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Ruth Wysseier über die positiven Aspekte des Broterwerbs
Arbeit ist gesund. Ich meine das nicht zynisch. Ich weiss, dass die Leute auf dem Bau oder in der Pflege oft weit vor dem Pensionierungsalter körperlich ausgepowert sind. Ich meine auch nicht die erfolgreichen Kreativen. Louis Armstrong etwa, der sagte: «Musiker werden nicht pensioniert, sie hören auf, wenn keine Musik mehr in ihnen ist.» Oder Federico Fellini: «Im Alter ist es deine Arbeit, die dir das Gefühl gibt, jung zu sein, es sind nicht deine Affären.»
Ich denke an Leute mit gewöhnlichen Berufen. Meine Cousine zum Beispiel. Sie arbeitete vierzig Jahre in der Uhrenindustrie. Im Akkord, als Ungelernte. Gleich nach der Schule hatte sie angefangen. Mit einer Lupenbrille sass sie über die Werkbank gebeugt und setzte winzige Rädchen in winzige Uhrwerke ein. Hundert, tausend oder zehntausend Stück, konzentriert, präzise. Eine Plackerei. Wenn sie sich dann am Wochenende entspannte, litt sie oft an Kopfschmerzen, denen sie mit Saridon beikam.
Meine Cousine hatte Kinderlähmung, sie ging an Krücken, brauchte später einen Rollstuhl. Mit ihrem umgerüsteten Auto fuhr sie in die Fabrik, an den für sie angepassten Platz. Manchmal bekam sie vom Chef einen Spezialauftrag, weil sie erfahren und zuverlässig war. Ihr Lohn blieb bescheiden, doch er ermöglichte ihr ein selbstbestimmtes Leben. Sie war geschätzt und anerkannt, hatte KollegInnen. Sie blieb Uhrenarbeiterin, bis es nicht mehr ging. Nie hätte sie freiwillig getauscht gegen den Alltag in den eigenen vier Wänden, die Rente, die verhasste Abhängigkeit von IV-Gutsprachen.
Oder unser Rebarbeiter. Er ist 81. Kürzlich erzählte er, eine Telefonverkäuferin habe ihm Aufbaupräparate andrehen wollen. «Sind Sie nicht manchmal müde?», habe sie gefragt. Dann gehe er schlafen, war seine Antwort. Aber er fühle sich sicher manchmal etwas schwach, insistierte sie. Dann koche er Spaghetti und nehme ein Glas Wein dazu. Das Gespräch hatte ihm grossen Spass gemacht.
Sechs Jahre war er zur Schule gegangen, dann musste er als Ältester helfen, die Familie durchzubringen. Sie lebten in Süditalien und arbeiteten in der Landwirtschaft. Als die Schweiz Anfang der sechziger Jahre Arbeitskräfte rief, emigrierte er. Bald siebzig Jahre lang verrichtet er nun körperliche Schwerarbeit.
Sein Hausarzt, besorgt wegen seiner abgenützten Wirbelsäule, fragte einmal mitfühlend, ob er denn wirklich noch arbeiten müsse in seinem Alter. Darauf hat er immer die gleiche Antwort: «Wenn ich eines Tages nicht mehr arbeiten kann, ist das mein Ende.» Sicher, der Rücken tut weh, der Nacken, die Beine auch, aber wieso soll ihn das vom Arbeiten abhalten? Arbeit ist seine Berufung, die Reben sind seine Freunde, die selbst gezogenen Gemüsesetzlinge seine Meisterwerke, seine Rhapsody in Blue.
Wenn unserer Gesellschaft die Arbeit ausgeht: Wie ersetzen wir ihre Integrationskraft? Worauf bauen wir dann unsere Identität?
Ruth Wysseier ist Winzerin und WOZ-Redaktorin und arbeitet ziemlich gern.