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Es ist immer so eine Sache um den Nachlass eines Schriftstellers. Ich bin zwar durchaus Arno Schmidts Meinung, dass die Nachkommen keinerlei Rechte am Nachlass eines schriftstellernden Vorfahren haben dürften, schon gar nicht das Recht, diesen Nachlass oder Teile davon zu vernichten. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass die Lektüre von Werken aus dem Nachlass den Leser rasch davon überzeugt, dass der Autor wusste, warum er diese Elabaorate zu Lebzeiten unveröffentlicht liess.
Anders ist es mit dem ersten Band der nachgelassenen Werke Kuno Raebers, dem 6. Band der Werkausgabe. Zwar nicht mehr bei Nagel & Kimche, sondern im Münchner scaneg-Verlag erschienen, enthält dieser recht voluminöse Band Ausschnitte aus den Tagebüchern und aus dem Briefwechsel von Raeber. Chronologisch in verschiedene Kapitel geordnet und mit einführendem Text der Herausgeber, Christiane Wyrwa und Mattias Klein, versehen. Es ist den Herausgebern gelungen, die Schwiegereltern resp. die Kinder Raebers davon zu überzeugen, auch Texte zur Veröffentlichung freizugeben, die Intimstes (und nicht unbedingt Schönes) über Raeber verraten. Dabei sind die Herausgeber durchaus sorgfältig vorgegangen, und so erfährt der Leser, ohne zum Voyeur zu werden, alles zu Raebers „Konversion“ zur Homosexualität, zu seiner Getriebenheit durch den Sexus (auch noch in den letzten Lebensjahren!), zu Raebers letztendlich vergebenen Versuchen, einen festen Partner zu finden, zu seinem Abgleiten in die Lack-und-Leder- und in die Dunkelkammerszene (zu einer Zeit, als selbst Homosexualität mit „Blümchensex“ strafbar war!), die dann wohl auch letzten Endes verantwortlich war für Raebers Ansteckung mit Aids, der Krankheit, an der er kurz vor seinem 70. Geburtstag starb.
Raeber führte zusehends ein Leben jenseits der bürgerlichen Normen. Der stramme Katholik der Jugend trat später aus der Kirche aus. Auch seine literarischen Werke – abgesehen davon, dass er darin auch die dunkle Seite seiner (der) Homosexualität darstellte – wichen zusehends vom Mainstream der sog. Hochliteratur ab. So kam es, dass er, nachem es in den 60ern noch danach aussah, als hätte er den Durchbruch geschafft, danach in den Kreis der gerade noch eben, oder eben gerade nicht mehr von der zünftigen Literaturkritik Wahrgenommenen rutschte. Dabei hat selten ein Autor sich so viele, und auch so viele zutreffende Gedanken über Poetik und das Verfertigen von Literatur gemacht wie Raeber.
Auch über die Sprache denkt er viel nach, über das Verhältnis des Schweizers zur deutschen Sprache. Auch da steht Raeber absolut quer in der Landschaft. Zum einen, weil er gegen den Mainstream der Deutschschweizer daran festhält, dass die Hochsprache gerade nicht des Schweizers erste Fremdsprache ist, sondern seine Muttersprache. Erst aus den Tagebucheinträgen wurde mir allerdings ganz klar, welche Rolle, das Deutsche Reich in Raebers Denken dabei spielt. Raeber war der Meinung, dass die Schweiz zum Deutschen Reich gehöre. Nicht zum Deutschen Reich der Nationalsozialisten – diesem Phänomen stand er recht hilflos gegenüber, glaubte wohl auch eine Zeitlang, dieses Reich sei ein falscher Schritt, ausgeführt von den falschen Leuten, aber in die richtige Richtung zielend. Raeber wünschte sich im Grunde genommen, dass sich das Deutsche Reich in der politischen Ausprägung und geografischen Ausdehnung aus der Zeit von vor dem Westfälischen Frieden rekonstruieren liesse. Eine recht naive Einstellung und erstaunlich für einen promovierten Historiker. Kein Wunder, eckte Raeber unter den Münchner Schriftsteller-Kollegen der Nachkriegszeit an. Nicht nur, dass er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Zeit nicht am eigenen Leib erfahren hatte (das hatten auch Frisch oder Dürrenmatt ja nicht, die trotzdem akzeptiert wurden) – er schien auch noch der jüngsten Vergangenheit nachzutrauern.
Ein Autor zwischen der Scylla, als triebgesteuerter Homosexueller abgestempelt zu werden (womit allenfalls Linke oder Libertäre hätten leben können, keineswegs aber Konservative), und der Charybdis, als ein einer falschen Nostalgie anhängender Krypto-Faschist zu gelten (womit umgekehrt die Linke ihre Probleme hatte und was die Konservativen allenfalls toleriert hätten), konnte Raeber schlussendlich weder dem einen noch dem andern entrinnen.
Sehr zum Schaden eines Werk, das seiner Zeit voraus war in den dichten Metaphern und symbolischen Längs- und Querbezügen, der Überblendung von Raum und Zeit.
Band 1 des Nachlasses (= Band 6 der Werkausgabe), „Tagebücher, Korrespondenz“: Für jeden, der Raeber näher kennenlernen und seine Werke besser verstehen will, eine Notwendigkeit. Was sicher auch der sorgfältigen Auswahl und der Kommentierung der beiden Herausgeber zu verdanken ist.