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San Francisco, im Jahre 19921): Die Erde ist nach einem Atomkrieg kaum mehr bewohnbar. Hohe Strahlenwerte führen (oft, aber offenbar nicht immer) zu einer Degeneration des menschlichen Gehirns. Solche Fälle kommen vor, und diese Menschen werden als ‘Spezialfälle’ deklariert. Ebenso sind praktisch alle wild lebenden Tiere ausgestorben; ein lebendiges Tier halten zu können, ist zu einem Statussymbol geworden. Es gibt einen genau regulierten Markt mit monatlich erscheinenden Preislisten. Und die Preise sind horrend. Für weniger vermögende Leute gibt es äusserst ähnlich gestaltete Roboter. Rick Deckard, der bei der Polizei von San Francisco als Bounty Hunter, d.i. als Kopfgeldjäger, angestellt ist, besitzt einen solchen Tier-Roboter. Auf dem Dach des Hauses, in dem er wohnt, hält er ein elektrisches Schaf. Aber sein Traum ist es, einmal ein ‘echtes’ Tier zu besitzen. Dieser Traum ist auch seine ultimative Motivation für seinen Beruf.
Der besteht nämlich darin, Andys, also Androiden, aus dem Verkehr zu ziehen. Auf Grund der Unbewohnbarkeit der Erde wurde nämlich ein Programm gestartet, das eine Kolonisation des Planeten Mars in Gang setzte. (Die ‘Spezialfälle’ dürfen übrigens nicht dorthin auswandern!) Um dem durchschnittlichen Erdenbürger mindestens zu Beginn seines neuen Lebens auf dem Mars beizustehen, wurden Androiden entwickelt – künstliche Wesen mit der Intelligenz eines Menschen, aber ohne dessen Rechte. Von Zeit zu Zeit rebellieren einzelne oder kleine Gruppen von Androiden. Sie quittieren ihren Dienst und versuchen, als normale Menschen ein normales Leben zu führen. Dabei töten sie offenbar auch schon mal ihren Besitzer und werden deshalb von den ‘echten’ Menschen als Gefahr wahrgenommen. Es wurden Spezialeinheiten der Polizei gebildet, denen auch Rick Deckart, der Protagonist des Romans, angehört, un die dafür sorgen sollten, dass diese rebellischen Androiden aus dem Verkehr gezogen (sprich: getötet) würden.
Rund um den roten Faden der Geschichte, der Jagd Deckarts nach einer Gruppe entkommener Androiden, platziert Philip K. Dick die eigentlichen Themen des Romans. Da ist zum einen die Ehekrise Rick Deckarts, die sich zum Schluss in Minne auflöst. Da sind bewusstseinsbeinflussende Mechanismen und, damit verbunden, eine seltsame Form von Religion, der Mercerismus, der in einer Art Massenhypnose in einem immer perpetuierenden Zirkel Leiden und Verfolgung um des Leidens und der Verfolgung willen propagiert.
Und da ist das ganz grosse Thema des Romans. Der kritische Unterschied zwischen Mensch und Android ist offenbar, dass den Androiden die Fähigkeit abgeht, sich in andere Menschen versetzen zu können. Diesbezüglich gibt es Tests, bei denen die Reaktionen überprüft werden, und in denen die Androiden regelmässig versagen. Deckart nimmt dies zunächst unhinterfragt hin, im Laufe der Ereignisse kommt er aber mehr und mehr dazu, sich zu fragen, ob die Androiden nicht auf ihre Art und Weise auch Gefühle haben könnten, ob Androiden nicht vielleicht von elektrischen Schafen träumen, so wie er von einem lebendigen Schaf träumt. Erst seine Akzeptanz des Mercerismus löst seinen Konflikt, indem diese Religion seinem Tun erneuten metaphysischen Sinn gibt. (Gleichzeitig versöhnt sie ihn mit seiner Frau.)
Ich weiss nicht, ob Philip K. Dick die Antwort seines Protagonisten als definitive oder auch nur richtige Antwort sah. Der Mercerismus ist eine via Schopenhauer und Nietzsche umgeformte Spielart des Buddhismus – solche religiösen Varietäten waren im San Francisco der 1960er Jahre durchaus im Schwange. (Und nicht nur die Handlung spielt in San Francisco; auch Dick lebte zur Zeit der Abfassung des Romans dort.) Interessanter erscheint mir aber etwas anderes. Nein, nicht die Frage, ob Deckart selber ein Android sei. Die spielt – im Gegensatz offenbar zum Film – kaum eine Rolle im Roman. Es ist das Phänomen, dass – abgesehen von einem der Widmung folgenden Yeats-Zitat – alle Erwähnungen von Kunst und Kultur in Zusammenhang mit Underdogs erfolgen2). Einer der Androiden, die Deckart zur Strecke bringen will, ist ein grosser Star an der Oper. Als Deckart sich zum Verhör der Dame aufmacht, ist sie gerade als Königin der Nacht in einer Probe begriffen. Deckarts erster Versuch, die Dame zu eliminieren scheitert, erst der zweite ist erfolgreich, als die Sängerin eine Kunstausstellung besucht, in der u.a. explizit Edvard Munchs Der Schrei ausgehängt ist. Und als der ‘Spezialfall’ J. R. Isidore den Satz No Man is an Island Shakespeare zuschreibt (aber immerhin kennt er den Satz und schreibt ihn einem Klassiker zu – ich weiss nicht, wie viele Durchschnitts-Amerikaner oder -Engländer den Satz überhaupt einem klassischen Autor zuordnen würden), wird er von einer andern Androidin korrigiert. Die ‘echten’ Menschen hingegen scheinen sich – mit Ausnahme von Deckart (was für sein Androidentum sprechen könnte!) – kaum für Kunst zu interessieren.
Kunst als Ausdruck des sozial und / oder psychisch benachteiligten Menschen…
1) Das sind rund 25 Jahre nach Erscheinen des Romans. (Wir haben schon bei A Scanner Darkly festgestellt, dass Dick seine Zukunft immer relativ kurzfristig ansetzt.) In späteren Ausgaben wurde die Handlung ins Jahr 2021 versetzt; der Film – den ich im Übrigen nie gesehen habe – hat m.W. die Geschichte ins Jahr 2019 gesetzt.
2) Ähnlich auch in A Scanner darkly, wo erst der auf Grund seines Drogenkonsums degenerierte Ex-Polizist Bob Arctor sich Fetzen romantischer deutscher Dichtung in Erinnerung ruft.