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Blauflossen-Tunfisch
Thunnus thynnus
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Da wir Menschen an Land lebende, Luft atmende Geschöpfe sind, ist das Bild, das wir uns von unserem Planeten machen, stark von den Kontinenten geprägt. Dies ist eine sehr egozentrische, verzerrte Sicht der Dinge. In Wirklichkeit leben wir auf einem marinen Planeten, dessen Oberfläche zu mehr als zwei Dritteln von Ozeanen und Meeren bedeckt ist. Dieselben weisen eine durchschnittliche Tiefe von knapp vier Kilometern und damit ein Volumen von unvorstellbaren 1370 Kubikkilometern auf. Grundsätzlich vermag diese gesamte dreidimensionale Wassermasse tierlichen und pflanzlichen Wesen als Lebensraum zu dienen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu den kontinentalen Bereichen der Erde, wo sich das Leben praktisch zweidimensional abspielt, nämlich auf dem Boden und in den unmittelbar darunter und darüber liegenden Schichten. Der marine Teil der irdischen Biosphäre ist aus diesen Gründen um ein Vielfaches grösser als der terrestrische.
Am Beispiel der Wirbeltiere lässt sich das ungleiche Angebot an marinem und an terrestrischem Lebensraum gut erkennen: Die Fische bilden die weitaus grösste Wirbeltiergruppe; weltweit gibt es ungefähr ebenso viele Fischarten wie Amphibien-, Reptilien-, Vogel- und Säugetierarten zusammen, und hinsichtlich der Individuenzahl übertreffen sie die übrigen Gruppen bei weitem.
Von den weltweit rund 26 000 Fischarten gehört der weit überwiegende Teil zu den Knochenfischen. Diese werden in 36 Ordnungen und rund 450 Familien gegliedert. Die grösste Ordnung ist die der Barschartigen (Perciformes), welche rund 150 Familien und 9000 Arten umfasst, von denen etwa 7200 meereslebend sind. Die Barschartigen bilden in allen Ozeanen und Meeren und zudem in vielen tropischen und subtropischen Süssgewässern die bedeutendste Fischgruppe.
Hinsichtlich der Körpergrösse reicht das Spektrum der Barschartigen von ein paar Zentimeter langen Korallenriffbewohnern wie den Anemonenfischen bis hin zu riesigen Hochseefischen, welche mehrere Meter lang und ein paar hundert Kilogramm schwer sind. Die grössten Mitglieder der Ordnung der Barschartigen sind die Tunfische. Und unter diesen der grösste ist der Blauflossen-Tunfisch, von dem hier berichtet werden soll.
Von den Kanaren bis zu den Lofoten
Die Tunfische gehören innerhalb der Ordnung der Barschartigen zur Familie der Makrelen (Scombridae). Diese umfasst rund fünfzig Arten von Makrelen, Bonitos und Tunfischen, welche allesamt Fische der Hochsee und schwergewichtig Bewohner der tropischen und subtropischen Zonen sind. Die Gattung der «eigentlichen» Tunfische (Thunnus)
umfasst - je nach Auffassung - sechs, sieben oder acht Arten. Allgemein anerkannt sind der Weisse Tunfisch (Thunnus alalunga)
, der Grossaugen-Tunfisch (Thunnus obesus)
, der Gelbflossen-Tunfisch (Thunnus albacares)
, der Langschwanz-Tunfisch (Thunnus tonggol)
und der Schwarzflossen-Tunfisch (Thunnus atlanticus)
. Der Blauflossen-Tunfisch (Thunnus thynnus)
, auch Roter Tunfisch oder Gewöhnlicher Tunfisch genannt, ist hingegen ein «Zankapfel» der Taxonomen. Neuerdings wird er meistens in zwei Arten aufgetrennt: erstens den Nördlichen Blauflossen-Tunfisch (Thunnus thynnus)
im Nordatlantik und im Nordpazifik und zweitens den Südlichen Blauflossen-Tunfisch (Thunnus maccoyii)
im südlichen Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozean zwischen ungefähr dem 30. und 50. südlichen Breitengrad. Manche Fachleute betrachten ferner die Population des Blauflossen-Tunfischs im Nordpazifik als eine separate, dritte Art und nennen sie Pazifischer Blauflossen-Tunfisch (Thunnus orientalis)
.
