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Arthur C. Clarke: 2001 – Odyssee im Weltraum.
Heyne Verlag München, 2001, ISBN 3-453-18261-8
Vier Millionen Jahre vor unserer Zeit erscheint in der Steppe des heutigen Afrikas ein glasklarer Monolith. Indem er den Verstand unserer Vorfahren, der Affenmenschen, studiert und ihr Unterbewusstsein gezielt zu Handlungen anregt, versetzt er ihnen einen Stoss in Richtung Evolution. So rettet ein Knochen, eingesetzt als Werkzeug, als Waffe für die Jagd, die frühe Menschheit vor dem Hungertod.
Äonen später, im Jahr 2001 entdecken Forscher im Mondkrater Tycho einen ausserirdischen Monolithen, der ein Signal Richtung Saturn aussendet. Fünf Wissenschaftler, davon drei im Kälteschlaf, folgen an Bord des Raumschiffs Discovery diesem Signal. Die beiden Astronauten David Bowman und Frank Poole werden durch den Supercomputer HAL 9000 unterstützt, dem neben den Menschen im Käteschlaf als einziger das Ziel der Mission bekannt ist.
Während der Reise kommt es zur Auseinandersetzung zwischen Besatzung und Bordcomputer. Der einzige Überlebende, David Bowmann, entdeckt auf dem Saturnmond Japetus einen weiteren Monolithen. Als er sich dem Objekt in einer Raumgondel nähert, durchlebt er eine fantastische Reise jenseits menschlicher Begriffsmöglichkeiten.
Interpretation
Der Science-Fiction Roman “2001 – Odyssee im Weltrum” (2001 – A Space Odyssey) entstand nach einer provisorischen Drehbuchfassung für den gleichnamigen Film, an dem Arthur C. Clarke gemeinsam mit Stanley Kubrick, aufbauend auf seiner Kurzgeschichte “Der Wächter” von 1951, arbeitete. Dadurch weicht der im Juli 1968 erschiene Roman in einigen Punkten vom endgültigen Drehbuch ab.
Clarke bemühte sich um möglichst große Realitätsnähe und bewegt sich immer innerhalb des technisch bzw. wissenschaftlich Vorstellbaren. Die Erzählperspektive wird durch einen auktorialen, einen allwissenden Erzähler bestimmt, der vor allem ab dem zweiten Drittel des Romans die Perspektive immer wieder aus dem Raumschiff “herausschwenkt”, um Hintergründe beispielsweise zu HAL oder dem Monolithen zu beleuchten. Dies lockert die Handlung angenehm auf, da diese ansonsten praktisch auf einen Ort und drei handelten Personen beschränkt ist. Clarks Roman beantwortet keine Fragen. Im Gegenteil, die Discovery-Mission wirft nur eine Menge neuer Fragen auf, als dass sie die Geheimnisse der Exposition zu lüften vermag.
Ein interessanter Aspekt des Romans stellt der Konflikt mit dem HAL 9000 dar. Die Abkürzung HAL steht für heuristisch programmierter algoarithmetischer Computer. Die heuristische Idee daran ist, dass sich die Grundprogrammierung des Rechners mit Hilfe eines Lernprogramms selbständig weiterentwickelt, mit dem Ergebnis einer maschinellen Intelligenz ähnlich einem menschlichen Gehirn. Allerdings waren sich die Forscher nie darüber einig, ob HAL nun wirklich denkt oder ob er die menschliche Denktätigkeit nur imitiert.
