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Das erste Konzert des Kammerorchesters Zürich – nein, kein Verschreiber! – fand am 20. Mai 1920 im Kleinen Tonhallesaal statt. Auf dem Programm standen Werke von Händel und Bach. Dirigent war Alexander Schaichet (1887–1964), der auch die Solovioline im 2. Brandenburgischen spielte. Solistin im Klavierkonzert in d-Moll, BWV 1052, war seine Frau, die gebürtige Ungarin Irma Schaichet-Löwinger.
Nachdem das Jubläumskonzert 2020, das gleichzeitig als Hommage an Schaichet gedacht war, aus naheliegenden Gründen nicht durchgeführt werden konnte, fand es jetzt endlich statt. Bevor Konzertmeister Willi Zimmerman den Bogen zum Einsatz hob, gab es eine kurze Würdigung durch Kathrin Martelli, Alt-Stadträtin und Präsidentin des Vereins ZKO. Somit sei es auch hier am Platz, die wechselvolle Geschichte der Zürcherischen Kammerorchester (Plural!) kurz einzublenden.
Der aus Südrussland, der heutigen Ukraine, gebürtige Alexander Schaichet war 1914 in die Schweiz gekommen und bei Kriegsausbruch als Staatenloser hier geblieben. Als er im Januar 1917 einen offiziellen Antrag für den Verbleib stellte, setzte er als Zivilstand auf dem betreffenden Fragebogen «Musiker» ein. Musik war denn auch tatsächlich sein Lebensinhalt: Er hatte in Odessa und Leipzig Geige studiert und als erfolgreicher Solist und Kammermusiker in Jena gelebt.
Jetzt, in Zürich, gründete er – neben vielen Aktivitäten wie der eigenen solistischen Konzerttätigkeit, der Leitung diverser Gesangsvereine, der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, des Akademieorchesters Zürich sowie von Omanut, dem Forum für jüdische Kunst und Kultur – das Kammerorchester Zürich. Das aus pädagogischen – und wohl auch finanziellen! – Überlegungen mit jungen Musikern und Studierenden besetzte Ensemble sollte eine Alternative mit Schwerpunkt «Alte und Neue Musik» zum sinfonisch besetzen professionellen Orchester der Tonhalle darstellen. In den Jahren des Naziterrors zerfielen Schaichets Netzwerke und Quellen zu neuen Werken in Deutschland und Europa. Im Zeichen der geistigen Landesverteidigung konzentrierte man sich vermehrt auf Schweizer Komponisten wie Robert Blum, Luc Balmer, Albert Moeschinger, Willy Burkhard u. v. a. Doch die finanziell zunehmend prekäre Lage und, 1941, die Gründung des auf zeitgenössische Musik spezialisierten professionellen und entsprechend honorierten Collegium Musicum Zürich durch Paul Sacher beförderten das Ende des Kammerorchesters Zürich. 1943 gab es sein letztes Konzert. Schaichet übernahm eine Lehrtätigkeit als Professor an der Musikakademie, die er bis zu seinem Tod innehatte. – Nach dem Krieg, 1945, gründete Edmond de Stoutz eine neue Formation, die sich ab 1951 Zürcher Kammerorchester (ZKO) nennt. Und die eben jetzt auf dem Podium des Grossen Tonhallesaals Aufstellung nimmt – das Ensemble spielt tatsächlich einen Teil des Programms stehend!
Den Auftakt macht Willy Burkhards Toccata, op. 55., ein Auftragswerk, das 1939 in einem Konzert des Kammerorchesters seine Uraufführung erlebt hatte. Es handelt sich dabei um eine Art Kammersinfonie mit drei Teilen, Präludium, Aria und Finale – ein bisschen Hindemith, ein bisschen helvetisch temperierter Bartók, das Bemühen des Komponisten, den (damaligen) Ausführenden keine allzu schwierige Aufgabe zuzumuten, ist unüberhörbar. Und das ausschliesslich auf Streicher beschränkte Orchester gibt sich redlich Mühe, aber mit mässigem Erfolg, den etwas trockenen Kontrapunkt mit Ausdruck und Wärme zu erfüllen; ein Aufwärmestück im eigentlichen Wortsinn.
Dem ersten Konzert von 1920 entsprechend steht sodann Bachs d-Moll-Konzert auf dem Programm, endgültig niedergeschrieben wohl 1738. Oliver Schnyder spielt es offenbar erstmals öffentlich. Es ist hier nicht der Raum, um die vertrackte Quellenlage dieses wohl berühmtesten der bachschen Konzerte für Tasteninstrument zu erörtern. Das musikalische Material aller drei Sätze – Allegro, Adagio, Allegro – finden sich in diversen Kantaten wieder, zugrunde liegen könnte auch ein verschollenes hochvirtuoses Violinkonzert von 1720. Virtuos und vollgriffig, aber auch von düsterem Pathos erfüllt ist denn auch der Solopart des vorliegenden Konzerts. Schnyder gestaltet ihn jedoch erstaunlich zurückhaltend, was die Emotionen betrifft. Bei der Interpretation auf einem grossen Steinway anstelle eines Cembalos mag diese Lesart durchaus gerechtfertigt, zumindest bewusst so gestaltet sein. Dennoch stürzt sich der Solist mit souveränem Impetus in den mit virtuosen Effekten gespickten ersten Satz, gibt dem versonnen Mittelsatz Ruhe und Entspannung und treibt den Finalsatz mit Drive und Spielfreude voran. Das Orchester antwortet mit Präzision und Schneid, aber ebenfalls etwas pauschal und solide – zugegeben: heutige Hörgewohnheiten, geprägt durch historisch informiertes Musizieren, könnten den Eindruck des Allgemein-Verbindlichen ein wenig befördert haben.
Dass das Orchester sehr wohl auch zu anderem fähig ist, beweist es mit dem Opus 11 des achtzehnjährigen Dmitri Schostakowitsch, komponiert 1924/25. Diese beiden Stücke für Streicher, Präludio-Adagio und Scherzo-Allegro molto-Moderato-Allegro, waren ursprünglich für Streich-Oktett geschrieben, werden aber in der Regel mit ganzen Streicherformationen gespielt. Hier nun brodelt und funkelt ungestüme Vitalität. Die düstere, in sich gekehrte Klangwelt des Präludiums mit ihrer blockartigen Gliederung lässt bisweilen an Bach denken – das Stück soll tatsächlich als Hommage an den Thomaner gedacht sein. Im krassen Kontrast dazu jedoch steht das anschliessende energiegeladene Scherzo. Mit staunenerregender Präzision sausen die orchestralen Peitschenhiebe zwischen die unerbittliche Motorik, eine Klangsprache, wie sie in ihrer Doppelbödigkeit und ihrem Sarkasmus den späteren Schostakowitsch auszeichnet. Und vom ZKO pointiert und hinreissend präsentiert wird!
Nach kurzem Umbau der Bühne – jetzt dürfen die Musiker sitzen, da sich auch die Bläser dazu gesellen – steht Mozarts D-Dur-Klavierkonzert Nr. 26, KV 537, auf dem Programm. Seinen Beinamen «Krönungskonzert» erhielt es aus äusserem Anlass: Im Oktober 1790 wurde Leopold II., Sohn Maria Theresias, als Nachfolger seines Bruders Joseph II. in Frankfurt zum Kaiser des Hl. Römischen Reichs gekrönt. Mozart, immer noch in der Hoffnung auf eine feste Anstellung bei Hof, reiste auf eigene Faust ebenfalls nach Frankfurt, wo er dieses Werk, das schon 1788 entstanden und 1789 in Dresden aufgeführt worden war, in einem gigantischen Festkonzert zur Aufführung brachte – der erhoffte Erfolg allerdings, der blieb aus. Wie in keinem anderen Konzert ist hier der Solopart äusserst rudimentär ausgeführt. Da der Komponist es selbst vortrug, er sich also auf sein Genie und sein musikalisches Gedächtnis verlassen konnte, ist die linke Hand in den beiden Ecksätzen nur skizzenhaft, im Mittlersatz überhaupt nicht notiert. Das erlaubt, ja erfordert vom Solisten einiges an musikalischem Einfallsreichtum.
Muskalische Intelligenz gepaart mit Fantasie
Oliver Schnyder erfüllt diesen Anspruch mit ebenso stimmiger wie launiger Fantasie; selten hat man das schlichte Thema des Mittelsatzes so subtil und überraschungsreich ausgestaltet gehört. Auch die Kadenzen lassen aufhorchen. Schnyders zupackender Ansatz passt ausgezeichnet zur extravertierten, festlichen, mitunter sogar pompösen Anlage dieses Werks. Blitzsauber perlende Läufe und erfrischende Natürlichkeit prägen sein Spiel, er nutzt die pianistischen Effekte zwar lustvoll aus, weiss aber der etwas oberflächlichen Brillanz der Komposition auch immer wieder delikate und innigere Nuancen abzugewinnen und so auch den Moll-Eintrübungen mehr Gewicht zu verleihen. Das Orchester agiert prägnant, frisch, bisweilen geradezu spielerisch und angriffig. Die Bläser, die Mozart ausdrücklich «bloss» ad libitum vorsieht, steuern, wenn auch kaum thematisches Material, so doch aparte Farben und Akzente zum Gesamtklang bei. Nach dem allzu wuchtig geratenen Trompeteneinsatz, der auf die orchestrale Piano-Einleitung des 1. Satzes folgt, finden sich Bläser und Streicher bald zu ausgewogener Balance. Jedenfalls unterstreicht die grosse Besetzung mit Pauken und Trompeten den glanzvollen Charakter, was den Beinamen des Konzerts durchaus legitimiert. Und den begeisterten Applaus geradezu provoziert!
Nochmals eine ganz andere Seite zeigt der Pianist in der Zugabe: der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen: Nachdenklich, mit atmender Emphase und weitgespannten Melodiebögen schafft er Weite und Raum, Stille und Tiefe... Sublim!
Mehr Infos über Alexander Schaichet, seine Zeit und sein Orchester bietet das gründlich recherchierte, facettenreiche Buch: «Zivilstand Musiker» (Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2020)
Portrait Oliver Schnyder © Marco Borggreve