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Anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober forderte eine Koalition von Organisationen, zu denen auch die SAG und StopOGM gehören, ein weltweites Moratorium für die Anwendung von Gene Drives („Genantrieben“). Das Moratorium soll sowohl für die angewandte Forschung als auch für experimentelle Freisetzungen gelten, um die unkontrollierbare genetische Verschmutzung von Wildarten durch Gene Drives zu stoppen. Ein von der ETC-Gruppe und der Heinrich-Böll-Stiftung erstellter Bericht über die Anwendung von Gene Drives begleitet die Forderung nach einem Moratorium und zeigt, dass Gene Drives vor allem ein Instrument zur Beseitigung von als schädlich eingestuften Organismen darstellt. Wie Pestizide werden diese Anwendungen daher eher zur Erzielung finanzieller Gewinne für die Agrarindustrie als zur Kontrolle der Übertragung von Tropenkrankheiten eingesetzt werden.
Gene Drives werden entwickelt, um die Übertragung einer für den Menschen nützlichen Eigenschaft in wilden Populationen von Insekten, Tieren oder Pflanzen zu initiieren. Die Übertragung dieser Eigenschaft ist so konzipiert, dass sie invasiv, anhaltend und weit verbreitet ist. Das Ziel wird durch die Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt erreicht, die ein genetisches Element tragen, dass in der Lage ist, sich im Genom zu vervielfältigen und in der nächsten Generation automatisch zu wiederholen. Dank diesem Trick können die Regeln der normalen geschlechtlichen Vererbung umgangen werden. Im Ergebnis sollen die Organismen das veränderte Erbgut zu 100 Prozent an die nächste Generation weitervererben. Dadurch verbreiten sich die neuen Eigenschaften viel schneller, als dies sonst zu erwarten wäre.
Die Idee dieser Art der Schädlingsbekämpfung ist nicht neu. Austin Burt, einer der Pioniere dieser Technologie, hatte bereits 2003 die Idee, „egoistische genetische Elemente“ zu nutzen, um "natürliche Populationen zu manipulieren" und "bestimmte Arten genetisch zu eliminieren oder zu verändern". Solche Elemente sollten sich in Arten, die sich geschlechtlich fortpflanzen, rasch durchsetzen, selbst wenn sie für das Individuum von Nachteil sind. Seine Vision ist nun Realität geworden. Programme zur Ausrottung von Mücken, Fliegen und Milben durch Gene Drives sind im Gange oder werden in Kürze genehmigt.
Beispiele für die Anwendung von Gene Drives betreffen die Eliminierung von Insektenarten, die Krankheiten auf den Menschen übertragen, wie die Aedes aegypti-Mücken, die Dengue- und Chikungunyaviren übertragen, oder die Anopheles gambiae-Moskitos, die Malaria übertragen. Unter dem Vorwand, eine Technologie zum Schutz der menschlichen Gesundheit zu entwickeln, wird die gleiche Technologie eingesetzt, um mehr als ein Dutzend Insektenarten zum Schutz großer Monokulturen, aber auch Schädlinge wie Nematoden, Pilze und Nagetiere zu eliminieren. Es gibt auch Patente für diese Technologie, um glyphosatresistente Pflanzen zu modifizieren und sie wieder empfindlich auf das Herbizid zu machen. Die wirklichen Vorteile dieser Technologie liegen also in diesen vielen agroindustriellen Anwendungen. Doch dies wird meist nicht thematisiert. Dass die Anwendungen in der Landwirtschaft in den bisherigen Diskussionen über Gene Drives nicht vorkommen, ist kein Zufall. Die agroindustrielle Lobby ist sich der starken globalen Opposition gegen die Gentechnik im Lebensmittel- und Agrarsektor bewusst. Aus diesem Grund versucht sie, eine grössere öffentliche Akzeptanz für diese Technik zu erreichen, indem sie nur Aspekte, die für die öffentliche Gesundheit relevant sind, darstellt.
Gene Drive hält aber diese Versprechen in Bezug auf die öffentliche Gesundheit nicht ein. Laut einem Bericht von GeneWatch UK zeigen die jüngsten Studien zur Beseitigung der Aedes aegypti-Mücken auf den Kaimaninseln gravierende Mängel. Die Technologie ist sehr teuer und erreicht ihre Zielsetzungen nicht. Nur 62% der Moskitos wurden eliminiert. Eine Rate, die nicht ausreicht, um die Übertragung von Krankheiten zu stoppen. Das Endergebnis dieser Tests ist daher eine sinnlose Freisetzung synthetischer Gene in die Umwelt. Darüber hinaus führt der Rückgang der Zahl der Aedes aegypti-Mücken zu einem Anstieg der Zahl der Aedes albopictus-Mücken, welche die gleichen Krankheiten übertragen. Die Risikobewertung der Freisetzung solcher Gene Drives in die Umwelt wurde nur auf einem Computer modelliert und ihre Auswirkungen auf die Umwelt waren während der Freisetzungen nicht Gegenstand spezifischer Studien. Das Vorsorgeprinzip wurde daher nicht eingehalten, womit die in der Nähe der Verbreitungsgebiete lebenden Menschen gefährdet sind.
Dieses Beispiel bestätigt, dass Gene Drives zur unkontrollierten Verbreitung synthetischer Gene in einer Wildart beitragen und zu genetischer Verschmutzung führen. Ihre Nutzung wurde ohne eine gründliche Risikobewertung erlaubt, obwohl derartige Freisetzungen kaum rückgängig gemacht werden können. Bislang fehlt es auch an einer wirksamen Kontrolle. Der Bericht zeigt, dass durch die Reduzierung der Population einer Art diese Technologie ein Ökosystem auf unvorhersehbare Weise verändern kann. Grossflächig in der Landwirtschaft angewendet, haben Gene Drives das Potenzial, Nahrungsnetze aus dem Gleichgewicht zu bringen, die Biodiversität deutlich zu reduzieren und Nutzorganismen wie Bestäuber auszumerzen.
Ein Moratorium für Gene Drives würde eine gründliche Analyse der Umweltauswirkungen dieser Technologie, die Einführung von Überwachungsmethoden und die Entwicklung biologischer Eindämmungsmethoden ermöglichen. So könnte zumindest das Ausmaß möglicher Schäden begrenzt werden. Des Weiteren würde es auch einen öffentlichen Dialog zum Thema Gene Drives einleiten, um Regeln für ihre Verwendung festzulegen und letztendlich unsere Ernährungssouveränität und unsere Umwelt zu erhalten.