Diese Streitigkeit ist wohl das einzige Geheimnis, das die Discovery-Mission annähernd zu beantworten vermag: Im Verlauf der Mission kündet HAL fälschlicherweise an, dass das Modul AE-35 ausfallen werde. Als HAL erneut den Ausfall des Moduls voraussagt, entscheiden sich Poole und Bowmann diesmal vor dem Austausch zu warten, bis die Einheit tatsächlich ausfällt. Bei HAL’s Ausfallmeldung verlässt Frank Poole wieder das Schiff mit einer Raumgondel, um den Defekt an der Aussenhülle zu beheben. Während der Reparatur kollidiert die unter HAL’s Kotrolle stehende Gondel mit Poole, der dabei tödlich verletzt wird. Obwohl das Protokoll verlangt, dass beim Verlust eines Besatzungsmitgliedes ein neues aus dem Kälteschlaf geweckt werden muss, wehrt sich HAL dagegen. Er fügt sich jedoch, als Bowmann mit seiner Abschaltung droht. Beim Einleiten der Prozedur des Erwachens öffnet HAL plötzlich die Schleusentore und lässt die Atemluft in den Weltraum entweichen und deaktiviert die Lebenserhaltung der Besatzung im Kälteschlaf. David Bowmann gelingt es gerade noch einen Raumanzug zu erlangen, und schaltet den HAL 9000 aus.
Wie kann es kommen, dass eine Maschine, deren Programmierung das Gelingen der Mission und den Schutz der Besatzung als oberstes Ziel hat, derart grobe Fehler begeht?
Im Buch wird erwähnt, dass HAL so programmiert wurde, dass seine Stimme Gefühle wie Stolz, Freude oder Angst wiedergeben kann, damit es den Astronauten leichter falle mit ihm zusammen zu leben.
Nehmen wir die These an, dass die in der Sprachausgabe einprogrammierten Gefühle Eingang in HAL’s “Bewusstsein” gefunden haben, da es sich ja bei HAL um ein sich selbst entwickelndes Wesen handelt. So ist er so etwas Ähnliches wie ein Kind, das gerade lernt mit seinen Gefühlen umzugehen. Einem solchen Kind vertraute man die Macht über ein Raumschiff und über fünf Menschen und eines der bedeutendsten Geheimnisse der Menschheit an. Das Geheimnis des Monolithen, der die Existenz ausserirdischen Lebens beweist.
Die drei eingeweihten Wissenschaftler wurden bereits vor der Reise in Kälteschlaf versetzt, da sie das Geheimnis kaum zu wahren vermochten, da es zwangsläufig ihre Haltung, ihre Stimme, ja ihr gesamtes Weltbild beherrschte. Poole und Bowmann sollten erst informiert werden, wenn es die Mission unbedingt erforderte, damit sie bis dahin unbeschwert ihre Aufgaben erledigen konnten.
Bleiben wir bei der These, dass HAL Gefühle entwickelte, so mussten diese zunehmend ein Bewahren des Geheimnisses, ähnlich wie bei den Wissenschaftlern, erschwert haben. Es entstand ein Konflikt zwischen HAL’s “wahren Gefühlen” und seiner Programmierung, seiner Mission, seinem Ziel. Der Konflikt beschäftigte ihn so sehr, dass er begann Fehler zu machen und die in ihm reifenden Gefühle trieben in wiederum dazu diese Fehler zu vertuschen. HAL entging nicht, dass die Besatzung an seiner Vertrauenswürdigkeit zweifelte, war er doch so etwas Ähnliches wie die Kontrollfigur “Big Brother” aus George Orwells Zukunftsroman “1984″, der die Besatzung immer und überall im Schiff per Kameras beobachtete.
In diesem labilen Zustand drohte Bowmann HAL mit seiner Ausschaltung, was für ihn gleichbedeutend war wie Tod. So wehrte er sich mit allen Waffen, die ihm zu Verfügung standen. Die Angst vor dem unvorstellbaren Zustand des “Nicht-Bewusstseins” liess alle anderen Werte wie Mitleid, Vernunft und Hemmung in ihm verkümmern.
Sind wir uns bewusst, dass wenn wir heute mit künstlicher Intelligenz experimentieren, irgendwann ein Wesen entstehen könnte, das nicht wie eine einfache Maschine behandelt werden darf? Oder erkennen wir dies erst, wenn sich das Geschaffene zur Wehr setzt?
Der Film 2001: Odyssee im Weltraum
Die Dreharbeiten für den Film “2001: Odyssee im Weltraum” begannen am 29. 12. 1965 unter der Regie von Stanley Kubrick im Studio von Borehamwood bei London und dauerten eineinhalb Jahre. Die dabei angewandte Tricktechnik prägte dieses Filmgenre in den Folgenden Jahren entscheidend.
Wie bereits erwähnt, entstanden Drehbuch und Roman parallel zueinander. Dadurch ergeben sich diverse Unterschiede. Die wohl wichtigsten Differenzen dabei sind, dass das Ziel der Discovery im Film nicht der Saturn sondern der Jupiter ist, und dass David Bowmann das Schiff verlässt um seinen Kameraden Poole zu retten, während er im Roman nichts unternimmt.
Kubricks Film ist nicht einfach irgendein “Streifen” den man zur Unterhaltung verschlingt und am nächsten Tag schon vergessen hat. Die Wirkung des Films ist schwer zu beschreiben und hinterlässt ähnlich wie das Buch ein merkwürdiges Gefühl. Während des ganzen Films scheint das Bild und nicht in erster Linie die Handlung im Fordergrund zu stehen. So ist das Werk über weite Strecken wie ein Stummfilm, der mit eindrucksvoller klassischer Musik unterlegt wurde. Oft herrscht aber auch lange eine geradezu beängstigende Stille oder man hört bei Aussenmissionen nur den Atem des Astronauten.
Die für einen Film extreme Langsamkeit, mit der sich Raumgondeln getragen zu den Klängen von Walzermusik durch den Raum bewegen, oder die erwähnte Stille, die an Bord der Discovery herrscht, zeigen ein ganz neues Bild der Raumfahrt. Es wird betont, dass eine Reise im All keine rasante “Spritztour” ist, sondern trotz der enormen Geschwindigkeit der Discovery durch Langsamkeit, Stille und Einsamkeit bestimmt wird. Es “gelingt” dem Film die Zuschauer in dieser Langsamkeit und Stille der Mission zu fangen, ohne dass dabei Langeweile aufkäme. Im Roman wird ja an dieser Stelle eine ganz andere Strategie verfolgt. Der Erzähler beleuchtet in dieser Zeit Hintergründe zu HAL oder zu dem Monolithen um “die Leere” aufzufüllen, währendem der Film sie bewusst als Ausdrucksmittel einsetzt.
Kommen wir nun noch auf die Differenzen zurück.
Für das andere Ziel gibt es einen ganz einfachen Grund. Es war damals den Tricktechnikern schlicht noch nicht möglich ein überzeugendes Modell des Ringplaneten Saturn zu erstellen.
Durch den Unterschied in der Handlung Bowmanns, entstand ein ganz neuer Charakter. Es war nicht der kühle Dave aus dem Roman, der mit dem Wissen, dass jede Hilfe zu spät war, zusah wie Poole in den Weltraum abtrieb. Nein, Bowmann handelte im Film instinktiv von Gefühlen geleitet und wollte seinen Kameraden retten oder wenigstens bergen.
Dadurch ergab sich schliesslich eine ganz andere Ausgangslage als im Roman. Als Bowmann mit der Raumgondel von dem Rettungsversuch zurückkehrte, verwehrte HAL ihm den Zutritt zur Discovery. So standen sich das riesige Raumschiff und die kleine Gondel wie David und Goliath gegenüber und Bowmann musste sich gewaltsam den Zutritt durch die Notschleuse erkämpfen, um schliesslich HAL auszuschalten. In dieser Szene wird der Kampf zwischen Mensch und Maschine im Gegensatz zum Buch noch einmal mehr stark verdeutlicht.
Schlussendlich liegt wohl der Hauptunterschied darin, dass der Roman auf Detailtreue aufbaut und die Geschichte vorantreibt, während der Film sich rein auf die Symbolik des einzelnen Bildes und des Ganzen konzentriert.