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Ort in der heutigen Ukraine, gegründet von Auswanderern aus der deutschen Schweiz, mehrheitlich aus dem Kanton Zürich und Umgebung im Jahre 1804. Zürichtal (russisch Solotoje Polje, ukrainisch Solotje Polje), liegt rund 350 km südöstlich von Odessa auf der Halbinsel Krim. Eine spätere Gründung war 1860 das nicht weit entfernte Neu-Zürichtal. Da auch in hiesigen Unterlagen, wie etwa der Seebacher Chronik von Friedrich Vogel von 1845 für Seebach einige Auswandererfamilien vermerkt sind, dürfte die eine oder andere Seebacher Familie auch in Zürichtal gelandet sein, zumal die Auswanderer auf ihrer Reise stets beisammen blieben.
Die Schweizer wurden von Werbern des russischen Zaren Aleksander I zur Auswanderung auf die Krim bewogen. Es waren meist verarmte Seiden- und Baumwollspinner (Wulechämbler), Weber, Bauern und anderen Berufsleute. Organisiert wurde die Reise für die Schweizer von Hans Caspar Escher. Die Gruppe bestand aus insgesamt 240 Personen, wovon 155 aus dem Kanton Zürich stammten. Die Reise begann im Herbst 1803 in Konstanz und führte auf Pferdewagen nach Regensburg und von dort mit Schiffen auf der Donau nach Wien und Pressburg und von dort wieder mit Pferdewagen nach Lemberg (Lwow, Lwiw) bis auf die Krim.
Dass Seebacher Familien mit dabei waren, wird 2005 bestätigt durch die Schweizerische Botschaft in Kiew, die in einem Schreiben an den Quartiervereins Seebach ausdrücklich von ein paar Seebacher Familien sprach. Über die Namen dieser Familien ist noch wenig bekannt. Für Seebach kommen die Familiennamen Marx (Marks), Vollenweider, Sieber (Siber) und Wyss in Frage, doch ist das bislang nicht gesichert. Es handelt sich einfach um jene im Zusammenhang mit der Auswanderung nach der Krim häufig genannten Familiennamen, welche damals in Seebach ebenfalls vorkamen. Gesichert ist bis heute einzig die Seebacher Familie Sieber oder Siber.
Im Sommer 1804 erreichte dieser Trupp mit 228 Personen die Krim. Über ihre Ankunft wurde damals ein in französischer Sprache abgefasstes Dokument erstellt, welches auch eine Liste aller Personennamen enthielt und welches vom Reiseführer Hans Caspar Escher unterzeichnet war. Das Original ist leider nicht mehr verfügbar, doch existiert noch eine in russischer Sprache abgefasste Kopie aus dem Jahre 1916. Allerdings steht nirgends, ob auch die Personenliste kopiert wurde, sodass über die Namen der Seebacher Familien vorerst noch Unklarheit herrscht. Indirekt ist aber bekannt, dass der gesamte Auswanderertrupp bei der Ankunft noch 136 Personen aus dem Kanton Zürich umfasste, womit also 19 Zürcher auf der Reise starben oder die Reise abbrachen.
Zur Zahl von 228 Einwanderern gibt es noch weitere Details: Die 155 Zürcher stammten aus den Gemeinden Affoltern a. A., Bonstetten, Hausen, Hirzel, Mettmenstetten, Seebach und Wallisellen. Bei den Wallisellern waren es die Familien Rudolf Kuhn, geboren 1773, Landwirt, zwei Familien Näf, die Benz und Ott mit zusammen 23 Personen. Die OGS erhielt 2011 auch den Hinweis, dass im oben erwähnten Trupp von 228 Personen die Familie Rüde mit dabei war. Es waren dies Johann Rüde, geboren 1765 und Elisabeth Rüde-Tumin, geboren 1769 zusammen mit 5 Kindern. Im gleichen Jahr bekam die OG die Nachricht, dass aus Davos eine Familie Rüdi nach der Krim ausgewandert sei. Möglicherweise liegt hier nur ein Schreibfehler beim Namen vor und es sind die gleichen Personen. Sie werden als Bewohner von Neu-Zürichtal genannt. Da Neu-Zürichtal aber erst 1860 gegründet worden sein soll, dürfte wohl eher Zürichtal gemeint sein.
