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Herrn Professor Dr. Carl Cattaneo
Lugano1
Zürich den 18. August 1865
Hochgeachteter Herr!
Ich verspare es auf mündliche Unterredung, zu der sich in hoffentlich nicht allzu entfernter Zukunft eine Gelegenheit darbieten dürfte, Ihnen über die Motive unsers Vorgehens in der letzten Bundesversammlung, mit welchem Sie nicht ganz einig zu gehen scheinen, nähere Aufschlüsse zu geben. Für heute glaube ich mich auf eine Rückäußerung über Ihren Vorschlag betreffend eine Verständigung mit Genazzini beziehungsweise der Centraleuropäischen Eisenbahngesellschaft beschränken zu sollen.
Der Grundgedanke Ihres Vorschlages ist, wie mir scheinen will, folgender:
Genazzini hat das Recht, von der Centraleuropäischen Gesellschaft die Abtretung der Conzession für die Tessin'schen Thalbahnen ([...?] Biasca nebst Locarno–Bellinzona ) zu verlangen und ebenso | ist ihm das Vorzugsrecht für die Bergbahn Biasca–Gotthard abgetreten worden. Es soll nun Genazzini von jenem Rechte, die Abtretung der Conzession für die Tessin'schen Thalbahnen zu begehren, Gebrauch machen. [Jedoch?] würde er diese Conzession & das Vorzugsrecht für die Linie Biasca–Gotthard unserer Gotthardvereinigung abtreten & die letztere hätte Genazzini mit der Uebertragung von belangreichen Bauarbeiten zu bezahlen.
Gegen diesen Plan ist aber einzuwenden, daß es auf einer unrichtigen thatsächlichen Voraussetzung beruht & schon darum nicht durchführbar ist. Es hat nämlich gewiß dem in beglaubigter Abschrift vor mir liegender Vertrage Genazzini durchaus nicht das Recht, die Abtretung der Conzession für die Tessin'schen Thalbahnen von der Centraleuropäischen Gesellschaft zu verlangen. Vielmehr hat die letztere jene Conzession Hrn. Hentsch in Paris als Bestandtheil einer Lucmanier Combination abgetreten & nur für den Fall, daß die Conzession für den Lucmanier nicht erhältlich wäre, ist die Centraleuropäische Eisenbahngesellschaft berechtigt, von Genazzini zu verlangen, daß er ihr die Conzession für die Tessin'schen Thalbahnen abnehme; sie ist aber auch dann durchaus noch nicht verpflichtet, diese Conzession abzutreten wenn sie nicht will. Sie sehen also, daß Genazzini jetzt & später in Betreff der Tessin'schen Thalbahnen lediglich eine Pflicht, aber | durchaus kein Recht hat.
Kann schon aus diesem Grunde der Plan wie Sie mir mitzutheilen die Gefälligkeit hatten, nicht zur Ausführung gebracht werden, so darf ich nicht unterlassen, Sie im Fernern noch darauf aufmerksam zu machen, daß das von der Centraleuropäischen Eisenbahngesellschaft an Genazzini abgetretene Vorzugsrecht für die Bergbahn Biasca–Gotthard so viel als gar keinen Werth hat. Dieses Vorzugsrecht hat nämlich nur die Bedeutung, daß wenn von dritter Seite die Conzession für die Bergbahn Biasca–Gotthard unter gewissen mit der zuständigen Behörde vereinbarten Bedingungen nachgesucht würde, Genazzini das Vorrecht für diese Conzession unter den gleichen Bedingungen beanspruchen könnte. Eine der Conzessionsbedingungen müßte der Natur der Sache nach darin bestehen, daß der Conzessionsinhaber die Conzession auch für die Linie auf der andern Seite des Gotthard's, somit auf Urner'schem Gebiete erhalte. Selbstverständlich würde aber diese letztere Conzeßion an Genazzini nicht ertheilt. Genazzini könnte also gegenüber dem Canton Tessin die an die Conzession für die Linie Biasca–Gotthard geknüpften Bedingungen nicht erfüllen und unter diesen Umständen würde sein Vorzugsrecht als bedeutungslos dahinfallen. |
In der Combination, welche Sie bei mir in Anregung zu bringen die Gefälligkeit hatten, glaube ich übrigens das Bestreben erkennen zu sollen, darauf hinzuwirken, daß den Privatinteressen, welche gegenwärtig mit den Tessin'schen Thalbahnen verknüpft sind, möglichste [Preferenz?] zu Theil werde. Ich weiß, daß Sie dabei nichts anderes im Auge haben, als kleine Hindernisse, welche sich der Erreichung des großen Zweckes, den wir alle im Auge haben, in den Weg stellen möchten, wenn immer möglich zu beseitigen. Ich glaube nun aber die zuversichtliche Erwartung ausprechen zu dürfen, daß der Gotthardausschuß in dieser Richtung alles thun, beziehungsweise einleiten wird, was sich mit der Fürsorge für die wohlverstandenen Interessen der großen Unternehmung, an deren Verwirklichung wir arbeiten, vereinigen läßt.
