Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/1677

Im März 2018 habe ich dieses Schiff gekauft.
Es ist schon etwas in die Jahre gekommen und ich möchte einiges renovieren, reparieren, verändern. Ich betreibe einigen Aufwand um für die jeweilige Aufgabe die bestmögliche Lösung zu finden. Diese Seite soll dazu dienen meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln und zu teilen.
Dies ist ein privates Projekt und ich erhalte kein Geld von irgendeiner Firma. Wenn ich also z.B. ein Produkt beim Namen nenne, dann nur weil es sich im Einsatz bewährt hat. Sollte ich jemals Werbung auf dieser Seite zulassen, was ich nicht ausschliesse, wird diese als solche erkennbar sein.
Für allfällige Fragen, Fehlermeldungen usw. steht eine Email-Adresse zur Verfügung: <email-pii>
Der Name "De Goede Verwachting" lässt sich mit „Die gute Erwartung“ oder „Erwartung des Guten“ übersetzen. (Die Aussprache von „goede“ ist „chude“)
Sie ist ein niederländisches Plattbodenschiff, ein ehemaliger Lastensegler der in den 1970er Jahren zu einem Hausboot umgebaut wurde. Wie mir gesagt wurde eine Groninger Bolpraam, bzw. Boltjalk. Es gibt einige unterschiedliche Typen und Bezeichnungen von diesen Schiffen. Allen gemeinsam ist die charakteristische Form des Rumpfes, insbesondere der flache, kiel- und schwertlose Boden, die Seitenschwerter, und der geringe Tiefgang.
Hier einige technische Daten zur Übersicht:
Baujahr: 1916 (!)
Länge: 19.9m
Breite: 4.0m
Tiefgang: 0.5m
Gewicht: ca. 38T
Rumpf: Stahl (bzw. Eisenplatten) genietet
Antrieb: Peugeot Diesel 40PS, innenbord / Segel
Heizung: Holzofen
Kochherd: Gas
Das Boot wurde ursprünglich zum Transport von Agrarerzeugnissen eingesetzt. Für den Schiffsführer befand sich im Heck eine winzige Kabine.
Isolation, Gas, Wasser, Elektrizität, Heizung, Sicherheit
Was ist vorhanden, was ist wünschenswert, was ist machbar, was ist bezahlbar?
Zum Zeitpunkt des Kaufes hatte das Schiff einen Landanschluss (220V) und eine Starterbatterie. An dieser Starterbatterie hingen die Frisch- und die Grauwasserpumpe, der Kühlschrank und die Innenbeleuchtung. Wenn die Ladung dieser Batterie nachliess musste man entweder den Motor eine Weile laufen lassen, oder die Batterie mit einem Ladegerät am Landstrom wieder aufladen.
So weit so gut. Nein, schlecht. Die Starterbatterie soll einzig und allein zum Starten des Motors verwendet werden. Dafür ist sie gebaut: grosser Strom in kurzer Zeit und meistens sehr geringe Entladetiefe(DoD). Wenn man da noch einen Haufen anderes Zeug dran hängt hält die nicht lange. Zudem kann es passieren, dass man den Motor gar nicht mehr starten kann, wenn die Batterie von den anderen Verbrauchern zu tief entladen wurde.
Alle anderen Verbraucher benötigen eine eigene Stromquelle. Also Landstrom im Hafen und eine weitere Batterie für das Nötigste unterwegs. Nun haben wir hier ein Hausboot. Also ein Boot einerseits mit typischerweise Innenbeleuchtung, Positionslampen, Kühlschrank und Frischwasserpumpe sowie Grauwasserpumpe. Steckdose zum Laden von Smartphone, Tablet, Laptop und diverser anderer akkubetriebenen Geräte gehören heute auch dazu. Zu einem Haus andererseits gehören Warmwasseraufbereitung, Backofen, Toaster, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Geschirrspühlmaschine, diverse andere Küchengeräte, Waschmaschine, Tumbler, Staubsauger, Zusatzheizung, Klimaanlage, elekrische Werkzeuge und, nicht zu vergessen, ein Schweissgerät. Habe ich etwas vergessen? Bügeleisen und Haartrockner...
Wie "gross" muss die Batterie sein? Worauf möchte ich nicht verzichten wenn ich unterwegs bin und kein Landstromanschluss verfügbar ist? Mehr geschätzt als gerechnet bin ich auf einen täglichen Verbrauch von ca. 6kWh gekommen, was in etwa einem durchschnittlichen Singlehaushalt entspricht. Wieviel Platz habe ich für Solarpanels? Wieviele benötige ich um optimalerweise 6kW an einem Tag zu produzieren?
Meine Lösung sieht vorläufig so aus:
- EasySolar 48/5000/70-100MPPT150/100 (Victron)
- 3 LiFePO4-Batterien mit einer nutzbaren Kapazität von je 2kW (Pylontech)
- 12 semiflexible Photovoltaik Panels à 100Wp (GreenAkku)
Sobald ich diese Anlage über einen gewissen Zeitraum in Betrieb habe, werde ich hier darüber berichten. Ich gehe davon aus, dass ich in der warmen Jahreshälfte vom Landstrom weitgehend unabhängig sein werde.
Beim geringsten Zweifel soll das natürlich von einem Elektro Fachmann ausgeführt werden. Wenn man die Geräte selber einbaut und nur die Kabel anschliessen lässt, bleiben die Kosten überschaubar.
Wichtig ist auch, einen galvanischen Isolator oder einen Trenntrafo einzubauen. Es ist dringend anzuraten, das Schiff ca. sechs Monate nachdem grössere Änderungen an der Elektroinstalation vorgenommen wurden aus dem Wasser zu nehmen. Wenn irgendetwas nicht richtig ist wird verstärkt Korrosion auftreten und der muss mit geeigneten Massnahmen abgeholfen werden.
Nun zu den Solar Panelen:
Diese semiflexiblen Panels werden aufgeklebt. Zu beachten ist, dass sie nicht auf das Schiff geklebt werden, sondern auf die Farbe. Der beste Kleber nützt nichts, wenn die Farbe darunter nicht richtig hält. Eine gute Gelegenheit den Anstrich zu erneuern!
Wohin mit den Kabeln? An Deck verlegen mit Kabelkanälen oder viele Löcher bohren. Ich betrachte Löcher als das kleinere Übel. Es ist ein Vorteil wenn etwas weniger die Arbeit an Deck und das Laufen der Fallen und Schoten behindert.
Abgeplatzte Farbe entfernen, Rost wegschleifen, den noch guten Anstrich anschleifen.
Die rote Farbe dient als Rostschutz und als Haftvermittler zwischen dem alten und dem neuen Anstrich. In diesem Fall Owatrol.
Richtschnur muss sein.
Die Holzleiste soll verhindern, dass die Panels auf dem Leim davonschwimmen bis dieser fest ist.
Niedrige Drehzahl und ab und zu einen Tropfen Öl dazugeben.
35mm Durchmesser reichen um 4 Kabel durchzustecken.
WICHTIG: Die Kabel kennzeichnen damit man nachher noch sehen kann wie sie zusammengesteckt werden müssen!
Sauber entgraten und die Späne mit einem weichen Pinsel wegwischen ohne den neuen Lack zu zerkratzen.
Kantenschutz anbringen. Ein richtiges Kantenschutzprofil wäre natürlich besser wenn man denn nicht vergessen hat eins zu besorgen. Der Kantenschutz soll natürlich die Kabel vor der Kante schützen. Nicht umgekehrt.
Die Rückseite eines Solar Panels zum Kleben vorbereitet, verwendet wird ein Silikon Kleber. Empfolen wird Sikaflex.
Es wird nicht vollflächig geklebt sondern nur stellenweise.
Die Gewindemuttern dienen als Distanzhalter. Wenn ich also das Panel jetzt umdrehe und festdrücke, wird ein Abstand zwischen dem Schiff und dem Panel von der Höhe der Muttern, in diesem Fall 6.4mm, bleiben.
Die Solarzellen werden warm. Der Luftspalt dient dazu diese Wärme abzuführen.
Die Abdeckungen für die Kabeldurchgänge sind aus Resopal gefertigt.
Dieses Material ist sehr hart und relativ leicht, die Festigkeit kommt nahe an Aluminium heran, es lässt sich jedoch mit Holzwerkzeugen bearbeiten, also ohne Kühlung, jedoch empfehle ich einen Atemschutz. Sogar Gewinde schneiden ist möglich. Die Witterungsbeständigkeit ist gut, die bearbeiteten Flächen sollten lackiert werden. Es ist in verschiedenen Dicken erhältlich.
Man bekommt es zwar nicht an jeder Ecke, aber es lohnt sich sicher einen Blick darauf zu werfen.
Möblierung, Haushalt, Komfort
Die Bar musste weg. Erstens hat sie mir nicht gefallen, zweitens hat sie zuviel Platz gebraucht, drittens musste ich immer an der Aussenseite daran vorbeilaufen, wo ich wegen der etwas knappen Stehhöhe bereits den Kopf einziehen muss. In der Mitte kann ich aufrecht gehen.
