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Es gibt in Grossbritannien ein allwöchentliches, halbstündiges TV-Spektakel, das sich bei einigen Einheimischen (und auch temporären Zuwanderern) fast noch grösserer Beliebtheit erfreut als andere beachtliche Errungenschaften des britischen Fernsehens wie Made in Chelsea, Strictly Come Dancing oder My Big Fat Gypsy Wedding. Immer mittwochs um 12 Uhr mittags gibt’s Reality-TV vom Feinsten, live aus dem Commons Chamber im Westminster-Palast. Die Rede ist von den Prime Minister’s Questions, kurz PMQs genannt. Während dieser halben Stunde muss sich der Prime Minister Fragen aus den Reihen des Unterhauses stellen.
Ein paar Fakten
Es ist in Grossbritannien bereits seit Jahrhunderten üblich, dass das Parlament dem Prime Minister Fragen stellt. Diese haben quasi die Funktion einer Überprüfung der Regierung. Die PMQs als regelmässig stattfindender und zeitlich begrenzter Anlass wurden 1961 ins Leben gerufen und fanden ursprünglich zweimal wöchentlich während 15 Minuten statt. Tony Blair war das zu viel Aufwand, deshalb verfügte er 1997, dass die PMQs nur noch einmal pro Woche, dafür während 30 Minuten stattfanden. Diese Praxis wird bis heute weitergeführt.
Die «Fragestunde» findet im Commons Chamber statt. Der Saal ist längs in zwei Hälften unterteilt. Auf der einen Seite sitzen Mitglieder der regierenden Partei – aktuell die Conservative Party –, auf der anderen Mitglieder der oppositionellen Parteien, wovon die Labour Party momentan die grösste ist. Am oberen Ende des Saals sitzt der Speaker, der den Vorsitz hat.
Der Prime Minister weiss im Vornherein nicht, welche Fragen gestellt werden, abgesehen von der ersten Frage, die normalerweise immer gleich lautet und den Tagesablauf des PM betrifft. Diese Frage wird dann auch immer gleich beantwortet, nämlich mit «This morning I had meetings with ministerial colleagues and others. In addition to my duties in the House, I shall have further such meetings later today.» Danach kann jene Person, die die erste Frage gestellt hat, eine zusätzliche Frage stellen, oder es wird jemand anderes aufgerufen. In der Regel wird zwischen der Regierungspartei und der Oppositionspartei abgewechselt. Dem Leader der Oppositionspartei stehen sechs Fragen zu, die er entweder in einem oder in zwei Blöcken stellt.
Theatralik, Selbstinszenierung und Beleidigungen
Wahrscheinlich stellen Sie sich nun die Prozedur eher langweilig vor und fragen sich, was daran so interessant ist, dass man es sich im TV anschaut. Lassen Sie sich versichern: der Unterhaltungswert der PMQs ist nicht zu unterschätzen, und manche der Beteiligten geben sich auch alle Mühe, dass dies weiterhin so bleibt.
Es fängt schon bei der recht umständlichen Anrede an, die gerade für Nicht-Briten eher speziell klingt: die Parlamentarier bezeichnen sich gegenseitig als «right honourable friend» oder «right honourable gentleman». Wenn man eine gewisse Geringschätzung seines Gegenübers zum Ausdruck bringen will, lässt man das «right» einfach weg und spricht nur noch von «the honourable gentleman» (mit Betonung auf «honourable»). «Anrede» ist hier eigentlich auch nicht das richtige Wort, denn direkt angesprochen wird in der Regel nur der Speaker – die Fragen werden quasi über ihn als Vermittler gestellt. Das tönt dann zum Beispiel so: «Mr Speaker, I would like to ask the Prime Minister what he intends to do about …». Daraufhin übergibt der Speaker dem Prime Minister das Wort.
In krassem Gegensatz zu diesen Förmlichkeiten steht die Tendenz der Parlamentarier, während der PMQs ihre sonst typisch britische Zurückhaltung und Manieren über Bord zu werfen und sich stattdessen auf aufgebrachte Art und Weise gegenseitig anzugiften. Dabei erhält der Sprechende meist viel Zustimmung aus den Reihen seiner Partei und ebenso viele Buhrufe von der anderen Seite her. In anderen Worten: es wird laut, und es wird mächtig ausgeteilt. Gerade Prime Minister David Cameron ist nicht auf den Mund gefallen – er bezeichnete sein Gegenüber zum Beispiel einmal als «the muttering idiot sitting opposite me». Wenn der Lärmpegel in solchen Fällen die ertragbaren Grenzen überschreitet, muss der Speaker eingreifen. Er ruft dann wiederholt «Order!». Sollte dies nichts nützen, kann er aber auch anders. In einem Fall hat er die sich nicht beruhigen wollenden Parlamentarier zurechtgewiesen mit den Worten: «Try to calm down, and behave like an adult, and if you can’t, if it’s beyond you, leave the chamber.» – ich nehme an, ich bin nicht die einzige, die sich dabei leicht an einen Kindergarten erinnert fühlt.
Eine neue Ära?
Kurz bevor ich nach London gezogen bin, wurde Jeremy Corbyn zum neuen Leader der Labour Party gewählt. Jeremy nimmt seine Aufgabe sehr ernst, und er fand, dass es an der Zeit sei, dem Kindergarten ein Ende zu setzen und aus den PMQs wieder eine Plattform für das seriöse Diskutieren von Regierungsentscheiden zu machen, wo Selbstinszenierungen und Beleidigungen nichts zu suchen haben. Zudem holt er Fragen aus dem Volk ein und liest nun während der PMQs regelmässig E-Mails vor, die er von Stimmbürgern erhalten hat.
Das sind natürlich äusserst noble und sehr vernünftige Ansinnen, die Jeremy Corbyn hat. Und trotzdem hofft der Reality-TV-Fan in mir, dass weiterhin die eine oder andere Beleidigung fallen und die Menge in tosenden Lärm ausbrechen wird. Falls es Sie auch wissen möchten, wie es in einem solchen Fall zu und her geht, schauen Sie sich ein paar Clips auf YouTube an.
Titelbild via: Flickr, UK Parliament (CC BY-NC 2.0)