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Hoggar
9 JVon Karl Suter *
Mit 11 Bildern1 und 2 SkizzenZürich ) 1. Gestalt und Aufbau Mitten in der Sahara erhebt sich der Hoggar, ein mächtiges, weitläufiges Gebirgsmassiv, das seinen Bewohnern, den Tuareg, während Jahrhunderten Schutz und Schirm bot. Von ihm aus hatten sie einst ihre erfolgreichen Ausfälle in die angrenzenden Räume unternommen und sich zu den unbestrittenen Herren der südlichen Sahara emporgeschwungen. Der Hoggar, in ihrem berberischen Dialekt, dem Tamahaq, Ahaggar geheissen, lässt sich in drei ringförmig angeordnete Abschnitte gliedern: einen zentralen Kern, den Atakor, und um diesen herum einen breiten Doppelgürtel von ausgedehnten Hochflächen, den innern und äussern Tassili. Zu diesen gehören das Asedschrad, Ahenet, Muidir und die Tassili Asdscher. Sie bestehen aus paläozoischen Gesteinen, hauptsächlich aus Sandsteinen, und sind in grossen Teilen von feinem Flugsand bedeckt. Tassili bedeutet im Berberischen was im Arabischen Hamada, nämlich eine steinige, öde Hochfläche. Eine ganze Flucht von solchen legt sich um den zentralen Kern herum. Sie sind, wie man auf der Fahrt von der zentralsaharischen Oase In Salah über Arak nach Tamanrasset feststellt, von Granitbergen mit schalenförmigen Abwitterungsflächen und geborstenen Granitfelsen umstanden; sie gleichen einander so sehr, dass man oft Mühe hat, sie auseinanderzuhalten. Im Hoggar wiederholt sich häufig die landschaftliche Szenerie und damit der gleiche Sinneneindruck. Durch diese Vervielfältigung ein und derselben Bauelemente wird die ganze Eigenart dieses Gebirgsmassivs ins fast Masslose gesteigert.
Der Atakor oder, wie die Araber sagen, die Kudia, stellt eine Hochfläche von 2000 m mittlerer Höhe dar, eine gewaltige Aufbeulung innerhalb der planetarischen Weite der Sahara, und wird im wesentlichen aus alten Graniten gebildet; an gewissen Stellen, wie z.B. in der Gegend von Tamanrasset, treten kristalline Schiefer auf. Auf diesem Grundgerüst breiten sich mächtige Ströme und Decken aus jüngeren Ergussgesteinen aus, namentlich aus Basalten, doch auch aus Phonolithen, Andesiten und Trachyten. Besonders leicht, selbst aus einiger Entfernung, gibt sich der Basalt zu erkennen durch seine Gliederung und Auflösung in Prismen und Säulen, die oft senkrecht stehen und Steilabstürze bilden. Diese prismatisch-säulige Absonderung, die sich häufig durch eine grosse Regelmässigkeit auszeichnet, charakterisiert ganze Erhebungen.
Der Zentralabschnitt des Hoggar ist eine Gebirgslandschaft von höchster Eigenart. Diese unterscheidet sich von Grund aus von andern mächtigen Gebirgen der Erde.Verbinden wir mit diesen die Vorstellung wuchtig auf- 1 Siehe Aprilheft 1951.
2 Ich konnte im Frühjahr 1950 eine erste Studienreise von zwei Monaten Dauer in die Zentralsahara ausführen, die von der Stiftung für wissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich ( Präsident Prof. Dr. H. v. Meyenburg ) mit einem grösseren Beitrag unterstützt wurde, für den auch an dieser Stelle mein bester Dank ausgesprochen sei.
strebender Höhen, die den Blick gebieterisch emporziehen, so trifft diese Wesenheit für den Hoggar nicht zu; ihm fehlt der Reiz eines bedeutend in die Höhe drängenden Aufrisses. Gewiss besitzt er viele grössere Aufragungen, doch nirgends wachsen sie zu einer einzigen, ungeheuren Bergmasse zusammen. Die einzelnen Erhebungen entsteigen, meist ganz deutlich voneinander abgesondert, einem breiten Felsgrund. In Höhe und Masse sind sie im grossen und ganzen einander ebenbürtig; jede ist mit so viel Mass an Individualität ausgestattet, dass sie innerhalb eines kleinen Gebietes zum Mittelpunkt wird. Ihre Verbindung miteinander ist oft so locker und lose, dass der Eindruck entsteht, sie seien so unorganisch und zufällig dem Felsgrund aufgesetzt worden wie wirr über eine Tischplatte verstreute Kinderbauklötze. Die einzelnen Berge überragen die Hochfläche nur um wenige, vielleicht 400 bis 600 Meter. Das gilt selbst für den höchsten, den Tahat ( 2918 m)1. Der Hoggar wirkt durch eine gewisse Weiträumigkeit; sie und nicht die Höhe verleiht ihm, landschaftlich gesehen, seinen Grundcharakter.
