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Das Weinbauernhaus in Merligen wurde 1796 durch Zimmermeister Ulrich Graber erbaut. Es handelt sich um einen mächtigen und im Strassenraum dominierenden Ständerbau unter geknicktem Viertelwalmdach. Bereits 1876 wurde auf der SO-Seite ein grosser Quergiebelanbau mit breiten Lauben angebaut. Das ehemalige Weinbauernhaus wurde 1997 renoviert und dient heute als Wohnhaus. Es befindet sich im Dorfteil Vorderdorf direkt an der Seestrasse, mit wunderbarer Sicht auf den Thunersee und den Niesen. Das Gelände steigt steil an und endet oberhalb Merligens in der «Spitzenfluh». Westlich fliesst der Stillenbach vorbei und mündet dort, wo früher die ehemalige Schiffsscherme gestanden hat, in den Thunersee.
Das ehemalige Weinbauernhaus ist ein letzter Zeuge aus der Zeit, als in Merligen noch im grossen Stil Rebbau für die Weinproduktion betrieben wurde. Damals erschloss noch keine Kantonsstrasse das rechte Thunerseeufer. Entsprechend nahe liegt der Bau heute an der breiten Strasse. In Merligen prägt eine kleine Anzahl solcher Bauten den Strassenraum und demnach auch den Dorfcharakter stark. Des Weiteren weist das Doppelbauernhaus auch bautechnisch und baukünstlerisch hohe Qualitäten auf. So schmücken zum Beispiel den rechten Hausteil verzierte Konsolenfriese, während der Gewölbekeller vom linken Hausteil durch einen Stichbogeneingang aufwartet. Trotzdem wurde der historisch wertvolle Bau leider im Zuge der Revision des Bauinventars des Kantons Bern aus dem Inventar entlassen. Das 2017 eingeführte überarbeitete Baugesetz besagt, dass die im Bauinventar aufgeführten Gebäude nicht mehr als 7% des gesamten Gebäudebestands ausmachen dürfen.
Im Zuge der Sanierung wurde der ursprüngliche Kern des Hauses von all den Um- und Anbauten befreit. Die freigelegte Bausubstanz überraschte mehrmals in unterschiedlicher Hinsicht. Während in der Küche zur Freude der Bauherrschaft der originale, breite Riemenboden und die von der früheren Rauchküche schwarzgebrannte Decke zum Vorschein kamen, enttäuschten die nur noch in Bruchteilen vorhandene Pflästerung der Hauszufahrt und die zu einem früheren Zeitpunkt entfernten Konsolenfriese in der Fassade. Der Umgang mit solchen Enttäuschungen und das anschliessende Vereinen der unterschiedlichen Elemente zu einem stimmigen Ganzen stellte eine besondere Herausforderung dar.
Ein entscheidender Faktor, der zum Erhalt der Liegenschaft massgebend beigetragen hat, war die Bauherrschaft. Sie war sich dem historischen Wert des ehemaligen Weinbauernhauses voll bewusst und trotz der Entlassung aus dem Bauinventar auch gewillt, dieses zu erhalten. Die Sanierung orientierte sich an folgenden Grundsätzen: Bauteile werden nur ersetzt, wenn dadurch ein Mehrwert oder eine gestalterische Verbesserung entsteht. Es wird eine einfache, sparsame und dauerhafte Bauweise angestrebt. Dort wo es möglich ist, werden Bauteile geflickt anstatt ersetzt. Es werden ausschliesslich Materialien aus nachhaltiger Produktion eingesetzt, die beim Bestand vorgefunden wurden. Eine ökologische sowie nachhaltige Bauweise wird angestrebt. Es wird so viel Originalsubstanz wie möglich erhalten.
Im Zuge der Sanierung wurden mit dem Waschhaus, der offenen Garage und dem ehemaligen Ziegenstall drei kleine An- resp. Nebenbauten abgebrochen. Stattdessen strukturieren nun neue Stampfbetonmauern die unmittelbare Umgebung. Der verwinkelte Eingangsbereich liegt zwischen dem zum Atelier ausgebauten Schopf und der sanierten Haushälfte. Der beinahe städtisch anmutende Zwischenraum erinnert aufgrund seiner Engnisse sowie den Ein- und Ausblicken stark an einen Gassenraum eines südeuropäischen Städtchens. Wie in alten Bauernhäusern üblich, tritt man durch die Haustür direkt in die Küche ein. Passend zur schwarzgebrannten Holzbalkendecke wurden die bestehenden Oberflächen und sämtliche neuen Einbauten in schwarz gehalten. Die einheitliche Farbgebung fasst Elemente unterschiedlicher Bauetappen zusammen und schafft einen ruhigen, intimen Rahmen. Eine Treppe mit Tritten aus Weisstanne führt in das Dachgeschoss. Im Gegensatz zu den hangseitig gelegenen und dunkel gehaltenen Küche und Schlafzimmer sind die zum See orientierten Zimmer in einem gebrochenen Weiss gestrichen und holen so viel Licht ins Haus.
Text von Donat Hauser, Johannes Saurer Architekt BSA
Zahlen, Daten, Fakten
Ort: Seestrasse, 3658 Merligen
Bauprojekt: 1796, erste Renovation 1997, Sanierung 2021
Schutzstufe: keine (vor der Revision des Bauinventars: erhaltenswert)
Dauer der Arbeiten: Planung: September 2020 – April 2021, Ausführung: Mai – November 2021
Kosten der Arbeiten: CHF 488'000.–
Bauherr: privat
Architekt: Johannes Saurer Architekt BSA, Projektleitung Donat Hauser