Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03396.jsonl.gz/1666

|Die Freipfeilerhalle ist eine weitverbreitete Bauform bei mehrschiffigen gotischen Hallenkirchen. Ihr Ausbreitungsgebiet liegt im deutschen Sprachraum. Der Bautypus verliert mit dem Siegeszug der einschiffigen barocken Wandpfeilerhalle im 17. Jahrhundert an Bedeutung.[1]|
Zum Typus der Freipfeilerhalle
Liegen die Gewölbe eines mehrschiffigen Langhauses auf gleicher Höhe und werden sie durch freigestellte Pfeiler getragen, spricht man von einer Freipfeilerhalle.
Wesentliches Merkmal sind Freipfeiler, die «den Raum weder unterteilen noch ausrichten, sondern von diesem kontinuierlich umgeben sind».[2]
|Die Freistellung der Pfeiler ist bei eingebauten Seitenemporen nicht mehr gegeben. Der Kirchenraum wird durch diese Einbauten deutlich in ein Hauptschiff und zwei abgeschlossene Seitenschiffe zerlegt, ist also nicht mehr ganzheitlich erlebbar. Hier handelt es sich, zwar mit den Merkmalen der Freipfeilerhalle, um eine Emporenhalle.

Dank der gleichen oder annährend gleichen Raumhöhe der Schiffe erfolgt die Raumbelichtung einer reinen Freipfeilerhalle ausschliesslich durch die hohen Fenster der Seitenschiffe. Dies führt im Vergleich zum basilikalen Querschnitt zu einem helleren Innenraum. Kein Wunder, dass die deutsche Spätgotik mit ihrer Höhenentwicklung vor allem bei Stadtkirchen die Tektonik der Freipfeilerhalle favorisiert.
Ihre Erscheinung im Stadtbild ist durch das mächtige, weil nicht abgestufte Langhaus, und durch einen grossen Dachstuhl geprägt. Dieser muss meist drei Schiffe überbrücken und erreicht damit in der Regel die doppelte Fassadenhöhe. Durchlaufende Zerrbalken erlauben einen statisch einwandfreien Dachstuhl, der auf die Aussenwände keinen Schub auslöst. Diese werden in gotischer Zeit zusätzlich mit meist aussenliegenden Pfeilern verstärkt. Wo die Pfeiler wie in Amberg (1421–1520) auf der ganzen Höhe innen liegen, darf man einen Vorläufer der späteren Wandpfeilerhallen sehen.
|Ein Spezialfall der Freipfeilerhalle ist das dreischiffige Langhaus mit höherem Mittelschiff. Wo, wie in Amberg, die Zerrbalken dank einer Fassadenerhöhung trotzdem durchlaufend sind, und die Gewölbe auf gleicher Höhe ansetzen, darf noch immer von einer reinen Freipfeilerhalle gesprochen werden. Anders bei der sogenannten Staffelhalle oder Pseudobasilika, deren Mittelschiffgewölbe höher als das der Seitenschiffgewölbe ansetzt und zudem stark in den Dachraum ragt. Trotz der engen Verwandtschaft darf bei der Staffelhalle nicht mehr von einer Freipfeilerhalle gesprochen werden. Dies ist zum Beispiel bei der Kathedrale Saint Pierre in Poitiers (1166–1271) der Fall. Staffelhallen mit ausgeprägt hohem Mittelschiff haben in Renaissance und Barock keine nennenswerte Nachfolge. In diesem Beitrag werden weder Staffelhallen noch Emporenhallen weiterverfolgt.|
Die Freipfeilerhalle wird meist der Hallenkirche gleichgesetzt.[3] Der Begriff ist allerdings wenig aussagekräftig, weil selbst Kunsthistoriker Wandpfeilerhallen und sogar Zentralbauten als Hallenkirchen aufführen und damit nur noch zwischen Hallenkirchen, Basiliken und einfachen Saalkirchen differenzieren.[4] Deshalb wiederhole ich die Merkmale der reinen Hallenkirche vom Typus der Freipfeilerhalle:[5] Diese Merkmale gelten auch für den gotischen dreischiffigen Hallenchor.
