Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/165

Die Kirche
Im 13. Jahrhundert wurde am Aareübergang auf dem "Bödeli"
zwischen Thuner- und Brienzersee, einer strategisch wichtigen Stelle
an den Passrouten nach Italien, die Stadt Unterseen gegründet.
Wie archäologische Funde von 1985 vermuten lassen, wurde kurz
nach der Stadtmauer am Standort der heutigen Kirche eine Kapelle
gebaut - eine Filiale der Kirche Goldswil, in deren Pfarrsprengel
Unterseen lag. Mit dem eigenen Kirchenbau dürfte die neue Stadt
eine gewisse Unabhängigkeit demonstriert haben; zugleich war
die Kapelle ein Standortvorteil, ersparte sie den Bürgern doch
den weiten Weg zur Pfarrkirche Goldswil. 1470 brannte Unterseen
vollständig nieder. Zum Teil mit finanzieller Hilfe Berns wurden
die äusseren Häuserzeilen samt Kirche wieder aufgebaut.
Der spätmittelalterliche Kirchenbau aus den Jahrzehnten nach
dem grossen Stadtbrand blieb im Wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert
bestehen, der Kirchturm und der Grundriss des damals vergrösserten
Chors sogar bis heute.
Ein grösserer Umbau war für die
erste Orgel nötig, die verhältnismässig spät
eingeführt wurde. Die 1844 eingeweihte Walpen-Orgel aus Luzern
machte die Kirche Unterseen im Urteil der Zeitgenossen zu der Schönsten
der Region. Da aber die Statik des Gebäudes nicht mehr stimmte,
stürzte das Kirchendach samt einem Teil der Aussenmauern 1851
unter der Schneelast ein und zerstörte die Orgel vollständig.
Das Unglück brachte dem chronisch verschuldeten Unterseen,
das bereits sein Schulhaus verpfändet hatte, nicht nur Mitleid
ein; so spottete Jeremias Gotthelf, nachdem sie nun keine Kirche
mehr habe, werde die Gemeinde wohl auch gleich ihren Pfarrer auf
die Gant geben.
Die neue Kirche, die mit Hilfe des Staates 1852/53 gebaut werden
konnte, steht bis heute. Die neueste Orgel wurde 1956 von der Firma
Kuhn in Männedorf gebaut. Sie steht wie ihre Vorgängerinnen
(und wie die meisten Oberländer Kirchenorgeln) im Chor. Das
Geläute ertönt in seiner heutigen Form seit 1902, als
die letzten Kirchenglocken von Nationalrat Eduard Ruchti gestiftet
wurden. Er war der Unterseener, der als Mitbegründer des modernen
Kurortes Interlaken gilt.
Die letzten grösseren Bauarbeiten wurden
1985 im Zusammenhang mit der Installation einer Bodenheizung vorgenommen.
Bei dieser Gelegenheit stiessen die Archäologen auf über
hundert mittelalterliche Gräber - ein Beleg für frühe
Emanzipationsbestrebungen der Bürger, die sich und ihre Angehörigen
im Spätmittelalter zunehmend wie Adelige und kirchliche Würdenträger
im Innern von Gotteshäusern bestatten liessen.
Die Kirchgemeinde
Die Seelsorger der Pfarrei Goldswil, die im Mittelalter
auch für Unterseen zuständig waren, wurden vom Kloster
Interlaken eingesetzt -dem mächtigsten Grund- und Kirchenherrn
des Berner Oberlandes, mit dem die benachbarte Kleinstadt seit ihrer
Gründung in einem harten Konkurrenzkampf stand.
Im frühen 16. Jahrhundert forderten die Unterseener mehr Autonomie
in der Sorge für ihr Seelenheil. In reformatorischer Manier
argumentierte die Gemeinde, sie wolle ihre Zehnten und Zinsen "einem
erheben frommen priester" geben, "der inen auch trüwlichen
vorstund und das wort Gottes verkünte, und nit einem, der inen
widrig sige in dem glauben." Ein Jahr vor der Berner Reformation
und der Auflösung der Klöster traten die Berner Schirmherren
auf die Eingaben der Unterseener ein: Am 8. Oktober 1527 übertrugen
sie der Stadt das Recht, ihren eigenen Pfarrer zu wählen und
ihre (sowie bis 1685 auch die Habker) Kirchenzehnten einzuziehen
und zu verwalten. Das Patronat und damit auch einen Teil der Besoldungspflichten
trat die damals bitter arme Gemeinde 1826 dem Staat ab.
