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Übrigens ist auch jeder ordentliche öffentliche Rechtslehrer an einer deutschen
Universität zum Richteramt qualifiziert.
Überhaupt ist jeder, der in einem
Bundesstaat die Fähigkeit zum Richteramt erlangt hat, zu jedem Richteramt im ganzen
Umfang des
DeutschenReichs befähigt;
nur für die Mitglieder des
Reichsgerichts wird noch erfordert, daß sie das 35. Lebensjahr
vollendet haben. Das Gerichtsverfassungsgesetz schreibt ferner die Ernennung der Richter auf Lebenszeit vor; die Richter sollen
einen festen
Gehalt mit Ausschluß von
Gebühren beziehen, auch darf denselben wegen vermögensrechtlicher Ansprüche aus
ihrem Dienstverhältnis, insbesondere auf
Gehalt,
Wartegeld oder
Ruhegehalt, der
Rechtsweg nicht verschlossen werden.
Die Grunde, welche einen in Ansehung einer einzelnen Untersuchungs- oder Zivilprozeßsache unfähig machen, sind in der deutschen
Strafprozeßordnung und in der Zivilprozeßordnung aufgeführt; so ist z. B. ein in einer Untersuchung unfähig, in
welcher er selbst der Verletzte, in einer Prozeßsache, in welcher er selbst Partei, in einer Rechtssache,
in der er als Zeuge oder Sachverständiger vernommen ist, etc. Auch kann ein Richter wegen Besorgnis
der Befangenheit aus allen Gründen abgelehnt werden, welche geeignet sind, Mißtrauen gegen seine Unparteilichkeit zu rechtfertigen.
2) Jean PaulFriedrich, gewöhnlich mit dem Schriftstellernamen, den er selbst gewählt hatte, Jean Paul genannt,
der gefeiertste unter den deutschen Humoristen, wurde zu Wunsiedel geboren. SeinVater, dort Rektor und Organist (die
Mutter war aus Hof
[* 8] gebürtig, Tochter eines wohlhabenden Tuchmachers), erhielt, als Jean Paul zwei Jahre zählte, die Pfarrstelle
des unweit Hof lieblich gelegenen Dorfs Joditz, und hier verbrachte der Dichter seine Kindheitsjahre in
stiller, häuslicher Beschränkung, meist sogar von der Dorfschule fern gehalten.
Aus jener Zeit stammte die NeigungJeanPauls zum Stillleben, zum »geistigen Nestmachen«, der er sein ganzes Leben lang treu blieb.
In dem nahen Schwarzenbach, wohin der Vater 1776 versetzt wurde, besuchte der Knabe zuerst regelmäßig die
öffentliche Schule, blieb aber im übrigen meist auf selbstgewählte Bildungsmittel angewiesen. Er las schon damals in regellosem
Durcheinander alles, was ihm vorkam; in Exzerptenhefte, welche bald zu Foliantendicke anschwollen, trug er, wie er das bis
ins Alter fortgetrieben hat, die mannigfaltigsten Notizen ein.
Das unermeßliche Detail aus den verschiedenartigsten Wissensgebieten, welches er in dieser Art
zusammenhäufte,
diente ihm später nicht eben vorteilhafterweise zur Verwertung in seinen Schriften. Um Ostern 1779 bezog er das Gymnasium in
Hof. Bald darauf starb sein Vater. Die Mittellosigkeit der Mutter wurde zwar anfangs für Jean Paul wenig fühlbar, weil seine
Familie Unterstützung bei den Hofer Großeltern fand. Als aber nach kurzer Zeit auch diese starben, ohne
daß von ihrem Vermögen etwas an JeanPaulsMutter kam, kehrte bei dieser bitterste Armut ein, unter welcher auch der Dichter
lange Jahre schwer zu leiden hatte.
