Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03111.jsonl.gz/112

Eine junge Frau in grauem T-Shirt schaut mich an. Auf dem T-Shirt sind die Spuren kleiner Füsse aufgedruckt, sie trippeln quer über den Oberkörper. Vielleicht trägt die Frau dazu Schlaghosen, die Mitte der 70er Jahre auch in Kambodscha Mode sind.
Wer bist du?
Vielleicht zupfst du das T-Shirt noch ein wenig zurecht, als der Fotograf die Augenbinde abnimmt. Er ist einer der ersten, den du zu Gesicht bekommst. Er nimmt deinen Kopf in seine Hände und sagt: «Schau geradeaus, auf keinen Fall nach links oder rechts.» Für das Porträt musst du auf einem Stuhl sitzen; solche Stühle erfand die französische Kolonialregierung und stellte sie in ihre Gefängnisse. Praktisch. Gefängnisdirektor Duch verfeinerte die Mechanismen im Auftrag von Angkar. Er leitete das Gefängnis Tuol Sleng in Phnom Penh und besass als einstiger Mathematiklehrer ein Faible für Technik und Akkuratesse.
Dein Foto hängt an einer Stellwand hinter Glas, daneben, darüber, in den Räumen davor: die Fotos Hunderter anderer Gefangener. Wer bist du? Bist du allein gekommen? Oder haben sie euch verhaftet, weil ihr westliche Musik gehört habt, du und deine Freunde nach der Arbeit auf dem Reisfeld, denn andere Arbeit war nicht erlaubt, selbst Kfz-Mechaniker galten als gebildet und wurden deshalb umgebracht. Nur die Führer der Roten Khmer waren Akademiker, liebten einst französische Literatur und französischen Wein. Von Pol Pot heisst es, er sei ein netter und feinfühliger Lehrer gewesen, nie laut geworden. Seine Ausbildung im Kloster habe ihn gelehrt, dass das Leben eines Menschen nach dessen Tod eine Schüssel Asche sei, unter den Roten Khmer verwandelte Pol Pot die Lebenden bereits in Asche.1
Der Fotograf beklagte sich später über den harten Job: «Um halb sieben musste ich aufstehen, hatte nur Zeit für ein Brot, eine Schüssel Reis, denn um sieben kamen schon die ersten Gefangenen. Manchmal kamen sie einzeln, mal in Gruppen, mal ganze Lastwagen voll. Dann musste ich die Fotos entwickeln, zum Trocknen aufhängen und sie Duch bringen – hätten ihm die Fotos nicht gefallen, wäre ich umgebracht worden. Aber Duch mochte mich, denn ich war anständig und gut organisiert. Er schenkte mit sogar eine Rolex.»2
Du hattest keine Uhr, aber hast vielleicht Popsongs von Sinn Si Samouih gehört und wusstest da noch nicht,…