Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03441.jsonl.gz/1063

Monique Ligtenberg (Audio folgt bald...)
Einige Anhaltspunkte auf diese Frage finden sich zum Beispiel in der Biographie des heute unbekannten Arztes Dr. Conrad Kläsi. Kläsi wurde 1854 in Niederurnen, Kanton Glarus, geboren. Wie viele seiner Zeitgenossen las er die Schriften von Weltreisenden wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin. Und wie seine grossen Vorbilder hatte er den Wunsch, die aussereuropäische Welt zu bereisen. Als Sohn eines Lehrers konnte er sich das aber nicht leisten.
1879 bot sich schliesslich eine einmalige Gelegenheit, um sein Fernweh dennoch zu stillen. Die niederländische Kolonialarmee suchte nach Ärzten für den Dienst in der niederländischen Kolonialarmee im heutigen Indonesien. Kläsis Bewerbung war erfolgreich und so nahm er das nächste Schiff nach Batavia (heute Jakarta), wo er am 9. Oktober desselben Jahres ankam. Die folgenden fünf Jahre war er an der Nordwestküste der Insel Sumatra stationiert, wo die Niederländer versuchten, das Sultanat von Aceh zu unterwerfen. Der Krieg sollte über 40 Jahre dauern und forderte insbesondere auf einheimischer Seite Tausende Todesopfer. Auf Seiten der Niederländer sorgten Ärzte wie Kläsi dafür, dass die Verluste so gering wie möglich ausfielen.
Kläsi selbst interessierte sich wenig für die Hintergründe des Krieges, für ihn war er blosses Mittel zum Zweck. Denn mit dem Geld, das er als Sanitätsoffizier verdiente, finanzierte er sich nach Dienstende eine sechsmonatige Forschungsreise durch Sumatra. Ganze 28 Kisten mit ausgestopften Tieren und ethnographischen Gegenständen brachte er nach Europa zurück. Einen Teil davon behielt er, einen Teil verschenkte oder verkaufte er an private Gesellschaften wie zum Beispiel an die Geographisch-Ethnographische Gesellschaft Zürich, aus der später das Völkerkundemuseum hervorging. 1907 kaufte sie ihm Schwerter, Köcher, Pfeilbogen, Kleidungsstücke sowie ein sogenanntes Zauberbuch ab. Diese Gegenstände befinden sich noch heute in der Sammlung des Völkerkundemuseums.
Wie Kläsi genau an diese Gegenstände gelangte, ist wie in vielen Fällen leider nicht überliefert. Höchstwahrscheinlich bestand aber - direkt oder indirekt - ein Zusammenhang mit Gewalt. Denn aus anderen Beispielen wissen wir, dass die Forschungsreisenden von Kolonialsoldaten begleitet wurden, die dafür sorgen sollten, dass die einheimische Bevölkerung kooperierte. Darüber hinaus waren sich wohl auch viele Einheimische der kolonialen Kräfteverhältnisse bewusst. Selbst wenn sie sich erfolgreich gegen eine europäische Forschungsexepition behaupten konnten, so war klar, dass die Kolonialmächte mit noch mehr Truppen zurückkehren würden, um ihre Ziele durchzusetzen. Auch die Forscher selbst verliessen ihre Stationen nur selten bewaffnet.
Kläsis Beispiel mag einzigartig klingen, es war aber im 19. Jahrhundert üblicher, als man denkt. Hinter jedem der Gegenstände im Völkerkundemuseum steckt eine eigene Biographie und eine eigene Sammlungsgeschichte, und diese Geschichte war meist eine koloniale. Dutzende Schweizer kollaborierten als Ärzte, Pflanzer, Soldaten, Naturforscher oder Kaufleute mit Kolonialregierungen und brachten tausende Gegenstände in die Schweiz zurück. Man spricht über diese Zeit von einer regelrechten "Sammlungswut”. Was auch immer interessant oder exotisch aussah, wurde mitgenommen.
Für die Sammler waren diese Gegenstände mehr als blosse Erinnerungsstücke. Sie dienten vor allem dazu, sich als «Mann von Welt» oder als Kenner einer bestimmten Weltregion darstellen zu können. Wie die Gegenstände zu deuten waren, wurde nicht im Austausch mit den Kulturen, aus denen sie stammen, entschieden, sondern ausschliesslich aus europäischer Perspektive. Im Museum ausgestellt, sprachen sie für ganze ethnische Gruppen, zeigten ihrem Publikum dabei etwas vermeintlich “Ursprüngliches” oder “Primitives”. Die religiöse, kulturelle oder historische Bedeutung der Gegenstände am Herkunftsort war egal.
Was für eine Relevanz hat die Geschichte kolonialer Institutionen wie dem Völkerkundemuseum und Sammlungspraktiken nun für die Gegenwart in der Schweiz? Einerseits könnten wir uns fragen: Inwiefern sind wir noch von kolonialen Stereotypen geprägt, wenn wir über ethnische Gruppen in Asien, Afrika und Südamerika sprechen? Andererseits sollten wir darüber nachdenken, wie wir heute mit solchen Sammlungen umgehen: Wollen wir diese Gegenstände als Mahnmäler an die eigene Kolonialgeschichte kontextualisieren und ausstellen? Oder sollen wir sie nicht doch eher den Menschen zurückgegeben, für die sie wichtige Zeugnisse der eigenen Geschichte sind oder als rituelle oder religiöse Gegenstände die Wahrung der eigenen Kultur sicherstellen?
Quellen und Archive:
Weiterführende Literatur: