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Siehe auch Kurt Schneiders Veröffentlichung:
Die gesellschaftliche Bedeutung des Seelenschmerzes
Die negativen sensomotorischen Grundgefühle
Wie ich bei der Erwähnung der Grundgefühle angeführt habe, rechne ich neben den sensomotorischen Grundgefühlen psychischen Schmerz, Wut und Angst auch die intestinalen Grundgefühle Hunger sowie Ekel/Übelkeit/Brechreiz zu den negativen Grundgefühlen.
Obwohl sich auch die intestinalen Gefühle – abhängig vom Grad der Sozialisierung – in ganz verschiedener psychischer Form manifestieren und beispielsweise als ideeller Hunger oder Sexualhunger, als sekundärer Ekel und psychische Übelkeit oder als Verachtung und Abscheu, Scham-und Schuldgefühle äusserst wirksame Verhaltensweisen bewirken, verzichte ich im Sinne der Übersichtlichkeit auf deren detaillierte Beschreibung.
Während die sensomotorischen Grundgefühle, bei denen die Bewusstseinslage, die Vigilanz, deutlich zunimmt, vorwiegend über die dopaminergisch-sympathicotone Fight-or-Flight-Prozesse ausgelöst werden, spielen im Zusammenhang mit intestinalen Gefühlen eher parasympathische Mechanismen mit Blutdruckabfall und Verlangsamung des Pulses eine Rolle: Ein diffuses mulmiges Gefühl macht sich breit; der Gleichgewichtssinn wird gestört, die Aufmerksamkeit lässt nach und droht sich im Sinne eines Blackout zu verflüchtigen.
«Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren … Ablenkung, … Ersatzbefriedigung …, Rauschstoffe …»
SIGMUND FREUD
Der psychische Schmerz
Die physischen Schmerzen bei Körperverletzung als Ausgangslage
Als hochwirksames Signal für lebensbedrohende Körperprozesse kann Schmerz, oder zumindest eine schmerzähnliche Form von Wahrnehmung, bereits bei sehr primitiven Lebewesen inklusive bei Pflanzen nachgewiesen werden. Typischerweise steht er in Zusammenhang mit einer Schädigung des Körpergewebes, sei es durch äussere mechanische Einwirkungen oder auf Grund eines schädigenden Prozesses im Inneren des Organismus.
Überall im Körper, mit Ausnahme des Gehirns, finden sich – besonders ausgeprägt im Bereich von Grenzflächen wie der Haut und der Schleimhäute – sogenannt nociceptive Rezeptoren, das heisst äusserst empfindliche Sensoren um lokale Gewebsschädigungen über periphere Nerven an den Thalamus und weiter zur grauen Rinde des Gehirns weiterzuleiten.
Die langsamer leitenden Gammafasern haben gegenüber den schneller leitenden Alphafasern eine auf die Schmerzempfindung intensivierende Wirkung. Die unmittelbaren Auswirkungen entsprechen einer Aktivierung des sympathischen vegetativen Nervensystems: Puls, Blutdruck und Muskelspannung sowie der Katecholaminpegel (Dopamin u. a.) nehmen zu.
Der negativ empfundene Schmerz hat eine sehr positive, lebenserhaltende Bedeutung; richtig verstanden ist er ein zentraler Wegweiser hin in Richtung Heilung. Er drängt zu raschem Handeln. Erst wenn es nicht gelingt, die schädigende Ausgangslage zu verändern, wirken Schmerzen, jetzt chronisch geworden, lähmend auf den ganzen Organismus.
Längerfristig kommt es, vor allem bei chronischen Schmerzen, zu schweren seelischen Störungen. Bei 30-60% der affektiven Störungen (vor allem Depressionen) sind Schmerzen mit im Spiel.
Ähnliches gilt für den psychischen Schmerz. Als komplizierend erweist sich, dass sehr frühe Empfindungen präkognitiv, das heisst nicht bildhaft im Neocortex, sondern taktil-kinästhetisch im Körper festgehalten werden. Sie haben deshalb eine ganz andere Qualität, indem sie tiefer, unmittelbarer und dadurch auch bedrohlicher und gleichzeitig für den an visuelle und möglicherweise analytisch verarbeitete Erinnerungen gewöhnten Verstand kaum mehr nachvollziehbar sind. Diese frühen negativen Erfahrungen (des Primärselbst) bezeichne ich als psychischen Primärschmerz.
