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Theater hat in Moskau seit jeher Hochkonjunktur: ob Schauspiel klassischer Dramen, Opern im frisch restaurierten Bolshoi-Theater oder das weltberühmte Mariinsky-Ballett aus St. Petersburg. Beliebt sind auch die Aufführungen des 1927 gegründeten Operettentheaters, das im späten 19. Jh. ursprünglich für Opern erbaut wurde und später als Dependance vom Bolshoi diente.
In den letzten Jahren zeigte das Haus neben den Evergreens ‚Fledermaus‘ und ‚My Fair Lady‘ viel beachtete Versionen von ‚Notre Dame de Paris‘ und ‚Romeo & Juliette‘. Mit der eigenständigen Produktion ‚Monte Cristo‘ nach dem berühmten Roman von Alexandre Dumas d.Ä. erzielte das Theater einen Riesenerfolg.
Diesen Klassiker der Weltliteratur wählten bereits mehrere Autoren als idealen Stoff zu einem Musical. Zunächst schuf der tschechische Komponist Karel Svoboda im Dezember 2000 seinen ‚Monte Cristo‘ für die Bühne des Prager Kongresszentrums als Nachfolgeproduktion für ‚Dracula‘ (siehe „musicals“, Heft 88). Mit dem Titel ‚ChristO‘ brachten die Edelmetaller Vanden Plas im April 2008 eine Rockoper ins Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (siehe „musicals“, Heft 131).
Hierzulande ist besonders ‚Der Graf von Monte Christo’ von Frank Wildhorn bekannt, die Welturaufführung erfolgte im März 2009 im Stadttheater St. Gallen (siehe „musicals“, Heft 136). Wildhorn kannte übrigens auf meine Nachfrage weder Svobodas ‚Monte Cristo‘ noch dessen ‚Dracula‘, dabei hatte er selbst auch seinen eigenen ‚Dracula‘ komponiert.
Bei der Premiere der russischen Produktion im Oktober 2008 wunderten sich die Produzenten in lokalen Interviews, dass noch niemand zuvor den Stoff für ein Musical verarbeitet hatte. Somit entstanden praktisch alle Werke unabhängig voneinander mit verschiedener Musik und unterschiedlichen Konzepten.
Das Libretto des bekannten russischen Poeten Yuliy Kim basiert grundsätzlich auf der Buchvorlage mit wenigen Änderungen. Vor allem fällt das Fehlen von Zahlmeister Danglars auf, doch zumindest komplettiert dessen Gemahlin Ermina das Triumvirat mit Fernan und Vilfor (Figurennamen in direkter Übertragung aus dem Russischen).
A propos: Ermina und Vilfor zeugten einst den unehelichen Sohn Benedetto, was der Schmuggler Bertucco im Roman seinerzeit mitbekommen hatte und somit hier zum idealen Erzähler der Zusammenhänge avancierte. Lassen die tschechischen und amerikanischen Produktionen diesen Teil der Romanhandlung personell weitgehend außen vor, so fokussiert die russische Version gerade hier.
Zu Beginn treffen alle Figuren auf einem prächtigen Maskenball im Hause des sagenumwobenen Grafen von Monte Cristo zusammen, lediglich die erstaunte Mercedes erkennt in ihm ihren tot geglaubten Edmon. Zur Aufklärung der Situation erklärt Bertucco vor einer Leinwand mit einer wilden Küstenlandschaft die Geschehnisse, bevor der erste Akt eine große Rückblende bildet.
An dieser Stelle sei zunächst das geniale Bühnenbild von Vyacheslav Okunev erwähnt, das aus fünf drehbaren, nach vorne hin geneigten und reich geschmückten Elementen bestand, deren Stellung und Beleuchtung durch Gleb Filshtinskiy je nach Situation verschiedene Interpretationen zuließ. Frontal darauf geblickt, könnte es eine dreistöckige Loge beim Ball sein. Schräg nach hinten aneinander gereiht, erinnerten sie an ein Segelschiff, ferner bildeten sie die Bäume des Waldes oder später zusammengesetzt das Gefängnis auf der Insel If.
