Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/953

Krankheit und Gesundheit
Die Val Müstair ist oft von schlimmen Epidemien befallen worden. Cholera, Pest und Grippe haben in früheren Jahrhunderten grosse Teile der Bevölkerung weggerafft. Die Dorfchroniken berichten mit eindrücklichen Bildern über die Notzeiten.
In früheren Jahrhunderten wussten sich die Leute mit allerlei Heilkräutern und Wundsalben zu helfen und zu heilen. Oft wurden sie dabei auch von Kurpfuschern und Scharlatanen unterstützt oder übers Ohr gehauen. Die Schulmedizin wurde in Graubünden zu Beginn des 19. Jh. nur von 29 ausgebildeten Ärzten ausgeübt, 1875 waren es deren bereits 63. Als erster patentierter Arzt in der Val Müstair wirkte von 1830-60 Johann Francesco von Valchava. Von 1867 bis 1891 war der Einheimische Nicolo Nolfi als geschätzter Talarzt tätig. Nolfis Nachfolger war Dr. Hitz.
Krankenkasse und Spital
Zu Beginn des 20. Jh. waren die Jauers noch nicht gegen Krankheit versichert. Erst als der Kanton die Einführung einer Krankenversicherung obligatorisch erklärte, begannen die entsprechenden Verhandlungen im Tal. Initiant und grosser Förderer des Projektes war Thomas Gross aus Tschierv, genannt „der Major“. Nach langem Hin und Her wurde 1917 die „Chascha d’amalats Val Müstair“ gegründet. Der Major wurde auch zum Präsidenten dieser bedeutenden sozialen Errungenschaft ernannt. Eine seiner ersten Aufgaben war die Anstellung eines eigenen Arztes. Man fand diesen in der Person von Dr. med. Konrad Zimmerli. 1919 kaufte die Kreiskrankenkasse ein Haus mit Umschwung in Sielva. Hier wurde die Arztpraxis eingerichtet und einige Krankenbetten bereitgestellt.
La „Chasa dal docter a Sielva“, das Arzthaus in Sielva um 1920 und heute.
Zehn Jahre später erwog man die Möglichkeit, auf dem bestehenden Grundstück ein Spital zu bauen. Federführend in diesem Vorhaben war wieder der Major Gross aus Tschierv. Er musste einen harten Kampf zwischen den Behörden von Müstair und dem inneren Tal durchstehen. Müstair lehnte den Neubau in Sielva entschieden ab und schlug als neuen Standort des Spitals ein Grundstück in der Nähe des Klosters vor. In dieser Angelegenheit entbrannte wieder einmal der konfessionelle Streit im sonst so friedlichen Val Müstair! 1931 entschied sich die Landsgemeinde für das Projekt in Sielva. Im darauffolgenden Jahr begannen die Bauarbeiten, und am 5. August 1934 wurde das neue Spital feierlich eingeweiht. Es präsentierte sich als „Prunkbau“ und war der Stolz der in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Bevölkerung.
Als erster Spitalarzt wurde Dr. med. Franz Helfenberger von der Kreiskrankenkasse angestellt.
Er hatte „… alle Einwohner des Tales ärztlich zu behandeln und zu besuchen, wann er gerufen wird und so oft er es für nötig findet.“ 1
Erste Vergrösserung des Spitals
Beinahe vier Jahrzehnte diente dieses Gebäude als Spital und einzige Arztpraxis im Val Müstair. Gegen Ende der Sechzigerjahre befasste sich die Spitalkommission mit dem Plan eines Um- und Erweiterungsbaus des Hauses. Man liess Pläne erstellen und verhandelte mit den kantonalen Behörden. Bald erkannte man, dass die Realisierung des Projektes an der Finanzierung der Restkosten scheitern könnte. In dieser schwierigen Lage meldeten sich vorwiegend die Frauen des Tales und organisierten einen Bazar zugunsten eines Spitalneubaus. Die Nettoeinnahmen von Fr. 130‘000 überstiegen alle Erwartungen und ermutigten die Verantwortlichen, das Vorhaben voranzutreiben. Hilfe kam auch von der Schweizerischen Patenschaft für bedrängte Gemeinden, die einen namhaften Beitrag zusicherte. Als der Kanton Zürich 1971 ebenfalls eine grosszügige Unterstützung in Aussicht stellte, konnte mit dem Bau begonnen werden. Im Juni 1975 wurde der Neubau des Kreisspitals eingeweiht. Bei dieser Gelegenheit schrieb der Spitalarzt Dr. med. Peter Spinnler u.a.: „Mit dem Neubau des Ospidal Val Müstair haben wir ein modernes Instrument für Diagnose und Therapie vieler Krankheiten in die Hand bekommen. Unsere Einrichtungen sind praktisch und zeitgemäss gewählt, aber mit Beschränkung auf das Wesentliche.“
Über dem Betonkubus wurden die Wohnräume für die Ingenbohler Nonnen eingerichtet.
