Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03094.jsonl.gz/1307

Im J. 1857 wurden die Ruinen der frühern Kartause in
Nürnberg
[* 2] erworben, um, nach den
Plänen Essenweins ausgebaut, den stets
wachsenden Sammlungen als Aufbewahrungsort zu dienen. Bis Anfang 1888 war dieser
Ausbau zum größern
Teile beendet und es
waren bereits in über 80 Sälen,
Hallen, Zimmern und
Kabinetten die Sammlungen ausgestellt. Diese bestanden
aus folgenden, gewissermaßen selbständigen, doch aber organisch miteinander verbundenen
Abteilungen:
1) vorgeschichtliche, 2) römische, 3) germanische und frühmittelalterliche
Denkmäler;
4) architektonische
Denkmäler, Modelle ganzer Bauten, Fußböden,
Thüren, Schlosserarbeiten, Öfen
[* 3] u. s. w.;
Die
Entwicklung der Anstalt ist noch nicht abgeschlossen und somit die Möglichkeit gegeben, daß noch einzelne
Abteilungen
sich angliedern, um das
Bild zu vervollständigen. Das Germanisches Museum veröffentlicht seit 1853 eine in Monatsheften
erscheinende Zeitschrift: «Anzeiger für
Kunde der deutschen Vorzeit» (seit 1884 u. d. T. «Anzeiger
des
Germanischen Nationalmuseums», welche Zeitschrift nur den
Gönnern und Förderern des Germanisches Museum gratis geliefert wird). Von
sonstigen Veröffentlichungen sind neben einer Reihe kleinerer
Broschüren, neben den Katalogen der kirchlichen
Geräte, Bauteile, Gewebe, Gemälde,
Glasgemälde.
Spielkarten, Kupferstiche des 15. Jahrh., prähistor.
Altertümer,
Bucheinbände,
Originalskulpturen, Bronzeepitaphien, Drechslerarbeiten, alter Originalholzstöcke u. s. w.
und Führern durch die Sammlungen zu nennen: die faksimilierte Nachbildung einer umfassenden Bilderhandsckrift des 15. Jahrh.
u. d. T. «Mittelalterliches Hausbuch»
(Lpz. 1866; 2. Aufl., Frankf. 1887) sowie
«Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen» (4 Lfgn., Lpz.
1872-77),
«Die Holzschnitte des 14. und 15. Jahrh. im
Germanischen Nationalmuseum» (mit
144
Tafeln, Nürnb. 1874),
Die Anstalt ist, seit sie in
Nürnberg dauernden Sitz genommen, von der bayr. Regierung mit den
Rechten
einer juridischen
Person ausgestattet und als
Stiftung für Unterrichtszwecke unter Genehmigung der Satzungen, die ihre volle
Unabhängigkeit und Selbständigkeit aussprechen, erklärt worden. An ihrer
Spitze steht ein aus 24-30 Gelehrten aus verschiedenen
Gegenden
Deutschlands zusammengesetzter Verwaltungsausschuß, der sich bei Erledigung einer
Stelle selbst ergänzt und sich
seinen Vorsitzenden wählt, der zugleich als Direktor die
Beschlüsse der alljährlich stattfindenden
Versammlungen ausführt, die Vertretung der Anstalt ausübt, die
Beamten anstellt, dem Plenum der Versammlung aber Rechenschaft
und
Rechnungzu legen hat.
Erster Direktor ist seit 1894 Gustav von
Bezold. Das
Reich giebt der Anstalt seit 1894 jährlich 62000 M., der
StaatBayern
[* 11] 18000, die Stadt
Nürnberg 5200 M.; diese 85200 M. sind nach einer Übereinkunft der drei genannten Geber zur
Deckung
der laufenden Verwaltungskosten bestimmt, während die Einnahmen aus den freiwilligen Beiträgen deutscher Fürsten, Korporationen,
Vereine und Privatpersonen (etwa 50000 M.) und aus den Eintrittsgeldern (etwa 10000 M.) nur zur Erweiterung
der Sammlung dienen sollen. Auch
Stiftungen sind der Anstalt zugeflossen. -
Vgl. außer den Jahresberichten des auch Germanisches Museumauch
Hektor,
Geschichte des
Germanischen Nationalmuseums von seinem Ursprunge bis zum J. 1862 (Nürnb. 1863);
Essenwein, Das
Germanische
Nationalmuseum, dessen Bedarf u. s. w. (ebd. 1884);
Sprachen (mit Unrecht auch wohl Deutsche
[* 12]
Sprachen, engl. Teutonic languages genannt), die von den german.