Schon während seiner Gymnasialzeit regte sich in Jean Paul schriftstellerische Produktionslust. So schrieb
er 1780 eine Anzahl Aufsätze über philosophische und naturwissenschaftliche Gegenstände. Unter den ihm damals bekannten
Schriftstellerei wirkte Hippel am stärksten auf ihn. 1781 ging er nach Leipzig,
[* 9] um Theologie zu studieren; es war ihm jedoch
mit seiner Brotwissenschaft von Anfang an kein rechter Ernst. Unter den Professoren, welche er hörte,
fesselte ihn der PhilosophPlatner eine Weile; bald aber zog er sich fast ausschließlich auf litterarische Privatstudien zurück.
Jetzt wurde Rousseau sein Lieblingsautor, auch von den englischen Humoristen und Satirikern fühlte sich das wahlverwandte
Element in ihm mächtig angezogen. Zu den elf großen Quartbänden von Exzerpten, die er nach Leipzig mitgebracht,
gesellte sich hier eine weitere stattliche Reihe. Jean Paul trug mit bienenartiger Emsigkeit unglaubliche Massen von Notizen
zusammen; in zierlicher Schrift wurden Sammlungen witziger Einfälle, interessanter Begebenheiten, Anekdoten u.
dgl. angelegt und fortgeführt; ein besonderes Buch, welches den Titel »Thorheiten« trug, füllte sich mit Stoff zu künftigen
Satiren.
Als aber gegen Ende 1781 die materielle Bedrängnis immer höher stieg und die Hoffnung auf Gelderwerb durch Unterricht fortwährend
unerfüllt blieb, beschloß er, aus schriftstellerischen Arbeiten den Lebensunterhalt für sich und die Seinigen zu gewinnen.
Er arbeitete zunächst, angeregt durch des Erasmus »Encomium moriae«, ein (bis jetzt ungedrucktes) »Lob der
Dummheit« aus, in welchem diese redend eingeführt wird und ihr Eigenlob verkündigt. Das Buch fand keinen Verleger. Dagegen
gelang es Jean Paul, einen solchen für eine Sammlung einzelner satirischer Aufsätze zu finden, die anonym unter dem Titel:
»Grönländische Prozesse« (Berl. 1783) erschien und Satiren über Schriftsteller, Theologen, Weiber, Stutzer, den
Ahnenstolz u. dgl. enthielt.
Der Stil des Buches ist schon echt Jean-Paulisch, insofern es darin von oft sehr gesuchten, oft aber auch überaus treffenden
Gleichnissen wimmelt und die Antithese bereits als eine bis zum Übermaß gebrauchte Form der Diktion dort vorherrscht. Es
weht ein Geist freisinniger Auflehnung gegen alles Dumme und Schlechte durch das Buch; aber schon hier,
wie in allen spätern Werken JeanPauls, ist zu merken, daß der Verfasser die Welt und das Leben mehr aus Büchern als aus unmittelbarer
Erfahrung kannte.
Inzwischen schrieb er neue Satiren unter dem Titel: »Auswahl aus des TeufelsPapieren« (Gera
[* 12] 1789), die ebensowenig Aufsehen erregten
wie JeanPauls Erstlingsbuch. Im März 1790 übernahm dieser aufs neue ein Lehramt. Einige Familien zu Schwarzenbach
beriefen ihn zum Unterricht ihrer Kinder, und jetzt betrieb der Dichter sein Amt in angenehmen persönlichen Verhältnissen
mit wahrhaft begeisterter Freudigkeit. Die Sonntagsbesuche in Hof gewährten erquickliche Erholung, und in dem damals mit
seinem dortigen FreundOtto immer inniger geschlossenen Herzensbund erwuchs ihm ein köstlicher Besitz für
sein ganzes späteres Leben. Um jene Zeit beschloß der Dichter, sich zuerst in einer größern Schöpfung, einem pädagogischen
Roman, zu versuchen.
