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«Missverständnisse» (1)
Das Tal war nicht immer so arm, wie es heute ist. Zur Zeit, als die Strohindustrie noch blühte, war es sogar hablich.
Von damals stammen die paar guten, alten Häuser mit den zierlichen Loggien, die hübschen Dorfbrunnen; von damals die in Marmormosaik eingelegten Altäre der Kirchen und die reichverzierten Kanzeln mit der goldenen Taube des Heiligen Geistes darüber. Auch die kühne Strasse, an der seit ihrer Erbauung kaum etwas zu verbessern war, wurde damals angelegt. Man sagte, damit das Geld den Weg ins Tal finde, doch kam es so, dass auf ihr das Geld das Tal verliess.
Zu jener Zeit jedoch stand alles gut. Jedes Fleckchen Erde war mit Getreide angesät. Es gedieh. Die Körner ergaben kräftiges Mehl. Aber nicht deshalb wurde Getreide angebaut, sondern wegen des Strohs, das, geschält und gebleicht, sich zu besonders geschmeidigen Borten verarbeiten liess. Jeden Abend, solange der Winter dauerte, kamen die Leute in einem der grösseren Häuser zusammen; Frauen und Mädchen sassen, eine neben der andern, auf der Küchenbank und flochten mit feinen, spitzen Fingern die langen Strohbänder, während die Männer und Burschen zusahen, Geschichten zum Besten gaben, ihre Angelegenheiten oder den Kalender besprachen, wenn sie nicht die Frauen neckten. Es soll viel gelacht worden sein an diesen Abenden, und noch heute werden die Alten fröhlich, wenn sie davon erzählen.
Im Frühling fuhren die Männer mit den Strohborten zu Markt bis weit ins Italienische hinunter und brachten mit dem guten Erlös allerlei nützliche und hübsche Gegenstände nach Hause: Bänder, Spitzen und Seidenstoffe, Silberschmuck, Bücher und Bilder. So kehrte in der abgelegenen Gegend, nebst dem Wohlstand, ein wenig Welt ein und verfeinerte den Geschmack und die Art der Bevölkerung.
Bis einmal die Strohborten keine Käufer mehr fanden. Nicht, dass sie weniger gut geflochten waren, oder das Stroh weniger geschmeidig gewesen wäre, nein, aber es hiess, aus fremden Ländern seien Schiffsladungen von Strohtressen auf die Märkte gebracht worden, die nicht nur viel feiner und zarter, aber auch zehnmal billiger seien als die Strohtressen aus dem Tal. Dagegen konnten weder der Fleiss noch die Geschicklichkeit der Talleute ankämpfen. In kurzer Zeit blieb der Verdienst aus, und die Bevölkerung, die sich auf nichts anderes umzustellen wusste, verarmte.
Die Männer zogen auf der schönen Strasse aus dem Tal, um als Bauarbeiter in den Städten Verdienst zu finden, und überliessen die uneinträgliche und schwere Landarbeit zu Hause den Frauen, die darüber ihre Kunstfertigkeit verlernten und sogar ihren Haushalt vergassen, so dass zu der Armut sich oft Verwahrlosung gesellte und aus manchem einst stolzen Hause heute das Elend schaut.
Die grosse Not der Talbewohner war weit und breit bekannt und erweckte vielfach den Wunsch zu helfen. Da war vor allem Frau Bonjour, die an dem traurigen Los der Bevölkerung Anteil nahm und die sich bemühte, es zu lindern. Sie lebte seit ihres Mannes Tod in der kleinen Villa am Ausgang des Tales. Das Haus stand weiss und blank in einem gepflegten Garten, der durch übermannshohe Hecken in grüne Gänge und Räume eingeteilt war. Die peinlichste Ordnung herrschte darin. Auch im Hause wohnte der Geist der Genauigkeit. Jedes Ding stand unverrückbar an seinem Platze, nichts wurde verändert. Sogar das Lächeln der alten Dame war immer dasselbe. Nur in ihrem Arbeitskorb wechselten die Dinge. Er war gross und tief und immer voll, denn Frau Bonjour strickte und nähte unermüdlich für ihre Schützlinge im Tal, die sie mit grossen Kleiderpaketen bedachte.
Wolle spinnen als Einnahmequelle
Wenn die Sciora, die oben im Tal den alten Palazzo bewohnte, zu Frau Bonjour auf Besuch kam und die fertigen Pakete sah, ging ihr jedes Mal durch den Sinn, dass es fast nutzlos sei, mit Gaben helfen zu wollen. Es müsste anders gemacht werden. Sie hatte oft darüber nachgedacht. Ihr schien, etwas sei verkehrt im Leben der Talbewohner, ein seltsames und tückisches Missverständnis beherrsche es und lasse die Möglichkeiten und guten Eigenschaften der Leute nicht recht zur Entfaltung gelangen. Sie waren keine Bauern, ihre Glieder waren zu fein und ihr Kopf zu rasch. Die schwere Arbeit in den steilen, steinigen Hängen, die nur spärlichen Raum für einen kleinen Acker liessen, und das kümmerliche Dasein, das die mageren Bergwiesen und die paar Ziegen boten, erdrückten sie fast.
Sie waren nicht dazu geschaffen. Waren sie nicht früher Stroharbeiter gewesen? Ob nicht eine neue Heimindustrie das zugrunde gerichtete Strohflechten ersetzen und den Menschen wieder zu einem ihrer Art angepassten Leben verhelfen könnte? Sie sprach einmal davon, als sie neben dem vollen Arbeitskorb von Frau Bonjour sass. Diese horchte auf, legte das Nähzeug zur Seite und gestand nach einigem Hin-und-Her-Reden, dass sie es sich auch schon überlegt habe, man sollte den Leuten auf andere Weise helfen als mit Geschenken. Etwas Eingreifendes hatte zu geschehen, das leuchtete ein. Den Leuten musste geholfen werden, damit sie sich selbst helfen konnten. Aber was sollten die Leute tun?
Es gebe nur Gras im Tal, jammerte Frau Bonjour. Auch Wolle, bemerkte die Sciora. Frau Bonjour sah sie überrascht an. Gewiss, auch Wolle. Konnten die Frauen nicht, statt Stroh flechten wie früher, Wolle spinnen? Es bestand Mangel an handgesponnener Wolle. Weber und Kunstgewerbler mussten sie für teures Geld aus dem Ausland kommen lassen. Vielleicht war wirklich eine kleine Heimindustrie durch Verspinnen von Wolle zu schaffen?
Als die Sciora das nächste Mal Frau Bonjour besuchte, hatte die alte Dame den Gedanken, der sie begeisterte, nicht etwa fallengelassen, sondern sich um Rat und Hilfe umgetan. Sie hatte sich, vorerst schriftlich, mit den Leuten in Verbindung gesetzt, deren Sache die Heimarbeit ist, und war dann hingereist, um sich mit ihnen zu besprechen. Es traf sich gut: Diese hatten sich auch schon gefragt, ob es nicht zu versuchen wäre, dem verarmten Tal durch ein leichtes Handwerk aufzuhelfen, das vor allem die Frauen ausüben könnten, und ohne ihren Haushalt zu verlassen. Die Wolle dazu zu verwenden schien ihnen richtig.
Die Sciora hatte an ihre Vorschläge nicht mehr gedacht. Sie war überrascht, das alles und mehr noch zu vernehmen: Es sollte ein Komitee gegründet werden, und zu der ersten Sitzung im Hause der Frau Bonjour wurde auch die Sciora erwartet, denn man zählte auf ihre Mithilfe. Der Sciora blieb nichts anderes übrig, als an der Besprechung teilzunehmen, obschon sie das leise Gefühl hatte, in eine Falle zu gehen, die sie sich selbst gelegt hatte. Zunächst hielt einer der Herren des Komitees eine Rede, dann wurden Berechnungen angestellt, Berichte anderer, ähnlicher Heimindustrien, die irgendwo im Gang waren, verlesen und zum Schluss die Arbeit, die im Dienste der guten Sache zu leisten war, verteilt.
Frau Bonjour würde das Depot der Wolle übernehmen und den Vertrieb an die Geschäfte, die noch dafür zu gewinnen waren, und die Sciora wurde gebeten, mit den Frauen zu verhandeln und ihnen, wenn sie einverstanden wären, die Spinnräder zuzuteilen, die das Komitee fürs Erste den Willigen um geringes Geld zur Verfügung stellen konnte, da es bereits über einen Fonds verfügte, der zu diesem Zwecke eingebracht worden war. Auch wäre man der Sciora dankbar, wenn sie die Arbeit in der ersten Zeit etwas beaufsichtigen wollte, damit man mit den einzelnen Spinnerinnen in Berührung komme und wisse, was sie leisteten.