Obwohl Unterseen lange Zeit keine begehrte Pfarrei war, zeigte sich
die Bevölkerung meist zufrieden mit ihren Pfarrern (und umgekehrt).
Eine der seltenen Klagen traf Hans Jakob Häusermann (Unterseener
Pfarrer 1656-80), der die Leute mit seinen langen und "verdrüssigen"
Predigten von der Arbeit abhielt - und mit einer dreistündigen
Standpauke am Neujahrsmorgen 1660 sogar von ihren üppigen Neujahrsbräuchen.
Eher seinen Vorgesetzten als dem Kirchenvolk war hingegen Pfarrer
Rudolf Abraham Sprüngli (in Unterseen 1782-1803) ein Dorn im
Auge - ein beliebter Kanzelredner und begeisterter Jäger, der
ob seiner Gemsjagd sogar eine Beerdigung vergass.
Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Unterseens Wohlstand
und Bevölkerung wuchsen, bewilligte der Staat eine zweite Pfarrstelle,
die in den neunziger Jahren schliesslich durch eine dritte, von
der Kirchgemeinde selber getragene, ergänzt wurde. Dazu kamen
Diakonissen, die 1960-2000 die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Altersbetreuung
unterstützten. Gewählt wurden die Pfarrer, ebenso wie
die Kirchgemeinderäte, bis 1930 ausschliesslich von männlichen
Kirchgemeindemitgliedern. Im Kanton Bern stand es den Kirchgemeinden
zwar schon seit 1917 frei, das allgemeine Stimm- und Wahlrecht einzuführen;
in Unterseen dauerte es aber noch 13 Jahre, bis die Frauen das aktive
Stimm- und Wahlrecht erhielten. Das passive Frauenwahlrecht folgte
1945; die erste Frau hielt 1950 in den Kirchgemeinderat Einzug.
Das kirchliche Leben - vom Gottesdienst bis zur Kirchgemeindeversammlung,
vom Chor- und Sittengericht bis zur Unterweisung, von der Sonntagsschule
bis zu den Proben des Kirchenchors - spielte sich bis Mitte 20.
Jahrhundert in der Kirche ab, dazu kam das Pfarrstübli im Amthaus.
Erste Pläne für einen Saalbau an der Kirchgasse scheiterten
1945 an Geldmangel. 1963 schliesslich kaufte die Kirchgemeinde das
"Grabenhüsi" - ein erstes, bescheidenes Kirchgemeindehaus,
an das heute nur noch Fundamente unter dem Pavillon in den Schrebergärten
erinnern. 1967 folgte das Schloss, das seither eine Pfarrwohnung
beherbergt und verschiedensten Aktivitäten Raum bietet - so
etwa dem zweitägigen "Schlossfest" im Advent, dessen
Erlös jeweils einem langfristig geförderten Entwicklungsprojekt
zugute kommt. Die auf absehbare Zeit letzte räumliche Erweiterung
wurde 2001 mit dem Zentrum Futura an der Kirchgasse abgeschlossen.
Das Stockwerkeigentum der modernen Überbauung hat verschiedene
Provisorien abgelöst und wird von der Jugend- bis zur Altersarbeit
genutzt. Die Räume können für private Anlässe
gemietet werden.
Weiterführende Literatur:
- Jan C. Remijn, Kirchengeschichte von Unterseen (Interlaken, 1979)
- Peter Eggenberger, Heinz Kellenberger, Xavier Münger, Susi
Ulrich-Bochsler, Kirche Unterseen, Archäologische Grabung 1985
()
- Ernst Schläppi, Ein Beitrag zur Geschichte Unterseens, von
den Anfängen bis zur Reformation (Interlaken, 1979)
- Susi Ulrich-Bochsler, Anthropologische Befunde zur Stellung von
Frau und Kind in Mittelalter und Neuzeit (Bern 1997)