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Bevor ich auf die verrücktesten aller Grenzen komme, die mir Johan zeigte (und auf eine fast ebenso spezielle Bar) ein bisschen Hintergrund zu Baarle. Nachdem ich den ersten Teil dieses Berichts veröffentlicht hatte, stellten mir nämlich einige Leser die Frage, wie das überhaupt kam, dass die Grenzen in Baarle-Hertog und Baarle-Nassau derart kompliziert sind.
Nun, diese Geschichte ist auch ziemlich kompliziert, da sie mit feudalen Besitztümern im Mittelalter zusammenhängt – und um ehrlich zu sein, habe ich mich bei den Recherchen nicht in alle Details vertieft. Jedenfalls scheint 1198 das Jahr zu sein, in dem der absurde Grenzverlauf zustande kam. Bis dahin hatte die gesamte Gegend rund um Baarle dem Herzog von Brabant gehört. Nun musste oder wollte er einen Teil davon abtreten, wohl im Rahmen einer mittelalterlichen Landstreiterei. Empfänger des Landes war ein gewisser Gottfried II van Schouten, der Herr von Breda (eine nahe gelegene niederländische Stadt). Mitten in seinem neuen Land befanden sich aber ein paar Äcker, von denen sich der Herzog um keinen Preis trennen wollte. Also blieben sie in seinem Besitz – und wurden später als Baarle-Hertog bekannt.
Im Mittelalter war es keineswegs ungewöhnlich, dass der Landbesitz verschiedener Herrschaften ineinander verschachtelt war – es waren ja keine Landesgrenzen. Erst Jahrhunderte später wollte es der Zufall, dass die Herrschaft Breda, der das Land van Schoutens weiterhin gehörte, an die Republik der Sieben Vereinigten Niederlanden fiel, die 1648 ihre Unabhängigkeit erklärten. Die einstigen Äcker des Herzogs hingegen waren inzwischen Teil der Herrschaft Turnhout geworden, die bei den Spanischen Niederlanden verblieb: Der Flickenteppich in Baarle wurde plötzlich zur Staatsgrenze.
Die verrückte Grenze von Baarle ist also fast 400 Jahre alt. In dieser Zeit mangelte es nicht an Möglichkeiten, sie endlich zu ‘bereinigen’. Immer wieder wurde an der Grenze geschraubt, die heute die belgisch-niederländische ist. Es gab Kriege, Mediationen und Friedensverträge. Doch erstaunlicherweise traute sich niemand, die Grenzen in Baarle ernsthaft in Frage zu stellen, und so verfestigte sich diese immer mehr.
Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa war die niederländisch-belgische Grenze sogar bewacht. Auch in Baarle gab es Grenzbefestigungen und Zollhäuschen. Heute ist die Sisyphusarbeit schwer vorstellbar, zu der die dorthin abkommandierten Zöllner verdonnert waren. Denn Baarle war damals ein Zentrum der Schmuggelei. Butter war in Belgien doppelt oder dreifach teurer als in den Niederlanden. Johan erzählte mir, auch seine Grossmutter habe geschmuggelt, es sei viel Geld im Spiel gewesen. Frauen hätten den wichtigen Vorteil gehabt, dass die Zöllner ihre Körper nicht abtasten durften. Doch einmal habe die Grossmutter Pech gehabt: Anstatt sie durchzuwinken, liessen die Zöllner sie warten – just neben dem gut eingeheizten Kachelofen. Nach einiger Wartezeit zeigte sich zu ihren Füssen ein kleines Rinnsal aus geschmolzener Butter, und Johans Grossmutter war als Schmugglerin überführt.
Die Grenze war aber selbst damals noch nicht definitiv festgelegt. Der Grund war Prokrastination: An einigen Stellen hatte man nie Grenzsteine gesetzt, der Grenzverlauf war unbekannt und niemand wollte sich daran die Finger verbrennen. In den 1950er Jahren kam heraus, dass ein Pferdehändler Grundstücke gekauft hatte, die sowohl Baarle-Hertog als auch Baarle-Nassau in ihren Katastern führten – ein Grenzkonflikt, von dem die beteiligten Staaten bis dahin gar nichts gewusst hatten! Der Internationale Gerichtshof in Den Haag musste entscheiden. Immerhin gab es keinen Streit, und so kam Belgien zur 22. Exklave in Baarle.
Der Gerichtsentscheid gab zudem Anlass, die Grenze endlich zentimetergenau zu definieren, zu vermessen und zu markieren. Erst 1995 war dieser Prozess abgeschlossen – seither gibt es die weissen Markierungen im Strassenpflaster, die Touristen so gern fotografieren. Doch 1995 bedeutete für manche Einwohner von Baarle ein böses Erwachen.