So nahm der Plan rasch Gestalt an, und bald handelte es sich nur noch darum, die Frauen damit zu befreunden. Ob das so leicht sein werde, wie Frau Bonjour es sich vorstellte, bezweifelte die Sciora, man stösst im Tal auf Widerstand gegen alles Neue. Doch hatten sich die Gemeinden bereit erklärt, durch Anschlag den Frauen das Vorhaben des Komitees bekannt zu geben und sie auf einen Sonntagnachmittag zu der Sciora in den Palazzo zu berufen, wo sie mehr vernehmen würden.
Zur angegebenen Zeit läuteten die Frauen am Gartentor. Es wurde aufgemacht, und sie kamen im Gänsemarsch herein, begrüssten die Sciora, die im Gang stand und sie bat, drinnen im Zimmer Platz zu nehmen. Als alle da waren, setzte sich die Sciora oben an den Tisch und begann aus grossen Kannen, die vor ihr standen, den heissen Kaffee auszuschenken. Marta, die Köchin, trug die Tassen herum und schaute, dass jede zu ihrer Sache kam. Dann reichte sie auch den Gugelhupf, den Frau Bonjour gespendet hatte, um den Tisch. Alle assen und tranken. Es war ein Gewisper im Zimmer und es wurde heiss, denn sie sassen eng nebeneinander.
Dann fing die Sciora mit ihrer Rede an, die sie gut vorbereitet hatte. Sie erklärte, aus der vielen Schafwolle könnte mehr gelöst werden als bis jetzt. Statt sie im Herbst, wie es hier üblich sei, beim Händler gegen Ware, die er hoch berechne, einzutauschen, könne man die Wolle von Hand spinnen, denn handgesponnene Wolle werde gut bezahlt. Man würde das Gespinst den Frauen abkaufen und in der Stadt weiterverkaufen, wo Nachfrage danach sei. Ein Komitee habe sich gebildet, um das zu ermöglichen. Man müsse es jetzt nur versuchen.
«Kann eine von euch spinnen»?, fragte sie. Die Frauen lachten verlegen, nein, das mache man nicht mehr, spinnen. Sie taten, als ob die Sciora von ihnen fast Ungehöriges verlangte, etwas, was ein Mensch von heute weit von sich zu weisen hatte. Nein, spinnen könne man nicht mehr. Die Sciora wollte das nicht glauben. Sie fragte die eine und die andere der älteren Frauen, ob sie denn wirklich nicht mehr wisse, wie man spinne. «Nein, gewiss nicht, das könne niemand mehr», und sie lachten. Einmal, ja, das war ganz früher, aber jetzt nicht mehr.
Nach kurzer Überlegung sagte die Sciora: «Gut, dann wird es euch jemand lehren, denn es gibt noch Frauen, die spinnen können. Seht das leinene Tuch da auf dem Tisch, es ist neu, und doch ist es von Hand gesponnen und gewoben.» Nun befühlten grobe Finger das Tischtuch; an der Art, wie die Alten es taten, prüfend auf Dichtigkeit und Weichheit, begriff die Sciora, dass, falls auch die Fertigkeit des Spinnens ganz verlorengegangen sein sollte, der Sinn dafür doch noch vorhanden war.
Der Kampf um die Spinnräder
Plötzlich erklärte die Anna, eigentlich könne sie spinnen, sie habe früher für den Mann die Wolljacken immer selbst gesponnen. Jetzt konnte auch Rosalie spinnen, das Spinnrad sei nur in Unordnung geraten und treibe sich irgendwo herum, und die scheue Sylvestra, die so schmal war wie ein Reh, sagte errötend, ja, die Wolle zu dem gestrickten Tuch, das sie anhabe, sei selbst gesponnen, mit der Kunkel. Das Tuch wurde der Sciora gereicht und sie bewunderte die Feinheit und Regelmässigkeit des Wollfadens und liess sich erklären, wie man mit der Kunkel spinne, denn das wusste sie nicht.
