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Das Kunsthaus hat am 27.10.19 – Vernissage am 26.10.10, 18 Uhr – mit der Ausstellung von Sam Pulitzer zu "The Premise of a Better Life" und der Sammlungsausstellung "Just another Story about Leaving" wieder geöffnet.
Das Kunsthaus ist aus den 50er Jahren. Es geht also um die ästhetischen Grundsätze der 50iger Jahre. Die Architekten haben nicht nur feuerpolizeiliche Rahmenbedingungen, wie die Fluchttreppen, erfüllt. Sie haben eine Renovation geschaffen, die neuste Technik integriert, sonst aber nicht unmittelbar zeigt, dass sich alles verändert hat. Das neue Dach und die Fenster sind komplett neu und haben einen wesentlichen Teil des Budgets beansprucht. Die Sammlung als Depot ist auf modernstem Standard. Der erste Einblick in die Sammlungsstücke vermittelt interessante Einsichten in bestehende Kunstwerke.
Sam Pulitzer, der seit 15 Jahren in New York lebt, macht zu den "Voraussetzungen für ein besseres Leben" die Verbindung von Text und Bild zum Thema. Der sprachliche Ausdruck folgt der Logik und die Bilder der Intuition. Er transferiert Weltgeschichte, mit berühmten Vertretern wie Hegel, Ricardo oder Robespierre, in die Ist-Zeit, verbunden mit Zitaten und Textabschnitten. Er komponiert auf grossflächigen Tafeln verschiedene Texte in bildhafter Form. Der Eindruck von Werbeplakaten kann entstehen. Mit einem guten Rucksack an Englischkenntnissen ist es leichter die Gedanken des Künstlers zu verfolgen.
Das "gute oder bessere Leben" wird international am wirtschaftlichen Wohlstand, dem Volkseinkommen, gemessen. Dieser ist das Mass aller Dinge. Es gilt: "Ich konsumiere, also bin ich". Wohlstand kann kritisch betrachtet auch anders verstanden werden; wir leisten uns Dinge, die wir uns nicht leisten können um unsere Nachbarn zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Aus den Zeitläufen stellt der Künstler Fragen an unser Leben, die auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene gestellt werden können. Gesellschaftskritisch stellt man fest, dass die Schweizer*innen hohe Konsumschulden haben. Arbeit ist wertschöpfend, wirkt aber immer stärker entfremdend. Die "Bullshit-Jobs" nehmen zu; immer mehr Evaluationen, Berichte und Konzepte werden geschrieben, mit tertiär ausgebildeten Personen. Die sinnstiftenden Arbeiten, welche zur Selbstentwicklung führen, sind immer stärker in Frage gestellt. Die Digitalisierung wird viele repetitive Arbeiten mit Algorithmen ersetzen und neue Arbeitsplätze schaffen. Pro CHF 100 000.-- Investment in die neue Technologie wird mit 1,5 neuen Arbeitsplätzen gerechnet. Die Gesundheit als körperlich, geistig und soziales Wohlergehen - nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen - ist eine wichtige Voraussetzung für ein besseres Leben. Es gibt zu viele psychische Erkrankungen, mit zunehmender Tendenz.
Sam Pulitzer arbeitet mit Fotos mit Untertiteln, vornehmlich aus New York als Modell, Anziehungspunkt oder Sehnsuchtsort, aus dem städtischen Alltag. Die Bilder von alltäglichen Dingen oder Orte führen zu Fragen an unsere Existenz: Was führen wir für ein Leben? Wie können wir es optimieren und in welche Richtung wollen wir es verbessern? Oder zur Welt der Künstler*innen: Unter welchen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen arbeiten Künstler*innen heute? Der pädagogische Zeigefinger, mit der Ermahnung den eigenen Lebensstil zu prüfen, wird nicht erhoben.
Das alltägliche Leben ist davon gekennzeichnet, dass wir unser Leben finanzieren müssen. Die Einkommensunterschiede nehmen zu und lösen Frustrationen aus. Das Leben könnte so verbessert werden, dass wir auf viele Dinge verzichten und uns eher an der Natur oder den kulturellen Werten orientieren. So lange aber die Welt des "Habens" mit Statusgewinn verbunden ist, wird sich eine Orientierung an der Welt des "Seins" nur schwer realisieren lassen. Die Künstler*innen leben in der Schweiz mit starken Unterstützungen, Förderprogrammen und finanziellen Zuwendungen. Die Gleichheit zwischen Frauen und Männern ist nach wie vor arg strapaziert; Männer als Kunstschaffende haben es leichter, sie werden häufiger ausgestellt und die Preise ihrer Werke sind deutlich höher als jene der Frauen. Die Auswahl der Künstler*innen mit Förderungspotenzial geschieht in der Regel hinter verschlossenen Türen; mehr Transparenz und weniger "Filz" würde nicht schaden. Die Fragen des Künstlers zu den Lebensbedingungen zu den Künstlern selbst, aber auch für alle Menschen, sind mit vielschichtigen Fotos dokumentiert. Die Besucher der Ausstellung erhalten viel Raum für eigene Wahrnehmungen und Interpretationen, was ein gutes Leben sein kann.
Ein besseres Leben könnte bedeuten, dass in der Gesellschaft die Wertschätzung der Natur stärker in den Fokus rückt. Die Förderung der Qualität des wirtschaftlichen Wachstums könnte bedeuten, dass die Schuldenwirtschaft nicht im Zentrum ist, sondern das Gemeinwohl der Gesellschaft. Der Neoliberale Kapitalismus, in Verbindung mit Egoismus, führt zur Verstärkung der Ungleichheit und müsste zu Gunsten der sozialen Marktwirtschaft zurücktreten.
Was kann die zeitgenössische Kunst zum besseren Leben beitragen? Sie kann Bewusstsein für ein besseres Leben schaffen, indem sie die kulturellen Werte ins Zentrum und Inhalte der modernen Lebensarten in Frage stellt. Eine herausfordernde Ausstellung zur Neueröffnung im Kunsthaus Glarus.
Text: Eduard Hauser
Autor
Kulturblogger Glarus
Kategorie
- Kultur
- Kunst / Design
Publiziert am
Webcode
glarneragenda.ch/nTkwkE