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NBA-Star Stephen Curry hat am Dienstag Historisches vollbracht. Mit 2977 verwerteten Drei-Punkte-Würfen hat er den 10 Jahre alten Rekord von Ray Allen gebrochen. Die Dramaturgie hätte dabei nicht besser sein können: Im legendären New Yorker Madison Square Garden sass Ray Allen in der ersten Reihe, die Nummer 3 dieser Rekordliste, Reggie Miller, war als Kommentator ebenfalls live dabei. Ein Moment für die Geschichtsbücher.
Allen, der seine Karriere vor gut sieben Jahren bei den Miami Heat beendet hatte, benötigte für den Rekord 1300 Spiele. Curry schaffte es in lediglich 789 Partien.
Dass der 33-Jährige über 500 Spiele weniger für den Rekord brauchte als Ray Allen, überrascht nicht. Sein Triumph ist nur logisch. Steph Curry ist das Aushängeschild einer neuen Generation von Basketballspielern, die das Game in den letzten zehn Jahren komplett auf den Kopf gestellt haben.
Currys unglaubliches Wurf-Talent hatte dabei natürlich einen elementaren Anteil; den Stein ins Rollen gebracht hat allerdings ein von Statistik besessener Manager.
Eine Geschichte über die Macht der Daten, und wie sie einen ganzen Sport verändern können.
Spulen wir ein bisschen zurück. Die 3-Punkte-Linie wurde erst 1979 eingeführt. Davor waren nur zwei Punkte pro Korb möglich. Basketball war damals ein Sport für grosse, bullige Männer (und Frauen), die sich unter dem Korb durchsetzen konnten. Hünen wie Kareem Abdul-Jabbar oder Wilt Chamberlain dominierten die NBA.
Die Regelerweiterung war damals überfällig: Viel zu oft standen sich die beiden Teams unter dem Korb auf den Füssen rum. Mit der Option auf einen Drei-Punkte-Wurf wurde das Spiel etwas ausgedehnt.
Das Problem an der Sache war jedoch: Es gab praktisch niemanden, der aus dieser Distanz werfen konnte. Vor der Einführung der Drei-Punkte-Linie machte es schlicht keinen Sinn, aus solch grosser Distanz abzufeuern. Man hätte immer noch nur zwei Punkte erhalten. Stephen Curry wäre wahrscheinlich sofort ausgewechselt worden, hätte er aus 10 Metern Distanz geworfen.
Der erste Spieler, der einen sogenannten three-pointer verwandelte, war Chris Ford von den Boston Celtics.
In den darauffolgenden Jahrzehnten gab es einige Spieler, die für ihre Treffsicherheit hinter der 3-Punkte-Linie bekannt waren. Larry Bird und Michael Jordan zum Beispiel. Oder Reggie Miller, der vor Stephen Curry und Ray Allen den Rekord für die meisten versenkten three-pointers innehatte.
Ray Allen und Reggie Miller waren sogenannte Sharpshooter. Fast jedes Team hatte einen solchen Spieler. Ihre Rolle bestand fast einzig darin, Drei-Punkte-Würfe zu verwandeln. Allen und Miller haben es geschafft, wichtige Schlüsselspieler zu werden. Normalerweise waren Sharpshooter aber eher wertvolle Joker, ein zusätzliches Ass im Ärmel. Nicht selten kamen sie deswegen von der Bank oder wurden nur gegen Ende sehr knapper Spiele eingesetzt.
Das zeigt sich auch in den Statistiken. In den ersten 10 Jahren nach Einführung der 3-Punkte-Linie verdoppelte sich die Anzahl der versuchten three-pointers zwar fast, jedoch lediglich von drei auf knapp sechs Prozent aller Würfe. Die Quote erhöhte sich bis 2009 stetig, aber sehr langsam. Nach dreissig Jahren wurden gut 22 Prozent aller Würfe hinter der Drei-Punkte-Linie abgefeuert. 2019 waren es dann bereits 39 Prozent.
