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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

IV. Rede
75.
Hatte Julians liberale Regierung, sein Nachlaß von Steuern und Abgaben, seine Auswahl der Beamten, sein Einschreiten gegen Diebe und, was sonst noch auf kurze Zeit und einen Moment Glück bringt und Aufsehen erregt1, der Gesamtheit großen Nutzen verschaffen können? War es notwendig, daß unsere Ohren vom Lobe hierüber surrten? Haben die Aufstände des Volkes und der Städte, die Streitigkeiten unter den Familien, die häuslichen Zwistigkeiten, die ehelichen Differenzen, die alle selbstverständlich der schlimmen Tat Julians folgen mußten und tatsächlich auch reichlich gefolgt waren, ihm viel Ehre und dem Volke Sicherheit gebracht? Wer ist so sehr zu Gottlosigkeit geneigt und entbehrt so sehr des einfachsten Denkens, daß er diese Fragen mit ja beantworten möchte? Gleichwie dann, wenn in einem Körper ein oder zwei Glieder kränklich sind, doch die übrigen Teile nicht darunter leiden, sondern das Gut der Gesundheit gerade durch den größeren (gesunden) Teil erhalten bleibt, der schließlich auch jene Glieder wieder gesunden läßt, dann jedoch, wenn der größere Teil sich auflehnt und krank wird, keine Möglichkeit besteht, den ganzen Körper vor Krankheit [S. 118] zu bewahren, und die Gefahr nunmehr dadurch gewiß geworden ist, ebenso können in einem Staate einzelne Unpäßlichkeiten durch eine gesunde Masse abgewendet werden, während das Ganze in Gefahr ist, wenn der größere Teil leidet. In der jetzigen Zeit, da das Christentum solche Fortschritte gemacht hat, dürfte wohl auch einer, der uns von ganzer Seele haßt, dies einsehen. Allerdings, Julians Frevel verdunkelte den Verstand, so daß er auf Verfolgung sann, ob sie nur wenige oder viele traf.
1: Gewisse Vorzüge Julians werden auch von Christen bestätigt wie von Ambrosius, der in De obitu Valentiniani consolatio 21 die Dankbarkeit der Untertanen gegen Julian erwähnt, oder von dem Dichter Prudentius, der in Apotheosis 449 ff. Julian einen Hüter des Reiches, Wahrer des Rechtes und treuen Diener des Staates nennt.