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Von Danny Chahbouni. Danny studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.
Am 16. Juli 1945, um 05:29:45 Uhr Ortszeit veränderte sich die internationale Ordnung in Sekundenbruchteilen. Mit der erfolgreichen Explosion der ersten Atombombe im US-Bundesstaat New Mexico, teilte sich die Welt fortan in Staaten, die über Nuklearwaffen verfügen und solche, die dies nicht tun. Konkurrenz und Atom-Spionage prägten dabei bereits die Kindertage der Atombombe. Auslöser für das amerikanisch-britisch-kanadische Manhattan-Projekt war die Furcht vor einer deutschen Atombombe. Die Sowjetunion hatte indessen ein eigenes Atombombenprogramm gestartet, nachdem Josef Stalin im April 1942 durch den Physiker Georgi Nikolajewitsch Fljorow in einem Brief gewarnt wurde, dass das Deutsche Reich und auch die Amerikaner vermutlich mittlerweile an Atomwaffen arbeiten würden. Interessanterweise ist auch das Manhattan-Projekt erst durch den von Leo Szilard, Edward Teller und Eugene Wigner verfassten und von Albert Einstein unterschriebenen Brief an US-Präsident Roosevelt, in dem die Physiker im August 1939 warnten, dass Deutschland bald im Besitz einer Atombombe sein könnte, in die Wege geleitet worden.
Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem einzigen, bis heute jemals erfolgten Kriegseinsatz von Atomwaffen gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, stellten sich drängende Fragen über die Zukunft der destruktivsten Waffen, die Menschen jemals entwickelt hatten: Wer sollte die Kontrolle über die Bombe haben und wer sollte sie besitzen dürfen?
Der Club wächst
Als Roosevelt Stalin auf der Potsdamer Konferenz über die erfolgreich getestete neue Waffe informierte, zeigte sich dieser unbeeindruckt. Das lag vor allem daran, dass das Manhattan-Projekt durchsetzt war von sowjetischen Spionen, wie dem deutschen Emigranten Klaus Fuchs, der als theoretischer Physiker in die Entwicklung der Bombe involviert war. Die amerikanische Monopolstellung war am 29. August 1949, um Punkt 06 Uhr morgens beendet, als die Sowjetunion die erste Bombe zündete, die im Wesentlichen dem amerikanischen MK-3 Design (Fat Man) entsprach.
Das gleiche Plutonium-Design des MK-3 Sprengsatzes lag auch der britischen Bombe zugrunde. Die Briten waren ursprünglich durch das Abkommen von Quebec ein elementarer Bestandteil des Manhattan-Projekts, wurden aber durch den McMahon Act, der u.a. die Weitergabe von fachbezogenen Informationen neu regelte, von den USA aus der Forschung ausgeschlossen. Die Folge war ein eigenes Programm, welches am 03. Oktober 1952 im ersten britischen Atomtest einen erfolgreichen Abschluss fand. Sieben Jahre nach der ersten Atomexplosion gab es bereits drei Atommächte. Zum zwanzigsten Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 06. August 1945 waren mit Frankreich und der Volksrepublik China zwei weitere Staaten in die Liga der Atomwaffenbesitzer aufgestiegen. Eine ganze Reihe weiterer Staaten besaß zudem das Know-how um Atomwaffen zu bauen. Was für politische Theoretiker aus der Retrospektive möglicherweise eine unausweichliche Entwicklung darstellt, die aus der zwischenstaatlichen Konkurrenz erwachsen musste, war für die Zeitgenossen keineswegs vorherbestimmt.
Wohin mit der Bombe?
Bereits kurz nach der Kapitulation Japans begannen sich – vor allem innerhalb des wissenschaftlichen Personals des Manhattan-Projekts – Zweifel und Reue über die Mitarbeit an einer derart todbringenden Technologie auszubreiten. Als einer der berühmtesten Kritiker der Atombombe trat nach Kriegsende Albert Einstein auf. Er zwar nicht direkt am Manhattan-Projekt beteiligt, jedoch durch seinen Brief an Roosevelt hatte er den Stein ins Rollen gebracht.
