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Gisèle Fardel: Neue Ansichten von Tengor

[Text]
Wie wenn die Bewohner von Tengor [1] gewusst hätten, dass die Strasse vor dem Stadttor [2] keine hundert Schritt weitergeht, dann in einen unermesslichen Abgrund [3] fällt, jenseits dessen kein Land sichtbar ist: nur die unendliche Leere des Himmels [4], wie wenn die Städter gewusst hätten, was sie draussen vor den Stadttoren [5] erwartet, welche Unerklärlichkeit der Umstände ihr Leben zusätzlich erschweren würde [6], bestieg keiner je einen der vielen, stadtumspannenden Wehrgänge [7] und sah in die Ferne [8], sah keiner je den bodenlosen Abgrund [9]: in der Stadt Tengor lebte man das gewohnte, selbstgenügsame Leben [10], blieb ganz mit den eigenen Problemen [11] beschäftigt, mit dem eigenen, in sich geschlossenen Kosmos. [12] Was müsste geschehen, das die Bewohner von Tengor selbstvergessen über die Grenzen ihrer Stadt hinausschauen lassen würde, das sie zweifeln machen würde, ihre Stadt sei die einzige im Universum? [13]
[1] Die Stadt Tengor ist von zwei verschiedenen Standpunkten aus zu beschreiben. Die Menschen, die die Stadt bewohnen, beschreiben ihr inneres, die engen Gassen, die schmalen, von hohen Häusern umstandenen Plätze, die bunten Tücher (Tischdecken, Laken) und Wimpel und Fahnen, die an Festtagen aus den Fenstern hängen, die Menschenmenge in den Strassen an Markttagen, die Tiere, die in den Gassen umherirren [I]; sie beschreiben die sonnigen, milden Tage, die der Frühling bringt und die mit dem letzten herbstlichen Leuchten der Sonne wieder verschwinden, um den kalten, nebligen, dunklen Wintertagen Platz zu machen, die die Stadt in eine Gruft verwandeln. Die Menschen beschreiben ebenso die Angst, die sich breitmacht, wenn ein Regierungswechsel bevorsteht [II], die nackte Angst ums Überleben, wenn ein weiterer Despot den Thron besteigt, um die Stadt mit harter Hand zu regieren.
Die Stadt zerfällt - wenn man den Stadtplan betrachtet - in zwei Teile: im einen Teil, am leichten Abhang gelegen, stehen die Häuser und Baracken der armen Leute. Sie beschreiben die Gassen und Häuser als verwinkeltes Labyrinth von Wegen und Treppen, von steilen Stiegen und Stegen, die die Häuser miteinander verbinden. Im andern Teil, in der Ebene gelegen, stehen die Häuser und Paläste der reichen Leute und der Regierung. In den Dächern der prunkvollen Häuser verfängt sich an schönen Tagen das Sonnenlicht und bringt die Paläste zum Funkeln. In der Mitte zwischen den beiden Stadtteilen liegt der Marktplatz, gekrümmt wie die Mondsichel des abnehmenden Mondes vom einen Stadttor zum andern Stadttor hin. Ein schmaler Wassergraben, durch den die Abwässer der beiden Stadtteile ablaufen, trennt den Platz in zwei Hälften, die nur mit über den schmalen Kanal gelegten Brettern verbunden sind.
