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«Franz, du musst doch diesmal dick werden…»
Mit Franz Kafka zu Tisch
Autorin: Beatrice Eichmann-Leutenegger
Wenn die Familie Kafka am Esstisch sass, blieben Spannungen nicht aus. Dem Vater gefiel die deftige böhmische Küche, die Menge des Fleischkonsums galt für ihn als Zeichen des Wohlstands. Sein Sohn Franz dagegen begnügte sich mit Nüssen, Früchten und Salatblättern, «fletcherte» zudem nach der Methode des Arztes Horace Fletcher, das hiess: nur kleine Bissen nehmen und sie bis dreissigmal kauen. Jede Woche buk die Köchin Anna Pouzarovà für ihn einen Gugelhopf nach dem Rezept des reformfreudigen Dresdner Arztes Dr. Lahmann, der aus Mehl, Eiern, Zitronensaft und Zucker bestand.
Franz Kafkas Einstellung zur Ernährung, der er (über)grosse Bedeutung zumass, mahnt an die Muster aktuellen Essverhaltens. Er wurde geprägt durch die Leitsätze der Lebensreformbewegung um 1900, die auch in der Schweiz ihren Niederschlag fanden (Monte Verità oder Dr. Max Bircher-Benner). Der Dichter aus Prag war Vegetarier und verspürte beim Konsum von Fleisch grösstes Unbehagen; dagegen pries er etwa 1910 das Glück in einem vegetarischen Restaurant, wo er eine Griessspeise mit Himbeersaft bestellt hatte. Jedoch rühmte er während seines Aufenthalts in Marienbad, den er im Juli 1916 mit seiner Verlobten Felice Bauer verbrachte, unbekümmert den Genuss von Kaiserbraten. Es waren für ihn seltsam glückliche Tage, wie er sie nicht mehr erhofft hatte, und man gewinnt den Eindruck, dass sein Essverhalten eng mit seiner psychischen Befindlichkeit zusammenhing.
Aber auch die äusseren Umstände trugen dazu bei, dass Franz Kafka kein ungestörtes Verhältnis entwickeln konnte. Schon der Knabe, ein zartes Kind mit empfindlichem Magen, bedurfte der Schonung. In den Jahren 1914-1918 litt die Prager Bevölkerung arg unter dem kriegsbedingten Lebensmittel-Mangel. Zwar erhielt die Familie Kafka Nahrungspakete aus Zürau, wo die jüngste Tochter Ottla im Landwirtschaftsbetrieb ihres Schwagers arbeitete. Der Ausbruch der Tuberkulose im August 1917 zwang Franz Kafka zu wiederholten Sanatoriumsaufenthalten. Die Therapie stützte sich damals auf Licht- und Luftbäder sowie auf die sog. Mastkuren, die täglich Butter, Milch und Rahm verschrieben. Die fettreiche Ernährung sollte das Gewicht der Patienten heben.
Im Fall Kafkas war dieses ein Dauerproblem. Bei einer Körpergrösse von 1,81 wog er 1907, vor Stellenantritt bei den «Assicurazioni generali», 61 kg, wie der Amtsarzt protokollierte. «Franz, du musst doch diesmal dick werden, begreife es endlich», schreibt der Freund Max Brod am 6. Januar 1921 in grösster Sorge, da das Körpergewicht stetig sinkt. Er missbilligt den Eigensinn des Dichters, der sich nicht an die Kur-Anweisungen hält. In der Korrespondenz mit Max Brod, einem eminenten Zeugnis der Freundschaft, offenbart sich Franz Kafka mit seinen physischen Nöten wie nirgends sonst. Dramatisch spitzt sich die Lage zu, als er ausgerechnet im September 1923 nach Berlin zieht, wo Nahrungsmittelknappheit und eine exorbitante Teuerung herrschen. Kafkas Eltern schicken Geld und Butter, der Dichter selbst steht täglich mit einer Kanne um Milch an. Im April 1924, zwei Monate vor seinem Tod, wiegt er noch 50 kg. Am Ende kann er wegen der Kehlkopftuberkulose nichts mehr essen und kaum noch etwas trinken.
Er ist – unfreiwillig - Hungerkünstler geworden, wie er ihn zur Titelfigur seiner Erzählung aus dem Jahr 1921/22 erhoben hat. Ein beim Zirkus tätiger Mann verweigert die Nahrung und magert stetig ab, was das Publikum vorerst als Sensation wahrnimmt - seit 1880 galt das «Schauhungern» als Attraktion - , bis es kaum noch reagiert und sogar einen Schwindel vermutet. Am Ende fragt man den Mann, der in seinem Käfig liegt, warum er nicht mehr gegessen habe. Er lächelt und lispelt mit letzter Kraft: «Weil ich hungern muss, ich kann nicht anders (…), weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt…». Überzeugt hungert er weiter – bis zum Tod auf der Suche nach der richtigen, der wahren Speise. Von ihr aber spricht Jesus in seiner Rede über das Himmelsbrot in der Synagoge von Kafarnaum (Joh 6, 48 ff.).
Auch im Ranft lebte von 1467 bis 1487 ein «Hungerkünstler», Niklaus von Flüe. Als ihn der Konstanzer Weihbischof Thomas Weldner 1469 zum Essen zwang, um mit dieser Gehorsamsprüfung herauszufinden, ob nicht ein Schwindel vorliege, verspürte Bruder Klaus heftige Übelkeit. Er hungerte bis zu seinem Ende, und von seinem Antlitz ging ein eigentümlicher Glanz aus, der die Besucher bannte.
Max Brod/Franz Kafka: Eine Freundschaft. Briefwechsel. S. Fischer-Taschenbuch 1989
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