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Aktualisiert: 28. Nov. 2021
Obwohl ich mich die Jahre zuvor auch nicht sehr wohl gefühlt habe, ja, ich sogar sehr oft krank war, toppte das Jahr 2018 alles.
Es war ein etwas, ich möchte sagen, bescheidenes Jahr.
Es war das Jahr, in dem ich auseinander zu fallen drohte. Ich fühlte mich in der Tat wie eine zusammengesetzte Gestalt von Viktor Frankenstein. Angefangen hat es mit einer Übelkeit, welche mich mitten in der Nacht aufschrecken liess und mich für Stunden im Bad festhielt.
Dieser folgten andauernd grippeartige Symptome, immer begleitend mit Fieber und Schweissausbrüchen.
Und jeden Morgen nach dem Aufstehen, hatte ich einen steifen, schmerzenden Nacken, der meinen Radius enorm einschränkte. Ich war wirklich froh, keine Giraffe gewesen zu sein, aber damit hörten die Beschwerden nicht auf.
Kurze Zeit später bekam ich nämlich einen Tinnitus im rechten Ohr, der erst ein Zirpen war und zum Dauerrauschen wurde, ehe ich auf dem Ohr gar nichts mehr gehört hatte. Auch fingen plötzlich neurologische Ausfälle an, die ich mir nicht erklären konnte. Nach jahrelangem Augenleiden, welches mich manchmal wie Dracula auf Koks aussehen liess, kamen auch noch diese Hör- und Gleichgewichtsprobleme hinzu. Diese wurden von einem Drehschwindel begleitet, der mich unkontrolliert gegen Gegenstände oder Menschen laufen liess und nicht einmal aufhörte, wenn ich im Bett lag.
Es schien, als ob ich meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte und meinen Gang nicht mehr koordinieren konnte. Zuerst lachte ich darüber, denn ich fragte mich, ob mit meinen Beinen etwas nicht stimmte. Auf die Idee, dass mein Kopf womöglich nicht mitspielte, kam ich gar nicht.
Zu der Zeit konnte mein Mann aber bereits an einer Hand abzählen, an welchen Tagen ich mal nicht krank war. Und wenn er am Wochenende daheim war, hütete ich das Bett und versuchte, mich so gut es ging zu schonen.
So dümpelte ich dahin und war langsam physisch wie psychisch ziemlich am Limit.
Und obwohl ich seit langer Zeit Dauergast beim Augenarzt war, ging ich im März 2018 mal wieder zum Hausarzt. Und danach sass ich fast jeden Monat im Wartezimmer.
Mittlerweile war es mir schon egal, was man mir gab. Nur her damit! Ich nahm vor allem Antibiotika oder Kortison.
Zwar brachten nur sie eine vorübergehende Besserung meiner Symptome, aber eben nur vorübergehend. Der Arzt, den man mir in der Gemeinschaftspraxis auf das Auge drückte, war noch jung und kam gerade frisch von der Universität.
Er hatte noch nicht seinen Doktor gemacht, aber dieses überhebliche Grinsen auf den Lippen als er mir sagte, „dass man als Mutter eben öfter krank sei, denn Kinder schleppen nun mal allerhand Viren mit nach Hause.“
Ich schaute wohl wie ein Karnickel, wenn es donnert, denn er schien mich nicht ernst zu nehmen. So schaute ich zur meiner damals fünfjährigen Tochter und wunderte mich, ob sie wohl immer „Hier!“ schreien würde, damit Bakterien und Viren sich in unserem Haushalt breit machen konnten. Komisch aber, war immer nur ich krank, nie mein Mann (Gott sei Dank) oder mein Kind (Doppel Gott sei Dank).
Ich sagte dem Arzt dann, "dass ich ständig Fieber hatte und dass dies ja nicht ganz normal sei". Letztlich weiss selbst ich als Nichtmedizinerin, dass der Körper gegen irgendetwas ankämpft, wenn man auf mir sogar hätte rohe Eier braten können.
Auch die ganzen anderen Symptome passten nicht ganz zum Krankheitsbild einer Grippe. Zumindest dachte ich das. Aber was weiss ich schon? Ich habe ja nicht Medizin studiert und das liess mich der Arzt auch spüren. „Ein MRT oder CT würde zu teuer kommen und würde sicher nichts bringen.“, war seine Antwort. So redete ich mir weiterhin ein, dass seit der Geburt meines Kindes wohl in der Tat mein Immunsystem geschwächt sei.
