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Das höchste Gut unseres Zeitalters, der Moderne, ist die Freiheit. Trotzdem erklärt einer der grössten Denker der Moderne, Jean-Jacques Rousseau: «Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.» Wie sieht es heute aus, zwei bis drei Jahrhunderte nach der Epoche der Aufklärung und mehr als 200 Jahre nach der Amerikanischen und der Französischen Revolution? Zunächst aber die Vorfrage: Was denn ist Freiheit?
Freiheitsphänomene gibt es in irritierender Fülle. Ordnen lassen sie sich entlang der Unterscheidung einer negativen und einer positiven Freiheit. Die negative Freiheit, die «Freiheit von», besteht in der Unabhängigkeit von Zwang und Bevormundung. Die positive Freiheit, die «Freiheit zu», meint die Fähigkeit, selber Ziele zu setzen und Mittel zu wählen, Ziele und Mittel, die ein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu führen erlauben. Die negative Freiheit kann durchaus in die positive übergehen. Ein Volkslied nennt die Gedanken frei, weil sie unzensiert nach Lust und Laune vagabundieren dürfen. Diese Ungebundenheit geht dort in positive Freiheit über, wo man eigene Gedankenwelten schafft, Gedankenwelten, die sich von den Zwängen der Aussenwelt frei machen.
Wer beim Nachdenken über die Freiheit nur Vorteile sieht, ist naiv. Denn Freiheit, zumindest die personale Freiheit, gibt es nicht ohne zwei gravierende Nachteile.
(Text von Prof. Otfried Höffe)