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Stuhl: Etwas Geschichte
Im Vergleich zur Menschheitsgeschichte nimmt die Erfindung des Sitzmöbels einen erstaunlich kurzen Zeitraum ein. Erste Spuren der Herstellung von drei- oder vierbeinigen Hockern stammen aus der Jungsteinzeit. Die eigentliche Entwicklung des vierbeinigen Stuhles mit Sitzfläche und Rückenlehne begann vor 5.000 Jahren, als Kaiser, Könige und Kirchenfürsten den Thron zum Symbol ihrer Herrschaft machten. Lange Zeit nur einer elitären Minderheit zugänglich, erhielt der Stuhl erst im 16. Jahrhundert Einzug in die bürgerlichen Wohnhäuser und blieb bis ins frühe 19. Jahrhundert Ausdruck von Wohlstand und Macht.
Entscheidend für die Wandlung des Stuhls vom handgefertigten Einzelstück zum industriellen Massenprodukt war der Einsatz neuer Techniken im 19. Jahrhundert.
Quelle: designwissen.net
Sitzen als Ausdruck von Autorität
Im Alltagsleben der Antike spielt das Sitzen auf Stühlen keine Rolle. Das gilt auch für das Mittelalter und die frühe Neuzeit. Bis dahin sind Stühle Objekte der Weihe und Zeichen göttlicher und staatlicher Autorität. Die Griechen kennen von der Vasenmalerei vier Sitze: den Tronos (Armlehnstuhl), den Klismos (armlehnloser Stuhl), den Diphros (Hocker) und die Hedra (Falthocker). Erhalten sind allerdings nur steinerne Theatersitze. Die Römer kennen Sitze für Senatoren und den Kaiser. Der römische Kaiserthron ist die Sella curulis, ein Falthocker. Altrömische Senatoren sitzen bei politischen Versammlungen. Hatte sich ein Senator um das Gemeinwohl verdient gemacht, erhielt er das Recht, eine Zeitlang allein auf einem Doppelsitz – dem Bisellium – Platz zu nehmen. Das heutige Sitzen entwickelt sich im Rahmen der Christenheit. Christus thront seit dem vierten Jahrhundert wie ein römischer Kaiser auf der Sella curulis, die die Christen zum Papstthron machen. Danach erhalten Bischöfe und Priester das Sitzrecht und im 9. Jahrhundert Mönche, die das Chorgestühl aus der Forderung des Benedikt von Nursia herleiten, an einem begrenzten Ort stehen, knien und sitzen zu können. Im 14. Jahrhundert erhalten die Vorsteher der Zünfte, Gilden und Patronate chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche: erste nichtgeweihte Sitze – Profanstühle.
Quelle: Hajo Eickhoff 2013
Der Stuhl im Alltag seit 500 Jahren
Erfinder des Alltagssitzens sind die Bürger Mitteleuropas um 1500. Mit ihrem gewonnenen politischen Einfluss und neuem Selbstbewusstsein machen sie den Königsthron zum Stuhl und übernehmen die Thron-Geste. Doch anders als Herrscher verbinden Bürger den Stuhl mit dem Tisch und entwickeln beide zu einer Disziplinareinheit und mächtigen Produktivkraft, die den materiellen Reichtum und die differenzierte Kultur Europas begründen, den Menschen aber auch spröde und leiblich brüchig machen.
Quelle: Hajo Eickhoff 2013