Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03159.jsonl.gz/598

Artikelinhalte
«Das Individuum und nicht das Geschlecht soll im Vordergrund stehen.»
Interview: Samanta Siegfried
Wie geschlechtergerecht ist der Schulunterricht in der Schweiz? Nicht allzu sehr, wie eine aktuelle Studie der Bildungswissenschaftlerin Elena Makarova zeigt. Auch für das Ziel einer gleichberechtigten Berufswelt sieht sie noch viel Handlungsbedarf.
UNI NOVA: Frau Makarova, was haben Sie für eigene Erinnerungen an den Mathematikunterricht?
ELENA MAKAROVA: Dazu muss ich zuerst sagen, dass ich meine Schulzeit in der damaligen Sowjetunion absolvierte. Dort hatten mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer eine wichtige Bedeutung, um die Vormachtstellung des Landes im Kalten Krieg zu sichern. Mathematik wurde in meiner Schulzeit sehr stark gewichtet, auch in Informatik und in Grundlagen des Programmierens wurden wir unterrichtet. Ich erinnere mich an weibliche wie männliche Lehrpersonen. Ich mochte mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer gerne und hatte eigentlich immer gute Noten. Zwischen Jungen und Mädchen wurden keine Unterschiede gemacht.
UNI NOVA: Das klingt nach einer ganz anderen Erfahrung, als sie viele Frauen in der Schweiz gemacht haben dürften …
MAKAROVA: Ja, im Vergleich zur Schweiz war das Schulsystem der Sowjetunion bereits damals auf den sogenannten koedukativen Unterricht ausgerichtet, der beide Geschlechter gleichermassen einbezieht. In der Schweiz wurden die Mädchen früher ja noch in die Hauswirtschaft geschickt und waren teilweise vom naturwissenschaftlichen Unterricht ausgeschlossen.
UNI NOVA: Hält sich deswegen die Annahme bei uns so hartnäckig, Jungen seien besser in Mathe als Mädchen?
MAKAROVA: Wenn nach PISA-Testergebnissen Überschriften zu lesen sind wie «Mädchen haben Angst vor Mathe» oder Ähnliches, dann befördert das diese Annahme natürlich. Dabei werden die Unterschiede, meist unbewusst, an das biologische Geschlecht gekoppelt. Diverse Studien zeigen aber, dass eine solche Erklärung zu kurz greift. So sind Mädchen oft in den ersten Schuljahren noch gleich gut oder besser als Jungen in Mathe und verlieren diesen Vorsprung erst später. Auch ist erwiesen, dass sich Unterschiede im Leistungsbereich durch gezielte Interventionen ausgleichen lassen: Zum Beispiel zeigt eine Studie, dass Mädchen nach einer kurzen Trainingsphase den zunächst existierenden Vorsprung von Jungen im räumlichen Vorstellungsvermögen und in mentalen Rotationen aufholen. Das bestätigt die Vermutung, dass geschlechtsspezifische Unterschiede nicht auf evolutionsbiologische, sondern auf sogenannt sozialisatorische Ursachen zurückzuführen sind.
UNI NOVA: Das heisst, wir werden so erzogen?
MAKAROVA: Der sozialisatorische Ansatz geht davon aus, dass Unterschiede aufgrund von Erfahrungen entstehen. Diese Erfahrungen wiederum sind eng mit sozialen Erwartungen verknüpft, die vom familiären und sozialen Umfeld an einen herangetragen werden. Konkret: Kinder merken früh, ob ihnen eine Begabung in Naturwissenschaften zugeschrieben wird oder nicht. Diese Zuschreibungen werden verinnerlicht und haben wiederum eine Auswirkung auf die Selbstbeurteilung der eigenen Begabung, fachliche Interessen und die Freude am Schulfach. Und die Motivation, auch das ist vielseitig belegt, spielt eine grosse Rolle für die Leistung. Zwar werden die meisten Menschen mit einem eindeutigen biologischen Geschlecht geboren. Was es aber bedeutet, «Mann» oder «Frau» zu sein, lernt man erst im sozialen Umfeld von den Eltern, den Geschwistern, den Freunden. Aber auch in der Schule als einem wichtigen soziokulturellen Umfeld.
UNI NOVA: Für ein aktuelles Projekt haben Sie schulische Lehrmittel in Naturwissenschaften der Sekundarstufe II auf ihre Geschlechtergerechtigkeit geprüft. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
MAKAROVA: Zum einen haben wir ein sprachliches Ungleichgewicht festgestellt. In den analysierten Lehrmitteln gibt es praktisch keine weiblichen Protagonistinnen, und es wird fast nur das generische Maskulinum angewendet: Die Rede ist vom Physiker oder vom Naturwissenschaftler. Wie Studien aber zeigen, löst das generische Maskulinum eine stärkere mentale Repräsentierung von männlichen Personen aus als Schreibweisen wie Binnen-I und Schrägstrich. Auch wenn steht, «Personen des weiblichen Geschlechts sind mitgemeint», dann sind sie vielleicht mitgemeint, aber nicht repräsentiert. Weil Sprache verkörpert! Und mit der Bezeichnung Physiker werden Personen männlichen Geschlechts verkörpert. Eine andere Studie hat untersucht, ob geschlechtergerechte Sprache schwerfällig ist. Das Resultat: Weder die Lesbarkeit eines Textes noch das Textverständnis wird beeinträchtigt. Ich staune ehrlich gesagt, dass wir heute die Diskussion überhaupt führen müssen, ob weibliche und männliche Protagonisten sprachlich gleichmässig abgebildet werden sollten.
