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Hans Himmelheber und die Technik
Martin Himmelheber
17.03.2023
Mein Vater Hans Himmelheber hätte heute wahrscheinlich das neueste Smartphone in der Tasche und würde die verrücktesten Apps hochladen. Ich vermute das, weil er in seiner Zeit als Afrikareisender immer schon mit Hightech ausgestattet war, um seine Forschungsergebnisse zu dokumentieren: In den 1930er Jahren auf seiner zweiten Reise hatte er einen Wachswalzenphonographen1 dabei.
Fotoapparate sowieso, später Filmkameras und ein ganz frühes Tonbandgerät mit mechanischem Aufziehwerk, die Butoba. Als die ersten Sofortbildkameras von Polaroid zu haben waren, hat er eine gekauft und mit nach Liberia genommen.
Als Kind in den frühen 60er Jahren habe ich davon viel mitbekommen: Ich half ihm, seine 16 mm Filme zu schneiden. Dazu hatte er in einen Dachzimmer Wäscheleinen gespannt. Die Filmstreifen hat er dann Szene für Szene an nummerierten Wäscheklammern aufgehängt und dann die Filmsequenzen hintereinander geklebt. Ich hab‘ den Filmhobel bedient und die Klebepresse.
Sein älterer Bruder Max war Ingenieur geworden und hat die Spanplatte erfunden. Vielleicht hat ihn das motiviert selbst auch etwas zu erfinden. Immer wieder las er, dass Kinder im Schwimmbad oder Baggersee ertrinken, weil sie zu spät gefunden werden. Seine Idee: Ein Halsband mit einer Fadenrolle im Nacken des Kindes und daran ein roter Ball mit Schnur. Ich hatte grade Schwimmen gelernt, und an einem ziemlich kühlen Herbsttag haben wir die Konstruktion getestet. Nur ein Bademeister hat zugeschaut. Zum Glück! Ich habe mich mit dem roten Ball im Genick sehr geniert. Den kindlichen Eitelkeitsfaktor hatte mein Vater bei seiner Erfindung nicht einkalkuliert, aber sonst hat es funktioniert. Und er bekam sogar einen Gebrauchsmusterschutz vom Deutschen Patentamt dafür.
Die erwähnten Wachswalzen sind wie durch ein Wunder erhalten geblieben. Die Aufnahmen mit Gesängen und Märchenerzählungen der Baule aus den Jahren 1934 und 1935 hatte Hans Himmelheber nach Berlin an das Deutsche Phonografische Archiv abgegeben. Während des Zweiten Weltkriegs landeten die Kisten in irgendeinem Bergwerksstollen in Thüringen. Nach dem Ende des „kalten Kriegs“ in den 90er Jahren tauschten Deutschland und Russland altes Beutegut wieder aus – und so gelangten die Wachswalzen wieder zurück nach Berlin. Mit aufwändiger Technik haben die dortigen Museumsleute die Aufnahmen digitalisiert und mein Vater konnte im Jahr 2000, wenige Jahre vor seinem Tod glaube ich, die Musik hören, die er 65 Jahre vorher aufgenommen hatte. Inzwischen kann man die Aufnahmen im Internet abhören.
Mit meiner Mutter Ulrike Himmelheber hatte Hans Himmelheber die Butoba in Liberia und an der Elfenbeinküste dabei. Da Batterien in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach zu bekommen waren, lief der Bandtransport mechanisch. Ein Aufziehwerk zog das Magnetband an den Tonköpfen vorbei. Lediglich fürs Magnetisieren brauchte man Strom, den schwere Akkus lieferten.
Als die beiden ihr Buch „Die Dan“ schrieben, hatten sie die Idee, nicht nur Text und Bilder liefern zu wollen, sondern auch den Ton. Dem Buch liegt eine Schallplatte bei, darauf sind Musik, Gesang und Erzählungen zu hören. Hans Himmelheber spricht mit einer merkwürdig hohen Fistelstimme Erläuterungen zu den Aufnahmen. Ich glaube, das war damals Mode, auch auf alten Rundfunkaufnahmen spricht er unnatürlich hoch.
