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Die Katzen marschierten weiter. Wie zu Beginn ihrer Reise blieben sie am Tag vor Ort, legten sich unter ein Gebüsch und schliefen. Sobald sich der Tag verabschiedete, wurden sie munter. Sie streckten sich der Länge nach aus, machten einen Katzenbuckel und gähnten in den Sonnenuntergang. Dann folgte, wie jeden Tag, eine Lagebesprechung. Vor ihnen lagen grosse, leere Felder. Wenn sie sich aufteilten, konnten sie die Mäuse aus ihren Verstecken hervorlocken. Sie waren froh, dass der Sommer gekommen war und es wieder genügend Futter gab. Trotzdem sah man ihnen an, dass sie schon lange unterwegs waren. Ihr Fell hatte den Glanz schon vor Monaten verloren und war matt geworden. Besonders Beauty mit ihrem langen Haar hatte damit zu kämpfen. In ihrem Haarkleid hatten sich Knoten gebildet. Aus diesen Knoten waren Filzflächen geworden, die ihr bei jeder Bewegung an der Haut zupften. Zwar versuchte sie mit ihren Zähnen die Filzstellen aufzubeissen, doch sie sassen total fest. Sie hatte keine andere Möglichkeit, als sich ganze Fellbüschel auszurupfen. Im Frühling, als sie den Winterpelz verloren hatte, sah sie erbärmlich aus. Sie hätte sich am liebsten verkrochen, denn sie schämte sich. Sie dachte ab und zu an die Zeit zurück, wo sie noch eine Schönheitsprinzessin war. Natürlich hatte sie keinen Spass an den Ausstellungen. Dort wurde sie von fremden Händen hochgehoben, gedrückt und begutachtet. Vorher hatte man ihr noch duftenden Spray ins Haar gesprüht und sie gebürstet. Auf der einen Seite war sie stolz, dass sie so schön war, auf der andern Seite hatte sie sich oft gewünscht, wie andere, normale Katzen zu leben. Doch jetzt, wo sie das harte Leben einer wildlebenden Katze kennen gelernt hatte, wusste sie gar nicht mehr, was nun besser für sie war.
Sie schaute ins Dunkel der Nacht und betrachtete mit ihren riesengrossen, kugelrunden Augen den Horizont. Ihre Ohren bewegten sich wie kleine Antennen von links nach rechts und von hinten nach vorne. Erst blieb sie unbeweglich sitzen, dann ging sie leicht in die Hocke. Im Zeitlupentempo und geschützt durch ihr dunkles Fell, näherte sie sich dem Abendessen. Die kleine Maus hatte sie nicht kommen gehört. Es war für sie zu spät, als Beauty zum Sprung ansetzte. Auch das Zappeln nützte nichts. Es war um die Maus geschehen.
Sie schlenderten durch die Gärten und schauten in die Wohnungen, die am Abend hell beleuchtet waren. Von drinnen konnte man sie nicht sehen, wie sie am Fenster hockten und ins Innere schielten. Die einzelnen Häuser wurden durch eine Wand und einen Geräteschuppen voneinander abgetrennt. Da würden sie die Nacht verbringen, da war es warm. Sie drückten sich unter der Türe durch und legten sich in eine leere Holzkiste.
Shumba, der heute wieder mal Wache schob, durfte nicht schlafen. Er ging zurück in den Garten und setzte sich auf die Fensterbank. Im Zimmer sah er drei Personen, die auf dem Sofa sassen und miteinander redeten. Sie sahen sehr traurig aus. Er hörte, wie das Ehepaar ihrem Besuch erzählte, welches Leid ihnen widerfahren war. Sie erzählten die Geschichte ihres Katers Eddy.
"Als wir Eddy kennen lernten, war er gerade mal 8 Monate alt. Karin, meine Schwester, holte ihn aus dem Tierheim als Spielgefährten für ihre erste Katze „Blue“. Leider vertrugen sich Eddy und Blue nicht miteinander, da Eddy sofort alles für sich alleine in Anspruch nehmen wollte. Zudem war Blue zu schwach um sich zu behaupten, da Blue nach einem Autounfall behindert war und nur noch auf 3 Beinen laufen konnte.
