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Die Episode ist mittlerweile legendär: Es war an einem Wochenend-Workshop für Derivatehändler der Grossbank JP Morgan in Boca Raton, Florida, Mitte der 90er-Jahre. Die jungen Banker, unter ihnen die noch keine 30 Jahre alte Blythe Masters, wohnen in Villen, feiern ausgiebig, trinken auf Kosten der Bank. Und entwickeln ein Konzept, wie sich die Kreditpositionen der Bank gegen Ausfälle absichern lassen und das Risiko an andere Institute übertragen werden kann.
Was Masters zusammen mit Bill Demchak unter dem Namen Bistro (Board Index Secured Trust Offering) für JP Morgan entwickelte, fand in der Folge viele Nachahmer. Die Credit Default Swaps, kurz CDS, waren geboren. Jene Finanzprodukte, die wenige Jahre später als einer der Auslöser für die Finanzkrise galten. Und die Starinvestor Warren Buffett sogar einmal mit Massenvernichtungswaffen verglich.
Waffen, die sich nun auch gegen ihre Entwickler gerichtet haben. Mit einem massiven Verlust von bis zu 3 Milliarden Dollar aus Spekulationen mit versicherungsähnlichen Produkten wie CDS wurde JP Morgan jüngst von der Vergangenheit eingeholt (siehe Kasten). Dies, nachdem das amerikanische Bankhaus die Finanzkrise noch nahezu unbeschadet überstanden hatte. Gar als Profiteurin der Notlage anderer Institute ging Blythe Masters hervor, die in der Zwischenzeit ins Rohstoffsegment von JP Morgan gewechselt und die Bank zu einer der führenden Adressen im Handel mit Öl & Co. geformt hatte. Mit weltweiten Ablegern, unter anderem in den Rohstoffzentren Genf und Zug.
Rasanter Aufstieg an der Wall Street
Der Aufstieg der 43-jährigen Britin aus Oxford verlief rasant, ohne Umschweife. Direkt nach dem Universitätsabschluss am Trinity College in Cambridge stieg sie als Rohstoffhändlerin bei JP Morgan in London ein, wechselte später nach New York. Mit 23 Jahren heiratete sie und wurde Mutter. Noch auf dem Weg ins Londoner Krankenhaus überprüfte sie die Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten. Damit habe sie sich nur die Zeit vertreiben wollen, rechtfertigte sie sich später dafür, dass sie sogar in den Wehen noch arbeitete.
Masters gehört einer Gruppe talentierter und ehrgeiziger Jungbanker an, die an der Wall Street als JP-Morgan-Mafia bekannt ist. Die von ihr entwickelten CDS erfreuten sich bei Finanzhäusern einer grossen Beliebtheit. Aus den Versicherungsprodukten wurden Spekulationsobjekte. Bis im Herbst 2008 soll der Bruttowert der CDS laut Schätzungen mehr als 60 Billionen Dollar betragen haben.
Zu diesem Zeitpunkt war die laut der «Financial Times» mächtigste Frau an der Wall Street nicht mehr im Kreditderivategeschäft aktiv. 2004 stieg sie zur Finanzchefin von JP Morgan auf, seit 2007 ist sie für den Aufbau von JP Morgan Commodities verantwortlich. Sie wolle einen wirklichen Weltführer aufbauen, versprach Masters 2010, als sie mit dem Kauf von zentralen Teilen von RBS Sempra für 1,7 Milliarden Dollar ihren grössten Coup landete. Der Rohstoffhändler RBS Sempra, der im Öl-, Gas- und Metallgeschäft aktiv war, musste auf Druck der Europäischen Kommission zerschlagen werden.
Einkaufen bei der Konkurrenz
Bereits in den Jahren zuvor nutzte Masters die Schwächen der Konkurrenten, um für ihren Arbeitgeber das Rohstoffgeschäft voranzutreiben. 2008 kaufte JP Morgan die angeschlagene Investmentbank Bear Stearns und baute damit den Rohstoffhandel aus. Knapp ein Jahr später schlug Masters bei der UBS zu und übernahm grosse Teile der Rohstoffabteilung der Schweizer Grossbank.
Mit der Akquisition von RBS Sempra gelang der ersehnte Anschluss an die im Rohstoffhandel führenden Institute Morgan Stanley und Goldman Sachs. Nach Abschluss der Integration 2011 umfasst der Bereich rund 600 Mitarbeitende. Gekauft wurde ein dank einer sorgfältigen Mischung aus Kunden- und Eigenhandel überaus erfolgreicher Geschäftsbereich, mit Einheiten in Stamford, Connecticut, für den Handel mit Elektrizität und Gas, in London für Metalle und in Genf für Öl.
In der Schweiz führte die Eingliederung von RBS Sempra in JP Morgan allerdings in den letzten Wochen zu einigen Abgängen. Dieser wird auf Mentalitätsunterschiede zurückgeführt sowie auf den Abbau der Eigenhandelssparte. Damit bereitet sich das Institut auf die Volcker-Regel vor, welche den Wall-Street-Banken das Zocken auf eigene Rechnung untersagen will. JP Morgan wollte auf Anfrage dazu keine Stellung nehmen.
Doch auch dies konnte Blythe Masters nichts anhaben. Unter ihr erwirtschaftete JP Morgan Commodities 2011 2,8 Milliarden Dollar Gewinn, dreimal mehr als im Vorjahr. Aus der ehemaligen Derivate-Prinzessin wurde innert weniger Jahre die neue Rohstoff-Königin.
JP Morgan: Gestrandeter Wal
Milliardenverlust
Am 11. Mai 2012 vermeldete JP-Morgan-Chef Jamie Dimon in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz einen überraschenden Handelsverlust von bis zu 3 Milliarden Dollar. Dieser resultierte aus Transaktionen mit Kreditderivaten auf einen Index für amerikanische Unternehmensanleihen. Das Minus fiel ausgerechnet bei den Absicherungsgeschäften an, die eigentlich dazu dienen sollten, Einbussen im Handel zu begrenzen. Geleitet wurde das Chief Investment Office von der Investmentchefin Ina Drew, die als Folge des Skandals ihren Sessel räumen musste.
Londoner Wal
Erste Anzeichen für einen der grössten Handelsverluste der Finanzbranche gab es bereits Anfang April, als Händler Bruno Iksil eine derart grosse Position an Kreditausfallversicherungen aufgebaut hatte, dass diese ohne Unruhe im Markt wohl nicht mehr aufgelöst werden konnte. Hedgefonds wetteten in der Folge gegen Iksil und JP Morgan.