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Aus Sicht des Staats stellt sich insbesondere bei der langfristigen Planung der Verkehrssysteme die Frage, zu welchem Zeitpunkt er aktiv eingreifen soll. Aus Sicht der Raumentwicklung interessieren weniger die technologischen Aspekte des Autos der Zukunft, sondern vielmehr die Auswirkungen, die Innovationen auf den Raum und unsere Lebensweise haben. Zwei Szenarien für die Mobilität 2040. Von Christian Egeler
Die Planung unserer Infrastruktur in der Schweiz wäre deutlich einfacher, wenn wir die Zukunft kennen würden. Rückblicke auf frühere Zukunftsvorstellungen können amüsant sein, insbesondere natürlich, wenn sie falsch sind. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte man beispielsweise in London Angst, dass man aufgrund der immer häufigeren Pferdekutschen bald im Pferdemist stecken bleibt. Mit der Einführung des Autos 1.0 verschwand dieses Problem unauffällig; allerdings hätte damals wohl niemand gedacht, dass man 100 Jahre später meist langsamer durch London fährt als zur Zeit der Pferdekutschen.
Die letzten 25 Jahre waren geprägt von einer stetigen Weiterentwicklung der Verkehrssysteme. Auch die Entwicklung des Autos war evolutiv. Mit den ersten Ideen des Autos 4.0 scheinen wir aber am Anfang grösserer Veränderungen zu stehen. Eines scheint sicher: Fahrzeuge, die sich autonom bewegen, werden die Mobilität verändern. Allerdings sind das Ausmass, die Geschwindigkeit und die Auswirkungen dieser Entwicklung schwierig vorauszusagen.
Anhand von zwei persönlichen Szenarien für das Jahr 2040 wird im Folgenden beleuchtet, wie unterschiedlich sich das Leben einer Familie mit zwei Kindern abspielen könnte. Gemeinsam haben die beiden Ausblicke, dass voll-autonome Fahrzeuge verfügbar sind und dass die Familie in einem Mehrfamilienhaus in einer Gemeinde in einer mittelländischen schweizerischen Agglomeration abseits einer grossen Verkehrsachse wohnt.
Szenario 1: My Car is my Castle
Aufgrund der günstigen Preise autonomer Fahrzeuge hat sich die Familie, wie viele andere Nachbarn, gleich zwei solcher trendigen Fahrzeuge angeschafft und gemäss den Bedürfnissen der Familie individuell ausgestattet. Das eine Fahrzeug bietet Platz für die ganze Familie, ist wie ein kleines Wohnzimmer eingerichtet und ist bei Nichtgebrauch jeweils in der Einstellhalle der Liegenschaft parkiert. Das andere steht in der Regel bei einem Parkplatzanbieter ausserhalb des Dorfes. Dieses Fahrzeug holt den Vater jeden Morgen pünktlich vor dem Haus ab und fährt ihn direkt zu seinem Arbeitsplatz in der benachbarten Agglomeration. Der Vater schätzt, dass er unterwegs die wichtigsten Dokumente ungestört lesen, telefonieren oder sich bei lauter Musik entspannen kann. Seit die Autobahnen ausschliesslich automatisierten Fahrzeugen vorbehalten sind, kommt der Verkehr dort unterdessen trotz des vielen Mehrverkehrs relativ gut durch. Einige Nadelöhre wurden behoben und fast überall konnte wegen der Automatisierung eine zusätzliche Spur realisiert werden. Da das untergeordnete Strassennetz nicht dementsprechend ausgebaut werden konnte, stauen sich die Fahrzeuge oft im Bereich der Ausfahrten. Dank der Automatisierung fährt der Durchgangsverkehr an diesen Staus problemlos vorbei. Allerdings muss der Vater sich dann bei seiner Ausfahrt ebenfalls in eine solche Kolonne einreihen. Wenn er dringend zu einer Sitzung muss, leistet er sich das zusätzliche Geld für einen «Fast-Exit». Diese neuartige Möglichkeit, Zeit zu sparen, nutzen vor allem Geschäftsleute und Nutzfahrzeuge, während normale Pendler lieber anstehen. Nach der Ankunft am Zielort fährt das Auto zu einem Parkplatz in der Nähe, von wo es abends wieder startet.
