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John D. Rockefeller, Millionär, Wohltäter, Teufel. (Bild aus dem Jahr 1895).
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Die Fakten: John D. Rockefeller wurde der reichste Mensch der Welt, weil er Öl für alle erschwinglich machte. Er war der Prophet eines Zeitalters, das die Politiker nun beenden möchten.
Warum das wichtig ist: Rockefeller suchte das Öl nicht, es kam zu ihm. Er war ein Wohltäter, den man dafür hasste wie einen Teufel.
John D. Rockefeller, ein Amerikaner, der um 1900 als der erfolgreichste Unternehmer aller Zeiten galt, hatte einen Vater, der manchmal für Jahre nicht mehr da war.
- Ein Betrüger
- ein Quacksalber
- ein Ehebrecher
Er zog im Land herum, verkaufte angebliche Medikamente, die nichts halfen, führte gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Frauen, die davon nichts wussten, irgendeinmal tauchte er gar nicht mehr auf. Und seine Familie, immerhin sechs Kinder und eine Frau, blieben zurück. John D. Rockefeller wurde von seiner Mutter erzogen, einer strenggläubigen Protestantin. Wenn Rockefeller sich etwas vornahm, dann ihrem Beispiel zu folgen. Sein Leben lang blieb er fromm. Er betete jeden Tag.
Bevor der Vater aber für immer gegangen war, hatte er seinen Söhnen einen praktischen Rat fürs Leben mitgegeben:
- «Ich betrog meine Buben, so oft ich Gelegenheit dazu fand. Ich wollte sie scharf machen» («sharp»)
- wobei «sharp» im Englischen vieles heissen kann, was den jungen Rockefellers zustattenkommen sollte: scharfsinnig, aufgeweckt, aber auch korrupt und gerissen
Zeitlebens warf man Rockefeller vor, seinen unermesslichen Reichtum mit unlauteren Mitteln erworben zu haben, dabei tat man ihm wohl unrecht. Im Vergleich zu den üblichen Geschäftspraktiken seiner Zeit war er nicht schlimmer als andere – aber sehr viel entschlossener:
- Wo er es mit Konkurrenz zu tun bekam, vernichtete er sie, indem er so lange seine Preise senkte, bis der Mitbewerber kollabierte
- Manchmal gab er seinen Gegnern vorher Einblick in seine Bücher, um zu zeigen, wie gross seine Kriegskasse war und wie lange er sie in Schutt und Asche bomben konnte. In Panik, unter Furcht und Schrecken gaben sie sofort auf
- Einmal kaufte er innert vier Monaten fast die gesamte Konkurrenz in Cleveland auf: von 26 Firmen, die seine Kreise störten, erwarb er 22. Man sprach vom «Cleveland Massaker»
Karikatur aus dem Puck (ein Magazin wie der Nebelspalter), 1906: «Baby Herkules und die Standard Oil-Schlangen».
Der fromme Monopolist.
Als er 19 war, gründete er seine erste Firma, ein Handelshaus, und kaum vollbracht, fiel er auf die Knie und bat Gott, sein Unternehmen zu segnen. Bald ging er Partnerschaften ein, verkaufte Getreide und Fleisch, verschob Salz, Gemüse und andere Dinge, was immer einen Kunden fand. Bis er und sein Geschäftspartner von einem neuen Stoff erfuhren, der angeblich brennen sollte:
- Man nannte ihn «Petroleum», Steinöl, weil das Öl aus dem Stein kam. Petra (πέτρα) heisst Stein auf Altgriechisch, oleum Öl auf Lateinisch
Zwar hatte man schon lange um dessen Existenz gewusst, manchmal wurde es für undurchsichtige medizinische Zwecke verwendet, aber man hielt das «Steinöl» eher für ein Ärgernis, wenn es natürlicherweise an die Oberfläche gelangte, wie etwa im westlichen Pennsylvania: Es verschmutzte das Wasser und ruinierte den Boden, den man doch mit Getreide bebauen wollte.
- Rockefeller war nicht der erste, der auf die Idee kam, es als Brennstoff zu benutzen. Das war George Bissell, ein Lehrer und Journalist, später Unternehmer, der zufällig im Labor seines ehemaligen Professors Proben von Petroleum sah und merkte, dass man es bloss «raffinieren» musste, um es zu Kerosin zu verarbeiten, das man als Brennmittel für Licht einsetzen konnte
- Was Rockefeller aber sofort erkannte, war das Problem, das der Transport von Öl bedeutete, und wie man es löste
David Landes, einer der eminenten Wirtschaftshistoriker des 20. Jahrhunderts, der ein höchst lesenswertes Buch über die Rockefellers (und andere grosse Unternehmerdynastien) verfasst hat, schreibt:
«Die Geschichte des Öls war im Wesentlichen eine Geschichte des Transports».
Rockefeller setzte zuerst auf die Eisenbahn, dann auf Pipelines, wobei es ihm in beiden Fällen gelang, tiefere Tarife für seine Transportkosten durchzusetzen. Dabei half ihm, dass er besser und schneller rechnete als alle anderen, aber dass er gleichzeitig sich nie zu riskanten Geschäften hinreissen liess.