Eine andere Besonderheit des Hoggar, die sich zutiefst dem Gedächtnis einprägt, liegt in seinen Gebirgsformen. Zahlreiche Aufragungen gleichen riesenhaften Zuckerstöcken, Pfropfen oder spitzen Eckzähnen. Oft erheben sie sich ganz isoliert mitten aus einer kleinen Ebene, wie der Iharen, Adauda oder Aharar. Die bedeutendste unter diesen Formschöpfungen ist der 2760 m hohe Ilaman. Es ist nicht leicht, diesen Felspfeiler zu ersteigen; das erfordert Übung und Erfahrung an der Kletterwand. Das Ziel selber vermag die ausgestandene Anstrengung durch nichts zu belohnen, auch nicht durch einen erweiterten Rundblick; die gleiche Fernsicht bieten auch andere, unvergleichlich viel leichter zu besteigende Anhöhen. Der Reiz einer Begehung kann somit nur im Wagen und Gelingen liegen. Diese eigenartigen Bergformen verraten unschwer die Art ihrer Entstehung. Sie sind dem Schoss der Erde einst als Vulkane entsprungen. Der Atakor ist ein grossartiges erloschenes Vulkangebiet. Ein Haupteruptionszentrum lag beim Ilaman. Von diesem selber ist heute nur noch der feste Kern, der aus Phonolith besteht, vorhanden; die viel leichter zerstörbare Schlacken- und Tuff Umhüllung dieses zentralen Vulkanschlotes ist abgetragen worden. Ein anderes Erup-tionszentrum, das sich durch einige Vulkanschlote, weit geöffnete Ring-wälle, Laven und vulkanische Asche auszeichnet, bestand ungefähr 4 km nördlich der Gelta Afilale. Die Vulkane sind durchwegs arg zerstört, teilweise sogar bis fast auf den Grund abgetragen; stellenweise ragen nur noch kümmerliche Stummel auf, in ihrer zerschlitzten Form wie Hautwarzen aussehend. Verschieden stark abgetragene Schlotruinen liegen manchmal eng nebeneinander, so z.B. in der Talmulde, die dem Südfuss des Assekrem vorlagert. Da erhebt sich ein niedriger, bis fast auf den Grund zerstörter vulkanischer Zapfen und neben diesem ein noch stattlich aussehender Pfeiler. Es macht den Eindruck, als wäre diese grössere Aufragung geköpft und ihr 1 Die Höhenzahlen sind der folgenden Karte entnommen: Carte du Sahara, M 1: 200 000, Blätter Assekrem und Fort Laperrine ( neuer Name für Tamanrasset ), Institut Géographique National, Paris, Ausgabe 1941. Die Ortsnamen sind in meinem Bericht in deutscher Schreibweise wiedergegeben worden.
Kopf zu ihren Fussen gelegt worden, so sehr ist der kleine Vulkan in Gliederung, Linienführung und Hangneigung das Abbild des grossen. Überhaupt wiederholen sich gewisse Geländeformen immer wieder. Um die alten Feuerberge herum sind weite Flächen mit unzähligen kleinen, dunklen Gesteinstrümmern von schlackiger und blasiger Ausbildung überstreut, so namentlich jene im Gebiete des Akarakar, wo Tausende von kleinen Steinen haselnussgrosse, doch gelegentlich auch viel grössere Blasenräume aufweisen. Hier findet man auch viele Basaltmandelsteine. Der Hoggar erinnert in seinem Zentrum an das schaurigschöne Bild einer Stätte, über die wütende Brände hinweggegangen sind, dabei schwärzliche Brandflächen und verkohlte Überreste zurücklassend. In dieser erloschenen, in völliger Taha » A 4 tarn n A ASS=k A rem Tezuai A t k a 10 km W N
Getta Afflale E Ak u-akar, k A ftarragen A i efcj-jm Tinti tharwi A A A Adaud« A Tinhamur Taman O rauet A Haggarhene A Hadrian A HOGG A R DebnaT A Zerstörung begriffenen Formenwelt liegt etwas dämonisch Packendes.
