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Muss man dieses Buch lesen?
„Das Leben ist zu kurz, um Schrott zu lesen.“ So antwortete mir jemand auf meine bewundernde Bemerkung zur Auswahl seines Lesestoffs. Wenn mir die Lewis-Kenner und Narnia-Liebhaber Alan Jacobs und Doug Wilson ein Buch empfehlen, dann würde ich mir einen solchen Leckerbissen nicht entgehen lassen. Michael Wards überarbeitete Dissertation „Planet Narnia“ musste nicht lange warten, bis sie gelesen wurde. Ward hat übrigens einige Jahre in The Kilns, der Heimstätte von C. S. Lewis, gelebt. Natürlich behielt ich mir eine eigene kritische Prüfung des Buches vor.
Zwei Erfordernisse an den Leser
Zwei Voraussetzungen zeigten sich während der Lektüre, welche ich nur teilweise erfüllte: Erstens ist es von Vorteil, die Perelandra-Trilogie gelesen zu haben. Zweitens wird der Lesegenuss erhöht, wenn man in der Lage ist, ein hochstehendes literarisches Englisch zu geniessen anstatt nur zu bewältigen. Ich liess mich nicht entmutigen, brauchte jedoch zwei Anläufe zum Lesen des Haupttextes (rund 250 Seiten, der Rest besteht aus dem Fussnotenapparat und weiteren Verzeichnissen).
Die Entdeckung des Autors
Für einmal beginne ich mit dem Epilog des Buches. Dort erfahren wir nämlich, wie der Autor auf seine Hauptidee für dieses Buch stiess. Obwohl Ward schon seit Jahrzehnten C. S. Lewis las, kam ihm die Idee erst später über dem lauten Lesen des Gedichts „The planets“ bei gleichzeitigem Einfluss von Musik. Die Parallele zu Narnia dämmerte ihm besonders über den Abschnitten in „Der König von Narnia“, welche den Wechsel Winter/Frühling beschreiben. Natürlich stellt sich die Frage: Warum hat niemand vor ihm diese Entdeckung gemacht? Dies begründet Ward mit der Vermutung, dass die meisten Gelehrten, die sich gründlich mit C. S. Lewis auseinandersetzten, Christen waren und darum keine Affinität für Astrologie aufwiesen (245). Damit leuchtete in mir auch die erste Warnlampe auf. Wie bitte, Astrologie?
C. S. Lewis und die mittelalterliche Astrologie
Bevor wir ein Pauschalurteil sprechen, lohnt es sich die beiden einleitenden Kapitel vollständig zu lesen. Erstens meint Ward nicht den heutigen Wortgebrauch von „Astrologie“, sondern geht von der mittelalterlichen Vorstellungswelt aus. Ward ist sich der biblischen Verbote von Sternendeuterei sehr wohl bewusst, und er nennt die entsprechenden Stellen auch. Glaubte Lewis an Astrologie? Jein. Erstens war er ein begeisterter Hobby-Astronom mit einem eigenen Teleskop auf dem Balkon. Zweitens war er zeitlebens Weltspitze in seinem Fachgebiet, nämlich der englischen Literatur des Mittelalters und der Renaissance. Drittens war er sich bewusst, dass die mittelalterliche Vorstellung bezüglich Himmelswelt nicht den Forschungsergebnissen nach der kopernikanischen Wende entsprach. Viertens war er kein blinder Vertreter der Moderne, sondern bemerkte den immensen Verlust, der mit der Technisierung einherging. Vor allem vermisste er den staunenden Blick in das göttliche Universum, der dem mittelalterlichen Betrachter noch eigen war. Ward stellt zwei (zu diskutierende) Behauptungen auf: Lewis unterschied zwischen dem Wahren und dem Schönen; das Schöne verliert seine Aussagekraft nicht automatisch dadurch, dass es sich als nicht wahr herausstellt. Ward unterstellt Lewis zudem, dass er es als schwierig empfunden hätte, nicht an Astrologie (im mittelalterlichen Sinn) zu glauben (228). Wie brachte er das mit dem christlichen Glauben in Zusammenhang? „Nur wenn Gott kommt, können die Halbgötter bestehen.“ In anderen Worten: Die heidnischen Mythen müssen im Licht Gottes betrachtet werden und nie umgekehrt.
