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WW: Ein ostindischer König lud den siebenundzwanzigsten Patriarchen Prajnatara zu einem buddhistischen Festessen ein. Der aber beginnt sofort zu essen. Da fragte ihn der völlig irritierte König: "Warum rezitierst du keine Sutren?" Prajnatara antwortet: "Mein Einatem verweilt weder in der Welt der Subjekte noch in der Welt des Bewusstseins. Mein Ausatem verirrt sich nicht in der Welt der Objekte. Trotzdem rezitiere ich unentwegt Millionen und Abermillionen Schriftrollen von Sutren", antwortete Prajnatara.
Diop: Wer war dieser Prajnatara?
WW: Mit Prajnatara ist Hannyatara gemeint, der siebenundzwanzigste Patriarch in der indischen Linie. Bei Dogen Zenji lautet das gleiche Koan etwas anders: Der ehrenwerte Prajnatara, der siebenundzwanzigste Patriarch von Ost-Indien, wurde vom König zum Essen eingeladen. Der König fragte ihn: "Jedermann verkündet alle Arten von Sutren. Du jedoch nicht. Warum?" Prajnatara sagte: "Vergebt mir meine armseligen Worte, aber ich werde es in dieser Weise ausführen: Wenn ich ausatme, ist mein Atem nicht von Ereignissen oder Bedingungen beeinträchtigt; wenn ich einatme, verweile ich nicht in der Welt der bedingten Formen. Beständig verkünde ich das Sutra des So-Seins; es hat Millionen und Abermillionen Bände, nicht nur einen oder zwei."
Diop: Was ist die Bedeutung des Wortes Hannyatara?
WW: Der Name Hannyatara setzt sich zusammen aus Hannya, was soviel heißt wie "Weisheit" oder "unmittelbare intuitive Einsicht", und "Tara", das heißt wörtlich: "Retterin". Gemeint ist ein weiblicher Bodhisattva, der in der Mythologie aus den Tränen des Avalokitesvara entstanden sein soll, um ihn in seinem Wirken zu unterstützen.
Diop: Kennen Sie den Hintergrund, wie Hannyatara Meister wurde?
WW: Die Dharmaübertragung vom sechsundzwanzigsten Patriarchen auf Hannyatara findet sich im siebenundzwanzigsten Beispiel der Koan-Sammlung Denko-Roku: Der sechsundzwanzigste Patriarch sagte einst zum siebenundzwanzigsten Patriarchen, dem Ehrwürdigen Hannyatara: "Denkst Du an die Vergangenheit oder nicht?" Hannyatara antwortete: "Wenn ich an die Vergangenheit weit entfernter Kalpas denke, lebte ich mit dir zusammen. Der Meister predigte die Große Wahrheit und ich rezitierte das tiefgründigste Sutra. Die heutige Situation resultiert aus dieser vorhergehenden Ursache."
Diop: Wann lebte Hannyatara und hatte er auch berühmte Schüler?
WW: Hannyatara stammte aus Indien. Er lebte im fünften Jahrhundert und war der Meister Bodhidharmas, der dann später das Zen von Indien nach China brachte. Mehr als vierzig Jahre war Bodhidharma Schüler von Hannyatara. Vor seinem Tod sagte er zu Bodhidharma: "Sechzig Jahre nach meinem Tod musst du nach China gehen." Gehorsam trat Bodhidharma diese schwierige Reise an und war beinahe drei Jahre unterwegs, bis er China erreichte. Die Dharmaübertragung von Hannyatara auf Bodhidharma wird im Denko-Roku geschildert: Einst fragte der siebenundzwanzigste Patriarch, der Ehrwürdige Hannyatara: "Unter allen Dingen, was ist von Nicht-Form?" Bodhidharma sagte: "Das Nicht-Entstehen ist von Nicht-Form." Der Patriarch sagte: "Unter allen Dingen, was ist das größte?" Bodhidharma sagte: "Das Dharma-Wesen ist das größte". Doch kommen wir zurück zum Koan: Ein ostindischer König lud den siebenundzwanzigsten Patriarchen Hannyatara zu einem buddhistischen Festessen ein. Da fragte ihn der König: "Warum rezitierst du keine Sutren?"
