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von Dr. Martin Tomasik
Im Jahr 2003 erschien in dem renommierten Wissenschaftsmagazin Science eine Studie unter Federführung von Avshalom Caspi, die in den Folgejahren eine kontroverse und „heiss“ geführte Debatte in der Wissenschaftsszene ausgelöste. Der amerikanische Psychologe hat untersucht, welche Rolle genetische Faktoren bei der Entstehung einer Depression spielen. Diese psychische Störung, deren Hauptmerkmale Verstimmung, ein vermindertes Interesse an Aktivitäten, Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme, Müdigkeit, Energieverlust und wiederkehrende Gedanken an der Tod sind, kann heute zu den „Volkskrankheiten“ gezählt werden. Allein in der Schweiz werden mehr als 500,000 Menschen mit der Diagnose Depression behandelt und die Krankenkassen geben jährlich mehr als 280 Millionen Franken für Antidepressiva aus. Die Zahl der unbehandelten Fälle und die der gesamten volkswirtschaftlichen Kosten liegt wahrscheinlich deutlich höher. Die Erforschung von Ursachen und aufrechterhaltenden Faktoren dieser Störung ist aber nicht nur aus volkswirtschaftlichen Gründen, sondern vor allem durch den immensen Leidensdruck, den eine Depression für die Betroffenen und deren Angehörige besitzt, ein zentrales Anliegen der psychologischen und psychotherapeutischen Forschung. Sollten genetische Faktoren dabei eine Rolle spielen? Welche Konsequenzen hätte das für unser Verstehen von Depressionen und vor allem für die Betroffenen, die sich ihre Gene ja nicht aussuchen können?
Doch zunächst zu den Ergebnissen der kontroversen Studie. Caspi hat sich einen bestimmten Teil der menschlichen Gensequenz angeschaut, der, wie man aus anderen Studien bereits weiss, mit dem Serotoninhaushalt im menschlichen Gehirn in Verbindung steht. An dieser Stelle, oft 5-HTTLPR genannt, können sowohl lange als auch kurze Genvarianten liegen. In der Bevölkerung sind die kurzen und langen Varianten in etwa gleich verteilt, aber jeder einzelne Mensch besitzt entweder zwei kurze, eine kurze und eine lange, oder aber zwei lange Varianten. Diese strukturellen Unterschiede stehen mit unterschiedlichen Serotoninkonzentrationen im Gehirn in Zusammenhang.
In der Studie, die in Neuseeland durchgeführt wurde, hat Caspi dann Männer und Frauen im Alter von 26 Jahren gefragt, ob diese kritische Lebensereignisse wie etwa einen Arbeitsplatzverlust, eine schwere Krankheit des eigenes Kindes oder einen Unfall erlebt haben. Gleichzeitig wurde bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diagnostiziert, ob diese an einer Depression litten oder nicht. Das erstaunliche Ergebnis war nun, dass bei Personen mit zwei kurzen Genvarianten nach einem oder mehreren kritischen Lebensereignissen häufiger eine Depression diagnostiziert wurde, im Vergleich zu Personen mit einer kurzen und einer langen Variante. Personen mit zwei langen Varianten schienen auf die kritischen Lebensereignisse gar nicht mit einer Depression zu reagieren. Die Ergebnisse wurden in die Richtung gedeutet, dass manche Personen ein genetisches Risiko dafür tragen auf kritische Lebensereignisse mit einer Depression zu reagieren und andere nicht.
Bedeutet das nun, dass wir nun völlig unseren Genen ausgeliefert sind und damit letzten Endes nichts tun können, um eine Depression zu verhindern? Die Antwort auf diese Frage muss differenziert ausfallen. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass Caspis Studie nunmehr dutzende Male an unterschiedlichen Personengruppen durchgeführt wurde und sich sein Ergebnis nur in etwa der Hälfte aller Studien fand. Der Zusammenhang scheint also komplexer zu sein, als er auf den ersten Blick aussieht, ganz von der Hand zu weisen ist er aber nicht. Diese Komplexität kommt daher, dass bei der Entstehung einer Depression vermutlich eine Vielzahl von genetischen und Umweltfaktoren beteiligt ist, so dass es nicht einen bestimmten Auslöser gibt, der bei allen Menschen in gleicher Weise wirkt. Des weiteren unterscheiden sich Menschen darin, wie sie mit kritischen Lebensereignissen umgehen, ob sie diese, wie etwa im Falle eines Arbeitsplatzverlustes, eher als Bedrohung oder eher als Herausforderung angehen, welche Unterstützung sie von Anderen dabei erfahren oder ob sie trotz aller Schwierigkeiten noch einen Optimismus aufbringen können, dass auf schlechte Tage auch gute folgen werden. Soweit wir wissen, spielen all diese Faktoren eine viel bedeutsamere Rolle für die Entstehung einer Depression als einzelne Gene, deren Macht trotz Caspis Befunde also nicht überbewertet werden sollte. Ausgeliefert sind wir unseren Genen also nicht und können selbst viel dafür tun, uns den Anforderungen des Lebens konstruktiv zu stellen.
Quelle: Caspi, A., Sugden, K., Moffitt, T. E., Taylor, A., Craig, I. W., Harrington, H., et al. (2003, July 18). Influence of life stress on depression: Moderation by a polymorphism in the 5-HTT gene. Science, 301, 386-389.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.