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Sophia Flörsch will nicht mehr die Frau mit dem Unfall sein. Trotzdem kennen sie viele Nichtinsider vor allem noch wegen ihres ultraspektakulären Abflugs im November 2018 in Macau (China), als sie mit ihrem Formel 3 bei 270 km/h das Auto von Jehan Daruvala, heute Red-Bull-Junior in der Formel 2, traf. Der Inder war wegen eines gelben Blinklichts irritiert und hatte gebremst. Flörschs Auto hob ab und schoss wie eine Kanonenkugel durch die Luft, durchschlug einen Begrenzungszaun und prallte mit der Fahrzeugoberseite, Heck unten, gegen ein mobiles Podest, auf dem sich mehrere Fotografen befanden. Von diesen wurden zwei leicht verletzt. Vier Monate nach dem Unfall war die damals 17-jährige Münchnerin bereits wieder zurück und wurde 2020 bei den Laureus World Sports Awards in der Kategorie Comeback des Jahres ausgezeichnet. Heute steht die Vollblut-Rennfahrerin vor ihrer ersten vollen Saison in der Langstrecken-WM, die Anfang April in Portimão (P) beginnt. In der LMP2-Klasse bildet Flörsch mit der Kolumbianerin Tatiana Calderón und der Niederländerin Beitske Visser für das Team Richard Mille Racing ein reines Frauenteam. Sie fahren einen Oreca 07 mit einem 4.2-Liter-V8-Einheitsmotor (560 PS) von Gibson. Zudem soll Flörsch dieses Jahr noch in einer anderen, bis dato nicht bestätigten Serie starten. Wie 2020 würde sie gern eine Formel-3-Saison mit der Langstrecken-WM kombinieren. Bei den F3-Wintertestfahrten sass sie in Autos von Carlin und HWA. Ein Cockpit bei Carlin sowie diversen anderen wie beim Schweizer Team Jenzer, Charouz und Campos sind noch frei. Oberstes Ziel der äusserst zielstrebigen Pilotin mit dem eisernen Willen bleibt die Formel 1. Beim Gespräch mit der AUTOMOBIL REVUE wird eines bald klar: Wenn es demnächst eine Frau schafft, die Männerbastion Formel 1 zu knacken und kraft ihres Könnens und ihrer sehr gut ankommenden, populären Art ein Cockpit zu besetzen, dann Sophia Flörsch.
AUTOMOBIL REVUE: Sophia Flörsch, welchen Bezug haben Sie zur Schweiz?
Sophia Flörsch: Als ich noch durfte war ich oft zum Skifahren da. Die Schweizer Berge sind wunderbar. Und das Essen ist sehr lecker (lacht).
Da ist Ihr Bezug zu Macau deutlich grösser. Darf man heute sagen, dass Ihnen der spektakluäre Unfall 2018 in den engen Strassenschluchten geholfen hat, viel Popularität zu gewinnen?
Ja, das Video meines Unfalls ging halt viral. Das hatte Vor- und Nachteile. Dadurch kennen mich viel mehr Menschen. Viele kennen mich aber nur des Unfalls wegen – das ist das, was mich nervt.
Ex-Formel-1-Pilot Romain Grosjean hatte jüngst einen grossen Auftritt in einer Talkshow im Schweizer Fernsehen. Ohne den spektakulären Unfall in Abu Dhabi wäre er niemals eingeladen worden. Sie wollen nicht ihres Unfalls wegen berühmt sein?
Ich will als Sportlerin und Rennfahrerin, die ihr Ziel verfolgt, gesehen werden und dafür bekannt sein und nicht als die Frau mit dem Unfall. Der Unfall bleibt Teil meiner Geschichte, mehr nicht.
Aber der Unfall hat Ihnen zu viel Medienpräsenz und Followern auf den Social-Media-Kanälen verholfen, was ja heute sehr wichtig ist.
Gewiss sind meine Social-Media-Kanäle durch den Unfall für kurze Zeit sehr stark gewachsen, und es gab auch zahlreiche Medienauftritte. Das geschah aber auch, weil ich viel schneller zurückkam, als sich das die meisten vorstellen konnten. Inzwischen geht es aber darum, die Leute mit meinem normalen Leben zu begeistern und zu gewinnen.
Und Letzteres wollen Sie ja nicht tun, in dem Sie jede Woche einen Unfall bauen …
(Lacht.)
… sondern allein durch Leistung. 2021 fahren Sie fürs Team Richard Mille Racing mit Beitske Visser und Tatiana Calderón die Langstrecken-WM. Wie erleben Sie die Umstellung vom Formel 3 in den geschlossenen LMP2-Boliden?
