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"Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.
"Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft
Ich wage zu behaupten, dass David Rabinowitch ein intellektueller Künstler ist. Spricht er über seine Arbeit, so wird man häufig konfrontiert mit Verweisen und Zitaten, die seinen künstlerischen Ausdruck, aber auch sein Leben zu begleiten und zu prägen scheinen.
Schon seit Beginn seiner Jugend beschäftigt sich David Rabinowitch mit Disziplinen und Wissenschaften die versuchen, das Leben und seine Mechanismen zu erklären: Philosophie, Physik, Mathematik, Architektur. Theoretische Schriften von Vertreterinnen und Vertretern aus exakten wie nicht exakten Wissenschaften begleiten ihn bis heute – und dieses über die Jahre angesammelte, weitergedachte und hinterfragte Wissen fliesst unmittelbar in seine Arbeiten ein. Manchmal erkennt man es, manchmal ahnt man es bloss, und manchmal kann es für die Rezeption nicht die geringste Rolle spielen, nämlich dann, wenn man es nicht weiss. Aber auch unter dieser Voraussetzung vermögen David Rabinowitchs Werke den Betrachtenden in seinen Bann zu ziehen, denn das Betrachten seiner Werke kann man als einen Prozess des Verstehens wahrnehmen: Etwas, das uns David Rabinowitch unter allen drei Voraussetzungen ermöglicht.
Als David Rabinowitch am 7. Dezember 2011 nach Solothurn kam, da soll er sofort gewusst haben, dass er hier etwas bauen will. Er soll auch schon gewusst haben was, und wie ebenso. Schon seit Jahren habe er so etwas machen wollen, er hatte nur noch nicht den richtigen Ort gefunden.
Der krumme Turm zog bereits bei seinem ersten Besuch seine Aufmerksamkeit auf sich. Das älteste Gebäude der Stadt, ein sagenumwobener Wehrbau. Ein ungleichmässiges Fünfeck als Grundriss, ein schiefes Dach als Konsequenz. Im Keller ein Verlies, die Mauern durchbrochen mit Schiessscharten. Ausserhalb der Altstadt an der Aare gelegen, extrahierte David Rabinowitch massstabsgetreu den Grundriss und transferierte ihn vor das Alte Zeughaus, nahe Brunnen, Kathedrale und auf Kopfsteinpflaster.
Den Grundriss als formale Ausgangslage nehmend, konstruierte David Rabinowitch ein Denkmal für einen Physiker, namentlich Hermann Minkowski, geboren vor gut hundertfünfzig Jahren, als Wegbereiter von Einsteins Relativitätstheorie geltend und heute ziemlich in Vergessenheit geraten. Die Betitelung der Installation, Memorial to Hermann Minkowski, weist darauf hin, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise des Künstlers an Form und Inhalt existiert. Doch ist es nicht die Kenntnis über die wissenschaftlichen Theorien des Physikers Hermann Minkowski, die das Verständnis des Denkmals für ebendiesen voraussetzen, sondern das Wissen darüber, dass David Rabinowitchs künstlerischer Arbeit eine eingehende Auseinandersetzung mit jenen wissenschaftlichen Theorien vorausging. Mit diesem Wissen erkennen wir ein Referenzsystem, um das herum der Künstler seine Installation aufgebaut hat und das es – ganz individuell – zu entschlüsseln gilt. David Rabinowitch prüft in seinen Arbeiten weder physikalische Theorien noch testet er aus, was Hermann Minkowski untersucht hatte. Vielmehr interpretiert er dessen Theorien durch seine künstlerische Umsetzung und unterzieht sie so einer subjektiven Verbildlichung, einer Versinnlichung. Dass es nur in der Wissenschaft ein Richtig und ein Falsch gibt, nie aber in der Kunst, dessen war sich Rabinowitch bereits vor vielen Jahren sicher. Die Kunst als eine nicht exakte Wissenschaft, die sich den Gesetzen der exakten Wissenschaften jedoch unterwerfen muss, um zum eigenen Ausdruck gelangen und etwas Physisches herzustellen zu können.
