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Schweizer See-Tsunami sind schlummernde Desaster, warnt Guy Simpson. Der Forscher an der Universität Genf ist Co-Autor einer Studie über einen gewaltigen Tsunami am Genfersee, der im Jahr 563 durch einen Bergsturz und Erdrutsch unter Wasser ausgelöst wurde.
Laut einer neuen Forschungsarbeit, die in der Zeitschrift Nature Geoscience journal publiziert wurde, verursachte ein gewaltiger Bergsturz – vermutlich am Grammont in der Nähe der Rhone-Mündung am Ostufer – ein Abrutschen des Flussdeltas in den See, was den Tsunami auslöste.
Historische Berichte beschreiben, wie eine riesige Flutwelle an den Ufern des Sees alles überschwemmte, Dörfer beschädigte, in Genf eine Brücke und eine Mühle zerstörte und über die Stadtmauern schlug. Wie viele Menschen dabei umkamen, ist nicht bekannt.
Das Team der Universität Genf führte eine seismische Untersuchung des Sees durch. Die Forscher datierten anhand von Radiokarbonstoffen die Gesteinsablagerungen.
Sie fanden riesige, linsenförmige Ablagerungen welche die tiefste Stelle des Sees bedeckt und aus der Delta-Region stammte. Die Schichten sind mehr als 10 km lang, 5 km breit und 5 Meter dick und weisen ein Volumen von schätzungsweise 250 Millionen Kubikmeter auf. "Dieses Sediment-Volumen rutschte in kurzer Zeit auf den Seegrund ab und löste die Störung aus", sagt Guy Simpson.
Gestützt auf Computer-Modelle, mit denen sie den Tsunami simulierten, schätzen die Forscher, dass die Wellen damals in Lausanne 13 Meter hoch waren. In Genf, 70 km vom Ausgangspunkt entfernt, dürften sie 70 Minuten nach dem Bergsturz in einer Höhe von 3 bis 8 Meter angekommen sein.
Der Genfersee ist auch in Zukunft ausgesprochen Tsunami gefährdet, folgert das Team, weil sich an den Deltaböschungen weiterhin Fluss-Sedimente bilden und ein Felssturz, ein Erdbeben oder ein starker Sturm ähnliche Wirkungen haben könnten.
Mindestens eine Million Menschen leben an den Ufern des Genfersees. Die Stadt Genf ist stark gefährdet, weil sie einerseits nicht viel höher als der Seespiegel liegt und andererseits das Wasser durch die Trichterform des Sees fokussiert und die Wellen dadurch verstärkt werden.
Eine Welle dieses Ausmasses würde heute weite Teile des Stadtzentrums überfluten, heisst es im Zeitungsartikel.
Unterschätzt
See-Tsunamis sind in der Schweiz seltene, aber zerstörerische Ereignisse (Vgl. rechte Spalte). Doch die Forscher warnen, dass die Gefahren gewöhnlich unterschätzt werden. "Die Topographie an den Rändern einiger Schweizer Seen ist an manchen Stellen sehr steil. Ich bin absolut überzeugt, dass einige Desaster auf uns warten", so Simpson.
Laut Blaise Duvernay, Seismologe beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), werden See-Tsunamis generell nicht als Hochrisiken eingestuft: "Man weiss, dass sie in der Vergangenheit eingetreten sind. Aber können wir etwas Vernünftiges tun, um sie zu verhindern?"
Die von See-Tsunamis ausgehenden Gefahren hätten zugenommen, vermutet Donat Fäh, Chef der Gruppe für Risiken- und Gefahreneinschätzungen beim Schweizerischen Erdbebendienst.
"Früher lebten die Menschen wegen der Moskitos nicht so nahe am Wasser. Aber das hat sich geändert", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Es gibt ein Risiko, aber zum Glück tritt es nicht sehr oft ein."
Ein Erdbeben der Stärke 6, wie jenes von 1601, das einen gewaltigen Tsunami am Vierwaldstättersee auslöste, komme in der Schweiz etwa einmal pro 100 Jahre vor; das letzte Mal 1946 im Kanton Wallis.
Aber Tsunamis könnten auch durch überbelastete Unterwasser-Sedimente verursacht werden, sagt er.
"Es ist schwierig zu sagen, ob die Gefahren eines Tsunamis unterschätzt werden. Jetzt wissen wir mehr über die Risiken, und wir wissen, dass die seismischen Risiken in der Schweiz moderat sind. Aber die Gesellschaft neigt dazu, solche Ereignisse zu vergessen."
Schweizer Tsunami
563 n.Chr. sorgte ein Bergsturz am östlichen Ende des Genfersees dafür, dass das Rhonedelta abbrach, in den See abrutschte und einen Tsunami auslöste, der an den Ufern grosse Schäden anrichtete.
1584 zerstörte ein Erdbeben in der Nähe von Aigle im Waadtländer Rhonetal die Dörfer am Nordostufer des Genfersees. Das Beben verursachte auch einen Felssturz, bei dem 320 Menschen umkamen, sowie einen Tsunami, der die Küsten von Villeneuve, Lausanne und Genf überflutete.
Am 16. September 1601 löste ein Unterwasser-Erdbeben der Stärke 6 im Vierwaldstättersee gewaltige Wellen aus, welche die Stadt Luzern überschwemmten.
1687 brach das Delta des Muota-Flusses in der Nähe von Brunnen ein und löste einen 5 Meter hohen Tsunami aus, der weite Küstenteile des Vierwaldstättersees unter Wasser setzte.
Am 2. September 1806 zerstörte ein Bergsturz am Rossberg in der Zentralschweiz das Dorf Goldau und begrub 457 Menschen.
Der östlichste Teil der Felsmassen traf den Lauerzsee und löste einen 15 Meter hohen Tsunami aus. Etwa 10 Menschen fanden in den Fluten am südlichen Ufer des Sees den Tod.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch