Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03367.jsonl.gz/1714

Irgendwie ist alles Chemie. Die Farben, die Gerüche, die angenehmen und die unangenehmen Seiten des Lebens – und Chemie, man nennt sie dann Neurochemie, entsteht in jedem Gespräch.
Warum bleiben negative Kommentare und Gespräche so viel länger bei uns hängen als Positive?
Eine Kritik vom Chef, eine Meinungsverschiedenheit mit einem Kollegen, ein Streit mit einem Freund – ein Stachel, der einem wochenlang Lob oder Zustimmung vergessen lässt. Wenn dich jemand als faul, nachlässig oder eine Enttäuschung bezeichnet hat, wirst du dich wahrscheinlich häufig daran erinnern und es wiederkäuen. Es ist einfacher, zu vergessen oder zu ignorieren, dass man dir auch schon gesagt hat, dass du talentiert oder gewissenhaft bist oder dass du stolz auf dich sein darfst.
Die Chemie spielt bei diesem Phänomen eine große Rolle. Wenn wir mit Kritik, Ablehnung oder Angst konfrontiert werden, wenn wir uns ausgegrenzt oder herabgesetzt fühlen, produziert unser Körper höhere Mengen an Cortisol, ein Hormon, das das Denkzentrum unseres Gehirns herunterfährt und Konfliktvermeidung und Schutzverhalten aktiviert. Wir werden reaktiver und empfindlicher. Wir nehmen oft eine noch größere Verurteilung und Negativität wahr, als tatsächlich vorhanden ist. Und diese Effekte können 26 Stunden oder länger andauern, wodurch sich die Interaktion in unser Gedächtnis einprägt und die Auswirkungen auf unser zukünftiges Verhalten verstärkt werden. Cortisol funktioniert wie eine Retardtablette – je mehr wir über unsere Angst grübeln, desto länger hält die Wirkung an.
Positive Kommentare und Unterhaltungen erzeugen ebenfalls eine chemische Reaktion. Sie kurbeln die Produktion von Oxytocin an, einem Wohlfühlhormon, das unsere Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und ihnen zu vertrauen, steigert, indem es Netzwerke in unserem präfrontalen Kortex aktiviert. Oxytocin wird jedoch schneller abgebaut als Cortisol, so dass seine Auswirkungen weniger dramatisch und lang anhaltend sind.
Diese «Chemie der Gespräche» ist der Grund, warum es für uns alle so wichtig ist, achtsamer mit unseren Interaktionen umzugehen. Verhaltensweisen, die den Cortisolspiegel erhöhen, reduzieren das, was Judith und Richard Glaser (Harvard Business Review) als «Conversational Intelligence» oder «C-IQ» benennen: Die Fähigkeit einer Person, mit anderen in Verbindung zu treten und innovativ, einfühlsam, kreativ und strategisch zu denken. Verhaltensweisen, die Oxytocin auslösen, erhöhen dagegen den C-IQ.
Was könnten wir daraus machen?
Nun, vielleicht häufiger als nicht, mehr Oxytozin spenden. Wir könnten Fragen stellen, um eine Diskussion anzuregen, uns um andere kümmern, anstatt dazu zu neigen, nur die eigenen Ideen zu erzählen und in die meisten Diskussionen mit der festen Meinung einzusteigen, andere davon zu überzeugen, dass ich recht habe.
Bereit sein, anderen zuzuhören, um sich gegenseitig weiterzuentwickeln, damit etwas Neues entstehen kann. Dafür braucht es unter anderem Respekt.
Respektvoller Umgang
Ein respektvoller Umgang ist die Basis für interessante Dialoge und auch für das Lösen von Konflikten. Um Respekt zeigen zu können, braucht es auch Respekt sich selbst gegenüber.
Respekt ist eine Investition. Nur wer bereit ist, sich anderen gegenüber respektvoll zu verhalten und einen respektvollen Umgang pflegt, kann erwarten, dass diese auch selbst Respekt entgegenbringen. Das Problem dabei ist nur: Einer muss damit anfangen. In seinem Buch «Respekt! Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen» schildert der Kommunikationsexperte René Borbonus, warum es vielen Menschen schwerfällt, anderen gegenüber respektvoll und wertschätzend zu sein. Drei wichtige Gründe dafür sind:
⇒ Kindern wird in den ersten Lebensjahren zu wenig vermittelt, was es heisst, den anderen zu respektieren. Erwachsene sind keine oder nur schlechte Vorbilder, weil sie selbst oft keinen Respekt zeigen.
