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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität
9. Kapitel. Die bildliche Ausdrucksweise in unserer Gotteserkenntnis.
15. Diese Ausführungen machte ich wegen des Apostelwortes, daß wir jetzt im Spiegel sehen. Wenn er aber hinzufügt: „in Rätselbildern“,1 so ist diese Ausdrucksweise vielen unverständlich, weil sie die Wissenschaft nicht kennen, in der die Lehre von jenen Redefiguren behandelt wird, welche die Griechen Tropus nennen — auch wir verwenden dieses griechische statt des lateinischen Wortes. Wie nämlich der Ausdruck Schema gebräuchlicher ist als der Ausdruck Figur, so ist auch der Ausdruck Tropus gebräuchlicher als der Ausdruck [S. 273] Weise. Die Bezeichnungen für die einzelnen Weisen und Tropen aber im Lateinischen wiederzugeben, so daß die Worte einander genau entsprechen, ist äußerst schwer und ganz ungewohnt. Daher haben manche unserer Übersetzer für das Wort des Apostels: „Das ist allegorisch (bildlich) zu verstehen“,2 da sie das griechische Wort nicht beibehalten wollten, in ihrer Übertragung eine Umschreibung gewählt und gesagt: „Wobei eine Wahrheit durch eine andere ausgedrückt wird“. Dieser Tropus, nämlich die Allegorie, hat mehrere Abarten, zu denen auch das gehört, was wir Rätsel heißen. Der Wesensinhalt einer allgemeinen Bezeichnung muß nun auch alle Arten umfassen. Wie sonach jedes Pferd ein Lebewesen ist, nicht aber jedes Lebewesen ein Pferd, so ist jedes Rätsel eine Allegorie, nicht aber jede Allegorie ein Rätsel. Was anderes also ist eine Allegorie als ein Tropus, bei dem die Aussage über eine Wirklichkeit von einer anderen gemeint ist,3 wie es in dem Worte an die Thessaloniker ist: „Wir wollen daher nicht schlafen wie die übrigen, sondern wachsam und nüchtern sein. Denn die schlafen, schlafen in der Nacht, und die trunken sind, sind in der Nacht betrunken. Wir aber, die wir dem Tage angehören, wollen nüchtern sein.“4 Aber diese Allegorie ist kein Rätsel. Ihr Verständnis liegt nämlich außer für ganz schwerfällige Geister auf der Hand. Das Rätsel aber ist, um es kurz zu erklären, eine dunkle Allegorie, so in dem Satz: „Blutsaugerinnen waren die drei Töchter“,5 und in ähnlichen Aussagen. Wo aber der Apostel von der Allegorie spricht, da findet er sie nicht in Worten, sondern in einem Sachverhalt, da er zeigte, daß unter den zwei Söhnen Abrahams, von denen der eine von der Magd, der andere von der Freien war — es handelt sich da nicht um ein [S. 274] Wort, sondern um einen Sachverhalt ―, die zwei Testamente zu verstehen sind. Bevor er dies auseinandersetzte war es unklar. Mithin könnte diese Allegorie — das ist ein Gattungswort — mit dem Sonderwort Rätsel bezeichnet werden.
16. Weil aber nicht nur jene, welche die Bücher nicht kennen, aus denen man den Tropus kennenlernen kann, fragen, was der Apostel mit dem Worte meinte, daß wir jetzt in Rätselbildern sehen, sondern auch jene, die sie kennen, jedoch zu wissen begehren, was das für ein Rätselbild ist, in dem wir jetzt sehen, so muß man aus den beiden Angaben des Apostels seine einheitliche Meinung herausfinden, aus der Angabe nämlich: „Wir sehen jetzt im Spiegel“ und aus der anderen, die er hinzufügt: „und in Rätselbildern“.6 Es ist nämlich nur eine einzige Aussage, da sie als ganzes so lautet: „Wir sehen jetzt im Spiegel und in Rätselbildern.“ Wie er also, wie mir scheint, mit dem Worte Spiegel das Bild verstanden wissen wollte, so wollte er mit dem Worte Rätselbild die Ähnlichkeit verstanden wissen, aber eine dunkle, dem Verständnis schwer zugängliche. Da also unter der Bezeichnung Spiegel und Rätselbild irgendwelche vom Apostel gemeinte Ähnlichkeiten verstanden werden können, welche geeignet sind, zur Einsicht Gottes zu führen, so wie er erkannt werden kann, so ist doch nichts geeigneter als das, was mit Grund sein Bild genannt wird. Niemand soll sich daher wundern, daß auch diese Weise zu sehen, die uns in diesem Leben gewährt ist, das Sehen nämlich im Spiegel und in Rätselbildern, mühsam ist, und daß wir uns mühen müssen, um auf irgendeine Weise zu sehen. Es würde ja hier nicht das Wort Rätsel erklingen, wenn es um dies Sehen etwas Leichtes wäre. Ja, es ist ein größeres Rätsel, warum wir nicht sehen, daß wir gar nicht sehen können. Wer sieht denn seine Gedanken nicht, und wer sieht seine Gedanken wirklich, ich sage nicht mit den [S. 275] Fleischesaugen, sondern mit dem inneren Blicke? Wer sieht sie nicht und wer sieht sie? Ist doch der Gedanke eine Art Schau der Seele, mag vor ihr stehen, was man auch mit den Leibesaugen sehen oder mit den übrigen Sinnen wahrnehmen kann, mag es nicht vor ihr stehen und dessen Bild im Denken geschaut werden, mag nichts Derartiges, sondern das gedacht werden, was weder körperlich ist noch Bild von Körperlichem, wie die Tugenden und Laster, wie schließlich auch der Gedanke selbst gedacht wird, mag das, was in der Schule und in den freien Künsten gelehrt wird, mögen die höheren Ursachen von all dem und seine Wesensgründe in der unwandelbaren Natur gedacht werden, mögen wir selbst Böses und Eitles und Falsches denken, sei es daß wir dabei die Willenszustimmung versagen, sei es daß wir uns zur Zustimmung verirren.
1: 1 Kor. 13, 12.
2: Gal. 4, 24.
3: Vgl. K. Borinski, Deutsche Poetik. Sammlung Göschen Nr. 40.
4: 1 Thess. 5, 6―8.
5: Sprichw. 30, 15.
6: 1 Kor. 13, 12.