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Matera beim Spagat von der Steinzeit zur Kulturhauptstadt:
In zwei Jahre dürfte Matera mit seinem Hinterland endgültig aus dem Schlaf geweckt werden, den ihm Carlo Levi in seinem Roman "Christus kam nur bis Eboli" zuschrieb: Im Jahre 2019 wird Matera (in der süditalienischen Basilicata gelegen) nämlich zur europäischen Kulturhauptstadt erhoben.
Matera verlangt vom Besucher einiges. Das Auto kann man getrost vor den Toren der Altstadt belassen, vielmehr ist gutes Schuhwerk und ein gesundes Stück Orientierungsvermögen verlangt, um nach einem Rundgang im Labyrinth von uralten Häusern, hohen Mauern, steilen Treppen und holperigem Kopfsteinpflaster den Weg zurück zum Ausgangspunkt zu finden. Oft endet ein angepeiltes Ziel in einer Sackgasse oder wegen Steinschlaggefahr vor verriegelten Eisentüren und somit gesperrten Wegen. Längst nicht alle Besucher schaffen den Weg bis zur Talmulde der der Sasso Caveoso und der Sasso Barisano (Sasso = Stein). Obwohl der Kalkstein sehr weich ist, muss der Fluss Gravina Jahrtausende gebraucht haben, um sich in die zwei Schluchten der "Sassi" zu fressen. In den beiden "Sassi" fanden schon in der Altsteinzeit Menschen ihre Bleibe. Sie hausten in den natürlich entstandenen Höhlen, welche sie ausbauten. Bis ins Mittelalter wuchs hier eine eigenständige Kultur mit gegen 150 Höhlenkirche und kombinierten Stein- und Hölenwohnungen. Erst in späterer Zeit entstand über der Sassi ein neuer Stadtteil aus normalen Steinhäusern. Nicht alle Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten konnten sich diese Häuser leisten, man flüchtete buchstäblich zurück in die Grotten und Höhlen der Gravina, was den Verfall und Niedergang der Sassi einläutete.
Carlo Levi (selber als Antifaschist von Mussolini 1935 für einige Jahre in die süditalienische Region Basilikata verbannt) beschrieb seine Erfarhungen im eingangs erwähnten Roman:
"In diesen schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt."
Bei solchen Zuständen reifte bei der italienischen Regierung der Beschluss, die Grotten zu schliessen und zu evakuieren. Die konsequente Verwirklichung dieses Ansinnens hätte wohl den endgültigen Untergang und Verfall der Sassi bedeutet. Zum Glück verhinderten verschiedene Bemühungen und Aktionen mit kulturellem Hintergrund den endgültigen Verfall der Höhlensiedlung. Auf dem Fundament dieser Bemühungen wuchsen neue Ideen und entstanden wirtschaftliche Grundlagen, die den Weiterbestand und das Leben in diesem Stadtteil Materas wieder möglich machten. Dabei machten auch zwei bekannte Filme auf das wertvolle Erbe Materas aufmerksam:
So kam 1954 Pier Paolo Pasolini und drehte dort im biblisch anmutendem Matera sein Matthäus-Evangelium und Jahrzehnte später filmte auch Mel Gibson die Sassi seine Passion Christi in den altertümlichen Mauern Materas. 1993 erhielt die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhobene Altstadt nochmals einen Schub und die Aufmerksamkeit des Tourismus. Das Resultat: Über 2'200 Menschen finden in der Sassi und in den alten Mauern Materas wieder wieder Erwerb:
Neu eröffnete Restaurants, Hotels (oft in Form von romantischen Höhlenhotels) und kleine Geschäfte ermöglichen eine solide Lebensgrundlage. 154'000 Besucher sollen im Jahre 2015 Matera besucht haben. 2019 wird Matera, zusammen mit dem bulgarischen Plovdiv, europäische Kulturhauptstadt sein. Künftig muss Matera aufpassen, dass die zunehmende Kommerzialisierung nicht ihre alten Werte zerstört: Man wünscht sich, dass das jahrhundertalte Stadtbild und die Faszination der Sassi in dieser urtümlichen Landschaft möglichst gut erhalten bleiben!
Literaturempfehlung:
Carlo Levi, "Christus kam nur bis Eboli
Deutscher Taschenbuch Verlag