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by Adam Schwarz
Taipei ist das deprimierendste Buch, das ich diesem Jahr gelesen habe. Und das, obwohl darin weder vom Holocaust berichtet noch Kindsentführungen beschrieben werden. Tao Lin scheut das grosse Drama. Das deprimierende Gefühl, mit dem Taipei den Leser zurücklässt, ist anderer Natur. Es ist das Gefühl, einer ganzen Generation ins leere Gesicht gestarrt zu haben.
Der Roman behandelt einen Ausschnitt aus dem Leben einiger Twentysomethings aus den USA, die fast alle „irgendwas mit Kunst“ machen. Beziehungen fangen die Charaktere dabei genauso beiläufig an, wie sie Drogen konsumieren. Die Hauptfigur Paul ist in ihrem Freundeskreis dafür berüchtigt, den Kontakt zu Freunden auf einmal komplett abzubrechen, ähnlich wie wenn man ein altes MacBook abgibt, um ein neues zu kaufen. Seine Beziehung zu Erin, die einen Grossteil des Buches ausmacht, entsteht unter anderem, weil sie einen Artikel auf seinem Blog kommentiert.
Tao Lin verbindet sein Leben schon lange eng mit seiner Kunst. Bereits 2010 veröffentlichte er ein Videoprojekt, für das er sich und einige Freunde mit dem Macbook nach dem Konsum verschiedener Drogen filmte. In MDMA spazierten sie beispielsweise unter dem Einfluss der Droge durch Manhattan. Ein Jahr später erschien ein Essay von ihm mit dem Titel “How to Give a Reading on Mushrooms“. Auf beide Ereignisse wird in seinem Roman angespielt. Auch sonst spielen Drogen eine wichtige Rolle. Mit ziemlicher Sicherheit treten darin mehr unterschiedliche Substanzen auf als Protagonisten, von Gras und Pilzen über Adderall und Ritalin hin zu Kokain und Oxycodon.
Lin hat ein Talent dafür, ein Verhalten zu beschreiben, das in den Staaten gerne awkward genannt wird. So betritt Paul einmal eine Party, um sich sofort als Einziger auf die Couch zu legen und einzuschlafen, während alle anderen um ihn herum tanzen. Als er aufwacht, stapft er zum IPod rüber und wählt einen unpassenden Song aus. Die Figuren in „Taipei“ scheinen alle nicht recht zu wissen, was von ihnen erwartet wird und verbringen ihre Zeit lieber im Netz. Dort muss man wenigstens von Anfang an nicht nach Regeln suchen.
Später nimmt er mit Freunden Heroin, „15 mg, two Advil, half a marijuana cookie“, um sich im Kino X-Men: First Class anzusehen und darüber live zu tweeten („is this world war 2, i don’t understand anything #xmenlivetweet“). Jede Erfahrung in der echten Welt wird im Netz gespiegelt und verarbeitet: Anstatt über ihre Beziehung zu reden, filmen sie sich dabei, wie sie über ihre Beziehung reden. Anstatt in einer McDonaldsfiliale in Taiwan zu essen, lungern sie darin herum und dokumentieren ihre sarkastischen Kommentare. Selbst ihr Drogenkonsum hat nichts Verruchtes mehr an sich, hat nichts mehr mit Hunter S. Thompson oder William S. Burroughs zu tun. Man wirft sich eine Pille ein, die man übers Internet bestellt hat, um weiterhin im Internet zu surfen.
Die Dialoge zeichnen sich durch eine ähnliche awkwardness aus. Schreibanfänger hören häufig, dass literarische Dialoge sich von echten darin unterscheiden würden, dass sie viel spannender und strukturierter wären. Wenn das stimmt, dann hält sich Lin überhaupt nicht an diesen Ratschlag, was Gespräche wie Folgendes zeigen:
„I kind of want to eat spaghetti“, said Paul, and laughed a little. „Or something.“
„I’ll make spaghetti“, said Maggie.
„No, I don’t want to eat spaghetti“, said Paul.
Dass die Charaktere aneinander vorbei reden, macht sie zwar ungemein glaubwürdig, lässt sie aber allesamt ähnlich erscheinen. Lin bezahlt für seinen Realismus mit der Gefahr, den Leser zu langweilen
Viele amerikanische Rezensionen behaupteten, dass Taipei der bisher beste Roman über die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen sei. Das stimmt zumindest in einer Hinsicht: Als Hauptvertreter der jungen Alt-Lit bringt Tao Lin immer wieder das Internet in sein Schaffen ein, dessen Einfluss in der deutschsprachigen Literatur weitgehend ignoriert wird. Taipei zeigt auf, welchen Einfluss es auf unsere Generation hat. So vergleicht Paul oft Phänomene des echten Lebens mit der digitalen Welt, als wäre das Web für ihn wirklicher:
Paul had begun to feel depressed without knowing why – maybe unconsciously intuiting what life would be like in a giant house with a significant other and a routine, how forty or fifty years, like windows on a computer screen, maximized on top of each other, could appear like a single year (…).
Zusammengefasst kann ich Taipei nur bedingt empfehlen. Die Geschichte ist nicht besonders interessant. Viele Szenen wiederholen sich mehrmals, wobei eine Adderall-Szene deprimierender ist als die nächste. Dass ein Buch einen deprimiert war jedoch noch nie ein guter Grund gegen dessen Lektüre. Der Roman ist ein interessantes Zeugnis für den Wandel, den unsere Gesellschaft gerade unterläuft. Erst wenige Romane befassen sich hierzulande mit der Generation Y, der Generation, zu der wahrscheinlich die meisten Leser dieser Rezension gehören. Taipei hat das Potential, uns den Spiegel vorzuhalten – auch wenn wir uns nicht X-Men auf Heroin ansehen.
Einen Ausschnitt aus seinem Roman kann man übrigens hier nachlesen.