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Früher habe ich bereits über das Unbehagen bei der Lektüre von Karl Barth geschrieben und mich John Frames Zusammenfassung von Cornelius van Tils Kritik angeschlossen. Ich kann mich ganz mit der Aussage von Ron Kubsch identifizieren: "Das Bekenntnis: 'Ihn in seiner Menschlichkeit und als Schriftsteller zu lieben, ist nicht eben leicht. Dafür kann man als sein Leser dankbar und respektvoll bei ihm in die Schule gehen.', beschreibt übrigens trefflich mein Verhältnis zu Karl Barth."
Um einen Überblick zu gewinnen, begann ich bei Eberhard Buschs Lebenslauf von Karl Barth. Aus meiner Rezension:
Selten habe ich ein (biografisches!) Buch gelesen, das inhaltlich so vollgepackt war wie diese über 500 Seiten. Das ist durch verschiedene Faktoren bedingt: Die Vielzahl der Gedankengänge, die Verästelungen der beschriebenen Einzelereignisse und natürlich auch durch die fortlaufend eingebauten Zitate aus dem riesigen Werk (Werkausgabe, Vorträge, Essays, Briefe). Barths Leben fand auf einer Vielzahl von Schauplätzen statt, dies stets von einer Heimbasis (Deutschland und Schweiz) aus. Die Intensität wird verstärkt durch die aufwühlenden Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, allem voran der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Zu guter Letzt war ich überwältigt von der Menge der Kontaktpersonen.
Von Interesse sind für mich kürzere Aufsätze Barths, die Einblick und Zugang in seine Zeit und seine Theologie gewähren. Es handelt sich um Reden und Vorlesungen aus dem Bereich der Dogmatik und der politischen Ethik.
Nein! (1934): "Es sei schon wahr, dass Calvin von einer doppelten Erkenntnis Gottes aus Schöpfung und in Christus geredet habe (Barth zitiert auch die einschlägigen Stellen wie Apg 14,17f, Psalm 19 oder Römer 1). Die Möglichkeit der Erkenntnis sei zwar eine prinzipielle, nicht aber eine faktische, von uns zu realisierende. Die faktische Möglichkeit beschränke sich darauf, die Götter des eigenes Herzens zu erkennen und zu verdrehen. Ja, Gott sei "objektiv in allen seinen Werken" erkennbar (gemäss Römer 1,20); dies sei jedoch gerade die Rechtfertigung des Zornes Gottes. Barth befürchtet einen Wiederaufbau der Brücke zwischen Vernunft und Offenbarung, Glaube und Leben, Kirche und Kultur – so wie es im Protestantismus und besonders im Neuprotestantismus geschehen war."
Evangelium und Gesetz (1935): "Ich sehe mehrere Probleme: Ich kann den Personalismus (Christus tritt an die Stelle des Menschen) nicht nachvollziehen. Ebenso wenig verstehe ich die Priorität des Evangeliums vor dem Gesetz bzw. die Integration des Gesetzes ins Evangelium. Barth verengt letztlich den Gesetzesbegriff auf den – so die Definition der Reformatoren, z. B. Calvin und Bullinger – dritten Gebrauch: Als Aufruf zum Gehorsam an den gerechtfertigten Sünder. Höchstens indirekt kommt der zweite Gebrauch – die Einschränkung des Bösen das äusserliche Halten von Geboten – zum Tragen. Mein grösster Kritikpunkt betrifft jedoch den ersten Gebrauch des Gesetzes: Das Gesetz zeigt dem Menschen an, dass er es nicht halten kann. Deswegen war es ja dazwischen hineingekommen. Es wirft den Menschen in den Staub. Diese Demütigung ist das Wirken des Heiligen Geistes. Dann erst kann er aufsehen zu Christus, der das Gesetz vollkommen erfüllt und die Strafe stellvertretend für alle Erlösten (und nicht für den Menschen allgemein) getragen hat."
Rechtfertigung und Recht (1938): "Christen könnten den Staat nur als Rechts-Staat wollen können. Sie tun Gutes, indem sie ihr Leben als Kinder Gottes leben und die Kirche ihre Pflicht von Predigt, Unterweisung und Verwaltung der Sakramente wahrnimmt. Der Differenzierung des Begriffs der Unterordnung, der Betonung der Vorläufigkeit der bestehenden Ordnung im Gegensatz zur zukünftigen Polis, der Beschreibung des Gebets als umfassendste und intimste Aufgabe des Christen und dem Anspruchs an die Kirche, dass ihr Licht auf den Staat hinüberscheinen solle, kann ich nur zustimmen."
Verheissung und Verantwortung der Gemeinde im heutigen Zeitgeschehen (1944): "Ein hellsichtiger Aufsatz Barth mit einer spannenden Rundschau der Verhältnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs. Er gibt Einblick in das Selbstverständnis des systematischen Theologen als Rufer und Wächter. Dafür nahm er Nachteile (u. a. politisches Redeverbot während den ersten Kriegsjahren, aber auch viel Kritik nach Ende des Krieges) in Kauf. Nachahmenswert."
Ein Wort an die Deutschen (1946): "Ein Schweizer Theologieprofessor, der Mitte der 30er-Jahre von den Nazis ausgemustert wurde und aus dem Schweizer Exil vehement gegen das Unrechtregime protestierte, tritt kurz nach Kriegsende (November 1945) im zerstörten Deutschland auf. Diesen Vortrag hielt er in Stuttgart auf Einladung des Baden-Wüttembergischen Ministerpräsidenten, dessen zwei Söhne bei Barth studierten. Ab Mitte 1944 hatte der Vortragende angesichts der nahenden Niederlage der Deutschen seinen inhaltlichen Schwerpunkt verlagert: So hart er mit den Nazis ins Gericht gegangen war, so entschieden machte er sich jetzt für die Deutschen stark. Wie begründete er diesen Wechsel?"
Die christliche Lehre nach dem Heidelberger Katechismus (1947): "Es ist erfreulich, dass Barth zum Katechismus gelesen hat. Er platzierte seine Gedanken als „Freudenbotschaft“, welche die „Trauergeister“ nach dem Krieg vertreiben sollte. Wunderschön ist zwar seine Zusammenfassung des Katechismus. „Der Mensch ist durch eigene Schuld in Not, er wird ohne Verdienst bewahrt und er steht darum in freier Dienstbarkeit.“ (29) Hervorzuheben ist auch die deutliche Abgrenzung zum Neuprotestantismus: Der Mensch suche sein Heil vor allem bei sich selbst (60). Die Unklarheiten in der Frage des Heils und der Schrift trüben jedoch den Gesamteindruck."