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Sommerzeit ist in der NHL auch Transferzeit. Manche NHL-Profis befanden und befinden sich noch immer in der vorteilhaften Position, dass sie aufgrund der hohen Nachfrage nach ihrer Person die Offerten studieren und sich ihre Wunschdestination aussuchen können. Ohne, dass zwei oder gar drei General Manager über einen bestimmen. Dabei spielen für den finalen Entscheid weitaus mehr Parameter eine Rolle als bloss die Vertragsinhalte.
Beliebte Steueroasen
Der Fall Matthew Tkachuk ist ein gutes aktuelles Beispiel unter vielen: Die Calgary Flames wären bereit gewesen, fast jede Offerte anderer Clubs zu kontern. Doch als bekannt wurde, dass der Umworbene sich nicht längerfristig an die Flames binden wolle, wurde eine Lösung gesucht, die schliesslich in den Big Trade mit dem Jonathan Huberdeau-Tausch mündete. Es gab tatsächlich einige Gründe, warum Mat Tkachuk sich nach einem noch besseren Gesamtpaket bemühte. Eines davon ist, dass in einigen US-Staaten die Steuererleichterungen ab einem gewissen Einkommen erheblich sind. Im Falle von Tkachuk, der nun in einem Achtjahresvertrag 76 Millionen US-Dollar einkassieren wird, geht es in die Millionen. Denn in Kanada (in diesem Falle im der Provinz Alberta) sind die Steuersätze bei einem Jahreseinkommen ab 220'000 Dollar (53 Prozent) erheblich höher als in Florida (der Staat Florida erhebt von natürlichen Personen keine Einkommensteuer). Solches gilt auch für Wyoming, Washington, Texas, South Dakota, Nevada, Florida und Alaska. Dazu kommt, dass auch in Sachen Vermögenssteuer und anderen Abgaben in Florida sowie in anderen US-Staaten die Sätze im Vergleich nochmals tiefer sind. Und es sind sogar vereinzelt je nach Wohnsitz Absprachen in Form eines Pauschalsteuersatzes möglich. Solche Praktiken sind in Kanada tabu.
So kann man auch verstehen, warum beispielsweise ein Ondrej Palat oder auch andere Tampa Bay Lightning-Stars jahrelang ihren Marktwert nicht ausgereizt haben, um den Salary Cap der „Bolts“ nicht zu sprengen. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass man in einem Winning Team mit einem starken Mannschaftskern verbleiben und um den Stanley Cup spielen wollte. Auch handfeste wirtschaftliche Überlegungen spielten eine Rolle, wie man am obigen Beispiel mit den Steuergepflogenheiten in Florida sehen kann. Fazit: Trotz einer Lohnabsprache haben viele „Bolts“-Stars kein Geld verschenkt in Anbetracht dessen, dass sie bei einem Staatenwechsel trotz mehr Lohn nach den Steuerabgaben nicht besser gefahren wären. Dass Ondrej Palat nun entschieden hat, eine neue Herausforderung zu suchen entstand aus rein sportlich-strategischen Überlegungen.
Es geht nicht nur um Lohnvolumen und Vertragslänge
Aber vielen kommt es auch auf andere Punkte an: Die Vertragsinhalte, das Lohnvolumen und die Erfolgsboni sind zwar wichtige Verhandlungspunkte für die NHL-Profis bei der Wahl ihrer künftigen Destination. Jedoch bei Weitem nicht die einzigen. Für viele ist der Lebensstandard, die Bedürfnisse der Familie (wie auch die eigenen), die Perspektiven (sportliche und strukturelle) sowie auch die Identifikation mit dem neuen Club und seiner Philosophie und die Bedeutung des Eishockeysports in den jeweiligen Regionen ein Entscheidungskriterium.