Zum Aufbau des Buches
Diese Argumentationslinie war für mich transparent genug, um dem Rest des Buches folgen zu können. Das Buch ist sehr schlüssig und strukturiert aufgebaut. Zwei Kapitel gehören wie gesagt der Einleitung; der Hauptteil widmet sich in je einem Kapitel einem Planeten. Die beiden letzten Kapitel beschäftigen sich mit dem Schreibanlass und der sagenhaften Rezeption. Wie rekonstruiert Ward den Schreibanlass (Kapitel 10)? Er führt sie – wie andere Lewis-Interpreten auch – auf eine berühmte Debatte mit der jungen Oxforder Philosophin G. E. M. Anscombe (1919-2001) im Jahr 1948 zurück. Allerdings interpretiert er die daran anschliessende Auseinandersetzung mit den Argumenten von Anscombe nicht als Rückzugsgefecht, sondern als befreite und engagierte Verarbeitung. Zudem sieht Ward die Narnia-Chroniken als das imaginative Begleitmaterial zu seinem apologetischen Buch über Wunder (223; engl. „Miracles“, erstmals 1947, überarbeitet 1960 erschienen).
Hypothesen zum Schreibanlass und zur Faszination der Narnia-Chroniken
Die Narnia-Buchserie ist bekanntlich ein Longseller mit unglaublichen Absatzzahlen. Was macht die Faszination von Narnia aus? Ohne zu stark bei C. G. Jung Anleihen zu machen, attestiert Ward dem Literaten C. S. Lewis die Fähigkeit, über eine Art „Archetypen“ erfolgreich das Unbewusste des Menschen adressieren zu können. Lewis sah den Menschen ausgerüstet mit Wille (erste Ebene), Verstand (zweite Ebene) und Imagination (dritte Ebene). Mit den Narnia-Chroniken trat er gemäss Ward der menschlichen Tendenz entgegen, das Offensichtliche zu übersehen: Nämlich das Übernatürliche. Der Leser der Narnia-Chroniken wird genau in diese übersehene Dimension, welche ein Teil der Realität darstellt, mitgenommen. Er spürt intuitiv, dass diesem Bereich eine Wichtigkeit zukommt. (Das wirft für den Christen die Frage auf, ob die Bücher deswegen gefährlich seien. Die Meinungen gehen stark auseinander. Ich plädiere für Mässigung auf beide Seiten: Natürlich muss im Blickfeld gehalten werden, dass sich Lewis von klein auf mit der antiken Mythen- und Sagenwelt fütterte. Wie bei aller Literatur darf diese nicht zum primären „Wahrnehmungsfilter“ werden. Das heisst, die Bibel bleibt oberste Prüfinstanz aller – auch und gerade – imaginativen Ideen des Menschen. Persönlich kann ich der Lesart von Douglas Wilson, der manche Parallelen zur Heilsgeschichte, zum geistlichen Leben und zur Charakterentwicklung herstellt, eher folgen. Ward stuft gerade diese unter Christen gebräuchliche Interpretation zurück. Ich halte es für überzogen, von Lewis an sich Abstand zu nehmen.)
