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Volksgruppen in Nepal: Sherpa
Nach einer ersten dreiteiligen Artikelreihe über die Volksgruppen in Nepal1 wird im vorliegenden Beitrag der wohl bekannteste Stamm vorgestellt: die Sherpa, die - neben ihrer anders verlaufenen kulturellen Entwicklung -mehr Gemeinsamkeiten mit unseren in den Alpen wohnenden Vorfahren aufweisen, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.
Der Name Sherpa kommt aus der tibetischen Sprache und bedeutet «Ostvolk» (tib. shar= Osten, pa = Volk, Leute). Diese Bezeichnung nimmt nicht Bezug auf ihr Siedlungsgebiet in Ostnepal, sondern auf ihren Ursprung in Osttibet. Gleichzeitig wird die Sprache dieses Volkes «Sherpa» genannt. Es handelt sich um | einen osttibetischen Dialekt, der sich auf der langen Wanderung und im j Kontakt mit anderen Bergvölkern in 5 Nepal weiterentwickelt hat. Nur we-„ nige Sherpas schreiben ihre Sprache ö auch in tibetischer Schrift. Sonstbleibt sie eine gesprochene Sprache. 44 Schreiben sich zwei Sherpas, so tun sie dies gewöhnlich in Nepali und in der dazugehörigen Devanagari-Schrift. Die Sherpa-Sprache kennt nur gerade die Zahlen von eins bis zwanzig. Darüber hinaus wird ebenfalls in Nepali weitergezählt.
Die Sherpa sind eigentlich Bergbauern und Viehzüchter. Auf ihren kargen Böden gedeihen Kartoffeln, Gerste, Buchweizen und Gemüse. Ihre Dörfer im Khumbu befinden sich auf Höhen von 3400 Metern und darüber, also im Lebensraum des Yak. Der Yak ist zwar ein ausserordentlich nützliches und wertvolles Tier, aber manchmal etwas störrisch und auch gefährlich. Zudem können die Yak in Nepal unterhalb von 3000 Metern nicht längere Zeit überleben. Die cleveren Sherpa haben sich deshalb auf die Züchtung von Hybriden spezialisiert. Es sind dies Kreuzungen zwischen Yak und Rind. Die männlichen Sprosse dieser Verbindungen heissen Zopkyo (Sherpa: dzo) und sind sehr beliebte Trag- und Arbeitstiere. Die weiblichen Nachkommen werden Chhauri (Sherpa: dzom) genannt und gelten als zuverlässige Milchlieferanten.
Die Zopkyo wurden hauptsächlich über den Nangpa La ( tib./a = Pass ) nach Tibet, die Chhauri in das Vorgebirge Nepals exportiert. Bei ihren Reisen in diese Gebiete führten die Sherpa allerlei Tauschgut mit: Salz, Wolle und Fett aus Tibet; Reis, Mais, Hirse und Weizen aus dem Tiefland. Mit diesen Produkten wurden ebenfalls Gewinne erzielt.
Während der rauen Wintermonate verschlug es viele Sherpa nach Darjeeling, das in der Viktorianischen Epoche eine grosse Blüte erlebte. Nebst den berühmten Teeplantagen wurde dort auch ein Industriezweig gepflegt, den man heute Tourismus nennt. Als einer der ersten erkannte der schottische Arzt Dr. Alexander Mitchell Kellas, dass sich die Sherpa auf seinen Bergtouren als sehr zuverlässige und stets fröhliche Begleiter bewährten. Auf den grossen Himalayaexpeditionen dieses Jahrhunderts wurden die Sherpa auf Grund ihrer menschlichen und körperlichen Qualitäten zu einem entscheidenden und nicht mehr wegzudenkenden Erfolgsfaktor. Ihre Aufgabe, das Tragen von Lasten zwischen Basislager und den Hochlagern, wurde für viele Sherpa zum Nebenerwerb, ja zum Beruf, der schliesslich auch nach dem Namen dieses tibetischstämmigen Volkes bezeichnet wurde. Heute ist der Tourismus in grossem Stil in ihr Siedlungsgebiet am Fuss des Mount Everest eingekehrt; an ihm partizipieren die meisten Sherpa in irgendeiner Form, als Hotel- oder Lodgebesitzer, Restaurateur, Sirdar Führer), Koch, Expeditionsteilnehmer oder -helfer und als Inhaber von Trekkingagenturen oder Reisebüros im fernen Kathmandu.