Die Nördlichen, Südlichen und Pazifischen Blauflossen-Tunfische sehen einander jedoch alle sehr ähnlich. Zur Unterscheidung dienen nicht etwa deutliche körperliche Kennzeichen, sondern dient zur Hauptsache das geografische Vorkommen. Zoologisch betrachtet ist die Auftrennung in drei Blauflossen-Tunfischarten darum kaum gerechtfertigt. Wie auch immer: Innerhalb der drei Populationen von Blauflossen-Tunfischen finden sich die grössten aller Tunfische. Von den verlässlich vermessenen Blauflossen-Tunfischen des Nordatlantiks (wo Bermuda, das Ausgabeterritorium der vorliegenden Briefmarken, liegt) mass das längste Individuum beachtliche 459 Zentimeter, während das schwerste 684 Kilogramm auf die Waage brachte.
Wie alle seine Vettern hat der Blauflossen-Tunfisch eine spindelförmige, strömungsgünstige Körperform. Er weist zwei Rückenflossen auf. Zwischen der hinteren Rückenflosse und der Schwanzflosse befinden sich ebenso wie zwischen der Afterflosse und der Schwanzflosse sieben bis zehn dreieckige Flössel, welche aus Strahlen der zweiten Rücken- bzw. der Afterflosse hervorgegangen sind. Die Schwanzflosse ist sichelförmig und sehr symmetrisch gebaut.
Die drei Populationen von Blauflossen-Tunfischen haben insgesamt ein überaus weites Verbreitungsgebiet. Im Unterschied zu den Gelbflossen-, Schwarzflossen- und Langschwanz-Tunfischen, welche vornehmlich tropische und warme subtropische Gewässern bewohnen, weisen die Blauflossen-Tunfische in den kühleren Gewässern der gemässigten Klimazone die dichtesten Bestände auf. Im östlichen Nordatlantik reicht das Verbreitungsgebiet von den norwegischen Lofoten bei fast 70 Grad nördlicher Breite südwärts bis zu den spanischen Kanaren und umfasst auch das Mittelmeer und das südliche Schwarze Meer. Im westlichen Nordatlantik erstreckt es sich vom kanadischen Labrador südwärts bis nach Venezuela und schliesst den Golf von Mexiko und das Karibische Meer mit ein.
Minischuppen erzeugen Mikroturbulenzen
Blauflossen-Tunfische sind schneidige und unermüdliche Langstreckenschwimmer. Je mehr die Wissenschaftler über die Hydrodynamik, also die physikalischen Gesetzmässigkeiten der Wasserbewegung, herausfinden, desto deutlicher zeigt sich, wie perfekt sich die Tunfische im Laufe ihrer Stammesgeschichte an dieses Medium angepasst haben. Ein paar Beispiele solcher Anpassungserscheinungen sollen hier kurz angesprochen werden.
Effizientes Schwimmen basiert auf der Maximierung der vorwärts treibenden Kraft einerseits und der Minimierung des Widerstands, also der bremsenden Wirkung des umgebenden Wassers, andererseits. Die Spindelform des Tunfischkörpers sowie das Verhältnis der Körperlänge zur Körperdicke entsprechen praktisch genau dem physikalischen Optimum für einen minimalen Widerstand.
Schuppen fehlen den Tunfischen bzw. sind am Vorderkörper zu einem Panzer zusammengewachsen. Nur dort, wo der Körper am dicksten ist, knapp hinter den Brustflossen, finden sich gürtelförmig sehr kleine Schuppen in der Haut. Man geht heute davon aus, dass deren Aufgabe ist, winzige Verwirbelungen im Wasser, so genannte Mikroturbulenzen, zu erzeugen, welche dafür sorgen, dass der Wasserstrom auch im hinteren, sich verjüngenden Körperbereich nicht von diesem abreisst. Anderenfalls würden sich dort nämlich grössere Wirbel bilden, welche eine deutliche Bremswirkung hätten.
Die Flössel am Körperende bewirken, dass kein Wasser von der einen Seite auf die andere Seite strömt und verhindern so - zusammen mit dem seitlichen Längskiel am Schwanzstiel - ein Schlingern des Fischs bei hohen Schwimmgeschwindigkeiten.
