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Ein überlebensgrosses Foto von Liu Xiaobo und ein leerer Stuhl – dieses Bild ging im Dezember 2010 um die Welt. Man bedauere, dass der Preisträger nicht anwesend sei, sagte der Vorsitzende des Friedensnobelpreis-Komitees in Oslo.
Seit der Verleihung des Friedensnobelpreises ist Liu auch im Westen einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Chinas Regierung war über die Auszeichnung so erbost, dass sie die Beziehungen mit Norwegen vorübergehend einfror.
Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Demokratie-Aktivist und schliesslich Friedensnobelpreisträger: Der 61-jährige Liu hatte viele Titel. In den letzten Jahren seines Lebens war er zudem Chinas prominentester Gefangener.
Geboren und aufgewachsen ist Liu Xiaobo in Jilin, im Nordosten Chinas. Nach der Kulturrevolution wurde er – wie Millionen seiner Generation – zum Arbeiten aufs Land geschickt. Später studierte Liu chinesische Literatur. Er interessierte sich gleichzeitig für westliche Philosophie.
Liu engagierte sich bei den Protesten auf dem Tiananmen-Platz für mehr Demokratie. Und: Er sass in den Jahren danach mehrmals im Gefängnis. In einem Interview mit dem Hongkonger Sender RTHK schien es, als sei er auch auf seine letzte Haftstrafe gefasst gewesen.
Gefängnis als Berufsrisiko
«Wenn man in einer Diktatur in der Opposition ist, dann hat man mit der Polizei zu tun, man wird ins Gefängnis gesteckt. Das ist sozusagen Teil des Berufs», sagte er. «Als Dissident muss man nicht nur lernen, wie man sich wehrt, sondern auch, wie man mit der Unterdrückung umgeht, auch mit einer Haftstrafe.» Es schien, als sei Liu Xiaobo auch auf seine letzte Haftstrafte gefasst gewesen.
Als Dissident muss man nicht nur lernen, wie man sich wehrt, sondern auch, wie man mit der Unterdrückung umgeht, auch mit einer Haftstrafe.
Und tatsächlich: Kurz darauf wurde er erneut festgenommen. Zu elf Jahren Haft wurde er schliesslich verurteilt, wegen Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt. Lius Ehefrau, Liu Xia, wurde später von den Behörden de facto unter Hausarrest gestellt. «Töte den Hahn, um die Affen abzuschrecken», so lautet ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Mit der harten Strafe statuierte Peking ein Exempel. Liu hatte es gewagt, die Regierung herauszufordern.
«Charta 08» bleibt gesperrt
Liu Xiaobo hat die «Charta 08» mitverfasst und gehörte zu den Erstunterzeichnern. In der Charta wurde eine grundlegende Änderung des Systems verlangt, die Gewaltentrennung, das Recht auf freie Meinungsäusserung, direkte und demokratische Wahlen.
Kurz, ein Ende der Ein-Parteien-Herrschaft. Die «Charta 08» wurde von mehreren Tausend Chinesen unterzeichnet. Der Inhalt ist im chinesischen Internet gesperrt, wie auch jegliche Nachrichten über Liu Xiaobo – der Friedensnobelpreis war für Chinas Regierung ein Schlag ins Gesicht vor der Weltöffentlichkeit. Ein toter Friedensnobelpreisträger in Haft – das PR-Desaster wäre perfekt gewesen.
Und so durfte Liu das Gefängnis schliesslich verlassen, um im Spital zu sterben.
Reaktionen auf den Tod von Liu Xiaobo
|Das Nobelkomitee gab den chinesischen Behörden eine erhebliche Mitverantwortung am Tod von Liu. «Wir finden es zutiefst verstörend, dass Liu Xiaobo nicht in eine Einrichtung verlegt wurde, in der er eine angemessene medizinische Behandlung hätte bekommen können, bevor das Endstadium seiner Krankheit begann», erklärte die Präsidentin des Komitees, Berit Reiss-Andersen, in Oslo.|
UNO-Menschenrechtskommissar Zeid Raad al Hussein sprach von einem riesigen Verlust für die Menschenrechtsbewegung weltweit und forderte die chinesischen Behörden auf, Lius Frau Liu Xia die Ausreise zu genehmigen.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erklärte, der Tod von Liu offenbare die «Schonungslosigkeit der chinesischen Regierung gegenüber friedlichen Befürwortern von Menschenrechten und Demokratie».
Liu Xiaobo habe unermüdlich dafür gekämpft, die Menschenrechte in China zu stärken, sagte Salil Shetty, der Generalsekretär von Amnesty International. «Wir stehen solidarisch hinter seiner Frau Liu Xia und anderen Mitglieder der Familie, die einen kaum zu ermessenden Verlust erlitten haben.»