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Erfolgreiches Scheitern. Wenn Scheitern der erste Schritt zum Erfolg bedeutet.
Editorial von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 5/2018
Kennen Sie Gilgamesch? Ich habe nur vom Hörensagen von diesem mesopotamischen König gehört, der vor etwa 5000 Jahren gelebt haben soll. Bis ich das Gespräch im Freundeskreis auf das Thema dieser Ausgabe, das «erfolgreiche Scheitern», lenkte. Eine Altorientalistin erzählte mir seine Geschichte. Gilgamesch war ein Tyrann, der die Stadt Uruk im heutigen Irak regierte. Um den gewalttätigen Herrscher zu bändigen, schickten ihm die Götter einen Gefährten, Enkidu. Die beiden erlebten zusammen viele Abenteuer, wobei Gilgamesch impulsiv und chaotisch blieb. Und als die Götter Enkidu töteten, damit Gilgamesch endlich die Bedeutung des Lebens verstand, stürzte ihn dies in eine existenzielle Krise. Der Tod seines Freunds machte ihm seine eigene Sterblichkeit bewusst, was ihn verstörte. Gilgamesch beschloss, unsterblich zu werden. Und so begab er sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit. Doch als er schlussendlich die Pflanze der ewigen Jugend gefunden hatte, wurde sie ihm von einer Schlange gestohlen. Er scheiterte. Wäre Gilgamesch ein Politiker von heute, würde man ihn einen Narzissten schimpfen. Für den deutschen Soziologen Matthias Junge leben wir in einer Kultur der Selbsttäuschung, in der wir ständig Gefahr laufen, uns selbst zu überschätzen. Und der Erfolg sei so wichtig geworden, dass das Scheitern umso mehr gefürchtet werde. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Gilgamesch versuchte vergeblich, die dem Menschen auferlegten Grenzen zu überwinden. Als er gescheitert nach Uruk zurückkehrte, wurde ihm bewusst, dass der Sinn seines Lebens darin bestand, seine Verantwortung als König wahrzunehmen. Eine gesunde Selbsteinschätzung, finden Sie nicht auch?
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