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Jakob Joseph Clausner lebte in der Stadt Zug in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Zeit des Ancien Régime. Als Feldmesser und Kupferstecher verfertigte er Pläne und Grundrisse im Auftrag von verschiedenen Offizieren, Gelehrten und Behörden. Zudem zeichnete er kunstvolle Andachtsbilder und Portraits für Personen sowie Bruderschaften. So konnte er eine grosse Familie ernähren, bis ein Brand seine Werkstatt zerstörte. Die Stadt war damals Hauptort des selbständigen Ortes Zug der Eidgenossenschaft. Sie zählte etwa 2’500 Einwohner, wovon knapp die Hälfte innerhalb des Mauerrings lebten. Auf dem Gebiet des heutigen Kantons lassen sich etwa 12’000 Einwohner ermitteln (HLS 13, 784).
Clausners Leben und Werk
Als Sohn eines Fischers in Zug am 14. November 1744 geboren besuchte Jakob Joseph Clausner vermutlich die städtischen Schulen. Die Familie zählte zu den Hintersassen, war also dauerhaft ansässig, ohne aber ein volles Bürgerrecht zu besitzen. Als talentierter Junge wurde er 1762 dem Abt des Klosters Rheinau als Schreiber empfohlen. Vermutlich zwei Jahre vorher hatte er in Zug bei Johann Jost Hiltensperger (1711-1792) eine Lehre als Kupferstecher machen können. In Rheinau blieb er bis etwa Ende 1767, als ihm der Zuger Stadtrat ein Stipendium Frankreichs zuteilte. Erlernen sollte er «mathematic und artillerie». Keiner der Bürgersöhne hatte sich – trotz Aufforderung des französischen Ambassadors in Solothurn – darum beworben. So zog er als Hintersasse für drei Jahre nach Strassburg. Artillerie ist hier nicht in militärischem Sinne zu verstehen. Das Wort steht für bildende Kunst, Malerei und Architektur, während mit Mathematik die exakten Wissenschaften wie Vermessung und Ingenieurwesen gemeint sind. Die städtischen Behörden hatten Clausner eine Ausbildung zum Feldmesser zugedacht (Klausener 1948).
Bereits 1770, im Jahr seiner Rückkehr nach Zug, legte er einen «Plan der hochloblichen Statt Zug» vor. 1771 folgte eine «Carte topographique der Statt und Burgerschaft wie auch dero angehoerigen Vogteyen». Wie war dies möglich? Seine Pläne waren Reinzeichnungen von Teilplänen auf geometrischer Grundlage, welche Oberstleutnant Franz Fidel Landtwing (1714-1782) ab 1748 geschaffen hatte. Bereits für diese Arbeiten wurde Clausner auf eigene Rechnung entschädigt. Offenbar war der Zuger Stadtrat damit zufrieden, denn in den Jahren 1777-1793 erteilte er zahlreiche weitere Aufträge, die Clausner nun als Feldmesser «aus hochoberkeitlichem Befelch» selbständig ausführen sollte.
Für ein volles Auskommen reichte diese Beschäftigung allerdings nicht. Als gelernter Kupferstecher erweiterte Clausner seine Tätigkeit in diese Richtung und bearbeitete «nicht nur Landkarten und Stadtpläne, sondern auch Landschaftsbilder, Porträts, Gesellenbriefe, Schreibvorlagen, Medaillen usw.» (Dändliker 1968, 64). So konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten entwickeln und sie dank einer zunehmenden Zahl von Kunden als Erwerb umsetzen. Im Alter von 34 Jahren gründete er seine Familie. Deren Kinderschar wuchs innert 16 Jahren auf sechs Buben und sechs Mädchen an. Krankheiten, Krieg und Hungersnot bereiteten ihm Sorgen. Am schwersten traf ihn aber der erwähnte Stadtbrand von Zug vom 19. Februar 1795, der das Quartier «Geissweid» erfasste. 28 Häuser verbrannten ganz oder teilweise, worunter auch jenes der Familie Clausner. Seine Werkstatt sowie sein inzwischen angewachsener Verlag wurden vernichtet. Die Familie erhielt zwar Nothilfe, doch Clausners Gesundheit war angegriffen. Nach rastloser Tätigkeit verstarb er am 5. Juli 1797, vermutlich an Hirnschlag.
