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«Echo der Zeit»-Beitrag «Massvoll mit Genussmitteln umgehen» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 25. August 2018 beanstandeten Sie die Sendung «Echo der Zeit» vom 24. August 2018 und dort den Beitrag «Massvoll mit Genussmitteln umgehen», dem Sie Missachtung der Sachgerechtigkeit vorwarfen.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Nach einer kurzen Einführung zum Inhalt einer grossen internationalen Studie über die gesundheitlichen Risiken auch bei mässigem Alkoholgenuss wurde ein Ethiker der Uni Zürich als einziger zu seiner Meinung über die Studie befragt, die in der renommierten Fachschrift ‘The Lancet’ erschienen war.
Obwohl er sich als Nicht-Fachmann bezeichnete, erhielt er die ganze restliche Sendezeit, um seine Sicht über den Wert des mässigen Konsums zu verbreiten. Damit stellte er sich völlig gegen die Aussagen der vorgestellten Untersuchung und blieb der seit vielen Jahren durch die Alkoholindustrie verbreiteten These treu, dass mässiger Alkoholkonsum unbedenklich – ja sogar gesund - sei.
Den eigentlichen Fachleuten unterstellte er, sie tendierten zur Askese und seien nicht geeignet, aus der Studie die richtigen Schlüsse für die Bevölkerung zu ziehen. Er übersah dabei, dass Prävention vor allem auf die Gesellschaft wirken will und nicht auf den Einzelnen. Wenn die Wirkung des Alkohols verharmlost wird, fühlen sich alle Alkohol-Konsumenten in ihrem Verhalten bestätigt, egal ob sie viel oder wenig konsumieren. Und alle, die am Verkauf des Stoffes verdienen, finden sich gerechtfertigt und verstärken ihre Aktivitäten weiter. Das Ergebnis ist die jetzige Situation: Alkohol ist die gefährlichste Doge, berücksichtigt man auch die gesellschaftlichen Schäden.
Die Alkoholindustrie hat in den ersten 10 bis 15 Jahren dieses Jahrhunderts pausenlos alkoholfreundliche Studien herausgebracht, mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerung, die Medien und die Politiker sich immer mehr von der Prävention verabschiedet haben. Der Risikokonsum steigt, die gesellschaftlichen Schäden sind geblieben, nur spricht niemand mehr davon. Kommt dann endlich eine Studie, die in ihrem gewaltigen Ausmass ein Gegengewicht darstellen kann, wird sie vom Schweizer Radio klein geredet. Man müsste ja sonst gestehen, die Bevölkerung jahrelang ungenügend oder falsch informiert und sie geschädigt zu haben. Denn schon zu Beginn dieser Serie von alkoholfreundlichen Studien war bald klar, dass sie grösstenteils mit schweren Mängeln behaftet waren.
Meine Beschwerde:
Die Sendung hat die sehr wichtige Studie einseitig präsentiert und ihren Wert für die Gesellschaft völlig ausgeblendet. Statt dass auch eine ausgewiesene Präventionsfachperson beigezogen wurde, erhielt der Hörer nur eine einseitige Privatmeinung zu hören, die dem wichtigen Thema bei weitem nicht gerecht wurde. Auf Grund der Sendung sich nun eine eigene fundierte Meinung zu bilden, war dem Laien nicht möglich.
PS
Mein Bemühen, auf der Webseite einen Kommentar einzureichen, wurde mit technischen Tricks unterbunden. Ich habe den Kundendienst informiert, noch ohne Antwort.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für das «Echo der Zeit» antwortete Herr Beat Soltermann, Redaktionsleiter der Sendung:
«Besten Dank für die Gelegenheit, Stellung zu nehmen zur Beanstandung von Herrn X.
Herr X kritisiert ein Gespräch mit dem Ethiker Prof. Dr. Markus Huppenbauer zu einer Studie über die Gefahren des Alkoholkonsums. Die Studie wurde in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift ‘The Lancet’ [2] publiziert. Das Gespräch war im ‘Echo der Zeit’ vom 24. August 2018 zu hören.
Herr X beanstandet, dass mit dem Gespräch das Sachgerechtigkeitsgebot verletzt wurde. Er schreibt: <Die Sendung hat die sehr wichtige Studie einseitig präsentiert und ihren Wert für die Gesellschaft völlig ausgeblendet. Statt dass auch eine ausgewiesene Präventionsfachperson beigezogen wurde, erhielt der Hörer nur eine einseitige Privatmeinung zu hören, die dem wichtigen Thema bei weitem nicht gerecht wurde. Auf Grund der Sendung sich nun eine eigene fundierte Meinung zu bilden, war dem Laien nicht möglich.>
Gerne gehe ich nachfolgend auf die einzelnen Punkte der Beanstandung ein:
Vermittlung des Studieninhalts
Das Gespräch wurde in den Schlagzeilen und in der Zwischenschlagzeile angekündigt. Beide Male wurde die Essenz der Studie zusammengefasst, nämlich, dass einmal Alkohol einmal zu viel sei. Auch in der Ansage zum Gespräch mit Herrn Huppenbauer wurde der Inhalt klar und unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Wörtlich heisst es dort: <Ein Glas ist kein Glas. Wer bis jetzt so dachte bei Bier und Wein, könnte sich auf dem Holzweg befinden>. Dass schon geringe Mengen Alkohol gefährlich für die Gesundheit sein können, wurde klar kommuniziert. Dass Alkoholkonsum schädlich für die Gesundheit der Konsumentinnen und Konsumenten sein und Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben kann, liegt auf der Hand und kommt auch im Gespräch vor.
Wir wollten nicht bloss die 21 Seiten umfassende Studie zusammenfassen, sondern sie als Ausgangspunkt für das kritisierte Gespräch nutzen und so einen publizistischen Mehrwert liefern, zumal die Radionachrichten und SRF-News an diesem Tag ebenfalls und schon vor dem ‘Echo der Zeit’ über die Studie als solche berichtet haben.
Von anderer Seite wurde uns übrigens auch vorgeworfen, wir hätten die Gefahr über-betont.[3] In der Tat steigt das Gesundheitsrisiko bei Menschen, die gar keinen Alkohol konsumieren und jenen, die einen Drink pro Tag zu sich nehmen, laut ‘The Lancet’ um 0,004 Prozent. Das kann man als geringe Wahrscheinlichkeit betrachten, für uns ist es dennoch ein Anstieg des Risikos.
Wie dem auch sei: Die Kerninformation haben wir zusammengefasst geliefert. Wir sind überzeugt, dass die Hörerinnen und Hörer aufgrund dieser Informationen den Inhalt der Studie erfassen und sich eine Meinung bilden konnten.
Fokus der Berichterstattung
Beim Gespräch ging es uns nicht primär um den Inhalt der Studie allein, sondern um den Gegensatz ‘Genuss versus Askese’. Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, inwiefern der Mensch selber bestimmen kann und soll, wie er sein Leben führt. Wir wollten ein aktuelles Thema vor dem Hintergrund des alten philosophischen Streits zwischen den lustbetonenden Epikureern und den tugendfokussierenden Stoikern erörtern.
Hier einige zentralen Aussagen von Markus Huppenbauer:
- <Ich werde mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht zum Abstinenzler. Ich glaube auch nicht, dass dies die Studie, auf die Sie sich beziehen, nahelegt. Es wird einfach gesagt, was man bisher glaubte, eben, dass kleinste Mengen Alkohol vielleicht sogar gesundheitsfördernd sind, das stimmt so nicht. Aber es wird ja auch nicht gesagt, dass kleinste Mengen von Alkohol sehr schädlich sind. Es sind offensichtlich kleinste Risiken damit verbunden – mehr nicht.>
- <Wir wussten ja, dass Alkohol im Übermass schädlich ist für die eigene Gesundheit, auch sozial. Das war ja allen immer schon klar, dass man vorsichtig sein muss mit Genussmitteln wie Alkohol, dass man da sozusagen auf die schräge Bahn kommen kann.>
- <Es ist in der Tat eine Güterabwägung. Und das ist vielleicht auch das Problem solcher Studien. Die machen natürlich keine Güterabwägung. Die haben nur ein Gut, nämlich die Gesundheit, auf dem Radar und machen Aussagen über die Auswirkungen von Genussmitteln wie Alkohol auf die Gesundheit. Da kommen in erster Linie die negativen Folgen ins Spiel. Und wir als ganzheitliche Menschen, die vielleicht nicht nur auf die Gesundheit schauen, würden sagen, OK, das nimm ich mal auf die Waage. Aber auf der anderen Seite kann, muss nicht, aber kann Alkohol-Trinken genussvoll sein, ist in der Regel mit einem Essen verbunden, trägt zur Entspannung bei, trägt zur Geselligkeit bei und so weiter. Und das muss man tatsächlich abwägen. Und da gibt es natürlich niemanden, der uns von aussen sagen kann, was nun richtig ist.>
- <Ich glaube nicht, dass die Gesundheit das wichtigste Gut ist, das wir haben. Ich halte das für einen Mythos – obwohl viele Leute auf die Frage, was ist wichtig, antworten würden: die Gesundheit. Ich denke, wenn es wirklich darum geht zu überlegen, was trägt zu einem gelingenden Leben bei, klar Gesundheit ist enorm wichtig, wenn man ständig Schmerzen hat oder krank ist, dann ist das kein schönes Leben. Aber genauso wichtig sind beispielsweise soziale Beziehungen, Freundschaften, in der Ehe, Familie und so weiter. Oder sinnvolle Projekte zu haben. Also es gibt eine ganze Menge von Gütern in unserem Leben, und die Gesundheit ist eben eines. Und meine Kritik an solchen Studien und an deren Rezeption in der Öffentlichkeit ist diese, dass man Gesundheit eben gleichsam absolut setzt. Das ist meines Erachtens lebensfeindlich.>
- <Der Umgang mit Genussmitteln. Da würden wir wohl im Rahmen einer alten philosophischen Tradition sagen: Es ist wichtig, dass wir massvoll mit solchen Genussmitteln umgehen. Und wenn man Ja oder Nein sagt, dann ist man sehr schnell in einer asketischen Schiene drin. Ich hab gelegentlich den Eindruck, dass solche Studien, und dann auch die Präventionsmediziner, die Politikerinnen ein bisschen zum Asketismus neigen und dann am liebsten eine Population wählen, in der gar kein Alkohol getrunken wird.>
Huppenbauer propagiert keinen Alkoholkonsum und schon gar keinen übermässigen Alkohokonsum. Er stellt den Inhalt der Studie vielmehr in einen grösseren Kontext: Was macht ein glückliches und gelungenes Leben aus? Wir fanden das eine spannende Frage. Huppenbauer hat sie für uns zu beantworten versucht.
