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Mein heutiger Gast beschreibt sich als "sehr kreative, innovative junge Frau". Sie führt ein eigenes Gastronomieunternehmen mit etwa 30 Angestellten und war eine der ersten, die einen Food-Truck nach Schaffhausen brachte. Dieser steht momentan am Rhein an einem wunderschönen Fleckchen. Sie arbeitet saisonal und lebt eine gewisse Gelassenheit vor.
Manchen Leuten fällt es leicht, ein erfülltes Leben oder einen erfüllenden Job zu finden. Sie empfinden Freude im Leben, man hat das Gefühl, sie hätten keine Ängste, die sie behindern. Was auch auffällt, ist, dass je mehr wir haben, je mehr Sicherheiten wir (glauben zu) haben, desto mehr uns Ängste im Weg stehen. Wie packt man das Leben an und wie findet man dieses erfüllende Leben?
Mein heutiger Gast Anina Haltiner, scheint das gefunden zu haben und mit ihr spreche ich über diese Thema.
CM: Anina, herzlich willkommen. Lass uns einfach starten. Vielleicht auch schwierig: Wer ist Anina Haltiner?
AH: Das ist eine gute Frage. Das frage ich mich manchmal auch... Ich sage es mal so: Ich bin eine sehr kreative, innovative und zielstrebige junge Frau.
CM: Sehr schön. Wie in der Einleitung erwähnt, führst du dein eigenes Unternehmen "Carcajou". Was steckt hinter diesem Namen?
AH: Weisst du, was Carcajou heisst?
CM: Keine Ahnung...
AH: Gut... Dann gehörst du wahrscheinlich zu den 99%, die es nicht wissen. Carcajou ist französisch und heisst "Vielfrass". Ich begann ja mit Flammkuchen und mein Mobil hatte französische Farben. So war also klar, dass mein Unternehmen einen französischen Namen brauchte. Ich mag Französisch aber eigentlich gar nicht, also die Sprache.
Ich nahm einen "Dictionnaire" und blätterte ihn durch. Ich stiess so auf Carcajou und das Wort gefiel mir. Ich fand, dass es auch Spanisch oder Brasilianisch, resp. Portugiesisch sein könnte. Für mich passte es und so war der Name gefunden.
CM: Dass es "Vielfrass" bedeutet, war also eher ein glücklicher Zufall? Die deutsche Bedeutung war dir nicht so wichtig?
AH: Ja, zum Essen passt es zufälligerweise und ich suchte einfach nach einem Wort, das mir gefiel.
CM: Eben, es geht um Gastronomie. Was steckt denn hinter Carcajou?
AH: Ich beschreibe es so: Hinter Carcajou steckt ein Projekt, in welchem ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht habe.
CM: Du kommst aber aus der Gastro-Szene, oder?
AH: Ja, ich hab ursprünglich Restaurationsfachfrau gelernt, also im Service gearbeitet. Ich überlegte dann, noch eine Kochlehre anzuhängen, hatte aber keine Lust mehr auf Schule. Ich konnte dann noch lange einfach so in einer Küche arbeiten.
Irgendwann machte ich dann noch das schweizweite Wirtepatent. Ich bin mehr praktisch unterwegs.
CM: Du warst aber offenbar schon immer in einem Bereich unterwegs, der für dich sehr leidenschaftlich ist.
AH: Auf jeden Fall. Ich schrieb schon als Kind Speisekarten und spielte Restaurant. Alle mussten immer bestellen, obwohl sie gar nichts mehr essen konnten.
CM: Der Vielfrass war also damals schon da... Du hast deinen Food-Truck angesprochen. Wie kamst du eigentlich auf den?
AH: Das war nach meiner ersten grossen Reise. Ich war rund sechs Monate in Australien und Neuseeland unterwegs gewesen und hatte nach meiner Rückkehr keine Lust, wieder gleich wie vorher zu arbeiten und ins Hamsterrad zu kommen. Ich fand, dass ein Food-Truck genau das richtige wäre: draussen sein in der Natur und das machen, was ich eben gerne mache.
