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Ich gestehe: Schon seit meiner Jugend bin ich ein absoluter Charlie-Parker-Fan. Als 16-Jährige haben mein Freund und ich auf ausgedehnten Spaziergängen «Ornothology», «Scrapple from the Apple» und viele andere Parker-Melodien unisono gescatted (und verständnislose Blicke von Passanten geerntet), mit 17 ein Jazzquartett gegründet und «Yardbirds» getauft (Erkennungsmelodie zu Beginn jedes Auftritts war «Yardbird Suite»). Auch heute noch finde ich sowohl die Melodien als auch die Soli von Charlie Parker umwerfend.
Als ich nun von «The Passion of Charlie Parker» hörte, war ich Feuer und Flamme und musste baldmöglichst hören, was Madeleine Peyroux, Barbara Hannigan, Gregory Porter, Luciana Souza, Kurt Elling, Kandace Springs und Melody Gardot mit Parker-Melodien anstellten.
Falsche Erwartungen
Gross die Freude, als Madeleine Peyroux mit ihrer vollen Stimme «Ornithology» zu interpretieren beginnt ... doch wieso hat ein Tenorsaxophon hier das Sagen, und nicht ein Altsax? Und wieso ist das Tempo so gemässigt? Und wer kam auf die Idee, ein Wurlitzer-E-Piano einzusetzen? Alles so nicht Parker-like!
Mit Mühe hörte ich mich durch die 50 Minuten, empfand zwar die meisten Gesangseinlagen erfrischend oder zumindest anregend, doch mit den Musikern und deren Improvisationen konnte ich nicht viel anfangen. Das war eher eine Hommage an John Coltrane, aber bestimmt nicht an die luftig quirligen Inventionen von Charlie Parker! Enttäuscht spülte ich meine Gehörgänge mit echten Charlie-Parker-Klängen.
Kommt Zeit, kommt Rat
Natürlich liess mir die Tatsache, dass «The Passion of Charlie Parker» international so viel Lob erntete, keine Ruhe. Also setzte ich mich nochmals dahinter. Zuerst las ich den Text im Booklet, der die Ideen hinter «The Passion of Charlie Parker» darlegt. Aha! Da steckte eine Konzeptidee dahinter, die das Ganze in ein anderes Licht rückt und bis zu einem gewissen Grad plausibler macht: Der Ablauf, die Stückfolge, die Texte, denen die Parker-Melodien verpasst wurden ... alles machte plötzlich Sinn – obgleich ich immer noch nicht weiss, wieso ein Tenorsaxophonist für dieses Projekt gewählt wurde. Wohl deshalb, weil die Musiker erfolgreich auch an David Bowies «Black Star»-Album mitgewirkt hatten.
Unter diesem neuen Aspekt hörte ich mir das Gesamtwerk mehrmals an, wissend, dass gute, tiefgründige Musik meist beim ersten Hinhören (noch) nicht begeistert. Mit jedem Durchgang erwärmte ich mich mehr und mehr für dieses Konzeptalbum – und nun, da ich diese Zeilen eintippe, finde ich es zumindest interessant.
Zwar habe ich als Parker-Fan immer noch gewisse Vorbehalte, bin nicht überzeugt, dass sich Charlie Parkers musikalische Laufbahn – hätte er denn eine gehabt – in diese Richtung entwickelt hätte. Ich finde auch, dass die allgemeine Stimmung zu düster, zu negativ ist. Parkers nicht eben leichtes Leben floss zu stark in die Musik ein. Denn höre ich Parker selbst, finde ich diese bedrückte Stimmung eigentlich nie, sondern höre stets den bunten Vogel, der seine «frohe Botschaft» verkündet und ab und zu auch ein trauriges, aber nie hoffnungsloses Lied anstimmt. Charlie Parkers Musik hat mich immer aufgestellt, sie hat mich bewundernd schmunzeln lassen. Diese Produktion jedoch zeichnet für mich graue, düstere Bilder, die viel Negatives beinhalten.
Mein persönliches Fazit
«The Passion of Charlie Parker» ist ein interessantes Projekt, in dem brillante Musiker und singende Ausnahmetalente Larry Kleins Vorstellungen von Parkers Passion umsetzen. Leider ist der Titel doppeldeutig: Meinte Larry Klein mit «Passion» nun «Leidenschaft» (wie ich es zuerst interpretierte)? Wohl doch eher «Leidensweg», was dem Booklet-Text folgend auch mehr Sinn macht.
So oder so ist es gefährlich, sich dem Werk mit falschen Erwartungen, die durch das Coverbild noch verstärkt werden, zu nähern, da die Enttäuschung dann wohl (wie bei mir) vorprogrammiert sein dürfte. Denn von Charlie Parkers Musik sind nur gerade die gesungenen Themen geblieben.