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Der Silberschatz der Chorherren; in der Mitte der Globuspokal. Die Becher und der Globus sind auf der Zeichnung in verschiedenem Maßstab dargestellt. (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek auf das Jahr 1860) Bild grösser
Der Globuspokal ist 49 cm hoch. Auf einem kleinen Podest steht eine Figur, welche die Erdkugel (15,5 cm Durchmesser) hochstemmt, und auf dieser selbst ist ein Korb befestigt, in dem ein Himmelsglobus liegt, der den Fixsternhimmel abbildet.
Entlang des Äquators kann man den Globus zerlegen und
erhält so zwei Trinkbecher. Wenn man den Himmelsglobus herausnimmt,
dann dient der Äquatorring der auf den Nordpol gestellten oberen
Hemisphäre als Fuss.
Das Werk kann auf nach 1594 datiert werden (siehe unten).
Am 4. Juli 1673 beschloss der »Convent der Verordneten zur Lehr« (die Chorherren) den Ankauf des Globusbechers zum Preis von 180 fl. (Die Kaufkraft von 1 fl. = Gulden ist schwer abzuschätzen.)
Seit 1894 als Dauerleihgabe im Schweizerischen Landesumseum Zürich, Dep. 386
Es ist das Werk des Zürcher Goldschmieds Abraham Gessner. Gessner wurde 1552 geboren; er ist verwandt mit dem Polyhistor Conrad Gessner (1516–1556), und verschwägert mit dem Nürnberger Graphiker und Holzschneider Jost Amman (1539–1591). Abraham war in seiner Lehr- und Wanderzeit in Nürnberg, woher sein Grossvater stammt. 1572 heiratete er Ursula Rahn; das Domizil war an der Froschaugasse. Zehn Kinder sind dieser Ehe entsprossen. Gessner war zunächst zünftig bei der Saffran, dann bei der Meise. 1576 nahm er an der legendären Hirsebrei-Fahrt nach Strassburg teil.
Abraham Gessner war Täufer, ein Anhänger von Caspar Schwenckfeld. Die zwinglianische Kirche war den Täufern bekanntlich nicht wohlgesinnt; konnte die Bewegung aber nie richtig ausrotten. 1588 ergoss sich erneut der Unwillen über die Baptisten, denen man den Tod androhte. Gessners Geschäft wurde konfisziert (bei einem Goldschmied ein guter Fang). Er konnte aus der Stadt fliehen in die Emigration. Er flüchtete nach Straßburg, wo er mit offnen Armen empfangen wurde und sofort weiterarbeitete. Gestorben ist er um 1613 – nicht in seiner Heimatstadt.
Jacobus ten Doornkaat-Koolman, Täufer in Zürcher Zünften, Zürcher Taschen-Buch 1970, NF 98, S. 312–347.
Urs B. Leu / Christian Scheidegger (Hrsg.) , Die Zürcher Täufer 1525–1700 Zürich tvz 2007, S. 145–147.
Abraham Gessner ist nicht der erste, der einen solchen Globuspokal schuf. Der Zürcher Goldschmied Jakob Stampfer (1505/6–1579) hat das Arrangement 1554 erfunden. Das Objekt befindet sich heute im Historischen Museum Basel, Amerbach Cabinet, Inv. 1882.103. Literatur hierzu: Fritz Nagel, Der Globuspokal von Jakob Stampfer (Basler Kostbarkeiten 17), Basel 1996.
Stampfers Pokal ist bereits zerlegbar. Hispania Major (Nordamerika) ist hier noch sehr rudimentär gezeichnet, etwa wie auf der Weltkarte von Sebastian Münster 1545.
Aber Gessner wurde dann in ganz Europa mit seinen Globuspokalen berühmt; Kardinal Richelieu und Kardinal Mazarin besassen wahrscheinlich einen. 14 (so Lösel) bzw. 16 (so Kugel) Exemplare sind überliefert; die meisten davon im Besitz von Adligen. Gessner schuf auch andere Silberarbeiten; Schalen und Becher. – Dass diese Meisterwerke erhalten geblieben sind, zeugt von ihrer Hochschätzung. (Man muss bedenken, dass einst der Materialwert wesentlich höher war als der Arbeitslohn, und dass man Silberschmuck gelegentlich wieder einschmolz, um Geld zu bekommen oder um einen neumodisches Werk daraus zu schaffen. Viele Kunstwerke sind bei der Napoleonischen "Befreiung" 1789/1803 verschwunden.)
Zu den Besitzern vgl. die Liste bei Eva-Maria Lösel, Zürcher Goldschmiedekunst vom 13. bis zum 19.Jh., Zürich: Berichthaus 1983, S. 96ff.: Erzherzog Ferdinand II., dänisches Königshaus, Graf Eberhard von Rappoltstein, Francis Drake, Graf Ferdinand von Waldburg-Wolfegg, Herzog Karl IV. von Lothringen, Earl of Carlisle. Der Kopenhager Globuspokal wurde 1749 König Friedrich V. von Dänemark und Norwegen geschenkt (v. Philippovich S.85). Vgl. die Anmerkung im ›Plymouth City Museum and Art
Gallery‹: »This cup was given to Drake by Queen Elisabeth I in 1579 upon
his return from circumnavigating the Globe in the Golden Hind. But
there is another tradition claiming that it was Drake who gave it to the
Queen in 1582.«
Um zu ermessen, wie gegenwartsnah Gessners Globen waren, muss man sich vorstellen, wie es mit der Kartographie in den Jahren 1580 bis 1610 bestellt war.
Die grossen Entdeckungsreisen vom Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan, da Moto, Francis Drake sind erfolgt; es geht jetzt um eine Differenzierung der Erbeschreibung. Jede Expedition oder Handelsunternehmung lieferte neue Informationen, die sofort verarbeitet wurden.
Gerhrad Mercator (1512–1594) baut 1541 einen Erdglobus Mercator zeichnet 1569 eine Weltkarte (Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium, aus 21 Blättern zusammengesetzt; Digitalisate hier oder hier) Mercators Werk wird 1595 erstmals mit dem Werktitel »Atlas« bezeichnet, s. unten.
1570 druckt Abraham Ortelius (1527–1598) in Antwerpen sein Theatrum Orbis Terrarum, ein Karten-Werk, das bis 1612 41 Mal in verbesserter Auflage erschien. Digitalisat der Fassung von 1570hier)
Gérard de Jode (1509–1591) Totius Orbis Cogniti Universalis1589 (Digitalisat hier); Speculum Orbis Terrae1593 (Digitalisat hier)
Von Petrus Plancius (1552–1622) wird noch die Rede sein. Digitalisat seiner Weltkarte von 1594hier). Plancius war einer der Initianten der (1602 gegründeten) Niederländischen Ost-Indien-Kompanie; er hatte Zugriff auf Material portugiesischer Seefahrer und konnte so Karten des südost-asiatischen Regionen verfertigen.
Gessner nahm die neuen Informationen auf und setzte sie in seinen Globen um. Auf seiner Weltkugel ist Nordamerika bereits konturiert, aber noch ziemlich leer; die grossen Seen dort kennt er noch nicht. Hingegen ist die Magellan-Strasse und die Bering-Strasse bereits verzeichnet, ebenso Nova Zembla, das erst 1568 entdeckt und auf Mercators Weltkarte bereits 1569 eingezeichnet wurde.
Die Insel Neu Guinea schreibt Gessner so an: Nova Gunea, nuper inventa, que an sit insula, an pars continentis australis incertum est. (Das neuerdings aufgefundene Neu Guinea – ob es eine Insel ist oder ein Teil des australischen Kontinents, ist ungewiss.)
Hanc continentem Australem nonnulli Magellanicam regionem ab inuentore nuncupant. (Diesen Süd-Kontinent nennen viele von ihrem Entdecker die magellanische Weltgegend.)
Diese Texte hat Gessner aus der Weltkarte von Abraham Ortelius (1527–1598) oder späteren Weltkarten übernommen.
Genau so angeschrieben erscheinen die Insel und der "australische" Kontinent im Orbis terrarum typus de integro multis in locis emendatus (1590) des niederländischen Kartographen Petrus Plancius (Pieter Platevoet 1552–1622).
Von der Bildmitte bis oben rechts ersichtlich: die Chinesische Mauer mit Türmen und Maßangabe: Murus 400 Leucarum longitudine (leuga = gallische Meile = ca. 2 1/4 km); damit hat er oder seine Quelle die Länge unterschätzt.
Wer aber ist mit der Figur gemeint, die den Globus trägt?
