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Kartoffeln, Porzellan oder exotische Gewürze: Sie alle wären heute in Europa wohl unbekannt, hätten sie nicht einst Händler und Reisende aus fernen Ländern mitgebracht. Im 17. Jahrhunderts nahm der Handel über den Seeweg stark zu. Seefahrer brachten aus dem mittleren und fernen Osten nicht nur Tee, Gewürze oder Porzellan mit, sondern auch Baumwollgewebe und Seidenstoffe mit Mustern, die auf die Europäer exotisch und faszinierend wirkten. Dementsprechend inspirierten sie die einheimische Textilbranche und lösten eine eigentliche Mode aus.
Phänomen der Oberschicht
Die Abegg-Stiftung in Riggisberg widmet den exotischen Textilien und ihren Einflüssen auf Europa eine Sonderausstellung, die noch bis im November zu sehen ist (siehe Kasten). In den klimatisierten Ausstellungsräumen hängen grössere Bahnen der Textilien an den Wänden. Vereinzelt sind auch Gewänder zu sehen, die aus den exotisch inspirierten Textilien entstanden sind. «Vor allem die oberen Schichten der Gesellschaft kleideten sich im 18. Jahrhundert gern mit solchen Stoffen», erklärt Kuratorin Anna Jolly. «Sie wählten einen Stoff aus, der Schneider mass sie aus und fertigte aus dem Stoff ein massgeschneidertes Gewand an.» Nicht nur die Damen hätten eine Vorliebe für solche Stoffe gehabt, auch Herren kleideten sich laut Jolly in dieser Art und Weise.
Eingewebte Muster
Die Produktion der Stoffe sei ein Kunsthandwerk gewesen, sagt Jolly, wobei: «Die Kunst lag weniger bei den Webern als bei den sogenannten Entwurfskünstlern.» Diese zeichneten die Muster zuerst auf, bevor die Weber das Muster einwebten. Dafür mussten die Entwurfskünstler so einiges vom Webstuhl verstehen, um dessen Möglichkeiten und Grenzen zu kennen. So wurden die Muster der Seidengewebe im Allgemeinen eingewebt und nicht etwa aufgedruckt.
Reiseberichte als Quelle
In einem ersten Ausstellungsbereich sind einige Vorläufer der exotischen Stoffe zu sehen. «Wir sehen hier noch recht konventionelle Blumenmotive, aber bereits fremdartige Wolken», erklärt Jolly bei einem Rundgang. Diese Wolken seien ein typisches Motiv der chinesischen Textilkunst. Diese Motive kamen bereits im 17. Jahrhundert durch den Handel nach Europa.
Aufgeschlagen in einer Vitrine liegt ein gedruckter Reisebericht des Niederländers Joan Nieuhof. Er begleitete die niederländische Handelsgesellschaft auf eine Reise zum chinesischen Kaiserhof. Die Reise selbst war zwar nur bedingt erfolgreich. Denn der Kaiser schützte die einheimischen Handwerker. Doch Nieuhof war begeistert von der chinesischen Natur und Kultur. So sind auf den Bildern seines Reiseberichtes etwa exotische Gewänder, Bananenstauden oder Ananaspflanzen zu sehen. «Solche Reiseberichte sind für uns wertvolle Quellen, um den historischen Hintergrund der Textilien einzuschätzen», sagt Jolly.
Abstrakte Motive
Anfang des 18. Jahrhunderts erlebten die exotischen Stoffe einen Schub. «Die Fantasie explodierte», so Jolly. Die Formen werden grosszügiger, dynamischer und abstrakter. Die Motive setzen sich nun zuweilen in Zick-Zack-Linien über die Grenzen ganzer Stoffbahnen hinweg fort. Die Fachleute sprechen dabei von den «bizarren Seiden». «Wegen der abstrakten Motive fällt es uns häufig schwer, die Muster der Textilien angemessen zu beschreiben. Darum hat sich dieser Begriff eingebürgert», erklärt Anna Jolly. Zentren der Textilproduktion waren damals Städte wie Lyon, Venedig, London oder Amsterdam.
Löwen aus China
Ein eigener Bereich ist den sogenannten Chinoiserien gewidmet. Auf einem rotgrundigen Stoff sind zum Beispiel Löwen, pagodenartige Turmbauwerke und exotische Bergformationen zu sehen. «Wir kennen die Ursprünge dieser Motive zwar nicht genau, aber sie gehen wohl auf chinesische Einflüsse zurück.» So sei der Löwe in Europa als Motiv damals neu gewesen. Nicht nur die Motive, auch die Breite des Stoffes sorgt für ein zusätzliches exotisches Flair. Denn 78 Zentimeter breite Stoffbahnen waren damals typisch für China. «Durch die Breite wissen wir auch, dass der Stoff in Amsterdam und nicht in Frankreich entstanden ist», so Jolly. Denn der französische König regelte die Textilprodukte bis hin zur Breite der Stoffbahnen. «Amsterdam war da bedeutend liberaler.»
Nicht immer orientierten sich aber die europäischen Textilkünstler streng an ihren exotischen Vorbildern. So zeigt die Ausstellung auch ein holländisches Seidengewebe, auf dem die Chinesen osmanische Turbane tragen.
Muster aus dem Orient
Auch den orientalischen Einflüssen widmet die Sonderausstellung einen eigenen Bereich. In diesem geht es um die sogenannten Persiennes, die nach 1720 zunehmend in Mode kamen. «Während die chinesisch beeinflussten Stoffe exotische Tiere und Pflanzen zeigen, sehen wir in den Persiennes kleinteilige, oft symmetrische Muster.» Jolly zeigt etwa auf ein dunkles opulentes Gewebe. Ein Muster aus Metallfäden bedeckt den Grund fast völlig. «Solche Stoffe wurden gerne für die Hochzeitskleider europäischer Fürstinnen verwendet.»
Die ausgestellten Gewänder verraten einiges über das Alltagsleben in jener Epoche, die man in anderen Disziplinen als Barock bezeichnet. Das zeigt etwa ein reich geschmückter Hausmantel für Herren. «Das ist kein Morgenrock», betont Jolly. Das Gewand sei zwar bequem, aber immer noch repräsentativ, so dass der Herr des Hauses in diesem Mantel etwa Besuch in seinem Haus empfangen konnte. «Die Mütze trug er dazu, weil er in seinem Haus die obligate Perücke ablegte.»
Den Abschluss der Ausstellung bildet aber ein chinesisches Textil. Bei diesem sind die Fäden und die Farbstoffe typisch chinesisch, die Blumenmuster aber englisch. «Auch in China waren exotische Elemente beliebt», schliesst Anna Jolly, «in China wirkten einfach europäische Kunstformen exotisch.»
Praktische Informationen
Die Ausstellung läuft bis im November
Die Sonderausstellung «Der Hang zur Exotik. Europäische Seiden des 18. Jahrhunderts» ist noch bis am 11. November in der Abegg-Stiftung in Riggisberg zu sehen. Sie ist täglich von 14 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet.