Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03118.jsonl.gz/755

KIESERS KERNTHESEN
Denken Sie mal nach: "Stress gleich Angst?"
Dies schreibt Werner Kieser (1940 - 2021).
Die biologische Definition von Stress als Adaptionsdruck ist relativ einfach zu verstehen. Ein biologisches System muss sich veränderten Umweltbedingungen und Anforderungen anpassen, schreibt Werner Kieser (1940-2021).
Krafttraining ist ein Beispiel: Der Körper passt sich an und wird stärker. Doch wird der Begriff heute zur Beschreibung psychologischer Zustände und deren physiologischen Folgen verwendet. Unter der Bezeichnung "SOS" ("Stress as Offence to Self") wird Stress als Bedrohung des Selbstwertgefühls bei möglichem Scheitern definiert.
Scheitern, womit? Wenn das vorgenommene oder vorgegebene Arbeitspensum nicht erreicht wird? Eine erhoffte Beförderung in Frage steht? Der budgetierte Verkaufsumsatz nicht erreicht wird? Jedes Scheitern hat seine Ursache. Und diese liegt nicht immer in der Unfähigkeit des Individuums. Hürden können zu hoch sein.
Ressourcen - auch zeitliche - sind begrenzt. Hinter Stress steht häufig die Angst vor Anerkennungsverlust: "Wie stehe ich da, wenn ...?" Diese Haltung beruht auf zwei Fehleinschätzungen: Einerseits auf einer Überschätzung der eigenen Bedeutung für das Umfeld, andererseits auf mangelnder Einschätzung der eigenen Fähigkeiten sowie der zeitlichen und anderen Reserven.
Der Philosoph Karl Popper setzt den Wert des Scheiterns höher an als den des Gelingens. Scheitern schafft Gewissheit darüber, warum etwas nicht funktioniert hat, warum diese "Hypothese" falsch ist und dass man nun getrost eine neue probieren kann. Beim Gelingen jedoch weiß man nie genau, warum etwas gelang.
Drei "Heilmittel" helfen gegen Stress. Erstens: Distanz gewinnen mit der Frage: Geht die Welt unter, wenn ich es nicht schaffe? Wohl kaum. Zweitens: Entspricht dieser mentale Zustand meiner Idealvorstellung vom Leben? Na also: Versuchen wir, das zu ändern. Drittens: Ab ins Kieser Training! Ist dies der Werbeblock? Vielleicht.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir den Trainingsraum in einem anderen mentalen Zustand verlassen, als wir ihn betreten haben. Warum dem so ist, wird die junge Myokine-Forschung wohl demnächst an den Tag bringen.