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Ich sitze in der vordersten Reihe. Rechts aussen. Hinter mir ein paar Menschen, die ich nicht oder kaum kenne. Der Mann am Klavier spielt leise ein Lied. Neben ihm steht ein Blumengesteck. Pfingstrosen in den Farben Rosa, Weiss und Purpur. «Die Farben ihrer Seele», denke ich. Auf dem Tisch liegen Gedichtbände von Goethe und Schiller.
Der Pfarrer kommt zu mir und fragt mich, ob ich das Gedicht vorlesen möchte. Ich schüttle den Kopf. «Nein, ich kann nicht ...» Er nickt verständnisvoll und geht nach vorne.
Ich sitze in der vordersten Reihe. Rechts aussen. Es ist die Beerdigung meiner Grossmutter. Der Pfarrer fängt an zu sprechen, und meine Gedanken tragen mich davon …
Als mich meine Mutter anrief und mir sagte, dass es meiner Grossmutter nicht gut ginge, fuhren mein Mann und ich sofort zu ihr.
Als ich die Tür zu ihrem Zimmer im Altersheim aufmachte, sah ich sie im Bett liegen, und der Anblick legte das Tuch der Trauer um mich, denn es war klar, dass sie im Sterben lag. Ich setzte mich zu ihr ans Bett und nahm ihre Hand. «Wo ist meine Grossmutter?», fragte ich mich, während ich in ihr Gesicht schaute. Sie war immer eine wunderschöne Frau gewesen, und das Alter konnte ihr nichts anhaben. Ihre Art hatte diesen «Queen von England»-Touch: Höflichkeit gepaart mit vornehmer Zurückhaltung, gehüllt in einen Hauch von Contenance. Passend dazu ihre blasse Haut, die so schön und faltenfrei bis ins hohe Alter blieb, weil sie die Sonne nicht vertrug. Dazu Augen im Blau eines Sommerhimmels und weiss-silberne Haare.
Als sie ihre Augen öffnete und mich ansah, lagen darin Erstaunen und Freude. Ich fing an zu weinen, weil ich wusste, dass ich Abschied nehmen musste.
In den nächsten Tagen ging es mit ihrem Gesundheitszustand auf und ab. Manchmal war sie kaum ansprechbar, ein paar Stunden später ass sie hungrig zerstampfte Banane, worüber wir uns alle sehr wunderten.
Es war gerade ein paar Monate her, dass ich die Ausbildung zur Sterbebegleiterin beendet hatte, und ich war unglaublich froh darüber, denn so konnte ich sie unterstützen. Es war für mich kein Zufall, dass der erste Mensch, den ich bis zum Ende begleiten durfte, meine Grossmutter war. Es war für mich eine unglaublich intensive, aber auch schöne Erfahrung. Oft fühlte es sich so an, als ob ich mein Leben lang nichts anderes gemacht hätte, als Menschen in ihrem letzten irdischen Raum zu betreuen.
Wenn meine Grossmutter wache Momente hatte und Raum dafür war, hatten wir intensive Gespräche.
So sprachen wir auch über den Konflikt zwischen uns. Wir hatten in den letzten Jahren kaum Kontakt zueinander gehabt. Sie hatte dies so gewünscht, denn sie wollte sich loyal gegenüber einem Familienmitglied zeigen, mit dem ich eine Auseinandersetzung hatte. Ich erzählte ihr meine Sicht. «Das habe ich nicht gewusst», erwiderte sie. «Das habe ich vermutet», dachte ich für mich. In diesem Zimmer sassen nicht eine Grossmutter und ihre Enkelin, sondern zwei Menschen, die spürten, dass sie das, was nun an Heilung möglich war, auch annehmen wollten. Wir schwelgten in Erinnerungen: all unsere Ausflüge, als ich noch ein Kind war, und wie mir immer hinten im Auto schlecht wurde, oder wie sie mir fast jeden Freitag einen Apfelkuchen backte, weil ich den so mochte. Wir erinnerten uns daran, dass sie mit mir, als ich noch klein war, Mozart-Schallplatten hörte, mir Gedichte vorlas, mir beibrachte, dass es wichtig ist, immer «Danke» zu sagen, beim Essen gerade zu sitzen und nicht mit offenem Mund vor sich hinzuschmatzen. Wir sprachen auch darüber, wo sie denn gerne ihre Asche verstreut hätte. «Vielleicht im See?», fragte ich sie. «Aber du weisst doch, dass ich nicht schwimmen kann!», meinte sie darauf. Ich lachte laut, doch in ihrem Gesicht sah ich, dass sie das ernst meinte.
