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Der Überfluss an Fischen in den Flüssen der Gebirgskette “Serra do Cipó“ war einst dergestalt, dass man gar nicht erst aus dem Haus gehen musste, um sie zu fangen. Gelogen? Nein, das ist die reine Wahrheit, bestätigt Antonia dos Santos Ferreira, 81 Jahre alt, Erbin der “Fazenda Cipó“. “Gleich vor unserer Küchentür hatten wir ein grosses Wasserrohr, mit sauberem Wasser vom Fluss, das in ein grosses Keramikbecken strömte. Immer wenn unsere Köchin ein paar Fische für unsere Mahlzeiten brauchte, holte sie die mit einem Käscher aus diesem Auffangbecken“, erzählt Antonia. Im Jahr 1984 wurde ein Teil des Besitzes in ein Naturschutzgebiet verwandelt – ein Tal mit fruchtbarer Erde, auf der man bis dato Reis, Bohnen und andere Getreidesorten angebaut hatte. Später kamen noch weitere Nachbargrundstücke dazu, und diese Ländereien bildeten zusammen den heutigen “Parque Nacional da Serra do Cipó“.
Nun, die Fische sind inzwischen nicht mehr so zahlreich, dass sie einem vom Fluss direkt in die Pfanne hüpfen. Auch sieht man keine Brüllaffen mehr auf den Gipfeln der Serra, wie noch 1950, als Antonias Vater auf dem Heimweg sogar einem Puma begegnete, “der am Wegesrand sass, zum Himmel aufschaute und mit dem Mond flirtete“. Aber schon seit langer Zeit interessieren sich Wissenschaftler aus vielen Teilen der Welt für die “Serra do Cipó“, weil sie ein Laboratorium unter freiem Himmel zum Studium der Biodiversifikation darstellt. Und das ist einer der Gründe, unter vielen, für die Erhaltung dieser Landschaft.1975, als man die ersten Anstrengungen zum Schutz der Natur machte, gründete man erst einmal den “Staatlichen Naturpark Serra do Cipó“ – der neun Jahre später dann in den Nationalpark gleichen Namens verwandelt wurde. Gegenwärtig stehen 338 Quadratkilometer dieser riesigen Fläche unter Naturschutz, in der zwei Biome vorherrschen: Cerrado und Atlantischer Regenwald. Die so genannten “Campos Rupestres“ (Bergsavannen) verdienen besondere Beachtung, weil sich auf ihnen seltene endemische Pflanzenarten konzentrieren. Aus der grossen Familie der Korbblütler (Compositae) kann man die “Sempre-vivas“ als die typischsten Vertreter der Bergsavannen ansehen – die Blüten der als “immer lebendig“ bezeichneten Pflanzen verlieren auch in getrocknetem Zustand ihre Formen und Farben nicht, und wir bezeichnen bestimmte Arten aus der gleichen Gattung in Europa als “Strohblumen“.
Auf den Höhen der Serra do Cipó finden sich unendlich viele Spezies dieser Gattung mit einer ebensolchen Vielfalt von Namen: “Perpétua-do-campo, Coroinha, Sempre-viva-de-pé-de-ouro, Margarida, Brejeira, Jazida, Brasiliana, Rabo-de-raposa…“ und viele andere. Sie blühen das ganze Jahr über, und wenn eine Blüte stirbt, kommt die nächste hervor. Die verschiedenen Korbblütler wachsen einfach überall, besonders entlang der Pfade, die zum “Travessão“ führen, einem Gipfel von erlesener Schönheit und Wasserscheide der Quellen, die das Becken des Rio Doce (im Osten) und des Rio São Francisco (im Westen) – nur 250 Meter von einander entfernt.
In der Region von “Alto dos Palácios“ verdient eine andere Flora-Spezies besondere Beachtung – man nennt sie in Brasilien “Canela-de-ema“ (Vellozia squamata) – eine Pflanze aus der Familie der Veloziaceae (Schraubenbaumartige), die sechs Meter Höhe erreichen kann und endemisch ist, das heisst, sie kommt nur in dieser Region vor. Der Landschaftsgestalter Burle Marx erklärte anlässlich seines Besuchs (1943) in der Serra do Cipó, dass sich in diesem Gebiet auf einem Quadratmeter mehr Pflanzenarten finden als auf einen Quadratkilometer in Amazonien. Weitere Spezies dieser Gegend sind typisch für die Cerrado-Landschaft: “Cagaiteira (Eugenia dysenterica), Ipê (Tapebuia), Quaresmeira (Tibouchina granulosa), Pequizeiro (Caryocar brasiliense), Pau-terra (Qualea Grandiflora)“ und “Pau-monjolo (Pterodon Emarginatus)“.
