Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03263.jsonl.gz/2446

Checkpoint-Inhibition: Anhaltender Vorteil beim Lungenkrebs
Die Einführung von Checkpoint-Inhibitoren hat die Behandlungssituation für Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs ohne behandelbare Treibermutationen drastisch verändert. Besonders interessant ist die Langzeitwirksamkeit dieser Therapie.
Auf der IASLC World Conference on Lung Cancer 2023 präsentierte Professor Dr. Solange Peters vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) in Lausanne die Sechs-Jahres-Ergebnisse der Phase-III-Studie CheckMate 227 (1).
In dieser Studie erhielten Patienten mit neu diagnostiziertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) entweder Nivolumab plus Ipilimumab, Nivolumab allein (bei einer PD-L1-Expression von weniger als ein Prozent in Kombination mit Chemotherapie) oder ausschliesslich eine Chemotherapie.
Auch nach einer Nachbeobachtungszeit von mindestens 73,5 Monaten zeigte sich weiterhin ein Überlebensvorteil für die Kombination aus Nivolumab und Ipilimumab im Vergleich zur Chemotherapie. Bei Patienten mit einer PD-L1-Expression von mindestens einem Prozent betrug die durchschnittliche Überlebenszeit 17,1 Monate (Nivo + Ipi; n = 396) im Vergleich zu 14,9 Monaten (Chemotherapie; n = 397), mit einem Hazard Ratio von 0,78. Die Sechs-Jahres-Überlebensraten betrugen 22 vs. 13 Prozent, und die progressionsfreie Überlebensrate 11 vs. 2 Prozent.
Hohe Lebensqualität bei Studieneinschluss war mit längerem Überleben assoziiert
Patienten mit einer PD-L1-Expression von weniger als einem Prozent überlebten im Durchschnitt 17,4 Monate unter Nivolumab + Ipilimumab (n = 187) im Vergleich zu 12,2 Monaten unter Chemotherapie (n = 186). Die Sechs-Jahres-Überlebensraten beliefen sich auf 16 vs. 5 Prozent und die progressionsfreien Überlebensraten auf acht vs. 0 Prozent. Die duale Checkpoint-Inhibition war auch in Bezug auf Ansprechrate und Dauer des Ansprechens der Chemotherapie deutlich überlegen.
Darüber hinaus zeigte sich in der Studie eine signifikant höhere Reduktion der Tumorlast um mindestens 80 Prozent. Und das sowohl bei Patienten mit einer PD-L1-Expression von einem Prozent (15 vs. 3 %) und weniger als einem Prozent (8 vs. 1 %). Die Sechs-Jahres-Überlebensraten in diesen Subgruppen betrugen 59 vs. 42 Prozent (PD-L ≥ 1 %) und 77 vs. 0 Prozent (PD-L1 < 1 %). Eine hohe Lebensqualität zu Beginn der Studie war ebenfalls mit einem längeren Überleben verbunden.
Auf das PD-L1-Level kommt es an
Dies sei die bislang längste Nachbeobachtung einer Phase-III-Erstlinien-Immuntherapiestudie beim metastasierten NSCLC, so Prof. Peters. Die Daten belegen den anhaltenden Nutzen einer Behandlung mit Nivolumab und Ipilimumab, insbesondere wenn es damit gelingt, das Tumorvolumen stark zu reduzieren.
Die PD-L1-Expression scheint teilweise eine bedeutende Rolle für die Prognose unter Checkpoint-Inhibition zu spielen. Im Detail analysierten das Forscher in einer Kohortenstudie. In diese schlossen sie 516 Personen mit neu diagnostiziertem NSCLC und einer PD-L1-Expression von ≥ 50 Prozent ein, die Pembrolizumab erhalten hatten. Bereits zuvor fiel auf, dass ein PD-L1-Wert von über 90 Prozent mit einer signifikant besseren Prognose assoziiert war. Dr. Dr. Biagio Ricciuti, Dana-Farber Cancer Institute in Boston, stellte Drei-Jahres-Daten vor (2). Insbesondere wurden die Patienten mit einer PD-L1-Expression von ≥ 90 Prozent (38,2 %) und die mit 50 bis 89 Prozent (61,8 %) miteinander verglichen.
Nach einem medianen Follow-up von 43,7 Monaten schnitt die Subgruppe mit PD-L1 ≥ 90 Prozent durchweg besser ab, mit einem medianen OS von 30 vs. 18,6 Monate (HR 0,70; p < 0,01) und einem medianen PFS von 9,0 vs. 5,4 Monate (HR 0,69; p < 0,001). Nach drei Jahren lebten noch 46,6 vs. 31,8 Prozent der Erkrankten, 29,2 vs. 13,8 Prozent waren progressionsfrei.
