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Die letzten oberirdischen Atomtests sind Jahrzehnte her, und auch die von ihnen erzeugten Elemente sind längst aus der Umwelt verschwunden. Mit einer überraschenden Ausnahme.
Die meisten der radioaktiven Elemente, die bei den oberirdischen Nukleartests der 1950er und 1960er Jahre entstanden, sind inzwischen aus der Umwelt verschwunden und nicht mehr nachweisbar. Doch eine Komponente des Fallouts hält sich hartnäckig. Wie eine Arbeitsgruppe um Sébastien Pivot von der Aix-Marseille Université im «Journal of Geophysical Research Atmospheres» berichtet, enthält der Schnee nahe der Station Vostok zehnmal so viel radioaktives Chlor-36 wie erwartet. Nach Angaben der Arbeitsgruppe bleibt das Radioisotop nahe der Oberfläche, weil es immer wieder in Form von H36Cl in die Atmosphäre entweicht und sich dann im Schnee niederschlägt. Außerdem zeigen Vergleiche mit früheren Proben, dass das Radioisotop auch von unten durch den Schnee Richtung Oberfläche wandert – warum, ist noch weitgehend unklar.
Das Chlor-36 entstand bei Atomtests im Meer aus dem Chlorid des Kochsalzes, das bei der nuklearen Kettenreaktion freiwerdende Neutronen einfing. Seither allerdings ist die Konzentration des Radioisotops weltweit wieder auf den natürlichen Wert zurückgefallen. Ein wenig Chlor-36 entsteht auch unter natürlichen Umständen, wenn kosmische Strahlung auf das Edelgas Argon trifft. Bei ihren Untersuchungen rechnete die Arbeitsgruppe deswegen nur mit einer geringen Konzentration des Nuklids im Schnee – die Konzentrationen des kontinuierlich auf natürlichem Weg entstehenden radioaktiven Chlors im Eis sollen bei der Datierung von Eiskernen helfen.
Die um den Faktor zehn höhere Konzentration nahe Vostok zeigt nun, dass das Element in Schnee und Eis beweglicher ist als gedacht. Für Menschen ist die zusätzliche Radioaktivität harmlos, aber das unerwartete Verhalten wird die angestrebten Analysetechniken vermutlich komplizierter machen. Nicht zuletzt zeigen Messungen von einer anderen Stelle der antarktischen Eiskappe, dass die lokalen Bedingungen eine große Rolle fürs Verhalten des Chlors spielen. In einer Talos-Dom genannten, viel schneereicheren Zone der antarktischen Eiskappe, fand das Team nur die natürlichen Konzentrationen an Chlor-36.
Quelle: Lars Fischer, Spektrum.de