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Eigentlich ist sie nicht zu übersehen, die Festung von Tel Qeifaya. Sie thront auf einem bewaldeten Hügel über dem israelischen Elah-Tal, dort, wo laut der Bibel David den Riesen Goliath geschlagen hat. Bis zu einem Meter fünfzig hoch sind ihre 3000 Jahre alten Stadtmauern immer noch. Man fragt sich, wie die Wissenschaft diese deutlich sichtbare und erst ab 2007 ausgegrabene Festung so lange übersehen konnte. Denn Tel Qeifaya hat sich als entscheidend erwiesen, in der Debatte um die Geschichtlichkeit von König David.
Ein Held in der Bibel
David ist eine der wichtigsten Figuren des Alten Testaments. Geboren um 1000 vor Christus in Bethlehem, tat sich der Hirtenjunge als Kriegsheld hervor, als er mit seiner Schleuder den übermächtigen Goliath niederstreckte und den Philistern eine empfindliche Niederlage bereitete. Vom Propheten Samuel zum König gesalbt, vereinte David die zwölf Stämme der Israeliten und machte Jerusalem zur Hauptstadt. Indem er die Bundeslade dorthin brachte, legte er die Grundlage zum ersten Tempel, der dann von seinem Sohn und Nachfolger Salomon erbaut wurde.
Davids vereinigtes Königreich hatte nicht lange Bestand und spaltete sich bald in das Nordreich Israel und das Südreich Judäa. Seine Dynastie regierte noch bis ins Jahr 586 v. Chr., als der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem eroberte, den Tempel zerstörte und die Juden ins Exil führte. Die Geschichte Davids wird in der Bibel im 1. und 2. Buch Samuel, im 1. Buch der Könige und in der Chronik erzählt. Ausserdem sollen viele Psalmen von David stammen.
Alles Mythos, sagen Forscher seit Jahrzehnten. Die biblischen Bücher seien erst Hunderte von Jahren nach den von ihnen beschriebenen Ereignissen verfasst worden, bloss als Sammlungen von Legenden ohne grosse historische Grundlage. Lange wurde auch behauptet, dass es weder ein vereintes davidisches Reich noch einen König David und eine davidische Dynastie gegeben habe.
Doch dann wurde 1993 im Norden Israels eine steinerne Inschrift aus dem neunten Jahrhundert vor Christus gefunden, die «Tel Dan»-Stele. Darin erinnert König Hazael von Damaskus an einen Sieg über das «Haus Davids». Mit der Entdeckung dieses aramäischen Textes war die Existenz der davidischen Dynastie erstmals ausserbiblisch belegt.
Die Zweifel blieben: So hielten Archäologen der Universität Tel Aviv rund um Israel Finkelstein zwar nun die Existenz Davids für möglich, sagten aber, dass David, wenn es ihn denn gegeben habe, allenfalls ein unbedeutender lokaler Bandenchef gewesen sei. Jerusalem als seine Residenz sei bloss eine Ansammlung von Hütten gewesen und kein wichtiges Verwaltungszentrum eines zentralisierten Staates mit grossen markanten Bauten. Von einem vereinigten Königreich fände sich um 1000 vor Christus keine Spur, so die «Tel Aviver Schule» und deren Thesen.
Anhaltender Expertenstreit
Dagegen formierte sich bald eine «Jerusalemer Schule». Archäologen der dortigen Hebräischen Universität rund um Einat Mazar widersprachen und begannen im ältesten Teil Jerusalems, der sogenannten «Davidstadt» südlich des Tempelbergs, zu graben. Sie entdeckten Fundamente eines mächtigen steinernen Gebäudes, und zwar genau dort, wo laut der Bibel der Palast der davidischen Dynastie gestanden haben soll. Zahlreiche gefundene Siegel verweisen auf ein königliches Archiv. Phönizische Bauelemente scheinen dem biblischen Bericht zu entsprechen, wonach Hiram, der König des phönizischen Tyros, Salomon beim Bau des ersten Tempels und des Königspalastes geholfen hat. Die Funde vermochten aber die Skepsis nicht zu beseitigen. Sie scheinen auf die Zeit nach David zu verweisen. Der Streit ging weiter.
Windsors berufen sich auf ihn
Warum ist König David überhaupt so wichtig, dass Wissenschafter noch 2018 über seine Existenz streiten? Die Antwort liegt in seiner Wirkungsgeschichte: Wenn König David nur ein Konstrukt späterer Legendenschreiber ist, dann stellt dies einen wesentlichen Teil der jüdisch-christlichen sowie auch der islamischen kulturellen, religiösen und politischen Tradition infrage. Die religiöse und politische Legitimität ist bei den drei monotheistischen Religionen zum grossen Teil in der Figur des Königs David begründet.
Im Judentum etwa basiert die messianische Tradition der Erlösung der Welt und der Utopie des ewigen Friedens auf der Gestalt Davids als gesalbter König. So bedeutet Messias auf Hebräisch «der Gesalbte», auf Griechisch übersetzt «Christos». So liegt auch die christliche Heilsgeschichte in David begründet. Laut den Evangelien stammt Jesus in direkter Linie von König David ab und wird in Bethlehem geboren, der ursprünglichen Stadt Davids.