Der psychische Primärschmerz wird immer körperlich erlebt und als Engramm im Körper festgehalten. Auswirkungen: Die Muskeln (zu denen neben Skelettmuskeln auch unwillkürliche Darm- und Gefässmuskeln gehören) verkrampfen sich; die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffspannung im Gewebe sinkt. Dies ist die physiologische Antwort auf die Erfahrung des Liebesentzuges, der in der Frühkindheit unspezifisch als lebensbedrohend erfahren wird.
Auch als Erwachsene erleben wir diesen Schmerz unbewusst als überwältigend. Wird der erwachsene Mensch bei einer aktuellen Körperverletzung zusätzlich zur körperlichen Hier-und-Jetzt-Erfahrung mit der mehr oder weniger bewussten Erinnerung an frühere Verletzungen konfrontiert, so ergibt sich eine Mischung aus unmittelbarem physischem Schmerz sowie erinnertem psychischem Primär- möglicherweise auch psychischem Sekundärschmerz (falls ähnliche Verletzungen bereits im bewussten Sekundärselbstzustand erlebt worden sind.)
Psychische und körperliche Schmerzen als Sozialisationshilfe
Der Neurobiologe GERALD HÜTHER sieht im Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Bindungsliebe an die Eltern kennzeichnet, den entscheidenden kulturellen Vorteil des Homo sapiens. Erst der verlängerte Sozialisationskontakt habe die Intensivierung der neokortikalen Fähigkeiten ermöglicht, die uns nicht nur gegenüber den anderen Lebewesen sondern auch gegenüber weniger sozialen Vorgängern (d. h. weniger früh bindungsfähigen «nomadisierenden Horden») entscheidende Vorteile gebracht habe.
HÜTHER weist nach, dass DARWIN neben dem klassischen Modell des Kampfes ums Dasein die Bedeutung moralischer Eigenschaften, insbesondere «die Liebe und die davon verschiedenartige Erregung der Sympathie», als mindestens ebenso entscheidende Motivatoren für die Entwicklung des Menschen erwähnt hat.
Scheinbar ist es hier die «Liebe zu den Eltern» und nicht das Schmerzerlebnis, welche zur kognitiven Überlegenheit führt. Doch sobald wir diese «Liebe» als Zweckliebe erkennen, kommt der mit der Sozialisation notwendigerweise verknüpfte Liebesentzug doch zum Vorschein. Die Schmerzerzeugung durch den Liebesentzug erwies sich seit je als äusserst wirkungsvolles «erzieherisches» Mittel.
Die erste schmerzliche Erfahrung von Liebesentzug ist für viele Säuglinge die frühe Trennung von der Mutter, wie sie die «hygienische Notwendigkeit» der Gebärkliniken während Jahrzehnten als fortschrittlich darzustellen vermochte.
Die Beschneidung – frühkindliche Körperverletzung mit erheblichen psychischen Auswirkungen
Unter demselben Vorwand wurden, insbesondere in den USA und in Grossbritannien, vor allem unter den Angehörigen der Oberschicht, die Beschneidung auch nichtjüdischer Säuglinge in den Spitälern standardisiert (ALDEEB)
Ich selbst habe Anfang der sechziger Jahre als Assistent auf einer geburtshilflichen Abteilung in Amerika pflichtgetreu, ohne mit der Wimper zu zucken, solch erbärmlich schreiende Wesen routinemässig «beschnitten». In England verschwand dieser Brauch unter den Sparmassnahmen der Staatsmedizin.
Doch in den USA wird ungeachtet aller inzwischen gewonnenen Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung noch bei rund 60% aller männlichen Säuglinge diese Operation durchgeführt; nach VAN HOWE setzte dabei nur jede fünfte Geburtshelferin die Möglichkeiten der Anästhesie ein. Bei den Gynäkologen unter vierunddreissig Jahren waren es gar nur 4% (1994!).
Wie SAMI ALDEEB, der am «Institut suisse de droit comparé» in Lausanne zuständig für arabisches und musulmanisches Recht ist, festhält, handelt es sich dabei um eine flagrante frühkindliche Körperverletzung, deren psychische Auswirkungen erheblich sind. Im Gegensatz zu Beschneidungen im Rahmen von Initiationsfeiern älterer Kinder ist hier die sozialisierende Absicht weniger offensichtlich.
