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Sommer 2003
Das Ausmass des Leidens der Zivilbevölkerung Europas als Kriegsfolge realisierten die Schweizer im vollen Ausmass erst, als sich das Kriegsgeschehen im Herbst 1944 der Grenze näherte und ganze Dorfgemeinschaften als Flüchtlinge in unser Land trieb. Besonders nachhaltig wurde im Raum Colmar vom 3. Dezember 1944 bis 2. Februar 1945 gekämpft. Viele der schönen, historisch wertvollen, mittelalterlichen Winzerstädtlein am Fusse der Vogesen versanken im Trommelfeuer von über 1000 Kanonen in Schutt und Asche. Über 2700 alliierte und 7500 deutsche Soldaten verloren in diesem extrem kalten und schneereichen Winter ihr Leben.
Bereits 1943 gründeten 44 Staaten aus dem Umfeld der Alliierten die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Die Organisation hatte das Ziel, der Zivilbevölkerung der befreiten Länder Hilfe zu bringen und den Wiederaufbau anzukurbeln. Für die neutralen Staaten Irland, Schweden und die Schweiz kam eine Beteiligung an der UNRRA wegen der Gefährdung ihrer Schutzmachtmandate nicht in Frage. Aber auch sie blieben nicht untätig. Bereits ab Kriegsbeginn waren ihre humanitären Organisationen aktiv geworden. Die Schweiz kümmerte sich in grossem Umfang um die unterernährten und traumatisierten Kinder. Im Herbst 1944, das Kriegsende war abzusehen, wurde die Schaffung einer nationalen Organisation an die Hand genommen. Mit den Beschlüssen der beiden Parlamentskammern für eine Anschubfinanzierung von 100 Mio. Franken im Dezember 1944 wurde die Schweizerspende aus der Taufe gehoben. Ihr Hauptziel war es, den Menschen in den kriegszerstörten Gebieten der Nachbarstaaten unmittelbar nach deren Befreiung Überlebenshilfe (Nahrung, Kleider, Medizin) zu leisten. Anschliessend wollte man rasch Hilfe zur Selbsthilfe bei der Behebung der Schäden an Unterkünften, Spitälern, Strom- und Wasserverteilung, Nahrungserzeugung und Schulen leisten. Der Spendenaufruf löste beim Schweizervolk eine Welle der Solidarität aus. Von Privaten, Organisationen, Kantonen und Gemeinden wurden in kürzester Zeit Fr. 46'151'927.36 zusammengetragen. Der Kanton Baselland spendete Fr. 125'000., Basel-Stadt Fr. 400'000., wobei der Grosse Rat die Auflage machte, dass Fr. 50000. für die Hilfe im Elsass und Fr. 100'000. für Holland einzusetzen seien. Zusammen mit den vom Bund später zusätzlich bewilligten 40 Mio. Franken und den im Nachhinein eingetroffenen Spenden kamen schliesslich 206 Mio. Franken zusammen, was gut zwei Prozent des jährlichen Volkseinkommens der Schweiz entsprach. Der administrative Aufwand belastete das Sammelergebnis nur mit drei Prozent.
Besonders aktiv war das Aktionskomitee beider Basel unter der Leitung von Regierungsrat Prof. Carl Ludwig. Im Auftrag der Zentralstelle organisierte und überwachte es die Hilfe im Elsass. Zuerst aber sammelte es Naturalien: Geschirr, Wäsche, Kleider, Wolldecken, Nähutensilien, Dachpappe, Nägel, Fensterkitt und dgl.; die Basler Jugend stiftete Spielzeug; die Baselbieter Bauern Gärtnerwerkzeug, Rebscheren und Drahtspanner für die elsässischen Winzer alles Dinge, die den Neustart in den Ruinen erleichtern sollten. 60 Tonnen Material konnten so zügig an die Geschädigten verteilt werden.
Die Ernährungssituation war im Elsass nicht so dramatisch wie anderswo. In Holland z. B. musste die Bevölkerung mit einer Tagesration von 350 bis 450 Kalorien auskommen. Im Oberelsass hatte man 1944 die Ernte noch einbringen können, dann aber wagten sich die Bauern bis zum Abzug der Wehrmacht tagsüber kaum mehr auf die Felder, denn die alliierten Tiefflieger schossen auf alles, was sich bewegte. Das übliche Pflügen der Felder unterblieb weitgehend. Zudem waren im Kampfgebiet um Colmar fast alle Zugtiere umgekommen. Wiesen und die mit Unkraut bedeckten Äcker waren mit bis zu knietiefen Spuren von Rad- und Kettenfahrzeugen durchzogen, Minen und Blindgänger machten die Feldarbeit zu einem riskanten Unterfangen. An einem der 96 Schweizerspende-Projekte in Frankreich war auch Settelen beteiligt.
Am 26. März, die deutsche Wehrmacht stand immer noch am rechten Rheinufer, überschritten vier schwere Settelen-Traktoren mit zwei 4-Rad-Anhängern und vier Schnappkarren die französische Grenze mit dem Ziel Colmar. Beladen waren sie mit eigenen Ackerrädern, Werkzeugen und Ersatzteilen sowie Pflügen, welche die Schweizerspende beschafft hatte. Begleitet wurden sie von drei leichteren, fabrikneuen, mit Ackerfräsen ausgerüsteten Traktoren der Binninger Firma Grunder. Settelen stellte den von der Schweizerspende engagierten Kolonnenführer Walter Flückiger, Agronom und Agroökonomist, sowie die Grunder-Chauffeure temporär an. Die SUVAL übernahm explizit das Kriegsrisiko. Eine zusätzliche Todesfall- und Invaliditätsversicherung wurde für alle Kolonnenmitglieder abgeschlossen. Die Chauffeure erhielten für die 51- Stunden-Woche Fr. 100.35 Lohn, Überstunden wurden mit Fr. 2. vergütet. Zusammen mit einer Auslandsentschädigung von Fr. 50. pro Monat entsprach dies einem Monatslohn von Fr. 485.. Für Kost und Logis hatten die Landeigentümer aufzukommen. Vergleichsweise war dies eine recht gute Entlöhnung. In der Schweiz angeworbene Minensucher erhielten allerdings drei Mal mehr.
