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Fokus
|3.2011|
|In ihrer Arbeit fokussiert Anne-Julie Raccoursier auf gesellschaftsrelevante Fragen der Gegenwart, zum Beispiel auf Themen der Geschlechterdifferenz, Identität, Selbstdarstellung oder auf anthropologische Rituale. Die in Genf und Lausanne lebende Künstlerin ist aktuell mit einer Soloschau in Düsseldorf und Langenthal zu Gast.|

Anne-Julie Raccoursier - Zwischen Ironie und gesundem Menschenverstand
von: Oliver Zybok

links: Noodling, 2006, Video, 7'20'
rechts: California Rings, 2010, Video-Installation, 60'00', Masse variabel

«Das Gegenteil von Ironie ist gesunder Menschenverstand», schreibt der amerikanische Philosoph Richard Rorty in seinem 1989 erschienenen Buch ‹Kontingenz, Ironie und Solidarität›. Die Ironie versetzt den Einzelnen in die Lage, mehrere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, unterschiedliche Begebenheiten zu akzeptieren, ohne sich genau festlegen zu müssen. Dadurch werden einseitige Bewertungen vermieden. Anne-Julie Raccoursier benutzt in ihren Videos, Fotografien, skulpturalen Objekten und Installationen die Ironie als Gegenmittel zu doktrinären Wirklichkeitsvorstellungen, nicht im Sinne des ironischen Gelächters der Postmoderne, das offen liess, ob hier «alles» radikal infrage gestellt wurde oder einfach Ahnungslosigkeit vorherrschte, sondern als eine gezielte künstlerische Strategie, die etablierte Vorstellungen unterläuft. Raccoursier benennt dabei zwei wesentliche Zustände unserer Gesellschaft: hyperaktiv und hochmotiviert auf der einen Seite, schlaflos und am Rande des Zusammenbruchs auf der anderen.