Im Rahmen der Pubertätsriten wurde und wird physischer Schmerz in zahlreichen traditionellen Kulturen gezielt eingesetzt. Als heikel erweisen sich diese Zusammenhänge in jener Entwicklungsphase des Kleinkindes, in der seine unmittelbaren Interessen nicht mehr alleiniger Massstab für das Verhalten der Bezugspersonen sind und die Erzieher ihre Lehrziele nach den Interessen der Gesellschaft beziehungsweise ihren eigenen Vorteilen ausrichten.
Die verhängnisvolle Verknüpfung zwischen Schmerz und Gedächtnis/ Intelligenz
Erstaunlicherweise sprechen nicht nur höhere Tiere, sondern auch Pflanzen in vielfacher Weise auf mechanische und chemische Schädigungen an. Nicht nur erinnern sie sich (falls ihnen genügend Zeit gelassen wird) im Sinne eines Langzeitgedächtnisses an eine Verletzung. Sie vermögen diese Erfahrung auch über grössere Distanzen an Artgenossen weiterzugeben (KERNER und KERNER).
Offenbar besitzen Pflanzen auch die Fähigkeit, auf potentielle Verletzungen von Menschen, die sich anderweitig gegenüber Pflanzen gewalttätig verhalten haben, zu reagieren. Spekulativ könnte von einer Vorstufe zu dem, was ich als Sekundärschmerz des Menschen bezeichne, gesprochen werden.
Das Vorliegen von Erinnerungen im Zusammenhang mit schädigenden Einflüssen – schmerzhaften Erfahrungen -, weist auf ein Phänomen hin, dem wir bei den Ausführungen zur Zweckliebe begegnet sind: Frühe Stresserlebnisse sind für die Nachreifung des Gehirns beim Säugling und damit für die Entwicklung der menschlichen Intelligenz ganz entscheidend.
Schmerzhafte Erfahrungen scheinen besonders intensiv im Gedächtnis, das heisst sowohl in den neuronalen Vernetzungen des Zentralnervensystems, als auch, noch archaischer, in den Muskeln sowie im Verdauungsapparat («Bauchhirn!») zu haften.
Aus diesen physiologischen Voraussetzungen resultiert offenbar die Möglichkeit des Lernens, das heisst der Fähigkeit, aus unangenehmen Erfahrungen Strategien zu entwickeln, die dazu verhelfen, zukünftig ähnlich unangenehme Erlebnisse zu vermeiden.
Vorstufen und fliessende Übergänge zum psychischen Schmerz
Beschränken wir uns auf die Schmerzempfindung beim Menschen, so zeigt sich eine ungeheure Vielfalt und eine verwirrende Gesetzlosigkeit in bezug auf die individuelle und situationsbezogene Fähigkeit, Schmerzen wahrzunehmen, respektive etwas als «schmerzhaft» zu empfinden. In hochdramatischen Situationen, z. B. bei Kriegsverletzungen oder bei Verkehrsunfällen, werden schwerst verstümmelnde Verletzungen vorerst, auch bei vollem Bewusstsein, nicht bemerkt. Diese Tatsache zeigt, dass in der Verarbeitung des Schmerzes psychische Einflüsse eine wichtige Rolle spielen.
Im weiteren Verlauf werden wir immer wieder auf ein zentrales Phänomen stossen, dem meiner Ansicht nach in der ganzen Diskussion über Gefühle zu wenig Beachtung geschenkt worden ist: Es geht um den Unterschied zwischen einem unmittelbar über die Körperrezeptoren ausgelösten Gefühl und einem auf Grund der Vorstellung, d. h. über einen kognitiv erinnerten Prozess abgerufenen und als gegenwärtig echt empfundenem Gefühl, um das, was ich als psychisches Schmerzgefühl beschreibe.
Anders gesagt, geht es darum, ob ich ganz in der Gegenwart lebe und deshalb nicht imstande bin, mir «daneben» noch etwas vorzustellen, also keine psychischen Schmerzen empfinden und mich entsprechend auch nicht über eine Intensivierung dieser Vorstellungen in einen eigentlichen Panikzustand hochschaukeln kann, oder ob ich in Erinnerung an eine bedrohliche Situation mir zu allem Überfluss noch eine schlimmere zukünftige Szene vorstelle und diesen Prozess als sich selbst verstärkende Resonanzschleife beschleunige, bis es zum Zusammenbruch des ganzen Nervensystems kommt.
