Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/614

Das allumfassende Nichts
Am Anfang war das Nichts. Oder war das Alles? Es war die laute Stille, weder kalt noch warm. Hatte keine Farbe, es roch nicht einmal nach Luft. Es war eine Handvoll Sein und Nicht-Sein. Es wollte aber erfahren werden und atmete aus diesem Grund aus. Der göttliche Hauch expandierte in Form von Energie in der Dunkelheit des Weltalls. Sterne entstanden, tanzten, kollidierten wie Bälle in einem Flipperkasten und verteilten sich in der Weite des Universums. Das Licht erhellte die Dunkelheit. Oder sonderte sich die Nacht vom Tag ab? Das Leben entstand aus dem Sternenstaub. Es wurde nur vom Tod im Zaum gehalten und zerfiel wiederum zu Staub. Alles bewegte sich im Gleichgewicht: Gesundheit und Krankheit, Freude und Trauer, Sättigung und Hunger, Liebe und Hass. Die ersten Menschen wurden geboren. Und damit sie diese Energie anpreisen konnten, entstand die Sprache. Das Wort konnte aber nur einen Bruchteil ihrer Essenz wiedergeben.
Es verstrich noch einige Zeit bis in einem Dorf im fernen Orient zwei Kinder geboren wurden. Sie liebten diese Energie innig. Als sie erwachsen wurden, entschlüsselten sie die Universalgesetze, die darin verborgen waren und scharten Anhänger um sich. Ihre Botschaften wurden weitererzählt und niedergeschrieben. Ihre Aussagen waren aber lediglich Karikaturen dieser Energie, Andeutungen der Wirklichkeit, bildhafte Allegorien der Wahrheit. Wie alle Menschen starben auch diese zwei Propheten. Zwei unterschiedliche Bücher entstanden und überlieferten ihre Lebensgeschichten. Sie beschrieben zwar die gleiche Essenz, aber auf unterschiedliche Art und Weise. Im Osten des Dorfes wurden die Geschichten des einen Propheten erzählt, im Westen die des anderen. Einmal im Monat trafen sich die Gelehrten auf dem Dorfplatz und stritten sich über den Wahrheitsgehalt ihrer Bücher. Die Diskussionen wurden anfangs respektvoll geführt. Aber im Lauf der Jahrzehnte stieg der Hass an, das Dorf spaltete sich.
An einem schicksalhaften Tag, während einer besonders hitzigen Debatte, nahm ein junger Mann vom westlichen Teil der Stadt einen Stein vom Boden und warf ihn nach einem Gelehrten des östlichen Teils. Der Gelehrte wurde am Kopf getroffen und sackte zusammen. Er starb noch auf der Stelle. Nach diesem Ereignis begann ein Krieg, der über Jahrhunderte hinweg dauerte und viele Menschenleben kostete. In der epischen Schlussschlacht fing das Dorf Feuer. Alles zerfiel zu Asche: Häuser, Ställe, Gaststätten, Tempel und Bibliotheken. Es blieben nur zwei Bücher übrig: die der beiden Propheten.
In einer Sternennacht trafen sich zwei weise Gelehrte auf dem Dorfplatz. Mitten im Schutt zündeten sie ein kleines Feuer an und verbrannten die beiden Bücher. Die Seiten loderten und die Flammen züngelten. Am Schluss blieb ein Haufen Nichts. Oder war es Alles? Die Zeit stand still. Die Asche war weder kalt noch warm, hatte keine Farbe und roch nicht einmal nach Luft. Eine Handvoll Sein und Nicht-Sein. Ein lauer Wind kam auf und trug die Asche mit sich in die Dunkelheit der Nacht. Die Gelehrten streckten ihre Köpfe zum Himmel empor und sahen dem Mond und den Sternen zu. Das fahle Licht erhellte ein wenig ihre Herzen. Oder sonderte sich der Hass langsam von der aufkeimenden Liebe ab? Eine neue Hoffnung entstand aus dem Nichts. Das Universum atmete wieder ein.