Die Sherpa sind ein sehr fröhliches Volk, tolerant, treu, zuverlässig und ausdauernd. Ihre selbstsichere Gewandtheit muss hervorgehoben werden, denn diese wirkt nie überheblich. Die Sherpa sind die einzige Volksgruppe, die es im Auftreten mit den herrschenden Bahun und Chhetri aufnehmen kann, nicht des beschlagenen Mundwerks wegen, sondern kraft ihrer Überzeugung.
Die Sherpani kleiden sich auch heute noch relativ traditionell. Ein dunkelfarbiges, kurzärmeliges Faltenkleid {enki ) wird mit farbenprächtigen Streifenschürzen zusammengehalten. Dazu trägt die Sherpani eine Bluse und zur kühlen Zeit eine Wolljacke. Türkise, Korallen und zh/'-Steine sind beliebte Schmuckstücke, die an den Ohren und um den Hals getragen werden. Eine grosse Silberspange hält vorn die Schürzen zusammen. Die traditionelle Tracht der Männer ist die schwarze chuba, ein langärmeliger langer Wollmantel, der an der Hüfte mit einer farbigen Schärpe zusammengehalten wird. Meist stolzieren die Sherpa an Festen in diesem einfachen und deshalb edlen Gewand herum. Der rechte Ärmel baumelt oft lässig auf dem Rücken. Die ursprünglichen farbigen Filzstiefel sind leider weitgehend verschwunden.
Augenschein in einem typischen Sherpahaus Nicht zuletzt auf Grund des unwirtlichen Hochgebirgsklimas haben die Sherpa eine Wohnkultur entwickelt, die bemerkenswert ist. Im Erdgeschoss ihrer massiven Steinhäuser befinden sich die Ställe, wo Rinder, Pferde und Yakkälber gehalten werden. Eine Holztreppe führt in den ersten Stock. Dort folgt zunächst ein schmaler Flur, der geradewegs in einen behaglichen Küchen-, Wohn-, Arbeits- und Schlafraum führt. Hinter der Flurwand befindet sich die Kochstelle, früher ein offenes Feuer, heute meist ein chulo, ein gemauerter Herd. Die Frontwände sind mit mehreren Fenstern aufgelockert. Darunter befindet sich eine Reihe von Sitz- bzw. Schlafstellen. Davorstehen kleine Tischchen auf dem Bretterboden. Die Hinterwand besteht aus einem kompakten, grossen Gestell mit jeglicher Art von Hausrat. Am Kopf der Flurwand wird meist das dromo aufbewahrt, jener Holzzylinder, in dem der unvermeidliche salzige Tibeter Tee verquirlt wird. Darüber hängt oft eine Gebetstrommel, die beim Ein- und Austreten im Uhrzeigersinn gedreht - wird. Gegenüber dem Eingangsflur, führt in den Häusern wohlhabender Familien eine Tür zur Hauskapelle, lhakang genannt. Diese ist ausgestattet mit einem Bücherregal und einer Art Altar, auf dem die sieben Silberschalen, ein Weihrauchgefäss, Statuen und Butterlampen ruhen. An den Wänden hängen Rollbilder (thangka). Das Heiligtum ist von aussen durch seinen höheren Quergiebel kenntlich. Das Dach besteht aus Schindeln. In der Nähe des Hauses sind Gebetsfahnen und manchmal auch gemeisselte Manimauern zu sehen. Jedes Sherpahaus besitzt traditionell eine Latrine, die mit Kiefernnadeln und Laub geruchfrei gehalten wird.