Durch die hohe Aerodynmik und die hohe Geschwindigkeit ist das Fahrverhalten gar nicht so anders. Anders ist halt, dass man bei einem Doppel- oder Triple-Stint während einer, zweier Stunden auf viel mehr Dinge achten muss. Das Benzin- und Reifenmanagement etwa oder den Verkehr mit langsameren oder schnelleren Fahrzeugen. Das ist das Schwierigste. Aber es ist megageil!
Physisch und psychisch spüren Sie keine Nachwirkungen des Unfalls mehr? Es war ja kurz vor knapp: Sie haben Hals- und Brustwirbel gebrochen. Das Rückenmark war zu 50 Prozent gequetscht, und es gab eine elfstündige OP, während der Ihnen unter anderem ein Stück Hüftknochen in den gebrochenen Halswirbel eingesetzt wurde.
Nein, ich bin wieder topfit. Ich denke, gerade weil ich so oft über den Unfall geredet habe, ich mich auch an alles erinnern kann, keine Schuld trage und niemand anderes grob verletzt wurde, konnte ich das Ganze schnell und gut abschliessen. Dass ich viel Glück hatte, habe ich erst später erfahren. Die Ärzte und meine Eltern haben mir vor der OP nicht gesagt, wie es um mich stand.
Was liegt in der bevorstehenden Langstrecken- WM für Sie und ihre Kolleginnen drin?
Wir sind ja letztes Jahr schon drei Rennen im Rahmen der European Le Mans Series, unter anderem in Le Mans, gefahren. In der Langstrecken-WM fahren wir auf anderen Strecken, und das Niveau ist höher. Aber wenn wir uns alle im ähnlichen Stil verbessern wie letztes Jahr, als wir in Le Mans sehr gute Neunte der Klasse wurden und in der Geamtwertung Platz 13 belegten, was schon super war, liegt einiges drin.
Mit welchem Gefühl erinnern Sie sich heute an Ihr Debüt in Le Mans zurück?
Es war sehr emotional und ein echt geiles Gefühl. Eine der coolsten Wochen meines Lebens!
Drei Frauen am Steuer, passt das?
Sehr gut. Wir verstehen uns gut und harmonieren gut. Alle wollen das Auto zum Beispiel ähnlich abgestimmt haben, was im Langstreckensport wichtig ist. Insofern bin ich überzeugt, dass wir uns nochmals verbessern werden.
Schaffen Sie es aufs Podest? In der LMP2 sind immerhin auch Ex-Formel-1-Stars wie Juan Pablo Montoya, Stoffel Vandoorne und Kevin Magnussen am Start.
Sag niemals nie! Das Podest ist das Ziel, dafür werden wir alles tun. Glück und Strategie müssen gerade auf der Langstrecke natürlich auch passen.
Viele behaupten, Frauen hätte im Motorsport physische Nachteile gegenüber den Männern. Das sehen Sie, die Sie Autorennen fahren, seit sie denken können, bestimmt anders.
Dieses Vorurteil ist eine Frechheit. Es geht im Motorsport nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer, und die kann eine Frau genauso aufbauen. Wenn Charles Leclerc in Suzuka seinen Ferrari einhändig um eine Vollgaskurve steuern kann, kann eine Frau jederzeit die Kraft aufbringen, um Formel 1 zu fahren. Vielleicht muss sie etwas härter trainieren. Eine Frau kann in der Formel 1 auch gewinnen. Da gehe ich jede Wette ein.
Ihr Ziel ist und bleibt also die Formel 1?
Ganz klar. Ich hoffe, dass ich es bis in ein paar Jahren schaffe.
Warum schaffen Sie es? Allein fahrerisches Können spielt leider oft nur noch eine untergeordnete Rolle, um es in die Formel 1 zu schaffen. Herkunft, Vermarktungspotenzial oder mitgebrachtes Geld sind heute oft wichtiger.
Ich will ganz bestimmt nicht in die Formel 1, weil ich so und so viele Millionen mitbringe, sondern weil mich ein Hersteller top findet und mich meiner Leistung wegen unter Vertrag nimmt. Sicher braucht man Glück, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Ich glaube aber, dass die Formel 1 eine Frau braucht, und ich weiss, dass ich das, was ich mir in den Kopf setze, auch erreiche. Zudem habe ich in den letzten 16 Jahren hart dafür gearbeitet und werde das auch weiterhin tun.
Wenn Sie es in der Formel 1 schaffen, könnte das Frauen im Motorsport mächtig pushen?