Inmitten des Vulkangebietes finden sich Berggruppen von ganz anderem Charakter. Unter diesen fallen am weitaus stärksten die tafelförmigen Erhebungen auf. Einige sind von grobschlächtiger Klotz-form, andere zierlicher gebaute Bastionen. In ihrer Höhe ordnen sie sich einem einheitlichen Niveau ein. Sie scheinen aus einer einst zusammenhängenden Hochfläche wie herausgeschnitten; es sind wohl Zeugenberge. Im Arabischen heissen Erhebungen mit einem solch tischplattenartigen Abschluss Gara, Mehrzahl Gur. Ihrer einige ragen in der nächsten Umgebung von Tamanrasset auf, so im Südosten der Hadrian ( 1559 m ) und in weiterer Entfernung der Debnat und im Nordosten die Gara Tehendi. Sie sind wohl durch Verwitterung und fluviatile Erosion aus einem einst einheitlichen Gesteinsverband herausgelöst worden. Gelegentlich weist eine Erhebung zwei übereinander liegende Stockwerke bzw. Gesimse auf, wie z.B. der Tinhamur und der Tindi. Hier müssen also zwei zeitlich auseinander liegende Abtragungsvorgänge gewirkt haben. Vereinzelt ist der plattenförmige Abschluss bereits endgültig zerfallen und aus dem ursprünglich schwerfälligen Klotz eine kurze Gebirgskette mit scharfem Grat und beidseits steil abfallenden Hängen entstanden, so z.B. im Granitberg Adrar Haggarhene. Der berberische Name Adrar tritt häufig auf, er bedeutet Berg, arabisch Dschebel. Es wäre nun aber falsch, in allen tafelförmigen Aufragungen alte Zeugenberge zu sehen. Das gilt z.B. nicht für den Akarakar ( 2132 m ), der einer welligen Basaltfläche entspringt. Fast senkrecht stürzen seine aus prismatischen Trachytsäulen bestehenden Wände ab. A. Lombard und R. Perret, die diesen Berg im Jahre 1932 besucht haben, schreiben, dass dieser oben von einem ungefähr 140 m tiefen Explosionskrater aufgerissen sei, aus dem sich in der Mitte ein kegelförmiger Zapfen erhebe1. Der Akarakar stellt, was man in der Aussenansicht von keiner Seite her erkennt, einen alten Vulkan dar.
1 A. Lombard et R. Perret: Itinéraire d' In Salah au Tahat à travers l' Ahaggar. Annales de Géographie, Paris 1932, S. 379-398.
Zu diesen Bergformen gesellt sich noch eine weitere, die für den Hoggar typisch ist. Vereinzelt erheben sich dicht nebeneinander aus dem gleichen Gesteinsgrund zwei oder drei Berggestalten, die in Aufbau und Form einander ganz ähnlich sehen und zusammen ein geschlossenes Ganzes bilden. Das trifft z.B. für den Tahelek zu, der im Osten vor dem Tahat liegt und mit diesem aufs engste verbunden ist. Für solche Bergformen erscheint mir wegen ihrer Gleichartigkeit die Bezeichnung Zwillinge bzw. Drillinge am Platze. Eine Reihe solcher Wuchsformen, aus rötlichem Granit bestehend, ragen im Süden des Assekrem auf und sehen wie Kuppen, Glocken oder Kegel aus. Sie haben wohl durch Abschälung diese Formen erhalten.
Zwischen all diese Bauglieder der Hochregion des Hoggar legt sich ein Netzwerk von kleineren Ebenen und Flächen, von Mulden, Trockentälern und kurzen Schluchten. Die Flächen sind von Sand bedeckt und von runden Hügeln und niedern Felsbastionen, doch auch von steilen Aufragungen begrenzt. Der Atakor besteht aus einer ganzen Reihe solcher Flächen, die in verschiedener Höhe hinter- und nebeneinander liegen. Es kommt so zu einer Aufteilung und Sonderung in eine Vielzahl von kleineren Einzelräumen, die aber miteinander in enger Verbindung stehen. Die Täler sind gelegentlich 300-400 m unter die höchsten Gipfel eingesenkt. Die fluviatile Erosion muss zu gewissen Zeiten ziemlich bedeutend gewesen sein. Das zeigen die schönen, wenn auch nur kurzen Schluchten, so z.B. jene im Gebiet des Aghil Im Laulauen, ca. 17 km nordöstlich von Tamanrasset. Sie ist 80-100 m tief in Gneis eingeschnitten und bei der Gelta von einer 30 m hohen Stufe durchsetzt. Mit dem arabischen Wort Gelta, im Berberischen Abankor, bezeichnen die Einheimischen eine Wasserstelle. Hier finden sich während des ganzen Jahres im Talgrund unter dem Sand, doch nahe an der Oberfläche, Reste von Grundwasser.
