Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03416.jsonl.gz/2853

Pforte Nr, 1
Wo sich die Wege der Grand Crus kreuzen
Wenige Meter neben der Klause des Heiligen Antonius befindet sich ein angenehmer Picknick-Platz unter Bäumen, die dem Wanderer im Sommer willkommenen Schatten spenden. Vom Ort Savorettaz hat man einen schönen Blick auf die Burg von Marsens.
Die Burg von Marsens muss im 12. Jhdt. erbaut worden sein, obwohl sie erst im Jahre 1272 als Besitztum des Bischofs von Lausanne nachgewiesen ist. Der Name Marsens wird zum ersten Mal in einer Charta aus dem Jahre 1166 als Haus erwähnt (domum de Marcens).
Es ist deshalb möglich, dass der Bischof Landri de Durnes die Burg um das Jahr 1160 erbauen liess. Er schenkte das Grundstück der Domaine dem Kloster von Humilimont, das von den Herren von Marsens im Greyerzerland gegründet wurde. Die Burg soll den Mönchen als Zufluchtsort gedient haben, Besitzer waren sie jedoch nie.
Im Jahre 1527, nach der Übernahme durch Jean de Plait, der bei dieser Gelegenheit geadelt wurde, sind umfangreiche Umbauten in Angriff genommen worden: Aus dem Turm, welcher der Verteidigung diente, ist ein Wohnhaus entstanden. Zwischen dem Ende des 16. und dem 19. Jahrhundert war die Burg von Marsens im Besitz der Familie Clavel aus Cully; sie waren die letzten Herren von Marsens. Nach und nach liessen sie dieses Bauwerk zerfallen.
Im Jahre 1870 wurde es vom Pfarrer und Historiker François Naef erworben, um es vor dem Ruin zu retten.
Er beschliesst, das innere Tor herauszubrechen, um den Zugang zum Inneren der Burg zu vereinfachen und damit die Restaurierungsarbeiten zu erleichtern. Mit Hilfe seines Neffen Albert Naef, dem wohl bekannten Kantonsarchäologen, hat er die ersten Umbauarbeiten selber geleitet.
Im Jahre 1946 waren die Fassaden renoviert und dank der Unterstützung deröffentlichen Hand konnte das umliegende Gelände zur Schutzzone erklärt und mit einem Bauverbot belegt werden, um so der Burg Marsens eine würdige Umgebung zu sichern.
Im Jahre 1969 wurde durch Bernard Naef und Suzanne Roux (Tochter des Historikers Henri Naef) eine Familienstiftung mit dem Zweck errichtet, die Burg und das gesamte Mobiliar zu erhalten, und so die Verzettelung dieses historisch und künstlerisch wertvollen Kulturerbes zu vermeiden.
Ganz oben im Rebberg schweift Ihr Blick auf eine 34 Millionen Jahre alte Geschichte. In dieser Urzeit haben sich Nagelfluh- und Molasse-Felsen zusammengefunden und vereint. Und dann formte die Alpenfaltung einen Rebberg, der sich der Sonne zuwendet. Diese Felsen, wie aus Stein gemeisselt, tragen die Spuren vom Rückzug des Rhonegletschers. Die steilen Hänge des Dézaley haben die Zisterzienser Mönche im 12. Jahrhundert nicht davon abgehalten, hier die ersten Reben des Lavaux anzupflanzen. Um die Rebstöcke in diesen Steilhängen abzusichern, haben die Mönche mehr als 400 km, oft 15 m hohe, Mauern errichtet. Diese symbolträchtigen Steinmauern des Dézaley ernähren die Reben, indem sie die Wärme der Sonne einfangen und zurückhalten.
Die Zisterzienser Mönche des Kloster von Haucrêt des Tavernes haben 200 Jahre gebraucht, um im Auftrag des Lausanner Bischofs Guy de Maligny dieses grossartige 54 ha umfassende Weinbaugebiet mit der Herkunftsbezeichnung Dézaley Grand Cru zu erschaffen.
Hier, am steilsten Hang des Dézaley, geniessen Sie eine grossartige Sicht auf den Genfersee. Wenn man sich umdreht, erblickt man das Kreuz von Notre Dame, das während Jahrhunderten ein Wahlfahrtsort war. Der 25. März, dem Tag, an welchem die Mariä Verkündung gefeiert wird, hat jeweils eine Grossveranstaltung in der Kathedrale von Lausanne stattgefunden.
Aber aus Distanz- und Sicherheitsgründen -die Strassen waren von Räubern belagert- machten viele Pilger auf dieser Höhe halt, weil die Kathedrale von diesem Punkt aus gut sichtbar war. Bis im 19. Jahrhundert haben sich Protestanten und Katholiken hier weiterhin zum Gebet versammelt. Zur 700-Jahrfeier der Kathedrale im Jahre 1975 haben die beiden Landeskirchen auf diesem Platz ein eisernes Kreuz errichten lassen, dies zur Erinnerung an die symbolträchtige ökumenische Vergangenheit.
Der Ort Chapotannaz liegt dort, wo sich die Strassen der Corniche und des Dézaley kreuzen. Während der Besetzung des Waadtlandes durch die Berner verkehrten hier viele Pferdefuhrwerke, um den Wein in die Deutschschweiz zu transportieren. Die einen fuhren auf dem Weg der Burg von Marsens nach Chexbres hinauf, die anderen unter den Abteien entlang des Seeufers, wo der Wein in Ruderbooten nach Lausanne gebracht wurde.
Dieser Ort hat auch den berühmten Maler Rodolphe-Théophile Bosshard (1889- 1960) inspiriert, einer der wenigen Landschaftsmaler, die es wagten, dem See den Rücken zuzukehren. Das fast im kubistischen Stil gemalte Werk La Chapotannaz zeigt die abfallende Strasse der Corniche zwischen Chexbres und Epesses. Die pyramidenförmig angelegten Rebberge waren auch das Hauptmotiv in den Bildern von Steven-Paul Robert (1896 – 1985), einem von Gustave Roud hoch geschätzten elegischen Maler. Der See wird hier nur im Relief der Mauern im Funkeln des Laubwerks erkennbar.