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Im Allgemeinen präsentierte sich die Literatur um die Jahrhundertwende ohne neue Einfälle und ziemlich spiessig. Und eine Erneuerung liess bis in die frühen 20er Jahre auf sich warten, als endlich eine Gruppe von Intellektuellen aus São Paulo – angeführt von Mârio de Andrade (1893 – 1945) und Oswald de Andrade (1890 – 1954) eine Bewegung einleiteten, die sich „Modernismus“ nannte. Man nimmt an, dass sie im Jahr 1922 begann, einem Jahrhundert nach der Unabhängigkeit Brasiliens, mit der schon erwähnten „Woche der Modernen Kunst“ in São Paulo. In grossen Zügen handelte es sich beim Modernismus um eine nationalistische Ideologie, geschaffen um hinter den bisherigen Stereotypen das echte, reine Brasilien zu entdecken. Mârio de Andrade reiste im ganzen Land herum, um seine natürlich und ethnische Vielfalt in sich aufzunehmen und zu verstehen, und verarbeitete sie in seinem viel beachteten Prosa-Werk, der komischen Rhapsodie von „Macunaîma“ (1928), welche in ihrer szenischen Platzierung und ihrer Sprache versucht, aus einem komplexen rassischen und regionalen Mix eine Einheit zu schaffen. Ebenfalls 1928 gab sein Bruder Oswald seinen „Antropofagista“ heraus, ein „kanibalistisches Programm“, welches die brasilianischen Schriftsteller dazu aufrief, ihre nativen Vorfahren nachzuahmen und sämtlichen Einflüssen europäischer Kultur abzuschwören: vielleicht ein neuer Einstieg in den „Indianismus“?
Die beständigsten künstlerischen Werke aus dem Modernismus jedoch, sind von dichterischer Natur: Zwei von Brasiliens bekannteren modernen Dichtern sind Manuel Bandeira (1886 – 1968) und Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987) – sie waren unter den ersten Enthusiasten des Modernismus und stimmen insgesamt mit Mârio de Andrades Thesen überein. Bandeira, dem älteren Mann, gelang ein langsamer Übergang zum neuen, freieren Stil: seine Gedichte, oft kurz und auf alltäglichen Ereignissen und Bildern beruhend, haben vor allem eine besondere Kraft und rhythmische Perfektion von eindrucksvoller Simplizität. Drummonds Poesie ist selbstbewusster, entstand aus einem Komplex intellektueller Entwicklung, inklusive einer Periode von politischem Enthusiasmus während des Zweiten Weltkriegs, gefolgt von einer gewissen Enttäuschung mit Beginn des Kalten Krieges. Seine Themen sind sehr unterschiedlich – seine bemerkenswerten Liebes-Gedichte, adressiert von einem Fünfzigjährigen an eine viel jüngere Frau, sind ebenso bemerkenswert wie sein lebenslanges Faible zu dem Örtchen Itabira in Minas Gerais, wo er geboren wurde. Er wird weithin als Brasiliens grösster Poet angesehen.
Die 30er Jahre waren für die Literatur ein Schlüssel-Jahrzehnt. Mit der zunehmenden politischen Mobilisierung, dem Wachsen der Grossstädte und einer aufstrebenden Mittelklasse, begann sich die Literatur nach einem grösseren Publikum umzusehen. Zuerst allerdings rankte sie sich noch um das alles beherrschende Landleben. Der Realismus jener Periode, mit oft sehr starken regionalistischen Tendenzen, fand seine „raison d’etre“ in einer Gesellschaft, die immer noch geteilt war durch enorme soziale und geografische Unterschiede, aber sie spielte auch ihre Rolle in der Minderung dieser Differenzen. Viele Schriftsteller der ersten Stunde stammten aus dem wirtschaftlich und gesellschaftlich rückständigen Nordosten. José Lins do Rego (1901 – 1957) ist wahrscheinlich die in diesem Sinne charakteristischste Figur. Er wurde stark beeinflusst durch die Ideen von Gilberto Freire (1900 – 1987), dessen „Casa grande e senzala“ (Die Herren und die Sklaven), publiziert 1933, zu den bedeutendsten und lesenswertesten brasilianischen Büchern gehört. Es ist eine Studie der auf Sklavenarbeit basierenden Zuckerplantagen-Gesellschaft und eines der ersten Werke, welche den Beitrag der Schwarzen zur brasilianischen Kultur würdigen. Es präsentiert trotz allem eine recht paternalistische Haltung und Lins do Regos Fiktion, beginnend mit seinem halb-biografischen „Menino de Engenho“ reflektiert dieselbe Einstellung, indem seine Texte die Ärmlichkeit und den Schmutz der Sklavenquartiere in einer Art und Weise kommentieren, so als wären sie die natürlichste Sache der Welt. Sein so genannter „Zuckerrohr-Zyklus“ verkaufte sich in Grossauflagen, teilweise wegen seines unaffektierten, simplen Erzählstils.