Den Fokus der Berichterstattung zu wählen liegt in der Freiheit der Redaktion. Dies trifft in besonderem Masse auf eine hintergründige Informationssendung wie das ‘Echo der Zeit’ zu, die nicht nur von der schnellen Newsberichterstattung lebt, sondern auf besondere Zugänge und spezielle Gesprächspartner angewiesen ist. Dies scheint uns legitim und journalistisch vertretbar, solange die Hörerinnen und Hörer nachvollziehen können, worum es im Gespräch geht und warum das Gespräch geführt wird. Beides trifft im vorliegenden Fall zu.
Wahl des Gesprächspartners
Aufgrund der obigen Ausführungen macht es Sinn, diese Frage mit einem Ethiker und Philosophen zu diskutieren. Markus Huppenbauer ist Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich und äussert sich regelmässig zu philosophischen und ethischen Fragen – auch im Bereich Genuss und Ernährung. Für uns also der ideale Gesprächspartner. Es handelt sich auch nicht um die ‘einseitige Privatmeinung’. Huppenbauer untermauert seine Aussagen mit Gedanken aus der Philosophie. Natürlich hätten wir auch mit einer Präventionsfachperson sprechen können. Das wäre durchaus auch ein legitimer Zugang zum Thema gewesen, aber eben ein anderer. Als Redaktion erlauben wir uns die Freiheit, den Zugang zu einem Thema zu wählen. Eine publizistische Freiheit, der im Wesentlichen die Sachgerechtigkeit eine Grenze setzt. Diese, so sind wir überzeugt, haben wir aber mit dem Interview respektiert.
Wir bitten Sie daher, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung abzulehnen.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Das «Echo der Zeit» ist eine Hintergrundsendung. Ihr obliegt es, die Ereignisse und Entwicklungen des Tages (oder auch der Woche, des Quartals) zu vertiefen, zu erläutern, zu hinterfragen und zu ergänzen. Über die Studie zum Alkoholkonsum, in die Daten von 28 Millionen Menschen aus der ganzen Welt eingeflossen sind, wurde in der Presse vom 24. August 2018 – etwa im «Tages-Anzeiger», in «20 Minuten», in der «Luzerner Zeitung», auf Zeit-online, auf Spiegel-online - breit berichtet; auch SRF News berichtete.[4] Die Fakten waren also bekannt, als das «Echo der Zeit» sich anschickte, das Thema mit einem anderen Zugang aufzugreifen.
Die Studie erschien in einer renommierten Zeitschrift, und die empirische Beweislast ist eindrücklich. Doch die Unterschiede zwischen Alkoholverzicht und bescheidenem Alkoholkonsum bewegen sich in Bruchteilen von Promillewerten. David Spiegelhalter, Professor für Risikoverständnis an der Universität Cambridge, kritisierte die Studie mit der Aussage, dass 25.000 Menschen zusammen 400.000 Flaschen Gin leeren müssen, damit nur einer von ihnen ein gesundheitliches Problem bekomme. Vor diesem Hintergrund befragte das «Echo der Zeit» den theologischen Ethiker der Universität Zürich, Professor Markus Huppenbauer. Und seine Sicht der Dinge war eine echte Ergänzung aus philosophischer Sicht. Schon die Philosophen der griechischen Antike, zum Beispiel Aristoteles, haben sich die Frage gestellt, was ein gutes und gelingendes Leben ausmacht. Je nach Epoche und gesellschaftlichem Kontext lautete die Antwort verschieden. Huppenbauer hat sicher Recht, wenn er sagt, dass die Zufriedenheit des Menschen nicht allein von seiner Gesundheit abhänge. Auch der von Gesundheit strotzende Mensch kann unglücklich sein, wenn er in der Partnerschaft, im sozialen Umfeld oder am Arbeitsplatz Probleme hat. Auch der kranke Mensch kann Kraft und Glücksempfinden aus seiner Ehe, seiner Familie, seiner Aufgabe schöpfen. Es gibt eben verschiedene Werte, die das «gute und gelingende Leben» ausmachen. Das «Echo der Zeit» hat so die Studie zum Anlass genommen, um den Fächer weit aufzumachen und die Fragen grundsätzlich zu stellen. Es hat aber keineswegs dazu aufgerufen, zu saufen und der Gefahr des Alkohols keine Bedeutung beizumessen. Insofern war der Beitrag sachgerecht. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
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