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In ihrem Buch über das Fleischessen erzählt Melanie Joy die folgende Szene:
Wir sind zum Abendessen beim neuen Nachbarn eingeladen. Die Stimmung ist ausgelassen. Dann wird ein köstliches Fleischgericht serviert. Nach dem Essen erkundigt sich jemand angesichts des vorzüglichen Geschmacks nach dem Rezept. Der Gastgeber antwortet geschmeichelt von den vielen Komplimenten, das Geheimnis des Gerichts liege allein bei dem guten Fleisch - dem Fleisch von Golden-Retriever-Welpen! (Joy 2010, S. 11)
Den meisten Menschen würde wahrscheinlich übel, wenn sie erführen, dass sie eben Hundefleisch gegessen haben. Für die meisten Menschen ist es normal, das Fleisch von Schweinen und Rindern (und deren Kälbern) zu essen. Doch das Essen von Hunden und deren Welpen ist in europäischen Gesellschaften in der Regel verpönt. Unterschiede gibt es auch, was das Fleisch von Pferden betrifft, auch historisch. Bei den Germanen war der Genuss von Pferdefleisch in Verbindung mit Pferdeopfern üblich. Mit dem Christentum wurde der Verzehr von Pferdefleisch durch die Kirche verboten, denn Pferdefleisch zu essen galt als Zeichen des Verharrens im Heidentum. Heute wird Pferdefleisch eher in romanischen Ländern gegessen, in germanischen ist es weniger verbreitet.
Gemischte Gefühle, um nicht zu sagen Ekel, erregt bei vielen die Vorstellung, Maden oder Insekten zu essen, wie dies seit einigen Jahren propagiert wird. So fördert die FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) seit 2013 die Züchtung von Insekten für den menschlichen Verzehr. Essbare Insekten sind Tiere, die weniger Treibhausgase ausstossen und mehr Protein enthalten als jedes andere Lebensmittel tierischer Herkunft. Heute werden daraus Cookies, Tortillas und Chips hergestellt, die vergessen lassen sollen, dass sie aus Insekten und Maden hergestellt sind, aus Tieren, die wir gewöhnlich als eklig empfinden.[1] https://gourmetbugs.ch/de/?gclid=EAIaIQobChMI9p23spvl6QIVVODtCh0tzgsxEAAYASAAEgIgEPD_BwE (abgerufen am 04.06.2020)
Insekten und Würmer zu essen ist für zweieinhalb Milliarden Menschen auf der Welt alltäglich. In Asien, Afrika und Lateinamerika gehören sie zum Speiseplan, weil sie geschmacklich angenehm und besonders nahrhaft sind. Hornissenlarven und Riesenwasserwanzen gelten in Laos und Thailand als Delikatessen.[2] https://www.tagesspiegel.de/themen/genuss/nahrung-der-zukunft-warum-insekten-uns-bald-alle-retten-werden/20397374.html#:~:text=Etwa%20zweieinhalb%20Milliarden%20Menschen%20auf,Laos%20und%20Thailand%20als%20Delikatessen. (abgerufen am 06.06. 2020) Die Unterscheidung zwischen essbar und nicht essbar ist offenbar stark kulturabhängig und keineswegs natürlich gegeben. So müssen wir auch eine kulturelle Prägung annehmen, wenn es um das Essen von Welpen (also Haustieren) geht. Als Haustiere haben Welpen bei uns ihren Platz auf dem Schoss, ihre genetisch und stammesgeschichtlich nahen Verwandten, die Rinder, Kälber, Schweine (‘Nutztiere’) und manche Wildtiere aber kommen bei uns auf den Teller. Welche sprachlichen Normen und Gewohnheiten tragen zu diesen kulturellen Selbstverständlichkeiten bei?
Dass unsere Sprache Unterscheidungen in die Natur einfügt, wird uns meist nicht bewusst. Wir unterscheiden zwischen Kraut und Unkraut, halten Schädlinge und Nützlinge auseinander und folgen dabei so wenig einem Naturgesetz wie bei der Unterscheidung von Speise- und Heilpflanzen (Jansen 2003). Viele Benennungen von Tieren, Pflanzen und unbelebten Stoffen bewerten direkt oder indirekt deren Nützlichkeit für den Menschen. Sprachliche Kategorien widerspiegeln kulturtypische, menschliche (also anthropozentrische) Sichtweisen auf die Welt und drücken menschliche Lebensbewältigung aus (vgl. Fill 1993, S. 105f).
Die Unterscheidung in Nutztiere, Haustiere (z.T. auch Heimtiere) und Wildtiere sind die wichtigsten im Hinblick auf das Fleischessen. Diese Kategorien sind historisch gewachsen, können sich also auch in der Zukunft verändern. Noch zur Zeit Luthers (ca. 1520) unterschied die deutsche Sprache die Tiere grob nach ihrer Fortbewegungsart: Was flog, war vogel (einschliesslich des Sommervogels), was kroch, war wurm (dazu gehörten auch z.B. Echsen und Drachen), was als Wildtier auf vier Beinen ging, war thier (vgl. engl. deer = Rotwild). Hinzu kam das vieh, die domestizierten Tiere in der Landwirtschaft. Einen Oberbegriff, der alle heute „Tier“ genannten Wesen zusammenfasste, gab es noch nicht (Weisgerber 1962, S. 99). Damit war auch die heute verbreitete Gegenüberstellung von Mensch und Tier erschwert.
Jede Unterscheidung folgt bestimmten Kriterien und geht mit bestimmten Haltungen und Wertungen einher. Schauen wir uns die heutigen Alltagsunterscheidung in Haus-, Nutz- und Wildtiere genauer an und fragen, welche Einstellungen und welche Wortwahl wir für den Umgang mit den Tieren verwenden.
Haustiere bzw. Heimtiere
Nutztiere
Wildtiere
Beispiele
Hund, Katze
Rind, Schwein, Huhn
Reh, Hase, Wildschwein, Gämse, Fuchs, Luchs, Wolf
menschliche Haltung gegenüber den Tieren
als leidensfähige Wesen
„Gefährten im Haushalt“
(TsV , Art 2)
ökonomisch als Waren bzw. als Mittel der Agrarkultur
gehören zur Natur, werden aber auch „gemanagt“ und z.T. „bejagt“
Wörter für das bewusste Töten dieser Tiere
einschläfern
schlachten
erlegen, schiessen, Bestände verkleinern oder regulieren
Wörter für den Umgang mit dem toten Tierleib
beerdigen und begraben (auf dem Tierfriedhof)
zerteilen, verwerten, braten, schmoren, grillen, sieden, garen,
zubereiten, essen etc.
aufbrechen, aufschärfen, braten, schmoren, grillen, sieden, garen,
zubereiten, essen etc.
Wörter für das Sterben dieser Tiere
sterben
sterben, verenden, krepieren
krepieren, verenden, verrecken
Haustiere (auch: Heimtiere) werden in der Regel als empfindsame Gegenüber des Menschen wahrgenommen. Manche sehen ihre Haustiere als Familienmitglieder, halten sie zum Beispiel, „um jemanden zu haben, mit dem man sprechen kann“ (Wiedenmann 2005, S. 300). Die Schweizerische Tierschutzverordnung nennt sie «Gefährten» (TsV, Art. 2). Voraussetzung dafür ist, dass Menschen Tiere überhaupt als kommunikative, empfindsame Wesen wahrnehmen. Der Soziologe Theodor Geiger hat für diese Verbundenheit den Begriff der Du-Evidenz geprägt (Geiger 1931, S.31), ein anderer Soziologe, Hartmut Rosa, stellt fest, Haustiere seien heute für Menschen zu „den wichtigsten und intensivsten Resonanzquellen aufgerückt“ (Rosa 2016, S. 472). Im Haustier wird heute meist ein Individuum mit unverwechselbaren Eigenschaften gesehen, das leiden oder sich wohl fühlen kann. Haustiere tragen meist auch Vornamen. Dies macht sie zu Individuen, rückt sie in die Nähe von Menschen und legt ein persönliches Verhältnis als Freund und Begleiterin nahe. Ist das Haustier zum Beispiel krank, so gehen ihre HalterInnen in der Regel mit ihm zum Tierarzt oder zur Tierärztin. Die Tiere besitzen eine Integrität. Die Verbundenheit zwischen TierhalterInnen und ihren Haustieren (v. a. Hunden und Katzen) scheint sich in den letzten Jahren verstärkt zu haben. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Anzahl der Tierfriedhöfe (für Haustiere) stark zugenommen hat.[1] https://herz-fuer-tiere.de/info-service/tierfriedhoefe/tierfriedhoefe-der-schweiz (abgerufen am 02.06.2020) Nicht zu vergessen bleibt freilich, dass die freundliche Haltung gegenüber Haustieren nicht frei ist von typisch menschlicher Vereinnahmung. So sind Haustiere nicht nur das Ergebnis menschlicher Züchtung - man denke etwa an Hunderassen, die vom Wach- bis zum Schosshund alle vom Wolf abstammen. Auch Haustiere sind nicht frei von menschengemachten Haltungsbedingungen und ‚Inbesitznahmen‘ aller Art.
Wildtiere. Zu ihnen kann man alle Tiere zählen, die weder Haus-, noch Nutztiere sind, also zum Beispiel auch Reiher, Murmeltiere und Eidechsen. Im engeren Sinn behandeln wir Wildtiere hier als Tiere, die legal gejagt werden (können) und daher auch als Jagdwild gelten.[2] Zur rechtlichen Einordnung der Tiere siehe die Tierschutzverordnung von 2020: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html Zu ihnen gehören etwa Wildschweine, Rehe, Hasen, Hirsche, Gämsen, Steinböcke etc. Sie werden in Mitteleuropa in sog. Beständen kontrolliert und leben in der freien Natur, d. h. in den als ihr Lebensraum ausgewiesenen Gebieten ausserhalb von Ställen und menschlichen Wohnhäusern. Jagdtiere werden in besonderer Weise von der Jagd- und Weidmannssprache erfasst. Darin werden auffällig jene Körperteile und Organe, mit denen die Jäger in Berührung kommen, umbenannt. Beispiele:[3] https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4gersprache (27.07.2020)
Lichter: Augen
Lauscher und Löffel: Ohren
Läufe und Springer: Beine
Äser, Brocken und Maul: Mund
Anschuss: Eintrittswunde im Tierkörper
abnicken: verletztes Wild mit dem Jagdmesser durch Stich ins Genick töten
Auffällig ist die Distanz zum Wildtier in der Jägersprache. Ein Jagdtier blutet nicht, es schweisst, und am Ende der Jagd zählt man nicht die Toten, sondern legt die präparierten Tierleichen auf der Strecke aus, die aus so und so vielen Stücken besteht. Die genannten Bezeichnungen rücken die Tiere weg aus dem Bereich der menschlichen Verwandten, sie wirken entfernt und z.T. verdinglicht. Denkbar ist, dass es diese Distanzierung und Verdinglichung des Lebewesens den Jägern leichter macht, die Tötungshemmung den Tieren gegenüber zu nehmen. Man kann die Waidmannssprache aber auch als Standessprache des Adels deuten, welcher früher die Jagd für sich in Anspruch nahm und sich mit dieser Sondersprache vom Bürgertum abgrenzte (Willkomm 1990, S. 12-14). Auffällig ist, dass Jäger selbst die distanzierenden Bezeichnungen als Ausdruck der Achtung auffassen, die sie den Tieren entgegenbringen. Der Ökolinguist Alwin Fill nimmt an, dass hier eine ‘Sublimierung’ (d.h. Vergeistigung) eines Brauches vorliegt, der viel banalere und pragmatischere Ursachen hat (Fill 1993, S. 108). Eine Distanzierung lässt sich zweifellos auch ausmachen, wenn in wissenschaftlichen oder amtlichen Texten von der Jagd als Nutzung von Wildtierbeständen die Rede ist. Von Beständen spricht man in der Regel im Zusammenhang mit Waren, in Bezug auf Menschen hingegen von Bevölkerung, Bewohnern oder der Personenzahl (Mahlke 2014, S. 48). Einzig im Militär ist von Truppenbeständen die Rede, was man als Hinweis auf die Entindividualisierung der Soldaten verstehen kann.
