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«Short people» von Randy Newman Songs und ihre Geschichten
Die Ironie, der Sarkasmus, auch die Ambivalenz sind Markenzeichen seiner Songs. Der amerikanische Liedermacher, Pianist und Komponist Randy Newman beherrscht die Kunst, die bösesten Botschaften in prächtige Arrangements zu verpacken.
Randy Newman, geboren 1943 in Los Angeles, entstammt einer Musikerdynastie. Sein Vater, ein Arzt, spielte gelegentlich Klarinette in der Bigband von Benny Goodman. Seine Onkel Alfred, Emil und Lionel Newman waren erfolgreiche Filmmusikkomponisten in Hollywood. Randy begann seine Karriere als Auftragsschreiber. 1968 veröffentlichte er sein Debütalbum.
Grosse Popularität erlangten viele seiner frühen Songs erst in der Version anderer anderer Interpret*innen (Joe Cocker, Dusty Springfield, Nina Simone). Berühmt wurde Newman aber vor allem mit seiner Filmmusik für Blockbuster wie «Toy Story» oder «Monsters, Inc.». Inzwischen besitzt er zwei Oscars, sechs Grammys, drei Emmys und einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
Newman beherrscht die Dramaturgie des Rollensongs. Er schlüpft in andere Existenzen, um seine Version von Amerika zu erzählen. Individuelle Schicksale, Abgründe, Hoffnungen und Verfehlungen, aus denen sich letztlich die Seele des Menschen an sich offenbart. Ob kleines Mädchen, jugendlicher Krimineller, koksender Alkoholiker, Rassist – Newman kann alles sein. Er verkörpert Gott in «God’s song (that’s why I love mankind): «Ihr müsst alle wahnsinnig sein, mir euren Glauben zu schenken» («You all must be crazy / To put your faith in me»). Und in Liedern wie «My life is good» und «I’m dead (but I don`t know it») geizt er nicht mit Selbstironie: «Each record that I’m making / Is like a record that I’ve made / Just not as good». (Die neuen Platten klingen wie die alten, nur nicht so gut).
In der ironischen Hedonistenhymne «I love L.A.» (1983) kräht Newman so hysterisch fröhlich, dass nicht wenige Bewohner*innen dieser Stadt jeden Unterton überhörten und den Song anlässlich der Olympischen Spiele 1984 zur Lokalhymne erhoben.
Zyniker und Humanist
Die Welt ist mindestens so tragisch wie komisch. Zuverlässig real sind in Randy Newmans Songs nur die Sehnsucht und die Trostbedürftigkeit. Er mag ein trauriger Zyniker sein, aber er ist es als Humanist.
Die Songs sind kurz, ganz selten über vier Minuten, die komplexen Texte auf das Minimum reduziert. Ständig wechseln Motiv, Szenerie und Personal. Newmans feines Gespür für das Wesentliche sticht besonders hervor.
Ohne Einleitung, ohne Kulissen, ohne Ausklang wirft Newman Alltagsdialoge und -situationen hin, deren vordergründige Banalität sich allmählich im Kopf der Hörer*innen zu einem gespenstischen Lebensabriss der Beschriebenen ausweitet. Er ist ein Meister der Momentaufnahme.
Bei ihm muss man schon genau hinhören. Nicht nur, weil er auch gern nuschelt, sondern vor allem, weil Newman mit Worten spielt, überspitzt und voller Hohn und Sarkasmus Missstände kritisiert. Und das wurde nicht immer verstanden.
Offenlegen von Vorurteilen
In seinem grössten Hit «Short people» aus dem Jahr 1977 beschreibt er klein gewachsene Menschen recht uncharmant – nicht nur haben sie kleine Hände und kleine Augen, sondern auch hässliche kleine Füsse, und das einzig Grosse an kleinen Menschen sind die grossen Lügen, die sie erzählen. Kurz gesagt, kleine Menschen haben keinen Grund zu leben.
Short people got no reason
To live
Diese Zeile trieb in den 1970ern die Kleinwüchsigenverbände auf die Barrikaden, weil sie eine politische Botschaft darin lasen. So gab es Solidaritätspartys gegen den Song, auf denen kleinwüchsige Gäste mit Eiern auf Newman-Poster warfen.