Der Wanderer, der sich der Stadt Tengor nähert, beschreibt sie anders, ihr Äusseres, ihre Umgebung. Er wird nie vergessen, was er gesehen hat und niemand, dem er die Geschichte der Stadt, die er gesehen hat, erzählt, wird ihm glauben, zu seltsam mutet das an, was er zu erzählen hat [III]: «Wenn du nach Tagen einsamer Wanderung durch das Gebirge endlich den letzten Hügelzug erreicht hast und zu deinen Füssen eine weite, fruchtbare Ebene zu sehen erwartest, wirst du enttäuscht sein. Zugleich aber wirst du Erstaunliches sehen. Vor dir, ins tiefe Blau des Himmels, wirst du eine Stadt aufragen sehen, gebaut auf massivem Felsen. Von hier aus kannst du sehen, dass die Stadt von einem endlosen Graben umgeben ist, der ins schier Bodenlose fällt. Du wirst den Graben, geschweige denn die Stadt, nie erreichen können, denn je länger du auf den Rand des Abgrundes zugehst, desto weiter wird er von dir abrücken. Nur vom Gipfel kannst du bei gutem Wetter sehen, dass der Abgrund mit dem lichten Blau des Himmels gefüllt ist, die Stadt eine Insel ist. Wenn du, Wanderer, Rast hältst und dein Lager aufschlägst auf diesem Gipfel, wirst du sehen, wie sich die Stadt ohne Namen (wie soll ich ihren Namen wissen, wenn ich nicht dort war?) langsam vor dir dreht, so dass du sie in immer neuen Ansichten vor dir hast. Du wartest vergebens, wenn du wartest, bis sie sich einmal gedreht hat. Nie wirst du die Ansicht wiedersehen, die du gesehen hast, als du angekommen bist. Vielleicht ist die Stadt tot, die Mauer, die die Stadt verdeckt und nur einzelne Dächer, die einen stumpf und grau, die andern leuchtendes Gold, sehen lässt, eine Friedhofsmauer, die Menschen, die einst in der Stadt gelebt haben tot. Vielleicht existiert die Stadt, die du siehst, gar nicht mehr und was du siehst ist ein verbleichendes Abbild einer versinkenden Stadt, eines verblassenden Traumes. Bevor du dir, Wanderer, Gedanken machst, wie du die Stadt mit einer List erreichen könntest, denkst du schon daran, heimzukehren und den Zurückgebliebenen von deiner Reise zu erzählen. Vielen Menschen habe ich von der Stadt ohne Namen erzählt, niemand hat meiner Erzählung geglaubt. Darum rate ich euch, selbst aufzubrechen, um die Stadt zu sehen.»
[2] Den Weg vor dem Stadttor kennt kein Bürger, keine Bürgerin der Stadt: die Stadttore Tengors wurden noch nie geöffnet, und um sie jetzt zu öffnen, müssten sie wohl gesprengt werden, denn die Angeln sind verrostet, das alte Eichenholz ist gequollen und hat sich mit den Jahren verkeilt; zudem sind, ausser den zwei Toren am Marktplatz, die Ausgänge verbaut worden, zum Teil wurden in die Nischen Häuser, zum Teil Ställe gebaut. Das Leben Tengors konzentriert sich auf sich selbst, genügt sich selbst. Die Kinder und die jungen Leute in der Stadt kennen nichts als das Leben innerhalb der Stadtmauern, für sie ist das die Welt und etwas ausserhalb dieser Welt können sie sich nicht vorstellen. Unter den Alten kursieren zum Teil Geschichten, die von andern Welten erzählen, von weitläufigeren Gegenden; aber was die Alten erzählen wird nicht ernst genommen, auch wenn es als gute Unterhaltung gilt. Aus verständlichen Gründen wurde Tengor auch nie von Fremden besucht, die etwas anderes als das bereits Bekannte hätten erzählen können, und auch in der Schule wird nur über Tengor gesprochen: Tengoreer Gegenwartsgeschichte, Stadtgeografie, es werden nur Tengoreer Dichter gelesen und selbst in den Naturwissenschaften beschränkt man sich auf den in Tengor gebräuchlichen Stoff.
