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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Was fällt Ihnen so ganz spontan, ohne Zuhilfenahme des Internets oder vielfältiger Literatur, zu Johann Wolfgang von Goethe ein? Dass er etwa im 18. Jahrhundert gelebt hat?
Bei mir waren es Erinnerungen an seine verschiedenen Interessen im biologischen Bereich, sein Politikerdasein, das bekannte Gemälde von seiner Reise in die Campagne, seine Farbenlehre und natürlich seine Dichtungen, ganz vorne weg „Faust I und II“, und dann „Götz von Berlichingen“, „Die Leiden des jungen Werthers“, die „Iphigenie auf Tauris“.
Auf der Rückreise von Jena, dort war ich auf einem Sprachentag, besuchte ich vor einigen Tagen die Dichterstadt Weimar. Goethe und Friedrich Schiller, auch Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder, haben dort gelebt, gearbeitet und gedichtet. Und als historisch Interessierter war es die „Weimarer Republik", so genannt, weil 1919, also nach dem 1. Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, die Nationalversammlung dort getagt hatte, an die ich dachte.
Das letzte Mal war ich kurz nach der Wiedervereinigung Anfang 1990 dort gewesen. Seit dieser Zeit sind viele Gebäude in der Stadt renoviert worden, die Strassen und Wege teilweise mit altem Pflaster wieder erstanden. Die Wohnhäuser von Schiller und Goethe, das Stadtschloss, die Brunnen und vieles andere erstrahlen im neuen bzw. alten Glanz.
Eine Touristengruppe stand neben der Musikhochschule um einen grossen grünen Baum herum. Ich schnappte den Namen „Goethe“ und „Ginkgobaum“ auf. Ganz in der Nähe ist ein kleiner Geschenkladen, der sich „Ginkgo“ nennt.
Im Schaufenster standen 2 kleine Bäumchen in Blumentöpfen zum Verkauf, das ideale Mitbringsel für meine Frau, die sich über alle Ginkgobäume freut, denen sie begegnet.
Ich fragte die freundliche Inhaberin des netten Ladens. Sie erzählte mir, dass der Dichterfürst sich mit dem Baum beschäftigt habe und in der Gedichtesammlung „West-östlicher Divan“ auch ein Gedicht dazu veröffentlichte:
Ginkgo biloba
Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut,
Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als Eines kennt?
Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich Eins und doppelt bin?"
Was Goethe meint mit den zwei, „in sich selbst getrennt“, ist die Blattform, fächerförmig mit einer Einkerbung in der Mitte des Blattes. Diese Blattform ist charakteristisch, eine Besonderheit in der Pflanzenwelt, und man kann dadurch die Baumart sofort erkennen.
Der Dichterfürst kannte den eigentlich aus China stammenden Baum aus dem Heidelberger Schlossgarten. Angeblich traf er dort seine Freundin Marianne von Willemer, überreichte ihr ein Blatt und nahm diese Begegnung als Anlass für sein Gedicht. Das ist die eine Version, die andere ergibt sich aus dem Tagebucheintrag eines heute in Vergessenheit geratenen Dichters und Kunstsammlers, Sulpiz Boisseree:
„Heitrer Abend. G. hatte der Wilemer ein Blatt der Ginkho (sic) biloba als Sinnbild der Freundschaft geschickt aus der Stadt. Man weiss nicht ob es eins das sich in 2 theilt, oder zwey die sich in eins verbinden. So war der Inhalt des Verses.“
Die Inhaberin des Ladens wies mich noch darauf hin, dass das Bäumchen im Herbst goldgelbe Blätter bekommt, die im Winter abfallen. Der Baum ist widerstandsfähig, aber die Jungpflanze sollte man vor starkem Frost und praller Sonne schützen. Die Samen der weiblichen Ginkgos werden in Asien auch als aphrodisierende Speisen gekocht, geröstet und gesalzen gern gegessen.
Noch sind die Blätter des kleinen Bäumchens nicht goldgelb und hängen nach unten. Ich hoffe, dass sie sich bald verfärben, abfallen und im nächsten Jahr wieder neu wachsen, damit das Bäumchen gedeiht!
Quellen
Wikipedia: „Goethe“, „Ginkgo_biloba“
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