An den Auftraggebern gewachsen
Für das Ingenieurwesen von Interesse sind die fachlich qualifizierten Auftraggeber. Der erwähnte Oberstleutnant Landtwing entstammte einer führenden Ratsfamilie der Stadt Zug. Noch als Knabe trat er in französische Dienste, machte eine militärische Karriere und wurde mit 31 Jahren Oberstleutnant der Infanterie. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er zurück nach Zug, kümmerte sich um sein Vermögen und übernahm öffentliche Ämter. So war er Landeshauptmann der oberen Freien Ämter (1748-82), Kriegsrat der Stadt Zug (1755-60 und 1764-82) wie auch Mitglied des städtischen Rats (1748-59 und 1767-81). Die Unterbrüche stehen in Zusammenhang mit dem 2. Harten- und Lindenhandel, d.h. mit dem Streit um französische Pensionen und Salzhandel. Landtwing stand auf Seite der Harten und vertrat eine kritische Haltung gegenüber Frankreich. Als Kriegsrat verfasste er 1757 ein Militärreglement. Es gilt als erste kantonale Militärorganisation und blieb bis zur Helvetik in Kraft. Da er unverheiratet war, übertrug er 1775 sein beachtliches Vermögen in ein Fideikommiss, d.h. in eine Stiftung zugunsten der Nachkommen seines Geschlechts (Cavelti 2014).
In seiner ersten kartographischen Arbeit erfasste Landtwing 1748 aus privatem Interesse das Schlossgut St. Andreas in Cham. Er hatte es zuvor von seinem Schwager erworben. Die weiteren Arbeiten erfolgten im Auftrag der Regierung, so 1754 jene mit den Fischereirechten am westlichen Ufer des Zugersees, 1757 der Plan zum Auslauf der Lorze bei Cham, 1768 zwei Pläne der Städtler Allmend bei Cham und 1771 der Verlauf der Reuss zur Abgrenzung gegenüber Luzern, den Freien Ämtern und Zürich. Vollendet wurden Landtwings Arbeiten durch die beiden erwähnten Reinzeichnungen von Clausner. Als die zugehörigen Bildlegenden 1985 aufgefunden wurden, ermöglichten sie sogar einen präzisen Aufschluss der damaligen sozialen Verhältnisse in der Stadt Zug (Hoppe 1986).
Landtwing gilt als vielseitig gebildete Person der städtischen Oberschicht. Ausser für Militär interessierte er sich für Ökonomie, Landwirtschaft, Literatur, Mathematik und Philosophie. Auf ihn geht möglicherweise auch die Förderung von Clausner als Geometer und Kupferstecher zurück (Klausener 1948, 7). Trotz seiner hervorragenden Werke der Vermessung wäre es einseitig, diesen Offizier nur als Fachmann der Kartographie zu bezeichnen. Eine Abbildung von 1755 zeigt ihn in seiner Eleganz, sitzend mit einem aufgeschlagenen Buch auf einer Planrolle (HLS 7, 617). Vermutlich handelt es sich um den «Cours de la science militaire, à l’usage de l’infanterie» des Pierre Bardet de Villeneuve (*1680), erschienen 1740/41. Landtwings Ausbildung in Frankreich und seine Belesenheit im Hinblick auf das Ingenieurwesen ist allerdings bisher nicht im Detail bekannt (Cavelti 2014, 52).
