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Berufliche und allgemeine Bildung in der Schweiz
Vergleich über den gesamten Lebens- und Erwerbsverlauf der Beschäftigungs- und Lohnaussichten
- Bis zum Alter von 30 Jahren stellt die Berufsausbildung einen Beschäftigungsvorteil für Männer gegenüber denjenigen mit allgemeinem nachobligatorischem Bildungsabschluss dar. Nach diesem Alter ist die Beschäftigungsquote der beiden Gruppen ähnlich hoch.
- Die Beschäftigungsaussichten von Frauen bleiben während des gesamten Lebens sehr ähnlich unabhängig davon, ob sie eine berufliche oder allgemeine Ausbildung haben.
- Männer mit Berufsausbildung haben bis zum 30. Lebensjahr ein höheres Einkom-men, während Frauen mit höherer Bildung bereits ab 26 Jahren einen solchen Vorteil geniessen.
Die berufliche Bildung (vocational education and training - VET) ist bekannt dafür, dass sie durch die Vermittlung spezifischer Fähigkeiten, die in einem bestimmten Beruf gut anwendbar sind, den Eintritt in den Arbeitsmarkt erleichtert. Diese Art der Ausbildung kann es jungen Menschen ermöglichen, zu Beginn ihrer Berufslaufbahn gut passende Arbeitsstellen zu finden. Möglicherweise macht sie jedoch ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anfällig für den technologischen Wandel und Veränderungen in der Struktur ihrer Berufe. Umgekehrt können Personen mit allgemeiner Bildung aufgrund fehlender beruflicher Fähigkeiten beim Eintritt in den Arbeitsmarkt auf grössere Schwierigkeiten treffen, derweil es sein kann, dass sie wegen der allgemeineren Bildung und deren grösseren Flexibilität nach einigen Jahren Berufserfahrung höhere Löhne verdienen. Um diese Frage zu klären, untersuchte die Maïlys Korber die Beschäftigung und die Löhne während des gesamten Lebensverlaufs von Absolventen und Absolventinnen der beruflichen Bildung und verglich sie mit jenen, die auf der Sekundarstufe II eine allgemeine Bildung durchliefen Die Ergebnisse dieser Studie werden in dieser Ausgabe von LIVES IMPACT vorgestellt.
Robuste Datenbanken : Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) und Schweizerisches Haushaltspanel (SHP)
Diese im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunktes LIVES an der Universität Lausanne durchgeführte Untersuchung nutzte Daten der SAKE und des SHP. Die Analysen basieren auf 24 jährlichen Erhebungen der SAKE, die sich über die Jahre 1991-2014 erstrecken. Die untersuchte Bevölkerung setzt sich aus Personen zusammen, die zwischen 1954 und 1966 geboren wurden und in den 1970er und 1980er Jahren in den Schweizer Arbeitsmarkt eingetreten sind. Zusätzlich wurden auch Analysen des SHP 1999-2015 zur Untermauerung der Ergebnisse herangezogen. Maïlys Korber untersuchte dabei die individuelle Partizipation am Arbeitsmarkt in Bezug auf die Beschäftigung, d.h. das Beschäftigungsverhältnis, sowie die Höhe des Arbeitseinkommens im Verlaufe der Erwerbskarrieren. Um zu bestimmen ob jemand arbeitet wurde einmal acht Stunden oder mehr wöchentliche Arbeitszeit genommen und einmal 20 Stunden oder mehr. Die Studie analysierte die Unterschiede zwischen den Personen, deren höchster Bildungsabschluss die Sekundarstufe II war, was 55 % der Gesamtbevölkerung in der Schweiz ausmacht: 46 % mit Berufsbildung und 9 % Gymnasium/Fachmittelschule. Zwei Gruppen wurden von der Analyse ausgeschlossen: Personen, die ihre (Aus-)Bildung mit der obligatorischen Sekundarschulbildung abgeschlossen haben (16 %) und Personen mit einer Hochschulbildung (28 %). Erwähnenswert ist auch die hohe Übertrittsquote von einem nachobligatorischen Bildungsabschluss zur Universität, die für die Kohorte von 2012 bei nahezu 95% liegt (Babel, 2018:6).
Lebenslange Beschäftigungsfähigkeit: Berufliche Bildung (VET) versus allgemeine Bildung
Die Untersuchung ergab, dass unter dem Gesichtspunkt der Beschäftigungsfähigkeit in der Arbeitskarriere die Berufsbildung vor allem für Männer einen leichten Vorteil bietet und dass ältere Arbeitsnehmende ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt nicht verlieren. Bis zum Alter von 30 Jahren hatten Männer mit Berufsausbildung einen erheblichen Beschäftigungsvorteil gegenüber Männern mit nachobligatorischer Bildung. Nach diesem Zeitraum, im Alter zwischen 35 und 55 Jahren, liegt die Beschäftigungsquote der Männer unabhängig von ihrer Ausbildung bei über 80 %. Auch nach dem 55. Lebensjahr erfreuen sich Männer mit Berufsausbildung weiterhin einer hohen Beschäftigungsquote, während die Beschäftigungsquote ihrer Altersgenossen mit einer allgemeinen Bildung zurückgeht. Folglich bietet die Berufsbildung eine hohe Beschäftigungsquote für Männer während ihrer gesamten Erwerbskarriere. Eine Kohorte älterer Männer (geboren zwischen 1941 und 1953) wurde mit einer jüngeren Kohorte (geboren zwischen 1967 und 1979) verglichen, um mögliche Generationseffekte zu untersuchen. Die Resultate zeigen, dass der Vorteil der Berufsausbildung gegenüber der nachobligatorischen Ausbildung für die Beschäftigung in diesen beiden unterschiedlichen Altersgruppen erhalten blieb. Dieser Vorteil der Berufsausbildung hält nur bis zum Alter von 30 Jahren gegenüber Männern mit Hochschul- oder Universitätsausbildung an und letztere Altersgruppe tritt in der Regel später in das Berufsleben ein.
Im Gegensatz dazu war die Beschäftigungsquote von Frauen zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn bis zum Alter von 40 Jahren, die NOB durchlaufen haben, leicht, aber nicht wesentlich höher als jene für Frauen, die einen beruflichen Bildungsweg gewählt hatten. Um das 40. Lebensjahr herum holen die Frauen in der Berufsbildung auf und geniessen anschliessend einen leichten, aber immer noch nicht signifikanten Beschäftigungsvorteil. Insgesamt ist die Beschäftigungsfähigkeit von Frauen ähnlich, unabhängig davon, ob sie die Berufsbildung oder nachobligatorischen Bildungsabschluss der Sekundarstufe II absolviert haben. Frauen mit Hochschul- oder Universitätsausbildung hatten auch nach dem 30. Lebensjahr und bis zum Ruhestand die höchsten Beschäftigungsquoten.
Beschäftigungsquoten für die verschiedenen Bildungsbereiche nach Alter
Der Zusammenhang zwischen Berufsausbildung und Alter ist krummlinig: Die Berufsausbildung ist am Anfang einer Karriere vor allem für Männer vorteilhaft für Beschäftigung und Verdienst, aber dieser positive Effekt nimmt mit dem Alter ab.
Das Lohngefälle nimmt mit der Zeit zu: spielt der Bildungsweg eine Rolle?
Im Gegensatz zu den Ergebnissen bezüglich Beschäftigung bietet die allgemeine Bildung einen klaren Vorteil bezüglich Einkommen über die ganze Erwerbskarriere. Während Frauen und Männer mit einer Berufsausbildung Anfang zwanzig mit einem höheren Jahresverdienst als diejenigen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II ins Berufsleben starten, ist ab dreissig Jahren das Gegenteil zu beobachten, besonders ausgeprägt bei den Männern. Beide Gruppen verdienen jedoch viel weniger als Arbeitsnehmende mit Hochschul- und Universitätsausbildung. Bei Personen mit einem allgemeinbildenden Abschluss zeigt sich ein stärkerer Anstieg des Stundenlohns als für solche mit einem Berufsabschluss während der gesamten Karriere. Für Beschäftigte mit Berufsausbildung flacht die Stundenlohnkurve in der zweiten Hälfte der Karriere ab, d.h. der Stundenlohn stagniert oder steigt nur leicht an. Für Frauen sind die Lohnunterschiede noch grösser, da sie ab 26 Jahren mehr verdienen als Arbeitnehmerinnen mit Berufsausbildung. Infolgedessen vergrössert sich bezüglich Stundenlohn die Kluft im Lebensverlauf zugunsten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer allgemeinen Bildung. Im Alter von 40 Jahren verdienen Männer 12% und Frauen 13% mehr pro Stunde als ihre Kollegen mit Berufsausbildung
Medianer Stundenlohn für Arbeit für Bildungsarten nach Alter (in CHF, 2011)
Im Rahmen dieser Studie wurde die Berufsausbildung in sechs verschiedene Berufszweige unterteilt. Es wurden weitere Analysen durchgeführt, um zu sehen, ob sich der Nutzen der nachobligatorischen Bildung in den verschiedenen Berufen zeigt oder ob eine spezifische Berufsausbildung die Löhne beeinflusst. Obwohl es erhebliche Unterschiede bei den Löhnen zwischen den verschiedenen Berufsrichtungen gibt, blieb die Schlussfolgerung die gleiche: die allgemeine Bildung ist mit höheren Stundenlöhnen verbunden, unabhängig vom Berufsfeld.
Zwar verdienten Männer und Frauen mit einem nachobligatorischen Bildungsabschluss einen höheren Stundenlohn als ihre Kollegen und Kolleginnen mit Berufsbildung, doch führte dies bei Betrachtung des jährlichen Verdiensts über die gesamte Erwerbskarriere nicht zu grossen Unterschieden. Es ist zu vermuten, dass Arbeitsnehmende mit Berufsbildung mehr arbeiten könnten, um ihren niedrigeren Stundenlohn auszugleichen. Wie es scheint, ist dies der Fall, da das Lohngefälle zwischen den beiden Gruppen bezüglich Jahresverdienst ähnlich ist. Männer mit Berufsausbildung haben ein höheres Jahreseinkommen als ihre Kollegen bis zum Alter von 27 Jahren, während Frauen mit Berufsausbildung ein ähnliches Jahreseinkommen haben wie Frauen, die bis zum Alter von 28 Jahren. Danach zeigen sich bei NOB im Vergleich zum vorherigen Altersjahre jeweils höhere Stunden- und Jahresverdiensten, sowohl für Männer als auch für Frauen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Das Verhältnis zwischen Bildung und den Auswirkungen auf die untersuchten Indikatoren scheint unterscheidet sich stark zwischen Männern und Frauen. In der Arbeitsökonomie ist es üblich, Analysen auf Männer zu beschränken und diese Ergebnisse dann auf die Gesamtbevölkerung zu extrapolieren (z.B. Hanushek et al. 2016: 7, Malamud und Pop-Eleches 2010: 44). Diese Studie zeigt jedoch, dass dies irreführend ist, da die Beschäftigungsquoten von Männern mit Berufsbildung höher sind, während im Vergleich dazu die Beschäftigungsquoten von Frauen etwas höher sind, wenn sie einen nachobligatorischen Bildungsabschluss haben.
Die arbeitsplatzgewichteten Verdienste zeigten im Lebensverlauf auch deutlichere Vorteile für die Berufsbildung bei Männern, während Frauen mit einer NOB der oberen Sekundarstufe höhere Verdienste als mit der Berufsbildung hatten. Mit anderen Worten: Das Schweizer Berufsbildungssystem bietet Männern berufliche Qualifikationen, die in Bezug auf die Berufsaussichten und den Gesamtverdienst im Lebensverlauf mindestens so attraktiv sind wie eine Matura. Für Frauen hingegen ist eine Matura eindeutig rentabler als eine Berufsausbildung.
Impact auf Bildungspolitiken
Diese Untersuchung zeigt, dass die Berufsbildung gute Perspektiven für eine Beschäftigung im gesamten Lebensverlauf gibt. Es ist seit langem bekannt, dass die Berufsbildung einen einfacheren Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ermöglicht und Jugendarbeitslosigkeit mit längerfristig schwerwiegenden Folgen hemmt (DiPrete & Eirich, 2006: 287). Im Laufe der Jahrzehnte, die in dieser Studie untersucht wurden, hatten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Berufsbildung im letzten Teil ihrer Karriere keine Beschäftigungsprobleme, aber ihr Verdienst litt im Vergleich zu Beschäftigten mit einem nachobligatorischen Bildungsabschluss. Diese Studie konzentriert sich auf Frauen und Männer, die in den 1970er und 1980er Jahren in der Schweiz in den Arbeitsmarkt eingetreten sind - eine Kohorte, die im Alter von 25 bis 60 Jahren beobachtet werden kann und vergleichsweise wenig Arbeitslosigkeit erfuhr. Da sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt ständig ändert, bleibt die Frage offen, ob der Vergleich der beiden Gruppen für die nächsten Kohorten ähnlich ausfällt.
Eine wichtige Frage für die Politik bleibt die Verringerung der Ungleichheiten, die sich aus den unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungswegen ergeben. Arbeitnehmende mit Tertiärabschluss oder oder Universitätsausbildung haben die höchsten Beschäftigungsquoten von allen und geniessen einen Vorteil in Bezug auf Beschäftigungsfähigkeit und Verdienst gegenüber denjenigen Personen mit Abschluss auf Stufe Gymnasium/Fachmittelschule und Berufslehre. Die Zugangserleichterung zur tertiären Bildung könnte daher ein Weg sein, um die Ungleichheiten zwischen den zwei Bildungssträngen auf Sekundarstufe II zu verringern. Die Ergebnisse der Untersuchung stützen diese These und zeigen die vorteilhafte Arbeitsmarktsituation von Absolventen und Absolventinnen der beruflichen Sekundarstufe II in Kombination mit Hochschulbildung auf. Die Brücken, die seit den 1990er Jahren zwischen der Berufsbildung der oberen Sekundarstufe und der Hochschulbildung bestehen, können dazu beitragen, die Ungleichheiten zwischen älteren Arbeitnehmern, die eine berufliche oder allgemeine Ausbildung auf der oberen Sekundarstufe abgeschlossen haben, zu verringern. Folglich ist der Zugang zu besser bezahlten Arbeitsplätzen weniger abhängig vom Bildungsweg auf der oberen Sekundarstufe. Die Studie legt den Entscheidungsträgerinnen und –trägern, die auf Stufe Bund und Kanton sowie in den Arbeitgeberorganisationen auf die Berufsbildung Einfluss nehmen, die Empfehlung nahe, die Möglichkeit zu prüfen, während oder nach der Lehre allgemeinere Kompetenzen als Ergänzung zur Lehre anzubieten. Dies würde die Fort- und Weiterbildung erleichtern, die es den Arbeitsnehmenden ermöglichen würde, auf besser bezahlte Arbeitsplätze oder Positionen zu wechseln. Für Arbeitgeber könnte es auch eine Möglichkeit sein, Angestellte länger im Unternehmen zu halten. Dies gilt insbesondere in unserer Gesellschaft, in der es immer seltener vorkommt, dass man im Laufe des Lebens die gleichen Aufgaben für das gleiche Unternehmen übernimmt.
Kurzbiografien:
- Dr Maïlys Korber, Nationaler Forschungsschwerpunkt LIVES, Centre de recherche sur les parcours de vie et les inégalités (LINES), Insititut des sciences sociales, Universität Lausanne, <email-pii>
- Dr Pascal Maeder, KTT Officer, Nationaler Forschungsschwerpunkt LIVES, Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), <email-pii>
Publikationen:
- Korber, M. & Oesch, D. (2019). Vocational versus general education: Employment and earnings over the life course in Switzerland. Advances in Life Course Research, 40, 1-13.
- Korber, M. & Oesch, D. (2016). Does vocational education give a happy start and a lousy end to careers? Employment and earnings over the life course in Switzerland. LIVES Working Paper 57, 40.
- Korber, M. (2019). The labour market returns to vocational education over the life course. Doctoral thesis, University of Lausanne.
Weitere, zitierte Publikationen:
- Babel, J. (2018). Übergänge nach Abschluss der Sekundarstufe II und Integration in den Arbeitsmarkt. Längsschnittanalysen im Bildungsbereich. Bern: Bundesamt für Statistik.
- DiPrete, T.A., & Eirich, G.M. (2006). Cumulative advantage as a mechanism for inequality: A review of theoretical and empirical developments. Annual Review of Sociology, 32, 271–297.
- Hanushek, E.A., Schwerdt, G., Woessmann, L., & Zhang, L. (2017). General education, vocational education, and labour-market outcomes over the life-cycle. Journal of Human Resources, 11(1), 52–87.
- Malamud, O., & Pop-Eleches, C. (2010). General education versus vocational training: Evidence from an economy in transition. Review of Economics and Statistics, 92(1), 43–60.