Auf Wanderungen durch die Unendlichkeit der Serra kann man mit etwas Glück dem Mähnenwolf begegnen, dem Baumstachler, einer Gruppe von Wildhunden, dem Ozelot (Leopardus pardalis), dem Fischotter, dem Savannenhirsch (Ozotoceros bezoarticus) und dem Puma. Und es ist gar nicht so lange her, da konnte man noch den Ruf des hühnergrossen “Inhambu-chororó“ (Crypturellus parvirostris) vernehmen – von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr am Nachmittag. Die Biovielfalt wird ergänzt von einer Unzahl an Reptilien, Wirbellosen und Amphibien – besonders des endemischen Fröschleins “Perereca-de-pijama“ – Pyjamafrosch (Hyla cipoense).
Die Serra do Cipó gehört zur Gebirgskette der Serra do Espinhaço, und diese Tatsache steigert noch ihre Bedeutung. Die “Espinhaço“ hat eine Ausdehnung von zirka eintausend Kilometern und wurde im Jahr 2005 wegen ihrer grossen Vielfalt an Natur-Ressourcen von der UNESCO zum Biosphären-Reservat erklärt.
Wenigstens die Hälfte aller vom Aussterben bedrohten Tierarten des Bundesstaates Minas Gerais leben innerhalb der Espinhaço-Bergkette. Und die grösste Anzahl endemischer Spezies der brasilianischen Flora befindet sich in der Serra do Cipó, die aus diesem Grund auch als “Jardim do Brasil“ (Garten Brasiliens) bezeichnet wird.
Zu den Naturattraktionen der Serra gehören auch die Wasserfälle: “Véu da Noiva, Cachoeira Grande, Serra Morena, Lagoa Dourada, Tabuleiro, Lajeado, Fervedouro, Taioba, Andorinhas, Gavião, Farofa, Cânion das Bandeirinhas – und viele andere bilden ein bedeutendes Potenzial zur Entwicklung des Ökotourismus. Der Canyon mit achtzig Meter hohen Wänden, der sich innerhalb des Parks befindet, ist das Ergebnis einer tektonischen Vertiefung im Verlauf von Millionen Jahren durch den Rio Mascates, der zusammen mit dem Rio Cipó in den Rio das Velhas mündet.
Zurück in der “Fazenda Cipó“ – dem Anfang dieses Spaziergangs, der noch nicht zu Ende ist – gibt uns Antonia einen Einblick in die Besetzungsgeschichte der Serra do Cipó. Sie erzählt, dass ihr Besitz schon seit 1746 existiert, damals nur eine Hütte, die den durchziehenden “Bandeirantes“-Expeditionen als Stützpunkt diente. Maristela, aus der fünften Generation der Fazendeiro-Familie, ist verantwortlich für das kleine Museum auf dem Besitz, in dem man seine Geschichte mittels Dokumenten und antiken Objekten nachverfolgen kann. Am Anfang der Fazenda stand der Anbau von Wunderbäumen (Ricinus communis), der die Wirtschaft der Region antrieb – das Öl der Pflanze wurde zur öffentlichen Beleuchtung der Orte “Ouro Preto, Mariana“ und “Sabará“ verwendet, die sich mit dem Abbau von Edelsteinen in reiche Städte verwandelten.
Die “Bandeirantes“ (Söldnertruppen aus São Paulo), die zu den Höhen der Serra aufstiegen, hatten ein bestimmtes Ziel: die Dörfer “Serro Frio“ und “Arraial do Tejuco“ – heute die Städtchen “Serro“ und “Diamantina“. Der Verkehr im Gebiet von Cipó war so intensiv, dass man an einigen Stellen die Wege sogar mit einer Bepflasterung aus Steinen versah. Noch heute kann man auf dem gut erhaltenen “Trilha dos Escravos“ (Sklavenpfad) zum Wasserfall “Cachoeira da Mãe d’Água“ wandern, der in den Wasserfall “Véu da Noiva“ mündet.
Wenn man den Pfad hinaufgeht, hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die Serra do Cipó. Von ganz oben beeindruckt das gewaltige Massiv des “Morro da Pedreira“. 1990 wurde der Berg unter Naturschutz gestellt, nachdem dreitausend Personen eine Aktion zu seiner Rettung gestartet hatten, die den illegalen Abbau von Marmor, und dadurch seine Zerstörung, verhinderten. Heute stehen seine Umgebung, die Fauna und Flora, die Quellen und archäologischen Fundstätten, unter Naturschutz.
