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Essen Sie doch, was Sie wollen
Viele menschliche Aktivitäten, die früher unreflektiert und sogar unbewusst stattfanden, meine Damen und Herren, werden in unseren spätmodernen Zeiten theoretisch unterlegt und zum Gegenstand mannigfacher Konsum- und Beratungsangebote. Zum Beispiel: Schlafen, Laufen oder Atmen. Und, natürlich: Essen. Du bist, was du isst. Du bist was Besonderes, denn du isst ovolactolowcarb. So ungefähr geht das. Ernährungspläne als Insignien der Individualisierung, so würde der Kultursoziologe Andreas Reckwitz das wohl nennen, im Kontext seines gerade viel diskutierten Buchs «Gesellschaft der Singularitäten».
Der Kulturhistoriker Thomas Macho ist hingegen der Ansicht, dass im Fall der Ernährung oft genug ein Gesundheitsnarrativ und/oder Nachhaltigkeitsnarrativ für den Verbraucher jene Lücke zu füllen scheint, die die Religionen hinterlassen haben, die in ihrer Rolle als Ernährungsregulative in der aufgeklärten Welt zurückgetreten sind. Mit der Säkularisierung der Ernährungspraxis trat der Markt auf den Plan und bewirtschaftet jetzt die individuelle Diät als Medium der Selbstverwirklichung und -darstellung, und dazu gehört auch die jeweilige Panik des Tages, also das, was gerade verboten und tabu und böse ist, ein Schibboleth der Mode, wie Alfred Kerr sagen würde, eine Art Losungswort für die jeweilige Quintessenz des Üblen: Fett, Kohlenhydrate, Aluminium, Alkohol, Gluten, Salz, Cholesterin, Sie wissen schon.
Gefährlicher Anti-Intellektualismus
Dazu lieferte neulich ein Artikel in der «New York Times» ein paar Fakten, verfasst von Aaron E. Carroll, Professor für Kinderheilkunde an der Indiana University. Ein paar Fakten gegen Pseudowissenschaften und Halbwissen. Etwa: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung in den USA hat eine Weizenallergie, und weniger als ein Prozent leidet an Zöliakie, jener chronischen Verdauungsinsuffizienz, die eine Abstinenz von Klebereiweiss oder Gluten verlangt. Glutenfreie Diäten, so Carroll weiter, können zu Defiziten in der Aufnahme von Nährstoffen wie Folsäure und Eisen führen. Glutenfreie Bagel enthalten übrigens ein Viertel mehr Kalorien als reguläre, dazu zweieinhalb mal so viel Fett und doppelt so viel Zucker, dafür nur halb so viel Ballaststoffe. Sie kosten auch mehr. Auch hier funktioniert der Markt.
Doch den aus philosophischer Hinsicht bedenkenswertesten Punkt macht Aaron Carroll beiläufig zum Schluss seines Beitrags. Da stellt er die Frage: Wenn Leute bestimmte Nahrungsmittel vermeiden, obschon sie keinen Anlass dazu haben, ist das ein Problem? Antwort: ja. Denn ein solches Verhalten besetzt Essen mit Furcht. Und grundlose Furcht vor Nahrung ist irrational, unwissenschaftlich und, wie Carroll schreibt, Teil jenes gefährlichen Trends von Anti-Intellektualismus, dem wir uns gegenwärtig an vielen Orten gegenübersehen. Eine Einsicht, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: Die Verteufelung bestimmter Nahrungsmittel respektive Nahrungsbestandteile auf einer Ebene mit der Verteufelung von Impfungen, Evolution oder Theorien zur Erderwärmung. Guten Appetit!