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Die wahre Menschengeschichte würde nicht eine bloße chronologische
Darstellung von
Schlachten
[* 8] und Umwälzungen und allerlei
Thaten der
Feldherren,
Fürsten und Eroberer, sondern eine Untersuchung der Entstehung des Menschengeschlechts auf der
Erde,
ihrer
Wanderungen, der Entstehung der verschiedenenRassen und Völkerstämme, ihrer
Sprachen und
Religionen,
ihrer kulturellen Weiterentwickelung und ihrer
Schicksale darzustellen haben.
Eine solche Behandlung läßt die Menschengeschichte
als einen
Zweig der Naturgeschichte erscheinen. - Unter Naturgeschichte versteht man auch die beschreibende
Naturwissenschaft.
Die bloße Unterscheidung der Naturkörper nach äußern Merkmalen,
Systematik im frühern
Sinn des
Wortes, ist
zwar für die Kenntnisnahme u. Übersicht durchaus notwendig, aber doch nur von propädeutischem,
also sehr untergeordnetem
Werte. Den
Namen Naturgeschichte verdient sie jedenfalls nicht. Die
Entwickelung der
Naturwissenschaft gehört unserm
Jahrhundert an. Die alten Griechen hatten, mit Ausnahme des
Empedokles und
Anaxagoras, welche auf dem richtigen Weg der mechanischen
Naturanschauung waren, noch eine theologische, d. h. nach Zweckbegriffen
ordnende, Weltansicht.
Linné ordnete das systematische
Material (»Vollständiges Natursystem«, nach der 12. lat.
Ausg., Nürnb. 1773-76, 9 Bde.)
in genialer, meist noch jetzt unentbehrlicher Form. Die eigentliche Naturgeschichte faßteBronn zusammen (»Handbuch einer Geschichte der
Natur«, Stuttg. 1841-49, 3 Bde.).
Die großartigste Zusammenfassung des den Weltbau betreffenden
Materials verdanken wir
Alexander v.
Humboldt
(»Kosmos,
Entwurf
einer physischen Weltbeschreibung«, Stuttg. 1845-62, 5 Bde.).
Für eine Orientierung über die
Formen der Organismen ist J.
^[Johannes]
Leunis, »Die
Synopsis der drei
Naturreiche« (neu bearb. von
Ludwig, Lüerssen u.
Senft, 3. Aufl.,
Hann. 1883 ff.) zu empfehlen.
Gifte, welche von außen in die Säftemasse und die Organe gelangen oder im Körper selbst durch gehemmte Hautthätigkeit oder
mangelhafte Verdauung, die gewöhnlichen Folgen von unzweckmäßiger Lebensweise und den Arzneikuren, entstehen und daselbst
zurückgehalten werden. Außerdem können höchstens noch geistige Eindrücke und VerletzungenKrankheit erzeugen.« Die Naturheilkunde kümmert
sich zugleich wenig um einzelne Krankheiten; sie spricht gewöhnlich nur von einem »Kranksein«, einer
»Ungesundheit«, entstanden durch die obigen Ursachen, oder unterscheidet nur eine akute oder hitzige und eine chronische oder
langwierige Krankheitsform.
Die Krankheitsvorgänge betrachtet sie als Heilsvorgänge, durch welche die den Lebensakt störenden Stoffe unter den Zeichen
des Fiebers, der Entzündung, der Gärung und Fäulnis, d. h. durch Zersetzungsprozesse, unschädlich gemacht
werden. Auf diesem Weg ist die Naturheilkunde so weit gekommen, beispielsweise Masern, Pocken, Scharlach für »von der Natur für ein bestimmtes
Lebensalter eingesetzte Reinigungsprozesse zu erklären, deren Lebensgefährlichkeit erst durch das hinfällige Menschengeschlecht
sowie durch die Arzneiheilkunde selbst geschaffen worden sei«.
Die Behandlung richtet sich nur auf Vorschriften über die Lebensweise, die Nahrung, Bäder, gute Luft, Bewegung, dagegen nicht
auf örtliche Leiden.
[* 14] Alle diese Vorschriften werden nun auch von den Ärzten, d. h. den Vertretern der Medizin, gutgeheißen,
abgesehen etwa von den Ausartungen der Wasserheilanstalten, und die Gefahr für den Laien, der sich der Naturheilkunde anvertraut,
liegt nur darin, daß weder der Kranke noch der Naturheilkünstler, der Naturarzt, entscheiden kann, ob für den vorliegenden
Fall eine gute Allgemeinpflege ausreicht, oder ob dem Leidenden durch Vernachlässigung einer örtlichen Behandlung ein
bleibender Nachteil zugefügt wird. So ist es zu erklären, daß der Erfolg, dieser von den Laien aller
Stände anerkannte Prüfstein, bei ähnlich erscheinenden Leiden bald für, bald wider die Naturheilkunde spricht, und daß die Diskussion
über den Wert oder Unwert der Heilmethode niemals im allgemeinen, sondern nur an den jedesmal vorliegenden einzelnen Fällen
entschieden werden kann. Die eigentlichen Begründer dieser Verfahren sind die beiden Landleute VinzenzPrießnitz in Gräfenberg (gest. und Johann Schroth (gest. zu Lindewiese in Österreichisch-Schlesien),
von denen ersterer vornehmlich die Kaltwasserkuren (Hydropathie), letzterer die Anwendung der feuchten Wärme
[* 15] und der diätetische
Methode eingeführt hat.
Die Naturheilkunde hat ihre Anhänger seither vorzugsweise unter den Laien, zum weit geringern Teil unter naturwissenschaftlich
gebildeten Ärzten gefunden. Sie hat es an Agitation durch Wort und Schrift nicht fehlen lassen und sucht ihre Lehre durch Zeitschriften
und Vereine zu verbreiten. Dabei ist sie in ein engeres Verhältnis zum Vegetarismus getreten und verwirft auch die Impfung.
[* 16]