Auch den sog. Nutztieren gegenüber dominiert eine stark versachlichende Einstellung. Das Halten von Nutztieren geht historisch bis zur Jungsteinzeit zurück und ist tief mit der praktischen Lebensbewältigung verflochten. Es spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Agrargesellschaften. Spuren davon sind in der Sprache bis heute gegenwärtig. So vergleichen wir den Staat, den man melken kann, mit einer Milchkuh, bezeichnen eine unappetitliche Speise als Sau- oder Hundefrass, was wir missbilligen als Mist und bemessen die Kraft eines Autos in Pferdestärke (PS). Blöde Kuh, dummes Huhn oder dämliche Gans sind alltägliche Schimpfwörter bis heute. In historischen Agrargesellschaften war der Übergang zwischen Haus- und Nutztieren fliessend. Die Tiere erfüllten verschiedene Funktionen. Ein Pferd war Reit- und Zugtier. Kühe gaben Milch und Fleisch, Hühner Eier und Fleisch und verwerteten Nebenprodukte und Überschüsse. Ihre Ausscheidungen erhielten die Böden fruchtbar. Die meisten Menschen standen in mehr oder weniger engem Kontakt mit domestizierten Tieren. Die Milchkühe im Stall der Bauern trugen Namen. Dieser Umgang mit den Tieren bestimmte die bäuerliche Welt auch in der Schweiz bis weit ins 20. Jahrhundert. Prägend für traditionelle Agrargesellschaften war auch ein massvoller Umgang mit Milch, Eiern und Fleisch.
Mit der Industrialisierung wurden Tiere zunehmend spezialisiert. Mast- und Legehühner wurden nun unterschieden, ebenso die Milchkühe und Mastrinder. Mit dem Verschwinden des ‘Allround-Pferdes’, der ‘Allround-Kuh’ und des ‘Allround-Huhnes’ gewinnen die Spezialfunktionen an Bedeutung. Und es wird auf Masse gesetzt. Damit rückt das Tier als Einzelwesen aus dem Blick. In der Massenhaltung tragen Nutztiere keine Namen. Ihnen fehlt damit das sprachliche Merkmal einer Individualität, das sie von anderen Tieren ihrer Art unterscheidet. Sie werden anonymisiert und homogenisiert, d.h. als prinzipiell gleich und ersetzbar gedacht und behandelt.
Die Gestaltungsmacht der Sprache lässt sich gut am Wort Nutztier aufzeigen. Die Nutzfunktion ist grammatisch in den Verben nutzen und nützen angelegt. Ein Tier kann jemandem (im Dativ) nützen. In dieser Dativ-Position kommt nur der Mensch vor, er ist Empfänger des tierlichen Nutzens: DAS TIER NÜTZT DEM MENSCHEN. Das Gegenteil von Nutztier ist demnach der Schädling, der dem Menschen schadet.[4] In der Biologie gibt es auch den Begriff des Nützlings. Dazu zählen etwa Insekten, die Tiere fressen, die als Schädlinge gelten.
Weiter ist das Modell A nutzt B möglich: DER MENSCH NUTZT DAS TIER. Das Tier erscheint hier im Akkusativ, als Grösse, über die das Subjekt verfügt. Beide grammatischen Formen drücken eine anthropozentrische Sicht aus. Das Tier wird ausschliesslich im Lichte menschlicher Interessen wahrgenommen. Seine Unterwerfung unter menschliche Interessen ist schon im grammatischen Bauplan des Verbs angelegt. Welche Folgen dies für das menschliche Handeln hat, vertiefen wir im Abschnitt zur Schweineproduktion.
Arbeitshunde (Schäferhunde, Blindenhunde, Zoll- und Polizeihunde, Wachhunde etc.) mögen als weiteres Beispiel einer menschlichen Kategorisierung der sog. Arbeitstiere dienen. Zu ihnen gehören etwa auch Zirkuspferde. Arbeitshunde verrichten Arbeit. Auch darin zeigt sich der stark anthropozentrische Zugang der Menschen zu Tieren. Arbeitshunde werden dazu gebraucht, Menschen Dienstleistungen zu erbringen, die man aus menschlicher Sicht als Arbeit einstuft (Wilkeneit und Schulz 2005). Mit dem Wort Arbeit wird ein Frame aufgerufen, der auch Aspekte wie Ausbildung und Qualifikationsprüfung bis hin zur Ausbildungsstätte und Entlohnung mit sich führt. Entsprechend ihren Fähigkeiten haben Arbeitshunde auch einen Preis. (Ein ausgebildeter Blindenführhund kostet 20’000 bis 30’000 Euro.) Das Beispiel zeigt, wie ein einmal gewählter Frame wie Arbeitshund bestimmte Denk- und Handlungsfolgerungen mit sich führt, die wie natürlich erscheinen. (Man könnte den Frame nun weiterspinnen und sich fragen, wie es mit der Entlohnung und dem Ferien- und Rentenanspruch dieser Tiere aussieht.) Würden diese Tiere Hundeknechte oder Sklavenhunde genannt, sähen die Selbstverständlichkeiten ihnen gegenüber wohl anders aus.
