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Die Kontinuität der Tonalität
Eine internationale Konferenz am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel beschäftigte sich mit dem Phänomen der Tonalität nach 1950.
Tonalität ist ein zentrales Schlagwort in den Auseinandersetzungen über die musikalische Moderne. Verschiedene Parteien streiten sich über die Bewertung von Tonalität für die kompositorische Praxis des späten 20. und des frühen 21. Jahrhunderts – von einer Aufwertung zum Kampfbegriff über Weltanschauung bis hin zur völligen Negierung seiner Relevanz reichen die Positionen.
Diesem Spannungsfeld hat sich Ende Mai eine internationale Konferenz am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel gestellt; sie bildete die Fortsetzung der 2010 in North Carolina durchgeführten Tagung zum Thema Tonalität vor 1950. (Der Tagungsband ist 2012 unter dem Titel Tonality 1900–1950. Concept and Practice im Verlag Franz Steiner, Stuttgart, erschienen.) Nicht mehr nur von Konzept und Praxis der Tonalität war in Basel die Rede, sondern auch vom System Tonalität, von der Tonalität als Metapher, von Tonalität als Utopie, wie Wolfgang Rathert in seinem Eröffnungsvortrag konstatierte. Tonalität erscheint immer als Ergebnis von kulturell geprägten und gleichzeitig höchst individuellen Aneignungs- und Verwandlungsprozessen; und diese Prozesse zu analysieren machte sich die Tagung zum Ziel.
Ulrich Scheideler etwa legte dar, wie inhärent Tonalität für Hans-Werner Henzes Komponieren ist, wie blockartig isoliert oder auch mit einer doppelten Schicht überzogen die tonalen Inseln (oder Zitate) im atonalen Umfeld konzipiert sind. Wolfgang Rathert zeigte am Beispiel von Hindemiths Oper Harmonie der Welt eine Tonalität der Relationen: Hindemith gibt keine Intervallqualität an, sondern nur Tonbausteine, die zum Bau verschiedener Tonalitäten verwendet werden können. Hindemith versteht Tonalität als Funktionalität: Tonal ist jedes System, das in sich geschlossen ist; Atonalität ist dann anzuzeigen, wenn auf Funktionalität verzichtet wird – oder nicht hergestellt werden kann.
Die Aneignungsprozesse bekannter Komponisten wie Luigi Nono (trichterförmig auseinanderstrebende Allintervallreihen), György Ligeti (nichttonale Diatonik) und Leonard Bernstein (integrale Tonalität) waren genauso Thema wie einzelne, hierzulande wenig beachtete US-Komponisten. George Rochberg (1918–2005) zum Beispiel wendet sich nach einer atonalen und auch streng zwölftönigen Phase in seinem 3. Streichquartett zwischen polystilistischen Sätzen im 3. Satz einer totalen, fast schubertschen Tonalität zu – und handelte sich damit den Vorwurf ein, er habe die Ideale der Moderne verraten, wie Felix Meyer berichtete. Felix Wörner zeigte anhand von Thomas Adés’ Piano Quintet op. 20 aus dem Jahr 2000, dass sich auch in der neuesten Musik Tonalität ereignet, nämlich durch je neu zu entwickelnde Konstellationen und Beziehungen zwischen harmonischen Polen.
Wie kämpferisch um Tonalität und Atonalität zuweilen bis in die Feuilletons gerungen wurde, stellte Markus Böggemann dar und zitierte den Musikwissenschaftler Friedrich Blume, der noch 1958 Tonalität für eine elementare Eigenschaft der Musik hielt, die auf dem gemeinsamen Naturvorrat von Tönen beruhe.
In der Popmusik ist Tonalität die Basis, Atonalität das Abwegige; dennoch ist beides zu finden und nicht immer eindeutig zu klassifizieren. Simon Obert reflektierte, was Tonalität überhaupt bedeutet, wenn sich keine Kadenz, kein Leitton auf eine Dur-Moll-Tonalität beziehen lässt, wenn die Tonalität aus der Zyklizität von Akkordpattern besteht, die keiner harmonischen Logik folgen, sondern Akkorde lediglich in ein metrisches Gefüge anordnen (etwa bei Don’t Forget Me der Red Hot Chili Peppers von 2002), kurz: ob «Tonalität ohne Zentrum» denkbar sei.
Ulrich Mosch hielt fest, dass Tonalität grundsätzlich ein Zentrum als Bezugssystem bedinge, erst dadurch sei die tonale Harmonik in der Lage, weitaus grössere Zusammenhänge zu konstruieren als die atonale, serielle Musik. Doch allgegenwärtige Überflutung von Dur-Moll-Tonalität mache es nahezu unmöglich zu entscheiden, ob diese Art Tonalität nun einer Naturbasis gleichkommt oder eine kulturelle Überformung darstellt – womit schon ein mögliches nächstes Tagungsthema ausgesprochen wurde.