Nicht nur religiöse, sondern auch weltliche Herrschaft leitet sich von David ab und verleiht politische Legitimität. Im Judentum leiten sich bis heute zahlreiche führende Familien von David ab. Im christlichen Mittelalter gilt David als Prototyp des edlen Ritters und des gerechten Königs. Verschiedene herrschaftliche Dynastien führen sich auf ihn zurück, so etwa die äthiopischen Kaiser oder die englischen Könige, bis hin zu den Windsors.
Schon Karl der Grosse soll übrigens als «König David» angeredet worden sein. Sein Thron bestand aus Steinplatten, die er aus Jerusalem, der Stadt Davids, nach Aachen schaffen liess. Auf den Britischen Inseln soll der «Stone of Scone», auf dem über Jahrhunderte die schottischen Könige gekrönt wurden, auch Teil des Thrones von David gewesen sein. Der Stein wurde 1296 von König Edward I. nach London entführt. Dort wurde er in den Thron der englischen Könige eingebaut. Erst 1996 wurde er Schottland zurückgegeben mit der Auflage, dass der Stein für künftige Krönungen nach London zurückgebracht werden muss.
Vielerorts symbolisiert David die Rechtmässigkeit von Herrschaft. So etwa im Basler Rathaus, wo Szenen mit Königen der davidischen Dynastie einige der Wände schmücken. Im Palazzo Vecchio in Florenz, dem Sitz der Regierung, steht die Statue des David von Michelangelo. Auch im Islam gelten David und sein Sohn Salomon als Prototypen gerechter Könige, denen es nachzueifern gilt. Und zu guter Letzt ist die bis heute eminente Bedeutung Jerusalems für Judentum, Christentum und Islam darin begründet, dass David Jerusalem zu seiner Hauptstadt gemacht hat.
Neueste Spuren in Tel Qeifaya
Die Frage, ob es einen David gegeben hat, ist also nicht rein akademischer Natur. Umso grösser war die Aufregung, als Yossi Garfinkel von der Hebräischen Universität die Ausgrabungen von Tel Qeifaya präsentierte. 2007 begonnen und 2013 abgeschlossen, geschah dies erst vorletztes Jahr.
Die Archäologen fanden eine aussergewöhnlich stark befestigte Stadt, deren Mauern Steine mit einem Gewicht von bis zu acht Tonnen umfassen. Die Befestigungen bestehen aus einer doppelten sogenannten Kasemattenmauer mit zwei Toren. Eines davon ist ein Doppeltor, was die Schlussfolgerung nahelegt, dass es sich bei der Festung um die biblische Stätte «Shaarayim» – was «Doppeltor» bedeutet – handeln könnte. Die Stadt, die sorgfältig geplant wurde, umfasste einen offenen Bereich in der Nähe jedes Tores, viele Häuser und einen 1000 Quadratmeter grossen, mehrstöckigen Palast. Ebenso gefunden wurde ein Lagerhaus mit zahlreichen Säulen. Dies zeugt von einer hierarchischen Gesellschaft mit zentraler Planung, die beachtliche Ressourcen mobilisieren konnte.
Im Lagerhaus wurden landwirtschaftliche Produkte gesammelt, so Wein, Weizen, Gerste, Linsen und Oliven. Die organischen Überreste liessen die Datierung der Stadt auf 1000 v. Chr. zu, die Zeit König Davids. Aufgrund des Fehlens von unreinen Tieren, wie etwa Schweinen, und anderer Indizien so einem mutmasslichen Modell des Jerusalemer Tempels, wurde Tel Qeifaya als israelitische Stadt identifiziert. Die Datierung wurde erleichtert, weil die Stadt bald nach der Erbauung zerstört wurde. In den damals demolierten Bauten wurden Töpferwaren, Werkzeuge, Eisen- und Bronzewaffen sowie rituelle und künstlerische Gegenstände, Siegel und auch Inschriften entdeckt.
Hervorzuheben ist dabei ein Ostrakon, eine beschriebene Scherbe. Dabei handelt es sich um den ältesten bisher bekannten hebräischen Text überhaupt. Eine plausible Interpretation liest den Text als königlichen Befehl zum Bau des Doppeltors.
Kasemattenmauer, Doppeltor, Palast, Lagerhaus und strategische Lage verweisen auf eine königliche Verwaltungsstadt. Es ist somit der erste Nachweis, dass es in Judäa um das Jahr 1000 herum einen starken, zentralisierten Staat gegeben haben könnte – mit grosser Wahrscheinlichkeit das vereinigte Königreich des Königs David, von dem die Bibel berichtet. Auch wenn namentliche Hinweise nicht gefunden wurden, verdichten sich damit die Hinweise, dass die Figur des David eine geschichtliche Grundlage hat. Da mittlerweile bei Hebron ein weiterer davidischer Palast entdeckt worden ist, darf man auf weitere Funde und den Verlauf des Expertenstreits gespannt sein.