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19.09.2014 - Eric Waidyasekera
19.09.2014
Eric Waidyasekera
Der Industriepfad Uster
Wie antike Ruinen, alte Schlösser und mittelalterliche Städte prägen die Bauten der Frühindustrialisierung unsere Vorstellungen davon, wie die Schweiz entstanden ist.
Reiher am Oberkanal, Fischtreppe und Aabach
Der Reiher hat sein Revier mitten in einem Wohngebiet in Uster, an der Kreuzung von zwei Wasserwegen und bei einer Fischtreppe, unweit des alten hölzernen «s’Teckt Brüggli» aus dem Jahr 1826. Dort ist er vor Menschen geschützt und freut sich über reichhaltige Nahrung dank wechselndem, aber stetem Wasserfluss.
Wo Flüsse sind, gedeiht Leben. So entwickelte sich am Aabach zwischen dem Pfäffiker- und dem Greifensee eine Industrielandschaft mit historischen Gebäuden und Anlagen aus der Zeit der Frühindustrialisierung.
Leben am Wasser
Kreuzung von Wasserwegen? Ja, das gibt’s. Dort wo das Wasser des Stadtpark-Weihers in den Aabach abfliesst, ist eine Wehranlage. Sie leitet beide Gewässer für drei verschiedene Nutzungen um: in den Oberwasserkanal zu einer Turbinenanlage, wo Strom nachhaltig produziert wird; zu der Fischtreppe, damit sie immer ausreichend mit Wasser versorgt wird; in den ursprünglichen Lauf des Aabachs, der durch Rest- und Überschusswasser gespeist wird. So profitieren Mensch und Natur gleichermassen vom Wassersegen des Dorfbachs. Die Wehranlage gehört zum umfangreichen Kanalsystem entlang dem Aabach. Das Ganze entstand im vorletzten Jahrhundert zur Energieerzeugung durch über ein Dutzend Kleinkraftwerke.
Wohnen in der alten Fabrik
Folgt man dem Oberwasserkanal, erreicht man bald die Wohnsiedlung Im Lot. Diese entstand nach dem Untergang der Textilindustrie aus der Umnutzung der ehemaligen Baumwollspinnerei Uster AG Ende der neunziger Jahre. Altes und Neues wurden verbunden.
Wohnsiedlung im Lot
Die Neubauten und die revitalisierten Fabrikgebäude bieten Wohnraum für über 250 Menschen. Bauliche Zeitzeugen des 19. Jahrhunderts wie der Hochkamin oder das Kraftwerk wurden integriert und erfüllen weiterhin ihre ursprünglichen Aufgaben. Die Wasserzufuhr der Fabrikturbinen war im Laufe der Zeit verlandet und musste wiederhergestellt werden. Heute dient der Kanal im Sommer zusätzlich als Bademöglichkeit. Auch das Wasserkraftwerk wurde reaktiviert und speist hausgemachten Strom ins Netz. Für dieses Gebiet, liebevoll «Klein-Venedig» genannt, erhielt die Stadt Uster – zusammen mit anderen Objekten – im Jahr 2001 den Wakkerpreis.
Einen Steinwurf weiter unten befindet sich der Zellweger Weiher. Der Weg dahin verläuft nun zwischen dem tiefer liegenden Aabach links und dem rechts, auf höherem Niveau liegenden Unterwasserkanal des erwähnten Kraftwerks Im Lot. Nach einem dreifachen Wehr wird dieser Kanal nun wieder zum Oberwasserkanal eines weiteren Kraftwerks, das nach dem Weiher weiter unten liegt. Auch diese Gewässer werden intensiv von Fischen und Vögeln genutzt.
Industrie wird verdrängt
Zum Zellwegerareal lädt eine lange Allee mit mächtigen alten Ahornbäumen ein. Rechts davon liegen ein länglicher Weiher und die Parkanlage. Linkerhand und nach dem Ende der Allee dehnt sich ein grosses Industrieareal aus, das für Wohnüberbauungen genutzt wird. Das über 100 000 Quadratmeter grosse Gebiet ist über verschiedene Entwicklungsepochen gewachsen und entstand in der Zeit der Frühindustrialisierung. Hier am Aarbach liess der Spinnerkönig Heinrich Kunz im Jahr 1824 die erste Grossspinnerei erbauen.