Symbol des steten Unterwegsseins
Die Skulptur ‹Jet Lag›, 2007, thematisiert diese ambivalente Stimmung auf humorvolle Weise: Über ein grosses Flugzeugmodell mit einer Spannbreite von fast zwei Metern als Symbol des steten Unterwegsseins im Zeitalter der Globalisierung ist fast beiläufig ein Tuch drapiert. Dieser einfach anmutende skulpturale Eingriff verstärkt die Ambivalenz der oben angesprochenen Zustände: Das Tuch, einer Decke ähnlich, suggeriert Ruhe, der Titel ‹Jet Lag› eine ermattete körperliche Verfassung.
Raccoursiers Überlegungen zur Vielzahl von Möglichkeiten und Konstellationen, Meinungen, Informationen, ephemeren Strukturen, temporären Netzwerken, die nebeneinander und gleichzeitig existieren, sind an Vorstellungen von entsprechend genutzten Räumen gebunden. Diese können vollkommen unterschiedlich geprägt sein: beispielsweise als imaginierter, historischer, biografischer oder sozialer Raum. Bezugspunkte und Interpretationspotential sind vielfältig. Ein Hauptaugenmerk der Künstlerin liegt auf Fragen der individuellen und kollektiven Identität, die sich auch aufgrund ihrer eigenen Biografie als Mitglied einer Familie mit finnischen und Schweizer Wurzeln stellen.
Räume als Phänomen
Räume nehmen wir meist unbewusst wahr, doch diese Selbstverständlichkeit lässt sich auch durchbrechen. Das Phänomen wird in eine Phänomenologie überführt. Der Motor dieses Wandels ist die Irritation. Hier setzt die künstlerische Arbeit von Raccoursier ein. «Das phänomenologische Schauen ist nahe verwandt dem ästhetischen Schauen», schreibt Edmund Husserl, der Begründer der philosophischen Phänomenologie. Die Wahrnehmung ist irritiert. Daraus leitet die Phänomenologie das Bewusstsein ab, dass man in der Beobachtung gleichsam neben sich steht, und dass statt des Objektes der Wahrnehmung ein Subjekt der Wahrnehmung greifbar wird. In ähnlicher Weise wird auch die Ästhetik von einem Zweimal-Hinschauen bestimmt, in dem die Welt ihre Evidenz verliert.
Daran knüpft Raccoursier an, wenn sie identitätsstiftende Verhaltensmuster aufdeckt, die Gegebenheiten mit Eigensinnigkeiten aufladen. «Ich versuche Elemente in meine Arbeiten einzubauen, die mir mehrere Bedeutungen und Lesarten erlauben.»
Bei den grossformatigen Fotografien ‹Remote Viewer›, 2007, werden Ordnungsstrukturen im öffentlichen Raum gezeigt. Dabei handelt es sich um Luftaufnahmen eines amerikanischen Vorortes - eine Wohnsiedlung in symmetrischer Anordnung - und eines wohlgeordneten Flugzeugfriedhofs in der Wüste. Menschen sind auf beiden Aufnahmen nicht zu sehen, wodurch die Darstellungen anonymisiert wirken. Eine genaue Raumzuordnung ist unmöglich. Aus der Vogelperspektive betrachtet, wirken die einzelnen Bildelemente wie Miniaturspielzeuge oder zeitgenössische Ruinen. «Der Titel der Serie ‹Remote Viewer› verweist auf die Distanz und Unnahbarkeit des Betrachters zu den Dingen, die ihn umgeben», so Raccoursier. Ähnliche Ordnungsstrukturen offenbaren sich im Video ‹Whirligig›, 2007, das die persönliche Garde des französischen Staatspräsidenten beim täglichen Training zeigt. Die Motorradfahrer in dunklen Uniformen und mit weissen Helmen rollen in zwei Reihen langsam auf die Kamera zu, die Raccoursier in ihren Händen hält, scheren dann nach links und rechts auseinander und formieren sich zu perfekt anmutenden symmetrischen Figuren. Durch das stete Wiederholen dieser Prozedur wirkt dieses Training wie eine speziell für das Video entworfene Inszenierung, ist aber eine von der Künstlerin vorgefundene Realität, die der Identitätsbildung des französischen Staates dient. Auch hier ist eine genaue Identifizierung bzw. Lokalisierung der Szenerie nicht möglich. Handelt es sich um eine militärische Übung, eine offizielle Parade oder um ein Sportritual?
Raccoursier hinterfragt stets gesellschaftliche Mechanismen, die Identität formen, konstruieren oder umwandeln. Sie untersucht Begebenheiten des Alltags: «Die Medienindustrie und ihr Einfluss auf das alltägliche Leben ist immer präsent, wenn der Betrachter einen Ausstellungsraum mit meinen Arbeiten betritt. Die persönlichen und kollektiven Erfahrungen des Alltäglichen spielen eine entscheidende Rolle bei der Betrachtung der Werke - offen für weitere mögliche Interpretationen.» Die Video-Installation ‹Non-stop fun›, 2008, besteht aus drei Bildschirmen, die wie ein Triptychon angeordnet sind. Auf dem mittleren Screen ist eine Gruppe von Menschen zu sehen, die ein gymnastisches Ballett zeigt. Flankiert wird dieses Geschehen von Bildschirmen, auf denen immergleiche, synchron verlaufende Gesten ausgeführt werden. Die jeweiligen Filmsequenzen dauern lediglich wenige Sekunden und sind als Loop angelegt. So werden die Bewegungen ohne Ton endlos wiederholt. Wie bei ‹Whirligig› ist eine genaue Identifizierung der Situation nicht möglich. Anfangs erscheint die Arbeit aufgrund ihres spielerisch wirkenden Charakters wie ein ironischer Kommentar der Künstlerin zum Verhalten des Einzelnen in der Masse. Die stete Wiederholung löst aber auch eine bedrohliche Stimmung aus. Die Choreografie scheint einem Automatismus zu unterliegen und erinnert an die Manipulation der Massen durch eine totalitäre Propaganda.
Identität als Konstrukt
Wie die meisten Videos von Raccoursier kommt auch die Arbeit ‹California Rings›, 2002/2010, ohne Tonspur aus. Pendelartig schwingen Metallringe an Ketten vor einem pastellfarbenen monochromen Himmel - einem Hintergrund, der nicht von den monotonen, hypnotisierenden Bewegungen der Geräte ablenkt. Zum einen erinnern die Ringe an das Kunstturnen, dann aber auch wieder an Handschellen bzw. Ketten. Ambivalente Assoziationen ergeben sich, die Bezüge zur Freizeitbeschäftigung und Körperkultur zulassen, ebenso zu Begriffen wie Macht oder Flucht.
Die Arbeit ‹Noodling›, 2006, veranschaulicht exemplarisch, wie Raccoursier durch Perspektive und Schnitt in ihren Videos zu einer eigenwilligen Sprache findet, die über das Dokumentarische hinausweist und in vermeintlich vertrauten Kameraeinstellungen eine überraschende Exotik offenlegt. Sie zeigt Männer während eines Airguitar-Contests im finnischen Oulu. Sie imitieren ihre grossen Vorbilder der Rockmusik in Mimik und Geste und versuchen diesen auch in der äusseren Erscheinung so nah wie möglich zu sein. Ohne Tonspur und in Zeitlupe ist die Absurdität der Handlung der Akteure besonders deutlich zu erkennen. Gleichzeitig irritiert, wie die Protagonisten in ihrer fiktiven Wirklichkeit ihre eigene Identität aufgeben, um eine neue zu konstruieren. Die Illusion, jemand anderes zu sein, lässt sie zumindest für kurze Zeit den Alltag vergessen. Was für eine beängstigende Ironie.
Oliver Zybok, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler, lehrt Kunsttheorie an der HBK Braunschweig, Kurator und Autor, lebt in Hamburg und Zürich.

Anne-Julie Raccoursier (*1974 in Lausanne), lebt in Genf und Lausanne

1994-1999 Ecole Supérieure d'Arts Visuels de Genève
2001-2003 Master of Fine Arts in Critical Studies, California Institute of the Arts, Valencia, Los Angeles
Einzelausstellungen (Auswahl)
2005 ‹Effaroucheur›, Enter, Kunstmuseum Thun
2007 ‹Wireless World›, Centre d'édition contemporaine, BAC - Bâtiment d'art contemporain, Genève
2008 ‹Non-stop fun›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
2009 ‹Crazy Horse›, o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern
2011 Künstlerverein Malkasten, Düsseldorf; ‹Loop Line›, Kunsthaus Langenthal
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2005 Helden Heute, Centre Pasquart, Biel
2006 ‹I love art video›, Musée d'art moderne et contemporain, Strasbourg; ‹When Artists Say We›, Artists Space, New York
2007 ‹Shift›, Electronic Arts Festival, Basel
2008/09 ‹Shifting Identities›, Kunsthaus Zürich; CAC, Vilnius
2010 ‹Optical Shift›, Illusion und Täuschung, b-05 Kunst- und Designzentrum, Montabaur
Publikationen
Anne-Julie Raccoursier, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne 2008
Anne-Julie Raccoursier, Cahier d'Artiste Pro Helvetia, Edizioni Periferia, Luzern 2010

Links
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|Ausgabe||3 2011|
|Ausstellungen||Anne-Julie Raccoursier [24.02.11-01.05.11]|
|Institutionen||Künstlerverein Malkasten [Düsseldorf/Deutschland]|
|Institutionen||Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]|
|Autor/in||Oliver Zybok|
|Künstler/in||Anne-Julie Raccoursier|
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