Rumpf, Motor, Segel, Sicherheit
Rost
Eisen rostet, Boote rosten, früher oder später wird der Rost jedes Stahlschiff aufgefressen haben. Das können wir nicht verhindern, nur verlangsamen. Die Rechnung ist einfach: Eisen + Sauerstoff = Rost. Es muss uns nur gelingen den Sauerstoff aus der Gleichung herauszunehmen. Ein Rostschutzanstrich erfüllt den Zweck im Allgemeinen recht gut. Auf der Innenseite eines Stahlrumpfes werden spezielle Versiegelungen verwendet. Es gibt zahlreiche Produkte, mir wurde "Owatrol" empfohlen. Es sei einfach zu verarbeiten, krieche in jede noch so unzugängliche Ritze (derer es zahlreiche gibt) und halte 10 Jahre.
Der Arbeitsablauf ist folgender:
- Abdeckungen entfernen. Im Maschinenraum war ein sehr schön verlegter und verschweisster Alu-Blechboden, den ich etwas wehmütig rausschneiden musste.
- Es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Rost quilt enorm auf. 5mm Rost entsprechen etwa 0.5mm Eisen.
- Austrocknen! Also richtig staubtrocken.
- Rost entfernen. So gut wie es eben geht ist gut genug. Wenn Hände, Knie und Rücken so richtig schmerzen ist der Job getan. Spachtel und Drahtbürste haben sich bestens bewährt.
- Reinigen. Staubsauger und Waschbenzin.
- Versiegelung auftragen. Bei besagten Ritzen darf es etwas mehr sein. Es ist sehr befriedigend zu sehen wie das Zeug förmlich reingesaugt wird. Vorausgesetzt es ist richtig trocken!
- Abdeckungen wieder anbringen. Den Blechboden im Maschinenraum habe ich durch lose reingelegte Holzbohlen ersetzt.
Hier interessiert uns natürlich der Unterwasser Bereich:
Korrosion
Nach 9 Monaten habe ich das Boot zum ersten Mal aus dem Wasser geholt. Nachdem ich mit dem Hochdruckreiniger schon das eine oder andere Loch in den Rumpf geschossen hatte, war das niederschmetternde Urteil des Jachtexperten keine grosse Überraschung mehr.
Der ganze flache Bereich auf einer Länge von rund 15 Metern und einer Breite von 3 Metern ist infolge Korrosion zu dünn, heisst dünner als die von der Versicherung geforderten 3mm.
Trefft alle erforderlichen Massnahmen um euer Boot vor Korrosion zu schützen! Die richtigen und genügend Anoden anbringen, einen galvanischen Isolator oder einen Trenntrafo einbauen, Fehl-, Kriech- und andere böse Ströme vermeiden, vom Landanschluss trennen wenn dieser nicht gebraucht wird, das Boot in vernünftigen Zeitabständen aus dem Wasser nehmen, Schutzanstrich richtig verarbeiten usw.
Mein Schiffchen wäre innert kürzester Zeit untergegangen und es hat viel Arbeit und Geld gekostet alles wieder herzurichten.
Nachfolgende Bilder erzählen den Rest dieser Geschichte:
Nach strapaziösen fünf Wochen in der Werft liegt sie zufrieden und entspannt an ihrem Platz im Hafen.
Insgesamt wurden 43 Quadratmeter 5mm Stahlplatten verarbeitet, was ca. 1,7 Tonnen mehr Gewicht ausmacht. Von blossem Auge kaum zu erkennen liegt sie jetzt knapp 2 cm tiefer im Wasser.
Schön, wenn etwas einfach mal so läuft. 40 PS reichen nur für gemütliche Fahrten in stehenden Binnengewässern bei schwachem Wind.
Die Faustregel sagt, 3 - 5 PS pro Tonne. In meinem Fall wären das rund 110 - 190 PS. Kommt Zeit kommt Maschine...
Kann man überhaupt genug davon haben?
Wer spleisst fährt besser.
Dies wird ein grösseres Kapitel. Hier erstmal eine Themenübersicht:
Mast
Baum
Gaffel
Jütt (Mastlegevorrichtung)
Seitenschwerter
Winchen
Blöcke
Laufendes Gut:
Klaufall
Piekfall
Kattfall
Fockfall
Dirk
Grossschot
Vorschot
Stehendes Gut:
Wanten
Vorstag
Backstag
Segel:
Grosssegel
Vorsegel
Reiseberichte
Toni Tylmann
<email-pii>