Bei der Durchquerung des Atakor fällt auf, dass die Trümmeranhäufung verhältnismässig bescheiden ist. Nirgends ist es, wie man gemeinhin für ein Gebiet mit einem so ausgesprochen trockenen Klima erwarten möchte, so, dass die einzelnen Berge in ihrem eigenen Schutt ertrinken würden. Gewiss ist am Fuss der Gehänge Verwitterungsschutt angehäuft, wodurch Schutthalden von ganz bestimmter Höhe und Neigung Zustandekommen. Zwischen ihrer Höhe und jener der Felsaufragungen, an die sie sich anschmiegen, scheinen interessante gesetzmässige Beziehungen zu bestehen. Doch bin ich keiner einzigen Erhebung begegnet, bei der die Schutthalde bis zur Kammlinie hinaufgereicht hätte. Dem Wasser ist es wohl immer wieder möglich gewesen, grosse Teile des Verwitterungsschuttes wegzuräumen. Immer von neuem müssen sich im Laufe des geologischen Geschehens Zeiten stärkeren Niederschlages eingestellt haben. Für eine einst, mit heute verglichen, wirksamere Tätigkeit der Flüsse spricht ferner eine Reihe von niedern Auf-schüttungsterrassen, die einzelne Hochflächen durchziehen, so z.B. im Trockental ganz nahe beim Adauda.
Der Hoggar zeichnet sich ferner durch einen überschwänglichen Reichtum an Kleinformen aus. Unter dem Einfluss der starken Temperaturgegensätze zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter entstehen im Gestein Spannungen, die zur Verwitterung und Abtragung führen. Die hierbei sich bildenden Verwitterungsformen sind weitgehend vom Charakter des Gesteins abhängig; sie sind wesentlich anders z.B. in Granit als in Basalt oder Phonolith. Der Granit zerfällt in mächtige Quader, Platten und Bänke, doch auch in rundliche Blöcke. Ein in stärkstem Zerfall begriffenes Granit-gelände mit seltsamen, wild zerrissenen Formen liegt am Südwestfusse des Ilaman. Hier kommen bis 4 m hohe Säulen vor, die bretonischen Menhiren gleichen. Der Phonolith indessen verwittert, wie etwa im Tahat festzustellen ist, zu scharfen Gräten mit zackig vortretenden Umrisslinien; wirre Schuttmassen überkleiden seinen Hang.
Im Abschnitt zwischen Akarakar und Assekrem ist das Gelände an einigen Stellen von mächtigen Blockanhäufungen bedeckt, die Blockmeere oder Blockstreifen bilden. Die Blöcke haben oft einen Rauminhalt von 50-100 Kubikmeter und mehr. Die Blockstreifen liegen meist ganz mässig geneigten Hängen auf, ziehen auf diesen hinab und endigen an deren Fuss oder in einer anschliessenden Mulde. Sie sind einige wenige Kilometer lang und verlaufen in der Regel bogenförmig, oft wie riesenhafte Halsketten. Ganz eigenartig ist, wie plötzlich und unvermittelt diese Gesteinsschnüre an einem Hang beginnen. Es macht geradezu den Eindruck, als würden sie ihm entquellen. Die Blockwälle, die mir nördlich des Akarakar zu Gesicht kamen, bestehen aus Granit. Leider hat es mir die Zeit nicht erlaubt, diese interessanten und merkwürdigen Fliessformen eingehend zu untersuchen. Wir stiessen auf sie erst kurz vor Einbruch der Nacht; wir mussten rasch weiter, um noch einen entfernten Weideplatz für die Kamele zu erreichen. Auch von einzelnen Basalt- und Phonolithkuppen, so z.B. beim Ilaman, ziehen mächtige Blockwälle weg. An andern Stellen breitet sich der Wanderschutt über grössere Flächen aus und bildet eigentliche Blockschuttdecken, ja ein Meer zerborstener Steinblöcke. Es ist deren Los, mit der Zeit gänzlich zu zerfallen. Wo sie aus Granit bestehen, lösen sich aus ihnen rundliche, bis einen halben Meter im Durchmesser erreichende Gesteinskerne, die in ihnen entsprechend grosse Schalen zurücklassen. Mitunter ist der Block von drei oder vier solchen durchsetzt.
