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«God only knows» von den Beach Boys Songs und ihre Geschichten
Das Bild Kaliforniens als Sehnsuchtsort mit Surfen, Autos und jungen Girls während eines immerwährenden Sommers hat keine Band musikalisch erfolgreicher geprägt als die Beach Boys.
Text: Urs Musfeld
Gegründet 1961 von den Brüdern Brian, Dennis und Carl Wilson, ihrem Cousin Mike Love und Schulfreund Al Jardine lieferten die Beach Boys den Begleitsound einer Ära, in welcher der amerikanische Standard von Wohlstand allen erreichbar zu sein schien. Ausser Dennis, der lebte, was er sang, hatten die übrigen Mitglieder mit Surfen allerdings wenig am Hut. Brian hatte sogar Angst vor dem Wasser.
Kunstvolle Radiohits
Sie sind zwar nie ganz so gross geworden wie die Beatles, trotzdem gehören die Beach Boys und vor allem ihr Mastermind und Kreativkopf Brian Wilson zu den einflussreichsten Musikern der Popgeschichte. Wilsons komplexe, oft auch etwas wunderliche Arrangements und der meisterhafte, ausgefeilte Harmoniegesang haben aus Radiohits Kunstwerke gemacht und hinterlassen bis heute einen bleibenden Eindruck in der Musikwelt. Songs wie «Surfin’ USA» (1962), «Fun, fun, fun» (1964), «I get around» (1964), «Help me, Rhonda» (1965), «California girls» (1965), «Barbara Ann» (1965), «God only knows» (1966), «Good vibrations» (grösster Hit/1966) oder «Do it again» (1968) wurden zu Welterfolgen. Die Beach Boys schrieben nicht nur ihre eigenen Songs, sondern produzierten mit wenigen Ausnahmen ihre Platten auch selbst.
Vorbild Beatles
Nach einem Nervenzusammenbruch während einer Tournee beschloss Brian Wilson Ende 1964, seinen Bandkollegen das Konzertgeschäft zu überlassen und sich ganz der Arbeit im Studio zu widmen. Stand die Musik der Beach Boys bisher für sorgloses Vergnügen und unbeschwerte Jugend, wollte sich der 23-jährige Brian nicht mehr mit simplen Liedern für erhitzte Teenager-Gemüter zufriedengeben.
Angespornt hatte ihn das Beatles-Album «Rubber Soul» (1965), dessen Kraft und Songqualität er unbedingt übertreffen wollte. Während die Band auf Tour war, nahm er quasi im Alleingang, begleitet von hochkarätigen Studiomusikern und einem 23-Mann-Orchester, das Album «Pet Sounds» auf, das 1966 veröffentlicht wurde. Die übrigen Beach Boys duldete der Meister nur für die Gesangsaufnahmen.
Brian Wilson strebte nichts weniger als den perfekten Klang an und kreierte eine Sammlung melancholischer, opulent gestalteter Miniatur-Symphonien.
Er experimentierte mit Fahrradklingeln, Hupen, Getränkedosen, bellenden Hunden und Theremin, dazu kam der unverkennbare Harmoniegesang. Erstmals wurden das Studio und dessen Technik wie ein Instrument benutzt.
Popsong mit Gott im Titel
Zwei Monate lang komponierte Wilson die Musik, zu der hauptsächlich der Londoner Werbetexter Tony Asher in stetigem Austausch die Worte lieferte. Die beiden gaben dem klassischen Thema des Pop – Junge trifft Mädchen – eine neue Dimension. Bittersüsse Songs über das Erwachsenwerden, über Liebe, Einsamkeit und das Suchen nach Antworten. Es ging um Ängste, Wünsche, Träume und Spiritualität. Zehn Songs, die durch ein inhaltliches Motiv miteinander verbunden waren. In jedem Stück wollte Wilson ein bestimmtes Gefühl festhalten oder eine besondere Stimmung ausdrücken.
Über allem thronte «God only knows», ein romantisches Lied über die Zweifel an der Liebe im Angesicht der Ewigkeit und einer der wenigen Popsongs zu jener Zeit, der das Wort ‹Gott› im Titel enthielt (Brian befürchtete, er könnte deswegen nicht am Radio gespielt werden).Wilson schrieb das Stück in 45 Minuten, die Ausführung dauerte allerdings um einiges länger. Eingespielt mit damals ungewohnten Instrumenten wie Waldhorn und Cembalo, war er die bis dahin aufwändigste Produktion der Beach Boys.
Ebenso untypisch wie das Arrangement gestaltete sich der Text, für dessen Beginn Asher erst mit Wilson kämpfen musste, dem die Einstiegsworte «I may not always love you» – «Ich mag dich vielleicht nicht immer lieben» – für ein Liebeslied zu negativ waren. Erst mit den folgenden Zeilen
But long as there are stars above you
You never need to doubt it
I’ll make you so sure about it
God only knows what I’d be without you
(Aber solange es Sterne über dir gibt
Musst du nie daran zweifeln
Ich will, dass du dessen ganz sicher bist
Nur Gott allein weiss, was ich ohne dich wäre)
zeigte sich, dass «not always» immerhin eine sehr lange Zeitspanne darstellen kann. «God only knows» steht heute für den vollkommenen Popsong.
«Während der Produktion von «Pet Sounds», bekannte Wilson in einem Interview, «träumte ich eines Nachts, dass über meinem Kopf ein Heiligenschein schweben würde. Das bedeutet wohl, dass die Engel über das Album wachten.»
Die LP wurde trotz Bedenken der Plattenfirma, die gegenüber dem musikalischen Kurswechsel kritisch eingestellt war, zum Meilenstein und machte die Beach Boys endgültig zu weltweiten Stars.
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/