Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03474.jsonl.gz/163

Historische Erinnerungsfeiern mit den obligatorischen Kranzniederlegungen und Festreden vereinnahmen und ebnen ein: «Unser 1848» hiess es im März dieses Jahres in Berlin. «1848» gehöre uns – der Gegenwart mit ihrem Kampf um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – und habe direkt ins 21. Jahrhundert mit seinen ganz ähnlichen Frontstellungen gegen Willkürherrschaft und Oligarchien geführt.
Solche Vorläuferkonstruktionen blenden die Andersartigkeit der Vergangenheit aus. Im Falle des europäischen Ereignisses «1848» ist die Unterschiedlichkeit geradezu überwältigend. Was sich in diesem zum «Erinnerungsort» par excellence gewordenen Jahr abspielte, war in vieler Hinsicht ein letztes Stück Alteuropas. Ökonomisch gesehen war es eine crise d’ancien type, eine Krise, die ganz traditionell mit zwei katastrophalen Missernten in den Jahren 1846 und 1847 einsetzte. Diese hatten, wie seit Jahrhunderten üblich, in weiten Teilen des Kontinents ausgeprägte Teuerungswellen für das Grundnahrungsmittel Brot, Versorgungsdefizite, Mangelkrankheiten, Hungersterben und daraus resultierende Weltuntergangsängste zur Folge.
Wie ebenfalls seit Jahrhunderten lähmte die Agrarkrise alle übrigen Sektoren der Wirtschaft. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung, vor allem die unterbezahlten Arbeiter in den von der frühen Industrialisierung erfassten Bereichen, erschöpfte ihr ohnehin bescheidenes Budget im Kampf ums Überleben. Für die Produkte von Handwerk und Gewerbe blieb nichts mehr übrig, was Massenentlassungen und aufgrund der Arbeitslosigkeit noch grösseres Elend verursachte. Die Ernte von 1847 fiel zwar überwiegend gut aus, doch das änderte nichts daran, dass die Bewegungen und Kämpfe des Folgejahres aus der Sicht des Volkes vor allem auf die Sicherung der Subsistenz und weit weniger auf Verfassungsfragen ausgerichtet waren.
Kompromissbereitschaft erleichtert Niederschlagung
Diese sozialen und wirtschaftlichen Ursachen und Antriebe von «1848» waren den fast ausnahmslos aus den gehobenen Schichten entstammenden politischen Akteuren der Revolution überall in Europa zutiefst unheimlich. Die Ahnung, dass sich hier erstmals der «vierte Stand» der Ausgebeuteten in eigener Sache regte, war ein Hauptgrund dafür, dass die von Anfang an tief gespaltene Revolution in Deutschland so schnell scheiterte. Um eine viel tiefergreifende, die sozialen und wirtschaftlichen Hierarchien umkehrende Revolution zu verhindern, waren die Abgeordneten des Paulskirche-Parlaments in Frankfurt am Main zu weitreichenden Kompromissen mit den alten Gewalten bereit, die dann mit der Niederschlagung der Bewegung leichtes Spiel hatten, da radikaleren Bewegungen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen so die Rückendeckung der meinungsbildenden Kreise fehlte.
Auch über die politische Rolle des Volkes herrschte in dieser Versammlung keine Einigkeit. Das hatte sich schon im Wahlmodus gezeigt, nach dem alle volljährigen und selbständigen Männer Stimmrecht besassen. «Selbständig» hiess, dass man kein «Armengeld» beziehen durfte und einen eigenen Hausstand vorweisen musste, was das nach diesen Massstäben «abhängige» Dienstpersonal sowie Handwerksgesellen im Haus des Meisters und ähnliche Bevölkerungskreise ausschloss. Unter dem Strich waren somit in der «ersten deutschen Demokratie» etwa 80 Prozent der erwachsenen Männer zum Urnengang berechtigt.
Damit am Ende die erwünschten Kandidaten herauskamen, schaltete man – wie in der Helvetischen Verfassung der Schweiz von 1798 – sogenannte Wahlmänner dazwischen, die verhindern sollten, dass sich in diesem Parlament Arbeiter oder Bauern breitmachten. Diese entstammten ebenfalls den höheren Schichten, und das Ergebnis war denn auch entsprechend: 87,1 Prozent der Abgeordneten in der Paulskirche hatten einen Universitätsabschluss, die Mehrheit von ihnen waren Staatsdiener. Das gebildete und besitzende Bürgertum war bei der Gesetzgebung also unter sich. Das war schon das Ideal der Aufklärer im 18. Jahrhundert gewesen. Damals sicherte man diese Homogenität durch ein Zensuswahlrecht, also Politikfähigkeit nach Steueraufkommen. 1848 nahm man das Wahlrecht breiterer Schichten in Kauf, weil man auch so das gewünschte Ergebnis erzielen konnte: Honoratioren an die Macht!