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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Thomas-Theorem:
"Wenn die Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie in ihren Folgen real" (1932); ein berühmter, dem Nestor der amerikanischen Soziologie William I. Thomas zugeschriebener Grundsatz, demzufolge Menschen nur selten ausschliesslich auf objektive Gegebenheiten einer Situation, sondern meist auf ihre subjektive Wahrnehmung und Deutung derselben reagieren. Um nachvollziehen zu können, warum Menschen in einer bestimmten Situation so und nicht anders handeln, müssen wir ihre Wahrnehmungen, Vorstellungen, Wünsche, Schlußfolgerungen usf., kurz: die Subjektperspektive kennen."
Die Kognitionswissenschaft beschäftigt sich interdisziplinär mit der Frage des bewussten und unbewussten Erlebens, wie Informationen verarbeitet werden und zu Entscheidungen führen, also mit allem, was mit Wahrnehmung, Denken, Urteilen, Gedächtnis, Lernen und Sprache, das beinhaltet auch Emotion, Motivation und Volition (Selbststeuerung durch Willenskraft), zu tun hat.
Vor ein paar Wochen diskutierte ich im Rahmen eines Literaturkreises in einer Justizvollzugsanstalt mit Gefangenen über die kulturelle Beurteilung des Lebensalters. Der Insasse der Anstalt rechts von mir war ein Farbiger aus Schwarzafrika, der berichtete, dass es in seiner Kultur nicht üblich sei, nach dem Alter zu fragen. Ja, sogar eine Schätzung des Alters eines Gesprächspartners, die unterhalb des realen Alters liegt, wird als Beleidigung aufgefasst. Links von mir sass ein Deutscher, der berichtete, genau deshalb wäre er jetzt hier, denn er hätte das Mädchen, mit dem er sexuell aktiv gewesen sei, nicht nach ihrem Alter gefragt, sie sei zu diesem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen. Seiner subjektiven Wahrnehmung nach war sie viel älter.
Das oben aufgeführte Theorem ist meines Erachtens noch um den kulturellen Aspekt zu erweitern. Das gilt besonders für solche Gesellschaften, die aufgrund von Migrationsbewegungen multikulturell bezeichnet werden müssen.
Wenn ich ins Ausland gehe, also ausserhalb meiner eigenen Kultur "ein Ausländer" bin, kann ich die dortigen Situationen und Verhaltensweisen nicht aus meiner Enkulturation heraus beurteilen. Ich kann "innerlich" bestimmte Gegebenheiten ablehnen, aber es steht mir nicht zu, sie zu verurteilen.
Ich stellte mir vor, meine beiden oben genannten Gesprächspartner hätten den kulturellen Hintergrund des Gegenübers gehabt und die Tat des Deutschen sei in Schwarzafrika begangen worden. Es gibt dort und anderswo in der Welt viele Heiraten zwischen (in unserer Kultur so bezeichneten) Minderjährigen und folglich auch sexuelle Beziehungen mit ihnen. Sie sind nicht strafbar und werden als selbstverständlich zur Kultur gehörend angesehen.
Ich will dadurch den Delinquenten nicht entschuldigen, sondern den Versuch wagen, zu Überlegungen anzuregen, wie relativ reale Situationen sind.
Wenn der Schwarzafrikaner in Deutschland dazu aufgefordert werden würde, zu sagen, wie alt er seinen Gesprächspartner schätze, und er würde, aufgrund seiner anerzogenen Auffassung, ihn als viel älter einstufen und danach feststellen, dass der so Eingeschätzte "tödlich" beleidigt wäre, wüsste er vielleicht nicht, warum er es wäre. Für den Gefragten war die Situation als real definiert, die Folgen wären es zwar auch, aber sie blieben unverständlich.
In meinem letzten Blog habe ich über politische Repräsentation geschrieben. Der Begriff hat aber auch noch andere Bedeutungen. Die Kognitionswissenschaftler und andere beschäftigen sich damit, wie Repräsentationen entstehen, als "mentale (auf den menschlichen Geist bezogene) Darstellung" für etwas in der Aussenwelt. Wir verfügen über Repräsentationen von Empfindungen innerhalb des Körpers, von Wahrnehmungen unserer fünf Sinne, von Ideen und Konzepten und von Sprache. Man nimmt an, dass diese verschiedenen Arten in unterschiedlichen neuronalen Schaltkreisen erzeugt werden.