Was nun das weitere Vorgehen im Interesse des Gotthardprojectes anlangt, so wollen Sie versichert sein, daß unserseits nichts versäumt wird, was wir thun können, um diesem Projecte zum Siege zu verhelfen. Wir sind in voller Arbeit, die 30–35 Millionen Franken erhältlich zu machen, welche die nördlich von Italien gelegenen Länder zur Herstellung des großen Tunnels beitragen sollen: wir werden, nachdem die Conzession für den Lucmanier von Tessin verlangt worden ist, die Conzession für den Gotthard zu Handen einer zu gründenden Gesellschaft begehren, wobei wir darauf rechnen zu dürfen glauben, | daß der Canton Tessin den seinen Interessen in jeglicher Richtung besser ensprechenden Gotthard in geeigneter Weise bevorzugen werde: wir sind endlich in gänzlichem Einklange mit Ihren Wünschen in voller Thätigkeit, um Finanzmächte in England, Holland, Belgien, in den Preußischen Rheinprovinzen & in Italien für Bildung einer internationalen Gesellschaft zum Zwecke der Verwirklichung des Gotthardprojectes zu gewinnen. Sie können sich also darauf verlassen, daß in allen diesen Richtungen nichts versäumt wird. Was aber vor allem Noth thut, ist, daß Italien sich für den Gotthard erkläre. Wenn der Entscheid der Italienischen Regierung im Sinne der Unterstützung eines andern Alpenpasses ausfallen sollte, so würden offenbar die Chancen für Verwirklichung des Gotthard's sich außerordentlich vermindern, unter Umständen sogar gänzlich verschwinden. Es ist daher gewiß von der größten Wichtigkeit, daß nichts versäumt werde, um der Entscheidung der Alpenbahnfrage in Italien eine günstige Wendung zu geben. Sie wissen, daß der Gotthardausschuß eine Abordnung nach Florenz entsendet hat, um sich mit der von dem Italienischen Ministerium niedergesetzten commerziellen Commission in geeignetes Vernehmen zu setzen & daß derselben eine neue Druckschrift mitgegeben worden ist, welche einige die commerzielle Seite der Alpenbahnfrage betreffende Punkte, die | in der letzten Zeit in Italien in den Vordergrund der Discussion getreten sind, näher beleuchtet. Es ist nun aber von ganz besonderer Wichtigkeit, daß Genua, auf dessen Stimme in solchen Fragen mit Recht ein sehr großes Gewicht legt, sich für den Gotthard ausspreche & in dieser Beziehung dürfte die dort am 24 d. Statt findende Versammlung von entscheidenden Folgen sein. Erlauben Sie mir daher die Bitte, die ich Ihnen sr. Zeit schon mündlich vorzutragen die Ehre hatte, hier in dringender Weise schriftlich zu wiederholen, daß Sie nämlich jener Versammlung selbst beizuwohnen sich entschließen möchten. Sollte mein Ansinnen eine zu weit gehende Zumuthung sein, so wollen Sie meine Unbescheidenheit mit dem warmen Wunsche entschuldigen, dem großen Zwecke, den wir beide anstreben, bestmöglichen Vorschub zu leisten.
Genehmigen Sie, hochverehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung 2