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| Hilarius von Poitiers († 367) - Kommentar zum Evangelium des Matthäus

Neuntes Hauptstück
9.
Als nun der Herr von da weiter ging, folgten ihm sogleich zwei Blinde nach. Aber wie konnten die Blinden das Fortgehen und den Namen des Herrn wissen? Ja sie nennen ihn sogar auch den Sohn Davids, und bitten, er möchte sie gesund machen. In den zwei Blinden wird der Sinn des ganzen obigen Vorbildes vollständig dargestellt. Denn es wird gezeigt, daß aus diesen die Tochter des Vorstehers sey, nämlich1 die Pharisäer und die Jünger des Johannes, welche den Herrn schon oben gemeinschaftlich versucht hatten. Diesen also hat das Gesetz, weil sie nicht wußten, von wem sie das Heil verlangen sollten, es ange- [S. 126] deutet; diesen hat es ihren Heiland dem Leibe nach aus Geschlechte Davids kund gethan; ihnen, die durch die Sünde blind waren, weil sie ohne Belehrung Christum nicht sahen, hat es den Verstand erleuchtet. Und diesen verspricht der Herr,2 indem er ihnen zeigt, daß nicht aus dem Heile der Glauben, sondern wegen des Glaubens das Heil erwartet werden müsse, (denn die Blinden haben gesehen, weil sie geglaubt, nicht geglaubt, weil sie gesehen hatten; und hieraus muß man einsehen, daß durch den Glauben verdient werden müsse, um was man bittet, und daß man nicht aus dem Erlangten den Glauben schöpfen dürfe), wenn sie glauben würden, das Gesicht, und verleiht es ihnen, da sie glauben, und gebietet ihnen Stillschweigen, weil die Verkündigung den Aposteln vorbehalten war.
1: Oben wurde unter dem Vorsteher, dem Vater der Tochter, das Gesetz, unter der Tochter das dem Gesetze unterthänige Volk verstanden; jetzt werden durch die Tochter die Pharisäer und die Jünger des Johannes, als Söhne des Gesetzes, bezeichnet, welche für sich blind sind, aber durch das Gesetz Christum als den Heiland kennen lernen.
2: Alles Nachfolgende bis zu den Worten „wenn sie glauben würden,“ ist in den alten Ausgaben und in sieben Handschriften hier weggelassen und Nro. 8 am Ende beigefügt. Weit füglicher ist es in den neuern Ausgaben und in vier Handschriften hier eingeschaltet, wenn man nicht vermuthen will, daß es ursprünglich eine auf den Rand geschriebene Bemerkung gewesen, und später in den Text selbst gesetzt worden sey.