[3] Die geografische und geologische Lage Tengors ist einigermassen ungewöhnlich: Tengor ist auf einer Felsformation gelegen, die sich aufgrund tektonischer Bewegungen der Erde von ihrem Stammassiv losgerissen hat und abgedriftet ist. Das ungewöhnliche an dieser geologischen Situation ist der Umstand, dass die Stadt Tengor dabei keinen Schaden genommen hat, sondern erhalten geblieben ist, ihre Entwicklung in der Neuzeit der Erdgeschichte fortgesetzt hat. [IV] Bereits in den Eiszeiten war der Felskegel, damals Teil eines ausladenden Vorgebirges, bewohnt gewesen und danach von den Menschen nicht mehr verlassen worden. In frührömischer Zeit entstand auf dem Fels eine kleine Stadt, damals bewohnt von Individualisten, aus den Städten des römischen Reiches Ausgestossenen, die sich fernab der Zivilisation in Tengor trafen und dort zusammenlebten [siehe auch 12]. Später hatte sich Tengor immer mehr zu einer von der Welt isolierten Stadt entwickelt. Bevor Tengor endgültig der Vergessenheit anheimfiel, wurde sie die Narrenstadt genannt und es zirkulierten Gerüchte, wonach die Einwohner aufgrund einer seltsamen Krankheit [V] den Verstand verlieren würden. Aus diesem und andern Gründen hielt man sich von der Stadt fern, der Handel brach ab und schliesslich schloss man in Tengor die Stadttore. Tengor war aber zu diesem Zeitpunkt bereits durch einen durch Erdbeben bedingten Graben vom Land getrennt. Die Brücke, die die Schlucht überspannt hatte, zerriss und im Verlauf von wenigen hundert Jahren löste sich der Felskegel endgültig.
[4] Die Tengoreer sind wenig romantische Menschen. Sie besteigen in Vollmondnächten nicht den Schlossturm oder begeben sich nicht in die Pärke um den Sternenhimmel zu bewundern. Überhaupt haben die Tengoreer keine Beziehung zum Sternenhimmel, haben ihn nicht beobachtet und untersucht und haben in der Mondbahn keine Regelmässigkeit feststellen können. Diese Tatsache hängt aber keineswegs mit der technischen Unbegabtheit der Menschen in Tengor zusammen, sondern allein damit, dass Tengor eine sich drehende Insel, unter einem sich drehenden Himmel in Anziehung eines sich drehenden Planeten, der Erde natürlich, ist. Diese Tatsache macht eine systematische Beobachtung des Himmels und der daraus folgenden Feststellung eines angeordneten Weltalls unmöglich. Zwar war die Astronomie eine durchaus angesehene Wissenschaft in Tengor, hat dann aber mit der Zeit, wegen mangelnder regelmässiger Forschungsergebnisse an Bedeutung verloren und ist schliesslich ganz verschwunden. Was die Wissenschaften im allgemeinen angeht, ist zu vermerken, dass Tengor über eine Universität [VI] verfügt, an der alle Disziplinen der Wissenschaft gelehrt werden. Vor allem in den Rechts- und Staatswissenschaften kann die Universität einige Erfahrung geltend machen, was wahrscheinlich daher rührt, dass die Rechtssituation in einer einzelnen, isolierten Stadt besser zu überblicken ist, als in einem vielgliedrigen Staatswesen.
[5] Tengor hatte ursprüngliche eine Vielzahl von Stadttoren [VII] gehabt, vier davon gelten als die Haupttore; zwei davon, die Tore am Marktplatz, sind, wie gesagt, heute zwar noch vorhanden, aber verschlossen: das Bergtor (ursprünglich: Josefstor) richtet sich dem Gebirge zu, das Landtor (ursprünglich: Breganertor) aufs offene Land hinaus; die andern zwei, das Obertor in der Armenstadt und das Untertor im Regierungsviertel sind heute längst verbaut und unzugänglich. Zwischen diesen vier Toren gab es unzählige kleinere und grössere Stadttore, die zum Teil direkt aus den Häusern durch die Stadtmauer ins Freie führten. Solche Privatausgänge wurden aber verboten, weil sie den Wächtern die Kontrolle darüber verunmöglichten, wer die Stadt betrat und verliess.