Die Brustflossen, welche bei geringer Schwimmgeschwindigkeit als Steuerruder dienen, werden ebenso wie die erste Rückenflosse und die Bauchflossen bei hoher Geschwindigkeit in Mulden am Körper versenkt und unterstützen so die Stromlinienform des Körpers.
Die Schwimmbewegung selbst ist sehr effizient. Praktisch der gesamte Vortrieb stammt aus Seitwärtsbewegungen der sichelförmigen Schwanzflosse. Die dünne Verbindung zwischen Körper und Schwanzflosse hat zur Folge, dass sich praktisch nur letztere bewegt, während der Körper ziemlich starr bleibt. Der Fisch bewegt sich darum nicht «schlängelnd», sondern sehr gerade durch das Wasser, wodurch die Bremswirkung des Wassers weiter vermindert wird.
Soviel zur Minimierung des Widerstands. Betreffend Maximierung des Antriebs verfügen die Tunfische erwartungsgemäss über kraftvolle Muskelpakete, um die Schwanzflosse zu betätigen. Hinzu kommt, dass insbesondere die stark durchbluteten und darum rot gefärbten Seitenmuskeln, die im Körperinnern zu beiden Seiten der Wirbelsäule liegen, aufgrund der speziellen Struktur ihrer Fasern viel Wärme erzeugen, und dass ein komplexes Blutgefässsystem dafür sorgt, dass diese Wärme nicht ungenutzt verloren geht, sondern dem Hirn, den Augen und anderen wichtigen Organen zugeführt wird und deren Leistungsfähigkeit anhebt. Tatsächlich sind die Tunfische die einzigen Knochenfische, welche die Wärme im Inneren ihres Körpers einigermassen konstant und damit deutlich über der Temperatur des umgebenden Wassers zu halten vermögen. Man kann sie als warmblütig bezeichnen, was zwar für die Vögel und die Säugetiere charakteristisch ist, bei den übrigen Wirbeltieren jedoch nur noch bei der Lederschildkröte (Dermochelys coriacea)
und gewissen Haiarten vorkommt.
Das Ausmass der Warmblütigkeit ist bei den verschiedenen Tunfischarten unterschiedlich. Den höchsten Stand haben die Blauflossen-Tunfische erreicht: Sie vermögen ihre Seitenmuskeln konstant um rund 20 Grad Celsius wärmer als das umgebende Wasser zu halten. Es ist diese erstaunliche Fähigkeit, welche es den Blauflossen-Tunfischen erlaubt, kühlere Gewässer zu besiedeln und zu nutzen als ihre Vettern.
Höchstgeschwindigkeit 70 Kilometer je Stunde
Dank der genannten körperlichen Anpassungen vermögen die Blauflossen-Tunfische zum einen weite Strecken mit hoher Geschwindigkeit zurückzulegen. Neuere Studien, bei denen die Streifzüge besenderter Individuen per Satellit verfolgt wurden, haben gezeigt, dass die grossen Fische in nur vierzig Tagen den gesamten Atlantik zu durchqueren vermögen. Zum anderen können sie über kurze Strecken hinweg beachtliche Spitzengeschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern je Stunde erreichen.
Wie alle ihre Vettern sind die Blauflossen-Tunfische zünftige Raubtiere. Sie bejagen praktisch alle Meerestiere, denen sie begegnen und welche kleiner sind als sie selbst. Kleinere Schwarmfische, die sich in den lichten Wasserschichten nahe der Meeresoberfläche umherbewegen, bilden die Hauptbeute, denn bei der Jagd verlassen sich die Tunfische vor allem auf ihre leistungsfähigen Augen.
Die Blauflossen-Tunfische sind - von besonders grossen Individuen abgesehen - gesellige Tiere. Sie bilden kopfstarke Schwärme vor allem mit ihresgleichen zusammen, vergesellschaften sich aber mitunter auch mit anderen Tunfischarten. Stets setzen sich die Schwärme aus ungefähr gleich grossen Tieren zusammen. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens vermögen ähnlich grosse Individuen mit derselben Geschwindigkeit zu schwimmen, so dass die Schwärme bei ihren Streifzügen nicht auseinander fallen. Zweitens - und vor allem - sind Tunfische dem Kannibalismus nicht abgeneigt. Würden sich Tunfische unterschiedlicher Grösse zu Schwärmen formieren, so würden die kleineren Individuen über kurz oder lang den grösseren zum Opfer fallen.
