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Beethoven-Zyklen haben beim Musikkollegium Winterthur eine herausragende Tradition: Die integralen Aufführungen sämtlicher Klaviersonaten und Sinfonien sowie der Klavierkonzerte und Cellosonaten sind in lebendiger Erinnerung. Anfang November spielen Roberto González Monjas, Erster Konzertmeister beim Musikkollegium Winterthur, und Kit Armstrong, Artist in Resonance, an drei aufeinanderfolgenden Abenden die zehn Violinsonaten Beethovens. Eine enorme künstlerische Herausforderung und ein einzigartiges Musikerlebnis.
Über der immensen Bedeutung, die Beethoven als Komponist hat, geht gerne vergessen, dass er auch ein phänomenaler Pianist war. Als er Ende 1792, also mit 22 Jahren, seine Heimatstadt Bonn verliess und nach Wien zog, übrigens bereits zum zweiten Mal und diesmal für immer, machte er in der Donaumetropole vor allem als Klavierspieler Furore: ein Tastenvirtuose von ganz besonderem Format. Dass er sich nebenbei auch ernsthaft auf der Geige versuchte, ist mehrfach bezeugt. In seiner Bonner Jugendzeit – so erinnerte sich Gottfried Fischer, Sohn eines Bäckermeisters in Bonn – hatte Beethoven neben dem Klavierunterricht «auch täglich Lehrstunde auf der Violine». Aber offensichtlich fruchtete es nicht so recht. Auch später in Wien nicht, wo Beethoven weiterhin Geigenunterricht nahm, wie sein Klavierschüler Ferdinand Ries berichtete: «Am Anfang, als ich da war [im Frühjahr 1803], haben wir noch manchmal seine Sonaten mit der Violine zusammengespielt.» Wohlverstanden: Beethoven auf der Geige, Ries am Klavier. «Das war aber wirklich eine schreckliche Musik; denn in seinem begeisterten Eifer hörte er nicht, wenn er eine Passage falsch in die Applikatur einsetzte.»
Doppelkonzerte ohne Orchesterbegleitung
Das waren sozusagen private Vergnügen – öffentliche Darbietungen seiner Violinsonaten bestritt Beethoven nur vom Flügel aus. Zehn Violinsonaten hat er komponiert – in seiner eigenen Schreibweise «Sonaten für Klavier mit einer Violine», was durchaus Programm war: Beethoven befreite das Klavier aus dessen angestammten Begleiterrolle und machte es zum ebenbürtigen Soloinstrument. Der Charakter seiner Violinsonaten – so formulierte es der Beethoven-Biograph Paul Bekker bereits vor 100 Jahren – «wird gerade durch die Aufnahme neuer konzertanter Züge bestimmt, und der Ausbau, den Beethoven ihnen gibt, zielt unverkennbar auf die Form des Doppelkonzerts ohne Begleitung eines Orchesters».
Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Virtuosität und Ausdrucksvielfalt der Interpreten. Die drei frühen Sonaten op. 12, alle dem Komponistenkollegen Antonio Salieri gewidmet, zeigen noch deutlich Einflüsse von Haydn und Mozart. Stark ausgeprägt ist hier der Versuch Beethovens, Klavier und Violine in einen gleichberechtigten Dialog einzubeziehen. Spätestens ab der vierten Sonate op. 23 pendelt sich dieses Wechselspiel definitiv ein. Die fünfte Sonate – bekannt geworden als «Frühlings-Sonate» – hat «dank der schmeichlerischen Anmut ihrer Themen» (Bekker) früh schon eine bevorzugte Stellung errungen. Die nachfolgenden drei Sonaten op. 30 schrieb Beethoven, wie Skizzen belegen, in der ersten Jahreshälfte 1802 – also im selben Jahr, in dem er seiner Verzweiflung über die beginnende Taubheit im «Heiligenstädter Testament» erschütternden Ausdruck verlieh. Es war zugleich das Jahr, in dem er – nach eigenem Bekunden – einen «ganz neuen Weg» in der Instrumentalmusik einschlug. Man hört es in jedem Satz. Gewidmet wurden sie einer allerhöchsten Autorität – dem russischen Zaren Alexander I.
Zwei Sonaten für zwei Geigenvirtuosen
Die Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47 von 1803, die «Kreutzer-Sonate», gilt nicht zuletzt dank ihres virtuosen Anspruchs als Krönung der zehn Violinsonaten. Beethoven komponierte sie für den Geigenvirtuosen George Polgreen Bridgetower, und mit ihm zusammen brachte er sie zur Uraufführung. Es ist bezeugt, dass das Publikum wiederholt in Lachen ausbrach: Offensichtlich überstieg diese Musik den Verstehenshorizont der damaligen Zeit. Unmittelbar nach der Uraufführung geriet Beethoven mit Bridgetower, dem die Sonate gewidmet war, in einen Streit – es ging um eine Frau –, und kurzerhand strich er die Widmung aus und eignete das Werk später dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer zu. «Dieser Kreutzer» – so Beethoven – «ist ein guter, lieber Mensch; seine Anspruchslosigkeit und Natürlichkeit ist mir lieber als alles Exterieur oder Interieur der meisten Virtuosen. Da die Sonate für einen tüchtigen Geiger geschrieben ist, umso passender ist die Dedikation an ihn.» Kreutzer nahm die Widmung gerührt an – die Sonate aber hat er nie gespielt.
Damit hatte Beethoven sein Violinsonaten-Kompendium eigentlich abgeschlossen. Doch der Zufall wollte es anders: 1812 gastierte der französische Geigenvirtuose Jacques Pierre Rode in Wien, und für ihn schrieb Beethoven eine letzte, zehnte Violinsonate op. 96, zeitgleich mit der siebten und achten Sinfonie. Die Uraufführung mit Rode am 29. Dezember 1812 – sozusagen eine vorgezogene Silvester-Gala – war besonders fürstlich: Am Klavier sass Erzherzog Rudolph, ein Bruder des österreichischen Kaisers und Klavierschüler Beethovens. Ihm, der fortan zu seinem wichtigsten Gönner werden sollte, hat Beethoven diese letzte Violinsonate gewidmet.