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Richtig kommunizieren.
In den ersten Lebensjahren entwickeln wir unsere Ausdrucksfähigkeit in dem wir beginnen, Eindrücke, Gefühle und Situationen mit Begriffen zu verbinden, die in unserer Umgebung gebraucht werden. Diese Fähigkeit, also die "Technik" des Sprechens, der Gebrauch der Wörter und der richtigen Satzstellung, ist ein Prozess, der sich in kleinen Schritten nach der Geburt über fünf Jahre hinweg heranbildet. Dabei bestimmt unser "Biotop" nicht nur Akzent und Tonfall unserer Ausdrucksweise, sondern prägt die Inhalte, die wir mit dem einzelnen Begriff verbinden. So verknüpft ein Mensch, der in den Savannen Afrikas aufgewachsen ist, den Begriff "grosser Baum" mit dem Bild wahrscheinlich mit einem mächtigen Baobab, während ein Kind aus den Bergen Europas sich eine stattliche Fichte vorstellt.
Da wir als Kleinkind gelernt haben, diesen Vorstellungen und Gefühlen allgemein gebräuchliche Begriffe zuzuordnen, glauben wir irrtümlicherweise, dass jeder, der denselben Begriff wie wir verwendet, auch genau dasselbe darunter versteht. Jeder Mensch bringt aus seiner individuellen Lebensgeschichte seine eigenen Erfahrungen in Form von Vorstellungen und Gefühlen in jede Kommunikation mit.
Die beiden Verliebten, die Händchen haltend sich tief in die Augen schauen und von einer gemeinsamen Zukunft träumen, sehen nicht zwingend dieselbe Zukunft. Während er sich vorstellt, das Leben zu zweit zu geniessen, sieht sie ihn als Vater von zwei Kindern...
In der Kommunikation gibt es keine objektiven Wahrheiten. Wir tauschen immer nur unsere Vorstellungen von Dingen aus. Jeder Mensch hat auf Grund seiner Erziehung, seiner Erfahrungen, seines kulturellen und sozialen Umfeldes eine eigene Vorstellungswelt, welche er an die durch die Sprache gegebenen Begriffe koppelt. Darum ist Kommunikation nichts anders als der Austausch von subjektiven Vorstellungen.
Hans Christian Andersen, der dänische Poet, hat mit dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" diesen Sachverhalt wunderbar erfasst. Alle erwachsenen Menschen im Reich, die den Kaiser sehen, können keine Kleider an ihm wahrnehmen, bilden sich diese aber ein und ereifern sich gegenseitig zu beschreiben, was sie an den wunderschönen Kleidern des Kaisers so entzückt. Nur ein Kind, das noch keine Vorstellung hat von "kaiserlichen Kleidern", stellt lauthals fest, dass der Kaiser ja splitternackt sei. Damit löst sich die Illusion in nichts auf und macht einem neuen Bild Platz: einem vor Scham errötenden, nackten Kaiser.
Es gibt aber in unserem Leben nicht nur "nackte Tatsachen", sondern auch viele Begriffe, die Gefühle umschreiben. Was zum Beispiel ist "Liebe"? Ein Begriff, der in der deutschen Sprache sehr allgemein verwendet wird und nicht – wie es beispielsweise im Altertum üblich war – zwischen Sex, Nächstenliebe und Gottesliebe unterscheidet. Was bedeutet "Hass"? Was verstehen wir unter "Freude"?
Was "Liebe", "Hass" oder "Freude" ist, um bei diesen Beispielen, zu bleiben, lässt sich nicht genau definieren. Was diese drei Gefühle bewirken, kann sehr wohl beschrieben werden. Die ganze Weltliteratur lebt von diesem Dilemma. Wir tauschen nicht nur (individuelle) Vorstellungen aus, sondern immer auch Gefühle. Diese Gefühle sind so stark, dass sie sich auch ohne Worte über unseren Körper ausdrücken.
Auch wenn wir im Laufe des Lebens lernen, die Sprache unserer Gefühle zu kontrollieren und nicht jede Regung ungefiltert aussenden.
So spricht doch unser ganzer Körper, die Tonalität unserer Stimme, unser Gesichtsausdruck, die Bewegungen unserer Hände für sich eine deutliche Sprache. Die Körpersprache ist die Sprache unserer Gefühle. "Schau mir in die Augen, Kleines", sagt Humphrey Bogart zu Ingrid Bergman im berühmten Film "Casablanca". Am Flackern ihrer Augen erkennt er, dass sie tapfer lügt, wenn sie behauptet, ihn nicht mehr zu lieben.
