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Klinische Psychologie und Psychotherapie, Departement für Psychologie, Universität Freiburg, Schweiz
Das männliche Körperideal, gekennzeichnet durch einen muskulösen Körper und geringen Anteil von Fettmasse, ist in den westlichen Kulturen weit verbreitet. Der Vergleich des eigenen Körpers mit diesem Ideal kann bei Männern zu Sorgen und Unzufriedenheit führen. In diesem Zusammenhang gaben zum Beispiel 85% einer Gruppe männlicher Studenten aus Frankreich an, nicht zufrieden mit der Muskulatur ihres Körpers zu sein [1]. Zurzeit wird das Problem der Überbewertung der eigenen Muskularität für die psychische Gesundheit unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Aus Sicht der Zwangsstörungsforschung steht die obsessive Beschäftigung mit der Muskularität des Körpers im Vordergrund. Durch die Einordnung in die Kategorie der körperdysmorphen Störung im Rahmen der Zwangsstörungen und verwandten Störungen im DSM-5 [2] wird dem repetitiven Rückversicherungsverhalten und den zwanghaften Vergleichen des eigenen Körpers mit dem Ideal Priorität zugeordnet. Weiter wird angenommen, dass das Unterlassen von beispielsweise zwanghaftem Muskelaufbau durch Sport oder entsprechende Ernährung zu massiven Anspannungs- und Angstzuständen führen kann, wobei dieses Verhalten nur teilweise als ich-dyston eingestuft wird [3]. Die Einordnung in zwanghaftes Verhalten wird durch Daten unterstützt, die körperdysmorphen Symptomen und zwanghaftem Verhalten einen stärkeren assoziativen und prädiktiven Wert für die Muskeldysmorphie beimessen als Symptomen der Essstörungspathologie [4, 5].
Als weitere Möglichkeit wird die diagnostische Einordnung der Muskeldysmorphie in die Entität der Abhängigkeitsstörungen diskutiert [6]. Es wird postuliert, dass betroffene Personen eine sogenannte Körperbildabhängigkeit entwickeln, wobei das Körperbild als Wahrnehmungen, Kognitionen und Emotionen in Bezug auf den eigenen Körper definiert wird. Diese Abhängigkeit führt zur Fokussierung des Verhaltens auf das Erreichen eines muskulösen Körpers, auch wenn dadurch soziale und berufliche Ziele gefährdet werden und die ständige körperliche Aktivität oder die Aufnahme von Anabolika negative Gesundheitsfolgen hat. Auch scheinen Betroffene durch das Trainieren eine euphorisierende Stimmung zu erleben [6]. Um diesen Effekt langfristig zu erhalten, ist zunehmend intensiveres Training notwendig (Toleranzentwicklung), und es kommt zu Entzugserscheinungen, wenn sich Betroffene gezwungen sehen, auf ihr exzessives Verhalten zu verzichten. Als weiteren Hinweis auf den Zusammenhang mit Abhängigkeitsstörungen wird die hohe Rückfalltendenz gewertet.
Unter Anwendung des transdiagnostischen Modells kann die Muskeldysmorphie auch im Bereich der Essstörungen eingeordnet werden [7]. Es liegen Daten vor, die zeigen, dass auch die Muskeldysmorphie mit unangemessenem Perfektionismus, einem niedrigen Selbstwertgefühl, interpersonellen Schwierigkeiten und Stimmungsintoleranz einhergeht. Sie scheint somit ähnlich wie andere Essstörungen zu entstehen und kann auch entsprechend behandelt werden [7]. Zudem kommen bei der Muskeldysmorphie ebenfalls rigides Diätverhalten und exzessives Sporttreiben, gekoppelt mit Körpersorgen und Essen ohne Hunger, vor [8]. Wird dieses Diätverhalten nicht befolgt, treten starke Anspannung und Angst auf [9]. Innerhalb der Essstörungen weist die Muskeldysmorphie Ähnlichkeiten besonders mit der Anorexia nervosa auf und wird als geschlechtsspezifische Form der Anorexie bei Männern diskutiert [10].
Bei der Entstehung der Muskeldysmorphie spielt die Konfrontation mit muskulösen männlichen Körpern in den Medien eine wichtige Rolle. Dies besonders bei Männern, die zuvor bereits Sorgen im Zusammenhang mit der Muskelmasse ihres Körpers hatten [11]. Des Weiteren sagt die Internalisierung des Körperideals eines muskulösen Körpers Symptome einer Muskeldysmorphie bei Männern voraus [12]. Eine Hochrisikopopulation stellen Bodybuilder dar, deren Verhaltensweisen, Kognitionen und Emotionen sich am Ziel orientieren, dem verinnerlichten Körperideal zu entsprechen [13]. Dennoch sind ein unrealistisches Körperideal und die alltägliche mediale Konfrontation mit Körperidealen keine hinreichende Erklärung für die Entstehung einer psychischen Störung. Weitere ätiologische Faktoren können erhöhte allgemeine und körperbezogene Ängstlichkeit [4], negative Affektivität [14], Schwierigkeiten beim Erkennen und Ausdrücken von Emotionen (Alexithymie) [15] und Hänseleien in der Kindheit [16] darstellen.
Die bisherigen Forschungsergebnisse zur Muskeldysmorphie unterliegen verschiedenen Einschränkungen. Die meisten Studien beruhen auf kleinen Stichproben und beschränken sich auf studentische männliche Versuchspersonen, die Bodybuilding oder Krafttraining betreiben. Zudem fehlt es an Evidenz zum Verlauf [17]. Die unterschiedlichen Schätzungen zur Prävalenz der Muskeldysmorphie zwischen 10 bis zu über 40% [17] unterstreichen die Forderung nach Verwendung einheitlicher Diagnosekriterien und -instrumente.
Die Arbeit von Halioua und Kollegen in diesem Heft [18] ermöglicht einen umfassenden Einblick in den aktuellen Forschungsstand zur Muskeldysmorphie und beleuchtet den Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Einfluss eines männlichen Schönheitsideals und der Entstehung einer Körperbildstörung und Muskeldysmorphie.
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Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.
Credits
Kopfbild: © Raquel Camacho Gómez | Dreamstime.com
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. phil. Simone Munsch
Departement für
Psychologie
Universität Freiburg
Rue P.-A.-de-Faucigny 2
CH-1701 Freiburg
simone.munsch[at]unifr.ch
Literatur
18 Halioua R, Deutschmann M, Vetter S, Jäger M, Seifritz E, Claussen MC. Muskeldysmorphie. Schweiz Med Forum. 2019;19(9–10):153–8.
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