In der Liste der Auslandschweizer in Russland kann man durch Abfragen nach dem Wohnort Zuerichthal (in der Liste so geschrieben) ganz gezielt nach den damaligen Einwohnern dieses Ortes abfragen. Die OGS spart sich diese Fleissarbeit allerdings noch etwas auf und hofft lieber, dass ihr jemand diese Arbeit abnimmt, denn es sind viele hundert Personen. Die Liste findet man unter www.hist.uzh.ch/RSAkomplett.txt Man muss sich allerdings im Klaren sein, dass diese Liste nicht vollständig ist. Es scheint, dass all jene, welche das Schweizer Bürgerrecht aufgaben, nicht in der Liste enthalten sind. Die OGS ist sich aber nicht sicher, ob es auch noch andere Gründe für das Fehlen gewissen Personen in der Liste gibt.
Ausser Zürchern waren auch Luzerner dabei, welche die Reisegruppe allerdings bereits in Wien verliessen, weil sie dort Arbeit fanden. Daneben gab es noch einige Personen aus den Kantonen AG, BE, FR, GL, GR, NE, SO, SG und VD. Diejenigen aus dem Kanton Graubünden könnten mit dem Hinweis auf die Rüde/Rüdi identifiziert sein. Auf der Reise durch Deutschland gesellten sich auch noch Deutsche zu den Auswanderern. Während der ganzen Reise gab es zudem immer wieder welche, die vom Mut verlassen wurden und die Rückreise antraten. Meist wurden diese Lücken aber wieder gefüllt mit Leuten, welche unterwegs neu hinzu kamen. 30 bis 40 Personen starben zudem auf der beschwerlichen Reise, zumeist Kinder, welche an Pocken litten.
Anfänglich wurden die verbliebenen 228 Personen unter recht schwierigen Bedingungen in der Steppe angesiedelt, bis sie dann an Ostern 1805 ins vormals krimtatarische Dorf Dschajlaw Ssaraj nahe der Handelsstrasse von Simferopol nach Feodosija umsiedeln konnten. An dieser Stelle entstand dann am Flüsschen Indol das Schweizer Dorf, welches in Erinnerung an die Herkunft der meisten Auswanderer Zürichtal genannt wurde. Das Leben dieser Auswanderer war anfänglich ziemlich hart, denn die meisten konnten ihren angestammten Beruf nicht mehr ausüben und wurden zu Bauern, was so seine Zeit brauchte, bis sie mit den neuen Umständen vertraut waren.
Die Kolonisten wurden zudem von Heuschreckenplagen, Krankheiten und Missernten heimgesucht. Es sollen in den ersten Jahren gleich Dutzende gestorben sein, gegen 40 allein im Jahre 1812. Die Kolonie wurde 1810 mit 25 Familien, zumeist Katholiken aus anderen Gebieten verstärkt. Nach und nach besserte sich aber die Lage der Kolonisten. Sie züchteten Schafe, betrieben Weizenanbau und übrige Viehzucht, dann auch Obst- und Weinbau. Man errichtete eine Mühle an der Indol, kaufte weiteres Land hinzu und hatte noch den Vorteil, dass alle Einwanderer und deren Nachkommen vom Militärdienst befreit waren. 1848 umfasste Zürichtal bereits 74 Höfe mit zusammen über 32 km² Land. Die Gemeinde gedieh und bekam 1820 ihre erste Kirche. 1822 bekamen die Zürichtaler einen Schweizer Pfarrer, Namens Heinrich Dietrich aus Schwerzenbach, welcher leider schon nach wenigen Jahren verstarb. 1860 erfolgte die Eröffnung einer neuen, grösseren Kirche. Die Schweizer Kolonisten waren mehrheitlich Reformierte, vereinigten sich aber im Laufe der Jahre mit schwäbischen Lutheranern.