|Merkmale von Freipfeilerhallen:|
|1||Mehrschiffiger, in der Regel dreischiffiger Sakralbau||2||Allseitig freigestellte Pfeiler ohne Seitenemporen|
|3||Lage des Fusspunktes der Gewölbe in gleicher Höhe||4||Gewölbescheitel aller Schiffe im Normalfall auf gleicher Höhe|
|5||Ein leicht höheres Mittelschiffgewölbe darf den Dachstuhl nicht zerschneiden|
|Vergleiche von gotischen Hallen||Vergleiche von barocken Hallen|
Die Freipfeilerhalle der Gotik
Obwohl schon das Langhaus der 1283 geweihten Elisabethkirche in Marburg[6] eine gotische Freipfeilerhalle ist, sind es erst die spätgotischen Bürgerkirchen, welche alle Vorteile des Bautypus nutzen. Eine der ersten dieser Bürgerkirchen ist die 1332 begonnene Pfarr- und spätere Stiftskirche von Laufen an der Salzach.[7] 1351 ist Baubeginn des Hallenchors der Heiligkreuzkirche von Schwäbisch Gmünd.[8] 1387 wird das Langhaus von St. Martin in Landshut begonnen. Die Innenhöhe dieser Freipfeilerhalle beträgt 27,8 Meter bei 10,7 Meter Spannweite.[9] «Es sind Hallenanlagen von Ausmassen, die weder in England noch in Frankreich oder Italien ihresgleichen haben».[10] Sie prägen den Begriff der «Deutschen Sondergotik». Die grossen Bürgerkirchen des 15. Jahrhunderts sind jetzt in Süddeutschland vorwiegend Freipfeilerhallen mit einem Chor, der nahtlos mit dem Langhaus verschmilzt, und wie schon in Schwäbisch Gmünd im Halbrund abschliesst. So wird 1410 die Pfarrkirche St. Jakob in Wasserburg am Inn begonnen.[11] Derart bauen die Stadtbürger ab 1421 auch in Amberg die Pfarrkirche St. Martin.[12] Hier sind die üblichen äusseren Strebepfeiler der Gotik auf die ganze Höhe in den Innenraum verlegt. Damit wird der Eindruck einer fünfschiffigen Anlage erreicht. Der 1448 begonnene Bau der Pfarrkirche von Dinkelsbühl[13] hat die gleichen Breitenmasse wie Amberg, zeigt aber mit aussenliegenden Strebepfeilen das typisch gotische Erscheinungsbild. 1468 wird in München die Frauenkirche begonnen. Sie ist zwar bedeutend grösser als Amberg, in ihrer Tektonik aber identisch.[14]
Bereits im 16. Jahrhundert liegt der Baubeginn der Pfarrkirche von Lauingen an der Donau.[15] Drei Schiffe zu je acht quadratischen Jochen enden im Osten in drei Rundapsiden. Schon die imposante Staffelhalle der Kathedrale von Poitiers, ein Bau des 12. Jahrhunderts, weist diese Geometrie auf. Die 24 Jochfelder von Lauingen haben die halbe Grösse von Poitiers. Diese sind aber, beinflusst von der italienischen Hochrenaissance, geometrisch klarer und nicht mehr als Kreuzrippengewölbe, sondern in der Längsrichtung als durchgehendes Netzrippengewölbe gestaltet. Weil Hofbaumeister Sigmund Doctor 1601 hier die Fürstengruft erweitert und wenige Jahre später die Hofkirche in Neuburg an der Donau plant, ist ein Einfluss der Freipfeilerhalle von Lauingen bei der 100 Jahre jüngeren Hofkirche nicht ausgeschlossen.