Zu der prachtvollen Bühnenausstattung gestaltete Nina Plotnikova aufwändig geschneiderte Kostüme entsprechend der Epoche, auffallend waren vor allem die weißen Kleider der jungen Brautleute. Farbenfroh kamen Bertucco in knalligem Rot und Benedetto in einem albernen Grün daher. Leicht auszumachen, trugen die „bösen“ Charaktere Vilfor und Fernan dunkle Töne.
Rührende Szenen begleiten Mercedes und Edmon Dantes nach dessen Rückkehr bis zur Hochzeitsvorbereitung, allenfalls unterbrochen durch einen neidischen Auftritt des eifersüchtigen Fernan. Beim Fest kommt es zum Eklat, Dantes wird bei dramatischer Beleuchtung abgeführt. Bei den düsteren Gefängnisszenen verbinden sich die fünf Elemente nebeneinander und zeigen von ihrer Rückseite ein erstaunlich chaotisches Bild verbundener Gänge, in deren Mitte ein mannshoher Propeller seine Runden dreht und die Vergänglichkeit der Zeit darstellt.
Direkt vor dem Gefängnisbau geht die Geschichte munter weiter, als Mercedes und Fernan zusammenkommen und ihren kleinen Alber begleiten. Dahinter trifft Edmon auf seinen späteren Lehrmeister Abbat Faria, dessen Rolle leider etwa zu kurz kommt. Nach dessen Tod schlüpft Dantes in den Leichensack und wird in einer spektakulären Szene auf den Grund der Bühne geworfen, während die Leinwand sprudelndes Wasser zeigt und ein kaum sichtbarer Haken den „schwimmenden“ Edmon unter großem Applaus nach oben zieht. Die fünf Elemente stellen fortan den Schiffsrumpf der Piratenbande um Bertucco dar, die Edmon zum Bergen des Schatzes in großen Kisten bewegt.
Der zweite Akt kehrt zum Maskenball zurück und behandelt die Hintergründe des Rachefeldzugs, als die Figuren nacheinander die Masken lüften und somit das Geschehen praktisch von Aufdeckung zur Aufdeckung führt. Etwa lässt Edmon die von ihm aufgenommene Gayde als Bauchtänzerin in Ketten auftreten und stürzt damit Fernan als entlarvten Mörder ins Verderben.
Vilfor wird sichtbar verrückt, als er im Grafen plötzlich Edmon erkennt, nachdem seine Vaterschaft zu Benedetto publik wird. Nach einem furiosen Finale mit Feuerwerk treffen Edmon und Mercedes einander für ein letztes Duett, gehen aber künftig getrennte Wege. Hier unterscheidet sich die russische von der amerikanischen Version, da Wildhorns Musical in ein Happyend mündet.
Die preisgekrönte Regisseurin Alina Chevik brachte das Musical in einer rassigen Umsetzung auf die breite Bühne. Großen Wert legte sie auf die charakterliche Veränderung der Protagonisten über die Jahrzehnte, nicht nur bei Edmon oder Mercedes. Mit viel Einfallsreichtum und Blick für die Details sorgte sie für eine spannende, kurzweilige Inszenierung.
Choreographin Irina Korneeva, einst Solo-Ballerina am Bolshoi-Theater, ließ Teile des Ballettensembles fast ständig im Hintergrund tanzen, manchmal auch zu reinen Instrumentalstücken ohne Gesang. Durch den regelmäßigen Auftritt der Tänzer und Akrobaten war ständig Bewegung auf der Bühne. Bis zur Verbeugung am Ende nach dem letzten Duett riss das völlig durchchoreographierte Werk das Publikum mit.
Ein großes Plus des russischen ‚Monte Cristo‘ ist die kraftvolle Partitur des jungen Komponisten Roman Ignatiev. Klassisch arrangierte Songs gehen über in rassige Rocknummern, um wieder zu lyrischen Stellen epischer Rockballaden zurückzufinden. Der Crossover-Sound erinnerte an manchen Stellen an die neueren Alben von Sarah Brightman. Viele der eingängigen Melodien wiederholten sich bewusst, die Motivarbeit der Songs half mit, den Geschehnissen ohne Sprache folgen und die Personen einordnen zu können.
