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Tellskappelle.
Der Tempel der Erde.
Auch wenn es etwas verwegen zu sein scheint, lassen sich die Tellskapelle (vgl. Intermezzo: "Vierwaldstätter See") und der "Tempel der Erde" von Fidus doch miteinander vergleichen. Wobei Franz Evers Gedicht die pathetische Stimmung, die beide Bauwerke umgibt, gewissermassen eingefangen hat.
Nicht nur handelt es sich in beiden Fällen um rechteckige Bauten am beziehungsweise im Wasser, notabene eines Schweizer Sees, umgeben von einereindrücklichen Bergkulisse, und damit publikumswirksame Inszenierungen, sondern vor allem sind beide mit Kunst ausgestattete Andachtsstätten oder Heiligtümer des 19. Jahrhunderts, die durchaus verwandte Ideale propagieren. Einmal im bescheideneren Masstab, wie er der Schweiz entspricht, einmal in der Grössenordnung deutscher Ansprüche. Allerdings einmal ausgeführt, einmal Utopie geblieben.
Was Evers als "Tells Kapelle" bezeichnet, wobei er durch die Worttrennung die Sagengestalt gewissermassen zum realen Eigentümer oder Bewohner der heiligen Stätte macht, jedenfalls zu einem Ort, der von seinem Geist "beseelt" ist, wurde 1879/80 gebaut und bis 1882 mit vier Wandbildern mit Szenen aus dem "Leben" des Freiheitskämpfers Tell, "Heldentaten", von Ernst Stückelberg ausgestattet: dem Apfelschuss, dem Tellsprung, Gesslers Tod in der Hohlen Gasse und dem Rütlischwur.
Aktualität hatte der Gründungsmythos der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der damit verbundenen Netonung der Wehrhaftigkeit des Staates durch die Schaffung des Bundesstaats mit der Bundesverfassung von 1848 und ihrer Totalrevision 1874.
Hier liegen denn aber auch die wesentlichen Unterschiede: Während die Tellskapelle in einen historischen und damit verbunden kunstgeschichlichen Kontext eingeordnet werden kann, zielt der mit Symbolen znd Bedeutung überfrachtete "Tempel der Erde" zwar auch auf die Tugend Tat und beruft sich auf die Welt der in seinem Fall nordischen Sagen, etwa durch die Runen der Inschrift, um den Anspruch auf Boden, die heimatliche Erde, wenn nicht sogar die Erde überhaupt, die Welt, zu legitimieren, bleibt aber gleichzeitig unverbindlich, und im Gegensatz zur Tellskapelle, die angeblich am Ort des Tellsprungs, der Tellsplatte, errichtet worden ist, austauschbar.
Bild Tellskapelle: Mapio.net.
- Bei der Ausstattung der Tellskapelle mit Wandbildern handelt es um das zweite nationale Unternehmen des Schweizerischen Kunstvereins (Beat Wyss, "Die Institutionalisierung der Kunstgeschichte in der Schweiz", in: Unsere Kunstdenkmäler = Nos monuments d'art et d’histoire = I nostri monumenti storici, 38. Jahrg., 1987, Heft 3, S. 390, Online). Der Kunsthistoriker Beat Wyss schreibt dazu: "Das Projekt war umstritten, da die bestehende Kapelle, das "Heilig Hüsli" aus dem 16. Jahrhundert, dabei abgebrochen wurde. Man begann zu erkennen, dass es zweierlei sei, ein Denkmal zu produzieren oder zu bewahren. Aus der diffusen Idee "Vaterländischer Kunst" im nachempfindenden Sinne des Historismus differenzierte sich der heute gültige Begriff der Denkmalpflege heraus."