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Mit viel Schalk im Nacken, einer unglaublichen Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit sass mir Doogie White beim Alcatrazz-Interview gegenüber. Der ehemalige Rainbow-Sänger, der auch schon bei Tank, Cornerstone und MSG das Mikrofon in den Händen hielt, steht nun plötzlich bei Alcatrazz in Lohn und Brot. Genau bei der Band, in welcher eigentlich immer Graham Bonnet der Leader war. Wie kam es dazu? Kannte Doogie die Band schon, in welcher er nun nach Rainbow und MSG in die Fussabdrücke von Graham stehen muss? Ist der Sänger der gleiche Spassbrocken, wie er sich auf der Bühne gibt? Die letzte Frage kann ich gleich mal mit "Ja" beantworten. Doogie ist ein unglaublich ehrlicher, offener und freundlicher Interviewpartner, der kein Blatt vor den Mund nimmt und ganz einfach sich selber ist. Die anderen Antworten könnt Ihr in den folgenden Zeilen nachlesen.
MF: Wie bist du zu Alcatrazz gekommen?
Doogie: Graham Bonnet und ich sind langjährige Freunde. Er erzählte mir, dass er nicht mehr bei Alcatrazz singen will. Das muss 2019 gewesen sein. Er rief mich an und fragte: "Hey, können wir nicht zusammen einen Kaffee trinken und Kuchen essen gehen?" Natürlich war ich dabei (grinst). Graham sagte: "Schau, ich bin mittlerweile 73 Jahre alt und will die Musik spielen, die mich glücklich macht". Gott beschütze ihn. Ich begriff damals nicht, dass er die Band verlassen will. Als mich die anderen Jungs später anriefen und sagten, dass Graham ausgestiegen sei, fühlte ich mich richtig schuldig. Ich war vorher nie bei Alcatrazz involviert. Ich kannte die Alben mit Yngwie Malmsteen und Steve Vai nicht. Die Jungs fragten mich, ob ich bereit wäre mit ihnen zu touren und das letzte Album «Born Innocent» zu promoten. Die Scheibe war sehr erfolgreich und setzte sich in Japan in den Charts auf Platz 1. Wir hatten einige Konzerte geplant, aber COVID-19 zerstörte dieses Unterfangen, und wir mussten die Shows absagen. "Wenn ihr mich als neuen Sänger bei Alcatrazz haben wollt, wieso komponieren wir nicht zusammen ein neues Album?" fragte ich die anderen Jungs, da wir nicht auftreten konnten. Und das taten wir dann auch (grinst).
MF: Wie schwer war es für dich Graham zu ersetzen?
Doogie: Das kann ich dir im Moment noch nicht sagen (grinst verschmitzt)! Ich habe es immer gehasst, die Lieder von Graham zu singen. Im Rock-Musik Business gibt es Leute, die sehr generisch sind, andere kopieren ihre Vorbilder. Ozzy ist ein Original, wie Robert Plant. Auch Graham Bonnet gehört zu ihnen. Es ist für mich sehr schwierig, seine Lieder zu singen. War ich bei Ritchie (Rainbow), Yngwie oder Michael (Michael Schenker), es war immer eine grosse Herausforderung für mich. Graham ist grossartig, dermassen einzigartig und besitzt eine unglaubliche Gesangsstimme. Was ich versuche, ist das Gleiche, das Joe Lynn Turner tat. Den Weg zu finden, diese Lieder zu singen, als hätte ich sie im Studio zum ersten Mal eingesungen. Es macht keinen Sinn Graham zu kopieren, weil dies niemand kann. Er ist auf seine Art einzigartig und hat eine wunderbare Stimme. Zusammen mit seiner Bühnenpräsenz, der Sonnenbrille und seinen Hawaii-Hemden (grinst). Alle anderen kamen in Leder und Jeans auf die Bühne. Aber er tat, was er für richtig hielt. Es war nicht nur die Musik und seine Stimme, sondern sein unglaubliches Auftreten auf der Bühne. Ich bin sehr glücklich, in seine Fussstapfen treten zu können. Treten wir live auf, werden wir sicherlich auch die alten Alcatrazz-Klassiker spielen. Der Rest wird aber vom neuen Album stammen. Es soll keine Graham Bonnet Cover-Band sein. Seien wir ehrlich! Alcatrazz waren nie eine Millionen verkaufende Truppe, auch wenn ihnen in Japan der rote Teppich ausgerollt wurde. Wir haben ein Ziel, und für mich ist es nicht das erste Mal in diesem Rodeo zu sein und in die Fussabdrücke von Sängern zu stehen, die in der Vergangenheit einen mehr als nur sehr guten Job ablieferten. Ich war bei Praying Mantis, bei Tank, bei Yngwie Malmsteen, bei Rainbow und auch bei Michael Schenker. Ich habe keine Angst davor nun bei Alcatrazz zu singen. Das Ding ist doch, dass die Fans es akzeptieren werden oder auch nicht (grinst).
