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Cölibāt
(lat.), im allgemeinen der ehelose Stand, im besondern die Verpflichtung zur Ehelosigkeit, die für den römisch-katholischen Klerus besteht. Das Judentum enthält nur die Vorschrift, daß der Priester keine Entweihte oder Geschiedene, ein Hoherpriester keine Witwe heiraten durfte, alle aber zur Vorbereitung auf heilige Handlungen des geschlechtlichen Umganges sich enthalten mußten. Im Neuen Testament gehen zwei Richtungen nebeneinander her. Christus selbst sieht zwar eine urälteste und heilige Gottesordnung in der Ehe (Matth. 19, 4. ff.); wie dieselbe sich aber trotzdem mit seiner eignen Aufgabe und Stellung nicht vertrug, so kennt er unter seinen Nachfolgern, im Gegensatz zu den Eunuchen der Natur und der Verstümmelung, auch Eunuchen des sittlichen Willens (Matth. 19, 12),. und in dieser Spur gehen in der That die Offenbarung des Johannes (14, 4) und mit besonderer Entschiedenheit Paulus (1. Kor. 7. 1.7.28-38). einher, welcher ausdrücklich erklärte, daß das Nichtheiraten unter bestimmten Umständen, »um der gegenwärtigen Not willen«, besser sei.
Die andern Apostel dagegen, Petrus voran, waren beweibt (Matth. 8, 14;. 1. Kor. 9, 5),.
und die Pastoralbriefe fordern gerade auch vom Bischof, daß er als Familienvater ein Vorbild für die Herde (1. Tim. 3, 4. ff.; Tit. 1, 6). und »Eines Weibes Mann sei« (1. Tim. 3, 2;. Tit. 3, 6). Nachdem seit dem 2. Jahrh. die sich der Vollkommenheit Befleißigenden freiwillige Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt, stellte sich auch mit wachsender Bestimmtheit die Vorstellung ein, daß denen, welche als Priester täglich die heiligen Mysterien handhaben, die Ehe eigentlich nicht anstehe.
Seit Anfang des 4. Jahrh. ergehen an mehreren Orten der Kirche schon Gesetze in dieser Richtung, und der auf dem ökumenischen Konzil zu Nicäa (325) von einer asketischen Partei gemachte Versuch, den verheirateten Klerikern bis zum Subdiakon die eheliche Beiwohnung nach erlangter Weihe zu verbieten, scheiterte nur an der Beredsamkeit des Paphnutius, der, obwohl selbst strenger Asket, die Heiligkeit des ehelichen Lebens mit solchem Erfolg verteidigte, daß nur den unverheiratet in den Klerus eintretenden Geistlichen der drei obern Grade nach Erlangung derselben die Eingehung der Ehe untersagt wurde. Hierzu stimmt es, wenn noch ¶
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die Synode von Gangra 355 einen jeden für anathematisiert erklärte, der an dem Gottesdienst eines verehelichten Priesters
teilzunehmen sich weigere. Nichtsdestoweniger wirkte das Vorbild des Mönchsstandes, hinter welchem die Priesterschaft nicht
allzuweit zurückbleiben durfte, entscheidend zu gunsten des
Cölibats, und es wurde namentlich in der orientalischen Kirche
bald vorwaltende Observanz, daß wenigstens die Bischöfe, wenn sie verheiratet waren, aus dem ehelichen
Verhältnis heraustraten.
Noch strengere Ansichten machten sich im Abendland auf der Synode von Elvira 305 geltend, indem hier von den verheirateten Klerikern der drei höhern Grade die Enthaltung von dem ehelichen Umgang gefordert wurde, und drangen seit 385 durch den römischen Bischof Siricius, der die Ehe der Priester obscoenae cupiditates nannte, im Abendland durch. Ihm schlossen sich die folgenden Bischöfe (Innocenz I. 404 und 405, Leo I. 446 und 458) an, und auf zahlreichen Synoden wurden Verordnungen erlassen, welche die unbedingte Enthaltsamkeit vom ehelichen Leben Priestern, Diakonen und Subdiakonen vorschrieben und Verheiratete nur nach abgelegtem Gelübde der Keuschheit zu diesen Graden zu ordinieren erlaubten.
Die weltliche Gesetzgebung bestätigte diese Bestimmungen mit dem Zusatz, daß Ehen der Kleriker der höhern Weihen nach ihrer Ordination als nichtig und die aus solchen entsprossenen Kinder als unehelich zu betrachten seien. Ebenso war auch im Morgenland die Gesetzgebung Justinians der Priesterehe durchaus ungünstig. Im geistlichen Amt zu heiraten, war vom Subdiakon aufwärts untersagt; schon Verheiratete wurden jedoch bis zur Weihe des Presbyters zugelassen, und erst die Ordination zum Bischof war durch Ehelosigkeit bedingt. Bei diesen Satzungen, welche das trullanische Konzil 692 bestätigte, blieb das griechische Kirchenrecht stehen.
In der lateinischen Kirche dagegen wurden die alten Verordnungen wider die Priesterehe zwar immer aufs neue und besonders seit
dem Pontifikat Leos IX. (1048-54) sehr nachdrücklich wiederholt; aber thatsächlich drangen die
Cölibatsgesetze so wenig
durch, daß es in allen Ländern und selbst unter den Augen des Papstes viele verheiratete Priester gab.
