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25 Jahre gfs.bern. Der letzte Rückblick von Gründer Claude Longchamp
Wie alles begann
Am 16. Januar 1991 sass ich im Restaurant "Il Tartufo" im Zürcher Enge-Quartier. Mir gegenüber war die Chefredaktion des Schweizer Fernsehens. Das Treffen fand statt, um ein Papier von mir mit dem Titel "Berner Platte" zu besprechen und zu verabschieden. Vorgeschlagen wurde darin, die Bundespolitik aus Bern auf eine neue Art zu vermitteln; heute würde man sagen, datenjournalistisch zu kommunizieren. Die Verhandlungen hierzu verliefen nicht geradlinig, aber erfolgreich, als in den Mittagsnachrichten von Radio DRS die Mitteilung kam, die USA haben am Morgen damit angefangen, im Zweiten Golfkrieg zwischen Irak und Kuweit zu intervenieren. Die Chefredaktion brach das Essen ab und eilte an den Leutschenbach, um eine Sondersendung zum aktuellen Thema vorzubereiten. Vor dem Aufstehen meinte Toni Schaller noch, "Du hast den Job."
Mein erster grosser Auftritt war bei den nationalen Wahlen 1991 - am Wahltag selber und am Tag danach. Ersteres war eine Sendung wie auf dem Reissbrett, noch ohne grosse Herausforderungen. Die geplante Benzinpreiserhöhung und der kleine Sieg der Autopartei waren das Thema. Dafür war die Nachwahlsendung turbulenter, denn am Tag nach der Wahl einigten sich die EU und die EFTA auf den EWR und der Bundesrat legte erstmals offen, er beabsichtige, diesem beizutreten. Später fügte er bei, auch der EU beitreten zu wollen und den EWR nur als Zwischenschritt zu betrachten.
Ich wusste schnell, dass das mein "Fenster der Möglichkeiten" werden würde. Dieser Gedanke beschäftigte mich bereits seit 1989. Für den Schweizerischen Nationalfonds war ich Ende Oktober dieses Jahres an einem Kongress in Berlin. Der politisch-kulturelle Wandel der Schweiz war mein Thema. Ich sprach davon, dass sich politische Systeme in erster Linie durch ihre Leistungen namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht legitimieren würden, dass aber mit der Bildungsrevolution neue Bedürfnisse entstanden seien, die nur mit neuen Möglichkeiten der Beteiligung befriedigt werden könnten. Die Schweiz könne als Modell dienen, denn ihr politisches System mache dank Volksrechten genau dieses Angebot seit Langem.
Noch bevor ich wieder richtig Zuhause angekommen war, fiel die Berliner Mauer. Der Ruf der Freiheit erschallte. Die DDR sollte kollabieren und Deutschland neu erstehen. Ich begriff, dass der politisch-kulturelle Wandel nicht nur eine Theorie war, sondern die Praxis des Moments. Ich war aber unsicher, ob die Schweiz den Augenblick richtig verstehen würde, denn am Horizont zeichnete sich ein neues Europa ab, dass die Neutralität des Landes in Frage stellen würde.
In diesen Tagen konzipierte ich das Projekt des Europa-Barometer Schweiz. Es sollte nicht mehr nur die bekannte Ereignisanalyse sein. Vielmehr wollte ich damit mittel- und langfristige Trends in der Meinungsbildung analysieren. Dazu verliess ich das universitäre Forschungszentrum für schweizerische Politik, um das Berner Büro des GfS-Forschungsinstituts zu gründen. Dort wollte ich selbst politikwissenschaftliche Analysen, die ich an der Uni gelernt hatte, und politische Umfragen, wie man sie beim GfS praktizierte, kombinieren. Und ich wollte beides so kommunizieren lernen, dass es auch für Nicht-Fachleute verständlich sein würde. Eine eigentliche Forschungsstelle für Europa-Fragen schwebte mir vor.
Heute vor genau 25 Jahren war es soweit, denn gfs.bern eröffnete ich am 1. April 1992 mit einer grossen Party.