Blauflossen-Tunfische streifen nicht nur bei ihren Jagdzügen weit umher, sondern unternehmen - zumindest in gewissen Regionen - auch regelmässige jahreszeitliche Wanderungen, welche von den Jagdgründen zu den Laichplätzen und später wieder zurück führen, also im Dienst der Fortpflanzung stehen.
Im Nordatlantik sind vom Blauflossen-Tunfisch nur zwei Laichgebiete bekannt. Sie befinden sich an den Küsten des Mittelmeers einerseits und des Golfs von Mexiko andererseits. Im Mittelmeer erfolgt die Fortpflanzung jeweils von Juni bis August, im Golf von Mexiko von April bis Juni.
Die weiblichen Blauflossen-Tunfische sind überaus fruchtbar. Grosse, rund 300 Kilogramm wiegende Individuen können bis zu zehn Millionen Eier in einer einzigen Saison ablaichen. Die Befruchtung der Eier erfolgt wie bei Fischen üblich nicht im mütterlichen Leib, sondern gleich nach dem Ablaichen im freien Wasser, und die Eier erhalten keinerlei elterliche Betreuung. Die kleinen, nur 1 bis 1,2 Millimeter grossen Eier treiben zunächst mit den Meeresströmungen dahin. Nach zwei bis drei Tagen schlüpfen daraus vier Millimeter lange Larven, welche den erwachsenen Fischen überhaupt nicht ähnlich sehen und ebenfalls planktonisch leben. Sie sind sehr schnellwüchsig und verwandeln sich im Laufe von bloss vier Wochen zu schwimmfähigen Miniaturausgaben ihrer Eltern. Noch im Spätherbst wandern die überlebenden Jungfische aus den Küstengebieten ab und begeben sich schwarmweise auf die Nahrungssuche im offenen Meer. Im Alter von vier bis fünf Jahren erreichen sie die Geschlechtsreife. Die natürliche Lebenserwartung liegt bei ungefähr fünfzehn Jahren.
Das wertvollste Lebewesen der Erde
Tunfische sind begehrte Speisefische. Weltweit werden Jahr für Jahr etwa sechs Millionen Tonnen Tunfisch gefangen und verarbeitet. Die sehr hohe Fortpflanzungsrate bedeutet zwar, dass die eleganten Hochseefische ein hohes Mass an Nutzung zu verkraften vermögen. Doch auch ihrer «Widerstandskraft» sind Grenzen gesetzt. Dies zeigt sich besonders deutlich beim Blauflossen-Tunfisch, der zu den begehrtesten Tunfischen und damit zu den begehrtesten Meeresfischen überhaupt gehört. Für grosse Individuen wird unter Umständen (hauptsächlich für die Verwendung in der japanischen Küche) ein Preis von mehreren zehntausend US-Dollar bezahlt, weshalb der Blauflossen-Tunfisch manchmal als «das wertvollste Lebewesen der Erde» bezeichnet wird.
Der Fangdruck ist dementsprechend massiv. Zwar gibt es verschiedene internationale Abkommen zum Schutz der Blauflossen-Tunfischbestände, doch werden sie kaum beachtet, da der Vollzug solcher Übereinkommen auf hoher See kaum durchführbar ist und die enormen Gewinne alle Skrupel vergessen lassen.
Aufgrund der extremen Nachstellungen sind die Populationen der Blauflossen-Tunfische inzwischen weltweit zusammengebrochen. Im Nordatlantik sind sie allein in den letzten Jahrzehnten um bis zu neunzig Prozent vermindert worden. Es wird allgemein befürchtet, dass die Bestände alsbald unter jenes berüchtigte Niveau sinken oder teils sogar bereits gesunken sind, welches selbst bei sofortiger Einstellung jeglichen Fangs eine Regeneration nicht mehr zulässt. Dieses Phänomen des «irreversiblen Kollapses» wurde bereits bei anderen Meerestieren beobachtet, so beim Kabeljau oder Dorsch (Gadus morhua)
im westlichen Nordatlantik und beim Blauwal (Balaenoptera musculus)
auf der Südhalbkugel. Leider gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass der Fangdruck auf die Blauflossen-Tunfische nachlässt - im Gegenteil.
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