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Beginnt heute tatsächlich ein neues Jahrzehnt? In der Nacht feierte die Welt den Beginn des Jahres 2020. Die Veränderung der Zahl ist durch den Wechsel von 19 zu 20 nicht zu übersehen. Doch, wenn Sie bis Zehn zählen: mit welcher Zahl beginnen Sie dann?
Numerisch beginnt das neue Jahr in der Tat mit dem Jahr 2021, wie Jan Rüdiger, Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Basel, gegenüber Telebasel sagt. Dies, weil «das Jahr ‹Null› nicht existiert». Demnach hat das erste nachchristliche Jahrzehnt mit dem Jahr «eins nach Christus» begonnen. Und das letzte vorchristliche Jahrzehnt umgekehrt «zehn vor Christus» und bis «eins vor Christus» gedauert.
Christian Gerlach, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bern pflichtet Rüdiger bei. «Tatsächlich beginnt das neue Jahrzehnt am 1. Januar 2021, da die Zeitrechnung theoretisch mit einem Jahr Null – vor Vollendung des ersten Jahres – begann.»
Numerische Tatsachen spielen kleine Rolle
Trotz der numerischen Vorgabe spiele das bei Experten – wie auch in der Gesellschaft – praktisch keine Rolle, so Rüdiger. «Ein Historiker, der ein Buch über ‹Die fünfziger Jahre› mit dem Jahr 1950 beginnen liesse und 1959 aufhörte, würde sich keine bösen Kritiken dafür einfangen.» Auch das Jahr 1900 beispielsweise dürfe bei Besprechungen zum 20. Jahrhundert miteinbezogen werden.
Um die Frage nach den Jahrzehnten zu klären, würden manchmal auch Mathematiker herangezogen, wie Gerlach erläutert. Weder Historiker noch die breite Öffentlichkeit würden dem «Problem» grosse Aufmerksamkeit schenken, sagt er.
Diskussionen um Jahrhundert-Begriff
«Wenn überhaupt neigen wir eher dazu, diese Epochen eher als ‹Labels› und nicht als exakte Abschnitte zu benutzen, und reden zum Beispiel von ‹dem langen 19. Jahrhundert›, das bis zum Ersten Weltkrieg dauert», erklärt Rüdiger von der Universität Basel. Für Gerlach von der Universität Bern machen solche Einordnungen wenig Sinn: «Manche Historiker operieren mit wenig durchdachten Konzepten wie einem sogenannten ‹langen 19. Jahrhundert›, wobei der Jahrhundert-Begriff praktisch sinnentleert auftritt», argumentiert er.
«Dies wiederum verweist darauf, dass die hiesige Zeitrechnung – die christliche, wie jede andere – ein Konstrukt ist. Dabei herrschte noch weit ins Mittelalter weder über eine Zählung ab Jesu Geburt noch über den Beginn des Jahres Einigkeit.
Historiker feierte neues Jahrzehnt
Gross diskutiert werde das Thema über ein neues Jahrzehnt in Historiker-Kreisen nicht: «Wenn es solche Debatten gibt, dann zum Beispiel darüber, seit wann die Gesellschaften solche Intervalle zum Gliedern ihrer Zeiterfahrung benutzen», wie führt Rüdiger an. Also beispielsweise ob es ‹Twenties› als solche schon 1925 oder 1930 gab. Deshalb werde das Thema auch nicht gross besprochen, ausser mit Blick auf die grossen Fragen der Kalendergeschichte, die die Entwicklung der christlichen Zeitrechnung behandeln. Beispielsweise ob Zeit linear oder zirkulär verstanden werde.
Rüdiger feierte das neue Jahrzehnt entsprechend bereits am gestrigen Silvesterabend. Als Historiker muss er aber noch einige Jahre warten, um das Jahrzehnt würdig zu feiern, wie er erzählt. «Ob das neue Jahrzehnt zu feiern sein wird? In zehn, längstens elf Jahren wissen wir es», sagt er.
So machen’s Castro und die Vereinten Nationen
Für Aufsehen sorgten historisch gesehen vor allem die Jahrtausendwenden. So gibt es eine Legende, dass die europäischen Christen um 1000 voller Panik den Weltuntergang – also den Untergang eines prophezeiten sogenannten tausendjährigen Reiches – erwarteten. Dies sei zwar weitgehend ein Mythos, wie Christian Gerlach von der Universität Bern erklärt. Wenn es aber so war, dann habe die Angst auf die Wende zum Jahr 1000 geherrscht. «Wenn, dann also Angst zum ‹falschen› Zeitpunkt eigentlich», sagt er.
Das neue Jahrtausend vor 20 Jahren wurde weltweit entsprechend auch «falsch» am 1. Januar 2000 gefeiert. Eine Ausnahme gab es jedoch, wie Gerlach weiss: «Kuba, namentlich Fidel Castro, stellte sich auf den Standpunkt, das neue Jahrtausend beginne logisch erst am 1. Januar 2001.» So organisierte die Republik Kuba ihr Feuerwerk erst ein Jahr nachdem der Rest der Welt das neue Jahrtausend gefeiert hatte.
«Die Vereinten Nationen wussten das auch schon mal besser», fügt Gerlach an: Relativ bekannt sind deren sogenannte Entwicklungsdekaden, von denen die erste 1960-1970 umfasste – sehr inkonsequent, elf Jahre – die zweite aber immerhin korrekt 1971-1980.»