Der Atakor stellt eine Rumpffläche oder Peneplain dar. Hier hat sich einst ein Gebirge erhoben, das durch Erosion und Verwitterung im Laufe sehr langer Zeiträume bis auf den Grund abgetragen wurde. Nach dieser Ein-ebnungsarbeit wurde die wohl fast vollkommen ebene Fläche im Tertiär in die Höhe gepresst und dabei von Spalten und Brüchen durchsetzt. Längs dieser Linien drangen vulkanische Massen empor, zuerst Phonolithe, dann Andésite und Trachyte und zuletzt Basalte, die sich über den Gebirgssockel ausbreiteten. Darauf war, wie im Exkursionsbericht von A. Lombard und R. Perret ( siehe Fussnote S. 90 ) zu lesen steht, eine Periode verhältnismässig grosser Ruhe eingetreten, die dem fliessenden Wasser erlaubte, den grössten Teil des Auswurfsmaterials, namentlich seine lockeren und leicht abtragbaren Bestandteile, wegzuschaffen. Daraufhin erfolgte nach Ansicht der beiden Gelehrten abermals eine Hebung, auf der der Raum des Atakor von neuem zerstückelt wurde. Wiederum kam es längs der Bruchlinien zu vulkanischen Ergüssen, und es bildeten sich von neuem Vulkane. Der Hoggar erhielt damit in seinen zentralen Teilen abermals das Aussehen einer wahren Gebirgslandschaft. Diese letzte Verjüngung fand wahrscheinlich, meint A. Bernard 1, am Anfang der Quartärzeit statt. Der Ahaggar war somit der Schauplatz grossartiger planetarischer Entwicklungen. Doch heute ist er eines der ruhigsten Gebiete der Erde. Die seismologische Tätigkeit ist äusserst gering. Das ist durch die Beobachtungsstation, die die Universität Algier im Jahre 1931 in Tamanrasset ( 1395 m ) errichtet hat, festgestellt worden 2.
Dem Hoggar als Teil der Zentralsahara fehlt natürlich ein dichtes Pflanzenkleid. Es gibt weder Wälder noch grüne Wiesen und Matten. Die Landschaft ist überaus trocken und kahl. In den Mulden und Trockentälern, den Ued, in deren Gründen sich das Regenwasser am besten und längsten erhält, trifft man nur hin und wieder ein paar dornige Sträucher, vielleicht auch ganz wenige Bäume, wie die Tamariske ( Tamarix articulata, in Nordafrika weit verbreitet; man sammelt ihre Gallen zum Schwarzfärben ) oder die Akazienart Talh ( Acacia tortilis ) und kleine Flächen von oft meterhohen Grasbüscheln. Die Eingeborenen unterscheiden gegen ein Dutzend verschiedener Grasarten, wie Tegok, Aftisin, Tersar usw. Die Grünflächen, wie mager und fadenscheinig sie auch immer dreinsehen, sind doch höchst willkommen; sie bilden die Viehweiden, die einer Gruppe von Kamelen oder einer kleinen Ziegenherde während kurzer Zeit Nahrung zu geben vermögen. Trotz seiner überwältigenden Nacktheit ist der Hoggar nicht etwa, wie man gemeinhin glauben möchte, von bedrückender Farblosigkeit. Nein, das Gegenteil ist eher der Fall. Das zeigt aufs schönste z.B. das Gebiet südlich des Ilaman bis über die Fläche Terhenanet hinaus, wo die dunkle Basaltdecke durch die Erosion zerschnitten und der darunter liegende rötliche Granit entblösst wurde. Hier wechseln diese beiden Gesteinsarten miteinander in rascher Folge. Oder im Gebiet des Assekrem weisen die völlig vegetationslosen Hänge schöne gelbe, braune, orange und rote Farbtöne auf. Und über diesen farbensatten Böden spannt sich ein Himmel von einem herrlich tiefen Blau. Die Luft ist meistens trocken und deshalb von einer aussergewöhnlichen Klarheit. Nur der Mittag ist zuweilen starr und ausdruckslos, und gelegentlich breitet sich über die Landschaft ein Dunstschleier, der alle ferneren Geländeformen in ein Nichts zerfliessen lässt. Die Nächte sind unvergleichlich schön. Die zahlreichen Sterne leuchten mit herrlicher Kraft. Am Morgen und Abend im besondern ist der Hoggar oft von sprühender Farbenpracht und herber Schönheit.
