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Interview mit Pater Emmanuel du Chalard de Taveau (FSSPX)
Mitteilungsblatt: Hochwürden, Sie gehören zur ersten Generation der Priester von Ecône. Sie sind 1970 in die Bruderschaft eingetreten. Auf einer bekannten Aufnahme von der Grundsteinlegung des Seminars halten Sie als Ministrant den Bischofsstab von Mgr. Lefebvre. Warum tritt man als junger Mensch in ein Seminar ein, das es gerade mal wenige Monate gibt?
Pater Emmanuel du Chalard de Taveau: Die Krise der Kirche begann nicht erst 1970. In den Jahren nach dem Konzil haben viele katholische Familien nach treuen Priestern gesucht, die noch die Soutane trugen und die lateinische Messe zelebrierten. Das Latein in der Liturgie war schon 1966 de facto verschwunden.
Schon vor dem Konzil hatten hellsichtige Publizisten wie Jean Madiran vor der progressiven Haltung einiger Bischöfe gewarnt. Die Dekadenz der französischen Priesterseminare wurde in dieser Zeit 1968/69 unerträglich. Mein eigener Ortsbischof sagte, dass man in seinem Priesterseminar den Glauben verliere. Viele meiner Freunde, die ihre Berufung zum Priestertum prüften, waren tief besorgt über den Zustand der philosophischen, theologischen und geistlichen Formung in den Diözesen. Einer dieser Freunde trat 1969 dann in das Konvikt im Schweizer Freiburg ein, das Erzbischof Marcel Lefebvre gerade für neun Seminaristen gegründet hatte. Durch diese Verbindung traf ich 1970 als junger Mann auf den Erzbischof, der mir in einem Gespräch seinen Plan darlegte, in Ecône im Wallis, in einem ehemaligen Haus der Chorherren vom Großen Sankt Bernhard, ein Seminar zu gründen.
Mitteilungsblatt: Welches sind Ihre schönsten Erinnerungen an den Stifter der Priesterbruderschaft St. Pius X.?
Pater Emmanuel du Chalard: Es gibt keinen Mangel an wunderbaren Erinnerungen an unseren verehrten Gründer. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr bin ich von der Größe seiner Persönlichkeit beeindruckt.
Ich muss gestehen, dass ich, als ich vor 50 Jahren, im Herbst des Jahres 1970, in das Seminar eintrat, fast nichts über die kirchliche Vergangenheit dieses Prälaten wusste. Erst nach und nach wurden wir der Bedeutung gewahr, die der Erzbischof für die Kirche in Afrika gehabt hatte, welche hohe Verantwortung er getragen hatte.
Seine große Einfachheit erlaubte es uns, wirklich Seite an Seite mit ihm zu leben. Er war unser priesterliches Modell und ein echter Vater für uns Studenten.
Und heute, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, bin ich mehr und mehr von seiner Klarsicht beeindruckt. Bereits 1966 hatte er in seinem Brief an Kardinal Ottaviani vorausgesehen, wohin das II. Vatikanum und seine Reformen führen würden.
Mitteilungsblatt: Wie haben Sie Ihre Seminarjahre erlebt?
Pater Emmanuel du Chalard: Wie jede von der Kirche gesegnete Stiftung werden die ersten Jahre von besonderen Gnaden begleitet und hinterlassen unvergessliche Erinnerungen. In den ersten Jahren hatten wir großartige Lehrer im Seminar, die aus allen möglichen „Richtungen“ kamen: Dominikaner, Karmeliter, Benediktiner, Kanoniker des Großen St. Bernhard, Weltpriester – sogar ein verheirateter Diözesanpriester, ein ehemaliger protestantischer Pfarrer, der vom Papst vom Zölibat dispensiert war.
Besonders in Erinnerungen bleiben mir zwei große gläubige Theologen: der Kanonikus René Berthod, der uns in die Moraltheologie einführte und auch unser Regens war, und der liebe Pater Ceslas Spicq, ein echter Sohn des hl. Dominikus, der uns die Heilige Schrift auslegte.
Mitteilungsblatt: Erzbischof Lefebvre hat Ihnen als jungem Priester eine wichtige Mission anvertraut. Sie wurden für das erste Haus der Bruderschaft in Rom ernannt. Sie haben Ihr Priesterleben ausschließlich in Italien verbracht. Sind Sie mittlerweile ein „Romano di Roma“, ein echter Römer?