Dieses Risiko ist besonders gross, wenn sensible, das heisst besonders phantasievolle und somit vorstellungsbegabte Menschen, sich in einer bedrohlichen Stresssituation befinden, die ihre Einschätzung der Alltagsrealität verunsichert.
Der Übergang zur psychischen Überlagerung ist fliessend; in dieser Grauzone bewegen sich viele der Millionen von Menschen, die täglich Schmerztabletten zu sich nehmen. Dass es in anderen Kulturen möglich ist, Schmerzen ohne Medikamente, entweder durch mentales Training, wie es Fakire praktizieren, oder durch intensive körperliche Zuwendung zu lindern oder gar «aufzulösen», zeigt, dass nicht nur physikalisch-chemische Prozesse dabei im Spiel sind.
Schmerzverstärker wie Stress oder Spannung sowie die Tatsache, dass über hypnoseähnliche Imaginationsübungen Schmerzen «beseitigt» werden können, lassen uns an die Kriterien der Seinsliebe offen und euton, harmonisch pulsierend respektive deren Negativ denken; das heisst, Schmerz als Indiz, nicht nur für grobkörperliche Schädigung, sondern auch für die Störung der seelischen Homöostase.
Wie stark zerebrale Verarbeitungsprozesse mittels Vorstellungen bei der Schmerzempfindung mitbeteiligt sind, zeigt sich bei experimentellen Untersuchungen: Studenten mussten im Kälteschmerztest über das Eintauchen ihres Armes in ein kaltes Bad bis zur Schmerzgrenze gehen. Dabei zeigte sich die überraschende Tatsache, dass diejenigen, die den Auftrag hatten, gleichzeitig an eine sexuell erregende Szene zu denken, den Schmerz erst später und auch dann weniger ausgeprägt wahrzunehmen vermochten.
Ein ähnliches, über mentale Vorstellungen gelenktes Phänomen liess sich sogar über kernspintomographische Untersuchungen des Gehirnes im Bild festhalten: Dabei wurde nachgewiesen, dass allein die Schmerzerwartungdazu führt, dass insbesondere bei chronischen Schmerzen gewisse Gehirnareale, die für die Schmerzempfindung zuständig sind, in erhöhte Alarmbereitschaft gesetzt werden, so dass die realen Schmerzsignale intensiver empfunden werden.
Mit anderen Worten: Chronischer Schmerz scheint erlernbar zu sein, daher kann diese unangenehme «Fähigkeit» mit geeigneten Techniken auch wieder in ihr Gegenteil umprogrammiert «verlernt» werden.
In eine andere Richtung weist die Wirksamkeit von Antidepressiva im Fall von schmerzhaften Entzugssymptomen bei Raucherentwöhnungen oder im Fall von durch Analgetika nicht beeinflussbaren unerträglichen rheumatischen Beschwerden beim sogenannten Fibromyalgischen Syndrom. Sie bekräftigt den bekannten Zusammenhang zwischen Depression und Schmerz.
Nochmals grundsätzlich verschieden ist die Situation bei jenen Menschen, die, als Folge einer vererbten Analgesie, unfähig sind, Schmerzen zu empfinden, und die entsprechend im gewöhnlichen Alltag gegenüber den Folgen von Verletzungen hochgradig gefährdet sind.
Primärer psychischer Schmerz (Urschmerz)
oder:
Der psychische Schmerz als existentielle Grunderfahrung der «Condition Humaine»
These:
Die Individualisierung als eine Folge der Sozialisierung führt zur Trennung vom Ganzen und damit zur Abspaltung von der Seinsliebe. Diese seelische Trennungswunde löst den psychischen Urschmerz, den psychischen Primärschmerz, aus und führt gleichzeitig zum Verlust des Urvertrauens.
Wissen und Gewissen stellen den Menschen in quälenden Gegensatz zum beglückenden Einheitsgefühl in der Seinsliebe. Der Mensch hat über vielfältige Konstrukte versucht, diesen Bruch, dieses Verstossensein zu erklären: mit der Vertreibung aus dem Paradies, über karmische Verstrickungen oder, moderner, auf Grund von ererbten Verhaltensmustern.
