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Seit 2004 ist der Eisfjord bei Ilulissat in Westgrönland Weltnaturerbe der UNESCO und steht unter besonderem Schutz. Auch die an den Fjord grenzende, zwei Kilometer breite Pufferzone, in der Ilulissat liegt, gehört zum Schutzgebiet, in dem nur wenige Aktivitäten erlaubt sind. Baumaßnahmen gehören nicht dazu. Laut einem Vertreter der grönländischen Naleraq-Partei wären die jedoch dringend nötig für die Stadtentwicklung, weshalb dieser den Vorschlag machte, den Welterbe-Status aufzugeben.
Der Ilulissat-Eisfjord, oder grönländisch Kangia, trägt seinen Namen zu Recht: Der Gezeitenfjord 250 Kilometer nördlich des Polarkreises ist gefüllt mit treibenden Eisbrocken und riesigen Eisbergen, die von dem hochaktiven Gletscher Sermeq Kujalleq abbrechen. Der Gletscher ist mit seiner Fließgeschwindigkeit von 40 Metern pro Tag einer der aktivsten der Welt und verliert jedes Jahr etwa 46 Kubikkilometer Eis — ein Zehntel des gesamten in Grönland von Gletschern abbrechenden Eises. Dem Eisfjord, der in die ebenfalls berühmte Disko-Bucht mündet, hat diese erstaunliche Gletscheraktivität den Weltnaturerbe-Status der UNESCO eingebracht.
Allerdings steht der Welterbe-Status nach Ansicht von Anthon Frederiksen, Mitglied des Kommunalrats von Avannaata Kommunia im nordwestlichsten Teil Grönlands, der Stadtentwicklung von Ilulissat im Weg. Die Bebauung der Stadt sei soweit eingeschränkt, dass er den Vorschlag unterbreiten möchte, den Eisfjord von der Liste der UNESCO-Welterbestätten zu streichen.
«In den letzten 20 Jahren hat sich die Stadt stark entwickelt, und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Möglichkeiten für die Stadtentwicklung geringer werden, weil das Wasserschutzgebiet auch Einschränkungen mit sich bringt. Und der Ausbau des Flughafens bedeutet auch, dass bessere Straßen benötigt werden», sagt Frederiksen gegenüber der News-Plattform Sermitsiaq AG.
Die Umweltministerin Kalistat Lund konnte offenbar nicht zusichern, dass der Bau einer neuen Straße zum Flughafen genehmigt werden kann. «Wir haben eine weitere Option für die Stadtentwicklung, und zwar in Richtung des UNESCO-Schutzgebiets. Wenn wir nicht mehr Teil der UNESCO sind, werden wir sehr attraktive Gebiete für die Stadtentwicklung haben. Die Betriebe reißen sich um diese schöne Gegend und ich glaube, dass sich noch viele weitere Möglichkeiten eröffnen werden. Die Geschäftswelt und das Tourismusgebiet werden sehr davon profitieren, wenn wir in Richtung Kangia bauen dürfen», so Frederiksen.
Auf den Tourismus habe Frederiksen zufolge der UNESCO-Status keinen Einfluss: «Auch vor 2004 gab es viele Touristen, und das wird sich auch nicht ändern, ob Ilulissat nun Teil der UNESCO ist oder nicht. In diesem Bereich haben wir nichts zu befürchten. Der Eisfjord ist nicht nur weltberühmt, weil er zum Weltkulturerbe gehört.»
Der Kommunalpolitiker will den Vorschlag bei der nächsten Kommunalratssitzung vorlegen und hat wenig Zweifel, dass er nicht unterstützt wird. «Wir arbeiten mit allen Parteien außer Siumut politisch zusammen. Ich bin zuversichtlich, dass der Vorschlag von den Koalitionsparteien im Stadtrat unterstützt wird», sagt Frederiksen.
Die anderen Parteien haben sich vor der Sitzung gegenüber Sermitsiaq AG bereits dazu geäußert: Vertreter der Parteien Siumut und Demokraatit haben das Thema noch nicht diskutiert und entsprechend noch keine Position eingenommen. Die Vertreterin von Demokraatit würde jedoch eine Verkleinerung des Schutzgebiets befürworten. Eine weitere Partei, Inuit Ataqatigiit, steht dem Vorschlag von Frederiksen positiv gegenüber, wäre aber auch offen für eine Verkleinerung. Bereits im Jahr 2017 machte die Atassut-Partei den Vorschlag, das UNESCO-Gebiet zu verkleinern, da ihrer Meinung nach niemand wegen des Welterbestatus kommt, und ist erfreut, dass sich nun auch die anderen Parteien mit der Frage beschäftigen.
Julia Hager, PolarJournal