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Vermutungen
Immer wieder finden sich in Gutachten Hinweise darauf, dass der Experte den begründeten Verdacht habe, es liege ein bestimmter Sachverhalt vor, dieser aber nicht bewiesen werden könne. Dies sind so genannte Vermutungen. Zwar ist es richtig, dass der Gutachter gewisse Vermutungen hat, und es ist nicht immer möglich, sämtliche Vermutungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Allerdings muss sich dies im Rahmen des Gutachtens klar und eindeutig äussern.
Praxis-Tipp
Hat der Experte eine bestimmte Vermutung, die er nicht beweisen kann, dann darf er zwar sagen, er vermute, dieses und jenes sei Mitursache des Schadens. Anschliessend muss er aber ganz klar festhalten, dass er die entsprechende Vermutung nicht beweisen kann.
Wenn es dann darum geht, die Ursachen des Schadens aufzuklären, darf sich der Experte zuerst nur auf diejenigen Tatsachen stützen, die er beweisen kann. Kann im Übrigen der Experte die an ihn gestellten Fragen nicht beantworten, weil er die Fragebeantwortung nur auf Vermutungen stützen kann, gibt es für ihn drei Möglichkeiten.
- Er beseitigt die Vermutungen durch zusätzliche Abklärungen und nimmt einen Vorgang in Kauf, der mit einem erheblichen zusätzlichen Aufwand verbunden ist und der, gerade bei Tatsachen der Vergangenheit, die nicht mehr ermittelbar sind, nicht immer möglich ist
- Er sagt im Gutachten klar und eindeutig, diese oder jene Frage könne er nicht beantworten, weil er sich bei der Fragebeantwortung auf eine Vermutung stützen müsse.
- Er sagt im Rahmen der Fragebeantwortung klar und unmissverständlich, er vermute, diese oder jene Ursache habe zum Schaden geführt, und er erachte die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei der von ihm vermuteten Ursache effektiv um die Schadensursache handle, als 40, 50 usw. %-ig. Damit sagt er klar und eindeutig, dass er bei seiner Beurteilung aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung von einer Vermutung ausgeht, dass aber letztendlich die Tatsachen nicht genügend erhärtet werden konnten, um die Vermutung durch eine sichere Aussage zu ersetzen.
Praxis-Beispiel
Im Rahmen einer Expertise über eine schadhafte Fassade finden wir von einem Experten folgenden Satz:
‹Die Schichtdicke des Anstriches scheint hier ungleichmässig, jedoch wurden keine Messungen durchgeführt, da hierzu kein Auftrag bestand.›
Im konkreten Fall ging es darum, dass beanstandet wurde, bei einer bestimmten Fassade würden sich lokale Glanzstellen zeigen und aufgrund dieser Glanzstellen sei auf eine Mangelhaftigkeit eines Farbanstriches zu schliessen. Der Experte hat zwar hier klar gesagt, es handle sich bei seinem Eindruck um eine Vermutung und der entsprechende Punkt sei auch nicht detailliert untersucht worden. Der entsprechende Experte fährt dann allerdings bei den Schadensursachen wie folgt fort:
‹... schliesslich hat auch die unterschiedliche Schichtdicke des Farbanstriches einen, wenn auch geringen Einfluss auf die Schäden.›
Vorgängig wurde gezeigt, dass es sich bei den unterschiedlichen Schichtdicken um eine Vermutung des Experten handelt. Hier hat derselbe Experte diese Vermutung nun zur Grundlage einer Schadensursache gemacht, ohne darauf hinzuweisen, es handle sich dabei um eine nicht erhärtete Vermutung.
Achtung
Das Vorgehen, wie es sich dieser Experte in diesem konkreten Fall für das Gutachten erlaubte, ist absolut unzulässig. Die entsprechenden Klärungen mit dem Experten haben dann auch ergeben, dass er die von ihm gemachte Aussage nicht in dem Sinne verstanden haben wollte, und es hat sich weiter ergeben, dass der Experte durchaus der Meinung war, die eigentliche Farbschichtdicke sei nicht ungenügend, sondern sie weise unterschiedliche Stärken auf.
Sollte ein Experte eine solche Aussage machen wollen, dann ist sie klar und für alle verständlich auszudrücken. Es darf nicht sein, dass aufgrund einer unklaren Aussage und aufgrund einer Vermutung Schadensursachen genannt werden, die am Schluss keine Schadensursachen sind.
Beantworten von Rechtsfragen
Oft wird an den Experten das Begehren gestellt, er solle im Rahmen einer Expertise nicht nur die technischen Fragen beantworten, sondern gleichzeitig auch die Verantwortung der einzelnen am Schaden beteiligten Unternehmer und Planer abklären. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass gerade diese Tätigkeit eine ausserordentlich schwierige Tätigkeit ist und normalerweise das Wissen eines Juristen erfordert.