Pater Emmanuel du Chalard: Es scheint mir, dass der Erzbischof nicht die Absicht hatte, mit meiner Entsendung nach Rom eine wichtige Mission zu verbinden. Er hatte in der Nähe von Rom, in Albano, ein Haus erworben, wo in dieser Zeit seine leibliche Schwester, Mutter Marie-Gabriel Lefebvre, das erste Noviziat der Schwestern der Bruderschaft errichtet hatte. Ich wurde dorthin versetzt, um meine priesterlichen Dienste zu leisten. So begann mein Apostolat in Italien. Wenn der Erzbischof dann in Rom war, wurde ich zufällig – Gott lenkt! – sein Fahrer oder sein Begleiter, bei seinen Besuchen an der Kurie. So konnte ich erste Kontakte zu Monsignori aus dem Vatikan knüpfen, die mir auch später sehr geholfen haben.
Bin ich ein Römer? Jeder Katholik muss römisch sein. Sicherlich verändert man sich, wenn man 45 Jahre in Italien gelebt hat.
Mitteilungsblatt: Der „römische Geist“ spielte für den Erzbischof eine große Rolle. Er selbst hat seine Formung im Priesterseminar Santa Chiara als maßgeblich für seinen weiteren Weg als Priester, Bischof, Missionar und päpstlicher Delegat angesehen. Diesen römischen Geist sah er durch das Konzil und das Pontifikat Pauls VI. verraten. Kann man das so sehen?
Pater Emmanuel du Chalard: Ich kenne keinen Prälaten, der „römischer“ war als Monseigneur Lefebvre. Er war eng mit Rom verbunden, hatte er doch in der Ewigen Stadt im Priesterseminar Santa Chiara seine Ausbildung erhalten. Seine Aufgabe als Missionsbischof und als Päpstlicher Delegat für das französischsprechende Afrika brachten ihn regelmäßig an die Kurie zurück. Die afrikanischen Angelegenheiten ließen ihn zu einem guten Kenner eigentlich aller Dikasterien des Heiligen Stuhls werden. Jedes Jahr wurde er als Delegat von Pius XII. in Audienz empfangen.
Für den Erzbischof gab es keine größere Ehre, als der Kirche unter der Führung des Nachfolgers des hl. Petrus zu dienen.
Es war für den Erzbischof eine bestürzende Erfahrung, als er den „Rhein in den Tiber“ fließen sah, als der Modernismus so offensichtlich in Rom eindrang. Erzbischof Lefebvre hatte den alleinigen Wunsch, den katholischen Glauben ungeschmälert zu bewahren.
Als er dann aus Rom im Jahr 1976 mit der Suspendierung a divinis und 1988 durch die Exkommunikation geschlagen wurde, hielt er diese Akte zwar für ungültig, aber er litt unter der Situation. Jahrelang war er von den römischen Behörden für all das Gute, das er in Afrika getan hatte, ermutigt und bestätigt worden. Für die gleiche Handlungsweise wurde er jetzt mit Kirchenstrafen bedroht.
Aber der Erzbischof blieb ein Römer bis zu seinem letzten Atemzug. Vergessen wir nicht, dass das letzte Schriftstück, das er uns hinterlassen hat, ein Kapitel über den Römischen Geist in seinem Geistlichen Wegweiser ist.
Mitteilungsblatt: Ihre Priesterweihe im Jahr 1976 führte zur Suspendierung des Erzbischofs a divinis, eine Strafmaßnahme, gegen die der Gründer der Bruderschaft in Rom appellierte. Sie waren persönlich hineingestellt in das große Ringen um den Erhalt der alten Messe. 50 Jahre später ist sie aus dem Leben der Kirche wohl kaum wegzudenken, wenn man die Umfragen unter dem jungen Klerus zur Kenntnis nimmt. Heute besuchen viele hunderttausend Katholiken weltweit wieder die alte Messe. Das verdanken sie auch der Treue des jungen Klerikers Emmanuel du Chalard.
Pater Emmanuel du Chalard: Wir Seminaristen von Ecône spielten keine Rolle bei der Verteidigung der alten Messe, sondern wir waren nur Zeugen, vielleicht aber privilegierte Zeugen, wie Rom im Jahr 1976 mit der überlieferten Messe umgegangen ist.
Und bis heute sind wir Zeugen des vatikanischen Handelns mit seinen verschiedenen Etappen.
