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Heinz-Jürgen Voss, lange Zeit gab es Mann und Frau, und das wars. In den letzten Jahren nun ist es zu einer Explosion von Geschlechtsidentitäten gekommen, allein Facebook bietet 60 Optionen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Historisch gesehen, gab es in Europa lange Zeit eine grosse Offenheit bezüglich Geschlechtlichkeit. Bis Ende des 19. Jahrhunderts finden sich etwa im Preussischen Allgemeinen Landrecht und im Bayrischen Bürgerlichen Gesetzbuch Regelungen, die ein drittes Geschlecht berücksichtigen. War zum Beispiel ein Geschlecht nicht eindeutig erkennbar, sollte sich die Person selbst mit dem 18. Lebensjahr für eines der beiden gebräuchlichen sozialen Geschlechter entscheiden.
Diese Regelung galt ganz offiziell?
Ja, die Reduktion auf Mann und Frau kam erst später, mit dem Wahrheitsanspruch und den Klassifikationsbedürfnissen der modernen Wissenschaft und Medizin. In diesen Disziplinen war man davon überzeugt, dass sich aufgrund einzelner Merkmale das Geschlecht ganz eindeutig bestimmen lässt. Auch die Religionen waren früher übrigens durchaus tolerant gegenüber Ambiguitäten bei den Geschlechtern; die katholische Kirche schränkte dies erst mit dem 1. Vatikanischen Konzil 1870 ein. Dort wurde auch der Absolutheitsanspruch für die Aussagen des Papstes durchgesetzt.
Nun haben sich die Zeiten wieder gelockert, wie kam es dazu?
Das hat auch damit zu tun, dass sich mehr und mehr Menschen damit schwertaten, in klar begrenzte Schubladen gesteckt zu werden. Daraus entstand ab den 1960er-Jahren eine Gegenbewegung, die zur sexuellen Revolution führte. Nach und nach wurde sexuelles Verhalten akzeptierter, das zuvor als problematisch oder pervers galt, Strafparagrafen wurden gelockert und abgeschafft. Bereits 1980 gab es in Deutschland ein «Transsexuellengesetz», schon damals war Geschlechtsidentität also ein Thema. Seither gab es einige Anpassungen, 2011 etwa erklärte das deutsche Bundesverfassungsgericht die Regelung für verfassungswidrig, dass Menschen zuerst zeugungsunfähig gemacht werden müssen, bevor ihr Geschlecht im Personenstandsregister angepasst werden konnte.