Zweiter Um- und Neubau
In den Neunzigerjahren fuhren wieder Baumaschinen in Sielva auf. Es wurde ein Anbau für pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen erstellt. Gleichzeitig wurde die Ölheizung durch eine moderne Holzschnitzelheizung ersetzt. Die Planung dieser Bauetappe wurde dem Architekturbüro Strimer aus Ardez übertragen. Dieses Projekt kostete 3,75 Millionen Franken.
Neue Gebäude, wärmere Fassadenfarbe
Vom Kreisspital zum regionalen Gesundheitszentrum
Der letzte und grösste Um- und Erweiterungsbau erfolgte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Das Spital in Sielva entwickelte sich mit den verschiedensten medizinischen Angeboten zum Gesundheitszentrum Val Müstair. Damit konnte die medizinische Grundversorgung der einheimischen Bevölkerung gesichert werden. Das vielfältige Leistungsangebot wird rege auch von unseren Feriengästen beansprucht und sehr geschätzt.
Für die Planung und Realisierung des anspruchsvollen Bauvorhabens wurde ein Architektur Wettbewerb ausgeschrieben. Sieben Architekten reichten einen Vorschlag ein. Die Jury wählte das Projekt „Sforzato“ der Architektengemeinschaft BFB aus Zürich. Das gleiche Büro wurde auch mit der Bauführung beauftragt. Vorerst musste aber noch die Finanzierung des Gesamtprojektes gesichert werden. Neben den ordentlichen gesetzlichen Subventionen konnte auch dieses Bauvorhaben nur dank der vielen grosszügigen Spenden aus nah und fern realisiert werden. In diesem Fall koordinierte die Schweizerische Berghilfe die finanzielle Unterstützung. Die Zeit von 2006 bis 2008 war für die Angestellten sowohl als auch für die Handwerker sehr streng. Von allen – auch von unseren Patienten und Bewohnern - wurden ausserordentliche Leistungen, viel Geduld und Verständnis für unumgängliche Störungen erwartet. Bauen in einem Gebäude mit Elementen aus drei Bauetappen (1934, 1974, 1994) ist wahrlich keine leichte Aufgabe für Architekten, Ingenieure, Handwerker und Handlanger. Gemeinsam haben alle gute Arbeit geleistet! Nach einer erstaunlich kurzen Bauzeit wurde im Juni 2008 der Um- und Erweiterungsbau mit einer grossen Einweihungsfeier abgeschlossen. Es ist wohl das grösste und letzte soziale Werk, das die sechs Gemeinden des Val Müstair gemeinsam kurz vor der Fusion realisiert haben.
Die Chefärzte unseres Spitals waren:
Dr. med. Franz Helfenberger 1931-1964
Dr. med. Alois Zurkirchen 1964-1968
Dr. med. Peter Spinnler, 1969-1996
Dr. med. Matthias Furrer, 1996-2006
Dr. med. Theo von Fellenberg 2006-
Geschichte zusammengestellt von Claudio Gustin, 2018
____________________________________________________________________________________
1 Vertrag vom 2. November 1931, Kreisarchiv Val Müstair, IIB 16
[1] Vertrag vom 2. November 1931, Kreisarchiv Val Müstair, IIB 16