Zumindest war der Arzt aber bereit, an mir einen Allergietest durchzuführen. Was dieser nun mit meinen Beschwerden zu tun hatte, wusste ich zwar auch nicht, aber ich war froh, dass er irgendetwas testete. Und wie nicht anders zu erwarten und was ich eigentlich schon wusste, war ich gegen einige Gräser und Hausmilben allergisch. Also wechselte ich alle paar Tage meine Bettwäsche und kaufte wegen den Nackenschmerzen sogar neue Kissen. Aber auch das half nicht gegen mein Unwohlsein und auch nicht gegen die Nackenschmerzen.
Wegen meinem Ohr leitete mich der junge Arzt dann aber doch noch an einen Ohrenarzt weiter, denn ich hörte weiterhin nichts auf dem rechten Ohr. Den Termin hatte ich aber erst drei Wochen später und obwohl mein Ohr nicht mehr funktionierte, hörte ich auf diesem 24 Stunden lang ein Zirpen.
Als ich endlich den Termin bekam, war der Ohrenarzt an der Laune nach zu beurteilen überarbeitet, denn das Wartezimmer war voll und als die Assistentin drei Stunden brauchte, um einen Schwindeltest bei mir durchzuführen, bin ich ebenfalls schlecht gelaunt aus der Praxis raus und fühlte mich einfach nur düpiert.
So vergingen einige Monate. Ohne Ergebnis, aber weiteren Antibiotikapillen gegen mein Fieber, einem unkontrollierbaren Drehschwindel und einem mittlerweile schrillen 24-Stunden-Klingelton im rechten Ohr.
Im Sommer besuchte ich dann meine Familie in Deutschland. Zu dieser Zeit war mein Gleichgewichtssinn dermassen ausser Kontrolle, dass ich mich ohne Licht im Dunkeln gar nicht mehr bewegen konnte. Aber auch mit Licht bin ich ständig gegen Wände oder Türen gelaufen. Und das Licht tat wiederum meinen Augen nicht gut. Diese waren dermassen rot und geschwollen, dass ich vermehrt Schmerzen hatte. Auch war ich mal wieder krank. Meine Familie liess mich dann notfallmässig bei ihrem Ohren- sowie Augenarzt vorsprechen. Der Augenarzt meinte, ich bräuchte Hilfe von einem Hornhautspezialisten und der Ohrenarzt gab mir eine Hörgeräteverordnung mit.
Da war ich nun wieder.
Herumtorkelnd wie eine Betrunkene mit Fieber, die immer noch aussah, als ob sie gleich aus allen Latschen kippen würde. Mir fehlten weiterhin die Antworten, was mein Körper da eigentlich gerade fabrizierte.
Wieder in der Schweiz bin ich sodann erst einmal in die Augenklinik. Mein Augenarzt hatte wieder Ferien, weswegen ich an einem Sonntag notfallmässig in die Klinik bin. Bei der Anmeldung misste man mir die Temperatur und die Assistentin meinte, dass ich Fieber hätte. Sie zeigte mir das Fieberthermometer während ich auf dem Stuhl vor ihr sass und mit den Schultern zuckte. „Ich weiss, das ist nichts Neues.“, winkte ich ab.
Nach vierstündiger Wartezeit schaute dann die Oberärztin in meine Augen und realisierte eine Hornhautverletzung, welche man dann versuchte zu behandeln.
Zwischen zwei bis vier Mal wöchentlich musste ich in die Augenklinik und dies über Monate. Ich bekam Augentropfen, welche aus meinem eigenen Blut gewonnen wurden und ich „freute“ mich schon auf die Rechnung der Behandlungen. Aber obwohl die Augen etwas besser wurden, blieben die anderen Symptome gleich. So gab ich mir einen Ruck und ging im Winter 2018 noch einmal zu dem Ohrenarzt.
Jeder verdient eine zweite Chance, oder?