Praxis-Tipp
Die Beantwortung von Rechtsfragen sollte, sofern es sich nicht um ganz eindeutige, klare Fragen handelt, immer dem Juristen überlassen werden. Es steht einem Experten durchaus offen, im Rahmen eines gerichtlichen Gutachtens bzw. Parteigutachtens auf eine bestimmte Frage in dem Sinn zu antworten, er sei der Meinung, es handle sich um eine Rechtsfrage und aus diesem Grunde sei die entsprechende Frage vom Richter bzw. von einem Juristen zu beantworten.
Die meisten Techniker- und Handwerkergutachter sind bei der Beantwortung entsprechender Fragen absolut überfordert und geben Urteile ab, die rechtlich unhaltbar sind. Sobald solche Urteile allerdings in einer Expertise stehen, ist damit zu rechnen, dass ein Richter, der oft schon Schwierigkeiten hat, das technische Gutachten zu verstehen, diese Verantwortungszuweisungen einfach in sein Urteil übernimmt. Es ist damit zu rechnen, dass dadurch Fehlurteile gefällt werden.
Praxis-Beispiel
In einem bestimmten Gutachten über Rissbildung in einer Aussenfassade findet sich folgender Satz:
‹Wie in den zwei bereits erstellten Expertenberichten festgehalten wurde, kann die Schadensursache nicht mit letzter Sicherheit bestimmt werden.›
Weiter unten fährt nun der Experte wie folgt weiter:
‹Verantwortung: Die beschriebenen Risse müssen dem Gipsergeschäft angelastet werden.›
Hier sagt der Experte als erstes, die Ursache eines Schadens könne nicht mit Sicherheit bestimmt werden. Es liegt auf der Hand, dass es nicht zulässig ist, einem bestimmten Unternehmer die Verantwortung für einen bestimmten Schaden anzulasten, wenn nicht einmal die Ursache des Schadens bekannt ist. Warum muss der Gipser dafür einstehen, wenn sich in einem Aussenputz Risse zeigen? Könnte es nicht sein, dass dafür nicht der Gipser, sondern der Maurer verantwortlich ist? In demselben Gutachten findet sich folgender Schlusssatz:
‹Weil der Unternehmer (Gipser) keine Vorbehalte gegenüber dem Untergrund angemeldet hat und keine Messungen durchgeführt wurden, ist die Verantwortung für die Verputzschäden auch ohne weitergehende Untersuchungen der EMPA klar.›
Hier beantwortet ein Gutachter viele verschiedene Rechtsfragen und stützt sich gleichzeitig auf die Tatsache, dass letztendlich die Ursache für den eingetretenen Schaden nicht klar ist. Zwar kann die Auslegung gewisser Bestimmungen der SIA-Norm 118 durchaus dazu führen, dass man einen gewissen Unternehmer, auch ohne dass der Beweis für die Fehlerhaftigkeit seiner Leistungen erbracht ist, zur Verantwortung ziehen kann. Allerdings handelt es sich dabei um eine rechtliche Beurteilung, die auch an den Juristen hohe Anforderungen stellt. Diese Beurteilung darf normalerweise von einem technischen Experten in dieser Form nicht vorgenommen werden. Sollte sich der Experte zu einer solchen Beurteilung versteigen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, zu einer rechtlich nicht haltbaren Beurteilung zu kommen.
Praxis-Beispiel
Im Rahmen der Beurteilung eines Plattenbelages auf einer Terrasse stellt der Experte im Gutachten fest, dem Plattenleger könne kein Vorwurf gemacht werden. Anschliessend kommt er zur folgenden Beurteilung:
‹Es steht mir nicht zu, einen genauen prozentualen Verteiler der anfallenden Sanierungskosten aufzustellen, dies sollte vielmehr im gegenseitigen Einverständnis der Beteiligten erfolgen, wobei, wie gesagt, der Anteil des Plattenlegers 5% nicht übersteigen sollte. Im Weiteren scheint es mir selbstredend, dass die Kosten der Expertise nach dem Verursacherprinzip zu begleichen sind.›
Zwar sagt der Experte hier zuerst, dass er die Aufteilung des Schadens auf die Beteiligten nicht vornehmen könne, setzt sich jedoch umgehend in Widerspruch zu seiner Aussage, indem er den maximalen Verantwortungsanteil für einen beteiligten Unternehmer mit 5% festlegt.