Im darauf folgenden Dezember war es dann so weit: Eddy zog zusammen mit einem kleinen Katzenbaum, einer kleinen Höhle zum Schlafen sowie etwas Spielzeug bei uns ein. Da wir nicht sehr viel über das Leben einer Hauskatze wussten, informierte ich mich gleich über das Internet. Wir legten einen Ordner mit den gesammelten Informationen über Krankheiten, Fressen und Haltung an.
Als Eddy sein erstes Weihnachtsfest bei uns hatte, schmückte meine Frau Milka den Weihnachtsbaum mit mir und Eddy half mit, das Lametta und die Kugeln vom Baum zu holen. Eddy spielte das Christkind und saß ganz Stolz unter dem Baum. Es war ein lustiges Fest zu dritt. Eddy spielte mit uns „Fang die Maus“, wobei wir die Mäuse waren. Man wusste nie genau, aus welcher Ecke die kleine „Kampfmaschine“ kam. Das Motto von Eddy hiess: Angreifen, zuschlagen und abhauen. Die größte Freude für ihn war es, wenn wir uns erschrocken hatten oder wir so machten, als ob wir ihn nicht sehen würden, so dass er seinen Spass hatte. Was ihm auch grosse Freude bereitete, wenn er schnell um die Ecke rannte und dann auf unserem Laminat ins Schleudern geriet und in der Schräglage um die Ecken rutschte.
Eddy holte mich oft aus meiner Traurigkeit heraus, hörte mir zu, wenn ich mit ihm redete und schaute mich mit seinen Grossen und wissenden Augen an, als würde er alles verstehen. Eddy mochte keinen Streit. Wenn ich zu laut wurde sah er mich immer so seltsam an, als wollte er sagen, sich solle aufhören. Daraufhin gab ich mir Mühe, ruhiger zu reden.
Wir kauften Eckenschoner und einen grossen Kratzbaum, der bis an die Decke ging. Über diesen freute sich Eddy sehr, da sein alter kleiner Baum oft umgefallen war, wenn er angerannt kam und den Baum erobern wollte. Der neue Baum hielt seinen ersten Attacken stand. Er nahm ihn gleich in Besitz.
Eddy war ein Kater mit sehr viel Kraft. Wenn er mit den Spielmäusen spielte, gab es richtig Haue. Erst bekamen seine Mause richtig Dresche, dann Bisse und daraufhin flogen sie durch die Luft. Wenn seine Mäuse unter den Schrank geflogen sind, setzte er sich davor und sah mich so lange an, bis ich eine Taschenlampe und einen Zollstock holte, um die Mäuse wieder rauszuholen.
Eddy war auch ein sehr guter Fänger. Er fing seine Leckerlis mit beiden Pfoten und ass sie wie ein Mensch. Da Eddy gerne mit Wasser spielte, kauften wir ihm einen schönen, schweren Springbrunnen aus Schieferstein, damit er beim Trinken nicht umstürzen konnte.
Immer, wenn Eddys Toilette schmutzig war, zeigte er es uns, indem er sich vor unser Zimmer stellte und uns so lange anschaute, bis wir es bemerkten. Wenn wir seine Notdurft in die Toilette kippten und hinunter spühlten, kam Eddy schnell, um zu sehen, wohin alles verschwand. Einmal wäre er dabei fast hinein gefallen; so interessant war das alles für ihn.
Eddy kroch gerne in kleine Kartons. Mit Drücken und Dehnen ging es oft. Wenn nicht, musste die Oeffnung durch das Zerreisen und Abbeissen erweitert werden. Eddy mochte Plastik- und Papiertüten. Einfach alles in das man sich verstecken konnte.
Immer wenn wir vom Einkaufen zurückkamen, war unser „Schmusi“ da, um zu schauen was alles in den Einkaufstüten war. Meistens war ja auch was für ihn dabei. Auch wenn meine Frau von der Arbeit kam, musste sie alle Taschen abstellen und sich um unseren Eddy kümmern, der sie erwartete. Er lag so platt wie ein Pfannkuchen auf dem Boden und wartete, bis er nach allen Regeln der Kunst durchgeknetet wurde. Danach war für ihn die Welt wieder in Ordnung und wir waren wieder zu dritt.