Die höchste Fülle erreicht der Ahaggar im Gebiete des Assekrem. Hier findet sein Wesen die grösste Ausdruckskraft. Der Assekrem selber ist ein tafelförmiger Berg von 2780 m Höhe. Er ist durch Père de Foucauld bekannt geworden, der inmitten der herrlichen und einsamen Gebirgswelt seine Einsiedelei errichtete, ein einfaches Steinhaus aus Trockenmauern, wo er im Sommer zu weilen pflegte. Während der übrigen Zeit des Jahres betätigte er sich als Missionar in Tamanrasset. Hier ist er im Jahre 1916 von Ein- 1 A. Bernard: Le Sahara. Géographie Universelle, Paris 1939.
2 Mündliche Mitteilung anlässlich meines Besuches der Station im März 1950.
geborenen ermordet worden. Diese ruchlose Tat löste damals in der zivilisierten Welt einen Schrei der Entrüstung aus.
Das Gebiet des Assekrem ist der Sammelplatz der originellsten Berg-käuze des Hoggarmassivs. Hier feiert die Gestaltungskraft vulkanischen Geschehens ihre grössten Triumphe. Bis weit zum Horizont ragen alte Vulkanschlote auf, und unschwer schafft die Phantasie das Bild riesiger Brand-fackeln, die einst ringsum loderten. Die Landschaft trägt noch ganz die Dämonie dieses nun schon seit langem erloschenen inneren Aufruhrs in sich. Sie vermittelt im Reichtum ihrer bizarren Formen, im erschreckenden Mangel an Vegetation und Wasser und in ihrer beklemmenden Stille die Vision einer Mondlandschaft. Zur grossartigsten Gruppe gehören die Doppelpyramide der Tezuai, der vor ihr liegende Pfeiler des As Sauinan, der Hui, Isekram und Taheleft. Einige dieser Gipfel gleichen vom Blitze zerschlagenen und zu Stein erstarrten Baumstümpfen. Der Hoggar befindet sich im Zustande der Ver-greisung. In sattester Erfüllung sind die verschiedenen Stadien der Abtragung und Verkümmerung ausgeprägt. Der Einblick von der Einsiedelei des Père de Foucauld aus in diese Felsszenerie urtümlichsten Geschehens steigert sich in den frühen Morgenstunden im Gegenlicht der Sonne zu mythischer Grösse. Ein solches Erlebnis gräbt sich unauslöschlich der Erinnerung ein.
2. Im Gebirge unterwegs Im Mittelpunkt des Hoggarmassivs liegt Tamanrasset, ein kleiner Ort, von dem aus das weite, doch äusserst schwach besiedelte Gebiet verwaltet wird. Tamanrasset, in der Umgangssprache abgekürzt Taman oder gar Tarn, zählt neben einigen Dutzend Negern ungefähr 60-70 Europäer. Die Siedlung ist sozusagen aus dem Nichts entstanden. Vor der Ankunft der Europäer bestand sie bloss aus ein paar Negerhütten. Die Europäer liessen eine Anzahl niederer Häuser bauen, in denen heute Verwaltung, Post, Klinik und Ein-geborenenschule untergebracht sind; dazu kamen einige Villen für die französischen Offiziere und Beamten und ein kleines Hotel. Um die Siedlung herum finden sich kleine Gärten, die Korn und etwas Gemüse, wie Tomaten, Zwiebeln, Rüben, Linsen, hervorbringen, dagegen zum Unterschied der zentralsaharischen Oasen keine Datteln. Tamanrasset ist somit keine Oase, sondern nur ein Anbauzentrum, ein Arrem. Es bestehen noch einige weitere, wie z.B. in Amgel und Tit. Sie gehören den Tuareg, werden aber nicht durch diese selber, sondern durch die Schwarzen, die Haratin, bestellt. Die Haratin, die zum grossen Teil aus der Zentralsahara, etwa aus In Salah, stammen, erhalten für ihre Arbeit einen Fünftel der Ernte. Dazu kommt allerdings noch der Teil, den sie als Diebesgut unbemerkt auf die Seite zu schaffen vermögen. Die Tuareg trachten deshalb darnach, sich auf die Ernte hin in den Anbauzentren einzufinden, um da zum Rechten zu sehen. Sie selber als wahre Nomaden verachten den Ackerbau, sie leben abseits der Arrem und durchziehen mit ihren kleinen Ziegen- und Kamelherden die Einsamkeiten des Hoggarmassivs.