Sylvestra glühte vor Stolz wie eine Feuerlilie, und die Anna und die Rosalie begannen laut zu erzählen, wie es früher gewesen sei und was man alles gekonnt habe: nicht nur spinnen und weben, was je nichts Besonderes sei, da jedes rechte Mädchen es verstanden habe; aber Decken steppen mit grossen Mustern darin, Spitzen nähen, dünn wie Spinnweben, und in allen Sticharten sticken. Was die eine nicht mehr wusste, wusste die andere.
Die Gesellschaft wurde immer lauter, weil jede der Frauen eine verlorengegangene Kunst anführen und damit zeigen wollte, dass sie auch heute noch jemand sei, und nicht zu den Erstbesten gehöre. Die Sciora traute der schnell ausgebrochenen Begeisterung nicht recht. Sie klopfte leicht an ihre Tasse. Sogleich wandten sich alle verstummend nach ihrem Platz um und sie konnte in ihrer Rede fortfahren. Sie möchte jetzt wissen, wer noch Spinnräder besitze.
Von den Jüngeren hatten einige nie ein Spinnrad gesehen, dagegen manche von den Älteren erinnerte sich, ein Rädchen besessen zu haben, doch war es zerbrochen gewesen, es war herumgestanden und hatte Platz weggenommen, bis sie es verbrannt oder den Buben als Spielzeug geschenkt hatte. Nur wenige besassen noch ein Rädchen, von dem sie glaubten, es sei brauchbar. Auf jeden Fall musste das Komitee Spinnräder beschaffen, es war nur festzustellen, wie viele der Frauen arbeiten möchten. Es meldeten sich von den Anwesenden eine Anzahl, und die Anna nahm nach kurzem Sträuben das Amt an, ihnen das Spinnen beizubringen, sobald die Rädchen einmal da sein würden.
In fröhlicher Stimmung verliessen die Frauen den Palazzo. Man hörte sie noch lange auf dem Dorfplatz schnattern. Die Sciora berichtete Frau Bonjour telefonisch von dem erfreulichen Verlauf ihrer Frauensitzung und gab ihr die Anzahl der zu bestellenden Spinnräder an. Bis in vier Wochen würden sie geliefert werden können, vermutete Frau Bonjour, gerade recht, um den Winter mit der neuen Arbeit zu beginnen. Es gefiel ihr wenig, dass die Sciora um diese Zeit nicht mehr im Tal sein würde, doch gab sie zu, bei der Verteilung sei eigentlich niemand nötig, wenn man der Köchin Marta den Auftrag hinterlasse, auf einen bestimmten Tag nach Eintreffen der Spinnräder die Frauen und die Anna in den Palazzo zu berufen, damit sie mit den Rädchen gleich die erste Anleitung bekommen könnten. So wurde es gehalten. Der Schulmeister war auch davon unterrichtet worden, und alles schien in Ordnung.
An dem bestimmten Tag schellte bei der Sciora in der Stadt das Telefon schon am frühen Morgen. Die Marta war am Apparat. Es war schwer zu verstehen, was sie mitteilen wollte, es war überhaupt nicht zu verstehen. Sie schrie in grosser Aufregung so laut, dass der Sciora die Ohren gellten. Einige Namen und heftige Ausrufe waren zu vernehmen, sonst nichts Klares. Die Sciora rief nun ihrerseits laut, man solle den Schulmeister holen, er möge berichten, was vorgefallen sei.
Während sie wartete, hörte sie von ferne wildes Durcheinander von Weiberstimmen, Kreischen und Weinen, als ob der letzte Tag angebrochen wäre. Endlich erschien der Lehrer. Er war ausser Atem, weil er gerannt war, und konnte kaum sprechen. Die Sciora war ungeduldig zu erfahren, was geschehen sei: ein Unglück, ein Brand, ein Anfall von Irrsinn? Nein, es war nur das: Es hatte sich im Dorf herumgesprochen, dass mit Spinnen viel zu verdienen wäre.
Ausser jenen paar Frauen, die Spinnräder bestellt hatten und sie nun abholen wollten, war eine ganze Schar erschienen, darunter junge, kräftige Mädchen, die, ohne lange zu warten, die bereitstehenden Spinnräder mit Gewalt wegzutragen versuchten. Die Frauen, für die die Spinnräder bestimmt gewesen waren, hatten sich gewehrt.
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- Einen anderen spannenden Fortsetzungsroman mit dem Titel «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» finden Sie hier.
«Tessiner Geschichten»
Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.
Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0