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Der Nevado del Cocuy
Columbianisches Bergerlebnis.
Mit 2 Bildern.Von August Gansser.
Im westlichen Columbien, zwischen dem 6. und 7. Breitengrad, liegt ein noch wenig bekannter Gebirgszug, eine Kulmination in der östlichsten Kette der Ostkordillere, der Nevado del Cocuy. Auf eine Längserstreckung von mehr als 30 km ragen die Gipfel über die 5000 m-Linie, grosse Gletscher auf der flacheren Westseite, gewaltige Felsabstürze auf der steilen Ostseite. Weit schauen die Gipfel über die riesige Ebene des Rio Meta und Rio Orinoco, die Llanos. In mächtigen Nebelmeeren kondensiert sich der tropische Dunst der Wälder und Sümpfe. Nur selten stehen die Gipfel weithin sichtbar am Horizont, meistens sind sie in dicke Wolken eingehüllt, und der Wind peitscht Schnee über die Gräte. Das Wetter ist der grösste Feind columbianischer Bergbesteigungen, und nur kurz ist die auch nicht immer trockene Trockenzeit.
Zwei Autos wirbeln mächtige Staubwolken durch die ziemlich ausgedörrte Landschaft zwischen Bogota und Tunja. Trotzdem wir zwischen 2000 und 3000 m dahinfahren, sticht die Tropensonne anfangs Januar zwischen den mannigfaltigen Kumuluswolken, der spezielle Reiz der columbianischen Hochgebiete. Das lehmfarbene Städtchen Tunja mit seinen Feigenkakteen an den staubigen Strassenrändern zieht vorbei. Trockenrinnen reissen in kompliziert verästelten Formen den roten und ockerfarbenen Boden auf. Abgesehen von den Bauern in ihren Ruanas ( Überwurf ) könnte man sich ebenso gut auch in Nordafrika wähnen. Vor dem Ort Soatà steigen wir über 3500 m und fahren durch weite Hochtäler, ganz erfüllt mit den für die Hochgebiete des nördlichen Südamerika so typischen Freilajones, die sich in den alten Tälchen früherer Endmoränen anhäufen. Jetzt noch über eine letzte Wasserscheide, und steil liegt das tiefe Tal des Rio Chicamocha vor uns. Über erdfarbenen, ziemlich kahlen, zerrissenen Bergen erheben sich weit am Horizont die weissen Zacken des Nevado del Cocuy, von Kumuluswolken eingerahmt. 60 km sind wir davon entfernt, und trotzdem scheinen sie noch in einer unerreichbaren Ferne zu liegen.
Der nächste Tag führt uns immer weiter in die Hitze hinunter, wo wir doch eigentlich auf die Berge hinauf wollen. Schon stehen Kokospalmen am Weg. Schwer beladene Mangobäume mit leider noch nicht ganz reifen gelben Früchten vertrösten uns auf später. Die kleine Nebenstrasse, die noch einige Kilometer der wilden Schlucht des Rio Guacamaya folgt ( Nebenfluss des Chicamocha ), ist wegen sogenanntem Einbahnverkehr gesperrt. Während der zwei Stunden Wartezeit, reichlich unfreiwillig und recht heiss, bewundern wir mit gezwungener Geduld ( Fluchen ist hier das Lächerlichste, das man machen könnte ), wie der Sperrewächter eifrig bemüht ist, das columbianische Nationalspielzeug zu betätigen: ein Holzstab und eine gelochte Kugel an einem Schnürchen, die man nach Emporwerfen mit dem Stab aufspiessen muss. Fast ist uns zumute wie den beiden Gückeln, die mit zusammengebundenen Füssen unter einem Baum liegen, dann aufeinander gehetzt und immer wieder zurückgerissen werden. Training für den bevorstehenden Hahnenkampf. Endlich... mit zeitlupenartigen Bewegungen, wird die Eisenkette gelöst, die Einbahnstrasse gehört nun uns... und gleich bei der nächsten Kurve stossenwir fast mit einem rasselnden alten Lastwagen zusammen, der in entgegengesetzter Richtung die schmale Strasse herunterrast.
Bei 1200 m Höhe endet plötzlich die Strasse in einer engen Felsschlucht, denn die Eisenteile für den Brückenbau scheinen auf dem Transportweg die Ferien zu gemessen. Steil führt ein Mulaweg die steinigen Hänge hinauf, auf denen hohe Kandelaberkakteen wachsen. Über die Schwierigkeit, 8 Autopneus in 28 Mulahufe zu verwandeln, soll hier lieber geschwiegen werden. Am späten Nachmittag zieht die Kolonne schwitzender Reit-und Packmulas zum Dorf Cocuy hinauf, 2700 m hoch wie Bogota. Am nächsten Tage müssen wir, koste es was es wolle, bis zur Schneegrenze gelangen.
