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ARS TOPIARIA
Erinnerung und Gegenwart
Die Piazza della Scala ist das Resultat eines städtebaulichen Prozesses, in dessen Verlauf sich während der Jahrhunderte verschiedenste Elemente zu einem dichten urbanen Raum aggregiert haben. Das Projekt Ars Topiaria fügt diesem Palimpsest eine zeitgemässe Interpretation hinzu.
Exzellenz
Die Scala ist eine der bedeutendsten Spielstätten weltweit. Vor diesem exzellenten Haus wird ein steinerner Teppich ausgerollt. Er zeichnet die Scala aus, inszeniert sie als wichtigstes Element in der Hierarchie der Anlage und arrondiert die Piazza. Das Betreten und Verlassen des Platzes wird an allen Zugängen zum wahrnehmbaren Akt. Der Aufenthalt auf dem Platz wird zum festlichen Erlebnis. Die Platzfläche bildet eine Matrix, auf der sich alle Bedürfnisse des täglichen Lebens ungezwungen entfalten dürfen. Der grösste Teil der Fläche, die auch Begegnungszone ist, wird ohne Übergänge und Möblierungen frei gehalten. Damit öffnet sich ein breiter Fächer von Nutzungsoptionen.
Ingenium
Mit der Gegenüberstellung des Leonardo-Denkmals und der Scala wurde vor mehr als einem Jahrhundert die Analogie zwischen dem Ingenium des Renaissancekünstlers und dem Ingenium der Scala gefeiert. Das Denkmal ist das räumliche Scharnier zwischen der Piazza del Duomo und der Scala. Weil es gleichzeitig die Mitte des Platzes auszeichnet, verharrt die Beziehung zwischen der Leonardo-Figur und der Scala bislang im Ungefähren. Dieser Bezug wird nun mit einer einfachen Intervention präzisiert: Die Figur wird leicht gedreht, sodass ihr Blick fortan auf das Hauptportal der Scala fällt. Damit fügen wir der Idee des Sehstrahls der Renaissanceperspektive, der Blickachse des Barocks und des monumentalisierenden Arrangements des 19. Jahrhunderts eine zeitgenössische Spielart hinzu: Ein kritischer, vielleicht ironischer, in jedem Fall zeitgemässer Bezug zwischen Topos und Idee entsteht.
Terrazzo
Im Zentrum der Gestaltungsabsicht steht die Gedanken- und Bildwelt der Renaissance in ihrer ornamentfreudigen lombardischen Spielart. Die Platzfläche wird mit einer Pflästerung belegt. Sie besteht aus Flusskieseln, die in ein Trasskalkbett eingelegt sind. Die Oberfläche wird zu einer schimmernden Oberfläche geschliffen und poliert. Damit erhält die Piazza eine Art Terrazzoboden. Dieser unterstreicht die Kostbarkeit und den Interieurcharakter der veredelten Platzanlage, erinnert aber auch an die Flusskieselpflästerung, mit der die Piazza della Scala einst belegt war. Die neue Pflästerung tritt auch in den Dialog mit den historischen Flusskieselpflästerungen der Piazza Belgioioso und der Piazza San Fedele ein, die repariert und ergänzt werden.
Ornament
Als Ornament wird der Lebenskreis gewählt, dessen Bezugsfeld von der Renaissancetheorie bis in die Gegenwart reicht. Das Ornament ist auf das Leonardo-Denkmal zentriert und an der Achse der Scala ausgerichtet. Ausrichtung und Präzision des Ornaments einerseits, Brechungen und Interferenzen an den Peripherien andererseits unterstreichen die oben beschriebene Hierarchie und Ausrichtung der Anlage. Der Ideenwelt der Renaissance verpflichtet ist auch der Massstab des Ornaments: Die Dimensionen der Kreise stellen die Relation zwischen der Grösse und dem Schrittmass des menschlichen Körpers, der Weite des Platzes und der Mächtigkeit seiner Bebauung her. Wer will, erkennt darin eine Hommage an Leonardos homo vitruvianus.
Novecento
Die Piazza in ihrer heutigen Form ist vor allem im südlichen Abschnitt das Resultat einer städtebaulichen Operation der 1860er Jahre, welche das gesamte Gebiet zwischen Scala und Piazza del Duomo umfasste. Als starkes Gegenüber der Scala säumen die monumentalen Palazzi des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Piazza. Die historischen Kandelaber, deren dreiseitige Ausleger die Geometrie der Pflästerung aufnehmen, werden entlang einer virtuellen Parallele zur Fassade des Palazzo Marino aufgestellt. Mit der Umplatzierung der Kandelaber wird die Gesamtanlage gerichtet und die Bedeutung des öffentlichen Palazzo Marino unterstrichen – ein weiteres wichtiges Gegenüber, das der Scala Reverenz erweist. Nachts stellt die bestehende indirekte Fassadenbeleuchtung die Grundausleuchtung sicher. Die alten Kandelaber tauchen die südliche Platzhälfte in weiches Licht. Mit fest installierten Projektoren können Stimmungsbilder und Eventbeleuchtungen auf die Platzfläche projiziert werden.
Ars Topiaria
Das Grün kehrt in Form einer historischen Metamorphose auf die aufgeräumte Platzanlage zurück. In einem grossen Pflanztrog wächst ein Lebensbaum (Thuja occidentalis), dessen Topiarius-Formschnitt der Annunciazione von Andrea del Verrocchio und Leonardo da Vinci entlehnt ist. Dieser Baum geht mit allen Elementen der Platzanlage spannungsvolle Konstellationen ein – nicht nur zur Scala, in deren Hauptachse er steht. Als gleichsam ältestes und das jüngstes Motiv der Platzanlage setzt er ein enigmatisches Zeichen. Sein als Sitzbank ausgestalteter Trog lädt dazu ein, sich niederzulassen, die neue Platzanlage zu geniessen und über die Dinge nachzudenken.