Die Arbeit an neuen Bomben indessen, ging auch nach Kriegsende weiter. Von den ursprünglich vier gebauten Sprengsätzen, waren drei aufgebraucht worden. Weitere Bomben nach dem MK-3 Design wurden angefertigt und im Rahmen der Operation Crossroads unter den Decknamen “Able” und “Baker” im Juli 1946 auf dem Bikini-Atoll getestet. Am 31. Dezember 1946 wurde das Manhattan-Projekt für beendet erklärt und die Verwaltung aller Nuklearangelegenheiten der Atomic Energy Commission (AEC) übertragen. Obwohl die AEC ein militärisches Verbindungskommando unterhielt, wurde zusätzlich eine weitere Behörde innerhalb der US-amerikanischen Streitkräfte geschaffen, die als Armed Forces Special Weapons Project (AFSWP) die Wartung, Lagerung, den Transport und Unterstützung bei Atomtest, gewährleisten sollte. Reibereien und Kompetenzstreitigkeiten beider Behörden waren mit der engen Aufgabenteilung vorprogrammiert.
Die juristische Grundlage für beide Organisationen bildete der weiter oben bereits erwähnte McMahon Act. Vorausgegangen war eine gewisse Ratlosigkeit, wie man mit der neuen Technologie umgehen sollte. Von Abrüstung, bis hin zu kontrollierter Verbreitung schienen sämtliche Optionen offen zu sein. Da auch Roosevelts Nachfolger Harry S. Truman zunächst keine klare Linie für die zukünftige Atompolitik hatte, wurden Außenminister Dean Acheson und der Verwaltungschef der Tennessee Valley Authority, David Lilienthal, beauftragt den Sachverhalt zu untersuchen. Die Ergebnisse wurden im März 1946 im sogenannten Acheson-Lilienthal-Report zusammengefasst. Der Tenor des Reports tendierte hin zu einer internationalen Verwaltung des spaltbaren Materials. Was 1945 noch von den USA und der Sowjetunion befürwortet wurde, war kaum ein halbes Jahr später allerdings wieder gänzlich offen.
Am 24. Januar 1946 wurde durch die UN-Generalversammlung in der Resolution 1 die United Nations Atomic Energy Commission (UNAEC) gegründet. Der amerikanische Vertreter in der Kommission, Bernard Baruch, schlug im Juni 1946 einen konkreten Plan auf der Grundlage des Acheson-Lilienthal-Reports vor, nachdem alle verbleibenden Atombomben abgerüstet und die weitere, friedliche Entwicklung der Atomkraft unter Kontrolle der Vereinten Nationen gestellt werden sollte — allerdings ohne Veto-Möglicheit für den UN-Sicherheitsrat. Die ausschließlich friedliche Nutzung des spaltbaren Materials sollte durch ein Sanktionssystem und Kontrollen überwacht werden. Für die USA hätte die Umsetzung die unilaterale Preisgabe des Monopols bedeutet, für die Sowjetunion den Verzicht auf etwas, woran man längst mit voller Kraft arbeitete. Dass der Plan abgelehnt wurde, lag nicht zuletzt an der sowjetischen Furcht vor Sanktionen und ungehindertem Zugang internationaler Inspektoren in die UdSSR, sondern auch daran, dass die Vereinten Nationen von den Sowjets als westlich dominiert betrachtet wurden. Die USA dagegen weigerten sich das Atomwaffen-Monopol aufzugeben, solange kein internationales Kontrollregime bestand. Die Weichen für den kommenden Rüstungswettlauf waren durch das Scheitern des Baruch-Plans gestellt.
Atome für den Frieden
Die Schrecken von Hiroshima und Nagasaki konnten eine generelle Euphorie über die vermeintlich gezähmte Technologie jedoch nicht überdecken. Die Atomenergie löste eine regelrechte Aufbruchstimmung aus, die aus heutiger Sicht fast schon naiv wirkt. Am 08. Dezember 1953 hielt US-Präsident Dwight D. Eisenhower vor der UN-Generalversammlung seine berühmt gewordene “Atoms for Peace”- Rede, die besonders sinnbildlich die Widersprüchlichkeit der Atomtechnik verdeutlicht, vor allem vor dem Hintergrund der immer weiter steigenden Zahl an Atombomben und dem Bau der ersten Wasserstoffbomben. Eisenhowers Vision der friedlichen Nutzung der Kernenergie sah wiederum eine internationale Behörde vor, die sich um die Kontrolle und Sicherheit des nuklearen Materials kümmern sollte. Diese Pläne wurden auf der 1. Genfer Atomkonferenz soweit konkretisiert, dass zwei Jahren später die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) gegründet wurde, die bis heute durch ein Sonderabkommen mit den Vereinten Nationen verbunden ist.
