Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/619

Elisabeth Ehrensperger kam 1938 aus dem Osten, wo der Boden karg und das Leben hart war. In der Schweiz fand sie Arbeit, einen Mann und eine neue Heimat. Diese Woche wurde sie 100 Jahre alt.
Viel hätte sie zu erzählen. Etwa, wie ihr Vater als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfte, als sie, Elisabeth Ehrensperger, 1916 als viertes von fünf Geschwistern im Gottscheer-Land, dem heutigen Slowenien, geboren wurde. Ihr Vater überlebte zwar den Krieg, nicht aber die Folgen. Er erkrankte an Tuberkulose und steckte seinen Sohn an. Das Penizillin, das beide hätte heilen können, entdeckte ein Engländer erst 1928. Zu spät für den Vater, der starb, als seine Tochter vier Jahre alt war. Ihr Bruder folgte ihm wenige Jahre später. Draussen in Seuzach erstarrt das Leben in Kälte, drinnen im Alterszentrum Geeren blühen Rosen und rollen Stühle. Sanft drückt Elisabeth Ehrensperger ein halbes Dutzend Hände, die sich ihr entgegenstrecken, nickt und schweigt. Der Pfarrer ist gekommen und der Gemeindepräsident. Sie ist müde an dem Tag, an dem sie 100 Jahre alt wird. Sie hört stoisch den Stimmen zu, die zu ihr, über sie und an ihrer Stelle reden, wie ihr Sohn und ihre Tochter.
Der Wendepunkt
Elisabeth Ehrensperger, geborene Schober, lebte als eine der letzten Deutschsprachigen in der Krain, im späteren Jugoslawien. Im Zweiten Weltkrieg sollen dort noch rund 12 500 deutsche Gottscheer gelebt haben. Sie besuchte sechs Jahre die Schule, eine Ausbildung konnte sie sich nicht leisten. Sie und ihre Familie lebten einfach und von der Landwirtschaft. Der Boden war wenig fruchtbar, die Arbeit umso härter.
Wie viele verliess auch Elisabeth Ehrensperger ihre Heimat: 1938 schritt sie, 22 Jahre alt, in ein anderes Leben, es war für sie ein Wendepunkt. Sie wanderte nicht wie andere nach Amerika aus, sondern folgte ihrer älteren Schwester in die Schweiz. Hier fand sie nicht nur Arbeit. Im Gegensatz zu Deutschland durfte sie von hier aus Geld nach Hause schicken. In Weiningen ZH arbeitete sie zuerst bei einem Schweinemäster, später als Dienstmädchen für eine Familie, die eine Fuhrhalterei mit Pferden betrieb. Elisabeth Ehrensperger pflegte den Kontakt zu deren Kindern, bis sie starben.
Eine unaufgeregte Realistin
Als in Europa der Zweite Weltkrieg tobte, heiratete Elisabeth Ehrensperger mit 26 Jahren ihren Mann, einen Bauern. Sie hatte ihn im Aktivdienst in Schinznach kennen gelernt. Vier und sechs Jahre später gebar sie Hans und Elisabeth. Fortan sollte sie bauern, später auch der Sohn. Sie sei gerecht gewesen, sagt er, eine Realistin und Pragmatikerin, sagt die Tochter. Sie zeigte weniger, wie es ihr ging. Die Gesellschaft war damals eine andere, ihre Sprache subtiler und Elisabeth Ehrensperger ein Kind dieser Zeit. Einmal erhielten die Schweine zu viel Hühnerfutter und Eiweiss. Sie litten. Der Veterinär kam, gab ihnen aber nur wenig Überlebenschancen. Elisabeth Ehrensperger taute Zwetschgen auf, gab den Schweinen Frucht und Saft zu fressen. Sie lebten weiter.
Als die Autobahn kam
Es folgten Jahre des Aufbruchs. Die Familie verkaufte Hof und Land in Weiningen zugunsten des Baus der A1 und zog 1964 nach Rutschwil. Als der Vater 1971 neue Wege gehen wollte, verkaufte er den Hof dem Sohn, Elisabeth Ehrensperger blieb. Es war das Jahr, als in der Schweiz die Frauen ein Stimmrecht erhielten. Sie hätte zwar immer eine Meinung gehabt, sagt der Sohn, sei aber unpolitisch geblieben. Wenige Jahre zuvor war Elisabeth Ehrenspergers Mutter in die USA nach Cleveland, Ohio, ausgewandert. Elisabeth Ehrensperger sollte sie fünfmal besuchen. Unaufgeregt sei sie mit zwei Taschen am Flughafen erschienen, sagt der Sohn, als würde sie übers Wochenende verreisen. Unbekümmert reiste sie durch Amerika. Englisch sprach sie nicht, ein Sprachgefühl hatte sie trotzdem. Im Gottscheer-Land lernte sie Slowenisch, etwas Serbisch und natürlich Deutsch.
Mit 68 Jahren entschied sich Elisabeth Ehrensperger, erstmals eine eigene Wohnung zu nehmen. Auf dem Bauernhof konnte sie nicht von der Arbeit lassen, manchmal strickte sie zur Abwechslung mit anderen bei Kaffee und Kuchen.
Im Alterszentrum lebt Elisabeth Ehrensperger seit elf Jahren. Dort redet die Tochter, lacht der Sohn. Die Mutter hat viele überlebt. Zwei Weltkriege erlebt. Wie die Frau in der Schweiz eine Stimme erhielt. Die Sowjetunion zusammenbrach.
Sie, die durch 100 Jahre ging, schweigt. Und lächelt jetzt.
Erschienen in: Der Landbote vom 21. Januar 2016