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Am Anfang stand viel Freiwilligenarbeit, viel Engagement, viel Herzblut: 1984 hat eine Gruppe von Freiburgerinnen beschlossen, etwas für Opfer von häuslicher Gewalt zu tun. Daraus entstand das Frauenhaus, das zwei Jahre später–vor dreissig Jahren–erstmals seine Türen öffnete. Noch heute ist die Arbeit im Frauenhaus keine Arbeit wie jede andere: «Die Arbeit mit Gewaltopfern ist belastend», sagt Rosa Perroud, die Leiterin des Freiburger Frauenhauses. Eine Sozialarbeiterin müsse ihre eigenen Ressourcen haben und im Privatleben einen Ausgleich finden können. Perroud strahlt aber auch, wenn sie erzählt, wie Frauen im Frauenhaus entdecken, dass sie ihre eigenen Ressourcen anzapfen können, wenn sie ihre Haltung ändern, ein eigenes Projekt aufbauen, Arbeit suchen.
Auch Opferberatungsstelle
Was 1984 mit zwei Zimmern begann, umfasst heute ein ganzes Haus mit sechs Zimmern, Küche und Aufenthaltsraum irgendwo in Freiburg–die Adresse des Frauenhauses wird geheim gehalten. Bekannt ist die Anlaufstelle für weibliche Gewaltopfer: An der Lausannegasse 91 befinden sich die Büros, in denen Frauen sich beraten lassen können.
Seit 1993 ist das Frauenhaus auch Opferberatungsstelle: Als damals das Opferhilfegesetz in Kraft trat, übertrug der Kanton dem Frauenhaus das Mandat, alle weiblichen Opfer von Straftaten zu betreuen. Damals wurde die Beratungsstelle ausgebaut, und seither heisst die Organisation offiziell «Frauenhaus–Opferberatungsstelle».
Einige Frauen gelangen über die Polizei zum Frauenhaus: Seit es das Opferhilfegesetz gibt, meldet die Polizei Gewaltopfer beim Frauenhaus, wenn diese damit einverstanden sind. Eine Sozialarbeiterin kontaktiert die Frau, informiert sie über das Angebot des Frauenhauses und der Beratungsstelle–und überlässt es dann der Frau, ob sie das Angebot in Anspruch nehmen will oder nicht. «Einige melden sich erst Wochen oder Monate später bei uns.»
Die Mehrheit der Frauen meldet sich selber; sie stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Der erste Kontakt findet immer telefonisch statt. «Viele rufen an und sagen, dass sie es zu Hause nicht mehr aushalten, dass sie wegwollen», sagt Rosa Perroud. Die Sozialarbeiterin versucht am Telefon die Situation abzuschätzen und macht einen Termin mit der Frau ab. «Bei diesem Gespräch klären wir dann ab, was die Frau genau will und was sie braucht», sagt Perroud. Wenn sie die gemeinsame Wohnung mit ihrem Partner verlassen will, schaut die Sozialarbeiterin, ob es Platz im Frauenhaus hat. «Für Notfälle finden wir immer eine Lösung, auch wenn das Frauenhaus voll ist.» Im Frauenhaus kann die Frau–und ihre Kinder–erst einmal zur Ruhe kommen. «Sie trifft Frauen in ähnlichen Situationen, mit denen sie sich austauschen kann», sagt Perroud. Das sei wichtig. «Sie merkt, dass nicht sie schuld ist, wenn ihr Partner sie schlägt, und sie verliert nach und nach das Gefühl von Scham und Schuld, das sie bisher hatte.»
Die zweite Chance
Im Frauenhaus bespricht sich die Frau regelmässig mit einer Sozialarbeiterin und sucht nach Lösungen, wie es weitergehen soll. Reicht sie Strafanzeige ein? Wie geht es mit dem Geld? Will sie sich trennen? «Sie kann bei uns alle nötigen Informationen einholen und dann selber entscheiden, wie es weitergeht», sagt Rosa Perroud. «Wir unterstützen sie in jedem Fall.» Denn knapp ein Viertel der Frauen kehrt zu ihrem Partner zurück. «Viele wollen ihrem Partner eine zweite Chance geben.» So hätten sie das Gefühl, alles für ihre Ehe getan zu haben. Und einige müssten die Entscheidung reifen lassen. Die Mehrheit aber zieht zu Hause aus. Kein einfaches Unterfangen: Die meisten sind nach der Trennung auf Sozialhilfe angewiesen, und als Sozialhilfebezügerin ist es schwierig, eine Wohnung zu finden.
Andere Frauen brauchen keinen Unterschlupf im Frauenhaus, suchen aber Rat und Unterstützung; sie kommen regelmässig in die Beratung, bis sie eine Lösung für sich gefunden haben.
In den letzten dreissig Jahren ist zwar die Gesellschaft sensibler geworden gegenüber häuslicher Gewalt; diese gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt. Doch sind heute die Situationen der Frauen komplizierter und komplexer, wie Rosa Perroud feststellt. Schwierig sei es vor allem auch für Ausländerinnen, die kaum integriert seien und kein soziales Netz aufgebaut hätten.
Der Geburtstagswunsch
Wenn sie einen Wunsch zum 30. Geburtstag des Frauenhauses Freiburg offen hätte–was würde sich die Leiterin wünschen? «Ein kleines Schloss», sagt Rosa Perroud lachend. «Wir sind seit neun Monaten nonstop voll–es wäre schön, wenn wir unsere Kapazitäten erhöhen könnten.» Es fehle vor allem auch an grösseren Räumen für die Kinder. «Es ist wichtig, dass sie abschalten und spielen können.»
Viele Kinder wollten ihre Mütter beschützen und nähmen Sorgen auf sich, für die sie eigentlich zu jung seien. «Umso wichtiger ist es, dass sie bei uns wieder Kinder sein können.» Gleichzeitig müssten die Kinder ihre Trauer ausleben können: «Sie verlieren auch ihren Vater, wenn sie in das Frauenhaus kommen.» Die Sozialarbeiterinnen versuchten zu erreichen, dass die Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Vätern unterhalten könnten. «Diese Arbeit machen wir mit den Müttern.» Dabei stehe aber immer die Sicherheit der Frau und der Kinder im Vordergrund.
Frauenhaus–Opferberatungsstelle: Telefon 026 322 22 02
Zahlen und Fakten
677 Frauen suchten 2015 Unterstützung
Im letzten Jahr haben 677 Frauen und 51 Kinder bei der Organisation Frauenhaus Freiburg–Opferberatungsstelle Unterstützung gesucht. Im Jahr 2000 waren es noch 332 Frauen gewesen; seither sind die Zahlen stark angestiegen und haben sich auf rund 650 bis 680 Frauen im Jahr eingependelt. Im letzten Jahr haben 42 Frauen und 39 Kinder im Frauenhaus Zuflucht gesucht; insgesamt verzeichnete das Haus 2979 Übernachtungen. 25 Prozent der Frauen sind zu ihrem Partner zurückgekehrt. Die Beratungsstelle hat 645 Beratungen abgehalten und 2260 telefonische Anfragen beantwortet; dazu kamen 86 Anfragen per Mail. Finanziert werden das Frauenhaus und die Opferberatungsstelle vom Kanton Freiburg, von der Loterie Romande, via Sozialhilfegelder der Frauen und über Spenden.njb