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Jaamerlise und Göölipeeter
Ruodi war mein Grossonkel, Dorotee ist die Cousine meiner Mutter, Rees mein Arbeitskollege, Triine eine stadtbekannte Wirtin und ich bin Tiis. So weit, so eindeutig – Namen helfen uns im Alltag, zielgerichtet und genau von Personen zu sprechen. Wenn ich von Triine erzähle, muss ich nicht wortreich erklären, dass das die ist, die in diesem Restaurant im Norden der Stadt (wie hiess es nochmal?) wirtet. Wer Triine kennt, weiss, von wem die Rede ist.
Aber Rees ist auch ein Tiis, und auch Ruodi war einer. Wie das? Namen sind eben nicht immer nur Namen. Manche werden auch als sogenannte Appellative verwendet, als Wörter im allgemeinen Wortschatz. Ein Tiis ist daher nicht nur, wer mit diesem Namen (oder mit der Vollform Matthias) im Zivilstandsregister eingetragen wurde, sondern laut Schweizerischem Idiotikon auch ein «schlauer Kerl»; als Ruedi wurde auch ein «mutiger, kühner Mann» bezeichnet, Dorotee kann man eine «einfältige Frauensperson» nennen, ein Reesel ist ein «dicker Kerl» und eine Triine eine «einfältige, ungeschickte Person».
Häufig wird so ein Name noch erweitert: eine Jaamerlise ist eine «Heulsuse», der Göölipeeter ein Erwachsener, «der immer noch kindisches Spiel treibt» (gööle bedeutet «herumbalgen, scherzen, spielen»), die Schläckmarii kann das Schlecken und Naschen nicht lassen, Hungueli ist eine scherzhafte Bezeichnung für einen «gutmütigen Menschen, der jedermann süsse Worte gibt» (moderner ausgedrückt ein «Schmeichler»; Hung bedeutet «Honig»), die Schiessanna wird als «voreilige, unvorsichtig zufahrende Person» definiert, und der schwarz Peeter steht sowohl für ein Kartenspiel als auch für die letzte gespielte Karte in diesem Spiel und für den «Verlierer».
Wie kommt es zu diesen Namenübertragungen? In manchen Fällen standen wohl längst vergessene Ereignisse Pate. In Bern meint die Redensart glänze wie Figeludi «prächtig zurechtgemacht, stattlich herausgeputzt sein». Niemand weiss, wer dieser «Feigenludwig» sein könnte, das Wörterbuch vermutet aber, der Spruch könnte auf einen einst stadtbekannten geckenhaften Händler zurückgehen.
Häufiger sind aber Namenappellative ohne Bezug auf eine Einzelperson. Manche Taufnamen waren früher überaus häufig (noch in den 1980er-Jahren sassen in einer Schulklasse schnell einmal zwei Sabinen und drei Michaels; das hat sich erst mit der jüngeren Individualisierung der Vornamenmode weitgehend erledigt). Es lag dann wahrscheinlich nahe, Eigenschaften, die man vielen Menschen nachsagt, mit einem solchen Namen, den vielen Menschen tragen, zu personifizieren. Am häufigsten vertreten sind dabei die Namen Barbara, Elisabeth, Heinrich, Jakob, Johannes, Margareta, Peter und Ulrich bzw. ihre Kurz- und Koseformen, die über Jahrhunderte zu den beliebtesten Taufnamen der Deutschschweiz gehörten. So wurde der «Bauer» eben zum Misthans, weil er ziemlich sicher mit Mist hantiert und mit einiger Wahrscheinlichkeit Hans hiess, und die «Nähschullehrerin» zum Fadetriini; wer sich nicht geschlechtskonform verhielt, wurde etwa als Wiibergreetli «weibischer Mann» oder Hannes «robuste, derbe Weibsperson» tituliert.
Und weil der Mensch nun einmal Mensch ist, konzentriert er sich bei andern gern auf Eigenschaften, die als unvorteilhaft gelten. Die Beispiele zeigen es: Viele Namenappellative sind abschätzig bis herabwürdigend. Selbst der schlaue Tiis sollte sich nicht zu wichtig nehmen: Als Lugetiis verdeutlicht wird er zum «zweideutigen Vogel»; «schlau» kann eben auch «betrügerisch» sein.