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Rotes «S» auf gelbem Stoff, die muskulösen Schultern umgeben von einem roten Cape, überirdische Kräfte in engem Trikot: Das ist Superman. Eine Kunstfigur, die die beiden jungen US-Amerikaner Jerry Siegel und Joe Shuster 1933 ins Leben riefen.
1938 erschien das erste Comicheft. 10 Cents kostete es damals, was dem Gegenwert von knapp vier Litern Benzin oder einem Laib Brot entsprach. Mit seinen Heldentaten unterhielt Superman bald ein Millionenpublikum – erst auf Papier, später mit unzähligen Radiohörspielen, Trickfilmen und TV-Serien.
Ein Immigrant wird zum Idol
Superman – mit ursprünglichem Namen Kal-El – war der Sohn eines Wissenschaftlers auf dem von der Zerstörung bedrohten Planeten Krypton. Um der drohenden Katastrophe auf Krypton zu entgehen, wurde Kal-El vom Vater per Raumschiff in die amerikanische Kleinstadt Smallville, Kansas geschickt. Dort wurde der Fremdling vom Ehepaar Kent aufgenommen und wuchs als Clark Kent auf.
Damit gelang den Machern ein cleverer Zug: Superman war nicht bloss der Held mit Röntgenblick, übermenschlichen Kräften und Flugkünsten, er war eben auch der normale Nachbar und Mitarbeiter. Damit schafften Siegel und Shuster das ideale Identifizierungspotential: Clark Kent gab den schüchternen Lokalreporter – bis Gefahr drohte. Dann wurde er zum Superman und machte sich auf, Unglück abzuwenden und für Gerechtigkeit zu sorgen.
Der Feind: erst Nazis – dann Kommunisten
Von vielen Verlegern wurde die Geschichte erst abgelehnt. Zu kindisch, zu naiv lautete der Tenor. Doch mit der Veröffentlichung bei «National Publications» schlug der Comic ein wie ein Meteorit.
Journalist Christian Gasser erklärt dies mit der damaligen ökonomischen und politischen Situation der USA: «1938 hatten sich die USA noch nicht vollständig von der Wirtschaftskrise erholt, die Nachrichten aus Europa waren alles andere als beruhigend. Dementsprechend gross war das Bedürfnis nach starken Männern.»
So waren auch Supermans erste Feinde Nazis, gefolgt von Kommunisten, verrückten Wissenschaftlern, Ausserirdischen und Robotern.
Superman begründete einen Boom in der Comicwelt: Es folgte eine ganze Heerschaar von Superhelden. Figuren mit Spezialkräften wie Spider-Man und Wonder Woman.
Comic für Studenten und Intellektuelle
Gründe für den enormen Erfolg von Superman gibt es viele. Ein hiesiger Erklärungsversuch aus den 70er-Jahren findet sich im SRF-Archiv. In einem Beitrag des «Monatsmagazin» von 1976 liefern Leser und Experten Einschätzungen für die Beliebtheit der Comicfigur.
Die Klischee-Vorstellung vom 10-jährigen Comicnarren, der die Hefte heimlich unter der Bettdecke verschlingt, muss korrigiert werden. Die Leserschaft habe damals «vorwiegend aus Studenten und Intellektuellen» bestanden, sagt ein Comicverkäufer im «Monatsmagazin» von 1976.
Ein Teenager begründet seine Vorliebe für die Comicfigur mit der ansprechenden Optik und der idealen Textlänge: «Die Hefte sind praktisch: Sie haben nur 30 Seiten, man hat sie schnell gelesen. Der zweite Grund, es mag doof klingen: Es hat Bilder drin. Der optische Eindruck dieser Hefte scheint mir gross. Zudem identifiziere ich mich bewusst oder unbewusst mit Superman, so dass ich seine Abenteuer mehr oder weniger miterlebe.»
Ein naives Weltbild in der Kritik
Die Auseinandersetzung mit der amerikanischen Kultfigur führte hierzulande schon damals zu Diskussionen über die Gewaltdarstellungen und deren Auswirkungen auf den Rezipienten. Kritisiert wurde die unhinterfragte Allmacht Supermans, das vereinfachte und naive Weltbild – die Rede ist gar von «dekorativen Opfern».
Die Antwort auf die Frage, warum so viele Leute diesen Comic lesen würden, ist einfach: Die Figur thematisiert ganz archaische Phantasien: Jeder will heldenhaft sein.
Eine Verbindung in die Welt von heute schaffen unzählige Superman-Seiten im Netz. Dort finden sich nebst Informationen zu Originalschauplätzen auch zahlreiche Hinweise zu Festivals und Würdigungsanlässen sowie das kryptonische Alphabet und Superman-Kuchenrezepte.
Vor allem eine Marke
Nicht zu vernachlässigen sind die Unmengen an Superman-Gadgets, die im Netz zum Verkauf angeboten werden. Superman ist eine Marke mit unvorstellbarer Wertsteigerung: Was mal einen Laib Brot wert war – nämlich die Erstausgabe von 1938 – wurde 2011 für mehr als zwei Millionen Dollar versteigert.
Im Charakter der Marke liege aber auch die Schwäche der Figur, wie es der Journalist Christian Gasser ausdrückt: «Das rote ‹S› ist ähnlich universal wie der Schriftzug von Coca-Cola – und wie Coca-Cola symbolisiert auch Superman auf der ganzen Welt den ‹American Way of Life›. Doch ein Logo hat keine Persönlichkeit – und damit lässt sich keine relevante Geschichte erzählen.»
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 18.04.2018, Kultur aktuell, 17:10 Uhr.