Im Grunde war mein Vater aber ein Augen-Mensch: Kameras haben ihn fasziniert. Er hatte meist zwei Leicas dabei, eine für Schwarz-weiß-Aufnahmen, die andere für Farbdias. Gefilmt hat er mit einer Bolex-16 mm Kamera mit drei Wechselobjektiven: Weitwinkel, Normal und Tele. Man musste jeweils die Blende und die Entfernung einstellen. Da auf eine Filmspule nur drei Minuten Film passten - und eine Filmspule damals sehr teuer war, überlegte sich mein Vater die Szenen genau. Eine Regel hat er immer beachtet, und Eberhard und mir eingeschärft: „Nah ran.“
Auf einer späteren Reise hat er auch eine Super 8 Kamera mit Magnetton dabei. Der Vorteil war zwar, dass damit lippensynchroner Ton möglich war. Aber das Schneiden der Filme erwies sich als enorm kompliziert.
Die bereits erwähnte Polaroid-Kamera war zwar ein Klotz, unhandlich und die Bilder nur so lala. Er hat sie dennoch immer dabeigehabt, um dem Wunsch seiner Freunde in Liberia und an der Elfenbeinküste an einem Bild sofort nachkommen zu können. Sonst hatte er sie immer vertrösten müssen: "Wenn ich wiederkomme, bringe ich Dein Bild mit!" Das hat ja auch oft geklappt, aber direkt ein Bild liefern können, ist eben etwas anderes.
Nach seiner Alaska-Reise von 1937/37 hat es übrigens 50 Jahre gedauert, bis wir bei einer gemeinsamen Reise im Sommer 1986 auf Nunivak-Island und in Bethel am Kuskokwim Fotos den Freunden von damals, ihren Kindern und Enkeln zeigen und schenken konnten. Für Hans Himmelheber waren das tief eindrückliche Wiederbegegnungen.
Bei aller Leidenschaft für die Technik. Hans Himmelheber war wichtig, dass sie möglichst wenig das Geschehen störte. Für die Bolex hatte er ein Stativ. Das Tonbandgerät, später von Uher, hatte die Größe einer Aktentasche, die Kameras hingen um den Hals. So eilte er mit Ulrike, später Eberhard durch die Dörfer, dort wo Maskengestalten auftraten, die Frauen kochten oder ein Maskenschnitzer oder eine Töpferin arbeiteten.
Die Arbeit mit einem Team des Göttinger Instituts für den wissenschaftlichen Film muss für ihn ein Horrortrip gewesen sein. Die strikten Regeln, die die Filmleute mit ihrer starren Ausrüstung den Tänzerinnen und Tänzern vorgaben, verdarben viel. Nur ein Beispiel: Die Kameraleute hatten die Idee, vom Dach ihres VW-Busses zu drehen. Damit die Maskentänzer immer schön im Bild bleiben, haben sie mit Palmwedeln ein Carree abgesteckt, über das hinaus die Akteure gefälligst nicht zu tanzen hatten. war. "Beim afrikanischen Tanz kommt´s auf die Füße an, wie will ich das vom VW-Bus-Dach filmen?" hat er sich noch lange aufgeregt.
Um seine vielen Geräte bedienen zu können, hat er sie mit kleinen Selbstklebeetiketten gepflastert. Da stand drauf, wofür dieser Hebel und jene Taste gebraucht werden. Aber auch Regeln, mit welcher Belichtung man am wenigsten falsch macht oder was man besser nicht verstellen soll. Auf einem alten Belichtungsmesser findet sich etwa dieser Hinweis: "Dieser Bel.messer ist laut Photo Braun defekt. Stimmt nicht, geht nur 2 Blenden nach!"
Bis ins hohe Alter hat sich Hans Himmelheber für Technik begeistert. Seine Enkelin Clara Himmelheber war um die Jahrtausendwende an Weihnachten zu Besuch und hatte ihren Laptop dabei. Er wollte, dass sie ihm den Computer erkläre und zeige, was man damit macht. Als ihr Opa die Tastatur gesehen hat, sei er enttäuscht gewesen, hat Clara mir erzählt: "Ach das ist ja wie eine Schreibmaschine. Ich dachte, da spricht man nur rein und der Computer macht das dann."
Bis Alexa auf den Markt kam, hat es noch weit mehr als ein Jahrzehnt gedauert….
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Zu Hans Himmelhebers Tonaufnahmen s. auch den Radio-Beitrag "Die Wachswalzen meines Vaters. Arbeit und Reisen des Ethnologen Hans Himmelheber", Martin Himmelheber, SWR, 23.6.2005, 24'15''