Das Familien-Auto wird wie das eigene Taxi genutzt und bringt alle zur Schule und Arbeit. Die ganze Familie bestellt am Nachmittag über ihr gemeinsames Shop&Catch-Konto die für die nächsten Tage notwendigen Einkäufe, welche das Fahrzeug dann bei der Abholfahrt zum Arbeitsort der Mutter an einer Shop&Catch-Station gleich mitnimmt.
Am Abend joggt der Vater jeweils vor dem Abendessen noch eine Runde um die nahen Felder. Allerdings wächst die Siedlung immer schneller, weil das Wohnen in dieser ruhigen und grünen Lage in den letzten zehn Jahren dank der autonomen Fahrzeuge sehr attraktiv wurde. Besuche von Stadtzentren mit dem Auto sind mühsam, da man in Zentrumsnähe wegen des vielen Autoverkehrs meist nur im Schritttempo vorwärtskommt. Wegen des Mischverkehrs mit Oldtimern, Velos und Fussgängern können die Verkehrsströme weniger gut optimiert werden. Viele Gemeinden haben - nach anfänglichem Ausweichen des Verkehrs auf untergeordnete Strassen - die Quartierstrassen mit einem Durchfahrtsverbot für Autos belegt.
Die diesjährigen Sommerferien verbringt die Familie in Italien und lässt sich wie jedes Jahr via Gotthardtunnel fahren. In einer Volksabstimmung bestätigte das Schweizer Volk die Beibehaltung der bisherigen Kapazität des Tunnels, obwohl mit der neuen Technik viel höhere Durchfahrtszahlen möglich wären. Wegen der immer längeren Staus wurde deswegen eine Gotthard-Fahrtenbörse eingeführt. Um eine günstige Durchfahrt zu erhalten, reservierte die Familie einen Slot schon im Januar; die aktuellen Preise sind dreimal so hoch. Vor zwei Jahren verpassten sie wegen eines Unfalls ihren Slot am Gotthard, wurden aber automatisch kostenfrei in einen anderen Slot umgebucht, da auch viele andere ihren Slot nicht einhalten konnten. Die Wartezeit auf die Durchfahrt konnten sie im grossen Shopping- und Entertainment Center der früheren Raststätte bei Altdorf attraktiv verbringen.
Szenario 2: Unser Mobilitätsassistent
Seit fünf Jahren hat sich die Familie vollständig vom eigenen Auto getrennt und ist nun Mitglied bei 24-7-Mobil, einem der drei grossen Mobility-as-a-Service-Betreiber weltweit. Die Familie nutzt den zur Wohnung zugehörigen Einstellplatz für die Elektrofahrräder und das Cargobike. Viele Hauseigentümer haben ihre Einstellplätze wegen mangelnder Nachfrage in Hobbyräume umgebaut. Auch in den Städten sind die Parkplätze grösstenteils aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Während der öffentliche Verkehr sich entlang der grossen Verkehrsachsen und in den urbanen Zentren weiterentwickelte und weiterhin nach einem Fahrplan fährt, sind fast alle fahrplanmässigen Buslinien abseits dieser Achsen und Zentren durch nachfrageabhängige und individuellere Angebote ersetzt worden.
