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SDG 12
Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen
Das zwölfte Ziel für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ist die Schaffung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster. Die Funktionsweise der Tabakindustrie steht jedoch in eklatantem Widerspruch zu diesen Zielen. Zigaretten sind das einzige Konsumgut, das mindestens die Hälfte seiner Konsumentinnen und Konsumenten tötet – insbesondere, wenn die Zigarette auf die Art und Weise konsumiert wird, wie vom Hersteller vorgesehen.
Weltweit sterben jährlich über 8,2 Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, darunter 1,2 Millionen, die Passivrauch ausgesetzt waren.[1] In der Schweiz sterben jedes Jahr 9’500 Menschen an den Folgen des Rauchens, das entspricht einer Person pro Stunde.[2] Hinzu kommen die durch den Tabakkonsum verursachten Umweltschäden, insbesondere durch die Milliarden von Zigarettenstummeln, die jedes Jahr achtlos in die Natur geworfen werden, und der schädliche Ausstoss von Treibhausgasen, die bei der Zigarettenherstellung entstehen.
Auch die Zigarettenherstellung entspricht den Kriterien einer verantwortungsvollen Produktion nicht. Der Tabakanbau führt zu Waldrodungen, Bodenerosionen und zur Verunreinigung von Fliessgewässern. Gleichzeitig wird Land monopolisiert, das für den Anbau wichtiger Nahrungsmittel und Rohstoffe genutzt werden könnte. Die Zigarettenproduktion führt ausserdem dazu, dass die Tabakbäuerinnen und -bauern in der Armutsspirale verharren. Sowohl auf den Tabakfeldern als auch in den Fabriken beschäftigen die Zigarettenhersteller viele Kinder und behandeln ihre Arbeiterinnen und Arbeiter oft wie Sklaven.
Um eine nachhaltige Produktion und einen nachhaltigen Konsum zu gewährleisten, müssten diese Arbeitsplätze in eine produktive Tätigkeit umgewandelt werden, die einen realen Mehrwehrt für die Gesellschaft schafft und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen bietet. Einige Länder haben bereits entsprechende Substitutionsprogramme eingeführt. So hat beispielsweise Kenia ein Schulungsprogramm für seine Tabakbäuerinnen und -bauern entwickelt, das sie ermutigen soll, vom Tabakanbau auf den Bohnenanbau umzusteigen. Diejenigen unter ihnen, die diesen Schritt gewagt haben, konnten ihr Einkommen deutlich steigern.[3]
Malawi hat Subventions- und Aussaatprogramme initiiert, um den Anbau von Baumwolle, Tee, Zucker oder Hülsenfrüchten anstelle von Tabak zu fördern. Diese Entwicklung verläuft jedoch nicht ohne Schwierigkeiten: der Mangel an Ackerland, die Tatsache, dass einige Kulturen (z. B. Obstbäume) erst nach mehreren Jahren rentabel sind sowie die Konkurrenz aus reicheren Ländern erschweren die unternommenen Bestrebungen.[4]
Auch die hohen Subventionen an die Tabakindustrie tragen nicht dazu bei, dass diese Kulturen aufgegeben werden. Die 26’000 europäischen Landwirtinnen und Landwirte, die diese nikotinhaltigen Pflanzen anbauen, erhalten im Rahmen der nächsten Gemeinsamen Agrarpolitik der EU für den Zeitraum 2023–2027 rund 100 Millionen Euro.[5] In der Schweiz fliessen jährlich 13 Millionen Franken in den SOTA-Fonds zur Förderung des heimischen Tabakanbaus,[6] während die Zahl der Schweizer Tabakbäuerinnen und -bauern stetig sinkt; im Jahr 2020 waren es nur noch 135.[7]
Dennoch greift die Tabakindustrie den Diskurs über eine verantwortungsvolle Produktion und einen verantwortungsbewussten Konsum auf. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sie begonnen, beträchtliche Summen in die Publikation von langen, reich bebilderten Berichten zur sozialen Verantwortung zu investieren. British American Tobacco veröffentlichte seinen ersten Bericht im Jahr 2003 und startete im Jahr 2020 ein Programm zur «ökologischen und sozialen Governance», in dem es versprach, die Auswirkungen seiner Produkte auf Gesundheit und Umwelt zu minimieren.[8]
Philip Morris International (PMI) hat eine eigene Online-Plattform mit zahlreichen Fallstudien über ihr Engagement im Bereich Umweltschutz und Menschenrechte erstellt.[9] Die Altria-Gruppe hat ihre Spenden erhöht: Allein im Jahr 2018 spendete sie 5,6 Millionen Dollar an Umweltorganisationen. Sie finanziert auch Museen, Gay Pride Events und das Amerikanische Rote Kreuz.[10] Auch in der Schweiz finanziert PMI eine Vielzahl von NGOs, insbesondere das Schweizerische Rote Kreuz nimmt seit vielen Jahren Geld von PMI an.