Erst Gregor VII. hat das im Zusammenhang mit seinem Prinzip der Lostrennung der Kirche von jeder weltlichen Macht sowie zur
Verhütung der Vererbung der Kirchenämter vom Vater auf den Sohn 1074 auf einer Synode zu Rom
[* 4] erlassene Dekret, daß jeder beweibte
Priester, der das Sakrament verwalte, ebenso wie der Laie, welcher aus der Hand
[* 5] eines solchen das Sakrament
empfange, mit dem Bann bestraft werden solle, ungeachtet des heftigsten Widerstandes, besonders auf seiten des niedern Klerus,
in Vollzug gesetzt.
Calixtus II. (1119 und 1123) und Innocenz II. (1139) erklärten sämtliche Priesterehen überhaupt für ungültig. Das spätere
kanonische Recht hat diese Bestimmungen zu wiederholten Malen bestätigt, und der von einem Kardinal auf
dem Konstanzer Konzil gemachte Vorschlag der Wiedereinführung der Priesterehe sowie die selbst von katholischen Fürsten ausgehenden
Bemühungen, das Konzil zu Trient
[* 6] zur Aufhebung des
Cölibats zu bewegen, hatten nur die Bestätigung der ältern Bestimmungen
zur Folge.
Die jetzt bestehende Disziplin hinsichtlich des
Cölibats in der römisch-katholischen Kirche ist mithin im wesentlichen folgende:
Eine verheiratete Person kann nicht ordiniert werden, denn die Ehe ist unauflöslich und doch mit einem höhern geistlichen
Grad unvereinbar. Eine Ausnahme tritt nur dann
ein, wenn sich die Frau bereit erklärt, ins Kloster zu gehen.
Schließt ein höherer Kleriker dennoch eine Ehe, so ist dieselbe gesetzlich nichtig. Den Geistlichen trifft zugleich die Exkommunikation
und Suspension.
Wenn ein Kleriker niedern Grades (minoris ordinis) heiratet, so ist die von ihm geschlossene Ehe zwar gültig, aber Funktion
und Pfründe (officium et beneficium) sollen ihm entzogen werden. Dabei darf jedoch nicht verschwiegen
werden, daß die Klagen über Ausschweifungen der Kleriker im geheimen oder mit den Haushälterinnen so alt und so neu sind,
als das
Cölibat überhaupt gesetzlich besteht. Mußte doch im Mittelalter auf Drängen der Gemeinden den Geistlichen das Konkubinat
gestattet werden, damit nicht ehrbare Frauen und Töchter verführt würden, und Bischöfe begünstigten
dasselbe wegen der darauf ruhenden Steuern. In neuerer Zeit wurden Anträge auf Aufhebung des
Cölibats wiederholt von verschiedenen
Seiten, unter andern von den Kammern in Baden,
[* 7] Hessen,
[* 8] Bayern,
[* 9] Sachsen
[* 10] und andern Ländern, gestellt, blieben aber ohne Wirkung.
Selbst der Wunsch, daß Priester in den Laienstand zurücktreten dürften, fand kein Gehör.
[* 11] Gregor XVI.
erklärte sich in einem Umlaufschreiben vom und in einem Erlaß an die oberrheinische Kirchenprovinz vom aufs
entschiedenste gegen alle derartigen Bestrebungen. In Frankreich traten zur Zeit der Revolution vereidigte Priester in den Ehestand,
aber das Konkordat von 1801 drang auf das
Cölibat.
In der griechischen Kirche gelten noch die alten Gesetze. Die Geistlichen der höhern Grade dürfen nach erhaltener Weihe nicht heiraten. Da aber bereits Verheiratete ordiniert werden können, so ist es Observanz geworden, daß jeder angehende Geistliche kurz vor dem Empfang der Weihe zur Ehe schreitet. Die zweite Ehe und die mit einer Witwe schließen vom geistlichen Amt aus. Die Bischöfe müssen stets ehelos gewesen sein und werden daher regelmäßig aus dem Mönchsstand gewählt.
Die evangelische Kirche hat nach ihrem Grundprinzip der Freiheit sogleich von Anfang an ihre Geistlichen von der Verpflichtung
zum
Cölibat befreit. Schon ehe Luther in der Schrift »Ermahnung an kaiserliche Majestät und den christlichen
Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Verbesserung« 1520 sich ausführlich über die Zulässigkeit der Priesterehe
ausgesprochen hatte, setzten sich einige seiner Anhänger unter den Geistlichen über das
Cölibatsgesetz hinweg, und Luther
selbst machte 1525 von der evangelischen Freiheit Gebrauch.
Die symbolischen Bücher und die Kirchenordnungen bestätigen allgemein die Zulässigkeit der Priesterehe.
Vgl. Ant. und Aug. Theiner, Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen (2. Ausg., Altenb. 1845, 2 Bde.);
v. Holtzendorff, Der Priester
cölibat (Berl. 1875);
v. Schulte, Der
Cölibatszwang und dessen Aufhebung (Bonn
[* 12] 1876);
Laurin, Der
Cölibat der Geistlichen nach kanonischem Recht (Wien
[* 13] 1880);
Lea, Historical sketch of sacerdotal celibacy (2. Aufl., Boston [* 14] 1884).