Johan führte mich zu einem unscheinbaren Reihenhaus mit roten Türen. 1995 wohnte hier eine ältere Frau, die ihr ganzes Leben geglaubt hatte, in Belgien zu wohnen. Nach der Katastervermessung 1995 stellte sich plötzlich heraus, dass die Grenze einige Zentimeter links der Haustür verlief – und das Haus somit zu den Niederlanden zählte, obwohl fast alle Zimmer in Belgien lagen. Damit konnte sich die Frau nicht abfinden. Sie sah sich als Belgierin und hatte keine Lust, plötzlich Niederländerin zu werden, obwohl sie nicht mal umgezogen war. Also rief sie Handwerker und liess im Eingangsbereich die Tür und das daran anliegende Fenster tauschen – Problem gelöst: Das Haus gehörte wieder zu Belgien.
Auch heute ist es noch attraktiv, einen Landeswechsel durch einen baulichen Eingriff zu bewirken. Als nächste Attraktion auf unserem Grenzrundgang führte mich Johan zu einem Haus, bei dem sich die Haustür an einem eigenartigen Erker befand. Die Baureglemente, so erklärte mir Johan, seien in den Niederlanden viel strenger als in Belgien. Bis zum genauen Farbton der Ziegelsteine sei alles geregelt. Darüber hinaus gebe es jährliche Kontingente, wieviel überhaupt gebaut werden darf. Als nun der Besitzer dieses Grundstücks bauen wollte, war das niederländische Kontingent bereits ausgeschöpft. Also erweiterte der Bauherr sein geplantes Haus um einen Erker, wodurch die Haustür in Belgien zu liegen kam – und damit automatisch die belgischen Gesetze galten, ganz ohne Kontingente. Er durfte bauen!
Die niederländischen Baugesetze ermöglichten auch eine der krassesten Kuriositäten, die ich überhaupt jemals an einer Grenze gesehen habe: Ein Gebäude, bei dem das Erdgeschoss und der 2. Stock zu den Niederlanden gehören, der 1. Stock aber zu Belgien! Soviel ich weiss, ist dies weltweit einzigartig.
Der Grund dafür: Einst war im Erdgeschoss eine Bäckerei. Sie lag in den Niederlanden, nur ganz rechts im Gebäude gehört ein Streifen zu Belgien. Als die Bäckerei schloss, wollte der Hausbesitzer das Haus um vier Wohnungen erweitern. Sie sollten in den Niederlanden liegen, da die Mieten dort höher sind. Aber dort bekam er nur die Bewilligung für eine Wohnung – für mehr reichte das Kontingent nicht. Die belgische Gemeinde Baarle-Hertog hingegen bewilligte problemlos die anderen drei Wohnungen. Um der Haustür-Regel gerecht zu werden, baute der Hausbesitzer im belgischen Teil des Gebäudes eine zweite Eingangstür ein – die in den gleichen Flur führt wie die niederländische! Der Lift des Gebäudes ist hingegen exklusiv niederländisch: Er führt direkt in den 2. Stock, aus rechtlichen Gründen ohne Halt in Belgien.
Als wir da im Flur standen bei den Briefkästen, die zu Wohnungen in verschiedenen Ländern gehörten, hatte ich den Eindruck, dass dies selbst Johan als Einwohner von Baarle sehr kurios fand. Jedenfalls waren wir uns einig, dass nun ein weiteres Bier nicht verkehrt wäre. Dazu gingen wir selbstverständlich nach Belgien, und zwar in die legendäre Dorfkneipe Café Nova aka Disco Nel. Johans Grosstante Nel steht trotz ihrer 94 Jahre noch täglich hinter der Theke und zapfte uns gleich die erste Runde. Nun konnte ich in einer angenehmeren Atmosphäre, fernab vom Schlagerlärm, doch noch ins Dorfleben eintauchen.
Und das war auch hier von der Grenze geprägt: Die Bierdeckel in Baarle zeigen als Puzzleteile Wörter, die im belgischen Flämisch anders heissen als in den Niederlanden – etwa Velo (BE) vs. Fiets (NL). Tatsächlich sprechen die Leute in den beiden Ortsteilen leicht unterschiedlich, und man kann mitunter an diesen Wörtern erkennen, woher sie kommen! Die Einheimischen nehmen Baarle-Hertog und Baarle-Nassau offenbar durchaus als zwei verschiedene Ortschaften mit eigener Identität wahr, obwohl dies im Ortsbild – abgesehen von den Grenzmarkierungen – kaum erkennbar ist. Johan betonte allerdings, dass man sich in Baarle-Nassau primär als Brabants sehe und nur sekundär als Niederländer – und eigentlich erstreckt sich die historische Region Brabant bis hinunter nach Brüssel.
Zu später Stunde verlieh mir Johan in seiner Funktion als Karnevalsprinz sogar eine Medaille. Nun bin ich kein grosser Fasnachts-Fan, aber die Medaille der «Grenzsukkers» aus Baarle (und zwar beiden Baarle!) nahm ich gern entgegen als Abschluss und Krönung dieses grenzintensivsten Tages meines Lebens. Es war mir eine besondere Ehre, dass in der folgenden Woche sogar die Lokalpresse über meinen Besuch in Baarle-Hertog und Baarle-Nassau berichtete: