Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/3418

Nicht nur Erwachsene, sondern auch immer mehr Kinder und Jugendliche flüchten alleine, ohne ihre Eltern in die Schweiz. Im Kanton Luzern leben im Moment 100 solcher minderjähriger Flüchtlinge. Die ganz Kleinen sind in Pflegefamilien untergebracht, die anderen 60 leben im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke.
Einer von ihnen ist ein 17-jähriger Mann mit blonden Haarspitzen und blau-weissem Fussballshirt. Er möchte seinen richtigen Namen lieber nicht sagen, darum nennen wir ihn hier Temesgen.
Ich werde traurig, wenn andere Leute von ihren Familien erzählen. Ich habe hier keinen Vater, keine Mutter. Ich bin ganz alleine auf mich gestellt.
Als Temesgen von Zuhause weg ist, war er gerade mal zwölf Jahre alt. Sein Vater sei lange Jahre im Militär gewesen und als er eines Tages nicht mehr hin wollte, hätten Männer in Uniform seine Mutter geschlagen und verhaftet, erzählt Temesgen. Da sei ihm klar geworden, dass er jetzt aus Eritrea weg müsse.
Auf seinem Weg durch die Sahara hat er einen anderen jungen Mann kennengelernt, der hier Tekle heisst. Auch er ist 17 Jahre alt. Tekle ist schlaksig, redet mit leiser Stimme und kritzelt während des ganzen Gesprächs einzelne deutsche Wörter auf ein Blatt vor ihm: Luzern, Niemand, Sonnenhof.
Seine Eltern seien Bauern gewesen, mit einem kleinen Stück Land, ein paar Kühen und Eseln, erzählt Tekle. Ihr Einkommen habe nicht für die sechsköpfige Familie gereicht.
Ich habe die Schule abgebrochen um Geld zu verdienen. Als die Regierung das erfahren hat, habe ich ein Aufgebot fürs Militär erhalten. Da habe ich beschlossen, Eritrea zu verlassen.
Auch Tekle war alleine unterwegs. Gemeinsam sind die beiden anschliessend weiter in einem kleinen Boot übers Mittelmeer nach Europa gereist und schliesslich in die Schweiz nach Emmenbrücke gekommen.
In der Schweiz haben die jungen Eritreer kein Asyl erhalten, sie sind vorläufig aufgenommen. Im Asylzentrum Sonnenhof leben beide in einem Zweierzimmer mit einem Kühlschrank, einem Tischchen und zwei Stühlen. Das spärlich eingerichtete Zimmer ist vergleichsweise luxuriös. Die meisten anderen Minderjährigen teilen sich ihr Zimmer mit drei, fünf oder sieben anderen Jugendlichen.
Die Kinder, die im Sonnenhof wohnen und in der obligatorischen Schulpflicht sind, gehen mit anderen Flüchtlingskindern nach Luzern in die Schule. Alle, die älter als 16 Jahre alt sind, also auch Temesgen und Tekle, sind dreimal in der Woche in Littau. Dort erhalten sie zwei Stunden Unterricht in Deutsch und Mathematik. An den Nachmittagen sind sie einem Arbeitsprogramm zugeteilt.
Die beiden jungen Männer würden gerne mehr in die Schule gehen, um schneller Deutsch zu lernen und ihre Aussichten auf eine Lehrstelle zu verbessern. Im Alltag hätten sie nämlich kaum Gelegenheit, mit Schweizerinnen und Schweizern in Kontakt zu kommen.
Die Leute in der Schweiz sind sehr verschlossen, darum ist es schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Im Bus habe ich das Gefühl, die Leute rutschen von mir weg. Das macht mich traurig.
Wenn man die beiden jungen Eritreer fragt, wie es für sie weitergehen soll, sagt Tekle, er würde gerne eine Lehre als Automechaniker machen. Temesgen ist sich noch nicht so sicher. Auf ihren ganz grossen Wunsch angesprochen, erzählt aber keiner von beiden von einem Job oder einer eigenen Wohnung in der Schweiz. Stattdessen wünschen sich beide ein Wiedersehen mit ihren Eltern und Frieden in ihrer Heimat.
Regionaljournal Zentralschweiz, 17:30 Uhr.