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Bildung
Was ist ein Bild
Wer wissen will, wie Bilder möglich sind, tut vor dem Kauf dieses Buchs gut daran, den Untertitel zu lesen, denn ohne Interesse an der Semiotik lohnt die Lektüre kaum. Wer hingegen an den Ideen von Charles Sanders Peirce Gefallen findet, für den liefert Mark Halawa, wie Achim Eschbach im Vorwort schreibt, "zahlreiche Anstösse …, die zeigen können, in welche Richtung sich eine künftige Bildtheorie entwickeln sollte." (S.12)
Was ist ein Bild? fragt der Autor und stellt fest: "Obwohl viel über Bilder diskutiert wird, gibt es nach wie vor keine einheitliche Theorie über sie." (S.15). Weshalb es ihm nun darum zu tun ist, "die Bedingungen des Bildes zu ergründen" mit der Vision, "eine allgemeine Bildwissenschaft zu begründen und zu etablieren, die Anfänge und Grenzen des Bildbegriffs bestimmen kann." (S.15).
Halawa hat viel gelesen und sich zu Vielem Gedanken gemacht. Er argumentiert meist einleuchtend und nachvollziehbar - dazu gleich mehr - , doch er lebt ganz offensichtlich in einem akademischen Elfenbeinturm, sonst könnte er nicht solche wirklichkeitsfremden Sätze wie diesen hier schreiben: "Doch führte der 11. September deutlicher als je zuvor buchstäblich vor Augen, dass der Terrorismus heutzutage in erster Linie visuelle Gewalt ausübt." (S. 14). Die Opfer und ihre Angehörigen werden das zweifellos anders sehen. Zudem: einen Beitrag im Spiegel als Beleg dafür zu nehmen, dass es Bin Laden in erster Linie darum gegangen sei, ein grosses Medienereignis zu schaffen, ist einigermassen dünn (woher weiss der Spiegel das?), doch auch wenn das Medienereignis in die Planung der Zerstörung miteinbezogen war, ein Satz wie - "Der internationale Terrorismus operiert folglich vor allem als visuelle Bedrohung, die sich in erster Linie an den Fernsehzuschauer richtet" (S.34) - , ist nur für Leute, die die Medienwirklichkeit für die Realität halten, nachvollziehbar. Genauso wie Halawas Einschätzung der Enthauptung des jungen Amerikaners Nicholas Berg, die per Video aufgezeichnet und verbreitet wurde: "Ebenso wie es am 11. September 2001 der Fall war, stellt sein Mord keine irrationale, hasserfüllte Handlung dar, sondern ein mit Bedacht inszeniertes Mittel zum Zweck, das sich einmal mehr den Mechanismen der (vermeintlich) modernen, rationalen und reflexiven westlichen Bildgesellschaft virtuos bediente." (S. 36). Gab es da kein Lektorat? Ein Mord braucht keine "irrationale, hasserfüllte Handlung" zu sein, er kann rational und doch hasserfüllt sein; und was soll bloss eine "Bildgesellschaft", und dazu noch eine "moderne, rationale und reflexive", sein? Doch vor allem: Auch ein mit Bedacht inszeniertes Mittel zum Zweck kann durchaus irrational und auf Hass gegründet sein.
Wie bereits erwähnt: Halawa argumentiert meist einleuchtend und nachvollziehbar, man braucht keine Vorbildung in Linguistik, um ihm folgen zu können. Das heisst nicht, dass man seine Herleitungen und Folgerungen teilen muss, doch sie sind es wert, sich damit auseinanderzusetzen, nicht zuletzt, weil er in der Regel verständlich - wenn auch nicht besonders elegant - zu formulieren weiss.
Um beschreiben zu können, wie Bilder möglich sind, muss man zuallererst wissen, was ein Bild ist. Dabei nehmen die Semiotik und die Phänomenologie verschiedene Standpunkte ein. Für Semiotiker sind Bilder Zeichen, für Phänomenologen sind sie aus ihrer Sichtbarkeit zu bestimmen. Es versteht sich: sowohl Semiotiker wie Phänomenologen nehmen Gegenstände wahr. "Doch darüber, wie wahrgenommen wird, ob man im Vollzug des Wahrnehmens bereits über Zeichen verfügen muss oder nicht, herrscht grosse Uneinigkeit." (S.17). Wobei jetzt - wie arm wäre das akademische Leben ohne Begriffsbestimmungen! - natürlich zu fragen ist, was denn nun ein Zeichen ist? Hier nur soviel (Halawa zitiert R. Brandt - S.95): "Bilder können, sie müssen jedoch nicht als Zeichen fungieren."
Als Bild, argumentiert Harawa, soll nur zählen, was artifiziell hergestellt wurde. "Das Bild … stellt ein Phänomen dar, das sich nicht in der Natur auffinden lässt, sondern ein Artefakt, das erst dann möglich wird, wenn ein Gegenstand bearbeitet wird, damit anschliessend in bzw. auf ihm etwas visuell dargeboten wird. So wird das Gesicht, das jemand in einer Wolkenformation zu sehen vermeint, als ikonisches Zeichen und nicht als Bild bezeichnet, weil es ein Naturphänomen darstellt und kein artifizielles Produkt." (S. 128). Damit ist klar, dass Halawa von einem Bild eine andere Vorstellung (ein anderes Bild) hat, als landläufig üblich. Er tut also, was des Akademikers Brot ist: er differenziert. Und erfindet sich so seine eigene Wirklichkeit. Folgen wir ihm also dorthin. "’Artifizielle Präsenz’ bedeutet: Uns wird etwas visuell dargeboten, doch tatsächlich anwesend ist das Dargebotene nicht. Das gilt für ein Regenschirm-Foto oder ein Bild eines leinenen Vorhangs ebenso …"(S. 141/142).
Wer darum weiss und zudem "Gesetzmässigkeiten in der Erzeugung und Verwendung von Bildern ausfindig machen kann, kann vor möglichen Manipulationen fundiert und reflektiert warnen, ohne in ikonoklastische Hasstiraden zu verfallen." (S.42). Ob die Peirce’sche Zeichenlehre, für die sich der Autor stark macht, ein geeignetes Mittel dazu ist, mag vielen (und nicht nur Phänomenologen) fraglich sein, doch gewiss ist, dass Halawa, dem man in diesem Buch beim Denken zuschauen kann, Eigenständiges zur Bilder-Diskussion beigetragen hat.
Noch dies: Auf Seite 169 behauptet Halawa "… für das Bild wie für alle andern kulturellen Artefakte gilt das Kontext-Prinzip", was meint, dass "jedes Bild, ebenso wie jeder Satz, niemals losgelöst von einem bestimmten Kontext auch nur annähernd verstanden werden kann." Das darf bezweifelt werden, nicht zuletzt, weil die Frage hier ist/sein müsste (Halawa stellt sie leider gar nicht), wer denn diesen Kontext eigentlich bestimmt und wie viel Kontext zum Verstehen (um was genau zu verstehen?) es braucht? Nehmen wir das Foto der kleinen Kim Phuc aus dem Vietnamkrieg: diese Aufnahme kann verstanden werden, ohne dass man wissen muss, dass sie auf der Strasse nach Tay Ninh gemacht wurde oder dass der Fotograf Nick Ut heisst und dass er sie 1972 gemacht hat. Denn ein Foto verstehen, heisst, es zu spüren … doch das wäre dann eben ein ganz anderer Ansatz und ist nicht das Thema von Halawas lesenswertem Buch.