Pienza
Der Humanist Enea Silvio Piccolomini wird 1458 als Pius II. zum Papst gewählt. Seit 1432 vorwiegend im Norden der Alpen tätig, vorerst in Basel und seit 1442 in Wien, ist er mit der süddeutschen und österreichischen Baukultur bestens vertraut. Als Papst lässt er bei Siena die ideale Renaissancestadt Pienza bauen. Die zentrale «Cattedrale dell'Assunta» muss Baumeister Rosselino als Freipfeilerhalle nach detaillierten Angaben des Architekturdilettanten Piccolomini bauen. Der Papst verlangt eine dreischiffige Halle mit gleich hohen Schiffen und breiterem Mittelschiff «qui exemplar apud Germanos in Austria vidisset», also nach dem Vorbild, wie er es bei den Deutschen in Österreich gesehen habe.[16] Welche der Hallen im damals kleinen Habsburgerreich er damit meint, oder ob er nicht das von Habsburg regierte deutsche Königreich meint, geht aus dem Text nicht hervor. Jedenfalls ist die Freipfeilerhalle von Pienza die einzige Renaissancekirche Italiens mit deutschem Stammbaum.
Barocke Freipfeilerhallen
Die Freipfeilerhallen der Gotik finden im Barock nur wenig Nachfolge. Bei vielen Planungen am Übergang zum Barock sind sie aber präsent. So in Neuburg an der Donau. Hier wird 1607–1616 die Hofkirche gebaut. Die Planer, Hofbaumeister Sigmund Doctor und Joseph Heintz, erstellen mit dem Baumeister Gilg Vältin einen protestantischen Predigtraum in Analogie zu einer gotischen Freipfeilerhalle, aber mit ausgeprägtem Renaissancecharakter.[17] Weil Seitenemporen die Pfeiler fassen, ist die Hofkirche eine dreischiffige Emporenhalle, wie diese in der Barockzeit weit verbreiteter als reine Freipfeilerhallen sind.[18] Fast gleichzeitig (Planung 1608) bauen die Jesuiten in Dillingen die erste Wandpfeilerhalle des Barocks nördlich der Alpen.[19] Dieser Bautypus, der die Vorteile der Freipfeilerhalle übernimmt, aber dank der mit Quertonnen verstärkten inneren Wandpfeiler auf Freipfeiler vollständig verzichten kann, setzt sich im kommenden Barock durch. Nur wenige barocke Kirchen nehmen das Freipfeilerschema trotzdem noch auf. Neubauten sind eine Ausnahme. In den meisten Fällen sind barocke Freipfeilerhallen Umformungen von Bauwerken der Spätgotik.
Die beste derartige Synthese von gotischen und barocken Elementen weist die dreischiffige Freipfeilerhalle von Polling auf.[20]
Ein erster Neubau im 17. Jahrhundert ist die dreischiffige Wallfahrtskirche von Violau, die 1617–1620 gebaut wird.[21] Auch sie kann, wie die Hofkirche Neuburg, mit ihrer Addition von Kreuzgewölben und mit ihrer Höhe die gotische Abstammung nicht verleugnen. Dies ist bei der 1624-1624 gebauten Pfarrkirche von Dachau[22] nicht mehr der Fall. Der gedrückte Raum mit dem überbreiten Mittelschiff lässt die gotische Höhenentwicklung vermissen und wirkt, nicht nur wegen der kargen Stuckaturen, äusserst profan. Anders ist dies bei der gut proportionierten, 1628–1630 vom Chorherrenstift Beyharting gebauten Wallfahrtskirche Tuntenhausen, bei der Apsis und Fronttürme der gotischen Vorgängerkirche übernommen werden.. Diese Kirche ist allerdings eine Stufenhalle mit höher ansetzendem Gewölbe des Mittelschiffs, welches den Dachstuhl zerschneidet[23]
Während der Dreissigjährige Krieg das Baugeschehen in Süddeutschland bis weit in die zweite Jahrhunderthälfte zum Erlahmen bringt, wird 1641 im schweizerischen Toggenburg mit der Prioratskirche Neu St. Johann eine neue Freipfeilerhalle begonnen.[24] Sie ist ein Neubau der Abtei St. Gallen. Schon 1623–1628 lässt hier der Abt die gotische Otmarskirche, eine dreischiffige Freipfeilerhalle, völlig neu erbauen.[25] Die Baumeister von St. Gallen und Neu St. Johann stammen aus dem südbündnerischen Misox. Ihre Neffen bauen 1661–1664 in Isny eine mit Neu St. Johann fast identische neue Freipfeilerhalle.[26]
Die Idee der Freipfeilerhalle geht auch in Süddeutschland nach dem Dreissigjährigen Krieg nicht ganz verloren. Ein Beispiel ist das Langhaus der Pfarrkirche in Ziemetshausen, welches Johann Schmuzer 1686–1694 baut.[27]
Anfang des 18. Jahrhunderts entstehen in würzburgischem Einflussgebiet gleichzeitig zwei grosse Hallenkirchen mit Freipfeilern. Die Stiftskirchen von Grosscomburg bei Hall[28] und Schöntal an der Jagst[29] sind zwei beindruckende Grossbauten, bei denen die alte Typologie im Hochbarock erneut angewendet wird.