Zuerst denkt man an den Riesen Atlas. Diese Annahme zerfasert aber bei genaueren Überlegungen. Atlas trägt in den Texten der klassischen Antike kaum je die Erdkugel, sondern er trägt den Sternenhimmel:
• Hesiod, Theogonie, Vers 517f: Atlas hält, weil er ein Frevler war, … unter mächtigem Zwang die Breite des Himmels … und stützt sie mit dem Haupt und unermüdlichen Händen. • Ovid, Metamorphosen II, 196sq: vixque suis umeris candentem sustinet axem • Ovid, Metamorphosen VI, 174: maximus Atlas … aetherium qui fert cervicibus axem (Atlas, der Riese, … trägt auf dem Nacken den Himmel) Lat. axis ist mit ›Sternenhimmel‹ zu übersetzen. • Vergil, Aeneis VI, 796f.: ubi caelifer Atlas axem umero torquet stellis ardentibus aptum (hier, wo der Himmelsträger Atlas auf seiner Schulter das mit leuchtenden Sternen besetzte Himmelsgewölbe dreht). • Vergil, Aeneis VIII, 141: idem Atlas …, caeli qui sidera tollit (Atlas, der den gestirnten Himmel trägt) • Pausanias, Beschreibung Griechenlands V,xi,5 beschreibt ein Gemälde in Olympia: Darunter ist Atlas, der Himmel und Erde trägt, und Herakles steht neben ihm, um Atlas die Last abzunehmen. • Hygin schreibt, dass Atlas – einer der Titanen , die gegen Zeus aufbegehrten und den Kürzeren zogen – zur Strafe die Himmelskugel tragen muss (Fabulae 150: [Iovis] Atlanti autem … coeli fornicem super humeros
imposuit). • Vitruv, de architectura VI,vii,6 sagt, dass die Griechen die architektonischen Gebälkträger ›atalantes‹ nennen: Atlas enim formatur historia sustinens mundum (≈ Denn Atlas wird nach der Überlieferung als Träger des Universums dargestellt), und er habe die Menschen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen gelehrt. • Der Farnese-Atlas (antike Marmorstatue) trägt eine Himmelssphäre. Der Farnese-Atlas war im 16.Jh. ein Torso (ohne Beine, ohne
Arme, ohne Gesicht). Eine Zeichnung von Steven Winand Pigge (1520–1604),
der sich in der Jahrhundertmitte in Rom aufhielt und die antiken
Sehenswürdigkeiten zeichnete, zeigt ihn so im sog. Codex Pighianus. Die
Plastik wurde erst von manieristischen Bildhauern in die Form gebracht,
wie sie heute im Museum (und in der Wikipedia zu sehen ist.
Exkurs zu Herakles/Hercules: Pseudo-Apollodorus, Bibliotheca II, ¶ 120 (Hier werden unter den Arbeiten von Herakles beschrieben: die Goldenen Äpfel der Hesperiden.) Als Herakles aber zu den Hyperboreern und bei Atlas ankam, gab ihm Prometheus den Rat, er solle sich nicht selbst nach den Äpfeln auf den Weg machen, sondern den Atlas dorthin schicken, indem er ihn einstweilen beim Tragen des Himmels ablöse. Herakles folgte ihm und löste Atlas ab. Atlas pflückte bei den Hesperiden drei Äpfel und kam zu Herakles zurück, wollte aber nun den Himmel nicht mehr tragen. Herakles sagte, als füge er sich, er wolle sich nur ein Polster von Stricken um den Kopf winden [damit die Last erträglicher wird]. Als Atlas dies hörte, legte er die Äpfel auf die Erde und trat unter das Himmelsgewölbe. Doch Herakles nahm die Äpfel vom Boden auf und ging davon.
Herakles (mit dem Löwenfell über den Schultern) trägt den Sternenhimmel. Zeichnung von Heinrich Aldegrever (1502 – 1555/1561)
Kniende gekrönte Figur, die eine Armillarsphäre trägt; inneren ein Erd-Globus.