They got little hands
And little eyes
And they walk around
Tellin› great big lies
They got little noses
And tiny little teeth
They wear platform shoes
On their nasty little feet
Sie haben kleine Hände,
kleine Augen
Sie laufen rum, erzählen dicke grosse Lügen
Sie haben kleine Nasen
und winzig kleine Zähne,
sie tragen Plateauschuhe an ihren garstigen kleinen Füssen
Man nahm den Songtext und damit auch den Zynismus des lyrischen Ichs wortwörtlich und wollte dahinter eine Diskriminierung von Menschen mit geringer Körpergrösse sehen. Ein grobes Missverständnis: denn tatsächlich ging es Randy Newman um die schonungslose Offenlegung von Vorurteilen in der Gesellschaft, die er kritisiert.
Well, I don’t want no short people
Don’t want no short people
‹Round here
Short people are just the same
As you and I
(A fool such as I)
All men are brothers
Until the day they die
(It’s a wonderful world)
Na ja, ich will keine kleinen Leute
ich will keine kleinen Leute hier um mich
Kleine Leute sind genauso wie du und ich
(Ein Idiot so wie ich)
Alle Menschen sind Brüder bis zum Tag, an dem sie sterben
(Es ist eine wundervolle Welt)
«Short People», ist ein bizarr überzeichnetes Lied über die Beliebigkeit von Ausgrenzung, ein satirisch verkleideter Ruf nach mehr Respekt für kleine Menschen. Newman macht sich nicht lustig über die Benachteiligten dieser Gesellschaft, sondern motiviert auf seine Weise zum Hinsehen und Hinterfragen. Seine Musik wurzelt in Ragtime, Vaudeville, Jazz, Rock, Folk und Pop. Mit seiner eher dünnen, schneidenden Stimme spielt er als Sänger in einer Liga mit Bob Dylan, Neil Young oder Lou Reed – nicht «schön» im klassischen Sinn, aber charakteristisch und mit hohem Wiedererkennungswert.
2017 veröffentlichte der 77-Jährige sein bisher letztes Studioalbum «Dark Matter».
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/
Weitere Songs und ihre Geschichten
- «Where the wild roses grow» von Nick Cave & Kylie Minogue
- «Slave to the rhythm» von Grace Jones
- «The girl from Ipanema» von Astrud Gilberto
- «Turn, turn, turn» von The Byrds
- «Killing me softly with his song» von Roberta Flack
- «Hymne à l’amour» von Édith Piaf
- «Ritals» von Gianmaria Testa
- «Eve of destruction» von Barry McGuire
- «Heart of glass» von Blondie
- «The Boxer» von Simon & Garfunkel
- «(Ich brauch›) Tapetenwechsel» von Hildegard Knef
- «Sir Duke» von Stevie Wonder
- «Das Model» von Kraftwerk
- «Tous les garçons et les filles» von Françoise Hardy
- «Such a shame» von Talk Talk
- «Waterloo Sunset» von The Kinks
- «Mi sono innamorato di te» von Luigi Tenco
- «Fast car» von Tracy Chapman
- «Sodade» von Cesária Évora
- «L’anno che verrà» von Lucio Dalla
- Mein Beerdigungssong
- «You want it darker» von Leonard Cohen
- «L’aigle noir» von Barbara
- «Short people» von Randy Newman
- «Ghosttown» von The Specials
- Die Götter des Rock-Minimalismus
- In 76 Minuten um die Welt – mit Peter Reber
- «Marcia baila» von Les Rita Mitsouko
- «Ich glaube, ich bin süchtig nach Ruhe»
- «Ode to Billie Joe» von Bobbie Gentry
- «Banana boat song (Day-O)» von Harry Belafonte
- «Le métèque» von Georges Moustaki
- «God only knows» von den Beach Boys
- «Big yellow taxi» von Joni Mitchell
- «Komm grosser schwarzer Vogel» von Ludwig Hirsch
- «Das Singen ist eine angstfreie Insel»
- «(Sittin› on) the dock of the bay» von Otis Redding
- «Because the night» von Patti Smith
- «Ashes to ashes» von David Bowie
- «These boots are made for walking» von Nancy Sinatra
- Leise knistert die Schellackplatte
- Ein Lied geht um die Welt
- «You never can tell» von Chuck Berry
- «The ballad of Lucy Jordan» von Marianne Faithfull
- «Wuthering heights» von Kate Bush
- «Amsterdam» von Jacques Brel