Völkern (s.
Germanen) gesprochenen
Sprachen, die, untereinander sehr nahe verwandt, zusammen den german. Zweig des indogerman.
Sprachstammes (s.
Indogermanen) bilden. Eine nähere Verwandtschaft dieses Zweiges mit dem Litauisch-Slawischen, wie er früher
in der
Sprachwissenschaft allgemeiner angenommen wurde, läßt sich nicht erweisen, noch weniger ein engerer
Zusammenhang mit dem
Keltischen.
Die Germanische Sprachen unterscheiden sich von den übrigen indogerman.
Sprachen am schärfsten durch die sog. Lautverschiebung (s. d.)
und durch die Zurückziehung der ursprünglich frei wechselnden Wortbetonung aus die Stammsilbe. Vom ersten geschichtlichen
Auftreten an erscheinen die
Germanen in verschiedene
Stämme geteilt und auch ihre
Sprache
[* 13] mundartlich gespalten,
sodaß das Urgermanische, die allen Einzelsprachen und Mundarten zu
Grunde liegende Form, nur wissenschaftlich erschlossen
und wieder hergestellt werden kann.
Die mundartlichen Verschiedenheiten der Germanische Sprachen waren in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
noch nicht erheblich, sodaß man für die Zeit bis zur german.
Völkerwanderung von einer urgerman.
Sprache
reden kann. Von dieser sind zwar nur ganz vereinzelt ein paar Worte und eine größere Anzahl Eigennamen bei griech.
und röm. Schriftstellern und aus einigen röm.
Inschriften überliefert, aber die Fortschritte der sprachvergleichenden Methode
ermöglichen, zumal bei Verwertung der ältesten Lehnworte, mit ziemlicher Sicherheit eine Rekonstruktion
der altgerman.
Sprache.
Vgl. F. Kluge,
¶
mehr
Urgeschichte der altgerman. Dialekte (in Pauls «Grundriß der german. Philologie», Bd. 1, Straßb.
1889). Bis in das 4. Jahrh. n. Chr. zurück reichen die
ältesten Runeninschriften (s. Runen),
[* 15] die teils in Deutschland, namentlich aber in Dänemark
[* 16] und dem südl. Schweden
[* 17] und Norwegen
gefunden worden sind. Die früheste schriftliche Aufzeichnung in der heimischen Sprache ist die got. Bibelübersetzung
des Ulfilas (s. d.). Im übrigen beginnt die Überlieferung in England Ende des
7., in Deutschland Mitte des 8. Jahrh. In Skandinavien geben an 100 Runeninschriften Kunde von der Sprache des 4. bis 7. Jahrh.,
weit mehr für die folgenden Jahrhunderte; die handschriftliche Überlieferung beginnt hier erst seit
Ausgang des 12. Jahrh. Für die ausgestorbenen Sprachen der Rugier, Gepiden, Vandalen, Burgunden und Langobarden sind wir auf
Eigennamen und verstreut überlieferte Wörter angewiesen. Gar nichts weiß man über die Sprache des östlichsten der german.
Stämme, der Basternen (Bastarnen).
Die Germanische Sprachen zerfallen in drei Gruppen:
1) Ostgermanisch, die Sprache der Ostgermanen (s. d.), deren Repräsentant für uns die got.
Bibelübersetzung ist;
3) Westgermanisch, die Sprache der Westgermanen (s. d.). Viele Gelehrte nehmen einen nähern Zusammenhang
des Ostgermanischen und Nordgermanischen an und teilen die Germanische Sprachen in zwei Gruppen,
indem sie den Namen Ostgermanisch auch auf die skandinav. Sprachen ausdehnen.
1) Die ostgermanischen Mundarten sind alle ausgestorben; man weiß aber, daß die Sprache der Gepiden und Vandalen dieselbe
war wie die gotische (s. Gotische Sprache und Litteratur). Etwas abweichend war die burgundische Mundart.
