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Herr Burkhardt, wie gross ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Erdbebens in der Schweiz?
Peter Burkhardt: Das letzte grosse Beben hat es in der Schweiz im Jahr 1946 gegeben. Damals wurden Schäden von auf den heutigen Stand umgerechnet mehreren Milliarden Franken verursacht. Obwohl es bereits mehr als 70 Jahre zurückliegt, sollte man die Möglichkeit eines ähnlichen Ereignisses nicht unterschätzen. Jedes Jahr registriert der Schweizer Erdbebendienst über 800 Erschütterungen. Zuletzt erreichte ein Beben im Kanton Wallis im Oktober 2021 eine Magnitude von 4,0 auf der Richterskala.
Warum kommt es in der Schweiz eigentlich immer wieder zu Erdbeben?
Peter Burkhardt: Derselbe Prozess, der zur Entstehung der Alpen geführt hat, verursacht auch die Erdbebenaktivitäten in der Schweiz. Die Beben, die wir hier beobachten, sind die Folge des Aufeinanderprallens der europäischen und der afrikanischen Erdplatten.
Bei Erdbeben in der Schweiz gab es in den letzten Jahren nur geringe Schäden. Worin besteht also das Risiko für Unternehmen?
Peter Burkhardt: Für grössere Unternehmen und Anbieter von Hypotheken, also Immobilienfonds, Pensionskassen, Banken oder auch Wohnbaugenossenschaften, besteht ein Klumpenrisiko. Denn sie könnten bei einem starken Beben auf einen Schlag bis zu Hunderte von Immobilien als Sicherheiten verlieren. Zudem besteht die Gefahr, dass Schuldner aufgrund von Schäden an den Gebäuden ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können.
Werden Schäden durch ein Erdbeben nicht durch die Gebäudeversicherung abgedeckt?
Peter Burkhardt: Wer Hausbesitzer in welchem Umfang entschädigt, ist in der Schweiz nicht klar geregelt. Dass die Gebäudeversicherung zahlt, ist unwahrscheinlich, denn nur ein kleiner Teil der Gebäude ist gegen Erdbeben versichert. Eine gesetzlich vorgeschriebene Erdbebenversicherung als Teil der Gebäudeversicherung gibt es nur im Kanton Zürich.
Welche Folgen hätte ein schweres Erdbeben für Immobilienbesitzer?
Peter Burkhardt: Sollte es zu einem Beben wie 1946 kommen, wären die Schäden immens. Sie könnten bis zu einem Totalverlust für den einzelnen Hausbesitzer führen. Ist er nicht versichert, führt dies zu einem Verlust des Eigenkapitals des Immobilienbesitzers und zu einem Ausfall des gewährten Kredits für den Hypothekengeber.
Trotz der realen Möglichkeit eines Erdbebens scheinen die Menschen zurzeit mehr Ängste vor Hackerangriffen zu haben. Woran liegt das?
Peter Burkhardt: Wenn die Leute die Folgen eines Erdbebens in Mittelamerika oder in Asien im Fernsehen sehen, ist das zwar greifbar, aber doch sehr weit weg. Bei Cyber-Angriffen ist es genau umgekehrt. Man schätzt die Gefahr durchaus als real ein, kann sie aber kaum greifen. Das führt zu Unsicherheit. Deshalb ist es wichtig, für beides vorzusorgen. Ein Erdbeben ist die Naturgefahr mit dem höchsten Schadenpotenzial für unser Land. Trotzdem sind vielleicht gerade mal 5-10 % der Gebäude in der Schweiz gegen Erdbeben versichert. Gebäudeeigentümer, aber auch die ganze Volkswirtschaft gehen damit – meistens unbewusst – ein sehr hohes Risiko ein.