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Die meisten Leser der Mittwochsausgabe der New York Times werden den Nachruf auf Kathleen Winsor, die letzten Montag im Alter von 83 Jahren verstorben ist, womöglich überblättert haben. Ihr stiller Abgang, nach Jahren außerhalb des Scheinwerferlichts, sollte uns aber den Aufruhr nicht vergessen lassen, den sie 1944 im zarten Alter von 24 Jahren verursacht hat. In diesem Jahr veröffentlichte Macmillan ihren ersten Roman, einen dicken (fast 1000 Seiten umfassenden), saftigen Restaurations-Schmachtfetzen mit dem Titel Forever Amber. Ihn eine Sensation zu nennen wäre alles andere als übertrieben. Das Buch hat sich allein in der ersten Woche 100 000 Mal verkauft (mittlerweile in 3 Millionen Exemplaren), kam in Boston auf den Index und wurde bereits von Hollywoods Hays Office abgelehnt, noch bevor überhaupt jemand die Filmrechte erworben hatte.
Forever Amber war das Buch, das die Mädchen lesen wollten und vor dem ihre Mütter sie warnten, die es womöglich selber lasen. (Noch immer gibt es Frauen meiner Generation, Anfang Vierzig, die sich daran erinnern, von ihren Müttern die Lektüre untersagt bekommen zu haben – und manche, wie meine Kusine, die es mit zwölf in die Finger bekamen und unmittelbar begriffen, dass es sich um heiße Ware handelt.) Die Erfahrung meiner Tante beim Kinostart von Otto Premingers bereinigter Filmfassung (in der Hauptrolle Linda Darnell) 1947 war sicherlich kein Einzelfall. Mit einer Freundin sah sie sich Samstagabend den Film an, und am nächsten Morgen verkündete der Pfarrer im Gottesdienst, dass jedes Gemeindemitglied, das den Film anschauen ginge, geradewegs zur Hölle fahren werde. Ich gehe davon aus, dass Frau Winsor Will Hays, diesem Pfarrer und jedem Elternteil oder öffentlichen Blaustrumpf, der gegen ihr Buch wütete, zutiefst dankbar war. Diese Art von Werbung ist unbezahlbar.
Das Getöse um Forever Amber konzentrierte sich auf den Sex, und jeder, der nach freizügigen Sexszenen sucht, wird enttäuscht sein. Aber wer wie die Times behauptet, das Buch sei »für heutige Verhältnisse moderat«, liegt falsch. Nicht freizügige Sexualität macht Amber zu einem schlüpfrigen Text, sondern die nonchalante Grundhaltung. Wie ihre Heldin lässt Winsor eine gewitzt entspannte Einstellung gegenüber Untreue durchblicken. Die Ehe ist im Buch eine zu erhaltende und respektable gesellschaftliche Institution, bedeutet aber keineswegs den Todesstoß für sexuellen Appetit von Männern oder Frauen. Weil Offenheit in punkto sexueller Gelüste eine der schwierigsten Sachen der Welt ist, hat Amber schockiert – und angeregt – und tut es bis heute.
www.salon.com, 31.05.2003
http://www.salon.com/books/feature/2003/05/31/winsor