[6] In Tengor ist man sich gänzlich im unklaren über die aussergewöhnliche Lage der Stadt. Die Stadttore sind seinerzeit aus an anderer Stelle beschriebenen Gründen geschlossen worden, und mit dieser von Aussen bedingten Zentrierung auf das Innenleben der Stadt, erlöschte das Interesse an der Welt ausserhalb allmählich ganz [siehe auch 2]. Hätte nun aber umgekehrt die zweifelsohne missliche Lage Tengors zur Schliessung der Stadttore geführt, hätten sich die Tengoreer wohl nachsagen lassen müssen, sie hätten vor dem Unglück die Augen verschlossen und sich damit auch die Möglichkeiten einer Lösung genommen. Nun liegt der Fall aber umgekehrt und die Tengoreer wussten gar nichts von ihrem Unglück und es ist von mehr als einer Seite gesagt worden, dass eine Entdeckung der wahren Lage Tengors die Stadt zweifelsohne ins Unglück gestürzt hätte. So aber existiert die Stadt weiter und bleibt ein Mysterium.
[7] Ursprünglich ist Tengor, wie jede befestigte mittelalterliche Stadt, von einer Stadtmauer umgeben gewesen, die nebst den Toren [siehe auch 5] und vier befestigten Türmen, auch einen Wehrgang besass, der die ganze Stadt auf der Höhe der Stadtmauer umlief. [VIII] In der Zeit, als die Stadttore für immer geschlossen wurden, verriegelte man auch den Wehrgang, verschloss die Schiessscharten und nagelte die Ausgucklücken zu. Der Wehrgang wurde in den folgenden Jahrzehnten an den verschiedensten Stellen in die Häuser integriert, die an der Stadtmauer gebaut waren, an andern Stellen wurde er als Lager für die mannigfaltigsten Güter benutzt, und nur zwischen Ober- und Bergtor, auf der Höhe des Museums, war er als Teil des Museums erhalten worden.
[8] Man könnte bei der Bevölkerung Tengors im eigentlichen Sinn des Wortes von engstirnigen Menschen sprechen, denn ihre Weitsicht (im wörtlichen und auch im übertragenen Sinn) reichte nicht über die Stadtmauern hinaus. Natürlich kann dies bei diesem engen Erfahrungskreis auch nicht anders erwartet werden, was aber durchaus interessant ist, ist die Tatsache, dass sich auch das Bedürfnis nach weitergehenden Erfahrungen und Erkenntnissen bei den Bewohnern niemals einstellt hat. Die beschränkte Welt Tengors wird von der tengoreer Bevölkerung in einem alles andere negierenden Masse akzeptiert, ja die fehlende Erfahrung lässt es nicht einmal so weit kommen, dass die Menschen etwas als fehlend empfinden würden. Der Blick in die Ferne ist demnach der Blick an die Stadtmauer, der Blick aufs Nachbarhaus, der Blick ans Ende der Gasse, der Blick über den Marktplatz. Auch Sprichwörter, die uns gebräuchlich sind («Was willst du in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah.»), machen in Tengor keinen Sinn, es sei denn, einen (räumlich bedingt) abgewandelten. Überhaupt hat sich die Lage Tengors kaum auf seine Sprache niedergeschlagen, da die eigene Lage die normale Lage ist. [IX] Nach der Schliessung der Stadt hat sich allerdings in gewissen Bereichen des öffentlichen und vor allem auch des privaten Lebens ein eigenes Vokabular entwickelt, das sich mit selbstverständlicher Standfestigkeit (Einflüsse von Aussen sind keine möglich geworden) gehalten hat.
[9] Die besondere geografische und geologische Lage Tengors haben wir unter 3 geschildert, was nachzutragen bleibt, ist die Tatsache, dass Tengor aufgrund eines termischen Gleichgewichts, gleichsam als eine Insel, von den steigenden Land- und den fallenden Himmelswinden an Ort und Stelle gehalten wird und sich langsam um sich selbst dreht. Tengor liegt dabei in einer Art Bucht, die, könnte man von Oben, zum Beispiel von Tengors Stadtmauern aus, in sie hinunterblicken, den Anschein machen würde, mit Himmelsbläue gefüllt zu sein.