Aus: Opera mathematica Ioannis Schoneri Carolostadii, Norinbergae 1551. Digitalisat hier
William Cuningham stellt in The Cosmographical Glasse (1559) Atlas als cœlifer (himmelstragend) dar; innerhalb der Armillarsphäre das alte Erd-Modell mit den vier Elementen YEARTH – WATER – AER – FIER
Emblem aus: Juan de Borja, Empresas Morales, Prag: Georgius Nigrinus 1581
Abraham Gessner hat auch Pokale mit Herakles als Träger verfertigt, vgl. denjenigen im Los Angeles County Museum of Art (LACMA)
Hingewiesen werden soll noch auf den (späteren) Globuspokal von Elias Lenker in Augsburg (1624–1628) wo Herakles mit dem Löwenfell die Erdkugel trägt. (Artikel »Globus« von Wolfram Dolz und Esther Wipfler, 2015 im RDK)
Gerhard Mercator hat den Titel Atlas für sein (1595 von seinem Sohn postum edierten) Werk von jenem König Atlas hergeleitet (vgl die Præfatio: astrologus fuit peritissimus), den Diodorus Siculus (III,60,2 und IV,27,5) als einen bedeutenden Astronomen beschreibt und der seiner euhemeristischen Deutung gemäß deshalb dann im Mythos als Himmels-Träger imaginiert wurde. Auf dem Titelbild von Mercators Buch ist der Patron/Schutzherr Atlas nicht so dargestellt, dass er eine Sphäre hochstemmt; er hält zwei Globen im Schoß; vgl. das Digitalisat hier oder hier.
Auf dem Titelbild des Atlas Minor Gerardi Mercatoris a I. Hondio plurimis aeneis tabulis auctus atque illustratus1607 ist Atlas dann als Träger der Erdkugel gezeichnet. (Bild hier)
Ob die Figur überhaupt von Gessner stammt?
Seltsamerweise hält sie die Erdkugel nicht fest mit den Händen. —
Eva-Maria Lösel (S.51) sieht darin eine Ergänzung des 17. Jahrhunderts;
sie vergleicht mit einer Figur des Goldschmieds Hans Conrad Deucher; siehe das Bild:
Der ›Atlas‹ gleicht frappant der Trägerfigur des Noppenbechers von
Johann Heinrich Escher, der 1665 zum Bürgermeister gewählt worden ist;
vgl. Alain Gruber, Weltliches Silber. Katalog der Sammlung des Schweiz
Landesmuseums, Zürich 1977, Abb. 290.
Vielleicht geht man auch in die Irre, und die Figur unter dem Zürcher Pokal ist gar kein Atlas, sondern eine Karyatide (lateinisch telamon; noch italienisch telamone),
eine Figur mit tragender Funktion in der Architektur, die es seit der
Antike gibt. In der Vitruv-Übersetzung von Gessners Zeitgenossen Walter
Hermann Ryff (* um 1500 – 1548) aus dem Jahr 1547 (und in Nachdrucken)
gibt es ähnliche Figuren:
Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd
hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder
Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis, Zehen Bücher von der Architectur
vnd künstlichem Bawen. […]. verteutscht vnd in Truck verordnet Durch D. Gualtherum H.
Rivium, Nürnberg: Johan Petreius 1548.
Noch ein Hinweis: Der Christopherus-Pokal von Hans Jakob Bair, 1604 (im Landesmuseum Württemberg). Der heilige Christopherus trägt hier nicht das Christuskind, sondern die Erdkugel. Christus bekrönt diese.
Die Legenda Aurea berichtet: Der hl. Christophorus trägt ein Kind über einen Fluss, das immer schwerer wird. In der Mitte sagt er: »Du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen.« Das Kind gibt sich als Jesus zu erkennen, der die Welt geschaffen hat: non solum super te totum mundum habuisti, sed etiam illum qui creavit mundum.
Das Podest ist verziert mit vier Tieren, die als
Symbole der vier Elemente galten: Fisch – Salamander (der durchs Feuer
gehen kann) – Vogel – Elefant (für die Erde).
Der Adler bedeutet die Luft.
Der Salamander bedeutet das Feuer.
Zum Salamander
Konrad von Megenberg (1309–1374) fasst das Wissen über das Tier zusammen und sagt in seinem »Buch der Natur« u.a., er lebt in dem feuer und stirbt nicht dâ von und erlescht auch daz feuer (ed. F.Pfeiffer S. 277).
In im 16./17.Jh. wurde das Tier allegorisch ausgelegt. Hier das zuerst 1604 erschienene Emblem von Joachim Camerarius (1534–1598) in der deutschen Ausgabe »Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder«, Mainz 1671 (IV. Buch, Emblem Nr. 69). Das Verhalten des Salamanders wird positiv gedeutet: Er durchdringt redlich und auffrichtig alle Quaal und Pein.
