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Interview mit Professor Ruedi Lüthy, 55, Vorsteher der Abteilung für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich und Leiter des Aidshospizes Lighthouse.
Herr Lüthy, der "Spiegel" titelte vor wenigen Wochen "Aids - der Durchbruch?". Bestehen tatsächlich berechtigte Hoffnungen auf einen Durchbruch in der Aidsforschung?
Ruedi Lüthy: Von einem wirklichen Durchbruch, der ja auch bedeuten würde, dass eine Heilung in Sicht ist, kann man nicht reden. Ich fände es aber auch falsch, würde man das, was in den letzten ein, zwei Jahren innerhalb der Forschung gelaufen ist, nur als "Hoffnungsschimmer" abtun. Es ist mehr, weit mehr. Im Moment habe ich persönlich allerdings grosse Mühe, meine Position in Worte zu fassen.
Was macht Ihnen Mühe?
Lüthy: Ich empfinde eine gewisse Zerrissenheit. Einerseits jubelt in mir etwas angesichts der wirklich beachtlichen Veränderungen, die es gegeben hat. Andererseits habe ich Angst, meine Begeisterung nach aussen zu tragen, weil ich befürchte, damit einmal mehr unberechtigte Hoffnungen auf - sagen wir - ein Heilmittel zu wecken. Heilung, ich wiederhole es, ist nicht in Sicht.
Worin bestehen dann die Veränderungen, die Sie trotzdem so zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen?
Lüthy: An einer internationalen Konferenz in Glasgow 1994 wurden zwei neue Substanzen vorgestellt, deren frühzeitiger Einsatz bei HIV-Infizierten zu sehr guten Testresultaten geführt hat. Die eine Substanz heisst 3TC oder mit dem Markennamen Epivir, und im anderen Fall handelt es sich um eine Gruppe von Substanzen, den sogenannten Protease-Inhibitoren. In der Zwischenzeit sind die in Glasgow präsentierten Ergebnisse in zusätzlichen Studien bestätigt worden.
Auf welche Art wirken diese Medikamente?
Lüthy: Es sind antivirale Mittel, die das HI-Virus bei seiner Ausbreitung und Vermehrung hemmen. Es scheint so, als könnten sie die Virusmenge, die sich heute mit einer ebenfalls neuen Technik messen lässt, sogar massiv reduzieren. Die Folge ist, dass sich das Immunsystem der Betroffenen erholen kann. Das wird unter anderem daran deutlich, dass die Zahl der CD4-Zellen, dem eigentlichen Indikator für den Zustand der Immunabwehr, in vielen Fällen wieder deutlich zunimmt. Damit sinken natürlich die Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten.
Diese Behandlungsart zielt also nicht darauf, das Virus zu eliminieren, sondern es in Schach zu halten.
Lüthy: Ja, und das hiesse in letzter Konsequenz, dass HIV-Infizierte, denen die neuen Substanzen zur Verfügung stehen, nicht nur zehn, sondern womöglich dreissig oder vierzig Jahre überleben könnten - ähnlich wie Zuckerkranke.
Welche Nebenwirkungen der neuen Medikamente sind bisher bekannt?
Lüthy: Das ist ein weiterer Aspekt, der mich sehr beeindruckt. 3TC beziehungsweise Epivir zeigt bis jetzt praktisch keine Nebenwirkungen. Die Protease-Inhibitoren verursachen zwar am Anfang erhebliche Nebenwirkungen wie Ausschläge oder Kribbeln in gewissen Körperteilen; diese klingen aber mit der Zeit ab.
Nun galten Sie ja lange Zeit als ausgesprochener Verfechter des Aidsmedikaments AZT, das in Betroffenen- und Fachkreisen immer wieder zu heftigen Kontroversen Anlass gab. Hat AZT nun auch bei Ihnen ausgedient?
Lüthy: Ich war seinerzeit wirklich überzeugt von der Wirksamkeit von AZT. Das mag dazu geführt haben, dass ich es manchmal mit einer gewissen Sturheit verfochten und verabreicht habe. Angesichts dessen, was die neuen Medikamente können, mag die Skepsis gegenüber AZT ja sogar berechtigt gewesen sein. Doch AZT, und daran halte ich fest, ist für gewisse Probleme wie die drohende oder bereits ausgebrochene Demenz, das heisst den geistigen Zerfall bei Aidspatienten das nach wie vor wirksamste Mittel.
Sind die neuen Aidsmedikamente wie Epivir denn überhaupt schon erhältlich?
Lüthy: Nein. Bisher werden nur Patienten im Rahmen von mehreren klinischen Studien in Zürich mit diesen Mitteln behandelt. Das heisst, Epivir, aber auch die Protease-Inhibitoren befinden sich bei uns erst in der Erprobung. Mir liegt viel daran, dass sie so rasch wie möglich von der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel registriert und anschliessend vom Bundesamt für Sozialversicherung als kassenzulässig erklärt werden. Denn je später diese Mittel eingesetzt werden können, um so mehr Patienten haben einen irreversiblen Fortgang der Krankheit erlebt. Und je füher ich eingreifen kann, um so mehr Menschen kann ich unter Umständen helfen.
