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Neben dem besonderen Ambiente des imposanten Hauses aus dem 16. Jahrhundert kann das Museum auch bildende Kunst von hoher Qualität vorzeigen.
Zu den landschaftlichen Reizen und dem vielfältigen kulturellen Erbe gehört das “Phänomen Stampa”: Dass das unscheinbare Bauern- und Bergdorf – Durchgangsort, weder Hauptort des Tales noch mit einer eigenen Kirche, gesegnet – dank herausragender, hier aufgewachsener und tätiger Künstler zum klingenden Begriff in der Topografie moderner Kunst avancierte.
Giovanni und Augusto Giacometti gehören zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern der frühen Moderne, Alberto Giacometti erlangte internationale Berühmtheit und gilt als Weltkünstler. Alle sind auf dem Friedhof von Borgonovo begraben: Giovanni und Alberto Giacometti, Diego und Augusto Giacometti.
Dass in einem derart kleinen Dorf mit der aussergewöhnlichen Aura der hier aufgewachsenen und tätigen Giacomettis eine Begegnung mit der Authentizität originaler Kunstwerke ermöglicht wird, ist nicht selbstverständlich, sondern darf als Glücksfall gelten. So wurde das Museo Ciäsa Granda 1987–89 mit einem unterirdischen Kulturgüterschutzraum markant erweitert; dieser Saal dient seither der Präsentation der Werke der Künstlerfamilie Giacometti sowie von Varlin.
Die Sammlung mit Kunstwerken der aus dem Bergell stammenden Künstler Giovanni, Augusto, Alberto und Diego Giacometti sowie dem nach Bondo übergesiedelten Varlin ist zwar quantitativ bescheiden, widerspiegelt aber vor allem thematisch den engen Bezug der Künstler zum Tal.
1868-1933
Giovanni Giacometti wird am 7. März 1968 in Stampa geboren. Nach der Kantonsschule in Chur reist er 1886 nach München und besucht die Kunstgewerbeschule, später auch die Malschule Knirr. Er begegnet er dem Solothurner Maler Cuno Amiet, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet.
Amiet und Giacometti setzen ihre Ausbildung in Paris fort, wo sie von 1888 bis 1891 an der Académie Julian studieren und Kurse an der Ecole Nationale des Beaux-Arts besuchen.
1893 reist Giacometti nach Rom und Torre del Greco. 1894 lernt er Giovanni Segantini kennen, der Giacometti als Mentor aus einer künstlerischen Krise hilft. 1900 heiratet Giacometti Annetta Stampa: Dem Paar werden vier Kinder geboren: Alberto, Diego, Ottilia und Bruno.
1904 übersiedelt Giacometti mit seiner Familie von Borgonovo nach Stampa, wo er eine Wohnung bezieht und den angrenzenden Stall zum Atelier ausbaut. 1908 nimmt Giacometti an einer Wanderausstellung der Künstlergruppe Die Brücke teil.
1909 erbt die Familie Giacometti ein Haus in Capolago am Silsersee bei Maloja, wo sich der Künstler ebenfalls ein Atelier einrichtet. 1912 findet im Kunsthaus Zürich eine grosse Ausstellung mit 50 Werken Giovanni Giacomettis statt. 1918 wird Giacometti in die Eidgenössische Kunstkommission gewählt. 1920 zeigen die Kunsthallen in Bern und in Basel grosse Retrospektiven. 1922 wird Giacometti in die Kommission der Eidgenössischen Gottfried Keller-Stiftung gewählt. Giacometti stirbt am 25. Juni an 1933 im Sanatorium Valmont in Glion oberhalb von Montreux. Alberto entwirft den Grabstein für seinen Vater auf dem Friedhof San Giorgio in Borgonovo.
Veglia, 1901
Öl auf Leinwand,
Museo Ciäsa Granda, Stampa, Schenkung
Bald studiert er an Eugène Grassets Ecole normale d’enseignement du dessin. 1902 übersiedelt Giacometti nach Florenz, wo er ab 1907 Aktzeichnen an der privaten Accademia Internazionale di Belle Arti unterrichtet. Nach dem Kriegseintritt Italiens kehrt Giacometti 1915 in die Schweiz zurück, wo er an der Rämistrasse in Zürich ein Atelier bezieht. Giacometti verkehrt in Zürich mit den Dadaisten Hans Arp, Hugo Ball, Marcel Janco, Sophie Taeuber-Arp und Tristan Tzara. Er wird Mitglied der Künstlergruppe “Das Neue Leben”.
Nach den Glasfenstern, die er 1919 in der Kirche St. Martin in Chur schafft, erhält er in der Folge zahlreiche Aufträge für Wandbilder und Glasmalereien in Profan- und Sakralbauten. Zum 50. Geburtstag des Künstlers veranstaltet das Kunsthaus Zürich 1927 eine Ausstellung mit über hundert Arbeiten.
1930 stellt Giacometti in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris aus, und Maximilien Gauthier publiziert eine Monografie über den Künstler, auf die 1932 zwei weitere Monografien von Georges Charensol und Waldemar George erscheinen. 1934 wird Giacomettis Rundfunkvortrag Die Farbe und ich in Zürich publiziert. 1934 wird Giacometti Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission, die er ab 1939 präsidiert. Giacometti stirbt am 9. Juni 1947 in der Klinik Hirslanden in Zürich.