Die begriffliche Ordnung, welche die Sprache wie ein gedankliches Gitternetz über die Tierwelt legt, prägt unvermeidlich das menschliche Denken und Handeln gegenüber den Tieren - oder umgekehrt: Sie widerspiegelt die Art und Weise, wie eine Sprachgemeinschaft Tiere gedanklich erfasst und in Bezug auf sie handelt. Und damit sind unvermeidlich Wertungen verbunden. Dies betrifft die Blindenhunde und Zirkuspferde ebenso wie die Schosstiere. Ein als Nutztier eingeordnetes Tier wird gedanklich als gegenstandsähnliche Grösse verdinglicht. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Dingen und Tieren ist aber, dass Tiere als lebendige Wesen über Gefühle und in vielen Fällen auch Intelligenz verfügen und sich mit bestimmten arttypischen und individuellen Verhaltensweisen und Bedürfnissen auf ihre Welt beziehen. Die sprachliche Verdinglichung blendet diesen Aspekt aus und unterdrückt dadurch ein Resonanzverhältnis mit ihnen.
Man kann die handlungsleitende Wirkung von Tierkategorien nachprüfen, indem man im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache das sog. Wortprofil abfragt. Dieses zeigt Kollokationen, d.h. typische ‘Wortseilschaften’, die in Textkorpora vorkommen. So kann man zum Beispiel fragen, welches Verb in der Verbindung mit dem Nomen Schädling am häufigsten auftritt. Wenig erstaunlich ist es bekämpfen. Es wird viermal häufiger genannt als das nächsthäufige Verb vernichten. Beim Wort Rind sind es die Verben schlachten und züchten.
Auffällig ist, dass solche begrifflichen Grundordnungen einer Sprache ohne Begründung auskommen. Kaum jemand wird auf die Idee kommen zu begründen, warum man Schweine und Kühe nutzt. Hintergründig wirkt eine wertende Bezeichnung nach dem Prinzip Nomen ist Omen: Was als Nutztier oder Schädling gilt, wird zunächst als Nutztier oder Schädling wahrgenommen und auch entsprechend behandelt. Gesellschaftlich eingespielte Begriffe führen stets eine gewisse Autorität mit sich, da sie auf eine als normal empfundene gesellschaftliche Praxis verweisen. Schliesslich gibt es Schlachthöfe und Metzgereien für Nutztiere, es gibt Namen für die Fleischteile aus ihren Körpern und Rezepte, die aufzeigen, wie man diese zum Essen zubereiten soll. Will man über den übermässigen und schädlichen Fleischkonsum heute nachdenken, gilt es zuerst, über diesen ‚Widerstand‘ des selbstverständlich Gültigen, die Normierungskraft der grundsätzlichen Begriffs- und Wertordnung nachzudenken. Die begriffliche Ordnung und die Handlungen, die wir aus ihrer Normierungskraft ableiten, werden durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens des Fleischessens gestützt. Dieser reicht von der begrifflichen Ordnung und der Logik des Marktes über eingespielte Gewohnheiten, Traditionen, Gesetze und Rezeptbücher bis hin zu den Zuchtbetrieben, Fütterungsanlagen, Schlachthöfen, dem Fleischmesser und dem Gartengrill.