Zu meiner Überraschung war das Wartezimmer leer und der Ohrenarzt sehr freundlich. Erst machten wir einen Hörtest und er kam mit einem bemitleidenswürdigen Blick und der Bemerkung „Sie sind auf dem rechten Ohr taub.“ auf mich zu.
Ach, sagen Sie bloss!, wollte ich schon fast sagen, verkniff es mir jedoch.
Ein Schwindeltest gab es auch wieder, aber auch dieser blieb wieder ergebnislos. Die Symptome passten dem Ohrenarzt nun auch nicht zusammen und so meinte er, dass er mich zu einem MRT-Termin anmelden würde. „Nur, um sicher zu gehen, dass nicht etwas anderes dahinterstecken würde.“
Ich sagte zu, wusste aber nicht ganz, was dabei herauskommen sollte. Anscheinend machen dies die Ohrenärzte, wenn man derartige Symptome hat.
Nun gut …
Also ging ich am Montag, den 07. Januar 2019, zum MRT (Magnetresonanztomographie). Immer noch dachte ich, dass dabei nichts herauskommen würde und ich freute mich, dass mich eine Freundin begleitete. Sie hatte an diesem Tag frei, doch arbeitet sie vor Ort als Röntgenassistentin.
Zuerst musste ich mich in einer Garderobe bis zur Unterhose ausziehen und einen Patientenkittel anziehen. Also solch einer, der hinten offen ist und nur durch eine kleine Schleife zusammengebunden werden kann. Da ich so zierlich bin, hätte ich mit dem Kittel zum Tanzen gehen können.
Beim MRT selber war es dafür aber zu kalt, doch das Gerät stand mittig in einem Extraraum und ich legte mich auf eine Trage, die dann in das Gerät hineingefahren wurde. Ich habe keine Platzangst, aber für Menschen, die darunter leiden, muss es grausam sein.
Erst wurden die Bilder ohne das Kontrastmittel gemacht, danach wurde es mir gespritzt. Davon habe ich nicht viel mitbekommen, denn es tat weder weh, noch war es unangenehm. Die ganze Prozedur sollte eine halbe Stunde dauern, ich lag jedoch fast eine Stunde in der Röhre und hielt dabei die Augen geschlossen. Zwar hatte ich Kopfhörer mit Musik auf, doch das MRT übertönte alles. Das Gerät ist so unglaublich laut, als ob man neben einem Presslufthammer stehen würde.
Als mir die nette Assistentin letztlich aus dem MRT half, war ihr anfängliches Lächeln verstummt. Während sie mir den Zugang aus dem Arm zog sagte sie, „dass der Radiologe noch mit mir sprechen möchte. Bei dieser Gelegenheit würde er mir auch die Bilder zeigen.“ Ich bedankte mich bei ihr und zog mich wieder in der Garderobe um.
Immer noch nicht an etwas Schlimmes denkend, bin ich zu meiner Freundin in den Warteraum zurückgegangen. Sie erwartete mich bereits und so gingen wir zusammen zum Radiologen. Auch er erwartete mich und hatte sich bereits meine Bilder angeschaut. Wir begrüssten uns und ich setzte mich neben ihn. Der Raum war recht dunkel und vor ihm standen drei grosse Bildschirme. Meine Freundin sass etwas mittig hinter uns und fing bereits an zu schluchzen.
Ich schaute auf den Bildschirm und sah eine Menge Bilder eines Gehirns mit einem weissen, ungewöhnlichen Objekt in diesem. Mein erster Gedanke war: „Das gehört dort nicht hin.“ In dem Moment hörte ich die Stimme des Radiologen: „Ich habe mir Ihre Bilder angeschaut und ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie einen Gehirntumor haben.“
Diese Nachricht sass.
Genau in diesem Moment fühlte sich mein Kopf an, als ob er mit Watte ausgestopft war. Mein Lächeln musste verstummt sein und so auch meine Wörter, denn ich wusste gar nicht mehr was ich denken, geschweige denn sagen sollte. So fuhr der Radiologe fort, der mir gleich versicherte, dass er glaubt, dass es sich um einen gutartigen Tumor handeln, aber wegen seiner Grösse herausoperiert werden musste. Bevor er dies sagte, fragte ich mich, ob ich „das Ding“ mit Medikamenten wegbekommen würde, doch das war wohl ein etwas naiver Gedanke. Ich schaute den Übeltäter auf dem Bildschirm an und fragte mich, wie er da wohl hineingekommen wäre.