Jedes menschliche Wesen durchlebt im Rahmen der Sozialisation von neuem diesen «Erkenntnis»-Prozess, in dem das ganzheitliche Primärselbst durch das anerzogene Sekundärselbst abgelöst wird. Den Preis für diesen Fortschritt bezahlt das sich vom Ganzen getrennt empfindende Individuum mit dem Verlust der beglückenden Selbstwahrnehmung in der Seinsliebe, an deren Stelle zunehmend die Zweckliebe tritt. Die Folge ist der Verlust des Urvertrauens; die Wunde der Trennung empfinden wir im Urschmerz oder Primärschmerz.
Als Erwachsene können wir – in Zusammenhang mit existentiell erschütterndem Schmerz erneut auf diese frühen traumatischen Erlebnisse stossen. Möglicherweise weisen sie uns den Weg zum heilsamen Kern von existentiell erschütterndem Schmerz, der uns mit etwas in Verbindung setzen will, das sich im Kernbereich des Selbst abspielt, respektive abgespielt hat. Es geht um Schmerz, der uns etwas bewusst machen, uns im spirituellen Sinne wecken will.
OSHO sagt dazu:
«Der Schmerz soll dich nicht traurig machen, denk daran. Diese Lektion wird immer wieder missverstanden. Der Schmerz ist dazu da, dich wacher zu machen. Die Menschen wachen nur auf, wenn der Pfeil tief ins Herz geht und sie verwundet. Ansonsten wacht man nicht auf. Wenn das Leben einfach, bequem und problemlos ist, wer macht sich dann die Mühe? Wer will schon wach werden?
Wenn ein Freund stirbt, dann ist es möglich. Wenn dich deine Frau verlässt – diese dunklen Nächte; du bist einsam. Du hast diese Frau so sehr geliebt und alles aufs Spiel gesetzt, und dann ist sie eines Tages plötzlich fort. Wenn du in deiner Einsamkeit weinst – das sind die Gelegenheiten, die du nutzen kannst, um bewusst zu werden. Der Pfeil tut weh, aber man kann ihn nutzen.»
Als ähnlich heilsam für das Selbst beschreibt RÜDIGER SAFRANSKI die Leidensgeschichte des alttestamentlichen Hiob. Wider alle logischen Erklärungsversuche, wider die erdrückende Ungerechtigkeit seiner Erfahrungen hält er an einem unergründlichen Gott fest, «weil er sich selbst – seine Leidenschaft für Gott – nicht aufgeben will.
Die Vorstellung einer gerechten Welt ist schon zerstört. Aber würde er sich von Gott abkehren, so würde er auch sich selbst zerstören, und zwar jenes ‹Selbst›, zu dem es gehört, dass es sich nicht selbst gehört. Ein Selbst, das transzendieren kann und darin erst seinen Reichtum findet, das Menschenmögliche. Hiob weigert sich, es preiszugeben, er weigert sich, Transzendenzverrat zu begehen. … Hiob widersteht der Versuchung zum Selbstverrat.»
In dieser existentiellen Situation stossen wir auf die Möglichkeit, unserem Kern (unserem eigentlichen Selbst) zu begegnen – dank der kaum noch auszuhaltenden psychisch schmerzenden Grenzerfahrung. «Nicht den Transzendenzverrat zu begehen» heisst in der Alltagssprache, mich selber nicht zu verraten, mir treu zu bleiben.
Betrachten wir in diesem Sinne mein erweitertes Modell der Transaktionsanalyse, so wird offensichtlich, weshalb es eines äusserst schmerzhaften Leidensdruckes bedarf, um diesen Schritt zu machen: Es gilt die dicke Trennwand der Sozialisation, die das Sekundärselbst/Ich vom Primärselbst trennt, bewusst zu durchstossen. Per aspera ad astra – über rauhe Pfade zu den Sternen, so wie es uns Schamanen, Mystiker und Asketen vorgelebt haben.
Der Hinweis auf die psychischen Ursachen dieser Schmerzen sowie auf das Ich, dem wir eine spezielle Form psychischer Schmerzen «verdanken», führt uns zum sekundären psychischen Schmerz.