Wieso es im statistikbesessenen Amerika so lange dauerte, bis dieser Wandel eintrat, darüber kann man nur spekulieren. Denn eigentlich ist die Rechnung ziemlich einfach: Trifft man jeden dritten Wurf hinter der Drei-Punkte-Linie, erzielt man gleich viele Punkte, wie wenn man jeden zweiten Wurf vor der Linie versenkt.
Bereits 1986 hätte es deswegen Sinn ergeben, mehr three-pointers zu werfen. In dieser Saison betrug die 3-Punkte-Quote 30,1 Prozent, die 2-Punkte-Quote 48 Prozent.
Wirklich erkannt hat das aber erst Daryl Morey. Der langjährige Manager der Houston Rockets und selbsternannte Statistik-Nerd war der Ansicht, dass man viel mehr Punkte erzielen könnte, wenn man sich auf Dreier und Lay-Ups (Wurftechnik, mit der der Ball mit einer Hand direkt in den Korb oder ans Brett gelegt wird) fokussiert.
Um seine Theorie zu testen, beauftragte Morey den Coach der Rio Grande Valley Vipers, Nevada Smith, sein Team komplett auf den Kopf zu stellen. Die Vipers waren 2014 in der NBA D-League, so etwas wie die 2. Bundesliga des Basketballs. Smith sollte seine Spieler nur noch Lay-Ups und vor allem Dreier werfen lassen.
«Wenn ihr nicht 120 Punkte pro Spiel macht, werdet ihr nicht gewinnen», soll Morey dem Team gesagt haben. Und das Team hat Morey gehört.
In der folgenden Saison kamen fast die Hälfte aller Würfe der Vipers von hinter der Drei-Punkte-Linie. Sie verzeichneten im Schnitt 48 Versuche pro Spiel. Zum Vergleich: Die Houston Rockets (deren Manager Daryl Morey damals war), warfen rund 26 Dreier pro Spiel – mehr als alle anderen NBA-Teams. Die restlichen Punktversuche der Vipers kamen zudem fast ausschliesslich unter dem Korb zustande.
Die Taktik ging auf: Die Vipers hatten in dieser Saison die beste Offensive der gesamten Liga. Pro 100 Ballbesitze erzielten sie 113.4 Punkte. Weil Moreys Spielphilosophie zudem sehr schnelle Angriffe vorsah, kamen die Vipers zu 109 Angriffsversuchen pro Spiel – mehr als jedes NBA-Team in den letzten 20 Jahren.
Im Grunde genommen überrollten die Vipers ihre Gegner einfach mit einer unaufhaltbaren Offensive. Es regnete Dreier von allen Seiten – und wenn die Gegner diese zu verteidigen versuchten, spielten die Vipers den Ball einfach zum freien Mann unter dem Korb.
Der Erfolg der Vipers blieb natürlich nicht unbemerkt. Es dauerte nicht lange, bis es auch in der NBA plötzlich Dreier regnete. Ein Blick auf die Wurfstatistik der Finals 1998 und 2019 verdeutlicht dies sehr gut.
«Moreyball» (in Anlehnung an Michael Lewis's Moneyball) setzte sich durch. Und damit auch Stephen Curry.
Der 1,88 Meter kleine Point Guard – für die NBA ist das sehr klein – wurde zu Beginn seiner Karriere massiv unterschätzt. Zu klein, zu schwächlich sei er. Er taugte ganz gut als Showman, seine Drei-Punkte-Würfe waren stets spektakulär. Niemand hätte ihm jedoch zugetraut, die NBA in den nächsten Jahren zu dominieren, ja gar an vorderster Front zu revolutionieren.
2009 wurde er an siebter Stelle in die wichtigste Basketball-Liga der Welt gedraftet. Das Publikum buhte nach dieser Entscheidung der Golden State Warriors.