Unser Schatz war nicht gerne alleine. Ihm reichte es, wenn er Stimmen von uns beiden hörte. Er mochte auch nicht richtig essen, wenn wir nicht da waren. Wenn wir erst spät nach Hause kamen, wartete er auf uns, um uns zu zeigen, dass es ihm nur in unserem Beisein schmeckte.
Einmal im Jahr machten wir Urlaub bei unseren Verwandten in Bosnien. Das war immer eine schlimme Sache für unseren Schatz Eddy. Er wusste genau, was auf ihn zukam. Zwei Wochen ohne Milka und mich, Eddy musste leiden. Milka und ich sowie alle anderen mussten die zwei Wochen Trennung mitleiden. In Gedanken sehe ich ihn oft, wie er in den Koffern herumsprang, um zu zeigen, dass er mitwollte. Doch die Reise wäre zu lange für ihn. Er konnte es nicht verstehen. Eddy musste zuhause bleiben, aber ganz alleine war er zum Glück nicht. Meine Schwester Karin, meine Nachbarin Heike und meine Schwägerin Uschi kümmerten sich abwechselnd um ihn. Aber Eddy war sehr traurig. Anfangs wollte er nicht essen und versteckte sich in unserem Kleiderschrank, obwohl er sehr viel Liebe und Streicheleinheiten bekam. Wir machten uns immer große Sorgen und informierten uns täglich über ihn. Eddy wusste genau, wann die zwei Wochen zu Ende gingen. Sein Instinkt sagte es ihm. Denn bevor wir nach Hause kamen, war er bereits sehr unruhig und meckerte über alles, was im nicht passte. Während der Heimfahrt dachten wir auch nur an ihn und waren froh, wenn wir wieder die Haustür aufschließen konnten und unser lieber Eddy uns begrüsste.
Wenn die Schule aus war und die Kinder so laut waren, lief Eddy immer weg, denn er mochte die hellen und lauten Stimmen nicht. Auch hatte er vor Gewitter und der Türklingel Angst. Denn dann wusste er, dass irgendwelche Leute kamen. Erst wenn er sicher sein konnte, dass die Luft rein war, kam er wieder zu uns. Nur wenn Eddy merkte, dass es Leute waren, die er kannte, kam er gleich, um sie zu begrüssen. Eddy liebte die Ruhe und das Vogelgezwitscher im Frühling. Wenn meine Frau den Garten mit Blumen schmückte, war Eddy ganz happy, da es herrlich duftete. An schönen Abenden assen wir oft draußen ein Eis, natürlich zu dritt. Eddy sass dann unter dem Blumenhang, wo er am liebsten die ganze Nacht geblieben wäre. Ausserdem kamen am Abend immer Maikäfer geflogen, sodass er immer wieder etwas zum Fangen hatte. Er nahm sie dann mit in die Wohnung, um meiner Frau und mir zu zeigen, welch super Fänger er doch war.
Wenn wir ins Bett wollten, rief ich ihm zu: „Eddy, komm ins Bett, Heia machen“. Daraufhin kam er sofort hinterher und legte sich zu mir oder auf Milka´s Seite, bis auch sie einschlief.
Eddy sprach mit uns auf seine eigene Weise, die wir immer zu verstehen versuchten. Egal ob er an den Wasserhahn trinken gehen oder spielen wollte, wir verstanden ihn. Warum mein Kater mit mir manchmal Streit anfing, mir nachlief und mich beissen wollte, verstand ich nicht. Ich bekam hie und da ganz schön was ab. Weil ich ihn nicht schlagen wollte, musste Milka mir oft helfen, ihn zu besänftigen. Ich habe ihm aber immer schnell verziehen.