So entsteht "Mindsight", die Entwicklung der Fähigkeit, den Geist eines anderen Menschen zu sehen - oder ihn so zu sehen, wie man ihn sich selbst vorstellt. Die "Mindsight"-Fähigkeiten können beeinträchtigt sein, etwa durch enttäuschende (frühkindliche) Bindungserlebnisse oder durch den Verlust der autobiografischen Erinnerungen und intensiver primärer emotionaler Zustände.
Als Fazit daraus ist zu sehen, dass sich der Geist (im Sinne von Psyche oder Seele) sein Erleben der Realität selbst erzeugt: Das Gehirn "erschafft" durch Repräsentationen von Empfindungen, Bildern, Konzepten, Sprache, also durch subjektives Erleben seine Realität selbst, und somit wie die Person fühlt, sich verhält, denkt, plant und kommuniziert.
Alle diese Faktoren der Repräsentationen, der Enkulturation und situativen Gegebenheiten führen zu mentalen Zuständen. Unser subjektives Erleben geht aus mentalen Zuständen hervor, die sehr sensibel auf soziale Interaktion reagieren.
"Dies könnte erklären, weshalb Menschen wie jene, die Verbrechen begehen oder in einen Völkermord verwickelt sind, in ihrer Familie oder im Umgang mit Freunden empathische Beziehungen unterhalten und gleichzeitig Verbrechen gegen andere Menschen und gegen die Menschlichkeit begehen können. Die Erkenntnis, dass es möglich ist, Denken und Verhalten von der Erzeugung anderer in unserem Geist zu disassoziieren, könnte uns helfen, verschiedene Aspekte antisozialen Verhaltens zu verstehen. Dass eine solche zustandabhängige Beeinträchtigung oder generelle Unterentwicklung der Mindsight besteht, zeigt sich leider in einer immer stärker werdenden allgemeinen Tendenz der Gesellschaft zur Gewalttätigkeit." (Daniel J. Siegel)
Wenn ich eine vermeintliche Bedrohung, etwa durch eine Person, die nach Verbüssung ihrer Strafe wegen Unzucht mit Minderjährigen in meine Nachbarschaft zieht, für mich und meine Kinder als real ansehe, dann sind die Folgen real. Ich lebe dann in dem Wahn, dass meine Kinder in permanenter Gefahr seien, so lange bis sie durch massive Gegenwehr, möglichweise auch mit Gewaltanwendung, "abgewendet" sein wird. Ich nehme nur noch subjektiv wahr. Eine objektive Betrachtung der Situation, die durch bestimmte Aktionen, wie das Aufeinanderzukommen, geschaffen werden könnte, wird nicht als real wahrgenommen. Die Subjektperspektive wird ausgeklammert, sie kommt nicht "in Frage".
Vorurteile, unüberlegte Vorverurteilungen, Schuldzuweisungen, Rachegelüste könnten dadurch beseitigt oder gemildert werden, wenn man in der Lage wäre, sich in den Geist anderer Menschen hineinzuversetzen. Dazu ist Kommunikation erforderlich, die nur dann fruchtbar sein kann, wenn man ohne negative Gedanken aufeinander zugeht.
Dabei sollten wir uns bewusst davon sein, dass die Repräsentationen in unserem Gehirn zu einem Teil unbewusst ablaufen, und wir nie genau vorhersagen können, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten würden.
Quellen:
Esser, Hartmut, Soziologie - Spezielle Grundlagen, Ffm, New York, Campus: in Soziologische Revue, Besprechungen neuer Literatur, Bd. 25, Heft 4, 2002
Siegel, Daniel J., Wie wir werden die wir sind - Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens und die Entwicklung des Menschen in Beziehungen, Junfermann Verlag, Paderborn, 2006