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Im 1. Halbjahr wurde auch Scania von der Wirtschaftskrise voll erfasst. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für das gesamte Jahr 2009?
Leif Östling: Eine Prognose zu machen ist derzeit äusserst schwierig, zu unsicher ist die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft auf den Weltmärkten. Was wir jedoch sagen können, ist, dass wir in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verschiedene Massnahmen ergriffen haben, um die Auswirkungen der Krise zu mildern. So haben wir unsere Vorräte und unser Fahrzeugbestand deutlich reduziert. Die Entwicklung des gesamten Geschäftsjahres 2009 hängt auch davon ab, wie sich die Kosten weiterentwickeln. So etwa ist der Stahlpreis zurückgegangen, was uns entgegenkommt. Da wir noch nicht mit einer deutlichen Erholung der Nachfrage bis Ende Jahr rechnen, müssen wir weiterhin unser Kostenniveau senken. Eines ist sicher, wir werden alles unternehmen, um auch dieses Jahr schwarze Zahlen schreiben zu können.
In welchen Märkten erwarten Sie in erster Linie eine Erholung der Nachfrage nach Nutzfahrzeugen?
Östling: In Südamerika, vor allem in Brasilien, unserem stärksten Auslandmarkt, gehen wir von einer positiven Entwicklung der Verkäufe aus. Auch in Asien, vor allem in China aber auch in Vietnam, ist mit einer steigenden Nachfrage zu rechnen. Auch im Mittleren Osten laufen derzeit die Geschäfte gar nicht so schlecht. Diese Märkte kompensieren in einem gewissen Grad den starken Rückgang der Nachfrage nach neuen Fahrzeugen in Europa.
Derzeit verkauft Scania knapp die Hälfte aller Fahrzeuge in Westeuropa, rund 20% entfallen auf Lateinamerika und rund 15% auf Asien. Werden sich diese Anteile in Zukunft verändern?
Östling: Die Märkte ausserhalb Westeuropas werden in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Aber auch in den osteuropäischen Ländern sowie in Russland und deren Teilstaaten wird die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen weiter ansteigen.
Bestehen derzeit Pläne, in den wichtigen ausländischen Märkten eigene Produktionsanlagen zu errichten?
Östling: Im Moment verfügen wir über genügend Produktionskapazitäten, um auch eine höhere Anzahl an Fahrzeugen fertigen zu können. Man darf ja nicht vergessen, dass wir auch zunehmend die Fertigung ganzer Komponenten an unsere Zulieferer delegieren. Zusätzlich dazu nutzen wir alle Möglichkeiten, um unsere Fahrzeuge so rationell wie möglich produzieren zu können. Ich erinnere dabei auch an unser Baukastensystem, das eine hohe Flexibilität in der Fertigung ermöglicht. Wir werden in naher Zukunft die Montage von Lastwagen in Russland aufnehmen.
Eine Spezialität - Sie erwähnten es soeben - von Scania ist das seit vielen Jahren praktizierte Baukastensystem, welches aus einer bestehenden Anzahl an Komponenten eine Vielzahl an unterschiedlichsten Fahrzeugkonfigurationen erlaubt. Ist das eines der Erfolgsgeheimnisse von Scania?
Östling: Absolut, wir können mit diesen System die unterschiedlichsten Kundenwünsche in den verschiedensten Ländern erfüllen, ohne dass dies zu einem wesentlichen Mehraufwand führt. Wir trachten auch danach, dieses System noch weiter zu optimieren, um auch in Zukunft für die unterschiedlichsten Marktbedürfnisse gewappnet zu sein.
Welche Haltung nimmt Scania gegenüber Kooperationsabkommen mit anderen Herstellern im Bereich Forschung & Entwicklung beziehungsweise Fertigung wichtiger Komponenten ein?
Östling: Wir unterhalten seit vielen Jahren eine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Motorenhersteller Cummins. Kooperationsmöglichkeiten sehen wir auch bei der Entwicklung neuer Motoren sowie von Komponenten in Nutzfahrzeugen und bei der Fahrzeugsicherheit. In diesen Bereichen arbeiten wir auch mit Volkswagen zusammen.
Volkswagen ist heute der grösste Einzelaktionär von Scania. Wäre es vorstellbar, dass Scania in Zusammenarbeit mit VW sein Modellprogramm nach unten erweitert?
Östling: Dies wäre kaum sinnvoll, denn ein solches Vorhaben wäre mit unserem Baukastensystem nicht vereinbar. Zudem wäre eine solche Programmerweiterung mit hohen Kosten verbunden.
Alle Nutzfahrzeughersteller arbeiten derzeit intensiv an alternativen Antriebssystemen, Stichwort Hybrid, Brennstoffzelle etc. An welchen Projekten arbeitet Scania?
Östling: Wir arbeiten an mehreren alternativen Antriebssystemen, zu diesen zählen Ethanolmotoren, welche in Bussen in Lateinamerika bereits im Einsatz stehen. Im Vordergrund steht auch der Hybridantrieb, der in verschiedenen Versuchsfahrzeugen erprobt wird. Ein Problem bei diesem Antrieb stellen allerdings die Batterien dar, diese verfügen noch nicht über den Energieinhalt, der notwendig ist, um auch Nutzfahrzeuge bewegen zu können.
Wird Scania der erste Hersteller sein, der Nutzfahrzeuge anbietet, welche die Euro-6-Norm erfüllen?
Östling: Diese Norm wird erst im Jahr 2013 spruchreif, bis dahin haben wir noch Zeit, die dafür notwendigen Motoren zu entwickeln. Wer der Erste sein wird, ist derzeit noch völlig offen, denn es müssen noch eine Reihe technischer Fragen gelöst werden.
Seit Jahren herrscht im Nutzfahrzeugverkauf ein harter Preiswettbewerb mit teils hohen Rabatten. Bei der Einführung neuer Modelle versuchen die Hersteller jeweils eine bescheidene Preiserhöhung am Markt durchzusetzen. Wird dies bei der neuen R-Reihe gelingen?
Östling: Wir versuchen das immer und wir werden für die neue R-Serie einen etwas höheren Preis verlangen, denn diese enthält eine ganze Reihe von innovativen Elementen. Andererseits müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass der Preis des Fahrzeuges nur ein Element in der gesamten Kostenrechnung darstellt. Viel wichtiger sind die sogenannten Life-Cycle-Costs, also die gesamten Betriebskosten eines Nutzfahrzeuges.
VW-Aufsichtsratchef Ferdinand Piech werden Ambitionen nachgesagt, er wolle den grössten Automobilkonzern schaffen, inklusive der beiden Nutzfahrzeughersteller MAN und Scania. Wie denken Sie über diese Pläne?
Östling: Eigentlich müsste man diese Frage Herrn Piech stellen. Tatsache ist, dass Volkswagen der dominierende Aktionär sowohl von Scania wie auch von MAN ist. Es hängt also viel davon ab, wie sich der Volkswagen-Konzern in Zukunft entscheiden wird. Im Moment allerdings stehen bei allen Beteiligten angesichts der schwierigen Lage auf den Fahrzeugmärkten andere Probleme klar im Vordergrund.
Wie wichtig ist für Scania der Schweizer Markt?
Östling: Der Schweizer Markt ist für uns ein sehr wichtiger Markt, haben wird es doch mit einer sehr anspruchsvollen Kundschaft, vor allem in Sachen Technologie zu tun. Viele Schweizer Flottenbesitzer legen grossen Wert darauf, möglichst ökologische und natürlich ökonomische Fahrzeuge einsetzen zu können.