Vom Alto de 1a Cueva 3800 m sehen wir unser Ziel von nahem. Doch dicke Nebelwürste kriechen über die Gräte, hüllen die Gipfel ein und sorgen nicht gerade für die rosigste Stimmung. Wir steigen bis auf 3400 m ab. Unten im Tal sprudelt der Rio Cueva zwischen alten, überwachsenen Moränenblöcken. Kaltes, herrliches Gletscherwasser. Ein Traumbild, wie es einem in den heissen Urwäldern vorschwebte, ist zur Wirklichkeit geworden.
Unten im Tale des Cueva können wir auf 3500 m Höhe eines der grössten alten Moränenstadien erkennen. Die untersten sicher erkennbaren Endmoränen scheinen bis gegen 3000 m zu reichen. Weiter unten finden sich häufig Schotterlagen, wobei aber nicht so leicht festgestellt werden kann, wie weit noch alte Gletschermoränen an deren Stauung beteiligt waren oder ob sie selber nur aus alten ausgewaschenen Moränen bestehen, die dann durch Bergsturzmassen gestaut wurden. Die 3000 m-Linie dürfte wahrscheinlich für weite Gebiete der columbianischen Kordilleren eine der untersten Grenzen der Vergletscherung bilden.
Allmählich behagt die dünne Luft unseren Mulas nicht mehr. Zwei legen sich zwischen die Freilajones und die Moränenblöcke. Also zu Fuss weiter. Gut, dass die Packtiere noch bis zum Gletscher durchhalten. Sogar die weiten Moränenfelder bringen sie hinter sich. Noch am gleichen Tage schicken wir die Tiere hinunter, bis sie Futter finden können.
Auf 4600 m entsteht allmählich das Lager. Blöcke werden gewälzt, Moränensand soll für weichere Unterlage sorgen. Vor den zwei Zelten breitet sich ein weiter Gletschersee aus. Mit hohen Eiswänden enden die Gletscher in dem jetzt dunkelgrauen Wasser. Unzählige Eisberge stauen sich, vom kalten Wind getrieben, an unserem Ufer. Die Llanosnebel jagen über die Gletscher herunter, und Eis und Schnee verlieren sich im eintönigen Grau.
Im Zelt surrt der Primus, etwas unregelmässig, denn er will sich nicht recht an die Höhe gewöhnen. Durch die flatternde Zeltöffnung sieht man auf den See, auf die Eisberge und die Eiswände. Wäre man nicht vor einem Tag noch an Kokospalmen vorbeigezogen, würde man sich absolut am Ufer eines grönländischen Fjordes wähnen, vielleicht in einer Sommernacht am Dickson-fjord, wenn die Sonne nicht mehr über die Berggipfel leuchten kann. Vergessen sind die Tropen, die heissen Dschungel, die nur wenige Kilometer von hier dahinbrüten. Frierend kriechen wir in die Schlafsäcke. Trotz Sand sind, die Steine ausgerechnet in der Hüftenregion am zahlreichsten vertreten. Immer noch stürmt der Wind draussen. Ein feiner Schnee prasselt auf die Zelte.
Der nächste Tag sieht immer noch trostlos aus. Etwas Neuschnee bedeckt die Moränen. Orientierungshalber besteigen wir die Wasserscheide gegen die Llanos. Ein steiler Grat führt uns auf einen kleineren Gipfel. Das Stufenhacken strengt etwas an auf 5100 m. Leider ist es in letzter Zeit eine recht ungewohnte Betätigung geworden. Senkrecht fallen die Felswände gegen die Llanos ab, verschwinden in der undurchdringlichen Nebeldecke. Ein Loch tut sich auf. Ein kleiner blauschwarzer See liegt fast senkrecht unter uns, die Laguna de 1a Plaza. Die Ostabstürze des Cocuy gegen die Ebene der Llanos sind etwas vom Wildesten, was man sich denken kann. Die Gletscherzone wird von undurchdringlichen Bergurwäldern abgelöst. Wilde Flüsse reissen tiefe Schluchten in die steilen Waldhänge. Mit einer relativ kurzen Horizontaldistanz stürzt das Gebirge von 5400 m bis auf 200 m Meereshöhe hinunter. Diese gewaltigen Wände bestehen in ihrem oberen Teile fast ausschliesslich aus harten, hellen Quarzsandsteinen und Quarziten, sind also reine Sedimentmassen. Noch auf 5400 m Höhe konnten wir kleine An-thrazitschmitzen sowie kohlige Abdrücke früherer Pflanzen finden, Pflanzen, die während der Kreidezeit gelebt haben. Äusserst selten bilden in Südamerika reine Sedimentgesteine so hohe Berge. Sonst sind es ja meistens junge und alte Vulkane, die im tropischen Amerika bis in die Schneegrenze hineinreichen. Und noch seltener finden wir auf solchen Höhen die gleichen Sandsteine, die in den tiefen Regionen der Llanos ganz mit Erdöl durchtränkt sind!