Da die Kolonie laufend durch weitere Zuwanderer aus Süddeutschland ergänzt wurde, veränderte sich auch der ursprüngliche Schweizer Dialekt immer mehr zu einer alemannischen Mischsprache, welche näher beim südschwäbischen Akzent lag. Das war nicht zu vermeiden, da die Schweizer zu wenig zahlreich vorhanden waren und die Liebe bekanntlich auch vor Dorfgrenzen keinen Halt macht. Zudem lernten die Einwanderer rasch russisch und tatarisch. Unterrichtssprache in der Schule war aber Hochdeutsch. Die Zahl der Einwohner stieg kontinierlich an. Folgende Zahlen sind bekannt: 1805: 228, 1918: 590, 1926: 738. Während dem Krimkireg von 1853 bis 1856 profitierte Zürichtal, indem es der russischen Armee reichlich Lebensmittel verkaufen konnte. Den Krimkrieg von 1853 überstanden die Zürichtaler fast problemlos. Aus den einst mausarmen Auswanderern war binnen zweier Generationen eine wohlhabende Gemeinde mit einer stattlichen Kirche entstanden.
Die weitere Entwicklung brachte es mit sich, dass die Kolonisten nach und nach russische Staatsangehörige wurden. Das Bewusstsein für die Herkunft der Kolonisten schwächte sich ab. Die Verheiratung mit den viel zahlreicheren deutschen Siedlern führte ebenfalls zu einer Schwächung des Schweizertums. Immerhin erinnerten aber noch 1914 zahlreiche Namen wie Näf, Huber, Vollenweider, Dubs , Äberli und Lüssi daran, woher die Kolonisten stammten. Im Laufe des 1. Weltkrieges wurden dann zahlreiche deutsche Siedler enteignet, wobei wegen der Vermischung der Schweizer mit den Deutschen auf die Schweizer keine Rücksicht mehr genommen wurde. Nach dem Krieg wurden diese Enteignungen zwar wieder rückgängig gemacht, doch brachte die neu eingeführte Kolchosenwirtschaft der Bolschewiken weiteres Ungemach. Etliche Zürichtaler sträubten sich gegen diese Art der Landwirtschaft und wurden mit der Umsiedlung in den Ural bestraft. Bald nach 1930 wurde die Zürichtaler Kirche geschlossen und in ein Kulturhaus umgewandelt, der Kirchthurm wurde gesprengt.
Der zweite Weltkrieg brachte für Zürichtal das Aus. Die Stalin'sche Anordnung, alle Russlanddeutschen als Staatsfeinde zu betrachten und umzusiedeln, umfasste wie schon früher auch die Schweizer. 1941 gab man den Zürichtalern gerade einen Tag Zeit zum Packen, dann wurden sie am 18. August 1941 auf eine beschwerliche Reise nach Kasachstan geschickt, wo sie fortan als Arbeitskräfte auf Kolchosen arbeiten mussten. Auf der Reise dorthin sollen viele gestorben sein.
Die leeren Häuser Zürichtals wurden von Russen und Krimtataren in Besitz genommen. Als die Truppen Hitlers 1942 in der Krim einmarschierten, sollen sie gerade mal 960 Personen registriert haben, welche noch deutsch konnten. 1945 wurden fast alle deutschsprachigen Ortsnamen mit neuen, russischen, ukrainischen oder krimtatrischen Namen versehen. Zürichtal hiess fortan russisch Solotoje Polje oder ukrainisch Solotje Polje. Überlebt haben nur ganz wenige deutsche Ortsnamen, welche für die dortige Bevölkerung unproblematisch in der Aussprache waren.