In der unteren Sockelzone die vier damals bekannten Erdteile EUROPA – ASIA – AFRICA – AMERICA
AMERICA
Die americanische ›Eingeborene‹ ganz rechts gleicht auffallend der Figur auf der Weltkarte von Petrus Plancius, wo in den vier Ecken die Personifikationen der vier Erdteile dargestellt sind.
Orbis terrarum typus de integro multis in locis emendatus, auctore Petro Plancio (1594).
Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek [falsch angeschrieben mit 1596]
Damit könnte 1594 als terminus post quem für den Globuspokal angenommen werden.
Freilich wurden solche Ureinwohnerinnen auch in anderen Publikationen zur Entdeckung der Neuen Welt abgebildet. Hier aus
Kurtze
Wunderbare Beschreibung. Deß Goldreichen Königreichs Guianae in
America, oder newen Welt, vnter der Linea AEquinoctiali gelegen; So
newlich Anno 1594. 1595. vnnd 1596. von dem Wolgebornen Herrn, Herrn
VValthero Ralegh einem Englischen Ritter, besucht worden […] Jetzt aber
ins Hochteutsch gebracht, vnd auß vnterschietlichen Authoribus erkläret,
Nürnberg 1599. (Digitalisat)
Würdigung
• Einerseits beruht die geographische Darstellung auf aktuellen Erkenntnissen (Nova Gunea, nuper inventa).
• Während wissenschaftliche Globen der damaligen Zeit die Schiefe der Ekliptik (Erdneigung) von 23,45° berücksichtigen (vgl. das Titelbild bei Gemma Rainer Frisius; 1508–1555), ist bei Gessners Globus der Äquator des Erdglobus parallel zur Tischfläche angeordnet, so dass er dort in zwei Trinkgefäße zerlegt werden und aufgestellt kann. Die repräsentative Bedeutung scheint zu überwiegen.
• Wenn es sich beim Träger des Globus wirklich um eine (eventuell später hinzugekommene) Atlas-Figur handelt, so evoziert dies griechische Mythen; Gebildete konnten sie bei einer Zusammenkunft mit dem Pokal auf dem Tisch aus Kenntnis von Ovid und Vergil eventuell hersagen.
• Die vier Tiere, die als Symbole der vier Elemente galten, sowie die Darstellung der erd-umfassenden vier Kontinente legen die Deutung nahe, dass hier etwas All-Umfassendes dargestellt ist.
Der Globus dem Äquator entlang zerlegt, so dass er als Trinkgefäß verwendet werden kann.
(Foto des Schweizerischen Landes-Museums)
Beispiel für einen gemäß der Ekliptik sich drehenden Globus:
Gemma Phrysius, De principiis astronomiae et cosmographiae …, Antwerpen: Joannes Grapheus 1530 (hier von der Auflage 1547)
Der Globuspokal als Symbol 1785
Professor Johann Heinrich Heidegger (1633–1698) begrüsst 1676 die von spanischen Galeeren befreiten ungarischen Protestanten in Zürich. Auf dem Titelblatt des Neujahrsblatts von 1785 steht zwischen den Personengruppen der Globuspokal. Was für eine Symbolik mag er hier haben? Bild grösser
VIIdes Neujahrsstük ab der Chorherren. An die sittsame und lernensbegierige Zürcherische Jugend auf das Neujahr 1785. Von der Gesellschaft der Herren Gelehrten auf der Chorherren[-Stube]. Radierung von Johann Rudolf Schellenberg (1740–1806) aufgrund einer Zeichnung von Johann Martin Usteri (1763–1827).
Dank • an das Schweizerische Landesmuseum, Zürich • an R.G. in Zürich (Hinweis auf Christopherus-Pokal) • an D.S. in Rom (Hinweis auf telamon; Übersetzungen aus dem Lat.)
Literaturhinweise:
Edward Luther Stevenson, Terrestrial and Celestial Globes, their History and Construction, including a consideration of their value as aids in the study of geography and astronomy, New Haven 1921. Vol.I. --- Vol. II.
Eva-Maria Lösel, Zürcher Goldschmiedekunst vom 13. bis zum 19.Jh., Zürich: Berichthaus 1983, S. 44–51 und Katalog # 180 = S.194–198 [ n) bis z) ].
Alexis Kugel, Sphères – The Art of the Celestial Mechanic, Paris 2002. Die Objekte T4 und T5 sind der detaillierten Beschreibung von Globuspokalen Abraham Gessers gewidmet. – S.60ff. steht eine Biographie. – Am Schluss eine Liste von 16 bekannten Globuspokalen Gessners.