Weitere Auftraggeber von Clausner waren Pfarrer Joseph Xaver Schnyder von Wartensee (1750-1784). In seinen Schriften förderte er den Ausbau des Schulwesens, war Naturforscher und Mitglied der Physikalischen Gesellschaft Zürich. Clausner erstellte für ihn drei Kupferstiche zur «Geschichte der Entlibucher» von 1781 und 1782 (HLS 11, 88). Für Pfarrer und Redaktor Hans Rudolf Schinz (1745-1790) erstellte er 1784 den Kupferstich zur Karte der «Landschaft Livinen. Valle Leventina». Eine zweite Karte, «Die Schweizerischen Landvogteyen Lauis und Mendris», geht zurück auf Ludwig von Meiss (1745-1796), der sie von Ingenieur Pietro Nevrone (*1754 in Lugano) aufnehmen liess und dann der Zürcher Mathematisch-militärischen Gesellschaft schenkte. Hans Conrad Finsler (1765-1839), der spätere Oberstquartiermeister, reduzierte sie und liess sie 1786 von Clausner stechen (Wolf 1879, 82. Klausener 1948, 15).
Ähnlich wie Landtwing hatte sich der Luzerner General Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (1716-1802) neben seiner militärischen und politischen Karriere ab 1764 mit topographischer Vermessung der Landschaft befasst und die Resultate für den Bau von Reliefs umgesetzt (Weber 1912). Gestützt auf sein Relief der Innerschweiz liess er 1786 bei Clausner die Zeichnung und Kupferplatte zur «Carte en Perspective du Nord au Midi» herstellen. Einen weiteren Auftrag erhielt Clausner von Albrecht Höpfner (1759-1813), einem Apotheker und Publizist in Bern, für die Radierung der «Karte von Grindelwald», erschienen im «Magazin fuer die Naturkunde Helvetiens» von 1787-89. Möglicherweise hatte sie dann zum Auftrag im damals bernischen Gouvernement d’Aigle geführt, der nachstehend erläutert wird.
Drei weitere Karten zeigen Süditalien und zwar «Calabria ultra», aufgenommen von Ingenieur Luigi Ruel in den Jahren 1784 und 1786, dann ein Grundriss der Stadt Palmi und ein «Plan der 215 Seen, welche die Erderschütterungen im jenseithigen Calabrien hervorgebracht haben». Erschienen sind sie im Reisebericht zum Königreich Neapel und Sizilien von Carl Ulysses von Salis-Marschlins (1760-1818), verfasst aus Anlass jener Erdbeben in den Jahren 1783-86. Sie forderten damals 35’160 Opfer in einer Gegend, die damals etwa 440’000 Einwohner zählte (Klausener 1948, 18).
Als Auftraggeber sei schliesslich Ingenieur Johannes Müller (1733-1816) in Zürich erwähnt. Für dessen Publikationen hatte Clausner 12 Kupferstiche erstellt, u.a. für dessen «Merkwürdige Überbleibsel von Althümmeren an verschiedenen Orthen der Eydtgenossenschafft», erschienen 1773-83.
Salzvorkommen in der bernischen Vogtei Aigle
Clausners «Carte du gouvernement d’Aigle» von 1788 zeigt das Gebiet rechts der Rhone oberhalb des Genfersees auf einer Länge von etwa 20 km. Es war 1475 von Bern erobert worden und bestand fortan als Vogtei aus den vier Mandements Aigle, Ollon, Bex und Les Ormonts. Diese Vogtei war das erste welsche Untertanengebiet und wurde bis 1798 von Deutschbern verwaltet. Seine Geschichte ist in rechtlicher und kirchlicher Hinsicht vielfältig, weil kleinräumig. Von Interesse seien hier die 1554 entdeckten Salzvorkommen. Es war salzhaltiges Wasser an der Oberfläche, dessen Ausbeutung verpachtet wurde und in Bern grosse Hoffnungen auf Unabhängigkeit von Einfuhren weckte. Als der Salzgehalt nachliess, begann man unterirdisch mittels Minen zu suchen und hatte 1684 Erfolg. Bern verstaatlichte die Ausbeutung, betrieb sie nun als Bergwerke und setzte Direktoren ein.
