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Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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Dies war mein letzter Tag in Bagdad. Wir hatten zwei Wochen damit verbracht,
Interviews zu filmen, und waren jeden Tag von sieben in der Frühe bis Sonnenuntergang in der Stadt unterwegs gewesen. Wir waren übereingekommen, dass der letzte Tag allen Mitgliedern der Filmcrew zur freien Verfügung stehen sollte, um alleine die Stadt zu erkunden. Da ich die Stadt bereits gut kannte, beschloss ich, meinen letzten Tag in ihren alten Straßen zu verbringen und die Mutanabbi-Straße wie in meiner Jugend auf der Suche nach Büchern entlang zu schlendern.
Zum ersten Mal seit unserer Ankunft war ich allein in Bagdad unterwegs. Unser Zeitplan war voll gewesen und wir hatten beschlossen, in einem Hotel in al-Karrada abzusteigen anstatt im alten Haus der Familie, aus Angst, unsere Ausrüstung könnte gestohlen werden, und wegen des ständigen Stromausfalls, schließlich mussten die Batterien jeden Tag aufgeladen werden.
Ich war zum ersten Mal wieder in der Stadt meiner Kindheit, seit ich sie im Juni 1991 verlassen hatte. Ich wollte alleine sein mit Bagdad und mit mir, um meine Gefühle und Eindrücke nach zwei vollen Wochen zu sichten, in denen es mir nicht möglich gewesen war, in den Spiegel der Seele zu blicken. Ich ging ins Cafe al-Schabandar, welches wie immer am Freitag voller Schriftsteller und Literaturliebhaber war. Ich suchte nach ein paar Gesichtern, die ich vor einer Woche bei einer Dichterlesung getroffen hatte, die wegen der von der Besatzung verhängten Ausgangssperre an einem Vormittag im Haus des Schriftstellerverbands veranstaltet worden war, doch ich konnte niemanden finden. Ich sah Salah al-Qasab, den berühmten Theaterregisseur, in einer Ecke sitzen, umringt von einem Kamerateam, und ich hörte einige französische Wortfetzen herumfliegen. Ich konnte keinen Sitzplatz finden und drinnen herrschte eine Bruthitze, deshalb beschloss ich, durch die Mutanabbi-Straße zu laufen. Die Buchverkäufer hatten ihre Bücher wie üblich auf den Gehwegen ausgebreitet. Der Wind pfiff, während er einige der Bücher durchblätterte und die Seiten zu schnell umwendete, als dass der Blick etwas hätte erkennen können. Die Bücher waren nach keiner erkennbaren Ordnung ausgestellt, was angenehme Überraschungen für all diejenigen versprach, die ausreichend Geduld und Neugier besaßen. Der Ruf zum Mittagsgebet drang von einer Moschee in der Nähe an mein Ohr und ich sah, wie die Leute ihre Schritte zur Quelle des Rufs lenkten. Einige der Geschäftsinhaber schlossen ihre Läden, um beten zu gehen. Fortlaufende Kriege und barbarische Sanktionen hatten viel dazu beigetragen, die meisten Menschen dem Gott der ewigen Gnade nahezubringen.
Sie brachten die Sprachgewalt seiner Versprechen von einer künftigen Erlösung von der dunklen Gegenwart zur Geltung. Auch meine Großmutter hatte die Zahl der Kreuze vervielfacht, die bis auf das Badezimmer in jedem Raum hingen, und die der Statuen der Jungfrau Maria, zu der sie jeden Tag betete, sie möge den Irak von seinen Albträumen befreien. Inzwischen ähnelte das Haus einem Museum im Kleinformat. Als ich sie mit der Zahl der Statuen neckte, sagte sie, dass unsere Verwandten, die in den vergangenen Jahren aus dem Land geflohen waren, sie bei ihr zurückgelassen hatten. »Ihr seid alle fortgegangen, und ich bin hier alleine und nur von Wänden umgeben zurückgeblieben.«
Sie war verärgert darüber, dass ich mich entschieden hatte, an meinem letzten Tag zur al-Mutanabbi zu gehen, anstatt meine Zeit mit ihr zu verbringen und eines ihrer berühmten Gerichte zu genießen. »Liebst du die Bücher denn mehr als mich?« Ich versprach ihr, am Nachmittag zum Tee vorbeizukommen und mich zu verabschieden.
Ich bemerkte zahlreiche schiitische theologische Bücher, die zuvor nicht öffentlich hätten verkauft werden dürfen, besonders solche von Muhammad Baqir al-Sadr, der 1980 von Saddam hingerichtet worden war. Der Buchladen am Anfang der Straße präsentierte glänzende Poster von schiitischen Geistlichen mit ihren langen Bärten und schwarzen Turbanen. Direkt daneben lagen Hochglanzmagazine, deren Titelblätter voll von arabischen und ausländischen Schauspielerinnen und Sängerinnen waren. Sie hätten vielleicht etwas von dem Stoff der Turbane gebrauchen können, um damit ihre Nacktheit zumindest teilweise zu bedecken und ein Gleichgewicht zwischen entblößten und bedeckten Stellen herzustellen. Es gab Dutzende von Zeitungen, irakische und allgemein arabische. Das durch die Besatzung hervorgerufene Chaos hatte es Hinz und Kunz erlaubt, eine Zeitung zu gründen, um ihre Ideologie oder Ideen hinauszuposaunen, insofern sie so etwas überhaupt hatten.
Ich sah Muhsin, den jungen Mann, den ich vor zwei Tagen interviewt hatte, er war Kader der kommunistischen Arbeiterpartei. Er stand vor einer Reihe von Parteibroschüren und diskutierte angeregt mit einem Passanten. Muhsin stammte aus Thaura City und hatte mich mit seiner Redegewandtheit und seiner Kenntnis des Marxismus beeindruckt, aber auch mit seinem unbegrenzten Glauben daran, dass dem Irak eine säkulare Zukunft bevorstünde, trotz der sektiererischen Erscheinungen, die im politischen Diskurs bereits deutlich zu erkennen waren. Er hob seine rechte Hand, mit der er seine Stirn vor der Sonne abgeschirmt hatte, um mir aus der Ferne zuzuwinken, und lächelte. Er hatte mich eingeladen, ihr vorläufiges Hauptquartier zu besuchen, das sich in einer Bank zwischen der Raschid-Straße und der Abu-Nu’as-Straße befand. Aber ich hatte mich entschuldigt, weil die Zeit so knapp war und wir noch so viele Interviews mit anderen Leuten aufnehmen mussten. Ich hatte ein wenig ein schlechtes Gewissen, als ich zurückwinkte und ihm zulächelte. Er legte seine Hand auf die Brust, hob sie dann wieder an die Stirn und setzte die Diskussion fort.
Aus dem Arabischen von Franziska Zezulka
Aus Sinan Antoon
Sidschl al-kharrab (Das Buch vom Kollateralschaden)