Ich denke, dass viel mehr Mädchen mit dem Motorsport schon jung beginnen oder sonst im Sport als Ingenieur, Mechaniker oder was auch immer arbeiten würden, vorausgesetzt, es gibt ein Vorbild, das in die Männerwelt eingebrochen ist.
Hier liegt ja oft der grosse Unterschied: Viel mehr Jungs beginnen viel früher, Kart zu fahren.
Genau. Welches Mädchen sagt zu den Eltern, dass es auf die Kartbahn will? Ein Mädchen bekommt ein rosafarbenes Zimmer und Puppen, und ein Junge bekommt ein blaues Zimmer und Autos.
Warum wollten Sie mit vier Jahren Kart fahren? Später fuhren Sie auch für das Kartteam von Michael Schumacher, der sie sehr gelobt hat.
Wegen Papa, der selber Rennen fuhr. Als ich dann mit sieben meine ersten Rennen fuhr, war ich sofort infiziert vom Motorsport. Seither ist er mein Leben. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.
Was halten Sie von Elektroautos?
Man darf sich ihnen auf keinen Fall verschliessen. Strom ist die Zukunft, ob dann mittels Wasserstoff erzeugt oder herkömmlich, wird sich weisen.
Sie sind letztes Jahr beim DTM-Finale das Demonstrationsfahrzeug der neuen DTM Electric mit 1200 PS Leistung von Schaeffler gefahren. Das dürfte ziemlich eingefahren sein?
Die Beschleunigung ist krass! Das Ding zieht voll durch ohne den minimalsten Unterbruch, egal, ob unten- oder obendurch. Es drückt einen in den Sitz wie bei einem Düsenjet. Die war echt mega!
Bei 1200 PS fehlt der Sound nicht wirklich?
Als Rennfahrer hört man ja eh nichts. Solange die Rennen cool sind und etwas passiert, Hersteller chancengleich gegeneinander kämpfen und emotionales Motorsportfeeling aufkommt, spielt der Sound, denke ich, nur eine Nebenrolle.
Zurück zu Social Media. Motorsport will ja finanziert sein, und Sie kommen wie viele andere nicht aus einem Haus, wo Hunderte Millionen und Milliarden normal sind. Wie wichtig ist die Bearbeitung der Social-Media-Kanäle? (Sophia Flörsch hat rund 700 000 Follower auf Instagram, Twitter und Facebook – Red.)
Social Media ist sehr wichtig, um mit seiner Story den eigenen Brand aufzubauen und Sponsoren zu finden, keine Frage. Viele Firmen legen heute mehr Wert auf Social-Media-Reichweite als auf Präsenz auf dem Auto. Durch eine grosse Social-Media- Reichweite finde ich Sponsoren, die mir den Sport ermöglichen und auf die ich angewiesen bin. Wenn mir aber morgen jemand sagt, ich bezahle dir deine Karriere, wenn du aus Social Media aussteigst, würde ich sofort alles löschen.
Wie wollen Sie auf Social Media rüberkommen?
Ich möchte, dass auch Menschen, die nichts mit dem Motorsport zu tun haben, sagen: Sophia Flörsch ist eine Frau, die sich in der Männerwelt durchsetzt – ohne sich verändern zu müssen. Man kann als Frau Motorsport betreiben und trotzdem Frau bleiben. Mit Nagellack, Bikini und Schminke im Gesicht, wenn man das mag.
Eine Formel-3-Saison wie ihre im Jahr 2020 bei Campos kostet rund 1.5 Millionen Euro. Das können Sie doch nicht allein durch Social-Media-Präsenz finanzieren?
Nein, sicher nicht. Ich habe Partner, denen Social Media auch wichtig ist, denen aber eine langfristige Zusammenarbeit sehr viel wichtiger ist. Partner, mit denen es dann auch dauerhafte Verträge gibt. Im Motorsport kann man nie genug Geld haben.
Machen Sie auf Social Media alles selber?
Mein Papa sorgt an den Rennwochenden fürs Bespielen. Ich habe auch einen Content-Creator, der mit mir jeweils die Videos für Youtube produziert. Wenn man gut plant, ist der Aufwand nicht so gross. Zudem macht es auch Spass. Das ist keine Qual für mich. Ich mache das auch, um den Fans zu zeigen, wie mein Leben hinter den Kulissen abläuft und was ich sonst noch alles unternehme.
Schlussfrage: Wen schätzen Sie aus der Motorsportwelt ganz besonders, und weshalb?
Lewis Hamilton– ein Megarennfahrer. Er liefert immer ab, wenn es zählt. Er schlägt die meisten seiner Teamkollegen und gewinnt und gewinnt und gewinnt. Dazu ist er ein cooler Typ.