Sekundärer psychischer Schmerz
Sobald die kognitive Erinnerungsfunktion entwickelt ist, können schmerzhafte Situationen mehr oder weniger bewusst erinnert und auch, bei Bedarf, samt den sie begleitenden körperlichen Symptomen abgerufen werden. In diesem Fall spreche ich von sekundärem psychischem Schmerz.
Wird das Sekundärselbst mit einer unmittelbar schmerzhaften körperlichen Erfahrung im Hier und Jetzt konfrontiert, so besteht das Dilemma zu entscheiden, ob wir unsere Aufmerksamkeit ganz der Gegenwart zuwenden oder ob es vorteilhafter sein könnte, von ähnlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit zu profitieren.
Komplizierend für den Entscheidungsprozess wirkt sich, wie bereits aufgeführt, die Tatsache aus, dass neben bewussten, kognitiven Erinnerungen, dem Sekundärschmerz, auch noch präkognitive Erinnerungen – das heisst unbewusste psychische Primärschmerzen über die wir nicht zu entscheiden vermögen – mitschwingen können, die eine adäquate Reaktion zusätzlich beeinträchtigen.
Unerwartete Erfahrungen auf der Ebene des Sekundärselbst die uns mit unserer Verletzlichkeit, mit psychischen Wunden und letztendlich mit dem Tod in Kontakt bringen, können auch Menschen widerfahren, die es wagen, sich auf tiefe Körpererfahrungen einzulassen, beispielsweise im Rahmen tantrisch-meditativer Liebespraktiken.
Überraschenderweise können gerade dann, wenn alles so ekstatisch schön ist, plötzlich, durch unscheinbare Äusserlichkeiten ausgelöst, zutiefst schmerzhafte Gefühle wie ein Blitz aus heiterem Himmel alles überschatten. Mit dem Sich-Öffnen haben sich Spannungen gelöst, die üblicherweise als Widerstände verhindern, dass allzu unangenehme verdrängte Erfahrungen ins Bewusstsein gelangen.
Kränkung
Neben der Form des sekundären psychischen Schmerzes, der im Zusammenhang mit einer erinnerten Körperverletzung steht, erweist sich, psychologisch gesehen, eine nicht unmittelbar auf den Körper bezogene Form als besonders bedeutungsvoll: die Kränkung. Es handelt sich um einen durch Verletzung des Ich erzeugten psychischen Schmerz, wenn wir uns von der Umwelt abgelehnt oder nicht angemessen anerkannt fühlen.
Eine aktuelle Verletzung des Ich wird zusammen mit gleichartigen Erfahrungen – im Grosshirn gespeicherten Vorstellungen – verbunden, früherer psychischer Schmerz wird aktiviert.
Die Bedeutung dieser Kränkung – der Ich-Verletzung – für unseren psychischen Haushalt wie auch seine destruktiven Folgen kommen im folgenden Zitat von BERND NITZSCHKE klar zum Ausdruck:
«In der anarchischen Unterwelt des Gefühlslebens, das die Menschen miteinander verknüpft, organisieren sich Beziehungen, also auch Konflikte, schliesslich Kränkungen, die spürbar kulminieren in der Krankheit, die zum Siechtum der Seele führt, wenn das adäquate Heilmittel, die Vergeltung, die gestillte Rache fehlen. Der Schmerz der Ehrverletzung, der als Wut und als Wunsch nach Rache spürbar wird, ist oft weit stärker als jener, den eine tatsächlich geschlagene Wunde hinterlässt.»
Wenn der Schmerz über eine psychische Verletzung nicht zugelassen wird und wir die erzeugte Wut verleugnen, sie nicht wahrhaben wollen oder statt dessen kompensatorisch reagieren, z. B.Stolz zur Schau stellen, kann sich die Kehrseite dieser scheinbar erfolgreichen Schmerzbewältigung zeigen:
Sie äussert sich in einer oft kaum nachvollziehbaren unbewussten Bindung an genau jene Person, die wir scheinbar hinter uns gelassen haben, da wir die durch sie erzeugte Kränkung nicht wahrhaben wollen. Dieser Mensch bleibt mit uns verbunden, zumindest solange, als wir nicht dazu stehen können, dass wir von ihm gekränkt worden sind, respektive dass wir das zumindest so empfunden haben.