Während dieser Zeit heilte viel in mir. Des Öfteren sah ich das Familienmitglied, mit dem ich Streit hatte. Doch erstaunlicherweise war es mir egal. Im Gegenteil: Ich erkannte den tieferen spirituellen Sinn hinter der Handlung meiner Grossmutter, den Kontakt mit mir nicht zu wollen. Dies gab mir die Möglichkeit, alte Wunden, die ich durch meine Familie hatte (wie sie wohl die meisten von uns haben), zu heilen. Schon lange erkannte ich die komplexen Muster, in denen ich vorher jahrelang gelebt hatte. So hatte ich die Möglichkeit zu erkennen, welcher Teil von mir familiengeprägt und welcher mein wahres Ich war. Nachdem ich all das erkannt hatte, fühlte ich mich sehr frei. Als ich einmal mit meinen Engeln darüber sprach, sagten sie mir, dass, wenn Seelen in eine gemeinsame irdische Familie inkarnieren, dies nicht heisst, dass gemeinsame Lernprozesse automatisch das ganze Leben andauern müssen. Es können auch Pausen entstehen, oder Wege können sich ganz trennen. Es ist nur unser Menschsein, das sich Vorstellungen macht, wie familiäre Beziehungen aussehen müssen.
Es war schon über einer Woche vergangen, seit ich meine Grossmutter das erste Mal besucht hatte. Wir waren alle müde, denn es war eine intensive Zeit für uns. So verabschiedete ich mich eines Abends von ihr und wünschte ihr eine gute Nacht.
Ich war schon auf dem Gang, als ich mich noch einmal umdrehte und zurück in ihr Zimmer lief. Ich ging nah an ihr Gesicht heran, und unsere Augen waren nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt. Es war, als ob unsere Seelen sich berührten. «Ich danke dir aus tiefstem Herzen, dass du Platz in deinem Leben für mich hattest», sagte ich leise zu ihr, während mir Tränen übers Gesicht liefen. «Aber das war doch selbstverständlich», sagte sie. Nein, war es für mich nicht. Als die Ehe meiner Eltern auseinanderging, war ich gerade ein Jahr alt und meine Mutter zwanzig Jahre alt. Und so zogen wir bei meinen Grosseltern ein, wo ich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag lebte. Mein Grossvater hatte, als ich vier Jahre alt war, einen sehr schweren Autounfall, und das Leben meiner Grossmutter und von uns allen war von heute auf morgen ein komplett anderes. Und trotz all dem konnte ich bei ihnen bleiben, und sie gaben mir alles, was ihnen möglich war. Die Dankbarkeit, die ich in diesem Moment empfand, war rein, voll Liebe und tiefer Zuneigung. In dieser Nacht starb meine Grossmutter.
Am nächsten Tag ging ich in das Zimmer und betrachtete ihren Körper. Er war leer. Da waren keine Seelenanteile mehr. Es war nur noch ihre menschliche Hülle. Als mein Grossvater gestorben war, hatte er ein Lächeln im Gesicht gehabt, und man spürte, dass die Seele noch präsent war. Doch nicht so bei ihr. In diesem Moment hörte ich meine Engel sagen: «Es war Zeit. Es war schon lange Zeit», und mir wurde bewusst, dass diese letzten Tage ein Geschenk an eine Seele gewesen waren, die noch Heilung brauchte.
Ich sitze in der vordersten Reihe. Rechts aussen. Hinter mir ein paar Menschen, die ich nicht oder kaum kenne. Es ist die Beerdigung meiner Grossmutter. Die Stimme des Pfarrers ist verstummt.
Als wir von der Beerdigung nach Hause kamen, öffnete ich die Haustür und sah meinen Mann an. «Riechst du es auch?», fragte ich ihn. «Ja», antwortete er. Das ganze Haus roch nach frischem Apfelkuchen.
Ich sitze am Seeufer. Ich bin allein. Um mich nur Natur. Es sind nun zwei Jahre vergangen, seit meine Grossmutter verstorben ist und heute ist der Tag meines Abschiedsrituals. In der Hand halte ich ein Papierschiffchen. Ich habe den Text ihrer Lieblingsarie kopiert, der an ihrer Beerdigung vorgelesen wurde, und es daraus gebastelt. Ich habe ein purpurnes Cocktailschirmchen daran festgemacht, weil sie die Sonne nicht vertrug. Von meinem Kraftplatz habe ich Erde mitgenommen und als Symbol ihres Körpers hineingelegt. Ich gehe die Treppe hinunter zum See, halte das Schiffchen mit beiden Händen und setze es aufs Wasser. In diesem Moment kommt Wind auf und trägt es davon. «Tschau, Grosi. Danke für alles», sage ich leise und winke dem Schiffchen nach. Ich schaue in den Himmel und bin einfach dankbar. Ich bin dankbar für all den Heilungssegen, den ich in meinem Leben habe, und dankbar für all den Heilungssegen, der noch kommt.
Einmal mehr habe ich gelernt, dass Vergebung das Einzige im Leben ist, was wirklich zählt. Wir behalten das Schöne, und alles andere lassen wird los. Denn eines ist klar: Die, die gegangen sind, leben in uns weiter. Doch wie und mit welchen Gefühlen sie weiterleben, liegt an uns.