⇒ Die Medien nutzen Einzelschicksale für Quote und Auflage, ohne den Menschen, sein Leid und seine Ängste zu respektieren. Den Medienkonsumenten wird vermittelt: Respekt ist nicht nötig.
⇒ Wer egoistisch ist, seine Ellbogen einsetzt und Konkurrenten schlecht macht, kommt scheinbar schneller voran und ist damit sogar erfolgreich.
Ein paar Ideen
Wenn Menschen nicht vernünftig miteinander reden oder Informationen nicht ankommen, ergeben sich Missverständnisse und Konflikte. Damit aber Kommunikation funktioniert, braucht es Regeln und ein gemeinsames Selbstverständnis. Nur wenn Gespräche von gegenseitigem Respekt geprägt sind, hört der Gesprächspartner zu, und nur dann ist das Gegenüber bereit, einen sachlichen, weiterführenden Dialog zu führen. Hier einiger Hinweise:
Konzentrieren und hier sein
Konzentriere dich auf das Anwesend sein und auf das «Wofür» im Gespräch. Respektvoll ist, wenn der andere weiß, worum es im Gespräch geht.
Offen und ehrlich sein
Achten auf den eigenen Stil, auch unter Stress. Bleibe auch dann gelassen, offen und ehrlich. Damit drückst du Respekt aus.
Fakten sind wichtiger als Glaubenssätze
Benenne die Fakten. Teile deine Argumente wohlwollend mit dem anderen, gebe Beispiele und Tatsachen. Respekt haben bedeutet: Dem anderen offen und transparent mitteilen, was man selbst für relevant erachtet.
Fehler passieren
Bitte um Entschuldigung, wenn es angebracht ist. Gebe eigene Fehler zu und mache so deutlich: Dir ist bewusst, dass du deinen Gesprächspartner verletzt oder enttäuscht hast.
Sachliche Lösungen
Es geht um die Handlungen und Auswirkungen. Wenn eine Situation eskaliert und die Emotionen hochkochen, dann gilt es Ruhe zu bewahren. Suche nach einer Lösung auf sachlicher Ebene. Vielleicht findet sich ein gemeinsames Sinn-Ziel: «Was wollen wir erreichen?» Respekt zeigt sich gerade in kritischen Situationen.
Verständnis
Frage beim Gesprächspartner nach. Versuche zu verstehen, wie er zu seiner Haltung oder Meinung kommt. Respekt heißt, Verständnis zeigen (was nicht gleichbedeutend ist mit Einverständnis).
Respekt sich selbst gegenüber
Wer aufmerksam und freundlich sich selbst gegenüber ist, kann das auch anderen gegenüber sein.
Wer seine eigenen Bedürfnisse kennt und zu ihnen steht, erkennt, dass auch andere eigene Bedürfnisse haben, die es zu respektieren gilt.
Wer sich selbst in allen Facetten annimmt, wird auch bei anderen Menschen akzeptieren, dass sie anders sind und dass sie ihre Stärken und Schwächen haben.
Ein respektvoller Umgang in Gesprächen zeigt sich durch folgendes Verhalten gegenüber Gesprächspartnern:
⇒ Gut zuhören
⇒ Aussprechen lassen
⇒ Pausen gönnen
⇒ Auf Gestik und Mimik achten
⇒ Gefühle und Bedürfnisse erkennen und akzeptieren
⇒ Sich in den Gesprächspartner hineinversetzen
Für ein respektvolles Verhalten braucht es vor allem auch den Respekt sich selbst gegenüber. Selbstbezogenheit und Egozentrik sind dabei nicht förderlich.
Respektvoller Umgang und Empathie hängen eng zusammen. Wer sich selbst respektiert und genügend Selbstvertrauen mitbringt, der ist stark und gelassen genug, sich auf den anderen und seine Sichtweise einzulassen. Empathie ist eng mit Respekt beziehungsweise einem respektvollen Umgang verbunden. Denn Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und das Bestreben, sie und ihre Bedürfnisse zu verstehen.
Aktiv werden
Hat Ihnen der Artikel gefallen?
Abonnieren Sie meinen sonntäglichen Newsletter und erhalten Gedanken und Ideen, die Ihr Leben bereichern können und downloaden Sie „Besser Zuhören – Besser Kommunizieren“.
Sind Sie pro-aktiv? Wenn ja, dann prüfen Sie meine 4-seitige Checkliste wie man Ziele setzt und erreicht.