Ehe derselbe aber in Angriff genommen wurde, entstanden einige kleinere Humoresken: »Die Reise des Rektors Fälbel und seiner
Primaner«, »Des Amtsvogts Freudels Klaglibell über seinen verfluchten
Dämon« und das »Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auethal«. Sogleich nach Vollendung
des »Wuz« begann Richter den beabsichtigten großen Roman. Während der Arbeit zwar verflüchtigte sich der ursprüngliche Plan,
die »Unsichtbare Loge« (Berl. 1793, 2 Bde.)
blieb unvollendet; »eine geborne Ruine« nannte der Dichter selbst sein Werk, in welchem neben einzelnen
unvergleichlich schönen Stellen bereits die ganze Unfähigkeit JeanPauls zu plastischer Gestaltung, die maßlose Überwucherung
der phantastischen Elemente und alles, was sonst den reinen Genuß an seinen Dichtungen stört, zu Tage trat.
Gleichwohl bildet das Erscheinen des Buches in JeanPaulsLeben einen Wendepunkt günstigster Art. Das verhältnismäßig hohe
Honorar, das es eintrug, endete zunächst die materielle Not des Dichters; nicht minder wirkte es geistig befreiend und ermutigend
auf ihn. Im Herbst 1792 legte er seine Hand an einen neuen Roman, den »Hesperus« (Berl. 1795),
die »Biographischen Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin« (Berl. 1796),
ein Romantorso
mit satirischem Anhang;
die »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke, oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten
Siebenkäs« (das. 1796-97, 4 Bde.),
in gewissem Sinn die beste Schöpfung des Dichters, welcher in den Persönlichkeiten des sentimentalen Siebenkäs und des satirischen
Leibgeber die entsprechenden Elemente seiner eignen Natur zu verkörpern versuchte.
Fast hätte eine (vermutlich unglückliche) Heirat den dramatischen Abschluß gebildet. Im Oktober 1797 führte eine Reise nach
Leipzig den nun berühmt Gewordenen auf den Schauplatz seiner einstigen Kümmernis, und jetzt drängten sich die Bewunderer
um ihn. 1798 folgte auf Einladung der Herzogin Amalie ein abermaliger Besuch in Weimar. Nach einem kurzen
Aufenthalt in Hildburghausen
[* 16] (Frühjahr 1799), wo er vom Herzog den Titel eines Legationsrats erhielt, ging Jean Paul nach Berlin,
[* 17] in der Absicht, sich dort dauernd niederzulassen. Im Mai 1801 verheiratete er sich daselbst mit der Tochter
des Tribunalrats Meyer, aber eine vom König erbetene Versorgung blieb versagt. Von den damals entstandenen Werken sind hervorzuheben:
»Palingenesien« (Gera 1798, 2 Bde.);
Schon im Mai 1803 verließ er Meiningen wieder und siedelte sich nach kurzem Aufenthalt zu Koburg
[* 19] in Baireuth
[* 20] an, wo er bis zu seinem Tod wohnen blieb. Das nächste größere Werk des fortan in nur selten unterbrochene idyllischer Zurückgezogenheit
lebenden Dichters war ein philosophisches, die »Vorschule der Ästhetik« (Hamb. 1805, 3 Bde.;
Tübing. 1813),
ein Buch voll geistreichster Einfälle, aber auch voll konfuser Theoreme. Danach folgte die Abfassung
der »Flegeljahre« (Tübing. 1804-1805, 4 Bde.). Auch in diesem Roman, welcher zu den genialsten SchöpfungenJeanPauls gehört
und ihm selbst die liebste blieb, hat er die eigne Doppelnatur, die Gemütsinnigkeit und die humoristische Neigung seines
Wesens, jene in dem weich gestimmten Walt, diese in dessen Zwillingsbruder Vult, zur Darstellung bringen
wollen. In der »Levana, oder Erziehungslehre« (Braunschw. 1807, 3 Bde.;
Stuttg. 1815, 4. Aufl. 1861) sollten die in der »Unsichtbaren
Loge«, im »Titan« und in den »Flegeljahren« in Romanform dargelegten
Grundsätze theoretisch ausgeführt wiederkehrt. Während der Zeit der französischen Fremdherrschaft schrieb Jean Paul zu
eigner und seines Volkes Erheiterung die Humoresken: »Des Feldpredigers Schmälzle Reise nach Flätz« (Tübing.
1809) und »Doktor Katzenbergers Badereise« (Heidelb. 1809; Bresl.
1823),