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Die Süsskirsche (Prunus avium) ist von Nordafrika über Mitteleuropa, Ukraine und den Kaukasus bis in den Norden Irans verbreitet. In der Region ist die Süsskirsche vor allem vereinzelt in Eichen-Hagebuchenwäldern zu finden, sie kommt aber auch in tiefgründigen Buchenwäldern, Auenwäldern und in Feldgehölzen und Hecken vor. Die Süsskirsche wird in die Unterfamilie Steinobstartige (Prunoideae) der Rosengewächse (Rosaceae) angesiedelt. Ihre Früchte bilden einen blausäurehaltigen Samen aus, der von einer harten, verholzten Innenfrucht umgeben ist. Die ledrige Aussenschicht der Frucht und das dazwischen liegende essbare Fruchtfleisch bilden zusammen mit dem Holzgehäuse die eigentliche Steinfrucht.
Die wilde Süsskirsche wird seit Jahrtausenden genutzt und kultiviert. Aus Siedlungen der Bronzezeit sind Kirschsteine nachgewiesen. Um 800 v.Chr. wurden Kirschbäume in Kleinasien und etwas später auch in Griechenland kultiviert. Regional haben vermutlich die Alemannen im Gebiet des heutigen Württembergs die Kulturkirsche aus der wilden Süsskirsche domestiziert.
«Der Baumgarten, in welchem die Obstbäume inmitten des dem Gras- und Heuertrag gewidmeten Wiesengrundes stehen, zeigt unsere angestammten Obstarten in bunter Mischung, immerhin so, dass die höheren, sonnigen und trockenen Plateaux des Jura ganz vorwiegend von Kirschen besetzt sind, die seit dem entwickelten Eisenbahnnetz zu einem sehr bedeutenden Ausfuhrartikel geworden sind, während sie früher mehr nur, neben dem lokalen Konsum, zur Herstellung von Kirschwasser dienten.» So trefflich beschrieb Hermann Christ 1923 die Situation des Kirschenanbaus.
Das Baselbiet und das Schwarzbubenland sind für den Kirschenanbau sehr geeignet. Kirschen brauchen durchlässige, warme und nährstoffreiche Böden und kommen mit relativ wenig Niederschlag aus. Als Frühblüher sind die Kirschen empfindlich auf Spätfrost. Da kalte Luft absinkt, finden sich die Kirschbäume im Tafeljura an den oberen Hängen und auf den Hochplateaus, während das weniger empfindliche Kernobst und die Zwetschgenbäume im Talgrund stehen.
Kirschenanbau wird in der Region schon seit Jahrhunderten betrieben. Er beschränkte sich aber auf kleine Obstgärten, welche die Siedlungen umgaben, und diente vor allem der Selbstversorgung. Erst im 19. Jh. nahm der Obstanbau an Bedeutung zu und dehnte sich als Streuobstbau in der offenen Landschaft aus. Angebaut wurden vorwiegend kleine, zuckerreiche Kirschen, die als Dörr- und Brennobst verwendet wurden. Ab 1880 wurde der Kirschenanbau zu einem wirtschaftlich wichtigen Faktor der Landwirtschaft in der Region. Mit der Zunahme der Nachfrage dehnte sich der Hochstammobstbestand aus.
Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 führten Missernten, Preiszerfall und ab 1950 die Prämien der Eidgenössischen Alkoholverwaltung für Baumfällaktionen zur drastischen Dezimierung der Kirschbaumzahl. Gleichzeitig nahm die Produktion von Tafelkirschen zulasten der Brennkirschen zu. Heute besteht die Hälfte aller Feldobstbäume in der Region aus Kirschbäumen. Die höchste Baumdichte mit über 18 Kirschbäumen pro Hektare finden sich in den Solothurner Gemeinden Nuglar – St. Pantaleon und Büren, etwas weniger mit 9 bis 18 Bäumen in den Baselbieter Gemeinden des Bezirks Sissach. Dort ist die Baumdichte im Kanton Baselland am höchsten.
Durch die intensive Kirschenkultur seit Mitte des 19. Jh. hat sich eine grosse Sortenvielfalt entwickelt. Sortennamen wie Brenzer, Krachonier oder Langästler sind dank den Arbeiten von Johannes Kettiger aus dem 19. Jh. überliefert Um 1900 reiste der Besitzer des Bads Schauenburg, Emil Flury, nach Libanon und brachte das Edelreis (Zweige einer Sorte) eines Kirschbaumes mit. Diese pfropfte er beim Bad Schauenburg auf die Unterlage einer wilden Süsskirsche. Der Baum entwickelte sich prächtig und die Sorte zeigte gute Eigenschaften. Daraus entwickelte sich die Spätsorte «Schauenburger», die ab den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre die mit Abstand wichtigste Tafelkirschensorte im Baselbiet darstellte und dies im Hochstammbereich auch heute noch ist. Hingegen liess sich die Sorte Schauenburger nicht auf schwach wüchsigen Unterlagen ziehen, so dass sie in Niederstammkulturen nicht anzutreffen ist. Sie wurde von modernen Sorten etwas zurückgedrängt, die für die Niederstammkultur geeignet sind. Hier dominiert die Sorte Kordia, weitere Sorten sind Merchant, Oktavia oder Regina.
Im Baselbiet und im Schwarzbubenland, aber auch im Markgräflerland, sind die Hochstamm-Kirschbäume immer noch ein prägendes Landschaftselement, obwohl die Anzahl der Kirschbäume in den letzten 60 Jahren drastisch reduziert wurde. Zur Kirschblüte verwandelt sich die Landschaft an vielen Orten des Tafeljuras in ein weisses Blütenmeer und trägt wesentlich zur landschaftlichen Schönheit der Region bei. In den 1980er-Jahren gelang es wie zuvor schon beim Kernobst, auch Kirschen als Niederstammkulturen zu bewirtschaften. Dadurch wurde der Kirschenanbau, der ohnehin unter hohen Arbeitskosten litt, rentabler. Eine Niederstammanlage ist aber ein geometrisches Element in der Landschaft im Gegensatz zum Streuobstbau mit Hochstämmen. In jüngster Zeit werden im Kirschenerwerbsanbau Regendächer eingesetzt, die vor der Ernte während rund vier Wochen über die Anlagen gespannt werden. Dies verhindert das Aufplatzen der grossfruchtigen Sorten bei Regenwetter und mindert Ertragsausfälle. Diese temporären Gewächshäuser aus Plastikfolien verstärken jedoch den Eindruck einer industrialisierten Landwirtschaft im Kirschenland der Region.
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