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In der Komödie «Ammore e malavita» (2017), einem der in Italien erfolgreichsten Filme der vergangenen Jahre, gibt es eine Szene, in der eine amerikanische Reisegruppe das Viertel Scampia im Norden Neapels besucht. In dieser trostlosen Vorstadt, beherrscht von ebenso gewaltigen wie verfallenen Wohnblocks, spielen entscheidende Szenen von Roberto Savianos «Gomorrha», von Buch, Film und Fernsehserie. Zum Schrecken und zum Vergnügen der Gruppe wird dann einer Touristin die Handtasche entrissen, und alle Vorurteile sind bestätigt.
Seit dem Jahr 2016 ist geplant, die schlimmsten Blocks abzureissen: vier Blocks, ihrer dreieckigen Form wegen «vele» («Segel») genannt. In den Sechzigern und frühen Siebzigern gebaut, sollten sie Wohnraum für vierzig- bis siebzigtausend Menschen bieten. Wie viele Menschen tatsächlich dort lebten, ist nicht bekannt. Drei Blocks wurden schon um das Jahr 2000 dem Erdboden gleichgemacht. Am vergangenen Donnerstag begann man unter den Augen der italienischen Öffentlichkeit, drei weitere Häuser abzureissen.
Ein «Segel» soll allerdings stehen bleiben, als Ort der Erinnerung oder als Museum oder als Dokument eines der grössten Irrtümer in der Geschichte des italienischen Städtebaus. Vielleicht aber auch nur: einer Kette von Verhängnissen, die insgesamt zu einer völligen Überforderung aller sozialen und ökonomischen Verhältnisse führten.
Nach dem Erdbeben kamen erst die Obdachlosen, dann die Camorra
Es gäbe Scampia nicht ohne das historische Zentrum Neapels, die grösste und bis heute weitgehend weder sanierte noch gentrifizierte Altstadt Europas. Von dort sollte die Bevölkerung in lichte und luftige Wohnungen überführt werden, die Le Corbusiers Konzept der «Unité d'Habitation» (der «Wohnmaschinen») folgen, zugleich aber vertraute Elemente der Altstadt in sich aufnehmen sollten: Durchgänge, schmale Gassen, kleine und grosse Piazzen (die später erheblich dazu beitrugen, die Arbeit der Polizei zu erschweren).
Das Leben sollte, wie zuvor, weitgehend im Freien stattfinden. Zum gleichfalls geplanten Bau von Einkaufsmöglichkeiten, sozialen oder kirchlichen Einrichtungen oder gar Parks kam es allerdings kaum, vermutlich aus Gründen der Spekulation. Als ein Erdbeben dann im Jahr 1980 Teile des historischen Zentrums unbewohnbar machte und die nunmehr Obdachlosen in Scampia unterkamen, fiel die Macht im Viertel an mafiöse Gruppen, die das Viertel zu einem Zentrum des Drogenhandels machten. Deren Geschichte kulminierte in der «faida di Scampia» des Jahres 2004, einer Fehde innerhalb der Camorra, die Roberto Saviano in «Gomorrha» schildert.
Der Berichterstattung der italienischen Medien über den Abriss der «vele» geht das Triumphale weitgehend ab. Was da geschieht, ist erkennbar eine Ratifizierung des Scheiterns. Zugleich aber wird deutlich, in welchem Masse sich das Überleben in prekären Verhältnissen in eine kulturelle Ressource verwandelt hat. Der Alltag in Scampia mochte schwierig gewesen sein. Aber man hatte immerhin einen Alltag, und nun lässt sich davon erzählen. Und auch an «Ammore e malavita» wird man sich noch lange erinnern.