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Zweiundsiebzig Männer, Bootsflüchtlinge aus Afrika, werden nach Altino, einem Städtchen im Innern Siziliens gebracht. Ein privates Hilfswerk bemüht sich, ihnen den Aufenthalt bis zur Klärung ihres Status einigermassen angenehm zu gestalten. Sie werden in leerstehenden Wohnungen untergebracht, können Sprachkurse besuchen. Die "Ragazzi", wie sie bald genannt werden, organisieren ihren Alltag in der fremden Umgebung recht gut. Doch sie fallen auf in diesem kleinen Ort an den Hängen des Ätna. Eine rechtsextreme Gruppierung greift latente Spannungen auf, hetzt und legt es darauf an, dass es schliesslich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt.
Mohamed Mbougar Sarr, der senegalesische Schriftsteller, der 2022 mit seinem Roman Roman Die geheimste Erinnerung der Menschen den Prix Goncourt gewann, hat vor dem preisgekrönten Buch schon zwei andere Romane veröffentlicht. Silence du chœur schrieb der 1990 geborene Autor mit 27. Und es gelingt ihm, die komplexe und vielschichtige Flüchtlingsthematik auf einfühlsame und kritische Art sozusagen von innen zu beschreiben, indem er verschiedene Persönlichkeiten – sowohl der afrikanischen Einwanderer wie auch der lokalen Bevölkerung – lebendig werden lässt in ihrer Geschichte, ihren Hoffnungen und Frustrationen.
Da ist etwa Jogoy, der schon vor ein paar Jahren aus Guinea gekommen ist, und die Funktion des Übersetzers und Vermittlers übernimmt. Er schildert die Schrecken seiner eigenen Flucht, das Drama, als einziger die Reise über das Mittelmeer in einem schiffbrüchigen Kahn, überlebt zu haben, das Gefühl, welches die Flüchtenden begleitet: "Es ist nicht die Schande fortzugehen, sondern die Schande, dass man es nicht geschafft hat, zu bleiben, seinen Platz im eigenen Land zu finden." Die Ragazzi teilen viele Erfahrungen, ihre Motive und Aspirationen sind aber auch sehr unterschiedlich. Der schon etwas ältere Bemba, wartet ungeduldig darauf, dass er endlich wie erhofft ein erfolgreicher Geschäftsmann werden kann. Zwischen dem verträumten Fousseyni und einer der Mitarbeiterinnen des Hilfswerks entwickelt sich eine zarte und respektvolle Liebesbeziehung. Salomon lebt seine Frustration über das arrogante Europa in religiös verbrämten Rachephantasien aus und versucht seine Kameraden mit seinen Apokalypse-Visionen in Bann zu ziehen. Alle aber leiden darunter, dass der Prozess bis zum Asylentscheid sich in die Länge zieht und sie monatelang zum Nichtstun verurteilt sind. Mehr und mehr bekommen sie den Eindruck, dass sie kaum ernst genommen werden, dass Europa nicht bereit ist, sich wirklich mit ihnen und der Flüchtlingsproblematik auseinanderzusetzen und die Begegnung mit ihnen wenigen berufsmässigen Helfer:innen und Freiwilligen überlässt.
Auch die Figuren der Einheimischen sind mit Sorgfalt gezeichnet. Sie entsprechen nicht den gängigen Clichés und überraschen mit ihren unterschiedlichen und oft sehr persönlich geprägten Haltungen. Bürgermeister Francesco Montero, der die Aufnahme der Flüchtlinge erst begleitet und unterstützt, lässt sich durch die Aussicht, einen Parlamentsposten in Rom zu bekommen, zu einem befremdlichen Sinneswandel verführen. Clara, die junge Hilfswerksmitarbeiterin, muss feststellen, dass es nicht reicht, die "Ragazzi" glücklich machen zu wollen. Padre Bonianno, der selber länger in Afrika gelebt hat und seinen Aktionsradius nun wegen seines Erblindens auf die Pfarrei in Altino beschränken muss, blüht auf im Kontakt mit den Ragazzi, die er auf das Asylverfahren vorbereitet. Sie sollen ihre Geschichte so erzählen können, dass sie dabei eine Chance haben. Der bekannte Dichter Giuseppe Fantini schliesslich, der seit 15 Jahren nicht mehr schreibt und in einer Art resignativen Rückzugs lebt, wird durch die Präsenz der Ragazzi und die Auseinandersetzungen, die sich anbahnen, gezwungen, sich wieder mit seinem Umfeld zu beschäftigen und Stellung zu beziehen.
So verschieden wie die Personen sind die literarischen Mittel – auktoriale und persönliche Erzählungen, Theaterszenen, Tagebucheinträge –, die sich abwechseln. Auch wenn das Buch literarisch noch nicht auf der Höhe des später entstandenen preisgekrönten Romans ist, entsteht ein überzeugendes, vielfältiges Bild der verschiedenen Sichtweisen auf eine Realität, wo es letztlich darauf ankommt, die Begegnung zu wagen, hinzuschauen und sein Gesicht zu zeigen (faire face, faire visage). Denn, so Padre Bonianno, "die schlimmste Erniedrigung für jeden Menschen ist es, kein Gesicht als Gegenüber zu haben oder auf dem Gesicht, das er anschaut, nichts zu sehen." Elisa FuchsKlappentext:
Soixante-douze hommes arrivent dans un bourg de la campagne sicilienne. L'époque les appelle "immigrés", "réfugiés" ou "migrants". A Altino, ils sont surtout les ragazzi, les "gars" que l'association Santa Marta prend en charge. Mais leur présence bouleverse le quotidien de la petite ville.
En attendant que leur sort soit fixé, les ragazzi croisent toutes sortes de figures: un curé atypique qui réécrit leurs histoires, une femme engagée à leur offrir l'asile, un homme déterminé à le leur refuser, un ancien ragazzo devenu interprète, ou encore un poète sauvage qui n'écrit plus.œÜber die Autorin / über den Autor:
Mohamed Mbougar Sarr est né en 1990 au Sénégal. Son premier roman, Terre ceinte (Présence Africaine, 2014) a été récompensé par le Grand Prix du Roman métis, le Prix du roman métis des lycéens et le Prix Ahmadou Kourouma en 2015. Son deuxième roman, Silence du chœur, (Présence Africaine, 2017) a reçu le Prix du roman métis des lecteurs, le Prix littérature-monde, et le Prix littéraire de la Porte Dorée en 2018. En 2021, il a reçu le Prix Goncourt pour La plus Secrète mémoire des hommes (Philippe Rey, 2021).Preis: CHF 15.00