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2013 muss der Brunnen auf dem Waisenhausplatz saniert werden. Der wuchernde Tuffstein gefährdet die Stabilität der Betonsäule, so dass sie sich zu neigen beginnen könnte. Man denke: «Bern sehen und lachen: UNESCO-Welterbe mit schiefem Türmchen!»
Der Brunnen von Meret Oppenheim (1913-1985) ist ein Problem, weil er kein Brunnen ist, sondern als Brunnen ein Kunstwerk. Wenn der «Bund» letzthin getitelt hat: «Oppenheim lässt Experten rätseln», muss man sich fragen: Welche «Experten»? Versicherungshengste? Botanikerinnen? Statiker? Architektinnen? Kunsthistoriker? Oder am Ende jemand, der mit der Künstlerin im Gespräch war?
Die Künstlerin Lilly Keller (* 1929) diskutierte mit Meret Oppenheim über Kunst im öffentlichen Raum, Jahrzehnte bevor jene im Januar 1980 in der Kunsthalle Zeichnungen und Modelle von Brunnen gezeigt und danach von der Stadt Bern den Brunnen-Auftrag erhalten hat. Für Keller ist klar, dass der an sich unbestrittene Wille Oppenheims, den Brunnen sich selber zu überlassen, radikal zu befolgen sei: «Meret hat die Metamorphose gewollt! Von dünn und anständig zu unanständig dick, wie's die Natur eben macht.»
Dass die «Stadtbauten Bern» von Oppenheims Brunnen bereits im Sommer 2006 einen hundert Kilo schweren Tuffstein weggebrochen haben, ist für Keller «eine Verschandelung von Merets Kunstwerk». Man solle den Brunnen sein lassen, auch wenn er später schief werde oder wenn – noch später – einmal Teile des Tuffs oder des Turms abstürzen sollten: «Der Brunnen ist ein Mahnmal für die Natur. Die Natur soll sich den Brunnen zurückholen. Das ist der Sinn dieses Kunstwerks. Das müssten Berns Rotgrüne ja eigentlich verstehen können.»
Ralph Gentner, der als Architekt des Ateliers 5 den Brunnen gebaut hat, hat den Willen der Künstlerin kulanter in Erinnerung. Oppenheim sei der Meinung gewesen, man solle den Leuten das hinstellen, was ihnen Freude mache. Sie habe sich, daran erinnert er sich genau, besonders um die Statik des Baus gesorgt, woraus er schliesst, dass regelmässige Wartung und die kontinuierliche, moderate Entfernung des Tuffs in ihrem Sinn wäre. Wenn jetzt allerdings öffentlich gefragt werde, ob der Originalzustand von 1983 wiederhergestellt werden solle, so sage er nein: «Das sicher nicht.»
Die Empfehlung der «Experten», wie 2013 der Brunnen saniert werden soll, wird viel über das heutige Bern, aber wenig über Oppenheims Willen sagen; den nahm man schon zu ihren Lebzeiten nicht übertrieben ernst. Bei der Eröffnung, am 24. November 1983 hat sie nämlich gesagt:
«Und wie soll dä Brunne haisse? Wenn me-n-em nit aifach Waisehus-Brunne sait, so wurd ich der Name Meret-Brunne vorschloo.» Die BZ hat damals nachgefragt:
Oppenheim verbat sich demnach für den Brunnen ihren Geschlechtsnamen. Bern hat sich danach ihren Willen verbeten: «Meret-Brunne»? Geit's no? Man kann doch nicht die kunsthistorisch kanonisierte Pelztassen-Surrealistin, diese markantgesichtige Ikone der europäischen Kunstmoderne zur «Meret» verkindlichen. Da muss man sie ja vor sich selber schützen!
Genau das wird – wetten? – 2013 die vereinigte Expertenschaft tun. Den Brunnen sich selber überlassen? Geit's no! So autonom mag sich die Kunstmoderne den «Künstlerwillen» gedacht haben. Aber den Willen einer ehemals hier Ansässigen wird man ja wohl noch zur Vernunft argumentieren dürfen, oder? Denn eigentlich ist der Brunnen weder ein Brunnen noch ein Kunstwerk, sondern ein verkleidetes Lüftungsrohr der unterirdischen Metro-Tiefgarage, das gefälligst lüften und nicht eines Tages als Tuffsteingebirge den Autostauraum zum Autofriedhof zusammendrücken soll.