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Brunos Tramnotizen – N°59
Der Herr in modischem casual Look war sichtlich nervös, stand von einem Bein aufs andere, strich sich fortwährend mit seiner Rechten zittrig durch die Haare, schaute dabei die Frau neben ihm ununterbrochen an, als wollte er sie ansprechen, allerdings, so schien es, fehlte ihm der Mut dazu. Als der 4er am Stadelhofen hielt, stieg er direkt nach der Frau ein, setzte sich vis-à-vis zu ihr. Die Frau, Mitte dreissig, in elegantem Deuxpièce und roten Pumps mit hohen Absätzen, gab sich gelassen, zog lediglich ihre teure Umhängetasche von Louis Vuitton etwas an sich und liess ihre Sonnenbrille, die sie sich ins Haar gesteckt hatte, auf die Nase herabgleiten. Sie hatte den Mann längst bemerkt, es störte sie nicht, dass er sie dermassen unverschämt anstarrte, es sah vielmehr aus, als würde sie es ein kleinbisschen geniessen. Der Mann versuchte es erst mit einem verlegenen Lächeln. Es nutzte nichts. Schliesslich nahm er all seinen Mut zusammen, hüstelte künstlich und konstatierte kleinlaut, dass sie sich doch kennen würden, ihr Vater sei Immobilienmakler, sie hätten sich anlässlich der Geschäftseröffnung im Prime Tower kurz begrüsst... er sei der Innenarchitekt. Die Frau nahm ihre Sonnenbrille ab, steckte sie ins Haar, musterte den Herrn ohne mit der Wimper zu zucken, sagte nichts. Der Mann fuhr auch gleich weiter, sie sei doch Industriedesignerin, ja, er habe schon Sachen von ihr gesehen, also den extrem futuristischen Staubsauger oder die revolutionäre Fernbedienung zum Beispiel..., das sei schon sehr beeindruckend. Die Frau schüttelte verneinend den Kopf, wollte ihn unterbrechen, aber der Mann kam jetzt erst richtig in Fahrt. Ach ja, und sie fahre einen Tesla, ein tolles Auto, wirklich, und sie hätte die gleiche Vorliebe für Musik wie er, sie möge Opern... Die Frau winkte konsterniert ab, versuchte den Mann in seinem Redeschwall zu stoppen - vergeblich. ...Und da seien noch die Pferde, er möge sie auch, fuhr der Mann fort... Nun lehnte sich die Frau zurück, begann milde zu lächeln, sagte dann ziemlich laut einfach nur noch Stopp! Der Mann gehorchte blitzartig, sein Mund blieb zwar offen, aber er schwieg. Die Frau atmete tief durch, sagte, sie habe es schon seit Wochen bemerkt, dass er sie immer charmant anlächle, wenn sie sich auf der Strasse begegnen, und ja, ihr Vater sei Immobilienmakler, und es stimme, sie hätten sich bei dem besagten Anlass im Prime Tower kurz gesehen, das sei ja alles okay. Nur recherchiert habe er ziemlich unsorgfältig, denn alles was er da scheinbar über sie wisse, das sei nicht sie, das sei ihre Schwester. Die Frau stand auf, lachte und sagte, er könne es ja nochmals versuchen, und wenn er nicht weiterkäme, solle er sie das nächste Mal einfach ansprechen, sie heisse Christina. Die Frau reichte ihm ihre Karte, stieg an der Höschgasse aus, der Mann sass fassungslos da, bleich, die Karte hielt er mit beiden Händen fest, den Mund brachte er nicht mehr zu.
4. April 2016