UNI NOVA: Gab es noch andere Unterschiede in den untersuchten Lehrmitteln?
MAKAROVA: Ja, es fehlen etwa auch zeitgemässe weibliche Vorbilder. Meist trifft man Marie Curie an, selten noch Lise Meitner. Das wars. Ansonsten werden überwiegend Frauen jüngeren Alters abgebildet, meist beim Ausüben eines Hobbys, nicht aber bei einer Erwerbstätigkeit. Die Männer in den Abbildungen dagegen sind älter und werden bei einer prestigeträchtigen beruflichen Tätigkeit dargestellt, etwa als Wissenschaftler. So reproduzieren Lehrmittel bis heute ein stereotypes Image der Naturwissenschaft als männliche Domäne. Das ist einfach nicht mehr aktuell. Das Problem ist, dass Lehrmittel vor allem inhaltlich überarbeitet werden. Aber schaut man ihre sozialisatorische Wirkung an, tradieren sie Geschlechterrollen aus den 1960er-Jahren. Da sehe ich grossen Handlungsbedarf.
UNI NOVA: Warum wurden die Lehrmittel nicht längst auf diese Punkte hin überarbeitet?
MAKAROVA: Zum einen, weil es noch zu wenig im Bewusstsein ist. Zum andern ist es sicher sehr aufwendig. Kürzlich überarbeitete ich in einem Projekt, das vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann unterstützt wurde, zusammen mit einer Autorin und einem Autor ein Physik-Lehrbuch. Das war ein sehr arbeitsintensiver Prozess. Zahlreiche Vorgaben mussten berücksichtigt werden: Die Inhalte mussten dem schulischen Curriculum entsprechen, thematisch zu den Aufgabenbeispielen passen und einen bestimmten Umfang nicht überschreiten. Weiter geht es nicht nur darum, einfach mehr Frauen als Naturwissenschaftlerinnen abzubilden, sondern im Allgemeinen mehr zeitgenössische Kontexte und Vorbilder in den Naturwissenschaften zu zeigen, das heisst, auch Männer und wissenschaftliche Teams, die aktuell forschen und arbeiten. Die rein sprachliche Überarbeitung übernahm in diesem Fall der Verlag, ein Aufwand, für den nicht alle Verlage bereit sind.
UNI NOVA: Neben einem geeigneten Lehrmittel können bestimmt auch Lehrpersonen viel mit ihrer Unterrichtsgestaltung bewirken. Was raten Sie dabei Ihren Studierenden?
MAKAROVA: Ja, die Unterrichtsgestaltung ist zentral. In meinem Seminar zur Bedeutung des Geschlechts im Sozialisations- und Bildungsprozess lasse ich die Studierenden gerne die eigenen unbewussten Vorurteile aufdecken. Zum Beispiel mit dem sogenannten impliziten Assoziationstest, der an der Harvard-Universität entwickelt wurde und Vorurteile gegenüber verschiedenen sozialen Kategorien testet, die mit Stereotypen verbunden sein können wie Geschlecht, Alter oder Ethnie. Es geht dabei nicht darum, zu sagen «Erwischt, Sie haben Vorurteile! », sondern zu zeigen, dass unsere Vorurteile oft unbewusster Natur sind. Und von da aus zu überlegen, inwiefern sie das pädagogische Handeln von Lehrpersonen im Unterricht beeinflussen können. Zum Beispiel das Feedback: Es gibt Studien, die zeigen, dass Lehrpersonen dazu neigen, Mädchen mehr für ihren Fleiss zu loben, etwa für ihre schöne Schrift, Jungen dagegen für ihre fachliche Leistung. Die Art und Weise, wie ein Feedback gegeben wird, hat einen grossen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung von Schülerinnen und Schülern.
UNI NOVA: Ich nehme aber an, vieles spielt sich bereits vor dem Schuleintritt ab. Wo sehen Sie die Aufgaben der Eltern?
