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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

14. Buch
5. Die Ansicht der Platoniker über das Wesen von Leib und Seele ist zwar erträglicher als die der Manichäer, aber doch auch nicht annehmbar, weil sie die Ursachen alles sittlich Bösen im Wesen des Fleisches sucht.
Man braucht also nicht unsere Sünden und Laster zur Schmach für den Schöpfer schuldzugeben der Natur des Fleisches, die in ihrer Art und an ihrem Orte gut ist, sondern dies ist nicht gut, unter Hintansetzung des guten Schöpfers nach einem geschaffenen Gut zu leben, ob man nun lieber nach dem Fleische oder nach der Seele oder nach dem ganzen Menschen lebt, der aus Seele und Leib besteht [weshalb er auch mit dem einen wie dem andern bezeichnet werden kann]. Denn wer als das höchste Gut die Natur der Seele preist und die Natur des Fleisches als ein Übel anschuldigt, der ist in seinem Streben und Meiden gleich fleischlich, obwohl er der Seele das Streben und dem Fleische das Meiden zugedacht hat; denn seine Meinung ist menschliche Torheit, nicht göttliche Wahrheit. Zwar verirren sich die Platoniker nicht soweit wie die Manichäer, daß sie die irdischen Körper gleich als das Wesen des Bösen verabscheuen würden, vielmehr führen sie alle Bestandteile, aus denen sich die sichtbare und betastbare Welt zusammensetzt, und dazu die Eigenschaften dieser Bestandteile auf Gott als Bildner zurück; jedoch lassen sie die Seele „durch die irdische Hülle sterblicher Glieder“1 in der Weise beeinflußt werden, daß ihr daraus die Krankheiten der Begierde, Furcht, Lust und Bekümmernis erwachsen. Und in diesen vier Gemütserregungen, wie Cicero sie nennt2 , oder Leidenschaften, wie man zumeist den griechischen Ausdruck hierfür wörtlich wiedergibt, ist die ganze Fehlerhaftigkeit des sittlichen Gehabens der Menschen beschlossen. Was soll aber dann des Äneas verwunderte Frage bei Vergil3 , an den Vater gerichtet, der ihm von der Rückkehr der Seelen der Unterwelt in Leiber erzählt hat:
„Ist's denn glaublich, o Vater, daß einige Seelen zur Höhe
Wieder entschweben von hier und in träge Körper zurückgehn?
Welch unselige Gier nach Licht durchbebt diese Armen!“
Lebt diese unselige Gier immer noch von der „irdischen Hülle sterblicher Glieder“ her in den Seelen, trotz ihrer hochgepriesenen Reinheit? Sind sie nicht von aller derartigen Körperpest, wie er das nennt4 , gereinigt, wenn sie „wieder zurück in Leiber zu wandern verlangen“?5 Selbst angenommen also, es hätte seine Richtigkeit, was ganz und gar grundlos ist, mit der stets wechselnden Reinigung und Befleckung von unablässig hin- und wiederwandernden Seelen, so hätte man doch nicht sagen dürfen, daß den Seelen alle schuldbaren und sündhaften Regungen nur aus ihren irdischen Leibern erwüchsen; denn jene unselige Gier, um mit dem edlen Wortführer zu reden, rührt nach den Platonikern durchaus nicht vom Leibe her; sie zwingt vielmehr die von aller Körperpest gereinigte und außerhalb jeglichen Körpers befindliche Seele erst hinein in einen Leib. Demnach wird auch nach ihrem eigenen Geständnis die Seele nicht vom Leib allein beeinflußt in der Richtung auf Begierde, Furcht, Lust und Bekümmernis, sondern sie kann auch aus sich selbst durch solche Regungen erschüttert werden.
1: Vgl. oben Kap. 3 die Vergilstelle.
2: Tusc. 4, 6.
3: Aen. 6, 719-21.
4: Aen. 6, 737.
5: Ebd. 6, 751.