzustecken. Nach dem zweiten Geburtstag, also im dritten Lebensjahr, können und sollen Kinder zunehmend lernen, Regeln zu beachten, die für ein gutes Miteinander nötig sind.
Erschreckend viele Eltern nehmen diese wichtigen Erziehungsaufgaben heute zu wenig ernst oder es ist ihnen schlicht zu anstrengend. Wie oben erwähnt, geht es nicht darum, dem Kind möglichst viele Wünsche zu erfüllen, sondern seine Wünsche zu hören und darauf einzugehen, nötigenfalls auch mit einem Nein. So lernt das kleine Kind zusehends besser zu warten, auf etwas zu verzichten oder zu teilen. Diese Fähigkeiten kommen nicht von alleine, sie müssen tagtäglich geübt werden und oft kommt es dabei auch zu unterschiedlich starken Frustrationsäusserungen. Aber nur so wird es das Kind schaffen, Autonomie zu gewinnen. Nur wer Verzicht leisten und seine Bedürfnisse auch mal aufschieben kann, hat Autonomie in seinem Handeln. Menschen, denen das nicht gelingt, handeln nach dem Lustprinzip, ein gefährlicher Zustand, da man so leicht in eine Abhängigkeit geraten kann.
Joachim Bauer, Arzt und Psychotherapeut, bringt die Bedürfnisse des Kindes in seinem Buch «Wie wir werden, wer wir sind» gut auf den Punkt: « Lass mich – durch die Resonanz, die ich von dir erhalte – spüren, dass ich existiere. Zeige mir durch die Art, wie du auf mich reagierst, wer ich bin. Zeige mir durch die Art, wie du auf meine Emotionen reagierst, wie man Gefühle auslebt und mit Affekten umgeht. Zeige mir durch die Art, wie du mit anderen Menschen umgehst und wie du mit dir umgehen lässt, was es heisst, Mitmensch zu sein. Lehre mich, was man mit alledem, was die materielle Welt ausmacht, anstellen kann – oder nicht anstellen sollte.»
Quellen:
1) Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit
2) Ann-Kathrin Scheerer, Vortrag vom 11./12. Oktober 2008 gehalten bei der Tagung "Kinder in der Krippe - Chancen und Risiken aus psychoanalytischer Sicht"