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Vom Jäger zum Bauern
Die Menschheitsgeschichte lehrt uns, dass wir ursprünglich Jäger und Sammler waren. Zwischen dem achten und fünften Jahrtausend fand in Süd- und Mitteleuropa der Übergang zum sesshaften Bauerntum statt. Wir begannen, den Acker zu bestellen und Vieh zu halten. Als früherer Seitenzweig zu dieser Entwicklung entstand der Nomadismus, indem Hirten, teilweise mit dem ganzen Hausrat, zyklisch den Futterplatz des Vieh und somit auch den eigenen Wohnplatz wechselten. Übrigens sind wichtige religiöse Vorstellungen in unserem Kulturkreis von den Übergängen zwischen Nomadismus und Sesshaftigkeit geprägt: die Wurzeln der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen auf solche Persönlichkeiten und Erlebnisse zurück, viele unserer religiöse Denkmuster und Werte entstammen dem Lebensumfeld von wandernden Hirten und sesshaft gewordenen Bauern.
Das Territorium
Mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit wurde der Wert der „Heimat“ nicht mehr primär durch das soziale Beziehungsnetz, sondern durch die Zugehörigkeit zu einem Territorium innerhalb von räumlichen Grenzen definiert. Die Entstehung der verfassungsmässig begründeten Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert fixierte das Denken in den Kategorien „Territorium“ und „Grenzen“ geradezu normativ. Reichtum wurde definiert durch die Verfügungsgewalt über Ländereien und Gebäude sowie über Menschen, die diese bewirtschafteten. Diese Ordnung machte Sinn: der eigene Lebenshorizont wurde sichtbar, Stabilität schaffte Ruhe, durch Grenzen definierte Territorien konnten völkerrechtlich und militärisch verteidigt werden. Die Identität wurde nicht mehr primär als Zugehörigkeit zu einem „Volk“ durch Abstammung oder durch Religion, Hautfarbe oder Sprache sondern als „Bürger einer Nation“ durch ein Territorium definiert. Der Wert der Sesshaftigkeit und des Immobilienbesitzes sind fest in unserer Kultur verankert, so fühlen sich auch in aktuellen Studien Besitzer glücklicher als Mieter und 95% wohnen gerne in der Region, in der sie sich niedergelassen haben.[1]
Mobile Sondergruppen
Dabei wies auch die sesshafte Kultur während der ganzen Epoche Sondergruppierung auf, die hoch mobil waren:
- Krieger und Söldner, die gerade in der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft eine grosse Bedeutung hatten, bis der Schweizer Nationalheilige Niklaus von der Flüh mit seinem Ratschlag „Mischt Euch nicht in fremde Händel“ den Grundgedanke der schweizerischen Neutralität begründete,
- reisende Händler, die sowohl für Brückenstädte wie Basel aber auch für den Alpen-, Pässe- und Gotthardmythos wirtschaftlich entscheidend waren,
- religiös motivierte Pilger und Wanderprediger, die auf einem der Jakobswege nach Santiago di Compostella unterwegs waren und die Wichtigkeit des Kloster Einsiedelns als Wallfahrtsort begründeten
- Bildungsreisende, die sich sowohl an den alten Pilgerrouten orientierten, aber auch auf den Spuren von Goethe und Schiller, den grossen Dichtern der Klassik, den Weg in die Schweiz und nach Italien suchten. Die Lektüre dieser Bücher, gepaart mit den Mythen von Natur und Ursprünglichkeit in der Romantik und der Idealisierung der Schweiz als Hort von Freiheit und Demokratie waren die Grundlagen für den Wert des Tourismuslandes Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert.
Ausnahmen werden zur Regel
Diese Typen, die in einer sesshaft gewordenen Kultur eigentlich Ausnahmeerscheinungen sind, sind in einer neuen Form seit einigen Jahren wieder allpräsent: Söldner und Handelsreisende sind verschmolzen zum Arbeitsplatzpendler und Geschäftsreisenden. Pilger und Bildungsreisende sind verschmolzen zum Touristen und Freizeitserlebnis-Suchenden, wobei meistens Abwechslung zur Arbeit, Erholung und Spass das treibende Motiv sind.
Die Bautechnik hilft uns, naturräumliche Grenzen und Hindernisse zu überwinden. Moderne Verkehrsmittel helfen uns, Distanzen zu überwinden. Territoriales Denken scheint in vielen Bereichen überholt, da alte Grenzen und Distanzen nicht mehr relevant sind. Verkehr ist auf diesem Wege sehr schnell und insbesondere sehr billig geworden.
Das „Gen des Unterwegs-Sein“, das identitätsstiftend für Jäger, Sammler und Nomade war, und primär wirtschaftlich und militärisch nötig war, und das „Gen der Sesshaftigkeit“, das nach Heimat und materiellem Immobilienbesitz drängt, werden immer häufiger von einer Person innerhalb eines Lebensabschnittes gleichzeitig gelebt. Aufgrund der Megatrends von Globalisierung, Mobilität, Flexibilität, Geschwindigkeit und Individualität entsteht ein neuer Nomaden-Typus.
Die schnelle und billige Überwindbarkeit von Grenzen und Distanzen ist einer der wichtigen Werte unserer Gesellschaft geworden. Der grösste Teil unserer Gesellschaft profitiert von den Vorteilen der Sesshaftigkeit – und ist gleichzeitig Tageszeit- oder Wochenend-Nomade – auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkauf, zur Erholung oder zu Freunden. Dabei hat sich die Geschwindigkeit verzwanzigfacht: von 5 km/h auf über 100 km/h.
Neue Grenzen
Doch seit kurzem tauchen neuartige Grenzen am Horizont auf:
- die Grenze der billigen Verfügbarkeit von fossilen Brennstoffen als Voraussetzung, dass Verkehr so billig bleibt und somit für die Masse erschwinglich bleibt,
- die Grenze des verfügbaren Verkehrsraumes, der immer stärker in Konkurrenz zu Wohn- und Arbeitsraum steht, insbesondere weil Verkehr durch Lärm und Luftschadstoffe einen „Schattenraum“ beansprucht, der immer weniger akzeptiert wird,
- die Grenze der Selbstregenerierung der Luft und des Klimas als Lebensgrundlage.