Beharren wir auf unserer Einstellung, fügt sich Kränkung zu Kränkung, die verdrängte Wut potenziert sich und wir verfallen möglicherweise in eine depressive Reaktion oder unser Verdrängtes, unser Unbewusstes «zwingt uns» zum Rückzug in die Krankheit. Was kränkt, macht krank und legt damit den Grundstein für psychosomatische Erkrankungen. Ein analoger Mechanismus kann auch dazu führen dass wir verunfallen, uns unbewusst Selbstverletzungen zufügen, um dabei die lange vermisste Zuwendung zu bekommen.
Gelingt es uns, anstelle der Ablehnung den Kontakt und das Gespräch in einer alten Sache mit dieser Person aufzunehmen, so kann sich eine (Er-)Lösung anbieten. Vorgängig lohnt es sich, für uns – ganz im Stillen – zu klären, welcher Anteil der Kränkungsenergie wirklich mit dieser Person zu tun hat, respektive welcher Anteil der Verletzung aus meiner Vergangenheit herrührt und auf sie projiziert wurde.
Dieser Schritt der Bewusstmachung, des Bewusstwerdens von inneren Zusammenhängen, bedingt seinerseits eine Selbstüberwindung. Denn das Eingeständnis, dass in Wirklichkeit nur ein minimaler Teil der Verletzung von dieser Person kommt, während der eigentliche Schmerz aus meiner Vergangenheit herrührt – und möglicherweise von einem sehr geliebten Menschen verursacht worden ist – kränkt zusätzlich.
Als primäre Kränkung bezeichne ich eine maligne Spezialform der Kränkung, wie sie bei sehr frühen Störungen im Umfeld von Autismus und Borderlinesyndrom zu beobachten ist. Zwar geht es dabei um ein präsozialisiertes und präkognitives Entwicklungsstadium. Trotzdem finden sich typische Zeichen für das Vorliegen von sekundärpsychischen Einwirkungen, möglicherweise als Spiegelung, oder über unbewusste Einflüsse von familiären Verstrickungen (HELLINGER).
Aus diesen sehr frühen Kränkungen fliesst oft viel Energie in den Gerechtigkeitssinn, insbesondere dann, wenn ich mich nicht nur für persönlich erlittenes oder scheinbares Unrecht zur Wehr setze, sondern mich generell gegenüber Ungerechtigkeiten stark mache.
Auch bei diesen sehr frühen Kränkungen lohnt es sich, ähnlich wie beim Stolz, nicht zum vornherein in der Opferrolle zu leiden oder aggressiv zu reagieren und nicht prinzipiell gegen Windmühlen anzukämpfen, sondern möglichst bewusst die eigenen Motive zu betrachten.
Mit allzu demonstrativ vorgelebter Selbstgerechtigkeit verscherzen wir uns oft das Recht auf die Gesellschaft der «Ungerechten». Primäre Kränkungen sind noch schwieriger anzugehen als Kränkungen des Ich und erfordern oft professionelle Hilfe.
Psychosomatische Symptome
Psychische Schmerzen haben eine doppelte Wirkung. Einerseits erinnern sie uns unablässig an etwas Unerledigtes, etwas Peinliches (abgeleitet vom lat. pena = Strafe, Busse, Höllenqual, Folter).
Andererseits halten sie uns, gerade weil der Versuch, dieses Unerledigte anzugehen, praktisch immer mit Schmerz verbunden ist, davon ab, uns noch weiter in sie zu vertiefen.
Wie mühsam die kausale Therapie an der Wurzel gerade beim Vorliegen einer Schmerzsymptomatik verlaufen kann, zeigt ein Therapiefall von HEIDI BALTINGER. Sie berichtet im Rahmen von Familienaufstellungen nach BERT HELLINGER über eine Patientin, die an chronischer Polyarthritis mit starken Schmerzen in einem von arthritischer Degeneration massiv betroffenen Knie litt.
Im Verlauf des psychotherapeutischen Prozesses trat ein beim Familien-Stellen bereits sichtbar gewordener Aspekt in den Vordergrund:
Die Mutter war für die Liebe der Tochter nicht verfügbar, weil ihre Liebe (unbewusst) auf ihren verstorbenen Vater und ihren ebenfalls verstorbenen Bruder gerichtet war. Solange sich die Patientin dagegen auflehnte, diese Tatsache zu akzeptieren, blieben auf der leiblichen Ebene Versteifung und Schmerzen bestehen.