Der Vater hat eine ständige Route zur Arbeitsstelle zu einem Basispreis eingebucht und wird am Morgen zur gewünschten Zeit jeweils vom einem der beiden automatischen Gemeindekleinbusse direkt zuhause abgeholt. Diese pendeln nach Bedarf zwischen der Wohngemeinde und dem sieben Fahrminuten entfernten Bahnhof im Talboden. Mit der Bahn fährt er dann jeweils direkt zum Bahnhof, fünf Gehminuten vom Arbeitsort. Früher musste er noch einmal umsteigen, aber dank der automatischen Einzelwagenzusammenstellung am Hauptbahnhof sind viel mehr Direktverbindungen möglich. Dafür muss man beim Besteigen der Züge ein wenig besser auf die Destination des Wagens achten, aber in der Regel warnt der digitale Reiseassistent genügend früh. An Tagen, an denen der Vater viele Telefonate führen muss, nimmt er jeweils gegen einen Aufpreis ein Auto zur Arbeit und gibt an, dass er es exklusiv nutzen möchte, was einen weiteren Zuschlag kostet. Die Mutter bucht ihre Routen meist spontan als Einzelfahrten, die ebenfalls im Basispaket enthalten sind, und wird entweder durch den Gemeindekleinbus oder durch andere Fahrzeuge abgeholt. Solche Fahrzeuge gehören meist privaten Personen, die sie via 24-7-Mobil anderen zur Verfügung stellen, oder professionellen Fahrzeugprovidern, die mit unterschiedlichen Anbietern Verträge haben.
Der Autoverkehr hat zwar auch in den Zentren zugenommen. Abseits der Hauptverkehrs-achsen stieg die Attraktivität für Anwohner, Fussgänger und Velofahrer aber massiv, da durch den Wegfall nicht mehr benötigter Parkplätze Platz frei wurde für neue Langsamverkehrsverbindungen und Aussenflächen. So ist nun ein geschlossenes Netz an sicheren Velostrassen vorhanden und seit 2030 boomt das innerstädtische Wohnen. Die Wohngemeinde der Familie ist ebenfalls sehr beliebt und auch mit dem Velo einfach erreichbar. Die Kinder nutzen deswegen vor allem ihre E-Bikes. Das Wachstum der Gemeinde fand dank einer konsequenten Innenentwicklung und der Nutzung nicht mehr gebrauchter Verkehrsflächen nicht auf der „grünen Wiese" statt. Seit der Gepäcktransport an die meisten Destinationen Tür-zu-Tür automatisch möglich ist, reist die Familie mit dem öffentlichen Verkehr in die Ferien. Via 24-7-Mobil reserviert sie in der Nähe des Zielbahnhofes ein Familienshuttle, das bei Ankunft zusammen mit dem Gepäck bereitsteht.
Was wollen wir?
Die beiden Szenarien veranschaulichen, wie unterschiedlich die Zukunft trotz ähnlicher Ausgangslage sein könnte. Mit dem Auto 4.0 und vielen weiteren gesellschaftlichen und technischen Innovationen im Bereich der gesamten Mobilität besteht die Möglichkeit, dass sich unser Gesamtverkehrssystem grundsätzlich verändert und an Qualität gewinnt. Es bieten sich zahlreiche Chancen (Verkehrssicherheit, Standortattraktivität, Lebensqualität, Verbesserung der Mobilitätsmöglichkeiten etc.), die wir unbedingt nutzen müssen. Die drohenden Risiken (Zersiedelung, eingeschränkter Zugang für gewisse Bevölkerungsgruppen, Fehlinvestitionen, starke Zunahme des individuellen Autoverkehrs etc.) dürfen dabei nicht ausser Betracht gelassen werden. Es ist deswegen nicht nur wichtig, die Auswirkungen von Trends zu kennen, sondern auch zu erkennen, welche Entwicklungen durch die öffentliche Hand beeinflussbar sind, und zu entscheiden, wie diese beeinflusst werden sollen. Wichtig ist, die Raumentwicklung von Anfang an mit einzubeziehen und eine Gesamtmobilitätsoptik einzunehmen, um damit zu gewährleisten, dass unser Land von den Veränderungen profitiert und nicht - nicht nur im übertragenen Sinn - unter die Räder kommt.