Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03519.jsonl.gz/534

Abstract
Der nachfolgende Artikel möchte anhand von 57 Beispielen aus den gesamthaft rund 1325 eingereichten Lizentiatsarbeiten am Pädagogischen Institut (PI), dem Institut für Sonderpädagogik (ISP) und dem Institut für Erziehungswissenschaft (IfE) an der Universität Zürich aufzeigen, wie sich die Wahl der Themen und der Methoden über die letzten 50 Jahre verändert hat.
„Erziehungswissenschaft“ ist kein geschlossenes Fach, sondern ein multiples Ensemble mit drei Kernen in der Forschungsstruktur, nämlich Empirie, Geschichte und Philosophie. In der französischen Welt ist daher von den „sciences de l’éducation“ die Rede. Dieses wissenschaftliche Ensemble bearbeitet pädagogische Themen, nicht aus der exklusiven Methode oder dem einzigartigen Kanon (Oelkers 2014, S. 96).
2014, S. 96).
Das im oben angeführten Zitat beschriebene „multiple Ensemble“ (Oelkers 2014, S. 96) der empirischen, historischen und philosophisch-theoretischen Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft konnte durch 57 Stichproben aus dem rund 1325 Arbeiten umfassenden Lizentiatsarchiv der Bibliothek für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich exemplarisch nachgezeichnet werden (vgl. Artikel „Die Lizentiatsarbeiten“). In einem Zehnjahresrhythmus wurden je eine bis zwei Arbeiten der Lehrstühle in den Schwerpunktbereichen der Allgemeinen Pädagogik, der Pädagogischen Psychologie sowie der Sozial- und der Sonderpädagogik (gleichverteilt) eingesehen. Bei Neubesetzungen von Lehrstühlen wurden mehr Arbeiten berücksichtigt, um auf einen allfälligen Wandel schliessen zu können. Im Fokus stand die Wahl der Forschungsmethode und das Verhältnis zwischen theoretischen, historischen und empirischen Zugängen sowie die thematische Schwerpunktsetzung.
Rund 2/3 der Arbeiten wurden als empirische Arbeiten deklariert, rund 1/4 als philosophisch-bildungstheoretische und nur rund 1/8 der Arbeiten als historische. Dabei ist die Grenze zwischen historiographisch geprägten Arbeiten und philosophisch-theoretischen Abhandlungen sowie zwischen theoretischen und empirischen Arbeiten nicht immer klar zu ziehen.
Empirische Studie ≠ empirische Studie
Diese grosse Zahl an selbstdeklarierten empirischen Arbeiten variierte stark. Was als empirisch verstanden wurde, veränderte sich über die Zeit. Obwohl die Institutsgründung ausdrücklich mit dem politischen Wunsch nach verstärkter empirischer Forschung legitimiert wurde (Artikel „Vom Pädagogischen Seminar zum Pädagogischen Institut“), schien die sogenannte „empirische Wende“ der 1960er- und 1970er-Jahre (Roth 1963) nur mit einiger Verspätung im Studium der Pädagogik in Zürich angekommen zu sein. Offenbar kristallisierte sich eine „empirische Forschung“ im Studium der Pädagogik an der Universität Zürich erst im Laufe der 1990er-Jahre heraus. Während aus Studien, die vor dieser Zeit verfasst wurden, nicht immer deutlich herauszulesen war, wie empirische Forschung tatsächlich definiert und Empirie häufig mit Schulpraxis gleichgesetzt wurde, zeigten die nach 1990 verfassten Arbeiten einen klaren Konsens in der methodischen Herangehensweise: Qualitative Interviewverfahren sowie Gruppendiskussionen in Kombination mit quantitativen Datenerhebungen kennzeichneten die Arbeiten nach 1990.
Diese Entwicklung ist in allen Schwerpunkten erkennbar. Rund 4/5 der analysierten Arbeiten im Schwerpunkt Sozialpädagogik weisen sich als empirische Arbeiten aus. Davon weist aber nur jede vierte, die noch vor 1990 verfasst wurde, eine klare Darlegung des empirischen Vorgehens vor. Ältere Arbeiten zeigen kein besonderes Interesse an einer vertieften Methodenreflexion. Gleichzeitig waren auch einige Arbeiten ausschliessliche Theoriearbeiten.
Auch im Schwerpunkt der Pädagogischen Psychologie weisen sich rund 4/5 der Arbeiten als empirische Arbeiten aus. Im Gegensatz zu den anderen Schwerpunktbereichen zogen die Studierenden der Pädagogischen Psychologie schon vor den 1990er-Jahren vermehrt Interviewverfahren oder Verfahren der teilnehmenden Beobachtung heran. Empirisch-quantitative Arbeiten blieben jedoch auch hier bis in die 1990er-Jahre eine Ausnahme.
Abschlussarbeiten, die im Zeitraum zwischen 1994 und 2012 betreut wurden, brachten die Thematiken betreffend einen „neuen Wind“ in die Forschungsarbeit. Wo bis anhin mehrheitlich philosophische oder psychologische Theorien mit Praxisfeldern in einen Bezug gebracht wurden, bekamen nun Fragen nach didaktischen Methoden ihren Platz und wurden in Praxisfeldern beobachtet und beschrieben.