Der 6. Dezember 1992 als Kristallisationspunkt
Die EWR-Entscheidung war mein erstes grosses Forschungsprojekt. Das Integrationsbüro des Bundes sprach das nötige Geld zu, sodass ich die Meinungen der Bürgerschaft periodisch erheben konnte. Parteisekretariate von SP über CVP bis FDP zeigten Interesse, was mir politischen Rückhalt gab. Schliesslich sprangen auch einige Medien auf.
Die Forschungsergebnisse waren nicht eindeutig, denn die Meinungen schwankten in Zyklen. Diese entsprangen Ereignissen während der politischen Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern des EWR-Beitritts. Schnell kam man zum Schluss, nicht die Nation, vielmehr die Kantone würden den Ausschlag geben. Für den "Sonntagsblick" konnte ich eine Spezialanalyse konzipieren, deren Ziel es war, das Ständemehr abzuschätzen. Ich sass am Samstag mitten in der Redaktion, welche das Blatt machte, und hatte das Gefühl, professionelle Arbeit geleistet zu haben. Am anderen Morgen erschrak ich aber, als ich die Titelseite sah: "Aus für den EWR!" hatte die Chefredaktion im Schlussgang das Ganze zusammengefasst.
Als ich am 6. Dezember 1992 ins TV-Studio kam, eröffnete mir Toni Schaller schon in der Eingangstüre, ein Konkurrenzinstitut habe noch in der Woche vor der Abstimmung eine unveröffentlichte Umfrage gemacht. Sie zeige, dass es ein Ja geben würde. "Volksmehr dafür, Ständemehr dagegen"? Mit dieser Arbeitshypothese begann ich meine erste Hochrechnung an einem eidg. Abstimmungssonntag für die SRG. Speziell war der Vertrag, den ich damals hatte, denn er legte, ganz anders als heute, fest, dass unser Team nicht schnell, sondern langsam arbeiten sollte. Ein verbindliches Resultat dürfe keinesfalls vor 14 Uhr 30 vorliegen. Hauptgrund war, dass man lang im Voraus eine TV-Serie eingekauft hatte, die bis dann ausgestrahlt werden musste. Sie trug – ausgerechnet! - den vielsagenden Namen "Die 7 Kummerbuben"! Die lange Vorlaufzeit sollte mir noch zu Hilfe kommen, denn wir produzierten mitten in einem engen Technikerraum, den auch die Sportredaktion benutzte. Da stolperte der Sport-Präsentator über das Computerkabel, riss es raus und unser ganzes Programm stürzte ab. Eine Kopie hatten wir nicht! Mein Kollege, der alles programmiert hatte, radelte mit seinem Velo ins Seebach-Quartier, um sich von seinem Computer zu Hause eine Kopie zu ziehen. Es reichte gerade, um alles nochmals zu installieren, die Daten einzugeben und um rechtzeitig zu sehen, dass eine Mehrheit der Kantone, aber auch der Stimmenden den EWR-Beitritt abgelehnt hatte.
Am späten Abend lag ich im Hotel International auf dem Bett, als mich ein Telefon des Westschweizer Fernsehens erreichte. Eine bekannte Moderatorin, die das Geschäftliche für den Montag mit mir besprechen sollte, geriet dabei emotional aus allen Fugen. Wohl während einer Viertelstunde beschimpfte sie mich, auch einer dieser "totos" (dummen Deutschsprachiger) zu sein, der die Schweiz in eine abgrundtiefe Krise gestossen habe. Erst jetzt begriff ich, was das Nein zum EWR bedeuten würde. Ich war zwar der erste, der es wusste, aber ich war auch der letzte, der es merkte! Nun dämmerte mir auch, dass ich meine geplante Europa-Forschung neu konzipieren musste. Denn von der Aussen- musste ich mich schleunigst auf die Innenpolitik hin bewegen.