Ich suchte im Internet und fand meinen Truck in Hamburg. Mein Bruder fuhr mit mir nach Hamburg, um ihn anzuschauen. Ich entschied mich sofort, den zu kaufen und umzubauen. So fing das an.
CM: Waren Food-Trucks damals schon in in Schaffhausen?
AH: Nein, ich glaube nicht. Luna's Crêpe und Carcajou waren die ersten beiden und kamen so etwa gleichzeitig. Beides sind ja zufälligerweise noch Citroëns. An andere Food-Trucks mag ich mich echt nicht erinnern.
CM: Vorhin hast du etwas Spannendes angesprochen: Du warst auf Reisen und brachtest sozusagen den Food-Truck zurück. Reisen scheint eine weitere Leidenschaft zu sein... Denn durch Reisebilder, die dich immer wieder an exotischen Orten zeigen, kam ich erst auf die Idee, dich anzufragen für dieses Gespräch... Kann man sagen, du reist und arbeitest?
AH: Auf jeden Fall. Darum war die erste Frage auch nicht so einfach: Wer bist du... Ich bezog die Antwort jetzt aufs Carcajou. Aber es gibt natürlich noch einen anderen Teil von mir, der sehr offen, weltoffen, ist.
Ich liebe es, fremde Kulturen und Länder kennen zu lernen. Das ist eine grosse Leidenschaft und auch ein grosser Teil meines Lebens.
CM: Wie darf ich mir das denn vorstellen? Von der Gastronomie hört man ja immer wieder, dass sie sehr viel Arbeit verursacht, bei euch natürlich vor allem während der Saison. Ist das so: Du arbeitest im Sommer und bist im Winter weg?
AH: In etwa, aber nicht ganz so, wie sich das viele Leute denken. Es ist nicht so, dass ich vom ersten Tag, an dem wir geschlossen haben, bis zur Eröffnung am Reisen bin. Es gibt ja noch vieles aufzuräumen und dann auch wieder vorzubereiten. In etwa sind es jeweils zwei Monate, während welchen ich weg bin und das kompensiere, was ich im Sommer zu viel arbeite.
CM: Gutes Stichwort. Wie sieht denn deine Work-Life-Balance aus?
AH: Hm... Ich würde mal sagen: Ich Sommer Work und im Winter balanciere ich aus... Nein, so extrem ist es nicht. Ich meine, auch im Winter kommt immer mal wieder eine Mail rein oder es gilt sonst etwas zu erledigen. Aber dadurch, dass ich machen kann, was ich gerne mache, stimmt diese Work-Life-Balance.
Klar braucht es einen entsprechenden Mindset während der Saison. Aber es funktioniert und ich nehme mir auch die Zeit für mich, in welcher ich Sachen mache, die mir gut tun.
CM: Hast du während der Saison denn manchmal das Gefühl, dass dein Leben zu kurz kommt? Oder trennst du dein Leben nicht so von der Arbeit?
AH: Carcajou ist während der Saison definitiv mein Leben. Alles andere kommt schon ein bisschen zu kurz. Das ist nicht immer ganz einfach, aber ich kann daraus auch viel mitnehmen und lernen.
CM: Kannst du spontan einige Herausforderungen nennen, die du durch deine Art zu leben, dein Leben zu organisieren, entstehen?
AH: Ich denke, das Schwierigste ist der Switch vom Arbeiten zum Reisen. Von Vollgas zu "Nichts-machen-müssen" und dann wieder zurück.
CM: Welchen Wechsel findest du schwieriger? Das Abschalten oder das Wieder-loslegen?
AH: Wenn man das hört, scheint es klar, dass Nichts machen schön ist. Aber meistens ist es so, dass man Ende Saison ein eingeschweisstes Team hat, das wie eine Familie funktioniert. Dann ist fast schon schade, dass es vorbei ist und man fast nichts mehr zu tun hat. Aber ich glaube, das ist genau die Zeit, die man braucht, um zu wachsen und neue Ideen zu sammeln.