Diop: Ich erlebe hier einen König, der völlig irritiert ist. Er lädt einen Zen-Patriarchen ein, und der beginnt einfach zu essen, ohne vorher zu beten oder Sutren zu rezitieren.
WW: Ja. Sicher hat sich der König das ganz anders vorgestellt. Schließlich betet doch ein "heiliger Mann" vor dem Essen. Das ist doch das mindeste, was er tun kann. Hannyatara aber antwortet: "Mein Einatem verweilt weder in der Welt der Subjekte..."
Diop: Was will er damit sagen?
WW: Das bedeutet, er hält sich nicht in der Welt des Körpers und der Formen auf. Die Welt der bedingten Formen besteht aus Körper, Empfindungen, geistigen Wahrnehmungen, Triebkräften und Bewusstsein, also den fünf Skandhas. Er drückt damit aus, dass er sich innerlich nicht beeindrucken oder beunruhigen lässt von der Außenwelt. "Mein Ausatmen verirrt sich nicht in die Welt der Objekte..." Er könnte auch sagen: Wenn ich ausatme, ist mein Atem nicht von Äußeren Bedingungen, Zufällen oder Ereignissen beeinträchtigt. "Trotzdem rezitiere ich unentwegt Millionen und Abermillionen Schriftrollen von Sutren."
Diop: Der König spricht vom Beten oder Sutrenrezitieren und Hannyatara vom Atem, wenn ich das richtig verstehe?
WW: Ja. Hannyatara will damit sagen: Jeder Atemzug, den wir einfach nur atmen, ohne etwas hinzuzufügen, enthält in Wirklichkeit Millionen und Abermillionen Gebete. Das Problem ist: Wie kann ich etwas deutlich machen, das ständig vor mir liegt, wenn es der Andere nicht sieht? An dieser Stelle wird uns vielleicht klar, warum frühere Zen-Meister ihre Schüler oft schlugen oder anschrien. "Das ist es!", darauf wollten sie hinweisen. "Nur dies! Setzt nicht immer etwas drauf. Überlagert den Augenblick nicht ständig mit euren Projektionen, Wünschen und Erwartungen!" Daio Kokushi sagt: "Gebt eure Worte auf, entleert eure Gedanken, dann kommt ihr so weit, das eine Sein zu erkennen." Einatmen ist nur einatmen, ausatmen ist nur ausatmen, nichts weiter. Subjekt ist nur wegen des Objekts Subjekt. Objekt ist nur Objekt wegen des Subjekts. Hannyatara übersteigt beide Ebenen. Er erkennt ihre ursprüngliche Leerheit, die alle Dinge enthält. Anders ausgedrückt könnte er auch geantwortet haben: Was willst du eigentlich? Ich befinde mich weder in der Welt der Subjekte noch in der Welt der Objekte. Ich habe beides vergessen. Ich lobe mit jedem Atemzug das Numinose, das Göttliche, die uns innewohnende Buddha-Natur. Da ist nur der Atem, da ist nur das Essen, das Trinken, das Gehen. Da ist nur dies. Was soll ich dem noch hinzufügen? Angelus Silesius sagt: "Gott tut im Heil´gen selbst all´s, was der Heil´ge tut, Gott geht, steht, liegt, schläft, wacht, isst, trinkt, hat guten Mut." Und an anderer Stelle sagt er: "Gott sind die Werke gleich: der Heil´ge, wann er trinkt, gefallet ihm sowohl, als wenn er bet´t oder singt."
Diop: Betont damit Angelus Silesius die absolute Gleichheit der verschiedenen Aktivitäten?
WW: Ja. Beten besitzt bei Silesius die gleiche Wertigkeit wie Essen oder Trinken. Auf der Ebene der Ur-Wirklichkeit gibt es keine Unterschiede mehr. Essen und Trinken ist dem Gebet oder Gesang vollkommen gleichgesetzt.
Diop: Ist das nicht eine ungeheuere Respektlosigkeit?