Auch am Institut für Sonderpädagogik finden sich Arbeiten mit einer breiten methodischen Vielfalt. Mehr als 1/4 der Arbeiten machen philosophisch-theoretische Arbeiten aus. Aus den empirischen Arbeiten in diesem Schwerpunktbereich wird ersichtlich, dass die quantitative und qualitative Methode besonders nach der empirischen Wende in den 1990er-Jahren als sich ergänzende Methoden angesehen und dementsprechend angewandt wurden. Auffällig in der Sonderpädagogik ist zudem der immer wiederkehrende Fokus auf integrative Pädagogik im Bezug auf Kinder mit Behinderung, sei es in schulischen oder ausserschulischen Kontexten.
Von den Arbeiten im Bereich der Allgemeinen Pädagogik weisen nur vereinzelte einen ausdrücklich empirischen Bezug, respektive eine Beschäftigung mit einem pädagogischen Praxisfeld auf. Während historisch ausgerichtete Arbeiten durchaus mit konkretem Bezug auf historische „Empirie“ nach dem Verständnis gegenwärtiger Erziehungsformen und -prozesse fragten, wurden zeitgleich auch philosophische Arbeiten verfasst, die sich zum grossen Teil mit einem Kanon an bekannten Pädagogen auseinandersetzten.
„Schweiz und Erziehung“ im Fokus der angehenden Pädagog/innen
Beim Betrachten der oben beschriebenen 57 Abschlussarbeiten ist ein immer wieder aufgenommener Schweiz-Bezug auffällig. In diesem Sinne wurden nicht nur Schulen in der Schweiz, sondern auch das Erziehungswesen auf der Makroebene und Bildungsfragen im Allgemeinen untersucht sowie soziale Themen aufgegriffen und erforscht. Die Mannigfaltigkeit der Bildungslandschaft in der Schweiz wurde dadurch sichtbar. Die Arbeiten befassten sich besonders oft – neben Kanton und Stadt Zürich – mit Innerschweizer Kantonen wie Nidwalden, Zug und Luzern.
Wenig sichtbar ist dabei eine über die Zeit verstärkte internationale Ausrichtung von Themensetzungen, beispielsweise mittels internationaler Vergleiche oder der Beobachtung erziehungswissenschaftlicher Themenbereiche im Ausland. Es sind somit wenige internationale Bezüge zu vermerken. Zwar finden sich punktuell auch Arbeiten mit ausdrücklichen Auslandbezügen wie „Die Ausbildung der Sozialarbeiter in Amerika“. Sie blieben aber bis zum Ende des Lizentiatsstudiengangs eine klare Ausnahme.
Fazit
Eine Stichprobe, die 4,3% aller eingereichten Lizentiatsarbeiten zwischen 1958 und 2015 auf ihr methodisches Vorgehen untersuchte, ergab, dass knapp 2/3 dieser akademischen Abschlussarbeiten empirische Studien waren. Das Verständnis von „Empirie“ hat sich jedoch über die Zeit gewandelt. Erst im Verlauf der 1990er-Jahre wurde ausdrücklich und flächendeckend über das methodische Vorgehen, sei es qualitativ, quantitativ oder historisch-quellenanalytisch, konsequent und systematisch reflektiert. Auffällige Gemeinsamkeiten zeigten sich in der Suche nach Verbindungen zwischen Theorie und Praxis und dem Umgang mit der daraus resultierenden empirischen Forschungsmethode. Dies kann einerseits die Suche nach der Legitimierung der Erziehungswissenschaft seit den frühen 1960er-Jahren und die Umbrüche in ihren Wirkungsfeldern widerspiegeln, andererseits ein Sicherheitsbestreben der Studierenden aufzeigen, die sich mit empirischer Forschungsarbeit im weitesten Sinn ein Handwerk für zukünftige Arbeitsfelder aneignen wollten.
Der Fokus der ausgewählten Arbeiten lag zudem hauptsächlich auf Erziehungs- und Bildungsfragen der Schweiz, was kein unerwartetes Ergebnis ist: bestehen doch gerade in der Schweiz durch ihre bildungsföderalistische Vielfalt ein ausgesprochener Bedarf und gute Möglichkeiten, um Differenzen und Gemeinsamkeiten in Erziehungsfragen auszuloten.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich (NEBIS).
Institut für Erziehungswissenschaft. Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft.
Oelkers, Jürgen (2014): Praxis und Wissenschaft. Überlegungen zur Forschungsstruktur der Erziehungswissenschaft. In: Zeitschrift für Pädagogik. Das Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft. 60. Beiheft. Beltz Juventa.
Roth, Heinrich (1963): Die realistische Wendung in der pädagogischen Forschung. In: die Deutsche Schule, 55, S. 109-119.
Autorenschaft
Barbara Klimo
Zeitmarke
1958