Im Rückblick wird die Geschichte dieser Salzvorkommen nach technischen Kriterien eingeteilt in Ausbeutung von Quellen und Salinen (bis 1684), Ausbeutung über Quellfassungen und Abtragungen (1684-1823), Auslaugung von Salzgestein in Entsalzungsräumen (1823-1867), Auslaugung von Salzgestein vor Ort (1867-1924) und Beginn der Erkundung mittels Bohrungen (ab 1924). Jede Periode ist geprägt von technischem Fortschritt, von Entwicklungen der Geognosie zur modernen Geologie, aber auch von Rückschlägen und vor allem von bekannten Persönlichkeiten (Lugeon 1935, Clavel 1986).
Eine der ersten war Ingenieur Isaac-Gamaliel de Rovéréa (1695-1766) von Bex. Nach fremden Diensten in Holland und England hatte er sich für den Salzabbau interessiert. So wurde er Berns Direktor der Salinen von Bex in den Jahren 1725 bis 1754. Entgegen seinem Projekt zur unterirdischen Erschliessung weiterer Quellen bevorzugte Bern den Vorschlag eines Beraters aus Sachsen, Freiherrn Joachim Friedrich von Beust (1697-1771). Rovéréa musste dann die Ausführung leiten (Clavel 1986, 32). Zur besseren Kenntnis der Erdoberfläche aber hatte Rovéréa die Vogtei Aigle aufgenommen und zwar «wahrscheinlich grösstentheils mit dem Messtische etwa im Maassstabe von 1:9000» (Wolf 1879, 59). Diese Arbeiten sollen rund zehn Jahre gedauert haben (1734-44). Von 1758 bis 1764 war der berühmte Gelehrte Albrecht von Haller (1708-77) als bernischer Salzdirektor mit Sitz in Roche im Amt. Während seine Hauptinteressen der Naturforschung galten, blieb seine Suche nach neuen Methoden eher unergiebig. In Bex setzte von 1764 bis 1770 Gamaliel-François Rovéréa (1728-83) die Arbeiten seines Vaters fort. 1771 kam Franz Samuel Wild als Salzkassier nach Aigle und war als Berghauptmann ab 1784 Direktor der Salzbergwerke von Bex sowie der Eisenbergwerke Küttigen bei Aarau.
Franz Samuel Wild
Als Franz Samuel Wild (1743-1802) sein Amt als Berghauptmann in Aigle antrat, hatte er seine Kenntnisse des Bergbaus bereits stark vertieft. Technische Ausbildung hatte er keine. Er war aber eifrig bestrebt, den Ertrag an Salz zu verbessern. In jenen Jahren zog Bern sogar in Erwägung, den Bergbau in der Vogtei gänzlich einzustellen. Wild konnte dies dank seines Fleisses verhindern. Nach Unterricht in Bern und Lausanne hatte er von 1765-1670 Militärdienst in Sardinien geleistet. Bei seiner Rückkehr wurde er Unterbibliothekar der Stadt Bern und 1771 zum Hauptmann befördert. Im selben Jahr übernahm er das Amt als «Intendant des Salines à Aigle», übersiedelte 1779 nach Bévieux bei Bex und unternahm später Bildungsreisen nach Deutschland und England, wo er in die Royal Society aufgenommen wurde.
Wild erfüllte seine Aufgaben zur Zufriedenheit der Berner Behörden, so dass er 1789 bei höherer Entlöhnung zum Oberberghauptmann ernannt wurde und die bernischen Salz- und Eisenbergwerke zu leiten hatte. Von der «beschwerlichen Arbeit in Küttigen» wurde er allerdings 1795 entlastet. In Aigle, Bévieux und Devens liess er neue Siedehäuser bauen. Im Rückblick wird vermeldet, dass er den Salzertrag in Bex von jährlich 5’000 auf 18’000 Zentner gesteigert hatte (Wolf 1859, 269-298).
