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| Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

3.
"Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater."
Ehe ich aber beginne, über Sinn und Tragweite der [S. 24] einzelnen Sätze selbst zu reden, halte ich es nicht für unangemessen daran zu erinnern, daß sich in verschiedenen Kirchen einige Zusätze zu diesem Wortlaute vorfinden. In der römischen Kirche jedoch hat Solches nicht stattgefunden, ein Umstand, welchen ich glaube daher leiten zu müssen, daß auch nicht eine einzige Irrlehre von dort ihren Ursprung genommen hat: anderseits aber auch, weil daselbst die alte Sitte besteht. daß Diejenigen, welche das Sakrament der Taufe empfangen wollen, öffentlich, d. h. in Gegenwart des gläubigen Volkes das Symbolum laut hersagen; die Beifügung aber auch nur eines einzigen Wortes hören zu müssen, würden Diejenigen, welche schon früher den Glauben angenommen, nicht ertragen haben. An andern Orten aber - soviel ich die Sachlage überschaue - scheinen in Rücksicht auf gewisse Häretiker einige Zusätze gemacht worden zu sein und zwar solche, durch welche man den Sinn einer neuernden Lehre gänzlich auszuschließen glaubte. 1 Wir indeß werden jenem Wortlaute folgen, wie wir ihn in der Kirche von Aquileja beim Empfange der Taufe überkommen haben. An erster Stelle steht nun das "Ich glaube," wie denn auch der Apostel Paulus an die Hebräer schreibt: "Denn der zu Gott hintreten will, muß zuerst vor allem Andern glauben, daß er ist, und daß er Diejenigen belohnt, die an ihn glauben" 2 Und der Prophet sagt: "Wenn ihr nicht glaubet, so werdet ihr keine Einsicht erlangen." 3 Will man also zu einer wahren Einsicht den Zugang sich eröffnen, so muß man richtiger Weise zuerst vor allem Andern sich entschliessen, zu glauben. Begibt sich doch Keiner in's Meer und [S. 25] vertraut sich der Tiefe des flüssigen Elementes an, ohne vorher zu glauben, daß er wieder glücklich an's Land steigen werde: so wie der Landmann keinen Samen ausstreut noch die Saatkörner in die Erde wirft, ohne vorher zu glauben, daß Regen und Sonnenschein nicht fehlen werden, mit Hilfe derer die Erde Saaten in vervielfältigter Fruchtmenge hervorbringe, die dann der Hauch des Windes ernährt. Kurz, es läßt sich Nichts im Leben ausführen ohne vorhergehenden Entschluß zum Glauben. Was Wunder also, wenn wir, indem wir zu Gott hinzutreten wollen, uns vor Allem zum Glauben bekennen müssen, da ja nicht einmal das gewöhnliche Leben ohne Dieß bestehen kann! Dieses aber haben wir deßhalb beim Anfange unserer Auseinandersetzung vorausgeschickt, weil die Heiden uns den Einwurf zu machen pflegen, es beruhe unsere Religion, in Ermanglung von Vernunftgründen, auf der bloßen Überzeugung des Glaubens: eben deßhalb haben wir gezeigt, daß Nichts unternommen werden noch bestehen könne ohne den Einfluß eines vorhergehenden Glaubens. Sollen wir dem Gesagten noch Etwas hinzufügen, so werden z. B. Ehebündnisse geschlossen, weil man an eine künftige Nachkommenschaft glaubt; die Knaben werden dem Unterrichte in den Wissenschaften übergeben, weil man glaubt, daß sich das Wissen der Lehrer auf die Schüler übertragen läßt: Einer übernimmt die ehrenvolle Stelle eines Herrschers, indem er glaubt, daß Völker, Städte und bewaffnete Heere ihm Gehorsam zollen werden. Wenn nun Niemand an dergleichen Dinge herantritt, ohne an ihre zukünftige Verwirklichung zu glauben, gilt es dann nicht in einem viel höhern Maße von der Erkenntniß Gottes, daß man zu ihr nur durch den Glauben gelange? Doch sehen wir zu, was uns denn unser erster kurzer Artikel des Glaubensbekenntnisses vorstellt.
1: Ueber die Zusätze in den verschiedenen Kirchen des Abendlandes vgl. Zezschwitz, System der Katechetik II S. 90 ff.
2: Hebr 11,6. – im griechischen Text steht(xxx): kai. toi/j evkzhtou/sin auvto.n misqapodo,thj gi,netai
3: Jes 7,9. – Vulg (nach dem Hebr.): Si non credideritis, non permanebitis; LXX: eva.n mh. pisteu,shte ouvde. mh. sunh/te