Wenn meine Frau einen kleinen Niesanfall hatte, miaute Eddy immer, als ob er „Gesundheit“ sagen wollte. Beim Fernsehschauen schielten wir zu Eddy und taten so, als sei er nicht da. Milka fragte dann immer: „Wo ist denn mein Eddy, wo ist mein Schmusekater?“. Nach einer kurzen Weile kam dann die Antwort mit einem seltsamen Miauen, bei dem er sich auf dem Teppich rollte. So war meist unser gemeinsames Beisammensein am Abend, eine glückliche Familie zu dritt. Ich war immer sehr stolz, dass sich Eddy nur von mir auf den Arm nehmen liess. Sonst vertraute er keinem bedingungslos. Ich sang ihm oft ein Liedlein vor. Eines mochte er besonders: „Haia Popeia, was raschelt im Stroh? Der Eddy läuft barfuss und hat keine Schuh´“.
So vergingen die Tage, die Monate, und die Jahre. Wir waren glücklich und eigentlich auch zufrieden. Im Herbst sind wir dann in eine neuen Wohnung umgezogen, Eddy war da gerade mal fünf Jahre und vier Monate alt. Der Wohnungswechsel muss sehr schlimm für unseren kleinen Schatz gewesen sein, denn er weinte oft nachts und wir dadurch geweckt wurden. Wir standen dann auf und holten ihn zu uns ins Bett. Milka und ich versuchten alles, um ihm das neue Zuhause so schön wie möglich zu gestalten, doch ich glaube, er hatte grosse Probleme, sich einzuleben. Wenn es für unseren Eddy bloss so einfach gewesen wäre wie für uns.
Weihnachten verbrachten wir wie immer. Nur Eddy war etwas ruhiger geworden. Er wollte nicht mehr auf seinen Kratzbaum, schlief meistens im Bett in seiner Schlafhöhle und wollte nicht mehr so oft in den Garten. Und noch etwas hatte sich verändert: Eddy hatte auf einmal sehr viel Durst. Ich musste immer öfter mit ihm zum Wasserhahn laufen oder Katzenmilch, verdünnt mit Wasser, hinstellen. Wir machten uns nicht so grosse Sorgen, da ansonsten alles normal blieb.
Als Eddy einen Monat später einen sehr matten Eindruck machte, brachten wir ihn zum Tierarzt. Nach einer kurzen ihm der Tierarzt Blut ab und gab ihm eine Injektion. Wir sollten am nächsten Tag wieder kommen, da dann das Ergebnis des Labors vorgelegen hat. Als wir bei ihm waren erfuhren wir, dass unser lieber Eddy Diabetes hat. Für uns war dies ein grosser Schock, denn wir hatten noch nie davon gehört, dass eine Katze die Zuckerkrankheit bekommen konnte. Nach dem ersten Schock sagte uns der Tierarzt, dass es nicht so schlimm sei, wie es sich anhören würde. Man müsste ihn nur richtig darauf einstellen und ihm die richtige Menge Insulin injizieren. Wenn man dies einhalten würde, könnte Eddy auch mit der Krankheit sehr alt werden. Daraufhin waren wir etwas beruhigter. Nach einer weiteren Injektion konnten wir mit ihm wieder nach Hause gehen. Wir sollten allerdings nochmals kommen, um die Injektionsmenge des Insulin einstellen zu können.
Am nächsten Morgen waren wir wieder beim Tierarzt. Als Eddy am Abend apathisch und kaum mehr ansprechbar war, fuhren wir sofort in die Tierklinik, da wir sehr grosse Angst hatten, unser Eddy würde sterben. In der Tierklinik wurde er als Notfall eingestuft, sodass er nach der ersten Untersuchung stationär aufgenommen werden musste. In den darauf folgenden Tagen riefen wir immer wieder an, um uns nach seinen Zustand zu erkundigen. Wir erfuhren, dass es ihm etwas besser ging. Uns wurde zudem gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen.
Tage später wurde Eddy entlassen. Man zeigte mir, wie ich das Insulin zu spritzen habe und wie ich Blut am Ohr abnehmen muss, um den Blutzucker zu messen. Ich besorgte alle dafür notwendigen Utensilien.