Nun dürfte ja nicht nur der Faktor Zeit eine Rolle spielen, sondern auch die Frage des Geldes.
Lüthy: Man muss tatsächlich zugeben, dass solche Therapien mit zwei, ja später womöglich sogar drei oder vier Substanzen enorm viel kosten. Auch in unserer Abteilung am Universitätsspital Zürich hatten wir im letzten Jahr eine regelrechte Kostenexplosion zu verzeichnen.
Wieviel Geld steht der Aidsforschung im Vergleich zur Krebsforschung in der Schweiz zur Verfügung?
Lüthy: An Bundesgeldern gibt es zur Zeit acht Millionen Franken für die Aidsforschung. In die Krebsforschung wird erheblich mehr investiert.
In Grossbritannien ist es genau umgekehrt. Die Aidsforschung geniesst finanzielle Priorität, obwohl auch in England viel mehr Menschen an Krebs sterben. Wie lässt sich das erklären?
Lüthy: Die Überlegung, die dahinter steht, ist absolut einleuchtend. Während die Zahl der Patienten mit Krebs konstant bleibt, nimmt die Zahl der HIV-Infizierten nach wie vor zu. Der grössere Forschungsaufwand wird also getrieben, um die Epidemie Aids in den Griff zu bekommen.
Sie bezeichnen Aids also nach wie vor als Epidemie.
Lüthy: Aids ist eine Epidemie, denn die Zahl der Infizierten steigt weiter. Auch in der Schweiz kommen Jahr für Jahr rund 1500 Neuansteckungen dazu. Ganz zu schweigen von den Ländern der Dritten Welt, in denen Aids eine Tragödie von einem immensen Ausmass angerichtet hat und weiterhin anrichten wird. Um da Abhilfe zu schaffen, gibt es nur eine Lösung: Es muss ein Impfstoff gefunden werden.
Karin Mölling, die Direktorin des Instituts für medizinische Virologie an der Universität Zürich, soll doch an einem vielversprechenden Projekt arbeiten.
Lüthy: Ja, in dieses Projekt setze ich auch grosse Hoffnungen. Die Methodik, die bei dieser Impfung zur Anwendung kommen soll, stellt tatsächlich einen Quantensprung dar - vergleichbar mit dem Übergang von der mechanischen Schreibmaschine zum Computer. Da tut sich einiges.
Inwieweit haben prominente Aids-Opfer einen Einfluss auf die Aids-Forschung?
Lüthy: Wenn eine Krankheit mit wichtigen Persönlichkeiten identifiziert werden kann, bekommt sie ein Gesicht. Dann wird die Notwendigkeit, Forschungsgelder bereit zu stellen, viel schneller erkannt als wenn Fotos mit Hunderten von hungernden Kindern um die Welt gehen. So absurd es klingt, aber es ist so. Wenn Rock Hudson an Aids stirbt, wird das Bedürfnis, etwas gegen Aids zu unternehmen, viel drängender. Das gilt natürlich auch für andere Krankheiten. Kaum hatte man bei Reagan Alzheimer diagnostiziert, haben die Forschungszuwendungen massiv zugenommen.
Sie leiten seit einem knappen Jahr auch das Zürcher Lighthouse, in dem Schwerkranke und Sterbende auf ihrem letzten Weg begleitet werden. Wie nahe haben Sie die Sterbenden an sich herangelassen?
Lüthy: Dem Sterben kann man sich im Lighthouse nicht entziehen. Ich habe sehr intensive, zum Teil auch sehr schmerzhafte Erfahrungen gemacht, mit denen ich manchmal recht zu kämpfen hatte. Trotzdem bereue ich keinen einzigen Tag. Es wird hier eine andere Art von Medizin praktiziert als am Universitätsspital. Die Schulmedizin kann zwar auch im Lighthouse noch viel bieten, zum Beispiel in Sachen Schmerzlinderung oder Angstlösung, aber das allein genügt nicht. Die persönliche Begegnung mit den Patienten, das Anerkennen ihrer Eigenständigkeit, auch das ständige Abwägen, wann und wie sinnvoll und angemessen der Einsatz von Medikamenten für die Betroffenen ist, führen zu einem ganz anderen beruflichen Alltag.
Hat diese Erfahrung bei Ihnen zu einer Relativierung der Bedeutung der Schulmedizin geführt?
Lüthy: Ehrlich gesagt - ja. Es fällt mir nicht leicht, das zuzugeben. Aber man realisiert tatsächlich, dass es psychische und zwischenmenschliche Aspekte gibt, die von enormer Bedeutung sind und die innerhalb der Schulmedizin viel zu kurz kommen.
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© Barbara Lukesch