Das Haus steht inmitten der Felder und Weiden, die zu ihm gehören. So entstehen relativ lockere Siedlungen. Die Feldsteine werden als Mäuerchen rund um die Anbauflächen locker aufgeschichtet. Relativ untypisch für die Sherpa sind Haufensiedlungen wie z.B. Namche Bazar. Dieser wichtige Basarort hatte seit jeher grosse Bedeutung im Handel mit Tibet und dem Unterland und ist somit weniger auf die Landwirtschaft ausgerichtet als Khumjung und Khunde, die ganz in der Nähe liegen. Die Verwaltung des Solukhumbu-Distrikts liegt übrigens in Sai Ieri. Dort- im So lu - leben die Sherpa als Mehrheit vermischt mit Chhetri, Bahun, Tamang, Magar und Kami. Im Khumbu jedoch sind die Sherpa unter sich.
Die Kinder wachsen heute in einer Umgebung auf, die durch die verschiedensten Tätigkeiten geprägt ist. Nebst Landwirtschaft und Viehzucht spielt der Tourismus eine dominierende Rolle. Überall im Solukhumbu gibt es gute bis sehr gute Schulen, weshalb die Sherpakinder zu den am besten ausgebildeten Nepali gehören. Viele Junge besuchen auch Internate in Kathmandu oder sogar in Indien oder den USA. Die Zeiten, da die Kinder - wie z.B. bei den Tamang - ausschliesslich mit Arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb beschäftigt waren, gehören weitgehend der Vergangenheit an. Heute helfen sie den Eltern nach der Schule in der Lodge oder verdienen sich in der schulfreien Zeit als Hilfskraft oder Yaktreiber bei Trekkinggruppen etwas Geld.
Die Sherpa haben es verstanden -im Gegensatz zu allen anderen Volksgruppen im Lande -, eine Art Familien-planung zu betreiben. Familien mit mehr als vier Kindern sind selten. Der jüngste Sohn erbt das Gut der Eltern, die anderen Geschwister werden von ihm ausbezahlt. Die Familienkasse wird von der Frau verwaltet.
Die Heirat, vor allem jene des jüngsten Sohnes, wird von den Eltern vermittelt. Diese suchen eine geeignete Braut, wobei wirtschaftliche Interessen ebenfalls eine Rolle spielen. Die Eltern des Bräutigams besuchen mit einigen engen Verwandten die Eltern der Braut und überreichen einen Kuchen aus tsampa und andere kleine Geschenke. Werden diese Gaben angenommen, wird die Angelegenheit weiter verfolgt; werden sie abgelehnt, gilt sie als erledigt. Nun wird durch den Lama ein geeignetes Datum fixiert, an dem die « erste Heirat » - eher eine Verlobung - gefeiert werden soll. Die Angehörigen des Bräutigams und er selbst natürlich finden sich im Haus der Braut ein, und es folgt ein ausgelassenes Fest, an dem viel chang getrunken, getanzt und gesungen wird. Diese Festlichkeiten können zwei bis drei Tage samt den dazwischenliegenden Nächten andauern. Der Bräutigam wird im Haus seiner Braut zurückgelassen. Im Abstand von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren folgt das grosse Gegenfest im Haus des Bräutigams. Nun finden sich alle Verwandten der Braut ein, und diese wird von diesem Tag an in ihrem neuen Heim verweilen. Zwischen den beiden Hochzeiten können durchaus schon Kinder zur Welt kommen. Wohlhabende Familien lassen sich von Astrologen noch ein drittes Datum für eine letzte Feier geben. Dieses wird oft in Zusammenhang mit der Geburt des ersten Sohnes angesetzt. Die Sherpani behalten nach erfolgter Heirat übrigens ihren eigenen Namen.
Ähnlich den Tamang und anderen tibetischstämmigen Gruppen verbrennen die Sherpa ihre Toten auf einem Berg. Parallel dazu lesen Lamas im Hause des Verstorbenen die entsprechenden Texte aus dem tibetischen Kanon. Diese Zeremonien können im Extremfall 49 Tage andauern.