WW: Nein. Es drückt die tiefste Erfahrung in das Göttliche aus. Silesius sagt auch: "Mensch, so du Gott noch pflegst für dies und das zu danken, bist du noch nicht versetzt aus deiner Schwachheit Schranken." Er meint damit: Solange du dankst, stellst du dich unter Gott, bist du ein Bettler, aber nicht Sohn oder Tochter Gottes. Und wieder an anderer Stelle sagt er: "Wer Gott um Gaben bitt´, der ist gar übel dran. Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an." D.h., wir sind gefangen in der Dualität von Schöpfer und Geschöpf, von Subjekt und Objekt. Von diesem Hintergrund her betrachtet verstehen wir plötzlich die ungeheure Freiheit Hannyataras, wenn er sagt: "Mein Einatem verweilt weder in der Welt der Subjekte noch in der Welt des Bewusstseins. Mein Ausatem verirrt sich nicht in der Welt der Objekte." Welch grenzenloser Freiheit stehen wir hier gegenüber!
Diop: Heißt das nun: Wir brauchen nicht mehr zu beten, Rituale abzuhalten, Gottesdienste zu feiern?
WW: Nein, keinesfalls. Willigis Jäger, mein Lehrer, sagt über das Beten, dass es Energien gibt, die auf einer Ebene sind, die in den transpersonalen und transmateriellen Raum hineinwirken. Das sind Naturgesetze für mich. Wenn ich bete, dann ist da oben nicht einer, der mir etwas gibt, weil ich drei Vaterunser gebetet habe. Wenn ich bete, dann geht etwas von mir aus, Wohlwollen, wohlwollende Energien, helfende Energien, und diese Energien wirken meiner Ansicht nach auf einer Ebene im transpersonalen Raum. Wenn ich für jemanden bete, ihm etwas wünsche, dann geschieht etwas. Und dann geschieht meiner Ansicht nach mehr, als wenn ich physisch etwas tue, ihm eine Ohrfeige gebe oder einen Kuss. Und so sind Rituale für mich energiegeladene symbolische Handlungen auf einer höheren Ebene, die in unser Leben, in unseren Alltag einwirken. Und Yamada Koun Roshi, ein japanischer Zen-Meister, schildert es auf seine Weise. Er sagt, dass die Verehrung Buddhas, das Sutrensingen und Weihrauchbrennen nicht unwichtige Elemente im Zen sind. Doch er sagt auch, dass Räucherstäbchen verbrennen, Gebete verrichten, Bekenntnisse ablegen und Sutren studieren allesamt unnötig im Zen sind. Das Allerwichtigste ist einfach das Sitzen und die Erfahrung des ‚Körper und Geist sind weggefallen’ zu machen. Alles andere ist zweitrangig. Trotzdem, wer einmal richtiges Satori erlebt hat, kommt nicht daran vorbei, Räucherstäbchen darzubringen, Sutren zu rezitieren und entsprechende Gebete zu verrichten. Dann aber ist es ein Gebet oder Ritual von einer ganz anderen Ebene aus, und dann wird das Gebet zu einem Ritual, das die Einheit feiert - die Einheit von Form und Leerheit. Das Gebet ohne Worte, das Gebet des Schweigens ist für mich das größte Gebet. Angelus Silesius drückt es so aus: "Gott ist so überall, dass man nichts sprechen kann: drum betest du ihn auch mit Schweigen besser an." Haben wir diese Ebene erreicht, wird alles zum Gebet. Essen, Trinken, Einatmen, Ausatmen. Denn alles manifestiert diese Ur-Wirklichkeit und nichts ist ausgenommen. Dann ist unser ganzes Leben ein einziges Gebet.
Diop: Die Übung mit dem Atem gehört zu den ältesten Methoden auf dem Weg nach Innen.
WW: Ja. Alle esoterischen Wege weisen auf den Atem hin. In der christlichen Mönchstradition hat der Atem beim kontemplativen Gebet immer schon eine große Rolle gespielt. Er führt uns immer wieder in die Präsenz des Augenblicks. Kein Atemzug vorher oder nachher, nur dieser eine Atemzug, jetzt in diesem Augenblick. Wenn wir bedenken, dass jeder einzelne Atemzug, den wir in diesem Moment ganz aufmerksam beobachten, noch nie geatmet wurde, dann betrachten wir ihn vielleicht mit ein wenig mehr Respekt. Dieser Atemzug ist eine Welt-Uraufführung. Atmen bedeutet leben, den Atem beobachten heißt das Leben beobachten, mitten im Leben sein. Hätten wir nur noch zehn Atemzüge in diesem Leben, würden wir bestimmt jeden einzelnen mehr genießen und auskosten. In dieser Intensität sollten wir unsere Übung begreifen.
