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Politik
Der globale Handel braucht unablässig Nachschub, die Absicherung der Logistik in Form von Pipelines, Häfen, Transitzonen, übernimmt das Militär.
Die Post-1989-Logik des Krieges, die aus immer mehr und sich stets verändernden Ausnahmezuständen besteht, gilt bis heute. Könnten Sie diese Logik kurz erläutern und erklären, was passiert, wenn man bei der Untersuchung der Allgegenwärtigkeit und Normalität des Krieges die kritische Geografie mit einbezieht?
Seit 1989 findet auf jeden Fall eine wesentliche Veränderung der Kriegsführung statt. Ich sehe jedoch keinen Zusammenhang zwischen dem neuen Zustand eines permanenten Krieges oder der wachsenden Allgegenwärtigkeit von Ausnahmezuständen einerseits und diesem speziellen Zeitpunkt oder der damit zusammenhängenden Geografie andererseits.
Ich bin in Kanada, einer Art Siedlerkolonie, aufgewachsen. Deshalb war mir das, was letztlich eine Art Dauerkrieg gegen die indigenen Völker ist, stets präsent. Wenn wir auf ähnliche Weise eine globale Perspektive einnehmen, die auch die Geschichte der kolonialen und imperialistischen Gewalt mit einbezieht, müssen wir wohl einsehen, dass der „Ausnahme“-Zustand ein durchgängiges Zeichen liberaler Herrschaft ist.
Wenn wir diese Tatsache berücksichtigen, dann ist das Neue an der heutigen Kriegsführung nicht, dass allgegenwärtig Kriege stattfinden. Das Neue ist vielmehr, dass diese Kriegsführung die Grenzen der Nationalstaaten überschreitet und in dem Zusammenhang auch die Grenzen zwischen einzelnen Sektoren (z.B. zwischen der Privatwirtschaft und dem Staat) neu festlegt. Neu ist auch, dass dadurch neue Formen der Macht entstehen, die nicht zuletzt die „Möglichkeiten“ der Staatsbürgerschaft untergraben.
Das ist der Grund, warum ich mich in meinem Forschungsprojekt The Deadly Life of Logistics mit dem intimen, vom Krieg geprägten Alltag beschäftigt habe. Ein Alltag, der in den scheinbar zivilen Räumen der modernen Siedler-Nationalstaaten existiert. Meine Arbeit unterstreicht, dass der Krieg nicht an nationalstaatlichen Grenzen Halt macht, sondern vielmehr auch den Raum innerhalb eines Landes formt.
Die historische Trennung zwischen Institutionen der Polizei und des Militärs, die in weiten Teilen der Welt ein Merkmal der Entstehung von Nationalstaaten war, bedeutete auch damals nicht wirklich, dass der Krieg nur etwas war, was nach aussen gerichtet war. Dies sieht man beispielsweise einerseits daran, dass im Inland Militär eingesetzt wurde, aber andererseits auch in der Verbindung zwischen Militär und Polizeikräften. Auch die gesamte Organisation der Kriegsmaschinerie hatte immer Auswirkungen auf das Inland. Diese Auswirkungen sieht man beispielsweise darin, wie der Krieg die Wirtschaftspolitik formte oder wie militärisches Personal angeworben und für den weiteren Dienst motiviert wurde.
Der Krieg in seinen jüngsten Manifestationen überspannt die nationalstaatlichen Territorien. Dies tut er allerdings auf uneinheitliche Weise, entsprechend den historischen und geografischen Besonderheiten.
Ich möchte eine weitere wichtige Ebene bei unseren Überlegungen zur gegenwärtigen Logik des Krieges ansprechen: Welche Rolle spielt die militärische Logistik in diesem Zusammenhang? Oder konkreter gefragt, wie wirkt sich die Erfindung und Institutionalisierung der „Lieferkette“ auf die heutige Geografie des Krieges aus?
In meinem jüngsten Buch „The Deadly Life of Logistics“ („Das todbringende Leben der Logistik“) behaupte ich, dass die Logistik heute nicht mehr nur den Krieg, sondern auch den Handel formt – auch weil diese zwei Bereiche mittlerweile stark miteinander verbunden sind. Die Logistik hat sich aus einem unbedeutenden Aspekt des Kriegshandwerks – der scheinbar banalen und harmlosen Organisation von Nachschub – zur bedeutendsten Disziplin der Management- oder Führungslehre entwickelt, welche die Strategie und Taktik von Unternehmen und Streitkräften bestimmt.
Diese Veränderung ist meines Erachtens aufgrund von zwei wesentlichen historischen Veränderungen eingetreten: Erstens fand eine Transformation in der Welt der nationalstaatlichen Streitkräfte statt. In den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts wurde der Kampf auf den Schlachtfeldern immer stärker mechanisiert und wurde dadurch auch vom Treibstoffnachschub abhängig. Die Logistik nahm in der Kriegsführung dadurch statt einer Nebenrolle plötzlich eine Hauptrolle ein.
Die zweite Transformation fand vor allem in der Nachkriegszeit statt. Die US-Regierung brachte damals Führungspersönlichkeiten aus den Unternehmen und dem Militär zusammen und sorgte dafür, dass die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der zivilen Logistik auf die militärische Logistik übertragen wurden. Damit begann der Aufstieg der Logistik zu einem Bereich der Managementlehre, vor allem im Bereich der Konzernführung, obwohl sie nach wie vor auch eine starke Anbindung an Institutionen, Akteure und das Fachwissen des militärischen Bereichs hat. Die Geschichte des Imperialismus zeigt immer wieder deutlich, dass eine enge Zusammenarbeit von Akteuren des Staates und der Privatwirtschaft im Bereich des Kriegswesens nichts Neues ist. Diese Zusammenarbeit hat jedoch heute neue Formen angenommen.
Nationalstaatliche Grenzen werden zunehmend als Problem für die nationale Sicherheit – und nicht als Lösung – angesehen. Eine ganze Reihe neuer sicherheitspolitischer Massnahmen zielt auf die Sicherung von Verkehrskorridoren ab, egal ob diese nun „ausländisches“ oder „inländisches“ Territorium durchqueren. Gleichzeitig findet eine unverhohlene Militarisierung logistischer Räume statt: Das beste Beispiel dafür ist sicher der Golf von Aden, wo eine multinationale Sonderzone für Marineverbände eingerichtet wurde, welche die wichtige, zum Suezkanal führende, Transitzone sichern.
Die Logik und Logistik des Krieges, von der Sie gesprochen haben, stellt in vielen akademischen Untersuchungen, Medienberichten und im allgemeinen kollektiven Bewusstsein ja eher einen blinden Fleck dar. Welche Folgen hat es, wenn man diese Logik auf Überlegungen zur staatlichen Souveränität und zur Staatsbürgerschaft ausdehnt?
Weit verbreitete Vorstellungen vom Krieg gehen nach wie von der Idee eines Nationalstaates und seiner Bürger aus, die unter einer Fahne für ein gemeinsames Ziel kämpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies jemals in der Realität so existiert hat, aber von der heutigen Realität der Kriegsführung ist das aus meiner Sicht weit entfernt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass es viel einfacher ist, sich die dramatischen und spektakulären Formen der von Nationalstaaten ausgehenden Gewalt vorzustellen, als sich die banalen und routinemässigen logistischen Gouvernementalitäten vorzustellen, die unsere gewalttätige Gegenwart kennzeichnen.
Unsere heutigen Empires sind dadurch gekennzeichnet, dass überall RFID-Daten ausgelesen werden, sei es im Lebensmittelladen, im Munitionsdepot, im Flughafen, im Vertriebszentrum, im Hafen, im Freizeitpark oder im Gefängnis. Falls etwas den Nachschub stört (sei es durch Probleme an realen Anlagen, wie Pipelines, oder durch eine Störung des Handelsgeschehens), kommen Panzer, Schiffe und Flugzeuge für die Ausführung von gezielten und „chirurgischen“ Militärschlägen zum Einsatz. Wenn wir uns jedoch auf die logistischen Abläufe konzentrieren, stellen wir fest, dass es oft dieselben Konzerne sind, die im Auftrag des Staates sowohl die Waffen an die Front liefern als auch für den Vertrieb von Lebensmittelgutscheinen zuständig sind.
Die Konzerne sind so fest in die Kriegsführung integriert, dass ohne die Konzerne selbst die grössten (Staats-)Mächte die eigenen Truppen nicht mehr mit Lebensmitteln oder Treibstoff versorgen könnten. Umgekehrt sind die Streitkräfte für die Konzerne von wesentlicher Bedeutung, denn sie räumen den Logistikunternehmen den Weg frei. Das geschieht deshalb, weil heute der „globale Handel“ als wesentlicher Bestandteil der „nationalen Sicherheit“ gesehen wird.
Ich würde gerne in der Diskussion über die Staatsbürgerschaft einen Schritt weiter gehen: Das Aufkommen der „Lieferkettensicherung“ hat ja sowohl das Konzept der staatlichen Souveränität und des Grenzschutzes verändert als auch das Konzept der Staatsbürgerschaft infrage gestellt und zu seiner Transformation beigetragen. Wie ist dies passiert?
Das Aufkommen einer neuen Form von Sicherheit oder Sicherung in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten, die darauf abzielt, Handelsströme und deren grundlegende Infrastrukturen zu schützen, wirkt sich auf tiefgreifende Weise auf die Staatsbürgerschaft aus. Dadurch, dass Lieferketten nationalstaatliche Grenzen überspannen und zu neuen Formen der Versicherheitlichung Anlass bieten, werden hergebrachte Vorstellungen von der Geografie eines staatlichen Territoriums unmittelbar entwertet.