MF: Dann hast du auch keinen Druck verspürt, als du in die Band eingestiegen bist?
Doogie: Nein (sehr bestimmt)! Joe Stump ist ein unglaublicher Gitarrist. Er hat die Essenz der Alcatrazz-Gitarristen verinnerlicht. Ich sagte zu ihm: "Schick mir ein paar Lieder zu, ich bin überzeugt wir harmonieren beim Komponieren". Weisst du noch, wie die Fans damals gegenüber Brian Johnson kritisch eingestellt waren, als er Bon Scott ersetzte? Oder Ronnie James Dio, Ozzy und Bruce Dickinson, der Paul DiAnno ersetzte? Das waren wirklich höchstens vier oder fünf Leute die meckerten. Die andern hörten sich das Album an und sagten: "Fucking hell, that's really good!" Für all die Leute, die der Meinung sind, dass es Alcatrazz ohne Bonnet nicht geben darf (lacht), sage ich nur… "Bitte! Wirklich?" Die zwei Lieder, die schon auf YouTube zu sehen waren, haben doch gezeigt, dass die Leute offen sind für mich als neuen Sänger. Ich bin mir sicher, dass wir ein tolles Album aufgenommen haben. Wir sind eine grossartige Combo und haben wirklich was Interessantes abgeliefert. Gibt es Leute die sagen: "Graham left the band! The band is over!", und wir sprechen von höchstens zehn Leuten, bei denen dies der Fall ist…, hört Euch doch vorher das Werk an. Ich bin mir sicher, es wird Euch gefallen!
MF: Wo siehst du die Unterschiede zwischen «V» und den anderen Scheiben?
Doogie: Ich habe vorher noch nie ein Alcatrazz-Album in meinem Leben gehört. Warum sollte ich (grinst)? Ich bin ein Fan von AC/DC (lautes Lachen). Die einzigen Lieder die ich kannte waren die, welche ich damals für die Konzerte mit Yngwie lernen musste. Glaub' mir, wir haben sie sehr selten gespielt. «Too Young To Die, Too Drunk To Live» und «Hiroshima Mon Amour»…, darum fällt es mir schwer, dir diese Frage zu beantworten (grinst). Weisst du, Joe ist so ein fantastischer Gitarrist! Er managte die Lieder und das Tuning bei seinem Spiel. Er ist aber keiner dieser dich schwindlig spielenden Musiker, die sich nur ihren Arsch abspielen wollen. Er ist viel besser, wie auch die Band. Auch wenn ich die alten Lieder nicht kenne, will ich auf Tour «Island In The Sun», «Too Young To Die», «Hiroshima» und «God Blessed Video» bringen, aber die Songs haben mich nie in meinem Leben begleitet (grinst).
MF: Aber du warst beim Songwriting zu «V» involviert…
Doogie: …bei allen Tracks! Das Schreiben von Liedern ist der wichtigste Part der Kreativität. Da lernt man sich gegenseitig kennen und merkt, wie gut man sich untereinander versteht. Die ersten Tracks die wir schrieben, waren die schnellen. Da merkten wir, dass etwas Grossartiges entsteht. Ich schrieb neunzig Prozent der Melodien und die Texte. Ich versuchte meine Persönlichkeit einzubringen, da ich kein Verfechter davon bin, dass ich die Ideen anderer Leute singen muss (grinst). Weil ich der Meinung bin, dass ich dies auf meine Art nicht perfekt umsetzen könnte. Wenn du das Material magst, kann nichts schief gehen.
"...Auf der Bühne fühlt es sich in der Regel sehr gut an, weil ich merke, wie die Fans meine Versionen mögen und mitsingen..."
MF: Sehe ich dich auf der Bühne, strahlt mir immer eines entgegen! FUN!