Am gleichen Tag, sehr spät am Abend, mussten wir schon wieder in die Notaufnahme, da Eddy eine Unterzuckerung hatte und wir vor lauter Panik nicht wussten, was wir machen sollten. Wir stopften etwas Honig in sein Maul und fuhren sofort wieder in die Klinik, da Lebensgefahr bestand. Nach einigen Stunden in der Klinik war Eddy wieder „hergestellt“ und durfte zurück nach Hause. Da sassen wir nun, den Tränen nahe, mit Eddy, und waren mit den Nerven am Ende, Wir wussten nicht mehr, was wir nach dem ersten Schock machen sollten.."
Von nun an lebten Milka und ich nur in Angst und Stress. Ich sollte meinen armen Eddy ab jetzt zweimal am Tag Insulin spritzen, mehrmals am Tag den Blutzuckerwert messen, alle Werte aufschreiben und unserem Eddy klar machen, dass dies jetzt sein Leben sei. Wir hatten ihn bis dahin nie zu etwas gezwungen, aber nun mussten wir ihn mit Gewalt festhalten, um Blut abnehmen und den Blutzuckerwert messen zu können. Eddy war oft sehr zornig auf uns. Er versteckte sich unter dem Bett und wir konnten ihn nur kriegen, wenn wir eine Hälfte des Bettes abbauten. Nirgends war er mehr vor uns sicher. Auch glaubte er, er könne sich in seiner kleinen Katzenhöhle verstecken. Ich kippte sie dann allerdings um, bis er freiwillig herauskam. Es war irgendwie grausam. Mit sehr viel Liebe und Streicheleinheiten sowie Drops versuchten wir ihn immer wieder zu besänftigen. Am Anfang wurde ich gebissen und gekratzt, doch dann ergab sich Eddy in sein Schicksal. So vergingen Tage und Wochen. Eddys Blutzucker ließ sich nicht richtig einstellen. Wir lebten nur noch in Angst, etwas verkehrt zu machen. In der Klinik anzurufen, um zu erfahren, ob wir eine geringere oder höhere Dosis spritzen sollten, gehörte fast zur Tagesordnung.
Es beschlichen uns trübe Gedanken, was wir denn machen sollten, wenn unser Eddy sterben würde. Wir schoben sie sofort wieder weg, weil wir dachten, dass wir das schon schaffen. Doch Eddy ging es schlechter. Er bekam Durchfall und erbrach öfters. Außerdem konnte er nur noch wenig essen und trinken. Wieder fuhren wir zum Tierarzt zu einer Untersuchung. Der Arzt riet uns, ihm anderes Futter zu geben. Sollte sich damit keine Besserung zeigen, sollen wir ihm mit einer Spritze eine Art Astronauten-Nahrung ins Maul geben. Wir machten alles, damit es Eddy wieder besser ging. Wir holten sogar eine Tierheilpraktikerin. Es kostete viel Geld, gebracht hat es aber nichts. Wieder schwand eine Hoffnung. Unser Geld war inzwischen aufgebraucht, es war zum Weinen. Wir kauften Hähnchen-Fleisch, was Eddy über alles liebte, dünsteten es in heißem Wasser mit Meeressalz und hofften von ganzem Herzen, dass es Eddy fresse. Eddy tat es uns zuliebe und wir schöpften neue Hoffnung.
Nach ein paar Tagen riefen wir in Eddys Ex-Tierheim an, weil er auf einmal das Essen ganz einstellte. Wir baten die Mitarbeiter, uns zu helfen, da wir keine grossen Kosten mehr tragen konnten. Wir schilderten ihnen den Fall und sie versprachen uns glücklicherweise zu helfen. Wir sollten ihn sofort vorbeibringen. Nach langer Beratung taten wir das. Wie immer riefen wir jeden Tag an, um uns nach ihm zu erkundigen. Alles wäre alles in Ordnung, ihm ginge es gut, sagte man uns.