Der Radiologe fuhr fort, dass es „einen ganz tollen Neurochirurg gäbe, der eine Koryphäe auf dem Gebiet der Entfernung von Gehirntumoren wäre“. Auch meine Freundin stimmte zu und beide bestärkten mich, zu ihm zu gehen. „Er ist auch sehr menschlich.“, meinte meine Freundin und drückte meine Hand.
„Es tut mir leid, Ihnen keinen besseren Bescheid geben zu können.“, sagte der Radiologe sehr feinfühlig zum Abschied und gab mir die Hand.
„Es ist ja nicht Ihre Schuld.“, erwiderte ich lächelnd.
Nach der Verabschiedung verliessen meine Freundin und ich die Praxis und irgendwie konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Als sie mir unaufhörlich über die Wangen liefen, entschuldigte ich mich bei meiner Freundin, die ebenso weinte und mich in den Arm nahm. Mein erster Gedanke galt meiner Familie. „Wie sage ich es nur meiner Familie und meinem Kind?“ Plötzlich war ich überfordert, konnte mich aber schnell wieder beruhigen. Ich lächelte, wischte mir die Tränen ab und sagte siegessicher: „Es kommt gut, das weiss ich!“
Auch meine Freundin war sich dessen sicher und versicherte mir, nach der Operation für mich da zu sein, wenn ich aus dem MRT käme. Anscheinend würde man dies nach der Operation machen, damit der Arzt sehen konnte, ob der Tumor wirklich komplett herausoperiert worden ist.
Zurück zu Hause nahm ich den Staubsauger und raste wie eine Wilde durch die Wohnung. Kein Staubkorn hatte eine Chance gegen mein wutentbranntes Herumwirbeln. Dieser Verdrängungsmechanismus hörte plötzlich auf zu funktionieren, denn ich hielt inne. Mit einem Mal dachte ich an meine Familie in Deutschland und wollte ihnen lieber jetzt als später Bescheid geben.
2005 bin ich in die Schweiz ausgewandert, alleine und viele Kilometer von meinen Eltern entfernt. Ich wollte und brauchte diesen Neuanfang und war, wenn auch mit ein paar Ausnahmen, stets glücklich in meiner neuen Heimat. Auch hier hatte ich so einige Hürden nehmen müssen, doch die Jetzige würde auch meine Familie betreffen. So griff ich nach dem Telefon, den Staubsauger im Flur liegenlassend. Ich setzte mich auf das Bett, wählte die Nummer meiner Eltern und meine Mutter ging nach nur zwei Mal klingeln ran. Zu der Zeit war ich noch gefasst und sie fragte mich, wie es mir gehen würde. Sie erzählte mir noch etwas, aber ich war schon dabei, mir die Wörter im Kopf zurechtzulegen, dass es nicht ganz so schlimm nach Tod und Verderben klingen würde.
Da ich meine Eltern aber nur zu gut kenne wusste ich, wie das, was ich sagen würde, trotzdem nach genau dem klingen würde.
„Mama, wenn ich dir das nun sage, darfst du mir nicht böse sein. Ich kann nichts dafür.“, waren meine ersten Worte. Warum ich genau diese wählte, weiss ich nicht mehr. Meine Mutter stutzte und meinte nur: „Was ist los, Anne?“
In dem Moment fing ich an zu weinen. Mir tat es so leid, dass ich nicht bei jedem Menschen, der diese Nachricht nun erhalten würde, vor Ort sein und ihn umarmen könnte.
„Ich hatte ja heute das MRT und der Radiologe hat gesagt, dass ich einen Gehirntumor habe.“
Diese Nachricht sass.
Am anderen Ende hörte ich meine Mutter schlucken. Nach einigen Sekunden sagte sie dann mit zittriger Stimme, dass sie mich gleich wieder anrufen würde. Sie müsste erst einmal mit meinem Vater sprechen, der sich zu der Zeit auf der Arbeit befand. Ich bejahte und wir legten auf.