Begriffe zum besseren Verständnis des Buches
Für das Verständnis des Buches ist es entscheidend, die Bedeutung von einigen Begriffspaaren auseinander zu halten:
|Contemplation vs. Enjoyment (16-17)||C. meint (rationales) Einordnen von aussen, E. ist hingegen das innere Mitleben („looking along the beam“); Lewis möchte Letzteres erzeugen.|
|Silence (21)||Für Lewis gibt es eine gute und schlechte Art der Stille. Die gute Art der Stille verbindet er mit dem vor-kopernikanischen Modell des Kosmos, nämlich der von unhörbaren Musik erfüllten Planetenwelt|
|Symbole vs. Allegorie (30)||Der Allegorist bildet bewusst die reale Ebene mit der allegorischen ab und verbindet beide miteinander. Symbolismus ist hingegen eher Modus des Gedankengangs als eine Form des Ausdrucks.|
|Geist (32)||Gegensatz von körperlich bzw. materiell, Emotionen, Leidenschaften, Gedächtnis und Vorstellung umfassend (1. Bedeutung); das rationale Element in der menschlichen Natur (2. Bedeutung); das Leben, das denen geschenkt ist, die durch Christus in der göttlichen Gnade leben (3. Bedeutung)|
|poiema vs. logos||Ward stellt bei jedem Planeten deren Bedeutungsgehalt aus dem Handlungsverlauf (poiema) heraus; in einem zweiten Schritt entwickelt er den theologischen Aussagegehalt (logos).|
|theosis||Lewis steht dem Gedanken der theosis, also der Teilnahme des menschlichen Lebens am göttlichen Leben sehr nahe (mehr dazu siehe Donald Fairbairn, Life in the Trinity)|
|Donegality||Lewis liebte Stimmung und Wetter der irischen Provinz Donegal. Ward prägte deshalb den Begriff „Donegality“, um das in den Chroniken vermittelte Stimmungsbild besser zu fassen.|
Zum Lesen des Hauptteils
Im Hauptteil des Buches beschreibt Ward also die sieben Planeten im Sinne von Archetypen des ptolemäischen Weltbildes (7). Er tut das in sehr strukturierter Weise. Er wertet dazu nämlich zuerst das fachliche Werk sowie Lewis‘ Gedichte aus (die uns weniger bekannt sind). Weiter bespricht er Stellenwert und Wirkung der einzelnen Planeten in der Perelandra-Trilogie. Den grössten Teil des Kapitels widmet er dann wie kurz beschrieben dem Handlungsverlauf und dem Aussagegehalt in den einzelnen Chroniken. Dabei ordnet er jeweils einen Planeten einer Folge der Narnia-Chroniken zu (z. B. Jupiter – Der König von Narnia, Mars – Prinz Kaspian, Sonne – Reise der Morgenröte). Jeder Planet wird mit einem Metall in Verbindung gebracht (Jupiter – Zinn, Mars – Silber, Sonne – Gold etc.). Jeder Planet steht in einer bestimmten Hierarchie (z. B. Jupiter als König, Mars als infortuna minor). Zudem ist jedem Planeten eine Bedeutung zugewiesen; Ward zitiert dazu aus Lewis‘ fachlichem Werk. So wird Mars z. B. als kalter und starker Sohn der Notwendigkeit beschrieben. Bedeutung und Material widerspiegeln sich in Stimmung, Handlungsverlauf und Aussagegehalt. So nehmen der Militarismus und die Silberfarbe in Prinz Kaspian eine wichtige Rolle ein. Als zugehörigen (christlichen) Aussagegehalt leitet Ward den christlichen (geistlichen) Verteidigungskampf ab. Ein zweites Beispiel: Bei der Sonne fokussiert Ward auf das Thema von Licht und Dunkelheit in der „Reise der Morgenröte“ und auf die sieben Auftritte Aslans innerhalb des Buches.
Einschätzung
Insgesamt fehlen mir einige grafische Übersichten. Ich begann während der Lektüre eine Tabelle zu zeichnen, um den inhaltlichen Überblick zu behalten. Die Stärke des Buches ist sein integrativer Charakter. Ward hat eine immense Forschungsarbeit geleistet. Auch wenn man der These des Buches nicht oder nur bedingt zustimmen kann, erhellen die zahlreichen Zitate viel über Lewis‘ Gedankengänge. Insgesamt betrachte ich die These von Ward als innovativ. Trotz sehr strukturiertem Vorgehen und herausragender Arbeit mit den Quellen erachte ich die Idee als spekulativ. Muss man das Buch gelesen haben? Jeder, der sich mit den Narnia-Chroniken beschäftigt und/oder Lewis häufig zitiert (auch als Pastor oder Bibellehrer), empfehle ich die Lektüre.