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Es war 1985, als mich eine Band aus den Staaten völlig faszinierte und so komplett anders spielte, als die restlichen Thrash Metal Bands aus der Bay Area in der damaligen Zeit. Es waren die pfeilschnellen «Blitz The World», «In Fire» und «Ride (Into The Sun)», die mich förmlich aus meiner eigenen Umlaufbahn schossen und mir Glücksgefühle bescherten, wie ich sie mir wünschte. Neben dem unglaublichen Gitarren-Spiel, das mit Vinnie Moore (heute UFO) einen aufsteigenden Stern am Gitarren-Olymp vorwies, hatten Vicious Rumors einen dieser Shredder in den eigenen Reihen, wie sie eben zum guten Ruf gehörten. Zusammen mit Bandleader Geoff Thorpe bildete er eine Geheimwaffe, die den Duos Downing/Tipton (Judas Priest) oder Gillis/Watson (Night Ranger – Brad Gillis spielte später bei VR) das Fürchten lernten. Mit Gary St. Pierre fand man schliesslich auch den passenden Schreihals. Doch das Personen-Karussell begann sich schon damals immer wieder zu drehen. Mit Marc McGhee kam ein neuer Gitarrist in die Band, und dank Supersänger Carl Albert konnte ein Performer gefunden werden, der die folgenden Alben nicht nur stimmlich prägen sollte.
«Digital Dictator» (1988) war der Zweitling, der für mich noch heute die beste Veröffentlichung der Truppe ist. Atlantic Records nahm sich der Band an, und so sollte dem steilen Erfolg eigentlich nichts mehr im Weg stehen. Die folgenden Alben («Vicious Rumors», 1990 und «Welcome To The Ball», 1991) trafen den Nerv der Zeit, und die Amis feilten fleissig an ihrer Karriere, bis sie von Atlantic gedroppt wurden und Carl 1995 bei einem tragischen Unfall verstarb. Ein Schlag, von dem sich die Band so schnell nicht mehr erholen sollte. Geoff nahm sich fortan dem Management der Truppe an und stand für «Something Burning» (1996) gleich selbst am Mikrofon. Doch die Musikszene befand sich fest in den Krallen des Grunge, und somit gehörten auch Vicious Rumors einer aussterbenden Spezies an. Die musikalische Selbstfindung, die es nie gebraucht hätte, dauerte einen Moment. Zudem gaben sich die Jungs um Mister Thorpe regelmässig die Klinke in die Hand. Namhafte Musiker kamen, gingen wieder, und an ein stabiles Line-up schien niemand zu denken. Ausser Geoff und Schlagzeuger Larry Howe fand sich keine Konstanz in der Combo.
Knapp 44 Jahre nach der Bandgründung standen Geoff, Larry, Sänger Ronnie Monroe (ehemals Metal Church), Gitarrist Gunnar DüGrey und Bassist Robin Utbult in Aarburg auf der Bühne. In einer Zeit, in welcher viele Ami-Bands ihre Tourneen aus finanziellen Gründen (sprich schlechten Vorverkäufen) absagen, fuhr der Fünfer in Europa in einem Mercedes-Van von Konzert zu Konzert. Jeden Abend stand Geoff jeweils vor und nach dem Konzert am Merchstand, verkaufte T-Shirts und managt Vicious Rumors noch heute, wenn er nicht gerade Tour-Manager ist. Dies mit 61 Jahren, wo sich andere Mucker schon lange nicht mehr vom Sofa erheben, wenn nicht der gemütliche Nightliner ruft. Die Jungs verdienen deshalb meinen grössten Respekt. Einerseits für diese Leistung rund um das Konzert und auf der anderen Seite für das, was sie während rund achtzig Minuten auf der Bühne boten.
Crashtime
Zum Auftakt des Abends standen zuerst die Schweizer von Crashtime auf der Bühne. Sänger Al, der beim ersten Song in einer Mönchskutte auf der Bühne erschien, versuchte immer wieder das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Der Manilla Road artige Metal, der zwischen schnellen und schwerfälligen, langsameren Parts abwechselte, konnte bis am Schluss mehr als nur einen Höflichkeitsapplaus für sich verbuchen. Als zur Frage "wir brauchen eure Hilfe…, wie machen die Wölfe?" das Publikum wie ein Rudel Pelzträger aufheulte, verfehlte der Frontmann die gewünschte Wirkung nicht. Auch wenn die Dinge ab und zu ein bisschen holprig klangen und man den (grossen) Qualitätsunterschied zum Headliner wenig später deutlich hörte, spielten die Jungs einen sehr sympathischen Gig. Die Stimme von Al kann man gut finden, bewirkte aber auch eine gewisse Kritik betreffend den Höhen, in denen er sich bewegte. Am Ende des Konzertes war es auf jeden Fall für beiden Parteien ein unterhaltsamer Abend.