MAKAROVA: Klar, Zuschreibungen zu einem Geschlecht und damit zu assoziierten Geschlechterrollen beginnen bereits ab der Geburt. So werden die Wahl der Kleider oder das Spielverhalten von Eltern oft dem Geschlecht des Kindes angepasst. Aber auch ausserhalb der Familie, zum Beispiel wenn es später um die berufliche Orientierung geht, signalisieren verbreitete Bezeichnungen wie «Feuerwehrmann » und «Arztgehilfin», dass sich gewisse Berufe nur für ein Geschlecht eignen. Deshalb würde ich auch den Eltern raten, die eigenen Vorurteile zu entlarven und zu versuchen, das Kind unabhängig vom Geschlecht mit verschiedenen Bereichen und Erfahrungen vertraut zu machen.
UNI NOVA: Sollte ich meinen Sohn also zum Ballett schicken?
MAKAROVA: Natürlich, wenn ihn das interessiert! Die Frage nach der Förderung von individuellen potenziellen Begabungen und Interessen sollte nicht vom Geschlecht abhängig sein. Aber es ist nicht einfach, entgegen von sozial geteilten Vorstellungen und Stereotypen zu handeln. Wir alle reproduzieren Geschlechterunterschiede immer aufs Neue im Sinn des «Doing-Gender-Prozesses».
UNI NOVA: Was heisst das?
MAKAROVA: Wer sich nicht den sozialen Erwartungen, die mit seiner oder ihrer Kategorie verbunden sind, entsprechend verhält, hat mit Sanktionen zu rechnen. Diese können sehr subtil sein, da reicht es, wenn jemand sagt: «Für ein Mädchen spielst du aber gut Fussball.» Unterschwellig bedeutet das: Du wirst dich nie mit den Jungen messen können, da du als Frau nicht die richtigen Voraussetzungen dafür hast, Fussball zu spielen. Das kann ein Mädchen entmutigen, ihr Interesse am Fussballspielen weiterzuentwickeln. Daher braucht es einen gesellschaftlichen Wandel, um die sozial geteilten Vorstellungen über Geschlechter zu ändern, auch strukturell.
UNI NOVA: Was sind da die Probleme?
MAKAROVA: Die Zahlen zeigen, dass sich auch jene Frauen, die über einen Abschluss in einem MINT-Fach verfügen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), nach dem Studium selten für eine berufliche Tätigkeit in diesem Bereich entscheiden. Und wenn doch, steigen sie viel häufiger wieder aus als Männer. Das hat auch mit der Familienpolitik zu tun. Denken wir nur an die UNICEF-Studie von diesem Sommer, bei der die Schweiz in Sachen Familienfreundlichkeit in Europa den letzten Platz belegt. Da ist der fehlende Vaterschaftsurlaub, der zu kurze Mutterschaftsurlaub, die zu teure Fremdbetreuung und so weiter. Es gibt Studien, die zeigen, dass Teilzeitstellen oft in sogenannten Frauenberufen zu finden sind, also in der Pflege, in sozialen oder pädagogischen Berufen. Der MINT-Bereich gehört definitiv nicht dazu. Dort ist die antizipierte Familie-Beruf-Vereinbarkeit viel schwieriger. Und schon sind wir im Teufelskreis: Weil Frauen in den frauentypischen Teilzeitberufen überrepräsentiert sind, schreibt man ihnen die Eigenschaften zu, die es dort braucht. Nach dem Motto: Das liegt Frauen mehr. So koppelt man strukturelle Einflüsse mit dem biologischen Geschlecht und reproduziert Vorurteile.
UNI NOVA: Bisher sprachen wir nur über die negativen Auswirkungen auf die Frauen. Aber was ist mit den Männern? Auch sie sind ja von bestimmten Zuschreibungen durch ihr Geschlecht betroffen.
MAKAROVA: Das Fehlen von Männern in sozialen und pädagogischen Berufen habe ich in meinen bisherigen Forschungsprojekten weniger berücksichtigt. Interessant in diesem Zusammenhang sind Studien, die zeigen, dass Männer in einem geschlechtsuntypischen Arbeitsumfeld eher bewundert werden und dass ihnen hohe Kompetenzen zugeschrieben werden, während Frauen in männerdominierten Berufen oft diskriminierende Erfahrungen machen. Klar ist: Egalitäre Verhältnisse können nur dann erreicht werden, wenn sich Vorurteile über beide Geschlechter wandeln. Aber solange wir weiterhin in zweigeschlechtlichen Kategorien denken, wird das nicht so einfach sein.
UNI NOVA: Wie meinen Sie das?
MAKAROVA: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sehr oft werde ich von Studierenden gefragt: «Was, wenn wir es einfach umkehren und beispielsweise nur noch Frauen in der Informatik haben und nur noch Männer in der Pflege?» Genau das ist aber nicht gemeint. Gemeint ist, dass die Berufswahl von Jugendlichen nicht davon abhängen sollte, was sie als typisch weiblich und typisch männlich betrachten, auch nicht unbewusst. Alle sollten ihre Berufswahl aufgrund von individuellen Interessen treffen können. Daher sollte bereits von der Geburt an das Individuum und nicht die Zuschreibung zu einem Geschlecht im Vordergrund stehen.
Weitere Artikel in der aktuellen Ausgabe von UNI NOVA.