Berns Wunsch nach einer unabhängigen Versorgung mit Salz konnte damit noch keineswegs erfüllt werden. Zahlen zur Herkunft des in der damaligen Schweiz verbrauchten Salzes von 1792 zeigen, dass der Gesamtverbrauch 500’000 Zentner betrug. 259’100 stammten aus Bayern und nur 10’000 Zentner aus Bex (SPWT Bd. 90, S. 16). Nach Ausbruch der französischen Revolution bekam das Interesse an den Minen und Salinen von Bex ein politisches Gewicht. 1798 verlor Bern die Vogtei Aigle an den neu gebildeten Kanton Léman, der nun die Salzbergwerke für sich behalten wollte. Franz Samuel Wild verzichtete in diesem Jahr auf sein Berner Burgerrecht, allerdings eher aus persönlichen Gründen, denn er war 1795 bei Wahlen in Bern übergangen worden. Fortan kämpfte er für ein unabhängiges Waadtland, sogar lokal mit seinen Arbeitern aus der Mine.
Unter der neuen Herrschaft blieb Wild Direktor der Salzwerke in Bex. Während der Helvetischen Republik (1798-1803) wurden alle Bergwerke zum nationalen Eigentum erklärt und der Salzhandel verstaatlicht. Wild war nun der Verwaltungskammer des Kantons Léman unterstellt und musste sich um Holzvorrat, Pulver, Salztransport, aber auch um Bekämpfung von Unruhen kümmern. Er verstarb am 16. April 1802, noch vor dem Zusammenbruch des Einheitsstaats und vor der Mediation zum neuen Kanton Waadt. Mit der Weiterentwicklung des Salzabbaus wurde Professor Henri Struve (1771-1826) aus Lausanne beauftragt (Desponds 2002).
Wild war interessiert an den Naturwissenschaften. Er lebte seine Passion aus in Astronomie und Geodäsie. Dazu baute er sich eine nennenswerte Instrumentensammlung auf, benützte sie für Beobachtungen und korrespondierte mit Gleichgesinnten über die Ergebnisse seiner Messungen. Er unterstützte die Einführung eines einheitlichen Masssystems, wozu die Helvetik gute Voraussetzungen geboten hätte. Zum Bergbau publizierte er den «Essai sur la montagne salifère du gouvernement d’Aigle, situé dans le Canton de Berne: avec une carte du pays et une planche de figures», 1788 in Genf erschienen. An dieser Karte wirkte Johann Samuel Gruner mit, Clausner machte den Kupferstich dazu. Auf dem Gebiet des Ingenieurwesens war Wild vermutlich mit ersten Ideen zum Bau der Passstrasse über den Simplon dabei. Auseinandergesetzt hat er sich ferner mit der «Eindämmung des Rhodans», sei es zur Gewinnung von Land in der Rhone-Ebene oder gar zur Schiffbarmachung von Brig bis zur Mündung in den Genfersee. Er unterzeichnete seine Ideen als «Direktor der Salzwerke in Bex, und Regierungs-Commissarius im Canton Wallis», veröffentlicht in der «Helvetischen Monathschrift» Heft 4, 1799, die vom erwähnten Albrecht Höpfner herausgegeben wurde. Für die Realisierung hatte er eine Aktiengesellschaft vorgesehen, technisch von einem «Haupt-Ingenieur» angeleitet. In den Details bezog er sich auf ausländische Beispiele, namentlich auf den eingedämmten Arvan bei St. Jean in Savoyen.
