Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/2036

Hochsensibilität - Artikel
Hochsensibilität
Eine Krankheit, eine Modeerscheinung oder Normalität?
Zuerst lade ich Sie als Leserin oder Leser zu einem Experiment ein.
Stellen Sie sich folgendes vor: Sie gehen am Abend zu Bett, schlafen tief, gut und traumlos. Sie erwachen am Morgen und hören das ticken der Wanduhr, das Rauschen der Heizkörper, das Gezwitscher der Spatzen, die vorbeifahrenden Autos, das Brummen des Flugzeuges, die Sirene einer Ambulanz, das Rascheln der Blätter und die Musik des Nachbarn. Unter der Dusche spüren Sie den Wasserstrahl als schmerzhaft auf der Haut und den Geruch der Seife als zu süss. Der Kaffee ist zu stark. Im Zug fühlen Sie sich von Menschen bedrängt, das Stimmengewirr ist laut und sie nehmen die unterschiedlichsten Gerüche wahr. Später merken Sie beim Betreten des Arbeitsplatzes, dass eine angespannte Stimmung herrscht, sie sehen die neue Brille der Lernenden, fragen sich, ob die Kollegin schon immer kurze Haare gehabt hat und Ihnen wird bewusst, dass Sie seit einer Stunde mehr wahrgenommen haben als sonst an einem halben Tag.
Soweit das kleine Experiment.
Hochsensibilität ein Wesenszug
Eliane N. Aron beschreibt in ihrer Einleitung angeborene Wesenszüge von hochsensiblen Personen. Unter anderem schreibt sie, dass hochsensible Personen alle möglichen inneren und äusseren subtilen Botschaften und Feinheiten wahrnehmen würden, Informationen viel gründlicher verarbeiteten, ein reiches Innenleben und ungewöhnliche Träume hätten, eine spirituelle Gabe oder philosophisches Talent besässen. Ausserdem seien hochsensible Personen aufgrund des sensiblen Nervensystems ab einem bestimmten Level zwangsläufig reizüberflutet, was jedoch nicht auf einen Charakterfehler oder eine Krankheit hindeute (vgl. Aron 2016: 11-13). Dr. Med. Samuel Pfeiffer jedoch hält fest, dass bei Menschen mit einer hohen Feinfühligkeit sich das Risiko erhöhe, Ängste und Depressionen zu entwickeln (vgl. Pfeiffer 2012: 11).
Praxiserfahrungen
Obschon, wie eben gesehen, hochsensible Personen keine Krankheit haben, erzählen sie mir in der Beratung, dass sie sich als "nicht normal" erlebten und sie fragen sich, was mit ihnen los ist. Da ist zum Beispiel der junge Mann, der erzählt, dass er nicht in der Stadt Kleider einkaufen gehen wolle, da die vielen Leute, der Lärm, die Fülle der Auswahl für ihn zu viel Stress bedeuten würde. Das sei doch nicht normal, denn seine Kollegen mache dies alles nichts aus. Er ist verwirrt und das andere Erleben belastet ihn. Andere Personen in der Beratung erzählen mir von ihrem Erleben. Sie hören zum Beispiel von Drittpersonen: "Was bist du doch empfindlich!" oder "Jetzt schon müde?" oder "Was, du kommst nicht mit?" oder "Die Musik ist doch gar nicht laut." oder "Du bist wohl eine Mimose?" Da sie diese Aussagen schon so oft gehört haben, gehen sie tatsächlich davon aus, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und entwickeln die Annahme, von niemandem verstanden zu werden.
Die andere Wahrnehmung
Das, was mir Menschen in der Beratung erzählen, wird auch in der Fachliteratur beschrieben. Laut Parlow erleben sich hochsensible Personen oft schon seit der Kindheit als ungenügend, schwierig, wenig belastbar und sehr verschieden zu den Mitmenschen. Da sie sich der Mehrheit nicht anpassen können, finden sie nur schwer einen Platz im Leben respektive in der Welt. (vgl. Parlow 2015: 17).