Die Grundgesetze der Kommunikation
Wie der Mensch sprechen gelernt hat und was sich alles im zwischenmenschlichen Kommunikationsprozess abspielt, ist auch heute noch Gegenstand intensiver Forschung. Vieles ist noch nicht geklärt. Trotzdem lassen sich auf Grund von Beobachtungen des kommunikativen Verhaltens der Menschen fünf Grundgesetze definieren:
1. Grundgesetz: Jede Begegnung zwischen Menschen ist Kommunikation
Wir können nicht nicht kommunizieren (Watzlawick), weil jede Art von Verhalten Kommunikation ist. Selbst wenn wir schweigen, teilen wir dem Gegenüber etwas mit. Am deutlichsten machen wir diese Erfahrung , wenn wir mit einer oder mehreren Personen im Lift fahren. Man wagt sich kaum anzusehen, viele starren an die Decke und signalisieren dadurch der Umgebung, dass sie keinen Kontakt suchen. Wenn also unser Verhalten von anderen Menschen – bewusst oder unbewusst – laufend decodiert wird, dann ist eben jede Begegnung zwischen Menschen Kommunikation. Gerissene Pokerspieler kennen dieses Grundgesetz und setzen ihren Gesichtsausdruck, die ganze Körperhaltung so ein, um den Gegenspieler zu bluffen.
2. Grundgesetz: Der Mensch wird von seinen positiven und negativen Vorstellungen und Gefühlen geleitet
Wir nehmen mit allen fünf Sinnen Signale auf, die wir in unserem Innern mit unseren Vorstellungen (Erfahrungen, Bildern, Ideen, usw.) automatisch abgleichen. Da unsere Gefühle an unsere Vorstellungen gekoppelt sind, löst ein bitter weinendes Kind in uns Mitleid, ein strahlend-lachendes Kind Zuneigung aus – ohne dass wir etwas aktiv dazu tun müssen.
Dieser Grundmechanismus macht deutlich, dass wir letztlich nur das wahrnehmen können, was wir im Laufe unseres Lebens an Vorstellungen und Gefühlen in uns entwickelt haben. Wenn ich Ihnen mitteilen möchte, dass ich es grossartig finde, dass Sie sich mit den Fragen der Kommunikation beschäftigen werden Sie sich über die seltsamen Buchstaben wundern. Der Satz ist deutsch und für diejenigen verständlich, die in Ihrem bisherigen Leben das griechische Alphabet gelernt und damit "abrufbereit" gemacht haben. (Der Satz lautet: "...dass, ich es grossartig finde, dass Sie sich mit den Fragen der Kommunikation beschäftigen.") Wir können nur Signale decodieren, die wir kennen. Deshalb ist es letztlich unwichtig was wir sagen – es ist nur wichtig, was der andere versteht.
Wir Menschen neigen dazu, die Vorstellungen, die wir uns angeeignet haben, als "Wahrheiten" zu betrachten, weil sie subjektiv für uns wahr sind. Dieses Festhalten an einmal gewonnenen Vorstellungen und die Unfähigkeit, diese Vorstellungen neuen Gegebenheiten anzupassen, kennen wir unter dem Begriff "Vorurteil". Jeder Mensch ist voll von "Vorurteilen", auf die er sich in seinem kommunikativen Verhalten abstützt. Dass wir von unseren positiven und negativen Vorstellungen und Gefühlen geleitet werden, ist natürlich und daher weder gut noch böse. Sinnvoll wäre es jedoch, seine eigenen "Vorurteile" zu kennen. Es wäre der erste Schritt, sie durch "bessere" Vorstellungen zu ersetzen.
3. Grundgesetz: Jeder Mensch möchte wertvoll sein
Wann macht das Leben einen Sinn? Das Leben scheint uns immer dann sinnvoll, wenn wir etwas Wertvolles schaffen können. Wenn Sie persönlich die Wahl haben, eine Stelle anzunehmen, in der Sie wertvolle Arbeit leisten können, dafür unterdurchschnittlich verdienen oder eine gut bezahlte Stelle, aber Ihre Aufgabe ist völlig unwichtig – welche würden Sie annehmen? Vielleicht nehmen Sie die gut bezahlte Stelle an, weil Sie das Geld brauchen – aber nur solange, wie Sie aus Existenzgründen in den sauren Apfel beissen müssen. Die Sehnsucht, etwas Wertvolles zu tun, würde immer bleiben.
Es ist diese Sehnsucht, die uns Menschen sehr sensibel macht für Signale, die unser Selbstwertgefühl nähren und stärken oder angreifen und erniedrigen. Was haben Sie lieber: Lob oder Kritik? Natürlich werden wir lieber gelobt und schätzen es sehr, wenn wir für unser Verhalten Anerkennung bekommen.
Durch die Kommunikation senden wir dauernd Signale aus, die für den andern als Aufwertung und Wertschätzung oder als Abwertung empfunden werden. Eine Kommunikation, die nicht zu einer Stärkung unseres Selbstwertgefühls beiträgt, interessiert uns wenig, ja kann sogar Abwehrmechanismen bei uns auslösen. Empfinden wir die Signale unseres Gegenübers als positiv, das heisst unseren Wert bestätigend oder aufwertend, dann weckt dies in uns Sympathiegefühle.