Johann Samuel Gruner
Als Praktikant bei Wild wird in den Jahren 1784 bis 1785 der junge Johann Samuel Gruner (1766-1824) genannt. Gruner stammte aus einer Berner Kaufmannsfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums war er bei Wild in Bex, erhielt von Bern ein grosszügiges Stipendium und konnte in Deutschland Bergbau studieren (Wolf 1859, 274f). Nach einem kurzen Aufenthalt in Göttingen und Leipzig war er von 1786 bis 1791 in Freiberg unter Abraham Gottlob Werner (1749-1817). Werner entwickelte dort an der 1765 gegründeten Bergakademie eine eigene Mineralogie und die Geognosie als Theorie zur Entwicklung der Erdkruste, hielt aber auch Vorlesungen über Bergbau und Eisenhüttenkunde. Mit ihm zusammen und teils allein reiste Gruner zu den wichtigsten Bergwerken in Deutschland, Frankreich und Oberitalien. In die Schweiz zurückgekehrt fand er allerdings keine Anstellung. Unterkunft und «Freigedeck» erhielt er zuerst in Bern, dann bei Johann Rudolf Meyer (1739-1813), dem erfolgreichen Seidenbandfabrikanten in Aarau. 1792 war er von den Berner Behörden mit der Oberaufsicht über den Bergbau- und Verhüttungsbetrieb in Trachsellauenen beauftragt worden und hatte sich auch in Küttigen um dieses Amt beworben. Im Sommer 1794 bereiste er Oesterreich. 1795 begleitete er den berühmten Geologen Déodat Gratet de Dolomieu (1750-1801) auf dessen letzten Reise durch die Alpen. Nachdem Wild von der Direktion des Bergwerks Küttigen entlastet worden war, legte Gruner der Berner Regierung einen Entwurf für eine Eisenschmelzhütte in Aarau vor.
Nach der Besetzung der Schweiz durch französische Truppen und der neuen Verfassung der Helvetischen Republik vom 12. April 1798 wird Aarau die Hauptstadt bis im September, dann Luzern bis im Mai 1799 und zuletzt Bern bis 1803, vor Napoleons Mediation. Gruner erscheint 1798 als Leiter der Druckerei des Direktoriums der Republik in Luzern, teilweise zusammen mit Heinrich Gessner aus Zürich. Am 5. Februar 1799 ernennt das Direktorium der Republik Gruner zum Mitglied der Direktion des staatlichen Bergbaus. Dieser Beschluss tritt am 12. November 1799 in Kraft. Er ist unterzeichnet von Finanzminister Hans Conrad Finsler in der Erwartung, dass Gruner dieses Amt «mit dem gleichen Eifer und der gleichen Fähigkeit» wie bisher ausüben wird. Im Herbst 1799 ist Gruner möglicherweise unter General Lecourbe im Dienst, was ihn vermutlich zur Arbeit über das «Verhältnis der Geognosie zur Kriegs-Wissenschaft» anspornt (postum erschienen 1826).
Nach einer Bewilligung durch den helvetischen Finanzminister, nun Johann Heinrich Rothpletz, vom 18. März 1800 an Johann Rudolf Meyer entschloss dieser sich zum Abbau von Eisenerz in Küttigen auf eigene Rechnung, gemeinsam mit Gruner. Dessen Projekt für ein Eisenhüttenwerk wurde allerdings nicht verwirklicht. Doch seine Erfahrungen in der Verhüttung konnte Gruner im bernischen Trachsellauenen einsetzen. Auf Vorschlag der helvetischen Bergwerks-Verwaltung wurde er am 4. Dezember 1802 zum Oberberghauptmann und Vorsteher der Salzwerke zu Bern ernannt, unterzeichnet von Landammann Johann Rudolf Dolder. Dieses gut besoldete Amt wurde hinfällig, als am 10. März 1803 die Mediations-Akte in Kraft trat und die Bergwerke wieder der Hoheit der Kantone unterstanden.
Gruner verliess im September 1803 die Schweiz und reiste nach Bayern. Im Auftrag von Johann Rudolf Meyer kaufte er Liegenschaften, u.a. für Anlagen zur Seidenbandfabrikation, und musste dort zudem einen längeren Familienstreit ausfechten. Zur Hauptsache blieb er aber wissenschaftlich tätig, förderte die Vermessung und Kartographie sowie die Landwirtschaft. Seine helvetischen Ernennungsurkunden benutzte er als Bewerbung beim König zur Aufnahme in die bayrische Armee, kommandierte 1814 ein Jägerbataillon bis nach Paris und blieb nach den Befreiungskriegen weiterhin im Sold Bayerns. Er hinterliess zahlreiche Manuskripte, ohne dass er sie, trotz Aufforderung seines Freundes Carl Erenbert Freiherr von Moll, drucken liess (Wolf 1859, 275). Verstorben ist er 1824 an den Folgen eines Verkehrsunfalls (Häusler/Kohler 2003, 90), aber an einer nicht näher geklärten Todesursache.