Durch solche Widersprüche in Gutachten kann die gesamte wertvolle Gutachterarbeit zerstört werden. Der Leser eines Gutachten versteht eventuell die technischen Ausführungen nur teilweise, stösst dann aber auf diesen Widerspruch in der Beurteilung und schliesst oft vorschnell, ein Gutachten, das an solchen Widersprüchen leide, sei auch technisch kaum brauchbar.
Aussagen im Widerspruch zu den eigenen Erkenntnissen
Immer wieder finden sich Experten, die nicht gewillt sind, auf Grund ihrer Kenntnis zu technischen Fragen Stellung zu nehmen, sondern die im Rahmen ihrer Expertisen eine bestimmte Parteibehauptung stützen wollen, möglicherweise gegen besseres eigenes Wissen. Solche Expertisen sind wertlos, ja sie schaden dem Ansehen des Berufsstandes und natürlich dem Experten selber.
Praxis-Beispiel
In einer Expertise eines unabhängigen Verbandes von Materialherstellern und Lieferanten, in der es um die Frage ging, warum ein bestimmtes Mauerwerk Risse aufweist, findet sich folgende Bemerkung:
‹Sowohl die statische und konstruktive Situation wie auch das Rissbild schliessen Ursachen, wie Setzungen, Instabilität oder Temperatur-Zwängungen praktisch aus. Dementsprechend sind die Ursachen erfahrungsgemäss bei der Haftung des Mauermörtels und beim Verhalten des Aussenputzes zu suchen.›
Im Rahmen dieser Behauptung wird eine mögliche wesentliche Schadensursache absichtlich oder zufällig unterschlagen. Nicht nur der Putz und der Mauermörtel können zu einem Schaden führen, sondern der verwendete Backstein und dessen typisches Verhalten.
Beim Lesen der Expertise kam der Verdacht auf, der Verband habe ein Interesse daran, einen bestimmten Beteiligten zu schützen. Sobald dieser Verdacht einmal aufkommt, verliert eine Expertise jeden Wert. Ziel solcher Aussagen in Expertisen ist es, den Leser in die Irre zu führen und daraus für eine bestimmte Partei einen Vorteil zu erwirtschaften, d.h. dafür zu sorgen, dass diese trotz Mitverschulden an einem Schaden nicht zur Haftung für den Schaden herangezogen wird.
Schadensaufteilung
Oft wird ein Gutachter aufgefordert, im Rahmen von einem Gutachten auch eine Aufteilung des Schadens auf die verschiedenen an Schadensursachen beteiligten Unternehmer und Planer vorzunehmen. Dagegen kann man sich nicht grundsätzlich wenden. Allerdings verlangt auch eine solche Schadensaufteilung oft genaue juristische Kenntnisse. Deshalb sind solche Schadensaufteilungen mit Vorsicht zu betrachten.
Wichtig
Zwar ist es gerade bei kleineren Schäden nicht sinnvoll, neben einem technischen Experten noch einen Juristen beizuziehen, um eine Schadensaufteilung zu finden. Gerade bei grösseren Schäden ist aber dringend davon abzuraten, eine solche Schadensaufteilung durch den Experten aufgrund des so genannt gesunden Menschenverstandes vorzunehmen.
Wird der so genannt gesunde Menschenverstand angewendet, wird oft nicht beachtet, dass die Schadensaufteilung den ganz klaren rechtlichen Grundlagen, insbesondere den Bestimmungen des Obligationenrechtes, dem Werk- oder Planervertrag und den komplizierten Bestimmungen, wie sie sich in der SIA-Norm 118 finden, genügen muss. Es ist daher dringend davon abzuraten, bei grösseren Schäden durch den Experten eine Schadensaufteilung auf die einzelnen Parteien vornehmen zu lassen. Sollte ein Experte genötigt werden, eine solche Schadensaufteilung vorzulegen, wird empfohlen, sich nach Rücksprache mit dem Auftraggeber mit einem Baurechtsspezialisten in Verbindung zu setzen.
Praxis-Beispiel
Bei einem grossen Fassadenschaden findet sich folgende Schadensaufteilung:
|Wer||Anteil am Schaden|
|Baumeister||15%|
|Architekt||30%|
|Bauingenieur||30%|
|Gipser||15%|
|Bauherr||10% (Bauherrenrisiko)|
Hier geht der Experte für sein Gutachten nun grundsätzlich davon aus, dass bei jedem Bauschaden der Bauherr einen Teil des Risikos mit zu übernehmen hätte. Die juristische Lehre sagt klar und unmissverständlich, die Übernahme eines Bauherrenrisikos sei an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Im konkreten Fall waren diese Voraussetzungen ganz eindeutig nicht erfüllt.