Das Paradies, 1930
Entwurf für das Nordfenster im Querschiff der Fraumünsterkirche in Zürich
Museo Ciäsa Granda, Depositum
Am 9. Januar 1922 trifft Alberto Giacometti in Paris ein, wo er bis 1929 die Bildhauerklasse von Antoine Bourdelle an der Académie de la Grande-Chaumière besucht. 1926 zieht er in das Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron 46 ein, wo er zeitlebens arbeiten wird. 1928/29 macht Giacometti die Bekanntschaft von André Masson, Hans Arp, Joan Miró, Max Ernst und Alexander Calder, und er lernt die Literaten Jacques Prévert, Georges Bataille und Michel Leiris kennen.
1930 wird Giacometti in den Kreis der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon aufgenommen. Man Ray führt Alberto und Diego Giacometti bei Jean-Michel Frank ein, für den er zusammen mit seinem Bruder Diego Vasen, Kamineinfassungen, Lampen, Wandleuchter entwirft und herstellt.
Die Rückkehr zur Gegenständlichkeit hat 1934 den Bruch mit den Surrealisten zur Folge. 1939 lernt Giacometti Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen. Die Kriegsjahre von 1941 bis 1945 verbringt Giacometti in Genf. Er richtet sich im Hotel de Rive ein, wo Miniaturskulpturen aus Gips entstehen.
Ende 1945 kehrt Giacometti nach Paris zurück. Die Einzelausstellung von 1948 in der Galerie Pierre Matisse in New York verschafft dem Künstler den internationalen Durchbruch. Am 19. Juli 1949 heiratet Giacometti Annette Arm, die er in Genf kennengelernt hat. 1950 zeigt die Galerie Pierre Matisse in New York die zweite Giacometti-Ausstellung.
Nach der Giacometti-Ausstellung 1951 in der Galerie von Aimé Maeght in Paris folgen zahlreiche Museumsausstellungen in Basel, Krefeld, Düsseldorf, Stuttgart, London und New York.
1956 bespielt Giacometti mit den Femmes de Venise den französischen Pavillon an der Biennale in Venedig. Von 1958 bis 1960 beschäftigt sich Giacometti mit der Platzgestaltung vor der Chase Manhattan Bank in New York. Damals macht er die Bekanntschaft von Caroline, einer Frau aus zwielichtigem Milieu. 1962 erhält Giacometti für seine Werke an der Biennale von Venedig den grossen Skulpturenpreis. 1965 finden Retrospektiven im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Gallery in London und im Louisiana Museum in Humlebæk statt.
Ernst Scheidegger und Peter Münger produzieren einen Film über Giacometti. Im November 1965 erhält Giacometti den Grossen Nationalen Kunstpreis des französischen Staates und die Ehrendoktorwürde der Universität Bern. Anfang Dezember begibt sich Giacometti zur Behandlung ins Kantonsspital in Chur, wo er am 11. Januar 1966 stirbt. Am 15. Januar wird er unter grosser Anteilnahme zahlreicher Weggefährten in Borgonovo bei Stampa beigesetzt.
Eli Lotar III, 1965
Bronzo, gegossen 1968
Museo Ciäsa Granda, Dauerleihgabe
Als Alberto 1929 vom Innenarchitekten und Möbeldesigner Jean-Michel Frank Aufträge für Einrichtungsgegenstände erhält, geht ihm Diego tatkräftig zur Hand und wird sein Mitarbeiter.
Während des Zweiten Weltkriegs besucht Diego Giacometti Kurse an der Skandinavischen Kunstakademie und schafft seine ersten Tierskulpturen und erste eigenständige Werke.
Nach der Rückkehr Albertos aus Genf wird Diego Giacometti zum unentbehrlichen Assistenten seines Bruders. Erst nach dem Tod Albertos kann sich Diego ausgiebig dem eigenen Schaffen widmen. In der Folge entstehen unzählige Objekte für einen immensen Kunstkreis.
Für die Fondation Maeght gestaltet er die Inneneinrichtung des “Café Diego” in Saint-Paul-de-Vence. Der grösste und prestigeträchtigste Auftrag, den Diego Giacometti ausführt, ist die Innenausstattung des 1985 eröffneten Musée Picasso in Paris mit Mobiliar, Treppengeländer, Türbeschlägen und Deckenlampen. Diego Giacometti stirbt am 15. Juli 1985 in Neuilly bei Paris.
Katze “maitre d’hotel”
Bronze, konzipiert 1961, Guss der zweiten Version 1964, Museo Ciäsa Granda, Schenkung
1932 kehrt Varlin in die Schweiz zurück. Bis in die 1960er-Jahre ist Zürich sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Varlin galt lange Zeit als Sonderfall, wird heute aber als einer der wichtigsten figurativen Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Nach der Heirat mit der aus dem Bergell stammenden Franca Giovanoli 1963 wird das Bergeller zu seinem bevorzugten Wohnort.
1971 gibt der sein Zürcher Atelier endgültig auf und arbeitet in Bondo, wo er bis zu seinem Tod unter anderem an riesigen Leinwänden arbeitet.
Seine karikierende, ironische und gleichwohl sympathisch-liebevolle Darstellung Die Leute meines Dorfes kam als Schenkung aus dem Nachlass ins Museo Ciäsa Granda, wo das Bild nicht zuletzt wegen des monumentalen Formates beeindruckt und fasziniert.
Zudem sind von Varlin die beiden Gemälde Patrizia auf dem Schaukelpferd und Schiffswerft in Clarens als Depositum bzw. als Schenkung zu sehen.
Die Leute meines Dorfes 1975 – ’76
Öl, Kohle und Filzstift auf ungrundierten Blachenstoff
Museo Ciäsa Granda, Schenkung