Du dusseliges Huhn, jetzt machen sie sich einen Kopf wegen dir., dachte ich. Aber ich wusste auch, dass sie es wissen MUSSTEN. Ebenso wie mein Mann. Ich wählte seine Handynummer und zu meinem Erstaunen ging er ran. Seine Arbeit liess es oftmals nicht zu, aber er dachte sich bereits, dass etwas Schlimmes sein musste, wenn ich so kurz nach dem MRT-Termin anrufen würde.
„Der Arzt sagte, ich hätte einen Gehirntumor.“, sagte ich schluchzend und am anderen Ende hörte ich ihn in den Hörer schreien: „Waaaaas? Scheisse!“ Ich versprach ihm, dass wir am Abend in Ruhe reden würden und dass meine Eltern bereits Bescheid wussten.
Kurz nach dem Auflegen rief meine Mutter wieder an. Sie sagte mir, dass mein Vater bereits auf dem Weg zu ihr wäre und meine Schwester mitbringen würde. Sie würden mich dann noch einmal anrufen und ich könnte es allen sagen.
Kurz nach 13 Uhr klingelte das Telefon wieder.
Zu dieser Zeit war meine Tochter bereits aus dem Kindergarten nach Hause gekommen und spielte in ihrem Zimmer. Ich nahm das Telefon ab und meine Eltern sassen mitsamt meiner Schwester vor dem Telefon, welches sie laut geschaltet hatten. Also wiederholte ich meine Worte noch einmal: „Ich hatte heute ein MRT und der Radiologe hat mir gesagt, dass ich einen Gehirntumor habe.“ Je öfter ich das Wörtchen Gehirntumor sagte, desto weniger erschreckte es mich. Meine Schwester, älter als ich, wollte natürlich alles ganz genau wissen. Was für ein Tumor, welche Grösse und überhaupt. Bis auf die Grösse wusste ich aber noch nichts Näheres. „Er ist drei Zentimeter gross und auf der rechten Seite, bereits nahe der Mitte.“
Meine Mutter weinte und ich versuchte sie aufzubauen und ihr wie auch den anderen beiden zu versichern, dass es mir gut gehen würde. Zwar hatten sie 2018 mitbekommen, dass ich sehr oft krank war, aber ich beschloss, nicht immer darüber nachdenken zu wollen, was sich da gerade in meinem Kopf befand. Das war zwar mitunter etwas schwierig, aber ich versuchte, mich so gut es ging abzulenken. Der Tumor bekam von mir sogar einen Namen. Nicht, weil ich das Ganze ins Lächerliche ziehen wollte, aber ich wollte ihm damit den Schrecken nehmen. Er wurde dadurch greifbarer für mich.
So nannte ich ihn August und ich entschuldige mich an dieser Stelle bei allen Lesern, die so heissen oder jemanden kennen, der diesen Namen trägt.
Aber irgendetwas passierte in mir. Seit ich wusste, dass es August gab, lebte ich mit noch mehr Ehrfurcht. Zwar war ich vorher schon mit meinem Leben zufrieden und vor allem für vieles dankbar, doch durch das Wissen seiner Präsenz verstärkte sich einmal mehr der Wille, an meinem Optimismus festzuhalten. Diesen brauchte ich auch. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Angehörigen. Es schien mitunter, dass ich alle um mich herum nach der Diagnose beruhigen musste.
Das bestärkte mich wiederum aber nur in dem Glauben, dass alles gut werden würde. Ich war einfach froh zu wissen, was meine Probleme auslöste, warum ich mich beim Laufen nicht in der Spur halten konnte und irgendwo gegenrannte oder warum ich auf meinem rechten Ohr nichts mehr hörte.
Den Tag drauf rief mich dann der Ohrenarzt an. Er gab mir zwei Optionen für das weitere Vorgehen, wovon aber beide Optionen Operationen waren. Entweder in Zürich oder bei uns in Luzern bei dem Neurochirurgen, der mir auch von dem Radiologen wie meiner Freundin empfohlen wurde. Ich wollte zu ihm und der Ohrenarzt meinte, er würde meine Akte sogleich weitergeben.
Am nächsten Tag rief mich auch schon die Assistentin des Neurochirurgen für einen Termin an. Irgendwie ging alles plötzlich Schlag auf Schlag, denn bereits am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg zu ihm in die Sprechstunde, nur zwei Tage nach der Diagnose.