Ein bekannter Novellist, der derselben Gruppe angehörte, ist Graciliano Ramos (1892 – 1953). Seine Fiktionen sind viel aggressiver, und in vorgerücktem Alter trat er der kommunistischen Partei bei. Sein Meisterstück wurde die Grundlage eines exzellenten Films in den 60er Jahren, der Titel „Vidas secas“ (trockene Leben) wendet sich erneut dem unwirtlichen Hinterland des Buches „Os Sertoes“ zu, konzentriert sich aber auf einen ungebildeten Kuhtreiber und dessen Familie, der von einem Ort zum anderen durch Bedürftigkeit und soziale Ungerechtigkeit getrieben wird. Ein mutiger Versuch, die mentale Welt dieser einfachen Menschen zu begreifen und darzulegen. „Memórias do Carcere“ (Erinnerungen ans Gefängnis) wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht und ist ein ungeschminkter Bericht seines einjährigen Gefängnisaufenthalts während der Ära Vargas.
Der bedeutende Novellist des brasilianischen Südens ist Erico Verissimo (1905 – 1975), besonders seine epische Trilogie unter dem Sammeltitel „O tempo e o vento“ (die Zeit und der Wind) – darin „O continente“ (der Kontinent 1949), „O retrato“ (das Portrait 1951) und „O arquipelago“ (der Archipel 1961) – erfasst zwei Jahrhunderte der turbulenten Geschichte von Rio Grande do Sul.
Langsam, in den 40er und den 50er Jahren, erschien eine subtilere und abenteuerlichere Fiktion neben dem regionalistischen Realismus, der noch aus den 30er Jahren stammte. Drei Schriftsteller waren aus dieser neuen Richtung von Bedeutung: Joao Guimaraes Rosa (1908 – 1967) veröffentlichte seine grössere Novelle „Grande sertao veredas“ im Jahr 1956.
Fast ein Joyceaner in seiner Inspiration und seinen linguistischen Innovationen, präsentiert er mit diesem Buch eine Art Mischung aus Cowboy-Story und moderner Faust-Version im Pakt mit dem Teufel – übrigens in einem aussergewöhnlich exzellenten Portugiesisch, dem die bekannten Übersetzungen (wie zum Beispiel die englische „The Devil to Pay in the Backlands“) nicht das Wasser reichen können. Rosa wird bestens durch seine Geschichten charakterisiert, und die aus „Sagarana“ (besonders „A hora e a vez de Augusto Matraga“) sind wohl zu seinen allerbesten.
Die Geschichten und Novellen von Clarice Lispector (1920 – 1977) haben inzwischen eine bemerkenswerte Fan-Gemeinde sowohl in als auch ausserhalb Brasiliens. Ihre Geschichten, besonders die aus „Lacos de família“ (1960) sind im Allgemeinen in der gesellschaftlichen Mittelklasse von Rio de Janeiro angelegt, und sie präsentieren als ihre zentralen Figuren stets Frauen: Die Turbulenzen, Familienhass und Durchgedrehtheit verborgen hinter der täglichen Routine des Lebens werden in unvergesslicher Art und Weise dem Leser vermittelt, in einer Sprache und einem Symbolismus der zugleich poetisch und abenteuerlich daherkommt, ohne deshalb besonders schwierig zu lesen zu sein (sie berichtet, dass sie täglich mit der portugiesischen Sprache kämpfte). Einige ihrer Novellen haben überambitionierte, metaphysische Superstrukturen und mögen nicht jeden Geschmack treffen – „A paixao segundo GH“, zum Beispiel, stellt die Begegnung einer Hausfrau mit einer toten Küchenschabe im Zimmer ihrer Angestellten dar, und ihre endliche Entscheidung, sie zu verspeisen, wird als eine Art „Kommunion“ dargestellt, die manchem Leser die Tränen in die Augen treiben werden – oder den Magen umdrehen. In ihren journalistischen Essays oder in ihren späten, frechen, halbpornografischen Stories und, darüber hinaus, in der posthumen Novelle „A hora da estrela“ (die Sternstunde), in der sie sich den Armen in einer direkten und unsentimentalen Weise nähert, versteht es Clarice Lispector den Leser zu stimulieren und zu bewegen wie niemand sonst.