Ein wirkungsvolles sprachliches Mittel, bestehende Tierkategorien aufzubrechen besteht darin, Tierkategorien mit menschlichen oder pflanzlichen Kategorien zu kreuzen und so Hybride zu erzeugen. Im Feld der Ernährung gehören dazu all jene Speisen, die pflanzliche mit Fleischspeisen verbinden und so vegane oder vegetarische Speisen im sprachlichen ‘Fleischgewand‘ schaffen. Beispiel: Veggie Burger, Blumenkohl-Steak und Tofu-Auberginen-Gulasch. (→ Wie Kreuzungen Neues auf dem Teller schaffen.) Beispiele sind die sog. Zirpsnacks aus Insekten. Generell gelten in der europäischen Kultur Insekten (ähnlich wie Hunde) als nicht essbar, ja sogar als abstossend. Der Einführung von Insekten und Würmern als Esswaren stehen daher hohe Hürden entgegen. Veganer und VegetarierInnen lehnen sie meist ab, weil sie grundsätzlich keine Tiere essen. Eine sprachlich bemerkenswerte Neuerung ist ein Snack aus Mehlwürmern (einer Vorstufe von Insekten) mit dem Namen ZIRP. Das Wort ZIRP erfasst das Insekt nicht von seinem wenig appetitlichen Äusseren her, sondern knüpft an seine klangliche Erscheinung an. Das lautmalerische Verb zirpen lässt etwa an das Zirpkonzert von Grillen in einer Wiese denken. Ob der Snack auf diesem Weg über das Ohr eine Chance hat, sich auch im Munde als schmackhaft durchzusetzen, wird sich zeigen.
Ausdrücke wie Mehrnutzhuhn können Wege aus der Spezialisierung der Nutztierzucht weisen. Das Tier wird nicht nur auf einen einzigen ökonomischen Nutzen beschränkt wie die Mast - und die Legehennen, die entweder für ihr Fleisch oder für ihre Eier genutzt werden.
Genutzte Tiere statt Nutztiere? Auch die Umbenennung von Nutztieren in genutzte Tiere könnte das Bewusstsein für den Umgang mit diesen Tieren schärfen (Mahlke 2014, S. 73). Das Partizip des Verbs nutzen: genutzt macht die Menschen als Täter und Täterinnen hinter den genutzten Tieren sichtbar. Die Menschen sind es, von denen die Tiere genutzt werden. - Zugespitzt wird aus antispeziesistischer Sicht auch von gefangen gehaltenen, versklavten und ausgebeuteten Tieren gesprochen (Dunayer 2001, S. 194ff), eine Sicht, die insbesonders auf Teile der Massentierhaltung zutrifft. Auch hier ist eine Kategorienkreuzung am Werk. Die Ausdrücke Gefangenschaft und Sklavenhaltung stammen aus der Welt der Menschen und werden metaphorisch auf leidende Tiere übertragen.
Adams, Carol (1990). The Sexual Politics of Meat. A Feminist-Vegetarier Critical Theory. New York: Continuum.
Dunayer, Joan (2001). Animal Equality: Language and Liberation. Durwood: Rice Publishing.
Fill, Alwin (1993). Ökolinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Narr.
Geiger, Theodor (1931). Das Tier als geselliges Objekt. In: Legewie, Hermann (Hrsg.) Arbeiten zur biologischen Grundlegung der Soziologie. Leipzig: Hirschfeld. S. 283-307.
Jansen, Sarah (2003). „Schädlinge“ Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts 1840-1920. Frankfurt /New York: Campus.
Joy, Melanie (2016). Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus - eine Einführung. 6., überarbeitete Aufl., Münster: compassion media.
Mahlke, Sandra (2014). Das Machtverhältnis zwischen Mensch und Tier im Kontext sprachlicher Distanzierungsmechanismen. Hamburg: Diplomica Verlag
Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt: Suhrkamp.
Weisgerber, Leo (1962). Die sprachliche Gestaltung der Welt. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann.
Wiedenmann, Rainer E. (2005). Geliebte, gepeinigte Kreatur. Überlegungen zu Ambivalenzen spät-moderner Mensch-Tier-Beziehungen. In: Forschung & Lehre, Reihe, Nr. 6: S. 298-300.
Wilkeneit, Katja und Bärbel Schulz (2013). Hund in der Erwerbsarbeit der Dienstleistungsgesellschaft. Eine Untersuchung der Merkmale und Bedingungen qualifizierter Tätigkeiten von Tieren am Beispiel von Hunden. In: Pfau-Effinger, S. Buschka (Hrsg.), Gesellschaft und Tiere,: Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis. Wiesbaden: Springer.
Willkomm, Hans-Dieter (1990). Die Weidmanns-Sprache. Begriffe, Wendungen, und Bedeutungswandel des weidmännischen Sprachgutes. Berlin: Deutscher Landwirtschaftsverlag.