Drei Tage später hatten meine Frau Milka, meine Schwester Karin und ich ein schlechtes Gefühl, sodass ich noch einmal im Tierheim nachhakte. Ich erfuhr, dass Eddy nur noch mit Gewalt gefüttert werden konnte. Sie mussten ihn dafür festhalten und spritzen. Ich entschied mich, unseren Eddy sofort abzuholen. Er sah schlimm aus, überall von seiner Nahrung besudelt, voller Angst und schwach. Er war sehr glücklich, als er uns sah und miaute kläglich. Wir mussten weinen und Milka und ich versprachen Eddy, dass er jetzt bei uns bleibe und wir ihn nur noch weggäben, wenn wir ihn sofort wieder mit nach Hause nehmen können.
Auf dem darauf folgenden Sonntag mussten wir erneut in die Notaufnahme. Eddy war zu schwach, er bekam eine Infusion, eine Kortison-Spritze sowie Antibiotika. Zudem nahm man ihm Blut an den Vorderpfoten ab, was ohne weiteres nicht so einfach war, da man Eddy mit aller Kraft festhalten musste. Eddy schrie so, wie wir noch nie eine Katze schreien hörten. Es klingt uns heute noch in den Ohren. Einen Tag später war noch mal das gleiche Szenario, allerdings ohne Blutentnahme. Eddy erholte sich ein wenig. Es gab nur noch mit der Insulineinstellung und dem Essen weiter Probleme. Diese Tierpraxis war eine Empfehlung meiner Schwester Karin. Wir waren schon einmal da, als es Eddy noch nicht so schlecht ging. Am Dienstag waren die Blutergebnisse da. Die Werte waren ganz schlecht. Eddy hatte eine Woche lang nichts gefressen. Sie baten uns dringendst, nochmals eine Ultraschalluntersuchung in der Tierklinik machen zu lassen. Wir bekamen für den folgenden Tag einen Termin. Bis dahin sass Eddy zu Hause und suchte so oft es ging unsere Nähe. Er schaute uns mit seinen großen Augen an, in denen Traurigkeit, Leid, und Schmerz zu erkennen war. Wir wussten, dass dies ein Hilferuf war.
In die Küche sass er oft vor seinem Essen und schaute uns mit großen Augen an, als ob er sagen wollte: „Seht her! Ich will ja essen, doch ich kann nicht. Helft mir!“ Wir litten mit ihm und hatten immer noch die Hoffnung, ein Wunder möge geschehen.
Am Mittwoch fuhren wir dann zur Ultraschalluntersuchung. Das Ergebnis war erschreckend. Eddy wurde fast fünf Monate mit dem Verdacht auf Diabetes behandelt und bei der Ultraschall Untersuchung kam heraus, dass Eddy die ganze Zeit in Wirklichkeit an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung litt! Dies war auch der Grund, warum man die Dosis der Injektion nicht einstellen konnte! Deshalb waren diese Schwankungen da! Deshalb konnte er nichts essen! Nun war alles klar. Man sagte uns, dass seine Überlebenschancen sehr gering seien und dass der Arzt ihn am liebsten sofort einschläfern lassen würde. Außerdem wäre ein Heilversuch sehr teuer. Die Behandlung läge zwischen 2000 und 3000 Euro. Wie bereits erwähnt, war unser Geld inzwischen aufgebraucht. Eddy ging es sehr schlecht und seine Chancen, gesund zu werden, lagen bei 30 Prozent. Wir waren alle am Ende und mussten weinen, denn Eddy und wir hatten den Kampf gegen den Tod verloren. Milka, Karin, und ich wollten dem Einschläfern noch keine Zustimmung geben und nahmen Eddy wieder mit nach Hause. Nun sassen wir da, weinten und suchten wieder nach einer Lösung, die es nicht mehr gab. Eddy schaute uns traurig an und schien es zu verstehen. Da wir Eddy nicht unnötig weh tun wollten, gaben wir ihm auf Anraten des Arztes kein Insulin mehr und machten auch keinen Zuckertest mehr. Wir verbrachten eine schlaflose Nacht, standen mehrmals auf und schauten nach unserem Eddy. Wir hatten Angst, dass er ohne uns ganz alleine sterben würde, was er nicht sollte.