Manche der romantischen Duette gerieten leicht schnulzig, zum Glück ohne vollends dem Kitsch zu verfallen. Je nach Figur waren auch harte Nummern mit Stakkatoklängen zu hören, etwa bei den Auftritten von Fernan oder bei den Vorbereitungen der Verschwörung. Leider war kein Platz für die Musiker vorgesehen, da die Akrobaten in waghalsigen Sprüngen den Orchestergraben für sich beschlagnahmten. Einige Songs blieben nach der Vorstellung noch lange im Ohr, etwa der Chor-Refrain der Ballszenen.
In der hervorragend besetzten Titelrolle gab Igor Balalayev einen anfänglich fröhlich auftretenden Edmon Dantes mit jugendlichem, dennoch kräftigem Bariton, der in seiner weiteren Figurenentwicklung älter und in Spiel und Gesang bestimmter wurde. Hörenswert waren insbesondere seine Arie „Ich kann mich nicht erinnern“ im Gefängnis sowie sein rückblickender Monolog „Sei still, meine Seele“ im zweiten Akt.
Die hübsche Valeria Lanskaya verkörperte die Mercedes mit klarem Sopran und zunächst sympathischer und später verbitterter Erscheinung. Ihre Highlights waren die Songs „Gebet“ im ersten sowie „Wer bist Du“ zu Beginn des zweiten Akts. Bei den Duetten fügten sich beide Stimmen zu einem harmonischen Klangbild zusammen.
Als Fernan vermochte Maxim Novikov seine dunkle Seite mit fieser Mimik zu zeigen, besonders im Zusammenspiel mit Alexandr Marakulin als falscher Vilfor. Eine schwungvolle Note verlieh Alexandr Golubev seinem Bertucco mit hoher Spielfreude, dessen Rolle immer wieder durch das Stück führte und auch den Piratenkapitän Vampa ersetzte. In der Rolle der Gayde erinnerte Karine Asiryan nicht nur optisch an Ofra Haza und vermochte in ihrem einzigen Song „Du bist ein Verräter“ ein stimmliches Ausrufezeichen zu setzen.
In den weiteren Rollen sangen Lika Gulla als Danglars Gattin Ermina und Vadim Michman als Benedetto, Alexandr Postolenko und Anna Guchenkova bildeten das junge Liebespaar Alber und Valentina, ferner gab Vyacheslav Shlyachtov den Abbat Faria.
Den Schöpfern des russischen ‚Monte Cristo‘ gelang eine hochrangige Produktion auf Topniveau mit exzellenten Darstellern, einer mitreißenden Musik und toller Show. Der Verzicht auf die Figur des Danglars war zu verschmerzen, da die Version weitere Figuren der Romanhandlung thematisierte und das Ende im Vergleich zu Wildhorn immerhin der Vorlage entsprach.
Sicherlich war der Besuch für ausländische Touristen ohne Kenntnisse der russischen Sprache nicht einfach, zumal auf der Bühne leider keine englischen Untertitel angeboten wurden. War die Handlung des Romans grundsätzlich bekannt, konnte man dem Stück trotzdem weitgehend folgen. Mit sehenswerter Bühnengestaltung, herrlichen Kostümen, rasanten Tanzszenen und akrobatischen Einlagen war die unterhaltsame Darstellung auch beim dritten Besuch noch ein packendes Erlebnis.
Nach dreieinhalb Jahren Laufzeit mit 520 Aufführungen im 1600 Plätze zählenden Operettentheater geht der ‚Monte Cristo‘ als bisher erfolgreichstes russisches Musical künftig auf Tournee durch Russland. Die spektakuläre Produktion hätte ebenfalls im Ausland Potential – gäbe es nicht schon mehrere Werke gleichen Namens. Als Nachfolger begann gerade das neue Musical ‚Graf Orlov‘ auf der Bühne des Operettentheaters.
Veröffentlicht in musicals (München), Ausgabe 160, April 2013, Seite 80/81