Sicherlich trägt jeder Priester, der die überlieferte hl. Messe feiert, zur Rückkehr zur Tradition bei. Dieser große Kampf um die Messe ist vor allem ein übernatürlicher Kampf, und die Hauptquelle der Gnaden für diesen Kampf ist das Heilige Opfer selbst.
Es muss anerkannt werden, dass es ohne die Festigkeit von Erzbischof Lefebvre niemals all diese päpstlichen Erlasse gegeben hätte, die nach und nach die Möglichkeit eröffnet haben, die alte heilige Messe wieder zu feiern. Diese Dokumente von Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus haben ihre Grenzen und bleiben in vielerlei Hinsicht offen für Kritik. Aber sowohl von Seiten der Priester als auch von Seiten der Laien ist eine Bewegung zugunsten der Messe entstanden, und es scheint mir, dass diese Entwicklung nun unumkehrbar ist.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Rückkehr der Messe ein wahrhaft christliches Leben begünstigt hat und begünstigt, das sich in großen Familien manifestiert, aus denen viele Berufungen kommen. Mgr. Lefebvre ist so nicht nur ein großer Verteidiger der hl. Messe, sondern auch der wahrhaft katholischen Familien.
Der Unterschied im Verhalten im christlichen Leben zwischen denen, die der gegenwärtigen Liturgie folgen, und denen, die der überlieferten Messe folgen, wird immer größer.
Einige Zeugnisse von Diözesan- oder Ordenspriestern, die begannen, die alte Messe zu feiern, sind mir unvergesslich: „Da ich die traditionelle Messe feiere, kann ich mein Priestertum nicht mehr wie bisher leben.“ Oder: „Indem ich diese Messe zelebrierte, habe ich verstanden, was ein Priester wirklich ist.“ Diese Überlegungen sind sehr wichtig, weil sie zeigen, dass die neue Liturgie einer neuen Konzeption des Priestertums entspricht. Es ist der Beweis dafür, dass das Messbuch Pauls VI. einen tiefen Bruch mit der Tradition der Kirche verursacht hat.
Mitteilungsblatt: Sie waren auch privilegierter Zeuge der Unterschrift des Erzbischofs am 5. Mai 1988 und der vorhergehenden Visitation. War die Entscheidung des Erzbischofs, die Unterschrift zu widerrufen, richtig? War die Unterschrift eine Schwäche des Erzbischofs?
Pater Emmanuel du Chalard: Es stimmt, dass ich Edouard Kardinal Gagnon (1919–2005) einen Monat lang auf seiner langen Reise – über Tausende von Kilometern – durch Europa begleitet habe, um die verschiedenen Werke der Bruderschaft zu besuchen. Im Auftrag des Papstes sollte der Purpurträger die Häuser der Priesterbruderschaft visitieren und dem Heiligen Stuhl einen Bericht darüber abliefern.
Der Eindruck des Kardinals war, wie ich bezeugen kann, ausgezeichnet, und er versäumte es nicht, die Bruderschaft zu der geleisteten Arbeit zu beglückwünschen.
Aber von Beginn der Visitation an stand die Schwierigkeit im Raum, eine kirchenrechtliche Lösung zu finden, die der Treue zur alten Messe gerecht wurde.
Das war offensichtlich. Zum Thema des Widerrufs der Unterschrift vom 5. Mai möchte ich im Gegensatz zu dem, was manchmal von Kritikern des Erzbischofs gesagt wurde, klarstellen, dass Monseigneur Lefebvre von niemandem unter Druck gesetzt wurde. Er selbst war es, der diese Entscheidung getroffen hat.
Wie erklären wir also die Tatsache, dass er dieses Abkommen am 5. Mai 1988 mit dem Heiligen Stuhl unterzeichnet hat? Ich für meinen Teil bin überzeugt, dass Erzbischof Lefebvre mit dieser Vereinbarung viel erreicht hat. Damals war die kanonische Anerkennung der Bruderschaft und die Möglichkeit, alle liturgischen Bücher von 1962 zu nutzen, ein beispielloser Sieg der Tradition.
Seit Jahren hatte unser Gründer dafür gekämpft. Bei allen seinen Reisen nach Rom und bei allen seinen Treffen mit den römischen Autoritäten bestand er darauf, diese Ziele zu erreichen.
Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass man in der Hitze des Gefechts nicht immer die Perspektive hat, das Innere und Äußere der Schlacht zu erkennen. Noch am Tag der Unterzeichnung sagte er zu mir: „Sie wissen nicht, wie wichtig dieses Dokument ist!“ Und auf der anderen Seite sagte er auch: „Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Unterschrift das Richtige tue.“
Wahrscheinlich betete er in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai und dachte über die Folgen seiner Unterschriftsleistung nach, und ihm wurde klar, dass es – trotz aller Bedeutung der erreichten Güter – keine Garantie für zukünftige Priesterweihen und damit für die Zukunft der Bruderschaft gab. Er hatte Recht, denn einige Tage später sagte Kardinal Ratzinger zu einigen Priestern: „Er ist uns entkommen.“ („Il nous a échappé.“)
Mitteilungsblatt: Sie standen 1976 an der Wegscheide. Nicht wenige Mitstudenten Ihrer Generation haben aus Gehorsam für den Novus Ordo optiert. Was sind Ihre Gedanken dazu 50 Jahre später?
Pater Emmanuel du Chalard: Es stimmt, dass im Laufe der Geschichte der Priesterbruderschaft St. Pius X. uns nicht wenige Seminaristen und Priester aus verschiedenen Gründen verlassen haben. Es scheint mir, dass diejenigen, die sich den Diözesen mit dem Novus Ordo angeschlossen haben, im Allgemeinen nicht sehr glücklich sind. Aufgrund ihrer Vergangenheit werden sie oft an den Rand gedrängt. Einmal schlug ich einem ehemaligen Mitbruder vor, ihn in seiner Pfarrei zu besuchen. Er antwortete: Das ist es nicht wert, weil meine Mitbrüder keinen Glauben mehr haben.
In der Bruderschaft zu verharren bedeutet nicht, dass alles einfach ist, denn wie jede menschliche Person muss man auf die eine oder andere Weise sein Kreuz tragen.
Persönlich bereue ich meine Entscheidung, die ich vor fünfzig Jahre getroffen habe, nicht, ganz im Gegenteil. Es gibt eine große innere Freude, an dem Werk der Tradition mitzuarbeiten, das nichts anderes ist als eine Mitarbeit an der Erneuerung der Kirche. Einige warten auf das Ende der Krise, um auf die Erneuerung der Kirche zu hoffen, aber sie liegt bereits vor unseren Augen. Das ist es, was die Priesterbruderschaft St. Pius X. seit fünf Jahrzehnten tut.
Mitteilungsblatt: Sie gehören durch Ihren Weihetag – sie stehen im 45. Jahr ihres katholischen Priestertums – zu den „zehn Ältesten“, die im Generalkapitel der Bruderschaft ex officio einen wichtigen Platz einnehmen.
Sie haben als Kapitular die Aufgabe, nachzuprüfen, ob die Bruderschaft die Statuten gewissenhaft befolgt und ob sie sich bemüht, den Geist dieser Statuten zu bewahren. Die von Erzbischof Lefebvre geschriebenen Statuten warnen ausdrücklich, man „soll[e] sich davor hüten, Anpassungen oder Neuerungen einzuführen“. Sind aber Anpassungen nicht immer notwendig?
Pater Emmanuel du Chalard: In den fünfzig Jahren seit ihrer Gründung und seit meinem Eintritt hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. ihren Kurs nicht geändert, und sie ist dem Geist ihres Gründers treu geblieben. Sicherlich hat sie Stürme überstanden, schon zur Lebenszeit ihres Stifters und auch danach. Unser Gründer wollte, dass an unseren Statuten in Bezug auf ihren Geist, ihr Ziel, ihr Gemeinschaftsleben und ihre Werke nichts geändert wird; aber er selbst hatte vorausgesehen, dass es in ihrer Verwaltung Anpassungen entsprechend ihrer Entwicklung geben könnte. Das ist ganz vernünftig: Die Mittel zur Leitung einer Kongregation von hundert Mitgliedern sind nicht die gleichen wie die zur Leitung von fast tausend Mitgliedern.
Die drei Generaloberen, die die Nachfolge von Erzbischof Lefebvre angetreten haben, hatten alle ihren eigenen Regierungsstil, aber der Geist ist immer derselbe und besteht darin, alles zu tun, um sicherzustellen, dass die Mitglieder die Statuten respektieren und nach ihnen leben.
Das Herz der Bruderschaft ist die heilige Messe, alles verwirklicht sich um die heilige Messe herum: die Heiligung der Priester und die Heiligung der Gläubigen. Das erste Ziel der Bruderschaft ist und bleibt die Ausbildung von katholischen Priestern. Deshalb wird den Seminaren in unserem Apostolat die absolute Priorität eingeräumt.