Allerdings entsprechen die Anstrengungen zum Schutz der Natur auch heutzutage noch lange nicht dem, was Georg Heinrich von Langsdorff in seinen Tagebüchern 1824 festhielt, als er diese Region bereiste. Der Naturalist war besonders beeindruckt von den mindestens zehntausend Jahre alten Zeugnissen humaner Präsenz, die er in den Höhlen- und Felsmalereien entdeckte. Andererseits stiess ihn die offensichtliche Dekadenz ab, der er immer wieder gegen Ende des Gold- und Diamantenzyklus begegnete.
Die einzige etwas aktivere Landwirtschaft beschränkte sich auf die Nutzung der “Várzeas“ (überschwemmbare, fruchtbare Tiefebenen) zur Bepflanzung. In den Galeriewäldern wurde das selektive Fällen von Edelholz erst durch die Gründung des Nationalparks unterbrochen. Die Umgegend wurde weiterhin durch gelegte Brände entwaldet, um Weiden für die Rinder zu schaffen – Wald und Cerrado wurden weiter reduziert.
“Die besondere Schönheit der Serra do Cipó findet man oft in den kleinen Dingen, der Einzigartigkeit“, sagt Rossana, Chefin des Naturschutzparks. “Wir arbeiten daran, dass wir bis Ende in Kürze die Wanderwege im Park fertig stellen können. Sie werden Wanderungen grossen Stils möglich machen – mit Übernachtungen unterwegs, damit die Teilnehmer die wirklichen Naturschönheiten der Serra kennenlernen können. Und damit werden wir auch noch mehr Rückhalt für ihren Schutz bekommen.
Herrliche Landschaften
In den Orten, die sich innerhalb der Serra do Cipó befinden, gibt es unzählige Sehenswürdigkeiten der Natur, der Kultur und aus der Geschichte. In “Conceição do Mato Dentro“, zum Beispiel, den Wasserfall “Cachoeira do Tabuleiro“, mit einem freien Fall aus 273 Metern Höhe – der höchste Wasserfall in Minas Gerais und der dritthöchste Brasiliens. “Morro do Pilar“, eine der schönsten Gegenden, präsentiert sich in einem Meer von Bergen ohne Ende. “Lapinha“, im Distrikt von “Santana do Riacho“, wartet mit einem idyllischen Dörfchen auf, Seen, Wasserfällen und Höhlen mit Felsmalereien, die ein Alter von siebentausend Jahren haben. “Ich bin schon mal von “Lapinha“ bis “Conceição do Mato Dentro“ auf dem Rücken eines Esels geritten – eine Reise, die zehn Stunden gedauert hat. Die Landschaft ist herrlich – die grünen Savannen sind unendlich“, erzählt “Zé Branco“. Er wohnt in “Morro Vermelho“, einem kleinen Landsitz auf dem Weg nach “Lapinha“ und bietet den Vorüberkommenden einen schmackhaften Imbiss an, den er auf seinem Herd mit Holzfeuer zubereitet. Während des Essens hat man einen phantastischen Rundblick auf das gesamte Tal.
Ortsbeschreibung
Die Serra do Cipó befindet sich rund 100 Kilometer von der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais, Belo Horizonte, entfernt. “Cardeal Mota“ (bekannter unter dem Namen “Serra do Cipó“) liegt im Distrikt von “Santana do Riacho“ – dort konzentriert sich der Kommerz, die meisten Pousadas und Restaurants. Von dort hat man den besten Zugang zum Nationalpark – drei Kilometer vom Ortszentrum entfernt. Besuche des Parks müssen zuvor unter der Telefonnummer (31) 3718-7469 vereinbart werden.
Unterkunft
“Rancho Cipó“ – www.ranchocipo.com.br, Telefon: (31) 3718-7200
“Fazenda Monjolos” – Telefon: (31) 3718-7011
“Pousada Carumbé” – Telefon: (31) 8888-1836
Ausflug zur Fazenda
“Museu Nhá Rita” – Telefon: (31) 9986-6452
Wer mehr wissen möchte:
Serra do Cipó
Für fast alle Sehenswürdigkeiten werden Gebühren erhoben. Im Fall von Wanderungen zu weit entfernten Orten, sollte ein ortskundiger Führer einbezogen werden.