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Wenn ein Kind stirbt. Und wenn es doch weitergeht.
Neele starb mit elf Monaten. Sieben Monate später kam ihre Schwester auf die Welt. Ein Balancieren zwischen Ohnmacht, Alltag und dem, was weiter geht.
Am Tag, als meine Frau mir den positiven Schwangerschaftstest zeigte, musste unsere damals elfmonatige Tochter Neele mitten in den Sportferien wegen einer Lungenentzündung in das Kantonsspital in Chur. Nach zwei Wochen hatte sich ihr Zustand soweit stabilisiert, dass wir sie nach Zürich verlegen lassen konnten. Weitere zwei Wochen später verstarb sie. Das war im März 2009. Sieben Monate später, im Oktober, kam dann unsere Tochter Jule zur Welt. In dieser ganzen Zeit machte ich ein Wechselbad der Gefühle durch, wie es extremer nicht sein könnte. Während ich mich in der ersten Zeit nach dem Verlust meines Kindes mit der Frage nach dem Warum quälte, stelle ich mir heute oft vor, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn Neele noch da wäre. Dazu muss man wissen, dass sie das Downsyndrom (Trisomie21) hatte. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen also, aber auch mit besonderen Fähigkeiten. Ein Kind, welches mich in vielerlei Hinsicht gefordert hätte, zeitlich, emotional, organisatorisch. Ein Kind, welches einen besonderen Einfluss auf die ganze Familie, aber auch die Verwandten, Freunde und Nachbarn gehabt hätte. Viele hatten ja gerade am Anfang, kurz nach der Geburt, Mühe mit der Diagnose, aber ich bin mir sicher, dass Neele sie alle um den kleinen Finger gewickelt hätte. Mein ältester Sohn hätte mit zwölf Jahren allerdings auf sein eigenes Zimmer verzichten und weiterhin mit seinem Bruder einen Raum teilen müssen, während die beiden Mädchen das andere Kinderzimmer bekommen hätten. Nebst diesen Spekulationen frage ich mich auch, ob ich die Zeit, die Energie und den Mut gehabt hätte mit dreiundvierzig Jahren noch eine Ausbildung zum Kindergärtner anzufangen. Hätten die zusätzlichen Freuden die zusätzliche Belastung ausgeglichen? Wäre es zu Spannungen in der Paarbeziehung gekommen, welche wir nicht hätten meistern können? Es gibt aber auch Fragen, welche ich gerne verdränge, weil sie quälend sind: Hätten wir irgendetwas machen können, dass Neele heute noch leben würde? Hat sie sich in Zürich eine Zweitinfektion geholt, welche sie in Chur nicht bekommen hätte? Hätten wir sie zum Sterben nach Hause nehmen können/sollen? Habe ich mir genug Zeit genommen, als sie im Spital war?
Während ich anfangs täglich an sie dachte und mir solche Fragen stellte, verblassen die Erinnerung und auch der Schmerz allmählich. Vor allem im turbulenten Alltag mit drei Kindern haben solche Gedanken und Fragen fast keinen Platz mehr. Dank diesem Alltag, den ich auch direkt nach Neeles Tod meistern musste, war das Loch, in welches ich stürzte, nicht gar so tief.
Was bleibt? Einige Erinnerungen, manche schön, manche traurig. Das Wissen, wie Ohnmacht sich wirklich anfühlt, aber auch das Wissen, dass es weitergeht, dass der Schmerz überwunden werden kann.