Mitteilungsblatt: Bei Ihrer Priesterweihe am 29. Juni 1976 predigte Mgr. Marcel Lefebvre folgenden Satz:
„Wir haben den Glauben an Petrus, wir haben den Glauben an den Nachfolger Petri, aber so, wie es Papst Pius IX. in seiner Dogmatischen Konstitution [Pastor aeternus vom 18. Juli 1870] sehr richtig gesagt hat: Der Papst hat den Heiligen Geist nicht dazu erhalten, neue Wahrheiten zu verkünden, sondern um uns in jenem Glauben zu erhalten, der immer gegolten hat. Das ist die Definition des Papstes, die beim Ersten Vatikanischen Konzil durch Papst Pius IX. festgesetzt wurde. Aus diesem Grund sind wir davon überzeugt, dass wir gerade durch unser Festhalten an dieser Tradition unsere Liebe, unsere Unterwerfung unter das Lehramt und unseren Gehorsam gegenüber dem Nachfolger Petri bezeugen.“
Mitteilungsblatt: Gilt das auch unter dem aktuellen Pontifikat?
Pater Emmanuel du Chalard: Die Doktrin der Kirche ändert sich nicht, und unsere Stärke ist die Treue zum „Lehramt aller Zeiten“, wie der Bischof gerne sagte. Dies ist nicht das erste Mal, dass es eine Krise in der Kirche gibt, auch wenn die heutige Krise als die schwerste angesehen werden kann. In der Geschichte der Kirche haben wir nicht nur heilige Päpste gehabt, und einige haben sogar schwere Skandale hervorgerufen. Es ist sicher, dass die gegenwärtige Krise, die das Papsttum betrifft, sehr ernst ist, aber auf keinen Fall verzichten wir auf das, was die Kirche immer über den Stellvertreter Christi und insbesondere auf dem I. Vatikanischen Konzil gelehrt hat. Dieses Konzil gibt zum Beispiel die Bedingungen vor, unter denen der Papst ex cathedra, d.h. unfehlbar, spricht.
Genauso müssen wir beim Gehorsam genau unterscheiden. Es gibt Fälle, da muss man Gott mehr gehorchen als den Menschen. Man kann gegen die wunderbare Tugend des Gehorsams auch sündigen, sei es durch Versäumnisse oder durch Übermaß! Dann gibt es Unterscheidungen zu treffen.
Wir folgen dem Papst als Nachfolger Petri und als Stellvertreter Christi – und nicht als Nachfolger Christi, wie der Dominikaner Roger Thomas Calmel (1914–1975) es einmal formulierte. Die Macht des Papstes ist nicht unbegrenzt, als Vikar Christi ist er dem unterworfen, was Unser Herr gelehrt hat. Wenn der Papst etwas anderes oder das Gegenteil lehrt, handelt er nicht mehr als Stellvertreter Christi, sondern in persönlicher Eigenschaft, und deshalb sollten wir ihm nicht nur nicht folgen, sondern ihm auch widerstehen, wenn eine Gefahr für den Glauben besteht.
Wenn wir vom Papst als Nachfolger Petri sprechen, bedeutet dies, dass er das gesamte Lehramt Petri und seiner Nachfolger vertritt und weitergeben muss, ein Lehramt, in dem es Kontinuität gibt und in dem es keinen Widerspruch geben kann. Es handelt sich um ein ihm anvertrautes Depositum, das er übermitteln muss.
Mitteilungsblatt: Welchen Rat geben Sie jungen Menschen, die sich Gott im Priestertum oder im Ordensstand weihen möchten?
Pater Emmanuel du Chalard: Mehr denn je braucht die Kirche Priester. Es gibt ein enormes Apostolat, es mangelt nicht an Arbeit. Sein Leben in den Dienst Christi und der Kirche zu stellen, ist das, was ein katholisches Herz wirklich und vollständig erfüllen kann. Angesichts der Not der Seelen ist es sicher, dass der Herr mehr denn je in seinen Dienst ruft.
In den mehr als vierzig Jahren meines Priestertums habe ich nie bereut, auf Gottes Ruf geantwortet zu haben. Wenn ein Priester jeden Tag die Messe feiern darf, hat er alles und kann sich nichts anderes und Besseres wünschen.