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Lust auf ein bisschen Pauschalisierung? Lust auf ein paar Vorurteile, „untermauert“ mit Anekdoten und willkürlich ausgewählten Textpassagen? Dann los!
Ich weiss noch, als ich in der Rekrutenschule war, das war im Sommer 2001, vor 11 Jahren. Die meisten meiner Kameraden, wie man so schön sagt – also die meisten von denen, mit denen zusammen ich im Ernstfall andere Menschen erschiessen würde – die meisten von diesen jungen Männern also hatten eine Lehre hinter sich und nicht wie ich den Gymer.
Na und, oder?
OK, na und: Gestern habe ich den offiziellen Bildungsplan für Restaurationsangestellte durchgelesen. Dort wird detailiert beschrieben, welche Kenntnisse und Fähigkeiten im Lauf der 2-jährigen Lehre erworben werden. Unter dem Leistungsziel 1.4.1 steht z.B. „Restaurationsangestellte sind fähig, die Bedürfnisse der Mitarbeiter und der Vorgesetzen bei der Ausgabe von Getränken und Speisen zu beschreiben und ihr Verhalten teamorientiert zu gestalten“ und unter dem Leistungsziel 3.1.2 heisst es „Restaurationsangestellte befriedigen die gastronomischen Bedürfnisse und Erwartungen unterschiedlicher Gästegruppen und erbringen Produkte und Dienstleistungen zu deren Zufriedenheit“.
Nirgendwo steht etwas in diese Richtung: „Restaurationsangestellte sind fähig, ihre eigenen Bedürfnisse zu beschreiben und ihr Verhalten auch entgegen den Vorstellungen und Erwartungen der Mitarbeitenden und Vorgesetzten zu gestalten,“ oder „Restaurationsangestellte sorgen sich um ihre eigene Zufriedenheit nicht weniger als um die aller anderen Anspruchsgruppen.“
Dagegen steht im offiziellen Gymer-Lehrplan schon ganz am Anfang: „Im Bewusstsein um die Vorläufigkeit von Wissen wird die gymnasiale Bildung […] als Erwerb von Kompetenzen definiert, die […] selbständiges Urteilen möglich machen. Sie trägt dabei den individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Bildungszielen der Schülerinnen und Schüler sowie wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen in gleichem Masse Rechnung.“
Es ist also offiziell: Wer eine Lehre macht, wird zum Gehorchen erzogen, dazu, sich unterzuordnen, zuverlässig und belastbar zu sein. Wer aber den Gymer macht, wird ermutigt, selber zu denken, sich zu entfalten und seine persönlichen Bedürfnisse auf die gleiche Stufe zu stellen wie allfällig entgegenstehende gesellschaftliche Erfordernisse.
Jetzt geh‘ in die RS und du wirst sehen: dieses duale Bildungssystem funktioniert! Klar, es funktioniert nicht zu 100%. Es gibt auch widerspenstige LehrabsolventInnen und folgsame GymelerInnen. Aber tendenziell gilt (nach meiner Erfahrung): LehrabsolventInnen können besser gehorchen als GymelerInnen. Sie fragen seltener „warum?“ und nerven ihre Vorgesetzten weniger. Sie ordnen ihre eigenen Bedürfnisse schneller irgend einem idiotischen „Erfordernis“ unter, von dem eine „Autorität“ sagt, dass es „Befehl“ sei.
Umgekehrt: geh‘ z.B. in eine dieser Grossbanken, wo die GymelerInnen nach dem Studium an der HSG oder so landen und du wirst sehen: wer in jungen Jahren lernt, seine persönlichen Bedürfnisse auf die gleiche Stufe zu stellen wie allfällig entgegenstehende Interessen der Gesellschaft, der oder die strotzt im besten Alter gerne vor Egoismus und Selbstherrlichkeit. Und das beste daran: diesem Egoismus und dieser Selbstherrlichkeit hängen die gelehrigen GymelerInnen dann dank ihrer Kompetenz „in mindestens drei Sprachen“ auch noch ein Mäntelchen um, das für die folgsamen Angestellten nach Autorität und gesellschaftlichem Erfordernis aussieht.
Wenn wir im Projekt Habakuk einmal Restaurationsangestellte ausbilden, gibt es ein paar zusätzliche, inoffizielle Leistungsziele. Eines davon: „Widersprich deinen Vorgesetzten und Mitarbeitenden mindestens einmal am Tag. Sie reden viel Bullshit. Lass dich nicht verarschen.“