[10] Das selbstgenügsame, das im Wortsinn egozentrische, wir müssen es im konkreten Fall das genozentrische Leben der Tengoreer nennen, ist nur verständlich unter Berücksichtigung ihrer besonderen Geschichte, die, auf unseren Erfahrungskreis übertragen, mit der Welt des Kindes vergleichbar ist. Das Kind baut sich in exemplarischer Art und Weise seine Welt gleichsam konzentrisch auf. [X] Diese Welt bleibt, meistens bis zu dem Zeitpunkt, in dem sich das Kind aufrichtet, und nun über eine verbesserte Mobilität verfügt, sehr beschränkt. (Sie bleibt, selbstverständlich, auf einem etwas extensiveren Niveau, immer beschränkt (was zu glauben uns von der modernen Technik erschwert wird).) Sie beschränkt sich vorerst auf den Blick aus dem Kinderbett, später auf den Kreis um die Spielsachen, erstreckt sich dann auf eine Wohnung oder ein Haus, weitet sich aus auf einen Garten, eine Strasse, ein Quartier, ein Dorf oder eine Stadt, und wird zuletzt auf ein ganzes Land, oder die ganze Welt ausgedehnt. Die Welt des Tengoreers ist seine Stadt, seine Sicht hat sich nicht über die Stadtmauern hinaus ausgeweitet und ist in diesem, unserem, Sinn, beschränkt geblieben. Im Sinn des Tengoreers, hat diese Sicht nichts mit Beschränktheit zu tun, weil er (in seiner Sicht) alles einbezieht in sein Denken, seine ganze Welt (die nicht die unsere ist). [XI]
[11] Wie wir unter 10 erläutert haben ist die beschränke Welt des Tengoreers seine ganze Welt: gleich verhält es sich mit der Tengoreer Problematik allgemein (die persönlichen Probleme der Bewohner und Bewohnerinnen müssen aus ersichtlichen Gründen von den Ausführungen ausgenommen bleiben). Der Staat Tengor als Gemeinwesen kennt sowohl eine Innen-, wie eine Aussenpolitik, die sich gemäss der staatlichen Besonderheiten anders definieren als in den uns geläufigen Staatswesen. [XII] Die innenpolitischen Probleme beziehen sich auf die regierungsinternen Probleme, die aussenpolitischen Probleme beziehen sich auf den politischen Umgang mit dem gesamten Volk (das ausserhalb des Regierungsviertels wohnt). Selbstverständlich sind auch alle andern Sparten der politischen Tätigkeit vorhanden bis hin zum Wehrwesen, das sich in reduzierter Form (da keine Gesamtverteidigung notwendig ist), als Wach- und Aufsichtsdienst formiert hat.
[12] Es wurde bereits früher angesprochen, dass sich die Bevölkerung Tengors mehrheitlich aus vor Jahrhunderten zugewanderten Geächteten und Flüchtlingen zusammensetzt, aus allerlei Vaganten, Dieben, Landstreichern, aber auch aus Artisten, Künstlern, aus Herumziehenden Schauspielern und Schaustellern, aus Tagedieben und Taugenichtsen, die sich in der Gegend von Tengor zusammengetan, die später die Stadt gegründet, und sich über Generationen fortgepflanzt haben. Diese Art der Schicksalsgemeinschaft, wie sie sich in Tengor gebildet hatte, bestimmte schnell das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Klima des Zusammenlebens in der Stadt. In den Anfängen war weder eine Regierung noch eine Verwaltung vorhanden, das Zusammenleben organisierte sich von selbst. Wie es aber in unorganisierten Gemeinwesen oft vorkommt, setzten sich mit den Jahrzehnten, in denen auch der Bau einer Stadtmauer, zur Sicherheit und zum Schutz gegen wen, ist heute nicht mehr rekonstruierbar, vorangetrieben wurde, bestimmte Gruppen von Leuten durch, ob es Horden waren, die schon vor ihrer Ankunft in Tengor zusammengelebt hatten oder nicht, ist unklar und wird auch unklar bleiben. Über die Jahrhunderte entstanden so die Gruppe der Regierenden und diejenige der Regierten Tengors, die jedoch mit grösster Wahrscheinlichkeit in ihrem Ursprung vom gleichen Stande sind. Aber wie so vieles in der Geschichte Tengors, scheint auch diese Tatsache den Tengoreern verborgen geblieben zu sein.