2) Der nordgermanische Sprachzweig zerfiel in der Zeit von etwa 700 bis 1000 in drei Mundarten: altnorwegisch, altschwedisch,
wozu auch die altgutnische Mundart zu rechnen ist, und altdänisch. Letztere beiden Mundarten stehen einander näher als
ersterer, sodaß man sie als ostnordische Gruppe zusammenfaßt und der westnordischen gegenüberstellt. Diese erhielt durch
die norweg. Besiedelung Islands um 900 einen räumlichen Zuwachs und zerfällt seitdem in eine norwegische und in eine isländische
Mundart. Erst im 11. Jahrh. wurden die mundartlichen Abweichungen so groß, daß man von vier Sprachen statt Mundarten reden
darf. Über die weitere Entwicklung dieser Sprachen s. Nordische Litteratur und Sprache, Schwedische Sprache,
Dänische Sprache und Litteratur, Norwegische Sprache und Litteratur, Isländische Sprache und Litteratur.
Die innere Geschichte der Germanische Sprachen weist eine Reihe übereinstimmender Züge auf. Das Urgermanische
besaß noch zum größten Teil die altindogerman. Mannigfaltigkeit der Flexion, wie sie aus der griech. Sprache bekannt ist.
Zur Zeit der german. Völkerwanderung bewirkten durchgreifende lautliche Veränderungen der Wörter, insbesondere durch den
Accent verursachte starke Verkürzungen ein lautliches Zusammenfallen vordem verschiedener Wortformen. Schon die Gotische Sprache
(s. d.) hat die Flexion erheblich vereinfacht. Im Mittelalter führte dieser
Prozeß und das Streben nach Ausgleichung von lautlichen Verschiedenheiten innerhalb derselben Formklasse (s.
Analogiebildung) schließlich zu einer großen Umwälzung des ganzen Charakters der alten Sprache, und
bereits vor Ausgang des Mittelalters herrschen überall die modernen Sprachen, deren Reste von Flexionsendungen den ursprünglichen
Reichtum der verschiedenen Deklinations- und Konjugationsklassen nicht mehr ahnen lassen.
In lautlicher Hinsicht sind die durchgreifendsten Veränderungen der Germanische Sprachen zur Zeit der german. Völkerwanderung vor sich gegangen
oder wurzeln wenigstens in dieser Zeit. Der Grund hierfür liegt einerseits in der Sprachmischung mit
den romanischen (bez. keltischen in Britannien, finnischen in Schweden und Norwegen) Volksgenossen, welche die german. Sprache
ihrer neuen Herren annahmen. Zum andern aber bewirkte eine Umgestaltung der Aussprache die Mischung der einzelnen german.
Stämme untereinander, deren jeder von Hause aus eine andere Aussprache mitbrachte. Im südl. Schweden mischten
sich Dänen und Schweden, in Dänemark die Dänen mit den Resten der anglofries. Urbevölkerung (s. Westgermanen), in England
Angeln, Sachsen
[* 20] und Jüten. Im großen und ganzen hat sich der Lautcharakter der Germanische Sprachen in den letzten 700 Jahren
nicht wesentlich verändert. Doch scheint es, daß in der Gegenwart der sprachliche Austausch innerhalb
des Bereichs jeder einzelnen german. Schriftsprache, eine Folge der großartigen Verkehrserleichterungen,
eine abermalige Umwälzung der ortsheimischen Aussprache anbahnt.
GrößereVeränderungen weist der moderne Wortschatz auf. Man hatte sich in der Urzeit mit verhältnismäßig geringem Wortvorrat
beholfen, wie noch heute der einfache Mann im gewöhnlichen Leben mit sehr wenig Wörtern auskommt. Die
fortschreitende geistige Entwicklung der Völker und ihre erweiterten Bedürfnisse drängten einerseits zur Aufnahme einer großen
Zahl von Lehnworten, so namentlich in den ersten Jahrhunderten n. Chr. und im 19. Jahrhundert
(s. Fremdwörter), andererseits zur Prägung neuer Wortformen und zu einer Verfeinerung der Nuancen der
Wortbedeutung.
Auch die Ausgleichung des Wortschatzes der einzelnen Mundarten hat den Wortreichtum der german.
Schriftsprachen erweitert, in Deutschland namentlich seit Luther. Insbesondere sind es aber die stetig wachsenden Bedürfnisse
der modernen Schriftsprachen, welche auch der gesprochenen Sprache neue Worte, neue Wortbildungen und neue Nüancen der Wortbedeutung
zuführen. Hinsichtlich seines Wortschatzes nimmt das Englische unter den Germanische Sprachen eine Sonderstellung ein
durch eine dermaßen massenhafte Übernahme franz. Wörter, daß
¶