Diop: Im Zen ist oft von Wesensnatur die Rede.
WW: Ja. Jeder von uns besitzt den Schatz der Wesensnatur. Ständig sehen wir sie, treten wir drauf, sind wir von ihr umgeben und eingehüllt, ob wir darum wissen oder nicht. Diese Wesensnatur ist die pure Dynamik in absoluter Bewegungslosigkeit. Sie erhält uns am Leben, ist frei und zügellos. Es ist ein Sehen, ohne zu sehen, gleichsam ein Schauen in das nackte Sein. Heilige Schriften, Weisheitsbücher können nur mit diesem klaren Blick gelesen werden. Erst wenn wir die Ochsenhaut, wie es im Vers heißt, durchdrungen haben, d.h,. wenn wir die Weisheit erfahren haben, werden wir auch ihren Sinn verstehen. Ohne diese Erfahrung sind es einfach nur "moralisierende Kochbücher" für uns. Unser Verstand ist es, der Zeit und Raum kreiert, der uns gefangen hält, der uns leiden und verzweifeln lässt. Um ihn zu überwinden, zu transzendieren, zu übersteigen, bedarf es größter Anstrengung. Nur durch ganzen Einsatz werden wir den Dualismus, der uns gefangen hält, durchbrechen. Haben wir wirklich erfahren, wie es im Herz-Sutra heißt: "Form ist nichts anderes als Leere, Leere nichts anderes als Form. Form ist wirklich Leere, Leere wirklich Form", so verwandelt sich alles in spirituelle Werke. Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Atmen sind dann ständiger Lobpreis dieser Einheit.
Albert Schweizer hat einmal gesagt, dass fast für jeden Menschen der Augenblick kommt, wo die überkommene und angelernte Religion von ihm abfällt wie der Mörtel von der Wand. Erziehung, Haus und Familie, religiöses Milieu, alles wird nichts helfen. Der Mensch muss er selbst werden.
Dazu aber bedarf es des Vergessens des Weges, den wir gehen, indem wir ihn einfach gehen, ohne ständig ein bestimmtes Ziel im Visier zu haben. Dieses Koan geht weit über die Grenzen von Anstand und Sitte hinaus. Hannyatara will dem König einfach klarmachen, dass er sich nicht von Gott und der Welt irritieren lässt und den Augenblick des Essens nicht überlagert mit Wünschen, Projektionen und Erwartungen.
Diop: Sie meinen, es ist das Allergewöhnlichste?
WW: Ja. In der Leerheit des Atems drückt sich eine unbewusste und gewaltige Erhabenheit aus. So wird das Gebet zum Nicht-Gebet, die Erhabenheit zur Nicht-Erhabenheit, zum Gewöhnlichen. Ayya Khema, eine buddhistische Lehrerin, meint, dass es auf der Ebene der relativen Wahrheit keine Spiritualität und keine Religiosität gibt. Das ist der Grund, warum die Religionen nicht funktionieren. Sie haben alle versucht, sich auf der relativen Ebene aufzubauen. Doch da gibt es nichts. Es gibt keine Erfüllung in dieser Richtung.
Diop: Sie sprachen vorhin die Leerheit des Atems an
WW: Ja. Ich meine, der Atem ist reine Bewegung, reine Dynamik. Sie können ihn nicht sehen, so wie Sie den Wind nicht sehen können. Aber Sie können beides spüren und an sich wahrnehmen. Sie sehen, wie der Wind die Zweige der Bäume bewegt, aber er selbst bleibt unerkannt und unsichtbar. Sie können spüren, wie sich beim Ein- und Ausatmen Ihre Bauchdecke bewegt und die Luft durch die Nase dringt, aber der Atem selbst bleibt unerkannt. Er hat keine Form oder Gestalt, er hat keine Farbe, ist nicht groß oder klein und doch ist ohne ihn kein Leben möglich. Ich glaube, wir sollten unserem Atem den größten Respekt erweisen.
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