Das Fabrikareal war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und galt darum als «verbotene Stadt». Zu Kriegszeiten im vergangenen Jahrhundert wurde hier Kriegsmaterial produziert. In den sechziger und siebziger Jahren entstanden Gerätschaften für das Militär, zum Beispiel die Funkstation SE-200, eine bekannte Eigenentwicklung. Dem Schreibenden sind auch die hier fabrizierten Lenzlinger Doppelböden bekannt, die in den siebziger und achtziger Jahren an Kraftwerke in den Norden Thailands geliefert wurden. In heutiger Zeit wird noch ein Teil des Areals von Industrie und Gewerbe genutzt. Seit 2007 ist es für die Öffentlichkeit zugänglich.
Kunst in der Natur
Kawamata Biberdammbrücke, Uster
Der Parkbereich ist zu einer landschaftlichen Attraktion geworden. Der längliche Weiher wird an einer Seite von der Allee, an der anderen von einem Wald- und Parkgebiet umrandet. Kunst wird hier gross geschrieben. Den versteckten Moosfelsen von Fischli/Weiss muss man zwar suchen. Den bekannten «Cube» von Sol LeWitt findet man schon eher. Unübersehbar hingegen ist die Biberdammbrücke, die der japanische Künstler Tadashi Kawamata mit dem Architekten Christophe Scheidegger auf den Weiher baute. Die schwimmende Brücke erinnert an Schwemmholz, das von Gewässern gebracht und aufgehäuft wird. Das Kunstwerk wurde so angelegt, dass Schwäne auf dem Weiher genügend An- und Abfluglängen haben.
Wohnen am Zellwegerweiher
Auf dem oberen Teil des Areals ist eine imposante Wohnsiedlung mit Häusern namhafter Architekten entstanden. Die neuen Gebäude liegen nahe am Wasser – ganz im Einklang mit dem Logo von Uster «Wohnstadt am Wasser». Durch die qualitativ hochstehende, kontinuierliche Umwandlung von Industriegebiet zu Wohngebiet wurde der Aabach zu einem bedeutenden Freiraum. Für diese Gestaltung erhielt die Stadt Uster im Jahr 2014 den Schulthess Gartenpreis des Schweizer Heimatschutzes.
Lebendige Industriegeschichte
Die übrigen Teilstücke des Industriepfads sind nicht minder interessant und spannend. In Niederuster zum Beispiel stösst man auf die Anlage Turicum, ein frühes industrielles Ensemble bestehend aus Fabrik, Wasserkraftanlage, Arbeiterhäusern und Villa. Dort wurden vor 100 Jahren Autos gebaut und weithin exportiert.
In Oberuster befindet sich das Trümpler Areal. Die ehemalige Spinnerei- und Webereifabrik Corrodi ist wohl eine der bekanntesten Fabriken der Schweizer Geschichte. Hier fand 1832 der Usterbrand statt. Kleinfabrikanten und Heimarbeiter aus dem Zürcher Oberland zerstörten
Der Usterbrand, 1832
die Mechanische Spinnerei und Weberei, weil sie aus Existenzängsten um ihre Handarbeit ein Verbot der Webmaschinen erzwingen wollten. Doch die Industrialisierung liess sich dadurch nicht aufhalten.
Der etwa 30 Kilometer lange Industriepfad Zürcher Oberland zwischen dem Greifensee und Bauma bietet anhand von 50 Sehenswürdigkeiten – viele davon durch Schilder kenntlich gemacht – einen Überblick über mehr als 150 Jahre Industriegeschichte. Dieses kulturelle Erbe ist eins der am besten erhaltenen und dokumentierten im Land und zeigt, wie die heutige Schweiz entstanden ist.
Fotos: Eric Waidyasekera