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Was uns alle verbindet…
Vor einigen Wochen habe ich die «Fondation Bodmer» in Cologny GE entdeckt: Der Zürcher Martin Bodmer (1899–1971) begann schon als Gymnasiast seltene Manuskripte zu erwerben. Seine Sammlung beträgt 150 000 Werke aus 3000 Jahren menschlicher Geschichte. Mehr als eine Bibliothek wollte Bodmer ein «geistiges Bauwerk» mit schriftlichen «Schöpfungen des menschlichen Geistes» schaffen, von Partituren bis Papyrusrollen, von alten Bibeln zu einer lateinischen Übersetzung des alten chinesischen Meisters Konfuzius. Eine fast vollständige Abschrift des Johannesevangeliums aus dem Ende des 2. Jahrhunderts oder vielleicht sogar aus der Zeit um 150 n. Chr. ist einer der bekanntesten Schätze der Ausstellung. Die Betrachtung des kleinen PapyrusStückes mit bewegendem Inhalt in griechischer Schrift lässt nicht unberührt!
Mit seiner aussergewöhnlichen Sammlung wollte Martin Bodmer «das Allgemeingültige im Typischen» aufzeigen. Dieser Prozess ist bestimmt nicht endgültig abgeschlossen! Was ich besonders spannend fand, ist die Verbindung zwischen dem einflussreichen westlichen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) und dem östlichen Weisen Konfuzius (5. Jh. v. Chr.). Nietzsche nannte offensichtlich seinen Philosophenkollegen Kant, der übrigens seine Heimatstadt nie verliess, «den Chinesen aus Königsberg». Und es gibt heute Wissenschaftler, die sich mit der Frage der intellektuellen Verwandtschaft zwischen Kant und chinesischen Lehrmeistern beschäftigen, obwohl diese zwei Welten meistens als für die andere undurchsichtig gelten. Die Ethik der beiden Meister findet ihre Grundlage im Begriff von «Respekt»: Für Konfuzius ist es eine Haltung sich und anderen – vor allen den Eltern und Vorfahren – gegenüber. Respekt (die Eigenschaft «jen») findet statt, wenn Menschen sich begegnen; für Kant ist Respekt der Prozess der Menschenwerdung. Wie der Mensch Respekt «lernt», da unterscheiden sich die Wege. Für Konfuzius wird Respekt über soziale Rollen gelernt, für Kant ist die Vernunft die Grundlage des sozialen Verhaltens.
Respekt, Shalom, Nächstenliebe, Solidarität, «Almosen geben» (eine der fünf Säulen des Islams, der Pflichten, die Muslime erfüllen müssen) sind alles Werte oder Verhalten, die allgemein erstrebenswert sind. Das Typische äussert sich in der Begriffswahl, in der Art und Weise, wie jeder Mensch, jede Gemeinschaft sich Werte (mit mehr oder weniger Erfolg) aneignet und sie lebt. Wenn man sich als Mensch gut kennt, wenn einer oder einemdas eigene Fundament klar ist, weiss er oder sie, wo er oder sie steht, was Haltung gibt; es gelingt danach besser, das Typische, das, was unsere Nachbarn, was die «Andersdenkenden und lebenden» ausdrücken – ohne Angst, ohne Gefährdung der eigenen Identität – anzunehmen. Weil das Wichtige, das Allgemeingültige, das Verbindende sich dann offenbart.
Ob Kant Konfuzius gelesen hat, weiss ich nicht; historisch wäre es möglich: Die Jesuiten, die Konfuzius übersetzt und ihn der westlichen Kultur zugänglich gemacht haben, haben sich Ende des 16. Jahrhunderts in China niedergelassen. Und es gibt vier gute Gründe, der Stiftung Bodmer in diesem Sommer einen Besuch abzustatten: die Sammlung selbst, das Gebäude von Architekt Mario Botta, die Aussicht auf die Genfer Reede und die nie endende Suche nach dem Verbindenden.
Hinweis: www.fondationbodmer.ch
Anne Durrer Apothekerin, Mediensprecherin santésuisse, aufgewachsen in der Nähe von Genf, wohnt in Bern. «…La grâce fait voir la belle dans la bête, la guérison dans la déchirure, la force de renaître dans une défaillance.» Autorenportraits