Aber ich glaube, dass der Wechsel zum Saisonstart dennoch etwas mehr abverlangt.
CM: OK. Jetzt bist du, wo du bist. Für mich klingt es so, als ob bei dir einfach alles geflossen ist, ohne grosse Planung. Du scheinst alles zu nehmen, wie es kommt. Wenn du auf die letzten Jahre zurück blickst, ist dem so oder war es ein schwieriger Weg?
AH: Ein langer Weg, würde ich schon sagen. Ich merke schon immer, wie die Zeit vergeht. Es waren immer Hürden da. Aber wenn man eine Lösung zu den Problemen sucht und nicht einfach auf ihnen sitzen bleibt, ist jeder Weg möglich. Vor allem, wenn man ein Ziel vor Augen hat und etwas wirklich möchte.
CM: Was ist denn das Ziel?
AH: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, ich habe wirklich das erreicht, was ich wollte. Darum darf das im Moment auch einfach ein bisschen sein. Es auch so, dass man irgendwann merkt, dass sich Situationen wiederholen. Man weiss, dass es letztes Mal neu war und jetzt weiss, wie man damit umgeht. Es ist schön, wenn man merkt, dass man Erfahrungen sammelt, die helfen. Andere studieren und ich habe mich mit 22 selbständig gemacht. Das war meine grösste Lebensschule.
CM: Heute sah ich auf eurer Webseite, dass ihr ab Mai offiziell geöffnet habt. Und ihr sucht noch Leute. Die Arbeit wird aber trotzdem anfallen. Macht dich so etwas noch nervös oder bist du überzeugt, dass dann schon eine Lösung kommen wird?
AH: Nein, das macht mich nicht nervös. Vor allem dieses Jahr ging alles im Flow. Das Team war relativ schnell beieinander. Der Hochsommer wird aber kommen und da sind wir immer froh, wenn wir noch Unterstützung finden.
Im Sommer helfen immer Studierende mit, da kommen jetzt auch Bewerbungen rein. Wir werden das Team also schon noch ergänzen können.
CM: Wenn du auf die ersten zwei, drei Saisons zurück schaust: Da musstest du ja auch ein Team zusammenstellen. Wie war das damals? Hattest du nie Existenzängste? Bei dir ist ja die Saison irgendwann fertig und dann kommt kein Geld mehr rein bis zur nächsten Saison. Wie hast du diese Situationen gemeistert? Oder ist dir diese Ruhe und das Urvertrauen einfach angeboren?
AH: Hm... Am Anfang waren wir zu dritt und ich habe einfach gemacht, was getan werden musste. Das Projekt wuchs, wir hatten aber nie den Gedanken, viel zu verdienen, sondern einfach das zu machen, was mich glücklich machte.
Mittlerweile sind wir 25-30 Mitarbeitende pro Saison. Der Respekt ist da schon noch da. Zwar haben wir eine Basis an Leuten, die immer wieder dabei sind. Aber ich frage mich schon manchmal, wie ich so viele Leute zusammenbringen soll. Und wie sieht es in zwei Monaten aus, wer ist dann alles im Team? Ich habe auch gelernt, Menschen ohne Ausbildung in der Gastronomie eine Chance zu geben. Dort steht dann einfach das Menschliche im Vordergrund.
CM: Als Schlussfrage: Hast du ein Lebensmotto? Das nimmt mich wunder. Denn du scheinst eine spezielle Herangehensweise an dein Leben zu haben und ich frage mich, ob ein Motto dahinter steckt...
AH: Wieso? Klingt es so nach einem Schauspiel?