Ingenieure in damaligen Kontext von Kartographie und Bergbau
Das Aussehen der Stadtbefestigung von Zug lässt vermuten, dass beim Bau des letzten Mauerrings in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch keine Ingenieure mitgewirkt haben. Spätere Renovationen, Anpassungen und Umbauten einzelner Elemente wie Türme, Mauern und Tore wurden von Baumeistern oder auch Bauhandwerkern vorgenommen. Modernisierungen mit Bastionen, wie sie für andere Städte von Ingenieuren geplant und ausgeführt wurden, sind nur spärlich bekannt und wären noch aufzuzeigen.
Im Rückblick, d.h. von späteren Autoren, wird allerdings die Seeabgrabung bei Cham, 1591-93 ausgeführt von Baumeister Jost Knopflin (1552-1615), als «Ingenieurarbeit» bezeichnet (Kdm ZG, I. Halbband, 1934, S. 117f). Ebenso wird einer der bedeutendsten Besitzer der Burg Zug, der erwähnte Oberstleutnant Johann Franz Fidel Landtwing, als «Festungsingenieur» und als «Zeichner» erwähnt (Kdm ZG, II. Halbband, 1935, S. 355, 356, 666). Das heisst aber nicht, dass sich diese beiden Personen selbst als Ingenieure bezeichnet hätten. In diesem frühen Werk von Linus Birchler aus der Reihe der «Kunstdenkmäler der Schweiz» sind die Berufe Ingenieur, Kartograph und Geometer noch nicht ausdifferenziert.
Oberstleutnant Johann Franz Fidel Landtwing spielte dank seiner Militärorganisation von 1757 im Zuger Militär eine zentrale Rolle. Festungsbau war dort allerdings kein Thema. Es ging um Truppenaufgebote und tatsächliche Auszüge von Truppen zu Grenzschutz oder kriegerischer Auseinandersetzung, ohne dass besondere bautechnische Massnahmen ergriffen wurden. Dementsprechend war Landtwing weder als Ingenieur tätig noch wurde er so bezeichnet (Nussbaumer 1998). Anders Jakob Joseph Clausner: er signierte seine Werke im Original als Zeichner, Kupferstecher oder Feldmesser (frz. arpenteur), später auch als «graveur und Ingenieur». Wie heute aus den Ratsprotokollen ersichtlich, wurde er bereits anfänglich von den Behörden als «Ingenieur» betitelt. Kaum hatte er seine Ausbildung abgeschlossen, so heisst es am 6. April 1771 zu seinem Entgelt: «Dem Jungen Ingenieur Clausner, So die Plane der Statt, auch den reuss-Plan Ins reine gebracht und Mgghhr. praesentieret, Seind 2 schitli Douplonen von Hr. Seckhelmeister zu empfangen erkent». Und in der lokalen Künstlervereinigung, der Lukas-Bruderschaft, heisst er «Inschinier» (Klausner 1948, 7). Vermutlich war das ein Zeichen, womit er dank seiner geometrisch-topographischen Fähigkeiten anerkannt wurde, aber auch dafür, dass in Zug fortan wie an anderen Orten ein Ingenieur wirkte. Dieses Beispiel gibt Antwort auf die Frage: Wer nannte sich Ingenieur und wer wurde Ingenieur genannt? Es zeigt, dass diese zweifache Ausrichtung berechtigt ist.