Vicious Rumors
Gespannt war ich auf Neusänger Ronnie Monroe, der schon bei Metal Church eine hervorragende Figur abgab. Wie er sich aber im heutigen Set schlagen würde, das nur aus den Klassikern der ersten vier VR- Scheiben bestand, musste er allerdings zuerst beweisen. Fazit vorab: Mister Monroe sang wie ein junger Gott, holte die hohen Screams von Carl Albert ohne mit der Wimper zu zucken aus seiner Lunge und ist genau der Shouter, nach dem sich die Truppe nach dem Tod von Mister Albert immer umgesehen hatte. Auch wenn die Jungs mit James Rivera, Brian O'Connor und Brian Allen absolute Spitzenkönner am Start hatten, was Ronnie an diesem Abend bot, war nicht von dieser Welt. Neben seiner gesanglichen Meisterleistung liess er der Saitenfraktion immer genügend Platz auf der Bühne, wenn diese am Solieren war oder die messerscharfen Riffs ins Publikum pfefferte. Hinter ihnen verdrosch der 61 Jahre jung gebliebene Larry das Drumkit der Vorband nach aller Regeln der Kunst und gab somit den Groove vor.
Das Set bestand aus zwei Liedern vom Debüt-Album «Soldiers Of The Night», drei Tracks vom «Digital Dictator» Meisterwerk, sechs Krachern vom «Vicious Rumors» Knaller und vier Songs vom «Welcome To The Ball» Album. Eine Mischung, die sich gewaschen hatte und kaum Wünsche offen liess, ausser die Jungs hätten wieder einmal das komplette «Digital Dictator» Album gespielt. Alles Mucke, die in jede gute sortierte Plattensammlung gehört und in den achtziger Jahren für viele begeisterte Fans sorgte. Es war eine Zeitreise, in welcher die Musik noch einem Ehrenkodex unterlegt war und sich Songs noch nach solchen anhörten. Nach wie vor verbreiten Tracks wie «Abandoned» (mit einem unnachahmlichen Scream!), die Speed-Tracks «Minute To Kill», «Hellraiser» und «Don't Wait For Me» einen Reiz, dem man sich nicht entziehen kann. Aber auch die groovigeren Tracks wie «Digital Dictator», das unverwüstliche und hymnenhafte «Lady Took A Chance», das gnadenlos geile «Down To The Temple» und die beiden Klassiker «Soldiers Of The Night» und das zum Mitgrölen verdammte «March Or Die» beinhalten alles, was man sich von einem mitreissenden, packenden und energievollen Track wünscht. Es waren aber nicht nur die Dynamik und der Groove, sondern auch die Melodien sowie das musikalische Geschick, welches aus diesem Material grundsolide Klassiker zaubert. Tight "as fuck" spielte der Fünfer auf, und noch immer spielten die Jungs wie ein junge, frische und unverbrauchte Truppe mit massig Hummeln im Arsch auf. Getragen von der Souveränität des Bandleaders (einfach unglaublich, was dieser aus seinen Saiten heraus kitzelt!), der jugendlichen Unbekümmertheit von Gunnar und Robin sowie der Gelassenheit von Ronnie zelebrierten Vicious Rumors nicht als den reinrassigen Metal.
Dies alles gepaart mit einer Spielfreude, dass selbst die schwierigsten Parts zum Kindergeburtstag verkamen und die Fans der Truppe förmlich aus den Händen frassen. Es war eine Freude Larry zuzusehen, wie er die Bassdrum mit seinen Füssen zerdepperte und mit seiner seelenruhigen Art eine unglaubliche Power, Energie und Dynamik erzeugte. Dieser Wumms schmiedet noch heute aus den teils vierzig Jahren alten Klassikern puren Stahl, den man bangend oder mit offenem wie staunendem Mund geniessen kann. Ob dafür nun das Abriss-Kommando «Hellraiser», das gefährlich und wie ein schleichender Tiger daher kommende «Down To The Temple» oder der Überhit «Lady Took A Chance» verantwortlich waren, spielte keine Rolle. Die Herren konnten an diesem Abend eigentlich spielen, was sie wollten, die Fans lagen ihnen zu Füssen. Mit «Don't Wait For Me» wurden nochmals die letzten Energien freigesetzt und mobilisiert, bevor sich ein völlig verschwitzter Geoff sofort wieder am Stand einfand, um Shirts zu verkaufen, für Fotos zu posieren und alles unterschrieb, was ihm vor die Nase gehalten wurde. Seine Bandkollegen verteilten sich anschliessend bei der Bar und waren, wie auch Mister Thorpe, für ihre Fans da. Und eines war an diesem Abend allen Anwesenden klar. Eine solche Band verdient eine breitere und grössere Aufmerksamkeit! Der Fünfer hat aufs Neue bewiesen, dass er mitunter noch immer zum Besten gehört, was man sich als Metal-Fan Gutes tun kann. Wer hier nicht dabei war, ist selber schuld und hat mehr als nur etwas verpasst, denn es gibt Abende, an denen Metal-Geschichte geschrieben wird. Der 17. Mai 2023 in der Musigburg in Aarburg war ein solcher!
Setliste: «On The Edge» - «Abandoned» - «You Only Live Twice» - «World Church» - «Digital Dictator» - «Minute To Kill» - «Ship Of Fools» - «Lady Took A Chance» - «Six Stepsisters» - «Strange Behavior» - «Down To The Temple» - «Hellraiser» - «Soldiers Of The Night» - «March Or Die» -- «Don't Wait For Me»