Nach meiner Ankunft in Tamanrasset schlug mir der Chef der Militärstation, Hauptmann Morales, vor, ich solle eine Exkursion ins Gebiet des Assekrem unternehmen. Ich zögerte nicht, und er ersuchte hierauf Mohammed, den Sohn des Königs der Hoggar-Tuareg, der sich während der Woche in Tamanrasset aufhält, für die Begleiter und Tragtiere zu sorgen. Ein junger, immer fröhlich lachender Neger, namens Fazy, wurde als mein Koch bestimmt. Ich schätzte sein Alter auf ungefähr 25 Jahre; er selber weiss nicht genau, wie alt er ist. Er spricht ein paar Brocken Französisch. Als Kamelführer war Saida ausersehen, ein älterer Targi ( Einzahlform von Tuareg ), der kein Wort Französisch versteht. Für uns drei Mann hatte ich für die siebentägige Exkursion die folgenden Lebensmittel einzukaufen: 12 kg Korn, 3 kg « Fideli » für die Suppe, 1 1 Olivenöl, % kg getrocknete Tomaten, 5 kg getrocknete Datteln, 5 kg Zucker undkg Tee. Fazy hätte sehr gerne an Zucker und Tee das Mehrfache mitgenommen, denn die Leute sind auf das Teetrinken versessen. Doch ich hielt diese Menge für ausreichend, was sich denn auch bestätigte. Das Korn liess Fazy vor der Abreise durch seine Frau im Stein-mörser mahlen. Für die Exkursion genügte ein Minimum an Ausrüstung, besonders an Toilettenartikeln. Von den Händen abgesehen konnte ich mich während der sieben Tage nicht waschen, weil es an geeignetem Wasser fehlte. Tag und Nacht stak ich wie die Eingeborenen in den gleichen Kleidern.
Am Nachmittag vor der Abreise ergab sich für mich noch die Gelegenheit, einen Besuch beim Amenokal, dem König des Hoggar, abzustatten. Es war die Ankunft eines höheren französischen Offiziers in Tamanrasset gemeldet worden, und bei diesem Anlasse sollte der Amenokal zugegen sein. Mit dessen Sohn, ferner einem Offizier und Lehrer, der in den Zeltlagern der Tuareg die Knaben in den Elementen der französischen Sprache unterrichtet, konnte ich im Jeep nach dem ungefähr 15 km entfernten Lager fahren. Ich war voller Erwartung auf das Zusammentreffen mit dem Amenokal und stellte mir das recht zeremoniell vor. Doch ich hatte meiner Phantasie allzu freien Lauf gelassen. Die Begegnung gestaltete sich ganz nüchtern, ohne den geringsten Aufwand. Der König war bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, dass er abgeholt würde, und wartete vor seinem Zelt auf uns. Wir begrüssten « Seine Majestät » mit einem Händedruck und nannten sie einfach beim Vornamen. Der König heisst Meslar, mit seinem vollen Namen Meslar ag amaiasse, Amenokal des Ahaggar, d.h. Meslar, Sohn des Leopard, König des Hoggar. Ein Targi schrieb mir den Namen in seinen Schriftzeichen, der Tifinar-Schrift, einem berberischen Alphabet, auf:
EON: & USO Cl:II8O
MeslaragamaiasseamenokalAhaggar SohnLeopardKönig Meslar war mit einem dunkelblauen Überwurf und dunkelblauem Turban bekleidet, und sein Gesicht verhüllte bis auf einen Schlitz für die Augen der blaue Litham, der Schleier, den alle Tuaregmänner tragen. Dieser wird beim Essen und Trinken nicht abgelegt, sondern nur leicht gehoben. Die Frauen dagegen gehen unverschleiert, so auch die Königin, die zugegen war.
( Schluss folgt )