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Englische und australische Wissenschafter und ausserdem ein Nike-Team arbeiten daran, dass ein Marathonläufer die 2-Stunden-Grenze unterbieten kann. Ist das möglich?
PRO: Tobias Müller, Autor des Sub2-Artikels erschienen in FIT for LIFE 3/2017
Ende April 2016, London Marathon. Eliud Kipchoge legt die letzten 200 Meter im Sprint zurück, vorbei am Buckingham Palace. Die Sonne scheint und die Zuschauer feiern den schnellen, kleinen Mann. So früh hätten sie ihn nicht erwartet. Als Kipchoge die Ziellinie überquert, verzieht er sein Gesicht und schüttelt ungläubig den Kopf. Er hat zwar den Sieg geholt, den Weltrekord aber um acht Sekunden verpasst. Hätte er doch auf den letzten Kilometern im Duell mit seinem Landsmann Stanley Biwott nicht taktiert und das Rennen langsam gemacht. Hätte er doch darauf verzichtet, auf der Zielgeraden noch dem Publikum zuzuwinken. Und hätte er doch eine Uhr an seinem dünnen Handgelenk getragen – er hätte gewusst, dass er schnell unterwegs ist und hätte noch einmal beschleunigen können. Er wäre wohl 2:02:30 gerannt oder vielleicht sogar 2:02:00 – wer weiss das schon genau?
Eliud Kipchoge ist der beste Langstreckenläufer der Welt. Sieben seiner acht Marathons hat er für sich entschieden. In Rio holte er Olympiagold. Nun ist der Kenianer Hauptfigur des Breaking2-Projektes von Nike. Der Laufschuh-Riese hat kommuniziert, dass einer seiner Athleten bereits im Frühjahr 2017 unter zwei Stunden rennen wird. Und eigentlich sind sich die US-Amerikaner einig: Wenn es jemand schaffen kann, dann ist es Kipchoge. Mit Lelisa Desisa und Zersenay Tadese als Edelhelfer, die ihn vor dem Wind schützen sollen. Eine solche Konstellation gab es noch nie: der beste Marathonläufer der Welt, begleitet von zwei Top-Athleten, zusammen – und nicht gegeneinander – im Rennen gegen die Uhr.
Nike setzte im vergangenen Jahr 32 Milliarden Dollar um und beschäftigt die klügsten Köpfe in den Bereichen Forschung und Entwicklung im Laufsport. Dem Konzern sind keine Grenzen gesetzt. Wenn Nike sagt, sie schaffen es, dann schaffen sie es auch. Die Verantwortlichen werden nichts unversucht lassen, damit sie ihr Versprechen halten können und sich nicht lächerlich machen. Sie werden an allen Stellschrauben drehen, damit ihre Athleten am Tag X das perfekte Rennen laufen können, mit perfekten Voraussetzungen, unter perfekten Bedingungen. Und mit einem Eliud Kipchoge, der auf den letzten Metern sicher nicht auf dumme Gedanken kommen wird und anfängt zu bummeln.
CONTRA: Andreas Gonseth, Chefredaktor FIT for LIFE
In der ganzen Sub2-Thematik ist plötzlich eine Hektik entstanden, die ziemlich marketinggetrieben scheint. Fakt ist aber: Wenn der weltschnellste Läufer die Halbmarathondistanz in 58 Minuten runterspulen kann und Eliud Kipchoge 2:04 mit flatternden Schuhsohlen hinlegt wie beim Berlin Marathon 2015, dann ist absehbar, dass der aktuelle Marathon-Weltrekord noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten kann. Zumal die bisherigen Weltrekorde zwar nicht gerade zufällig erzielt wurden, aber bislang noch kein Versuch aus einem Gesamtkonzept entstanden ist und alle Puzzleteile mitberücksichtigt hat, die für schnelle Zeiten erforderlich sind.
Dennoch gilt im Marathonlauf: Knapp drei Minuten sind eine Ewigkeit und nicht einfach so von heute auf morgen realisierbar, auch nicht von Nike. Eine gute Minute könnte eine perfekte Pacemaker-Arbeit bringen, nochmals einige Sekunden eine perfekte Verpflegungsstrategie. Zu einer Zeit unter zwei Stunden braucht es aber zudem die gemeinsame Hingabe mehrerer Top-Läufer über einen längeren Zeitraum und ein Setting, bei dem zu den optimalen Rahmenbedingungen Tausende Zuschauer die Strecke säumen und die Läufer euphorisieren, damit sie ihre allerletzten Energien aus dem Körper pressen können.
Doch so weit sind wir noch nicht, dafür sind zu viele unterschiedliche Interessen im Spiel. Wenn Nike das Unmögliche unter nicht regelkonformen «Laborbedingungen» (sich abwechselnde Pacemaker bis zum Schluss, Trinken, wann immer nötig usw.) schaffen würde, wäre es schwierig, die Leistung sinnvoll einzuordnen. Ist sie mehr wert als ein Weltrekord im Rahmen eines Städtemarathons bei schwierigen Bedingungen? Und wenn ja, welche Zeit wäre künftig möglich bei einem „normalen“ Rennen? So schwierig es bereits unter dem IAAF-Regelwerk ist, die besten Marathonzeiten der Welt miteinander zu vergleichen, so absurd wird der Sub2-Hype, wenn Wissenschafter die Regeln festlegen. Die besten Marathonläufer sind Menschen aus Fleisch und Blut und keine Laborratten.
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