Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/2541

Interview
«Liebe ist in jedem Alter schwierig»
Sie war ein Pornostar in «Boogie Nights» und die schräge Walküre im Kultfilm «The Big Lebowski». Doch meist wird Julianne Moore (58) für melancholische Rollen gebucht. Zum Start der Tragikomödie «Gloria Bell» spricht sie über Liebe, Nacktszenen und das Altern in Hollywood.
Die Spätzünderin
Oscar-Gewinnerin 2015
Geboren in Fort Bragg (Kalifornien) am 3. Dezember 1960, schaffte Julianne Moore ihren Durchbruch in Hollywood erst in den 90er-Jahren. Einem breiteren Publikum wurde sie 1995 bekannt, als sie Hugh Grants (58) schwangere Freundin in «Nine Months» spielte. Die fünfte Nominierung brachte ihr 2015 den ersten Oscar für ihre Titelrolle im Alzheimer-Drama «Still Alice». Moore ist in zweiter Ehe mit dem Regisseur Bart Freundlich (49) verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder: Caleb (22) und Liv (17).
Begegnungen mit Hollywood-Stars sind unvorhersehbar. Vor allem, wenn man den letzten Einzeltermin am Ende eines zweitägigen Interview-Marathons hat. Das Warten im Londoner Nobelhotel wird zur Nervenprobe. Da hilft nicht, wenn ein deutscher Kollege vom Interview zurückkommt und sagt: «Ich hatte schon viele Interviews mit Julianne, und sie war immer super. Aber heute war es echt schwierig.» Ist es da wirklich clever, sie auf ihre Nacktszenen anzusprechen?
Julianne Moore, Sie sind erfolgreich, beliebt und haben eine Familie. Ihre Titelfigur in «Gloria Bell» ist geschieden und einsam.Was haben Sie mit ihr gemeinsam?
Puh, schwierig. Ich glaube, wir sind beide ziemlich optimistisch. Zumindest bin ich das. Und ich mag Menschen. Ich mag es, mit Menschen zu reden. Ich glaube, das haben wir gemeinsam.
Was macht Romantik ab 50 so schwierig?
Ich glaube, die Liebe ist in jedem Alter schwierig. Fragen Sie mal meine 17-jährige Tochter! Schon die erste Begegnung mit jemandem, den du genug magst, um dich mit ihm einzulassen, ist eine Herausforderung. Dann musst du diese Beziehung steuern, beide müssen dasselbe gleichzeitig wollen … Und schliesslich die Fragen, wenn du wirklich mit ihm zusammen bist: Wie entwickelt sich das? Werden wir für immer zusammen sein? Der Unterschied ist das Alter: Je älter du wirst und je mehr Erfahrung du hast, desto differenzierter sind deine Erwartungen.
Gloria Bells Geschichte ist kurz gesagt, mit zunehmendem Alter immer einsamer zu werden.
Wirklich? Das ist interessant, weil ich das gar nicht so empfunden habe, sondern viel positiver. Jemand hat kürzlich gesagt, der Film sei wie ein Rorschach-Test: Jeder sieht etwas anderes darin. Die Intimität und die Nähe bringt wohl jeden dazu, etwas Persönliches darin zu sehen. Aber dafür sind Filme auch da. Es spielt keine Rolle, was ich denke.
Nun, für uns schon! Das Altern ist aber ein Thema im Film. Wie gehen Sie selbst mit dem Älterwerden um?
Das Wichtigste ist, dass man jede Phase des Lebens bewusst lebt. Man muss ganz bei sich sein und das Leben leben, das man will.
In Hollywood war es lange so, dass Schauspielerinnen ab 40 Mühe hatten, Rollen zu bekommen. In den letzten Jahren änderte sich das. Warum ist das so?
Das sehe ich auch so. Es wurde viel interessanter. Es ist eine Nachfrage nach diesen Filmen entstanden. Die Leute wollen im Kino viele verschiedenartige Menschen sehen und vor allem echte Geschichten. Wenn eine Geschichte die Welt, in der wir leben, nicht repräsentiert, dann wird sie weniger interessant. Und die Filmemacher haben verstanden, dass wir unterschiedliche Menschen sehen wollen, Menschen aus verschiedenen Kulturen, verschiedenen Geschlechts, unterschiedlichen Alters und verschiedener Rasse. Es besteht ein Hunger nach Diversität im Kino.
Wenn wir schon bei der Oberflächlichkeit sind: Was ist wahre Schönheit für Sie? Ist sie alterslos?
Ich weiss nicht. Man muss etwas oder jemanden lieben, um es oder ihn schön zu finden. Ohne emotionalen Bezug geht das nicht. Echte Schönheit muss mit Gefühlen verbunden sein.
Was halten Sie von Schöhnheitsoperationen?
Ich finde, das ist eine absolut persönliche Entscheidung. Schreiben Sie für ein Frauenmagazin?
Nein, für ein Konsumentenmagazin. Aber jetzt wirds noch ganz persönlich: Sie sind nun 58-jährig und machen immer noch Nacktszenen – wie in Ihrem aktuellen Film. Fühlen Sie sich dabei noch wohl?
Bei der Liebesgeschichte von Arnold und Gloria war uns wichtig, dass das Publikum das Gefühl hat, etwas Echtem zuzuschauen. Wir wollten authentisch sein, da gehören Nacktszenen halt einfach dazu. Keine Szene sollte sich falsch anfühlen, sonst hängt der Zuschauer emotional ab. Das steht über allem.
Uff, das ging ja besser als erwartet …
Nicht wie in vielen Filmen, in denen die Frauen sich immer gleich das Leintuch unter die Arme klemmen.
Genau. Das ist doch völlig unrealistisch.
Im Film mussten Sie sich nicht nur ausziehen, sondern auch allein tanzen und singen. Wie war das für Sie?
Nicht einfach, denn wie soll man möglichst unbewusst tanzen? Und dann erst das Singen, zum Beispiel im Auto: Ich hörte, wie ich zum Teil völlig falsch sang, musste das aber ausblenden – mit einer ganzen Kamera-Crew vor dem Auto und drei Leuten auf dem Rücksitz. Und ich war die Einzige, die über einen Knopf im Ohr die Musik hörte! (Lacht.)
Sie haben schon viele Frauen verkörpert, vom Pornostar bis zur Alzheimer-Patientin – welche Figur steht noch auf Ihrer To-do-Liste?
So denke ich nicht. Dieses Business ist so schwer zu planen. Du kannst nichts kontrollieren, weil du wirklich keine Ahnung hast, was kommen wird. Dir bleibt nichts anderes übrig, als offen für alle Möglichkeiten zu sein. Ich weiss nur, dass ich nicht noch einmal machen möchte, was ich schon einmal gespielt habe. Und ich suche nach wirklich interessanten Drehbüchern.
Ein Drama kann einen runterziehen. Als Zuschauer tritt man aus dem Kino und denkt: Gott sei Dank habe ich nicht diese Probleme! Können Sie als Schauspielerin auch so einfach aus einer Rolle treten?
(Lacht.) Ich habe Kinder. Wenn ich bei der Arbeit bin, bin ich bei der Arbeit, zu Hause ist mein eigenes Leben. Für mich ist sehr wichtig zu wissen, wo die Rolle endet und das eigene Ich beginnt.
Julianne Moore, wir danken Ihnen für das Gespräch.