Der grösste Poet dieser Generation ist João Cabral de Melo Neto (geboren 1920 in Pernambuco und 1999 gestorben), dessen beste Poesie sich mit seinem Heimatstaat befasst. Das von der Trockenheit heimgesuchte Interior, die üppigen aber auch bedrückenden Landschaften der Zuckerrohrplantagen und die Slums der Städte sind überall präsent in seinem Versspiel „Morte e vida severina“ (1956), und seine knappe, sparsame Poesie kehrt oft zu denselben Orten zurück, oder zu ähnlichen Orten in verschiedenen anderen Ländern (besonders denen in Spanien), in denen er als Diplomat tätig war.
Der Militärstreich von 1964, und damit die zunehmende Anwendung der Folter und der Zensur in den späten 60er und noch Anfang der 70er Jahre, hatte auch deutliche Auswirkungen auf die Literatur, besonders auch deshalb, weil er von tief greifenden wirtschaftlichen Veränderungen begleitet wurde (Industrialisierung, ein Bauboom, grosse interne Völkerwanderungen, die Öffnung Amazoniens). Zuerst präsentierte sich die Zensur so aufs Geratewohl, ganz planlos, Protesttheater erlebte einen kurzen Boom – mit „Arena conta Zumbi“, über den Anführer rebellischer Sklaven des 17. Jahrhunderts, produziert von August Boal (geboren 1931), einer der bedeutendsten Theatermacher seiner Zeit. Die beste geschriebene Fiktion dieser Jahre stammt aus den Novellen von Antonio Callado (geboren 1917), sein „Quarup“ (1967) – angelegt im Nordosten, konzentriert sich auf einen linken Priester – oder „Bar Don Juan“ (1971) – hier liegt der Fokus auf den Widersprüchlichkeiten einer Gruppe von Mittelklasse-Guerilheiros. Zeitgleich mit ihm schrieb sein Kollege Ivan Angelo sein Werk „A Festa“ (Das Fest, 1967), es spielt in der Stadt Belo Horizonte und ist eine einerseits lustige, aber auch schockierende Chronik einer Vielzahl von Menschen und deren Reaktion auf die „Sex und Drogen“ Revolution während jener Ära. Eine bemerkenswerter Dokumentarbericht über jene Zeit ist auch das Buch „O que é isso companheiro?“ (Was’n los, Kamerad?) des Ex-Guerilheiros (heute Mitglied der Grünen Partei) Fernando Gabeira, von 1982. Es belegt und beschreibt seine Mittäterschaft bei der Entführung des amerikanischen Botschafters im Jahr 1969.
Die Poesie jener Zeit machte eine Krise der Selbstfindung durch, und man glaubte allenthalben, dass sie sich in die bewundernswerte Lyrik so populärer Komponisten wie Chico Buarque de Holanda und Caetano Veloso geflüchtet habe – die ebenfalls an der Spitze der Proteste gegen die Militärdiktatur der 70er Jahre zu finden waren.
Es ist innerhalb dieses kurzen Rückblicks unmöglich, mehr als einige wenige Empfehlungen auszusprechen hinsichtlich der besten literarischen Werke der letzten Jahrzehnte – also konzentriere ich mich auf solche, die übersetzt worden sind: Zum Beispiel die brillante satyrische Novelle von Paulo Emilio Salles Gomes (1916 – 1977) ist „Tres mulheres e tres pppes“ – sie beschreibt die bessere Mittelklasse São Paulos (1977) – Darcy Ribeiro (geboren 1922) ein Anthropologe und Politiker, nahm sich die Zeit um „Maíra“ zu schreiben (1978) – eine Wiederbelebung des „Indianismus“, aber diesmal mit realen Indianern und einer gefährdeten amazonensischen Umwelt. Rubem Fonseca (geboren 1925) – seine Story „Feliz Ano Novo“ (Glückliches Neues Jahr, 1973) verursachte einen Skandal wegen seiner brutalen Behandlung der Klassenunterschiede – er hat sich der Schöpfung von harten Thrillern verschrieben, wie „A grande Arte“ (die grosse Kunst, von1983).
Caio Fernando Abreu (1984 – 1996) ist ein Kurzgeschichten.Schreiber von bemerkenswertem Talent. Er beschäftigt sich mit der verkommenden Stadtjugend in solchen Büchern wie „Morangos mofados“ (Verschimmelte Erdbeeren) und „Os dragoes nao conhecem o paraíso“ (Die Drachen kennen kein Paradies). Schliesslich wäre noch Milton Hatoums „Relato de um certo oriente“ (von 1989) zu erwähnen, eine lebendige Novelle aus Manaus, innerhalb der dortigen libanesischen Kommune.