2012/13 warf Curry 272 Dreier in einer Saison – Rekord.
Noch 2014 sagte der ehemalige All-Star Charles Barkley im Fernsehen: «Ich glaube nicht, dass ein Team nur mit Jump-Shots einen Titel gewinnen kann.»
2015 gewannen die Warriors den Titel. Den ersten in 40 Jahren. Curry wurde zum Most Valuable Player der Saison gewählt.
Im nächsten Jahr gewannen die Warriors 73 von 82 Spielen in der Regular Season. Damit brachen sie den Rekord des Dream-Teams aus Chicago rund um Michael Jordan, Scottie Pippen und Dennis Rodman aus dem Jahr 1996.
Steph Curry versenkte 402 Dreier.
Steph Curry hat den 2-Punkte-Wurf getötet.
Kehren wir zurück ins Jahr 2021. Das Spiel ist nicht mehr so, wie es einmal war. Heute gilt die Faustregel: Je mehr treffsichere Drei-Punkte-Schützen ein Team hat, desto grösser sind die Chancen auf Erfolg. Mittlerweile werfen selbst die grossen Center, die früher ausschliesslich unter dem Korb standen, von behind the arc. Shaquille O'Neal, der vielleicht dominanteste Center der Geschichte, hat genau einen Dreier in seiner ganzen Karriere getroffen (böse Zungen würden behaupten, es war Glück).
Die besten Schützen der NBA sind mittlerweile auch weit hinter der 3-Punkte-Linie treffsicher. Damian Lillard von den Portland Trailblazers zum Beispiel ist bekannt dafür, regelmässig von der Mittellinie den Ball zu versenken.
Lillards oder Currys unglaubliche Würfe sind spektakulär anzusehen. Trotzdem macht sich in den letzten Jahren Unmut breit in der NBA. Es wird moniert, dass die Liga zu einem Einheitsbrei verkommt. Die Teams unterscheiden sich immer weniger voneinander, die Taktik ist stets dieselbe: Wer kann am meisten Dreier werfen?
Moreys datengetriebene Spielphilosophie nimmt dem Spiel die Magie. Ein Trend, der auch in anderen Sportarten zu beobachten ist.
Lösungsansätze gegen die inflationären three-pointers gibt es viele. Die Drei-Punkte-Linie nach hinten verschieben, die Drei-Punkte-Linie nach vorne verschieben, die Anzahl Drei-Punkte-Versuche limitieren und viele weitere, kleinere, technische Ideen.
Letztlich stellt sich die Frage: Worauf legt man Wert? Die NBA ist schneller geworden, das Skill-Level der Spieler ist in den letzten Jahren explodiert. Auf der anderen Seite macht die Homogenität das Spiel etwas eintönig, ja gar langweilig. Es ist die Abwechslung, die einen Sport spannend macht.
Wie es in dieser Geschichte weitergeht, wird sich zeigen. Noch hat die NBA keine Regeländerungen angekündigt. Auch die Fans werden in absehbarer Zeit nicht vergrault werden.
Also bleibt für jetzt nur eines:
Herzlichen Glückwunsch, Stephen Curry!
«Schau mal: Dort hinten ist der Signal-Iduna-Park.» Bradley Fink zeigt mit dem Zeigefinger in jene Richtung, in der die Umrisse der grossen Stahlträger des Stadions leicht im Nebel zu erahnen sind. Es nieselt, die Sicht vom Kaiserberg über dem Phönixsee in Dortmund ist getrübt. Bei einem Spaziergang rund um den See hat uns der 18-Jährige sein Viertel gezeigt. Jetzt haben wir die Treppe auf den Hügel genommen und eine gute Sicht auf den künstlich angelegten See und die moderne Wohngegend, die jene Stadt aufhübschen soll, die nicht gerade für ihre Schönheit bekannt ist. «Aber ich bin ja für den Fussball hierher gekommen», sagt Fink und lächelt.