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Wie es zum Sturm auf das US-Kapitol gekommen ist, wissen wir. Der Präsident hatte dazu aufgerufen. Ja, er hatte vier Jahre lang den Boden dafür bereitet. Und längerfristig: Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich das politische Klima in Washington dauerhaft geändert. Der politische Gegner wurde zum politischen Feind.
Das war die Strategie des republikanischen Mehrheitsführers Newt Gingrich im Repräsentantenhaus. Und das blockierte das amerikanische Regierungssystem, das im Grunde, vor allem im Senat, auf Ausgleich und Kompromiss angelegt war. Dieses Ideal von Ausgleich und Kompromiss wurde exemplarisch im berühmten Film «Mr. Smith goes to Washington» beschworen. Doch ganz tief unter diesen Erklärungsschichten liegt eine weitere: die Geschichte.
«Die Vergangenheit ist nie tot»
Als ich als Korrespondent in Washington arbeitete, war ich frappiert, wie präsent die US-Geschichte im politischen Alltag war. Fast jeder Politiker, jede Politikerin berief sich darauf. Der amerikanische Bürgerkrieg war oft Bezugspunkt in vielen Reden. In den Südstaaten wurde noch im 21. Jahrhundert Klopapier mit dem Konterfei des verhassten Nordstaatengenerals Sherman verkauft. Und im lokalen Radio von Charleston wurden Quiz über die Schlachten des Bürgerkriegs gespielt.
Die Amerikaner brauchen keine Revolution, weil ihre letzte von 1776 noch immer so präsent ist. Manchmal scheint es, als ob sie gefühlt erst gestern stattgefunden hätte. Und weil sie noch so lebendig ist, könnte dies auch ein Grund für den revolutionären Sturm auf das Kapitol sein.
Denn es ist nicht bloss eine kleine Minderheit der Amerikaner, vor allem nicht unter den Anhängern der Republikaner, welche die Besetzung des Kapitols gutheissen. Und wenn einer der Besetzer mit einer konföderierten Südstaatenflagge durchs Kapitol marschiert, dann führt er symbolisch den amerikanischen Bürgerkrieg weiter, obwohl der vor 156 Jahren zu Ende ging.
«Die Vergangenheit ist nicht einmal vergangen»
Die Macht der Geschichte ist auch im kollektiven Gedächtnis der deutschen Politik präsent. Revolution ist ein Albtraum in Deutschland. Der Zusammenbruch jeglicher Ordnung, die drohende kommunistische Revolution 1918 sind ein deutsches Trauma. Nicht umsonst hatte Stalin gespottet, in Deutschland könne es keine Revolution geben, weil man sonst den Rasen betreten müsste. Was ja in Deutschland bekanntlich verboten ist.
Die Deutschen sind sehr geduldig, das sieht man auch beim aktuellen Shutdown, der viel weiter geht als die Massnahmen in der Schweiz. Aber wenn das Land aus dem Gleichgewicht gerät, drohen ganze Systeme unterzugehen, wie das 20. Jahrhundert gezeigt hat.
Diese Erfahrungen sind mit Sicherheit im kollektiven Gedächtnis der Politik verankert, und sie sind ein Grund, dass der Corona-Shutdown von der Bundesregierung mit Milliarden abgefedert wird. Der Schriftsteller William Faulkner schrieb einmal: «Die Vergangenheit ist nie tot, sie ist nicht einmal vergangen».
Peter Voegeli
Deutschland-Korrespondent, SRF
Peter Voegeli ist seit Sommer 2015 SRF-Korrespondent in Deutschland. Er arbeitet seit 2005 für Radio SRF, zunächst als USA-Korrespondent, danach als Moderator beim «Echo der Zeit».