Von einer Studienreise im Jahre 1942 nach Zürichtal berichtet ein Prof. Künzig, dass er in Zürichtal keine Schweizer Nachkommen mehr antraf. Das ist aber insofern zu relativieren, als vor allem jene Mädchen, welche schon im 19. Jahrhundert einen Einheimischen heirateten, nicht mehr erkannt werden konnten. Viele Schweizer dürften ihren Namen slawisiert haben und ebenfalls unerkannt geblieben sein. Bestes Beispiel ist der Seebacher Nikolai Iwanowitsch Siber, dessen Namen nicht mehr schweizerisch klang. Die Schweizer waren zudem nach spätestens drei Generationen völlig assimiliert, während viele Deutsche den Hang hatten, ihr Deutschtum und vor allem die Sprache über viele Generationen weiter zu pflegen. So dürften vermutlich mehr Schweizer als gedacht in der neuen Heimat geblieben sein und nie als Deportationskandidaten in Frage gekommen sein.
Man kann daher annehmen, dass nur jene Schweizer Nachkommen in den späteren 1930er Jahren, welche sich noch als deutschsprachig ausgaben oder noch einen klar als deutsch erkennbaren Namen trugen, wie Deutsche behandelt wurden und ebenfalls mit in den Osten umgesiedelt wurden. Diese Umsiedlung erfolgte in die wolgadeutsche Republik und nach Kasachstan. Im Fischer Weltalmanach von 1978 kann man unter «Sowjetunion» auf Seite 294 nachlesen, dass um 1970 herum in Russland noch 1.846 Mio. registrierte Deutsche lebten, wovon noch 66.8% ihre Muttersprache beherrschten. Darunter dürften auch einige einstmalige Schweizer sein, welche sich den Deutschen anschlossen und vermutlich noch mehr Schweizerinnen, welche einen Deutschen heirateten.
Im Jahresbericht 2005 des QVS steht auf Seite 2 ganz unten: "Ganz speziell geehrt war der QVS als er Post von der Schweizerischen Botschaft aus Kiew erhielt. Einige Eidgenossen, darunter auch Seebacherinnen und Seebacher, zogen im 19. Jahrhundert ins russische Zarenreich. Eine der beiden Schweizer Siedlungen ist das vor 200 Jahren gegründete Zürichtal. Höhepunkt des Jubiläumsanlasses war die Eröffnung eines Museums, zu welchem der QVS einige Ausstellungsstücke aus der alten Heimat beisteuern konnte." Über Zürichtal gab es einen ausführlichen Artikel im Tages-Anzeiger-Magazin. Siehe auch unter Seebach, andere sowie nach Auswanderung auf die Krim, nach Odessa, Zürichtal etc.. 1990 erfolgte die Restauration der Kirche. Am 17. September 2005 wurde das Zürichtal-Museum in Solotje Polje unter anderem vom heutigen Schweizer Botschafter in der Ukraine eröffnet. Es dokumentiert die über 200-jährige Geschichte Zürichtals. Solotje Polje hat heute über 3500 Einwohner.
Aus urheberrechtlichen Gründen können leider die Fotos vom Tages-Anzeiger-Magazin und jene im Bericht der NZZ von Norbert Rütsche nicht gezeigt werden.
Quellen: - Tages-Anzeiger-Magazin 20.5.1978 - QVS-Jahresbericht 2005 - Kurzchronik über Seebach von Friedrich Vogel, 1845 - Norbert Rütsche, Freiburg i. Br./St. Gallen - Bericht NZZ 10./11.9.2005 - Fischer Weltalmanach 1978 - Wikipedia (Hinweise zum Museum, zu den Kirchen, Einwohnerzahlen und Religionszugehörigkeiten) - Nelli Stürmer (Hinweis zur Familie Rüde aus Neu-Zürichtal) - Valentina Riede aus Deutschland (erwähnt eine Familie Rüdi aus Davos)