4. Grundgesetz: Der Mensch ist beeinflussbar, weil er im selben Moment immer nur eine Vorstellung (Bild, Gedanke, Idee) aufs Mal denken kann
Ein Spielfilm besteht aus Tausenden von Einzelbildern. Sechzehn Bilder pro Sekunde auf die Leinwand projiziert, ergeben für unser Auge einen normalen Bewegungsablauf. Neben dem Bild, auf dem Filmstreifen aufgeschweisst, läuft die Tonspur, die zu jedem Bild den entsprechenden Teil des Wortes, der Musik oder der Geräusche mitträgt.
Genauso wie im Kino läuft unser Denkprozess ab. Die "Bilder", die wir – eines nach dem andern – im Kopf produzieren, sind unsere Vorstellungen, unsere Gedanken und Ideen.
Manchmal denken wir unsere Vorstellungen mit "Ton", das ist dann, wenn wir ein Gespräch führen. Manchmal aber läuft in unserem Kopf auch nur ein "Stummfilm" ab. Wir überlegen, denken schweigend nach. Der Basisablauf mit oder ohne "Sound" ist immer derselbe. Eine Bildsequenz nach der anderen. Wie im Film können wir die Bilder beliebig gegeneinander ablösen, aber wir können nicht gleichzeitig zwei oder mehrere Vorstellungen denken.
Ein Beispiel: Bitte stellen Sie sich einen Tiger vor. Einen grossen, mächtigen Tiger! Darf ich annehmen, dass Sie jetzt geistig auf Ihrem inneren Bildschirm einen grossen, mächtigen Tiger sehen? Vielleicht in einem sicheren Zookäfig? Oder im indischen Dschungel? Oder in der Zirkusarena auf einem Podest, zusammen mit anderen Tigern? Läuft der Tiger unruhig auf und ab? Fletscht er seine gewaltigen Reisszähne? Knurrt er gefährlich?
Wir wollen hier unser Beispiel beenden. Ist Ihnen beim Lesen dieser Fragen aufgefallen, dass Sie bei jeder Frage sofort den Zookäfig, den indischen Dschungel, die Zirkusarena, usw. – wie Sie es sich vorstellen – auf ihrer inneren Leinwand gesehen haben? Wenn Sie nicht ganz sicher sind, lesen Sie doch bitte diese Fragen nochmals langsam durch.
So wie wir spontan auf einzelne Wörter bei unserem Tiger-Beispiel reagiert haben, genau gleich verhalten wir uns während einer Begegnung mit einem anderen Menschen. Äussere Eindrücke, ein Reizwort, eine abfällige Handbewegung, ein Lächeln lösen stets Vorstellungen aus, die unsere Kommunikation entscheidend beeinflussen können.
Und noch ein Beispiel, um zu zeigen, wie stark unsere Vorstellungen auf uns selbst einwirken. Bitte stellen Sie sich vor, Sie saugen einen saftigen, prallen, sehr sauren Zitronenschnitz aus! Spüren Sie Ihre Mundschleimhäute? Wie Ihre Mundwinkel sich zusammenziehen? Das ist die Kraft der Vorstellung, die unseren ganzen Körper aktivieren kann. Sie nimmt uns im Moment ganz gefangen, weil wir Menschen immer nur eine Vorstellung aufs Mal erleben.
Als Kontrolle prüfen Sie sich selbst: Als die Vorstellung von der Zitrone Ihnen den Mund zusammenzog, haben Sie dann noch an den grossen, mächtigen Tiger gedacht?
Austausch von Vorstellungen und Gefühlen
Wir haben Kommunikation als Austausch von Vorstellungen und Gefühlen definiert. Austauschen ist das Schlüsselwort für eine fruchtbare, sinnvolle und konstruktive kommunikative Beziehung mit anderen. Austauschen bedeutet letztlich nichts anderes, als:
- Seine eigenen Vorstellungen und Gefühle als klare, ehrliche Signale zu senden.
- Die Vorstellungen und Gefühle des anderen überhaupt wahrzunehmen.
- Die Vorstellungen und Gefühle unseres Gegenübers ernst zu nehmen und als berechtigt zuzulassen, auch wenn sie sich mit unseren Vorstellungen und Gefühlen überhaupt nicht decken.
- Die eigenen Vorstellungen und Gefühle als unsere Wahrheit, aber nicht als die Wahrheit zu akzeptieren.
- Nicht in unseren bestehenden Vorstellungen und Gefühlen zu verharren, sondern sich neugierig und lernwillig für neue Ideen, Aspekte, Gesichtspunkte und Wahrheiten zu öffnen und damit die Summe der eigenen Vorstellungen und Gefühle auszuweiten und innerlich reicher zu werden.