[13] Die Frage, ob das Wissen der Tengoreer, ihre Intelligenz, besser gesagt, hätte ermöglichen können, sich etwas ausserhalb ihrer Stadtmauer vorzustellen, ist eine spekulative Frage. Wir haben aus der Geschichte nur soviel gelernt, dass wir heute wissen, dass solche plötzlichen Ausweitungen von Kulturen (die selbstredend meistens meist von aussen provoziert werden), den Untergang der entsprechenden Kulturen bedeuten. Es kann deshalb von einem Glücksfall gesprochen werden, dass Ähnliches mit Tengor nicht passierte. Da Tengor bis in die Mitte des verfliessenden Jahrhunderts dieses isolierte Inseldasein fristete und von keinerlei Einflüssen unserer modernen Neuzeit aus ihrem Schlaf aufgeschreckt wurde, ist es nur verständlich, dass die Forschung sich aus mannigfaltigen Interessen dieses Objekt zunutze machen will. Dieses Bestreben ist durch den Untergang Tengors bei schweren Erdbeben natürlich erschwert worden; andrerseits leitet die Forschung aus den Erdbeben aber das ungeschriebene Recht ab, Tengor vorbehaltslos wissenschaftlich plündern zu dürfen. [XIII]
[I] Die Tiere, die die Strassen Tengors bevölkern, sind herrenlos. Sie gehören zur Stadt, wie die Menschen selber zur Stadt gehören. Wer auf der Strasse ein junges Schwein aufstöbert und es zum Schlachten mit nach Hause trägt, handelt im Sinne der Tengoreer Gesetze, ebenso wer in der dunklen Ecke in der Gasse vor dem Haus ein Huhn aufscheucht und sich die Eier aus dem schmutzigen Stroh greift.
[II] Die Regierungen Tengors halten nie lange und immer wieder wird der Posten des Regierungschefs hin und her geschoben. An der Regierung sind nur vier Tengoreer Familien beteiligt, so dass es vorkommt, dass ein Familienmitglied mit Unterbrüchen mehrere Male als Regierungschef ausgerufen wird. Das Parlament setzt sich aus einundzwanzig Parlamentariern zusammen, die bei jedem Regierungswechsel neu gewählt werden müssen. Bei so vielen Wechseln in Regierung und Parlament sollte eigentlich ein politisches Chaos herrschen. Das ist aber nicht der Fall, da jeder neue Regierungschef, aus Angst davor, dass ihm das Ruder aus der Hand laufen könnte, die Geschäfte unnachgiebig, stur und mit harter Hand führt.
[III] Der namenlose Wanderer schreibt seine Geschichte für eine Sammlung von Reiseberichten auf, die von unbekannten Ländern und Menschen, von unbewohnten und bis anhin unerforschten Gegenden der Welt erzählen.
[IV] Eine Vertiefung in die Entwicklungsgeschichte des Grossraums Tengor zeigt, dass der Felskegel auf dem Tengor gebaut ist, in der Eiszeit eisfrei geblieben war, Höhlen und Spuren einer steinzeitlichen Bevölkerung zeigen, dass die Gebirgstäler im inneren Gebirge um Tengor bewohnt waren. Die Heimatmuseen in Tengor legen Zeugnis ab von den reichen Funden jener Gegend.
[V] Es gibt verschiedene mehr oder weniger seltsame Krankheiten denen zufolge man den Verstand verlieren kann, was aber wahrscheinlicher scheint, vor allem in Zusammenhang mit der geschlossenen Stadt Tengor, dass über die Jahrhunderte hinweg das Paarungsverhalten unter den Bürgerinnen und Bürgern zu Verblödung geführt hat. Doch ist auch das nicht mehr als Spekulation, da Untersuchungen und gesicherte Angaben fehlen.
