Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/2435

Patrick Guidon
Patrick Guidon präsidiert die Schweizerische Vereinigung der Richterinnen und Richter und ist Präsident des Kantonsgerichts St. Gallen.
Patrick Guidon, als Richter entscheiden Sie darüber, ob jemand schuldig ist oder nicht: Welche Rolle spielen dabei die Schuldgefühle der oder des Beschuldigten?
Schuldgefühle können insofern eine Rolle spielen, als sie den Täter allenfalls zu einem Geständnis in Bezug auf die von ihm begangene Tat veranlassen. Ein solches Geständnis kann bei der Strafzumessung zugunsten des Täters berücksichtigt werden, vor allem dann, wenn es auf Einsicht des Täters in das von ihm begangene Unrecht oder auf Reue schliessen lässt.
Braucht es überhaupt Schuldgefühle oder ist das Empfinden von Schuld nicht eine völlig unnütze Emotion, die uns daran hindert, positiv durchs Leben zu gehen?
Schuldgefühle können wie erwähnt Ausdruck von Einsicht und Reue beim Täter sein. Einsicht und Reue wiederum können den Täter zu einer positiven Verhaltensänderung für die Zukunft bewegen. Ist nicht zu befürchten, dass er erneut straffällig wird, kann das Gericht ihm bei nicht allzu grosser Schuld eine zweite Chance gewähren und den Vollzug der Strafe ganz oder teilweise aufschieben.
Gibt es das «richtige» Mass an Schuldempfinden? In welchen Fällen ist es angebracht, sich schuldig zu fühlen, und wann ist es zu viel oder zu wenig?
Die Frage, ob es ein «richtiges» Mass an Schuld gibt, das ein Täter empfinden sollte, stellt sich für einen Richter in dieser Form nicht. Für einen Richter ist das Mass der Schuld beziehungsweise das Verschulden des Täters aber für die Höhe der Strafe, also für die Strafzumessung, relevant. Diesbezüglich hält das Gesetz im Einzelnen fest, wie das Verschulden des Täters zu bestimmen ist. Massgebend sind die Schwere der Verletzung oder der Gefährdung als Folge der Tat, die Verwerflichkeit des Handelns, die Beweggründe und Ziele des Täters sowie die Frage, wie weit der Täter in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden. Insofern geht es für einen Richter nicht um das «richtige» Mass an Schuldempfinden, sondern darum, für eine bestimmte Schuld das «richtige» Strafmass festzusetzen.
Veranstaltungshinweis
Geht das, dass sich die Mutter eines getöteten Kindes mit dem Mörder versöhnt? In der restaurativen Justiz sollen sich sowohl Opfer wie auch Täter mit der Erlittenen und dem Geschehenen auseinandersetzen. Die Kriminologin Claudia Christen setzt sich als Präsidentin des Swiss RJ (Restaurative Justiz) Forum dafür ein, dass diese Art der Justiz auch in der Schweiz Verbreitung findet. Am 4. Juni ist sie zu Gast bei Wissenschaft persönlich in der Stadtbibliothek Winterthur.
Die Macht der Schuldgefühle
Im ersten Teil vom Donnerstag liest du, dass Ärzte kaum psychische Unterstützung bekommen, wenn sie Schaden angerichtet haben.
Der zweite Teil vom Freitag zeigt, dass Eltern Kinder zu nachsichtig behandeln, wenn sie das Gefühl haben, zu wenig für sie da zu sein.
Und am Sonntag erfährst du im vierten Teil, dass Schuldgefühle auch auf struktureller Ebene nötig wären.