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von Brigitta Wisselaar
Nurans Geschichte veranschaulicht die im Konzept formulierten methodischen Überlegungen. Der folgende Bericht schildert ein vierjähriges erzieherisches Geschehen, bei dem es mittels Deutung des Ausdrucks gelang, eine lebensgeschichtlich geprägte Begabungsblockierung aufzulösen.
Nuran war zwölf Jahre alt, als sie mit der Diagnose "unfassbar und verhaltensauffällig" in unsere Kleinklasse eingewiesen wurde. Mein erster Eindruck war Erleichterung: Sie schien mitteilsam und fröhlich zu sein. Schon am ersten Tag kam sie mit den anderen Schülern rege ins Gespräch und teilte ihr Pausenbrot mit ihnen. Sie zeigte allen ihre Hefte aus der Normalschule: auffallend geordnete Darstellungen, allgemeiner Leistungsstand weit über dem Durchschnitt ihrer neuen Mitschüler.
Bald aber stellte sich heraus, dass Nurans Arbeiten Scheinarbeiten waren. Ihr ganzes Heft voller richtig gerechneter Prozentrechnungen erwies sich bei näherem Zusehen als reine Fleissarbeit im Abschreiben. In Wirklichkeit konnte Nuran nicht sieben und zwölf zusammenzählen. Sie passte sich mimikryhaft den jeweiligen Situationen an und schummelte sich durch die gestellten Aufgaben. Geriet sie mit ihrem Verhalten in eine Sackgasse, wenn ihr etwa die anderen Schüler mangelnde Loyalität vorwarfen oder sie beim Abschreiben ertappten und auslachten, so regredierte sie zum liebreizenden unschuldigen Mädchen oder bekam augenblicklich fürchterliche Bauchschmerzen. Mit der Zeit beklagten sich auch die Fachlehrer über sie: Sie sei lügnerisch, nicht zu fassen, würde nur immer schmeicheln und Theater spielen.
In einem Aufsatz zum Thema 'Was ich noch von mir weiss, als ich klein war' schrieb sie: " Ich war ein herzig Mädchen und meine Zwillingsschwester war genau wie ich. Ich konnte mit zwei schon Vater sagen und was meine Schwester konnte: Sie konnte mit zwei schon Mutter sagen. Mir ist viel passiert? Ich habe einmal Tabletten genommen und musste eine Woche lang im Kinderspital bleiben. Und als ich vier war, musste ich nach Türkei fahren bis ich neun Jahre alt war. Ich war in der Türkei bei meine Grossmutter, sie hat zu mir aufgepasst. Und dort bin ich in die Schule gegangen. Und ich habe mir dort sehr interessiert und plötzlich musste ich wieder zurückfahren. Weil meine Schwester einen Unfall hatte und operieren musste....."( stilistisch unkorrigierte Fassung )
Mit dieser Information aus ihrem Leben war Nurans grundsätzliches Desinteresse verständlicher geworden. Trotzdem verlangte der Umgang mit ihr Geduld, ihr ausweichendes Verhalten blieb zweieinhalb Jahre lang fast gänzlich resistent gegenüber unseren vergeblichen und zunehmend hilfloser werdenden Bemühungen.
Ein ganz anderes Bild ergab sich aus der ausdrucksanalytischen Auswertung ihrer Handschrift: Nurans ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale zeigten ein normal intelligentes, ansprechbares, leidenschaftliches und warmherziges Kind. Was aber als Symptom mit grossem Abstand aus ihren sämtlichen anderen Ausdrucksformen herausragte, war ein fast hundertprozentig ausgeprägtes Harmonie- und Anerkennungsbedürfnis, welches in einem erschreckend diskrepanten Verhältnis zur niederen Ausprägung ihrer Eigenständigkeit stand.
In diesem Muster von Ausgeliefertheit und Wehrlosigkeit war Nuran einerseits gefangen, andrerseits lag genau in dieser Gefangenheit das nötige Druckpotential zur Veränderung: Weder konnte sie davon ablassen, mit allen Mitteln und um jeden Preis um Liebe und Anerkennung zu werben, noch verfügte sie andrerseits - obwohl potentiell in starkem Masse vorhanden- über die eigenständigen Begabungen und über das nötige Selbstbewusstsein, womit sie sich diesen Wunsch hätte in Erfüllung bringen können. Wodurch die ganze Situation dann endlich in Bewegung kam, war die lebensgeschichtliche Wiederholung und auslösende Tatsache, dass ihre Zwillingsschwester wegen epileptischen Anfällen erneut ins Spital gehen musste. Nach den Sommerferien, in Nurans drittem Schuljahr bei uns, informierte mich meine Kollegin telefonisch darüber und schilderte Nurans Verhalten als so sehr hysterisch, dass der ganze Unterricht zum erliegen gekommen sei. Als ich am folgenden Morgen die Klasse übernahm, rannte mir ein Mitschüler von Nuran aufgeregt entgegen: Ob ich es schon gehört hätte? Nuran würde spinnen mit ihrem Theater von Weinen und Bauchweh...usw. Nuran stand betroffen daneben.