Die Lieferkettensicherung ist als rechtliche und regulatorische Architektur mit dem Ziel entstanden, Handelsströme und die sie unterstützenden Netzwerke aus logistischer Infrastruktur vor Störungen zu bewahren. Die Lieferkettensicherung begleitet die logistischen Infrastrukturen über Länder und Meere. Dabei kommt sie beispielsweise mit den Lebensgrundlagen indigener Völker, den Lebensgrundlagen von Beschäftigten im Transportgewerbe oder den Lebensgrundlagen so genannter „Piraten“, um nur einige der Parteien zu nennen, in Konflikt. Das System der Lieferkettensicherung bedient sich deshalb neuer Formen des Risikomanagements; diese neuen Formen des Risikomanagements stützen sich auf eine intensive Beobachtung der Zielgruppen oder aber auf unmittelbare militärische Gewalt.
Die Lieferkettensicherung versucht zwei scheinbar unvereinbare Dinge zusammenzubringen: einen schnellen und zuverlässigen transnationalen Warenverkehr auf der einen Seite und gut geschützte nationalstaatliche Grenzen andererseits. Die Praktiken des Systems der Lieferkettensicherung sind neu, und ihre Auswirkungen sind noch nicht ganz klar zu erkennen. Wir sehen jedoch bereits den Zerfall hergebrachter Konzepte, die davon ausgingen, dass in inländischen und ausländischen Räumen die Rechte eines Staatsbürgers feststehend sind. Hafenanlagen werden beispielsweise immer öfter als Sondersicherheitszonen verwaltet, die sowohl der militärischen Gewalt als auch der Polizeigewalt unterliegen. In diesen Zonen sind die normalen staatsbürgerlichen Rechte ausser Kraft gesetzt.
Das Sicherheitsparadigma ist in den letzten Jahren zügig in staatliche und überstaatliche Regierungsformen und in die Unternehmenspraxis integriert worden. Dieses Paradigma hat auch tiefere Wurzeln in den in einer viel früheren Epoche geschaffenen Formen und Geografien der Sicherheit, die damals zum Schutz der kolonialen Handelsrouten aufgebaut wurden.
Wie werden die allgemeinen Vorstellungen von politischem Handeln, sowohl auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene, durch diese Erkenntnisse, vor allem durch die Erkenntnisse im Bereich der Staatsbürgerschaft, erweitert? Was bedeutet es heute, politisch zu sein – sowohl als Bürger als auch als Nicht-Bürger?
Auseinandersetzungen und Kämpfe sind fruchtbarer Boden für die Erzeugung politischer Subjekte und für die Praktiken und Infrastrukturen, auf die sich diese Subjekte stützen. Vielfach erhalten Macht- und Solidaritätsbeziehungen in Kämpfen – und durch Kämpfe – eine neue Gestalt. Lieferketten stecken voller Konflikte, weil Staaten und Konzerne die Logistikinfrastrukturen aggressiv ausbauen und dabei oft mit präventiven Formen der Absicherung experimentieren. Diese Absicherungrichtet sich gegen diejenigen, die sich einem Ausbau widersetzen könnten.
Die Bedeutung, die der freie Verkehr für logistische Systeme hat, verleiht andererseits Störungsakten eine besondere Macht. Heute ist eine solche Störung ein besonders wirksamer staatsbürgerlicher Akt. Bei Blockaden oder Besetzungen wird heute aus meiner Sicht die Staatsbürgerschaft mit am schlagkräftigsten realisiert. Einerseits hängt dies sicher mit den unmittelbaren Auswirkungen der Störung zusammen. Aber andererseits hängt dies auch mit den Räumen zusammen, in denen sich Leute zusammenfinden, und damit, dass alternative Fürsorge- und Versorgungsbeziehungen – eine alternative Logistik – durch solche Störungsakte entstehen können, Dienstleistungen, die auf einer von Gegenseitigkeit und Solidarität geprägten Beziehung basieren.
Ich denke da besonders an das Standing-Rock-Reservat und an die nachhaltige und transformatorische Arbeit, die die zum Schutz des Reservats eingerichteten Camps beim Aufbau von Bewegungen und beim Entstehen von politischen Subjekten geleistet haben. Diese Arbeit war ein Nebenprodukt des Kampfes gegen die Errichtung von Infrastruktur der Öllogistik (der „Dakota Access Pipeline“). Derzeit finden unzählige weitere Kämpfe dieser Art statt, welche nicht so stark im globalen Rampenlicht stehen. Die Logistik streckt ihre Tentakel in sämtliche Räume des alltäglichen Lebens aus. Dadurch eröffnet sie aber auch unaufhörlich Möglichkeiten für eine alternative politische Zukunft.
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