Erst als sie allen Teilen zustimmte: der tiefen Sehnsucht und Liebe zur Mutter; deren Gebundensein an die Schicksale in ihrer Familie und ihre Nicht-Verfügbarkeit für sie sowie der Notwendigkeit, auf ein tiefes und erfülltes Ankommen ihrer Liebe bei der Mutter zu verzichten, kam es zu einem Rückgang der Schmerzen im Knie.
Als es ihr spürbar besser ging, sagte ihr die Mutter tatsächlich in einem realen Kontakt: «Wenn es dir weiter immer besser geht, bringe ich mich um».
Die bereits vollzogenen komplexen inneren Prozesse bildeten ein tragfähiges Netz, diesem Satz der Mutter standzuhalten, ihn bei der Mutter zu lassen und sich weiter abzugrenzen.
Dieses Beispiel gibt eine Vorstellung davon, wie komplex systemische Verstrickungen sein können und wie aufwendig die therapeutischen Prozesse sind, falls wir tatsächlich unsere physischen Schmerzen zum Wachwerden nutzen wollen.
Trauer als Ausdruck des psychischen Sekundärschmerzes
Obwohl die Trauer sowohl von MACHLEIDT als auch von DORNES (Traurigkeit) als spezifisches Grundgefühl dargestellt wird, ist die Verbindung der Trauer zum Sekundärschmerz unverkennbar. Ein Merkmal des sekundären psychischen Schmerzes ist der spezielle Zeitbezug, d. h. die Erinnerung an eine Kränkung, die noch als weiterbestehend empfunden wird.
Auch die Trauer wird aus derselben Quelle gepriesen, allerdings mit dem Unterschied, dass resignative Momente die entscheidende Rolle spielen, während nach MACHLEIDT das klassische Schmerzempfinden (damit meint er wohl den nicht kognitiv bearbeiteten körperlichen Schmerz) zur unmittelbaren Reaktion in die Tat drängt.
Im Gegensatz zur passiven Grundstimmung in der Depression enthält die Trauer eine prozesshafte, entwicklungsfähige und selbstheilende Dynamik. Voraussetzung für diese Selbstheilung ist allerdings, dass Trauerarbeit im Sinne des Abschiednehmens und Loslassens, geleistet wird. Dann gelingt es, sich vom Festhalten an eine nicht mehr zu ändernde Vergangenheit zu befreien, neue Möglichkeiten in der Gegenwart als Chancen wahrzunehmen und die Energien entsprechend zu verlagern.
Es erweist sich als heilsam, den Schmerz über den Liebesverlust zuzulassen. Dass dies so schwierig erscheint, hängt, wie bereits erwähnt, damit zusammen, dass über den akuten Verlust auch der frühkindliche Schmerz infolge Liebesentzug aktiviert wird.
Im Prozess der Bewusstmachung erweist es sich als notwendig, sich auch der Realität des «existentiellen Alleinseins» bewusst zu werden. Das bedeutet in letzter Konsequenz, das mit viel persönlichem Einsatz mühsam aufgebaute Sekundärselbst in Frage zu stellen.
Wie schwierig und schmerzhaft es ist, sich dieser im Körper und im Neocortex gespeicherten Wirklichkeit zu stellen, beweisen die vielfältigen Strategien, über die wir verfügen, um uns in diesen Prozess nicht einlassen zu müssen.
Das Annehmen all dieser Gegebenheiten wird zusätzlich erschwert, wenn bereits früher sehr schmerzhafte Verlustsituationen erlebt und verdrängt wurden oder wenn – noch schwieriger für den erwachsenen Verstand – die Innigkeit einer frühen Mutter-Kind-Beziehung gar nie erlebt werden konnte.
«Traurig sein» als häufige Grundstimmung ohne klar ersichtlichen Auslöser kann auch ein typisches Deckgefühl sein für die Wut, die im folgenden Abschnitt thematisiert wird. Besonders Frauen sind geneigt, in dieses passive, letztlich depressive Verhalten zu verfallen, da eine Frau Wut nicht haben darf. Männer haben es diesbezüglich leichter, da männliche Aggressivität sozial anerkannt ist.