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Am British Classic Car Meeting (BCCM), das jeweils anfangs Juli in St. Moritz stattfindet, sieht man immer viele interessante und seltene Autos. So auch am Treffen 2014. Auf dem Postplatz standen die Raritäten nebeneinander, darunter viele Rolls Royce. Von vorne sah man die typischen hohen Kühler und grossen Scheinwerfer. Beim genaueren Hinsehen bemerkte man aber, dass einer dieser Rolls Royce doch sehr speziell war. Das rot-schwarz lackierte Fahrzeug hatte eine sehr ungewöhnliche Karrosserie, vor allem im hinteren Bereich, man kann den Aufbau durchaus als Kombi bezeichnen. Solche Erscheinungen interessieren natürlich besonders. Auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe bekam man einige Informationen. Gebaut wurde dieser Silver Wraith von Freestone & Webb im Jahre 1956 auf dem Chassis mit der Nummer FLW26 mit langem Radstand. Der Aufbau trägt die Nummer 1813 mit der Design-Nummer 3222. Dieses Einzelstück wurde anlässlich der Earls Court Motor Show 1956 ausgestellt. Diese Automesse hatte damals eine grosse Bedeutung im Vereinigten Königreich. Neben dem doch sehr extravaganten und ungewöhnlichen Silver Wraith #FLW26 stellte Freestone & Webb noch ein konventionell karossiertes Exemplar mit der Chassis-Nummer #FLW8 aus.
Dass die Formgebung vielleicht zu exzentrisch war ist die Tatsache, dass der Silver Wraith kein Aufsehen erregte und in der damaligen Fachpresse eher beiläufig Erwähnung fand. Im Magazin ‘The Autocar’ vom 17. August 1956 war der Rolls Royce bei der Fertigung abgebildet gewesen, aber auch das dürften wenige Leser realisiert haben. Freestone & Webb wurde 1923 von V. E. Freestone und A. J. Webb gegründet und bereits im ersten Jahr entstanden Aufbauten auf Bentley-Chassis. In den 1930er-Jahren durchlebte das Unternehmen einige wirtschaftliche Krisen. Es wurde mehrfach umstrukturiert. Mitte der 1930er-Jahre verließ V. E. Freestone das Unternehmen. In dieser Zeit wurden etwa 15 Karrosserien für Fahrgestelle von Alfa Romeo, Alvis, Daimler, Lagonda, Mercedes-Benz, Rolls-Royce und Talbot gebaut. Im Zweiten Weltkrieg stellte Freestone & Webb im Auftrag des Kriegsministeriums Zubehörteile für das bekannte Jagdflugzeug Supermarine Spitfire her. Nach dem Krieg wurden noch bis 1958 Sonderkarosserien hergestellt, diese Aufgabe übernahmen aber zum Teil die Werke selber, so verschwanden wie Freestone & Webb viele Karrosseriefirmen von der Bildfläche.
Die Nachfrage nach individuell gebauten Karrosserien ging in den Fünfzigerjahren starkt zurück, so entstand von diesem Silver Wraith auch nur ein einziges Exemplar in dieser Ausführung. Der Wagen weist viele Besonderheiten auf. Das rechtsgelenkte Fahrzeug hat hinter den Vordersitzen eine elektrisch versenkbare Trennscheibe. Auch die Seitenscheiben können elektrisch versenkt werden. Die Rückwand der Vordersitze ist mit ausklappbaren Picknicktischen versehen. Hinter dem Rücksitz lässt sich elektrisch eine gekühlte Bar hochfahren. Das Fahrzeug ist so ausgelegt, dass sich die Herrschaften von einem Chauffeur fahren lassen. Für Gäste gibt es zusätzlich hochklappbare Sitze, so haben bis zu 7 Personen Platz im Wagen. Damit die Fahrten möglichst ruhig verliefen hat der Rolls Royce eine 4-Gang-Automatik und Servolenkung. Das wusste sicher auch der Chauffeur zu schätzen. Als Antrieb dient der normale 6 Zylinder-Reihenmotor mit einem Hubraum von 4’887 ccm. Der Motor trägt die Nummer L25F. Ausgeliefert wurde der Rolls Royce Silver Wraith an Mitchell Engineering Co. Ltd, Peterborough, UK. Da wie erwähnt das Interesse an dem speziellen Fahrzeug gering war, ist wenig über die Geschichte bekannt. Irgendwann wurde der Rolls Royce nach Amerika verkauft und in den Achtzigerjahren vom Besitzer für rund 45’000 US$ zum Kauf angeboten. Anlässlich dieses Verkaufs fand der aussergewöhnliche Rolls Royce den Weg zurück nach Europa. 1998 wurde der Silver Wraith, noch im Originalzustand, durch Sotheby’s an einer Auktion auf dem Gelände von Kelmarsh Hall angeboten. Ob und zu welchem Preis das Fahrzeug verkauft wurde, können wir z.Z. leider nicht sagen.
1998 war der Rolls Royce dank offenbar sehr guter Pflege noch immer in praktisch unverändertem Originalzustand, auch wenn da und dort einige Gebrauchsspuren vorhanden waren. Wenn man die Bilder von 1998 mit denen von 2014 vergleicht fällt natürlich die rot-schwarze Lackierung auf, die in den letzten Jahren gemacht wurde. Offenbar wurde der Wagen 2013 in Schottland komplett restauriert. Dabei wurden auch die beiden hinteren Seitenfenster, die ursprünglich stark abgedunkelt waren, gegen normale Scheiben ersetzt. Die gewisse Diskretion ist somit also nicht mehr gegeben. Auch das gesamte Intérieur wurde erneuert in beigem Leder. Eigentlich schade, denn gerade Chauffeur-Limousinen von Rolls Royce waren für die Fonds-Passagiere meistens mit edlen hochwertigen Stoffsitzen ausgestattet, während der Fahrer auf Leder sitzen musste. Auch die Rücklichter wurden ersetzt, was nicht stört.
Schade, dass man bei der eventuell sogar unnötigen Restaurierung, nicht mehr Originalsubstanz erhalten hat. Auch wenn die Geschichte von #FLW26 unspektakulär ist, der laut Einschätzung von Klaus-Josef Rossfeldt doch sehr gute Originalzustand hätte erhalten werden sollen. 2015 wurde der Rolls Royce Silver Wraith von einem holländischen Händler angeboten und 2016 an die BMW Group Classic in München verkauft. Es gibt sogar ein Modell im Massstab von 1:43 von Matrix, das auf 408 Exemplare limitierte Modell kann unter der Artikelnummer MX51705-251 bestellt werden.
Unser Dank gilt der BMW Group Classic in München und Herrn Klaus-Josef Rossfeldt für die Unterstützung mit Informationen und Bildmaterial.
Bildergalerie vom British Classic Car Meeting, BCCM, Juli 2014, wo der Rolls Royce teilnahm.