Gleichzeitig versuchten die USA und andere westliche Staaten unter dem Motto “Atoms for Peace” Atomtechnologie zu friedlichen Zwecken zu exportieren. So waren die USA und Kanada maßgeblich am indischen Atomprogramm beteiligt, ebenso wie die USA und Frankreich Israel beim Bau von Reaktoren unterstützten. Die Unterstützung wurde zwar immer unter der Prämisse gewährt, die Technologie nur zu friedlichen Zwecken zu nutzen, das Problem der Begrenzung eines Atomprogramms auf friedliche Zwecke besteht jedoch bis heute fort.
Der Atomwaffensperrvertrag
Frankreich stellte zwar seine Uran-Lieferungen an Israel ein, die Israelis schafften es jedoch – höchst wahrscheinlich durch den Mossad – weitere Rohstoffe über Umwege einzukaufen. Die internationale Nachfrage nach Technologie und Rohstoffen führte nicht zuletzt zur Etablierung eines blühenden Schwarzmarktes. Die Proliferation wurde zunehmend zu einem Problem, was die bisherigen Atommächte – allesamt Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrats – veranlasste, ein Regime auf den Weg zu bringen, um die Verbreitung einzudämmen. Als ersten unterzeichneten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien am 01. Juli 1968 den Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons (NPT), besser bekannt als Atomwaffensperrvertrag. Der Vertrag gesteht den Staaten, die vor dem 1. Januar 1967 eine Atombombe gezündet haben, das Recht zu Atomwaffen zu besitzen und verpflichtet sie gleichzeitig zur gegenseitigen Abrüstung. Alle anderen Unterzeichnerstaaten verpflichten sich auf den Erwerb von Atomwaffen zu verzichten, haben jedoch das ausdrückliche Recht auf zivile Atomprogramme. Das Dilemma, dass zivile Atomprogramme auch zur Anreicherung von waffenfähigem Uran genutzt werden können, ist durch den Fall des Irans aktueller denn je. Nordkorea hat das Regime 2003 vertragsgemäß verlassen und bezeichnet sich mittlerweile selbst als Atommacht. Im Falle von Pakistan hat das Land den Vertrag niemals unterzeichnet und sich auf illegalem Weg der nötigen Technologie bemächtigt. Im Falle der offiziellen Atommächte muss man den Willen zu gegenseitiger Abrüstung zumindest in Frage stellen. Zu guter letzt hat die IAEA, die eigentlich als Hüterin des Vertrages fungiert, keine Sanktionsmacht, sondern kann etwaige Vertragsbrüche nur an den Sicherheitsrat herantragen.
Fazit
Eine wirkliche Nuklearwaffenkonvention, wie sie u.a. für Bio- und Chemiewaffen besteht, ist zwar als Entwurf durchaus mehrmals durchdacht worden, die Realisierung liegt jedoch in weiter Ferne. Die geopolitischen Verwerfungen des letzten Jahres, sowohl in Europa, als auch im asiatischen Raum, scheinen eher eine Renaissance der Atomwaffen als Machtmittel zu befeuern. Das alles passiert in einer Welt, in der transnationale Terrorgruppen operieren und die durch die moderne Informationstechnologie und Verkehrinfrastruktur so stark vernetzt ist, wie niemals zuvor in der Geschichte. Für die Verhinderung der unkontrollierten Verbreitung von Atomwaffen und zugehöriger Technologie eine zusätzliche Herausforderung, die im nächsten Teil genauer beleuchtet wird.
Obwohl die Atomkraft als Technologie seit Jahrzehnten ihren Zenit überschritten hat, bleibt die Waffentechnik des Zweiten Weltkriegs nach wie vor eine der gewichtigsten Variablen des internationalen Systems. Bei der Beschäftigung mit dem Thema kann einem beinahe der Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe in den Sinn kommen: “Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.”
Verweise
- Joseph M. Siracusa, “Nuclear Weapons. A very Short Introduction“, Oxford University Press, 2008.
- Ronald E. Powaski,”March to Armageddon: The United States and the Nuclear Arms Race, 1939 to the Present“, Oxford University Press, Oxford 1989.
- Stephanie Cook,”Atom – Die Geschichte des nuklearen Irrtums“, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2009.
Lesen Sie auch “Atomwaffen: Mythos Able Archer 83“.