Ihre Einsatzbasen Bischwihr für Settelen und Jebsheim, um das Panzerverbände sechs Tage gekämpft hatten, für Grunder sollte die Kolonne in drei Stunden erreichen. Schliesslich dauerte es drei Tage. Die Kolonne überschritt mit praktisch leeren Tanks die Grenze und wartete vergeblich auf die von den Franzosen versprochene Benzinlieferung. In der Schweiz wurden damals Traktoren v. a. mit Holz oder Holzkohle, Diesel oder Petrol betrieben. Die vier Settelen-Traktoren waren mit Petrolmotoren ausgestattet, die für diesen Einsatz auf Benzinbetrieb umgerüstet worden waren. In Frankreich gab es zu diesem Zeitpunkt als alleinigen Treibstoff Benzin von der US-Army.
Während die Settelen-Chauffeure auf das versprochene Benzin warteten, räumten sie ihr Quartier auf, einen unbewohnten, teilweise zerstörten Bauernhof. In den bewohnbaren Stuben lag fusshoch Dreck, im Hof und in den Ställen Tierkadaver, Waffen, Munition und Unrat, in den Feldern zerschossene Panzer und schweres Kriegsgerät. Erst am 2. April konnte die erste Furche gezogen werden. Das Pflügen erwies sich als bedeutend schwieriger, als es sich die Organisatoren vorgestellt hatten. Der fix am Traktor montierte Pflug existierte noch nicht. Wie bei der Tierbespannung zog der Traktor den Pflug an einer Kette hinter sich her. Alle Pflüge wurden von hinten durch eine Person geführt und von dieser am Ackerende um 180 Grad gewendet. Starke Männer, welche die 330 kg schweren schweizerischen Anbaupflüge hätten herumwuchten können, fehlten. Sie waren als «Reichsdeutsche» zum Wehrdienst eingezogen worden. Zudem waren die Äcker nur wenige Aren gross, und die häufig unter sich zerstrittenen Dorfgemeinschaften wehrten sich dagegen, dass nebeneinander liegende Parzellen "grenzüberschreitend" umgebrochen wurden. Unsere Chauffeure, die alle in der Landwirtschaft verwurzelt waren, behalfen sich mit zweischarigen Ochsenpflügen, die allerdings oft der Belastung nicht standhielten und brachen. Zudem hatten diese keine «Vorschälmesser». Das Unkraut blieb obenauf liegen und keimte sofort wieder aus. Sommerweizen oder Hafer konnte folglich, auch wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit, nicht ausgesät werden. Die Bauern pflanzten Hackfrüchte und etwas Futtermais an. Stimmten die Vorbedingungen, so wurde an sechs Wochentagen täglich 13 bis 14 Stunden geackert. Leider fehlte wiederholt das Benzin. Nebenbei wurde mit den Schnappkarren Schutt abgeführt und Mist auf die Felder gebracht. Auch ein «Gefangenentransport» findet sich in den Arbeitsrapporten. Am 29. Mai waren die Settelen-Traktoren wieder zu Hause. Zwei Grunder-Traktoren blieben noch bis Ende Juli mit der Heuernte beschäftigt. Rückblickend ist es erstaunlich, dass diese Aktion ohne ernsthaften Zwischenfall abgeschlossen werden konnte. Die Minensuchkommandos müssen perfekt gearbeitet haben.
Der Bund berichtete am 20. Juni 1945
«... Die Arbeit [der Traktorenkolonne] war dort besonders mühsam, wo breite, steinhart gewordene Panzergleise den Boden zerrissen hatten. Sie war aber auch deshalb nicht immer leicht, weil viele der Menschen dort Ruinen sind, wie ihre Wohnstätten; apathisch, ohne Lebenswillen, Leute, die schon alle Stufen des Unglücks durchschritten haben. Anderseits traf man hie und da auf ergreifende Beweise von Tapferkeit: bei einem jungen Mädchen z. B., das, allein übrig geblieben von der Familie, auf seinem zerstörten Acker sann, wie dieser Boden ohne Mittel und Hilfe zu zwingen wäre, Brot zu geben; oder bei dem Kriegsinvaliden, dessen Gesicht glänzte, als er die schöne Furche sah, die der Pflug ihm hinschüttete. Es wurden trotz vielen Schwierigkeiten, die sich aus der Mangelwirtschaft ergaben (Benzin, Saatgut usw.), sehr gute Ergebnisse erzielt. Die sieben Traktoren hatten in 47 Arbeitstagen (12 Stunden) in fünf Dörfern rund 195 Hektaren Ackerland gepflügt; das Land wurde dann von den Bauern selbst geeggt und angesät. Dabei wurde allerdings zur grossen Besorgnis der Behörden von Colmar die Hälfte des Benzinkontingentes verbraucht, das für die Landwirtschaft und den Milchtransport des Oberelsasses von Paris bewilligt worden war. Aber dafür war doch wenigstens an einer Stelle der drohende Hunger gebannt.»