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Berlin 27. April 1851.
Lieber Vetter!
Von Chambon wußte ich gerade persönlich gar nichts; es ist also nichts verloren, wenn ich zu spät komme. Erst in diesen Tagen erhielt ich die Bestätigung der Eigenschaften, die Du bei ihm voraussetzest, und die seine Wahl sicher zu einer guten machen. Fast hätte ich Dir ein Inhibitorium geschickt, bin aber jetzt froh es nicht gethan zu haben. Ich machte mich nämlich unmittelbar nach Empfang Deines Briefes an Mommsen, den ich gerade in jenen Tagen wiederholt zu sehen die Gelegenheit hatte. Ihn hätte ich für Zürich als eine ganz glänzende Acquisition gehalten, und seine Verhältnisse in Leipzig schienen sich so unange nehm zu gestalten, daß ich mir die Möglichkeit dachte ihn zu bekommen. Ich sprach auch ganz offen mit ihm davon, und sein erstes und letztes Wort war, daß er eigentlich lieber in Deutschland bleibe, daß ihm aber Zürich eine willkommene Zufluchtstätte wäre, wenn seine Lage in Leipzig unhaltbar würde. Er ver sprach mir auch Mittheilung, wenn er letzteres eingetreten glauben würde. Ich habe aber seither nichts von ihm vernommen, und es ist also für jetzt darauf keine Rechnung zu machen. Hat es nun auch nichts besonders schmeichelhaftes, für jemanden das Pis-aller zu sein, so ist ihm doch der Gedanke nicht übel zu nehmen und ich halte ihn für so bedeutend, daß jenes unangenehme Gefühl zurück treten muß, und ich Euch sogar einen Extra Effort zumuthen möchte, wenn er sich zur Übernahme einer juristischen oder philologischen Professur in Zürich entschließen sollte. Bei Schmidt bin ich Deinem Wunsche sofort nachgekommen, und seine Sache hat sich ohne Schwierigkeit geordnet. Ich hatte ein wenig mit ihm zu | schaffen darüber, daß in der Ernennungsurkunde die außerordentliche Professur erwähnt und die Attribute eines ordentlichen Professors davon unterschieden waren, und es frappirte mich zuerst insofern selbst, als wir dieses früher beim Erziehungsrathe stets als Interiora, welche dem Betreffenden gar nicht mitgetheilt wurden, behandelten und es in unsern Protokollen, Budgets u. dgl. behielten. Schmidt war aber auch nicht ein Argwohnsheld wie seiner Zeit Arnold u. dgl., und ließ sich leicht beruhigen, und Du wirst wahrscheinlich jetzt bereits den Anlaß gehabt haben das übrige zu thun.
Und nun unser aller herzliches Bedauern über die Leiden Deiner l. Mutter. Die unselige Gicht, in deren Erschei nungen ich nach aller ihrer Mannigfaltigkeit ein wohlbewanderter Experte bin, wie Du weißt! Möchte ihr wenigstens das zu Theil werden, was ich sonst immer zu meinem und meiner gichtgenössigen Collegen Trost wahrgenommen habe, nämlich daß dieselben, wenn ein Mal der Anfall cessirt hat, sich dann wohler befinden als andere Leute. Freilich erinnert mich dieser Satz einiger Maßen an einen neulichen Streit zwischen Alfred und Wilhelm, deren jeder mit Heftigkeit und einigen Vernunftgründen behauptete, daß ihm selbst die Lebkuchen besser schmecken als seinem Bruder! Doch von ganzem Herzen jegliche Erleichterung für die l. Mutter! Und dem l. Vater die längste Fortdauer seines herrlichen, rüstigen und muntern Alters. Die Zahl seiner Jahre schwebt mir immer um so deutlicher vor, als er nur 1. Jahr jünger als mein Vater ist. Tausend Grüße von uns allen an beide so wie an Clementine. Daß Dir selbst das Pflügen oder, wie wir es nannten, das «Herr Präsident hochgeachte Herren machen» zuweilen zur Kehle steigt, begreife ich aus alter Erfahrung; aber nur Geduld, Du darfst Dich's noch gar nicht verdrießen lassen, denn Du hast noch lange Jahre Zeit, um ein junger Alt-etc. zu werden. Statt des römi schen Consular-Alters wird die Neuzeit bald ein Alter «wo man nicht mehr muß» bestimmen müssen.
Rüttimanns Schrift über den Engl. Civilproceß ist jetzt nächstens fertig gedruckt, sie ist ganz trefflich, und wurde| mir bei jedem Bogen lieber, den ich corrigirte. Es geht heute von mir auch an ihn ein Brief ab.
Endlich a propos: Nannette hat uns vorläufig wegen der Reise hieher einen Korb gegeben; vielleicht wirklich, wie Du sagtest, im Gedanken an das Ungeheure der Reise. Du solltest ihr diesen benehmen; es versteht sich ja, daß ich sie abholen würde, wo sie immer wollte, und daß meine Frau ihr das auch geschrieben hat. Und so hat wirklich die Reise jetzt gar nichts mehr auf sich. Thue doch, wir bitten Dich, deßhalb gelegentlich Dein bestes. Wir wollten die gute Nannette gewiß recht schön pflegen, und es würde ihr doch manches gewiß angenehm sein; die Kinder aber hätten an Nannette's Anwesenheit ihr Leben lang zu zehren. Jetzt fangt Ihr schon an, in dem Frühlingsschmuck von Belvoir zu schwelgen, was ich daran merke, daß unsere Nußbäume im Hof auch schon grün werden. Doch genug. Lebe wohl, empfehle uns allen Deinigen recht freundlich, und seid von uns Allen, Alfred voran, herzlich gegrüßt.
Dein
D F. L. Keller.