Noch am selben Abend ist der Himmel klar geworden. Jeden Moment muss der Mond über dem scharfen Eisgrat auftauchen. Dieser Grat führt auf einen noch unbekannten und unbenannten Gipfel. Über dessen steile Westflanke, eine prächtige Eiswand mit langem Schrund unten und einer überhängenden Gratgwächte oben, wollen wir morgen den Aufstieg versuchen. Es ist wahrscheinlich der schönste Gipfel der ganzen Gruppe.
Einer kalten Nacht folgt endlich ein klarer Morgen. Schnell kommen wir über den hartgefrorenen, körnigen Schnee aufwärts. Noch liegt die Eiswand im Schatten, und die Überquerung des Schrundes verlangt noch allerhand Arbeit. Stufe um Stufe hacken wir hinauf. Über dem Pulpito del Diablo ( der Teufelskanzel ) kann man schon die fernen blauen Paramos erkennen, die ca. 3000 m hohen Hochgebiete am östlichen Rand des Magdalena-tales. Gespannt sind wir auf den Blick in die Llanos. Wie Feuergarben spritzt die Gwächte bei den letzten Pickelschlägen in der Tropensonne. Wir sind selber noch im Schatten der Wand und frieren. Endlich gelingt es, den Pickel oben in die Gwächte zu rammen und uns daran hinaufzuziehen. Eine blendende Pracht empfängt uns, wie sie nur im tropischen Hochgebirge möglich ist: aus eisigem Schatten in brennende Äquatorsonne 1 Der Grat ist schmal. Eine kurze, steile Schneeflanke gegen Osten, dann senkrechte Felsabstürze, die sich weit unten in einem gewaltigen Nebelmeer verlieren. Durch ein paar blaugraue Löcher vermutet man bis auf die Urwälder zu sehen, riesige Waldgebiete, die 5200 m unter uns liegen. Ihre Flüsse strömen nach Osten, dem Orinoco entgegen. Auf der Ostseite der Gratgwächte steigen wir auf den nahen Gipfel. Bei jedem Schritt fährt der nasse Schnee zischend in die Llanos hinunter, weisser Schnee, der bald als lauwarmes, gelbbraunes Wasser durch die heissen Wälder fliessen wird.
Gipfelrast! Unsere Höhenmessung ergibt ungefähr 5400 m. An der Sonne ist es brütend heiss, im Schatten unter Null. Einige Wolkenpilze stossen durch die Nebeldecke der Llanos. Auch an den Felswänden, an denen kleine, verzweifelte Hängegletscher kleben, steigen die Nebel empor. Noch gilt es, zwei weitere Gipfel zu erreichen. Fast senkrecht steht die Sonne über uns, als wir vorsichtig über den scharfen und steilen Nordgrat absteigen. Dann kommen die Nebel auch aus dem Cuevatal herauf. Ein letztes Mal türmt sich unser Gipfel stolz vor uns auf, noch können wir unsere Abstiegspuren erkennen. Plötzlich stecken wir ganz im Nebel, in einer weissen, allseitig strahlenden Hitze. Die dunklen Schneebrillen scheinen fast nichts mehr zu nützen. Schmerzend empfinden die Augen das schattenlose Weiss...
Die Freude an unserem erfolgreichen Tage liess uns fast nicht schlafen. Dazu kam auch der gewaltige Festfrass, der aus Riesenportionen echter italienischer Spaghetti bestand, die trotz der Höhe vorzüglich geraten waren. So blieb man wegen langsamer Verdauung und Begeisterung noch lange wach im Schlafsack. Hie und da donnerte es in den Eiswänden unserem Gletschersee gegenüber. Die Gletscher kalben hier meistens nur nachts, und nur ganz selten bilden sich auch tagsüber neue Eisberge. Aber als wir am nächsten Morgen unseren herrlichen Lagerplatz endgültig verliessen, da krachte eine ganze Eisfassade donnernd in den aufspritzenden See, und die Brandungswelle warf die Eisstücke weit in die Felsen hinauf.
Noch bei den Kokospalmen unten vermeinten wir das Donnern und Rauschen zu hören, den Abschiedsgruss des Cocuy. Aber es war nur ein heisser Wind, der die Palmwedel bewegte...