Die Jesuitenkirche von Heidelberg, gebaut von 1712–1723 und vollendet 1749–1759, wirkt im Innenraum als Freipfeilerhalle. Ihre Tektonik ist aber die einer Wandpfeilerhalle.[30]
Noch Mitte des 18. Jahrhunderts werden Hallenkirchen mit Freipfeilern gebaut, wie die die Kollegiatsstiftskirche St. Peter in Mainz oder die Pfarrkirchen St. Gangolf in Amorbach zeigen.[31]
Lange hält sich der Bautypus in der Innerschweiz. Der erste Bau des 18. Jahrhunderts ist die 1708–1710 gebaute Dorfkirche in Küssnacht.[32] 1739–1742 baut Franz Singer die Pfarrkirche von Sarnen mit Freipfeilern.[33] Der aus dem Tiroler Lechtal stammenden Baumeisterdynastie der Singer sind wichtige spätbarocke Kirchen der Innerschweiz zu verdanken. Zu ihnen zählt die 1769–1775 gebaute Pfarrkirche von Schwyz.[34] Sie ist mit ihren weiten Gewölben eine späte, aber überzeugende Umsetzung einer reinen Freipfeilerhalle, die bereits den Klassizismus ahnen lässt, und gleichzeitig die letzte dieser Art im 18. Jahrhundert ist.
Diese sakrale Hallenform, deren Gewölbe in gleicher Höhe auf freien Pfeilern aufliegen, stirbt nach der Barockzeit nicht ganz aus. Noch 1804–1810 wird im luzernischen Willisau eine klassizistische Kirche im Typus der Freipfeilerhalle gebaut.[35]
Pius Bieri 2020
|Literatur

zusätzlich zum allgemeinen Literaturverzeichnis:
|Riedl, Peter Anselm: Die Heidelberger Jesuitenkirche und die Hallenkirchen des 17. und 18. Jahrhunderts in Süddeutschland. Heidelberg 1956.

Siehe dazu die Anmerkung 4
|Beck, Herbert: Mittelalterliche Skulpturen in Barockaltären. Darin, Seite 275–285: Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der barocken Freipfeilerhallenkirche Süddeutschlands in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Dissertation München 1967.|
|Horat, Heinz: Die Baumeister Singer im schweizerischen Baubetrieb des 18. Jahrhunderts.

Luzern und Stuttgart 1980.
[1] Zum Typus der Wandpfeilerhalle siehe das Glossar in dieser Webseite, Buchstabe W. Die Wandpfeilerhalle, mit oder ohne Emporen, hat ausser ihrer Abstammung von den gotischen Freipfeilerhallen keine weiteren Gemeinsamkeiten, es sei denn, man betrachte jede Kirche mit Pfeilern als Hallenkirche. Die einschiffige Halle mit Wandpfeilern bietet der katholischen barocken Liturgie gegenüber der mehrschiffigen Freipfeilerhalle enorme Vorteile, insbesondere für die Sicht auf den Hochaltar. Dies erklärt auch ihren Siegeszug nach dem Tridentinum.
[2] Herbert Beck 1967.
[4] Peter Anselm Riedl in: Die Hallenkirchen des 17. und 18. Jahrhunderts in Süddeutschland, Heidelberg 1936. Er differenziert zwar anschaulich die einzelnen Hallentypen als «Freistützenhallen» und als «Wandpfeilerhallen». Eine weitere Differenzierung findet nicht statt. So reiht er Weingarten, Neresheim und Ottobeuren und selbst Zentralbauten wie Steinhausen in die Gruppe der Hallenkirchen ein. Mit diesem derart weitgehend gefassten Hallenkirchen-Begriff müssten, mit Ausnahme von Kirchen mit basilikalem Querschnitt, eigentlich alle Sakralbauwerke als Hallenkirchen bezeichnet werden, sofern sie Freipfeiler oder Wandpfeiler im Innenraum aufweisen.
[5] Es wäre verdienstvoll, den jeweiligen Gebäudepublikationen nebst dem Grundriss auch den bedeutend aussagekräftigeren Querschnitt, vielleicht sogar mit Dachstuhl, zu veröffentlichen. Falsche Einordnungen wären dann nicht mehr möglich. Auch eine Untersuchung des Gewölbeaufbaus wäre bei spätbarocken Bauten wäre wertvoll. Denn ob ein Gewölbe selbstragend gebaut wird oder ob es ein an den Dachstuhl gehängtes Scheingewölbe ist, ändert die Aussagekraft zur Tektonik gewaltig.
[6] Elisabethkirche Marburg 1235–1283. Die Begräbniskirche der hl. Elisabeth von Thüringen. Erstes hochgotisches Bauwerk im deutschsprachigen Raum. Das Langhaus wird als Freipfeilerhalle 1249–1283 gebaut. Siehe Grundriss und Schnitt im Vergleichsplan.
[7] Stiftskirche Unserer Lieben Frau in Laufen an der Salzach, begonnen 1132, vollendet 1344. Siehe Grundriss und Schnitt im Vergleichsplan.
[8] Stiftskirche Heilig Kreuz in Gmünd, begonnen 1351, Unterbruch 1377, Gewölbe 1491. Das Langhaus wird als Freipfeilerhalle 1330–1521 gebaut.
[9] St. Martin Landshut, begonnen 1387, vollendet um 1460 (Turm 1498).
[10] Nikolaus Pevsner in «Europäische Architektur».
[11] Wasserburg am Inn, Bau 1410–1448. Siehe den Erdgeschossgrundriss. Die Strebepfeiler sind hier aussenliegend, werden aber im Erdgeschoss für Kapellenausbauten genutzt. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan.
[12] Amberg, St. Martin, Bau 1421–1520, Turm bis 1534. Schiffsbreiten 6 + 10 + 6 m. Gewölbe mit Stern- und Netzrippen. Aussenlänge 72 m, Breite 38 m, Innenhöhe 20 m. Innenliegende Wandpfeiler anstelle der Strebepfeiler. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan.
[13] Dinkelsbühl, Pfarrkirche St. Georg, Bau 1448–1499. Schiffsbreiten 6 + 10 + 6 m. Die Gewölbe sind Stichkappentonnen mit Netzrippen. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan.
[14] Frauenkirche München, 1468–1494. Wie in Amberg (1421) sind anstelle der äusseren Strebepfeiler im Innenraum Wandpfeiler ausgebildet, die als Kapellennischen dienen. Aussenlänge 107 m, Breite 40 m, Innenhöhe 31 m (Äussere Fassadenhöhe 37 m),
[15] Lauingen an der Donau, Pfarrkirche St. Martin, Bau 1516–1520, Turm bis 1576. Gleiche Schiffsbreiten von 7 + 7 +7 m. Innenhöhe 22 m. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan.