[VI] Die Universität von Tengor wurde 1263 vom damaligen Herrscher über das Tengoreer Bergland, Karl dem Langen, gegründet. Seit der Gründung verfügte die Universität über eine Theologische und eine Astronomische Fakultät, zu der bald Historische und Sprachwissenschaftliche Abteilungen dazukamen. Vor der endgültigen Schliessung der Stadt wanderten auch verschiedentlich Professoren an andere Universitäten des Landes ab und verbreiteten so den Ruf einer aussergewöhnlichen Forschungs- und Lehrstätte.
[VII] Genau gesehen waren es 30 Tore: zwischen Bergtor und Untertor wurden 8 weitere Tore, zwischen Untertor und Landtor 5, zwischen Landtor und Obertor wieder 8 und zwischen Obertor und Bergtor wurden 5 Tore und Türen gezählt. 17 dieser Tore waren zum Teil sehr gut versteckt und waren mit Bestimmtheit nur wenigen Leuten bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Geheimtore auf eine rege Schmuggeltätigkeit hinweisen. Dass in Tengor hingegen oft Flüchtlinge beherbergt wurden, ist eine Tatsache.
[VIII] Die vier Stadttürme sind die einzige Bauten, die die Stadtmauer Tengors überragen. Sie sind von altersher über den vier Haupttoren erbaut und dienten einerseits den Stadtwächtern als Hochsitz, waren aber andrerseits lange Zeit auch die Glockentürme, da sie ganz im Gegensatz zu den Kirchtürmen stabil genug gebaut waren, Glocken tragen zu können. In den unteren Stockwerken besassen die Türme stadtwärts gelegen schmale Fenster, landwärts waren die Fenster schon vor Jahrhunderten, wahrscheinlich im Zuge mit der Schliessung der Stadt, zugemauert worden.
[IX] Man spricht mit der Entwicklung der Sprache in Tengor zu unrecht von der Entwicklung einer Privatsprache. In Ansätzen hat sich natürlich eine Art familiäres Vokabular durchgesetzt, aber nicht anders, als sich auch bei der Jugend eine Art Gruppensprache durchsetzt, nicht anders, als sich in gewissen Kreisen Fachsprachen breitmachen.
[X] Siehe auch die Theorien des tengoreer Philosophen Hankathus (« ... wobei ich immer der Mittelpunkt meiner eigenen Welt bin.»)
[XI] Siehe unter [10].
[XII] Der Staat Tengor hat seine Gesetzgebung, die auch die Formalitäten der Gründung einschliesst, nicht in einem eigentlichen Gesetzbuch niedergelegt, vielmehr setzt sich das Gesetz aus einer Vielzahl von Schriften und mündlichen Überlieferungen zusammen. Die Gesetzbücher (also der schriftlich fixierte Teil des Gesetzes) ist nicht in einer uns geläufigen juristischen Sprache abgefasst, sondern in einer erzählenden, parabelhaften Prosa, die es erlaubt, zum Beispiel in Streitfällen, die das Gericht betreffen, in der Gesetzesliteratur ähnlich gelagerte Fälle zu finden und danach den aktuellen Fall zu beurteilen. Die mündliche Überlieferung kennt ebenfalls eine grosse Anzahl an Fällen, die für die Rechtsprechung immer wieder herangezogen und zitiert werden. Eine Gesetzgebung in dieser Art ist in den organisierten Staatswesen der Erde unbekannt.
[XIII] So verwerflich eine ausbeutende Forschung in bestimmten Fällen auch sein mag, so ist sie doch bei einer untergegangenen Kultur wie der Tengors von unschätzbarem Wert, zumal auch für eine Ethik der Wissenschaft nicht zu unterschätzende Erkenntnisse abfallen können.
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