Montréal Canadiens-Identifikationsfigur Brendan Gallagher beispielsweise sagt ganz offen, dass ihm der Markt und der Grove, also die Stimmung im Club und die Bedeutung des Eishockeys in Montréal, am Wichtigsten seien. Es sei, so der Publikumsliebling der „Habs“, eine besondere Ehre an einem Ort wie Montréal ein NHL-Profi sein zu dürfen. Und auch in anderen Regionen, wo Eishockey der Sport Nummer Eins ist beziehungsweise eine gewisse Bedeutung geniesst. Doch längst nicht alle denken so. Viele können mit der Aufmerksamkeit und der damit auch mitunter kritischen Haltung von Presse und Fans nicht so gut umgehen. Viele wollen auch ihr familiäres Umfeld schützen und am liebsten ausserhalb des Stadions unbehelligt bleiben. Da fällt meist die Wahl auf Clubs in Regionen oder Städte, die einen Top-Lebensstandard bieten, einen günstigen Steuersatz haben, gute Schulen für die Kinder und angenehme klimatische Verhältnisse offerieren und wo man ausserdem auch nicht so viel Popularität geniesst. Für viele ist zudem wichtig, welche Unterstützungen der Club bietet um eine ideale Wohnsituation, bestimmte Vergünstigungen im Alltag und generell einen optimalen Lebensstandard für sich und sein Umfeld zu bieten.
Killerargumente: Optimales Clubumfeld und Perspektiven
Fazit: Den idealen Markt für den NHL-Profi gibt es nicht. Jeder, der es sich erlauben kann, ohne weitere Einmischung von General Managern oder sonstigen Einflüssen einen Club auszuwählen, wird sich nach seinen Vorstellungen sein optimales Umfeld aussuchen. Auch jene mit einer Vertragsklausel, die es erlaubt Clubs aus der Liste potentieller Destinationen zu streichen, haben ihre eigenen Kriterien, warum sie das tun. Im Zuge der Nachbearbeitung um die Vertragsverhandlungen mit Alexander Radulov im Sommer 2017 beispielsweise hatte der damalige Montreal Canadiens-GM Marc Bergevin auch durchblicken lassen, wie schwer es manchmal sein kann, einen Wunschspieler für die „Habs“ als Top-Destination zu begeistern, da der Fokus der Öffentlichkeit auf sie gross ist und beim Parameter Nettolohn gewisse US-Bundesstaaten äusserst kooperativ seien betreffend steuerlicher Angelegenheiten. Damals konterten die „Habs“ die Offerte der Dallas Stars, aber der Spieler wählte die Destination in Texas.
Lohn, Vertragslänge, Bonuszahlungen, Steuern (je nach Bundesstaat/Provinz), Lebensstil und -standard, die aktuelle Lebenssituation, die Bedürfnisse der Familie und der Kinder (Schulen, Schulwege), die offerierte Wohnsituation, die Aufmerksamkeit (von Presse, Publikum und dem Umfeld), die Bedeutung des Eishockeysports in der Region: Das sind sowohl harte wie auch weiche Faktoren. Was sich aber ebenso entscheidend auswirken kann; welcher Club beziehungsweise welcher Markt ist passgenau für den jeweiligen NHL-Profi, wie ist die Teamchemie im künftigen Kader des neuen Arbeitgebers, wie ist die eigene Rolle im Team definiert und welche sportlichen und strukturellen Perspektiven des Clubs (kurz- bis mittelfristig) bieten auch für den Spieler die besten sportlichen Perspektiven. Was jedoch alle Clubs versuchen: Man will das Clubumfeld für die NHL-Profis ihrer Wahl so angenehm und kooperativ wie möglich gestalten. Ausserdem: Viele erfahrenere Profis spekulieren auch auf die „Karriere danach“ und schauen auf die Möglichkeiten der Weiterentwicklung innerhalb des Clubs. Last but not least: Natürlich ist die Zusammensetzung General Manager/Trainerteam. Ein Eishockey-Profi will natürlich immer spüren, dass man an ihn glaubt.
Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.