Die Sherpa pflegen den Lamaismus, die tibetische Form des Buddhismus, den sie aus ihrer alten Heimat Kham mitbrachten. Zur Zeit ihrer Auswanderung waren die grossen Reformationen noch nicht vollzogen, aus denen die Gelbmützensekte Gelupka hervorging, weshalb die Sherpa den altgläubigen Sekten der Nyingmapa und Kargyüpa zugetan sind. Herrliche Klöster finden sich in den meisten Sherpadörfern. Besonders schöne Konvente sind in Junbesi, Chiwong, Tragsindo, Phakding, Thame, Namche Bazar und Pangpoche zu finden. Das wichtigste und bekannteste Sherpakloster ist aber jenes von Tengpoche. Es ist im Januar 1989 durch einen Brand leider vollständig zerstört worden, wobei viele Bücher, Statuen und thangka ein Raub der Flammen wurden. Dank grosser Solidarität der Sherpa mit ihrem Heiligtum und massiver Hilfe aus dem Ausland konnte das Kloster Tengpoche bereits 1994 wieder feierlich eingeweiht werden. Es wurde im Westen wohl deshalb so berühmt, weil seine Lage absolut einmalig ist und es auf dem Weg zum Mount Everest liegt. Dieser Berg heisst bei den Sherpa Chomolungma (Göttin Mutter des Landes). Viele Berge werden als Heiligtümer oder Göttersitze in Ehren gehalten.
Drei grosse Feste beherrschen den Jahresablauf der Sherpa. Zusammen mit allen Tibetern wird losar gefeiert, das tibetische Neujahr. Die Sherpa orientieren sich am tibetischen Kalender, der aus einem 60-jährigen Zyklus mit Jahresnamen besteht, die je aus einem Element und einem Tier zusammengesetzt sind. 1998 war beispielsweise das «Erd-Tiger-Jahr», 1999 das «Erd-Hase-Jahr», und 2000 ist das «Eisen-Drache-Jahr». Während des losar, das im Winter stattfindet, besuchen sich die Sherpa gegenseitig und pflegen soziale Kontakte mit entsprechend viel Gesang und alkoholischer Tranksame.
Im Juni folgt dumjee, eine Fürbitte für ausreichende Niederschläge während der Monsunzeit. Gewöhnlich sind zu dieser Zeit die Felder bestellt, und man bereitet sich vor, mit den Tieren auf die Alpen zu ziehen. Das Fest dauert etwa eine Woche, und die Zeremonien in den Dorfgom-pas werden von Mönchstänzen begleitet. Im Oktober (in Chiwong und Thame im Mai) geben sich die Sherpa und viele Schaulustige aus dem Rest der Welt ein Stelldichein beim grossen Mani-Rimdu-Tanzfest in Tengpoche. Diese alte Tradition wurde von Trulshig Rimpoche, dem «Herrn der Tänze», ins Sherpaland gebracht. Dieser höchste Lama residiert im Kloster Thupten Chhöling in der Nähe von Junbesi. Die Tänze dauern zwei Tage und bilden ein beispielloses sozialreligiöses Ereignis.
Kein anderes Volk am Himalayabogen hat sich durch Arbeit und Ideen derart entwickeln können wie die Sherpa. Viele sind auch nach Kathmandu ausgewandert, wo sie als tüchtige Geschäftsleute bekannt sind. Trotzdem sind die Sherpa stark mit ihren Traditionen verbunden und suchen stets den Kontakt zu ihresgleichen. Ihre Religiosität ist fest verankert. Allerdings werden der auch im Khumbugebiet sich verstärkende ständige fremde Einfluss und die zunehmende Tendenz zur Abwanderung in die Hauptstadt zu einer Verwässerung der Traditionen führen. Die Sherpakinder, die heute in Kathmandu aufwachsen, beherrschen meist ihre Stammessprache nicht mehr und werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht mehr ins Khumbu zurückkehren, um dort zu leben. Jenen, die im Kerngebiet des Berglandes südlich des Everest verbleiben, stehen im Moment aber genügend Möglichkeiten zur Verfügung, sich ein Leben zu gestalten, das ihnen ein für die dortigen Verhältnisse gutes Auskommen sichert.