Die Polarisierung zwischen rechts und links
Ein Fest wie das heutige ist nicht der Ort, eine ausführliche Bilanz zu den Folgen des EWR-Neins zu ziehen. Dafür müsste man ausführlich die entstehende Polarisierung der Parteien, der Medien, ja der Gesellschaft analysieren. Man müsste nachzeichnen, wie sich die politische Kultur effektiv wandelte, wie sich die Programme der Akteure entwickelten, wie die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen im Detail reagierten. Und man müsste die Etappen der Europa-Politik mit den Bilateralen, dem EU-Beitritt und der Kontroverse rund um die Personenfreizügigkeit detailreich nachzeichnen. Das ist einfach zu viel. Eine paar persönliche Worte zu zwei grossen Linien, die ihren Anfang am 6. Dezember hatten, müssen hier genügen.
Die erste und wichtigere dieser Linien zeichnet den Aufstieg der SVP vom Juniorpartner zur wählerstärksten Partei der Schweiz nach. Zunächst konnten SP und Grüne noch mithalten. Vom dreigeteilten oder tripolaren Parteiensystem mit einem rechten und linken Flügel und einer Mitte, bestehend aus FDP und CVP, war ab 1995 die Rede. Die Fusion der Autopartei mit der SVP verschob das Gewicht klar nach rechts. Von nun an stand die Frage im Raum, wie der Bundesrat zusammengesetzt sein sollte. Der Zauber der Zauberformel wich. Es blieb die Formel. Diese sah nach dem wiederholten Wahlsieg der SVP 2003 vor, dass sie einen Bundesratssitz zulasten der CVP erhalten sollte. Christoph Blocher besetzte diesen 4 Jahre lang, bevor er 2007 abgewählt wurde. Die BDP stieg mit vorerst 2 Bundesratsmitgliedern in die Lücke. Doch kehrte die SVP 2009 mit einem, 2015 mit zwei Bundesräten in die Regierung zurück. 2011 sprach man noch nochmals von der neuen Mitte, die entstehen könnte. Die Erwartungen erfüllten sich nicht. 2015 war klar, die Schweiz hatte sich nach rechts bewegt, nicht nur bei den letzten Wahlen, sondern auch im Vergleich zu 1992. Sie ist 2002 nicht Mitglied der EU geworden, via Bilateralen seit 2000 mit dieser aber verbunden. Sie hat die Personenfreizügigkeit 2009 definitiv eingeführt, sich 2014 aber lautstark über die verlorene Souveränität in der Zuwanderungsfrage beklagt. Trotz neuem Arrangement, politisch bleibt die tiefe Trennung, die von der Europa-Frage ausgeht, mit einer SVP, die konservative und nationale Interessen und Gefühle bedient und damit bisweilen deutlich stärker ist, als es ihr Wähleranteil vermuten lässt.
Die andere Linie kann ich am Beispiel der Stadt Bern nachzeichnen, denn am gleichen 6. Dezember 1992 wählten wir in der Bundesstadt nicht nur einen linken Stadtpräsidenten, erstmals errang RGM, Rot-Grün-Mitte also, die Mehrheit im Gemeinderat. Diese Mehrheit hat sie bis heute nicht aufgegeben. Ende 2014 konnte Rot-Grün die Mehrheit sogar auf 4 von 5 Exekutivmandaten ausbauen. Wie 8 der 10 grossen Schweizer Städte kennt man in der Bundesstadt damit eine linke, ökologische Grundstimmung, die bei Wahlen mit schöner Regelmässigkeit das Gegenteil des nationalen Rechtsrutsches sind. Unter RGM ist Berner Politik offener, weiblicher geworden. Bern ist heute auch urbaner als noch vor einem Vierteljahrhundert. Der kulturelle Protestantismus mit seinen harten Seiten ist auf dem Rückzug, genauso wie der Autoverkehr, der weichen Fortbewegungsmitteln weichen muss. An lauen Sommerabenden verwandelt sich Bern gar in eine lebenslustige, mediterrane Stadt mit pulsierendem Leben auf den Gassen. Vielleicht war es dieses neu aufkommende Lebensgefühl, das mich 2004 beflügelte, eine neue Form der Sozialforschung zu entwickeln, das Stadtwandern. Mehr als 150 Führungen für die verschiedensten Gruppen habe ich seither zu allerlei Themen gemacht. Dabei leitet mich die Vorstellung, dass Bern eine europäische Stadt ist, von einem deutschen Kolonisator gegründet, von Kaisern gefördert, vom Nord-Süd-Verkehr beeinflusst, von Deutschen und Italienern bevölkert, die hier Arbeit suchten und fanden, von Diplomaten bis Flüchtlingen geprägt. Das gilt es qualitativ zu ergründen, um Bern in seiner Ganzheit zu verstehen.