"Sensible Menschen gehen auf dünnem Eis, nicht nur innerlich. Sie müssen auch nach aussen ständig etwas vorspielen, denn Schwachheit ist nicht "in", übermässige Sensibilität ist nicht "cool"." (Pfeiffer 2012: 9)
Und Aron schreibt, Menschen mit einem sensiblen Nervensystem seien davon überzeugt, schwach zu sein, einen Charakterfehler oder eine Krankheit zu haben und würden jahrelang erfolglos dagegen ankämpfen. Das seien nicht wenige Personen, denn von Hochsensibilität betroffen seien etwa 15 bis 20 Prozent der Weltbevölkerung (vgl. Aron 2016: 11 und 16).
Wenn also Hochsensible Personen jahrelang gegen ihre Eigenschaften gekämpft haben und sich schliesslich für eine Beratung oder ein Coaching entscheiden, was könnte für sie hilfreich sein?
Hochsensible Personen in Beratung und Coaching
In meiner Beratungspraxis erlebe ich viele Menschen, die das erste Mal unter dem Begriff der Hochsensibilität eine Erklärung für ihre Andersartigkeit erkennen und aufgrund dessen eine sichtbare Entlastung erleben. Sie erfahren (oft das erste Mal), dass sie nicht "schwierig" und "falsch", sondern normal in ihrem etwas anderen Erleben sind. Parlow beschreibt, dass sich bei Menschen bereits aufgrund des Identifizierens der Andersartigkeit grosse Veränderung einstellen könne (vgl. Parlow 2015: 17-18). Das sogenannte Normalisieren (vgl. De Jong et al. 2008: 84) erachte ich daher zumindest für den Beginn eines Beratungsprozesses als hilfreiche und zielführende Intervention. Aufgrund von Rückmeldungen meiner Kunden erfahre ich, dass das Annehmen der hochsensiblen Charaktereigenschaften, das Anerkennens des "Normal-Anders-Seins" für ihr spezifisches Erleben sehr hilfreich ist. In einem weiteren Schritt wird es dann um das Entwickeln von hilfreichen Handlungsstrategien gehen. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, die eigene Hochsensibilität als Entschuldigung für fast alles zu (miss)brauchen, im Sinne von: "Ich bin halt so und ihr müsst auf mich Rücksicht nehmen".
Hochsensible Menschen brauchen demnach in einer Beratung beides: Einerseits sollen sie in ihren Wesenszügen respektiert und angenommen werden. Dazu brauchen Beratungspersonen Expertenwissen zu Hochsensibilität. Andererseits brauchen sie hilfreiche Handlungsstrategien für ihren Alltag. Diese zu erlernen bedeutet für hochsensiblen Kunden zum Teil harte Arbeit. Gelingt beides, wird das Ziel von Beratung, wie von Loebbert beschrieben, erreicht: Einen wahrnehmbaren und hilfreichen Unterschied für Klientinnen und Klienten machen, welcher im Erleben des Handlungserfolges ihrer Welt sichtbar wird (vgl. Loebbert 2017: 37-38).
Fazit
Hochsensibilität ist keine Krankheit, keine Modeerscheinung, sondern normales Erleben eines Teils der Bevölkerung.
Literatur
Aron, Elaine N. (2016). SIND SIE HOCH-SENSIBEL? Ein praktisches Handbuch fürnhochsensible Menschen. 3. Aufl. Slowenien: Florjancic Tisk d.o.o.
De Jong, Peter & Berg, Insoo Kim (2008). Lösungen (er-)finden. Das Werkbuch der lösungsorientierten Kurztherapie. 6. Aufl. Dortmund: Löer Druck GmbH.
Loebbert, Michael (2017). Coaching Theorie. Eine Einführung. 2., aktualisierte Aufl. Wiesbaden: Springer.
Parlow, Georg (2015). zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. 4. Aufl. Budapest: Interpress.
Annemarie von Allmen Kromer, Oktober 2018