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Frankreich wählt. Ich gestehe, ich habe das Land nicht gross bereist. Ich bin kaum auskunftsfähig. Ich könnte über den Stadt-Land-Konflikt schwadronieren, ich könnte das Charisma der Tat beschwören, ich könnte irgendwas ausm Archiv buddeln und mit Frankreich vermengen. Ich könnte Paris der Dekadenz bezichtigen. Ich könnte.
R. war kürzlich dort. Dessen Lebensgefährtin stammt aus der Bretagne, eine für mich fremde Gegend; davon ist der Atlantikwall eine dumpfe Ahnung, angrenzend soll auch Mont Saint-Michel überragen, vermutlich eine begehrliche Trouvaille dort. Ich verstehe Frankreich nicht. Ich habe die Sprache verlernt. R. beginnt sie zu beherrschen.
Ich verstehe aber, wenn die Menschen protestieren, wenn sie Widerstand leisten. Sie kompensieren das grosse Unbehagen mit der Kultur. Wir erleben eine Politik der Zeichen. Seit einigen Jahren ist sie offensichtlicher geworden; die toten französischen Philosophen können posthum doch noch triumphieren.
Doch Frankreich hat weitaus grössere Probleme als das schlichte und allgemeine Unbehagen, das derzeit viele Menschen irritiert und ergreift. Frankreich ist meines Erachtens degeneriert, verklemmt und hat zu viel in Elitenförderung investiert; zu viele staatliche Akademien und Hochschulen; eine zu fette Kulturindustrie.
Doch zu wenig Fachschulen, zu wenig Risikokapital, zu wenig flexibilisierte Arbeitsmärkte, zu wenig schlanke Prozesse und Organisationen. Irgendwie ist alles vermodert. So jedenfalls poltern wir am Stammtisch. Das sind für uns die Welschen. Wir attestieren ihnen mangelnde Sekundärtugenden. Dass Frankreich bald einen Schlächterin bestimmt, überrascht also nicht.