Markante Unterschiede im Immunphänotyp
Analysen des Tumorgenoms und des Immunphänotyps im Krebsgewebe wiesen auf markante Unterschiede hin. Beispielsweise fanden sich in Tumoren mit PD-L1 ≥ 90 Prozent signifikant mehr CD8+ und PD1+ T-Lymphozyten sowie PD-L1+ Immunzellen als in denjenigen Geschwulsten, die PD-L1 weniger stark exprimierten. Diese Befunde, so Dr. Ricciuti, könnten künftig Therapiewahl sowie Interpretation und Design klinischer Studien beeinflussen.
Professor Dr. Shirish M. Gadgeel vom Henry Ford Cancer Institute in Detroit präsentierte eine Metaanalyse mehrerer Phase-III-Studien (3). Dabei konzentrierte er sich auf 442 Patienten mit neu diagnostiziertem metastasiertem NSCLC und einer PD-L1-Expression von weniger als einem Prozent. Die Teilnehmer erhielten randomisiert entweder eine Chemotherapie mit oder ohne Pembrolizumab.
Checkpoint-Inhibitoren punkteten bei OS, PFS2, Ansprechrate und Dauer des Ansprechens
Die Fünf-Jahres-Daten zeigten einen Vorteil der Immuntherapie in Bezug auf das Gesamtüberleben mit einer durchschnittlichen Überlebenszeit von 18,3 gegenüber 11,4 Monaten (HR 0,64). Auch das progressionsfreie Überleben verbesserte sich mit einer durchschnittlichen Überlebenszeit von 6,5 Monaten gegenüber 5,5 Monaten (HR 0,66).
Darüber hinaus zeigte die zusätzliche Checkpoint-Inhibition Vorteile in Bezug auf
- das progressionsfreie Überleben nach 2 Jahren (14,4 vs. 9,2 Monate; HR 0,55; 95%-KI 0,44–0,68),
- die Ansprechrate (50,6 vs. 33,2 %), und
- die Dauer des Ansprechens (7,6 vs. 5,5 Monate).
Auch bei einer niedrigen oder fehlenden PD-L1-Expression ist die Behandlung mit einem PD1-Inhibitor in Kombination mit Chemotherapie klinisch relevant. Dies gilt sowohl für Plattenepithel- als auch für Adenokarzinome, da beide Histologien in den analysierten Studien vertreten waren.
Kardiovaskuläre Risiken
Immunvermittelte Nebenwirkungen, einschliesslich solcher, die das kardiovaskuläre System betreffen, sind unter einer Checkpoint-Inhibition nicht selten. Professor Dr. Dr. Sai-Ching Yeung vom MD Anderson Cancer Center in Houston und seine Kollegen analysierten die Häufigkeit dieser Nebenwirkungen bei einer Kohorte von 1.803 Patienten mit metastasiertem Lungenkrebs, die zwischen 2016 und 2020 eine Checkpoint-Inhibitor-Therapie erhielten.
Etwa ein Viertel der Patienten hatte bereits vor Beginn der Therapie eine kardiovaskuläre Erkrankung. Bei den verbleibenden Patienten wurde bei 39,1 Prozent im Verlauf oder nach der Behandlung mit mindestens einem Checkpoint-Inhibitor eine Herz-Kreislauf-Erkrankung diagnostiziert. Die häufigsten Diagnosen waren Tachyarrhythmien, Erkrankungen des Perikards und Herzinsuffizienz. Am schnellsten traten Myokarditiden, Tachyarrhythmien, Endokarditiden, Perikard-Erkrankungen und Kardiomyopathien nach Beginn der Therapie auf.
Die Behandlung mit mehreren Checkpoint-Inhibitoren war mit einem höheren Risiko für Perikard-Erkrankungen, Reizleitungsstörungen, Myokardinfarkte und Tachyarrhythmien verbunden.
Die Therapie von Lungenkrebspatienten mit Checkpoint-Inhibition wird in Zukunft ebenso zunehmen wie die Überlebenszeiten – das erfordert dringend ein besseres Verständnis der damit einhergehenden kardiovaskulären Risiken, so Prof. Yeung, um die adäquate langfristige Betreuung zu sichern.
Yeung S-C et al. IASLC WCLC 2023; OA14.06