Wo einer seiner engsten Partner manchmal allzu begeistert zugreifen wollte, blieb Rockefeller der geizige, vorsichtige Realist:
«Der Mann war eine wandernde kalte Dusche», stellt Landes fest.
Wenn es aber ein Geschäftsgeheimnis gab, das ihn allen anderen überlegen machte, dann lag es darin, wie konsequent, wie eisern, wie stur geradezu er darauf achtete, sein Öl Jahr für Jahr immer billiger zu verkaufen, damit immer mehr Menschen auf den Geschmack kamen.
Heute ist es schwer vorstellbar, warum er damit zu einem der grössten Wohltäter der Weltgeschichte aufstieg.
Jahrhunderte lang war künstliches Licht ein Privileg der Reichen und der Mächtigen gewesen. Wenn der Abend hereinbrach, gab es im Wesentlichen nur Feuer, das stank und flackerte, oder Kerzen, die das Haus erleuchteten. Insbesondere Kerzen waren sehr teuer, so dass einfache Leute im Winter ab sechs Uhr einfach im Dunkeln sassen.
- Sie konnten nichts lesen
- Nichts arbeiten
- Sondern nur ins Bett gehen
Ende des 18. Jahrhunderts war das Walöl aufgekommen, das man dem Pottwal entnahm, nachdem man ihn massakriert hatte. Das Walöl war begehrt, weil es ruhiger und vor allem heller leuchtete als die herkömmlichen Kerzen. Natürlich war es ebenso unerschwinglich für die meisten Menschen; wer es sich aber leistete, konnte nicht genug davon bekommen. Es erwies sich deshalb als ein glänzendes Geschäft.
- Die Pottwale waren dafür fast ausgerottet worden
Wäre nicht Rockefeller mit seinem Steinöl erschienen. Er rettete auch die Wale. Und er schenkte den einfachen Leuten den Feierabend. Dank Petrollampen konnten sie jetzt so lange aufbleiben – wie sie wünschten, was früher nur Kaiser, Königen und Millionären zugestanden war.
Indem er die Armen auf diese Art und Weise reicher machte, wurde Rockefeller selbst noch reicher:
- Schon Ende der 1870er Jahre hatte er seine erste Million verdient – 1 Million Dollar entspräche heute einem Betrag von 28 Millionen Dollar. Er war damals Mitte dreissig
- Seine Firma, die berühmt-berüchtigte Standard Oil, stieg zur grössten und mächtigsten der Welt auf
- In den 1880er Jahren besass Standard Oil in Amerika 20 000 Erdölquellen, mehr als 6400 km Pipelines, 5000 Tankwagen für die Eisenbahn und beschäftigte über 100 000 Mitarbeiter
- der Marktanteil der Standard Oil bei raffiniertem Öl belief sich weltweit auf 90 Prozent
Der ruchlose Monopolist.
So kapitalistisch sich Amerika auch gerne sah, so republikanisch fühlte sich das Land eben auch. Wer so hoch steigt wie John D. Rockefeller, er mag noch so viel beten, wird irgendeinmal auf den Boden zurückgeholt, wo die Neidischen, Unglücklichen und Untalentierten wohnen.
Rockefellers Macht wurde zuerst von Journalisten dargestellt und denunziert, bald (oder wie immer) traten auch Politiker auf, die im Namen des Volkes den Millionär als Volksfeind bekämpften, schliesslich wurde sein Unternehmen 1911 aufgespaltet – unter Anwendung der Anti-Trust-Gesetze des Landes.
Zwar waren die Nachfolgefirmen bald grösser als die ursprüngliche Standard Oil – und ihre Geschäftspraktiken blieben so kaltblütig und monopolistisch wie zuvor, doch darum war es den vielen Gegnern von Rockefeller ja gar nicht gegangen.
Es war eine Teufelsaustreibung gewesen.
Dass dieser vermeintliche Teufel zeitlebens sparsam, bescheiden und gottesfürchtig gelebt hatte, dass er als Wohltäter so viele Menschen unterstützt und seine Kirche mit Spenden verwöhnt hatte, war ihm nicht hoch angerechnet worden. Hölle einfach.
Als Bub musste Rockefeller immer die Kleider seiner älteren Schwester nachtragen, so arm war die Familie, die seine alleinerziehende Mutter durchzubringen hatte. Als Erwachsener (und reichster Mann der Welt) verfuhr er mit seinen Kindern nicht anders: Stets hatten die Jüngeren die Kleider ihrer älteren Geschwister weiter zu benutzen, bis sie vor Löchern auseinanderfielen.
Jesus vertreibt die Wechsler aus dem Tempel. (Gemälde von Jacob Jordaens, 1593-1678)
Vielleicht befürchtete Rockefeller, dass Markus, der Evangelist, eben doch recht hatte, als er Jesus Christus so zitierte:
«Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.» – Markus 10,25
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende Markus Somm