Im Zuge von Marco Polo
Der Stadtwanderer bloggt gerne. 2011, wenige Wochen vor den damaligen Nationalratswahlen, schrieb er nur von wenigen bemerkt erstmals einen Beitrag über Marco Polo. Der Venezianer reiste am Ende des 13. Jahrhunderts an den chinesischen Kaiserhof. Den kannte man im europäischen Mittelalter nicht und so waren alle verwundert, als Marco seinen Reisebericht nach Italien brachte. Bis heute gibt es Zweifel an einigen Passagen; die Echtheit des Ganzen bezweifelt kaum jemand mehr.
Auch ich zweifle nicht mehr, dass ich im Sommer 2011 die andere Seite in mir wiederentdeckt habe. Am 19. Dezember 2015 verkaufte ich das gfs.bern an meine beiden langjährigen Mitarbeiter Urs Bieri und Lukas Golder, die seit dem 1. Mai 2016 die operative Institutsleitung innehaben und heute beide Mitglied des Verwaltungsrats sind. Bis voraussichtlich Ende 2019 bleibe ich Präsident eben dieses Gremiums. Operativ bin ich immer weniger tätig. Letzten Sonntag veröffentlichte ich meine wohl letzte Europa-Befragung. Am 21. Mai 2017 werde ich letztmals an einem Abstimmungssonntag für die Hochrechnung verantwortlich zeichnen, sodass auch hier eine kleine Bilanz angebracht ist.
Den Live-Moment der Resultatevermittlung an Abstimmungssonntagen habe ich stets als höchstes Privileg in der direkten Demokratie empfunden. Ein wenig fühlt man sich wie der Stellvertreter des Stellvertreters des Bundeskanzlers. Der ist gelegentlich politisch überrascht. Wirklich überrascht war ich vom Hochrechnungsergebnis nur einmal. In den anderen über 200 Fällen stimmte das Resultat mit der Extrapolation genau überein, und diese folgten den Annahmen, die man mit professionellen Mitteln im Voraus machen konnte. Ich will aber nicht verbergen, dass ich wenigstens einmal sehr nervös war zu sagen, was sein wird. Bei der Masseneinwanderungsinitiative versagte meine Stimme im entscheidenden Moment sogar ganz kurz. Bleibend sind mir auch die vielen Momente hoher Emotionen, welche die vorläufigen Abstimmungsergebnisse bei Befürwortern oder Gegnern auslösen können. Unvergesslich ist zweifelsfrei die Reaktion der Operation Libero auf das Nein zur Durchsetzungsinitiative. Manchmal will mir scheinen, dass es wie die Geburt eines Neuanfangs der Politik war, wie wir ihn auch am 6. Dezember 1992 erlebt haben. Doch das wird die Sache anderer sein, es zu ergründen.
So bleibt mir nur zu danken: zuerst meinen Familien und meiner Partnerin, Barbora, ohne die es mich gar nicht oder nicht so, wie ich bin, gäbe; dann dem ganzen gfs-Team, ohne das die grosse Arbeit nie möglich geworden wäre. Danken will ich auch der SRG, die vor 25 Jahren ein Wagnis eingegangen ist und nach jeder Krise zu uns gestanden hat und schliesslich meinen Kollegen an der Uni, die mich trotz all den vielfach Bedenken zu meinem Tun wieder aufgenommen haben.
Nun ist der Moment "Auf Wiedersehen" zu sagen, denn bald geht es mit dem Zug auf Weltreise! St. Petersburg, Beijing, Hongkong, Tasmanien und der Südpol rufen!
Claude Longchamp
(Schriftliche Fassung der Rede, gehalten am 1. April 2017 im Berner Generationenhaus)
Bild:
Thomas Hodel, Bern.