Unser Erfahren setzt sich aus Sinneseindrücken und Verstandesarbeit gleichermassen zusammen, nur deren Zusammenspiel ermöglicht das Verständnis eines Sachverhaltes. Immanuel Kant – für David Rabinowitch einer der wichtigsten unter den Philosophen – postulierte diese These in seiner als bedeutendstes Werk geltenden Schrift Kritik der reinen Vernunft. Dieses Prinzip lässt sich auf die Arbeiten David Rabinowitchs übertragen. Kennt man seinen intellektuellen Hintergrund nicht, so ist es der formalistische Ansatz, der beim unvoreingenommenen Betrachten seine Wirkung zeigt: Ohne Verweise und Narration ist es die rein ästhetische Erfahrung von Form und Struktur sowie Komposition, Linienführung und Textur, die wir durch unsere Fähigkeit des Sehens erfassen. Es ist das Einfügen in den öffentlichen Raum, das so schwer anmutende und doch filigrane dreidimensionale Gebilde, das den Kontrast bildet zu der überragenden, planen Fassade des Alten Zeughauses. Die Konstruktion David Rabinowitchs vermag eine Sinneserfahrung hervorzurufen, zu deren Genuss wir weder den Künstler noch dessen intellektuelle Herangehensweise benötigen. Dass wir aber beim Betrachten des Denkmals von Hermann Minkowski in den Genuss dieser Formschönheiten gelangen können, ist erst durch die Voraussetzung gewährleistet, dass David Rabinowitch ein konstruiertes sowie sinnliches Spiel mit physikalischen Grössen betreibt. Lichtreflexe und hell-dunkel Kontraste erzielt er durch das Durchbrechen des Stahls mit kreisrunden Löchern oder etwa das nicht bündige Aufsetzen am Boden, das ein Untendurchblicken ermöglicht und ein Staunen erzeugt darüber, auf wie wenigen Punkten sich die Installation tatsächlich abstützt. So genannte Analemmas – Figuren, die die Sonne bei konstanter Mittlerer Ortszeit erzeugt – sind an den Enden des Stahlträgergerüstes angebracht und können, wie Zeichnungen im Raum, gegen den Himmel – ihren ursprünglichen Betrachtungsort – beobachtet werden. Stahlseile durchspannen die Grundfläche und erzeugen ihr eigenes Liniengebilde. Es ist der gesamte Herstellungsprozess – von der Planung bis zum Aufbau – für den die Kenntnis physikalischer Grössen benötigt wird, die sich im fertigen Denkmal verbildlichen: Zeitspanne und -dauer, Licht, Gravitation, Zugspannung und –kräfte, Beschleunigung und Arbeit.
Das zu erkennen, fordert unser Sehen und reizt unseren Verstand. «Ein Werk ist nie nur seine physikalische Beschaffenheit», sagte Rabinowitch einmal und sagt damit genau das, was ein Werk ist: Seine physikalische Beschaffenheit auf der einen Seite, aber gleichzeitig auch alles was vorher, während und nachher existiert.
Maria Brehmer, Kunsthistorikerin
Remarks on the Solothurn Memorial to Hermann Minkowski
Constructed specifically for the ancient Zeughausplatz of Solothurn with its ten degree gradient ground plane, and applying 1:1 the ground plan of the pentagonal Crooked Tower fronting the river, the sculpture is a concatenation of five centers in terms of which eleven ‘object’ systems operate in respect to three frames of reference; that is, five horizontal beams supported on timber corner elements which rest directly on the gradient of the Zeughausplatz, five vertical beams bolted above these, and a level cable network connecting the tops of the verticals—the whole constituting a network reflecting relations between all verticals. Both beam reference frames, painted black, are pierced with sets of holes, cut in the base members and drilled in the verticals, expressed through five diameters and six magnitudes of distance which operate interdependently as the prime metric of the work.
Two general kinds of ‘object’ systems are incorporated, seven constituted by conics of which two are complex, and five simple; four by analemmas of which three are complex and one simple, an analemma being a figure originally derived from recording the sun’s position from one location on the earth for each day of a year. Those invented for this construction bear no literal relation to astronomical observation. The hot-rolled steel and zinc binding elements found throughout the ‘object’ systems and cable frame of reference respectively, are contrived as two classes of a ‟grammar of material connection” for the totality.Hermann Minkowski did important work in analysis and invented the mathematical formalism (1908) which demonstrated that the theory of special relativity(1905) could be comprehended strictly in terms of a four dimensional continuum, thereby leading to a fundamental simplification of the theory; the innovation became crucial to Einstein’s discovery of general relativity (1915). Minkowski’s work in relation to Einstein’s remains as indispensable to me today as when I first encountered it in 1956 when I became a painter.