Doogie: Ich danke dir! Ich versuche immer Spass zu haben und es zu geniessen. Das ist sehr wichtig. Ich finde es schade, dass man sich Musik anhört und dabei keinen Fun hat! Was will ich sehen, was will ich erleben? Dies will ich erfüllen. Klar gab es auch bei mir Nächte, an denen der Spass weg war (grinst). Aber jeden Abend, wenn ich auf die Bühne gegangen bin, sei es mit Rainbow, Malmsteen oder MSG, wollte ich den 200 oder 10'000 Leuten die Möglichkeit geben, eine gute Zeit zu verbringen. Ich erinnere mich als ich ein Junge war, wie aufregend es sich anfühlte in einem lokalen Pub vor zwanzig Leuten zu stehen (lacht). Ich habe es genossen, und ich hoffte, dass sich dieser Genuss immer und immer wieder auf das Publikum übertragen würde. Ich habe die Lust an der Musik und der Performance nie verloren. Es gab Abende an denen ich mich fragte: "Ehrlich, wieder diesen Song spielen? Muss das sein?". Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der dies gesteht, die anderen lügen dich alle an (grinst). "Oh my God, really?" Aber sobald das Riff erklingt und das Publikum lebendig wird, dann wusste ich immer wieder, wieso wir diesen Track spielen (grinst). Nicht jeden Track den ich performe, geniesse ich auch. Ich hatte nie Probleme mit den Alben, auf denen ich gesungen habe. Das Problem waren die Tracks, die ich von einem anderen Sänger nachsingen musste. Nicht dass es langweilig ist, aber ich fühle mich selten gut dabei. Aber! Am Ende der Probe, wenn ich die Songs dann höre, fühlt es sich wie ein anderes und gefährlicheres Leben an. Das wiederum geniesse ich sehr. Auf der Bühne fühlt es sich in der Regel sehr gut an, weil ich merke, wie die Fans meine Versionen mögen und mitsingen.
MF: Wie wichtig war die Zeit mit Rainbow für dich und deine Karriere?
Doogie: Das war die wichtigste Zeit für mich! Ritchie mochte mich, meine Stimme und er hat mich gross gezogen, dass ich vor tausenden von Fans bestehen konnte. Das hat meine Welt verändert. Ich werde ihm dafür immer sehr, sehr dankbar sein, dass er mich so unterstützt hat. Ian Gillan, David Coverdale, Ronnie James Dio, Glenn Hughes, Joe Lynn Turner und Graham Bonnet und…, ich! Meine Güte, ich schrieb Lieder mit ihm. Das ist doch unvorstellbar. Ich zwischen all diesen unglaublichen und einzigartigen Sängern. Da stand ich plötzlich und nahm neues Material mit Ritchie Blackmore auf (stolzer Blick). Das war eine grossartige Zeit für mich!
MF: Von wem hast du am meisten über das Musikgeschäft gelernt?
Doogie: Das ist eine gute Frage…, schwierig zu sagen…, du hast nie ausgelernt. Alle denken, dass wir dies nur für das Geld tun. Nun ja, für das Geld tun wir es schon lange nicht mehr (grinst). Klar fühlt es sich gut an, wenn du dir einen Porsche kaufen kannst und in den Tourbus steigst (grinst). Wahrscheinlich wird deine nächste Frage sein, was ich gelernt habe. Ich erlernte die Bühnenkunst von Bruce Dickinson und Ritchie Blackmore, oder mit einer Truppe zu proben wie Michael Schenker. In einer Band zu überleben und dabei Spass zu haben durch Yngwie Malmsteen (grinst). Als ich Yngwie traf, fragte er mich, ob ich es geniessen würde zu singen. Das war immer das, was ich tun wollte. Einen Track 160 Mal im Jahr zu spielen und dies immer mit der gleichen Hingabe, so dass die Fans verzückt sind. Dabei zu versuchen immer Spass zu haben, das war immer mein Antrieb. Ich lernte professionell zu sein und wie die Art der Stille überzeugen kann. Ein Publikum mit der Art wie es Ritchie tat zu begeistern. Ich lernte ein Showman zu sein von Leuten wie Freddie Mercury und Bruce Dickinson. Ich lernte mich selber zu geniessen mit Yngwie oder die Professionalität von Michael Schenker. Ich wollte gut sein und auf der Bühne abliefern.
MF: Du hast in vielen bekannten Bands gespielt. Wolltest du nie deine eigene Truppe gründen und mit dieser grösser und bekannter werden?
Doogie: Nein! Das wollte ich nie. Ich war nie gut darin ein Anführer zu sein. Ich singe gut, hatte aber nie das Ego meine eigene Truppe zu starten und meinen Namen im grossen, hellstrahlenden Licht zu sehen.
MF: Ich bedanke mich für die Zeit und deine sehr ehrliche Art…
Doogie: …nichts zu danken, ich danke dir! Es hat viel Spass gemacht. Weisst du eigentlich, dass wir uns sehr ähnlich sehen? Auch wenn meine Brille hier irgendwo rumliegt (lacht). Es war wirklich grossartig mit dir zu sprechen! Pass bitte auf dich auf!