Ein Blick in die Geschichte der Karten des Kantons Zug zeigt, dass das Kantonsgebiet bis etwa 1750 nur von auswärtigen Fachleuten erfasst wurde. Erst um diese Zeit setzte die Entwicklung von Vermessungen und Kartenherstellungen auf «eine zugerische Initiative ein, die aber nach den schönen Arbeiten von Landtwing und Clausner bald wieder abklingt» (Dändliker 1968, 63). Vermutlich hängt dies mit dem politischen Umbruch und im Detail mit dem Verlust von Clausners Werkstatt zusammen. Hingegen veranlasst Clausners «Carte en Perspective du Nord au Midi d’après le Plan en Relief et les Mesures du General Pfyffer» (1786, 1799 publiziert) einen Seitenblick nach Luzern.
Der Auftraggeber, General-Leutnant Franz Ludwig Pfyffer von Wyher betrieb offenbar die topographische Vermessung mit grosser Leidenschaft bis ins hohe Alter. Zusätzlich zum Bau von Reliefs machte er noch Vermessungen der Höhen, zwar nicht auf die Meereshöhe bezogen, sondern auf jene des Vierwaldstättersees. Seine ermittelten Zahlenwerte liess er auf Karten eintragen. Das war damals neu, weshalb Pfyffer zu den Pionieren der Kartographie zählt (Cavelti Hammer 2016). Seine Art der Vermittlung von Höhenverhältnissen des Geländes auf Kartenblättern, wie sie heute selbstverständlich ist, wurde von späteren Kartenproduzenten und auch für Panoramen übernommen. Damit ist ausserdem die Frage beantwortet, ab wann die Höhen erstmals auf Karten dargestellt wurden. Im Ausstellungskatalog «Der Weg zur modernen Landkarte 1750-1865» (1989) war sie noch offengeblieben. Inzwischen wurde sie von Jana Niederöst ausführlich beantwortet, vgl. ihre Dissertation «Das Relief der Urschweiz von Franz Ludwig Pfyffer (1716-1802): 3D-Rekonstruktion, Analyse und Interpretation» (2005). Von General Pfyffer ist bekannt, dass er in den Jahren 1759 bis 1764 den Strassenbau der Baselstrasse von Luzern über Sempach und Sursee bis hin zur Kantonsgrenze leitete. Ferner koordinierte er eine Verbauung des Renggbachs (1749) und erstellte einen Plan dazu (1766). Seine Adjunkten waren Offizier oder Landvogt. Diese Arbeiten würde man heute als «Ingenieurarbeit» bezeichnen. Er selbst wurde aber als General angesprochen oder gar als Feldmarschall. Sein Relief hatte im Ausland grosse Anerkennung und Bewunderung gefunden. So empfahlen zahlreiche Briefe und Reiseberichte einen Besuch des Werks wie auch bei dessen Schöpfer, «cet ingénieux Amateur», wie es heisst.
Unter den bisher aus Clausners Umfeld erwähnten Personen fällt auf, dass drei von ihnen als Ingenieure zur Kartographie beigetragen haben: Isaac-Gamaliel Rovéréa hatte mit dem Messtisch eine Karte der Vogtei Aigle aufgenommen. Pietro Nevrone lieferte Kartenvorlagen im Tessin für Ludwig von Meiss, während Luigi Ruel jene von Kalabrien beisteuerte. Johannes Müller war bereits «obrigkeitlicher Ingenieur» von Zürich, als er seine archäologische Schrift verfasste. Die Fachleute aus dem Bergbau und der zugehörigen Verwaltung wurden damals z.B. «Berghauptmann», aber noch nicht Ingenieur genannt, auch wenn sie wie Gruner eine Ausbildung in Bergbau mitbrachten. Ergänzend sei angemerkt, dass die Minen und Salzwerke in der Umgebung von Aigle ein wichtiger Treffpunkt für Naturforscher waren, wo inzwischen bekannte Persönlichkeiten die Alpen erkundeten und neue Theorien zur Entstehung der Erde entwickelten.
B.M. / 2.6.2023