Den Donnerstag verbrachten wir zusammen mit Eddy. Wir wollten ihn nicht alleine lassen. Eddy kam am Abend nochmals zu uns ins Bett, um zu schlafen. Wir waren sehr überrascht und froh, denn seit er krank war, wollte er lieber alleine schlafen.
Am Freitag fuhren wir wieder zum Tierarzt, da die Ergebnisse von der Tierklinik eingetroffen waren. Wir suchten nochmals ein Gespräch mit der Ärztin. Sie bat uns, Eddy in Würde gehen zu lassen, da dies das Humanste für ihn wäre. Sie liess uns alleine, damit wir uns entscheiden konnten. Nun standen wir in diesem kleinen Raum, weinten fürchterlich und sahen unseren Eddy an. Wir fragten uns, ob das jetzt das Ende sein soll, hier und jetzt? Mir ging der Spruch durch den Kopf: „Wer liebt, der muss auch loslassen können“. Wir liebten ihn, doch wie sollten wir ihn loslassen können? Als die Aerztin nach einer Weile wieder in das Behandlungszimmer kam, gaben wir ihr unter Tränen die Zustimmung, unseren Eddy in Würde gehen zu lassen. Nach der ersten Narkosespritze konnte unser Eddy noch nicht einschlafen, er schaute mich immer wieder an und wollte aufstehen. Ich gab im einen Kuss, mit den Worten: „Eddy schlafen, komm schlafen“, so wie ich es im schon tausendmal gesagt hatte, wenn wir ins Bett gingen. Eddy brauchte noch eine Narkosespritze um endlich einzuschlafen. Ich hielt seinen Kopf, Milka und Karin schauten auf ihn herab, wie er friedlich zu schlafen schien. Eddy bekam seine erste Todesspritze. Doch er wollte uns immer noch nicht verlassen, sodass die Ärztin ihm noch eine zweite Spritze geben musste. Es dauerte für uns noch eine Ewigkeit, bis Eddys kleines Herz zu schlagen aufhörte.
Eddy starb an einen Freitag um 12:35 Uhr. Wir wünschen uns vom ganzen Herzen, dass die Geschichte von der Regenbogenbrücke wahr ist, sodass wir uns alle mal wieder sehen können.
Eine Brücke verbindet den Himmel und die Erde. Wegen der vielen Farben nennt man sie die Brücke des Regenbogens. Auf einer Seite der Brücke liegt ein Land mit Wiesen, Hügeln und saftigen grünen Gras. Wenn ein geliebtes Tier auf der Erde für immer eingeschlafen ist, geht es zu diesem wunderschönen Ort. Dort gibt es stets Fressen und zu trinken und es ist immer warmes schönes Frühlingswetter. Die alten und kranken Tiere werden im Land hinter der Regebogenbrücke wieder jung und gesund und spielen den ganzen Tag zusammen. Die Tiere sind dort glücklich und zufrieden und es gibt nur eine Kleinigkeit, die sie vermissen. Sie alle sind nicht mit den Menschen zusammen, die sie so sehr geliebt haben. So laufen und spielen sie jeden Tag zusammen, bis eines Tages plötzlich eines von ihnen innehält und aufsieht. Die Nase bebt, die Ohren stellen sich nach vorne und die Augen werden ganz groß! Plötzlich rennt es aus der Gruppe heraus, fliegt über das grüne Gras. Wird schneller und schneller. Es hat dich gesehen und wenn Du und dein Liebling sich treffen, nimmst du ihn in deine Arme und hälst ihn so fest du kannst. Dein Gesicht wird geküsst und geleckt, wieder und wieder und endlich schaust Du nach langer Zeit in die Augen deines geliebten Tieres das lange aus deinen Leben verschwunden war, aber nie aus deinen Herzen. Dann überschreitet ihr gemeinsam das letzte Stück der Brücke des Regenbogens und ihr werdet nie wieder getrennt sein, nie wieder.
Morgen ist Eddy schon vier Wochen tot. Er wurde nur sechs Jahre und einen Monat alt. Wir schauen seine Bilder an und versuchen loszulassen, doch in unseren Gedanken und unseren Herzen wird er ewig weiterleben