[16] Wegen der Nennung «Germanos in Austria» geht Richard Kurt Donin 1943 in seiner Schrift «Österreichische Baugedanken am Dom von Pienza» (https://www.zobodat.at/pdf/Jb-Landeskde-Niederoesterreich_28_0290-0362.pdf) etwas kurzsichtig von einem architektonischen Vorbild in den heutigen Staatsgrenzen Österreichs aus. Piccolomini hält sich aber nur 1443-1445 in der königlichen Kanzlei in Wien auf. Bis 1440 ist er während sieben Jahren am Konzil in Basel im Dienst verschiedener Kardinäle tätig und viel auf Gesandtenreisen. Er kennt England und Schottland, hält sich mehrmals in Strassburg, Frankfurt und Nürnberg auf, findet nichts Grossartigeres in Europa als Köln, verabscheut die deutsche Sprache und das Biersaufen, scheint aber die grossen deutschen Hallenkirchen zu bewundern. 1449 hält er sich nochmals in Wien auf, wohnt in der Abtei Heiligenkreuz mit dem gotischen Hallenchor, sicher auch eine Inspirationsquelle, aber nur eine unter vielen. Pienza zeigt jedenfalls mehr Gemeinsamkeit mit der Gestalt des Hallenchors von St. Sebald in Nürnberg (1361–1379) als mit Heiligenkreuz (1295). In seinem österreichbezogenen Artikel veröffentlicht Donin aber gute Informationen und Grundrisse vieler österreichischer Freipfeilerhallen der Gotik.
[17] Joseph Braun SJ beschreibt 1910 die Planung und den Bau der Hofkirche von Neuburg souverän. Er folgt dem Aufsatz von Alfred Schröder (1905) und verweist auf dessen These, dass das Vorbild der Neuburger Hofkirche in Lauingen liege. Er sieht in den Massverhältnissen, in der betonten Höhentendenz und im konstruktiven System ebenfalls die gotische Abstammung von der Lauinger Stadtkirche.
[18] Wie bei den barocken Freipfeilerhallen entstehen die meisten der dreischiffigen barocken Emporenhallen aus Umbauten gotischer Hallen. Ein Spezialfall ist die Universitätskirche in Würzburg, erbaut 1583–1593, die 1696–1703 von Antonio Petrini wiederaufgebaut wird.
Beispiele von Neubauten: 1607–1617 Hofkirche in Neuburg an der Donau; 1620–1630 Stiftskirche St. Peter und Paul in Oberalteich; 1622–1629 Andreaskirche in Düsseldorf; 1672–1684 Pfarrkirche St. Theodul in Sachseln; 1700–1702 Pfarrkirche Hl. Kreuz in Offenburg; 1705–1706 Pfarrkirche St. Peter in Zürich; 1717–1729 Stiftskirche St. Peter in Würzburg.
[19] Zum Typus der Wandpfeilerhalle siehe den Beitrag im Glossar, Buchstabe W.
[20] Die Augustiner-Stiftskirche von Polling wird 1416–1420 als dreischiffige Freipfeilerhalle mit äusseren massiven Strebpfeilen gebaut. 1621 folgt der barocke Umbau mit Erweiterung auf fünf Schiffe durch das Einfügen von Seitenkapellen zwischen die Strebepfeiler.
[21] Wallfahrtskirche Violau, gebaut 1617–1620 von David und Georg Hebel aus Augsburg. Die gleichen Baumeister bauen die Wallfahrtskirche St. Leonhard von Inchenhofen, eine gotische Freipfeilerhalle, 1618–1623 nach einem Langhaus-Einsturz wieder auf. Zu Violau siehe den Grundriss im Vergleichsplan und den Baubeschrieb «Wallfahrtskirche Violau» in dieser Webseite.
[22] Dachau, Pfarrkirche St. Jakob. Der Neubau des Münchner Baumeisters Hans Krumper. Interessant ist, dass Bernhard Schütz in «Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben» (2000) die Wertung genau gegenteilig setzt. Die lichte Halle von Violau sieht er «in weiten, niedrigen räumlichen Verhältnissen, die etwas Profanes haben und eher an den dreischiffigen unteren Fletz des fast zeitgleichen Augsburger Rathauses erinnern», während er die dieser Beschreibung voll entsprechende Kirche in Dachau nur als Bau von Hans Krumper erwähnt. Der Vergleich von Violau mit dem Erdgeschoss des Augsburger Rathauses hinkt aber stark. Die Schiffe von Augsburg haben ein Verhältnis von 5 zu 6 Meter (1:1,2), diejenigen in Violau aber 6,5 zu 12 Meter (1:1,8) und in den Seitenschiffen 4,8 zu 12 Meter (1:2,5). In St. Jakob zu Dachau hingegen ist das Mittelschiff mit dem Verhältnis 1:1 noch gedrückter als in Augsburg.