CM: Nein, im Gegenteil. Es klingt so selbstverständlich und einfach. Aber vielleicht scheint das auch nur gegen aussen so. Du scheinst ein extremes Urvertrauen zu haben. Ist dir das angeboren, hast du dir das erarbeiten müssen oder kommt das einfach von der jahrelangen Erfahrungen mit Carcajou?
AH: Ich denke, es ist ein Mix. Es ist auf alle Fälle meine Philosophie. In unsere Gesellschaft ist Angst schon ein grosses Thema, obwohl wir ja eigentlich sehr viele Sicherheiten und Möglichkeiten haben. Ich habe mir einfach gesagt, dass ich diese nutzen möchte. Angst oder Existenzängste hatte ich nie, auch nicht, dass es nicht klappen könnte. Das, was mich glücklich macht, mache ich einfach. Da gibt es schon ein Sprichwort dazu: "There is no way to happiness. Happiness is the way." (AdR: Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück ist der Weg.)
Ich glaube, glücklich zu sein ist für mich das Wichtigste im Leben. Wenn man glücklich ist, ist man gesund. Das ist mein Motto.
CM: Ok. So, wie ich das interpretiere, könntest du auch heute den Schlüssel bei Carcajou drehen. Das wäre zwar traurig, aber es dein Leben würde weitergehen.
AH: Ja. Ich bin auf jeden Fall ein Mensch, der spürt, wenn ein Abschnitt vorbei ist und etwas Neues kommt. Ich weiss dann immer gleich, was ich will und was richtig ist. Ich habe auch nie etwas nachgetrauert. Ich glaube, man lernt und dann kommt eine neue Phase. Wenn man so durchs Leben gehen kann, ist das sehr schön und sicher auch eine Charaktereigenschaft von mir.
CM: Planst du denn weit voraus? Du hast gesagt, du spürst, wenn etwas fertig ist und hast dich schnell entschieden, wie es weiter geht. Ist das dann mehr ein Entscheid, der dich zu einem Ziel führen soll oder ist es mehr ein Bauchgefühl, das dir sagt, wie es weitergeht und dann einfach etwas daraus entsteht?
AH: Ich glaube, es ist schon mein Bauchgefühl. Auf dieses kann ich mich sehr fest verlassen. Ich würde auch sagen, dass ich leicht spirituell angehaucht bin. Es ist lustig, dass, wenn ich ein Ziel vor Augen habe, sehr ehrgeizig bin und alles reinwerfe und jede Hürde nehmen. Es kann aber auch sein, dass ich mich schnell entscheide, was richtig ist und mir gut tut.
CM: Wunderbar, das klingt gut. Ich wünsche dir einen guten Saisonstart, eine erfolgreiche Saison und dann gutes Reisen im nächsten Winter.
AH: Danke sehr.
Anina scheint es einfach gegeben zu sein, dieses Urvertrauen. Und doch hat sie etwas Schönes zu Ängsten gesagt, die offenbar auch sie kennt. Sie griff nach drei, vier Saisons auf die Erfahrungen aus den vorangegangen Jahren zurück und konnte so aufkommende Ängste bereits im Keim ersticken und sich überzeugen, dass diese Ängste unbegründet sind, weil sie diese Situationen ja bereits erlebt und überlebt hat.
Zu diesem Thema habe ich dir eine kleine Übung und erkläre sie dir gerne anhand eines Beispiels:
Eine Freundin von mir hatte extreme Höhenangst. Sie fror regelrecht ein, wenn sie nur schon 50cm über Boden an einer Kletterwand hing. Sie setzte sich zum Ziel, während eines Semesters diese Angst zu überwinden. Sie ging mehrere Male pro Woche in die Kletterhalle und stieg immer ein bisschen höher, bis sie oben an der Decke ankam. Die war etwa 2.5m hoch. Immerhin.
Versuch du auch etwas Neues, etwas Kleines. Mach Babyschritte und sei zufrieden damit und erfahre, dass du es kannst und geniesse das Erfolgserlebnis. Darauf kannst du dann aufbauen.
Mehr zu Carcajou.