Indem die Tabakunternehmen Aktivitäten im Bereich der sozialen Verantwortung fördern, stellen sie sich als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems dar. Damit verschaffen sie sich Zugang zu den Stellen, an denen Entscheidungsträger Beschlüsse zur Tabakkontrolle treffen, und verschaffen sich damit sogar eine Plattform, wo Zigarettenwerbung verboten ist. Organisationen zur Eindämmung des Tabakkonsums prangern diese Vorgehensweisen immer wieder an.[11]
Hinter den Kulissen legen Tabakhersteller ein deutlich weniger verantwortungsbewusstes Verhalten an den Tag. Wohl wissend, dass ihre Zukunft von der Gewinnung neuer Raucherinnen und Raucher abhängt, werben sie weiterhin bei den Jugendlichen für ihre Produkte. Dies geschieht in der Regel auf Umwegen und unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Tabakkonsums bei Jugendlichen. Die Kampagne von Philip Morris "Think. Don't Smoke" ("Denk nach. Rauch nicht.") enthielt zwei Botschaften: Rauchen ist etwas für Erwachsene und stellt ein Risiko dar. Diese Werbung sprach ein jugendliches Publikum eher an, als es vom Rauchen abzubringen.[12]
Die Schwellenländer sind der andere wichtige Wachstumsmarkt, auf den sich die Zigarettenhersteller konzentrieren – vor allem weil es schwierig geworden ist, in den Industrieländern zu werben. Afrika steht besonders im Visier. In Nigeria ist es nicht ungewöhnlich, auf einem Schulhof Plakate zu sehen, die für Marlboro oder Lucky Strike werben. Ebenso werden Zigaretten dort stückweise verkauft, was in vielen Ländern verboten ist; Zigaretten werden dadurch auch für Kinder oder Menschen mit sehr niedrigem Einkommen erschwinglich.[13]
Die Auswirkungen dieser Kampagnen zeigten sich schnell: Afrika ist der Kontinent, in dem die Zahl der Raucherinnen und Raucher in den letzten 30 Jahren am stärksten gestiegen ist. In Nordafrika und im Nahen Osten betrug der Anstieg in diesem Zeitraum 104 %.[14] In Subsahara-Afrika waren es 75 %. Eine besorgniserregende Entwicklung, die kaum in den Berichten zur sozialen Verantwortung der grossen Zigarettenhersteller auftauchen wird.
[4] Lencucha R, Moyo T, Labonte R, Drope J, Appau A, Makoka D. Shifting from tobacco growing to alternatives in Malawi? A qualitative analysis of policy and perspectives. Health Policy Plan. 2020;35(7):810-818. doi:10.1093/heapol/czaa057
[12] Ibidem
[14] GBD 2019 Tobacco Collaborators. Spatial, temporal, and demographic patterns in prevalence of smoking tobacco use and attributable disease burden in 204 countries and territories, 1990-2019: a systematic analysis from the Global Burden of Disease Study 2019 [published correction appears in Lancet. 2021 Jun 19;397(10292):2336]. Lancet. 2021;397(10292):2337-2360. doi:10.1016/S0140-6736(21)01169-7