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Das Erkenntnisinteresse, das dieser Untersuchung zugrunde lag, galt den konstitutiven Ordnungsvorstellungen der »liberalkonservativen« Denkweise wie sie von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vertreten wird. Für eine erste Annäherung wurde eine Rekonstruktion der Sinngehalte der »Albisgüetlirede« 2000 Christoph Blochers vorgenommen. Die Denkweise sollte dabei nicht, wie häufig in politischen Diskussionen nahe gelegt wird, als allein strategisch oder taktisch bewusst eingesetzte verstanden werden, sondern als eine in einem spezifischen sozialmoralischen Herkunftsmilieu fundierte sowie generationen- und habitusspezifisch herausgebildete. Schliesslich wurde die Denkweise, in wissenssoziologischer und explorativer Absicht, in ihrem Anschluss an schweizspezifische Denktraditionen dargestellt.
In einem zweiten Schritt galt es eine Binnendifferenzierung dieser Denkweise auf der Ebene der kommunalen Wirklichkeit, auf der Ebene der Gefolgschaft des »charismatischen Führers«, vorzunehmen. Dazu wurde eine Zürcher Agglomerationsgemeinde ausgewählt, die im letzten Jahrzehnt, in dem die SVP in der gesamten Schweiz beeindruckende Wahlerfolge feiern konnte, am meisten Wähleranteile hinzu gewann und die eine relativ überblickbare Grösse aufwies. Über eine Luftbildanalyse der Gemeinde wurden die Siedlungsgenese und die sozialräumlich spezifischen, objektiv vorliegenden Handlungsprobleme einer suburbanisierten Agglomerationsgemeinde hergeleitet. Schliesslich konnten mit der Analyse der Partei-Homepage und der Interviews mit Parteienvertretern zentrale, auf diese Handlungsprobleme bezogene neokonservative Denkmuster und Ordnungsvorstellungen der Gefolgschaft und deren an die Führerfigur gebundenen Anteile rekonstruiert werden.
Es zeigte sich, dass mit den Topoi »Eigenverantwortung«, »Überfremdung« und Bedrohung durch nicht-institutionalisierte Religionsgemeinschaften sowie der Betonung dezentraler, kleinräumiger Ordnungsstrukturen eine weitgehende Übereinstimmung besteht zwischen Führer und Gefolgschaft. Bei der konkreten Ausgestaltung spielen sozialräumlich spezifische Handlungsprobleme der Gemeinde eine Rolle, die da sind: der Verkehr im Agglomerationsraum und der aufgrund einer weitgehend unkontrollierten Bautätigkeit während der 1960er Jahre fehlende Siedlungskern, der den Ort zu einem »Nicht-Ort« (Augé) macht. Schliesslich trägt der für einkommensstarke Schichten relativ unattraktive, preisgünstige und platzknappe Wohnraum zu einer sozial- und gesellschaftspolitisch höchst anspruchsvollen demographischen Zusammensetzung mit dem höchsten Ausländeranteil des Kantons bei.
Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass die neokonservative Denkweise der SVP-Basis insgesamt wenig liberale Anteile aufweist. Das Prinzip der Eigenverantwortung, das als eine Grundmaxime liberalen Denkens betrachtet werden kann, ist in den Augen der Kommunalpolitiker verbunden mit dem notwendigen Abbau sozialstaatlicher Versorgungs- und Betreuungsleistungen zugunsten traditional-familialer, geschlechterrollenspezifischer Solidaritätsstrukturen. Die Eigenverantwortung stellt in dieser Sichtweise der eigentliche Handlungsantrieb für den »Mittelstand« dar. Über das Konzept des Mittelstands wird eine universale Moralnorm vertreten und von einem einheitlichen Volksverständnis ausgegangen, das im Kern antipluralistisch ist. Auch im Zusammenhang mit dem Postulat der Marktliberalisierung ist Vorsicht geboten, da die Kommunalpolitiker stark von einem gewerblichen Korporatismus als ideale Ordnungsvorstellung ausgehen, der (Markt-) Zugangsrechte mit den dazugehörigen sozialen Kontroll- und Exklusionsmechanismen kennt und der eine Bevorzugung des Kleinräumigen unter Ablehnung vereinheitlichender Globalisierungstendenzen aufweist. In diesem Sinne ist das Verständnis der Eigenverantwortung hinreichend diffus gehalten. Zusammengehalten wird es durch einen Antisozialismus, der sich seit den späten siebziger Jahren ideologisch verfestigt hat. In ihrer jargonhaften Ausprägung führt die Ordnungsvorstellung der Eigenverantwortung eine gelungene Gefolgschaftssicherung vor Augen.