Ich gebot ihm sofortiges Schweigen: er könne da in keiner Art und Weise mitreden, weil er erstens nicht die blasseste Ahnung davon habe, was es an Problemen bedeute, überhaupt eine Zwillingsschwester zu haben und zweitens, wenn diese noch dazu immer im Spital sei und sich alle Welt nur um diese Schwester sorgen würde und niemand mehr Augen für Nuran selber hätte...angesichts einer solch verzwackten Situation müsse es einem doch direkt seltsam anmuten, wenn man da nicht mindestens Bauchschmerzen bekäme.
Gemessen an Nurans verblüfftem Gesichtsausdruck, der sich langsam verstehend in ein Lächeln verwandelte, hatte auch sie selber bis anhin keine Ahnung davon, was ihr ihre Bauchschmerzen mitteilen wollten - jedenfalls haben sich die hysterischen Anfälle und Schmerzensäusserungen von diesem Moment an für die ganze restliche Schulzeit in Nichts aufgelöst. Kurze Zeit später passierte denn auch auf schulischer Ebene etwas wie ein Durchbruch, und zwar im Zeichnungsunterricht. Das war Nurans unbeliebtestes Fach, vielleicht weil dort ihr Unvermögen, Farbe bekennen zu können, am stärksten zum Vorschein kam. Sie hatte die Aufgabe, zu Eichendorffs Gedicht ein Bild zu malen:
"Schläft ein Lied in allen Dingen
Die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen
Triffst Du nur das Zauberwort"
Nuran kam nicht über ihre klischeehaften Blumen und Häuser hinaus, die ich wiederholt zurückwies. Immer wieder und immer schneller war sie fertig mit einem Versuch und wollte wissen, ob es jetzt endlich recht sei. Ich wagte schon fast nichts mehr zu sagen, als sie mich plötzlich aus heiterem Himmel anschrie, ich würde sie nur plagen und aufregen und überhaupt hätte sie jetzt genug von dieser Schule. Worauf sie mir einen Stuhl vor die Füsse warf, an ihren Platz stapfte und man eine Stunde lang keinen Ton mehr von ihr hörte. Danach kam sie wutentbrannt wieder nach vorne, warf mir ein beeindruckendes, in nichts mehr klischeehaftes Aquarell auf den Tisch und sagte:
"Da haben Sie ihr blödes Zauberwort, es ist das Wort der Wut auf Sie!"
Im darauffolgenden sekundenlangen Schweigen schien die Zeit für einen Moment still zu stehen und einen lautlosen Purzelbaum zu schlagen. Es war der unfassbar bedeutsame Moment, in dem Nurans Wehrlosigkeit Flügel wuchsen - um sich dann im offenen Schluss unseres gemeinsamen Lachens wieder aufzuheben und gleichzeitig zu bewahren.
Ein paar Tage später bat ich Nuran zu einem Gespräch und fragte sie, ob es sie interessieren würde, den Mut, den sie kürzlich im Zeichnungsunterricht bewiesen habe, auf eine andere Art - für das Lernen - einzusetzen? Es würde von ihr den Mut verlangen, beim Punkt 0 zu beginnen, mit dem Preis und Gewinn, dass das Lernen für sie eine zwar anstrengende, aber letztendlich spannende Sache werden könnte. Sie war etwas notgedrungen einverstanden und es folgte eine Zeit heftiger Auseinandersetzung.
Nuran bekam jede Unterstützung, nur Schein- und Schummelarbeiten wurden unerbittlich zurückgewiesen. So heftig, wie diese Auseinandersetzungen stattfanden, kam sie andrerseits in Bezug auf ihre schulischen Defizite mit Riesenschritten voran. In kurzer Zeit hatte sie den Schulstoff von fast drei Jahren aufgearbeitet und die Erfahrung, dass sie aus eigener Kraft etwas leisten konnte, gab ihr ein neues, auseinandersetzungsfreudiges Selbstvertrauen.
Am Schlussabend, am Ende der vierten Klasse, begann Nuran mitten im Abschiedsessen unvermittelt laut zu weinen. Alle wunderten sich darüber, weil man von ihr wusste, dass sie sich auf ihre neue Schule freute . "Es sei ja auch nicht der Abschied, sondern die Tatsache, dass sie nun ihr ganzes Leben lang nie mehr jemanden hätte, der so schön mit ihr schimpfen würde".