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Berlin 18. Sept. 1851.
Lieber Vetter!
Endlich ist es mir gelungen, mit Mommsen in Leipzig persönliche Rücksprache zu nehmen. Er wiederholte mir seine frühere Äußerung, daß sein bleibendes Streben nach einer deutschen Universität gerichtet sei, daß er aber geneigt sei nach Zürich zu kommen, wo er in politischer Beziehung sich als Fremden betrachten würde. Vor Ostern 1852 könne er aber Leipzig nicht verlassen, weil ihn seine Inscriptionen-Sammlung und die diesfälligen Pflichten gegen seinen Verleger so lange zurück hielten. Ich glaube zwar fortwährend, daß Mommsen eine glänzende Acquisition für Zürich wäre, da er wirklich in seinem Specialfach eine erste Stelle einnimmt, aber ich darf doch nicht verhehlen, daß ich ihn nach allem was ich höre, nicht für einen glänzenden Docenten halten kann, und ob er eigentlich die dogmatische Seite mit großer Liebe bearbeiten würde, ist mir auch nicht ganz ausgemacht. Er ist indessen so bedeutend, daß ich den Studenten zumuthen möchte, einen vielleicht nicht besonders anziehenden Vortrag zu übersehen, aber in wie weit diese Zumuthung erfüllt würde, kannst Du besser beurtheilen. Habt Ihr bei Anlaß von Geib's Abgang vielleicht an Osenbrüggen gedacht, der eben von Rußland her | vacant geworden ist, und nach allem, was ich höre, ein sehr guter Docent sein soll? Derselbe hat bisher, wenn ich nicht ganz falsch berichtet bin, über Criminalrecht gelesen, würde wahrscheinlich auch Civilproceß lesen, und kommt auch als Romanist in Betrachtung. Wo er diesen Augenblick sich aufhält, habe ich noch nicht erfragen können; das würde sich aber bald finden, wenn Ihr auf ihn reflectiren solltet.
Meine Frau hat mir mit großem Vergnügen von Euerer Zusammenkunft in Bern und von dem Congreß auf der Platform erzählt, und ich kann Dir und den l. Deinigen nicht genug danken für alle Liebe und Freundlichkeit, die Ihr ihr und den Jungen erwiesen habt. Alle grüßen aufs schönste, und Emma auch.
Ich bin doch im höchsten Grade begierig, ob jetzt die wirkliche Großthat einer Eidgen. Universität gelingen wird, und es interessirt mich jeder Schritt, den die Sache macht.
Jetzt lebe wohl, grüße herzlich Vater, Mutter, Clementine, dann Rüttiman und wer uns nachfrägt.
Dein
D F. L. Keller.