[23] Wallfahrtskirche Tuntenhausen bei Bad Aibling, gebaut und stuckiert 1628–1629 durch den Münchner Baumeister Veit Schmid (aus Wessobrunn) und den Klosterbaumeister Kaspar Pfisterer.
[24] Neu St. Johann im Toggenburg, Prioratskirche der Abtei St. Gallen. Erbaut 1641–1643, aber Gewölbe erst 1678. Baumeister ist Alberto Barbieri aus Roveredo. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan und den Baubeschrieb «Ehemaliges Benediktinerpriorat Neu St. Johann im Toggenburg» in dieser Webseite.
[25] Die Otmarskirche, 1623–1628 durch Pietro Andreota (Peter Anderes) aus Roveredo errichtet, ist der Ostabschluss der grossen Stiftskirche. Die kurze, dreischiffige und dreijochige Freipfeilerhalle von 19 Meter Höhe wird 1755 zu Gunsten der neuen Stiftskirche abgebrochen.
[26] Isny, Stiftskirche der Benediktinerabtei, erbaut 1661–1664 durch Giulio und Domenico Barbieri aus Roveredo. Siehe den Grundriss im Vergleichsplan und den Baubeschrieb «Ehemalige Reichsabtei Isny» in dieser Webseite.
[27] Ziemetshausen in Schwaben, Kirche St. Peter und Paul, 1686–1696 Neubau und Stuck von Johann Schmuzer.
[28] Stiftskirche St. Nikolaus auf der Grosscomburg bei Schwäbisch Hall, erbaut 1707–1715 durch den Würzburger Baumeister Joseph Greissing.
[29] Stiftskirche der Zisterzienserabtei Schöntal, erbaut 1708–1727. Planer sind Leonhard Dientzenhofer, Bernhard Schiesser und Joseph Greissing. Siehe dazu den Vergleichsplan und die Baudokumentation «Ehemalige Zisterzienserabtei Schöntal» in dieser Webseite.
[30] Jesuitenkirche Heidelberg, erste Etappe 1712–1723, zweite Etappe 1749–1759. Baumeister Johann Adam Breunig. Ihr Innenraum ist eine Freipfeilerhalle mit erhöhtem Mittelschiff. Die Pfeiler sind zwar vollständig freigestellt, der Seitenschiffaufbau mit Quertonnen ist aber identisch mit demjenigen von Wandpfeilerhallen. In Heidelberg ist ein Vorgang zu beobachten, der anachronistisch anmutet : Aus dem tektonischen System der seit 1617 weitverbreiteten Wandpfeilerhalle entsteht eine mehrschiffige Freipfeilerhalle. Dass mit Quertonnen in den Seitenschiffen bei grösseren Pfeilerweiten auch die Mittelschiffshöhe erreicht wird, und damit wieder die reine Freipfeilerhalle verwirklicht werden kann, zeigen die späten Hallenkirchen von Sarnen und Schwyz.
[31] St. Peter in Mainz, 1748–1756 von Johann Valentin Thomann und St. Gangolf in Amorbach, 1751–1753 von Alexander Jacob Schmitt.
[32] St. Peter und Paul in Küssnacht am Rigi, gebaut 1708–1710. Die Freipfeilerhalle des Liebhaberarchitekten P. Marquard Imfeld und des Vorarlberger Baumeisters Joseph von Brüell wird 1963 zerstört.
[33] St. Peter und Paul in Sarnen (Obwalden), erbaut 1739–1742 von Baumeister Franz Singer aus Madau im oberen Lechtal. Er darf nicht mit dem gleichnamigen Baumeister des Inntaler Familienstamms verwechselt werden. Siehe zu der in der Schweiz wirkenden Baumeistersippe die Biografien in dieser Webseite.
[34] St. Martin in Schwyz, erbaut von Jakob und Johann Anton Singer 1769–1775. Die Kirche hat Vierung und Querschiff. Sie dominiert den barocken Hauptplatz von Schwyz.
[3] St. Peter und Paul in Willisau (Luzern), erbaut von Joseph Purtschert 1804–1810.